⸗—-— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3. von Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1 3 .3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 3 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 1 4 9 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. beträgt: 8. ſh für Pehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: f auf 1 Monat: 1 Nk.— Ff. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nk. Ff. auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ dafür zu ſtehen haben. 85 — = . 2 ₰½ —₰ 92 2 ·— = S B 5⸗ 5 S 8 = S = 2 3 — A⸗ 5 5. 8 — 5 2: 5 0 8 . 8 S 5‿ — S⸗ —-— 1 Bibliothes deutſcher Originalromane der beliebteſten Schriftſteller. Beransgegehen uon J. L. Kober. Eilfter Jahrgang. Fünfzehnter Band. Ueues Leben. II. 1856. Prag& Leipzig, Expedition des Albums. 2 Neues Leben. Novelle in drei Bänden. Von Theodor Mügge. Zweiter Band. 1856. Prag& Leipzig, Expedition des Albums. Inhalt. Erſtes Capitel. Zweites„ Drittes„ Viertes 8 Fünftes 2 Sechstes 5 Siebentes„ Achtes„ Ueues Leben. — Zweiter Band. 1856. XV. Neues Leben. II. Erſtes Capitel. Herr von Trifels wurde am folgenden Morgen durch ſeinen Vetter, den Regierungsrath, aufgeweckt, der die Thür ſeines Schlafzimmers öffnete und auf der Schwelle ſtehend, mit ſeinem Stöckchen pochte.— „Da ſieht man, was ein Bräutigam für eine glück⸗ ſelige Creatur iſt!“ rief er hinein.„Statt an Herz⸗ klopfen und Schlafloſigkeit zu leiden, ruht er von aller Pein befreit, im füßen Schatten der Gewißheit.“ „Du biſt es, Rudolph,“ antwortete Trifels, ſich aufrichtend.„Ich bin ſpät nach Hauſe gekommen. Gleich bin ich bei Dir.“ Herr von Wolters trat zurück, legte ſeinen Hut auf einen Stoß Acten, der neben einem vielbenutzten Schreibpult ſich aufthuͤrmte, und ſetzte ſich auf das ziemlich harte, gelbblumige Sopha. Er lehnte ſich 1 in eine Ecke, betrachtete die einfachen Mobilien, den runden Tiſch mit der Leinendecke, die Kaffeemaſchine darauf, neben welcher die Spiritusflaſche und ein Zündfeuerzeug ſtanden, und drehte den Pferdefuß von Elfenbein, welcher den Knopf ſeines Stöckchens bildete, zwiſchen ſeinen ſpöttiſch verzogenen Lippen. Nach wenigen Minuten kam Trifels. In ſeinem grauen Morgenrock, ein bedrucktes Tuch nachläſſig um ſeinen Hals gewunden, paßte er zu dieſer ein⸗ fachen Wohnung. Nach den erſten Grüßen und Entſchuldigungen ſetzte er ſogleich die Spirituslampe in Brand, und während er ſich damit beſchäftigte, ſein Frühſtück ſelbſt zu bereiten, erzählte er bunt durch einander und lachend von dem geſtrigen Abend, von Hedwig, von allerlei luſtigen Auftritten, und was ihm ſonſt einfiel. Der Regierungsrath hörte zu und beobachtete ſeinen Verwandten. Der ſchöne Kopf des heiteren jungen Mannes neigte ſich ihm entgegen, er ſchien jeden Zug daran genau zu durch⸗ forſchen und eigenthümliche Gedanken zu haben, die ſich in dem kalten Lächeln ausdrückten, das ſeine Lippen feſthielten, während ſeine Augen ſtarr vor ſich hin ſchauten. Ein friſcher Hauch geiſtiger und körperlicher Ge⸗ ſundheit war ſeinem frohſinnigen Vetter aufgeprägt. 3 Sein Geſicht war voll, feſt und markig, der röthliche Schimmer des Blutes färbte ſanft und gleichmaͤßig deſſen Haut, die ſtolze Stirn war ſo glatt wie Mar⸗ nor, und ſeine Augen rollten, während er erzahlte, muthwillig und muthig umher. Sie waren durch⸗ ſichtig, wie Kryſtall. „Alſo noch immer die alte Studenten⸗Wirth⸗ ſchaft,“ ſagte der Regierungsrath, als Trifels ſich aufrichtete.„Mit dem einen Fuß aus dem Bett, wird die Kaffeemaſchine in Bewegung geſetzt.“ „ Die gute alte Maſchine!“ lachte der Aſſeſſor. „Was waͤre ſchon aus mir geworden, wenn ich ſie nicht gehabt hätte! Wie oft in durchwachten Nächten hat ſte mir wie Fauſt's Schale den dunklen Trank gereicht und mich der Erde zuruͤckgegeben!“ Wolters bohrte den Pferdefuß in ſein Kinn und hob das farbloſe, ſcharfe Geſicht zu ſeinem Vetter auf.„Du ſiehſt ſehr gut aus, wirklich ſehr gut,“ ſagte er,„doch daran, mein Freund, iſt ein anderer Spiritus ſchuld; eine andere Lampe leuchtet jetzt Deinen Nächten.“ „Der heilige Geiſt der Erde, der uns Muth zum Leben, Kraft zum Vollbringen giebt.— Ich habe früher geglaubt, Rudolph, daß ich nicht alt werden 1* 4 würde, jetzt möchte ich das Gegentheil behaupten. Was meinſt Du?“ „Haſt Du deſſentwegen an mich geſchrieben?“ fragte der Regierungsrath. Trifels hatte ſich neben ihn geſetzt, bei dieſer ſcherzenden Frage legte er den Arm um ſeinen Vetter und ſagte mit Herzlichkeit:„Wir müſſen einmal über allerlei wichtige Dinge uns ausſprechen. Zunächſt über meine Verlobung. Sie iſt Dir überraſchend gekommen, nicht wahr? Was ſagſt Du dazu, daß ich mich verheirathen will?“ „Ich wuͤnſche Dir, wie ich es ſchon gethan habe, nochmals alles mögliche Glück.“ „Du biſt mein nächſter Verwandter,“ fuhr Tri⸗ fels fort,„es freut mich in vieler Beziehung, wenn meine Wahl Deinen Beifall hat. Hedwig— meine Braut, ſie iſt freilich aus keiner Familie mit Gott weiß wie vielen Ahnen.“ „Thorheit!“ ſagte der Regierungsrath,„man heirathet keine Ahnen.“ „Nein!“ fuhr Trifels erfreut fort,„aber Hedwig iſt allerdings auch ſehr jung— kaum neunzehn Jahre.“ „Ein Mädchen kann nie jung genug ſein,“ er⸗ wiederte Wolters.„Du mußt heirathen, es iſt das Geſcheidteſte, was Du thun kannſt.“. 5 „Darf ich fragen warum?“ „Weil es das einzige Mittel iſt, um Dich von dieſer ſchrecklichen Kaffeemaſchine und dem Blechgeruch dieſer Höhle zu erretten.“ Trifels lachte herzlich darüber.„Wenn es nur das wäre!“ rief er.„Aber glaube mir, Rudolph, ich habe nach reiflicher Ueberlegung gewählt.“ „Wenn das der Fall iſt,“ ſagte der Regierungs⸗ rath,„worauf willſt Du warten? Du biſt unabhän⸗ gig, ſtehſt allein, haſt keine Luſt, Carriere zu machen, obwohl man es glauben konnte.“ „Ich will nicht, ich habe es ſatt!“ antwortete der Aſſeſſor.„Ich will leben“— er legte die Hand an ſeine Stirn—„ich konnte es nicht länger ſo ertragen.— Die Tage ſchleppen ſich hin, man wird müde davon— darum habe ich mich der Liebe in die Arme geworfen und will aus ihren vollen Be⸗ chern trinken.“ „Laß ſie Dir bekommen und finde das Glück auf dem Grunde,“ erwiederte Wolters mit ſeinem Lächeln, das immer etwas Spöttiſches hatte. „Auf dem Grunde!“ rief Trifels, und ſeine Augen blitzten.„Die Becher der Liebe haben keinen Grund. Man muß trinken und trinken, doch nie den Grund erreichen.“ 6 „Dann mußt Du nicht heirathen,“ ſagte Wol⸗ ters.„Wer ſo durſtig iſt, muß nie glauben, daß ein Becher ewig währen, nie leer werden kann. Ich gebe Dir jedoch zu,“ fuhr er fort, als er den Schatten bemerkte, der plötzlich wie ein Schleier auf das heitere Geſicht ſeines Vetters ſiel,„daß Hedwig's Erſchei⸗ nung ſo viel Zauberiſches hat, um daran zu glauben. Man kann nichts Lieblicheres ſehen, als dieſes rei⸗ zende Geſicht mit den beweglichen Augen, dem ſchel⸗ miſchen Grübchen und den zehntauſend Einfällen in jeder Minute. Langweilig wird Deine Ehe ſo leicht nicht werden. Sie wird Dich in Athem erhalten.“ „Ich muß in Athem erhalten werden!“ rief Trifels mit der alten Fröhlichkeit. „Auch darin ſtimme ich Dir bei,“ fuhr Wolters fort.„Fuͤr ein ſogenanntes ſtilles, häusliches Glück biſt Du nicht geſchaffen.“ „Glaubſt Du das auch?“ fragte Trifels lebhaft. „Du biſt ſelbſt viel zu unruhig, erregt, von Einfällen geplagt,“ fuhr der Vetter in ſeiner Weiſe lächelnd und den Pferdefuß drehend, fort,„und trotz Deiner liebenswürdigen, heiteren Gemüthlichkeit mit allerlei ſeltſamen Launen behaftet, die ſich ſchon daran beweiſen, daß Du ſeit Jahren in dieſer Höhle wohnſt und Deinen Kaffee ſelbſt kochſt. Was 7 wollteſt Du mit einer ſtolzen, verwoͤhnten, capriciöſen Dame in geſetztem Alter, mit vorgerückten Grund⸗ ſätzen? Aber wenn es auch ein Weſen wäre, wie es ſich die Herren Poeten als Urbild holder Weib⸗ lichkeit malen: geiſtvoll, wie ſie es nennen, voll tiefer oder kühner Gedanken, voll hoher Empfindungen, kurz; gleichmäßig vollkommen an Seele, Herz und Körßer, ſie würde Dich unglücklich machen! Alles in der Welt, nur keine ſentimentale oder ernſthafte, ſo⸗ genannte denkende Frau! Eine denkende Frau iſt eben ſo widerlich, wie ein denkender Schauſpieler. Einge⸗ bildet auf ihre Weisheit und ſteiflederne Verſtändig⸗ keit, will ſie verehrt werden, anerkannt werden, ſelbſt⸗ ſtändig ſein, die herrſchende Stimme haben, und man hat tauſend Rückſichten zu nehmen. Solch ein fröh⸗ liches, leichtes Püppchen iſt eine ganz andere, ange⸗ nehme Sache. Das kümmert ſich um nichts, lebt ſorg⸗ los in Tag hinein, lacht, küßt, liebt und iſt ſelig ver⸗ gnügt über jedes neue Kleid und jeden neuen Putz.“ Trifels hatte ſtill finnend zugehört.„Du zeich⸗ neſt den Wald, deſſen Bäume Du kennſt,“ antwor tete er jetzt.„Bei Deinem lockeren, leichtfertigen Leben und Deinen intimen Bekanntſchaften mit Sän⸗ gerinnen und Tänzerinnen ſind ſolche Anſchauungen ganz in der Ordnung. Hedwig liebt mich von 8 ganzem Herzen, mit reiner, ganzer Seele, und davon verſtehſt Du nichts, Rudolph; Du weißt nicht, was das heißt, geliebt zu ſein!“ Die Brillengläſer des Regierungsrathes funkelten blendend, als er ſich zurücklegte, um ſeinen Vetter beſſer anzuſehen. Das blaſſe, ſchlaffe Geſicht wurde durch ſein Lachen noch ſchärfer, und die argliſtigen Falten vom Mundwinkel nach der Naſe hinauf wur⸗ den noch tiefer.„Ich habe es in Deiner Weiſe allerdings noch nicht verſucht,“ ſagte er;„es kann jedoch ſein, daß ich auch noch dazu gelange.“ „Verliebe Dich, heirathe!“ rief Trifels.„Vor lauter Liebſchaften biſt Du noch nicht zur Liebe ge⸗ kommen. Auch Dein Leben muß, wie es jetzt iſt, ein Ende nebmen.“. „Ich beſinde mich ganz wohl dabei,“ ſagte Wol⸗ ters.„Meine Dienſtgeſchäfte ſind ſehr angenehm, in zwei Stunden täglich iſt alle Arbeit abgemacht, die übrige Zeit iſt meinem Vergnügen gewidmet.“ „Das heißt, Du machſt Beſuche bei Deinen ſchönen Freundinnen, verabredeſt Partieen, dinirſt in beſter Weiſe, verbringſt die Zeit bis zum Theater mit auderen Vergnüglichkeiten, bis Abends ein Whiſt oder l'Hombre oder ein Stelldichein bei Bertini oder ein Club gleichgeſtimmter Seelen den Schluß macht. 9 Das nennſt Du Leben. Ich könnte es nicht eine Woche aushalten, ohne dabei zu Grunde zu gehen.“ „Jeder Narr trägt ſeine eigene Kappe,“ lachte der Regierungsrath,„und jedem gefällt die ſeine am beſten.“ „Um aber aus dem Scherz zum Ernſt zu kom⸗ men, mein theurer Rudolph,“ fuhr Trifels fort,„ſo muß ich Dir einige Eröffnungen machen, die jedoch unſeren gegenſeitigen guten Humor nicht beeinträch⸗ tigen dürfen. Ich habe vor einigen Tagen wieder ein paar Wechſel bezahlt, die Du ſo freundlich warſt, auf mich auszuſtellen. Ich habe dies immer ſehr gern gethan, und ſo viel ich kann, ſoll es auch fer⸗ nerhin geſchehen. Indeß, da ich bisher ſehr wenig für mich gebrauchte, künftig aber weit mehr gebrau⸗ chen werde, ſo will ich Dich bitten...“ „Kein Wort mehr davon, Du haſt genug ge⸗ ſagt!“ fiel Wolters ein. „Nicht doch!“ ſagte Trifels;„ich bin kein Crö⸗ ſus, allein ich wiederhole es, gern werde ich zu Dei⸗ nen Dienſten ſein, nur nicht mehr in der bisherigen Weiſe.— Darum,“ fuhr er fort, indem er ſein offenes ſchönes Geſicht aufhob und lächelnd Wolter's Hand drückte,„darum mußt Du meinem Beiſpiele folgen, Rudolph, und wenn Du eine kluge, verſtändige Frau für mich nicht anwendbar hältſt, ſo wünſche ich Dir dafür eine ſolche, die Dich eurirt und Dir ſolche Verehrung und Anbetung beibringt, daß der ganze alte Adam von Dir abfällt und ein häuslicher, ſtiller, liebenswürdiger Eheherr übrig bleibt.—— 4 Hier wurden die beiden Verwandten durch ein raſches Klopfen an der Thur unterbrochen, die gleich darauf von Herrn Niedlich geöffnet wurde, der haſtig hereintrat und ſogleich ſich an Eduard von Trifels wandte. „Ich muß Sie ſprechen, Herr von Trifels,“ ſagte er, „verzeihen Sie, daß ich ſtöre, aber es giebt Dinge in der Welt, die ſchrecklich und fürchterlich zugleich ſind und welche man nicht geduldig ertragen kann, weil ſie unerklärlich ſcheinen.“ Trifels blickte den Agenten verwundert an, der ſehr aufgeregt war und gegen ſeine Gewohnheit ernſt⸗ haft und aͤngſtlich ausſah.„Was iſt denn geſchehen!“ fragte er mit der Ahnung eines Unglücks. „Haben Sie nichts bemerkt?“ erwiederte Herr Niedlich. „Bemerkt? Nein!— Wo? „Sie haben nichts bemerkt? Hier im Hauſe. Keinen Lärm, nichts? Iſt der Doctor hier geweſen?“ „Ich bin ſpät nach Hauſe gekommen,“ ſagte Trifels.„Sollte Jemand erkrankt ſein?“ 11 „Erkrankt!“ ſchrie Herr Niedlich, indem er ſelt⸗ ſam ſeine langen Kinnbacken zurückzog.„Wenn's blos eine Krankheit wäre, ein Nervenfieber, eine einfache Gehirnentzündung— aber es iſt mehr, es iſt fürchterlich!“ „Mein Gott!“ rief Trifels,„was iſt es denn?“ „Hier!“ ſagte Herr Niedlich mit dumpfer Stimme, indem er auf ſeine Stirn tippte.„Rein toll!“ „Wer denn? Sie?!“ erwiederte der Aſſeſſor, der im Augenblick nicht wußte, ob Herr Niedlich nicht wirklich den Verſtand verloren hatte. „Ich? Spaß! ich weiß immer, was ich thue,“ antwortete der Agent, indem er ſich ſtolz aufrichtete. „Aber der Alte unten, Papa Hartmann, er iſt ge⸗ ſtern Abends plötzlich verrückt geworden.“ Trifels fuhr erſchrocken auf.„Das kann ich nicht glauben,“ ſagte er. „Sie werden es ſchon ſehen!“ beteuerte Herr Niedlich.„Der Himmel bewahre Sie davor, daß Sie den Anblick haben, wie ich geſtern Abends! Einen Kopf wie Feuer, Augen wie glühende Kohlen, wie ein Drache ſab er aus, der alles zerreißen will, was in ſeine Nähe kommt.“ „Und Sie?“ fragte der Aſſeſſor,„was thaten Sie?“ „Nichts!“ ſchrie Herr Niedlich,„das war es ja, 12 eben! Wie aus heiterem Himmel kam es plötzlich über ihn; ich glaube, er iſt verrückt geworden, weil er ſein Gluͤck nicht faſſen konnte. Mitten im luſtig⸗ ſten Geſpräch ſprang er auf, faßte mich beim Arm — ich kann den Arm noch nicht rühren— zur Thür hinaus mit mir, Hut und Rock hinter her— mein neuer engliſcher Rock mitten auf die Gaſſe geworfen, gebrüllt wie ein Thier: Hier giebt's weiter nichts zu holen! und baff! den Riegel vor. Ich war außer mir, aber ſolch Wahnſinniger hat eine fürchterliche Stärke.“ „Sonderbar!“ ſagte Trifels;„als ich mit ſeiner Tochter nach Hauſe kam, hat er uns die Thür auf⸗ gemacht, doch keine Spur von Zorn oder Aerger war zu bemerken. Im Gegentheil, er ſchien mir heiterer als gewöhnlich geſtimmt.“ „Sol“ antwortete Herr Niedlich nachdenkend, indem er an ſein langes Kinn griff.„Dann iſt ſein Anfall vorüber geweſen.“ „Sie thäten am beſten.“ rieth der Aſſeſſor, „wenn Sie ſelbſt einmal nachfragten.“ „Um keinen Preis!“ ſchrie Herr Niedlich ſchau⸗ dernd;„ich habe den Anblick einmal erlebt und bin zufrieden. Sie, beſter Herr von Trifels, Sie müſſen helfen. Ziehen Sie Erkundigungen ein, fragen Sie 13 die Mama, wie es ſteht, oder fragen Sie ihn ſelbſt, ob er jetzt wieder bei Verſtand iſt und was ihm eigentlich gefehlt hat. Ich begreife es nicht, aber es war ſchrecklich. Begreif's, wer kann! ſagt Göthe, dieſer alte Papa würde aber auch von Wallenſtein nicht begriffen worden ſein.“ Trifels fühlte ſich beruhigt und erheitert. Er glaubte Alles begriffen zu haben, verſprach jedoch, nähere Erkundigungen einzuziehen und Niedlich ſo bald wie möglich deren Ergebniß mitzutheilen.— Der Regierungsratb hatte ſich gar nicht in dieſe Angelegenheit gemiſcht. Er ſaß in der Sopha⸗Ecke, kaute das Stöckchen zwiſchen ſeinen Lippen und blieb ſo gleichgiltig, daß er ein Buch vom Tiſche nahm und darin blätterte, ohne den Agenten auch nur eines Blickes zu würdigen. Herr Niedlich hatte dies alles ſehr wohl bemerkt, und trotz der gräßlichen Dinge, die ſeinen Kopf füllten, war er im Stillen entrüſtet über den Hochmuth des Regierungsrathes, der ihn wie einen Wildfremden behandelte; allein ſeine Pfiffigkeit verließ ihn doch nicht ſo weit, um irgend einen Ausfall zu machen, und als er ſich empfahl und Herr von Wolters ſich nach ihm um⸗ wandte und leiſe lächelnd nickte, kam ihm die Ueber⸗ zeugung, der Regierungsrath handle mit Abſicht ſo, weil ſein Vetter nichts von dem geſtrigen Abend bei Bertini wiſſen ſolle. Herr Niedlich war jedoch kaum fort und Tri⸗ fels machte die Thür hinter ihm zu, als Wolters heftig, aber unhörbar lachte; dabei ſtand er auf und nahm ſeinen Hut.„Dieſer Dummkopf!“ ſagte er, als er ſah, daß ſein Vetter nicht weniger belu⸗ ſtigt war als er ſelbſt.„Er iſt zum Hauſe hinaus geworfen worden, kann aber trotz ſeiner blauen Arme den Vorgang nicht begreifen.“ 1 „Die Sache iſt ganz einfach,“ erwiederte Trifels. „Er iſt im Verſtändniß mit der hübſchen Marie, der Vater iſt dagegen. Wahrſcheinlich hat er geſtern Abend dem Alten ſeine Wuͤnſche eröffnet, der ihm die ſinn⸗ verwirrende Antwort gegeben hat.“ „Sie hat mit dieſem Affen ein Verhaͤltniß und will ihn heirathen?“ fragte Wolters. „Sie iſt eitel,“ erwiederte Trifels,„und die Mut⸗ ter begünſtigt ihn.“ „Ich glaube es nicht,“ ſagte Wolters.„Sie wird Euch alle überraſchen; der alte Blechſchmied wird vielleicht wirklich toll über den Glanz, den ſie in ſeine Hutte bringt.“ „Wie meinſt Du das?“ fragte Trifels. „Ich meine,“ antwortete der Regierungsrath, 15 „daß dieſe kleine Here zehn Mal ſchlauer iſt, als alle ihre Freunde, und daß ſie eine eben ſo kluge Wahl treffen wird, wie Du. Ich will Dich nicht län⸗ ger aufhalten.“ „Denke an meinen Rath,“ ſagte Trifels, in ſeine Hand ſchlagend. „Schaffe mir eine reiche Frau,“ antwortete Wolters,„ſo will ich ihn befolgen.“ „Um Geld allein alſo?“ „Anders verkaufe ich mich nicht.“ „Verkaufen pfui!“ „Jede Heirath iſt ein Kauf und Verkauf,“ er⸗ wiederte Wolters.„Der Eine verhandelt um Dieſes, der Andere um Jenes ſeine Selbſtſtändigkeit, ich thu's allein um Geld.“ Ein verächtlicher Blick begleitete das Gelächter, das Trifels anſtimmte.„Du mußt Dich in die Zei⸗ tungen ſetzen laſſen,“ ſagte er. „Das haſt Du freilich nicht nöthig,“ war die Antwort ſeines Vetters.„Du machſt den Verſuch, ein behagliches Leben zu gewinnen, in etwas koſtſpieli⸗ ger Weiſe. Du willſt alſo reiſen. Und dann?— man kann doch nicht immer reiſen.“ „Ich werde im Herbſt zurückkehren, im Winter hier leben.“ 16 „Und womit wirſt Du Dich beſchäftigen?“ „Mit mir ſelbſt, mit meinem Glück, mit allen Muſen, allen Freunden der Geſellſchaft!“ „Das ſind ſchöne Ausſichten,“ erwiederte Wolters, „Dn thuſt jedoch ganz Recht daran. Man ſage nicht, dieſe Freuden ſind ſchaal, ſind Tand, ſind Spielerei, die ein ernſter Mann bald bis zum Ekel ſatt hat. Ich denke, wir wiſſen beide, daß ernſte, edle Männer mit aller ihrer Arbeit, Rechtſchaffenheit und ſtrenger Tugend ſich nicht vor ihrem Trübſinn zu retten ver⸗ mochten. Alſo hinein mit Dir in das volle Leben, hinein ins Puppenſpiel und laß die Püppchen tan⸗ zen! Dabei kommſt Du ganz ſicher doch zuletzt auf meinen Standpunkt und wirfſt Dich in meine Arme.“ „Niemals!“ rief Trifels. „Doch,“ ſagte Wolters,„es iſt das Letzte, was Dir übrig bleibt.“ Sie ſchieden beide unter Scherz und Lachen, dann kehrte Trifels zurück und ſetzte ſich in die Sopha⸗Ecke, wo ſein Vetter geſeſſen hatte. Vor ſich hinſchauend, veränderte ſich ſein Geſicht. Der frohe Ausdruck darin ſtarb wie Sonnenſchein, der Gewit⸗ terſchwärze Platz macht. Die markigen, ſtolzen Züge ſielen zuſammen, der Glanz ſeiner Augen erloſch, — 17 endlich deckte er beide Hände über ſeine Stirn, um mehrere Minuten lang todtenſtill und ſtarr zu ſttzen. „Wenn er Recht hätte,“ murmelte er,„wenn es ſo wäre! Nichts als Puppenſpiel, und ſatt bis zum Ekel!— Hedwig!—“ Der Name ſchien ihn elek⸗ triſch zu durchblitzen. Seine Augen belebten ſich wie⸗ der, ſein Lächeln kehrte zurück. Das Blut drängte ſich in ſeine bleichen Wangen; er warf den Kopf mit Kraft zurück, als wollte er einem Feinde Trotz bieten.„Nein!“ rief er aufſchreiend,„es iſt nicht Lüge, nicht Selbſttäuſchung, nie werde ich es be⸗ reuen! Wie gut ſie iſt, wie ſchön, wie lieb! Sie wird kein Püppchen, kein Spielwerk ſein, Ihre Liebe wird mir dauerndes, verſöhnendes Gluͤck geben!“ Er kleidete ſich an, um zu ihr zu eilen, die ihn gewiß längſt erwartete; als er jedoch in dem Haus⸗ flur ſtand, fiel ihm ein, was er dem Agenten ver⸗ ſprochen hatte. Es war Niemand in der Wohnſtube als Marie, die vor dem Spiegel ſtand, und ihr Haar ordnete, wobei ſie leiſe ſprach und lachte. Trifels beobachtete ſie einige Augenblicke, ehe er bemerkt wurde; es kam ihm vor, als ſtudire das junge Mäd⸗ chen ſich Mienen und Geſchhter ein. Als er ihr einen guten Morgen wünſchte, drehte ſie ſich eben zu ihm um und erwiederte ſeinen Gruß, 1856. XV. Neues Leben. II. 2 18 doch nicht ſo vertraulich wie fruͤher, ſondern mit einer gewiſſen Befangenheit, die ſich bald jedoch in gemeſſener Würde verlor. „Sie befinden Sich wohl, Fräulein Marie?“ fragte er. „Sehr wohl, Herr von Trifels.“ „Sie gewöhnen Sich leicht an die Unbequem⸗ lichkeiten der Geſellſchaft.“ Marie ſchlug die Augen nieder, verbeugte ſich ein wenig mit dem Anſtande einer Dame, und hob den Kopf dann lächelnd wieder auf.„Ich ſinde,“ ſagte ſie,„daß ſich dieſe Unbequemlichkeiten ſehr leicht ertragen laſſen.“ „Wenn man ſo viel Talent dazu beſitzt, wie Sie,“ erwiederte er.— „Sehr verbunden, Herr von Trifels,“ lächelte ſie, ſich fein und anſtandsvoll verbeugend. „Ihr Vater iſt doch nicht krank?“ begann Tri⸗ fels von Neuem. „Gewiß nicht. Er iſt ſehr munter und vergnügt.“ „Das freut mich. Herr Niedlich war geſtern Abend bei ihm?“ Mit vielem Anſtande, aber ſchelmiſch blickend, ſagte ſte:„Ja.“ „Alſo wiſſen Sie davon?“ fragte er. 19 „Meine Mutter hat mir davon erzählt. Es muß höchſt drollig geweſen ſein.“ „Drollig nennen Sie es?“ „Ich wüßte nicht, wie ich's anders nennen ſollte.“ „Nun!“ rief er beruhigt,„wenn Sie es für drollig erktären, ſo ſehe ich nicht ein, weshalb ich es ernſthaft finden ſoll. Leben Sie wohl, Fräulein Marie.“ „Ihre Dienerin, Herr von Trifels.“— Sie lä⸗ chelte ganz mit demſelben Geſichte, das ſie ſich im Spiegel eingeübt hatte, ſehr lieblich, ſehr beſcheiden, die kleinen, ſpitzen Zähne zeigend und die feurigen Augen mit den ſchwarzen Wimpern ſenkend und auf⸗ ſchlagend, wie ein Vorhang aufgezogen wird, um ein brillantes Feuerwerk abzubrennen. Trifels war erſtaunt darüber.„Sonderbar,“ ſagte er, als er die Thuͤr zumachte,„was ein Mäd⸗ chen in kurzer Zeit lernen kann! Wie in der guten Geſellſchaft auf Draht gezogen und auf Liebenswür⸗ digkeit dreſſirt, ſpielt ſie ihre Rolle mit Einſicht. Sie iſt wirklich ein Talent, aber, ach, armer Reinhold!“ Er ſah durch das Glasfenſter, das ſeitwärts nach der Hofſeite in eine Kammer ſchauen ließ, neben welcher die große Werkſtätte lag, und ſein Blick heftete ſich mitleidig auf Reinhold, der in ſeinen 2 3 20 Arbeitskleidern vor einem Amboß ſaß und mit dem Hammer in der Hand ein Stück Metall formte. Neben ihm lagen Feilen, Cirkel, Meißel, Schnitz⸗ meſſer und andere Inſtrumente, die er abwechſelnd brauchte; er ſelbſt aber war ſo vertieft in ſeine Ar⸗ beit, daß er die Nähe des jungen Edelmannes, der ſo viel Wohlwollen für ihn empfand, nicht gewahr wurde. Der mächtige Kopf war vornüber gebeugt, die Augen mit aller Schärfe auf ſein Werk und auf eine Zeichnung gerichtet, welche er mit einer Nadel an der Wand befeſtigt hatte. Der denkende Ernſt auf ſeiner Stirn wurde zuweilen von dem Ausdruck der Zufriedenheit verjagt, welcher ſein Geſicht überſtrahlte. Endlich öffnete Trifels die ſchmale Thür neben dem Glasfenſter und trat zu ihm hinein.„Sie müſſen Sich nicht ſtören laſſen, Reinhold,“ ſagte er,„ich will nur einen Augenblick ſehen, was Sie treiben und wie es Ihnen geht.“ „Es geht mir gut, lieber Herr von Trifels,“ antwortete der Arbeiter freundlich;„ich mache hier einige Blumen, die nach Amerika gehen ſollen. Ein Amerikaner iſt bei uns geweſen, die Blumen ſollen eine Probe ſein, welche er mitnehmen will, da er mich nicht mitbekommen kann.“ „Er wollte Sie mitnehmen?“ 21 „Ja, er hat mir ein ſchönes Anerbieten gemacht.“ „Sie wollten nicht?“ „Nein,“ ſagte Reinhold,„ich kann nicht.“ „Sie haben alſo noch Hoffnungen, lieber Rein⸗ hold?“ fragte Trifels leiſer. Die Stirn des Arbeiters wurde roth, das ſanfte Lächeln, das ihm ſo wohl ſtand, ſchwebte um ſeine Lippen, aber die Worte, welche er ſprach, und der Schmerz, der ſich dabei in ſeinen Augen ausdrückte, erweckten die ganze Theilnahme ſeines vornehmen Freundes.„Mit meinen Hoffnungen iſt es vorbei,“ ſagte er in ſeiner ſanften Weiſe. Trifels ſchwieg ein Weilchen. Er unterdrückte den Gedanken, der ſich auf ſeine Lippen drängte.„Ihre Hoffnungen können aber wieder aufwachen und ſich erfüllen,“ antwortete er dann. „Niemals!“ erwiederte Reinhold.„Niemals!“ ſetzte er, ſeine Arbeit ergreifend, hinzu:„Es iſt Alles vorbei!“ „Wenn Sie das ſo gewiß wiſſen,“ begann der Freund abermals—„allein Sie können es nicht ge⸗ wiß wiſſen.“ „O, doch!“ erwiederte Reinhold, den Hammer an ſeine Bruſt legend,„ich weiß es. Hier ſitzt es, ich fühle es alle Zeit, und meine Augen ſagen es mir, 22 mein Kopf!— Nein!“ fügte er tief athmend hinzu, „es muß getragen ſein und ſoll ſo ſein. Wir müſſen uns alle darein finden, lieber Herr von Trifels, wenn es uns nicht ſo geht, wie wir denken.“ „Wenn Sie ſo beſtimmt davon überzeugt ſind,“ ſagte Trifels,„ſo weiß ich nicht, warum Sie das vortheilhafte Anerbieten des Amerikaners nicht ange⸗ nommen haben.“ Reinhold blickte vor ſich nieder.„Es ging nicht an,“ erwiederte er.„Der Meiſter braucht mich, er kann eben jetzt nicht ohne mich ſeine Arbeiten ausführen. Er iſt alt, hat mir viel Gutes gethan, liebt mich wie einen Sohn, und dann.... dann....“ „Was noch?“ fragte Trifels. „Es könnte wohl ſein, daß, wenn ich gehen wollte, daß der Vetter— er iſt brav, in jedem Haar aber von heftiger Gemüthsart— es könnte wohl ſein, daß er dann noch zorniger würde und Marie...“ Er ſchüttelte den Kopf und ſchwieg.—„Sie haben Recht, lieber Reinhold, Sie haben Recht!“ rief Trifels bewegt,„wie aber wollen Sie es über⸗ winden?“ „Ich werde arbeiten,“ ſagte Reinhold, ſeine blauen Augen aufſchlagend,„doppelt und dreifach will ich ar⸗ beiten, das thut's! Ja, lieber Herr, es giebt kein 23 anderes Mittel in der Welt, wenn es uns das Herz ausreißen und den Kopf umdrehen möchte, als die Arbeit.“ Und als wollte er für die Wahrheit ſeiner Be⸗ kenntniſſe den Beweis liefern, nahm er das Stuͤck Metall wieder in ſeine Hand, ſetzte ſich auf den Schemel und fing an zu hämmern und ſeine Gedan⸗ ken in ſeine Arbeit zu verſenken. Trifels ſtand noch einige Minuten neben ihm. Er dachte an ſeinen Vetter und deſſen Mittel, das Puppenſpiel zu verachten und jeden Lebensſchmerz zu beſeitigen, und an das einzige Mittel dieſes armen Knaben, der damit ſeinen Frieden gewinnen wollte. Endlich aber fiel ſein eigenes Denken und Trachten wieder auf ihn, und leiſe legte er ſeine Hand auf Reinhold's Schulter, nickte ihm zu und entfernte ſich. Zweites Capitel. Fräulein Emma hatte die große Wohnung wie⸗ der in Ordnung und Glanz gebracht, alle Spuren, welche eine Geſellſchaft zu hinterlaſſen pflegt, waren daraus verſchwunden, und eben ſaß ſie an dem Schreibtiſch, um ihre Rechnungen zu ordnen, als der Präſident hereintrat.—„Laſſen Sie Sich nicht ſtö⸗ ren, Täntchen,“ ſagte er,„ich komme nur mit heran, um Ihnen vielen Dank für Ihre großen Mühen zu ſagen. Sie werden froh ſein, wenn Alles vorüber iſt, und offen geſagt, ich bin es auch. Künftig denke ich, ſoll mein Haus mehr häuslich ſein. Kleine Kreiſe, nach dem Ausſpruche des alten Horaz, der die Sache verſtand, nicht mehr Gäſte am Tiſche, als es Muſen giebt, das ſind die wahren Freuden der Geſellſchaft.“ 25 „Hier ſind die Rechnungen,“ erwiederte Emma. „Es hat viel gekoſtet.“ Der Präſident hatte ſich geſetzt, er beachtete die Rechnungen nicht.„Wenn man älter wird,“ fuhr er fort,„wird man bequemer und ſehnt ſich nach ſtille⸗ ren Feſten und Genüſſen.“ „Das Familienleben iſt immer das ſchönſte,“ antwortete ſie. „Das Familienleben, eine ſchöne Hänslichkeit ſind die Schätze unſeres menſchlichen Daſeins, und wer ſie gekannt und beſeſſen hat, der behält die Sehnſucht darnach bis an ſein Ende.“ Fräulein Emma wandte den Kopf ein wenig ſeitwärts nach ihm hin; Herr von Landan hatte die Ellbogen auf die Stuhllehnen geſtützt, die Hände verſchränkt, ſo ließ er ſeine Daumen um einander rollen.—„Leider,“ ſagte er,„iſt mir dieſes Familienglück zerſtört worden, ehe ich es dachte, und viel hat es mich gekoſtet, mich an Einſamkeit zu gewöhnen.— Ich meine die innere Einſamkeit oder Vereinſamung,“ fügte er hinzu,„die uns oft antreibt, äußere Luſt und Zerſtreuungen aufzuſuchen. Kein Menſch, mein lie⸗ bes Täntchen, weiß, wie es in der Bruſt des ande⸗ ren ausſieht, was Maske und was Wahrheit iſt, und von denen wir glauben, daß ſie aus lauter Luſt 26 und Jubel beſtehen, die tragen oft in ihrem Buſen einen ſchwarzen Wurm, der um ihr Herz kriecht, wenn Niemand ſie ſieht’.“ Die Wirthſchafts⸗Führerin legte die Feder fort und blickte nachdenkend ihn an. „Was Trifels betrifft,“ ſagte der Präͤſident... „Glauben Sie, daß er auch einen ſolchen Wurm in ſich trägt?“ fiel ſie ein.. „Das wollte ich nicht ſagen,“ erwiederte er. „Trifels iſt zu jung für ſolches Weh, zudem von ſo glücklichem, gleichmäßigem Temperament, und mit ſo vielem Lebensmuth und kräftiger Geſundheit aus⸗ geſtattet, daß er von allen Seiten geſichert iſt. Ich wollte nur ſagen, er nimmt mir jetzt den beſten Theil der Habe, die mir geblieben; meine Vereinſa⸗ mung wird alſo noch empfindlicher werden.“ „Sie haben noch zwei Töchter,“ antwortete Emma, als er ſchwieg. Es trat eine Pauſe ein. Fräulein Emma ſah in ihre Wirthſchafts⸗Bücher.—„Wenn Jemanden ſein Haus abbrennt,“ begann der Präſident,„ſo baut er es wieder auf, er müßte denn unvermögend dazu ſein.— Was meinen Sie, Täntchen, ſoll ich mein Haus in Truͤmmern liegen laſſen?“ „Das ſoll Niemand,“ ſagte ſie. 27 Er rückte ihr näher und ſah ſich um.„Sie ſind mir eine treue Stütze und Freundin geweſen,“ fuhr er fort.„Sie glauben alſo nicht, daß es zu ſpät iſt?“ „Es iſt niemals und für Niemand zu ſpät, Gutes zu wollen und Gutes zu thun,“ antwor⸗ tete ſie. Er legte ſeine Hand mit leiſem Druck auf ihren Arm, der trotz ſeiner Stärke und Feſtigkeit merklich zitterte; denn ein verwirrtes, ſonderbares Gefühl preßte ihre Bruſt zuſammen, als ſie in ſeine Augen blickte, vor deren eigenthümlichem Leuchten ſie die ihren kaum feſthalten konnte.„Ich will Gutes thun, ſowohl mir, wie Ihnen und Anderen,“ ſagte er,„obwohl der Begriff ein ſehr ſchwankender und ungewiſſer iſt. Was mir gut thut, ſcheint Anderen vielleicht nicht gut gethan. Darüber hat alſo Jeder mit ſich ſelbſt zu rechten, ich frage nichts darnach. Sie aber, liebe Emma, möchte ich dafür gewinnen; daher iſt es mir lieb, daß Sie meiner Meinung ſind, ich werde mich Ihnen näher erklären.“ „Herr Präſident,“ erwiederte ſie, ihre Hand zu⸗ rückziehend,„ich ehre Ihr Vertrauen und bin Ihnen treu ergeben, aber bedenken Sie wohl, was Sie thun wollen. Es giebt Fälle, in denen man zunächſt ſich 28 ſelbſt volle Gewißheit verſchafft haben muß, ehe man ſich— einem Anderen erklärt.“ Herr von Landau lehnte ſich lächelnd in den Stuhl zurück, er betrachtete ſeine Wirthſchafts⸗Füh⸗ rerin einige Augenblicke aufmerkſam. Ihr ſtarkes Geſicht war röther als ſonſt. Unruhe ſchien ſie zu erfüllen, und in den kleinen Falten auf ihrer Stirn zuckte es hin und her, als ſuchte ſie nach Ent⸗ ſchloſſenheit. „Sagen Sie mir aufrichtig, Täntchen,“ fragte er, nachdem er dies beobachtet hatte,„würden Sie Sich verheirathen?“ 1 „Nein!“ erwiederte ſie haſtig. „Nicht? Wie alt ſind Sie denn?“ „Volle achtundzwanzig Jahre.“ „Und Sie wollen nicht heirathen?“ fragte der Praͤſident in ungläubigem und ſpöttiſchem Tone. Fräulein Emma richtete ſich energiſch auf.„Das will ich nicht behaupten,“ ſagte ſie.„Ich werde je⸗ doch niemals einen Mann nehmen, der nicht für mich paßt.“ „Verſteht ſich,“ erwiederte er,„ein wohlhabender, anſtändiger Mann muß es ſein.“ „Einen Mann, den ich achte und der meine 29 Zuneigung beſitzt; deſſen Verhältniſſe zu den meinen paſſen,“ ſiel ſie ein. „So!“ ſagte der Präſident,„es muß alſo Alles paſſen, ſonſt nicht.“ „Sonſt gewiß nicht,“ erwiederte ſie, indem ſie aufſtand und ſich lächelnd verbeugte; denn ſie hatte ihre ganze Entſchloſſenheit wieder erlangt. „Bleiben Sie noch einen Augenblick,“ ſagte Herr Landau.„Ich habe Ihnen geſtern einen unerwarte⸗ ten Gaſt zugeführt, über den wir noch nicht geſpro⸗ chen haben: Fräulein Marie Hartmann, was ſagen Sie dazu, Taͤntchen?“ „Was ſoll ich dazu ſagen?“ „Ich meine, wie gefällt ſie Ihnen?“ „Ich bewundere das junge Mädchen, das in ſo fremden Verhältniſſen ſich ſo leicht bewegt.“ „Sehr bewunderungswerth, Sie haben Recht!“ rief der Präſident.„So einfach erzogen, ſo häus⸗ lich und wirthſchaftlich und dabei ſo fein, verſtändlich und ſchicklich. Was ſagt Hedwig von ihr?“ „Wir haben bisher ſehr wenig darüber geſprochen.“ Er dachte ein wenig nach, erhob ſich dann von ſeinem Platze und nahm nochmals Fräulein Emma'’s Hand:„Hören Sie, Täntchen,“ begann er,„Sie ſind klug, und mit Ihnen darf man nicht lang und breit 30 unterhandeln. Es wäre mir lieb, wenn Hedwig ſich mit Marie recht innig befreundete, wenn die beiden Mädchen Freundſchaft ſchlöſſen. Sie vermögen Alles bei Hedwig, bewerkſtelligen Sie das alſo, Hed⸗ wig ſoll ihr einen Beſuch machen, ſie dabei einladen, mit herüberbringen. Und nehmen Sie Sich auch ihrer an. Das arme Kind iſt ſo ſchüchtern, furcht⸗ ſam; machen Sie ihm Muth. Das thun Sie, Tänt⸗ chen, hören Sie wohl. Sie können denken, daß ich es ſehr lebhaft wünſche... und nun mache ich mich davon, denn wenn ich nicht irre, hörte ich Hedwig's Stimme. Schweigen Sie über Alles; was den in allen Stücken paſſenden Mann betrifft — ſo laſſen Sie mich ſorgen.“ Fräulein Emma blieb gedankenvoll vor ihren Wirthſchaftsbüchern ſtehen. Sie heftete ihre Augen auf die Zahlen, aber ſie dachte an andere Dinge. So ſtand ſie noch, als Hedwig herein ſprang und ihr um den Hals fiel.„Böſes Täntchen!“ rief ſie, „warum haſt Du mich nicht früher geweckt? Ich hätte Dir wahrhaftig gern geholfen, denn Deine Ermahnungen über meine Pflichten als junge Haus⸗ frau haben mir Gewiſſensbiſſe gemacht.“ „Es wäre gar kein Schaden,“ ſagte Emma, 31 „wenn Du zu einigem Nachdenken kämſt und etwas ernſthafter würdeſt.“ „Da haben wir es, da haben wir es!“ lachte Hed⸗ wig, ihre Hände ringend.„Aber, Täntchen, Täntchen! was ſoll ich mit allem Nachdenken thun, wo ſoll ich es laſſen? Eduard will nichts davon wiſſen, er kann die ernſthaften Geſichter nicht leiden, und was ein Bräutigam verlangt, muß man doch erfüllen! Wenn es das nicht wäre, würde ich auf der Stelle fürch⸗ terlich ernſthaft und bedächtig werden.“ So trieb ſie ihre Poſſen eine Zeit lang fort, und das Feſt vom letzten Abend gab ihr Stoff zu immer neuer guter Laune. Es gehörte nicht viel dazu, um das Geſpräch auch bald auf Marie zu bringen. Bei dieſem Namen aber wurde Hedwig wirklich ernſthaft und unverſtellt unmuthig.—„Ich muß geſtehen,“ ſagte ſie,„daß ich von dieſer fatalen Perſon mit Willen nicht geſprochen habe; aber ich begreife ſo wenig als Trifels, der früher doch ſo viel Gefallen an ihr gefunden haben ſoll, wie mein Vater dazu kommt, ſie immer wieder einzuladen. Er meint, man müſſe dankbar für ihre Gefälligkeit ſein. Ich glaube, Täntchen, daß ich wirklich einen dummen Streich machte, als ich mit Niedlich mich verbündete, um ſie hieher zu bringen.“ 32 „So ſtraft ſich das Unrechte,“ ſagte Emma; „aber was haſt Du gegen ſie? Ich glaube doch, daß ſie Dir keine Gelegenheit gegeben hat, Dich zu erzürnen.“ „Ich mag ſie nicht leiden,“ erwiederte Hedwig. „Es kommt mir vor, als wäre Alles falſch und ge⸗ macht an ihr.“ „Sie iſt beſcheiden und freundlich,“ fiel die Ver⸗ traute ein. „Sie heuchelt!“ rief die Braut dazwiſchen, „glaube mir, ſie heuchelt! Es iſt mir, als könnte ich bis in ihr Herz hinein ſehen und dort erkennen daß ſie mich haßt. Ich haſſe ſie auch!“ fuhr ſie noch leb⸗ hafter fort,„ſie iſt mir widerwärtig! Wäre ſie gut, ſo würde ich dieſes Gefühl nicht haben, aber— kurz Täntchen, ich kann Dir keine Rechenſchaft geben— nur begreife ich nicht, wie man dieſes Augenverdre⸗ hen und Gefallenwollen liebenswürdig finden kann.“ Emma ſchwieg, ſie hielt es nicht für rathſam, jetzt mitzutheilen, was der Präſident von ihr wünſchte; allein ſie ſagte nach kurzem Bedenken:„Dein Vater iſt anderer Meinung, er hat hier zu beſtimmen.“ „Mein Vater iſt für ſein Alter noch ſehr ga⸗ lant,“ antwortete Hedwig, ſpöttiſch lachend. „Er iſt noch ſtattlich und rüſtig,“ e wiederte Emma 33 „Er macht noch Eroberungen, der liebe Papa,“ fuhr die Braut fort. .„Es könnte daher wohl ſein...“ ſagte Fräu⸗ lein Emma. „Was könnte ſein?“ fragte Hedwig haſtig, als ſie ſchwieg. „Daß er an eine ernſtliche Eroberung— ich meine, an eine Heirath dächte.“ Hedwig ſchlug in beide Hände und prang hoch auf, indem ſie das luſtigſte Gelächter anſtimmte. „Täntchen, Täntchen!“ rief ſie dabei,„biſt Du raſend? Mein Vater heirathen, ich eine Stiefmutter bekom⸗ men? Wie köſtlich, wie erfreulich, wie lächerlich und undenkbar!“ „Warum denn undenkbar?“ fragte Emma. „Mein Vater iſt ja alt! Sein Haar iſt aller⸗ dings braun, ein allerliebſter Haarbuſch, aber er lei⸗ det an der Gicht, ſeine Arme und Beine ſind beſtän⸗ dig in Flanell gewickelt.“ „Glaubſt Du denn nicht,“ fragte Fräulein Emma ſehr beſtimmt,„daß der Präſident von Landau trotz ſeiner Perrücke und trotz der Gicht noch mehr als Eine junge und ſchöne Frau bekommen könnte? Im Uebrigen,“ fuhr ſie fort,„iſt es auch nicht ſo arg. Dein Vater ſieht wirklich noch gut aus, und ſeine 33 1856. XV. Neues Leben. II. „ 34 feinen Sitten, viele gefällige Vorzüge machen ihn liebenswürdiger, als manche junge Männer ſind.“ Hedwig war ſtiller geworden, ſie hörte auf⸗ merkſam zu.„Sprichſt Du denn wirklich im Ernſt?“ fragte ſie. „Ich ſpreche, wie ich es mir denke,“ lautete die Antwort.„Dein Vater verliert Dich und Deinen belebenden Umgang, möglich wohl, daß er ſich nach Erſatz für ſeine Häuslichkeit ſehnt.“ „Täntchen!“ ſchrie Hedwig plötzlich auf,„jetzt weiß ich's! Es geht etwas vor— ich habe mich ſchon darüber gewundert— der Papa kommt zu Dir, ſpricht heimlich mit Dir. Du biſt es, Du, Her⸗ zens Täntchen, Du ſollſt meine Mama werden!“ Mit dieſen Worten ſiel ſie der Freundin um den Hals und erſtickte deren Widerſprüche mit ihren Küſſen und Liebesworten.„Du biſt die Einzige, die ich mir gern gefallen laſſe!“ rief ſie.„Der arme Papa, o, er hat Recht! er kann nich ts Geſcheidteres thun; man muß Dich ja lieben, wenn man Dich kennt.“ „Du biſt im Irrthum,“ ſagte Emma, als es ihr endlich gelang, das Wort zu nehmen.„Du biſt wirklich im Irrthum.“ „Nein, thue mir den Gefallen und heirathe — 3⁵ ihn!“ rief Hedwig mit einem neuen ungeſtümen An⸗ fall:„Du mußt es thun!“ „Aber, Du thörichtes Mädchen!“ antwortete Fräu⸗ lein Emma ſich losmachend,„wir ſprechen von Mög⸗ lichkeiten, von weiter nichts. Dein Vater denkt nicht an mich, und ich...“ „Du denkſt an ihn, Du ſollſt an ihn denken! Ich will mit Trifels ſprechen, er wird ganz meiner Meinung ſein.“ „Ich hoffe, daß es Dein Scherz iſt,“ ſagte Emma zürnend. „Mein Ernſt iſt es, ich bin begeiſtert von dem Gedanken! Ich kann mir nichts Schöneres denken, als Dich meine liebſte Mama zu nennen und zu lieben. Es paßt ſich ja auch Alles gut. Du ſtehſt allein, lebſt im geſetzten Alter, biſt immer kaltblütig, immer verſtändig, leideſt nie an Herzklopfen, nie an ſchwärmeriſchen Gefühlen und haſt keinen Geliebten, der ſich todt ſchöſſe, wenn Du ihm untreu würdeſt.“ „Meine liebe Hedwig,“ antwortete die Wirth⸗ ſchafts⸗Vorſteherin ſehr ernſthaft,„höre mich an. Ich danke Dir für Deine Liebe, die mir auch jetzt einen ſo ſchönen Beweis ihrer Stärke giebt, aber ich bitte Dich, laß kein Wort weiter laut werden. Dein Vater iſt mein Beſchützer, mein Freund. Ich bin arm, 3*½ 36 ſtehe allein, bin weder jung noch ſchön, noch einneh⸗ mend, und mein Herz—“ ſie legte die Hand darauf und lächelte—„iſt ſtill und ruhig; dennoch aber ſelbſt, wenn Dein Vater mich ſo hoch ehren wollte, wie Du meinſt, würde ich niemals darein willigen. — Ich höre Jemanden draußen,“ fuhr ſie fort, ohne Hedwig's Erſtaunen zu beachten.„Es wird Trifels ſein, ich will nachſehen.“ Mit dieſen Worten entfernte ſie ſich, um die Unterredung abzubrechen. „Was will ſie denn?“ fragte ſich Hedwig, den Kopf ſchüttelnd.„Wie mich der Gedanke ergriffen hat! Heirathen! Es iſt närriſch genug von ihm, es lief mir wie Eis durch alle Glieder. Wenn es aber ſein ſoll, iſt ſie die Einzige, die ich möchte, und war⸗ um ſollte ſie es nicht thun? Sie hätte doch wirk⸗ lich nur von Glück zu ſagen.“ Emma trat wieder herein und hielt in der Hand ein verſiegeltes Päckchen.„Das iſt abgegeben worden,“ ſagte ſie,„ich habe dem Boten verſichern müſſen, es ſogleich Dir ſelbſt zu überbringen.“ „Von Trifels ein Geſchenk!“ rief Hedwig, haſtig darnach faſſend.„Täntchen, wenn man verlobt iſt, regnet es Geſchenke!“— Sie riß den Umſchlag her⸗ unter, ein Buch, fein gebunden mit Goldſchnitt lag 37 darin. Eine Liftgfpe!“ ſchrie ſie auf—„nein, wirk⸗ lich ein Buch,“ fuͤgte ſie hinzu, indem ſie es auf⸗ ſchlug. Plötzlich aber verwandelte ſich der mißmuthige Zug in ihrem hübſchen Geſicht in einen überaus luſtigen, und ihr Gelächter klang wie Spott.„Ge⸗ dichte!“ rief ſie,„und von wem? Da ſieh, da ſteht es: „Vergißmeinnicht! ein Liederſtrauß, gewunden von An⸗ dreas Herzberg.“ Er ſchickt mir ſeine Gedichte, was kann ich mehr verlangen! Und was iſt das? Eine Widmung, eine poetiſche Huldigung. Allerliebſt!“ Ein Blatt ſiel auf den Boden, ſie bückte ſich, hob es auf und ſah hinein.„Er beſingt mich!“ rief ſie, von Neuem laut lachend,„und redet mich nach dem Vorrechte der Poeten mit Du an.“„Du, die in meinen Träumen mir erſchienen, Wie eine Hell'ge, die ſich liebend neigte! Laß knieend mich um Deine Palmen dienen, Um Deinen Himmel, der ſein Glück mir zeigte.’— Hier ſchwieg die Braut, aber indem ihre Augen weiter über das Blatt irrten, wurde ihr Geſicht röther, und ihr Mund preßte ſich zuſammen, bis ſie mit ausbrechendem Hohne das Blatt von ſich ſchleuderte und dabei ausrief:„Das iſt wahrhaft un⸗ verſchämt! Dieſer Narr! Sind denn alle Menſchen told geworden? Wie kann er ſich dergleichen unter⸗ 8 38 ſtehen 21“— Sie ſtampfte mit deyrielwinen Fuß auf und ballte die Hände vor Zorn. Fräulein Emma hatte das Papier aufgenommen und war mit Leſen beſchäftigt, als Trifels die Thür aufmachte und jene zürnenden Worte hörte.„Wer iſt toll und unverſchämt?“ fragte er. Emma legte das Papier zuſammen, aber ihr Wink an Hedwig blieb ohne Verſtändniß. Dieſe ließ ſich nicht abhalten, nach ihren Eingebungen zu han⸗ deln; ſchnell zog ſie das Blatt aus Emma's Hand und hielt es dem Geliebten entgegen.„Lies das hier!“ rief ſie aus,„lies, was man mir zu ſchreiben wagt! Ein Menſch, nicht viel beſſer als ein Bettler, glaubt, ich habe mich liebend zu ihm geneigt, und ſagt mir Dinge die...“ Ein Gelächter unterbrach ihre Entrüſtung.„Dann ſieh hier, was er noch zugeſchrieben hat, obenan mit entſetzlicher Handſchrift,“ fuhr ſie fort: ‚„Ich werde meine Berechtigung verdienen— ich werde, verlaſſen Sie Sich darauf! Ruhm iſt der Trank, nach dem ich dürſte!— Was hilft es, zu denen zu gehören, die wie dürre Blätter vergehen? Mein Name wird glänzen und leben, wenn Niemand mehr von einem Trifels weiß. Ich werde mir die Thüren öffnen, die zu den höchſten Höhen dieſer Welt und darüber hinaus zur Unſterblichkeit führen. — Ich werde Ihrer würdig ſein, angebetete Hedwig. Vertrauen Sie mir, glauben Sie mir, verlaſſen Sie mich nicht— Sie duͤrfen mich nicht verlaſſen!“ „Iſt das nicht Tollheit?!“ rief Hedwig,„iſt dieſer Menſch nicht reif zum Irrenhauſe? Ich ſoll ihn nicht verlaſſen, ich ſoll ſeinen Ruhm, ſeine Unſterb⸗ lichkeit theilen! Und das ſagt er, als böte er mir ein übermäßig beglückendes Loos!“ Trifels hatte den Brief geleſen, er lachte nicht, er ſah nachdenkend vor ſich hin.—„Du mußt nicht zu böſe werden,“ bat Hedwig.„Man muß die Sache luſtig behandeln, ihn lächerlich machen.“ „Der arme Herzberg,“ ſagte Trifels.„Was thun wir da am beſten, Täntchen?“ „Sie werden wiſſen, was geſchehen muß,“ ant⸗ wortete Fräulein Emma. „Ich möchte ihm antworten!“ rief Hedwig, „um ihm meine ganze Verachtung zu zeigen.“ „Nein,“ antwortete Trifels,„er darf weder ver⸗ ſpottet, noch verachtet werden. In ſeinem Briefe iſt nichts, was uns dazu bewegen könnte. Er iſt jung, ſeine heißen Gefühle haben ihn in Irrthümer verſtrickt, aber dieſe Gefühle ſind nicht gemein. Er liebt Dich, theure Hedwig, liebt mit glühender Leidenſchaft. Dieſe Leidenſchaft ruft ſeinen Ehrgeiz wach. Er will Dich durch ruhmvolle Thaten erwerben, um mit allen ſeinen Lorbeern Deine Stirn zu ſchmücken. Das thäte ich auch, wenn ich es könnte.“ „Aber er iſt toll, und mich ſchaudert vor ihm!“ ſagte Hedwig. „Sei milde mit ihm, beklage ihn,“ antwortete Trifels,„er bedarf Deines Mitleides viel mehr, als Du glaubſt.— Dieſen ganzen Vorfall,“ fuhr er dann fort,„müſſen wir ſtreng gegen jeden verſchweigen. Nur wenn er geheim bleibt, iſt es möglich, daß alle böſen Folgen vermieden werden. Wer hat den Brief gebracht?“ „Eine alte Frau, die ich nicht kenne,“ erwiederte Fräulein Emma.„Sie ſah leidend und ärmlich aus.“ „Er hat eine Mutter, die wird es geweſen ſein.“ „Meine Schwiegermutter!“ lachte Hedwig. Trifels konnte einen ſtrafenden Blick nicht be⸗ zwingen. Schweigend nahm er das Blatt, das er einſteckte.„Dieſe arme Frau,“ ſagte er, zu Emma gewandt,„hat nichts auf Erden, als den einzigen Sohn, den ſie zärtlich liebt und auf ihn hofft. Schon dieſer Frau wegen müſſen wir mit äußerſter Schonung verfahren.“ „Die ihn näher kennen,“ erwiederte Emma, „müßten etwas für ihn thun.“ 41 „Ich kenne ihn erſt ſeit einiger Zeit,“ fuhr Tri⸗ fels fort,„und was ich von ihm weiß, weiß ich durch Niedlich. Ich werde jedoch....“ Hier ſchwieg er ſtill, denn unerwartet ſteckte Herr Niedlich ſeinen Kopf ins Zimmer und ſchob ſich mit einer tiefen Verbeu⸗ gung dann ganz herein „Ihr unterthänigſter Diener, meine Damen!“ rief er gelenkig und unerſchrocken trotz der Geſichter, an denen er bemerken konnte, daß er ungelegen kam. —„Laſſen Sie Sich ja nicht ſtören,“ fuhr er nach verſchiedenen Complimenten und Fragen fort,„ich gehe ſogleich wieder.— Herr von Trifels, nur einen kurzen Augenblick! Ich wollte mich nur erkundigen, wie Sie meinen alten, lieben, trefflichen Nachbar ge⸗ funden haben. Hat es nichts mit ihm zu ſagen 2 „Er befindet ſich ganz wohl und munter.“ „Alſo Alles wieder in Ordnung?“ fragte Herr Niedlich. „Ich glaube nicht, daß Ihnen etwas zu wünſchen übrig bleibt.“ .„Eh!“ lachte Herr Niedlich, ſeine Falten ziehend, „glauben Sie? Und Fräͤulein Marie, haben Sie die auch geſehen?“ „Geſehen und geiprochen. Sie erklärte Alles für Spaß. aß.“ 3 42 „Ein verteufelter Spaß! Ein Spaß, der einem Arme und Beine koſten kann!“ rief Herr Niedlich. „Aber Blech iſt Blech. Haha! Blech iſt Blech, wie er zu ſagen pflegt. Künftig werde ich einen Panzer anziehen, wenn ich meine Erklärung mache.“ „Sie wollen eine Erklärung machen?“ fragte Hedwig. Herr Niedlich ſah ſich ſchalkhaft nach allen Seiten um, grinſ'te behaglich und legte den langen Finger an ſeine ſchmale Naſe.„Da es einmal herausgeſagt iſt,“ begann er, ſich tief verbeugend,„und da wir hier ganz unter uns find, ein glückliches Brautpaar ſchon hier iſt, und wer weiß, wie bald Fräulein Emma uns auch nächſtens überraſcht; ſo darf ich unter dem Spiegel des Geheimniſſes Ihnen beken⸗ nen, daß ich— ehret die Frauen, ſagt Schiller— ſie flechten himmliſche Roſen ins irdiſche Leben! daß ich mir alſo auch ein Röschen ausbitten und ins Leben flechten laſſen werde.“ 8 „ Sie auch! Sie alſo auch!“ ſagte Hedwig, ihren Uebermuth bezwingend.„Here„Niedlich, ich gratulire, obgleich ich nicht weiß. „Ahnen Sie nichts, merken Sie nichts?“ fte er ein.„Da drüben an der Ecke, ich dicht nebenan. 43 — Alte Jugendfreundſchaft! es giebt kein ſchöneres Band.“ „Fräulein Marie?“ fragte Hedwig.„Es ahnte mir. Schöne Seelen finden ſich.“ Herr Niedlich rieb ſich mit wunderbarer Ge⸗ ſchwindigkeit die Hände und wieherte im höchſten Discant.—„Ich ſpreche kein Wort mehr, ich muß fort!“ fügte er heftig nickend hinzu.„Ich habe nichts geſagt, aber es gehört mit zur Bildung; ein Menſch von Gefühl muß heirathen! Hymen's Fackel koſtet allerdings Geld, doch wehe dem, dem ſie nicht leuch⸗ tet! Nicht wahr, Herr von Trifels? Was ſagen Sie, Fräulein Emma?“ „Ich ſage, daß Sie nicht ſchweigen können,“ antwortete dieſe. Herr Niedlich lachte ausgelaſſen.„Weil's hier brennt!“ rief er, mit dem Hut auf ſeine Bruſt klap⸗ pend,„weil die innere Seligkeit der Liebe ſich Luft machen muß. Aber nur einige wenige Tage noch ſchenken Sie mir Geduld, meine Damen, dann werde ich meine Braut allſeitig präſentiren.“ 8 Er wollte fort, kehrte jedoch wieder um, und er auf das Buch zeigte, das auf dem Tiſche gte er in luſtigem Tone:„Dacht' ich es doch, es ja! Ich ſah ſie aus dem Hauſe kommen, 44 ſie wollte aber nichts bekennen. Ein ſchöner Einband, Fräulein Hedwig, nicht wahr? Alle meine Bücher laſſe ich ſo binden. Es iſt nicht allein nöthig, Bil⸗ dung zu haben, auch Geſchmack muß man beſitzen.“ „Gehört Ihnen denn das Buch?“ ſragte Hed⸗ wig verwundert. „Gehörte mir,“ antwortete Herr Niedlich ver⸗ bindlich,„jetzt iſt es in ſchöneren Händen. Bitte ſehr, es iſt ja nur eine Kleinigkeit. Heut ganz früh kam er, Herzberg, zu mir gelaufen, bat mich, ihm die Gedichte zu geben, wollte aber durchaus nicht ſagen, was er damit anfangen wollte. Es war ſonderbar, was er Alles zuſammen faſelte von einem neuen Leben, das ihm aufgegangen, von Ruhm und Größe und Reichthümern, und wie er dabei ausſah, als hätte er alle Taſchen voll Ducaten. Es iſt ein ganz merkwürdiger Menſch, aber es iſt ein Talent, darum iſt er etwas verdreht. Er that wirklich ſo, als hinge ſein Glück daran, daß er das Buch bekäme, und nun, ehl nun hat er es Ihnen überreichen wollen.“ „Es wäre mir angenehm,“ ſagte Hedwig,„wenn Sie es wieder mitnehmen möchten.“ Herr Niedlich ſtutzte über den ſcharfe Ton, ſchien jedoch nicht abgeneigt, dieſen Wunſch zu füllen; indem er aber die Hand ausſtreckte, 1 45 Trifels das Buch auf und überreichte es ſeiner Braut. „Das darf nicht geſchehen,“ ſagte er;„Du wirſt ge⸗ wiß das Geſchenk des Herrn Herzberg nicht zurück⸗ weiſen. Alle anderen Umſtände ſind gleichgiltig, wir werden darüber noch ſprechen können.“ „Verſteht ſich!“ rief Herr Niedlich,„es läßt ſich ja Alles ausgleichen. Man kann jeden Verluſt er⸗ ſetzen, nur nicht die Zeit. Benutzt die Zeit, ſie geht ſo ſchnell von hinnen! ſagt Shakeſpeare....“ „Göthe, Herr Niedlich!“ lachte Hedwig da⸗ zwiſchen. „Richtig, Göthe! Es iſt eine erſtaunenswürdige Wahrheit! Eine Phantaſie, die man aufs höchſte verehren muß. Daher empfehle ich mich Ihnen, gnä⸗ digſtes Fräulein, und— bitte ſehr, keinem Menſchen ein Wort!“ Herr Niedlich hüpfte davon, und Hedwig er⸗ ſtickte ihr Lachen, indem ſie ſich an ihren Bräutigam lehnte und ihr Geſicht verbarg. Als ſie aber dieſes wieder aufhob, war es voll Spott.„Das alſo,“ ſagte ſie,„iſt der Auserwählte der überaus verſtändigen, liebenswürdigen Marie Hartmann, welche man mir ſo ſehr gerühmt und gelobt hat. Ein würdiges Paar! Ein höchſt paſſendes Paar! Ich werde ſie nicht mehr anſehen können, ohne zu lachen.“ Driltes Capitel. Am Abend, als es dunkel wurde, ging Trifels einem entfernten Stadttheile zu, wo, wie er erfahren, Herzberg wohnte. Er hatte ſich vorgenommen, die⸗ ſen aufzuſuchen, und irrte eine Zeit lang zwiſchen den hohen Häuſern einer engen Straße umher, bis er das rechte fand. Dann ſtieg er eine finſtere Treppe in einem Seitengebäude hinauf und befand ſich auf einem engen Flur. In einem Küchenverſchlag brannte eine kleine Lampe, welche ihn eine Thür erkennen ließ, und als er leiſe daran klopfte, ſagte eine ſchwache Stimme, daß er eintreten könne. Er öffnete die Thür und blieb ein wenig über⸗ raſcht ſtehen. Der Eingang in dieſe Wohnung war ärmlich geweſen, allein das ziemlich große Zimmer, in welches er trat, war freundlicher, als er ſich 47 gedacht hatte. Aus dem Schiffbruch beſſerer Zeiten retten arme Menſchen gewöhnlich einige Zeichen ihres ehemaligen Glückes, retten häufig auch den Sinn für Ordnung und Reinlichkeit. Trifels warf einen flüchtigen Blick auf die weißen Vorhänge an den Fenſtern und auf die weißſchimmernde Decke des Bettes im Hintergrunde. Zugleich ſagte ihm das Inſtrument, das mitten im Zimmer ſtand, daß Herz⸗ berg hier wohnen müſſe. Den Muſtker erblickte er jedoch niche; an dem Tiſche am Ofen ſaß nur eine bejahrte Frau, welche ihr Geſicht von einem grünen Schirm beſchatten ließ, während ſie an einem großen groben Strumpf ſtrickte. Ein kleines Buch, ein Ge⸗ betbuch, lag vor ihr aufgeſchlagen, obwohl ſie nicht darin las. Als Trifels hereintrat, blickte ſie auf, und als ſie den fremden Mann ſah, nahm ſie den Schirm von ihrer weißen Haube, ſtand auf und er⸗ wiederte freundlich ſeinen guten Abend.„Mein Sohn iſt nicht zu Haus,“ ſagte ſie,„er wird jedoch bald wieder kommen.“ „Wiſſen Sie es gewiß?“ fragte er. „Ich denke wohl,“ war ihre Antwort;„er wollte nur einen Freund aufſuchen.“ Und mit der Aufrich⸗ tigkeit der Armuth ſetzte ſie hinzu:„Es iſt freilich ein ganzes Stück Weges, ehe er dahin kommt, denn 48 Herr Stark wohnt beinahe mitten in der Stadt, allein er wird ſich gewiß nicht aufhalten.“ „Alſo zu Reinhold iſt er gegangen,“ murmelte Trifels vor ſich hin. „Kennen Sie ihn?“ fragte ſie freundlich. „Ich wohne in demſelben Hauſe,“ antwortete er. „O, Sie— Sie ſind... 2“ rief die Frau aus, indem ſie ihn anblickte und dann die Hand vor ihre Augen hielt. Trifels nannte ſeinen Namen, ſie brachte eilig einen Stuhl herbei und nöthigte ihn zum Sitzen. „Andreas wird gewiß bald kommen,“ wiederholte ſie; „wenn es Ihnen nur gefällig wäre, ein Viertelſtünd⸗ chen zu warten.“ Der junge Edelmann ſagte dies zu, und bald war er mit Herzberg's Mutter in einer Unterhaltung, die nicht ohne Anregung für ihn blieb.— Wie ge⸗ wöhnlich, ſind Leute aus dem Volke immer geneigt, aus ihren Lebensſchickſalen kein Geheimniß zu machen, während in den ſogenannten höheren Ständen die Zurückhaltung darüber eben ſo allgemein iſt. Noch ehe eine Viertelſtunde vergangen war, wußte Trifels Alles, was die gute Frau von ihrer Vergangenheit erzählen konnte, und es war in der That nicht viel und nichts Beſonderes, dennoch aber war er davon — 49 bewegt. Ihr Vater war ein rechtlicher Handwerker geweſen, ihr Mann hatte ſie geheirathet als Capell⸗ meiſter bei einem Regiment. Dann hatte er eine Privat⸗Capelle geleitet, und Alles war gut gegangen, bis plötzliche Krankheit und Tod mit ihren ſchwar⸗ zen Händen dieſes friedliche Glück zerriſſen. Während die Witwe ihr Schickſal erzählte, hatte Trifels Zeit, ihre Ergebenheit und ihren gläubigen Muth zu bewundern. Bei den Erinne⸗ rungen an das Glück ihrer jungen Tage belebten ſich ihre matten, röthlich ſchimmernden Augen, die, als ſie von den Leiden, welche darauf ſolgten, ſprach, ſich niederſenkten und naß zu werden ſchienen. Sie klagte jedoch nicht, denn ſie ſprach, alle Klagen ver⸗ ſchmerzend, von ihrem Sohne, wie er von Jung auf ſo große Luſt und Neigung zur Muſik gezeigt, daß ſein Vater ſowohl, wie alle Leute die ihn geſehen, ihn bewundert hätten, auch alle ſeine Lehrer immer mit ihm zufrieden geweſen ſeien. Das hagere Geſicht der Witwe wurde dabei erwärmt von der Liebe, die in ihr Herz zuſammenſtrömte; die tiefſten Falten, welche Gram und Sorgen ihren Zügen aufgeprägt hatten, machten einem freundlichen Lächeln Platz, und als der junge Edelmann ſich über ihren Sohn beifällig äußerte, indem er verſicherte, daß dieſer gewiß einmal 1856. XV. Neues Leben. II. 4 50 Bedeutendes leiſten werde, ſchaute ſie ihn mit dank⸗ erfüllter Verklärung an. „O,“ ſagte ſie, die Hände faltend,„wie wohl thut es mir, das zu hören! Da ſprechen gar Manche, die es nicht verſtehen, es ſei Unrecht, daß ich ihm den Willen gelaſſen und daß er nichts Nützliches gelernt habe, was Brod gibt; denn mit aller Kunſt ſei es doch nur ein ungewiſſes Loos. Und der alte Hartmann, es iſt noch ein Vetter von uns, der wollte durchaus, ich ſollte Andreas zu ihm in die Lehre thun, er ſollte ein Blechſchmied werden, das ſei tauſendmal beſſer, wie ſolch nichtsnutziges Geflun⸗ ker. Er hat's wohl gut gemeint, der Herr Vetter, es war aber doch hart von ihm; denn als ich nicht wollte, weil's dem Andreas ſein Untergang geweſen wäre, kümmerte er ſich nicht weiter um uns. Der liebe Gott hat uns jedoch nicht verlaſſen!“ ſetzte ſie mit Innigkeit hinzu,„er hat uns immer noch beſchützt und wird uns weiter helfen, das weiß ich; denn in mancher großen Noth hat er mir beigeſtanden, und wo keine Hilfe war, hat Er geholfen.“ Ihr Geſicht war voller Vertrauen, und der feſte Ton ihrer Worte ſtimmte damit überein. Sie nahm den Strumpf vom Tiſch und richtete ihre Augen auf 51 das Gebetbuch, indem ſie ſich darauf niederbückte und ſtill vor ſich hin lächelte. „Sie ſcheinen an den Augen zu leiden,“ ſagte Trifels, als er ſah, daß ihr das Licht der Lampe wehe that. „Ach, freilich,“ erwiederte ſie,„das iſt eine ſchwere Schickung, die mir der Herr auferlegt hat. Als ich noch nähen konnte, wurde es mir leichter etwas zu erwerben. Ich konnte ſehr feine Sachen nähen, ſonſt wäre es auch nicht möglich geweſen, mein ar⸗ mes Kind zu erziehen und für ſeinen Unterricht zu ſorgen.“ Jetzt fügte ſie mit einem leiſen Seufzer hinzu, „kann ich nur noch ſtricken, und damit verdient man wenig, lieber gnädiger Herr, ſehr wenig.“ „Das iſt traurig,“ ſagte Trifels.„Sie haben gewiß die Augen zu ſehr angeſtrengt.“ „Manche Nacht, ja gewiß, manche Nacht,“ ant⸗ wortete ſie lächelnd.„Es mußte ſo ſein, es ging nicht anders. Ich hatte keinen Menſchen, der ſorgen half; aber Gott gab mir Kraft und Stärke, und Alles ging gut viele Jahre lang. Gottes Segen war dabei, daß meine Augen aushielten, bis Andreas erwachſen war.“— „Und nun ſorgt er,“ fiel Trifels ein. „Ja, das thut er!“ rief ſie freudig,„das thut 4 R 4* 5² er aus allen ſeinen Kräften. So viel er immer vermag, ſorgt er; aber freilich— ein junger Mann und ein Künſtler, wie er, kann ſich nicht herabwür⸗ digen. Es iſt nicht wie bei einem Handwerker,“ fuhr ſie mit erregtem Stolz fort,„der in Lohn und Brod ſteht und, wenn die Woche um iſt, ſein beſtimm⸗ tes Geld nach Haus bringt. Sie müſſen wiſſen, An⸗ dreas giebt Stunden, allein damit kommt man auch nicht weit. Er giebt nicht gern Stunden, denn das iſt eine Handwerker⸗Arbeit, und dazu iſt er niche geſchaffen. Sie verſtehen ihn nicht,“ flüſterte ſie, den Kopf ſchüttelnd,„es verſteht ihn ſo leicht Keiner, denn er gehört nicht zu den Gewöhnlichen, dazu gehört er nicht.“ „Er arbeitet wohl viel?“ fragte der junge Edel⸗ mann. „O, viel!“ ſagte ſie,„zu viel, das arme Kind Oft ſitzt er ſtundenlang, halbe Nächte lang am In⸗ ſtrument, wie abweſend, und wenn ſie es hören ſollten, wie wunderbare Melodien aller Art er hervorbringen kann, Ihr Herz würde ſich dabei rühren— und dann ſchreibt er es auf, ganze Stöße voll hat er ſchon aufgeſchrieben. Wenn er es herausgeben wollte, es würden Viele ſich verwundern. Aber er thut es nicht, es iſt ihm Alles nicht gut genug; er will es 53 immer beſſer noch finden, immer beſſer, obwohl es gar nicht beſſer ſein kann, als es iſt.“ Mit überſtrömender Bewunderung ſprach ſie ſo fort zum Lobe ihres Sohnes, der von ihr, wie Tri⸗ fels wahrnehmen mußte, mit größter Zärtlichkeit ge⸗ liebt wurde. Was Trifels beiſtimmend antwortete, hörte ſie mit erwartungsvoller Aufmerkſamkeit, den Kopf vorbeugend und lächelnd an, als höre ſie eine ſchöne Muſik.—„Wie gut Sie ſind!“ ſagte ſte dann leiſe.„Sie haben Andreas lieb, ich danke Ihnen aus ganzem Herzen dafür; aber er verdient es auch und ich weiß, daß er Sie ebenfalls beſonders hoch verehrt. Er iſt ſehr ſtill und ſchweigſam, doch Ihren Namen habe ich ihn öfter nennen hören, erſt heute hat er ihn wohl dreimal genannt.“ „Seien Sie überzeugt,“ erwiederte der junge Edelmann,„daß ich Ihres Sohnes Freund bin und gern ihm mit Rath und That meine rege Theilnahme beweiſen will.“ Sie hob das Geſicht mit dem grünen Schirm zu ihm auf und ſagte gerührt:„Sie meinen es gut, ich höre es an ihrer Stimme, und ſo viel kann ich noch mit meinen ſchwachen Augen erkennen, daß der allmächtige Gott Sie reich geſegnet hat mit allen ſeinen Gaben.— Da kommt er!“ rief ſie dann, 54 ſich unterbrechend,„das iſt er, und wie wird er ſich freuen! Seien Sie nicht böſe,“ fuhr ſie demüthig fort,„wenn er nicht ſo freudig ſcheint, wie Andere thun. Es iſt nicht ſeine Art, ſo laut zu ſein.“ Mit dieſer Fürbitte bewegte ſie ſich nach der Thür, als raſche Schritte ſich auf der Treppe hören ließen. Ihre Beſorgniſſe wegen der Stimmung ihres Sohnes ſchienen jedoch keinen Grund zu haben; denn als ſie hinausſah, hörte Trifels den jungen Muſiker in freudigem Tone rufen:„Da bin ich ſchon zurück, Mutter, Alles iſt gut. Ich habe Reinhold getroffen, und hier iſt das Geld. Jetzt hole, was wir brauchen,“ fuhr er hereintretend fort.„In kurzer Zeit ſollſt Du ſo viel bekommen, wie Du willſt, all' Dein Kum⸗ mer ſoll ein Ende haben. Ich denke..“ Er hielt plötzlich inne, denn er erblickte die fremde Geſtalt am Tiſche und blieb ſtehen. „Es iſt ein Herr, der Dich erwartet,“ ſagte die Mutter. 1 Ihr Sohn antwortete nicht, alle Freundlichkeit wich aus ſeinen Mienen, die kalt und düſter wurden, während er die ſchwarzen Augen ſtarr auf Trifels 3 richtete, der ſeinen Platz verlaſſen hatte und näher kam. „Ich habe Sie aufgeſucht, mein lieber Herzberg,“ begann der Aſſeſſor,„um Ihnen meine freundſchaft⸗ 2 5⁵ liche Geſinnung zu beweiſen, die mich antreibt, einige Mittheilungen und Vorſchläge, welche Ihr Wohl be⸗ treffen, Ihnen perſönlich zu machen.“— Er ſtreckte dabei ſeine Hand aus, doch die ſchmalen, weißen Finger des Muſikers zuckten zuſammen, als wollte er ſie verbergen. Er verbeugte ſich ohne eine Erwiederung. „Darf ich Sie um eine Unterredung bitten?“ fuhr Trifels freundlich fort. „Meine Mutter wird uns verlaſſen,“ ſagte Herzberg.„Geh und beſorge Deine Geſchäfte, Mutter.“ Sein Ton war weder kindlich noch bittend, aber die alte Frau war ſogleich bereit, zu gehorchen.„Ich gehe ſchon; gleich, gleich, lieber Andreas,“ ſagte ſie, eilfertig nach einem Mantel greifend und dann einen Korb nehmend.„Beſter gnädiger Herr, ſetzen Sie Sich hieher an den Ofen, das iſt der wärmſte Platz; Andreas ſetzt ſich dort auf die andere Seite, ſo kön⸗ nen Sie ganz ungeſtört ſprechen. Lege auch noch Holz hinein, mein Kind, es liegen drei Stückchen hinter Dir, das wird reichen, bis ich zurückkomme und anderes mitbringe. Ich gehe, ja, ja, ich gehe! Schließ die Thür zu, mein Kind, ich kann anpochen. Der gnädige Herr nimmt es nicht übel, er meint 8 ſo gut, ja gewiß ſehr gut, mein Sohn, fehr gut!— Mit einem bangen, bittenden Lächeln verneigte ie 56 ſich vor dem vornehmen Gaſt und druückte ihrem Sohne die Hand, wobei ihre halbblinden Augen die⸗ ſem zärtlich und beſorgt zuwinkten. „Sie beſitzen eine ſehr gute, liebevolle Mutter,“ ſagte Trifels, indem er die Anweiſung der alten Frau befolgte und den Platz am Ofen einnahm. „Ich habe leider von meiner Mutter kaum Erinne⸗ rung, ſie ſtarb, als ich wenige Jahre alt war, und noch war ich auf der Schule, als mein Vater ihr in das ferne Land folgte, aus dem noch Niemand zu⸗ rückgekehrt iſt.“ Wenn dieſe vertraute Mittheilung das Eis zwi⸗ ſchen den beiden jungen Männern brechen und ſie ſich näher bringen ſollte, ſo war die Mühe vergebens. Herzberg's Augen ſchienen noch duͤſterer zu wer⸗ den, ſeine farbloſen Lippen preßten ſich zuſammen, während er einen ſeiner aufflammenden Blicke über ſeinen Gaſt gleiten ließ. „Ich glaube,“ ſagte Trifels, als er keine Ant⸗ wort erhielt,„daß eine gewiſſe Aehnlichkeit in unſeren Schickſalen liegt, lieber Herzberg. Auch Sie haben früh den Vater verloren. So traurig dies iſt, ſo wird der Charakter dadurch doch geſtählt; die Ent⸗ wicklung wird auf ſich ſelbſt hingewieſen, die Selbſt⸗ ſtändigkeit frühzeitig zur Reiſe gefördert, und es iſt 57 kein ganz leeres Vorurtheil, daß Männer, welche ohne väterlichen Einfluß und väterliche Leitung ſich ſelbſt bilden und den Geſchicken des Lebens die Stirn bieten mußten, dafür auch eine größere Energie zur Erreichung ihrer Lebensziele geltend machen.“ „Energie, ja!“ murmelte Herzberg. „Und die ſich nahe ſtehen in ſolchen Schickſalen und ſolcher Erkenntniß,“ fuhr Trifels fort,„müſſen ſich gegenſeitig zu helfen ſuchen. Ich achte und ehre Ihr bedeutendes Talent, glaube von Ihnen, daß Sie Ruhm und Anerkennung erringen werden.“ „Sie ſollen Sich nicht getäuſcht haben!“ ſagte der Muſiker mit ſeiner rauhen, heftigen Stimme, in⸗ dem er das lange Haar in den Nacken zurück warf. „Dazu,— zur raſchen Förderung Ihrer Lauf⸗ bahn und zur Förderung Ihres Lebensglückes— möchte ich gern etwas beitragen,“ begann der Frei⸗ herr, indem er ſich vertraulich zu ihm neigte.„Sie ſind noch ſehr jung, lieber Freund, ich bin wenig⸗ ſtens ein halbes Dutzend Jahre älter und kenne, wie ich glaube, die Weltverhältniſſe beſſer als Sie, der Sie ein Poet im Reiche der Worte und der Töne ſind und als ſolcher das Recht haben, Ihren Gefühlen und Vorſtellungen zu leben. Hören Sie mich daher ruhig an, ich hoffe, Sie werden mir 58 Recht geben. Denn,“ ſagte er lächelnd,„wenn der Poet auch von ſeiner Phantaſie genährt wird, ſo darf er ſich doch nicht der Wahrheit verſchließen. Er muß die reale Welt nicht unter ſeinen Füßen verlieren. Das Ideal iſt die höchſte Wahrheit.“ „Was haben Sie mir zu ſagen?“ fragte Herz⸗ berg, während ſein bleiches Geſicht ſich röthete. „Was ein aufrichtiger Freund ſagen kann,“ er⸗ wiederte Trifels.„Sie beſitzen den Ehrgeiz, der zum Streben und Schaffen gehört, allein Sie müſſen zu⸗ nächſt das Leben kennen lernen. Sie muüſſen die Welt ſehen, für welche Sie arbeiten wollen. Mit Einem Worte, lieber Herzberg, Sie müſſen, wie ich glaube, zu Ihrer Ausbildung noch Manches hören, ſehen, ſtudiren, in Sich aufnehmen und verarbeiten, um dann mit großen, gediegenen Werken vor die Oeffentlichkeit zu treten. Ich biete Ihnen die Hand dazu, denn ich bin in der Lage, Ihnen den lebhaf⸗ ten Antheil, den ich als Ihr Freund an Ihnen nehme, zu beweiſen. Reiſen Sie, gehen Sie nach Wien und Paris, überlaſſen Sie mir die Sorge, dies ausführen zu können; auch die Sorge für Ihre Mutter übernehme ich.“ Während er ſprach, war mit dem jungen Künſt⸗ ler eine Veränderung vorgegangen. Sein blaſſes 59 Geſicht glühte, ſeine Augen blitzten wie Sterne, ſeine Stirn hob ſich ſtolz auf, und um ſeine Lippen zuckten ſeine Gedanken. „Sie finden alſo,“ rief er in ſeiner rauhen Weiſe,„daß ich jetzt noch nichts leiſten kann?“ „Ich achte Ihr Talent zu hoch, um gering von Ihnen zu denken,“ erwiederte Trifels;„allein Sie werden Größeres leiſten, wenn Sie warten und es ausbilden.“ „Sie wollen mich von hier entfernen!“ fiel der Muſiker ein, indem er hohnvoll ſeinen Beſchützer anſtarrte. „Das will ich,“ antwortete dieſer gelaſſen, „weil es zu Ihrem Beſten iſt.“ „Zu meinem Beſten! Zu Ihrem Beſten, wollen Sie ſagen!“. „Ich wüßte nicht,“ ſagte Trifels,„was mein Wohl damit zu ſchaffen hätte.“ „Nicht, nicht?!“ fuhr der Künſtler in demſel⸗ ben Tone fort, und ſeine Blicke funkelten vor Freude, ſein Geſicht nahm einen übermüthigen Ausdruck an. „Sie wiſſen es nicht, aber ich weiß es— ich! Ich ſoll fort, ich bin Ihnen unbequem, Sie wollen mich mit guter Manier aus dem Wege räumen.“ „Ich verſtehe Sie nicht, beſinnen Sie Sich,“ 60 erwiederte der Freiherr, ohne ſeine ruhige Stellung aufzugeben. „Ich mag mich nicht verſtellen, und kann es nicht,“ fiel Herzberg ein,„aber ich werde nicht gehen.“— Er verneigte ſich, während er aufſtand.„Ich danke Ihnen Herr von Trifels, für alle Güte, welche Sie mir erzeigen wollen, ich werde mir jedoch ſelbſt meine Laufbahn brechen. Weichen werde ich nicht, niemals! Keinem werde ich weichen!“ „Sie ſcheinen in einem ſehr erregten Zuſtande zu ſein,“ begann Trifels, nachdem er ſich eine Mi⸗ nute lang beſonnen,„und meine gute Abſicht gänzlich zu verkennen.“ „Ihre gute Abſicht?!“ rief der Muſiker.— Er trat an ihn heran und ſah ihm ins Geſicht. Das matte Licht der kleinen Lampe beſchien die beiden jungen Männer. Der eine groß und edel gebildet, die ernſten Züge voll ſchwermüthigen Mitleids und voll Trauer, der andere klein, übermüthig, anmaß⸗ liche ſichere Blicke um ſich werfend, ein ſtolzes La⸗ chen auf ſeinen Lippen. Es war, als ſtehe er vor einem ertappten Verbrecher, der in ſeinen Händen ſei und gedemüthigt werden ſolle.—„Können Sie es läugnen,“ fragte er,„daß der eigentliche Grund 61 Ihrer guten Abſicht ein ganz anderer iſt, als was Sie angeben?“ „Das kann ich mit gutem Gewiſſen läugnen,“ ſagte der Freiherr. Herzberg heftete ſeine brennenden Augen feſt auf ihn.—„Haben Sie mit ihr— mit Hedwig geſprochen?“ fragte er dann. „Ich habe mit Fräulein Hedwig von Landau, mit meiner Braut, geſprochen, Herr Herzberg,“ ant⸗ wortete Trifels. „Dann haben Sie auch meinen Brief ge⸗ leſen!“. „Hier iſt Ihr Brief,“ erwiederte Trifels, indem er dieſen hervorzog und ihm entgegen hielt.„Es war meine Abſicht nicht, Ihnen Ihr Schreiben zurückzugeben; ich wollte kein Wort, wo möglich über eine Handlung verlieren, die ich als Irrthum und Uebereilung betrachtete. Sie ſelbſt nöthigen mich dazu.“ Herzberg griff nach dem Papier, das er in ſeiner Hand zuſammendrückte. Die Gluth, welche ſein Geſicht bedeckt hatte, bis dieſes plötzlich erblaßte, kehrte mit größerer Stärke zurück, verwirrt und von widerſtreitenden Gefühlen überwältigt, ſchien er mit ſich ſelbſt zu ringen, doch das war nur ein Augen⸗ 62 blick.—„Sagen Sie mir bei Ihrer Ehre,“ rief er plötzlich mit ſeinem früheren Ungeſtüm,„ob Hedwig Ihnen meinen Brief gegeben hat!“ „Nicht nur gegeben,“ verſetzte Trifels,„ſondern ich habe es auch übernommen, dieſe Angelegenheit zu ordnen.“ „Sie weiß alſo nicht, daß Sie hier ſind? Sie weiß von Ihrem ganzen Vorhaben nichts?“ „Bis jetzt weiß ſie allerdings nichts.“ „So handeln Sie gegen ihren Willen. Läug⸗ nen Sie es nicht, ich durchſchaue jetzt Ihren Plan. Sie handeln ohne Auftrag, aus eigener Machtvoll⸗ kommenheit.“ „Allerdings ja,“ erwiederte der Freiherr.„Fräulein Hedwig wollte ſelbſt an Sie ſchreiben, ich hinderte es.“ „Sie hinderten es! Warum hinderten Sie es!“ ftel der Künſtler heftig ein.„Sie wollte an uich ſchreiben!“ murmelte er, und über ſein Geſicht ver⸗ breitete ſich ein jähes Entzücken, das im nächſten Augenblicke von zornigen und ſtolzen Gedanken ver⸗ drängt wurde.„Sie haben es hintertrieben,“ fuhr er fort,„und rühmen Sich damit, aber ich biete Ihnen Trotz. Sie ſollen Sich nicht rühmen, mich mit einem Fußtritt in die Welt geſchleudert zu haben. Sie ſollen nicht über den Narren lachen, der ſich zertreten ließ und dabei die Hand des hochverehrten Herrn küßte, der ſo gnädig war, ſich zu ihm her⸗ abzulaſſen.“ „Sie ſind verblendet, armer Herzberg!“ ſagte Trifels, traurig den Kopf ſchüttelnd.„Ich weiß nicht, was ich machen ſoll, um Sie aufzuwecken und Ihnen nicht wehe zu thun.“ „Was ſchadet das!“ rief er noch ranher,„was kümmert Sie mein Weh! Arm bin ich, ja, und dennoch“— ein Triumph funkelte in ſeinen Augen— „dennoch fürchten Sie mich!— Der Freiherr von Trifels und der arme Herzberg, den er fortſchafsen will, mag es auch Geld koſten! Aber ich verachte Ihr Geld, ich ſtoße es von mir, ich ſtelle mich neben Sie, dicht neben Sie— wir wollen ſehen, wer gewinnt!“ „Was glauben Sie denn zu gewinnen?“ fragte Trifels.. „Was, was?“ erwiederte er, von dieſer Frage betroffen.„Sie haben meinen Brief geleſen”“... Er ſtrich das Haar von ſeiner heißen Stirn und fuhr trotzig fort:„Was darin ſteht, erregt Ihren Zorn, Ihren Hohn.“ „Ich habe weder Zorn noch Hohn für Sie,“ ſagte Trifels ſanft.„Vergeſſen wir dieſen Brief, 64 Sie werden die Verhältniſſe ruhiger betrachten lernen.“ „Die Verhältniſſe! Ich nehme nichts davon zurück!“ rief Herzberg leidenſchaftlich, und indem er ſeine durchſichtige, weiße Hand auf ſeine Bruſt legte und darauf klopfte, öffneten ſich ſeine Augen groß und herriſch.„Ich habe geſchrieben,“ fuhr er fort,„daß, wenn Niemand mehr auf Erden etwas von einem Freiherrn von Trifels weiß, mein Name noch mit Ruhm genannt werden wird. Fordern Sie Rechenſchaft dafür? Ich bin bereit dazu.“ „Sie haben mich nicht dadurch beleidigt,“ ſagte der junge Edelmann ruhig.„Was Sie geſchrieben haben, glaube ich ſehr gern, und wünſche Ihnen Glück dazu.“ „Sie verhöhnen mich!“ murmelte der Künſtler, ſeine Zähne zuſammenpreſſend. „Laſſen Sie uns dieſe Scene enden,“ erwiederrte Trifels,„Sie ſind in einer Leidenſchaft befangen, die Ihnen verderblich werden muß. Ich biete Ihnen meine Hilfe an, wollen Sie dieſe nicht annehmen?“ „Nein, niemals!“ „So will ich Sie oerlaſſen, vielleicht denken Sie morgen ruhiger, konmen Sie dann zu mir, oder ſchreiben Sie an mich. Um Eines jedoch muß ich 65 Sie Ihrer ſelbſt wegen ſowohl, wie der Verhält⸗ niſſe wegen bitten. Fräulein Hedwig von Landau iſt meine Braut, ſchreiben Sie keine Briefe wie⸗ der an ſie.“ „Ich werde thun, was ich will!“ antwortete Herzberg in fieberhafter Aufregung. „Sie werden thun, was vernünftig und ſchicklich iſt!“ ſagte der Freiherr ſtolz und nachdrücklich.— Sie ſchwiegen beide, ihre Blicke begegneten ſich. In Herzberg's düſteren Augen flammte ein verzehrender Haß, aber vor der kalten Ueberlegenheit ſeines Geg⸗ ners hielt er nicht aus. Plötzlich wurde Trifels' Ernſt milder, und mit weicher Stimme ſagte er: „Machen Sie Ihrer armen Mutter keinen Kummer, und bereiten Sie Ihren Freunden keine Betrübniß. Was ſoll daraus entſtehen, wenn Sie ohne Einſicht bleiben? Lieben Sie Hedwig, ſo handeln Sie darnach, edel und beſonnen, als Mann von Ehre und Ge⸗ wiſſen. Niemand weiß bis jetzt von dieſen Irrthü⸗ mern Ihres Herzens, Niemand darf davon erfahren. Sie werden einſehen, daß weder meine Braut, noch deren Familie in Nachrede gebracht werden darf. Ich gehe jetzt, Herr Herzberg. Bedenken Sie Alles wohl; ſobald Sie wollen, bin ich wie immer ein Freund, dem Sie vertrauen können.“ 1856. XV. Neues Leben II. 5 66 Als er fort war, blieb der Muſiker regungslos auf der Stelle ſtehen, wo er ſtand. Er ballte ſeine Hände und knirſchte mit den Zähnen.„Ich haſſe ihn, ich verabſchene ihn!“ murmelte er.„Aber ſie liebt ihn nicht! Was iſt er denn auch— ein ge⸗ wöhnlicher Menſch!“— Sein Geſicht glättete ſich, ein finſteres Lächeln ſtieg darin auf. Er ging mit leiſen Schritten an ſeinen Schreibtiſch, öffnete dort einen Kaſten und entfaltete ein Papier, in welchem die Roſe geborgen war, die ihm Hedwig gab. Seine Blicke hefteten ſich darauf mit immer größerer In⸗ nigkeit, bis er ſie an ſeine Lippen und an ſein Herz drückte und mit ſeiner harten Stimme hervor⸗ ſtieß:„Mich liebt ſie, mich— mich allein!“ Viertes Capitel. Herr Niedlich hatte am folgenden Abende ſich nochmals in die Höhle des alten Bäͤren begeben, um wie er liſtig lachend zu ſich ſelbſt ſagte, ihm zunächſt den Honig abzunehmen, dann aber, wenn die richtige Zeit nur erſt gekommen ſein werde, ihm tüchtig auf die Schnauze zu klopfen.„Umſonſt ſoll er mich nicht ſo ſchändlich gekniffen haben,“ fuhr er fort,„ich will's ihm ſchon gedenken!“ Dabei ſchlüpfte er durch die Thür, welche heute nicht einmal klingelte, weil man den Stab, der an die Klingel ſchlug, herunter ge⸗ laſſen hatte. Leiſe trat er bis an das Glasfenſter, durch welches er in die Wohnſtube ſchauen konnte, und bemerkte zu ſeiner Freude, daß ſeine Beſchützerin, Frau Hartmann, ganz allein ſich darin befand. „Das iſt ja prächtig!“ rief er aus, uindem er 5* 68 hereintrat,„ganz wie ich es wünſche, beſte Mama, daß ich ein Wörtchen zunächſt mit Ihnen reden kann. Wo iſt der Papa? Iſt er in der Nähe?“ Die Meiſterin blieb ſitzen, ohne die Hornbrille abzunehmen. Sie machte auch gar nicht das einladende Geſicht, wie immer bisher, ſondern ſah den Eindring⸗ ling fremd und groß an.„Mein Mann iſt nicht zu Hauſe, Herr Niedlich,“ ließ ſie ſich dann hören. „Um ſo beſſer, Mama,“ antwortete er, ſeine Hände reibend und den ſchmalen Leib hin und her biegend, indem er vergnüglich dazu grinſ'te.„Es iſt merkwürdig, was der Papa noch für Kräfte beſitzt und was er für ſonderbare Späße macht. Sapper⸗ ment! für zwei Groſchen Seifenſpiritus habe ich heute verbraucht, die ſoll er mir erſetzen, hehe! Die ſoll er herausrücken.“ „Wenn es weiter nichts iſt,“ ſagte ſie verächt⸗ lich,„die können Sie gleich bekommen, Herr Niedlich.“ „Es iſt ja ein Scherz, Mama, nichts als Scherz!“ rief Herr Niedlich, dem dieſe Antwort nicht geſiel. „Und wenn es zweitauſend Thaler geweſen wären, auf ein Brett hätte ich ſie gelegt; denn meine Ver⸗ ehrung gegen Sie und Alle iſt gränzenlos. Wo iſt denn Mariechen?“ 4 „Ausgegangen,“ antwortete ſie kurz. 69 „So ſind wir Beide alſo ganz allein, das iſt prächtig!“ lachte Herr Niedlich.„Schwiegermama und Schwiegerſohn müſſen zuſammenhalten, ſo geht Alles gut.“ „So weit ſind wir noch lange nicht,“ ſagte ſie in ſtolzem Tone. „Nicht? nein, freilich noch nicht,“ antwortete Niedlich luſtig, ſeine Hände reibend,„aber wir wer⸗ den dahin kommen, Mamachen. Sie können davon überzeugt ſein, daß es mir heiliger Ernſt iſt.“ „Dazu gehören denn doch noch andere Leute, die auch ein Wort mitzuſprechen haben,“ fuhr die Meiſterin fort. „Das iſt gewiß!“ rief Herr Niedlich.„Sie vor allen Anderen, Mama.“ Frau Hartmann ſchob die Brille ein wenig in die Höhe und zupfte ihre Backenhaube zurecht.„Wir haben Vieles zu bedenken, ehe wir etwas ſagen können,“ erwiederte ſie mit Nachdruck;„überhaupt, Herr Niedlich, iſt das eine Sache, die man drei Mal überlegen muß, ob ſich's paßt.“ „Wegen meiner?“ fragte Herr Niedlich.„Wie auf einen Felſen können Sie darauf bauen. Erin⸗ nern Sie Sich, Mama, was ich an jenem Abend geſagt hatte, wo ich Mariechen zum Ball bei dem 70 Präſidenten abholte. Wenn man liebt, fragt man nicht nach Rang und Stand, es iſt ganz einerlei, was etwa dazwiſchen liegt. Liebe gleicht Alles aus, dafür giebt es eine höhere Bildung. Das habe ich geſagt, Mama! Und wenn ich gleich auf der Stelle meine Hand auf den Block legen ſollte, ich ſage es doch, Mama!“ rief er mit Energie.„Ich werde niemals etwas abläugnen.“ „Ich begreife gar nicht, wie Sie mich immer Mama nennen können, Herr Niedlich,“ ſiel die Mei⸗ ſterin ein, indem ſie ihre Brille bis auf die Stirn ſchob und dem Agenten ihr hartes, langes Geſicht entgegenſtreckte.— „Aber, beſte Mama,“ ſagte er verwirrt lächelnd —„nennen Sie mich doch Heinrich, wie ſonſt.“ „Ich verbitte mir Ihre Mama!“ fuhr ſie auf. „Was meinen Sie denn eigentlich damit, daß Sie Ihren Stand und Rang nicht weiter beachten wollen? Was glauben Sie denn, wer Sie ſind, und wer wir ſind? Denken Sie etwa, Sie thun uns eine Gnade an, wenn Sie mit uns in Freundſchaft' treten?“ „Liebe, beſte Mama— verehrte Frau Hart⸗ mann,“ begann Herr Niedlich, indem er unermeßliche Falten auf ſeiner Stirn zuſammenzog,„ich lege den höchſten Eid ab, daß mir dergleichen niemals 71 eingefallen iſt. Es iſt mir die größte Ehre, Ihr Sohn zu ſein, nicht ein Funken Hochmuth wohnt in dieſer meiner Bruſt“— er ſchlug mit der ſchmalen, dünnen Hand darauf und fuhr feierlich fort:„Nichts iſt darin als Liebe, durchaus Liebe; kein falſcher Gedanke, nicht Einer! Wo Heinrich Niedlich ſein Wort gegeben hat, iſt es ſo gut wie ein Wechſel. Fragen Sie, wo Sie wollen. Achtung iſt die Hauptſache, Mama, und dieſe genieße ich überall; es iſt daher nichts als ein gerechter Stolz, wenn ich denke, auch Sie achten mich, und ich genieße Ihr werthgeſchätztes Vertrauen, womit Sie mich beehren, indem Sie zu der Verbindung Ihres Hauſes mit mir Sich freuen.“ Die Ungeduld der Frau Meiſterin konnte das Ende ſeiner kaufmänniſchen Anpreiſung kaum erwar⸗ ten, ihr Unmuth war dadurch keinesweges entwaffnet. „Ich kümmere mich gar nicht darum,“ fiel ſie ein, „wer Sie achtet. Bemühen Sie Sich aber durchaus nicht zu ſehr, Herr Niedlich, es giebt noch ganz andere Leute, die es ſich zur Ehre ſchätzen, in unſer Haus zu kommen; Marie wird von Herren und Damen, denen Sie nicht das Waſſer reichen dürfen, hoch angeſehen und mit Freundſchaft beehrt; alſo bilden Sie Sich keine Schwachheiten ein und denken 72 nicht, daß wir es uns zur Ehre ſchätzen ſollen. Wir danken dafür, wir danken Ihnen ganz und gar dafür!“ Herr Niedlich wußte nicht, wie er dieſen Strom unterbrechen ſollte, der, einmal im Zuge, gewiß ſo bald nicht aufhörte; er begriff auch nicht, was ſeiner beſten Freundin angeflogen ſei. Er faltete ſeine langen Hände und ſeufzte ſchmerzlich.„Theuerſte, liebſte, vortrefflichſte Frau!“ begann er endlich de⸗ müthig,„Sie verkennen mich, Sie vernichten mich! Sonſt waren Sie ja ſtets meine liebevolle Beſchützerin! Was iſt denn plötzlich geſchehen? Ich begreife nicht, was geſchehen iſt, wer mich verläumdet hat. Ich weiß, daß Mariechen von Allen geliebt und geſchätzt wird, aber bin ich nicht immer ihr unterthänigſter Diener und Freund geweſen? Habe ich es nicht be⸗ werkſtelligt, daß ſie zu dem Präſidenten eingeladen wurde?“ „Sie ſind immer ein eitler Menſch geweſen!“ ſchrie die erzürnte Frau.„Mein Mann hätte Ihnen unſer Kind nit t auf eine Stunde anvertraut, wenn Herr von 2 nicht geweſen wäre. Und hiermit ſage ich es Ihnen geradezu, es wird nichts daraus, machen Sie Sich keine Rechnung auf unſere Ein⸗ willigung. Marie hat keine Luſt zu einer Heirath mit Ihnen, und wie mein Mann darüber denkt, hat 73 er Ihnen geſtern ſchon bewieſen. Ich begreife über⸗ haupt nicht, wie Sie es wagen können, noch einmal hieher zu kommen.“ „Herr von Trifels,“ ſagte Herr Niedlich in ſeiner Beſtürzung, die ſich mit ſeinem Aerger miſchte, „hat mir geſagt, daß der Papa und Marie Alles für Spaß erklärt hätten.“ „Spaß?! Spaß!“ rief ſie höhnend.„Ein ſchöner Spaß, wenn man beim Arm gepackt und aus dem Hauſe geſchmiſſen wird. Herr von Trifels hat ſich mit Ihnen einen Spaß gemacht, und den verdienen Sie.“ Herr Niedlich ſtand langſam auf, lächelte, indem er ſich an das ſchmale Kinn faßte, und runzelte ſeine Stirn zuſammen, indem er mehrmals mit den Achſehn zuckte. Er wußte nicht recht, was er thun ſollte. Sein Hochmuth regte ſich, allein dieſer kämpfte mit der Begier, nicht alle Hoffnung fallen zu laſſen.„Es iſt wunderlich,“ ſagte er endlich,„daß ein Menſch, wie ich, ſo behandelt wird von Leuten, die mich doch von Jung auf kennen.“ „Ein Menſch wie Sie!“ ſiel die Meiſterin hitzig ein.„Machen Sie keine Redensarten weiter, es hilft doch Alles nichts. Ich dächte, Sie hätten genug von geſtern. Wenn mein Mann kommt, kann es noch ſchlimmer losgehen.“ 74 Bei dieſer Drohung erwachte ein rachgieriger Stolz in Herrn Niedlich.„Ich habe mich wirklich ſchon zu lange hier aufgehalten,“ fiel er ein, indem er ſeinen Rock zuknöpfte. „Zu lange ſchon? Da geht der Weg hinaus, Herr Niedlich.“ „Mit Menſchen ohne Bildung muß man Nach⸗ ſicht haben,“ antwortete Herr Niedlich würdevoll und mit einer Schwenkung nach der Thür. Als er dieſe öffnete, hörte er hinter ſich das gellende Gelächter der Frau Meiſterin, und es kam ihm vor, als hätte ſie ‚Er Hans Narr!’ hinter ihm (he geſchrieen. Er ſtand einen Angenblick ſtill und ar ſo empört über dieſe neue Beleidigung, daß er umkehren und irgend etwas Schreckliches begehen wollte; allein er zog es dennoch oor, ſich ſchnell aus dem Hauſe zu entfernen, weil ihm einſiel, daß der obe Blechſchmied ihn am Ende nochmals über⸗ In ſeiner Wuth lief er die Straße hinunter bis an den Platz, unter rachgierigen Gedanken aller Art, die wie Blitze durch ſeinen Kopf ſchoſſen. Alle ſeine ſicheren Erwartungen waren getäuſcht worden. Menſchen, von denen er gewiß glaubte, daß ſie alle Finger nach ihm ausſtrecken würden, hatten ihn wie 7 4 75 einen Bettler behandelt, und was das Schlimmſte war, es wußten Viele darum, denn er hatte ja Fräu⸗ lein Hedwig und aller Welt von ſeiner Braut erzählt. In den Schmerzen ſeiner geſcheiterten Specula⸗ tion und ſeiner Verluſte ſtand er plötzlich vor dem Regierungsrath, der, ſeinen Vetter unter den Arm gefaßt, ihm entgegen kam; eben ſo ſchnell erhielt der Zorn des Agenten dadurch eine beſtimmte Rich⸗ tung.— Die beiden Verwandten waren im Geſpräch begriffen und hätten vielleicht Herrn Niedlich, der den Kragen ſeines engliſchen Düffels hoch in die Höhe gezogen und den Hut wild in die Stirn ge⸗ drückt hatte, gar nicht beachtet; allein er ſelbſt machte ſeine Gegenwart bemerklich, denn in dem Augenblick, wo Trifels lebhaft ausrief:„Das iſt unmöglich, ich glaube es nicht!“ hielt Herr Niedlich dicht bei ihnen ſeinen Lauf ein und wandte ſich um. „Da iſt Herr Niedlich,“ ſagte der Regierungs⸗ rath,„der kommt wie gerufen, er kann uns Auskunft geben. Sie wiſſen gewiß, Her Niedlich,“ fuhr er fort,„ob Ihre ſchöne Nachbarin, Fräulein Marie, zu Hauſe iſt?“ „Sie iſt nicht zu Hauſe,“ antwortete Herr Nied⸗ lich,„aber. 4 76 „Sie wiſſen auch nicht, wo ſie ſich befindet?“ fiel Her von Wolters ein. „Nein, es iſt mir auch ganz einerlei,“ ſagte Herr von Niedlich ſtolz,„aber...“ „Ohne Zweifel in ſehr guter Geſellſchaft,“ un⸗ terbrach ihn Wolters nochmals:„ich möchte jedoch eine andere Frage an Sie richten; haben Sie bemerkt, daß Fräulein Marie öfter ſchon Abendſpaziergänge ge⸗ macht hat?“ „Ich habe gar nichts bemerkt, ich will auch nichts bemerken,“ rief Herr Niedlich,„denn...“ „Sie ſind ein kluger Mann,“ lachte Wolters. „Aber noch Eines, Herr Niedlich. Iſt es Ihnen nicht ſo vorgekommen, als ob Fräulein Marie— nun, wie ſoll ich ſagen— Sie ein wenig vernachläſſigte, als ob Sie zurückgeſetzt würden?“ Bei dieſer Frage erwachte Herrn Niedlich's hef⸗ tigſte Empörung.„Wer iſt daran ſchuld?“ rief er, und indem er ſich zu Trifels wandte, fuhr er fort: „Sie ſind daran ſchuld! Sie haben Sich einen Spaß mit mir erlaubt; ich verbitte mir Ihre Späße, Herr von Trifels!“ „Sind Sie närriſch geworden?“ fragte der Frei⸗ herr erſtaunt. „Es iſt unwürdig für den Standpunkt Ihrer 77 Bildung,“ ſagte Herr Niedlich,„überhaupt merkwürdig, mich in ſolche Falle zu locken.“ „Ich habe ſchon oft an Ihrer Zurechnungsfä⸗ higkeit gezweifelt,“ erwiederte Trifels;„ſeit aber Mei⸗ ſter Hartmann ſich Ihrer annahm, ſcheint der letzte Reſt davon verloren gegangen zu ſein.“ „Was?“ ſchrie Herr Niedlich, ſeinen Kopf in den Nacken werfend,„damit machen Sie Sich breit? Mit einem Mordanfall auf Ihren Mitmenſchen, den Sie verſchuldet haben?!“ „Bei Gott!“ erwiederte der junge Edelmann unmuthig,„kaum verlaſſe ich einen Narren, ſo läuft mir ein anderer in den Weg.— Gehen Sie auf der Stelle!“ Herr Niedlich fuhr zurück, als ſei ihm eine Piſtole auf die Bruſt geſetzt worden; ohne Laut und Widerſtand lief er davon. „Ich begreife wirklich nicht,“ ſagte Wolters la⸗ chend, als er ſeinen Vetter weiter führte,„wie Du über dieſe luſtige Perſon Dich erzürnen kannſt. Mir macht es Vergnügen, ihn anzuhören, ich muß ihn morgen aufſuchen, tröſten und verſöhnen.“ „Deine Mittheilung,“ erwiederte Trifels,„hat mich beſtürzt gemacht und mit Unmuth erfüllt. Noch 78 halte ich Alles für unmöglich, für Täuſchung, ich ſträube mich gewaltſam dagegen.“ Der Regierungsrath blieb ſtehen und ſtieß ſei⸗ nen Vetter an.„Sieh dort hinüber,“ flüſterte er. An der anderen Seite der Straße, dicht an den Häuſern hin, führte ein Herr eine Dame, deren ſchwarzer Schleier und grauer Mantel ſich gut erkennen ließen. Der Herr hielt den Kragen hoch vor ſein Geſicht, ſo gingen ſie langſam weiter, bogen endlich in eine ſchmale Nebengaſſe ein, blieben dort ſtehen und ſchienen ein geheimes kurzes Geſpräch zu führen. Der Herr legte einmal ſeinen Arm um ſeine Beglei⸗ terin, die ihm entfliehen zu wollen ſchien— wenig⸗ ſtens war es, als ſträubte ſie ſich ihm weiter zu folgen; dann kehrte er mit ihr zurück, und Beide ſetzten ihren Weg fort, bis ſie endlich, die Straße überſchreitend, an der Thür des Blechſchmiedes an⸗ langten. Was in der tiefen Wölbung dieſer alten Thür geſchah, ließ ſich nicht genau erkennen: es ſchien jedoch ein zärtlicher, langer Abſchied zu ſein, der durch die Stille der nächſten Umgebung und durch die Dunkelheit des Ortes begünſtigt wurde. Endlich war die Thür geöffnet; in dem Augenblick aber, wo der Herr ſich umkehrte und die Hand der Dame losließ, faßte eine andere Hand aus dem 8* finſteren Flur heraus auch ſeinen Arm und riß ihn mit einem gewaltigen Ruck herein. „Ich will Euch die Liebesgedanken austreiben!“ ſchrie die rauhe Stimme des alten Meiſters. Zugleich hörte man Fräulein Marie rufen:„Um Gottes willen, Vater, halt ein! Licht, Mutter, Licht! Du weißt nicht, was Du thuſt, laß mich los, Vater!“ Die Frau Meiſterin ſtürzte aus dem Wohnzim⸗ mer mit der Lampe in der Hand. Da ſtand ihr Alter, wild und borſtig wie ein Eber. Mit ſeiner einen Hand hatte er Mantel und Schulter ſeiner Tochter gepackt, die andere hielt er geballt über ihrem Kopf. Bei allem dem hatte Marie ihre Be⸗ ſonnenheit nicht verloren. Sie hatte ihren Begleiter von ihrem Vater befreit, dieſen zurückgedrängt und den Freund hinter ſich in der Ecke zwiſchen Haus⸗ thür und Wand glücklich geborgen, indem ſie ſich muthig vor ihn geſtellt hatte. In dem Augenblicke, wo das Licht auf dieſe Gruppe fiel, ſank auch der Arm des alten Mannes nieder, die Frau Meiſterin aber that einen hellen Schrei.„Herr Jeſus!“ ſchrie ſie,„was haſt Du denn angerichtet?! Vater! Mann! Er muß in die Erde ſinken vor Scham!“ Der Blechſchmied ſtarrte die Geſtalt in der Ecke 80 wie eine Erſcheinung an, und ſchwankend zwiſchen ſeinen Entſchlüſſen und der unerwarteten Aufklärung, murmelte er dumpf vor ſich hin:„Herr Präſident! ja, ſo wollt' ich— aber ich hab's gehört und geſe⸗ hen, Herr Präſident!“ — Herr von Landau nahm eine lächelnde Miene an, hinter der ſich ſeine Verlegenheit verſteckte. Er winkte dem Handwerker zu und wandte ſich zu der Meiſterin, die vor ihm knirte und ſchalt und neue Entſchuldigungen machte.—„Schweigen Sie doch, beſte Frau, ſchweigen Sie,“ ſagte er,„ich nehme es nicht übel, bin völlig zufrieden geſtellt. Es war ein Irrthum, ein ſehr verzeihlicher Irrthum. Alles wird ſich aufklären, ſeien Sie überzeugt, wir werden bald wieder ſehr gute Freunde ſein.“ „Bedanke Dich doch bei dem Herrn Präſidenten!“ rief die Frau Meiſterin, ganz Beweglichkeit und Freundlichkeit.„Nehmen Sie es doch gar nicht uͤbel, gnädiger Herr, es iſt gewiß nicht gern geſchehen! Steh nicht ſo da, Hartmann, ſage dem Herrn Präſidenten doch, wie leid es Dir thut!“ „Es thut mir leid,“ murmelte der alte Mann, „ich meinte, es ſei ein Anderer; aber ich konnte es nicht denken, und— Herr Präſident— ich ſtand lange Zeit ſchon hinter der Thür, hörte da allerlei 8¹ mit an. Meine Tochter iſt ein junges Ding, uner⸗ fahren und, wie Maͤdchen ſind, leichtgläubig und eitel; ich aber bin ein ehrlicher Mann, und das will ich bleiben, Herr, will's bleiben, ſo lange ich die Augen offen habe.“ „Wer zweifelt daran, mein lieber Meiſter!“ ſagte Herr von Landau begütigend. „ Es iſt mir lieb, wenn Sie es nicht thun,“ fuhr der Blechſchmied fort:„allein läugnen kann ich's nicht, daß ich's gehört habe, und läugnen können Sie es nicht, daß Sie es geſagt haben. Es waren Worte, Herr, wie man zu einem Mädchen ſpricht, das einem mit Leib und Leben angehört, und es iſt mein Kind, Herr, mein einziges Kind. Ehe es in Unehre kommen ſoll, möcht' ich's mit meinen eigenen Händen erwürgen!“ „Was denken Sie nur, lieber Hartmann?!“ fragte der Präſident. „Ich weiß es nicht, Herr,“ antwortete der alte Mann finſter aufblickend,„aber es iſt nichts Gutes.“ „Ach mein Jeſus!“ ſchrie die Frau Meiſterin dazwiſchen,„wirſt Du wohl artig ſein?“ „Du ſchweigſt!“ grollte der alte Mann.„Ich ſage es noch einmal, hören und ſehen kann ich, und läug⸗ nen können Sie es nicht, daß das Mädchen da mit 6 1856. XV. Neues Leben. II. 5A 8² Liebesnamen von Ihnen genannt wurde, die ſich nicht ſchicken für einen Herrn, wie Sie es ſind.“ Bis dahin hatte Marie ſich ruhig verhalten, jetzt aber trat ſie neben den Präſidenten, der dem alten, heftigen Manne gegenuͤber ſtand und nicht recht zu wiſſen ſchien, was er noch antworten ſollte. „Wo es ſich um meine Ehre handelt,“ ſagte ſie ſehr beſtimmt,„iſt es nothwendig, zu ſprechen. Ja, Vater, ich läugne nicht, daß Herr von Landau mich mit zärtlichen Namen genannt hat, aber ich bin kein leichtgläubiges und eitles Mädchen; es iſt auch nicht das erſte Mal, daß der Herr Präſident mich begleitete und daß ich ihm erlaubte, mich ſo zu nennen; denn er hat mir geſagt, daß er mich liebt, und hat mich gefragt, ob ich mich entſchließen könne, ihm meine Hand zu reichen. Dies hatte ich aus vollem Herzen mit Ja beantwortet. Es iſt alſo kein leichtſinniges Begehen, Vater; Du wirſt nun anders über mich urtheilen.“ 3 Der alte Mann ſtand regungslos bei dieſem Bekenntniß.„Iſt es wahr?“ fragte er, ohne den Präſidenten anzuſehen. „Alles wahr, lieber Meiſter,“ flüſterte Herr von Landau.„Ich hätte jedenfalls in den nächſten Tagen mit Ihnen geſprochen.“ 83³ „Nun denn, ſo— ſo wollte ich, daß— ſo mag's Gott gnädig mit uns Allen machen!“ rief Hartmann ſeine ſchwarze Kappe packend, die er wild um ſeinen Kopf drehte, ſich umwandte und in ſeine Wohn⸗ ſtube ging. Nach einiger Zeit ſchlüpfte der Präſident aus dem Hauſe. Niemand ſchien ihn bemerkt zu haben: er hatte jedoch erſt eine kurze Strecke zurückgelegt, als er ſeinen Namen nennen hörte und raſche Schritte hinter ihm laut wurden. Er ſtand ſtill, ſah ſich um und erkannte ſeinen Schwiegerſohn, den er ganz wo anders vermuthete; eben ſo erkannte er den Regie⸗ rungsrath, der, wie es ſchien, ſeinen Vetter zurück⸗ halten wollte, ihn aber doch begleitete. Der Präſi⸗ dent war unangenehm von dieſem Zuſammentreffen überraſcht; als welterfahrener Mann ließ er jedoch davon nichts merken.„Sieh da, Trifels!“ rief er den beiden Herren entgegen,„und auch Sie, mein beſter Wolters! Kaltes Wetter heute, wohin wollen Sie?“ „Woher und Wohin ſind Fragen von oft gar tief⸗ ſinniger Bedeutung,“ erwiederte der Regierungsrath. „Ich glaube, wir bedenken noch ein Weilchen, was wir thun wollen.“ „Wollt Ihr mich begleiten?“ fragte der Prä⸗ ſident. 6* 84 „Es wird das Beſte ſein, Ihnen zu danken und Trifels mit mir zu nehmen,“ war die Antwort. „Dann auf Wiederſehen! Gute Nacht, lieber Trifels!“ „Ich werde Sie begleiten, wenn Sie es erlau⸗ ben!“ ſagte dieſer haſtig, als faſſe er ſeinen Ent⸗ ſchluß.„Ich habe Ihnen etwas mitzutheilen,“ fügte er hinzu. „Wenn es nicht bis morgen Zeit hat, ſo kom⸗ men Sie denn,“ antwortete der Präfident; allein dieſe halb abweiſende Form half ihm nichts: denn ohne darauf einzugehen, blieb Trifels bei ihm, während der Regierungsrath mit einem Gruße umkehrte. Schweigend gingen ſie einige Minuten lang neben einander, Jeder bedachte heimlich ſeine Lage, Keiner wollte den Anfang mit einem Austauſch machen. Herr von Landau grübelte über die Vermu⸗ thung, ob Trifels etwas und wie viel von ſeinem Ge⸗ heimniß wiſſe, oder was es ſonſt ſein möchte, das er ihm mitzutheilen habe. Er beobachtete ſeinen Be⸗ gleiter, der ernſthafter als ſonſt ausſah, aber gar keine Anſtalt machte, den Mund zu öffnen. Endlich war ihm dieſe Schweigſamkeit peinlich und ärgerlich. „Sie ſind alſo nicht bei Hedwig geblieben?“ fragte er. „Nein, ich hatte Geſchäfte.“ 85 „Dieſe müſſen wichtig geweſen ſein,“ lächelte der Präſident. „Nicht beſonders wichtig, doch wenig angenehm. Ich traf Wolters, der mich aufhielt.“ „Ein ſehr angenehmer Mann, ſehr geiſtreich.“ „Er hatte mir Manches mitzutheilen. Wir gingen hier lange auf und ab, bis wir Sie bemerkten.“ „So!“ ſagte der Präſident. „Sie waren nicht allein,“ fuhr Trifels fort. Hierauf erfolgte keine Antwort. Nach einiger Zeit aber begann der Präſident in herausforderndem Tone:„Sie hatten mir etwas zu ſagen, wenn ich recht hörte.“ „Allerdings ja,“ erwiederte der Freiherr.„Ich ſinne darüber nach, wie ich es thun ſoll, ohne Sie zu erzürnen. Ich halte es für meine Pflicht, nicht damit zu zögern, aber ich bitte Sie, was unbeſcheiden ſcheinen möchte, auf Rechnung meiner Verhältniſſe zu Ihnen und meiner lebendigen Theilnahme zu ſetzen.“ „Ich verſtehe Alles,“ ſagte Herr von Landau nach einer kleinen Pauſe.„Reden Sie, wir können uns ausſprechen.“ E „Die Dame, welche wir in Ihrer Geſellſchaft ſahen, war— Marie.“ „Sie war es,“ ſagte der Präſident. 86 „Und wie ich verſucht bin, zu glauben, haben Sie mehrmals ſchon Abend⸗Promenaden mit ihr gemacht.“ Herr von Landau befann ſich, ehe er antwortete. „Mein lieber Trifels,“ ſagte er endlich, indem er ſtill ſtand,„ich könnte Ihnen entgegnen: kümmern Sie Sich nicht um das, was ich thue, allein, da Sie Sich in meine Angelegenheiten miſchen, ſo will ich Ihnen Rede ſtehen. Sie haben Recht, Marie iſt öfter ſchon von mir begleitet worden. Es iſt ein liebenswürdiges Mädchen, das mir ſehr gefällt. Was alſo weiter?“— „Und Ihre Abſichten dabei?“ fragte Trifels. „Meine Abſichten? muß ich denn Abſichten haben?“ „Ich glaube ja, und glaube noch mehr.“ „Was glauben Sie denn?“ ſagte der Präſident, langſam weiter gehend. „Daß Sie Abſicht haben, dieſes junge Mäd⸗ chen— zu heirathen.“ „Ah! Und was wäre Schreckliches dabei?“ „Meine Vermuthungen ſind alſo begründet!“ Der Präſident hörte an dem Tone, wie erregt ſein Begleiter war.„Ich will ganz aufrichtig mit Ihnen reden, Trifels,“ begann er, indem er ſeinen Arm in den Arm des Freiherrn legte.„Sie werden 7 87 mir beipflichten. Ich kenne Alles, was gegen eine ſolche Verbindung ſpricht, aber mein Lebensglück ſteht mir höher. Meine Zufriedenheit, meine Ruhe ſind mir mehr werth, als alle Bedenken. Ich könnte eine ſogenannte Partie machen, eine geſetzte, wür⸗ dige Witwe oder dergleichen zu meiner angetrauten Geſellſchafterin erheben, woruͤber ſich Niemand wun⸗ dern würde, dazu habe ich jedoch nicht die geringſte Neigung. Ich will keine alternde Frau; eben ſo wenig aber eine von unſeren gewöhnlichen Ball⸗ und Geſellſchafts⸗Schönheiten. Soll ich ſie unglücklich machen und mich dazu? Manche dieſer Damen würden nicht abgeneigt ſein, den Präſidenten von Landau zu heirathen; was hätte ich von ihnen zu erwarten? Verwöhnt, wie ſie alle ſind, würde ich jedes Opfer für ihre Eitelkeit zu bringen haben, um ſie für ihr Opfer zu entſchädigen.— Ich ſage Ihnen, Trifels, alle dieſe Weiber glauben Opfer zu bringen, wenn ſie mit Verſtand heirathen ſollen. Sie prahlen damit, ihre Jugend und Gott weiß Alles geopfert zu haben, und gründen die unverſchämteſten An⸗ ſprüche darauf.— Lieben würde mich Keine; es wäre auch Tollheit, das von ihnen zu fordern. Nun aber finde ich ein Mädchen, ſittſam erzogen, häuslich, ohne Anſprüche, genugſam gebildet, jung, ſchön, liebens⸗ 88 würdig und dabei voller Verſtand, ohne die gewöhn⸗ lichen Mädchen⸗Anlagen ſich den Kopf von verliebten Anbetern verdrehen zu laſſen.“ „Können Sie das beurtheilen?“ ſiel Tri⸗ fels ein. „Sie werden mir wohl glauben, daß ich auf⸗ merkſam verfahren bin,“ erwiederte der Präſident. „Ich weiß Alles, und habe mich überzeugt. Junge Männer gefallen ihr nicht. Es giebt Mädchen, mein lieber Trifels, obwohl ſie ſelten ſind, junge, ſchöne Mädchen, die das reife Alter der Jugend vor⸗ ziehen. Marie ſollte den Werkführer und Vetter ihres Vaters heirathen, den ſie nicht mag, obwohl ſie ſelbſt geſteht, daß er gut und brav iſt, eben ſo wenig mochte ſie den Agenten Niedlich annehmen, der von Ihrer Mutter begünſtigt wurde. Wenn nun ein ſolches Mädchen Ihnen geſteht, daß ihre Nei⸗ gungen Ihnen allein gehören, daß ſie trotz Ihres Alters, trotz der übrigen Bedenken Sie liebt, was würden Sie dann thun, Trifels?“ „Ich würde zunächſt bedenken, ob es auch wahr ſei.“ „Ohne allen Zweifel iſt es wahr!“ ſagte Herr von Landau. „Glauben Sie nicht, daß Eitelkeit, Hochmuth, 89 die geheime Luſt an dem Glanz und Range, den Sie ihr verſchaffen können, die wahren Triebfedern ſind?“ „Wenn Sie wüßten,“ erwiederte der Präſident, „mit welcher Angſt das arme Kind eben deswegen erfüllt iſt, Sie würden anders von ihr denken. Wäre ich ein einfacher Bürger, er würde ihr lieber ſein, als der Präſident. Sie entſetzt ſich vor dem Auf⸗ ſehen, zittert vor dem Gerede und hat heute noch bitterlich bei der Vorſtellung geweint, daß Hedwig, meine Kinder, Sie, und wer ſonſt mir nahe ſteht, ihr zürnen und ſie mit Uebelwollen behandeln möch⸗ ten. Das liebe, theure Kind gerieth in einen wahren Fieberzuſtand vor den Folgen ihrer Liebe, und— ſehen Sie, Trifels— ſie wollte Alles abbrechen; ſte beſchwor mich nicht weiter zu gehen, ſie aufzuge⸗ ben, weil ſie um keinen Preis eine Schuld auf ſich laden, lieber dulden und leiden wollte.“ „Sehr edel,“ erwiederte Trifels,„oder ſehr ſchlaul“ Der Präſident ſeufzte.„Ich glaube beinahe,“ fuhr er fort,„daß Ihr Vetter die Verhältniſſe richti⸗ ger beurtheilt, als Sie es vermögen, was mir wehe thun würde; denn ich hoffte, in Ihnen den beſten Vermittler zu finden.“ Der Freiherr antwortete nicht ſogleich, er ging einige Schritte ſchweigend weiter, dann aber ſagte 90 er mit Entſchiedenheit:„Ein ſolches Amt kann ich nicht übernehmen, denn ich glaube weder an die Liebe dieſes Mädchens, noch an Ihr Glück. Das Ganze iſt unnatürlich. Die Mißverhältniſſe kommen von allen Seiten, Sie täuſchen Sich und werden getäuſcht. Hedwig hat den heftigſten Widerwillen ſchon jetzt gegen das Mäͤdchen gefaßt, das allerdings ſeltene Eigenſchaften beſitzt, um zu gefallen und— zu heucheln.“ „Mäßigen Sie Ihre Worte,“ ſiel Herr von Landau ein,„und beleidigen Sie eine Dame nicht, die Ihre Acheunat zu fordern haben wird!“ „Ich hoffe, daß Sie uns eine ſolche Stellung erzwungener Achtung ſparen werden,“ ſagte Trifels ſo ruhig, als er vermochte.„Bedenken Sie um des Him⸗ mels willen jeden Ihrer weiteren Schritte! Welche Mutter wollen Sie Ihren Kindern geben! Welchen Auftritten gehen Sie entgegen! Welche Trennungen von Ihren beſten Freunden und welcher Bruch mit der Geſellſchaft ſtehen Ihnen bevor!“ „Jämmerlich genug!“ entgegnete der Präͤſident; „ich werde jedoch handeln, wie es mein Wohl for⸗ dert. Kaiſer haben Tänzerinnen, Grafen und Prin⸗ zen ſchon Schauſpielerinnen von ſchlechtem Ruf ge⸗ heirathet, ich werde mich nicht elenden Convenienzen 91 opfern, die von mir fordern, daß ich den letzten Le⸗ benszweig, der mir blühen könnte, ihren Götzen opfere. Marie iſt ein unbeſcholtenes Weſen, Niemand der ſie kennt und ſieht, erwehrt ſich ihrer Liebenswür⸗ digkeit. Welche Fehler, welche Gebrechen, welche La⸗ ſter weiſ't man ihr nach, wer kann Uebles von ihr reden? Was wiſſen Sie Schlechtes von ihr?“ „Ich weiß allerdings nichts geradezu Schlech⸗ tes,“ ſagte Trifels,„allein ihr ganzes Benehmen be⸗ ſtärkt mich in der Anſicht, daß Herz und Natur bei ihr nicht zu finden ſind.“ „Das iſt Verleumdung!“ rief Herr von Lan⸗ dau heftig.„Irrthum!“ verbeſſerte er ſich;„ich werde mich nicht irre machen laſſen.“ „Herr Präſident,“ erwiederte Trifels kalt,„ich wollte Sie auf den rechten Weg führen.“ „Den kenne ich ſelbſt,“ gab er zurück.„Ich bedarf keiner Rathgeber.“ 1 „Deren bedarf jeder Menſch in ſchwieriger Lage, und wie ich meine, habe ich ſelbſt das Recht dazu, Ihnen zu rathen, wo ich ſehe, daß Sie eine Hand⸗ lung begehen wollen, die jeder, der Sie liebt und ehrt, mißbilligen muß.“ „Herr von Trifels!“ ſagte der Präſident in ſtolzem Tone—„doch was ſoll ich mich ereifern,“ 92 fügte er ruhiger hinzu;„ich kann nichts mehr daran ändern. Ich habe mich Mariens Eltern erklärt, dieſe raſche Entwicklung iſt mir ſelbſt unerwartet gekommen. Jedenfalls kann ich nicht zurück.“ „Wenn dieſes der Fall iſt,“ erwiederte der Freiherr,„ſo habe ich nichts mehr zu ſagen.“— Er grüßte den Präſidenten mit einer kalten Verbeugung, welche dieſer erwiederte. So trennten ſich Schwieger⸗ vater und Schwiegerſohn. Fünftes Capitel. Fräulein Emma hatte ihre Tagesgeſchäfte in Ordnung gebracht und räumte in ihrem Zimmer auf, wo es ſo ordentlich und ſauber ausſah, daß eigentlich nichts aufzuräumen übrig blieb. Sie ſtrich jedoch an den Vorhängen und wiſchte über Scheiben und Geräthe, wobei ſie lauſchend ſtehen blieb und einige Male ſich der Thür näherte, um zu horchen. Ihr Zimmer lag dicht an der Treppe, welche aus dem Seitenflügel des Hauſes heraufführte, und als ſie endlich Jemanden kommen hörte, ſah ſie hinaus, wartete einige Zeit und ſagte dann:„Treten Sie hier herein, wenn es Ihnen gefällig iſt.“ Der Hereintretende war Reinhold. Er hielt beſcheiden ſeinen Hut mit beiden Händen und 94 verbeugte ſichvor Fräulein Emma, als dieſe einen Stuhl rückte und ihn zum Sitzen einlud. „Gedulden Sie noch einen Augenblick,“ begann ſie,„ich werde Ihnen ſogleich mittheilen, weshalb ich Sie bitten ließ, mich zu beſuchen.“— Mit dieſen Worten ging ſie nochmals zur Thür, ſchob zu Rein⸗ hold's Verwunderung einen Riegel vor und kehrte dann zurück, indem ſie die Einladung zum Sitzen wiederholte. „Ich will Ihnen ganz kurz ſagen, was mich dazu bewog,“ fuhr ſie fort.„Ich will Sie zu einer Hilfeleiſtung auffordern, und zwar zur Hilfeleiſtung für einen Freund.“ „Gern, ſehr gern,“ antwortete Reinhold in ſeiner ſanften, unterthänigen Weiſe, indem er die rechte Hand auf ſeine Bruſt legte. „Hören Sie, Herr Stark,“ ſagte ſie, ihre hellen, grauen Augen feſt auf ihn richtend,„vielleicht werden Sie mich nicht ganz verſtehen; auf jeden Fall aber geben Sie mir Ihre Hand barauf, daß Sie gegen jeden ſchweigen wollen, der nicht nothwendig davon wiſſen muß.“ Er legte ſeine kräftige Hand in die ihre, welche ſie ihm entgegen hielt, die warmen, weichen Finger des Frauleins drückten herzhaft zu, und wie ſie dazu 95 lächelte und ihn voller Vertrauen anblickte, lief ein ſeltſam wohlthuendes Gefühl durch ſeinen Arm bis in die Bruſt. „So!“ begann ſie dann,„jetzt will ich zu Ihnen ſprechen. Ich weiß, Herr Stark, daß Sie Ihrer Couſine Marie zugeneigt ſind und ſie zu Ihrer Le⸗ bensgefährtin nehmen möchten. Iſt es nicht ſo?“ Eine jähe Röthe färbte Reinhold's ganzes Ge⸗ ſicht. Die Frage überraſchte ihn, und mit ſeiner Beſtürzung verband ſich ein Gefühl von Scham vor der Antwort, welche er geben ſollte. Nach einigen Augenblicken ſagte er mit ſo vieler Faſſung, wie ihm möglich war:„Ich will nicht läugnen, daß ich daran dachte, doch jetzt nicht mehr; nein, nicht mehr, und — Fräulein Ruhwald— ich weiß nicht..... 4 „Sie wiſſen nicht, wie ich dazu komme, Sie darnach zu fragen,“ ſiel ſie ein,„ich will es Ihnen ſagen, Herr Stark; weil ich von Ihnen hören möchte, wie die Verhältniſſe im Hauſe Ihres Vetters ſind, und weil ich Ihnen etwas mittheilen, Ihnen einen Rath geben möchte, wie Sie zur Erfüllung Ihrer Wünſche gelangen könnten.“ „Meine Wünſche konnten ſich nicht erfüllen,“ antwortete Reinhold ſanftmüthig,„denn— da ich davon ſprechen ſoll, Fräulein Ruhwald, ſo muß ich 96 ſagen, Marie hat keine Neigung für mich, und Zwang mochte ich ihr niemals anthun laſſen, niemals könnte ich es dulden.“ „Sie iſt ſehr thöricht, wenn ſie es dazu kommen ließe,“ ſagte Fräulein Emma;„aber wenn Sie Ihre Couſine lieben, Herr Stark, ſo kann es doch Fälle geben, wo die Liebe den Zwang entſchuldigt, in der Ueberzeugung, dadurch die Geliebte vor Gefahren und großem Unheil zu bewahren, und in der Hoffnung, ſie durch die Stärke und Reinheit einer edlen Zu⸗ neigung zu verſöhnen.“ Reinhold ſchüttelte leiſe den Kopf.„Es geht doch nimmer an,“ ſagte er dann.„Wenn ein Mäd⸗ chen nicht freudig Ja ſagt, kann Alles nicht helfen. Man muß es ſich aus dem Sinn ſchlagen und ihr Gottes Segen für ein anderes Glück wünſchen.“ „Wiſſen Sie, Herr Stark, was ich denke?“ antwortete Fräulein Emma nach kurzem Beſinnen. „Ich denke, Sie ſind viel zu gut, und Ihre Couſine — ich will nicht weiter von ihr ſprechen, allein hören Sie mich an und thun Sie dann, was Sie wollen. — Sie haben einen Nebenbuhler.“ „Ich weiß es,“ flüſterte Reinhold,„mag es ſein.“ „Sie denken, wie es ſcheint, an Herrn Niedlich,“ fuhr Fräulein Emma fort.„Nein, Herr Stark, es 97 iſt ein anderer und gefährlicherer. Ein Herr nicht mehr jung, aber reich und vornehm, hat ihre Cou⸗ ſine geſehen, und trotz ſeiner Jahre und aller Miß⸗ verhältniſſe iſt er, wie ich nicht zweifle, nahezu ent⸗ ſchloſſen, ſie zu heirathen. Wiſſen Sie etwas davon?“ „Nein,“ erwiederte Reinhold,„ich weiß kein Wort und möchte es nicht glauben.“ „Trauen Sie Ihrer Couſine zu,“ fuhr Emma fort,„daß ſie einen ſolchen Antrag annimmt, wenn er ihr gemacht wird?“ Reinhold blickte vor ſich nieder und ſagte leiſe: „Es wäre wohl möglich.“ „Alſo,“ erwiederte Fräulein Emma,„habe ich geglaubt, daß, wenn Ihr Detter nicht etwa damit einverſtanden iſt. „ Das iſt er gewiß nicht, A fiel er ein. „Nun, ſo wäre es für alle Theile das Beſte, wenn man Ibhre Conuſine bewegen könnte, ihrer Eitel⸗ keit nicht nachzugeben, die ſie nicht glücklich machen, aber mancherlei Unheil verbreiten würde, und eben deswegen, Herr Stark, ſchwebte es mir vor, daß es eine edle That wäre, wenn Sie ein Mäböchen, das Sie von Herzen lieben, vor ſich ſelbſt und ſeinem Keichſinn retteten. Was ſagen Sie dazu?“ „O, ich,— ich verſtehe Sie,“ ſagte er, vor 1856. XV. Neues Leben. II. 7 3 98 ſich niederblickend,„allein— verzeihen Sie mir, daß ich anders darüber denke; denn— wenn ich Marien auch wirklich leidenſchaftlich liebte, ſo würde ich den⸗ noch keinerlei Gewalt brauchen können. Sollte ſie gezwungen werden, jenen Herrn zu heirathen, dann würde ich gern alle Mittel aufbieten, um ihr zu helfen; ſo aber— nein, nein, mein liebes Fräulein, damit iſt es nichts— Alles, was ich thun Lann, beſteht darin, meinem Vetter zu ſagen, wie es mit ihr ſteht. Das heißt, wenn Sie es wünſchen und von der Wahrheit überzeugt ſind.“ Die Wirtbſchafts⸗Fübrerin ſah ihn wohlwollend an.—„Gut,“ begann ſie dann,„auch damit bin ich zufrieden. Ein feuriger Liebhaber ſind Sie nicht, Herr Stark, aber ein ſehr wackerer, redlicher Mann. Sprechen Sie alſo mit Ihrem Vetter, ſagen Sie ihm, was Sie gehört haben, und wenn ich Sie auf⸗ forderte, einem Freunde damit Dienſte zu leiſten, ſo meinte ich den Herrn von Trifels, den die Sache ſehr nahe angeht.“ „Sie haben mir den Namen des Herrn noch nicht genannt,“ erwiederte Reinhold.„Ich glaube zwar— allein....“ „Ich denke, Sie baben ihn längſt errathen,“ erwiederte ſie,„denn wer könnte es anders ſein als...“ 99 Sie hörte auf zu ſprechen, denn plötzlich klopfte es leiſe an der Thür, und eine flüſternde Stimme ſagte, während an dem Drucker gedreht wurde: „Sind Sie hier, Täntchen? Der Riegel iſt vorge⸗ ſchoben, Sie müſſen alſo hier ſein. Oeffnen Sie, ich möchte Sie ſprechen.“ Indem Fräulein Emma mit ausdrucksvoller Ge⸗ berde auf den einzigen Verſteck zeigte, der im ganzen Zimmer vorhanden war, nämlich auf die Vorhänge ihres Bettes, antwortete ſie laut und ruhig:„Gedul⸗ den Sie Sich einen Augenblick, ich komme ſogleich. Wollen Sie mich nicht im Wirthſchafts⸗Zimmer er⸗ warten?“ „Ich möchte Sie hier auf einige Minuten ſeben,“ antwortete der Präſident, der draußen ſtand.„Drü⸗ ben iſt zu viel Lärm und Störung.“ „Sogleich denn,“ ſagte das kluge Fräulein, und die Stühle rückend, hob ſie raſch den Vorhang an der Wandſeite auf und bedeckte den gelehrigen Ar⸗ beiter damit. Dann zog ſie den Riegel zurück, und Reinhold konnte den Präſidenten erkennen, der her⸗ eintrat und lächelnd umherblickte.„Es iſt ja Alles in ſchönſter Ordnung hier,“ ſagte er.„Mancher wird mich beneiden, daß ich Erlaubniß habe, in dieſes Allerbeiligſte einzudringen.“— 7* 7 100 „Ich glaube nicht,“ erwiederte ſie,„daß es Jemanden giebt, der ſich darnach ſehnt; auch habe ich keine Zeit, Beſuche zu empfangen.“ „Kluges Täntchen!“ ſagte Herr von Landau, ihre Hand nehmend,„wollen Sie mir damit zu verſtehen geben, daß ich zur Sache kommen ſoll? Wohlan denn, Sie ſollen hören, erſt von Ihnen, dann von mir, oder abwechſelnd von uns Beiden.“— Er ſetzte ſich auf denſelben Stuhl, den Reinhold ſo eben verlaſſen hatte, und ſchien eine Minute lang Fräulein Emma's Geſicht zu ſtudiren.„Ich will wetten,“ begann er dann,„daß Sie ſchon Alles wiſſen! Iſt Trifels in Ihrer Nähe geweſen?“ „Keines von beiden,“ antwortete ſie. „So muß ich Ihnen geſtehen,“ fuhr er, ernſter werdend, fort,„daß Trifels mir Sorge macht, und ſein Benehmen gegen mich— doch davon ſpreche ich ſpäter— ich fürchte, wir werden in Zerwürfniſſe gerathen, wenn er ſo fortfährt.“ „Ich bin erſtaunt,“ ſagte ſie,„das zu hören. Herr von Trifels, der ſo fein, ſo liebenswürdig iſt, ſollte Ihnen Sorge machen? Er liebt Hedwig aufs zärtlichſte.“ „Aber mich liebt er nicht, mich gar nicht!“ fiel der Präſident ein. 4 101 Fräulein Emma lachte laut.„Das verlangen Sie alſo auch von ihm?“ erwiederte ſie, während ihre klugen Augen ihn ſcharf beobachteten. „Bah!“ ſagte er,„hören Sie mich an, Tänt⸗ chen. Ich habe geſtern Abends einen Auftritt mit ihm gehabt. Ich führte Marien nach Hauſe, er ſtellte mich förmlich darüber zur Rede, drohte mir mit allen möglichen Uebeln, ohne Einſicht und Billig⸗ keit. Jetzt begreifen Sie Alles.“ „Alles,“ war ihre Antwort. „Haben Sie mit Hedwig über Marie geſprochen?“ fragte er. „Geſprochen, ja, doch mit ſehr geringem Erfolg.“ Herr von Landau kreuzte die Arme und lächelte. „Ich kann es mir denken,“ ſagte er, die Augen zu⸗ ſammenziehend,„daran iſt er ſchuld. Hedwig iſt gut⸗ herzig, ohne Charakter; wenn er wollte, könnte er ſte zu Allem bewegen. Er wird es zum Aeußerſten bringen.“ „Wie ich ihn zu kennen glaube, wird er aller⸗ dings ſich aus allen Kräften gegen Ihr Vorhaben erklären,“ antwortete ſie. „Es wird ihm aber nichts helfen!“ rief er leb⸗ hafter.„Was will er denn, was wollen ſie alle? 102 Iſt Marie nicht ein liebes, vortreffliches Kind? Sagen Sie mir, ob Sie etwas Böſes von ihr wiſſen.“ „Ich weiß wirklich nichts Böſes, überhaupt weiß ich nichts, möchte auch ſo wenig wie möglich davon wiſſen.“ „Sie wollen neutral bleiben, Täntchen,“ ant⸗ wortete er lächelnd,„gut, Sie ſollen neutral bleiben. Ich weiß, Sie ſind meine Freundin, und wenn ich Ihnen ins Ohr ſage: Ich werde Marien heirathen, mag geſchehen, was da will, ſo werden Sie mir Glück wünſchen.“ Eine Antwort wurde der Wirthſchafts⸗Führerin geſpart, denn Herr von Landau wandte den Kopf um und ſah horchend im Zimmer umher.„Es iſt doch Niemand hier?“ fragte er.„Es war mir, als hätte 9 ein Geräuſch gehört.“ „Sie haben Sich getäuſcht,“ erwiederte ſie voll⸗ kommen ruhig. „Nun, Emma,“ fuhr er fort,„ein paar Worte über Sie. Wir haben vor einigen Tagen auch über Ihr Herz verhandelt, und Sie haben mir erklärt, daß Sie gern heirathen würden.“ „O, laſſen wir das jetzt!” ſtel ſie ein. „Sie wollen nur, wie Sie ſagten, einen Mann, den Sie achten und lieben könnten,“ fuhr er fort, 103 ohne ihren Einſpruch zu beachten. Sie ſind jedoch ein viel zu verſtändiges Mädchen, um eigenſinnigen Launen nachzuhangen. Ein gebildeter, wohlhabender Mann, gefällig und überall gern geſehen, iſt immer ein achtungswerther Mann, und was ihm etwa fehlt, weiß eine kluge Frau ihm zu geben. Wenn ich hei⸗ rathe, will ich durchaus auch für Sie ſorgen, und darum habe ich an eine Partie gedacht, die Ihre Wünſche erfüllen wird. Sie müſſen Niedlich heirathen!“ „Ich konnte es mir denken,“ lachte Fräulein Emma, ohne alle Verwunderung. „Und was ſagen Sie dazu?“ „Ich ſage Ihnen beſten Dank und werde es mir überlegen.“ „Er paßt durchaus. Sie werden in anſtändiger Weiſe verſorgt, und ich werde Sie ausſtatten. Mein Haus ſoll zu allen Zeiten Ihnen offen ſein, Sie werden Mariens beſte Freundin werden. Laſſen Sie mich die Sache in Ordnung bringen; Niedlich ſoll zu Ihren Füßen liegen, er iſt ja ſchon Ihr eifriger Bewunderer.“ Bei ſeinen letzten Worten ſagte eine Stimme, die nicht verkannt werden konnte, durch das Schlüſſel⸗ loch draußen dicht an der Thür:„Darf ich eintreten, Fräulein Emma?“ . 104 „Bei meiner Ehre,“ flüſterte der Präſident ſpöttiſch lachend,„da iſt er ſchon! Das Schickſal oder Gott ſelbſt führt ihn her. Laſſen Sie ihn her⸗ ein, Täntchen; ich glaube, Sie haben den Vogel ſchon gezähmt.“ „Ich bitte mir Zeit dazu aus,“ erwiederte Fräu⸗ lein Emma in ihrer entſchiedenen Weiſe;„noch darf er nichts erfahren. Erſt müſſen Ihre Angelegenheiten geordnet ſein.“ „Sie ſind immer klug, Täntchen,“ fluͤſterte Herr von Landau.„Oeffnen Sie ihm die Thür, er muß wenigſtens die Freude haben, Sie zu ſehen.“ Die Thür ging auf und draußen zeigte ſich Herr Niedlich in einer Stellung, welche es ungewiß ließ, ob er horchen oder anklopfen wollte.„Bitte tauſend Mal um Verzeihung!“ ſtotterte er mit einer Anzahl Windungen ſeines langen, ſchmalen Körpers, als er unterthänig grinſend den Präſidenten erkannte, der mit einem ſardoniſchen Lächeln, die Füße gekreuzt in dem Stuhle ſaß.„Kommen Sie doch näher, Herr Niedlich,“ unterbrach er die Rückenſchwingungen und Entſchuldigungen des Agenten.„Es hilft Alles nichts, Sie ſind nun doch einmal ertappt bei Ihren ſchönen Vorſätzen, Fräulein Emma zu beſuchen.“ „O, bitte, erlauben Sie, verehrteſter Herr 105 Präſident,“ antwortete Herr Niedlich,„ich wollte nur fragen— es wäre ohne alle Bildung am frühen Morgen!“ „Ich erlaube Ihnen ſehr gern Alles, was Sie wünſchen,“ fiel Herr von Landau ein.„Fräulein Emma wird nichts dagegen haben, wenn Sie ihr die Hand küſſen und Sich nach ihrem Befinden erkundigen.“ Herr Niedlich ergriff pflichtſchuldigſt die feſte, kräftige Hand der Wirthſchafts⸗Führerin, die ſich ohne alles Widerſtreben ſeine Huldigungen gefallen ließ. „Aber Sie haben uns noch immer nicht geſagt, was Sie heute zu mir führte,“ begann Fräulein Emma endlich. 4 3 „Gar nichts von Bedeutung,“ ſagte er,„durchaus nichts! Ich wollte nur ſehen, fragen...“ Er hielt inne, denn daß er ihr vertrauen wollte, was ihm be⸗ gegnet, mochte er nicht beichten; gleich aber fiel ihm das Beſte ein, was er vorſchützen konnte.„Ich wollte mich nur erkundigen, ob der Herr Präſident ſchon zu ſprechen ſei,“ ſagte er, ſich vor dieſem verbeugend. „Mich wollten Sie ſprechen?“ fragte Herr von Lan⸗ dau, der aus ſeinem Nachdenken aufblickte.„Gut, Herr Niedlich, begleiten Sie mich. Was Fräulein Emma anbelangt, ſo haben Sie ſehr Recht, wenn Sie entzückt von deren Nähe ſind. Ich achte und 106 liebe ſie wie meine Tochter und preiſe den Mann glücklich, den ſie auszeichnet; denn ſie iſt ein Schatz⸗ käſtchen aller Tugenden und Vorzüge.“ Der Präſident legte, während er dieſes ſagte, ſeine rechte Hand ihr ans Kinn und nahm eine Miene an wie ein Seher und Prophet. Geduldig hielt Fräulein Emma ſtill, ohne ſich zu rühren. Herr Niedlich aber fing mit Begeiſterung die Ausſprüche des hohen Gönners auf, und ſeinen Hut an ſeine Bruſt preſſend, rief er entzückt:„Ganz, was ich em⸗ pfinde, was jeder empfindet, der wie Schiller ſagt, gefeſſellt ſteht, gerührt von ſolchem Reiz!“ „Still, ſtill!“ fiel Herr von Landau mit einem boshaften Seitenblick auf das derbe Geſicht ſeiner Wirthſchafterin ein.„Ich muß Sie fortführen, Herr Niedlich, damit Ihre Gefühle nicht poetiſch auflodern; allein ich verſpreche, Ihnen Gelegenheit zu geben, meiner theuren Pflegetochter ungeſtört Ihr ganzes Herz aufzuſchließen. Jetzt begleiten Sie mich.“ „Sie erlauben es doch, liebe Emma, daß Herr Niedlich wiederkommt?“ fragte er, indem er ihr die Hand drückte. „Es wird mir jederzeit zur größten Ehre gerei⸗ chen,“ ſagte ſie mit einem verbindlichen Lächeln. „Sie ſind ſehr glücklich, Niedlich, ich möchte in 107 Ihrer Stelle ſein!“ rief der Präſident;„aber nun fort mit uns beiden.“— Er öffnete die Thür, ſchob ſeinen Arm herablaſſend in den Arm des Agenten und ging mit ihm davon. Einige Minuten lang wartete Fräulein Emma. Als ſie nichts mehr hörte, wandte ſie ſich zu dem Vorhange und ſagte leiſe:„Kommen Sie heraus, Herr Stark.— Sie wiſſen jetzt Alles,“ fuhr ſie fort, als der Arbeiter aus ſeinem Verſtecke trat.„Ueber⸗ legen Sie nun, was Sie thun können.“ „Aber Sie— Sie ſelbſt,“ erwiederte er verwirrt, und indem er muthiger den Kopf erhob, fügte er hinzu:„Wenn Sie es mir verzeihen wollten, daß ich es wage, ſo zu reden— ich kenne dieſen Herrn da, den Herrn Niedlich.“ „Sie wollen mich vor ihm warnen?“ fiel ſie ein.“ „Ja, das will ich,“ ſagte er.„Ich würde jeden Freund vor ihm warnen.“ „Ich danke Ihnen,“ verſetzte ſie lächelnd,„doch ſeien Sie unbeſorgt. Glauben Sie nicht, daß ich mich verhandeln laſſe. Inzwiſchen thut es mir wohl, daß ich einen Freund habe, der ſich meiner annimmt.“ „O,“ ſagte er bewegt,„wenn ich Ihnen irgend welche Dienſte leiſten könnte, Fräulein Ruhwald, ſo würde es mir große Freude machen.“ 108 Sie blickte ihn freundlich mit ihren klaren, ſcharfen Augen an und bot ihm ihre Hand.„Wenn das einer von unſeren Salonherren oder Herr Niedlich ſagte, ſo würde ich nichts darauf geben,“ erwiederte ſie;„Ihnen aber glaube ich, und wenn ich Hilfe nöthig habe, werde ich Sie an Ihr Wort mahnen. Jetzt gehen Sie fort, ehe man uns nochmals über⸗ raſcht, und Gott befohlen, Herr Stark, auf Wie⸗ derſehen!“ Reinhold eilte davon und war bald auf der Straße. Es war etwas in ihm, das ihn friſcher und freudiger ſtimmte, als er ſeit langer Zeit ge⸗ weſen.„Weiß es Gott!“ murmelte er leiſe lächelnd ſich zu,„es iſt mir, als hätte ſie mir Troſt ins Herz gebracht. Darin hat Herr Niedlich Recht, wer in ihre Nähe kommt, dem thut es wohl. Es muß in ihren Augen liegen, die wie Sonne wärmen und leuchten, oder es liegt in Allem, was ſie ſpricht, weil's ſo gut und verſtändig klingt. Schön iſt ſie nicht, Marie iſt viel ſchöner, auch viel jünger, und doch iſt es ein eigen Weſen damit, und es freut mich, daß ſie etwas auf mich hält.“ Unter dieſen Betrachtungen erreichte er das Haus des Meiſters und ging über die Flur hin nach der Werkſtatt. Als er an dem Wohnzimmer vorbeiſchritt,hörte 109 er laute Stimmen, und mit einem Blicke durch das kleine Fenſter erkannte er die Perſonen darin. Der Vetter und die Frau Muhme waren da, und zwiſchen Beiden ſtand der Herr von Trifels, am Fenſter aber ſtand Marie. Es war ein lautes und lebhaftes Ge⸗ ſpräch, und zum erſten Male in ſeinem Leben blieb Reinhold ſtehen, um zu horchen. Zuerſt geſchah es, weil er ſeinen Namen hörte, nach einigen Minuten aber wurde er durch das, war er vernahm, ſo ge⸗ feſſelt, daß er darüber die Bedenken vergaß, welche ihm ſein unrechtes Thun vorwarfen. „Was Reinhold betrifft,“ ſagte Marie,„ſo wuͤrde ich gewiß gern die Wünſche meines lieben Vaters erfüllt haben, allein es war nicht möglich, würde mir auch niemals möglich ſein.“ „Reinhold iſt ein ſo trefflicher Menſch,“ erwie⸗ derte Trifels,„daß ich überzeugt bin, er würde jedes Mädchen glücklich machen.“ „Man kann ein vortrefflicher Menſch ſein,“ ant⸗ wortete ſie,„und dennoch keine Neigungen erwecken. Ich bedaure es recht ſehr, daß es ſich aber ſo ge⸗ fügt hat...“ „Und es iſt Gottes Wille geweſen!“ ſiel die Frau Meiſterin ein;„denn wenn es nicht Gottes 110 Wille war, ſo hätte es ja niemals ſo kommen kön⸗ nen, wie es gekommen iſt.“ „Laß unſeren Herrgott aus dem Spiel, der hat nichts damit zu ſchaffen!“ rief der Meiſter, indem er die Kappe umdrehte und unter ſeinen buſchigen Augenbrauen wild auf ſeine Frau blickte. „Wir nennen nur zu oft den Zufall Gottes Werk,“ ſagte Trifels,„und wenn, was ſich begiebt, uns gefällt, preiſen wir es als Wink der Vorſehung.“ „Sie ſelbſt,“ antwortete die Frau Meiſterin unerſchrocken,„haben ja dabei mithelfen müſſen, daß Mariechen die Bekanntſchaft machen konnte.“ „Wenn ich die Folgen geahnt hätte,“ erwiederte er,„würde ich allerdings mich davor gehütet haben.“ „Bedanke Dich doch, Marie, bedanke Dich doch!“ rief ſie, indem ſie ſelbſt einen Knix machte und ihre Augen rachſüchtig blitzten.„Von Ihnen am aller⸗ wenigſten hätte man ſolche Freundſchaft vermuthen ſollen.“ „Meine liebe Frau Hartmann,“ ſagte Trifels, „ich bin Ihr Freund, wie ich es immer war, und bin der Freund dieſer jungen Dame, Ihrer Tochter, weil ich ſonſt nicht ſo, wie ich es thue, mit Ihnen allen reden würde. Geſtehen Sie mir aufrichtig, welches Heil können Sie erwarten, welches Glück 111 Marie, hoffen Sie ſelbſt von einer Verbindung wie dieſe, mit einem Manne der älter iſt als Ihr Vater, der leidend iſt, der erwachſene Kinder beſitzt? Ich möchte Ihnen nicht wehe thun, aber Sie ſehen nur das äußere glänzende Verhältniß, den Schein eines Glückes, das nichts iſt als leerer Schimmer.“ „Ich muß mich dagegen verwahren, Herr von Trifels,“ erwiederte das junge Mädchen, anſtandsvoll ihren Kopf aufhebend,„daß Sie nach ihren Meinun⸗ gen mich beurtheilen.“ „Wenn es nicht Eitelkeit iſt, die Sie antreibt,“ rief er aus,„was könnte es dann ſein? Hat der Präſtdent— ja, ich muß ſo fragen— hat er wirk⸗ lich Ihre wahrhafte Liebe erwecken können?“ „Ich glaube nichr nöthig zu haben, Ihnen dar⸗ über eine Rechenſchaft abzulegen,“ antwortete ſie, züchtig lächelnd, und die Augen niederſchlagend. „Nein, das haben Sie nicht nöthig; ebenſo we⸗ nig aber können Sie hindern, daß die Welt Ihnen eine ganz andere Berechnung zuſchreiben wird.“ Ich werde mich darüber tröſten müſſen,“ ſagte ſie. Trifels drehte ſich um, ging einige Schritte, um ſich zu ſammeln, und kehrte zurück. Alle ſchwie⸗ gen.„Dieſe Sitnation iſt ſehr peinlich,“ begann 112 er dann nochmals;„ich kann Ihnen nicht verſchwei⸗ gen, daß ich Alles anwenden werde, um wenn ir⸗ gend möglich, den Präſidenten von ſeiner Uebereilung zurückzubringen.“ „Ach Du armes Kind, mein armes Kind!“ ſchrie die Frau Meiſterin. „Sei ruhig, Mutter,“ ſagte Marie mit würde⸗ voller Sanftmuth;„Herr von Trifels mag thun, was er für gut findet. Ich habe den Herrn Präſi⸗ denten nicht aufgeſucht, er hat darüber allein zu entſcheiden.“ Trifels empfand, daß ſie ihrer Sache gewiß war. Der Blick, den ſie auf ihn warf, und ihr ſcheinheiliges Lächeln empörten ihn.„Sie nehmen ſchwere Verantwortung auf Sich,“ ſagte er, auf ſie zutretend,„Sie müßten ſelbſt davor erſchrecken. Sie reißen die Kinder vom Herzen ihres Vaters, vernich⸗ ten einen bis dahin ſchönen und einigen Familien⸗ kreis. Die Freunde und Verwandten des Präſiden⸗ ten werden ſich von ihm trennen, ſie werden ihn verblen⸗ det und altersſchwach, von einer ſinnlichen, thörichten Leidenſchaft befallen nennen, die einen Mann in ſei⸗ nen Jahren und in ſeiner Stellung dem Gelächter und der Verachtung Preis giebt.“ „Ich bitte Herr von Trifels, verſchonen Sie 113 mich!“ fiel das junge Mädchen ein, und indem ſich ihre Augen mit Thränen füllten, welche ſie raſch zudrückte, fuhr ſie mit unbeirrter Faſſung fort:„Ich habe mir nichts vorzuwerfen und werde mir niemals Vorwürfe machen können. Will die Familie mich verdammen, ſo kann es nur aus Hochmuth geſchehen. Mein Vater wird auch von Ihnen geachtet, was kann man mir nachſagen?— Mein Alter paßt nicht? Darüber zu entſcheiden, iſt meine Sache allein. Meine Bildung iſt mangelhaft? Wenn mein Bräu⸗ tigam damit zufrieden geſtellt iſt, ſo hat kein Ande⸗ rer ſich zu beſchweren. Ich ſoll alſo einen großmü⸗ thigen, liebenswerthen Mann voerlaſſen, weil ſeine Familie mich nicht mag, weil ich kein hochgeborenes Fräulein bin, und dafür ſoll ich ſo geſchwind wie möglich einen Menſchen heirathen, den ich nicht leiden kann. O, ich glaube, Sie würden nicht an⸗ ſtehen, mich dem abgeſchmackten Niedlich oder dem halbtollen Herzberg anzutrauen, damit es dem Prä⸗ ſidenten unmöglich gemacht würde, ſich mir zu nähern! Ich ſoll meinen beſten Freund, den Gott mir zuge⸗ führt hat, von mir ſtoßen, ich ſoll ihm das ſchwerſte Leid zufügen! Iſt das recht? Iſt das nicht grauſam! — Nein, Herr von Trifels, das werde ich niemals thun. Hier ſind meine Eltern. Ich bin immer eine 1856. XV. Neues Leben. II. 8 114 gehorſame Tochter geweſen, habe mich nie gegen ſie vergangen. Wie ſie über mich beſtimmen wollen, ſo mag es geſchehen.“ „Das wäre noch ſchöner!“ rief die Frau Meiſte⸗ rin.„Unſer Kind ſollen wir von ſeinem Glücke ab⸗ halten, weil die vornehme Familie die Naſe rümpft! Der Himmel hat es ſo gefügt, von uns hat Keiner was dazu gethan. Wir haben auch den Herrn nicht hieher geladen, er iſt ſelbſt gekommen und hat uns geſagt, ohne Marie könnte er nicht leben, es wäre ſein heiliger Ernſt, er gäbe ſein Wort darauf.“ Der junge Edelmann ſah nachdenkend vor ſich hin und auf den Meiſter, der mit ſinſterem Geſicht in ſeinem Stuhle ſaß, jetzt aber aufſtand und zwi⸗ ſchen die Streitenden trat.—„Sie wollen es von mir hören, Herr von Trifels,“ begann er, ſeine Stimme zuſammendrückend, als werde ihm der Hals zuge⸗ ſchnürt;„ich kann's denken, was Sie meinen. Wär's Blech, ich wollte einen Hammer nehmen und darauf ſchlagen, bis er ſpränge; aber es iſt ein Gewebe von Menſchenhand, und es haben Viele daran ge⸗ dreht, bis es ſo geworden iſt, daß es Einer nicht mehr bewältigt. Recht iſt es nicht, es iſt gegen die Ord⸗ nung; mein Wille iſt es auch nicht, ich habe nicht dabei geholfen; aber da es ſo weit gekommen, daß 115 Marie ſich ihm hat zugeſchworen, daß er geſprochen hat, und hat das Wort gegeben und bekommen, ſo geht's allemal nicht mit Ehren rückwärts, denn Ehre iſt Ehre, und Wort iſt Wort. Er müßte es brechen wollen, ich thu's nicht, machen Sie es aus mit ihm.“ Damit ſetzte ſich der alte Meiſter wieder nieder, ſtützte den Kopf in ſeine Hand und ruͤckte die Kappe tief über die Stirn. Es entſtand eine Stille drinnen, dann hörte Reinhold den Herrn von Trifels ſagen: „So muß ich thun, was mir übrig bleibt, um die Intereſſen der Familie zu ſchützen, ſo viel ich es vermag. Ihre Hand, lieber Meiſter, wir werden dennoch Freunde bleiben.“— Weiter hörte Reinhold nichts, denn er verließ ſchnell den Ort und eilte in ſeine Kammer. 8* Sechstes Capitel. Der Abend ſchickte ſein tiefes Dämmerlicht in Herrn Niedlich's warmes, behagliches Zimmer, deſſen glänzende Tapeten vom Scheine des Feuers über⸗ flackert wurden, das in dem Kaminofen brannte. Auf dem Tiſche ſtand eine große Moderateur⸗Lampe, dieſe war jedoch noch nicht angezündet; neben ihr ließ ſich Backwerk und eine Weinflaſche ſammt Glä⸗ ſern erkennen. Herr Niedlich erwartete ſomit Gäſte, denen zur Ehre er dieſe feſtlichen Anſtalten getroffen hatte, oder vielmehr er hatte ſchon einen Gaſt, denn vor dem Kamine ſaß eine dunkle Geſtalt in einem der Armſeſſel, während Herr Niedlich ſelbſt mit ſeiner raſtloſen Beweglichkeit zwiſchen Tiſch und Ofen hin und her lief und dabei erzählte, lachte und mit Armen thätig war. 117 „Gute Geſchäfte gemacht, Alles in Ordnung, Sie ſollen gleich hören,“ ſagte Herr Niedlich.„Was ich anfange, geht; man muß ſeine Sache nur ver⸗ ſtehen, ſo geht Alles. Aber zunächſt will ich die Lampe anſtecken, echter pariſer Moderateur, theuer allerdings, brennt jedoch wundervoll. Wir müſſen uns doch ſetzen, zu jeder Aufklärung gehört Licht.“ Der Gaſt wandte ſich um, und das Feuer im Kamin funkelte über zwei Brillengläſer und beleuchtete die bekannten Geſichtszüge des Regierungsrathes von Wolters.—„Laſſen Sie die koſtbare Lampe, wie ſie iſt,“ ſagte er;„ich bewunderte ſie ſchon, als ich eintrat, ſitze aber lieber in dieſem warmen Halb⸗ dunkel. Sagen Sie mir, ob ſie den Präſidenten tra⸗ fen und was geſchah.“ „Alles abgemacht,“ ſiel Herr Niedlich ein, der am Tiſche ſtand und die Kugel wieder auf die Lampe ſteckte, denn er war zufrieden, daß Oel geſpart wurde. „Verlaſſen Sie Sich darauf, was ich in die Hand bekomme, wird abgemacht. Nehmen Sie ein Stück⸗ chen Baumkuchen. Herr von Wolters. Er iſt von Conradi, ganz friſch, excellent!“ „Ich danke Ihnen,“ erwiederte der Regierungs⸗ rath,„ich eſſe nicht. Was ſagte alſo der Präſtdent?“ „Nicht?“ rief Herr Niedlich,„keinen Baumkuchen? 118 Iſt es möglich, wie kann man keinen Baumkuchen eſſen! Der König ißt alle Tage Baumkuchen. Sr. Majeſtät hat ganz meinen Geſchmack, folglich kann mir ein königlicher Geſchmack nicht abgeſprochen werden. Was? hehe!“ Der Regierungsrath klemmte ſein Stöckchen mit dem Pferdefuß zwiſchen ſeine Lippen und gab keine Antwort: „Kein Baumkuchen alſo,“ fuhr Herr Niedlich fort, indem er ſich ſelbſt ein mächtiges Stück in den Mund ſtopfte,„aber ein Gläschen Rheinwein. Altes Gewächs, auf Auction gekauft, wie der Banquier Hirſch fallirte. Da konnte man einen Schnitt machen, Alles ging ſpottwohlfeil fort. Dieſes iſt ein Gewächs, ein Gewächs! Wenn ich nur erſt wußte, wo der Korkzieher wäre!“ „Ich trinke auch keinen Wein,“ ſagre Herr von Wolters. „Keinen Wein! Wirklich nicht?“ fragte Herr Niedlich, indem er die Flaſche losließ.„Ich denke aber doch, Sie trinken ein Glas. Wie?“ „Sie würden mich nur verbinden, wenn Sie Sich ruhig zu mir ſetzten und mir uitttheilten, was der Präſident mit Ihnen verhandelte,“ erwiederte der Regierungsrath. 119 „Ja wohl,“ ſagte Herr Niedlich, ſeine Hände vergnüglich reibend,„das verſteht ſich. Ich kam alſo hin, wollte jedoch vor allen Dingen Fräulein Emma ſprechen, in Folge meiner inneren Empörung gegen dieſen Trifels. Wie man ſich ſo benehmen kann, ſo ohne alle Bildung, iſt mir unbegreiflich. Es iſt ſchmerz⸗ lich und verächtlich zu gleicher Zeit.“ „Sie haben ganz Recht,“ erwiederte der Re⸗ gierungsrath,„wir haben jedoch ſchon darüber ver⸗ handelt. Sie wollten alſo Fräͤulein Emma Ihr Leid klagen.“ „Es läßt ſich ein Wort mit ihr reden, denn ſie beſitzt einige Bildung“, ſagte Herr Niedlich;„über⸗ dies bin ich ihr Freund und nehme mich ihrer an. Wie ich nun an der Thür ſtehe, und denke, was ich über die Art erzählen will, wie die ganze verruͤckte Geſellſchaft hier nebenan mich behandelt hat, höre ich drinnen zwei Perſonen leiſe ſprechen, und plötzlich wird aufgemacht, und was ſehe ich!“ Herr Niedlich regte ſeinen ſchmalen Hals uner⸗ meßlich aus, und indem er die langen Finger ſeiner beiden Hände verſchränkte, fing er heftig zu lachen an. „Was ſahen Sie denn?“ fragte Herr von Wolters. „Ihn ſah ich, ibn!“ ſchrie Herr Niedlich, ganz heiter in ſeinem grauen Rock. 120 „Den Präſidenten?“ „Verſteht ſich, und zärtlich, glücklich, ganz Wonne! Ich ſage Ihnen, Herr von Wolters, es geht da et⸗ was vor, eines ſchönen Morgens wird es fürchterlich tagen! Umarmt ſie in meiner Gegenwart, hält ihr die Hand ans Kinn— ſo— und die Augen hätten Sie ſehen ſollen, wie ein verliebter Kater!“ Das ſchallende Gelächter des Agenten wieder⸗ holte ſich, während Wolters den Pferdefuß in ſeine Backe bohrte und das ſcharfe, gelbliche Geſicht vorn⸗ über neigte, um den Ausdruck unermeßlichen Hohnes zu verbergen. „Glauben Sie wirklich?“ fragte er dann. „Es iſt gar nicht daran zu zweifeln,“ fuhr Herr Niedlich fort.„Als ich mit ihm allein war, machte ich in aller Demuth eine Anſpielung darauf, daß Heirathen eine ſchöne Sache ſei. Da faßte er mich beim Arm und hielt ſeinen Finger in die Höhe. Biſch!“ ſagte er leiſe,„kein Wort davon! Wir ſprechen nächſtens weiter darüber. Ein herrliches Mäd⸗ chen, nicht wahr? Für jetzt aber ſchweigen Sie.“ „Und Sie glauben— das Wirthſchafts⸗Fräu⸗ lein! Ich zweifle ſehr.“ „Na, mein Gott!“ ſtöhnte Herr Niedlich die Achſeln zuckend,„es iſt allerdings alte, abgelagerte 121 Waare; ſchier dreißig Jahre biſt Du alt, und keine Mittel vorhanden, kein Geld. Es gehört Muth da⸗ zu; mein Geſchmack wäre es durchaus nicht, lieber wollte ich mir alle Finger abhauen, um den Ring nicht anzuſtecken. Aber für den alten Herrn paßt ſie, ſie weiß Beſcheid, kann ihn pflegen, Abends in Flanell wickeln ſolch Inventarium hat Vorzüge, hehe! Was“ „Sie ſind ſehr einſichtsvoll, Herr Niedlich,“ antwortete der Regierungsrath;„doch nun zur Sache. Sie ſprachen alſo mit ihm von mir.“ „Ohne daß er das Geringſte merkte, brachte ich das Geſpräch erſt auf Trifels, dann mit einer feinen Schwenkung auf Sie, und er arbeitete mir ganz von ſelbſt in die Hände, denn zu meinem Erſtaunen ſagte er: ‚Von dem Regierungsrath könnte Trifels ſehr Vieles lernen; er hat zu wenig Weltkenntniß und zu viel Einbildung. Es mangelt ihm an richtigem Tact und Schicklichkeitsgefühl.“ „Sehr gut!“ erwiederte Wolters.„Das benutzten Sie doch?“ „Ob ich es benutzte!“ ſagte Herr Niedlich.„Ich ſehe durch drei eichene Thuͤren! Auf der Stelle merkte ich, daß etwas vorgefallen ſein mußte. Was es war, konnte ich nicht heraus bekommen, aber er ſprach von 122 dem hochgelobten Herrn Schwiegerſohn ſo ſpöttiſch, als wäre es ihm ganz Recht, wenn er ſich Hals und Beine bräche.“ „Und Sie?“ fragte Wolters. „Nun ich, ich ſagte ihm, daß ich es längſt gewußt bätte, es mangle bei Trifels die wahre Bil⸗ dung und dann deutete ich ihm an, daß Sie der⸗ ſelben Meinung ſeien, und mir ſchon vor längerer Zeit mitgetheilt hätten, der Herr Präſident könnte weicht einmal in Aergerniß mit ihm gerathen.“ „Und er?“ murmelte Wolters. „Er ging auf und ab, und wie ich ſagte, daß Sie für alle Fälle den beſten Rath zu geben wüßten, ſtand er vor mir ſtill und ſagte: Ich möchte den Regierungsrath ſprechen, doch nicht hier.“ Als Herr Niedlich dies berichtete, wurde im Corridor die Klingel ſo leiſe gezogen, daß die Glocke nur einmal anſchlug. „Das iſt er!“ flüſterte der Agent, ver wollte zwiſchen fünf und ſechs Uhr hier ſein und Sie er⸗ warten. Alle Wetter! und jetzt brennt die Lampe nicht einmal!“ 1— „Laſſen Sie Alles, wie es iſt,“ antwortete Wol⸗ ters, indem er aufſtand,„wir brauchen kein Licht. Verlaſſen Sie das Zimmer, Herr Niedlich, ich werde 123 den Präſidenten empfangen. Er wird wünſchen, mit mir ohne Zeugen zu ſprechen.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich in den Cor⸗ ridor. Herr Niedlich blieb noch einige Augenblicke ſtehen, warf, während er horchte, ein paar Holzſtücke auf das erlöſchende Feuer; als er jedoch vernahm, wie der Regierungsrath draußen ſagte:„Seit einigen Minuten erſt erwarte ich Sie,“ ſchlüpfte er ſchnell in das Nebenzimmer. „Ich bin ſehr erfreut, Sie zu finden, mein lieber Regierungsrath,“ begann der Praͤſident hereintretend. „Wo iſt Herr Niedlich?“ „Hier!“ flüſterte Herr Niedlich ganz leiſe, denn er ſtand auf der Lauer. „Ich habe ihn fortgeſchickt,“ anwortete Wolters. „Wir ſind alſo allein, das iſt ſehr gut; er wäre ſehr überfluͤſſig geweſen,“ erwiederte Herr von Landau. „So!“ murmelte Herr Niedlich,„er iſt aber doch auf dem Poſten.“ „Setzen wir uns,“ fuhr der Präſident fort, und die beiden n ſetzten ſich vor den Kamin und eeleen eß nleſcgun Worte, nach denen ihre Unterhaltung ſchnell auf den eigentlichen Gegenſtand ihrer Zuſammenkunft überging. „Ich kann mit Ihnen unumwunden ſprechen, 124 lieber Wolters,“ begann der Präſident;„denn ich darf wohl annehmen, daß Sie von der allerdings delicaten Sache, die mich betrifft, etwas wiſſen.“ „Um ſofort auf den richtigen Standpunkt zu kommen,“ erwiederte der Regierungsrath,„kann ich hinzufügen, daß ich von Allem unterrichtet bin, was geſtern Abends zwiſchen Ihnen und Trifels vorftel.“ „Das iſt mir ſehr lieb,“ verſetzte Herr von Lan⸗ dau, indem er Wolters Hand drückte.„Ich muß ge⸗ ſtehen, daß ich mich in Trifels völlig geirrt habe. Statt einer freien, weltmänniſchen Lebens⸗Anſchauung und edler, gentiler Denkungsart finde ich bei ihm die engherzigſten Begriſſe und ſelbſtſüchtige Vorur⸗ theile, wie ſie ein Spießbürger nicht einmal hat.“ „Ich hätte Ihnen dieſes im Voraus ſagen können,“ erwiederte Wolters lächelnd.„Er iſt be⸗ fangen und ſtarrſinnig, ſobald er auf das ſtößt, was er für unrecht oder unſittlich erklärt. Wenn das, was er ſein Rechtsgefühl nennt, beleidigt wird, hält er ſich für verpflichtet, dagegen anzukämpfen, ſo lange er eine Möglichkeit ſieht, es zu th 3 „Ich verbitte mir ſeine Einn in Dinge, die mich allein betreffen!“ antwortete der Präſident. „Das glaubt er eben nicht,“ ſagte Herr von 125 Wolters.„Sie haben ihm geſtern ſo ziemlich dasſelbe geſagt, trotz deſſen hat er heute den Verſuch gemacht, die betheiligte andere Seite zum Rücktritt zu ver⸗ mögen.“ „Das hat er gewagt?!“ rief Herr von Landau entrüſtet.— Wolters ſchwieg.—„Ich werde ihm die Luſt dazu vertreiben!“ fuhr der Praͤſident heftig fort. „Beruhigen Sie Sich,“ ſiel Wolters ein,„er hat nichts ausgerichtet.“ „Das arme liebe Kind!“ ſagte der alte Herr gerührt,„wie wird er es gequält haben! Sie hat ſich alſo nicht irre machen laſſen?“ „Sie hat ihm erwiedert, daß Sie ihr Wort gegeben, Sie allein über ihr Glück und Unglück zu entſcheiden hätten.“ „Ich werde mein Wort halten! Niemand ſoll mich von ihr trennen! Ich werde dieſe Heirath ſchlie⸗ ßen, und wenn ich mit allen brechen müßte!“ „Aha!“ flüſterte Herr Niedlich, der ſein Ohr an die Thür legte, voller Entzücken.„Da kommt's ja heraus!! „Sie werden keine geringen Schwierigkeiten finden,“ erwiederte Wolters.„Fräulein Hedwig.... „Sie iſt undankbar im höchſten Grade!“ 126 unterbrach ihn Herr von Landau.„Ich muß am beſten wiſſen, was zu meinem Glücke dient. Warum ſoll ich in meinem Alter allein ſtehen, entſagen, verküm⸗ mern?! Und ein ſo liebes, einfaches, anſpruchloſes Mädchen, mit den edelſten Eigenſchaften begabt, will meinen Lebensabend verſchönen.“ „Es iſt einzig!“ flüſterte Herr Niedlich,„der alte Pinſel iſt richtig bis über die Ohren verliebt!“ „Ich beklage Sie aufrichtig,“ ſagte Wolters. „Trifels iſt rückſichtslos.“ „Ich werde es auch ſein. Treibt er mich dazu, ſo weiſe ich ihm die Thür und ſeine Verbindung mit meiner Tochter geht zurück.“ „Das dürfen Sie nicht,“ entgegnete Wolters. „Bedenken Sie das Aufſehen und die Verhältniſſe. Trifels iſt auch nicht der Mann, der ſich gutwillig fügen würde. Sie haben ohne Zweifel das Recht, als Vater zu handeln; aber welche entſetzliche Zer⸗ rüttung wuͤrde Ihr eigenes Haus treffen und das Glück Ihrer eigenen jungen Ehe verbittern! Man muß die Vorurtheile der Menſchen ſchonen, theurer Herr von Landau, ſchonen, ſo viel man kann.“ Ein Schweigen folgte. Endlich ſagte der Prä⸗ ſident:„Was ſoll ich aber thun, welchen Rath geben Sie mir?“ „Sie müſſen Sich mit Trifels verſöhnen.“ „Ich ſehe keinen Weg dazu. Er wird nicht nachgeben.“. „So müſſen Sie es thun.“ „Ich?— Niemals! Ich kann nicht zurück und will nicht!“ „Es wäre auch ſchrecklich,“ lachte Hetr Nied⸗ lich leiſe.„Fräulein Emma könnte häßlich darüber werden.“ „Beſter Herr von Landau,“ ſagte Wolters, den Pferdefuß mitten in ſein vortretendes Kinn bohrend, „verſprechen die größten Staaten denn nicht in Zei⸗ ten der Noth Dinge, welche ſie niemals halten wol⸗ len, und haben die größten Staatsmänner nicht von je an den weiſen Grundſatz aufgeſtellt, daß, wo Ge⸗ walt unanwendbar ſei, man die Klugheit zur Hilfe rufen muß, um den Feind zu vernichten?— Ab⸗ warten und die Umſtände ſo benutzen, daß der, wel⸗ cher uns ſchaden will, ſich in ſeinen Schlingen fängt, iſt jedenfalls ein vortreffliches Syſtem.“ „Worauf ſoll ich warten?“ fragte Herr von Landau„Ich habe keine Zeit dazu, und glauben Sie, daß Marie damit einverſtanden wäre?“ „Emma!“ flüſterte Herr Niedlich. „Es käme darauf an,“ ſagte der Regierungs⸗ rath. Sie iſt zu klug, um nicht einzuſehen, was auf dem Spiele ſteht.“ „Das arme, liebe Kind!“ rief der Präſident. „Ich kann es nicht über das Herz bringen, ihm Be⸗ trübniß zu machen. Aber Sie haben Recht, Marie iſt ſanft wie ein Täubchen, doch auch klug; allein ich habe mich ihren Eltern erklärt, und der alte Hartmann iſt eine zu ehrliche, einfältige Haut, um ihn zu einer Intrigue zu gebrauchen, obenein, wenn Trifels dabei im Spiele iſt.“ „Was Teufel!“ flüſterte Herr Niedlich hinter der Thür.„Was iſt das?!“ „Der alte Papa und ſeine Ehehälfte ſind frei⸗ lich unbequem,“ lächelte Wolters,„es läßt ſich jedoch mit ihnen fertig werden. Die Hauptſache bleibt vor der Hand Ihr Herr Schwiegerſohn. Er wäre im Stande, im Falle Sie nicht einlenken, eine gänzliche Auseinanderſetzung der Vermögens⸗Verhältniſſe zwi⸗ ſchen Ihnen und Ihren Kindern geſetzlich zu betrei⸗ ben, dieſe Kinder unter ſeinen Schutz zu nehmen und ſie dem Vater für immer zu entfremden.“ „Hat er davon geſprochen?“ fragte Herr von Landau. „Ich kann es nicht läugnen.“ 129 „Dann ſoll er mich kennen lernen! Ich will mit ihm fertig werden!“ „Nicht ſo, er wird Recht behalten,“ ſagte Wol⸗ ters.— Ein neues Schweigen trat ein. „Ich wollte, daß ich ihn los wäre!“ murmelte der Präſident, in die Flamme ſtarrend. „Wenn das Ihr Wunſch iſt,“ verſetzte Herr von Wolters eben ſo leiſe,„ſo müſſen Sie meinen Rath befolgen.“ „Helfen Sie mir! Befreien Sie mich von ihm! Sie ſind mein Freund, ich vertraue Ihrer Freund⸗ ſchaft!“ ſagte Herr von Laudau.„Ich bin empört über ſein elendes Benehmen!“ Der Regierungsrath ſtieß mit ſeinem Stöckchen die brennenden Holzſtücke zuſammen und ließ dem erbitterten alten Herrn Zeit zu heftigen Aeußerungen. „Sie haben Trifels' Vater gekannt?“ fragte er dann, indem er ſich aufrichtete. „In früherer Zeit, ja,“ erwiederte Herr von Landau.„Wir waren JIugendfreunde.“ „Hatte er Aehnlichkeit mit ſeinem Sohne? Ich meine, war er ein ſo guter Geſellſchafter, ſo heiter und liebenswürdig?“ „Das war er in hohem Grade. Aber was ſoll das?“ 1856 XV. Neues Leben. II. 9 130 „Sonderbar!“ ſagte Wolters,„auch Trifels' älterer Bruder gehörte zu den glücklichen Menſchen, die mit allen körperlichen und geiſtigen Vorzügen reich geſegnet ſind, und dennoch...“ Er ſchwieg ſtill und warf die Holzſtückchen, welche noch vor dem Kamin lagen, auf den Heerd. „Nun, was— was meinen Sie?“ fragte der Präſident nachſinnend. „Haben Sie nie von Familieen gehört,“ fuhr Wolters flüſternd fort,„die das merkwürdige Schick⸗ ſal haben— eine Manie, welche von Vater auf Sohn erbt— daß ſte trotz aller Glücksgüter, aller Vorzüge an einer geheimen Schwermuth leiden, gegen welche ſie vergebens ankämpfen? Während ſie als überaus frohe, heitere Menſchen gelten, nagt ein Wurm an ihrem Leben, der....“ „Der?“ wiederholte Herr von Landau mit leiſer, hohler Stimme. „Wiſſen Sie, wie ſein Vater geſtorben iſt?“ „Am Schlagfluß,“ murmelte der Präſident. „Eben ſo wie ſein Großvater. Man fand ihn eines Morgens todt, die Reſte eines weißen Pulvers an ſeinem Bette.“ „Mein Gott!“ „Wiſſen Sie, wie ſein Bruder endete?“ 131 „Auf der Jagd. Durch einen Unglücksfall. Sein Gewehr entlud ſich.“ „Er erſchoß ſich mit ſeinem eigenen Gewehr.“ „Entſetzlich... und er.... Trifels.... wenn es ſo käme!“ Dieſe Worte preßten ſich durch die zuſammen⸗ geklemmten Lippen des Präſidenten. Es war dunkel umher, nur die Köpfe der bei⸗ den Männer wurden von dem rothen Scheine des Feuers erhellt. Ihre Augen begegneten ſich, die Bril⸗ lengläſer des Regierungsrathes funkelten wie glühende Kohlen, und in ſeinem ſcharfen, gelben Geſichte lag ein unheimliches, verächtliches Lächeln, das dem ſtar⸗ ren erſchrockenen Blicke des Herrn von Landau grö⸗ ßere Feſtigkeit und Antwort gab. „Man muß darauf gefaßt ſein und ſich ſichern,“ ſagte Wolters vor ſich hin. „Sichern— wie?“ hauchte der Präſident kaum hörbar. Von dem letzten, leiſe geführten Theile dieſer Unterredung hatte Herr Niedlich immer noch einzelne Bruchſtücke und Worte vernehmen können, jetzt aber hörte er nichts mehr, als ein leiſes Flüſtern, dann und wann von einem lauteren Tone unterbrochen, der keinen Anhalt zum Verſtändniß gab. 933 deei⸗ 132 ſtrengte er ſein ſcharfes Gehör an, und endlich mur⸗ melte er mehr als Einen Fluch in ſich hinein, weil er an ſeiner lackirten Thür auch nicht eine einzige kleine Fuge endecken konnte, die ihm erlaubt hätte, einen Blick hinein zu thun. Erſt nach einer geraumen Weile hörte er den Präſidenten deutlich ſagen:„Das iſt das Beſte; er kann nichts dagegen einwenden.“ „Gewiß nicht,“ erwiederte Wolters,„er muß es anerkennen.“ 3— „Es iſt meine Pflicht,“ fuhr Herr von Landau fort, und ein Triumph lag in ſeiner Stimme, als er hinzufügte:„Wir werden ja ſehen, wie er ſich dabei benimmt, lieber Wolters. Jetzt aber muß ich gehen, ich will Marien zu ſprechen ſuchen, ſie wird auf mich warten.“ Was Wolters antwortete, konnte Herr Niedlich nicht verſtehen, allein er hörte den Präſidenten lachen, und dann ſagte dieſer:„Er wird vernünftig ſein, denn er muß einſehen, daß dort nichts für ihn mehr zu haben iſt. Ich werde ihn aber entſchädigen, er ſoll Emma heirathen, das iſt eine Frau für ihn. Ein ſehr liebes, verſtändiges Mädchen; ich kann ſie jedoch nicht länger brauchen und muß ſie verſorgen.“ 133 „Herr Niedlich wird eine ſolche Ehre gewiß zu ſchätzen wiſſen,“ verſetzte Wolters. „Das denke ich auch,“ ſprach der Präſident.„Er iſt brauchbar zu Allem und kennt ſeine Vortheile.“ Herr Niedlich hörte Schritte, die ſich entfernten, dann ſchlug die Thür des Corridors zu, nichts ließ ſich mehr vernehmen. Nach einiger Zeit ſteckte er vorſichtig den Kopf ins Zimmer— es war völlig dunkel, das Feuer glimmte nur noch. Er überzeugte ſich, daß ſeine beiden Gäſte ihn verlaſſen hatten, und ohne eine Bemerkung darüber zu machen, trat er an den Tiſch, ſchnitt ſich ein neues Stück Baumkuchen ab, nahm den Korkzieher, den er jetzt ſehr leicht fand, öffnete die Flaſche, ſchenkte ein Glas Wein ein und ſetzte ſich mit Beiden an den Kamin.— Tiefſinnig in die matte Gluth ſchauend, aß und trank er ſchweigend; doch während er mit grimmiger Haſt abbiß, zog er ſeine Stirn in fürch⸗ terliche Falten und ließ ein melancholiſches Brummen hören. Plötzlich aber ſprang er auf, in der einen Hand das Weinglas, in der anderen den Kuchenreſt. Sein Geſicht glättete ſich; er ſchluckte den Kuchen möglichſt ſchnell hinunter, um laut auf zu lachen. „Warum denn nicht?“ rief er,„iſt ſie etwa lahm, blind, bucklig oder taub? Ich heirathe ſie! Bei Gott! 134 3 ich heitathe ſie mit vielem Vergnügen; allein bezah⸗ len ſoll er, darauf kann er ſich verlaſſen. Man kann Alles thun, Alles, nur nicht umſonſt, ſonſt iſt man...“ Herr Niedlich drehte ſich haſtig um, denn es trat Jemand herein, den er nicht erkennen konnte; darum ſchrie er ihm ein fürchterliches:„Wer da?“ zu, indem er ſich ſelbſt möglichſt weit zurückzog. „Ich bin es,“ antwortete ihm die bekannte Stimme des Muſtkers. „Wer? Sie, Herzberg!“ ſchrie Niedlich, während ſein Muth ſo weit wuchs, daß er ihm entgegen ging. „Wie ſind Sie denn hereingekommen?“ „Die Thuͤr ſtand auf,“ erwiederte dieſer, und rauh auflachend fügte er hinzu:„Sie haben wenig Courage!“ „Erſtlich ſprechen Sie Deutſch,“ ſagte Herr Nied⸗ lich ſtrafend,„und brauchen Sie keine fremden Aus⸗ drücke, was ein gebildeter Menſch ſtets gern vermei⸗ det, und dann iſt es ein Unterſchied, ob Jemand etwas zu verlieren hat oder nichts. Es iſt gar keine Kunſt, Muth zu beſitzen, wenn man ſein irdiſches Hab und Gut immer in einer leeren Taſche mit ſich herum trägt; darum iſt es auch gewiß, daß, je unge⸗ bildeter ein Menſch oder ein Volk iſt, um ſo mehr Muth beide haben. Warum ſollten Sie denn auch keinen Muth haben? Sie haben ja nichts zu verlieren! 135 Wenn ich nichts zu verlieren hätte, würde ich ein wahres Ungeheuer an Muth ſein.“ Herr Niedlich zündete während dieſer Erklä⸗ rung die Lampe an, und Herzberg konnte ſich nicht euthalten, nochmals ſein rauhes Lachen hören zu laſ⸗ ſen, während er ſich in einen der Seſſel warf, daß er knackte.—„Nach Ihren Begriffen,“ ſagte er dabei,„iſt alſo der Plunder Urſach aller Feigheit in der Welt. Vielleicht haben Sie Recht, wenigſtens in Ihrer Weiſe Recht!“. „Was nennen Sie denn eigentlich Plunder?“ fragte Herr Niedlich. „Allen Beſitz,“ ſagte Herzberg.„Elender Plunder, das Alles hier!“ Er ſtieß mit dem Fuße verächtlich gegen die Bronze⸗Faſſung des Kamines. Herr Niedlich war ſo erſtaunt, daß er Anfangs nicht wußte, was er ſagen ſollte. Er zog ſeine Au⸗ genbrauen ſo hoch, daß ſie bis in die Falten ſeiner Stirn einen Kreisabſchnitt bildeten; aber dieſe Zei⸗ chen ſeines Zornes machten ſchnell einer glücklicheren Laune Platz. Mitleid und Spott überkamen ihn, und dieſen folgend, ſchnitt er ſich ein neues, mäch⸗ tiges Stück Baumkuchen ab, füllte ſein Glas mit Rheinwein, roch daran, koſtete mit dem bekannten Schlürfen eines Kenners und ſetzte ſich dem über⸗ 136 überſpannten Muſiker gegenüber.—„So!“ ſagte er,„jetzt können Sie weiter ſprechen; aber ruiniren Sie nichts an dieſem Plunder, denn Sie können ihn nicht er⸗ ſetzen.— Jetzt ſagen Sie mir, Herzberg, warum Sie den Beſitz verachten. Ich weiß bloß den Einen Grund, weil Sie nichts beſitzen.“ Der Künſtler lehnte ſein bleiches Geſicht regungs⸗ los in das rothe Sammtpolſter, aber ſeine ſchwar⸗ zen großen Augen hefteten ſich rollend auf den Agen⸗ ten.„Weil,“ ſagte er nach einigen Minuten,„der Beſitz die Menſchen in Claſſen und Kaſten getheilt hat, die Beſitzenden die Unterdrücker ſind und die meiſten darunter keiner edleren, beſſeren Regung fähig, hoch⸗ müthig, gierig nach Gewalt und Unrecht, Böſewich⸗ ter oder Narren, die ihren Plunder als ihren Gott anbeten.“ „Es iſt einzig, es iſt allerliebſt, wenn man ihn ſo reden hört!“ rief Herr Niedlich, ans vollem Halſe lachend.„Aber nehmen Sie Sich in Acht, Herzberg! Mir können Sie meinetwegen ſolche Dummheiten ſagen, ich mache mir nichts daraus, wenn Sie aber...“ Im Augenblicke ſiel ihm etwas ein, und ein entzücktes, boshaftes Grinſen füllte ſein ganzes Geſicht.„Sie ſtehen freilich auf dem höheren Stand⸗ punkt,“ ſagte er,„aber da Sie Fräulein Hedwig anbeten, die doch allen dieſen Plunder aufs höchſte verehrt, ſo begreife ich nicht, wie Sie ihn verachten können.“ „O!“ ſagte der junge Mann traurig, indem er ſeine weiße Hand auf ſein glänzendes, ſchönes Haar legte und ſeinen Kopf darein ſtützte,„dahin habt ihr es gebracht! Aus der Einfachheit der Natur zur Unnatur der Verfeinerung. Verfeinerung nenne ich es bei ihr,“ fuhr er fort, indem er ſich aufrich⸗ tete;„denn was ſie auch thun mag, Alles bleibt ſchön bei ihr und dient ihrer Schönheit, während dieſe Lappen und dieſer Aufputz in den Händen der rohen, gemeinen Menge nur Mittel ſind, um ekler und widerwärtiger zu werden.“ „Es iſt ſchade,“ lachte Herr Niedlich,„daß Sie Sich nicht auch ein Bißchen aufputzen und verſchö⸗ nern können, es müͤßte Ihnen ſehr gut ſtehen. Wenn's ſo hieße: Graf Herzberg oder Fürſt Herzberg, und das Gold träufelte von goldenen Fingern auf die unterthänigſt unten Stehenden. Was?!“ Der Muſtker ſchwieg.—„Wie ſteht es denn mit Ihrem großen Werke?“ fuhr Niedlich höhnend fort. „Bitte, theuerſter Gönner, vergeſſen Sie mich und meinen jämmerlichen Plunder nicht, wenn Sie ein großer Herr geworden ſind.“ 138 „Davor können Sie ſicher ſein,“ erwiederte Herz⸗ berg mit einem leiſen Lächeln.„Wenn ich Ruhm, wenn ich Ehre erwerbe, werde ich immer Ihrer ge⸗ denken.“. „Meinen unterthänigſten Dank!“ ſchrie Herr Niedlich, vortrefflich beluſtigt, indem er fortgeſetzt den Kuchen verſchlang und jetzt ſein Glas ſchwenkte. „Ein Mann wie Sie iſt erhaben über die miſerabeln, unnatürlichen Speiſen und Getränke, welche ich Ih⸗ nen nicht anzubieten wage. Unſterbliche Heroen brau⸗ chen dergleichen nicht; doch welche Veranlaſſung verſchafft mir und meinem Plunder denn eigentlich Ihren erhabenen Beſuch?“ Herr Niedlich konnte bei aller Spottſucht den Aerger doch nicht überwinden, den das unglückliche Wort in ihm erregte; er hatte ſich vorgenommen, ſeinem Schützling die Luſt zu ſolcher Unverſchämtheit für immer zu verleiden, und hierzu bot ſich ihm ſo⸗ gleich Gelegenheit dar. „Ich wollte Sie bitten,“ ſagte der Muſiker ein wenig ſtockend—„Sie erinnern Sich wohl, daß ich.. Ich habe noch drei Thaler bei Ihnen zu Gut,“ ſtieß er mit ſeiner rauhen Stimme hervor. Herr Niedlich lachte mit glänzenden Augen und zog ſeine Stirn in unermeßliche Falten.“„Aha, rief 139 er dann,„das ſind die drei Thaler von dem Abend her, wo Sie zum Tanz aufſpielen ſollten und davon liefen. Verdient haben Sie ſie nicht, eigentlich haben Sie gar nichts verdient, denn Sie haben Ihre Ver⸗ pflichtungen nicht erfüllt und Sich ganz ungehörig benommen. Ich dachte auch, Sie hätten das eingeſe⸗ hen und machten keine weitere Forderung. Wie?“ „Wenn ich nicht müßte, würde ich es nicht thun,“ murmelte der junge Mann.. „Alſo Brod kaufen, hungern, nicht wiſſen, wie wir ſatt werden ſollen!“ ſagte Herr Niedlich,„aber* dabei die Welt verachten, alles Reelle Plunder nen⸗ nen, alles Staub, den ich mit den Füßen fortſtoße A 3 Ich ſage Ihnen, Herzberg, aus Ihnen wird nichts. Sie werden ausgelacht, weiter nichts.“ „Wer lacht mich aus?“ fragte der Muſtker 0 aufblickend. ö „Alle! Jeder! Ich!“ antwortete Herr Niedlich, würdevoll auf ſeine Bruſt klopfend. „Wenn Sie mich auslachen,“ erwiederte Herzberg, aus ſeinen ſchwarzen Augen einen ſeiner brennenden Blicke auf den Agenten ſchleudernd,„ſo fühle ich mich dadurch geehrt.“ „Geehrt? Gehorſamer Diener, ich danke Ihnen, großer Künſtler, obwohl ich Sie nicht verſtehe,“ er⸗ 140 wiederte Herr Niedlich, indem er eine tiefe Verbeu⸗ gung machte. „Weil Sie mich nicht verſtehen können,“ fuhr der Angegriffene, den Kopf ſenkend, fort,„denn un⸗ ſer Leben beruht auf zu verſchiedenen Grundlagen.“ „Das heißt, meine Grundlagen ſind praktiſch, Sie dagegen ſchweben in der Luft, und wollen nicht auf die Erde herunter kommen,“ ſiel Herr Niedlich cin.„Iſt denn gar keine Vernunft in Ihnen? Sind Sie denn raſend? Wollen Sie auf Menſchen nicht hören, die es gut mit Ihnen meinen, Ihr Talent ſchätzen und Ihnen helfen möchten?“ Es ſchien jetzt zu kommen, wie immer noch, wenn Herr Niedlich einen Sack voll gründlicher Er⸗ mahnungen über den armen jungen Mann ausſchüt⸗ tete. Nach einigen groben Antworten hielt dieſer ge⸗ duldig ſtill, ſenkte ſein Haupt und ließ ſich ſchelten. Endlich aber ſagte er ſanft und traurig:„Warum quälen Sie mich? ich habe nichts gethan, was un⸗ vernünftig wäre.“ „Nicht?“ rief Niedlich,„Sie haben nichts ge⸗ than?— Menſch! Sie ſind gar kein Menſch. Sie haben eine Art menſchlicher Geſtalt. Was haben Sie gethan? haha!“— Herr Niedlich fing an ſo luſtig zu lachen und Geſichter zu ſchneiden, daß Aℳ 141 Herzberg mit dem Ausdruck des Unwillens aufblickte und wieder zu Boden ſah. „Na,“ ſagte ſein Gönner halb verſöhnt,„mich hat die Sache köſtlich amuſirt, und andere Leute auch. Mir haben Sie eigentlich einen Spaß gemacht, der Geld werth iſt; aber wenn ich es dieſem Menſchen ohne Bildung, dieſem noblen Freiherrn auch gönne und mir denken kann, wie ſich Fräulein Hedwig dabei angeſtellt hat, als ſollte ſie durch die Decke fahren, ſo iſt das Ganze doch eine reine Verrücktheit von Ihnen.“ „Was ſoll's?!“ murmelte Herzberg. „Wem haben Sie denn Ihre Gedichte oder vielmehr meine Gedichte geſchenkt?“ fragte Herr Nied⸗ lich,„was haben Sie dabei geſchrieben?“ „Was wiſſen Sie davon?“ rief der Muſiker auffahrend. „Einen Liebesbrief!“ ſchrie Herr Niedlich.„Sie ſoll warten, bis der neue Mozart oder der neue Göthe, oder Beides zuſammen, fertig iſt. Er will ihr ſeinen ganzen Ruhm an den Hals werfen, will ſie mit Lorbeern ſtatt mit Bonbons und Goldhrochen zudecken.“ Herr Niedlich legte ſich in den Stuhl zurück, um bequemer ſein Zwerchfell zu erſchüttern; in 142 demſelben Augenblick aber fühlte er ſich an der Gurgel gepackt und ſeinen Hals ſo vollſtändig zugeſchnürt, daß das Glas ihm aus den Fingern zu Boden fiel und in Stücke brach, während er mühſam ſich zu befreien ſuchte. Er war überraſcht von dieſem An⸗ griff und ſchien Anfangs kaum zu glauben, daß der ſchwächliche, kleine Menſch ihn ſo geſchüttelt und ge⸗ drückt hatte; eben ſo wenig begriff er, wie dieſer es wagen konnte, Hand an ihn zu legen. Allein ſein Zorn mäßigte ſich, denn der Anblick des Muſikers jagte ihm Furcht ein: Herzberg ſtand leichenblaß vor ihm, ſeine Augen weit geöffnet, ſeine Lippen zitternd und zuckend, beide Fänſte geballt. „Sind Sie von Sinnen?“ ſtotterte Herr Niedlich. „Wer hat es Ihnen geſagt?“ fragte der Mu⸗ fiker, nachdem er eine Minute lang unbeweglich ge⸗ blieben war. „Was denn?“ erwiederte Niedlich, ſich erholend. „Wegen des Briefes? Darum geberden Sie Sich wie ein Wilder? Ich verbitte mir das ſehr ernſtlich.“ Herzberg ſtampfte heftig auf.„Antworten Sie!“ wiederholte er mit Blicken, vor denen Herrn Nied⸗ lich neue Furcht überkam. „Was geht es mich an?“ rief er.„Herr von Trifels hat es erzählt, von ihn weiß ich es.“ 143 Das Geſicht des Künſtlers verzerrte ſich zu ei⸗ nem Ausdruck des entſetzlichſten Haſſes. Die ſchwar⸗ zen großen Augen rollten umher, als ſuchten ſie den Gegenſtand ſeiner Wuth, und während der ganze Körper ſich zuſammenzog, ſagte er mit einer Stimme, die Herr Niedlich nachher unbeſchreiblich nannte:„Der Elende! Schande über ihn!“ Bei den letzten Worten ließ er die krampfhaft geſchloſſene Hand auf ſeine Stirn ſinken und bedeckte ſein Geſicht, indeß Herr Niedlich wieder aufathmete. —„Darin haben Sie Recht, Herzberg!“ fing er an, „es iſt ein Menſch ohne alles feine Gefühl, ohne Schicklichkeit und Bildung; aber mit Ihnen iſt heute nichts anzufangen. Gehen Sie nach Hauſe, ich will Ihnen Alles verzeihen, denn Sie thun mir leid. Doch erſt kommen Sie her.“— Herr Niedlich zog ſeine Bürſo⸗ trat an den Tiſch und nahm Geld her⸗ aus.—„Was das Buch anbelangt mit Einband ſammt dem Schaden, den Sie hier angerichtet ha⸗ ben, ſo wollen wir Alles in Allem einen Thaler dafür rechnen mit dem Beding, daß Sie mir ein neues Exemplar ſchuldig bleiben und künftig wie ein gebildeter Menſch handeln. Für den Schrecken nehme ich nichts, aber ein ander Mal kommt es anders mit uns, das merken Sie Sich. Nehmen 144 Sie dieſe zwei Thaler und ſeien Sie vernünftig. Machen Sie, daß Sie fortkommen, Ihre Mut⸗ ter wird gewiß ſchon lange darauf warten.“ Herr Niedlich nahm mit liebevoller Haſt dem Künſtler die Hand vom Geſicht, denn dieſer ver⸗ harrte noch immer in ſeiner verſteinten Stellung. Er öffnete ihm die Finger und legte die beiden Thaler hinein, indem er die Mahnung hinzufügte, das Geld auch nuüͤtzlich anzuwenden; plötzlich aber prallte er zurück, denn Herzberg hob den Arm blitz⸗ ſchnell auf, warf die Geldſtücke zur Erde, daß ſie klingend und ſpringend in die Kaminecke flogen, er⸗ griff ſeinen Hut und eilte fort. „Esiſt nicht möglich,“ ſagte Herr Niedlich, nachdem er die Thaler aufgeſucht und wieder in ſeine Börſe geſteckt hatte,„nein, es iſt nicht möglich, ſich mit dieſem völlig ruchloſen Geſchöpf weiter zu befaſſen. Er muß untergehen, entweder im Tollhauſe oder in Hunger und Elend. Er ſieht ſchon aus wie ein halb Todter, durchſichtig wie von Glas und abgezehrt bis auf die Knochen. Was geht er mich an! ich habe mit mir ſelbſt zu thun.“— Damit war die Sache abgethan; er faßte nach dem Reſt des Kuchens, und je länger er auf und nieder ging, um ſo mehr kehrte ſein guter Humor zurück.„Es iſt ganz richtig,“ rief er 145 zuletzt, mit den Fingern ſchnippend,„mit Marie iſt nichts mehr zu machen. Ich verdenke es ihr auch nicht; wenn Jemand einen beſſeren Preis bekommen kann, ſo greift er zu. Frau Präſidentin klingt aller⸗ dings beſſer als Frau Agentin! Aber wie ſie ſich ärgern werden— ich freue mich kindlich darüber, wahrhaftig, ich freue mich!— Und ich heirathe das Täntchen, ich nehme ſie, und wäre ſie aus engliſchem Leder gemacht!“ fügte er energiſch hinzu.„Ich will gleich morgen eine Liebenswürdigkeit entwickeln, die ihr gefallen ſoll; denn ſie beſitzt Bildung und Geſchmack.“ 1856. XV. Neues Leben. II. 10 Siebentes Capitel. Es vergingen einige Wochen nach dieſen letzten Entwicklungen, ohne daß ſich weſentlich etwas im Hauſe des Präſidenten von Landau geändert hätte. Herr von Trifels erſchien täglich, um ſeine Braut zu beſuchen; er führte ſie zu Feſtlichkeiten, zur Oper und in Concerte, er verlebte ſeine Abende in geſell⸗ ſchaftlichen Kreiſen und glänzte dort durch alle die Vorzüge, welche ihm eigen waren. Für die Ausſtat⸗ tung der Braut wurden fortgeſetzte Einkäufe gemacht, und der Präſident benahm ſich als liebevoller und zärtlicher Vater, dem nichts zu theuer, nichts gut genug und reich genug ſchien, um ſein Kind zu er⸗ freuen und beneiden zu laſſen. Mit einer gewiſſen, Aufſehen erregenden Darlegung ſeiner Liebe und ſeines Schmerzes über die bevorſtehende Trennung 147 ließ er keine Gelegenheit vorübergehen, um dies Jedem begreiflich zu machen, und wer ihn mit ſei⸗ nem Schwiegerſohne ſcherzen ſah, von dem er ſo gern ſprach, um deſſen edle Eigenſchaften zu preiſen, der nahm die Ueberzeugung mit, daß Herr von Lan⸗ dau über dieſe Verbindung trotz aller ſchmerzlichen Klagen doch ſehr ſtolz und glücklich ſei, was freilich auch ganz natürlich gefunden wurde. Man merkte es dem Präſidenten in keiner Weiſe an, daß ein geheimes Zerwürfniß mit Trifels jemals Statt gefunden haben konnte. Er hatte kein Wort darüber geäußert; nur in den nächſten Tagen, welche jenem Enthüllungs⸗Abend folgten, ließ er ſich wenig blicken, und wenn es geſchah, übte er jene feine ge⸗ ſellſchaftliche Höflichkeit, die unter ihrer geſchmeidi⸗ gen Decke alle mögliche wahre und falſche Geſinnung mit demſelben glatten Lächeln und glatten Worten überzieht. Aber Herr von Landau wurde nach und nach wieder zuvorkommender und herzlicher; er ſchien ſich Trifels mehr als je nähern zu wollen und dieſer ſeinen Wunſch zu theilen Das gute Verhältuiß wurde nicht allein hergeſtellt, es ſchien ſogar an In⸗ nigkeit zugenommen zu haben. Die glänzende Woh⸗ nung des Präſidenten füllte ſich mit heiteren Gäſten, welche das ſchöne Schauſpiel genoſſen, den vortrefflichen 10 * 148 Vater Arm in Arm mit ſeinen Kindern durch die Säle wandeln zu ſehen, und die liebliche Braut bewunderten und bewitzelten, deren Schmeicheleien und Liebesworte zwiſchen dieſem zärtlichen Vater und dem zärtlichen Bräutigam ſich theilten. Nur wer die Verhältniſſe genau kannte, mochte zweierlei nebenher bemerken; nämlich, daß der Regierungsrath von Wolters jetzt ſehr häufig ſich hier blicken ließ, dagegen aber die Tochter des Blechſchmiedes gänzlich aus dem Repertoire der Geſellſchaft geſtrichen ſein mußte.— Welche Spöttereien auch über Fräulein Marie und deren ſonderbares Erſcheinen in dieſem Hauſe ge⸗ wechſelt worden waren, ſo fragte man doch äußerſt wenig darnach, als man nichts mehr von ihr ver⸗ nahm. Herr von Landan ſprach nichts mehr von ihr, er forderte auch nicht mehr etwas zu ihren Gun⸗ ſten von Fräulein Emma; er war überhaupt auch gegen dieſe zurückhaltender geworden. Denn er ſuchte ſie nicht mehr auf, um ihr vertraute Mittheilungen zu machen. Wenn er ſie ſah, war er ſehr freundlich und zu den üblichen Scherzen mit Täntchen geneigt; allein er vermied es, mit ihr allein zu ſein, und ſeine Geſpräche bewegten ſich nur über häusliche und wirth⸗ ſchaftliche Dinge und über die Verheirathung ſeiner lieben, theueren Hedwig. 149 Niemand war glücklicher darüber als dieſe. Sie verehrte ihren Vater mit aller leidenſchaftlichen Reg⸗ ſamkeit ihres Charakters; denn ſie fühlte, wie er mit verdoppelter Liebe ſich an ſie ſchloß, und wenn zu⸗ weilen ſeine Augen ſich nachſinnend an ihr Geſicht hefteten und ein leiſes, wehmüthiges Lächeln dabei um ſeine Lippen ſpielte, mußte ſie ihn küſſen und ihm zuflüſtern, daß ſie ihn mehr liebe als einen Menſchen auf Erden, Trifels nicht ausgeſchloſſen. Niemand war auch froher als Hedwig über das Verſchwinden der Mamſell Marie. Die Abneigung, welche ſie gegen dieſe empfand, entſprang ohne Zwei⸗ fel aus einer doppelten Quelle. Zunächſt war es Ei⸗ ferſucht geweſen, die ſie trieb, jene kleine Intrigue anzuzetteln, durch welche Marie an dem Familien⸗ feſte Theil genommen hatte. Trifels Erklärung an jenem Abend und ihre darauf folgende Verlobung hatte dieſe Eiferſucht zwar zerſtört, jede Wurzel der⸗ ſelben aber doch nicht ausgeriſſen. Trifels' ließ ſich nie bewegen, ein hartes Urtheil über Marie zu fällen, über ſie zu ſpotten oder zu lachen; er vertheidigte ſie ſogar, wenigſtens ihre Fähigkeiten. Als der Prä⸗ ſident mit ſo vieler Vorliebe die Mamſell behandelte, verſtärkte ein ſehr erklärliches anderes Mißfallen Hedwig's Abneigung, welche ſich zwar nie zu einem 150 beſtimmten Verdacht erhob, nichts deſto weniger aber mit der Schärfe desſelben jeden Verſuch Mariens, ſich ihr unterwürfig zu nähern, zurückwies. Als ihr Vater von ſeinem Schützling nun end⸗ lich weder mehr ſprach, noch Marie ſich blicken ließ, konnte ſie ihren Freundinnen die vertrauliche Erklä⸗ rung geben, daß der Scherz ſein Ende erreicht habe. Fräulein Hartmann habe der Familie eine Gefällig⸗ keit erzeigt, welche belohnt werden mußte. Jetzt ſei die Rechnung ausgeglichen, in Zukunft werde Jeder da bleiben, wohin er gehöre. Mit Fräulein Marie war jedoch noch eine zweite Perſon, wenn nicht verſchwunden, ſo doch in den Hintergrund getreten, nämlich Herr Niedlich. Der Agent erſchien allerdings häufig bei dem Prä⸗ ſidenten, welcher ihn zu ſeinen ſpeciellen Geldgeſchäften gebrauchte, allein als Gaſt war er ſeit einiger Zeit ganz übergegangen worden, und vor Hedwig's Necke⸗ reien, die ihn ernſtlich drängte, endlich doch ſein Ver⸗ ſprechen zu halten und ſeine Braut vorzuſtellen, ent⸗ floh er unter geheimnißvollem Stirnrunzeln und Ver⸗ tröſtungen. Von dem, was Herrn Niedlich eigentlich paſſirt ſei, wußte die junge Dame nichts, Niemand hatte ihr eine Mittheilung gemacht; es war jedoch gewiß, daß Schwierigkeiten entſtanden ſein mußten. ¹ 151 Ihre Neugier war dadurch erregt, und dieſe wurde unmuthig geſchärft, als ſie eines Tages, eben als Herr Niedlich ein Verhör beſtanden hatte, aus dem er ſich eiligſt zurückzog, weil Trifels' Eintritt ihn erlöſ'te, ſich mit ihren Fragen an dieſen wandte. Herr Niedlich hatte den Freiherrn ſo mißach⸗ tend behandelt, daß Hedwig von einem Gedanken befallen wurde, der plötzlich ihr Herz heftiger ſchla⸗ gen machte.„Es iſt doch ſonderbar,“ rief ſie aus,„was dem liebenswürdigen Heinrich widerfahren ſein muß. Er war ſeiner Sache ganz gewiß. Was iſt geſchehen, daß Mamſell Marie ſpröde thut?“ „Es iſt gleichgiltig,“ ſagte Trifels. „Haſt Du nichts davon gehört?“ fragte ſie weiter und blickte ihn ſcharf an. 4 „Ich frage nicht darnach,“ erwiederte er. „Aber ich möchte es wiſſen,“ fuhr ſie fort.„Was kann der Grund ſein, von Herrn Niedlich's Liebe ungerührt zu bleiben?“ „Sie iſt zu klug für ſolchen Narren.“ Dieſe Antwort ſchlug einen Funken.„Zu klug,, wiederholte ſie,„und gewiß auch zu ſchön und jung.“ „Beides kommt dazu,“ antwortete er.„Solche Reize können Beſſere in Verſuchung führen.“ „Es iſt alſo jedenfalls gefährlich, in ihrer Nähe zu ſein?“ fragte ſie, heimlich erregt. Trifels neigte ſich zu ihr, und obwohl er lachte und einen Scherz machen wollte, als er ſagte:„Ge⸗ fährlicher, als Du denken kannſt, meine ſüße Hed⸗ wig!“ war doch in ſeinem Geſicht eine Unruhe, welche ſie oft ſchon bemerkte, wenn er unter leichten Wor⸗ ten etwas verbergen wollte, worüber er eigentlich ganz anders dachte. Einige Tage darauf wurde im Salon getanzt. Trifels war außerordentlich fröhlich und liebenswüͤr⸗ dig um Hedwig beſchäftigt; endlich aber ſuchte ſie ihn vergebens, bis ſie ihn im Geſpräch mit ſeinem Vetter vor jenem Candelaber ſtehend erblickte, an welchem ſie die Deviſen verbrannt hatte. Sie hörte nur, daß er zu Wolters ſagte:„Marie benimmt ſich ſehr gut, ich hofft jetzt das Beſte!“ Dabei drehte er ſich um, weil ihr Kleid rauſchte, und vor ſeinem von Liebe belebten Geſicht und der freudigen Unbefan⸗ genheit, mit welcher er ſie empfing, verſchwand ihr Erſchrecken und Verſtummen. Am folgenden Morgen fand Emma ſie zum erſten Male ſeit langer Zeit nachdenkend und einſylbig und es währte einige Zeit, ehe ſie ihr Herz und Lippen öffnen konnte. Auf alle Fragen gab ſie 153 unbeſtimmte Antworten, klagte über Ermüdung und Kopfſchmerzen; als aber Emma mit ihrem beobachten⸗ den Lächeln ſie genau anſah, fiel ſie ihr plötzlich um den Hals und verbarg ihr Geſicht. „Du weinſt ja!“ ſagte Fräͤulein Emma.„Was ſind es für Thränen? Verdruß, Trauer, Kummer oder Schmerz?“ „Alles in Allem!“ antwortete Hedwig.„Ach, Tänt⸗ chen! ich bin doch ein einfältig Kind, ich kann gar zu wenig Anderes vertragen, als Glück, Luſt und Lachen.“ „Weil das Leben mit ſeinen Plagen und Täu⸗ ſchungen noch nicht allzu oft dicht an Dich herange⸗ treten iſt,“ antwortete Emma. „Es iſt wahr,“ erwiederte Hedwig den Kopf ſenkend, indem ſie ihre Hände faltete.„Ich habe nur einen einzigen großen Schmerz bis jetzt kennen gelernt, als meine geliebte Mutter uns verließ. O, Täntchen, verlaſſen werden, getäuſcht werden— der Gedanke macht unausſprechlich elend.“ „Ich weiß nicht, was Du meinſt,“ ſagte Emma ſanft, als Hedwig in ihrer Stellung blieb, aber ihre Arme heftiger preßte.„Was iſt Dir widerfahren?“ Sie erhielt keine Antwort und wiederholte ihre Frage vergebens; plötzlich aber richtete ſich Hedwig lebhaft auf und ſagte, ihre Thränen zerdrückend: „Sprich aufrichtig, Täntchen, haſt Du nichts an Trifels bemerkt?“ „Was ſoll ich bemerken?“ war die Antwort. „Iſt er nicht verändert, oft ganz ſeltſam ver⸗ ändert? Gar nicht mehr, wie früher! Oft ganz ſtill, zerſtreut, nachſinnend, dann wieder, als thäte er ſich Gewalt an, um mich zu hören.“ „Ich habe von allem dem nichts bemerkt.“ „Einige Tage lang,“ fuhr ſie fort,„mußt Du bemerkt haben, wie unruhig er war. Oft ſah er nach der Thür, als ſollte Jemand kommen, dann war es zuweilen, als wollte er mir etwas mittheilen; ſobald ich ihn aber fragte, ſcherzte er meine Muth⸗ maßungen fort.“ „Wenn er das wirklich that,“ ſagte die Freun⸗ din,„ſo hatte ſein Ernſt gewiß wenig auf ſich.“ „Nun iſt er wieder in glücklichere Laune gekom⸗ men, aber ich fürchte....“ „Was denn?“ fragte Emma. „Er liebt mich nicht mehr,“ flüſterte ſie— „nicht ſo, wie ich es möchte.— Schilt mich nicht, lache auch nicht, er denkt an etwas Anderes, an eine Andere— ich glaube, er denkt an ſie— an Marie! — Um Gottes wilien!“ fuhr ſie heftig fort,„ſieh 155 nicht ſo ernſthaft aus. Lache lieber, beſtreite es, doch höre erſt an, was ich weiß.“ „Haſt Du ihn von Deinen Grillen etwas merken laſſen?“ fragte Emma, und als Hedwig es verneinte, fügte ſie hinzu:„Thu' es ja nicht, er darf nichts da⸗ von wiſſen. Männer, wie er, von ſo ſtolzem und reinem Charakter, werden von jedem Mißtrauen tief verletzt.“ „Aber es könnte doch ſein,“ ſagte Hedwig furcht⸗ ſam und trotzig. „Niemals!“ erwiederte Emma.„Ich ſpreche es mit Ueberzeugung aus. All ſein Glück auf Erden ſucht er bei Dir, all ſein Hoffen klammert ſich an Dich. Laß ihn nicht irre werden, gieb ihm, was ihm noth thut.“ „Was ſoll ich ihm geben?“ „Dein ganzes Herz, b Du ihm mehr geben kannſt.“ „Noch mehr? unerfättliches Täntchen!“ „Deinen Kopf,“ fuhr Emma, ſie umſchließend, fort.„Es wird eine Zeit kommen, wo er auch d verlangen wird, und ich denke mir, ein Mann hat das Recht dazu, auch den Kopf ſeiner Frau zu for⸗ dern; er kann mit dem Herzen allein ſich auf die Dauer nicht begnügen. Du wirſt daher immer gut thun, theure Hedwig, Dich auf die Stunde vorzu⸗ bereiten, wo Du ihm beweiſen mußt, daß dieſer kleine Kopf auf der rechten Stelle ſitzt.“ Hedwig hatte dieſe neue Lehre wohlgefällig laͤchelnd angehört. Sie ſtemmte den Arm in die Seite und ſagte mit drolliger Selbſtzufriedenheit: „Das will ich, Täntchen, ich will ihm zeigen, mit wem er es zu thun hat. Man muß nicht ſo gedan⸗ kenlos in den Tag hinein leben. Ah! wie ernſthaft bin ich ſchon geworden, welche Sorgen nagen an mir, wie ſehr vervollkommne ich mich unter den Fit⸗ tichen Deiner Weisheit, Täntchen, um mit Würde meine Rolle als Frau ſpielen zu können! Als Frau!“ rief ſie, laut auflachend,„was das närriſch klingt! Aber mein Mann“— ſie begann das alte über⸗ müthige Gelächter—„was das für ein fürchterliches Wort iſt, Täntchen!— mein Mann ſoll gehorchen, er ſoll ganz gewiß gehoͤrchen. 4 Als Hedwig dies ſagte, trat Trifeis herein, und i dem erſten Ton ſeiner Stimme hatte ſie alle e Vorſätze und alle ihre Sorgen vergeſſen. Sie lief ihm entgegen und reichte ihm beide Hände. Er ſah ſo ſchön und freudig aus, ſein Blick war ſo froh, bne Augen ſo klar; die hohe, ſtolze Geſtalt neigte 157 ſich zu ihr nieder, ſein Gruß, ſeine Fragen beherrſch⸗ ten ſie ganz. Emma zog ſich unbemerkt zurück.—„Was hat ſie Dir geſagt?“ fragte Trifels.„Wer ſoll gehorchen?“ „Du!“ antwortete ſie, ihren Finger ſchalkhaft aufhebend.„Mir ſollſt Du gehorchen.“ „Ich gehorche Dir ſo gern!“ erwiederte er. „Auch immer?“ fuhr ſie fort. „Immer!“ ſagte er. „Keine Bitte wirſt Du mir jemals abſchlagen, was ich auch fordere, mir erfüllen?“ „Keine, keine, meine geliebte Hedwig!“ „Halt da!“ erwiederte ſie, und die Hände auf ſeine Bruſt gelegt, fengte ſie leiſer:„Wirſt Du mich auch immer und ewig lieben?“ „Wenn ich aufbörte, Dich zu lieben,“ erwiederte er„würde ich aufhören, zu leben.“ „Aufhören, zu leben!“ rief Hedwig, ihn an ſich drückend.„O, mein Gott! was ſagſt Du da? Es iſt ein fürchterlicher Gedanke, wirf ihn von Dir, ge⸗ liebter Eduard.— Aber weißt Du,“ fuhr ſie mit leu tenden Augen fort,„daß Du nicht ſterben kannſt 2 Mein Wille würde Dich feſthalten, meine Seele würde Deine fliehende Seele umklammern und ſie in ihr irdiſches Haus zurückführen.— Sorge nicht, ich A ich beende, ſo wäre ich draußen geblieben. Jetzt weiß, was ich thue, alſo ſorge nicht!— Ich habe neulich eine indiſche Dichtung geleſen, worin ein ſchö⸗ ner junger König von dem Fürſten der Finſterniß fortgenommen wird. Drei Tage lang lag ſein blaſſer Körper auf der Matte, doch ſeine Geliebte erweichte mit ihren Bitten den ſchwarzen Gott. ‚Küſſe ihn,“ ſprach er zu ihr, ‚„und wenn Deine Liebe ſo groß iſt, wird ſie ſein Blut erwärmen, und ſein Herz wird wieder ſchlagen.“ Da nahm ſie ihn in ihre Arme, viele Stunden lang ſaß ſie, eine lange bange Nacht, bis ſein Herz unter ihren Küſſen ſchlug, bis der grauſame Gott von ihm abließ.— So, Eduard, würde ich Dich auch von ihm erlöſen!“ rief Hedwig mit dem Feuer ihrer Begeiſtenun Trifels hielt Hedwig an ſeinem Herzen, ſeine Augen ruhten auf ihr, ein faſt ſchmerzliches Lächeln ſchwebte um ſeinen Mund, plötzlich aber ſagte er laut und mit ſtarker Stimme:„Ich glaube an die Wunder Deiner Liebe: verlaß mich nie, zweifle nie an mir!“ Ehe Hedwig antworten konnte, trat eine Stö⸗ rung ein, denn der Präſident öffnete die Thür und blieb mit freundlichem Geſicht auf der Schwelle ſtehen.„Hätte ich gewußt,“ ſagte er,„welche Seligkeit e hilft es aber nichts, darum gewährt mir die Bitte, in Eurem Bunde der Dritte zu ſein, wie Schiller ſagt, würde Herr Niedlich nicht vergeſſen.“ Sein Erſcheinen machte allerdings den zärtlichen Eröffnungen der Verlobten ein Ende, aber er ſuchte es ihnen zu erſetzen, denn er war voll Liebenswürdig⸗ keit für Hedwig, voll heiterer Scherze, welche er an Trifels richtete, und voll guter Laune für Beide. Nach einiger Zeit ſagte er dann:„Wir müſſen die Tage feſthalten, welche uns noch übrig bleiben, für unſer Beiſammenleben, und Alles meiden, was unſere Erinnerungen trüben könnte. Sie bleiben doch heute bei uns, Trifels? Ich habe eine Loge für die neue Oper. So viel ich nur irgend kann, mein liebes Kind, will ich Dich noch mein nennen und Deine Ge⸗ ſellſchaft genießen. Dein Glück geht mir über Alles! Ein paar Stunden habe ich heute noch zu thun, be⸗ ſucht inzwiſchen die Akademie und ſeht die dort neu aufgeſtellten Bilder an.“ Sein Vorſchlag wurde dankbar aufgenommen. „Wenn Du doch mit uns gehen könnteſt!“ bat Hed⸗ wig ſchmeichelnd.„Wenn ich Dich nicht habe, Papa, fehlt doch etwas zu meinem Glücke.“ Der Praͤſident küßte ſie lachend und drohend und trieb ſie fort.„Still, Du Schmeichlerin!“ rief er, * 160 „Trifels könnte glauben, es ſei wirklich wahr. Er ſieht ſchon ganz ernſthaft und nachdenklich aus.“ Es war das erſte Mal, daß er ſeit jenen ge⸗ heimen Zerwürfniſſen mit dem Freiherrn ſich mit ihm allein befand, er hatte dies bisher immer zu vermeiden gewußt. Trifels war Hedwig bis zur Thür gefolgt. Der Präſident hatte ſich gegen das Fenſter gewandt, plötzlich aber wandte er ſich von dort um, ging ſeinem Schwiegerſohne entgegen, bot ihm die Hand und lächelte in ſeiner feinen Weiſe. „Schlagen Sie ein, lieber Eduard,“ ſagte er.„Wir wollen kein Wort über eine Angelegenheit verlieren, deren Acten geſchloſſen ſind. Meinen Sie nicht?“ „O gewiß,“ erwiederte Trifels. „Wir ſind alſo verſöhnt,“ fuhr Herr von Lan⸗ dau fort. „Zu meiner größten Freude geben Sie mir die Gewißheit, daß Sie die Gründe meiner Handlungs⸗ weiſe nicht länger mißdeuten.“ „Verſteht ſich, nein! Wir ſind Menſchen, wir irren alle. Ach, in meinem Alter hat man zuweilen noch Jugendträume, allein man erwacht bald davon. Sie ſind doch mit Allem zufrieden?“ „Es konnte nicht beſſer ſein,“ entgegnete der Freiherr,„und Marie....“ 161 „Still, keinen Namen!“ flüſterte der Praͤſident. „Ruühren wir nichts an! Ich habe Wolters Alles uͤberlaſſen. Ihr Vetter iſt kaltblutig und welter⸗ fahren, er wird die ganze Sache ordnen. Vergeſſen wir alſo auf immer.“ Sie ſchüttelten ſich die Hände; ehe der Praͤſi⸗ dent jedoch die ſeine zurückzog, umarmte er ſeinen Schwiegerſohn und ſagte, ihn rechts und links küſ⸗ ſend:„Alſo verſenkt und abgethan für alle Zeit. Ich ehre und achte Sie, lieber Trifels! liebe Sie Ihres Freimuthes wegen noch mehr und bitte Gott, daß er Sie erhalten und Hedwig's Glück viele Jahre ſichern möge.“ 3 Er klopfte ihm dabei zärtlich auf die Schulter und entließ ihn dann, weil Hedwig eine Dienerin mit der Meldung hereinſchickte, daß ſie bereit ſei. „Gehen Sie, lieber Eduard,“ ſagte er,„Hedwig möchte ungeduldig werden, ein ander Mal können wir uns noch weiter ausſprechen, laſſen wir es auf ein ander Mal!— Aber Sie befinden Sich doch wohl? Sie ſehen angegriffen aus,“ fuhr er fort, indem er ſeines Schwiegerſohnes Hand feſthielt und ihn durch das Zimmer begleitete. „Ich habe mich nie wohler und kräftiger ge⸗ fühlt,“ erwiederte Trifels. 1856. XV. Neues Leben II. 11 162 „Das iſt mir lieb,“ ſagte Herr von Landau. „Ein Bräutigam muß keine melancholiſchen Anwand⸗ lungen haben. Sie haben doch keine Sorgen, wo ich rathen oder helfen könnte?“ „Gewiß nicht,“ ſagte Trifels, indem er ſich eilig empfahl und mit Anſtrengung ſeine Uabeſan⸗ genheit zu behaupten ſuchte. „So gehen Sie, da iſt Hedwig ſchon. Auf Wiederſehen, Ihr theueren Kinder! Auf frohes Wie⸗ derſehen! 14 Sein Geſicht behielt noch einige Zeit den frennd⸗ lichen Ausdruck, bis dieſer nach und nach ſich in Hohn umwandelte.„Was ich Alles dieſes Menſchen wegen thun muß!“ flüſterte er vor ſich niederblickend, „aber wir werden ſehen, ob unſere Mittel helfen— und dann Abrechnung halten!“ fügte er noch leiſer hinzu. Wenige Minuten ſpäter, nachdem er das Zim⸗ mer verlaſſen hatte, that Fräulein Emma einen raſchen Blick hinein und winkte einem ihr Nachfol⸗ genden zu, der draußen ſtand. „Wir wollen uns nicht wieder überraſchen laſſen,“ ſagte ſie.„Es iſt mir lieb, Sie wiederzuſehen, Herr Stark. Ich glaube, Sie haben mir mancherlei mit⸗ zutheilen.“ Reinhold ſah ſehr bleich aus. Seine Augen 163 lagen tief in ihren Höhlen, der mächtige Kopf ſchien müde und ſchwer auf ſeinen Schultern zu ſitzen. „Was ich Ihnen mittheilen könnte, Fräulein Ruh⸗ wald,“ ſagte er mit dem unverändert ſanften Lächeln, „werden Sie wohl ſchon gehört haben.“ „Ich weiß nichts, wenigſtens nichts Gewiſſes,“ war ihre Antwort,„doch ehe Sie weiter ſprechen, Herr Stark, ſagen Sie mir, ob Sie krank ſind.“ „Ich glaube nicht,“ erwiederte er leiſe und mit plötzlichem Erröthen. „Sie glauben es nicht? Fühlen Sie es denn nicht?“ fuhr ſie theilnehmend fort.„Sie müſſen einen Arzt zu Rathe ziehen.“ „Ich habe ſehr viel gearbeitet, viel ſehr!“ ſagte er mit einem dankbaren Aufblicken. „Arbeit macht ſtark und froh,“ fiel ſie ein.„Arbeit iſt das beſte Mittel, um Leid, das uns druͤckt, zu ertragen, wenn nicht etwa“— ihre klaren Augen hef⸗ teten ſich auf den bleichen Mann, welcher ſcheu zu Boden ſah—,„wenn nicht etwa,“ wiederholte ſie langſam,„das Leid ſo tief ſitzt, daß das Uebermaß von Arbeit den Körper erſchöpft, ohne den Muth aufzurichten.— Erzählen Sie mir, Herr Stark,“ fuhr ſie fort, als ſie keine Antwort erhielt,„wie es in 11* 7 164 Ihrem Hauſe zugegangen iſt. Sie wiſſen, daß ich Manches wußte.“ „Wiſſen Sie auch,“ fragte er,„daß der Herr, den ich nicht nennen will, nachdem er erklärt hatte, es ſollte geſchehen aller Welt zum Trotz, doch ſein Wort, kaum war's gegeben, wieder gebrochen hat?“ „Ich weiß es nicht, aber ich konnte es aus mancherlei Zeichen vermuthen,“ ſagte Fräulein Emma. „Andere haben es ihm ausgeredet,“ begann Reinbold,„ich denke, vornehmlich that's der Herr von Trifels, und es mag auch wahr ſein, daß es ſich nicht paßt, wenn Leute, nicht allein ſo verſchie⸗ denen Alters, ſondern auch ſo verſchiedener Stände ſich zuſammen thun wollen. Es mag gut ſein, wenn Freunde es hindern; aber wenn's nun doch wahr wäre, wenn ſie den Herrn liebte, oder er meinte es aufrichtig, ſo iſt es doch grauſam hart, wie es geſchehen iſt.“ „Es hängt Alles von den Verhältniſſen ab, Herr Stark,“ antwortete Fräulein Emma.„Wahre Liebe und Zuneigung kümmert ſich nicht um Rang und Stand, ſie kommt aus dem Herzen; aber un⸗ vernünftig gegen Alles, was die Menſchen ſchicklich nennen, muß man doch nicht handeln.“ „Sie meinen es alſo auch?“ ſagte Reinhold, und es klang faſt wie ein Vorwurf. „Glauben Sie nicht von mir,“ fiel ſie ein,„ich wollte Vorurtheile und Hochmuth vertheidigen. Wenn ich von dem Schicklichen ſpreche, ſo meine ich das natürliche Empfinden, das in jedem guten Menſchen iſt, das ſittliche Gefühl, das ſich gegen alles Un⸗ rechte ſträubt. Vernünftige Weſen ſollen wir alle ſein, uns alſo von Vernunft leiten laſſen, und je älter wir werden, um ſo weniger haben wir auf Nachſicht zu hoffen, wenn man uns thöricht heißt. Wäre es eine gerechte Sache, ſo brauchte ſie ſich nicht zu verſtecken, und wäre es eine rechte Liebe, die ihre Macht in ſich ſelbſt hätte, ſo würde ſie ſich auch nicht fuͤrchten, ehrlich und offen hinzutreten, denn ſie könnte gewiß ſein, bei allen gerechten Leu⸗ ten und wahren Freunden Vertheidigung zu finden. Statt deſſen ſagen Sie mir, daß der Herr, den wir nicht nennen wollen, ſein Wort gebrochen hat, ob⸗ gleich es mir ſeltſam genug vorkommt.“ Reinhold hatte gläubig zugehört; was Fräulein Emma ſagte, ſchien ihn zu tröſten.„Er hat's ge⸗ than,“ erwiederte er,„hat den Herrn von Wolters ins Haus geſchickt, der Geld geboten hat, ein Ab⸗ ſtandsgeld.“ 166 „Da ſehen Sie, wie es ſteht!“ „Aber es war nichts damit,“ ſagte Reinhold, die Augen hell aufſchlagend.„Es wurde nichts an⸗ genommen. Der Vetter iſt der Mann nicht, der ſich Ehre oder Schande abkaufen läßt.“ „Das freut mich,“ erwiederte Emma,„freut mich von ganzem Herzen. Die Reichen ſind eben um deſſentwillen ſo ſtolz, weil das Geld meiſt ſtärker iſt, als alle Moral, und ſie ſehen es immer als gewiß an, daß ein Armer damit zu Allem, was ſie wollen, bewogen werden kann.“ „Es iſt doch nicht überall der Fall,“ antwortete der Arbeiter. „Gott ſei Dank, nein!“ ſagte Fräulein Emma. Ihre Blicke begegneten ſich, es lag ein freudi⸗ ges Glaubensbekenntniß darin, feſtes Vertrauen, und wie der Eine zum Anderen durch das Band der Armuth und ſittlicher Erhebung ſich verbunden fühlte. Reinhold's Geſicht verlor die kranke Farbe, ſeine Augen erhielten einen eigenthümlichen Glanz, die hohe, ſtolze Stirn hob ſich glatt und kräftig auf. Er ſchien von einer Macht halb überwältigt, gegen welche ſeine Demuth und ſeine Furcht vergebens rangen. 4 „Und nun,“ ſagte Emma,„nun Marie frei iſt, 2* 167 hegt ihr Vetter ohne Zweifel auch die Wünſche von Neuem, welche früher ſeine Lieblingswünſche waren.“ Durch dieſe Worte wurde der Zauber plötzlich zerſtört, dem Reinhold verfallen war. Seine Augen ſenkten ſich ſcheu nieder, graue Bläſſe zog über ihn hin, wie eine Novemberwolke.—„Was er wünſcht, weiß ich nicht,“ ſagte er ſanft und leiſe,„aber— es iſt kein Glück für mich zu hoffen.“ „Sagen Sie das nicht!“ rief Emma.„Zunächſt nur müſſen Sie geſund werden. Verſprechen Sie mir, daß Sie einen Arzt zu Rathe ziehen wollen,— verſprechen Sie es mir, Herr Stark!“ Der tröſtende und theilnehmende Ton ſchien ihm wohl zu thun. Er ſtand vor ihr, als wollte er mehr hören. Plötzlich aber gerieth er in heftige Unruhe, und nach der Thür faſſend, rief er aus: „Sie ſind ſo gut, ich verdiene es nicht! Es geht auch ſchon beſſer. Behüte Sie Gott, gnädiges Fräulein!“ Fräulein Emma machte die Thür hinter ihm zu, ſie ſah ſehr betrübt aus. Auf die Stelle, wo er geſtanden, vor ſich niederblickend, dachte ſie lange nach. Endlich falteten ſich ihre Hände zuſammen, und mit einem leiſen Seufzer ſagte ſie:„Armer guter Reinhold!“ Kchtes Capitel. Um den armen Muſiker hatte ſich ſeit einiger Zeit Niemand gekümmert. Die wenigen Unterrichts⸗ ſtunden, welche er zu geben hatte, waren immer von ihm unordentlich behandelt worden, während der letzten Wochen hatte er ſie gänzlich vernachläſſigt, und darin hatte Herr Niedlich jedenfalls Recht, daß mit ſolchem widerhaarigen, unfügſamen Geſellen kein Auskommen ſei. Auch in dem Vereine war er ſeit längerer Zeit nicht erſchienen, endlich hatte ihn Rein⸗ hold aufgeſucht, der einzige Menſch, von dem er zu⸗ weilen ſprach. Die alte Frau war in ihrer Herzens⸗ angſt zu dem Arbeiter gegangen, hatte ihn dringend gebeten, mit ihrem Sohne zu reden, doch ja nicht zu verrathen, was ſie ihm anvertraute. Als Reinhold kam, fand er ſeinen Freund am 7 169 Schreibtiſche ſitzend, eifrig beſchäftigt. Ein ganzer Stoß Papiere lag um ihn, Notenblätter auf einem anderen Haufen; ein Gemiſch von Heften und Blät⸗ tern bedeckte auch die Stühle und das große Inſtru⸗ ment. Der junge Künſtler ſah erhitzt aus; halb angekleidet, hing ſein langes Haar wirr über ſeinen Kopf, er ſchien mitten in einer angeſtrengten geiſtigen Thaͤtigkeit zu ſein, die ihn ganz erfüllte. Als er Reinhold's Stimme hörte, wandte er ſich um, nickte ihm zu und ſchrieb weiter.„Biſt Du da?“ ſagte er,„komm morgen wieder. Oder nein, warte, ich habe fünf Minuten für Dich. So“— er warf die Feder fort und ſtrich ſeine Finger, die von Dinten⸗ flecken ſchwarz waren—„ſjetzt, Reinhold, ſei will⸗ kommen! Setze Dich, wie geht es Dir? Du ſiehſt nicht gut aus.“ Er reichte ihm die Hand hin, die glühend heiß war.—„Du haſt Recht,“ ſagte Reinhold,„ich habe mich zu ſehr angeſtrengt, man muß nicht zu viel thun.“ Herzberg lachte, und indem er das Haar von ſeiner Stirn zurückwarf, rief er übermüthig:„Man muß ſeine Kräfte kennen, guter Freund! Von ſeiner geiſtigen Energie muß man ſich tragen laſſen. Der Geiſt überwindet den Staub. Der Geiſt kann Alles!“ 170 „Du biſt lange nicht bei uns geweſen,“ ſagte Reinhold. „Ich bin bei Niemand geweſen,“ war die Ant⸗ wort.„Ich habe keine Zeit.“ „Lieber Andreas,“ begann Reinhold in ſeiner ſanften Weiſe,„darf ich ein aufrichtiges Wort mit Dir ſprechen?“ „Du mit mir? Sprich denn!“ „Es giebt ein altes Wort,“ ſagte der Arbeiter freundlich,„Du kennſt es auch wohl, es heißt: Gut Ding will Weile haben.“ „Sprich raſch!“ rief Herzberg, und ſein Geſicht verfinſterte ſich.„Meine Zeit iſt bald um.“ „Ich will's mit wenigen Worten ſagen, höre mich nun ruhig an. Was ein Menſch ſchafft in Ruhe und Freudigkeit, das hält aus; iſt es aber ein Toben wie ein wilder Strom ohne Raſt, ſo kann's wohl gewaltig ſein und groß, aber es hat doch kein rechtes Fundament, und wo das fehlt, ſtürzt der ganze Bau zuſammen.“ „Was verſtehſt Du davon, was mich treibt?!“ fiel Herzberg rauh und höhnend ein. „Ich verſtehe freilich nichts davon,“ erwiederte Reinhold ſanftmüthig;„aber ich habe Dich lieb wie einen Bruder. Tage und Nächte lang haſt Du wohl 171 ſchon ſo geſeſſen. Es iſt ein Fieber in Dir, Du mußt ruhen.“ „Ein Fieber, ſagſt Du? Nein, eine göttliche Macht, ein großer, erhabener Gedanke iſt es— wenn er nicht wäre, möchteſt Du Recht haben. Sie ver⸗ höhnen mich, ich will ihnen zeigen, was ich kann, wer ich bin, woher ich ſtamme!“— Seine Augen funkelten, er ging mit großen Schritten auf und ab. „Wer könnte Dich verhöhnen wollen, Andreas?“ fragte Reinhold.„Du mußt Dir keine ſolche Vorſtel⸗ lungen machen.“ „Einbildungen, meinſt Du!“ rief der erhitzte junge Mann.„Gehe hin, Reinhold, lerne ſie ken⸗ nen. Sie verachten Dich, verſpotten Dich, Alle Alles! wenn Du ſie nicht zwingſt, Dich anzuerkennen. Sela⸗ ven ſind es, Sclaven der erbärmlichſten Art! Sei gemein, ſchlecht, laſtervoll, ein Elender, ſie umwe⸗ deln Dich wie Hunde, ſie kriechen vor Dir, wenn Du haſt, was ſie anbeten; ſei gut, edel, aller Tugend und Menſchenwürde voll— ſie treten Dich mit Füßen in den Staub! ihre Pferde zerſtampfen Dich, ihre Wagenräder rollen über Dich fort. Wer fragt nach Dir? Wer hört Deine Seufzer? Wer ſieht Deine Thränen?!— Dein Herz, Du Narr, Dein Herz! Wer kümmert ſich darum, wenn es zerſtochen wird! 172 wenn Du Nachts in Deiner Angſt Deine Nägel in Dein Fleiſch ſchlägſt, den Tag verfluchſt, wo Du ge⸗ boren wurdeſt! wenn Du ſterben möchteſt und nicht kannſt!“ flüſterte er mit erlöſchender Stimme. „Von wem— von wem ſprichſt Du?“ fragte Reinhold, der alle dieſe heftigen, rauh hervorge⸗ ſtoßenen Ausrufungen mit ſteigendem innerem Grauen angehört hatte. Andreas beugte ſich zu ihm nieder, in das Feuer ſeiner großen Augen miſchte ſich ein ſanfter Glanz.—„O!“ ſagte er,„es iſt ſo ſchön, zu ihnen zu gehören, reich, groß, ein gewaltiger Menſch zu ſein! Und ſind wir nicht alle dazu geboren 2 Giebt der Geiſt uns nicht Flügel, um bis in Gottes Him⸗ mel zu dringen? Warum hier unten in Armuth und Elend bleiben? Ich will hinauf, ich will! Vor mir brennt ein Stern— ein Stern, ich muß ihn haben!“ „Ein Stern! armer Andreas!“ flüſterte Rein⸗ hold. „Still!“ ſagte der Künſtler, und er lächelte entzückt,„Du kennſt das nicht. Weißt Du, was es heißt, einen Stern lieben, der hoch über Dir funkelnd ſteht? Du blickſt zu ihm auf und erſchrickſt. Ueber eine ungeheuere Kluft ſtreckſt Du deine Arme aus, 173 ein Schrei der Verzweiflung, und dennoch ein gött⸗ liches Feuer füllt Deine Bruſt.“ „O, mein Gott!“ murmelte Reinhold, indem er ſeinen Kopf langſam ſenkte.„Was kannſt Du thun?“ 3 „Was ich thun kann?“ fragte Andreas.„Zu mir niederſinken kann er nicht, ich muß hinauf zu ihm, glänzender als er ſelbſt mich neben ihn ſtellen. Das thue ich! Das wage ich! Das will ich!— Wer das nicht kann, der lebe und ſterbe in Dun⸗ kelheit— der bleibe ein Knecht, hebe ſein Auge nie zum Himmel auf. Der lebe in ſeiner Armſelig⸗ keit und laſſe ſich mit dem Gemeinen genügen. Jetzt laß mich allein.“ Reinhold ſtand auf, er ſah noch bleicher und trauriger aus, als er mit leiſer Stimme antwortete: „Man muß thun, was recht iſt, und an Gottes All⸗ macht glauben.“ „Glaube hier! vertraue hier!“ rief der Künſtler, an ſeine Stirn ſchlagend. „Ich will morgen wieder kommen,“ ſagte der Arbeiter. „Gut, morgen. Nur dieſe Nacht noch, ſo bin ich fertig. Ich habe Alles allein abgeſchrieben, allein gedacht, allein gelebt. Denn Du weißt wohl,“ — 174 fügte er mit einem ſtolzen Lächeln hinzu,„wir be⸗ ſitzen eben nichts als uns ſelbſt.“ Reinhold zögerte noch einen Augenblick.„Lieber Andreas, begann er noch einmal, es wäre aber doch wohl gut— ich machte es immer ſo— wenn ich eine Arbeit im Werk hatte, ſo holte ich den Mei⸗ ſter dazu, oder wer es ſonſt verſtand, und hörte gern, was geſagt wurde. Darum wollte ich Dich fragen, ob's nicht beſſer ſei, wenn ein Freund, der es gut meint...“. Herzberg ließ ihn nicht ausreden.„Ich weiß, wen Du meinſt!“ rief er,„aber fort damit! Ich will nichts hören.“ Reinhold hatte kaum Zeit, ſeine kleine Börſe, die er in der Hand hielt, unter die Papiere zu ſchieben, denn mit Heftigkeit drängte ihn der er⸗ zurnte Andreas zurück und befahl ihm, zu ſchweigen, und zu gehen. Ohne ſich dadurch beleidigt zu fühlen, befolgte der Arbeiter dieſe barſche Aufforderung. „Ich will's gern thun, ſei nur ruhig,“ ſagte er.„Mag Alles zum Beſten gehen; wo Du mich brauchen könnteſt, Andreas, bin ich immer da.“ Als er fort war, wandte ſich der Künſtler ſo⸗ gleich wieder an den Schreibtiſch zurück und begann 175 von Neuem ſeine Arbeit, beim Scheine der kleinen Lampe, der es nach einiger Zeit an Oel zu fehlen ſchien, denn ihre matte Flamme drohte zu erlöſchen. „Wenn die Mutter nur käme,“ murmelte er un⸗ ruhig,„und wenn ſie Oel mitbrächte!“— Er legte die Feder fort, ſtützte den Kopf in ſeine Hand, und blieb eine Zeit lang melancholiſch ſchweigend ſitzen, bis ein ſtöhnendes Oh! ſich aus ſeiner Brüſt hervorpreßte.„Es wäre ſchrecklich!“ rief er endlich heftig aus,„wenn ich meine Arbeit nicht vollenden könnte, weil es mir an einem Bißchen Oel fehlt!“ Er lachte rauh und heiſer auf.„Weil es mir an Oel fehlt!“ murmelte er vor ſich hin.„Nacht mit Deinem Frieden, ich haſſe Dich! In mir iſt Licht für tauſend helle Kronenleuchter, und dennoch brauchte ich einen Tropfen Oel! Erbärmliches Menſchenloos! Da kommt die Mutter.“ Es war ſo. Die alte Frau in ihrem abge⸗ tragenen Mantel und dem ſchwarzen, von Wind und Wetter zerzauſ'ten Hut, der ſchon mehr als einen Winter ausgehalten, trat herein, und kaum hatte ſie die Thür in der Hand, als ihr Sohn ihr ent⸗ gegen rief, ob ſie Oel mitgebracht habe. gEi wohl, mein Kind,“ erwiederte ſie in freudi⸗ gem Tone,„ich wußte ja, daß es nöthig war. Da 176 iſt eine ganze Flaſche voll,— gieb nur die Lampe ſchnell her, gieb ſie her, gleich ſoll ſie wieder hell brennen. Aber, aber, es ließ ſich nicht leicht machen, denn ich bin dem Kaufmann drüben noch Einiges ſchuldig, und er— ja, wie die Leute ſind— ich glaube, er hätte es mir nicht anvertraut; doch ich verſprach ihm ganz gewiß, ich wollte heute noch Alles richtig bezahlen.“ „Heute nicht, aber morgen, Mutter,“ fiel An⸗ dreas ein,„oder doch bald, bald!“ Die alte Frau nahm eine geheimnißvolle Miene an, die mit ihrer Freudigkeit ſich verband.„Ich habe Dir noch etwas mitgebracht, Andreas,“ ſagte ſie,„es hat mir Jemand etwas für Dich gegeben, der ſich nach Dir erkundigte, und viel Gutes und Liebes ſprach, ſehr viel.“ Sie faßte dabei in die Taſche und zog ein ge⸗ faltetes Papier hervor. „Ein Brief!“ rief Andreas, indem er die Hand haſtig darnach ausſtreckte, während alle Zeichen freu⸗ diger Ueberraſchung auf ſeinem Geſichte zu leſen waren. „Ein ſchwerer Brief,“ antwortete die alte Frau leiſe zitternd. Ihr Sohn zerriß ungeſtum den Umſchlag, und 177 wie er das Blatt öffnete, das darin lag, fielen mehrere Banknoten auf den Tiſch. Ohne darauf zu achten, richtete er ſeine Augen auf die Schrift, aber ſeine Mienen wurden finſter, ſeine Lippen preßten ſich zuckend zuſammen, und plötzlich griff er nach den Geldſcheinen und ſchien die Abſicht zu haben, ſie zu zerreißen. Eben aber hatte die halbblinde Frau ſich nie⸗ dergebengt, und deckte ihre Hände darüber.„Der liebe Herr!“ ſagte ſie,„ſo viel Geld, das Alles ſoll uns gehören? Ich habe ſolche große Scheine noch nie geſehen. Was ſchreibt er Dir, Andreas? Es würde Alles noch gut werden, ſagte er, Du ſollteſt nur Vertrauen haben.“ „Er ſprach mit Dir?“ „Ja wohl, mein Sohn, ja wohl. Als ich vor der Thür des Kaufmannes ſtand, nicht wußte, ob ich es wagen ſollte, noch einmal hinein zu gehen, kam er und ſah mich. Er fragte nach Dir, ob Du zu Hauſe ſeiſt, wie es Dir gehe, und— und ich ſagte ihm, Du ſeiſt ſehr fleißig bei Deiner großen Arbeit. Da zog er den Brief heraus, ich ſollte Dir das geben, er wollte Dich nicht ſtören, aber ich möchte ihn nicht verlieren; und wenn Du zu ihm 1856. XV. Neues Leben. II. 12 178 kommen wollteſt, würde er gern Dein Werk Leuten empfehlen, die Dir nützen könnten, weil.. 5 „Nichts da!“ ſchrie Andreas, ſie unterbrechend. „Ich habe es ihm geſagt, nichts will ich, nichts!— Was lauert er mir auf? Geld ſoll ich von ihm neh⸗ men; meine Seele will er kaufen! Da ſteht es ge⸗ ſchrieben: fein angelegt, ein ſeiner Plan.“ Er ſchlug das zerknüllte Blatt auf und las:„Lieber Herzberg! — höre zu, wie herablaſſend— lieber Herzberg! „Sie ſind nicht zu mir gekommen, ich erwarte es auch kaum“— alſo doch kaum, gnädiger Herr!— ‚obwohl es mich aufrichtig erfreut hätte. Bei dem lebhaften Antheil, den ich für Sie bewahre, wieder⸗ hole ich Ihnen mein Anerbieten, bei dem mich keine andere Abſicht leitet, als die, Ihnen nützlich zu ſein. Entſchließen Sie Sich und verlaſſen Sie dieſen Ort, reiſen Sie, zerſtreuen Sie Sich. Vergeſſen Sie das alte und beginnen Sie ein neues Leben. Ich ſorge für Alles, und da ich eben eine kleine Summe zur Hand habe, lege ich Ihnen dieſe bei mit der Bitte, ſogleich einige, vielleicht nöthige Einrichtungen zu treffen.— Ich bin Ihr Freund, Herzberg, mit einem Freunde darf man theilen. Glauben Sie mir, daß, wenn wir unſere Rollen tauſchen könnten, ich freudig von Ihnen jedes Darlehn annehmen würde. Kommen 179 Sie denn, wir wollen keine Worte verlieren. Sie müſſen fort, je eher je lieber, morgen wenn es ſein kann. Täuſchen Sie Sich nicht länger und ver⸗ trauen Sie Ihrem Sie ſchätzenden Trifels.““ Er hatte immer ſchneller geleſen, hatte ſich immer mehr erhitzt. Seine Augen glänzten jetzt von Hohn, und bei dem letzten Worte brach er in ein rauhes, wildes Gelächter aus, das ganz ſeinen Empfindungen entſprach.—„Ich ſoll fort!“ rief er dann,„er will mich fortſchaffen. Morgen ſchon, hörſt Du wohl, Mutter, morgen ſchon!“ „Fort!“ erwiederte die alte Frau heftig erſchrocken; „wohin?“ „Nach Paris, nach London oder nach China oder in den Mond! Einerlei, Mutter, nur fort, weil er ſich um meine theure Geſundheit ängſtigt, weil der liebe großmüthige Herr gar zu zärtlich um mich beſorgt iſt.“ 3 „Du kannſt nicht fort!“ ſagte ſie ängſtlich. „O nein, nein! Das geht nicht an.“ „Er gäbe Dir auch eine Penſion, er gäbe Alles gern!“ begann er von Neuem,„aber er hat ſich ver⸗ rechnet. Ich will ihm zeigen, wo der Fehler ſteckt. Nimm das Geld, Mutter, bring es ihm zurück, gleich 12* 180 auf der Stelle fort damit! Keine Stunde ſoll er denken, daß ich mich beſinnen könnte.“ Mit fieberhafter Haſt raffte er die Banknoten zuſammen und wickelte ſie in den Umſchlag.„Warte einen Augenblick,“ ſagte er dann voller Triumph. „Ich ſchreibe ihm ein paar Worte.“ Er nahm ein Blatt Papier.„Verſchonen Sie mich mit allen fer⸗ neren Zeichen Ihres Wohlwollens. Zwiſchen uns kann davon niemals die Rede ſein. Andreas Herz⸗ berg.“„So, Mutter, jetzt die Aufſchrift und zugeſie⸗ gelt. Wir werden ſehen, wer gehen muß. Wie klug, wie pfiffig, wie erbärmlich ſchlecht und gemein iſt dieſer Menſch!“ In ſtüͤrmiſcher Eile beendete er ſein Vorhaben und trieb die alte Frau fort, welche nicht zu wider⸗ ſprechen wagte. Ohne zu murren, fügte ſie ſich in den Willen ihres Sohnes. Ohne recht zu begreifen, warum er den Mann beſchimpfte, der ihm Wohl⸗ thaten erwies und den ſie ſelbſt noch ſo eben geſeg⸗ net hatte, empfand ſie dennoch in ihrer Schwäche jetzt Mißtrauen gegen ihn, weil Andreas, der ſo gut und lieb war, ihn haßte; und ſchlechte Abſichten mußte er haben, weil er ſo viel Geld bot, um ihr ihren Sohn zu nehmen. Aber indem ſie gehen wollte, fiel ihr der Kauf⸗ 181 mann und ihr Verſprechen ein.„Könnten wir nicht doch etwas davon behalten? Einen einzigen Schein, er merkt es wohl nicht einmal,“ ſagte ſie leiſe bittend. „Keinen Pfennig!“ rief er rauh und heftig, „nichts! Wenn wir umkommen müßten, nichts!“ Die alte Frau wandte ſich betrübt um und ging. Herzberg hörte, wie ihre Schritte ſich eutfernten, und ſein finſteres Geſicht wurde hell, er athmete aus tiefer Bruſt und ſchüttelte die Arme, als würfe er eine Laſt von ſich.—„Wie mir das wohl thut,“ ſagte er,„wie leicht ich mich fühle, wie frei! Nicht um alles Geld in der Welt möchte ich ihm Dank ſchuldig ſein.“ Er ſetzte ſich an das Inſtrument und überließ ſich dort ſeinen Gedanken und Gefuͤhlen, und wäh⸗ rend er dieſen durch einen Strom von Accorden und Tönen Ausdruck gab, näherten ſich zwei Männer der abgelegenen Straße, wo ſie ſich ſorgfältig die trocken⸗ ſten Stellen an der Seite ausſuchten und über das ſchlechte Wetter, das ſchlechte Pflaſter und die ab⸗ ſcheuliche Beleuchtung von Zeit zu Zeit ſich ver⸗ nehmen ließen. Es war Herr Niedlich, der voran über Pfützen und Löcher ſprang, ohne ſeine Haͤnde aus den tiefen 182 Taſchen ſeines engliſchen Ueberziehers zu nehmen, während Herr von Wolters ihm bedächtiger nachfolgte. „Sind Sie auch gewiß, daß er hier wohnt?“ fragte der Regierungsrath endlich. „Verſteht ſich,“ erwiederte Herr Niedlich.„Es geht nichts über Gummiſchuhe, aber echte amerika⸗ niſche müſſen es ſein, rauhe Sohlen— halt da!“ Wolters war vom Rande der Goſſe abgeglitten, Herr Niedlich hielt ihn feſt.—„Wie kann ein ver⸗ nünftiger Menſch in ſolchem Sumpfe wohnen!“ brummte der Regierungsrath ärgerlich. „Es iſt ja auch kein vernünftiger Menſch!“ lachte Herr Niedlich,„das iſt ja eben die Sache! Aber nur vorwärts, wir ſind gleich zur Stelle! Sehen Sie das große Haus da drüben? da wohnt er.“ Der Regierungsrath unterſuchte durch ſeine Brillengläſer und mit Hilfe ſeines Stöckchens den Grund, endlich ſtanden ſie vor dem finſteren Ge⸗ bäude.„Land! Land!“ rief Herr Niedlich.„Es iſt mir zu Muthe, wie Columbus.“ Herr von Wolters blickte bedenklich in den fin⸗ ſteren Schlund des Hausflurs.„Wenn wir nur nicht eine unbewohnte Klippe finden,“ erwiederte er,„und alle unſere Todesverachtung daran ſcheitert!“ 4 Ohne ein Wort zu ſagen, ſtürzte ſich Herr 183 Niedlich muthig in die Dunkelheit und kehrte nach einigen Augenblicken wohlbehalten zurück.„Localkennt⸗ niß muß man haben,“ ſagte er,„ohne Localkenntniß iſt die ganze Landkarte ohne Werth. Ich habe hinauf geſehen, es brennt Licht, auch hörte ich etwas wie Claviergeklimper. Er iſt alſo daheim und ru⸗ mort auf dem alten Kaſten herum.“ „Ehe wir zu ihm gehen,“ erwiederte Wolters, „bedenken Sie noch einmal, ob dieſer Tölpel wirklich dazu geeignet iſt, um ſich mit ihm einzulaſſen.“ „Gewiß iſt er dazu geeignet!“ ſtüſterte Herr Nied⸗ lich.„Wenn er nicht geeignet wäre, wurde ich nicht dazu gerathen haben. Ich ſage Ihnen, er iſt zu Allem fähig. Wie ein Tiger ſprang er auf mich los; ich hätte nie geglaubt, daß er in ſolche Wuth gerathen könnte.“ „Er iſt alſo ſehr arm?“ fragte Wolters. „Wie Hiob!“ lachte Herr Riedlich. „So wollen wir es verſuchen,“ fuhr der Regie⸗ rungsrath fort.„Machen Sie ihn mit mir bekannt, aber ſeien Sie vorſichtig.“ „Darauf verlaſſen Sie Sich,“ ſagte Herr Niedlich. „Vorſicht iſt die Mutter der Weisheit. Sie ſollen ſehen, wie ich ihn behandle.“ Er führte Wolters über den Hof, die Treppen behutſam hinauf. Obgleich es ſehr dunkel war, ging 184 Alles gut von Statten; die Muſik, welche ihnen deutlich entgegenſchallte, half ſie leiten, und endlich ſtanden ſie, Athem ſchöpfend, an der Thür des ein⸗ ſamen Künſtlers und hörten eine Zeit lang ſeinem Spiele zu. Es waren phantaſtiſche und abgebrochene Sätze, die ſie vernahmen; bald wirbelten mächtige Ton⸗ maſſen grell in einander, bald ſchienen es Gedanken zu ſein, die ſich ſinnig reihten. Zuweilen klang es weich und melodiſch oder die zarten und dumpfen Töne wurden zu melancholiſchen Klagen, voll Schmelz und Wehmuth. Dieſe aber verſchwanden ſchnell wie⸗ der in Fanfaren voll Jubel und Luſt oder in einem wilden Sturm der entgegengeſetzten Empfindungen. „Der Menſch ſchlägt ſich die Saiten entzwei,“ flüſterte Herr Niedlich,„und hat doch kein Geld, neue zu kaufen!“ „Er ſpielt beſſer als ich dachte,“ erwiederte Wolters. „Ich habe es Ihnen ja geſagt,“ antwortete Herr Niedlich,„es iſt ein Talent, ſonſt hätte ich mich nie um ihn gekümmert; aber total verrückt.“ „So wollen wir ſuchen, ihn geſcheidt zu machen,“ murmelte der Regierungsrath.„Er hört auf, klopfen Sie an.“ 185 Herr Niedlich hob den Finger auf, allein er hielt ein, als Herzberg mit tiefer, trauriger Stimme ausrief:„Rettet mich! rettet! Es iſt dunkel um mich.— Mein Gott, mein Gott! wenn ich verloren wäre!“ „Hören Sie den Narren,“ lachte Herr Niedlich leiſe.„Was er ſich Alles einbildet!“ „Klopfen Sie,“ erwiederte Wolters.„Der Augen⸗ blick iſt günſtig für uns.“ Herr Niedlich klopfte, zugleich aber öffnete er die Thür und ſah hinein. Der Muſiker ſtand an dem Inſtrument, das Geſicht ihm zugekehrt, aber er hielt beide Hände darüber gedeckt. Sein Kopf lag ſo weit im Nacken, daß die Stirn ſich nach oben richtete. Er hatte das Klopfen nicht gehört, ſeine Ge⸗ danken mußten mit Dingen beſchäftigt ſein, die ihn weit aus den Mauern dieſes kleinen Zimmers führ⸗ ten. Wie er da ſtand, ſah er blut⸗ und leblos aus. Die weißen, leuchtenden Hände an den mageren Armen, das ſchwarze Haar, das an den bläulichen Schläfen niederfiel, die geiſterhafte, athemloſe Un⸗ beweglichkeit ſchienen einen Todten anzukündigen. Herr Niedlich ſtierte darauf hin, weil er ſelbſt da⸗ vor erſchrak. Jetzt aber ſanken die Hände langſam nieder, und die weit geöffneten Augen blickten den Agenten an, der ſeinen Kopf durch die Thürſpalte ſteckte und ſich nicht anders helfen konnte, als daß er mit lauter Stimme:„Guten Abend!“ hinein ſchrie, indem er zugleich für ſeinen Körper Platz machte. „Aber, Herzberg, mein liebſter, beſter Freund!“ fuhr er mit üblicher Lebendigkeit fort,„wie geht's denn, wie ſteht's denn? Ich habe es nicht länger aushalten können, bin hergelaufen, um zu ſehen, was los iſt. Warum ſind Sie denn nicht zu mir gekommen? Iſt das eine Art, mit einem alten Freunde umzugehen? Was? Wie?“ Der Muſiker ſchien von dieſer Anrede wie von dem Eindringen ſeines Gönners weniger überraſcht, als erfreut zu ſein. Er gab zunächſt keine Antwort, allein ſein Geſicht wurde freundlicher und belebter. „Es iſt mir ſehr lieb, Sie zu ſehen,“ ſagte er dann, „ich hätte das nicht erwartet.“ „Alte Geſchichten!“ rief Herr Niedlich,„ver⸗ geſſene Geſchichten! ſchweigen wir davon! Ja ſo,“ fuhr er fort, als er bemerkte, daß Andreas nach der Thür ſah,„ich habe jemanden mitgebracht, der ſich ſehr für Sie intereffirt.— Herr von Wolters, aus⸗ —————— 187 gezeichneter Kunſtkenner, hochgebildet, will Ihre Be⸗ kanntſchaft machen.“ Der Regierungsrath trat näher und nahm ſelbſt das Wort.„Ich habe von Ihnen ſo viel Gutes ge⸗ hört,“ ſagte er,„auch einige Ihrer Lieder, die ein ſo ſchönes Talent bezeugen, daß ich Ihrem Freunde ſehr dankbar bin, der, auf meine Bitte, mich zu Ihnen führte.“ Das feine, ſcharfe Geſicht des Regierungsrathes neigte ſich dabei ein wenig, ſein Anſtand war ganz der eines vornehmen Mannes. Er blickte auf das Inſtrument und auf den Schreibtiſch und ſagte dann: „Sie ſcheinen ſehr beſchäftigt zu ſein; es ſollte mir leid thun, wenn wir Sie ſtörten. Künſtler dürfen in ihren Vorſtellungen nicht unterbrochen werden.“ „Es thut nichts,“ erwiederte Herzberg.„Sie haben zwar Recht, die Erſcheinung flieht, wenn eine rauhe Hand ſie anfaßt, allein ſie kehrt zurück, wenn der Geiſt die Macht zur Beſchwörung beſitzt.“ „Und Sie beſitzen ſicher dieſe Macht,“ ſagte Herr von Wolters. „Talent hat er, ich weiß es!“ ſchrie Herr Niedlich. „Sie ſind ſehr glücklich, mit Geiſtern leben zu —— — können in dem großen Zauberreiche der Töne und der Phantaſie,“ fuhr Wolters fort. Herzberg's Augen glänzten.„O, ja, glücklich!“ wiederholte er.„Wenige wiſſen das.“ „Weil Wenige auf der Höhe des Künſtlers ſtehen. Sie ſind mit einer neuen Arbeit beſchäftigt, wie ich denke.“ „Eine Oper beſchäftigt mich,“ erwiederte der junge Mann angeregt.„Seit Jahren habe ich den Entwurf gemacht, den Terxt geſchrieben, einzelne Partieen gearbeitet. Jetzt habe ich Alles vollendet.“ „Und Sie wollen damit hervortreten?“ „Das iſt mein Wille,“ ſagte Andreas rauh und nachdrücklich. „Wie heißt Ihre Oper? Oder iſt es ein Ge⸗ heimniß?“ „Zenobia, heißt ſie,“ antwortete der Künſtler. „Ein berühmter Gegenſtand!“ antwortete Herr von Wolters, fein lächelnd. „Davon haben Sie mir ja nichts geſagt, Herz⸗ berg!“ rief Herr Niedlich.„Zenobia klingt ganz ſpaniſch.“ 3„Ein Weib, deren Schönheit die wildeſten Ero⸗ berer feſſelt, deren Majeſtät Rom und ſeinen Kaiſer zu ihren Füßen ſtürzte, die Sieger zu Beſiegten 189 machte, iſt ein würdiger Gegenſtand der Kunſt,“ ſagte der junge Mann. „Es iſt alſo der Triumph der Schönheit, den Sie verherrlichen?“ fragte Wolters, ſein Stoͤckchen in ſeine Lippen bohrend. „Der Triumph der Liebe!“ antwortete Andreas. „Ich bin ſehr begierig, etwas mehr von Ihrem Werke zu wiſſen, ich glaube, daß es ſehr bedeutend iſt; darum wird es mir Freude machen, für den glücklichen Erfolg thätig zu ſein.“ „Herr von Wolters iſt mit dem ganzen Theater bekannt,“ rief Herr Niedlich. „Wenigſtens kenne ich den General⸗Muſik⸗Di⸗ rector,“ verbeſſerte der Regierungsrath laͤchelnd,„eben ſo den Intendanten.“ „Es wird aufgeführt!“ ſchrie Herr Niedlich, „darauf verlaſſen Sie Sich, Herzberg. Herausge⸗ rufen ſollen Sie werden, es mag gehen, wie es will.“ „Ich hoffe, keine Hilfe nöthig zu haben,“ erwie⸗ derte der Künſtler unwillig. „Sie haben ganz Recht,“ ſagte Wolters.„Das wahrhaft Gute und Schöne bricht ſich immer Bahn; nur haben junge aufſtrebende Talente häufig Neider und Feinde; namentlich in unſerem geliebten Vater⸗ lande, wo das Cliquenweſen und der Mangel an 190 Humanität immer bereit ſind, jedes Talent mit Fü⸗ ßen zu treten.“ „Ich fürchte ſie nicht!“ erwiederte der junge Mann ſtolz.. Der Regierungsrath belobte die edle Zuverſicht, indem er mit einem verſteckten Lächeln hinzufügte, daß der größte Fehler junger Künſtler faſt immer eine zu große Beſcheidenheit ſei.„Sie leiden an die⸗ ſem Fehler nicht,“ fügte er dann hinzu,„was mich außerordentlich freut. Sie ſind energiſch, weil Sie von Ihrem Werthe überzeugt ſind.“ „Alles, was ich denken und empfinden kann,“ murmelte Herzberg, vor ſich niederblickend,„habe ich hinein gelegt.“ „Somuß es eine wahre Schatzkammer von Gedanken und Empfindungen ſein,“ fuhr Herr von Wolters fort.„Sicher auch verwahrt es alle Ihre Hoffnungen.“ „Auch das! ja, auch das!“ „Dann müſſen wir um ſo vorſichtiger damit umgehen und Alles, was ſchaden könnte, zu entfer⸗ nen ſuchen.“ Er wandte ſich zu ſeinem Begleiter um, der den Wink verſtand.„Jeder Menſch hat Feinde,“ begann Herr Niedlich,„und wenn er der beſte iſt. Es iſt ſonderbar, Herzberg iſt ein Menſch wie ein Kind; 191 ich glaube, er traut ſich nicht einer Fliege auf die Beine zu treten, ohne um Entſchuldigung zu bitten, und hat doch einen Feind, der ihn wüthend verfolgt.“ „Wie wäre das möglich?“ fragte der Regie⸗ rungsrath. „Es iſt möglichl!“ ſchrie Herr Niedlich,„ich weiß es! Trifels... Bei dieſem Namen ſtieg eine jähe Röthe in Herzberg's Geſicht. „Iſt der Ihr Feind?“ unterbrach Herr von Wolters ſeinen Verbündeten.„Herr von Trifels, mein Verwandter? Er iſt allerdings rachſüchtig.“ „Es iſt ein Menſch ganz ohne Bildung,“ ſagte Herr Niedlich.„Ich bin feſt überzeugt, wenn er etwas thun kann, was dem armen Herzberg ſchadet, thut er es.“ „Aber warum? Was thaten Sie ihm?“ „Warum?— Eh! warum?“ lachte Herr Nied⸗ lich,„weil es eine junge Dame giebt, die in ſeinem Herzen.... „Schweigen Sie!“ rief der Muſiker heftig, und ſeine Augen ſtarrten den Agenten ſo furchtbar an, daß Herr Niedlich, in Erinnerung deſſen, was er erlebt hatte, mit einem Satze von ihm abrückte.— „Werden Sie nicht wieder unvernüftig,“ ſagte er, 192 ſeine Stirn faltend,„wir wollen ja daruͤber nachdenken, was wir zu Ihrem Beſten thun können.“ „Ich werde mir ſelbſt helfen, ich ſelbſt!“ mur⸗ melte Andreas. „Sie haſſen ihn alſo auch?“ fragte Wolters. „Ja!“ erwiederte Herzberg, den Kopf aufhebend. „Ich möchte ihn vernichten! Sagen Sie ihm das.“ „Dazu habe ich nicht den geringſten Anlaß,“ erwiederte Herr von Wolters mit ſeinem kalten Lä⸗ cheln.„Wenn ich Alles überlege, ſo glaube ich, daß wir ſämmtlich lebhaft wünſchen, Trifels möchte daran gehindert werden, das Fräulein von Landau zu heirathen.“ „Das iſt gewiß,“ ſagte Herr Niedlich,„er darf und ſoll ſie nicht heirathen, denn er verdient ſie nicht. Er muß beſeitigt werden, vernichtet werden, wie Herzberg ſagt, und dazu giebt es ein gutes Mittel.“— Er bielt inne, und indem er mit ſeiner linken Hand an ſein langes, ſpitzes Kinn faßte, bog er ſich zu dem Künſtler hin und grinſ'te ihn pfiffig an.„Wollen Sie dabei helfen, Herzberg?“ fragte er leiſe,„wollen Sie wiſſen, wie dieſer überflüſſige Menſch gründlich beſeitigt wird?“ Ein rachgieriges Zucken flog über Herzberg's Lippen. 193 „Man muß ohne alle Umſtände mit ihm ver⸗ fahren,“ ſagte Herr Niedlich,„muß Fräulein Hed⸗ wig die Augen öffnen über ſeine innere Schlechtig⸗ keit. Wenn eine Braut ihren Bräutigam auch nicht ſonderlich liebt, ſo kann ſie doch auf keinen Fall lei⸗ den, daß er andere Götter neben ihr anbetet und ſie betrügt.“ „Das auch?!“ ſagte der Künſtler heftig. „Betrügt ſie ſchändlich,“ fuhr Herr Niedlich fort „Sie wiſſen doch, daß er immer ſchon mit Marie im Hauſe ſein Weſen trieb, in aller Bequemlichkeit. Alle betrügt er! Warum will ſie nicht heirathen? Weder den Reinhold noch— noch andere Leute.“ „Beweiſe!“ murmelte Herzberg, ohne ſeine Augen aufzuheben. „Was iſt denn da zu beweiſen?“ fragte Herr Niedlich.„Sie haben es bemerkt, wir ſind dahinter gekommen. Sie können es bei Ihrer großen Theil⸗ nahme für Fräulein Hedwig nicht länger aushalten, daß ſie ſo nichtswürdig betrogen wird. Sie gehen hin, entdecken ihr Alles, und wenn er kommt, ſagen Sie es ihm ins Geſicht.“ „Beweiſe!“ wiederholte Herzberg, diesmal lauter. „Es läßt ſich allerdings vorausſehen,“ begann Herr von Wolters,„daß ein Beweis gefordert wird 1856. XV. Neues Leben. II. 13 194 und nöthig ſein dürfte. Wenn Herr Herzberg, wie ich annehme, wirklich bemerkt hat, daß Trifels ſich in verliebte Abenteuer mit der hübſchen Tochter ſeines Hauswirthes verſtrickte, ſo wird Fräulein Hedwig ihm die höchſte Dankbarkeit ſchulden, wenn er ihr die Augen öffnet. Natürlich aber wird man ihm nicht ohne Weiteres glauben: es käme alſo darauf an, ihm die Beweismittel zu verſchaffen, und ich denke, dies könne nicht ſchwer ſein. Einige ſüße Billette von der Hand der ſchönen Hausfreundin würden edenfalls die beſte Wirkung thun.“ „Woher ſie nehmen?“ fragte der Muſtker. „Nun, das ließe ſich wohl machen,“ erwiederte Wolters. „Es iſt koſtbar, ein wundervoller Gedanke 14 ſiel Herr von Niedlich ein, der ſeine langen Hände entzückt zuſammenrieb.„Wir ſchaffen die Billette an, Sie haben ſie gefunden, Herzberg.“ „Schurken!“ ſagte Herzberg düſter vor ſich hin. Ein Schweigen folgte dieſem Ausruf. Der Re⸗ gierungsrath lehnte ſich zurück und lächelte. „Wie ſo?“ fragte Herr Niedlich ein wenig befremdet.„Aber Sie haben Recht, Herzberg,“ fuhr er dann unbekümmert fort,„ſolchen Schurken muß man beikommen, wie es geht.“ 195 „Ich will nichts damit zu haben— hinaus!“ fuhr Andreas fort, indem er befehlend ſeinen Arm aufhob. „Sind Sie bei Troſt?! Warum denn nicht?“ fragte Herr Niedlich. „Weil's Schurkerei iſt!“ ſagte Herzberg, der ihn ſtarr anſah. „Werden Sie nicht anzüglich!“ ſchrie der Agent. „Wenn Sie Bildung beſaͤßen, würden Sie Sich ſolche Worte nicht erlauben.“ „Herr Herzberg,“ ſagte Wolters aufſtehend,„ver⸗ kennt, wie ich bemerke, ſeinen Standpunkt. Was hier verhandelt wurde, habe ich mit wecheſelndem Er⸗ ſtannen gehört. Sie haſſen meinen Vetter aus Grün⸗ den, welche ich nicht weiter unterſuchen will, und behaupten von ihm Dinge, zu denen Sie in keinem Falle Beweiſe zu ſchaffen vermögen. Ich habe mich ſomit überzeugt, wie es ſteht, und rathe Ihnen, Sich aller Verleumdungen zu enthalten.“ 3 „Nein, mein Herr!“ rief der Künſtler, wie aus einem Traume erwachend, als der Regierungsrath nach ſeinem Hute griff.„Sie ſind der Verleumder! Bei Gott!“ ſetzte er hinzu, indem er die Hand auf ſeine Bruſt legte,„Sie müſſen ſchlechter noch ſein als der da!“ 13* „Halten Sie Sich nicht auf, Herr Niedlich,“ ſagte der Regierungsrath.„Ueber ein ſolches Ge⸗ miſch von Eitelkeit, Böswilligkeit und Thorheit muß man kein Wort verlieren. Ich habe genug daran.“ „Unterſtehen Sie Sich nicht, je wieder in meine Nähe zu kommen!“ ſiel Herr Niedlich ein.„Ein Menſch wie eine Vogelſcheuche, der nichts hat und nichts iſt, will den Tugendhaften ſpielen und iſt ſo unſinnig, zu glauben, eine junge, reiche, vornehme Dame könnte ſich in ihn vergaffen“— Er ſchlug ein ſchallendes Gelächter auf, gewann aber raſch die Thür und ſuchte eilig die Treppe, denn es war ihm vorgekommen, als wollte der verrückte Menſch ihm nachſpringen. Es geſchah jedoch nichts dergleichen: wohlbehalten langte Herr Niedlich unten und ging mit ſeinem Begleiter, welcher eine Zeit lang kein Wort ſprach, durch die kothigen Gaſſen. Endlich aber öffneten ſich doch die Schleuſen ſeines Zornes:„Dieſer Lump, dieſer Bettler!“ rief er,„ſchlechter als ich, Sie alſo noch ſchlechter als ich! Er kann mich freilich nicht beleidigen, aber ich will es ihm doch eintränken.“ „Sie ſehen, Herr Niedlich,“ erwiederte der Re⸗ gierungsrath,„daß ich als Ihr Comparativ verpflich⸗ tet bin, Sie zu tröſten und zu Ruhe zu ermahnen. 197 Ueberlaſſen Sie mir jetzt dieſen Burſchen, ich werde ihn behandeln, wie es am paſſendſten iſt. Das Zeug, das er geſchrieben hat, ſoll ſo lächerlich gemacht werden, wie es ſich gebührt. Jetzt laſſen Sie uns die erſte Droſchke nehmen, deren wir habhaft werden, und fahren Sie mit mir zu Bertini. Es ſind heute friſche Auſtern angekommen.“ Herzberg hatte, nachdem er einige Dutzend Male ſein Zimmer auf und ab gerannt war, die Hände an ſeine Bruſt und das heftig pochende Herz damit feſtgehalten. Er hatte ſeinen Entſchluß gefaßt. Lügen, betrügen, heucheln war ihm ſchrecklicher als der Haß, den er gegen Trifels trug. Daß dieſe argen Verſu⸗ cher ihn bewegen wollten, eine Schlechtigkeit zu bege⸗ hen, hatte ihn ſo gereizt, daß er alle Beſonnenheit verloren, und jetzt brannte ſein Hirn vor Entrüſtung, daß ihm ein ſolcher Antrag gemacht werden konnte. „O!“ rief er, ſeine Hände vor Grimm zuſam⸗ menkrampfend,„weil ich arm bin, darum haben ſie es gewagt! Dem armen, unbekannten Andreas Herz⸗ berg entdecken ſie ohne Furcht und Scham ihr Lü⸗ gengewebe, denn was thut es, daß er es durchſchaut?! Er iſt niedrig, er iſt elend genug, um mit Freuden der Helfershelfer nichtswürdiger Handlungen zu wer⸗ den! O, mein Gott! das iſt der Fluch der Armuth? daß man ihr alles Schlechte zutraut!— Ich will fort, ich will ihn aufſuchen, will ihm ſagen, was ſie mit ihm vorhaben. Sie müſſen einen Plan haben, der ihn verderben ſoll, denn um meinetwillen thun ſie es nicht. Halt!“ murmelte er ſtill ſtehend und ſich beſinnend,„iſt dieſer Wolters nicht— er ſprach den Namen nicht aus, der ihm widerſtand— ſein nächſter Verwandter? Iſt es nicht der Menſch, von dem Niedlich mir einmal erzählte, daß er Alles erben würde, wenn Jener ihm nicht den Streich geſpielt hätte, heirathen zu wollen? Jetzt ſehe ich, wozu er mich gebrauchen will. Elendes Gold! Ich muß ihn warnen, ich muß, ich muß!“— Er drückte ſeine Bruſt, denn der heftig ſtechende Schmerz kehrte darin zurück, und hielt ein.„Es iſt mir zu Muthe,“ ſagte er,„als könnte ich es nicht, oder als dürfte ich es nicht, ſo ſchwer liegt es auf mir. Ich kann ihn nicht ſehen, nicht ſprechen, kann ſeinen Dank nicht ertra⸗ gen, aber ich will Reinhold aufſuchen, der mag mein Bote ſein.“ Schnell kleidete er ſich an, legte den Schluſſel an einen Ort draußen an der Schwelle, wo ſeine Mutter ihn zu ſuchen und zu finden gewohnt war, und machte ſich auf den Weg. Er achtete es nicht dabei, daß das Wetter böſe wurde und es mit ſeinen 199 Kleidern nicht zum beſten ſtand; nach einer halben Stunde befand er ſich vor dem Hauſe des alten Blechſchmiedes, und als er zu den Fenſtern hinauf ſah, wo Trifels wohnte, und kein Licht entdeckte, fühlte er ſich erleichtert und ging beruhigter hinein. Der Meiſter ſaß zwiſchen Ofen und Spind an dem warmen Platz im Großvaterſtuhl, die Meiſterin wie gewöhnlich am Tiſche, Marie neben ihr, in einem Buche leſend; von Reinhold war nichts zu ſehen. Ihre Blicke richteten ſich jetzt gemeinſam gegen die Thür, denn Alle hatten ihn gehört; er mußte ſomit eintreten und nach ſeinem Freunde fragen. So wie er dies that, bemerkte er aber auch, daß ſein Empfang kein beſonders freundlicher war. Marie allein erwiederte ſeinen Gruß, der Meiſter aber zog eine ſchwere Falte gleichſam von einem Ohre bis zum anderen, ſprach jedoch kein Wort. „Reinhold iſt nicht zu Hauſe,“ ſagte Marie. „Ich habe ihn ſeit einigen Stunden nicht geſehen.“ „Nicht zu Hauſe,“ er ſah vor ſich nieder. Nie⸗ mand lud ihn ein, ſeinen Hut abzulegen oder Platz zu nehmen, ſich zu wärmen oder zu trocknen. Lang⸗ ſam wiſchte er die Regentropfen aus ſeinem Geſicht und blickte nach dem Meiſter hin.„Sie wiſſen nicht, ob er bald kommen wird?“ fragte er. 200 Von dort her erhielt er keine Antwort, aber Marie ſagte nach einem Weilchen:„Ich weiß es nicht.“ Es folgte ein neues Schweigen; Herzberg ſchien zu überlegen, ob er gehen oder bleiben ſollte.„Ich bin ſeit einiger Zeit nicht hier geweſen,“ begann er dann nochmals mit leiſer Stimme,„ich bitte, daß Sie mich entſchuldigen.“ „Es hat gar nichts zu ſagen!“ rief Frau Hart⸗ man,„gar nichts!“ „Sie haben gewiß Beſſeres zu thun gehabt, als an meine Stunden zu denken,“ fügte Marie hinzu. Der Muſiker verbeugte ſich verlegen.„Ich war wirklich ſehr beſchäftigt,“ murmelte er;„es war mir unmöglich.“ „So hätten Sie herſchicken können,“ fiel die Meiſterin ein „Ihre Mutter muß ja in ſpäter Nacht durch Sturm und Wetter laufen, daß es eine Schande iſt, die alte blinde Frau!“ Der Vorwurf jagte das Blut in ſeinen Kopf. Es fiel ihm plötzlich ein, daß ſeine Mutter eben erſt hier geweſen ſein mußte.—„War ſie bei Ihnen?“ fragte er. Die Meiſterin antwortete ihm nicht.„Allerdings 201 war ſie hier,“ ſagte Marie,„und lieferte dem Herrn von Trifels, der ſich bei uns befand, einen Brief ab.“ „Er hat ihn alſo bekommen,“ flüſterte Andreas. „Richtig bekommen, ja!“ ſagte Frau Hartmann, „und wird ſich hüten, ſich je wieder mit Ihnen einzulaſſen.“ „Das iſt nicht unſere Sache, Mutter!“ fiel Marie ein. „Unſere Sache iſt es nicht, nein! Gott ſei Dank, daß es nicht unſere Sache iſt! Aber wenn ich einen Sohn hätte, und er machte es ſo, betrüge ſich ſo. „Sie können das nicht beurtheilen!“ rief An⸗ dreas rauh. „Nicht beurtheilen! Einer iſt ſo viel werth wie der Andere!“ ſchrie ſie zornig. „Baſta!“ ſagte der Meiſter, indem er aufſtand und ein paar große Schritte that, die ihn vor den kleinen, ſchwächlichen Muſiker brachten. Der greiſe, gewaltige Mann richtete ſich drohend vor ihm auf, aber es war etwas, das ſeinen Unwillen mäßigte. Die Fühlloſigkeit, die aus den dunklen großen Augen des jungen Menſchen ihn anſtarrte, überraſchte ihn; dabei ſtimmte das kranke, bleiche Geſicht ihn milder. —„Wir haben nicht nöthig, mit einander zu ſtrei⸗ ten,“ ſagte er;„es iſt jedes Menſchen Sache, das zu 202 thun, was er für gut hält. Mir iſt es auch lieb, daß es ſo gekommen iſt; denn mit den Sunden hier iſt es ein für alle Mal vorbei; wenn ich jedoch an Ihrer Stelle geweſen wäre, hätte ich die Hand nicht zurückgeſtoßen, die mir wohl thun wollte.“ „Ich kann keine Wohlthaten annehmen,“ ant⸗ wortete der junge Mann. Der Meiſter nickte, als ob es ihm geſiele.„Wenn man's mit Arbeit ſchaffen kann und mit eigenem Fleiß, laſſ' ich es wohl gelten,“ ſagte er.„Wer etwas Ordentliches gelernt hat, der mag ſtolz darauf ſein, und wenn's nach mir gegangen wäre, Andreas, möchte der Herr von Trifels ſein Geld behalten. So aber hätte es anders bedacht werden müſſen; denn es iſt jämmerlich genug, wenn ein erwachſener Menſch eine alte halbblinde Mutter hat, die in den Tod für ihn laufen möchte, all ſeine Fehler vertheidigt und ſeine Suͤnden auf ſich nimmt, und er kann ihr mit all ſeiner Kunſt nicht einen warmen Mantel und kein ganzes Paar Schuhe ſchaffen.“ Der Muſiker neigte den Kopf unter dieſer An⸗ klage. Sein Gönner Niedlich hatte ihm Aehnliches, hatte ihm Härteres ſchon geſagt, er hatte es mit Verachtung behandelt; der alte Mann jedoch, wel⸗ cher jetzt zu ihm ſprach, miſchte in ſeinen grollenden 203 Ton etwas ſtrafend Väterliches, dem er nicht wider⸗ ſtehen konnte. Und dennoch, was hatte er ſich vorzu⸗ werfen? Liebte und verehrte er ſeine Mutter nicht, dachte er nicht mit Entzücken daran, wie er ihr alle Sorgen, alle Noth vergelten, alles Glückin ihren Schooß ſchütten wollte? Und hatte ſie je mit einem Blick ihn ange⸗ klagt, hatte ſie ihm je ſein Unrecht vorgehalten? Was dieſe harten Menſchen von ihm begehrten, was ſie gut und recht nannten, erregte ſeinen heftigſten Widerwillen; was ihnen ſchlecht und verkehrt ſchien, daran hing er mit allen Fäden ſeines Lebens. „Sie verſtehen mich nicht,“ ſagte er traurig und trotzig zugleich.„Mein Weg kann nicht Ihr Weg ſein; ich hoffe jedoch, Sie ſollen bald anders über mich denken.“ „Gott gebe es!“ antwortete der Meiſter.„Ich will's der alten Frau wünſchen, daß ſie noch Freude erleben möge an ihrem einzigen Kinde.“ „Wie Sie!“ erwiederte Herzberg raſch in ſeiner Reizbarkeit. Das Wort traf den alten Mann und verſchloß ihm den Mund. Eine fahle Roͤthe bedeckte ſein Ge⸗ ſicht, und durch ſeine Bruſt ging eine unbeſchreibliche Scham und Qual, die ihm die Augen zudrückte. 204 „Kennen Sie den Herrn von Wolters?“ fragte Herzberg. Der Meiſter zitterte in den Knieen.„Was ſoll's?“ murmelte er. „Hüten Sie Sich vor ihm, glauben Sie ihm nicht. Er hat Böſes vor mit Ihrer Tochter Ruf und einem Manne, den ich nicht nennen mag.“ „Weiß es denn die ganze Welt ſchon?!“ ſchrie der alte Meiſter, ſeine beiden Arme aufhebend, ver⸗ zehrt von Wuth und Kummer. Dann drehte er ſich um und ging in die dunkle Kammer, deren Thür er hinter ſich zuſchlug. Ganz erſtaunt über dieſen Erfolg ſeiner War⸗ nung und verwirrt von dem ſeltſamen Benehmen ſeines Verwandten, ſah Andreas ihm nach; er be⸗ hielt jedoch nicht viel Zeit, um eine Erklärung zu ſuchen oder zu fordern. Die Frau Meiſterin ſprang wie eine Furie auf und überhäufte ihn mit Vor⸗ würfen.„In Ihre Seele hinein müßten Sie Sich ſchämen!“ rief ſie.„Wer heißt Sie hieher kommen, um nichts als Unheil anzurichten?“ „Meine Warnung kam aus gutem Herzen,“ ſagte er.„Dieſer Wolters iſt zu den ſchlimmſten Din⸗ gen fähig.“ „Kümmern Sie Sich nur um Ihre eigenen —— * 20⁵5 Angelegenheiten,“ fiel die erzürnte Frau ein,„damit haben Sie genug zu thun! Wir verbitten uns Ihren Rath und Ihre Warnungen.“ Als ſie ſchwieg, kämpfte Andreas mit ſich ſelbſt. Er ſtand mit niedergeſchlagenen Augen und bedachte voll Groll und Bitterkeit ſeine Lage. „Wünſchen Sie noch irgend etwas hier?“ fragte Marie höflich lächelnd. „Nein!“ erwiederte er.„Wenn Sie nichts von mir wünſchen.“ „Ich, Herr Herzberg,“ ſagte ſie würdevoll, ſich verneigend,„ich wünſche Ihnen recht wohl zu ruhen. Beherzigen Sie den guten Rath meiner Mutter und enthalten Sie Sich, von Perſonen Uebles zu ſpre⸗ chen, die zu hoch über Ihnen ſtehen.“ Andreas ließ ſeine flammenden Augen eine Minute lang voller Verachtung auf ihr ruhen.„Falſch iſt Alles auch an ihr!“ ſagte er mit ſeiner rauhen Stimme; damit drehte er ſich um und ging hinaus. Ende des zweiten Bandes⸗ Prag 1856. Druck von Kath. Gerzabek. 8 ſſſſſſſnſſnſſſſſſſſſnnſſſſſſſinſſſſ 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17