— rT: 3 8. d.. — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6. Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückg haͤbe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf Den phi Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei E ntgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der lh er auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und deſect Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Aejar zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. usleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— — ————— * Verloren und gefunden. Erſter Band. — Q⏑˖,⏑,Q⏑— Verloren und gefunden. Roman in zwei Bänden Theodor Mügge. Erſter Band. Frankſurt ⁄/. Verlag von Meidinger Sohn& Comp. 1859. 7 = Inhalt. Erſter Band. Erſtes Kapitel. Zweites Kapitel Drittes Kapitel Viertes Kapitel Fünftes Kapitel Sechſtes Kapitel. Siebentes Kapitel Achtes Kapitel Neuntes Kapitel Zehntes Kapitel Eilftes Kapitel Zwölftes Kapitel. Verloren und gefunden von Theodor Mügge. Erſtes Kapitel. In der Mitte eines ziemlich großen Zimmers ſtand ein Zahltiſch mit einer Marmorplatte, der nach beiden Seiten hin durch zwei Gitter von polirten Holzſtäben mit den Wänden verbunden war. Das Zimmer wurde dadurch 21 getheilt. Hinter dem Gitter am Pfeiler zwiſchen den Fen⸗ ſtern ſtand ein Doppelpult, an beiden Seiten ein großer eiſerner Geldſchrank und ein hohes Spind voller Fächer; vor dem Gitter ſtand an der Wand ein Sopha, mit braunen amerikaniſchem Leder überzogen und mit gelben glänzenden Nägelreihen eingefaßt, ſammt einigen Stühlen. Eine Sei⸗ tenthür führte in Nebengemächer, eine andere im Hinter⸗ grunde bildete den Eingang in dies Geſchäftszimmer eines Mannes, der ohne Zweifel zum Handelsſtande gehörte. So war es auch, denn es wohnte hier der Börſen⸗Agent Jakob Wolf, eine an der Actien-Börſe wohlbekannte Per⸗ ſönlichkeit von begründetem Ruf. An ihn wandten ſich viele, die das verlockende Spiel mitſpielten, ihr blankes 1 Mügge, Verloren und gefunden. 4 8 Geld in den großen Papierberg ſchleudern, kaufen und ver⸗ kaufen wollten, und Herr Jakob Wolf war der vertraute Rathgeber und Diener mancher reichen und angeſehenen Männer, die ſich ſeiner zu ihren Geldgeſchäften bedienten. Die Fenſter waren mit Jalouſieen verſehen und dieſe zugezogen, um die Nachmittagsſonne abzuhalten, welche heiß darauf brannte, obwohl der September ſchon begon⸗ nen hatte. Das Halbdunkel im Zimmel ſchien faſt zu tief, um darin mit Feder und Tinte zu arbeiten; dennoch ſtand Herr Jakob Wolf an dem Doppelpult emſig ſchreibend, indem er aus einem Haufen Zettel und Papieren allerlei Notizen zuſammen ſuchte. Er war klein von Geſtalt, breit⸗ ſchultrig, robuſt, und ſein Geſicht mit ſtarken vollen Zügen hatte den unverkennbaren Ausdruck jener ſpeculativen Ent⸗ ſchloſſenheit, wie ihn Geld- und Börſenmänner nicht ſelten beſitzen. Seine Augen waren lebhaft und ſcharf, dick aus den Höhlen vortretend, die anſehnliche Naſe ſtreckte ſich gerade aus ins Weite, und auf ſeiner hohen Stirn ſtand ein ſchwarzer Haarbuſch zwiſchen tiefen Einſchnitten. Seine Feder flog raſch über das Papier. Börſe flau, murmelte er, Mangel an Kaufordres, um ſo mehr Luſt zum Fortgeben. Stückzahl übermäßig groß, Geld knapp, Ausſicht auf erhöhten Disconto. Hier wurde an der Eingangsthür geklopft, und der Agent zog eine Falte über der Naſe zuſammen, ohne ſich jedoch ſtören zu laſſen. Er ſchrieb weiter und murmelte weiter, bis ſich das Klopfen wiederholte. Mit einem grim⸗ migen Blicke wandte er den Kopf der Thür zu und blieb in dieſer Stellung, während er ſo viel Luft in ſeiner Bruſt zuſammenpumpte, um beim nächſten Male mit einem fürchterlichen Herein! zu antworten. Wer ein ſolches Atten⸗ tat an einem Geſchäftszimmer begeht, kann kein Beſuch ſein, der daſelbſt gern geſehen wird. Es war ein Bettler oder ein ähnliches unnützes Weſen der menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft zu erwarten; als daher die Thür knarrte, begann Herr Jakob Wolf energiſch aufzuſchreien: Es wird— hier nicht nen wollte er hinzufügen, allein mitten darin brach er ab, denn ſtatt des Bettlers ſah er eine Dame ein⸗ treten, die im Dämmerlichte ſo elegant und reſdectabel(he ſchien, daß der Agent ſeine Feder ſogleich fortlegte und mit einer Verbeugung an den Zahltiſch trat. Die Dame blieb jedoch einige Augenblicke ſtehen, ehe ſie ſich näherte; es war, als überlege ſie etwas; plötzlich aber drückte ſie die Thür kräftig ins Schloß und ſchob den Riegel vor, der ſich darunter befand. Herr Jakob Wolf ſah erſtaunt dieſem ſeltſamlichen Ver⸗ fahren zu. Einige unangenehme Gedanken überkamen ihn. Er war allein und beſaß nicht eben Ueberfluß von ange⸗ borner Herzhaftigkeit. Es war die Zeit kühner Griffe, ſollte hier etwa ein ſolcher zunächſt an ſeinem Halſe, dann an ſeiner Kaſſe verſucht werden? Die ſonderbare Dame überragte ihn an Länge. Sie war in Seide gekleidet und 1* 4 trug einen großen Shawl von China-Crepe, ihr Geſicht ward von einem dichten Schleier bedeckt, der von dem ſchwarzen Kantenhut niederfiel. War dies ſomit wirklich ein zum Tragen langer Kleider und Blumenhüte berech⸗ tigtes Weſen? Dieſer Gedanke flog dem Agenten blitzartig durch den Kopf. D Inzwiſchen ſtand die Dame vor ihm, allein ſie ſchwieg nch immer. „Darf ich fragen, gnädige Frau oder mein gnädiges Fräulein,“ begann er im möglichſt furchtloſen Tone,„was zu Ihren Dienſten ſteht?“ ⸗Bi heißen Wolf?“ fragte ſie mit ſo tiefer Stimme, daß er davor zurückſchauderte. „Jakob Wolf,“ antwortete er, den Kopf aufwerfend. 74 „Ich muß jedoch bitten.... ‚Sie ſind Börſen⸗Agent?“ fiel ſie ein. „Allerdings, Madame. Aber wollen Sie nicht....“ „Man nennt Sie gewöhlich den groben Wolf,“ fuhr die Dame fort. „Es kann ſein!“ rief der Agent ärgerlich verwundert, „daß Bekannte ſich ſolchen Scherz erlauben. Wie ſo aber fragen Sie danach, Madame?“ „Ich habe Sie als einen redlichen Mann rühmen hören,“ erwiderte die Unbekannte,„und wende mich daher in einer Angelegenheit an Sie, die einen redlichen Mann nöthig hat.“ —— 5 „Sehr viel Ehre, Madame, ſehr viel Ehre!“ verſetzte der Agent.„Wollen Sie mir ein Geſchäft übertragen, ſo werde ich mit Vergnügen meine Pflicht thun. Ehe wir aber weiter ſprechen, haben Sie die Güte, den Riegel von der Thür aufzuziehen, der ſich zufällig vorgeſchoben hat.“ „Nicht zufällig,“ antwortete die Dame.„Ich ſchob ihn vor, weil ich bei dem, was ich Ihnen zu ſagen habe, nicht geſtört ſein will.“ 6 Eine außerordentliche Beſtürzung kam über den kleinen Mann. Seine Augen traten noch weiter hervor, und der ſchwarze Haarbuſch zwiſchen den beiden Schluchten auf ſeiner Stirn ſträubte ſich ſteil in die Höhe. Plötzlich er⸗ innerte er ſich, daß ſein Geldſchrank offen ſtand und daß eine bedeutende baare Geldſumme darin lag. Haſtig drehte er ſich um, ſchloß den Schrank zu, ſteckte den Schlüſſel in ſeine Taſche und knöpfte ſeinen Rock feſt zuſammen.„Wie ſo nicht geſtört, Madame?“ fragte er zurückkommend. Es iſt merkwürdig, bei Gott! merkwürdig, Madame!“ „Fürchten Sie nichts, mein Herr,“ ſagte die Fremde in einem Tone, der ſehr ſpöttiſch und verächtlich klang. „Fürchten?“ ſchrie der kleine Mann, indem er zu lachen verſuchte.„Warum ſollte ich mich fürchten?“— Er ſtützte ſich auf eine Papierſcheere, die er wie einen Dolch ergriff und fuhr energiſch fort:„Wir wollen die Zeit nicht unnütz verlieren, Madame, denn ich habe bis zum Poſtſchluß dringend zu arbeiten. Ich gebe keine Darlehen und keine s 2 6 Unterſtützungen,— kaufe auch keine Wechſel oder An⸗ weiſungen, oder Documente, Hypotheken oder Schuld⸗ forderungen. Nichts, Madame, auf nichts laſſe ich mich ein.“ „Sie werden mich dennoch hören müſſen,“ unterbrach ihn die Unbekannte mit ſolcher Beſtimmtheit, daß er ver⸗ ſtummte. Unter ihrem Schleier glaubte er Augen funkeln zu ſehen, vor denen ſein Muth zuſammen ſchrumpfte. Langſam faßte er in ſeine Taſche und zog eine grün⸗ ſeidene Börſe heraus. Die Dame ſchien dies nicht zu be⸗ merken; ihrerſeits zog ſie ein Päckchen unter ihrem Shawl hervor und reichte es dem Agenten hin; aber Herr Jakob Wolf ſtreckte ſeine Rechte abwehrend aus:„Laſſen Sie ſtecken!“ ſchrie er.„Bei Gott, laſſen Sie ſtecken! Ich leſe nichts, ich unterzeichne nichts. Ich glaube Ihnen Alles aufs Wort, Madame, und will thun, was ich nach meinen Kräften thun kann.“ „Mehr wünſche ich nicht,“ ſagte die Fremde in ihrer feſten, gebieteriſchen Weiſe. Nehmen Sie dies Papier mit ſeinem Inhalte und verwahren Sie es, bis ich es von Ihnen zurückfordere.“ Sie hielt ihm das Päckchen wiederum entgegen, allein Herr Jakob Wolf ſperrte ſeine dicken Augen zwar weit auf, doch ſeine Hände zog er zurück. Was er hörte, zerſtörte allerdings mit einem Male ſeine ängſtlichen Voraus⸗ ſetzungen; allein ſeine Gedanken verwirrten ſich in anderer * — — — Weiſe. Groß und ſtolz ſtand die Verſchleierte vor ihm. Mit aller Mühe konnte er kaum ein paar Umriſſe ihres Geſichts erkennen. Wer war ſie? Was ſollte er verwah⸗ ren, und was muthete ſie ihm zu? „In der That, Madame oder mein gnädiges Fräulein,“ ſagte er höflich lächelnd, indem er die grüne Börſe leiſe in ſeine Taſche zurückgleiten ließ,„ich weiß noch immer nicht, mit wem ich die Ehre habe....“ „Nehmen Sie!“ unterbrach ihn die Dame ungeduldig. „Dieſes Päckchen? Und weiter wünſchen Sie nichts?“ „Nichts.“ „Es iſt ziemlich ſtark und ſcheint.... „Es liegt Geld darin. Banknoten und Kaſſenſcheine.“ 44 „Geld?“ fragte der Agent erſtaunt und beſtürzt, indem er das Päckchen auf den Tiſch fallen ließ.„Was ſoll ich damit thun?“ „Es ſind zwölftauſend Thaler im Ganzen,“ erwiderte ſie.„Ich wiederhole Ihnen meine Bitte, mir dieſes Päck— chen, wie es da iſt, zu verwahren, bis ich es zurückfordere oder anderweitig darüber beſtimme.“ „Aber, Madame,“ fiel Herr Jakob Wolf ein,„man läßt ſein Geld nicht ſo liegen, namentlich wenn es eine SummeV iſt wie dieſe.“ „Erfüllen Sie meine Bitte,“ unterbrach ihn die Dame. „Wie kommen Sie dazu— ich begreife nicht!“ „Daß ich Ihnen dieſes Geld übergebe? Umſtände zwingen mich. Ich gebe es Ihnen im feſten Vertrauen auf Ihre Reeslichlat. Wie heißt Redlichkeit in unſerer Zeit! ſchrie Jakob Wol f. Und indem ſeine klugen Augen einen ſchlauen Aus⸗ druck erhielten, fügte er hinzu:„Ich ſage Ihnen gehor⸗ ſamen Dank für Ihr großes Vertrauen, aber ich kann mich nicht darauf einlaſſen, Ihr Geld anzunehmen.“ Die Dame antwortete zunächſt nicht.„Sie wollen mich abweiſen?“ fragte ſie nach einem Beſinnen noch här⸗ ter und feſter, als bisher. „Ich bin dazu gezwungen, Madame. Es iſt gegen meine Grundſätze?“ „Was iſt gegen Ihre Grundſätze?“ „Ich kann kein Geld nehmen von Unbekannten, denn ich ſetze voraus, Madame, daß Sie unbekannt bleiben wollen.“ „Das will ich; ja, das will ich!“ wiederholte ſie. „Wie kann ich mich alſo mit Angelegenheiten befaſſen, von denen ich nicht weiß, welche Unannehmlichkeiten dar⸗ aus entſtehen können?“ „Seien Sie überzeugt, daß dies nicht der Fall iſt,“ ſagte die Fremde. „Ich zweifle nicht, forſche nicht, frage nicht!“ rief der Agent,„aber ich kann's nicht thun.“ Die Dame ſenkte den Kopf und ſtand eine Minute bewegungslos, dann nahm ſie das Päckchen von Tiſch. ¼* „ — — 9 — ₰ „So habe ich mich getäuſcht,“ ſagte ſie dabei,„doch ich mußte darauf gefaßt ſein. Vor der Noth ihrer Mit⸗ menſchen haben ſich von jeher nur wenige nicht ver⸗ ſchloſſen.“ Mit einem ſtummen Gruße ging ſie der Thür zu, aber ihre Antwort brachte eine eigenthümliche, großmüthige Anwandlung bei dem Agenten hervor, der er nicht wider⸗ ſtehen konnte. „Noch ein Wort, Madame!“ rief er ihr nach.„Haben Sie keinen Freund, der dieſes Geld in Verwahrung nähme?“ „Keinen.“ „Und einem der großen Geld⸗Inſtitute wollen Sie es auch nicht anvertrauen?“ „Nein.“ Man würde Nachweiſe von mir verlangen.“ „Die wollen Sie nicht geben?“ „Nein.“ „Mir auch nicht?“ „Nein.“ „Es iſt eigenthümlich, bei Gott!“ rief Jakob Wolf, ſeinen dicken Kopf ſchüttelnd, aber— geben Sie her, Ma⸗ dame. Ich will das Päckchen verwahren. So, wie es da iſt, ſollen Sie es jeder Zeit zurückerhalten.“ „Oder Sie verfahren damit nach meiner Anweiſung.“ „Gut, wie es Ihnen gefällt.“ „Haben Sie Dank, mein Herr! Doch noch Eins. Sie 1 10 †— ſchweigen über meinen Beſuch und über dieſes Geld gegen Jedermann.“ „Auf mein Wort, Madame! Es ſoll Keiner etwas erfahren.“ 4 „Dann nochmals Dank und— leben Sie wohl.“ „Noch einen Augenblick,“ ſagte der Agent.„Ich ſchreibe Ihnen einen Empfangſchein.“ „Ich bedarf deſſen nicht.“ „Aber ich kann ſterben, kann in Unglück gerathen.“ „Ihr Schein würde mir zu nichts helfen. Kein Wort mehr davon!“ rief ſie in ihrem gebieteriſchen Tone, indem ſie nach der Thür ging.„Wenn es Zeit iſt, werden Sie von mir hören.“ Raſch ſchob ſie den Riegel zurück und trat hinaus. Herr Jakob Wolf war dicht bei ihr, aber er machte keine weitere Einwendung; denn während die Dame die Stufen hinabeilte und verſchwand, glitt ſie dicht an einem Herrn vorüber, der, ſchon an der Thür des Geſchäftszimmers ſtehend, ihr nachblickte und dann gegen den Agenten ge⸗ kehrt, unhörbar lachend, den Zeigefinger ſchüttelte. Herr Jakob Wolf zog ſich zurück, und der junge Herr folgte ihm nach; als er jedoch die Thür zugeſchlagen hatte, brach er in ein luſtiges Gelächter aus.„Bravo, tugend⸗ hafter Wolf!“ rief er,„bravo, liebenswürdiger Schmetter⸗ ling! Aber Sie haben Geſchmack, Wolf, mehr, als ich Ihnen zugetraut hätte.“ 4 9 „Was denken Sie, Herr Baron?“ rief der kleine Mann ärgerlich.“ „Was ich denke?“ lachte der junge Herr.„Nichts als neidiſche Gedanken, vortrefflicher Wolf. Wer iſt das ſchöne Kind?“ „Ich weiß es nicht,“ erwiderte der Agent.„Ich habe ein Geſchäft mit ihr abgemacht.“ „Ein Geſchäft! Ich hoffe, tugendhafter Wolf, daß es zur allſeitigen Zufriedenheit ausfiel.“ „Seien Sie nicht witzig, Herr von Lorberg, wo es ſich nicht paßt,“ fiel Jakob Wolf beleidigt ein. „Der Himmel bewahre mich davor,“ verſetzte der junge Edelmann, indem er ein demüthiges Geſicht machte.„Wir leben in einer frommen, ehrbaren Zeit, wehe über alle Spötter! Sie haben auf jeden Fall eine Betſtunde ge⸗ halten, tugendhafter Wolf, und den Riegel vor Ihre Thür geſchoben, damit nichts die Erbauung ſtöre.“ Der Agent antwortete nicht. Er nahm das Päckchen, das er von der Unbekannten erhalten, ſchrieb etwas darauf, betrachtete es, beſtreute es mit Sand und legte es in das Geldſpind, dann ſchlug er den Brief zuſammen, den er geſchrieben, und während dieſer Zeit hatte ſich der junge Herr auf einen der Stühle geworfen, wo er ſeinen Hut abnahm und ſeine Stirn mit einem Batiſttuche trocknete. Er war ein ſtattlicher junger Mann, nach der neueſten und feinſten Mode gekleidet. Sein dunkelblondes Haar fiel 12 reich auf eine ſchön geformte Stirn, ſein Geſicht hatte den Ausdruck übermüthiger Lebensluſt, die nicht gewohnt iſt, ſich Zwang anzuthun, aber es waren doch ſtolze, ariſto⸗ kratiſche Lineamente darin, die das Wüſte und Hochfah⸗ rende milderten. Geduldig ſah er, daß der Agent that, als ſei er nicht vorhanden, und ohne ſich daran zu kehren, knöpfte er die Stahlknöpfe an ſeinem Jagdfrack auf, ſchlug mit dem Handſchuh den Staub von ſeinen lackirten Stie⸗ feln und drehte das Bärtchen zuſammen, das ihm auf der Oberlippe wuchs, bis er endlich zu lachen anfing und in verſöhnlichem Tone ſagte:„Was, zum Teufel, gehen mich Ihre Abenteuer an, Wolf! Ich habe mit meinen eigenen genug zu thun, und eben deſſentwegen bin ich zu meinem alten Freund und Gönner gekommen, daß er mir beiſtehe in Aengſten und Nöthen. Sie haben doch meinen Brief erhalten, beſter Wolf?“ „Ich hätte ihn noch heut beantwortet, Herr Baron,“ ſagte der Agent weiter kramend. „Wie ſteht es alſo?“ fragte der junge Herr. „Es iſt unmöglich!“ „Unmöglich? Nichts iſt unmöglich. Ich muß Geld haben, theuerſter Wolf.“ „Muß, muß? Wie heißt muß?!“ ſchrie Jakob Wolf vom Pulte her.„Ich liebe es nicht, im Geſchäft zu ſpaßen.“ „Es fällt mir auch gar nicht ein, mit Ihnen zu ſpaßen,“ verſicherte der Baron.„Ich liebe Sie zärtlich, verehre Sie, bete Sie an, Wolf. Sie ſind das goldene Kalb, das Ihre Ahnen zur Anbetung erfanden und vor welchem jetzt die ganze Welt kniet.“ „Ich ſage Ihnen, Herr Baron,“ antwortete Jakob Wolf mit dem ſchwarzen Haarbuſch nickend,„das goldene Kalb hat ſeine Anbeter verlaſſen und iſt geſchmolzen und ver— ſchwunden, ſobald ſie dachten, es ſollte geben und geben ſein letztes goldenes Haar.“ „Was helfen alle Allegorieen!“ lachte der junge Herr, „es iſt beſſer, wir ſprechen ein verſtändliches Deutſch zu⸗ ſammen. Ich brauche nothwendig fünftauſend Thaler. Sie haben mir einige Mal Geld verſchafft.“ „Zwei Mal,“ ſagte Jakob Wolf.„Dreitauſend Tha⸗ ler und viertauſend Thaier, macht zuſammen ſiebentauſend in weniger als einem Jahr, ſeit der Herr Baron müngis geworden iſt.“ 1 Herr von Lorberg warf ſich in den Stuhl zurück und lachte noch einmal.„Was Sie genau rechnen können, Wolf! Ich habe viel Geld gebraucht letzten Winter, und nun habe ich allerlei Unglück gehabt.“ „Das Geld verſpielt,“ nickte der ſ „Unglücklich geſpielt und Wetten verloren und im Jockey-Club Unglück gehabt. Ein Pferd gekauft für zwei⸗ hundert Louis, das drei Tage darauf ein Bein brach. Nichts als Pech, theuerſter Wolf. Kein Glück, kein Stern!“ 1 chwarze Haarbuſch. „Warum ſpielen Sie, warum wetten Sie, warum reiten Sie, warum jockeyen Sie!“ rief Jakob Wolf. „Ja, warum, warum!“ lachte Lorberg. Der Eine muß Dies, der Andere Jenes thun. Jetzt helfen Sie mir aus der Klemme. Schaffen Sie mir Geld!“ „Wozu?“ fragte der Agent. „Meine Schulden zu bezahlen.“ „Haben Sie Wechſel gegeben?“ „Wir geben uns keine Wechſel auf unſere Ehren⸗ ſchulden,“ erwiderte Herr von Lorberg hochmüthig.„Der Wechſel ſind wir ſelbſt.“ „Dann laſſen Sie Sich ruhig proteſtiren,“ antwortete Wolf kaltblütig. „Aber ich muß zahlen.“ „Wie heißt zahlen, wenn man nichts hat!“ rief der kleine Mann.„Sagen Sie den Herren Cameraden: War⸗ tet, bis ich zu Gelde komme, ſo werde ich mich einlöſen.“ „Sie verſtehen das nicht, Wolf,“ ſagte der junge Herr anfſtehend, indem ein helleres Roth ſein Geſicht färbte. „Was bei Euch an der Börſe der Wechſel iſt, iſt bei uns unſer Wort, und wie Sie es als Unglück und Schande be⸗ trachten würden, wenn Sie Ihren Wechſel nicht einlöſen könnten, ſo betrachten wir es, wenn wir unſer Wort nicht halten. Helfen Sie mir alſo dieſes Mal noch.“ Jakob Wolf kam von ſeinem Pult und ſtellte ſich an den Zahltiſch.„Haben Sie aufrichtig zu mir geſprochen, 5 ¹5 Herr von Lorberg,“ begann er,„will ich aufrichtig ſein ebenfalls. Ich habe Ihnen Geld verſchafft, weil ich gekannt habe Ihren Herrn Vater, der ein rechtſchaffener Herr war, wenn auch in manchen Verlegenheiten. Sie haben geerbt Gut Weißenſtein, und ich glaubte Ihnen helfen zu können, wenn ich Ihnen Geld verſchaffte, aber ich habe Ihnen nicht geholfen. Sie haben das Geld verbraucht, haben die Schulden vermehrt und wollen ſie weiter ver⸗ mehren.“ „Ich will das Capital auf mein Gut eintragen laſſen,“ unterbrach ihn der Baron. „Wer ſoll geben ſein Geld auf ein Gut, das ſo ver⸗ ſchuldet iſt?“ rief der Agent.„Was nützt ein Diamant, der nichts iſt als ſchlechtes Glas.“ „Auf meine Ehre! Sie heißen nicht umſonſt der grobe Wolf,“ antwortete Lorberg. „Nennen Sie mich, wie Sie wollen,“ antwortete der kleine Mann unerſchütterlich;„beſſer wäre es freilich, wenn Sie ſagten: Der Wolf hat Recht, er ſoll heißen der ehrii iche Wolf.“ Der junge Herr that einige große Schritte und ſtand wieder ſtill. Er war in Unruhe und verlegen.„Was ſoll ich denn machen, ehrlicher Wolf,“ ſtieß er herdor,„wenn Ihre Ehrlichkeit mir nicht beiſtehen will?“ Jakob Wolf lächelte behaglich und zuckte die Schultern dabei.„Kann ich Ihnen kein Geld verſchaffen, kann ich 16 Ihnen doch guten Rath ertheilen,“ ſagte er darauf. „Warum gehen Sie nicht zu Ihrem Verwandten, dem reichen Herrn von Feldheim. Er iſt ſeit einigen Tagen wieder hier von ſeiner Reiſe.“ „Wie können Sie mir das zumuthen?“ ſagte der junge Herr empört. „Er iſt ein genauer Herr,“ fuhr der Agent fort,„bei alledem glaube ich, er würde geben das Geld.“ „Herr Wolf,“ ſagte der Baron mit ernſter Miene, „Sie wiſſen, wie ich glaube, genug von den Urſachen, die mich hindern, jemals mit dieſem Herrn in Berührung zu kommen.“ „Hab' ich Noth, kenn' ich kein Gebot!“ rief Jakob Wolf. Hat er Unrecht gethan, ſo hat er Geld genug, um es gut zu machen.“ „Mag er Fiſche damit füttern!“ antwortete der Baron verächtlich.„Ich will nichts von ihm haben.“ „Es iſt doch nicht zu ändern,“ fuhr Jakob Wolf fort, „wenn es auch beſſer wäre, es wäre kein junger Herr von Feldheim vorhanden.“ „Laſſen wir ihn!“ ſagte Lorberg ſo ungeduldig heftig, als rege der Name oder die Perſon ſeinen Zorn auf.„Ihr Rath, Herr Wolf, kann mir nichts nützen.“ Der Agent zuckte abermals die Achſeln. Er heftete ſeine vorquellenden Augen auf das blühende Geſicht und die ſchlanke Geſtalt des jungen Herrn und wackelte mit dem ſchwarzen Haarbuſch nach rechts und nach links. „So will ich Ihnen geben noch einen Rath,“ ſagte er. „Sie ſind ein Cavalier, wie er gern geſehen wird von heirathsluſtigen Damen. Warum nehmen Sie keine reiche Frau?“ Der Baron lachte in dem alten leichtfertigen Tone auf. „Das wäre ich wirklich im Stande, tugendhafter Wolf,“ ſagte er.„Haben Sie ein Heiraths⸗Bureau angelegt? Wer ſteht auf Ihrer Liſte? Wollen Sie mir etwa Ihre verſchleierte Schönheit empfehlen?“ „Ich empfehle Ihnen gar nichts,“ erwiderte der kleine Mann,„und möchte auch niemals empfehlen Einer, der ich meine Theilnahme ſchenkte, einen ſo leichtſinnigen jun⸗ gen Herrn.“ „Ihre Aufrichtigkeit iſt ergötzlich,“ fuhr Lorberg in der⸗ ſelben Weiſe fort.„So iſt es vielleicht eine Tochter Zions mit dunklen Locken, dunklen Augen und einem am Hochzeits⸗ tage zahlbaren Capital.“ Jakob Wolf ſchüttelte wiederum ſeinen Haarbuſch und ſagte mit unerſchütterlicher Kaltblütigkeit:„Die Töchter Zions ſind auch klüger geworden, um ſich nicht nach ver⸗ ſchuldeten Baronen zu ſehnen. Bei alledem gibt's freilich noch immer welche, die nach eitlen Gelüſten ſtreben, und ich weiß Eine, die wohl im Stande wäre, aller Noth ein Ziel zu ſetzen.“ „Wer iſt dieſe gütige Fee, tugendhafter Wol* 33 ügge, Verloren und gefunden. 18 Der Agent ſann einen Augenblick nach und ſagte dann: „Iſt der Herr Hauptmann Seehauſen nicht auch ein Ver⸗ wandter von Ihnen?“ „Ein entfernter Verwandter, aber einer, von dem man nicht gern ſpricht und mit dem ich nichts zu thun haben mag. Soll etwa dieſer Seehauſen mit Ihrem reichen Fräulein in Verbindung ſtehen?“ „Der Hauptmann hat eine Tante,“ erwiderte Jakob Wolf,„und die Tante hat eine Nichte.“ „Er hat keine Tante und iſt ein ausgemachter Lügner und Schwindler,“ fiel Lorberg ein. „Es iſt die Tante ſeiner Frau, ich kenne ſie,“ ver⸗ ſicherte der Agent.„Es iſt die Frau Commercienräthin Wittenberg, eine reiche Frau. Der Mann hat ein großes Vermögen hinterlaſſen und keine Kinder. Die eine Nichte, die bei ihr iſt, wird erben, was da iſt, und dazu noch mehr. Der Hauptmann wohnt nicht weit davon, in der Königs⸗ ſtraße das erſte Haus. Er hat ein Commiſſionsgeſchäft angelegt, und es geht ihm gut.“ „Was wiſſen Sie weiter von der Frau Commercien⸗ räthin?“ fragte Herr von Lorberg. „Was wollen Sie noch hören?“ fragte der Agent. „Iſt's nicht genug, wenn ich ſage, ſie iſt reich! ſehr reich! liebt den Glanz, liebt die Pracht, hat ein großes Haus und iſt eitel und ſtolz. Wenn ich in Ihrer Stelle wäre, ginge ich hin, ſpräche mit dem Hauptmann, ließe mich der * 19 gnädigen Frau Commercienräthin empfehlen und machte mich liebenswürdig bei ihr und dem Fräulein.“ Ein lautes Gelächter beantwortete dieſen guten Rath. „Haben Sie Dank, großmüthiger Wolf,“ ſagte Lorberg. „Ich möchte gern einen Schacher machen, möchte dem Teufel meine Seele oder meine Wechſel verſchreiben; aber mit dieſem Seehauſen und dieſer vortrefflichen Frau Commercienräthin möchte ich mich nicht einlaſſen.“ „Weiter habe ich nichts zu geben,“ ſagte Jakob Wolf, indem er an ſein Pult zurückkehrte. „Dann leben Sie wohl, mein würdiger Protector, und behalten Sie Alles.“ „Es iſt der Unterſchied zwiſchen uns Beiden,“ ſchrie der kleine Mann hinter ihm her:„ich behalte Alles, und der Herr Baron behält Nichts.“ Bei ſeinen letzten Worten fiel die Thür hinter dem Enteilenden zu; der Börſen⸗Agent glaubte jedoch noch einen Ausruf zu vernehmen, der wie verdammt oder Ver⸗ dammter klang; was hinter dieſem Worte folgte, blieb ihm verborgen. Er grinſſte äußerſt vergnügt darüber, und während er ſich die Hände rieb und der ſchwarze Haarbuſch wackelte, ſagte er bedächtig: Es iſt beſſer, daß dieſer Mann mich verdammt, als daß er mich ſegnet. Er hat ein ſtolzes Gemüth, und es iſt beſſer, als bei manchen anderen ſeines Gleichen, aber was hilft der Stolz, wenn er nicht ſtolzer iſt als der Leichtſinn! Weil * 20 er iſt leichtſinnig, wird er thun, was ich ihm gerathen habe, und ich werde bald erfahren, wie es ihm iſt dabei ergangen. Damit nahm Herr Jakob Wolf ſeine Feder wieder in die Hand und arbeitete mit verdoppelter Emſigkeit, um die verſäumte Zeit nachzuholen. Zweites Kapitel. Nach einigen Stunden ſchon erfüllte ſich, was die Menſchenkenntniß des Agenten vorhergeſehen hatte. Der Freiherr von Lorberg machte ſich auf den Weg nach der Königsſtraße, um ſeinen Vetter, den Hauptmann See⸗ hauſen, aufzuſuchen.— Richard von Lorberg gehörte zu einer alten Familie des Landadels, welche jedoch ſtolzer auf Geſchlecht und Wappen, denn auf großes Vermögen ſein konnte. Dem jungen Herrn gehörte zwar dem Na⸗ men nach ein bedeutendes Familiengut, allein ſchon ſein Großvater hatte es verſchuldet, ſein Vater noch mehr darin geleiſtet und er ſelbſt den Reſt derartig verbraucht, daß der grobe Wolf ſo Unrecht nicht hatte, wenn er behauptete, daß dem jungen Herrn Baron nicht die Ziegel auf dem Schloßdache mehr gehörten. Bei alledem führte Richard von Lorberg noch immer ſeine Lebensweiſe im Style vermögenderjunger Herren von Rang fort. Er hatte ſtudirt, aber, als ſein Vater 22 vor einigen Jahren ſtarb, das Lernen aufgegeben um zu reiſen, und als er zurückkehrte, nachdem ein Capital ver⸗ braucht war, welches er zu dieſem Zwecke geborgt, lebte er als Freiherr und Gutsherr mit Alters- und Standes— genoſſen in der Hauptſtadt weiter, bis er derartig in Schul⸗ den und Verlegenheiten verwickelt war, daß auch Umkehr nichts mehr geholfen hätte. Jakob Wolf hatte ihn verſchiedene Male Geld verſchafft, wobei freilich noch andere beſondere Gründe mitwirkten, als die, welche der kluge Agent angegeben; jetzt jedoch hatte auch er ſich zurückgezogen, und die Verlegenheit des jungen Barons war nicht gering; denn wenn auch Handwerker und Gewerbtreibende, die von ihm zu fordern hatten, war⸗ ten mochten, bis er zahlen konnte, ſo ging dies nach ſeinen Begriffen von Ehre doch bei ſogenannten Ehrenſchulden nicht an. Er war daher Anfangs ſehr erbittert über die hartnäckege Weigerung des Agenten und eben ſo erbittert über deſſen guten Rath, mit dem er ihn entlaſſen hatte. Bei ruhigerer Ueberlegung war er jedoch aufrichtig genug, es Jakob Wolf im Grunde nicht zu verdenken; denn ohne außerordentliche Glücksfälle konnte er nichts zurückzahlen. Eine reiche Erbſchaft, Glück im Spiel, Hoffnungen auf den Zufall oder eine reiche Heirath ſind die gewöhnlichen Luft⸗ ſchlöſſer, mit welchen ſich der Leichtſinn zu tröſten ſucht. Eine reiche Erbſchaft war Richard v. Lorberg entgangen, im Spiel hatte er faſt immer Unglück, wie überhaupt alles, — 23 was vom Zufall abhängt, entſchieden gegen ſich. Seine Hoffnungen tänſchten ihn daher regelmäßig; was aber eine reiche Heirath betraf, ſo mochte ihm dieſe mehr als ein⸗ mal wohl eingefallen ſein, nur war er nicht auf den Weg gerathen, den Jakob Wolf ihm jetzt gezeigt hatte. Er hatte in den Geſellſchaftskreiſen, zu denen er gehörte, bisher keine Dame kennen gelernt, die ſein Herz in beſondere Bewegung verſetzt hätte; aber er gehörte, trotz ſeines Leichtſinnes in ſo vielen Dingen, zu den Menſchen, bei denen das Herz eine Rolle ſpielt, was in ſeiner Lage ebenfalls Leichtſinn genannt werden konnte. Mit Widerwillen hatte er immer daran gedacht, eine Frau ohne Liebe zu heirathen, äußerer Vortheile wegen ſich zu verkaufen, und dies ſowohl wie ſeine Neigung zum ungebundenen, zwangloſen Leben mit ſeinen Freunden hatte ihn an Speculationen jener Art ge⸗ hindert. Eine Bekanntſchaft nach ſeinen Gefühlen und ſeinen Wünſchen hatte er nicht gemacht; andererſeits hatten kluge Mütter und heirathsluſtige Damen auch nicht mit ihm ſpeculirt, denn ſeine Verhältniſſe waren nicht ſo unbe⸗ kannt, um ihn für eine vortheilhafte Partie zu halten. Aus allen dieſen Gründen blieb er ſomit trotz ſeiner ſechs⸗ undzwanzig Jahre, ſeiner einnehmenden Geſtalt, ſeines äußerlichen Glanzes und ſeiner übrigen Vorzüge ohne Aus⸗ ſichten auch nach dieſer Seite hin. Was Jakob Wolf ihm heute gerathen, erſchien ihm aber weit mehr lächerlich als ernſthaft, obwohl ſein Blut ſich 24 nicht gegen den Gedanken ſträubte, mit Hintenanſetzung aller Vorurtheile ſich eine Frau ohne Wappen und berühmten Namen zu nehmen, wenn ſie ſeinen Neigungen entſprach und allerdings auch das mitbrachte, was ihm fehlte. Die Zeit war ja längſt ſo weit fortgeſchritten, daß gar manche vornehme Herren ſeines Standes ohne Bedenken die Gold⸗ vögelchen der bürgerlichen Geld⸗Ariſtokratie einfingen, und wenn er ein liebenswürdiges, wohlgebildetes, vielleicht ſogar chönes Mädchen aus dieſer Ariſtokratie kennen lernte )) 3 wenigſtens eines, das ihm gefiel und deſſen Zuneigung ihm entgegen kam, war es gewiß, daß er mit Freuden ihr Herz und ihre Hand erobert hätte. Allein in dieſem Falle wies ihn Jakob Wolf an einen heruntergekommenen Vetter, von dem er lange Zeit nichts mehr gehört, am liebſten auch nichts von ihm hören mochte. Seehauſen war Haupt⸗ mann geweſen, hatte jedoch vor Jahren ſchon ſeinen Ab⸗ ſchied nehmen müſſen, um einer Unterſuchung auszuweichen, von welcher er kein ehrenvolles Ende hoffen durfte. Von jener Zeit an waren Verwandte und Freunde von ihm häufig mit Bitten um Unterſtützung geplagt worden, die ſich ſo lange fortſetzten, bis ſie alle Geduld ermüdeten. Auch der alte großmüthige Herr von Lorberg wurde lange von dem Hauptmann geſchröpft, und Richard erinnerte ſich recht gut der verſchiedenen Familien⸗Aergerniſſe durch die⸗ ſen verrufenen Vetter. Mit ſolchem Talent in erneute Berührung zu gerathen, ſchien ihm allerdings nicht erfreu⸗ 25 lich; allein Seehauſen hatte ſpäter geheirathet, ſollte zur Ordnung zurück gekehrt ſein, ein nährendes Geſchäft be⸗ gonnen haben, und Niemand konnte doch wiſſen, welche Veränderungen bei ihm eingetreten waren. Nach einiger Ueberlegung ließen ſich Richard von Lorberg's Scrupel überwinden. Es ſchien ihm ein komiſches Abenteuer, dieſen Vetter aufzuſuchen und ihm einen unerwarteten Beſuch zu machen.— Ein Beitrag zur Kenntniß der ſocialen Zu⸗ ſtände, lachte er, und warum ſoll ich meine gnädige Couſine nicht kennen lernen? Es iſt ſonderbar, wie es mir geht. Die Zahl meiner Verwandten iſt gering, diejenigen aber, welche der Himmel mir beſchert hat, ſind derartig, daß ich ſie vermeiden muß. Immer jedoch will ich lieber dieſem Vagabunden die Hand drücken, als einen Bettelbrief an jenen anderen filzigen Schuft ſchreiben. Als er dies ſagte, blickte er auf, um zu ſehen, wo er ſich befand. Er war gegangen, ohne recht auf ſeinen Weg zu achten, nun ſtand er auf einem mit Bäumen beſetzten Platze, der von vier Häuſerzeilen eingeſchloſſen wurde. Dieſem ſchweigſamen Raume ſah man es an, daß nur reiche und vornehme Leute hier wohnten. Kein Tageslärm, kein Ge⸗ wirr geſchäftiger Menſchen ließ ſich hören; die Häuſer ſelbſt mit theils verhängten Fenſtern, tiefen Thorwegen und breiten Pfeilern ſahen meiſt aus, als wären ſie unbewohnt. Ihre Beſitzer befanden ſich noch auf Reiſen, in Bädern oder auf ihren Landgütern und warteten das Nahen des Winters ab, 26 ehe ſie hierher zurückkehrten. Richard von Lorberg ſtand unter einem Baume einem dieſer Häuſer gegenüber ſtill und betrachtete es nachſinnend. Grau und ſchwer fiel der Abend⸗ ſchatten auf deſſen graue Mauern, nur das hohe Dach glänzte im Sonnenlichte. Es war ein ſchönes, ſtattliches Haus, allein es war vernachläſſigt. Seine obere Fenſter⸗ reihe ſah ſo blind und verſtaubt aus, als hätte lange Zeit keine Hand daran gerührt. Der Putz der Mauern war abgeſtoßen, die Farbe vom Wetter verwaſchen. Eine bit⸗ tere Empfindung überkam den jungen Edelmann. Er kannte dieſes Haus ſehr gut, oft hatte er als Kind darin umhergeſpielt. Sein Vater hatte mit ihm darin gewohnt, und mehr als einmal hatte man ihm erklärt, dies werde einſt ſein Eigenthum ſein, dies und vieles Andere. Nichts aber hatte ſich davon erfüllt, und warum nicht?— Mit finſteren Mienen ſah er, daß im unteren Stockwerk ein Fenſter offen ſtand, durch welches er die dunkelrothen Ta⸗ peten des Zimmers erkennen konnte, die ihn wie alte gräm⸗ lich gewordene Bekannte anblickten.—„Er iſt alſo wirklich wieder hier,“ murmelte er.„Wie der Uhn, der das Licht ſcheut, ſitzt er in dem düſteren Neſte, und wie die Sünde, die keine Ruhe hat, wird er bald wieder davon fliegen, um ſich anderswo zu verſtecken.“ Indem er dies ſagte, drangen die Töne eines Claviers zu ihm herüber. Es waren Läufe und Accorde, die faſt wie ein verworrenes Geſchrei klangen und ihm zu ant⸗ 27 worten ſchienen, doch ſchnell wieder verſtummten. Gleich darauf trat ein junger Mann an das offene Fenſter, der ſich heraus beugte und plötzlich den Baum ins Auge faßte, unter welchem Richard von Lorberg ſtand. Es war ein Jüngling, der wohl noch nicht lange das Knabenalter ver⸗ laſſen hatte; doch ſchien er friſch aufgeblüht und kräftig zu ſein. Einen Augenblick lang betrachteten ſich Beide aufmerk⸗ ſam. Dann wandte ſich der junge Mann raſch um wie in einer Anwandlung von Unwillen über dieſes dreiſte An⸗ ſtarren eines Fremden, und Richard ſetzte ſeinen Weg fort. „Wie die Alten ſo die Brut!“ rief er verächtlich aus. „Wie bin ich überhaupt hierher gerathen, und weßhalb ſtehen geblieben? Fort nach der Königsſtraße zu meinem anderen theuren Vetter, der mir hoffentlich beſſer gefallen wird, als dieſer da.“ Die Königsſtraße, am Eingange des gewerbreichen Stadttheils, bot einen auffallenden Unterſchied mit jenem hochariſtokratiſchen Platze! Hier befanden ſich die großen Lager von Seiden⸗ und Manufacturwaaren, von Putz⸗ und Modeſachen, Bronzen, Goldgeſchmeide und Kryſtall. In den langen Reihen reicher Gewölbe zündete man ſchon die Gaskronen an, und hinter den ungeheuren Spiegel⸗ ſcheiben der Schaufenſter begann eine glänzende Illumina⸗ tion.— Richard war hier lange nicht geweſen, er fand es vergnüglich, ſich durch den Menſchenſtrom zu drängen, der 28 hin und her eilte, und ergötzte ſich daran, Geſichter und Geſtalten zu betrachten, welche den verſchiedenen Claſſen der Geſellſchaft angehörten, nur nicht der, welche nicht arbeitet und meiſt auch nicht läuft, am wenigſten des Abends und in ſolchem Gewühl, wo man geſtoßen und getreten wird. Auch in dieſen hohen, mit Handels⸗Firmen bemal⸗ ten und mit Handels⸗Gewölben gefüllten Häuſern lebte eine Ariſtokratie, aber eine ganz andere, als an jenem ſtillen Platze. Manche dieſer ſtattlichen Gebäude waren prächtig aufgeputzt, hinter den Spiegelſcheiben der erſten Stock⸗ werke gab es jedweden Luxus. Es war hier wahrſchein⸗ lich theurer zu wohnen, als irgendwo in der Stadt, allein wer hier wohnte, der handelte, arbeitete, gehörte, mochte er auch noch ſo viel Geld zuſammen ſcharren und noch ſo viel verthun können, doch immer nicht zu der bevorrechte⸗ ten Claſſe, die eine Welt für ſich bildet und die Menſchheit regiert oder regieren hilft. Und alle dieſe Geldleute theil⸗ ten ihre Häuſer mit vielen anderen Geſchäftigen aller Art, bis unter die Dachluken und bis in die Kellerwinkel. Ein gewiſſes unangenehmes Gefühl überkam den Freiherrn, wenn er in die Tiefen blickte, wo die modernen Troglodyten hauſ'ten, von wo herauf mephytiſche Dünſte von Butter, Häringen und Speiſen aller Art emporſtiegen, oder wenn er an den Stockwerken hinaufſah, wo von Treppe zu Treppe aufwärts eine ärmlichere Claſſe der Geſellſchaft ihre Lager aufgeſchlagen. Zunächſt aber galt es den Hauptmann auf⸗ 29 zufinden, der am Ende dieſer Straße wohnen ſollte, und dahin ſteuerte unſer Abenteurer, indem er mit glücklicher Selbſtironie ſich nochmals ſein Unterfangen in die luſtigſte Beleuchtung ſetzte. Endlich ſtand er vor dem ihm bezeichneten Hauſe ſtill, und es ſah allerdings beinahe ſo aus, als könne der wür⸗ dige Vetter darin gefunden werden; denn zu den beſten ge⸗ hörte es nicht, und hoch genug ſtieg es in den Abendhimmel auf. Nach einem letzten Entſchluß ſetzte Richard von Lor⸗ berg lachend den Fuß auf die Treppe mit dem Bewußtſein, daß ein langer Athem nöthig ſei, um drei oder vier dieſer etwas finſterrn Himmelsleitern zu überwinden. Um ſo angenehmer wurde er überraſcht, als er nach der zweiten Stiege ſchon im Halbdunkel ein weißes Porcellanſchild an einer Thür befeſtigt erkannte, welches die Aufſchrift trug: von Seehauſen, Hauptmann a. D. Darunter befand ſich eine Blechtafel von größerem Umfange, auf welcher ge⸗ ſchrieben ſtand: Obrigkeitlich conceſſionirtes Bureau für Unterbringung von Geldern und Capitalien, Verkauf von Gütern und Häuſern, Obligationen, Schuldforderungen und Uebernahme von Commiſſions⸗Geſchäften aller Art. Sehr anlockend, ſehr empfehlend! ſpottete der junge Herr. Dieſer Meſſingdraht wird mich einführen in das Paradies, wo die leidende Menſchheit erlöſtt wird.— Er zog an der Klingel, welche hell und lange ſchallte, aber es dauerte einige Zeit, ehe die Thür geöffnet wurde. „Was wünſchen Sie?“ fragte alsdann eine angenehm klingende Stimme, und Richard erblickte die Umriſſe einer Frauengeſtalt. „Ich wünſche den Herrn Hauptmann von Seehauſen zu ſprechen, wenn er ſich zu Hauſe befindet. „Treten Sie gefälligſt hier herein,“ war die Antwort, mit welcher eine andere Thür geöffnet wurde, die in ein Vorderzimmer führte. Mit einer Verbeugung befolgte der Freiherr dieſe Wei⸗ ſung, und als das hellere Licht auf ſeine Führerin fiel, be⸗ merkte er, daß dieſe noch ziemlich jung ſei und nicht übel ausſehe. Ein ovales Geſicht blickte aus langen, licht⸗ braunen Scheiteln und lächelte angenehm zu ihm hin. Ihre Formen waren ſchlank, ihr blaues Kleid mit dem weißen Jäckchen ſtand ihr gut. „Ich werde meinen Mann ſogleich rufen,“ ſagte ſie. „Nehmen Sie inzwiſchen Platz.“ Alſo meine gnädige Couſine, flüſterte Lorberg, als ſie gegangen war. Die iſt ſo übel nicht. Wie iſt dieſer Tau⸗ genichts dazu gekommen? Ermuſterte das Zimmer, in welchem er ſich befand, und erhielt dadurch einigen anderen Stoff zum Nachdenken. Er bemerkte ſehr weniges Ge— räth darin. Neben dem Sopha, auf dem er ſaß, ſtanden ein paar Stühle, aber kein Tiſch; die Spiegelwand zwi⸗ ſchen den Fenſtern war mit einem großen Spiegel in Gold⸗ rahmen verſehen, die Fenſter ſelbſt mit ziemlich ergrauten 2 Vorhängen, von denen eine Borte ſich an verſchiedenen Stellen losgetrennt hatte. Weiter war nichts zu erblicken, als ein hellpolirter Schrank an der Wandſeite, dem irgendwo ein Gebrechen anklebte, denn er neigte ſich melancholiſch zur Seite und ſah verdrießlich auf den Fußboden, der, mit Papierſpänen, zerbrochenem Kinderſpielzeug und aller⸗ lei Lappen überſäet, einer ſonderbaren Muſterkarte glich. Indem Richard dieſe Rundſchau beendete, die einen etwas wüſten und unordentlichen Anblick bot, wurde die Nebenthür weit geöffnet, und vor ihm ſtand ſein Ver⸗ wandter, ein beitſchultriger und wohlbeleibter Mann mit dickem Kopfe, der auf einem kurzen Halſe ſaß. Mit einem geſchäftsmäßigen Gruße, den er mit einer einladenden Hand⸗ mit kann ich Ihnen dienen?“ „Es iſt kein eigentliches Geſchäft, Herr von Seehauſen, das mich zu Ihnen führt,“ erwiderte Lorberg. „Kein eigeutliches Geſchäft,“ wiederholte der Haupt⸗ mann, indem ſein fleiſchiges Geſicht ſich zu einer Art Grin⸗ ſen verzog,„ſo iſt es alſo ein uneigentliches Geſchäft. Oho! was für eine Art von Geſchäft? Laſſen Sie mich hören.“ Er rückte einen Stuhl an das Sopha, ſetzte ſich, und indem er ſich vornüber beugte, ſah er den Beſuch lauernd an. Der breitgezogene Mund und die zuſammengekniffe⸗ nen Augen machten ihn nicht ſchöner, ſeine Stimme war 32 Es gibt mancherlei uneigentliche Geſchäfte,“ ſagte er,„ich weiß nicht, von welcher Art das Ihrige iſt; allein wenn ich hel⸗ etwas heiſer, und ſein Lachen klang nicht angenehm. fen kann, ſtehe ich Ihnen ſehr gern zu Dienſten. Sehr gern.“ „Zunächſt,“ antwortete Lorberg,„hatte ich nur die Ab⸗ ſicht, mich zu überzeugen, ob Sie hier wohnen.“ „Und dann?“ fragte der Hauptmann noch ſtärker lächelnd. „Dann wollte ich ſehen, wie es Ihnen geht.“ „So? Ich danke ganz gehorſamſt, aber warum, wenn ich fragen darf?“— Er richtete ſich auf und wurde ernſt⸗ hafter. „Weil ich es gern wiſſen möchte.“ „Und das iſt Alles? Ihre Theilnahme, mein Herr, iſt mir ſehr ſchätzenswerth, doch nicht recht erklärlich.“ „Warum nicht erklärlich?“ verſetzte Richard.„Es ſoll mich freuen, wenn ich höre, daß es Ihnen wohl geht.“ „Wenn ich Ihnen nur damit dienen kann,“ ſagte der Hauptmann, indem er den Stuhl zurückſtieß, und würde⸗ voll den dicken Kopf aufhob,„ſo muß ich bemerken, daß ich ſehr beſchäftigt bin. Eben deßwegen habe ich keine Zeit übrig, ſehr wenige oder— gar keine Zeit!“ „So gern ich dieſes vernehme,“ antwortete der Frei⸗ herr, ohne ſich ſtören zu laſſen, ſo ſehr würde ich es 33 bedauern, nicht mit Ihnen ein Stündchen verplaudern zu können.“ „Mit mir?“ murmelte der Hauptmann, der nicht wußte, was er daraus machen ſollte.„Ich muß bedauern, mein Herr. Aber—“er ſah verwundert, wie der Fremde ſeine Füße über einander ſchlug und ſeinen Arm auf die Sophalehne warf, als wollte er es ſich jetzt erſt recht be— quem machen—„darf ich um ihren Namen bitten?“ „Ich heiße Richard von Lorberg, mein lieber Seehau⸗ ſen, und werde ſie ſogleich verlaſſen.“ „Wie! wahrhaftig?“ ſchrie der Hauptmann aufſprin⸗ gend.„Richard von Lorberg?! mein theuerſter Vetter! Nicht von der Stelle! Dieſer Anblick iſt mir eine Wohl⸗ that.“— Er ſchüttelte ihm beide Hände. „Aber Sie haben keine Zeit, mein beſter Seehauſen, und ich freue mich, daß Sie glückliche Geſchäfte machen.“ Ein wehmüthiges Lächeln veränderte plötzlich das Geſicht des Hauptmanns. Er zuckte die Schultern und ſetzte ſich nieder.„Was das anbelangt,“ ſagte er leiſer, „ſo hilft kein Klagen, und was ſollte ich Ihnen antworten, da ich Sie nicht kannte? Leider bin ich noch immer vom Schickſal verfolgt, obwohl ich unermüdlich arbeite.“— Er ſchüttelte den Kopf, indem er vor ſich nieder ſah, und ſeine Stimme verlor ſich in ein Gebrumm von unverſtändlichen Kehltönen. „Das habe ich allerdings nicht erwartet,“ ſagte Lorberg. Mügge, Verloren und gefunden. 3 2 „Bah! was frage ich danach,“ erwiderte Seehauſen, ſich aufrichtend.„Ich bin ein alter Soldat, aber meine Frau, meine Kinder, dieſe theuern Weſen...“ „Man hat mir geſagt, daß es Ihnen wohl geht und daß Sie eine reiche Tante beſitzen,“ fuhr Richard von Lor⸗ berg fort. Seehauſen lachte verächtlich auf.„Dieſe Tante, aller⸗ dings, dieſe Tante iſt da, aber oh— es iſt ein Unglück!“ „Eine reiche Tante zu haben?“ „Wie dieſe, theuerſter Vetter. Hart wie Stein, kalt wie Eiſen, kein menſchliches Herz in ihr. Lieber will ich arbeiten, bis meine Hände ſtarr und ſteif ſind.“ Mit Energie ſtreckte der Hauptmann ſeine Hände aus und krampfte ſie dann zuſammen. Richard's Hoffnungen löſ'ten ſich auf, aber er hatte große Luſt, ihnen nachzu— lachen. Die Klagen ſeines Vetters änderten nichts an ſeiner Stimmung; der dicke Mann mit ſeiner Wuth und ſeinen tugendvollen Grundſätzen kam ihm unendlich lächer⸗ lich, wie ein ſchlechter Komödiant vor. „Die Tante gibt alſo nichts?“ fragte er. „Keinen Sou, keinen Groſchen!“ „Und Sie ſchreiben die Nächte durch?“ „Schreiben? ſchreiben wäre nichts,“ murmelte der Hauptmann. „Was thun Sie denn?“ Seehauſen ſchüttelte den. Kopf und ſchwieg einige Augen⸗ 35 blicke, bis er energiſch aufſah und auf ſeine Bruſt klopfte. „Warum ſoll ich mich ſchämen,“ murmelte er,„ſchämen vor Ihnen, theuerſter Vetter? Ich bin Familienvater! Mein Weib, meine Kinder wollen leben, leben alſo— wiſ⸗ ſen Sie, was ich thue? hier— da!“ Er faßte in die Taſche ſeines Rockes, holte ein weißes Päckchen heraus und hielt es Richard hin. „Was iſt das?“ Der Hauptmann rollte ſeine Augen und richtete ſie gegen die Decke empor. Er wurde feierlich ernſthaft und runzelte die Stirn.„Was das iſt?“ murmelte er aus dem Kehlkopf.„Sie ſollen Alles erfahren: Dieſes ſind Briefcouverts, welche ich in langen kummervollen Nächten klebe, um meine Kinder vor Hunger zu ſchützen, denn ich verkaufe ſie an edle, mitleidige Menſchen, die mir in meiner Noth beiſtehen.“ Er hielt das Päckchen fortgeſetzt dem theuern Vetter vor, obwohl ſeine Hand ſo ſtark zitterte, wie ſeine Stimme; allein Richard von Lorberg ſchien ſo gefühllos wie die reiche Tante. Er rührte ſich nicht, allein er ſagte mit leicht⸗ ſinniger Munterkeit:„Ich ſehe, mein lieber Seehauſen, wir leiden beide an demſelben Uebel, das heißt, es fehlt uns Beiden an Geld, und wir ſuchen uns dieſes nothwendige Metall zu verſchaffen, wie es angeht.“ „Oh! Sie? Spaß!“ murmelte der Hauptmann, in⸗ dem er die Briefcouverts ſinken ließ. 26 36 „Vollkommener Ernſt,“ erwiderte Richard.„Ich kam zu Ihnen, ganz aufrichtig geſagt, um zu hören, ob ich viel⸗ leicht mit Ihrer Hülfe ein Capital aufnehmen könnte. Ich brauche fünftauſend Thaler, biete ſechstauſend dafür.“ Nach dieſem Eingange war es nicht ſchwer, die ganze Angelegenheit zu erörtern. Der Hauptmann hörte zu, warf einige Fragen hinein und war in kurzer Zeit mit der Lage ſeines Vetters bekannt. Dann und wann verzog er die breiten Lippen zu dem häßlichen Lachen, und ſeine Augen funkelten ſpottſüchtig unter den Augenlidern, darauf ſchüttelte er wieder ſeinen dicken Kopf und ſah wehmüthig vor ſich hin. „Nun, was ſagen Sie?“ fragte Lorberg endlich. „Nichts zu machen, ſeufzte Seehauſen. Wer kauft ſolche Obligation? Aufgeklärte Zeiten, theuerſter Vetter! In gewöhnlicher Weiſe iſt Ihnen nicht zu helfen.“ „Was kann man alſo thun?“ Seehauſen ſchwieg.„Ihr ſeliger Papa, fällt mir ein,“ lachte er endlich.„Ich war einmal in großen Nöthen, hatte auch nichts, gar nichts, ſchrieb an ihn, bekam zur Antwort: Ein guter Strick ſei das beſte Mittel. Haha! ſpaßhaft, nicht wahr?“ Eine glühende Hitze überkam Richard von Lorberg. Er wollte aufſpringen und ein hartes Wort hervorſtoßen, aber er blieb ſitzen und ſagte nichts. 1 „Bah!“ fuhr Seehauſen fort,„man muß nicht ver⸗ 37 zweifeln. Narren giebt's immer noch genug in dieſer Welt, das iſt das Beſte an ihr. Es kommt darauf an, man kann's verſuchen.“ „Ich denke Niemanden zu täuſchen,“ ſagte Lorberg, mit Schaam und Stolz ringend.„Noch gehört mir Weißen⸗ ſtein, und ich hoffe, daß ich in die Lage gelangen werde, meine Schulden zu bezahlen.“ „Es wäre prächtig!“ erwiderte Seehauſen,„aber wie?“ Nach einiger Zögerung ließ Richard die letzte Mine ſpringen.„Nun, zum Beiſpiel, begann er, wenn ich eine reiche Heirath machte. Wie Viele haben auf dieſe Weiſe nicht ſchon ſchlimmere Affairen, als die meinen ſind, ge⸗ ordnet! und wenn ein Freund mir dabei behülflich wäre — was meinen Sie, Seehauſen? Glauben Sie nicht, daß dies ein Mittel iſt, wodurch man aus ſeinen Verlegen⸗ heiten kommen kann?“ „Allerdings,“ erwiderte der Hauptmann, ihn betrach⸗ tend,„allerdings, eine Heirath iſt zuweilen noch beſſer als ein Sttick. Haha! Warten Sie, ich denke über etwas nach.“ „Ich will darauf wetten,“ ſagte Lorberg gleichgültig, „es fällt Ihnen ſchon eine Partie für mich ein.“ „Warum nicht? Sie haben es gerathen. Ich bedenke ſo eben etwas. Wenn ich nur erſt wüßte, wie es am beſten angefangen wird!— Heirathen, prächtig! Das iſt das richtige Mittel. Sie müſſen heirathen, Vetter Richard. Die Tante..“ 8 3 80 „Ich ſoll doch nicht die Tante heirathen?“ „Still!“ ſagte Seehauſen,„ich habe eine großartige Idee.“— Er ſchwieg einige Augenblicke, plötzlich aber um⸗ armte er Richard von Lorberg, der ſich ihm nicht entziehen konnte.„Sie ſollen heirathen,“ ſagte er,„ich verſchaffe Ihnen eine Frau. Geld vollauf, Alles vorhanden. Aber wie? Wenn ich dabei helfen ſoll, mein beſter Vetter, ſo müſſen wir uns als Freunde und Verwandte verſtändigen.“ „Zunächſt muß ich doch wiſſen, was Sie vorhaben.“ „Sie ſollen es hören. Die Tante meiner Frau, ihre leibliche Tante, iſt die Commercienräthin Wittenberg. Sie wohnt drüben in der Straße. Das große Haus mit dem Balcon gehört ihr. Kinder ſind nicht vorhanden, nichts als die einzige Schweſter meiner geliebten Flora, Suſette genannt. Die alte Frau hat ſie zu ſich genommen an Kindes Statt. Alles, was da iſt, ſoll ſie erben.“ „Aber Ihre eigene Frau, mein lieber Seehauſen...“ „Es iſt ein Schickſal!“ murmelte dieſer, ſeine Schul⸗ tern zuſammenziehend, gleich darauf aber fuhr er mit einem wehmüthigen Seufzer fort:„Dieſe Tante hat leider ein Herz ohne Liebe zu uns. Es iſt beklagenswerth, aber ſie geht in ihrer Härte ſo weit, uns gänzlich zu vergeſſen. Das iſt ſehr ungerecht.— Wenn es alſo dahin käme,“ fuhr er ſüß lächelnd fort, indem er Richard's Hand drückte und feſthielt,„wenn Sie Suſetten heiratheten, ſo würden Sie es gewiß beſſer mit uns meinen?“ 39 „Wenn dies wirklich der Fall ſein ſollte,“ erwiderte Richard,„ſo ſeien Sie überzeugt, daß ich Unrecht gut machen will.“ „Auf Ihr Wort?“ „Auf mein Wort! Verlaſſen Sie Sich darauf.“ „Gut,“ ſagte Seehauſen,„gut, theuerſter Vetter. Wir werden uns darüber weiter verſtändigen, nachdem wir den Plan näher überlegt haben. Laſſen Sie mir Zeit bis morgen. Sie müſſen ins Haus hinein und vorgeſtellt werden.“ „Verſchaffen Sie mir die Bekanntſchaft des liebens⸗ würdigen Fräuleins. Iſt Suſette— ein köſtlicher Name! — iſt ſie jung?“ „Zwanzig kaum.“ Damit bin ich zufrieden. Und hübſch?“ 77— „Hm!“ lächelte der Hauptmann.„Alle Schönheit iſt Geſchmacksſache.“ „Allerdings. So machen Sie Ihren Plan, ich komme morgen wieder.“ „Nicht ein Wort mehr davon!“ rief Seehauſen, ihn feſthaltend,„Sie müſſen bei uns bleiben, ich laſſe Sie nicht fort, Vetterchen. Machen Sie keine Umſtände. Sind wir nicht Bundesgenoſſen? Zukünftiger Schwager!“ Er ſchlug ſein heiſeres Gelächter auf.„Hier herein, Vetter⸗ chen, hier herein; ich muß Sie mit meiner Gattin, meinem Engel, meiner Flora bekannt machen! Sie müſſen bei uns 40 fürlieb nehmen. Treten Sie ein, in den Familientempel meines häuslichen Glückes.“ Was konnte Richard von Lorberg thun? Die Ver⸗ traulichkeit des Hauptmanns, ſeine Genoſſenſchaft und Schwägerſchaft jagten ihm Schrecken ein, aber Seehauſen ſchob ihm ſeinen Arm unter und führte ihn in das Neben— zimmer. Drittes Kapitel. In dieſem Familientempel des häuslichen Glückes brannte eine grünlackirte Lampe, mit einer Glocke von Milchglas bedeckt, der jedoch ein bedeutendes Stück fehlte. Sie ſtand auf einem Tiſche, der einſt mit Wachstuch bezo⸗ gen war, von welchem jedoch nicht viel mehr übrig geblie⸗ ben, als das faſrige Gewebe mit einigen offenen Schäden. Der Tiſch nahm den Raum vor einem dunklen Geſtell ein, und Lorberg entdeckte zunächſt, daß dies ein Schlafſopha ſei, das mit einem ſchwarzbunten Kattun⸗Ueberzuge bedeckt war. Die Kiſſen hingen ſchief daran nieder, in jeder Ecke lag dafür ein ſchlafendes Kind, ein Knabe von drei, ein Mädchen von vielleicht vier Jahren, beide genau eben ſo ſchmutzig, wie das Lager, auf dem ſie ſich ausſtreckten. Seehauſen blinzelte ſie zärtlich an und ſtreckte theatraliſch ſeine Hände nach ihnen aus.„Ein Bild des Friedens und der ſüßen Kindlichkeit!“ ſagte er.„Da ſehen Sie meine beiden Würmer; es ſind ſonſt allerliebſte muntere 42 Dinger, aber heut iſt nichts mehr mit ihnen anzufangen, und wir können ſie hier nicht weiter brauchen.“— Damit belud er ſeine Arme mit den beiden ſchlaftrunkenen Kindern und ſchleppte ſie hinaus, nachdem er Lorberg aufgefordert, es ſich bequem zu machen. Dieſe Aufgabe war jedoch nicht ganz leicht. Der Tempel des häuslichen Glückes enthielt zwar außer dem alten Sopha, vor welchem der verwöhnte junge Herr ein Grauen empfand, noch einige Stühle, allein dieſe ſchienen nicht be— ſonders zuverläſſig zu ſein, auch hatte ihr Rohrgeflecht allerlei bedenkliche Senkungen. Richard ſuchte ſich den beſten aus und muſterte den Tiſch, auf welchem ein ziem⸗ lich ſchwarzes großes Brod lag, daneben ein Teller mit Butterſpuren und an der Lampe ein Salzfaß mit zerbroche⸗ 8 5 nem Fuß, das unter den Flügeln des grünen Kameraden Schutz zu ſuchen ſchien. Ein unheimliches Gefühl vor der 0 5 t 3 1 7 Gaſtfreundſchaft, welche ſeiner wartete, überkam den Frei⸗ — herrn. Er, der gewohnt war, ſich in den erſten Hotels bedienen zu laſſen, ſah ſich hier plötzlich in einer anderen Welt, die ihn überall unangenehm berührte. Mit wach⸗ ſender Troſtloſigkeit betrachtete er das große Schreibeſpind an der Wand, einen finſteren, alten Kaſten, mit einem Aufſatz darüber, der Doppelthüren hatte. Millionen ließen ſich da hineinpacken, aber ſicherlich war es leer, und die Maus, welche irgendwo daran nagte, ſchien aus Hungers⸗ noth zur Verzweiflung getrieben. * Er ſpottete noch über dieſe Vorſtellung, als Seehauſen in beſter Laune wieder herein kam.„Ein Familienvater muß für Alles ſorgen,“ ſagte er vergnüglich.„Mein Engel wird gleich bei uns ſein. Frauen thun's einmal nicht an⸗ ders, ſie müſſen ſich erſt herausputzen.“ „Ich bedauere,“ erwiderte Richard,„ſo viele Unruhe zu verurſachen.“ 44 „Gar keine Unruhe,“ unterbrach ihn der Hauptmann. „Meine Flora iſt eine philoſophiſche Natur; immer ſtand⸗ haft, was auch kommen mag.“ „Das iſt ſehr liebenswürdig.“ „Immer liebenswürdig, niemals verdrießlich, das iſt ſie,“ bekräftigte Seehauſen.„Sie liebt mich und iſt dank⸗ bar für alles, was ich für ſie thue, gethan habe und noch thun werde. Das kann man nicht von jeder Frau heut zu Tage ſagen. Die meiſten halten ihren Mann für ein nothwendiges Uebel, für einen Burſchen, der dazu da iſt, dankbar zu ſein für die Gnade, welche ihm erzeigt wurde, ihn zu heirathen.“ Er lachte auf, und ſeine kleinen Augen funkelten bos⸗ haft den jungen Herrn an, der ſeine Blicke eben ſo ſpöttiſch erwiderte. „Sie haben gewiß alles gethan, was ſie konnten, um dieſen Tempel Ihres Familienglückes aufzubauen,“ ſagte er. Der Hauptmann ließ den dicken Kopf verſchmitzt nicken. 44. „Sie wiſſen nicht, wie ich zu meinem Juwel gekommen bin? Oder wiſſen Sie?“ „Ich weiß nichts.“ „Ich will's Ihnen erzählen, aber, halt! Es iſt nichts, mit trockenem Munde ſitzen, Vetterchen; wir müſſen uns aufeuchten.“ Er ſtand auf, ging an das Schreibſpind und öffnete den Aufſatz. Zugleich erſchien eine alte verwachſene Frau im Zimmer, ein ſchwarzes Tuch um ihren Kopf gewickelt, unter welchem wirres Haar hervorfiel, ſo dürftig und un ordentlich von Anſehen, wie es ſich zum Ganzen paßte. Sie breitete ein Linnentuch, das ein Tiſchtuch vorſtellen ſollte, über den Tiſch, ſetzte eine Waſſerflaſche neben Lampe und Salzfaß, legte Gabeln und Meſſer neben drei Teller und ſtellte endlich drei Waſſergläſer dazwiſchen, mit zer ſtoßenen Rändern. In ſtoiſcher Ergebung ſtarrte Richard von Lorberg dieſe Vorbereitungen an; eben ſo bereit zum Dulden ſah er den Hauptmann mit einer Flaſche nahen, welche wie eine Wein flaſche ausſah. Nur zogen ſich ſeine Eingeweide ſchmerz haft zuſammen, als Seehauſen mit einem vortrefflichen langen Korkzieher den verſchloſſenen Hals öfſnete und zwei der Gläſer mit dem dunkelrothen Gifte füllte. „Auf das alles, was wir vorhaben, glücklich gelinge,“ flüſterte er vertraulich grinſend,„daß Suſettchen ſich bis 14 über die Ohren verliebt ◻ᷣ 1 8 45 Lorberg ſtieß mechaniſch an, plötzlich aber verſchwand ſein Widerwille. Er that einen langen Zug und ſagte darauf ganz erſtaunt:„Das iſt ein ſehr guter Wein, See⸗ hauſen.“ „Meine Sorte,“ erwiderte der Hauptmann.„Alles in der Welt begangen, aber keinen ſchlechten Wein getrun⸗ ken. Drei⸗Männerwein! Strumpfwein! Aepfelwein! Pfui Teufel! Ausgetrunken, Vetterchen, und ein friſches Glas! Jetzt will ich Ihnen ſagen, wie ich zu meinem Engel kam. Aber halt! erſt eine Cigarre!“ Mit vermehrtem Zutrauen griff Lopperg in die abge⸗ ſchabte Cigarrentaſche, welche Seehauſen ihm vorhielt, und er fand ſich nicht getäuſcht, es waren vorzügliche Havanna⸗ Blätter.. Der Hauptmann rückte näher an den Tiſch und ſchenkte ein; er war ein anderer Mann geworden. Nichts mehr von dem wehmüthigen Lächeln und demuthsvollen Achſel⸗ zucken. Alle Salbung und alle Chriſtlichkeit waren von ihm abgefallen. In vertrauter Ungezwungenheit ſaß er da mit dem dicken ſchlauen Geſicht, in dem die kleinen Augen funkelten, und blies eine duftige Rauchwolke auf. „Es war damals,“ fing er an,„wo ich wegen einer Lumperei meinen Abſchied nehmen mußte. Verdammt will ich ſein, wenn es nicht tauſendfach ärgere Halunken gibt, die wie Heilige verehrt werden. Aber was will ein 3 Menſch machen, wenn man ihm das Brett unter den Füßen * fort zieht? Er faßt nach jedem Dinge, das ihn halten kann, mag er faſſen, wohin er will. Jeder will leben, leben iſt die Hauptſache! Verflucht alle die Windbeuteleien, alle die Rückſichten auf Ehre, Schande, Schaam und Beden⸗ ken! Sie fallen ab wie welke Blätter, wenn man nicht mehr weiß, woher und wohin. Leben muß der Menſch, mag kommen, was da will. Wer über einem Abgrund hängt, fragt nicht danach, ob man ihn ſchilt oder verhöhnt, wenn er ſich zu retten ſucht, wie es eben angeht. Ange⸗ ſtoßen, Vetterchen!“ 4 Richard ſtützte den Kopf in ſeine Hand. Er ſah den Hauptmann an und ſah wie in einem Spiegel ſein ver⸗ zerrtes Selbſt.„Was thaten Sie?“ fragte er. „Was ich that? Vieles und Manches! Ich ſuchte mir zu helfen, weiter nichts. Ich fing zehnerlei an. Ich borgte, ich ſpielte, ich verſchaffte mir Geld durch allerlei Mittel.) Ich mußte leben, Vetterchen, weil ich lebte. Aber wer ein⸗ mal ſo weit iſt, geht weiter und weiter, von Stufe zu Stufe. Auf's Glück kommt Alles an in der Welt, aber die Ca⸗ naillen haben das meiſte Glück, die ehrlichen Leute nicht. Ihr Vater war ein Mann, der um keinen Preis ein Un⸗ recht begangen hätte. Der elende ſchuftige Feldheim hat ihn doch barbirt, kahl wie eine Ratze, weil er kein Glück hatte!“ „Schweigen wir davon!“ ſagte Lorberg, nach ſeinem Glaſe greifend, das er austrank und von ſich ſtieß. 47 Seehauſen lachte.„Es iſt Alles gut, was geſchieht, ſagt ein großer Philoſoph und es geſchieht nichts ohne Gottes Willen. Wenn's nicht geſchehen wäre, mein beſter Vetter Richard, ſo ſäßen Sie ſicherlich nicht hier. Aber das Glück kann kommen, ehe Sie es denken, es kommt manchmal plötzlich und hilft aus der ſchlimmſten Klemme. So war's mit mir. Ich wußte nicht mehr, wohin ich mein Haupt legen ſollte. Da brachte mich das Schickſal eines Tages mit einer alten Freundin zuſammen. Schöne Geiſter begegnen ſich auf Ehre, es iſt wahr! Es war eine Dame, in deren Haus ich oftmals mit Degen und Feder⸗ hut gekommen war. Ein nobles Haus, es gab Champag⸗ ner bei den Abendgeſellſchaften. Die Dame hatte damals das Gehen beinahe verlernt, ſpäter ging's ohne Equipage prächtig bei Sturm und Regen mit Löchern in den Schuhen.“ „Sie gehörte zu der Familie Ihrer jetzigen Frau?“ ſagte Lorberg, ſeinen Widerwillen bezwingend. „Es war ihre Mutter, ihre leibliche Mutter, und drü⸗ ben wohnt die Tante Commercienräthin.“ „Der Mann ihrer Schwiegermutter war alſo ebenfalls vom Handelsſtande?“ „Ein Speculant in Oel und Spiritus. Es bringt Geld, wenn es geht, Geld in Maſſen, und es ging, er war obenan. Aber eines ſchönen Tages ging's nicht mehr, alſo ging er.“ „Wohin?“ „Bah!“ lachte Seehauſen,„dahin, von wo noch Keiner zurückgekehrt iſt. Er war ein Dummkopf. Er hatte ſo viel Spiritus verkauft, wie in ganz Europa nicht zuſammen gebracht werden kann. Dabei kam ihm ſein eigener Spie ritus abhanden. Statt ſich luſtig zu Tiſche zu ſetzen mit ſeinen Gäſten, die ihn erwarteten, als er von der Börſe kam, bat er um einen Augenblick Geduld, ging in ſein Ca⸗ binet und ſchloß hinter ſich ab.“ Es entſtand eine Pauſe. Die Blicke der beiden Män⸗ ner begegneten ſich. Lorberg ſetzte den Daumen an ſeine Stirn, der Hauptmann ſchüttelte den Kopf und machte mit ſeiner Cigarre einen Schnitt um ſeinen Hals. „Ausgetrunken, Vetterchen!“ rief er dann.„Ver⸗ dammt ſei die Armuth! Keiner macht Umſtände mit ihr, Jeder gibt ihr Fußtritte. Es ging Alles verloren, und die Verwandten machten es nach Verwandtenart; ſtatt zu helfen, gab es Vorwürfe über Leichtſinn und Verſchwen⸗ dung.“ „Sie mochten verdient ſein,“ murmelte Lorberg, indem er an ſich ſelbſt dachte. „Bah!“ rief Seehauſen.„Weiber fragen nie, woher es kommt. Sie wollen Glanz, wollen Putz und Pracht; ſo lange ſie das haben, ſind ſie ohne Sorgen.“ „Sie heiratheten die Tochter.“ 49 „Damit hatte es Zeit. Ich zog zur Mutter, half die beiden Kinder erziehen, half ſie ernähren.“ „Sie?“ fragte Richard ungläubig. „Ich! drei Jahre lang. Mein Engel war ſechszehn Jahre, Suſette zehn. Ich brachte zuſammen, was ich ſchaffen konnte, die Verwandten thaten gar nichts mehr, wollten mich fortſchaffen, die Mädchen aus dem Hauſe bringen. Lärm und Geſchrei gab es genug, bis meine Freundin ſtarb; aber ehe das geſchah, heirathete ich meine Flora, und damit war es aus.“ Lorberg ſchwieg. Er ſah in eine Familiengeſchichte widerlicher Art. Der Hauptmann mochte errathen, was in ſeinem Kopfe vorging.„Oho!“ lachte er frech auf,„es geſchieht Schlimmeres in der Welt, Vetterchen, und was wollte mein Engel machen? Eine arme Verwandte iſt überall ein ſchlechtes Möbel, das in die Winkel geſtoßen wird, als Aſchenbrödel oder Kammerjungfer dient. Ich machte eine Frau aus ihr, Frau von Seehauſen. Suſette kam zu dem alten gierigen Weibe drüben und iſt ihr Lieb⸗ ling geworden. Bei Gottes Thron, ſie möchte ſie in Mar— zipan backen laſſen oder in Gold faſſen, das Püppchen!“ „Wie aber ſtehen Sie ſelbſt mit ihr?“ fragte Lorberg ihn unterbrechend. „Ich? Nun, Sie können wohl denken, ſchlecht,“ er⸗ widerte Seehauſen, indem ſein dickes Geſicht ſich verfinſterte und ſeine heiſere Stimme ſich noch mehr dämpfte. Ich Mügge, Verloren und gefunden. 4 8 55 hab's lange verſucht, ſie zu verſöhnen, ich verſuche es noch, laſſe mich treten, bin immerdar der geduldige Mann; denn es wäre unklug: ich habe Kinder, und ſie iſt die reiche Tante. Aber es hat nichts gefruchtet, nichts. Wir mögen leben oder ſterben, was kümmert es ſie! Kaum ein abge⸗ tragenes Stück Zeug, ein koſtbares Geſchenk für meinen Engel, wirft ſie uns zu. Verflucht mag ſie ſein, wenn...“ Er hielt inne, hob ſein Glas auf und fing an zu lachen. „Wir wollen uns nicht das Blut in den Kopf jagen, Vetter Richard, Sie werden ihr Mores beibringen. Hole der Teufel alle Grillen, wir wollen leben ſo gut wie die Sipp⸗ ſchaft da mit all ihrem Gelde. Leben, Vetterchen, leben; ſo gut wir's machen können, leben! das iſt die Sache; wenn's vorbei iſt, iſt's einerlei, ob wir verhungerten oder an einer Trüffel⸗Paſtete erſtickten,“ ſagte er kaltblütig, in⸗ dem er ſein Glas austrank.— Aber da kommt mein Schatz und erlöſ't uns!“ rief er, nach der Thür blickend, durch welche die junge Frau eben hereintrat, gefolgt von dem alten Weibe mit dem ſchwarzen Kopftuche, welche ver⸗ ſchiedene Schüſſeln trug, aus denen ein erfreulicher Duft aufſtieg. Frau von Seehauſen hatte ihr Haar in zierliche Puffen geſcheitelt, einen Seidenſhawl um ihre Schultern geworfen, ein kantenbeſetztes Taſchentuch in der Hand, und ihre Finger verbargen ſich in gelben Handſchuhen, welche frei⸗ lich nicht eben neu ausſahen. Lorberg wurde daran er⸗ innert, was Seehauſen ſo eben von den Geſchenken an abgetragenen Sachen erzählte; aber die junge Frau ſah hübſch aus, er fühlte geheimes Mitleid mit ihr. Nach der erſten Begrüßung bat er wegen der Störung um Ver⸗ zeihung, und ſie erwiderte ihm mit Freundlichkeit, daß es ihr die größte Freude mache, nur müſſe er verzeihen, wenn er nicht Alles ſo finde, wie es zu wünſchen ſei, da nichts vorbereitet werden konnte, um einen ſo lieben Gaſt zu empfangen. Ihre Augen ſenkten ſich dabei, und einige halb ver⸗ legene, halb bittende Blicke flogen über den eleganten Vet⸗ ter und über die dürftigen Geräthe. „Keine Redensarten, mein Engel!“ ſchrie Seehauſen heiſer aus dem Kehlkopf.„Ein Freund, ein Verwandter iſt nachſichtig mit uns. Setzen Sie Sich neben Flora, Vetterchen, und nehmen Sie fürlieb mit dem, was wir Ihnen anbieten können. Ich denke, es iſt ſo übel nicht. Hehe, uf, haha!“ Das freche Grinſen des dicken Geſichtes und die flim— mernden Blicke der kleinen Augen, welche die junge Frau betrachteten, machten es ungewiß, was der würdige Haupt⸗ mann eigentlich meinte; die Gerichte, welche auf dem Tiſche dampften, waren inzwiſchen geeignet genug, um Richard's Aufmerkſamkeit zu erregen. Zwei vortrefflich gebratene Hühner zeigten ſich ihm, der ein Kenner der beſten Pou⸗ larden war, und neben dieſen ſtand eine Schüſſel voll zar— 4* ten, jungen Salats, der in dieſer Jahreszeit zu den Selten⸗ heiten gehörte. Der Hauptmann eilte inzwiſchen an den großen Schrank, welcher ſich als eine wahre Schatzkammer vortrefflicher Dinge darſtellte. Er lieferte feines weißes Brod, eine Schale der friſcheſten Butter, einen Teller aus⸗ geſucht ſchöner Trauben, ein Geſtell mit Flaſchen und einem Behälter für den Senf. Der Hauptmann warf einen Feldherrnblick über den Tiſch und lächelte wohlgefällig.„Gib den Salat her, mein Engel,“ ſagte er,„er ſcheint gut zu ſein. Wenn ein gebil⸗ deter Menſch Gras eſſen ſoll wie Schafe und Kühe, Vetter⸗ chen, kann dies nur durch kunſtvolle Veredlung ermöglicht werden. Den Eſſig, mein Herzchen, das Oel, den Pfeffer, den Senf und den Zucker,“ bat er ſüß, die dicken Lippen ſpitzend, auch haſt du gewiß an einige hart geſottene Eier gedacht?“ 4 „Hier kommen ſie ſchon,“ erwiderte die hübſche Frau, nach der Thür blickend, durch welche die Aufwärterin hereintrat. „Und das Fläſchchen mit der Soja,“ mein Mäuschen. „Hier ſteht es ſchon zu deinen Dienſten.“ „Es geht nichts über eine liebenswürdige, häusliche Frau,“ lachte der Hauptmann aus dem Kehlkopf.„Was helfen alle Kunſtſtücke: Franzöſiſchplappern, Singen, Cla⸗ vierſpielen! Ich verachte dieſe Verwilderung echter Weib⸗ lichkeit, Vetterchen.“ 1 53 „Die ſchöne Natur iſt die höchſte Kunſt,“ antwortete Richard, verbindlich lächelnd. „Bravo!“ rief Seehauſen.„Sie müſſen Flora näher kennen lernen. Literatur iſt ihre Leidenſchaft.“ „Und dabei dieſer Verein häuslicher Tugenden,“ er⸗ widerte der galante Vetter. „Mutter, Gattin, Hausfrau!“ ſchrie der Hauptmann zärtlich grunzend,„wie es keine zweite im Lande gibt.“ Die junge Frau hatte inzwiſchen das weiße Brod zer⸗ ſchnitten, und während ſie dem Gaſte davon reichte, be⸗ gnügte ſie ſich, über die Complimente, welche ſie empfing, zu lachen und ihrem Manne zu ſagen:„Du wirſt mit dei⸗ nen Spöttereien über mich noch Unheil anrichten und den Salat verderben.“ „Ernſt, heiliger Ernſt, bei jeder wiſſenſchaftlichen Unter⸗ ſuchung!“ antwortete Seehauſen, während er den Salat mengte und ſpitzbübiſch grinſ'te.„Was iſt Salat? elendes Unkraut! Was iſt Schönheit? Blendwerk der Augen! Was iſt ein Weib? Ein menſchliches Weſen in langen Röcken, immer darauf bedacht, uns ein theures Weſen zu ſein. Hehe, Vetterchen! es kommt Alles darauf an, wie man Eſſig und Oel zu gebrauchen weiß, um alle dieſe himmliſchen Gaben zu veredeln. Es iſt keine gute Frau und kein guter Salat möglich ohne Eſſig und Oel.“ Sein heiſeres Gelächter ſtimmte mit dem Lachen ſeiner beiden Tiſchgenoſſen zuſammen.„Was den Eſſig anbe⸗ langt,“ ſagte Richard, indem er die hübſche Couſine anſah, „ſo dürfte dieſer wohl am wenigſten erwünſcht und noth⸗ wendig ſein.“ „Die Sauce entwickelt ſich von ſelbſt,“ verſetzte Frau von Seehauſen, indem ſie ſeinen Blick beantwortete. „Sie iſt nothwendig, es gibt nichts Wichtigeres,“ fiel der Hauptmann ein.„Der Eſſig in der Ehe iſt das Binde⸗ mittel zum Zuſammenziehen aller Zärtlichkeit; Vetterchen, laſſen Sie es niemals daren fehlen, wenn das Heirathen Ihnen gut bekommen ſoll. Gleich die nöthige Portion in der erſten Stunde verabreicht, vermehrt den Appetit, ſtärkt den Magen, reizt die Nerven, klärt den Verſtand; aber dieſer vortreffliche Eſſig muß verſüßt werden durch den Zucker der Liebe, damit es ein angenehmes Getränk bleibt. Wenig Eſſig, viel Oel, beides von der beſten Sorte, ſo gibt es vortrefflichen Salat und eine vortreffliche Frau. Alles zart, Alles glatt, Alles picant, kein Herz kann ihm widerſtehen! Koſten Sie, Vetterchen, probatum est! Wie ich ihr meinen erſten Salat gemacht hatte, war mein Engel verloren!“ Während dieſer Abhandlung hatte Seehauſen alle Ingredienzien kunſtvoll gemiſcht und gemengt, und Richard mußte zugeſtehen, niemals einen Salat von höherer Voll⸗ endung gegeſſen zu haben. Mit ſtolzem Lächeln nahm der Hauptmann ſein Lob in Empfang, aber mit nicht geringerem Talent zerſchnitt er die Hühner und war der Anerkennung 55 gewiß, als er ſeinem Gaſte davon vorlegte.„Urtheilen Sie über dieſe Hühnerbruſt, Lorberg,“ ſagte er.„Was iſt eine ſolche Bruſt, die in nichtswürdige, unverſtändige Hände fällt? Ein trockenes, hölzernes Stück Fleiſch. Was iſt dieſe hier in ihrem Safte, ihrer Innigkeit, ihrem Schmelz, wie ein Kuß von zarten Lippen! Einer der fein— ſten irdiſchen Genüſſe, die eine durchbildete Zunge nur ganz zu ſchätzen weiß.“ Das ſtrahlende dicke Geſicht drückte eine fauniſche Lüſternheit aus, und Richard von Lorberg ergötzte ſich mit geheimer Verachtung an den Begierden dieſes ſchwelge⸗ riſchen Vagabunden, der nicht länger zögerte, ſie zu be— friedigen. „Es verdirbt das Gute überall, wenn es in ſchlechte Hände geräth,“ ſagte er, und es kam ihm vor, als wenn die hübſche Couſine ſo tief Athem holte, daß es wie ein leiſes Seufzen klang; allein es war nichts davon zu be⸗ merken. Sie lächelte freundlich und folgte dem Beiſpiele ihres Mannes, der mit vollen Backen kaute und Lorberg luſtig anblinzelte.„Schlechte Beiſpiele verderben gute Sitten, Vetterchen,“ erwiderte er.„Oho! was würden wir Beiden für tugendhafte Exemplare ſein, wenn die böſen Buben uns nicht verlockt hätten! Nieder mit aller Moral! Angeſtoßen, geliebteſter Schatz! Unſer theurer Vetter Richard ſoll leben und bald wieder mit uns ver⸗ gnüglich beiſammen ſitzen, in den Armen der Liebe...“ 56 Hier hielt er inne, denn die Klingel im Corridor wurde von kräftiger Hand gezogen. „Welcher gemeine Sterbliche wagt es, uns zu ſtören?“ fragte er aufhorchend.„Irgend ein Maulaffe, der eigent⸗ lich eine Treppe höher oder tiefer will und um Entſchul— digung bittet, wenn er. uns die Klingel abgeriſſen hat. Wir wollen uns nicht ſtören laſſen, mein beſter Vetter Richard. Ich ſage daher: in den Armen der Liebe und Freundſchaft ſollen uns glückliche Tage erwarten und alle Feinde, Neider, und boshafte alte Hexen...“ Weiter kam der Hauptmann abermals nicht, denn die Klingel unter⸗ brach ihn zum zweiten Male. „Donnerwetter! wer iſt da?“ ſagte er in halb unge⸗ wiſſem Tone, indem er ſeine Frau anblickte. „Ich will gleich nachſehen,“ ſagte die junge Frau, in⸗ dem ſie aufſtand und hinaus ging. Seehauſen folgte ihr bis an die Thür nach und legte ſein Ohr an den Spalt. Gleich darauf aber drehte er ſich um und ergriff, ohne ein Wort zu ſagen, die Schüſſel mit dem Salat, den Senf und das Weißbrod ſammt Trauben, und was ſonſt noch vorhanden, um es ſämmtlich eiligſt in den Spinden⸗ Aufſatz verſchwinden zu laſſen; zu gleicher Zeit ſchoß das alte Weib mit dem ſchwarzen Kopftuch zur Hinter⸗ thür herein, ſaßte die Reſte der Hühner, Geräthe und Teller, riß Lorberg den ſeinen unter den Händen fort und ließ im nächſten Augenblicke nichts auf dem Tiſche als die Schüſſel mit den Kartoffeln, das Stück ſchwarzes Brod, die zerſprungene Waſſerflaſche und das dreibeinige Salzfaß. Nach der erſten Ueberraſchung fand Richard die Er⸗ klärung dieſer Metarmorphoſen, welche ihn höchlichſt be⸗ luſtigten, in den Stimmen, welche während deſſen zuerſt in dem Corridor, dann im Nebenzimmer ſich hören ließen. Eine ſcharfe und ſehr laute Frauenſtimme war nicht zu verkennen und ſchien den unerſchrockenen Hauptmann zu⸗ meiſt zu verwirren. Er beantwortete Lorberg's leiſe Frage nach dem unverhofften Beſuche nicht, ſondern winkte ihm Schweigen zu, warf ſich in den Stuhl, ſchnitt ein Stück von dem ſchwarzen Brode ab, drückte ein paar Kartoffel⸗ ſtücke darauf und ſtreute Salz darüber. Mit der linken Hand ergriff er dabei die Waſſerflaſche und ſchenkte ſein Glas voll, und als dies geſchehen, nahm er es in die Hand und begann mit ſalbungsvoller Rührung:„Ein zufrie⸗ dener, gemüthlicher Menſch, mein theuerſter Vetter, be⸗ darf wenig in dieſer Welt. Wenn er auf Gott vertraut und redlich arbeitet, wird ihm auch geholfen. Nur Geſund⸗ heit muß ihn nicht verlaſſen, dies höchſte und edelſte Gut; alles Andere kann gemißt werden, nur dieſes nicht, mein verehrter Vetter.“ Lorberg hatte große Luſt, laut auf zu lachen, der in einen Heiligen verwandelte Faun reizte ihn unwiderſtehlich dazu an; die ſcharfe Stimme ließ ſich jedoch eben in der 58 ſich öffnenden Thür vernehmen. Wo iſt denn dein Mann? Bei Tiſche? Was habt ihr denn Gutes? Seehauſen ſtopfte ein ungeheures Stück Brod in den Mund, zugleich aber ſtand er auf und brachte einige un⸗ verſtändliche Töne hervor, indem er ſich tief und ehrfurchts⸗ voll verbeugte und ſeine Hände unterthänig ſchwenkte. „Richtig, da iſt er!“ rief die Dame, welche hereintrat. „Aber wie riecht es denn hier? es riecht ja nach Wein und Braten!“ Seehauſen blickte mit wehmuthsvollem Lächeln auf die Kartoffelſchüſſel, dann fing er heftig an zu huſten, weil ihm ein Krümmel des trockenen Brodes bei einem ſeiner Seufzer in die Luftröhre gerieth. „Erſticken Sie nicht!“ ſchrie die Dame und ſchüttelte ihn an den Schultern.„Das kommt von der Unmäßigkeit. Sie ſind immer ein Mann geweſen, der nichts von Mäßig⸗ keit wußte.“— Im Augenblick entdeckte ſie Richard von Lorberg, der ſich vom Tiſche an den Ofen zurückgezogen hatte, und ohne Umſtände hob ſie die Lampe mit der zer⸗ brochenen Glocke auf und beleuchtete den Gegenſtand ihrer Neugier. viertes Kapitel. Wahrſcheinlich hatte die Dame irgend einen wüſten Cumpan des Hauptmanns vermuthet, als ſie jedoch einen fein gekleideten jungen Herrn fand, von vornehmen Ma⸗ nieren und einem Geſicht, das durchaus nicht hieher paßte, behielt ſie die Lampe verwundert in der ausgeſtreckten Hand, machte dabei aber einen tiefen Knix. Es war eine Dame ziemlich hoch an Jahren, doch von kräftiger Geſtalt und gewiß auch von dazu paſſender Energie, wenn ihr Anblick nicht täuſchte. Das breite, volle Geſicht hatte etwas Raubvogelartiges mit ſeiner ſcharf gekrümmten Naſe und den runden, grünlich grauen Augen. Richard von Lorberg zweifelte jedoch nicht daran, daß dies die reiche Tante ſein müſſe; denn wem ſonſt ſollten ein ſo ſchweres Seidenkleid, ein ſo prächtiger Shawl, eine ſo dicke goldene Kette um den gelben Hals und ſo blitzende Steine in den Ohrringen gehören? Er wurde auch ſehr bald von der Richtigkeit ſeiner Vorausſetzungen überzeugt, als der Hauptmann mit 60 ſüßer Beſcheidenheit begann:„Dieſes, verehrteſte Frau, iſt unſer werther Verwandter, Herr Richard von Lorberg, welcher uns ſo eben mit ſeinem Beſuche erfreute und Zeuge unſeres beſcheidenen Mahles war, das Gottes Güte.. „Schweigen Sie ſtille, Seehauſen!“ fiel die Dame ein, wenn dieſer Herr es ſagt, will ich es glauben. Herr von Lorberg alſ o!—“ ſie machte einen neuen Knix und ſah ihn dabei fortgeſetzt an.„Ich habe einen Herrn von Lorberg gekannt, dem das Gut Weißenſtein gehörte.“ „Das war mein Vater, gnädige Frau.“ „Ihr Herr Vater, das dachte ich mir. Gott, wie die Zeiten vergehen!—“ Das Raubvogel-Geſicht fing an zu nicken, und der breite Mund zog ſich weiter aus einander, während ſie ihn fortgeſetzt betrachtete.„Lebt der Herr Vater noch?“ fragte ſie. „Er iſt todt, gnädige Frau.“ „Ich bin die Commercienräthin Wittenberg,“ ſagte ſie mit Nachdruck,„und bin hieher gekommen mit meiner Nichte Suſette— wo biſt du, Suſette?“ Hier, liebe Tante! antwortete eine helle Stimme aus dem dunkeln Nebenzimmer, und niahden Lorberg ſah mit geſteigerter Theilnahme ein junges Mädchen herbei eilen. „Das iſt der Herr Freiherr von Lorberg, ein Ver⸗ wandter von Seehauſen,“ rief ihm die Commercienräthin — — entgegen,„und es iſt eigentlich wahr,“ fuhr ſie fort,„wir ſind alle mit Ihnen verwandt, Herr Baron.“ „Es gereicht mir zur größten Ehre,“ antwortete Richard verbindlich. „Aber wir kommen ganz zufällig dazu,“ fuhr die alte Dame fort,„denn wir haben noch nie das Vergnügen ge⸗ habt, etwas von Ihnen zu hören oder zu ſehen.“ „Ich war ſehr lange abweſend,“ ſagte Lorberg. „Auf Reiſen?“ fiel die Commercienräthin fragend ein. „In Italien und in Paris.“ „Im vorigen Jahre waren wir auch da. Erſt in der Schweiz, dann in Mailand und in Venedig und zuletzt in Paris. In dieſem Jahre habe ich es vorgezogen, nach Baden⸗Baden und Badenweiler zu gehen, weil's der Doctor Suſetten anrieth.“ „Das Fräulein war leidend?“ fragte Richard, theil⸗ nehmend nach der jungen Dame blickend. „Sie ſieht aus wie die ewige Geſundheit,“ erwiderte die Tante,„aber der Doctor meinte doch, es werde ihr wohl thun, weil ſie im Winter ſich zu viel angegriffen habe.“ „Der Schwarzwald iſt himmliſch!“ ſagte das Fräulein. „Suſette iſt eine große Freundin der Natur,“ beſtätigte die Tante;„aber wir wollen uns heute nicht länger damit aufhalten, ſondern unſere Sache abmachen. Herr Baron, Sie ſind ein Verwandter, Sie nehmen es alſo nicht übel, * 62 wenn ich in Ihrer Gegenwart mit Seehauſen etwas ver⸗ handle.“— Damit wandte ſie ſich zu dem Hauptmann um, der neben ſeiner Frau ſtand und dem Raubvogel⸗Geſicht, das ihm näher rückte, entgegen grinſ'te.„Sie wiſſen nicht, warum ich her gekommen bin,“ begann ſie,„und obenein Abends ſo ſpät?“ „Theuerſte und verehrteſte Frau,“ erwiderte der Haupt⸗ mann heiſer aus dem Kehlkopf, indem er, unterthänig ſich neigend, die Hand auf ſeine Bruſt legte,„es gibt nichts, was uns mehr erfreuen könnte.“ „Bleiben Sie mir fort damit!“ rief ſie abwehrend, „wir kennen uns; aber ich will Ihnen ſagen, warum ich gekommen bin, und Herr von Lorberg kann es mit anhören, denn es iſt nichts Schlechtes.“ Der Hauptmann zuckte wehmüthig die Achſeln.„Ich verſichere,“ antwortete er,„daß Ihre Gedanken mir Un⸗ recht thun.“ „Darüber wollen wir ſchweigen,“ fiel ſie ein,„aber warum ich hier bin, iſt, daß Suſette mich lange ſchon ge⸗ beten hat und eben wieder einen Anlaß hat wahrgenommen, zu bitten, daß ich etwas für die Erziehung Ihrer beiden Kinder thun ſoll. Gut, ich will's thun, ich habe es Su⸗ ſetten verſprochen, und darum ſind wir hergekommen, Ihnen das zu ſagen. Ich will die Kinder erziehen laſſen, damit ſie zur Ordnung angehalten und keine Taugenichtſe daraus werden.“ 63 „Wir ſorgen für dieſe lieben Kinder väterlich, mütter⸗ lich!“ murmelte Seehauſen, indem er ſeine Augen verkehrte und nach oben blickte.— „Um ſo beſſer werden Sie künftig für Sich ſelbſt ſor⸗ gen könnnen,“ unterbrach ſie ihn. „Es ſteht im Buche des Schickſals geſchrieben, er⸗ widerte der Hauptmann, ſchwermüthig den Kopf ſchüttelnd, „daß alle meine Anſtrengungen...“ „Unſinn!“ rief die Tante dazwiſchen.„Wollen Sie mir die Kinder geben?“ „Es iſt eine ſchwere Aufgabe,“ verſetzte Seehauſen mit einem Seufzer.„Ich als Vater kann meine Liebe bezwin⸗ gen, allein die mütterlichen Gefühle erfordern Schonung und Ueberlegung.“ „So überlegen Sie es meinetwegen bis morgen. Was ich verſprochen habe, das halte ich, aber weiter nichts.— Jetzt komm, Suſette.“ Das Fräulein, welches dieſen Namen trug, hatte während dieſer Verhandlung zum öftern mit ihrer Schwe⸗ ſter leiſe geflüſtert; jetzt ſah Lorberg, daß ſie dieſer Winke gab, als wollte ſie ſie zu etwas ermuthigen, allein Frau von Seehauſen ſenkte den Kopf und ſagte nichts. Das kleine Fräulein— klein und ſtark war ſie von Geſtalt— wurde darüber ſehr lebendig. Sie warf den Kopf auf und blickte ihre Schweſter geringſchätzend an. Es war in der That kein ſchönes Geſicht. Fleiſchig und 64 rund, viel Röthe auf den Wangen, daher ihre Tante wohl ſagen mochte, daß ſie ewiger Geſundheit gleiche. Geſund ſchien dieſe Fülle und Farbe allerdings zu ſein, und ihre lebhaften blauen Augen hätten einem, der loben wollte, wohl zum Lobe Anlaß geben können, ſonſt aber blieb ſchwer⸗ lich noch etwas dafür übrig. Ihr Haar hatte einen un— verkennbar röthlich blonden Schimmer, alle Geſichtszüge waren grob und gewöhnlich, die Lippen ziemlich ſtark auf⸗ geworfen, die Naſe ein wenig breit. Nur die Beweglichkeit der Augen und die Beweglichkeit ihres Geſichtes ſelbſt ver— minderten dieſe Nachtheile. Als ihre Tante ſie rief, zog ſie das kurze Mäntelchen um ihre Schultern haſtig zuſammen und ſagte in erregten, keinesweges mildem Tone:„Es muß ein Jeder wiſſen, was er zu thun und zu laſſen hat. Vernünftig zu handeln, iſt nicht jedes Menſchen Sache, Wohlthaten muß man niemandem aufdrängen, der ſie nicht mag.“ „Richtig, Suſette,“ fiel die Tante ein,„da haſt du nun deinen Dank. Gute Nacht, Herr Baron, wenn Sie noch länger hier verweilen wollen.“ Dies war eine halbe Einladung, welche Lorberg ſo⸗ gleich auffaßte.„Wenn die Frau Commercienräthin mir erlauben wollen, Sie begleiten zu dürfen,“ erwiderte er. Das Raubvogel⸗Geſicht lächelte huldvoll.„Wir haben den Bedienten unten an der Thür gelaſſen,“ ſagte ſie, „aber es wird uns ſehr angenehm ſein, wenn Sie uns die Il 65 Ehre erzeigen.— Alſo morgen will ich von Ihnen Beſcheid haben,“ wandte ſie ſich nochmals an Seehauſen,„ob ich für die Kinder ſorgen ſoll.“ „Wenn das blutende Mutterherz eine ſolche Trennung ertragen kann,“ murmelte Seehauſen aus dem Kehlkopf. „Das Mutterherz,“ rief die hartherzige Dame, indem ſie die junge, hübſche Frau geringſchätzig anſah.„Wenn's eine rechte Mutter wäre, dann freilich, aber ſo...“ Sie wandte ſich fort und ging der Thür zu. „Das iſt ſehr hart, beſte Tante,“ flüſterte Frau von Seehauſen. „Nicht doch, Schätzchen, du verſtehſt mich. Es paßt ſich Alles gut hier; macht aber, was ihr wollt.“ Der Hauptmann leuchtete; heimlich drückte er Lorberg's Hand, flüſterte ihm ins Ohr:„Morgen mehr!“ und ſchob ihn der Tante nach. Nach einigen Minuten kehrte er zurück, und als er die Lampe auf den Tiſch geſetzt hatte, brach er in ein ingrim⸗ Mil⸗ 7, miges Hohngelächter aus.„Er hat Glück!“ rief er lionen Donnerwetter! ich wußte nicht, wie es anzufangen war, da führt der Satan das alte Weib her.“— Sein Gelächter begann von Neuem, bis er mit heiſerer Stimme hinzu ſetzte:„Solch ein leichtſinniger Burſche hat immer Glück, und ich ſah es dem alten Drachen an, daß er ihr gefiel. Geſchniegelt, gewichſ't, galant, jung, ein Baron. Haha! gehangen will ich ſein, wenn er nicht eingeladen Mügge, Verloren und gefunden 5 66 wird, ehe ſie an der Hausthür ſind. Und er wird kommen, er wird ſich nicht lange bitten laſſen, aber wart— wart!“ Er ſah nach dem Fenſter hin, wo die junge hübſche Frau ſtand und nach der Straße hinab ſah.„Nun, Flora, was ſagſt du dazu? Ein angenehmer Plan von dieſer edlen Verwandten, uns unſere Kinder abzunehmen! Verfluchte alte Hexe! aber es geht von deiner rothhaarigen, liebens⸗ würdigen Schweſter aus.“ „Lieber Seehauſen,“ erwiderte die junge Frau,„ich kann mich noch gar nicht faſſen, ſo erſchrocken wie ich bin, aber Suſette meint es gut.“ „Zum Henker mit ihrer Güte!“ „Du weißt nicht, weißt noch nicht,“ fuhr ſie ſchüch⸗ tern fort. „Was weiß ich nicht?“ „Was ſich ereignet hat.“ „Was hat ſich ereignet?“ „Etwas ſehr Freudiges.“ „Was?“ ſchrie Seehauſen.„Hat ſie ſich etwa ver⸗ lobt?“ „Die T „Gans, deine Schweſter!“ „Gott bewahre! aber...“ „Was aber— rede!“ „Die Tante— ſie hat— du wirſt dich wundern— mir iſt es in alle Glieder gefahren.“ ante?“ „ „Mein Engel“ ſagte der Hauptmann,„bringe mich nicht um! Möchte ſie ſelbſt zum Teufel gefahren ſein, ſo wollte ich ihr glückliche Reiſe wünſchen und Freudenthränen nachweinen. Worüber ſoll ich mich aber wundern? Ich wundere mich über nichts, über gar nichts!“ „Sie hat gewonnen,“ ſagte Flora.„Ein Prämien⸗ ſchein iſt heute bei der Ziehung herausgekommen. Neunzig⸗ tauſend Thaler hat ſie gewonnen!“ Trotz ſeiner Verſicherung, ſich über nichts zu wundern, ſaß der Hauptmann wie erſtarrt da. Plötzlich aber hob er ſeine Fauſt auf und ſchlug mit ſolcher Gewalt auf den Tiſch, daß Lampe, Glas und Waſſerflaſche wackelten und tanzten. Das ſchwarze Stück Brod machte einen Satz gegen ſeine Hand; er nahm es, warf er gegen die Wand und lachte wie ein Toller dazu.—„Wo iſt Gerechtigkeit!“ ſchrie er, indem ſich ſein Geſicht verzerrte.„Wo iſt ein Gott im Himmel! Neunzigtauſend Thaler! Wer hat das geſagt, wer?“ „Suſette hat es mir geſagt und mich gebeten— das iſt es ja, deßwegen hat ſie ſo dringend gebeten, daß die Tante die Kinder erziehen laſſen möchte.“ „Iſt es möglich!“ murmelte Seehauſen, die Augen ſtarr auf die Waſſerflaſche richtend.„Ehrliche Menſchen kommen zu nichts, mögen anfangen, was ſie wollen, nichts! Verfluchte alte Hexel ſie, die ſo viel ſchon hat, 68 ohne Gewiſſen, ohne Menſchenliebe!“— Er ſchüttelte den dicken Kopf mit voller Gewalt. „Suſette meint, wir ſollen uns nicht beſinnen, die Tante würde dann mehr thun. Du ſollteſt irgend ein ordentliches, ehrliches Geſchäft anfangen und ſie bitten, dir Geld dazu vorzuſtrecken.“ „Schweig ſtill!“ ſchrie er voller Zorn, und die kleinen Augen funkelten ſie wüthend an.„Ein ehrliches Geſchäft! Nichtswürdiger Gedanke! Biſt du ſo dumm, um nicht ein⸗ zuſehen, wo ſie hinaus wollen? Die Kinder erziehen, oho! wir können arbeiten. Du kannſt Schuhe einfaſſen, Hemden nähen, im Kramladen ſtehen, Cigarren verkaufen oder Lumpen!“— Er lachten wild auf.—„Den Schacher, den verſtehen ſie. Wenn ich ſchachern könnte, haha! ich könnte noch zu Gnaden kommen. Aber Rache will ich, Rache! Er ſoll uns rächen! Er wird ihr den Lohn geben.“ „Was meinſt du? Welchen Lohn? Was können wir thun?“ Seehauſen ſtrich ſich höhnend über den ſtruppigen Bart.„Wir wollen es abwarten,“ ſagte.„Er wird ſich ſchon einſchmeicheln, und es wird ihm glücken. Er muß, denn er kann nicht anders, das Meſſer ſteht ihm ſelbſt an der Kehle. Bin ich ein Lump, dem ſie kein Wort glaubt— ihm wird ſie glauben, bis ihr die Augen über— gehen!“ Mit ängſtlichen Blicken betrachtete die junge Frau⸗ 69 ihren Mann.„Mein Gott!“ ſagte ſie,„meinſt du den Couſin? Was iſt mit ihm?“ „Oho!“ lachte er boshaft,„dir gefällt er auch. So ein glatter Burſche hat alle Weiber im Sack. Nun ſiehſt du, mein Engel, ſo wird's ihm auch da drüben glücken. Er wird der alten Hexe das Blut abzapfen!“ Das Blut abzapfen! Wie kannſt du ſo ſchrecklich ſpaßen?“ ⸗ „Ernſt! Ernſt!“ nickte der dicke Kopf.„Ihr Blut! ihren Lebensſaft! Gans, verſtehſt du nicht, ihr Geld, ihren Mammon! Bis auf den letzten Tropfen.“ „Ich denke, er iſt reich?“ fragte ſie erſtaunt. „Aber wir,“ ſagte Seehauſen, ſeinen Gedanken fol— gend,„wir müſſen ihn feſthalten. Verflucht, daß er ſie (hier treffen mußte! ich hätte vorher einen Pact mit ihm abgeſchloſſen. Aber ich habe ihn am Strick! Ich denke, ich habe ihn!“ Sein Geſicht heiterte ſich auf, und eben erſchien das alte Weib mit den Schüſſeln und Näpfen, die alles ent⸗ hielten, was von Huhn und Salat übrig geblieben war. „Alte Dörthe!“ ſchrie der Hauptmann,„du biſt die Geſcheidteſte von uns allen. Du ſorgſt fürs Reelle, alles Andere iſt Lumperei! Hieher auf den Tiſch damit! Mein Engel, hole die Weinflaſche dort aus der Ecke, Keiner ſoll uns mehr ſtören. Und wenn Papſt und Kaiſer kämen, ſie blieben draußen.. Mit wiederkehrender Laune rückte er an den Tiſch und lud ſeinen Engel ein, ihm Geſellſchaft zu leiſten. Die junge Frau hatte nichts dagegen, und bald ſaßen beide einträchtig beiſammen. „Nimm dieſen vortrefflichen Flügel, Gattin,“ lachte Seehauſen, indem er ihr ein Bratenſtück vorlegte,„und labe dich daran. Mit der Morgenröthe fliegſt du hinüber zu dem alten ſchändlichen Weibe und zeigſt ihr, was eine Mutter aus dem Volke iſt. Wir laſſen uns unſere Kinder nicht von dem blutenden Mutterherzen reißen. Nicht um alle Schätze Indiens, nicht um eine Million, nicht um die neunzigtauſend Silberlinge, die dieſer alte Satan ver⸗ ruchter Weiſe eben eingeſackt hat.“ „Aber wir werden dann gar nichts bekommen,“ ant⸗ wortete Frau von Seehauſen. „Trinke unbeſorgt dieſen Trank der Labe, mein Engel, 2 und ſtille deine Schmerzen. Wir werden belohnt werden für unſer Dulden. Wenn dieſer edle Vetter ſeine Hochzeit hält, werde ich einen goldenen Kranz auf deine Locken drücken.“ „Hochzeit hält?“ fragte ſie verwundert. „Allerdings, und wie ich erwarte, ſehr bald. Er wird die Zeit nicht erwarten können vor leidenſchaftlicher Sehn⸗ ſucht nach der reizenden Braut.“* „Welcher Braut, Seehauſen?“ „Haſt du denn ein Brett vor dem Kopf?“ ſchrie er ſein 1 71 Hohnlachen unterbrechend.„Unſer vielgeliebter Schwager ſoll leben und das liebliche Suſettchen, dieſer Goldvogel, deſſen Haupt ſogar in Gold getaucht iſt.“ Die junge Frau ſtieß nicht an. Sie ließ die Gabel auf den Teller ſinken und ſagte überraſcht:„Das iſt ſeine Abſicht?“ „Darum iſt er hergekommen und hat uns die hohe Ehre angethan, hier herauf zu ſteigen in den Tempel unſeres Glückes. Wenn er nicht müßte, er würde ſich lie⸗ ber die Beine verſtauchen, und wenn er dieſes reizende Suſettchen nicht dringend nöthig hätte, er verbrennte ſich die Hände bis an den Ellbogen, ehe er ſie ihr reichte.“ „Aber iſt er denn nicht reich?“ „Reich, reich! Was biſt du für eine Gans, mein Engel! Wenn er reich wäre, wenn nicht Alles durchge⸗ bracht wäre, würde der Freiherr Lorberg die alte Hexe nicht mit ſeinem Handſchuh anfaſſen, ſtatt ihr den Arm zu bieten und ſie nach Hauſe zu führen. Er iſt von altem Adel,“ ſetzte er, den dicken Kopf aufrückend, mit Selbſt⸗ gefühl hinzu, und das iſt doch immer was anderes, als Geld zuſammenſchachern. Unglücklicher Weiſe hat er keine Ausſichten mehr, eine reiche Erbſchaft zu machen. Wenn's das noch wäre, oho! ſo triebe er es weiter ſo fort, allein es iſt aus damit, alles aus. Das junge Hähnchen hat's nicht gedacht, und ſein Vater, der alte Hahn, war ſo ſicher auf Ueberfluß an Futter, daß er, was er hatte, ausſtreute, wer mit eſſen wollte. Plötzlich aber brach der Hühnerſtall zuſammen, und er fiel in den Miſt, haha! bis über die Ohren in den Miſt.“ Sein boshaftes Gelächter und der dicke Kopf mit den kleinen funkelnden Augen waren ſo abſcheulich, daß die junge Frau ſich abwandte und mitleidig ſagte;„Wie kannſt du darüber ſo häßlich lachen?“ „Höre zu, ich will' dir erzählen,“ lachte Seehauſen weiter.„Der alte Lorberg war ein Verſchwender, ſo gut wie dieſer hier, aber er dachte, was ſchadt's, der Junge wird doch einmal genug bekommen. Sein nächſter Ver⸗ wandter war der Herr von Feldheim, der hatte von einem beiderſeitigen Oheim große Güter und das ganze große Vermögen geerbt mit der Bedingung, daß, wenn er keinen männlichen, rechtmäßigen Erben hinterließe, das geſammte Gut auf die Lorberg übergehen ſollte. Feldheim war über⸗ dies reich genug und war mehr als vierzig Jahre alt ge⸗ worden ohne Weib; aber Alter ſchützt vor Thorheit nicht, daran hatte der kluge Lorberg nicht gedacht. Verſtehſt du nun, mein Engel?“ „Wahrſcheinlich heirathete Feldheim.“ „Richtig! Als er Fünfzig auf dem Nacken hatte, kam es ihm an. Der alte Lorberg glaubte Geld und Gut ſchon in der Taſche zu haben, plötzlich kriegte er eine Verlobungskarte, und aus war's mit aller Freund⸗ ſchaft.“ 2 75 „Das kann ich denken!“ erwiderte die junge Frau, ſelbſt darüber erzürnt.„Es war eine Schändlichkeit.“ „Pfui!“ ſagte Seehauſen eifrig, an einem Hühner⸗ knochen nagend,„wie kannſt du die heiligen Gefühle der Natur verdammen? Jeder Wurm ſehnt ſich nach Liebe. Die Habgier dieſes alten Lorberg wurde gerechter Weiſe beſtraft und eben ſo ſeine Verſchwendung, denn er ſaß in Schulden, und da die Feindſchaft immer mehr zunahm, verlangte Feldheim ein Capital zurück, das er früher an Lorberg geliehen hatte. Das gab ihm den Reſt.“ „Das war ſchlecht und gemein,“ ſagte die junge Frau. „Wer möchte ſo an einem Freunde und Verwandten han⸗ deln?“ „Freundſchaft! Verwandtſchaft! hoho, Schnickſchnack!“ ſchrie der Hauptmann.„Freundſchaft hört auf, wo der Schaden anfängt. Der Henker hole Freunde und Ver wandte, die mich um mein Geld bringen wollen! Die alten Freunde ſahen ſich nicht mehr an, und als die junge Frau von Feldheim einen Knaben gebar, war's vollends aus, obwohl das Kind bald darauf wieder ſtarb.“ „Das war Gottes Gerechtigkeit!“ „Meinſt du?“ grinſ'te er ſie an.„Gut, mein Engel, di ſollſt Recht haben, aber es iſt eine ſonderbare Sache zuweilen mit Gottes Gerechtigkeit. Zwei Jahre darauf war wieder ein Junge da, und dieſes Mal ſtarb er nicht, 44 obwohl ihm der alte Lorberg Tod und Peſtilenz an den Hals wünſchte.“ „Und der lebt noch?“ fragte Frau von Seehauſen in einem höchſt vorwurfsvollen Tone. „Freilich lebt er und hat nicht die geringſte Luſt zum Sterben. Er wurde von jung auf bewahrt, als ſollte er alle Tage vergiftet werden. Die Alten zogen gleich mit ihm fort. Erſt auf ihre Güter, dann an den Rhein, zuletzt ins ſüdliche Frankreich und nach Italien. Die Mutter iſt da geſtorben, aber der Junge hat ſich erholt. Er ſollte an der Bruſt leiden, darum lebten ſie faſt immer auswärts, kamen ſelten und immer nur auf kurze Zeit hieher. Eben iſt er wieder da, der alte aus⸗ getrocknete Burſche.“ „Es muß ein abſcheulicher Menſch ſein!“ ſagte Frau von Seehauſen verächtlich. „Ein ſchmieriger, ſchäbiger Kerl,“ antwortete der Hauptmann.„Ein geiziger, elender Schelm, der, oho! es ſoll mich nicht wundern!“ „Was ſoll dich nicht wundern?“ „Wie ich hörte, daß er hier ſei, habe ich an ihn geſchrieben, ihm meine Dienſte angeboten, noch keine Ant⸗ wort bekommen. Ein ſchlechtes Subject, Engel, ohne alle Achtung und Mitgefühl! Aber wart, laß ihn ſein, wie er will! ſtoß an auf dieſen Lorberg, er ſoll uns brin⸗ gen, was uns fehlt.“ Seehauſen ſchenkte den Reſt des Weines in ſein Glas und bemächtigte ſich deſſen, was noch an Speiſe vorhan⸗ den war.„Geld! Geld! und verflucht mögen ſie alle ſein!“ lachte er aus dem Kehlkopf, indem er die hübſche Frau umarmte und an ihr Glas anſtieß. Fünftes Kapitel. Nach einigen Tagen befand ſich Herr Jakob Wolf wiederum in ſeinem Comptoir, und wieder ſtand er hinter dem Zahltiſch, die linke Hand auf ſeine Papierſcheere ge⸗ ſtützt, die rechte in die Seite geſtemmt; aber es war dieſes Mal kein Gegenſtand ſeines Schreckens oder ſeiner Grob⸗ heit vorhanden, auch ſah der Agent ſo dienſtfertig ergeben und ausnehmend höflich und freundlich aus, daß man nicht zweifelhaft ſein konnte, der gegenwärtige Beſuch mußte ihm ein angenehmer ſein. Er richtete ſeine kecken Augen mit einem gewiſſen An⸗ ſtrich von Demuth auf einen alten Herrn, der auf dem Sopha mit den gelben Nägeln ſaß, und mit derſelben Bieg⸗ ſamkeit neigte er ſich gegen den Stuhl hin, welchen Richard von Lorberg inne gehabt, auf welcheng jetzt jedoch ein an⸗ derer junger Mann Platz genommen hatte. Der alte Herr beſaß kein ganz gewöhnliches Geſicht. Er war außeror⸗ dentlich nlager und ſchmal mit hohlen Backen, hoher falti⸗ 74 ger Stirn, einer fein geformten dünnen Naſe und großen kalten Augen, die ſich langſam unter den langen Augen lidern bewegten. Sein langer Hals ſtak in einem weißen Halstuche, an dem feingefälteten Jabot blitzte ein großer Stein, und aus dem Aermel ſeines blauen Fracks reckten ſich ſchmale Hände mit außerordentlich langen, dünnen Fingern, welche er auf die Sophalehne gelegt hatte. Der alte Herr ſah aus wie ein geborener Ariſtokrat, voller Würde und Ruhe, im vollen Bewußtſein ſeines Werthes. Während er mit dem Agenten über Geldgeſchäfte verhandelte und ihm Aufträge ertheilte, drehte er einige Male den ganzen Körper ſteif und langſam nach dem Stuhle hin, auf welchem der junge Mann ſaß, als wollte er ſich überzeugen, ob dieſer auch noch vorhanden ſei. Dies war allerdings der Fall, dagegen eben ſo gewiß, daß der junge Herr keinen ſonderlichen Antheil an den Dingen nahm, welche hier verhandelt wurden. Er hielt ſeine Füße ge kreuzt, drückte gegen die hohe Lehne des Stuhls ſeinen Kopf und ſtützte ihn mit der Hand, welche er halb über ſein Geſicht deckte. Dieſes Geſicht machte es unzweifelhaft, daß der alte Herr ſein Vater ſei; allein was dort verzogen, faltig und geſchärft war, erſchien bei ihm rund, fein und glatt. Statt des hohen, ſpitzen Schädels, auf welchem der alte Herr ſein ſpärliches Haar künſtlich zuſammenge kämmt hatte, fiel ſeinem Sohne eine reiche dunkelbraune Flut bis in den Nacken nieder. Unter einer ſchön geform⸗ 78 ten Stirn blitzten ein paar ſtolzblickende Augen, und um die feinen Lippen lag ein Lächeln, das den kleinen, kurz⸗ athmenden Agenten hinter dem Zahltiſche zu verſpotten ſchien, der mit echter Börſenjobber⸗Manier allerlei gute Papiere und Courſe anpries. Vielleicht aber waren die Gedanken des jungen Herrn ganz wo anders, und eben deß⸗ wegen hafteten ſeine Blicke ſo ſtarr auf Jakob Wolf. Nach einiger Zeit zog er ſeine Uhr aus der Taſche, warf einen ſchnellen Blick darauf und ſteckte ſie wieder ein. „Nur noch ein paar Minuten, Hermann,“ ſagte der alte Herr,„ich bin gleich fertig mit dem Herrn Wolf.“ „Die jungen Herrn,“ rief der grobe Wolf,„haben keine Zeit, wenn die Rede iſt von nützlichen Geſchäften.“ 4 „Nennen Sie das, was ſie thun, ein nützliches Ge— ſchäft?“ fragte der junge Mann, noch ſchärfer lächelnd. „Warum ſoll es nicht nützlich ſein, die Welt mit Geld zu verſorgen?“ erwiderte der Agent, den ſchwarzen Haar⸗ buſch ſchüttelnd.„Was wäre die Menſchheit ohne Geld? Was würde geſchehen, wenn es kein Geld gäbe?“ „Wenn Sie denen Geld verſchafften, die nichts haben, und es denen abnähmen, die zu viel davon beſitzen, würden Sie allerdings ein ſehr nützliches Geſchäft treiben,“ war die Antwort. „Hören Sie zu, Herr von Feldheim, was der Herr Sohn für eine weiſe Lehre aufſtellt!“ ſchrie Jakob Wolf. „Es iſt weiſe geſprochen, wie Salomo, aber der Herr Vater — 79 wird es nicht acceptiren, und der Herr Sohn würde das nützliche Geſchäft gleich aufgeben, wenn da kämen die ver— ſchiedenen Herren Verwandten und ſprächen: unſere Ta⸗ ſchen ſind leer, laß uns theilen.“ Der alte Herr hob ſeine Augen langſam auf und ließ ſie auf dem Agenten ruhen.„SIch denke, wir haben erſt vor Kurzem ein ſolches Beiſpiel gehabt,“ ſagte er. „Der junge Herr ſieht nicht aus, als wollte er ſich neh— men laſſen, was ſein iſt,“ erwiderte der Agent. Herr von Feldheim betrachtete wohlgefällig ſeinen Sohn.„Er iſt groß geworden,“ ſagte er. „Beinahe ſo groß wie der Herr Vater und wird ein langes, langes Leben erreichen, zu aller Menſchen Freude. Der Agent lächelte pfiffig, als bezweifelte er, daß dies allen Menſchen Freude machen werde; da aber ſeine Ver⸗ traulichkeit unbeachtet blieb, fügte er hinzu:„Der junge Herr muß jetzt neunzehn Jahre alt ſein.“ „Beinahe, erwiderte Herr von Feldheim; aber, was ich fragen wollte, Herr Wolf, Sie kennen ja wohl den Hauptmann Seehauſen?“ „Ob ich ihn kenne!“ nickte der ſchwarze Haarbuſch, „mehr als zu gut kenne ich ihn.“ „Er hat ſich vor einigen Tagen wieder einmal an mich gewandt und mir Briefcouverts zum Kauf angeboten.“ „Es iſt eine neue Art Induſtrie,“ lachte der Agent,„er hat ſie in dieſem Jahre angefangen, weil's mit der alten nicht mehr recht geht. Es iſt ein rares Talent, der Herr Hauptmann, und Talente ſoll man unterſtützen, gnädiger Herr. Er verkauft ſeine Couverts an alle Menſchenfreunde, die einem unglücklichen Familienvater helfen wollen, für den billigen Preis von zwei und drei Thaler das Hundert. Und es glückt, Herr von Feldheim. Man ſollte nicht glau— ben, wie viel Mitgefühl und Menſchenliebe noch immer in der Welt iſt.“ „Dummheit!“ ſagte der alte Herr. „Man kann's nennen, wie man will,“ erklärte Jakob Wolf,„was fragt der Hauptmann danach! Er kauft das Hundert Couverts für fünf oder ſechs Groſchen und macht ein ſchönes Geſchäft dabei.“ „Eine ſchaamloſe Betrügerei!“. „Es iſt die ärgſte nicht, die begangen wird!“ lachte Jakob Wolf. Ich habe ein Gefühl für dieſen Hauptmann, der hätte werden können ein großer Geſchäftsmann. Im⸗ mer voll Pläne, immer voll Speculation und niemals ver⸗ legen um die Mittel.“ „Um zu betrügen.“ „Aber niemals die Armen, immer die Reichen und die Hohen; kein Armer iſt je durch ihn um etwas gekommen, und den hohen Herrſchaften hat er Vergnügen gemacht. Da iſt kein König und kein Fürſt in Europa und keine Kaiſerin und keine Prirzeſſin, die nicht alle Jahre von ihm 81 4 einen Geburtstagsbrief mit den allerſchönſten und aller⸗ unterthänigſten Glückwünſchen empfangen hätte.“ „Und davon hat er gelebt?“. „Gelebt und die ganze Familie ernährt und ſeiner hüb⸗ ſchen Frau neue Kleider gekauft und guten Wein getrunken, wovon er ein Freund iſt, denn er iſt ein Mann von gutem Geſchmack.“ „Das iſt erſtaunenswerth!“ ſagte der alte Herr. „Warum?“ fragte Jakob Wolf.„Der Hauptmann hat beſondere Vorzüge zu dem Geſchäft. Er iſt Officier geweſen, und von Adel iſt er auch. Einem adeligen Herrn helfen die Herrſchaften wohl in der Noth. Aber in der letzten Zeit iſt das Geſchäft ſchlechter geworden, weil die Concurrenz zunimmt.“ „Man ſollte nicht glauben,“ ſagte Herr von Feldheim, „daß es viele ſolche Induſtrie⸗Ritter geben könnte.“ „Ich bin gewiß,“ verſicherte Wolf,„daß in dieſer Stadt allein wenigſtens ein halbes Dutzend Familien davon leben und daß es ihnen wohl geht dabei.“ „Aber die Fürſten...“ „Gott, die Fürſten, was wollen die Fürſten!? Sie werden gezupft und gerupft von allen Seiten. Ein Privat⸗ mann kann ſeine Taſche und ſein Herz zuſchließen, ein Fürſt muß geben und geben und wird betrogen und wieder be— trogen, weil er nicht ſelbſt kann ſehen und hören.“ „Ich habe den Brief nicht beantwortet,“ ſagte der alte Mügge, Verloren und gefunden. 6 82 Herr nach einem augenblicklichen Schweigen;„es wird je— doch am beſten ſein, wenn man die Polizei auf dieſes Trei⸗ ben auſmerkſam macht.“ „Das wirſt Du nicht thun, Vater!“ antwortete Her⸗ mann von Feldheim, indem er aus ſeiner bisherigen Theil⸗ nahmloſigkeit zu erwachen ſchien. „Und warum nicht, mein Sohn?“ „Jeder fege vor ſeiner Thür,“ verſetzte der junge Mann gleichgültig, den Kopf zurückwerfend. „Und immer iſt es beſſer, Couverts zu verkaufen für den zehnfachen Preis und hohe Herren zu gratuliren,“ fiel der Agent ein,„als es zu machen wie andere Leute, die von Schulden leben, verſchwenden, ſpielen und wetten, reiten, kutſchiren und jockeyen, bis der Bankerott voll⸗ ſtändig iſt.“ Der alte Herr heftete ſeine langſamen Augen auf den Agenten und ſah ihn forſchend an.„Oh,“ ſagte er darauf, die hohlen Falten auf den Backen zu einem Lächeln ver⸗ ziehend,„Sie ſprechen von einem anderen unſerer lieben Verwandten. Ich habe ſchon Einiges von ihm gehört. Iſt er bei Ihnen geweſen?“ „Ganz vor Kurzem erſt, gnädiger Herr.“ „Was wollte er?“ „Was kann er wollen als Geld?“ „Sie gaben ihm nichts?“ „Wie könnte ich ihm Geld geben, der da iſt ein Bettler?“ „Wie viel wollte er?“ „Fünftauſend Thaler.“ Der alte Herr ſchwieg einige Augenblicke, dann ſagte er mit ſeinem leiſen Lächeln:,„Geben di es ihm.“ „Wollen Sie ihm wiederum die Mittel geben,“ fragte Jakob Wolf, ſeinen ſchwarzen A aſ ſchüttelnd,„noch eine Zeit lang Mitglied zu ſein vom Jagdelub und vom Jockeyclub?“ „Es muß übel mit ihm ſtehen,“ erwiderte der alte Herr bedächtig. „Er ſoll Schulden bezahlen, Ehrenſchulden, und die Ehre fliegt zum Fenſter hinaus.“ „So müſſen wir ihm helfen, ſie zu halten.“ „Es iſt vorbei mit ihm, gnädiger Herr. Eine Obliga⸗ tion von ihm iſt nicht werth ſo viel...“ Jakob Wolf blies über ſeine flache Hand. „Nehmen Sie Wechſel,“ erwiderte Herr von Feldheim. „Auf vier Monate oder ſechs Monate, oder auch länger.“ „Was iſt ein Wechſel, worauf eines Bettlers Name ſteht!“ ſchrie der grobe Wolf ärgerlich. „Du wirſt ihm kein Geld geben, Vater,“ ließ ſich hier wiederum der junge Herr von Feldheim hören, indem er von Neuem ſeine Bewegungsloſigkeit aufgab. „Du wünſcheſt es nicht?“ fragte der alte Herr.„Wa⸗ rum nicht, mein Sohn?“ „Weil man einen Verſchwender nicht unterſtützen muß.“ 2 6** 84 „Es iſt ein Verwandter,“ ſagte Herr von Feldheim ſanftmüthig,„und überdies ſind die Verhältniſſe zu be— denken.“ „Auch darum nicht, Vater,“ unterbrach ihn der junge Mann, ‚„weil wir mit dieſem Lorberg nichts zu thun haben dürfen.“ Bei ſeinen letzten Worten wurde die Thür ziemlich un⸗ geſtüm geöffnet, und mit dem Hut auf dem Kopfe in ſeiner kecken unbeſorgten Weiſe, trat Richard von Lorberg herein. Im erſten Augenblicke ſchien er die Anweſenden kaum zu bemerken.„Guten Tag, Herr Wolf!“ rief er dem Agenten zu.„Wann haben Sie Zeit für mich?“ „Sogleich, Herr Baron,“ erwiderte der Geſchäftsmann. „Bleibt es alſo bei Ihren Aufträgen, Herr von Feldheim?“ Bei dieſem Namen verſchwand das übermüthige Lachen aus dem Geſicht des jungen Edelmannes. Er wandte ſich gegen das Sopha um; der alte Herr ſtand auf und ver⸗ neigte ſich, aber Richard von Lorberg erwiderte dieſe Höf⸗ lichkeit nicht. „Sie haben den gnädigen Herrn gewiß lange nicht ge— ſehen,“ ſagte Jakob Wolf mit ſeiner unverſchämten Ver⸗ traulichkeit, als Lorberg die ſtumme Scene damit beendete, daß er ſeinem Verwandten den Rücken zukehrte. „Nein,“ erwiderte er,„auch— empfinde ich kein Ver— langen danach. Befördern Sie Ihre Angelegenheiten, Herr Wolf,“ ſetzte er raſch hinzu, als er ſah, daß Jakob 85 Wolf grimmig den Kopf über den Zahltiſch ſtreckte,„damit wir zu den meinigen kommen.“ „Was kann ich thun für Ihre Angelegenheit,“ ſchrie der Agent ſo grob als möglich,„wenn Sie beleidigen wollen diejenigen...“ „Bitte, Herr Wolf,“ fiel der alte Herr ein,„ich halte mich nicht für beleidigt; wäre dies ſelbſt auch beabſichtigt, ſo würde ich es gern vergeben.“ „Ich bedarf Ihrer Vergebung nicht, Herr von Feld⸗ heim,“ ſagte Lorberg mit ſtolzer Kälte. „Vergebung bedürfen wir alle,“ erwiderte der alte Herr mit derſelben Sanftmuth. „Die Sünder! die Heuchler aller Art!“ rief Richard von Lorberg. Der alte Herr ſenkte ſeine langſamen Augen nieder und ſchien einer weiteren Fortſetzung dieſes ärgerlichen Auftrittes ſich entheben zu wollen; er griff nach ſeinem Hute. Allein ſein Sohn war nicht derſelben Meinung. Ohne von dem Stuhle außzuſtehen, oder ſeine nachläſſige Stellung aufzugeben, ſagte er:„Wenn Sie meinen Vater beleidigen wollen, ſo wenden Sie Sich an mich. Ich werde Ihnen Rede ſtehen.“ Der Freiherr betrachtete geringſchätzig den neuen Geg⸗ ner, der ſeine Augen auf ihn richtete.„Sie würden wohl thun,“ ſagte er dann,„dem weiſen Beiſpiele Ihres Herrn Vaters zu folgen und zu ſchweigen.“ 86 „Man ſchweigt allerdings da am beſten, wo Reden nichts fruchtet,“ erwiderte der junge Mann mit derſelben Ruhe.„Es gehört jedoch geringer Muth dazu, gegen einen Greis den Ritter zu ſpielen.“ „Die Adern ſchwollen auf Lorberg's Stirn.„Kindern und Weibern verzeiht man ihr Geſchwätz!“ ſagte er ver— ächtlich. „Man kann ſehr alt und doch ſehr wenig verſtändig ſein,“ verſetzte Hermann von Feldheim. „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Nichts, Herr von Lorberg, was Sie verwundern könnte.“ „Das wird ſich ſinden, wenn Sie Sich deutlicher er— klärt haben.“ Der alte Herr eilte mit wankenden Schritten, aber ſo ich, auf ſeinen Sohn zu und legte ſeinen vollte er ihn ſchützen.„Mein Sohn n wollen, Herr von Lorberg,“ ſagte er iß.„Nur eine allgemeine Wahrheit raſch es ihm möͦ Arm um ihn, hat Sie nichtek zitternd vor Beſorg ſprach er aus, weiter nichts. Ich bitte Dich Hermann, ſo iſt es. Nicht wahr, ſo iſt es?“ Der junge Mann ſtand auf, und indem er ſeines Vaters Hand ergriff, ſagte er:„Ich werde niemals dulden, daß in meiner Gegenwart etwas geſchieht, was mir mißfällt.“ „Es iſt nichts geſchehen, es iſt Niemand beleidigt,“ fiel der alte Herr ein.„Laß uns gehen, Hermann. Leben Sie wohl, Herr Wolf, leben Sie wohl!“ Er ſchob ſeinen Arm unter den Arm ſeines Sohnes und führte ihn haſtig fort. Der Agent eilte dienſtfertig Beiden nach.—„Soll ich nehmen, wie Sie befohlen haben?“ fragte er. „Nehmen Siel ja wohl, nehmen Sie!“ ſagte der alte Herr, und den Kopf im Nacken, ohne einen Blick auf Richard von Lorberg zu werfen, kehrte Jakob Wolf hinter ſein Gitter zurück, wo er an ſeinem Pulte Papiere und Briefe zuſammenraffte und dabei plötzlich unverſchämt an zu lachen fing. Lorberg ſtand mit verſchränkten Armen an dem Zahl⸗ tiſch, er ſah ärgerlich und verlegen aus.„Warum lachen Sie ſo ſchrecklich, tugendhafter Wolf?“ fragte er. „Weil ich mich freue über den männlichen Muth dieſes Jünglings, der ſeinen Vater vertheidigt.“ „Der gichtbrüchige Sünder flüchtete den Jungen in ſeinen Schooß, als ſei er eine Taube u der Geier zer⸗ reißen will!“ rief Lorberg höhnend. „Viellei„t hat er Recht, bei Gott, er hat Recht! ſchrie Jakob Wolf, indem er den ſchwarzen Haarbuſch heftig wackeln ließ. „Möglich, Herr Wolf! Am guten Willen dazu fehlt es mir nicht.“ „Pfui!“ rief der Agent,„ich kann's nicht hören. Wie 88 können Sie Gottes Gebote ſo verläſtern? Die Hand auf⸗ heben zu wollen gegen die Hand, die Sie faſſen und halten müßten!“ „Lieber des Satans glühende Hand,“ lachte Richard verächtlich,„als die Hände dieſes Vaters und dieſes Sohnes. Aber fort mit beiden und zu etwas Erfreuliche⸗ rem, tugendhafter Wolf. Ich habe Ihnen eine gute Nach⸗ richt mitzutheilen.“ „Haben Sie das große Loos gewonnen?“ „Noch nicht, aber ich denke es in der Taſche zu haben.“ „Gratulire, Herr Baron, gratulire!“ „Dank Ihnen, theuerſter Freund; doch um ganz ſicher zu gehen...“ „Brauchen Sie Geld!“ fiel Jakob Wolf ein. „Richtig, Geld! und ſomit dringe ich nochmals ver⸗ wegen in Ihre Höhle und frage, ob Sie geneigt ſind...“ „Ob ich geneigt bin?“ unterbrach ihn der Agent.„Es könnte ſein, daß ich geneigt wäre, aber— wenn Sie das große Loos nicht gewinnen?“ „Seien Sie ohne Sorge, ich werde es gewinnen.“— Er ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte er unter erneutem leichtſinnigem Lachen:„Sie ſollen Alles wiſſen, Wolf. Ich habe gethan, was Sie mir riethen.“ „Ich wußte es vorher!“ „Nun gut, ich war bei dem Hauptmann. Ein würdiger Mann, ein liebenswürdiger, ſchwer verleumdeter Mann.“— 89 ₰ Er warf ſich in den Stuhl, auf welchem Hermann von Feldheim geſeſſen hatte, ſprang aber eben ſo ſchnell wieder auf, ſtieß ihn fort und nahm einen anderen. Dann legte er den rechten Fuß über ſein linkes Knie und begann eine humoriſtiſche Erzählung ſeiner geſammten Abenteuer, die ſehr lange dauerte und welche Jakob Wolf nicht ohne Ver⸗ gnügen anhörte. Zuweilen wackelte der ganze ſchwarze Haarbuſch, und er ſelbſt legte ſich über den Zahltiſch und wieherte vor Luſtigkeit; als aber die Commercienräthin auf dem Schauplatz erſchien, öffneten ſich die dicken Augen immer weiter, und endlich empfand er ein Gefühl von Be⸗ wunderung vor dem jungen Verſchwender, das ſich bis zu zärtlichen Blicken verſtieg. „Bei Gott!“ rief er aus,„die Schrift hat Recht, die da ſagt: der Herr iſt mit ſeinen Auserwählten. Sie brach⸗ ten ſie alſo nach Haus, was geſchah weiter?“ „Nun, Sie können denken, daß ich zum Beſuch einge⸗ laden wurde.“ „Und Sie haben gemacht Ihren Beſuch? Aber es ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt, ſchon am nächſten Vormittag.“ „Richtig, ſalomoniſcher Wolf, und ſeit dieſer Zeit bin ich ſchon zwei Mal dort geweſen, mich nach dem Befinden der Damee zu erkundigen und dem Fräulein ein Buch zu bringen.“ „Ein feines Haus, ein würdiges Haus, feine Leute, noble Leute!“ ſagte Jakob Wolf.„Doch wie ſteht's mit dem Fräulein?“ 90 „In Wahrheit, würdigſter Freund,“ erwiderte Richard von Lorberg,„dieſes Haus iſt weder fein gebaut noch be⸗ ſonders— wie ſoll ich ſagen— fein möblirt oder mit an— ziehenden Eigenſchaften verſehen, das heißt mit Ausnahme der wunderbar anziehenden Eigenſchaft, die Nichte dieſer Tante zu ſein.“ „Mein lieber Herr Baron,“ antwortete Jakob Wolf, die dicken Lippen ſpottſüchtig aufwerfend,„ſchweigen Sie darüber wenigſtens bis nach der Hochzeit. Ich ſage Ihnen, es kommt nicht darauf an, wie Ihnen die Braut gefällt ſondern einzig und allein, wie Sie ihr gefallen.“ „Sie ſind ein Mann von unverwüſtlicher Aufrichtig⸗ keit,“ lachte Lorberg ausgelaſſen,„aber im Grunde haben Sie Recht, und daher beruhigen Sie Sich auch darüber. Es geht Alles in beſter Ordnung. Nächſtens werde ich einem Familienfeſte beiwohnen, Suſettchens Geburtstage; heute führe ich die Damen in die Oper.“ „Das gefällt mir! das gefällt mir!“ rief Jakob Wolf, ſeine Hände reibend. „Geld iſt mir nöthig, das ſehen Sie ein.“ „Sie ſollen Geld haben,“ erwiderte Wolf,„aber...“ „Kein Aber, keine Moral, tugendhafter Wolf, ſondern fünftauſend Thaler.“ „Fünftauſend,“ wiederholte der Agent, und der ſchwarze Haarbuſch nickte dazu. „Wahrhaftig! Was ſoll ich dagegen thun?“ „Sie geben mir Wechſel.“ „Mit Vergnügen. Sechstauſend?“ „Fünftauſend,“ verſetzte Jakob Wolf, indem er ſich in die Bruſt warf.„Auf ſechs Monate oder auf neun Monate oder auf ein Jahr, wie es Ihnen beliebt.“ Richard von Lorberg ſah ihn erſtaunt an, plötzlich aber ſchien ihm etwas einzufallen, das ihn ernſthaft machte. „Iſt es Ihr eigenes Geld, das Sie mir ſo großmüthig an⸗ bieten?“ fragte er. „Mag's kommen, woher es will,“ erwiderte der Agent. „Es kann Ihnen gleichgültig ſein.“ „Nicht ganz, denn...“ Lorberg hielt inne.„Es mag Thorheit heißen, es zu denken,“ ſagte er,„aber geben Sie mir Ihr Wort, daß nicht etwa— nun, ich meine, daß dieſer Feldheim...“ „Was thue ich mit dem Wort, nehmen Sie das Geld!“ unterbrach ihn Jakob Wolf. „Zunächſt beruhigen Sie mich darüber.“ „Es iſt unvernünftig!“ ſchrie Wolf.„Es iſt kein Ta⸗ lent darin, ſolchen Haß in ſich zu tragen gegen einen Mann von ſolchem Werth.“ „Schweigen Sie!“ erwiderte Richard mit ſo zornigen Blicken, daß Jakob Wolf verſtummte.—„Nicht daß dieſer Mann mich durch ſeine Heirath in alten Tagen um eine Erbſchaft brachte,“ fuhr er ruhiger fort,„ſondern wie er meinen Vater behandelte und zu Grunde richtete, das iſt die Urſache, daß ich ihn haſſe und verachte. Mein Vater war ein Mann von ſtrenger Ehre. Feldheim hatte ihm feierlich zugeſchworen, daß alle Gerüchte über ſeine Ab⸗ ſichten alberne Lügen ſeien, als aber dennoch die Wahrheit ſich ergab, wurde mein Vater wieder umheuchelt und umſchmeichelt, mit Verſprechungen und Freundſchaftsbe⸗ theuerungen überſchüttet, bis jener Knabe geboren wurde, da..“ „Nun?“ fragte Wolf, als Lorberg ſchwieg.„Das gab der Freundſchaft natürlich den letzten Stoß.“ „Da wurden meinem Vater plötzlich in bedrängter Zeit von dieſem Freunde und Verwandten die Capitalien gekündigt, welche er ihm geliehen. Der Elende wollte ihn verderben. Es gelang ihm nicht, das Geld wurde damals geſchafft, aber mit welchen Opfern! Seit dieſer Zeit war meines Vaters Leben vergiftet, er konnte nicht vergeſſen, was ihm geſchehen. Aerger, Kummer und Sorgen nagten an ihm und begleiteten ihn bis an ſein Grab.“ Hier wurde der Freiherr unterbrochen, denn der Comptoirdiener trat herein und reichte dem Agenten einen Brief. Der Agent las das Blatt, das er aus dem Couvert zog; es war von röthlicher Farbe und ſtrömte einen feinen Duft aus. „Dieſe Lectüre iſt wohl ſehr intereſſant, tugendhafter Wolf?“ fragte Lorberg, in den leichtfertigen Ton zurück⸗ fallend. „Wundervoll!“ erwiderte der kleine Mann, das Blatt zuſammen legend,„aber ich ſage Ihnen, Herr Baron, neh⸗ men Sie das Geld und laſſen Sie die alten Geſchichten ruhen.“ „Sehr gern, verehrter Freund, ſobald Sie beſtätigen, daß dieſe Feldheim nichts damit zu ſchaffen haben.“ „Das verſichere ich und verbürge mich.“ „Dann ſchaffen Sie es mir ſo raſch als möglich.“ „Sie können es auf der Stelle mitnehmen.“ „Wie, auf der Stelle?“ „Ich zahle es Ihnen ſofort,“ ſagte Jakob Wolf, indem er an ſein großes Geldſpind ging. „Geben Sie einen Wechſel her, damit ich ihn ausfüllen kann. Feder und Dinte ſind hier bei der Hand.“ Er zog ein Schreibzeug von der anderen Seite des Zahltiſches herbei, ſtreifte ſeinen Handſchuh von der rechten Hand und probirte eine Feder, als Jakob Wolf von ſeinem Geldſpind zurück rief:„Es iſt kein Wechſel nöthig, Herr Baron.“ „Kein Wechſel nöthig? Warum nicht?“ „Ich habe es anders überlegt.“ „Ah, Sie ziehen eine Obligation vor? Meinetwegen; aber das macht Umſtände, wir müſſen einen Notar haben.“ 94 „Was ſoll ich mit einer Obligation!“ ſchrie Wolf vom Qpind her.„Sie haben ſchon zu viele gemacht.“ „Was wollen Sie denn alſo, grober Wolf?“ Der Agent kam zurück und hielt in ſeiner Hand eine Anzahl großer Bankſcheine, welche er auf den Tiſch legte. „Sehen Sie hier,“ ſagte er,„zehn Scheine, jeder zu fünf⸗ hundert Thaler, macht zuſammen fünftauſend.“ „Und dafür begnügen Sie Sich mit einem einfachen Schuldſchein als Quittung?“ fragte Lorberg erſtaunt. „Nichts von Schuldſchein, nichts von Quittung!“ ver⸗ ſetzte Wolf, mit ſeiner dicken Hand durch die Luft fahrend. „Es iſt das Eine gerade ſo viel werth, als alles Andere, darum will ich gar nichts nehmen. Habe ich Ihnen gege⸗ ben mein Wort,“ ſetzte er hinzu,„ſo ſollen Sie mir geben das Ihrige, daß Sie dieſes Geld zurück zahlen, ſobald Sie im Stande ſind, es zu thun.“ Der junge Cavalier ſchien ſeinen Ohren nicht recht zu trauen, er ſtand einige Minuten lang regungslos und blickte den Agenten an, der ſeinen Arm in die Seite ſtemmte und ſehr grimmig ausſah. „Das iſt meiner Treu' eine ſeltſame Geſchichte!“ rief er dann,„die mir wie ein Märchen oder wie ein Traum vorkommt, den ich allerdings wachend erlebe. Erklären Sie mir das, Herr Wolf.“ „Ich habe nichts zu erklären!“ rief Jakob Wolf ärgerlich. — „Ihrem guten Herzen verdanke ich doch dieſes Geld auf keinen Fall?“ „Trauen Sie mir nicht ſolche Thorheit zu!“ ſchrie Jakob Wolf, und der ſchwarze Haarbuſch wackelte hin und her. „Oh, ich bitte um Vergebung. Aber ich weiß Nie⸗ manden...“ Er ſann ſchweigend nach. Jakob Wolf ſchwieg ebenfalls, ohne ſich zu rühren. „Gut denn,“ begann Lorberg von Neuem,„ich nehme dieſes Geld, weil ich muß, aber— wenn es irgend in meiner Macht ſteht, will ich mein verpfändetes Wort beſſer ein⸗ löſen, als Wechſel und Schuldſcheine mich dazu vermögen könnten.“ Jakob Wolf erwiderte auch hierauf nichts, er ſtreckte nur den Zeigefinger aus und deutete auf die Scheine; bei der letzten Betheurung des jungen Edelmannes aber zuckte er mit den Schultern und grinſ'te diaboliſch. „Ich verſtehe Ihre ſprechende Pantomime,“ ſagte Lor⸗ berg,„bei alledem verlaſſen Sie Sich darauf. Und nun nehmen Sie meinen Dank, ich werde nichts vergeſſen.“ Er reichte ihm ſeine Hand, und Jakob Wolf hielt dieſe feſt und hob den Zeigefinger ſeiner Linken auf.„Seien Sie klug,“ ſagte er,„handeln Sie klug, darauf kommt's an. Ich hoffe noch immer von Ihnen, was ich erlebt habe von mehr als Einem, der das Geld nicht achtete, ſo lange 5 96 3 er nichts hatte, aber ein ſparſamer Mann wurde, als er zu etwas gekommen war.“ 8 „Das heißt, er wurde ein Geizhals, wie der alte Sün— der, den ich aus Ihrer Höhle vertrieben habe,“ erwiderte der Freiherr, indem er die Scheine zuſammenraffte und einſteckte.„Ich hoffe, Sie ſollen noch Freude an mir er— leben. Adieu denn, tugendhafter Wolf. Schwelgen Sie jetzt ungeſtört im Genuſſe des roſenfarbenen himmliſchen Boten dort, und wenn Sie glücklich ſind, beten Sie für mich mit.“ Als er hinaus war, ſchüttelte Jakob Wolf eine ganze Zeit lang ſchweigend ſeinen dicken Kopf, bis er endlich auf⸗ ſchrie:„Was iſt das für ein Menſch! Gott, das will ein Menſch ſein! Nichts hat er in ſeiner Taſche und faßt die Scheine an, als wären es Lumpen. Es wird auch nichts mit ihm werden. Denn er wird ſicherlich machen ſolche Dummhheiten, daß die reellen Leute ſich von ihm zurück— ziehen.— Und dennoch,“ fuhr er nach einigem Beſinnen fort,„habe ich ihm das Geld gegeben mit innerem Wohl— gefallen. Es iſt Unrecht an ihm begangen worden. Er hat ein ſtolzes Herz, das nicht nehmen will Geld von dem, der ſeinen Vater getäuſcht und in Unglück geſtürzt hat; ich glaube beinahe, ich könnt's auch nicht nehmen. Ich habe ein Gefühl davon, daß der alte Herr von Feldheim, obwohl er iſt ein reicher Mann und ein vornehmer Mann, doch iſt — ein ſchlechter Mann!“ flüſterte Jakob Wolf ganz leiſe. 97 „Darum iſt es mir lieb, und ich bin froh, wahrhaftig, ich bin froh, daß er das Geld gekriegt hat ohne ihn.“ Bei dieſer letzten Betheurung ergriff der Agent das roſige Briefchen, ſchlug es auf und ſchaute hinein, Anfangs mit wohlgefälliger Freudigkeit, welche aber bald in Kopf⸗ ſchütteln und Stirnrunzeln überging. „Ich weiß nicht, was ich denken ſoll! weiß nicht, was ich ſagen ſoll!“ rief er endlich, indem er auf das Papier ſchlug,„aber es kann kein Irrthum ſein, denn hier ſteht es Schwarz auf Roth, deutlich ſteht es da.“ Er hielt das Blatt an ſeine Naſe und roch daran. „Es iſt ein feiner Geruch,“ ſagte er,„und ſind feine Buch⸗ ſtaben geſchrieben mit feſter Hand. Woher kennt ſie die Verhältniſſe, woher weiß ſie Alles?“— Er blickte von Neuem in den Brief und fing an halblaut zu leſen:„„Häufen ie das Maß Ihrer Güte für mich, Herr Wolf, indem ie die Bitte erfüllen, welche ich durch dieſe Zeilen an Q GQ G ie richte. In dem Päckchen, welches ich Ihnen übergab, befinden ſich mit anderen Geldpapieren zehn Bankſcheine jeder zu fünfhundert Thaler. Herr von Lorberg ſucht ein Darlehen bei Ihnen, geben Sie ihm dieſe zehn Scheine doch ohne Wechſel oder Quittung unter der einfachen Be⸗ dingung, zurück zu zahlen, wenn er das Geld nicht mehr bedarf.““ „Eine ſchöne Bedingung!“ lachte Jakob Wolf.„Wahr haftig, er wird niemals kein Geld bedürfen, aber damit Mügge, Verloren und gefunden. 7 iſt es noch nicht genug.“„„Sollte Herr von Lorberg noch mehr verlangen,““„ſteht hier weiter geſchrieben,“„„ſo übergeben Sie ihm auch den Reſt der Summe, welche in Ihren Händen iſt. Sie werden meine Bitte erfüllen.— Ihre dankbare Unbekannte. „Kein Wort ſoll er davon erfahren!“ ſchrie Jakob Wolf mit größter Energie;„denn wenn es geſchähe, wäre er mor⸗ Aber vielleicht wäre es 4444 gen hier und holte den Reſt. das Beſte,“ ſetzte er gelaſſener hinzu,„ſo wäre ich einen Auſtrag os, mit dem ich mich nie hätte einlaſſen ſollen.“ Er wickelte den Brief zu dem Päckchen und legte dieſes wieder in ſein Geldſpind. Dann kam er zurück, ſteckte beide Hände in ſeine Taſchen und ſann vor ſich hin, bis er plötz⸗ lich den Kopf in die Höhe warf und im vollen Aerger ſchrie: „Was geht's mich an, was verderbe ich meine Zeit damit! Wer kann ſie ſein? Eine zärtliche Freundin, die ihm helfen will in ſeiner Noth, und ſie kann es nicht thun, ſobald es Jemand erfährt. Was geſchieht alles in der Welt! Es betrügt der Vater den Sohn, das Weib den Mann, und die da wollen die Erſten ſein, ſtehen oft unter den Letzten, unter den Allerletzten!“ Mit dieſer moraliſchen Betrachtung war Herr Wolf zum Abſchluß gelangt und beſchäftigte ſich mit anderen Dingen. 5ea Kapitel. Eines der ſchönſten und größten Häuſer in der Königs⸗ ſtraßen ehörte der Frau Commercienräthin Wittenberg, und ſie bewohnte darin ſelbſt eine prächtige Wohnung im erſten Stockwerk. Die Zimmer waren zwar nicht nach der neueſten Mode, aber doch gut und bequem eingerichtet, und obwohl der größte Theil derſelben gewöhnlich nicht benutzt wurde, waren heute mehrere dieſer verhängten Staatsgemächer geöffnet, die Kappen von Sophas und Polſterſtühlen entfernt, die Kronen mit Lichtern beſteckt und allerlei andere feſtliche Vorbereitungen getroffen. Fräulein Suſettens Geburtstag ſollte gefeiert werden. Die Frau Commercienräthin hatte einen Kreis ihrer Freunde und Verwandten dazu eingeladen, ſie ſelbſt ſaß mit ihrer Nichte in dem kleinen, beſcheidenen Zimmer, das ihr gewöhnlicher Aufenthalt war, und berechnete vorläufig die Koſten des Abends.— Sie dachte und ſorgte, wie viele reiche Leute ihrer Art. Es ſollte an nichts fehlen, die 7 Gäſte ſollten ſich wundern und den Glanz rühmen, aber es ſollte ſo wenig als möglich koſten. Die Frau Commer⸗ cienräthin wollte aber doch hinter Keinem zurückbleiben, denn es befanden ſich unter den Eingeladenen mehrere, die ein ſcharfes Urtheil zu fällen wußten, und deren Diners und Soupers berühmt waren. Ueberdies war auch der Freiherr von Lorberg 1aeel re bei Grafen und Miniſtern geſpeiſ't hatte und auf Hoffeſten und Gala⸗ diners geweſen war, von denen er unterhaltend zu erzählen wußte. Die reiche Witwe wollte ihm beweiſen, daß er es bei ihr eben ſo gut haben könne, wenn nicht eh fer ſie hatte daher außerordentliche Anſtalten in Küche und Keller getroffen, einem berühmten Koch ihre Aufträge er⸗ theilt, allein ſie war ſehr ärgerlich über die Ausgaben. „Was das für enormes Geld verſchlingt!“ ſagte ſie. „Die Theurung iſt unverſchämt, aber die Menſchen ſind noch viel unverſchämter. Jeder nimmt, ſo viel er bekommen kann, und dabei ſtecken ſie ein, was ihnen nicht gehört. Daß gut aufgepaßt wird, Suſette! Daß die Schüſſeln, ſo wie ſie hinaus kommen, gleich fortgeſchloſſen werden! Daß mir der Wein und die Butter nicht zu ſehr angegriffen werden!“ „Ich werde ſchon controliren, Tante,“ antwortete Suſette. „Ich werde es ſelbſt thun,“ verſetzte die Commercien⸗ räthin.„Man muß Alles zählen, Alles genau übergeben, 101 die Augen überall haben, und du wirſt deine Augen wohl heute zu anderen Dingen brauchen.“ Fräulein Suſette war prächtig angekleidet, in einem ſehr ſchweren damascirt blumigen Seidenſtoffe der aller— theuerſteu Art. Die Tante hatte ihr dieſes Kleid zum Geburtstage geſchenkt ſammt brüſſeler Spitzenärmeln und goldenen breiten Gelenk⸗Armbändern. Sie war daher ſehr koſtbar geſchmückt, allein ſchöner war ſie darum doch nicht geworden, und ſie ſchien dies ſelbſt zu empfinden; denn indem ſie in den hohen goldigen Spiegel blickte, ſagte ſie mit ſpöttiſchem Anflug:„Du meinſt, meine beſte groß— müthige Tante, ich habe heute genug zu thun, um alle deine uieien Geſchenke zu bewundern.“ ie Commercienräthin fühlte ſich geſchmeichelt, auch ſchlan ang Suſette ihren Arm mit jugendlicher Lebendigkeit um den gelben, musculöſen Hals und küßte ſie trotz ihres Widerſtrebens. „Laß, laß, du unbeſonnenes Mädchen!“ ſchalt ſie. „Leichtfertig wirſt du bleiben, ſo lange du lebſt. Alle Puf⸗ fen an deinen Aermeln haſt du zerdrückt, als ob ſie kein Geld koſteten, und mein Hals dazu iſt ruinirt, der ganze Puder iſt abgerieben.“. „Suſette ließ ſich von dem Schelten nicht anfechten. „Ich muß mich freuen!“ rief ſie mit einer neuen Lieb⸗ koſung, muß dir immer wieder danken, theuerſte Tante, für alles, was du für mich gethan haſt und noch thuſt.“ 102 „Als ob dir nicht andere Leute auch ſchöne Geſchenke gemacht hätten!“ ſagte die Commercienrärhin. „Was gehen mich die anderen Leute an! Dir danke ich Alles, danke dir deine große Liebe.“ „Als ob andere Leute dich nicht auch liebten!“ fiel die Tante ein.„Was hat der Herr von Lorberg für ein prachtvolles Geſchenk geſchickt!“* „Sehr prachtvoll, Tante, zu prachtvoll!“ erwiderte Suſette. „Es iſt nichts zu prachtvoll für dich“ ſagte die Tante in ſtolzem Tone. „Ich wäre mit einem Glückwunſch zufrieden geweſen,“ fuhr das Fräulein fort,„auch hätte ſich dieſer beſſer ge⸗ paßt, als ein ſo koſtbares Album voll Aquarellen, die, wie ich glaube, ſehr theuer ſind.“ „Was ſollte er dir ſchenken?“ fragte die Tante dagegen. „Schmuck oder Dinge von reellem Werth kann er nicht geben, wenigſtens jetzt nicht, alſo gibt er eine koſtbare Spielerei. Ich finde es nobel, ich finde es fein.“ 4 „Ich finde, daß es mich in Verlegenheit ſetzt,“ ſagte Suſette;„denn was ſoll man davon denken, daß der Herr Baron mich derartig auszeichnet?“ „Was ſoll man davon denken!“ lachte die Commercien⸗ räthin.„Man wird denken, der Herr Baron ſcheint ge⸗ wiſſe Abſichten zu haben, und ich glaube, man irrt ſich nicht.“ „Aber, Tante,“ verſetzte Suſette,„wenn dies in der That der Fall ſein ſollte, ſo weiß ich dennoch nicht...“ Sie hielt inne und ſchüttelte den Kopf. „Ob du eine Partie für ihn biſt?“ fragte die Commer⸗ cienräthin. „Nein, ob er eine für mich iſt, denn ich habe ge— hört...“ „Was haſt du gehört?“ „Was erſchrecken könnte.“ „Iſt er etwa verheirathet?“ „Nein,“ lachte Fräulein Suſette. „Oder etwa ſchon verſagt, verlobt?“ „Ich glaube nicht.“ „Oder hat er zärtliche Bekanntſchaften? Gott, Kind, das iſt die Vergangenheit. Danach muß man bei einem Manne, wenn man ihn heirathet, nicht fragen.“ „Auch davon habe ich nichts gehört, Tante.“ „Alſo, was haſt du denn Schreckliches gehört?“ „Er ſoll viele Schulden haben.“ Wahrſcheinlich gegen alle Erwartung Suſettens nahm die Commercienräthin dies ſehr gleichgiltig auf. Sie warf den Kopf ſpöttiſch in den Nacken und zuckte mit den breiten Lippen.„Wer hat dir das geſagt?“ fragte ſie. „Eine Freundin, die es zufällig gehört hat.“ „Welche Freundin, Suſette?“ Nun, wenn ich ſie durchaus nennen ſoll— Chriſtine.“ 72 104 „Die Mamſell thäte beſſer, ſich um ſich ſelbſt zu be— kümmern!“ rief die Dame.„Was ſpricht ſie in ihren Ver⸗ hältniſſen von ſolchem Herrn?! Ueberhaupt, Suſette, werde ich mir dieſen Umgang verbitten, wenn die Mam⸗ ſell ſich dergleichen herausnimmt.“ Der drohende Ton und die ganze Haltung der Frau Commercienräthin bezeugten zur Genüge, daß ihr Wille ein ſehr beſtimmter und Geſetz in ihrem Hauſe ſei. „Zürne doch nicht, liebe Tante,“ bat Fräulein Suſette. „Chriſtine iſt ganz unſchuldig, aber es kann doch ſein, daß es Wahrheit iſt.“ „Und wenn es Wahrheit iſt, was verſchlägt's?“ er⸗ widerte die Tante.„Hat er Schulden, ſo werden ſie be⸗ zahlt werden. Alle jungen Herren von guter Familie haben Schulden, denn es geht nicht anders zu im großen Leben. Wenn es aber Wahrheit iſt, mußt du es um ſo höher ſchätzen, daß er trotz deſſen dir eine ſo koſtbare Freude an deinem Geburtstage zu machen ſuchte. Das beweiſ't, daß er eine große Zuneigung haben muß.“ Suſette erſtaunte wiederum über dieſe vortheilhafte Auslegung. Sie ſchwieg einige Augenblicke und ſagte dann:„Man könnte dies aber auch anders deuten.“ „Du wirſt es deuten, wie ich es deute!“ verſetzte die Frau Commercienräthin, und der raubvogelartige Aus⸗ druck ihres Geſichtes trat lebhafter hervor, als die runden grünlichen Augen einen röthlichen Schimmer annahmen. 105 „Höre mich an, Suſette,“ ſagte ſie darauf beruhigter, „wir haben noch nicht über dieſen Gegenſtand uns ausge— ſprochen. Der Baron iſt ein angenehmer, intereſſanter Mann. Es iſt ehrenvoll, daß er dich auszeichnet, und wenn er die Abſicht hat— dreh dich nicht um, wenn ich mit dir ſpreche. Du wirſt wiſſen, was ſich ſchickt.“ „Ja, Tante.“ „Du wirſt folgen und vernünftig ſein?“ „Ja, Tante.“ „Ich denke, du haſt nichts einzuwenden?“ „Nein, Tante.“ „Gefällt er dir etwa nicht?“ „Recht gut, Tante.“ „So benimm dich danach. Er bemüht ſich, dir den Hof zu machen, wie ein fein gebildeter Herr von Stande. Zeige du ihm, daß er mit einer Dame von Bildung zu thun hat.“ „Ich glaube nicht, Tante, daß Herr von Lorberg ſich über mich beklagen kann,“ ſagte Fräulein Suſette. „Du biſt, wie ſoll ich ſagen? zu natürlich, zu lebhaft, haſt den rechten Anſtand nicht!“ fiel die Tante ein. „Ich werde mich beſſern,“ erwiderte Suſette demüthig, indem ſie einen kleinen Knix machte,„und denke, daß ich ſchon begonnen habe.“ „Man muß die Männer zu feſſeln ſuchen,“ ſagte die 106 Commercienräthin,„muß ihnen zeigen, daß man Verſtand hat und Geiſt beſitzt.“ „Ich werde geiſtreich werden, liebe Tante, du haſt ganz Recht,“ antwortete Suſette, das habe ich ganz beſonders nöthig, da ich mit meiner Schönheit nicht glänzen kann.“ „Dummes Zeug!“ rief die Tante;„du biſt ſchön, Suſette, denn du haſt das, was den meiſten fehlt, die nichts haben, als ihr Geſicht. Du haſt Geld, und es ſoll nichts geſpart werden, Kind. Ich habe genug, daß du be— neidet werden ſollſt und du ſollſt alles haben, was dein Herz begehrt. Wer iſt da?!“ Mit dieſem Ausruf wandte ſie ſich nach der Thür um, und ihr Geſicht verfinſterte ſich, als ſie ſah, wer herein⸗ getreten war. „Es iſt Ludwig,“ ſagte ſie, unwillig über die unwill— kommene Störung.„Wo kommt der Herr Doctor denn heut' noch her?“ Der in ſolcher Weiſe Angeredete verbeugte ſich ehr⸗ furchtsvoll vor der Frau Commercienräthin und erwiderte mit vieler Höflichkeit in Geberde und Ton:„Es iſt aller⸗ dings ſchon ſpät, und ich habe um Verzeihung zu bitten. Ich war heute ſehr beſchäftigt, wollte aber doch nicht unterlaſſen, Fräulein Suſetten meinen Glückwunſch abzu⸗ ſtatten; ſo auch Ihnen, verehrteſte Frau Commercien⸗ räthin.“ Fräulein Suſette rauſchte in dem ſchweren Geburts⸗ 107 tagskleide ihm entgegen; ehe ſie jedoch ihren Dank ſagen konnte, fuhr die Tante in dem Tone, in welchem man Leute behandelt, mit denen man keine Umſtände zu machen braucht, fort:„War denn Niemand draußen, Ludwig, der Sie anmelden konnte?“ „Nein, Frau Commercienräthin,“ ſagte der Doctor, „die Außenthür ſtand offen, und ſo glaubte ich...“ „Wenn Sie wieder kommen, Doctor, laſſen Sie ſich melden,“ fiel die Commercienräthin ein,„es könnte vor kommen, daß wir Beſuch hätten oder es ſonſt nicht paßte, Sie zu empfangen.“ Der Doctor verbeugte ſich ſchweigend. Er war ſehr oft hier geweſen, ohne angemeldet zu ſein, um ſo mehr mußte er ſich über dieſe Zurechtweiſung wundern.„Im Uebrigen ſind wir nicht krank,“ fuhr die Tante fort.„Gott ſei Dankl ich und Suſette, wir denken noch recht viele ver gnügte Jahre zu leben.“ „Die ich Ihnen von ganzem Herzen wünſche,“ be kräftigte der junge Arzt.„Möge das Glück immer mit Ihnen ſein und Ihnen manches große Loos des Lebens noch zuwenden.“ „Sie haben wohl auch ſchon etwas gehört?“ fragte die alte Dame, ihren Kopf vorſteckend. „In der That, was man ſich erzählt und was mir darüber zu Ohren gekommen, iſt des Glückwunſches werth,“ ſagte der Arzt. 108 4 „Ich will keinen haben!“ rief ſie haſtig,„ich habe ſchon ſeit einer Woche Bettelbriefe und Gratulationen genug bekommen. Es iſt, als ob es in der ganzen Stadt aus— poſaunt wäre und Jeder Luſt hätte, mich auszuplündern.“ „Wenn wirklich alle Luſt dazu hätten, beſte Frau Commercienräthin,“ lächelte der Doctor, ohne Empfindlich⸗ keit zu zeigen,„ſo kann ich verſichern, daß dies bei mir nicht der Fall iſt.“ „Es bekommt auch keiner was,“ ſiel ſie ein.„Ich habe genug zu geben. Bei dieſer theuren Zeit muß jeder ver⸗ nünftige Menſch ſich einrichten.“— Der Doctor machte Miene, ſich an das Fräulein zu wenden, aber die Commercienräthin kam ihm zuvor. „Kennen Sie den Baron von Lorberg?“ fragte ſie. „Ich kenne ihn nicht,“ erwiderte er, und mit einem leiſen Lächeln ſetzte er hinzu:„Er gehört einer Geſell⸗ ſchaftsclaſſe an, mit welcher ich nicht viel zuſammen komme.“ „Das heißt, Sie kommen nur mit Handwerkern und Arbeitern zuſammen, die nichts haben, als das liebe Leben.“. „Es iſt wahr,“ verſetzte er in derſelben milden Weiſe, „meine Patienten beſitzen meiſthin nicht viel mehr, ſomit muß ich um ſo mehr thun, was ich vermag, um ihnen ihr einziges Gut zu erhalten.“ „Und dabei bleiben Sie ſelbſt ein Fußdoctor, der ſich 109 die Lungen ausläuft, ein Armendoctor am Spital. Ich hab's immer geſagt, Ludwig, daß Sie Ihre Sache nicht verſtehen.“ „Ich ſollte doch meinen,“ lächelte er, den Hut in ſeinen Händen drehend,„daß ich es an Bemühungen nicht fehlen laſſe.“ „Von Ihrer Gelehrſamkeit rede ich nicht,“ rief die Commercienräthin.„Im Gegentheil, ich glaube, Sie ſind zu gelehrt.“ „Sollte das möglich ſein?“ fragte er demüthig. „Das heißt, Sie glauben, darin ſitzt alle Weisheit,“ unterbrach ſie ihn.„Aber was thue ich mit Weisheit, wenn ich arm bleibe wie Hiob! Was hilft mir alle Gelehr⸗ ſamkeit, wenn ich dabei verhungern muß!“ Das bleiche Geſicht des Arztes röthete ſich, und ſeine großen, ernſten Augen drückten eine Unruhe aus, welche er zu beherrſchen ſtrebte. „Verehrte Frau,“ ſagte er lächelnd, aber mit ſtärkerem Nachdruck,„ich bin nicht in der Lage, Mangel zu leiden, da meine Bedürfniſſe nicht über meine Wünſche hinaus⸗ gehen.“ „Dummes Zeug!“ fiel ſie ein.„Jeder gebildete Menſch hat Wünſche, die er befriedigen will, und ſtrebt danach, hinaufzukommen und nicht unten ſtehen zu bleiben. Ein Doctor muß Equipage haben, muß einen Titel haben: 110 Medicinalrath, Geheimrath, ſo gewinnt er Vertrauen bei den Leuten, die was einbringen.“ „In der That, Sie haben Recht,“ erwiderte der Arzt mit ſeiner tiefklingenden Stimme. „Ich wüßte ein Mittel für Sie, Ludwig,“ fuhr ſie fort, „aber danach ſehen Sie nicht aus.“ Sie fing an zu lachen, und das Raubvogelgeſicht beugte ſich nach ihm hin, die grünlichen Angen glänzten ihn an.„Sie merken wohl, was ich meine?“ „Nein,“ erwiderte er. „Eine reiche Frau ſollen Sie zu angeln ſuchen. Aber damit iſt es nichts!“ „Nein,“ lächelte er,„mir fehlen die Angelhaken.“ „Ihnen fehlt Alles,“ ſpottete die Tante.„Ein Mäd⸗ chen, das Geld hat, verlangt einen Mann, mit dem es Staat machen kann. Entweder ſoll er vornehm ſein oder berühmt ſein, oder einen ſchönen Titel haben, oder we⸗ nigſtens eine angenehme Geſtalt mit einem intereſſan⸗ ten Kopf.“ „Wenn auch nichts darin iſt,“ lachte der Doctor. „Das alles bin und beſitze ich nicht. Aber,“ fügte er mit einem Blicke hinzu, der von der Tante auf Fräulein Suſette irrte,„es kommt doch auch zuweilen vor, daß liebenswürdige Frauen den wunderlichen Geſchmack haben, ihr Herz Männern zuzuwenden, denen alle jene Vorzüge mangeln.“ „Darauf können Sie lange warten,“ rief die Frau Commercienräthin, ihm ſcharf zunickend,„und das muß ich Ihnen ſagen, mir ſollte keiner mit ſolchen Einbildungen kommen. Jeder muß wiſſen, wer er iſt; wenn er nichts iſt, muß er ſorgen, daß was aus ihm wird, ſo kann er in der Welt auftreten und Wünſche und Bedürfniſſe haben. Sonſt aber bleibt er bei ſeines Gleichen.“ Hier hörte die Frau Commercienräthin auf zu ſprechen, denn eben wurde ihr gemeldet, daß der Kuchen gekommen ſei, und mit einem Blicke, in welchem ſehr viel geſchrieben ſtand, wandte ſie ſich ab und folgte dem Bedienten. An der Thür jedoch drehte ſie ſich nochmals um und ſagte zu ihrer Nichte:„Du haſt keine Zeit zu verlieren, Suſette. Auf ein ander Mal alſo, Doctor, Adieu!“ Der Doctor machte der Dame ſeine Verbeugung; als er ſich aber aufrichtete, war Fräulein Suſette dicht bei ihm und bot ihm ihre beiden Hände, die er nahm und an ſeine Lippen drückte.„Nun muß ich Ihnen vor allen Din⸗ gen für Ihren Glückwunſch danken,“ ſagte ſie, indem ſie ihre Augen auf ihn heftete.„Vielen, vielen Dank, lieber Hellmuth! Sie wiſſen nicht, wie froh ich bin, daß ich Sie heute noch geſehen habe.“ „Wären Sie wirklich froh, Fräulein Suſette?“ fragte er. „Ich hoffe doch nicht, daß Sie daran zweifeln wollen,“ antwortete Suſette.„Sie kamen nicht, ließen mich warten, das machte mich traurig.“ 112 „Ich kam nicht, weil ich beſorgte, daß ich einen großen Theil Ihrer Freunde antreffen würde,“ erwiderte er, welche ſicher mit viel auserwählteren Glückwünſchen und ſchönen Geſchenken...“ Er hielt inne, ſein Lächeln hatte etwas Gezwungenes und Gewaltſames. „Was das anbelangt,“ antwortete Suſette,„ſo haben Sie Recht, ich bin von allen Seiten ſehr reich beſchenkt worden. Sehen Sie doch dieſe neue prächtige Robe und dieſe goldenen Bänder und dieſe Kette. Gefalle ich Ihnen nicht?“ „Nur zu gut,“ ſagte er,„obwohl ich wünſchte...“ „Zu gut?“ fiel ſie ein.„Das klingt ja wie ein Vor⸗ wurf. Und was wünſchen Sie ſonſt noch, Herr Doctor?“ „O, theure Freundin,“ antwortete er trübſinnig,„ich wünſchte, daß niemand da wäre, der Ihnen ſo prächtige Kleider ſchenken könnte.“ „Wenn ich ſie nur nicht anziehen müßte!“ lachte Fräu— lein Suſette leiſe, indem ſie ſich betrachtete und den Doe— tor dann ermuthigend anblickte.„Aber warum ſoll ich keine Dame nach der Mode ſein, warum meine Crinoline nicht eben ſo gut tragen, wie die Kaiſerin von Frankreich? Ich bin zwar nicht beſonders groß, auch nicht beſonders ſchlank, aber was thut das! Sie ſollen nicht ſo ernſthaft ausſehen, Hellmuth. Denken Sie doch hübſch an Ihren Namen und machen Sie ihm Ehre. Wenn ich zuweilen den Kopf hängen laſſe,“ ſage ich mir:„Er heißt Hellmuth. 1 Und plötzlich wird es vor meinen Augen hell, und der Muth ſtellt ſich wieder ein.“ „Liebe, theure Suſette!“ ſagte er in lebhafter Bewegung. „Halt! rühren Sie mich nicht an!“ flüſterte ſie, ſich ihm entziehend.„Keine Puffe, keine Schleife darf zer quetſcht werden. Wehe dem Verräther! Aber was haben Sie da? Ein Geſchenk für mich?“ „Nichts als ein kleines Buch. Die Lieder eines armen Dichters.“ „Und das nennen Sie nichts?“ Sie nahm es ihm aus der Hand und legte dafür die ihrige hinein.„Die Dichter ſind die Ritter des Geiſtes,“ ſagte ſie.„Ich danke Ihnen, lieber Hellmuth; ich werde mich an Ihrem Geſchenk mehr erfreuen, als an allem todten Putz. Schlechtes und Gemeines iſt noch nie von einem wahren Dichter verherrlicht worden. Die Männer von Geiſt ſollen aber immer an ſich und ihre Macht glau ben und ſich nicht erſchrecken laſſen, weder von Rieſen und Drachen, noch von Commercienräthinnen und anderen Widerſachern, die ſie nicht beleidigen können.“ „Ich bin auch weder erſchrocken noch beleidigt,“ ver ſetzte Hellmuth.„Ihre Tante weiß, welche Dankbarkeit ich ihr oder doch ihrem Manne ſchulde, der den verwaiſ'ten Sohn ſeines alten Freundes erziehen und ſtudiren ließ, dem ich alſo alles danke, was ich bin. Sie ſieht in mir immer noch den Waiſenknaben, und im Grunde meint ſie Mügge, Verloren und gefunden 8 114 es gut mit ihren Vorwürfen; aber— beſte Suſette, was ich fürchte, was mich erſchreckt, iſt, ich glaube, ſie ahnt, was, o, wie lange ſchon! mein ganzes Herz erfüllt, und ich ſehe— ich begreife.—“ Fräulein Suſette machte einige rauſchende Schritte nach der Thür, wo ſie einen Augenblick ſtill ſtand und dann eben ſo ſchnell zurückkehrte. „Sie haben jetzt viel zu thun?“ fragte ſie. „Allerdings,“ erwiderte er ein wenig verwundert. „Se müſſen Sie mir etwas verſprechen.“ „Sehr gern, wenn ich es irgend erfüllen kann.“ „Sie ſollen in der nächſten Zeit uns nicht beſuchen. 4 „Ich ſoll nicht kommen?“ fragte er,„Sie nicht ſehen?⸗ „Nein. Ich verbanne Sie, Hellmuth.“ „Aber warum? Warum komme ich überhaupt?“ „Das will ich Ihnen ſpäter beantworten, jetzt nicht. Sie dürfen nicht wieder hier erſcheinen.“ Hellmuth ſchwieg einige Augenblicke, dann verbeugte er ſich ein wenig und ſagte in ſeiner ernſten, ruhigen Faſſung:„Wenn es Ihr Wille ſo iſt, ſo ſoll es geſchehen. Ich werde nicht wieder kommen.“ „Bis ich es Ihnen erlaube,“ fiel ſie ein.„Ja, ich will es ſo, Sie werden gehorchen.“ „Ohne allen Zweifel, Fräulein Suſette.“ „Gut, mein Herr Doctor, ſo iſt die Sache abgemacht.“ „Und ich kann mich Ihnen empfehlen,“ fügte er hinzu. 115 „Das können Sie, denn ich glaube, es iſt die höchſte Zeit. Aber halt, noch einen Augenblick!“— Sie trat dicht vor ihn hin und faßte ihn an einem Knopf. Haben wir nicht in manchen böſen und guten Stunden uns getreulich beigeſtanden?“ fragte ſie.„Haben wir nicht?“ Ihre Augen blickten ihn eigenthümlich an und über— ſtrahlten ihr Geſicht mit einem Glanze, der es wunderbar verſchönte. „Ja, theure Freundin,“ ſagte er. „So alſo nennen Sie mich,“ fuhr ſie fort,„und weil ich daran glaube, daß es Ihr Ernſt iſt, ſollen Sie nicht von der Stelle, bis ich weiß, daß ich mich nicht getäuſcht habe. Haben Sie Vertrauen?“ „Ja, liebe, gute Suſette.“ „Unbedingtes, unwandelbares Vertrauen?“ „Zu wem in der Welt ſollte ich größeres haben?“ „So leben Sie wohl, mein lieber Herr Doctor,“ ſagte Fräulein Suſette mit lauter Stimme,„ich danke Ihnen nochmals verbindlichſt für alle Ihre guten Wünſche.“ Aus allen Himmeln geriſſen von ihren Worten und deren kaltem Klange, erſtarrten die Empfindungen ſeines Glückes in des armen Doctors Geſicht; aber er hatte keine Zeit zu einer Klage und ſelbſt nicht zum Beſinnen, denn in demſelben Augenblicke that ſich die Thür auf, und er ſah einen Herrn erſcheinen, vor welchem ſich Fräulein Suſette ſo tief und lebhaft verneigte, daß ihre 8* 116 Reifröcke und Kleider einen ungeheuren Halbkreis um ſie bildeten. „Ich ſtöre doch nicht, mein theuerſtes Fräulein?“ fragte Richard von Lorberg vor der Thür. „Sehr willkommen, Herr Baron,“ erwiderte Fräulein Suſette hoch erfreut.„Hier iſt unſer Hausarzt, Herr Doctor Hellmuth, der uns ſo eben einen Beſuch machte, bei dem er gefunden hat, daß nichts für ihn zu fürch ten iſt.“ „Oder zu hoffen, wie es beſſer heißen müßte,“ ſagte der Freiherr lächelnd, indem er dem Doctor ſeine Ver beugung machte, die in ſteifer Weiſe ihm erwidert wurde. Wie ein kräftiger edler Baum neben dem ungepflegten, ſtand Richard von Lorberg vor dem Doctor. Er aufs feinſte gekleidet, den Kopf hoch aufgerichtet, die einneh menden Geſichtszüge voll ſelbſtzufriedener Gewißheit; der Hoſpital⸗Doctor dagegen ſchmal und unſcheinbar, blaß und hager, ſo ernſthaft und ſchwerfällig wie ein deutſcher Gelehrter. Richard's Blick ſtreifte lächelnd über ihn hin, dann wandte er ſich mit der heiterſten Ungezwungenheit geſell ſchaftlicher Formen Fräulein Suſetten zu, ohne den Arzt weiter zu beachten, und überreichte ihr einen köſtlichen Strauß der ſchönſten und theuerſten Blumen, welche aus der Papierhülle im bunten Farbenſpiel hervor ſahen.„Ich kam ein wenig früher, mein gnädiges Fräulein,“ ſagte er, 117 „um Ihnen dieſe Blumen zu bringen; mögen ſie für mich um Entſchuldigung bitten.“ „Tauſend ſchönen Dank!“ erwiderte Fräulein Suſette. „Welche herrliche Farben, wie wundervoll, wie geſchmack— voll! Man wird mich darum beneiden. Doctor Hellmuth, ſehen Sie doch, was ich ſchönes bekommen habe.“ Der Doctor ſah hin und ſagte dann:„Sehr ſchöne Farben. Schade, daß Blumen ſo ſchnell verwelken.“ „Dafür wachſen alle Tage neue,“ antwortete Lorberg. „Dieſe erfüllen ihre Beſtimmung vollkommen, wenn ſie Ihnen nur eine Minute lang Freude machen.“ „Sehr große Freude, ſehr viele Freude!“ rief das Fräulein.„Ich werde ſie behalten und aufbewahren, auch wenn ſie verwelkt ſind. Es ſcheint mir überhaupt eine Pedanterie, das Verwelken an den Blumen bedauern zu wollen. Es gibt nichts, das ewig dauert, ſomit muß man dem Augenblick leben.“ „Eine Lehre, welche ich zu beherzigen habe,“ ſagte der Doctor mit ſeiner ſonoren Stimme, indem er ſich empfahl. „Die jeder Menſch zu beherzigen hat!“ rief Fräulein Suſette hinter ihm her,„nicht wahr, Herr Baron?“ „An dem Augenblick hängt das Glück,“ erwiderte Lor berg,„und ich empfinde dies eben jetzt in vollem Maße.“ „Wo Sie bei mir ſind?“ fragte das Fräulein ſchalkhaft. „Ich wagte dies nicht auszuſprechen.“ „Sehr galant!“ lachte ſie mit einem übermüthigen 115 Knix.„Doch ich nehme es an und danke unterthänigſt dafür,“ indem ich die Hoffnung ausſpreche, daß wir noch manchen Augenblick das Glück haben werden, uns gemein⸗ ſam ſeines Glückes zu erfreuen.“ „Dieſe Hoffnung, mein gnädiges Fräulein, ſchließt alle meine Wünſche ein,“ erwiderte Lorberg. „Und warum ſollen ſich dieſe nicht erfüllen?“ fuhr ſie in derſelben ſchalkhaften Weiſe fort.„In dieſem Winter wird es gewiß ſehr luſtig hergehen. Wohin man hört, hört man von Geſellſchaften, Feſten und Bällen.“ „Sie tanzen gern?“ 4„Leidenſchaftlich!“ rief Fräulein Suſette.„Ich bin zwar, was das Talent zum Tanzen anbetrifft, nicht zu reichlich damit bedacht, denn ich bin kein Zephir, auch keine Sylphide; allein ich hoffe Ihnen zu beweiſen, Herr Baron,“ ſetzte ſie mit komiſcher Unbefangenheit hinzu, daß ich, was Muth und Ausdauer anbelangt, Niemandem in der Welt weiche.“ Richard von Lorberg fühlte einen geheimen Schrecken bei dieſer Verſicherung. Die kleine ſtarke Geſtalt, welche er ſich hüpfend in ſeinen Armen dachte, reizte ihn zum Spott, und er hatte einige Mühe, ſeinen verbindlichen Betheurungen den nöthigen Ernſt zu geben.„Ich werde mir dieſe Beweiſe jedenfalls, ſo oft ich es vermag, er— bitten,“ ſagte er,„obwohl ich ſelbſt kein ſo leidenſchaftlicher Tänzer bin.“ 119 „Und warum ſind Sie es nicht? Sie haben doch jeden— falls viel getanzt?“ 7 „Ihre eine Frage bedingt ſich durch die andere,“ ver⸗ ſetzte er„Aufrichtig geſagt, begreife ich nicht recht, wie der Tanz ein Intereſſe haben kann, wenn den Tänzern dies an ſich ſelbſt fehlt.“ „Oh, Ihre Tänzerin ſoll Ihnen intereſſant ſein,“ lachte Fräͤulein Suſette,„das werde ich mir merken. Gut, mein Herr Baron, wir werden ſehen. Ich für meinen Theil liebe den Tanz um des Tanzes willen, ſomit verlange ich vor allen Dingen einen guten Tänzer.“ „Daher haben Sie auch viel getanzt, und ich ſehr wenig, Fräulein Suſette.“ „Fehlgeſchoſſen, Herr Baron. Ich habe bisher wenig getanzt, eigentlich hat Doctor Hellmuth manches dagegen einzuwenden, und überdies läßt meine verehrte Tante mich ſehr ſelten tanzen. Sie gibt wenige größere Geſellſchaften und vertröſtete mich ſtets auf eine ſpätere Zeit, wo— ich alles nachholen könnte, das heißt auf die Zeit, nun— das iſt freilich etwas unbeſtimmt!“ Sie ſchwieg und blickte lächelnd mit einem halb co⸗ quetten, halb verſchämten Niederſchlagen und Aufheben der Augen zu Lorberg hin; da dieſer aber nicht antwortete, fügte ſie hinzu:„Die Damen tanzen jetzt allerdings erſt recht eifrig, wenn ſie geheirathet haben, überhaupt denke ich mir, oder...“ * „Was denken Sie?“ fragte er, als ſie ſchwieg. Sie lachte übermüthig auf.„Nein, das werde ich Ihnen nicht ſagen, wenigſtens jetzt nicht,“ erwideree ſie. „Aber ich denke, wir werden heute noch tanzen, urd Sie werden von mir dazu im Voraus engagirt, Herr Baron.“ „Mit dem größten Vergnügen, gnädiges Friulein.“ „Es werden einige ſehr liebenswürdige Damen hier ſein,“ fuhr ſie fort.„Eine beſonders, für die ich ſchwärme.“ „Dann muß dieſe Dame in der That bezaubernd ſein,“ ſagte Richard. „Das iſt ſie. Ein Muſterbild von Vozzügen, mein Vorbild, wenn ich ſo ſagen darf.“ „Sie machen mich ſehr neugierig, gnädiges Fräulein.“ „Hüten Sie ſich wohl, Herr Baron,“ drohte Fräu⸗ lein Suſette.„Ich werde mir erlauben, Sie ihr vor⸗ zuſtellen.“ Die Commercienräthin unterbrach dieſes Geſpräch; ſie kam, mit einem Leuchter in der Hand, aus den hinteren Gemächern und rief dorthin zurück:„Laß die Lampen klein brennen, Friedrich, es koſtet doch Oel genug, und daß mir keine Lichter fortkomnen und der Wein in acht genommen wird! Iſt der Ludwig noch hier?“ fragte ſie, ſich umwendend, aber der Ton verwandelte ſich ſofort, als ſie ihren Irrthum einſah „Gott, Herr Baron! rief ſie,„Sie ſind hier!“ 7 * „Um mir dieſe herrlichen Blumen zu bringen, liebe Tante,“ antwortete Suſette. Die Commercienräthin nickte ihr triumphirend zu. „Ausgezeichnet, mein Kind,“ ſagte ſie,„aber unſere Gäſte kommen. Treten Sie hier ein, mein lieber Herr Baron.“ Lorberg beeilte ſich, beiden Damen ſeine Arme zu bieten und führte ſie in die erleuchteten Geſellſchaftszimmer. Siebentes Kapitel. Die Gäſte, welche ſich nach und nach einfanden, ge⸗ hörten mit wenigen Ansnahmen demſelben ehrenwerthen Stande an, wie der ſelige Commercienrath. Es waren zum Theil alte Handelsfreunde, die Chefs bedeutender Geſchäfte, Männer mit ernſthaften, trockenen Geſichtern, Damen, gereift an Jahren, mit ſcharfer Beobachtungs⸗ gabe für jeden Silberleuchter, jede Theetaſſe, für die Güte jedes Gerichts und für den Preis jeder Creme, jedes Bra⸗ tens und jedes Kleidungsſtücks. In ihrem Gefolge be⸗ fanden ſich eine Anzahl Nachkommen, vorzugsweiſe junge Mädchen, mehr oder weniger begünſtigt durch ſchlanken Wuchs und artige Geſichter, ſämmtlich aber beſtmöglich ausgeſchmückt mit modiſchen Gewändern von theurem Stoff, goldenen Ketten und Spangen, Spitzen und Bän⸗ dern, wie dies die feine Damentoilette verlangt. Jede füllte einen möglichſt großen Raum, und jede betrachtete die andere mit eindringlicher Zergliederungsluſt und voll 123 geheimer Genugthuung oder mit geheimem Neid. Dieſer jugendlichen Schar geſellten ſich einige jüngere Frauen und jüngere Herren bei, welche ſchon in den heiligen Stand der Ehe getreten, doch die Eitelkeiten des Geſellſchaftslebens nicht über ihr häusliches Glück vergeſſen hatten. Der reiche Schmuck und Glanz ihrer Erſcheinungen ließ auf den Wohlſtand der glücklichen Beſitzer dieſer Schätze ſchlie— ßen, allein es war unter dieſer ganzen Schar keine, die Richard von Lorberg beſonders gefallen hätte. Er wurde mehreren vorgeſtellt, manche der älteren und jüngeren Herren verflochten ihn in Geſpräche, aber nichts war an— ziehend genug, um ihn länger als nöthig zu beſchäftigen. Er hörte von der Börſe, vom Geldmarkt, von Geſchäften, von Politik, von allerhand Neuigkeiten, was ihm vollkom⸗ men gleichgültig war, während er die Theetaſſe in der Hand und den Hut unter dem Arm in dem Kreiſe ſtand. Er hörte aber auch nur mit halben Ohren und lächelte oder nickte, ohne zu wiſſen, warum, denn ſeine Augen machten inzwiſchen andere Beobachtungen, und ſeine Gedanken folg⸗ ten dieſen nach, oder ſie folgten Fräulein Suſetten, die wie ein kleiner Irrwiſch nach allen Seiten hin eilte, ſich mit ihren Freundinnen küßte, mit ihnen und den jungen Herren flüſterte und lachte, ihre Geſchenke zeigte, ihre Robe und ihre Armbänder bewundern und ihre ſonderbare hüpfende Lebendigkeit auffälliger als je erſcheinen ließ. Dieſe Le bendigkeit war für den Freiherrn um ſo weniger angenehm, 124 da ſie ſo formlos auftrat und ſo wenige oder keine Rück— ſichten nahm. In den Kreiſen, wo er bisher ſich heimiſch fühlte, waren Formen und Rückſichten das allgemeine Band; denn ſelbſt die übermüthigſte und freieſte unter allen Frauen durfte dieſe Grenze nicht überſchreiten, ohne ihrem Benehmen den Tadel der Unſchicklichkeit zuzuziehen. Ganz in derſelben Weiſe wurden die ſittenloſeſten und wildeſten Herren zahm und liebenswürdig, ſobald ſie im Geſellſchaftsſaal die gelben Handſchuhe aufſtreiften. Die Form machte ſie höflich und beſcheiden. Die Form ver⸗ langte das ſtrenge Vermeiden jedes lauten Gelächters, jedes dreiſten Wortes, jedes Ausdrucks, der nicht ſalon⸗ mäßig war, jeder nachläſſigen Bewegung. Hier trugen die Herren ebenfalls tadelloſe gelbe Handſchuhe, vortreff⸗ liche glänzende Stiefel und Röcke vom beſten Schnitt; was aber die Damen anbelangt, ſo waren ſie wahrlich reicher und zum Theil geſchmackvoller gekleidet als in den Kreiſen der hohen Bureaukratie und des Adels, allein durch dieſe Hüllen brach dennoch eine ſehr beſtimmte Verſchiedenheit hervor. Richard von Lorberg verſtand nichts von Brillanten, aber er zweifelte nicht daran, daß die Steine, welche er funkeln ſah, nicht aus Böhmen ſtammten. Die Frau Commercienräthin ſchien ein wandelnder braſilianiſcher Diamantberg zu ſein, und einige andere Damen gaben ihr wenig nach; doch alle dieſe Herrlichkeit erblaßte, ſobald die 125 meiſten den Mund aufthaten. Es war ein Geſchnatter und Gelärm, als ſeien ſie auf dem Markt, und die Herren wälzten ſich in den Polſterſtühlen, discutirend und decla mirend, mit Händen und Füßen ſtrampelnd und fechtend, als wäre dies der Börſenſaal und die Börſe im Fallen. Das war die neue Welt der theuren Verwandten und Freunde, und dieſes hüpfende, lachende, den Kopf werfende, affectirte Mädchen war der Rettungsengel, dem er ſeine Anbetung widmen ſollte. Er verſuchte es auch einige Mal, mit möglichſter Liebenswürdigkeit ſie feſt zu halten, allein Fräulein Suſette wurde dadurch nur noch lebendiger und beweglicher. Es ſchien ihrem Stolze zu gefallen, daß der Freiherr ihr ſo ſichtbar den Hof machte, und Richard be merkte ſehr wohl, wie alle Blicke ſich auf ihn und auf das Fräulein hefteten, das an ſeiner hohen Geſtalt hinauf ſehen mußte und ſo laut ſie konnte ihre ſcharfe Stimme er ſchallen ließ. Fräulein Suſette war nicht ohne Verſtand, auch nicht ohne Witz, aber ihr Benehmen verdunkelte dieſe Vorzüge bis zur Lächerlichkeit. Lorberg fühlte ſich gepeinigt von dem Flüſtern und Lächeln, das ſeinen Weg begleitete, als er mit ihr durch den Saal ging, und er raffte ſeinen gan zen Muth zuſammen, als ihm einfiel, Jeder ahne oder wiſſe, was er beabſichtige, und Jeder mache ſeine Bemerkungen darüber und lache ihn aus. Das kleine Ungeheuer von abenteuerlicher Geſtalt ſchob vertraulich ſeinen Arm in den 4* 1126 ſeinigen und ſchien davon nicht das Geringſte zu empfinden, es machte ihm allerlei Mittheilungen über die Anweſenden, forderte ihn zu Urtheilen heraus und flüſterte ihm Spöt— tereien zu, über welche ſie ſelbſt zumeiſt lachte. „Alle dieſe jungen Damen,“ ſagte ſie,„ſind gewaltig ſchwer; das ſehen Sie ihnen nicht an, in den knappen Cor⸗ ſets, nicht wahr? Mein ſeliger Onkel hatte den tiefſten Abſcheu vor allen leichten Leuten, und hier finden Sie eine reſpectable Auswahl ſeiner Freunde, welche gewiß nicht an Gewicht abgenommen haben.“ „Das ſind ſehr ſchätzbare Eigenſchaften,“ erwiderte Lorberg. „Sie verdienen Ihre volle Hochachtung,“ fuhr Fräu⸗ lein Suſette fort,„aber ſie wiſſen auch, was ſie werth ſind.“ „Ich freue mich, eine ſo werthvolle und klangvolle Ge⸗ ſellſchaft bewundern zu dürfen,“ verſetzte Lorberg;„doch wo finde ich den Phönix, von welchem Sie mir ſagten, daß er Ihnen ſelbſt ein unerreichbares Vorbild ſei?“ „Halt,“ fiel Fräulein Suſette ein,„es wird Ihnen nichts verborgen bleiben, zunächſt jedoch ſehen ſie dort die Diſſonanz in dieſem Accord.“ Richard von Lorberg erblickte bei der Frau Commer⸗ cienräthin eine Dame, welche er noch nicht bemerkt hatte. Sie waßvon hoher, ſchlanker Geſtalt, aber ſo einfach ge— kleidet, daß ſie allerdings als eine Diſſonanz in dieſem 127 Kreiſe gelten konnte. Ihr ſchwarzes Gewand war völlig ſchmucklos, ein ſchmaler, weißer Kragen faßte es ein, über dieſen fort fiel eine Fülle dunkler Locken bis in den Nacken nieder. Die Frau Commercienräthin ſprach mit ihr, ohne von ihrem Sophaplatz neben einer anderen gewichtigen Nach⸗ barin ſich zu erheben. Sie deutete auf Fräulein Suſetten hin, worauf die ſchwarze Dame ſich beſcheiden verbeugte und in dem Augenblicke ſich näherte, wo Suſette zu Lor— berg ſagte:„Das iſt nichts als Chriſtine Streit, leicht wie ein Vogel auch mit manchen anderen Fehlern behaftet; hier aber kommt, was Sie ſuchen, Herr Baron, mein Phönix, mein Vorbild, meine liebenswürdige himmliſche Couſine, Doris Reichenbach, welche Sie vor allen Anderen kennen lernen müſſen.“ Durch die Flügelthür des Saales rauſchte die Couſine herein, gefolgt von einem älteren Herrn, und die Frau Commercienräthin erhob ſich mit einem halben Dutzend anderer Damen, und Fräulein Suſette hüpfte ihr mit offe⸗ nen Armen entgegen; die Herren in der Nähe aber ver⸗ beugten ſich ehrfurchtsvoller, als vor irgend Jemand, vor dem kleinen, breitſchultrigen Herrn mit der ſpitzen Naſe, der tolligen Perrücke und dem weißen, ſteifen Halskragen, welcher bis an die Mundwinkel und bis an die Ohren reichte. Es war ein allgemeiner Aufſtand in der Geſell⸗ ſchaft, eine Bewegung, welche Großes ankündigte, ähnlich 128 der Bewegung, wie Lorberg ſich ſagte, wenn eine fürſtliche Perſon in eine Geſellſchaft tritt. Doch dieſer Eindruck machte bei ihm ſchnell anderen Empfindungen Platz. Er begriff ſogleich, warum Suſette ihre Couſine als ihr Muſterbild verehrte, denn in Vollen⸗— dung ſchien ſie das zu ſein, was Suſette zur Caricatur machte: eine Dame nach der neueſten Mode, geſchmückt nach dem neueſten Journal, von Kopf bis zu den Füßen in die allermodernſten und koſtbarſten Stoffe gehüllt. Eine Induſtrie-⸗Ausſtellung, welche die bewundernden Blicke der geſammten Damen durchirrten. Aber dieſe junge Frau war zugleich auch ſchön. Der Diamantzweig an ihrem Haar berührte eine ſtolze Stirn, ihre Augen drückten das volle Bewußtſein ihrer Vorzüge aus, und hätte in den Zügen ihres Geſichts nicht ein Ausdruck von Hochmuth und Härte ſich zu ſtark ausgeprägt, ſo würde Richard von Lorberg ſie noch anziehender gefunden haben. In derſelben Minute jedoch, wo er alle dieſe Bemerkun⸗ gen machte, drückte Jemand hinter ihm ſeine Hand, und mit Verwunderung ſah er den Hauptmann von Seehauſen, ſeinen würdigen Vetter, neben ſich, der ihn ſchalkhaft an⸗ grinſ'te. „Sie hier?“ fragte Richard. „Verſteht ſich, ich hier,“ erwiderte Seehauſen.„Wer ſoll den Salat machen und den Braten ſchneiden und auf den Wein ein wachſames Auge haben? Mein theuerſter ☛ Vetter, auch ich habe meine Verdienſte bei ſolchen Ange legenheiten.“ „Aber wo iſt Ihre Frau?“ fiel Lorberg ein. „Zu Hauſe,“ lachte der Hauptmann.„Was iſt da zu thun? Frauen fehlt einmal die Würde des Diogenes, der in ſeinem Faſſe den Alexander verachtete. Die Tollette, Vetterchen, die Toilette! Was koſtet ſolch Püppchen, wie dieſe hier, um ſie zu zeigen? Ich ſagte es Ihnen ſchon; wo es herkommt, iſt gleichgültig, aber jede iſt ein Putz⸗ laden, und was ſagen Sie zu Suſettchen? Allerliebſt ſieht ſie aus, geſchmackvoll, eine wahre Amourette!“— Seine zuſammengekniffenen Augen funkelten boshaft.„Sonſt ging ſie daher wie die Unſchuld im Flügelkleide, aber die Aufklärung ſchreitet fort, und es wird nicht lange dauern, ſo wird dieſe liebliche Erſcheinung in Kupfer geſtochen, als Vorbild für die elegante⸗Welt.“ Der Hohn des Hauptmanns floß ſüß von ſeinen Lip— pen, während Lorberg ihm heimlich beiſtimmte und doch einen Blick über ihn hingleiten ließ, der ihm zu ſchweigen befahl. Seehauſen's abgetragene Kleider, ſeine Wäſche, ſeine ganze Erſcheinung rechtfertigten das kalte Lächeln ſeines Verwandten, das der Hauptmann ſehr gut verſtand. „Bah!l wir,“ ſagte er, ſeine vergilbte Weſte ſtraff ziehend, „wir ſind immer dieſelben. Der ſchwarze Frack gilt überall, gelbe Handſchuhe auch“— er ſtreckte ſeine Hände aus.„Es koſtet nicht viel, ein Mann nach der Mode zu ſein; unſere Mügge, Verloren und gefunden. 9 43⁰0 leichtſinnigen Verſchwendungen ſind reeller. Aber was denken Sie von dieſen hier, die alle Tage eine neue For⸗ derung an ihre Männer machen? Dazu gehört ein Sack voll Geld, der nie leer werden darf.“ „Wer iſt die Dame dort?“ fragte Lorberg, indem er ſeine Augen auf die junge geſchmückte Frau richtete. „Vor einigen Jahren war es eine arme Anverwandte, 1— der es ziemlich eben ſo ging, wie meinem Engel,“ flüſterte Seehauſen,„jetzt iſt ſie die reiche Frau Reichenbach, die Gemahlin des Herrn Reichenbach da, vor dem ſich Alles neigt und beugt. Es gehört nichts dazu in dieſer Welt, Vetterchen, um angebetet zu werden, als Geld! und allen Hochmuth und alle Verachtung in Liebe und Verehrung zu verwandeln, als Geld!“ „Wer iſt die ſchwarze Dame dort?“ fragte Lorberg. „Die dort? Ich kenne ſie nicht,“ erwiderte Seehauſen, ſcharf hinüberſehend,„aber irgend eine armſelige Cpeatur iſt es gewiß, ſonſt ſtände ſie nicht im Winkel verlaſſen und vergeſſen. Es ſieht ſie Keiner an, und doch iſt ſie ſchön, bei Gott! die Schönſte von Allen. Warum ſteht ſie da, wie ein Warnungszeichen, Vetterchen? Weil ſie keinen hat, der ſie in Atlas wickelt, ihr alle Tage einen neuen Schmuck kauft, Spitzen, die ſie morgen nicht mehr haben will, weil's nicht mehr Mode iſt. Wiſſen Sie, Lorberg, woher das luſtige Leben kommt, worüber die tugendhaften Leute jetzt ſo ſchrecklich lamentiren? Die Weiber, ſchreien die Pinſel, die Weiber ſind ſchuld daran. Die Crinoline regiert das Haus, die Familie, den Staat. Warum laſſen es die tugendhaften Pinſel geſchehen? Sie ſelbſt tragen die Schuld. Aber es gehört mit zur Aufklärung des Jahr⸗ Gunberts, es gehört mit zur Weltgeſchichte, Gott will's ſo haben!“ Der Hauptmann hielt inne, denn Fräulein Suſette kam mit ihrer eleganten Couſine, und hinten nach folgte die Frau Commercienräthin mit dem Herrn Reichenbach. eehauſen wurde für ſeine tiefe Verbeugung mit vollkom⸗ mener Nichtachtung belohnt. Die Frau Commercienräthin rief ihn endlich mit einem Winke zu ſich und gab ihm ver⸗ ſchiedene Befehle, die er mit gehorſamſter Bereitwilligkeit ausführte. Einer dieſer Befehle dean darin, um den großen Tiſch im Nebenzimmer Stühle zu ſtellen und, wenn dies geſchehen, das Album zu doe welches Richard von Lorberg Suſetten geſchenkt hatte. Während deſſen war Lorberg der ſchönen Frau vorge⸗ ſtellt worden, und ſie hatte ihn huldvoll empfangen. Wohl zehn Minuten lang ſprach ſie mit ihm von den üblichen Gegenſtänden der Unterhaltung in herablaſſender Weiſe, welche von ihm im feinſten Geſellſchaftstone erwiedert wurde, bis ſie endlich lächelnd ſagte:„Sie haben meiner lieben Couſine Suſette ein Kunſtwerk zum Geſchenkgemacht, das ſie zu würdigen weiß, denn ſie iſt entzückt davon! Da „ ich auch die Kunſt liebe und ein klein wenig davon verſtehe 132 „Viel, ſehr viel verſtehſt Du davon!“ unterbrach ſie Heerr Reichenbach, die ſpitze Naſe hoch hebend.„Sie hat bei der letzten Ausſtellung auf die Kritik eingewirkt, Herr Baron.“ „Ich habe nur meine Meinung geſagt,“ lächelte die ſchöne Frau. „Auf Ehre!l die Kritiker kamen und holten ſich Rath bei ihr und ſagten, was Du ſagteſt,“ fuhr Herr Reichen⸗ bach fort.. „Bei der Kunſt kommt es hauptſächlich darauf an, daß man äſthetiſches Gefühl beſitzt,“ erwiderte die Dame,„und gute Sachen geſehen hat.“ „Und das haſt Du, das beſitzeſt Du, das kannſt Du!“ fiel Herr Reichenbach ein.„Sie müſſen meine Bilder ſehen, Herr Baron. Ich kaufe nichts, als gute Sachen; das Beſte! das Theuerſte!“ „Mein Angebinde kann keine Anſprüche auf hohen Kunſtwerth machen, gnädige Frau,“ erwiderte Lorberg, er⸗ götzt von dieſem Zwiegeſpräch. „Ich ſpreche ihm ſehr großen Werth zun fiel Fräulein Suſette ein. „So müſſen wir eine Unterſuchung anſtellen,“ erwiderte Frau Reichenbach, Lorberg ihren Arm bietend, worauf ihr die Geſellſchaft in das Nebenzimmer folgte, wo das Album ſie erwartete. Vor dem Tiſche auf welchem das Album bereit lag, 133 ſtand jedoch ſchon die ſchwarze Dame und betrachtete einige der aufgeſchlagenen Blätter, ohne ſich zunächſt darin ſtören zu laſſen. Erſt als die ſchöne Frau neben ihr Platz nahm, legte ſie die Aquarellen nieder und blickte umher, aber ſie regte ſich weder, noch ſchien ſie irgend eine Anwandlung von Demuth zu empfinden. Der meſſende Blick der ſtolzen Dame, der zu fragen ſchien: Wer biſt du denn eigent⸗ lich? und zu ſagen ſchien: Hebe dich fort von mir! brachte gar keine Wirkung hervor. Mit derſelben ruhigen Miene erwiederte ſie dieſes Anſchauen und wandte ihre Augen dann abermals auf die Zeichnungen zurück, welche vor ihr lagen. Die Betrachtungen der Blätter begannen hierauf, und dieſe wanderten an dem Tiſche umher; über alle jedoch fällte die ſchöne Frau zuerſt ihr Urtheil, das im Ganzen nicht allzu günſtig lautete. Die horchende Geſellſchaft fand es jedoch eben ſo wahr, wie treffend, und Herr Reichenbach nickte ſo heftig, daß der ſteife Kragen bis über die Ohren in die Höhe ſtieg. Die ſchöne Frau lobte zwar Einiges, tadelte aber das Meiſte und ſagte zuletzt hochmüthig lächelnd:„Es iſt ganz artig, daß jetzt die Aquarellen Mode werden, und dies iſt ein ſehr freundliches, angenehmes Geſchenk für Suſette; aber hohen künſtleriſchen Genuß gewähren doch nur die Arbeiten berühmter Meiſter, deren Aquarellen allerdings eben ſo ſelten als theuer ſind.“ „Ich habe ein Album an Doris geſchenkt mit Aqua rellen, die zwanzig Friedrichsd'or und dreißig koſten das Stück und noch mehr!“ ſchrie Herr Reichenbach.„Das müſſen Sie ſehen, Herr Baron! Ich kaufe nur das Beſte und das Theuerſte; aber es iſt geiſtreich, was Doris ſagt, ſehr geiſtreich.“ „Wunderbar geiſtreich!“ rief Fräulein Suſette, an ihrer Couſine in die Höhe hüpfend.. „Finden Sie es nicht?“ fragte Herr Reichenbach, ſeine ſpitze Naſe gegen das ſchwarze Fräulein richtend, das gar kein Zeichen der Billigung gab. Auf dieſe Frage hob ſie jedoch ihre Augen zu ihm auf und ſagte mit volltönender, klarer Stimme:„Nein, das finde ich in der That nicht?“ „Sie finden es nicht?“ ſchrie Herr Reichenbach ganz verwundert, indem er in dem Kreiſe umher ſah, als ſei etwas Schreckliches geſchehen, wofür er Zeugen brauche. „Ich finde, daß dieſe Aquarellen meiſt ſehr gut, einige ſogar vortrefflich ausgeführt ſind,“ fuhr das ſchwarze Fräulein fort,„und glaube, daß man häufig für hohen Preis nichts Beſſeres kauft, wenn man den Namen bezahlt.“ „Was man nicht verſteht, muß man nicht beurtheilen!“ rief die ſchöne Dame, indem ſie ihre goldene Lorgnette vor ihre Augen hielt und hochmüthig lächelte. „Das ſollte man allerdings nicht thun,“ antwort 1 1 das ſchwarze Fräulein,„aber es iſt eine Modeſache.“ * Ihr ſchalkhaftes Lächeln war ſo unſchuldig und der Ton ſo beſcheiden, daß man annehmen konnte, ſie wollte ſich ſelbſt damit anklagen. Die ſtolze Frau wandte ihr jedoch den Rücken zu und ſagte zu Lorberg:„Sie müſſen näch⸗ ſtens mein Album ſehen, Herr Baron, und mir Ihr Urtheil darüber ſagen. Es gehört allerdings zur Mode, über Alles mitzuſprechen, aber es mangelt leider zu oft die Einſicht und die nöthige Bildung!“ „Geiſtréich!“ rief Herr Reichenbach, indem er umher⸗ ſah und umher nickte.„Bei Gott, es iſt ſchwer, die nöthige Bildung zu bekommen! Meine Galerie koſtet fünfzigtauſend Thaler. Ich kaufe nur das Beſte! nur das T Theuerſte!“ Seine Gattin führte Fräulein Suſetten fort, und hin⸗ ter ihnen reihten ſich als Schweif abermals die Damen und Herren der Geſellſchaft. Es fielen ſpottſüchtige Blicke auf das ſchwarze Fräulein, das völlig aufgegeben an dem Tiſche ſtehen blieb und ſich weiter mit den Bildern des Albums beſchäftigte. Nachdem ſie von der geiſtreichen Frau verworfen war, wagte es Keiner, ſich ihr freundlich zu nähern, nur Richard von Lorberg ſtand an der Thür des Saales ſtill, wo er mit Anderen anhörte, was zwiſchen Fräulein Suſette und ihrem glänzenden Vorbilde verhan⸗ delt wurde.“ „Wer iſt denn dieſes ſchwunhe Geſpenſt?“ fragte die geiſtreiche Couſine. „Chriſtine Streit heißt ſie.“ 136 „Zum Streiten fehlt ihr der Fonds. Aber wie kommſt Du zu ihr?“ „Ich habe ſie im vorigen Jahre kennen gelernt,“ erwi— derte Fräulein Suſette. „Ich habe ſie aber niemals bei Dir geſehen.“ „Sie hat mich auch kaum je beſucht. Wir trafen uns zuweilen bei einer armen kranken Frau, ihrer ehemaligen Wärterin, welche wir beide unterſtützen, denn dieſe Frau war einſt auch im Hauſe meiner Eltern.“ „Ein ſamaritiſches Bündniß ſchöner Seelen alſo.“ „Die ſchönen Seelen haben ſich getrennt und wieder— gefunden, theuerſte Doris,“ lachte Fräulein Suſette „Chriſtine war lange Zeit verreiſ't und iſt erſt kürzlich zurückgekehrt.“ „Auf Reiſen gegangen? Wer iſt ſie denn?“ „Sie ertheilt Unterricht.“ „Eine Lehrerin?“ Fräulein Suſette nickte, und die ſchöne Frau wandte den Kopf verächtlich gegen das ſchwarze Fräulein. ertheilt ſie Unterricht?“* „Dir „Stunden in der Converſation.“. „Du wirſt bedeutende Fortſchritte machen! Wahr⸗ ſcheinlich haſt Du ſie heut eingeladen, uns ſämmtlich eini⸗ gen Unterricht zu ertheilen.“ 1 „Wie man ſich benehmen muß!“ rief Suſette an ihrer Couſine in die Höhe hüpfend, indem ſie ausgelaſſen lachte. „Wo ſoll ſie den feinen Ton her haben?“ „Dergleichen Leute müſſen wenigſtens nicht vorlaut ſein, wenn man ſie in Geſellſchaft bringt.“ Sie blickte Richard von Lorberg an, der eine beiſtim mende Bewegung machte. „Ich bitte um Mitleid für ſie,“ bat Fräulein Suſette. „Ohne beſonderen Grund hätte ich ſie nicht kommen laſſen.“ „Nun, was iſt es für ein Grund?“ „Ich will tanzen mit dem Herrn Baron,“ ſagte Fräuf lein Suſette, indem ſie die Augen niederſenkte und einen ſo tiefen Knix machte, daß ſie zwergartig ausſah.„Chriſtine ſoll uns dazu aufſpielen.“ Der Anblick war ſo lächerlich, daß die ſchöne Frau laut auflachte und Richard von Lorberg in einer Weiſe anſah, die vollkommen ausdrückte, was ſie empfand. Ein Gemiſch von Hohn und boshaftem Uebermuth zuckte um ihre Lippen, als ſie Suſetten umarmte und lebhaft erwi derte:„Das iſt ein köſtlicher Einfall! Du biſt allerliebſt, Suſette. Ich beneide das Glück des Herrn Barons. Aber um aufzuſpielen, iſt die Mamſell gewiß vortrefflich, und des edlen Zweckes wegen wollen wir ihr verzeihen.“ Die Bedienten reichten Erfriſchungen umher, und Herr Reichenbach drückte Lorberg in eine Ecke und hielt ihn feſt, indem er ihn von ſeinem Hauſe und von ſeinem Salon er zählte, den er eben für ſeine Bilder einrichten laſſe. Dann 138 ſprach er von mehreren jüngſt erworbenen Gemälden und verfehlte nicht, hinzuzufügen, was jedes koſtete und daß er nur das Theuerſte und Beſte kaufe.„Sie müſſen kom— men!“ rief er zuletzt,„Sie müſſen es ſehen! Es kommen viele Fremde zu mir, überhaupt ſind die Kreiſe in meinem Hauſe gewählt. Ich liebe die berühmten Leute, jeder be⸗ rühmte Mann muß bei mir eſſen; ich muß ſagen können, daß ich ihn bei mir zu Tiſche gehabt habe. Es wird mir eine Ehre ſein, Herr Baron, Sie nächſtens auch bei mir zu ſehen, und ich hoffe,“ fuhr er fort und ſtreckte die e Naſe vor, indem er geringſchätzig lächelnd umherſah,„S werden Sich gut bei mir gefallen, beſſer als irgend wo anders.“ Lorberg konnte nichts thun, als in ſtummer Weiſe ſei nen Dank ausdrücken; aber er war froh, als Seehauſen ihn erlöſ'te, der auf Befehl der Frau Commercienräthin ein paar Spieltiſche eingerichtet hatte und nun die Herren einlud, ein Spielchen zu machen. llen Sie auch mitſpielen?“ fragte Herr Reichenbach. Der Hauptmann war voll geſchmeidigſter Unterthänig⸗ keit.„Wie würde ich wagen können, mit ſolchem Meiſter zu ſpielen und obenein...“ Er rieb ſich lachend die Hände. 1 „Warum nicht?“ fuhr Herr Reichenbach fort.„Einem Manne wie Sie kann's auf fünfzig Thaler nicht an⸗ kommen.“ 139 Mit dieſem groben Spott entfernte er ſich, und See hauſen rief ihm vergnügt nach:„Was Sie geiſtreich ſind, was ſie liebenswürdig ſind!— Es iſt ſchade, Vetterchen, daß ich nicht darauf vorbereitet bin, hohes Spiel zu ſpielen mit dieſem charmanten Kunſtkenner.“ Richard drückte ihm ſeine Geldtaſche in die Hand, und Seehauſen ſteckte ſie gelaſſen ein, nur mit einem funkelnden Blicke aus den zuſammengekniffenen Augen dankend. Jetzt war Lorberg von ihm befreit, und noch immer ſtand das ſchwarze Fräulein an dem Tiſche und blätterte dort in einem Buche. Als er ſich ihr näherte, machte ſie es wie vorher; ſie ſchien es nicht zu beachten, und einige Minuten vergingen, während er ihr gegenüber ſtand und auf die verſchiedenen Bücher und Blätter ſah, über welche hinaus er ſeine Augen weiter ſchickte. Das Geſicht der armen Lehrerin hatte einen eigen⸗ thümlichen Reiz für ihn, er mußte immer wieder hinein ſchauen. Es war ihm, als habe er ſie irgendwo ſchon ge⸗ ſehen, und doch konnte es nicht ſein, denn er hätte es ſicher nicht vergeſſen. Die ſchlanke, hohe Geſtalt, die friſchen jugendlichen Züge, der Kopf von dem glänzend fallenden Haar eingefaßt, das in welligen Scheiteln ſich anſchmiegte und reich und lockig den Nacken umwogte, machten einen ungemein vortheilhaften Eindruck. Es lag etwas Strenges und Kaltes in ihrem Geſicht, aber indem ſie jetzt ihre Augen auf ihn heftete, war es, als liefe ein ſonniger Glanz 140 darüber hin. Dieſe Freundlichkeit bewog ihn zu einer Anrede. „Sie haben Sich ganz der Kunſt und Literatur ergeben,“ ſagte er. „Ich weiß mit Büchern umzugehen,“ antwortete ſie, und das Buch auf den Tiſch legend, fügte ſie hinzu:„Das iſt freilich leichter, als mit Menſchen.“ Hatten ihre Worte eine Bedeutung, oder waren ſie abſichtslos geſprochen? Richard von Lorberg wandte ſie an, indem er erwiderte:„Sie haben meine anſpruchloſen Aquarellen ſo gütig beſchützt, daß ich Ihnen zu beſonderem Danke verpflichtet bin.“ „O,“ verſetzte ſie, den Mund zu einem ſchönen, ſtolzen Lächeln öffnend,„mein Urtheil fand wenig Anklang; bei alledem jedoch bleibt es meine Ueberzeugung, und unter allen Umſtänden halte ich mich an dem Ausſpruch eines berühmten Mannes: Man muß den Muth einer Meinung haben.“ „Aber muß man auch ſtandhaft bei ſeiner Meinung be⸗ harren, wenn die Umſtände dagegen und der Widerſacher 5 zu viele ſind?“ fragte er. „So lange man ſeine Meinung als wahr erachtet, wird man ſie auch vertheidigen müſſen,“ antwortete ſie. Dieſe wenigen gewechſelten Worte bildeten die Einlei⸗ tung zu einer Unterhaltung zwiſchen Richard von Lorberg und dem ſchwarzen Fräulein, die mit jedem Augenblick an 8 141 Intereſſe für ihn wuchs. Sie ſprach ihre Meinungen über alles, was er anregte, mit der natürlichſten Offenheit und dabei mit der Beſtimmtheit aus, welche die Wahrheit des Empfindens zur Grundlage hat. Eine gewiſſe Ver traulichkeit ſtellte ſich dadurch leicht zwiſchen Beiden ein, und Richard fand, daß ſeine Verſuche zum Widerſpruch und zu neckenden Behauptungen wohl aufgenommen und mit guter Laune erwiedert wurden. „Sie haben Sich ſo lange mit dieſem kleinen Buche beſchäftigt,“ ſagte er endlich,„daß man es beneiden muß. Darf ich fragen, was es enthält?“ „Es ſind Gedichte,“ ſagte ſie,„von irgend einem namen⸗ loſen Poeten, der nicht einmal die Eitelkeit beſitzt, ſich zu nennen.“ „Vielleicht ſtammen ſie von der Kunſt und Poeſie lie⸗ benden Couſine,“ fiel er ein. „Sie dürfen nicht ſpotten,“ erwiderte ſie.„Dieſe Ge⸗ dichte ſind voll zarter und ſchöner Gedanken. Fräulein Suſette muß ſie von Jemand erhalten haben, der dieſe Art Lyrik liebt.“ „Sollten Sie den freundlichen Geber nicht näher kennen?“ „Sie meinen, ich könnte es ſelbſt ſein,“ lachte ſie, den Kopf ſchüttelnd.„Ich liebe dieſe ſanften Gefühls⸗Ergüſſe nicht ſo ſehr.“ „Keine Mondſchein⸗Poeſie, keine Nachtigallen, keine Blüthenträume?“ fragte Richard lachend. „Man darf überhaupt nicht träumen, und da dies in Wirklichkeit und Wahrheit verboten iſt, ſo muß auch die Poeſie ſich davon frei h halten.“ Aber die Poeſie iſt ſelbſt ein ſüßes Träumen.“ „ Herr Baron, ſie iſt die höchſte Wahrheit.“ „O, Sie wiſſen alſo meinen Namen!“ „‚Durch Fräulein Suſette, die mir ſchon vor einigen Tagen vertraute, daß ich ſie hier ſehen würde.“ „Ich bin dem Fräulein ſehr dankbar dafür,“ ſagte er, erfreut über dieſe Mittheilung, aber—er ahmte das Beiſpiel des offenherzigen ſchwarzen Fräuleins nicht nach, ſondern ſetzte hinzu:„Leider bin ich noch nicht glücklich geweſen, um in der Lage zu ſein, zu wiſſen... „Wer ich bin?“ fiel ſie ein, als er inne hielt.„Man ſagt gewöhnlich, der Name ii gleichgültig, doch iſt das ein Sprüchwort ohne Sinn. Das Namenloſe iſt das Un⸗ beſtimmte. Ich heiße Chriſtine Streit, Herr Baron.“ Dann iſt wenigſtens ſo viel gewiß,“ verſetzte Richard, „ Namen häufig ganz unpaſſend für den ſind, der ſie als Erbſchaft übernehmen muß. Sie müßten Frieden heißen, Fräulein Chriſtine.“ „Frieden kommt nach Streit,“ erwiderte ſie mit einem der ſchnellen Blitze ihrer dunkeln Augen.„So ſei denn 44 1 1 ne gen auch Frieden mit uns. Dort kommt Suſette und verlangt nach uns Beiden.“ So war es in der That. Fräulein Suſette hüpfte her⸗ bei und ſchien nicht ganz ohne Empfindlichkeit zu ſein.„Es thut mir leid,“ ſagte ſie,„dieſes intereſſante Beiſammen⸗ ſein zu ſtören, aber Alles iſt bereit, beſte Chriſtine, und ich ſelbſt bin voller Verlangen, dem Herrn Baron mein ge⸗ gebenes Wort zu erfüllen.“ „Ich werde alles gern thun, was ich vermag,“ erwi⸗ derte Chriſtine,„wenn ich weiß, daß ich Deinen Wünſchen damit diene.“ „Deine Wünſche ſind meine Wünſche,“ rief Fräulein Suſette, indem ſie ihre gefällige Freundin umarmte.„Ge⸗ ſchwind, Herr von Lorberg, wir haben keine Zeit zu ver⸗ lieren.“ Sie reichte ihm ihren Arm, und Chriſtine folgte ihnen in den Saal, wo ſie ſich an das Inſtrument ſetzte und einen Tanz zu ſpielen begann, der bald alle tanzluſtigen Füße in Bewegung ſetzte. Lorberg drehte ſich mit Fräulein Su⸗ ſetten, aber welche ſchreckliche Vorſtellungen er ſich auch vorher von dieſem Glücke gemacht hatte, ſie wurden von der Wahrheit übertroffen. Er hatte die größte Mühe, dieſe Tänzerin von der Stelle zu bringen, die größte Vor⸗ ſicht war nöthig, um nicht mit ihr zu ſtolpern oder zu fallen. Es war, als läge das Unglück bleiſchwer in ſeinen Armen, und er merkte es an den ſchadenfrohen Geſichtern umher, 144 auf weſſen Koſten man ſich ergötzte. Fräulein Suſette allein ſchien nichts davon zu merken; ſie ſchien ſtolz auf ihre Kunſt und im Vollgenuß ihrer glücklichen Erfolge. Vergebens ſuchte Lorberg ſich einige Male ſeinem Schickſale zu entziehen, er wurde verfolgt und wieder eingefangen. Auch die ſchöne Frau Reichenbach verſpottete ihn, indem ſie ihn mit Glückwünſchen überhäufte, von Fräulein Su⸗ ſetten ſo ausſchließlich ausgezeichnet zu werden. Ueberall fand er, daß man ſich auf ſeine Koſten beluſtigte, er glaubte es wenigſtens den Geſichtern abzumerken oder aus abgeriſſenen Aeußerungen zu errathen. Den einzigen Troſt gewährte ihm das ſchwarze Fräulein am Clavier. Wie unbarmherzig die hochmüthige Frau Reichenbach auch über ihr ſchlechtes Spiel, über den alten Klapper⸗ kaſten von Inſtrument und über den Geiz der Frau Com⸗ mercienräthin ſpottete, er fand dieſes Spiel vortrefflich, elegant und voller Charakter, und da er ſich nicht ent⸗ halten konnte, dies zu behaupten, zog er ſich geringſchätzige Blicke zu. Ohne ſich daran zu kehren, wagte er es ſogar, einige Mal ſich Chriſtinen zu nähern, einige Worte mit ihr zu wechſeln und ihr eine Theilnahme zu bezeigen, wie es kein Anderer in der Geſellſchaft für nöthig fand. Da⸗ für, ſo kam es ihm vor, traf ihn zuweilen ein Blick aus den dunklen Augen des ſchwarzen Fräuleins, der von einem dankbaren Lächeln begleitet wurde. Zwei Stunden währte der Tanz, dann folgte das 145 Souper der Frau Commercienräthin. Richard von Lor⸗ berg erhielt ſeinen Platz neben ihr und Fräulein Suſetten. Vergebens aber ſah er ſich nach Chriſtine Streit um. Sie war fort. Der Mohr hatte ſeine Schuldigkeit ge— than! Wahrſcheinlich hatte man ſie nach Hauſe geſchickt; er wagte es nicht, danach zu fragen. Mügge, Verloren und gefunden. Achtes Kapitel. Der Hoſpital-Arzt Hellmuth hatte ſchon mehrere Stunden gearbeitet, als es Tag wurde und er von ſeinem Schreibtiſche aufſtand, der mit Papieren und Büchern be⸗ deckt war. Er ſtand aber nur auf, um an einen Seiten⸗ tiſch zu treten, wo eine Waſſerflaſche und eine Kaffee⸗ Maſchine, dieſe unvermeidlichen Beſtandtheile jeder Jung— geſellen⸗Wirthſchaft, bei einander ſtanden und leiſe mah⸗ nend klangen, wie die Memnonsſäule beim erſten Sonnen⸗ ſtrahle. Der Doctor verſtand dieſes melodiſche Zeichen, das ihn mahnte, ſeine geiſtige Anſtrengung zu beendigen und an die Erhaltung ſeines mageren Körpers zu denken. Er ſchüttete den Kaffee in die Maſchine, goß das Waſſer hinein und zündete die Spirituslampe an. Als die blaue Flamme aufſchlug, nickte er ihr zu, wie einem gern ge⸗ ſehenen Bekannten; dann ging er in der Stube umher, 147 ſen und Käſtchen gefüllt war, und nachdem er ſie muſternd angeſchaut, wie ein Corporal ſeine Recruten, zog er einige roch an ver⸗ 7 Phiolen heraus, betrachtete ihren Inhalt ſchiedene andere und ſtellte endlich alle wieder an ihre Plätze. Als auch dieſe Revue glücklich beendigt, band der Doctor mit einem befriedigten Lächeln ſeinen grauen Mor⸗ genrock feſter zuſammen, langte darauf von einem Geſtell in einer Ecke des Zimmers eine Pfeife mit einem gewaltig langen Rohre, und als er unterſucht hatte, ob ſie gehörig geſtopft ſei, brannte er ſie mit einem kaum weniger langen Papierſtreifen an der Spirituslampe an. Bei allen dieſen verſchiedenartigen Operationen ſprach der Hoſpital⸗Arzt kein Wort. Geräuſchlos ging er auf und nieder in großen weichen Filzſchuhen, in dem langen, grauen Morgenrock und umnebelt von den Dampfwolken ſeiner Pfeife; das Bild eines Gelehrten, dem aller äußer⸗ liche Putz gleichgiltig iſt und der nichts ſo ſehr liebt, als ſeine Bequemlichkeit und ſeine Gewohnheiten. Sein Zim⸗ mer war auch ganz zu ſolcher Gelehrtenwirthſchaft ge— macht. Mit verräucherten Tapeten, beſcheidenem Haus⸗ rath, Büchern und Papieren, Flaſchen und Büchſen wohl verſehen, erhielt es den richtigen gelehrten Anſtrich, aber es fehlte ihm doch ein Attribut, das ſich gewöhnlich damit verbindet, es fehlte die übliche Unordnung und Unſauber⸗ keit darin. Die Stühle ſtanden gerade, und es lag nichts darauf umher, der Fußboden war rein, ohne Tintenflecke 7 7 1 7 10* 148 oder Papierſchnitzel, die Bücher in dem großen Schranke ſchilderten in langen Reihen, der Doctor hatte ſomit ohne Zweifel Sinn für Ordnung und Reinlichkeit; ſogar auch die beſchriebenen Bogen auf dem Tiſche waren ſorgfältig zuſammen gelegt, die Federn ausgewiſcht und das Tinten⸗ faß geſchloſſen. Nicht einmal den Papierſtreifen hatte der Doctor, nachdem er ſeine Pfeife angebrannt, von ſich ge⸗ worfen, ſondern den Reſt in einen Aſchbecher geſteckt, der zierlich mit Perlen umſtrickt war, bunte Arabesken bildend, auf welche er einen langen Blick heftete. Eben als der Kaffee zu kochen anfing, wurde der Doc⸗ tor in ſeinem friedlichen Stillleben durch ein Klopfen an der Thür geſtört, und unmittelbar darauf trat der Haupt⸗ mann Seehauſen herein. „Guten Morgen, Doctor!“ ſagte er.„Komme ich zur rechten Zeit? wie?“ „Sehr zur rechten Zeit,“ erwiderte der Arzt,„wenn Sie eine Taſſe Kaffee mit mir trinken wollen.“ Der Hauptmann warf einen mißtrauiſchen Blick auf die Kaffee⸗Maſchine, lehnte die Hö iileit ab und ſetzte ſich nieder. Dabei betrachtete er die Bücher und beſchrie⸗ benen Bogen auf dem Tiſche, ſchüttelte den Kopf, lachte auf und ſah den Doctor an. „Es iſt ſonderbar,“ ſagte er,„ein Mann wie Sie, Doctor, ſitzt im Winkel und kocht ſich Kaffee in einer alten Blechkanne, während hundert Dummköpfe ihren un 149 Mokka aus dem feinſten Porcellan trinken, wo nicht gar aus Silber.“ „Und er ſchmeckt ihnen dennoch vielleicht nicht halb ſo gut wie mir,“ lachte Hellmuth, indem er ſich den ſchwarzen Trank einſchenkte. „Das iſt möglich,“ verſetzte Seehauſen,„obgleich man ſich an den Blechgeſchmack gewöhnen muß. Aber was hilft's alles, Doctor, was hilft aller Ruhm, was hilft aller Stolz, wenn das Geld fehlt! Der elendeſte Kerl wirft uns mit unſerer ſpartaniſchen Kaffee⸗Maſchine von Blech über den Haufen, wenn er ſeinen Gäſten goldene Taſſen vorſetzen kann.“ Der Doctor that einen langen Zug aus der Pfeife, trank ſeinen bitteren ſchwarzen Kaffe dazu und ſagte darauf in ſeiner ruhigen Weiſe:„So ſchlimm iſt es noch lange nicht. Es wird jetzt mancher reich, gleichſam über Nacht, durch Börſenſpiel oder glückliche Spernlationen, aber was kann den ein ſolcher Banquier oder glücklicher Speculant mit dem klingenden Zeuge, womit er ſeine Taſchen füllt Großes anfangen?“ „Was er anfangen kann?“ rief Seehauſen.„Wenn man Geld hat, kann man alles anfangen, Doctor. Alles, was die Erde hervorbringt, gehört uns, können wir kaufen.“ „ 7. „Richtig,“ antwortete der Doctor,„aber iſt denn das 7 n ein ſo großer Vorzug? Wachſen dieſe verſchwendungs⸗ ſüchtigen, auf ihr Geld pochenden Männer dadurch in der Achtung ihrer Mitmenſchen? Wird ihr Uebermuth nicht meiſt lächerlich, und wendet nicht der beſſere Theil der Geſellſchaft ſich von ihnen ab?“ „Sie ſind ein Philoſoph, Doctor, darum verachten Sie das Geld.“ „Oh, ich verachte das Geld nicht,“ erwiderte deinuth „denn ich weiß recht gut, welche Macht es beſitzt und was damit bewirkt werden kann; aber das Geld nuen in den Händen dieſer Leute, die nichts weiter kennen als das Metall, auf nichts weiter ſinnen, als auf Genuß, und nichts weiter achten, als die Geldmacherei, iſt mir aller⸗ dings verächtlich.“ „Nun,“ ſagte der Hauptmann, dem es Vergnügen zu gewähren ſchien, den armen Hoſpital⸗Arzt ſo ſprechen zu hören,„was achten Sie denn, Sie Weltweiſer, bei der ⸗Maſchine? Was ſchreiben Sie da? blechernen Kaffee Wenn Sie Geld hätten, würden Sie ſich nicht damit ab⸗ quälen.“ „Sehr wahrſcheinlich,“ verſetzte der Doctor,„würde ich ſo leben, wie ich jetzt lebe; ſchreiben, was ich ſo eben ſchreibe, würde ich auf jeden Fall.“ „Alle Wetter! das muß was ganz Beſonders ſein. Etwa die Kunſt, Gold zu machen?“ „Es iſt eine Abhandlung über die mediciniſche An⸗ wendung der Gifte und deren heilkräftige Wirkungen auf den menſchlichen Organismus.“ „Pfui Teufel!“ rief Seehauſen.„Giftmiſcherei! Wie können Sie ſich damit einlaſſen?“ „Ich habe intereſſante Studien dazu gemacht,“ er⸗ widerte der Doctor,„Entdeckungen, welche Aufſehen erregen 7„ werden. Die Akademie hat zu Preisſchriften aufgefordert, ich habe auch eine eingereicht.“ „Und wenn Sie den Preis gewinnen, was bekommen Sie dafür?“ „Vierzig Ducaten.“ „Das macht mit dem Agio höchſtens hundert und drei⸗ ßig Thaler. Wie lange haben Sie an Ihrer Abhandlung gearbeitet?“ „Oh, eigentlich arbeite ich daran ſeit Jahren,“ er⸗ widerte der Doctor ſtolz lachend.„Manche Nacht habe ich durchgrübelt, jede freie Minute mich mit Verſuchen und Unterſuchungen beſchäftigt, und während der letzten ſechs Monate habe ich meine Anſtrengungen verdoppelt.“ „Gott im Himmel!“ ſagte Seehauſen, ſeine Hände faltend,„was iſt deine Welt für eine ſonderbare Welt! Dieſer würdige und weiſe Mann hier quält ſich ſeit Jahren Tag und Nacht ab, um einhundert und dreißig Thaler Courant möglicher Weiſe zu erwiſchen; ich habe vor weni⸗ gen Abenden im Zeitraume von höchſtens einer Stunde beinahe eben ſo viel dem edlen kunſtſinnigen Reichenbach 152 im ſündhaften Kartenſpiel abgenommen; er dagegen be⸗ handelte meinen elenden und mühſeligen Gewinn mit Ver⸗ achtung und erzählte mir zum Hohn und anderen Leuten zum Neid und Aergerniß, wie er das Fünfzig⸗ und Hundert⸗ fache oft ſchon in einem Augenblick, durch einen Federſtrich oder mit einem Wort in die Taſche geſteckt habe.“ „Und der einfältige Menſch weiß doch weiter nichts da⸗ mit zu thun, als ſich mit allen Lumpen ſeiner Eitelkeit zu behängen,“ fiel der Doctor ein.„Fallen dieſe morgen von ihm ab, was bleibt übrig? Wird er eingeſcharrt, wer fragt noch nach ihm? Der ganze nichtsnutzige Plunder nimmt ſo ſein Ende.“ Das heiſere Gelächter des Hauptmanns drückte deſſen Vergnügen aus.„Es wäre köſtlich, ſagte er, wenn die noble Geſellſchaft bei unſerer geliebten Tante und dieſe ſelbſt Sie hören könnten, Doctor. Und was Sie für ein finſteres Geſicht jetzt machen! Ich glaube, Sie wären im Stande, ſich ein paar Schlachtopfer für Ihre Vergiftungen auszuwählen.“ „Wenn das helfen könnte, um die Welt zu beſſern,“ erwiderte der Hoſpital⸗Arzt,„ſo würde ich mich nicht lange beſinnen, und wahrlich,“ ſetzte er hinzu, indem ſeine Augen ſich langſam auf das Wandſpind hefteten,„mit wenigen Tropfen aus einer meiner Phiolen ſollte all ihr Gelddurſt auf ewig geſtillt ſein.“ „Aber was war das für eine Geſellſchaft, von der Sie ſprachen?“ fuhr er fort, als Seehauſen nicht ſogleich ant⸗ wortete.„Meinen Sie am Mittwoch, wo— ein Feſt ge⸗ feiert wurde.“ „Suſettens Geburtstag,“ ſagte Seehauſen. „Sie waren natürlich dazu eingeladen, Herr Haupt mann.“ „Sie nicht, Doctor?“ „Das iſt eben ſo natürlich,“ erwiderte Hellmuth, in⸗ dem er den lauernden Blick des Hauptmanns abprallen ließ. „Wie ſo?“ fragte Seehauſen.„Warum ſetzt man Sie zurück?“ Ein leichtes Roth ſtieg in das bleiche Geſicht des Hoſpital⸗Arztes, er fing aber an zu lachen.„Ich fühle mich durchaus nicht zurückgeſetzt,“ erwiderte er.„Es iſt durchaus richtig, daß ich in ſolche Geſellſchaften nicht paſſe.“ „Der Hauptmann beugte ſich vor und faßte des Doc⸗ tors Arm.„Still!“ ſagte er, die kleinen Augen zuſammen kneifend,„wir ſind Leidensgefährten, Doctor. Wenn das alte, geizige Weib wollte, wie ſie ſollte, wären wir Beiden nicht auf einem anderen Platze, He?! Kein Wort, Doctor! was Sie auch ſagen mögen, es iſt dennoch wahr. Hat ſie nicht genug vom Mammon, und hat der Teufel ſelbſt ihr nicht noch eben jetzt einen großen Gewinn an den Hals geworfen? Was haben wir davon? Oho, wir?! Je mehr Geld, je mehr Gier danach! Lumpig ging's her bei dieſem 154 Feſte. Sie hätten hören ſollen, was geſpottet wurde, und doch ſollte es eine Art Zauberfeſt ſein zu Ehren des groß⸗ artigen Ereigniſſes. Sie wiſſen doch?“ Der Doctor ſah ihn an, als ſeien ſeine Gedanken auf Reiſen gegangen. Er hatte wirklich auch nur die letzten Worte gehört. Er nickte mit einem leiſen Lächeln und ſtützte den Kopf in die Hand. „Nu, es iſt allerdings ein erfreuliches Ereigniß, und es iſt wunderbar, wie das verknöcherte Herz des alten Weibes dabei warm wird.“ „Das iſt die Macht der Liebe,“ ſagte Hellmuth. „Was, Liebe!“ fiel Seehauſen ein,„Eitelkeit iſt es, Doctor. Verdammt will ich ſein, wenn es nicht alles aus Eitelkeit geſchieht!“ „Aber Suſette, Fräulein Suſette verdient ihr Glück.“ „Warten wir es ab, ob es ein Glück iſt,“ verſetzte Seehauſen.„Manches ſieht ſo aus, allein ehe man's denkt, wird ein Unglück daraus.“ „Das möge Gott verhüten! Fräulein Suſette befand ſich doch wohl bei dem Feſte?“ „Wie ein Eichkätzchen! wie ein Murmelthierchen!“— Der Hauptmann lachte heiſer auf, ſeine kleinen liſtigen Augen waren kaum mehr zu ſehen.„Nu,“ ſagte er dann im entſchuldigenden und beifälligen Tone,„ſie übt ſich bei Zeiten in den nöthigen Formen, denn im nächſten Winter wird ſie auf ihren Bällen die erſte Tänzerin ſein.“ Der Doctor ſtand unruhig auf.„Hat ſie denn ge— tanzt?“ fragte er. „Wie eine Bacchantin! wie eine Sylphide! Es war koſtbar, es war unvergleichlich.“ „Wie iſt das möglich?“ fragte Hellmuth.„Sie liebt den Tanz nicht, ſie verſteht auch gewiß wenig von dieſer wohlfeilen Kunſt, und endlich ſoll ſie nicht tanzen, ich habe ihr das wiederholt als Arzt zur Pflicht gemacht.“ „Danach fragen die Mädchen nicht, Doctor, wenn ſie mit dem Geliebten herumhüpfen können.“ „Mit dem Geliebten?“ wiederholte Hellmuth. „Geliebt oder nicht geliebt, die Sache iſt in Richtigkeit. Aber warum ſoll unſer tanzluſtiges Suſettchen nicht einen jungen Baron lieben, dem zwei tadelloſe Beine gewachſen ſind?“ Mit einem Male begriff der Hoſpital⸗Doctor alles. Es war, als liefe ein Zittern über ſein Lippen. Er ſah vor ſich hin, als rolle ein Vorhang vor ihm auf.„Lorberg heißt er, nicht wahr?“ fragte er. Der Hauptmann nickte.„Kennen Sie ihn?“ „Nein, aber— glauben Sie, daß Fräulein Suſette damit einverſtanden iſt?“ „Warum denn nicht, Doctor? Ein Baron, dabei jung und hübſch. Damit ſind alle Mädchen einverſtanden.“ „Und er?“ „Was meinen Sie? Meinen Sie etwa, daß es wie 136 gewöhnlich hergeht? daß der Herr Baron das liebe Su⸗ ſettchen für eine Geldkatze anſieht, die er ſich um jeden Preis anſchnallen will?“ „So niedrig denke ich nicht von ihm, obwohl ich ihn niemals ſah,“ erwiderte der Doctor ſich aufrichtend. „Wenn es wahr iſt, was Sie ſagen, wenn Fräulein Su— ſette ihm ihre Neigung zuwendet, ſo muß es ein ehren⸗ werther Mann ſein, ſonſt wäre es unmöglich.“ Seine Begeiſterung war dem Hauptmann äußerſt ſpaßhaft, es war ihm kaum möglich, ſein Hohngelächter zurückzuhalten.„Sie ſind ein edler Charakter, Doctor,“ ſagte er mit ſo vielem Ernſt, als er aufbringen konnte, „aber Sie haben Recht. Lorberg iſt ein ſehr würdiger jun⸗ ger Edelmann und obenein ein Vetter von mir. Sie wer⸗ den ihn kennen lernen und charmant finden.“ „Dann werde ich ihm mit Freuden Glück wünſchen,“ antwortete der Doctor. „Bravo!“ rief Seehauſen, aber er hielt inne, legte den Finger an ſeine Naſe und runzelte ſeine Stirn.„Wenn man ſich aber dennoch täuſchte, Doctor?— Es iſt eine ſündenvolle Welt— täuſchen kann man ſich leider in allen Menſchen— wenn mein geliebter Vetter doch etwa ein Wolf im Schafskleide wäre?“ „Darüber ſeien Sie ganz ruhig,“ erwiderte Hellmuth mit der größten Gewißheit lächelnd.„Es gibt zwar viele Heuchler und ſchlechte Subjecte, wenn aber Fräulein 1I 157 Suſette ſeine Bewerbungen annimmt, wenn Sie Recht haben, Hauptmann, daß ſie ihn für würdig hält, ihm ihre Hand zu reichen, ſo muß er ein ausgezeichneter Mann ſein.“ „Edler Doctor! Sie haben den richtigen Glauben,“ ſagte Seehauſen hohnvoll,„Sie müſſen dafür belohnt werden und auf Suſettens Hochzeit tanzen.“ „Wenn's nicht zu raſch geſchieht, lerne ich es noch,“ lächelte der blaſſe Arzt mit ſeiner gewohnten ruhigen Freundlichkeit;„doch jetzt muß ich leider an andere Dinge denken, ſehr werther Herr Hauptmann, an meine armen Kranken, die mich erwarten.“ „Der Hauptmann verſtand den Wink und verabſchie dete ſich ohne Zögern, nachdem er einen letzten Spaß über die genauen Studien zum Beſten gegeben, welche Suſette an ihrem ausgezeichneten Anbeter machen würde, der da Morgens, Mittags und Abends ſich einſtelle, um ſeinen Werth von ihr prüfen zu laſſen. Dann machte er, daß er fort kam, denn ſeinen Zweck hatte er erreicht, und gelacht hatte er hinlänglich. Während er aber vergnüglich die Treppe hinabſtieg, verſchwand das Lächeln aus dem Ge ſicht des armen Hoſpital-Arztes. Die Pfeife war ihm längſt ausgegangen, und der Reſt ſeines beſcheidenen Mor⸗ gentrankes ſtand unberührt. Er ſchaute ernſthaft in die düſtere Flut der Taſſe, als wollte er Prophetenſprüche herausleſen. Der melancholiſche Ausdruck ſeines Geſichtes 158 trat ſtärker hervor und ſeine bleichen Lippen preßten ſich zuſammen, ſeine Hände hoben ſich langſam auf und deckten ſich über ſeine Augen. Wenn er Recht hätte, flüſterte er, wenn ich aus dem Hauſe gebannt wurde, damit ich nicht ſehen ſollte, wie ſie...! Er fuhr nicht fort, aber er ſtand noch einige Augenblicke bewegungslos, bis er plötzlich mit beiden Händen durch die Luft ſtieß, als wollte er etwas von ſich ſchleudern. Wie kann ich das nur denken! rief er dabei. Nein, nein! vergib mir, theure Suſette! Du kannſt nichts Böſes, nichts Schlechtes thun. Dieſer Hauptmann iſt ein Lügner! Nicht einen Augenblick will ich mehr an dir zweifeln, durch nichts mich irre machen laſſen. Ich glaube an dich, theuerſte Suſette, du wirſt meinen Glauben nicht zu Schanden werden laſſen. Während er dies ſagte, warf Seehauſen draußen noch einen höhnenden Blick auf ſeine Thür und ging weiter. Ich kann dem alten Weibe die Verſicherung geben, lachte er, daß ſie von dieſem dummen Heiligen nichts zu fürchten hat. Ein koſtbares Kerlchen mit ſeinen Giften und ſeinen tiefſinnigen Unterſuchungen für einhundert und dreißig Thaler Courant! Das muß ich dem Reichenbach erzählen. Einhundert und dreißig Thaler möglicher Weiſe zu ge⸗ winnen gegen jahrelange Arbeit bei Tag und Nacht! Unter ſolchen Vorſtellungen, mit denen er ſich erquickte, verfolgte er den ziemlich weiten Weg vom Hoſpital nach 159 ſeiner Wohnung. Er hatte von der Frau Commercien⸗ räthin einen geheimen Auftrag erhalten, um deſſentwillen er den Doctor aufgeſucht hatte. Er ſollte erforſchen, ob etwa, wie die Tante ſich ausdrückte, dieſer Ludwig wirklich ſo verrückt ſei, ſich etwa in den Kopf geſetzt zu haben, daß er jemals ſeine Hand nach Suſetten ausſtrecken könnte; zugleich ſollte er ihm beiläufig mittheilen, daß Suſette ſich nächſtens mit dem Freiherrn von Lorberg verloben würde, und endlich ſollte er herausbringen, ob der Hoſpital⸗Doctor etwa gar ein Liebesverhältniß mit Suſetten angefangen habe, und ihn darüber ausfragen. Seehauſen glaubte, dieſen delicaten Aufträgen vollſtändig nachgekommen zu ſein, und ſtellte ſich einen launigen Bericht zuſammen, als er plötzlich in einiger Entfernung vor ſich ſeinen Vetter erblickte. Er hätte dieſen einholen können, denn Richard von Lorberg ging langſam wie ein Ariſtokrat, der durch ſeinen Gang ſchon beweiſ't, daß er ſeine Zeit nicht zum Gelderwerb nöthig hat; aber der Hauptmann hatte keine Luſt dazu. Seit dem Feſte bei der Frau Commercien⸗ räthin hatte er ihn nicht geſehen, obwohl er ihn alle Tage erwartet hatte. Den Grurd davon errieth der Hauptmann mit Sicherheit; Lorberg wollte überhaupt nichts mehr mit ihm zu thun haben, und dieſer Gedanke erregte ein rach⸗ luſtiges Gefühl in ihm. Wenn die reichen Börſenmänner und Speculanten ihn hochmüthig behandelten, machte er ſich gar nichts daraus, aber mit dieſem leichtſinnigen 160 Vetter, den er brüderlich aufgenommen, der ihm Dank⸗ barkeit ſchuldig war, und von dem er Dankbarkeit erwar⸗ tete, ſtand es anders. Indem er noch unſchlüſſig überlegte, ob er eine Begegnung herbeiführen ſollte, bemerkte er mit Vergnügen, daß Lorberg in die Königsſtraße einbog und ihm ſelbſt einen Beſuch zugedacht hatte. Er ging richtig in das Eckhaus, Seehauſen aber kehrte ſich um, damit er ihn nicht etwa ſehen möchte. Habe ich ſo lange auf ihn gewartet, ſagte er, ſo mag er jetzt ſelbſt ſehen, wie warten thut. Zur Abwechſelung kann er meinem Engel den Hof machen, ich gönne ihm dieſes unſchuldige Vergnügen. Dann aber werde ich dich in meine Hände nehmen und unſere Rechnung abſchließen, Vetterchen! Richard von Lorberg ſtieg inzwiſchen die Treppe hinauf und fand auf dem Flur die beiden Kinder des Haupt⸗ manns, halb angekleidet und eben ſo ſchmutzig, wie er ſie an jenem Abend gefunden. Sie ſpielten mit einem großen Gummiball und liefen, als ſie ihn plötzlich vor ſich ſahen, durch den offenen Corridor in das nächſte Zimmer. Dahin folgte Richard ihnen ohne Zögern nach und kam ſo zu einem unerwarteten Anblick. Vor Lorberg lag auf dem Sopha ausgeſtreckt Frau von Seehauſen, in einem Buche leſend. Obgleich es nicht mehr früh war, befand ſie ſich doch noch im Morgen⸗ jäckchen und in Unterkleidern, welche in maleriſcher Un⸗ ordnung ſie einhüllten. Vor dem Sopha ſtanden ein Paar 161 niedergetretene Morgenſchuhe, auf dem Polſter aber kreuz⸗ ten ſich zwei ſo niedliche kleine Füße, wie man dieſe wün⸗ ſchen konnte. Es kam Richard vor, als ſei deren Freiheits⸗ luſt ſo groß, daß ſie an verſchiedenen Stellen ſelbſt die Feſſeln des Strumpfes durchbrochen hätten; aber er behielt keine Zeit, ſeine momentanen Beobachtungen zu vervoll⸗ ſtändigen. Die hübſche Couſine hatte bei dem Herein⸗ laufen der Kinder und den ihnen nachfolgenden Schritten ihre Lage nicht verändert, wahrſcheinlich in der Voraus⸗ ſetzung, daß es ihr Mann ſei; als ſie jedoch, über den Rand des Buches blickend, den Fremden wahrnahm, ſprang ſie auf und lief davon. Sehr erſchrocken jedoch ſchien ſie nicht zu ſein, den jenſeits der Thür rief ſie zurück:„Nur einen Augenblick, Herr von Lorberg, bitte! und ein muth⸗ williges Lachen folgte hinterher.“ Lorberg lachte auch. Er dachte an ſeinen praktiſchen Vater, von dem er öfter die weiſe Lehre vernommen, man müſſe niemals über eine Frau urtheilen, noch viel weniger aber eine heirathen, die man nicht vorher in den Unter⸗ röcken geſehen habe. Er griff nach dem Buche, das die überraſchte Couſine fortgeworfen und fand die Ueberſetzung eines franzöſiſchen Romans von Dumas; nun erinnerte er ſich auch, wie Seehauſen über die Leidenſchaft ſeiner Frau für die Literatur geſpottet hatte, und zweifelte nicht daran, daß ſie dieſe Beſchäftigung allen anderen vorziehe. Nach wenigen Minuten trat die hübſche Couſine wieder Mügge, Verloren und gefunden 11 —õ— — Sz „ n ———— herein, ſie hatte ſich vortheilhaft verändert. Ein blaues Kleid verdeckte alle Geheimniſſe, ein Häubchen mit rothen Schleifen verbarg die geſammte ungeordnete Haarfülle, und das große Shawltuch, wenn auch von verſchoſſenen Farben und mitaltersſchwachen Zeichen, bildete eine artige Draperie. „Sie haben mich ſchön überraſcht,“ ſagte ſie, allerliebſt lächelnd,„aber wer konnte das denken! Glaubte ich doch, Sie hätten uns ganz vergeſſen.“ „Das würde unmöglich geweſen ſein,“ erwiderte er. „Wer wird leichter vergeſſen als Frauen!“ fuhr ſie fort. Alle Romane handeln davon. Setzen Sie ſich zu mir Couſin.“ „Wenn ich nicht läſtig bin. Wo iſt Seehauſen?“ „Ich bin erfreut, Sie zu ſehen. Seehauſen iſt früh ſchon ausgegangen, doch wird er gewiß bald zurückkommen.“ Er ſetzte ſich zu ihr, und bald waren ihre Mittheilun⸗ gen im vollen Gange. Es war natürlich, daß dieſe haupt⸗ ſächlich ſich auf die Frau Commercienräthin und Suſet⸗ ten bezogen. Frau von Seehauſen verrieth durch ihre Aeußerungen, daß ſie wiſſe, was Lorberg's Abſicht ſei; allein je mehr ſie damit hervortrat, um ſo mehr zog er ſich zurück und war zu keinem Bekenntniß zu bewegen. Da⸗ durch ließ ſich die hübſche Frau nicht abſchrecken, ſie ſetzte ihre Scherze fort, während er vergebens verſuchte, ihnen 163 zu entrinnen, und ſein Geſicht immer ernſter und kälter wurde. „Ich kann Ihnen etwas mittheilen,“ ſagte ſie endlich, als er auf nichts hören wollte,„was Ihnen Freude machen wird. Meine Tante iſt Ihnen ſo gewogen, wie keinem zweiten Sterblichen. Es wird Ihnen keine Mühe machen, von ihr zu erlangen, was Sie wünſchen.“ „Das iſt allerdings ſehr erfreulich für mich, da ich die Frau Commercienräthin ſehr hoch ſchätze,“ erwiderte er. „Wirklich, das iſt ja herrlich! Ich ging nach Suſet⸗ tens Geburtstag hinüber, um nachträglich meine Gratu⸗ lation abzuſtatten, und obwohl meine Tante ökonomiſch iſt, war ſie dennoch voller Freude über den Abend und erzählte mir ganz entzückt, wie liebenswürdig Sie geweſen und wie viel Sie getanzt hätten.“ Bei dieſer Erinnerung wurde er roth. Auch ſie ſpottete darüber!„Sie waren nicht zugegen,“ ſagte er,„was ich bedauerte.“ „Künftig tanzen Sie mit mir, Couſin, lachte ſie.„Sie werden doch Bälle geben?“ „Gewiß, wenn es Ihnen Vergnügen macht.“ „Mir? Sie wollen ſagen, Suſetten. Aber was thut's. Wir werden Freunde bleiben, nicht wahr?“ „Ohne Zweifel, ganz ohne Zweifel!“ rief er verwirrt aufſtehend.„Aber da kommt Seehauſen.“ Freudig aufathmend ſah er den Hauptmann herein⸗ ð 3 9 2 11* 164 treten und ging ihm entgegen. Es war ihm unerträglich geworden, ein Geſpräch fortzuführen, bei welchem er heucheln und lügen oder den wahren Zuſtand ſeiner Ge⸗ fühle aufdecken mußte, was er nicht konnte. Dieſer Frau gegenüber hätte er es am wenigſten vermocht. „Ich habe längſt zu Ihnen kommen wollen,“ ſagte er entſchuldigend zu dem Hauptmann,„allein meine Zeit er⸗ laubte es nicht.“ „Sie hatten zu viel mit angenehmeren Gegenſtänden zu thun, um an uns zu denken, Vetterchen,“ erwiderte Seehauſen geſchmeidig.„Wir können warten, beſter Lor⸗ berg, alte Freunde ſetzt man immer ein wenig hintenan. Hehl beſonders wenn das Herz erfüllt iſt mit einem holden Bilde, das für nichts weiter Raum läßt.“ Die kleinen Augen funkelten, während Lorberg zu lächeln verſuchte.„Es iſt möglich,“ ſagte er,„daß mein Herz ſehr beſchäftigt iſt, aber es wird darüber das Nöthige nicht vergeſſen. Ich habe viel mit dem Ordnen meiner Angelegenheiten zu thun gehabt, um welche ich mich leider bisher viel zu wenig bekümmert habe.“ „Solche Blicke in die inneren Angelegenheiten, um Ordnung herzuſtellen, haben zuweilen ihre Schattenſeiten,“ lachte Seehauſen.„Nur Geld, Vetterchen, nur Geduld, wir ſtellen Alles wieder her.“ „Ich habe Vieles zu bereuen,“ ſagte Richard,„doch dieſe Zeit iſt vorüber.“ 1 165 „Man muß umkehren, bereuen, fromm werden,“ fiel Seehauſen ein.„Geh, mein Engel, bringe uns eine kleine Stärkung dazu.— Arbeit macht das Leben ſüß, Vetterchen.“ „Arbeiten, ja, das möchte ich,“ ſagte Lorberg, ſeinen Kopf ſtützend.„Ein häusliches, ſtilles Leben will ich in Zukunft führen, mag es ſo einfach ſein, wie es ſein kann.“ „Bah!“ verſetzte Seehauſen,„Grillen und„Blaſen ſind's, weiter nichts. Was zum Teufel brauchen Sie jetzt an ein ſtilles Leben zu denken! Luſtig ſoll es ſein, herrlich ſoll es ſein, alle Tage ein neues Bild, dafür ſorge ich, Vet terchen, ich!“— Er ſetzte den Finger auf ſeine Bruſt und ſah ihn mit voller Sicherheit an.“ „Sie haben gar nichts weiter zu thun,“ fuhr er fort, „als nächſten Tages, wenn Sie wollen, unſere würdige Tante bei der Hand zu faſſen und ein paar Küſſe darauf zu drücken. Es iſt allerdings nicht eben beſonders ein ladend, aber wenn's auch des Teufels Großmutter wäre, ſo iſt ſie's werth! Die Sache wird abgemacht ſein, ehe einer Drei zählen kann, und hinterher liegt ein Leben voll Freuden.“ „Ein Leben voll Freuden?“ murmelte Lorberg. „Allerdings. Oho!“— er neigte ſich zu dem Frei herrn nieder.—„Was giebt Freuden? das Geld.— Wer hat das Geld? die Handelsleute.— Was muß ein an— ſtändiger Menſch thun? Er muß die Tochter oder Nichte 166 ſolches alten Gauners heirathen, der zuſammen raffte, was er faſſen konnte.“ „Ein ſchmählicher Verkauf!“ ſagte Lorberg. „Bah!“ antwortete Seehauſen,„wer gewinnt dabei? Wird aus der Krämerstochter nicht eine Frau von Stand? Wird die ganze Sippſchaft nicht geehrt? Und iſt es nicht auch meiſt die ſchönſte Waare, die eingekauft wird?“— Er ſchluͤg ein gemeines Gelächter auf.„Bei Gott!“ fuhr er dann fort,„es gehört ein Entſchluß dazu, die Frau Com⸗ mercienräthin, als vielgeliebte Tante in den Kauf zu neh⸗ men, und Suſettchen mit allen ihren Tugenden und ſchö⸗ nen Künſten iſt auch nicht eben ein Engel. Aber es thut Alles nichts! alles nichts!“ Ein gelinder Schauder lief durch Richard's Mark. Der Hauptmann ſah, wie ſeine Stirn ſich zuſammenzog und ſeine Augen ſtarr niederblickten.„Poſſen!“ rief er, „kein vernünftiger Mann wird ein Geſicht heirathen wollen; iſt es angenehm, um ſo beſſer, doch die Hauptſache bleiben die gewichtigen Gründe. Wäre es Ihnen um ein Geſicht zu thun, Vetterchen, ſo müßten Sie der Clavierſpielerin nachlaufen, der ſchwarzen Mamſell, der Lehrerin. Wie, zum Henker! hieß die Perſon?“ „Chriſtine Streit,“ ſagte Lorberg. „Richtig! Streit, aber es wird um ſie kein großes Streiten ſein. Hübſch iſt ſie, Donnerwetter! ja; aber was hilft ihr die Larve. Das Fleiſch verwelkt.“ 167 „Es iſt auch Geiſt in dem Fleiſch,“ murmelte Richard. „Geiſt! Was hilft der Geiſt, der keine Ducaten ſchaf⸗ fen kann! Dieſe Chriſtine Streit kann mit allem ihrem Geiſt doch niemals für einen Mann wie Sie ein Gegen⸗ ſtand ernſthafter Abſichten ſein.“ „Und warum nicht?“ „Warum nicht?“— Der Hauptmann lachte auf.„Ich dächte, dazu wäre keine lange Erklärung nöthig. Was, zum Teufel! wollten Sie mit einem Weibe, und wenn's Frau Venus ſelbſt wäre, das Weißenſtein nicht einlöſen, die Schulden nicht bezahlen, die Rechnungen nicht decken kann? Der liebenswürdige, kunſtverehrende Reichenbach war entzückt von ihr. Das iſt ein Mann, Vetterchen, für den wäre ſie wie geſchaffen, wenn er nicht ſchon ſeine ſchöne Frau am Halſe hätte. Aber was thut's! Er kauft ihr ein Landhaus, er hält ihr Equipage, er bietet ihr für das ſchwarze Röckchen einen Frachtwagen von lyoner Seide.“ „Wenn ich wüßte, daß er eine Unverſchämtheit be⸗ ginge!“ ſagte Richard heftig. „Bahl ich denke, er wird nächſtens ſo frei ſein,“ unter⸗ brach ihn Seehauſen,„und ſie wird nicht Nein ſagen.“ „Wie können Sie in ſo elender Weiſe von der Ehre einer Dame reden, die Sie nicht kennen?“ ſagte Richard von Lorberg, und ſein Geſicht wurde ſo drohend, daß der Hauptmann verſtummte. 168 „Was— oho! Spaß hoffentlich,“ lachte er verwirrt. „Was geht das Sie an, Vetterchen! Wollen Sie zum Rit⸗ ter für die Jungfer Schulmeiſterin werden, oder wie— hehe! ſehe Jeder wie er's treibe— wollen Sie etwa das hübſche Ding da als Hausfreundin bei Suſetten behalten?“ „Was ich thun werde, wird meine Sache ſein,“ erwi⸗ derte Lorberg gezwungen kalt,„haben Sie die Güte, dieſes Fräulein ſowohl, wie mich ſelbſt nicht länger als Gegen⸗ ſtand Ihrer Scherze zu betrachten.“ Der Hauptmann verſtummte nochmals, und es ent⸗ ſtand eine Pauſe. Der Ton des Freiherrn war ſo ge⸗ meſſen und ſein Anblick ſo wenig einladend, daß eine leicht⸗ ſinnige Antwort zu geben, bedenklich ſchien. Seehauſen begnügte ſich daher mit einem Grinſen, das halb wehmü⸗ thig, halb boshaft ausgelegt werden konnte, wie ein Hund, der bei ſeinem Wedeln noch ungewiß iſt, ſoll er ſich ducken oder die Zähne zeigen. „Aber tauſend Sakerment!“ ſchrie er nach einem Augenblicke,„wir werden uns doch nicht ſtreiten wollen über ein Weſen dieſer Art, Vetterchen, Bundesgenoſſe, Schwager, ſo Gott will, ehe wir drei Monate älter ſind! Fort mit allen Grillen! ſage ich, Ihre Sache ſteht, auf mein Wort! wie ich es nie gedacht hätte. Die Tante iſt ſo verliebt, wie die Nichte. Jetzt raſch und energiſch ge⸗ handelt, liebſter Lorberg, raſch ſage ich, ehe etwa der böſe Feind ſeinen Stein in den Weizen wirft! Warum haben 169 Sie nicht ſchon am Geburtstage eine Erklärung losge⸗ laſſen?“ Lorberg ſchüttelte unwillig den Kopf. „Friſche Fiſche, gute Fiſche!“ rief Seehauſen.„Es iſt ein Goldfiſch, alſo das Netz zu, ſobald er drinnen iſt! Und wiſſen Sie, was ich geſtern gehört habe?“ Er beugte ſich zu Richard hin und fuhr mit gedämpfter Stimme fort:„Die neunzigtauſend Thaler, die unſer großmüthiges Tantchen gewonnen hat, ſind für Suſetten beſtimmt, ſollen an ihrem Hochzeitstage baar ausgezahlt werden. Auf mein Wort, es iſt ſo. Neunzigtauſend! Donner und Dorial es iſt anſtändig, und wenn unſere verehrungswür⸗ dige Tante einſt aus dieſem irdiſchen Jammerthal ſcheidet, was denken Sie, Lorberg, was zurückbleibt?“— Er hielt inne und ſpitzte lauernd ſeine Lippen. Richard ſchien voll⸗ kommen gleichgültig zu ſein.—„Mehr als dreimal ſo viel,“ murmelte Seehauſen.„Ich hätte es ſelbſt nicht geglaubt, daß es ſo viel ſei, aber Reichenbach hat es mir geſagt, der weiß ungefähr, was der liebe ſelige Commer⸗ cienrath hinterlaſſen hat, und es iſt noch mehr dazu gekom⸗ men. Alſo friſch darauf und keine langen Umſtände gemacht! Der iſt ein Thor, der das Eiſen nicht ſchmiedet, wenn es heiß iſt.“ „Das ſoll man allerdings,“ erwiderte Richard,„aber“ — er ſchwieg ſtill und ſagte dann im ſtolzeren Tone:„wir verſtehen uns doch nicht.“ 170 „Nicht? oh! was fehlt daran?“ fragte ſein Ver⸗ wandter.„Ich kenne die Welt und kenne die Menſchen, Vetter Richard, und ich will Ihnen etwas ſagen: Sie möchten nicht nehmen, was Ihnen das Glück zuwirft, aber Sie müſſen! Muß iſt ein bitter Kraut, doch verdammt will ich ſein, wenn ich nicht die bitterſte Pille einſchlucke, ſobald ich mir ſage: es iſt nothwendig!“ „Iſt das artige Suſettchen eine Pille,“ fuhr er mit ſeinem heiſeren, frivolen Lachen fort,„gut, ſo iſt es wenig⸗ ſtens eine vergoldete. Warum wollen Sie es nicht machen, wie ſo viele andere vernünftige Leute, die ſolche Sache als ein Geſchäft betrachten und als Geſchäft behandeln? Mit kaltem Blut muß man den Handel ſchließen. Nur keine Sentimentalitäten bei einer Heirath, von der man reellen Nutzen erwartet! Ein Verliebter kann Narrheiten be⸗ gehen, dazu hat er ein Recht, aber Männer, die wiſſen, was ſie wollen, haben den Heiraths⸗Contract vor Augen.“ „Und jetzt noch Eins, was uns betrifft,“ begann er von Neuem, als Richard auch darauf keine Antwort gab. „Wir ſtehen uns ebenfalls bei dieſer Angelegenheit als handelnde Parteien gegenüber und müſſen geſchäftsmäßig verfahren. Sie haben meinen Beiſtand gefordert, ich habe Ihnen dieſen zugeſagt. Sie ſind zu mir gekommen, zu fragen, ob ich eine Frau für Sie wüßte, ich habe Ihnen dieſe vorgeſchlagen, habe Sie mit ihr und unſerer Tante bekannt gemacht.“ — 171 Lorberg machte eine Bewegung, als wollte er Ein— ſpruch thun, allein er lehnte ſich wieder zurück, und See⸗ hauſen fuhr fort:„Hier ſind Sie mit Beiden bekannt geworden, und ich bemühte mich und werde mich weiter bemühen, bis ich die Freude habe, Sie als meinen theuren Schwager zu umarmen. Ich bin Ihr Verwandter, Ihr Freund, Ihr treuer Diener zugleich und Ihr Vertrauter. Sie haben mir dafür verſprochen, das mit mir zu theilen, was mir und meiner Familie ungerechter Weiſe wahr⸗ ſcheinlich entzogen werden ſoll. Sie werden Ihr Wort halten als Edelmann, daran zweifle ich nicht; aber wir ſind ſterblich. Wort iſt Wort, Schrift iſt Schrift, ich ziehe die Schrift vor.“— Er zog ein beſchriebenes Blatt aus der Taſche und hielt es Richard vor.„Nehmen Sie, leſen Sie,“ ſagte er,„ich bin billig. Von den Neunzig⸗ tauſend, die Suſette bekommen ſoll, ſichern Sie mir nur zwanzigtauſend Thaler zu, das heißt Wechſel darüber, ſobald die Verlobung veröffentlicht ſſt. Was die Tante hinterläßt, davon erbt meine Frau oder Kinder oder ich, wenn ich das Unglück hätte, dieſe theuren Weſen ſämmtlich zu verlieren, die Hälfte, mag das Teſtament lauten, wie es will.“ Die alte Frau mit dem ſchwarzen Kopftuch kam mit einem ehemals gelblackirten Kaffeebrett herein, auf welchem die bekannten Gläſer ſtanden, zwiſchen dieſen aber eine Champagnerflaſche. Hinter der alten Frau folgte die 172 hübſche Couſine, lieblich lächelnd, einen Teller voll Baum⸗ kuchen in der Hand. Sie hatte jetzt ihr Haar in wellige Scheiteln gelegt, den Seidenſhawl umgeworfen, ein zier⸗ liches Schlüſſelkörbchen am Arm; die gelben ſchadhaften Glacéhandſchuhe fehlten nicht. „Da kommt mein Engel!“ rief Seehauſen, indem er ſeine Arme ausbreitete.„Jetzt kein Wort mehr von Ge⸗ ſchäften, bis wir ein Glas getrunken haben. Rücke den Tiſch heran, mein Engel, und gib unſerem geliebten Vetter Deinen Arm. Nein, Schatz, halt! ich will ſagen, biete ihm Deinen Mund, ich erlaube es Dir, und wünſche ihm Glück; oder halt! nein, wünſche uns Glück und Dir Glück, daß er in kurzer Zeit zu unſerer innigſten Freude uns mit dem theuren Namen Schwager angehören wird.“ Der Hauptmann hatte entſchiedenes Unglück bei ſeinen Toaſten, denn eben hatte er mit dem Haken an ſeinem Taſchenmeſſer, der gewiß oft ſchon ähnliche Thaten verübt, die Drähte an der Flaſche zerbrochen, als der Pfropfen von dieſer abflog und das edle Getränk nach allen Seiten hin ſprudelte; zugleich ſtand Richard von Lorberg auf, und ohne von dem Glück, das ihm zuerkannt war, Gebrauch zu machen, verbeugte er ſich vor der jungen Frau, die ohne Sprödigkeit ihn erwartete. „Ich darf dieſen Namen und die Rechte, welche ſich mit ihm verbinden, noch nicht beanſpruchen,“ ſagte er,„denn noch weiß ich nicht, ob ich Fräulein Suſettens Herz gewinne.“ 173 „Herz! Herz!“ lachte Seehauſen.„Die Hand, Vet⸗ terchen, die Hand!“ Nehmen Sie Ihr Glas, wie Brüder und Schweſtern wollen wir uns die Hände reichen.“ „Ich trinke niemals Wein ſo früh,“ erwiderte Lorberg. „Ah ſo,“ verſetzte Seehauſen, indem er ſein Glas hin⸗ ſetzte,„und das Papier dort wollen Sie auch nicht unter⸗ zeichnen?“ „Wenn es Zeit iſt, werde ich alles erfüllen, was Sie wünſchen können. Jetzt leben Sie wohl.“ „Noch Eins,“ ſagte Seehauſen geſchmeidig.„Sie haben mir Ihre Geldtaſche geliehen.“ „Laſſen wir das auf ein ander Mal. Es wird mir Vergnügen machen, wenn ich Ihnen dienen kann.“ Er verbeugte ſich höflich ſteif und ging ſo raſch fort, daß Seehauſen ihn nicht mehr erreichen konnte. Mit grimmigem Geſicht kehrte er zurück, ballte die Fäuſte und ſchlug ein Hohngelächter auf, als er ſeine Frau betrachtete, die ſich auf das Sopha geſetzt hatte und in dem Roman⸗ buche weiter las, das dort lag. „Da ſitzt ſie!“ ſchrie er.„Wenn die Trompeten von Jericho blieſen und Alles über uns zuſammenſtürzte, ſie kann leſen!“ „Schrei nicht ſo ſehr, mir thut der Kopf weh,“ erwi⸗ derte ſie gelaſſen.„Ich habe Alles gehört.“ „Was haſt Du gehört?“ „Daß er verliebt iſt und Suſetten nicht mag. Die 174 Lehrerin oder Clavierſpielerin— was iſt es für eine Perſon?“ Der Hauptmann ſtand mit offenem Munde, dann fielen ihm Gedanken ein, die den Scharfſinn ſeiner Frau unterſtützten, ſeine kleinen Augen verloren ihren Zorn, ſie funkelten vor Vergnügen.„Und dieſer Menſch unterſteht ſich, uns mit Verachtung zu behandeln,“ ſagte er,„er will tugendhaft werden!“ „Gib Acht,“ antwortete Frau von Seehauſen,„Du wirſt finden, daß ich Recht habe.“— „Ich werde der Tante die Augen öffnen, ich werde Suſetten die Augen öffnen,“ ſagte Seehauſen, auf und nieder gehend,„das iſt meine Pflicht als Verwandter. Sie ſollen erfahren, wie es mit ihm ſteht, er ſoll erfahren, was ein ehrlicher Mann iſt.“ Er klopfte lebhaft auf ſeine Bruſt, es that ihm wohl. „Glaubt er mich mit einem Almoſen abzuſpeiſen, ſo wollen wir ſehen, wer zunächſt Almoſen nöthig hat!“ ſchrie er rachluſtig.„Narr genug iſt er, mit dieſem ſchwarzen Sa⸗ tan ein Liebesabenteuer anzuſpinnen, aber ich werde auch dabei ſein, mein Engel! Wie eine Fliege will ich ihn zwi⸗ ſchen meinen Fingern halten, und wenn ich ihn habe, Flora, wenn ich ihn habe, will ich ihm den heutigen Tag ver⸗ gelten, mich rächen, Dich rächen!“ „Ich verlange gar nicht gerächt zu ſein,“ ſagte ſie. „Edles Herz 1* rief der Hauptmann zärtlich,„aber 175 Deine Schweſter, Deine Tante. Denn wie leichtſinnig er auch iſt, aufgeben wird er Suſetten nicht. Er möchte gern, aber er kann nicht. Wer das Meſſer im Nacken hat, wie er, der muß vorwärts, hinter ihm iſt der Tod.“ „So laß ihn ſterben, Männchen!“ lachte die hübſche Frau. „Und wir leben!“ rief Seehauſen;„wir werden uns von dieſem Pinſel nicht um unſer vergnügliches Daſein bringen laſſen. Da er nicht mit uns frühſtücken wollte, ſo werden wir es ohne ihn thun. Hieher, mein Engel, nimm dieſes Glas, ich trinke auf Dein Wohl. Es iſt echter Cliquot.“ „Ich danke Dir. Er iſt ſehr gut,“ ſagte Frau von Seehauſen. Der Hauptmann ſchnalzte mit der Zunge, legte den Arm um ſie und ſpitzte ſeine Lippen.„Schaum! Schaum!“ ſchrie er, ſein Glas ſchwingend.„Wir wollen zu denen gehören, die den Schaum ſchlürfen, mögen die Dummköpfe den Bodenſatz behalten!“ Ueuntes Kapitel. Richard v. Loberg ſprang die Treppe hinunter wie ein Gefangener, der den Häſchern entronnen iſt und ſie an ſei⸗ nen Ferſen wittert. Er lief davon, weil es ihm unmöglich war, die Geſellſchaft des Hauptmanns länger zu ertragen, der ihn mit vertraulicher Freundſchaft und mit Forderun⸗ gen beläſtigte, die ihm unüberwindlichen Widerwillen ein⸗ flößten. Er hätte ſich nicht in eine ſolche Falle begeben ſollen, aber er hatte einige Gründe, Seehauſen aufzuſuchen. Seit zwei Tagen war er nicht bei der Frau Commercien⸗ räthin geweſen, und in gänzlichem Zerwürfniß mit ſich ſelbſt, konnte er ſich noch immer nicht dazu entſchließen, ſeine Beſuche zu erneuen. Heute hatte er eine Einladung von Fräulein Suſettens Hand erhalten, die im Namen ihrer Tante anfragt, ob es ihm gefällig ſei, Thee bei ihr zu trinken und einer kleinen Vorleſung beizuwohnen, welche im engſten häuslichen Kreiſe Statt finden ſolle. Er wußte nicht recht, was damit gemeint ſei. Fräulein eersth einen Humor verſchwendet, der Alles vollkommen unver⸗ ſtändlich ließ und ſeine üble Laune vermehrte. Die unge⸗ wiſſe Antwort, er werde ſehen, ob es ihm möglich ſei zu er⸗ ſcheinen, war das Einzige, zu dem er ſich entſchließen konnte; das Billet aber, als er es aus dem Winkel, in welchen er es geſchleudert, nochmals hervorholte, erregte doch ſeine Neu⸗ gier. Suſette hatte einige Ausdrücke gebraucht, bei denen ſich allerlei denken ließ. Er ſolle Erſtaunenswürdiges ver⸗ nehmen, die Muſen und Grazien würden ihn empfangen, Polyhymnia den Thee eigenhändig bereiten, Thalia ihn kredenzen, und ſo folgte ein bombaſtiſches mythologiſches Geſchwätz, über welches ſich ſein Spott ergoß. Dann ſann er darüber nach, wer damit gemeint ſein könne, und indem ſeine geheimen Gedanken ihm Chriſtine Streit verkörper⸗ ten, brachten ſie ihm zugleich die ſchöne Frau Reichenbach mit und jagten ihm Schrecken ein. War es dieſe, die ihn erwartete? Sollte er einen äſthetiſchen Thee⸗-Abend erleben? Er ſuchte Seehauſen auf, in der Hoffnung, etwas von ihm zu erfahren, ſah aber bald, daß dieſer nichts wußte. Statt deſſen hörte er Dinge, die ihn widerwärtig aufreizten. Die rohe Art, mit welcher der Hauptmann ihm ſeine Ver⸗ hältniſſe vorhielt, und die Rathſchläge, welche er ihm er⸗ theilte, verletzten ihn um ſo empfindlicher, weil er die Wahrheit darin nicht abläugnen konnte. Er ſuchte eine reiche Frau, und der Zufall hatte ihn ganz beſonders be⸗ Mügge, Verloren und gefunden. I. 12 38 3 14½.— günſtigt. In den erſten Tagen war er auch mit ſich ſelbſt einig, daß Fräulein Suſette ſein werden müſſe. Er war eifrig in ſeinen Bemühungen, ſeine Beſuche wiederholten ſich, er hatte ſich öffentlich mit den Damen gezeigt, hatte die Oper mit ihnen beſucht, hatte ihre Einladungen ange⸗ nommen, und er dachte über den Verlauf ſeiner Anſtren⸗ gungen eben nicht viel anders, als Seehauſen. In leicht⸗ ſinniger Weiſe theilte er Jakob Wolf ſeine Erfolge mit und rühmte ſich, daß Alles ſo gut als abgemacht ſei, das war keine leere Prahlerei. Die Tante Commercienräthin kam ihm derartig entgegen, daß er blind hätte ſein müſſen, um nicht zu merken, was ſie erwartete und wünſchte. Sein Name, ſein Rang, ſeine Artigkeit und ſeine Huldigung ſchmeichelten ihrer Eitelkeit. Sie hatte von Anfang an ihren Plan gemacht, und es ſtand bei ihr feſt, ihre Nichte Suſette ſollte Baronin Lorberg werden. Sie wußte recht gut, wie ihre reichen Freunde und Verwandten über die Heirath ihrer älteren Nichte mit dem ſchäbigen Hauptmann ſpotteten, jetzt wollte ſie ihnen dafür zeigen, daß ſie für ihren Liebling einen Mann ausſuchen könnte, der zu den erſten Kreiſen der Geſellſchaft gehörte, der jung und ſchön ſei, mit allen Vorzügen ausgeſtattet, und um welchen Su⸗ ſette auch von der hochmüthigen Couſine Reichenbach mit all ihrem Gelde und all ihrem Großthun beneidet werden ſollte. Richard von Lorberg erkannte, daß er bei der Frau 179 Commercienräthin keine Fehlbitte thun würde, und eben ſo wenig, davon war er überzeugt, würde Suſette ihn ver⸗ ſchmähen. Sie war allerdings nicht ſchön, allein in der erſten Zeit fand er ſie doch nicht abſchreckend. Ihre Ge⸗ ſprächigkeit, ihre Beweglichkeit, ihre ſpaßigen Einfälle und dreiſten Fragen gaben ihr den eigenthümlichen Reiz einer Art Naturkindes, das in formloſer Eigenwilligkeit den Eingebungen des Augenblickes ſich überläßt, dafür jedoch durch ſeine Naivität entſchädigt. Suſette war ihm wenig— ſtens nicht lächerlich vorgekommen; erſt an ihrem Geburts⸗ tage in der Damaſt⸗Robe, neben ihrem Vorbilde, dem ſie nachzuahmen ſtrebte, war ihr dies gelungen; aber ſeit dieſer Zeit hatte ſich auch mit Richard von Lorberg eine ſonder bare Umwandlung begeben. Es war, als ſei ihm ſein Leichtſinn über Nacht abhanden gekommen, denn er wachte am folgenden Morgen als ein ernſthafter, trübblickender Menſch auf. Es ſchien ihm unmöglich, die Dinge mehr in dem Lichte zu ſehen wie noch am Tage vorher. Grü belnd hielt er ſich den Kopf und murmelte Verwünſchun gen über ſeine Vergangenheit, und wenn die Zukunft vor ihm aufſtieg, preßte eine kalte Hand ſeine Eingeweide zu⸗ ſammen, die wie Feuer brannten. Er ſtellte ſich vor, daß, wenn er verheirathet ſei, er ein neues Leben beginnen könne, aber dieſe Heiraths-Vorſtellnng wurde ihm noch unheim— licher. Er dachte ſich Suſette mit der blumigen Robe, wie ſie neben ihm her hüpfte und Poſſen trieb, und er konnte 12* nicht länger lachen. Die übermüthige Couſine, ihr kunſt⸗ reicher Mann mit der ſpitzen Naſe, die Leute von der Börſe und vom Korn⸗ und Spiritusmarkt, die Damen in Brillan⸗ ten und ihre Töchter mit den Blumenkränzen aus Paris, ſelbſt dieſe ſchlugen ein cannibaliſches Gelächter auf, vor dem ſein Blut gerann. Nur Eine, die ganz fern ſtand, verſpottete ihn nicht, und das that ihm wohl. Das ſchwarze Fräulein richtete ihre Augen auf ihn, und wohin er ſah, drehte ſie ihren Kopf, wie ſie ihn am Klavier ge— dreht hatte, um ihm nachzublicken, und dieſer Blick ver folgte ihn auf ſonderbare Weiſe von dieſer Zeit an. Wäh⸗ rend er bei Seehauſen auf dem Sopha ſaß und dieſer ihm ins Gewiſſen predigte, das Geſchäft raſch abzumachen, mußte er an ſie denken, und als der frivole Mann, gleich— ſam als ahne er, was ſeinem Vetter paſſirt, das ſchwarze Fräulein zum Gegenſtande ſeiner anzüglichen Ausfälle wählte, ergriff ihn ein ſolcher Grimm darüber, als ſei er ſelbſt tödtlich beleidigt worden. Jetzt, auf der Straße, ſchämte er ſich der Blöße, die er Seehauſen gegeben, welcher ſie auch ſofort zu Aeußerungen über ſeine ſonderbare Ritterſchaft benutzt hatte, auf die er nichts zu ſagen wußte. Richard von Lorberg hatte die Lehrerin nicht wieder geſehen, er hegte auch kein Verlangen danach; wenigſtens ſagte er ſich dies ſehr viele Male, als Reſultat ſeiner Betrachtungen. Er wünſchte mit dieſem ſchwarzen Fräulein nicht wieder zuſammen zu treffen; ſollte 181 es aber dennoch geſchehen, ſo wollte er ſich aller Zeichen ſeiner Theilnahme enthalten. Bei alledem war es jedoch gewiß, daß er Seehauſen vornehmlich auch aufgeſucht hatte, um zu erfahren, ob ſein würdiger Vetter von Chri⸗ ſtine Streit mehr wiſſe als er ſelbſt, und ob ſie vielleicht heute Abends bei Suſetten zu erwarten ſei. Ungewiß irrte er durch die Straßen, ohne ein Ziel zu haben. Er mochte keinen ſeiner alten Freunde aufſuchen, ſeit einiger Zeit ſchon hatte er dieſe vermieden, denn er fürchtete jede aufdrängliche Neugier, jeden unberufenen Scherz über Gerüchte, welche vielleicht ſchon ihren Weg zu dem Kreis ſeiner Bekannten gefunden haben mochten. Indem er einen Stadttheil durchſchritt, wo er hoffen durfte, keinem bekannten Geſichte zu begegnen, näherte er ſich einem öffentlichen Garten, dem Parke eines ehemaligen königlichen Luſtſchloſſes, das vor alten Zeiten außerhalb der Stadt, jetzt jedoch mitten darin lag. Als er unter den ſchönen hohen Bäumen ging, kam das Gefühl der Stille über ihn, die ihn umgab. Seine Gedanken ſammelten ſich. Hier war niemand, der ſie ſtören konnte; er war der ein zige Luſtwandelnde. Der Tag war jedoch ein klarer, fri— ſcher Herbſttag; uralte Caſtanien und Linden füllten die Luft mit ihrem fallenden Geblätter, das unter ſeinen lang⸗ ſamen Schritten raſchelte und mit den Färbungen des Todes ſeinen ſchwermüthigen Gedanken entſprach. Richard von Lorberg dachte nach, was er thun müſſe, 182 um nicht den Namen eines Thoren zu verdienen, den See— hauſen ihm prophezeit hatte, dabei aber doch auch keine Handlung zu begehen, vor welcher ſeine Ehre zu erröthen hätte. Je mehr ſein Verſtand zu ſprechen begann, um ſo gewiſſer wurde es ihm, daß er eigentlich doch auch nichts begehen wolle, was in Wahrheit die Stimme der Ehre verdammen mußte. Er wollte um die Hand einer Dame werben, deren Vater ſeine übertriebenen und mißglückten Speculationen mit einem Selbſtmord beendet hatte. Im Mittelalter, Tochter eines Selbſtmörders gemieden und verachtet wor⸗ vor hundert Jahren vielleicht noch, wäre die den, in unſerm aufgeklärten Jahrhundert aber konnte ſie nur Gegenſtand des Mitleids und der Theilnahme ſein. Die Schweſter Suſettens war an einen Mann gerathen, der ſeinen ſchlechten Ruf wohl verdiente, aber was konnte Suſette dafür? Seehauſen war überdies ſein eigner Ver⸗ wandter. Daß ſie endlich aus dem handeltreibenden Stande ſtammte, konnte nur verrotteten Vorurtheilen noch Bedenken einflößen. Aus dieſem Stande waren in neuerer Zeit die bedeutendſten Männer, Miniſter und hohe Staats⸗ würdenträger hervorgegangen. Dieſer Stand aber— darin hatte Seehauſen vollkommen Recht— hatte den Kitt in ſeinen Händen, mit dem die neue Welt und ihr Glück aufgebaut wird. Ihm gehört das Geld, mit dem man Alles kaufen kann, er ſammelt Schätze, er iſt es, der den Luxus hegt und trägt; denn ihm iſt nichts zu theuer. Er gewinnt zuweilen in einer glücklichen Minute mehr, als eine Grafſchaft einbringt, als ein Premierminiſter Sold empfängt; alberner Hochmuth nur konnte alſo darin einen „Anſtoß finden. Was aber weiter mich ſelbſt betrifft, fuhr Richard von Lorberg in dieſer Betrachtung fort, ſo habe ich die Folgen allein mit mir abzumachen. Iſt Suſette nicht ſchön, wohlan denn, wer kann mich zwingen, eine ſchöne Frau zu nehmen! Dieſe Seite der Frage iſt meine Sache ganz allein, ich habe nur dafür zu ſorgen, daß ich mich und meine Ehre nicht Preis gebe, daß meine Ehe kein öffent liches Aergerniß gibt, daß ich in würdiger Weiſe mein ehe liches Verhältniß aufrecht erhalte; was aber auch noch weiter eingewandt werden könne, fügte er leiſer hinzu, es muß ſich der Nothwendigkeit unterwerfen. Der Seufzer, mit welchem er ſeinen Kopf ſinken ließ, kam tief aus ſeiner Bruſt.„Der elende Menſch hat nur zu ſehr Recht,“ murmelte er vor ſich hinein,„ich kann nicht zurück, denn was ſoll ich beginnen! Dieſe Heirath allein wird mir aus dem Abgrunde helfen, in den ich mich geſtürzt habe. Wäre das nicht, ja, dann— dann würde ich mein Herz wählen laſſen, ſo aber— o Narrheit!“ rief er, ſich gewaltſam erheiternd,„fort aus meinen Adern! Wer kann ſagen, daß ich eine ſchlechte Wahl treffe? Die den Muth dazu haben, kann ich verlachen; die mich beneiden und mich klug und weiſe nennen, werden die ungeheure Majorität bilden. Was können ſie meiner intereſſanten Braut nachſagen? Iſt ſie nicht vor allen Dingin reich, dazu jung, und was ihren Verſtand anbelangt, ſo wird dieſen Niemand bezwei⸗ feln, eben ſo wenig wie was die Herrſchaften Bildung zu nennen belieben. Franzöſich ſpricht ſie und ſchlägt das Clavier, was kann ich mehr verlangen! Was aber ihre Sittſamkeit betrifft, ſo bin ich ſicher, daß Niemand ſich rühmen kann, von ihr jemals ein Zeichen ihrer Gunſt er⸗ halten habe. In keines Mannes Arm hat ſie geruht, kein Mund hat dieſe unſchuldvollen Lippen berührt. Das alles gehört mir allein!“ Mit dieſem halb laut hervorgeſtoßenen ironiſchen Hym⸗ nus bog er in einen Laubengang ein, der den Park been⸗ dete. Hier floß der Strom vorüber, und die Ranken des wilden Weins, aus welchem das Gehege beſtand, ſenkten ſich bis auf die Faſſungsmauer nieder und bildeten ab und zu kleine Grotten, von denen aus man auf das flutende Waſſer ſchauen konnte. In dieſem Weingang aber, einige Dutzend Schritte entfernt, erblickte Richard von Lorberg zugleich ein luſtwandelndes Paar vor ſich, bei deſſen Anblick er verſtummte und nach einigen langſamer gemachten Schritten ſtillſtand, um es ſchärfer ins Auge zu faſſen. Es war eine Dame und ein Herr, die in vertrauter Unterredung begriffen ſein mußten; denn ſie gingen dicht neben einander, eindringlich ſprechend und in vertrauter Stellung, ohne Beſorgniß vor Störung, vielleicht darauf bauend, daß zu dieſer Zeit und an dieſem Orte ſo leicht 185 kein Dritter ſie beobachten würde.— Die Dame zur Rech⸗ ten war von kleiner Geſtalt und lebhaften Bewegungen, ſie erinnerte Richard auf der Stelle an Fräulein Suſette; doch eben ſo ſchnell lachte er darüber, denn welche Schickſals⸗ göttin hätte wohl ſeine kaum verklungene Ironie zum Wider⸗ ſpiel werden und die Spitze gegen ihn richten laſſen! Die kleine, lebhafte Dame war elegant gekleidet, in einen großen Shawl gehüllt, der bis auf den Kies des Weges reichte und unter der Gardine des weißen Atlashutes verſchwand. Auf dieſen Shawl hatte der ſchlanke Herr an ihrer Seite ſeinen Arm gelegt und führte ſie ſo in zärtlicher Nähe, während er zugleich den Kopf derartig zu ihr niederbeugte, daß den lauſchenden Freiherrn die dringende Vermuthung überkam, daß er ſie wirklich geküßt haben könnte. Im erſten Augenblicke beabſichtigte Richard von Lor berg, dieſe ſelige Liebeswonne nicht zu ſtören, und gewiß wäre er umgekehrt, wenn die Dame nicht eben laut aufge⸗ lacht hätte, und zwar in einer Weiſe, die ihn ſo ſehr an Fräulein Suſettens Gelächter erinnerte, daß ſeine Neugier dadurch noch mehr gereizt wurde. Es war jedoch nicht Neugier allein, ſondern es miſchte ſich damit ein rachſüch— tiges und nach Genugthuung verlangendes Empfinden. War es Suſette, ſo mußte er eine Erklärung haben. Er mußte wiſſen, wer es wagen konnte, ſeinen Arm um ſie zu legen, er mußte überhaupt wiſſen, welches Geheimniß hier der Zufall ihm entgegenſchleuderte. — 186 So ging er weiter, und während er ging und raſch den beiden Belauſchten näher kam, die noch immer nicht hörten und ſahen, wiederholte ſich das übermüthige Lachen, und eine Stimme ſagte darauf: Du ſollſt ſehen, daß er kommt. Er wird ſeiner Sehnſucht nicht widerſtehen können. In dem Augenblicke ſah der Herr an der Seite der Dame ſich um und eben ſo ſchnell flüſterte er dieſer etwas zu, nahm ihren Arm, bog mit ihr vom Wege ab und führte ſie in eine der kleinen Grotten an der Waſſerſeite, wo ſie, das Geſicht dem Strome zugekehrt, auf dieſen hinaus⸗ ſchaute. Der Herr machte es eben ſo, allein er ermannte ſich von ſeiner Ueberraſchung, oder er wollte nicht über⸗ raſcht ſcheinen. Als Richard von Lorberg dem Verſteck gerade gegenüber war, wandte er ſich um und ſchaute ihn dreiſt und meſſend an. Nichts in der Welt hätte beſſer bewirken können, Lorbergs Schritte zu beſchleunigen. Er konnte nicht daran zweifeln, daß dies Hermann von Feldheim ſein verhaßter junger Vetter ſei, den er ganz uner⸗ wartet vor ſich ſah. Den Hut in die Stirn gedrückt, den Kopf trotzig aufgehoben, den Arm in die Seite geſtemmt und nachläſſig mit ſeinem Stöckchen ſpielend, ſtand er da und zog unmuthig ſeine Augen zuſammen, als er erkannte, mit wem er es zu thun habe. So feindlich wie bei jenem erſten Begegnen war auch jetzt dieſes Anſchauen der beiden jungen Männer, und eben ſo ſchunell kehrten ſie ſich fort, als hätten ſie etwas Schreckliches erblickt. 187 Richard eilte, in einen Seitenweg einzubiegen, als er dieſen aber erreicht hatte, drängte ſich ihm ein ſpottſüch tiges Lachen auf. Das alſo war des Pudels Kern! rief er mit den Worten des Dichters. Ein leichtſinniges Aben teuer dieſes edlen, kaum der Schule entlaufenen jungen Herrn. Glücklicher Bater! Schade, daß er nicht an mei ner Stelle war. Doch was kümmern mich dieſe Menſchen! Mögen ſie verderben wie es ihnen beliebt.“ Indem er weiter ging und den Garten verließ, ver ſchwanden alle ſeine irrigen Vorſtellungen, welche die aben⸗ teuernde Dame hervorgerufen. Daß es Suſette nicht ſein konnte, war gewiß, wer ſonſt unter dem großen Shawl ſtak, blieb gleichgültig. Nach einer Viertelſtunde lachte er herzlich über ſeine lebendige Einbildungskraft und über ſeinen ritterlichen Zorn gegen die Ungetreue, deren Liebes⸗ Intriguen ihn ſo heiß gemacht.„Ich muß es dem tugend⸗ vollen Suſettchen wenigſtens in Gedanken abbitten und ihr meine Reue beweiſen,“ ſagte er.“„Wenn ich ihr meinen Verdacht geſtehen könnte, wie würde ſie mich verabſcheuen oder auslachen! und letzteres verdiene ich allerdings eini— ger Maßen, denn nur mein überreiztes Gehirn konnte mir ſolche Streiche vorſpiegeln.“ Dieſer Zwiſchenfall brachte die gute Wirkung mit ſich, daß Richard von Lorberg in weit beſſerer Stimmung aus dem Garten kam, als er hineingegangen. Er hatte ſich in ſeinen Entſchlüſſen befeſtigt, ſein Muth hatte ſich aufgerichtet, 188 er ſah nicht ein, warum er verzweifeln ſollte. Seehauſen war er los, er wollte ihn auf immer vermeiden; das kleine Erlebniß im Garten beluſtigte ihn, und er fühlte keinen Widerwillen mehr, am Abend mit der Frau Commercien⸗ räthin und Fräulein Suſetten oder mit den Muſen und Grazien Thee zu trinken. Etwas ſpäter als üblich machte Lorberg ſich am Abend auf den Weg. Denn erſtens wollte er dadurch beweiſen, daß es überhaupt ſchwer für ihn geweſen, ſich frei zu machen, zum anderen aber meinte er immer noch früh ge⸗ nug zu erſcheinen, um dem Geſchick, das ihn erwartete, die Stirn zu bieten; denn irgend ein ſchreckliches Schickſal war ihm ſicherlich beſchieden. Als er vor dem Hauſe ſtand und zu deſſen Fenſtern hinaufſah, fand er dieſe gegen ſeine Er⸗ wartung ſämmtlich dunkel, nur in dem Wohnzimmer der Frau Commercienräthin ſchimmerte Licht hinter den Vor⸗ hängen. Die Geſellſchaft mußte alſo nicht groß ſein, allein gewiß war ſie um ſo auserwählter. Wie ein Feld⸗ herr, der die Schlacht unvermeidlich vor ſich ſieht, ſtieg er die Treppe hinauf und zog die Klingel. Der Bediente öffnete und nahm ihm den Mantel ab, er erblickte nichts, was auf andere Gäſte deutete, doch mochte er keine Frage thun. Er ging durch den Corridor und trat in das Zim⸗ mer, wo er keinen Laut hörte. Dies war erklärbar genug, denn Niemand befand ſich darin, als Fräulein Suſette, welche auf dem Sopha ſaß, ihren Kopf mit ihrer Hand nd 9, d ſtützte und in einem Buche zu leſen ſchien. Auf dem Tiſche vor dem Sopha brannte eine große Lampe, von einem dich⸗ ten chineſiſchen Blumenſchirm bedeckt, der das geſammte Licht auf den Tiſch niederdrückte. Voller Verwunderung blieb Richard von Lorberg ſtehen; bei dem Geräuſche hob Fräulein Suſette jedoch ihren Kopf auf, und eben ſo raſch kam ſie ihm entgegen.„Sind Sie es wirklich, Herr von Lorberg!“ rief ſie, und indem ſie lachend in ihrer lebhaften Weiſe hüpfte, knixte und die Hände vor Vergnügen zu⸗ ſammenſchlug, ſetzte ſie hinzu:„wir haben Sie wirklich nicht erwartet.“ Die Naivität dieſes Empfanges verwirrte den Frei⸗ herrn eben ſo wohl ein wenig, wie der Mangel aller Ge ſellſchaft.„So bitte ich um Verzeihung,“ ſagte er,„wenn ich gegen ihre Erwartung komme.“ „Ich bin, wie immer, erfreut,“ fuhr Fräulein Suſette fort,„aber dieſer Tag war ein Tag des Unheils. Wiſſen Sie, was ich vor hatte und was geſchehen iſt? Wir wollten einen genußreichen Abend feiern. Meine Couſine Doris verſammelt wöchentlich einen geiſtreichen Kreis um ſich, in welchem Literatur und Muſik getrieben wird. Die neueſten Sachen werden vorgetragen, Gedichte geleſen, oft auch eine Komödie, wobei die Rollen vertheilt werden. Es iſt ſehr unterhaltend, ſehr geiſtreich, nicht wahr?“ „Gewiß, höchſt geiſtreich!“ erwiderte Richard, indem er im Stillen Gott dankte, der erſichtlich ihn davor beſchützt hatte. 190 „Warum ſollen wir alſo nicht auch geiſtreich ſein?“ rief Fräulein Suſette.„Jede Woche wollten wir einen Abend dazu beſtimmen, und heute ſollte der erſte ſein. Ich hatte einige Freundinnen eingeladen, dazu meine liebliche Couſine Doris mit ihrem Manne, ſo auch Sie, beſter Herr Baron.“ „Sie ſind ſehr gütig,“ fiel Richard ein,„leider bin ich ein entſetzlich ſchlechter Vorleſer.“ Doch kein ſchlechter Schauſpieler,“ lachte ſie in ihrer formloſen Art.„Ein junger geiſtreicher Herr aus der Geſellſchaft wird ſeine Rolle immer gut auszuführen wiſſen.“ Es blieb Richard nichts übrig, als zu verſichern, daß er mit Vergnügen thun werde, was er vermöge. „Nun ſehen Sie das Unheil!“ fuhr Fräulein Suſette fort;„die ganze Geſellſchaft hat abgeſagt, und auch von Ihrer Seite blieb kaum eine Hoffnung. Ich war in Ver⸗ zweiflung!“ „Wir ſtillen dieſe ein ander Mal,“ erwiderte er. „So daß ich Kopfſchmerzen darüber bekam!“ rief ſie, mit einer theatraliſchen Armſchwenkung, das Taſchentuch an ihre Stirn drückend. „Das iſt ſehr zu beklagen, theuerſtes Fräulein,“ ver⸗ ſetzte er theilnehmend und mit der geheimen Abſicht, ſich ſchnell zu empfehlen.„Dann bedürfen Sie gewiß der Ruhe.“ Suſett nuch ven in Ve „Und ſelbſt meine Tante iſt nicht hier,“ ſagte Suſette ſeufzend.„Sie hat den Abend nun benutzt, um Geſchäfte mit ihrem Advocaten abzumachen und eine entfernt woh⸗ nende Freundin aufzuſuchen. Ich darf ſie nicht ſo bald zu— rückerwarten.“ „Ich muß bekennen,“ antwortete er,„daß ich dies bei Ihrem Kopfſchmerz für ſehr zuträglich halte. Und eben deßwegen...“ „Der Kopfſchmerz iſt ſo ziemlich vorüber,“ unterbrach ſie ihn,„aber ich bin allein, freilich nicht ganz allein, denn“ — Fränulein Suſette hatte bisher vor dem Tiſch und der Lampe, dicht vor Richard von Lorberg geſtanden, jetzt machte ſie eine halbe Wendung und blickte nach dem Sopha hin—„meine Freundin Chriſtine leiſtet mir ge⸗ treulich Geſellſchaft.“ „Es regte ſich etwas in der dunkeln Ecke, und ein Blitz zuckte durch Richards Blut und Kopf, als er die ſchlanke, leichte Geſtalt der Lehrerin im Dämmerlicht auf⸗ tauchen ſah. Gleich darauf hörte er ihre wohllautende Stimme, die wie Muſik in ſeinen Ohxen klang. Als er ihren Gruß er⸗ wiederte, ſagte Suſette:„Ich darf Sie kaum einladen, bei uns zu bleiben, Herr von Lorberg, denn wie ſollen wir Sie ſchadlos halten für das, was Sie verloren haben? Wenn Sie jedoch nichts Beſſeres zu thun wiſſen und damit zufrieden ſein wollen, ohne Polyhymnia und Thalia mit uns Thee zu trinken, von mir bereitet und von Chriſtinen gezuckert, ſo ſollen Sie uns willkommen ſein.“ Lorberg fühlte plötzlich nicht die geringſte Luſt mehr, ſich zu entfernen. Die Einladung wurde aufs artigſte er⸗ wiedert. Er ſetzte ſich den Damen gegenüber, und in kur⸗ zer Zeit brachte der Bediente das Theegeſchirr und den kochenden Theekeſſel herein, welcher Gegenſtand eines ſcherzenden Streites wurde, denn beide junge Damen woll⸗ ten ſich ſeiner bemächtigen, bis endlich Suſette ihn ihrer Freundin überließ.„Gut,“ ſagte ſie,„ich will ſehen, ob Du die Theebereitung verſtehſt; Herr von Lorberg und ich wir werden die gebührende Kritik üben.“ „Ich unterwerfe mich und werde den richterlichen Spruch erwarten,“ erwiderte Chriſtine Streit;„inzwiſchen darf ich behaupten, in einer guten Schule geweſen zu ſein.“ „Wo war das?“ „In Holland,“ ſagte Chriſtine,„dem wahren Vater⸗ lande der Theetrinker.“ „Sie müſſen wiſſen, Herr von Lorberg,“ bemerkte Fräulein Suſette, daß meine Freundin verſchiedene große Reiſen gemacht hat, in Holland und ſogar in England ge⸗ weſen iſt.“ „Als Gouvernante,“ ſagte er in ſich hinein,„der man das Theemachen für die gnädige Herrſchaft aufpackt.“ Laut fragte er:„Wo hat es Ihnen am beſten gefallen?“ . riſtinen tmehr, gſte er in kur⸗ id del eintes n woll i ihrer zen, ob und ich erlichen wiſchen ſein. Vater emert le große land ge der ma t , Kalll 6. vA „In der Heimat,“ verſetzte Chriſtine,„obwohl man daſelbſt gewöhnlich ſehr ſchlechten Thee trinkt.“ „Ich will hoffen,“ lachte Fräulein Suſette,„daß Du der Heimat nun treu bleibſt und Deine geſchickte Hand Wundertränke bereitet, die jeden Widerſacher bezaubern.“ „Das Waſſer kocht,“ erwiderte Chriſtine,„ſprudelnd kochendes Waſſer iſt nöthig, wenn der Zauber gelingen ſoll.“ „Es geht dem Waſſer ſomit wie dem Menſchen,“ ſagte Richard, in den Ton einfallend.„Lauwarmes und Halbes bewirken niemals eine innige Verbindung.“ „Ein ſehr richtiger Grundſatz und eine goldene Lehre,“ antwortete Fräulein Suſette, den Finger in die Luft hal⸗ tend.„Doch fahre fort mit Deinen Weisheits⸗Sprüchen, beſte Chriſtine.“ „Nur wenn dieſe innige Verbindung erfolgt,“ ſagte Chriſtine völlig entwickeln.“ „„kann das Aroma, dieſer gewürzige Duft, ſich „Sehr wahr, ſehr einleuchtend,“ nickte Lorberg beiſtim⸗ mend.„Ohne dieſe Sättigung und Durchdringung findet keine Entwicklung der höchſten Kraft Statt.“ —₰ 77— geiſtreiche Erklärung zu hören!“ lachte Suſette.„Ich werde es für ſie aufſchreiben. Fahre fort, liebe Chriſtine.“ „Dringend nothwendig iſt es,“ begann Chriſtine von Neuem,„nie mehr von dem ſiedendheißen Material zu daß meine Couſine Doris nicht hier iſt, um dieſe nehmen, als gebraucht wird, denn der Zaubertrank darf Mügge, Verloren und gefunden. 13 9 9 194 nicht lange ſtehen und erkalten; er muß friſch und heiß getrunken werden.“ „Das iſt ſehr einleuchtend, Herr von Lorberg,“ ſagte Suſette.„Nur kein abgeſtandenes Getränk!“ „Das geſchmacklos iſt, oder den Geſchmack verdirbt.“ „Außerordentlich geiſtreich!“ rief Suſette.„Weiter, meine beſte Chriſtine.“ „Um deſſentwillen aber,“ fuhr Chriſtine fort,„muß man ſich ja hüten, zu wenig von dem aromatiſchen Zauberkraut zu nehmen. Es iſt ein gefährlicher Irrthum, zu glauben, das ſtarke Getränk erhitze zu ſehr, ſei ſchädlich, betäubend und zerrüttend. Im Gegentheil bringt eine geringe Doſis leicht Blutwallungen und Schwindel hervor, während das kräftige Gebräu belebt und ſtärkt und in dieſer Stärke heilkräftig wird.“ „Welche Klarheit des Gedankens!“ ſagte Suſette, in⸗ dem ſie Richard von Lorberg mit ihren ſchalkhaft blitzenden Augen derartig anſah, daß er davor erſchrak.„Die leiden⸗ ſchaftliche Durchdringung der beiden Ingredienzien muß alſo nicht als blaßgelber Strom erfolgen, ſondern in dunklen und mächtigen Wellen, welche gleichſam über unſeren Häuptern zuſammenſchlagen.“ „Aber dennoch,“ fiel Chriſtine ein,„müſſen dieſe Wellen nicht etwa kochen. Ein ſolches barbariſches Verfahren würde den edeln Trank verderben. Das Feuer in ihm iſt ein ätheriſches, das die Hülfe der groben irdiſchen Flammen d heiß ¹ſagte iß man erkraut lauben, ubend Doſis nd das Stärke te, in⸗ zenden leiden⸗ n mui dunklen unſere Wellen fahren ihm iſ annne 195 nicht ertragen kann. Mit ihnen aufgekocht, erhält das zauberiſche Getränk einen rohen, ätzenden Geſchmack, und davor muß man ſich ganz beſonders bewahren.“ „Alſo echt und wahr, und vom himmliſchen Feuer durchglüht muß dieſes herrliche Getränk ſein,“ lachte Fräu⸗ lein Suſette.„Wir müſſen uns das merken, beſter Herr Baron. O, wäre doch nur meine geiſtreiche Couſine hier, und mein Couſin, der vortreffliche Kunſtkenner! Wie würden ſich beide über Deine kunſtvolle Anleitung freuen!“ Sie ſchielte dabei ſchalkhaft auf Richard hinüber, der in Gedanken ſich verſenkt hatte, die ihn auf einige Augen⸗ blicke beſchäftigten. Es kam ihm vor, als enthalte dieſe Abhandlung einige allegoriſche Anſpielungen, welche er ſich wohl merken und auf ſich beziehen ſollte. Wollte ihm etwa das ſchwarze Fräulein zu verſtehen geben, daß er ein ziemlich lauwarmer und läſſiger Verehrer ihrer Freundin ſei? Und wollte Fräulein Suſette etwa ihn zu heißerer Anbetung ermuntern? Waren die zündenden Blicke, mit denen ſie ihn bedachte, ein Vorſpiel, das ſie ihrerſeits zum Beſten gab, und ſollte der Seitenblick auf die unreinen irdiſchen Flammen im Gegenſatz zu dem ätheriſchen Feuer ihm an⸗ deuten, daß man eine leidenſchaftliche, hingebende Liebe von ihm erwarte, welche, fern von allen elenden Nebenzwecken, ſich in Fräulein Suſettens holdſeliges Bild verſenke?— Einen Augenblick machte ihn dieſe Vorſtellung ernſthaft, dann nöthigte ſie ihm ein ironiſches Lächeln ab, bis ſeine 13* 196 Augen von Suſetten auf die intereſſante Nachbarin hinüber ſtreiften und an ihr hangen blieben. In dem Dämmerlichte ſtand ſie in dem ſchwarzen knap⸗ pen Kleide, aus welchem der edel geformte Kopf ſich erhob, mit ſonnigen Augen und ihren reichen glänzenden Locken, die dieſes ſchöne Bild einrahmten. Heute wie damals, wo ſie in derſelben Tracht mitten in der glänzenden Geſell— ſchaft erſchien, ließ ſich nicht der geringſte Schmuckentdecken, nicht einmal ein Goldgehänge in ihren Ohren; aber wer vermißte ſolchen Tand an ihr! Vielleicht beſaß ſie kaum mehr als dieſes eine Gewand; dieſer Gedanke fiel Richard ein und weckte ſeinen lebhaften Wunſch, ihr etwas recht Prächtiges ſchenken zu dürfen, glänzender, reicher, als alles was die Hochmüthigſte beſaß. In demſelben Augenblicke aber verwarf er dieſen Gedanken mit Verachtung, er ſchien ihm unwürdig zu ſein, und ſeine geſammelte gute Laune kehrte zurück, als Chriſtine ihr liebliches Geſicht ihm ent⸗ gegen neigte und in der vertraulichen Weiſe, die ſo ver⸗ lockend war, ſagte:„So fülle ich denn Ihre Taſſe, mein geſtrenger Herr und Richter, und bitte Dich, meine liebe Suſette, halten Sie nicht mit Ihren allſeitigen Lobeser⸗ hebungen zurück und ſpenden Sie mir die Beweiſe Ihrer Zufriedenheit, wenn ich dieſe verdient habe. Was ſie bat, wurde ihr freigebig zu Theil, denn Richard fand den Thee vortrefflich, und nun ſchnitt Chri⸗ ſtine mit ähnlicher Sachkenntniß feine Butterbrödchen. hinüber i knay erhob, Locken, als, wo Geſell tdecken, ber wei je kaum Richard 15 recht ls alles enblick ſchien Laune 197 Suſette reichte ihm ein Körbchen mit Kuchen, und beide junge Mädchen beſtrebten ſich ſo eifrig und aufmerkſam, den Gaſt zu bedienen, als gält es einen Wettkampf um ſeine Gunſt. Suſette pries ihm jeden Augenblick etwas an und nöthigte es ihm mit überredenden Schmeicheleien auf. Sie hatte ſo viele luſtige Einfälle und neckende Bemerkungen, und war ſo geneigt, ſowohl Lorberg wie ihre Freundin zum Gegenſtand derſelben zu machen, daß es an Stoff zum Lachen, wie an kleinen Verlegenheiten nicht fehlte; denn ſie war ſo offenherzig rückſichtslos wie immer. Richard von Lorberg fand es beſonders unzart, als ſie ihre luſtigen Anſpielungen auch auf Chriſtinens Beſchäfti⸗ gung ausdehnte und die großen Einkünfte rühmte, welche ihr dadurch zufließen müßten; die Lehrerin aber ſchien nicht verletzt zu ſein, ihr Lächeln wurde freundlicher, und ihre Antworten vermehrten die Theilnahme, welche Richard für ſie empfand. „Nicht alle Arbeiten,“ ſagte ſie,„bringen großen Ge— winn an Geld und Gut, und doch ſind ſie lohnend. Wenn es Liebe und Ergebung erfordert, zu arbeiten, was müh⸗ ſelig iſt und doch von den Meiſten gering geſchätzt wird, ſo muß der Lohn dafür in uns ſelbſt liegen. Wir müſſen ihn uns ſelbſt auszahlen, liebe Suſette, wir müſſen mit uns zufrieden ſein.“ „Alles recht ſchön,“ lachte Fräulein Suſette, aber dieſe Selbſtzufriedenheit iſt Selbſttäuſchung. Wie kann ich zu⸗ 198 frieden ſein, wenn ich das Leben wie ein Vogel betrachten muß, der hinter eiſernen Stangen ſitzt, ſein Futter ſich mühſam zuſammen ſucht und von allen bunten Herrlich⸗ keiten der Welt nichts hat, als ſein ſchwarzes Röckchen!“ Sie lachte dabei übermüthig, indem ſie wie zur ver⸗ ſöhnenden Abbitte das ſchwarze Fräulein umarmte; aber Chriſtine hatte keine Verſöhnung nöthig.„Das ſchwarze Röckchen hat auch ſeine Freuden,“ ſagte ſie mit der De⸗ muth, die ihren Stolz nicht aufgibt.„Und birgt es nicht noch anderes Glück, als das, was in Deinen Herrlichkeiten der Welt liegt?“ „Ich wüßte nichts,“ verſetzte Suſette. „Das Glück, das wir eben in uns ſelbſt und in unſerer Arbeit finden,“ ſagte Chriſtine, und mit ihrer klingenden, reinen Stimme fügte ſie hinzu:„Der rechte Arbeiter ar⸗ beitet auch an ſich ſelbſt und für ſich ſelbſt. Nicht der Lehrer allein lernt, indem er lehrt, jeder Menſch hat die— ſelbe Aufgabe, wenn er es redlich mit ſich meint.“ „Was lernt er denn, oder was ſoll er lernen?“ lachte Suſette. „Wie er menſchlicher oder, wie man zu ſagen pflegt beſſer wird.“ „Beſſer, beſſer!“ rief Suſette übermüthig.„Soge⸗ nannte gute Menſchen ſind langweilig, und unſere Unter⸗ haltung ſcheint mir ebenfalls auf dem beſten Wege dazu. Ich ſehe es dem Herrn von Lorberg an, er denkt daſſelbe. trachten tter ſich zerrlic⸗ chen!“ zur ver e; aber ſchwarze der De⸗ es nicht ichkeiten unſerer ngenden, eiter ar⸗ icht der hat die⸗ 1 lachte en pflg 199 Ach, warum iſt meine geiſtvolle Couſine Doris nicht hier! Sie würde es nicht gelitten haben, daß wir uns beſſern ſollen. Aber wir wollen auch nicht, Chriſtine, denn wir haben allerlei Beſſeres genug ſchon zu thun: Wir wollen Muſik machen, wir wollen ſingen, wenn Herr von Lorberg die Gnade haben will, es anzuhören. Richard war bereit dazu, doch ärgerte er ſich im Stillen über Suſettens leichtfertige und abſprechende Oberflächlich⸗ keit. Chriſtinens Aeußerungen hatten ihn angezogen und gerührt, mit Gewalt mußte er ſich von dieſen Eindrücken abwenden und artig Suſetten helfen, den Flügel zu öffnen. Er ſollte die beiden Damen nun ſpielen und ſingen hören, und er freute ſich darauf und wünſchte im Geheimen etwas, das eigentlich im Voraus ſchon bei ihm feſt ſtand. Er wünſchte, daß Suſette bei dieſem Wettſtreit eben ſo weit hinter dem ſchwarzen Fräulein zurückſtehen möchte, wie in allem Anderen, und darauf hatte er nicht lange zu warten, denn es zeigte ſich ſchon nach den erſten Verſuchen, daß Fräulein Suſettens Kunſt eine ſehr beſcheidene war. Um ſo unbeſcheidener war ihre Luſt, ſich hören zu laſſen, und um ſo anmaßlicher die Art, wie ſie das Spiel und den Ge⸗ ſang ihrer Freundin beurtheilte. Als wäre ſie die geiſtreiche Couſine ſelbſt, tadelte ſie die ſchöne volle Altſtimme. Chriſtinens Anſchlag war matt und taugte nichts, kein Ausdruck darin; ſie hatte keine Schule gehabt.—„Ich habe zwei Jahre lang bei Berger 200 Unterricht genommen,“ ſagte ſie zu Richard,„da lernt man etwas, aber er gibt auch ſeine Stunden nicht unter zwei Thalern.“ Chriſtine ließ ſich das alles gefallen, ohne ihre liebens⸗ würdige Nachſicht zu verlieren. Sie gab ſogar manches zu, was Suſette tadelte, und ſuchte es zu verbeſſern, allein ſie wurde bald wieder von ihrer lebhaften Freundin ver⸗ drängt, die mit fürchterlicher Gewalt die Taſten bearbeitete und in dieſer Art des Vortrages allerdings unüber⸗ trefflich blieb. Richard von Lorberg verſtand wenig von Muſik, doch beſaß er Ohren und Gefühl dafür. Er konnte ſich nicht enthalten, Suſettens herausfordernde Blicke mit Compli⸗ menten zu beantworten, deren Ironie kaum zu verkennen war; allein Fräulein Suſette verſtand dieſe dennoch nicht, und in Folge davon gab ſie einige neue Kraft⸗ proben. Endlich aber ſchien ſie erſchöpft zu ſein, und nach einem Verſuch zum Geſang, der ſo unglücklich ausfiel, daß ſie ſelbſt ein lautes Gelächter aufſchlug, war Chriſtinens Sieg entſchieden. Suſette zog ſie an das Inſtrument und ſagte:„Jetzt ſinge uns Deine Lieder, ich bin heut heiſer. Wir wollen beide zuhören, Herr von Lorberg, in ſolchen kleinen Sachen iſt Chriſtine eine Meiſterin.“ Und ſo war es wirklich. Chriſtinens ſchöne Stimme beſaß einen eigenthümlichen Schmelz und eine Biegſam⸗ keit und Weichheit, die nur künſtleriſche Durchbildung mtman ter zwei liebens⸗ nanches allein in ver⸗ rbeitete müber⸗ 6 doch richt lompli kennen ennoch Kraft⸗ dnach tinens nt und heiſer ſolchen timme gſan⸗ Aldung — 201 geben kann. Es war eine genußvolle Stunde, welche allzu⸗ raſch verging. Wenn Chriſtine aufhören wollte, hatte Suſette gleich wieder etwas bei der Hand, was ſie noch hören wollte, und die gefällige Freundin war dazu bereit, immer von Neuem zu beginnen, bis die Uhr auf dem Schreibſpinde der Frau Commercienräthin neun Mal ſchlug. Als dies geſchah, ſtand ſie auf, und Suſetten ihre Hand reichend, ſagte ſie:„Jetzt muß ich fort, gute Nacht!“ Fräulein Suſette fiel ihr um den Hals.„Ich danke Dir tauſend Mal, rief ſie. Du kannſt Einem Thränen in die Augen ſingen, und dann möchte man wieder ſchreien und jubeln. Iſt es nicht wahr, Herr von Lorberg?“ „Ich wage nichts hinzu zu fügen,“ erwiderte Richard, Chriſtinen anblickend. Sie nickte ihm zu und lächelte.„Vielen Dank,“ ſagte ſie. „Es könnte noch etwas aus Dir werden,“ rief Suſette, wenn Du Dich ausbildeſt.“ „Als was?“ „Als eine Sängerin, mit zehntauſend Thalern Gehalt.“ „Ich ziehe es vor zu bleiben, was ich bin,“ erwiderte Chriſtine, den Hut umbindend. 1 „Aber Sie wollen doch nicht allein gehen?“ fragte Richard. 20²2 „Ich bin nun beinahe neunzehn Jahre lang allein ge— gangen,“ lachte ſie,„und fürchte mich nicht. „Darf ich Ihnen meine Begleitung anbieten?“ „Dann würden Sie einen ziemlich weiten Weg zu machen haben.“ „Auch verſchiedene krumme Wege,“ fiel Suſette ein, aber es gibt keine geraden, wenn man Dich heimführen will.“ Sie hüpfte an Richard von Lorberg auf und ſah ihn ſpottſüchtig an.„Sie wollen mich alſo wirklich verlaſſen?“ ſragte ſie. „Wenn Sie es erlauben,“ erwiderte er. „Wir können einen Wagen holen laſſen,“ ſagte ſie, „oder auch unſer Diener könnte Chriſtinen begleiten; im Uebrigen geht ſie immer allein, und meine Tante kann nicht mehr lange ausbleiben. Ich glaube wohl, daß ſie erfreut ſein würde, wenn ich Sie feſt gehalten hätte.“ „Sie brachte alle ihre Gründe bedächtiger vor, als ſie es ſonſt that, und ließ ſich vollkommen Zeit, ihn zu beob⸗ achten, während ſie eine empfindliche Miene annahm. Plötzlich aber, als er unſchlüſſig ſchien, rief ſie mit ihrer gewöhnlichen Lebhaftigkeit:„Sie haben Chriſtinen Ihre Begleitung zugeſagt, dann müſſen Sie wohl gehen.“ „Ich werde allerdings meine Zuſage halten müſſen, Fräulein Suſette.“ llein ge⸗ Weg zu ſette ein, nführen ſah ihn laſſen? ggte ſie ten; in „Wenn Chriſtine es ſo will,“ ſagte Suſette. Chriſtine hatte ihr Mäntelchen umgeworfen.„Gewiß will ich,“ ſagte ſie.„Ich bin bereit Herr von Lorberg.“ „Iſt das mein Loos?“ lachte Fräulein Suſette in tra⸗ giſchem Tone.„Gute Nacht, Herr von Lorberg!“ Richard ſagte ihr freudig Lebewohl. Zehntes Kapitel. Die Frau Commercienräthin ſaß vor ihrem großen Schreibſpinde, das noch aus den Zeiten des ſeligen Com— mercienrathes ſtammte und in ſeiner Art ein prächtiges Stück war, obwohl es nicht eben für eine Dame paßte. Es hatte zu beiden Seiten Zahlbretter, hatte unten einen breiten, mit Eiſen gefütterten Geldſchrank, oben eine ge— waltige Klappe, innen eine Reihe Kaſten, Fächer und Ge⸗ heimfächer, zur Aufnahme von Büchern, Schriften und Werth⸗Papieren, und vor der praktiſchen Frau lag ein großes Rechnungsbuch, mit dem ſie ſich beſchäftigt haben mußte; jetzt that ſie jedoch nichts, denn ſie hatte ſich in dem Seſſel umgedreht, und ſah einem Beſuche entgegen, der ſo eben eintrat. Dieſer Beſuch war der Hauptmann See⸗ hauſen. Die Frau Commercienräthin war bei ihrem Rechen⸗ buche geſtört worden und ſicher nicht in der beſten Laune; aber ſie hatte den Hauptmann doch herein kommen laſſen, großen n Com⸗ ichtiges paßte⸗ meinen — — 205 denn ſie hatte allerlei mit ihm abzumachen. Seehauſen war ſo ſanftmüthig und geſchmeidig wie eine Katze, der eine feſte Hand über den Rücken ſtreicht. Er böog ſich lächelnd ſo tief als möglich und bat ſo leiſe um Verzeihung, wenn er eine Störung verurſache, als fürchtete er, mit ſeiner rauhen Stimme den mächtigen Ohren der Frau Commercienräthin wehe zu thun. Die ſtrenge Dame gab ihm zunächſt gar keine Antwort. Ihre runden, grünlichen Augen muſterten ihn dafür ſo ſcharf, als ſollte ihnen nichts entgehen, und in dem Raubvogel— geſicht malte ſich ein unverkennbares Mißtrauen, das gegen alle möglichen etwaigen geheimen Abſichten des Haupt⸗ manns ſich wappnete. „Sie befinden ſich doch wohl, hochverehrteſte Frauze begann der Hauptmann, denn da er nicht ſogleich Tante ſagen wollte, ließ er die verwandtſchaftliche Benennung fort. „Es geht mit mir ſo ſo,“ war ihre Antwort.„Aber was wollen Sie?“ „Was ich will?“ verſetzte Seehauſen ſpaßhaft lachend. „Wenn ich es doch wagen dürfte, meinen Willen auszu⸗ ſprechen.“ „So würde hier bald wenig mehr zu wollen übrig blei⸗ ben,“ fiel ſie ein.„Abex was Sie wollen, will ich nicht, und Zeit habe ich auch nicht, alſo reden Sie.“ 206 „Ich habe, wie Sie mir gütigſt unlängſt aufgaben, den Doctor Hellmuth beſucht,“ ſagte Seehauſen. „Sind Sie bei ihm geweſen?“ erwiderte ſie, die Feder aus der Hand legend.„Was ſagt der Ludwig von ſeinen Dummheiten?“ „Nichts ſagt er,“ lächelte Seehauſen,„weiter nichts, als einigen Blödſinn, wie ihn ſolche unpraktiſche Menſchen zur Welt bringen.“ „Haben Sie ihm auf den Zahn gefühlt?“ fiel ſie ein. „Auf alle Zähne und auf den Kopf obenein, hochver⸗ ehrteſte Frau. Dieſer Kopf iſt jedoch derartig kindlich oder kindiſch, daß von ihm nicht das Geringſte zu beſorgen iſt. Er freute ſich über meine Mittheilungen und geriethe über die raſche Verlobung in eine Art Verzückung.“ „Was Verzückung?“ rief die Frau Commercienräthin. „Was ſoll das heißen?“ „Eine verehrende Anbetung beſitzt dieſer Doctor,“ ſagte Seehauſen,„die einem Türken zur Ehre gereichen würde. Was Suſette thut, iſt wohl gethan und Lorberg jedenfalls ein Mann, wie es keinen zweiten in der Welt gibt.“ Die runden Augen der Commercienräthin blitzten ihn an.„Sie glauben das wohl nicht?“ fragte ſie. Seehauſen zog ſeine Stirn in die Höhe und zuckte die Achſeln.„O,“ lachte er, geſchmeidig ſeine Hände reibend, „warum ſoll man nicht das Allerbeſte glauben? Das aller⸗ 207 den, den dings möchte ich nicht behaupten, daß es nicht noch andere gibt, die es meinem lieben Vetter zuvorthun.“ Die. D 6 ſ f 10 ſtoho N ie Feder Die⸗Dame ſtand auf und blieb vor ihm ſtehen.„Nun,“ ſeinen ſagte ſie,„ich ſehe es Ihnen an, Sie wollen mir etwas von ihm erzählen. Er hat Schulden, nicht wahr?“ „Dies könnte allerdings wohl der Fall ſein,“ antwor 8 tete der Hauptmann,„allein ich behaupte nichts Böſes, aſchet verehrteſte Frau, durchaus nicht etwa Böſes, ſundern nur . in Erfüllung meiner Pflicht als Freund und Verwandter, ſie en. glaube ich—“ fochver„Machen Sie keine Umſtände!“ unterbrach ihn die kindlich Frau Commercienräthin. eeoorgen„Gewiß nicht, nein! ohne Zweifel,“ lächelte Seehauſen, gerieth„aber Sie wiſſen, hochverehrteſte Frau, Jugend hat keine Tugend, Jugend iſt unbeſonnen, aber Schulden— es ge⸗ räthin. hört nichts als Geld dazu, um ſie zu bezahlen— Schulden haben Kaiſer und Könige.“ rfagt Das Raubvogelgeſicht rückte näher zu ihm heran, ſag—— 8 2. 4 Seehauſen ſah wehmüthig vor ſich nieder und ſchüttelte würde⸗ 27— ſeinen dicken Kopf. renfalt, „Es iſt alſo noch etwas Anderes?“ fragte die Frau 1 Commerxcienräthin. glitzten—.. 2,— blit Es thut mir leid, ſehr leid,“ murmelte der Haupt⸗ 7 7 7 1 17 e. mann. eto die 4 A H- ucke! 3„Was thut Ihnen leid?“ reibend,„Aber ich habe die Pflicht,“ fuhr er energiſch fort. alle ————— 208 „Pflicht verbietet alle Rückſicht, und ſtände er mir näher als die Schweſter meiner geliebten Flora, alſo..“ „Machen Sie keine Umſtände!“ unterbrach ihn die Dame zum anderen Male.„Was iſt es?“ „Er hintergeht Sie.“ „Wer?“ „Den Sie mit Ihrer Güte überhäufen.“ „Was hat er gethan?“ „Undank!“ murmelte der Hauptmann ſchwermüthig ſeufzend.„Es iſt gewiſſenlos, ein ſolches Verhältniß an— zuſpinnen, wo er wie ein Freund, wie ein Sohn empfan⸗ * gen wird.“ „Ein Verhältniß!“ rief die Frau Commercienräthin, und ihre blitzenden Augen ſtanden ſtill. Das breite, gelbe Geſicht erhielt einen erſtarrenden Ausdruck. Was für ein Verhältniß? Mit wem?“ „Mit wem? O, wenn es etwa noch— aber ſo... Der Hauptmann vollendete nicht.„Eine Schlange,“ ſagte er,„eine ſchwarze Schlange, die ſich bei Suſetten 74 eingeſchlichen hat.“ Die Frau Commercienräthin legte ihre kräftige Hand auf ſeinen Arm.„Die Lehrerin? Chriſtine?“ fragte ſie. Seehauſen nickte ihr betrübt zu. „Sie ſind toll!“ ſchrie die alte Dame, indem ſie ihn von ſich ſtieß und gellend auflachte,„rein toll ſind Siel näher ale ih ihn di vermütht aältniß an nempfan rienräthin reite, gelte s fir i er ſo Schlauge Srſfette Wie kommen Sie dazu, ſich ſolche Dummheiten einzu⸗ bilden?“ „Theuerſte, verehrteſte Frau,“ erwiderte Seehauſen wehmüthig,„wenn es Dummheiten wären...“ „Es ſind Dummheiten!“ ſchrie die Tante.„Reden Sie kein Wort weiter— oder ja, reden Sie. Wie kom⸗ men Sie dazu?“ „Ich habe es mit meinen Augen geſehen, erwiderte Seehauſen,„und möchte hinzuſetzen: mit meinen Ohren gehört?“ „Kommen Sie her,“ ſagte die Tante, indem ſie ſich ſetzte,„und ſprechen Sie leiſe. Was haben Sie geſehen und gehört?“ „Er hat dieſe Lehrerin geſtern Abend nach Hauſe be⸗ gleitet,“ begann der Hauptmann;„ganz zufällig oder durch einen höheren Willen geleitet, mußte ich ihnen begegnen.“ „Das iſt nicht wahr,“ fiel die Frau Commercienräthin ein,„Sie paßten auf und verfolgten ſie.“ „Ich folgte ihnen,“ erwiderte er,„weil es mir eine heilige Pflicht ſchien. Sie gingen ſehr langſam, und es dauerte nicht lange, ſo waren ſie ſehr vertraulich.“ „Woher wiſſen Sie das?“ „Er führte ſie, und ſie gingen immer langſamer und machten, wie ich nachher ſah, verſchiedene Umwege, denn die Wohnung der ſchwarzen Mamſell wäre viel ſchneller zu erreichen geweſen.“ Mügge, Verloren und gefunden. 14 —————— 210 „Wo wohnt ſie?“ fragte die Dame. „In der Blumenſtraße wohnt das prächtige Blümchen.“ „Wiſſen Sie das Haus?“ „Ganz genau,“ verſicherte er.„Ich war verſchiedent⸗ lich dicht hinter ihnen und hörte deutlich, wie ſie lachten und ſchäkerten, und als er Abſchied nahm, ſtand er wenig⸗ ſtens fünf Minuten lang noch vor ihrer Thür, ihre Hand in ſeiner Hand, und da ich vorüber ging, ſagte er: Schen⸗ ken Sie mir bald wieder einen ſo genußvollen Abend, theuerſtes Fräulein Chriſtine! Sie wiſſen nicht, wie glück⸗ lich er mich gemacht hat.“ „Und was weiter?“ fragte die Tante. „O, wirklich, ich denke doch, dieſe Worte ſagen ſehr viel,“ erwiderte Seehauſen ein wenig verwirrt über ihr Anſtarren und ihren ruhigen, kalten Ton. „Nichts ſagen ſie, gar nichts!“ rief die Frau Com— mercienräthin, ihre knochigen Arme heftig bewegend,„und ich begreife nicht, wie ein vernünftiger Mann, der Sie ſein wollen, aber Sie ſind's nicht, denken kann...“ Ihr Ge⸗ lächter begann von Neuem, und ſie ging mit mächtigen Schritten an dem Hauptmann vorüber in der Stube auf und ab, ohne den demüthigen Spion eines Blickes zu würdigen. „Ich würde einen tiefen Schmerz empfinden,“ mur⸗ melte der Hauptmann ſchwermüthig aus dem Kehlkopf, „wenn ich denken könnte, einen Unſchuldigen zu beleidigen, umchen.“ ciiedent⸗ lachten r wenig⸗ re Hand Schen Abend, ie glüc gen ſehr tber ihr nächtige tube auf lickes zu du Mul- ,. gebls gen, eleidt 211 und da dieſer obenein mein Verwandter iſt, für den ich eine innige Zuneigung empfinde, ſo würde ich lieber meine Gefühle unterdrücken; aber ich habe Gründe, verehrteſte Tante, triftige Gründe, und meine Ehre, meine Ueber⸗ zeugung...“ Er klopfte energiſch auf ſeine Bruſt und verbeugte ſich, denn das Raubvogelgeſicht ſtand wieder dicht vor ihm, und die runden Augen leuchteten ihn an. „Gut,“ ſagte ſie mit unverkennbarem Hohn,„weil es Ihre Ehre erfordert, Seehauſen, ſo müſſen wir etwas thun, um ins Reine zu kommen. Sie wiſſen alſo, wo das Fräulein von Habenichts wohnt?“ „Ich habe mir das Haus gemerkt,“ erwiderte er. „Das iſt genug. Gehen Sie hin und bitten Sie die gelehrte Dame, ſie möchte mich beſuchen heut Abend zwi⸗ ſchen ſieben und acht Uhr.“ „Soll ich noch Jemanden bitten?“ fragte Seehauſen, unterthänig lächelnd. „Richtig, Sie ſollen noch Jemanden bitten. Den Doctor.“ „Den Doctor?“ fragte er verwundert. Er hatte einen Anderen erwartet. „Hellmuth,“ ſagte ſie,„um ſieben Uhr. Den Herrn von Lorberg werde ich ſelbſt einladen. Jetzt gehen Sie; morgen Mittag kommen Sie zu mir, wir wollen dann weiter ſprechen. Aber, halt! warten Sie noch einen Augen⸗ blick. Wenn ich wieder Geſellſchaft habe, und Sie werden 14* 212 dazu eingeladen, ſo unterſtehen Sie ſich nicht, zu ſpielen. Sie ſind kein Mann, der ſpielen darf. Reichenbach hat ſich gerühmt, er hätte Ihnen das Geld zu einem neuen Anzug geliefert, aber auch dazu kommt's nicht bei Ihnen und wird nie dazu kommen.“ Sie wandte ſich von ihm ab, ſetzte ſich in ihren Seſſel vor dem großen Schreibſpinde, nahm ihre Feder und blickte in das Rechenbuch, ohne ſeinen ehrerbietigen Abſchied wei⸗ ter zu beachten. Als der Hauptmann auf der Straße war, murmelte er zunächſt einen Fluch, dem ein vergnügliches Grinſen nachfolgte.„Es iſt ein Satan,“ ſagte er,„ich weiß nicht, was ſie vorhat, aber es wird eine prächtige Abendgeſell⸗ ſchaft werden. Wie ihr die grünen Augen funkelten, wie einer Eule, wie einer Hexe! Ich habe ihr die Galle durchs Blut gejagt; wie eine wandelnde Citrone ſah das alte Ungeheuer aus und wollte ſich doch nichts merken laſſen.“ — Er lachte voll Genugthuung, ſpie aus und ſetzte dann hinzu:„Mag ſie mich behandeln, wie ſie Luſt hat, wenn ſie nur thut, was ich will. Den Lorberg jagt ſie zum Teufel, oder er, der hochmüthige Narr, ſchüttelt den Staub von ſeinen Füßen und wirft ihn ihr ins Geſicht, ſobald ſie ihm etwa zärtliche Vorwürfe machen will. Es wird ein köſtlicher Auftritt werden, ſchade, daß ich ihn nicht mit anſehen kann! Das leichtſinnige ſchwarze Geſchöpf kommt nicht mit heiler Haut aus dem Hauſe heraus. Pfui! wie ſpielen. bach hat m neuen ei Ihnen en Seſſel nd blicke hied wei⸗ nurmelte Grinſen eiß nicht endgeſel⸗ lten, vie e durchs das alte 1 laſſen. tte dannt t. wenn. ſie zum en Staud ſtat Es wid richt nit f komnt fuil wi kann eine Lehrerin auch ſo unwürdige Gefühle haben! Aber es iſt menſchenfreundlich von unſerer ehrwürdigen Tante, gleich den Doctor zu beſtellen, der ihr die Denk⸗ zettel ihrer Liebe bepflaſtern kann.“ Dieſe Vorſtellungen ergötzten den Hauptmann während ſeines Weges, denn er machte ſich ſogleich auf, um den Auftrag der Frau Commercienräthin zu vollziehen. Es war ihm angenehm: er wollte das Fräulein Chriſtine Streit etwas näher kennen lernen, ſie in ihrem Kämmer⸗ chen aufſuchen und wo möglich vertraulich machen. An jenem Abend war ſie ihm jung und ſchön vorgekommen, aber bei Tage ſehen die hübſchen Mädchen oft ganz anders aus, als beim Kerzenſchein, und in der Nacht ſind alle Katzen grau.—„Ich will liebenswürdig ſein,“ ſagte See⸗ hauſen,„und wenn ſie meinen Schutz verdient, will ich ſie beſchützen. Wenn ſie von dem alten Satan ausgeſtoßen wird, will ich mich ihrer annehmen und ihr ſtatt des lum⸗ pigen Lorberg ganz andere Freunde verſchaffen.“ Mit dieſen vortrefflichen Vorſätzen ſuchte Seehauſen die Wohnung der jungen Lehrerin, und er hatte ſich dieſe ſo gut gemerkt, daß er gewiß war, ſich nicht zu verirren. Es war ein altes Haus, wie faſt alle in dieſer abgelegenen Straße. Auch hatte es nur zwei Stockwerke und wenige Fenſter. Das untere Stockwerk war ſehr niedrig, See— hauſen konnte bequem hinein ſehen, als er vorüber ging, und er erblickte einen alten Schneider, der dort nähend 214 ſaß. Bei ihm konnte die Lehrerin ſchwerlich wohnen. Der Hauptmann richtete daher ſeine Blicke nach oben und be— merkte dort weiße Gardinen und Blumentöpfe, welche ſeine Vermuthungen beſtärkten. Es ſah aus, als ob dort Frauen walteten, die für Sauberkeit Sinn hätten. Er ging daher durch den ſchmalen Hausflur, nach der ſchmalen Treppe, warf aber zunächſt noch einen Blick auf den Hof, der ſeinen beſchränkten Raum zum Theil einem kleinen Gärtchen ab⸗ getreten hatte, zum Theil einem Holzſchuppen oder Stall, an welchem eine Leiter lehnte, die den einzigen Weg bildete, um zu einem Bodenverſchlag zu gelangen. Nach dieſer Unterſuchung, welche der Hauptmann mit den Augen eines alten Soldaten machte, war er verſichert, daß die Lehrerin auch nicht in einem Hintergebäude ihren Sitz aufgeſchlagen und daß überhaupt in dieſem Häuschen nur der Schneider, dem es wahrſcheinlich gehörte, und die Mietherin über ihm wohnten. Als er die Treppe zurück⸗ gelegt, ſah er eine Thür, die nach vorn, eine andere, welche ſeitwärts führte. Der ganze Raum davor war kaum einen Schritt breit und wenige Schritte lang, doch ſah es ſehr reinlich überall aus. Nirgends aber klebte ein Zettel mit einem Namen, auch ſah Seehauſen keine Schelle, um ſich bemerkbar zu machen. Allem Vermuthen nach wohnte das Fräulein jedoch in dieſem Paradieſe nach vorn heraus, und indem der Hauptmann ſich dieſer Thür näherte, hörte er drinnen ſprechen. en. Der rund be⸗ ſche ſeine tFrauen ing daher Treppe, er ſeinen tchen ab⸗ nann mit verſichert ude ihren Häuschel und die he zurüch n, welhe ar kaum ch ſah e in aue gelle, um h wohnte beraus hörte T rte, Er hielt den Kopf näher und horchte.„Das iſt ſie,“ ſagte er leiſe,„eine feſte Bruſtſtimme, die was aushalten kann! Solche Stimme muß eine Lehrerin haben.“ In dem Augenblicke wurde die Thür geöffnet.„Leb' wohl, Marie, und ſei ohne Sorge!“ rief die Stimme,„heute Abend...“ Der Hauptmann bekam einen derben Stoß, denn er konnte ſich nicht raſch genug zurückziehen. Er griff nach ſeinem Hute, der hinten überflog, und ſah ſehr verwundert aus, denn ſtatt der Lehrerin ſtand ein junger Herr vor ihm, der ihn keineswegs freundlich anſah.„Ent⸗ ſchuldigen Sie, mein Beſter,“ rief er,„entſchuldigen Sie!“ „Was ſteht Ihnen zu Dienſten?“ fragte der Herr in barſcher Weiſe. Der Hauptmann verbeugte ſich höflich.„Ich bitte nochmals,“ ſagte er,„ich ſuche— aber wahrſcheinlich irre ich mich.“ „Ich weiß nicht, wen Sie ſuchen?“ erwiderte der Herr. „Wenn dieſes Ihre Wohnung iſt, mein Herr,“ verſetzte Seehauſen,„ſo bin ich jedenfalls nicht recht hier.“ „Ich wohne nicht hier,“ war die Antwort.„Dort iſt die Eigenthümerin.“ Er deutete in das Zimmer hinein. Eine ältliche Frau mit gutmüthigem Geſicht, das ſehr leidend ausſah, ſtand am Ofen und betrachtete den Eintre⸗ tenden, ohne etwas zu ſagen. Sie war einfach wie eine Frau aus dem Volke gekleidet, und hatte eine ſtreifige Kattunſchürze vor ihr Kleid gebunden. 216 Das Zimmer war wohnlich eingerichtet mit Schrank und Commode, mit einem kleinen Spiegel, Tiſch und Stühlen. Am Ofen ſtand ein Großvaterſtuhl, an der Wand hing eine Kuckucksuhr mit gelben Gewichten. Die Dielen waren äußerſt rein und ſauber, ein Gang von grauer Leinwand lief darüber hin und bis an die Kammer⸗ thür. Es ſah ungefähr ſo aus, wie in einer ordentlichen Handwerkerwirthſchaft. Seehauſen ſah Alles. Er näherte ſich der Frau, die ihn verlegen anblickte.„Ich möchte mich bei Ihnen er⸗ kundigen,“ ſagte er,„ob hier vielleicht eine junge Dame wohnt, eine Lehrerin.“ Er hielt inne, denn er bemerkte, daß die Frau ihre Augen auf den Herrn richtete, der inzwiſchen ebenfalls zurückgekehrt und durch das Zimmer bis an das Fenſter gegangen war, wo er durch die Scheiben ſah. „Wie ſoll ſie denn heißen?“ fragte ſie. „Fräulein Streit, ich glaube, Fräulein Chriſtine Streit,“ erwiderte Seehauſen.„Wohnt ſie bei Ihnen?“ „Ja, ſie wohnt bei mir,“ ſagte die Frau zögernd. „Iſt ſie vielleicht zu Hauſe?“ „Sie iſt nicht zu Hauſe,“ antwortete der Herr vom Fenſter her, indem er ſich umwandte.„Frau Wandel nimmt jedoch Beſtellungen an.“ „Wenn Sie etwas zu beſtellen haben, ſo will ich es ausrichten,“ ſetzte die Frau hinzu. Schrant iſch und an der . Dle ang von dammer entlichen rau, die hnen el⸗ e Dane rau ihre beufalls Fen ſter err von Wandel iliches 217 „Ich hätte ſie am liebſten ſelbſt geſprochen,“ ſagte der Hauptmann.„Kommt ſie bald nach Hauſe?“ „Das iſt ungewiß.“ „Aber kommt ſie nicht zur Mittagszeit?“ „Ich weiß es nicht; aber was Sie mir beſtellen, ſoll nicht vergeſſen werden.“ „So,“ ſagte Seehauſen bedächtig, und indem er ſeine kleinen ſtechenden Augen auf dem Geſicht der Frau ruhen ließ, ſah er, daß ſie ängſtlich wurde und wieder nach dem Herrn blickte. „Fräulein Streit kommt oft erſt am Abend nach Hauſe,“ begann dieſer. „Vielleicht ſehen Sie ſelbſt das Fräulein?“ fragte der Hauptmann. „Es iſt möglich. Jedenfalls die Frau hier.“ „So ſagen Sie ihr, daß die Frau Commercienräthin Wittenberg... Vielleicht kennen Sie die Frau Com— mercienräthin?“ „Ich habe von ihr gehört.“ „Behalten Sie gefälligſt den Namen gut. Die Frau Commercienräthin wohnt in der Königsſtraße, und das Fräulein wird von ihr heute Abends um ſieben Uhr wo möglich, oder nach ſieben Uhr erwartet.“ „Gut,“ ſagte die Frau,„ich werde es ausrichten.“ „Thun Sie das,“ fuhr Seehauſen fort,„und ſagen 218 Sie dem Fräulein, es würde angenehme Geſellſchaft finden.“ „Das Fräulein wird Alles genau erfahren,“ ver⸗ ſicherte ſie. Seehauſen hatte keinen Grund, jetzt länger zu bleiben. Er wiederholte der geduldigen Frau nochmals ſeinen Auf— trag mit vieler Freundlichkeit und empfahl ſich in höflicher Weiſe, ohne von dem Herrn dafür mehr zu erhalten, als eine halb abgewandte ſtumme Verbeugung. „Das iſt doch ſonderbar,“ murmelte er, als er die Treppe hinunterſtieg.„Dieſen Grobian muß ich ſchon irgendwo geſehen haben. Oho, Fräulein Tugendſpiegel, ſteht es ſo mit Ihnen? Ein junger Herr macht ihr Morgen⸗ beſuche. Vielleicht war ſie nicht einmal fort, ſtal in der Kammer, und dieſer Lorberg, dieſer Narr, der mich auf⸗ freſſen wollte über einen Spaß“— er fing luſtig zu lachen an und ſtand dann an der Thür des Schneiders überlegend ſtill.—„Hier könnte ich Erkundigungen einziehen,“ ſagte er,„aber ſolche Gevattern klatſchen zu gern, es hat damit noch Zeit. Ich will noch einen anderen Verſuch machen, der beſſer zum Ziele führen kann.“— Er ging die Straße ein Stück hinunter und trat dann unter einen Thorweg, von wo aus er das Haus beobachten konnte. Nach einer Weile geſchah, was er erwartete. Der junge Herr ſchlüpfte aus dem Hauſe und eilte ſchnell die Gaſſe hinauf. Nach⸗ dem Seehauſen ſich verſichert hatte, daß er nicht zurück⸗ lten, als ls er die ich ſchon dſpiege Morgen k in der nich auf⸗ zu lachen berlegend n,“ ſagle damit 219 kehren würde, wandte er ſich ſelbſt dem alten Gebäude zu, ſtieg leiſe die Stufen nochmals hinauf, öffnete leiſe die Thür und ſteckte ſeinen Kopf hinein. Er blieb einige Augenblicke unbeweglich. Die alte Frau ſaß in dem Groß⸗ vaterſtuhl und ſchien in kummervollen Gedanken zu ſein. Sie hatte ihre Hände gefaltet, ſenkte ihren Kopf tief nieder und ſeufzte laut auf.„Gott, mein Gott!“ ſagte ſie,„wie ſoll es noch werden, wie ſoll es noch werden!“— Gleich darauf hob ſie den Kopf auf; ſie hatte ein Geräuſch gehört und ſah erſchrocken Seehauſen an, der jetzt ganz hereintrat. Er bemerkte, daß ſie geweint hatte, ſie wiſchte die naſſen Augen mit der verkehrten Hand. Er that, als bemerkte er es nicht. „Meine gute Frau,“ ſagte er ſanftmüthig,„verzeihen Sie, daß ich noch einmal wieder komme. Ich bin ſo be⸗ ſorgt, daß Sie den Namen vergeſſen könnten, daß ich es vorziehe, es Ihnen lieber aufzuſchreiben. Bitte, geben Sie mir eine Feder und ein Stück Papier.“ „Damit kann ich Ihnen nicht dienen,“ erwiderte die Frau, ſich ſammelnd,„aber ich werde es nicht vergeſſen, lieber Herr.“ „Wie?“ fragte Seehauſen lächelnd,„es gibt hier weder Papier noch Federn?“ „Ich habe nichts zu ſchreiben,“ verſetzte ſie. „Aber Fräulein Streit. Eine Lehrerin muß doch Schreibzeug haben.“ „Ja, die freilich,“ antwortete ſie ſichtlich verwirrt, aber— das hat ſie eingeſchloſſen.“ Der Hauptmann ſah nach dem Spinde hin, in welchem ein Schlüſſel ſtak. Es war aber überhaupt ein Kleider⸗ ſchrank, auch die Commode unter dem Spiegel verwahrte ſchwerlich Schreibgeräthe. Nirgends war ein Buch zu ſehen, kein Zeichen eines gelehrten Inſaſſen zu entdecken. „Das Fräulein arbeitet wohl ſehr viel?“ fragte er theilnehmend. „Sehr viel,“ wiederholte ſie. „Und iſt ſehr geſchickt,“ fuhr er fort.„Sehr gelehrt.“ „Das iſt ſie, gelernt hat ſie genug,“ ſagte die Frau, dreiſter zuſtimmend. „Sie kennen ſie gewiß ſchon lange Zeit?“ „Sehr lange Zeit.“ „Und leben ſchon lange hier am Orte?“ „Ich bin hier geboren,“ erwiderte ſie. „Alſo iſt das Fräulein auch hier geboren?“ fragte er. Sie blickte ihn mißtrauiſch an und ſagte nach einigem Beſinnen„Ja.“ Seehauſen merkte, daß er nicht viel weiter kommen würde. Er faßte an ſeinen Kopf und rieb ihn.„Ich bin raſch gegangen,“ ſprach er dabei,„ich leide häufig an Schwindel. Ein paar Minuten darf ich mich wohl aus⸗ ruhen; vielleicht haben Sie ein Glas Waſſer.“ Dabei ſetzte er ſich in den Großvaterſtuhl und legte 221 verwirtt, den dicken rothen Kopf an, der ſehr erhitzt ausſah. Die Frau kam beſorgt näher.„Sie ſind doch nicht unwohl?“ jwelchen fragte ſie mitleidig und ängſtlich. Kleider„Nein, nein. Nur ein paar Tropfen Waſſer.“ „Sogleich, lieber Herr, ich hole Ihnen ganz friſches,“ verwahrte Buch uſ ſagte ſie und eilte hinaus. tdecken Als ſie fort war, ſtand Seehauſen auf, ging auf den Zehen nach der Kammerthür und ſah hinein. Es ſtand nur ein ſchmales Bett darin, ſammt wenigem Geräth. Kein Raum war weiter vorhanden, als die kleine Küche nebenan.— Er hatte Zeit zu ſeiner Unterſuchung, denn er hörte die gute Frau auf dem Hofe Waſſer pumpen. Bald war er wieder in der Stube und mit wohl ausgebildetem Spitzbuben⸗Talent öffnete er die Commode und den Kleider⸗ ſchrank. In einem der Käſten ſah er einen Damenhut mit ſchwarzem Schleier, in dem Schrank hing bei mehreren geringen Kleidungsſtücken ein ſchwarzes Seidenkleid, und Seehauſen zweifelte nicht, daß dies Fräulein Chriſtinens Hauptſchmuck und Putzſtück ſei; bei alledem war er voller Zweifel und Räthſel. Als er die Frau kommen hörte, ſchlich er raſch zu dem Stuhle zurück, und ſie fand ihn mit geſchloſſenen Augen, fragte a gelehrt die Fral, fragte er. c einigen r koname gch bun 4. 2 4 „3 ſehr ermüdet und ſehr dankbar.„Sie ſind eine brave „ufig al...— 8. 7. häufig Frau, eine wahre Samariterin,“ ſagte er, als er ein klein ud wohl wenig getrunken hatte; denn das verachtete Getränk wider⸗ ſtand ihm.„Wohnen Sie lange in dieſer Wohnung?“ und legte 222 Seit mehreren Jahren,“ antwortete ſie. /) 7 7 „Es ſieht freundlich bei Ihnen aus, und Sie ſind gut eingerichtet. Alles iſt ſauber, Alles rein.“ „Ich halte es ſo gut es angeht, lieber Herr.“ „Nur keine Unordnung, kein liederliches, leichtſinniges Weſen!“ rief Seehauſen mit abwehrender Bewegung. „Daher kommen ſo Viele auf keinen grünen Zweig.“ „Das iſt leider wahr,“ ſtimmte die Frau ihm freundlich bei, indem ſie ſich bückte und das graue Leinwandſtück auf der Diele gerade zog, das unter ihres Gaſtes Füßen ſich 9 508,) zerknittert hatte. „Man erkennt es beim erſten Blick, wo Ordnung und Reinlichkeit wohnen,“ moraliſirte er weiter,„und freut ſich ))/ 7 darüber. Das Fräulein muß auch ſehr ordentlich und gut ſein.“ „Das iſt ſie,“ antwortete die Frau.„So gut wie ein Engel.“ „Sittſam und tugendvoll,“ fügte er hinzu.„Das trifft man heut zu Tage ſelten bei jungen Damen, die alle das Vergnügen lieben. Bälle, Luſtbarkeiten, Geſellſchaften.“ „Das liebt ſie alles nicht.“ „Was liebt ſie denn?“ „Muſik und Geſang und Bücher leſen und ſolche Sachen.“ „So,“ ſagte er bedächtig umherblickend,„dann wundert 223 es mich doch, daß ich kein Clavier ſehe und auch kein Buch, keine Noten oder Hefte. Nichts von Allem.“ te ſind gut „Das macht, das macht,“ erwiderte die Frau verlegen, „weil das Fräulein noch nicht lange wieder hier iſt.“ „Sie war alſo verreiſ't. Richtig, ich glaube, daß ich hüſtnmige davon hörte. Fräulein Suſette ſprach davon. Wo war 3 Zewwegung„ zudes ſie denn?“ 2lg„O, wo war es denn,“ verſetzte ſie, die Kammerthür freundüch zumachend,„ich denke, am Rhein wird's geweſen ſein.“ dſtück al„Das wiſſen Sie nicht? Bei wem war ſie denn da?“ büßen ſih„Ich kann's nicht ſagen,“ erwiderte ſie haſtiger, und Seehauſen merkte wohl, daß ihr dieſes Examen unange⸗ mnung und nehm wurde; aber er wollte ſie doch nicht loslaſſen. freut ſich„Fräulein Chriſtine hat gewiß hier keine Verwandten,“ ttlich uld fragte er einſchmeichelnd weiter,„oder doch? Es war wohl Einer davon?“ ;, oill„We r?“ bide 5 zut wie en er?“ erwiderte ſie Der junge Herr, den Pich hier traf.“ „Der junge nu Ach der, richtig, der war hier. z triff Das triſt 5 Warum glauben Sie das?“ fügte ſie hinzu. ſollte ich ihn kennen. Wie heißt er?“ e ale d„Ich dächte, er hätte einige Aehnlichkeit mit dem ſchaſen Fräulein.“ 1„Aehnlichkeit? Gott bewahre!“ rief ſie erſchrocken. b„Gar keine Aehnlichkeit.“ und ilhe n„So,“ ſagte Seehauſen.„Mir war es ſo, überhaupt — 1 wunden d de 24 „Ich weiß es nicht.“ „Sie wiſſen es nicht?“ lächelte der Hauptmann.„Nun, mir iſt auch nichts daran gelegen, doch vielleicht weiß ich mehr als Sie, meine liebe Frau Wandel.“ Sie blickte ihn forſchend und mit unſicheren Augen an. „Fräulein Streit hat Freunde, die ſich ſehr lebhaft für ſie intereſſiren und wünſchen, daß ihr, was ſie hofft, ge— lingen möge.“ „Ich weiß nichts, ich weiß gar nichts,“ antwortete die Frau mit vermehrter Unruhe. „So,“ lächelte Seehauſen noch ſtärker.„Haben Sie nichts davon gehört? Auch nichts von einem gewiſſen Herrn von Lorberg?“ Bei dieſem Namen ſtieg das Blut in das blaſſe, hagere Geſicht der armen Frau. Sie ſchlug ihre Hände zuſam— men, ſtreckte ſie dann mit Heftigkeit aus und hielt ſich den Kopf auf beiden Seiten.„Ich will nichts hören,“ rief ſie kreiſchend laut,„und ich will Ihnen auch nichts mehr ant⸗ worten! Laſſen Sie mich! gehen Siel laſſen Sie mich allein!“ „Aber, gute Frau,“ ſagte Seehauſen aufſtehend, und ſelbſt erſtaunt über ihre Heftigkeit. „Ich will nicht!“ rief ſie von Neuem,„was fragen Sie mich danach? Lorberg! Es wäre beſſer— aber was geht es mich an! Ich will nichts mehr hören! gar nichts mehr n.„Nun, 1 tweiß ic Augen an ſen Hertn ſe, haget de zuſan lt ſich den “ riffſi mehr ant⸗ je mich i0 Sle hören!“ wiederholte ſie noch einmal, und er ſah ein, daß er gehen mußte. „Sie werden aber doch meinen Auftrag beſtellen?“ fragte er begütigend. „Ja, das werde ich,“ antwortete ſie.„Sie kann thun, was ſie will.“ „So leben Sie wohl. Ich habe es nicht böſe gemeint, und wenn Sie meinem Rath folgen wollten, wenn Sie mir vertrauen wollten...“ Sie hatte die Thür aufgemacht, er ſtand ſchon halb draußen und wandte ſich nochmals nach ihr um.„Ich könnte bewirken, daß Ihnen große Vortheile erwüchſen,“ fuhr er leiſe lächelnd fort. beſorgt, andere Leute, Freunde, die es wohl mit ihr meinen, „Sie ſind um das Fräulein ſind es auch, und wenn dieſer Herr von Lorberg...“ Die Frau ließ ihn nicht weiter reden, ſie warf die Thür ſo haſtig zu, daß er zurückprallte. Er hörte, wie ſie den 7 5 5 7 7 Riegel vorſchob. Einige Augenblicke ſtand er überlegend noch, dann ſtieg 9—7/ er die Treppe hinab und verließ das Haus. Mügge, Verloren und gefunden. I. Eilftes Kapitel. Es war Abend geworden, und die Frau Commercien⸗ räthin Wittenberg ließ die Vorhänge in ihrem Wohn⸗ zimmer herunterziehen und die große Lampe anſtecken. Dann ſetzte ſie ſich auf das Sopha unß ſchaute in die Flamme. Sie war allein, aber ſie hatte ſich für die Gäſte eingerichtet, welche ſie erwartete. Ein Staatskleid hatte ſie derentwegen nicht angelegt, aber am Gürtel hing ihr an ſchwerer Goldkette ihre alterthümliche, dicht mit edlen Steinen beſetzte Uhr, und auf dem Kopf trug ſie eine Haube von ſehr theuren breiten Kanten mit langen dunkel⸗ rothen Bändern, die bis auf den gelben muskelvollen Hals fielen und ihren kriegeriſchen drohenden Blicken einen er⸗ höhten Ausdruck gaben. Vor ihr auf dem Tiſche lag ein großes Futteral von braunem Leder, mit Gold gepreßt, von der Art, wie ſie dazu dienen, um einen vollſtändigen Schmuck zu verwahren, und wenn die Frau Commercien⸗ umercien⸗ n Wohn⸗ anſtecken. te in die die Gäſte eid hatte Ghing iſr mit edlen ſie eine en dunke⸗ llen Hab einen el⸗ he lag di gepuß ſtändige nnerciir — 227 räthin darauf hinblickte, war's, als erweiche ſich ihr hartes Geſicht ein wenig. Nach einiger Zeit erſchien Fräulein Suſette. Sie kam ſo eben nach Hauſe. Die Couſine Reichenbach hatte ſie ſchon am Vormittage abgeholt, um ihre zum Winter neu eingerichtete Wohnung zu bewundern. Die Tante hatte erlaubt, daß ſie zum Mittag bliebe, aber ſie hatte be— fohlen, daß Suſette vor Abend nach Hauſe zurückkehren ſollte, und mehrmals ſchon ſah ſie nach der Uhr, ſichtlich unzufrieden über dies lange Ausbleiben. Als Suſette hereintrat, deckte die Frau Commercien⸗ räthin ihr Taſchentuch über das Futteral auf dem Tiſche und wandte ſich ihrer Nichte entgegen.„Nun, da biſt du ja endlich!“ 1 ihr entgegen. „Verzeihung, Tantchen,“ erwiderte Suſette, herbei⸗ eilend und ſie küſſend,„ich konnte nicht eher fort, ſollte durchaus mit ins Theater fahren, aber dazu war ich nicht in Toilette, und du hatteſt es nicht erlaubt.“ „Es iſt recht, mein Kind,“ erwiderte die Tante.„Ich hatte es nicht erlaubt, und du wirſt nicht thun, was ich nicht erlaubt habe.“ „Gewiß nicht, beſtes Tantchen. Ich mußte aber den⸗ 8 noch bleiben, bis Doris ins Theater fuhr, denn ſie wollte mich in ihrem Wagen nach Hauſe bringen. Was hat ſie für eine Equipage, Tantchen! Einen neuen engliſchen Wagen, ſo köſtlich, wie ich noch keinen geſehen, und dazu 15* ————— 228 neue Pferde. Grauſchimmel, ich weiß nicht, wie viel Louisd'or ſie koſten. Reichenbach hat es mir ein Dutzend Nal erzählt. Ein reicher Baron wollte ſie kaufen, ich glaube, Feldheim heißt er, es ſoll ein Verwandter von Lorberg ſein, aber ſie waren ihm zu theuer, er beſann ſich. Reichenbach hat ſie ihm vor der Naſe fortgeſchnappt.“ „Ein Baron kann nicht bezahlen, was Reichenbach be⸗ zahlen kann,“ ſagte die Frau Commercienräthin. Denn wenn er von der Börſe kommt, und er hat ein großes Geſchäft gemacht, ſind ſeine Taſchen voll Gold.“ „Aber er kann morgen von der Börſe kommen,“ lachte Suſette, indem ſie Hut und Handſchuhe ablegte,„und ſeine Taſchen ſind leer.“ „Du haſt Recht, mein Kind,“ erwiderte die Tante, „ſie werfen das Geld leichtſinnig hin mit vollen Händen, weih's leichtſinnig verdient wird, verſchwenden und ver⸗ praſſen ſie es, nichts kann gut und theuer genug ſein.“ „Doris iſt wundervoll eingerichtet!“ rief Suſette. „Es gibt nichts, was ſie nicht hätte, Reichenbach kauft das Prächtigſte.“ 4 „Hat dein Vater nicht auch das Allerprächtigſte ge⸗ kauft?“ fiel die Tante ein,„hat er nicht engliſche Pferde gehabt und engliſche Wagen?“ „Sprich nicht davon, Tante!“ ſagte Suſette, ihr um den Hals fallend.„Ich kann das alles entbehren.“ Du ſollſt nichts entbehren, Kind,“ erwiderte die Frau „O vie viel Dutzend fen, ich dter von ann ſich. ſt. bach be⸗ „Denn Igroßes ulachte e,„ulld Tante, Händen, und ver⸗ Frall die Commercienräthin mit Nachdruck, indem ſie die Hand ihrer Nichte feſthielt,„du ſollſt größer und beneideter daſtehen, als alle, du ſollſt nur meinen Willen be— folgen.“ „Der reiche Herr von Feldheim,“ fuhr ſie fort,„hat die engliſchen Pferde nicht gekauft, und daran hat er wohl gethan, denn es fährt ſich mit deutſchen Pferden und in einem deutſchen Wagen eben ſo gut. Der Herr von Feld⸗ heim— ich habe auch von ihm gehört, er iſt ein Ver⸗ wandter von Lorberg, und dieſer kann noch einmal erben von ihm, wenn der einzige Sohn ſterben ſollte— dieſer Herr von Feldheim hat große Güter und große Ein⸗ nahmen, dennoch kauft er keine herrlichen Sachen, wohnt in einem alten Hauſe und gibt keine glänzenden Diners.“ „Wir werden nächſtens zu einem ſolchen bei Doris eingeladen werden, unterbrach ſie Suſette, auch Herr von Lorberg wird dabei ſein.“ „Sie wollen ihm zeigen,“ ſagte die Tante ſpöttiſch lachend,„was es heißt, bei dem Herrn Reichenbach zu eſſen. Sie haben über mich gelacht und über meine Ge— ſellſchaft die Achſeln gezuckt, nun ſoll er ſehen, wie es bei ihnen hergeht. Wir werden kommen, Suſette, und der Herr von Lorberg wird kommen, aber die Frau Commer⸗ cienräthin Wittenberg wird doch keine anderen Geſell⸗ ſchaften geben, als wie ſie es gewohnt iſt, und der Baron von Lorberg wird auch keine Geſellſchaften geben wie der 230 große Getreide⸗Lieferant und Actien⸗Speculant, Herr Reichenbach.“ Es entſtand eine Pauſe, die von der Frau Commercien⸗ räthin mit einem ſcharfen Gelächter ausgefüllt wurde. „Ich glaube, liebe Tante,“ ſagte Suſette dann, ebenfalls leichtfertig lachend,„Herr Richard von Lorberg wird über⸗ haupt wohl nicht an Diners denken.“ „Recht, mein Kind,“ antwortete die Tante,„ich hoffe auch, er wird nicht daran denken, unnützer Weiſe Geld wegzuwerfen, das er beſſer gebrauchen kann. Aber er wird leben, wie ein Mann von ſeinem Stande lebt, und ſein Haus einrichten, wie es ſich für ihn ſchickt; ſeine Frau wird haben, was ſich für ſie paßt, und wird wohnen und fahren, wie es der Frau Baronin von Lorberg zukommt.“ Die Frau Commercienräthin ſagte dies mit ſteigendem Nachdruck und ſetzte dann hinzu:„Ich ſagte dir ſchon, Suſette, daß ich den Herrn von Lorberg hochachte, denn ſein Weſen iſt anders, wie das Weſen ſolcher jungen Herren gewöhnlich iſt. Er iſt ernſthaft und iſt beſcheiden. Iſt er nicht immer ſo geweſen, ſo iſt er es jetzt, und was ihm fehlen ſollte, um ihn in die rechte Lage zu bringen, das wirſt du ihm geben.“ Suſette blieb an dem Tiſche ſtehen und lächelte vor ſich hin.„Alles recht ſchön, beſte Tante,“ ſagte ſie, „aber.. „Was meinſt du mit deinem Aber?“ — t, Herr mercien⸗ t wurde. ebenfalls ird über⸗ ich hoffe iſe Geld rer wild und ſein ne Frau —nen und komunt.“ igendem ir ſchon, te, denn jungen ſcheiden. und was bringen, helte vol a 1 ſie 231 „Wir ſind noch nicht ſo weit.“ „So werden wir dahin kommen,“ ſagte die Frau Commercienräthin kaltblütig.„Ich habe an Lorberg ge⸗ ſchrieben, morgen früh wird er hier ſein, ich werde die Sache abmachen.“ „Aber, liebe Tante!“ rief Suſette,„du wirſt doch nicht... „Was werde ich nicht?“ „Wie ſoll ich ſagen? Nun, kurz heraus: du wirſt mich doch nicht anbieten?“ „Du närriſches Mädchen,“ lachte die Tante,„was heißt anbieten! Ich weiß, wer ich bin und wer du biſt. Ich werde ihn zu einer Erklärung bringen, und dann wird er kommen und wird mit meiner Erlaubniß fragen, ob du geſonnen biſt, ihm die Ehre anzuthun und ſeine Frau zu werden.“ „Da werde ich laut auflachen müſſen,“ rief Suſette, indem ſie that, was ſie ankündigte. „Das wirſt du bleiben laſſen,“ fiel die Tante befehlend ein.„Du wirſt dich benehmen, wie es ſich ſchickt, und nicht etwa nach deiner jetzigen Art, die mir gar nicht gefällt. Seit einiger Zeit biſt du ohne alle Rückſicht über⸗ müthig.“ „Ich begehe doch nichts Böſes, Tante, wenn ich mich gebe, wie ich bin,“ ſagte Suſette. „Du biſt kein Kind mehr!“ ſchalt die alte Dame,„und 232 haſt Verſtand genug, um dich danach zu halten. Du wirſt alſo nicht lachen, wenn der Herr von Lorberg dich fragt, ob du ihn liebſt, wirſt nicht ja ſchreien und in ſeine Arme laufen.“ „Das werde ich nicht thun, Tante.“ „Du wirſt die Augen niederſchlagen und wirſt roth werden.“ „Ich werde mir die Backen reiben, Tante, aber was werde ich weiter thun?“ „Du biſt ein Taugenichts!“ rief die Frau Commercien⸗ räthin, indem ſie ihr einen kleinen Schlag gab.„Du wirſt ihm die Hand drücken und wirſt ihm zulächeln, und er wird ſagen: meine liebe Suſette! und du wirſt lispeln: mein lieber Richard!“ „Und dann werde ich einen ungeheuren Schrei aus⸗ ſtoßen: Auf ewig dein, Geliebter! Komm zu unſerer ge⸗ liebten Tante, damit ſie uns ſegne, ich hoffe, ſie hat ſchon für ein angenehmes Brautgeſchenk geſorgt.“ Bei dieſen Worten nahm Fräulein Suſette Daumen und Zeigefinger ihrer rechten Hand und zog mit einem flinken Zuge das Taſchentuch von dem geheimnißvollen Futteral fort. „Halt!“ ſchrie die Tante, beluſtigt von dieſem Spaß, „halt, du Uebermuth! ich will es dir zeigen. Sieh her, Suſette.— Sie öffnete den Behälter; es lag ein präch⸗ tiger, vollſtändiger Schmuck darin, ſo reich von Steinen uwirſt hfragt, e Arme iſt roth der was gercien⸗ u wirſt und er lispeln: ei aus⸗ rer ge⸗ t ſche Daumen teinem ißvollen Spaß, eh her⸗ 1rräch⸗ Zteinel 592 233 ſchimmernd, ſchwer und theuer, wie ihn Couſine Doris nur wünſchen konnte. „Das alles bekommſt du,“ ſagte die Frau Commercien⸗ räthin,„zu deiner Verlobung, keinen Tag, keine Stunde eher, aber bei deiner Verlobung wirſt du ihn tragen, und alle, die geſpottet haben, ſollen ihren Flitterkram damit vergleichen.“— Mit ſtolzer Selbſtbefriedigung warf die Frau Commercienräthin den Kopf in die Höhe und klappte das große Futteral wieder zu, denn eben trat der Bediente herein und meldete Fräulein Streit. „Chriſtine kommt!“ rief Suſette freudig überraſcht. „Ich habe ſie eingeladen,“ ſagte die Tante,„weil ich mit ihr zu ſprechen habe. Damit wir nicht geſtört werden, ſorg für den Thee und laß uns allein.“ „Du haſt mit Chriſtinen zu ſprechen, und ich ſoll nicht dabei ſein?“ fragte Suſette. „Du wirſt thun, was ich ſage,“ verſetzte die Tante, indem ſie auf eine Seitenthür deutete, und Ton wie Hal⸗ tung waren ſo beſtimmt, daß Suſette Hut und Shawl nahm und ſich entfernte, denn ſie wußte, daß jeder weitere Einwand vergebens ſein würde. Kaum hatte ſie das Zimmer verlaſſen, als Chriſtine Streit hereintrat. Die Frau Commercienräthin ſtand nicht auf, ſie drehte ſich nur nach ihr um, aber ſie ſtreckte ihr die Hand entgegen und lächelte ihr zu.„Guten Abend, liebes Fräulein Chriſtine,“ ſagte ſie,„ich freue 234 1 mich, daß Sie kommen, faſt glaubte ich, Sie würden ausbleiben.“ „Es war mir nicht möglich, Ihrer Einladung früher zu folgen,“ ſagte Chriſtine. „Ich glaube es Ihnen,“ erwiderte die Dame.„Wer für ſein Brod arbeiten muß, hat keine Macht über ſeine Zeit. Setzen Sie ſich zu mir, ich meine es gut mit Ihnen, darum eben möchte ich mit Ihnen ſprechen, ſo aufrichtig, wie es ein Freund thut, wenn Sie es mir erlauben wollen.“ „Ich bin Ihnen dankbar verbunden für ſo viele Güte,“ erwiderte Fräulein Chriſtine. Die Frau Commercienräthin räuſperte ſich, ſie wußte nicht recht, wie ſie anfangen ſollte, das zu ſagen, was ſie ſagen wollte. So unerſchrocken und ſtolz, wie ſie war, fühlte ſie doch eine plötzliche Unſicherheit, über welche ſie ſich ſelbſt verwunderte. Die arme Perſon ſaß in dem ſchwarzen Kleide ihr gegenüber wie eine Bildſäule und ſah ſie mit ihren großen dunklen Augen an, die unheimlich zu leuchten ſchienen. Es prägte ſich etwas in ihrem Geſichte aus, was abſchrecken konnte, über Dinge mit ihr zu reden, die ihr vielleicht nicht gefielen, oder eine Vertraulichkeit vorausſetzten, in welcher die Frau Commercienräthin nicht zu ihr ſtand; denn das ſchwarze Fräulein ſah nichts weniger als unterwürfig aus. „Sie ſind Suſettens Freundin, mein liebes Fräulein,“ ſo würden ne früher je.„Wer iber ſeine it Ihnen, ufrichtig erlauben le Güte, ſie wußtt . was ſie ſie war, velche ſi ʒjin dem eund ſah eimlich zu Geſicht zu uddl aulicheit ienräthi ſah richt ſah 4,ℳ räulein — ſagte die Frau Commercienräthin endlich ſo ſanft und freundlich, wie es ihr möglich war; dann hielt ſie inne. „Ich glaube, es zu ſein,“ erwiderte Chriſtine. „Nein, ich weiß, daß Sie es ſind,“ fuhr die Dame mit Nachdruck fort,„und das freut mich. Es iſt mir lieb, daß Suſette Ihre Bekanntſchaft gemacht hat.“ Das ſchwarze Fräulein verneigte ſich ſchweigend, die Frau Commercienräthin aber rief mit huldvoller Lebhaftig⸗ keit:„Es iſt mir ganz einerlei, ob Suſette eine Freundin hat, deren Vater General war, oder ein Schreiber, oder ein Beamter. Ich verachte die Vorurtheile, ich ſehe nur auf den Menſchen, ob er verſtändig und gebildet iſt.“ „Die Vorurtheile der Geburt ſind allerdings noch nicht in dem Grade überwunden, um überall ein ſo aufgeklärtes Urtheil zu hören,“ entgegnete Chriſtine. „Eitelkeit iſt die ſchlimmſte Narrheit,“ fiel die Dame ein,„aber darüber bin ich fort. Ich habe zu lange in der Welt gelebt, um nicht Thorheiten und Einbildungen zu verachten und das Reelle und Verſtändige zu ſchätzen. Und darum ſchätze ich Sie, mein liebes Fräulein, weil Sie reell und verſtändig ſind.“ „Ich möchte zuweilen ſelbſt daran zweifeln,“ lächelte Fräulein Chriſtine. „Sie ſind verſtändig, Sie ſind nachdenkend und ernſt⸗ haft,“ ſagte die Frau Commercienräthin in ihrer befehlen⸗ den Weiſe.„Suſette kann von Ihnen lernen.“ „Suſette hat ein vortreffliches Herz und tiefes Gefühl.“ „Weil Sie ſie loben, will ich es um ſo mehr glauben. Aber wir wollen jetzt davon ſchweigen. Ich habe ein Intereſſe genommen für Sie, weil Sie mir gefallen und weil ich von Ihnen nur Gutes gehört habe. Sie ſind eine Waiſe.“ „Ich ſtehe ſehr allein in der Welt,“ antwortete Chriſtine. „Sie haben ehrenvoll für ſich geſorgt und ſorgen noch mit für die alte Frau, die Ihre Wärterin geweſen iſt.“ „Ich glaube nur meine Pflicht zu erfüllen.“ „Es macht Ihnen Ehre!“ rief die Frau Commercien⸗ räthin.„Aber ſagen Sie mir, mein Kind, haben Sie auch ſchon daran gedacht, was Sie beginnen wollen, wenn Sie älter werden und wenn Sie krank werden, wenn Tage kommen, wo das Schickſal mit Ihnen ſpricht?“ „Ich muß wie die meiſten Menſchen Prüfungen er⸗ warten und auf Gott vertrauen,“ ſagte Chriſtine. „Auf Gott muß man vertrauen, aber auch bei Zeiten nachdenken.“ „Haben Sie irgend eine ſichere Ausſicht?“ „Die habe ich nicht.“ „Haben Sie Vermögen?“ „Nein,“ antwortete Chriſtine. „Dann haben Sie nichts,“ erwiderte die Frau Com⸗ mercienräthin.„Ein Menſch ohne Vermögen, und wenn — Gefühl⸗ glauben. habe ein ntwortete rgen noch ungen de 9 7 bei Zeitel 237 es der Geſchickteſte wäre, iſt wie ein Rohr im Winde, das in jedem Augenblicke zerknickt werden kann. Ich ſpreche wie eine Mutter zu Ihnen, Fräulein Chriſtine. Iſt ein Mann ohne Vermögen ſchon ein Buch ohne Deckel, ſo iſt ein Mädchen ohne Vermögen wie ein loſes Blatt, das von jedem Wind in Nacht und Nebel geweht wird. Es hat keine Schwere und hat keine Stütze, um ſich zu halten; darum gibt's für ein Mädchen, das verlaſſen und unſelbſt⸗ ſtändig iſt, nur Eine Hülfe, um ſich zu ſichern.“ „Ich glaube,“ ſagte Chriſtine,„daß überhaupt die we— nigſten Frauen Kraft genug haben, um ſelbſtſtändig zu ſein.“ „Ich ſage, es gibt nur Eine Hülfe für arme Mädchen, um ſich vor Noth und Elend zu ſchützen,“ unterbrach ſie die Frau Commercienräthin.„Sie müſſen heirathen.“ „Ich denke, verehrteſte Frau,“ lächelte Chriſtine,„daß dies überhaupt der Beruf unſeres Geſchlechtes iſt.“ „Gut. Haben Sie uſt, zu heirathen?“ „Ich bin nicht abgeneigt,“ erwiderte Chriſtine vollkom⸗ men ruhig. „So mache ich Ihnen einen Vorſchlag, weil ich weiß, daß Sie verſtändig ſind. Eine verſtändige Heirath muß ein armes Mädchen machen.“ „Das heißt, keine unpaſſende Heirath,“ fügte Chri⸗ ſtine ein. „Das heißt,“ ſagte die ſtolze Dame, indem ihre Stimme 238 lauter und ſtrenger wurde,„wenn man in ſolcher Lage iſt, muß man ſich keine unpaſſenden Dinge in den Kopf ſetzen. Suſette wird ebenfalls heirathen. Das wiſſen Sie doch?“ „Ich weiß nichts,“ verſetzte Chriſtine,„allein ich er⸗ rathe Ihre Wünſche.“ „Sie wird den Freiherrn von Lorberg heirathen, und wir werden nächſtens die Verlobung feiern. Was ſagen Sie dazu?“ „Ich habe dazu gewiß viel weniger zu ſagen,“ lächelte Chriſtine,„als Suſette.“ „Das Nächſte habe ich zu ſagen!“ antwortete die Frau Commercienräthin, und ihre runden grünlichen Augen fingen an zu blitzen.„Ich ſage, ſie wird ihn heirathen!“ Fräulein Chriſtine erwiderte nichts darauf, die Frau Commercienräthin aber beſann ſich und begann in leut⸗ ſeligerem Tone:„Nun wäre es mein inniger Wunſch, wenn wir zwei Verlobungen und zwei Hochzeiten an demſelben Tage feiern könnten. Sie haben keine Mutter, ich will ſie Ihnen erſetzen. Ich will zwei Töchter ausſtatten. Suſette wird für ihre geliebte Chriſtine wie für eine Schweſter ſorgen.“ „Es iſt alſo Ihr Ernſt, verehrte Frau?“ fragte Chriſtine. 4 „Glauben Sie, daß ich mir einen Scherz erlauben könnte?“ r Lage iſt dopf ſetzen Sie doch? ein ich er tthen, und Was ſagen wächt edie Fral en Augen eirathen! nſch, wenn denſelben —, ich wil zusſtattel für ein 2ℳ fragt 239 „Dann müßte ich jedenfalls doch zunächſt erfahren, welchen Herrn Ihre Güte mir beſtimmt hat.“ „Einen Mann, der Ihnen gewiß gefallen wird,“ ſagte die Heirathsſtifterin. Nicht etwa einen, der nichts hat als Geld, Modenarren, auch keinen der von nichts zu reden weiß, als aber einen leeren Kopf. Keinen Einfaltspinſel oder von den Courſen und vom neueſten Handelsbericht, oder von den neueſten Theaterſtücken, der ſich aber lächerlich macht, wenn er von ernſthaften Dingen ſpricht. Ich kann ſolche Wichte auch nicht leiden“ ſetzte ſie mit Hoheit hinzu, „darum ſoll Suſette den Freiherrn von Lorberg heirathen.“ „Das klingt allerdings ſehr einladend,“ erwiderte Fräu⸗ lein Chriſtine.„Aber darf ich nicht mehr von ihm er⸗ fahren?“ Die Frau Commercienräthin horchte nach der Thür und winkte ihr zu.„Gewiß ſollen Sie mehr von ihm er⸗ fahren,“ ſagte ſie,„er wird ſich Ihnen ſogleich vorſtellen, und Sie werden mit ihm zufrieden ſein! Denn Sie ſind ein verſtändiges Mädchen und wiſſen das Reelle zu ſchätzen.“ Ein leiſes Klopfen an der Thür begleitete ihre letzten Worte; gleich darauf trat Doctor Hellmuth herein, der eine tiefe Verbeugung machte und ein paar forſchende Blicke auf die beiden Damen warf. Er hatte offenbar eben ſo wenig vermuthet, allein zu ſein, wie Lorberg am Abend vorher. Denn er hatte ſein beſtes Kleid angezogen, mit den langen Schößen vom vorletzten Jahre, auch ſeinen Hals 240 mit einer weißen Binde umgürtet und ſeine Hände in neue gelbe Handſchuhe geſteckt, mit denen er ſicherlich einen harten Kampf beſtanden ehe er ſie den widerſtrebenden Fingern aufpreſſen konnte. Sie waren jedoch jedenfalls ein wenig zu kurz gerathen, denn er arbeitete noch immer daran, einen Knopf zuzuknöpfen, als er ſich dem Tiſche näherte. „Da kommt der Doctor!“ rief ihm ſeine Beſchützerin entgegen.„Guten Abend, mein lieber Ludwig— Sie müſſen wiſſen, Fräulein Streit, ich nenne den Doctor Hell⸗ muth Ludwig, weil wir alte Bekannte ſind, und weil ich glaube, er nimmt es mir nicht übel. Oder nehmen Sie es übel, Ludwig?“ Der Doctor zog noch immer an dem Handſchuh und ſuchte den Knopf zu knöpfen, während er mit ſeinem Hut ſein Manöver zu verdecken ſuchte. In ſeiner Verlegenheit lächelte er äußerſt freundlich und verdoppelte ſeine Ver⸗ beugungen. „Ich wüßte kaum, was mir angenehmer ſein könnte, als dieſes Zeichen Ihres Vertrauens,“ ſtotterte er unter⸗ thänig. „Er iſt ſehr gut, von Jugend auf iſt er ſehr gut und brav geweſen,“ ſagte die Commercienräthin zu Chriſtinen. „Immer fleißig, immer die beſten Zeugniſſe. Mein ſeliger Commercienrath wollte ihn aufs Comptoir nehmen, damit er bald als Commis einen guten Platz bekäme, aber Gott ꝛde in neu rlich eine jedenfale noch immer dem Tiſh Beſchützer A octor Hel nd wei⸗ il ich nSie jehmen A. dſchuh un inem Hü ſein könnte te er unte hr gut m hriſinn Meifit nnen, du aber G 241 bewahre! er war nicht dazu zu bewegen— bat ſo lange, bis wir ihn ſtudiren ließen.“ Ein ſtarkes Knarren unterbrach ſie. Der Doctor hatte ſo lange an dem Handſchuh gezogen, bis er riß. Der Hut fiel ihm aus den Fingern, dafür hielt er ein Stück gelbes Leder mit dem Knopf in ſeiner Rechten. „Was haben Sie denn gemacht?“ fragte die Dame. „O, es iſt nichts,“ antwortete er, den Hut aufhebend, mit geröthetem Geſicht, indem er das Leder zuſammen⸗ drückte und die Hand verſteckte.„Ich habe— ich bin— dieſer Handſchuh...“ „Sie haben ihn zerriſſen,“ lachte ſie.„Sie ſind nicht daran gewöhnt, enge Handſchuhe zu tragen.“ „Nein, daran bin ich wirklich ſehr wenig gewöhnt,“ antwortete er. „Ein Mann nach der neueſten Mode iſt der Doctor nicht, Fräulein Streit,“ fuhr ſie fort,„aber darauf kommt es nicht an.“ „Darauf kommt es in der That nicht an bei Männern, deren Werth nach einem anderen Maßſtabe zu meſſen iſt,“ ſagte Chriſtine. „Hören Sie, Ludwig, was das Fräulein ſagt?“ rief die Frau Commercienräthin triumphirend;„bedanken Sie ſich bei ihr und ziehen Sie Ihre Handſchuhe aus, wir er⸗ lauben es Ihnen. Nehmen Sie ſich einen Stuhl und ſetzen Mügge, Verloren und gefunden. I. 16 242 Sie ſich neben Fräulein Streit. Gelehrte Leute müſſen neben einander ſitzen, denn ſie paſſen zuſammen.“ Der Doctor befolgte ſogleich den erſten Theil dieſer Gebote. Er ſtreifte die Handſchuhe von ſeinen Fingern und ſah ſo erleichtert aus, wie ein Gefolterter, dem die Daumenſchrauben abgenommen wurden; dann griff er nach einem Stuhle und bat mit einem verbindlichen Lächeln Fräulein Chriſtine um Erlaubniß, bei ihr Platz nehmen zu dürfen. „Ich bin ſehr erfreut, Herr Doctor,“ erwiderte ſie, „über die Ehre, Sie kennen zu lernen, denn ich darf dabei wohl annehmen, daß Sie der Doctor Hellmuth ſind, deſſen Schrift ſo eben von der Akademie gekrönt wurde.“ „Was iſt das?“ fragte die Frau Commercienräthin. „Sie ſind gekrönt, Ludwig?“ Das Geſicht des jungen Arztes glühte, aus ſeinen Augen leuchtete ein freudiger Stolz, der mit ſeiner über⸗ großen Beſcheidenheit kämpfte.„Eine mediciniſche Ab⸗ handlung, welche ich der Akademie überreichte, hat den Preis erhalten,“ ſagte er ſo furchtſam, als wäre es ſtrafbar. „Unter einer großen Zahl von Abhandlungen„“ fügte Fräulein Chriſtine hinzu,„und durch einſtimmiges Urtheil der Commiſſion. Ich wünſche Ihnen von ganzem Herzen Glück zu einem ſo ehrenvollen Siege, Herr Doctor.“ „Iſt es möglich!“ rief die Frau Commercienräthin als könnte ſie nicht glauben, daß der blaſſe, hagere Doctor t müſſen eil dieſer Fingern „dem die giif er m Lücheln tehmen zu derte ſie darf dabei nd, deſſen jenräthin. us ſeinen iner über⸗ niſche ⸗ hat den 8 ſtrafbal. en, fügt es uuthel an Heii tor. lanin lhin 1 — 243 einen Preis erhalten könnte.„Woher wiſſen Sie es denn, Fräulein Streit?“ „Ich habe es ſo eben in einer Abendzeitung geleſen, antwortete Chriſtine,„wo der Herr Doctor als ein Mann von hoher wiſſenſchaftlicher Befähigung anerkannt wurde.“ „Auch wir erkennen ihn an!“ rief die Protectorin ihm huldvoll zu.„Es iſt ſchade, daß der ſelige Commercien⸗ rath nicht mehr lebt, damit er ſich freuen könnte, was mit ſeiner Hülfe aus Ihnen geworden iſt, Ludwig. Aber ich freue mich für ihn mit.“ Auch Suſette wird ſich freuen,“ ſagte Chriſtine. „* „Fräulein Suſette iſt nicht hier,“ fügte der Doctor leiſe hinzu. „Mit einer Taſſe Thee wollen wir auf Ihr Wohl an⸗ ſtoßen, Ludwig,“ rief die Frau Commercienräthin.„Wie hoch iſt der Preis, den Sie gewonnen haben?“ „Der Geldwerth iſt nicht bedeutend, erwiderte der Hoſpital-Arzt demüthig,„obwohl vierzig Ducaten auch recht willkommen ſind; allein es eröffnen ſich mir dadurch manche andere Ausſichten. Ich habe heute ſchon eine Auf⸗ forderung bekommen, an der Univerſität Vorleſungen zu halten.“ „Was nehmen Sie dafür ein?“ ſagte ſie. „Zunächſt allerdings“— begann er ſtockend—„man gibt den Docenten keinen Gehalt— überhaupt, was dies betrifft— o,“ ſagte er mit feſterem Tone,„ich kann keine 16* 244 Bevorzugung verlangen, aber es öffnet ſich mir eine ehren⸗ volle Laufbahn, und ich denke,“ fügte er mit einem ſtolzen Lächeln hinzu, darüber läßt ſich Anderes zunächſt vergeſſen.“ „Man muß nicht vergeſſen, was das Beſte iſt!“ ſagte die Frau Commercienräthin,„und ich ſage zu jedem, der nichts Reelles in der Welt hatt ſuche vor allen Dingen deine Einnahmen zu ſichern, denn davon hängt Alles ab. Was hilft ein Titel, was hilft das gelehrte Weſen, wenn die Einnahmen fehlen!“— Sie beugte ſich über den Tiſch fort und nickte dem Doctor zu.„Sie wiſſen doch noch, Ludwig, was ich Ihnen neulich ſagte, wegen des Mittels, um aus Ihrer Lage zu kommen? Haben Sie darüber nach⸗ gedacht, wie es geſchehen ſoll?“ „Ich?“ antwortete Hellmuth verlegen lächelnd.„2 Nein, ich habe wirklich noch nicht darüber nachgedacht.“ „Wiſſen Sie, was ich ihm ſagte, Fräulein Streit wandte ſich die Commercienräthin an dieſe.„Ich ſagte ihm, daß er heirathen müſſe, und er müſſe eine Frau nehmen, die ihm mit Rath und That zur Seite ſtünde; eine praktiſch reelle Frau, die ihm Geld verſchaffte. Und wenn's auch kein großes Stück Geld wäre, ſo doch eines, um Equipage anzuſchaffen und ſich den Leuten zu empfehlen, dabei auch eine anſtändige Wohnung zu nehmen und eine noble Einrichtung; denn ein Arzt muß nobel ein⸗ gerichtet ſein, weil's ihm ſonſt Keiner glaubt, daß er was verſteht.“ 2 —Q,—ʒ—ℳ ine ehren⸗ m ſtolzen ergeſſen. ſth ſagte dem, der Dingen Alles ab. en, wenn den Ticc doch noch, Mitteld, über nach⸗ geuten z” u nehmen ) 4 vobel i „ er was daß er. „Es gibt manche ſehr nobel eingerichtete Aerzte,“ lächelte der Doctor, ſeine Hände ängſtlich reibend,„welche dennoch keine Patienten haben.“ „Dafür muß Ihre Frau ſorgen,“ fiel ſie ein.„Die Frau muß von guter Familie ſein, oder ſie muß mit Fa⸗ milien bekannt ſein, die im Stande ſind, ihren Mann zu empfehlen. Sie muß Freunde haben, die zu noblen Krei⸗ ſen gehören; was meinen Sie alſo, Ludwig, zu einer ſol⸗ chen Frau?“ „O, ich denke— ich meine— es wäre wirklich wohl zu bedenken,“ ſagte er. „Und wenn ich eine ſolche Frau für Sie wüßte?— Nehmen Sie an, ich wüßte eine.“ „Ich würde“— er fing gewaltſam an zu lachen und ſah ſcheu umher—„Sie wollen mit mir ſcherzen, und ich bedanke mich.“ „Sagen Sie es gerade heraus,“ rief die Frau Com⸗ mercienräthin,„würden Sie eine Frau aus meiner Hand nehmen, die ich für Sie ausgeſucht habe?“ „Ich— o, ich! Sie wollten...“ Ein Gedanke lief plötzlich durch ſeinen Kopf, und wie ein Funke, der eine plötzliche Feuersbrunſt verurſacht, ſetzte er ſein Blut in Flammen. Seinen ernſten Augen verloren ihren ſchwer⸗ wüthigen Ausdruck, ſein bleiches Geſicht färbte ſich, mit den Blicken eines auf Glück Hoffenden forſchte er in den Mienen ſeiner Gönnerin, was Täuſchung, was Wahrheit 246 ſei; aber er konnte Nichts darin entdecken, das ihn ent⸗ muthigt hätte. Von wem konnte ſie alſo ſprechen? Was war hier vorgegangen? Welche Abſichten hatte ſie? Die ſtolze Frau ſah ihn ſo gütig und einladend an, wie er ſie nie geſehen.—„Sie wollten mir wirklich eine Frau zu⸗ führen?“ lispelte er. „Das will ich, Ludwig. Sie ſollen glücklich werden.“ „Glücklich,“ ſagte er, und ſeine Augen fingen an zu glänzen.„Es iſt alſo...“ „Es iſt eine Dame, von der ich überzeugt bin, daß Sie glücklich mit ihr werden,“ erwiderte ſie,„und ich ſage Ihnen noch mehr, ich liebe ſie, wie mein eigenes Kind.“ „Wirklich? wirklich?“ ſtammelte er.„Hochverehrteſte Frau, wo— ich weiß nicht...“ „Geduld,“ unterbrach ihn die Commercienräthin.„Ich ſage, ich will Ihre Mutter ſein und werde es immer blei— ben. Ich werde für Alles ſorgen, es ſoll an Nichts fehlen. Ich werde euch einrichten, daß ihr zufrieden ſein ſollt; baares Capital ſollt ihr bekommen, baares Geld. Der Himmel hat mich geſegnet, ich habe auch einen Preis ge⸗ wonnen, Ludwig, aber einen beſſeren, ohne alle Gelehrſam⸗ keit, wie Sie. Statt Ihrer vierzig Ducaten will ich Ihnen von meinem Gewinn abgeben, daß Sie auftreten können, wie es ſich gehört.“ „Ich bin auch ohne dies zufrieden,“ ſagte der Hoſpital— ihn eut⸗ n? Was ſie? Die wie er ſie Frau zu⸗ werden.“ gen an zu 3 daß Sie age Ihnen erehrteſt hin.„Ich umer blei⸗ zts fehlel. ſein ſollt eld. der Preis ge⸗ zelehrſam⸗ ich Ihnen en könnel — heſpitl 247 Arzt,„mit Allem zufrieden, was ich Ihnen danke, wenn Ihre Güte, Ihre großmüthige Güte mir gibt, was ich als das höchſte Glück ſchätze— Suſette!—“ Bei dieſem Ausrufe wandte die Frau Commercienräthin den Kopf um, denn der Doctor ſtreckte beide Hände aus, und ſie erblickte Suſetten an der Tapetenthür, wo ſie viel⸗ leicht ſchon einige Zeit geſtanden hatte. „Was ſoll Suſette?“ fragte ſie.„Was willſt Du hier? Geh' fort, Suſette! Ich habe geſagt, daß ich Dich rufen laſſen werde.“ Fräulein Suſette kehrte ſich nicht daran. Sie hüpfte lachend näher und umarmte ihre Tante.„Laß mich doch bleiben,“ ſagte ſie;„ich weiß ja doch ſchon, was hier ge⸗ ſchehen ſoll, und nehme den innigſten Antheil daran.“ „Was wollen Sie alſo von Suſetten?“ fragte die Tante, indem ſie ſich an den Doctor wandte. Hellmuth drehte ängſtlich die Hände zuſammen, wäh⸗ rend ſein Geſicht erblaßte.„Nicht,“ ſagte er langſam, „Suſette iſt es nicht?“ „Was bilden Sie ſich ein?“ rief die ſtolze Frau. „Sag's ihm doch ſelbſt, Suſette, wen Du heirathen wirſt.“ „Ich denke, Sie müſſen es wiſſen, lieber Hellmuth,“ ſagte Suſette,„wer ſich um meine Hand bewirbt.“ „Und wenn Sie es nicht wiſſen,“ ſetzte die Tante hinzu, „ſo will ich es Ihnen ſagen: Der Baron Lorberg iſt ſo gut wie verlobt mit ihr.“ 248 Eine augenblickliche Stille folgte.„Sie ſagten mir,“ begann Hellmuth dann, vor ſich niederblickend,„daß die Dame, von der Sie ſprächen, Ihnen ſo lieb wie Ihr eigenes Kind ſei.“ „Sie können doch nicht denken, daß ich Suſetten damit gemeint habe!“ rief die Frau Commercienräthin, gereizt durch den Vorwurf, der in ſeiner Antwort lag. „Ich wurde damit gemeint, Herr Doctor,“ ſagte Chriſtine. Er ſtand von dem Stuhle auf wie betäubt und ließ die Arme ſinken; plötzlich aber ging er auf Suſetten zu und nahm ihre Hand. Seine Schüchternheit und Verlegenheit hatte ein Ende. Bleich im Geſicht, doch mit großer Ruhe begann er zu ſprechen:„Man will Sie alſo verloben und verheirathen mit einem Manne, den man Ihnen, wie ich vermuthen muß, aufzuzwingen denkt, theure Suſette. Sie werden ſich nicht fügen. Erklären Sie das Ihrer Tante, ſagen Sie ihr, daß Sie nicht wollen.“ „Warum ſind Sie hierher gekommen, trotz Ihres Ver⸗ ſprechens?“ antwortete Suſette. „Ich bin gekommen, weil Ihre Tante mich zu ſich be⸗ ſchied. Jetzt ſehe ich, in welcher Abſicht es geſchah.“ Die Frau Commercienräthin hörte voller Erſtaunen zu. Nun aber richtete ſie ſich auf, das Raubvogelgeſicht ſchien aufzuſchwellen, und die runden Augen bekamen den ten mir „daß die jr eigenes ten danit n, gereßt r,“ ſagte d ließ die in zu und rlegenheit ßer Ruhe oben und wie ich tte. Sie er Tant, 249 röthlichen Glanz.„Was unterſtehen Sie ſich!“ ſchrie ſie den verwegenen Hoſpital⸗Doctor heftig an, und als ſei es unbegreiflich, was ſie gehört hatte, ſetzte ſie ruhiger hinzu: „Ich glaube, Sie haben Ihren Verſtand verloren, Ludwig, denn den müſſen Sie verloren haben. Laſſen Sie Suſettens Hand los und kommen Sie her.“ Der Doctor ließ Suſettens Hand nicht los und befolgte ebenſo wenig das andere Gebot.„Ich bin an Ihrer Seite, liebe Suſette,“ ſagte er,„was auch geſchehen möge, ver— trauen Sie auf mich!“ „Hören Sie meine Bitte und meinen Rath,“ antwortete Suſette.„Gehen Sie, Hellmuth, und denken Sie daran, Ihre Zuſagen künftig beſſer zu erfüllen.“ „Sie befehlen mir, zu gehen?“ „Gewiß, ich befehle es Ihnen.“ „Und ſogleich! auf der Stelle!“ ſchrie die zornige Tante. „Oder wollen Sie Vernunft annehmen? Sie haben nichts, Sie ſind nichts, Sie werden niemals was werden! Ich biete Ihnen Hülfe an, biete Ihnen die Hand einer jungen liebreizenden Dame an, Sie dagegen...“ „Schweigen Sie, Madame!“ ſagte der Doctor mit ſolcher Feſtigkeit, daß ſie verſtummte.„Mich mögen Sie beleidigen, nicht aber dieſe Dame.“ „Ich kann es ganz ſo gut ertragen, wie Sie ſelbſt, mein lieber Herr Doctor,“ erwiderte Fränlein Chriſtine ſanft⸗ müthig. Fahren Sie fort, Frau Commercienräthin.“ 250 „Wiſſen Sie alſo,“ ſagte Hellmuth,„daß ich Suſetten liebe und daß ſie mich liebt! Ja, daß ſie mich liebt!“ wiederholte er,„und daß Sie uns nicht trennen, Su ſetten nicht verkaufen ſollen, ſo lange ich es zu hindern 8 vermag.“ Ein Hohngelächter folgte ſeiner Betheuerung. Die große Frau machte eine Bewegung, als wollte ſie ſich auf ihn ſtürzen, aber die Art, wie er ſich ihr entgegenſtellte, hielt ſie davon zurück. Ihre Verachtung war unbeſchreib⸗ lich. Sie erinnerte ſich des armen Knaben, dem ſie oft genug Ohrfeigen gegeben, der von ihren Almoſen gelebt, der bis zu dieſem Augenblicke in tiefſter Demuth alle ihre Grobheiten eingeſteckt hatte und der nun plötzlich mit un-⸗ verſchämter Ruhe ihr Dinge in's Geſicht ſagte, die ſiein die grimmigſte Wuth verſetzten. „Ein ſolcher Wicht, ein ſolcher Habenichts!“ ſchrie ſie athemlos.„Was ſagt er? Was unterſteht er ſich? Suſette liebt ihn? Hieher, Suſette! Auf der Stelle hieher! Er lügt! er beſchimpft Dich! Sage es dem lächerlichen Men⸗ ſchen, daß Du ihn verachteſt!“ „So gehen Sie doch, Hellmuth, gehen Sie auf der V Stelle,“ ſagte Suſette, zu ihrer Tante eilend, die ſie um— armte.„Um des Himmels willen, beſte Tante, beruhige Dich, man hört uns draußen!“ bat ſie eindringlich.’ Die Frau Commercienräthin klammerte ihren Arm feſt, das Raubvogelgeſicht ſtierte ſie wüthend an.„Du liebſt 4 251 ihn, hat er geſagt, wie darf er das ſagen? Was iſt wahr? Rede, ich will es wiſſen!“ ch Suſetten mich liebt! ennen, Su* ch werde nicht eher gehen, als bis ich weiß, ob Sie zu hindern niicch begleiten wollen,“ ſagte der Doctor damit zugleich. „Antworten Sie Ihrer Tante damit, daß Sie mir Ihre rung. di Hand reichen. Sie hat Recht, ich bin arm, iheilen Sie 1 ſie ſich af meine Armuth, geliebte Freundin. Meine Ehre,“ ſetzte er tgegenſtelle leiſer, doch mit nicht minderer Feſtigkeit hinzu,„zwingt nubeſchred niich zu einer entſcheidenden Antwort.“ dem ſie aft„Antwort ſoll ſie Ihnen geben,“ rief die Frau Com⸗ noſen ge gelebt mercienräthin, indem ſie ruhiger zu ſprechen ſuchte.„Du uth alle ihr kannſt wählen, Suſette, ich ſtelle es Dir frei.“— Sie 4 lich mit un⸗ ſtemmte den Arm in die Seite und richtete ſich auf.„Da e, die ſien ſteht alſo der Herr Doctor, der Dir die Ehre anthut, D ſeine Armuth znanbieſen und hier ſtehe ich. Du kennſt u ſchrie ſte mich doch.“* ch? Suſette„Gewiß, beſte Tante, von Kindheit an.“ hieher! e„So weißt Du auch, daß ich Wort ei und jetzt ſage llichen Men ich Dir, geh' mit dem Herrn Doctor, wenn Du willſt, aber komm mir nicht wieder vor die Augen. Willſt Du gehen oder bleiben?“ „ ſio Ull..:—.— , die ſiem„Bleiben, Tante,“ erwiderte Suſette. „rülhige 1 8... tte, berul„Und willſt meinen Willen befolgen?“ gich.„Deinen Willen befolgen, Tante.“ Die hochmüthige Frau verzog hohnvoll ihr Geſicht, es ſtrahlte unermeßlichen Schimpf und Spott aus.„Haben Sie es gehört, Herr Doctor Hellmuth?“ fragte ſie. „Ich habe es gehört,“ antwortete er mit Feſtigkeit. „Dann werden Sie ſich jetzt empfehlen,“ fuhr ſie, auf die Thür deutend, fort. ◻ „Ich ſage Ihnen Lebewohl,“ verſetzte er, ſich verbeugend. Die Frau Commercienräthin umarmte ihre Nichte. „Für immer!“ Ich verbitte mir Ihren Beſuch für alle Zeit.— Du haſt mir Freude gemacht, Suſette, Du biſt mein einziges Kind, rief ſie ihm nach,„das merken Sie ſich. meine Tochter.“ „Deine Tochter laß mich bleiben, beſte Tante,“ ſagte Fräulein Suſette. „Alles ſollſt Du haben, was mein iſt, Alles!“ erwiderte die Tante gerührt.„Du ſollſt glücklich werden, Suſette, und da nimm gleich, was ich Dir vorhin nicht geben wollte. Nimm den Schmuck“— ſie drückte ihr das große Etui in die Hände—,„ich will Dir mehr kaufen; was Du haben willſt, will ich Dir kaufen.“ „Dank, tauſend Dank, gute, beſte Tante!“ rief Suſette mit ihrer gewöhnlichen Lebendigkeit.„Was das ſchön iſt, was das herrlich iſt! Sieh' doch her, liebe Chriſtine, ſieh dieſe köſtlichen Steine!“ Sie wollte das Etui öffnen, aber die Frau Commercien⸗ räthin legte ihre mächtige Hand darauf. Zugleich blickte Haben 3 4„ ſie eſtigkeit uhr ſie, auf hre Nichte. en Sie ſich Du haſt niiges Kind, ant eerwidelte i, Suſette, geben wollte oße Etui i Du habelt rief Süſelt as ſchöl i „ ſich riſtine, ſ reien ommertle gleich blilt ſie über den Tiſch fort und ſah die Lehrerin an, welche noch immer auf ihrem Sitze ſaß. „O, Sie ſind noch hier?“ fragte ſie. „Ich bin noch hier, Frau Commercienräthin.“ „Ich ſehe keinen Grund mehr dazu.“ „In der That, ich ebenſo wenig,“ erwiderte Chriſtine. „Dann wäre es am beſten, Sie folgten dem Herrn Doctor nach.“ „Leider hat mich der Undankbare ſitzen laſſen,“ lächelte Chriſtine. „Sie ſcheinen ſehr luſtig geſtimmt zu ſein?“ fragte die Commercienräthin gereizt. „Im Gegentheil, ich bin ſehr traurig geſtimmt, da meine Hoffnungen ſich nicht erfüllt haben.“ Die Frau Commercienräthin wurde heftiger.„Ich ſehe nicht ein,“ ſagte ſie,„warum ich mich jetzt noch um Ihre Hoffnungen bekümmern ſoll. Sie haben den unverſchäm ten Menſchen ermuntert.“ „Gewiß nicht, verehrteſte Frau, obwohl ich den Herrn Doctor ſehr hoch ſchätze.“ „Sie ſchätzen ihn hoch!“ rief die Dame mit funkelnden Augen,„und finden ſein Benehmen gewiß ſehr löblich!“ 7 „Sehr achtungswerth, in der That, das iſt meine Ueberzeugung.“ 254 Die hochfahrende Frau trat ihr näher, die Lehrerin blieb in ihrer ruhigen Stellung. Ihre Blicke hefteten ſich auf das zornige Geſicht, und wiederum fühlte die Frau Commercienräthin Etwas, das ihr den Muth nahm, in ſolcher Weiſe fortzufahren. Ehe ſie es überwinden konnte, ſtand das Fräulein auf und ſagte mit höflicher Kälte:„Ich möchte Ihnen keinen Anlaß geben, ſich länger zu erzürnen. Daher erlauben Sie mir, zu gehen.“ „Mit vielem Vergnügen,“ antwortete die Dame,„und da ich finde, daß Ihr Einfluß auf Suſette keineswegs ein guter iſt...“ „Laſſen wir das,“ fiel das Fräulein ein,„die Andeutung Ihrer Wünſche genügt mir. Gute Nacht, Suſette.“ „Lebe wohl, liebe Chriſtine,“ erwiderte Suſette ſo freund⸗ lich, als ſei nichts vorgefallen.„Du ſiehſt ein, meine gute Tante hat Recht.“ „Ich ſehe es ein,“ ſagte das Fräulein lächelnd,„darum lebe wohl!“ „Lebe wohl, Chriſtine!“ Die Frau Commercienräthin hielt ihre Nichte am Hand⸗ gelenk feſt. Chriſtine machte ihr eine Verbeugung, die ſie nicht erwiederte.„Ich will mein Haus rein haben von ſolchen Perſonen, die nicht hinein gehören,“ ſagte ſie,„und ich verbiete Dir hiermit jeden weitern Umgang mit dieſer Mamſell.“ 255 die Lehrerin Si Kumem„Sie wird ni hefteten ſih Scht iſt ſi ird nicht wiederkommen, Tante,“ ſ „ ie 3 ſtoſe d agte Suſe t ſ zu ſtolz. Jetzt laß mich der 7 ſagte Suſette, in nicht länger zu halten.“ den Sahmuck deſehen 1. 6 te die Fr. Sie eilte de Tiſch wo d 8 tu 8 8 Ho cht — e C.—+2 7 Sie eilte an den Tiſch, as E t lag vo 18 1 Ig. T 08 C eſic hnahm, in nden konnte, der Frau C de in Frau Commercienräthi ile ah äthin erheiterte ſich zn erzürnen Dame,„und neswegs ein „Andeutung ſette.“ e ſo freund⸗ 9 meine gule Zwölftes Kapitel. Richard von Lorberg hatte ein Billet an dieſem Nach⸗ mittage erhalten, das ihn lebhaft beunruhigte. Es war mit ſteiler, dicker Schrift geſchrieben, aber ſehr verſtändlich, wenn auch nicht beſonders orthographiſch richtig:„Mein lieber Herr von Lorberg,“ ſtand darin,„kommen Sie doch morgen Vormittag um eilf Uhr zu mir, ich habe mit Ihnen etwas Wichtiges abzumachen. Es weiß Keiner darum, aber Sie werden es wohl errathen, was ich meine, und darum bin ich Ihre getreue Freundin, die Commercienräthin Wittenberg.“ Ein Anderer würde über dieſes Billet entzückt geweſen ſein, Richard von Lorberg war es jedoch nicht. Es war ſo deutlich, was die Frau Commercienräthin Wittenberg mit ihm abzumachen hatte, daß nicht der leiſeſte Zweifel zurück⸗ bleiben konnte, und eben deßwegen vermehrte ſich ſeine Unruhe. Als es Abend geworden, ſaß er noch in ſeinem dunkeln Zimmer und dachte über das, was kommen mußte, ſem Nach⸗ es war mit eſtändlic r„Mein Sie d och mit Ihnen er darum, neine, und rienräthin ft geweſen Es war p anberg mi fe znic ſic ſein in ſeinem nen nußte 4 nach, wie ein Verurtheilter in ſeiner letzten Nacht. Es graute ihm vor der Unterredung mit ſeiner getreuen Freundin, als ſei das Richtſchwert in ihrer Hand, und wenn er ſich die Scene ausmalte, welche ihn erwartete, fühlte er ſeine Stirne fieberhaft brennen und ein eiſiges Elend in ſeiner Bruſt. Und doch war es unmöglich, dieſem Schickſale zu ent— gehen. Wohin er auch blickte, was er ſich vorſtellte, nach welchem Rettungsmittel er umherſuchte, immer ſah er zuletzt das Raubvogelgeſicht mit dem klappernden Geldbeutel in der einen Hand, an der anderen Suſettchen, die in ſeine Arme hüpfte.— Er hätte niemals geglaubt, daß der Ent⸗ ſchluß, eine ungeliebte Frau zu nehmen, ſo fürchterlich ſchwer werden könne, daß Liebe zu heucheln, eine ſo ſchreckliche Sache ſei. Oft hatte er ſich das Ende ſeiner Heiraths— Speculation vorgeſtellt und darüber gewitzelt, jetzt fiel es ihm wie ein Feuerbrand auf eine offene Wunde. Er mur⸗ melte Verwünſchungen über ſich und über den Tag, wo er zu Seehauſen ging; doch im nächſten Augenblicke ſchon mußte er ſeinem Verſtande nachgiebig werden, denn dieſer zeigte ihm, daß er dicht am Abgrunde ſtehe und keine andere Brücke hinüberführe, als die goldene, welche Suſette ihm baute. Nach einiger Zeit dachte er verſöhnlicher daran und legte ſich ſeine Zukunft zurecht, indem er mit allem mög⸗ lichen Troſt die widerwärtigen Gefühle unterdrückte, auch Mügge, Verloren und gefunden. I. 17 258 an Beiſpielen ſein eigenes Beiſpiel erläuterte; plötzlich aber drang eine Geſtalt in die Mitte dieſes Zauberkreiſes, und wie feſt er auch beide Hände über ſeine Augen deckte, er ſah ſie um ſo deutlicher. Da ſtand ſie in ihrem ſchwarzen Kleide mit dem dunkeln lockigen Haar und blickte ihn mit⸗ leidig an. Ihre Augen leuchteten wie Sonnen, es war, als würde Alles hell um ihn, und aufſpringend und ſeine Arme ausſtreckend, rief er mit leiſer, ſeufzender Stimme: „Chriſtine! o, Chriſtine!“ So blieb er ſtehen, ohne ſich zu regen. Von der Straße fiel ein Lichtſchein in das Zimmer, und eben ſchlug draußen eine Uhr. Der Gedanke, der ihn überkam, ſprach ſich in ſeinen haſtigen Worten aus.„Wo mag ſie ſein?“ mur⸗ melte er.„Ich muß ſie ſehen, muß ſie ſprechen!“ Alle Bedenken waren vergeſſen. Er eilte durch die lebhaften Straßen, als hinge viel davon ab, denn er dachte daran, daß Chriſtine, wenn ſie bei Suſetten ſei, um dieſe Zeit gewöhnlich ſie verließ. Dahin alſo lenkten ſich ſeine Schritte, er wollte ſie dort ſuchen, und es war ihm, als müſſe er ſie finden. Was er von ihr wollte? Er gab ſich keinen genauen Aufſchluß darüber. Er wollte bei ihr ſein, es war ihm gleichgültig, ob man ihn bemerkte; er quälte ſich allein mit der Sorge, daß er ſie verfehlen könne.— In einer der belebteſten Straßen wurde er aufgehalten. Ein Menſchenſtrom aus einem nahen Theater kam ihm entgegen, und vor einem ſtattlichen Hauſe „und — arzen mit⸗ war, ſeine mme: traße nußen ich in mur⸗ Alle 3 viel ie bei dahin ichen, nihr über. nihn er ſie vurde jahen Fauſe hielt ein Wagen, aus welchem ſo eben ein alter Herr ſtieg, den ſein Bedienter unterſtützte. An dieſen Herrn rannte Richard von Lorberg an, indem er dem Gedränge ausweichen wollte. Es gab einen ſo harten Stoß, daß der alte Herr taumelte, vielleicht gefallen wäre, wenn Lorberg ſelbſt ihn nicht feſtgehalten hätte. So⸗ gleich aber ließ er ihn wieder los. Die nahe Laterne leuchtete ihm ins Geſicht, der alte Herr ſah ihn zornig und vor Schmerz zuckend an. „Ich bitte um Entſchuldigung!“ murmelte Lorberg, an ſeinen Hut faſſend. Der alte Herr drehte ihm den Rücken zu, ging weiter und ſtützte ſich auf ſeiner Diener.„Fort aus der Nähe dieſer Bettler und Taugenichtſe!“ rief er mit Heftigkeit, indem er ſich dem Hauſe zuführen ließ. Ohne eine Silbe zu erwidern, eilte Richard von Lor⸗ berg davon. Er kannte das Haus, es war das Caſino, der Sammelplatz der vornehmen und reichen Leute. Ein ingrimmiger Hohn zuckte um ſeine Lippen, mit dieſem Hohn lachte er auf.„Einen Bettler nennt er mich! Wer hat mich denn zum Bettler gemacht? Ein Taugenichts! oh! an ihm liegt es nicht, wenn ich nichts ärgeres geworden bin. Wartet ein Weilchen, und der Bettler wird Euch zeigen, was aus ihm herauskricht.— Verfluchtes Ge⸗ ſchlecht! wer treibt mich dazu? Verflucht, daß der ſcha⸗ denfrohe Zufall mich immer wieder mit Menſchen zuſam⸗ 17* 260 menführt, welche ich unter allen, die da leben, am liebſten 34 vermeiden möchte! Er überließ ſich den Ausbrüchen ſeines Unmuthes, während er ſeinen Weg fortſetzte. Was mochten dieſe ſtol⸗ zen und feindlichen Verwandten dazu ſagen, wenn er durch ſeine Heirath ein reicher Mann wurde? Sie würden ihn zu verſpotten ſuchen, aber ſie würden ſich gewaltig ärgern. Er erwärmte ſich an hochmüthigen Vorſtellungen und Pla⸗ nen, wie er ihren Neid demüthigen wolle, und vergaß darüber, was er ſelbſt opfern und erlangen müſſe, um an dieſen verhaßten Menſchen Rache zu nehmen. Eben als er in die Königsſtraße einbog, ging eine Dame an ihm vorüber, bei deren Anblick alle ſeine Träumereien zer⸗ ſtoben. Es war Fräulein Chriſtine, und ſie ſtand ſtill und wartete keine Anrede ab.„Sie ſind es, Herr von Lorberg,“ ſagte ſie mit ihrer metallreichen Stimme, die ſein Herz zum Klopfen brachte. „Ja, Fräulein Streit,“ erwiderte er.„Ich preiſe mein unverhofftes Gllck.“ „Iſt es wirklich ſo unverhofft?“ fragte ſie neckend. „Werden Sie mir zürnen, wenn ich Nein antworte und für mein gehofftes Glück danke?“. „Gewiß nicht,“ ſagte Chriſtine,„habe ich doch ſelbſt beinahe daſſelbe erwartet. zſten 261 „Wirklich!“ rief er, von dieſem Bekenntniß überraſcht und entzückt.„Aber warum erwarteten Sie es?“ „Je nun,“ ſagte ſie,„eine eigentliche Rechenſchaft bin ich außer Stande zu geben, es war mir jedoch, als müßten Sie wiſſen, daß die Frau Commercienräthin mich zu ſich entbieten ließ, und als hätten Sie Verlangen mit mir zu ſprechen.“ „Das habe ich allerdings, beſtes Fräulein Chriſtine,“ erwiderte er,„ſehr großes Verlangen. Ich habe Ihnen vieles zu ſagen und zu fragen.“ „So fragen Sie,“ antwortete Chriſtine. „Darf ich zunächſt von mir ſprechen?“ „Sprechen Sie.“ „War bei Ihrem Beſuch heut von mir die Rede?“ „Es war von Ihnen ſehr viel die Rede.“ „Darf ich fragen, was daraus hervorging?“ „Sie fragen ſehr beſtimmt und wünſchen gewiß auch eine beſtimmte Antwort. Gut, Herr von Lorberg, ich zögere nicht damit. Es wurde mir mitgetheilt, daß ein ge⸗ wiſſer, ſehr wohl gelittener Herr nächſtens ſich mit Fräu⸗ lein Suſette verloben würde.“ Das Blut ſtieg in Richards Kopf, er hüllte ſich tiefer in ſeinen Mantel.„Dieſer Herr,“ ſagte er im leichtfer⸗ tigen Tone,„hat alſo wirklich einige Hoffnungen dazu.“ „Die beſten, welche er wünſchen kann. Er wird aufs freundlichſte erwartet.“ 262 „Ganz vortrefflich! aber könnte er nicht einen Neben⸗ buhler haben?“ „Einen Nebenbuhler? Unmöglich wäre es nicht, ſogar nicht ganz unwahrſcheinlich.“ „Sie glauben es alſo?“ „Beinahe glaube ich es.“ „Sie kennen ihn?“ „So weit geht meine Beichte nicht.“ „Wenn ich Ihnen aber den Namen nenne, Fräulein Chriſtine?“ „Dann werde ich ihn hören.“ „Heißt er etwa Hermann von Feldheim?“ fragte er mit einiger Ueberwindung. „Hermann von Feldheim?“ lachte Fräulein Chriſtine. „Ich habe nie von einem ſolchen Nebenbuhler gehört. Welche Gründe haben Sie dafür?“ „Es iſt ein Scherz,“ erwiderte er.„Ich ſah zufällig neulich eine Dame, welche Fräulein Suſetten auffallend ähnelte, in Begleitung dieſes Herrn.“ „Aber warum überzeugten Sie ſich nicht eines Beſ⸗ ſeren?“ „Weil ich die Nähe dieſes jungen Herrn, ſo ſehr ich immer kann, vermeide.“ „Das muß ein ſchreckliches Weſen ſein,“ lachte die Lehrerin; doch welche Nebenbuhler auch ein liebenswür⸗ diges und reiches Mädchen unumgänglich umſchwärmen, der ben⸗ ogar rmit ſine. hört. fällig llend Beſ⸗ r ich die wür⸗ der — 263 bewußte Herr hat keinen zu fürchten. Er wird mit leichter Mühe ſiegen.“ „Richard ſchwieg einige Augenblicke. Eine unmuthige Empfindung bemächtigte ſich ſeiner, er konnte den ſcherz⸗ haften Ton nicht länger behaupten.„Das ſagen Sie mir,“ antwortete er,„als ob Sie mir ein ganz beſonders großes Glück ankündigten!“ „Iſt es dies etwa nicht?“ „Glück!“ rief er, das Wort hervorſtoßend,„was iſt Glück?“ Wo iſt etwas, das man ſo nennt, was nicht auch Unglück genannt werden könnte!“ Er gab dieſe Antwort ſo laut, daß ein Vorübergehender, der einen großen Regenſchirm aufgeſpannt hatte, unter welchem er ſich verbarg, denn es begannen Tropfen zu fallen, neugierig ſtehen blieb und mehr hören wollte; als Lorberg jedoch ſich nach ihm umwandte, ging er weiter und verſchwand. „Nehmen Sie meinen Schirm, er wird uns beide ſchützen,“ ſagte Fräulein Chriſtine,„dann werde ich Ihnen antworten, daß ich nicht Ihrer Meinung bin. Das wahre Glück des Menſchenlebens, nicht der falſche Schimmer, den man häufig ſo nennt, zerſtiebt nicht wie Welle und Wind, Herr von Lorberg.“ „Welches Glück meinen Sie, Fräulein Chriſtine?“ „Ich meine das Glück, das aus den edlen Eigenſchaften und Neigungen des Herzens ſtammt.“ „Alſo die Freundſchaft, die Liebe.“ „Alles Gute und alles Schöne, das uns in die höchſte Zufriedenheit mit uns ſelbſt verſetzt und alles vergeſſen läßt, was uns beſchwert.“ Richard gab keine Antwort.„Wer vergeſſen könnte!“ flüſterte er endlich. „Göthe hat einmal geſagt,“ fuhr ſie fort,„daß, wenn er alles Glück ſeines langen und reichen Lebens zuſammen zähle, er keine vierzehn Tage zuſammenbringen könne. Aber das iſt nach ſeiner Weiſe egoiſtiſch gezählt. Das rein empfundene Glück mag ſich in Minuten zuſammen⸗ drängen, doch ein Menſchenleben iſt wie ein Bild aus Licht und Schatten zuſammengeſetzt. Beide miſchen ſich und geben die Farben.“ „Was ſoll man alſo thun?“ „Man ſoll das Licht nicht ohne Schatten verlangen, doch ſoll ein Jeder eifrig dafür ſorgen, daß in ſeinem Lebensbilde das Licht vorwalte.“ „Iſt Ihnen dieſe ſchwierige Aufgabe gelungen?“ „Ich habe mich wenigſtens immer darum bemüht und hoffe, daß es mir gelingen ſoll.“ Lorberg ſchwieg abermals, plötzlich jedoch ſagte er leb⸗ haft:„Mir nicht, bei Gott! ich glaube nicht daran. Ich habe ſehr wenig bis jetzt geſorgt, zu wenig Liebe und edle Freundſchaft kennen gelernt, zu viel Böſes auf meinen höchſte rgeſſen 14 unte! venn er ammen könne. Das mmen⸗ Licht h und angen, ſeinem deͤle neinen 265 Wegen gefunden, und mit zu vielem Leichtſinn zu wenig gedacht und geſtrebt.“ „In den Prüfungen des Lebens ſtärkt ſich der gute Kern,“ antwortete Chriſtine. „Oder er verdirbt,“ verſetzte Richard.„Ich wuchs auf wie ein wilder Baum. Mein Vater ſtarb aus Kum⸗ mer über vereitelte Hoffnungen, meine nächſten Verwand⸗ ten waren ſeine ſchlimmſten Feinde.“ „Feinde muß man zu verſöhnen ſuchen,“ fiel ſie ein. „Nein, man muß das Gemeine und Falſche haſſen und verachten.“ „Wer haßt, kann nicht glücklich ſein, Herr von Lorberg.“ „Dann verzichte ich auf Glück! Und wenn ich der glücklichſte Menſch auf Erden werden könnte um den Preis, mich mit dieſen Verwandten auszuſöhnen, ich würde es ohne Bedenken ausſchlagen.“ „Sonderbar,“ ſagte Fräulein Chriſtine,„alſo um alles Glück keine Verſöhnung! Wenn nun aber dieſer Haß ſich dennoch in Liebe verwandelte, wenn— man hat ja ſogar hiſtoriſche Beiſpiele dafür, in dem ingrimmigen Haß italie⸗ niſcher Familien— wenn ſich alſo auch hier eine Capuletti fände, die den grimmigen Montechi verſöhnte?“ „Und wäre ſie die ſchönſte in der Welt, Fräulein Chri⸗ ſtine,“ ſagte Richard von Lorberg,„ja, liebte ich ſie, ich würde ſie dennoch wie Unkraut aus meinem Herzen reißen. Mir ſchaudert vor dem Gedanken, den Sie aufwecken. Um 266 keinen Preis könnte ich mich dieſen Menſchen in Liebe und Freundſchaft nähern. Noch keine Stunde iſt es her, wo ich mit dem alten Baron zuſammentraf und neuen Schimpf davon trug. Glücklicher Weiſe,“ ſetzte er hinzu,„hat er keine Tochter; aber es gibt unüberwindliche Abneigungen, Fräulein Chriſtine, wie es angeborene Neigungen gibt. Indem ich mir jene unmögliche Tochter vorſtelle, fange ich ſchon an, ſie zu haſſen, während ich— zürnen Sie nicht wenn ich es ausſpreche— vom erſten Augenblick an, wo ich Sie erblickte, mich ſympathetiſch angezogen fühlte.“ „Sie fühlten keine Abneigung?“ lachte ſie. „Wie wäre das möglich! Aber ich möchte wiſſen, liebes Fräulein, ob Sie nicht auch etwas von dieſer Sym⸗ pathie empfunden haben.“ „Solche Gefühle ſind ja immer gegenſeitig,“ antwortete ſie in derſelben Weiſe.„Ich bin Ihre Freundin, Herr von Lorberg, und bitte Sie, dieſes für kein leeres Wort zu halten. Suſette iſt mir nicht minder lieb. Sie iſt ein Juwel, kein orientaliſcher Kieſel oder böhmiſches Glas, ſondern echt und von hohem Werthe. Möchte ich etwas zu Ihrem beiderſeitigen Glücke beitragen können.“ Es war, als ob ein Strom von Eis über Richard von Lorberg hinſtürzte.„Ich danke Ihnen verbindlichſt, mein theuerſtes Fräulein,“ ſagte er, nicht ohne Ironie.„Aber worin beſteht der hohe und reelle Werth des ſeltenen, Juwels?“ ebe und ſer, wo Schinpf „hat er gungen, en gibt. mge ich ie nicht an, wo te. wiſſen, Sym⸗ ard vonl 1 mein Aber „ feltenel — 267 „Daß bei ihm der Glanz nicht auf der Oberfläche liegt, ſondern aus der Tiefe kommt,“ antwortete ſie;„nebenher auch iſt dieſer Edelſtein in Gold gefaßt, es iſt ſomit ſehr klug und verſtändig, ihn zu beſitzen.“ „Meinen Sie?“ antwortete Richard.„So halten Sie Klugheit vielleicht für die erſte aller Lebensregeln?“ „Ganz ohne Zweifel,“ ſagte Fräulein Chriſtine. „Wenn man verſtändige und wohl überlegte Plane gemacht hat, muß die Klugheit dabei mehr gelten, als alle Phan⸗ taſterei.“ „Phantaſterei nennen Sie das?“ lachte er.„Eine vortreffliche Bezeichnung. Sie werden alſo immer nach den Regeln der Klugheit handeln?“ „Das werde ich allerdings, Herr von Lorberg.“ „Das iſt ſelten, verehrtes Fräulein. Frauen ſind ſonſt weit eher geneigt, ihren Gefühlen den Vorzug zu geben.“ „Es iſt der Vorzug geiſtiger Bildung, ſo habe ich mir ſagen laſſen,“ erwiderte ſie,„daß die Gefühle ſich dem Ver⸗ ſtande unterordnen.“ „Dann, mein ſehr verſtändiges Fräulein, würden Sie Ihrem Herzen wohl niemals erlauben, ſeinen Empfindun⸗ gen zu folgen, wenn die Klugheit dagegen Einwendungen erhöbe?“ „Wir gerathen auf eigenthümliche Abhandlungen,“ lachte Fräulein Chriſtine,„doch wenn ich Ihnen die Wahr⸗ heit geſtehen ſoll, muß ich zugeben, daß Sie Recht haben.“ 268 „Wirklich, Fräulein Chriſtine, ich hätte ein ſo kaltes Herz nicht bei Ihnen vermuthet.“ „Und ich, mein empfindſamer Herr Baron, hätte mehr überlegende Kaltblütigkeit bei Ihnen erwartet.“ „O, wünſchen Sie etwa, daß auch die Liebe kaltblütig ſein ſoll?“ „Was mich betrifft,“ ſagte ſie,„ſo möchte ich nicht blind leidenſchaftlich geliebt werden.“ „Alſo doch mit Leidenſchaft?“ „Soweit dieſe wahr und erhaben iſt, alſo keine Leiden ſchafft.“ Richard von Lorberg preßte ſeine Lippen zuſammen, ſein Kopf brannte wie Feuer, er war kaum mehr im Stande, ſeine Aufregung und ſeine Gereiztheit zu verbergen. Er fühlte ſich getäuſcht und verletzt, verſpottet, wie es ihm ſchien; auf jeden Fall fand er nichts von dem, was ſehn⸗ ſüchtige Erwartung ihm vorgeſpiegelt. „O wirklich,“ ſagte er ironiſch lachend,„Sie werden ſich vor Mißgriffen bewahren und gewiß dereinſt eine ſehr verſtändige Wahl treffen.“ „Ich danke Ihnen für dieſen prophetiſchen Ausſpruch, Herr von Lorberg,“ erwiderte ſie.„Ich verabſcheue nichts ſo ſehr, als leichtſinnige Heirathen und leichtſinnige Männer.“ „Sehr richtig, theuerſtes Fräulein, das iſt ſehr ſo kaltes ätte mehr kaltblütig Hich nicht ne Leiden uſammen, IStande, gen. Er des ihm vas ſehl⸗ je werdeln iine ſehr usſpruch, lle nichts ütſinnige ſt ſehr 269 verſtändig! Man muß ſein Herz nur an Weſen hängen 5 7 die vom Herrn geſegnet ſind mit dem, was uns Not S 8 8₰ 7 thut.“ „Das iſt die Sicherheit alles Lebens- und Familien⸗ glücks,“ bekräftigte ſie,„ich muß Suſettens würdiger Tante darin beipflichten.“ Richard bebte bei dieſer Erinnerung.„Sollte man es glauben,“ rief er voll Hohn,„daß Ihr edler Sinn ſo ſehr 7) nach Reichthum trachtet?“ „Warum ſollte ich das nicht thun?“ ſagte Chriſtine. „Reichthum iſt der Quell alles Guten, man muß ihn nur zu gebrauchen wiſſen.“ „Sie werden dieſe Kunſt ganz gewiß verſtehen.“ „Das hoffe ich,“ erwiderte ſie.„Zunächſt aber wünſche ich es Ihnen und ſage Ihnen Lebewohl, denn hier wohne ich mit meinem Glück.“ Sie ſtanden in der engen Straße vor dem dunklen g armen Häuschen, und Richard von Lorberg lachte auf. 7 7) „Das paßt in der That noch nicht zu unſeren Hoffnungen auf die Zukunft,“ ſagte er. „Morgen geht eine neue Sonne auf,“ verſetzte ſie. „Ich kann warten.“ „Aber wenn ſie nichts erfüllt, Fräulein Chriſtine?“ „Dann war die Hoffnung vielleicht ſchon Glück. Gute Nacht, Herr Baron. Erzählen Sie Suſetten morgen 270 unſere Verhandlungen und was ich von der Klugheit halte.“ Sie ſchlüpfte durch die Thür, er ſtand noch einige Augenblicke ſtill.„Ja, ich will es ihr erzählen,“ ſpottete er, „und will ſelbſt klug und weiſe werden, darauf verlaſſen Sie ſich, mein höchſt verſtändiges Fräulein.“ Er blickte nach den Fenſtern hinauf, wo ein ſchwacher Lichtſchein zu dämmern begann. Große Regentropfen ſchlugen dabei in ſein heißes Geſicht. „Zu Suſetten, zu Suſetten!“ murmelte er, den Mantel um ſich ſchlagend.„Gute Nacht, weiſe Freundin, Dein Rath iſt gut!“ Und mit großen Schritten entfernte er ſich. Nach einiger Zeit regte es ſich unter dem Thorweg in der Nähe. Ein Mann, der in dem düſterſten Winkel ge⸗ ſtanden hatte, trat hervor, ſpannte ſeinen großen Regen⸗ ſchirm auf und ging langſam bis zu dem Hauſe, wo die Lehrerin wohnte. Einige Minuten lang beobachtete er die Fenſter und die Thür, dann trat er dicht an das Haus und ſah durch eine Ritze in einem der Läden in die Stube des Schneiders. Hierauf machte er den Schirm geräuſch⸗ los zu, legte ſeine Hand auf das Thirſchloß, überlegte, horchte noch ein paar Augenblicke und trat dann auf den dunklen Flur. Mit leiſen Schritten tappte er vorwärts. Durch die Fenſter über der Hausthür fiel der Schimmer einer Stra⸗ Klugheit och einige ſpottete er fverlaſſen Er blickt htſchein zu en dabei in en Mantel entfernte horweg in Ginkel ge⸗ en Regen⸗ ſe, wo die achtete el Haus das 9 überlegie in auf den Durch di ner Stt ßenlaterne herei Er k ze herein. Er konnte die Treppe erkennen, und blieb an dieſer ſtehe i zh ben en ſtehen, gleich darauf aber ging er weiter egab ſich in den Hof H Der — b Hof des Hauſes. Der R fi ſet di 7 5. er Regen fiel * ht vom Himmel, aber in der Kammer der Wi ietſen Ertten Kammer der Wittwe e verke war es hell. Die Leiter ſtand an d Stelle, wo ſie bei Tage geſ Veun „ ſie bei Tage geſtanden hatte, und der M nahm ſie fort, legte ſie leiſ ze Hinterr aan un legte ſie leiſe an die Hinterwand des Hauſes ieg vorſichtig die Stuf iu de N 3 3 3 orſichtig die Stufen hinauf. Endlich ſtand er 0) r† 1 4 N 7 ſne aß er in die Kammer ſehen konnte. Behutſam e er den K. ſchi ſunnd den Kopf vor und ſchielte um die Ecke des Vor anges, der niedergelaſſe Vlaß 5 1 4 w niedergelaſſen war, doch nicht vollſtändig ſchloß onnte den inner ich ü deri d t den inneren Raum deutlich überblicken. Gierig gen 9 9 9 3 Foſ 8„ 7 4 d Augen daran feſt. Bewegungslos ſchmiegte ch ſo an die Mauer; ſein Ohr ſei beſer n e die Mauer; ſein Ohr ſeitwärts geneigt, um zu hören, den Athem 25 2 angehalten, als könnte dieſer ihn derrnſn) ,als könnte dieſer Nach zehn Mi Y n T 3 9 ſti 1 zunſ di 1 Minuten etwa ſtieg er die Leiter hinunter 3 8 2. 3 zff ſoj— 1 an ihren Platz, ergriff ſeinen Schir 3 Sale Jeher 3, erg Schirm, den er am geborgen, und ſchlich durch das Haus zurück auf die Straße. Er ſchü 8 üttelte das Waſſ ſei Snaß Waſſer von ſe rei kunne c ſeinem breit⸗ en H ſah ſi 8 u Hut und ſah ſich um. Die Straße war völlig e erx Po 3 9 31ſ 3 6 Regen allein plätſcherte von den Dachrinnen Indem er ſich zurückz cfen er ſich zurückzog und wieder in den tiefen T den i. e er in den tiefen Thor— trat, öffnete ſich die Hausthür drü en ſlan ſich die Hausthür drüben, und mit leich⸗ , 5— ritto 1 vufe edan Schritten eilte Jemand an ihm vorüber den ſeine funke ſich ſeine funkelnden Augen hefteten. Er ſah ihm 8 272 nach wie ein Raubthier, das ſeine Beute ſorglos an ſeinem Verſteck vorüber ziehen ſieht und es noch nicht für Zeit erachtet, ihr in den Nacken zu ſpringen. Vor⸗ ſichtig trat er hervor, und wie er hinter ihm her ſchlich, ließ ſich unter dem rothen Regenſchirm ein heiſeres Ge⸗ lächter hören. 8 Ende des ersten Bandes. Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient, ½ 5=— .8 “ e SOolſour& Grey Sorurol Shart Cyan Green vellow Hed Magenta