—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 1 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————ʒÿ—— 1 Mk.— Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Nk. Pf. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme b V A ½BDUM. Bibliothek deutſcher Originalromane der beliebteſten Schriftſteller. Veransgegeben uon J. L. Kober. Eilfter Jahrgang. Vierzehnter Band. Neues Leben. J. 1856. Prag& Leipzig, Expedition des Albums. —— NMeues Leben. Novelle in drei Bänden. Von Theodor Mügge. Erſter Band. 1856. Prag& Leipzig, Expedition des Albums. Erſtes Capitel. Zweites„ Drittes Viertes Fünftes Sechstes Neues Leben. Erſter Band. Erſtes Capitel. „Denn es iſt eine ſchöne Sache um das Blech, und es ſoll mir Keiner kommen und was dagegen ſagen, oder wohl gar vornehm thun und denken, Gold und Silber ſeien beſſer. Das Blech hat ſeine Wun⸗ der in ſich, es läßt ſich nichts damit vergleichen. Wenn's da liegt ſchwarz, roſtig und unſcheinbar, möchte es kaum einer anrühren, aber ſobald nur die rechte Hand es anfaßt, ſo biegt ſich's und fügt ſich's, als wär's Wachs und Honig, blitzt und funkelt wie De⸗ mant, und es iſt kein Stoff in der Welt ſo gelenkig und nützlich. 4 Der alte Meiſter Hartmann, der in ſeiner Wohn⸗ ſtube am Tiſche ſaß und ſein Abendbrod eben verzehrt hatte, ließ bei dem letzten Lobſpruche, den er ſeinem Lebensberuf darbrachte, das Meſſer neben den Teller 1856. XIV. Neues Leben. I. 1 3 fallen, und ſeine rauhen Hände über den Leib faltend, lehnte er ſich behaglich in den Großvaterſtuhl zurück. Auf dem Tiſch brannte eine blanke Meſſinglampe, deren Schattenſeite ihm zugekehrt war; jenſeits aber, wo das Licht hell fiel, ſaßen zwei Frauen, die, wäh⸗ rend der Hausherr noch tafelte, ſchon ihre Arbeiten wieder in die Hand genommen hatten und fleißig mit Nähen und Stopfen beſchäftigt waren. Da der Meiſter Blechſchmied keine Antwort erhielt, beſchäftigte er ſich mit ſeinen Gedanken, und dieſe hüllten ihn eine Zeit lang in nachdenkliches Schweigen, bis er mit erfreulicher Selbſtverwunde⸗ rung ſich wieder laut vernehmen ließ.„Es iſt doch merkwürdig!“ rief er aus,„was alles im Blech ſteckt! Aus der ganzen Menſchheit wäre nichts Geſcheidtes geworden, wenn's Blech nicht erfunden wäre. Da ſetzen ſie Generalen und Fürſten Bildſäulen, als ob die wer weiß was Nützliches und Großes gethan hätten, wodurch das Volk auf Erden glücklicher ge⸗ worden; aber wer das Blech erfunden hat, an den denkt Keiner, deſſen Namen weiß Keiner, und doch kann kein Menſch ohne Blech leben. Ich will erſt gar nicht von Dampfmaſchinen und ſolchen Dingen reden; es wäre aber überhaupt ein miſerables Leben, ein ganz nichtswürdiges Leben ohne Blech. Sagt 8 3 mal ſelbſt, ihr Weiber da, was fingt ihr an ohne Blech in Eurer Küche— ohne Lampe, ohne Brat⸗ röhre, ohne Kuchenbleche, ohne Keſſel, Kannen und Caſſerollen?“ Er ſchlug ein herzhaftes Gelächter auf, wäh⸗ rend die alte Frau ihm gegenüber ihr langes, hohles Geſicht von dem Wollſtrumpf emporrichtete, an dem ſie ſtopfte, und die Hornbrille mit großen runden Gläſern auf ihren luſtigen Mann richtete.„Nun, dann,“ ſagte ſie widerſpänſtig,„wäre es auch eben kein allzu großes Unglück. Wir würden ſchon Mit⸗ tel finden, uns in anderer Art zu helfen.“ „O, Ihr— Ihr würdet Mittel finden!“ rief der Meiſter ärgerlich.„Aber ich glaub's,“ fuhr er nach⸗ drücklich fort,„wahrhaftig, ich glaub's. Der Gott ſei bei uns und die Weiber haben immer noch Mittel gefunden, wenn es darauf ankam, Schwarz in Weiß zu verwandeln.“ „Aber, Vater,“ ſiel eine wohlklingende Stimme von der Ecke des Tiſches ein, als die alte Frau etwas vor ſich hin murmelte und haſtig nach ihrem Strumpf griff,„wenn denjenigen Bildſäulen geſetzt werden ſollten, die ſich zumeiſt verdient gemacht haben, ſo giebt es denn doch wohl noch andere Leute, wie den erſten Blechſchmied.“ 1* „Wen denn, Du Weisheit?“ fragte er.„Etwa den erſten Komödianten oder Muſikanten? Darauf wird's bei Dir hinauskommen.“ „Iſt denn dem, der den Pflug erfunden hat, eine Bildſäule geſetzt worden, oder weiß man ſeinen Namen?“ antwortete ſie, ohne den Angriff zu be⸗ achten und ohne ihre Nadel ruhen zu laſſen.„Ueber⸗ haupt aber, ſind nicht eben diejenigen, welche zumeiſt verdienten bekannt und genannt zu werden, von jeher unbekannt geblieben?“ Der Meiſter ſchwieg ein Weilchen auf dieſe Antwort, dann ſagte er halb vor ſich hin:„Es iſt Manches wahr an dem, was ſie ſagt, aber das Blech muß darum doch nicht von Dir zurückgeſetzt werden, Marie, weil es vor allen Dingen in der erſten Reihe ſteht, und wenn Reinhold hier wäre, der würde ſich aufthun und Dir klar machen, was es damit zu ſagen hat. Brauchſt nicht darüber zu lachen; der verſteht ſeine Sache beſſer, als mancher Hans Narr, der Wunder glaubt, was er verſteht. Das würd' er, meiner Seele! das würd' er!“ Nach dieſem letzten kräftigen Ausruf trat aber⸗ mals eine Pauſe ein, denn Marie erwiederte nichts, und ihr Vater ſchob das ſchwarze Käppchen von der umken auf die rechte Seite des Kopfes, ſtützte dieſen 5 in ſeine Hand und richtete die Augen feſt auf ſeine Tochter, während eine dicke Falte ſich über ſeine Stirn legte.— Wie ſie da vor ihm ſaß, groß und wohl gebildet, Alles nett und kleidſam an der kräf⸗ tigen, runden Geſtalt, mußte ſie ihm gefallen, und dennoch ſchüttelte er den Kopf und ſah mit ſtren⸗ gen Blicken auf die Korallenſchnur um ihren Hals und auf das wellig geſcheitelte glänzende Haar, worin ſie heute zwei große Goldnadeln befeſtigt hatte⸗ Dann flogen ſeine Blicke über das Stübchen fort, das in ſeiner Abendruhe ſänftigend auf ihn wirkte; denn wohin er ſah, war es blank und freundlich, trotz ſeiner kleinbürgerlichen Einfachheit. Der Schrank in der Ecke mit den Reihen ſauberer Taſſen und Gläſer, das große Schreib⸗ und Wäſcheſpind mit den Leiſten von Ebenholz und den maſſiven Ringen in den Löwenköpfen, die Stühle rechts und links mit tief geſchweiften Lehnen und die große Gewicht uhr, deren langſames Getacke allein in der Stille umher hörbar war— Alles trug dazu bei, ſeine unmuthige Laune zu überwältigen, und als er in den Spiegel zwiſchen den Fenſtern ſchaute, um welche die weißen Vorhänge ſich leiſe bewegten, ſtrich er mit der Hand die Falte von der Stirn fort, und das gutmüthige Lachen ſchwebte wieder um ſeine Lippen.— Er legte das eine Bein über das andere und ſah die hübſche Tochter dabei nochmals an, doch keinesweges mehr mit der früheren Strenge, ſondern ſichtlich voll väterlicher Empfindungen und allerlei guten Gedanken. Dabei drückte er die beiden Ellbo⸗ gen auf die beiden Armlehnen des alten Stuhles, daß dieſer knackte, und die Flächen ſeiner Hände an einander haltend, blies er vergnügt die Luft über ſeine ausgeſtreckten Fingerſpitzen. Plötzlich aber wurde dieſe angenehme Beſchau⸗ lichkeit durch ein anhaltendes und ſcharfes Geklingel unterbrochen. Es hatte Jemand die Hausthür geöff⸗ net, welche mit einer Glocke verſehen war, und dieſer Jemand ließ jetzt auf dem Flieſenpflaſter der Haus⸗ flur ſeine Schritte hören. Die Frauen horchten von ihrer Arbeit auf, und in den Augen des jungen Mädchens ſchimmerte etwas, das ihres Vaters Un⸗ muth neu anzufachen ſchien. Er ließ ſeine Hände ſinken und that einen grämlichen Blick nach ihr, dann nach dem Eingange. Dieſer Blick ſtreifte zu gleicher Zeit an der langen Wandſeite hin und haf⸗ tete dort auf einem Kaſten, welcher auf vier dicken braunen Füßen ruhte und mit einer röthlich ſchim⸗ mernden Decke umhüllt war. Der Anblick dieſes Ka⸗ ſtens mußte ſeinen Unwillen vermehren, denn eben 7 als an der Thür geklopft wurde, ſagte er in ſeinem beſten Kehltone:„Alle dieſe Narrenspoſſen müſſen jetzt ein Ende nehmen! So ſoll's ſein, und damit iſt's gut!“ „Guten Abend, meine ſchönen Damen!“ rief bei ſeinen letzten Worten ein junger Herr zur Thür herein.„Guten Abend, Papa Hartmann. So iſt’s angenehm, im Sorgenſtuhle obne Sorgen; nach ge⸗ thaner Arbeit iſt gut zu ruhen! Ihr ergebenſter Die⸗ ner, verehrteſte Frau und Fräulein Marie. Liebes Mariechen, ich komme mit einer unterthänigſten Bitte in aller Eile, und der Papa darf nicht Nein ſagen, wenn wir alle ihn vereinigt zwingen, Ja zu ſagen. Sehen Sie einmal, was er für ein ſchreckliches Ge⸗ ſicht macht, als ob das Blech um fünfzig Procent geſtiegen wäre, und doch iſt es der allerbeſte, gut⸗ herzigſte Gatte und Vater, der mich kennt von Kin⸗ desgebein an. Er weiß, daß ich nichts thue und bitte, was ihm irgend Koſten machen könnte. Der treue Freund ſeines Hauſes, der allertreueſte Freund ſeiner Familie, der ergebenſte Diener, wo ich dienen kann; alſo, beſter Papa Hartmann, ſagen Sie nicht Nein, oder es geſchieht ein Unglück, das Sie nim⸗ mermehr gut machen können.“ Der alte Meiſter befand ſich während dieſer 2 4 5 ganzen haſtigen, in lachendem und vertraulichem Tone gehaltenen Rede in den Armen des jungen Herrn, der ihn feſt hielt und auf ihn einſprach. Der Mei⸗ ſter in ſeiner Schoßjacke und ſeiner breitſchultrigen Gedrungenheit und der junge Herr im ſchwarzen Frack nach der neueſten Mode, der weißen Shawl⸗ weſte und der weißen Binde ſahen in dieſer Umar⸗ mung höchſt wunderlich aus. Der junge Herr war wie ein Licht ſchmal und lang, geſchmeidig in ſeinen Bewegungen, mit einem ſchmalen dunkeln Backenbart verſehen, der wie ein Band von ſeinen Ohren ab⸗ wärts gerade herunter lief, bis er unter dem ſteif⸗ aufſtehenden Halskragen in unbekannte Tiefen ſich verlor. Sein rothes, lebhaftes Geſicht wurde durch den Umſtand, daß er eine ſehr hohe Stirn beſaß und ſein Haupthaar ganz kurz abgeſchoren trug, noch länger und ſchmaler, als er ſonſt geweſen wäre; aber der kleine zuſammengeſchobene Mund, die wohl⸗ geformte Naſe darüber und ein Paar blitzende, ſchlau⸗ blickende Augen glichen das Unförmige wieder aus, und wenn er ſo freundlich ſcherzte und lachte, wie es jetzt der Fall war, ſo blieb der ohn ſeiner Erſcheinung ein überragend vortheilhafte. Halb gegen ſeinen Willen ſchien auch der ſtör⸗ rige alte Mann dieſes Uebergewicht henicer 9 „Laſſen Sie meine Jacke los, Heinrich Niedlich, oder ſie reißt in Stücke,“ ſagte er.„Was haben Sie wieder vor? Was wollen Sie von mir und uns allen?“ „Nicht eher laſſe ich los, als bis Sie Ja ge⸗ ſagt haben,“ rief der junge Herr,„und wenn es mein Leben koſten ſollte!“ „Ich kann doch nicht zu einem Dinge Ja ſagen, das ich nicht kenne,“ wandte der Meiſter dagegen ein. „Laſſen Sie jetzt los, Heinrich.“ „Aber vorſichtiger Papa,“ lachte Herr Niedlich, „Sie ſollen ja keinen Wechſel unterſchreiben, Sie ſollen mich auch nicht zum Erben einſetzen, ich will auch kein Geſchenk von Ihnen erpreſſen, ich will nur etwas von Ihnen leihen, mit Ihrer Bewilligung auf einige Stunden leihen, und gebe Ihnen mein feierliches Ehrenwort, daß Sie es unverſehrt und wohlerhalten aus meiner Hand zurück empfangen.“ „Wenn's weiter nichts iſt,“ ſagte der alte Mann zufriedengeſtellt.„Was ich leihen kann, ſollen Sie haben.“ „Gut,“ antwortete Herr Niedlich, in des Mei⸗ ſters Hand einſchlagend,„es haben es Alle hier ge⸗ hört. Ich wünſche auf vier, höchſtens auf ſechs Stun⸗ den Fräulein Marie zu leihen.— Halt da! es hilft kein Zuruͤckziehen. Sie haben Sich vor dieſen Zeugen verpflichtet und dürfen Ihr Wort nicht brechen.“ „Oho!“ rief der alte Mann, den Kopf nach den Frauen hingewandt,„iſt der Ueberfall etwa ab⸗ gekartet? Bleiben Sie mir mit dergleichen aus dem Hauſe, Herr Niedlich!“ „Abgekartet!“ ſchrie der junge Herr.„Beſter Papa Hartmann, was ſoll denn abgekartet ſein? Die Sache iſt ganz einfach. Drüben, bei dem Präſtden⸗ ten von Landau, wird heut deſſen Geburtstag ge⸗ feiert. Nun, den Herrn Präſidenten kennen Sie ja, einen reſpectableren Mann kann es nicht geben. Angeſehene Familie, feines Haus, ausgezeichnete Bildung und Einrichtung— Alles vorhanden. Zur Feier des Geburtstages haben wir eine Quadrille einſtudirt, eine Quadrille von Gärtnerinnen und Gärtnern, die den liebenswürdigen alten Herrn mit Blumen und Kränzen bewerfen ſollen. Plötzlich vor einer Stunde wird Fräulein Emma krank, das Fräu⸗ lein, welches im Hauſe die Wirthſchaft führt, ſeitdem die Frau Präſidentin in den Himmel verſetzt wurde. Ich bekomme daher von Fräulein Hedwig ein Bil⸗ let voller Verzweiflung. Da fällt mir ein, daß wir dieſelbe Quadrille ja im vorigen Jahre im Kränzchen getanzt haben, im ſeligen Familien⸗Kränzchen, woran * 11 Sie auf unſere Bitten und Vorſtellungen Theil nahmen. Mariechen kann die Quadrille gewiß noch, und ſo antwortete ich denn ſogleich, daß ich zu Ihnen eilen und Sie anflehen würde, Fräulein Marie zu erlauben, den Platz einzunehmen, damit dem guten Präͤſidenten die Freude nicht verdorben werde. Und das wollen Sie doch gewiß nicht auf ſich laden, Papa? Der Präſident iſt doch gewiß ein Mann, der Ihre Achtung beſitzt.“ „Es hat gar nichts damit zu thun, meine Ach⸗ tung,“ ſiel der alte Meiſter verdrießlich ein;„aber meine Tochter geht auf keinen Ball.“ „Als ob's ein Ball wäre!“ ſchrie Herr Niedlich. „Es iſt gar kein Ball, es iſt nichts als eine Fami⸗ lien⸗Unterhaltung.“ „Wo eine Geſellſchaft beiſammen iſt und wo ge⸗ tanzt wird, das nenne ich einen Ball,“ antwortete der alte Mann. „Aber es ſind ja nur die Kinder und die nächſten Freunde des Hauſes, wozu ich mir ſchmeichle, auch zu gehören,“ fuhr Herr Niedlich unerſchrocken fort. „Es iſt auch keine Muſik da, es wird nur zum Cla⸗ vier getanzt, und wenn Sie mir nicht glauben wollen, ſo leid mir das thäte, ſo habe ich einen Zeugen bei mir— Herzberg, wo ſind Sie denn? Kommen Sie doch herein! Herzberg ſoll uns aufſpielen, ich habe ihn dazu engagirt.— Wo ſteckt er denn? So ein Muſicus oder Künſtler iſt immer etwas irre im Kopfe, ſtolz wie ein Truthahn, wenn's ihm auch noch ſo ſchlecht geht. Giebt Stunden für acht Groſchen, aber zum Tanz aufſpielen, drei Thaler verdienen für ein paar Stunden, iſt gegen ſeine Ehre! Es hat Mühe gekoſtet, ihm das Geld in die Taſche zu bringen.“ Herr Niedlich machte dieſe Mittheilungen, in⸗ dem er ſpöttiſch lachend die Hand an den Mund hielt und leiſe ſprach; dann drehte er ſich um, öffnete die Thür und ſteckte den Kopf hinaus, indem er ſeinen Ruf wiederholte. „Da kommt er die Treppe herunter!“ fuhr er, ſich umwendend, fort,„und bringt ſeinen Gönner und Beſchützer mit, den Herrn Aſſeſſor von Trifels. Dem. werden Sie doch glauben, Papa Hartmann. Er iſt auch eingeladen bei dem Präſidenten. Na, Herz⸗ berg, das war ein geſcheidter Gedanke, daß Sie uns Beiſtand von oben holten. Muſiker haben auch zuweilen geſcheidte Gedanken, Fräulein Marie. Herr von Trifels, ſagen Sie dem Papa hier, daß es gar nicht anders geht, als wenn er ſich erweichen läßt, —*—, 13 und erweicht muß er werden, wäre er auch bis ins Herz von Eiſenblech.“ Indem Herr Niedlich in dieſer Art ſchwatzte, lärmte und lachte, wobei er ſich hin und her drehte und ſeine Hände nach den verſchiedenen Perſonen ausſtreckte, traten die beiden jungen Männer herein, welche er angekündigt hatte. Der Kleinere mit dem bleichen Geſicht, dem langfallenden, dunklen Haar und den großen, ſcheu und ſchwermüthig blickenden Augen war der Muſiker, welcher duldſam alle die luſtigen Bemerkungen, die auf ſeine Koſten gemacht wurden, mit einer ſchweigenden Verbeugung erwie⸗ derte. Unbeachtet ſtand er dann neben ſeinem großen Begleiter, der das heiterſte Bild aller Vorzüge bot, durch welche ein junger Mann die Augen zu feſſeln oder zu blenden vermag. „Es handelt ſich darum, wie ich ſo eben höre,“ ſagte der Aſſeſſor von Trifels,„daß Fräulein Marie die Güte hat, uns freundlich zu unterſtützen und aus der Noth zu helfen, wofür wir alle ihr unendlich verbunden ſein würden, vorausgeſetzt, daß Sie, mein lieber Herr Hartmann, mir die Ehre erzeigen wollten, das Fräulein meiner Begleitung und meinem Schutze anzuvertrauen.“— „Es iſt alſo Alles ſo richtig,“ antwortete der 14 alte Mann, indem er in das klare Geſicht des jun⸗ 3 gen Herrn blickte, von welchem ein beſondexes Ver⸗ trauen ihn überkam. „Alles richtig,“ etwie derte dieſer.„Ich bürge Ihnen dafuͤr.“ „Und Sie,“ fuhr der ale Mann kopfſchüttelnd fort,„Sie finden es auch richtig, daß Maria mit⸗ gehen ſoll?“ „Warum ſollte ich es nicht ſo finden? 22 antwor⸗ tete Herr von Trifels lächelnd.„Fräulein Marie iſt den jungen Damen, denen ſie einen freundlichen Dienſt erweiſen will, nicht ganz unbekannt. Alle werden es ihr danken, und der Präſident ſelbſt wird nicht minder erfreut ſein.“ „Es paßt ſich aber doch nicht!“ brummte der Meiſter.„Wir find ſchlichte Leute, es iſt ein ſchlich tes Mädchen und dann. dann.. „Aber, lieber Meiſter⸗ fiel der junge Edelmann ein,„was ſind das für Bedenklichkeiten? Ich bitte Ihr Fräulein Tochter im Namen der Familie, die ſich geehrt fühlt durch ihr Erſcheinen, ich werde Fräu⸗ lein Marie's Cavalier ſein.“ „Gehorſamer Diener!“ ſagte der Meiſter, an ſeine Mütze faſſend,„es iſt aber da Alles fein geputzt, und die hier...“ 15 „Darüber keine Sorge!“ erwiederte Trifels, und indem er ſeine Augen auf das junge Mädchen rich⸗ tete, die ſchweigend, doch mit erwartungsvoll höher geröthetem Geſicht hinter dem Tiſche ſaß, fügte er hinzu:„Mag Fräulein Marie das einfachſte Kleid tragen, ihr Schmuck wird niemals verkannt werden. Im Uebrigen iſt für Alles geſorgt. Fräulein Emma s ganzer Anzug. Blumen, Bänder liegen bereit. Eilen Sie, Fräulein Marie, nur den Mantel umgehängt und den Hut aufgeſetzt, das Weitere wird ſich finden.“ „Darf ich denn, Vater?“ fragte Marie. „Wenn es ſo ſein ſoll,“ ſagte der alte Mann mit zögernder Ueberwindung ſeiner Bedenken,„ſo kannſt Du es thun.“ 1 „Bravo! Bravo!“ ſchrie Herr Niedlich,„jetzt haben wir gewonnen. Herzberg, laufen Sie voran und bringen Sie die freudige Botſchaft als unſer Sieges⸗Courier. Tröſten Sie Fräulein Emma mit einem neuen Walzer und componiren Sie unterwegs eine Hymne, mit der Sie uns empfangen können.“ Der Muſiker ſtand auf, nahm ſeinen Hut und empfahl ſich, während Marie raſch durch die Glas⸗ thür im Hintergrunde ſich entfernte.„Ich will mich bereit machen,“ ſagte Trifels,„in wenigen Minuten bin ich wieder hier. Unſeren beſten Dank für Ihre 16 Güte, die uns den frohen Abend ſichert! Der Prä⸗ ſident wird Ihnen jedenfalls ſelbſt ſagen, wie erfreut er darüber war.“ Als er mit dem Muſiker hinaus war, ſprang Herr Niedlich auf den alten Meiſter los und drehte ihn in ſeinen Armen tanzend um.„Nur jetzt kein grämliches Geſicht mehr!“ rief er dabei,„und die⸗ Hand von der Mütze, denn das iſt ein Zeichen, daß da oben noch allerlei Gewitter herum fahren. Der Trifels iſt ein Sappermenter, der weiß überall gut Wetter zu machen; was er will, das ſetzt er auch durch.“ „Bei mir ſetzt er nichts durch, was ich nicht will,“ ſagte Hartmann. „Das iſt gewiß!“ lachte Niedlich, der Frau Meiſterin heimlich zuwinkend,„Sie wollen eben, Papa, was er will; alle Menſchen wollen, was er will. Ich habe noch niemals ſo einen immer fröhlichen, heiteren, lebensluſtigen jungen Mann geſehen, den jeder, der ihn ſieht, ſo gern hat. Aber erſtens muß man ſagen, daß er ſich darnach zu benehmen weiß, und dann kann er ſich neben Jedem ſehen laſſen“— hier ließ Herr Niedlich einen Blick voll Selbſtzufriedenheit an ſich heruntergleiten—„und endlich iſt er der Herr von Trifels, Aſſeſſor, reich, arbeitet zu ſeinem Spaß, ſo lange er will, hat Geld und Gut vollauf.“ 17 „Es iſt mir Alles einerlei,“ brummte der alte Mann, der ſich wieder in ſeinen Stuhl geſetzt hatte. „Das weiß ich wohl,“ ſagte Herr Niedlich, „Sie machen Sich aus dergleichen nichts, und es iſt auch eigentlich dummes Zeug. Geld, Titel, Adel, Würden, es iſt Alles dummes Zeug! Kann ich da⸗ für, daß ich Niedlich heiße, Bank⸗Agent bin, an die Börſe gehe und hübſche Geſchäfte mache? Kann er dafür, daß er von Trifels genannt wird und ſein Vater ihm eine Menge Geld hinterlaſſen hat? Wir können Alle nichts dafür, Papa, gar nichts! Wie wir ſind, ſo ſind wir, das iſt einmal nicht anders.“ „Aber es muß Jeder zuſehen, was aus ihm wird,“ ſiel der Meiſter ein. „Da haben Sie Recht!“ rief Herr Niedlich, „das iſt die Hauptſache! Es muß Jeder ſehen, was er in der Welt aus ſich machen kann. Das Leben iſt eine große Leiter, Jeder ſoll daran aufflettern, ſo weit er kommen kann, aber es ſoll Keiner wieder herunterſteigen oder gar herunterfallen. Um Gottes willen, Papa, nicht fallen, die Beine brechen, den Hals brechen, haha!“— Herr Niedlich legte einen ſeiner ſchmalen, langen Knochenfinger an ſeine ſchmale, lange Naſe, und indem er die Haut ſeiner hohen 1856. XIV. Neues Leben. I. 2 —ᷣ—ÿ—;:õö—ÿ— 18 Stirn in viele Weisheitsfalten zog, ſtieß er ein wieherndes Gelächter aus. Während er lachte, ſchielten des Meiſters Augen ſeitwärts zu ihm hin, und mit unverkennbar gering⸗ ſchätzendem Ausdruck brummte er:„Blech bleibt aber voch Blech, ſchlechter Thon wird niemals Blech werden.“ „Kommen Sie mir nicht mit Ihrem Blech und der ganzen Naturgeſchichte, Papa!“ ſchrie Herr Niedlich.„Aus einem Mauerſteine läßt ſich aller⸗ dings niemals Brod backen; doch Thon ſowohl wie Menſchenfleiſch iſt aller möglichen Veredlung fähig. Sehen Sie mein beſcheidenes Beiſpiel an, Papa, wenn Sie es nicht glauben wollen. Mein Vater ſeliger, Ihr Nachbar, war ein einfacher Strumpfwirker.“ „Er war ein aufrichtiger, guter Mann,“ ſagte der Meiſter. „Das war er,“ antwortete Herr Niedlich.„Glau⸗ ben Sie etwa, daß ich mich ſeiner ſchäme? Nicht im Geringſten ſchäme ich mich, Ich ſage zu allen, die es hören wollen: mein Vater war ein Strumpf⸗ wirker, hatte nichts gelernt, gar nichts gelernt, konnte kaum ſeinen Namen ordentlich ſchreiben, das ſage ich alle Tage“ 1 „Aber er verſtand ſeine Sache und hat ſeinen Sohn etwas lernen laſſen,“ fiel der alte Mann ein. 19 „Das hat er gethan, für meine Bildung hat er geſorgt,“ erwiederte der Agent wohlgefällig, an ſein pitzes Kinn greifend.„Mit Gottes Hilfe nehme ich daher auch eine reſpectable Stellung ein, bin mit reſpectablen Leuten in Verbindung, und mache meine Geſchäfte prompt ab, wie es ſich gehört.“ „Es iſt recht ſo,“ murmelte der Meiſter vor ſich hinnickend. „Dabei aber immer munter auf dem Platz,“ fuhr Herr Niedlich lachend fort;„denn heut zu Tage muß man auf dem Platz ſein und in der Geſellſchaft feſt ſtehen. Man muß zeigen, Papa, daß man zu leben weiß und Bildung beſitzt.“ „Allerlei Leichtſinn gehört auch dazu,“ murmelte der alte Mann. „Sie ſind aus der alten Schule!“ rief Herr Nied⸗ lich.„Die jetzige Welt ſoll nichts taugen, gar nichts, aber ſo ſchlimm iſt es doch nicht. Mein Vater ſaß wie ein Uhu in ſeinen vier Pfählen und gab keinen Groſchen für Theater, Concerte, Kunſt und Wiſſen⸗ ſchaft aus.“ „Dafür hat er dem Herrn Sohn manchen Gro⸗ ſchen zurückgelaſſen,“ antwortete der Meiſter mit einem trengen Blicke. „Richtig, Papa!“ ſagte der junge Mann in über⸗ 2 20 müthigem Tone;„aber trotz deſſen, daß ich die Kunſt liebe, die Theater beſuche, einen ganzen Schrank voll Bücher habe und allerlei unnütze Dinge treibe, wie Sie meinen, ſind die Groſchen dennoch zu Thalern geworden. Sie können es glauben!“ rief er mit einem eigenthümlichen luſtigen Grinſen.„Heinrich Niedlich weiß immer, was er thut. Dreißig Jahre iſt er im vorigen Monate alt geworden, er braucht aber nicht das Schwabenalter zu erwarten, um klug zu werden, darauf können Sie einen Eid ablegen!“— Unter lebhaftem Kopfnicken rieb er die langen ſchma⸗ len Hände an einander, und ſpitzte den kleinen Mund noch mehr zuſammen.„Wenn ich nicht Kunſt und Wiſſenſchaft liebte,“ fuhr er fort,„und meine gehörige Weltbildung beſäße, würde ich jemals bei dem Präſidenten ins Haus gekommen ſein? Würde ich Agent bei der Bank geworden ſein? Und das iſt ein Aemtchen, Papa, wobei man beſtehen kann. Ich ſage Ihnen, man muß Bildung haben in der Welt, man muß ſich zeigen und ſich Anſehen geben können.“ „Kommt'’s Anſehen von daher?“ fragte der alte Mann. „Das iſt gewiß!“ rief Herr Niedlich.„Sehen Sie einmal den Herzberg an, den armen Jungen, den Muſiker.“ — 21 Der Meiſter machte eine unruhige Bewegung mit ſeinem rechten Arm und Ellbogen, als wollte er den Namen von ſich ſtoßen. Herr Niedlich lachte dazu hell auf.„Sie kön⸗ nen den armen Teufel nicht leiden!“ rief er,„und doch müßte er eigentlich ſo recht nach Ihrem Herzen ſein, obenein iſt es ja ſo eine Art Verwandter von Ihnen.“ „Zum Tempel werde ich ihn nächſtens hinaus⸗ ſchmeißen!“ fiel der Alte auffahrend ein. „Das werden Sie nicht thun,“ ſagte der Agent. „Die Kunſt muß jeder Menſch lieben und unterſtützen, es iſt auch ſelten einer, der gar kein Gefühl hätte. Das ärmſte Volk giebt den Harfnern und Orgeldre⸗ hern ſeine mühſam erworbenen Dreier, um ſich an der Muſik zu erfreuen.“ „Ich gebe auch,“ antwortete der alte Mann,„thu's aus Mitleid mit Blinden und Lahmen. Wer aber ſeine geſunden Gliedmaßen hat, ſoll was Nützli⸗ ches thun.“ „Sie ſind ein Vandale, Papa!“ rief Herr Niedlich heftig lachend;„aber ich wette drauf, wenn Herzberg das Blech verſtände und Mariechen Unterricht im Beckenſchlagen gäbe, würde er Ihr Herz in Aufruhr bringen.“ 4 22 Der Meiſter blickte den Spaßmacher zornig an. „Behalten Sie Ihren Witz für ſich!“ ſagte er.„Den Menſchen, obwohl er zu unſerer Freundſchaft gehört, will ich nicht länger hier leiden. Mein Kind braucht nicht auf dem Kaſten da herum zu ſchlagen, es paßt ſich nicht für ein einfaches Bürgermädchen. Sie ha⸗ ben ihn mir ins Haus gebracht, ſchaffen Sie ihn wieder fort, wenn ich mich nicht hineinmiſchen ſoll.“ „Wenn's Ihr Ernſt iſt, Papa,“ erwiederte Herr Niedlich, die Achſeln zuckend,„ſo ſoll's geſchehen; aber Bildung ſteht jedem Menſchen wohl an, mag er ſein, wer er will, und Muſtk veredelt das Herz und reinigt die Seele. Ein Menſch, der Muſik liebt, muß ein guter Menſch ſein, ſagt Schiller, oder Shakeſpeare ſagt es, und was kann ein junges Mädchen oder eine junge Frau mehr empfehlen, als wenn ſie nicht allein nähen und kochen kann, ſondern auch höhere Gefühle und Empfindungen für Bildung be⸗ ſitzt und mit heiteren Walzern oder ſchwärmeriſchen Phan⸗ taſteen das häusliche Daſein ihres Gatten verſchönert.“ Da der Papa keine Antwort gab, fuhr Herr Niedlich fort:„Was aber den Herzberg betrifft, ſo kann ich ſagen, er verdient, daß man ſich ſeiner an⸗ nimmt, denn er iſt ein Talent. Ich kann das be⸗ urtheilen, Papa, wenn ich ſage er iſt ein Talent — 23 8½ Ich würde ihn nicht anempfohlen haben, um Ma⸗ riechen zu unterrichten, wenn's kein Talent wäre. Der Präſident wird ihm auch ſeine jüngſten Kinder zum Unterricht anvertrauen; er iſt aber, wie ſolche Menſchen ſind, ohne Lebensart, weiß ſich nicht zu be⸗ nehmen und zu empfehlen. Es iſt gut, daß er eine Mutter zu ernähren hat, ſonſt würde er längſt ver⸗ hungert ſein; ſo muß er für die aus ſeinem Winkel heraus, weil die Mutter ſo ziemlich blind geworden iſt, und es iſt ein guter Junge, der Niemanden etwas zu Leide thut und ſich gebrauchen läßt.“ Auf dieſe Mittheilung ſagte der alte Mann wieder nichts, aber ſein hartes Geſicht war milder geworden.—„Trifels,“ begann Herr Niedlich noch einmal,„iſt auch ſein Gönner; ich habe ihn beſtens empfohlen und werde ihn auch weiter empfehlen, wo ich kann. Aber, Papa, wiſſen Sie denn, was näch⸗ ſtens geſchehen wird 24 Der Meiſter blickte aufhorchend den Sprecher an, der ſich halb zu der alten Frau gegen den Tiſch beugte, die, ohne ſichtlichen Antheil an allen dieſen Vor⸗ gängen zu nehmen, ihren Strumpf fertig ſtopfte.— „Verlobung!“ fluſterte Herr Niedlich, ſeine Augen liſtig zuſammenkneifend—„Verlobung, Mama. Es wird ungeheures Aufſehen machen.“ „Wie ſo, Aufſehen?“ fragte der Meiſter. „Er, Trifels, wird ſich verloben,“ ſagte Herr Niedlich. „Iſt es möglich!“ rief die Frau Meiſterin, den Strumpf fortlegend, und dann ſetzte ſie mit froh⸗ lockendem„Selbſtbewußtſein hinzu: Ich habe es mir wohl gedacht, ſeit langer Zeit ſchon habe ich es gedacht.“ „Alſo Sie merkten es?“ fuhr Herr Niedlich fort. „Na, es war auch nicht ſchwer, denn in der letzten Zeit war er ja faſt täglich bei dem Präſtdenten, und daß er um den nicht ins Haus kam, konnte ſich Jeder an den Fingern abzählen.“ „Wo eine hüuͤbſche Tochter iſt, fehlt es nie an Beſuch,“ rief Herr Niedlich lachend,„und Fräulein Hedwig iſt zwar keine große Schönheit— wenig⸗ ſtens meine Schönheit iſt ſie nicht, ich kann die run den Geſichter mit blauen Augen nicht leiden— aber gebildet iſt ſie; feine Bildung, das muß man ſagen. 4 „Und Geld iſt auch da,“ ſiel die alte Frau ein. „Geld iſt auch da!“ rief Herr Niedlich,„wenn es auch eben kein Reichthum iſt; denn fünf Kinder theilen ein Ganzes in fünf Theile, und der Präſi⸗ dent macht ein Haus, braucht viel, iſt ein Mann, der zu leben verſteht, ein Mann von großer Bildung. — 25 „Es iſt eine feine Familie,“ ſagte Frau Hartmann, „und ich habe es längſt gedacht, Herr von Trifels wird ſich das Fräulein holen; habe ſogar einmal neulich darauf angeſpielt, wie er Mittags hier bei uns war, aber er wollte nichts bekennen, ſagte, es wäre nichts damit.“ „Wie lange wohnt er jetzt bei Ihnen im Hauſe?“ fragte Herr Niedlich. „In Michaelis ſind's zwei Jahre geweſen,“ ant⸗ wortete ſte nachrechnend,„und einen beſſeren Miether hätten wir nicht bekommen können.“ „Ich habe ihn damals zu Ihnen gebracht, das wiſſen Sie doch,“ ſagte Niedlich ſtolz.„Der Präſident fragte mich, ob ich keine gute Wohnung bei ordent⸗ lichen Leuten für einen jungen Mann wüßte, der ihm empfohlen ſei. Da fiel mir der Papa ein, der die drei Zimmer oben leer hatte und keinen Miether fand, wie er ihm paßte. Hehe! es hat Mühe genug ge⸗ koſtet, daß er es mit dieſem verſuchte.“ „Es hat uns niemals leid gethan,“ erwiederte die alte Frau,„und wenn er bis an ſein Lebensende bei uns wohnen wollte, würden wir es gern ſehen.“ „Potz Wetter!“ rief Herr Niedlich,„das wird er bleiben laſſen; denn eigentlich für einen Mann, der 26 ſo viel Geld hat wie der, müßte er überhaupt an⸗ ders wohnen und leben, und wenn er Fräulein Hed⸗ wig heirathet, wird er ſeinen Geldbeutel etwas weit aufmachen müſſen, denn die verſteht's Geld auszu⸗ geben. Durch und durch gebildet, malt, ſingt, liebt die Kunſt, Alles vom beſten Geſchmack an ihr.“ „Es iſt doch ein rechtes Glück, was der liebe Herr von Trifels macht!“ rief die alte Frau; zaher e er verdient es auch, ſo gut wie er iſt, immer freundlich und gut wie ein Kind.“ Herr Niedlich hatte Luſt, laut aufzulachen und in ſeinem langen Geſichte zogen ſich hundert ſpottende Falten zuſammen, als er ſeine Neigung unterdrückte—„Das Glück iſt allerdings groß genug,“ ſagte er,„denn es iſt eine koſtbare Sache, ſo eine liebenswürdige, geiſtreiche Frau zu haben, die auf dem höchſten Punkt der Bildung ſteht; allein es iſt doch auch eine angenehme Empfindung, einen Mann zu bekommen, der zehntauſend Andere haben könnte, die alle Hände nach ihm ansſtrecken würden. Und Sie können es glauben, Mama, es wird Lärm genug machen, daß der reiche Freiherr von Trifels ſich nicht eine Dame aus einer alten Familie, ſo eine Gräfin oder irgend eine aus den obern Regionen ausſucht, ſondern eigentlich doch hinunter ſteigt.“ 27 „Herr Jeſus!“ ſchrie die alte Frau,„iſt denn der Präſident nicht auch ein vornehmer Mann?“ Herr Niedlich lächelte.„Wir ſind alle vornehm,“ ſagte er, ſeine Stirn weiſe faltend,„wenn wir uns gegenſeitig auf die Wage ſtellen und herunter blicken uf diejenigen, welche leichter wiegen; für die aber, welche ſchwerer ins Gewicht gehen, als wir ſelbſt, ſind wir die Geringen, und ſo geht es fort, Mama Hartmann, ganz von oben herunter, vom Großmogul oder Großtürken bis zum Sackträger. Verſtehen Sie mich jetzt, Mama?“ „Es iſt mir ſo, als ob ich's verſtände,“ antwor⸗ tete die alte Frau nachſinnend. „Ich ſage aber nicht,“ fuhr Herr Niedlich fort, „daß ein Vornehmer nicht etwa auch unter ſeinen Stand heirathen und lieben ſollte. Ueber ſolche Narrheiten muß ein gebildeter Mann fort ſein. Wenn er Bil⸗ dung findet, ſo iſt dies der höhere Standpunkt; wenn er dadurch ſeine gebildeten Gefühle hingeriſſen ſieht, ſo hat er nicht nach dem Stande der Eltern oder Angehörigen zu fragen; das wäre eine gemeine Ge⸗ ſinnung, Mama. Bildung adelt alle Menſchen, und wenn einer Gott weiß was alles iſt und hat keine Bildung, ſo iſt er nichts; gar nichts iſt er! Darum muß man keine Bildung hindern oder gar verachten.“ 28 Mit dieſen Worten legte Herr Niedlich ſein lan⸗ ges rechtes Bein über das linke und ſchielte lächelnd den alten Mann an, der ſein ernſthaftes Geſicht regungslos auf die Lampe richtete.„Ich habe immer geglaubt....“ murmelte der Meiſter vor ſich hin und ſchwieg wieder ſtill. „Was haben Sie geglaubt, Papa?“ fragte Herr Niedlich lebhaft. „Die rechte Bildung für'nen Menſchen kommtt von daher,“ fuhr der Meiſter fort, indem er ſeine Hand auf die linke Seite ſeiner Jacke legte.„Es ſoll Jeder thun, was recht iſt, was ſich für ihn ſchickt, der Eine ſo, der Andere ſo. Jeder in ſeiner Weiſe.“ „Das iſt ganz wahr!“ rief Herr Niedlich beleh⸗ rend,„aber es iſt nur nicht richtig angewandt. Bildung ſchickt ſich für Alle gleichmäßig, keiner hat ein beſonderes Privilegium darauf, darum heißt es auch allgemeine Bildung. Sehen Sie mich an, Papa, ich bin ein Agent, ein Mann von der Börſe, kein Freiherr oder hochſtudirter Herr, aber ich gelte gerade ſo viel wie 1 der Herr von Trifels und dergleichen: ich bin eben ſo angeſehen wie er, es iſt gar kein Unterſchied zwi⸗ ſchen uns, denn Bildung wiſcht alle Unterſchiede forrt. Lerne, ſagt Göthe, nutze Deine jungen Tage. Sehr ſchön geſagt, Papa, nicht wahr? Und eben —“ —— 29 deßwegen muß man gebildet ſein, muß Muſik lernen, Kunſt und Wiſſenſchaft lieben, damit man mitſprechen kann und nicht über die Achſel angeſehen und aus⸗ gelacht wird.“ „Es ſoll Jeder da bleiben, wo er nicht ausge⸗ lacht wird,“ ſagte der alte Mann; aber Herr Nied⸗ lich hörte nicht auf dieſe Antwort. Er ſprang auf und lief nach der Thür.„Da kommt, Trifels end⸗ lich!“ ſchrie er,„ich wäre längſt wieder hier geweſen. Wo bleibt denn Mariechen? Es iſt keine Zeit mehr zu verlieren. Ach! jetzt erſcheint ſie in dunkler Ver⸗ puppung, doch bald entweicht der ſchönſte Schmetter⸗ ling! wie Schiller ſagt.“ Bei dieſem Ausruf verbeugte ſich Herr Nied⸗ lich ein halbes Dutzend Male, indem er theatraliſch ſeine Arme ausſtreckte und ſeinen Klapphut in der Rechten ſchwenkte. Fräulein Marie Hartmann trat ſo eben herein, in den Mantel gehüllt und den Kopf unter einer ſchwarzen Seidenkappe verborgen, aus welcher ihr friſches Geſicht anmuthig hervor⸗ blickte. Von der andern Seite aber erſchien der Aſſeſ⸗ ſor von Trifels, in ſeinen großen Kragen gewickelt, aus welchem er die Hand mit dem gelben knappen Hand⸗ ſchuh und der feinen weißen Manchette dem alten Meiſter entgegenſtreckte. 30 Sein glückliches, frohes Lächeln und der männ⸗ liche, überlegene Ausdruck in ſeinen Mienen thaten auch jetzt ihre Wirkung in ſo weit, daß der alte Mann die gebotene Hand annahm und ruhig anhörte, was Trifels ihm von Dank und Wohlwollen wie⸗ derholte.—„Bringen Sie mir das Mädchen nur bald zurück, ich werde ſo lange warten und aufblei⸗ den,“ ſagte er darauf.„Und Du, Marte, vergiß nicht, daß Du morgen nicht ausſchlafen kannſt, ſondern Hände und Beine rühren mußt. Du weißt ſchon, warum.“ Die Tochter neigte ſich zum Kuſſe über ihren Vater, Herr Niedlich ſchrie laut auf.„Es iſt eine Barbarei, ſolche väterliche Abſchiedsrede,“ fing er an zu ſchelten.„Was haben Sie denn morgen vor, Papa, das Mariechen in Athem halten ſoll?“ „Allerlei Gutes,“ ſagte der Meiſter.„Nimm die Lampe, Mutter, und leuchte ihnen binaus.“ Mit ſeinen letzten Abſchiedsworten gingen ſie, dann kam die alte Frau in großer Eile noch einmal zurück, um einen Pelzkragen zu holen, und hinter ihr her flog Herr Niedlich, der ihr das ſchützende Putz⸗ ſtück aus der Hand nahm, es um ſeinen eigenen dünnen Hals ſchlang, vor dem Papa einen Knirx machte, ihm verſicherte, daß er ſich höchſt ſittam — 31 benehmen werde, und zur Thür hinausſprang, unter dem herzlichen Gelächter der alten Frau, die ihm nachfolgte.— Nach einigen Minuten ſchlug die Haus⸗ thür zu, der ſchlurfende Gang der Frau Meiſterin kam näher, und als ſie die Lampe auf den Tiſch ſtellte, blickte ſie beobachtend ihren Mann an, der noch ganz ſo ſaß, wie er geſeſſen, worauf ſie ihre Arbeit nahm, ohne ein Wort an ihn zu richten. Dieſes gegenſeitige Schweigen des alten Ehe⸗ paares dauerte lange Zeit fort. Zuweilen, wenn die Frau ihre Nadel neu einfädelte und ihr Geſicht vom Lichte der Lampe hell wurde, that der Meiſter einen langen, ſcharfen Blick darauf hin, als wollte er in allen Falten und Ecken etwas leſen, und wenn er den Kopf aus der rechten in die linke Hand legte und mit den Füßen dazu ſchurrte, ſah ſie unter ihrer Haube hervor auf die dicken, borſtigen Augenbrauen, um eben ſo ſchnell wieder ſeitwärts zu blicken. Ihre Lippen, die ſich freundlich verzogen hatten, ſchloſſen ſich dann von Neuem ſcharf zuſammen.— Es war ganz gewiß, daß Beide eigentlich große Luſt ſpürten, ſich Mittheilungen zu machen, und daß dieſes Ver⸗ langen immer mehr anwuchs; denn die alte Frau wandte den Kopf nach und nach immer raſcher auf und nieder, der Meiſter dagegen veränderte ſeine 32 Stellungen eben ſo ſchnell; allein Keiner wollte den Anfang machen, und der gegenſeitige Aerger über die Hartnäckigkeit des Anderen erwies ſich deutlicher noch als durch jene Unruhe, durch die finſteren und unzufriedenen Mienen. Auch hier behauptete jedoch die zähere weibliche Natur endlich das Schlachtfeld; denn plötzlich hob der Meiſter ſeine Hand auf, mit welcher er einen feſten Schlag auf die Armlehne that und dabei grol⸗ lend ſagte:„Und es ſoll doch geſchehen, Blech ſoll Blech bleiben!“ „In Gottes Namen!“ antwortete die Frau, weiter ſtopfend. „Habt Ihr Eure Plane gemacht, ſoll's Euch nichts helfen,“ fuhr er fort. „Wir haben keine Plane gemacht,“ fiel ſie ein, „aber. „Ich kenne Euch Weiber!“ rief er dazwiſchen, „und ich ſage es Dir noch einmal, auch heut Abend war es abgekartet! Nicht allein der Hanswurſt da, der Niedlich, mußte kommen, auch den Aſſeſſor habt Ihr angeworben.“ „Wenn's ſo wäre,“ ſagte ſie,„warum haſt Du es denn erlaubt? Es war Deine Sache!“ Der Meiſter ſchwieg ſtill, der Vorwurf traf ihn 33 gut genug.—„Ich hätte es freilich nicht thun ſollen,“ brummte er endlich,„aber dem Trifels konnt' ich's nicht abſchlagen. Ich weiß nicht, warum ich's nicht konnte, es macht wohl, weil ich glaube, er hat das Herz auf dem rechten Fleck, und weil's ein Mann iſt, auf den man ſich verlaſſen kann, und weil's dem Präſidenten zu Gefallen geſchieht, ein Herr, der Achtung verdient, und endlich“— hier faßte der alte Mann an ſein ſchwarzes Käppchen und drehte es mit einem ſtürmiſchen Ruck rund um ſeinen Kopf. „Alſo darum,“ ſagte ſeine Frau, deren hageres Geſicht ſich zu einem Lachen verzog. „Ja, darum,“ fuhr er fort.„Weil ich wohl ſah, das Mädchen mochte es gern, und Dir war's noch mehr recht, als ihr. Muß man nicht den Wei⸗ bern zu Liebe leben, um, wenn's geſchehen kann, die ſauren Geſichter zu vermeiden? Es iſt mein Kind, ich mache ihm gern eine Freude, habe es auch immer ſo gehalten.“ Die Frau Meiſterin ſtreckte ihre Hand über den Tiſch nach ihm aus und nickte ibm zu.—„So mach' doch kein Gerede mehr, Chriſtian,“ ſagte ſie,„und laß das Brummen ein Ende nehmen! Iſt es denn nicht eine Ehre für unſer Kind, ſolche feine Geſellſchaft 1856. XIV. Neues Leben. I. 3 34 und vornehme Leute? Mariechen wird ſich ſchon anzuſtellen wiſſen, blöde iſt ſie nicht, dumm auch nicht. Wir wenden es ja auch an ſie, ſo viel wir können und wenn der Heinrich Niedlich in nichts Recht hat, ſo hat er darin Recht, daß Bildung den Menſchen ziert und eine gebildete Frau das ganze Haus ſchmückt. Jederman kann ſtolz darauf ſein, ſolche Frau zu haben.“ „Es wird aber doch nichts daraus!“ rief der Meiſter wieder in dem alten heftigen Tone. „Woraus wird nichts?“ fragte ſie. „Ich will's Dir ſagen,“ erwiederte er darauf. „Schrei nicht auf, wenn ich Unrecht habe, aber es iſt mir ſo vorgekommen, als ob der Herr Agent von der Staatsbank ſich an uns machen wollte; das heißt, an Marie möchte er ſich machen, und daraus kann nichts werden und ſoll nichts werden nun und nimmermehr!“ Frau Hartmann ſchwieg ein Weilchen, und wie genau der Meiſter ſie beobachtete, er konnte keine Veränderung in ihrem Geſichte bemerken. Endlich aber ließ ſie die Nadel ruhen und ſagte mit ge⸗ dämpfter Stimme, als könnte ein Dritter es hören, den ihre Augen vergebens ſuchten:„Mir iſt nichts aufgefallen, gar nichts habe ich gemerkt. Heinrich 35 iſt von Klein auf hier aus⸗ und ein gegangen und iſt immer ein luſtiger Vogel geweſen, der gern lacht und viel ſpricht; wenn's aber wirklich ſo waͤre, Chri⸗ ſtian, ſo wüßte ich doch nicht, wo's Unglück ſäße.“ „Sie wüßte nicht, wo's Ungluͤck ſäße!“ wieder⸗ holte er mit Bitterkeit. „Nein,“ fuhr ſie fort,„ich ſage es auch noch einmal. Niedlich iſt ein Mann, der oben ſteht und noch höher kommen wird. Allen Leuten gefällt er.“ „Mir nicht!“ rief der alte Mann dazwiſchen. „Mir gar nicht!“ „Dir braucht er auch nicht zu gefallen, Du wirſt ihn auch nicht heirathen,“ antwortete ſie eifriger. „Aber ich will keinen Schwiegerſohn haben, der mir nicht gefällt!“ ſchrie er mit der ganzen Kraft ſeiner Stimme. „Es würden wenige Mädchen ſein, die nicht Herein riefen, wenn Heinrich Niedlich anklopfte,“ erwiederte ſie unerſchrocken.„Ein junger hübſcher Mann, ein eigenes Haus, Geld, vornehme Freunde, eine Einrichtung wie bei einem Fürſten.“ „Laß ihn nehmen, wer ihn haben will!“ ſagte er grimmig.„Ich habe es ja geſagt, ſie ſtecken alle unter einer Decke; aber ich will ein Ende damit machen! Das will ich!“ 3* 36 „Biſch!“ flüſterte ſie einlenkend,„ſoll's die Magd draußen hören? Niemand hat noch ein Wort geſagt, Marie nicht und Heinrich noch weniger. Thu mit Deiner Tochter, was Du verantworten kannſt. Ich ſage nichts dazu; gar nichts ſage ich dazu.“ „Aber es iſt nicht recht von Dir, ſo zu reden, daß mir das Blut in den Kopf ſteigt,“ begann der Meiſter ruhiger.„Den ganzen Abend über habe ich's wohl gemerkt, daß das, worauf ich losſteuerte, Dir nicht recht war. Es ſoll aber ſo ſein, Liesbeth, und es bringt mir Keiner den Sinn herum. Den Rein⸗ hold ſoll ſie nehmen, der wird ſie in Ehren halten. Denn erſtens ſtammt er von meines Vaters Schwe⸗ ſterkind ab, iſt alſo ein Verwandter; zweitens iſt er brav, ich hab' ihn erprobt, und drittens iſt Keiner geſcheidter wie er. Die ganze Werkſtatt hält er zu⸗ ſammen und hat's Geſchick von Gott in den Händen ſowohl, wie im Kopfe. Ich ſag's Dir, Liesbeth, es kann's ihm Keiner gleich thun im ganzen Lande. Was der Erznarr, der Niedlich, von Bildung ſchwatzt und Kunſt, iſt lauter Alfanzerei. Auf den Michaels⸗ thurm ſoll er ſteigen, ſoll zuſehen, was der Reinhold da für ein Kunſtwerk geſchaffen hat, Knaufe, Roſetten und Arabesken, die ganze Verzierung bis zur Spitze hinauf mit dem Hammer aus dem dicken Zinkblech 4 1 getriebe und oben die Krone mit Knopf und Kreuz, drei Männer können darin ſitzen. Von weit her ſind verühmte Leute gekommen, haben die Sache ange⸗ ſchaut und haben's kaum glauben wollen, daß ein einfacher Blechſchmied das alles mit ſeinen Händen gemacht hat. Siehſt Du, Liesbeth, das nenn' ich Kunſt, und da ſitzt die Bildung. Ich kann's nicht machen, was der Reinhold vollbringt, ich ſag's laut und offen. Ohne ihn hätt' ich die Arbeit nimmer ausführen können, und wenn er wollte, alle Tage könnt' er ſich ſelbſtſtändig ſetzen, würde viel Geld verdienen, mit mir aber würde es rückwärts gehen. Er ſoll mir aber nicht aus der Werkſtatt und aus dem Hauſe. Ich ſeh's an jeder Miene, wie es drinnen bei ihm ausſieht, und es iſt eine treue Seele, Mutter; wem die anhängt, von dem kann ſie nicht laſſen.“ Frau Hartmann höͤrte ſtill zu, ſie konnte offenbar nichts anfechten, was ihr Mann ſagte, und doch hatte ſie ſicher mancherlei auf den Lippen.„Haſt Du denn ſchon mit ihm geſprochen?“ fragte ſie darauf. „Nichts,“ ſagte er,„doch es muß kommen. Nun dachte ich, ich würd's morgen wahrnehmen, wo ſein Geburtstag iſt, und Marie ſoll ihn beſchenken. Da wird er wohl Worte finden, ein Wort dann giebt's andere, bis ich die Hände zuſammen legen thäte. 38 Darum geht es mir doppelt in die Quer, daß Marie aus dem Hauſe iſt. Ich hätt's nicht leiden 1 hätte mich nicht herumkriegen laſſen ſollen,“ Vunenen er gegen ſich ſelbſt zürnend. Wenn er nicht dabei die Augen vor ſich tief niedergeſenkt hätte, würde er geſehen haben, welche Genugthuung ſich im Geſichte ſeiner Lebensgefährtin kund gab; mitten in den ſchweigſamen Betrachtungen des alten Ehepaares aber ging draußen abermals die Klingel an der Thür, und der Meiſter ruckte in ſeinem Stuhle auf und ſagte mit einer gewiſſen Beklommenheit, als nahe ein Richter ſeiner Hand⸗ lungen:„Da kommt Reinhold nach Haus. Es wird ein Fragen geben, und lieb wird es ihm gewiß nicht ſein, wenn er hört, wo Marie iſt. Ich wollte, ich hätte es nimmer zugegeben, es drückt mir den Mund zu.“ „So werde ich ihn aufthun,“ antwortete die Frau Meiſterin.„So weit ſind wir doch noch nicht, daß man vor ihm bange ſein könnte!“ fügte ſie gereize hinzu, indem ſie nach der Thür blickte, durch welche ihr unerwünſchter zukünftiger Schwiegerſohn eben hereintrat. Man mußte der entſchloſſenen Frau Meiſterin aber jedenfalls beipflichten, daß der erſte Arbeiter und Vetter ihres Mannes kein Gegenſtand ſei, der „½ — 39 ſofort Furcht oder irgend ein ähnliches Gefühl er⸗ wecken konnte. Der junge Mann, welcher mit allen Zeichen der Ehrerbietung an den Tiſch trat und einen leiſen guten Abend bot, ſah gutmüthig und nichts weniger als fürchterlich aus. Ein ungewöhnlich großer breiter Kopf ſaß auf ſeinem Halſe, zu welchem ein ganz anderer Körper zu gehören ſchien, der, wie man meinen konnte, ihm abhanden gekommen ſein mußte. Hiedurch entſtand eine gewiſſe Unförmigkeit zwiſchen dem vorhandenen Körper und dem mächti⸗ gen Kopfe, welche nicht hinlänglich dadurch ausge⸗ glichen wurde, daß zwei freundliche blaue Augen unter ſeiner hoch gewölbten Stirn lagen und die milden Züge des wohlgeformten Mundes dieſem einen ſehr ſanften Ausdruck ertheilten. Das blonde Haar des Arbeiters ſank fein und glatt an ſeinen Schläfen nieder, und ſeine etwas bleiche Geſichtsfarbe paßte zu den ſcharfen Linien des ganzen Geſichtes. Als ſein Gruß mit Dank erwiedert war, legte er ſeine Mütze auf das Clavier und ſchien eine Ein⸗ ladung zum Niederſetzen zu erwarten, die lange aus⸗ blieb, denn die Meiſterin ſtopfte fleißig, und der Meiſter ſchien ganz in ſeinen Gedanken verſunken. Endlich aber ſah er auf, ſtreckte ſeine Hand nach 40 dem Stuhle neben ſich aus, den er näher zog, und richtete das Wort an ſeinen Vertrauten. „Setz Dich her, Reinhold,“ fing er an.„Biſt bei guten Freunden Deinen Abend über geweſen?“ „Ja Vetter,“ erwiederte der junge Mann in ſanftem, leiſem Tone.„Sie wiſſen ja, daß wir einen Verein geſtiftet haben, ſowohl zur Geſelligkeit, wie auch zum gegenſeitigen Nutzen.“ Der Meiſter nickte beiſtimmend, und Reinhold fuhr fort:„Wir verſammeln uns wöchentlich zwei Mal und haben dazu einen Saal mit anſtoßendem Garten gemiethet.“ „Da geht's wohl luſtig her?“ fragte Frau Hartmann. „Wie es ſo bei jungen Leuten der Fall iſt,“ antwortete der Arbeiter,„aber es geſchieht doch eigent⸗ lich der beſſeren Bildung wegen.“ „Ihr habt's alſo auch mit der Bildung zu thun?“ rief der alte Mann auflachend.„Alle Welt hat es jetzt mit der Bildung zu thun!“ „Ei, ja, lieber Vetter, es iſt auch nothwendig, denn die Welt geht vorwärts,“ erwiederte Reinhold, ſanftmüthig lächelnd.„Der Handwerker zumal hat es nöthig, aus den alten Zuſtänden herauszukommen, 41 aus dem wuͤſten Leben und Schwärmen, das bisher in den Herbergen üblich war.“ „Ihr wollt alſo vornehm hinaus?“ fragte der Meiſter.„Jeder will jetzt vornehm ſein!“ „Wenn's ſo viel bedeutet, wie etwas auf ſich halten, das rohe Weſen ablegen und an guten Din⸗ gen Wohlgefallen haben,“ ſagte der Geſell, die blauen freundlichen Augen aufſchlagend,„ſo ſollte jeder Menſch vornehm ſein.“ Ddie Antwort ſchien dem alten Manne zu be⸗ hagen.„Das läßt ſich anhören,“ meinte er,„und es klingt ganz anders,“ fuhr er fort, indem er nach ſeiner Frau hinüber ſah.„Was thut Ihr denn beiſammen?“ „Es wird über allerlei Schickliches geſprochen, auch Vorträge werden gehalten, von denen, die es beſſer wiſſen, über Geſchichte und Länderkunde und andere nützliche Kenntniſſe. Was in dem und jenem Handwerk etwa neu iſt oder neu erfunden, wird be⸗ redet, wer darüber etwas zu ſagen weiß, läßt es hören. Ich habe auch ſchon über unſere Arbeiten allerlei mitgetheilt, ſo gut ich's vermochte,“ fügte er beſcheiden hinzu,„und weil ich im Zeichnen etwas weiter bin, als Andere, gebe ich ein paar Stunden alle Woche deuen, die es annehmen wollen.“ 42 „Und dabei ſitzt ihr den ganzen Abend trocken beiſammen?“ fragte die alte Frau ungläubig. „Nicht doch, Frau Muhme,“ ſagte Reinhold. „Es kann Jeder ſeine Kehle anfeuchten mit einem Glaſe Bier, kann rauchen und ſchwatzen, wenn er nicht zuhören mag, oder Zeitung leſen; dazu werden gute Bücher ausgeliehen; endlich aber wird auch ge⸗ ſungen. Die beſten Stimmen ſind zuſammengethan in den Geſangverein, einen eigenen Muſik⸗Director haben wir uns dafür angeſchafft.“ „Einen Muſik⸗Director!“ ſchrie die Frau Mei⸗ ſterin.„Das wird ein ſchöner Muſik⸗Director ſein!“ „Jung iſt er zwar,“ antwortete der Arbeiter lächelnd,„doch ſeine Sache verſteht er, wie ein Alter, ſie ſagen's alle. Es iſt der Herr Herzberg,“ fuhr er fort,„er thut's uns zu Gefallen; Geld und Gut haben wir nicht zu bieten.“ „Der iſt es?“ ſagte ſie.„Der hat ja ſelbſt nichts.“ „Das ſoll wohl ſein,“ ſprach Reinhold.„Ein angeſehener, reicher thät's nicht, darum kann's nur ein armer thun, der's empfindet der Sache wegen. Jeder von uns giebt gern ſeinen Wochengroſchen, wofür Alles beſchafft wird, da es an die zweihun⸗ dert ſind. Und es iſt Segen dabei, lieber Vetter,“ fuhr er fort, während das blaſſe, große Geſicht noch 43 freundlicher und heller wurde.„Wüſtes Toben kommt nicht vor, wüſte Menſchen gehen von ſelbſt oder müſſen gehen. So ſind wir eine vornehme Geſell⸗ ſchaft, die auf Bildung hält; dazu hilft der Eine den Anderen; das Allerbeſte fürs Ganze aber thun Muſik und Geſang.“ „Hörſt Du, Chriſtian,“ ſiel die Frau Meiſterin ein,„hörſt Du, was Dein Reinhold ſagt?“ „Es giebt nichts Schöneres und Beſſeres,“ fuhr der Arbeiter fort.„Lange wird's nicht dauern, ſo werden wir ein Concert geben können, wobei Jeder ſeine Familie oder Angehörige mitbringt, und nach dem Concert ſoll ein Ball kommen.“ „Siehſt Du wohl, Vater, was zur Bildung gehört!“ rief die Meiſterin triumphirend.„Mariechen liebt auch Muſik und macht gern ein Tänzchen. Junge Mädchen tanzen alle gern, und wenn's in guter Geſellſchaft geſchieht, iſt es das ſchönſte Ver⸗ gnügen.“ Der Meiſter faßte nach ſeinem Käppchen und ſtieß einen Ton aus, der zwiſchen Seufzen und Brummen in der Mitte ſchwebte. Reinhold aber wandte den Kopf ſuchend nach der Glasthür, die ins Nebenzimmer führte, und fragte leiſe lächelnd: „Wo iſt denn Mariechen? Doch nicht krank und ſchon ins Bett geſtiegen?“ „J, bewahre!“ antwortete die Meiſterin,„aus⸗ geflogen zur Bildung auf einen Ball; jetzt wird ſie eben ſo recht dabei ſein.“ Reinhold ſah ihr ungläubig ins Geſicht, dann rieb er ſeine Hände und blickte zu dem Vetter hin, der ſich nicht rührte; endlich aber ſchüttelte er mit dem immer gleichen ſtillen Lächeln leiſe den Kopf. „Es iſt wirklich wahr, Reinhold!“ rief die Baſe.„Marie iſt ausgebeten worden, ganz unverhofft.“ „Wenn's ihr nur lieb war,“ ſagte er freundlich. „Tanzen und froh ſein iſt jungen Mädchen immer lieb,“ fuhr ſie fort.„Herr Niedlich kam und holte ſie ab.“ „Der Herr von Trifels kam, ich konnt's ihm nicht abſchlagen!“ rief der Meiſter dazwiſchen. „Sie ſind alle beim Präſidenten drüben,“ ſagte Frau Hartmann, und nun erzählte ſie mit Ruhmre⸗ digkeit, was ſich zugetragen hatte, indem ſie Niedlich's Namen, ſo oft es ſich thun ließ, einmiſchte und endlich mit der Verſicherung ſchloß, Mariechen werde gewiß jetzt öfter eingeladen werden, weil Herr Niedlich längſt hinterbracht habe, wie gern die gnädigen Fräulein Marien kennen lernen möchten. 45 „Ich glaube es wohl,“ fiel Reinhold ein, und ſeine blauen Augen leuchteten hell auf,„das Ma⸗ riechen muß auch Jedermann lieb haben, man braucht es nur anzuſehen.“— Plötzlich ſchwieg er ſtill, wie erſchrocken über ſich ſelbſt, und erſt nach einigen Au⸗ genblicken fügte er hinzu:„Alſo getanzt wird bei den Herrſchaften drüben, darum ſind die Fenſter alle ſo hell. Ich wollte, daß ich's mit anſchauen könnte, ſie wird's ſchöner machen, wie alle Anderen.“ „Und der Vater wollte es ihr erſt gar nicht erlauben,“ ſagte die Mutter vorwurfsvoll in ihrem Stolze. „Warum denn nicht?“ fragte der junge Mann. „Es iſt ja eine Ehre, ſo wohl gelitten zu ſein.“ „Es iſt Dir alſo recht, daß ſie hingegangen iſt?“ fragte der Meiſter, indem er nach ihm umſchaute. „O, mir... mir!“ antwortete Reinhold, und auf ſeiner breiten Stirn ſchien ſich ein röthlicher Schimmer zu ſammeln;„es iſt mir eine rechte Freude, weil ich denke, es muß Mariechen Freude machen, und wenn ich das denke, ſo... ſo weiß ich nichts Beſſeres, das geſchehen könnte.“ Er ſtand unruhig auf, als habe er etwas Un⸗ rechtes geſagt, und griff nach dem Lichte, das auf dem Brett in der Ecke ſtand. 46 „Willſt ſchon hinauf in Deine Kammer?“ fragte der Meiſter. „Morgen früh,“ erwiederte der Geſell,„ſoll der letzte Hammerſchlag an der Thurmkrone geſchehen.“ „Haſt kunſtvoll daran gearbeitet, als wär's eine Brautkrone,“ ſagte der Alte ihm zunickend. Der Blick machte ihn noch verwirrter. Er ſteckte das Licht an und wandte ſein Geſicht ab.—„Sag's nur Mariechen morgen eben ſo,“ fuhr der Meiſter fort. „Was denn?“ fragte er. Der Meiſter lachte.„Nun, was Du ihr zu Deinem Geburtstage wünſchen thuſt. Du mußt es am beſten wiſſen, wie Du es mit ihr meinſt.“ Das Glück glänzte in den Augen des jungen Arbeiters, ſein ganzes Geſicht war roth. Er wollte etwas ſprechen, aber es kam nicht dazu, denn die Muhme nahm ihm den Muth. Sie ſaß, als ſähe und hörte ſie nichts, arbeitete vor ſich hin und machte ein Geſicht, vor welchem er erſchrak. „Gute Nacht, lieber Meiſter, gute Nacht, Frau Muhme!“ ſagte Reinhold.— Sie nickte und mur⸗ melte etwas, der Meiſter aber ſchüttelte ihm die Hand.—„Laß Dich nicht irre machen, Reinhold,“ ſagte er mit barſchem Tone,„Weiber ſind Weiber, alleſammt haben ſie ihre Mucken; aber ein Mann 47 läßt ſich darum nicht unterkriegen, und das Blech bleibt Blech, ſchlag drauf, daß es klingt, ſo biegt es ſich. Biſt ein Burſch, der es thun kann. Alſo paß auf — morgen!“ Mit ſeinem ſanftmüthigen Lächeln und einem Blitz aus den hellen Augen entfernte ſich Reinhold, und jetzt wurde die tiefe Stille in der Wohnſtube nicht mehr unterbrochen.— Der Meiſter nahm eine Pfeife mit langem Rohr von dem Wandgeſtell, ſtopfte den großen Kopf, zündete ihn an und machte es ſich dann ſo bequem wie möglich, indem er nicht mehr wie früher ärgerliche Blicke auf ſeine ſchmol⸗ lende Frau warf, ſondern gemüthlich ſpottende und luſtige. Er hatte ſeinen Faden gut eingefädelt, um, was geſchehen ſollte, morgen glatt abzuwickeln; Liesbeth war unzufrieden, ließ es merken und wagte doch nicht, laut dagegen zu ſein. Endlich legte ſie ihre Arbeit fort, ſtand auf und ging neben ihm vorbei in die Kammer; der Meiſter aber blieb ſitzen und blies mit leiſem Gelächter ihr eine ungeheuere Dampfwolke nach, aus der er vergnügt hervorſchaute. Nachdrücklich auf die Stuhllehne ſchlagend, rief er dann, indem er gegen die Kammer nickte:„Heda, Frau, ſchlaf geſund und träum' was Gutes, aber das Blech muß doch allemal oben ſchwimmen!“ Zweites Capitel.- Der Präſident von Landau bewohnte das erſte Stockwerk des großen ſchönen Hauſes, das in der breiten Straße dicht an einem freien Platze lag, der den Mittelpunkt des geſchäftigen Lebens bildete. Von den Fenſtern der Wohnung aus konnte man weit nach beiden Seiten ſehen und an der Straßen⸗ krümmung auch das beſcheidene Eigenthum des ehr⸗ ſamen Blechſchmiedes erkennen, das mit ſeinem hohen Giebel und alterthümlichen Vorban von weit ſtatt⸗ licheren Nachbarn umringt war. An einem der Fenſter, die zur Wohnung des Präſidenten gehörten, befanden ſich nun am nächſten Vormittage zwei junge Damen, von denen die eine ein Schlüſſelbund an der Seite trug, ein Körbchen am Arme und ein ziemlich ab⸗ genutztes Geldtäſchchen in der Hand hielt, die andere 49 mit einem aufgeſchlagenen Buche ſpielte, das ſehr koſtbar gebunden war, während ſie zugleich ſprechend und lachend mit einem vergoldeten Theelöffel die Taſſe Chocolade umrührte, welche neben ihr ſtand, und das duftende Getränk mit den Lippenſpitzen koſtete. „Wie gut Du biſt, Herzens⸗Emma!“ rief ſie dabei, ihrer Freundin zunickend,„wie Du für mich ſorgſt, und was die Chocolade prächtig ſchmeckt! Du haſt ſie gewiß ſelbſt bereitet.“ „Wie immer, Hedwig,“ antwortete die Gefragte. „„O, Du biſt die allerbeſte Seele!“ fuhr die junge Dame fort.„Was ſollte aus mir werden, wenn ich Dich nicht hätte! Was ſollte aus uns allen werden, wenn unſer liebes Täntchen uns nicht bemutterte!“ Sie warf das Buch fort und legte den Arm um die Freundin, indem ſie dieſe ſo heftig an ſich zog und küßte, daß einige Mühe dazu gehörte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.„Du wirfſt mich um,“ ſagte Emma,„oder ich werfe die Taſſe um; da fällt ſchon das Buch.“ „Laß das dumme Buch fallen!“ rief Hedwig, „aber mach kein ſo ſchrecklich ernſthaftes Geſicht, Tänt⸗ chen. Biſt Du böſe auf mich? Du darfſt nicht böſe ſein! Sieh mir einmal gerade in die Augen, ganz gerade! Du kannſt gar nicht böſe ſein, Täntchen, 1856. XIV. Neues Leben. I. 4 50 denn Du biſt viel zu herzensgut, und wenn Du nur nicht ſo ehrbar wäreſt, ſo moraliſch, ſo fürchterlich tugendhaft“— ſie brach in ein ſchallendes Gelächter aus und küßte die Widerſtrebende mit Heftigkeit, während ihre Augen vor Luſt und Schelmerei ſtrahlten. Die beiden jungen Mädchen, denn ſie waren beide jung, ſahen ſehr verſchieden aus. Das derbe, runde und geſunde Geſicht derjenigen, welche Emma genannt wurde, rechtfertigte den Beinamen ‚Täntchen: eben ſowohl, wie die ganze kleine runde Perſon. Da⸗ zu paßte auch ihr häuslicher Anzug, das ſchwarze Jäckchen und das Schluͤſſelbund, während ihre jün⸗ gere Freundin ſo lieblich und heiter wie ein Früh⸗ lingsmorgen in die Welt ſchaute und ſo fein, ſchlank und zart ausſah, als wäre ſte aus beſonderem Stoffe gemacht. Ihre ſonnigen großen Augen fingen voll Schalkheit die abmahnenden Blicke ihrer Freundin auf; es machte ihr Vergnügen, deren Mißfallen zu vermehren, um es endlich zu beſiegen, weil ſte wußte, daß dieſen reizenden, ſpottenden, einſchmeichelnden Mienen, dieſen ſüßen Bitten und Liebesworten doch zuletzt nicht zu widerſtehen ſei. „Laß mich endlich los, Du böſes Mädchen,“ ſagte Emma, mit dem Beſtreben ſich zu befreien. „Hier am Fenſter obenein— jeder, der hinaufſieht, muß es bemerken.“ „Was ſchadet es denn?“ rief Hedwig, ihre Hände öffnend;„aber ſiehſt Du, Täntchen, ſiehſt Du, Moraliſtin, ſo biſt Du? Statt mir in die Arme zu fallen, meine Küſſe zu erwiedern, mich Deine Herzens⸗Hedwig zu nennen, zwingſt Du mich, an Deinem Halſe feſt zu kleben und um ein Bißchen Liebe mich halb todt zu betteln.“ Das Täntchen hatte inzwiſchen das Buch von der Erde aufgenommen, ſorgſam die verknickten Blät⸗ ter geordnet und die Ecken gerade gebogen.„Wenn ich Dir böſe ſein könnte,“ ſagte ſie, ſchmollend und lachend,„wenn ich Zeit dazu hätte, würde ich es gewiß verſuchen.“ Hedwig ſchlug mit übermüthiger Luſtigkeit in ihre Hände, und indem ſie die Flut ihrer hellbraunen Locken in den Nacken ſchüttelte, rief ſie herausfor⸗ dernd:„Du ſollteſt es wirklich verſuchen, aber es würde Dir leider nicht glücken. Seit drei Jahren machſt Du zuweilen einige vergebliche Anſtrengungen, was hilft es Dir, armes, gutes Täntchen! Deine Herzensgüte iſt viel zu groß, um das Rieſenwerk zu Stande zu bringen. Doch eben deſſentwegen ſind wir ja ſämmtlich Deine gehorſamen Kinder und 4* 52 getreuen Unterthanen, und ich vor Allen, Emma; i möchte Dir jeden Tag zu Füßen ſallen und möchte doch auch wieder, daß Du mich ſchiltſt und zankſt, weil es gar zu hübſch ausſieht, wenn Dein treues, gutes Geſicht ſich gefährlich machen will.“ Sie hielt dabei die Freundin mit beiden Händen feſt, welche ſich noch immer nicht recht erbitten laſſen wollte, während die Vergebung doch überall durch das Schmollen brach und ihre treuen Augen voll Liebe das ſchöne Mädchen betrachteten.„Siehſt Du wohl, Täntchen!“ rief Hedwig mit ihrem reizendſten Lachen, indem ſie von Neuem ſie umfaßte,„Du kannſt mir nicht böſe ſein und darfſt es auch nicht. Du biſt ja meine innigſte Vertraute, und biſt Du auch keine zehn Jahre älter als ich, ſo biſt Du doch mein geheimer Rath, mein Staats⸗ und Kriegs⸗Mi⸗ niſter. Niemand iſt in der Welt, den ich lieber hätte, wie Dich.“ „So ſagſt Du,“ antwortete Emma,„aber ich zweiſle ſehr oft daran. Geſtern zum Beiſpiel.“ Hedwig legte raſch ihre kleine Hand auf Emma's Mund.„Geſtern!“ rief ſie lebhaft,„hatteſt Du mir verſprochen, unbedingt und ſchweigend meine Bitte zu erfüllen. Du haſt es auch redlich gethan, aber heute ſchmollſt Du nachträglich, und doch will ich — . 53 mich kunſtfertig eben vor Dir rechtfertigen, Du ſollſt Alles erfahren.“ Sie war aufgeſprungen und zog die ernſthafte Freundin zu einem großen Fauteuil, drückte ſie hin⸗ ein und kniete an ihrer Seite nieder.„So ſollſt Du mich hören,“ ſagte ſie bittend,„und nicht eher will ich aufſtehen, als bis Du mich wieder liebſt. Du weißt, daß Trifels bei dem wunderlichen alten Handwerker wohnt dort unten in der Straße, in dem ſchrecklichen Giebelhauſe. Ganze Stunden ſitzt er bei ihm; es iſt eine eigenthümliche, unerklärbare Paſſion, das heißt, ſo lange unerklärbar für mich, als ich nicht wußte, daß der alte Handwerker eine Tochter hat, die zu dieſer Freundſchaft das vermit⸗ telnde Band bildet.“ „Wer hat Dir das mitgetheilt?“ fragte Emma. „Herr Niedlich!“ rief Hedwig lachend,„der char⸗ mante, immer dienſtfertige, prächtige Herr Niedlich. Er erzählte mir zuerſt davon, und er muß es wiſſen, denn er iſt nicht allein der Nachbar des Blechſchmie⸗ des, ſondern auch Verehrer und Jugendfreund der Mamſell Marie.“ „Ich würde dieſem Herrn Niedlich ſehr wenig glauben,“ erwiederte Emma,„am wenigſten mit ihm 54 gemeinſam etwas beginnen, was wie Unbeſonnenheit ausſieht.“ „Ich habe ihm auch ſehr wenig geglaubt, ge⸗ ſtrenges Täntchen!“ rief das übermuͤthige Mädchen, „aber ich habe mich ſeiner bedient, um hinter die Wahrheit zu kommen.“ „Und Trifels?“ fragte Emma. „Das iſt es ja eben,“ lachte Hedwig, ihre weißen Hände ringend,„um dieſen Trifels handelte ſich ja die ganze Frage. Wir mußten etwas erſinnen, wodurch er ſelbſt ohne es zu wiſſen, unſer Bundes⸗ genoſſe wurde; denn ich war entſchloſſen, Mamſell Marie kennen zu lernen. Herr Niedlich iſt eine luſtige Perſon, aber Plane kann er machen, ſchlau genug hat er dieſen ausgeſonnen. Trifels ſollte uns ſelbſt die Tochter des alten Handwerkers zuführen, den er ſo liebenswürdig findet. Es kam nur darauf an, Dich für unſere Abſichten zu gewinnen; allein Herr Niedlich verzweifelte auf der Stelle daran, und ich mußte ihm Recht geben; denn— Hand aufs Herz, gewiſſenhaftes Täntchen, würdeſt Du mit uns com⸗ plottirt haben?“ „Nein,“ erwiederte Emma. „Alſo blieb nichts weiter übrig, als Dich aus dem Wege zu räumen, und dies geſchah, indem ich * 55 Dich dringend bat, krank zu werden, und dabei doch feierlich gelobte, nichts zu ſtören und nichts zu ändern.“ „Hätte ich geahnt...,“ ſagte Emma. Hed⸗ wig ließ ſie nicht weiter ſprechen.„Du haſt eben nichts geahnt!“ rief ſie ſchmeichelnd.„Du gabſt meinen Bitten nach, weil Du neugierig warſt, wel⸗ chen Scherz ich heimlich vorbereitet hätte. Und war es denn nicht ein allerliebſter Scherz?! Haben wir nicht einen köſtlichen Abend erlebt? Iſt Papa je ſo munter und liebenswürdig geweſen? Seit meine Mutter todt iſt, alſo ſeit vier Jahren, habe ich ihn nicht ſo heiter geſehen.“ „Es iſt wahr,“ antwortete Emma lächelnd, „meine Stelle iſt gut ausgefüllt worden; ich konnte dafür um ſo beſſer mein häusliches Amt verwalten.“ „O Du armes, viel getreues Täntchen!“ rief Hedwig liebkoſend,„vexgieb mir, vergieb, daß ich Dich um alle Freuden dieſes Abends brachte und zur Einſam⸗ keit und Arbeit verbannte.“ „Ich habe die Beluſtigung nicht vermißt,“ ant⸗ wortete Emma zufrieden lächelnd.— Es war, als wollte ſie verhindern, daß Hedwig irgend eine bedau⸗ ernde Gegenbemerkung machte, denn ſie fügte ſchnell hinzu:„Meine Gegenwart wurde auch draußen nöthiger, 8 56 als ich dachte; denn die Geſellſchaft vergrößerte ſich gegen unſere Erwartung.“ „Wie Du gut biſt, wie Du mild biſt!“ rief Hedwig.„Der einzige Fremde, den wir nicht er⸗ wartet hatten, war der Regierungsrath von Wolters, und um dieſe einzige hohe Perſon, die ſich unver⸗ muthet einfand, hätteſt Du wahrlich nicht nöthig gehabt, einen Finger zu bewegen.“ „Höre auf, liebe Hedwig,“ ſagte Emma,„über etwas zu ſprechen, was vorüber iſt. Wahrlich, die Herren Diplomaten haben ganz Recht, daß über vollendete Thatſachen kein Wort mehr verloren wer⸗ den darf. Du biſt froh geweſen, und ich habe mich nicht betrübt. Das Hausweſen Deines Vaters zu leiten iſt meine Pflicht, die beiden kleinen Mädchen, Deine Schweſtern, zu pflegen und zu behüten, iſt eine noch größere Aufgabe meines Lebens. Ein ſüßer Lohn iſt mir ihre Liebe und Deine Freundſchaft, Herzens⸗Hedwig. Wenn Du nur glücllich biſt, glück⸗ lich bleibſt, Dein ganzes Leben über, ſo bin ich zu⸗ frieden.“ Die Umarmung, welche dieſen herzlichen Worten folgte, war eine innige von beiden Seiten und dauerte ſehr lange, bis Hedwig ſich von ihrer Freundin los⸗ riß und mit ſchelmiſchem Trotze ſtagte:„Zweifelſt 57 Du denn daran, Täntchen, daß ich glücklich werde? Ich will glücklich werden, ich habe die allerbeſten An⸗ lagen dazu! Mich kann ſo leicht nichts verſtimmen, und ſo weit ich die Welt überſchauen kann, ſieht ſie auch gar nicht böſe aus. Nur mein neuer blauer Shawl macht mir Sorge. Ich bin geſtern einem Candelaber im Saale zu nahe gekommen und habe ein ſchreckliches Loch hineingebrannt.“ „Hat es Dein Vater erfahren?“ fragte Emma. Hedwig ſchüttelte den Kopf.„Das wird ihm gar nicht lieb ſein,“ ſetzte die Freundin hinzu,„er hat den Shawl Dir erſt geſchenkt, obenein iſt er theuer.“ „Rede nicht, drohe nicht!“ lachte das übermü⸗ thige Mädchen.„Du ſagſt ja ſelbſt, daß man über vollendete Thatſachen kein Wort verlieren muß. Blaue Shawls ſind überdies nicht mehr die neueſte Mode; man hat viel geſchmackvollere mit farbigen Streifen. Im Uebrigen hat Trifels die meiſte Schuld daran; er und ſein Vetter, Herr von Wolters, ſie ſtanden bei mir und trieben Poſſen. Beide hatten mich zum Tanz aufgefordert. Wolters tanzt übrigens weit beſſer als Trifels, Täntchen. Ich hatte, wie ſie be⸗ haupteten, es Beiden zugeſagt; Keiner wollte wei⸗ chen, ich ſollte entſcheiden. Nun hatte ich mit ihnen Knall⸗Bonbons gezogen,— die Deviſen hielt ich 58 in den Händen, über alle Maßen luſtig zu leſen. Hier hieß es: ‚Könnteſt Du in mein Herze ſehn, Du ließeſt, theure Freundin, mich nicht flehn. Dort aber: ‚Beharrlich bin ich und laſſe nicht ab, Bis ich Deine Gunſt errungen hab'! War das nicht luſtig, Tänt⸗ chen, höchſt luſtig und lächerlich? Aber aus dem Streit um meine Hand war kein Herauskommen, trotz aller Witzelei und alles Gelächters, bis ich die beiden Deviſen nahm und anbrannte: weſſen zuerſt ausginge, der ſollte verloren haben.“ „Und dabei haſt Du den Shawl verbrannt?“ ſiel Emma ein. „Ich weiß es nicht, aber an Trifels Deviſe mußte etwas von der feurigen Maſſe geſeſſen haben, oder was es war, genug, es that einen Knall und erloſch plötzlich; im Augenblick faßte Trifels den Shawl und drückte ihn zuſammen. Das Loch war eingebrannt, und der Spaß war aus, oder vielmehr er ging erſt recht an, denn Trifels machte ein ſo ſeltſames jämmerliches, düſteres, wehmuthvolles Ge⸗ ſicht, als ſein Vetter mich ſiegreich davon führte, daß ich ganz entzückt darüber war.“ „Das iſt ſonderbar!“ ſagte Emma. „Was iſt ſonderbar, Täntchen?“ „Daß Trifels Deviſe... freilich iſt es Thorheit.“ 59 „Eine ausgemachte Thorheit!“ rief Hedwig; „aber ich will werten, daß Trifels im Augenblicke darüber ganz beſtürzt war, denn er ſah aus, als wäre ein Gottesurtheil über ihn gekommen.“ „Es ſind oft die ruhigſten und aufgeklärteſten Menſchen,“ erwiederte Emma lächelnd,„die vor einem unbedeutenden Zufalle faſt abergläubiſch erſchrecken, wenn dieſer ſich in ihre geheimen Herzens⸗ und Lebenshoffnungen miſcht. Trifels iſt, wie ich glaube, ein Mann von vielem Verſtande und edlen Eigen⸗ ſchaften.“ „Sehr viele gute Laune hat er,“ ſagte die junge Dame, ein helleres Roth auf ihren Wangen.„Er war nachher wieder ſo liebenswürdig ausgelaſſen, voll Witz und guter Einfälle, mehr als vorher, und“ — ſie hielt einen Augenblick inne—„darum habe ich mich ja ſo köſtlich unterhalten, Täntchen. Ich mußte ihn entſchädigen für den fatalen Zufall.“ „Er war Dir alſo fatal?“ .„Ich muß Dir etwas vertrauen,“ ſagte das ſchöne Mädchen,„etwas, das ich keinem anderen Menſchen ſagen mochte— ich glaube 1 Sie hielt inne, und mit einem funkelnden Blicke, aus dem die ſtolze Freude glänzte, flüſterte ſie dann: 60 „Es iſt mir ſo— nun ja, als ob— ich glaube wirklich, Trifels liebt mich.“ Emma legte ſtatt der Antwort beide Hände um ſie und zog ſie feſter an ſich. Das ernſthafte Geſicht belebte ſich von ihren Empfindungen, und wie eine Mutter, der das Bekenntniß ihres Kindes das ganze Herz mit Gluͤck füllt, ſah ſie dankend und gerührt nach oben.—„Was ſagſt Du dazu, Täntchen?“ fragte Hedwig während dieſer ſtummen Scene, ohne ihren Kopf aufzuheben. „Was ich ſage? Ich wußte es, ich ſah es längſt, und ich wunſchte es. Auch Du liebſt ihn, Hedwig!“ Hedwig hob ihr geröthetes, beſeeltes Geſicht auf, ſchüttelte den Kopf, daß die Locken flogen, und rief dazu:„Was Du nicht alles weißt; ich glaube, Du irrſt Dich— aber— es könnte vielleicht doch ſein!“ „Du liebſt ihn,“ fuhr Emma fort,„ſonſt hätteſt Du niemals mit Herrn Niedlich Complot gemacht.“ „Ich wollte ja nur mich uͤberzeugen, was an der Geſchichte mit der hübſchen Blechſchmieds⸗Tochter wahr ſei,“ flüſterte ſie. „Und Du haſt Dich überzeugt,“ ſagte Emma. „Es iſt gar nichts daran,“ erwiederte ſie.„Tri⸗ fels hat mir geſagt, daß ſie nächſtens mit einem Vetter und Arbeiter ihres Vaters ſich verheirathen 61 wird, einem Menſchen, den er ſehr lobt. Ich habe ſie ja nun auch ſelbſt geſehen, und er hat mir man⸗ cherlei von ihr erzählt. Eben dadurch kam er auf das Heiraths⸗Capitel und auf das Glück der Liebe und der Ehe, bis er zuletzt von ſich ſelbſt ſprach und— von mir.“ „Von Dir?“ „Er ſprach von mir, daß ich ſechszehn Jahre alt geweſen, als er mich kennen lernte, daß ich nun bald meine neunzehn haben müſſe, und ploͤtzlich faßte er meine Hand— wir ſaßen in dem kleinen grünen Cabinet— und ſah mich mit ſeinen großen, ſtrah⸗ lenden Augen ſo ſeltſam an, daß ich zitterte. ‚In wenigen Monaten muß ich Sie nun verlaſſen,“ ſagte er, ‚denn ich will nicht im Saatsdienſt bleiben““ „Wollen Sie denn nicht wieder kommen?“ fragte ich erſchrocken. 4 „Er ſchüttelte den Kopf und ſchaute auf mich, daß ich dunkelroth wurde.—„Wenn ich gehen muß,“ antwortete er, ‚werde ich niemals wieder kommen. Einſiedleriſch will ich mich dann in den Bergen meiner Heimath begraben, bis das Poſſenſpiel ſein Ende erreicht hat.““ „Welches Poſſenſpiel?“ rief ich neugierig. Er lachte mich aus. Mögen hundert Jahre vorüberziehen 62 und Sie mich dann noch ſo fragen,“ flüſterte er mir zu. ‚Hundert Jahre mit Ihnen, theure Hedwig, ſie würden vorübergehen wie ein ſchöner Traum, der keine andere Sehnſucht aufkeimen läßt. Wollen Sie mir das verſprechen? Wollen wir ein Jahrhundert zuſammen durchlachen, durchträumen, glüͤcklich ſein? Schlagen Sie ein, bannen Sie alles Glück in meiner Bruſt mit dieſen himmliſchen Augen, daß es wie in einer Schale von Gold keinen Ausweg findet.“ „Mir wurde ängſtlich zu Muthe, wie er ſo ſprach und ſo ſeltſam erregt war. Hätte er mir geſagt: Ich liebe Sie, Hedwig, wollen Sie mein ſein? dann hätte ich ihn verſtanden; ſo redete er in allerlei Bildern, in denen kein Wort von Liebe vorkam, wie aufmerkſam ich auch war, und dabei ruhten ſeine Augen faſt unheimlich auf mir, daß ich kaum ant⸗ worten konnte.“ 4 4 Emma blickte lächelnd auf ihre Schülerin.„Die Liebe macht poetiſch,“ flüſterte ſie,„er ſprach deutlich genug.“ „Wenn ich es nur vermöchte! ſagte ich zu ihm,“ fuhr Hebwig in ihrer Mittheilung fort!„Da legte er den Arm um mich und neigte ſich an mein Ohr.„Sie vermögen Alles,“ murmelte er leiſe hin⸗ ein, wiſſen Sie das nicht, Hedwig? Habe ich noch 63 nicht ſo viele Macht über Ihre Seele gewonnen, daß dieſe weiß, was in mir vorgeht? Reden Sie, theure Hedwig, ſagen Sie mir, ob ich mich getäuſcht habe.““ „In dem Augenblicke kam Wolters herein, und er ließ ſeinen Arm fallen. Ich hatte nur Zeit, Nein! zu ſagen, als er aufſtand und nichts erwie⸗ derte als:„Morgen denn!— ‚Was giebt es mor⸗ gen?“ fragte Wolters.—„Ein Räthſel zu löſen, an dem ich ſchon lange gerathen habe!e rief er lachend und führte mich in den Saal zurüfk. Aber kein Wort hat er dort mit mir davon geſprochen.“ „Kannſt Du noch zweifeln?“ ſagte Emma.„Er wird kommen.“ „Aber er ſoll nicht fort,“ fiel Hedwig ein.„In einer einſamen wilden Gegend ſoll er nicht leben, ich auch nicht!“ 4 „Das iſt freilich kein paſſender Aufenthalt für eine junge lebensluſtige Braut,“ erwiederte Emma lächelnd.„Er wird bleiben, verlaſſe Dich darauf.Ä“ Bei dem Worte Braut fuhr ein heller Freuden⸗ ſchein über Hedwig's Geſicht.„Beſtes, beſtes Tänt⸗ chen!“ rief ſie,„ſprich es noch einmal, Du biſt die Erſte, die es ſagt, es läuft mir elektriſch durch alle Adern. Brant, Braut! was das unheimlich, ſchauer⸗ 64 lich und ſüß klingt!— O, ich— ich muß es Dir vertrauen— ich glaube, ich muß— ſo wiſſe denn: ich war gequält von den Nachrichten, die ich hörte, denn— ich liebe ihn längſt! Jetzt erſt fühle ich, daß ich ihn liebe, und iſt er nicht ſchön, ſchöner als alle Anderen?! Wie reizend kann er lachen! Wenn ſeine Augen ſich aufthun, ſieht man in einen glän⸗ zenden Abgrund— ach! mein Herz, mein Herz! Täntchen, es iſt verloren!“ Mit dieſem Ausruf, der halb ſpottend, halb wie Wahrheit klang, ſiel ſie in Emma's Arme, die mit ihrem ſtillen Lächeln ſie auf die Stirn küßte. Zu gleicher Zeit aber trat Herr von Landau herein, bei deſſen erſten feſten Schritten Hedwig einen Schrei der Ueberraſchung ausſtieß und den Verſuch machte, zu entfliehen; als ſie jedoch ihren Vater erkannte, änderte ſich dieſer Vorſatz, und anſtatt davon zu laufen, flüſterte ſie ihrer Freundin raſch einige Worte zu. Der Präſident war von ziemlich hoher Geſtalt und wohl beleibt. Er war lebhaft in ſeinen Bewe⸗ gungen und gewandt in ſeinen Formen. Sein Ge⸗ ſicht mit regelmäßigen Zügen und fleiſchiger Naſe hatte noch immer etwas Jugendliches, denn er war völlig glatt raſirt, und eine braune Perrücke, reich an Haar und ein wenig gelockt, verdeckte alle Spuren 65 eines höheren Alters. Kluge, klare Augen unter hoch gebogenen breiten Brauen zeigten den ſcharfblicken⸗ den Geſchäftsmann an, der große Mund mit vollen Lippen deutete auf einen Verehrer ſinnlicher, materi⸗ eller Genüſſe, die ſtark hervotretende Naſe, welche dieſem Geſicht den herrſchenden Ausdruck gab, ließ einen entſchloſſenen Charakter vermuthen. „Was giebt es denn hier?“ fragte er.„Was hat das Kind verloren?“ „Sage es nicht, Täntchen!“ rief Hedwig.„Was ich verloren habe, iſt nicht zu erſetzen, Papa.“ „Es giebt nichts was ſich nicht erſetzen ließe,“ antwortete der Präſident. „Haſt Du niemals unerſetzliche Verluſte erlitten?“ fragte ſeine Tochter. 4 Er erwiederte ihr Anſchauen mit einem liſtigen Blicke, der von einem feinen Lächeln begleitet war. „In Deinen Jahren,“ ſagte er dann,„verliert man nur, um zu gewinnen. Was war es alſo, Emma? Was hat ſie Ihnen anvertraut?“ „Wir müſſen reden,“ ſagte Emma.„Es handelt ſich um ein verlorenes Herz.“ „Verrätherin!“ ſiel Hedwig ein, indem ſie ihr die Hand auf den Mund legte. „Verloren an wen?“ fragte der Präſident. 1856. XIV. Neues Leben. I. 5 66 „An einen gewiſſen jungen Herrn, der Trifels heißt,“ fuhr die Freundin fort, indem ſie ihren Mund frei machte. Herr von Landau ſetzte ſich, ohne eine Miene zu verziehen, nieder, ſtreckte beide Hände in ſeine Weſtentaſchen und ſagte ruhig:„Das war alſo der unerſetzliche Verluſt? Ehe wir darüber weiter ſprechen, geh' in mein Zimmer, mein Kind. Du wirſt dort etwas finden, das Du mir bringen ſollſt.“ „Was iſt es, Vater?“ fragte ſie. „Du kannſt nicht fehlen. Es iſt etwas für Dich Beſtimmtes, ein Geſchenk; ich werde Dich hier er⸗ warten.“— Als ſie verwundert und neugierig davon eilte und die Thür ſich hinter ihr ſchloß, wandte er ſich an die Zurügkbleibende.„Nehmen Sie einen Stuhl, Täntchen,“ ſagte er,„und ſetzen Sie Sich zu mir, ich muß mit Ihnen ſprechen. Wir haben Zeit, Hed⸗ wig wird ſo raſch nicht zurückkommen. Wiſſen Sie, warum nicht?“ „Weil— weil, wenn mich nicht Alles täuſcht, Herr von Trifels...“. „Sie ſind ein kluges Maͤdchen,“ ſagte er lä⸗ chelnd,„mit dem man etwas überlegen kann. Trifels iſt in meinem Zimmer. Vor einer Viertelſtunde kam er zu mir und erklärte ſich kurz und buͤndig. Ich 67 antwortete ihm, wie er es erwarten durfte, und kam hieher, um ein Verhör anzuſtellen. Gleich die erſten Worte aber, die ich vernahm, machten alles weitere Fragen überflüſſig; daher hielt ich es für das Ein⸗ fachſte, Hedwig hinüber zu ſchicken. Sie werden ſich wohl verſtändigen.“ „Ich bin ſo erfreut, ich bin ſo bewegt,“ fluſter Emma mit vor Freude leuchtenden Augen.„Go ſeinen reichſten Segen dazu!“ „Der wird allerdings nöthig ſein,“ war ſei Antwort.„Ich bin auch erfreut, obwohl ich ſeit eini⸗ ger Zeit darauf vorbereitet war und die Kataſtrophe erwartete. Trifels iſt unabhängig und reich, Hed⸗ wig muß einen reichen Mann haben. Sie liebt Luxus und Zerſtreuungen, er braucht, rau, die ſich darauf verſteht, Geld in angene Weiſe zu ver⸗ thun, alſo paßt ſich Alles vort „Es giebt doch wohl die Paßlichkeit dieſer Verbi⸗ Emma ein. 3 „Meinen Sie?“ ſagte er.„Welche Gründe mei⸗ nen Sie?“ „Aber, beſter Herr Präſident!“ rief die Wirth⸗ ſchafts⸗Führerin,„ſind denn das keine Gründe, daß Hedwig eine Herzensneigung für den Mann hegt, 5* andere Gründe für dung,“ fiel Fräulein 68 der ihr Herz und Hand bietet? Und iſt er nicht liebenswürdig, von feinen Sitten und einem ſo offe⸗ nen, edlen Weſen, daß man mit Freuden an die Zukunft des jungen Paares denken kann?“ „ ‚Ich pflichte Ihnen bei,“ ſagte Herr von Lan⸗ dau, nachdem er eine Minute über geſchwiegen hatte. „Trifels' Vater war mein Freund; nach dem Tode Bruders iſt dieſer einzige Erbe übrig geblieben. artie hat daher meinen vollen Beifall. Aber fahren Sie fort, Täntchen.“ „Was ſoll ich noch hinzufügen?“ antwortete ſie. „Hedwig wird an der Seite eines ſolchen Mannes ihre kleinen Fehler ablegen. Sie iſt von großer Herzensgüte, leichten, fröhlichen Sinnes. Sie liebt den Glanz, de Putz, die Zerſtreuungen, weil ſie eben bisher nichts Anderes liebte und den Ernſt des Lebens noch nicht kennen lernte. Das Flitter⸗ werk wird bald von ihr abfallen, ſie wird für den geliebten Mann leben wollen und ihm allein zu gefallen ſuchen.“ ¹ „Sie ſprechen wie ein Buch Salomonis, Tänt⸗ chen,“ fiel er ein.„Sie ſprechen, als ob Sie vom heiligen Geiſt erleuchtet würden.“ Die Röthe drängte ſich in ihr volles, geſundes Geſicht, er richtete die grauen, ſcharfen Augen lauernd 69 auf ſie.—„Ich, beſter Herr Präſident!“ rief ſie mit gutem Humor,„ich und der heilige Geiſt ſind zwei ganz verſchiedene Dinge. Ich laſſe mich von nichts inſpiriren, bin weit entfernt von allen höheren Re⸗ gionen, habe aber zwei gute Augen und, Gott ſei Dank, Verſtand genug, um mir ein Urtheil bilden zu können.“ „Nach Ihrem Urtheile alſo, das ich ſchätze, wie Sie wiſſen,“ erwiederte er,„glauben Sie, daß Hedwig eine wahrhafte Neigung für Trifels hat?“ „So weit ihr dies möglich iſt, gewiß!“ ſagte Emma.„Er hat ihr unter allen Männern, die ſie kennen lernte, am beſten gefallen, und warum ſollte es auch nicht ſo ſein? Herr von Trifels beſitzt alle äußeren Vorzüge, die ein Mann beſitzen kann, dabei weiß er viel, ſeine Unterhaltung iſt niemals langwei⸗ lig oder leer. Er hat Reiſen gemacht, beſitzt, wie ich glaube, große Kenntniſſe, iſt ohne Anmaßung vielen Anderen überlegen, trotz ſeiner heiteren Laune und Fröhlichkeit mangelt es ihm nie an Würde und bei ernſten Dingen an Ernſt. Darum ſpricht Jeder mit Achtung von ihm, und Männer dieſer Art, welche ſich Achtung erzwingen, ſind zumeiſt geeig⸗ net“... Hier hieit ſie einen Augenblick inne, denn der Präſident blickte zu ihr auf wie ein Faun, ſagte 70 aber dann mit feſter Stimme:„allein geeignet, wahre und dauernde Liebe der Frauen zu erwerben.“ „So,“ ſagte der Präſident mit ſeinem ſpottenden Lächeln,„was empſinden Sie weiter, Täntchen?“ „Nichts weiter,“ erwiederte ſie,„als daß es mei⸗ ner lieben Hedwig wohlgehen wird an der Seite eines Mannes, der ihrer Achtung werth iſt.“ „Gut, ich bin ganz Ihrer Meinung, und damit wir ihr dieſes Glück ſo bald wie möglich verſchaffen, ſagen Sie mir, binnen welcher Zeit die Ausſtattung angeſchafft werden kann.“ „Die Ausſtattung?“ fragte ſie verwundert. „Die Ausſtattung,“ erwiederte er ſchelmiſch ihr zunickend,„iſt doch jedenfalls eine weſentliche Bedingung zu jeder glüͤcklichen Ehe.“ „Aber das wird doch nicht über Hals und Kopf gehen ſollen!“ rief Fräulein Emma. „Trifels hat mich gebeten, ihn doppelt zu be⸗ glücken, indem ich Hedwig ihm ſchnell ins Haus gebe. Wir gehen jetzt dem Frühling entgegen, die Frühlings⸗Ehen ſollen ja die beſten ſein. Ich ſprach von der Ausſtattung, Trifels erklärte dieſe leichtſin⸗ nig hin als Nebenſache. Den Sommer über würde er jedenfalls mit ſeiner jungen Frau reiſen und wer weiß, wo im Herbſte ſein. Abgeſehen von allem dem, 71 muß aber doch das Nöthige beſchafft werden, wie es ſich für meine Tochter ſchickt. Sie ſind praktiſch in allen Dingen, Täntchen, machen Sie mir alſo den Ueberſchlag, und dann friſch ans Werk. In zwei oder drei Monaten kann man viel nähen, kaufen und anfertigen laſſen.“ „Wenn Sie es wünſchen und wollen,“ antwortete Fräulein Emma,„ſo kann man in wenigen Wochen oder Tagen ſo weit ſein. Ich hätte aber nicht ge⸗ glaubt... „ Was hätten ſie nicht geglaubt?“ fragte er, als ſie ſchwieg Daß Sie die Wünſche des Bräutigams ſo fehr nangen würden.“ Der Präſident zog ſeine Uhr heraus und blickte nach der Thür.„Das dauert lange da drüben,“ ſagte er.„Sie ſehen, wie gern die beiden verlorenen Herzen ſchon jetzt beiſammen weilen. Was man geben will und ſoll, giebt man am beſten ohne Zö⸗ gern, und was verloren werden muß, darf man nicht ängſtlich noch in den Fingern feſthalten wollen. Es giebt Menſchen, die ſich nicht von ihrem Gelde tren⸗ nen können, reiche Leute, welche keine Rechnung eher bezahlen, als bis ſie dazu gezwungen werden; zu dieſen gehöre ich nicht. Wenn ich weiß, daß ich 72 eine Rechnung decken muß, bin ich immer bereit, dies ſofort zu thun. Ein Mädchen, das heirathen will, iſt eine ſolche Rechnung. Kein Vater wünſcht ſeine Töchter im Hauſe zu behalten; göttlich, menſchlich, geſetzlich iſt es beſtimmt, daß ſie ihn verlaſſen ſollen. Eine Mutter iſt obenein nicht hier, um die Tren⸗ nungsſchmerzen zu vergrößern; warum ſollte ich alſo etwas zu verlaſſen zögern, was ich doch entſchloſſen bin, aufzugeben?“ „Eine Mutter iſt freilich nicht hier,“ ſagte Fräu⸗ lein Emma ernſthaft. „Ich frage blos, ob Sie mir Recht geben,“ antwortete Herr von Landau. 8 „Ich gebe Ihnen Recht, von Ihren Geſichts⸗ punkten aus.“ 4 „Von allen Geſichtspunkten aus,“ erwiederte er;„denn Sie können nur anführen, daß ſich die Leute wundern werden, wenn Hedwig ungewöhnlich raſch Hochzeit hält, ſtatt noch ein halbes Jahr län⸗ ger damit zu warten. Das Urtheil der Menge iſt aber im Allgemeinen wenig zu beachten; wahrſchein⸗ lich wundert ſie ſich bald über Manches noch viel mehr.— Hören Sie, Täntchen,“ fuhr er fort, als er ihren fragenden Blick ausgehalten hatte,„ich will Ihnen gleich ein Wort im Vertrauen ſagen, weil * 73 ich weiß, wie verſchwiegen Sie ſind. Wenn Hedwig verheirathet iſt, denke ich an allerlei weitere Verän⸗ derungen. Meine Jungen ſind im Inſtitut gut auf⸗ gehoben, ſie werden dort beſſer erzogen, als ich es thun könnte; aber auch die beiden Mädchen würden, wie ich glaube, am beſten in Penſion gegeben werden.“ Das Wirthſchafts⸗Fräulein ſah ihn erſchrocken an, er nickte ihr zu.„Es giebt jetzt vortreffliche, wohl⸗ eingerichtete Penſtonate, wo junge Mädchen allen möglichen Unterricht und jede geiſtige und körperliche Pflege erhalten.“ „Ich würde niemals meine Töchter aus meinem Hauſe in eine Penſton geben,“ ſagte ſie, ihr Schluſſel⸗ bund haſtig zuſammenfaſſend, indem ſie aufſtand. „Es giebt dergleichen Anſtalten in der Schweiz,“ fuhr Herr von Landau mit vollkommener Ruhe fort, „in romantiſcher Naturumgebung und vortrefflicher Luſt, oder auch in Frankreich und am Rhein. Ich würde die ſüdliche Schweiz oder Frankreich vorziehen. Die jungen Mädchen lernen dort am beſten Fran⸗ zöſiſch; an den Rhein werden meiſt Franzöſinnen und Engländerinnen geſchickt, um Deutſch zu lernen.“ „Aber was ſie nirgend leruen, das iſt die Liebe zur eigenen Familie und zum väterlichen Heerd,“ fagte Fräulein Emma, noch immer heftig.„Dieſe ——QOQ———— 74 Liebe wird aus ihrer Bruſt geriſſen und fremdes Wefen hinein gepflanzt. O, mein Gott! die armen Kinder, wenn ihnen das bevorſtände! Ich kann es nicht glauben.“ „Der Menſch iſt keine Pflanze,“ fuhr der Prä⸗ ſident fort, indem er ſeine Füße gelaſſen kreuzte,„er gehört der ganzen Welt an. Je früher ſich dieſer Grundſatz einimpft, um ſo mehr erweitert ſich der Geſichtskreis für das Leben und oerſchwinden die Vorurtheile. In der Penſion gewinnen die Köpfe, und ſtatt der Empfindſamkeit für ſogenannte Fami⸗ lienliebe werden die geiſtigen Kräfte geweckt; die Selbſtſtändigkeit wird befördert.“ Die Wirthſchafts⸗Führerin blickte ihn ſtumm betrachtend an.—„Nun, was denken Sie?“ fragte er lächelnd. „Ich denke,“— ſagte ſie, und mit dem vollen Tone ihrer kräftigen Stimme,„daß Sie die Kinder viel zu ſehr lieb haben.“ „Gewiß habe ich meine Kinder lieb.“ „Dann muß etwas ganz Beſonderes Sie zu ſolchen Anſichten bringen. Wollen Sie wirklich Ihr Haus veröden? Ich glaube nicht, daß Sie das ertragen können.“ „Mein gutes Täntchen,“ antwortete Herr von ———ð/ᷓↄ— 7⁵. Landau,„Sie wiſſen, daß ich viele Geſchäfte habe, meinen Kindern alſo überhaupt nicht viel leben kann. Ich thue immer das, was mich am beſten dünkt, ohne zu fragen, was es mich koſtet.“ „Nun denn, ſo würde ich— ich,“ ſagte Fräu⸗ lein Emma, indem ſie mit dem klirrenden Schluͤſſel⸗ bunde energiſch auf ihre Bruſt tippte,„es nicht er⸗ tragen können.“ Der Präſident ſchwieg hierauf, wie er es ge⸗ wohnt war.—„Daß heißt, Sie würden mich eben⸗ falls verlaſſen?“ fragte er nach einer Pauſe. „Ich muß annehmen,“ erwiederte ſie,„daß ich ohnedies in Ihre geſammten Aenderungen mit einge⸗ ſchloſſen bin.“ „Das ſind Sie allerdings,“ war ſeine Antwort, „doch glauben Sie nicht, Emma, daß ich Ihre treue Anhänglichkeit und Liebe jemals miſſen möchte. Sie ſind mir werth. Sie beſitzen mehr Einſicht, als die Meiſten Ihres Geſchlechts, darum habe ich ſo großes Vertrauen zu Ihrem Beiſtande. Was ich vorhabe, beruht auf Grüͤnden, ich werde Sie davon überzeu⸗ gen; aber ich rechne dabei auf Sie,“ fügte er lächelnd hinzu,„damit mein Haus nicht öde werde.— Und jetzt laſſen Sie uns ſchweigen, bis ich weiter mit Ihnen unterhandle,“ fuhr er fort, indem er aufſtand. 76 Geben Sie mir ihre Hand darauf. Alles, was ich vorhabe, iſt noch Entwurf, der erſt feſte Geſtalt und Farbe gewinnen muß. Seien Sie vorſichtig, doch daran brauche ich Sie nicht zu erinnern. Ich gehe, um dem Paare drüben meinen Segen zu bringen. Ihr Segen, Emma, ſoll ſpäter nachkommen.“ Die Wirthſchafts⸗Führerin des Präſidenten von Landau blieb in der Mitte des Zimmers ſtehen und ſtarrte vor ſich hin. Der Ernſt in ihrem Geſichte machte nach und nach einem Lächeln Platz, das immer heller und ſtärker wurde, wie die Sonne, die aus Abend⸗ gewölk ſich hervorwickelt, auf einen Augenblick ihren vollen Glanz erhält und dann erliſcht. So wurden auch die feſten, ſtarken Züge des verſtändigen Mäd⸗ chens vom Sonnenſchein ihrer Gedanken üͤberſtrömt, gleich darauf aber war dieſer verſchwunden, und ſie machte mit ihrem Schlüſſelbunde einige Zeichen durch die Luft, die ein Kreuz bilden konnten und ſagte im ſelbſtverſpottenden Tone dazu:„Was das für Thor⸗ heiten ſind! Sollte man denken, daß ein vernünftiger Menſch auf dergleichen kommen könnte? Fort damit und aufgepaßt, Täntchen! Nichts iſt abgeſchmackter, als ſich Dinge einbilden, aus denen doch niemals etwas werden kann.“ — Drittes Capitel. Heerr Niedlich war der Beſitzer eines Hauſes, das noch vor zwei Jahren ziemlich eben ſo ausſah, wie das alte begiebelte Gebäude zu ſeiner Rechten, in welchem der Meiſter Hartmann ſeit langer Zeit hämmerte und klopfte. Im letzten Jahre aber hatte Herr Niedlich ſeinem Eigenthume ein ganz nenues Kleid angezogen. Er hatte einen Bau unternom⸗ men, von dem er ſehr gern zu ſprechen pflegte, und zu derſelben Zeit, wo der Präſident mit Fräulein Emma über Hochzeit und Zukunft verhandelte, ver⸗ handelte Herr Niedlich über ähnliche Dinge, nur in etwas geänderter Form, mit ſeinem geduldigen Zu⸗ hörer, dem Mufikmeiſter, ſeinem Schützling. Herr Niedlich ſaß bei ſeinem ſpäten Frühſtück in einem türkiſchen Schlafrock, ruſſiſche bunt ausgenähte Saffian⸗ 78 ſtiefel an ſeinen ſchmalen Beinen, eine blaue Sammt⸗ mütze mit goldenen Eicheln geſtickt und mit einer gewaltig langen blauen Troddel auf ſeinem ſchma⸗ len Kopfe. Die große fein gemalte Kaffeetaſſe war jedoch faſt ganz ſchon geleert, nur dann und wann nippte Herr Niedlich behutſam am Reſte, um den Genuß ſeiner Cigarre damit zu erhöhen, deren feinen duftigen Rauch er vergnüglich aufblies. Das Zim⸗ mer des Agenten war groß und ſehr ſchön ausge⸗ ſchmückt. Satinirte Tapeten, Arabesken in Roth mit Gold, bedeckten die Wände, ein Velourteppich lag über den ganzen freien Raum, feine Möbel wa⸗ ren im neueſten Geſchmack und bequeme Polſter gab es in Fülle; Herr Niedlich ſelbſt aber lag maleriſch ausgeſtreckt auf einer elaſtiſchen Bergere den Ellbo⸗ gen in die Kiſſen gedrückt, die lange blaue Troddel an den ſchmalen Backenbart geſchmiegt und in ſeinen außerordentlich langen und ſpitzen Fingern den dampfenden Stengel. Eine offene Flügelthür führte in ein noch ſchöner ausgeſchmücktes Zimmer; auf der anderen Seite aber zeigte ein großes Cabinet mehrere prächtige gothiſch gearbeitete Bücherſchränke und hinter deren Scheiben lange Reihen Bücher in reichen Einbänden. Eine ſehr wohlthätige Wärme wurde von dem ſchönen Porzellanofen verbreitet, der —,— — 79 fünfeckig nach der neueſten Form und ſo eingerichtet war, daß ſeine hohen Meſſingthüren, weit geöffnet ihm die Vorzüge eines Kamins verſchafften. Vor dieſen geöffneten Thüren und dem hellbrennenden Feuer ſtand der junge Muſiker, die Hände auf ſei⸗ nen Rücken gelegt und das blaſſe Geſicht auf den Kaffeetiſch und den geſprächigen, wohlgelaunten Gön⸗ ner gerichtet. Bewegungslos hörte er zu, und nur zuweilen ſchauten ſeine dunkeln Augen in den großen goldrahmigen Spiegel und blieben daran hangen, als wollten ſie Vergleichungen anſtellen, zu denen der Stoff nahe genug lag. Herr Niedlich mit dem freundlichen, ſchmalen, rothwangigen Geſicht mit dem türkiſchen Shawl um den Hals und dem türkiſchen Schlafrock, bildete einen ſeltſamen Gegenſatz zu dem armen jungen Künſtler, der in ſeinem ſchwarzen Röckchen ſo eng eingeklemmt war, wie eine Auſter in der Schale.— Man konnte nicht ſagen, daß er ſeine Armuth zur Schau getragen hätte, denn ſeine Kleider ſahen reinlich aus, und aus den kurzen Aermeln ſtreckten ſich zwei weiße ſchön geformte Hände; es giebt jedoch Menſchen, deren Anblick eine geheime Unglück weiſſagende Macht ausubt. Es iſt nicht irgend ein Zug ihres Geſichtes, nicht ihre Ge⸗ ſtalt, noch ſind es ihre äußeren Formen, welche 80 jenes Gefühl erwecken; man weiß nicht, wo man das Unheimliche ſuchen ſoll, doch ihr ganzes Weſen iſt darin eingehüllt und ruft lebhafte Theilnahme, Mit⸗ leid, Spott oder heftige Abneigung hervor.— So war es auch mit dieſem ſchwermüthigen Gaſt am Frühſtücktiſche des Agenten, der in übermüthiger Weiſe mit ihm nach ſeiner Gewohnheit ſcherzte, ohne mehr als ein ſchwaches Lächeln in das graubleiche Geſicht bringen zu können. Langes, ſchönes glänzend ſchwarzes Haar hing dem Muſiker über den Hinter⸗ kopf; in ſeinen dunkeln Augen brannte zuweilen ein düſteres Feuer, wenn ſie aus ihrer Starrheit aufzu⸗ wachen ſchienen, und um den fein geformten Mund zuckten ſeine Nerven in auffallender Weiſe. Gewöhn⸗ lich aber lag nichts in dem Geſicht als Verſchloſſen⸗ heit und Stille, ein gewiſſes Verſinken in ſich ſelbſt und kaltes Abweiſen der Außenwelt, die ihn umringte. Herr Niedlich ſprach in dem Augenblicke, wo der Muſiker ſo regungs⸗ und theilnahmlos zuhörte, als handle es ſich um den Mann im Monde, von ihm, denn er hielt ihm eine Vorleſung, die von Wenigen wohl ſo ſchweigſam und demüthig hinge⸗ nommen worden wäre.—„Ich weiß nicht, was Sie für ein Menſch ſind, Herzberg!“ ſagte Herr Niedlich. „Man giebt ſich die größte Mühe, Ihnen zu helfen, — 14 — 81 aber es iſt Alles vergebens. Wie haben Sie Sich geſtern wieder betragen? Machen Sie Ihre Augen „ nicht ſo fürchterlich auf, als ſollte Feuer herauskom⸗ men! Machten Sie ſie auf, wo es an der Zeit wäre, ſo würde es beſſer für Sie ſein.“ Hier hielt Herr Niedlich inne, um einen Zug aus der Cigarre zu thun und an dem Kaffee zu nippen. Als er die Taſſe dann niedergeſetzt hatte, fuhr er fort:„Ich ſage nicht umſonſt, Sie haben Sich ſonderbar und unpaſſend benommen, denn ich möchte wohl wiſſen, ob etwa ein Anderer, zum Bei⸗ ſpiel Herr von Trifels, es nicht ſo nennen würde. 1 Sie ſind engagirt zum Clavierſpiel bei dem Präſi⸗ . denten, Sie nehmen es an, ſpielen auch, machen aber mehrere ganz willkürliche Pauſen, in denen Sie Sich allerhand Phantaſieen überlaſſen.— Gut, ich ſage noch nichts. Sie Sind kein gewöhnlicher Cla⸗ vierſpieler fürs Tanzen, Jedermann weiß das, denn 5 ich habe Sie empfohlen, habe auf Ihr Talent auf⸗ merkſam gemacht, und ich ſelbſt winke die Damen herbei, um Ihr Phantaſiren zu hören. Mit Einem Male, wie die ganze Geſellſchaft um Sie her ſteht A und Fräulein Hedwig„Himmliſch!“ flüſtert, fahren Sie auf, wie ein brüllender Löwe, ſchlagen die Sai⸗ ten faſt entzwei und ſtimmen unter allgemeinem 1856. XIV. Neues Leben. I. 6 · — 82 Gelächter einen Galopp an, als wären Sie toll geworden.“ Hier hielt Herr Niedlich wiederum inne, um an der Taſſe zu nippen und mit ſeiner Rechten ſich eine Dampfwolke der Cigarre an ſeine ſchmale Naſe heranzuziehen.„Jetzt ſtehen Sie da, wie ein armer Sünder und ſtarren ins Blaue hinein,“ fuhr Herr Niedlich fort,„aber ich ſage auch dagegen nichts, denn eigentlich war es eine Ueberraſchung, die allgemeine Heiterkeit hervorrief; das Unverantwortliche iſt, daß Sie nach dem Eſſen plötzlich verſchwanden. Es war eine Blamage für mich, von allen Seiten wurde ich angeſchrieen, gefragt, wo mein Clavierſpieler geblie⸗ ben ſei, ausgelacht und gefoppt; das ganze Feſt wäre geſtört worden, hätte Trifels nicht ſich raſch ans Inſtrument geſetzt und eine ganze Stunde lang wie beſeſſen darauf herum gepaukt, allen alten Trödel, den er zuſammen finden konnte. Er war ſo ausge⸗ laſſen luſtig und wußte ſo viele Poſſen zu machen über das Glück, daß er von Ihnen für den Reſt des Abends engagirt worden ſei, daß wir alle davon angeſteckt wurden. Aber noch einmal darf das nicht vorkommen, oder es iſt aus mit allen Empfehlun⸗ gen. Warum ſind Sie fortgelaufen? Wie können Sie Sich ſolche Eigenmächtigkeiten erlauben?“ ——.——— 83 „Ich konnte nicht länger bleiben,“ ſagte der Mu⸗ ſiker hart und abſtoßend. „Waren Sie krank, ſo hätten Sie es ſagen müſſen,“ fiel Herr Niedlich ein. „Ich war nicht krank, aber ich konnte es nicht länger aushalten,“ antwortete Herzberg. „Sie konnten es nicht länger aushalten? War⸗ um konnten Sie es nicht länger aushalten?“ Der Muſtker hob ſeine dunkeln Augen zu dem Gönner auf und ſagte mit demſelben rauhen Tone: „Weil ich nicht wollte!“ Wie einer, der nicht recht gehört hat, hielt Herr Niedlich die Cigarre vor ſich ausgeſtreckt, dann aber legte er ſich rücküber in die Kiſſen, ſchlug ein lautes Gelächter auf und fuhr mit einem Ruck wie⸗ der empor.—„Sie ſind wieder ganz aus dem Häuschen!“ ſchrie er.„Sagt der Menſch, er will nicht! Alle Menſchen müſſen wollen, es iſt Keiner auf der ganzen Welt, kein König und kein Papſt, der nicht wollen müßte, denn es iſt jedes Menſchen ver⸗ dammte Schuldigkeit, ſeine Pflicht zu thun, voraus⸗ geſetzt, daß es ihm Vortheil bringt.— Was wollen Sie denn? Wer ſind Sie denn? Aus Ihnen wird im ganzen Leben nichts werden, wenn Sie nicht thun wollen, was Sie ſollen. Ich ſage Ihnen 6* 7 84 Herzberg, aus mir wäre auch nichts geworden, und aus Keinem wäre je etwas geworden, wenn wir alle ſo ſagen wollten; denn aus nichts wird nichts!“ Der Geſcholtene ſtand während dieſer Straf⸗ rede regungslos vor dem Ofen und ſtarrte in die Flamme, die ihren rothen Schein auf ſein bleiches Geſicht warf. „Wo ſind Sie denn hingelaufen? Sind Sie nach Haus gegangen?“ fragte Herr Niedlich. „Nein,“ antwortete Herzberg. „Wo, zum Henker! waren Sie denn?“ „Im Verein.“ „Im Verein? in welchem Verein?“ „Im Geſellen⸗Verein.“ „Pfui!“ ſchrie Herr Niedlich, als er ſich von ſeinem zornigen Erſtaunen erholt hatte,„von uns laufen Sie fort, um Sich in einer ſchmutzigen Kneipe umherzutreiben!“— Er zog die Beine vom Sopha, ſtand auf und ging an den Spiegel, in welchem er ſich betrachtete und den türkiſchen Shawl zurecht legte. Dann drehte er ſich um und ging auf den Verbrecher los, der ſich nicht rührte. Zwei Schritte von ihm blieb Herr Niedlich ſtehen, betrachtete ihn vom Wirbel bis zur Sohle mit einem Jupiter⸗Blick, that einige raſche Züge aus der Cigarre und ſagte —q' 8— 8⁵ dann, indem er die Rauchwolke herunterholte:„Wenn ich nicht Mitleid mit Ihnen hätte, Herzberg, Mitleid mit Ihrem Unverſtand, ſo wäre es aus mit uns. Sie wiſſen Sich keine Freunde zu erwerben und werden im ganzen Leben nicht zu Anſehen kommen, da Sie muthwilliger Weiſe Ihr Glück von Sich ſtoßen. Sie benehmen Sich nicht darnach, um Freunde zu haben.“ „Ich habe Freunde,“ ſagte der Muſtker. „Ich, allerdings, ich bin Ihr Freund!“ antwor⸗ tete Herr Niedlich, energiſch auf ſeinen Schlafrock tippend,„allein es iſt nicht mehr zum Aushalten. Außer mir aber haben Sie Keinen!“ „Beſſere, treuere Freunde, wie Sie— glauben 10 murmelte Herzberg in ſeiner rauhen Weiſe, indem er ſeinen Kopf heftig aufhob und einen brennenden Blick auf den Agenten ſchleuderte. „Sie!— um Gottes willen!— Sie!“ erwie⸗ derte dieſer.„Wer wären dieſe getreuen Freunde? Nennen Sie mir nur Einen davon.“ „Reinhold,“ ſagte der Muſiker. „Wer?“ fragte Herr Niedlich im höchſten Discant. „Reinhold Stark, Sie kennen ihn ja,“ wieder⸗ holte Herzberg unmuthig. „Was? der?.... der Blechſchmied⸗Geſelle nebenan, der iſt ihr Herzensfreund?! Sind Sie 86 bei Troſt? Herzberg! Iſt es denn möglich, daß ein vernünftiger Menſch ſolch unſinniges Zeug ſprechen kann!“ rief er, die beiden langen dünnen Arme über ſeinem Kopf zuſammenſchlagend.— Herr Niedlich ging mit raſchen Schritten auf dem Velourteppich auf und ab, band die Puſcheln an dem türkiſchen Schlafrock feſter zuſammen, zog drei Wolken Tabaks⸗ duft an ſeine Naſe und kehrte dann ſein ernſthaft gewordenes ſchmales Geſicht wiederum dem armen Künſtler zu, der ſchwermüthig den Kopf zu dem Feuerbecken neigte. „Ich muß mit Ihnen ein Bürgerwort ſprechen, Herzberg,“ ſagte Herr Niedlich;„denn wenn Sie nicht auf mich hören und nicch begreifen wollen, ſo iſt es beſſer, ich ſpare mir alle fernere Mühe. Iſt es Ihnen gefällig, mich anzuhören?“ „Ich höre,“ antwortete der junge Mann. „Dann ſehen Sie mich auch gefälligſt an,“ fuhr Herr Niedlich fort. Der Muſiker drehte ſich um, und ſein Anblick hatte etwas ſo tief Trauriges und Unglückliches, daß ſelbſt Herr Niedlich davon gerührt wurde.—„Was Sie für ein ſeltſamer Menſch ſind!“ begann er mil⸗ der;„wären Sie nur ein Bißchen anders, Sie wür⸗ den Ihr Glück machen, aber ſo geht es nicht, Herzberg, 8 3 ——— 87 glauben Sie mir, ſo geht es nimmermehr. Sie wollen doch Ihr Glück machen, nicht wahr, Sie wollen doch?“ „Jede Creatur ſehnt ſich nach Glück,“ ſagte der junge Mann, die Worte vor ſich hin murmelnd. „Ihr Schöpfer hat Sie auch dafür geſchaffen!“ fiel Herr Niedlich ein,„und jetzt ſagen Sie mir, Herzberg, haben Sie bis jetzt ſchon Gluͤck auf Erden gehabt?“ „Nein!“ antwortete der Muſiker leiſe—„und dennoch, ja dennoch!“ ſetzte er lauter hinzu, und ſein Blick glänzte auf; dann aber fiel er in ſeine frühere Stille zurück, und indem er den Kopf ſchüttelte, flüſterte er:„Sie haben Recht.“ „Ich habe immer Recht!“ ſagte Herr Niedlich triumphirend.„Verlaſſen Sie Sich darauf, ich habe immer Recht, weil ich Welt und Menſchen kenne und über die Weltverhältniſſe nachdenke. Wenn ich das nicht thäte, ſo würde ich wahrſcheinlich eben ſo wie Sie ſagen müſſen: Es iſt nichts mit dem Glück! denn das Glück fliegt ſo wenig einem Men⸗ ſchen in den Mund, wie gebratene Tauben. Man muß nachdenken, man muß die Weltverhältniſſe be⸗ achten, muß ſpeculiren, wie man dem Glück eine Schlinge um den Hals wirft, und muß ſich keine — 88 Mühe verdrießen laſſen, vorausgeſetzt, daß man ein⸗ ſteht, es kann ein Vortheil daraus hervorgehen.“ „Ohne Vortheil kein Glück!“ ſagte Herzberg, indem er in die Flamme ſah und lachte. „Das verſteht ſich!“ rief Herr Niedlich;„aber Sie können den Satz auch umkehren: Ohne Glück kein Vortheil! Es iſt ein lumpiges Glück, wenn kein reeller Vortheil ſich damit verbindet; wo dieſer ſich etwa nicht gleich zeigt, muß man ihn heraus zu locken wiſſen.“ Bei dieſen letzten Worten zog Herr Niedlich auf ſeiner ſchmalen langen Stirn eine ganze Reihe dichter Falten zuſammen, und ſpitzte den kleinen Mund zu einem überaus pfiffigen Lächeln.„Sie ſe⸗ hen an meinem Beiſpiel, was Weltkenntniß nützt,“ fuhr er fort.„Als mein Vater ſtarb— er ſtarb eine Woche hinter meiner Mutter her—, war ich ein junger Menſch von vierundzwanzig Jahren, jetzt bin ich dreißig alt. Mein Vater hatte mir einiges Vermögen und ein altes Haus hinterlaſſen, und nun kamen Vettern, Baſen, und allerhand gute Freunde, die mir ihren guten Rath eintrichtern wollten. Ich ſollte meines Vaters Geſchäft weiter führen, mich in den Kram hinein ſetzen und eine Frau dazu nehmen. Mehr wie ein Dutzend brachten ſie mir in Vor⸗ 89 ſchlag. Was that ich? Ich lachte ſie ſämmtlich aus. Ich blieb in meiner Stellung, verkaufte die ganze Geſchichte, vermiethete mein Haus, legte mein Geld gut an, machte Börſen⸗Speculationen, handelte mit Einſicht und empfahl mich durch meine Bildung und Weltkenntniß ſo gut, daß ich Agent der Bank wurde, und das iſt etwas, mein guter Herzberg; ich ſage Ihnen, das iſt beſſer, wie die ſchönſten Quartette oder Symphonieen ſchreiben.“ Der Muſiker ſah ihn mit einem ſonderbaren Ausdruck in ſeinen zuckenden Mundwinkeln an.„Sie mögen es glauben oder nicht,“ rief Herr Niedlich jaut auflachend,„aber die ganze Kunſt iſt nichts werth, wenn ein Menſch dabei hungern ſoll! Es liegt jedoch nicht an der Kunſt,“ fuhr er fort,„auch die Kunſt hat einen goldenen Boden, wenn man es nur verſteht, den gehörig heraus zu klopfen, wie mein Nachbar Hartmann ſagt. Die Künſtler taugen nur nichts, weil es unpraktiſche, ungebildete Menſchen ſind; denn was helfen einem alle hohen Gedanken, alle hochpoetiſche Begeiſterung, wenn kaum das trok⸗ kene Brod dabei heraus kommt! Schneiden Sie keine Geſichter, Herzberg, als wäre die Cholera im An⸗ zuge, hören Sie zu, was ich Ihnen ſage. Ich ſage, ein Künſtler, der die richtige Bildung und Welt⸗ 90 kenntniß beſitzt, wird wiſſen, was er als Menſch zu thun hat und wozu er auf Erden iſt. Wir ſind über⸗ eingekommen, daß alle Menſchen geboren ſind, um glücklich zu werden; wenn ſie es nicht werden, iſt es einzig und allein ihre Schuld. Da nun die Künſt⸗ ler ebenfalls Menſchen ſind— das geben Sie doch zu?“ fragte Herr Niedlich mit ſeinem pfiffigen Mundſpitzen. „Armſelige Menſchen!“ antwortete der junge Mufiker düſter. „Warten Sie ein Bißchen, Sie kommen mir zuvor!“ fiel Herr Niedlich ein.„Armſelig iſt eigent⸗ lich ein ganz unpaſſendes Wort, denn in Armuth ſelig ſein, iſt ein Widerſpruch in ſich ſelbſt, ein com⸗ pletter Unſinn.“ „O, doch— doch!“ ſagte Herzberg haſtig ſeine Hand aufhebend. „Es iſt nicht wahr!“ rief Herr Niedlich ener⸗ giſch.„In Armuth kann kein vernünftiger Menſch ſelig werden. Reichthum, das iſt die Sache, darin liegt Seligkeit; es iſt gar nicht möglich, daß ein Reicher ſo recht ordentlich unglücklich ſein kann.—“ Herr Niedlich hielt inne und fuhr voll Selbſtbe⸗ wußtſein fort:„Ich fühle das, oder vielmehr ich weiß es gewiß; aber es iſt höchſt ſonderbar, eigentlich ein⸗ 91 fältig, daß wir das Wort reichſelig nicht in unſerer Sprache haben.“ „Steht'’s nicht in der Bibel,“ antwortete der Muſiker, ſtarr in das Feuer lächelnd,„daß kein Reicher das Himmelreich ſchauen ſoll?“ „Narrenspoſſen!“ rief Herr Niedlich.„Das iſt nichts wie eine Redensart, um derentwegen ſich Niemand beſinnen wird reich zu werden.“ „Das Himmelreich Gottes liegt in uns,“ mur⸗ melte der junge Künſtler. „Seid glücklich und laßt es euch wohl gehen auf Erden, das ſteht in den zehn Geboten!“ ſchrie Herr Niedlich dazwiſchen.„Beſitzt Bildung und Welt⸗ kenntniß, damit ihr nicht Träumer und Thoren wer⸗ det, benehmt euch klug und weiſe, damit ihr nicht zu denen gehört, die dahin geworfen werden, wo da iſt Heulen und Zähneklappern! Sehen Sie, Herz⸗ berg, das iſt meine bibliſche Unterhaltung, und jetzt frage ich Sie, wollen Sie ein vernünftiger Menſch werden, oder wollen Sie ein Kind bleiben? Wollen Sie vernünftig werden, ſo will ich Ihnen helfen, zu Bildung und Einſicht zu kommen, geben Sie mir Ihre Hand darauf.“ Mechaniſch legte Herzberg ſeine feine, durchſichtige Hand in die kalten, ſchmalen Finger ſeines Gönners. „Gut,“ ſagte Herr Niedlich,„wir werden ſehen, wie Sie Sich machen. Vor allen Dingen müſſen Sie praktiſch werden; praktiſch ſein, das iſt die Hauptſache, um glücklich zu werden. Ich habe Sie dem Präſtdenten empfohlen, dieſe Empfehlung müſſen Sie benutzen. Sie müſſen heute noch hingehen und Sich entſchuldigen, daß Sie geſtern das Haus ver⸗ laſſen haben. Sagen Sie, weil Sie plötzlich krank geworden ſeien; glauben wird er es, denn Sie ſehen darnach aus. Gehen Sie aber auch zu Fräulein Hed⸗ wig und bitten Sie um Verzeihung.“ Während Herr Niedlich dieſe guten Lehren er⸗ theilte, ſenkte ſich eine rothe Wolke von Schaam oder Furcht auf die Stirn des jungen Mannes, und ſeine Augen drückten ein Widerſtreben aus, das ſeinem Beſchützer nicht entging.„Es kann Ihnen nichts ge⸗ ſchenkt werden!“ rief er, ſeinen langen Zeigefinger durch die Luft ſchlenkernd.„Wer ſich eine Suppe ein⸗ brockt, muß ſie auch auseſſen! Bei richtiger Bildung iſt indeß auch gar nichts dabei. Nur nicht verlegen, linkiſch oder geſtottert! Gehen Sie keck ins Haus, machen Sie kein klägliches Geſicht, ſondern lächeln Sie beſcheiden, aber dreiſt; das Lächeln ſteht Ihnen überhaupt ganz gut, wenn Sie wollen. Dann ver⸗ beugen Sie Sich verbindlich, fragen nach dem -——jy— 93 Befinden des gnädigen Fräuleins, ſagen irgend eine kleine Schmeichelei, erzählen eine Neuigkeit oder er⸗ finden irgend etwas, was angenehm unterhält, und empfehlen Sich hochachtungsvoll. Auf dieſe Art hin⸗ terlaſſen Sie einen guten Eindruck, und wenn Sie fort ſind, ſo ſagt man von Ihnen: Ein liebenswürdiger junger Mann, ſehr gebildet, ſehr einnehmend; ein beſchei⸗ dener, geſcheidter Menſch, den man weiter empfehlen muß. Und ſo werden Sie empfohlen, von Dem zu Jenem; ſo kommen Sie in achtungswerthe, noble Familien, ſo öffnet ſich Ihnen eine verdienſtvolle Thätigkeit, die ſich, wer weiß, wohin! verſteigen kann. Alle Kunſt iſt nichts, wenn ſie ſich nicht geltend macht; mit allen Idealen kann man ins Tollhaus kommen. Wer in der Welt geachtet ſein will, muß klug ſein und ſeine Sache verſtehen. Habe ich Recht, oder habe ich nicht Recht?“ „Sie haben Recht,“ ſagte Herzberg. „Das iſt mir lieb, daß Sie es einſehen,“ ſagte Herr Niedlich zufrieden;„nun aber weiter. Mit wem ich umgehe, deſſen Farbe trage ich. Sie kennen das Sprüchwort, Herzberg, alſo hüten Sie Sich, mit Menſchen umzugehen, deren Umgang Sie herab⸗ würdigt.“ Der Muſiker richtete einen flammenden Blick 94 auf ſeinen Gönner.—„Herabwürdigt!“ wiederholte dieſer;„denn bilden Sie Sich ein, daß noble Fami⸗ lien Ihnen Ihre Thüren öffnen werden, wenn es bekannt wird, daß Sie mit Handwerksburſchen und ähnlichem Volke verkehren? Den Umgang müſſen Sie alſo aufgeben, wenn Sie herauf und nicht im⸗ mer tiefer herunterſteigen wollen. Einen Menſchen, der Lehrer bei Handwerkern iſt, bezahlt man ſo ſchlecht wie möglich und wenn er ein Gott an Talent und Ge⸗ ſchicklichkeit wäre; wer dagegen reiche, noble Leute unterrichtet, kann fordern, was er Luſt hat. Je mehr er nimmt, um ſo ausgezeichneter muß er ſein, und wenn es auch Alles blauer Dunſt wäre, Charlata⸗ nerie, wie man gebildeter Weiſe ſagt, es thut gar nichts, im Gegentheil, es hilft. Habe ich Recht oder Unrecht?“ 1 „Sie haben Recht!“ antwortete Herzberg. „Denn bei alledem,“ fuhr Herr Niedlich fort, „ſind die Charlatans die klugen Leute, und die, welche wirkliches Talent haben und es nicht anzu⸗ wenden wiſſen, ſind Dummköpfe. Alſo abgemacht! Fort mit Ihren Handwerkern und deren Vereinen! Es iſt überhaupt eine Thorheit, ſich mit ſolchen Sachen einzulaſſen, wobei einem die Polizei leicht auf die Finger klopfen kann. Wer irgend Bildung und Welt⸗ —— 1 — 95 kenntniſſe beſitzt, wird heut zu Tage nichts mit Ver⸗ einen zu thun haben wollen. Dem Geſellen da ne⸗ benan, Reinhold Stark oder wie er heißt, geben Sie den Laufpaß, kümmern Sie Sich nicht weiter um ihn.“ „Warum?“ fragte der Muſiker, als erwachte er aus einem Traume. Herr Niedlich ſtarrte ihn grimmig an.„Haben Sie denn geſchlafen?“ ſchrie er, ſeinen Schüler auf dem Wege zum Glück ärgerlich am Arme ſchüttelnd. „Was das eine gedankenloſe Frage iſt! Warum? Weil er Ihnen nichts nützen, ſondern nur ſchaden kann, weil es kein Graf oder Geheimerrath, ſondern ein Blechſchmied iſt und obendrein ein anmaßender, fataler Burſche mit einem Kopfe wie ein Elephant und einem heimtückiſchen, widerlichen Charakter.“ „Sie irren,“ ſagte Herzberg wärmer als ge⸗ wöhnlich.„Reinhold iſt ein ſehr wackerer, verſtändi⸗ ger Menſch, der von allen, die ihn kennen, hochge⸗ achtet wird.“ „Wer ſind denn die, die ihn hochachten?“ ſagte Herr Niedlich, indem er den Arm in die Seite ſtemmte.„Meinetwegen mag ihn hochachten, wer Luſt hat, aber für Sie paßt es nicht, ſolche Antworten zu geben. Wer Bildung beſttzt, kann ſich in ſolcher Geſellſchaft nicht wohl fühlen.“ 96 „Aber Sie ſelbſt beſuchen oft Ihren Nachbar Hartmann,“ ſagte der junge Mann,„und Herr von Trifels, er auch.“ „Unſer Herr von Trifels iſt eine Art neumodi ſcher— Sonderling!“ rief Herr Niedlich, indem er ſich beſann und ſeinen hohen Discant mäßigte.„Sie können Sich nicht mit ihm vergleichen. Er iſt reich, alſo kann er ſich herablaſſen, wie es ihm beliebt. Sie aber dürfen nur mit Perſonen umgehen, die Ihnen Vortheile bringen.“ Der Mufiker, der ſich ſo düſterer Gemüthsart und ſchweigſam gezeigt hatte, war jedoch jetzt nicht ſo leicht einzuſchüchtern, als es darauf ankam, ihn von ſeinen wahren Vortheilen zu überzeugen.„Aber Sie,“ fragte er mit einem Anfluge von Spott, „warum gehen Sie zu dem ungebildeten Blechſchmied?“ Herr Niedlich wurde durch dieſen Einwurf nicht eben in Verlegenheit geſetzt, aber er kämpfte einige Augenblicke mit ſich ſelbſt, welche Antwort er dar⸗ auf geben ſollte.„Wenn Sie die nöthige Bildung und Weltkenntniß hätten, Herzberg,“ ſagte er dann, ſeine langen Hände reibend,„ſo würden Sie auf der Stelle wiſſen, warum ich dahin gehe; da Sie kurz⸗ ſichtig ſind, will ich Ihnen einige praktiſche Finger⸗ zeige geben.“ 97 „Sie habe ich ins Haus gebracht trotz alles Widerwillens des Alten, der Sie nicht leiden mag, obgleich Sie eine Art Vetter ſind, weil ich wünſchte, daß Marie Muſik⸗Unterricht nehmen ſoll. Ich ſelbſt beſuche die Familie, eben weil es da eine junge Dame gieht die Marie heißt. Jetzt merken Sie etwas, he? jetzt geht Ihnen ein Licht auf!“ Herr Niedlich drehte ſeine ſchmale Geſtalt da⸗ bei zierlich nach beiden Seiten, klopfte mit dem Fin⸗ ger an ſeine Stirn und lachte unmäßig, als er das ſtumme lange Anſtarren des Muſikers bemerkte, der ungläubig gegen das Licht ankämpfte, das ihm ge⸗ kommen war.„Sie,“ ſagte er endlich,„Sie wollten...“ er hielt inne und ſchuͤttelte mit ſeinem ſchweren Lächeln das ſchwarze Haar. „Ob ich will!“ antwortete Herr Niedlich, ſtolz aufgerichtet,„freilich will ich, ganz gewiß will ich. Sie können Sich darauf verlaſſen.“ „Die Blechſchmieds⸗Tochter,“ murmelte der Künſt⸗ ler, indem er ſeine Blicke zwiſchen dem Feuer und dem Agenten theilte—„es iſt komiſch!“ „Komiſch!“ ſchrie Herr Niedlich,„es mag Ihnen ſo vorkommen, weil Sie noch immer im Dunkeln wandeln. Ich weiß, was ich thue, ich weiß immer, was ich thue, darauf verlaſſen Sie Sich. Ich kenne 1856. XIV. Neues Leben. I. 7. ———— 98 den Alten ſeit langer Zeit, weiß, was er geſpart hat, und Marie hat keine Geſchwiſter, merken Sie nun, wie die Sache ſteht? Wie ich hier baute, habe ich ſchon darnach gebaut, daß die alte Hütte nebenan niedergeriſſen wird und ein ſtattliches Haus mit meinem zuſammen dann bildet. Es wird das ſchönſte Haus in der ganzen Straße, dafür ſtehe ich Ihnen, und es ſoll ſich rentiren, fünffach, ſechsfach beſſer als jetzt. Es iſt ein Jammer, wie es ausſieht. Der Alte hat es billig gekauft, jetzt iſt es dreimal mehr werth, ſechsmal mehr, wenn man es verſteht. Er läßt nichts anrühren. So wie ich aber verhei⸗ rathet bin, will ich ihn faſſen; darauf verlaſſen Sie Sich, daß ich ihn faſſen will.“ „Sie wollen alſo das Haus heirathen,“ ſagte Herzberg ſo verächtlich, daß Herr Niedlich in ein plötzliches Bedenken über ſeine Offenherzigkeit verfiel. „Reden Sie nicht ſo ſonderbar, ohne alle Bil⸗ dung!“ erwiederte er ernſthaft.„Es iſt natürlich, daß ich bei einem ſo wichtigen Schritt alle Folgen be⸗ denke, die ſich damit verknüpfen. Wenn Sie jemals heirathen wollten, würden Sie es eben ſo machen, und wenn Sie es nicht thäten— he,“ rief Herr Niedlich, ſich unterbrechend,„ſagen Sie mir aufrich⸗ tig, Herzberg, haben Sie Sich ſchon einmal verliebt?“ 99 Die dunkle Wolke ſenkte ſich wiederum auf die Stirn des Muſikers.—„Was meinen Sie— was meint Marie zu Ihrem Antrage?“ ſtieß er heftig hervor. Herr Niedlich war viel zu eitel, um nicht, wenn von ihm ſelbſt die Rede war, ſogleich darauf einzu⸗ gehen.„Noch meint ſie gar nichts,“ antwortete er, indem er ſich vor den großen Spiegel ſtellte und wohlgefällig lächelte,„aber ſie wird ſchon meinen, was ich meine, wenn es ſo weit iſt. Die nöthige Bildung hat ſie, Einſehen alſo auch; ich ſage Ihnen, Herzberg, von der können Sie etwas lernen. Es iſt göttlich, wie wir geſtern Abends zuſammen den Alten angeführt haben. Wie eine Taube ſo unſchuldig und geduldig ſah ſie dabei aus.“ „Angeführt?“ fragte der Muſiker. „Ja, ſo!“ rief Herr Niedlich, indem er pfiffig den Mund ſpitzte und ſeine Augen ſchelmiſch blin⸗ zelten,„herumgekriegt, wollte ich ſagen. Hätte ſie ſich merken laſſen, daß ihr viel daran gelegen ſei, er hätte es nimmermehr erlaubt; ſo ließ ſie mich den Alten breit ſchlagen, bis er nicht weiter konnte, ohne eine Miene zu verziehen. Und ſo wollen wir ihn ſchon immer weiter faſſen, bis er nicht weiter kann,“ fuhr er übermüthig nickend fort.„Die Mama iſt meine 7 100 Freundin, und ich bin Heinrich Niedlich, Agent der Staats⸗Bank, wohne hier im erſten Stock in meinem Hauſe und habe ein zehn Zoll langes, vergoldetes Meſſingſchild unten an meiner Thür. Das zieht, Herzberg, ſo etwas zieht!“ rief er lachend, indem er die Schultern des theilnahmloſen Muſikers ſchüttelte. „Madame Niedlich, Frau Agentin iſt kein Spaß, und eine Lächerlichkeit, wenn der Alte ſich einfallen laſſen wollte, einen elenden, dickköpfigen Hand⸗ werker....“ Herr Niedlich ließ die Schultern ſeines gedul⸗ digen Zuhörers los und drehte ſich um; denn er hörte, wie die Seitenthür auf dem Corridor geöff⸗ net wurde, und ſah einen Mann hereintreten, über deſſen Anblick er ſich außerordentlich wunderte, weil es kein Anderer war, als der Werkmeiſter ſeines Nachbars. „J, ſieh da! guten Morgen!“ rief er, als der Arbeiter ſich verbeugte und ſtehen blieb.„Iſt es nicht Herr Stark? Guten Morgen, Herr Stark! Der Tauſend, wo kommen Sie her?“ „Ich bitte um Verzeihung, Herr Niedlich,“ er⸗ wiederte Reinhold mit ſeiner weichen klingenden Stimme, und die ſanfte Freundlichkeit in ſeinem Geſicht verdoppelte ſich, während er ſprach.„Ich 101 ſuche den Herrn Herzberg, um mit ihm etwas zu beſprechen. Man hat mir geſagt, daß er bei Ihnen ſei.,“ „Wer hat es Ihnen geſagt?“ fiel Herr Nied⸗ lich ein. „Es thut wohl nichts zur Sache,“ fuhr Rein⸗ hold fort.„Es hat ihn Jemand hier hinein gehen ſehen. Inzwiſchen wartete ich lange, und da er nicht kommen wollte, nahm ich mir die Freiheit, zu fra⸗ gen, ob er noch hier ſei.“ „Und es war Keiner draußen, mein Bedienter nicht, die Haushälterin nicht?“ fragte Herr Niedlich. „Nein,“ ſagte der Arbeiter;„da ich aber hier ſprechen hörte, ſo war ich ſo frei, hereinzutreten.“ „Künftig, mein lieber Herr Stark,“ erwiederte Herr Niedlich, indem er ſich verbengte und lächelte, „werden Sie mich ſehr verbinden, wenn Sie drau⸗ ßen die Klingel ziehen und warten, im Fall ich wie⸗ derum die Ehre Ihres Beſuches habe. Darf ich aber nicht wiſſen, was Sie mit meinem Freunde Herz⸗ berg“— Herr Niedlich betonte die letzten Worte beſonders ſtark—„zu beſprechen haben?“ „Es iſt eigentlich kein Geheimniß,“ erwiederte Reinhold, ohne Unwillen merken zu laſſen,„allein mit Ihrer Erlaubniß werde ich darüber nur mit Herzberg ſprechen,“ „So?“ ſagte Herr Niedlich, indem er den Ar⸗ beiter lächelnd und forſchend betrachtete;„nun, wie Sie darüber denken, Herr Stark. Ich bin ſehr erfreut und danke Ihnen verbindlich und ganz unterthänigſt.“ Dieſe Dankſagung verwirrte den einfachen Mann. Er verbeugte ſich und wußte nicht, was er ſagen ſollte; ſeine Blicke drückten die Frage aus, wofür Herr Niedlich ſich bei ihm bedankte. „Ich danke Ihnen zunächſt für Ihren werthen Beſuch,“ fuhr Herr Niedlich mit vermehrter Herab⸗ laſſung fort,„ferner auch dafür, Sie ſo wohl zu ſehen; endlich aber— verzeihen Sie, daß es mir nicht gleich einfiel, geſtern hörte ich davon— meine beſten Glückwünſche zu Ihrem heutigen Geburtstage! Ich hoffe, Sie haben ihn glücklich begonnen und ſind gehörig überraſcht worden. Angebunden mit ſchönen Geſchenken, wie? Mariechen hat Ihnen eine koſtbare Ueberraſchung bereitet, was? haha!“ Der ſchmale Kopf auf dem dünnen Halſe des Herrn Niedlich zog ſich zuſammen, als wollte er einen Sprung machen, und ſeine ſchmalen Augen funkelten vor Luſt, als er ſah, welche Wirkung ſeine Glückwünſche hatten. Reinhold ſchien in großer Ver⸗ legenheit zu ſein; ſein blaſſes Geſicht wurde roth bis unter das Haar, und während Herr Niedlich X 103 ihm die Hand ſchüttelte und ausgelaſſen lachte, ver⸗ ſuchte er vergebens ſeine Unruhe zu verbergen. „Nun, was iſt es, was hat Ihnen Marie be⸗ ſchert?“ rief Herr Niedlich.„Es muß etwas ſein, was Sie gar nicht erwartet hatten.“ „Ich hatte auch nichts erwartet,“ antwortete Reinhold ſanftmüthig,„bin aber reicher bedacht worden, als ich denken konnte.“ „Der Zufriedene hat immer genug,“ fiel Herr Niedlich ein,„doch allzu große Genügſamkeit iſt auch ſchädlich. Sie ſind ja der Vetter und Werkführer, ohne Sie könnte der Alte nichts Bedeutendes mehr anfangen. Ihre Thurmdeckung iſt ein wahres Wun⸗ derwerk.“ „Es iſt nichts, was eine andere Hand nicht auch ausführen könnte,“ ſagte Reinhold. „Alle müßten Ihnen dankbar ſein,“ ſagte Nied⸗ lich, eine Dampfwolke über den Arbeiter blaſend. „Hartmann müßte Ihnen das Geſchäft übergeben, und Marie— ein allerliebſtes Mädchen, nicht wahr? Getanzt hat ſie geſtern Abends wie eine kleine Fee, und ſo ſah ſie auch aus. Wir waren ſämmtlich voll⸗ ſtändig vernarrt davon, der Präſident an der Spitze. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf! Aber wiſſen Sie, nach meiner Ueberzeugung müßte Marie....“ „Ich denke, wir laſſen es, wie es iſt,“ unter⸗ brach ihn der Arbeiter voller Unruhe, indem er nach dem Muſiker hinſah und dieſem zuwinkte. „Wenn ich es wäre, oder wenn ich Sie wäre, Herr Stark,“ ſchrie Herr Niedlich, indem er ihn am Arme feſt hielt—„wiſſen Sie, was ich thäte?“ „Ich weiß es nicht,“ ſagte Reinhold,„aber ich möchte es auch nicht wiſſen, lieber Herr, denn ich muß fort. Wenn es Ihnen alſo gefällig wäre....“ „Laß uns gehen!“ ſagte der Muſiker, indem er plötzlich zwiſchen Beide trat. „Was das für ein ungeſtümer Menſch iſt!“ ſchrie Herr Niedlich.„So ein ſogenannter Künſtler fällt gewöhnlich aus den Wolken auf anderer Leute Füße. Leben Sie wohl, Herr Stark! erfreuen Sie Sich Ihres Geburtstages und grüßen Sie meine kleine ſchöne Freundin. Laſſen Sie Sich Ihr Ge⸗ ſchenk gut bekommen und genießen Sie es mit Ge⸗ ſundheit! Sie aber, Herzberg, handeln Sie nach un⸗ ſerer Verabredung; gehen Sie ja heute noch zu..“ Hier unterbrach ein ſtarker Zug an der Klingel die Rede des Herrn Niedlich, und da er die beiden ei⸗ ligen und ſchweigenden jungen Männer unter vielen Verbeugungen bis an den Corridor begleitet hatte, erkannte er durch die Glasthür die hohe Geſtalt 105 Eduard's von Trifels.—„Der Herr Aſſeſſor, wahr ich lebe!“ rief er erſtaunt, indem er an die Feder drückte, durch welche die Thür aufſprang. Trifels trat herein, der Muſiker und deſſen Begleiter ſtanden ihm zunächſt, um ſich zu entfernen; ohne dies aber zuzulaſſen, nahm er ihre Hände und führte ſie wieder in das Zimmer zurück. „Erwünſchtes Zuſammentreffen!“ rief er aus; „Sie dürfen nicht fort, meine Freunde, ohne mir Glück zu wünſchen. Rathen Sie, was ich meine! Sie haben es errathen, Herr Niedlich, ich ſehe es Ihnen an.“ „Hochzeit! Hochzeit! Hurrah!“ ſchrie Herr Nied⸗ lich im hohen Discant, ſeine Troddelmütze abreißend und ſein kurz geſchorenes Haupt ſo hoch wie möglich in die Luft ſtreckend, indem er ſich auf die Zehen ſtellte. „Amor kann es nicht niedlicher machen!“ lachte Trifels.„Aber, beſter Herr Niedlich, Sie haben Recht. Hochzeit ſoll ſein, ehe dreimal der Vollmond wiederkehrt. Herzberg muß die Cantate dichten und componiren, Niedlich erfindet und tanzt den Fackel⸗ tanz, und unſer wackerer Reinhold— für ihn habe ich eine beſondere Aufgabe.“ „Alſo Alles richtig?“ fragte Herr Niedlich, ſeine langen, ſchmalen Hände zuſammenreibend,„Alles abgemacht, man kann wirklich gratuliren?!“ 106 „Danke! danke!“ ſagte Trifels,„und, meine Freunde, machen Sie es alle ſo ſchnell wie möglich mir nach, vor Allen Sie, Reinhold.“ „Es iſt doch— verzeihen Sie meine Unbeſchei⸗ denheit— es iſt doch das Fräulein Tochter des Herrn Präſidenten?“ fragte Reinhold, raſch einfallend. „Hedwig iſt es, meine Hedwig!“ antwortete der Aſſeſſor;„Sie kennen ſie ja, eine Andere kann es nicht ſein. Ich kann den Namen ſchon ſeit langer Zeit nicht mehr ausſprechen, ohne alle Glocken in meinem Herzen dabei läuten zu hören. Giebt es noch einen melodiſcheren Namen, Herzberg? Sie müͤſſen das verſtehen, als Dichter und Muſiker. Liebling der Götter! was murmeln Sie da und zucken mit den Lippen?“ Der blaſſe Künſtler heftete ſeine großen dunkeln Augen auf den glücklichen Bräutigam; aber um ſeinen Mund ſpielte ein weiches Lächeln, das endlich ſich in einige rauh hervorgeſtoßene Worte auflöſ'te.„Kein ſchönerer Name,“ ſagte er,„wirklich kein ſchönerer Name. Ich weiß keinen!“ „Das will ich Hedwig wieder ſagen,“ antwortete Trifels,„ſie wird Ihnen für dieſe Huldigung danken. Doch Sie, Reinhold, Sie denken anders daruͤber. Marie klingt beſſer, weicher, waͤrmer! Was meinen Sie?“ 107 „Ich meine,“ ſagte Reinhold mit ſeiner ſanften Stimme und einem bittenden Blicke, den Trifels nicht verſtand,„daß der Name derjenigen, die uns lieb iſt, uns immer zumeiſt gefallen wird.“ „Sehr wahr!“ ſchrie Herr Niedlich.„Wenn meine Geliebte Trine oder Pine hieße, ich würde die reizendſte Melodie darin finden; allein Marie iſt ein zärtlicher Name und dabei ein heiliger.“ „Merken Sie Sich das, Freund Stark!“ ſagte der Aſſeſſor,„und das war es, was ich Ihnen vor⸗ her mittheilen wollte. Richten Sie es ſo ein, daß binnen drei Monaten, wenn ich mit meiner Hedwig Hochzeit halte, Sie mit einer gewiſſen Marie.... „Ich weiß ſchon, ich weiß!“ fiel Reinhold, ihn unterbrechend und ſo ungewöhnlich heftig ein, daß Trifels zu ſprechen aufhörte.„Gott gebe Ihnen alles Glück, lieber Herr, und Segen für Sie und Ihre Braut! Ich habe mein Tagewerk zu ſchaffen, die Krone ſoll heute auf dem Thurm feſtgemacht werden, ſo muß ich denn gehen und wünſche noch⸗ mals viel Glück.“ 4 Je länger er ſprach, deſto ruhiger wurde er, bis das ſanfte Lächeln wieder in ſein Geſicht trat und ſeine Stimme mild klang.— Trifels hatte ihn ſcharf beobachtet, dann wandte er ſich zu dem Agenten, der pfiffig lächelte und den Mund ſpitzte.„Ich kam zu Ihnen, Herr Niedlich,“ ſagte er,„eigentlich auf den Wunſch des Präſidenten, der mich erſucht, Sie zu benachrichtigen, daß er Sie ſogleich zu ſprechen wünſche.“ „Auf der Stelle!“ rief Herr Niedlich dienſt⸗ fertig;„aber wollen Sie nicht noch einige Minuten verweilen? Nehmen Sie eine Cigarre, ich kann ſie empfehlen. Wir wollen noch ein wenig plaudern,“ flüſterte er im vertraulichen Tone;„ich muß hören, wie es bei Ihrer Erklärung zugegangen iſt.“ „Damit, theuerſter Herr Niedlich,“ antwortete der Aſſeſſor vornehm lächelnd,„kann ich Ihnen vor der Hand nicht aufwarten.— Kommen Sie, Rein⸗ hold, ich gehe mit Ihnen— Sie wohnen hier ſehr gut, Herr Niedlich; in jedem Zimmer eine Uhr.“ „Daher weiß ich auch immer, was die Glocke geſchlagen hat!“ verſetzte Herr Niedlich, indem er überaus pfiffig grinſ'te und lachte.„Wollen Sie meine Gemälde ſehen, Herr von Trifels? Hier nebenan, treten Sie hinein.“ „Ein ander Mal,“ erwiederte Trifels.„Stark hat keine Zeit zum Warten. Guten Morgen, Herr Niedlich, eilen Sie raſch zum Präſidenten, er hat Aufträge für Sie.“ 109 Mit kühlem Gruße ging er hinaus, und einige Hochzeitsſcherze und gute Wünſche, welche der Agent beim Abſchiede noch zum Beſten gab, indem er ihn bis an die Treppe begleitete, hatten keinen Erfolg; denn die glückliche Stimmung, in welcher der Aſſeſſor gekommen war, ſchien ihn plötzlich verlaſſen zu haben. Er nickte kaum, als Herr Niedlich ſich über das Geländer mehrmals verbeugte, ſteckte aber ſeine Hand in den Arm des Werkführers und ging mit dieſem leiſe und eindringlich ſprechend die Stufen hinab. Herr Niedlich ſchlug die Thür ins Schloß, öffnete ſie aber ſogleich wieder, ſteckte ſeinen Kopf durch den Spalt und horchte. Er hörte Anfangs nichts als die Schritte der Fortgehenden, plötzlich jedoch ließ ſich die kräftige, tiefe Stimme des Herrn von Trifels hören.—„Was ſagen Sie, Reinhold? Sie will nicht! Warum nicht?“ Was der Werkführer autwortete, konnte Herr Niedlich nicht verſtehen; allein er mußte entſchuldigend oder verſöhnlich geſprochen haben, denn Trifels ſagte lebhaft:„Ich wuürde an Ihrer Stelle anders urtheilen, ja, ich möchte ſagen: Sie ſind zu gut für ſolchen Leichtſinn. Soll ich mit ihr ſprechen?“ „ Nein, nein!“ ſagte Reinhold bittend,„es würde ihr wehe thun..“. ———— 110 „Sie haben Recht,“ erwiederte Trifels,„ein Dritter muß ſich nicht in ſolche Sachen miſchen. Laſſen Sie uns gehen, wir müſſen ein Mittel finden, ihr den Kopf zurechtzuſetzen.“ Leiſe ſchlich Herr Niedlich zurück, ſchloß die Thür und hüpfte in ſein Zimmer bis vor den Spie⸗ gel, wo er ein lang anhaltendes Gelächter aufſchlug. „Sie will nicht!“ rief er, indem er ſich verbeugte und ſeine Troddelmütze ſchief ſetzte.„Sie will den Büffel mit dem viereckigen Kopf nicht nehmen?! Schrecklich! entſetzlich! fürchterlich! haha! Warum will ſie ihn nicht? Was iſt die Urſache? Sollte es vielleicht ein ſchlanker, liebenswuͤrdiger junger Mann ſein, der in ihrer Nachbarſchaft wohnt aund auf den Namen Heinrich hört?— Wahrhaftig, dr Geſchmack iſt nicht zu tadeln, durchaus nicht zu tadeln! Mein liebes Mariechen,“ ſagte er mit ſüßer Stimme,„Sie ſollen erhört werden, ich ſchwöre es Ihnen zu, ich will dieſe treue Anhänglichkeit belohnen! Gedulden Sie Sich nur noch kurze Zeit, und Sie ſollen in ſeinen Armen liegen, in dieſen Armen, an dieſem Herzen, wo es ſich wonnig ruhen läßt.“ Mit dieſer Betheuerung warf Herr Niedlich den türkiſchen Schlaf⸗ rock ab und ſchickte ſich an, vor dem Präſidenten zu erſcheinen. 1 7 Viertes Capitel. Meiſter Hartmann hatte ſeinen Platz im Lehn⸗ ſtuhl eingenommen. Die Meſſing⸗Lampe brannte wieder auf dem Tiſche, und jenſeits ſaß die Frau Meiſterin fleißig arbeitend, wie am Abend vorher; aber ſtatt der frohen Hofftungen waren Unmuth und Aerger in den Geſichtern der beiden alten Leute, und ſtatt des gutmüthigen Lachens brummte der alte Mann dann und wann ein halb unterdrücktes Scheltwort vor ſich hin, das den Gang ſeiner Gedanken anzeigte. Die Frau Meiſterin preßte ihre Lippen noch feſter aufein⸗ ander, riß die Nadel heftig in die Höhe und kehrte die blitzende Spitze wie eine Lanze gegen ihren zür⸗ nenden Gatten, als wollte ſie ihm den Mund zuſam⸗ mennähen. Die Ecke aber, an welcher Marie zu ſitzen pflegte, war leer, und jene Ecke ihr gegenüber, 112 die Reinhold Abends einnahm, um die hübſche Muhme recht in der Nähe anzuſchauen und mit geheimer Luſt jeden Blick aufzufangen,— auch ſie war verödet. Der Meiſter rauchte aus ſeiner langen Pfeife, allein es ſchmeckte ihm nicht. Er lehnte ſie von ſich an den Stuhlwinkel, ſchlug die Arme über einander und ſtarrte finſter vor ſich hin, bis endlich, wie es ihm immer ging, ſein Groll ſich mit der Wehmuth vermiſchte, die aus dem bedrückten Gemüth überwältigend aufſtieg.—„Es iſt nicht gut, wenn man alt wird,“ ſagte er vor ſich hin,„es iſt nicht gut!“ Die Frau Meiſterin ließ eine Minute vergehen — ſie wußte, wie es in ſeinem Herzen ſtand. Er konnte es nicht aushalten, ſeinen Kummer und Zorn allein zu tragen. Darauf hob ſte den Kopf in die Höhe und antwortete gelaſſen;„Warum ſoll es nicht gut ſein, wenn Gott Geſundheit und Kräfte ſchenkt?“ „Man erlebt zu viel, und es wird immer ſchwerer zu tragen,“ fuhr er langſam fort. „Es lädt ſich aber mancher eine Laſt auf, wo er's nicht nöthig hätte,“ erwiederte ſie, weiter nähend. „Es iſt ſonderbar!“ ſagte er kopfſchüttelnd.„Die einem zunächſt in der Welt ſtehen, von denen kommt auch der nächſte Jammer. Die es uns danken ſollten 113 mit ihrem Herzblut, die machen uns Haar und Herzen weiß.“ „Man muß ſich nicht verſündigen,“ murmelte die Meiſterin, ohne aufzublicken. Die Antworten folgten ſich in Zwiſchenräumen, und jetzt trat ein längerer ein, den der alte Mann endlich dadurch unterbrach, daß er eine Bewegung nach ſeinem Kopfe machte, die ſchwarze Kappe um⸗ drehte und lebhafter ausrief:„Das iſt ein ſchöner Geburtstag, ich werde an ihn denken!“ „ Ich auch,“ erwiederte ſie. „Da ſitzen wir Beide allein,“ fuhr er fort, „ſtatt daß die Gläſer klingen ſollten.“ „Wer iſt denn ſchuld daran?“ fragte ſie.„Das Kind ſitzt hinten in der Kammer, es wagt ſich nicht vor Deine Augen. Du biſt ſo grob und hitzig gewe⸗ ſen, ein Wilder kann nicht anders ſein. Mit Fluchen und Schreien ſchafft man keine Liebe.“ „Was ich will, iſt gut und ihr Beſtes!“ warf der Meiſter dazwiſchen. „So thu's, wenn Du es denkſt,“ gab ſie ih zurück,„aber hebe Deine Hand nicht gegen ſie auf. Was hat ſie Dir denn geſagt, als Du heute früh ihr Deinen Reinhold aufzwingen wollteſt? Vater, hat ſie geſagt, wenn es Dein Befehl iſt, ſo werde ich 1856. XIV. Neues Leben. I. 8 114 gehorchen, denn ich bin Dein Kind, und wenn Rein⸗ hold damit zufrieden ſein will, ſo mag es geſchehen.“ „O!“ ſagte der alte Mann,„damit war nichts gethan, denn Reinhold wird nimmer eine Frau neh⸗ men, die ihm ſolche Worte ſpricht, das wußte ſie, und ich... ich...“ er hielt inne und faßte nach der Mütze—„mich kennt ſie auch.“ Es war, als hätte die Frau Meiſterin große Luſt gehabt, die Lippen zu einem beiſtimmenden Lachen zu verziehen; ſie unterdrückte dieſe Anwand⸗ lung jedoch, antwortete aber ſchneller als vorher: „Du willſt keinen Menſchen zwingen, nach Deinem Willen zu thun. Alle ſollen freiwillig folgen.“ „Ja Frau, ja!“ rief Hartmann energiſch,„das iſt es. Was ich einſehe, denke ich mir, müſſen alle Menſchen einſehen, denn ich will niemals das Unrechte!“ „Aber ein Jeder kann ſich doch irren,“ fiel ſie ein,„und jeder Menſch hat ſein beſonderes Einſehen und ſeinen eigenen Willen.“. „Ich kann mich auch irren,“ antwortete er demüthig, „und wo ich es merke, bin ich immer da, um es zu geſtehen. Doch hier, bei dieſer Sache, ſteh' ich feſt, denn es iſt kein Irrthum möglich. In der ganzen Welt iſt keiner, der ſo für das Mädchen paſſen thäte, 115 als Reinhold, und es iſt nicht etwa darum allein, weil er vom Handwerk iſt, es paßt ſich Alles zuſam⸗ men, als wär's von Gott dazu beſtimmt.“ „Es muß doch nicht ſo ſein,“ erwiederte ſie, „ſonſt würde es ſich fügen.“ „Habe gearbeitet nun hier in die dreißig Jahre,“ fuhr er fort,„habe geſorgt und geſpart und an die Hand gedacht, die mein Werk weiter führen ſoll; auch an die Zeit gedacht, wo der alte Meiſter im Hauſe beihergehen, wo wir oben wohnen würden und die jungen Leute unten. Und wie hat es Gott gefügt in ſeinen Gnaden! Keine beſſere Hand, wie Reinhold's Hand, kein Mann, auf den ich ſtolzer wäre; ſo brav, daß ihn Jederman lieb haben muß, kein untren Haar an ihm: das Leben würfe er hin für das Mädchen!“— Er ſchwieg eine Weile ſtill von dem Schmerz ſeiner zerſtörten Hoffnungen über⸗ wältigt, ſagte dann leiſer:„Und wie es Alles weiter gepaßt hätte! Der Herr von Trifels heirathet, da wurde uns die Wohnung oben frei, wir konnten hinaufziehen. Ich ſeh's kommen, daß Reinhold davon⸗ geht, um es nicht länger anzuſehen, und wo ſoll's hin⸗ aus mit meinen alten Tagen, wie ſoll's enden?!“ Die Meiſterin ließ den Klageruf ſtill verhallen, dann kam ſie mit ihrer Tröſtung.„Ich ſagt' es ja,“ 8* 116 fing ſie an,„Dir ſoll Alles nach Deinem Willen gehen, und wenn's nicht geſchieht, glaubſt Du, das Unglück ſei da. Gott lenkt die Herzen; was er nicht will, daß ſich finden ſoll, davon muß man abſtehen. Wenn's ſich ſo gemacht hätte, daß Marie und Rein⸗ hold ein Paar würden, ich hätte auch meine Freude daran gehabt.“ „Du?“ fragte der Meiſter. „Ja, ich,“ ſagte ſie unerſchrocken;„aber wenn ein Mädchen keine Neigung zu einem Manne hat, dann kann man doch nicht auf ſie eindrängen, weil's abſolut ein Blechſchmied ſein ſoll.“ „Eine Prinzeſſin muß allemal wieder einen Prin⸗ zen heirathen,“ fiel der Meiſter ein.„Keiner fragt ſie, ob ſie Neigung dazu hat oder nicht. Es wird ihr geſagt: den heiratheſt Du, das paßt für Dich, und damit gut. Es iſt dummes Zeug mit allen Neigungen.“ „So, meinſt Du?“ rief ſie erbittert.„Meinſt Du, ich hätte Dich je genommen, wenn eben nicht die Neigung in mir geweſen wäre?“ „Es war auch ein ander Ding mit uns,“ fiel er begütigend ein,„wir hatten Beide wenig zum Anfang.“. „Alſo darum willſt Du es thun?“ fuhr ſie fort; 117 „um die Werkſtatt, um das Geſchäft ſoll das Kind verkauft werden? Hochmuth ſtraft Gott, Chriſtian! Hochmuth ſtraft Gott!“ 4 Der alte Mann gerieth in Verlegenheit. Der Vorwurf des Hochmuthes griff in ſein Gewiſſen, und je mehr er ſich dagegen ſträubte und ihn ab⸗ wehren wollte, mit ſchlichter Ehrlichkeit auf ſeine gute Ueberzeugung pochte, um ſo mehr fühlte er, daß doch nicht Alles daran richtig und recht ſei. „Ich habe das Mädchen niemals zwingen wollen,“ ſagte er,„und will es auch jetzt nicht.“ „Das ſagſt Du,“ antwortete ſie,„aber Du tobſt und ſchiltſt wie ein Beſeſſener. Reinhold iſt fortge⸗ laufen, und Marie ſitzt und weint.“ Der Meiſter ſenkte den Kopf, leiſe ſeufzend. Sie beobachtete ihn und verfolgte ihren Sieg.„Was nicht iſt, iſt nicht,“ begann ſie,„man muß nicht hals⸗ ſtarrig an ſeinen Wünſchen hangen. Lieber Gott! muß man denn gerade in der Art glücklich werden, wie man es denkt? Kann denn nicht Marie Einen nehmen, den ſie liebt und der auch ein Mann iſt, auf den wir ſtolz ſein köunen? Und müſſen wir denn bis an unſer Ende hier klopfen und hämmern? Kön⸗ nen wir nicht das Haus verkaufen und unſere alten Tage in Ruhe verleben?“ 118 „Was?!“ ſchrie der alte Mann auf, und ſein ganzer Kopf wurde roth bei dem ſchrecklichen Gedan⸗ ken, Haus und Arbeit zu verlaſſen. Inſtinctmäßig folgte er ſeinem Mißtrauen, das ihm plötzlich denje⸗ nigen zeigte, von welchem ſeiner Frau dieſe Einflü⸗ ſterungen nur gekommen ſein konnten, und indem er drohend die Fauſt ballte und auf den Tiſch ſchlug, ſagte er grollend:„Nun und nimmermehr!“ Aus dem alten Hauſe hier trägt man mich fort, eher verlaſſe ich es nicht, und wenn der Haſenfuß, der Niedlich, etwa— o Element! wenn ich daran denke, wenn der ſpeculirt!— Ich ſag' es Dir, Liesbeth, ich ſag' es Dir— das Mädchen zwinge ich nicht, denn es iſt aus. Reinhold kann es nicht thun und wird's nicht thun. Aber kommt mir der luftige Kerl, der wie ein Schatten, wie ein Windſpiel ausſieht, in in die Quer, ſo blaſe ich ihn fort, zum Hauſe hinaus!“ „Wir wollen nicht weiter davon reden,“ ſagte ſie. „Gut, wir wollen nicht weiter davon reden; aber ſprich mit ihr, thu's ihr zu wiſſen. Ich ſage nichts mehr, verflucht aber... „Still!“ fiel ſie ein,„ein vernünftiger Mann ſoll nichts verſchwören.“— Indem ſie das ſagte, ſtand ſie auf und griff nach der Lampe, denn drau⸗ ßen ließ ſich die Hausglocke hören.— Der Meiſter ——— 8 — 119 verſtand ihre Abſicht wohl, jetzt Jeden abzuweiſen und ganz beſonders Herrn Niedlich vor jeder Annä⸗ herung zu warnen, und ein grimmiges Lachen, ver⸗ bunden mit einem Gefühl innerer Genugthuung, über⸗ kam ihn. Noch ehe jedoch die Frau Meiſterin mit der Lampe die Thür erreichte, wurde an dieſer geklopft, und unwillig ſprang der alte Mann auf ſeine Beine, riß die Kappe von einem Ohr zum anderen und ſchrie in drohendem, rauhem Tone:„Kann man bis in die Nacht hinein in ſeinen vier Pfählen nicht einmal Ruhe haben?!“ wobei er ſich umdrehte und auf die Kammer zuſchritt, um ſich zu entfernen. Er hatte jedoch kaum einige Schritte gethan, als er von der Stimme, welche hinter ihm ſich hören ließ, ſo überraſcht wurde, daß er nicht allein ſtehen blieb, ſondern ſeine Mütze raſch abnahm und voller Verwirrung ſich verbeugte; denn ohne Zweifel war es der Präſident von Landau, der eben hereintrat und ihn anrief.„Bleiben Sie, mein lieber alter Freund,“ ſagte der vornehme Gaſt,„denn wenn ich irgend ſtören ſollte, komme ich morgen wieder.“ „Ich konnte es nicht denken,“ ſtotterte der Meiſter, „nehmen Sie es nicht für ungut, ſo am Abend ſpät..“ Der Präſident kam ihm zu Hilfe.„Daß ich Ihnen noch ins Haus fallen würde; das iſt freilich 120 . umecht. Sie haben Ihre Plagen, lieber Hartmann, wollen Sich nicht auch Abends belaͤſtigen laſſen. Ich kenne das aus meinem eigenen Leben, das ſeine Muühen und Geſchäfte hat; aber eben deswegen komme ich ſo ſpät und will Sie nicht lange in An⸗ ſpruch nehmen.“ „Es iſt eine große Ehre für uns!“ rief die Meiſterin, die inzwiſchen einen Stuhl mit der Schürze ſauber abgewiſcht hatte und ihn herbeitrug.„Nehmen Sie doch Platz, gnädigſter Herr Präſident, und wenn's auch nur ein Augenblickchen wäre. Sie nähmen uns ja die Ruhe mit, wenn Sie es abſchla⸗ gen wollten.“ Auf dieſe verbindliche Einladung neigte ſich der Präſident freundlich zu ihr und bot ihr die Hand. „Ich danke Ihnen, meine liebe Madame,“ ſagte er, „und thue es gern, wenn ich wirklich nicht ſtöre.“ „Gewiß nicht!“ antwortete die Frau Meiſterin mit wiederholten Knixen es,„könnte uns gar nichts Angenehmeres geſchehen.“ „Und Sie befinden Sich doch recht wohl?“ fuhr Herr von Landau fort,„doch darnach darf man nicht fragen. Sie ſehen ſo munter aus und ſind ſo raſch — wir kennen uns doch ſchon ein gutes Weilchen, aber Sie bleiben jung, liebe Frau Nachbarin.“ 3 121 „Es läßt ſich halten, gnädigſter Herr Präſident,“ antwortete ſie in beſter Laune.„Die alten Füße wollen nicht mehr recht fort und die Augen dazu.“ „Wir werden alle alt,“ ſiel der Meiſter ein, indem er einen Blick nach ſeinem Gaſte that. „Man muß jung im Herzen bleiben!“ ſagte der Präſident lächelnd. „Es merkt ſich an den Kindern, daß die Jahre kommen,“ meinte die Frau Meiſterin. „Da bringen Sie mich auf den Hauptpunkt meines Beſuches,“ ſagte Herr von Landau.„Ich bin gekommen, um Ihnen herzlich für die Freude zu danken, welche Sie mir und meiner ganzen Familie bereitet haben. Ihr Fräulein Tochter— wo iſt ſie denn? Nicht zu Hauſe?“ „Im Augenblick— nicht bei Wege, gnädigſter Herr Präſident,“ antwortete ſie. „So laſſen Sie mich zunächſt Ihnen Beiden meinen Dank ausſprechen, daß Sie uns Gelegenheit gaben, Fräulein Marie kennen und ſchätzen zu lernen.“ „Wenn es Ihnen recht geweſen iſt, thut's mich auch freuen,“ ſagte der Meiſter, der ſeine unbehagli⸗ chen Empfindungen nicht überwinden konnte. „Nichts konnte uns lieber ſein,“ erwiederte der vornehme Herr.„Sie beſitzen einen großen Schatz, 122 mein alter Freund! einen Schatz, um den Sie zu beneiden ſind.“ „Mein beſter Herr Präſident!“ rief die ge⸗ ſchmeichelte Mutter,„es iſt unſer einziges Kind, wir haben gethan, was wir vermochten.“ „Sehr recht,“ ſagte Herr von Landau.„Erzie⸗ hung und Bildung ſind die einzigen, dauernden und ſicheren Güter, welche wir unſeren Kindern hinter⸗ laſſen können. Sie wiſſen wohl, daß meine Tochter ſich heute verlobt hat?“ „Ich hab's gehört und wünſche viel Glück und Segen!“ antwortete Hartmann.„Ein beſſeres Theil hätte ihr nicht zufallen können; ich kann's wohl ſagen, da der Herr Bräutigam ſo lange bei mir wohnt.“ „Sie loben ihn alſo?“ fragte Herr von Landau, verbindlich ihm zunickend. „Wie es ſein muß,“ erwiederte er.„Der iſt nicht ſo wie andere junge Herren ſeiner Art. Da iſt ein Kern vorhanden, Herr Präſident, wie im beſten Kreuz⸗ blech; wo man es anfaſſen mag, man fühlt's, was man in der Hand hat.“ „Das iſt mir lieb, ſehr lieb zu hören!“ rief Herr von Landau.„Im häuslichen Umgange läßt ſich jeder Menſch am beſten beobachten, in Geſellſchaft zieht man ſein beſtes Kleid an.“ —— 123 Er brach davon ab, um mit dem Meiſter über ſeine Geſchäfte zu ſprechen und eröffnete ihm dabei Ausſichten auf Arbeiten, welche er ihm zu übergeben gedachte. Die Bank ließ große Speicher bauen, welche Zinkdächer erhalten ſollten; es ſollten dazu Koſten⸗ anſchläge gemacht werden; der Präͤſident forderte ihn auf, nähere Einſicht zu nehmen und die Veran⸗ ſchlagungen dann einzureichen. Ein ſolches unerwartetes Entgegenkommen er⸗ weckte natürlich Dankbarkeit. Des Meiſters Geſicht erheiterte ſich bei der Ausſicht auf große Arbeit und redlichen Gewinn; mit weit größerer Redſeligkeit als bisher beantwortete er die Fragen ſeines Gaſtes, und erzählte ihm vertraulicher mancherlei über ſich, ſein häusliches und werkliches Leben und über ſeine Familie. Es konnte nicht fehlen, daß dabei auch von Reinhold die Rede war, deſſen Geſchicklichkeit und wackeres Weſen von ſeinen Verwandten hoch geprie⸗ ſen wurde. Der alte Mann that es aber jetzt mit beſonderer Luſt, weil ſeine Frau zuhören mußte und weil er das Gefühl hatte, daß ſie innerlich gar nicht damit zufrieden ſei. Lange Zeit hörte Herr von Lan⸗ dau beiſtimmend zu, indem er ſelbſt dann und wann etwas Allgemeines ſagte, was den Meiſter beglück⸗ wünſchte, einen ſo ausgezeichneten Arbeiter und Bei⸗ ſtand zu beſitzen; endlich aber, nachdem er genug beobachtet hatte, fing er an, dem Geſpräch eine beſtimmte Wendung zu geben. „Ich kann mir denken,“ ſagte er lächelnd,„daß Sie wünſchen müſſen, den vortrefflichen Reinhold für immer bei Sich zu behalten, und— ich will nicht unbeſcheiden ſein, mein alter Freund— es liegt jedoch nahe— Ihre Tochter Marie! Was? Haben Sie keine Plane damit? Paßt es ſich nicht mit den jungen Leuten?“ Hartmann war plötzlich aus ſeiner freundlichen Stimmung herausgeriſſen. Was er halb vergeſſen hatte, trat wieder in den Vordergrund ſeiner Gedan⸗ ken; die dicke Falte auf ſeiner Stirn ſchwoll auf, mürriſch und mißtrauiſch zugleich blickte er ſeinen hohen Gaſt an und dann vor ſich nieder. „Nun?“ fuhr dieſer freundlich fort;„ich merke ſchon, daß ich unbewußt eine wunde Stelle getrof⸗ fen habe, wie dies zuweilen geſchieht. Wir wollen davon ſchweigen.“ Trotz dieſer Aufforderung ſagte der Meiſter aber dennoch, weil es ihm noth that, eine Antwort zu geben:„Sie paßten ſich wohl, ich wüßte kaum, wer ſich beſſer paſſen ſollte; aber das Mädchen hat „ 125 den Hochmuths⸗Teufel im Kopf, und Gott vergeb's der, die ihn dahin gebracht hat.“ Bei dieſen letzten Worten blickte er ſeine Frau an, welche jedoch nicht geneigt war, dergleichen vor einem Fremden ruhig hinzunehmen. „Es iſt ein Elend!“ rief ſie, die Hände zuſam⸗ menfaltend,„wenn ein Mann, der ſonſt ein guter Mann in allen Dingen iſt, wie man es nicht anders ſagen kann, eine Sache juſtement ſo haben will, wie er es ſich ausgedacht hat. Wenn's wäre, in Gottes Namen möchte es ſein; aber wenn's nicht ſo iſt, muß man doch nicht ſein Kind läſtern, daß die Leute glauben müſſen, es ſei verdorben bis in die Seele hinein.“ Der Meiſter ſtützte trotzig ſchweigend den Kopf in die Hand; der Präſident aber winkte der aufge⸗ regten Frau zu und ſagte begütigend:„Seien Sie unbeſorgt, ſo meint es der Vater nicht, und ſo ver⸗ ſtehe ich es auch nicht. Ich habe Fräulein Marie kennen gelernt und hoffe ſie noch beſſer kennen zu lernen. Mein lieber alter Freund, man muß das menſchliche Herz nicht wie ein Rechenexempel betrach⸗ ten, das, mit richtigen Zahlen richtig zuſammen ge⸗ zählt, auch eine richtige Schlußſumme giebt. Wie auch jeder einzelne Factor richtig ſein mag, das Ganze kommt vielleicht dennoch verkehrt und falſch heraus. Reinhold iſt gewiß ein vortrefflicher Menſch, mit Eigenſchaften, die tauſend Mädchen gefallen können; alle ſeine Verhältniſſe paſſen, er kann die Werkſtatt übernehmen, kann Ihre Geſchäfte weiter führen; aber— Marie fühlt keine Neigung für ihn.“ „Das iſt es ja, was ich ſage, beſter Herr Prä⸗ ſident!“ rief die Meiſterin triumphirend.„Sie ſitzt und weint ſich Augen aus.“ „Dann hilft es Alles nichts,“ fuhr Herr von Landau fort,„das würde auf jeden Fall eine unglückliche Ehe werden, und ſeiner Tochter Unglück wird kein Vater wollen, der dieſen Namen verdient. Sagen Sie mir nicht, Reinhold liebt ſie, er wird ſie auf Händen tragen, wird Alles thun, um ihre Liebe zu erwerben,“ fügte er haſtiger hinzu und faßte des Meiſters Arm, der ſich zum Antworten anſchickte —„was kann aus ſolcher Ehe werden, die mit dem heftigſten Widerwillen des einen Theiles geſchloſſen wurde? Gewöhnlich wird der Mann ebenfalls un⸗ glücklich. Er wird von der Frau tyranniſirt oder tyranniſirt dieſe, ſucht ſein Gluͤck außer dem Hauſe, da er es drinnen nicht findet, und aller Wohlſtand, alle Ordnung gehen zu Grunde.. „Soll man denn ſeine Kinder ſich über den 127. Kopf wachſen laſſen, ihnen den Willen thun?“ ſagte der alte Mann zornig. „Davon iſt nicht die Rede,“ antwortete der Präſident.„Aber eben ſo wohl, wie man ein Kind wo möglich hindern muß, eine leichtſinnige, unpaſſende Ehe zu ſchließen, eben ſo wohl muß man es nie⸗ mals überreden oder nöthigen wollen, einen Mann zu nehmen, wenn es auch der allervortrefflichſte iſt, für den es keine Neigung hat.“ „Ach, wie wahr, wie richtig Sie die Sache beurtheilen, gnädigſter Herr Präfident!“ rief die Meiſterin, von Dankbarkeit erfüllt. „Es iſt Unſinn mit den Neigungen!“ murmelte Hartmann, weil er es nicht ganz laut mehr zu ſagen wagte. „Glauben Sie das nicht, lieber Freund,“ endete Herr von Landau belehrend.„Neigungen wie Ab⸗ neigungen ſind ein Geheimniß, das noch Niemand erforſcht hat. Weder Jugend noch Schönheit, noch Reichthum oder Macht können zuweilen ein Mädchen gewinnen, das ihre Neigung vielleicht einem Manne geſchenkt hat, der nichts von allem dem beſttzt.“ „Es iſt wahr!“ grollte der alte Meiſter, die Kappe unwillig herumwerfend,„ſie hängen ſich lieber an Windbeutel und Narren, der ehrliche Mann behagt ihnen nicht.“ „Wer wird ſo übel von den Frauen denken!“ lächelte Herr von Landau,„obenein, wenn man ſelbſt eine ſo gute Frau hat! Nein, mein alter Freund, kluge, verſtändige Mädchen wiſſen, was ſie wollen, wählen mit Einſicht und laſſen ſich nicht vom Schein blenden. Ihre Tochter aber iſt, wenn mich nicht Alles täuſcht, vorſichtig und von klarem Verſtande, ſie wird Ihnen keinen Narren ins Haus bringen. Ich halte ſie für viel zu begabt, um ihr nicht ein feines Urtheil zuzutrauen.“ Während Herr von Landau ſprach, bemerkte er recht gut, daß der weiße Vorhang, welcher das Fenſter in der Kammerthür umhuüllte, ſich leiſe nach einer Seite bewegte; aber er ſchien es nicht weiter zu beachten.„Ich will nur noch einige Worte hin⸗ zufügen, ehe ich Sie verlaſſe,“ ſagte er,„und denke, Sie werden mir nicht Unrecht geben. Sie haben an Ihre Tochter etwas gewandt, haben ſie unterrich⸗ ten, ſte Manches lernen laſſen.“ „Das iſt gewiß,“ ſiel die Mutter redſelig ein, „ſchreiben kann Sie beſſer wie viele Männer, und rechnen eben ſo gut.“ „Sie ſpricht auch vortrefflich,“ fuhr der Präſident 5 129 fort,„hat Vieles geleſen, und da ſehe ich ein Clavier ſtehen, alſo verſteht ſie auch dieſe Kunſt. Ihre Tochter beſitzt ſomit Bildung, und ein ganz natür⸗ liches und richtiges Gefühl ſagt ihr, daß ſie dieſe auch von ihrem Gatten fordern müſſe. Ein Mann, das gebe ich gern zu, kann ein wackerer, ſelbſt ein ausgezeichneter Mann in ſeinem Fache ſein, ohne allgemeine Bildung zu beſitzen, allein er muß es ſich nicht einfallen laſſen, eine Frau zu nehmen, die ihm darin überlegen iſt. Eine Frau muß immer Hochachtung vor ihrem Manne fühlen, ſobald ſie ſich ſagt: er ſteht mir nicht gleich, wohl gar ſich ſeiner ſchämt, er ihr zu roh, zu einfach, zu ungebil⸗ det vorkommt, kann niemals eine glückliche Ehe dar⸗ aus entſtehen. Marie kann, wie ich glaube, nur einem gebildeten Manne ihre Hand reichen, ein un⸗ gebildeter, einfacher Mann, und wäre er auch der beſte Menſch, würde unglücklich mit ihr werden trotz aller ihrer Liebenswürdigkeit und Schönheit. Das, mein lieber Hartmann, iſt meine aufrichtige Meinung und nun gute Nacht. Grüßen Sie mir das gute Kind und ſeien Sie milde mit ihm. Fräulein Marie muß meine Tochter recht bald beſuchen, Hedwig iſt ſo entzückt von ihr wie alle. Morgen laſſen Sie Sich die Zeichnungen aus meinem Bureau 1856. XIV. Neues Leben. I. 9 * holen, machen Sie ſofort die Anſchläge. Ich hoffe Sie nächſtens wieder zu ſehen, und nochmals vielen Dank, ſehr vielen Dank!“ So ſchied Herr von Landau, indem er dem Meiſter die Hand drückte und ſchüttelte. Der Frau Meiſterin gab er auf, dafür zu ſorgen, daß ihrem Manne die Falten von der Stirn verſchwänden. Sie verſprach dies mit Knixen und voller Seligkeit und bedankte ſich bis draußen vor der Thür für die große Ehre, die dem ganzen Hauſe wiederfahren ſei. „Sie ſchelten alſo nicht, wenn ich bald einmal wieder vorſpreche?“ fragte er. „Beſter Herr Präſident!“ ſchrie ſie freudig auf, „es wäre gar zu ſchön! Ich glaube nur nicht, daß es Ihnen bei uns gefallen kann.“ „Bei ſo wackeren Leuten gefällt es mir am beſten,“ erwiederte er;„Sie werden ſehen, daß ich Wahrheit ſpreche.“ Als die Frau Meiſterin zurückkehrte, fand ſie ihren Mann in dem Lehnſtuhl ſitzen, die Arme auf⸗ geſtützt und die Augen ſtarr vor ſich hin gerichtet, wie er immer that, wenn ihn etwas Schweres be⸗ ſchäftigte. Sein ſtarkes Geſicht ſchimmerte röthlich wie von großer Aufregung und innerer Arbeit, die ihm das Blut nach dem Kopfe drängte, und dann 131 und wann that er einen tiefen, langen Athemzug, als wollte er eine Laſt, die auf ihm lag, abwerfen. Den Stolz und die Freude, von denen ſeine Frau erfüllt war, bemerkte er nicht; er ſah auch nicht auf, als ſie ihre Hand auf ſeine Schulter legte; ohne eine Bewegung zu machen, hörte er dem zu, was ſie ſprach, obwohl es gute Worte waren, die ihn tröſten und verſöhnen ſollten. „So ein Herr,“ ſagte ſie,„ſo ein reicher, vor⸗ nehmer Herr, der verſtebt es, der geht den Sachen auf den Grund. Iſt es denn nun nicht ein Glück geweſen, Chriſtian, daß wir das Kind hinüber ſchick⸗ ten? Wie ein Buch kann er ſprechen, es iſt ordent⸗ lich, als ob man die Wahrheit fühlte. Und was kann uns noch alles Gute von ihm kommen! Marie ſoll mit ſeinen Töchtern umgehen, als ob das keine Ehre für uns wäre. So weiß ſie ſich zu benehmen, daß alle, die da waren, ihr Schönes geſagt haben; das kommt von der Bildung, die ſie bekommen hat; denn es mag Einer ſagen, was er will, davon kommt Alles, darauf darf man nicht ſchimpfen oder ſchreien, es waren Narrenspoſſen. Siehſt Du wohl, Chriſtian, der Präſident, der es doch verſtehen muß, hat ganz accurat meine Meinung. Wo keine Neigung iſt, muß man die Hand davon laſſen, es hilft nichts, 9* 132 man muß Einſicht haben. Wir haben ja auch unſere Neigung gehabt, und wenn wir auch nicht gebildet waren, ſo that's eben die Neigung, die es machte, daß wir uns um den Hals ſielen und es mit einan⸗ der verſuchten. Wenn ich aber gebildet geweſen wäre, oder Du wärſt es geweſen, ſo wäre es nicht gegangen, denn Du hätteſt dann wohl bald geſagt: mit der geht es nicht, die paßt nicht zu mir, ich habe einen dummen Streich gemacht. Und ſo iſt es mit dem Kinde. Es iſt kein Hochmuth, hochmüthig iſt es nicht, aber es iſt das Gefühl in ihm: es geht nicht, und wenn es auch wahr mag ſein, daß Rein⸗ hold ein Menſch iſt, auf den man ſich verlaſſen kann, ſo hat er doch keine Bildung, die hat er nicht, und wer die nicht hat, heut zu Tage, der...“ Hier richtete der alte Mann ſich auf, und vor ſeinen flammenden Blicken verſtummte ſie auf der Stelle. Ohne etwas zu erwiedern, ließ er den Oberkörper zurückſinken und ſagte dann erſt langſam und ernſthaft:„Es iſt doch Alles nichts als Schaum und Sand— Blech wird immer Blech bleiben!“ Und eben als er dies ſagte, erhob ſich draußen vor den Fenſtern ein Chor friſcher Männerſtimmen zu einem Geſange vereinigt, der plötzlich allem Strei⸗ ten zwiſchen dem Ehepaar ein Ziel ſetzte. Der 4 * 133 Meiſter horchte auf, Frau Hartmann ſtand lauſchend, es kam ihr etwas in den Sinn, wobei ſie pfiffig lächelte, als aber die Kammerthür ſich öffnete und ihre Tochter hereintrat, welche das Singen auch ge⸗ hört haben mußte, ſagte ſie mit einem ſtolzen Kopf⸗ nicken:„Es iſt ein Ständchen! Es bekommt hier Jemand ein Ständchen. Es hört ſich ganz aller⸗ liebſt an.“ „Sehr ſchöne Stimmen,“ flüſterte Marie. „Wer es nur ſein muß und wem es zukommt?“ fragte die Mutter.. „Vielleicht ſind es Freunde des Herrn von Tri⸗ fels,“ antwortete Marie. „Einem Herrn bringt man kein Ständchen,“ ſtel ſie ein. „Wegen ſeiner Verlobung,“ ſagte Marie, die ihr einen kleinen Stoß gab und nach dem Vater umblickte. „Ich glaube es nicht,“ erwiederte die Mutter hartnäckig, und zum Ohr ihrer Tochter geneigt, mur⸗ melte ſie einige Worte, die dem alten Manne wie Heinrich Niedlich klangen. Er ballte ſeine Fäuſte zuſammen und wollte aufſpringen, denn ſein erſter Gedanke war, die Fenſterläden zu öffnen und die Sänger zum Teufel zu jagen. Doch verſtändig, wie * 9 134 er war, ließ er gleich wieder davon ab; denn was hätte es für ein Aufſehen gegeben, da ſicher auf der Straße ſich ſchon viele Menſchen geſammelt hatten, deren Gemurmel zu ihm drang, weil der Geſang eben ſchwieg! Gleich darauf aber begann dieſer wie⸗ der, und trotz ſeines Grolles mußte Hartmann dar⸗ auf hinhören. Er konnte die Worte jetzt verſtehen, welche geſungen wurden, und es war ſonderbar, wie ſie ihn bewegten. Ganz deutlich hörte er eine ſchöne weiche Stimme ſingen: Laßt uns jetzt den Meiſter loben, Der ſein Werk ſo wohl bedacht. Gottes Segen kam von oben, Und mit Gott ward es vollbracht. Dann ſiel der Chor ein, der den Meiſter glück⸗ lich pries; aber die helle Stimme drang darin wieder durch, und ſie klopfte an das Herz des alten Mannes mit ſo wunderbarer Macht, daß all' ſein Zorn davon verſchmolz. Jetzt wurde aber auch die Glocke draußen laut, dann wurde an der Thür ge⸗ klopft, und ſchweigend ſah Hartmann, wie eine An⸗ zahl ſeiner Arbeiter hereintrat, an deren Spitze ſich Reinhold befand. Die Leute hatten ſämmtlich etwas Feierliches in ihren Geſichtern, ſie waren in ihren —— 135 beſten Kleidern, und Reinhold trug etwas in der Hand, das mit einem weißen Tuche bedeckt war. Der alte Mann ſtand von ſeinem Stuhle auf, und als ſein Verwandter und Werkführer ſich vor ihm verbeugte, nahm er ſein ſchwarzes Käppchen ab, daß das graue Haar über die harte Stirn fiel. „Lieber Meiſter,“ begann Reinhold in ſanftem Tone und mit dem Lächeln, das ſein Geſicht ſo freundlich machte,„wir ſind gekommen, weil es uns dazu trieb, Ihnen zu ſagen, wie es uns allen eine Ehre und Freude iſt, bei ſolchem Manne zu ſtehen, den Jedermann hoch und werth hält, und weil heute der Tag iſt, wo ein Werk vollendet wurde, das des Meiſters Namen noch lange Zeit Ruhm bringen wird, und weil ich auch dabei geholfen und durch Ihre große Güte und Liebe obenan in der Werk⸗ ſtatt ſtehe, haben meine Brüder mich erwählt, das Wort zu nehmen und auszuſprechen, wie es uns ums Herz iſt.“ Der alte Mann antwortete nicht, aber ſein Ge⸗ ſicht wurde röther, und ſeine Augen waren voll Unruhe. „So nehmen Sie es denn guütig auf, lieber Meiſter, was Leute wie wir vorbringen können. Reden i*ſt unſere Sache nicht, aber es iſt auch mit vielen 136 Worten nichts gethan. Glück und Segen ins Haus und viele Freude an guten Werken! Möge der Mei⸗ ſter in Ehren leben und wir ihm weiter helfen dürfen, als treue Arbeiter! Zum Angedenken aber ſchlagen Sie es uns nicht ab anzunehmen was wir bringen. Gold und Silber haben wir nicht, es iſt ein einfach Glas, lieber Meiſter; doch wenn Sie daraus trinken, ſo ſei es im guten Andenken an uns, und mög's immer ein guter Trank ſein und immer einer da ſein, der ſo freudig ruft, wie wir es thun:„Es lebe der Meiſter Hartmann noch lange Jahre, er und ſein Weib und Kind, ſie leben hoch!““ Alle, die in der Stube waren und die draußen auf dem Flur ſtanden, riefen es ihm nach und riefen dreimal Hoch, daß die Wände wiederhallten; wäh⸗ rend deſſen aber hatte Reinhold das Tuch von ſeiner Hand abgeworfen und überreichte dem Meiſter einen großen Pocal von Kryſtall, der ſchön geſchliffen und mit einem Deckel bedeckt war. Auf der einen Seite ſtand der Name des Meiſters eingeſchnitten, auf der andern Seite zeigte ſich der kunſtvoll gedeckte Thurm, mit Krone und Kreuz und den langen Linien gewal⸗ tiger Arabesken und gothiſcher Verzierungen. Der alte Mann nahm den Pocal, doch er hielt ihn ausgeſtreckt in der Hand, als wüßte er nicht, was — — 137 er thun ſollte. Es ward ſtill um ihn, ſie wollten ſeine Antwort hören, und er ſetzte zweimal an, aber es kam nichts über ſeine Lippen; endlich wand es ſich los, weil er's mit Gewalt zwang.„Ich danke Euch Eure Liebe, mehr wie ich es ſagen kann,“ be⸗ gann er,„aber meine Sache iſt es nicht, Ehre zu nehmen, die mir nicht gehört. Es wäre nie was Geſcheidtes mit dem Thurm geworden, wenn's der Reinhold nicht gethan hätte.— Sollſt mich ausre⸗ den laſſen, Reinhold,“ fuhr er fort, die Hand des jungen Mannes abwehrend,„es muß geſagt werden, weil's Wahrheit iſt. Seht, Freunde und Werkge⸗ noſſen, ich hätt's nimmer machen können, wenn er's nicht gethan hätte, und darum will ich's laut vor Allen ausſprechen, was Ehre an dem Werke iſt, das kommt ihm zu; er hat's weiter gebracht wie ich, es thut's ihm Keiner nach!“ „Nein, lieber Meiſter, nein,“ rief Reinhold, ſeine Hand feſthaltend,„wir wiſſen es dennoch beſſer. Wäre ich nicht hier in Ihrer Schule geweſen, unter Ihren Augen und Ihrer Aufſicht, es wäre nichts aus mir geworden. Und wie ich es Ihnen danke, ſo thun es Viele. Da iſt Keiner, der nicht dächte wie ich, Keiner, der nicht ſagte: ſo kann man nur lernen und ſchaffen, wo der Meiſter Hartmann 138 hinſieht und Rath giebt. Gott lohn' Ihnen für alles, was Sie mir gethan! Aber das Glas da iſt in der rechten Hand, und was wahr iſt, ſteht in allen Herzen. Es kommt keiner über unſeren Meiſter, ich ſag's mit aller Ehrerbietung, aber es kommt Keiner über ihn und ſoll Keiner kommen, darum Hurrah Hoch füͤr Ihn auf alle Zeit!“ Die Liebe, die er aus allen Augen leuchten ſah, überwältigte den alten Mann; er konnte nicht län⸗ ger widerſtehen, ſie drang in ſein Herz und machte ſeine Augen feucht. Er hob den Pocal hoch auf und legte ſeinen Arm auf Reinhold's Schulter, als wollte er zeigen, daß er ihn wie ein Stuck von ſich ſelbſt halte.„So mag's denn ſein,“ ſagte er,„und ſo gebe ich's Euch zurück, Werkgenoſſen. Alle haben redlich geholfen, Allen ſoll die Ehre bleiben. Schließ' drüben die große Stube auf, Frau, ſchaffe Licht her⸗ bei und Wein dazu. Aus dem Glaſe müßt Ihr alle mit mir trinken, und hier oben an der Wand foll es ſtehen, daß ich es ſtündlich ſehe und an Eure Liebe denke.“ Das Zimmer leerte ſich, die Meiſterin ſteckte ſchnell Licht an, die Arbeiter folgten ihr nach; aber Hartmann hielt Reinhold feſt, und plötzlich wandte 4139 er ſich mit ihm nach der andern Seite, eben als Marie in die Kammer ſchlüpfen wollte. „Halt!“ rief er ihr nach.„Komm her, Marie!“ Sie ſtand ſtill, ohne dem Gebote Folge zu leiſten. „Komm her,“ ſagte er noch einmal, und mit zögernden Schritten trat ſie näher. „Sieh her,“ ſprach er ſanft,„hier iſt Reinhold. Sieh ihn an, Marie, er will ſich von meiner Hand losmachen; gieb ihm Deine Hand, halte ihn feſt!“ Sie hob langſam ihre Hand auf, ohne ein Wort zu ſprechen. „Nimm die Hand, Reinhold,“ fuhr der alte Mann fort, und ſeine Stimme, die ruhig ſein ſollte, klang dumpf und zitternd.„Führe ſie hinüber, ſage Allen, Du brächteſt Deine Braut.“ Reinhold hatte dem Gebote Folge geleiſtet: die Finger des jungen Mädchens zuckten zuſammen, wie ihr Vater ſprach, und wie er in ihr Geſicht blickte, ließ er ſie los, denn es ſah blutlos bleich aus, und ihre Augen hatten einen wilden, trotzigen Glanz. „Lieber Meiſter!“ ſagte Reinhold, leiſe bittend. „Nimm ſie mit!“ rief der alte Mann,„ich will's ſo haben!“ „Es geht nicht,“ antwortete Reinhold;„ſo darf's nicht ſein.“ 4 140 „Du bitteſt für ſie!“ murmelte er, den Kopf ſchüttelnd. „Aus Herzens Grund,“ war ſeine Antwort.„Ich kann es nimmer anſehen, daß ich ſie in Leid bringe. Nein, Marie, es ſoll niemals geſchehen, wo ich es ändern kann. Dringen Sie nicht weiter in ſie, be⸗’ ſter Vetter, es läßt ſich nicht ändern.— Die Worte werden mir ſchwer, aber um meinetwillen muß kein Unfriede aufwachſen. Laſſen Sie uns hinüber gehen, ich höre ſchon, wie das Glas klingt. Das Lied auf den guten Meiſter hat der Herzberg heute Vormit⸗ tags gemacht, die Muſik auch dazu; Nachmittags haben wir eingeübt, und jetzt wollen wir noch ein halbes Dutzend ſchöne Stückchen vortragen, die das Herz erfreuen ſollen.“ Das Lüächeln erhellte wieder ſein eckiges Geſicht, und ſeine Augen blickten mild und tröſtend auf die unerbittliche Geliebte.— Der Meiſter ließ ſich einen Schritt fortziehen, bis der Grimm, den er gegen ſeine Tochter trug, plötzlich in verdoppelter Liebe zu Reinhold umſchlug. Er umfaßte ihn mit beiden Armen, küßte ihn und ſagte voll Innigkeit:„Wenn ich ein Mädchen wäre, wenn ich die dort wäre, die wie eine Eiſenſtange daſteht, ich fiele Dir um den Hals und wäre ſtolz darauf, weil ich wüßte, es 141 meint's Keiner ſo in der ganzen Welt mit mir. Biſt ihr aber nicht gebildet genug, mein Junge. Will ſie Dich nicht zum Mann, ſo will ich Dich zum Sohne haben. Mein Sohn biſt Du, Reinhold. Verflucht will ich ſein, wenn ſolch ein Narr, ſolch ein Schatten einen Groſchen von mir kriegt! Jetzt komm, und Du da, merke Dir, was ich geſagt habe: Blech ſoll Blech bleiben!“ Mit dieſem Wahlſpruche ging er zu ſeinen Gäſten. Marie blieb einige Augenblicke ſtehen, ohne die feſtgeklemmten Lippen zu öffnen; dann zuckten ihre Mundwinkel, und während ſie ſich zurückzog, ſagte ſie leiſe:„Blech mag Blech hleiben, nur ich will nichts damit zu ſchaffen haben.“ Fünftes Capitel. In der Woche, welche dieſen Vorgängen folgte, wurde die Verlobung des Freiherrn von Trifels mit der älteſten Tochter des Präſidenten von Landau veröffentlicht, und für das junge Paar bereiteten ſich freudenvolle Tage, die eine ununterbrochene Reihe Feſtlichkeiten mit ſich brachten. Die Einladungen waren zahlreich und wurden von großen Geſellſchaften abgelöſ't, welche der Präſident in ſeinem Hauſe ver⸗ ſammelte. Immer war es ein gaſtfreies Haus ge⸗ weſen, nun aber ſchien Herr von Landau Willens zu ſein, ehe die Tochter von ihm ſchied, ihr die glück⸗ lichſten Erinnerungen mit zu geben, indem er alle ihre Wünſche und Neigungen befriedigte, dabei aber auch der Welt bewies, daß ſeine Tochter den reichen, ihr heimlich viel beneideten Freier weniger nöthig — — 143 habe, als manche Andere.— Hedwig erhielt reiche Geſchenke in großer Fülle; ſie durfte nur einen Wunſch äußern, ſo war ihr Vater ſogleich bereit, ihn zu erfüllen, und ohne Wunſch brachte ihr Tri⸗ fels zahlreiche ſchöne und koſtbare Spielereien, von denen er glaubte, daß ſie ihr gefallen könnten, dazu die präͤchtigſten Blumen und feine Süßigkeiten, welche ſie beſonders liebte. Große Ankäufe für die Ausſtat⸗ tung der glücklichen Braut wurden gemacht, und während Hedwig in dem ſeligſten Rauſche des Glückes erwachte und einſchlief, ihr Verlobter ſchon früh er⸗ ſchien, um am ſpäten Abend heimzukehren, das frohe Lachen des ſchönen Mädchens durch alle Zimmer ſchallte und Neckerei, Scherz und Frohſinn jede Mi⸗ nute ausfüllte, ſtand Fräulein Emma ernſthaft mit der Elle in der Hand, maß, ſchnitt und vertheilte viele Stücke feines Leinen, Kanten und Beſätze, und eilte dann wieder durch Küche, Keller und Kammern, um ihr geſchäftiges, vielſeitiges Tagewerk zu beſtehen. So traf ſie Trifels auch eines Morgens, als er wie gewöhnlich mit einem duftigen Blumenſtrauß erſchien und haſtig klopfend in das Wohnzimmer trat. Von dem großen Ausziehtiſche rollten nach allen Seiten ſchimmernde Linnenſtreifen auf den Boden; Fräͤulein Emma mit der großen Scheere ſtand 144 vor, ſchnitt tapfer darauf los und ließ ſich in ihrer Geſchäftigkeit nicht ſtören. Sie blickte um, als ſie Trifels' Stimme hörte, und lachte mit, als er lachend ein paar Sprünge über die Leinwand machte, welche ſich um ſeine Füße wickelte. „Sie legen Schlingen um mich, Täntchen,“ ſagte er,„ein wahres Labyrinth, deſſen Anblick mir Grauen einflößt. Ich laſſe mich jedoch nicht einfangen — Wo iſt Hedwig?“ „Warten Sie einen Augenblick,“ erwiederte ſie, auf einen Zettel Zahlen notirend.„Sol jetzt kann ich Ihnen ſagen, daß Hedwig Beſuch hat.“ „Beſuch, von wem?“ „Von einem jungen Herrn, der ſeit einer Stunde beinahe bei ihr iſt.“ „Wer iſt es denn?“ „Herr Herzberg.“ „Der arme Herzberg!“ rief er, lächelnd über ſeinen plötzlichen Ernſt.„Hedwig hat vor einigen Tagen ihn um Lieder gebeten, die ich ihr gerühmt habe. Er wird damit gekommen ſein.“ „So iſt es,“ ſagte Fräulein Emma.„Er ſpielt ſie ihr vor, weil Hedwig ſie ſchnell lernen möchte, um Sie damit zu überraſchen. Darum ſollen Sie 145 jetzt nicht hineingehen, es würde ihr die Freude ver⸗ derben.“ „Sie haben Recht,“ antwortete er, indem er die Blumen auf ein Fenſter legte und ſich zu der geſchäftigen Wirthſchafts⸗Vorſteherin zurückwandte. „Was machen Sie denn eigentlich da?“ fragte er. „Ich ſorge für den proſaiſchen Theil Ihres Glückes, wenigſtens werden Sie es ſo nennen.“ „Ach, gutes Täntchen! auf Erden iſt das Glück, oder was man gewöhnlich ſo nennt, bei Lichte be⸗ trachtet, immer proſaiſch genug.“ „Freilich,“ antwortete ſie, weiter ſchneidend, „und was man poetiſch nennt, ſteckt eigentlich im Unglück, da die Poeten ſelbſt als höchſten Gipfel aller Poeſte das Trauerſpiel betrachten.“ Trifels war einen Augenblick nachdenkend ge⸗ worden, dann aber lachte er laut auf.„Ein Trauer⸗ ſpiel iſt jedes Leben!“ rief er aus,„ſomit iſt Alles traurig oder Nichts. Sie kommen mir mit Ihrer gewaltigen Scheere vor wie eine der grimmigen Parzen, welche erbarmungslos die Schickſalsfäden zerſchneidet und dazu Zauberlieder ſingt.“ „Ich zerſchneide, um Neues zu geſtalten,“ ant⸗ wortete ſie,„und da das Alles für Sie geſchieht, 1856. XIV. Neues Leben. I. 10 146 damit Sie und Hedwig im Himmel leben können, müſſen Sie der Parze und ihrer Scheere dankbar ſein.“ 2 l„Im Himmel leben!“ antwortete er freudig, „wirklich, beſtes Täntchen, das danke ich Ihnen ſchon. Was es bedeutet, weiß ich jetzt erſt, ſeit ein guter Engel mir immer nahe iſt; wenn mir eines Morgens Flügel gewachſen ſein ſollten, würde ich mich nicht im Geringſten darüber wundern.“ „Es wäͤre allerdings vielleicht das Beſte,“ ſagte Fräulein Emma eifrig arbeitend und ſchelmiſch nach ihm hin blickend.„Von Land zu Land fliegen, aus allen Bluͤthen naſchen, um Blumen und Sterne huſchen und ſo endlich ins Paradies gelangen! Aber es geht leider nicht an.“ „Warum geht es denn nicht an?“ „Weil der beſte Flügel müde wird, und weil jeder Vogel ſein Neſt ſucht.“ „O, freilich! Aber giebt es keine Seligkeit ohne Ende? Giebt es keine Flügel, die niemals ermatten? Etwas, das hier und hier“— er tippte auf ſeine Bruſt und ſeine Stirn—„überwältigt verſöhnt und ewiges Leben ſchafft?“ Fräulein Emma ſchüttelte den Kopf.„Man muß auch von der Seligkeit nicht zu viel verlangen,“ ſagte ſie, ihre klaren Augen auf ihn richtend;„menſch⸗ 147 liche Seligkeit, wenn's kein jäher Traum ſein ſoll, bedarf der Ruhe, und ich moͤchte ſagen: einiger ſchwe⸗ ren Steine oder Gewichte, die man ſich an den Beinen feſt bindet, damit der Kopf nicht in die Decke fährt.“ „Was meinen Sie damit?“ „Sorgen,“ erwiederte ſie. „Sorgen!“ rief er lachend.„Sorgen als Arca⸗ num zur Seligkeit!“ „Menſchliches Sorgen und Mühen,“ fuhr ſie arbeitend fort.„Sie kennen doch die alte Sage, wie die Sorge träumend mit ihren Fingern, den Gedanken, ein Bild aus Thon bildete, dem Zeus Leben gab, und wie dieſes neue Geſchöpf, der Menſch, darum, ſo lange ſeine zerbrechliche Hülle aushält, der Sorge gehört. Seine Mutter ſoll man niemals verläugnen.“ „Und was folgt daraus, liebes, Täntchen?“ „Es folgt daraus, daß die gute Mutter Sorge uns für unſere Treue entſchädigt, ſo viel ſie kann. Sie giebt uns Freuden für unſere Plagen, ſie giebt uns gute, klare, ſchöne Gedanken, giebt uns durch dieſe Muth und Ruhe und Zufriedenheit.“ „Und die Seligkeit, Täntchen?“ „Seligkeit iſt der höchſte Grad der Zufriedenheit, weiter nichts.“ „Und die Liebe?!“ . 10* 148 Fräulein Emma ſchwieg, ihre Scheere ſchnitt kräftig durch das Geſpinnſt. „Hören Sie, Herr von Trifels,“ begann ſie dann,„ich ſehe ein, wir kommen ſo nicht aus, weil ich lauter Umwege mache. Da Sie nur noch wenige Minuten für mich übrig haben, ſo will ich Ihnen einfach ſagen, was ich denke. Hedwig iſt kein Engel wie Sie meinen, aber ein liebes, gutes Kind, das manche ſchöne und treffliche Eigenſchaft beſitzt, doch auch manche Schwaͤchen, die beſiegt werden muͤſſen. Sie hat bis jetzt wenig oder nichts von dem Ernſte des Lebens kennen gelernt, hat keine Sorgen gehabt und ſich auch keine gemacht. Alle ihre Wünſche ſind be⸗ friedigt worden, man hat ihr geſchmeichelt und hat ſie verwöhnt— ich ſelbſt will mich gar nicht frei davon ſprechen, dabei mitgeholfen zu haben; denn meine Vorſtellungen wurden gewöhnlich von ihren Liebko⸗ ſungen überwältigt, und was ſie auf meine Ermah⸗ nungen verſprach, wurde niemals von ihr gehalten.“ „Und was, beſtes Täntchen, werfen Sie ihr vor?“ fragte Trifels. „Sorgloſigkeit, Flatterſinn, Mangel an Lebens⸗ ernſt und an Nachdenken.“ „Das iſt himmliſch!“ rief er aus. „Sie dürfen das nicht ſagen,“ fuhr ſie fort, 149 „denn Sie müſſen empfinden, daß es falſch iſt. Ein⸗ ſichtig, wie Sie es ſind, müſſen Sie Hedwig erzie⸗ hen, ſie an Nachdenken, an Häuslichkeit, an Lebens⸗ ſorgen gewöhnen, ihr Pflichten auflegen und Forde⸗ rungen an ſie ſtellen.“ „Niemals!“ rief Trifels aus.„Was Sie tadeln, theueres Täntchen, das eben— ja, ich will es Ihnen bekennen— das eben zog und zieht mich zu ihr. Wie eine Sylphide, wie ein Irrlicht hüpft ſie um mich her, lachend, ſcherzend, neckend, voller Einfälle, ein ewiger Wechſel glücklicher Empfindungen, ein Fruͤhling voll Geſang und Blüthen, ein reizender Schmetterling, der ohne Ausruhen die goldenen Flü⸗ gel bewegt! Nein, beſtes Täntchen, nein! Ich möchte das niemals aufgeben, nicht um alle Vernunft, nicht um alle Häuslichkeit und Sorglichkeit!— Laſſen Sie uns, wie wir ſind. Vielleicht iſt es Champag⸗ nerſchaum, den wir ſchlürfen, allein was iſt denn der ſchale, trübe Trank, den die geſetzten Leute ge⸗ nießen, um glücklich zu werden?—“ Er legte die Hand auf ſeine Stirn und blieb einen Augenblick ſtehen.„Der Gedanke an die ordnungs⸗ und ſalbungs⸗ volle Proſa,“ ſagte er dann lächelnd,„erſchreckt mich. Wir können nicht alle nach derſelben Facon ſelig werden, liebes Fraͤulein Emma, alſo Jeder in ſeiner 150 Art. Haben Sie Dank, ich weiß Ihren Rath zu ſchaͤtzen. Da ich Hedwig jetzt nicht ſehen kann, ſo werde ich wiederkommen.“ Bei dieſen Worten entfernte er ſich. Fräulein Emma erwiederte nichts, ſie ließ ihn gehen und maß und ſchnitt ohne Aufenthalt weiter; endlich aber hob ſie die hellgrauen Augen auf und wandte den Kopf nach der Thür, indem ſie ſich auf die Elle ſtützte. „Und die Liebe?“ ſagte ſie halblaut.„Iſt Liebe denn das Privilegium, unbeſonnen und naͤrriſch zu han⸗ deln? Ich ſollte meinen, Liebe müſſe veredeln, müſſe begeiſtern, müſſe uns mit wunderbarer Kraft aus⸗ rüſten, den geliebten Gegenſtand ſo gut und ſchön zu machen, daß jeder Mangel von ihm abfiele.“— Sie hielt eine Minute lang inne und flüſterte dann in ſich hinein:„Ein Mann wie er kann ſich damit nicht begnügen. Ich verſtehe es nicht, aber ich fange an, mich zu fürchten.“ Die letzten Worte ſagte ſie unwillküͤrlich laut, ſo daß Herr Niedlich, der ſo eben die Eingangsthür öffnete, ſie hörte.„Sie fürchten Sich, Fräulein Emma?“ rief er näher hüpfend;„ich kann es mir nicht denken, daß es möglich wäre! Nein, auf Ehre! ich bin feſt überzeugt, Sie fürchten Sich nie.“ 151 „Wenigſtens fürchte ich mich nicht, wenn Sie in meiner Nähe ſind.“ Herr Niedlich verbeugte ſich mit mehreren außerordentlichen Rückenſchwingungen für dieſes zwei⸗ deutige Compliment.„Ich würde es auch Keinem rathen, Ihnen irgend eine Beleidigung zuzufügen!“ rief er, ſeinen dünnen langen Arm ausſtreckend, in⸗ dem er ſeine bewegliche Stirnhaut in drohende Fal⸗ ten zog. Zugleich mit dieſen Operationen war er bis dicht an den Tiſch gelangt, wo er die verſchiedenen Leinenſtücke prüfte und einige Lobeserhebungen über Güte und Feinheit der Waaren damit verband. Er fragte nach den Preiſen, errieth ſie nach ſeiner Schäz⸗ zung, fand Einiges zu theuer, nannte Orte und OQuellen, wo man billiger dazu kommen könne, und rieb ſich pfifſig lachend ſeine großen Hände, als Fräulein Emma ſich über ſeine genaue Kenntniß dieſer Artikel wunderte. 1 „Man muß ſich um Alles in der Welt be⸗ kümmern,“ rief Herr Niedlich,„denn aus Allem kann man Nutzen ziehen. Wenn ich heirathen werde, ſoll's mir's nicht die Hälfte koſten! Es giebt immer Leute, die in Verlegenheit um baares Geld ſind und los⸗ ſchlagen, wenn man ihnen das Meſſer anſetzt; mit dieſen muß man Geſchäfte machen. Ich habe heute 152 auch Einiges gekauft, holländiſches Leinen und Tiſch⸗ zeug, Damaſt, Sie haben es nicht ſo, und ein Preis! Sie werden erſtaunen, wenn Sie es ſehen und den Preis hören.“ 1— „Wie iſt das aber möglich?“ fragte die Wirthſchafts⸗Führerin.„Wir haben mit den reellſten Leuten zu thun.“ „Die Reellität,“ lachte Herr Niedlich,„iſt aller⸗ dings eine ſchöne Sache; aber wenn man kauft, muß man nicht an die Reellität denken. Speculativ muß man ſein, Bildung beſitzen. Man muß ſeine Leute kennen, die ſich Waaren auf den Hals gela⸗ den haben und nicht decken können, ſich Geld ſchaffen müſſen, weil Wechſel bezahlt ſein ſollen, oder weil ſie drin ſitzen bis an den Hals, fertig ſind, total fertig, alſo noch nehmen wollen, was ſie bekom⸗ men können.“ „Aber das iſt Betrug!“ ſagte Fräulein Emma⸗ „Betrug?!“ rief Herr Niedlich, ſeine Stirn zuſammenziehend, indem er mit dem geſpitzten Mund unendlich pfiffig grinſ'te.„Das könnte es allerdings vielleicht ſein, aber es gilt nicht dafür, Handel und Wandel bringen es mit ſich, wir können nicht dafür. Die Hauptſache bleibt, daß wir nicht betrogen wer⸗ den, daß wir die nöthige Bildung beſitzen. Ich 153 habe ausgezeichnete Sachen gekauft. Der ehrliche Mann wird vermuthlich heute oder morgen eine kleine Reiſe nach Amerika antreten, was geht es mich an! ich weiß es nicht und habe baar bezahlt. Aber ausgezeichnete Sachen! Wenn Sie noch etwas gebrauchen können für Fräulein Hedwig... Sie haben es nicht ſo gut und doppelt ſo theuer.“ „Wenn es keine Hehler in der Welt gäbe, gäb's keine Stehler,“ ſagte Fräulein Emma.„Ich will nichts davon und würde in Ihrer Stelle, wäre es noch ſo billig, doch nichts gekauft haben.“ „Nichts gekauft haben!“ ſchrie Herr Niedlich er⸗ götzt.„Bei aller Beſcheidenheit, beſtes Fräulein, muß ich doch ſagen, es wäre ungeheuer dumm geweſen. Wenn ich es nicht kaufte, hätten es drei Andere ge⸗ than. Bei dem gegenwärtigen Standpunkt der Bil⸗ dung muß man nicht ängſtlich ſein. Ich bin weit entfernt, etwas Unmoraliſches zu thun, was im Ge⸗ ringſten gegen meine Ehre wäre; doch wenn ich ein billiges, geſetzlich gerechtfertiges Geſchäft mache, ſo habe ich meine Pflicht erfüllt. Bei dieſer Sache aber war ich um ſo mehr gedeckt, da ich nicht etwa wieder verkaufen will, ſondern für mich ſelbſt ſorge, weil es ſein könnte, ſehr bald ſich begeben könnte...“ Hier hielt Herr Niedlich wieder inne, legte die 154 linke Hand an ſein ſpitzes, ſchmales Kinn und lä⸗ chelte verrätheriſch. „O!“ ſagte Fräulein Emma, ihr volles Geſicht zu ihm aufhebend,„wenn ich recht verſtehe... 4 „Ich denke, Sie verſtehen recht,“ antwortete Herr Niedlich.„Aber, liebes Fräulein, bitte, kein Wort da⸗ von!“— Er ſah nach allen Seiten umher, und dämpfte ſeine Stimme. „Seien Sie unbeſorgt,“ erwiederte ſie,„ich habe mehr zu thun.“ „Ihnen könnte ich mein ganzes Vertrauen ſchen⸗ ken,“ betheuerte Herr Niedlich,„weil ich die größte Verehrung für Sie habe.“ „Es iſt ſonderbar,“ ſagte Fräulein Emma lachend, „wer alles mir ſein Vertrauen ſchenkt und mich verehrt!“ „Weil Jeder den Werth Ihres Mitgefühls, Ihres geſchätzten Beiſtandes, ausgezeichneten Rathes und Ihrer vorzüglichen Bildung erkennt,“ ſchmeichelte Herr Niedlich, ſeine Hände reibend.„Aber haben Sie noch nichts gemerkt? Wirklich, haben Sie noch gar nichts gemerkt?“ 4 „Ich habe wirklich noch nichts gemerkt,“ antwor⸗ tete Fräulein Emma. „Sie kennen recht gut die Dame, welche ich —-— 155 meine,“ fuhr er fort.„Hier im Hauſe haben Sie ſie geſehen. Nicht eben eine Schönheit,— nein, ge⸗ wiß nicht; Schönheit iſt Nebenſache, durchaus ver⸗ gänglich, auch keine von den Geiſtreichen, aber ge⸗ bildet. Ich habe ſelbſt für ihre Bildung geſorgt.“ Die Wirthſchafts⸗Vorſteherin war bei ihren Arbeiten geblieben, ohne ſich ſtören zu laſſen.„Jetzt weiß ich Alles,“ ſagte ſie dann:„Marie Hartmann!“ „Biſch!“ ziſchelte Herr Niedlich, mit beiden Hän⸗ den winkend, nicht ſo laut.„Was ſagen Sie dazu? Sie wundern Sich wohl?“ „Ich wundre mich allerdings.“ „Weil's die Tochter eines Handwerkers iſt? Allerdings ja; indeſſen in unſerer aufgeklärten Zeit muß man darüber fort ſein; überdies ſind ſehr erfreuliche Mittel vorhanden.“ „Sie haben ganz Recht,“ ſagte Fräulein Emma; „ich wundere mich auch keineswegs darüͤber, daß Marie Hartmann Ihre Gefühle erregt, denn ſie iſt jung und hübſch, beſitzt Vermögen und iſt, wie ich glaube, mit ziemlich gutem Verſtande ausgerüſtet.“ „Sie iſt klug,“ fiel Herr Niedlich pfiffig lachend ein. „Worüber ich mich wundere, iſt nur, daß Sie um ein Mädchen Sich bewerben, das, wie ich von dem Herrn von Trifels vor einiger Zeit hörte, ſo gut wie verlobt iſt.“ „Alles vorbei, total vorbei!“ war ſeine raſche Antwort.„Es iſt eine Art Vetter, den ſie heirathen ſollte, ein Menſch mit einem Kopf wie ein Kürbiß, durchaus unpaſſend für Mariens Bildung.“ „Ich glaube es,“ ſagte Fräulein Emma. „Wir ſtehen uns bei Weitem näher,“ fuhr er mit Selbſtbewußtſein fort,„und wo es ihr noch man⸗ gelt, werde ich ſie erziehen.“ „Sie wird eine gelehrige Schülerin ſein.“ „Verſteht ſich!“ ſagte Herr Niedlich.„Sie iſt klug, liebt die Litteratur, das Uebrige wird ſich fin⸗ den. Wenn man Bildung hat, findet ſich Alles.“ „Und wann wird ſich Verlobung und Hochzeit finden?“ Herr Niedlich ſtreichelte ſein langes Kinn, hielt es mit der linken Hand feſt und neigte ſich zu dem Tiſche nieder.„Ein paar Tage,“ berichtete er leiſe, „müſſen jetzt noch vergehen, bis Papa Hartmann ſich vollſtändig beruhigt hat, dann werde ich eines ſchö⸗ nen Tages mich erklären, und Ihnen die Karte zu⸗ erſt ſchicken.“ „Ich werde mich ſehr freuen und Ihnen das 157 beſte Glück wünſchen, das Sie erwarten duͤrfen,“ ant⸗ wortete Fräulein Emma. „Sehr verbunden!“ rief Herr Niedlich mit den üblichen Rückenſchwingungen;„aber nur noch ein Wort, ehe ich gehe; denn ich muß leider gehen, und den Präſidenten aufſuchen, alſo Ihre angenehme Ge⸗ ſellſchaft verlaſſen. Wie gefällt Ihnen Marie?“ „Eine ſtattliche Geſtalt, Herr Niedlich, und ſehr gute Formen, die immer das Schickliche zu finden wiſſen.“. „Nicht wahr?!“ fiel Herr Niedlich ein.„Immer beſcheiden und dabei doch munter; Wenige würden ſich ſo zu benehmen wiſſen.“ „Sehr geſchickt,“ ſagte Fräulein Emma. „Es iſt mir ſehr angenehm, daß ſie Ihnen ge⸗ fällt,“ erwiederte er,„und daß ich Ihrer großen Güte es verdanke, Marien hier eingeführt zu haben. Wä⸗ ren Sie damals nicht krank geworden.... Ich ſchweige ſchon!“ rief er ergötzt von dem unwilligen Blicke der Wirthſchafts Führerin,„allein mein unter⸗ thänigſter Dank wird niemals enden. Niemandem jetzt ein Wort, beſtes Fräulein. Sie haben morgen Abends wieder Geſellſchaft?“ „Ja, Herr Niedlich.“ „Marie iſt eingeladen,“ ſagte er ſtolz. 158 „Eingeladen?“ fragte ſie.„Ich weiß nichts davon.“ „Sie wird ja immer eingeladen,“ erwiederte er. „Ich bin entzückt, welchen Antheil der Herr Praͤſi⸗ dent an ihr nimmt. Drei oder vier Male hat er ſchon meinen Schwiegervater beſucht, ihm auch die Arbeit in den neuen Speichern gegeben. Es wird ſchönes Geld daran verdient.“ Im Gefühle, daß dieſes Geld mit allem ande⸗ ren ihm gehören werde, rieb Herr Niedlich die lan⸗ gen Hände außerordentlich heftig zuſammen und ſah ſtarr lächelnd vor ſich hin. „Der Herr Präſident,“ antwortete Fräulein Emma,„iſt dankbar.“ „Ihnen muß er dankbar ſein, wir müſſen alle Ihnen dankbar ſein!“ rief Herr Niedlich,„Sie ſind die alleinige Urſache, daß Marie hier in das Haus gekommen iſt. Geſtern Abends iſt der Herr Präſi⸗ dent wieder drüben geweſen, hat Marien ſelbſt ein⸗ geladen, und will ſie ſelbſt abholen. Sie können denken, daß man die Ehre zu ſchätzen weiß, ich be⸗ ſonders. Aber ſprechen Sie nichts davon, beſtes Fräulein; wenn es Zeit iſt, werde ich dem Herrn Präſidenten ſelbſt die Anzeige machen, ihm meine 159 Braut vorſtellen und um fernere gütige Gewogenheit bitten. Jetzt leben Sie wohl, recht wohl!“ Herr Niedlich hüpfte davon und Fräulein Emma verſenkte ſich ſchweigend in ihre Arbeit, bis ſie plötz⸗ lich die Scheere fallen ließ, die Hand auf den Tiſch ſtemmte, durch das Fenſter hinaus in die Weite blickte, und nachdenkend mit ihrer lauten, feſten Stimme aus voller Bruſt rief:„Da ſei Gott vor! Was ein ſolcher Narr Alles ſchwatzen kann!“ Herr Niedlich hatte jedoch noch nicht lange den Vorſaal verlaſſen, als Fräulein Emma abermals durch einen Beſuch geſtört wurde. Es öffnete Je⸗ mand die Thür, der ſogleich ſich wieder zuruͤckziehen wollte, als ſie mit ihren Augen ihn ereilte und nach ſeinem Begehr fragte. Der Angeredete machte die Thür wieder auf, verbeugte ſich und bat um Entſchuldigung— er ſuche den Herrn Präſidenten. Er hielt eine Rolle Papier in der einen Hand, in der anderen einen abgetragenen Hut. Seiner Kleidung nach war er ein Mann aus dem arbeitenden Volke, auch ſeine ganze Erſcheinung kurz, breit, ſtämmig und etwas unbehülflich, ſprach dafür; dennoch aber gab ſein höfliches, freundliches Weſen ihm ein vortheilhaftes 160 Uebergewicht, das durch den ſanften Ton ſeiner Stimme vermehrt wurde. „Der Herr Präſident iſt in ſeinem Bureau, den Gang gerade aus,“ ſagte ſie.„Sie werden jedoch ein wenig warten müſſen, da der Agent Niedlich bei ihm iſt.“ Bei der Nennung dieſes Namens war es ihr, als ob der Fremde ihn nicht gern höre. Aus ſeinen hellblauen Augen verſchwand die leuchtende Freund⸗ lichkeit, und indem er zurücktrat, ſagte er demüthig: „Ich werde lieber wieder kommen.“ „Wenn Sie den Herrn Präſidenten nothwen⸗ dig zu ſprechen haben,“ erwiederte Fräulein Emma, „ſo verweilen Sie lieber noch einige Minuten. Ich bin überzeugt, Herr Niedlich wird gleich gehen, und wenn Sie die Thür zumachen und den Stuhl dort annehmen wollen, können wir hören, wenn ſich der Herr Agent entfernt.“ Das Anerbieten wurde ſo wohlwollend gemacht, daß der Arbeiter es annahnm, ſich niederſetzte und ſeine Papierrolle vor ſich über die Kniee legte. „Was haben Sie denn da?“ fragte Fräulein Emma, auf die Rolle deutend. „Eine Zeichnung, Madame,“ antwortete er. „Ich bin keine Madame,“ verſetzte ſie. 161 „O, verzeihen Sie, gnädiges Fräulein,„ſagte er verlegen. „ Auch nicht gnädig,“ fuhr ſie den Kopf ſchüt⸗ telnd, lächelnd fort.„Ich heiße Emma Ruhwald.“ Der Ton, in welchem ſie dies ſagte, hatte ſo viel Gutmüthiges, doch ihre Blicke ſahen ihn dabei ſo ſcharf muſternd an, daß der helle Glanz ſeiner Augen ſich zwar vermehrte, der eckige große Kopf aber ſich ſcheu zur Seite wandte. „Was iſt es denn für eine Zeichnung?“ erkun⸗ digte ſie ſich. „Eine Zeichnung der Dächer, welche die neuen Speicher bekommen ſollen.“ „Aha!“ ſagte Fräulein Emma,„Sie ſind Herr Reinhold Stark. Ich dachte es wohl.“ „Sie wiſſen meinen Namen?“ fragte er erfreut. „Herr von Trifels hat mir von Ihnen erzählt.“ Er ſchwieg einen Augenblick und blickte lächelnd vor ſich nieder, denn er bemerkte aus der Art, wie ſte die Worte betonte und ihn anſah, daß Trifels ihn gerühmt hatte.—„Er iſt ſehr gut,“ ſagte er dann leiſe,„ſehr gut. Ich glaube nicht,“ fuhr er fort, indem er die Augen wieder aufſchlug,„daß es viele ſo gute Menſchen giebt.“ „Wenn mir Herr von Trifels aber auch nicht 1856. XIV. Neues Leben. I. 11 von Ihnen erzählt hätte,“ fuhr ſie fort,„ſo würde ich mich doch freuen, Sie kennen zu lernen, da ich von anderer Seite Ihre ſchöne, geſchickte Arbeit rühmen und loben hörte.“ „Sie meinen— den Thurm. Ich hatte nicht geglaubt, daß Sie um deſſentwillen Sich meinen Namen merken würden.“ „Warum glauben Sie das nicht?“ „Weil... eine Dame!... es iſt nichts als ein Thurmdach... nichts, was fuͤr Damen In⸗ tereſſe hat.“ „Für viele freilich nicht,“ ſagte Emma,„ich gebe es zu; mehrmals bin ich jedoch ſchon an dem Platze vorüber gegangen, habe mit Freude hinaufgeſehen zu der hohen Spitze und Krone und den reichen, zierli⸗ chen Schmuck bewundert.“ „Das iſt ſehr— ſehr gütig von Ihnen,“ ſagte er mit einem warmen Blicke voll Dank. „Sie müſſen gut zeichnen,“ ſiel ſie freundlich ein.„Haben Sie die Zeichnungen da auch gemacht?“ „Ja wohl,“ erwiederte er.„Es iſt freilich nichts als ein Verſuch zur Erläuterung eines Vorſchlages den ich dem Herrn Präſtdenten anbieten möchte. Ich glaube gefunden zu haben, daß mit einer veränder⸗ ten Conſtruction der Zinkplatten die Arbeit dauerhafter 163 und billiger ausgeführt werden kann. Da der Mei⸗ ſter auch meiner Meinung iſt, ſo ſoll ich dem Herrn Präſidenten die Sache erklären.“ „Sie haben das alſo neu erfunden?“ fragte Fräulein Emma.„Sie müſſen ſehr geſchickt ſein, Herr Stark“ „Es iſt nur ein Verſuch,“ wiederholte er in ſeiner demüthigen Weiſe,„aber es freut mich, daß Sie— Sie eine ſo gute Meinung von mir haben.“ „Die habe ich wirklich,“ antwortete ſie, und von der Wahrheit, welche aus Ihren Worten auf ihn ein⸗ drang, wurde er ſo dreiſt gemacht, daß er die Zeich⸗ nungen aufrollte, auf den Tiſch legte und bittend ſagte:„Wenn ich es wagen dürfte, Ihnen das zu zeigen, Fräulein Ruhwald, würde es mir ſehr lieb ſein.“ Emma ſtützte ſich auf ihre Elle, beſah die ſau⸗ beren Blätter und hörte aufmerkſam zu, was Stark ihr über die neue Conſtruction, über die Dehnbarkeit des Metalls, und wie deſſen Zerreißen vermieden würde, mittheilte. Er ſprach ſehr deutlich und ſie fand Intereſſe daran, ihm zuzuhören, deun das Meiſte war ihr neu; aber ihr praktiſcher Verſtand begriff recht gut die Vortheile, welche er ihr zu ſchildern wußte, und als ſie einige Einwürfe machte, war er im Stande, ſie ſogleich zu widerlegen. 11* „Wenn ich über Ihr Vorhaben zu entſcheiden hätte,“ ſagte ſie,„würde ich es ſogleich annehmen. Sie wiſſen Sich ſo klar verſtändlich zu machen, daß Jeder davon überzeugt ſein muß.“ „Vielleicht verdanke ich das,“ erwiederte er,„dem Umſtande, daß ich ſeit einiger Zeit viel reden muß.“ „Sie haben eine geſprächige Hausgenoſſin an Fräulein Marie.“ „O, das nicht— ich weiß nicht,“ ſagte er ſtok⸗ kend.„Ich meine, es könnte ſein, daß... wir haben einen Verein zu unſerer gegenſeitigen Belehrung und Bildung, in welchem ich der Ordner bin und des⸗ halb öfter zu reden habe.“ „Ein Ehrenamt alſo,“ antwortete ſie.„Sie müſſen in guter Achtung ſtehen, Herr Stark, ich kann es mir denken. Sind Sie oft in dem Vereine?“ „Faſt jeden Abend,“ ſagte er,„weil....“ „Ich würde in Ihrer Stelle zuweilen lieber zu Hauſe bleiben,“ fiel ſie lächelnd ein,„und Fräulein Marie Geſellſchaft leiſten, um mich ihr dadurch zu empfehlen.“ Reinhold gab keine Antwort; das ſanfte Lächeln blieb um ſeinen Mund ſchweben, als er die Augen auf das Papier richtete, das er zuſammenrollte. Drau⸗ ßen ging Jemand mit raſchen Schritten vorüber, 165 plötzlich kehrte er um, öffnete die Thür einen Finger breit und ſagte leiſe herein:„Es bleibt alſo bei un⸗ ſerer Abrede, Fräulein Emma!“ worauf der Spalt ſich wieder ſchloß. „Haben Sie die Stimme erkannt?“ fragte ſie. — Er nickte bejahend.„Hüten Sie Sich vor ihm,“ fuhr ſie fort.„Der Weg iſt jetzt frei, gehen Sie, ehe etwa ein Anderer Ihnen zuvorkommt.“ „Ich danke Ihnen, Fräulein Ruhwald,“ ſagte Reinhold, der ſeinen Hut genommen hatte und ſich entfernen wollte. „Warten Sie noch einen Augenblick!“ rief ſie ihm nach, indem ſie hinter dem Tiſche hervortrat. „Ich will Ihnen nur noch ſagen,“ fuhr ſie fort,„daß, wenn ſie etwa meinen Rath nöthig haben, oder glau⸗ ben, daß ich Ihnen in einer Sache nützlich ſein kann, es mir lieb ſein wird, wenn Sie zu mir kommen wollen. Sollte ich einmal Ihrer Hülfe bedürfen, ſo erlauben Sie mir, daß ich nach Ihnen ſchicke.“ „O, gern, ſehr gern,“ erwiederte er.„So wie ich es höre, will ich bei Ihnen ſein.“ „Das iſt ein richtiger Vertrag zwiſchen uns,“ lachte Jſie, und ihr derbes, verſtändiges Geſicht ſah ihn mit klugen, klaren Augen an.—„Es iſt immer gut, Freunde in der Welt zu haben, auf welche man 8 8 4 166 ſich verlaſſen darf. Das iſt meine Meinung, Herr Stark, und nun Gott befohlen!“ Sie legte ihre Arbeiten zuſammen, wickelte und band die Linnenſtücke und war bald wieder in voller Thätigkeit, welche nicht eher endete, als bis Alles in Ordnung neben einander in dem großen Schranke lag. Mit Zufriedenheit überblickte ſie dann ihre Werke, hob ſorgfältig jedes Fädchen auf, ſchob jeden Stuhl an ſeinen Platz, und war eben bereit, ſich zu entfernen, als ſie den Blumenſtrauß bemerkte, den Trifels auf das Fenſter gelegt hatte. „Ich muß ihn Hedwig bringen,“ ſagte ſie,„ſie muß wenigſtens ſehen, daß er hier geweſen iſt und an ſie gedacht hat; das arme Kind wird Sehnſucht haben.“— So nahm ſie den Strauß, hielt ihn in der Hand und blickte lächelnd auf die bunten Farben; dann faßte ſie ihn auch mit der anderen Hand und hielt ihn einen Augenblick an ihre Bruſt gedrückt. „Armes Täntchen! Armes Täntchen!“ flüſterte ſie leiſe, indem ſie auf die Blumen ſah.„Sie haben alle Vertrauen zu ihr, alle Herzen ſchütten ihre Ge⸗ heimniſſe vor ihr aus, und ſie ſelbſt hat keines, kein einziges!“ Sie legte die Hand auf ihr Herz und rieb die Stelle, als wollte ſie es erwärmen.„Es iſt wirklich 167 gar nicht ſo kalt hier,“ ſagte ſie dann lachend,„aber bei alledem merkt es Niemand. Es geht mir wie dem Herrn Niedlich, es merkt es kein Menſch, und das hat auch ſein Gutes.“. Mit dem Strauß, den ſie mitnahm, ging ſie durch mehrere Zimmer, und immer deutlicher hörte ſie die Töne eines Flügels, bis ſie vor dem Salon ſtehen blieb, in welchem jener ſeinen Platz hatte. Die Thür war angelehnt, ſie konnte hinein ſehen und erblickte Hedwig, welche vor dem Inſtrumente ſaß. Seitwärts neben ihr ſaß der junge Muſiker Herzberg, mit untergeſchlagenen Armen, das bleiche Geſicht auf die junge Dame gerichtet, ſo ſtill und ſtarr, als ſei er leblos. In dem Augenblicke, wo Fräulein Emma an der Thür erſchien, ſprang Hedwig mitten im Spiel auf und eilte ihr entgegen.„Beſtes Täntchen!“ rief ſie,„Du biſt es, komm herein.— Befreie mich von ihm, er tödtet mich!“ flüſterte ſie; dann die Freundin lebhaft am Arm ziehend, fügte ſie laut hinzu:„Ich habe die beiden Lieder des Herrn Herzberg durch⸗ geſpielt. Sie ſind ſehr ſchön, ſehr tief empfunden, Täntchen, aber ich bin ſehr zerſtreut. Dann habe ich ihm Proben meines ſchwachen Talentes gegeben, ich fürchte jedoch, er iſt darüber ganz außer ſich gerathen.“ 168 „Hedwig ſpielt wenigſtens ſehr fertig,“ ſagte Fräulein Emma, indem ſie ſich zu dem Muſiker wandte. „Sehr fertig,“ erwiederte er mechaniſch. 6 „Sie hat fünf Jahre lang von Berger Unter⸗ richt bekommen.“ Er antwortete nichts, ſah ſie aber ſtarr an. „Berger gilt überall für einen großen Meiſter,“ fuhr Fräulein Emma fort.„Er iſt berühmt und wird ſehr geſucht.“ „Der Ruhm, der Name, das iſt es!“ rief der junge Mann aus, indem er mit einer zuckenden Be⸗ wegung des Kopfes das lange ſchwarze Haar in den Nacken warf.„Man muß berühmt ſein, ſo kann man Alles,“ fügte er mit einem ſardoniſchen Lächeln hinzu. „Herr Herzberg,“ fiel Hedwig ein,„wird den Stab über mich brechen.“ „Niemals!“ antwortete er, und die Erſtarrung ftel von ihm ab, ſeine rauhe Stimme wurde weich und flüſſig.„Alles, was Sie thun, iſt ſchön ja gewiß, unnachahmlich ſchön! Mögen alle berühmten Lehrer und Meiſter kommen, ich will es behaupten— ich!“ Er legte die weiße Hand betheuernd auf ſeine Bruſt, und ſeine flammenden Augen gaben ſeinem Geſicht einen Ausdruck, vor welchem Hedwig ge⸗ ſchmeichelt und erröthend ſich abwandte. Dabei ent⸗ 169 deckte ſie eine Spitze des Straußes, den Emma hinter ſich verborgen hielt, und mit einem frohen Ausruf bemächtigte ſie ſich desſelben.„Blumen, meine Mor⸗ genblumen!“ rief ſie,„wie habe ich darauf gewartet! Sie ſind mir ſehr freundlich geſinnt, Herr Herzberg, ich muß Sie belohnen,“ ſagte ſie, indem ſie eine Roſe aus dem Strauß zog.„Zum Andenken und daß Sie immer nur Gutes von mir glauben.“ Sie hielt ihm die Blume entgegen; er zögerte einige Augenblicke, ſie anzunehmen, als hörte er nicht, was ſie ſagte. Das Lächeln ſchwebte noch um ſeine Lippen, ein entzücktes Lächeln, mit dem er ſie an⸗ ſchaute, wie Einer, der einen gluͤcklichen Traum träumt. Plötzlich aber faßte er haſtig nach der Roſe und riß dieſe an ſich, als ſollte ſie ihm genommen werden. Hedwig zog erſchrocken die Hand zurück; ihre widerwärtige Empfindung war jedoch ſogleich vorüber, als ſie Trifels gar nicht weit hinter ſich ſtehen ſah, der leiſe herein getreten war. Die holdeſte Freude überglänzte ſte, und ihm entgegen eilend, rief ſie aus: „Da biſt Du endlich, Eduard! Du biſt doch nicht krank? Ich will Dich heilen! Guter Gott! es iſt etwas Ernſthaftes, Gefährliches in Deinem Geſicht. Ein grauer Schatten. Jage den Schatten fort, ich mag keinen Schatten leiden!“ 170 „Fort mit ihm!“ erwiederte er,„obwohl ich wirklich nicht weiß, wo er ſteckt, aber in Deiner Nähe wird Alles froh. Iſt es nicht wahr, lieber Herzberg, Sie haben auch etwas von dieſem Zauber empfunden?“ Der Künſtler verbeugte ſich und machte Miene, ſich zu eutfernen. „Wollen Sie fort?“ fragte Trifels.„Bleiben Sie noch. Haben Sie den Damen Ihr Heimathlied vorgeſpielt? Er hat es ſelbſt gemacht, Hedwig, auch die Weiſe dazu, und er ſingt es; es klingt wunder⸗ bar ſehnſüchtig und geheimnißvoll. Geben Sie es uns zum Abſchiede.“ „Nein!“ ſagte Herzberg,„ich mag nicht. Meine Zeit iſt um, leben Sie wohl!“ Und ſeine Noten unter den Arm ſteckend, ging er fort, begleitet von Fräulein Emma, die ihm folgte. „Sehr höflich!“ ſagte Hedwig leiſe lachend. „Sonderbarer Kauz!“ erwiederte Trifels.„Ver⸗ zeihe es ihm, er iſt rauh und eckig, weil die ganze Unzufriedenheit eines Künſtlers mit ſich, mit der Welt und Gott in ihm arbeitet.“ „Das ſind ſonderbare Eigenſchaften,“ verſetzte die junge Dame,„die ein Künſtler nicht zu haben braucht.“. „Jede höher organiſirte Natur,“ ſagte Trifels, 171 „iſt reizbar, ſchnellem Wechſel der Stimmungen unter⸗ worfen.“ „So bin ich ſehr zufrieden, keine höhere Natur zu ſein,“ rief ſie lachend.„Aber im Ernſt, ich finde dieſen Menſchen entſetzlich langweilig und fürchte mich vor ihm. Er hat mich mit Augen angeſehen, als wollte er mich durchbohren. Unheimlich lief es mir durchs Herz, ich mag ihn nicht wieder hier haben. Wie lieb, wie ſchön, wie durchſichtig ſind Deine Augen, mein Eduard! Was ſagen ſie mir alles, was leſe ich auf ihrem Grunde, was ſteht nicht darin geſchrieben?!“ „Daß ich Dich liebe, daß ich zu keinem Ernſt, zu keinem finſteren Gedanken kommen kann, wenn ich in Dein liebes Geſicht ſehe,“ antwortete er. „Als ob Du finſtere Gedanken haben könnteſt!“ erwiederte ſie, die Hände um ſeinen Hals ſchlagend und ihn ſchalkhaft betrachtend.„An dieſem Herzberg iſt Alles ſchwarz und blaß, an Dir Alles goldig und hell. Ich kann es mir gar nicht denken, daß Du traurig ſein könnteſt.“ „Und ich,“ rief Trifels,„ich will es mir nicht denken. Das Täntchen freilich hat mir eine Vorleſung gehalten über den Nutzen eines ſehr ernſthaften, ſehr arbeitſamen, ſehr häuslichen und in allen Dingen beſonnenen Lebens, zu dem ich Dich erziehen und 172 ausbilden ſoll, aber ich ziehe es vor, es nicht zu thun. Ich ziehe es vor, mit Dir zu lachen und Alles zu vergeſſen, was an die Wuſte des Lebens erinnert, wo die Heiligen und die Sünder ſitzen, grübeln, dichten und trachten, um in den Himmel zu kommen. Ich habe meinen Himmel gefunden, er iſt bei Dir!“ Was konnte das ſchöne Mädchen lieber hören? Sie blickte ihn mit ihren leuchtenden Angen voll ſtolzer Seligkeit an und überließ ſich dem ganzen Triumph ihrer Eitelkeit.—„Das Täntchen iſt ſehr gut und lieb,“ ſagte ſie,„überaus verſtändig und weiſe, aber ſie iſt ja auch viel älter, über die Jugend⸗ Thorheiten hinaus, wie ſie oft von ſich rühmt, darum kennt ſie das Glück nicht, ſo recht voll Thorheit und Leichtſinn zu ſtecken. Kehre Dich ja nicht an ihre Ehrbarkeit, kehre Dich an Niemand, als an mich, und jetzt komm, mein Engel,— Engel können ja nur in den Himmel eingehen! Du mußt ſehen, wie viele allerliebſte Dinge ſeit geſtern wieder bei mir einpaſ⸗ ſirt ſind; mußt den neuen Shawl ſehen und ſollſt mich drapiren und ein Käſtchen ſehen, chineſiſch braun, echt chineſiſch, grauenvoll bemalt, drinnen aber den köſtlichen Fächer! Den haſt Du her geſandt, läugne es nicht, betheuere nichts! Wie Deine Augen 173 glänzen, wie Du roth wirſt! ich will Dir Kühlung zufächeln!“— Er ließ ſich von ihren weichen Händchen fort⸗ ſchieben, und während er ſchmücken und ſcherzen half, ſtand der finſtere, ſchwarze Herzberg draußen bei Fräulein Emma, welche eine beſondere Gabe beſaß, ſelbſt aus dieſem harten Stein Funken zu locken.— Sie hatte ihn aufgehalten, um mit ihm über die Abſicht zu ſprechen, den beiden jüngeren Töchtern des Präſidenten Unterricht zu ertheilen, und that dies in ihrer offenen freundlichen Art, ſo theilneh⸗ mend, daß der arme junge Künſtler ganz ungewöhn⸗ lich davon erwärmt wurde. Die Ausſicht, Stunden im Hauſe zu geben, ſchien ihm lieb zu ſein und ihn redſeliger zu machen, als er gewöhnlich war. „Ich habe bisher wenig Unterricht ertheilt,“ ſagte er,„weil es mir kein Vergnügen gewährt und weil ich glaube, nicht recht geeignet dafür zu ſein.“ „Ei,“ erwiederte ſie,„man muß in der Welt manches thun, was kein Vergnügen gewährt; darauf kommt es nicht an, wenn man einſieht, daß es nütz⸗ lich iſt.“ „Sie haben Recht,“ erwiederte er lächelnd.„Sie urtheilen ganz wie Herr Niedlich, obwohl aus an⸗ deren Gründen.“ 174. „Welche Gründe meinen Sie?“ fragte Emma. „Ihr guter Rath kommt aus gutem Herzen,“ fuhr er fort,„darum nehme ich ihn dankbar an. Herr Niedlich, der mich mit ſeinem Maßſtabe mißt, möchte mich zu jedem Dienſt abrichten, wenn ich damit etwas gewinnen könnte.“ Der Ausdruck der Verachtung, welcher ſeine Worte begleitete, geſiel der Wirthſchafterin. Ihr An⸗ theil vermehrte ſich, und er bemerkte es wohl.„Sie ſind ſtolz,“ ſagte ſie,„das lobe ich. Man muß auf ſeine Ehre halten, jeder Menſch ſollte das thun, aber man muß auch klug ſein.“ „Wenn man unbekannt und arm iſt,“ antwortete er,„wird verlangt, daß man ſich demüthige.“ „Aber man braucht es nicht zu thun,“ fiel ſie ein,„nur muß man den Leuten dabei nicht die Fauſt vors Geſicht halten. Was ich nicht thun will, dazu ſoll mich Niemand zwingen; man kann jedoch ganz beſcheiden Nein ſagen, nicht trotzig und ungeberdig, und wo man nicht Nein ſagen darf, weil es eben nicht anders geht, da ſoll man ſich fügen und ſchicken und den ſchönen alten Weisheitsſpruch wahren, der da lehrt: Handle gegen deine Mitmenſchen ſo, wie du wünſchen mußt, von ihnen behandelt zu werden. Es war gar nicht hübſch von Ihnen, Herr Herzberg, daß Sie die Bitte des Herrn von Trifels ſo hart und trotzig abſchlugen und ſtatt deſſen auf und davon gingen.“ Er antwortete nichts, aber ſeine Augen wurden finſter, und ſeine Lippen zuckten, während er den Kopf niederſenkte. Nach einer Minute richtete er ſich wieder auf, und ſein bleiches Geſicht war bittend ſanft.„Ich ſehe wohl, wie gut Sie es meinen,“ ſagte er,„allein in dieſem Falle— es war mir unmöglich, ſeinen Wunſch zu erfüllen; doch hätte ich es klüger abſchlagen ſollen.“ Offenbar koſtete es ihm Ueberwindung, dies einzugeſtehen, und um keine Gelegenheit zu einer Antwort zu geben, fügte er ſogleich hinzu:„Ich ar⸗ beite jetzt an einer größeren Arbeit. Die Lieder, welche ich bisher dichtete und in Muſik ſetzte, können mir keinen Namen machen, wenigſtens nur einen untergeordneten. Einen Namen aber muß man in der Welt haben, einen großen Namen, wenn man Achtung erringen will.“ „Die Menſchen mit großen Namen verdienen oft ſehr wenig Achtung,“ ſagte Fräulein Emma;„in⸗ zwiſchen haben Sie Recht, vom Menſchen iſt bei dem Maße der Kunſt und Biſeenſchaft nicht die Rede Der Menſch wird nicht bewundert, ſondern das 8 176 Talent, und wer Talent beſitzt, muß thun, was er ver⸗ mag, um das Beſte, was er kann zu leiſten.“ Herzberg lächelte ein wenig hochmüthig.„Der Künſtler,“ erwiederte er,„ſteht auf der Höhe des Lebens und wird Niemandem weichen. Ich habe im letzten Jahre ein Bändchen Gedichte herausgege⸗ ben, aber Gedichte ſind nicht im Stande, jetzt einen Namen zu machen.“ „Warum denn nicht? Wenn ſie gut ſind, wer⸗ den ſie dem Dichter gerechte Anerkennung bringen.“ Er ſchüttelte den Kopf.„Man beachtet ſie nicht. Ein großer Name kommt nur durch Großes.“ „Ein großer Name reift langſam, wie ein mäch⸗ tiger Baum.“ Ein Schatten des Unwillens lief bei dieſen Widerſprüchen über ihn hin, allein er wurde ſchnell von dem energiſchen Aufflammen ſeiner dunkeln Augen überdeckt.„Darin irren Sie, Fräulein,“ ſagte er. „Eine einzige That reicht hin, um berühmt zu werden. Ich habe eine Oper geſchrieben, auch den Tert dazu, und werde in kurzer Zeit damit hervortreten.“ „Ich wünſche Ihnen das beſte Gluͤck,“ ſagte Fräulein Emma.„Es ſoll ſehr ſelten ſein, daß ein Componiſt auch zugleich Dichter iſt.“ Er lächelte ſtolz.„Ich werde meine Oper der 177 Hofbühne übergeben,“ ſagte er.„Die großen Herren dort werden freilich ſehr Vieles kaum begreifen.“ Sie erwiederte nichts darauf, aber ſie ſah ihn ſo durchdringend an, als ſehe ſie tief in ihn hinein. „Studiren Sie nur tüchtig und ſchaffen Sie etwas Rechtes,“ ſagte ſie dann,„ſo wird's auch zu begreifen ſein. Sobald wir hier in Ordnung ſind mit dem jungen Paare und den Hochzeits⸗Unruhen, wollen wir unſere Angelegenheit weiter beſprechen.“ Bei der Erwähnung der Hochzeit wurde der Muſiker, wie es ſchien, wieder von heftiger übler Laune befallen.„Wann ſoll die Hochzeit ſein?“ fragte er in ſeinem gewöhnlichen rauhen Tone. „In ſechs oder acht Wochen, ſobald die Ein⸗ richtungen gemacht ſind,“ antwortete ſie. „So!“ murmelte er, vor ſich hinſtarrend, wäh⸗ rend das zuckende, leiſe Lachen um ſeine Lippen lief, und plötzlich faßte er nach der Bruſttaſche ſeines Rockes, als ſuche er dort etwas, das er vermißte.— Was ges war, das er ein wenig herauszog, einen Blick darauf warf, es wieder einſteckte, konnte Emma nicht erkennen, aber ſie vermuthete es.„In ſechs Wochen alſo,“ wiederholte Herzberg,„gut denn, in ſechs Wochen! Leben ſie wohl, Fräulein Emma, ich werde Ihre gütige Theilnahme zu ſchätzen niſſen⸗ 4 1856. XIV. Neues Leben. I. — S 178 Sie zuckte die Achſeln, als er hinaus war. „Dem fehlt's nicht hier,“ ſagte ſie, die Hand aufs Herz legend.„Aber hier, hier!“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich an die Stirn ſchlug.„Da ſieht es wüſt und verworren aus, und ich denke, er wird es nächſtens beweiſen.“ Sechstes Capitel. Am nächſten Abend hatte der Präſident eine aus⸗ erwählte Geſellſchaft in ſeinem Hauſe verſammelt, durch deſſen Fenſter das helle Licht der Kronleuchter ſtrahlte; doch war dasſelbe durch die niedergelaſſenen Vorhänge gedämpft, und was dahinter geſchah, konnte uur an den Schatten errathen werden, die zuweilen vorüber ſchwebten. Auf der Straße war es kalt; feiner, ſcharfkörniger Schnee wurde von einem ſchnei⸗ denden Winde durch die Luft geführt; dies hinderte jedoch nicht, daß Herr Niedlich, in ſeinen dicken Rock gehüllt, deſſen Taſchen ſeine langen Hände und deſſen Kragen ſeine Ohren beſchützten, ſeit längerer Zeit dem Hauſe gegenüber auf und ab ſpazirte, zu⸗ weilen ſtill ſtand, dann mit einem Sprunge eine plötz⸗ liche Schwenkung machte, oder einen Fuß an den 412 724 180 anderen ſchlug und ſich drehte, als ſei er drüben im Saale eben dabei, zur Polka anzutreten, bis er wieder im Verſteck eines hohen Kellerhalſes lauſchend den Hals reckte und unverwandt die entgegengeſetzte Seite der Straße beobachtete. Endlich wurde er für ſein geduldiges Aushar⸗ ren belohnt; denn es unterlag keinem Zweifel, daß der Herr, welcher langſam mit einer Dame am Arm die Straße heraufkam und ſich ihm näherte, Herr von Landau war, welcher Marien führte. Kaum hatte Herr Niedlich dieſe Bemerkung gemacht, als er mit großer Gewandtheit ganz hinter die halb offene Thür des Kellerhalſes ſchlüpfte, wo er zuſammengedrückt hockte und unbemerkt beobachten konnte. Der Präſtdent war in einen Mantel gehüllt, Marie verſteckte ihr Geſicht in eine rothgefütterte Atlaßkappe, die Herr Niedlich ſehr gut kannte, denn er ſelbſt hatte ſie ihr verehrt, weil ſie vor einiger Zeit beſonderes Verlangen nach einem ſo warmen, ſchützenden und eleganten Kleidungsſtück äußerte; aber ganz beſonders glücklich traf es ſich jetzt, daß die beiden Perſonen nicht drei Schritte von ihm ſtehen blieben und eine leiſe Unterredung führten, ſtatt weiter und vorüber zu gehen. Herr Niedlich ſtützte ſich auf ſeine Hände und ſpitzte ſeine Ohren, 181 ſo viel er es vermochte. Anfangs konnte er nichts hören, als unverſtändliches Geflüſter, dann und wann von einem lauteren Tone oder einem kurzen Lachen unterbrochen. Es kam ihm vor, als bemuͤhte ſich Herr von Landau, ſeinem furchtſamen Schützling Muth einzu⸗ ſprechen, oder Bedenken zu beſchwichtigen, und als ob ſie dagegen ſich zu verwehren ſcheine, endlich aber nachgebe, um gleich darauf ſich von Neuem zu ſträuben. „Mir ſchlägt das Herz ſo laut, daß Sie es hören müſſen!“ flüſterte ſie vernehmlicher. „Ich höre nichts,“ erwiederte er.„Soll ich mein Ohr anhalten?“ „Ach, Sie können noch über mich ſpotten!“ ſagte ſie lächelnd.„Mir iſt, als müßte ich umkehren.“ „Umkehren? Das würde ich gewiß nicht zu⸗ geben.“ „Wenn ich bedenke, wie böſe mein Papa iſt, und wie Recht er hat!“ „Worin denn, mein liebes Kind? Worin denn?“ fragt Herr von Landau. „Daß es ſich nicht für mich ſchickt— er hat Recht, ich fühle es— Ihre Nachſicht und Güte haben mich zu dreiſt gemacht.“ „Aber beſtes Kind,“ ſagte der Präſident,„was 182 fürchten Sie denn, wenn ich Ihr Freund bin? Ich führe Sie in mein Haus. Wer kann Ihnen Miß⸗ trauen einflößen?“ „Sie— Sie freilich ſind ſehr, ſehr gütig gegen mich,“ flüſterte Marie, und Herr Niedlich ſah durch den Spalt der Kellerthür, wie ſie reizend laͤchelte und die Augen niederſchlug;„aber werden nicht— werden nicht verſchiedene Perſonen anders über mich denken und— und es unrecht finden, daß ich in einem ſolchen Kreiſe erſcheine, dem ich nicht angehöre?“ „Ich möchte wohl wiſſen,“ fiel der Präſident ein,„wer ſich unterfangen dürfte, über Sie die geringſte Aeußerung zu thun, die ſich nicht paßt.“ „O, nein,“ erwiederte ſie,„Aeußerungen nicht, aber— was man denkt, läßt ſich doch nicht wehren. Und meine Kleider ſind ſo einfach, wie ich es bin, wir beide— ja, das iſt gewiß— wir beide ſind zu einfach.“ „Theueres Kind!“ rief Herr von Landau lachend, „eben dieſe Einfachheit iſt entzückend! Wenn ſie wüß⸗ ten, wie reizend Sie ausſehen, Sie würden nie erwas daran ändern wollen; wenn es jedoch Ihr Wunſch iſt, Gold und Seide zu tragen, ſo will ich Sie damit ſo reich ſchmücken, daß alle die geputzten Damen Sie anſtaunen und beneiden ſollen.“ 183 „Um keinen Preis! nein, um keinen Preis!“ ſagte ſie erſchrocken, beide Hände aufhebend.„Mein Vater würde außer ſich ſein, und was würde dann erſt.. „Was die Welt ſagen würde?“ unterbrach er ſie.„Fragen Sie nichts darnach, liebe Marie. Laſſen Sie die Welt reden, was ſie Luſt hat; je weniger man ſich daran kehrt, um ſo eher hört ſie auf, ſich zu wundern. Das iſt mein Grundſatz. Und nun laſſen Sie uns gehen.“ „O, mein Gott!“ flüſterte ſie ängſtlich,„mitten in dieſe Geſellſchaft, die gewiß ſchon verſammelt iſt!“ „Das wünſche ich und erwarte ich,“ erwiederte er.„Ich habe mich entſchuldigen laſſen mit dringenden Geſchäften; Hedwig hat den Empfang meiner Gäſte übernommen: Niemand weiß, wen ich mitbringe; ich will ſie alle überraſchen. Auf ſolche Weiſe,“ fügte er lachend hinzu,„ſchlägt man mit Einem Schlag tauſend Schläge. Seien Sie wie immer, ſo lieblich, ſo beſcheiden und freundlich, ohne Sich irre machen zu laſſen.“ 4 „Ich habe eine entſetzliche Angſt!“ „Ich werde immer in Ihrer Nähe ſein, um Ihnen beizuſtehen. Vorausgeſetzt, daß Sie mich in Ihrer Nähe dulden wollen.“ 1 184 „Wenn Sie das wollten— wen könnte ich lieber bei mir ſehen?“ flüſterte ſie haſtig. „Wirklich, wirklich?“ fragte er, indem er ſich tief zu ihr hinabbeugte. Es kam dem Herrn Niedlich vor, als küßte der Herr Präſident den Handſchuh oder die Hand, oder wohl gar den Arm der Blechſchmieds⸗Tochter, denn er machte eine ſehr verdächtige Schwenkung, und mit aller Gewalt ſtopfte Herr Niedlich ſich den Finger in den Mund und biß darauf, um ſeiner Luſtigkeit Meiſter zu werden. „Vorwaͤrts, kleiner Schelm!“ flüſterte Herr von Landan dann in ſiegreichem Tone,„und ſeien Sie tapfer! Niemand ſoll Ihnen etwas thün.“ „Aber wird nicht Fräulein Hedwig— und das geſtrenge Fräulein Emma... 24 ſagte ſie mit neuem Sträuben. „Kehren Sie Sich an die nicht, wir wollen ſchon mit ihnen fertig werden,“ erwiederte er, und darauf führte er ſie quer über den Weg dem Hauſe zu, in welchem ſie bald darauf verſchwanden. Herr Niedlich erhob ſich aus ſeinem Verſteck, und während er ſeine erſtarrten Haͤnde rieb und einer Laterne zueilte, um ſeine Kniee abzuwiſchen und ſeinen Rock zu beſichtigen, lachte er herzlich über ſein 185 Abenteuer.—„Es iſt eine kleine Hexe!“ ſagte er,„es iſt köſtlich, wie ſie mit dem alten Burſchen Komödie ſpielt! Ich will meine Naſe erfroren haben, wenn ſie ihn nicht dahin bringt, ihr nächſtens ein paar Seidenkleider und Armbänder ſammt Ohrringen zu Füßen legen. Ganz verflucht pfiffig iſt ſie, obwohl ſie ſo ſanft wie ein Zibethkätzchen ausſieht! Er ſollte es nur wiſſen, daß ſie mir den Plan eingegeben hat, wie ſie auf ſeinen Geburtstag kommen und mittanzen wollte, ſo würde er auch wiſſen, wie gern ſie heute hingeht und wenig darnach fragt, was Fräulein Hed⸗ wig und das alte Wirthſchafts⸗Model für Geſichter dazu ſchneiden.— Es iſt geſcheidt, mordmäßig ge⸗ ſcheidt; aber der alte Geck muß warm gehalten werden, und wenn ich ſie geheirathet habe, muß er unſer Hausfreund bleiben, bekommt ſeinen Thee bei uns, hilft Garn wickeln, darf die Hände küſſen— haha! Sie wird ihn ſchon gängeln und ich werde ihn benutzen, wie es ſich gehört.— Ich bin noch nie ſo verliebt in die Wetterhexe geweſen, wie jetzt, und wenn ich's bedenke, warum ſoll ich nicht gleich..M Hier unterbrach Herr Niedlich den ſtuͤrmiſchen Lauf ſeiner Gedanken; denn hinter ihm ging Jemand vorüber, der ſtehen blieb, ihn leiſe berührte und einen guten Abend wünſchte.— Herr Niedlich drehte ſich 186 raſch um und erblickte einen elegant gekleideten Herrn, einen Burnuskragen um die Schultern ge⸗ worfen, der ihm lächelnd zunickte.— Im erſten Au⸗ genblick erkannte er ihn nicht, als jedoch der Licht⸗ ſchein auf ſein Geſicht fiel, war nicht länger ein Zweifel, daß es der Regierungsrath von Wolters ſei. „Eh! Herr von Wolters, Sie ſind es!“ ſagte er. „Sie nicht eingeladen?“ „Dort meinen Sie?“ erwiederte Wolters, in⸗ dem er hinüberblickte.„Nein, wie Sie ſehen, mein Beſter. Ich bin überhaupt kein Freund von Geſell⸗ ſchaften, wo man ſich Zwang auflegen muß; aber Sie, der erſte Tänzer im Reich und liebenswürdigſte Umſäuſeler aller Damen, ſollten auf keinen Fall fehlen.“ „Ich,“ ſagte Herr Niedlich, der ſich ſehr geſchmei⸗ chelt fühlte, doch aber die Schmach, nicht eingeladen zu ſein, nicht auf ſich ſitzen laſſen wollte,„ich war allerdings eingeladen, konnte es aber nicht annehmen.“ „Sie ziehen es vor, eine Abend⸗Promenade zu machen,“ antwortete Wolters kaltblütig.„Erkälten Sie Sich nicht.“ „Erkälten!“ rief Herr Niedlich verächtlich, „niemals! Faſſen Sie hier an, doppelter Düffel, rechts und links zu tragen, echt engliſch, beinahe einen Finger dick, hölliſch theuer, können Wenige —— —— —;—— 187 bezahlen, kommt aber nicht die geringſte Luft bis auf die Haut.“ „Alſo luftdicht und unantaſtbar, der gehörnte Niedlich,“ ſagte Wolters.„Wie ſieht es aber von innen aus? Haben Sie da auch keine Erwärmung nöthig? Da man uns beide vom Feſte ausgeſchloſ⸗ ſen hat, ſo mache ich Ihnen den Vorſchlag, wir geben uns ſelbſt ein Feſt, das heißt, ich gebe mir die Ehre, Sie einzuladen, mit mir zu ſpeiſen und mir das Vergnügen Ihrer Unterhaltung zu gewähren.“ Herr Niedlich war nicht der Mann, eine ſolche Einladung leichtſinnig auszuſchlagen; gern ließ er daher den Vorſatz, welchen er ſo eben im Geheimen gefaßt hatte, fallen, und nach einigen Weigerungen, die das Verhältniß der Einladung umkehren ſollten, nahm er dieſe an und begleitete den Herrn von Wolters zu einem der erſten Reſtaurants. Herr von Wolters ſchien bei demſelben ſehr bekannt zu ſeinz er nahm eines der kleinen eleganten Cabinette in Beſitz, beſtellte Auſtern, ließ Champagner in Eis ſtel⸗ len, vor der Hand Rheinwein bringen, und indem er, auf dem rothſammtnen Polſter halb ausgeſtreckt, die Speiſekarte ſtudirte, hielt er Herrn Niedlich eine gaſtronomiſche Vorleſung über die Vorzüge gewiſſer 188 trefflicher Speiſen und der Getränke, welche allein dazu paßten. Herr Niedlich hatte ſich eines Lehnſeſſels be⸗ mächtigt und ſeinem Wirthe gegenüber an dem Mar⸗ mortiſche Platz genommen. So eitel der Agent auch war und Geld verthat, wo er damit prahlen, etwas kaufen und ſich oder ſeine Zimmer damit behängen konnte, war er doch, was ſeine Ernährung betraf, ein einfacher und haushälteriſcher Mann. Dieſes, als das theuerſte und vornehmſte bekannte Local hatte er niemals beſucht; wie oft er ſich auch gegen Andere gerühmt hatte, in dieſen kleinen Feentempeln häufig noch nach dem Theater zu verkehren, war es doch nichts als eitel Lüge. Während ihm Wolters ſeine Vorleſung hielt, lächelte er nachſinnend vor ſich hin; denn er berechnete, was dieſer Verſchwender werde bezahlen müſſen, und freute ſich aufs innigſte, wie er, ohne einen Pfennig anzurühren, morgen allen ſeinen Bekannten die glücklich beſtandenen Genüſſe auftiſchen und ihre Gaumen lüſtern machen konnte. Zugleich konnte er ſich dabei wieder mit einem vor⸗ nehmen Freunde brüſten, was er ſo gern that. Herr von Wolters, den er öfter bei dem Präſidenten ge⸗ ſehen hatte, nahm bisher von ihm gar keine Notiz, und über ſein ariſtokratiſch kaltes, abweiſendes 189 Benehmen hatte ſich Herr Niedlich häuſig ſchon geär⸗ gert. Der Regierungsrath war aber auch ein feiner Herr. Zierlich von Geſtalt trug er eine goldene Brille, durch deren funkelnde Gläſer ſeine Augen einen ſon⸗ derbar ſcharfen Glanz erhielten. Sein Geſicht war blaß, ein wenig verlebt, die Züge ſchlaff, von der Naſe nach dem Munde zogen ſich zwei tiefe Falten; der ganze Ausdruck des Kopfes aber war bedeutend. Herr Niedlich fuͤhlte einen gewiſſen Reſpect vor der Klugheit, Vornehmheit und Sicherheit, welche er be⸗ wunderte. Wie Herr von Wolters da auf dem Divan ſaß und die Eigenſchaften der beſten Auſtern beurtheilte, die Manchetten aufgeſtreift, das Meſſer in den feinen Fingern hielt und mit größter Zierlichkeit ſchnitt, trank und erzählte, daß er jeden Abend hier ſoupire, weil ein gebildeter Menſch hier allein ſich wohlbehaglich fühlen könne, fühlte ſich Herr Niedlich hingeriſſen von der Wahrheit dieſer beglückenden Lehren, und um in der höheren Bildung nicht zurück zu ſtehen, nahm er ſich vor, ſo viel davon ſich anzueignen, als er irgend vermochte. Er griff daher erbarmungslos zu und zeigte eine bewundernswerthe Gelehrigkeit. „Es iſt ausgezeichnet!“ ſagte er, haſtig ſchlurfend 190 und ſchluckend,„wenn nur nicht Alles ſo ſchnell ver⸗ ſchwände!“ „Sehr gut!“ erwiederte Wolters,„wir wollen mehr davon kommen laſſen! Sehen Sie, Herr Nied⸗ lich, das iſt der wahre Comfort des Lebens. Ohne allen Zwang, Heiterkeit und Genuß. Wenn wir beide bei dem Präſidenten wären, welche Freuden erwarteten uns im Frack und in weißer Halsbinde? Eine Taſſe Thee, Hitze, Langweiligkeiten aller Art. Mit gelb lackirten Händen, den Hut unter dem Arm hinter einem Stuhl ſtehend, Dilettanten ſingen hören, ein⸗ fältige Complimente machen, ſich abquälen, um ein Gänschen zu unterhalten, und endlich ſo glücklich ſein, es zu Tiſche führen zu dürfen, um allda ein Glas ſauren Wein und ein Stück ledernen Braten zu erwiſchen! Dieſem Schickſal ſind wir glücklich ent⸗ gangen.“ „Es iſt wahr!“ rief Herr Niedlich, von dieſen Vorſtellungen ergriffen,„außerordentlich richtig! Sie verſtehen es, angenehm zu leben, Herr von Wolters.“ Der Regierungsrath ſtützte den Kopf in die Linke und lächelte vornehm mitleidig auf ſeinen Gaſt, der raſtlos im Reiche der Bildung weiter arbeitete. „Ich denke, in dieſer Kunſt einige Fortſchritte gemacht zu haben,“ ſagte er;„aber ich verſichere Ihnen, man 191 muß das Talent dazu mit auf die Welt bringen, ſonſt wird man vergebens ſich abmühen.“ „Man muß als ein vornehmer Herr geboren ſein!“ rief Herr Niedlich. „Gott bewahre!“ ſagte Wolters.„Die Vor⸗ nehmheit hat nichts damit zu ſchaffen.“ „Eh!“ fuhr Herr Niedlich fort, indem er liſtig grinſ'te,„man muß reich ſein.“ „Bah!“ antwortete Wolters,„auch das iſt nicht durchaus nöthig. Leider leben die Reichſten meiſt auf die unverantwortlich ſchlechteſte und elendeſte Weiſe.“ Herr Niedlich ließ zum erſten Male ſein Meſſer ſinken, und ſeine Kinnladen ruhten aus, während ein Zug des Unglaubens um ſeinen halb offenen Mund ſpielte. „Reiche Leute ſind zum Theil viel zu ſchäbig und filzig, um angenehm zu leben,“ fuhr Wolters fort, „oder ſie ſind aus Kreiſen hervorgegangen, wo die gemeinſten Genüſſe ſchon als Leckerbiſſen gelten; oder ſie ſind gierig wie Raubthiere,“ fuhr er, mit einem funkelnden Blick aus ſeinen Brillengläſern auf den Agenten, fort;„oder aber, es ſind völlig geſchmackloſe Menſchen, die ſich etwas darauf einbilden, genüg⸗ ſam zu ſein, wie ſie es nennen, weil ſie alles Höhere als Unnatur oder Entartung der Sitten verachten. 192² „Oho!“ rief Herr Niedlich, ausgelaſſen lachend, „auf wen das geht, kann ich mir denken. Aber es iſt wahr, es iſt merkwürdig! ich habe mich oft ſchon darüber verwundert. Wenn man ſo reich iſt, ſollte man nicht bei einem Handwerker wohnen, der einen gräulichen Spectakel ſchon am frühen Morgen macht, noch viel weniger aber mit ihm aus einer Schüſſel eſſen, wie ich es ſelbſt geſeben habe. Wahrhaftig!“ ſchrie Herr Niedlich,„ich habe es ſelbſt geſehen, auf mein Wort! und der alte Hartmann war außer ſich vor Freude, wie es ihm ſchmeckte.“ Herr von Wolters ſchlürfte den Champagner⸗ ſchaum von ſeinem Glaſe und hielt es dann ans Licht, indem er die aufſteigenden Perlen betrachtete und nachſinnend mit ſeinem ſarkaſtiſchen Lächeln hin⸗ einſah.„Sagen Sie mir, Herr Niedlich,“ fragte er dann,„wie ſteht mein lieber Vetter denn ſo eigent⸗ lich mit dem Präͤſidenten?“ „Mit dem Präſidenten?“ antwortete der Agent. „O!l ich denke, ſehr gut, denn der Präſident...“ Er hielt ein, zog ſeine Stirn in Falten, faßte ſich an das lange Kinn und grinſ'te ſehr pfiffig. „Trinken Sie Ihr Glas aus,“ ſagte Herr von Wolters. 1 Herr Niedlich trank und knallte mit der Zunge. 1 93 „Excellent!“ rief er;„was aber den Präſidenten be⸗ trifft, der hört Gras wachſen. Ein ausgezeichneter Mann! Geniale Gedanken! Wo irgend ein Geſchäft zu machen iſt, faßt er zu, wo er einen Vorrath mit Vortheil losſchlagen kann, beſinnt er ſich nicht.“ „und da er von dieſer Waare einen hübſchen Vorrath beſitzt,“ ſagte Wolters,„meinen Sie, hat er ſich nicht beſonnen.“ Herr Niedlich legte den Finger an ſeine ſchmale Naſe und ſah höchſt ſpitzbübiſch aus. „Warum ſoll er ſich denn beſinnen, beſter Herr Wolters?“ fragte er.„Dieſe Waare darf durchaus nicht alt werden, ſonſt verliert ſie Geſchmack und Abſatz; überdies aber iſt es eine koſtbare Waare, die man nicht auf dem Hals behalten darf, ohne das ganze Capital zu riskiren.“ Herr von Wolters lachte, Herr Niedlich half ihm dabei.„Ich glaube allerdings,“ ſagte der Regie⸗ rungsrath dann,„daß namentlich dieſe Waare eine höchſt koſtbare iſt.“ „Darauf können Sie Sich verlaſſen!“ rief Nied⸗ lich.„Verwöhnt, nur zum Vergnügen brauchbar, keine Idee davon, daß ein Menſch etwas Nützliches thun kann.“ „Glauben Sie denn,“ fragte Herr von Wolters, indem er ſich mit der Faſanbruſt beſchäftigte, die 1856. XIV. Neues Leben I. 13 194 vor ihm ſtand,„glauben Sie, daß dieſe koſtbare Waare meinen glückſeligen Vetter liebt?“ „Liebt?“ fragte Herr Niedlich mit zunendlich ſpottender Luſtigkeit in ſeinen hochgezogenen Augen. „Was das anbelangt, o!“— Er legte die Hand wie⸗ der an ſein Kinn und nickte gravitätiſch. „Sie müſſen austrinken,“ ſagte Wolters.„Schen⸗ ken Sie Sich ein.“ „Was denken Sie denn, was dieſe Art Waare Liebe nennt?“ fragte Herr Niedlich im hohen Discant. „Neue Shawls, die prächtigſten Kleider, alle Tage etwas Anderes, Luſtbarkeiten und Vergnügungen ohne Ende. Wer ihnen das bieten kann, den lie⸗ ben ſte.“ „Und der Präſident, meinen Sie, denkt in ſeiner Art eben ſo, wie dieſe reizende Kleine. Glau⸗ ben Sie, daß er keine perſönliche Zuneigung für dieſen Schwiegerſohn empfindet? daß es nur deſſen Geld iſt, was ihn ſo gütig ſtimmt?“ „Das verſteht ſich!“ rief Herr Niedlich;„was ſollte es denn anderes ſein?“— Er ſchüttelte in luſtiger Weiſe den Kopf.„Sie glauben doch nicht, daß er ſich in den Herrn Aſſeſſor verlieben könnte.“ „Er könnte aber doch ein beſonderes Wohlwollen für ihn empfinden,“ ſagte Wolters. 195 „Perſönliches Wohlwollen, Freundſchaft!“ lachte Herr Niedlich.„Gott bewahre! Für ſolchen Schwin⸗ del iſt er zu klug. Laſſen Sie den Herrn Aſſeſſor heute kommen und ein ſimpler Herr Aſſeſſor ſein, der von dem Herrn Schwiegervater eine Zulage ha⸗ ben will, um zu heirathen, Sie ſollen ſehen, wie er abgefertigt wird. Aber Herr von Trifels iſt reich, und bei einem Herrn, der ſtets ſo luſtig und fröhlich iſt, wird das Freudenleben auch nie aufhören.“ „Was das anbelangt, mein lieber Niedlich,“ er⸗ wiederte Wolters, an ſeinem Glaſe nippend,„ſo könnte es doch einmal aufhören.“ „Wie ſo, aufhören?“ fragte der Agent, und indem er lauernd den Kopf vorſtreckte, flüſterte er: „Iſt es nicht ſo ganz richtig mit dem Reichthum?“ „Damit iſt es ganz richtig,“ ſagte Wolters. „Sie können denken, daß ich es wiſſen muß, da Tri⸗ fels mir ſo nahe verwandt iſt, daß, wenn er etwa nicht heirathete, oder ohne Erben ſtürbe, ſein Vermö⸗ gen mir zufallen müßte.“ „Ihnen?“ rief Herr Niedlich erſtaunt,„das iſt ja recht ſchade! Bitte tauſend Mal um Pardon!“ fuhr er fort,„ich will keinem Menſchen etwas Böſes wünſchen, aber Sapperment! wenn es mir ſo 13* 196 paſſirte— es iſt doch mehr, als man von einem Chriſten verlangen kann!“ „Es kommt hundert Mal vor,“ ſagte Herr von Wolters. „Alſo Sie?“ fragte Herr Niedlich ſeine Stirn faltend,—„Sie ärgern Sich gar nicht?“ „Ich wüßte wirklich nicht, weshalb ich mich är⸗ gern ſollte,“ ſagte Herr von Wolters lächelnd. „Warum?— ohl— ich dächte doch,— ich würde mich unter allen Umſtänden ärgern!“ rief Herr Niedlich energiſch, mit ſeiner langen Hand auf den Tiſch ſchlagend. „Trinken Sie aus,“ lachte Wolters.„Ich be⸗ wundere Ihr Mitgefühl, wir müſſen uns näher ken⸗ nen lernen!“ „Sapperment!“ ſagte Nieedlich, tiefſinnig vor ſich hinblickend,„wenn ich denke, ich könnte eine reiche Erbſchaft machen, und Einer nähme ſie mir vor der Naſe weg— ich ſage Ihnen, Herr von Wolters, ich ließe ſie mir nicht wegnehmen! Es möchte ge⸗ ſchehen, was da wollte, ich ließe mir mein Geld nicht nehmen!“ 3 Wolters ſchenkte ſeinem Gaſte von Neuem ein. „Was kann ich denn thun?“ fragte er.„Ich wün⸗ ſche meinem glücklichen Vetter Heil und Segen und —— —j— 197 bin nur in Sorgen, daß meine Wünſche vergebens ſein werden.“ „Ja ſo!“ rief Herr Niedlich,„Sie haben mir noch nicht erklärt, weshalb das Freudenleben ein Ende nehmen kann.“ „Sie ſind ein Mann von Verſtand,“ ſagte der Regierungsrath,„das weiß ich.“ „Was das anbelangt,“ ſiel Herr Niedlich lächelnd ein,„ſo beſitze ich wenigſtens einige Bil⸗ dung; Weltbildung, Herr von Wolters, die muß man haben.“ „Nun denn,“ fuhr Wolters fort,„wie können Sie wohl glauben, und wie kann der Präſident glauben, daß das eine glückliche Ehe werden kann? Mein Vetter iſt die proſaiſche Nüchternheit ſelbſt. Sie haben ſchon die Bemerkung gemacht, daß er ſeit Jahren bei einem alten Blechſchmied wohnt, ſich bei ihm zu Gaſte ladet, am liebſten Waſſer trinkt, und trotz ſeines großen Vermögens ſo einfach lebt, wie ein Menſch, der ſein Brod verdienen muß.“ „Es iſt wahr!“ ſagte Herr Niedlich,„es iſt ſehr wohl zu bedenken. Es macht mich ordentlich bange,“ fügte er hinzu und bemühte ſich, eine Theilnahme zu heucheln, die er nicht empfand. 198 „Ich bin feſt uͤberzeugt,“ fuhr Wolters fort, „daß die Herrlichkeit nicht drei Monate aushält.“ „Ich glaub's ſelbſt!“ rief Niedlich erfreut;„es iſt ganz gewiß!“ „Und das iſt das Einzige, was mich betrüben kann,“ fuhr Wolters fort.„Sie werden beide un⸗ glücklich werden.“ „Es waͤre ſchrecklich!“ ſagte der Agent, und wäbrend er ſich uͤber den Tiſch beugte, hefteten ſich ſeine Augen eigenthümlich lauernd und ſchalkhaft auf ſeinen Nachbar. „Was meinen Sie?“ fragte dieſer. „Ich meine gar nichts,“ antwortete Herr Nied⸗ lich,„aber wenn ſie unglücklich werben ſollten, ſo denke ich, wird uns beiden das Herz davon brechen“ Sein muthwilliges Gelächter brachte wenigſtens ein Lächeln auf Wolter's Lippen.—„Sie ſind ein fühlloſer Barbar,“ ſagte er nach einem kurzen Schwei⸗ gen;„aber trinken Sie, es wird Ihnen beſſere Gedan⸗ ken bringen, die Ihnen zeigen, was Sie thun müſſen.“ „Was ich thun kann,“ rief Niedlich,„namentlich fuͤr Sie thun kann, Herr von Wolters, werde ich 7 jederzeit mit Vergnügen tbun.“ Herr von Woliers nickte leiſe mit ſeinem ſchar⸗ fen Lächeln, dann legte er die Hand mit dem großen 2 199 Siegelring über den Tiſch fort auf die langen, kal⸗ ten Finger des Agenten.„Ich merkte und bemerkte ſchon manches,“ ſagte er,„was anderen Leuten verb or⸗ gen blieb.— Ein Wort im Vertrauen jetzt zu Ihnen, Herr Niedlich. Was ich Ihnen mittheile, iſt von Wichtigkeit, wenn es auch nicht ſo ſcheinen mag. Es kann Ihnen unter gewiſſen Umſtänden große Vortheile bringen.“ Das Wort Vortheile“ machte auf Herrn Nied⸗ lich einen ſo feſſelnden und ergreifenden Eindruck, wie auf den Soldaten der Klang der Trommel oder der Trompete, oder auf den Geizhals der Klang des Geldes. Er hatte alles Andere vergeſſen und rich⸗ tete ſich ſteil auf, indem er in gewinnendſter Weiſe lächelte.„Sprechen Sie, beſter Herr von Wolters,“ ſagte er,„ich bin ganz zu Ihren geneigten Dienſten.“ „Es könnte ſein,“ erwiederte Wolters,„daß der Präſident ſich dennoch in dieſem Schwiegerſohne irrt. Verſtehen Sie mich wohl, es könnte ſein, daß etwas vorfiele, wodurch Herr von Landau ſich bewogen fühlte, ſeine Meinung zu ändern. In dieſem Falle wäre es Ihr größter Vortheil, wenn Sie ſein Ver⸗ trauen ganz zu gewinnen ſuchten und mir Gelegen⸗ heit verſchafften, die Sache ordnen zu helfen.“ „Gewiß,“ ſagte Herr Niedlich,„mit dem größten 200 Vergnugen, aber... ich muß Ihnen bekennen.. ich weiß nicht, wie Sie eigentlich die Sache... welche Sache?“ „Ich kann mich für jetzt nicht deutlicher machen, Herr Niedlich,“ fuhr Wolters fort,„die Hauptſache iſt, daß, wenn der Präſident Rath oder Beiſtand wünſcht, Sie ihn darauf aufmerkſam machen, daß ich ihm etwas mitzutheilen habe, das ihm gut thun wird. Weiter haben Sie nichts nöthig, ſeien Sie jedoch verſichert, daß Herr von Landau Ihnen ſehr dankbar ſein wird; nicht weniger werde ich es ſein.“ „Allzu viel Güte! Allzu viel Güte!“ rief Herr Niedlich,„aber ich weiß wirklich doch nicht. „Nur das Eine müſſen Sie nicht außer Acht laſſen,“ fiel Wolters ein,„laſſen Sie Sich nicht das Geringſte merken. Sie ſind ein beſonderer Verehrer von Fräulein Emma.“ „Ich!“ erwiederte Herr Niedlich, ſeine Stirn in unendliche Falten ziehend und heftig lachend. „Verehrer?! Beleidigen Sie meinen Geſchmack nicht, Herr von Wolters!“ „Nehmen Sie Sich vor ihr in Acht,“ ſagte der Regierungsrath.„Das iſt ein gefährliches Frauen⸗ zimmer.“ — ——nn ——— — — —— —— 201 „Es iſt eine Antiquität!“ ſchrie Herr Niedlich ausgelaſſen. „Und Ihr Herz iſt ſchon mit den Reizen eines anderen Cabinetsſtückes gefüllt!“ flüſterte Herr von Wolters, die blitzende Brille zu ihm aufhebend. Dieſe Wote machten einen eigenthümlichen Ein⸗ druck auf den Agenten. Plötzlich fiel ihm Marie ein, aber um keinen Preis hätte er von ihr ſprechen mögen. Es kam ihm vor, als ſähe ihn Wolters übermüthig ſpottend an. „Ich glaube, ich habe gar kein Herz,“ antwor⸗ tete er luſtig.„Es iſt wirklich wahr, bei dieſer ſchlechten Zeit iſt ein Herz ganz überflüſſig.“ „Sehr weiſe gedacht!“ ſagte Wolters.„Bleiben Sie dabei, lieber Niedlich; bei allem, was Sie thun, denken Sie immer daran, daß das Herz nichts iſt, als ein elender Sack voll Blut. Aber Ihren Kopf nehmen Sie zuſammen, was der pfiffig aus⸗ geſonnen hat, das führen Sie aus, ſo werden Sie vortreffliche Geſchäfte machen.“ Es war, als ob eine Prophetenſtimme ge⸗ ſprochen hätte, die Herrn Niedlich durch Mark und Bein drang. Der Wein hatte ſein Blut erhitzt, er 202 ſah leiſe grinſend vor ſich hin in das Glas; plötzlich nahm er dieſes, trank es aus, und ſtand auf. „Wo wollen Sie denn hin?“ fragte der Re⸗ gierungsrath. „Ich muß fort!“ antwortete Herr Niedlich, in⸗ dem er energiſch ſeinen Rock zuknöpfte und nach dem Düffelpanzer griff. Herr von Wolters zog langſam ſeine Uhr.„Das Theater wird bald aus ſein,“ ſagte er, ſich auf dem Canapee ausſtreckend;„bleiben Sie hier, ich will Sie in gute Geſellſchaft einführen.“ Herr Niedlich beſtand jedoch darauf, daß er gehen müſſe.„Es iſt ein Geſchäft,“ ſagte er,„das heute noch abgemacht werden muß. Wirklich, es muß abgemacht werden.“ Herr von Wolters drang nicht weiter in ihn, er wünſchte ihm guten Erfolg, verſprach ihn zu be⸗ ſuchen, oder erwartete, daß der Agent ihn aufſuchen werde, wenn er ihm etwas mitzutheilen habe, und begleitete endlich ſeine Entlaſſung mit einem ſtum⸗ men Kopfneigen und dem ſtechenden Lächeln, das Herr Niedlich nicht leiden mochte und über welches er ſich noch ärgerte, als er draußen den Kragen wieder über ſeine Ohren zog, und die langen, dün⸗ nen Arme in die Taſchen ſteckte. 203 Zuletzt lachte er jedoch mit voller Genugthuung. „Was geht mich der Burſche an!“ murmelte er vor ſich hin.„Mögen ſie allzuſammen ſehen, wie ſie fertig werden! Kein Wort habe ich verſtanden, lau⸗ ter Schwindel, nichts als Schwindel! die ganze Menſchheit iſt ein Schwindel! Aber das Reelle habe ich genoſſen, ausgezeichnet geſpeiſ't, wie ein Lord, und er bezahlt die Speſen! Man muß immer ſo handeln,“ ſagte er, mit einem wonnigen Schulter⸗ rücken,„daß man den reellen Gewinn behäͤlt und an⸗ dere Leute die Speſen decken, und ſo werde ich denn auch jetzt— halt!“ lachte er leiſe, indem er ſtill ſtand, „ich bin ſchon vorbei gelaufen bis an meine Thür!— Darin hat er Recht, ich muß meinen Kopf zuſam⸗ men halten, wenn ich dem Alten die Geldſäcke ab⸗ nehmen will; aber es hat nichts zu ſagen, da bin ich ſchon!“ Er ſah an dem grauen Giebelhauſe hinauf und flüſterte vergnügt:„Warte, Du alter Narr, übers Jahr biſt Du geweſen!“— Damit legte er die Hand auf die alterthümliche Klinke der Thür, die ibr heftiges Klingeln hören ließ, als er über die Schwelle ſtolperte.—„Oho!“ rief er, indem er den Gang hinab lief, und er wiederholte dieſes Oho mehrmals, ehe er die Stubenthür erreichte und öffnete. 204 „Es iſt merkwürdig, Papa Hartmann— guten Abend Mama— alle Wetter! es wird kalt, aber es iſt merkwürdig, wie ich hier ins Haus hinein gefallen bin, als müßte es ſo ſein, oder als wäre es ein Zeichen, daß ich nicht wieder hinaus ſollte.“ Er zog den Duüffel aus, hängte ihn an den Haken der Stubenthür und rieb die ſchmalen lan⸗ gen Hände mit wunderbarer Geſchwindigkeit, wobei er ſehr vergnügt ausſah.— Der Meiſter ſaß auf ſeinem Platze an dem großen, mit Wachstuch über⸗ ſpannten Tiſche und las in dem Pfennigmagazin, das aufgeſchlagen vor ihm lag; die Frau Meiſterin arbeitete wie gewöhnlich, die große Hornbrille auf der Naſe, welche ſie abnahm, um etwas verwun⸗ dert, aber doch freundlich den Gruß ihres Gaſtes zu erwiedern. Hartmann dagegen brummte dieſem, ſeitwärts blickend, etwas zu, was alles Mögliche be⸗ deuten konnte, und blickte dann von Neuem in ſein Buch. Dieſer zweifelhafte Empfang machte jedoch nicht den geringſten Eindruck auf den Agenten. Er nahm einen der ſchweren Holzſtühle, ſchob ihn an die Ecke des Tiſches und begann ſeine Unterhaltung in kluger Weiſe zunächſt da, wo er auf den meiſten Erfolg zu rechnen hatte. 205 „Sie wundern Sich wohl, Mama, daß ich noch gekommen bin?“ fragte er. Die alte Frau ſah nach der Uhr hin, die eben Neun ſchlug. „Eh!“ fuhr er fort,„ein Nachbar, den man von Kindesbeinen an kennt, kann ſich ſchon dergleichen erlauben! Habe ich Recht, Papa Hartmann?“ „So lange das Haus offen iſt,“ antwortete der Meiſter, ohne aufzublicken,„kann Jeder zu mir kommen, wenn er etwas bei mir zu ſuchen hat“ „Die Gutes bringen, mögen immer kommen, mag's Tag oder Nacht ſein!“ rief Herr Niedlich, ſeinen kleinen Mund ſpitzend.„Und das bin ich, Papa. Iſt es nicht wahr, Heinrich kann kommen, wenn er will? er bringt Gutes.“ „Wo kommen Sie denn her?“ fragte die Frau, die ihrem Manne die Antwort abſchneiden wollte. „Eingeladen geweſen,“ ſagte Herr Niedlich ſelbſt⸗ gefällig.„Wenn man ausgebreitete Bekanntſchaft be⸗ ſitzt, Mama, wird man oft eingeladen. Es iſt nicht auszuſchlagen, wenn man zur guten Geſellſchaft ge⸗ hört.“ Die Frau Meiſterin ſah ihn wohlgefällig an. „Sie ſind aber doch nicht...“ ſagte ſie. „Bei dem Präſidenten geweſen?“ fiel er ein. 206 „Bewahre! es iſt mir aber auch gar nicht daran ge⸗ legen. Das heißt,“ fügte er ſich beſinnend hinzu, indem er den Finger an die Naſe drückte und die Stirn faltete,„wenn mir etwas daran gelegen ge⸗ weſen wäre, ſo würde es nur eines gewiſſen Gegen⸗ ſtandes wegen der Fall geweſen ſein.“ Der alte Mann wandte ſich von ſeinem Buche ab und legte die dickbeaderte Hand darauf. „Es iſt jedoch nicht der Fall geweſen,“ fuhr Niedlich fort.„Ich bin nicht eingeladen worden, eben ſo wenig wie der Herr von Wolters, der Re⸗ gierungsrath, Sie kennen ihn doch, Mama?“ „O ja!“ ſagte ſie,„der taugt nichts.“ „Taugt er nichts?“ fragte Niedlich lachend. „Aber es iſt ein feiner Herr, immer fein, immer galant und weiß zu leben, darauf können Sie Sich verlaſſen.“ „Wer giebt ihm das Geld dazu?“ fragte ſie. „Kein anderer wie ſein Vetter, der Aſſeſſor. Wenn er Schulden macht, muß der ſie bezahlen.“ „Es geht Keinen was an!“ brummte der Meiſter. „Es iſt eine Sache, welche die ganze Menſchheit betrifft!“ rief Herr Niedlich, der mit ſeinem lauernden Lächeln zugehört hatte.„Sagen Sie nichts dagegen, Papa. Die ganze Menſchheit ſollte es nicht dulden, — 207 daß es Menſchen giebt, denn jeder Menſch gehört zur Menſchheit und iſt ein Stück von ihr, daß es alſo Menſchen giebt, welche Theile vom Ganzen ſind und als Theile für das Ganze ihre Schuldigkeit nicht thun. So iſt es, ich ſage Ihnen, es iſt ſo— Herr Niedlich ſetzte ſeinen ſchmalen langen Mittel⸗ finger auf ſeine ſchmale Bruſt und fuhr mit einer gewiſſen Feierlichkeit fort:„Hier ſitzt es, Papa, da iſt nichts, kein Herz für die Menſchheit, und wenn man ſich auch das noch gefallen laſſen wollte, ſo iſt hier—“ Herr Niedlich tippte mit dem langen Finger in ſein kurz abgeſchorenes Haupthaar—„doch nichts weiter als Wind und Qualm und Nichtswürdigkeit.“ „Es iſt richtig,“ ſagte der alte Mann,„die ſind uͤberall.“ „Iſt die Menſchheit zum Arbeiten da oder zum Vergnügen?“ fuhr Herr Niedlich fort, und als er keine Antwort erbielt, ertheilte er ſich dieſe ſelbſt. „Es ſoll ein Jeder arbeiten, Keiner ſoll bloß zum Vergnügen leben,“ ſagte er energiſch, auf den Tiſch klopfend,„es mag ſein, wer er will, und darum iſt ſo ein höherer Bummler in meinen Augen nicht einen Pfennig mehr werth, wie der geringſte. Es geht uns aber alle etwas an, Papa Hartmann, wenn wir dergleichen Verſchwender unter uns haben, denn auch wir gehören zur Menſchheit und müſſen ſie mit er⸗ nähren, müſſen mit für ſie arbeiten. Wir müſſen ſämmtlich ihre Rechnungen mit bezahlen helfen. Sie, ich, die Mama, Mariechen, Jeder von uns. Es iſt keiner da, der nicht bezahlen muß, ich ſage Ihnen, Alle müſſen geben.“ Der alte Mann ſchüttelte ungläubig den Kopf⸗ „Das iſt auch ſo eine Windbeutelei,“ ſagte er. „Windbeutelei!“ ſchrie Herr Niedlich,„es iſt ſo wahr und gewiß, wie wir hier Beide am Tiſche ſitzen. Die Menſchheit hat ihr Geſammt⸗Capital, das iſt das Hauptbuch für Alle. Jeder einzelne Menſch hat darin ſein eigenes Conto als Theil des Ganzen, wo ihm gutgeſchrieben wird, was er ver⸗ dient, gewinnt und ſchafft, und abgeſchrieben wird. was er verzehrt; wenn aber Einer nun gar nichts verdient, dafür aber ſo viel wie möglich verzehrt wie ſoll er denn leben? Er könnte nicht acht Tage leben, wenn ihn die geſammte übrige Menſchheit nicht erhielte. Haben Sie es jetzt verſtanden, Papa?“ Der Meiſter ſah einen Augenblick vor ſich hin und ſagte dann entſchieden:„Es iſt aber doch alles nichts als Windbeutelei.“ „Es iſt Bildung!“ rief Herr Niedlich.„Es iſt 209 Wiſſenſchaft! Wiſſenſchaft und Kunſt verſchönern das Leben, ſonſt nichts.“ „Es wundert mich blos,“ ſagte der Meiſter in ſeinem mürriſchen Tone,„daß Sie es noch der Mühe werth halten, bei ſo ungebildeten Leuten vorzuſprechen.“ „Sie, Papa, Sie!“ antwortete Niedlich lachend, „Sie, der mich von Kindesbeinen an kannte, ſollte nicht beſucht werden? Glauben Sie, daß ich hoch⸗ müthig bin? Ich bin ſo wenig hochmüthig, wie ich ein Verſchwender oder ein Bummler bin.“ „Sie ſcheinen mir heut einen beſonderen Nebel im Kopf zu haben,“ fuhr der alte Mann fort, indem er wieder in ſein Buch blickte. „Das macht,“ rief Herr Niedlich, laut lachend, „weil ich mich auf Koſten der Menſchheit ernährt habe. Champagner getrunken, Auſtern gegeſſen, nachher Faſan! Es gehört auch mit zur höheren Bildung, Papa, koſtet mich aber keinen Pfennig. Es iſt nichts für mich, Geld für ſolche Zungenkitzelei auszugeben. Reelle Sachen, da bin ich da. Ich habe heute etwas gekauft, Mama, morgen ſollen Sie es ſehen, Marie auch, Sie werden die Augen aufmachen. Es ſoll mir Einer ſagen, ob er es beſſer hat. Die ganze Ausſtattung für Fräulein Hedwig, von der ſie ſo viel Gerede machen, iſt Lumperei dagegen.“ 1856. XIV. Neues Leben.. 14 210 „Was haben Sie denn gekauft, Heinrich?“ fragte die Frau Meiſterin. 1 „Leinen, echt holländiſch,“ erwiederte er,„Tiſch⸗ 4 zeug, ein ganzes Dutzend Gedecke, Damaſt wie ein Brett, Blumen darin, wie gemalt. Was ich damit will, Mama?“— Er hielt lachend inne, rieb ſich ſeine Haͤnde und grinſ'te wie ein Affe.„Heirathen will ich,“ platzte er dann heraus,„und meinen verehr⸗ ten Schwiegereltern die Ausſtattung ſparen, weil's baare Geld ſich immer beſſer brauchen läßt.“ Die Frau Meiſterin hatte den Strumpf vor ſich hingelegt, in ihren hohlen Backen ſchimmerte ein er⸗ wartungsvolles Lächeln, das dem Agenten Muth einflößte, den er jedoch nicht nöthig hatte. „Es iſt einmal nicht anders, es muß heraus!“ fuhr er fort, den Meiſter am Arm faſſend.„Ich brauch's aber nicht erſt zu ſagen, Jeder kann es D denken. Iſt es nicht wahr, Papa Hartmann? Hand her, eingeſchlagen!“ „Wozu?“ fragte der alte Mann. „Wozu?! Jetzt hören Sie einmal, Mama, wie er fragt. Ich will mir Marie wieder einmal von Ihnen leihen, Papa! Aber nicht etwa auf Stunden oder Tage, aufs ganze Leben will ich ſie leihen, ich will ſie gar nicht wieder bringen.“ d 211 Der Alte ſaß da, als hätte er noch immer nichts verſtanden. Ohne eine Miene zu verziehen, ſchaute er vor ſich hin auf das Buch. „Eingerichtet bin ich,“ ſagte Herr Niedlich⸗ „Sie wiſſen ja, wie ich eingerichtet bin; bequem iſt es auch, Thür an Thür, aus einem Haus ins andere. Marie wird's kaum merken, haha! Frau Agentin Niedlich! hören Sie mal, wie es klingt, Papa! Was ſagen Sie nun? Bin ich noch hochmüthig oder nicht? Was habe ich geſagt, wie ich kam? Ich bin ins Haus gefallen, ſagte ich, und gehe nicht wieder hinaus!“ „Da iſt die Thür,“ antwortete Hartmann, in⸗ dem er mit dem Finger darauf deutete. „Die Thür? ja freilich da iſt ſie,“ lachte Herr Niedlich.„Kuüͤnftig wollen wir Flügelthuͤren machen laſſen; aber wiſſen Sie was, Papa, wir wollen die Sache ganz kurz abmachen!“. „Das iſt meine Meinung auch,“ ſagte der alte Mann. „Alſo ich nehme dankbar, was Sie mir geben — was wollen Sie denn, Papa? Alle Wetter, mein Arm! Laſſen Sie meinen Arm los!“ Wie eine Feder drehte der ſtämmige Meiſter den 14* 212 4* dünnen Agenten und ſtieß ihn vor ſich her nach der Thür. 3 „Herr Jeſus! Chriſtian!“ ſchrie die Frau Mei⸗ ſterin.— Er war ſchon auf dem Gange. „Mein Rock! mein Hut!“ hörte ſie draußen ſchreien. Die Thuͤr klingelte und ſiel wieder zu.— Wie ſie erſtarrt ſtand, kam der Meiſter zurück, nahm Hut und Rock und ging wieder hinaus. Noch ein⸗ mal wurde die Thür geöffnet, und ſie hörte wie er hinausrief:„Weiter giebt es hier nichts!“ und wie der Riegel zuſchnappte. Dann trat ihr Mann wieder herein, ſo ruhig, als ſei nichts vorgefallen. Er ſetzte ſeinen Stuhl zurecht, rückte den Band Pfennigsblät⸗ ter unter die Lampe und las weiter. Ende des erſten Bandes. Prag 1856. Druck von Kath. Gerzabek. ſſifſſſſiſſiſiſäfiſſſiſſnnſin ſſſſſilijinn 7 8 9 10 11 3 2 1 1