Leihybibliother V deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 ) 3 von.. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — Seih- und Ceſebedingungen. ¹. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens . 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 4 b 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von edem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 1 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 he 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 V für ohrhentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 4 M.— Ff. 1 Nr. 50 Pf. 2 M. Pf. 1„„ 3„=„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ze.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 5 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. =—== 2 —— —— . aius ek deutſcher Originaſromane der beliebteſten Schriftſteller. Beransgegehen uon J. L. Kober. Eilfter Jahrgang. Sechszehnter Band. Ueues Leben. III. 1856. Prag& Leipzig, Expedition des Albums. Neues Leben. 4 Novelle in drei Bänden. G Von Theodor Mügge. 4 Dritter Band. 1856. Prag& Leipzig, Expedition des Albums. 3ͤͤͤͤ1ͤ1 Erſtes Capitel. Zweites Drittes Viertes Fünftes Sechstes Siebentes Achtes Neues Leben. —— Dritter Band. Erſtes Capitel. Der Tag fuͤr die kirchliche Vereinigung des jun⸗ gen Paares war feſtgeſetzt, es blieb nicht viel mehr, als eine Woche übrig, und alle die Unruhe ſtellte ſich ein, die in ſolcher Zeit ſich ſämmtlicher Fami⸗ lienglieder und Angehörigen bemächtigt, alle Hände in Bewegung ſetzt und alle Gedanken für den Einen großen Freuden⸗ und Ehrengedanken in Beſchlag nimmt, die Hochzeitfeier mit ſo viel Glanz und Pracht und Zeichen der Liebe und Sorge zu verſchönen, daß ein bleibender Gedenktag heiterer und glücklicher Erinne⸗ rungen für das ganze Leben davon übrig bleibe. Je⸗ der thut das in ſeiner Weiſe. Der Arme borgt und ſchafft für ſein Kind, wenn er nichts weiter zu geben vermag, doch das hochzeitliche Bett und Gewand, und vor den Hoffnungen, die ſeinen Segen begleiten, 1856. XVI. Neues Leben. III. 1 entfliehen die Sorgen, welche er wenigſtens an dieſem frohen Tage in der tiefſten Falte ſeines Herzens ein⸗ zuſchließen ſucht; der Reiche aber, ſelbſt der Gei⸗ zige, greift in ſeinen Reichthum, und ſeine Eitelkeit bilft ihm über mancherlei Bedenken; denn ſeine Toch⸗ ter ſoll keiner Anderen nachſtehen, ſie ſoll ſo ausge⸗ ſtattet werden, ihre Hochzeit ſoll ſo begangen wer⸗ den, wie es ſich für ſie paßt, damit eher Verwunde⸗ rung und Neid als Nachrede entſtehen. In dieſer Weiſe hatte auch der Präſident von Landau die Sache aufgefaßt und betrieben, und als er ſich bei ſeiner Tochter befand, die tauſend Liebesworte für ſeine verſchwenderiſche Zaͤrtlichkeit hatte, bat er ſie, ihm aufrichtig zu ſagen, was ihr noch fehlen möchte, oder was etwa ein geheimer Wunſch noch zurückhielte. „Nichts, mein beſter Papa, nichts!“ rief Hed⸗ wig.„Ich bin ganz glücklich; Meine einzige Sorge noch iſt die— wirſt auch Du glücklich, wirſt Du getröſtet ſein, wenn ich Dich verlaſſen habe?“ „Ich werde mich ſehr vereinſamt fühten,“ ſagte er nachdenklich,„werde Dich überall ſuchen und ver⸗ miſſen, Deine frohe Stimme nicht hören und mich darnach ſehnen.“— Er beugte ſich über ſie, und ihre Stirn küſſend, fuhr er fort:„Aber es iſt Thor⸗ heit, mein Kind, darüber klagen zu wollen. Du 3 folgſt dem Zuge Deines Herzens, ich kann Dich nicht davon zurückhalten. Des Weibes Beſtimmung iſt die Liebe und die Ehe; jeder Menſch hat das Recht, ſo glücklich zu werden, als er es vermag, und wo gäbe es ein ſchöneres Glück als das Glück einer ſchönen Häuslichkeit!“ „O!“ erwiederte ſie, ihren Kopf an ſeine Bruſt drückend,„daß die uns fehlen muß, die Dir dies Alles gab!“ „Auch das iſt Menſchenloos und menſchliches Geſchick,“ antwortete er.„Ich denke an ſie,“ fügte er weicher hinzu—„in unſeren Erinnerungen liegt ein großer Troſt, und ich weiß, daß, wenn ſie es vermag, ſie ſegnet, was mir Gluͤck und Frieden auf Erden gewähren kang“ „Gewiß, o, gerhiß!“ rief Hedwig begeiſtert.„Sie ſegnet Dich, umſchwebt uns als verklärter Geiſt.“ „Und iſt erhaben über alle Vorurtheile,“ ſiel Herr von Landau ein.„Ich werde allerdings jetzt erſt ſchmerzlich erkennen lernen, was es heißt, allein zu ſein, keine liebende Hand zu haben, kein Weſen, das mich verſteht. Deine Geſchwiſter ſind zu jung, um Dich mir zu erſetzen.“ Hedwig hatte ſich an ihn geſchmiegt, es ent⸗ ſtand eine Stille. Sie dachte an etwas, das in ihr . 1*½ arbeitete und ihr Geſicht röthete.—„Wenn Du,“ flüſterte ſie endlich zu ihm auf—„ach! ich fühle ſchmerzlich, was Du ſagſt— wenn Du ein Weſen fändeſt, das Dein Leben verſchönte, getreulich Dir beiſtände, Dir erſetzte, was Du verloren haſt...“ „Du meinſt,“ erwiederte der Präſident, indem er tiefſinnig lächelte und ſie anſah,„ich ſollte— Dei⸗ nem Beiſpiele folgen, neues Glück, neues Leben ſuchen.“ „O, beſter, beſter Papa!“ rief ſie, ihre Arme um ihn ſchlagend, mit aller Heftigkeit ihrer Em⸗ pfindungen.„Du darfſt nicht verlaſſen und einſam ſein, Du mußt eine Seele beſitzen, die Dir ganz und allein gehört.“ 4 „Und wo ſollte ich ſie finden?“ fragte er.„Ich bin ein alternder Mann, mein liebes Kind; wenn ich mich auch noch kräftig und jung im Herzen fühle, ſo bin ich doch kein Gegenſtand für Modepüppchen.“ „Nicht doch!“ ſagte die Braut mit derſelben Lebendigkeit,„das wäre freilich unpaſſend. Du bedarfſt ein treues, gutes, edles Weſen, verſtändig, häuslich, liebenswürdig, die nicht an dem bunten Tand des Lebens hängt, Papa, wie ich, aber die Dich ehrt, ſchätzt, liebt und von Dir hochgeſchätzt wird.“ „Kennſt Du denn ein ſolches Weſen?“ flüſterte er⸗ — 1 Sie nickte ihm mit glänzenden Augen zu.„Du kennſt es auch,“ ſagte ſie ihm ins Ohr. „Ich kenne es auch?“ fuhr er lächelnd fort.„Einfach, beſcheiden, häuslich, ſittſam, verſtändig und liebens⸗ würdig ſoll es ſein. Wie viele Tugenden zählſt Du da auf! Ich wüßte doch wahrlich nicht— doch halt! meinſt Du etwa— es fällt mir etwas ein— Du meinſt doch nicht, ich könnte meine Augen auf Fräulein Marie Hartmann geworfen haben?“ „SO, Du böſer, böſer Papa!“ rief Hedwig ſchel⸗ miſch lachend,„wie Du Dich verſtellen kannſt! Nein, an die fatale Mamſell, die ein wunderlicher Zufall uns in den Weg geworfen hatte, dachte ich wahrlich nicht.— Ich weiß nur Ein Weſen, das ich mit Freuden Mutter nennen, ihm mit Jubel um den Hals fallen möchte, und dieſes theuere, gute Weſen iſt ja längſt Deine Vertraute, längſt habe ich drin⸗ genden Verdacht geſchöpft, daß Du....“ Der Präſident legte ſeine Hand auf ihren Mund. „Biſch!“ ſagte er,„ſprich kein Wort mehr. Was ich von Dir gehört habe, mein geliebtes Kind, rührt mich unausſprechlich. Ich werde ſehen, wie ich meine Einſamkeit ertrage, ſehen und überlegen, was mein Herz und mein Kopf dazu ſagen; im Voraus aber danke ich Dir für dieſen großen Beweis Deiner Liebe. Es beruhigt mich, zu wiſſen, daß Du damit einverſtanden ſein würdeſt, wenn ich wirklich einen ſolchen Schritt thäte, meines Lebensglückes wegen.“ „Ich würde mich freuen, ich würde entzückt ſein!“ rief Hedwig. Er drückte ſie an ſein Herz dafür.„Gut,“ fuhr er dann ſcherzend fort,„ſeiner Zeit will ich Dich daran erinnern, für jetzt aber laß uns davon ſchwei⸗ gen, und dieſe vertrauliche Unterredung laß ein Ge⸗ heimniß ſein. Für jetzt, meine Hedwig, haben wir es allein mit Dir zu thun. In einer Woche biſt Du nicht mehr mein, Trifels führt Dich fort, es bleibt mir alſo übrig ihn zu den letzten üblichen Schritten für Dein Wohl zu verpflichten.“ „Was meinſt Du, lieber Papa?“ fragte ſie. „Ich meine den Heiraths⸗Contract“ „Muß ich ihm denn contractlich überliefert werden?“ fragte ſie lachend. „Es iſt beſſer ſo,“ antwortete er.„Trifels be⸗ ſitzt bedeutendes Vermögen. Du lachſt dazu, allein vertraue Deinem Vater. In dieſer Welt muß man niemals jene Vorſicht verachten, die Lebensklugheit genannt wird.“ „Wenn aber Trifels ein ſolches Ding nicht machen will?“ ſiel ſie ein. 8 7 „Er wird ohne Zweifel wollen, denn da er Dich zärtlich liebt, muß er meinen Gründen bei⸗ pflichten. Es wird mir nicht ſchwer werden, ihn zu überzeugen, und ſollte er etwa— obwohl ich es nicht glaube— mit Dir Rückſprache nehmen, ſo biſt Du verſtändig genug, mich in zarteſter Weiſe zu un⸗ terſtützen. Denn ſieh, mein liebes Kind, wir alle ſind ſterbliche Menſchen. Werde ich abgerufen, ſo iſt mein Vermögen, da es in viele Theile fällt, doch nicht ſo groß, um Dich reich zu machen. Du biſt an Ueber⸗ fluß gewohnt, liebſt den Glanz, wirſt Dich noch mehr daran gewöhnen; es iſt ſomit Pflicht, Dich ſo zu ſtellen, daß auf keinen Fall Dein Glück ganz zer⸗ ſtört werden kann.“ „O, Papa, mache mich nicht ſo bange! Wer wird daran denken!“ rief Hedwig haſtig. „Man muß daran denken, mein Kind. Es iſt damit ja nicht geſagt, daß ein Unglück kommen müſſe; iſt man jedoch gar nicht darauf vorbereitet, ſo regen ſich die ſchadenfrohen Mächte am leichteſten. Von dieſer Seite mußt Du es auffaffen.“ „Ich weiß noch immer nicht recht, was der Contract eigentlich will und ſoll,“ ſagte die Braut beruhigter. „Er ſoll Dich durch ſein Vermögen ſichern, mit Einem Worte Dich zum Erben einſetzen,“ flüſterte der Präſident lächelnd, indem er ſie küßte. Eben jetzt wurde der Regierungsrath von Wol⸗ ters gemeldet.—„Der kommt mir ſehr ungelegen,“ ſagte Herr von Landau.„Empfange Du ihn Hedwig, und halte ihn einige Zeit auf, bis ich zurückkehre. Er iſt unterhaltend, geiſtreich, wie?“ „Ich höre ihn gern,“ erwiederte ſie.„Er ſpottet über Alles.“ „Und Du ſiehſt ihn auch gern?“ „Wenn er nur keine Brille trüge!“ „Das mußt Du ihm ſagen,“ lachte der Prä⸗ ſident, indem er ſich entfernte.„Ich glaube, er legt ſie Dir zu Liebe ab.“ Gleich darauf trat der Regierungsrath herein, und da er die Gabe beſaß, welche ein Herr aus der Geſellſchaft beſitzen muß, ſogleich in gewandten For⸗ men über den erſten, beſten Gegenſtand zu ſprechen, ſo war nach wenigen Minuten die Unterhaltung im beſten Gange. Herr von Wolters mit ſeinem ſcharfen Verſtande, ſeiner Luſt, zu witzeln, zu ſpotten und zu dezweifeln, ſtand jedoch in vieler Beziehung weit über den meiſten jener Modeherren, welche nur in Formen und Redensarten eingeübt ſind. Mit ſprin⸗ gender Leichtigkeit regte er hundert Fäden an und 9 ſetzte ſie in Bewegung, wußte über das Geringſte etwas Luſtiges oder Beziehungsvolles zu ſagen, und ſtreute eine Saat jener kleinen Bosheiten aus, welche anreizen, ohne zu beleidigen, und Widerſpruch erre⸗ gen, der Vergnügen verſchafft. Hedwig hatte, ſeit er öfter kam, immer gern bemerkt, daß er ihr Auf⸗ merkſamkeit bezeigte; ſie hörte es auch gern, wenn er Trifels neckte und deſſen muntere Laune heraus⸗ forderte, und nie gingen die Stunden unter grö⸗ ßerer Luſt ſchneller vorüber, als an den Abenden, wo der Regierungsrath den Kreis der Gäſte im Hauſe des Präſidenten vermehrte. Als naher Verwandter des Bräutigams und deſſen vertrauter Freund war er im Vertrauen auch Hedwig näher getreten, und ohne die feinen Grän⸗ zen zu überſchreiten, hatte er ein gewiſſes Recht er⸗ langt, ſich keinen Zwang aufzulegen. Auch heute machte er davon Gebrauch; denn als er nach eini⸗ ger Zeit plötzlich die Finger des Fräuleins von Lan⸗ dau an ſeine Lippen zog, ließ er zugleich die Bril⸗ lengläſer über ſie hinblitzen, und um ſeinen Mund ſchwebte ein ſo ſpöttiſches Lächeln, daß ſie, gereizt dadurch, fragen mußte, was er bemerke und ob ſeine böswilligen Gedanken ihr gälten. 10 „Allerdings,“ erwiederte er,„allein ich beſtreite es, daß meine Gedanken böswillig ſind.“ „Wollen Sie ein Bekenntniß ablegen und mein Urtheil erwarten?“ fragte ſie. „Das will ich,“ war ſeine Antwort,„ich hoffe jedoch auf einen parteiloſen Richter. Man erzählt ſich von dem hiſtoriſchen Fürſten von Deſſau, daß er nur Eine Melodie kannte; jede andere Muſik, welche er hörte, kam ihm immer vor, wie der deſſauer Marſch. Noch viel ſchlimmer aber ging es einem arkadiſchen Jüngling Namens Trifonius. Er verliebte ſich ſterb⸗ lich in eine reizende Schäferin, doch entſetzlich! dieſe Leidenſchaft verblendete ihn dermaßen, daß nach eini⸗ ger Zeit alle Mädchen ſeiner Geliebten glichen und er keine mehr von ihr unterſcheiden konnte.“ „Was wollen Sie denn eigentlich damit ſagen, und welche Anwendung hat dieſes entſetzliche Un⸗ glück auf mich?“ lachte Hedwig. „Eine ſehr nahe,“ erwiederte er.„Seit einer halben Stunde bemühe ich mich vergebens, Ihre Aufmerkſamkeit zu erregen; Ihre Gedanken ſind je⸗ doch mit einem ganz anderen Gegenſtand beſchäftigt, und Ihre Blicke verrathen mir zuletzt, daß ich ſeine Geſtalt angenommen haben muß.“ „Ich dachte an ihn, Sie haben Recht!“ rief 11 ſie erröthend.„Sagen Sie mir, was iſt ein Ehe⸗ Contract? Was bedeutet er?“ „Ein Ehe⸗Contract! Damit beſchäftigen Sie Sich?“ fragte er beluſtigt.„Ein Ehe⸗Contract, mein gnädigſtes Fränlein, iſt die Leimruthe der Liebe, die in den Vogelbaner der Ehe geſteckt, darin feſtgeklebt wird, damit das darin ſitzende Vögelchen nicht eines ſchönen Tages ohne Weiteres auf und davon fliegen kann.“ Dieſe Antwort gab zu neuen Fragen und Scher⸗ zen Anlaß, bis Hedwig frohſinnig ausrief:„Wenn es nichts iſt als das, ſo haben wir ihn nicht nöthig. Wir werden uns ſchon zu bewahren wiſſen. Ich finde es abgeſchmackt und jämmerlich proſaiſch, ſolche Leimruthen aufzuſtellen, um das edelſte Himmelskind damit zu feſſeln.“ „Wenn man dieſes Götterkind wie den Pegaſus im Joche zu einem nützlichen Weſen umzuſchaffen ſucht, muß man auch die Mittel nicht verſchmähen, es mit geklebten Flügeln zum ordentlichen Menſchen zu machen,“ erwiederte Herr von Wolters.—„Sie haben Unrecht, beſtes Fräulein, und der Papa, der Welt und Leben kennt, hat Recht. Kommt die Liebe vom Himmel, ſo iſt die Ehe dagegen eine geſetzliche bürgerliche Inſtitution, ein Contract ſchon an ſich, der mittels beſonderer Ehepacten noch größere Si⸗ cherheit erhält. Dieſe bilden eine reelle Grund⸗ lage für häusliches Wohlergehen in ſehr vielen Fäl⸗ len. Sie halten von Leichtſinn und Thorheiten ab, ſie geben Rechte, ſind Erinnerungs Tafeln für die Rechen⸗Exempel des Lebens und Warnungszeichen, an Scheidewegen lieber umzukehren.“ „Das Alles bedarf Trifels nicht!“ Der Regierungsrath nahm ſein Stöckchen zwi⸗ ſchen die Lippen, bohrte mit dem Pferdefuß darin umher, wie es ſeine Gewohnheit war, und lächelte in ſeiner mephiſtopheliſchen Art. „Zweifeln Sie etwa daran?“ fragte ſie. „Ich zweifle an nichts,“ erwiederte er,„ich halte Alles für möglich. Wenn wir doch aber einmal über dieſen Gegenſtand mehr als ſcherzen wollen, ſo bin ich der Meinung, daß ich immer das für das Ver⸗ nünftigſte und Beſte halten würde, was menſchliche Klugheit und Ueberlegung als ſolches erkannt und eingeſetzt hat. Ich bekenne Ihnen ohne Rückhalt, daß ich, wenn ich ſo glücklich wäre, aus inniger Neigung zu heirathen, ich jedenfalls Ehepacten ma⸗ chen wuͤrde, wie zärtliche Fürſorge mir dieſe eingäbe. Machte ich aber eine ſogenannte Verſtandesheirath, ſo würde ich es meiner Sicherheit wegen thun.“ 13 „Aber ich weiß nicht,“ ſagte das junge Mädchen nachdenkend,„es widerſteht mir, und ich glaube, Tri⸗ fels geht es eben ſo.“ „Trifels,“ erwiederte Herr von Wolters,„wird ganz damit einverſtanden ſein, denn er...“ „Nun, er?“ fragte ſie ungeduldig, als er ſchwieg. Der Regierungsrath hob die blitzenden Brillen⸗ gläſer zu Hedwig auf und beugte ſein feines, ſcharfes Geſicht mit dem kalten Lächeln ihr entgegen.„Miß⸗ verſtehen Sie mich nicht, beſtes Fräulein,“ hob er an. „Ich bin meines Vetters aufrichtiger, treuer Freund. Er iſt ein edler, hochherziger, vortrefflicher Menſch, voll der ſchönſten Eigenſchaften! das aber dürfen wir uns nicht läugnen, daß er einem raſchen, oft plötzlichen Wechſel ſeiner Stimmungen unterworfen oder— wie man gewöhnlich zu ſagen pflegt— ſehr excentriſch iſt. Ich bin unwandelbar überzeugt, daß er aufs innigſte und höchſte Sie verehrt, auch niemals davon ablaſſen wird; allein gerade Männer von ſo außerordentlicher Begabung, ſolchem ſangui⸗ niſchen Temperament und ſolcher nervöſen Reizbarkeit haben es nöthig, daß man vorſichtig mit ihnen umgeht.“ „Wie ſoll ich vorſichtig ſein?“ „Ich habe mich falſch ausgedrückt,“ fuhr er 14 fort;„richtiger hätte ich ſagen ſollen: ſolche edle, hochgeartete Geiſter haben es nöthig, gegen ſich ſelbſt vorſichtig zu ſein und ſich beherrſchen zu lernen. Dazu dient am beſten ein gewiſſer Zwang oder Druck, der ihnen Nothwendigkeiten auflegt; er bildet das Gegengewicht zu ihrer oft zu ungeſtümen Willens⸗ kraft, die mit Gott und Menſchen hadert, weil Welt und Leben ſo ermüdend und erbärmlich ausgefallen ſind.“ „Ich muß bekennen,“ ſagte Hedwig,„daß ich den Sinn Ihrer Worte nicht recht faſſe.“ „Ich auch nicht,“ antwortete er laut lachend, „aber was thut es! Mir fällt der Fauſt dabei ein, der Speiſe begehrt, die nicht ſättigt, Gold, das un⸗ aufhörlich in ſeiner Hand zerrinnt, einen Trunk, der nie den brennenden Durſt ſtillt; und dennoch ver⸗ ſchmachtet der Narr nach irdiſchem Glück und irdi⸗ ſcher Seligkeit bis zur Verzweiflung, obwohl er die vollen Eimer von ſich ſtößt. Göthe hat mit wun⸗ derbarer Kunſt einen ſolchen Halbgott gezeichnet, der bei aller ſeiner Göttlichkeit dem lumpigſten Teufel ſich überliefert und trotz des angebeteten ſchönen Gretchens mit den häßlichſten Hexen Walpurgisnacht feiert.“— Das ſatiriſche Zucken um die Lippen des Re⸗ gierungsrathes vermehrte ſich bei dieſen Auslaſſungen, 15 welche das Fräulein von Landau, da ſie ihr eben ſo unverſtändlich blieben wie das Vorhergehende, mit noch größerem Ernſt anhörte, weil ſie darüber nachſann, was er eigentlich damit gemeint haben könnte. Es war ihr jedoch unmöglich, einen Faden zu finden; ſie ſchüttelte alſo den Kopf und ſah ihn fragend an. „Unſinn!“ rief er ausſprechend, was ſie zu denken ſchien, und indem er ſeine Brillengläſer lang⸗ ſam über ihr Geſicht laufen ließ, ſetzte er hinzu: „Nehmen Sie weiter keine Notiz davon. Ich muß Sie jetzt verlaſſen, theuerſtes Fräulein Hedwig: aber da ich Ihr unterthäniger Freund und zugleich Tri⸗ fels' Freund bin, ſo glaube ich Ihnen nochmals rathen zu müſſen, die Leimruthen doch nicht allzu ſehr zu verachten.“ „Ich werde damit warten, bis es nöthig ſein wird,“ ſagte ſie. „Nur nicht zu lange, leicht iſt es zu ſpät,“ fuhr er in ſeinem Scherze fort.„Was aber die Ehe⸗ pacten betrifft, ſo iſt es ſeine Pflicht, alles, was der Herr Präſident begehrt, zu erfüllen. Er wird ohne Zweifel dazu bereit ſein; ſprechen Sie mit ihm dar⸗ uͤber, ſo ſagen Sie ihm, was meine Meinung iſt.“ Als Hedwig allein war, dachte ſie noch einige Augenblicke über Wolter's Aeußerungen nach, und ſie fand, daß er ſich nach ſeiner Gewohnheit mit Spöttereien vergnügt hatte, die ernſthaft klingen und ſie beläſtigen ſollten.„Ich werde mich aber nicht beläſtigen laſſen!“ rief ſie am Schluß.„Was geht mich ihre Klügelei an! Iſt ſie gut, wird Eduard nichts dagegen haben; mag er thun, was ihm be⸗ liebt, ich will nichts mehr davon hören.“ Mit dieſem Vorſatze wollte ſie ſich entfernen, als ſie ein Papier bemerkte, das auf dem Stuhle lag, wo Herr von Wolters geſeſſen hatte. Es war ein Brief, den ſie in ihrer Hand hielt, deſſen Auf⸗ ſchrift an den Regierungsrath lautete; doch eben dieſe Aufſchrift ließ ihr keinen Zweifel, daß Trifels ihn geſchrieben hatte. Der Brief war offen, Herr von Wolters mußte ihn in der Taſche gehabt und mit dem Taſchentuche heraus geriſſen haben. Einige Minuten lang hielt die Braut das Papier in der Hand, dann richteten ſich ihre Augen forſchend nach der Thür, und ſie warf ihren Fund raſch von ſich, als ſie Jemanden kommen hörte. Es war jedoch Täuſchung, und als ſie deſſen gewiß war, verrann auch ſogleich die Gewiſſens⸗Mahnung, welche ihr ge⸗ ſagt hatte, daß ſie Unrechtes thun wolle. Sie hob den Brief wieder hervor und ſagte zu ihrer 17 Selbſtermunterung:„Es iſt doch nichts Böſes, wenn ich hinein gucke und ſehe, was Eduard ſeinem Vetter ſchreibt. Vielleicht etwas von mir oder auch ganz Unbedeutendes— gleichviel, ich will es wiſſen.“ Damit ſchlug ſie das Blatt auf, ſah hinein, und ihre Blicke blieben an den Buchſtaben hangen; aber das Lächeln in ihrem Geſichte verging und machte bald einer Beſtürzung Platz, die überwälti⸗ gend auf ſie eindrang. Sie wiſchte mit ihrer Hand über ihre Augen hin, als glaubte ſie geblendet zu ſein; als ſich jedoch nichts daran veränderte, ließ ſie das Papier fallen und faltete wie im heftigen Schmerz ihre Finger in einander. „Iſt er ſchon fort?“ fragte der Präſident, in⸗ dem er leiſe die Seitenthür öffnete und hineinſah. Da er keine Antwort erhielt, wohl aber ſeiner Tochter bleiches Geſicht erkannte, kam er eilig näher und ſagte erſchrocken:„Was iſt Dir geſchehen, mein Kind? Mein Gott! was giebt es denn? Rede doch, Hedwig! was iſt es denn?“ Statt der Antwort deckte ſie beide Hände mit einer haſtigen Bewegung vor ihre Augen und fing heftig zu weinen an. „Du biſt krank!“ fuhr er ängſtlich fort,„ich will Emma rufen.“ 1856 XVI. Neues Leben. III. 2 * 18 „Nein, ſtill, nein! ich will nicht mehr weinen,“ erwiederte ſie, heftig aufſtehend,„dieſes Billet habe ich gefunden, Wolters muß es verloren haben. Lies das, Papa, lies das. O, meine Ahnungen!l ſie haben mich nicht getäuſcht.“ Der Praͤſident nahm die Schrift, welche ſie ihm hinreichte, und las halblaut:„Ich habe mit Marie heute nochmals geſprochen und ſie ganz ſo beſtimmt und entſchloſſen gefunden, wie Du ſagteſt. Sie ſieht die Nothwendigkeit der Trennung ein und verweigert mit edlem Stolze jeden Abkauf durch Geld. Der alte wackere Meiſter iſt ſehr gedrückt im Grunde ſeines Herzens, aber vielleicht noch froher als ich; denn er ſieht das Unpaſſende dieſes Ver⸗ hältniſſes zu gut ein, empfindet aber doch auch das Unrecht, das ſeiner Tochter geſchieht. 4 Ich wollte viel darum geben, wenn es niemals geſchehen wäre, indeß iſt nichts mehr daran zu ändern nur die Fol⸗ gen ſind möglichſt gut zu machen. Es muß ein Geheimniß bleiben, Hedwig darf es inie erfahren, ſie ſcheint ſchon jetzt aufmerkſam unde mißtrauiſch zu ſein. Ueberlaſſen wir Alles der Zeit. Nimm meinen Dank für Deine verſtändige Vermittlung, die mir große Noth ſpart, denn ich hätte das Aeußerſte thun müſſen. Ich will es Dir nicht vergeſſen, 19 Rudolph, aber ich will es auch Marien nicht vergeſſen, was irgend zu ihrem Beſten geſchehen kann, ſoll ge⸗ ſchehen. Der alte Mann wünſcht übrigens, daß Du ihn nicht mehr beſucheſt; wenn er Dich ſieht, ſagt er, fällt ihm die ganze Schande wieder ein. Alſo bleib fort, ich thue es auch, um ihn zu ſchonen.“ Noch ehe der Praͤſident zu Ende geleſen hatte, was Hedwig mit Ungeduld erwartete, ergriff ſie ſeinen Arm und blickte ihn mit heißen Augen an.„Was kann ich jetzt thun? Was ſoll ich thun?“ fragte ſie. „Ohne Zweifel nichts,“ erwiederte er, kaltblütig lächelnd, indem er das Papier zuſammen faltete. „Nichts?“ rief ſie,„nichts?! Unmöglich!“ „Du glaubſt,“ ſagte er,„daß dieſer Brief die Beweiſe liefert, daß Trifels— wie ſoll ich ſagen— ein intimes Verhältniß mit dem armen Kinde ge⸗ habt hat?“ .„Wer kaunn daran noch zweifeln!“ „In der That,“ antwortete er, indem er ſich ſetzte, den Brief nochmals aufſchlug und dann ein⸗ ſteckte,„man kann nicht läugnen, es ſieht beinahe ſo aus; dennoch aber zweifle ich ſehr daran.“ „Dut?... Du 2...O der Verräther!... Wie kannſt Du zweifeln?!“ Herr von Landau unterbrack ihre heftigen D* 20 Aeußerungen nicht; als ſie jedoch erſchöpft ſchien, ſagte er:„Wenn ſelbſt Alles ſo wäre, wie es Dir ſcheint, mein Kind, ſo müßte dennoch die ruhigſte Ueberlegung Dich leiten. Willſt Du mit dieſem Briefe in der Hand ihn zur Rede ſtellen?— Was beweiſ t er? Im Grunde denn doch höchſtens, daß Trifels lebhaften Antheil an irgend einem Verhältniſſe nimmt, das Fräulein Marie betrifft.“ „Sein eigenes Verhältniß mit dieſer ſchlechten Perſon!“ „Du darfſt nicht ungerecht werden,“ fuhr er ſanft beruhigend fort.„Wenn Du ſelbſt Recht hätteſt, ſo iſt jedenfalls jetzt von keinem Verhältniſſe mehr die Rede. Ich glaube, es wird ſich Alles endlich aufklären zu Deiner vollkommenen Beruhigung; denn ich habe eine zu gute Meinung ſowohl von dem ehrenhaften Charakter Deines Bräutigams, wie von dieſem jungen Mädchen.“ „Wie iſt es möglich, eine gute Meinung von ihr zu haben!“ „Ich habe dieſe aber dennoch,“ ſagte er.„Du wirſt ſehen, daß ich mich nicht täuſche. Sei beſonnen und beweiſe Dich klug, mein Kind. Eine kluge Frau weiß zu ſchweigen, wo ſchweigen noth thut. Woll⸗ teſt Du reden, vas könnte die Folge ſein? Wäre 21 Trifels wirklich ſchuldig, ſo würde er in eine entſetz⸗ liche Lage gerathen. Stolz wie er iſt, zwängſt Du ihn zu einem kläglichen Bekenntniß einer Schwäche, die er üͤberwunden hat, und zwar aus Liebe zu Dir; denn hätte er wirklich eine Neigung zu dieſer ſchönen Nachbarin gehabt, ſo iſt doch jetzt Alles vorüber. Iſt er jedoch unſchuldig, ſo wird er ſich tief gekränkt durch Deinen Verdacht fühlen, ohne vielleicht einmal Dir die volle Wahrheit ſagen zu können, wenn näm⸗ lich etwa ſein Vetter oder ein Anderer in dem Ge⸗ heimniß mitſpielt.— Und kann es denn nicht Wol⸗ ters ſein? Steht ein Wort in dem Briefe, daß er ſelbſt die Hauptperſon iſt? Ich bin wie von meinem Leben überzeugt, daß er nichts damit zu thun hat. Warte die Zeit ab, beruhige Dich dabei, daß Dein Eduard Dir unbeſtritten ganz und allein gehört, und Du wirſt ſehen, daß ich Recht habe, daß ſein leb⸗ hafter Antheil aus ganz anderen Urſachen kommt.“ Hedwig ſchwieg ein Weilchen, ſie rang mit ihren Zweifeln und mit den Wünſchen in ihrer Bruſt, die zu den Troſtungen ihres Vaters ſtimmten.„Ich merke es wohl,“ ſagte ſie endlich ſeufzend, indem ſie das Köpfchen hangen ließ,„Du willſt mich zum Glauben bringen.“ „Nein, mein Kind,“ antwortete er,„ich will 22 Dich nur von einer Uebereilung abhalten. Wie könnteſt Du eingeſtehen, Du habeſt dieſen Brief ge⸗ funden und geleſen? Du mußt ſchweigen, Deiner ſelbſt wegen und Deines Glückes wegen; darum mußt Du Alles vergeſſen, mußt feſt an Trifels glauben, und kannſt es auch.— Was vor ihr geſchehen,“ flüſterte er lächelnd,„darf eine kluge Braut oder Frau nicht kümmern. Im Uebrigen betheure ich Dir nochmals mit meiner Ehre, daß ich feſt überzeugt bin, Trifels iſt völlig ſchuldlos.“ „Warum verſpricht er in dem Briefe, Alles für ſie zu thun, was er thun kann?“ ſagte ſie nach⸗ denkend. „Deswegen ſei ohne Sorgen,“ erwiederte der Präſident.„Er ſoll nichts mehr für ſie thun.— Es könnte doch auch nur damit gemeint ſein,“ fuhr er fort,„daß er ihr etwa Geld geben oder ein Capi⸗ tal vermachen wollte. Das edle Kind hat ja aber feſt erklärt, nichts annehmen zu wollen, und wenn er durch die Ehepacten Dich zu ſeiner alleinigen Erbin ſetzt, verbietet ſich alles andere Vergeben von ſelbſt.“ „So alſo iſt es zu verſtehen,“ fiel ſie lebhaft ein. „Gewiß, mein Kind. Es wird manchen zu⸗ fälligen Ereigniſſen damit vorgebeugt. Jedenfalls iſt es beſonders gut bei Männern von heißem Blut und 23 unruhigem Geiſt, die eine gewiſſe Kette am Bein haben müſſen, damit ſie nicht davon fliegen, ſondern hübſch bei der Stange bleiben.“ „Ah!“ flüſterte Hedwig lächelnd vor ſich hin, „ſo meinſt Du das auch?“ „Wir müſſen ihn gut verwahren, denn iſt er auch dießmal unſchuldig, ſo weiß man doch nicht, was künftig geſchehen könnte.“ Feſte Schritte und Stimmen ließen ſich im Nebenzimmer hören. Trifels ſprach mit Fräulein Emma. „Da iſt er ſchon,“ ſagte der Präſident.„Eile ihm entgegen.“ „Oh!“ rief ſie freudig, die Arme erhebend, indem ſie einen Schritt that.„Es iſt Alles nicht wahr!“ „Nichts iſt wahr!“ lachte er. „Mußt Du ihn lieben, er verdient es.“ „Meine Hedwig!“ rief Trifels, indem er die Thür aufmachte. „Theurer! Lieber! Guter!“ antwortete ſie, ihn ungeſtüm umarmend.„Ich habe Dich wieder!“ „Und ich bin frei, ich habe meinen Abſchied erhalten,“ fuhr er fort.„Dir allein werde ich von jetzt an dienen.“ „Sagte ich es nicht?“ lachte der Präſident, indem er aufſtand.„Alle ſeine Wünſche haben das Eine Ziel, Dir ganz eigen zu ſein und jedes Opfer dafür zu bringen.“ Zweites Capitel. Reinhold war, ſeit die Veränderungen in des Meiſters Hauſe erfolgten, nicht mehr wie früher ein Familienglied, das zu dem häuslichen Familienleben gehörte. Er ſtand ſeinen Pflichten getreulich vor und regierte die ganze Werkſtatt unumſchränkt; denn was er that und anordnete, wurde von ſeinem Vetter ſtets gutgeheißen und ihm die Ausführung anheim⸗ geſtellt. Die Zahl der Arbeiter hatte ſich beträchtlich vermehrt; denn dem Meiſter waren die bedeutenden Arbeiten übergeben worden, zu welchen Herr von Landau ihm verholfen; auch hatte die Commiſſion Reinhold's Vorſchläge ſo praktiſch befunden, daß ſie angenommen worden waren. Der junge Werkführer, dem Vieles oblag, war daher allezeit beſchäftigt ge⸗ nug; aber wenn er ſonſt nach dem Feierabend 26 gerufen wurde, um am Familientiſche Theil zu nehmen, der Meiſter ſeine Marie ſchickte, damit ſie ihn an⸗ treiben möchte, weil ein gutes Gericht wartete, oder der alte Mann wohl ſelbſt kam, um mit ihm zu ſcherzen und ihn zu loben, ſo war vor jetzt nichts mehr zu bemerken. Niemand und er kam auch nicht. Es lag ein trennendes, ent⸗ fremdendes Etwas auf dieſem kleinen Kreiſe einfacher Menſchen, welche ſonſt ſo weit davon entfernt waren, ſich in Geheimniſſe zu hüllen. Reinhold arbeitete oft noch ſpät, und Niemand ſtörte ihn, oder er ging in den Verein, und Niemand fragte darnach. Gefliſſent⸗ lich kam er, meiſt ſo ſpät nach Hauſe, daß er ge⸗ wiß ſein konnte, die Familie nicht mehr wach zu treffen, die nach herkömmlicher bürgerlicher Sitte um zehn Uhr ſich zur Ruhe begab. Leiſe trat er dann in die Wohnſtube, zündete ſein Licht an, ſtand wohl noch einen Augenblick an dem Tiſche ſtill und ſtarrte auf die leeren Stühle, bis er geräuſchlos ſeine Kam⸗ mer aufſuchte.— So ſah er ſeine Verwandten denn nur beim Frühſtück und beim Mittag auf kurze Zeit, meiſt in Gegenwart anderer Perſonen. Sie benahmen ſich gut und freundlich zu ihm; die Muhme beſon⸗ ders war oft geſprächig, ſuchte durch ihre Ermun⸗ terungen, es ſich ſchmecken zu laſſen, ihre Theilnahme =1 27 zu beweiſen und ihre Sorge um ſein leidendes Aus⸗ ſehen durch allerlei Gutthaten und Anrathen von Hausmitteln darzulegen. Marie that in ihrer Weiſe Aehnliches; denn nicht ſelten redete ſie ihn an, ſprach über Vorgänge, welche auf ſein Leben und Treiben Bezug hatten, oder über Tagesvorfälle und häusliche Begebniſſe, und immer wußte ſie zu ſcherzen und zu lächeln, verſtändige Bemerkungen zu machen und mit feinen gewaͤhlten Worten ihre Rede auszu⸗ ſchmücken. Es war merkwürdig, wie ſie damit ſich über ihre ganze Umgebung erhob, und welche Bewunderung ihr dafür zu Theil wurde. Die Frau Meiſterin ſprach von ihrer Tochter wie von einem Wunder, und alle Freunde und Bekannten ſtimmten darin überein, daß Marie ſich zu benehmen wiſſe, wie man es ſelten finde. Immer zwar war ſie wohlerzogen und, wie man im gewöhnlichen Leben zu ſagen pflegt, ſtolz geweſen, d. h. ließ ſich nicht herab, ſich ſo zu be⸗ nehmen, wie die allermeiſten jungen Mädchen ihres Standes. Sie war in ihrem Weſen wie in ihrer Kleidung immer etwas Beſonderes, Beſſeres, Höher⸗ ſtrebendes geweſen, und hatte durchaus etwas an ſich, das eben ſo gefällig und einſchmeichelnd wie abweiſend ſein konnte und Zudringlichkeit zurückwies. 28 In der letzten Zeit jedoch hatte Marie ſich mit einem wahren Nimbus von Würde und Gemeſſenheit umgeben. Sie kleidete ſich mit noch größerer Sorgfalt, ſprach mit noch vermehrter Ueberlegung, überließ ſich nie⸗ mals einer plötzlichen Eingebung oder munterer Laune, ſondern ihre Worte, ihre Geberden, ihre Bewegungen, Alles, was ſie that, war anſtandsvoll, ſelbſtbewußt und mit einer gewiſſen Herablaſſung verbunden. „Es iſt, als ob man eine kleine Prinzeſſin ſieht,“ hatte einer der alten Freunde des Meiſters geſagt, und die Frau Meiſterin war darüber ſeelenvergnügt geworden; der alte Mann aber ſchlug ſtumm ſeine Augen zu Boden und ſchwieg. Hilfe in der Wirth⸗ ſchaft, die jetzt größer und ſchwerer war, als jemals, leiſtete Marie ihrer Mutter gar nicht mehr; doch wenn ſie es hätte thun wollen, die Mutter würde es nicht angenommen haben.„Das Kind kann ſich doch nicht die Hände verderben!“ ſagte ſie ärgerlich, als der Meiſter einmal meinte, es ſei doch recht und billig, daß Marie, wo es noth thäte, mit an⸗ griffe; doch es war mit dem Hausregiment des alten Mannes dahin gekommen, daß der Griff ihm ent⸗ fallen war und nicht wieder gefunden wurde. Es blieb bei ſeinem Brummen und ſeiner Unzufriedenheit, an welche ſich weder Mutter noch Tochter viel zu 29 kehren ſchien. Fräulein Marie ſaß ſehr viel am Cla⸗ vier, oder ſie las Bücher, von denen ihr Vater ei⸗ gentlich nicht wußte, woher ſie kamen, oder ſie ſtickte an einer feinen Perlenſtickerei, oder aber der Meiſter traf ſie ſchreibend, und wenn er Abends nach Hauſe zurückkehrte, war ſie nicht daheim, ſondern zum Be⸗ ſuch bei einer Freundin. Der alte Mann ſagte nichts dazu, er fragte auch nicht, wenn ſie endlich heim kam. Still ſaß er in ſeiner Ecke, nachſinnend und ſtumm aus ſeiner Pfeife dicke Dampfwolken ausſtoßend, welche Marie zuweilen mit dem Veſuv und Aetna verglich, oder einen anderen Scherz daran knüpfte, den ihre Mutter in einen derben Verweis für den rückſichtsloſen Vater und Gatten umgeſtaltete. Wenn er dann endlich in ſeine Kammer ſich zurückzog und die beiden Frauen allein ließ, hielten dieſe noch manche heimliche Ge⸗ ſpräche, von denen er nichts erfubr; und er wollte auch nichts davon wiſſen; er mochte kein Wort über eine Sache ſprechen, die ſo ſchwer auf ſeinem Ge⸗ müth laſtete, daß ſie ihm allen Frohſinn und allen häuslichen Frieden nahm. Eines Abends jedoch, als Reinhold wieder ſein Licht in der Wohnſtube anzündete und es eben in der Hand hielt, indem er vor ſich niederblickte, hörte 30 er die Kammerthür aufgehen. Der Meiſter ſtand halb angekleidet auf der Schwelle, die Nachtmütze auf ſeinem grauen Kopfe, und ſah ihn bittend an. „Sie ſind noch wach, lieber Vetter?“ fragte Reinhold erſchrocken. „ Ich habe Dich kommen hören,“ antwortete der alte Mann.„Siehſt Dich hier um und ſchüttelſt den Kopf, Reinhold! Es iſt anders geworden. Du merkſt es auch.“ „Wir,“ ſagte der Arbeiter muthiger,„wir ſind aber die Alten geblieben. Ich denke, das wiſſen Sie. Und es kann ja, es wird ja ſich Alles wieder finden.“ „Denkſt Du, es wird?“ fragte Hartmann freund⸗ licher.„Wollte es Gott, mein Sohn! Aber“— ſeine Stimme wurde wieder ernſter— ges iſt Man⸗ ches vorgegangen, Reinhold, ich mag's nicht aus⸗ ſprechen, kann's nicht, Du weißt nichts davon.“ „Es wird nichts ſein, was nicht zu vergeben wäre,“ erwiederte Reinhold in ſeiner ſanften Weiſe. „Der Menſch muß immer Nachſicht haben, Sünder ſind wir Alle.“ „Biſt ein redlich Herz!“ rief der Meiſter lauter, „das Blech geht doch über Alles in der Welt!— Aber ſtille, ſtille!“ fuhr er fort,„es darf es Keiner hören, was ich Dir ſagen will und was ich bei mir 31 ſelbſt beſchloſſen habe.“— Er nahm ſeines Vetters Hand und ſah ihn liebevoll an.„Seit drei Tagen ſchon habe ich es mit mir ausgemacht, und anders wird es nicht. Du ſollſt das Geſchäft übernehmen, Reinhold, ich gebe es in Deine Hände. Ein Meiſter⸗ ſtück wird Dir Niemand abfordern, haſt längſt gezeigt, was Du kannſt. Morgen gehſt Du hin zur Meldung beim Gewerk, das weitere werde ich beſprechen.“ Die Ueberraſchung machte den jungen Mann ſtumm. Einige Augenblicke lang glänzten ſeine Blicke vor Freude und Rührung, dann aber ſagte er be⸗ ſorgt:„Der Himmel mag's verhüten, daß Sie im Ernſt daran denken!“ „Es iſt mein Wille, ich ſag's noch einmal,“ antwortete der Alte;„auch habe ich's halh und halb ſchon merken laſſen, und Elsbeth hat's wohl aufgenommen. Sie wird auch alt, muß ſich pla⸗ gen, meint wohl, es ſei genug. Wer an Arbeit gewohnt iſt von Jung auf, kann's nicht laſſen, mag's ihm noch ſo ſchwer werden. Mit jungen Frauen iſt's ein ander Weſen, die machen es ſich leichter, halten Geſinde, und man kann es eben auch nicht tadeln,“ fügte er mit ermuthigenden Blicken hinzu. „Die neue Bildung bringt es ſo mit ſich, die läßt ſich nicht fortblaſen, aber eine gebildete Frau— es 32 ſagt's alle Welt, iſt auch ein Schatz, macht Ehre— Du weißt wohl, Reinhold, was ich ſagen will.“ „Ich weiß, lieber Vetter,“ antwortete Reinhold. „Und das gebildete Weſen iſt ja auch Deine Sache,“ fuhr der alte Mann, ihn bittend, anſchauend fort. „Es geht nichts darüber,“ ſagte Reinhold leiſe. „Na, ſiehſt Du, ſo geht's!“ rief der Meiſter froh.„Der Herr von Trifels geht mit ſeiner jungen Frau gleich auf und davon. Da wird's oben leer, und ich ziehe hinauf, laſſe Dir den ganzen Raum unten mit Allem, was darin iſt. Brauchſt nicht zu ſorgen, Reinhold, biſt mein Sohn, es wird ſich Alles ordnen und finden, wie es ſein muß. Wohnſt unten, der alte Vater oben; biſt ein Meiſter, kein Werk⸗ führer, ſprichſt aus einem anderen Tone dann, und die Dich anſehen, thun's mit anderen Augen.“ Reinhold ſchien noch bleicher zu werden, er ließ den großen Kopf ſinken, ein Schauer lief über ſeine Haut, ſein Herz wurde ſchwer und kalt. .„Ich weiß nicht, wo ich anfangen ſoll,“ ſagte er leiſe,„um auszuſprechen, was meine Gedanken ſind.“ „Thu's nicht, mein Sohn, thu's heut' nicht!“ fiel der alte Mann ein.„Was Dein iſt, ſoll Dein 33 bleiben, mag's Gott fügen, wie er will; er lenkt es manchmal, wie es kein Menſch denkt und meint. Heraus iſt es, was ich Dir ſagen wollte,“ fuhr er dann fort,„und es iſt mir leicht dabei geworden. Jetzt geh zu Bett, Meiſter Reinhold Stark, morgen wollen wir's weiter beſprechen.“ Damit ſchuͤttelte er ihm die Hand, kehrte nach ſeiner Kammer um, und Reinhold ſtieg hinauf und ſaß mit gefalteten Händen länger, als eine Stunde auf dem Rande ſeines Bettes bis das Licht herunter gebrannt war und der Schlaf ihm die heißen Augen zudrückte. Am nächſten Morgen aber geſchah etwas, das Reinhold noch weniger vermuthet hatte. Als er zum Frühſtück gerufen wurde, kam Fräulein Marie bis an die Thur der kleinen Werkſtatt, wo er arbeitete, und freundlich wie in der alten Zeit bot ſie ihm guten Morgen und lud ihn ein, nicht länger warten zu laſſen;z die Frau Muhme aber empfing ihn, als er kam, mit dargebotener Hand und ſagte dann vertraulich:„Ich weiß es ſchon, was der Alte vor⸗ hat, und es iſt eben ſo gut wie recht, daß es da⸗ hin kommt. Darum Glück und Segen, lieber Rein⸗ bold! Es wird ſchon gedeihen, wo ſo ein tüchtiger Meiſter an der Spitze ſteht, und wo wir helfen 1856. XVI. Neues Leben. III. 3 können, ſoll's allzeit geſchehen. Gute Freunde blei⸗ ben wir gewiß, über uns ſollen Sie nicht klagen.“ „Ich werde es auch immer zu verdienen ſuchen,“ erwiederte Reinhold. „Beſcheiden ſind Sie,“ verſetzte die Muhme,„die Verwandtſchaft wird uns immer freuen, wir werden es nimmer zu bereuen haben; aber da es einmal ſo ſein ſoll, muß es auch ſchnell geſchehen, es muß Alles noch in dieſer Woche abgemacht werden, da⸗ mit wir aus der Wirthſchaft heraus kommen, ſobald es irgend geſchehen kann.“ „Haſt es plötzlich ſo ſatt, Elsbeth?“ rief der Meiſter, welcher hereintrat, und ihre Worte gehört hatte. Es war mit ihm eine merkliche Veränderung vorgegangen über Nacht. Die ganzen Wochen über, wo er ſo ſchweigſam und ſcheu geweſen, hatte er ausgeſehen, als fürchtete er ſich; heute jedoch trug er den Kopf wieder auf dem alten Fleck, und in ſeinen Augen hatte er etwas von der alten Energie, in ſeinem Auftreten etwas von der alten Kraft, in ſeinem derben Geſicht und in ſeinem Lachen einen guten Theil des alten Lebensmuthes. 4 „Warum ſoll ich es nicht ſatt haben?“ erwie⸗ derte Frau Hartmann.„Ich möchte wohl auf meine 35 alten Tage ſtill ſitzen und geputzt ſpazieren gehen, wie andere Leute.“ „Oho!“ ſiel er ein,„es wird ſich artig machen, wenn ich mitgehe und den Sonntagsrock anziehe.“ „Können wir's etwa nicht?“ fragte ſie.„So gut wie mancher Andere können wir es. Da iſt der Seifenſieder Setzhaſe, der kleine, duͤnne, krummbei⸗ nige Kerl, der ausſah wie ein Dreierlicht. Neulich begegne ich ihm und kenne ihn kaum wieder. Einen Pelz hat er an, lauter Marder, die Frau daneben, die Setzhäfin, im dicken Seidenmantel, und die bei⸗ den Mädchen wie die Feen ausgeputzt. Mein Gott! ſage ich, Herr Setzhaſe, ſind Sie es, Frau Setzhäſin, und die Male und die Guſte! Können Sie denn ſämmtlich Ihre Lichte verlaſſen? Da ſchlägt er ſeinen Pelz über einander wie ein Lord, und ſie ſagt:„Es iſt vorbei damit, Frau Hartmann, wir ſind jetzt Rentiers, haben uns zurückgezogen. Unſer Haus haben wir verkauft, das Dreifache kann man jetzt bekommen. So leben wir ganz ange⸗ nehm, gehen alle Tage ſpazieren, und meine Amalie und meine Auguſte brauchen nicht mehr im Laden zu ſtehen, und ſich mit ordinärem Volk zu befaſſen.“ Warum ſollen wir denn alſo auch nicht Rentiers werden, das Haus verkaufen, und ſpazieren gehen?“ 3* 36. Der Meiſter ſchob die Kappe wieder einmal rund um den Kopf.„So ein Bummler!“ rief er; damit aber brach er ab, und ein Ernſt überkam ihn, als liefe ihm etwas ſchwer im Kopfe herum. Nach wenigen Augenblicken aber hatte er es überwunden, und Reinhold's Hand drückend, begann er:„Wie ich's geſagt habe, ſo bleibt es. Du übernimmſt mein Geſchäft und biſt der Meiſter Reinhold Stark, der in der breiten Straße wohnt. Jetzt ziehe Dich an, geh ins Gewerk und melde es dem Altmeiſter, weiter hat es nichts zu ſagen. Das Andere machen wir ab unter uns, ohne Kniffe und Pfiffe. Biſt mein Sohn, ich ſage es hier nochmals, ſollſt alſo als Sohn behandelt werden.“ Die beiden Frauen ſahen ſich lächelnd an, als der alte Mann mit Reinhold am Arm hinaus ging. „Das wird ja immer ſchöner,“ flüſterte die Frau Mei⸗ ſterin.„Es iſt mit Einem Male wieder das alte Weſen in ihn gefahren.“ „Verhalte Dich ganz ruhig, Mutter,“ erwiederte Marie würdevoll, in den Spiegel blickend.„Wir ha⸗ ben ihn dahin gebracht, ſein Geſchäft aufzugeben, wir werden ihn auch weiter bringen, um in an⸗ ſtändiger Weiſe ſich in Zukunft bei mir zeigen zu können.“ 8 37 Sie nahm ihre Bücher, ſetzte ſich an den Näh⸗ tiſch, ſtrickte und las, bis ſie endlich zur Abwechſe⸗ lung das Clavier aufſchlug und einige neue Noten verſuchte. Bei dieſer Beſchäftigung wurde ſie durch den Regierungsrath von Wolters überraſcht, der einen Augenblick durch das kleine Fenſter ſie beobach⸗ tete und dann eintrat. 8 „Laſſen Sie Sich ja nicht ſtören, gnädigſtes Fräulein,“ ſagte er mit ſeiner feinen Verbindlichkeit. „Ihren Vater ſah ich ſo eben mit dem ſtrohfarbigen Menſchen, der hier im Hauſe iſt, fortgehen. Ihre Frau Mutter wird nicht ſchelten, wenn ich eine Minute eintrete, um Ihnen meine Verehrung zu bezeigen.“ „Ich danke Ihnen, Herr von Wolters,“ erwie⸗ derte Marie, ſich vorneigend,„und bitte Platz zu nehmen.“ „Laſſen Sie mich ſtehen, da ich nicht knieen darf,“ verſetzte der Regierungsrath, indem er ihre Hand an ſeine Lippen zog. Mit einem ſtolzen Lächeln ließ ſie es geſchehen. „Wie weiß und fein dieſe kleine Hand iſt!“ fuhr er fort, obgleich Fräulein Marie trotz aller Mühe keine beſonders feinen und kleinen Hände beſaß. „Sie ſind ſehr gütig und freigebig gegen mich,“ erwiederte ſie, indem ſie ihre Finger zurückzog. „Wenn ich das ſein dürfte, wie glücklich wäre ich!“ fiel er ein;„ich darf jedoch meine unterthänige Ergebenbeit Ihnen nur als Zeichen meiner Ehrfurcht darbringen, da andere Sterne dieſen Himmel erleuch⸗ ten.“ Er neigte ſich vertraulich zu ihr hin, und wie er mit ſeinen ſcharfen, blitzenden Gläſern ſie betrachtete, ſenkten ſich ihre Augen davor nieder. „Herr Regierungsrath,“ ſagte ſie leiſe,„ich bitte, wie befindet ſich der Herr Präſident?“ „Der Herr Präſident,“ erwiederte er,„befindet ſich auf keinen Fall in einer ſo angenehmen Lage wie ich, würde aber viel darum geben, wenn er mit mir tauſchen könnte.“ „Sie können Recht haben,“ verſetzte ſie, die braunen Augen würdevoll und ſelbſtbewußt zu ihm aufſchlagend. „Und wenn ich der Herr Präſident wäre,“ ſagte er mit ironiſcher Betonung,„würden Sie, theuerſtes Fräulein, etwas dagegen einzuwenden haben?“ „Ich werde Ihnen nichts darauf antworten,“ er⸗ wiederte ſie,„weil es unmöglich iſt. Bitte, haben Sie mir etwas Anderes zu vertrauen?“ „Sie ſind ſo klug, wie Sie ſchön ſind, Fräu⸗ . 39 lein Marie,“ fuhr er einſchmeichelnd fort;„darum wächſt meine Bewunderung für Sie mit jedem Tage. Einige Dankbarkeit hoffe ich mir erworben zu haben.“ Marie machte ihm eine ſtumme Verbeugung. „Die Frau Präſidentin,“ flüſterte er,„wird einen treuen Freund nicht verſtoßen, der den höchſten An⸗ theil an ihrem Lebensglücke nimmt.“ Sie ſah ihn mit einem durchdringenden Blicke lächelnd an.„Nehmen Sie meinen tiefſten Dank,“ ſagte ſie,„der Herr Präſident wird mir beiſtimmen.“ „O, gewiß!“ fuhr er fort,„wir werden für ſein Wohl und ſeine Ruhe ſorgen, die er durchaus ſichern will. Rechnen Sie feſt auf mich, Ihre glänzende Zukunft iſt mein innigſtes Verlangen. Alles ſteht zum beſten, in wenigen Tagen hoffe ich Ihnen den Beweis zu liefern. Der Herr Präſident, ſo ſchwer es ihm vielleicht auch werden möchte, wird zu Ihren Füßen liegen.“ Mit einem bedeutungsvollen Anſtarren ver⸗ ſuchte er nochmals ihre Hand zu nehmen; aber ſie trat zurück, und ihren Kopf hoch hebend ſagte ſie: „Ich danke Ihnen nochmals verbindlichſt, Herr Re⸗ gierungsrath von Wolters. Empfehlen Sie mich dem Herrn Präſidenten, es iſt mir eine ſüße 40 Beruhigung, zu hören, daß er ſich wohl befindet. Da⸗ für zu leben, wird meine Aufgabe ſein. Sie haben den Herrn von Trifels beſucht? Er hat einen wun⸗ derſchönen engliſchen Reiſewagen gekauft, da er mit ſeiner jungen Frau ganz allein reiſen will.“ „Eine Reiſe zur Seligkeit!“ rief Herr von Wolters,„möge ſie ihm bekommen. Mein gnädiges Fräulein,“ ſetzte er dann im Tone der feinſten Höf⸗ lichkeit hinzu,„ich werde dem Herrn Präſidenten Ihre Aufträge überbringen und ihm ſagen, mit wel⸗ cher Sehnſucht Sie ihn erwarten.“ „Sagen Sie ihm,“ erwiederte das junge Mäd⸗ chen,„daß ich nie aufhören werde, an ihn zu den⸗ ken.— Ihre unterthänige Dienerin, Herr von Wolters.“ „Die ſchlaue Hexe!“ murmelte der Regierungs⸗ rath, als er ſich auf der Straße befand.„Kalt wie Eis, ohne alle Leidenſchaft. Von Herz iſt ſo wenig bei ihr die Rede, wie bei mir, ſie iſt im Stande, mich auszulachen. Ich glaube wirklich,“ fuhr er dann lachend fort,„ſie giebt dem alten Pinſel alles, was ſie geben kann, für ſeinen Namen, für ſchöne Klei⸗ der nebſt allerlei Behängen und bildet ſich ein, das ſei Liebe. Sind aber nicht die Meiſten wie dieſe, und iſt es nicht Thorheit, mehr zu verlangen? Er 41 freilich, er verlangt wirklich noch mehr, was ſeiner Phantaſie alle Ehre macht; doch dieſe wird ein Ende nehmen, und wenn ich gelegentlich etwas dazu beitragen könnte, verſpüre ich einige Luſt dazu.“ Unter ſolchen Gedanken ging Herr von Wolters weiter, und ſeine Betrachtungen vertieften ſich nach und nach immer ernſthafter. Er war in keiner an⸗ genehmen Laune, und indem er an die verſchiedenen Perſonen dachte, mit denen er zu thun hatte, lag die größte ſpottende Verachtung in ſeinen Blicken. „Was kümmern ſie mich!“ ſagte er,„mögen ſie ihre Narrheiten auf den großen Jahrmarkt tragen, ſo viel es ihnen beliebt. Was ich thue, thue ich für mich; wenn ich ihnen zu dienen ſcheine, dienen ſie mir. Dieſer armſelige Präſident ſoll mir die Ca⸗ ſtanien aus dem Feuer holen, was weiter geſchieht, iſt dann ſeine Sache. Für reelle Vortheile, ſagt Herr Niedlich, muß man leben, was aber dieſen langohrigen, zudringlichen Schuft betrifft....“ Hier hielt Herr von Wolters inne und lächelte mit vieler Freundlichkeit, denn Herr Niedlich kam ihm entgegen und befand ſich nur wenige Schritte von ihm. Die Begrüßung des Agenten war ſehr vertrau⸗ lich; ohne Umſtände nahm er den Regierungsrath beim Arm und bat ihn um ſeine Begleitung.„Sie 42 gehen doch nichts um,“ ſagte er,„Herren wie Sie ha⸗ ben immer Zeit und ſuchen dieſe los zu werden, bei mir iſt Zeit Geld, darin bin ich ein Republikaner.“ „Sie ſollten auswandern,“ erwiederte Wolters. „Auswandern!“ lachte Herr Niedlich,„o ich denke nicht daran. Ein verflucht geſcheidtes Volk, dieſe Amerikaner, jeder Einzelne iſt da ein Heinrich Nied⸗ lich, jeder ſagt: Time is money, und macht Geld aus jedem Dinge. Sehen Sie, beſter Freund, das iſt der Unterſchied zwiſchen dort und hier. Hier ver⸗ ſtehen die Meiſten nichts von dieſer Sache, darum kommen die, welche es verſtehen, am beſten fort. Alſo bleibe im Lande und nähre Dich redlich. So lange es ſo viele Nichtsthuer und Müßiggänger bei uns giebt, werden ordentliche Leute immer ihr gutes Auskommen haben.— Was ich Ihnen aber ſagen wollte,“ fuhr er fort,„ich komme ſo eben vom Präſi⸗ denten. Er hat ganz offen, väterlich mit mir ge⸗ ſprochen, geradezu gefragt, ob ich Fräulein Emma heirathen wollte.“ „Sie haben Sich“ doch bereit erklärt?“ „Verſteht ſich, ſagte Herr Niedlich,„ein ſo reelles Anerbieten kann nicht ausgeſchlagen werden. Wenn der Praͤſident ſagt: Heirathen Sie, Niedlich, 43 ich werde dafür ſorgen, daß Sie mit Ihrer Frau zu⸗ frieden ſind, ſo iſt das Geſchäft abgeſchloſſen.“ „Aber die liebenswürdige Emma? Wird ſie den Schlußzettel unterſchreiben?“ „Alles abgemacht,“ lachte Herr Niedlich,„jeden Morgen jetzt ein Blumenſtrauß. Sie iſt ſelig, wenn ſie mich kommen ſieht, denn es iſt ihr noch nie widerfahren, und ſie hat es gewuünſcht, das hat ſie mir geſtanden. Alles in Ordnung, beſter Regierungs⸗ rath. Koſten zwar nicht unbedeutend, aber das Ge⸗ winn⸗Conto offen.“ „Edler Niedlich!“ ſagte Herr von Wolters, nich wünſche Ihnen ſo viel Glück, wie Sie verdienen.“ „Jedem, was er verdient!“ antwortete Herr Niedlich pſiffig lachend.„Wie ſteht es aber mit dem ungebildeten Menſchen dem Trifels? Stellen Sie Sich vor, er thut, als ſieht er mich nicht, und es iſt lauter Luſt und Herrlichkeit im Hauſe nach wie vor.“ Er richtete ſeine lauernden Blicke auf den Re⸗ gierungsrath; allein dieſer hatte keine Luſt, ihm etwas zu offenbaren.„Das freut mich,“ ſagte er,„ich glaube auch, daß er Urſache dazu hat, ſo froh zu ſein.“ „'s iſt merkwürdig, Jeder iſt froh,“ ſiel Herr Niedlich ein.„Sehen Sie da, ſehen Sie hier!“— 44 Er ſtieß ſeinen Begleiter an, der ſich ſeitwärts wandte, wo Andreas Herzberg ſo eben vorüber ſchritt, und wirklich war das ſonſt ſo düſtere und verſchloſſene Geſicht des jungen Künſtlers heute ſo hell und lebenswarm, wie es Herr Niedlich nie geſehen hatte. Er ſah auch ordentlicher aus, als es ſonſt der Fall war. Sein Gang war leicht, ſein Körper aufge⸗ richtet, am Rocke trug er lange, weiße Manchetten, und weiße Handſchuhe an den Händen. Als er dicht bei ſeinen Widerſachern war, ſchien er dieſe erſt zu erkennen. Seine dunkeln, großen Augen er⸗ hielten einen eigenthümlichen Glanz, und um ſeine Lippen ſchwebte ein kühnes und ſtolzes Lächeln. „Ich glaube, er hat das große Loos gewonnen!“ rief Herr Niedlich erſtaunt.„Haben Sie geſehen, mit welcher Verachtung er auf uns herunter ſah?“ „Ich habe es geſehen,“ erwiederte Herr von Wolters,„laſſen Sie ihm ſeine ſchönen Träume, theuerer Niedlich; gönnen Sie allen unſeren Freun⸗ den überhaupt ihr Glück. Denken wir nur an uns ſelbſt.“ „Ein weiſes Wort!“ ſchrie der Agent,„überaus weiſe! Aber es iſt doch eine Schande, daß ein Menſch, der kaum das liebe Leben hat, uns aus⸗ lachen kann.“ 45 „Vielleicht lacht er morgen ſchon nicht mehr,“ erwiederte Wolters.„Lachen iſt überhaupt kein Zei⸗ chen wahrer Bildung, Herr Niedlich. Der Natur⸗ menſch lacht und weint um jede geringe Erregung, um jeden Schein von Freude oder Leid; je höher die Cultur, um ſo mehr weiß man ſich zu beherr⸗ ſchen.“ „Sehr wahr! ganz empfunden, wie ich! Ein großer Gedanke!“ ſagte Herr Niedlich, indem er ſich bemühte, tiefſinnig ernſthaft auszuſehen.„Mit des Geſchickes Mächten iſt kein ſicherer Bund zu flech⸗ ten, ſagt Göthe.“ „Und das Schickſal ſchreitet ſchnell,“ fügte der Regierungsrath hinzu.„Das dürfen wir nie ver⸗ geſſen, würdiger Freund. Leſen Sie Zeitungen?“ „Verſteht ſich!“ rief Herr Niedlich beleidigt, „Zeitungleſen gehört zur Bildung. Ich leſe die Poſt, ſie hat den beſten Cours⸗Bericht, iſt ausge⸗ zeichnet!“ „Leſen Sie die nächſten Tage etwas mehr als den Cours⸗Bericht. Sie finden vielleicht etwas, das Sie intereſſirt.“ „Was denn?“ fragte Niedlich neugierig. „Selbſtbeherrſchung iſt die höchſte Bildung,“ erwiederte der Regierungsrath mit ſeinem ſpottenden 46 Lächeln und jenem Blick unter den Brillengläſern hervor, den Herr Niedlich niemals leiden konnte. Herr von Wolters verbeugte ſich dabei vor ihm mit ausnehmender Höflichkeit, bedauerte, ihn verlaſſen zu müſſen, und entfernte ſich. „Wenn es etwas Gutes iſt, was er im Sinne hat, will ich aufgehängt werden!“ ſagte Herr Nied⸗ lich zu ſich ſelbſt.„Aber fein gebildet iſt er, man muß ſich vor ihm in Acht nehmen. Fräulein Emma kann ihn nicht leiden, das iſt gewiß, und ins Haus ſoll er uns weiter nicht kommen. Ich kann ihn eigentlich auch nicht leiden, alſo ſtimmen wir auch darin überein. Schöne Seelen ſtimmen immer über⸗ ein.“— Herr Niedlich verdoppelte ſeine Schritte, es kam ihm ſo leicht Niemand im Gebrauch ſeiner Füße gleich, während er aber wie ein Windhund ſeinem Geſchäft nacheilte, um das Verſäumte einzuholen, denn Herr von Wolters ging ariſtokratiſch langſam, ſah er abermals nach kurzer Zeit Andreas Herzberg vor ſich, der mit Reinhold ſprach, und ihm die Hand ſchüttelte. Herr Niedlich ging an ihnen vor⸗ über und hörte ganz deutlich, wie der Arbeiter ſagte: „Ich übernehme das Geſchäft und werde Meiſter, eben habe ich mich gemeldet.“. Darauf antwortete der Muſiker:„Ich komme 47 von dem Intendanten. Er hatte mich rufen laſſen. Alles gut, Reinhold.“ Herr Niedlich konnte nichts mehr hören, als er ſich aber noch einmal umſah, begegnete er wieder dem ſtolzen Lächeln und dem verächtlichen Nach⸗ ſchauen des Menſchen, den er ſo oft gedemüthigt hatte, und er fühlte, wie er ſich dabei ärgerte.„Wart,“ ſagte er,„ſchlecht ſoll es Dir gehen, oder es iſt kein Gott im Himmel! Eh! und der Andere will Meiſter werden, will's Geſchäft übernehmen?“ fuhr er fort. „Alle Wetter! wie wird es denn da mit dem Hauſe? Ich muß mit dem Präſidenten ſprechen, das Haus muß ich haben. Er ſoll mir das Haus verſchaffen, das ſoll ſein Hochzeitsgeſchenk für meine Frau ſein.“ Drittes Capitel. Am Tage vor der Hochzeits⸗Feier des Freiherrn von Trifels waren alle nothwendigen Vorbereitungen beendet. Der Präſident hatte nach der Sitte ein Feſt veranſtaltet, das mehrere Tage vorher ſchon die Ver⸗ wandten und Freunde der Familie, der Braut und des Bräutigams zum letzten Male vereinigte und an die Stelle des herkömmlichen Polterabends trat. Es war mit allem möglichen Glanze begangen worden; am Hochzeitstage ſollte dagegen die Trauung nur vor wenigen Zeugen im Saale Statt finden, dann der Wagen ſchon bereit ſtehen, der das junge Paar ſo⸗ fort in die Weite führte.— Von mehreren Seiten war dagegen proteſtirt worden, allein Trifels wollte es ſo, Hedwig fand es poetiſch und romantiſch, und der Präſident hatte endlich auch nichts dagegen. 49 Trifels war an jenem Nachmittag bei ihm in ſeinem Cabinet; er hatte ihn dazu eingeladen, um vertraulich zu plaudern, was laͤngere Zeit geſchah. Der Reiſeplan wurde beſprochen, Herr von Landau that manche Fragen über den Aufenthalt in verſchie⸗ denen Hauptſtädten und über die endliche Rückkehr; aber er erhielt nur unbeſtimmte Antworten.—„Wir ſind ja durch nichts gefeſſelt,“ ſagte Trifels,„ich bin in Wahrheit jetzt ein Freiherr. Wo es uns gefällt, werden wir bleiben, bis es uns nicht mehr gefällt.“ „Und wenn es Ihnen nirgend gefällt?“ fragte der Präſident lächelnd. „So gehen wir weiter und ſuchen das Paradies.“ „Mein lieber Eduard,“ ſagte Herr von Landau, „wer das Paradies ſuchen ſoll, wird es ſchwerlich finden. Sie müſſen ſich einen feſten Plan machen, ein feſtes Ziel ſetzen“ „Mein Ziel iſt, zu vergeſſen, daß es überhaupt ein Ziel giebt,“ erwiederte Trifels.„Flüchtig iſt die Zeit und flüchtig das Leben. Die Italiener haben ein altes Sprüchwort: ‚Wer froh lebt, lebt lange.“ So iſt es denn mein einziges Ziel und Streben, lange, das heißt froh zu leben.“ „Und womit wollen Sie das erreichen?“ „Indem ich alles Grübeln, Dichten und 1856. XVI. Neues Leben. III.. 35 50 Trachten verbanne und auf dem Strom des friſchen Lebens, meine theure Hedwig im Arme, mich von immer neuen Wellen tragen laſſe.“ „Sie wollen alſo genießen? Genuß iſt die Würze des Lebens. Hedwig liebt den bunten Wechſel der Zerſtreuungen; doch Sie...“ „Ich liebe ihn auch, ich weiß nichts Reizenderes.“ „Und wenn wir zurückdenken an die Tage un⸗ ſerer Jugend,“ erwiederte der alte Herr, indem er ſich bequem in die weichen Kiſſen lehnte,„ſo iſt doch Alles nichts, als Schaum und Blaſen. Es giebt nichts Bleibendes, nichts Ewiges.“ „Jeder ſehe alſo zu, wie er ſich tröſte.“ „Aber dieſer Troſt kommt am ſicherſten, indem wir mit dem Endlichen in uns zu einem feſten Ab⸗ ſchluß kommen. Keine zu hohen Anſprüche machen, nicht zu viel verlangen, dagegen Sorge tragen, uns mit dem Erreichbaren zu befriedigen.“ „Und was erreicht man?“ fragte Eduard von Trifels. 4 „Man ſchüttelt nicht ohne Schmerzen die Aepfel vom Baume der Erkenntniß,“ antwortete Herr von Landau;„allein es fallen doch auch ſehr reife, ſüße ab, weun man nur das Schütteln verſteht. Die Hauptſache bleibt, mein lieber Trifels, daß man ſich 51 niemals den Magen verdirbt, daß man immer ſich ſagt: Du mußt Dich begnügen, mußt Dein Leben ſchön und ruhig machen, es für Dich ausbeuten und ausfüllen. So erreicht man das wahre menſchliche Glück, genießt es bis an ſein Ende.“ „Bis ans Ende,“ wiederholte der Freiherr lä⸗ chelnd.„Und dann?“ „Nur nicht an dem großen Geheimniß rütteln wollen!“ rief Herr von Landau.„Alle Narren und alle Weiſen haben ſich damit abgeplagt; was weiß man nicht von Sokrates, von Cato, von Cicero und Seneca und von zahlloſen alten und neuen Philo⸗ ſophen, und was hat Einer herausgebracht? Nichts, mein Lieber, nichts!— Heitere Lebensanſchauung, richtiges Verſtändniß des Lebens, ein gewiſſer guter Glaube, daß Alles, was iſt, durchaus ſo ſein muß, und daß man dieſes Alles einmal beſſer einſehen werde, als man es jetzt vermag, bis es dahin kommt, es aber am beſten ſei, ſich gar nicht darum zu küm⸗ mern, das iſt die Grundlage unſeres Wohlergehens auf Erden.“ „Man muß oergeſſen,“ ſagte Trifels,„Vieles vergeſſen; dieſe ſchöne Abſicht habe ich zuch.“ „Man muß das Leben nehmen, wie es iſt, friſch zulangen, ſo vergißt man am beſten und 4* 52 bekommt den nothwendigen Egoismus. Lachen Sie nicht, mein theurer Eduard, man muß egoiſtiſch ſein, ſonſt zerfällt man mit ſich. Ich bin ein Mann, der Manches ſchon erprobt hat, kenne die Enthuſiaſten und Ideologen. Es ſind oft die edelſten und treff⸗ lichſten Menſchen, aber ihre Schwärmerei macht ſie unglücklich; ſie kranken und verderben an ihren hoch⸗ herzigen Einbildungen. Ich muß Ihnen bekennen,“ fuhr er fort,„daß es mir nicht lieb iſt, daß Sie aus dem Staatsdienſte gehen. Sie hätten bedeutende Carriere machen können; eine ehrgeizige Thätigkeit iſt ein mächtiger Lebensreiz.“ „Sprechen wir über nichts,“ erwiederte der junge Mann,„was abgethan iſt. Ich ſehe darin kein Heil für mich; das mechaniſche Einerlei iſt qualvoll; freu⸗ dig habe ich es von mir geſtreift und meine letzte Feder zerſtampft.“ „Aber ohne dieſen Mechanismus des Lebens,“ ſiel der Präſident ein,„iſt es nicht möglich, ſich die ſichernde Ausdauer zu verſchaffen, durch welche die ganze menſchliche Geſellſchaft Geſtalt und Form ge⸗ winnt. Dieſer Mechanismus iſt der feſte Kitt, welches das Leben überhaupt ertragen läßt, Jedem ſein feſ⸗ ſelndes Band giebt, das ihn mit der großen Maſchine verbindet. Der Hirt, der Pflüger, der Handwerker, 53. wie der Fürſt, keiner darf ſich losreißen; die Natur, Gott, hat es ſo eingerichtet. Es liegt ein Frevel darin, wenn man den Mechanismus verachtet, der Jeden ſeine Thätigkeit lieben lehrt und ihm die Energie giebt, ſich ſeine Ruhe und ſein Glück da⸗ durch zu ſchaffen.“ „Ich verachte dieſen Mechanismus nicht, allein ich kann ihn nicht gebrauchen,“ ſagte Eduard.„Laſſen Sie mich bei meinem Vorhaben, ich kann daran nichts ändern.“ „Ich weiß nicht, wie wir auf alle dieſe Dinge kommen! Aber Sie werden mir doch noch Recht geben,“ entgegnete Herr von Landau.„Reiſen Sie denn, bis Sie überdrüſſig ſind: meine väterlichen Wüͤnſche ſollen Sie begleiten. Nur Eines bleibt noch zu unſerer allſeitigen Beruhigung— die Ehepacten.“ Trifels antwortete nicht ſogleich, er ſchien ein Befremden zu unterdrücken.„Finden Sie dergleichen denn nöthig?“ fragte er zuletzt. „Hedwig bringt Ihnen allerdings kein eigent⸗ liches Vermögen zu, ſelbſt ihr Muttergut wünſchen Sie nicht ſogleich,“ fuhr Herr von Landau fort.„Bei Ihrer Liebe zu dem theuren Kinde werden Sie mir jedoch beiſtimmen, daß es gewiß auch Ihr Willle iſt, für alle möglichen Fälle ſich zu ſichern.“ „Sie haben Recht,“ ſagte Eduard nach einem kurzen Schweigen.„Wie aber ſichern? Was mei⸗ nen Sie?“ „Ich glaube in Ihrem Sinne die Verhältniſſe aufgefaßt und punctirt zu haben. Sehen Sie Sich das an, lieber Trifels.“ Er griff auf ſein Bureau hinüber und nahm daus einem der Fächer einen Bogen, den er in des Bräutigams Hände ſchob, der ſich bemühte, eben ſo unbefangen zu ſcheinen und ſein heiteres Geſicht zu bewahren, wie Herr von Landau. Trotz deſſen aber beobachteten ſich Beide, und während ſie einige ſcher⸗ zende Worte über die Sicherheits⸗Acten ehelicher Zärtlichkeit wechſelten, lanerte darunter ein Unmuth, der ſchnell genug ſich geltend machte, als Trifels die Schrift überflog. „Sehr gut,“ ſagte er.„Sie haben Alles wohl erwogen. Ich beſtreite aus meinem Vermögen die geſammten Koſten und Ausgaben des Haushaltes — das verſteht ſich— habe keinerlei Anſprüche auf einen Zuſchuß aus dem Vermögen meiner Frau zu machen— ohne Zweifel nein. Dieſes bleibt ihr geſichert, ſie hat allein darüber für alle Zeit zu dis⸗ poniren. Ich mache keinen Anſpruch.— Im Fall einer Trennung der Ehe,“— fuhr er dann mit ———— 55 erhöhter Stimme langſam fort,„habe ich die Summe von fünfzigtauſend Thalern zu zahlen. Das finde ich äußerſt billig.“ „Dahin wird es natürlich niemals kommen, es iſt bloße Form,“ ſchaltete Herr von Landau ein. „Nein, gewiß nicht; aber Sie haben Recht, man muß ſich vorſehen. Doch bhier der letzte Punkt dieſes billigen und vorſichtigen Contractes: Im Fall der Freiherr von Trifels ſtirbt und keine ehelichen Erben vorhanden ſind, erklärt derſelbe hiedurch unwi⸗ derruflich, ſeine Ehefrau Hedwig von Landau zur Univerſal Erbin ſeines geſammten Vermögens.“ Er ließ das Blatt ſinken und ſagte, ſich verneigend:„Das iſt etwas zu viel, theurer Herr Präſident, mehr viel⸗ leicht, als ich gewähren kann, aber ſehr beſtimmt ausgedrückt. Darf ich um Ihre Gründe fragen, welche dieſe Ehepacten zu meinem Teſtament machen?“ „Aber, lieber Eduard,“ lächelte der alte Herr, „Sie ſcheinen Sich zu ereifern! Ich habe keine an⸗ deren Gründe, als das Glück meines Kindes, das ich Ihnen anvertraue. Dieſes Gefühl allein leitet mich, und wenn Sie Alles bedenken, ſo— ſo müſſen Sie mir beiſtimmen.“ „Worin, Herr von Landau?“ „In meiner Vorſicht, die alle möglichen Fälle 56 in Betracht zieht. Es iſt mir ſehr peinlich, darüber mich weiter erklären zu ſollen.“ „Ich bitte darum!“ ſagte Trifels erregt.„Beſon⸗ dere Vorſichtsmaßregeln müſſen beſondere Gründe haben.“ „Wir wollen als Freunde und Verwandte ruhig und freundlich darüber ſprechen,“ begann Herr von Landau nach einigem Beſinnen.„Sie ſind mir werth, ſehr werth. Sie müſſen das wiſſen, ich würde ſonſt nimmer meine Einwilligung ſo leicht gegeben haben. Auch Ihr Vater war mir werth.“ „Ich würdige das Alles, erkenne Alles,“ ſiel Eduard von Trifels ein.„Sie nahmen ſich meiner in jeder Beziehung liebenswürdig gütig an.“ „Nicht ganz ohne Abſicht,“ fuhr der Präſident fort,„habe ich Ihnen ſo eben einige Andeutungen gemacht, welche Ihre Wohlfahrt betreffen. Sie ſind mit ſo vielen trefflichen Eigenſchaften begabt, allein es fehlt Ihnen etwas— ja, etwas, theurer Eduard, um deſſentwillen ich zuweilen heimlich zittere.“ „Was fehlt mir denn?“ fragte Trifels, ſein ſchönes, ſtolzes Geſicht aufhebend. „Die innere Ruhe, die Verſtändigung, Verſöh⸗ nung mit dem Leben,“ ſagte Herr von Landau mit gedämpfter Stimme, indem er ſeine Hand auf den 57 Arm des jungen Mannes legte und ihn ſcharf anſah. „Ihre Heiterkeit beruhigt mich nicht, meine Sorge wird nicht dadurch geringer.“ „Ich bin Ihnen ſehr dankbar,“ erwiederte der Freiherr lachend.„Sie haben mich öfter ſchon gefragt, was mir fehle. Aber in Wahrheit, mir fehlt nichts. Ich ſehe heiter in meine Zukunft, die mir jede Ver⸗ ſöhnung verheißt. Sind das Ihre Gründe, ſo fallen ſie zu Boden.“ „Sie fallen nicht zu Boden, ich bleibe dabei. Der Himmel ſchenke Ihnen ein langes, frohes Leben — allein wir ſind Alle Weſen, die plötzlich enden können.“ „Ich habe eine ganz vortreffliche Geſundheit,“ ſagte Eduard, ſich aufrichtend. „Die beſaß Ihr Vater auch,“ antwortete der Präſident leiſe,„und doch ſtarb er in einer Nacht. Auch Ihr Bruder war ein Bild der Geſundheit; heiter wie Sie es ſind, ging er fort, und man brachte ihn als Leiche zurück.“ „Sie fürchten alſo,“ ſagte Trifels ohne ein äu⸗ ßeres Zeichen von Unruhe oder Ueberraſchung kund zu geben,„daß ich ebenfalls ſo— ſo ſchnell und zufäl⸗ lig enden könnte, wie— wie dies leider in meiner Familie öfter vorkam.“ „Zufäͤllig?“ fragte Herr von Landau langſam, indem er das Wort nachdrücklich betonte.„Wir wollen nicht weiter daran rühren, nichts mehr davon! Allein fragen Sie Sich nun noch einmal, ob ich Gründe haben kann, die Zukunft meiner Tochter mit einigen Vorſichtsmaßregeln zu ſichern.“ Das Dämmerlicht des Abends erlaubte dem Präſidenten nicht, mit aller Schärfe zu beobachten; was er jedoch ſah, reichte hin, ihn beſtuͤrzt zu machen. Wie vom Leben verlaſſen, ſaß Trifels jetzt vor ihm. Sein Geſicht ſchien grau und blutlos, ſeine Augen tief in ihre Höhlen zurückgezogen. Es war, als ränge er mit einem Lachen, das, auf ſeinen Lippen erſtarrt, ſich in einen ungeheuren Schmerz verwandelt hatte.— „Mein Gott!“ rief Herr von Landau,„erholen Sie Sich, es iſt ja nichts. Denken wir nicht mehr daran. Sie ſind jung, voll geiſtiger Kraft, geſund an Leib und Seele!“ „Hedwig!“ murmelte Trifels dumpf hervor. „Kein Wort weiß ſie und ſoll auch nie etwas erfahren,“ fiel der Praͤſident ein.„Beruhigen Sie Sich, theurer Eduard. Laſſen wir jene ſchrecklichen Zufälle begraben ſein, da wir nichts daran ändern können. Den Lebenden gehört die Welt: Und das Leben liegt reich und ſchön vor Ihnen. Setzte ich 59 nicht die liebevollſten Erwartungen in Ihren klaren Geiſt und Verſtand, würde ich dann Hedwig mit Ihnen verbinden wollen?“ „Sie haben vollkommen Recht,“ erwiederte der Freiherr, indem er mit einer ungeheuren Anſtrengung ſich aus ſeinem lethargiſchen Zuſtande riß.„Die un⸗ glücklichen und zufälligen Begebniſſe in meiner Fa⸗ milie ſind ſo ſchmerzhafte Erinnerungen, daß man ſie möglichſt unberührt laſſen muß; was aber mich ſelbſt betrifft, ſo danke ich Ihnen aufs herzlichſte für Ihr Vertrauen. Ich werde es rechtfertigen; ich liebe Hedwig und werde innig geliebt. Dieſe Liebe füllt meine ganze Seele mit Glück und Frieden. Das iſt meine Verſtändigung, meine Verſöhnung mit dem Leben. Ich habe Alles erreicht, was Sie fordern!“ „So ſind wir ganz einig!“ rief der Präſident, ihn umarmend.„Wollen Sie denn aber durchaus gleich morgen mit Hedwig fort? Die Tage ſind noch rauh, es iſt kaltes Wetter. Bleiben Sie noch vier Wochen bei mir, bis der Frühling aufwacht.“ „Wenn man den Frühling in ſeiner Bruſt trägt, die Nachtigallen dort ſehnſüchtig ſchlagen,“ erwiederte Eduard,„ſo muß man ſie nicht erwarten.“ „Mag es denn ſein, um ſo eher kehren Sie zurück. Alſo um fünf Uhr die Ceremonie und ein 60 raſcher Abſchied. Mit meinem Notar werde ich heute noch ſprechen, er ſoll den Contract in die geſetzlichen Formen bringen, ſo daß wir ihn vor dem feierlichen Act unterzeichnen können.“ „Ah, der Contract!“ rief Trifels,„ich hatte ihn beinahe vergeſſen. Gut; laſſen Sie mich mit Hedwig ſprechen. Ihren Wünſchen werde ich nach⸗ kommen, ſo viel ich vermag; nur in Betreff der letzten Clauſel kann ich nicht unbedingt beiſtimmen— ganz aufrichtig geſagt, zunächſt meines Vetters wegen.“ „Da giebt es allerdings einige Bedenken,“ er⸗ wiederte der Präſident;„inzwiſchen ließe ſich wohl dagegen ſagen, daß bei einer Heirath die Verwandten zurück ſtehen müſſen. Sprechen Sie jedoch mit Hed⸗ wig, es wird gut ſein; ich glaube, ſie wird Ihnen das Beſte rathen und— da iſt ſie ſchon.“ In der That ſteckte die Braut ihr glückliches Geſichtchen ins Zimmer und rief dann ſtrafend: „Wahrhaftig, da ſitzen ſie beide, der Papa und der Herr Schwiegerſohn, und treiben Politik, oder an⸗ deres unnützes, langweiliges Zeug!“ Ein gemeinſames Gelächter folgte dieſer Anrede. „Du haſt immer Recht,“ ſagte Trifels.„Wo Du nicht biſt, fehlt der Genius, der uns die goldene Schale reicht.“ 61 „Daran möchte ich zweifeln,“ erwiederte ſie, „denn einen Genius empfängt man nicht mit dem iruerufe Da iſt er ſchon!“ „Wir hätten ausrufen ſollen: Endlich kommt er! endlich iſt er da!“ fiel der Bräutigam ein. „Leichte Entſchuldigung!“ ſagte ſie.„Sprich die Wahrheit, Eduard, was habt Ihr über mich geredet?“ „Du ſollſt ein Richter in Iſrael ſein,“ begann der Präſident lachend.„Laß Dir den Fall vortragen und ſei weiſe, mein Kind, weiſe, wie eine gewiſſe Porzia, die ſich den Bräutigam zu ſichern wußte, dem Antonio ſein Fleiſch und Blut und der ſchönen Jeſſica die ganze Erbſchaft erhielt.“ „Und Papa Shylock wurde angeführt!“ lachte Hedwig dem Präſidenten nach, der ſich entfernte.— „Was giebt es zu richten, Eduard? Ich fühle meine Weisheit in jedem Nagel.“ „Es handelt ſich um ein Document, von dem Du wahrſcheinlich noch nichts gehört haſt,“ ſagte er, „das ich unterſchreiben ſoll, als Beweis, daß ich Dich liebe.“ „Ein Liebes⸗Protocoll!“ rief Hedwig.„Wir wollen es in Muſtik ſetzen.“ „Die Noten dazu ſind ſchon vorhanden, allein ich glaube nicht, daß ſie Dir gefallen.“ 62 „Es käme darauf an,“ ſagte ſie.„Klingen ſie ſchlecht?“ „In meinen Ohren ſind es Mißtöne, die alle Harmonie zerſtören.“ „Diſſonanzen laſſen ſich auflöſen, man muß nur den Schlüſſel dazu haben,“ lachte die Braut,„und dieſer Schlüſſel iſt mein Herz.“ „Dein liebes, treues, edles Herz!“ rief er freu⸗ dig.„Was hat es mit ihrer klügelnden Vorſicht ge⸗ mein! Ehepacten ſollen wir unterſchreiben, meine kleine Porzia; wenn ich falſch und treulos bin, ſoll ich Dir Geld dafür zahlen, und wenn ich etwa von Dir ſcheide auf Nimmerwiederſehen, ſoll meine Habe Dich darüber tröſten.“ „Alſo die Ehepacten!“ ſiel ſie ein,„nun ver⸗ ſtehe ich.— Dergleichen iſt doch gut; man kann dar⸗ über lachen, braucht ſie aber nicht zu verwerfen.“ „Meinſt Du?“ fragte er. „Es iſt ein Liebesbeweis,“ fuhr ſie fort,„warum ſoll man ihn nicht geben? Haͤtte ich alle Schätze des Großmoguls, ich würde ſie Dir mit Freuden ver⸗ ſchreiben.“ „Und Du glaubſt, darin könnte mir ein Troſt liegen?“ „Ein Troſt, das will ich nicht ſagen, allein 63 man muß doch alle Fälle bedenken und verſtändlich überlegen. Es iſt ein Bändchen mehr, um Dich recht feſt zu halten. Was kann Dich beſorgt machen? Jage den ſchwarzen Schatten von Deiner Stirn, Eduard, ich kann ihn nicht leiden.“ „Verlangſt Du denn ein ſolches Band?“ fragte er, ſie an ſich ziehend. „Warum nicht?“ lachte ſie.„Thu es, beſter, theurer Eduard! Du mußt es thun! Ich habe auch meine Gründe!“ „Welche Gründe?“ „Ich will ſehen, ob Du mich über Alles liebſt.“ „Und das ſoll Deine Probe ſein?— Wollen wir unſere Liebe auf den Geldmarkt bringen, ſo muß ich Dir ſagen, daß auch ich verſtändig überlegen muß und nicht leichthin mein geſammtes Vermögen Dir überlaſſen kann.“ „Das heißt,“ ſagte Hedwig, ſich kälter aufrichtend, „Du haſt auch Andere zu bedenken?“ „Ja.“ „Die Dir werther, theurer ſind?“ lei„Kannſt Du das denken?“ fragte er ſchmerzlich eiſe. .„Ich will es nicht denken,“ fiel ſie ein,„aber ſage mir, wen Du damit meinſt.“ 64 „Zunächſt iſt mir dieſes ganze Verfahren nicht genehm,“ ſagte er;„dann aber habe ich Verwandte, welche berechtigt ſind, von mir zu glauben, daß ich zu ihren Gunſten Manches noch thun werde.“ „Du meinſt Wolters?“ „Ihn zunächſt.“ „Dann beruhige Dich, beſter Eduard! Wolters ſelbſt hat mir geſagt, daß Alles, was mein Vater zu meiner Sicherheit thun wolle, ſeine volle Zuſtim⸗ mung habe.“ Trifels zog langſam ſeine Hand zurück. Plötzlich ſtand er auf und fing an zu lachen.„Alſo Ihr habt darüber ſchon Verabredungen genommen und Euch verſtändigt?“ rief er aus. „Das haben wir, Alles iſt abgemacht; und nun wirſt Du Dich nicht laͤnger weigern. Willſt Du un⸗ terſchreiben? Willſt Du folgſam ſein?“ „Alles, Alles!“ ſagte er unter ihren Küſſen. „Was ich närriſch war! Aber wer konnte das auch denken.“ „O, ich bin ſchlau!“ lachte ſie.„Du ſollſt es noch erfahren, was ich Alles weiß, und wie ich Dich plagen werde! Jetzt aber ſollſt Du belohnt werden, lieber, ſüßer Mann!“— Sie umſchlang mit beiden Armen ſeinen Nacken und flüſterte ihm ins Ohr: 65 „Ich habe Dich aufgeſucht, um Dir zu ſagen, daß mein Brautkleid gekommen iſt, auch der Kranz iſt da. Das Taäntchen will einſichtig zuſehen, ob auch Alles ſitzt und paßt, Du ſollſt mir ſagen, ob ich Dir gefalle. Willſt Du?“ „So komm, Du kluge, ſchöne Schmeichlerin!“ rief der gluͤckliche Bräutigam;„gieße alle Seligkeit Deiner Liebe und Schönheit über mich aus, daß ich vom Augenblick lebe und Alles vergeſſe, felbſt daß es ein Morgen giebt!“ Das dunkelnde Zimmer blieb eine Zeit lang leer und ſtill, dann trat der Präſident wieder herein, und ihn begleitete Herr von Wolters. Der Präſident ſprach mit leiſer Stimme, eben ſo leiſe antwortete ihm ſein Vertrauter. Herr von Landau berichtete dicht an deſſen Ohr, was er gethan und was ſich begeben hatte; der Regierungsrath hörte aufmerkſam zu, ohne ſich zu regen. „Er nahm es im Ganzen beſſer auf, als ich dachte,“ ſagte Herr von Landau zuletzt;„nur ein⸗ mal veränderte ſich ſein Geſicht ſo ſeltſam, ich möchte ſagen, ſo entſetzlich, daß ich mich zu fürchten anfing.“ „Sie fürchteten wirklich?“ fragte Wolters. „Ja, wirklich,“ antwortete der alte Herr, dem der ſpöttelnde Ton nicht entging.„Ich ſah einen 1856. XVI. Neues Leben. III. 5 66 ſo grauſamen Schmerz in allen ſeinen Zügen, daß es mir unmöglich war, gleichgiltig zu bleiben“ „Sie haben es ja in der Hand, Ihren edlen Gefühlen zu folgen,“ verſetzte der Regierungsrath. „Sprechen Sie mit ihm, laſſen Sie Ihre Entſchlüſſe ſallen.“ „Dazu iſt es zu ſpät,“ ſagte der Präſident. „Auch wüßte ich allerdings nicht, warum ich mich zurückziehen ſollte. Ich fordere, ſo weit ich zu ſehen vermag, nichts, was ich nicht mit meinem Gewiſſen und meiner Ehre vertreten könnte.“ „Sie fordern einfach das, was Sie fordern müſſen, um Ihre Wuünſche erfüllt zu ſehen.“ „Davon ſoll gar nicht die Rede ſein, ich will meine Perſon völlig fern davon halten,“ ſagte Herr von Landau.„Nachdem ich aber einmal erfahren habe, welche ſchreckliche Manie in ſeiner Familie heimiſch iſt, ſo kann ich doch unmöglich mein Kind einem Menſchen ohne alle Sicherheit anvertrauen, der im Stande wäre...“ „Am Hochzeitstage zufällig ſich beim Raſiren in den Hals zu ſchneiden oder einem geladenen Ge⸗ wehre zu nahe zu kommen,“ ſagte Wolters. „Still! hörten Sie nichts?“ murmelte der — Präſident, indem er ſeine zitternden Finger in die Schulter des Regierungsrathes drückte. „Ich höre nichts,“ erwiederte dieſer;„aber mein beſter Herr von Landau, Sie ſcheinen ſehr erregt über etwas zu ſein, das allerdings im Reiche der Möglichkeiten liegt, von Ihnen jedoch weder abge⸗ wandt, noch herbeigewünſcht werden kann.“ „Gewiß nicht! nein, gewiß nicht!“ rief Herr von Landau haſtig. „Sie haben ihm durch dieſe Ermahnungen einen heilſamen Schrecken eingejagt und dabei jedenfalls das Beſte beabſichtigt.“ „Ganz recht, ganz recht!“ fluͤſterte der Präſident. „Wenn er ſomit etwa wirklich wahnſinnig genug wäre, ſeinem Vater und ſeinem Bruder nachzufolgen, ſtatt die Ehepacten zu unterzeichnen, ſo würde Ihre ahnende Vorausſicht glänzend gerechtfertigt ſein.“ „Aber er will unterzeichnen; er lachte herzlich darüber, daß Sie mir beigeſtimmt hatten.“ „Er lachte alſo?“ fragte Herr von Wolters. „Und was thut er jetzt?“ „Ich glaube, er lacht noch,“ erwiederte der alte Herr.„Er iſt in der prächtigſten Laune, lauter Liebe, Glück und Poſſen! ich habe ein Weilchen zu⸗ gehört. Was halten Sie davon?“ 5*½ 68 „Ich hoffe das Beſte.“ „Das Beſte? Was nennen Sie das Beſte?“ „Erſchrecken Sie nicht darüber,“ ſagte der Re⸗ gierungsrath, mit dem Uebergewicht ſeiner heuchleri⸗ ſchen Ironie,„ich meine das Beſte in unſerm Sinne. Verlaſſen Sie Sich darauf, theuerſter Herr von Lan⸗ dau, ich kenne dieſes Lachen.“ „O!“ ſeufzte der Präſident kaum hörbar,„es wäre ſehr traurig und ſchrecklich.“ „Höchſt traurig und ſchrecklich!“ wiederholte ſein Nachbar. Einige Minuten lang ſtanden ſie ſchweigend neben einander. Es war ſo finſter, daß ſie nichts ſehen konnten, als die Umriſſe ihrer Geſtalten. „Ich habe gethan, was ich mußte,“ flüſterte Herr von Landau. „Das haben Sie gethan,“ antwortete Wolters. „Und kann mir keinen Vorwurf machen.“ „Nicht den geringſten.“ „Aber dennoch— wenn ein Unglück geſchehe— mein armes Kind!“ „Eine ſo ſchöne und liebenswuͤrdige junge Dame würde den größten und allgemeinſten Antheil erregen. In einiger Zeit würde ihr heiterer Sinn zurück⸗ kehren; ich ſelbſt, theuerſter Herr von Landau, würde 69 Alles aufbieten, ihr Troſt zu geben und neues Lebensglück zu bringen.“ „Ja, Sie— Sie!“ ſagte der Präſident, ſeine Hand in der Dunkelheit faffend,„ich zähle ganz auf Sie. Sie würden ſein Erbe ſein,“ murmelte er⸗ „Den beſten Theil dieſer Erbſchaft hätte ich von Ihnen zu erwarten.“ „Still davon! ſtill, lieber Freund! Ach, wir ſind alle arme Sünder! Kommen Sie mit mir hin⸗ über, wir wollen die trüben Gedanken vergeſſen.“ „Es iſt beſſer, wenn ich mich Ihnen empfehle,“ erwiederte Herr von Wolters.„Ich gehe die kleine Treppe hinunter und verſchwinde.“ Nach einigen Einwendungen ließ es der Prä⸗ ſident geſchehen.„Auf morgen alſo!“ ſagte er. „Zwiſchen heute und morgen liegt eine Nacht!“ erwiederte Wolters, und bei dem ſcharfen Tone die⸗ ſer Stimme, die durch das ganze Zimmer zu drin⸗ gen ſchien, blickte Herr von Landau ſcheu nach allen Seiten.„Laſſen wir Alles— Alles, wie es Gottes Wille iſt,“ flüſterte er,„wir können nichts dazu thun.“ „Nichts, als ruhig ſchlafen. Aber noch Eines. Tauſend zärtliche Grüße von jemand, der mich be⸗ auftragte, Ihnen zu ſagen, daß er Tag und Nacht nur an Sie denkt.“ 70 „O, das liebe, theuere Kind!“ rief Herr von Landau.„Wann endlich werde ich es wiederſehen können!“ „Morgen ſchon vielleicht, oder nächſtens, doch gewiß, wenn— ich die Erbſchaft angetreten habe,“ erwie⸗ derte Wolters, indem er hinausſchlüpfte. Der Präſident trat ans Fenſter und ſah auf die Straße hinaus. Er legte die Stirn an die kal⸗ ten Scheiben und dachte lange nach. Es war ein unheimliches Gefühl in ihm, das mit aller Anſtren⸗ gung ſich nicht bewältigen laſſen wollte. Er ſtellte ſich vor, daß er nichts thue, als was jeder Vater an ſeiner Stelle thun wuͤrde und thun müſſe; aber die innere Stimme, die ſich nicht unterdrücken läßt, machte immer neue Einwendungen, und vor ſeinen Augen entwickelten ſich allerlei ſchreckliche Bilder, welche von ſeinen Gedanken begleitet wurden.„Ich wollte,“ ſagte er endlich haſtig, die Worte über ſeine Lippen ſtoßend,„daß ich es ſo nehmen könnte, wie dieſer Wolters, der ſo ruhig dabei bleibt, wie ein Eisblock. Ein fatales Lachen, ein fataler Menſch! Aber er— er allein— kein Anderer kann helfen. Wenn er mein Schwiegerſohn wäre, er wuͤrde mein Glück niemals ſtören, und Hedwig— Hedwig würde verſöhnt, Alle würden damit verſöhnt werden. 71 Meine Zufriedenheit, meine Ruhe ſtört allein dieſer unglückliche Mann, der— der doch ſeinem Schick⸗ ſal verfallen iſt, ſomit muß ich thun, was ich thue.“ Ein heller Schein, der ins Zimmer fiel, machte, daß er ſich umwandte. Er erblickte Fräulein Emma, die mit einer Lampe in der Hand hereintrat. „Wie!“ fragte Fräulein Emma,„Sie ſind hier ganz allein?“ „Ja, mein beſtes Täntchen,“ antwortete er.„Wer ſollte bei mir ſein?“ „Sie ſehen ſo nachdenklich und erhitzt aus, als hätten Sie Sich mit ſchweren und unheilsvollen Dingen beſchäftigt.“ „Sie ſind lebhaft in Ihren Einbildungen,“ er⸗ wiederte er lächelnd;„indeß haben Sie in ſo fern Recht, daß ich wünſchte, der morgende Tag wäre vorüber.“ 5 „Das wünſchte ich auch! War Herr von Wol⸗ ters hier?“ „Warum fragen Sie nach ihm?“ „Ich ſah ihn über den Corridor gehen. Wenig⸗ ſtens glaube ich, daß er es war.“ „Sie haben Sich getäuſcht,“ antwortete er nach einem augenblicklichen Beſinnen.„Was aber Sie betrifft, liebes Täntchen, ſo glaube ich gern, daß 72 Sie wünſchen, ein paar Tage älter zu ſein, wenn auch bei Damen ſonſt ſolche Wünſche ſelten ſein mögen.“ „Ich mache eine Ausnahme,“ ſagte Emmaz„denn wirklich um jeden Preis möchte ich etwas älter ſein.“ „Alles kommt zu ſeiner Zeit,“ erwiederte der Präſident, vertraulich ihre Hand klopfend.„Stillen Sie ihre Sehnſucht. Die Frau Agentin Niedlich wird früh genug ihr eigenes Haus bewohnen. War er heute bei Ihnen?“ „Herr Niedlich? Allerdings; aber ich konnte ihn nicht anhören.“ „Grauſames Täntchen! Er wird in Verzweif⸗ lung ſein.“— „Er wird ſich zu tröſten wiſſen, und morgen....“ „Morgen werden Sie ihn entſchädigen.“ „Ja, das will ich!“ ſagte ſie, ihre hellen Au⸗ gen ſo lebhaft aufhebend, daß ihre Augenſterne dop⸗ pelt ſo groß zu werden ſchienen. „Ei, der Tauſend, Täntchen!“ lachte Herr von Landau,„Sie gerathen in Leidenſchaft! Wir dürfen nicht weiter von dieſem Gegenſtande ſprechen.“ „Ueberlaſſen Sie ihn mir, ich werde meine Sache mit ihm aufs Reine bringen,“ erwiederte ſie, an ihr klapperndes Schlüſſelbund faſſend.„Wollen 73 Sie aber nicht jetzt den frohen Familienkreis ver⸗ mehren?“ „Geht es luſtig her?“ fragte der Präſident. „Herr von Trifels iſt ſo voller Luſt und Ueber⸗ muth, daß die allgemeine Heiterkeit kein Ende nimmt.“ „Das iſt die Seligkeit der Liebe, Täntchen, die niemals endet! Auch wir wollen ſelig mit den Seli⸗ gen ſein.“— Damit nahm er ihren Arm und führte ſie forrt.—— Es war nahe an Mitternacht, als der Bräuti⸗ gam ſich endlich entfernte, ſo lange hatte er dieſen letzten Abend verlängert, und ſo ſchnell waren ihm die Stunden verflogen. Hedwig hing an ſeinen Wor⸗ ten mit ihren ſtrahlenden, glücklichen Augen, es kam ihr vor, als hätte er nie ſo feurig, nie ſo zärtlich geſprochen, nie ſo ſchön ausgeſehen. Ein helleres Roth färbte ſeine Wangen, und ſeine Stirn war durchſichtig klar. Entzückende, poetiſche Gedanken und eine Fulle liebenswürdiger Scherze und Schmei⸗ cheleien ſprudelten von ſeinen Lippen; jeder Anregung wußte er die froheſte Wendung zu geben, keine ernſte Stimmung konnte aufkommen, vergebens hlieben einzelne Verſuche dazu. Zuweilen war es allerdings, als ob er plötzlich ermatten wollte, und einige Male überdeckte eine eigenthümliche Bläſſe ſein Geſicht, 74 während er gewaltſam und tief Athem holte; allein im nächſten Augenblicke war Alles vorüber, und als hätte er der kleinen Zeit nur bedurft, um ſeine Kraft zu verdoppeln, ſo war er dann um ſo reicher an Frohſinn und glücklicher Reizbarkeit. Endlich, nach zehn Verſuchen zum Abſchiednehmen, kam es zuletzt dazu. Hedwig hielt ihn an der Thür noch feſt und flüſterte ihm zu:„Du magſt thun, was Du willſt, Du wirſt mich nicht mehr los. Bis ich Dich morgen wieder habe, wird meine Seele bei Dir ſein und Dich behüten— und nun geh, geh und träume von mir. Küſſe mich, Eduard! Was ſiehſt Du mich an? ſo ſeltſam ſtarr an?“ „Auf Wiederſehen, geliebte Hedwig!“ ſagte ex, ſie küſſend. „Verſchlafen Sie die Zeit nicht!“ rief der Prä⸗ ſident ihm nach. 5 „Sie ſollen mit mir zufrieden ſein,“ erwiederte er lachend.„Gute Nacht! gute Nacht!“ In dem Vorſaale, wo er Hut und Mantel nahm, ſah er Fräulein Emma plötzlich hereintreten. —„Der Bediente wartet an der Treppe,“ ſagte ſie, „ich möchte jedoch, ehe Sie gehen, noch einige Worte mit Ihnen ſprechen. Hier iſt etwas, das Sie mit⸗ nehmen ſollen, ſtecken Sie es ein.“ 75 „Was iſt es?“ fragte er. „Sehen Sie es an, wenn Sie nach Hauſe kommen,“ erwiederte ſie, indem ſie ihm ein Päckchen gab, das mit einem rothen Faden zugebunden war. „Nun aber,“ fuhr ſie fort,„ſollen Sie mir Ihr Wort verpfänden, daß Sie ſelbſt es mir morgen pünktlich wiederbringen wollen.“ „Wenn ich es kann, ſoll es geſchehen, liebes Täntchen.“ „Damit iſt es nichts,“ ſagte ſie, ihn ernſt an⸗ blickend.„Was ein Menſch will, kann er auch. Ich gebe Ihnen da einen Talisman von wunderbarer Kraft. Tragen Sie ihn über Nacht auf Ihrem Herzen, ſo wird es geſund werden. Wenn Sie mor⸗ gen kommen, werde ich mit Ihnen weiter ſprechen; ich habe Ihnen Manches mitzutheilen, was Ihnen gut thun wird. Jetzt geben Sie mir Ihre Hand, ich gehe von Ihnen mit dem rechten Glauben.“ „Was glauben Sie denn, Täntchen?“ fragte er lächelnd. „Daß Sie ein Mann ſind; ein Mann, Herr von Trifels, das iſt ein hohes Wort, ich weiß kein höhe⸗ res. Wenn Sie morgen kommen, will ich Ihnen ſagen, was ich von einem Manne denke, der ein muthiges ſtolzes Herz hat, und ſich nicht irre machen 76 läßt von dem böſen Feinde. Da iſt der Friedrich, der Ihnen leuchten ſoll. Es wird nichts ſo heiß gegeſſen, wie es gekocht wird; man muß ſich nur nicht übereilen, und wer den Brei eingerührt hat, der mag ihn auch genießen. Wachet und ſtehet feſt, ſeid männlich und ſeid ſtark, ſagt der Apoſtel Paulus, und das ſage ich auch. Alſo gute Nacht, Herr von Trifels!“ Draußen war die Luft voll Nebel, welche dicht und feucht niederſtelen. Das Licht der Laternen flimmerte darin wie rothe matte Punkte, die in dem Dampf auftauchten und verſchwanden. Langſam ging Trifels die Straße hinab, es ſchien ihm wohl zu thun, den kalten ſchweren Strom einzuathmen, der ihm an Haar und Geſicht zu Tropfen wurde.— „Seid männlich und ſeid ſtark!“ ſagte er nach einer Weile mit lauter Stimme.„Worin beſteht denn die männliche Stärke? Darin, daß Elend zu grauen Haaren kommt?“ „Daß man Elend von ſich ſchleudert und ewig jung bleibt,“ antwortete eine Stimme in ſeiner Nähe, und jetzt bemerkte er, daß Jemand hinter ihm war, deſſen Schritte er hörte, und deſſen Geſtalt im Nebel ſichtbar wurde. „Du biſt es, Rudoph!“ ſagte Trifels, als er die ——O—OQO.ęA—’y— 77 Stimme und das ſcharfe Lachen hörte.„Sonderbares Begegnen!“ „Sonderbares Beginnen eines glücklichen Bräu⸗ tigams, einen Monolog über die männliche Stärke zu halten. Schwere Zeiten, mein Freund! Man muß wie der heilige Antonius in die Wüſte gehen.“ „Du ſcheinſt davon herzukommen.“. „Aus der Höhle des heiligen Bertini!“ rief Wolters lachend,„wo ich mühſam mit dem Safte und Fleiſche elender Schalenthiere mich ernährte, während Du in dem Nektar ſchwelgteſt, den eine verlockende Hebe Dir auf ihren Lippenſpitzen reicht.“ „Das koſtbare Getränk iſt theuer,“ ſagte Eduard. „Aber es berauſcht. Was braucht ein Menſch mehr, um glüͤcklich zu ſein?“ „Nichts, wenn er die Kunſt verſteht, niemals nüch⸗ tern zu werden.“ „Und dieſe Kunſt verſtehſt Du,“ lachte Wolters. „Du haſt mir eine lange Vorleſung über die nie endende Begeiſterung Deiner Liebe gehalten.“ „Ich darf nicht vergeſſen,“ ſagte Trifels,„Dir meinen Dank darzubringen. Du haſt Dich ſehr groß⸗ müthig bewieſen.“ „Ich großmüthig? Großmuth iſt eine der miſe⸗ rabelſten Tugenden, ſie iſt nichts als Schwäche.“ „So biſt Du ſchwach geweſen.“ 78 „Ich kann mir denken, was Du meinſt,“ er⸗ wiederte Herr von Wolters;„allein weder Großmuth noch Schwäche, ſondern das einfache Bewußtſein der Nothwendigkeit leitete mich. Erinnere Dich, was ich Dir geſagt habe, und bewahre Dich vor allen Illuſionen. Liebe iſt an ſich ſchon die höchſte Po⸗ tenz der Selbſtſucht. Ein anderes Weſen allein be⸗ ſitzen zu wollen, und dieſer Trieb kann ſich bis zur fanatiſchen Narrheit der Eiferſucht ſteigern. Es iſt daher eigentlich eine achtungswerthere Stufe, wenn die bedächtige Klugheit ſich einmiſcht und eine ganz natürliche Speculation damit treibt.“ „Du haſt ganz Recht!“ rief Eduard laut lachend, mes iſt Alles Speculation.“ 1 „Wir haben uns ſchon einmal darüber verſtän⸗ digt,“ fuhr Wolters fort.„Die eine verliebt ſich in einen Backenbart, die Andere in eine Uniform, die Dritte in eine Naſenſpitze. Würde dieſe bei ihrem Angebeteten in der Nacht blau oder grün— ihre Liebe verwandelte ſich in Abſcheu. Zum Teufel alſo mit aller Göttlichkeit! Laß uns leben und genießen!“ „Wahr!“ ſagte Trifels;„Du thuſt am beſten.“ „Wenn alſo eine zärtliche Braut ſich ſichern will, wenn ein würdiger Schwieger⸗Papa calculirt, daß es eine ſchöne Sache ſei, wenn ein ſchwärmeriſcher Braͤutigam ſein Vermögen ſeiner Tochter verſchreibt, was kann man anders thun, als dieſe Ueberzeugung vollkom⸗ men richtig finden? Es kommt Methode in die Narrheit, es zeigt ſich doch ein Zweck, ein Ziel, und wer kann es einem ſchönen Weibe verargen, wenn es ſeine Schönheit benutzt, ſein Geſicht zum beſten Preis verhandelt, den einzig Geliebten mit ihren Küſſen und Liebesſchwüren dahin bringt, daß es ihr nie an Mitteln fehlt, ein glänzendes Leben zu führen?“ „Um ſolches Leben ſind ſie alle feil, meinſt Du!“ rief Trifels.„Bleib bei Deinem Glauben, Ru⸗ dolph. Jeder rette ſich, wie er kann.“ „In ſeinen Himmel,“ lachte Wolters,„das heißt für Dich ins Hochzeitsbett!“ „Nebel, Nebel und Schatten!“ ſagte Trifels, indem er aufblickte. „Und dort warmes Leben und rothes Blut!“ „Hier iſt meine Thür, gute Nacht! Komm morgen früh und frage nach mir. Willſt Du?“ „Ich werde kommen!“ erwiederte Wolters,„ver⸗ laß Dich darauf. Schlaf aus! Morgen wirſt Du im Paradieſe ſein.“— Er ging einige Schritte, dann blieb er ſtehen, und ſeine Augen auf das alte, düſtere Haus richtend, in welchem ſein Vetter 80 verſchwunden war, wartete er, bis oben an den Fen⸗ ſtern ein matter Lichtſchein glänzte.„Ich werde kommen,“ murmelte er mit dem argen, ſcharfen Lachen, „ich werde nach Dir fragen und einen ſtillen, beſchei⸗ denen Mann finden, dem mein Segen gebührt. Doch jetzt zu Bett! zu Bett! zu Bett!“ Den Mantel feſter um ſich ſchlagend, nickte er hinauf, wo er die Geſtalt ſeines Vetters erblickte, der ein Fenſter Iffnete und ſich hinauslehnte.—„Es iſt ihm zu heiß,“ flüſterte er vor ſich hin, indem er fortging,„bald wird es ihm kalt genug ſein.“ Trifels blieb eine Zeit lang ſtehen und ſah in die Finſterniß hinaus. Er hielt die Hand an ſeine Stirn, ohne es zu beachten, daß Wind und Nebel ihm entgegen ſchlugen, Kälte und Näſſe auf ihn ein⸗ drangen. Endlich aber drehte er ſich um, ging mit leichten Schritten, ein Lächeln auf ſeinen Lippen, durch das Zimmer, nahm den Schlüſſel ſeines Pultes, das er aufſchloß, zog einen Kaſten heraus, und ſtellte ihn auf den Tiſch. Das leiſe Lächeln blieb in ſeinem Geſichte, während er ſeine Augen einige Minuten lang auf den Kaſten heftete. Nach und nach wurde es immer heller und ſtarrer. Es ſchien, als ergriffe ihn ein ſehnſüchtiges Verlangen, als zöge eine unwiderſtehliche Macht ſeine Hand nach 81¹ dem kleinen Schlüſſel, der in dem blanken mit Sil⸗ ber beſchlagenen Kaſten ſtak, und eine andere Macht ränge dagegen und riſſe ſeine zuckenden Finger zu⸗ rück. Plötzlich hob er ſeinen Arm auf, und eben ſo raſch ließ er ihn wieder ſinken, jetzt aber ſtieß er den Deckel zurück, und wie er die eine der beiden Piſto⸗ len ergriff, welche darin lagen, verſchwand der Kampf aus ſeinen Zügen. Mit überlegender Ruhe ſah er nach dem Piſton, unterſuchte aufmerkſam die gefähr⸗ liche Waffe, nahm aus einer Vertiefung ein Zünd⸗ hütchen, und ohne das leiſeſte Zittern, mit dem Ausdrucke innerer Zufriedenheit vollendete er ſein ſchreckliches Geſchäft. Geräuſchlos eilig trug er dann den Lehnſeſſel herbei, auf welchem er zu ſitzen pflegte. Indem er ſich darauf niederließ, ſah er noch einmal rund in dem einſamen Zimmer umher, und während das ſtille, blaſſe Geſicht ſich dem Lichte zuwandte, das Lächeln von ſeinen Lippen wich und eine entſetzliche Entſchloſſenheit aus ſeinen Blicken leuchtete, wandte er langſam das Gewehr und ſenkte es auf ſeine Bruſt. Plötzlich hielt er ein. Seine Hand, die ſuchend auf ſeiner Bruſt lag, hatte einen harten Gegenſtand in der Taſche ſeines Rockes entdeckt. Er zog ihn heraus, es war das Päckchen, das Emma 1856. XVI. Neues Leben. III. 6 82 ihm mitgegeben. Bis zu dieſem Augenblick hatte er ſich nicht des Talismans erinnert, auf der Brücke zwiſchen Sein und Nichtſein wandten ſich ſeine Ge⸗ danken auf ihn. Schwankend, als wollte er ihn von ſich werfen, hielt er ihn vor ſich ausgeſtreckt und ſtarrte darauf hin. Der Faden, mit welchem das Päckchen umwunden war, hatte ſich gelöſ't, die ſchwache Umhüllung hatte ſich verſchoben, ein Etui von dunk⸗ lem Sammt, goldig umpreßt, lag darin. Und jetzt fiel es aus ſeinen Fingern auf den Tiſch, die Er⸗ ſchütterung öffnete die Feder, es ſprang auf— ein Bild lag darin— Hedwig's Bild!— Die lächeln⸗ den, lieblichen, lebensfriſchen Züge dieſes glücklichen Geſichtes wurden vom Lichte erhellt, die blauen Au⸗ gen ſahen ihn bittend und ſtrahlend an.— Mit einem ſöhnenden Schrei aus tiefſter Bruſt ſchleu⸗ derte er die Waffe von ſich, und ſeine Hände faßten nach dem Bilde, ſeine Blicke bohrten ſich darauf feſt, er hob es auf, bedeckte es mit ſeinen Küſſen und drückte es an ſeine Bruſt, als ſollte es ſein Blut erwärmen, ihn ſchützen, den Dämon der Vernichtung verjagen.„O!“ rief er dann, ſein Schweigen bre⸗ chend,„ihr himmliſchen Mächte, iſt das euer Werk?! Ziehſt Du mich ins Leben zurück, forderſt Du Dein Glück von mir? Du ſollſt haben, was Du begehrſt. — 3 83 Segnen will ich Dich, lieben will ich Dich! Wenn Du lügſt, will ich glauben, bis ſelbſt Deine Lüge aufhört und nichts übrig bleibt, als die lichtloſe Nacht der Wahrheit.“ Indem er dieß ſagte, riß der Wind das Fen⸗ ſter auf, daß es klirrte. Draußen hatte der Nebel ſich geſpalten, ein Stern ſchien hell und glänzend herein. Sein Licht zitterte in den Thränen, die aus Eduard's weit geöffneten Augen rollten. — 6* 8 Viertes Capitel. Herr Niedlich ging am Hochzeits⸗Morgen, in ſeinem Sammtrocke und ſeiner Troddelmütze, höchſt pfiffig lachend und ſeine Naſe reibend, mit großen Schritten auf und ab. Vor ihm auf dem Tiſche lag ein prächtiger Blumenſtrauß, an welchen er eine roſa Atlaßſchleife gebunden hatte, und in der Hand hielt er ein Billet, in welchem er immer von Neuem las.—„Was ſie prächtig ſchreiben kann!“ rief er end⸗ lich,„wie in Kupfer geſtochen! Sie könnte ein Haupt⸗ buch führen und einen Buchhalter erſparen. Ich will ſie ſchon benutzen, darauf kann ſie ſich verlaſſen; Arbeit ſoll ſie bekommen von früh bis in die Nacht. Aber was der kleine, dicke Schelm zu ſchmeicheln verſteht—„Lieber beſter Herr Niedlich!?— Lieber beſter— an dem ‚lieber’ hat ſie nicht genug!—„Es 8⁵ bat mich ſehr betrübt, daß ich Sie geſtern kaum ſehen noch weniger ſprechen konnte.— Sprechen will ſie mich hören, Alle wollen mich ſprechen hören! — ‚Kommen Sie heute recht bald, kommen Sie früh, ich erwarte Sie mit Sehnſucht. Ihre Emma. — Herr Niedlich fing ein Gelächter an, das im höchſten Discant endete.„Die macht keine Umſtände!“ ſagte er,„die ziert ſich nicht Ihre Emma erwartet Sie mit Sehnſucht! Hehe! Es iſt beinahe etwas zu viel, wenn eine Dame ſo dergleichen an einen Herrn ſchreibt; aber es ſchadet nichts, ich mache mir nichts daraus, ich kann es vertragen, und wo es einem ſo entgegen gebracht wird, da braucht man auch keine Umſtände zu machen.— Da liegt der Strauß mit der Schleife— übrigens wird ſie lange war⸗ ten können, ehe ich ſo einen wieder kaufe!— es iſt eine Schande, was die Gärtner ſich bezahlen laſſen, obwohl die Natur ſolch Unkraut im Ueberfluß wach⸗ ſen läßt.— Jetzt vorwärts! Niedlich, ſäuſele hin zu ihr und zeige, was Du kannſt. Belohne Deine Emma für ihre Sehnſucht und benimm ihr dieſe für alle Zeit. In fünf Minuten abgemacht, mag geſchehen was da will! Wenn aber etwa dieſer ungebildete Menſch wirklich...“ Herr Niedlich warf die Trod⸗ delmütze in die Sopha⸗Ecke und ſagte mit einem . 86 ſeligen Grinſen:„Es wäre ein Hauptſpaß, wenn er das naſeweiſe Ding ſitzen ließe und aus der ganzen Herrlichkeit nichts würde. Von ganzem Herzen mag's geſchehen, die Thräne wird mir im Auge ſtehen, ſagt Göthe. Ich bin ſo neugierig, daß ich ſchon deſſentwegen ins Haus müßte, und wenn die Straßen mit Glasſcherben gepflaſtert wären.“ In Eile kleidete er ſich an, ſah nach der Uhr und lief ein halbes, Dutzend Mal vor den Spiegel; er zu dem Tiſche um und griff ung, welche dort lag.—„Die Liebe macht mich ganz verdreht, ich weiß nicht'mal, wie's mit den Curſen ſteht!“ rief er lachend.„Warum nicht! ich bin ſo gut ein Dichter wie Schiller, und ein Hochzeits⸗Carmen werde ich verfaſſen, vor dem ſich die ganze nichtsnutzige Litteratur und der Lump, der Herzberg...“ Hier hielt Herr Niedlich inne, denn er las etwas in der Zeitung, das ſeine ganze Auf⸗ merkſamkeit erregte.„Alle Teufel!“ ſchrie er auf, und ſein ſpitzer Mund ſchob ſich weit vor, ſeine Augen glänzten vor Vergnuͤgen, ſein ganzes Geſicht nahm den Ausdruck höchſter Beluſtigung an.—„Es iſt köſtlich!“ rief er nach einer Weile.„Siehſt Du wohl, Du aufgeblaſener Patron— er wird verrückt, wenn er das lieſ't!“— Hierbei fing Herr Niedlich den nach der Zeitun 87 Aufſatz nachmals von vorn an zu ſtudiren, und in der Fröhlichkeit ſeines Herzens wurde ſeine Stimme ziemlich laut.— ‚Unſerer Bühne,“ begann er zu leſen, werden ſeit längerer Zeit herbe Vorwürfe gemacht, daß ſie als Kunſt⸗Iuſtitut ohne Regſamkeit bleibe, ihre Pflicht vernachläſſige und namentlich junge Talente ohne alle Ermunterung laſſe: Niemand weiß jedoch, wie es mit dieſen jungen Talenten ausſieht, welche unendliche Mühe es macht, aus dieſer maß⸗ loſen Spreu nur ein Fruchtkorn herauszufinden, und welche ermattende Aufgabe es iſt, ſich mit Productio⸗ nen abzumühen, bei denen man oft nicht begreift, wie es möglich war, daß Menſchen ihre Zeit zu ſol⸗ chen Thorheiten mißbrauchten; noch weniger aber, wie ſie den Muth haben konnten, alles Ernſtes ihre Mitmenſchen damit zu plagen. Wir haben Gelegen⸗ beit gehabt, erſt vor einigen Tagen eine ſolche Gei⸗ ſtesarbeit näher zu betrachten, die einer unſerer ſoge⸗ nannten jungen Dichter und Muſiker dem Herrn Intendanten vorgelegt hat, der ſie mit bekannter liebenswürdiger Humanität annahm und lebhaft zu⸗ unterſtützen verſprach. Die Oper, welche den Namen Zenobia trägt, wurde von dem General⸗Muſik⸗Diree⸗ tor und den erſten Capacitäten des großen Inſtituts geprüft, aber nie iſt das Erſtaunen, die Entrüſtung und endlich das Gelächter allgemeiner geweſen. Die ausſchweifendſte Phantaſie kann nichts Tolleres er⸗ finden, wie das, was hier chaotiſch zuſammengewür⸗ felt wird. Muſik und Tert ſind darin einander wür⸗ dig, der Ausdruck einer Geiſtesverwirrung, welche zu den ſeltſamſten und lächerlichſten Ausgeburten führt. Wenn man bedenkt, daß Voltaire einſt über Shake⸗ ſpeare das Urtheil fällte, nur ein beſoffener Wilder könne ſolchen Unſinn ausgeheckt haben, ſo möchte man vielleicht meinen, daß auch hier ein genialer Geiſt ſich über Alles erhoben habe, was ſeinen beſchränk⸗ ten Zeitgenoſſen verſtändlich; allein wir ſind keine Franzoſen, wir leben nicht in einer Zeit des Unge⸗ ſchmacks und der Hof⸗Komödie, wir kennen die Ge⸗ ſetze des Schönen und ermuntern gern jede geiſtige Kraft, mag dieſe auch gegen das Gewöhnliche und Gebräuchliche ſündigen. Hier aber haben wir es mit der unwiſſendſten Talentloſigkeit zu thun, und nichts kann gerechtfertigter ſein, als über dieſe für immer den Stab zu brechen. Mag ſie etwas Nützliches be⸗ ginnen und ſich ihres Daſeins freuen; man greife jedoch nicht die Buhne und ihren geiſtvollen Leiter an, der in vieler Beziehung ſagen könnte wie Fried⸗ rich der Große vor der Schlacht von Zorndorf, als ihm gefangene Koſaken gebracht wurden:„Bedauere 89 Er mich, lieber Ziethen, mit ſolchem Geſindel muß ich mich herumſchlagen!⸗ „Es iſt ausgezeichnet! prachtvoll!“ ſchrie Herr Niedlich„Das hat der Regierungsrath zu Stande gebracht. Der hat ein halbes Dutzend Menſchen an der Hand, die ihm das zu Gefallen thun, und ſo ein Schriftſteller thut Alles, wenn er bezahlt wird. Ich möchte es aber doch nicht gethan haben,“ fuhr Herr Niedlich mit tugendhaftem Ernſte fort, indem er ſeinen ſchmalen Kopf ſchüttelte.„Er iſt allerdings ein hochmüthiger Narr, der keine Bildung beſttzt, aber Talent hat er, und der Regierungsrath— ich will wirklich nichts weiter mit ihm zu thun haben, — er hat kein feines Gefühl, gar kein feines menſch⸗ liches Gefühl hat er.“ Herr Niedlich nahm die Zeitung wieder in die Hand, und ſeine Blicke wurden freundlicher. Nach einem Weilchen lief er an ſeinen Schreibtiſch, holte eine Scheere und ſchnitt das Blatt heraus; dann wickelte er es in einen Umſchlag und machte die Aufſchrift.—„Wart,“ ſagte er,„geärgert hat er mich genug, das muß ihm eingetränkt werden. Die Zeitung möͤchte er am Ende nicht einmal bekommen, man muß alſo menſchenfreundlich ſein und ihm den Artikel zuſchicken. Für das Vergnügen kann er das 90 Porto bezahlen, den Brief ſtecke ich unterwegs in einen Poſtkaſten. Und nun fort zu meiner ſehnſüch⸗ tigen, holden, runden, kleinen Emma! Wie ſie aus⸗ ſehen wird, wenn ſie die Blumen und die Atlaß⸗ ſchleife erblickt! Es wird mir ganz ſonderbar, wenn ich denke, wie ſie mich umklammert.“ Herr Niedlich wickelte den Blumenſtrauß in einen feinen Papierbogen, ſprang dann die Treppe hinab, eilte die Straße hinunter, ſteckte den Brief in den Poſtkaſten und ſtieg endlich, wie er es ge⸗ wohnt war, zu dem Seitenflügel der Wohnung des Präſidenten hinanf. Auf den Zehen ſchlüpfte er an Fräulein Emma's Thür, klopfte leiſe an und flüſterte mit ſchmelzender Stimme ihren Namen; als jedoch alle Mühe vergebens blieb, lief er in den Corridor und öffnete das große Schrankzimmer. Ein holdes Lächeln belebte ſein Geſicht, als er den Kopf hin⸗ einſteckte, denn richtig, da ſtand ſeine Angebetete. Da ſtand ſie rüſtig und häuslich, in dem kurzen, dunklen Jäckchen, das Haar aufgerollt, das ſtarke, verſtändige Geſicht auf einen ganzen Berg Koffer, Kiſten und Kaſten gerichtet, welche an einer Seite aufgeſtapelt waren.„Guten Morgen, ſchönſte Emma!“ flötete Herr Niedlich, ſeinen Mund ſpitzend. „Sie ſind es, beſter Niedlich!“ erwiederte ſie, — 91 ſich zu ihm umwendend;„ich habe Sie ſehnſüchtig er⸗ wartet.“ „Alſo immer noch ſehnſchtig; immer noch?“ fragte Niedlich. „Heute mehr als je,“ ſagte ſie. „Ich glaube es Ihnen!“ ſagte Herr Niedlich ſchmachtend, indem er ſeine rechte Hand auf ſein Herz legte,„denn ich fühle es hier mit Ihnen. Ich ſehe etwas in Ihren Augen glänzen, liebenswürdigſte Emma, das mir zuruft: Es iſt gewiß, ſie ſehnt ſich nach Dir! Eine ſüße Unruhe liegt in dieſen reizen⸗ den Blicken, in dieſem himmliſchen Lächeln. Sie ſeuf⸗ zen, theuerſte Emma, warum ſeufzen Sie? Niedlich iſt hier, Niedlich iſt treu!“ „Sprechen Sie leiſer, beſter Freund,“ ſagte Fräulein Emma. „Ich will nicht!“ antwortete Herr Niedlich mit Energie.„Ein Jeder kann es hören, ich laſſe meine Gefühle nicht unterdrücken. Anbetungswürdige Emma!“ „Biſch!“ flüſterte ſie,„nicht hier, nicht jetzt, man würde uns üͤberraſchen.“ „Wann aber, wann? Sie Grauſame!“ „Heute noch, hier— ſobald das junge Paar abgereiſ't iſt.“ 92 Herr Niedlich holte die Düte mit dem Blumen⸗ ſtrauß hervor, welche er auf dem Rücken gehal⸗ ten hatte, und ſagte zärtlich:„Nehmen Sie inzwi⸗ ſchen dieſen duftenden Beweis meiner Verehrung, Sie lieblichſte aller Blumen! Ich ſage Ihnen, Fräu⸗ lein Emma, die Braut kann keinen beſſeren Strauß haben, ich habe die allerſchönſten und duftendſten Kin⸗ der der herrlichen Mutter Natur, wie Schiller ſagt, dazu eigenhändig ausgeſucht.“ „Ich danke Ihnen innigſt, theuerſter Herr Niedlich,“ erwiederte ſie.„Zu Ihren Ehren werde ich ihn heute tragen.“ „Und wiſſen Sie auch, was die Roſaſchleife be⸗ deutet, angebetete Emma?“ lispelte Herr Nieedlich, indem er die kleine fleiſchige Hand des wirthſchaft⸗ lichen Fräuleins ergriff, mit drei inbrünſtigen Küſſen bedeckte und gebückt ſtehen blieb, während er liſtig zu ihr auflächelte.„Eine roſenrothe Seligkeit in Ihren Armen, bis in den Tod!“ „Schweigen Sie vom Tode, theuerſter Freund!“ „Bei allen hohen Mächten, beim himmliſchen Element!“ rief Herr Niedlich, indem er ſich aufrich⸗ tete und ſeinen langen, dunnen Arm beſchwörend aufhob. „So ſagen Sie Alle,“ antwortete Emma lachend 93 „Sie ſchwören Alle bei Seligkeit und Ewigkeit, doch wie lange dauert es? Nicht bis zur Hochzeit zuweilen. Wiſſen Sie, daß ich in Sorge bin um— nun, Sie merken ſchon, was ich meine.“ „Hier— meinen Sie?“ flüſterte Herr Niedlich leiſe, als er ſeine Stirn in zahlloſe Falten gezogen und ſich ans Kinn gefaßt hatte. „Ich mache mir im Grunde wenig daraus,“ fuhr ſie fort;„ich wollte jedoch, es wäre nie dazu gekommen.“ „Wozu?“ fragte Herr Nieeblich, verſchmitzt lachend. „Es zeigt ſehr wenig Vertrauen, Herr Niedlich,“ erwiederte ſie, den Kopf aufwerfend,„wenn Sie gegen mich geheimnißvoll thun wollen. Denken Sie, daß ich nicht weiß, was der Präſident wünſcht? Geſtern Abends noch hatte er mit dem Herrn von Wolters eine lange Unterredung, und meinen Sie, ich wüßte nicht, daß Sie dieſen ſchlauen Herrn dann unten auf der Straße erwartet haben?“ „Sie ſpioniren alſo!“ rief Herr Niedlich. „Das habe ich nicht nöthig,“ fuhr ſie fort,„aber ich möchte nicht, daß dieſer Wolters— hüten Sie Sich vor ihm, er meint es mit Niemand gut.“ „Ich kenne ihn,“ verſetzte Herr Niedlich,„ſeien 94 Sie ganz ruhig, mir ſoll er nicht kommen. Wenn ich kein Vertrauen zu Ihnen hätte, ſchönſte Emma, zu wem ſollte ich welches haben? Aber, auf Ehre ich kann in den ganzen Schwindel ſelbſt nicht recht klar ſehen, denn ſie haben verſchiedene Unterredun⸗ gen gehabt, von denen ich nichts weiß; ſo viel iſt gewiß... „Was iſt gewiß?“ fragte Fräulein Emma. „Daß ſie ihn los ſein möchten,“ fluſterte er, „daß aus der ganzen Heirath nichts würde.“ „Darum die Ehepacten alſo,“ ſagte ſie. „Richtig. Wolters meinte geſtern, der Alte, näm⸗ lich der Präſident, hätte es ſo ſchlau angefangen, daß es ausſähe, als wollten ſie ihn ausplündern, das liebliche Bräutchen an der Spitze; aber er thäte ſehr recht daran, denn jeder kluge Mann müſſe ſich ſichern; und hören Sie noch Eines, Fräulein Emma, wiſſen Sie etwas davon, daß der Vater oder der Bruder des Herrn von Trifels, oder alle Beide, na, wie ſoll ich ſagen, ohne die geringſte Urſache aus reinem Vergnügen, ſich umgebracht haben?“ Das derbe Geſicht der Wirthſchafts⸗Führerin ver⸗ änderte ſich nicht, allein ſie ſtand eine Minute lang wie in tiefem Nachdenken; dann ſagte ſie haſtig: „Das iſt Erfindung, Thorheit! Wer hat ⸗Ihnen das aufgebunden?“ „Mir hat es Keiner aufgebunden,“ lachte Herr Niedlich,„denn ich habe es nie geglaubt. Kein Menſch, der nicht etwa verrückt iſt, oder vor Hunger nicht weiß, was er anfangen ſoll, wird ſich umbrin⸗ gen. Wer reich iſt, thut es am allerwenigſten; aber ich habe ſo etwas gehört, wie ſie in meinem Zimmer ſaßen. Einzelne Worte zwar nur, auf welche ich damals nichts gab, weil ich an andere Dinge zu denken hatte, die mich mehr intereſſirten.“— Herr Niedlich lächelte dabei und kniff ſeine Augen ſpitz⸗ bübiſch zuſammen; als aber Fräulein Emma in ihrem Nachdenken verharrte, fuhr er fort:„Später erſt iſt mir die Geſchichte wieder eingefallen, und als der Präſident mir geſtern von den Ehepacten erzählte, weil ich ihm von Herrn von Wolters ein Schreiben brachte, in welchem, wie ich ſah, ein Entwurf dazu lag, merkte ich, wie die Sache ſtand.“ „Was merkten Sie?“ fragte ſie. „Eh!“ rief Herr Niedlich,„Ihre Augen ſehen ja wie Feuer aus, man kann ſich ordentlich fürchten! Der Herr Präſident legte die Hand auf meine Schul⸗ ter und ſagte liebreich: ‚Sehen Sie, lieber Niedlich, was ein Vater für ſchwere Sorgen hat. Herr von 96 Trifels iſt ein junger Mann, der wie das ewige Leben ausſieht, voller Luſt, voller Humor iſt; allein die rothen Aepfel ſind zumeiſt wurmſtichig, und dar⸗ um muß man oorſichtig ſein, muß ſich nicht täuſchen laſſen. Leider giebt es Menſchen, die lachend und froh zu Bette gehen, und am Morgen liegen ſie da, blaß und kalt.“ „Es wäre ſchrecklich!“ ſagte Fräulein Emma leiſe. „Haben Sie von dem Herrn von Trifels heute ſchon Nachricht?“ fragte Herr Niedlich lauernd. „Wir haben Nachricht, ja,“ erwiederte ſie.„Herr von Landau ſchickte heute ganz früh ſchon zu ihm hinüber und erhielt Antwort.“ „Er wird kommen und unterſchreiben?“ fuhr Herr Niedlich ungläubig lächelnd fort.„Ich glaube es nicht, oder— ſie glauben es beide nicht, darauf will ich ſchwören.“ Fräulein Emma's Geſicht hob ſich voller Zu⸗ verſicht auf; ehe ſie jedoch antworten konnte, entſtand im Nebenzimmer ein Lärm, der dieſes Geſpräch un⸗ terbrach. Hedwig's laute Stimme ließ ſich erkennen; eine andere, dumpfere Stimme ſchien ihr zu antwor⸗ ten; noch ebe aber die beiden aufhorchenden Perſonen ihre Plätze verlaſſen konnten, hörten ſie das Fräulein 97 von Landau mit großer Heftigkeit ausrufen:„Was wollen Sie hier? Sie ſind wahnſinnig! Wie ſind Sie hereingekommen?“ „Ich muß Sie ſehen! muß Sie ſprechen! Sie von Ihren Verfolgern befreien!“ antwortete jene rauhe Stimme eben ſo laut. „Das iſt ja Herzberg!“ flüſterte Herr Niedlich mit ſeinem boshaften Grinſen. „Zu Hilfe! zu Hilfe!“ ſchrie Hedwig jenſeits der Thür. „Er iſt verrückt geworden! Hilfe!“ ſchrie Herr Niedlich ebenfalls; allein er rührte ſich nicht von der Stelle. Weit eher ſchien er Luſt zu verſpüren, nach der entgegengeſetzten Seite zu laufen; als er jedoch ſeine Angebetete an ſich vorüber eilen und die Thür aufreißen ſah, folgte er ihr und genoß den Anblick, der ſeiner wartete, mit vielem Behagen. In der Mitte des Zimmers ſtand der Muſiker, todtenbleich, mit verzerrtem Geſicht, die ſchwarzen Augen groß und funkelnd und ſeine Hände vor ſich ausgeſtreckt, als wollte er die Fliehende feſthalten, die mit Abſcheu, Zorn und Entſetzen auf ihre Freun⸗ din zueilte. Sie war im Nachtgewande, ihr Haar in Unordnung, ihre Glieder zitterten. „Befreie mich von dieſem Wahnſinngen von 1856. XVI. Neues Leben. III. 98 dieſem Elenden!“ rief ſie außer ſich mit fliegendem Athem. „Gehen Sie, Herr Herzberg! gehen Sie!“ ſagte Emma in ſtrengem Tone. „Dieſer Menſch! Er muß eingeſperrt werden!“ ſchrie Herr Niedlich. „Elender! Wahnſinniger!“ murmelte Herzberg, indem er ſeine Hände ſinken ließ und mit einem furchtbaren Ausdruck Hedwig anblickte. „Wo iſt mein Vater? O, wäre Trifels hier, er würde ihn züchtigen!“ rief die Braut. „Schweigt!“ ſchrie Herzberg aus hohler Bruſt, und alle ſeine Muskeln ſchienen ſich zuſammen zu ziehen, eine dunkle Fieberröthe bedeckte ſein Geſicht. Bei dem ſchreckenden Anblicke ſprang Herr Nied⸗ lich zurück, und mit einem Schrei der Angſt verbarg Hedwig ihr Geſicht an Emma's Bruſt. Aber der unglückliche Muſiker that keinen Schritt weiter nach ihr. Er ſtand wie erſtarrt, dann die weiße Hand an ſeine Stirn gedrückt, murmelte er vor ſich hin: „Elender! Wahnſinniger!“ und entfernte ſich. „Er muß feſtgenommen werden!“ ſchrie Herr Niedlich.„Ich laſſe ihn feſtnehmen!“ „Schweigen Sie ſtill,“ ſagte Fräulein Emma. „Erhole Dich, liebe Hedwig.“ 99 Laut ſchluchzend und von Thränen überſtrömt, umklammerte ſie die Braut und ließ ſich fortführen. Herr Niedlich blieb allein zurück, und als er ſein Kinn angefaßt, ſeine Stirn gefaltet und ſeine ſchma⸗ len Augen zuſammengekniffen hatte, ſagte er, ver⸗ gnügt lächelnd:„Das iſt eine allerliebſte Ueberra⸗ ſchung am Hochzeits⸗Morgen! Ich denke, es werden noch einige weitere folgen. Vor allen Dingen will ich doch jetzt den Regierungsrath aufſuchen, und ihm dieſe heitere Geſchichte mittheilen.“ Andreas Herzberg hatte inzwiſchen das Haus verlaſſen, und die ihn gehen ſahen, glaubten einen Betrunkenen zu erblicken oder einen Schwerkranken, der ſich mühſam fortſchleppe. Seine Schritte waren unſicher, und zuweilen blieb er ſtehen, als wolle er über etwas nachdenken oder ſich erholen, bis er ſeinen Weg fortſetzte, um bald darauf ſein Treiben von Neuem zu beginnen. So gelangte er endlich an ſeine Wohnung, und ehe er die Treppen hinaufſtieg, lehnte er eine Zeit lang an das Geländer und hielt ſich daran feſt, als ſei er von einem Schwindel be⸗ fallen. Dann ſtieg er Stufe für Stufe hinauf und trat in die Wohnſtube.— Die alte Frau ſaß vor dem Ofen, den ſie der Erſparniß wegen zugleich als Heerd benutzte. Als ſie ihren Sohn kommen hörte 7 100 und mit den halbblinden Augen die Umriſſe ſeiner Geſtalt erkannte, nickte ſie ihm freundlich zu. „Es iſt ſchön, mein Kind, daß Du pünktlich biſt,“ ſagte ſie;„mein Eſſen wird bald fertig ſein, und heute ſollſt Du Dich laben. Ich habe ein Fleiſchſüppchen gekocht— lieber Gott! es kommt ſelten an uns, und wie es nicht anders ſein kann, wenn arme Leute ſich ein Pfündchen Fleiſch holen, können ſie nie das Beſte haben, ſondern müſſen für⸗ lieb mit dem Schlechten nehmen. Doch heute hat es der Fleiſcher gut gemacht. Ein prächtiges Stück⸗ chen iſt es, lieber Andreas, ganz wenig Knochen; ich will Dir gleich von der Brühe ein Täßchen geben, das ſtärkt. Aber wie iſt Dir denn, Kind, warum ſitzeſt Du denn ſo ſtill und nachdenkend?“ „Mir iſt wohl, Mutter,“ ſagte er mit leiſer Stimme. „Und Dein Kopf, lieber Andreas? Mein armes Kind, Du haſt ſo viel zu denken. Er thut doch nicht weh?“ „Ich bin nur müde, Mutter.“ „Das macht die Frühlingsluft,“ meinte ſie,„die liegt Dir in den Gliedern; der Frühling iſt zwar noch nicht da, aber der Menſch fühlt ihn, ehe er kommt.“ 101 „Du haſt Recht, liebe Mutter, er kommt auch zu mir,“ ſagte er ſo leiſe und ſanft, daß es ihr ins Herz drang. „Ja, mein Herzenskind, ja!“ rief ſie aus,„auch zu Dir wird er kommen und wird alle Noth von Dir nehmen. Da liegt ein Schreiben auf Deinem Tiſche, mein lieber Sohn, ein großes Schreiben mit einem großen Siegel. Ein Bote hat es gebracht, und dann iſt noch ein anderes Schreiben gekommen mit der Stadtpoſt; wie gut war's, daß ich noch einen Groſchen hatte! Mein Andreas bekommt Briefe! Lies ſie doch, Kind, ließ ſie doch gleich, wenn Du nicht mehr müde biſt, es wird Dir Glück bringen; o, ja, Gluͤck nach ſo vielem Fleiß.“ Der Sohn wandte ſich mechaniſch nach dem Tiſche hin und ergriff die beiden Briefe. Er öffnete den größten und blickte hinein, es ſtanden wenige Zeilen darin. Der Intendant unterrichtete ihn in geſchäftlicher Faſſung, daß er mit Dank ſein einge⸗ ſandtes Werk in Empfang nehmen könne, da das Prüfungs⸗Comité dasſelbe nicht zur Annahme geeig⸗ net befunden habe.— Ohne einen Laut legte An⸗ dreas das Blatt vor ſich nieder und brach Herrn Niedlich's gütige Zuſendung auf. Er las auch dieſe mit derſelben Ruhe oder mit derſelben Betäubung, 102 die ihn gleichgiltig machte.— Nur am Schluſſe des Aufſatzes brachen Blitze aus ſeinen Augen, und ein unausſprechlicher Ausdruck des Stolzes und der Verachtung erfüllte ſein Geſicht. Nach einigen Minuten richtete ſich die alte Frau am Ofen auf, trocknete ihre Hände und ſagte froh⸗ lockend:„Jetzt bin ich fertig, jetzt ſollſt Du Dein Täßchen haben. Komm, lieber Andreas; was ſchrei⸗ ben Sie Dir, mein Sohn? Laß Deine arme Mutter hören, wie ihr Kind geprieſen wird.“ 3 Ein ſonderbares Gemurmel, antwortete ihr. Ihr Sohn hatte den Kopf vor ſich niedergeſenkt, er hielt ſein Taſchentuch vor ſein Geſicht. Die alte Frau beugte ſich zu ihm nieder, ihre zitternden Fin⸗ ger faßten ſeine Hände, die eiskalt waren.„An⸗ dreas!“ ſchrie ſie auf, und indem ſie ihm das Tuch fortriß, ſah ſie, daß dieſes ganz voll Blut war. Blut quoll aus ſeinem Munde, ein dumpfes Röcheln kam aus ſeiner Bruſt. Mit einem gellenden Schrei der Verzweiflung warf ſie die Taſſe zu Boden und chloß ihn in ihre Arme. 4 Fünftes Capitel. Der Präſident hatte ſich bei ſeiner Tochter ein⸗ gefunden. Er war von dem Vorfalle unterrichtet worden, der Hedwig ſolchen Schrecken verurſachte. Inzwiſchen fand er, daß die Braut ſich ſo ziemlich erholt hatte, denn Emma war in ihren Vorſtellun⸗ gen und Tröſtungen glücklich geweſen. Hedwig konnte ſchon wieder lachen, als Herr von Landau ſich heftig über den abgeſchmackten Narren äußerte, der zur Vernunft gebracht werden ſolle. „Thue ihm nichts, lieber Papa,“ ſagte ſie,„er iſt doch im Grunde noch mehr zu beklagen als zu ſchelten. Morgen bin ich weit von ihm, zur Ruhe wird er ſomit ohne uns kommen.“ „Meinſt Du?“ erwiederte er nachdenkend. „Ich war nur im Anfange gar zu ſehr erſchro⸗ d 104 cken, als er bei mir eindrang und mir wirres Zeug zurief. Er müſſe mich befreien, ich ſei von Verräthern umgeben; ſie wollten mich opfern, mich unglücklich machen, ihrer elenden Selbſtſucht mich ſchlachten.“ „Das ſagte er?“ fragte der Präſident. „Ja, und als ich in meiner Angſt ihm zu⸗ rief, er ſolle ſich augenblicklich entfernen, Herr von Trifels werde ſogleich hier ſein, richtete er ſeine un⸗ heimlichen Augen voll Hohn auf mich und ſchrie ent⸗ ſetzlich lachend:„Der iſt auch verloren! Sie ſchlach⸗ ten ihn auch!“ Herr von Landau kehrte ſich unruhig von dem Ruhebette ab.„Das iſt ja Wahnſinn!“ ſagte er. „Wer ſoll Trifels ſchlachten? Er iſt ganz munter. Hat mir ein Billet geſchrieben voller Laune; vorher hat er auch ſchon ſeine Koffer und Kaſten geſchickt, die hier bleiben ſollen. Sobald er mit Geſchäften und Abſchiednehmen ganz fertig iſt, wird er bei uns ſein.“ „Darum müſſen wir dieſen ſchrecklichen Auftritt vergeſſen,“ ſagte Hedwig.„Emma hat Recht, Eduard darf nichts davon erfahren, es würde ihn betrü⸗ ben, denn er hat viel Mitleid mit dieſem armen Un⸗ glücklichen. Ich habe ihm harte Worte geſagt, die 105 mir jetzt leid thun. Ich bätte mild mit ihm ſprechen ſollen. Aber ich hatte alle Faſſung verloren.“ Der Präſident antwortete nichts, er ging auf und ab, ſeine Gedanken beſchäſtigten ſich mit ganz anderen Dingen. Endlich ſagte er:„Du fühlſt Dich doch ganz wohl, mein Kind?“ „Ja, lieber Papa. Ich will nicht mehr daran denken, und heute— o, wie viele andere Gefühle füllen meine Seele!“ „Du ziehſt Deinem Glücke entgegen,“ erwiederte er lächelnd.„Viele Zerſtreuungen und Freuden er⸗ warten Dich, die Honigmonate Deiner Ehe werden wie ein Traum vergehen.“ „Nicht wie ein Traum, theurer Papa! Weißt Du, daß mir manchmal gar nichts daran gelegen iſt, mit Eduard in die weite Welt zu fliegen? Ich möchte mit ihm ganz allein ſein, immer mit ihm, kein An⸗ derer ſollte ihm Dienſte leiſten. Es thut mir weh, daß ich nicht mehr von Emma gelernt habe, daß ich nicht ſo praktiſch und haushälteriſch bin.“ „Du kleine Schwärmerin!“ lachte der Präſident. „Was wäre das für ein Gewinn für Dich? Du ge⸗ hörſt zu den Frauen, die glänzen ſollen. Hat Trifels Dir nicht geſagt, daß er einen Schmetterling mit bunten Flügeln nöthig habe. Wenn der Staub . 106 davon abgeſtreift wäre, würde der Reſt ihm trotz aller Häuslichkeit nicht behagen.“ „Er würde mich nicht mehr lieben, meinſt Du?“ fragte ſie;„ja, das wäre traurig. O, Papa, wenn das einmal wirklich über mich käme, würde der Schmetterling bald die Flügel hangen laſſen.“ Dieſe Aeußerung, bei der ſie das Köpfchen finken ließ und die Hände faltete, ſchien den Präſidenten in vermehrte Gemüthsbewegung zu verſetzen.—„Nicht doch, mein Kind, nicht doch!“ erwiederte er,„Du darfſt ſolchen Träumereien nicht nachhangen! Es wird ſich Alles ſchicken, wie es ſoll.— Und wie die Zeit vergeht! wir haben beinahe Mittag! Es wird noch ſo kommen, daß Trifels uns alle überraſcht. Kleide dich an, liebes Kind, ich will meine Geſchäfte abma⸗ chen.“— So küßte er ſie auf die Stirn, ſtreichelte ihre Wangen und nickte ihr zu, während ſie mit der innigſten Zärtlichkeit ſeine Hände hielt und voll Liebe zu ihm aufblickte. Herr von Landau ging in ſein Arbeitszimmer, aber mit Geſchäften war es nichts. Ein Meer von widerſtreitenden Gefühlen bewegte ſich in ihm und nahm ihm alle Ruhe, alles Ueberlegen. Er fühlte ſich nach allen Seiten hingezogen und von allen Sei⸗ ten abgeſtoßen. Bald verſuchte er, ſich gegen ſich ſelbſt zu vertheidigen, bald wieder machte er ſich Vorwürfe, die er gleich darauf mit Heftigkeit verwarf. Wenn er an Hedwig dachte, wie ſie bei der Vorſtellung, dieſer unſelige Mann könne ſie nicht mehr lieben, erblaßte und zitterte, überfiel ihn ein tiefes Bangen vor dem Gedanken, es könne noch heute etwas ge⸗ ſchehen, was ſein Kind verderben werde. Er lief ans Fenſter, ſah hinaus, ob er nichts von Trifels ent⸗ decken könnte, und horchte auf jeden Klingelzug, auf jeden Schritt, der vom Corridor hereinſchallte. Plötz⸗ lich fiel ihm wieder ein, was der wahnſinnige Herz⸗ berg geſagt hatte: er wolle Hedwig ſchlachten! ſchlach⸗ ten wie Trifels, ſeiner Selbſtſucht wegen! und er ſchauderte zuſammen und ſchlug die Hände vor ſein Geſicht. Die ganze Nacht hatte er ſchlaflos zugebracht; jeder Pendelſchlag der großen Uhr hatte ihn aufge⸗ rüttelt, bei jedem Laut auf der Straße, bei jedem Klopfen war ein ſchrecklicher Blitz ihm durch Bruſt und Kopf gefahren und hatte ſeine Stirn mit Schweiß bedeckt. Als es Tag wurde, konnte er es nicht län⸗ ger ertragen, er ſchickte ſeinen Diener aus, um Tri⸗ fels fragen zu laſſen, ob er Beiſtand zum Herüber⸗ ſchaffen ſeiner Koffer, Bücher bedürfe, und bis der alte Diener zurückkehrte, war er in einem Zuſtande der tödtlichſten Seelenangſt. Aber Friedrich brachte 108 ein Billet zurück, launig geſchrieben, und der alte Mann ſelbſt hatte den Herrn gefunden, wie er auf ſeiner Kafee⸗Maſchine den Kafee bereitete und dar⸗ über mit ihm ſcherzte, daß dies heut zum letzten Male geſchehen ſollte.— Eine ungeheure Laſt ſiel von dem Präſidenten ab, ſeine Schritte wurden leicht, das feine Lächeln kehrte zurück; dennoch aber wurde nach einigen Minuten ſeine Stirn wieder finſter. Aerger, Unruhe, Sorgen, Vermuthungen ſtiegen aus dunkler Tiefe auf; ein hohnvolles Lachen preßte ſich um ſeine Lippen, denn jetzt kamen andere Vorſtellun⸗ gen, andere Betrachtungen, andere Geſichtspunkte. Wenn er käme, wenn er unterſchriebe, wenn alle Berechnungen täuſchten, was dann? Mit Einem Schlage verwandelte ſich die Scene. Da ſtand er wieder mit den ſtrafenden, ſtolzen Mienen, bereit, die Kinder gegen den Vater zu erbittern, bereit zu gehäſſigen Schritten und zur feindlichen Trennung. Und wie ſollte der Mann, der hier geſchworen, er habe ſeinen Irrthum bereuend eingeſehen und von ſich gewieſen, der dort geſchworen, Marien niemals zu verlaſſen, und ſie bewogen hatte, ihren Vater und ihre Freunde zu täuſchen— wie ſollte er vor ihn hintreten, gedemüthigt, als Lügner, als Intrigant, oder als ein im ſinnlichen Taumel verlorener, alter 109 Geck? Oder ſollte er jenes liebevolle Herz wirklich aufgeben, ſollte er es von ſich ſtoßen, verrathen, in Verzweiflung ſtürzen? Aus ſeiner Rathloſigkeit und Haltloſigkeit, ſeiner Verzagung und ſeiner Furcht rang ſich doch zuletzt die hartnäckige und leidenſchaftliche Begier los, welche er ſeine Liebe, das Glück ſeines Alters, den letzten Troſt ſeines Lebens nannte und der er ſo viel ſchon geopfert hatte. Die Eitelkeit, von einem jungen, ſchönen Mädchen geliebt zu wer⸗ den, machte ihn blind gegen alle Zweifel, gegen Spott und Tadel der Welt und gegen vereinzelte momen⸗ tane Selbſtanklagen. Auch jetzt ging er aus dieſen mit dem Bewußtſein hervor, er könne nicht anders und dürfe nicht anders; möge geſchehen was da wolle, er werde ſich nicht hindern laſſen, das zu thun, was ihn glücklich mache; und doch, während er dies dachte und ſeine Gedanken ſich mit Marie beſchäftigten, lief es ihm kalt übers Herz bei der Vorſtellung, was noch zu überwinden bliebe. Mitten in dieſer Unruhe erſchien der Regie⸗ rungsrath, und bei ſeinem Eintritte erhielten die Combinationen des Herrn von Landau eine andere Richtung. Der Regierungsrath im ſchwarzen An⸗ zuge, in der Atlaßweſte und Halsbinde, lackirt an Händen und Füßen, ſah ſo hochzeitlich aus, als ſei 110 er ſelbſt der Bräutigam, welcher erwartet wurde. In ſeinem ſcharfen, gelben Geſichte lag die ihm eigene vornehme Freundlichkeit und Kälte, um Lippen und Naſe das merphiſtopheliſche Lächeln, und unter den blitzenden Brillengläſern leuchteten ſeine Augen ſo ſtechend ſpottſüchtig hervor, als hätte er die beſte Abſicht, den Präſidenten zu verhöhnen. Herr von Landau ſchien ihm jedoch darin nichts nachzugeben. Was in ihm oorging, drückte ſich in ſeinen Mienen ſehr deutlich aus. Alle Berechnun⸗ gen des Herrn von Wolters hatten ſich ja ebenfalls falſch bewieſen, und die Falle war nahe daran, über ihm ſelbſt zuſammenzuſchlagen. Der Präſident zwei⸗ felte nicht, in welcher Abſicht eigentlich dieſer groß⸗ müthige Freund ihm ſo guten Rath ertheilt, und ſo trefflich beigeſtanden hatte; er fühlte eine geheine Freude, daß er ſelbſt der zumeiſt Geprellte nicht ſein könne, und als er ſeinem Bundesgenoſſen die Hand reichte, ihm fein zulächelte und beide gegen einan⸗ der mit falſcher Höflichkeit ſich verbeugten und lauernd anſchauten, war dieſes Bild des Pinſels eines Hogarth würdig. „Nun,“ ſagte der Präſident im Gefuͤhl ſeiner Ueberlegenheit,„Sie haben doch wohl geruht, mein beſter Wolters?“ „Sehr ruhig, ich ſchlafe ſehr feſt,“ erwiederte dieſer. „Und keine unangenehme Störung hat Sie aufgeweckt?“ „Ich laſſe mich niemals ſtören,“ theuerſter Herr von Landau. „Es geht nichts über Charakter!“ lächelte der Präſident.„Haben Sie unſeren lieben Freund ſchon beſucht?“ „Meinen glückſeligen Vetter? Gewiß, ich war bei ihm, ein Zeuge ſeiner innigen Dankbarkeit für Ihre große Güte, die bei Tagesanbruch ſich ſchon nach ſeinem Wohlſein erkundigen ließ.“ „Ja, ich freue mich,— freue mich von ganzem Herzen darüber, ſo gute Nachrichten erhalten zu haben!“ rief Herr von Landau.„Ich fange an zu glauben, daß meine Beſorgniſſe übertrieben ſind.“ „Ich bin ganz Ihrer Meinung,“ ſiel der Re⸗ gierungsrath ein.„Der liebenswürdige Bräutigam iſt ſo eben dabei, von ſeinem alten Freunde, dem würdigen Blechſchmied, Abſchied zu nehmen und Fraͤulein Marie ſeinen Segen zu hinterlaſſen. Er hat mir dabei, wie ich Ihnen nicht verhehlen will, den Auftrag ertheilt, zu beobachten, was ſich weiter mit dieſer jungen Dame begiebt, und ihm ſofort 112 Nachricht zu geben, wenn etwa ſich etwas vom alten Sauerteig verſpüren laſſe.“ „Sagte er das wirklich?“ fragte der Präſident. „Er drückte ſich vielleicht etwas anders aus,“ fuhr Herr von Wolters lächelnd fort, indem die Faletn um Naſe und Mund ſich noch mehr zuſam⸗ menzogen.„Er meinte, der Wolf verlöre wohl die Haare, aber nicht die Nicken.“ 4 Die Brillengläſer richteten ſich auf das Haupt des alten Herrn, und die Augen darunter blitzten ſo ſtechend auf das braune Toupet, daß eine fahle Röthe durch die hartgegerbte Haut des Praͤſidenten ſchimmerte. „Sie meinen alſo,“ begann er verlegen und mit aufſteigendem Zorn,„er würde auch ſpäter mit mir rechten wollen?“ „Darauf gebe ich Ihnen mein Wort,“ ſagte Wol⸗ ters ernſthaft.„Er glaubt zwar im Augenblicke noch nichts; findet er jedoch, daß er ſich getaͤuſcht hat, ſo dürfen Sie nicht zweifeln, daß er um ſo erbittert er ſein wird.“ Herr von Landau faltete ſeine Stirn zuſammen und ſtand nachſinnend vor ſeinem Vertrauten.„Ich weiß nicht, was ich thun kann,“ ſagte er,„ich muß es abwarten. Sagen Sie ſelbſt, lieber Wolters, 113 was wäre noch zu thun, was könnten wir hoffen? — Laſſen Sie uns aufrichtig ſein,“ fügte er mit ge⸗ dämpfter Stimme hinzu;„was wir Beiden voraus⸗ ſetzten, iſt fehlgeſchlagen. Sprechen Sie.“ „Dieſe Hochzeit darf nicht Statt finden,“ er⸗ wiederte der Regierungsrath. „Darf nicht Statt finden— wie ſollen wir ſie hindern?“ „Er darf nicht unterſchreiben.“ „O, nicht unterſchreiben! Er wird aber unter⸗ ſchreiben.“ „Aber wenn er keine Umſtände macht?“ Herr von Wolters lächelte.„Ich werde noch mit ihm ſprechen. Sorgen Sie nur dafür, daß Fräulein Hedwig darauf beſteht und nicht etwa ſich ſtörend einmiſcht.“ Ein gefährlicher Kampf ſchien in dem Präſiden⸗ ten zu arbeiten. Auf der einen Seite ſtanden ſeine Familie, ſeine väterlichen Gefühle, ſeine geheime Angſt vor dem Aufſehen und den Auftritten, die ihn erwarteten, endlich die Gier nach dem Beſttze, die Gewißheit, daß Trifels ſein Vermögen Hedwig und ihm auf jeden Fall überlieferte, während er mit Haß und Neid bedachte, daß es in Wolter's Hände über kurz oder lang fallen würde, wenn deſſen 1856 XVI. Neues Leben. III. 8 114 Plan gelänge. Auf der anderen Seite aber ſtand ſein Glück, wenn auch nicht mehr, ſo wie er es ge⸗ dacht. Ging die Heirath zurück, ſo konnte er Hed⸗ wig entfernen, beherrſchen, ſie würde gleichgiltig ſein gegen Alles, es ließ ſich machen.—„Gut,“ ſagte er, von ſo vielen verſchiedenen Empfindungen beſtürmt, „wir wollen es verſuchen; es muß ſo ſein. Unter⸗ ſchreiben muß er, oder ich verweigere den Act.“ „Daran werden Sie ſehr wohl thun,“ lächelte Wolters, indem er ſeine Uhr zog.„Wir haben wenig Zeit zur Vorbereitung. Ich werde bei Ihnen blei⸗ ben, um die günſtige Gelegenheit zu benutzen, mit ihm ein Wort zu reden.“ „Da iſt er ſchon!“ flüſterte Herr von Landau erſchrocken.„Das iſt ſeine Stimme!“ „Gehen Sie ihm entgegen, verlaſſen Sie Sich auf mich,“ ſagte Herr von Wolters. Mechaniſch gehorchte der Präſident, und während Wolters ſich dem Fenſter zukehrte, hörte dieſer ihn ausrufen:„Endlich kommen Sie, theuerer Trifels! Unſere Sehnſucht war zu groß!“— Darauf folgte eine Umarmung und ein Kuß. „Judas!“ murmelte der Regierungsrath. „Ich hatte noch Manches zu thun,“ ſagte Tri⸗ fels,„zuletzt mit meinen Geldgeſchäften und dem —,— 115 Creditbriefe, den ich nöthig habe. Jetzt iſt Alles geordnet.“ „Und Sie verlaſſen uns nicht mehr!“ rief der Präſident. „Der Wagen wird ſogleich kommen,“ erwiederte Trifels.„Mein neu geworbener Kammerdiener iſt ein flinker Burſche, er wird mit dem Gepäck gut fertig werden.“ „Es iſt Alles dazu bereit,“ ſiel Herr von Lan⸗ dau ein.„Der Wagen fährt auf den Hof. Hed⸗ wig's Jungfer hilft, und das Täntchen commandirt. Die Pferde, haben Sie die auch ſchon beſtellt?“ „Um fünf Uhr ſind ſie da.“ „So iſt nichts im Stande, die Minute aufzu⸗ halten. Ich habe inzwiſchen das Ceremoniel geord⸗ net. Um zwei Uhr nehmen wir ein gemeinſames Frühſtück, dann verfügt ſich der Herr Bräutigam in das bereit gehaltene Gemach, um ſich anzukleiden, die Braut ihrerſeits überliefert ſich den Händen der Zofen und der jungfräulichen Geſpielinnen, welche ſie ſchmücken. Punkt vier Uhr erſcheint der Bräuti⸗ gam und empfängt von dem bräutlichen Gefolge die Braut, um ſie an den Altar zu führen, der im Saale errichtet iſt; ehe ſie jedoch an jenen treten, wird der Notar an einem Seitentiſche die Ehepacten 3 116 verleſen, welche von dem glücklichen Paare und den Zeugen unterzeichnet werden, und dann, mein lieber Eduard, dann bleibt uns nichts mehr übrig, als unſere heißen Glückwünſche.“ Bei der Erwähnung der Ehepacten bemerkte Herr von Landau den Schleier wieder, der über Eduard's Augen jedesmal zu fallen ſchien, wenn er von Seelen⸗Zuſtänden bedrängt wurde, die er ſonſt ſo gut zu verbergen wußte. Wie der geheimnißvolle Nebel eines Nordlichts ſchwebte dieſer Schatten vor ſeinen klaren dunkelblauen Sternen und verſchwand darin, während er freundlich lächelte und ſich ver⸗ neigte. Der Präſident beobachtete ihn genau, allein er konnte keine Spur einer Anſtrengung, eines Miß⸗ muths oder einer Aufregung entdecken; das Geſicht war nur, wie es ihm vorkam, noch milder und weicher über Nacht geworden; ſeine Blicke ſchienen nicht ſo lebhaft zu ſein, aber der Ausdruck darin war Ruhe und Güte. „Alles, wie Sie wünſchen,“ ſagte er;„nun aber zu Hedwig, ich darf nicht länger meine Pflicht ver⸗ ſäumen.“ „Wir gehen mit Ihnen,“ erwiederte Herr von Landau.„Wolters hat mir verſprochen, uns in dieſen letzten Stunden nicht zu verlaſſen.“ 117 „Dank, lieber Rudolph! Du hältſt bei mir aus,“ ſagte Trifels, ſeinem Vetter die Hand reichend. „In wahrer Treue!“ antwortete der Regierungs⸗ rath mit ungewöhnlichem Ernſt. Eduard blickte überraſcht von dem Tone ihn fragend an, dann rief er lebhaft:„Ja, in Treue wollen wir bei einander ſtehen, und nichts ſoll uns hindern, ſie zu bewahren!“ Sechstes Capitel. Es geſchah Alles ſo, wie Herr von Landau es beſtimmt hatte. Die Stunden vergingen in der un⸗ ruhigen Geſchäftigkeit, welche nöthig war, um, was gethan werden mußte, auszuführen. Der Wagen kam und wurde ausgeſtattet mit ſeinen mancherlei Koffern und Behältern, die ſchon gepackt waren oder noch gefüllt werden mußten. Fräͤulein Emma war dabei in angeſtrengter Thätigkeit beſchäftigt, ſie war über⸗ all, wußte Alles und ſah Alles. Zuweilen jedoch kam auch Trifels heraus, und Hedwig begleitete ihn, fragte nach tauſend Dingen, miſchte ſich mit ihrem Geplauder in Alles, befahl, was ſchon befohlen war, und richtete allerlei kleine Anordnungen an, die ſie dann belachte und durch andere Anordnungen zu verbeſſern ſuchte. Auch ihre Stimmung war indeß nicht 3* 119 ſo übermüthig fröhlich wie ſonſt. Der Ernſt des Tages und Alles, was damit zuſammenhing, laſtete auf ihr; dazu kam das am Morgen erlebte; Endlich aber ſchien ihr auch Trifels nicht ſo wie ſonſt. Er war ſchweigſamer, nachdenklicher und, wie ſie ſcherzend zu ihm ſagte, elegiſcher, was er zu läugnen ſuchte. Auch bei dem Frühſtücke zeigte ſich dieſe Schweigſamkeit oder Verſtimmung. Alle ſchienen davon angeſteckt zu ſein, und trotz aller Anſtrengungen wollte ein beklomme⸗ nes Gefühl nicht weichen. Jeder beſtrebte ſich, mun⸗ ter zu ſcheinen, zu lachen, zu ſcherzen, frohe Worte zu ſprechen; überall aber merkte man den Zwang, der die Herzen bedrückte.— Um das Nächſte zu vermei⸗ den, gingen die Geſpräche auf das Entfernte, auf die Briefe, welche geſchrieben werden ſollten, auf Nachrichten, die nicht vergeſſen ſein dürften, auf Ge⸗ nüſſe, welche zu erwarten waren. „So genieße denn, mein Kind!“ rief endlich Herr von Landau,„genieße in vollen Zügen Dein Glück und kehre froh in meine Arme zurück. Du weißt, was ich Dir ſagte, Du Schmetterling! Halte Trifels immer in heiterer Laune, das iſt Deine Auf⸗ gabe. Laß ihn niemals ſchwermüthig werden.“ „Aber auch nicht zu übermüthig, Papa! Auf 120 daß er immer folgt und gehorcht! darauf wollen wir anſtoßen.“ „Du wirſt mir das Gehorchen leicht machen,“ ſagte Trifels. „Oh!“ rief ſie ſchalkhaft drohend,„ich habe Dich in meiner Hand, mein guter Freund, dafür hat der Papa geſorgt. Du weißt, was Du unterſchreiben mußt.“ „Und Du,“ ſagte Herr von Landau, in das allgemeine Gelächter einſtimmend,„wirſt gewiß dafür ſorgen, daß er immer daran denkt.“ „Er ſoll vor mir zittern!“ erwiederte ſie, ihren Arm um ihn legend.„Er ſoll es büßen, mich nicht beſſer gekannt zu haben.“ Dieſe Aeußerungen, unabſichtlich gethan, von Blicken voll Liebe und Zärtlichkeit und von dem ſüßeſten Lächeln begleitet, klangen dennoch Allen, die ſie hörten, als ob ſchadenfrohe Mächte durch dieſen un⸗ ſchuldigen Mund geſprochen hätten. Zu anderer Zeit würde Eduard von Trifels mit Entzücken in dieſe Schelmerei eingeſtimmt haben, jetzt war es ihm, als vernehme er eine Prophetenſtimme. Der Praſident ſagte ſich leiſe, daß Hedwig gar nichts Beſſeres je antworten konnte; aber ſein Blick auf den Regie⸗ rungsrath wurde von keinem ähnlichen Zeichen er⸗ wiedert, denn Wolters ſah gedankenvoll vor ſich 121 nieder und malte einige kabaliſtiſche Zeichen mit dem Meſſer, das er in der Hand hielt, auf ſeinen Teller. In den nächſten Minuten war Alles vorüber, denn der Eintritt einiger Freundinnen Hedwig's ver⸗ änderte die Scene. Die geſchmückten jungen Damen ſetzten ſich in Beſitz ihrer Rechte, die Braut zu um⸗ ringen, und endlich führten ſie dieſe fort; denn es war Zeit, den Putz zu beginnen, um geheiligter Weiſe die Brautlieder dabei zu ſingen. „Wohlan denn, meine Herren,“ ſagte der Prä⸗ ſident,„auch für uns wird es Zeit, an die Tollette zu denken. Brautjungfern hedienen den Bräutigam nicht, allein Wolters kann ie Pflicht erfüllen.“ „Ich werde es mir auch nicht nehmen laſſen, ihm meine letzten guten Lehren auf den Weg zu geben,“ erwiederte dieſer, indem er ſeines Vetters Arm nahm und mit ihm nach dem Zimmer ging, das für Trifels bereit war. Es war dieſes das Fremdenzim⸗ mer im anderen Flügel des Hauſes hinter dem Saale. Dorthin hatte man alle Gegenſtände geſchafft, welche Trifels gehörten. Sein Anzug lag bereit, ſein Die⸗ ner wartete, um ihm zu helfen, und eine Zeit lang plauderten die Verwandten über gleichgiltige Dinge, während Wolters, in der Sopha⸗Ecke ausgeſtreckt, 122 dem Ankleiden zuſah, bis es geſchehen war.„Biſt Du fertig?“ fragte er dann. „Ich denke, es fehlt nichts mehr an dem gnä⸗ digen Herrn,“ erwiederte der Diener. „So gehen Sie, wir werden klingeln, wenn es nöthig iſt.“ Der Mann entfernte ſich, Herr von Wolters folgte ihm bis an die Thür, ſchob leiſe den Riegel vor und kehrte zurück. „Du thuſt etwas, was ich ſelbſt gethan haben würde,“ ſagte Trifels;„ich habe noch mit Dir zu ſprechen.“ „Es fehlt alſo nichts an dem gnädigen Herrn? begann ſein Vetter, indem er ihn betrachtete;„es fehlt aber dennoch etwas. Ich vermiſſe an ihm den Frohſinn, den er ſonſt niemals ablegte; dagegen ſehe ich durch Rock und Hemd einen Riß, den kein Bräu⸗ tigam haben ſoll.“ „Höre mich an, Rudolph,“ erwiederte der Frei⸗ herr lächelnd;„mag reißen was nicht halten will; für jeden Fall jedoch muß ich den Riß möglichſt heilen, welchen ich Dir verurſache. Ich habe daher heute ein Inſtrument aufſetzen und beglaubigen laſſen, kraft deſſen ich mich verpflichte, Dir jährlich die darin beſtimm te Summe zu zahlen, und kraft deſſen 123 meine Erben gehalten ſind, dieſe Summe zu capita⸗ liſiren und Dir zu überweiſen, mag meine Ehe lang oder kurz ſein, mögen Nachkommen daraus eutſprin⸗ gen oder nicht. Ich habe dieſes Document ſo ausge⸗ ſtellt, daß es von einem ſpäter eingegangenen Ehe⸗ Contract oder Teſtamente nicht angegriffen werden kann, worauf ausdrücklich Bezug genommen iſt, und übergebe es Dir hiermit.“ Er ſchloß eine Briefmappe auf, welche auf dem Tiſche lag.— Wolters hielt ſeine Hand feſt.„Laß das,“ ſagt er,„ich nehme nichts an.“ „Warum nicht?“ „Gieb ihr Alles oder gieb ihr nichts.“— Er hielt Trifels's Arm feſt und blickte ihm ins Geſicht.— „Ich frage Dich,“ fuhr er fort,„ob Du reiflich überlegt haſt, was Du thuſt.“ „Ich verſtehe Dich nicht!“ erwiederte Trifels. „Du verſtehſt mich. Du haſt den Glauben verloren, daß Du geliebt wirſt, Du haſt die Hoffnung verloren, die dieſe Liebe Dir gab. Der Präſident weiß das Geſchick Deiner Familie, er hat ſeine Rech⸗ nung darnach gemacht, und ſeine Tochter hat von ihm gelernt!“ „Sie weiß nichts!“ murmelte Eduard. 124 „Meinſt Du? Es kann ſein— um ſo ſchlim⸗ mer für Dich! Zittere vor der Stunde, wo ſie es erfahren wird; doch Du zitterſt ſchon jetzt davor. Merke Dir ihre Worte: Er ſoll es büßen, mich nicht beſſer gekannt zu haben.— Du wirſt es büßen! Flatterhaft, nur an Zerſtreuung und Verſchwendung gewohnt, iſt es ein Spielzeug, das in Deiner Hand zerbrechen muß, und dann, was dann?! Ich ſage nichts mehr— ich darf nichts mehr ſagen.“ „Geſtern— was ſagteſt Du geſtern?“ „Dasſelbe,“ antwortete Wolters.„Ich ſagte Dir, Du müßteſt thun, was dieſer kluge Schwieger⸗ vater haben will, wenn— Du nicht klüger ſein wollteſt, als er.“ „Und nun— es iſt unmöglich!“ „Unterſchreibe nicht,“ ſiel Wolters ein.„Laß ihn zu Dir bitten, noch iſt es Zeit. Erkläre ihm, Du könnteſt Deine Bedenken nicht überwinden, bäteſt ihn, davon abzuſtehen.“ „Er wird nichts davon hören wollen.“ „Nein, er wird nichts hören wollen; ich hoffe es, denn dann— biſt Du frei!“ Ein Blitz ſchien aus Eduard's Augen zu drin⸗ gen, entzündet von dem Worte, das in die geheimſte Tiefe ſeines Herzens drang. 125 „Du willſt frei ſein,“ fuhr ſein Vetter mit ge⸗ dämpfter Stimme fort,„ich leſe den Wunſch auf Deinem Geſicht. Wirf die Roſe mit der Schlange von Dir, ſie ſticht Dich todt! Nicht Dich trifft die Schuld des unvermeidlichen Aufſehens; Jeder wird Dich vertheidigen, wenn er hört, worauf es abgeſe⸗ hen war.“ „Laß mich allein,“ ſagte Trifels erſchüttert.„Du haſt mir eine Ausſicht geöffnet, die mich verlocken könnte und welche ich bedenken muß. Glaubſt Du wirklich, daß der Präſident, wenn ich Bedenken äu⸗ ßere, mir die Wahl laſſen wird?“ „Ich kann Dir geſtehen, daß ich es gewiß weiß.“ „Und Hedwig wird ſeinem Gebote folgen?“ „Zweifelſt Du, was ſie thun wird?“ „Nun, ſo können wir den Verſuch machen!“ rief Trifels haſtig.„Nur ein wenig Geduld, ich muß mich vorbereiten, ſtark machen, um die nöthige Laune zu haben.“ „Sei ein Mann, mehr bedarfſt Du nicht,“ ſagte Wolters, indem er ihm die Hand ſchüttelte. „Im Uebrigen bin ich zu Deiner Hilfe da.—“ „Alſo wirklich frei!“ murmelte der Bräutigam vor ſich hin, als er allein war; und es gehört nichts weiter dazu, als ein Mann zu ſein— das iſt in 126 der That ſehr wenig!“— Seine Blicke richteten ſich auf etwas, das in einen Umſchlag gewickelt vor ihm lag, es war Hedwig's Bild. Er öffnete das Käſtchen ſah hinein und lehnte ſich darüber hin; plötzlich aber lachte er laut auf, in dem Augenblicke als er ein Geräuſch an der Thür hörte. Als er ſich umwandte, ſah er, daß es Fräulein Emma war. „Beſtes Täntchen!“ rief er ihr entgegen,„ich freue mich, daß Sie zu mir kommen. Vergebens ſuchte ich eine Gelegenheit Ihnen den Talisman wieder zuſtel⸗ len zu können. Hier iſt er. „Hat er Ihnen gute Dienſte gethan?“ fragte ſie „Dienſte gewiß— ob gute, will ich nicht be⸗ haupten. Doch haben Sie vie en Dank.“ „Hedwig hat ſich heimlich für Sie malen laſſen,“ ſagte Fräulein Emma.„Warum lachen Sie, Herr von Trifels?“ „Ich glaube, über mich ſelbſt,“ erwiederte er. „Was meinen Sie, Täntchen, iſt nicht Alles ſo an⸗ gethan, daß ich lachen darf?“ „Wenn man über ſich ſelbſt lacht,“ antwortete ſie, ſo iſt dieſes ein Anzeichen, daß man nicht Luſt hat, oder nicht die Kraft hat, über das, was man thut, ernſthaft nachzudenken. 1 127 „Lohnt es ſich der Mühe?“ fragte er.„Glauben Sie, gutes, verſtändiges Täntchen, daß überhaupt ein ernſthafter Gedanke durch dieſe ganze Gau⸗ kelei geht?“ „Welche Gaukelei?“ „Man hat andere hochtrabende Namen dafür: Schöpfung, Welt, Himmel, Seligkeit, was wiſſen wir davon! Wir kenneu nichts als dieſen dunklen, kleinen Bal⸗ len, der hin und her geworfen wird, um zuletzt in Splitter zu fliegen, und darauf kriecht und krabbelt ein Wirr⸗ warr von Weſen umher, die wie Eintagsfliegen kom⸗ men und verſchwinden, um anderen Platz zu machen, denen es nicht beſſer geht.“ „Und das iſt die einzige Gewißheit, welche Sie bis jetzt in Ihrem Leben gewonnen haben?“ „Mein Leben, liebe Emma, iſt nicht beſſer, als jedes andere Leben. Was helfen alle Illuſionen? ſie fallen ab, wie taube Nüſſe. Es gibt nur eine Ge⸗ wißheit: das Ende, das Nichts, Täntchen, der Un⸗ tergang in das große Reich der Ruhe, und das iſt die Ironie der ſeltſamen Myſtification, daß es zuletzt auch nicht Einen nicht Geprellten gibt. Alle, Tänt⸗ chen, Alle! Darin liegt die Verſöhnung, Glück, Un⸗ gluͤck, Elend, Hoheit, Schande, Tugend und Ver⸗ brechen, Alles ſtürzt in dieſelbe große Grube, und 128 darüber tanzen, lachen und weinen, die oben ſtehen, bis ſie unten liegen, der Stanb beim Staube. Das iſt die Ewigkeit.“ „Und was ſchließen Sie daraus?“ fragte Fräu⸗ lein Emma. „Daß es einerlei iſt, ob man lacht oder weint, betrogen wird oder betrügt, glaubt oder zweifelt, ein Weiſer oder ein Narr iſt.“ „Das iſt Ihre Meinung nicht,“ ſagte Emma; „ein Mann wie Sie, der nach allem Guten ſtrebt, kann nicht meinen, gut und ſchlecht ſei dasſelbe.“ „Was meinen die Menſchen ſo, was heißt gut, was heißt ſchlecht?“ rief er lachend.„Niemand wird ſagen: was ich will, iſt gemein oder niederträchtig; Jeder hat ſeinen Maßſtab, und Jeder hat Recht. Selbſtſucht, Täntchen, Ehrgeiz, Lebensklugheit, Le⸗ bensgenuß, das nennen ſie ſtreben, das giebt ihnen den leitenden Faden in dieſem Labyrinth, ein würdi⸗ ges Lebensziel und Ende. „Können Sie das von Allen ſagen?“ antwor⸗ tete Emma, indem ſie ihren Kopf ſtolz aufhob und ihn hell anſchaute.„Nein, Herr von Trifels, das werden Sie nicht. Wenn es wahr wäre, wenn es nichts auf dieſer Erde gäbe, als Betrüger und Geprellte, wenn Alles falſch und nichtig wäre, was recht und 129 gut, edel und ſchön heißt, und nichts übrig bliebe, als Selbſtſucht und Habgier oder Genuß, dann frei⸗ lich hätten Sie Recht; allein ſo iſt es nicht beſtellt mit uns, ſolch furchtbares Loos iſt uns nicht zuge⸗ fallen.“ „Wo haben Sie den Glauben her?“ fiel er ſpottend ein. „Hier ſitzt er,“ erwiederte ſie, indem ſie die Hand auf ihr Herz legte,„und wie ich Sie betrachte, fließt er mir ſtärkend zu.— Wo iſt ein verſöhnendes Lebensziel? fragen Sie. Wo iſt Gott?— In mir iſt er mit ſeiner Allmacht und giebt mir Troſt und Ruhe, wenn ich tapfer für ſein Reich kämpfe. Und wo iſt ſein Reich? Sein Reich iſt überall, wo es Leid und Kum⸗ mer giebt und muthige Herzen, die nicht verzagen. Iſt das kein Lohn für das arme Leben, wenn man es ſo gelebt hat, daß man ſtolz ſeine Stirn aufheben und ſagen darf: ſei, wo Du ſeiſt, Du Weltenſchöpfer, ich fürchte mich nicht, ich ſtand feſt bei Deiner Fahne! 2 Und iſt das kein irdiſches Glück, von allen guten Menſchen geliebt zu werden, die Redlichen und Ge⸗ drückten geſchirmt zu haben, den Schlechten gezeigt zu haben, daß man ihrer Herr und Meiſter wird?“ „Daran,“ lachte Eduard von Trifels,„haben ſechstauſend Jahre vergebens gearbeitet.“ 1856. XVI. Neues Leben. III. 9 „Vergebens, ſagen Sie? Das iſt falſch. Ver⸗ gebens geſchieht nichts Gutes. O, wie können Sie ſpotten, wie können Sie glaubenslos ſein. Sie, der ſo vieles Gute zu thun vermag, dem ein reiches Leben gehört und ein Weſen, ſo voll Liebe und inniger Güte, ein Herz, das niemals zweifeln, niemals wan⸗ ken wird.“ „Ich danke Ihnen, theure Emma, ich danke Ihnen für dieſen großen Troſt,“ erwiederte Trifels, und ein krampfhaftes Zucken lief über ſein Geſicht. Kaum mehr im Stande, die furchtbare Zerrüttung ſeiner Gefühle zu verbergen, lehnte er ſich auf einen Stuhl und fuhr mit gewaltſamer Ueberwindung fort: „Was Göttliches, Ewiges in uns iſt, muß die Liebe beweiſen. Liebe! der rothe Faden, der durch dieſe Nacht läuft, die rettende Hand über dieſem ſchwarzen Strom! und was iſt ſie— der elendeſte Betrug unter den zahlloſen Betrügereien, die Krone aller Narrheit, die uns Seligkeit giebt!— Was ſehen Sie mich an, als ſagte ich eine Gottesläſterung? Sie ſind fromm, Emma, Sie glauben doch an den Heiland. Denken Sie an ihn, er war ein großer Menſchenkenner, er glaubte nicht an ihre Treue, nicht an ihre Schwüre. Ehe der Hahn dreimal kräht, wirſt Du mich verrathen, rief er dem zu, der ihm 131 Treue gelobte und ehe dieſe Stunde abläuft, werden Sie erfahren, was heut zu Tage noch die Silber⸗ linge thun.— Da liegt das Bild, nehmen Sie es fort; wenn ich es ſehe, könnte ich glauben, es ſei doch etwas Wahres an meinen Träumen.“ Emma nahm das Etui und entfernte ſich da⸗ mit, ohne eine Erwiederung. Die rothe, friſche Farbe war aus ihrem Geſichte verſchwunden, die bängſten Ahnungen beſtürmten ſie; allein bei aller Betrübniß verlor ſie doch ihr beſonnenes Ueberlegen nicht.— Als ſie den Saal erreicht hatte, ſtand ſie an dem Altar ſtill, der in der Mitte einen Tempel von Blumen und friſchen Blüthen bildete. Die Vorhänge der Fenſter waren niedergelaſſen, Wandleuchter und Kronenleuchter brannten, der prachtvolle Teppich, den Hedwig's Freundinnen geſtickt hatten und auf welchem das Paar getraut werden ſollte, lag aufgerollt, Alles war bereit.—„O, wenn es möglich wäre,“ ſagte ſie nachſinnend,„wenn ich das Alles hier umſonſt gethan und geordnet hätte, es wäre zum Gotter⸗ barmen! Ich denke, ich weiß ein Mittel, das ihr Werk zu Schanden machen ſoll, und da iſt es ſchon!— Wie der Herr einſt einen Widder ſandte, als ein Vater ſein Kind opfern wollte, ſo ſendet er Dich, um Dich ſelbſt vor der Opſerung zu bewahren.“ 9* 132 Sie wandte ſich mit dieſen Worten zu Hedwig um, die, von Glück und Schönheit ſtrahlend, eben hereintrat. Der Myrtenkranz auf ihrem Haupte, der flatternde Schleier, daran befeſtigt, das wogende Kantenkleid, das dem Zuge ihres ſchwebenden Ganges folgte, die Kette von großen blitzenden Steinen und die blitzenden Armringe, Alles trug dazu bei, ihrer Erſcheinung den höchſten Reiz der Anmuth zu geben. Das roſige Geſichtchen mit tiefblauen Augen lächelte wie eine junge Königin im Gefühle ihrer Hoheit und der Bewunderung gewiß, aber ſie ließ ihre auf⸗ gehobenen Arme ſinken, als ſie, ſtatt den Ruf der Freude und den Segenswunſch ihrer Freundin, deren Worte hörte und ihren Ernſt bemerkte. „Was giebt es denn?“ fragte ſie, und von ihrem Herzen geleitet, fügte ſie hinzu.„Wo iſt Eduard? Was iſt mit ihm?“ „Dort iſt er,“ ſagte Emma.„Eile zu ihm, er iſt krank zum Sterben. Doch halt, einen Augenblick, Du mußt wiſſen, was helfen kann.“ Sie zog die Braut in die Blumenlaube, hielt ſie in ihren Armen und flüſterte ihr leiſe haſtig, was ſie geſehen und erfahren, ins Ohr. Es dauerte einige Minuten, dann ſtieß Hedwig einen Schrei aus.— 133 „Laß mich fort,“ rief ſie,„ich weiß genug! Laß mich zu ihm, wenn ich nicht ohnmächtig niederfallen ſoll!“ Sie machte ſich frei und eilte auf eine Tapeten⸗ thür zu, die in ein Nebengemach und von dort in das Fremdenzimmer führte, wo Trifels ſich befand. Fräulein Emma folgte ihr langſam nach, blieb einen Augenblick horchend ſtehen und drückte dann die Thür wieder zu. Als ſie ſich umwandte, war ihr derbes Geſicht voll heller Freude, ihre Augen blitzten wie zwei Sterne.—„So,“ ſagte ſie,„jetzt bin ich fertig! Das Uebrige wird ſich finden, meine Herren! Nun raſch in meinen Hochzeitsſtaat! Herrn Niedlich's Strauß mit der Roſaſchleife wird ganz allerliebſt dazu paſſen.“ Hedwig hatte das Nebenzimmer durcheilt, mit einem raſchen Drucke öffnete ſie die zweite Thür, und ohne ſich aufzuhalten, flog ſie auf Trifels zu, der ſie groß und ſtarr anblickte, als kenne er ſie nicht. Er ſtand noch immer auf den Stuhl geſtützt, ſeine linke Hand lag auf dem Ringe des Glockenzuges; blaß und erſchöpft, ſchien er in einer geiſtigen Be⸗ täubung zu ſein. „Da bin ich, Eduard!“ rief die Braut, und vor dem Tone ihrer Stimme zuſammenſchreckend, 134 richtete er ſich auf und ſagte gewaltſam:„Biſt Du da? Du biſt ſchön geſchmückt.“ „Reiß' Schleier und Krone ab,“ antwortete ſie mit flammenden Blicken,„was ſollen ſie mir noch, wenn Dein Herz mir nicht mehr gehört! Wer hat ſich zwiſchen uns geſtellt, Eduard, wer hat Dir ge⸗ ſagt, daß ich mich verkaufe? Gieb ihnen Alles, was Du haſt— was that ich Dir, um ſo gering von mir zu denken!? Sieh mich an, Eduard, ich weiß Alles, ja ich weiß Alles.— Sie haben Deinen edlen Sinn verdüſtert. Was kümmert es mich, wie Dein Vater ſtarb, Dein Bruder endete! Du ſollſt nicht enden wie ſie, geliebter Mann! Meine Liebe, meine heiße, ewige Liebe wird Dich halten.“ „O Hedwig,“ murmelte er, auf ihre Stirn ge⸗ beugt, tiefathmend,„wir wollen, ja wir wollen!— Es iſt Zeit, wir wollen gehen, unterſchreiben.“ „Du ſollſt nicht gehen!“ ſiel ſie ein,„ſollſt nicht unterſchreiben! O, mein Gott, höre Du mich in meiner Herzensnoth!— lebe für mich, Eduard. Einſt haſt Du mir gelobt, Alles zu thun, was ich von Dir fordere. Nun denn, ich fordere, daß Du an mich glaubſt! Kannſt Du das nicht, ſo ſprich es aus! hier ſtehe ich, ſprich es aus, dann geh. Ich will 135 dann ſagen: mein iſt die Schuld! Du ſollſt frei ſein, ich halte Dich nicht— Sei frei!“ Sie legte die Hand auf ihre Bruſt, ihre Augen hefteten ſich traurig, aber ohne Thränen auf ihn, ihr Kopf richtete ſich auf. So ſtanden ſie Beide eine kurze Zeit, dann begegneten ſich ihre Blicke, und wie ein Strom neuen Lebens drang die göttliche Gewalt der Liebe in ſein Herz. Auf ſein Knie ſinkend, ergriff er ihre Hand, bedeckte ſie mit ſeinen Küſſen, und mit einer Stimme, wie ſie dieſe nie gehört, rief er: „Ich glaube an Dich, ich liebe Dich; Allmacht der Liebe, ſchütze uns!“ Hedwig lag ſelig weinend in ſeinen Armen.„Laß uns fort, mein Geliebter,“ flüſterte ſie ihm zu; „führe mich in Dein Haus, nicht in die weite Welt. Laß uns einſam wohnen, glücklich durch uns, froh durch uns. Ich will in Treue überall bei Dir ſein, Dein Leben, Deine Sorgen theilen. O! das gute Tantchen hat Recht, wir müſſen Sorgen haben, wir müſſen arbeiten, um uns zu freuen!“ In dem Augenblicke klopfte es an der Thür, Herr von Landau ſagte draußen:„Mein lieber Tri⸗ fels, halten Sie Sich bereit. Die Brau tjungfern ſuchen Hedwig, die ihnen abhanden gekommen iſt. Haben Sie mir noch was zu ſagen?“ 136 „Nein,“ erwiederte Trifels, und indem er die Thür öffnete, fügte er hinzu:„Treten Sie ein, theurer Papa, Hedwig iſt bei mir.“ 4„Wo iſt ſie denn?“ riefen zu gleicher Zeit mehrere Stimmen in der Nähe. Eduard reichte Hedwig den Arm und führte ſie den Zeugen und Gäſten entgegen der glänzenden Verſammlung, welche den Saal füllte. Der Präſident folgte überaus erſtaunt und bemüht, Alles, was in ihm vorging, mit ſeinem Lächeln und ſeinen glatten Worten zu bedecken. Man bemerkte leicht, daß die Braut geweint hatte und ſehr bewegt war; auch der Bräutigam ſchien aufgeregt; aber wie konnte es anders ſein? Die Thränen, welche hier vergoſſen wurden, waren nur Zeichen des ſeligen Glücks, das aus Beider Augen leuchtete.— Der Zug ordnete ſich inzwiſchen zu beiden Seiten des Altars. Der Prediger im Ornate trat herein, die Begrüßungen fanden Statt. Während deſſen ſtand auf der einen Seite im Hintergrunde Herr von Wolters, ſardoniſch lächelnd, wie immer, und nach dem Seitentiſche blickend, hinter welchem ein ſchwarzgekleideter Herr, der Notar, ſich mit Papieren beſchäftigte; auf der anderen Seite hatte ſich Herr Niedlich auf die Zehen geſtellt und ſah, über alle Köpfe fort, mit ſeinem 137 lieblichſten Grinſen nach Fräulein Emma, welche ſo eben eintrat und ihm ganz allerliebſt vorkam.„Es iſt merkwürdig, wie ſie ausſieht!“ flüſterte er vor ſich hin;„wie ein beſcheidenes weißes Mondtäubchen mit buntem Kropf und roſigen Flügelſtreifen!“ Ent⸗ zückt über dieſen Vergleich, grinſ'te Herr Niedlich dann mit noch größerem Selbſtbewußtſein und be⸗ trachtete ſtolz ſeinen Blumenſtrauß und die Roſaſchleife, den einzigen Putz, welchen ſeine Angebetete trug. „So mag denn der feierliche Act beginnen,“ ſagte der Präſident.„Wir laſſen die Unterzeichnung der Ehepacten vorangehen, wie wir übereingekommen ſind. Es iſt Ihnen doch genehm, lieber Eduard?“ „Gern und freudig will ich unterzeichnen,“ ant⸗ wortete Trifels laut. Herr von Landau ſah neben Trifels hin auf Wolters, der noch ſchärfer lächelte, noch boshafter, und deſſen Brillengläſer dem Präſidenten ſo blendend entgegenfunkelten, daß er ſogleich ſich abwandte. Der Notar las und ſonderbar war es, daß Herr von Landau immer noch meinte, es werde und müſſe etwas geſchehen, irgend ein Zwiſchenfall ein⸗ treten, ein Bedenken, ein Einwand. Heimlich zitternd vermuthete er eine Hinterliſt. Er konnte es nicht glauben, daß Wolters, dem er die größte Klugheit 138 zutraute, und daß er ſelbſt ſich gänzlich getäuſcht haben ſollte. Alle ſeine Fibern ſpannten ſich an, als er Trifels die Feder ergreifen ſah; ſein Herz ſtand ſtill, als er bemerkte, daß das Geſicht des Freiherrn ernſt wurde, als ob er über etwas nachzudenken ſchiene; und als Eduard ſeine Augen auf die Schrift heftete und dann den Kopf nach ihm umwandte, raffte er allen Muth zuſammen. Aber es war nur ein Moment, denn plötzlich kehrte die Freundlichkeit des Bräutigams zurück, der mit innigem Ausdruck von Wahrheit zu ihm ſagte:„Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, daß Sie mir Gelegenheit gaben, zur Sicherung meiner theuren Hedwig beitragen zu können, wenn etwa meine irdiſche Laufbahn von kurzer Dauer ſein ſollte. Ich gehöre zu einer Familie, die leider viele traurige Erfahrungen gemacht hat, wie bald es um uns gethan iſt; allein in dieſer feier⸗ lichen Stunde ſchwöre ich, ein thätiges und nütz⸗ liches Leben zu leben, ſo lange es Gott geſchehen läßt, und meine geliebte Hedwig nie zu betrüben.“— Darauf beugte er ſich nieder, unterſchrieb, gab Hed⸗ wig die Feder, und Beide hielten ſich umarmt, wäh⸗ rend die Zeugen ihre Namen darunter ſetzten, bis Alles geſchehen war. 8 Nun folgte der Act der Einſegnung in feierlicher 139 Stille, welche nur durch das laute Ja des Bräutigams und der Braut unterbrochen wurde, und deſſen Ende dann alle die Glückwünſche, Thränen. Küſſe und Liebesworte folgten, welche nothwendig folgen müſſen. Hedwig hing in ihres Vaters Armen, der ungemein bewegt und ergriffen ſchien; die meiſten Anweſenden waren von dem bangen Gefuͤhle der nahen Trennung beherrſcht, Andere dachten darüber nach, daß die Aeußerungen des Bräutigams beim Unterſchreiben doch ſehr ſeltſam geweſen ſeien, und ihre Gedanken erhielten neue Nahrung, als Hedwig Emma um den Hals fiel und mit Küſſen und Liebkoſungen ſie faſt erſtickte.„O Täntchen!“ rief ſie dabei,„Du gutes, Du geliebtes Täntchen, Dir danke ich Alles! Du biſt der Schutzgeiſt, der uns ſchirmte!“ Fräulein Emma ging mit ihr fort den Saal hinab und durch die Nebenzimmerz während deſſen flüſterte ein Diener dem Bräutigam zu, daß die Pferde be⸗ reit ſtänden und daß jemand ihn zu ſprechen wünſchte, der dringend darum bäte. Nach einigen weiteren Fragen erfüllte Trifels dieſes Verlangen und fand in dem Corridor Rein⸗ hold wartend, der kein hochzeitliches Geſicht machte, ſondern ſo betrübt ausſah, als habe er etwas ſehr Trauriges zu berichten. Ohne eine Frage ſeines 140 vornehmen und glücklichen Freundes abzuwarten, trat er dieſem entgegen, ſobald er ihn kommen ſah, und redete ihn an.„Vergeben Sie meine Zudring⸗ lichkeit,“ ſagte er,„ich würde nicht hier ſein, aber ich habe es verſprechen müſſen— einem— einem— der zum letzten Male Sie um etwas bittet.“ „Wer, Reinhold? Woher kommen Sie?“ fragte der Freiherr. „Von einem, der die Erde verlaſſen will,“ ant⸗ wortete der Arbeiter leiſe.„Von Herzberg.“ „Was iſt mit ihm?“ „Er hat einen Blutſturz gehabt, der Doctor meint, es ſei ein Gefäß geſprungen.— Es war wohl Vieles wirr in ihm,“ fuhr er mit leiſer, zit⸗ ternder Stimme fort, aber hier— hier“— er legte die Hand auf ſeine Bruſt—„hier war es doch klar.“ „Armer Herzberg!“ rief Trifels voll Theil⸗ nahme—„Was kann ich für ihn thun?“ „Wenn es ſein kann,“ ſagte Reinhold—„es iſt ein Sterbender, lieber Herr, ich muß ausrichten, was er mir geboten hat— wenn es alſo ſein kann, möchte er noch einmal Ihre Hand drücken. Ich glaub's wohl, er hat etwas auf ſeinem Herzen, das ihn quält, doch iſt er ganz vernünftig, ganz ruhig; ich möchte ſagen, er ſieht ſelig aus.“ 141 „Ich will kommen, ich will!“ erwiederte Trifels. „Es iſt aber noch etwas,“ flüſterte Reinhold demuͤthig,„ich wag's kaum auszuſprechen, muß es aber doch thun.— Sie wiſſen wohl— es hatte ſich ein thöricht Denken in ihm feſtgeſetzt, das konnte er nicht los werden, nun iſt es überwunden. Wenn es das Fräulein— die gnädige Frau— nicht ver⸗ ſchmähte, an ſein Lager zu treten und zu ſprechen: Ich habe Alles vergeben! Ich glaube, es würde ihm das Ende leicht machen.“ „Sie wird es thun, Reinhold, Hedwig wird mich begleiten.“ 3 „So dank' es Ihnen Gott!“ ſagte der Arbeiter. „Ich dachte es wohl, Sie würden es nicht abſchlagen.“ Nach einigen Minuten kehrte Trifels in den Saal zuruͤck, ſuchte Hedwig auf, die unter ihren Freundinnen ſtand, und nachdem er kurze Zeit heimlich mit ihr geſprochen, wandten ſie ſich Beide zu der Verſammlung.—„Wir müſſen ſcheiden!“ ſagte der junge Mann,„der Augenblick iſt da, und raſch ſoll es gethan ſein bei jedem Abſchied.. „Aber Sie werden doch nicht im Hochzeitsſtaate fort wollen!“ rief der Präſtdent lachend.„Soll Hed⸗ wig mit dem brüſſeler Kantenkleide bis Paris fahren?“ „Ich hülle ſie warm ein, theurer Papa, und auf der erſten Station werden wir Zeit haben zum Umkleiden. Im Uebrigen geht unſere Reiſe nicht nach Paris, ſondern da Hedwig es ſo wünſcht und will, zunächſt in das ſtille, alte Haus meiner Väter. Wir reiſen auf mein Gut, beſter Papa. Morgen in der Frühe werden wir dort anlangen, und ſchon in we⸗ nigen Wochen, vielleicht ſchon in Tagen, machen wir Ihnen einen Beſuch. Ich führe Hedwig in Ihre Arme zurück. Damit ſind Sie doch zufrieden?“ „Wie? wie?“ rief Herr Landau aufs Aeußerſte überraſcht.—„Zufrieden? Unendlich glücklich machen Sie mich!“„fügte er hinzu;„aber“— er ſah ver⸗ wirrt umher und faßte an ſeinen Kopf—„ich glaube beinahe, ich träume, Alles iſt falſch!“ Allein er träumte nicht. Hedwig warf ſich noch einmal in ſeine Arme, er ſah, wie Trifels ſie in den Mantel hüllte, er hörte den ganzen Lärm des Abſchiedes. Seine Ohren ſauſ'ten, ſein Blut drängte ſich im Gehirn zuſammen, Alles was geſchah, kam ihm vor, als vernehme und ſehe er es aus weiter Ferne, und als ſie endlich hinaus waren, als er den Wagen rollen hörte, eilte er mit wankenden Füßen an das Fenſter, riß es auf, blickte noch ein⸗ mal in das Geſicht ſeines Kindes und ſank dann in den nächſten Stuhl, ſo bleich und erſchöpft, daß 143 viele Helfende und Tröſtende, Weinende und Be⸗ dauernde mit Waſſer, Eſſenzen, Tropfen und Brauſe⸗ pulvern ihn umringten und anſielen. Man wollte einen Arzt rufen, allein das ver⸗ bat ſich der Präſtdent.„Es iſt nichts,“ ſagte er, „es geht vorüber. Die heftige Aufregung hat mich angegriffen. Bleiben Sie alle, bleiben Sie.“ Natürlich aber blieb Keiner; eine Viertelſtunde darauf war das Haus leer. Herr von Wolters und Herr Niedlich unterſtützten den Präſidenten, als er nach ſeinem Zimmer ging, wo er einen Löffel voll Cremor⸗Tartari verſchluckte und mit finſteren Mienen, die Arme über die Bruſt gekreuzt, ſchweigend zuhörte, was ſeine beiden Geſellſchafter ſprachen. „Es iſt merkwuͤrdig,“ ſagte Herr Niedlich,„wie eine Sache oft eine ganz unerwartete Wendung nehmen kann! Es iſt wie mit einem Geſchäft. Alles wird aufs Beſte calculirt, nichts verſäumt, nichts außer Acht gelaſſen, plötzlich kommt eine unangenehme Conjunctur, und es hilft Alles nichts, alle Vorſicht nichts, es ſchlägt um.“ „Nehmen Sie Sich in Acht, Herr Niedlich, daß Ihr Geſchäft nicht auch umſchlägt,“ antwortete der Regierungsrath mit ſeinem boshaften Aufblicken. „Ich? Wie ſo?“ antwortete Herr Niedlich. 144 „Mein kleines Geſchäft, oh! das ſteht auf feſten Füßen,“ fügte er, pfiffig ſeinen Mund ſpitzend, hinzu. „Ich habe den beſten Grund zu glauben,“ ſagte Wolters,„daß wir den größten Dank für den er⸗ freulichen Ausgang dieſes Tages Fräulein Emma ſchuldig ſind. Es taugt ſelten, wenn ſich unberufene Dritte in Geſchäfte miſchen oder Familien⸗Angelegen⸗ heiten durchkreuzen; in dieſem Falle aber haben wir wirklich von Glück zu ſagen. Mein armer Vetter war voller Anfechtungen und banger Sorgen, er wünſchte dieſe mit dem Herrn Präſidenten zu be⸗ rathen; das wurdige Wirthſchafts⸗Fräulein kam ihm jedoch zuvor und ſchaffte endlich, wie ich gar nicht zweifle, zuletzt die holde Braut ſelbſt zur Stelle. Haben Sie gehört, Herr Niedlich, wie ſie dafür belohnt wurde? wie meine theure Couſine ſie am Altare umarmte und mit unendlicher Zärtlichkeit ſagte: Du biſt unſere Heilige, unſer Schutzgeiſt, Du haſt uns errettet!“ „Wahrhaftig!“ rief Herr Niedlich ſtolz,„das habe ich gehört.“ „Alſo glauben Sie,“ fragte der Präſident, ſich auf⸗ richtend,„daß Emma dies wirklich gethan hat?“ „Am beſten, Sie fragen ſie ſelbſt„“ erwiederte Wolters,„denn ich höre ſie an der Thür.“ Und in — 145 der That trat Fräulein Emma mit einer Flaſche herein. „Ich habe hier einen kühlenden Trank,“ be⸗ gann ſtie freundlich,„das Beſte aus meiner Haus⸗ Apotheke. Himbeer⸗Eſſig, lieber Herr Präſident, ein ganz vortreffliches, kühlendes Mittel. Erlauben Sie, daß ich Ihnen ein Glas bereite.“ „Ich habe Eſſig genug heute ſchon bekommen!“ erwiederte der alte Herr.„Antworten Sie mir. Waren Sie bei— bei meinem Schwiegerſohne kurze Zeit vor der Trauung? Ich will die Wahrheit wiſſen.“ „Die Wahrheit? Ich lüge niemals. Ja, Herr Praͤſident, ich war dort.“ „Was hatten Sie bei ihm zu ſchaffen?“ „Ich hatte mit Herrn von Trifels eine Unter⸗ redung.“ „Eine Unterredung, die ganz überflüſſig war!“ „Das war ſie nicht. Herr von Trifels befand ſich in größter Aufregung. Es ſchien mir, als bildete er ſich ein, Hedwig's Liebe zu ihm ſei Schein und Blendwerk, es handle ſich zumeiſt bei ihr darum, ihn bald zu beerben und ihn dahin zu bringen, daß ſie dies könne.“ „Wer hat Ihnen das in den Kopf geſetzt?“ rief Herr von Landau heftig, indem er aufſtand. 1856. XVI. Neues Leben. III. 10 146 „Das hat mir Niemand in den Kopf geſetzt, ich ſah es klar genug. Wer es dem Herrn von Trifels in den Kopf ſetzte, der mag es verantworten. Gewiß iſt, daß es nicht gelang, und dazu habe ich allerdings geholfen“. „Sie ſchickten Hedwig zu ihm,“ murmelte der Präſident. „Es war das einzige Mittel, ihn zu heilen. Ich ſagte ihr Alles, was ich dachte und wußte, und als ſie bei ihm war, zog der böſe Feind ab.“ „Wer heißt Sie, Sich unberufen in meine Fa⸗ milien⸗Angelegenheiten zu miſchen?!“ rief Herr von Landau mit dem Fuß aufſtampfend. „Ich glaube Ihren Dank verdient zu haben,“ antwortete Fräulein Emma unerſchrocken.„Hedwig's ganzes Glück ſtand auf dem Spiel.“ „Dummes Zeug!“ fuhr der Präſident fort; „Sie haben Ihre Einbildungen, Ihre Horchereien der jungen Frau auf den Weg gegeben.“ „Ich habe wirklich einmal gehorcht,“ ſagte Emma,„und zwar hier ganz zufällig, geſtern, als Herr von Wolters bei Ihnen war.“ „Und das ſagen Sie mir ins Geſicht?!“ ſchrie der alte Herr aufgebracht.„Entfernen Sie Sich, gehen 147 Sie— überhaupt, ſuchen Sie Sich einen anderen Platz, ich will mein Haus frei machen.“ „Von mir,“ erwiederte ſie ſanftmüthig.„Das iſt hart, Herr Präſident; doch ich danke Ihnen für manche Güte und manche frohe Stunde. Ihr Wille ſoll geſchehen.“ Sie ging, wandte ſich aber nochmals um und ſagte:„Wollen Sie mich begleiten, Herr Niedlich?“ „Ich?“ rief Herr Niedlich,„oh, bitte!“— Er legte die langen Finger an ſein ſpitzes Kinn, zog die Stirn zuſammen und lächelte füß.„Zu meinem auf⸗ richtigſten Bedauern,“ fuhr er fort, indem er ſich verbeugte,„habe ich durchaus keine Zeit, Fräulein Emma, ſo gern ich unter veränderten Umſtänden Ihnen immer zu Dienſten geweſen ſein möchte.“ „Ich danke Ihnen, lieber Herr Niedlich, Sie erſparen uns Beiden eine Mühe,“ erwiederte Fräulein Emma, und mit freudigem Geſichte ging ſie hinaus. Als ſie den Saal erreichte, wo noch immer der Altar ſtand, waren die Kerzen ausgelöſcht, der große Raum öde und finſter. Ihre Hände gefaltet, ſtand ſie vor der Blumenlaube, einige Minuten lang und ihre Augen wurden immer heller, ihre Blicke immer mu⸗ thiger und beſeelter, bis ſie endlich mit lauter Stimme ſagte:„Gethan iſt gethan— Gott ſei gelobt; Es 10 148 iſt eine Freude in mir, die ich mit nichts vertauſchen möchte. Mag es kommen, wie es kommt, und bin ich auch einſam in der Welt, will keiner mich haben, ſo habe ich doch ein Herz, das nimmer verzagen wird.“ „Wer iſt da?“ fragte ſie, ſich unterbrechend, denn es kam ihr vor, als ſtehe an der anderen Seite des Altars eine dunkle Geſtalt. „Ich,“ erwiederte eine ſanfte Stimme. „Wer, ich?“ fragte ſie, obwohl ſie die Stimme erkannt hatte; gleich aber fügte Sie hinzu:„Sie, Herr Stark? Was thun Sie hier 2“ „Ich wollte zu dem armen Herzberg gehen,“ erwiederte er,„kam noch einmal hier heran, um nach⸗ zufragen, ob Herr von Trifels fort ſei, und dann wollte ich Sie eben deswegen ſprechen, Fräulein, wollte Ihnen Nachricht davon geben, weil Sie ſo gut ſind, und die Leute ließen mich hier warten, in⸗ dem Sie bei dem Herrn Präſidenten waren.“ Reinhold ſprach abgebrochen, es ſchien ihm Mühe zu machen. Da Emma von dem traurigen Vorfall aber nichts wußte, ſo erzählte er ihr endlich Alles, was ſie mit inniger Theilnahme hörte.—„Wenn Herr von Trifels es verſprochen hat,“ ſagte ſie, „ſo iſt er auch gewiß dort; aber er muß bald wieder fort, und die alte Mutter iſt allein mit ihrem 149 unglücklichen Kinde. Ich will Sie begleiten, lieber Herr Stark. Wo man Leid nicht än dern kann, kann man es doch mildern. Wir wollen Beide tröſten und helfen, ſo weit dies in unſerer Macht iſt.“ „Wie gut Sie ſind, wie lieb und gut;“ ſagte der Arbeiter leiſe.„Aber wird es auch gehen, werden Sie den weiten Weg machen können?“ „Ich werde bald wohl weitere Wege zu machen haben,“ erwiederte ſie.„Ich werde das Haus hier ganz verlaſſen.“ „Verlaſſen?“ fragte er erſchrocken.„Und wohin— darf man fragen— wohin Sie von hier aus wollen?“ „Ich weiß es ſelbſt nicht,“ erwiederte ſie.„Sie haben es ja gehört, Herr Stark, denn Sie ſtanden bei mir, ohne daß ich es wußte. Ich bin einſam und allein in der Welt, weiß nicht, wohin ich mein Haupt legen ſoll.“) „O— oh!“ ſagte er, durch die Dunkelheit ſeine Hände ausſtreckend, ſeine rauhen, harten Hände, welche ihre Hände ſuchten und fanden,„das darf nicht ſein, nein, das darf nicht ſein! Es giebt einen Ort— einen Ort— wenn Sie den wollten— ich wollte ihn ſchützen mit aller Kraft.“ „Welchen Ort?“ „Meine Bruſt!“ ſprach er tief und ſtark, und wie er ihre Arme um ſeinen Nacken fühlte, wie ihr Kopf an der geheiligten Freiſtätte ruhte, welche er ihr bot, wollte ihm das Herz zerſpringen. „Ich will, Reinhold, ich will!“ ſagte Emma, und ihre Lippen begegneten ſich. Neues, nie ge⸗ kanntes Leben rann durch ſeine Adern, ſeine Augen leuchteten voll kühnen Muthes, er preßte ſie ſtolz und heftig an ſich. Siebentes Capitel. Der Präſident war mit Wolters allein geblieben, denn Herr Niedlich hatte es für Zeit gehalten, ſich unterthänigſt zu empfehlen. Eine ſchwer zu beſchreibende Zerrüttung ſeiner Gedanken und Empfindungen trieb den alten Herrn auf und ab, während ſein Gefährte, kaltblütig wie immer, in den weichen Polſtern ſaß und ſich damit beluſtigte, Alles zuzugeben und aus⸗ zumalen, was an angſtvollen Zweifeln und halb un⸗ terdrückten Vorwürfen über die Lippen des Herrn von Landau floß. Heimlich aber war er voller Ver⸗ achtung gegen dieſes Gewinſel und voller Luſt, ſich davon zu befreien und ſich möglichſt vortheilhaft aus dem mißrathenen Geſchäft zu ziehen, wie er heimlich lachend, mit Bezug auf Herrn Niedlich, ſagte, der es auch ſo gemacht hatte. Eine Zeit lang überlegte er, was beſſer ſei, ob er die verliebte Narrheit des alten Burſchen noch weiter anreize, oder ob er ihm dieſe in ihrer ganzen Nacktheit vorhalte. Eine rach⸗ ſüchtige Erwärmung lief über ſeine Haut, wenn er ſich vorſtellte, welch Spectakelſtück ausgefuͤhrt werde, wenn die Blechſchmieds⸗Tochter, zur Frau Präſidentin umgeformt, unwiderruflich zur öffentlichen Ankündigung komme. Daneben aber ſiel es ihm doch wieder ein, daß, wenn er auch im reichſten Maße allen Bethei⸗ ligten den Aerger und Kummer gönnte, welcher ihnen daraus erwuchs, ihm ſelbſt doch eigentlich kein reeller Vortheil erblühen würde. Er war von dem ſchlauen Mädchen ſchnöde abgeführt worden, als er den un⸗ verſchämten Verſuch machte, ihr zu zeigen, was er beabſichtigte, und er traute ihr zu, daß ſie künftig noch kräftiger beweiſen werde, wie tugendvoll ihre Liebe zu dem würdigen Manne ſei, der ihr Namen, Rang und Tand aller Art verſchaffte. Auch war ſie ganz dazu geeignet, ihn am Seile feſtzuhalten, ſo lange er lebte, ihn ſo zu umſpinnen, daß er wirklich ſich einbildete, er ſei ſehr glücklich; und zuletzt ſöhnten ſich die Anderen wohl gar mit dem Unvermeidlichen aus, es kam zu einer allgemeinen Verſtändigung, wenigſtens zu einem äußeren Vernehmen und zu Aufklärungen, die nicht ermangeln würden, ihm die 153 ganze Sündenlaſt aufzupacken. Hinderte er dagegen jetzt dieſe Heirath, ſo mußte ihm ein Verdienſt zuge⸗ ſchrieben werden, das von allen Seiten Vortheile bot, und er zweifelte durchaus nicht daran, daß in kurzer Zeit der Präſident ſelbſt ſowohl wie ſein Vetter und die ganze Familie ihm dankbar ſein würden. Was vorgefallen war, darüber mußte Herr von Lan⸗ dau gewiß ſchweigen, und wenn er jetzt großmüthig die Zuſicherung einer beträchtlichen Rente zurückge⸗ wieſen hatte, ſo war das Document nicht vernichtet, Trifels hatte es in der Mappe, und bei einer zwei⸗ ten Gelegenheit wanderte es jedenfalls in ſeine Taſche. Ueberhaupt, wie jetzt die Sachen lagen, ſchien es die dümmſte Albernheit, alle Brücken abzubrechen, welche zur Verſöhnung mit ſeinem Verwandten führte, und wo hätte ſich ein beſſeres Mittel gefunden, ſich ihm wieder zu nähern, als er es in der Hand zu haben glaubte?— Es war keine Frage, daß Herr von Landau im größten Selbſtzerwürfniß, völlig unſelbſt⸗ ſtändig, nicht wußte, was er beginnen ſollte. Er bereute, er wurde von Vorſtellungen gequält; es be⸗ durfte nicht viel, ihn dahin oder dorthin zu ſtoßen; eine entſchloſſene Hand konnte ihn zu jedem Sprunge bringen. Hätte Wolters ihm aus einander geſetzt, daß jetzt nichts übrig bleibe, als ſein Wort zu halten, 154 und ihm die treue, wartende, ihm Alles opfernde Geliebte im ſchönſten Lichte gezeigt, wie er es öfter gethan, ſo würde er mit einer verzweifelnden Anſtren⸗ gung ihm gefolgt ſein— er wartete auf dieſe Un⸗ terſtützung; aber der Regierungsrath hütete ſich da⸗ vor und hatte eine mephiſtopheliſche Freude daran, ihn immer mehr in Schrecken zu ſetzen. „Ich hätte es nicht thun ſollen,“ ſagte der Präſident halb laut,„ich hätte Emma nicht ſo be⸗ handeln ſollen. Wohin wird ſie gehen?“ „Wahrſcheinlich wird ſie zunächſt ſich an das junge Paar wenden und ihm Mittheilungen machen,“ erwiederte Wolters.„Sie hat es nicht weit dazu.“ „Wer konnte denken, daß er, ſtatt wenigſtens ein halbes Jahr zu reiſen, auf ſein Gut gehen würde!“ „Das konnte freilich Niemand denken.“ „Auf dieſes Gut mitten in abgelegenen Wäl⸗ dern! Hedwig zeigte immer Entſetzen, wenn ſie von dem alten traurigen Hauſe hörte; was iſt Alles darin vorgefallen!“ „Es iſt freilich eigenthümlich genug. 4 „Verſtehen Sie es? Begreifen Sie es? Sie werden dort umkommen!“ „Das glaube ich nicht,“ ſagte Wolters in ſanf⸗ tem Tone,„ich glaube vielmehr, ſie werden ſehr 155 zärtlich und vergnügt ſein. Ich bin überzeugt,“ fuhr er fort,„daß Trifels wirklich, wie er es gelobt hat, ein neues, thätiges Leben beginnen wird, und zwar ehne alle Rückfälle. Die junge, ſchöne Frau kennt jetzt den Quell ſeiner geheimen Beſorgniſſe, ſie wird ihn mit ihrer Liebe feſſeln, wird ihm Glauben und Vertrauen geben. Ich fürchte nichts mehr für ihn, beſter Herr von Landau, alle meine Bedenken über ſein dauerndes Glück haben ihr Ende erreicht.“ Der Präſident ſagte nichts darauf, obwohl eine Ant⸗ wort ſich ihm aufdrängte. Seine eigene Lage beſchäftigte ihn jedoch noch mehr, und er war klug genug, ſeinen letzten Freund nicht zu beleidigen.„Es hat ſich Alles verändert, Alles verändert!“ begann er nach einem Weilchen.„Jeden Tag, jede Stunde kann Hedwig bei mir ſein. Ich bin in entſetzlicher Bedrängniß, ſehe Stürme über mich kommen, die ich nicht ertra⸗ gen kann. Sagen Sie ſelbſt, lieber Wolters. Ich liebe meine Kinder, beſonders Hedwig; iſt es nicht traurig, fürchterlich, in ſolcher Lage zu ſein?“ „Man muß den Muth nicht zu ſchnell verlieren,“ erwiederte Wolters tröſtend, und ſetzte er boshaft hinzu,„ſein Glück und ſeine Zufriedenheit immer zu⸗ nächſt bedenken.“ 156 „0, freilich, freilich!“ ſeufzte Herr von Landau, „allein Alles liegt zertrümmert, nichts hat ſich erfüllt.“ „So kann ſich Niemand beklagen, wenn wir ſelbſt nicht erfüllen können, was wir im Vertrauen darauf verſprachen.“ „Wie meinen Sie das?“ fragte der Präſident ſtillſtehend. „Ich meine,“ fuhr Wolters eben ſo einſchmei⸗ chelnd fort,„man muß in jeder Lage des Lebens den Verhältniſſen Rechnung tragen und durchaus das thun, was dieſe als gerechtfertigt darſtellen.“ „Und Sie— Sie nehmen an... „Ich nehme an,“ fagte Herr von Wolters,„daß Sie Sich für Eines von Beiden entſcheiden müſſen. Entweder Sie wollen Wort halten, dann bieten Sie allen Stürmen klug und eutſchloſſen Trotz, oder Sie finden, daß es nicht möglich ſei, dann machen Sie der Sache eben ſo entſchloſſen ein Ende.“ „Das kann ich nicht!“ ſtöhnte der Praͤſident. „Das arme, liebe Kind, es würde ihm das Herz brechen!“ „Das wäre ffeilich ein höchſt jammervolles Ende, 2 antwortete Wolters, der ſeinen Hohn nicht mehr unterdrücken mochte,„allein is denke, das Herz wird ganz bleiben.“ 157 Der Präſident wurde empfindlich.„Ich kann eine ſolche Schuld nicht auf mich laden!“ rief er energiſch.„Ein edles, großmüthiges Herz, das mit ſolcher Stärke mir anhängt, kann ich nicht in Ver⸗ zweiflung ſtürzen.“ Jetzt ſchien es Wolter's Zeit zu ſein, ohne alle weitere Schonung zu handeln. Er fühlte ein wol⸗ lüſtiges Behagen dazu, und ſeine Brille zurechtrückend und diaboliſch laͤchelnd, das ſcharfe Geſicht ſeinem Opfer entgegen gebeugt, ſagte er im verbindlichſten Tone:„Erlauben Sie, theuerſter Herr von Landau, daß ich Ihnen als ein wahrer und unterthäniger Freund die volle Wahrheit ſagen darf?“ „Sagen Sie alles, was Sie denken.“ „Glauben Sie denn, daß Sie Ihrer ſelbſt wegen ſo heiß geliebt werden?“ Der alte Herr ſchwieg betroffen. Wolters ließ ihm Zeit zur Antwort.„Ich ſollte meinen,“ ſagte Herr von Landan endlich halblaut,„daß es dafür Beweiſe giebt.“ „Mein theurer Herr von Landau,“ fuhr der Re⸗ gierungsrath ſchmeichelnd fort,„Sie erfreuen Sich allerdings noch eines ſehr rüſtigen Alters, blühender Geſundheit, jugendlicher Vorzüge, allein wenn Sie ſcharfſichtig erwägen, daß die Schwärmerei, welche 158 man Liebe nennt, die Begeiſterung und die Illuſionen der Jugend verlangt, ſo werden Sie zugeben müͤſſen, daß es zu den Seltſamkeiten junger ſchöner Augen gehören würde, wenn dieſe an ernſten Falten und grauenden Haaren eines gereiften Mannes beſonderes Wohlgefallen finden könnten. Ich ſage: die Augen, beſter Herr Präſident; denn dieſe göttliche Leidenſchaft hängt allein von den Augen ab. König iſt der, welcher den Augen gefällt, würde Herr Niedlich nach Schiller ſagen. Wenn Sie alſo glauben, daß dieſes ſchlaue, liebe Kind mit dem großmüthigen Herzen Liebe in dieſer Weiſe für Sie empfindet, ſo darf ich Ihnen die Verſiche⸗ rung nicht vorenthalten, daß Sie von ganz falſchen Vorausſetzungen ausgegangen ſind.“ „Sie kennen ihr Herz nicht,“ ſagte Herr von Landau verwirrt.„Ihr Herz iſt edler und reiner, als Sie es begreifen.“ „Ihr Herz?“ antwortete Wolters lachend.„Gegen dieſen Vorwurf muß ich ſie beſchützen, denn ſie hat kein Herz, alles Andere, nur nicht dieſes.— Hören Sie mich an, wenn es Ihnen gefällig iſt. Was verlangen Sie? Verlangen Sie eine junge, artige Frau, welche Ihnen dankbarlich anhängt, ſich klug Ihnen anſchmiegt, ſich immer freundlich, immer ——— 159 gelehrig zeigt und Sie mit Küſſen und Schmeicheleien täglich tractirt für Ihre Liebesbeweiſe, Ihre ſchönen Geſchenke, Ihre Aufmerkſamkeiten als gefälliger, ent⸗ zückter Eheherr, ſo ſäumen Sie nicht, Sie werden gewiß vielerlei Freude erleben. Verlangen Sie aber Liebe, das heißt innige, zärtliche Anhänglichkeit, jene ſüße Schwärmerei, die mit dem Geliebten in der Hütte wohnen, ſich mit ihm in Einſamkeit vergraben möchte, wie es jetzt meinem glücklichen Vetter gewährt iſt— verlangen Sie die heißblütige Begeiſterung, für den Geliebten zu leben und zu ſterben, ſich ihm zu opfern, Alles für ihn und mit ihm zu tragen und zu dulden, ſo haben Sie davon gewiß nichts zu erwarten.“ „Meinen Sie— nichts, nichts?“ fragte Herr von Landau. 3 „Und mit welchem Rechte?!“ verſetzte Wolters. „Iſt man nicht mehr in den Jahren, wo der Stein Funken ſchlägt, ſo darf man in Wahrheit kein Feuer der Leidenſchaft mehr verlangen. Hat man noch zärtliche Wünſche, ſo bezahlt man ſie, bezahlt ſie mit Geld oder mit ſeinem Namen, mit Armbändern oder gedeckten Putzmacher⸗Rechnungen.“— Er lachte laut auf.—„Ich glaube auf mein Wort,“ ſagte er dann, „daß eine ſolche gut honorirte zärtliche Liebe häufig 160 oiel länger aushält, als die Raſereien des jungen Blutes; nur muͤſſen die Mittel und der gute Wille, zu geben, nicht abnehmen.“ „Wenn Sie Recht hätten!“ ſiel der Präſident beſchämt, nachdenklich und ſtockend ein—„aber das iſt es eben, Sie haben nicht Recht, und ſo kann ich mich nicht zurückziehen. Ich kann nicht, und wenn ich daran erſticke!“ „Es kommt auf den Verſuch an,“ erwiederte Herr von Wolters.„Iſt dieſe Zuneigung wirklich eine ſeltſame Blume, welche Ihnen blüͤht, ſo wäre es Frevel und Verbrechen, ſie zerreißen und vernichten zu wollen; wenn ſich jedoch ergeben ſollte, daß Fräu⸗ lein Marie nichts weiter beabſichtigt, als Frau von Landau zu werden, was würden Sie dann thun, Herr Präſident?“ „Dann allerdings würde ich mit Gewiſſensruhe mich zurückziehen können,“ ſagte er mit einer gewiſſen Freudigkeit des Tones.„Dann wäre ich der Ge⸗ täuſchte, beſter Wolters, und verdiente gerechten Tadel, wollte ich mit Kindern, Freunden und der ganzen Welt mich zerwerfen, um einem eitlen, herzloſen Mädchen zu genügen.— Aber Sie täuſchen Sich,“ fuhr er fort, und man merkte es, daß er ſich gern 16¹1 widerſprechen laſſen wollte— ich wünſche, daß Sie Sich täuſchen, ich werde Sie überzeugen.“ Der Regierungsrath ſtand auf und verbeugte ſich.„Wenn es Ihnen gefällig iſt,“ ſagte er,„ſo bitte ich mir ſogleich die Probe aus. Wollen Sie nach meinem Rathe verfahren?“ „Ich denke, daß ich es thun muß,“ antwortete Herr von Landau. „So begleiten Sie mich.“ „Wohin?“ „Zu dem Herrn Schwiegerpapa Blechſchmied,“ lächelte Wolters. Der Präſident zog die Stirn zuſammen, plötzlich aber drückte er dem Regierungsrath die Hand und ſagte lebhaft:„Ich will Ihnen folgen, ich muß mich überzeugen. Sie haben ein gewiſſes Herz zum Spöt⸗ teln, ich fühle es; doch wenn Sie mich frei machen können von dieſem— Schwiegervater, ſo will ich immer Ihr dankbarer Schuldner bleiben.“ Nach einer Viertelſtunde verließen die beiden Herren das Haus, gingen Arm in Arm, vertraulich ſprechend, die Straße hinab und naͤherten ſich der beſcheidenen Wohnung des Meiſters Hartmann; hier jedoch hatte ſich ſchon vor ihnen ein anderer Gaſt eingefunden, kein geringerer nämlich, als Herr Niedlich 1856. XVI. Neues Leben. III. 11 162 der aber nicht ſo wie in alter Zeit herablaſſend und zudringlich herumhüpfte, ſondern mit ausnehmender Höflichkeit die Frau Meiſterin und Fräulein Marie unterhielt, was Beiden ſehr gut zu gefallen ſchien. Herr Niedlich hatte es gewagt, beſcheidentlich dieſes Haus wiederum zu betreten, aus dem er ſo unge⸗ ſtüm entfernt worden war; er verfolgte jedoch höhere Zwecke, und dieſe machten es ihm leicht, über ſtö⸗ rende Erinnerungen fort zu kommen. Nachdem er eingeſehen hatte, es ſei nichts mit dem Mondtäub⸗ chen, das, aus dem goldenen Käſich gejagt, ein höchſt werthloſer Beſitz ſein würde, kam er ſofort auf den reellen Gedanken, ſich Fräulein Marie wieder zu nähern, nicht aber etwa mit vermeſſenen Wünſchen, ſondern als ihr unterthänigſter Diener. Er war ge⸗ kommen als ſolcher, hatte von den Wundern der Hochzeitsfeier berichtet, ſich als Vertrauter des Prä⸗ ſidenten erklärt, hatte ſeine Glückwünſche dargebracht und war gnädig aufgenommen worden. Der Meiſter ſchaffte noch in der Werkſtatt bei einer Arbeit, und Herr Niedlich benutzte den Lärm, welcher von dort hereinſchallte, um mit unterthänigem Lächeln zu be⸗ merken, daß es ſehr unangenehm ſei, den ganzen Tag dieſes Gehämmer und Geklapper zu hören. „Es wird aber bald anders kommen,“ fuhr er 163 fort,„wenn die Frau Präſidentin erſt drüben wohnt in dem großen Hauſe. Zwanzig Zimmer wenigſtens, Alles neu, Alles elegant. Hehe! Fräulein Marie, Sie werden es noch ganz anders einrichten, nach Ihrem Geſchmack.“ „Ich bin an Beſcheidenheit und Stille gewohnt,“ erwiederte Fräulein Marie, mit Würde die Augen aufſchlagend.„Aber, lieber Herr Niedlich, es freut mich aufrichtig, daß Sie ſo verſöhnlich ſind.“ „Bitte recht ſehr!“ rief Herr Niedlich,„wer Bildung beſitzt, wird niemals rohen Gefühlen Gehör geben. Es iſt ja auch Alles ganz natürlich zuge⸗ gangen, ſehr verehrtes Fräulein, und konnte nicht anders ſein. Der Herr Präſident, unterthänigſter Diener vor ihm, wer ſollte nicht mit Vergnügen Platz machen! Sie hatten ganz Recht, Fräulein Marie, ich hätte es durchaus eben ſo gemacht, wenn mir der Niedlich gekommen wäre.“ „Aber es hat mir doch oft ſchon leid gethan,“ fiel die Frau Meiſterin ein,„daß ich damals ſo grob zu Ihnen war, Herr Niedlich. Es kam aber davon, daß mir Marie eben offenbart hatte, wie der Herr Präſident ſich zu ihr benommen.“ „Es mußte ſo ſein, es geſchah mir ganz recht!“ ſchrie Herr Niedlich, ſeine ſchmalen Hände freudig 11 164 reibend.„Beſte Ma—, beſte Madame Hartmann, es waren ja Kleinigkeiten, ſo etwas kommt unter den intimſten Freunden vor, und es hat gar nichts zu ſagen, durchaus nichts, und wenn es noch mehr geweſen wäre, nichts! Mein innigſter Wunſch iſt Ihr allſeitiges Glück und daß ich die Ehre und aus⸗ gezeichnete Huld genieße, immerdar Ihr unterthänig⸗ ſter Diener verbleiben zu dürfen.“ Fräulein Marie neigte herablaſſend und lächeln d den Kopf; die Frau Meiſterin aber ſagte:„das ſollen Sie, Heinrich. Ich habe es immer gut mit Ihnen gemeint, und von Hochmuth iſt bei uns nicht die Rede.“ „Nicht die Spur!“ rief Herr Niedlich.„Bloß der Papa,“ fügte er leiſer hinzu,„der iſt hartnäckig hochmüthig, und es geht noch nicht anders. Er kann doch nicht hier in der alten Hütte bleiben, kann Ihnen doch keine Schande machen wollen, wenn die Frau Präſidentin erſt drüber wohnt.“ „Es wird ſich Alles finden,“ ſagte Marie wür⸗ devoll. „Das ſagt der Herr Präſident auch,“ ſiel Herr Niedlich ein.„Ich habe neulich erſt mit ihm dar⸗ über geſprochen. Es iſt durchaus nothwendig zum allſeitigen Glück, daß der Papa ſich zunächſt als 165 Rentier etablirt. Fräulein Marie Hartmann, einzige Tochter des Rentiers, Herrn Hartmann; hören Sie einmal, wie das klingt, wenn das Aufgebot von der Kanzel verleſen wird.“ Die Augen der Frau Meiſterin öffneten ſich weit und glänzend. Sie betrachtete ihre Tochter mit ſtillem Entzücken. „Alſo eine Wohnung muß da ſein, wie ſie fuͤr den Herrn Rentier paßt,“ fuhr Niedlich fort,„damit der Herr Präſident bei ſeinen Schwiegereltern an⸗ fahren kann; dann wird's keinem Menſchen einfallen, ſich zu wundern. Das alte Haus hier wird verkauft, obwohl es nichts iſt als eine Bauſtelle; aber dennoch kauft es einer, der es gut bezahlt, nämlich ich, Hein⸗ rich Niedlich, ein treuer Freund der Familie von Klein auf. Auf der Stelle ſollen Sie es los werden, ſo wahr ich lebe! Da kommt der Papa! Herr Ren⸗ tier, ich kaufe das Haus.— Ah!“ Herr Niedlich ſprang von ſeinem Stuhle auf. Der Meiſter ſtand wirklich mitten in der Glasthür, die nach ſeiner Werkſtatt führte; von der Flur aus trat jedoch zugleich mit ihm der Präſident von Lan⸗ dau herein, und hinter ihm zeigte ſich Herr von Wol⸗ ters.— Der Meiſter, die Arbeitsſchürze über die blaue Wolljacke geſtreift, die Hände ſchwarz von 166 ſeinem Thun, das Käppchen verſchoben auf dem Hin⸗ terkopf, ſah durchaus nicht rentiermäßig aus; allein er ſchien den Anblick und Ausruf des Herrn Nied⸗ lich eben ſo wenig uͤbel zu nehmen, wie er über den Eintritt der beiden vornehmen Herren erſtaunt oder verlegen war. Sein ehrliches Geſicht war zu einem Lächeln geneigt, und die Art, wie er ſeine plumpe Geſtalt zu einer Verbeugung brachte und die Hand des Präſidenten faßte, welche dieſer ihm bot, hatte etwas Neckendes und Vergnügliches. „Ich kann's kaum wagen,“ ſagte er,„meine Hände ſind ſchmutzig, gnädiger Herr! Das Blech macht einmal nicht anders.“ 4 „Sie ſind gewiß verwundert, mich hier zu ſehen?“ erwiederte der Präſident.„Nicht wahr?“ „Ich bin eben nicht zu ſehr verwundert,“ ant⸗ wortete Hartmann,„hab's mir beinabe ſo denken können.“ „So haben Sie etwas von unſerem Geheimniß erfahren?“ fragte Herr von Landau, indem er Ma⸗ rien anſah. „Habe manches und allerlei Zeichen gemerkt,“ ſagte der Meiſter, den breiten Mund verziehend. „Aber ſetzen Sie Sich, gnädiger Herr, und laſſen 167 Sie hören, wie es ſteht. Iſt's alſo immer noch Ihr Wille, mein Schwiegerſohn zu werden?“ Bei dieſer Frage konnte der Regierungsrath ſein dämoniſches Grinſen nicht ganz verbergen. Der vier⸗ kantige, ſchmutzige, alte Burſche that, als ob er eine Gnade gewähren wollte; denn ohne die Antwort des Präſidenten abzuwarten, fügte er hinzu:„Ich will's nicht weiter in Verdacht ziehen, was ſich paßt oder nicht paßt, habe mich darüber fortgeſetzt, weil's nicht anders geht, und habe darum auch kein Wort geſagt, als es mir klar wurde, daß hinter meinem Ruͤcken der Faden weiter geſponnen werde.“ Herr von Landau hatte ſich inzwiſchen geſam⸗ melt, und indem er fein lächelnd Marien ſich nä⸗ herte, erwiederte er:„Ja mein lieber Hartmann, es iſt mein Wille, ich werde mein Wort halten und habe, um mit Ihnen aufrichtig zu ſprechen, nur ab⸗ gewartet, bis die Verheirathung meiner Tochter vor⸗ über, was durchaus nöthig war.“ „Ich kann's denken,“ antwortete der Meiſter. „Um deſſentwillen werden Sie es vergeben, daß ich anſcheinend mich zurückzog; denn, aufrichtig ge⸗ ſagt, ich fand bei mehreren mir naheſtehenden Per⸗ ſonen große Bedenken und heftigen Widerſpruch.“ „Ich kann's denken,“ ſagte der Meiſter noch einmal. 168 „Jetzt iſt jedoch, was mich hemmen konnte, überwunden,“ fuhr Herr von Landau fort,„und nichts ſoll mich abhalten, Marien zu meiner Frau zu ma⸗ chen, wenn Sie mir das liebe Kind geben wollen.“ „Ich habe nichts dagegen,“ ſagte der Meiſter. „Kein Opfer wird mir zu groß ſein, ihr meine Liebe zu beweiſen,“ fuhr der Präſtdent fort,„und ihre Liebe, die mir mehr gilt, als was die ganze übrige Welt mir geben kann, zu belohnen. Die jäm⸗ merlichen Vorurtheile der Menſchen ſollen uns daher nicht kümmern; mögen ſie reden und höhnen, wie ſie wollen, wir werden ſie verachten. Hören Sie Alle, wozu ich feſt entſchloſſen bin; auch Herr Niedlich mag es hören, er iſt klug und wird ſchweigen.“ „Wie das Grab!“ rief Herr Nieeblich feierlich. „Ich bin entſchloſſen, mich aus dem Geräuſch des Lebens zuruͤckzuziehen,“ begann Herr von Lan⸗ dau.„Mein Amt lege ich nieder, wir verlaſſen die Hauptſtadt, gehen an irgend einen kleinen freundlich gelegenen Ort, und obwohl ich kein bedeutendes Vermögen beſitze, denn der größte Theil desſelben gehört meinen Kindern, ſo bleibt mir doch ſo viel, um eine kleine Beſitzung zu kaufen, wo wir in länd⸗ licher Stille und Zuruͤckgezogenheit einfach und zu⸗ frieden leben können. Niemand wird dann mehr uns 169 beneiden, die Menſchen werden uns bald vergeſſen, wir werden es aber eben ſo machen. Wir werden glücklich ſein, theure Marie, denn wir werden uns ſelbſt leben können, wir werden allen eitlen Tand von uns ſchleudern, verachten, verbannen— Sie aber, lieber Hartmann,“ fügte er hinzu, indem er ſich zu dem Meiſter wandte,„Sie folgen meinem Beiſpiele, begleiten uns, verkaufen Ihr Haus.“ „Ich!“ rief Herr Niedlich bedeutungsvoll, indem er den Zeigefinger auf ſeine Bruſt ſetzte. „Ganz recht,“ vollendete der Präſident,„Niedlich kauft es; Sie ziehen mit uns, bleiben in unſerer Nähe, leben mit uns, helfen unſere Einſamkeit ver⸗ ſüßen. Ich habe Alles reiflich überlegt, ſo und nicht anders kann es geſchehen. Herr von Wolters iſt ganz meiner Meinung, meine liebe, geliebte Marie gewiß nicht minder; wir Alle, ich denke, wir Alle ſind einig!“ „Ich nicht,“ antwortete der Meiſter, freundlich ſein Käppchen rückend, und wie Cortez ſetzte er mit größter Sicherheit hinzu;„Ich bleibe hier, es kriegt mich Keiner von der Stelle.“ Der Präſident wurde ernſthaft. Er ſah Fräulein Marie an, welche ebenfalls ernſthaft ausſah, dann die Frau Meiſterin, welche mißmuthig auf ihre Schürze blickte und ihrer Tochter einen kleinen Stoß gab, 170 während Herr Niedlich heftig mit den Achſeln zuckend ſeine langen Finger verſchränkte. „Es ſcheint, als ob mein Entſchluß nicht vie⸗ len Beifall fände,“ begann Herr von Landau nach einem kleinen Schweigen. „Ich will's nicht behaupten von mir,“ antwor⸗ tete der alte Mann;„denn ich denke allerdings, es iſt das Geſcheidteſte, was gethan werden kann, von Ihrer Seite; ob's aber dem Mädchen da gefällt, iſt eine andere Frage.“ „Es ſieht ja aus,“ ſchrie die Frau Meiſterin, „als ob....“ Sie ſchwieg wieder ſtill. „Wie denn, liebe Mutter?“ flüſterte Marie. „Als ob der Herr ſich unſer ſchämte!“ fuhr Frau Hartmann heraus.„Ja ſo ſieht es aus, accu⸗ rat ſieht es ſo aus!“ „Wie können Sie das denken?“ ſagte der Prä⸗ ſident.„Ich ſuche allein mein Glück, unſer Aller Glück zu ſichern. Marie, die mich wahrhaft liebt, wird nicht verkennen, was ich will.“— „Recht ſo,“ fiel der Meiſter ein,„es iſt ihre Sache, ſie kann's mit ſich ausmachen, was ſie davon halten will. Was aber mich bettifft und die alte Frau da, ſo bleiben wir Beide hier im Hauſe. Und es wird nicht verkauft,“ fuhr er lebhafter fort, indem er die ſchwarze Kappe rund um ſeinen Kopf zog,„es kann's kein Anderer haben, dieweil es dermalen ſchon ſeinen richtigen Herrn hat.“ „Wollen Sie Sich denn nicht zur Ruhe ſetzen?“ fragte der Präſident. „Hätt's beinahe gewollt,“ erwiederte er,„es war aber ein dummer Streich, der mir wieder leid gewor⸗ den. Nein, nein! es iſt nichts damit, der alte Blech⸗ ſchmied muß bleiben, was er iſt, ſo lange die Kno⸗ chen aushalten; und es iſt alleweil abgemacht, ich und mein Sohn Reinhold, wir gehen zuſammen bis ans Ende. Vertragen werden wir uns, das Haus habe ich ihm verſchrieben, das bleibt ihm.“ „Aber, mein lieber Meiſter Hartmann,“ ſagte der Regierungsrath,„Sie werden doch zugeben, daß es dem Herrn Präſidenten ſehr wünſchenswerth ſein muß, wenn Sie aus Ihrer bisherigen Thätigkeit Sich zurückziehen; die Weltverhältniſſe ſind einmal ſo. Jedermann achtet Sie als einen ehrenwerthen Mann und oortrefflichen Hausvater. Da Sie jedoch jetzt Familien⸗Verbindungen mit einer höheren ſtändiſchen Gliederung ſchließen, ſo iſt es wirklich nöthig, daß Sie ſelbſt dazu einige Anſtrengung machen und Sich möglichſt höher heben. 172 „Es geht alſo nicht, daß mein Tochtermann zu mir herunter ſteigt?“ fragte der alte Mann. „Herunterſteigen will Niemand, mein lieber Meiſter.“ „Nun denn,“ ſagte Hartmann, ſeine Augen ſchalkhaft aufhebend—„ſo iſt es am beſten, ein Jeder bleibt, wo er iſt. Ich habe zu alte, ſchwere Beine, kann's alſo nicht ändern.“ Herr von Landau hatte mit geheimer Freude zugehört.„Man muß ſich nach den Verhältniſſen richten,“ ſagte er,„und was ich von Ihnen verlangen darf, müſſen Sie mir gewähren.— Liebe Marie, machen Sie das Ihrem Vater begreiflich.“ „Ich glaube— mein Vater hat Recht,“ erwie⸗ derte Marie leiſe. „Was ſagen Sie da?“ antwortete er.„Er hat Unrecht!“ „Mein Vater iſt ein geringer Mann in man⸗ cher Leute Augen,“ fuhr ſie fort,„allein diejenigen, welche mit ihm in Familien⸗Verbindung treten wol⸗ len, dürfen ſich nicht ſeines Standes ſchämen.“ „Sie brauchen Sich auch nicht auf ein Dorf zu verſtecken, damit keiner unſer Kind ſieht,“ ſiel die Frau Meiſterin ein. Es entſtand ein allgeſteines Schweigen, das 173 endlich Herr von Landau unterbrach, nachdem er mit dem Regierungsrath einige Blicke gewechſelt hatte. „Wir muͤſſen uns verſtändigen,“ ſagte er.„Ich bin hier, um mein gegebenes Wort zu erfüllen. Ich biete Ihnen meine Hand, liebe Marie; bedenken Sie, daß ich große Opfer freudig bringen will, um mich Ihrer Liebe freuen zu können, die mir am Abend meines Lebens als neue Lebensſonne aufgegangen iſt. In oier Wochen kann ich frei ſein, mit Ihnen mir ein ſtilles, ein friedliches Rückzugsplätzchen ſuchen. Schla⸗ gen Sie ein, liebes, theures Kind! Ich will Alles thun, daß Sie es niemals bereuen.“ Aber Fräulein Marie ſchlug nicht ein. Sie hielt ihre Hände ſtill, ſenkte ihre Augen und antwortete mit ſanfter Würde:„Ich kann nicht mit Ueberzeu⸗ gung glauben, daß ich es vermöchte— Sie zu beglücken.“ „Sie können es nicht glauben?“ erwiederte er gereizt; denn obwohl er die Entſcheidung kommen ſah, wie er ſie wünſchte, miſchte ſich dabei doch die gekränkte Eitelkeit.„Sollte ich mich getäuſcht haben?“ ſetzte er langſam hinzu. „Ich fürchte, Sie haben Sich getäuſcht,“ ſagte das junge Mädchen,„obwohl es mir ſehr ſchmerzlich iſt, dieſes zu glauben. Sie haben mir mehr als 174 einmal geſagt, daß Sie mich trotz aller Feinde und Neider in Ihr Haus führen würden. Jetzt wollen Sie dieſes, Ihren Rang, Ihre Stellung aufgeben. Ich darf das nicht zulaſſen. Sie würden es bald bereuen; ich würde unglücklich ſein durch den Gedanken, Sie dahin gebracht zu haben.“ Einige Augenblicke lang ſchien dieſer Einwurf ſeine gute Wirkung zu thun; denn in den Mienen des Präſidenten malte ſich eine gewiſſe Rührung; eben ſo ſchnell aber bemerkte Wolters dieſe Verän⸗ derung, und er hielt es für Zeit, ſich einzumiſchen. —„Da Herr von Landau mit ſo vieler Ueberlegung ſeinen Vorſatz gefaßt hat,“ ſagte er,„ſo können Sie alle Befürchtungen aufgeben. Ich ſelbſt habe ihm dazu gerathen, Sie können keinen ſchöneren Beweis der unendlichen Liebe des Herrn Präſidenten fordern.“ Fräulein Marie warf ihm einen ſtolzen Blick zu.—„Ich danke verbindlichſt für Ihren Rath,“ begann ſie,„in einer ſolchen Sache jedoch räth man ſich ſelbſt am beſten, und ich— wenn Herr von Landau— wenn ich glauben darf, daß ich ihm werth bin— ſo wird er mit mir nicht in einen Winkel fliehen wollen, er wird bleiben und ſeinen Platz behaupten.“ „Sie machen das alſo zur Bedingung?“ fragte der Regierungsrath. 175 „Ich glaube, daß ich es thun muß,“ ſagte das junge Mädchen, indem ſie einen ſchmelzenden, flehen⸗ den Blick auf den Präſidenten warf, der jedoch frucht⸗ los abprallte; denn jetzt war bei ihm die volle Ueber⸗ zeugung durchgebrochen, daß Wolters Recht habe.— „In dieſem Falle freilich,“ erwiederte er aufſtehend und ſeufzend,„iſt es mir allerdings nicht möglich, weiter in Sie zu dringen. Ich habe gethan, was ich konnte — Niemand kann mich tadeln.— Bedenken Sie wohl, Marie, welches Leid Sie mir zufügen! Sie wollen nicht?“ „Nicht, von meinen Eltern getrennt, Ihnen, wer weiß wohin, folgen,“ rief Marie weinend, indem ſie ihre Mutter umarmte.„Nein das kann ich nicht, das demüthigt mich.“ „Krankenwärterin ſein, in der Ecke ſitzen, warum nicht gar?!“ rief die Frau Meiſterin zornig. „Dann,“ ſagte Herr von Landau,„haben diejeni⸗ gen nur zu ſehr Recht, die... die...“ ihm fiel Emma ein—„die mir das vorausſagten, und oh, wenn ich bedenke,— doch ſchweigen wir davon, Niemand ſoll erfahren, was es mich koſtet, zu der Erkenntniß zu gelangen, daß ich die beſten, theuerſten Seelen von mir geſtoßen habe, weil...“ Hier drehte 176 er ſich gegen die Thür um, in deren Mitte die Glas⸗ ſcheibe war, und wie vor einer Erſcheinung prallte er zurück, denn hinter dieſer Scheibe ſah er in Emma's ernſtes, anklagendes Geſicht. Achtes Capitel. Als der Reiſewagen, welcher den Freiherrn von Trifels und ſeine junge Frau fortführte, die große Straße hinab gerollt war, ſahen Jungfer und Bedien⸗ ter im Coupé mit Erſtaunen, daß er nicht den Weg zum Thore einſchlug, ſondern abbiegend durch allerlei enge und krumme Seitenſtraßen eine ganz andere Richtung verfolgte. Da jedoch die Herrſchaft drinnen damit einverſtanden ſchien, ſo mußten es die Diener auch ſein. Sie erinnerten ſich, daß der gnädige Herr dem Poſtillon etwas heimlich geſagt hatte; allein ihre Neugier wuchs noch mehr, als das Ende dieſer Irrfahrt eine entlegene, wenig bebaute Gegend und ein Haus war, das ſein abgeſtoßenes Gemäuer in den dunkelnden Abendhimmel ſtreckte. Als der Wagen hielt, hob der Freiherr ſeine junge Gemahlin 1856. XVI. Neues Leben. III. 12 178 heraus, hüllte ſte dicht in den Mantel, beachtete nicht die Köpfe, welche durch einige trübe Fenſter fuhren, um verwundert dieſe ſeltenen Gäſte anzuſtarren, und verſchwand mit ihr raſch in dem offenſtehenden, vom Zugwinde durchpeitſchten, wenig einladenden Flur. Der Diener ſah nur noch, wie die junge Herrſchaft über den Hof in das Seitengebäude ging; die ſtei⸗ len Treppen wurden von röthlichen Wolken beleuch⸗ tet, welche uͤber den Himmel jagten, und heftig athmend ſtand Hedwig oben angelangt ſtill und hielt mit ihrer krampfhaft zuſammengepreßten kleinen Hand an dem Geliebten feſt. Beide horchten auf den Ton, der zu ihnen drang, und Beide hörten nichts als ein leiſes Gemurmel. Sie fühlten ſich tief ergriffen von dem Ernſt und dem Weh des Anblickes, dem ſie entgegen gingen, Kummer und Trauer verdüſterten ihre Mienen. Endlich öffnete Trifels die Thür und trat mit ſeiner jungen Frau hinein; mit Einem Schlage ſahen ſie Alles vor ſich, was ſie gefürch⸗ tet hatten. Da ſtand das Inſtrument des armen Künſtlers und noch war es geöffnet, noch bedeckt mit Noten und Blättern; da ſtand ſein kleiner Schreibtiſch, die erbrochenen Briefe darauf mit ſeinem Blut überſtrömt. Ein Gewirr von Kleidern, Geräthen, Gläſern und 179 den Reſten der verſchiedenen Hilfsmittel, welche man angewandt, bedeckte Tiſch und Stühle; aber über alle dieſe Zeichen des Unglücks flogen ihre Blicke fort zu dem Bett an der Wandſeite und blieben daran feſtgebannt hangen. Die Himmelsröthe warf ihr ſanftes Licht auf dieſes Schmerzenslager und auf die alte Frau, welche an dem Kopf⸗Ende des ſchmalen Bettes ſtand. Sie hatte den Schirm abgenommen und hielt in ihren abge⸗ magerten Händen das kleine vergriffene Gebetbuch, aus dem ſie mit leiſer, aber feſter Stimme las. Es war unmöglich, daß ſie in dieſer Dämmerung bei der Schwäche ihrer Augen die Schrift erkennen konnte; allein ſie wußte die Gebete auswendig und ſtärkte ſich nur ſelbſt durch die Nähe des heiligen Buches, aus welchem ſie ſo oft ſchon Ergebung und Troſt geſchöpft hatte. Das verklärende Licht ſiel auch auf ihre bleiche Stirn, und als ſie die Schritte hörte und die beiden Nahenden erblickte, kam ein Schein der Freude über ſie.„Sie ſind es,“ fluͤſterte ſie, ihre Arme ausſtreckend.„Ja, ja! Sie müſſen es ſein. Mein armes Kind hat drei Mal ſchon nach Ihnen gefragt und ſich ſo ängſtlich umgeſehen, er konnte es nicht länger warten; ich habe aber nicht umſonſt zu 12⁄ 180 Gott gefleht, ich wußte, daß er Sie zu uns ſen⸗ den würde.“ „Wollte Gott,“ erwiederte Trifels gerührt,„daß ich ihm mehr als Troſt, daß ich ihm Rettung brin⸗ gen könnte!“ Sie ſchüttelte den Kopf.„Er ſchläft,“ ſagte ſie. „Der Herr über Tod und Leben hat ihm Ruhe ver⸗ liehen— ſanft wie ein Engel ſeines Himmels liegt er, und ſtärkt ſich zu ſeinem Kampfe.“ Sie wich dabei zur Seite, helleres Licht fiel auf die Kiſſen. Da lag Andreas Herzberg, und es war, wie ſeine Mutter geſagt hatte, er ruhte ſo friedlich, er ſchlief ſo ſüß und feſt, wie er ſeit Jah⸗ ren nicht geſchlafen. Sein ſchwarzes langes Haar breitete ſich über die weiße Betthülle aus, ſeine hohe Stirn war frei, ſein blaſſes Geſicht nicht mehr beun⸗ ruhigt von ſtuͤrmiſchen, wilden Gedanken und dem düſteren Feuer ſeiner Augen. Um den Mund ſchwebte ein leidendes, ſchwaches Lächeln, und ſeine zarten Hände, die auf der Bettdecke ruhten, ſchienen etwas zu umſchließen, das zwiſchen ſeinen Fingern lag. Es war, als träumte der arme Knabe einen ſchönen Traum, der ihm noch einmal ein Leben voll Ruhm und Luſt vorſpiegelte, und während der ſchwarze Gott der Finſterniß ſchon an ſeinem Lager ſaß und die — — —— Hand nach ſeinem heftig ſchlagenden Herzen aus⸗ ſtreckte, um es zu zerdrücken, füllte ſich dieſes Herz zum letzten Male mit den reizendſten Bildern irdiſcher Herrlichkeit und Sehnſucht. 3 Leiſe ſchluchzend lehnte ſich Hedwig auf ihres Gatten Schulter.„Iſt denn keine Hilfe?“ flüſterte ſie. „Die Menſchen ſagen Nein?“ antwortete die alte Frau mit Feſtigkeit,„ſie haben ihm ſein Leben abgeſprochen.“ „O, hoffen Sie, hoffen Sie!“ ſagte Trifels 3 erſchüttert. „Ich hoffe auf Ihn, der da weiß, was mir gut iſt,“ erwiederte ſie.„Er weiß auch, ob es Zeit iſt, daß mein armes Kind von ſeinem Erdenjammer er⸗ löſ't werde. Sie ſagen,“ fuhr ſie fort, indem ſie ihre Hände faltete,„daß ſeine Bruſt zerriſſen ſei, kein Wort dürfe über ſeine Lippen kommen und nichts ihn aufregen. O, wie lange ſchon iſt er ohne Frie⸗ den und ohne Ruhe umher gewandelt! Wenn ich Nachts aufwachte, fand ich ihn an ſeinem Tiſche da, und wenn ich an ſein Bett trat, um ihn zu ſegnen, ſaß er mit offenen Augen und ſah mich ſtarr an. Es war eine Qual in ihm, eine Angſt und eine Sehnſucht, ach! wer es niemals ſah, der weiß nicht, 5 was er gelitten. Wohl Mancher hat ſeinen Stolz 182 an ihm verſucht, wohl Mancher hat ihm wehe gethan, er aber nahm es ſchweigend und verbarg es in ſei⸗ nem Herzen. Und ſein Herz war voll Güte und Liebe,“ fuhr ſie mit zitternder Stimme fort,„ſein Herz war ein Garten Gottes. Es kannte ihn Keiner wie ich, es wußte es Keiner wie ich. Stehe Du bei ihm, mein Heiland, und ziehe die Dornen aus ſeinen Wunden!“. Mit einer haſtigen Bewegung machte ſich Hed⸗ wig von ihrem Gatten los. Der Mantel ſiel von ihrer Schulter, ſie ſtand in dem weißen leuchtenden Kleide wie eine himmliſche Erſcheinung an dem Lager, beugte ſich darüber hin und legte ihre Hand auf die Hände des Kranken.„Vergieb auch mir, o, ver⸗ gieb!“ flüſterte ſie, und während ſie dieſe Worte ſprach, zerriß am Abendhimmel der düſtere Wolken⸗ kranz, und mit glühem Gefunkel trat die Sonnen⸗ kugel roth und groß noch einmal hervor. Das ſtille Zimmer füllte ſich mit Glanz, das Sterbebett ſchim⸗ merte davon, der Purpur des Himmels bedeckte das todtenbleiche Antlitz, auf das eine heiße Thräne nie⸗ dertropfte. „Mutter!“ flüſterte Andreas, und indem er die Augen aufſchlug, blickte er über ſich in Hedwig's Geſicht. Groß und ſtaunend ſah er ſie an. Seine 183 Blicke hefteten ſich heller und inniger auf ſie, ein verklärtes Schauen, ein leiſes ſüßes Lächeln füllte ſeine weichen, bittenden Züge. So lag er eine Mi⸗ nute lang, regungslos die ſchöne Erſcheinung betrach⸗ tend, dann öffneten ſich ſeine Lippen, und unaus⸗ ſprechlich ſehnſüchtig und liebevoll ſagte er aus tiefſter Bruſt:„Engel Gottes! kommſt Du endlich?“? „Ich komme!“ erwiederte ſie, ſich tiefer neigend. „Dank— Dank!“ flüſterte er mit brechender Stimme und beide Arme nach ihr ausſtreckend, ſank er in die Kiſſen nieder. Aus ſeinen Händen, die ſich öffneten, blieb etwas in ihrer Hand zurück. Eine verwelkte Blume, von der die letzten trockenen Blätter fielen. In dem Augenblicke riß eine Saite in dem Inſtrument, der ſchrillende Ton hallte klagend wie ein langes, langes Seufzen durch das ſtille Gemach— Andreas Herzberg hatte aufgehört zu leben! „Er ſtirbt— o Gott!“ rief Hedwig ſchmerz⸗ erfüllt. Eduard ſchloß ſie an ſeine Bruſt, die alte Frau aber begann mit lauter feierlicher Stimme, auf ihre Kniee ſinkend und die gefalteten Hände erhe⸗ bend:„Mein Herr und Gott, ich danke Dir 1 Du haſt ihn fortgeführt in Dein heiliges, ewiges Reich. Nimm ihn gnädig auf. Erbarme Dich, Herr, erbarme Dich, Dein Wille geſchehe, Dein Name ſei gelobt!“ 184 Als ſie dies in ihrem ſtarken Glauben ſprach, erblickte Trifels hinter ſich Reinhold und Emma, welche traurig ſtumme Zeugen dieſes letzten erſchüt⸗ ternden Auftrittes geworden waren. Betäubt von Weh und Leid, hielt er ſeine junge Frau umfaßt; er fühlte ſich erleichtert, als er die Freunde bei ſich ſah, denen er allen Beiſtand, der hier noch möglich, überlaſſen konnte.— Emma voerſtand ſogleich, was ſeine Blicke aus⸗ drückten. Sie ſchlug den Mantel um Hedwig, küßte ihre blaſſen Lippen und ſagte zu Trifels:„Führen Sie ſie fort von dieſer Stätte des Todes, das iſt kein Platz für Sie beide. Ich und Reinhold, wir werden ſorgen.“ „Sorgen Sie für Alles,“ ſagte er,„bis ich es thun kann.“ So geſchah es.— Als ſie allein waren, ſtan⸗ den ſie mit naſſen Augen an dem Lager, auf wel⸗ chem der ſtille Freund lag. Dunkle Schatten der Nacht umſpannen ihn, aber friedenvoll leuchtete ſein Geſicht daraus hervor. Die gottergebene Mutter hatte ſeine Arme ins Kreuz gelegt; leiſe Worte murmelnd, barg ſie ihren Kopf an dem Kiſſen des Todten. „Er hat uns ein Vermächtniß hinterlaſſen, Rein⸗ 185 hold,“ antwortete Emma, auf die unglückliche Mut⸗ ter blickend. „O, ja— ja!“ rief er mit ſchmerzvoller Herz⸗ lichkeit.„Damit wollen wir unſer neues Leben be⸗ ginnen. Mag's ein Troſt ſein für ihr armes, zer⸗ ſchlagenes Herz. Hand in Hand ſtanden ſie, zwei gute Menſchen voll Liebe und voll Treue.—— Zwei Stunden darauf begab es ſich, daß der Präſident von Landau hinter dem Glasfenſter in der Thür des alten Meiſters Emma's Geſicht erblickte, und ehe er ſich in ſeinem Erſtaunen zurecht gefun⸗ den, ob es Täuſchung, ob es Wahrheit ſei, ſtand ſie vor ihm an Reinhold's Hand, der mit feſten Schrit⸗ ten ohne alle Schüchternheit, und ohne die fremden Herren viel zu beachten, auf ſeinen Verwandten losging. „Vater,“ ſagte er, ſeine blauen ſanften Augen aufhebend,„wir haben es heute zuſammen abgemacht. Ich habe Ihnen Alles entdeckt, wie es in mir aus⸗ ſah, und Sie meinten, ein Mann, der ein rechter Mann ſei, müſſe wiſſen, was er thun und wagen dürfe.— Wohl, Vater, ich hab's gewagt, und hier ſteht die, die mir's geſchworen hat, ſie wollte es immer in Treue mit mir halten.“ Der alte Meiſter lächelte klug vor ſich hin.„Hab's 1856. XVI. Neues Leben. III. 13 wohl gewußt, Reinhold, hab's wohlzgewußt,“ ſagte er. „Biſt ein Mann, der ſich neben den Beſten ſtellen kann.“ Die Anderen hatten geſchwiegen, jetzt aber rief der Präſident:„Emma, was beginnen Sie? Sie ſollen keinen Schritt thun, ohne mich zu hören! Ich widerrufe Alles, ich laſſe Sie nicht von mir. Sie ſind mein Kind, Sie gehören mir an.“ „Fraͤulein Emma!“ ſchrie Herr Niedlich,„machen Sie keinen Spaß. Sie wiſſen, ich!“ Er ſetzte den langen ſchmalen Finger auf ſeine Bruſt. „Ich gehöre Keinem an, als ihm allein, Rein⸗ hold,“ ſagte Emma.„Weil er ein Mann iſt, ein rechter Mann, wie ſein Vater ſagt, darum liebe ich ihn von ganzem Herzen, und darum Vater, Mutter, nehmen Sie mich gütig auf, ich will Ihre Tochter ſein, Ihren Segen will ich mir getreulich erwerben.“ Der alte Meiſter ſtand vor ihr mit ſonderbar großen, leuchtenden Augen. Er ſah ſte und Rein⸗ hold an; in ſeinem harten Geſicht zuckte es, er wollte etwas ſprechen und vermochte es nicht. Endlich riß er die Mütze von ſeinem grauen Kopf, und wie er beide Haͤnde faßte, rief er mit Heftigkeit:„Ich hab's geſagt, und es ſteht feſt für alle Zeit, Blech muß doch Blech bleiben!“. . Ende. Prag 1856. Druck von Kath. Gerzabek. 14 ſſſiſſnſiſſſſſſſſſſſiſſſtfnnnnſnniſnnn 6 7 8 9 10 11