5 bliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Edujard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und Jeſebedingungen. 1 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ f pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens) 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.—. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ h den angenommen. 1 . 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe jmuß voraus ſbezahlt werden und* beträgt: 3 8 3 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: Bücher: auf 4 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. Pf. 4„„ 3„„ 1„—, 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Köoſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Erſtes Capitel. „Es iſt nicht möglich, liebſte Madame Petermann, denn es wäre gegen alle Grundſätze,“ ſagte Herr Frohlieb. „Sie werden mir aber doch Glauben ſchenken, beſter Herr Frohlieb,“ antwortete Madame Petermann,„wenn ich Ihnen verſichere, daß es wahr iſt.“ „Das verſteht ſich!“ ſchrie Herr Frohlieb.„Wer ſollte Ihnen keinen Glauben ſchenken, liebſte, ſchönſte Frau, es müßte ein verruchter Barbar ſein. Und wenn Sie mir ſagten, Daniel Frohlieb, Du verſtehſt von Tabak und Ci⸗ garren, Deckblatt, Einlagen und Saucen ſo viel wie ein Nachtwächter und dieſe La Fama, welche Du ſo eben da rauchſt, iſt nicht in der Havannah, ſondern im geſegneten Pfälzerlande gewachſen— ich glaubte es Ihnen aufs Wort, allerſchönſte Frau, keinen Augenblick zweifelte ich daran! nicht einen einzigen Augenblick!“ 4 Madame Petermann ſteckte die Hände in ihren Zobel⸗ muff, beugte ihr hübſches Geſicht unter die breiten, ſchwar⸗ zen Kanten ihres Sammethutes und lächelte die kleine, dicke Frau an, welche neben ihr auf dem Sopha ſaß.„Ihr Herr Gemahl iſt doch immer ſpaßhaft,“ ſagte ſie,„er ver⸗ liert niemals ſeine gute Laune.“ „Er hält ſich immer noch halbweg gerade genug,“ antwortete die kleine Frau, indem ſie ihren Mann wohlge⸗ fällig anſah. Herr Frohlieb hielt ſich jedoch eben jetzt nicht beſon⸗ ders gerade, ſondern ſtand vor den beiden Damen, den Oberleib weit vorgebeugt, und ſeine rechte Hand mit der Cigarre, welche in einem goldigen Porzellanpfeifchen ſteckte, beſchrieb einen weiten Bogen zu einer unterthänigen Huldi⸗ gung. Er war gewiß ſchon in ziemlich hohem Lebensalter, was die Falten in ſeinem Geſicht und der Verluſt ſeiner Zähne genugſam ankündigten. Allein, obwohl ſein Mund eingefallen und ſein Kinn vorgeſchoben war, hatte er doch noch etwas Jugendliches und Bewegliches behalten. Dies bewirkte nicht ſowohl die braune, lockige Perrücke, welche ſein Haupt bedeckte, auch nicht der magere nach innen bieg⸗ ſame Körper, ſondern weit mehr thaten es die lebendig blickenden, lichtbraunen Augen und die luſtige Behaglichkeit, mit welcher er umherſchaute, immer bereit zu ausdrucks⸗ vollen Geberden und Zeichen, auch immer bereit, etwas zu 7 ſagen, das ſeinen Zuhörern gefallen und ihnen Spaß ma⸗ chen ſollte. „Wiſſen Sie denn, wovon das bei mir kommt, liebſte Madame Petermann, daß ich immer guter Laune bin?“ fragte er, ſeine Stirn in weiſe Falten ziehend, während alle anderen Theile ſeines Geſichts vergnüglich lachten. „Weil ich die richtige Leber beſitze, wodurch der ganze Menſch ein zum heiteren Daſein beſtimmtes Weſen wird. Sehen Sie gefälligſt in meine Augen, die ſo klar ſind, wie der klarſte Kryſtall. Bis in den Grund meiner Seele können Sie ſehen, nirgend ein Fleck, nirgend eine dunkle Stelle. Nun aber ſehen Sie dagegen meinen Jungen, meinen Wilhelm, eben ſo an und es wird Ihnen kein Zwei⸗ fel mehr übrig bleiben; Sie werden einen Schreck kriegen, wie es in ihm ausſieht!“ 4 Herr Frohlieb beugte ſich dabei bis an das jugend⸗ liche Antlitz der hübſchen Frau, ſtreckte ſeine anſehnliche Naſe noch weiter vor und machte ſeine ſchalkhaften Augen groß auf. „Aber, Herr Frohlieb!“ lachte Madame Petermann, indem ſie ſich zurück zog,„ich fürchte mich wirklich!“ „Aber Daniel,“ ſchrie die kleine, dicke Frau damit zugleich,„iſt das eine Art, mit einer jungen Wittwe um⸗ zugehen?!“ „Wie ſo denn?“ fragte Herr Frohlieb verwundert, „was iſt denn los? Warum ſoll eine junge, ſchöne Wittwe nicht in meine klaren Augen ſehen? Warun ſoll ich ihr meine mir von Gott gegebenen Vorzüge nicht begreiflich machen?“ 3„Mache es nur nicht zu arg, Vater,“ ſagte die kleine rau. „Mache ich es zu arg, liebſte, ſchönſte Frau?“ lachte Herr Frohlieb.„Wenn es wahr ſein ſollte, bitte ich aller⸗ unterthänigſt um Verzeihung. Aber ich mache es nicht zu arg, ſondern mein Junge, der Wilhelm, macht es zu arg, eben weil er nicht die richtige Leber beſitzt und um deſſent⸗ wegen ein dickblütiges, vergeßriges und ungeſundes We⸗ ſen iſt.“ „Wie kannſt Du ſolche Lügen ſagen, Daniel?“ fiel die kleine Frau eifrig ein.„Glauben Sie es ihm nicht, Thereschen. In ſeinem ganzen Leben iſt Wilhelm noch niemals krank geweſen.“ „Inwendig,“ verſetzte Herr Frohlieb kaltblütig;„aus⸗ wendig nicht, aber inwendig iſt er ſchwer krank. Da ſo— hier!“ Er legte beide Hände auf ſeine linke Bruſt und machte ein jämmerliches Geſicht. „Aber ſitzt denn da die Leber?“ fragte die junge Wittwe.„Da ſitzt ja das Herz!“ „Wie?“ antwortete Herr Frohlieb mit ſchalkhaftem Erſtaunen.„Wirklich? Wiſſen Sie das gewiß? Sollte 9 mein armer Junge etwa gar an einer Herzkrankheit leiden? — Das wäre ja fürchterlich! Wiſſen Sie kein Mittel, Thereschen, wie er geheilt werden kann?“ Er brach in ein luſtiges Gelächter aus, indem er auf die junge Frau losſprang, die ihm ihren Muff abwehrend entgegen hielt, doch ebenfalls lachte und bei der kleinen Frau Schutz ſuchte. „Wenn ich Alles bedenke, ſo muß ich Ihnen Recht geben!“ ſchrie Herr Frohlieb dabei,„es muß das Herz ſein, obwohl ich von ſolchen Krankheiten nicht viel mehr verſtehe, da es etwas lange her iſt, wo ich ſelbſt einmal daran ge⸗ litten habe. Aber geben Sie Acht, beſte, werthgeſchätzte Frau, ich werde Ihnen meine Beobachtungen aufzählen. Erſtens hat Wilhelm ſeit längerer Zeit ſchon keinen Appetit mehr, dann ſitzt er oft da, als ſähe und höre er nicht. Wenn Andere lachen, ſieht er aus, als hätte er Zahn⸗ ſchmerzen, und wenn eine rührende Geſchichte, ein ſchauder⸗ volles Unglück erzählt wird, fängt er an ſich zu erheitern und fragt nach Dingen, von denen gar nicht die Rede war. Dabei vergißt er Alles, während er ſonſt ein merkwürdiges Gedächtniß hatte, und wenn er etwas erzählt, bricht er zu⸗ weilen plötzlich ab, verwirrt ſich, verliert den Faden, wird ſtumm, ſieht auf einen Fleck und— es iſt meiner Seele wahr!— fängt an zu ſeufzen: Ach! ohl! ah! Ich habe es ſelbſt gehört, wie er ſeufzt, kläglich wie ein Wurm. Was ſagen Sie dazu? Iſt es nicht ſchrecklich? Woher kann das kommen?“ „Das kann ſehr verſchiedene Urſachen haben,“ erwie⸗ derte die hübſche Wittwe. „Urſachen?“ ſagte Herr Frohlieb, indem er den Arm mit dem Pfeifchen ausſtreckte und ſeine weiſen Falten zog, „das verſteht ſich, Thereschen! Urſachen hat Alles in dieſer Welt; es geſchieht nichts auf Erden ohne Urſache! So weit ſind wir, Gott ſei Dank! in Bildung und Aufklärung fortgeſchritten, daß wir wiſſen, es muß eine jede Wirkung auch eine Urſache haben. Aber wo liegen dieſe Urſachen von meinem Wilhelm ſeiner Krankheit? Welches iſt ihr Anfang und welches wird ihr Ende ſein, allerliebſte, gu⸗ teſte Frau?“ Er ſah ſo ſchelmiſch dabei aus, während er den Fin⸗ ger an ſeine Naſe legte und würdevoll nachzudenken ſchien, daß Madame Petermann laut auflachte und ſich zu der kleinen, dicken Frau wandte, welche ihr die Hände drückte und ihrem Manne zurief:„Fange nur nicht von Deinen Urſachen und Wirkungen an, Daniel! Es wird ſchon Alles von ſelbſt gut werden.“ Herr Frohlieb kehrte ſich nicht an dieſe Ermahnung. „Ich ſage nur dieſes,“ begann er von Neuem,„aus nichts wird nichts! Aber wiſſen Sie was, Thereschen, ich bin ein Hombopath, durch und durch Homöopath, das bin ich! 11 Und darum ſage ich: was dieſe Krankheit verurſacht hat, muß dem Patienten eingegeben werden, ſo erfolgt deſſen Herſtellung. Habe ich Recht oder Unrecht, was meinen Sie? Sagen Sie mir aufrichtig, ob dies nicht die beſte Art iſt, ihn zu curiren. Wie? Ehe! Bin ich auf dem rechten Wege oder nicht?“ 8 „Ich weiß es nicht,“ verſetzte die hübſche Wittwe, ihren Kopf nach allen Seiten drehend,„denn— es iſt ja die Frage, ob dem Herrn Wilhelm Frohlieb dieſe Medicin gefällt.“ „Ob ſie ihm gefällt!“ ſchrie er, beide Arme durch die Luft ſchwenkend.„Wie ein Zuckerherz wird er ſie aufeſſen und immer mehr davon haben wollen. Niederfallen wird er und dem allerliebſten Doctor die dare iſ Aber es iſt Menſchenliebe, Thereschen, Chriſtenliebe, Nächſten⸗ liebe, daß Sie ihn aus dieſem Zuſtande erlöſen. Sie haben ihm das Geſchäft des ſeligen Herrn Petermann über⸗ geben, haben Forderungen an ihn zu machen und müſſen ſorgen helfen, daß es nicht zu Grunde gehe. Ein Buch⸗ händler muß vor allen Dingen ſeine Sinne zuſammen haben, muß immer auf dem Platze ſein und wiſſen, was der menſchlichen Geſellſchaft an Stärkung und Nahrung Noth thut. Es iſt daher ein Verbrechen gegen ſich ſelbſt und gegen die ganze Menſchheit, wenn mein armer Junge nicht von Ihnen hergeſtellt wird. Wäre er reich, wie hier 12 oben über uns ſein Freund, der Finanzrath Leiſegang, ſo ginge es noch an; aber er hat keinen Bankier zum Vater, ſondern blos einen alten Tabakshändler.“ „Sie ſind ja ein Rentier,“ fiel Madame Peter⸗ mann ein. „Ja ſo, richtig!“ rief Herr Frohlieb,„das bin ich, aber wie bin ich's geworden? Hätte der Junge, der Wil⸗ helm, nicht partout ein Buchhändler werden wollen, ſtatt ſeinem alten Vater beizuſtehen und nach zu folgen, ſo wäre es mir niemals eingefallen, Rentier zu ſpielen, und wenn ich nicht immer noch ſo unter der Hand ein bischen handeln thäte, könnt' ich's Rentiergeſchäft nicht eine Woche lang aushalten. Bging aber nicht anders,“ ſeufzte er weh⸗ muthsvoll,* der Junge wollte durchaus nichts vom Tabak wiſſen. „Sie hätten ihn ſtudiren laſſen ſollen, 5 ſeste Madame Petermann. „Wollte er denn?“ ſchrie Herr Frohlieb.„Meinen Wil⸗ helm? Ich? Warum denn nicht! Aber er wollte nicht, liebſte, ſchönſte Frau, und am Ende, allerdings, war es mir auch einerlei, denn bei Lichte betrachtet, ließen ſich ſeine Grundſätze, richtig genommen, durchaus nicht ver⸗ achten. Es giebt genug Beamte, Vater, ſagte er, warum ſoll alle Bildung ſich dahin wenden, warum nicht ins prak⸗ tiſche Leben, in die Geſchäftswelt? Dieſer praktiſche Blick 13 machte mir Vergnügen bei meinem Jungen. Haſt Recht, Willem, ſagte ich, Bildung kleidet jeden jungen Menſchen gut und macht ihn angenehm überall, dieſes weiß Dein Vater an ſich ſelbſt. Und ſo ſagte auch unſer Herr Vetter, der Kriegsrath Hartfeld, zu mir: Laſſen Sie ihn, Vetter, ſagte eer, er hat einen richtigen Blick. Der Bürgerſtand hat tüchtige Männer nöthig, die fehlen ihm nur zu ſehr.— Aus ſolchem Munde war mir dies eine Wonne zu hören, denn dieſer Mann wird von den Höchſten und Erſten hoch⸗ geachtet, und was er ſagt, das geſchieht.“ „Es iſt ein ſehr kluger Mann, der Herr Kriegsrath, ich habe ſchon viel von ihm gehört,“ ſagte Madame Petermann zu der kleinen Frau. „Klug!“ ſchrie Herr Frohlieb,„dieſes wäre das We⸗ nigſte, aber das iſt noch lange nicht Alles. Es giebt nichts, was er nicht verſtände, und dabei ein Menſchenfreund, ein Freund der Künſte, ein Verehrer des Schönen, ein Vater aller Nothleidenden. Wo ein Verein entſteht zum Beſten der Menſchheit, iſt er mit an der Spitze, wo was Gutes gethan werden ſoll, iſt er da. Wer in irgend einer Be⸗ drängniß iſt, geht zu ihm.“ „ Und dabei hat er doch gewiß viele Geſchäfte.“ „ Das verſteht ſich,“ verſetzte Herr Frohlieb, würdevoll nickend.„Er verwaltet ja die große Kaſſe für die geſammten wiſſenſchaftlichen und Kunſt⸗Anſtalten des Staates als 14 erſter Rendant. Drei Orden, Thereschen, und wie oft hätte er ſchon Geheimer ſein können, wenn er gewollt hätte. Zulage iſt beſſer, ſagte er; Geld, Vetter, damit kann man Gutes ſchaffen. Geheimrath iſt ein Titel, weiter gar nichts; nichts Reelles.“— „Ein Titel iſt doch auch ſehr hübſch,“ lächelte die junge Wittwe. „Allerdings, warum denn nicht,“ ſagte Herr Frohlieb, „Frau Geheimräthin, gehorſamer Diener!— er machte eine tiefe Verbeugung— aber ſo ein Mann wie Vetter Hartfeld braucht das Alles nicht. Ich bin Hartfeld, ſagt er, damit iſt es genug.“ „Stolz iſt er aber gar nicht,“ fiel die kleine Frau ein. „Warum ſollte er auch noch ſtolz ſein?“ rief Herr Frohlieb energiſch, den Arm in die Seite ſtemmend.„Seine Grundſätze ſtehen viel zu hoch dazu. Der wirkliche Ge⸗ heime Ober⸗Finanzrath Leiſegang, Onkel von unſerm Finanzrath oben, iſt ſein Chef und geht mit ihm um, wie ein Bruder mit dem anderen, Thereschen. Als ob ſie Beide an einer Bruſt gelegen hätten, ſo lieben ſie ſich, ſind ein Herz und eine Seele, und der Finanzrath eben⸗ falls. Wer ſollte dieſen Mann auch nicht verehren! Und jetzt will ich Ihnen noch etwas mittheilen, von wegen meinem Wilhelm und ſeiner Krankheit, woran Sie ſehen können, wie dieſer Vetter Hartfeld bis in die tiefſten Tiefen 15 des menſchlichen Herzens ſieht. Vorige Woche kam er mit heran, wie er dies öfter thut, und wie wir von Wilhelm ſprachen, dem er immer ſehr gewogen war, ſaß er da in der Sophaecke, wo Sie ſitzen, ließ ſich Alles erzählen und dachte lange ernſthaft nach. Darauf ſagte er plötzlich: Haben Sie ein Auge auf Ihren Wilhelm, Vetter, krank iſt er nicht, doch bis über die Ohren verliebt.“ Hier brach Herr Frohlieb in ein ſchallendes Gelächter aus, denn die hübſche Wittwe ſchlug verwirrt die Augen nieder und beugte ſich zu der kleinen, dicken Frau, die ſie in Schutz nahm. „So höre doch endlich auf, Daniel, mit Deinen gottloſen Späßen!“ rief ſie ihrem vergnügten Gatten zu. „Meiner Seele, es iſt wahr!“ ſchrie er.„Verliebt bis über die Ohren! Und wie ich's dem Herrn Finanz⸗ rath mittheilte, meinte der, er hätte es auch ſchon gemerkt; es wäre die höchſte Zeit, daß er zur Vernunft gebracht würde.“ „Was hat denn der Herr Finanzrath ſich darum zu bekümmern?“ fragte Madame Petermann.„Das iſt doch jedes Menſchen eigene Sache, vernünftig zu ſein oder nicht, und wenn Wilhelm—“ „Da kommt Wilhelm!“ unterbrach ſie Herr Frohlieb, indem er nach der Thür lief. „Nein! Nein!“ rief Madame Petermann ängſtlich, die kleine Frau umfaſſend. „Ja, ja!“ ſchrie Herr Frohlieb,„er muß curirt werden. Hierher, Willem! Komm her, Du“— bei dieſem Worte ſchnappte ihm die Stimme plötzlich ab, und während er ein paar gelenkige Verbeugungen machte, begann er mit erneuter Redſeligkeit:„J Herr Jees! Sie ſind es, liebſter Herr Finanzrath, kommen Sie doch näher, ſetzen Sie ſich ein bischen zu uns. Friſches Wetter heute! Immer näher heran, wo es warm iſt, Herr Finanzrath.“ Der Herr, welcher hereingetreten war, blieb jedoch an der Thür ſtehen und beantwortete dieſe Einladungen mit einer Verneigung gegen die Damen. Es war noch hell genug, um ſehen zu können, daß er wenig mehr als dreißig Jahre zählen mochte, aber er war ungewöhnlich ſtark beleibt, ſein Kopf dick und fleiſchig, die Stirn hoch und das lichtbraune Haar ſehr dünn. Madame Petermann wandte ihr hübſches Geſicht von ihm ab, als hätte ſie keine Luſt, weder ihn zu beachten, noch ſich beachten zu laſſen.* „Ich wollte nur zuſehen,“ ſagte der Finanzrath,„ob Wilhelm etwa ſchon hier wäre.“ „Er muß kommen, jede Minute erwarten wir ihn,“ erwiederte Herr Frohlieb.„Nehmen Sie gefälligſt Platz, liebſter Herr Finanzrath, und unterhalten Sie die Damen. 1 19 Herz kommt es an. Iſt das Herz geſund, iſt auch die Leber geſund, und das ganze Daſein eine Harmonie. Alſo bleiben Sie bei uns, damit wir den Wilhelm heut noch curiren.“ Dazu war Madame Petermann jedoch nicht zu be⸗ wegen. Sie wollte durchaus nicht die Wiederkehr des Finanzraths abwarten, in deſſen Gegenwart kein vernünf⸗ tiges Wort geſprochen werden könnte.„Fangen Sie die Cur nur allein an, mein beſter Herr Frohlieb,“ ſagte ſie, „wenn aber meine Hülfe durchaus nöthig ſein ſollte, ſo will ich dieſe zwar nicht verſagen, möchte jedoch zunächſt noch Mancherlei von dem jungen Herrn erfahren.“ „Warum er geſtern nicht zu Ihnen gekommen iſt,“ fiel Herr Frohlieb ein,„das ſoll er bekennen; auf ſeinen Knieen ſoll er die Wahrheit bekennen, und eben deswegen bleiben Sie hier, liebſtes Thereschen, bis er Alles ge⸗ beichtet hat.“ Die junge Wittwe aber ſchüttelte lachend den Kopf. „Ich habe auch meinen Willen,“ ſagte ſie, ſich in den Sammetmantel hüllend.„Er ſoll zu mir kommen, ſo will ich ihm verzeihen. Gute Nacht, Herr Frohlieb! Adieu, beſte Mama! Der Kranke muß den Doctor aufſuchen. Gute Nacht! Gute Nacht!“ — Zweites Capitel. 2 Als Herr Frohlieb von der Begleitung der jungen Wittwe zurückkehrte, ſtrahlten ſeine Augen vor Vergnügen, und indem er den Arm um ſeine kleine Frau legte und ihr zunickte, lachte er ausgelaſſen luſtig.„Es iſt richtig, Mamachen,“ ſagte er dabei,„Alles klipp und klar und richtig! Aber es iſt doch ein ſappermentſcher Junge, unſer Wilhelm, ein elementſcher Junge! Dieſes hat er zu Stande gebracht, fix und fertig zu Stande gebraͤcht, bis auf die Unterſchrift, die er allezeit haben kann.“ 3 „Na, mein Gott!“ rief die kleine Frau, die ihre Haube wieder zurechtſchob,„darum brauchſt Du doch nicht ſo zu raſen. Was war ſie denn, ehe der alte Petermann ſie nahm? Eine Regiſtratortochter, die aus dem Hauſe ging, ihr Brot zu verdienen. Der alte Buchhändler Peter⸗ mann ließ ſich die Wirthſchaft von ihr führen und hei⸗ rathete ſie.“ 21 „Biſch, Mamachen, biſch!“ winkte Herr Frohlieb, die Hand mit dem Pfeifchen aufhebend,„man muß nie⸗ mals auf die Vergangenheit blicken. Was da iſt, das iſt die Seele, und dieſe reelle Seite des Geſchäfts iſt hier über allen Zweifel erhaben, denn der alte Petermann hat ihr ſein ganzes Vermögen hinterlaſſen.“ „Stolz war ſie immer,“ ſagte die Mama,„und hübſch war ſie auch, das kann Keiner läugnen.“ „Sie iſt noch hübſch,“ fiel er ein,„allerliebſt, appe⸗ titlich ſieht ſie aus, obwohl ſie beinahe eben ſo alt ſein muß, wie Wilhelm.“ „Eben ſo alt?“ eiferte die kleine Frau.„Wilhelm wird jetzt dreißig, ſie muß wenigſtens ein Jahr oder zwei älter ſein.“ 4 „Was iſt denn an ein paar Jahren gelegen, Mama⸗ chen!“ rief Herr Frohlieb verſöhnend lachend.„Eine gute, abgelagerte Waare iſt für jeden Kenner angenehm. Nur nicht zu jung; es iſt niemals der richtige Geſchmack darin. Du biſt ja auch kaum acht oder neun Jahre jünger als ich.“ „Volle zehn Jahre, Daniel,“ ſagte die kleine Frau mit Heftigkeit. „Zehn Jahre? das iſt was Rechts! Bedenke, Ma⸗ machen, wie ſchnell ein Jahr vergeht; ehe man ſich recht darauf beſinnt, iſt's vorbei. Stolz können wir auf eine Schwiegertochter von ſolchem verſtändigen Alter ſein, 22 welche dabei ausſieht, als wäre ſie eben zwanzig geworden, und dann, Mama— Herr Frohlieb legte den Finger an ſeine Naſe und zog ſeine weiſeſten Falten— dann iſt es kein Spaß, fünfzigtauſend Thaler zu heirathen, oder noch mehr. Es iſt dies ein Exeigniß, welches nicht ſehr häufig in der Weltgeſchichte vorkommt, und eine Urſache zu Wir⸗ kungen der intereſſanteſten Art, mercantiliſch genommen.“ „Komm mir nicht mit Deinen mercantiliſchen Grund⸗ ſätzen, Daniel!“ rief die kleine Frau abwehrend.„Ich habe nichts dagegen, wenn ſie ſich heirathen, denn Geld kann ein Jeder brauchen, und ihre Wirthſchaft verſteht Thereſe, wenn ſie gleich einen Zobelmuff trägt und ſich gern putzt. Wenn ſie ſich lieben, macht es auch nichts aus, ob ſie ein bischen älter iſt, obwohl man es nicht gern hat, wegen der Zukunft; im Uebrigen aber kann Wilhelm auch ohne ſie und ihr Geld eine Frau bekommen. Hochmüthig braucht ſie nicht zu thun, braucht ihn nicht zu ſich zu be⸗ ſtellen, um ſich anbeten zu laſſen, wie eine Göttin. Wenn es ihr ſo recht um's Herz wäre, konnte ſie ja hier bleiben und ihn erwarten.“ „Es iſt Alles mercantiliſch eingerichtet auf dieſer Erde, Mamachen, alſo auch in dieſer Angelegenheit danach zu urtheilen,“ erwiederte Herr Frohlieb mit derſelben weiſen Miene.„Ziehen wir daher die mercantiliſchen Geſichtspunkte in Betracht, ſo frage ich, warum Wilhelm, 23 wenn ſolche Forderungen an ihn gemacht werden, dieſes nicht acceptiren ſoll? Denn warum ſoll er nicht knieen, Mamachen, warum ſoll er nicht anbeten, wenn dies zu den Conjuncturen des Geſchäfts gehört?“ „Guten Abend!“ unterbrach ihn hier eine ſonore Stimme von der Thür her, und Herr Frohlieb drehte ſich raſch danach um, während die kleine Frau den Gruß er⸗ wiederte.„Guten Abend, mein Sohn!“ rief ſie freundlich dem Nahenden entgegen.„Warum biſt Du denn ſo lange geblieben und geſtern gar nicht zu uns gekommen?“ „Ich war ſehr beſchäftigt, Mutter,“ antwortete der Sohn, der ſich zu ihr niederbeugte, denn ſie hob ihre Arme zärtlich zu ihm auf, um ihn zu küſſen. „Wiederum alſo der mercantiliſche Standpunkt, Mama,“ ſagte Herr Frohlieb triumphirend.„Komm hierher, Wilhelm, und gieb mir Deine Hand. Sage mir, mein Junge, was Du Dir als Richtſchnur Deines Lebens denkſt?“ „Wie ſoll ich das verſtehen, Vater?“ fragte der junge Mann. „Ich will wiſſen,“ fuhr Herr Frohlieb, den Finger an die Naſe gelegt, fort,„was Du für die wahre Richt⸗ ſchnur aller vernünftigen Weſen auf Erden anſiehſt, um glücklich zu werden.“ „Um glücklich zu werden?“ wiederholte Wilhelm. 24 „Giebt es eine Vorſchrift, nach welcher gelebt uns das Glück in die Arme läuft?“ „Das verſteht ſich!“ ſchrie Herr Frohlieb.„Was wäre dieſes denn für eine miſerabele Welt, wenn man nicht mit gewiſſen richtigen Grundſätzen glücklich darin würde, ſich glücklich fühlte und ſein menſchliches Daſein mit Vergnügen genöſſe!“ „Es würde ein großer Gewinn für die Menſchheit ſein, Vater,“ lachte der junge Mann,„wenn Du ihr ein ſolches Recept hinterlaſſen könnteſt. Du würdeſt der Meſſias ſein, nach welchem ſie ſeit ſo vielen Jahrhunderten vergebens ſchmachtet.“ „Das werde ich!“ ſagte Herr Frohlieb, ſich energiſch auf die Bruſt klopfend,„es ſoll mir eine Ehre ſein, für die Menſchheit zu arbeiten. Aber wie ſo denn, Willem? Wie ſo denn ſolche Umſtände? frage ich. Es iſt ja gar kein Kunſtſtück, oder doch eines, was ein Jeder machen kann, ſobald ich vorausſetze, daß er über die Urſachen richtig nachdenkt.“ „Vor allen Dingen, Mama, ſtecke die Lampe an, damit wir uns anſehen können,“ fuhr er fort.„Licht ge⸗ hört zu Allem, was man erfahren will, Dunkelheit iſt der Feind jeder Aufklärung.“ „Ich muß wieder fort, Vater,“ fiel der Sohn ein, „ſparen wir uns alſo die Aufklärung auf ſpäter.“ 2⁵ „Du willſt uns wieder verlaſſen?“ fragte die kleine Frau, die ſich mit der Lampe beſchäftigte. „Ich habe noch etwas Nothwendiges abzumachen, aber ich komme wieder.“ „Siehſt Du wohl, Wilhelm,“ ſagte Herr Frohlieb, indem er ſeinen Sohn an der Rockklappe feſthielt und ihm die Spitze der Cigarrenpfeife auf die Bruſt ſetzte,„das iſt der Fehler! Sobald es ſich um ernſthaftes Nachdenken handelt, ſagen die Meiſten: ich habe keine Zeit; ſobald ſie Licht ſehen, machen ſie ſich fort und antworten: wart ein Bischen, ich komme wieder.“ Die Lampe flackerte auf und beleuchtete den jungen Mann, der von dem alten feſtgehalten wurde. Er war groß und kräftig gebaut, ſein Geſicht hatte männlich feſte und wohlgeformte Züge, die wohl den Stolz ſeiner Mutter rechtfertigen konnten, aber er ſchien zu leiden, und ſeine dunklen Augen blickten unruhig umher, als die kleine Frau näher kam, die Lampe zu ihm aufhob, und erſchrocken dabei ausrief:„Wie ſiehſt Du denn aus, Wilhelm! Mein Gott! Du biſt doch nicht krank? We t Dir denn? Was iſt Dir denn geſchehen, mein Sohn?*oe „Gar nichts, Mutter. Ich weiß von nichts,“ er⸗ wiederte Wilhelm lächelnd.„Ich habe ſeit einiger Zeit viel gearbeitet— darum bin ich auch ſeltener zu Euch 26 gekommen,“ fügte er raſcher hinzu.„Aber es iſt nichts, als geiſtige Abſpannung, Abmüdung, die vorübergeht.“ „Es iſt nicht wahr, mein Junge, es iſt nicht wahr!“ ſchrie Herr Frohlieb, indem er ungeheure Falten über ſeine Stirne zog und den Finger an die Naſe legte, während ſeine Augen ſich mit Schelmerei füllten.„Dieſes iſt wieder⸗ um ein merkwürdiger Beweis, Mama, wie die Menſchen immer bereit ſind, ſich und Andere weit eher zu täuſchen, als die Wahrheit zu geſtehen.“ Das Geſicht des jungen Mannes färbte ſich röther, und indem er lachte, weil ſein Vater zu lachen und zu drohen anfing, vermehrte ſich die Unruhe in ſeinen Augen, bis er plötzlich ernſthaft wurde und den Kopf ſchüttelte. „Es iſt aber doch wahr!“ ſchrie Herr Frohlieb, der einen Stoß mit der Pfeifenſpitze auf ihn that.„Und ſo ſiehſt Du, Wilhelm, wie es unmöglich iſt, richtige Grund⸗ ſätze durchzuführen, weil die Grundurſachen verläugnet und verheimlicht werden; wenn man dies aber nicht thäte, ſondern bei üblen Wirkungen ſogleich fragte: woher kommt das? und dann ſofort die richtige Erkenntniß anwendete, ſo würde auch niemals der Appetit fehlen und der Kopf herunterhängen, und die geiſtige Abſpannung herhalten müſſen. Das Blut würde vielmehr leicht und froh durch die Leber gehen und das Herz erfriſchen, und darin liegt das ganze Recept für das menſchliche Wohlergehen, he 27 Wilhelm. Sorge dafür, daß Herz und Leber immer friſch und munter ſind, ſo iſt der ganze Menſch heiter und guter Dinge, und weiß nichts von Sorgen und melancholiſcher Schwachſinnigkeit.“ „Und wie iſt das zu erreichen, Vater?“ „Aus dem mercantiliſchen Standpunkte, mein Junge! Es iſt nichts leichter, als das zu erreichen, ſobald man das menſchliche Daſein mercantiliſch betrachtet. Meiner Seele! es iſt wahr,“ fuhr er fort, indem er ſich auf die Bruſt klopfte.„Es iſt Alles dummes Zeug in der Welt, was nicht mercantiliſch bedacht wird. Warum iſt in früherer Zeit Alles beſſer geweſen? Weil die Menſchen vom mer⸗ cantiliſchen Geſichtspunkte aus handelten, nicht aber nach Ideen, wie ſie dieſe jetzt umherſchreien. Was iſt eine Idee? Eine Idee iſt gar nichts, eine Einbildung, ein Unſinn, der Verwirrung hereinbringt und unglücklich macht. Alſo nachdenken, ſich fragen, worin liegt der Vor⸗ theil, nach dem ich handeln muß? Was iſt die Urſache, von welcher die Wirkung ausgeht, durch welches ich ein glücklicher Menſch werde, der ſein irdiſches Daſein fröhlich genießt, das iſt der mercantiliſche Standpunkt. Begreifſt Du nun, Wilhelm?“ „Es iſt mir in der That noch manches dunkel,“ ant⸗ wortete der Sohn, vor ſich hinſehend. 28 „So!l“ ſagte Herr Frohlieb.„Warte, wir wollen ein Beiſpiel annehmen. Geſetzt den Fall, Du wäreſt verliebt.“ Ueberraſcht wandte ſich Wilhelm zu ſeiner Mutter um. „Das wäre recht hübſch!“ rief die kleine Frau, ihm zulächelnd.„Verlieben muß ſich ja jeder Menſch, weil die Natur ihr Recht haben will, und wenn Einer ſo alt geworden iſt, wie Du, muß er dafür ſorgen, daß er dahin gelangt.“ „Alſo ſetzen wir voraus, die Natur hätte ſich ihr Recht verſchafft,“ fuhr Herr Frohlieb fort,„ſo würdeſt Du als ein vernünftiges Weſen nicht ſagen: meine Liebe iſt eine Idee, ſondern Du würdeſt Dich auf den mercanti⸗ liſchen Standpunkt ſtellen und Dir vorhalten— hier legte er ſeine Pfeifenſpitze an den linken Daumen— erſtens: Woher kommt es, daß ich blaß werde, nicht höre, was geſprochen wird, nicht verſtehe, wenn ich gefragt werde, wie aus dem Traume auffahre, wenn mich Einer anredet, und ſogar vergeſſe, daß eine gewiſſe Dame mich eingeladen hat, ſie geſtern Abend zu beſuchen?“ „Das habe ich nicht vergeſſen, Vater, aber—“ „Aber die Herzensbeklommenheit ließ es nicht zu,“ lachte Frohlieb mit einer luſtigen Bogenſchwenkung.„So würdeſt Du zweitens fragen: Warum habe ich dieſe Aengſt⸗ lichkeit, und wie werde ich ſie los? Somit drittens würdeſt 8 29 Du fragen: Welche Urſache bringt dieſe Wirkung hervor, und was habe ich zu thun, um mir meinen mercantiliſchen Standpunkt zu ſichern, das heißt ſo zu handeln, daß ſich alle meine Wünſche erfüllen.“ „Das würde allerdings das Beſte ſein, wenn es möglich wäre,“ murmelte Wilhelm,„allein— dazu gehört mehr Muth, als ich beſitze.“ „Der richtige Standpunkt gehört dazu, weiter gar nichts!“ ſchrie Herr Frohlieb.„Muth! Iſt es möglich, daß mein Sohn wie ein armer Sünder vor mir ſteht und es fehlt ihm an Muth! Stelle Dich auf den mercantili⸗ ſchen Standpunkt, mein Junge, ſo bekommſt Du Muth wie ein Löwe. Stelle Dir vor, was Du gewinnen willſt, was auf dem Spiele ſteht, was verloren gehen kann, ſo wird Deine Zunge eine Ueberredungskraft bekommen, daß ſie allen Widerſtand überwältigt, und ich ſage Dir, Wil⸗ helm, Du wirſt ſiegen, wirſt in einen offenen Himmel eingehen, denn ſie wird Dich curiren, und Alles iſt gut.“ „Vielleicht haſt Du Recht,“ ſagte der junge Mann erregter. „Es iſt ganz gewiß, daß ich Recht habe!“ fuhr Herr Frohlieb fort, ihn mit der Pfeife ſtoßend.„Ein Mann auf dieſem Standpunkt ſpricht nicht von vielleicht, ſondern er weiß, es iſt ſo. Zeige ihr, daß Du Dich nicht fürchteſt, daß Du weißt, was zu dieſer Wirkung paßt, und was zur 30 Geſundheit gehört. Sapperment! Wie ich jung war, hätte mir Keiner ſo kommen ſollen.“ „Du weißt alſo?“ fragte Wilhelm ſtockend. „Na, das verſteht ſich!“ lachte Herr Frohlieb, ihn an beide Ohren faſſend.„Denkſt Du, mir fehlt der richtige Standpunkt? Denkſt Du, die Mama ſpeculirt nicht auf eine angenehme Schwiegertochter? Und dieſe— aber halt! höre doch— Wilhelm! mein Junge, ich will Dir noch mehr ſagen, halt doch!“ „Laß mich, Vater,“ ſagte der junge Mann.„Wenn Ihr es wißt, ſo will ich mir ſelbſt Gewißheit verſchaffen. Ich will Deinen Rath befolgen.“ „So höre mich noch an, ich bin noch nicht fertig!“ ſchrie Herr Frohlieb zwiſchen Thür und Schwelle, wohin er ſeinem Sohn gefolgt war, aber während er vorwärts ſtrebte, hielt ihn die kleine Frau bei beiden Rockſchößen feſt, daß er nicht weiter konnte.„Laß ihn gehen, Daniel,“ eiferte ſie dabei,„er kann ſeine Sache ſelbſt ausfechten. Laß ihn machen, was er Luſt hat, er wird ſchon finden, was er ſucht.“ „Reiß mir den Rock nicht entzwei, Mama, er hat ſchon geknarrt!“ ſagte Herr Frohlieb, ohne umzublicken. „Da geht die Hausthür wieder auf. Er kehrt um, wie ich es wohl dachte, denn ſeine Beſonnenheit kehrt zurück. 31 Komm herein, mein Junge, und falle nicht, wir wollen gleich die Flurlampe anſtecken laſſen.“ M„Dies dürfte allerdings ſehr wohlthätig ſein,“ ant⸗ wortete eine ſanfte, volle Stimme,„da es ſehr finſter iſt. Guten Abend, mein lieber Vetter!“ „Was?“ ſchrie Herr Frohlieb.„Oh! Iſt es wirklich wahr? meiner Seele! Sie ſind es, werthgeſchätzter Herr Vetter! Mama, laß los! Ich dachte, es wäre mein Sohn. Sieh doch hier, wer da iſt, Mama.“ „Der Herr Kriegsrath!“ rief die kleine Frau, indem ſie die Rockſchöße ihres Eheherrn fallen ließ und verwirrt zurückwich, aber freundlich dabei lachte. „ Ja wohl, meine liebe Couſine, da bin ich,“ erwie⸗ derte der Kriegzrath, ihr die Hand bietend.„Sie erwarten Ihren Sohn. Er iſt ſoeben an mir vorüber gegangen, ohne mich zu ſehen.“ „Er ſieht und hört nicht,“ ſagte die kleine Frau. „Wie dies jungen Leuten in einem gewiſſen Alter eigen iſt,“ erwiederte der Kriegsrath lächelnd. „Bis ſie auf den richtigen Standpunkt gelangen!“ fiel Herr Frohlieb ein, indem er den Finger an ſeine Naſe legte und ſchelmiſch lachte. „Sehr wahr, mein lieber Vetter,“ verſetzte der Kriegs⸗ rath,„man hat mit dieſen jungen Leuten ſeine Plage, muß aber geduldig ſein und darf ſich nicht beſchweren. Weiß V I V 32 man doch an ſich ſelbſt, daß Jugend heißes Blut und Leidenſchaft zu Begleitern hat.“ „Sie treffen es immer, hochverehrter Herr Vetter!“ rief Herr Frohlieb mit einer begeiſterten Bogenſchwenkung. „Immer den Nagel auf den Kopf und ſo richtig wie Gold. Es iſt mir eine wahre Freude, wenn ich es höre.“ Der Kriegsrath ging lächelnd, ohne eine weitere Ein⸗ ladung abzuwarten, nach dem Sopha und ſetzte ſich dort nieder. Er war von hoher, ein wenig nach vorn gebeugter Geſtalt. Der große, ſchöne Kopf hatte äußerſt würdige und offene Züge, klare, mildblickende Augen und einen feinen Mund, um den ein gewinnendes Lächeln ſchwebte. Die Ruhe ſeines Geſichts wurde durch die Sicherheit aller Bewegungen vermehrt, und dazu kam das reiche, ziemlich ergraute Haar, und breite, graue Augenbrauen, die ihm ein eigenthümlich imponirendes Anſehen gaben. Bei aller Güte und Freundlichkeit ſeines Weſens umgab ihn aber doch ein gewiſſes Etwas, was auch Herrn Froh⸗ lieb's zärtliche Vertraulichkeit in Reſpect hielt. Der Kriegs⸗ rath ſtützte ſeine wohlgebildeten Hände auf einen Stock mit goldener Krücke. Seine Wäſche war blendend weiß und fein; ein weißes Halstuch ſchmiegte ſich an eine ge⸗ ſteifte Krauſe, und in dieſer ſteckte eine Nadel, aus deren Mitte ein prächtiger Stein funkelte. Sein Geſicht war glatt raſirt, die Haut ſchimmerte überall fein und röthlich, 89 33 nirgends war ein Pünktchen, nirgends ein Stäubchen zu entdecken. Die gelben, geſteppten Handſchuhe von Hirſch⸗ leder, welche er auf ſeinen Hut gelegt hatte, ſahen ſo neu aus, als wären ſie noch nie aufgeſtreift worden, der Hut ſelbſt aber war ein feiner Kaſtor, den Herr Frohlieb mit Ehrfurcht befühlte, und mit einer tiefen Verbeugung ſäuberlich auf den Tiſch ſetzte, damit er nicht etwa ge⸗ ſtoßen werde. Der Herr Kriegsrath hatte jedoch nicht allein äußer⸗ lich alle Kennzeichen eines feinen Mannes, der ſich zu kleiden und zu tragen weiß, er hatte auch nioi aller Freund⸗ lichkeit und Herablaſſung ein Weſen, wel ches der Vertrau⸗ lichkeit Schranken ſetzte. Niemals ſagte er ein unſchickliches Wort, oder erlaubte ſich einen Scherz, der zu Mißdeutun⸗ gen Anlaß geben konnte. Die Würdigkeit in Allem was er that und ſagte, behielt ihr überwiegendes Gepräge, und verband ſich mit der Artigkeit eines Weltmannes und jener Sicherheit, die ein erfahrungsreiches Leben giebt. Wer ihm nahte, fühlte dies ſehr bald, und Jeder, der ihn kannte, hatte etwas zu rühmen, entweder ſeine Einſicht und ſeine Klugheit, oder ſeine Güte und Milde, oder auch ſeine Wohlhabenheit, die nach allen Seiten hin ſich geltend machte. Denn der vortreffliche Mann zeigte ſich nicht allein wohlthätig, wo ſeine Großmuth beanſprucht wurde, er verſchönte auch ſein eigenes Leben, und wie er in ſeiner 1859. 1V. Täuſchung und Wahrheit. 3 V 34 Erſcheinung äußerſt ſauber und fein auftrat, ſo gab ſein Hausweſen auch Zeugniß für ſeinen Geſchmack, wie für ſeine Neigungen. Nichts konnte Herrn Frohlieb ſo ſehr beglücken, als der Beſuch dieſes allverehrten Verwandten, und als der Kriegsrath jetzt auf dem Sopha ſaß und ſich nach dem Befinden des Ehepaares erkundigte, das Ausſehen der kleinen Frau lobte, und in ſeiner gewinnenden Art von dem Vergnügen ſprach, mit dem er die Verſicherungen ihres Wohlergehens hörte, blieb der gute Vetter in einem ſeligen Bücken und Armſchwenken, bis er endlich das Wort ergreifen konnte.„Unſern unterthänigſten Dank für Ihre große Güte!“ ſchrie er.„Sie wiſſen gar nicht, wie ſehr wir dies Glück zu ſchätzen wiſſen, wertheſter Vetter Hart⸗ feld. Ein Mann wie Sie, ja das iſt eine Seltenheit. Was habe ich geſagt, Mama? Fragen Sie die Mama, was ich geſagt habe. Der Erſte im ganzen Lande müßte unſer Vetter Hartfeld ſein, das verdiente er, und es wäre ein Segen für die Menſchheit, wenn er der Allererſte wäre. Das habe ich geſagt, und ich ſage es noch. Aus Gründen und mit voller Ueberzeugung bleibe ich dabei.“ Herr Frohlieb legte energiſch ſeine linke Hand auf ſeine Bruſt und machte mit der rechten eine Bogen⸗ ſchwenkung. Der Kriegsrath hörte lächelnd zu, ſeine Finger falteten 3⁵5 ſich über der goldenen Krücke ſeines Stockes zuſammen. „Gönnen wir Jedem ſein Glück, und was der Herr ihm verliehen,“ ſagte er ſanftmüthig.„Ich bin zufrieden, lieber Vetter, mit dem, was mir beſchieden wurde, auch Sie können zufrieden ſein.“ „Das verſteht ſich!“ ſchrie Herr Frohlieb.„Es ſind Gründe dafür vorhanden, die aus den richtigen Urſachen entſpringen. Aber was bin ich gegen Sie! Ein Nichts, ein Staub, ein Lump! Meiner Seele! ein Garnichts als das, beſter Vetter!“ „Stille! ſtille!“ winkte der Kriegsrath,„wer wird ſo ſprechen. Sie haben ein fleißiges, arbeitſames Leben gelebt und ruhen davon jetzt behaglich aus.“ „Einfach und beſcheiden!“ ſagte Herr Frohlieb. „Arbeit macht das Leben ſüß. Aber Sie, verehrter Herr Vetter, Sie ſtehen groß und erhaben da, und beſitzen Alles, was das Herz begehrt.“ „Und doch ſind Sie glücklicher, als ich es bin,“ fuhr Hartfeld mit einem ſanften Kopfneigen fort. „Ich glücklicher? Oh!“ lachte Herr Frohlieb, indem er ſeine Augen weit aufmachte.„Sehen Sie ſich einmal um, wie es hier ausſieht. Wie bei einem beſcheidenen Bürger, der jeden Donnerſtag Pökelfleiſch und Erbſen ißt, und Sonntags abwechſelnd Kälberbraten oder Schmor⸗ fleiſch. Aber Sie dagegen! Tapeten und Bilder an den 3* 36 Wänden, ſeidene Decken und Polſterſtühle, wo man bis über die Ohren hineinfällt. Und des Mittags— wie heißen die Dinger?— Trüffeln und Caviar und ſo der⸗ gleichen. Und Sie wollen ſagen, daß ich glücklicher wäre? Es iſt ein Spaß, Herr Vetter! Gehorſamer Diener! Ich wollte, es wäre ſo; meiner Seele! ich wollte es.“ „Mein lieber Freund,“ ſagte Hartfeld, mitleidig die Achſeln zuckend,„könnten Sie mich darum beneiden?“ „Beneiden?“ ſchrie Herr Frohlieb.„Niemals! das verſteht ſich, Sie müſſen ſo leben. Das ſchickt ſich für einen Mann, wie Sie ſind, es iſt recht und billig. Für mich ſchickt es ſich nicht, und ich möchte es auch nicht, es wäre nichts für mich.“ „Jedes Weſen auf Erden hat ſeine Freuden und ſeine Sorgen, mein lieber Freund,“ ſagte Hartfeld. „Sie haben keine Sorgen, Sie nicht!“ fiel Herr Frohlieb ein.„Ein ſo hoch geachteter, allgemein verehrter Mann kann gar keine Sorgen haben.“ „Hat man keine, ſo macht man ſich welche,“ lächelte der Kriegsrath.„Ich bin jedoch zufrieden und klage nicht.“ „Wenn Sie klagen wollten!“ rief die kleine Frau. „Sehr richtig, Mama, ſehr richtig!“ bekräftigte Herr Frohlieb. „Und dennoch falſch,“ ſagte Hartfeld.„Ich bin dankbar für manchen Segen, aber ſind Sie nicht glücklicher? 37 Ich ſtehe allein, meine Lebensgefährtin iſt mir genommen. Sie beſitzen eine vortreffliche Frau und einen Sohn, der Ihnen Freude macht.“ „Allerdings ja!“ verſetzte Herr Frohlieb mit einer zärtlichen Handſchwenkung auf ſeine Gattin.„Da ſitzt ſie, die ich verehre, und obwohl ſie zuweilen auch unangenehm werden kann, möchte ich ſie doch nicht miſſen. Aber, Gott ſei Dank! lieber Vetter, Sie ſind ja nicht kinderlos, Sie haben eine Tochter, eine ſehr liebenswürdige und aus⸗ gezeichnete Tochter, die—“ „Altl ſ ſchrie er, ſich unterbrechend, denn die kleine Frau⸗ gab ihm einen Stoß mit dem Fuße, der eine em⸗ pfindliche Stelle treffen mußte. „ Fahren Sie nur fort, lieber Vetter,“ lächelte der Kriegsrath,„denn Sie haben Recht. Julie iſt die beſte Freude und der Troſt meines Lebens. Sie iſt nicht ſchön.“ „Oh!“ rief die Mama,„das dürfen Sie doch nicht ſagen. Ich habe ſie zwar ſeit längerer Zeit nicht geſehen, aber mir hat ſie immer ſehr gefallen.“ „Mir auch!“ betheuerte Herr Frohlieb,„mir ganz beſonders. Es iſt ſo ein ſanftes, feines Weſen, wie die ſelige Couſine war. Etwas kränklich zwar, etwas blaß.“ „Das hat ſich bedeutend gebeſſert,“ fiel Hartfeld ein. „Sie wiſſen, daß Julie dieſen Sommer über im Bade war, dann auf dem Lande bei einer befreundeten Familie V V V lebte. Seit den ſechs Wochen, wo ſie wieder hier iſt, hat ſie das Haus ſehr wenig verlaſſen, aber ich hoffe, Wilhelm hat Ihnen ihre Grüße gebracht.“ Das hat er gethan,“ erwiederte Herr Frohlieb mit einer unterthänigen Verbeugung;„leider haben wir dabei gehört, daß das liebe Julchen ſich noch immer angegriffen fühlt und deshalb auch noch nicht unſere Aufwartung gemacht.“ „Was hat Ihnen Wilhelm denn mehr erzählt?“ fragte der Kriegsrath die kleine Frau. „Mehr hat er nicht erzählt,“ antwortete dieſe. „Es iſt ein Unglück mit dem Jungen!“ ſchrie Herr Frohlieb,„es iſt nichts aus ihm heraus zu kriegen. Es iſt, als ob er ein anderer Menſch geworden wäre. Was haben Sie neulich geſagt, liebſter Vetter, als Sie uns die große Freude machten, und zu uns herankamen. Erinnern Sie ſich, was Sie ſagten, wie von ihm die Rede war?“ „Sie meinen, es ſei ſo, wie ich damals ſagte?“ lächelte Hartfeld. „Es iſt ganz gewiß ſo, denn es kann nicht anders ſein! Hier ſitzt es, hier!“ ſchrie Herr Frohlieb, indem er ſeinen Zeigefinger auf die Herzgegend ſetzte und heftig darauf tippte. 3 Der Kriegsrath nickte, und ſeine Mundwinkel zogen * 39 ſich zuſammen.„Er hat ſein Geſchäft ſehr vortheilhaft von der Madame Petermann gekauft,“ ſagte er. „Aeußerſt vortheilhaft,“ erwiederte Herr Frohlieb⸗ „Jeder, der es kennt, ſagt, es wäre doppelt ſo viel werth. Aber es machte ſich, ſie wollte es los ſein und— na, es iſt eine junge Wittwe, und bekannt waren wir auch, alſo—“ Der Kriegsrath hob den Kopf nachdenkend zu ihm auf. „Eine hübſche junge Frau,“ fuhr Herr Frohlieb, vergnügt ſeine Hände reibend, fort.„Es iſt komiſch, wie der Wilhelm ſeine Gründe entwickelt, aber es hat Alles ſeine Urſachen, und es geht Alles natürlich in der Welt zu.“ „Julie iſt zwanzig Jahr alt,“ ſagte Hartfeld. „Wie die Zeit vergeht!“ rief Herr Frohlieb erſtaunt. „Wilhelm iſt zehn Jahre älter.“ „Nicht ganz, beſter Herr Vetter,“ fiel die kleine Frau ein.„Es fehlen noch fünf Monate.“ „Darauf kommt es nicht an. Ich halte Wilhelm für einen ſehr wackern jungen Mann, und habe ihn immer geſchätzt.“ 8 „Wenn er doch hier wäre, daß er es hören könnte. Dieſe Ehre, aus ſolchem Munde gelobt zu werden!“ ſchrie Frohlieb, indem er mit einer Bogenſchwenkung ſeine beiden Hände vor ſich ausſtreckte.„Aber er iſt fortgelaufen, der Elementer, zehn Pferde hätten ihn nicht halten können.“ 40 „Wiſſen Sie auch, wohin er gelaufen iſt?“ fragte Hartfeld. 4 „Verſteht ſich!“— Herr Frohlieb legte den Zeige⸗ finger an ſeine Naſe und kniff ſeine Augen liſtig zuſammen. „Es iſt einmal in der Welt ſo, beſter Vetter. Es iſt die Macht der Gefühle, welcher ſich alle Grundſätze unter⸗ werfen. Na, und warum ſollen wir nicht Ja ſagen, wenn ſich Alles zuſammen paßt? Und das Blut und die Jugend — Sie haben es ja ſelbſt geſagt, haben es zuerſt gemerkt, wie es mit ihm ſteht.“ „Ich habe auch nichts dagegen, lieber Frohlieb,“ fiel Hartfeld ein. „Wir auch nicht, beſter Vetter, wir gewiß nicht!“ ſchrie Herr Frohlieb.„Es iſt längſt unſer Wunſch ge⸗ weſen, aber der Junge fürchtete ſich ja, als wär's ein Verbrechen.“ „Ich glaube nicht, daß er das nöthig hat,“ lächelte der Kriegsrath.„Er iſt alſo zu ihr gegangen?“ „Und will ein Ende machen, will Alles geſtehen, da⸗ mit er weiß, woran er iſt.“ „Damit wir jetzt ſämmtlich wiſſen, woran wir ſind,“ ſagte Hartfeld, indem er dem Ehepaar ſeine Hände reichte, „ſo mag er ſein Heil verſuchen. Julie hat ihn lieb, ſie wird ſeinen Antrag aufnehmen, wie er es verdient. Seit den ſechs Wochen iſt Wilhelm, was Sie vielleicht erſt jetzt 41 erfahren, faſt täglich zu uns gekommen, ich habe dadurch Gelegenheit gehabt, ihn noch beſſer kennen zu lernen. Wenn Julie alſo will, ſo habe ich nichts dagegen, Froh⸗ lieb. Ich ſah, was kommen würde, war darauf gefaßt und gab Ihnen daher neulich ſchon einen Wink, wie die Sache ſtand. Wir wollen den jungen Herzen alſo keinen Zwang anthun. Haben ſie ſich gefunden, ſo hat Gott es ſo gefügt, und ich bin damit zufrieden. Julie iſt mein einziges Kind, doch ich mache keine Pläne mit ihr. Ich gebe ihr meinen Segen, weil ich glaube, daß ihr Glück daran hängt, und das iſt meine aufrichtige Meinung. Ich begreife Ihr Er⸗ ſtaunen, Freund, Sie haben das nicht erwartet. Sagen Sie aufrichtig, ob ich nicht Recht habe.“ Herr Frohlieb ſtand vor dem verehrten Vetter ſo ſtarr, als ſei er in Stein verwandelt. Das Lächeln war noch in ſeinem Geſicht, ſein Oberkörper bildete noch die ſchiefe Linie, ſeine Stirn war in die Weisheitsfalten ge⸗ zogen, welche ſie bei ſeinen Erklärungen angenommen hatte, und ſeine Augen funkelten ſo ſchlau, wie vorher, allein Alles war wie von einem Zauber unbeweglich geworden, und als er jetzt antworten ſollte, brachte die Aufforderung dazu nur ein lebhafteres Grinſen hervor, dem ein ſtarkes Kopfſchütteln nachfolgte. „So ſage ich Ihnen nochmals, ich bin damit einver⸗ ſtanden,“ wiederholte Hartfeld.„Ich will Julien's Glück 42 nicht hindern, Wilhelm ſoll ſie haben, und unſere Ver⸗ wandtſchaft ſoll dadurch ein neues und noch feſteres Band erhalten, ſo Gott will.“ Bei dieſen Worten ſtand der Kriegsrath auf und breitete ſeine Arme aus. Die kleine Frau, welche ebenfalls aufgeſtanden war, gab ihrem erſtarrten Gatten einen Stoß. Denn mit weiblicher, größerer Gewandtheit hatte ſie weit ſchneller ſich geſammelt und den Faden gefunden, der hier aus Irrthum zum Verſtändniß führte.„Oh, liebſter, beſter Vetter,“ ſchrie ſie, ebenfalls ihre Arme aus⸗ breitend,„ich freue mich gar zu ſehr! Freu Dich doch, Daniel, ſtehe doch nicht da, wie ein Oelgötze. Du, mein Gott, iſt es denn möglich, daß Sie uns ſolcher Ehre und Freundſchaft würdigen!“ „Es iſt wunderbar! es iſt unerhört!“ ſchrie Herr Frohlieb nun ebenfalls, als er ſich von den Küſſen erholt hatte, die er rechts und links empfing.„Aber“— er faßte an ſeine Stirn, als könnte er's noch immer nicht begreifen, und hielt die Hand dort feſt gedrückt, indem er mit der Rechten durch die Luft fuhr und etwas abwehrte,—„wie iſt mir denn? Es war doch ſo, als wenn Wilhelm ſagte, oder als ob ich ſagte, es wären Grundſätze vorhanden, die ihn antrieben— Spaßen Sie auch nicht, Vetter?“ lachte er plötzlich auf.„Meiner Seele, es iſt Spaß, denn— Sie, wie ſollten Sie— oh!“ 43 „Ich ſehe wohl, wir müſſen unſerm guten Frohlieb einige Zeit zur Erholung geben,“ ſagte Hartfeld, indem er der kleinen Frau zulächelte.„Ich will überdies dem Herrn Finanzrath Leiſegang einen Beſuch machen und mich nach dem Befinden ſeines Onkels, meines lieben Geheimraths, erkundigen, der etwas unpäßlich iſt. Dann komme ich noch einmal mit heran, ehe ich nach Hauſe gehe. Aber morgen Mittag eſſen Sie bei mir, Frohlieb; wir wollen das Braut⸗ paar hoch leben laſſen, und wenn ich etwa den Wilhelm noch bei Julien ſinde, wie ſich dies wohl ereignen dürfte, ſo könnte es ſein, daß das junge Paar ſich noch heute hier einſtellt und um Segen bittet. Alſo auf Wiederſehen einſt⸗ weilen. Es iſt wirklich ſo, Frohlieb. Ich denke doch, Sie zweifeln nun nicht mehr daran.“ „Er iſt vor Freude ganz von Sinnen!“ rief die kleine Frau,„aber er wird ſchon wieder zu ſich kommen. Der Herr Finanzrath iſt zu Haus, beſter Vetter. Ich kann das Licht kaum halten, ſo voll iſt mein Herz.“ Der Kriegsrath ſah mit großmüthiger Güte auf die zitternden Hände ſeiner Couſine. Er ſchien gerührt über dieſe tiefe Bewegung ſeiner dankbaren Verwandten.„Zulie liebt Häuslichkeit und Einfachheit,“ ſagte er,„ſie hat kein Gefallen an Pracht und Lärm. Wir werden Alle zufrieden und glücklich ſein,“ fügte er tröſtlich lächelnd hinzu. Drittes Capitel. Als die kleine Frau die Lampe wieder auf den Tiſch ſetzte, fand ſie ihren Mann noch in derſelben Stellung, die linke Hand an ſeinen Kopf gedrückt, unbeweglich in der Mitte der Stube. Sie blickte ihn einige Minuten lang an, und trat dann dicht vor ihn hin, ohne daß Herr Froh⸗ lieb ſich rührte. Endlich faßte ſie an ſeinen Ellenbogen und ſchüttelte ihn, wodurch Herr Frohlieb in eine tau⸗ melnde Bewegung gerieth, allein noch immer nichts ſagte. „Aber Daniel!“ rief ſie leiſe,„ermuntere Dich doch und ſei ein Menſch.“ „Ich bin ein Menſch,“ antwortete Herr Frohlieb mit dumpfer Stimme,„aber es iſt nicht wahr!“ „Was iſt denn nicht wahr?“ „Es kann nicht ſein,“ fuhr Herr Frohlieb fort,„denn es wäre gegen alle Grundſätze, gegen alle Urſachen. Sage ſelbſt, Mama, wo ſind hier die Urſachen? Wo liegen die Quellen der menſchlichen Vernunft?“ „Was willſt 11 denn mit Deiner Vernunft dabei,“ fragte dis kleine Frau. 4 Alſo ſiehſt du wohl, Mama!“ ſagte Herr Frohlieb triumphirend, indem er etwas Lebensthätigkeit äußerte, Runzeln zog, und den Finger an ſeine Naſe legte,„alſo iſt es ein Irrthum, oder eine Tollheit, oder Alles in der Welt, nur keine Wirkung, die ſich auf die richtige Urſache zurückführen läßt.“ „Urſach' hin, Urſach' her!“ fiel die Mama trotzig ein,„das iſt Alles Wiſchwaſch, weiter nichts. Wahr iſt es, und ob wir uns darüber noch ſo ſehr wundern, es iſt doch ſo. Wir wiſſen nun, wo Wilhelm alle Abende geweſen iſt, und wo er jetzt iſt, wiſſen wir auch.“ „Bei unſerm lieben Thereschen iſt er!“ ſchrie Herr Frohlieb, indem er ſich heftig aufrichtete. „Bei unſerm lieben Julchen iſt er, und da iſt er immer geweſen,“ antwortete ſie, den Arm einſtemmend. „Alſo Mama!“ ſagte er erſchrocken,„Du glaubſt es wirklich?“ „Wenn's der Vetter ſagt? Wird der lügen? Wird der herkommen, uns Windbeuteleien vorzumachen?“ Herr rahſiei heftete einen tiefſinnigen Blick auf den Fußboden.„Thereschen hat ihm das Geſchäft gegeben,“ 46 murmelte er,„ſie wartet nur darauf, daß er kommen ſoll, um an ſeinen Hals zu fliegen. Sie iſt jung und lieblich—“ „Drei Jahre älter wie er,“ ſchrie die Mama äußerſt boshaft. „Reizend und häuslich, beſcheiden und dem Veilchen gleich,“ fuhr Herr Frohlieb fort. „Geizig iſt ſie, blos für ihren Staat giebt ſie Geld aus,“ unterbrach ihn die kleine Frau. „Wie geleckt ſieht es bei ihr aus, kein Stäubchen darf ſich blicken laſſen,“ ſeufzte Herr Frohlieb,„und dazu die Grundurſache aller menſchlichen Glückſeligkeit, fünfzig⸗ tauſend Thaler! Darum iſt es nicht möglich, Mama. Unſer Wilhelm weiß, was Grundſätze ſind, er wird die menſchliche Vernunft nicht verläugnen.“ „Aber Daniel,“ ſagte die kleine Frau ſtrafend,„biſt Du denn ſelbſt ſo von aller Vernunft verlaſſen, daß Du nicht merkſt, wie vernünftig Wilhelm iſt? Es iſt ja das einzige Kind, das einmal Alles, was da iſt, bekommt. Und das möchte denn doch wohl noch eine andere Erbſchaft ſein, wie ſie der ſelige Petermann hinterlaſſen hat,“ fuhr ſie ſtolz aufblickend fort,„dazu aber die Ehre und die Ver⸗ wandtſchaft. Wer iſt denn dieſe Thereſe? Wer ſind denn ihre Verwandten? Wenn Einer danach fragt, muß man ſtill ſchweigen, wenn's aber heißt: Der Frohlieb heirathet die einzige Tochter vom Kriegsrath Hartfeld; wenn das 47 in die Zeitung kommt! Denke doch nur an, Daniel, wenn das in die Zeitung kommt!“ Herr Frohlieb ſtand ſinnend in Betrachtungen, und als ſchwebte die himmliſche Wage vor ſeinen Blicken, deren Zunge nach rechts und links ſchwankte, während die beiden Bräute in den Schaalen ſäßen, ſo nickte er hierhin und dorthin, begann zu lächeln und wiederum Falten zu ſchla⸗ gen, bis er plötzlich einen Schlag auf ſeine Stirn that und in einen neuen Anfall von Ungläubigkeit gerieth.„Es iſt dennoch gegen alle Grundſätze, Mama!“ ſchrie er auf, „und wer es mir vor einer Stunde geſagt hätte, dem hätte ich in's Geſicht gelacht. Es konnte ſich Keiner einbilden, daß dieſer Junge unnatürliche Gelüſte auf ein Mädchen haben könnte, das noch vor drei Jahren in die Schule ging und eingeſegnet wurde. Und es iſt nicht wahr, Mama; nein! es iſt auch nicht wahr. Du wirſt ſehen, daß es nicht wahr iſt!“ „Iſt mir je ſolch ein Mann vorgekommen,“ verſetzte ſie heftig.„Es iſt wahr und bleibt wahr, und wird wahr bleiben!“ „Und es wird nicht wahr bleiben,“ ſagte Herr Froh⸗ lieb energiſch,„denn es kann nicht wahr bleiben, weil's übernatürlich und widernatürlich iſt. Kein Menſch hat daran gedacht, daß dieſe Julie jemals heirathen könnte; Jeder hat geglaubt, dies magere, ſchwache Kind muß Zeit⸗ 3 48 lebens in Baumwolle gepackt bleiben. Heirathen, ha, ha!“ —er lachte grimmig auf—„wer ſoll ſie denn heirathen?! Wie ſollte Wilhelm dazu kommen, ſich daran zu verſehen, und warum nun dieſe—“ Herr Frohlieb vollendete nicht, aber ſein Geſicht wurde plötzlich ſanft und erhielt ſein pfiffiges Lächeln wieder.„Na,“ ſagte er,„um dieſe da wird Keiner vor Leidenſchaft verrückt, alſo ſiehſt Du wohl, Mama, daß es ein Irrthum ſein muß.“ „Warum denn?“ fragte die kleine Frau. „Warum denn! Sie hat ja einen kurzen Fuß,“ flü⸗ ſterte Herr Frohlieb, die Achſeln zuckend.„Von Jugend auf hinkt ſie ja. Gott weiß, was ſie Alles angewandt haben, bis endlich doch nichts übrig blieb, als ein Schuh mit drei Finger hohen Hacken.“ Die Kaltblütigkeit der Mama wurde auch durch dieſen triftigen Grund nicht erſchüttert.„Was ſchadet denn das?“ fragte ſie,„das ſchadet gar nichts. Ich habe noch nicht gehört, daß ein junges Mädchen darum nicht heirathen könnte.“ Herr Frohlieb zog ganz erſtaunt ſeine Augenbrauen in die Höhe und hörte ſchweigend weiter zu.„Es iſt auch kaum zu bemerken,“ fuhr ſeine Frau fort,„denn dafür trägt man lange Kleider, und an einen ſo kleinen äußer⸗ lichen Anſtoß wird ein Mann ſich nicht kehren. Wenn ich 49 einen zu kurzen Fuß gehabt hätte, Daniel, würdeſt Du mich darum doch gewiß nicht verlaſſen, oder nicht mehr geliebt haben.“ „Niemals!“ ſagte Herr Frohlieb feierlich ernſthaft. „Na alſo. Und Wilhelm iſt auch Keiner, der ſich davon ſtören läßt, ſondern er iſt in allen Dingen geſetzt, und weiß, was er thut. Iulie iſt immer ſanft und geduldig geweſen, und weil ſie nicht ſpringen und tanzen und hof⸗ färtige Eitelkeit treiben konnte, hat ſie viele Dinge gelernt, wovon Andere nichts wiſſen. Und jetzt verſtehe ich erſt, was Wilhelm neulich ſagte: Es geht nichts über die echte weibliche Bildung, ſagte er, alles Uebrige iſt Flitter und Schein. Das hat er geſagt, Daniel, und es iſt mir gleich auf's Herz gefallen, denn ich dachte: Was ſoll denn das bedeuten? Sehr gebildet iſt Thereschen doch eben nicht.“ „Aber ihre Grundſätze ſind ſchön, Mama,“ fiel Herr Frohlieb, den Zeigefinger aufhebend, ein. „Derowegen brauchen wir uns nicht zu ängſtigen,“ antwortete ſie.„Wilhelm iſt ein Mann, der ſeinen Stolz hat, und es iſt mir lieb, Daniel, ſo recht von Herzen lieb, wenn er ſeine Augen darauf gerichtet hat, wo es eine Ehre iſt, zu ſagen, das iſt unſere Schwiegertochter. Keiner hätte es gedacht; nein gewiß, Keiner hätte es gedacht. Man hätte glauben ſollen, es müßte Einer, Gott weiß wie hoch, herkommen, um da anzuklopfen. Mit Geheimräthen und 1859. 1V. Täuſchung und Wahrheit. 4 50 großen Herren geht ihr Vater ja beſtändig um; und wie die alle ausſehen werden, wenn es bekannt wird, und wie ſie uns gratuliren werden, und wie ſie Wilhelm ſein Glück beneiden werden!“ Zwei dicke Thränen rollten aus den Augen der guten kleinen Frau, und Herr Frohlieb ſtand da, mit dem Finger an ſeinem langen, ſpitzen Kinn, und begann aus ſeinem Nachdenken zu lächeln. Seine Erwägungen verwandelten ſich ſichtlich in Entſchlüſſe.—„Das werden ſie!“ rief er plötzlich,„denn allerdings und grundſätzlich genommen, iſt es ein Glück. Und wenn wir Alles reiflich überlegen, muß ich Dir Recht geben, Mama. Es iſt eine Ehre für uns, warum ſollen wir uns alſo nicht darüber freuen? Ja, wir wollen uns freuen, Mama!“ ſchrie er, die kleine Frau ungeſtüm umarmend,„und eine Hochzeit ſoll es werden, wo es hergehen ſoll, wie bei der Hochzeit in Cana.“ „Und da kommt unſer geliebter Freund und Vetter!“ fuhr er jubelnd fort, indem er die gedrückte Mama losließ und, dem Kriegsrath entgegen eilend, ſich anſchickte, ihn in ſeine Arme ebenfalls zuſammen zu klappen.„Schwieger⸗ vater!“ ſchrie er,„Vetter und Schwiegervater; zwei Schwiegerväter! Ich möchte es austrompeten laſſen, aber“ — er ließ die Arme ſinken und hielt inne, denn es kam ihm vor, als ſähe ſein verehrter Verwandter ſonderbar bleich und verſtört aus, und als ob ſeine Augen, die ſonſt 51 immer ſo blau und mildkräftig blickten, einen eigenthümlich ſtieren, ſcheuen Ausdruck hätten. „Bei der Hochzeit ſoll es um ſo luſtiger hergehen!“ ſchrie Herr Frohlieb mit erneutem Vertrauen, denn der Kriegsrath nickte ihm zu und lächelte, ganz wie er es ge⸗ wöhnlich that. „Die Hochzeit ſoll ſo froh ſein, wie allſeitiges Glück ſie machen kann,“ ſagte er,„doch ich habe Ihnen einen Kummer mitzutheilen, der eben leider ſchwer auf mich fällt: von dem Finanzrath höre ich ſo eben, daß ſein Onkel vor zwei Stunden plötzlich und unerwartet geſtorben iſt.“ „Wer?“ fragte Herr Frohlieb, erſtaunt ſeine Hände zuſammenſchlagend.„Der Geheimrath!“ Hartfeld bewegte beiſtimmend ſprachlos den Kopf. „Aber Du mein Gott!“ rief die Mama,„geſtern war er ja noch hier bei ſeinem Neffen.“ „Ich habe ihn heute Mittag noch geſehen, und nichts Böſes geahnt,“ ſagte der Kriegsrath.„Er klagte ein wenig über Schwere im Kopf, Erkältung und Schnupfen, lag auf dem Sopha und bat mich, morgen früh wieder zu ihm zu kommen, weil er Allerlei mit mir zu verhandeln habe. Scherzte und lachte dabei, wie er immer that, und lud ſich bei mir zu Tiſche, weil er nirgends eine ſo gute Suppe bekäme.“ „Das verſtand er,“ ſagte Herr Frohlieb,„das Eſſen 4* 52 verſtand er! Er konnte über einen ſaftigen Braten reden, daß Einem das Waſſer im Munde zuſammenlief.“ „Ach! ſo iſt es mit dem Menſchen,“ fiel die kleine Frau klagend ein.„Der alte Herr hat es nicht gedacht, daß es ſo ſchnell mit ihm vorbei wäre.“ „Er iſt gar nicht ſo alt geworden,“ ſagte der Kriegs⸗ rath.„Eben ſechzig, gerade ſo alt wie ich; nur weil er ſo ſtark war, ſah er älter aus.“ „Derowegen iſt es durchaus nicht gut, wenn man ſich nicht einzuſchränken verſteht,“ erwiederte Herr Frohlieb. „Wir werden es länger aushalten, Herr Vetter, denn wir verachten die übermäßige Ausdehnung unſeres Leibes im Weltraume. Es liegt jedoch in der Familie. Der Finanz⸗ rath iſt kaum älter wie Wilhelm, hat aber ſchon eine Run⸗ dung wie ein Regenbogen und Farben im Geſicht, als wäre es immer bei ihm Sonnenaufgang, während mein Wilhelm ſo ſchlank iſt, wie ein Rohrſtock. Feſt wie ein Brett, gerade ſo wie ich.“ Herr Frohlieb klopfte mit ſtolzem Selbſtgefühle auf ſeinen Leib, ſein Vetter wandte ſich jedoch nach der kleinen Frau um und gab ihr die Hand.„Ich muß fort,“ ſagte er,„der Geheimrath war nicht allein mein Vorgeſetzter, er war auch mein Freund; Sie können daher denken, wie tief ich betrübt bin.“ 53 „Das verſteht ſich!“ fiel Herr Frohlieb ein,„ſo etwas geht bis in Leber und Nieren.“ „Ich finde zu Hauſe ſchon ein Schreiben des Finanz⸗ raths vor, der mir die ſchreckliche Anzeige machte, und mich jetzt mündlich gebeten hat, die Anordnungen für das Begräbniß zu übernehmen und ihm in allen Dingen beizuſtehen.“ „Eine ſehr ſchmerzliche Aufgabe, die jedoch in den beſten Händen iſt,“ ſagte Herr Frohlieb, indem er ſich tief verbeugte. „Unter dieſen Umſtänden,“ fuhr Hartfeld fort,„müſſen wir natürlich mit unſeren eigenen Angelegenheiten warten. Unſere Freude muß unſerer Betrübniß weichen.“ „Richtig, richtig!“ ſagte Herr Frohlieb, lebhaft nickend. „So laſſen wir inzwiſchen Alles auf ſich beruhen, bis das Gleichgewicht ſich herſtellt. Schweigen wir alſo, lieber Frohlieb, bis die Zeit da iſt, um reden zu können.“ „Mama, es muß ein Geheimniß zwiſchen uns bleiben, bis es an's Licht der Welt tritt,“ ſagte Herr Frohlieb warnend. 1 „Von mir ſoll Keiner ein Wort erfahren,“ antwortete die kleine Frau in einem Tone, der alle Schuld im Vor⸗ aus abwälzte. „Gut, meine lieben Freunde,“ ſagte der Kriegsrath. 54 „Wir müſſen uns dem Willen Gottes unterwerfen, der am beſten weiß, was uns frommt. Wenn ich Wilhelm ſehe, werde ich ſeine Hoffnungen nicht zerſtören, ſondern nur verzögern. Und nun laſſen Sie uns ſcheiden. Ich werde unruhige Tage haben, ſobald wohl nicht zu Ihnen heran kommen können; aber wir ſehen uns wieder, ſobald es immer geſchehen kann.“ Er nahm Abſchied, Herr Frohlieb hielt ihn jedoch noch einmal feſt.„Iſt denn ein Teſtament da?“ fragte er. „Ich glaube kaum,“ erwiederte Hartfeld. iſt zu raſch und unerwartet gekommen. Vor w gen noch ſagte der Selige zu mir: Sie ſollen ſe en, H feld, ich überlebe Euch Alle, denn ich bin aus dem Stoffe gemacht, der ſeine hundert Jahre aushält. Ich werde Euch ſämmtlich beerben. Und das habe ich auch geglaubt,“ fuhr der Kriegsrath fort,„habe feſt daran geglaubt, und ſehe mich nun auf's Schmerzlichſte getäuſcht und getroffen.“ „Nun liegt er da,“ ſagte Frohlieb, indem er die Thüre hinter dem Vetter zuſchlug,„und es iſt Alles nicht wahr geweſen. Was iſt der Menſch, Mama! Der Menſch iſt ein Weſen, deſſen Conſtitution den größten Kenner irre führt, ebenſo wie der größte Kenner einer guten Cigarre ſehr häufig ausgelacht werden kann. Er ſieht, es iſt ein feiner Tabak darin, ein propres Deckblatt, ſaubere Arbeit, gut gewickelt, ſie brennt auch leicht und gut zuſammen, 5⁵ aber plötzlich wird ſie hart, ſpringt, verſtopft ſich, kohlt, fällt auseinander, hält kein Feuer. So iſt es mit dem Menſchen, Mama. Das Daſein iſt wunderbar. Man hat ſeine Grundſätze in ſchönſter Ordnung in der Taſche, plötzlich ſtolpert man über einen Strohhalm, fällt, und da liegen ſie ſämmtlich in Stücke gebrochen.“ Herr Frohlieb war während dieſes Monologes auf und nieder gewandelt, jetzt blieb er mit einer Bogen⸗ ſchwenkung ſeiner beiden Hände vor der Mama ſtehen, die ſich an den Tiſch geſetzt hatte, und verbeugte ſich. „Wunderbar!“ ſchrie er,„ja ſehr wunderbar kann es Einem beim beſten Willen gehen. Vor einer Stunde hatten wir eine Schwiegertochter, ſo ſicher, wie dies eine Fliege iſt, die hier kriecht, darauf hatten wir zwei Schwie⸗ gertöchter zur Auswahl, und kaum haben wir gewählt und eben angefangen, uns zu freuen, ſo iſt es wieder nichts damit, und es fehlte jetzt blos noch, daß wir um Alles kommen.“ „Rede doch nicht ſo ſonderbar,“ ſagte die Mama, ängſtlich umherblickend.„Es iſt ein Schickſal, daß der alte Geheimrath heute gerade ſterben muß, aber was uns beſcheert iſt, muß uns bleiben, und wer weiß, ob es nicht am Ende ein Glück iſt.“ „Wie ſo, Glück?“ fragte Herr Frohlieb. „Der Geheimrath war ja Julien's Pathe. Vielleicht 56 hat er ihr etwas vermacht. Ueberhaupt wurde er ja bei Hartfeld's beinahe angebetet, und Du hörteſt es ja, wie Hartfeld ſagte, auch dem Herrn Geheimrath gefiele unſer Wilhelm, und auch er würde ſich darüber freuen, wenn er hörte, was geſchehen ſollte. Wenn er ſich nun aber nicht darüber gefreut hätte, Daniel?“ „Jetzt mag er ſich freuen oder nicht, es iſt uns egal,“ verſetzte Herr Frohlieb.„Du haſt manchmal einen klugen Gedanken, Mama, aber ich fürchte, vermacht hat er ihr nichts, denn ein Teſtament iſt gewiß nicht vorhanden, und der Finanzrath oben ſchluckt Alles. Ich kann den Kerl nicht leiden,“ flüſterte er,„ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich kann ihn nicht leiden. Er ſieht aus, wie ein Fuchs, und wenn ich Wilhelm wäre—“ „Iſt er noch immer nicht nach Hauſe gekommen?“ fragte eine Stimme, und Herr Frohlieb drehte ſich er⸗ ſchrocken um. Der Finanzrath hatte ganz leiſe die Thür geöffnet und ſteckte, wie er immer that, den Kopf herein, ehe der Körper nachfolgte. „Wer? Wer?“ ſtotterte Herr Frohlieb in ſeiner Verwirrung.„Wilhelm? Nein, noch nicht, aber ohl wir haben—“ „Ich habe Sie geſtört,“ unterbrach ihn der Finanz⸗ rath.„Wo haben Sie Ihren Beſuch gelaſſen? War es nicht Madame Petermann?“ 57 „Allerdings! mein verehrter Herr Finanzrath, die⸗ ſelbe war es,“ erwiederte Herr Frohlieb mit einer feier⸗ lichen Verbeugung,„allein oh! wir haben vernommen—“ „Daß mein Onkel mir plötzlich entriſſen wurde,“ fiel der Finanzrath ein.„Das iſt leider wahr. Wer hat es Ihnen geſagt? Der Kriegsrath Hartfeld?“ „So iſt es, Herr Finanzrath,“ ſagte Herr Frohlieb, ſeine Hände faltend.„Mein lieber Vetter ſah aus, wie ich ihn nie geſehen habe, ſo hatte die Wehmuth ihn ange⸗ griffen, die ja auch in Ihrem Geſichte tief gerührt zu leſen iſt.“ Der Finanzrath hob ſein dickes, volles Geſicht auf und ſeine hervortretenden grauen Augen ſchienen aus⸗ forſchen zu wollen, ob dieſe Beobachtung ehrlich gemeint ſei.„Ich habe ſo viel verloren,“ ſagte er dann,„daß äußere Trauer es nicht auszudrücken vermag.“ „Die ganze Welt hat viel verloren!“ rief Herr Froh⸗ lieb.„Der Staat, das Land, die Menſchheit!“ Ein eigenthümliches Lächeln lief über die breiten Lippen des Finanzraths.„Es iſt einmal unſer Loos,“ erwiederte er dann,„der Eine muß dem Andern Platz machen. Mein Onkel hat wenigſtens ziemlich glücklich auf Erden gelebt. Er war unabhängig, von heiterer Sinnesart, geſellig, und niemals krank.“ „Niemals verheirathet,“ ſagte Herr Frohlieb. 58 „Nein! Er machte es wie ich. Er verehrte das ſchöne Geſchlecht, konnte ſich jedoch nicht entſchließen, aus⸗ ſchließlich Einer anzugehören.“ „O Sie!“ lachte Herr Frohlieb, ſchalkhaft ſeinen Zeigefinger aufhebend,„Sie werden ſchon noch Ihr Theil bekommen.“ „Meinen Sie? Nun ich werde ſehen, was Wilhelm's Beiſpiel bei mir bewirkt.“ „Aha!“ ſagte Herr Frohlieb.„Dieſe jungen Herren wollen jetzt alle erſt durch Beiſpiele verführt werden, um zu den Grundſätzen ehelicher Glückſeligkeit zu gelangen. Die ſchönen, jungen Damen ſollen kommen, um ihre Herzen gehorſamſt zu Füßen zu legen und unterthänigſt zu bitten, geheirathet zu werden.“ „Die ſchönen jungen Wittwen ganz beſonders,“ ſagte der Finanzrath.„Es hat doch noch ſo lange Zeit mit der Hochzeit, Herr Frohlieb, bis ich die Trauer ab⸗ gelegt habe?“. *„SWie ſo Zeit? Was meinen Sie denn?“ fragte Herr Frohlieb.„Ach ſo! Hochzeit meinen Sie? Glauben Sie wirklich— was?“ Er faßte an ſein ſpitzes Kinn und ſah äußerſt liſtig aus. Der Finanzrath faßte ebenfalls an ſein Kinn und nickte ihm zu.„Die Grundſätze verlangen es ſo,“ ſagte er.„Ich achte Wilhelm um ſo höher wegen dieſer 59 Charakterſtärke, und nenne mich um ſo lieber ſeinen Freund.“ „Und es geht nichts über die Freundſchaft, gar nichts!“ antwortete Herr Frohlieb, indem er den Finger auf ſeine Bruſt ſetzte.„Wilhelm denkt ebenſo darüber; er wird außer ſich ſein, wenn er hört, was Ihnen ge⸗ ſchehen iſt.“ „Ich denke, er wird jetzt mehr zu thun haben, als mich und meinen alten Onkel beklagen,“ fiel der Finanz⸗ rath ein.„Glücklicher Weiſe hat der Kriegsrath mich zu unterſtützen verſprochen.“ „Und was der verſpricht, das hält er,“ verſicherte die kleine Frau. „Mein Onkel ſetzte das größte Vertrauen in ihn,“ ſagte der Finanzrath. „So ein Mann ſoll auch noch wieder geboren werden!“ rief Herr Frohlieb.„Alles klar, Alles feſt und völlig geſund, in Leber und Grundſätzen. Dabei ſo an⸗ geſehen und ſo reich.“ „Der Kriegsrath hat wohl von ſeinen Eltern her ſchon Vermögen gehabt?“ fragte der Finanzrath. „Vermögen? Das verſteht ſich! Er kriegte Alles, was da war, denn er war der einzige Sohn, und klug war er immer. Von jung auf der Klügſte unter uns Allen.“ „Sie ſind zu beſcheiden, Herr Frohlieb,“ ſagte Leiſe⸗ 60 gang,„aber ich ſpare meine Zweifel auf. Bei unſerer Abrede bleibt es alſo. Die ſchöne Wittwe ſoll nicht ohne mich eine neue chriſtliche Ehe ſchließen. Aber es ſchickt ſich nicht für mich, jetzt ſolchen weltlichen Dingen nachzu⸗ hängen. Zunächſt müſſen wir ernſte Pflichten erfüllen; ſomit auf ein ander Mal mehr davon.“ Herr Frohlieb machte eine unterthänige Verbeugung, und blieb dann horchend ſtehen, bis die Schritte des Finanz⸗ raths verhallt waren. Ein außerordentlicher Triumph malte ſich in ſeinem Geſicht. Wenigſtens ein Dutzend Weisheitsfalten rollten ſich auf ſeiner Stirne zuſammen und verloren ſich unter ſeiner Perrücke. Er ſpitzte den Mund, um nicht laut zu lachen, und ſah mit ſeinen groß aufgeriſſenen Augen voller Entzücken die kleine Frau an, welche gelaſſen weiter ſtrickte.„Der wäre beſorgt und auf⸗ gehoben, Mama!“ rief er endlich, ſeine Stimme gewaltſam bezwingend.„Dieſer Fuchs, dieſer Pfiffikus will mir die Künſte abfragen!“— Er ſchlenkerte vor Vergnügen ſeinen Finger durch die Luft und knallte den Daumen gegen den Zeigefinger.„Er will wiſſen, ob Hartfeld Vermögen von wegen ſeiner Eltern bekommen hat. So ein Kerl beküm⸗ mert ſich um Alles. Haſt Du geſehen, Mama, wie es ihm gefiel, da ich ihm ſagte, Hartfeld hätte die ganze Erb⸗ ſchaft bekommen, Alles was da war? Und es iſt meiner Seele wahr! er hat auch Alles bekommen, es war nur 61 leider nichts vorhanden, denn ſein Vater war ein ehrlicher Tiſchler, und als der ſtarb, blieb nichts von ihm zurück, als ein paar Hobelbänke und der Junge, der damals noch in die Schule ging.“ „Es hat Mancher noch viel weniger gehabt,“ ſagte die kleine Frau,„und iſt nachher doch ein Millionär ge⸗ worden. Wenn man bei Hartfeld hinein kommt, ſieht man gleich, wie es da ſteht. Und es iſt ganz einerlei, ob er es geerbt hat, oder nicht.“ „Es iſt beſſer, Mama. Er hat's erworben, darum iſt es beſſer!“ fiel Herr Frohlieb ein.„Aber dieſer Fuchs will uns die Würmer aus der Naſe ziehen, der will uns einbilden, er weiß, was wir denken. Eine ſchöne Wittwe, haha! Hochzeit machen, er! Erlaubniß geben, er! Ohl du unglückliche Creatur, welche der heirathet! Aber Du ſollſt ſehen, Mama, er ſchluckt jetzt Alles von ſeinem Onkel, und dann wird er noch viel unausſtehlicher werden. Na, meinet⸗ wegen!“ rief er mit gutmüthiger Unterdrückung ſeiner Abneigung,„wir haben mehr zu denken, und vor allen Dingen, Mama,“ ſetzte er ernſthaft hinzu,„decke jetzt den Tiſch, denn dieſe gefühlvollen Aufregungen haben meine Eingeweide dermaßen erſchüttert, daß mein unſchuldiger Magen laut um Erbarmen ſchreit.“ Diertes Capitel. Es war ein trüber Tag, trübe ſelbſt um die Mittags⸗ zeit, wo er ſein graues Licht in die Wohnung des Kriegs⸗ raths Hartfeld ſchickte. Die blumigen Tapeten der hohen Zimmer ſchienen wie mit Flören behangen, die vielen Oelgemälde in ihren Goldrahmen ſchimmerten matt von den Wänden, und die junge Dame, welche in einem zier⸗ lichen Korbſtuhle halb verſteckt hinter einem der geſtickten Vorhänge ſaß, ſah ſchattenartig bleich und unbeweglich aus. Lange Zeit ſaß ſie in dem ſtillen, großen Raume, ſtill vor ſich hinſehend; der Lärm der belebten Straßen drang von außen herein, ohne ſie zu ſtören. Ihre Hände ruhten in ihrem Schooße, ihr Kopf lehnte ſich an das hohe Gitter des Stuhls, und ihr dunkles Haar ſchmiegte ſich tief an ihre Schläfe. Es war ein feines, ſanftes Geſicht mit dem vorherrſchenden Ausdruck von Geduld und Nach⸗ 0 63 denken in den milden Zügen. Ihre Augen wurden durch lange, ſchwarze Wimpern und hochgebogene Augenbrauen bedeutungsvoller gemacht, aber ihre kränkliche Farbe und dieſer Mangel an belebtem Fleiſch unterſtützten jene Vor⸗ züge nicht. Als ſie endlich aufſtand, um ein Arbeitskörbchen vom Tiſche zu holen, konnte Niemand bezweifeln, daß Herr Frohlieb die Wahrheit geſagt hatte. Ihr rechter Fuß war offenbar ein wenig zu kurz, und trotz der langen Kleider, welche die Mama als beſtes Verheimlichungsmittel empfohlen, ließ ſich deutlich genug bemerken, daß der ſchwankende, harte Gang dieſer zarten Geſtalt von keiner künſtlichen Nachhülfe fortgeſchafft werden konnte. Eben als ſie mit dem Körbchen zurückkehrte, trat der Kriegsrath herein. Der große, ſchöne Mann mit ſeinem ruhigen, allezeit würdigen Aeußeren ſuchte auch jetzt dieſe Würde zu behaupten, obwohl er ſehr bewegt und ange⸗ griffen ſchien, und ſeine Stimme zitterte, als er zu ſprechen begann. Er ſtreckte der Tochter ſeine Hände entgegen und beſtrebte ſich, freundlich, gefaßt zu ſcheinen.„Guten Tag, mein liebes Kind,“ ſagte er.„Wir haben uns heute noch nicht geſehen. Du biſt doch wohl?“ „So wohl ich ſein kann, lieber Vater,“ antwortete ſie leiſe, während er ihre Stirn küßte und in ihre Augen blickend vor ihr ſtehen blieb. „Mein Billet haſt Du erhalten?“ fragte er. 64 „a, Vater!“ „Ich kam ſehr ſpät nach Hauſe, Du warſt ſchon zu Bett; ich wollte Dich nicht wecken und Deinen Schlaf verderben. Unglück kommt immer früh genug, Julie; es iſt gut, ſo lange als möglich es von ſich abzuhalten. So ließ ich Dich ſchlafen, und da ich heute früh gleich wieder fort mußte, machte ich Dich ſchriftlich mit dem ſchrecklichen Schlage bekannt, der wie aus heiterem Himmel mich ge⸗ troffen hat.“ „Es iſt ein trauriges Ereigniß,“ flüſterte ſie. „Mein einziger, mein beſter Freund iſt mir entriſſen!“ ſagte der Kriegsrath, erſchüttert die Hände faltend.„Nie würde er mich verlaſſen haben, und wenn er mich überlebt hätte, was ich mit der größten Gewißheit hoffte und er⸗ wartete, dann Julie, o gewiß, gewiß! dann würde er Dir ein Vater geweſen ſein. Ueber das Grab hinaus wäre er mein Freund geblieben. Nichts, nichts hätte mir ſeine Zuneigung rauben können.“ In großer Bewegung ging er durch das Zimmer und kehrte zu ſeiner Tochter zurück.—„Wir müſſen uns faſſen, müſſen uns in das Unvermeidliche ſchicken,“ fuhr er fort,„was uns auch auferlegt wird, müſſen wir tragen. Du ſiehſt ſehr blaß und traurig aus, mein Kind. Man muß den Kopf nicht verlieren. In keiner Lage des Lebens muß man den Kopf verlieren. Alles Leben liegt in Gottes 65 Hand, und dies ganze Daſein iſt doch nur ein Augenblick, wäre es auch das längſte Menſchenleben. Es iſt Alles eitel, und wenn es vorüber iſt, iſt es ein Traum. Wer frägt noch nach uns? Wer weiß nach wenigen Jahren noch von uns und unſeren Thaten, unſeren Leiden?“ „Wir ſelbſt müſſen, ſo viel wir können, ſorgen, daß dieſer Lebenstraum kein ſchrecklicher Traum wird,“ ſagte Iulie leiſe. „Da haſt Du Recht, mein Kind, da haſt Du Recht!“ rief Hartfeld.„Wir müſſen dafür ſorgen, angenehm bis an's Ende zu träumen.“ Er deckte ſeine Rechte auf ſeine Stirn und fuhr mit einem tiefen Athemzuge fort:„Da⸗ rauf kommt doch Alles hinaus. Unſere Thränen, unſere Seufzer wecken den Todten nicht wieder auf; wir aber leben noch und müſſen für uns ſorgen. Ich habe geſtern mit dem Finanzrath ſpät beiſammen geſeſſen. Wir ordneten die Papiere des Verewigten, und da dieſer mir ſein ganzes Vertrauen ſchenkte, konnte ich ſeinem nächſten Verwandten und Erben manche Aufſchlüſſe geben. Leiſegang hat ein bedeutendes Vermögen hinterlaſſen, mehr noch, als ich ſelbſt glaubte. Der Finanzrath iſt dadurch ein ſehr reicher Mann geworden.“ Julie antwortete nicht darauf. Ihr Vater heftete ſeine Augen einige Minuten lang auf ihr Geſicht und fuhr 1859. IV. Täuſchung und Wahrheit. 5 —— 66 dann fort:„Hatteſt Du geſtern Abend Geſellſchaft? War Frohlieb hier?“ „Ja, Vater.“ „Wie lange war er hier?“ „Er wollte Dich erwarten.“ Der Kriegsrath ging nachdenklich, die Hände auf den Rücken gelegt, bis an eines der Gemälde, die an der nächſten Wand hingen, rückte an deſſen Rahmen und kehrte dann zurück. „Wilhelm Frohlieb iſt ein junger Mann, der Achtung verdient,“ ſagte er.„Er wollte alſo mit mir ſprechen?“ „Ja, Vater, und“— ſie hielt einen Augenblick inne, eine Uhr im Nebenzimmer ſchlug zwölf—„er wollte heute Mittag wieder kommen.“ Es entſtand eine neue Pauſe.„Ich kann mir wohl denken,“ begann der Kriegsrath dann,„was er mir mit⸗ theilen will, und wenn“— dieſes Wenn hatte einen be⸗ wegteren Klang, aber er brach damit ab, und ging nochmals bis in die Mitte des Zimmers, wo er umkehrte.„Julie,“ ſagte er mit leiſer Stimme,„ſieh mich an, mein Kind!“ Trotz dieſes Gebotes hob ſie ihren Kopf nicht auf, ſelbſt als er ihre Hand nahm, die ſehr kalt war und leiſe zitterte.„Beruhige Dich,“ fuhr er fort,„wir müſſen Alles woohl überlegen. Er hat Dir ſeine Erklärung gemacht. Nicht wahr?“ — 67 „Ja, Bater!“ „Und was haſt Du ihm geantwortet?“ „Ich habe— ihn an Dich gewieſen.“ „Das habe ich erwartet,“ erwiederte der Kriegsrath. „Ich liebe Dich ja zärtlich. Gott weiß, was ich für Dich thun möchte. Aber wir müſſen genau prüfen, was das Beſte iſt, auch muß ich Dir zunächſt eine Mittheilung. machen, die Dich überraſchen wird.“ Er nahm einen Stuhl, ſetzte ſich neben ſeine Tochter und legte deren Hand zwiſchen die ſeinen.„Was ich Dir mittheilen werde, liebe Julie,“ begann er darauf,„muß für jetzt unſer Geheimniß bleiben. Höre mich an. Wilhelm Frohlieb wünſcht Dich zu ſeiner Frau zu machen, es iſt jedoch noch ein Mann da, der dieſelbe Abſicht hat. Viel⸗ leicht erräthſt Du ſchon, wen ich meine, ich will Dir aber nichts verbergen.— Geſtern Abend, als ich in die Woh⸗ nung meines verewigten Freundes gegangen war, um mit dem Finanzrath dort zuſammen zu treffen, und Alles, was geſchehen ſollte, anzuordnen, fanden wir unter den Papieren des Geheimraths auf ſeinem Schreibtiſche auch den Ent⸗ wurf zu einem Teſtament. Wahrſcheinlich hat er dieſen, von irgend einer Ahnung befallen, geſtern erſt aufgeſetzt, doch da er wenige Stunden darauf plötzlich ſtarb, hat er kein rechtsgültiges Document daraus machen können, ſein Wille hat ſomit geſetzlich keinen Werth. Der Geheimrath 5* * 68 hatte Dich immer lieb gehabt, ſomit iſt es nicht zum Ver⸗ wundern, daß er in jenem Entwurf ein Legat von zehn⸗ tauſend Thalern für Dich beſtimmt hatte. Daneben ſtand auf dem Rand geſchrieben: Ich hoffe, daß ich mit dieſen zehntauſend Thalern Julien noch ſelbſt ein Hochzeitsgeſchenk mache; am liebſten freilich wäre es mir, wenn mein Neffe ſie heirathete.“ Er hielt inne und blickte ſeine Tochter forſchend an, als er jedoch keine Bewegung an ihr bemerkte, denn ſie ſah vor ſich nieder, und ihre Hand lag leblos in ſeinen Fingern, fuhr er in ſeiner Erzählung fort.„Leiſegang las den Entwurf, ebenſo die Anmerkung, und zu meiner Verwunderung vertraute er mir, daß einige Tage vorher ſein Onkel, bei einer Unterredung, die er mit ihm gehabt, in derſelben Weiſe ſeine Wünſche ausgeſprochen und— mit einem Worte, Iulie, er gab ſeine Abſichten mir ſo deutlich zu erkennen, daß ich nicht daran zweifle, er wird ſie Dir, ſobald es der Anſtand erlaubt, ſelbſt erklären.“ Hier hielt der Kriegsrath nochmals inne und ſah ſeine Tochter wiederum durchdringend an, ohne eine Antwort zu erhalten. Es entſtand ein ziemlich langes Schweigen, bis er endlich in weichem Tone ſagte:„Mein liebes Kind! ich bin alt; dies unerwartete Ereigniß zeigt mir, was auch mich vielleicht bald treffen kann. Zu meinem Kummer kommen vermehrte Sorgen. Der Geheimrath war mein 69 Freund. Ich mochte thun, was ich wollte, es war ihm recht. Jetzt wird ſich das Alles ändern, und wer weiß,“ fügte er leiſe flüſternd hinzu,„ob ich dieſen Wechſel der Verhältniſſe lange ertrage.“ „Wer wird der Nachfolger des Geheimraths in ſei⸗ nem Ante ſein?“ fragte Julie. 3„Ich hoffe, der Finanzrath wird es ſein,“ antwortete der Kriegsrath, lebhafter ihre Hand drückend,„oder viel⸗ mehr er hofft es, denn er iſt vollkommen eingearbeitet, iſt dabei auch von dem Präſidenten ſowohl, wie von dem Miniſter hochgeſchätzt. Mir wäre es das Liebſte, was ge— ſchehen könnte. Alles bliebe dann beim Alten; ich würde den Reſt meiner irdiſchen Tage ruhig verleben können. Aber wir wollen davon nicht mehr reden, mein Kind, nur Dein eigenes Wohl laß uns bedenken.“ Es vergingen einige Minuten, dann ſagte ſie leiſe: „Was ſoll ich thun, Vater?“ „Keinen Zwang gegen Dich ausüben, mein liebes Kind,“ verſetzte er.„Daß Du glücklich werden mögeſt, das iſt mein höchſter Wunſch, alles Andere kümmert mich nicht. Für Dein Glück iſt mir auch nichts zu ſchwer, Julie; ich will es auf jeden Fall geſichert ſehen, ehe ich von Dir ſcheide. Zwei ehrenwerthe Männer bewerben ſich um Dich. Wägen wir ihre Vorzüge ab, ſo läßt ſich für Beide Vieles ſagen; zunächſt jedoch frage Dein Herz. 70 Leiſegang hat ſich bisher nicht ſo angelegentlich um Dich bemüht, er iſt überhaupt kälter, iſt äußerlich auch wohl nicht ſo einnehmend, wie Frohlieb.— Du biſt verſtändig. Dein klarer, ruhiger Sinn wird Dich leiten, meinen Segen ſollſt Du in jedem Fall haben. Sage mir aufrichtig, Inlie, ob Du Wilhelm ſo liebſt, daß Du nur mit ihm glücklich werden könnteſt?“ Er bekam keine Antwort. Das Geſicht des jungen Mädchens neigte ſich tiefer auf ihre Bruſt, als wollte jſie es verbergen. „Sieh, mein Kind,“ fuhr ihr Vater fort,„wenn dies der Fall iſt, ſo ſei aufrichtig, und ich will nichts dagegen einwenden. Ich will dann für Dich und für mich thun, was für uns das Beſte iſt. Biſt Du überzeugt, Dein Lebensglück nur bei Wilhelm zu finden?“ „Nein, Vater, nein!“ antwortete ſie faſt unhörbar. „Dann, mein Kind,“ fuhr er fort,„können wir ganz vorurtheilsfrei prüfen und Deine Freier neben einander ſtellen. Sie ſind Beide faſt gleich alt, Beide wohl gebildet, Beide, jeder in ſeiner Art, ausgezeichnet durch Verſtand, Kenntniſſe und edles Streben. Der Eine iſt ein thätiger Geſchäftsmann, der mit der Zeit gewiß auch Vermögen erwirbt, der Andere dagegen iſt ein geſchätzter Beamter, welcher jedenfalls einmal eine hohe Stellung im Staate einnehmen wird. Dabei beſitzt er nicht allein ſchon längſt „ 71 ein beträchtliches Vermögen, ſondern hat dies obenein ſoeben durch Erbſchaft verdoppelt. Wilhelm Frohlieb's Eltern ſind unſere entfernten Verwandten, ſehr wackere, ehrliche Leute, auch mit einigem Vermögen verſehen, das ſie einfach, anſtändig ernährt. Reichthum aber iſt das nicht, zudem iſt ihr kleinbürgerliches Weſen nicht für den gegenwärtigen Zuſtand unſerer Anforderungen an Bildung und geſellſchaftlichen Umgang bemeſſen; und wir können uns dieſen Forderungen doch nicht entziehen, mein Kind, wären wir auch noch ſo frei von Vorurtheilen. Aber ich will dennoch nur Dein Glück. Du biſt mein einziges Kind. Wenn ich in die Zukunft blicke, wie in einen dunkeln Spiegel, forſche ich nur nach Deinem Bilde, und bitte Gott, Dich zu ſegnen. Ich ſelbſt— ich— nein, mein Kind, um mich ſorge nicht. Ich bin ein alter Baum, mag die Axt geſchliffen werden, die mich fällen ſoll. Ich unter⸗ werfe mich, denn meine Zeit iſt um, meine Tage ſind gezählt.“ Er hielt inne und wandte das Geſicht, auf dem ein ſchönes, ſtilles Lächeln ſchwebte, dem Nebenzimmer zu, in welchem ſich Schritte hören ließen. Einige Augenblicke darauf erhob er ſich und ſtreckte dem jungen Frohlieb ſeine Arme entgegen, der nach einem leiſen Klopfen hereintrat. „Da iſt ja unſer lieber Freund!“ rief er in herzlicher 72 Weiſe ihm entgegen.„Kommen Sie von Haus? von Ihren Eltern?“ „Nein, Herr Kriegsrath,“ antwortete Wilhelm, indem ſeine Blicke auf Julien hafteten, vor der er ſich verbeugte. „Ich komme aus meinem Geſchäft.“ „Immer thätig,“ fuhr Hartfeld lächelnd fort.„Ich darf alſo nicht fragen, wie es dem Papa geht?“ „Er war bei mir, aber ich hatte ſo dringend geſchäft⸗ liche Beſuche zu machen, daß er mich nicht zu Hauſe antraf. Leider habe ich erfahren—“ „Daß ich einen großen, unerſetzlichen Verluſt erlitt!“ rief Hartfeld, ſeine Hände drückend.„Ja, mein lieber Freund, ich bin auf's Tiefſte erſchüttert, gänzlich unfähig, jetzt an Anderes zu denken.“ „Ich beklage es und wage keinen Troſt,“ erwiederte Wilhelm, indem er nach Zulien blickte, die ſtill auf ihrem Platze ſaß, ohne ſeine Augen zu ſuchen. Ihr Anblick rief eine ungewiſſe Furcht in ihm hervor. Er näherte ſich ihr, und ſagte mit banger Stimme:„Sie ſind doch nicht krank? Sie ſehen ſo leidend aus.“ „Julie weiß, was auch ſie verloren hat,“ fiel Hart⸗ feld ein.„Einen väterlichen Freund. Es war ein treff⸗ licher Mann. Einer der Gerechten und Guten, die immer ſeltener werden. Alte Leute pflegen zu ſagen, es werde immer ſchlechter in der Welt, aber man darf nicht darüber 73³ ſpotten. Die alte Redlichkeit und Treue nimmt wirklich mehr und mehr ab, die alte Einfachheit und Ehrlichkeit verſchwindet immer mehr. Ich klage nicht an, ich weiß, es muß ſo ſein. Zeiten gehen und kommen, und bringen neue Menſchen mit, neue Sitten, neue Anſchauungen. Da ſtehen wir Alten nun, und Einer nach dem Andern ſcheidet. Immer kleiner wird unſere Zahl, immer fremder wird es um uns, immer bänger wird es in uns.“ Wilhelm unterbrach ſeine Klagen nicht, als er jedoch endlich etwas erwiedern konnte, ſagte er:„Was gerecht und gut iſt, beſter Herr Kriegsrath, erbt doch von Geſchlecht zu Geſchlecht fort, und geht nicht unter.“ „Nennen Sie mich nicht ſo,“ fiel Hartfeld ein, „nennen Sie mich Vetter, wir ſind ja Verwandte.“ „Am liebſten möchte ich Sie Vater nennen,“ ant⸗ wortete der junge Mann im Drange ſeiner vorbrechenden Empfindungen,„und möchte Ihnen ſagen, daß Alles, was Welt und Leben auch verändert, nicht meine Ehrlichkeit und meine Treue umwandeln kann.“ „Ich weiß es, daß dies Wahrheit iſt,“ antwortete der Kriegsrath,„ich weiß, daß dies keine leeren Worte ſind.“ Seine großen, hellen Augen leuchteten auf, und indem er ſeine Hand auf Wilhelm's Schulter legte, füllte ſich ſein würdiges Geſicht mit dem Ausdruck herzlicher Güte und 74 Theilnahme.„Einen ſolchen Sohn zu haben,“ ſagte er, „iſt ein beneidenswerthes Glück.“ „So machen Sie mich zu Ihrem Sohne,“ fuhr Frohlieb bittend fort.„Es kann Ihnen nicht entgangen ſein, wohin meine Wünſche ſtreben. Julie hat mir Er⸗ laubniß ertheilt, mit Ihnen zu ſprechen.“ „Auch das weiß ich,“ unterbrach ihn Hartfeld,„und glauben Sie mir, lieber Freund und Vetter, was mich betrifft, ſo weiß ich Keinen unter Allen, dem ich meine Tochter lieber anvertrauen möchte. Ich kenne Sie ja von früher Jugend auf, ſchätze Ihre ſtrenge Redlichkeit, wie Ihren Fleiß und Ihren Ernſt zu allem Guten. Ja, ich habe geſtern ſelbſt erſt Ihren Eltern offen erklärt, wie werth Sie mir ſind. So zweifeln Sie denn nicht daran, mir willkommen zu ſein, nur hätte ich gewünſcht, dieſe kummervollen Tage wären zunächſt vorüber gegangen. Aber ich weiſe Sie nicht zurück, weiſe Sie an Julien; ſie allein kann darüber entſcheiden, ihr zunächſt müſſen Sie willkommen ſein, lieber Freund.“ Wilhelm's Geſicht füllte ſich mit Freude und einem glücklichen Lächeln. Was er hörte, entſprach ſeinen Ge⸗ fühlen. Vor ihm ſtand der verehrte Mann, deſſen Anblick ihn mit kindlichem Vertrauen erfüllte, und dort ſaß die Geliebte dicht bei ihm. Er durfte nur ſeine Hand aus⸗ ſtrecken, und er that es mit leidenſchaftlicher Haſt, indem 7⁵ er ihr zurief:„Hören Sie es, theuerſte Julie. Ihr Vater weiſt mich an Sie zurück. O ſchlagen Sie ein! Ich bin nur ein ſchlichter Mann, aber an Liebe und Treue für Sie werde ich Keinem weichen.“ Julie hatte, während er ſprach, ſich aufgerichtet, und plötzlich hielt er erſchrocken inne. Die Hand, welche er ihr geboten hatte, ſank langſam nieder, denn ſie nahm dieſe nicht an, und in ihrem blaſſen Geſichte ſammelte ſich ein unſäglicher Ausdruck von Schmerz, der die ſchmalen Lippen zittern machte, und den ſie zu bewältigen ſuchte, als er ſie verſtört anblickte. „Herr Frohlieb,“ begann ſie leiſe,„ich bin in der That in peinlicher Lage. Ich achte Sie zu hoch, um nicht von Ihrem Antrage mich beglückt zu fühlen; dennoch bin ich nicht im Stande, mich zu entſchließen.— Erlaſſen Sie mir das Weitere— glauben Sie mir, daß ich— daß ich— immer dankbar ſein werde, und was ich vermag, für Ihr Glück—“ „Mein Gott! Was iſt das?“ rief Wilhelm entſetzt. Er ſtarrte in ihr Geſicht, als ſei es ihm unmöglich zu glauben, daß das, was er eben gehört, aus ihrem Munde komme.„Was iſt geſchehen, Julie?“ fragte er dann. „Es iſt unmöglich! Ich kann es nicht glauben! Geſtern durfte ich hoffen— was Sie mir ſagten, drang in mein 76 Herz— Alles zeigte mir an, daß Sie— Was iſt ge⸗ ſchehen, Julie? Was habe ich Ihnen gethan?“ „Nichts iſt geſchehen,“ erwiederte ſie mit vermehrter Faſſung,„und nichts haben Sie mir gethan, lieber Couſin Frohlieb. Ich habe dieſe Nacht dazu angewandt, genau zu überlegen, ob es wohlgethan ſei, wenn ich— Ihren Antrag annähme, und ich habe gefunden, daß ich es nicht thun darf.“ 3 „Sie dürfen nicht? Oh! Warum dürfen Sie nicht?“ Er warf einen zweifelvollen, fragenden Blick auf, den Kriegsrath, der ihn voll ſ chmerzlicher Theilnahme erwiederte, und ſagte dann nochmals:„Warum darf ſie nicht?“ Julien's bleiche Wangen wurden von einer fliegenden Röthe übergoſſen. Nur wenige Worte flüſterte ſie, ihre Augen ſenkend.„Ich bin kränklich. Sehen Sie mich an, ſchwächlich, wie ich bin, entſtellt— es wäre Unrecht. Nein, ich verdiente Spott, wollte ich— ein junges, raſches Leben an mein unglückliches Daſein ketten.“ „Julie! geliebte Julie!“ rief er mit leidenſchaftlicher Heftigkeit.„Iſt das Ihre Sorge? Nie ſollen Sie es be⸗ reuen. Mein Gott! was ſoll ich Ihnen ſagen? Alles Glück meines Lebens hängt auf ewig feſt an Ihrer Liebe.“ „Nein, nein!“ ſagte ſie ängſtlich abwehrend und mit fliegendem Athem,„dringen Sie nicht mehr in mich. Ich bin— ich würde eine unpaſſende Frau für Sie ſein, .— 77 unangemeſſen allen Verhältniſſen. Ich beſchwöre Sie, laſſen Sie uns ſchweigen. Nichts, nichts läßt ſich daran ändern!“ „Nichts!“ erwiederte er,„wirklich nichts?!“ Und nach einem Augenblick fügte er hinzu:„Ich erfülle Ihren Befehl, Fräulein Hartfeld.“ „Arme Kinder!“ rief der Kriegsrath mit herzlicher Beſorgniß in Blick und Ton,„ſo darf dieſer Auftritt nicht enden. Laßt keinen Dorn in Euren Herzen aufwuchern. Julie muß wiſſen, was ſie thut, Wilhelm, und wenn es uns auch tief betrübt, ſo können wir mit Recht doch nicht zürnen. Ich wollte, daß es anders wäre. Es thut mir in tiefſter Seele leid, doch Männer müſſen ſtandhaft aus⸗ harren, müſſen muthig das Rechte thun allezeit und gegen den böſen Feind ſtreiten. Wer weiß denn, was uns gut iſt! Standhaft, Wilhelm, und auf Gottes Hülfe vertraut. Wer da weiß, daß er Recht thut, verzagt nicht.“ Mit ſanfter Gewalt zog er Beide näher und in ſeine Arme. „Warum haben Sie mir das gethan, Julie?“ fragte Wilhelm traurig. „Weil ich weiß, daß ich Recht thue,“ erwiederte ſie ſanft und feſt. „Dann behüte Sie Gott und mache Sie glücklich.“ 78 „Und Sie, mein lieber Freund, vergeben Sie mir,“ flüſterte ſie. „Wer Recht thut, bedarf der Vergebung nicht,“ ant⸗ wortete er gelaſſen.„Haben Sie einſt einen Freund nöthig, theure Julie, ſo ſollen Sie niemals mich umſonſt ſo nennen. Leben Sie wohl!“ „Halt, halt!“ rief Hartfeld,„ſo geht es nicht. Sie müſſen bei uns bleiben, ich habe Ihnen noch Mancherlei zu ſagen.“ Während er ihm aber tröſtend zulächelte und ſeine Hände herzlich drückte, öffnete ſich die Thür hinter ihnen, durch welche der Finanzrath herein trat. Leiſegang war ganz ſchwarz gekleidet, trug um ſeinen Hut einen breiten Flor und ſchwarze Handſchuhe. Das dicke, rothe Geſicht wurde durch dieſe dunkle Einfaſſung nicht verſchönt; und auch die Betrübniß, welche er ſeinen Zügen aufzuprägen ſuchte, konnte dieſen keinen anderen Charakter geben. Er begrüßte den Kriegsrath mit einem ſchweigſamen Handſchütteln, nickte ſeinem Freunde zu und verneigte ſich vor dem Fräulein, an welches er ſich zunächſt wandte. „Auch Sie bleiben von meinem Leid nicht unberührt, Fräulein Hartfeld,“ ſagte er,„denn mein armer Onkel war Ihnen ein Freund, wie es wenige giebt.“ „Das war er, Herr Finanzrath,“ erwiederte Julie. „Ich komme ſo eben aus dem Trauerhauſe,“ fuhr 79 Leiſegang fort,„um Ihnen zu danken, beſter Kriegsrath. Sie haben in Ihrer praktiſchen Weiſe alle Anordnungen raſch und auf's Beſte getroffen.“ „Wollte Gott,“ ſagte Hartfeld ſeufzend,„ich könnte für den lieben Seligen, ja für ihn, den ich niemals ver⸗ geſſen kann, Wunder thun, um dieſen theuren Freund wieder aufzuwecken!“ „Er wird mit uns fortleben und unter uns ſein,“ entgegnete der Finanzrath.„Einer ſeiner letzten Gedanken waren Sie, Fräulein Julie. Ich weiß nicht, ob Ihr ver⸗ ehrter Vater“— er ſah den Kriegsrath an, der ſeine Augen bedeckte und kein Zeichen der Theilnahme gab. „Sie, beſtes Fräulein,“ fuhr Leiſegang fort,„denn er hatte kurz vorher, wie von einer Ahnung getrieben, ſein Teſtament aufgeſetzt, und auch für Sie darin Beſtimmungen getroffen.“ „Ein Entwurf, mein Kind,“ fagte Hartfeld. „Ob eine Formalität erfüllt wurde oder unterblieb,“ verſetzte der Finanzrath,„iſt gleichgültig. Es war meines Onkels Wille, und dieſer wird mir heilig ſein. Alles, was er wünſchte und wollte, ſoll erfüllt werden. Brechen wir jetzt davon ab, bis wir gefaßter ſind.“ Er wandte das Geſpräch auf die verſchiedenen be⸗ deutenden Sammlungen werthvoller Bücher, Herbarien und Gemälde, welche ſein Onkel ihm hinterlaſſen, und 80 ſagte dann:„Es waren ſeine Liebhabereien, die ich nicht theile, aber, was er zuſammengebracht, doch nicht verſchleu⸗ dern will. Die vielen großen Schränke ſind voll gepackt mit allerlei Köſtlichkeiten, welche beſſere Leute benutzen können, wie ich bin. Mein Freund Wilhelm wird mir mit ſeiner gelehrten Bücherkenntniß beiſtehen, um, was ſelten und theuer iſt, auszuleſen. Ich denke es dann der großen Bibliothek anzubieten. Die Herbarien kauft der Staat, mein Onkel ſtand früher ſchon deswegen mit ihm in Unterhandlungen, und bei den Gemälden rechne ich auf Sie, lieber Kriegsrath. Sie kennen alle dieſe Schätze, wiſſen, was ſie gekoſtet haben, und was ſie werth ſind. Sie ſind ſelbſt ein Liebhaber und Kenner, beſitzen vortreff⸗ liche Meiſterwerke, welche viel koſten.“ Er ließ ſeine Blicke über die Wände ſchweifen und fügte lächelnd hinzu:„Mein Onkel war in dieſer Beziehung, wie ich glaube, doch noch etwas ſparſamer als Sie. Ich erinnere mich eben, daß er vor einiger Zeit Sie einen Verſchwender nannte, weil Sie ein Bild gekauft hatten, das er gar zu gern gehabt hätte, das ihm aber zu theuer war.“ „Es war der Gudin dort,“ antwortete Hartfeld, in⸗ dem er auf ein Bild im Nebenzimmer deutete.„Ich kaufte ihn, meinen hochverehrten Freund an ſeinem nächſten Ge⸗ burtstage damit zu erfreuen.“ „Sie trefflicher Mann!“ ſagte der Finanzrath. 81 „Schade, daß er das nicht mehr erlebte! Manch ſchönes Andenken hat ſeine Sammlung vermehrt, jetzt müſſen Sie ſich darunter etwas ausſuchen. Eine kleine Anzahl will ich ſelbſt behalten, alles Uebrige aber anderen Kunſt⸗ freunden überlaſſen.“ „Es iſt kläglich,“ ſeufzte Hartfeld, indem er einen trüben, langen Blick über ſeine Gemälde ausſchickte,„daß das, was ein Menſchenleben mühſam erwarb und mit Liebe hegte, gewöhnlich wieder ſo ſchnell nach ſeinem Ende zer⸗ ſtreut und zerſplittert wird.“ „Das iſt der Lauf der Dinge,“ entgegnete Leiſegang. „Erwerben wir nur für unſer Leben, was uns lieb und theuer iſt, und unſere Wünſche erfüllt, ſo mögen nach unſerem Tode Andere ſich daran freuen. Nichts iſt ewig, Alles hat ſeine Zeit.“ „Was willſt Du mit der großen Wohnung machen?“ fragte Wilhelm. „Dieſe denke ich ſelbſt zu benutzen,“ ſagte der Finanz⸗ rath.„Meine eigene Wohnung wird mir doch bald zu eng ſein. Das Haus meines Onkels, das jetzt leider mir gehört, iſt ſehr bequem, auch liegt es in der beſten Gegend und hat einen Garten. Iſt das nicht ſehr angenehm, Fräulein Julie?“ „Sehr angenehm,“ erwiederte ſie. 1859. IV. Täuſchung und Wahrheit. 6 82 „Julie iſt manches Mal froh darin geweſen,“ fiel ihr Vater ein. „Und wir werden wieder froh dort ſein,“ fuhr Leiſe⸗ gang fort.„Doch jetzt muß ich Sie verlaſſen, da ich dem Präſidenten einen Beſuch machen muß.“ „Ja, das iſt nöthig,“ ſagte Hartfeld.„Er wird ſehr betrübt ſein, allein die Geſchäfte müſſen ihren Gang haben. Es muß eine Stellvertretung angeordnet werden.“ „Allerdings! Das muß ſogleich geſchehen.“. „Speiſen Sie doch heute bei uns, und nehmen Sie vorlieb, beſter Herr Finanzrath. Wir dürfen Sie in dieſer Traurigkeit nicht allein laſſen.“ Der Finanzrath weigerte ſich nicht.„In einer Stunde ſpäteſtens bin ich wieder hier,“ ſagte er, und in dem vertraulichen Tone, mit welchem er überhaupt ge⸗ ſprochen, fügte er hinzu:„Wenn Fräulein Julie nicht lieber allein zu ſein wünſcht.“ „Sie ſind uns immer willkommen,“ erwiederte ſie, ſich verbeugend, und als er ihre Hand dafür küßte, flog das verrätheriſche Roth wieder über ihr Geſicht. Es war dabei aber, als wankten ihre Füße, und ihre langen, ſchwarzen Wimpern bildeten einen Schattenkreis um die geſenkten Augen.. Der Kriegsrath nöthigte nun den jungen Frohlieb ebenfalls, ſein Gaſt zu ſein, und ließ ſich durch wieder⸗ 83 holte Einwendungen nicht abſchrecken. Er bat in herzlicher Weiſe, ſagte eine Menge Worte zu Wilhelm's Lob, und gab erſt nach, als dieſer ganz beſtimmt erklärte, daß es ihm unmöglich ſei, länger zu bleiben. Dagegen mußte er verſprechen, wenn nicht heute, ſo doch gewiß morgen wieder zu kommen, und Hartfeld trug ihm Grüße an ſeine vor⸗ trefflichen Eltern auf und begleitete die Scheidenden dann bis in den Corridor, wo er ihm zuflüſterte,„daß er noch Vieles auf ſeinem Herzen habe.“ — Fünftes Capitel. Arm in Arm ging der Finanzrath mit ſeinem Freunde die Straße hinab und erzählte dieſem ausführlicher den Trauerfall, der ihn überraſcht hatte.„Du kannteſt meinen Onkel ja gut genug,“ ſagte er,„er hat glücklich gelebt und iſt ſelig geſtorben. Am Abend vor ſeinem Tode war er noch auf einem Auſternſchmaus, kam überaus vergnügt davon zurück, ſchlief vortrefflich, ſtand in beſter Laune auf und frühſtückte dann in meiner Geſellſchaft. Er trank eine ganze Flaſche Moſelwein, den er beſonders liebte und ganz ausgezeichnet in ſeinem Keller hatte, welcher, beiläufig geſagt, nun ebenfalls mein Eigenthum geworden iſt. Da⸗ bei bewirthete er mich, nach ſeiner Gewohnheit, mit einer unerſchöpflichen Gallerie lateiniſcher Citate aus allen mög⸗ lichen Schriftſtelleren und Poeten. Als er mich entließ, gab er mir einen kleinen Schlag auf den Leib, ſah mich neckend an, und ſagte: Du mußt heirathen, ſobald als 8⁵ möglich, denn Du wirſt zu dick. Wir hatten eben ein ſolches Thema abgehandelt, daher kam er darauf zurück. Heirathen iſt das beſte Mittel, mager zu werden. Da ärgert man ſich, da ſchläft man nicht. Quid fieri non posse putas, si jungitur ulla Ursidio? Wenn ich jemals dick geworden wäre, hätte ich auf der Stelle geheirathet. Alſo komm morgen, Ferdinand, und iß mit mir, da wollen wir es nochmals überlegen. Intermissa, Venus, diu rursus bella moves? Heute eſſe ich beim Präſidenten, aber ich äße lieber bei Hartfeld, bei meinem vortrefflichen Rendanten; man ißt nirgends ſo gut. Multa sunt autem, quae opportet accipere, nec debere, wie der kluge, alte Seneca ſagt, der die Welt kannte. Wir wollen beide bei Hartfeld eſſen, ich werde es ihm ſagen laſſen. So ging ich, und er arbeitete, wie er es immer that, bis drei Uhr, dann ließ er ſich ankleiden, ſcherzte und lachte mit ſeinem alten Friedrich, und wie er zur Thür hinausgehen wollte, faßte er ihn an die Naſe und ſagte: Auf Wiederſehen, alter Burſche; lehnte ſich an ihn, lachte noch einmal und war todt.“ „Hartfeld thut mir leid,“ fuhr er fort, als Wilhelm ſchwieg.„Ich hätte ihm bei ſeiner Ruhe und Würde nicht ſo viel Weichheit zugetraut. Geſtern Abend aber an der Leiche war er ſo zerbrochen, daß ich fürchtete, wir würden zwei zu begraben haben.“ ———— 86 „Er hat Deinem Onkel treu angehangen,“ ſagte Frohlieb. „Das hat er, und merkwürdiger Weiſe hing mein Onkel eben ſo zärtlich an ihm. Nicht allein darum, weil er Hartfeld's Suppe für die beſte im ganzen Lande erklärte, oder weil ſie beide Bildernarren waren, das erregte ſogar einige Eiferſucht zwiſchen ihnen; es war ein gewiſſes ſym⸗ pathetiſches Empfinden in ihnen, das ſich durch die kleine Julie noch beſſer vermittelte, denn dieſe war ſonderbarer Weiſe meines Onkels Liebling, und trotz deſſen, daß ſie doch wirklich keine Schönheit iſt, fand er ſie überaus reizend.“ „Schönheit iſt ein Begriff ohne Erklärung,“ ſagte Wilhelm. „Das heißt, ſie läßt ſich eben nur empfinden,“ ver⸗ ſetzte Leiſegang,„und Du haſt Recht; dies Gefühl empfand er dermaßen, daß er ihr zehntauſend Thaler ausſetzte, was viel ſagen will. Mein Onkel gab für ſich allerdings gern Geld aus, obwohl auch dies ſeine Grenzen hatte, im Uebri⸗ gen aber war er gegen keinen Andern beſonders freigebig. Wie ich bei Hartfeld ſchon ſagte, als dieſer das Bild von Gudin gekauft hatte, das ihm zu theuer war, ſchimpfte er gewaltig, daß ein lumpiger Kriegsrath ſolche heilloſe Ver⸗ ſchwendung treiben könnte.“ „Hartfeld hatte es ja für Deinen Onkel beſtimmt.“ 87 „Wenn es wahr iſt; wir wollen es nicht weiter unterſuchen. Dergleichen Kunſtfreunde verrathen lieber Vater und Mutter, ehe ſie ſich von einem ihrer Schätze trennen. Hartfeld's Sammlung ſoll enormes Geld koſten, mein Onkel hat ihm nachgerechnet, daß wenigſtens dreißig⸗ tauſend Thaler darin ſtecken. Wer auf ſein Steckenpferd ſo viel verwenden kann, muß einen gehörigen Geldbeutel haben. Was meinſt Du wohl, wie es damit ſteht? Ihr ſeid ja verwandt.“ „SIch habe mich nie um ſein Geld gekümmert,“ ſagte Frohlieb. „Du hatteſt andere Berechnungen arzuſtellen, und die nöthige Einſicht, um zu wiſſen, was eine hübſche Wittwe werth iſt. Verſteh' doch Scherz,“ fuhr er fort, als er ſeines Freundes Geſicht ernſter werden ſah.„Ich glaube es gern, daß Dich Hartfeld's Vermögensverhältniſſe nicht intereſſiren, mich aber intereſſiren ſie, obwohl ich im Grunde mich auch dabei beruhigen kann.“ „Wobei?“ „Webei! Nun, eigentlich bei der Gewißheit, daß Hartfeld nur eine Tochter hat, und daß dieſe Tochter alle dieſe Bilder und was ſonſt vorhanden iſt, einmal erben wird.“ Ein raſcher, einbohrender Blick antwortete dem Finanzrath, der unbekümmert fortfuhr:„Es leuchtet Dir 88 erzählte, mein Onkel habe mich zum Heirathen ermuntert, ſo konnteſt Du beinahe denken, wen er mir ausſuchte und vorſchlug. Welche verlockende Ueberredungskünſte er an⸗ wandte, erkennſt Du daran, daß er mir die Pflicht auf⸗ erlegen wollte, im Weigerungsfalle zehntauſend Thaler Abſtandsgeld zu zahlen.“ „Das werde ich aber nicht thun,“ lachte er.„Mein Onkel war ein ſcharfblickender Mann. Ich werde, wie Du auch ſchon gehört haſt, alle ſeine Wünſche erfüllen. Iulie iſt nicht hübſch, doch ſehr verſtändig und was man gebildet nennt. Hat ſie Fehler, beſitzt ſie noch mehr Vor⸗ züge. Was ſagſt Du dazu?“ „Daß Du Deiner Sache ſehr gewiß biſt.“ „Warum ſollte ich meiner Sache nicht gewiß ſein? Meinſt Du, ich könnte mir einen Korb holen? Mein lieber Freund, wer ſich den holt, verdient ihn auch. Wer Narr genug iſt, ſich anzubieten, ehe er nicht vollkommen überzeugt iſt, freudig erwartet zu werden, dem widerfährt, was ihm gebührt.“ „So wünſche ich Dir Glück! Doch hier muß ich Dich verlaſſen.“ „Und ich erwiedere Deinen Glückwunſch,“ ſagte der Finanzrath ſtill ſtehend.„Was ich von Deinem Vater wohl ein, was ich damit meine? Wenn ich Dir vorher 89 geſtern hörte, läßt mich glauben, daß Du am Ziele Deiner Wünſche biſt.“ „Noch nicht.“ „Um ſo beſſer, warte noch einige Zeit. Ich habe im Scherze Deinem Vater geſagt, wir wollten beide an einem Tage unſere Hochzeit feiern; es kann aber Ernſt daraus werden. Gehſt Du jetzt nach Hauſe.“ „Ja.“¹ „Dann ſchweige natürlich auch von meiner Mit⸗ theilung.“. „Gewiß!“ erwiederte Frohlieb, der ſich entfernen wollte. „Halt! noch Eines. Wenn das Begräbniß vorüber iſt, ſo thue mir den Gefallen und unterſtütze mich bei dem Bücherverkauf. Ich will Dir Alles übergeben; je eher die Wohnung frei wird von dem Trödel und Plunder, um ſo lieber iſt es mir. Ich muß ſie doch in Stand ſetzen laſſen, lehe ich heirathe.“ „Gut, gut!“ „Und wenn Du morgen zu Hartfeld kommſt,“ fuhr er fort, ihn am Arme feſt haltend,„und es findet ſich eine paſſende Gelegenheit, um über das Teſtament und das Legat zu ſprechen, ſo ſage Deine Meinung. Du weißt ja nun, wie die Sache ſteht. Es iſt allerdings nur ein Ent⸗ wurf, kein Teſtament, denn nach unſerer weiſen Geſetz⸗ 90 gebung muß dies gerichtlich niedergelegt ſein, um Gül⸗ tigkeit zu haben; allein ein Mann von Ehre wird ſich davon nicht abhalten laſſen, und bei dieſen eigenthümlichen Verhältniſſen— Du weißt ja, was man für einen Freund ſagen kann, wenn man ihm helfen will. Ich helfe Dir ebenfalls, Wilhelm, wenn die hübſche Wittwe etwa— manus manum lavat!“ Frohlieb hörte nicht mehr, er machte ſich frei und ſuchte alle Qual, die in ihm war, mit einem gewaltſamen Lachen zu bedecken. Es war ihm unmöglich, ſogleich bei ſeinen Eltern einzutreten. Er ging daher an dem Hauſe vorüber, bog durch mehrere Straßen und ſtand plötzlich vor Madame Petermann, die ihm entgegen kam, und vor der er verwirrt und erſchrocken wie der blödeſte Schäfer ſich verbeugte. Die ſchöne Wittwe bemerkte dies eben ſo wohl, wie die ſcheue Unruhe in ſeinen Augen und ſeine verlegenen Antworten, welche ihr Vergnügen machten. Sie war eitel und herrſchſüchtig und ſah darin das Bekenntniß der Ge⸗ walt, welche ſie über ihren Anbeter ausübte. Wie ſtolze und ſtarke Männer bei geheimer Neigung eines Mädchens durch ihre Nähe und ihren Blick jenes ängſtliche Bangan und Erröthen bewirken, das ihnen als Beweis ihres nahen Sieges gilt, ſo fühlte auch dieſe junge Frau, daß ſie große Macht beſitze. In ihren ſchönen, theuern Pelz gehüllt, 91 fein und zierlich nach der neueſten Mode gekleidet, und im Bewußtſein aller ihrer Vorzüge, war es ihr doch angenehm, zu ſehen, daß dieſer junge Mann, der von Vielen gelobt und gerühmt wurde, demüthig und zaghaft um ihre Huld und ihre Hand diente. Sie war entſchloſſen, ihm dieſe nicht zu verſagen, und fühlte ſelbſt eine gewiſſe Zuneigung für den beſcheidenen, gefälligen, verſtändigen und dabei wohlgebildeten Verehrer, aber ſie rechnete auch auf ſeine Dankbarkeit, und dieſe eben entdeckte ſie in ſeiner Demuth. „Aber Herr Frohlieb,“ ſagte ſie, huldvoll lächelnd, „ich glaube wirklich, Sie wären an mir vorüber gegangen, ohne mich zu bemerken, wenn ich es gelitten hätte.“ „Gewiß nicht. O, nein! Das wäre unmöglich,“ erwiederte er.„Ich blieb ſoeben ſtehen.“ „Sie erinnerten ſich alſo doch noch, daß ich hier wohne?“ Frohlieb blickte auf. Er war wirklich dicht bei der Wohnung der hübſchen Wittwe.„Wie könnte ich das vergeſſen!“ ſagte er, erfreut, einen Ausweg gefunden zu haben. „„Aber Sie ſind doch vorüber gegangen,“ fuhr ſie lachend fort. „Allerdings— ich wagte es nicht. Es iſt ſchon ſehr ſpät und— ich mußte fürchten—“ 4 Er ſah allerliebſt aus, denn ſeine Verlegenheit trieb 92 ihm kleine krauſe Wolken auf die Stirn, und ſeine Augen hatten etwas rührend Bittendes und Unterwürfiges. „Sie hätten mich allerdings nicht gefunden,“ ſagte ſie überaus gütig,„und dies würde mir ſehr leid gethan haben. Jetzt wollte ich zwar noch einen Beſuch in der Nähe machen, allein ich werde es aufſchieben, und bitte Sie, bei mir einzutreten.“ „Nein, nein!“ rief Wilhelm flehend,„ich darf es nicht zugeben. Um meinetwegen ſollen Sie niemals Ihren Willen ändern.“ „Wirklich niemals?“ fragte ſie, und mit einem raſchen Gedankenſchlage kam ſie zu dem Entſchluß, ihm zu be⸗ weiſen, daß ſie dazu auch möglichſt wenig Luſt habe. „Warum ſind Sie denn geſtern Abend nicht noch gekom⸗ men?“ fuhr ſie fort.„Ich hatte es eigentlich beinahe erwartet, nachdem ich vorgeſtern vergebens auf Ihren Beſuch gehofft; obwohl Sie mir verſprochen hatten, mir bei meinen Rechnungen zu helfen. Hatten Sie es ver⸗ geſſen?“ „Vergeſſen!“ rief er erſchrocken und ſo unterthänig, daß ſie, Vergebung lächelnd, auf ihn hinſah.„Sie werden das nicht von mir glauben, aber“— er ſtockte—„es war mir wirklich ganz unmöglich, und geſtern—“ „Nun, geſtern?“ „Als ich zu meinen Eltern kam, und hörte, daß ich ———— 93 ſo unglücklich geweſen, zu ſpät zu kommen, wollte ich ſo⸗ gleich eilen, allein, indem ich dies thun wollte—“ „Kam der Herr Finanzrath Leiſegang und nahm Sie in Beſchlag.“ „Ja, in der That,“ ſagte er, freudig aufathmend über ihren Beiſtand.„Sie wiſſen alſo ſchon—“ „Daß der Herr Finanzrath größere Rechte und An⸗ ſprüche auf Ihre Geſellſchaft zu machen hat, als ich,“ antwortete ſie.„O, ich bitte, entſchuldigen Sie ſich nicht weiter.“— „Er hat auf meine Geſellſchaft ſehr wenig Anſprüche zu machen, denn wir haben uns niemals allzu häufig ge⸗ ſehen,“ fuhr Wilhelm überzeugend ruhig fort,„allein geſtern— ſein Onkel iſt plötzlich geſtorben.“ Dieſe Nachricht verſöhnte Madame Petermann. „Wenn das der Fall iſt, ja, dann konnte es allerdings nicht anders ſein,“ ſagte ſie.„Alſo der Geheimrath iſt todt. Ich gönne es eigentlich dieſem Herrn Finanzrath nicht, denn er wird gewiß ſehr viel erben.“ „Viel Geld, ohne Zweifel. Aber kann man damit Liebe Paufene ie Art, wie er ſie bei dieſen Worten anblickte, brachte widerſprechende Empfindungen bei Madame Peter⸗ mann hervor.„Erkaufen muß man Liebe nicht, das wäre abſcheulich,“ antwortete ſie,„allein Geld iſt nothwendig, 94 und wer es beſitzt, wird damit immer im Stande ſein, den Gegenſtand, den er ſich auserwählt, noch mehr zu beglücken.“ „Sie haben Recht,“ ſagte er lebhaft.„Geld iſt eine Alles bezwingende Macht.“ „Aber man muß auch dankbar ſein.“ „Dankbar bis an's Ende.“ Die ſchöne Wittwe nickte ihm vertraulich zu.„Nun, wir wollen ſehen,“ ſagte ſie lächelnd,„doch Strafe muß ſein. Da Sie mich vergebens warten ließen, ſollen Sie ebenfalls warten. Ich werde meinen Beſuch machen und bin heute Abend bei einer Freundin verſagt. Morgen aber bin ich zu Hauſe, und wenn Herr Frohlieb nicht wieder von unüberwindlichen Abhaltungen befallen wird, wollen wir alle Rechnungen in Ordnung bringen.“ So verließ ſie ihn mit vielſagenden Blicken. De⸗ müthig nahm er Abſchied, als ſie in ein nahes Haus trat, und floh dann, gejagt von der Furcht, daß ſie ihn zurück⸗ rufen könnte, um die nächſte Biegung der Straße. Auch hielt er in ſeinem eiligen Laufe nicht eher ein, bis er die Wohnung ſeiner Eltern erreicht hatte. 5 Herr Daniel Frohlieb ſtand dort in der Mitte ſeiner Stube. Er hatte einen blauen Frack mit blanken Knöpfen angezogen, deſſen ſpitze Schöße weit über ſeine Kniekehlen reichten. Ein ſchwarzes Sammetkäppchen bedeckte ſein 9⁵ Haupt, die linke Hand hielt er in der Hoſentaſche, in der Rechten dampfte das Cigarrenpfeifchen. So ſtand der würdige Rentier mit geſpreizten Beinen, tiefſinnigen Be⸗ trachtungen nachhängend, und drehte ſich langſam, dann lebhafter um, als er das Geräuſch vernahm und darauf ſeinen Sohn bemerkte.„Na, da biſt Du ja, mein Junge,“ rief er ihm entgegen.„Sapperment! ich bin zweimal bei Dir geweſen im Geſchäft, nicht zu Hauſe; bin beim Vetter Hartfeld geweſen, auch nicht zu Hauſe, und das Fräulein Tochter krank. Was iſt denn alſo los mit Deinen Grund⸗ Vſätzen, daß wir warten können, bis wir ſchwarz werden, vor unterdrückter Neugier? Wie? Oder weißt Du nichts?“ „Ich weiß Alles,“ ſagte Wilhelm. „Alles iſt nichts, gar nichts, denn Alles kann Keiner wiſſen, alſo weiß er nichts. Was weißt Du alſo? Weißt Du, daß der Geheimrath todt iſt?“ „Ja, Vater. Wo iſt meine Mutter?“ „Na, wo ſoll ſie ſein! In der Küche, wo eine Frau um dieſe Zeit ſein muß, wenn die Magen ſchief hängen. Aber dieſes iſt mein ſtilles Bedenken, Wilhelm. Es ſage mir Keiner: Ach! was Gründe! Komme mir nicht mit Gründen, wie es Deine Mutter thut. Denn Frauen halten nun einmal nicht viel von Gründen, weil ſie immer nach ihren Einfällen handeln, und Deine Mutter hat ſich dieſen Einfall in den Kopf kommen laſſen, der, wenn ich 96 ihn nicht geradezu einfältig nennen will, denn das wäre grob, doch jedenfalls in ſeinen Urſachen falſch berechnet wurde. Alſo, was kann es mir helfen, wenn ich eine Frau habe, und es iſt Mittag, und ich ſage: was haſt Du ge⸗ kocht, Frau? und ſie antwortet mir: Ich weiß es wirklich nicht, wir wollen uns einmal bei der Köchin erkundigen. Aber, liebſter Daniel, ich habe unterdeſſen Franzöſiſch und Engliſch geleſen, und will Dir eine ganze Oper aus⸗ wendig vorſpielen. Oder, wenn ich nun ſage: Frau, heute wollen wir einen friſchen Spaziergang machen, und ſie er⸗ wiedert: Dieſes geht leider nicht, wenn Du ſpazieren gehen willſt, mußt Du allein gehen.“ „Alle Wetter, Willem!“ fuhr Herr Frohlieb heftig fort, nachdem er ſein ſchwarzes Käppchen umgedreht und ſeinen Sohn betrachtet hatte, der ſtill in der Sophaecke ſaß.„Immer und ewig allein gehen, ohne ſeine Frau an den Arm zu nehmen, und ſo recht luſtig unter die blühenden Bäume ſpringen, und wenn die Nachtigallen ſingen, mit ihr eine Landpartie machen. Dieſes könnte mir nicht ſehr gefallen, und dann ſchwächlich und krank im Bette liegen, von wegen aufgeregter Nerven, wie ſie es jetzt nennen. Ohl! Siehſt Du wohl, Wilhelm, dergleichen waren meine Gedanken, als ich hier ſtand, wie Du eintrateſt, und ich frage nun, ob das nicht Gründe ſind? Und ich frage nun, welche Urſachen man zu betrachten hat, und ſehe durchaus 97 nicht ein, weshalb man nicht bei ſeinen Grundſätzen noch immer ſtehen bleiben kann? Ehe ich kaufe, probe ich, ver⸗ gleiche die verſchiedenen Sorten reiflich, und treffe dann meine Wahl. Es kommt viel auf's Deckblatt an, Wilhelm. Ich ſage Dir, mein Junge, das Deckblatt iſt die Haupt⸗ ſache, wenn Deine Mutter auch ſagt, auf die Einlage muß der Menſch ſehen. Ein ſauberes, feines Deckblatt deckt alle anderen Fehler zu, und wenn die Einlage auch nicht ganz ſo iſt, wie ſie ſein ſollte, ſo iſt der Artikel doch an⸗ genehm, und eine Freude für's Auge.“ Wilhelm hatte die Hand über ſeine eigenen Augen gelegt, ſein Vater hörte ihn vernehmlich ſeufzen. „Na, es iſt ja noch nicht ſo weit, mein Junge,“ ſagte er tröſtend.„Es iſt ja noch immer Zeit zum Probiren, und darum noch nicht verzagt, nur nicht lange gemacht, ſondern nach Grundſätzen feſt geſtanden, wie ein Mann.“ — Hier richtete ſich Herr Frohlieb energiſch auf, trat dann näher und legte ſeine Hand auf ſeines Sohnes Kopf. „Ich ſage Dir, Willem,“ begann er etwas leiſer,„höre Du auf Deinen Vater, der immer nach Gründen handelte, alſo auch ſeine geſunde Leber beſaß, die ihn froh durch's Leben begleitete. Einundſiebenzig Jahre zu Oſtern!“ ſchrie er, ſtolz auf ſeine Bruſt ſchlagend,„und was für'n Kerl noch! Alles von wegen richtiger Grundſätze. Und darauf kannſt Du Dich verlaſſen, mein Junge, ich habe immer 1859. IV. Täuſchung und Wahrheit. 7 98 nach dem Deckblatt geſehen. Wenn's bei Deiner Mutter nicht appetitlich geweſen wäre, ich hätte ſie nicht auf's Lager genommen, wäre die Einlage auch vom feinſten Havannah geweſen.“ 3 Hier wurde Herr Frohlieb unterbrochen, denn die Stimme ſeiner Gattin ſchallte ſchreckend in ſeine Ohren. Die kleine Frau war ſachte herein gekommen, und ihr Ge⸗ ſicht war vom Feuer geröthet, in der Hand hielt ſie einen Löffel. Ihr Leib war mit der häuslichen, weißen Schürze bedeckt, ihre Haube ein wenig verſchoben. So ſtand ſie mit eingeſtemmten Armen und trotzigem Geſicht.„Das iſt ja eine allerliebſte Unterhaltung zwiſchen Vater und Sohn!“ rief ſie.„Was haſt Du wieder angebracht, Daniel? Mich hätteſt Du nicht genommen, erzählſt Du ihm?“ Herr Frohlieb machte in ſeiner Verlegenheit eine zärtliche Bogenſchwenkung und eilte der kleinen Frau damit entgegen.„Ob ich Dich genommen hätte!“ ſchrie er,„das verſteht ſich. Es war ein edles Gewächs, wohl⸗ gepflanzt und reif, und ſo angemeſſen nach meinen Grund⸗ ſätzen—“ „Ach, dummes Zeug!“ unterbrach ſie ihn, ihren Löffel ſchwenkend,„höre endlich damit auf. Laß den Wilhelm gehen, wohin ihn ſein Herz zieht, er wird ſich von Dir doch nicht bekehren laſſen.“ — 99 „Ein Vater, Mamachen, hat jedoch die Pflicht, ſeinen Sohn zu ermahnen, allemal mercantiliſch zu bedenken, was er für Geſchäfte abſchließt.“ „Kehre Dich nicht an ſolche Redensarten, Wilhelm,“ fiel die kleine Frau ein.„Es iſt ja die größte Ehre für uns. Ein hoch angeſehener Mann, und dabei Alles da, um glücklich zu ſein. Obenein unſer leiblicher Vetter und das einzige Kind—“ „Aber das Deckblatt!“ ſchrie Herr Frohlieb da⸗ zwiſchen.„Was kann das Alles helfen, wenn das Deck⸗ blatt defect iſt!“ „Mein Gott! dieſer Vater, danach ſieht er!“ ant⸗ wortete die kleine Frau, ihre Hände ausſtreckend;„damit ängſtigt er ſeinen eigenen, einzigen Sohn. Kehre Dich nicht daran, Wilhelm. Ein Herz, das liebt, ſieht auf das Innere, dadurch wird Alles ſchön.“ „Es iſt gut,“ ſagte Herr Frohlieb,„ſehr gut, Mama. Nehmen wir dieſe Gründe wirklich an, ſo können wir doch nicht in Abrede ſtellen, daß auch Thereschen ihre inner⸗ lichen Vorzüge hat, denn ſie iſt ſparſam und häuslich, angenehm und lieblich.“ „Das iſt nicht wahr!“ unterbrach ihn die kleine Frau.„Geld hat ſie, weiter nichts, als Geld, aber was Bildung anbelangt— und Bildung iſt doch die Haupt⸗ ſache für einen Mann, wie Wilhelm iſt.“ 7* 100 „Dieſes möchte ich bezweifeln, Mama,“ verſetzte Herr Frohlieb. „Kehre Dich nicht an ihn, Wilhelm!“ ſchrie die— kleine Frau, indem ſie ihre Hand auf ihres Sohnes Schulter legte.„Geld macht nicht glücklich, und Du haſt nicht nöthig, darauf zu lauern. Wenn's auf Geld ankommt, hat Julie am Ende noch mehr, als dieſe ausgeputzte Ma⸗ dame. Was ſind ihre fünfzigtauſend Thaler gegen Vetter Hartfeld!“ 3 „Aber es iſt mercantiliſch richtig,“ ſagte Herr Froh⸗ lieb von der andern Seite, indem er ebenfalls auf ſeines Sohnes Schulter klopfte, der geduldig ſtill hielt—„ich ſage, es iſt ſogar in der Bibel mercantiliſch anerkannt, daß ein Sperling in der Hand beſſer iſt, denn die Taube auf dem Dache.“ „Es iſt auch ein Sperling,“ ſchrie die Mama gereizt, „gerade ſo kommt ſie mir vor, ſo eitel, ſo eingebildet, ſo habgierig. Julie dagegen iſt wie ein Täubchen, ſo ſanft, ſo zart, ſo liebevoll. Bleib' Du bei Julien, mein Sohn, denn ſie liebt Dich, und der Vetter verehrt Dich, und es iſt eine Ehre für uns Alle. Dein Vater, was er auch reden mag, wird ſich endlich am allermeiſten freuen, wenn die Hochzeit da iſt.“ „Hochzeit, mit wem?“ fragte Wilhelm leiſe.. „Mit wem? Mit Julien.“ 101 „Niemals!“ ſagte er, vor ſich hinſehend. „Es iſt ja nur aufgeſchoben. Der Vetter will es ja, er weiß es ja.“ „Aber ſie will mich nicht, Julie nicht,“ erwiederte er, indem er aufſtand und mit äußerſter Faſſung in Geberden und Worten die Hände ſeiner Eltern ergriff,„Meine Hoffnungen haben ihr Ende gefunden,“ ſagte er,„Julie hat mir vor einer Stunde erklärt, daß ſie nicht meine Frau werden könne. Ihr Vater hatte mich an ſie gewieſen, die Sache iſt alſo aus— völlig aus, Mutter— ich bitte Euch, laßt uns wenigſtens in der nächſten Zeit darüber ſchweigen. Ihr könnt wohl denken, daß Zeit nöthig iſt, um die wunde Stelle in meinem Herzen zu heilen. Wun⸗ den müſſen nicht berührt werden.“ Der Ton, in welchem er dies ſagte, war ſo ſtolz und männlich, daß er ſeine Wirkung nicht verfehlte. Der Unglaube der kleinen Frau brach ſich daran, ſie ſah wohl, daß es Ernſt war, und ihr gutmüthiges Geſicht drückte den Schmerz aus, den ſie über den Kummer ihres Sohnes noch mehr, als über die plötzliche Vernichtung ihrer eigenen Hoffnungen und Entwürfe empfand. Anders war es dagegen mit Herrn Frohlieb, der zwar auch vor Ueber⸗ raſchung den Mund weit aufmachte, im nächſten Augen⸗ blicke jedoch einen lebhaften Triumph nicht unterdrücken konnte.„Das hat ſie geſagt?“ ſchrie er.„Sie kann 10² Deine Frau nicht werden? Aus welchen Gründen iſt ihr dieſes Bewußtſein gekommen?“ „Weil ſie, gebrechlich und ſchwächlich, wie ſie iſt, nicht glaubt, mich glücklich zu machen, nicht will, daß ich, wie ſie ſagt, mich an ihr Elend feſſele.“ „Siehſt Du wohl, Wilhelm,“ rief Herr Frohlieb, ſchwankend zwiſchen Freude und Theilnahme,„dieſes ſind dieſelben Grundſätze, welche ich Dir vorlegte.“ „Mich an ihr Elend feſſeln!“ fuhr der junge Mann, mit ſeinen Gefühlen kämpfend, fort.„Ich habe nie be⸗ merkt, daß ihr ein Gebrechen anklebt. Niemals würde ich eine Laſt empfunden haben.“ Die kleine Frau legte ihren Arm um ihn, und wäh⸗ rend ſie ihn küßte und drückte, liefen große Thränen über ihre Backen. Das Mutterherz empfand das Weh, das auf ſeinen Lippen zitterte; tröſtend ſagte ſie mit leiſer Stimme:„Ach! die gute Seele, das gute Kind! Aber ſei nur geduldig, Wilhelm. Es hat Manche ſchon Nein ge⸗ ſagt, und zuletzt iſt doch ein Ja daraus geworden.“ „Niemals wird ein Ja daraus werden, Mutter,“ antwortete er mit einem Seufzer,„ich darf nicht länger daran denken, und bitte Euch herzlich, ſchweigt gegen Jeden darüber.“ „Aber was ſagt denn der Vetter?“ fragte die kleine 103 Frau betrübt.„Er war doch ſeiner Sache ſo gewiß, und ein Vater kann viel thun.“ Wilhelm blickte ſtill vor ſich nieder.„Er hat gethan, wie es Recht war, ich kann's nicht tadeln,“ erwiederte er dann.„Wenn vielleicht Verhältniſſe eintreten“— ein ſchmerzliches Lächeln glitt über ſein Geſicht—„Doch nein! auch das kann nichts ändern. Mag Iulie glücklich werden, das iſt Alles, was ich ihr wünſche.“ Sechstes Capitel. Nach einer Woche war der Geheimrath begraben, und ſein Neffe hatte als legitimirter Erbe von der Hinter⸗ laſſenſchaft Beſitz genommen. In einer demnächſt ange⸗ ſtellten Auction wurde der allergrößte Theil des Hausrathes verkauft, und damit Platz für die neuen Ausſchmückungen und Einrichtungen gewonnen, mit denen der Finanzrath ſich beſchäftigte. Die verſchiedenen Sammlungen wurden geordnet und Kataloge angelegt. Es dauerte nicht lange, ſo erhielt Leiſegang auch die Zuſicherung des Miniſters, das Herbarium anzukaufen und den geforderten Preis zu bewilligen. In gleicher Weiſe glückte es ihm mit der großen Bibliothek, die den werthvollſten Theil der Bücher nahm und hoch bezahlte, und eben ſo vortrefflich lief es endlich mit den Gemälden und Kunſtraritäten ab, welche meiſt über ihren Werth veräußert wurden. Der Kriegsrath 105 Hartfeld kannte alle Kunſtfreunde und Liebhaber, wußte die Wege und Mittel, um deren Begierden anzuregen, und war unermüdlich thätig, den Finanzrath zu unter⸗ ſtützen. Dabei kaufte er ſeloſt mehrere Bilder und bezahlte ſie theuer, denn es fiel dem Finanzrath nicht ein, groß⸗ müthig zu lohnen. Dergleichen war durchaus gegen ſeine Natur, und obwohl er ſeinen Plan nicht aufgegeben hatte, Julien nächſtens einen Heirathsantrag zu machen, glaubte er doch keinerlei Verpflichtung zu haben, um deſſentwegen ihrem Vater koſtbare Geſchenke zu verehren. Er fand, daß, wenn Hartfeld etwas von ihm erſtehe, dies überhaupt kein Abkauf, ſondern nur ein gegenſeitiger, zeitweiliger Tauſch ſei. Hartfeld gebe ihm Geld, das ſpäter doch in ſeine Hände kommen würde, und er leihe ihm dafür Bilder, die ebenfalls zu ihm zurückkehren müßten. In ähnlicher Weiſe fand er ſich damit ab, daß er ſeinem Freunde Wilhelm, der die Bücher ordnete und Kataloge durch ſeine Gehülfen machen ließ, keinerlei Lohn dafür anbot.„Wilhelm würde doch nichts dafür anneh⸗ men,“ ſagte er ſich,„denn es ſei ein Freundesdienſt.“ Allerdings gab es einige baare Auslagen dabei, doch dieſe hatten wenig zu bedeuten, und da Wilhelm's Eltern einen billigen Miethzins in ſeinem Hauſe entrichteten, der längſt hätte erhöht werden ſollen, ſo konnte der Sohn wohl ein paar Thaler einbüßen. 106 Auf dieſe Weiſe bezahlte der Finanzrath Alles mit ſeinem Dank und mit den Verſichexungen, daß er gern zu allen Gegendienſten bereit ſei. Genau war er immer ge⸗ weſen, jetzt, wo er noch viel wohlhabender geworden, als bisher, ging es ihm wie den meiſten Geizigen, d. h. mit dem Beſitz wuchs das Verlangen, jenen immer weiter zu vermehren. Während der Tage, wo Wilhelm die Bücher⸗ ſchränke ordnen ließ, war er häufig Zeuge mancher ab⸗ ſchreckenden Züge dieſes Geizes, der zuweilen auch ſeine lächerliche Seite herauskehrte, und endlich war Frohlieb ſehr zufrieden, als er ſein Verſprechen erfüllt hatte, denn über Manches hätte er zornig werden mögen. Noch am letzten Tage gab es Gelegenheit, dies lebhaft zu empfinden und den Entſchluß zu befeſtigen, eine vermehrte Trennung eintreten zu laſſen. Der alte Diener und die alte Haus⸗ hälterin des Geheimraths waren in dem Teſtaments⸗ entwurfe mit mäßigen Summen bedacht worden, und in der erſten Aufregung hatte der Finanzrath ihnen auch feierlich zugeſichert, daß er ſeines Onkels Willen getreulich erfüllen werde. Bald jedoch ſchien ihm dies leid zu ſein, und wenn Hartfeld ſich nicht in's Mittel gelegt hätte, würden die Invaliden nichts bekommen haben. Der wür⸗ dige Kriegsrath ließ ſich nicht irre machen, als Leiſegang behauptete, die beiden alten Subjecte hätten jedenfalls ſeinen Onkel um ſo viel betrogen, daß ſie bis an ihr 107 Lebensende vergnüglich damit auskommen könnten; er widerlegte dieſe Anſichten, indem er ſich für die Redlichkeit der beiden greiſen Leute verbürgte, und brachte es endlich wirklich dahin, daß der Finanzrath nachgeben mußte. „Ich hätte es durchaus nicht nöthig,“ ſagte dieſer darauf zu Wilhelm,„denn ich bin auf keinen Fall ver⸗ pflichtet, und habe Ausgaben genug, allein ich mag den Kriegsrath nicht erzürnen. Es iſt eine übel angebrachte Großmuth, aber gäbe ich es nicht, würde er es thun, das lag in ſeinen Antworten, und da, was er giebt, mir doch entzogen wird, ſo iſt es zweckmäßiger, ich gebe es ſelbſt.“ „Iſt denn das ſchon ſo gewiß?“ fragte Wilhelm, ohne mit Schreiben einzuhalten. „Ich weiß nicht, warum Du zweifelſt,“ erwiederte Leiſegang.„ch habe Dir ſchon einmal Antwort darauf gegeben.“ „Du biſt jetzt oft beim Kriegsrath.“ „Täglich. Er will, daß ich während dieſer erſten Zeit ſein Gaſt ſei; warum ſollte ich dieſen Wunſch nicht erfüllen?“ „Julie!“ murmelte Wilhelm. „Was iſt mit ihr?“ „Iſt ſie wohl?“ „Warum kommſt Du nicht und überzeugſt Dich 108 davon? Verlaſſe ſich Einer auf ſeine Freunde, beſonders wenn dieſe von ſchönen Wittwen feſtgehalten werden!“ „Mich hält keine.“ „Nicht? Wann haſt Du ihr zum letzten Mal die Hand gedrückt?“ „Das iſt lange her.“ „Wirklich? Habt Ihr Euch gezankt?“ „Auch dazu iſt kein Grund.“ „Alſo völlig gleichgültig?“ „Vollkommen.“ „Das giebt die beſte Ehe,“ lachte Leiſegang.„Trinke Dein Glas aus, Wilhelm, und nimm noch eins. Meines Onkels Moſelwein ſoll uns noch oft erfreuen. Was aber Deine Wittwe betrifft, ſo iſt ſie allerdings etwas einfältig und langweilig, dabei auch, wie ich gehört habe, eigen⸗ ſinnig und eitel; Du wirſt ſie aber dennoch heirathen müſſen.“ „Warum?“. „Aus dem mercantiliſchen Geſichtspunkte genommen, wie Dein Vater ſagt,“ lachte der Finanzrath.„Es wäre offenbar doch noch viel einfältiger, wenn man fünfzig⸗oder ſechzigtauſend Thaler von ſich ſtoßen wollte, wegen einiger Langweiligkeit oder Eigenſinn der hübſchen Beſitzerin.“ „Wie mein Vater ſagt: Das Deckblatt iſt gut,“ murmelte Wilhelm. 109 Der Finanzrath lachte laut auf.„Dein Vater iſt ein koſtbarer alter Burſche, aber ich gehe noch weiter. Mag's Deckblatt ſein, wie es will, und die Einlage oben⸗ drein ihre Mängel haben, die Hauptſache iſt und bleibt der metallreiche Nachgeſchmack. Sage mir nichts von er⸗ habenen, poetiſchen Anſchauungen, es iſt, bei Lichte betrachtet, doch nichts als Phantaſterei. Man muß es mit dem Reellen halten, und damit ſich zufrieden geben.“ „Du verlangſt alſo nichts als Geld?“ „O allerdings, ich verlange mehr. Schande will ich nicht haben, man ſoll nicht mit Fingern auf mich zeigen; im Uebrigen aber“— er trank ſein Glas aus, legte den Kork der leeren Flaſche vorſorglich in den Tiſchkaſten und wiſchte ein paar naſſe Fleckchen von der Platte.„Wenn ich meine Abſichten ausführe und Julie Hartfeld heirathe, werden ſich manche Leute wundern,“ ſagte er dann,„daran werde ich mich aber gar nicht kehren. Ich habe mir dieſe Sache lange überlegt, und ehe noch mein ſeliger Onkel ſie mir empfahl, ſtanden meine Entſchlüſſe ziemlich feſt. Es iſt allerdings wahr, daß ich vielleicht eine ſogenannte brillantere Partie machen könnte, als die Tochter eines Kriegsraths, vielleicht die Tochter eines Präſidenten, oder die Nichte eines Generals, oder dergleichen; gewöhnlich iſt da aber wenig oder gar kein Vermögen, doch um ſo größere Anſprüche zu finden. Julie iſt äußerſt anſpruchslos, ihr 110 Körper eignet ſich nicht dafür, ſich glänzend zu putzen und vergnügungsſüchtig zu ſein. Mir iſt ihr kleines Gebrechen ſogar lieb, es verbürgt mir eine häusliche Frau, und das wird ſie gewiß ſein, denn ich habe bemerkt, daß ſie Ord⸗ nung hält, immer eine Arbeit in der Hand und die Augen doch überall hat. Hartfeld hat mir das beſtätigt, er lobt ſie mit gutem Grund als eine äußerſt ſparſame und genaue Haushälterin.“— „Der ländliche Aufenthalt iſt ihr ſehr wohlthätig geweſen,“ ſagte Wilhelm. „Und ſeit ſie wieder in der Stadt iſt, führt ſie das häusliche Regiment und Buch und Rechnung, wie es mir ſcheint, nicht ganz zur Zufriedenheit ihres Vaters.“ „Ich habe das nie bemerkt.“ „Aber ich, zu meinem Wohlgefallen, und ich wollte, es wäre noch weit mehr der Fall.“ Sie macht Einſchrän⸗ kungen, paßt ihm auf die Finger und übt eine größere Macht über ihn aus, als er glaubt. Jetzt, wo ich ein täglicher Gaſt bin, kann ich es gut beobachten. Der Kriegs⸗ rath iſt ein würdiger Freund meines Onkels. Sie lebten Beide gern gut, aßen gern das Beſte und thaten den beſten Trunk dazu, nur mit dem Unterſchiede, daß mein Onkel ſich am liebſten einladen ließ, der Kriegsrath gern einlud. Mein Onkel würde ſich jedoch höchlichſt verwundern, wie ſchnell ſich die vortreffliche Suppe verſchlechtert hat, wohin 111 die feinen Gemüſe und Gerichte gekommen ſind, wie einfach es überhaupt jetzt hergeht. Es liegt nicht an dem guten Hartfeld; man ſieht es ihm an, dieſe Einfachheit behagt ihm nicht ſonderlich, aber Julie ſetzt es durch, und das freut mich. Sie hält darauf, daß geſpart wird, das iſt mir ſehr lieb.“ Indem er dies ſagte, trat Hartfeld herein und führte ſeine Tochter am Arme. Leiſegang eilte ihnen entgegen, und Frohlieb unterbrach ſeine Arbeit und folgte ihm nach. Es war das erſte Mal, daß er Julien wiederſah. Ihr Vater hatte zeither öfter mit ihm geſprochen, doch niemals allein, und nie hatte er durch ein Wort oder durch einen Wink an die trübſelige Stunde erinnert. Er war ſo wohl⸗ wollend wie immer, und that, als hätte er den Auftritt gänzlich vergeſſen. Ein beklemmendes Gefühl kam dann jedesmal über Wilhelm, und doch war er ihm dankbar dafür, nicht an Vergangenes und Verlorenes erinnert zu werden. Daſſelbe Gefühl überkam ihn jetzt, als er Julien anblickte, die ſich ihm, wie es ſchien, mit völliger Unbe⸗ fangenheit näherte. Wie er es gewohnt war, bot ſie ihm die Hand, ſagte ihm einige freundliche Worte, erkundigte ſich nach ſeinen Eltern und ſprach dann mit dem Finanz⸗ rath weiter, der ihren Vater ablöſte, indem er ſie durch die verödete, große Wohnung führte. Julie ſtützte ſich auf ſeinen Arm, Frohlieb folgte mit 112 dem Kriegsrath nach. Er konnte in ihr Geſicht ſehen, und dies um ſo weniger vermeiden, da ſich ihre Fragen zuweilen auch an ihn richteten; aber er wunderte ſich freilich darüber, daß er ſie wohler ausſehend fand, als er es vermuthete. Der leidende Zug um ihren Mund trat viel weniger als ſonſt hervor, ihre Farbe war nicht ſo bleich, ſie hatte ſogar einen friſcheren Hauch, und ihre ſanften, ſchönen Augen, in denen ſo viel Ernſt und Milde ſich vereinigten, blickten freudiger, als dies oft ſchon der Fall geweſen. Dieſe Bemerkung erregte ſehr verſchiedene Empfin⸗ dungen in Wilhelm. Es war ihm lieb, Julien ruhig und ſelbſt heiter geſtimmt anzutreffen, und doch that es ihm heimlich weh. Es war, als rege ſich gar nichts in ihr bei ſeinem Anblick und in ſeiner Nähe, als ſähe ſie mit der Freundlichkeit, die man einem Bekannten zuwendet, über ihn fort, ohne ſich mit größerer Theilnahme zu belaſten, und ohne ſich in anderen Gedanken und anderen Intereſſen von ihm ſtören zu laſſen. Dieſe Wahrnehmungen waren fbnrertlich, und was er dagegen auch entſchuldigend einwenden mochte, konnte nicht verhindern, daß ſeine innere Verdüſterung und Trauer ihm Herz und Lippen mehr als je zuſammenpreßten. Um ſo mittheilſamer war Leiſegang, deſſen frohe Laune fortgeſetzt zunahm, je mehr er ſie zu zeigen ſuchte. — Er führte Julie überall umher, damit ſie ſähe, was er 113 ändern und verbeſſern laſſen wollte. Sie mußte Tapeten ausſuchen helfen, von denen eine Menge Muſter bereit lagen, dann mußte ſie ihren Rath über einige neue Ver⸗ bindungsthüren ertheilen, und über neue Möbeln, Vor⸗ hänge und innere Einrichtungen. Leiſegang zeigte ihr dann, wo ſeiner Meinung nach am beſten ſein Arbeitszimmer, die Wohnzimmer, Geſellſchaftszimmer und Schlafzimmer ſein müßten, und beſtritt ihre Einwände, bis er ſich über⸗ zeugen ließ. 3 „Man wird in einiger Zeit dieſe Wohnung gar nicht wiedererkennen,“ ſagte Hartfeld.„Sie iſt ſehr ſchön und geräumig. Es bleiben auf der andern Seite noch mehrere Zimmer übrig, welche ganz überflüſſig ſind.“ „Nicht doch!“ erwiederte der Finanzrath.„Das ſind die allernöthigſten, und ſie ſollen auf's Reichſte ausge⸗ ſchmückt werden, denn ſie haben die ſchönſte Beſtimmung.“ Er wandte ſich zu dem Kriegsrath um, ſah ihn be⸗ deutungsvoll lächelnd an und fuhr dann fort:„Sie wiſſen ja, was meines Onkels letzter Wunſch war, ich darf ihn alſo nicht außer Acht laſſen. Dieſe Zimmer ſoll meine zukünftige Frau bewohnen, und eben dieſe Tapeten, welche Fräulein Julie ausgewählt hat, ſollen dorthin kommen. Oder, was meinen Sie, Fräulein Julie, müſſen wir andere nehmen?“ 1859. IV. Täuſchung und Wahrheit. 8 114 „Ich habe nach meinem Geſchmack gewählt, Herr Finanzrath,“ erwiederte das Fräulein. „Und einen beſſern giebt es nicht!“ rief er, ihre Hand küſſend.„Aber da iſt ja unſer Freund Wilhelm, der uns auch mit ſeinem Rathe unterſtützen kann, da er nächſtens in derſelben Lage ſein wird, Tapeten zu kaufen und zu wählen und häusliche Einrichtungen zu treffen.“ „Ich wüßte in der That nicht,“ erwiederte Frohlieb; aber ehe er etwas hinzufügen konnte, fuhr der Finanzrath fort:„Ein Bräutigam muß natürlich ſein Haus beſtellen, und wenn die ſchöne Braut namentlich Pracht und Glanz liebt, darf er es an zarter Aufmerkſamkeit nicht fehlen laſſen.“ „Wenn es ſich ſo verhält,“ ſagte Hartfeld, dem, wa er hörte, Freude zu machen ſchien,„wollen wir auf's Herzlichſte Glück wünſchen.“ „Ich kann keine Glückwünſche annehmen,“ verſetzte Wilhelm erglühend. „Aber Freund, wir ſind ja ganz unter uns, warum willſt Du mich Lügen ſtrafen!“ rief Leiſegang, laut lachend. „Wir heirathen an einem Tage, das iſt zwiſchen uns ab⸗ gemacht. Ich verrathe nichts, aber eine junge, ſchöne, reiche Wittwe iſt eine ſo liebliche Verrätherin, daß es nur Neid erregen kann, wenn der Fall eintritt.“ Frohlieb näherte ſich ihm und faßte ſeinen Arm. 115 Sein ganzes Geſicht war dunkelroth.„Halt ein mit Dei⸗ nen unbeſonnenen Worten,“ ſagte er.„Thue mit Deinen eigenen Herzensſachen, was Du willſt, für meine Ange⸗ legenheiten jedoch laß mich ſelbſt Sorge tragen. Darum muß ich bitten.“ „Du wirſt doch Scherz verſtehen!“ erwiederte der Finanzrath. „Ich liebe keinen Scherz auf meine Koſten,“ ant⸗ wortete er in trockener Weiſe, und damit verließ er das Zimmer. Er hörte wohl, daß Leiſegang ihm verſöhnliche Worte nachrief, und der Kriegsrath begütigend ſich damit vereinte, aber er kehrte ſich nicht daran, nahm ſeinen Hut und ging ſchnell fort, damit Niemand etwa ihn aufhalten möchte. Eine Zeit lang war er empört über das Benehmen ſeines Freundes, der mit ſolchem Leichtſinn ſich erlaubte, ihn bloß zu ſtellen. Auf's Tiefſte empfand er die falſche Stellung, in welche er dadurch zu Julien und ihren Vater gerathen war. Was ſollten ſie von ihm denken und nun glauben? Vor Kurzem noch ſchien er einen wahren Lebens⸗ ſchmerz über Julien's ablehnende Antwort zu empfinden, und nun ſchon getröſtet, nun ſchon Bräutigam! Mit dieſer Vorſtellung verband ſich aber noch eine andere, die ihm neue Dornen in ſein Herz drückte. Als Leiſegang ihn mit ſeinen unerwarteten Ausplaudereien in Verwirrung ſetzte, 8* 116 hatte er Julie voller Entrüſtung angeblickt. Sie mußte die Wahrheit in ſeinen Augen leſen, die mit unwider⸗ ſtehlicher, zorniger Ehrlichkeit Alles abläugneten; allein er hatte keine Macht mehr über ſie. Wie ihr Vater lächelte ſie, und wie ihm, ſchien ihr, was ſie hörte, Freude zu machen. Kein Zeichen, daß ſie ſich betrübe, kein Zeichen eines Reſtes jener Liebe, die, wenngleich entſagend und hoffnungslos, doch das Weh einer ewigen Trennung bei ſolcher Nachricht fühlt. Sie fühlte nichts davon, und zum erſten Male ſprang in ſeinem Kopfe der Gedanke auf, er ſei betrogen worden, es ſei Alles abgeredet und abgemacht geweſen. Seine plötzliche Zurückweiſung beruhe auf einer wohl durchdachten Berechnung. Leiſegang war reich, er ging einer glänzenden Zukunft entgegen. Sein Onkel hatte dieſe Verbindung gewünſcht, Julien ein Legat vermacht und ihr Vater war ein kluger Mann, trotz aller ſeiner würdigen, edlen Grundſätze und hochachtbaren Redlichkeit. Dieſer Todesfall hatte Alles verändert, eine Nacht genügte, um Liebe und Treue ſterben und verderben zu laſſen. Julie hatte unter ihres Vaters Anleitung gerechnet, es war nicht anders möglich. Ohl er hatte heute in ihren Augen ge⸗ leſen, was Leiſegang zu hoffen hatte, und daß er ſelbſt keinen Platz mehr neben ihm fand. Der Schmerz, den er darüber fühlte, wurde von Zorn und bitteren Vorwürfen geſchärft, dann von ſeinem männlichen Stolz bekämpft, 117 bis ſeine Vorſtellungen milder und kummervoller wurden. Zunächſt war es ihm vorgekommen, als habe Leiſegang abſichtlich ſo gegen ihn gehandelt, vielleicht planmäßig mit Wiſſen des Kriegsraths, um Julien zu zeigen, wie un⸗ würdig er ihrer Liebe ſei; allein bei näherer Betrachtung wurde es ihm immer gewiſſer, daß Leiſegang auch jetzt nichts von dem, was vorgegangen, wußte, nicht ahnte, welch ein gefährlicher Nebenbuhler er ihm geweſen ſei. Er war eitel genug, dies übel zu nehmen, und boshaft genug, um ſich durch Spott zu rächen, doch er wußte ſicher nichts davon, ſonſt hätte er nicht bis jetzt geſchwiegen. Es war unüberlegtes Geplauder, oder er wollte ſeine eigenen Abſichten damit verbrämen, das Heirathen anempfehlen, allerlei Winke über ſeine Abſichten einmiſchen.— Bedrückt von ſeinem Nachſinnen ging Wilhelm eine Zeit lang durch die dämmernden Straßen, und endlich, als er ruhiger ge⸗ worden, zu ſeinen Eltern, aber er hätte ſich gern unbemerkt wieder zurückgezogen, wenn dies möglich geweſen wäre. Eben ſteckte ſein Vater den Kopf zur Thüre heraus, und gleich hatte er ihn gepackt und zog ihn hinein.„Da iſt er ja, wie er leibt und lebt!“ ſchrie er.„Sie haben Recht, Thereschen. Meiner Seele! Sie haben ein Gehör, davor kann man ſich in Acht nehmen. Wenn eine junge Frau auf dieſe Weiſe hört, iſt ihr kein X für ein U zu machen. Stelle Dir vor, Willem, ſowie die Hausthür aufſchnappte, 118 ſagte Thereschen: Jetzt kommt er! und ſomit fahre ich mit dem Kopfe hinaus, und richtig, hier bringe ich ihn.“ „Wir haben uns ſeit einiger Zeit wenig geſehen. Sie befinden ſich doch wohl?“ ſagte Wilhelm, ſeinen Vater unterbrechend. „Ich danke Ihnen, Herr Frohlieb,“ verſetzte Madame Petermann empfindlich kühl.„Meine Schuld iſt es jedoch nicht, wenn ich das Vergnügen entbehrte.“ „Dieſes hat ſeine Richtigkeit!“ bemerkte der Papa dazwiſchen.„Thereschen war öfter hier, immer aber fehlte der fliegende Buchhändler.“ „Herr Frohlieb hat zu dringende Geſchäfte,“ ſagte Madame Petermann mit einem ſpottenden Lächeln. „Wo kommſt Du denn her, mein Sohn?“ fragte die kleine Frau.„Setze Dich doch zu uns.“ „Ich komme von Leiſegang,“ erwiederte er.„Heute jedoch habe ich vollendet, was ich übernommen, und gehe nicht wieder hin.“ „Dieſer Menſch!“ rief Herr Daniel Frohlieb,„ver⸗ langt von einem Geſchäftsmanne ſolche Dienſte, und zwar ohne alle mercantiliſche Grundſätze. Hier hat er geſtern geſeſſen, und hat uns erzählt, was die Einrichtung koſten würde, und hat gejammert über den Erbſchaftsſtempel, den ich mit Vergnügen zu bezahlen verſprach, wenn er mir den zehnten Theil von der Erbſchaft abgeben wollte. 6 119 Davor hat er ſich natürlich bedankt, aber heirathen will er. Es iſt wirklich ſein Ernſt, Wilhelm, obwohl er ſo thut, als ſollte es ein Spaß ſein.“ „Hat er Ihnen denn nicht geſagt, wen er ſich aus⸗ gewählt hat?“ fragte Madame Petermann. „Damit hält er hinter dem Berge,“ verſetzte Herr Frohlieb,„aber ich will's ſchon herauskriegen. Ein Glück iſt es nicht, Thereschen, denn er läßt ſie verhungern; aber Geld muß ſie haben, ohne Geld thut er's nicht, und dabei bildet er ſich ein, daß es eine große Ehre wäre, die jedes Mädchen beneiden müßte.“ „Dieſe Ehre iſt wirklich nicht weit her,“ ſagte Ma⸗ dame Petermann verächtlich.„Wiſſen Sie denn nicht, Herr Frohlieb, wen Ihr Freund ſich auserwählt hat?“ „Julie Hartfeld,“ erwiederte Wilhelm. „Wen?“ ſchrie Herr Frohlieb, indem er eine weite Bogenſchwenkung durch die Luft machte.„Mama, was ſagſt Du dazu?“ „Ich habe es beinahe gedacht,“ ſagte die kleine Frau, indem ſie einen beſorgten Blick auf ihren Sohn richtete. Dieſer verhielt ſich jedoch ganz ruhig. „Weißt Du es denn ganz gewiß?“ fragte Herr Frohlieb. „Der Zuſammenhang liegt nahe,“ antwortete Wil⸗ helm. 120 „Es iſt doch unerhört!“ fuhr Herr Frohlieb fort, indem er eine Menge weiſer Falten zog und ſich an ſeinem ſpitzen Kinne feſthielt. Er wagte nichts weiter hinzuzu⸗ fügen, aber er betrachtete anhaltend ſeinen Sohn und ſchüttelte mit merkwürdiger Ausdauer und einer Geberde des Abſcheues ſeinen Kopf. „Es iſt wirklich unerhört,“ ſagte Madame Petermann. „Sie iſt häßlich und obenein iſt ſie lahm.“ „Sehr richtig!“ fiel Herr Frohlieb ein,„und dieſes i*ſt es, was ich immer in Betracht zog. Auswendig durch⸗ aus nicht für die Nachfrage, was aber das Innere betrifft, allen Reſpect!“— Herr Frohlieb machte dabei eine tiefe Verbeugung, indem er zugleich den Zeigefinger ſeiner Rechten an den Daumen der linken Hand legte.„Einzige Tochter, allverehrter Vater, neue Erbſchaft in Ausſicht, Alles gehörig vorhanden, richtige Speculation, ſehr richtige Grundſätze, durchaus mercantiliſch überlegt von dem Herrn Finanzrath.“ „Geld iſt ſehr angenehm,“ ſagte Madame Peter⸗ mann,„allein man muß doch auch bedenken, daß man ſich nicht lächerlich macht.“ „Aeußerſt wahr!“ rief Herr Frohlieb,„auch dieſe Wirkungen ſind mit in Rechnung zu bringen, und warum ſoll ein junger Mann nicht Sinn dafür haben, eine Frau zu beſitzen, die auf zwei leichten, niedlichen Füßen umher⸗ 121 N. ſpaziert? Eine Frau, die er zur Winterzeit auf Bälle führt, um ſchottiſch und ſicilianiſch mit ihr umher zu ſäuſeln, und welche überhaupt mit ihm in angenehmſter Weiſe durch's Leben ſpringt.“— Herr Frohlieb ſtreckte dabei ſeine Arme aus, ſetzte ſeine Füße zurecht und um⸗ ſchlang ſeinen Sohn, während er der ſchönen Wittwe zu⸗ lachte.„Siehſt Du wohl, mein Junge,“ ſagte er dann, „dieſes ſind die Lebensanſichten Deines Vaters, und es iſt richtig, Mama, daß eine Frau, die nicht tanzt, niemals nach meinem Geſchmack geweſen wäre. Tanzen iſt die Hauptſache, Wilhelm, und es iſt allemal ſo, wie Thereschen ſagt: Geld iſt eine der erſten Tugenden jedes Menſchen und verſchönt jedes Geſicht, aber es hat Alles ſeine Grenzen, und warum ſoll ein gebildeter Menſch es nicht dabei auch in Betracht ziehen, eine liebenswürdige Frau zu beſitzen, deren angenehmer Anblick ihn täglich er⸗ freuen muß?“ Madame Petermann lächelte bei den ſchelmiſchen Verbeugungen, welche Herr Frohlieb vor ihr machte.„Es geht allerdings über meine Begriffe,“ ſagte ſie, indem ſie ihr hübſches Geſicht auf Wilhelm richtete,„wie ein Mann von Bildung ſich entſchließen kann, eine verkrüppelte Perſon zu nehmen.“ „Ein Mann von Bildung kann dies leichter, als ein anderer,“ erwiederte er. 122 „Wie meinen Sie das?“ fragte ſie, ſogleich gereizt durch ſeinen Widerſpruch. „Er kann den Geiſt verſtehen und lieben, und den Körper darüber vergeſſen.“ „Wir ſind freilich nicht ſo geiſtreich, Herr Frohlieb,“ ſagte die hübſche Wittwe zu dem Papa,„um das ſagen zu können.“ „Gar nicht, Thereschen, nicht die Spur!“ ſchrie der alte Herr.„Und es iſt blos eine von den neumodiſchen⸗ Erfindungen. Jede ſoll jetzt geiſtreich ſein, Bücher leſen, in die franzöſiſche Komödie gehen und allerlei Kunſtſtücke machen.“ „Das iſt allerdings nicht meine Sache,“ ſiel die junge Frau ein.„Ich habe auch keine Zeit dazu, um unnütze Dinge zu treiben.“ „Sehr richtig, Thereschen!“ nickte Herr Frohlieb. „Die Zeit iſt edel, und eine Frau, mit häuslichen Tu⸗ genden begabt, kann ſich nicht mit ſolchem Schwindel einlaſſen.“ „Das geiſtvolle Fräulein iſt wohl äußerſt klug und gelehrt,“ ſagte Madame Petermann boshaft lachend, in⸗ dem ſie Wilhelm anſah. „Weniger dies, wie ſie ein gutes Herz und milden, ſanften Sinn beſitzt. 4 „O! alſo auch ihr Herz kennen Sie?“ 123 „So weit, daß ich behaupten kann, ſie würde nie⸗ mals einen Menſchen verläſtern, ſelbſt wenn er ihr weh gethan hätte.“ „Alſo eine Heilige!“ rief ſie erbittert.„Wenn nur nicht der Schein trügt.“ „Dieſes bedenke wohl, Wilhelm!“ fiel Herr Froh⸗ lieb, der ſeinen Finger warnend aufhob, ein.„Wir wollen Kaffee trinken, Mama. Die ſchwarze Stunde muß gefeiert werden. Rücke Deinen Stuhl neben Thereschen, Wilhelm.“ Aber die ſchwarze Stunde wurde nicht durch dieſe Liſt ſonnig umgewandelt. Wilhelm blieb nachdenkend an dem Stuhle ſtehen; es war, als habe er ſeinen Vater nicht verſtanden. „Es iſt Ihnen wohl nicht geiſtreich genug an meiner Seite,“ ſagte die hübſche Wittwe ſpottend.„Woran dachten Sie? An Fräulein Julie?“ „Wirklich,“ erwiederte er,„ich dachte an ſie.“ Ihr Geſicht flammte auf über dieſe offenherzige Ant⸗ wort.„Ich danke Ihnen für dies Compliment, Herr Frohlieb,“ verſetzte ſie.„Es iſt recht Schade, daß der Herr Finanzrath ſchon ſeine Wahl getroffen hat, denn ſonſt—“ „Ich bitte, brechen wir ab davon!“ begann er im ſtrengen, ſtolzen Tone.„Das iſt in der That kein Gegen⸗ ſtand des Scherzes.“ 124 „O, ich bitte tauſendmal um Entſchuldigung,“ ant⸗ wortete Madame Petermann,„ich habe nicht gewußt—“ „Aber Willem!“ ſchrie Herr Frohlieb.„Er iſt krank, Thereschen. Er ſieht und hört nicht, Mama.“ „Es iſt ja Alles gut gemeint,“ fügte die kleine Frau hinzu. „Und die Wirkungen aus den Urſachen zarter Nei⸗ gungen!“ rief Herr Frohlieb.„Komm her und bitte ab; auf der Stelle bitte ab, Du Elementer!“ „Laſſen Sie ihn, Herr Frohlieb, laſſen Sie ihn,“ ſagte Madame Petermann,„er will ſein Unrecht nicht einſehen.“ „Ich kann es nicht einſehen, und darum iſt es am beſten, wenn ich mich entferne,“ erwiederte Wilhelm,„wozu mich überdies meine Geſchäfte nöthigen.“ „Willſt Du bleiben! willſt Du hören!“ ſchrie Herr Frohlieb, allein er kannte ſeinen Sohn gut genug, um zu wiſſen, daß dieſer gewiß nicht bleiben würde. Er ſtreckte ihm daher auch nur ſeine Hände nach und blickte dann beſtürzt auf die ſchöne Wittwe, die mit Thränen in den Augen und heftig aufgeregt von der Mama umarmt und getröſtet wurde. Siebentes Capitel. Der Kriegsrath war, als die Erbſchaftsangelegen⸗ heiten endlich abgethan, in ein ruhigeres Gleichmaß ſeines Lebens zurückgekehrt, allein die alten Tage wurden doch nicht wieder daraus. Der Tod ſeines verehrten Freundes und Gönners hatte eine Lücke gelaſſen, die nicht wieder ausgefüllt werden konnte, der Verewigte hatte in ſein Grab einen guten Theil der freudigen Lebensſicherheit mit⸗ genommen, welche ſonſt alle Handlungen des Kriegsraths bezeichnete und ſo deutlich ſeinem Geſicht aufgeprägt war. Die würdige Geſtalt hatte ſich ſichtlich gebeugt, der klare Blick ſeiner Augen war getrübt, ein Zug von Unruhe und Leiden lag in den Falten um ſeinen Mund, und ſein Lä⸗ cheln ſchien nicht mehr ſo troſtvoll ruhig und vertrauens⸗ muthig. Er hielt ſeine Geſchäftsſtunden ſehr regelmäßig, ließ auch in ſeiner Theilnahme an den vielen Wohl⸗ 126 thätigkeitsvereinen nicht nach, ſondern zeigte ſich darin möglichſt noch eifriger, aber man ſah ihn nicht bei einigen Jahresfeſten verſchiedener Geſellſchaften, deren Mitglied er war, er kaufte keine Kunſtſachen mehr, die ihm vortheil⸗ haft angeboten wurden, und gab keine Mittags⸗Geſell⸗ ſchaften, wie dies ſonſt häufig der Fall geweſen. Der Tod des Geheimraths brachte alle dieſe Veränderungen mit ſich; das ſonſt ſo gaſtliche Haus war leer, als täglichen Gaſt ſah es nur den Finanzrath, der regelmäßig, wenig⸗ ſtens zur Mittagszeit, kam. Die Leute im Hauſe über⸗ zeugten ſich bald, daß der Finanzrath beſondere Abſichten haben mußte. Er benahm ſich wie Jemand, der ein Recht dazu hat, ſich allerlei Freiheiten heraus zu nehmen und zu eommandiren, wo ihm dies ſo gefiel. Liebenswürdig war ſein Benehmen nicht, aber er ſuchte doch gefällig und unter⸗ haltend zu ſein, und bei ſeiner Selbſtzufriedenheit wurde es ihm nicht ſchwer, ſich geltend zu machen. Im Uebrigen beſaß er Form und Vortrag. Er konnte anregen und hatte Gedanken. Wilhelm hatte nicht ohne Grund von ihm geſagt, daß er ein kluger und gewandter Kopf ſei. Ueber den Kriegsrath übte er in kurzer Zeit eine gewiſſe Auto⸗ rität aus, welche dieſer ſich ohne Widerſtand gefallen ließ, gegen Julien war er geſchmeidiger, weil er ihr zu gefallen wünſchte und nicht recht gewiß war, wie weit ihm dies ſchon gelungen ſei. Sie blieb allezeit ſo ſanft und freundlich, 127 wie er es wünſchen konnte; allein Beweiſe ihrer beſonderen Zuneigung hatte ſie ihm noch nicht gegeben, was ihn im Stillen ärgerte und reizte, denn was er beabſichtigte, mußte ihr klar genug ſein. Eines Tages kam der Kriegsrath nach Hauſe und trat ſogleich bei ſeiner Tochter ein. Er ſchien heiterer zu ſein, und doch hatte er etwas Scheues in ſeinen Augen; es koſtete ihm Ueberwindung, das auszu⸗ ſprechen, was er ſagen wollte. Er begann damit, Julie mit Zärtlichkeit zu küſſen, ſich über ihr Ausſehen zu freuen und ihr Schmeicheleien zu ſagen.„Leiſegang iſt wohl heute noch nicht bei Dir ge⸗ weſen?“ fragte er dann plötzlich. „Nein, lieber Vater,“ erwiederte ſie. Es entſtand eine Pauſe, die er mit lächelndem Nach⸗ ſinnen ausfüllte und dabei ihre Hand feſthielt, bis ſie ihn wieder anblickte.„Ich müßte mich irren,“ begann er dann, „oder Du wirſt ihn zu erwarten haben.“. Eine plötzliche Bläſſe lief über ihr Geſicht; Hartfeld erſchrak davor, ſein Lächeln verlor ſich.„Biſt Du nicht darauf vorbereitet, mein Kind?“ fragte er. „Ja,“ erwiederte ſie tonlos, und mit einem ſtarren, langen Blick auf ihn ſetzte ſie noch einmal ein leiſe hin⸗ ſterbendes„Ja!“ hinzu.. „Nun denn,“ ſagte er—„wir haben ſchon einmal darüber geſprochen, Julie. Gott behüte mich davor, daß 128 ich Dich je zu einer Heirath zwingen ſollte, aber Du haſt freiwillig Nein geſagt, als Frohlieb um Dich anhielt. Du haſt damals gewählt, wie ich denke. Nicht wahr, mein Kind?“ „Ja, Vater.“ „Thut es Dir auch nicht leid? Ich glaube, es kann nichts ſein, was Dich dazu bewegen könnte, allein noch ſteht Alles in Deiner Macht. Leiſegang war bei mir auf der Kaſſe und ſagte mir in's Ohr, er habe mit mir und Dir Allerlei abzumachen, wozu wir Beide nöthig ſeien. Wenn Du ihn nicht ſehen willſt, Julie, ſo entſchuldige ich Dich.“ „Das würde kindiſch ſein, Vater.“ „Aber Du ängſtigſt Dich.“ „Das thut jedes Mädchen,“ erwiederte ſie mit ſchwa⸗ chem Lächeln. Er legte ſeinen Arm um ſie und blickte auf ſie nieder. Bleich und ſtill lehnte ſie ſich an ſeine Bruſt. Das war kan glückliches Geſicht, keine Braut, die den Geliebten erwartet. Ein banger, väterlicher Kummer ſtieg in ſeinem Herzen auf, und vor ſeinen Augen ſchwebte ein feuchter Schleier.„Wenn es Dir zu ſchwer wird, ſage Nein, meine arme Julie; ſage Nein, mein Kind,“ flüſterte er ihr zu. „Ich werde Ja ſagen— es wird Alles gut werden,“ erwiederte ſie mit einer lebhaften Bewegung, und indem 129 ein Strom von Blut in ihr blaſſes Geſicht floß, fügte ſie hinzu:„Ich werde Alles thun, um ſein Herz zu gewinnen.“ „Das haſt Du ſchon gewonnen, mein Kind, das haſt Du!“ erwiederte Hartfeld.„Er iſt Dir wahrhaft zugethan, und da kommt er— ſei ſtandhaft.“— Er lächelte, zog ſie wieder in ſeine Arme, legte beide Hände an ihr Geſicht und blickte auf die Thür, welche ſich eben öffnete. Doch eben ſo ſchnell gab er dieſe abwartende Stellung auf, denn der Hereintretende war— Herr Daniel Frohlieb. „Sieh da, unſer Vetter!“ rief der Kriegsrath.„Das iſt ja ein ſeltener Beſuch, mein lieber Frohlieb. Ich hoffe nicht, daß irgend etwas Betrübendes die Urſache iſt?“ Er konnte allerdings ſo fragen, denn Herr Frohlieb ſchien zur Schwermuth geneigt zu ſein. Wenn er ſonſt hier erſchien, geſchah es mit glänzenden Augen, heiterem Geſicht und liebenswürdigſter Beweglichkeit. Jetzt ſtand er in ſeinem langen, blauen Frack feierlich ernſthaft, ohne die Hand auszuſtrecken, und machte eine unterthänige Verbeugung. „Allerdings ſind es Urſachen, Herr Vetter, welche mich hierher bringen,“ erwiederte er,„und wer hätte nicht Urſachen, welche ſich zum Nachdenken eignen, insbeſondere wenn er Kinder beſitzt, die davon mitbetroffen werden.“ „Was iſt mit Wilhelm geſchehen? Wie geht es ihm?“ fragte Julie haſtig. 1859. IV. Täuſchung und Wahrheit. 2 9 130 „Dieſes iſt es eben,“ fuhr Herr Frohlieb fort. „Weil nichts mit ihm geſchehen iſt, was nach unſerem innigen Wunſche mit ihm geſchehen ſollte, darum komme ich zu Ihnen, Vetter Hartfeld.“ Der Kriegsrath zuckte traurig mit den Schultern. „Mein lieber Frohlieb,“ ſagte er,„Sie werden uns Allen keine neuen Schmerzen machen wollen. Ich habe das Beſte beabſichtigt,— Wilhelm wird Ihnen mitgetheilt haben— laß uns allein, mein Kind.“ „Durchaus Alles mitgetheilt,“ fiel Herr Frohlieb ein,„und eben deswegen, Herr Vetter, ſagte ich zu der Mama, ich muß zu dieſem Kriegsrath gehen, um ihm zu erklären, daß es ſeine Pflicht iſt, jetzt meinem armen Jungen und uns Allen zu helfen.“ Hartfeld ſchüttelte ihm in herzlicher Weiſe die Hände. „Wie gerne thäte ich es, wenn es in meiner Macht ſtände. Ich hoffte, lieber Frohlieb, allein— hier iſt Julie. Da es ſo ſein muß, wenden Sie ſich an Sie. Sie hat über ihre Hand entſchieden und noch zu entſcheiden. Iſt es ihr Wille, Wilhelm noch jetzt zu wählen, ſo habe ich nichts dagegen einzuwenden.“ „Bitte!“ rief Herr Frohlieb, indem er ſich beſtürzt ſchwenkte,„dieſe Sache iſt abgemacht, und mein Wilhelm weiß, was er ſich ſchuldig iſt, wenn eine Dame ſagt: Ich danke Ihnen für gütige Nachfrage. Auch weiß er, wie 131 ſein Freund Leiſegang darüber denkt, ſomit iſt es das nicht, was ich meine, Herr Vetter; aber wegen der Betrübniß meines Wilhelm's komme ich als ein ſorgenvoller Vater, und da ich weiß, was er von Ihnen hält, und unſere große Hochachtung noch übertrifft, ſo ſagte ich zu der Mama: Ich werde zu unſerm lieben Vetter gehen und ihm die ge⸗ hörigen Gründe klar machen. Er hat die Suppe einbrocken helfen, alſo kann er auch miteſſen. Seiner großen Einſicht mußte eigentlich niemals die Wahrheit verborgen bleiben, er mußte nicht kommen und ſagen: Dieſer Wilhelm darf nur anklopfen, ſo wird ihm aufgethan. Bitte, theuerſter Vetter, laſſen Sie mich ausreden, ich bin gleich fertig. Alſo, ſagte ich zur Mama, wäre dies nicht geweſen, wäre Wilhelm ſogleich abgewieſen worden, ſo hätte er Theres⸗ chen geheirathet. Es war beinahe ſo weit, aber es änderte ſich Alles, wie Fräulein Julie wieder kam. Es wußte Keiner warum, aber er wurde ein anderer Menſch, und indem wir dachten, dieſe liebenswürdige Wittwe ließe ihn weder eſſen noch ſchlafen, ſahen wir plötzlich, daß er einen ganz andern Gegenſtand in ſeinen Augen hatte, der nichts von ihm wiſſen wollte.“ Herr Frohlieb ſchüttelte dabei den Kopf und hob ſeine Hände bedauerlich auf, indem er Julie anblickte, die bei ſeiner Erzählung erröthete und ihr Geſicht abwandte. Gleich darauf aber kehrte ſie ſich entſchloſſen wieder zu 9* 132 ihm und ſagte ſanftmüthig bittend:„Vergeben Sie mir! Ich bin ſchuldig! Ein Irrthum, aber ach! ich kann nicht anders.“ „Verſteht ſich!“ rief Herr Frohlieb.„SIrren iſt menſchlich, irren kann der Beſte. Es thut uns leid, aber jeder Menſch muß ſeinem Willen folgen, und Wilhelm hat mir geſtern noch geſagt, er denke nicht mehr daran, und ich ſagte, es iſt recht ſo; an ein Geſchäft, was nicht zu Stande gekommen iſt, muß man nicht mehr denken und ſich darüber ärgern. Allein, mein beſter Vetter, zu der⸗ gleichen gehört, daß man wieder lachen kann, indem man ein anderes Geſchäft macht, und dieſes iſt es, was ich ſagen wollte. Er ſitzt und arbeitet und ſieht ſo jämmerlich aus, als ob er verhungern müßte, und wir Alle können nichts dagegen thun. Er dürfte nur kommen und zu Thereschen ſagen: Da bin ich! ſo wäre Alles vergeſſen und vergeben, denn obwohl er eigentlich grob gegen ſie geweſen iſt, ſo iſt ſie dennoch ſehr geneigt, mit ihm zu theilen, was ſie beſitzt.“ „Es iſt doch Madame Petermann, von welcher Sie ſprechen?“ fragte der Kriegsrath. „Dieſe ſelbige junge, angenehme Wittwe, welche an Wilhelm das Geſchäft verkaufte,“ erwiederte Herr Frohlieb. „Ich habe ſchon davon gehört,“ fuhr Hartfeld fort, 133 „und Ihre Erzählung giebt mir den Zuſammenhang. Sie wünſchen, daß Wilhelm ſie heirathet?“ „Von den triftigſten Gründen unterſtützt,“ ſagte Herr Frohlieb.„Eine liebenswürdige, junge Frau, die ihn anbetet, und dabei ein reiner Hintergrund. Sie hat das ganze Vermögen in Händen, kann machen, was ſie will, einzige Erbin!“ Herr Frohlieb legte den Finger an ſeine Naſe und ſah ſehr weiſe und vergnügt aus.—„Ich glaube nicht,“ antwortete Hartfeld,„daß Wilhelm auf dieſen Grund be⸗ ſonders viel giebt.“ „Allerdings nein!“ verſetzte Herr Frohlieb,„obwohl jeder Menſch ſeine mercantiliſchen Grundſätze haben muß.“ „Geld iſt an ſich nichts,“ ſagte der Kriegsrath, „jedoch als Mittel zu dem Zweck iſt es Alles. Ich ver⸗ achte es von ganzem Herzen, dennoch muß ich ſeinen Werth anerkennen.“ „Um allen Ihren Mitmenſchen Gutes zu thun,“ rief Herr Frohlieb.„Dieſes edle Streben, Vetter, kennt die ganze Welt an Ihnen.“ „Wenn Sie glauben, daß ich Wilhelm nützen kann,“ ſagte Hartfeld, ihn unterbrechend,„will ich gern zu Dien⸗ ſten ſein.“ „Das können Sie!“ erwiederte Herr Frohlieb,„denn Ihnen wird er Folge leiſten, aus dieſem Grame ſich —— 134 erheben, um in die liebenden Arme zu fallen, die ihn er⸗ warten, ſomit ein neues Leben beginnen, und ſeiner alten Eltern Freude und Stolz ſein, wie er es immer geweſen.“ „Da kommt unſer lieber Finanzrath, ich höre ihn draußen,“ ſagte Hartfeld mit gedämpfter Stimme.„Ich werde ſehen, was ſich thun läßt, Vetter Frohlieb. Es iſt ein übler Auftrag, den Sie mir geben, allein wir wollen es überlegen. Gehen Sie dort hinaus. Hier durch das Cabinet. Sie finden ſich ja ſelbſt weiter. Es bleibt dabei.“ Er ſchob den dankbaren Vetter eilig durch die Ta⸗ petenthür und drückte dieſe ſchnell zu, denn eben trat von der andern Seite der Finanzrath herein.„Da bin ich, wie ich es Ihnen angezeigt habe,“ begann er,„und bringe Ihnen verſchiedene gute Nachrichten. Erſtens hat mir der Präſident ſoeben die Anzeige gemacht, daß der Miniſter mir meines Onkels Stellung überträgt. Morgen werde ich das Decret bekommen und hierauf die ſämmtlichen Geſchäfte übernehmen.“ Dieſe Mittheilung wirkte auf's Freudigſte.„Ich habe es allerdings erwartet,“ ſagte Hartfeld,„aber doch G wieder gezweifelt. Dem Verdienſte ſeine Kronen.“ „Und einen Myrthenkranz nicht zu vergeſſen,“ lachte Leiſegang, indem er ſich zu Julien wandte.„Theuerſte Julie,“ fuhr er fort,„erlauben Sie, daß ich Sie ſo an⸗ reden darf— ich habe heute den Erbſchaftsſtempel bezahlt 13⁵ und bringe Ihnen den Erben und die Erbſchaft. Wählen Sie nun, was Ihr Herz begehrt. Die zehntauſend Thaler oder Ihren unterthänigen Freund, der Ihnen Alles bietet, was er ſein nennt; ſich ſelbſt zunächſt mit dem Verſprechen, immer ein liebenswürdiger und gefälliger, galanter und gehorſamer Mann zu ſein.“ „Das iſt zu viel,“ ſagte Julie mit ihrer leiſen, ſanften Stimme,„aber wollen Sie immer gütig und nachſichtig gegen mich ſein, mit meinen Fehlern und Mängeln Geduld haben und Ihr Herz nicht von mir wenden?“ Er ſchien von dieſen demüthigen Bitten gerührt zu ſein.„Gewiß nicht!“ rief er lebhaft.„Mein Herz ſoll Ihnen immer allein gehören, und meine Liebe Ihr Leben leicht und froh machen.“ „Dann will ich verſuchen, mir dieſe Liebe und Ihre Achtung dauernd zu erhalten!“ flüſterte ſie, als er ſie umarmte, und ihre zitternden Lippen mit ſeinen Küſſen verſchloß. „Sie haben doch nichts dagegen, beſter Papa?“ rief Leiſegang dann, ſeine Hand ausſtreckend.„Ich darf doch kommen und um Ihren Segen bitten?“ „Mein Liebſtes gebe ich Ihnen gern und willig!“ erwiederte Hartfeld froh bewegt.„Den größten Schatz, den ich beſitze. Ja, es iſt ein Schatz, Sie werden es 136 erkennen lernen. Segen über Dich, mein Herzenskind! Gottes reichſter Segen über Dich!“ Bis hieher hatte Herr Frohlieb jenſeits der Tapeten⸗ thür lautlos zugehört, jetzt aber ſchlich er auf den Zehen davon, erreichte den Corridor und kam unbemerkt aus dem Hauſe. Er war über das, was er vernommen hatte, äußerſt vergnügt, und während er ſich Alles nochmals wiederholte und vorſtellte, verklärte ſich ſein Geſicht, und er lachte ſo pfiffig, daß die Vorübergehenden ihm nach⸗ ſahen und mitlachten.„Alſo abgemacht und richtig!“ ſchrie er, als er in ſeine Stube trat und ſeinen Hut vor der kleinen Frau ſchwenkte.„Den Schatz hat er weg, aber das ſoll ein Schatz ſein! Oh! Es konnte Einem beinahe leid thun, wie jämmerlich ſie ausſah! Allein es iſt gut ſo, Mama, ſehr gut ſo!“ fuhr er befriedigt fort. „Dieſer Finanzrath kann ſeinen Schatz nach Belieben be⸗ halten, wir behalten unſern Willem, und unſer Willem behält ſein Thereschen. Jeder behält, was er hat, Mama, und dieſes iſt ein berühmter Wahlſpruch von einem be⸗ rühmten Königsſtamme: Ein Jeder behalte das Seinige, und ſehe zu, was er ſonſt noch erwiſchen kann.“ Bei dieſen Worten zog Herr Frohlieb eine Menge weiſ er Falten und umarmte die kleine Frau ſo luſtig lachend, wie er es ſeit langer Zeit nicht gethan hatte. ————— Achtes Capitel. Der Finanzrath Leiſegang beſuchte am folgenden Tage ſeinen Freund, den er nach jenem Wortwechſel nicht wieder geſehen hatte. Es war ihm nicht viel daran ge⸗ legen geweſen, Wilhelm ſo bald zu verſöhnen, aber er hatte ſich bei deſſen Vater beſchwert und ſeine guten Ab⸗ ſichten und Wünſche vertheidigt, die dort willig genug angehört wurden. Heute endlich kam er nun ſelbſt in das Geſchäftszimmer des jungen Buchhändlers, den er arbei⸗ tennd fand und ihm ſeine freundlichen Grüße zurief, als er eintrat. „Laß Dich nicht ſtören, Frohlieb,“ ſagte er.„Wenn Du keine Minute für mich übrig haſt, komme ich wieder.“ Wilhelm legte die Feder fort. Als Leiſegang ein⸗ trat, ſchien er von einem widerwärtigen Gefühle über⸗ raſcht zu werden, und dieſe Bewegung entging dem Fi⸗ 138 nanzrath nicht. Aber es war nur ein Augenblick, denn im nächſten ſchien er völlig gefaßt und führte ſeinen Be⸗ ſuch in ein nebenliegendes Cabinet, wo ſie allein waren. „Zunächſt,“ ſagte Leiſegang,„müßte ich mich über Dich beklagen, allein man muß einem Freunde Vieles nach⸗ ſehen. Lieber will ich gleich von dem ſprechen, was mich betrifft. Seit geſtern bin ich Bräutigam, ein glücklicher Bräutigam.“. „Mit wem brauche ich nicht weiter zu fragen,“ ſagte Frohlieb gewaltſam lächelnd.. „Du ſiehſt, ich halte, was ich verſpreche,“ lachte der Finanzrath.„Geſtern habe ich Julie einfach gefragt, ob ſie mich haben will. Sie war liebenswürdig beſcheiden, verlangte nur mein Herz und meine Liebe und ſchwor mir zu, immer zärtlich und folgſam zu ſein. Aber Du ſiehſt nicht gut aus, Wilhelm; Dein Vater hat Recht, Du mußt an der Leber leiden.“ „Wohl mhglich, ich ſitze viel,“ erwiederte Frohlieb, „allein ich fühle mich ganz wohl. Nimm meinen aufrich⸗ tigen Wunſch für Deine Zukunft. Mache Julie glücklich, ſie verdient es.“ „Dafür werde ich Alles thun, was ich vermag,“ erwie⸗ derte Leiſegang.„Ich habe ſie lieb, weil ich ſehe, daß ſie 1 mich lieb hat; doch noch mehr, weil ich ſehe, daß ſie ver⸗ 5¼ ſtändig iſt.“ 139 „Sie beſitzt ein ſanftes, ſchönes Gemüth bei großer Bildung,“ ſagte Wilhelm. „Die übermäßige Bildung iſt mir gleichgültig,“ fiel Leiſegang ein. 4„Ich meine auch nicht die angelernte, ſondern die gleichmäßige Durch hbildung des Herzens und des Geiſtes.“ „Du biſt ihr Verehrer,“ lachte der Finanzrath,„und ich will Dir nicht widerſprechen; ſch ſchätze ſie jedoch mehr von der Seite ihrer praktiſchen Tugenden und der Har⸗ monie, die zwiſchen unſeren Neigungen beſteht. Mein werther Schwiegerpapa wollte gleich morgen ein Feſt ver⸗ anſtalten, um unſere Verlobung möglichſt glänzend zu feiern, wie ihm denn überhaupt ein ausgebildeter Hang zur Verſchwendung anklebt; doch Julie bat ihn und mich, Alles ſo ſtill und einfach als möglich zu begehen, und damit unterſtützte ſie meine eigenen Abſichten. Es ſoll noch nichts öffentlich bekannt werden. Wir haben Zeit dazu. Ich will zunächſt erſt in meines Onkels Stellung mich feſtſetzen. Jetzt könnte es mancherlei Anſtoß finden, daß ich die Tochter des Rendanten heirathe, woran ich mich ſpäter noch weniger kehren werde, als ich es jetzt thue. Ich will jedoch jeden Schein vermeiden. Es iſt allerdings bekannt genug, daß Hartfeld ein reicher Mann iſt, doch will ich nichts von ihm haben, als ſeine Tochter, 140 was Dein Vater ſehr mercantiliſch findet, weil alles Andere von ſelbſt nachkommt.“ Er lachte und ſchüttelte Wilhelm's Hand.„Sieh doch nicht ſo trübſelig aus,“ rief er ihm zu,„wir wollen jetzt unſere Gelöbniſſe wahr machen, wollen uns zuſammen verloben und dann unſer gemeinſames Hochzeitfeſt feiern. Damit giebſt Du mir zugleich Genugthuung für Deine Beleidigung, die ich noch nicht vergeſſen habe.“ „Ich hin noch immer der Meinung,“ ſagte Wilhelm, „daß ich meine Herzensangelegenheiten ſelbſt beſorgen muß.“ „Ein Freund hat das Recht, ſich auch dabei einzu⸗ miſchen,“ erwiederte Leiſegang,„und ich will es thun, Du magſt ſagen, was Dir beliebt. Ich will Dir zu einer ſchönen, jungen Frau helfen, Die ſich Deiner Harther⸗ zigkeit wegen obenein grämt und nach Dir ſeufzt.“ „Das rirſt Du nicht thun wollen, wenn ich Dich nicht um Deinen Beiſtand bitte,“ ſagte Wilhelm mit eini⸗ gem Nachdruck. „Aber Du wirſt mich darum bitten.“ „Gewiß nicht.“ „Wir wollen es abwarten. Ich bin davon überzeugt.“ „So laß uns nicht ſtreiten, da es unnütz uns die Zeit verdirbt, die mir knapp genug zugemeſſen iſt.“ „Wie mir nicht minder,“ erwiderte der Finanzrath auf⸗ ſtehend.„Du mußt heirathen, und was ich dazu beitragen 1 141 kann, ſoll redlich geſchehen.„Er nahm lachend Abſchied, lud Wilhelm ein, ihn bald zu beſuchen und ſagte endlich: „Uebrigens wär's eine Schande, wenn Du Dir von einem Andern die hübſche Wittwe fortſchnappen ließeſt. Du biſt geſcheidt genug, um einzuſehen, daß dies geſchehen kann, ehe Du es ahnſt, alſo beſinne Dich nicht lange und laß mich rufen, wenn ich helfen ſoll.“ „Das verſpreche ich Dir,“ verſicherte Wilhelm, ſo ſcherzhaft, als er es vermochte; aber er war froh, als er allein war und allen verſtellenden Zwang von ſich abthun konnte. In tiefer Traurigkeit deckte er beide Hände über ſein Geſicht, preßte die Finger in ſeine heißen Augen und ſah verſtört erſt auf, als ihm nach einiger Zeit ein Billet gebracht wurde. Es kam von dem Kriegsrath und enthielt in wenigen Zeilen die Bitte, ihn noch heute zu beſuchen. „Wenn Sie nicht kommen wollen,“ hatte Hartfeld hinzuge⸗ fügt,„ſo beſtimmen Sie mir die Zeit, wo ich Sie antreffen kann. Ich muß Sie ſehen, mein Herz verlangt danach; auch betrifft es Mittheilungen, welche wichtig für uns Alle ſind.“ Frohlieb blickte lange auf dies Papier. Was war es denn, was ſo wichtig für ihn ſein konnte? Ihm graute vor einem Geſpräche mit ſeinem Vetter, und doch fühlte er zugleich auch ein Verlangen danach. Was wollte er ihm mittheilen? Betraf es etwa Julien? War es die 142 Nachricht ihrer Verlobung? Wollte er ſelbſt ihm dieſe ankündigen? Und oh! ſollte er die Braut ſehen? Hatte ſie ihm einen letzten Aufſchluß über ihren Willen zu geben? Er verſank in Nachſinnen, aber das beruhigte ihn nicht. Es war etwas Geheimnißvolles bei dieſer trau⸗ rigen Herzensſache, das er ſich nicht enträthſeln konnte. Ein ahnendes Gefühl beſchuldigte Julien's Vater, allein verſtändiges Ueberlegen ſprach dieſen immer von Neuem frei. Er hatte ſeiner Tochter keinen Zwang aufgelegt, und indem Wilhelm mißtrauiſch umherſuchte, trat der große, freundliche Mann mit ſeinen treuen Augen, ſeinem biedern, offenen Weſen überwältigend vor ſein Gedächt⸗ niß. Wie wäre es möglich geweſen, daß er, der allen Menſchen half, allen Armen wohlthat, deſſen Güte und Menſchenliebe von tauſend Zungen geprieſen wurden, ſein eigenes Kind zum Unglück zwingen ſollte? Und war es denn ein Unglück? War Leiſegang nicht ein kluger, reicher Mann, dem Alles, was die Welt ſchätzt, gehörte? War er dagegen nicht ein untergeordneter Arbeiter, der weder auf Ehren, noch auf Titel und Ruhm und Orden, ſondern bei allem Fleiß höchſtens auf beſcheidenen, bürgerlichen Wohl⸗ ſtand rechnen konnte? Oh! glücklich bevorzugt war auch er allerdings gegen die vielen, vielen Tauſende, die mit aller Mühe und allem Eifer nicht aus Sorgen und Noth kom⸗ men, bis endlich der Tod ſie von dem Fluch befreit, ge⸗ 143 boren zu ſein. Sein Geſchäft warf einen hübſchen Gewinn ab, und wären ſeine Mittel nicht beſchränkt geweſen, ſo hätte er manche Unternehmung beginnen können, welche bedeutende Vortheile verſprach. Da er dieſe Mittel nicht beſaß, wagte er auch nichts Ungewiſſes, allein als er jetzt grübelnd nachdachte, flüſterte eine Stimme in ihm, daß eine reiche Frau ihm ja Alles geben könne, was er brauche, und einer der böſen Geiſter, die zwiſchen Erde und Him⸗ mel geſchäftig ſchweben und in des Menſchen Gehirn kriechen, um es mit verlockenden Bildern und Gedanken zu erhitzen, wiederholte ihm die Worte, welche Leiſegang geſprochen hatte, als er ging:„Es wäre eine Schande, wenn ein Anderer die hübſche, reiche Wittwe bekäme, die ſich um Dich grämt!“ Und es war ihm, als ſähe er ſie, wie ihre Augen voll Thräneu hingen, als er ſie tadelte, und wie ſie auf der Schulter ſeiner Mutter weinte. Er wußte auch, was ſein Vater wollte und hoffte, und was ſeine Mutter jetzt gern geſehen hätte. Seit Wochen war er darum ſelten zu ſeinen Eltern gekommen, immer nur zur Zeit, wo er gewiß war, Thereſe nicht zu treffen, und immer bereit, bei der erſten Anſpielung auf ſie die Flucht zu ergreifen. Warum denn das? War denn die hübſche Wittwe ſo abſcheulich?— Er wußte ſich eigentlich nichts Beſtimmtes darauf zu erwiedern, aber das Gefühl der Abneigung gegen ſie blieb auch jetzt— 144 wenigſtens als Gefühl der Gleichgültigkeit ſtehen, und ihm gegenüber ſammelten ſich ſeine Sehnſucht und ſeine Klagen und bildeten eine Geſtalt, die immer noch Gewalt über ihn hatte. Da ſtand ſie mit dem blaſſen Geſichte, und er ſah in ihre dunklen Augen, auf deren Grund eine Flamme brannte, die verzehrend über ihn aufſtrahlte. Es war Täuſchung, es war erlogen! Dies Feuer war ein Irrlicht, dem er vergebens gefolgt und das ihn plötzlich in Finſter⸗ niß zurückgelaſſen.— Und was ſollte er jetzt thun? Sollte er der Einladung nachkommen, auf die Gefahr hin, ſich neue, große Schmerzen zu bereiten? Was ſollte er ihr ſagen, wenn er mit ihr zuſammentraf? Ihr Glück wünſchen? Was konnte er anders thun!— Ein Gemiſch von Zorn und Sehnſucht rang in ſeiner Bruſt und ließ ihn lange bald dieſen, bald jenen Entſchluß bedenken und verwerfen. Während deſſen hatte Leiſegang ſeinen Weg fortge⸗ ſetzt und er befand ſich noch in ſpottluſtiger Stimmung über die ehrbare Widerſetzlichkeit ſeines Freundes.„Im Grunde,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„verdenke ich es ihm nicht, denn dieſe hübſche Wittwe iſt eine äußerſt widerwärtige, fratzenhafte Perſon; Alles an ihr iſt gemacht, nichts wahr, nichts geſund, aber bin ich denn beſſer daran? So gut wie ich beide Augen zudrücke, kann er es auch thun, und was will er denn mehr!“ Bei dieſen Worten blickte er zu dem Fenſter eines 145 Hauſes hinauf, an welchem eine Dame ſtand, welche er ſogleich erkannte und höflich grüßte, denn es war Ma⸗ dame Petermann. „Nun, wenn das kein Götterzeichen iſt,“ lachte Leiſe⸗ gang,„ſo giebt es keines. Auf der Stelle will ich mein Werk beginnen.“ Mit dieſen Worten trat er in das Haus, eilte die Treppe hinauf und zog die Klingel. Wenige Minuten darauf ſtand er vor der jungen Wittwe. „Der Herr Finanzrath!“ ſagte ſie überraſcht, als er ihre Hand küßte,„wie komme ich zu dieſer unerwarteten Ehre?“ 5 „Längſt wollte ich mir einen Beſuch erlauben,“ er⸗ wiederte er.„Ebenſowohl um Ihnen, meine gnädige Frau, meine Hochachtung zu beweiſen, wie im Intereſſe eines mir ſehr lieben Freundes, den ich unverſchuldet leiden ſehe.“ „Einen Freund?“ wiederholte die hübſche Wittwe ganz erſtaunt. „Einen Freund, den Sie kennen.“ „O, ich weiß in der That nicht,“ fiel ſie ein. „Sie wiſſen es ganz gewiß,“ ſagte er, ſie anblickend. „Nein wirklich! ich kenne Niemand, der unverſchuldet leidet,“ verſetzte ſie kopfſchüttelnd. „Wenn ich unverſchuldet ſagte,“ begann er darauf, „ſo meinte ich dies ſo, daß ſeine Leidenſchaft die Schuld ſeiner Leiden trägt. Können wir dafür, gnädige Frau, 1859. IV. Täuſchung und Wahrheit. 10 146 daß unſere Leidenſchaften zuweilen ſtärker ſind, als unſere Vernunft? Sind nicht vielmehr diejenigen anzuklagen, deren Anblick uns in einen Zuſtand verſetzt, wo wir alle Gewalt über uns verlieren?“ Sein Lächeln wurde von dem Lächeln der anmuthigen Frau beantwortet, die jedoch, nachdem ſie ihre Augen nie⸗ dergeſenkt hatte, erwiederte, daß ſie ſich nicht erinnere, je⸗ mals zu einem ſo gewaltthätigen Verfähren Anlaß gegeben zu haben. „Das haben Sie allerdings gethan!“ rief der Finanz⸗ rath.„Ich wünſche ſehr, daß es gegen Ihren Willen geſchah, allein verzeihen Sie mir, Sie ſind grauſam gegen meinen armen Freund geweſen.“ „Ich grauſam!“ rief Madame Petermann, ſehr er⸗ götzt darüber, daß Jemand ihr Grauſamkeit vorwarf. „Allerdings, ſo wenigſtens glaubt mein betrübter Freund,“ ſagte Leiſegang. „Nun wirklich,“ erwiederte die hübſche Wittwe in ſcharfem Tone,„dann iſt die Art, wie dieſer Freund ſich gegen mich betragen hat, gewiß kein Mittel, um eine günſtigere Stimmung zu erwecken.“ „Theuerſte, gnädigſte Frau,“ entgegnete der Finanz⸗ rath achſelzuckend,„bedenken Sie, daß, wenn ein Liebender einmal mißtrauiſch daran zweifelt, ob die Geliebte ihm auch ihr ganzes Herz geſchenkt hat, er ſich um ſo leichter 147 einer gereizten Stimmung überläßt und in ſeiner Verzweif⸗ lung im höchſten Grade ungerecht wird.“ „Er muß jedoch ſein Unrecht einſehen,“ unterbrach ſie ihn. „Seine Verblendung läßt dies nicht zu. Er iſt ge⸗ kränkt, ſieht ſich verlaſſen, verſchmäht und erbittert ſich immer heftiger, ſtatt Reue zu empfinden und ſein Knie zu beugen, obwohl er dies mit Freuden thun würde, wenn er gewiß wäre, Verzeihung zu erhalten und— von allen Zweifeln geheilt zu ſein.“ „Man muß nicht allzuleicht Beleidigungen vergeben,“ ſagte Madame Petermann, mit ihrem Taſchentuche ſpie⸗ lend.„Ich bin wirklich ſehr ungerecht behandelt worden, wie ich es keineswegs erwartete.“ „Aber Sie wiſſen doch,“ ſcherzte Leiſegang,„daß Herr Daniel Frohlieb bei allen Dingen auf die Ürſachen zurückgeht, und dieſe Urſachen,“ fuhr er fort, indem er die Bewegungen und die Sprache des ehrlichen Papas nach⸗ ahmte,„ſind in der That durchaus nicht mercantiliſch zu betrachten, auch ſind ſie nicht chriſtlicher Natur, ſondern ſie ſtammen aus dem Reiche eines kleinen heidniſchen Gottes, der von je an die Menſchen zu dem ſchlimmſten Thorheiten verführte. Darum verzeihen Sie dieſe Wir⸗ kungen ihrer Urſachen wegen und begnadigen Sie den Miſſethäter.“ 10* 148 Die hübſche Wittwe konnte ſich nicht enthalten, über dieſe leichtfertigen Spöttereien zu lachen, und je länger der Finanzrath ſie unterhielt, um ſo mehr fand ſie, daß er doch gar nicht ſo übel ſei. Er war äußerſt höflich, fing ſeine Reden immer mit den Worten: Gnädige Frau, oder einer andern ehrfurchtsvollen Benennung an, wie dieſe in der höheren Geſellſchaft üblich ſind und welche in Madame Petermann's Ohren äußerſt angenehm klangen. Dabei war er voller Laune und Einfälle, witzig und immer bereit Anſpielungen zu machen, die ebenſowohl ergötzten, wie ſchmeichelten, ſo daß eine Stunde beinahe verging, ohne daß eine langweilige oder verlegene Stille eingetreten wäre. Von der Angelegenheit der Dame ſprang Leiſegang zu ſeinen eigenen über und plauderte ungemein offenherzig und drollig, als ſei er der gutmüthigſte und harmloſeſte Menſch. Er erzählte ihr von ſeinem Oheim, den er ſo⸗ eben verloren, von ſeiner Jugendfreundſchaft zu Wilhelm Frohlieb, von ſeinem Lebensverhältniſſen und von dem Kriegsrath Hartfeld und deſſen Tochter. Madame Petermann erinnerte ſich dabei, daß die Scene, welche ſie gehabt, um dieſe fatale Perſon entſtan⸗ den ſei, und ſie fragte mit einem argliſtigen Blitzen ihrer blaugrauen Augen:„Fräulein Hartfeld iſt wohl ſehr ſchön, Herr Finanzrath?“ „Wenn dies wirklich der Fall wäre,“ erwiederte er, 149 „würde ich es eben jetzt gewiß nicht zu behaupten wagen.“ „Aber ſie ſoll ſehr geiſtreich ſein,“ fuhr ſie fort, in⸗ dem ſie that, als glaubte ſie daran. „Wer hat Ihnen das geſagt?“ „Jemand, von dem ich auch noch andere Dinge ge⸗ hört habe.“ „O! Wilhelm! Ich kann es mir denken. Was hat er Ihnen mehr geſagt?“ „Daß ſie“— Madame Petermann hörte auf und fing an zu lachen.„Es iſt doch ſehr komiſch,“ begann ſie dann,„daß ich Ihnen das berichten ſoll.“ „Ich kann es mir wohl denken,“ ſagte Leiſegang. „Er hat Ihnen meine Verlobung im Voraus gemeldet. Iſt es nicht ſo? Iſt es etwa nicht wahr?“ „Keineswegs. Er hat mich als Beiſpiel aufgeſtellt, um ſich ſelbſt Muth zu machen.“ „Aber mein Gott!“gief Madame Petermann er⸗ ſtaunt,„er hat es mit der Klergrößten Beſtimmtheit be⸗ hauptet.“ „Nun, ich ſage Ihnen mit noch größerer Beſtimmt⸗ heit, daß er dann beſſer unterrichtet war, als ich ſelbſt,“ fiel er ein.„Bei Gott iſt kein Ding unmöglich, meine gnädigſte Frau, alſo behaupte ich nicht etwa, es könne nicht 150 geſchehen; allein eine ſo ernſte Angelegenheit will wohl überlegt werden.“ „Allerdings,“ ſagte die hübſche Wittwe,„man muß alle Verhältniſſe ſtreng prüfen.“ „Und endlich doch nur ſein Herz fragen, nur nach wahrer Neigung wählen,“ fuhr er fort, indem er ſie mit geheimer Bosheit anblickte.„Nur keine Heirath um Geld, obenein wenn man ſelbſt Vermögen beſitzt.“ „Sie denken ſehr edelmüthig, Herr Finanzrath,“ ſagte ſie beiſtimmend. „Nach Grundſätzen,“ erwiederte er.„Hüte ſich Jeder vor Leichtſinn! Leichtſinnige Heirathen haben das Lebens⸗ glück vieler der trefflichſten Menſchen zerſtört, aber ſchöne, liebenswürdige Frauen flechten, wie unſer großer Dichter ſagt, himmliſche Roſen in's irdiſche Leben.“ Er ergriff die Hand der lächelnden jungen Frau und ſah ſie bittend an. „Erlauben Sie mir ein vertrautes Wort,“ ſprach er, ſich zu ihr neigend.„Mein Freund Wilhelm iſt ein überaus vor⸗ trefflicher Menſch. Wahr, redlich, dabei verſtändig und trotz ſeiner ſchlichten Einfachheit klug und geſchickt. Er verdient es, von einer ſchönen Frau geliebt zu werden, die ihn als ein getreuer Engel leitet und behütet. Ich habe daher geſchworen, daß er glücklich werden ſoll, und noch mehr als das, ich habe gelobt, daß wir gemeinſam unſere Hochzeit feiern müſſen. So laſſen Sie ſich doch erweichen, 151 gnädigſte Frau, damit vereinigt und gerneinſam ein Band der Freundſchaft uns umſchlinge.“ „Was ſoll ich denn thun, beſter Herr Finanzrath,“ fragte Madame Petermann, als er fortfuhr ſie anzuſchauen und ihre Hand feſtzuhalten. „Zunächſt ſollen Sie mir die Verſicherung ertheilen, daß Sie meinem armen Freunde verziehen haben.“ „Weiß ich denn, ob er dies wünſcht?“ erwiederte ſie. „Er darf alſo kommen?“ „Wenn er aufrichtiges Verlangen danach empfindet. Ich bin durchaus nicht geiſtreich, nein, gewiß nicht— ſehr einfach.“ Leiſegang ließ ſeine Augen umherwandern. Die ſchlanke junge Wittwe trug ein prächtiges Morgenkleid mit Bortenbeſätzen, und ihre Wohnung paßte zu dem Ausputz ihrer Perſon. Ihre Zimmer waren vollgeſtopft mit allerlei Möbeln, Decken, bunten Stickereien, Be⸗ hängen, Glasſchränken voll Silbergeräthe und zierlichen Spielereien, Uhren, Spiegeln, Broncen; Alles war äußerſt ſauber gehalten, da Madame Petermann den größten Theil ihrer Zeit damit zubrachte, Staub abzu⸗ wiſchen und zu poliren, aber das Ganze ſah wie ein Mo⸗ ſaikkaſten und geſchmacklos genug aus. „Ich wüßte nicht, wo es ihm beſſer gefallen könnte, als in dieſer edlen Einfachheit und Stille,“ ſagte er darauf. 1⁵5² „Man vergißt bei Ihnen, daß die Zeit Flügel hat, und daß die ſchönſten Stunden leider keine Dauer haben.“ Damit ſtand er auf und fügte eine ganze Reihe ähnlicher hochtra⸗ bender und wenig bedeutender Redensarten hinzu, welche ausdrücken ſollten, daß es ihm unendlich leid thue, ſich jetzt empfehlen zu müſſen. Hierauf verneigte ſich Madame Pe⸗ termann, erwiederte einige dankende Worte über das große Vergnügen, das ſein Beſuch ihr gemacht, worauf Leiſegang die Hoffnung kundgab, daß er wiederkommen dürfe, wozu Madame Petermann beifällig lächelte. „Ich werde wiederkommen,“ ſagte der Finanzrath, die Hand auf ſein Herz legend.„Im Intereſſe meines Freun⸗ des ſowohl, wie in meinem eigenen Intereſſe wird es mich zu Ihnen ziehen, gnädigſte Frau. Wir werden dann ge⸗ meinſam die Wirkungen der Urſachen zu betrachten haben, welche ich aus dieſem glücklichen Geſchäft erwarte.“ „Nehmen Sie auch meine unterthänigen Glückwünſche für Fräulein Hartfeld und was Sie hoffen und wünſchen,“ lachte die ſchöne Wittwe. „Ich verſpreche, daß ich Ihnen Alles vertrauen werde, ſobald ich dies thun darf,“ ſagte er, und als er aus dem Hauſe war, fügte er hinzu:„Allein ich denke niemals in dieſe Lage zu kommen. Hübſch iſt ſie, aber unangenehm. Der Himmel erbarme ſich über Wilhelm, allein heirathen muß er ſie. Jetzt iſt dafür zu ſorgen, daß er zu Einſehen 153 gelangt, und ich denke, daß ich guten Grund dazu gelegt habe.“ Was der Finanzrath ſich zutraute, hatte jedoch we⸗ niger Grund, denn Frohlieb war weit entfernt davon, den Ermahnungen ſeines Freundes Eingang zu geſtatten. Seine Vorſtellungen blieben flüchtige Eindrücke, die bald von anderen gegneriſchen überwältigt wurden, und als er ſich dazu entſchloß, der Einladung des Kriegsraths Folge zu leiſten, dachte er nicht mehr an die Wittwe. Zur ange⸗ gebenen Stunde verfügte er ſich zu Hartfeld mit der inneren heftigen Unruhe und der äußeren erzwungenen Kälte eines Menſchen, der das letzte Urtheil in einem Prozeß erwartet, von dem er im Voraus weiß, daß er ihn verloren hat, und dennoch begierig iſt, die öffentliche Ankündigung genau zu hören. Er wurde in das Zimmer des Kriegsraths geführt, der mit beiden ausgeſtreckten Händen ihm entgegenkam, ihn umarmte und nach dem Sopha führte, dort niederdrückte und mit väterlicher Zärtlichkeit ihn anſchaute und befragte. „Mein lieber Wilhelm,“ ſagte er, dicht an ihn rückend, „warum ſind Sie nicht einmal zu mir gekommen? Ich beklage noch immer, daß meine Wünſche ſich nicht erfüllt haben.“ Hier unterbrach ihn der junge Mann, indem er ihn bat, kein Wort mehr über das, was unabänderlich ge⸗ ſchehen, zu verlieren.„Sie haben an mich geſchrieben,“ — 154 fügte er dann hinzu,„ich bin Ihrer Aufforderung nachge⸗ kommen.“— „Sie haben Recht,“ ſagte Hartfeld,„wir müſſen uns auf das beſtimmte Ziel beſchränken. Zunächſt wollte ich Sie ſehen, um Ihnen zu ſagen, daß ich noch der Alte bin und immer bleiben werde; dann aber hat man mir erzählt, daß Sie leiden und ſich Ihrem Kummer überlaſſen, dagegen wollte ich Ihnen Vorſtellungen machen; endlich, lieber, guter Wilhelm— ja das gehört zu der Medizin, die ich Ihnen eingeben will— muß ich Ihnen mittheilen, daß Julien's Verlobung mit Leiſegang erfolgt iſt und nächſtens auch öffentlich bekannt werden wird.“ „Sie ſagen mir nichts Ueberraſchendes,“ erwiederte Frohlieb,„Leiſegang ſelbſt hat mich ſchon heute davon benachrichtigt.“ „Hat er das gethan!“ rief Hartfeld.„Nun dann noch eine Bitte, lieber Vetter. Leiſegang weiß nichts von meinen Wünſchen, und es iſt gewiß das Beſte, wenn er auch niemals etwas davon erfährt.“ Ein helles Roth überdeckte Wilhelm's Geſicht.„Wenn dies die Urſache iſt, weshalb Sie mich zu ſprechen begehrten,“ ſagte er,„ſo war jede Sorge überflüſſig.“ Der große Mann ſchüttelte ſanft und ſtrafend den Kopf.„Was denken Sie denn von mir?“ ſagte er, ſeine klaren Augen aufhebend.„Kennen Sie mich wirklich nicht 15⁵ beſſer, um ſo wenig Vertrauen zu haben? Nein, mein lieber Wilhelm, deſſenwegen wünſchte ich Sie nicht zu ſprechen. Ich weiß, daß wir in Ihnen einen treuen, edelgeſinnten Freund beſitzen, der uns niemals verloren gehen wird.“ Der Ton innigſter Ueberzeugung, mit welcher Hart⸗ feld dies ſprach, und der Ausdruck herzlichſter Liebe in ſeinem Geſicht rührten den jungen Mann aufs Tiefſte. Er erwiederte den Druck, mit welchem ſein ehrwürdiger Ver⸗ wandter ſeine Hände umſchloß, und ſagte leiſe:„Verzeihen Sie mir, Sie ſind gut und großmüthig und können um Ihres Lebens Preis kein Unrecht thun. Ich klage auch nicht an, denn ich habe keinen Grund dazu. In Arbeit und Geduld bewährt ſich ein Mann. Sie haben mich darauf hingewieſen, mein väterlicher Freund, ich danke Ihnen dafür.“ „In Arbeit und Geduld,“ wiederholte Hartfeld, „ſtärkt ſich jeder Menſch und trägt, was er tragen muß, aber wir haben auch Pflichten ſowohl gegen uns ſelbſt, wie gegen Alle, die wir lieben. Das ärmſte Weſen will glück⸗ lich ſein. Jede Blume, jeder Halm hat die Zeit, wo er Blüthen treibt und friſche Keime; dieſe Zeit ſoll nicht un⸗ benutzt verſtreichen. Arbeit iſt ſtärkend und Geduld die höchſte Menſchentugend, allein dieſe Arbeit muß freudig ſein und die Geduld belebend. Mein liebes Kind, höre, um was ich Dich bitte: Ein junger Baum ſoll nicht traurig 156 ſeine Blätter ſenken, er ſoll muthig auch in Stürmen ſein Haupt erheben und dem Gärtner Schatten bieten, der ihn gepflanzt. Ihr Vater war bei mir, Vetter Wilhelm, und das iſt die Urſache, warum ich Sie zu mir bitten ließ. Ihr Vater iſt in größter Sorge um ſeinen Sohn, der ihm Freude machen ſoll, aber Kummer verurſacht.“ „Mein Vater? Was wollte er?“ unterbrach ihn der junge Mann. Hartfeld faßte ſeinen Arm und ſagte zu ihm gebeugt: „Er will, daß Sie heirathen ſollen.“. Unmuthig betroffen ſtand Wilhelm auf.„Das alſo iſt es,“ ſagte er.„Das iſt allerdings eine eigenthümliche Art, mein Leid zu heilen. Oh, ich weiß, mein Vater wünſcht es, aber Sie— Sie—“— „Ich wünſche es ebenfalls,“ fuhr Hartfeld ruhig fort. „Die Frau, welche man ſeit langer Zeit ſchon für Sie be⸗ ſtimmt hat, iſt jung und angenehm, dabei vermögend und Ihnen zugethan. Unterbrechen Sie mich jetzt nicht, laſſen Sie uns ruhig überlegen. Sie ſind krank an einer Wunde, welche Heilung verlangt. Was kann da beſſer thun als eine ſanfte Hand, welche Lebensbalſam darauf ſchüttet? Liebe thut dem wunden Herzen am wohlſten, und wie vieles Glück verbreiten Sie. Ihre alten Eltern ſegnen dieſe Liebe, alle Ihre Freunde freuen ſich, ſo auch die Frau ſelbſt, welche Ihnen anhängt. Und nun, mein Kind, noch eine andere, 157 die praktiſche Seite. Sie ſind ein Geſchäftsmann, ſind jung und ſtreben vorwärts. Das Vermögen Ihrer Frau wird ſich in Ihrer Hand verdoppeln und Ihnen Reichthum zuführen.“ „Mich verlangt nicht danach!“ murmelte Frohlieb. „Verlangt nicht danach,“ wiederholte Hartfeld.„Da⸗ nach muß jeder Menſch Verlangen tragen, denn“— ſeine Stimme ſanktiefer herab—„Geld giebt uns Alles, Armuth führt uns zur Sünde, zum Verderben. Haben Sie nicht im Buche Hiob geleſen, daß der fromme Mann zu Gott betete: Herr, bewahre mich vor Armuth, damit ich nicht ſchlecht werde! Darin liegt hohe Weisheit, mein Kind. Alles, was das Leben verſchönt, gewährt uns der Reich⸗ thum. Wir können unſeren Mitmenſchen nicht helfen, können nichts Gutes thun, falten vergebens unſere Hände zum Himmel, wenn wir arm ſind. Geld iſt eine große Macht, mein lieber junger Freund. Was iſt das redlichſte Daſein werth, wenn es in Sorge mit Kummer und Ent⸗ behrung verbracht wird. Reichthum giebt Anſehen und Ehren, Armuth iſt die Mutter aller Verbrechen. Ja, höre an, mein Sohn, höre, was ich in meinem greiſen Haar Dir ſage: An die Armuth hängt ſich alle Verſuchung auf Erden, alle Laſter ſtrecken ihre Hände gierig nach dem Armen aus. Tauſend Feſſeln, tauſend Ketten ſchlingen ſich um ihn und ziehen ihn nieder. Reichthum allein macht unabhängig, 158 frei und hält den Teufel von uns ab. Strebe dahin, mein Kind, ja ſtrebe dahin, Reichthümer zu erwerben, dadurch allein kannſt Du den Menſchen nützen und Dich ſelbſt zu ihrem Wohlthäter machen.“ Wilhelm war erſtaunt über die eindringliche Art, mit welcher ſein Verwandter ihm dieſe Lehren vortrug, denen er nicht überall beipflichtete.„Die Wohlthaten der Reichen haben für die geſammte Menſchheit bis jetzt noch wenig Segen gebracht,“ ſagte er,„auch iſt Hiob's Gebet leicht mißzuverſtehen. Jeder Leichtſinnige oder jeder Dieb und Betrüger könnte ſich damit zu entſchuldigen ſuchen, daß er betrogen oder geſtohlen habe, weil er leider nicht reich ge⸗ weſen ſei. Jeder könnte ſich damit rechtfertigen, daß er verſchwenden müſſe, weil er berechtigt ſei, ſein Leben zu verſchönen, und nebenbei auch Gutes zu thun. Aber viele der edelſten und erſten unter den Sterblichen ſind arm ge⸗ weſen und geblieben, und eben dieſe Beiſpiele tugendhafter Armuth und Entbehrung leuchten ja noch jetzt belebend aus der Weltgeſchichte allen Menſchen zum Beiſpiel.“ „Das iſt Phantaſterei!“ rief Hartfeld mit geröthetem Geſicht.„Man muß die Lebensklugheit nicht vergeſſen.“— Der Ton dieſer Worte klang ſcharf und gereizt, dabei erhob er ſich und ſchien das Geſpräch abbrechen zu wollen, allein nach einigen Augenblicken begann er mit ſeiner milden Herzlichkeit noch einmal ſeinen Verwandten zu ermahnen. 159 „Ich hoffe, Sie überlegen es reiflich,“ ſagte er,„und dann werden Sie finden, daß mein Rath ein guter, wohlgemeinter Rath iſt. Was Sie verloren haben, muß erſetzt werden durch häusliches Glück, durch eine Frau, die, wie Leiſegang allerdings nicht mit Unrecht ſagt, ſo viele Vorzüge hat, daß Viele danach trachten.“ „Leiſegang's Urtheil iſt kein Maßſtab für meine Wün⸗ ſche,“ erwiederte Wilhelm. „Wir ſtimmen ihm alle bei, widerſpenſtiger Vetter. Auch Julie, auch ſie wünſcht es.“ „Julie? Sie gewiß nicht!“ „Auch ich! ja, auch ich!“ antwortete eine leiſe Stimme hinter ihm und erſchreckend, indem er ſich umwandte, ſah er die treuloſe Geliebte hereintreten.„Gut, daß Du mir zur Hülfe kommſt, mein Kind!“ rief ihr Vater ihr entgegen. „Vielleicht glaubt er Dir⸗ mehr als mir. Sage ihm Alles, was Du darüber denkſt, denn es giebt gewiß noch man⸗ cherlei Gründe, welche ihn überzeugen müſſen.“ Damit entfernte er ſich und ließ den beſtürzten Vetter mit ſeiner Tochter allein. Frohlieb heftete ſeine Augen weich und vorwurfsvoll auf ſie, deren Geſicht eigenthümlich von dem Abglanz des falben Gewölkes beleuchtet wurde, das den Abendhimmel bedeckte. Er konnte jeden kleinen Zug erkennen, der ihre Lippen umſchwebte, die ſtille Freu⸗ digkeit in ihren Blicken, den Ausdruck der Ruhe, der auf 160 ihrer Stirn zu leuchten ſchien. Es war, als wollte ſie ſein Herz damit erfüllen und ihm Muth geben, und wirklich fühlte er dieſen ſich verſtärken, als ſie ihn anredete. „Ich weiß eigentlich nur einen Grund, den ich Ihnen anführen kann,“ ſagte ſie,„allein er gilt für viele. Er betrifft Ihr Glück, mein lieber Freund.“ „Das können Sie ſagen, Julie! Mein Glück!“ er⸗ wiederte er ſeufzend. „Mit voller Ueberzeugung. Ein Herz erwartet Sie, das Ihnen gehört und Ihnen Erſatz bieten wird für Alles, was nicht ſein konnte.“ „Aber ich— ich liebe dieſe Frau nicht!“ „Sie wird Ihre Liebe erwerben, denn Liebe erweckt Liebe; und wie mein Vater mit großem Rechte ſagt,“ fügte ſie hinzu:„man muß verſtändig nachdenken und bei der Wall, die man trifft, nicht einer vorübergehenden Leiden⸗ ſchaft folgen.“ „Vorübergehende Leidenſchaft!“ murmelte er.„Sie urtheilen hart.“ „Ich habe ſelbſt danach gehandelt und fühle, daß ich Recht daran that. Ja, das habe ich, mein Freund, ich konnte nicht anders. Stände es heute noch in meiner Macht zu wählen, ich würde dieſelbe Wahl treffen.“ „Julie!“ rief er erſchüttert, zürnend und bebend,„wie iſt es möglich, daß Sie mir dies ſagen können!“ 161 „Weil es meine Pflicht iſt,“ antwortete ſie. „Sie mit Ihrem weichen, gütigen Herzen, fühlen Sie nicht, wie weh Sie mir thun?“ „Nein, denn es muß ſo geſchehen, die Vergangenheit müſſen Sie ausreißen aus Ihrer Bruſt, wie wucherndes Unkraut, damit die Zukunft Platz darin hat. Bin ich denn nicht Ihre Freundin? Wollen Sie fruchtlos klagen, ſtatt zu handeln, wie es gut iſt? Ihr Lebensglück verlangt es, Ihre Ruhe, Ihr Friede und auch der meine— ja auch um meinetwillen fordere ich es.“ Ihre zitternde Stimme war feſter geworden, und bei ihren letzten Worten richtete ſie ſich auf und ſah ihn voll Ueberzeugung an.„Ich könnte es nicht ertragen,“ fuhr ſie fort,„wenn ich Sie freudlos, allein und unglücklich wüßte, ich die Urſache wäre, daß Sie alle Vorſtellungen Ihrer Eltern, Ihrer Freunde zurückwieſen, deren Vorwürfe mich träfen. Ich bete zu Gott, daß er Sie ſegne; ich weiß, daß es geſchehen wird, denn Sie werden die Frau glücklich machen, die Sie wählen, Sie werden von ihr geliebt werden, wie Sie es verdienen. Darum, mein lieber theurer Freund, ja um unſer beider irdiſches Heil bitte und beſchwöre ich Sie, werfen Sie den Kummer von ſich, den ich Ihnen gemacht, beginnen Sie ein neues Leben, das Ihnen Erſatz gewährt für Alles— Alles was verloren 1859. IV. Täuſchung und Wahrheit. 11 162² ging— o, mein Gott! glauben Sie mir, zu Ihrem irdi⸗ ſchen Heil verloren gehen mußte!“ Sie reichte ihm beide Hände hin, dieſe waren todten⸗ kalt und lagen eine Minute lang regungslos zwiſchen ſeinen glühenden Fingern, welche ſie feſt umſchloſſen. „Das iſt Alles wahr,“ ſagte er mit dem tonloſen, müden Ausdruck der Gleichgültigkeit.„Sie haben wirklich Recht, man muß das Leben nützen, ehe die Reue kommt. Die Erſcheinung flieht, ſagt der Dichter, und Leidenſchaft iſt unbeſtändig. Haben Sie wirklich dies Alles ſo ſchnell eingeſehen, Julie, und gab es keinen anderen Grund, Ihre Liebe zu mir— ich ſetze voraus, daß ich dieſe, oder was man ſo nennt, einſt beſaß— gab es keinen andern Grund, dieſe Liebe aus Ihrem Herzen zu reißen und— vernünftig zu handeln?“ Er blickte ſie dabei ſtarr und ernſthaft an.—„Es gab keinen anderen Grund, als meine beſtimmte Ueber⸗ zeugung, daß es für uns beide ſo am beſten ſei,“ ant⸗ wortete ſie mit feſter Stimme. „Ja, ſo haben Sie auch darin Recht, ſo iſt es Zeit auch für mich, die Vergangenheit mit einem herzhaften Stoß zu ermorden. Ich danke Ihnen für den guten Rath.“ „Sie wollen ihn alſo befolgen?“ „Ich will thun was Sie wünſchen, denn im Grunde weiß ich nicht, warum ich es nicht ſollte. Es iſt wirklich 163 in vieler Beziehung vortheilhaft. Ich werde mein Geſchäft vergrößern können, manche gewagte Unternehmung be⸗ ginnen, warum nicht mit dieſer den Anfang machen? Man muß ſpeculiren, um zu gewinnen. Es iſt jetzt die Zeit, wo ein Jeder ſein Glück verſucht. Leben Sie wohl, Julie.“ Er ließ ihre Hand fallen und wandte ſich von ihr. Sie hielt das Tuch vor ihre Augen. „So wollen wir denn beide glücklich werden,“ fuhr er fort, indem er ſich einige Schritte entfernte und ſtehen blieb.„Wenn wir es ſind, wollen wir uns gegenſeitig freuen, ſo klug geweſen zu ſein.“ „O Wilhelm!“ flüſterte ſie kaum hörbar. „Rufen Sie mich zurück, Julie? Giebt es noch etwas, was Sie mir zu vertrauen hätten?“ „Nichts, nichts! Gott ſei mit Ihnen! Halten Sie Wort!“ ſagte ſie, ihre Hände faltend und verließ das Zimmer. Er ſtand noch einige Augenblicke.„O, warum nicht?“ antwortete er dann.„Warum unnütz die Zeit verlieren!“ 11* Neuntes Capitel. „Und dieſes iſt es, was ich ſage, Thereschen!“ rief Herr Frohlieb zu derſelben Zeit, indem er äußerſt luſtig ſich die Hände rieb und dann den Zeigefinger aufhob und Weisheitsfalten zog.„Es iſt unſere Pflicht als Menſchen und Chriſten, immer das Allerbeſte von unſeren Zeit⸗ genoſſen zu glauben, warum ſollten wir es alſo nicht auch von dieſem Falle thun? Er iſt zwar ein Fuchs, vor dem man ſich am meiſten hüten muß, wenn er ein frommes Geſicht macht und in die Kirche gehen will, und Sie können ihn nicht ausſtehen, allerſchönſte Frau, ich weiß es—“ „O!“ rief Madame Petermann lächelnd, indem ſie ſich zu der kleinen Frau wandte, neben welcher ſie ſaß, „was der Papa nicht alles wiſſen will! Der Finanzrath hat mir niemals ſo übel gefallen. Ich halte ihn für einen ſehr feinen Mann.“ 165 „Fein, ſuperfein!“ ſchrie Herr Frohlieb,„dieſes iſt durchaus wahr und richtig.“ „Auch halte ich ihn für Wilhelm's wahrhaften Freund,“ fuhr Madame Petermann fort,„da er einen ſo innigen Antheil an ihm nimmt.“ „Hm!l allerdings— gewiß— vielleicht,“ verſetzte Herr Frohlieb nachdenklich an ſein langes Kinn faſſend, „aber aus welchen Wirkungen, Thereschen, ſchließen Sie auf dieſe Urſachen?“ „Sie haben mir ja ſelbſt geſagt,“ erwiederte die junge Frau,„daß der Herr Finanzrath— ach, warum ſollte ich es wiederholen.“ „Richtig!“ rief Herr Frohlieb,„bei meiner Seele! das hat er geſagt. Wilhelm iſt ein Narr, ſagte er, man muß es jedoch jetzt dulden. Er muß einſehen, daß er Un⸗ recht hat, und dahin wird er ſchon gelangen, das laſſen Sie meine Sorge ſein.“ „Das iſt doch ſehr edel von ihm.“ „Ja, wenn es wahr iſt,“ grinſte der Papa kopfnickend. „Aber warum ſollte es denn nicht wahr ſein?“ „Weil,“ ſagte Herr Frohlieb,„weil“— er wollte nicht ſagen, was Leiſegang hinzugefügt hatte, daß es übermäßig dumm ſein würde, wenn Wilhelm ſich das Geld entgehen ließe—„ja weil man niemals wiſſen kann, was dieſer Finanzrath eigentlich im Schilde führt.“ 166 „Was kann er denn hier im Schilde führen?“ fragte Madame Petermann.„Denken Sie, beſte Mama, daß er etwas im Schilde führt?“ „Ich denke wirklich gar nichts mehr,“ antwortete die kleine Frau ſeufzend.„Es iſt traurig, wenn man Wilhelm anſieht, er wird alle Tage magerer.“ „Ach, das iſt kein Unglück, Mama,“ fiel Herr Froh⸗ lieb belehrend ein.„Nur nicht fett werden, nur keinen Bauch bekommen, zumal in der Jugend. Wenn der Finanz⸗ rath keinen Bauch hätte, würde er den liebenswürdigen Damen ganz anders gefallen.“ „Er gefällt ja einer ſehr geiſtreichen Dame, die ſich ſterblich in ihn verliebt hat,“ lachte die hübſche Frau. „In ihn verliebt? o, glauben Sie?“ ſchrie Herr Frohlieb.„Die ſoll wohl noch geboren werden, die ſich in den verliebte.“ „Eine Närrin iſt ſie, ja das iſt ſie!“ fügte die kleine Frau hinzu.„Ich nähme ihn nicht, ſo alt ich bin!“ „Aber Mamal dieſes muß ich mir auch verbitten,“ ſagte Herr Frohlieb mit einer weiten Bogenſchwenkung, „ich werde mich auf keinen Fall ſcheiden laſſen.“ „Ein Mann braucht nicht ſchön zu ſein, wenn er klug iſt und eine hohe Stellung hat,“ antwortete Madame Petermann.„Aber ſieht denn Wilhelm wirklich ſo ange⸗ griffen aus?“ 2* ——,— 167 „Sehr angegriffen in ſeinen innerſten Verhältniſſen,“ verſetzte Herr Frohlieb. „Wie iſt denn das möglich, beſte Mama?“ „Er grämt ſich wohl,“ ſeufzte die kleine Frau. „Warum grämt er ſich? Ich ſehe keinen Grund dazu; oder iſt ein ſolcher vorhanden?“ „Nichts iſt vorhanden!“ rief Herr Frohlieb.„Ein⸗ bildung, ſchlechte Verdauung, Druck auf die Leber, Gram, oh!“— Er blickte über die Schulter und ſah ſeinen Sohn hereintreten.„Da kommt er eben, wo man vom Wolf ſpricht,“ ſchrie er ihm vergnügt entgegen.„Wie ſo, Gram, Willem? Komm hierher, mein Junge, ſieh Deinen Vater an. Es iſt auch ſo eine von den krankhaften, modernen Erfindungen, der Gram. Warum ſoll ein Menſch ſich grämen, wenn er Grundſätze hat, nach denen er handelt? Alles richtig überlegt, ſo iſt es die allergrößte Thorheit, wenn ein ſein irdiſches Daſein genießendes Weſen ſich grämen will.“ „Du haſt Recht, lieber Vater, ich gräme mich auch nicht,“ erwiederte Wilhelm. „Wie ich es ſagte, Thereschen!“ rief Herr Frohlieb. „Er grämt ſich nicht— wo wäre denn auch eine Urſache dazu? Und es iſt auch nicht wahr, Mama, daß er ſo ſchrecklich mager geworden wäre. Sehen Sie, herzliebſtes 168 Thereschen, ſehen Sie dieſen kraftvollen Wuchs an und dieſe Bruſt dazu.“ Er ſchlug ein fröhliches Gelächter auf, indem er ſeinen Sohn näher führte, der ſich nicht dagegen ſträubte und Herrn Frohlieb's günſtige Meinung noch mehr beſtätigte, da eine friſchere Färbung in ſein Geſicht trat. Sanft⸗ müthig und mit einem ſchwachen Lächeln reichte er ſeiner Mutter die Hand hin. Die kleine Frau warf einen ſtolzen Blick auf ihn, und dann einen einladenden auf die hübſche Wittwe, welche noch immer ſtumm war und ihre Augen auf Alles richtete, nur nicht auf den nahenden Freund. Er beobachtete ſie, indem er ſich verbeugte und ihr einige freundliche Worte ſagte, aber durch ſein Mark lief dabei ein fröſtelnder Schauer, den er gewaltſam überwinden mußte. Auf dem Wege hierher war es ihm geweſen, als könne er ihr jetzt in's Geſicht lügen, nun er aber vor ihr ſtand, ſchnürte ihm eine nicht abzuſchüttelnde Gewalt die Kehle zu. Sie war weder häßlich, noch unangenehm. Dennoch konnte er unmöglich ſich vertraulich zeigen. Er hatte das Gefühl, als ſtrecke er die Hand nach etwas Ent⸗ ſetzlichem, Eiskaltem aus, und in dieſer Bedrängniß füllte ſich ſein ganzes Geſicht mit dunkler Röthe, und ſeine Ver⸗ legenheit war ſo groß, daß er ſich beim Sprechen verwirrte und einhalten mußte, als Madame Petermann endlich zu ihm aufblickte. Sein Anblick war ein Triumph für ſie, 169 denn er ſah ſchülerhaft beſchämt und faſſungslos aus. Ihre blaugrauen, grellen Augen ſtrahlten vor Vergnügen, die ſchmalen, zuſammengekniffenen Lippen konnten ein übermüthiges Lachen kaum mehr hindern. Hätte er dieſen Augenblick benutzt, wäre er ihr zu Füßen gefallen, oder hätte auch nur in dieſer Verwirrung aus einiger Ent⸗ fernung ihre Vergebung angefleht, dieſe würde ihm auf der Stelle geworden ſein; allein dahin gelangte er nicht, und die junge Frau ergötzte ſich an ſeiner ſcheuen Unbe⸗ hülflichkeit, ohne ihm zu Hülfe zu kommen. 8„Wirklich, Herr Frohlieb,“ ſagte ſie endlich, als er nicht weiter konnte,„ich freue mich, Sie ſo wohl zu ſehen. Man hatte mir erzählt, daß Sie äußerſt angegriffen aus⸗ ſähen.“ „Ich habe mancherlei Gemüthsbewegungen gehabt,“ erwiederte er ſtockend. .„Aber warum haben Sie ſich nicht zerſtreut?“ fragte die hübſche Wittwe, von ſeiner Antwort noch mehr be⸗ luſtigt.„Ich weiß das freilich nicht, vielleicht waren Sie häufiger bei Luſtbarkeiten, als ich denke.“ „Ich war ſehr viel allein, da meiner Stimmung dies am beſten ſchien, wie überhaupt zerſtreuende Geſellſchaften nicht meine Sache ſind.“ „Was wollten Sie noch hinzufügen?“ fragte ſie, als er ſchwieg. 170 „Ich wollte nur die allgemeine Bemerkung machen, daß ein Jeder wohl zu Zeiten am liebſten allein iſt, wenn er nicht da ſein kann, wo er noch lieber in Geſellſchaft wäre.“ „Sehr richtig!“ rief Herr Frohlieb,„allein aus dieſer innerlichen Betrachtung geht das denkende Weſen hervor, ſobald es ſein Geſchäft mit ſich abgeſchloſſen hat.“ „Sollte dies wirklich der Fall ſein?“ lachte Madame Petermann, und der Blick, den ſie auf ihren Anbeter warf, war ſo ſchelmiſch einladend, daß eine Erklärung ſehr nahe lag; allein Wilhelm ſchien davon nichts zu bemerken. Er ſah ſtarr vor ſich hin und ſtand dann in größter Un⸗ ruhe auf. „Sage uns alſo ein für alle Mal die Wahrheit, mein Junge!“ ſchrie Herr Frohlieb,„ob Deine mercantiliſchen Grundſätze nunmehr in's Reine gekommen ſind.“ „Ich denke, daß dieſe eigentlich niemals in Frage geſtellt waren,“ ſagte der junge Mann, indem er Wort für Wort ausſprach;„abgeſehen aber von allem Andern, was mich beſtimmen könnte, iſt mein Herz und deſſen Ge⸗ fühle—“ Er hob ſeine Hand auf und legte dieſe langſam auf ſeine Bruſt, zugleich hob er ſeine Augen auf und ſah die hübſche Wittwe ſchwermüthig an. Sie lachte, und ob⸗ wohl mit einer Miene, die Unſchuld ausdrücken ſollte, hatten ihre Blicke einen ſo boshaft ſpottenden Glanz, daß 171 wiederum ſein ganzer Kopf wie mit Blut bedeckt ausſah und die Stimme ihm den Dienſt verſagte. Es war ihm unmöglich, weiter fort zu fahren, unmöglich, auch nur durch ein Zeichen, oder durch einen verzweiflungsvollen Entſchluß ein Ende zu machen. Er fühlte davor ein Ent⸗ ſetzen, das ihn zur Flucht trieb.„Ich kann dieſe Frau nicht lieben, kann nicht mit ihr leben!“ ſchrie eine Stimme in ihm, und eine andere antwortete mit derſelben Gewalt: „Du mußt, Du Narr! Was haſt Du Dir gelobt? Du mußt!“ In einer Minute beſtand er einen langen, entſetz⸗ lichen Kampf; einen Kampf um ſein Leben mit allen böſen Mächten, die ihn drängten und hetzten, bis er plötzlich wild umherblickte und ſeinem Vater zurief:„Wo iſt Leiſe⸗ gang? Der weiß Alles, er ſoll mir beiſtehen!“ Und wie ein Verfolgter lief er hinaus. „Wilhelm, ſo halt doch, Wilhelm!“ ſchrie Herr Frohlieb. Aber er hielt nicht an, er ſprang die Treppe hinauf und hinter ihm her erſcholl ein lautes Lachen und Ma⸗ dame Petermann's helle Stimme. Er klopfte inzwiſchen an die Thür des Finanzraths und fühlte ſich erleichtert, zugleich aber auch beſchämt, und doch nicht im Stande, umzukehren. Er beſann ſich einige Augenblicke; das Bewußtſein des Kindiſchen und Lächer⸗ 172 lichen arbeitete in ihm, dennoch war er froh, entkommen zu ſein. Während er noch einige Male klopfte, kühlte ſich die Gluth in ſeinem Kopfe ab, und gleich einem Strome von Eis lief der Gedanke durch dieſen hin, umzukehren, allen Widerſtand aufzugeben und mit drei Worten ſich zu unterwerfen. 4 In dem Augenblicke aber öffnete Leiſegang ſeine Thür und als er den Freund erblickte, fing er an zu lachen. „Du biſt es,“ ſagte er.„Komm herein. So ſchnell alſo iſt es gegangen? Du haſt überlegt?“ „Jd.“² „Und haſt gefunden, daß ich Recht habe?“ „Ich weiß es nicht, aber ich weiß, daß ich muß.“ „Mein guter Freund,“ ſagte Leiſegang, ihn auf die Schulter klopfend,„wer dahin gekommen iſt, ſich das zu ſagen, der hat jedenfalls auch Recht. Was wir müſſen, iſt immerdar höchſtes Recht für uns; es iſt die Spitze unſeres Willens, alſo giebt es nichts Höheres.— Was willſt Du alſo jetzt thun? Das Einfachſte und Beſte iſt jedenfalls, gehe ſelbſt hin zu Deiner Schönen, ſage: Ma⸗ dame, ich liebe Sie! und mache keine Umſtände mit ihr. Je weniger Umſtände mit Frauen dieſer Art gemacht werden, um ſo beſſer kommt man mit ihnen fort. Dick aufgetragen, ſowohl Spaß wie Ernſt, iſt ihnen das Liebſte. Schmeichle ihr, ſtreichle ihre Eitelkeit, ſo haſt Du ſie. 173 Nur ſei nicht ſcheu und zart, faſſe ſie nicht mit Seiden⸗ handſchuhen an, ſondern mit derben Strohwiſchen.“ Hier wurde der Finanzrath unterbrochen, denn Herr Frohlieb ſprang ergötzlich lachend herein.„Iſt er denn hier,“ ſchrie er,„dieſer Ausreißer? Wirklich, da ſteht er! Es iſt niemals ſehr löblich, auszureißen, Willem, was ſowohl bei den Völkern der alten Zeit, wie bei den neu⸗ modiſchen danach betrachtet wurde. Man läßt es ſich jedoch gefallen, wenn ein grimmiger Räuber mit allerlei Mordwerkzeugen uns auflauert, allein vor einem Unterrock ausreißen, vor einem lieblichen, feinen, allerliebſten Ge⸗ ſichtchen, das iſt eine Schande für einen Mann, mein Junge, und Du mußt ausgelacht werden, mein Junge, haha! ausgelacht werden, und ſollſt ausgelacht werden, bis Du zeigſt, daß Du weißt, daß Du mein Sohn biſt, der ich mich noch niemals vor einem Unterrock gefürchtet habe.“ „Stille, hochwürdiger Herr Frohlieb, ſtille!“ ſagte Leiſegang,„daß die Mama nichts davon hört. Im Uebri⸗ gen hat es manchen großen, gewaltigen Mann, gewaltigen General und unerſchrockenen Helden gegeben, dem ein Unterrock weit größeres Entſetzen einjagte, als eine ganze Heerde gepanzerter Reiter. Aber ein Mann hilft dem andern! und ich habe Dir zugeſagt, Wilhelm, Dein Braut⸗ werber zu ſein. Wir wollen dieſen ſchönen Feind gemein⸗ ſam angreifen und beſiegen.“ 174 „Der Feind iſt fort,“ lachte Herr Frohlieb,„aber Du brauchſt nicht bange zu ſein, Wilhelm, es iſt ein äußerſt liebenswürdiger, allerliebſter, friedfertiger Feind, der Dir ſeinen Gruß ſchickt und ſagen läßt, Du wüßteſt ja, wo er morgen zu finden wäre, und er werde Alles gern anhören, was Du zu Deiner Entſchuldigung ihm zu ſagen hätteſt.“ Aller Spott des Vaters prallte von dem Sohne ab, als er hörte, daß die hübſche Wittwe ſeine Rückkehr nicht mehr erwartet hätte. Er hatte vor allen Dingen Zeit ge⸗ wonnen, und fühlte ſich von einer erdrückenden Laſt befreit, was er durch einen tiefen Athemzug bezeugte. Zugleich aber ſah er ein, daß jetzt Alles entſchieden war und daß er, wie ſein Vater ſagte, ſich als ein Mann benehmen müſſe. „Ich habe nöthig, mich bei ihr zu entſchuldigen,“ begann er,„und bin dankbar für ihre Rückſichten. Ja, ich bin entſchloſſen, lieber Vater, ich werde ſie fragen, ob ſie meine Hand annehmen will.“ „Daran iſt gar kein Zweifel, mein Junge!“ ſchrie Herr Frohlieb.„Sie lachte Dich ja blos aus über Deine Blödigkeit.“ „Sie lachte mich aus,“ wiederholte der Sohn, den Kopf ſenkend.„Ol ſie hat Recht, ich bin blöde, und um deſſentwegen bitte ich Dich nun um Deinen Beiſtand, mein Freund.“ 175 „Wie ſo Beiſtand?“ rief der Papa beluſtigt und ärgerlich.„Dazu braucht man keinen Beiſtand. Geh hin zu ihr, lache mit ihr um die Wette, mache Deine Augen ſo weit von einander wie möglich, und ſchrei aus voller Kehle: Himmliſches, herrliches, göttliches Thereschen, ich bete Sie an und will niemals wieder an Blödigkeit leiden und die Courage verlieren! So iſt Alles gut, mein Junge, das Geſchäft iſt abgemacht, und dann kommſt Du mit ihr, und wir geben Dir unſern Segen. Rechts und links an die Buſen gedrückt, bis der Athem ausgeht, ſo und ſo!“ Herr Frohlieb riß dabei ſeinen Sohn in ſeine Arme und drückte ihn zur Probe, allein Wilhelm war weder froher zu ſtimmen, noch zur Einſicht zu bewegen. Er blieb dabei, daß er ſeiner Sache noch immer nicht gewiß ſei, und daß in ſolchen Fällen es jedenfalls beſſer waͤre, wenn ein Freund die Vermittelung übernähme.„Du ſiehſt mich entſchloſſen,“ ſagte er,„gewiß, ich bin bereit dazu, aber— ich kann nicht dazu lachen.“ „Es wird ſchon kommen!“ ſchrie Herr Frohlieb ver⸗ gnügt.„Ich ſage Dir, mein Junge, es wird ſchon kom⸗ men! Ich danke meinem Schöpfer, daß wir endlich ſo weit ſind. Aber pfiffig muß man ſein, pfiffig und Grund⸗ ſätze haben!“ Er ſtemmte den Arm in ſeine Seite, faßte mit der rechten Hand ſein Kinn an und betrachtete ſeinen Sohn äußerſt übermüthig.„Du wärſt in Deinem Leben 176 nicht dahin gekommen,“ fuhr er fort,„eine richtige mer⸗ cantiliſche Anſchauung zu gewinnen, wenn Dein Vater nicht für Dich gedacht und geſorgt hätte.“ Wilhelm ſah ihn fragend an, aber Leiſegang rief: „Sie ſind es alſo geweſen, Sie haben ihm dieſe richtigen Grundſätze eingehaucht?“ „Allerdings, ich!“ antwortete Herr Frohlieb, ſtolz den Zeigefinger auf ſeine Bruſt ſetzend.„Ein Vater thut Alles für ſeinen Sohn. Könnte ich für Dich heirathen, Wilhelm, meiner Seele!l noch heute ſollte es geſchehen, da ich aber dieſes nicht im Stande bin, ſo ging ich zu Vetter Hartfeld und ſagte zu ihm: Retten Sie ihn in Thereschen's Arme, Ihnen wird er folgen. Und er ſagte Ja, und das Fräulein Julie ſtand dabei und ſagte ebenfalls Ja.“ Die tiefe Bläſſe kehrte in Wilhelm's Geſicht zurück. Leiſegang ſah es und lachte ſpöttiſch.„So iſt es zuge⸗ gangen?“ fragte er. „Allerdings!“ betheuerte Herr Frohlieb.„So iſt es zugegangen, wie ich es angeſtellt. Dieſer Vetter Hartfeld iſt ein Mann, den die ganze Welt verehrt von wegen ſeiner Klugheit, diesmal aber“’— Herr Frohlieb tippte auf ſeine Stirn—„ging ihm hier das Licht auf.“ Zehntes Capitel. Es war ſomit beſchloſſen worden, daß Leiſegang am nächſten Tage für ſeinen Freund um die Hand der Ma⸗ dame Petermann anhalten ſollte, und er begab ſich zu ihr, um dieſen Auftrag auszuführen. Was ihn dazu trieb, ſich gern in dieſe Angelegenheit zu miſchen und ſolchen Eifer für ſeinen Freund zu zeigen, kam nicht über ſeine Lippen, aber ſein inniger Antheil daran ſchien ſich noch vermehrt zu haben. W Lächelnd trat er bei der jungen Frau ein und begrüßte ſie vertraulich und unbefangen. Nachdem er ihre Hand geküßt, einige Scherze gemacht und ſie mehrmals„Gnädige Frau“ genannt hatte, fing er plötzlich an, laut aufzulachen, und hielt nicht eher ein, bis ſie ebenfalls in's Lachen gerieth. „Ich ſehe jetzt, daß wir uns verſtehen,“ ſagte er dann. „Aber habe ich nicht Recht, daß ich Sie grauſam nannte?“ 1859. IV. Täuſchung und Wahrheit. 12 178 „Warum ſoll ich denn durchaus grauſam ſein?“ fragte ſie. „Das fragen Sie! Sind Sie nicht geſtern wahrhaft unmenſchlich mit dem armen, im Irrgarten der Liebe um⸗ hertaumelnden Cavalier umgegangen?“ Madame Petermann ſpitzte die Lippen zuſammen. „Von einem Cavalier,“ ſagte ſie dann,„ſollte man aller⸗ dings ein anderes Benehmen vorausſetzen.“ „Wer kann für die Schüchternheit ſeiner Gefühle!“ antwortete Leiſegang.„Sagt nicht Göthe: Tritt den Frauen zart entgegen, Du gewinnſt ſie, auf mein Wort! Allerdings aber ſetzt er gleich darauf hinzu: Doch wer keck iſt und verwegen, kommt vielleicht noch beſſer fort.“— Er ließ ſeine Augen liſtig blitzend auf der hübſchen Wittwe ruhen und ſprach dabei weiter:„Der große Dichter war auch ein großer Herzenskenner. Wilhelm war in Ver⸗ zweiflung, als er erfuhr, Sie hätten ſeine Eltern verlaſſen, und doch wieder äußerſt dankbar für Ihre Gnade und Güte, die ſo zart ihm über Beſchämungen forthalf. Hätte ich ihn nicht zurückgehalten, er würde Ihnen nachgeeilt ſein.“. „Sie haben ihn zurückgehalten!“ rief Madame Petermann. „Allerdings, denn was wäre daraus geworden! Dieſer ſchüchterne Jüngling hätte zum zweiten Male ſehr 4 179 wahrſcheinlich einige wenige, aber ſinnloſe Worte geſtam⸗ melt und würde dann erröthend entflohen ſein; geblendet von ſo vielen Reizen und gänzlich verwirrt von ſeinem Glücke.“ Das Geberdenſpiel, mit welchem der Finanzrath ſeine Worte begleitete, war ſo komiſch, daß die junge Frau ſich ſehr daran beluſtigte.„Aber mein Gott!“ ſagte ſie,„ich hätte nie geglaubt, daß Herr Frohlieb—“ „Ein ſolcher Pinſel ſein könnte,“ lachte Leiſegang. „Das darf man auch durchaus nicht von ihm denken. Er iſt ein vortrefflicher, junger Mann, der die größte Achtung verdient, äußerſt ruhig, äußerſt gelaſſen iſt, nur Damen gegenüber leider von größter Blödigkeit und vollſtändigem Mangel an Selbſtvertrauen. Darum eben ſagte ich, Wilhelm muß eine kluge, feine Frau haben, die ihm den richtigen Halt geben kann; und mit dieſem ſchönen Ver⸗ trauen zu Ihnen, meine gnädigſte Frau, bin ich eifrig bemüht, meinem armen Freunde zu dienen.“ „Sie kommen alſo in ſeinem Namen?“ lächelte Madame Petermann. „Ich komme mit dem Auftrage, Ihnen ſein Herz und ſeine Hand zu Füßen zu legen.“ „Und warum— bringt er dies nicht ſelbſt?“ „Weil er ſich noch immer fürchtet, weil er noch immer beſorgt, aus Angſt das rechte Wort und die rechte Stelle 12* 180 nicht finden zu können.— Daran ſehen Sie ſeinen eigen⸗ thümlichen Charakter; dieſe allerdings linkiſche Schüch⸗ ternheit, welche aber doch auch ihre liebenswürdige Seite hat. Nehmen Sie ſich ſeiner an, kommen Sie ihm zu Hülfe, er wird dafür immer Ihr unterthänigſter Verehrer und gehorſamſter Anbeter bleiben. Für Frauen von ſtar⸗ kem, edlem Charakter hat es gewiß etwas ſehr Reizendes, die unbeſchränkte Gebieterin ihres Geliebten zu ſein. Und dafür kann ich mich verbürgen. Wilhelm iſt von ſanfteſter Gemüthsart.“— „Nicht immer,“ fiel ſie ein.„Die Urſache unſerer Zwiſtigkeit war ja, daß er mich beleidigte, und zwar ohne alle Urſache, weil ich ganz unſchuldig über Fräulein Hart⸗ feld's Verlobung mit Ihnen ſcherzte.“ „Um deſſentwegen alſo!“ ſagte Leiſegang.„Das iſt allerdings luſtig genug, und dafür muß er beſtraft werden. Machen Sie ihm die Bedingung, daß er Abbitte leiſten muß. Es ſoll ja überhaupt gut ſein, wenn in einer Ehe ſogleich feſte Grundlagen für das gegenſeitige Verhältniß aufgeſtellt werden.“ „Meinen Sie?“ lachte die hübſche Frau. „Der ſchwächere Theil muß alsbald zur Nachgiebigkeit und zum Gehorſam gewöhnt werden. Und wo dies der Mann iſt, muß er ſich fügen.“ „Das klingt ja allerliebſt.“ 181 „Wie man ſich giebt, ſo wird man genommen,“ fuhr er in derſelben übermüthigen Weiſe fort.„Er wird dieſe Roſenketten küſſen und den kleinen, niedlichen Pantoffel mit ſo vielem Vergnügen auf ſeinen Nacken ſetzen, wie ich dies ſelbſt thun würde.“ „Nun hören Sie auf,“ lachte die ſchöne Wittwe, indem ſie ihre Augen feurig ſtrahlen ließ und ihre Ohren zuhielt. „Ich bringe ihn alſo her. Heute iſt es nicht mehr möglich, aber morgen bin ich zu Ihren Dienſten. Ich übernehme zwar morgen die geſammte Verwaltung meines neuen Amtes, allein die Kaſſenreviſion wird nicht lange dauern, und dann hole ich Wilhelm ab und führe ihn zu Ihren Füßen. Seien Sie gnädig mit ihm, theuerſte Frau. Wir wollen ihn gemeinſam beſſern und bilden und in Zucht und Ordnung halten.“ „Ich hoffe, daß Ihr gütiger Beiſtand nicht nöthig ſein wird,“ erwiederte ſie. Ein gemeinſames Gelächter folgte dieſer Bemerkung. „Gewiß nicht,“ ſagte er.„Dieſe feine Hand wird die ſicherſte Leitung ausüben und ihm eine Zukunft bereiten, welche ich ihm von ganzem Herzen gönne.“ So empfahl er ſich unter Glückwünſchen und Scher⸗ zen, die ſich noch lange in ihm fortſetzen mußten, denn während er die Straßen hinabging und endlich bei dem 182²2 jungen Frohlieb eintrat, drückten ſeine Mienen die heiterſte Laune aus. Wilhelm erſchrak, als er ihn ſah, denn ſichtlich in Verwirrung ließ er ſeine Arbeiten liegen, und wie ein Verurtheilter ſah er aus, als Leiſegang ihn mit dem Erfolg ſeiner Sendung bekannt machte. „Es iſt ſoweit Alles in Ordnung,“ berichtete der Freund,„ſie erwartet Dich, und Dein iſt ſie ſammt allen ihren Schätzen! Du biſt doch eigentlich ein Glücksmenſch, Wilhelm; um dieſe Partie wirſt Du von Vielen beneidet werden. Ich komme morgen und hole Dich ab, oder willſt Du allein gehen?“ „Nein, ich bitte Dich, komm, wenn Du mich be⸗ gleiten willſt,“ antwortete Frohlieb zögernd;„es würde mir lieb ſein.“ Leiſegang lachte auf.„Sonſt freilich iſt man am liebſten mit ſeinem Schätzchen allein, wenn man es an's Herz drückt, ſeine Lippen mit feurigen Küſſen bedeckt und allen Tonarten ſeiner Liebesgluth freien Lauf läßt.“ Er verfolgte mit ſchelmiſchen Blicken den Eindruck ſeiner Spötterei auf ſeinen Freund, der ihm keine Ant⸗ wort gab, aber langſam die Hand an ſeine Stirne drückte und mit hohler Stimme vor ſich hinmurmelte:„Es iſt doch entſetzlich!“ „Was iſt entſetzlich?“ 183 „Liebe zu heucheln!“ „Heucheln? Sei doch kein Thor! Warum heucheln? Wer könnte Dir denn im Sinne liegen? Alles iſt Ge⸗ wohnheit, Freund, und nichts iſt wahrer, als was Voltaire einmal ſagte, daß ſelbſt die Verdammten in der Hölle ſich wie Fiſche im Waſſer befinden müßten, eben weil ſie an Höllenqualen gewöhnt ſeien.“ „Höllenqualen! ja, auch dahin kann es kommen,“ erwiederte Wilhelm, die Augen auf den Boden gerichtet. „Ein böſes Weib ſoll die Hölle auf Erden ſein, wie die Dummköpfe faſeln,“ fuhr Leiſegang lachend fort,„al⸗ lein doch jedenfalls nur für den, der dem Teufel die Nägel nicht zu beſchneiden weiß. Was dieſe liebliche Wittwe aber betrifft, ſo mag ſie eigenſinnig, eitel und von be⸗ ſchränkten Anſichten ſein, allein ſie hat ſo viele löbliche Eigenſchaften, ſie iſt ſo leicht zu gewinnen, ſo leicht zu ſtreicheln, dabei ſo haushälteriſch, fein ſäuberlich, hübſch und zierlich, daß Du glücklich werden mußt. Mir wäre nur ein einziger Fall denkbar, wo es Dich reuen könnte. Wenn eine andere Frau Dich ſchon beſäße, ſo etwas Deine Eingeweide plagte, was man unglückliche Liebe nennt. Wenn Du nach Einer ſeußzteſt, die Deine zärtlichen Ge⸗ fühle unerwiedert ließe und einen Andern vorzöge, oder auch etwa ſelbſt einige himmliſche Neigungen verſpürte, 184 doch leider ſich ihnen nicht überlaſſen könnte oder dürfte. Damit haſt Du ja aber nichts zu ſchaffen.“ „Wann willſt Du kommen?“ fragte Frohlieb, haſtig aufblickend. „Gleich nach der Kaſſenreviſion, welche morgen ſtatt⸗ findet. Und nun, mein theurer Freund, ſpreche ich noch eine Bitte aus, welche Du mir nicht abſchlagen darfſt. Hartfeld giebt morgen ein Diner, er iſt nicht davon zurück zu halten. Er iſt ein Epicuräer und hat lange genug ge⸗ faſtet. Morgen ſoll der alte Glanz in ſein Haus zurück⸗ kehren, der durch den Tod meines Onkels einen langen Riß bekommen hat. Mag er es thun, künftig wollen wir ihn ſchon zur weiſen Sparſamkeit gewöhnen; morgen jedoch ſoll es köſtlich hergehen, denn das laute Geheimniß ſoll veröffentlicht werden, meine Verlobung! Doch nicht die meinige allein, Wilhelm. Es bleibt bei unſerer Ver⸗ abredung, wir feiern Verlobung und Hochzeit zuſammen. Auch Deinen Eltern wird heute noch eine Einladung zugehen, und morgen werden wir Beide Deine Braut be⸗ ſtürmen, daß ſie an Deinem Arme bei Hartfeld erſcheint und Theil an dem Feſte nimmt.“ „Das wäre doch auffallend, es wird nicht ſein kön⸗ nen!“ unterbrach ihn Frohlieb. „Warum denn nicht? Laß mich nur machen. Wir überraſchen Julie damit, und Deine ſchöne Thereſe wird 185 nichts dagegen haben, wenn ein Hoch! auf ihr Glück in Deinen Armen getrunken wird. Welche allerliebſte Ge⸗ legenheit iſt das nicht, Schmuck und Putz zu zeigen. Meine Julie wird freilich eine üble Rolle bei allen Vergleichen ſpielen, obenein ſieht ſie ſeit einigen Tagen noch blaſſer und ſchmachtender aus, als ſonſt. Alſo, beſter Wilhelm, kein Wort mehr. Denke Dir Deinen Vater, wenn die Hurrahs auf die Brautpaare losgehen, dieſe Glückwünſche, dieſe Seligkeit. Ich muß jetzt fort, Julie erwartet mich, wir wollen noch einige Einkäufe machen. Ich werde ihr Andeutungen zukommen laſſen, wie es mit Dir ſteht; Thereſe muß ihre Freundin werden! Und morgen halte Dich bereit; ſobald ich im Miniſterium fertig bin, komme ich her. Lebe wohl, glückſeliger Wilhelm! Du ſiehſt für einen Bräutigam paſſabel ernſthaft aus, allein der Humor wird durchbrechen. Der Humor kommt von ſelbſt, wenn man ſein Glück oder ſein Schickſal unvermeidlich vor ſich ſieht.“ Heiter lachend ſchüttelte er dem Schweigenden die kalten Hände, ſah noch einmal übermüthig in das farbloſe Geſicht und ging dann eben ſo ergötzt davon, wie er die hübſche Wittwe verlaſſen hatte.— Bald darauf trat er bei dem Kriegsrath ein, der bei ſeiner Tochter ſaß und ihr aus einem langen Zettel vorlas. „Was haben Sie denn da?“ fragte Leiſegang nach 186 der erſten Begrüßung.„Die neueſten Nachrichten aus dem Reiche Gottes?“ „Wirklich, ſo könnte man es nennen,“ erwiederte der würdige Herr mit ſeiner behaglichen Freudigkeit.„Ich gebe Julien eben hier noch einige Anweiſungen zu unſerm Mittagsmahle. Es iſt mir gelungen— oder vielmehr man hat mir noch einige ſchöne Gaben angeboten, die ich nicht abgewieſen habe.“ „Was iſt es denn?“ fragte Leiſegang, in den Zettel ſehend. „Einige j junge Gemüſe, ein paar Schüſſeln nur, und friſche Erdbeeren.“ „Ei der Tauſend! Das ſind ja Seltenheiten in dieſer Jahreszeit,“ rief Leiſegang,„die müſſen theuer ſein.“ „Wir feiern auch ein ſeltenes Feſt,“ erwiederte der Kriegsrath,„dafür iſt nichts zu theuer. Der Präſident hat meine Einladung angenommen, auch habe ich noch einige werthe Gäſte geladen, die das Gute zu würdigen verſtehen.“ „Und ich bringe Ihnen andere dazu, die Sie mir bewilligen müſſen,“ ſagte Leiſegang.„Auf Ihre Güte hin habe ich mich unterſtanden, ſie ſchon zu berachricheigen. 4 „Jeder, den Sie mir mitbringen, iſt mir willkom⸗ men,“ erwiederte Hartfeld.„Sie können mir keine größere Freude machen.“ 187 „Es ſind Ihre eigenen Verwandten, mein lieber Papa. Herr Frohlieb und ſeine Gattin, mein Freund Wilhelm und noch eine Dame, die zu ihm gehört. Seine Braut!“ Er beobachtete die Geſichter, aber zu ſeinem ärger⸗ lichen Erſtaunen entſprachen dieſe ſeinen Erwartungen nicht. Julie blieb ſtumm, aber es kam ihm vor, als freue ſie ſich über ſeine Bosheit. Ihr ſanftes, bleiches Geſicht erhielt eine Art Heiligenſchein, der aus ihren Augen dar⸗ über hinſtrahlte, während ihre Hände ſich zuſammen⸗ falteten. Der Kriegsrath dagegen war nicht ganz ſo geduldig.„O!“ ſagte er,„das iſt allerdings eine an⸗ genehme Nachricht; wahrſcheinlich die junge Wittwe, von der ſchon ſo lange die Rede iſt?“ „Dieſelbe, mein lieber Papa. Madame Petermann, eine höchſt reſpectable Dame, denn ſie beſitzt wenigſtens ſechzigtauſend Thaler.“ „Hoffentlich auch noch andere Tugenden,“ lächelte Hartfeld. „Sehr viele andere Tugenden, die unſern Freund ſehr glücklich machen werden, ſobald er ſie näher kennen lernt. Vor der Hand ſcheint das Geld allerdings den meiſten Eindruck auf Wilhelm und ſeine Eltern gemacht zu haben, doch warum ſoll man die goldene Seite bei einer ehelichen Verbindung gering ſchätzen? Bei 188 einigem praktiſchen Blick für das Leben wäre dies ſehr thöricht.“. „Aber dieſe Frau liebt doch gewiß unſern guten Vetter?“ fragte Julie ſchüchtern aufblickend. „Wer kann das unterſuchen?“ lachte der Finanzrath. „Wenn eine Dame ſich verlobt, muß man das wenigſtens von ihr vorausſetzen, und der ſie heirathen will, thut jedenfalls am beſten, daran zu glauben. Findet er ſpäter, daß er ſich getäuſcht hat, ſo iſt die Schuld nicht ſein. Was aber dieſe junge, hübſche Frau betrifft, ſo glaube ich kaum, daß allzuviel Glück bei ihrer Ehe herauskommt. Sie iſt ziemlich ungebildet, eigenſinnig, putzſüchtig, empfindlich und dabei geizig. Es kommt darauf an, ob Wilhelm ihr beizubringen weiß, daß er ihr Herr ſein ſoll, oder ob er ſich, was ich noch mehr glaube, geduldig unterwirft und ſein Kreuz trägt. Aber ich denke, wir brechen davon ab. Das iſt kein Geſpräch, das Ihnen Vergnügen machen kann, theuerſte Julie.“ „Vergnügen macht es mir nicht, Ihre Befürchtungen zu hören,“ erwiederte ſie,„allein ich nehme lebhaften An⸗ theil an Frohlieb's Geſchick und bin daher beſorgt um ihn.“ „Seien Sie nicht allzu mitleidig,“ ſpottete er.„Jeder muß in dieſer Welt für ſich ſelbſt ſorgen, und der Mann verdient geringe Theilnahme, der nicht Mannes genug iſt, mit ſeinem ſelbſtgewählten Liebesglück abzurechnen. Mein 189 Glaube iſt darin einfach der, daß, was man ſich ſelbſt aufgebürdet hat, auch getragen werden muß, und zwar ſo leicht, friedlich und freundlich, als irgend möglich. Aber was ſind das für Geſchichten!“ rief er laut lachend.„Wo⸗ hin verirren wir uns mit dieſem Liebespärchen. Wenn ich es recht bedacht hätte, wäre es vielleicht beſſer geweſen, die Frohlieb's nicht einzuladen.“ „Allerdings würde es uns wenig geſchadet haben,“ ſagte Hartfeld.„Wir kennen dieſe Dame nicht. Ich habe ſie kaum flüchtig geſehen, Julie gar nicht.“ Er ſchüttelte den Kopf, ſeine Mißſtimmung war un⸗ verkennbar.„Wenn es Ihnen unlieb iſt, ſo müſſen wir ſie wieder ausladen,“ ſagte Leiſegang. Hartfeld ſtand auf und näherte ſich ſeiner Tochter, und über ihre Stirn ſtreichelnd, beugte er ſich zu ihr nieder und küßte dieſe.„Ich denke, das geht nicht an,“ ſagte er. „Wilhelm Frohlieb iſt von uns Beiden herzlich geliebt und geachtet. Wenn ſeine Wahl wirklich unglücklich aus⸗ fallen ſollte, würde es uns ſehr nahe gehen. Aber wer kann das wiſſen? Zuweilen ſcheint es, als müſſe man das Unglück einer Ehe vorausſagen, dennoch geht dies nicht in Erfüllung, während Andere, die nur Glück verheißen, wo alle Himmel voll Geigen hängen, bald in Trübſal enden. Darum wollen wir das Beſte hoffen.“ Er ſah ſeine Tochter an, Julie lächelte und preßte 190 ſeine Hand an ihre Lippen. Hartfeld wandte ſich zu Leiſe⸗ gang um, in deſſen Herzen es grollte. So bleich und elend war ihm ſeine Verlobte noch nie vorgekommen; es koſtete ihm viel Mühe, ſich nichts von dem Spotte merken zu laſſen, der in ihm arbeitete und ihn anreizte.„Mein lieber Sohn, ſo darf ich Sie doch jetzt ſchon nennen,“ ſagte Hartfeld,„verſprechen Sie mir mit Ihrem heiligſten Worte, mit Ihrer Ehre, daß Sie Julien immer lieben und werth halten, niemals von ihr laſſen wollen.“ „ Aber mein theurer Papa,“ verſetzte Leiſegang, er⸗ ſtaunt über dieſe ſonderbare Wendung,„bedarf es denn wohl noch eines ſolchen Verſprechens? Wenn Sie es wünſchen, will ich jeden Eid leiſten, aber was ſind denn Eide, um Treue und Glauben zu ſichern, oder gar um Liebe zu befeſtigen? Zwiſchen uns giebt es ſtärkere, beſſere Bindungsmittel, nicht wahr, meine ſüße Julie? Zwiſchen uns wird immer Vertrauen herrſchen. Wir werden immer einig und zufrieden ſein; dadurch wird unſere Liebe nie⸗ mals abnehmen.“ Er legte ſeinen Arm um ſie, ein Gedanke überkam ihn. Sollte dies mißgeſtaltete Mädchen ihn betrügen? Sollte ſie Wilhelm wirklich lieben, ihm Zuneigung heu⸗ cheln? War das leiſe Zittern, das er zu fühlen meinte, vielleicht das Zeichen geheimen Widerwillens? Aber was es auch ſein mochte, gleichviel. Dann betrog ihre Eitelkeit 191 ſie ſelbſt. Und welche Gründe hatte er denn, dieſe Frau zu wählen? Seine Eigenliebe überwältigte in einem Augenblick alle dieſe Vorſtellungen. Andere, ſchönere Frauen wären gern ihm entgegen gekommen. Als er Julie anblickte, dachte er an die hübſche Wittwe, und es kam ihm vor, als verwandele ſich das bleiche Geſicht und zeige ihm die anmuthigen Züge der gefälligen Frau. Aber nein, die unſchöne Braut hatte ſich nur eigenthümlich verſchönt. Ihre Augen glänzten von einer ſchwärmeriſchen Gluth; ſie blickte ihn in einer Weiſe an, daß ihm heiß dabei wurde. Ihr Lächeln hatte einen innigen Ausdruck, leiſe ſchmiegte ſie ſich an ihn voll ſanfter Zärtlichkeit.„Gewiß, theurer Vater,“ begann ſie mit ihrer wohllautenden, wei⸗ chen Stimme,„Ferdinand hat Recht. Ich werde ſein Vertrauen erwerben. Er wird mich immer lieben und ſchützen; meines ganzen Lebens Aufgabe ſoll dafür ſein, ihm zu gefallen, ihn zu beglücken. Gott wird mir beiſtehen, daß ich ſein Herz nie verliere.“ „Das kann nicht geſchehen!“ rief Leiſegang, indem er ſie umarmte.„Wir werden alles Glück und alles Leid gemeinſam tragen, Julie. Aber ich hoffe, theurer Papa, Sie ſollen noch viele Freude an uns erleben.“ Hartfeld ſtand lächelnd vor ihnen. Sein würdiges Geſicht war voll milder Rührung.„Ich habe nur dies eine Kind,“ ſagte er,„und wenn ich nicht mehr bin, hat 192 Julie keinen andern Schützer, als den Mann ihrer Wahl. Sie haben mir geſagt, daß Sie Julien haben wollen, wie ſie iſt, und ſelbſt von ihrer Ausſtattung—“ „Kein Wort davon!“ fiel Leiſegang ein.„Mein Haus beſtelle ich ſelbſt, und wenn wir von ſolchen Dingen doch etwas ſagen wollen, ſo bedenken Sie, daß Julie mir ſofort zehntauſend Thaler mitbringt, welche ich ihr zahlen müßte.“ 6„Aber,“ unterbrach ihn der Kriegsrath,„bedenken ie—4— „Aber,“ fuhr Leiſegang fort,„bedenken Sie ſelbſt, lieber Papa, daß ich kein Handelsmann bin, ſondern meines Onkels Erbe, Sie deſſen vielerprobter Freund. Ich weiß Sie zu ſchätzen, weiß, welches Pfand Ihrer Ach⸗ tung Sie mir durch Julien's Hand geben. Lebte mein armer Onkel noch, er würde vor Glück und Freude nicht wiſſen, wie er Ihnen dankbar ſein ſollte; möge es mir vergönnt ſein, Ihnen meine innige, ewige Dankbarkeit oft noch zu bezeigen.“ „Da ſteht die,“ ſagte Hartfeld mit erhobener Stimme, indem er Beide in ſeine Arme zog,„der Sie Alles ver⸗ gelten mögen!“ Elftes Capitel. Am nächſten Morgen war das Haus ſchon früh in Bewegung, des Feſtes wegen, das heute gefeiert werden ſollte. Mehrere angenommene Leute kamen den Dienern zur Hülfe, um die Wohnung ſäubern und ſchmücken zu helfen; ein Gärtner brachte Blumen und Früchte zur Ver⸗ zierung der Tafel, für manche andere Zierden und Lecker⸗ biſſen des Nachtiſches hatte Hartfeld nach ſeiner Gewohnheit perſönlich geſorgt, und nun ging er vergnügt und hülfreich umher, indem er anordnete, was geſchehen und wie ſich Alles folgen ſolle. Um die verſchiedenartigen Weine auszu⸗ wählen, ſtieg er ſelbſt in ſeinen Keller hinab, doch damit noch nicht genug, hatte er mehrere ſehr theure Arten be⸗ ſonders beſtellt, welche jetzt von einem berühmten Wein⸗ händler geſchickt wurden. Dann nahm er mit der Köchin eine lange Rückſprache über den Küchenzettel, indem er ihr 1859. IV. Täuſchung und Wahrheit. 13 194 einige Gerichte vorzüglich empfahl und ihren Eifer an⸗ ſpornte, heute ihre ganze Kunſt glänzend zu entfalten. Er war dabei ungemein froh und zum Scherz geſtimmt, ſeit langer Zeit hatten ihn ſeine Diener nicht ſo geſehen. Der große, ſchöne Mann trug den mächtigen Kopf heute ſo ſtolz auf ſeinen Schultern, er blickte ſo glücklich und ſo würdig umher, daß die Köchin meinte, einem Könige könnte nicht ſo um's Herze ſein, aber an einer königlichen Tafel ſollte es auch nicht ſo hergehen, wie bei dem Herrn Kriegsrath. „Ich danke Dir, meine gute Freundin,“ antwortete Hartfeld,„aber Du haſt Recht, ich fühle mich auch froher, als mancher Fürſt es ſein kann, den Sorgen drücken.“ „Der liebe Gott giebt ſeinen Segen!“ ſagte die Köchin.„Er weiß wohl, wer es verdient, wer den Armen Gutes thut und jedes geringen Menſchen ſich erbarmt. Darum werden Sie auch noch viele Jahre glücklich und geſegnet leben, allerbeſter Herr Kriegsrath, und dafür laſſen Sie mich nur ſorgen, daß es Ihnen immer ſchmecken und gut bekommen ſoll.“ „Nur nicht allzu gut,“ lachte Hartfeld.„Wir müſſen mäßig und genügſam ſein, müſſen uns einſchränken.“ „O! Sie allerbeſter Herr Kriegsrath, Sie ſchränken ſich ja ein, daß ich im Stillen ſchon darüber geweint habe,“ ſagte die Köchin.„Seit langer Zeit haben wir ja gelebt 195 wie in einem Kloſter. Ach! wenn ich denke, wie es ſonſt war, wenn der ſelige Herr Geheimrath kam, und jetzt— jetzt.“ Sie ſchüttelte ſchwermüthig den Kopf. „Die alten Zeiten werden wieder kommen,“ verſetzte Hartfeld, ihr das Kinn ſtreichelnd.„Wir werden noch manchen frohen Tag zuſammen verleben. Aber jetzt muß ich fort und verlaſſe mich ganz auf Dich.“ „Seien Sie ganz ruhig, allerbeſter Herr Kriegsrath,“ ſagte die Köchin ſtolz.„Laſſen Sie das Fräulein nur nicht in die Küche kommen; es hat doch nicht Ihren Geiſt für das Feine und iſt mit Allem zufrieden. Ich werde ſchon dafür ſorgen, daß Ihre Gäſte ſagen ſollen: Das iſt ein Diner, wie es ſein muß!“ Der Kriegsrath wiederholte ſeinen Dank. Ein eben anlangender prächtiger Lachs gab ihm Gelegenheit, die Champignonſauce eindringlich zu empfehlen, dann zog er ſich zurück, kleidete ſich an und kam nach einiger Zeit wieder in das Wohnzimmer, wo er ſeine Tochter fand, die das Silberzeug aus dem Schranke nahm und auf einen großen Tiſch legte, der mit Linnen und Porzellan faſt bedeckt war. Der Kriegsrath hatte einen neuen ſchwarzen Anzug angelegt, auf der Bruſt trug er ſeine Orden, den Hut hielt er in der Hand. Alles war ſauber und ſtattlich an ihm; ſeine Wäſche war fein und blendend, wie immer, die große Brillantnadel ſteckte in dem Jabot. 13* 196 „Nun, mein Herzenskind, Du biſt ſchon thätig,“ ſagte er mit väterlicher Begrüßung.„An Deinem Freuden⸗ tage mit hausfräulicher Geſchäftigkeit erfüllt, das iſt von guter Vorbedeutung.“ „Du willſt ſchon fort, lieber Vater?“ antwortete ſie. „Ich muß, mein Kind. Der Präſident wird um zehn Uhr an Ort und Stelle ſein, und er iſt pedantiſch pünktlich, ich darf ihn nicht warten laſſen. Um ſo früher aber kehre ich zurück, und dann wollen wir uns nicht wieder trennen.“ „Daß wir uns trennen müſſen!“ antwortete Julie, trübſinnig lächelnd. „Ich behalte Dich ja, Gott ſei Dank! in meiner Nähe. Wenn ich Dich verlaſſen müßte, Du weit von mir gingſt, das würde ich nicht ertragen können. Da habe ich neulich von einem reichen Bankier gehört, der ſeine einzige Tochter nach Petersburg verheirathet hat. Ich begreife nicht, wie ein Vater das zugeben kann.“ Julie antwortete nicht, er ſtreichelte ihre Wangen. „Wir werden uns nicht trennen,“ fuhr er fort,„ich ſehe eine friedliche, ſchöne Zukunft kommen. Leiſegang hat mir geſtern ſehr gefallen. Was er ſagte, kam aus ſeinem Herzen; er wird Dich immer mehr kennen lernen, Julie, und Dich ſo lieben lernen, wie Dein Vater Dich liebt.“ „O, Vater!“ 197 „Still, mein Kind, ſtill! rühren wir nicht an, was wehe thun könnte. Du haſt verſtändig gut nach Deinem Willen gewählt und mir Freude gemacht. Daß die Froh⸗ lieb's vorſchnell eingeladen wurden, iſt mir nicht lieb, aber man muß ſich darein ſchicken. Wir wollen uns in unſerer Herzensfreudigkeit davon nicht ſtören laſſen. Alſo auf Wiederſehen! und ſchmücke Dich heute, mein Mädchen, damit Dein alter Vater Dich im Brautputz ſo recht ſtatt⸗ lich ſieht. Du haſt es freilich nicht nöthig, aber zeige ihnen, daß Du auch in Flitter und Seide gehen kannſt. So, und nun küſſe mich noch einmal. Du hältſt mich ja ſo feſt wie einen Geliebten.“ „Ich möchte Dich gar nicht loslaſſen,“ ſagte ſie, Thränen in den Augen. „Das laß Leiſegang ja nicht hören,“ lachte er.„Er ſcheint mir überhaupt Anlage zur Eiferſucht zu haben. Nun, wir wollen ihn tüchtig necken und ſo recht aus Herzensgrund froh ſein, damit Dein ganzes Leben froh iſt, mein geliebtes Kind.“ Mit Innigkeit ſah er ſie noch einmal an, nickte ihr zu und von der Thür aus überblickte er das ganze Zimmer, kehrte zurück und ſchob eines der Gemälde, welche an der Wand hingen, gerade.„Nur nichts Schiefes, das kann ich nicht leiden,“ ſagte er dabei.„Immer gerade, mein liebes 198 Kind, und mit dem richtigen Blick begabt, ſo ſchafft man Ordnung und kommt zum Ziele.“ Das waren ſeine letzten Worte. Er ging raſch fort, denn es war ſpät geworden, und als er in ſeine Amtsſtube trat, fand er dort ſchon den Präſidenten, einen der Ober⸗ räthe und den Finanzrath. „Ich bitte unterthänigſt um Entſchuldigung, daß ich zu ſpät komme,“ ſagte Hartfeld, indem er ſich tief verbeugte. „Ich bin darüber ſehr beſtürzt.“ Der Präſident gab ihm lächelnd die Hand.„Sie ſind ein ſolches Muſter von Pünktlichkeit und Sorgfalt,“ erwiederte er,„daß ich mit Vergnügen gewartet, und in⸗ zwiſchen die Einrichtungen Ihrer Bücher angeſchaut habe.“ „Man muß jedoch keinen Augenblick von der Pünkt⸗ lichkeit abweichen,“ ſagte Leiſegang, indem er ebenfalls Hartfeld's Hand ſchüttelte. „Bedenken Sie doch, Herr Finanzrath, an ſolchem Tage, wie dieſer, hat unſer guter Kriegsrath Vieles in ſeinem Kopfe,“ fiel der Präſident ein. —„Der Herr Finanzrath hat ganz Recht,“ erwiederte Hartfeld würdevoll.„Sch bitte meine hohen Herren Vor⸗ geſetzten nochmals um Vergebung.“ „Kommen Sie, meine Herren, kommen Sie,“ lachte der Präſident,„wir wollen unſere Geſchäfte raſch ab⸗ V V 199 machen und Hartfeld von allen Sünden freiſprechen. Im Uebrigen muß ich Ihnen ſagen, daß der Miniſter mir noch geſtern mit großer Genugthuung von Ihnen ſprach und Ihres Lobes voll war.“ „Der Herr Miniſter iſt ſehr gnädig,“ ſagte Hart⸗ feld.„Ich wüßte nicht—“ „Es iſt in höchſten Kreiſen von Ihnen und Ihren Verdienſten die Rede geweſen,“ unterbrach ihn der Präſi⸗ dent.„Von Ihrem Wohlthätigkeitsſinne, den vielen Mühen und Geſchäften, die Sie aus Mildherzigkeit über⸗ nehmen, den Opfern, welche Sie bringen, und von Ihrer freudigen Menſchenliebe.“ — „Ich thue in der That nur ſehr Geringes und Un⸗ bedeutendes,“ verſetzte Hartfeld mit einer demüthigen Verbeugung. „Sie ſind zu beſcheiden, aber“— der Präfident drückte ihm lächelnd den Arm—„es wird dennoch gute Früchte tragen, verlaſſen Sie ſich darauf. Im Vertrauen: Sie werden nächſtens überraſcht werden,— Herr Ge⸗ heimer Kriegsrath!“* „O, mein gnädigſter Herr Präſident!“ ſagte Hart⸗ feld, würdevoll aufblickend,„nicht um irdiſchen Lohn übe ich nach meinen Kräften, was Gott allen Menſchen befiehlt.“ 200 „Das wiſſen wir,“ erwiederte der Präſident im herz⸗ lichen Tone.„Sie ſind einer von den wenigen, wahrhaft frommen, uneigennützigen Männern, die ihre Verdienſte verbergen, wo es angeht, und darum freue ich mich um ſo mehr, wenn der Würdige belohnt wird, ohne daß er es ſucht.— Nun laſſen Sie uns unſere Arbeiten be⸗ ginnen.“ Hartfeld legte ſeine Hauptbücher, Rechnungen und Belege vor, die ganze Reihe der Kaſſenabſchlüſſe, und end⸗ lich ſchloß er die Kaſſe ſelbſt auf, um die Baarbeſtände mit den Zahlen der auf der Stelle gemachten Bilanz zu ver⸗ gleichen. Alles war in größter Ordnung; bis auf den letzten Pfennig ſtimmte der Vergleich, und es blieb nur übrig, die vorhandenen Werthpapiere durchzuſehen. Es war ein bedeutendes Vermögen vorhanden, das aus Stif⸗ tungen und Vermächtniſſen für wiſſenſchaftliche Zwecke ſich angeſammelt hatte und in der Kaſſe verwaltet wurde. „Mit Zuſtimmung des Herrn Miniſters,“ ſagte Hartfeld,„iſt der Geſammtbeſtand ſtets in zinstragenden Staatspapieren angelegt worden. Hier iſt das Verzeichniß derſelben mit allen Specialitäten und dort in dem Schranke befindet ſich der eiſerne Kaſten unter doppeltem Verſchluß, welcher die Papiere ſelbſt enthält. Er iſt ein wenig ſchwierig herauszuheben, wenn Sie jedoch befehlen, ſoll es ſogleich geſchehen.“ 201 Der Präſident trat an den Schrank und ſah den eiſernen Kaſten an, der, aus feſten Eiſenplatten beſtehend und mit Patentſchlöſſern verſehen, ein nicht unbeträchtliches Viereck bildete. „Er iſt allerdings ſchwer,“ ſagte er.„Haben Sie die Papiere kürzlich erſt durchgezählt, lieber Kriegsrath?“ „Erſt geſtern, mein gnädigſter Herr Präſident,“ er⸗ wiederte Hartfeld.. „Nun, ſo wollen wir nur einen Blick hinein werfen. Schließen Sie den Kaſten auf.“ „SIch bitte, ſich überzeugen zu wollen,“ ſagte Hart⸗ feld.„Mein edler, verewigter Geheimrath hat kurz vor ſeinem Tode— aber ich vermiſſe den Schlüſſel— ich bin nicht im Stande, zu ſagen— weiß doch aber gewiß, daß er in meiner Taſche, oder in meiner Hand war.“ 1 Er eilte an ſein Pult, zog mehrere Kaſten auf, ſah an verſchiedene Orte te jedoch den Schlüſſel nicht finden.„Vielleicht haben Sie ihn vergeſſen,“ ſagte der den Präſidenten begleitende Rath. „Möglich wäre es wohl,“ antwortete der Kriegsrath nachſinnend.„Der Kaſten iſt ſelten bei den Reviſionen geöffnet worden, allein ich dächte nicht, daß ich den Schlüſſel vergeſſen könnte.“ Er fing von Neuem an zu ſuchen, der Erfolg war 202 jedoch nicht beſſer, als vorher.„Nun, meine Herren,“ ſagte der Präſident,„ich dächte, wir ließen den armen Kriegsrath nicht länger in dieſer Verlegenheit. Er hat die Documente geſtern erſt durchgeſehen. Der Schlüſſel wird ſich wieder finden, und dann kann der Herr Finanzrath Leiſegang nächſtens einmal hineinſchauen. Laſſen Sie es gut ſein, liebſter Kriegsrath, ſuchen Sie nicht länger. Schlüſſel ſind oft Kobolde, je mehr man ſie ſucht, je we⸗ niger laſſen ſie ſich finden. Ich denke, wir ſind Alle befriedigt und überzeugt, und werden das Protokoll gern unterzeichnen.“ Der anweſende Rath ſtimmte gern bei. Hartfeld ſelbſt aber machte eine Einwendung, indem er verſicherte, der Schlüſſel werde ſich gewiß ſogleich finden müſſen, und Leiſegang ſtimmte ihm bei. „Er muß ſich auf jeden Fall herbeiſchaffen laſſen,“ ſagte der Finanzrath,„ſpurlos verſchwunden kann er nicht ſein. Haben Sie ihn vielleicht zu Hauſe gelaſſen, ſo können wir hinſchicken.“ „Ich habe ihn nicht zu Hauſe gelaſſen, das weiß ich gewiß,“ erwiederte Hartfeld. 8* „Dann muß er ſich hier auch finden. Wir wollen Alles genau durchſuchen.“ „Aber lieber Finanzrath,“ ſagte der Präſident,„die 203 Sache hat ja nicht ſolche dringende Eile, ſie kann gelegent⸗ lich von Ihnen erledigt werden.“ „Ich muß doch bitten, daß wir uns ſtreng an die Vorſchrift halten,“ erwiederte Leiſegang,„wie es dieſe befiehlt.“ „Wie Sie wollen. Sie haben vollkommen Recht,“ entgegnete der Präſident empfindlich. „Ich glaube, der Kriegsrath Hartfeld muß es ſelbſt wünſchen und den Gründen beipflichten, welche ich dazu habe, daß dieſe Reviſion vollkommen ordnungsmäßig aus⸗ geführt wird,“ fuhr Leiſegang fort.„Sie ſind mir gewiß nicht böſe, daß ich darauf beſtehe.“ Hartfeld richtete ſich lächelnd auf, nahm die Hand, welche ihm der Mann reichte, der ihm ſo nahe ſtehen ſollte, und nickte ihm beiſtimmend zu.„Ganz gewiß, ich gebe Ihnen vollkommen Recht,“ ſagte er.„Ich würde ſelbſt dringend darum gebeten haben.“ Seine Augen leuc freundlich; die Ruhe und Würde in ſeinen eee hien ſich zu verdoppeln.„Es i*ſt in der That durchaus nöthig, Herr Präſident,“ ſagte er,„daß ſich von dem Inhalte dieſer Caſſette über⸗ zeugen, was, wie ich überzeugt bin, nicht verſchoben werden kann.“ „Aber, lieber Kriegsrath, wenn nun der Schlüſſel ſich durchaus nicht findet?“ 204 „So werden wir uns Hülfe, einen Schloſſer herbei⸗ rufen,“ fiel Leiſegang ein.„Einer der geſchickteſten wohnt ja hier dicht in der Nähe.“ „Ganz recht, den müſſen wir rufen,“ ſagte Hartfeld, „doch ehe es geſchieht, will ich doch noch einmal— O, verzeihen Sie einen Augenblick. Ich habe ganz ver⸗ geſſen, in meinem Ueberzieher nachzuſehen. Nur einen Augenblick.“ Mit dieſen Worten ging er lächelnd in ein kleines Cabinet, daß an das große Zimmer ſtieß, und zog die Thür hintel ſich zu. „Warum beſtehen Sie denn ſo eigenſinnig auf Ihrer Meinung?“ ſagte der Präſident.„Der wackere Mann muß ſich gekränkt fühlen.“ „Nichts iſt ferner von mir,“ erwiederte Leiſegang. „Niemand kann ihn mehr achten und ehren, allein eben deswegen finde ich es durchaus nöthig, und damit ich richtig verſtanden werde, n d Ihnen bekennen, daß ich heute— A* In dieſem Augenblick drang ein leßen, ugelnder und ſtöhnender Ton aus dem Cabinet. „Was iſt das?“ rief der Präſident. Der Finanzrath lief nach der Thüre, die Andern folgten ihm.„Da ſitzt er!“ ſchrie er auf. 205 Der Kriegsrath ſaß ſtarr, die Augen weit offen, auf einem Stuhle. „Schafft Hülfe herbei!“ ſchrie der Präſident.„Ein Arzt!“ Leiſegang hielt ihn feſt und ſagte eindringlich: „Menſchliche Hülfe iſt hier vergebens. Laſſen Sie uns zunächſt überlegen, was wir thun müſſen.“ Zwölftes Capitel. Wilhelm wartete ſeit drei Stunden auf ſeinen Freund, aber dieſe Stunden waren ihm in beklemmender Unruhe zu Ewigkeiten geworden. Er ſuchte ſich durch Arbeiten von den Vorſtellungen zu befreien, die ihn verfolgten, doch das war unmöglich. Immer kam ihm in den Kopf, was er Thereſen ſagen wollte, und ſo gut er es auswendig gelernt hatte, verwirrten ſich die Worte immer wieder. Dann ſah er ſich wirklich zu ihren Füßen um Gnade und Liebe bittend und ſein Blut rollte glühend durch alle Adern, endlich glaubte er in ihre Augen zu blicken, er ſollte freudig ſein, Glückſeligkeit heucheln, und Fieberfroſt lief ihm dabei durch Mark und Bein. Alle Augenblicke ſah er nach der Uhr, oder zum Fenſter hinaus, und wenn die Thür ſich öffnete, ſchrak er zuſammen. Endlich jedoch verwandelte ſich dieſe Unruhe in ein Gefühl der Zufriedenheit, denn 207 Leiſegang kam nicht, er war zu beſchäftigt oder unwohl, oder irgend ein glücklicher Zufall hielt ihn feſt, und in⸗ zwiſchen wurde es ſpät und immer ſpäter. So war wiederum Zeit, wenigſtens ein Tag gewonnen. Damit zugleich fiel aber auch die Einladung zu dem Gaſtmahle des Kriegsraths fort und eine andere Laſt von dem be⸗ drückten Herzen. Welche Qualen hätte er ertragen müſſen! Welche zehnfach ſchmerzensvolle Noth wurde ihm erſpart! Eine dankbare Empfindung drängte ſich ihm auf, und in die Ruhe verſinkend, welche ſie ihm brachte, dachte er noch einmal über das nach, was er thun wollte. Die grauen Wolken der Gleichgültigkeit wanden ſich um Schmer⸗ zen und Erinnerungen, welche wie Schatten darin ver⸗ ſanken. Er dachte ſich, was er hundert Mal ſchon gedacht hatte, die Freude ſeines Vaters, die Thränen ſeiner Mutter, und ein thätiges, ſtrebſames Leben. Die ſanften Hände der Verſöhnung legten ſich auf ſein Herz, und was mit ſchwarzen feſten Zügen darin geſchrieben ſtand, erblaßte in der Hoffnung, Andere glücklich zu machen, ſelbſt die Frau, von der er wenige Liebe, wie er dieſe empfand, aber doch ein erträgliches Beiſammenleben durch ſeine Milde und Nachgiebigkeit erwartete.— Er wollte ſchon mit ihr fertig werden, und wie Leiſegang geſagt hatte, die Ge⸗ wohnheit würde hinzukommen und ihren Frieden mit⸗ bringen. Indem er dies ſich ſagte, ſah er Leiſegang * 208 eintreten. Das Erſcheinen des nicht mehr Erwarteten traf ihn wie ein Schlag, aber er regte ſeine Entſchloſſen⸗ heit an. „Da biſt Du ja,“ ſagte er aufſtehend,„ich glaubte nicht mehr, daß Du kommen würdeſt. Wir müſſen eilen, Thereſe wird ungeduldig ſein.“ „Laß ſie warten,“ erwiederte der Finanzrath, und indem er den Kopf ſchüttelte, fügte er hinzu:„Es kann überhaupt heute nichts daraus werden, wir haben an andere Dinge zu denken.“ „Was meinſt Du damit?“ fragte Wilhelm.„Es iſt allerdings ſchon ſehr ſpät, Du wirſt zu— zu Julien wollen und das Diner—“ „Der Henker hole alle Diners!“ rief Leiſegang,„dies hat er zur rechten Zeit geholt.“ „Was ſagſt Du? Was iſt geſchehen?“ fragte Wil⸗ helm beſtürzt. „Er wird keine Pfirſiche und Erdbeeren mehr dazu nöthig haben,“ ſagte Leiſegang mit höhniſcher Geberde. „Wer? Wer?“ „Er— Hartfeld.“ „Was iſt mit ihm?“ „Todt! ſtarr und todt!“ „Gerechter Gott!“ 209 „Geſtorben wie ein Held, wie die Wohlthäter der Menſchheit ſterben, die ein Gott in ſeinen Himmel verſetzt.“ Frohlieb ſtand wie beſinnungslos; was er hörte, konnte er nicht begreifen. Wie in weiter Ferne ſah er den Unglücksboten vor ſich und faßte doch nach ihm, als wollte er ihn feſthalten. „Woher weißt Du das?“ ſagte er leiſe. „Weil ich es mit angeſehen habe. Weil es ſo zu ſagen vor meinen Augen geſchehen iſt.“ „Und wir ſtehen hier! Wir ſtehen hier!“ „Bleib,“ ſagte Leiſegang,„Du kannſt gar nichts ändern. Dieſer Mann hat die ganze Welt betrogen, nur den Tod nicht, der iſt der Einzige, mit dem er es ehrlich gemeint hat, und lange muß er darauf vorbereitet geweſen ſein. Wahrhaftig! Wilhelm, ich bewundere ihn jetzt mehr, als da er lebte. Mit Schaudern habe ich mir vorgeſtellt, wie er ſeit Jahren immer bereit geweſen ſein muß, den Sprung in das große Nichts zu thun. Und dabei immer heiter, immer froh, immer würdig einherwandelnd, zu Gottes Wohlgefallen und aller Menſchen Freude. Jeden Tag konnte die Uhr ihm ſchlagen, jeden Morgen mußte er im Zweifel ſein, ob er die Abendſonne noch ſehen werde. Zu aller Zeit mußte er das Mittelchen bei der Hand haben, das ihn über Schande und Sorge fort⸗ führte.“ 1859. IV. Täuſchung und Wahrheit. 14 210 „Welches Mittel?“ fragte Wilhelm. „Als wir ihn auf dem Stuhle fanden, hielt er in ſeiner rechten Hand feſtgeklemmt ein Fläſchchen, in welchem noch der Reſt des Medicaments war. Das ganze Cabinet duftete betäubend nach bitteren Mandeln. In der Linken hielt er den Schlüſſel der Caſſette, in welcher die Staats⸗ papiere liegen ſollten. Nichts war darin, nichts als Löſch⸗ blätter! Nahe an neunzigtauſend Thaler ſind fort. Ver⸗ praßt, für Bilder und Kunſtſachen, verſchwelgtin Kraftſuppen und pikanten Diners aus dem Allerfeinſten, wie mein Onkel ſie liebte; doch ſind auch die Armen dabei bedacht worden. Dieſer würdige Kriegsrath, dieſer edle Menſchenfreund hat auch ſeine Mitmenſchen nicht vergeſſen.“ „O, mein Gott!“ rief Wilhelm todtenbleich.„Arme Iuliei „Die iſt allerdings zu bedauern,“ ſagte Leiſegang, „obwohl Alles geſchehen wird, um ſie zu ſchonen. Seit vielen Jahren muß der alte Sünder nach und nach das Vermögen verbraucht haben und— allerdings iſt dies nur Muthmaßung— mein Onkel hat bei ſeinem felſen⸗ feſten Vertrauen wahrſcheinlich niemals eine genaue Revi⸗ ſion der Werthuapiere angeſtellt. Hartfeld hat gemeint, eher dieſe Welt zu verlaſſen, als ſein leichtgläubiger Freund und Gönner, der alsdann ohne Umſtände den Verluſt hätte decken müſſen. Als das Schickſal ihm dieſen Spaß 8 — 211 vereitelte, trat ich an meines Onkels Stelle, darum wollte er mich zum Schwiegerſohn, darum wurde er wie zum neuen Leben erweckt, als ich meines Onkels Amt erhielt. Es war ſchlau ausgeſonnen und durchgeführt bis auf die letzte Minute. Hätte ich das Protokoll unterſchrieben, ſo war Alles in Ordnung. Heute Mittag wäre ich als Schwiegerſohn proclamirt worden. Wer weiß, was ſpäter geſchehen wäre; ob es nicht Anſtoß gefunden hätte, Schwie⸗ gervater und Schwiegerſohn in ſolchen Verhältniſſen zu laſſen, aber ſein Ruf war ſo feſt begründet, und gleichviel was ich ſelbſt hinterher entdeckte. Was wollte ich denn machen? Im äußerſten Falle hätte er gethan, was er heute that; dabei aber war ſeine Tochter meine Frau, und jedenfalls mußte ich zahlen, froh ſein, wenn meine und ſeine Schande verborgen blieb.“ „Und nun?“ fragte Wilhelm. Leiſegang faßte dies Nun ſo auf, wie er es be⸗ trachtete.„Nicht einen Pfennig kann man mir abnehmen! Ich weiß nicht, wie ich darauf kam, aber ein Mißtrauen überfiel mich plötzlich, obgleich ich mir keine Rechenſchaft darüber geben konnte. Kein Gerichtshof kann meinen Onkel, oder mich als ſeinen Erben, zum Erſatz verur⸗ theilen, denn wo iſt der Beweis, daß Hartfeld ſeine Be⸗ trügereien bei Lebzeiten meines Onkels beging? Warum hat man nicht auf der Stelle, ſo wie er todt war, die Kaſſe 14* 5 212 unterſucht? Ich war von heute an erſt verpflichtet und entdeckte den Betrug ſofort.“ Ein triumphirendes Lächeln begleitete ſeine Worte. „Und Julie?“ flüſterte Wilhelm. „Der Präſident hat ſich ſogleich zu dem Miniſter begeben. Ich hätte dieſer Scene wohl beiwohnen mögen, aber was blieb übrig! Man muß den Skandal vermeiden, wenn es irgend angeht. Der lebelthäter iſt entronnen, ſchweigen das Beſte, was geſchehen kann. Dieſer Wohl⸗ thäter der Menſchen iſt zum ſchweren Leid aller Gerechten am Schlagfluſſe geſtorben; unter den Raſen mit ihm ſo ſchnell als möglich und in aller Stille.“ „Es wird doch nicht verborgen bleiben.“ „Gewiß nicht, aber es kann doch kein öffentliches Geſchrei gemacht werden. Denke nur, was die Uebel⸗ geſinnten für einen herrlichen Stoff zum Läſtern erhielten. Was er hinterlaſſen hat, wird mit Beſchlag belegt. Seine Gemälde haben Werth, verkauft wird Alles, das muß ſich die hinterlaſſene Tochter gefallen laſſen. Am beſten iſt es, ſie geht fort, in frgend eine Einſamkeit, bis Gras über die Geſchichte gewachſen iſt.“ „Und Du, Leiſegang?“ „Und ich? Was meinſt Du damit?“ „Du wirſt— für ſie Sorge tragen.“ „Unterſtützen, ſpäter— helfen wo ich kann, ſehr 213 gern,“ erwiederte der Finanzrath;„jetzt jedoch iſt das nicht möglich. Aller Verhältniſſe und meiner Stellung wegen kann ich mich nicht unmittelbar einmiſchen, und eben deswegen bin ich ſogleich zu Dir gekommen, um Dich aufzufordern, da es doch eine entfernte Verwandte iſt, und eine Unglückliche obenein, an welcher Du immer vielen Antheil genommen haſt—“ „Du hältſt alſo Dein ganzes Verhältniß zu ihr durch das ſchreckliche Ereigniß für aufgelöſt?“ unterbrach ihn Wilhelm. „Aber Du wirſt doch ſo verſtändig ſein und einſehen, daß davon nicht mehr die Rede ſein kann!“ antwortete Leiſegang. „Du haſt Recht, ich bin ſo verſtändig,“ erwiederte Wilhelm, indem er nach ſeinem Hute griff. „Es iſt traurig genug,“ ſagte der Finanzrath,„aber die Schuld fällt auf dieſen elenden Betrüger.“ „Und doch giebt es Elende, die verächtlicher ſind, als er,“ verſetzte Wilhelm, indem er ſich in der Thür umwandte, Leiſegang ſtolz anblickte und ihn verließ. „Dieſer Narr!“ lächelte der Finanzrath nach kurzem Schweigen.„Nun, ich bin ihn los, ich bin dieſe ganze Geſellſchaft los, und habe mich glücklich aus ihren Schlin⸗ gen gerettet. Ich will doch bei unſerer hübſchen Wittwe herangehen, ihr mittheilen, was ſich ereignet hat, und ſie 214 auf die nächſten dummen Streiche ihres theuren Freundes vorbereiten.“ Wilhelm eilte inzwiſchen in ungeſtümer Haſt durch die Straßen, bis er Hartfeld's Wohnung erreichte. Sein Herz ſchlug vor angſtvoller Erwartung; er fürchtete einen Auflauf zu finden, das Haus von Polizeiwachen und Ge⸗ richtsperſonen beſetzt zu ſehen, allein es war nichts davon zu erblicken. Er ſprang die Treppen hinauf und klingelte ungeſtüm.„Iſt Niemand hier?“ fragte er die Dienerin, die ihn kannte. „Der Herr Kriegsrath iſt noch nicht nach Hauſe ge⸗ kommen,“ lautete die Antwort.„Aber ich werde Sie dem Fräulein melden, Herr Frohlieb.“. „Ich ſelbſt! ich ſelbſt!“ ſagte er, und bei der er⸗ ſchrockenen Dienerin vorüber drang er in die Gemächer. Da ſtand die gedeckte lange Tafel mit Blumen geſchmückt, von Silber blitzend, der Salon zierlich, feſtlich drapirt, reiches Geſchirr und prächtige, theure Aufſätze. Er floh davor, von Raum zu Raum und endlich— da ſaß ſie! Vor ihr auf mehren Stühlen lag das koſtbare Kleid und blitzender Schmuck— da ſaß ſie, ihre Hände gefaltet, und betrachtete die Gewebe, welche die Braut umhüllen ſollten. Und nun wandte ſie den Kopf um, das dunkle Haar, in welchem ein Kranz weißer Roſen ſchon befeſtigt war, das . 215 bleiche, ſtille Geſicht, das plötzlich bei ſeinem Anblick Farbe und Leben erhielt. Er ſtand vor ihr, und hielt ihre beiden Hände. „Julie!“ ſagte er, mit äußerſter Ruhe und Kraft,„ich bin des Schickſals Bote. Gott ſei Dank, daß ich es bin.“ Sie ſah ihn wortlos an und las in ſeinen Augen. „Dein Vater!“ fuhr er fort. „Was iſt mit meinem Vater?“ „Er hat Dich verlaſſen— auf immer verlaſſen— aber ich, Julie— ich bin bei Dir— bereit, Alles mit zu tragen, was Dich trifft.“ Ohne Regung, kalt und ſtill lehnte ſie ſich an ihn. Ihre Hände und Lippen zitterten, aber ihre Faſſung verließ ſie nicht.„Er iſt todt!“ flüſterte ſie. Wilhelm ſchwieg. „Was weiter?“ fragte ſie. „Wirſt Du es hören können? Doch es muß ſo ſein. Er iſt todt, um der Schande zu entgehen. Er hat nicht recht gehandelt, Julie, weder an ſich, noch an Dir, noch an ſeiner Ehre!“ Sie hörte ihn an, ohne eine Bewegung zu machen. Ein tiefer Seufzer rang ſich aus ihrer Bruſt; maſchinen⸗ artig, ſeelenlos ſagte ſie dann:„So ſind denn alle Opfer vergebens geweſen. Was ich ahnte, hat ſich erfüllt.“ „Was Du ahnteſt, arme Julie?“. 216 „Was wie ein freſſender Wurm an mir nagte, was mit ſchrecklichen Bildern mich Tag und Nacht quälte, wo⸗ für ich Seele und Leib verkaufen wollte und nichts— ändern konnte. Alle Lüge, alle Schande iſt aufgedeckt und muß getragen werden.“ „Wo iſt das Fräulein Hartfeld?“ fragte draußen eine Stimme, und Julie richtete ihre Stirn auf, als er⸗ warte ſie die Dornenkrone. Ein Herr trat herein, es war der Präſident ſelbſt, der mit tief ernſtem Geſicht ſich ihr näherte.—„Ich habe Ihnen ein ſchreckliches Unglück mitzutheilen, das Sie be⸗ troffen hat, Fräulein Hartfeld,“ ſagte er. „Ich weiß Alles,“ antwortete ſie ihm leiſe und demüthig.„Ich bin bereit, Ihren Befehlen zu folgen, dieſe Wohnung zu verlaſſen, Alles zu thun, was ich ſoll.“ „Armes Kind!“ entgegnete der Präſident,„der Herr Miniſter will mit größter Schonung verfahren. Sie ſollen bleiben, den Todten beſtatten, dagegen das Verſprechen in meine Hand leiſten, daß nichts verheimlicht oder veruntreut wird, was hier vorhanden, alle werthvollen Gegenſtände müſſen unter Siegel gelegt werden. Sobald das Leichen⸗ begängniß vorüber iſt,“ fuhr der Präſident, ohne eine Antwort abzuwarten, fort,„wird ein gerichtliches Inven⸗ tarium aufgenommen werden und der Verkauf beginnen, wo dann freilich Ihres Bleibens hier nicht länger ſein ———õÿõ= —-—————— 217 ſein kann. Es iſt jedoch Befehl des Herrn Miniſters, Alles, was Ihnen gehört und was Sie als Ihr Eigen⸗ thum bezeichnen, auszunehmen.“ „Es gehört mir nichts,“ ſagte Julie. „Haben Sie kein mütterliches Vermögen?“ „Einige tauſend Thaler, allein ich mache keine An⸗ ſprüche darauf.“. Der Präſident blickte ſie gerührt an.„Das dürfen Sie nicht thun,“ ſagte er,„Sie müſſen dies Geld recla⸗ miren und werden es zurück erhalten, wenn Sie die Gnade des Königs anrufen.“ 3 „Ich werde keine Gnade anrufen,“ erwiederte Julie demüthig.„Mein unglücklicher Vater hat ſchwer geſündigt, doch ſein Kind ſoll ihn niemals anklagen. Wollte Gott! ich vermöchte Alles zu erſetzen.“ „Wir wollen das ſpäter ruhiger überlegen,“ ſagte der Präſident.„Benehmen Sie ſich klug und vorſichtig, ſo kann Vieles unterdrückt werden, die Wahrheit wenig⸗ ſtens nicht ohne Zweifel unter das große Publikum kommen, und das wünſchen wir Alle. Die Leiche des unglücklichen Mannes muß bei Nacht abgeholt werden. Sie müſſen dazu Anſtalten treffen; überhaupt wäre es gut, wenn ein Freund für Sie handelte und Sie eine Familie fänden, die Sie aufnähme und ſchützte.“ ** 218 „Ich weiß Niemanden, den ich beläſtigen möchte,“ erwiederte ſie. „Das iſt nicht recht von Dir, Julie,“ fiel Frohlieb ein.„Meine Eltern werden Dich ſchirmen, und ich über⸗ nehme Alles, was hier zu thun übrig bleibt.“ Der Präſident blickte ihn wohlwollend an.„Das iſt edel,“ ſagte er.„Fräulein Hartfeld darf Ihre Hülfe nicht ausſchlagen, welche ohne Zweifel berechtigt iſt.“ „Als Verwandter, als Freund und als— Dein Verlobter!“ ſagte Wilhelm, indem er den Arm um Julie legte und ihre Hand an ſein Herz drückte. Sein Geſicht ſah ſchön und ſtolz aus; in ſeinen Augen lag die feſte männliche Ruhe und Entſchloſſenheit. Als er ſeinen Namen genannt hatte, ſagte der Präſident:„Ihr Benehmen erfordert meine volle Hochachtung. Führen Sie Fräulein Hartfeld ſogleich fort, Herr Frohlieb, ich werde warten, bis Sie wiederkommen, dann mit Ihnen gemeinſam weiter verabreden, was geſchehen muß. Laſſen Sie alle Gäſte abweiſen. Der Kriegsrath iſt gefährlich erkrankt; wir müſſen die öffentliche Meinung vorbereiten. Eilen Sie ſchnell! Fort, fort!“ Wilhelm nahm Julien's Mantel, der in dem Zimmer lag, und deckte ihn über ihre Schultern, dann holte er ihren Hut, welcher an einem Spiegelpfeiler hing. Ohne Zögern löſte er den Roſenkranz aus ihrem Haar und warf ihn von 219 ſich, ſie band die Schleife des Hutes feſt, gab ihm ihren Arm und folgte ihm. Erſt als ſie einige Schritte gethan hatte, ſtand ſie ſtill, blickte zu ihm auf und ſagte mit ihrer ſanften, leiſen Stimme:„Bedenke wohl, was Du thuſt. Ueberlaß mich meinem Schickſale.“ „Niemals,“ erwiederte er,„niemals, Julie!“ Der Ton mußte überwältigend ſein, denn ſie folgte ihm weiter, ohne etwas zu erwiedern.—„Ein vortrefflicher, junger Mann!“ rief der Präſident, als ſie verſchwunden waren.„Das arme Geſchöpf wird dankbar ſein; aber es gehört Muth dazu, ſolche Opfer zu bringen. Gut, daß ſie fort iſt. Sobald er zurückkommt, wollen wir die Siegel anlegen laſſen, aber ich will mich weiter für ſie intereſſiren, ſo viel ich kann.“ Er ging in den feſtlich geſchmückten Speiſeſaal. Die Diener, welche zur Aufwartung angenommen waren, und das Küchenperſonal ſtürzten verwirrt, händeringend und weinend herein und wurden bedeutet, ſich ruhig zu verhalten. Bald fanden ſich die erſten Gäſte ein, welche ſofort an der Thür abgewieſen wurden, geſchmückte Damen und Herren, die nicht in der beſten Laune und äußerſt unbefriedigt um⸗ kehrten, während der Präſident drinnen auf und ab ging, Stücke vom großen Baumkuchen abbrach, die feinen Weine 220 koſtete und über die Unergründlichkeit des menſchlichen Her⸗ zens philoſophirte. Eben um dieſe Zeit hatte Herr Daniel Frohlieb ſeine Toilette beendigt und erſchien vor ſeiner Frau, welche ſchon in ihrem beſten Staate prangte.—„Auch dieſes iſt eine richtige mercantiliſche Conjunctur, Mama,“ ſagte er, ſeinen Zeigefinger aufhebend,„daß wir uns dem Zeitpunkte nä⸗ hern, wo es unumſtößlichen chriſtlichen Grundſätzen nach durchaus nothwendig iſt, einen Rock und ein neues Seiden⸗ kleid anzuſchaffen. Ich habe auf dieſen Zeitpunkt, das heißt auf Wilhelm's Hochzeit, nun ſchon ſeit wenigſtens acht oder zehn Jahren gewartet, und meine Bedenklichkeiten über dieſen ehrwürdigen Leibrock immer mit meinem mer⸗ cantiliſchen Bewußtſein beſchwichtigt, und ich triumphire, Mama, über meine ſcharfſichtige Speculationsgabe, denn er hat richtig ausgehalten bis zu dieſer Stunde, wo Wil⸗ helm's Hochzeit nun wirklich einen wohlverdienten Nachfolger hervorruft.“ Die kleine Frau ſah den langſchwänzelnden, blauen Frack ihres Eheliebſten bedenklich an, und ſagte dann ſeufzend: „Wir ſind Beide aus der Mode gekommen, es ſchadet aber nichts, denn es ſieht ja doch Niemand nach uns: aber der Wilhelm, der Wilhelm!“ „Es ſieht Niemand nach uns!“ ſchrie Herr Frohlieb, ſeinen Arm einſtemmend.„Es iſt eine Lächerlichkeit, Nama, 221 ſolche Dinge zu behaupten. Jugend! Was heißt Jugend? Ein ſehr ſchlechter Grundſatz iſt es, dieſe Jugend zu loben und nur nach ihr zu ſehen. Es iſt nichts dahinter, keine Kraft, keine Feſtigkeit, kein Inhalt, Mama. Es kann eine ausgezeichnete Sorte ſein, von der beſten Ernte, aber den⸗ noch erſt mit dem Alter kommt das Aroma. Und dieſes iſt meine feſte Hoffnung, Mama, denn Wilhelm— es iſt ein Jammer, dieſer Junge?“ „Wir werden wohl gehen müſſen,“ ſagte die kleine Frau betrübt.„Ich glaubte noch immer, er würde kommen, ſeine Braut herbringen und uns mitnehmen, aber er wird wohl gleich mit ihr zu dem Vetter gefahren ſein, denn Leiſegang ſagte ja— oder—“ Herr Frohlieb lief mit Meilenſtiefelſchritten auf und ab. In der Rechten hielt er das Cigarrenpfeifchen, die Linke ſchwenkte er durch die Luft, ſeine ſpitzen Rockſchöße flatterten hinter ihm her. Dabei lachte er ingrimmig und ſchlug ſich zuweilen auf den Kopf.„Herkommen!“ ſchrie er.„Unter ihren Pantoffel kommen wird er, nach ihrer Pfeife tanzen wird er, und dieſes ſage ich Dir, Mama, ſie wird ihm auf⸗ ſpielen dazu. Geſtern erklärte ſie mir, geraucht dürfte nie⸗ mals bei ihr werden. Alſo rauchen darf er nicht einmal, der unglückliche Wilhelm!“ „Ach, wenn es weiter nichts wäre!“ ſeufzte die kleine Frau,„aber er hat kein Herz für ſie.“ 222 „Allerdings!“ rief Herr Frohlieb.„Das iſt es ja eben, er hat kein Herz, denn wenn er dieſes hätte, würde er auf⸗ treten, wie es ein Mann thut, und ihr Reſpect beibringen. Aber ich will Dir was ſagen, Mama, wenn Du es etwa noch nicht wiſſen ſollteſt.“— Herr Frohlieb trat dicht heran, beugte ſich vorn über und legte den Fingen an ſeine Naſe, indem er fürchterliche Weisheitsfalten zog.—„Dieſer Wilhelm, unſer einziger, lieber Sohn, unſer Fleiſch und Blut: er iſt ein Pinſel! Ja, meiner Seele, ein Pinſel von oben bis unten! Ein Pinſel!“ ſchrie er aus Leibeskräften. „Mein Sohn, es iſt ein Unglück, aber ich kann mir nicht helfen, es muß heraus: ein Pinſel, Mama, ein Pinſel!“ „Aber Daniel!“ rief die kleine Frau, ihre Hände rin⸗ gend und Thränen in den Augen,„wie kannſt Du denn ſo hart und unmenſchlich ſein! Bedauern ſollteſt Du ihn, daß er ſich unglücklich macht.“ „Wie ſo unglücklich!“ ſchrie Herr Frohlieb, ſich auf die Bruſt ſchlagend.„Wenn ich es wäre, großartig würde ich daſtehen, glücklich ſein, wie ein Engel im Himmel. Feſt muß ein Mann aufklopfen, Grundſätze muß er haben, und dieſe Grundſätze gegen die ganze Welt vertheidigen. Aber er iſt wie ein Lappen, Mama, Jeder kann ihn zuſammen⸗ wickeln und in die Taſche ſtecken; Alles läßt er ſich gefallen; kein Muth, keine Kraft, kein Saft iſt vorhanden, nichts iſt 223 da, als ein Pinſel, der niemals wagen wird, den Mund aufzuthun.“ Eben trat der Geſcholtene herein.—„Da kommen ſie Beide!“ rief die Mama aufſpringend. „Unſere geliebten Kinder!“ ſchrie Herr Frohlieb, in⸗ dem er ſich umdrehte.„Thereschen!“ Aber indem er dies ſagte, fielen ſeine Arme nieder; die Täuſchung konnte nicht lange anhalten. Die ſchwankende Geſtalt am Arme ſeines Sohnes und das bekannte bleiche Geſicht machten ihn beſtürzt, allein Wilhelm ließ ihm keine Zeit, zu einer Vorſtellung zu kom⸗ men.„Hier iſt Julie,“ ſagte er.„Ihr Vater iſt todt, er hat Hand an ſein Leben gelegt, als ſich herausſtellte, daß er Veruntreuungen begangen. Ich bringe Zulien zu Euch, denn ſie bedarf Hülfe, Troſt und Vater⸗ und Mutterherzen. Mutter, in Deine Arme lege ich ſie, Du wirſt die Unſchul⸗ dige beſchützen. Ihr Vater war Dein Freund und Ver⸗ wandter, Vater. Was er auch that, Du haſt Julien immer lieb gehabt; Du wirſt ſie nicht in ihrer Noth verlaſſen.“ Herr Frohlieb ſtand, die Hand an ſein Kinn gelegt, und ſah ſeine Frau an.„Allerdings, gewiß!“ ſtotterte er.„Aber — es iſt ja nicht möglich! Und— Du mein Gott! Mama! Wir wollten ja ſoeben gehen, Wilhelm!“ 4 „Die Wohnung iſt verödet, es wird Alles darin unter Siegel gelegt werden.“ 224 „Aber der Finanzrath,“ ſchrie Herr Frohlieb auf,„der iſt ja der Nächſte!“ „Das Unglück hat keine Freunde. Die ihm zunächſt ſtehen, verrathen es zuerſt. Julie hat Niemand als Euch und mich.“— „Oh, das arme Kind!“ flüſterte die Mama, ihre Hände faltend, indem ſie Julien mitleidig anblickte, die ſtill leidend bei Wilhelm ſtand. „Liebe Eltern,“ begann dieſer ruhig,„ich kenne Euch und weiß, daß ich Euch nicht vergebens bitte. Hier gilt kein langes Beſinnen. Es gilt, der Welt zu zeigen, daß es noch Menſchen giebt, die das Rechte thun und das Schlechte verachten. Du haſt Deine Grundſätze, Vater, die glücklich machen, ich habe auch dergleichen.“ „Grundſätze, allerdings!“ antwortete Herr Frohlieb, mit dem Kopfe nickend. „Und das ſind meine Grundſätze, Vater,“ fuhr der Sohn fort,„von denen ich nicht ablaſſen werde, mag es Blut und Leben koſten, und ſollte ich darüber untergehen. Darin liegt meines Lebens Glück und Zukunft. Wollt Ihr Julien auf⸗ und annehmen?— Ich werde ſie niemals verlaſſen!“ Herr Frohlieb öffnete während deſſen ſeine Arme und ſeine Augen thaten ſich weit auf, er lachte ganz freudig und behaglich.„Das verſteht ſich, Wilhelm, mein Junge!“ 4 4 4 ſchrie er.„Er hat Grundſätze, Mama, und iſt doch am Ende kein Pinſel.— Verſteht ſich, mein Herzensjunge! Es bleibt bei uns, das arme Kind. Vor der ganzen Welt wollen wir hintreten und ihr zeigen, was Grundſätze ſind, aus denen dergleichen Wirkungen hervorgehen!“ Dabei deutete er auf die Mama, welche Julie umſchlun⸗ gen hielt und küßte, und während die dicken Thränen über ihr gutmüthiges Geſicht rollten, zu ihr ſagte:„Verzage nur nicht, Du armes Herz, es wird ja Alles noch gut werden. Es richtet ſich ja die Blume wieder auf, wenn der Sturm vorüber iſt; wir wollen Alle tröſten, Alle helfen.“ Julie weinte leiſe; ihre Thränen floſſen zum erſten Male wieder. Sie war unvermögend, zu ſprechen; krampf⸗ haft feſt umſchlang ſie ihre Beſchützerin.—„Nehmt ſie hin,“ rief Wilhelm, indem er ſeinen Vater zu ihr führte.„Liebt ſie, ſie wird Euch die Liebe vergelten. Dankbar, uner⸗ müdlich wird ſie eine gute Tochter ſein!“ Und als es Herbſt wurde, begab es ſich, daß in dem größten Zimmer der Wohnung des Herrn Daniel Frohlieb eines ſchönen Tages ein feſtlich gedeckter Tiſch prangte, wel⸗ cher froher Gäſte harrte. Herr Frohlieb ſelbſt ging daneben auf und nieder, betrachtete Alles und betrachtete ſich ſelbſt 15 1859. IV. Täuſchung und Wahrheit. e — k ee, 226 äußerſt freudig, denn er war angethan mit einem neuen Leibrocke, ſchwarz, fein und mit weiten Aermeln, nach dem neueſten Schnitt, und an der andern Seite ordnete die kleine Frau mit Feldherrnblicken noch hier und dort, was nicht nach ihrem Sinne; doch auch ſie rauſchte in neuer, ſchwerer Seide daher, und auf ihren halbergrauten Locken ſaß eine prächtige Spitzenhaube mit langen flatternden Bändern. Herr Frohlieb ſah ungemein ſchalkhaft aus, als er ſtille ſtand und, den Finger an ſeine Naſe gelegt, zu ſprechen begann.„Und dieſes iſt der mercantiliſche Standpunkt dieſer Frage, Mamachen,“ begann er,„daß, wenn wir da⸗ mals Wilhelm's Hochzeit gefeiert hätten, jetzt mein Rock und Dein Kleid ein alter Rock und ein altes Kleid ſein würden, auch wir nicht an dieſer lieblichen Tafel ſitzen und Vivat ſchreien könnten, daß der Kalk von den Wänden fällt.“ „Schweige Du doch ſtille mit Deinem mercantiliſchen Standpunkte, Daniel!“ lachte die kleine Frau.„Es wäre ein Unglück geweſen, Wilhelm wäre ein verlorner Menſch geweſen, und an unſerer lieben Julie hätten wir niemals ſolche Freude erlebt, Vater, wäre Dein mercantiliſcher Standpunkt in Richtigkeit gekommen.“ „Allerdings, Mama!“ erwiederte Herr Frohlieb gravitätiſch,„es ſind einige Conjuncturen plötzlich ein⸗ getreten, die jeden Standpunkt verändern mußten. Allein X ** 5 4 fffſtnfffffffſſffſſſinnfn 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18