Lei iot deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednſard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe ſmuß voraus bezahlt werden und eträgt: 8. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — ——ꝛ———— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Mügge, der Schütz von Senjenoe. 1 — E⸗ mögen jetzt wohl mehr als zwanzig Jahre vorüber ge⸗ gangen ſein, als ein großes Boot von ſechs Rudern, mit einer Halbkajüte verſehen, an der Küſte des Norwegiſchen Hochlandes hinfuhr, das jenſeits des großen Weſtfjords und des Polarkreiſes, bis nach dem Nordkap hinauf, ein wildes Labyrinth von Felſen, Inſeln, Inſelbrocken und zahlloſen Sunden und Meeresarmen dar⸗ ſtellt, welche tief in den Schooß der Gebirge und Klüfte dringen. Damals konnte man noch nicht, wie jetzt, mit dem Regie⸗ rungsdampfſchiff raſch und leicht dieſe wüſten Irrwege durchfah⸗ ren, erſt mehrere Jahre ſpäter wurde damit der Anfang gemacht; die einzige Möglichkeit, von einer Handelsſtelle der Kaufleute zur anderen zu gelangen, blieb das Ruderboot, mit welchem freilich nur langſam weiter zu kommen war. Es war ein Sommertag, ſo ſchön und ſtill, warm und ſon⸗ nenvoll, als hinge der blaue, fleckenloſe Himmel über einem ſüd⸗ lichen Lande; ein einziger Blick aber reichte hin, um dieſe Täu⸗ ſchung zu zerſtoͤren. Der Paſſagier des Bootes, welcher es gemiethet hatte, um damit nach der Handelsſtelle von Lenvig zu gelangen, ſaß oben auf dem Halbdeck, auf einigen Kiſſen, an welchen er halb lie⸗ gend lehnte, und betrachtete nachſinnend und ſchweigend den düſte⸗ ren Kranz zerriſſener Felſen und Felſennadeln, die überall aus dem Meere aufwuchſen, ſpitz und zackig ihre kahlen Häupter in die klare Luft tauchten, und ihre Wände und ſchroffen Seiten im hellen Sonnenlichte glänzen ließen. So weit das Auge reichte, war nichts zu entdecken, als dies öde, lautloſe Felſengewirr; die hohe Nordlandsküſte in ihrer ſchweigenden Wildheit, die Meeresſchlünde, welche ſich darin ver⸗ loren, nur da und dort ein grüner Streif, ein weiß leuchtendes Birkengebüſch, eine Felſenſpalte, wo ſchwarze, traurige Nadel⸗ bäume wuchſen, oder ein kleines Thal, durch welches ein Bach in haſtigen Sprüngen und Waſſerſtürzen niederſchoß. Auf den Klippen und Steinen, die aus dem blanken ſtillen Meere ragten, ſaßen eben ſo ſchweigſame Vögel in dichtgedrängten Haufen. Rothkämmige Alken ſteckten die Köpfe zuſammen, viele andere entenartige Thiere und große Möven ſonnten ſich behag⸗ lich und ließen das Boot vorüberziehen, ohne ſich zu rühren; nur bei einem heftigen Geplätſcher der Ruder, oder bei dem lau⸗ ten Ruf der Bootsleute fuhr ein Schwarm in die Tiefe und verſchwand darin ohne Lärm und Geſchrei. Der Reiſende warf ſich mißmuthig auf die andere Seite und ſtarrte über ein weites Waſſerbecken auf die zahlloſen Klip⸗ pen und Brocken zwiſchen den großen Inſeln Hindöen und Sen⸗ 7 jenben. Ganz dieſelben Felſen, dieſelbe Oede, dieſelbe wilde Größe - der Natur und daſſelbe Schweigen traten ihm entgegen.— Dann und wann nur, wie von einer unſichtbaren Hand gehoben, brach ſich das Meer an irgend einem Steine und warf eine ſchäumende Fontaine hoch in die Luft, gleichſam um zu zeigen, daß es träume, aber nicht ſchlafe. Der Reiſende ſah auf die Schaumflocken, welche das Boot umſchwammen; er verfolgte die großen roth und blau gezeichne⸗ ten Quallen, wie ſie wunderbar glänzend ihre langen Arme nach Raub ausſtrecken; dann lachte er ſpöttiſch vor ſich hin, indem er eigenthümliche Vergleiche mit dieſen ſeltſamen gallertartigen Geſchöpfen anſtellte. 7 Es war ein Herr aus guter Familie, der im Süden des Landes längere Zeit ein einträgliches Amt bekleidete, aber durch mehrere gewaltthätige Handlungen und zunehmende Schulden es endlich dahin gebracht hatte, daß er es räthlich und paſſend fand, ſich als Landrichter oder Sorenſkriver, d. h. geſchworener Schrei⸗ ber, hier oben an's äußerſte Ende Nordland's, an den Malan⸗ ger Fjord, verſetzen zu laſſen. Herr Lars Stureſon ſah ganz ſo aus, wie ein Mann, dem man Paſchalaunen zutrauen kann, und ſeine Verwandten im Staatsrath und im Storthing mochten wohl Recht haben, wenn ſie glaubten, daß die Leute an den Lappmarkiſchen Küſten der⸗ gleichen beſſer vertragen könnten, als die ſtolzen Bauern und Hofbeſitzer in den ſüdlichen Grafſchaften. Es war ein ungemein großer, kräftiger und breitſchulderiger Mann, anſcheinend vielleicht in der Mitte der dreißiger Jahre. Sein ſtolzes hartes Geſicht war roth und voll, und trug man⸗ cherlei Zeichen, daß er bei Toddy und Punſch alle Nebenbuhler vielmals beſiegt hatte. Schlaue und bewegliche graublaue Augen milderten die feſten, maſſiven Formen ſeines Kopfes, und im Ganzen genommen, war er ein ſtattlicher Herr, der ebenſowohl Ehr⸗ furcht und Furcht, wie Wohlwollen und Achtung erwecken konnte. Lars Stureſon war verheirathet geweſen, und nach einer unglücklichen Ehe Wittwer geworden. Er machte daher die Reiſe allein. Das Boot war mit ſeinen Koffern und Kaſten gefüllt, die das Nothwendigſte enthielten, was er in der Einſamkeit ſeines neuen Wohnortes zu brauchen dachte. Eine Nordlandsyacht, die von Bergen ausgelaufen war, ſollte ihm Mobilien aller Art und mancherlei Luxusgegenſtände, ſein Haus auszuſtatten, nachliefern. Hier lag er nun auf ſeinen Polſtern auf dem ſchmalen Deck, einige Bücher neben ſich, und zwiſchen denſelben die Reſte einer halbgeleerten Flaſche Portwein, aus der er dann und wann einen Zug that. Die Quallen, ſagte er lachend vor ſich hin, ſind in ihrer Art die Landrichter und Voigte des Meeres. Es gibt manche ſtärkere und größere Geſchöpfe darin, aber keines vergreift ſich ſo leicht an ihnen. Vögel und Fiſche fliehen ihre Berührung eben ſo wohl, wie die Menſchen, denn Jeder wird gebrannt, der ihnen zu nahe kommt. Sie aber rudern mit ihren langen gefingerten Armen unbekümmert durch die Wellen. Das ganze Ding iſt nichts als Magen; Alles, was ſie greifen können, halten ſie feſt, was ſie berühren, wird ihre Beute, wird electriſch angezogen, in den Magen gepackt und muß laſſen, was es beſitzt. Er warf ſich auf den Rücken, ſchaute in den Himmel hin⸗ 3 1 auf und ſprach mit einem kräftigen Fluche: Gott mag es wiſſen, wie ich hier leben ſoll, aber der Teufel ſoll mich holen! wenn ich nicht am liebſten in die Luft hinaufblicke, um von dieſem verwünſchten Lande nichts zu ſehen. Felſen, Klippen, brandende Waſſer, ſchmutzige, nach Fiſchthran ſtinkende Fiſcher und gau⸗ nernde Krämer: das ſoll deine Geſellſchaft ſein, Lars Stureſon, und wann und wie ſollſt du davon erlöſt werden? Nach einer Stunde voll Nachdenken richtete er ſich auf, denn es war Bewegung in das Boot gekommen. Leiſe Wellen begannen es zu ſchaukeln, ein Wind flog kühl über das Waſſer hin und zog krauſe Katzenpfoten, wie die Schiffer es nennen, darauf zuſammen. Die Sonne neigte ſich dabei tief dem Weſten zu, der eine feurige Röthe ausſtrahlte, welche an allen hohen Bergen und Spitzen glühte. Der Landrichter zog ſeine Uhr; es war in der zehnten Abendſtunde; dann betrachtete er die Anſtrengungen der Ruderer, welche ſich verdoppelten, und endlich ſchickte er dem dunſtigen Feuerball einen neuen Fluch nach, denn er wußte wohl, daß die⸗ ſer die Schuld trage. In den langen Sommertagen geht die Sonne hier ſchon mehrere Wochen lang nicht unter den Horizont; ſie beſchreibt einen Kreis in der abgeplatteten Polnähe, und wenn ſie um Mit⸗ ternacht ſcheint, iſt der einzige Unterſchied der, daß ein ſchlaf⸗ trunkenes Schweigen die ganze Natur ergriffen hat. Kein Win⸗ des⸗Fächeln iſt zu merken, kein Halm bewegt ſich, kein Fiſch ſpringt im Meere; alle Vögel ruhen aus in dem gelbrothen, fah⸗ len Sonnenlichte und verbergen ihre Köpfe. Dieſe Zeit war vorüber, der Feuerball fiel wieder in das unermeßliche Meer, aber die Nacht war doch nur eine Dämme⸗ rung weniger Stunden. Als er niederſank, trat Kühle ein, die kältere Luft ſtürzte der Sonne nach und faſt zugleich mit ihr kam die Strömung der Ebbe aus den Fjorden und Sunten dem Boote entge⸗ gen und verſetzte es in eine ſchaukelnde und ſchwankende Bewegung. Die Ruderer ſtrengten alle Kräfte an, und brachten das Boot dicht an die Küſte; aber in dem enger werdenden Kanale, der Senjenöen vom Feſtlande trennt, wurde die Strömung hef⸗ tiger und zwiſchen den hohen Uferwänden zog der Wind ſchärfer ihm entgegen. Mit mühevoller Arbeit war doch nur geringes Weiterkom⸗ men merklich, und als der Landrichter eine Weile zugeſchaut hatte, als er ſah, wie die brennende Röthe an den Bergſpitzen abnahm und falbte, während blaue Schatten aus den Schluchten langſam heraufkletterten, konnte er ſich nicht enthalten, eine Frage an die Schiffsleute zu richten. Es wird ſpät, rief er hinunter, wir kommen langſam vorwärts. Wind und Strömung gegen uns, Herr, antwortete Einer. Und wie weit noch nach Lenvig? Zwei Meilen, ſagte der Mann. Werden ſie ſchwer ſchaffen, ehe die Fluth kommt. Der Reiſende ſah die unwirthliche Küſte an; nirgend war die Spur einer Menſchenwohnung zu entdecken, und offenbar hatte er wenig Luſt, die Stunden der Nacht, ſo mild und hell dieſe war, im Freien zuzubringen. Iſt keine Handelsſtelle in der Nähe? fragte er. * Q[Oꝭ—C— Es war, als hätten die müden Ruderer nur auf dieſe Frage gewartet. „Herr, ja! riefen ſie zuſammen; ein wenig mehr herauf liegt Chriſtie Hvalands Stelle. Eine feine Stelle, Herr, fügte der Führer des Bootes hinzu. Chriſtie Hvaland iſt ein guter und angeſehener Mann, der fünf Nachten nach Bergen ſchickt. So wird er uns einen Platz an ſeinem Heerde gönnen, ſagte Stureſon. Fahrt zu, Leute, je eher wir hinkommen, je beſſer. Mit dieſem Beſcheide kam vermehrte Kraft in die Ruderer, und als der letzte Schimmer zerann, lag das Haus des Kauf⸗ manns in der Tiefe einer Bucht vor ihnen. Maleriſch genug ſah es aus, obwohl es ein Balkenhaus war, wie alle dieſe Häuſer ſind. Aber es lag von einem Halb⸗ kreis weißlicher Felſen im Rücken geſchützt, die ihre kahlen Spitzen über ein üppig dichtes Buſchwerk von Birken hervorſtreckten. Der Raum bis zum Meere mochte kaum hundert Schritte betragen, doch war er mit einem lieblichen Grasteppich bedeckt, und dicht an der einen Seite des langen Blockhauſes kündigte ein um⸗ zäumter Platz ſogar die Anlage eines Gärtchens an.— Pack⸗ häuſer erhoben ſich auf Pfahlwerken aus dem Meere, mehre von 5 den ſeltſamen hochſchnäbligen Nordlandsyachten lagen vor ihnen, an der Ufertreppe ſchauckelten große Boote neben kleineren, und oben auf dem Gange nach dem Packhauſe liefen die Bewohner der Handelsſtelle zuſammen, als ſie das fremde Fahrzeug erblickten. Nach wenigen Minuten hatte dies angelegt, und Lars Sture⸗ 8 ‧ — 410— ſon ſprang die Treppe hinauf mitten in den Kreis von Dienſt⸗ leuten, Fiſchern und Weibern, die ihn neugierig betrachteten. Er rannte dabei an einen ſtämmigen kleinen Burſchen, der einen Glanzhut auf dem Kopfe hatte, und den Arm in die Seite geſtemmt ihn bewegungslos erwartete. Nimm es nicht übel, ſagte der Landrichter, als der Mann unter dem Gelächter ſeiner Nachbarn zur Seite taummelte. Friede ins Haus, ihr Leute, wo iſt Herr Chriſtie Hvaland? Hier, antwortete ein Mann, der in die Thüre getreten war, an welche er ſich lehnte und aus einer halblangen Pfeife gleich⸗ müthig weiter rauchte. Er muſterte dabei den Fremden mit ſcharfen Blicken, ohne irgend ein Zeichen freundlicher Theilnahme und ohne ſich im Rauchen ſtören zu laſſen. Nach der erſten üblichen Begrüßung, bat der Landrichter um Obdach für dieſe Nacht, da Wind und Strömung das Boot am Fortkommen hinderten. Chriſtie Hvaland ließ ihn ausreden und ſtellte ſeine ſtillen Betrachtungen fort. Er war ein Mann von mehr als fünfzig Jahren, ſchmal und dünn. Sein lederhartes, ausgetrocknetes Ge⸗ ſicht, das vorn ſich zuſpitzte und mit einer gekrümmten Naſe endete, machte keinen ſehr günſtigen Eindruck. Gelbliches Haar lag auf ſeinem Kopfe und ließ die hohe, mächtig gewölbte Stirn unbedeckt, unter welcher hellblickende ſcharfe Augen den klug rechnenden Kaufmann ankündeten. Endlich zog er ſeine langen, knochigen Hände aus der Rockjacke, und indem er ſie langſam nach dem Meere ausſtreckte, * * 1 —4³ ſagte er: Lenvigs Kirche könntet ihr ſehen, wenn es Tag wäre; aber reiſende Leute ſind willkommen jeder Zeit. Laßt das Boot unter dem Packraum fahren, damit es ſicher liegt. Der Ton widerſprach den Worten; er kündigte an, daß Herr Chriſtie Hvaland ſich eben nicht viel aus dem Beſuche machte; aber Alles änderte ſich als Lars ſagte: Sie mögen Recht haben, Herr Hvaland; ich hätte bei guter Zeit Lenvig erreichen können, wenn die Burſchen ordentlich gerudert hätten, was mir lieber geweſen wäye als Ihnen beſchwerlich zu fallen. Ich bin der Sorenſkriver Sturenſon, von der Regierung hieher geſandt, und muß eilen um meinen Platz einzunehmen, der ſchon lange auf mich wartet. Der Kaufmann nahm raſch die Pfeife aus dem Munde und über ſein Geſicht verbreitete ſich große Freude. Er wußte genau, was die Freundſchaft des Landrichters zu ſagen hat, und war ein umgewandelter Mann. Glück in mein Haus! rief er, daß es ſich ſo gefügt hat. Hätte es wiſſen können, daß Sie es ſein mußten, Sorenſkriver Stureſon, und kein Anderer, haben die Nach⸗ richt ſchon ſeit einiger Zeit bekommen. Er ſchüttelte ihm die Hand und führte ihn mit aller Höf⸗ lichkeit und guten Wünſchen in ſein beſtes Zimmer, wo der Land⸗ richter ſogleich die Bemerkung machen konnte, daß bis in dieſe öden Wildniſſe mancherlei Luxus gedrungen ſei, den Geld ſchaffen kann. Da ſtanden ſtattliche polirte Stühle aus dem prächtigen Birkenholze, das in Bergen verarbeitet wird, da war ein Sopha⸗ tiſch, der auf einem bunten deutſchen Teppich ſtand; da war end⸗ lich das bequeme Sopha ſelbſt, das ohne Zweifel aus Hamburg ſtammte. Ein Schrank in der Ecke mit gebogenen Scheiben ent⸗ . — 2— hielt Taſſen, Gläſer und Kryſtallſachen, und an der Wandſeite ſtand ein Klavier der größten Art, Metallrollen unter ſeinen gedrehten Beinen, und ein geſtickter Seſſel davor. Der Kaufmann nöthigte ſeinen Gaſt zum Sitzen, und während er ihm erzählte, daß er ſeit vier Wochen erſt aus Bergen zurück⸗ gekehrt ſei, wo er ſeine Stockfiſche diesmal zu beſonders gutem Preiſe losgeſchlagen habe, ohne allen Zwiſchenhandel mit den Berger Handelsherren abzuwarten, ſchloß er den Schrank auf und nahm ein Geſtell heraus von Ebenholz mit Silber beſchlagen und eingefaßt, das er auf den Tiſch pflanzte. Es befanden ſich darin vier große geſchliffene Flaſchen, welche Rum, Madeira und Rothwein enthielten. Die Flaſchen paßten genau in die einge⸗ ſchnittenen Behälter und rund um dieſe befanden ſich Trinkgläſer in anderen Einſchnitten, ſo daß man Alles bei der Hand hatte, um nach Gefallen zu wählen.— Herr Chriſtie Hvaland ſtellte dann eilig und geſchäftig einen gefüllten Zuckerkorb daneben, und mit der anderen Hand zog er aus dem oberſten Fach ein Kiſt⸗ chen mit Cigarren. Immer höflich erzählend, wandte er ſich endlich nach der Thür und bat den Landrichter, ihm einen Augenblick zu ge⸗ ſtatten, um den Theekeſſel zu beordern, der ſogleich bereit ſein werde. Als er hinaus war, legte ſich Stureſon in die weichen Polſter zurück, nahm eine Cigarre aus dem Kiſtchen, die er beim Schein des Lichtes auf dem Tiſche mit Kennerblicken betrachtete, und wenig⸗ ſtens gut genug fand, um ſie anzuzünden, dann ſtützte er ſeinen Kopf in die Hand und ſchaute befriedigt umher. Das Zimmer war niedrig, wie es in dieſen nordiſchen Breiten ſein muß, aber es ſah ganz wohnlich artig aus. Alles war Holz, Wände, Decke und Boden; allein dies Haus war von Außen und Innen neu, und weder in Bergen noch in Drontheim hätte man ein Holzhaus zier⸗ licher und hübſcher herſtellen können. Die Balkenlagen waren von Außen mit übereinander fallenden Latten benagelt und mit grau⸗ weißer Oelfarbe angeſtrichen, das Zimmer aber beſaß eine Bretter⸗ bekleidung, und auf dieſer waren ſtreifige blaue Tapeten geklebt, die mit ihren gelb und weißen Arabesken ungemein freundlich und ſauber ausſahen. Jedenfalls bin ich hier gut aufgehoben, ſagte der Landrichter, und dieſer Kaufmann am Senjenöeſund muß einer von den reichen ſein, von denen man mir allerlei Mirakel erzählt hat. Er dachte darüber nach, daß er gehört hatte, wie nicht ſelten die Wohlhabenheit der Beſitzer ſolcher Kramſtellen in dem Dunkel der Fjorde bis zu wirklichem Reichthum ſteigen ſollte, und daß auf öden Klippen von dieſen Fiſchhändlern Schätze aufgehäuft würden, welche gebildeten Leuten erlaubt hätten, in den größten Städten Eurvpas mit allem Comfort zu leben. Mitten in ſeinen Betrachtungen kam jedoch Chriſtie Hvaland zurück, und zwar im Scheine einer großen Aſtrallampe, die er in der Hand trug. Hinter ihm erſchien dann eine junge Dirne mit langen blonden Doppelflechten, welche ihr bis auf den Rücken niederfielen, und dieſe trug einen blanken Theekeſſel von Tombak auf einem Brett von demſelben Metall. Das Waſſer kochte durch eine Spirituslampe; eleganter wie dieſe Einrichtungen hatte Sture⸗ ſon ſelbſt im Süden in den beſten Häuſern nichts geſehen. Nun, Landrichter, ſagte der Kaufmann vertraulich, macht es Euch bequem und ſeid nochmals willkommen im Hauſe. Miſcht — 14— Euch ein Glas, wie es Euch beliebt, Toddy von Madeira, Wein oder Grog, wie es ſich paßt. Schade, daß es nicht früher am Tage iſt, um den Pfarrer aus Talvige und den Voigt von Oernen einzuladen, uns Geſellſchaft zu leiſten. Aber wir wollen frohe Zeit erleben, und darauf anſtoßen, als norwegiſche Männer von gutem Blut. Das war der Eingang zur näheren Bekanntſchaft zwiſchen den beiden Herren, welche bald Wohlgefallen an einander zu finden ſchienen und mit jedem neuen Glaſe ſich lebhafter unterhielten. Dem Landrichter war es angenehm, ſogleich einen Mann zu finden, der ihm mancherlei Aufſchlüſſe über den bedeutenden Ge⸗ richtsſprengel geben konnte, der zu ſeiner Botmäßigkeit gehörte, und Chriſtie Hvaland war die rechte Quelle, um genaue Nach⸗ richten über Perſonen und Zuſtände einzuziehen.. Sein Großvater ſowohl wie ſein Vater hatten Handelsſtellen in Nordlandsamt gehabt und waren angeſehene wohlhabende Leute geweſen. Er ſelbſt war hier am Platze geboren und kannte alle Verhältniſſe aufs Beſte. Die kalte, zähe Schlauheit und Härte des echten Kaufmanns aus den Fjorden ſpiegelte ſich in ſeinen Mit⸗ theilungen wieder, und da er bald ſah, mit wem er zu thun hatte, mit einem eben ſo klug rechnenden, zugänglichen, ſeine Vortheile begreifenden Freund, machte es ihm keine Sorge, manches Wort zu reden, aus dem ſich Nutzen ziehen ließ. Es mag wohl ſo ſein, ſagte er, daß ſich im Süden leichter leben läßt; aber luſtiger und angenehmer kann Niemand leben, als der Landrichter am Malanger Fjord, wenn er vom guten alten Schlage iſt. Das denk' ich zu beweiſen, verſicherte Stureſon lachend da⸗ zwiſchen; Niemand kann williger ſein, mit guten Freunden aus⸗ zuhalten, ſo lange es ihnen gefällt. Will's glauben, fuhr der Kaufmann beifällig fort, und findet hier viele feine Leute, die Euer Neſt warm halten und mit Eider⸗ daunen ausſtopfen werden.— Verdammt ſeien die Neuerungen! Bin kein Freund davon, und von den Dummköpfen, die im Stor⸗ thing ſitzen und jährlich Geſetze und Verordnungen aushecken, von denen ſie nichts verſtehen.— Seht zu, Herr Stureſon, wie Ihr damit fertig werdet, aber je weniger Ihr davon haltet, um ſo beſſer. Habt einen mächtig großen Diſtrikt; von Hindöen herauf bis an den Balsfjord, und all die Inſeln dazu bis hinaus nach Andöen. Schützt uns bei unſeren Rechten, haltet feſt mit uns zu⸗ ſammen und jagt die Schlucker fort, die ſich feſtſetzen wollen und in Chriſtiania ſchreien, man ſoll die Kaufplätze vermehren, die ſchon mehr als genug ſind. Ihr und der Voigt zuſammen könnt es machen, und alle guten Leute werden es Euch danken. Der Landrichter verſtand den Wink vollkommen und ließ es an weiteren Forſchungen nicht fehlen.— Der Kaufmann rechnete ihm ſeine Einnahmen aus den Fiſchzehnten vor, aus den Reiſen, aus den zahlloſen Streiten, welche die Küſtenleute, die Quäner, Finner und Normänner führten, um ſich gegenſeitig zu Grunde zu richten, und ſchloß dann mit der ſchlauen Bemerkung, daß man es nur verſtehen müſſe, um alle Umſtände gehörig zu benützen. Der Landrichter vom Malanger Fiord, fuhr er fort, kann mit Leichtigkeit fünftauſend Speziesthaler jährlich einnehmen, und kann es auf ſechstauſend bringen, wofür ich Bürgſchaft übernehmen will, wenn er meinem Rathe folgt. Herr Stureſon horchte hoch auf. Er wußte wohl, daß ſein Amt ihm doppelt ſo viel einbringen ſollte, als was er im Süden an Gehalt bezogen, aber über dreitauſend Spezies war es von ſeinen Freunden nicht geſchätzt worden. Wer ſich hierher zu uns in den Norden verſetzen läßt, ſagte der Kaufmann, indem er ſeine ſcharfen Augen liſtig auf den er⸗ freuten Gaſt heftete, thut es ſicherlich nicht freiwillig, es iſt immer irgend ein Grund, der ihn dazu treibt. Entweder hat er Händel und Aerger gehabt, und die Regierung, weil ſie es gut mit ihm meint, macht ihm ein werthvolles Geſchenk mit einem Platze in unſerem geſegneten Lande, oder er kann nicht auskommen, macht Schulden, weiß ſich nicht weiter zu helfen, und hat mächtige Freunde, die ihn hierherbringen, damit er ſich erholen kann.— Gott zum Preis, Herr Stureſon, wir können es ertragen.— Im Süden iſt eine Stelle, die fünfzehnhundert Spezies einträgt, ein herrlicher Platz; hier iſt es einer, nach dem nicht viel gefragt wird.— Hier oben, wo es ausſieht, als wären nur Felſenſplitter und Eisblöcke wohlfeil, liegen die ſilbernen Spezies und Bankzettel überall umher, man braucht ſich nur zu bücken, um ſie aufzuheben. — Dafür, Herr, haben wir das Meer mit ſeinen Fiſchen, den großen Fang auf den Lofoden, den Herings⸗ und Stockfiſchfang in Sunden und Fjorden, den Thranhandel und Pelzhandel, und unſere gefüllten Yachten. Endlich aber haben wir das Volk, Land⸗ richter, merkt wohl auf, ich ſage, das Volk, das Alles ſchnell ver⸗ braucht und verzehrt, was es verdient und gewinnt. Kaufleute, — 17— Sorenſkriver, Prieſter und Voigte müſſen zuſammen ſtehen, als gute Freunde, und Keiner muß es ſo machen, wie Euer Vorfahr im Amte, der ſelige Holmböe, der wohl nie dreitauſend Spezies eingenommen hat. Hat er die Einnahmen herunter gebracht, der Narr? fragte Stureſon. Das hat er gethan, ſagte Hvaland. Wenn Fiſcher, oder die kleinen Ackerbauer, meiſt Finner oder Quäner, oder armſelige Böe⸗ lappen, wie ſie hier ſich anbauen, ihren letzten Spezies verprozeſ⸗ ſiren wollten, miſchte er ſich hinein und that es in Güte ſchlichten. Wenn wir mit unſeren Forderungen an die vielen Leute kamen, die bei uns Jahr aus Jahr ein borgen und ihren Fang dafür abliefern müſſen, forderte er unſere Bücher ein, nannte es gottlos und unmenſchlich, ſo viel Branntwein dem armen Volk aufzu⸗ ſchwatzen, ſammt ſchlechten Lebensmitteln und mancherlei unnützem Tand, und ſolche Preiſe dafür anzuſetzen. Wo er es hindern konnte, wollte er es nie dulden, daß wir unſer Geld durch Auspfändung beitrieben und uns bezahlt machten, wie wir konnten. Und wär's noch gutes Blut geweſen, normanniſches Blut von altem Stamme, rief er, ſeine Mütze um den Kopf d drehend, aber ſogar für das Geſindel auf den Gebirgen, für die Berg⸗ und Waldlappen erhob er ſich und wollte ihr Recht ſchützen. Auf den Lappmärkten am Malanger Fjord, wo das ſch mutzige Ungeziefer von allen Fjellen herunterſteigt, dreimal im Jahre, und wo der Sorenſkriver ſonſt wohl tauſend Spezies mit vach Haus nahm, für Strafen und Bußen, ſtand er wie ein Berſerker mit dem Schwert, duldete kein Unrecht, wie er es nannte, kein Uebervortheilen, keine zu hohen Mügge, der Schütz von Senjenoe 2 Preiſe, und Niemand durfte einen Lappen höhnen oder beleidigen. So ſtrafte er gute Leute um Kleinigkeiten, und nahm nicht hun⸗ dert Spezies mit nach Haus. Ich habe von dem alten Richter in Israel gehört, ſagte Stureſon. Er galt etwas in Chriſtiania. Bei den Dummköpfen, die da Geſetze machen, rief der Kauf⸗ mann. Hier hat er wenige Freunde gehabt; keine Thür, die ihm mit rechtem Willkommen geöffnet wurde, keine Hand, die ihm dienſtfertig ſeinen Toddy miſchte.— Das Lumpenvolk freilich, das hing ihm an, und da und dort gab's wohl einen Narren, der von ihm ſagte: das iſt ein Mann, wie er ſein ſoll, wollte Gott, es wären viele wie er. Hinterlaſſen hat er blutwenig; jammert die Wittwe jetzt um Penſion. Es war ein leichtſinniger Mann, gab und gab an Volk, dem es nichts nützen konnte; machte lä⸗ cherliche Verſuche, den Lappen zu helfen, Ackerbau zu treiben, Ord⸗ nung und Sitte ins lüderliche Leben der Herumtreiber zu bringen. Habe hier noch dicht dabei einen Burſchen wohnen, einen Lapp⸗ jungen, den er auferzogen, nach Trondenäes in's Seminar geſchickt, und zum Schulmeiſter gemacht hat.— Könnt ihn bald ſehen, Landrichter. Iſt wahr, iſt ein anſtelliger Kerl geworden, habe ihn eben hier im Hauſe, gibt meiner Mary Unterricht und ſpielt mit ihr auf dem Ding da— er deutete nach dem Klavier hin. Sie haben alſo Kinder, Herr Hvaland? fragte Stureſon. Das eine Kind, war die Antwort, iſt ein fein gemachtes Mädchen, Herr Stureſon. Habe ſie vier Jahre in Trondhjem gehabt zur Erziehung; iſt auch in Chriſtiania geweſen, und im letzten Jahre mit mir aus Bergen zurückgekommen in’s Haus. Er erzählte dieſe Familiennachrichten mit dem Stolze eines Vaters, der an ſeine Tochter wohlgefällig denkt, und Stureſon zog die Lippen zuſammen und ſagte mit heimlichem Spott: Bei ſo vieler Bildung und Erziehung in der Fremde, ſolchen Reiſen und ſo langer Abweſenheit wird es ihr hier nicht ſonderlich ge⸗ fallen. Kennt unſere Mädchen nicht, Landrichter, lachte Hvaland, haben die tiefe Sehnſucht nach der Heimath in ihrer Bruſt, wie Alle, die hier geboren ſind. Iſt ein ſonderbares Ding damit, Herr Stureſon, kann es ſich Keiner erklären. Gott hat es ſeinen Weſen, die in dieſen wilden Fjorden leben und wachſen, eingeimpft, und wiſſen die Lappen in ihren braunen Sumpf- und Schneebergen ſopgar zumeiſt davon zu ſagen. Bringt Einen von ihnen nach Italien oder ins Paradies, es wird nicht lange dauern, ſo fühlt er einen Schmerz im tiefſten Herzen und eine mächtige Sehnſucht quält ihn ſo lange, bis er wieder bei ſeinen Felſen und Sümpfen iſt.— Seht den Burſchen, den Schulmeiſter, Olaf Holmböe iſt er getauft, nach ſeinem Wohl⸗ thäter, Jauratana heißt er bei ſeinen ſpitzbübiſchen Landsleuten. Er hat Kleid und Sprache, Sitten und Gewohnheiten von uns angenommen; aber zuweilen faßt es ihn, wie der böſe Feind, und dann läuft er hinauf in die Gebirge zu ſeinen alten Freunden und Verwandten, die mit ihren Rennthieren durch die Wüſte zie⸗ hen. Da ſitzt er in der ſchmutzigen Gamme und ſpielt ihnen auf ſeiner Fidel vor, bis der beſſere Sinn wiederkehrt und er dann eines Morgens ganz matt und ſtill bei ſeinen Büchern im Hauſe gefunden wird.. — 20— Das iſt ſeltſam, rief der Landrichter, eine dicke Dampfwolke ausblaſend, aber der beſte Beweis, daß alle Verſuche, dieſen ver⸗ thierten Stamm zu nützlichen Menſchen zu machen, nicht viel fruchten. Sagt, gar nichts hat es gefruchtet und wird nie fruchten! erwiderte Hvaland, aber es gibt Thoren, und darunter iſt einer— Hier hielt er plötzlich inne, denn draußen ließ ſich eine tiefe fragende Stimme hören, und aufſtehend rief er mit unmuthiger Geberde, aber im gedämpften Tone: Wer, bei Kreuz und Nebel! führt ihn jetzt in mein Haus! Ich wollte, er wäre bei) allen Hexen von Salten, aber nicht hier. Wer iſt es denn? fragte Stureſon. Wer? murmelte der Kaufmann, die Fauſt ballend, doch als die Thür eben aufging, glättete ſich ſein Geſicht. Probſt Stock⸗ fleth! rief er die Hand ausſtreckend, indem er dem neuen Gaſte entgegenging; Glück für Euch und Glück für Alle! Eine unver⸗ hoffte Freude Herr, Euch jetzt zu ſehen. Gottes Segen ins Haus, Chriſtie Hvaland, erwiederte der ernſte Pilger, der kein anderer war, als der berühmte Miſſionär der Lappen, früher Capitain in däniſchen Dienſten, und als ſol⸗ cher ein tapferer Offizier. Von religiöſer Schwärmerei beſeelt, warf er den Degen fort, um Prieſter zu werden, ſtudirte, ward Paſtor in den Finnmarken und gab ſeit Jahren auch dieſe Stelle auf, um nun als wandernder Miſſionair die wilden Einöden und Küſtenſtriche lehrend und bekehrend zu durchziehen. Damals war dieſer merkwürdige Mann wohl fünfzig Jahre alt, aber von ungeſchwächter Rüſtigkeit. Sein dunkelbraunes — — 21— Reiſehemd war dem ähnlich, wie es die Lappen tragen; der breite Ledergurt, welcher dazu gehört, ſaß feſt um ſeinen Leib. Seine Füße umſchnürten die weichen Halbſtiefeln von Rennthierhaut, welche ſeine Beichtkinder ſo gut zu verfertigen verſtehen und Ko⸗ mager nennen. In der Hand hielt er einen narbigen, tüchtigen Stock mit langer Eiſenſpitze, und ſein ernſtes wohlwollendes Ge⸗ ſicht, aus dem zwei blaue freundliche Augen leuchteten, trug Züge unverkennbarer Güte, die auch unter rohen Naturkindern verſtan⸗ den werden. Als er ſeinen groben, grauen Pilgerhut abnahm, neigte er grüßend den Kopf gegen Stureſon, der aufgeſtanden war, als Hvaland ihn bei Namen nannte. Landrichter Stureſon vom Malanger Fjord, ſagte der Kauf⸗ mann, hat jedenfalls dieſelbe Freude, wie ich, Propſt Stockfleth hier zu ſehen.. Der Miſſionär lächelte, indem ſer ſeine blauen Augen weit öffnete und Stureſon anblickte.— Sie ſind der Nachfolger meines edlen, unvergeßlichen Freundes Holmböe, ſagte er. Heil auf Ihren Pfaden, damit gedeihe, was ausgeſäet wurde zu Gottes Ehre! Er ſetzte ſich auf einen Stuhl, nachdem er den Platz auf dem Sopha ausgeſchlagen hatte, und miſchte ſich nach des Kauf⸗ manns wiederholter Einladung ein Glas Waſſer mit wenig Wein, an dem er genügſam und behaglich trank. Auf die Fragen des Wirths erzählte er dann, daß er vom Altenfluß her quer durch das wilde Hochland mitten durch end⸗ loſe Wüſten gewandert ſei, wo in den inneren Thälern jetzt nur wenige Lappen ihre Rennthiere weiden ließen. Von Familie zu 4 — 22— Familie ſei er unter mancherlei Mühen bis zu den Quellen des Maself gelangt, und habe den Strom begleitet, der endlich in den Malanger Fjord niederſchießt. Darüber ſind beinahe drei Monate vergangen, fuhr er dann fort, aber will's Gott nicht ohne großen Segen. Ich habe mit dem Worte der Liebe manches verlaſſene Weſen erquickt, manche Freude erlebt und nebenher mich ſelbſt auch bereichert. Bereichert, Probſt? fragte der Kaufmann ungläubig lachend, und doch angeregt von dem Worte, das ſo vielen Reiz für ihn hatte. Habt etwa die Silberhöhlen im Enare⸗Traesk entdeckt, wo einſt die Zauberer und Häuptlinge des ſpitzbübiſchen Volks ihre Schätze und ihre Götzen holten? Der Miſſionär ſchüttelte ſanft den Kopf. Der Enare⸗Traesk, ſagte er, iſt und bleibt ein wildes Felsgebirg von Eiſenſtein, wo⸗ mit die ganze Erde verſorgt werden könnte. Die Silberhöhlen ſind eine Sage, welche ſchon manches Unglück anſtiftete. Wer ſie auch geſucht hat, kein Sterblicher hat ſie jemals aufgefunden. Ihr, Chriſtie Hvaland, ſolltet mich aber beſſer verſtehen, und mild von einem unglücklichen, verlaſſenen Volke ſprechen. Womit ich mich bereichert habe, fuhr er dann fort, als Chri⸗ ſtie lachend ſein Glas ergriff, ſteht hier in dieſem kleinen Buche, und wird meinem gelehrten Freunde Rask in Kopenhagen als großer Schatz willkommen ſein. Ich habe neue Forſchungen über den lappiſchen Sprachſtamm gemacht und kann jetzt mit Gewiß⸗ heit ſagen, daß es drei ganz abweichende, bis in die Wurzeln verſchiedene Stämme, und wenigſtens zwölf Mundarten gibt, welche alle noch geſprochen werden. ſo m dene bege und ſpri weit es 3 1 in d Ja gewiß, fuhr er fort, als ſeine Zuhörer ſchwiegen, es iſt ſo merkwürdig damit, daß die wandernden Familien der verſchie⸗ denen Stämme oder Dialecte, wenn ſie ſich in der großen Wüſte begegnen, ſich oft gar nicht oder doch nur mit Mühe verſtehen, und unter ſich zuweilen Dollmetſcher nöthig haben, um ein Ge⸗ ſpräch zu führen. Und was, fragte Stureſon, läßt ſich daraus ſchließen? Daß es einſt ein mächtiges Volk geweſen ſein muß, welches weit umher dieſen ganzen ſkandinaviſchen Norden bewohnte, bis es von Aſen, Gothen, Finnen und anderen ſiegenden Eroberern in die Eiswüſten getrieben wurde. Wo es umkommen muß, höhnte der Landrichter. Umkommen muß, wiederholte der Miſſionär mit ſanftem Vorwurf. Sagen Sie das nicht, Herr Stureſon: es thut mir weh, es von Ihnen zu hören. Sie werden dies Volk kennen ler⸗ nen und ſeine vielen guten Anlagen leicht bemerken. Anlagen zum Trunk und Umhertreiben, rief Lars Stureſon lachend, indem er ſein Glas leerte. Schmutzige Tagediebe, fügte der Kaufmann hinzu. Bei ihren Rennthieren liegen, mit der Büchſe durch Wald und Schlucht ſtreifen, jede Arbeit fliehen, die ein ordentliches Leben fordert, aber Branntwein trinken, bis ſie ſinnlos niederfallen, das iſt ihr Leben. So, erwiederte Stockfleth, das ſagt Ihr und meint, Ihr habt ein Recht dazu. Aber Trunk und Habgier zugethan iſt auch mancher andere Mann, und wer hat dieſe Unglücklichen dazu ge⸗ bracht?— Wer ſtößt ſie von ſich in die Wüſten, haßt, verachtet b 1 und verfolgt ſie? Wer verkauft ihnen das hölliſche Gift und macht ſie zu entehrten, ekelhaften Weſen? plündert ſie aus, ver⸗ ſpottet ſie obendrein und füllt ihre Herzen mit rachſüchtiger Bos⸗ heit und verſchlagener Lüge? Uff! grinſte Hvaland den Kopf ſchüttelnd, und ihn liſtig anblinzelnd,— muß Niemand mit Euch ſtreiten wollen, Probſt Stockfleth; meinetwegen aber beſſert an dem Volke, ſo viel Ihr könnt, es wird wenigſtens nichts ſchaden. Aber auch nichts helfen, wie ich die Sache betrachte, fiel der Landrichter ein. Ein Volk, ſo herunter gekommen, wandernd, mit den ewigwandernden Rennthieren, kaum noch 10,000 Köpfe ſtark, ohne Sinn für Civiliſation und feſten Wohnſitz, ohne Sinn für Ackerbau und Arbeit; ein Nomadenvolk ſo roh und ſchmutzig wie dieſes, und obenein fünfzehn verſchiedene Dialecte redend, kann wohl Gegenſtand des Mitleids und philanthropiſcher oder religiöſer Bemühungen ſein, aber nimmermehr zu gedeih⸗ licher Entwicklung gelangen. Ja, das ſagt man, antwortete der Miſſionär in ſeiner ſanf⸗ ten Weiſe. So ſteht es in Büchern und Schriften, die oft ſchon ihren Spott auch über mich ausgegoſſen haben, und ſo ſprechen die klugen Leute hier im Lande, welche verdammen, was ihnen nicht gefällt. Aber Gott hat allen ſeinen Geſchöpfen Leben gege⸗ ben, um ſeinem Bilde ähnlich zu werden, und Gottes Weſen iſt die Liebe und Gerechtigkeit. Sie kennen die Menſchen noch nicht, über welche Sie ihr Urtheil fällen, Herr Stureſon; Sie werden ſie kennen lernen und finden, daß Vieles für ihre Rettung und Erhebung geſchehen kann, was nicht mit dem Namen„philanthro⸗ piſche Schwärmerei“ belegt werden darf.— Er lächelte ſtill vor ſich hin und fuhr dann fort: Ich bin ein armer ſchwacher Die⸗ ner des Herrn, der unter ihnen auf und ab wandelt, um ſie zu belehren, daß Gottes Auge über Jedem wacht, und den Troſt dieſer Lehre in öde und verwilderte Herzen zu werfen. Ich entdecke dabei Manches, was Anderen verborgen bleibt, und betheure Ihnen, ich weiß nichts von ihrer Falſchheit, ihrer Raubſucht, ihrer Tücke, obwohl ich unbewaffnet und allein in die wilden Wüſten dringe. Das macht, weil ſie wiſſen, daß ich ihr Freund bin, ihnen Gutes thue, ſo viel ich kann, und ſie vhue ſo viel ich es vermag. Nu, rief der Kaufmann dazwiſchen, bei alledem will ich das Loblied nicht mitſingen und Niemanden rathen, das Kunſtſtück nachzumachen, ſich hineinzuwagen in dieſe Wildniſſe, die kein Ende haben, wo kein Weg iſt, kein Haus ſteht und kein Geſetz gilt auf viele hundert Meilen. Eines Lappen Kugel verfehlt ſel⸗ ten ihr Ziel, und eines Lappen Büchſe hat Manchen ſchon kalt gemacht, der zu viel vertraute.— Es iſt ein unſauberes, unver⸗ beſſerliches Volk, das nur durch Furcht und ſtrenge Zucht ſo lange gezähmt werden kann, wie man es ſieht. Das iſt meine Meinung Probſt Stockfleth, ich habe ſie niemals verhehlt, und wenige gute Leute denken anders darüber. Die guten Leute! ſagte der Miſſionär traurig, ja, das iſt es eben. Aber ſie ſollten nicht ſo ſprechen, Chriſtie Hvaland. Sie haben ja dicht in ihrer Nähe ein Beiſpiel, wie viel durch Lehre und Erziehung geſchehen kann, und welche Keime auch in dieſem verachteten Volke erzogen werden können. — 26— Damit meint ihr den Schulmeiſter, Probſt? fragte Hvaland. Wir haben vorher ſchon von ihm geſprochen.— Sage nichts Böſes von ihm, aber eine Schwalbe macht keinen Sommer, und ein Beiſpiel macht kein Beiſpiel. Da iſt er! fuhr er fort, und Mary— komm herein, Mary, und laß Dich ſehen, wenn Deine Stunde geſchlagen hat. Er ſaß der Thür zugewandt und konnte bemerken, daß dieſe leiſe geöffnet wurde. Gleich darauf trat ein junges Mädchen her⸗ ein, das mit einiger Ueberwindung ihrer Schüchternheit ſich ver beugte und lächelnd näherte, während der Mann, der ſie beglei⸗ tet hatte, beſcheiden an der Thür ſtehen blieb. Meine liebe Tochter, ſagte der Probſt, dem ſie die Hand reichte, Segen über Dein Haupt! Ich freue mich, Sie ſo geſund und blühend wieder zu finden. Mary iſt gewachſen, ſprach ihr Vater froh gelaunt. Die Luft am Senjenöeſund iſt was werth, Probſt; blühen Roſen und Nelken darin auf. Er deutete lachend mit der Spitze ſeiner Pfeife auf das geröthete Geſicht des jungen Mädchens, und während der Miſ⸗ ſionär weiter mit ihr ſprach, hatte der Landrichter Zeit genug ſie zu betrachten. Er fand die Tochter des Fiſchhändlers und Krämers ſo übel nicht, obwohl ſie keine beſondere Schönheit war, die in der großen Welt Aufſehen erregt hätte. Aber hier in der Nähe des ſiebenzigſten Grades bei den glitzernden Lederjacken und Pelzhem⸗ den halbwilder Barbaren war ſie eine angenehme, anziehende Er⸗ ſcheinung, die an Civiliſation und Geſchmack geſitteter Menſchen erinnerte. Ihr glänzend braunes Haar fiel in tiefen Scheiteln auf ein Geſicht mit freundlichen, faſt kindlichen Zügen. Braune Augen, die groß und klar leuchteten, wagten ſich nicht recht hervor dem fremden Herrn gegenüber, den ſie dann und wann forſchend an⸗ ſahen. Es war Leben und Bewegung in ihren Mienen, ihre Fra⸗ gen und Antworten bezeugten einen gewiſſen Grad von Bildung; ſie drückte ſich in einer Sprache und in Formen und Wendungen aus, die in guter Geſellſchaft üblich ſind, oder, wie Stureſon ſich ſagte, aus der Penſion von Trondhjem ſtammten, und dazu paßte das röthliche helle Kleid von modernem Schnitt und das ſchwarze Seidenſchürzchen, in deſſen Taſchen ſie ſteckte. Da ihre Hände 0 Jahr iſt Ihnen alſo heiter und gut bis jetzt vergan⸗ gen, ſagte der Miſſionär, und hat Ihr Herz froh gemacht, liebe Mary. Ich bin zufrieden, Herr Probſt, erwiederte ſie. Mein guter Vater thut Alles, was ich wünſchen kann, und dieſer Sommer i*ſt ſo ſchön und warm; ich habe der Freuden viele gehabt. Zufriedenheit, mein Kind, iſt das wahre Glück des Lebens, fiel Stockfleth ein, und recht von Herzen iſt mir lieb zu hören, daß die Stille dieſes einſamen Hauſes alle Ihre Wünſche in ſich aufgenommen hat. Sie bleiben doch bei uns? fragte Mary. Einige Tage, wenn es der Vater erlaubt, antwortete er. Dann ſollen Sie jeden Morgen einen friſchen Blumenſtrauß — 28— haben, fuhr ſie lebhaft fort. Ole hat mein Gärtchen angelegt und ich habe es gepflegt. Jetzt blühen Goldlack, Nelken und Roſen darin. Herrlich! rief der Miſſionair. Aber wie geht es dem Gärtner, dem guten, freundlichen Olaf? Da ſteht er ja! lachte das hübſche Mädchen, indem ſie nach der Thüre deutete, wo ihr Begleiter beſcheiden noch immer im tiefen Schatten ſtand. Ei, Olaf Holmböe, rief der Probſt, biſt Du da, mein Sohn? Sei gegrüßt und geſegnet; ich habe nach Deinem Anblick mich geſehnt, bringe Dir auch manchen Gruß mit von Freunden und Ver⸗ wandten aus den Bergen. Er umarmte den jungen Mann und hielt ihn bei den Händen feſt, indem er ihn beim Scheine der Lampe betrachtete. Dann ſtrich er das dunkle Haar von Olafs Stirn, klopfte ihm väterlich gütig auf die Schulter und ſagte einige Worte in den tiefen Guttural⸗ lauten der lappiſchen Sprache, welche Niemand verſtand. Die kurze Antwort, welche Olaf gab, hatte ein paar weitere Worte zur Folge, dann wandte ſich Stockfleth zu dem Kaufmann. Ich ſagte ihm ſoeben, ſprach er, daß ich ihn nicht ſehr wohl aus⸗ ſehend finde. Er antwortet mir, daß er geſund und froh ſein Was ſoll ihm auch fehlen? verſetzte Hvaland. Er iſt ein feiner Herr, der nichts zu thun hat, als dann und wann Küſter⸗ dienſte zu verrichten, und zur Winterszeit, den Kindern der Böe⸗ lappen, Finner und Quäner etwas Leſen und Schreiben beizubringen. Dafür hat die Regierung ihm Haus und Feldſtück gegeben und zahlt ihm obenein zweihundert Spezies jährlich. Es iſt freilich kein Geld, 29— um viel zu verthun, aber Olaf mag zu mir kommen, wann er will, er findet ſeinen Platz am Tiſche. Rechts und links gibt es auch noch manche Nachbarn, die ihn gelegentlich für ihre Kinder brauchen können, wenn er wollte; ſo iſt es denn zum Durchkommen und ſelbſt zum Sparen. Iſt'’s nicht ſo, Olaf Holmböe? Sage die Wahr⸗ heit, wo Dein eiſerner Topf vergraben liegt. Hvaland ſpielte damit auf die Gewohnheit der Lappen an, alle erſparten Speciesthaler in eiſernen Töpfen irgendwo in der Wüſte zu verbergen, wodurch jährlich bedeutende Summen ver⸗ loren gehen, denn ſelbſt auf dem Todtenbette können ſie ſich ſelten entſchließen, Frau oder Kindern den Ort anzuvertrauen, wo der Schatz liegt. Der Kaufmann lachte über den Witz und Stureſon ſtimmte ein, während ein röthlicher Schimmer Olafs gelblich⸗bleiches Ge⸗ ſicht überflog, das mit düſterem Ausdruck ſich niederſenkte.— Die ſchmächtige Geſtalt des jungen Mannes ſchien einige Augenblicke von einem leiſen Zittern bewegt zu werden; er konnte keine Ant⸗ wort finden, als ein unmerkliches Schütteln des Kopfes, das ein neues Gelächter des Kaufmanns zur Folge hatte. Nicht? rief Hvaland, ſparſt nichts!? Aber was zum Henker! fängſt Du mit dem Gelde an? Ich glaube beinahe, die Spitz⸗ buben aus den Bergen nehmen es ihm ab, wenn ſie dann und wann zum Beſuch kommen; oder er trägt es ihnen hinauf, wenn er, wie kürzlich erſt, von der Sehnſucht nach Rennthier und Gamme ergriffen wird, von der ich Ihnen vorhin erzählte, Landrichter Stureſon. Wenn das der Fall wäre, ſagte Stureſon ſpottend, ſo müßte man darauf antragen, das hohe Gehalt des Schulmeiſters herun⸗ terzuſetzen. Mit einem feſten Blicke, deſſen Unbeweglichkeit den Land⸗ richter reizte, ſah ihm Olaf in's Geſicht, ohne etwas zu erwiedern. Stureſon hatte große Luſt, ihm ſeine Ueberlegenheit zu beweiſen, aber er verachtete das armſelige Geſchöpf faſt noch mehr, wie er ein Gefühl des Widerwillens empfand und unterdrückte.— Der Schulmeiſter war ſeines Vorgängers Schützling und Pflegeſohn, ſchon deßwegen mochte er ihn nicht, aber es lag auch etwas in ſeinem Weſen und ſeinem Anſehen, das er nicht leiden konnte. Wäre dieſer Lappe geweſen, wie ſonſt Lappen ſind, mongo⸗ liſch zuſammengedrückt, mit breiter Naſe und röthlichen Katzen⸗ augen, dabei kriechend demüthig und ekelhaft ſchmutzig, ſo würde er ihn vielleicht beluſtigt haben; allein dies ſeltene Exemplar, an welchem ſich die Bildungsfähigkeit ſeines Stammes offenbaren ſollte, ſchien mit beſonderem Selbſtgefühl und Anſprüchen begabt zu ſein. Wenn es wahr iſt, daß geiſtiges Leben die unſchönen Züge eines Geſichts veredeln kann, ſo war Olaf Holmböe ein Beweis: dafür. Seine ſchwache Geſtalt hatte nichts von dem krüppelhaften und unförmlichen Wuchs vieler ſeiner Unglücksgenoſſen. Er war ſchlank, doch ſeine Schultern breiter, als ſie ſein ſollten. Seine Züge erinnerten dabei wohl an ſeine Abſtammung, denn es waren nicht die oft ſo ſchönen, ſcharfen und ebenmäßigen Formen des normanniſchen Geſchlechts, aber bei alledem waren ſie keineswegs häßlich, denn aus den kleinen ſchiefgeſchlitzten Augen ſtrahlte ein Feuer, das dem Ganzen zu Gute kam und ihm einen eigenthüm⸗ lichen Reiz gab.— Sein ſchlichtes, ſchwarzes Haar fiel reich und fein über eine wohlgebildete Stirn, ſeine gelbliche Hautfarbe ſtach gegen die weiße Halsbinde fremdartig ab, und ſein ſchwarzer Rock war ſo ſauber, als halte er viel darauf, gerade die größte Un⸗ tugend ſeines Volkes nicht an ſich zu dulden. Es iſt Scherz, Ole, lachte der Kaufmann, als er den ſtarren Blick bemerkte, Scherz von dem Landrichter, der Dein Gönner und Beſchützer ſein wird, ſo gut wie Holmböe, wenn Du es da⸗ nach treibſt.— Setz' Dich nieder hier, nimm Dein Glas und trinke mit uns. Biſt ein armer Tropf, aber ein anſtelliger Burſch, der es verdiente, beſſer geboren zu ſein.— Nimm Dein Glas, ſage ich, und nun, Mary, lauf' hinaus und ſieh, wie es mit Tiſch und Küche ſteht.— Werdet zufrieden ſein müſſen, ihr Herren, mit dem, was ich zu geben vermag.— Eine Schüſſel friſchen Kabeljau's und ein paar Lachsforellen, ſammt einem halben Dutzend Vögel, die Olaf heut geſchoſſen und mitgebracht hat, wird ſo ziemlich Alles ſein, was Mary aufträgt. Nach einer Viertelſtuude führte er ſeine Gäſte in das große Wohnzimmer, wo ein feines Leinentuch und engliſche blaue Fa yenceteller ihnen entgegenblitzten.— Eine ungeheure dampfende Schüſſel ſtand in der Mitte, und da Fiſche und Vögel trefflich gefunden wurden, Stureſon und Stockfleth aber den beſten Ap⸗ petit zeigten, ſo verſchwand bald der größte Theil dieſer guten Speiſen. Das Flaſchenfutter und der blanke Theekeſſel erſchienen dann nochmals wieder, aber es war ſpät geworden, und nach einigen raſch geleerten Gläſern hielt Stureſon es für Zeit, ſich in's Bett zu begeben. Im oberen Geſchoß des Hauſes fand er eine nette Kammer für ſich bereit, und lange noch, als er unter den weichen Decken lag, überlegte er die Verhältniſſe und ſchlief endlich unter vielen angenehmen Vorſtellungen ein. II. In einem Hauſe von Holz dröhnt jedes Wort und jeder Schritt durch Decken und Wände, und wäre der Landrichter nicht ſehr ermüdet geweſen, würde er ziemlich früh aufgeweckt worden ſein von dem Lärm im Packhauſe, an der Bucht ſowohl, wo die Yachten des Kaufmanns mit Thranfäſſern beladen wurden, und Boote zum Fiſchen ausfuhren, wie von dem Lärm im Hauſe, wo Chriſtie Hvaland ſeinen Kramladen geöffnet hatte und den um⸗ wohnenden Leuten allen möglichen Lebens⸗ und Wirthſchaftsbedarf verkaufte.— Ein ſolcher Kramladen enthält Alles, was der Menſch. nöthig hat, es iſt das bunteſte denkbarſte Allerlei; und hier ſtand der rührige Kaufmann mit zwei Gehülfen zwiſchen Haufen von Kleidungsſtücken aller Art, für Frauen und Männer, zwiſchen Stiefeln und Linnen, Eiſenwerkzeug und Hanfſchnüren, Angelhaken und Porzellan, Nähnadeln und Ankertauen.— Aus zahlloſen Kaſten und Fächern ſahen ſeine Vorräthe heraus, und neben ihm lag ſein großes Rechenbuch auf dem Tiſch, worin jeder Fiſcher und Anwohner ſein beſonderes Conto hatte. Baares Geld brachte ſelten oder nie ein Käufer zum Vor⸗ ſchein; denn jeder nahm auf Borg, was er bekommen konnte; aber darin beſteht eben die Kunſt des Kaufmanns in den Fjorden und der Gewinn, welcher ihn reich macht, während die ganze Maſſe des Volks bei aller Mühe, Noth und Plage, Jahr aus Jahr ein, arm und elend bleibt und immer tiefer in die Schuldbücher hinein geräth. Chriſtie Hvaland aber war einer der Schlauſten, der genau wußte, wie weit er bei jedem gehen konnte, bis er ausgepreßt war, wie eine Citronenſchale, und fortgeworfen werden mußte. Den rüſtigen Fiſchern, welche noch eine Hütte und ein Boot hatten, oder die ein Stück Land und eine Kuh beſaßen, gab er gern, und ſchwatzte ihnen mehr auf, als Sie wollten; er durfte ſie nicht aus ſeinem Buche laſſen. Die Alten und Armen wurden härter behandelt, Umſtände gemacht und ihnen ſo wenig als möglich zugetheilt; daneben wurden Andere, welche keine Ausſicht mehr boten, abgewieſen, und ſtatt des Mehls, der Grütze, des Brannt⸗ weins oder der Fiſchgeräthe, die ſie begehrten, empfingen ſie Drohungen, wie Geſetz und Richter ihnen bald zeigen ſollten, daß des Kaufmanns Langmuth erſchöpft ſei. Es war an dieſem Morgen ein ſtarkes Geſchäft im Kram⸗ laden, weil viele Boote auf den Sommerheringsfang in die Sunde gingen, und Chriſtie drückte den Männern die rauhen Hände, mit mancherlei Späßen und vielen Glückwünſchen auf reichen Fang, dann lächelte er den dummen Tölpeln nach, und ſeine liſtigen Augen glänzten vor Freude. Er wußte recht gut, daß, mochten ſie alle Fiſche fangen, die das Meer herbergt, dieſe doch nur ihm gehörten, Mügge, der Schütz von Senjenoe. 3 b — — 34— ihm abgeliefert werden mußten, und der allerreichſte Fang niemals hinreichen konnte, dieſe Sklaven zu freien Männern zu machen. Iſt für Alles geſorgt, ſagte er, nachdem er in jedem Conto das Doppelte angeſchrieben, was er wirklich gegeben, und nun überließ er ſeinen Dimern das Aufräumen, klappte ſein Buch zu und begab ſich in das Beſuchzimmer, wo er die Töne des Kla⸗ viers hörte. Es war Mary, die dort ein Muſikſtück übte, aber raſch aufſprang und ihrem Vater entgegenging, als ſie ihren Namen hörte. Mach keinen Lärm in der Frühe, ſagte Hvaland, weckſt unſere Gäſte damit auf, die einen geſegneten Schlaf halten. Das Mädchen lachte.— Der Landrichter, erwiderte ſie, ſcheint freilich ein Langſchläfer zu ſein, der Probſt aber iſt ſchon auf und ausgegangen, um Olaf zu beſuchen. So laß ihn laufen, verſetzte der Kaufmann; ich will ſo wenig als möglich mit ihm zu thun haben; was aber Stureſon betrifft, ſo iſt das ein Mann, der warm gehalten werden muß. Wenns möglich iſt, ſoll er heut noch bei uns bleiben.— Iſt es nicht ſo, Mary? Was ſoll es ſein, Vater? fragte ſie. Gefällt er Dir nicht? fuhr er fort, indem er ſie liſtig an⸗ blinzelte. Iſt ein feiner, ſtolzer Mann, ein ganz anderes Gewächs, D wie der alte mürriſche Holmböe, der mit Stockfleth und ein paar anderen Volksvätern zuſammen uns lange genug zu ſchaffen ge⸗ macht hat.— Er lachte vor ſich hin und ſagte dann: Habe heut morgen im Kram ſchon daran gedacht. Die Narren hatten Jahre lang daran gearbeitet, uns Fiſcher, Quäner und Lappen auf den Hals zu ſetzen. Wollten es dahin bringen, wie ſie ſagten, daß das Volk Einſicht über ſein Wohl erhalte. Wollten es zur Mäßigkeit und Ordnung führen, Holmböe durch Geſetz und Recht, Stockfleth durch Religion. Wollten die hungerige dumme Menge von den Kaufleuten, ihrer Sklaverei und ihren Rechnungsbüchern befreien, es dahin bringen, daß wir baar ihren Fiſchfang und ihre Dienſte bezahlten, ſie baar von uns ihre Waaren kauften.— Wollten uns unſer altes gutes Recht nehmen, uns ausplündern, neue Kauf⸗ ſtellen gründen und mit Leuten nach ihrem Sinne beſetzen; aber Gott hat es verhindert.— Nun iſt Holmböe todt, geſtorben im Jammer um verfehlte Hoffnungen, wie ſie ſagen, erdrückt unter der Laſt von Klagen und Verläumdungen, und ſein Nachfolger iſt der richtige Mann, der beſſer verſteht, was es heißt, mit uns gehen oder mit dem Lumpengeſindel. Er war auf und abgegangen, während er ſprach, und blieb dann vor ſeiner Tochter ſtehen, die er zärtlich betrachtete und ihr zunickte. Nu; rief er im Erguß ſeiner väterlichen Gefühle, ſiehſt friſch und gut aus, Mary, und biſt Chriſtie Hvaland's einziges Kind. Mußt dem Landrichter zeigen, daß die Penſion Geld ge⸗ koſtet hat; mußt ihm heut beweiſen, daß Du Künſte gelernt haſt, wie ſie feine Damen verſtehen. Wenn Olaf kommt, wollen wir Muſik machen, ſagte ſie. Ja, höre an, erwiederte er, ſeine Pfeifenſpitze auf ihre Schulter legend, was den Ole betrifft, ſo ſage ihm im Vertrauen, wenn Herr Stureſon mit ihm ſpricht, ſoll er beſcheiden ſein, wie es ſich für ihn ſchickt. 3* — 36— Olaf Holmböe hat kein Wort mit ihm geredet, ſagte das Mädchen. Aber er hat ihn angeſehen, wie ein Wolf, der im Malself⸗ Traesk auf ein Rennthier lauert, antwortete der Kaufmann. Es war ein wilder, ſtarrer Blick, vor dem der Landrichter roth wurde und die Lippen bog, bis er ihn verachtete und ſich umwandte. Warne den Burſchen, er ſoll demüthig ſein, wohl bedenken, wer er iſt. Mit einem Lappen macht man keine Umſtände; Holmböe iſt todt, ein Fußſtoß wirft ihn dort hinaus— er deutete auf die Felſen— dann mag er mit ſeinen Vettern und Brüdern Renn⸗ thiere melken. Hier wurden ſie unterbrochen, denn Stureſon erſchien und wurde von dem Kaufmann mit Freude empfangen.— Der Land⸗ richter ſah heut weit ſtattlicher noch aus, als es geſtern der Fall war. Meer, Sonne und Luft hatten ihm auf der langen Reiſe hart zugeſetzt, nun aber kam er erfriſcht durch Schlaf und Ruhe, gewaſchen und gekämmt, raſirt und rein vom Wirbel bis zur Zehe.— Er hatte ſeine Koffer geöffnet, feine Wäſche und ein ſauberes Kleid angelegt und bemerkte recht, daß er dadurch eben⸗ ſo wohl in Hvalands ehrerbietigem Wohlwollen ſtieg, wie Mary's Augen neugierig auf ihn blickten. Nach einigen Worten äußerte der Kaufmann ſeine Wünſche, den Gaſt wenigſtens heut noch hier zu behalten, aber er fand Bedenken bei Stureſon, der ſich nicht halten laſſen wollte. Lächelnd zählte der Landrichter alle Gründe auf, die ihn beſtimmten, raſch an den Malanger Fjord in ſein Haus und an die Arbeit zu gelangen. Ein Tag thut es freilich nicht, ſagte er — 37— dann auf erneute Bitten, aber das ganze Leben beſteht aus Tagen und ein kluger Mann ſchätzt nichts höher als die Zeit. Nun habe ich überdies viele Geräthe und Mobilien vorausgeſchickt, andere kommen nach, ich will ſehen, wie ich wohne, und muß fürchten, kein ſo ſtattliches Haus vorzufinden, wie Sie es beſitzen, mein werther Freund. Es iſt ein gutes, warmes Haus, das Ihnen gehören wird, erwiederte Hvaland, und obwohl es nicht allzugroß iſt, hat Holmböe doch für Manches geſorgt. Hat einen Garten angelegt, ſeltene Pflanzen erzogen und den Boden rund umher mit großer Mühe und vielen Koſten fruchtbar gemacht. Iſt die ſchönſte Beſitzung geworden, die man ſehen kann. Das ſoll uns zu Statten kommen, verſetzte Stureſon erfreut. So müht ſich der Eine um den Anderen und weiß nicht, für wen er arbeitet. Das Haus aber will ich nach meinem Geſchmack ſchon ausbauen und einrichten; ich liebe es, bequem und behaglich zu wohnen, und denke, meine Freunde und Nachbaren ſollen mit mir zufrieden ſein, wenn ſie mich beſuchen. Macht denn mit der Zufriedenheit gleich den Anfang, Herr Stureſon, und bleibt heut bei uns, ſagte Hvaland dringend. Schickt das Boot zurück, morgen ſoll mein eigenes Kirchenboot Euch nach Haus bringen. Wenn ich auch wirklich darauf einginge, erwiederte Stureſon, habt Ihr nicht Laſt und Beſchwerden davon, und darf ich glauben, daß Jungfrau Mary, die kein Wort geſagt hat, mich auch gern bleiben ſieht. Er neigte ſich dabei zu Mary hin, die verwirrt erröthete, während ihr Vater mit einer kräftigen Betheuerung behauptete, daß ſeine Tochter es eben ſo ſehnlich wünſche, wie er ſelbſt. Ja, wenn ich das hoffen darf, rief der Landrichter. O gewiß! glauben ſie es, Herr Stureſon, antwortete Mary. Wir können nichts Lieberes wünſchen, als einem ſo werthen Gaſte recht lange zu gefallen. Dann muß ich bleiben, weil Sie es befehlen, fiel Stureſon ein, indem er ſich höflich verbeugte, und indem er ihr die Hand reichte, fügte er ſchmeichelnd hinzu: Ich hoffe Jungfrau Mary, daß der heutige Tag mir ein froher und erinnerungsreicher Tag ſein werde, indem ich Ihnen beweiſen kann, wie gern ich in Ihrer Geſellſchaft ihn verlebe. Wenn wir einem verwöhnten Herrn aus dem Süden nur mehr zu bieten hätten, ſagte ſie freundlich, doch was wir haben iſt gar wenig. Ich nehme Alles an, fiel der Landrichter ein, und werde ſehr damit zufrieden ſein. So wollen wir Ihnen zeigen, was ſchön hier iſt. Oben auf den Felſen kann man weit hinaus über.—e und auf die Schneegipfel und Inſeln ſchauen. We ickkehren, ſcheint die Sonne in mein Gärtchen, und wenn Se« Muſik lieben oder ſelbſt treiben, ſo haben wir hier ein Inſtrument. Stureſon griff ein paar Octaven, um zu zeigen, daß er etwas verſtehe, dann ſagte er: Meine Kunſt iſt gering, ich habe nie Zeit und Ausdauer genug gehabt, aber ich liebe Muſik über alle Maßen, und bringe einen ſchönen Flügel aus Wien mit, der Ihnen beſſer gefallen ſoll, als dies Klavier.— Was Sie aber auch thun w. — 30— wollen, Jungfrau Mary, ich will gern folgen, ſehen und genießen, und dankbar ſein für jede Güte. Der Kaufmann miſchte ſich ein; er hatte gern gehört, was Stureſon ſagte, und eben ſo gern ſeine Blicke, Mienen und ſein ganzes Benehmen betrachtet, was er heimlich berechnete und ein Facit herausbrachte, das der Rechnung des Landrichters ziemlich nahe kam. Während des Frühſtücks dachte er weiter darüber nach und beobachtete Stureſon, der ſich fortgeſetzt mit Mary unterhielt, ihr von Drontheim erzählte, einzelne Perſonen kannte, die ſie ge⸗ kannt hatte, mit ihr ſcherzte und lachte, von ſeinen reichen und angeſehenen Verwandten ſprach, welche überall im Lande wohnten, alten Familien angehörten und hohe Aemter bekleideten. Dazwiſchen erzählte er auch Manches von ſich ſelbſt, von Unglück und Leid, das ihn getroffen, von Kränkungen, die er erfahren, und berührte nebenher, daß er allein und frei in der Welt ſtehe, nachdem der Tod ihm genommen, was er beſeſſen. Er ſprach gelaſſen und offen davon, aber ſein ſtolzes, hartes Geſicht blieb nicht ohne Empfindung. Das ſchmerzliche Lächeln, das darüber hinflog, esweckte Theilnahme: Mary'’s Augen hingen tröſtend an dem grögek, Skäfligen Mann, der ſo mild und traurig von ſeinem Schickſal ſprechen konnte. Nun aber iſt es überwunden, fuhr Stureſon dann fort, und ſeine Blicke glänzten wieder feurig und froh. Ich ſtehe wieder feſt auf meinen Beinen, habe ein Leben vor mir, das Freude verſpricht und Wohlſein, und denke, ein Mann muß den Kopf aufheben und muthig erwerben, was ihm fehlt. Recht gedacht, ſagte Hvaland, und hier, merkt es Euch, Herr — 40— Stureſon, hier liebt man Männer, die kühn und gewaltig ſind. Habt es hinter Euch, was Sorgen machte, laßt uns an das denken, was Sonnenſchein in Euer Haus bringt. Nach einiger Zeit begann dann eine Wanderung durch die weitläuftigen Vorrathsräume, Packhäuſer und Waarenhäuſer, welche den Wohlſtand ihres Eigenthümers bezeugten.— Fünf große Bergenfahrer hatten die Maſſe des Stock⸗ und Salzfiſches fortgeſchafft, aus deren fetten Lebern die mächtigen Thrantonnen, gefüllt wurden, welche jetzt eben nach dem Handelsplatze geſchafft werden ſollten. Aus Allem, was Chriſtie Hvaland ſagte, leuchtete hervor, daß er zu den Reichſten im Lande gehörte, und als er endlich mit ſeinem Gaſte und Mary den Felſengürtel hinaufſtieg, in deſſen Schutze das Haus lag, ergab ſein Geſpräch, daß ihm der größte Theil des umliegenden Landes, die Fiſcherhäuſer an der weiten Bucht, die bebauten Striche und der Wald in den Schluchten gehörte, welcher tief ins Gebirge, bis an die Berdoelf hinlief. Der Tag war ſo ſchön und rein, wie ſein Vorgänger. Die Sonne funkelte vom fleckenloſen Himmel über das glänzende Meer. Ueber die Halbinſel von Lenvig hinaus konnte man den breiten Malanger Fjord erkennen und unter dem Birkengebüſch mitten im Wieſengrün des ſchönen Grundes lag das Haus des Kauf⸗ manns, als ſei es auf den ſaftigen Matten eines engliſchen Parks erbaut. Während Hvaland die Namen ferner und naher Berge, Inſeln, Kaufſtellen und Plätze nannte, und Mary ihm einhalf, dachte Stureſon noch ernſtlicher über das nach, was ihm geſtern Abend eingefallen war und womit er am Morgen aufwachte.— Er fand, daß es gar nicht übel ſei, der Schwiegerſohn dieſes ſchmutzigen, filzigen Thranhändlers zu werden, der ſo viel Waaren, Land und Geld und nur die eine Erbin beſaß.— Als klug rechnender Mann hielt er es freilich vor allen Dingen nöthig, zuvörderſt genauere Nachrichten einzuziehen und zuzuſehen, ob nicht etwa noch eine beſſere Partie zu machen ſei, als dieſe; wenn aber der Schein nicht trügte, ſo war er ſeiner Sache gewiß. Er war mit der Ab⸗ ſicht gekommen, ſich hier eine Frau zu nehmen; verſtändige und erfahrene Leute hatten ihm geſagt, daß ohne Frau und Häuslich⸗ keit in dieſen Einöden das Leben nicht zu ertragen ſei, und hatten ihm den Rath ertheilt, aus der reichen Ariſtokratie der Kaufleute ſich ein Mädchen zu wählen, die mit ihrem Gelde ihm zugleich die ganze angeſehene Verwandtenſippſchaft mitbrächte. Dieſer Rath war auf fruchtbaren Boden gefallen. Im Süden hätte Stureſon lange ſuchen können, ehe Eine nach ſeinen Wün⸗ ſchen ihm die Hand gereicht hätte. Sein Ruf war ſchlecht, ſeine leichtſinnigen Handlungen, ſein Leben und ſein Charakter genug ſam bekannt. Hier hatte nun der Zufall ihn ſogleich mit Mary zuſammen geführt, was er als einen Wink des Schickſals be⸗ trachtete, und keinen Augenblick zweifelte, daß dies cinfältige Ding leicht von ihm gewonnen werden könnte.— Eines Stockfiſchhändlers und Krämers Tochter, und wäre ſie noch ſo dicht mit ſilbernen Spezies behangen, mußte aber jedenfalls gern den Landrichter Stureſon nehmen, der wohl bald einmal ſogar Amtmann werden konnte. Mit dieſem Gedanken betrachtete er das Mädchen, das obenein einigen Anſtand beſaß und ein leidliches Geſicht hatte. — 42— Nach kurzer Zeit ſtieg Hvaland wieder hinunter, denn die Geſchäfte in ſeinen Packhäuſern erforderten ſeine Gegenwart, da— gegen hatte er ſeine Tochter aufgefordert, den Gaſt bis in die tiefſte Spitze der Meeresbucht zu führen, wo der Blick auf Sen⸗ jenöe, auf den Anbau des Landes und auf die eiſigen Fjellen, welche dies Gewirr der Fjorden im Norden und Süden trennten, noch viel herrlicher ſein ſollte. Stureſon benutzte dieſen Spaziergang, um ſeine ganze Liebens⸗ würdigkeit geltend zu machen und Mary's Herz mit den glück⸗ lichſten Träumen zu füllen.— Er war ſo galant und unterhaltend, wie er es zu ſein vermochte, und da er früher bei ganz anderen Damen und unter ganz anderen Verhältniſſen im Rufe eines Un⸗ widerſtehlichen geſtanden hatte, fand er es bei dem nöthigen Selbſtvertrauen ſehr leicht, dies Kind zu erobern. Seine luſtigen Geſchichten, Scherze und Anſpielungen wurden freundlich aufgenommen. Mary lachte über ſeine Fragen und antwortete oft geſchickter, als Stureſon es ihr zugetraut hatte. Der Weg an der Bucht entlang führt über wildes Geſtein, dur 9 8 4 Birkengeſtrüpp und endlich ſteil hinauf zu einem Klippenvorſprung, welcher das Ziel dieſer Wanderung war.— Soll ich Ihnen meine Hand bieten, Jungfrau Mary? fragte Stureſon, als ſie vor ihm her über die hohen Felsblöcke ſtieg. Das junge Mädchen dankte, indem ſie ſo behend voraneilte, daß der Landrichter ſie mit aller Mühe nicht einholen konnte. An der höchſten Stelle bildete der Felsvorſprung ein kleines Plateau, zu welchem mehre ſtufenförmig über einander gelegte Steine führten. N Da Sie meine Hand verweigert haben, ſagte Stureſon lächelnd, ſo bitte ich jetzt um die Ihrige. Strecken Sie ſie aus, Jungfrau Mary und helfen Sie mir an Ihre Seite. Mary bot ihm die Hand, und im Augenblick ſtand er neben ihr. Die Sonne ſchien warm, er war erhitzt und außer Athem. Man ſieht es, ſagte ſie muthwillig, daß Sie nicht gewöhnt ſind, beſchwerliche Pfade zu gehen. Aber ſehen Sie ſich um, Herr Stureſon, und geſtehen Sie, daß die Mühe ſich lohnt. Iſt es nicht ſchön hier? Der Landrichter ſetzte ſich auf eine Art Bank und erwiederte ſchmeichelnd: Das Schönſte, was zu ſehen iſt, ſehe ich vor mir; das Uebrige iſt freilich artig genug, doch Meer und Felſen, kleine Thäler dazwiſchen und Eisberge ſieht man überall, auch im Süden. — Ich meine jedoch, dies muß ihr Lieblingsplätzchen ſein, Jung⸗ frau Mary, und deßhalb iſt er mir beſonders werth. Ich komme oft hierher, erwiederte ſie. Und dieſe Bank iſt für ſie aus Steinen zuſammen gelegt? Olaf Holmböe hat es gethan, war ihre Antwort. Er er⸗ klimmt leicht die ſchroffſten Spitzen, denn er iſt ein kühner Jäger; mir würde es ſchwerlich möglich geworden ſein, hier heraufzu⸗ kommen, wenn er die Stufen nicht gelegt und den Pfad, ſo viel s ſich thun ließ, geebnet hätte. Der Schulmeiſter alſo begleitet Sie zuweilen? fragte Stureſon ſpöttiſch lachend. Er ſitzt oft hier, um zu leſen, oder wenn er die Geige ſpielt. Das müſſen Sie hören, Herr Stureſon, es iſt merkwürdig und ergreifend. Dort wohnt er in dem Hauſe. 4— Sie deutete in einen Grund nieder, der zwiſchen Felſen und Birkengeſträuch in der Tiefe lag und wunderbar ſchön und ſtill ausſah.— Ein ſaftiger Grasteppich bedeckte ihn ſammetartig, ein Bach ſchoß aus den Felſen hervor und ſprudelte ſein ſchäumiges Waſſer durch ein tiefes Gerinn, das mit Buſchwerk überhängt war. Nahe daran in der Mitte lag das kleine Blockhaus, röth⸗ lich gefärbt mit hellen Fenſtern und einem Dache von Birken⸗ rinde.— Ein Gartengehege mit abgetheilten Beeten, Blumen und Stachel und Johannisſträuchen war durch Olafs Fleiß entſtan⸗ den; Niemand aber ließ ſich ſehen, und in dieſer lautloſen Ruhe ſchien das Haus wie in einer verlaſſenen ſchönen Inſel zu liegen. Das ſieht behaglich aus, ſagte Stureſon, viel zu gut für einen Burſchen von ſo elender Abſtammung. Sie müſſen nicht alſo von ihm ſprechen, erwiederte Mary ernſthaft. Olaf Holmböe iſt ein Mann, der Ihre Beachtung verdient. Meine Beachtung, o ja! lächelte der Landrichter. Schon um deſſentwegen, weil Sie ſeine Beſchützerin ſind. Seine Beſchützerin bin ich nicht, verſetzte ſie, warum auch ſollte er meinen Schutz nöthig haben, der ihm nichts nützen würde? Aber er hat mehr gelernt, als alle Männer hier umher, und was er ſagt und denkt, iſt gut und verſtändig.— Er wohnt arm und allein dort in dem kleinen Hauſe, thut Jedem wohl, ſo viel er vermag, hilft und räth den Leuten, welche zu ihm kommen und beleidigt Niemanden. 2 Das iſt eine lange Lobrede, rief Stureſon, ich beneide ihn ihn darum, und ſicher iſt ſie gerechtfertigt. Sie kennen den be ſcheidenen Schulmeiſter ſchon lange? Ich habe ihn früher wohl öfters geſehen, antwortete Mary, als er in Holmböes Haus lebte, der ihn wie ſein Kind hielt. Der wackere alte Mann hatte ſich ſeiner angenommen, als er ihn einſt tief in den Roſkefjellen traf, wo Olaf Vieh hütete und an einem Waſſerfalle ſitzend, auf ſeiner kleinen Violine ſpielte. Und er glaubte einen großen Virtuoſen aus ihm zu machen, einen Ole⸗Bull, ein lappiſches Genie, das durch die Welt reiſen, und ſich bewundern laſſen könnte, rief der Landrichter ſpottend. Mary ſchwieg, es kam ein Unwille über ſie.— Nun immer⸗ hin, fuhr Stureſon fort, es iſt genug aus ihm geworden, und wenn er mein Wohlwollen verdient, will ich gern mich ſeiner annehmen. Er folgte mit ſeinen Blicken den Augen des jungen Mäd⸗ chens, die nach Olafs Haus hinabſchaute, und ſah dort die Thür ſich öffnen, aus welcher zwei Männer, begleitet von einem gelben zottigen Hunde heraustraten. Es waren unzweifelhaft Lappen, denn ihre Hemden und Gürtel, ihre Mützen und Fußbekleidung waren ganz nach lappiſcher Art und Schnitt. Sie gingen raſch durch das Gehege, ſtiegen an dem Felſen hinauf und kamen ziem⸗ lich nahe an der Spitze vorüber, wo die Beiden beobachtend ſaßen. Plötzlich ſtand der gelbe Hund ſtill, ſtreckte ſeine Naſe in die Luft und ſtieß ein kurzes, ſcharfes Gebell aus. Die beiden Männer blickten ſchen zurück, und durch das Strauchwerk der Birken, welche die Wand umwucherten, konnte Stureſon ihre Geſichter erkennen. ☛ gehen. — 46— Häßliche, abſcheuliche Teufel! flüſterte er lachend. Gelbflat⸗ terndes Haar um dieſe kleinen rothen Augen, weite Mäuler und platte Naſen. Ja, gegen dieſe ſchmutzigen, verdammten Seelen iſt der Burſche, der da unten wohnt, allerdings ein Wunder von Schönheit und ſicherlich auch ein Muſter an Weisheit. Aber was hat er mit dieſen da zu thun, und wo ſind ſie geblieben? Sie haben uns nicht bemerken können. Mein Vater ſagt, ein Lappe ſieht Alles und hört noch mehr, erwiederte Mary. Der einzige Laut ihres Hundes hat hingereicht, ſie wiſſen zu laſſen, daß wir hier ſind, wahrſcheinlich aber wußten ſie es ſchon früher; denn ehe das Thier anſchlug, änderten ſie die Richtung, und nun ſind ſie dort oben durch die buſchige Schlucht gelaufen, hinter der das Malselffjeld aufſteigt. Schlaue Burſche, trotz ihrer eingedrückten Köpfe, und behende Läufer, trotz ihrer unbehülflichen Geſtalten, lachte der Landrichter. Sie würden nicht mitkommen, ſagte das junge Mädchen. Ein Lappe holt Rennthier und Bär ein, ſagt mein Vater, und auf ſeinen Alpen thut es ihm Keiner gleich. Waren dies echte Berglappen? fragte Stureſon. Sie trugen Büchſen auf dem Rücken, Jagdtaſche und Pul⸗ verhorn, ſagte Mary, das thut kein Böelappe, und die vom Fiſchen leben, ſind zu arm dazu. Und der Schulmeiſter das iſt wohl auch ſo ein wahrer Sohn der Wüſte und des Sumpfes? fuhr Stureſon fort. Olaf hat Verwandte und Brüder, die mehre tauſend Renn⸗ thiere beſitzen. Möglich, daß dieſe beiden Männer ihn nahe an⸗ 4 Er gehört ſomit zur lappiſchen Ariſtokratie, und dieſe Ueber⸗ zeugung erhöhet mein Intereſſe, ſpottete der Landrichter.— Doch genug, Jungfrau Mary, ich denke, wir kehren um und retten uns vor der Sonnenhitze, die zu plagen beginnt. Mary ſchlug vor, einen anderen Rückweg zu wählen, und Stureſon, war es zufrieden. Sie führte ihn von der Meeresbucht abwärts, zwiſchen den Felſen hin, in einen größeren Grund, wo mehrere Hütten ſtanden, die mit kleinen Feldern umringt waren, auf welchen Kartoffeln, Hafer und Gerſte gezogen wurde. Das Alles ſind Böelappen, ſagte ſie, welche Landrichter Holmböe hier angeſiedelt hat. Es ſind meiſt fleißige Leute, die ſich wohl befinden, ihre kleinen Felder vergrößern, dabei Fiſchfang treiben, aber ſehr ſtolz und falſch ſind. Stolz? fragte der Landrichter beluſtigt. Ei, worauf denn ſtolz? Sie dünken ſich viel beſſer, viel geſitteter und weiſer, als Quäner und Fiſcher, und haſſen aufs Heftigſte die Waldlappen, welche ihrerſeits in ihrer wilden Freiheit auf den Bergen dieſe Ackerbauer als herabgekommene, zur Knechtſchaft erniedrigte Weſen betrachten. Stureſon ſpottete noch über dieſen Rang⸗ und Kaſtenſtreit, als aus der erſten Hütte, an welcher ſie vorübergingen, derſelbe Mann trat, den er am Abend vorher beinahe zu Boden geworfen hatte. Er trug denſelben Glanzhut auf dem Kopfe, dieſelbe blaue Jacke und zeigte daſſelbe breite, grinſende Geſicht. Mit einer langſamen Bewegung nahm er den Hut ab und 48— wünſchte dem Herrn Landrichter Stureſon viel Glück und Freude zum Willkommen im Lande. Und wer biſt Du, mein wohl unterrichteter Freund? fragte dieſer. Henrik Janſen iſt mein Name, erwiederte der kleine Kerl. Allezeit zum Befehl meines hochwerthen Herrn Landrichters. Stureſon hatte große Luſt über die Bücklinge, Handſchwen⸗ kungen und Unterthänigkeitsbeweiſe des kleinen Kerls zu lachen, dennoch aber fand er ein gewiſſes Behagen daran. Du baueſt hier das Land, ſagte er, und ſcheinſt ein wackerer Mann zu ſein. Wills meinen, erwiederte der Böelappe ſtolz. Bin kein Buſch läufer, kein Umhertreiber, ſondern ſitze hier auf meinem Erbe. Aber ſchlimm genug, hochwerther Herr, wenn ſchuftige, elende, G unwiſſende Burſche, Faullenzer und Tagediebe, ſich hier ein⸗ niſten dürfen, die fortgejagt werden müßten, weil ſie ihr Brod mit Sünden eſſen. Stureſon ſchüttelte den Kopf und ſagte zu ſeiner Begleiterin: Was will er denn eigentlich, auf wen ſchimpft er ſo ſehr? Ich will es Ihnen ſagen, erwiederte Mary gleichgültig. Dieſer Mann war ebenfalls ein Schützling des alten Holmböe, der ſeinem Vater das Land hier gegeben, das Haus gebaut und den Sohn mit Olaf zuſammen in die Schule und in das Seminar von Trondenäes geſchickt hat. Dort wurde er ſeiner böſen Streiche und ſeiner Unfähigkeit wegen entfernt, und ſeit er hier ſeines Vaters Beſitzthum übernahm, bildet er ſich ein, daß ihm das Schulmeiſteramt gebühre, und hat es dahin gebracht, daß manche — 49— Böelappen und Koloniſten ihre Kinder nicht mehr zu Olaf ſchicken wollen, weil dieſer von Fjeldlappen ſtammt. Während Mary ſprach, fletſchte der kleine Lappe die Zähne, nickte und grinſte und ſah ſie mit boshaften Blicken an.— Es kommt mir auch zu, hochwerther Herr Sorenſkriver, ſchrie er dann, nicht aber dem Sohn eines Wolfs, einem krummbeinigen, un⸗ chriſtlichen, gottloſen Läſterer, der zu den Seitas ins Gebirge, zu den Zauberkreiſen und Opferſteinen der vermaledeiten Renn⸗ thiermelker läuft, dort ſich niederwirft und die Götzen anbetet. Ich hab's geſehen, habe es mit eigenen Augen geſehen und kann es beſchwören. Hören Sie ſein Geſchwätz nicht an, ſagte Mary fortgehend. Mein guter Henrik Janſen, ſprach Stureſon lachend, meine Sache iſt es nicht, Deine Anſprüche auf hohe Geburt und reine Abkunft zu prüfen oder Deine Anſchuldigungen zu unterſuchen; wenn aber Deine Reden wahr ſind, ſo geh' zum Voigt und mache ihm Anzeige, das Weitere wird ſich finden. Er folgte dem jungen Mädchen nach, als er aber zurück⸗ blickte, ſtand der Böelappe noch immer mit abgezogenem Hut und machte ihm Bücklinge; dann deutete er auf Mary, die einen kahlen Felshügel hinaufſtieg, hob ſeine Hand empor und drohte nach ihr, während er boshaft höhniſch lachte. Als Stureſon ſeine Begleiterin wieder erreichte, ſtand dieſe auf der Höhe, und dicht zu ihren Füßen lag der Grund, in welchem Olafs Haus erbaut war. Der Landrichter merkte, daß ihn ſeine Führerin wohl nicht ganz abſichtslos mittelſt eines Umwegs hierher gebracht hatte. Mügge, der Schütz von Senienoe. 4 Wir ſollen alſo durchaus dem Hexenmeiſter einen ulunh machen? ſagte er. Ich will Sie zu Olaf führen, erwiederte ſie, damit Sie ſelbſt ſehen, welch' Lügner und Verläumder dieſer Koloniſt iſt. Ich glaube dem kleinen Kerl auch nichts, ſagte Stureſon, aber immer bleibt es merkwürdig, daß dieſer tugendhafte Schul⸗ meiſter, der, wie ſie ſagen, Allen Gutes und Liebes erweiſt, bei ſeinen eigenen Landsleuten ſo vielen Haß und Widerwillen er⸗ regen kann. Der arme Olaf! rief Mary. Bei den Normännern hilft es ihm nichts, ſanft, gut und verſtändig zu ſein, denn er iſt ein Lappe; bei den Lappen aber gelten ſeine Kenntniſſe und ſein beſſeres Weſen nichts, denn er hat ſich von ihnen getrennt, iſt ein Knecht der Herren des Landes geworden und hat das Kleid der Freiheit ausgezogen. Stureſon betrachtete ſcharf ihr Geſicht, das mit Mitleid er⸗ füllt war.— Bei alledem, ſagte er nach einem Augenblick, iſt es doch möglich, daß dieſer Burſche, wenn er halb toll in die hohen Fjelder läuft, an den Opferſteinen der alten Götter ſeines Volkes betet, wo ſeine Voreltern gebetet haben. Er ſieht aus wie ein Träumer. Er iſt ein Chriſt, mehr als es viele ſind, die dieſen Namen führen, erwiederte ſie lebhaft. Laſſen Sie uns bei ihm eintreten; ich will ihn erſuchen, Nachmittag zu uns zu kommen, um Muſik zu machen. Er ſoll ſeine Geige mitbringen. Mary ſchüttelte den Kopf. Er hat es noch nie gethan, ſagte — 51— ſie, fordern Sie es nicht von ihm, aber er ſpielt das Klavier gewiß zu Ihrem Beifall. Sie waren während deſſen an der Seite des Hügels nieder⸗ geſtiegen und gingen über den Raſen an dem Bache entlang, der mit einem Waſſerfall aus den Felſen brach. Dann traten ſie in das Gartengehege. Mary öffnete die äußere Thür des Hauſes und durch einen kleinen Vorraum gehend, trat ſie in das Wohn⸗ zimmer, dicht gefolgt von Stureſon.— Beide blieben an der Schwelle ſtehen, als ein unerwarteter Anblick ſich ihnen darbot. Der Miſſionair ſaß auf einem niedrigen Stuhle und vor ihm kniete der junge Mann, der ſein Haupt in dem Schooß des Prieſters verbarg. Stockfleth beugte ſich über ihn hin, ſeine Hände lagen gefaltet auf Olafs Kopf, ſein langes graues Haar fiel da⸗ rüber; er ſchien ein leiſes Gebet zu murmeln, das unverſtändlich in dem ſtillen Raum ſich verlor. Das Zimmer war niedrig, doch ziemlich groß. Die Holz⸗ wände ohne Schmuck, die Fugen der Balken mit Moos verſtopft, der Fußboden mit jungen Birkenblättern beſtreut.— Ein ſchwerer Tiſch und einige Holzſtühle und Bänke bildeten die einzigen Ge⸗ räthe. Bretter liefen an den Wänden umher, auf welchen Bücher lagen; einige Kleidungsſtücke hingen darunter und neben ihnen ein kurzes Gewehr mit ungeſchicktem Schaft, Jagdtaſche und Pulverhorn, nebſt einem anderen Inſtrument, das wie der ver⸗ unglückte Verſuch ausſah, eine Geige daraus zu bilden. Bei dem Geräuſch an der Thür wandte ſich der Miſſionair danach um, und im nächſten Augenblick ſtand Olaf neben ihm. Willkommen, ſagte Stockfleth ohne ein Zeichen der Ueber⸗ 4* —-— 52— raſchung, wir haben unſer Geſpräch und unſere Andacht be⸗ endigt. Es iſt freundlich gedacht, Herr Landrichter Stureſon, daß ſie Olaf in ſeiner ſtillen Häuslichkeit beſuchen. Gottes Frieden mit Ihnen, Herr, fügte der Schulmeiſter hinzu, und er hob ſein ſchwermüthiges Auge zu dem großen, ſtolzen Mann auf und neigte ſich demüthig vor ihm. Wir haben auf Olafs Bank geſeſſen, ſagte das junge Mäd⸗ chen, und kommen nun hier vorüber, um ihn ſelbſt einzuladen, den Nachmittag mit uns zu verleben.— Unſer werther Gaſt, Herr Stureſon, ſoll von uns ſo angenehm unterhalten werden, wie wir es vermögen; ich bitte daher den Herrn Holmböe, auch etwas dazu beizutragen. Der Schulmeiſter verneigte ſich nochmals und blickte fragend zu dem Probſt hin, der ihm lächelnd zunickte.— Was in meinen Kräften ſteht und Ihnen angenehm ſein kann, ſagte Olaf mit ſeiner ſanften Stimme, wird immer für mich kaum der Auffor⸗ derung bedürfen. Stureſon ſagte ihm freundliche Worte und ſchien durch die beſcheidenen, ſchüchternen Antworten des jungen Mannes mehr zufrieden geſtellt zu ſein, als durch ſein früheres Benehmen. Wahrſcheinlich hatte der Miſſionair ihm die nöthigen Vorhaltungen gemacht und Vorſchriften ertheilt. Stureſon bemerkte mit Genug⸗ thuung dies demüth hige und ſcheue Zurückweichen und die nieder⸗ geſchlagenen Augen des Lappen, die ihn geſtern ſo unheimlich ſtier und wild anſtarrten. Er fühlte ſich erweicht und bot ihm ſogar die Hand, als er ihn verſicherte, daß er ſich ſeiner an⸗ 4 nehmen werde, wie und wo es geſchehen könne.— Ein paar Zeichnungen Olafs in Bleiſtift und Kreide, welche, an der Wand mit kleinen Nägeln befeſtigt, Anſichten des Landes und des Fjords darſtellten, führten neue Lobſprüche herbei; ja dieſe wuchſen end⸗ lich noch mehr, als Stockfleth erwähnte, daß es nicht leicht eine „ ſchönere Handſchrift geben könne, als die des Schulmeiſters, und allerlei Proben dies beſtätigten. In Wahrheit, Herr Holmböe, ſagte der Landrichter, Sie haben Kenntniſſe und Fähigkeiten, die einen anderen Platz ver⸗ dienten. Wären Sie im Süden, würde es Ihnen beſſer gehen, aber auch hier muß für Sie geſorgt werden. Ich bin zufrieden mit meinem Looſe, erwiederte Olaf. Sie müſſen an eine größere Schule, vielleicht nach Tromſöe, oder an das Seminar, oder nach Bodöe, kurz in einen größeren 3 Wirkungskreis. Ich weiß, erwiederte Olaf in ſeiner unterwürfigen Sanft⸗ muth, daß ich Vieles nicht erreichen kann, was anderen leicht ſein würde. Bah! rief Stureſon, wir leben in einer aufgeklärten Zeit, die Vorurtheile von ſich wirft.— Kommen Sie heute Nachmittag zu Hvaland; wir wollen vergnügt ſein, Herr Olaf: ich bin Ihr Freund, verlaſſen Sie ſich darauf.. Sie ſollen ja auch ein Virtuoſe ſein, fuhr er dann fort; Sie müſſen ſich hören laſſen. Bringen Sie Ihre Geige mit. Olaf ſah nach dem ungeſchickten Inſtrument hin und ſagte bittend: Sie iſt zerbrochen, es kann nicht ſein. m Nun denn, ein ander Mal, erwiederte der Landrichter, aber ich bin neugierig Sie zu hören. Jungfrau Mary hat mir Wunder⸗ dinge von den Zaubertönen erzählt, die ſie aus dem ſeltſamen Holzblock hervorlocken können. Ich denke, Sie machen keine Um⸗ ſtände, Olaf; eben weil ich Ihr Freund ſein will, habe ich ein Recht von Ihnen einige Bereitwilligkeit zu begehren. Wenn wirklich etwas daran iſt, wer weiß, wie ſich dann Ihr Schickſal wenden kann. Olaf verbeugte ſich mit derſelben Schüchternheit, die er bei jedem aufmunternden Verſuch des Landrichters zeigte, bis dieſer endlich ſeine goldene Ühr herauszog und es hohe Zeit fand nach Haus zurückzukehren. Mit der wiederholten Aufforderung, pünktlich zu erſcheinen und wo möglich die Geige in Stand zu ſetzen, ſchied Stureſon und führte unter Scherz und Gelächter Mary durch das Gärt⸗ hhen des Armen zwiſchen den duftigen kleinen Beeten hin, wo er Reſeda und Nelken brach, um Hvalands Tochter ein Sträußchen zu überreichen. Olaf blieb auf der Schwelle ſtehen. Seine Augen verfolgten die Scheidenden, doch heftig zuckte es in ſeinem Geſicht, als Mary ſich am Bache umwandte und leiſe grüßend lächelte und ihm zunickte. Denke an Alles, mein Sohn, ſprach der Probſt, welcher zu⸗ letzt ging. Mein Vater, ich denke, erwiederte Olaf ſanftmüthig die Arme kreuzend. Unbeweglich ſah er ihnen nach, bis ſie hinter den Felſen verſchwanden. III. Der Tag verging ſehr glücklich für den Landrichter, der ſeine Zeit gut anwandte, um ſich der Gunſt ſeines Wirthes zu— verſichern, und ſein angeknüpftes Verhältniß zu Mary durch neue Zeichen ſeiner Ergebenheit zu befeſtigen. So ſtolzen Sinnes, auffahrend und launenvoll Stureſon war, ſo gut wußte er zu ſchmeicheln und ſich zu fügen, wenn er es für nöthig hielt, und heut war ihm daran gelegen, Alle zu gewinnen, da er Jeden für ſeine Abſichten gebrauchen konnte. Er verwandte deswegen auch keine geringe Mühe, dem Miſſionair zu gefallen, deſſen Einfluß auf Mary er ſehr wohl erkannte.— Die geiſtliche Würde des Probſtes, ſeine große Gelehrſamkeit, ſein chriſtlicher Eifer, die Reinheit ſeines Lebens und ſeine milde Freundlichkeit ſicherten ihm überall bei dem großen Haufen Achtung und Ehrerbietung. Mochten Hvaland und die reichen Kaufleute auch heimlich über ihn ſpotten, öffent⸗ lich wagte Niemand den ehrwürdigen Diener des höchſten Weſens anzugreifen, der im ganzen Lande bekannt und von der Regierung beſonders geſchützt und begünſtigt ward.— Stureſon war ſchlau genug, die Freundſchaft des Probſtes durch Eingehen in deſſen Lieblingsgedanken und Entwürfe zu ſuchen; er hörte geduldig die langen Erzählungen an, welche die Bekehrung und Geſittung der Lappen zum Gegenſtande hatten, und ſchlug ſich bei den Wider⸗ ſprüchen Hvalands ſtets vermittelnd auf Stockfleths Seite.— Ein anderer Mann hätte vielleicht kein geringes Intereſſe an den Mittheilungen über die Lebens⸗ und Seelenzuſtände des ſeltſamen Hirtenvolks in den Bergen genommen, ihm waren ſie gleichgültig und innerlich zuwieder; um ſo ſchärfer hörte er auf die Charakteriſtik der Handelsherren und ihrer Familien, deren Einfluß und deren Verbindungen und Vermögen, wobei es ſich wiederum beſtätigte, daß Hvaland einer der Bedeutendſten ſein mußte, denn von den meiſten ſprach er mit jener Art Geringſchätzung, welche die Un⸗ ebenbürtigkeit an Yachten, Handel und Kauf nach Bergen und im Inlande, wie an Geld, Gut und Beſitzthum auszudrücken pflegt. Nach einiger Zeit brachte der Landrichter durch ſeine Fragen und Anmerkungen den Kaufmann zu einer Erklärung, die nicht ohne Bedeutung für ihn war.— Kenne ſie Alle genau, ſagte Hvaland, denn es kommen viele in mein Haus, und ſeit einiger Zeit finden ſich Manche ein, die mit ihren Vorzügen und guten Eigenſchaften nicht hinter dem Berge halten. Iſt mehr als Einer darunter, fuhr er lachend fort, indem er ſeiner Tochter einen luſtigen Blick nachſchickte, mehr als Einer, der auf ſeine Taſche ſchlagen kann und es klingt hell genug darin: aber es hat Keiner noch geholt, was er hier ſuchte. Mir iſt es recht, wollen mir auch nicht gefallen. Mit Geld und Gut, ſprach der Probſt, läßt ſich das rechte Lebensglück auch niemals eintauſchen. Nuh! rief der Kaufmann, wenn geſprochen werden ſoll, Probſt, ſo ſag' ich das von mir: Bin geſegnet vom Himmel mit mancherlei Gut, ſtehe darin Niemandem nach, habe dabei nur das eine Kind. Mag ſich wählen nach ihrem Herzen ſich und mir zur Ehre. Brauche keinen Schwiegerſohn mit Yachten und vollen Taſchen, habe ſelbſt ſo viel, ſie ihm ſtraff zu machen, und damit genug.— Seht hinaus, Niels Stockfleth, da kommt Olaf Holmböe; aber ein Lappe, und mag er noch ſo zahm gemacht ſein, iſt und bleibt ein eigenſinniges Thier. Statt der Geige, die er mitbringen ſollte, hat er ſein verwettert Gewehr umgehängt und ohne Zweifel in den Jauren ſich umhergetrieben. Langſamen Schrittes kam Olaf über den Raſengrund und traf nicht weit vom Hauſe mit Mary zuſammen, die ihm ent⸗ gegen gegangen war. Stureſon ſah ſie ſprechen und Olafs Geſicht ſich lächelnd neigen. Dann nahm er aus der Jagdtaſche eine An⸗ zahl Vögel, welche ſchnepfenartig ausſahen, und Hvaland nickte ihm durchs Fenſter zu und ſagte verſöhnt: Es iſt doch ein guter Junge. Er hat die Spalten und Schluchten durchkrochen, um für uns dieſe trefflichen Thiere zu ſchießen, welche ganz herr⸗ lich ſchmecken, aber ſchwer zu bekommen ſind. Iſt er ein ſo guter Schütz? fragte Stureſon. Schützen ſind Alle, erwiederte der Kaufmann. Da iſt ſelten Einer, der ſeine ungeſchickte Büchſe, die ſie ſelbſt ſchmieden und ſchaften, nicht zu gebrauchen verſteht, daß man davor erſtaunt. — Das Ungeziefer,— nehmt es nicht übel, Probſt, daß ich Unge⸗ ziefer ſage— ſchießt mit der Kugel Vögel im Fluge, und Wolf oder Bär kommen ſelten davon, wenn ein Lappe ihnen aufs Blatt hält. Der Landrichter lächelte verächtlich, indem er einen Blick auf das kurze, ſchwere Gewehr warf, das Olaf in der Hand hielt. Macht einen Verſuch, Herr Stureſon, ſagte Hvaland. Laßt uns hinausgehen und gebt ihm ein Ziel. Ich glaube, er wird Euch Reſpect beibringen. Sie gingen auf den Vorplatz, wo Mary und Olaf ihnen entgegenkamen. Haſt uns lange warten laſſen, Schulmeiſter, ſagte Hvaland, wollen Deine Muſik nun ſpäter hören; zeige jetzt dem Landrichter, daß Du andere Künſte kannſt.— Er will es nicht 4. * 58— glauben, daß Du zu ſchießen verſtehſt, beweiſe ihm, was ein gutes Auge und eine ſichere Hand thun können. Stureſon nahm die Büchſe des Lappen und lachte noch mehr. Ein nicht zwei Fuß langer, roſtiger Lauf von gröbſter Arbeit lag in einem noch roheren Stück Holz. Das ungeheuere Feuer⸗ ſchloß war weit abgebogen, das ganze Ding ſah aus, als könne kaum ein Schuß daraus geſchehen. Der Landrichter legte an und erklärte, er ſei auch ein Schütz, der ſich nicht zu ſchämen brauche, allein mit dieſem Dinge ſei es ganz unmöglich, irgend eine Sicher⸗ heit der Lage und des Zielens zu gewinnen. Ich wette drei Spezies, rief Hvaland, er ſchießt die Möve dort über der Bucht herunter. Ich halte ſie, und was Ihr wollt dagegen, erwiederte Stureſon. Schieß, Olaf! ſchrie der Kaufmann, und triff, mein Junge. D Will Dir geben, was Du fordern kannſt. Olaf nahm die Büchſe mit einer raſchen Bewegung auf. Hoch über der Bucht zog eine der großen grauen Möven ihre weiten Kreiſe. Er drückte Kopf und Hals dicht zuſammen und klemmte zwiſchen beide den ungeſchlachten kurzen Schaft ſeines Feuerrohrs ein. Nach einem Augenblick ohne Zielen und Be⸗ ſinnen donnerte der Schuß, und kopfüber ſtürzte der Vogel aus der Luft ins Meer. Gewonnen, Landrichter, gewonnen! lachte der Kaufmann in die Hände ſchlagend, und mit Luſt nahm er die drei neuen Speziesthaler in Empfang, welche Stureſon aus ſeiner Börſe zog. Eine Minute lang ſchien Hvaland zu überlegen, ob er dem Schulmeiſter nicht eine Theilung anbieten ſollte. Er hielt den einen Thaler zwiſchen ſeinen Fingern feſt, aber dieſe Anwandlung von Großmuth wich ſchnell der beſſeren Ueberzeugung, daß das Geld dem unverſtändigen Burſchen doch nichts nützen werde. Mit ſeinem freundlichſten Grinſen klopfte er auf Olafs Schulter im Gönnertone: Haſt einen Meiſterſchuß gemacht, Olaf Holmböe, und wenn Du morgen in meinen Kram kömnſtt, ſollſt Pulver und Blei dafür mit nach Haus nehmen. Damit war die Angelegenheit abgethan und Hvaland, in der beſten Laune, nöthigte ſeine Gäſte wieder herein, ließ Kaffee für den Schulmeiſter bringen und hielt ihm ſogar das Käſtchen mit den Cigarren hin, indem er ihm ſelbſt Feuer dazu machte. Dann wurde das Geſtell von Ebenholz mit den ſchön ge⸗ ſchliffenen Flaſchen wieder auf den Tiſch geſetzt; der Voigt kam aus Oernen in ſeinem Boote, der Pfarrer fand ſich aus Talvige ein, und nach einer Stunde war die Geſellſchaft ungemein froh und heiter und ließ mit gefüllten Gläſern bald den Landrichter, bald den gaſtlichen Hausherrn, bald Jungfrau Mary hochleben. Als es ſpäter wurde, mußte Mary ein Lied ſingen, weil ihr Vater es ſo haben wollte, dann kam Olaf an die Reihe. Singe Alles, was Du willſt, Du närriſcher Burſche, rief der angetrunkene Voigt, aber vor allen Dingen laß uns einmal den Sing⸗Sang hören, den Du ſelbſt gemacht haſt, und den der alte Holmböe, Gott hab' ihn ſelig, für ſein Leibſtückchen hielt.— Es iſt ein lappiſches Liedchen, ſagte er zu Stureſon. Was die Lappen ſonſt ſingen, wenn ſie vor ihren Gammen ſitzen, und ärger quiken und grunzen, wie Schweine, iſt zum Toll werden, aber — 60— Olaf hat mit ſeinen Liedern und Melodieen bewieſen, daß ſogar dieſe verwünſchte Sprache weich und harmoniſch werden kann. Wovon handelt das Lied? fragte Stureſon. Es ſind Klagen eines Verlaſſenen, der Heimath und Liebe ſucht oder ſo etwas, lachte der Voigt, aber es hört ſich artig an, beſonders wenn zwei Stimmen ſingen. Ich denke, Jungfrau Mary wird ſich erbitten laſſen; ſie hat das Lied gelernt, ich habe es ſelbſt von ihr gehört. Und ſo geſchah es denn. Mary folgte der Weiſung ihres Vaters, ſie ſang mit Olaf das Lied, von dem Keiner ein Wort verſtand, deſſen Melodie aber ſo klagend und melodiſch war, daß es wiederholt werden mußte, weil alle Zuhörer es begehrten.— Stureſon fand eine beſondere Begabung darin, auch war Olaf ein beſſerer Klavierſpieler, als er gedacht hatte. Es regte ſich bei ihm ein Antheil an dem jungen Mann, aber auch eine andere Regung überkam ihn, als er die glänzenden, langen Blicke bemerkte, mit denen der arme Schulmeiſter einige Male beim Singen und Spielen ſeine Nachbarin betrachtete. Im nächſten Augenblicke lachte Stureſon über einen Verdacht,. der ihm ſelbſt höchſt abgeſchmackt und albern vorkam, und als Olaf aufſtand, nachdem er verſchiedene Proben ſeiner Fertigkeit gegeben hatte, und nun demüthig ſchweigſam den lobenden Dank in Empfang nahm, blieb der Landrichter nicht zurück, ihm von ſeinem Platze aus einige ermunternde Worte zuzurufen. Wenn ich mein Haus am Malanger Fjord eingerichtet habe, ſagte er ihm, ſo hoffe ich Dich manchmal dort zu ſehen. Du ſollſt uns aufſpielen bei freudigen Feſten, Olaf, und biſt, meiner Treu, ein Burſche, der ſich ſehen laſſen kann— oder wenigſtens hören laſſen kann, fügte er hinzu, indem er über ſeinen Witz lachte. Eine dunklere Färbung überdeckte Olafs Geſicht, aber der Probſt legte die Hand auf ſeine Schulter und ſprach mit Milde: Du ſollſt mich morgen auf einige Tage begleiten, mein Sohn und wie ich hoffe, ſollſt Du bald mir für immer beigegeben werden. Als Miſſionair und Prieſter? fragte Stureſon. Als Beides, erwiederte Stockfleth. Wenn irgend Einer all' Eigenſchaften dafür beſitzt, ſo iſt es Olaf. Er muß fort von hier, um ſeinen armen Brüdern zu lehren und zu predigen. Er hat die Liebe und das Wiſſen, die Regierung wird einwilligen, und darum, Herr Stureſon, wird er wohl nicht am Malanger Fiord zu Tanz und zu Schmaus aufſpielen können. Sie wollen uns den beſten Muſikanten entführen, Probſt, rief der Landrichter, aber wir dulden es nicht. Was würde Jungfrau Mary ſagen, wenn ihr Freund und Lehrer ſie ver⸗ laſſen wollte? Ich denke, erwiederte Mary, welche ſchweigend zugehört hatte und deren Blicke auf dem armen jungen Mann ruhten, der ſeine Augen niederſenkte, Olaf weiß, daß wir Alle darum trauern würden, wenn er von uns ginge. Bravo!l lachte Stureſon, alſo muß er bleiben. Wir haben auch unſere Pläne mit ihm, und wenn er vernünftig iſt, wird er nicht ſeine glücklichen Gaben in der Wüſte verbergen, und ſein Lebelang unter Gammen und Rennthieren umherwandern wollen. — Ich denke, es ſteckt mehr in ihm, als Sie denken, fuhr er fort, — als Stockfleth ihn unmuthig anſah. Alle Achtung vor dem geiſt⸗ lichen Stande und der frommen Thätigkeit eines Miſſionairs, aber in dieſem jungen Mann wohnt nicht der Glaube, ſondern die Unruhe; in ſeinem Auge glüht ein Feuer, das Leidenſchaften ankündigt, ſein Herz iſt erfüllt mit Träumen und Bildern, und ſein Kopf mit Gedanken. Das iſt kein Stoff, aus dem ein Allem entſagender Prieſter gemacht wird, Herr Probſt, weit eher ein Künſtler oder, wenn wir noch in romantiſcher Zeit lebten, ein kihner Anführer ſeines Stammes. Das bedenkt, Herr Niels Stockfleth, ich ſage nichts mehr. Das Geſpräch wurde aber doch fortgeſetzt, bis es anderen Gegenſtänden Platz machte, und Stureſon ging zuletzt davon, als ihm das Geſchwätz langweilig wurde. Er ging an der Bucht hinauf, ſtieg über die Felſen fort und ſah nach einigen hundert Schritten nicht weit von ſich den kleinen Koloniſten Henrik Janſen bei ſeinen Netzen am Strande beſchäftigt. Der Böelappe grinſte ihn mit heuchleriſcher Unterthänigkeit an, ſchwenkte ſeinen Glanzhut und winkte unter wunderlichen. Geberden ihm einladend zu, das hohe Ufer hinabzuſteigen. Was willſt Du von mir? fragte Stureſon, als er in ſeiner Nähe war. Still, mein Herr Landrichter, ſtill! flüſterte Henrik, ſich nach allen Seiten umſchauend; hätte Euch wohl etwas zu ſagen und iſt etwas, was Euch nahe angeht, aber es kommt darauf an, was Ihr dem Henrik Janſen dafür verſprecht. Alſo umſonſt giebſt Du es nicht von Dir? ſagte der Land⸗ richter verächtlich ſpottend. „ Nichts umſonſt, erwiederte der Böelappe grinſend, ſchüttelnd und nickend. Bin kein Bettler und Tagedieb, ſondern ein Mann, der Eigenthum hat, aber wenn Ihr es wüßtet, es würde Euch warm machen vor der Stirn, und wenn es der alte Vater da wüßte— er lachte heiſer aus vollem Halſe, indem er ſich die Seiten hielt und Sprünge machte— hehe, er würde roth und blau werden, wie ein Uer im Topfe. Was weißt Du, Du Taugenichts! rief Stureſon. Weiß nichts, gar nichts, erwiederte Janſen aufgebracht, in⸗ dem er zu ſeinen Netzen umkehrte. Bin ein Mann, der auf ſeinem Erbe ſitzt, kein Taugenichts, Herr; ein freier Mann, der Geſetz und Recht hat, ſo gut als Einer. Der Landrichter ſah ein, daß er einen ganz verkehrten Weg eingeſchlagen habe, um Henriks Geheimniſſe zu erfahren. Er war mehr beluſtigt als neugierig, aber er wollte nicht unbefriedigt bleiben. Nimm es nicht übel, Henrik Janſen, ſagte er daher vertrau⸗ lich, ich bin Dein Freund und werde Dir gern jeden Gefallen thun, den Du begehrſt. Ich müßte mich aber ſehr irren, oder Du haſt mir von Deinem Nachbar Olaf Holmböe etwas zu berichten. Der Koloniſt kniff ſeine kleinen ſchielenden Augen zuſammen, aus denen ein Strom von Schadenfreude, Bosheit und Rachſucht brach. Er ballte ſeine Fauſt und drohte über den Felſen hinaus, hinter welchem Olafs Haus lag, dann ließ er wieder ſein heiteres Gelächter hören und hüpfte im Kreiſe umher. Der Sohn von einem Hunde, rief er, der Lump, der Dieb! — 64— Wenn er es wüßte, der alte Vater Hvaland, mit den Füßen ſtieß' er ihn in den Fjord, ließ ihn mit Fiſchleinen binden und auf einen Stein im Meere legen, bis die Fluth ihn fortſpülte. Nun, lieber Henrik, ſagte Stureſon ſo ruhig er konnte, ſprich die Wahrheit und faſſe Dich kurz. Wollt Ihr mir die Schulmeiſterſtelle verſchaffen? fragte der Lappe lauernd. Alles und mehr ſollſt Du haben, je nachdem ich Dich ge⸗ brauchen kann, erwiederte der Landrichter. Jetzt rede. Was der Koloniſt ihm leiſe mittheilte ſetzte den Landrichter nach und nach in immer größeres Erſtaunen, aber er beherrſchte 1 den Hohn und Zorn, der ihn erfüllte, und konnte zuletzt mit völliger Gleichgültigkeit fragen; ob das Alles wirklich wahr ſei, was er gehört habe? So wahr, Herr, rief der kleine Kerl, wie Fiſche im Meere ſind. Und warum, Du Narr, haſt Du Chriſtie Hvaland kein Wort davon mitgetheilt? Mitgetheilt?— ihm? ſagte Henrik den Arm in die Seite ſtemmend und boshaft lachend, was geht es mich an? Chriſtie Hvaland iſt ſo reich und hochmüthig, wie Keiner hier umher, aber Henrik Janſen iſt ein freier Mann, der ihn nicht nöthig hat, und verdammt ſein will, wenn er einen Finger für ihn rührt. Es iſt unmöglich! rief Stureſon, Du lügſt. Aber halt, 1 geh' nicht fort, es mag darum ſein.— Du haſt ſie alſo öfter geſehen? Und auf der Klippe, ſagſt Du, wo die Stufen hinauf⸗ führen, ſpät bei Abend, oder wenn es Nacht war? Ja, ja! grinſte der Böelappe, da ſaßen ſie zuſammen, ſechs *½ Mal, zehn Mal, geſtern noch und heut werden ſie wieder da ſitzen. Und was haſt Du weiter geſehen? ſagte Stureſon. Wo warſt Du, wo hatteſt Du Dich verſteckt? Hinter den Steinen, lachte Henrik Janſen. Da iſt ein Spalt, man kann darin ſtehen und liegen.— Sie ſaßen auf der Bank und ſprachen Allerlei; weiß nicht, was Alles, hörte Vieles, auch Euren Namen. Er ſprach nicht gut von Euch, der Sohn vom Hunde, auch das Mädchen nicht, Ihr gefielt ihr nicht. Seine bösartigen Augen blitzten zu dem Landrichter auf, der unbeweglich zuhörte und dann mit gedämpfter Stimme ſagte: Ich danke Dir, lieber Henrik Janſen, und verſpreche Dir noch⸗ mals Dein Freund zu ſein. Wenn aber Jungfrau Mary Abends dort zuweilen mit dem elenden Burſchen ſitzt, ſo iſt es nichts Böſes; es kann nur Mitleid mit ihm ſein, ſie thut es in ihres Herzens Güte. Run aber gieb Acht, was ich ſage.— Schweige Jeden, und ich will es Dir lohnen; doch kommt ein Wort über Deine Lippen, will ich Dich verfolgen, ſo viel ich vermag, und will nicht raſten bis ich Dich hinanaaee habe aus Hütte und Bett in die Wüſte da, oder ins tiefe ſtill gegen Er betrachtete den Lappen mit ſo unheimlichen enaene und ſeine herkuliſche Geſtalt hob ſich ſo drohend auf, daß Henrik allen Muth zu einer trotzigen Antwort verlor. Ha, Herr! hochwerther Herr Landrichter, murmelte er demüthig. Gottes Segen ins Haus! ich will ſchweigen, ſtumm wie ein Lämmling, aber nicht blind, wie er— Er nickte mit ſeiner alten Pfiffigkeit und ſchielte zu Stureſon hinauf.— Gott verdamme Mügge, der Schütz von Senienoe. 5 — 66— den Schelm! rief er. Ei ja, Chriſtie Hvaland iſt der Mann für ſolchen Kauf.— O! Jeſus in deiner Höh', hat Säcke voll Spezies, und dieſer Hundeſohn hat nichts, ſtammt von den nichtswürdigen, ausgeſtoßenen Rennthiertreibern, die von Blut und Gedärm leben. Chriſt und Vater! hat kein Feld, kein Ackerſtück, kein Boot und kein gutes Netz.— Er ſchlug ſich ſtolz auf die Bruſt und rückte ſeinen Glanzhut zurecht, während Stureſon den zähen Uferhang hinaufkletterte und, ohne ſich weiter umzuſehen, dem Hauſe zuging, wo man ihn erwartete und ſuchte. Es gelang ihm leicht, ſeine Abweſenheit zu entſchuldigen, und unbefangen lächelnd ſah er in das Gärtchen, wo unter einem Dache von Schminkbohnen Jungfrau Mary neben Olaf Platz genommen hatte, während der Probſt mit dem Pfarrer von Thalvige vor ihnen an der anderen Seite des Tiſches eifrig ſprechend ſaßen. Es kam Stureſon vor, als hätte der unverſchämte Burſche ſeine Hand in Marys Hand gelegt und Beider Augen führten eine ſtumme Sprache, während ſie aufmerkſam das Geſpräch der beiden Geiſtlichen zu verfolgen ſchienen. Der Landrichter nahm neben dem hübſchen Mädchen Platz und ließ ſich angelegen ſein, frohgelaunt und aufmerkſam zu er⸗ ſcheinen. Er richtete viele ſeiner Fragen auch an Olaf, ſcherzte mit ihm über die Vorſchläge des Probſtes und ließ ihm deut⸗ lich und wiederholt merken, daß er ganz andere Abſichten mit ihm habe. Wenn ich in meinem Amte bin, ſagte er, brauche ich einen Gerichtsſchreiber, der mich vertreten kann, im Lande bekannt iſt, 7 die Menſchen und die Verhältniſſe verſteht und mein Vertrauen verdient. Solche Männer ſind ſelten, wie ich höre, und werden gut bezahlt. Ich denke nicht zu knickern und gehöre nicht zu denen, die ihr Silber ängſtlich in der Taſche feſthalten. Da giebt es denn für den Schreiber Sporteln und Taxen, die Andere für ſich behalten mögen.— Der Voigt ſagt mir, daß ein ſolcher Gehülfe der es verſteht, tauſend Spezies und mehr jährlich ſein nennen kann, wenn der Landrichter ihm nicht zu ſcharf auf die Finger ſieht. Nun, das iſt meine Sache nicht; leben und leben laſſen, iſt ein goldenes Wort. Aber Gerichtsſchreiber ſein iſt beſſer als Schulmeiſter, und ich meine auch beſſer, denn als Miſſionair um⸗ herzuwandern. Wir wollen es weiter bedenken, Holmböe, iſt es nicht ſo?— Deine Handſchrift gefällt mir, und der ganze Mann dazu, und wen ich ſchützen und werth halten will, dem ſoll Niemand einen Vorwurf machen. 7 Olaf erwiederte einige allgemeine dankende Worte, die Stu⸗ reſon für eine Zuſtimmung nahm und neue Scherze und lockende Verheißungen daran knüpfte.— So verging die Zeit, der lange Tag nahte ſeinem Ende, und nachdem der gaſtliche Kaufmann Alles gethan hatte, um ſeiner Gäſte Lob zu erwerben, fuhren Voigt und Pfarrer nach Haus mit dem eidlichen Verſprechen, nächſtens am Malanger Fjord den munteren Landrichter aufzuſuchen.— Sie nahmen die beſten Vorſtellungen von ihm mit; er hatte das rechte Weſen ſich geltend zu machen, und in ihren Geſprächen mit Hvaland hatte Jeder andere treffliche Eigenſchaften an ihm zu rühmen. Die gute Wirkung dieſer Uebereinſtimmung auf den Kauf⸗ 5* — 68— mann war wohl zu ſpüren. Lange noch ſaß er mit dem ſtattlichen Manne vor den ſilbergefaßten Kryſtallflaſchen, und Glas auf Glas wurde bei den luſtigen Geſprächen geleert. Chriſtie Hvaland war ein Mann, der mit vollen Gläſern umzugehen wußte, und ſo leicht Keinem wich; hier aber hatte er ſeinen Meiſter gefunden. Es nebelte ihm um Kopf und Augen, während Stureſon genau wußte, was er ſprach und that. Der Kaufmann erzählte viel und offenherzig. Er ſagte dem Landrichter zwanzig Mal, daß er ein Nachbar nach ſeinem Herzen ſei, der von ihm fordern könne, was er wolle, er würde es nicht verweigern. Ohne alle Vorſicht bot er ihm Geld an, wenn es ihm mangeln ſollte, und ließ Blicke auf ſein baares Vermögen thun, das, da im Weine die Wahr⸗ heit ſpricht, ſehr bedeutend ſein mußte Der Miſſionair hatte längſt ſein Kämmerchen aufgeſucht, auch Mary war gegangen, der Schulmeiſter hatte ſich verabſchiedet, als Voigt und Pfarrer ihren Heimweg antraten. Stureſon hatte ihn nicht aus den Augen gelaſſen und, bis er am Fjord verſchwand, ihn unabläſſig beobachtet; aber kein Blick, keine Geberde bezeugte irgend ein Einverſtändniß, kein Wort wurde zwiſchen ihm und Mary gewechſelt. Mit ſeiner ſtillen Unterwür⸗ figkeit und Sanftmuth ſtand Olaf immer beſcheidentlich von fern, bis ihm erlaubt war, ſich zu nähern, oder bis Einer ihn einer Frage würdigte. Der Druck, welcher auf ihm zu laſten ſchien, wich niemals, und ſelbſt ſeine Freundlichkeit hatte einen Anſtrich von ſchwermüthiger Trauer, die ſein jugendliches Geſicht mit dem Schatten tiefen Ernſtes bedeckte. Endlich war es Nacht geworden und Stureſon hatte Mühe, — 69— ſeinen Gefährten zum Aufſtehen zu bewegen. Die Hausgenoſſen⸗ ſchaft ſchlief; ſie überließ es nicht zum erſten Male ihrem Herrn, der Letzte zu ſein, der, nachdem er nochmals nach Feuer und Licht geſehen, ſeine Bettſtätte aufſucht.— Vor Dieben und loſen Geſellen war hier keine Vorſicht nöthig, überall im Lande ſchließt der Bauer oder Fiſcher ſeine Thür nicht zu, wenn er geht, und ſelbſt Hvalands Haus war nur durch einen Riegel geſperrt, den der Hausherr mit ungewiſſer Hand zuſchob und dann ſeine ſchwankenden Schritte vom lachenden Landrichter unterſtützen ließ, welcher ihn endlich glücklich in der Bettkammer ablieferte. Dies abgethan ſtieg Stureſon die Treppe hinauf, um leiſe wieder her⸗ unterzuſteigen. Er tappte in das Wohnzimmer zurück, öffnete ein Fenſter und ſtand im nächſten Augenblick außerhalb des Hauſes. Ein Strom kühler Luft wehte vom Meere herauf, und durch den tief dämmernden dunſtigen Himmel brach der Mond hervor und machte den Schatten am Hauſe dichter, wo Stureſon noch⸗ mals überlegte was er thun wollte. Möglich, daß das boshafte Thier mich belogen hat, murmelte er vor ſich hin, ja ich glaube es beinahe, denn welcher Kobold könnte es dahin gebracht haben, daß dies Mädchen, Stolz und Abkunft verleugnend, einem Lappen nachliefe?! Aber wenn es ſo wäre? Weiberherzen ſind Geheimniſſe, die Niemand ergründet.— Erzählt nicht ſchon Arioſt, murmelte er leiſe lachend, daß eine ſchöne Königin heimlich das Bett ihres jungen ritterlichen Ge⸗ mahls verließ, um einen ekelhaften Zwerg allnächtlich zu liebkoſen, der ſie ſchlug und biß, während ſie weinend ihm zu Füßen lag? Er ging langſam am Hauſe hin, und war mit wenigen — 70 Schritten im Schatten der Birkenbüſche an der Felſenwand. Hier ſtand er ſtill und betrachtete die Fenſter und die Ruhe des ſchlafen⸗ be den Hauſes. Kein Ton, der von Leben zeugte, kein Lichtſtrahl, B keine Bewegung. Leichte Nebel wälzten ſich vom Fjord auf und 1 wickelten den kleinen Grasplatz in feuchte Schleier. Auf keinen i Fall kann mir ein abkühlender Spaziergang ſchaden, ſagte er. Schlaf wohl, Du ſüßes verläumdetes Kind, morgen will ich d Buße thun und Deine friſchen Lippen küſſen. I So ging er zwiſchen den Gebüſchen fort und erreichte nicht bG ohne Gefahr endlich die hohe Klippe und die Stufen, welche hinauf führten. Einer jener Nebel die hier urplötzlich kommen und eben ſ ſo ſchnell wieder verſchwinden, deckte Waſſer und Land zu und A wirbelte über die Klippe zuſammen. Unten rauſchte das Meer ſe und klopfte an die ſteile Wand, welche ſenkrecht niederfiel. Stureſon ſ trat dicht an den Rand des Abgrundes, kreuzte die Arme und n hörte in die Nacht hinaus auf den hohlen Ton der Fluth, auf jeden fallenden Stein und auf das dumpfe Brauſen des Waſſer⸗ 1 falls in Olafs Thal. Der Nebel flog um ſein Geſicht und feuchtete ſein Haar, 3 während das Blut in ſeinen Adern feurig rollte, ſein Gehirn von der Maſſe der ſtarken Getränke brannte, die er genoſſen b hatte, und wilde Begierden aufſtachelte, welchen er mit wüſten l Sinnen nachhing. Mary ſollte ſein werden, Hvalands Geld wollte d er haben. Er rechnete zuſammen, was er damit thun könne, welche d Zukunft es ihm böte und an der ſchwarzen Felſenwand gelehnt, lautlos und leiſe athmend, öffnete ſich vor ſeinen Augen ein ſonnen⸗ volles Leben, vor welchen Nacht und Wildniß verſchwanden. 21— Endlich ſetzte er ſich in der Höhlung nieder, die Henrik ihm beſchrieben hatte. Es war ein Spalt in der Klippe, hinter der Bank in der Tiefe, wo er trocken ſaß und den ganzen Vorplatz überblicken konnte.— Er wollte nach Haus gehen und fluchte über den Schuft, der ihn hierher gelockt, dann wollte er noch ein paar Minuten warten und lachte über ſeine Einfalt, von einem Lappen genarrt zu ſein; doch ehe er ſeine Vorſätze aus⸗ führen konnte, ſchloſſen ſich ſeine Augen zu, er ſchlief auf dem harten Lager feſt ein. Lange aber mochte es nicht gedauert haben, als er von ſelt— ſamen Tönen aufgeweckt wurde. Im Traume kam es ihm vor, als höre er ein wunderbares Klingen, das ſüß und leiſe um ſeinen Kopf zog und in ſein Ohr drang. Bange klagende und ſanft verhallende Laute, bald raſcher, bald langſamer, lebhafter zuund heller und wieder, wie ein Hauch hinſterbend und erlöſchend. Und als er die Augen aufſchlug, glaubte er weiter zu träu⸗ men. Bewegungslos ſah er vor ſich hin. Der Mond ſtand hell am Himmel und beleuchtete glänzend die öde Felſenlandſchaft, die Klippe und ihren Vorſprung. Die düſteren Schatten der hohen Fiellen deckten die Bucht zu, während weiter hin ſich der ſilber— blitzende Schild des Meeres funkelnd ausdehnte. Hvalands Haus lag in der Tiefe, wie in Tageshelle, und an den nackten Spitzen der Berge von Senjenöen haftete ein röthlicher Schimmer, das erſte Schnauben aus den Nüſtern der Sonnenroſſe. Stureſon achtete jedoch auf nichts; ſeine Blicke hingen einzig nur an der menſchlichen Geſtalt, welche vor ihm auf und nieder ging. Es war Olaf, er erkannte jeden Zug ſeines Geſichts. Der — 2— Mond beſchien ihn in voller Klarheit und umleuchtete ſein ſchwarzes Gewand. Sein langes Haar war von dem ſchimmerden Lichte duftig eingefaßt, das daran niederrieſelte, den Kopf hob er hoch empor und ſeine blaſſen Lippen lächelten, während er der kleinen Geige in ſeinen Händen dieſe ſeltſamen und lieblichen Töne entlockte. Stureſon war erſtaunt und ergriffen von dieſem Anblick. Er blieb in dem Felſenwinkel ſitzen und beobachtete ſchweigend den nächtlichen Künſtler, der unheimlich, ſpukhaft ihn umkreiſte. Wie in den Sagen märchenhafter Zeit die Zauberer und Nornen auf wilden Klippen ſtanden und ihre Hexenlieder ſangen, ſo ſtand dieſer hier auf dem jähen Stein und ſchickte ſeine bebenden, abge⸗ riſſenen Töne in Nacht und Mondenlicht. Was trieb ihn dazu? War es Krankheit, ein ſchlafſüchtiges, unbewußtes Wandeln, oder riß ihn ein böſer Geiſt von ſeinem Lager und gab ihm dieſe weh⸗ und leidvollen Töne ein? Stureſon wußte nicht, ob er ſich einmiſchen, ob er warten ſollte, aber mit ſteigender Verwunderung hörte er zu, als Olaf immer ſüßer und verlockender ſpielte, als die Töne der kleinen Geige ſich zu Melodieen geſtalteten, und wie im Jubel aufzu⸗ jauchzen ſchienen. Plötzlich aber ſah er auf dem ſteilen Felſenwege am Fjord eine zweite Geſtalt raſch und leicht von Stein zu Stein ſpringen, und Olaf legte ſein Inſtrument auf die Bank, eilte zu den Stufen und ſtreckte ſeine Hände aus, die von warmen Händen gefaßt wurden. Stureſon richtete ſich in ſeiner Ecke auf, ſein Blut kochte, 1-— 3— ſeine Adern ſchwollen auf, es war Mary. Er murmelte einen furchtbaren Fluch in ſich hinein. Habe ich Dich gerufen, theure Herrin? ſagte Olaf bittend. Habe ich Deinen Schlaf geſtört?— Vergieb mir in Deiner Güte, ich habe Dir ſo viel zu ſagen. Du haſt mich nicht geſtört, erwiederte ſie. Ich wachte, weil ich immer an Dich denken mußte, und als Deine Geige zuerſt aus den Birkenbüſchen klang, ſtand ich hinter meinem Fenſter und erwartete Dich. Olaf führte ſie zu der Bank und Beide ſetzten ſich dort. Er hielt ihre Hände in den ſeinen und ſprach mit ihr dicht Ohr an Ohr ſo leiſe, daß Stureſon lange nur Weniges und Unzu⸗ ſammenhängendes verſtehen konnte. Zuweilen glaubte er ſeinen Namen zu hören, zuweilen leiſes Bitten und Seufzen, tröſtende und widerlegende Betheurungen. Er gab ſich die größte Mühe, um aufmerkſam zu lauſchen, und immer wilder kochte ſein Blut, immer glühender wurden die würgenden Blicke, welche er auf den verwegenen elenden Lappen heftete. Er ballte ſeine Fäuſte zuſam⸗ men und preßte ſie gewaltſam an ſeinen Mund, um ſich zum Schweigen zu zwingen. Jetzt aber ſtand Olaf auf und rief im bitteren Schmerze, indem er das Haar von ſeiner Stirn ſtrich: Hier ſteht es, hier ſteht es, theure Mary! Mag Nacht die Erde decken, mag Sonne und Mond ſcheinen, ſie ſehen es immer, die grauſamen Menſchen. Was habe ich ihnen gethan? Was treibt ſie dazu?— Daß ich der Sohn eines verachteten Volkes bin, das ſie vertrieben, beraubt und elend gemacht haben, das ſie täglich mit Füßen treten, ver⸗ höhnen und mißhandeln; alles das iſt ihnen nicht genug. Was ich thun mag, um gut zu ſein, wie ich ſtreben mag nach ihrer Achtung, nichts iſt mein Loos als Hohn und Schmach und Schande, denn ich bin ein Scheuſal, das der Verächtlichſte, Ge⸗ meinſte unter ihnen von ſich ſtößt. Und ich, Olaf, ich, ſagte Mary ihn zu ſich niederziehend mit bittender und zitternder Stimme, kann ich Dir nichts vergüten? O! Du biſt hingeworfen unter ſie, wie eine ſchöne Moos⸗ blume, die an der Felſenſpalte blüht, rief er leidenſchaftlich ſich auf ein Knie werfend. Du verachteſt mich nicht, Du ſiehſt mich an und ich ſchaue in Dein mildes Herz, wo Mitleid und Liebe wohnen.— Aber wohin, theure Mary, ſoll es führen? Wohin ſoll ich fliehen, um Dich von meinem Anblick zu befreien? Du ſollſt nicht fliehen, Olaf, erwiederte ſie, die Hand auf ihn legend. Und wenn ich bleibe, Mary. Allmächtiges Weſen in Deiner Himmelshöhe! was ſollen meine Augen ſehen, was ſoll ich an Trauer und Unglück dann ertragen?! Wo iſt Hoffnung, wo iſt Verſöhnung! Ja, Stockfleth hat Recht, ich habe nichts zu erwarten als ſchaamvollen Untergang, wenn ich nicht in Demuth die Hand küſſen will, die mich ſchlägt, nicht von mir werfen will, was mein armſeliges Daſein bis jetzt allein erträglich gemacht hat. Du haſt dem Probſt Alles entdeckt? fragte ſie leiſe. Ja, Mary, denn meine Seele lag in Todespein, war ſeine Antwort. Ich habe ihm Alles geſagt, was ich litt; habe ihm ge⸗ ſagt, daß mein einziger Troſt das ſüße Licht Deiner Augen ſei, daß ich athme, weil Du es ſo willſt. Und was hat er geantwortet? Du weißt es, ſagte Olaf. Er iſt gut und liebt uns, aber auch er kann nicht Steine in Brod verwandeln.— Da iſt keine Rettung, da iſt kein Heil, als in Entſagung, Flucht und Buße. Gott, der mein Herz ſo ſtolz und kühn gemacht, daß es zu Dir ſich erhebt, fuhr er fort, indem er die Hand zum Himmel aus⸗ ſtreckte, Gott ſoll verſöhnt werden durch Gebet und Demuth.— Mary, theure Mary, rief er dumpf und zitternd, zum letzten Male ſoll ich Deine Stimme hören, zum letzten Male Dich ſehen. Er will Dich fortnehmen— Du, ein Miſſionair! Nein, rief Olaf laut und hart, ich kann es nicht ſein. Wer iſt ſein Gott, daß er mich zertritt? Wo iſt ſeine Liebe, ſeine Ge⸗ rechtigkeit, ſeine Güte, die ich preiſen ſoll?— Ich habe nichts als Schmach erfahren. Verflucht wie ich es bin, ausgeſtoßen, ein elendes Weſen, mag ich kein Verkündiger ſeines Wortes werden. Ol frevle nicht, ſeufzte Mary und ihre Arme um ihn ſchlagend ſetzte ſie hinzu. Olaf, mein Freund, ich liebe Dich ja, ich will nie von Dir laſſen. Du, ſagte er, und ein dämoniſches Feuer leuchtete aus ſeinen Blicken, auch Du wirſt von mir weichen; ſie werden Dich dazu zwingen. Der wüſte Mann, der geſtern den Fuß in Deines Vaters Haus geſetzt hat, lauert auf Dich, wie der graue Wolf an den Seitas meiner Heimath, wenn in den heiligen Steinen ein zittern⸗ des Geſchöpf ſich verirrt hat. Ich mag ihn nicht, er iſt mir verhaßt, flüſterte ſie ängſt⸗ lich bittend. Du mußt ihn mögen, erwiederte Olaf verzweifelnd. Ich — 6— habe es in Deines Vaters Auge geleſen, und in den ſeinigen ſah ich Dein Verderben.— Er, der gewiſſenloſe, gierige Mann, der hergekommen iſt, wie der Voigt heimlich ſagte, weil er im Süden nicht mehr zu dulden war, dem Sünde und Gewalt aufgeprägt ſind mit allen Zeichen: er wird Dich in ſein Haus ſchleppen, und ich, Mary, ich werde draußen in der Nacht ſtehen und ihn lachen hören, wenn Du weinſt. Nein, Olaf! O, mein Gott!— Nein, nein! Ja ja! rief er heftig. Ich höre ſein Hohngelächter, aber wiſſe, ich will mit meinem Leben Dich beſchützen. Dul! ſchrie Stureſon mit ſeiner rauhen tiefen Stimme, außer ſich vor Wuth von dem, was er hörte, und mit einem Sprunge war er aus dem Spalt.— Was willſt Du, Kobold! Du lappiger Hund! D T u Wurm! Du Seine fürchterliche Hand ſchnürte ſich um Olafs Kehle feſt, der vergebene Anſtrengungen machte ſich zu befreien. Er war kräf⸗ tiger, als ſeine ſchlanke, ſchwächliche Geſtalt es anzeigte, aber wie von Berſerkerwuth ergriffen, faßte ihn Stureſon und riß ihn mit ſich fort. Eine Minute lang entſtand ein verzweifeltes Ringen, vom verglimmenden Mondlicht beleuchtet. Noch einmal ſah dann der Sieger in das Geſicht ſeines Opfers, das dunkelroth mit weit offenen Augen ihn anſtarrte, und über den Klippenrand warf er den ſtrauchelnden Körper von ſich ab in die ſchwarze Tiefe. Er hörte das Waſſer aufrauſchen von dem ſchweren Fall, dann ein dumpfes Geplätſcher, ein gurgelndes Stöhnen und nun die alte Stille.— Stureſon bog ſich tief hinunter, ſein Fuß zitterte, er hörte nichts⸗mehr. Liege bei den Grundhaien, ſie werden hoffentlich Dich nicht wieder los laſſen, ſagte er leiſe vor ſich hin. Ein ſchreckliches Lachen lief über ſein Geſicht; er wiſchte den Schweiß von der Stirn und ſah nach dem Mond auf, dem einzigen Zeugen ſeiner That. Dann wandte er ſich nach der Bank um, auf welcher Mary beſinnungslos lag. Raſch nahm er Geige und Bogen des unglück⸗ lichen Schulmeiſters und ſchleuderte ſie ihm nach, und nun erſt richtete er die Ohnmächtige auf, rieb ihre Schläfe, küßte ihre kalten Lippen, nannte ſie mit zärtlichen Namen, und deckte ſeine mörderiſche Hand auf ihr leiſe ſchlagendes Herz Nach mancher Bemühung erwachte das Leben wieder darin. Sie richtete ſich auf, und mit Schrecken um ſich ſchauend rief ſie Olafs Namen. Er iſt nicht mehr hier, ſagte Stureſon ſanftmüthig im ſtra⸗ fenden Tone. Und wohin iſt er? Was iſt ihm geſchehen? fragte ſie, die Hände faltend. Nichts iſt ihm geſchehen, erwiederte der Landrichter, und nichts ſoll ihm weiter geſchehen, ich ſchwöre es Ihnen, liebe Mary! Seien Sie ruhig, hier iſt nichts, was Sie erſchrecken könnte. Ich muß fort, murmelte das junge Mädchen, indem ſie auf⸗ zuſtehen verſuchte. Wir müſſen beide fort, ſagte Stureſen, denn der Tag will anbrechen, aber hören Sie mich einen Augenblick, Mary.— Ihr edles Herz hat Sie hierher geführt aus Mitleid für die Klagen eines Thoren, der mit dem kindiſchen Hochmuth, welcher das Erbtheil ſeines Volkes iſt, ſich überſchätzt. Ich Miß, daß dieſer 78 Edelmuth allein Sie zu einem Schritte verleiten konnte, der, wenn er bekannt würde, Sie dem Spott der rohen Menge ausſetzte und Ihrem Vater die tiefſte Wunde ſchlüge. Mein Vater! flüſterte ſie mit erlöſchender Stimme. Er wird nie etwas davon erfahren, fuhr Stureſon fort; nie, ſo wahr ich lebe und mit treuer Freundſchaft Ihnen anhänge!— Und nun geben Sie mir Ihre Hand, liebe Mary, wir wollen kein Wort mehr darüber ſprechen. Olaf wird ſich abgekühlt haben; er hat Recht, Sie auf immer zu verlaſſen, und hoffentlich hält er ſeinen Entſchluß, Sie nicht wieder zu ſehen, oder doch dann erſt— wenn Alles ſich erfüllt hat, ſagte er leiſe. Willenlos folgte Mary, als er ſie die Stufen hinabführte und auf dem Wege zu ihres Vaters Haus leiſe Betheuerungen und Verſprechungen ihr zuflüſterte.— Die graue Röthe des Tages erhellte ſchon den Vorplatz und kämpfte mit dem verblaſſenden Mond, als ſie die Thür erreichten. Gute Nacht, Jungfrau Mary, flüſterte Stureſon lächelnd. Glauben Sie, daß ich Ihr beſter Freund bin, mag mein Viid nicht ganz in Ihren Träumen fehlen. Mary zog ſich eilig zurück und Stureſon ſchloß die Thür und das Fenſter, welches er früher geöffnet hatte; dann ſtieg er in ſeine Kammer hinauf und warf ſich auf ſein Bett, wo er bald feſt einſchlief. IV. Am nächſten Morgen trat der Landrichter ſeine Reiſe an, und Niemand wäre im Stande geweſen, ein Zeichen der Vorgänge dieſer Nacht an ihm zu entdecken. Er war heiterer, als er je ge⸗ weſen, und ließ es an Scherz und Luſtigkeit nicht fehlen, als er mit Hvaland beim Frühſtück ſaß. Der Kaufmann ſchien ſeinerſeits in nicht geringerer guter Laune zu ſein, und bis das Boot bereit lag, das den werthen Gaſt nach Lenvig bringen ſollte, wurde das Freundſchaftsver⸗ hältniß der beiden Männer durch manchen guten Trunk nochmals beſiegelt. Mary ließ ſich nicht blicken; eine der Mägde des Hauſes ſagte aus, daß die Jungfrau an Kopfweh und Hitze leide und deßwegen nicht aufgeſtanden ſei. Chriſtie Hvaland rieb ſich dabei nach ſeiner Gewohnheit die Naſe und lächelte ſchlau nach dem Landrichter hinüber.— Bah! rief er, werdet ſie wohlauf finden, Stureſon, wenn Ihr wieder kommt. Mädchen haben ihre Launen. Mag ſein, daß Mary zu ſpät ſpazieren ging und von zu ſtarker Erhitzung eine Erkältung davon trug, oder, wenn es nicht wahr iſt, daß ſie wenigſtens ſo ſagt. Stureſon blickte ihn prüfend an, der Kaufmann nickte ihm ſchelmiſch zu. Nu, rief er, laßt es gut ſein, Mädchen ſind Mäd⸗ chen, jede will ihre Zeit haben. Kommt, ſo bald Ihr könnt, und wir wollen weiter reden. Das Boot ſchwamm den langen Sund hinab, der nach Lenvig führt, und zum letzten Male fiel Stureſons Auge auf die hohe Klippe in der Tiefe der Bucht, den Schauplatz ſeiner raſchen That. — Er ſtarrte eine Minute lang darauf hin, dann wandte er ſich ab und ſah ins Waſſer.— Der Narr, murmelte er vor ſich hin, wer kann dafür, daß er verunglückte? Aber gut, daß der heilige — 80— Stockfleth mich nicht mehr beläſtigte, er wird ſeinen frommen Schüler lange ſuchen können. Damit war das Selbſtgeſpräch abgethan. Stureſon ſtreckte ſich auf das Lager von friſchen Birkenreiſern aus, das am hin⸗ teren Ende des Bootes nach der Sitte für ihn als Ruheplatz bereitet war, und rauchte behaglich, mit den Schiffsleuten plau⸗ dernd, bis die Kirche von Lenvig erreicht war.— Hier am Aus lade- und Kaufplatz waren mehrere angeſehene Männer aus der Umgegend verſammelt. Der Voigt von Lenvig lud ihn in ſein Haus, und nach den üblichen Höflichkeiten und Bewirthungen warteten ein paar Pferde, welche auf ihren Packſätteln die Reiſe⸗ koffer des Landrichters trugen, um ſie über die felſige Halbinſel am Malanger Foord zu ſchaffen. Ein anderes Pferd trug Stu⸗ reſon, das Boot aber ging mit den größeren Kiſten weiter, der Yacht nach, die, wie der Sorenſkriver zu ſeiner Zufriedenheit er⸗ fuhr, in letzter Zeit mit ſeiner Habe beladen durch den Sund ge⸗ fahren war und vor ſeinem Hauſe Anker geworfen hatte. Nach einem zweiſtündigen Ritte über hohe Felſen und durch enge Felſenſchluchten lag der Malanger Fjord vor Stureſon. In /—₰ der Tiefe einer nach Oſten laufenden Bucht wurde ihm das lange röthliche Haus gezeigt, unter deſſen Dache er wohnen ſollte. Die Küſte war grün und flachte ſich lieblich ab. Ein ganzer Wald⸗ ſtreif von hohen Bäumen lief wie ein Gürtel an den Fiellen hin, und zeigte, daß Holz in Fülle vorhanden ſei, und daß es Schutz vor den rauhen Winden habe. Ein paar ſchöne Bäche ſtürzten durch dies Waldgebiet und funkelten darin wie glänzende Schlan⸗ gen, bis ſie in donnernden Sätzen und Fällen von der letzten 2* — 81— ſteilen Höhe ſprangen und nun ſanft dem großen Meerbuſen zu⸗ ſtrömten.— Zwiſchen dieſen Bächen lag die Wohnung des Land⸗ richters; zu beiden Seiten war Anbau, lagen Koloniſtenhäuſer und Fiſcherhütten; aufſteigender Rauch aus entfernteren größeren Wohnungen und Pfahlwerke in verſchiedenen Buchten, aus denen die Maſten mehrer Nachten ragten, kündigten Handelsſtellen und Kaufleute an.— Der mächtige Fjord mit ſeinen zahlreichen, tief ins Gebirge dringenden Armen bereitete ſonnenblitzend ſich bis in weite Ferne aus, und wer dies ſchöne Panorama von Wald, Fels und Meer ſah, dieſe klaren, blauen Waſſer und dieſe grünen, ſaftigen Flächen, der hätte ſchwer glauben mögen, daß dies Alles meiſt acht Monate lang unter Schnee und Eis be⸗ graben liegt, Stureſon ſelbſt fand ſich überraſcht, und je mehr er ſich der Küſte näherte, um ſo mehr erheiterte ſich ſein Geſicht. Da waren Gärten, die ſein Haus umringten, da ſah er Blumen blühen und Bäume ſtehen, da entdeckte er eine Art Glashaus, das ſein fleißiger Vorgänger angelegt und mit Mühe und Koſten erhalten hatte. Kleine bebaute Felder ſchloſſen ſich dem Garten⸗ raume an. In einem gehegten Plätzchen blühten Erbſen, in einem anderen war der Roggen hoch aufgeſchoſſen; hohe Brombeer⸗ und Himbeerhecken miſchten ſich mit Stachel- und Johannisbeeren, und vor dem Hauſe ſah er ſchon einen Theil ſeiner Mobilien aus der Nacht, die dicht am Bollwerk lag, herausgeſchafft ihn erwartend. Den ganzen Tag über und die folgenden hatte er vollauf zu thun, um die erſten Einrichtungen zu treffen. Er fand das Mügge, der Schütz von Senjenoe 6 — Haus, wie Hvaland es ihm beſchrieben, ſehr geräumig und wohn⸗ lich. Die doppelten Balkenwände waren feſt und in beſter Ord⸗ nung; bald kamen aus Lenvig und Tromſöe einige Arbeiter, welche nach Stureſons Anordnungen änderten und beſſerten, was er wünſchte. Er hatte Tapeten mitgebracht und ließ die beſten Gemächer damit neu bekleben, und als er mit bunten Decken die Fußböden belegte, Bilder in Goldrahmen an die Wände hing, ſeine neuen Möbel, Spiegel, Sophas und weiche Armſtühle auf⸗ ſtellte, waren die Leute überzeugt, der König in Stockholm könne nicht ſchöner und ſtolzer wohnen, wie ihr Richter am Malanger Fjord. Stureſons raſche Thätigkeit zeigte ſich auch bald in der Art, wie er ſeine Geſchäfte ergriff. Ein Landrichter in dieſem wenig bewohnten, ausgedehnten Lande kann nicht ſtill ſitzen und warten, bis die Rechtſuchenden zu ihm kommen. Er muß reiſen bald dahin, bald dorthin, bald über wilde Gebirge, bald über wildes Meer. Der Landrichter am Malanger Fjord hatte auf zwanzig Meilen Gericht zu halten und Recht zu ſprechen, und dies that er mit überraſchender Geſchwindigkeit. In wenigen Tagen beſaß er Pferde und Boote, hatte er Ruderer und Diener, Haus⸗ leute und Mägde gemiethet.— Er knickerte nicht um Lohn, aber er befahl kurz und ſtreng, und verlangte ſchnellen, pünktlichen Gehorſam. Nun fuhr er zwei Wochen lang nach allen ſeinen Gerichts⸗ ſtellen und überall hinterließ er den Ruf, daß er ein Mann ſei, dem der Hut feſt auf dem Kopfe ſitze und der auf ſeinen Beinen zu ſtehen wiſſe. * A 46 8 Alle Geſchäfte wurden ſchnell abgemacht, was liegen geblie⸗ ben war, aufgeräumt. Der große, kraftvolle Mann mit ſtolzen, ernſten Blicken und gewaltiger Stimme war ganz geſchaffen, um Furcht vor ſeiner Weisheit zu erwecken und einen Salomo dar⸗ zuſtellen. Die reichen Kaufleute und Landbeſitzer fanden jedoch den Landrichter ebenfalls meiſt nach ihrem Sinne, denn in ihren Häuſern und bei ihren Feſten war er ein munterer Geſellſchafter, der mit Verſtand von allen Dingen zu ſprechen und viel zu er⸗ zählen wußte. Daß er aus alter Familie war, Verwandte hatte, die im Storthing ſaßen und im Staatsrath mitſprachen, vermehrte ſein Anſehen, und Stureſon ſelbſt beſaß etwas in ſeinem Weſen, das nicht leicht eine derbe und dreiſte Gleichſtellung aufkommen ließ. Mit wem er auch trinken und ſcherzen mochte, er hielt eine Kluft offen und vergab ſeinem Anſehen und„ſeinen Anſprüchen ſo leicht nichts. Bei ſeinen Reiſen war er mehrmals auch in der Nähe von Hvalands Beſitzung geweſen, allein er war vorüber gefahren, ohne einen Beſuch zu machen, der ſeinen Berechnungen nach noch nicht an der Zeit war. Er hatte gehört, daß der Miſſionair noch immer dort verweile, und fühlte eine innere Scheu, mit Stockfleth zu⸗ ſammenzutreffen; auch wollte er Mary Zeit laſſen, in Einſamkeit Troſt und Beruhigung zu finden, endlich aber war er gewiß, daß, je länger er zögere und je mehr der Kaufmann von ſeiner eifrigen Amtsführung höre, um ſo höher auch ſeine Zuneigung ſteigen werde. Inzwiſchen ſammelte er bei ſeinen neuen Bekanntſchaften, 6* —&— Nachrichten über Chriſtie Hvalands Umſtände, und was er ver⸗ nahm, war lockend genug.— Daß Chriſtie einer der ſchlaueſten ſei, die je mit den Herren in Bergen und mit Lappen und Quänern gehandelt, wurde ihm eben ſo wohl geſagt, wie, daß er ſeine Taſchen voll habe. Männer, denen Glauben zu ſchenken war, ſchätzten ſein Vermögen wenigſtens auf zweihundert tauſend Spe⸗ zies, und Stureſon fand es höchſt lächerlich und abgeſchmackt, daß ſo viel Geld auf einer öden Klippe von einem ſchmutzigen, nach Thran ſtinkenden Krämer aufgehäuft werde, der auf dem goldenen Segen brüte, ohne ihn je wie ein Mann von nur einigem Geiſt und Geſchmack zu genießen. Um Stockfiſch, Heringe und Rennthierfleiſch zu verzehren und mit jämmerlichem Punſch oder Grog hinunterzuſpülen, brauchte er nicht Hunderttauſende zu beſitzen. Der Landrichter lag in man⸗ cher Nacht und bei ſeinen Reiſen in mancher ſtillen Stunde und dachte darüber nach, was er beginnen würde, wenn das Alles ſein wäre. Endlich ſchien es ihm an der Zeit zu ſein, ſeinen Freund am Senjenöe⸗Sund aufzuſuchen, und eines Morgens trug ſein muthiges Gebirgspferd ihn vom Malanger Fjord quer durch die Felſenkämme nach vier harten Stunden vor Hvalands Haus.— Chriſtie war voll Freude als er ihn ſah, und beantwortete ſeine Entſchuldigungen ganz ſo, wie Stureſon es erwartet hatte. Habe von Euch vernommen, Landrichter, ſagte er, ſeid ein Mann, wie er ſein muß. Erſt die Arbeit, dann die Freunde. Hab's eben ſo gehalten all' meine Tage und bin gut dabei ge⸗ fahren. Sind des Lobes voll, die Euch kennen, denn Ihr gehöͤrt 1 zu denen, die nach allen Seiten ausſchlagen und Jeden in Reſpect halten.— Jetzt aber ſeid willkommen an meinem Herde; es wird eine Freude ſein für Mary, wenn ſie Euch braun und froh wie⸗ derſieht. Wo iſt die Jungfrau? fragte Stureſon. Werdet Sie ein wenig blaß finden, lachte der Kaufmann. Weiß nicht, was Ihr fehlt, aber ſeit Ihr fort ſeid, iſt eine Ver⸗ änderung mit ihr vorgegangen. Es ſchmeckt ihr nichts, ſie ſitzt und ſinnt, und ſeufzt und weint.— Er lachte laut auf und machte ſein pfiffiges Geſicht, indem er Stureſon ſpöttiſch und vertraulich anblinzelte. Wir müſſen es verſuchen, ihr die rothen, friſchen Wangen wieder zu geben, ſagte dieſer. Thut's im Namen Gottes! rief Chriſtie, und denkt, es ſoll Segen dabei ſein.— Ei ja, wir ſind ſeit einiger Zeit allein, fuhr er dann fort. Der Schulmeiſter Olaf Holmböe iſt von dem Tag an fort, als Ihr uns verließet. Es wird ihm doch kein Unglück zugeſtoßen ſein? ſagte der Landrichter. Unglück, lachte Hvaland; was ſoll ein Menſch für Unglück haben, der nichts beſitzt als eine alte Geige, ein altes Gewehr und ein halbes Schock alte Bücher!— Die Geige hat er mitge⸗ nommen, die Flinte dazu; ſo läuft er wohl jetzt in Felſen und Sümpfen umher und ſpielt den Rennthieren ſeine Lieder vor. Schade aber doch, daß er nicht hier iſt und uns Schnepfen, Tios, Schnee⸗ oder Birkhühner ſchießt. Iſt eine gute Zeit dazu. Und wo iſt der Probſt? fragte Stureſon. — 86— Der hat den Jungen geſucht eine ganze Woche lang und hat Wanderungen gemacht und Boten ausgeſchickt, bis zu den Lappen, die ihre Thiere am Altenſtrom und um Karesjok weiden. Endlich iſt er ſelbſt voll Sorge an den Lyngenfjord gereiſt und irgendwo wird er ihn endlich wohl auffinden. Wer weiß es, murmelte der Landrichter. So mag das Unſal laufen, wie Saltens Voigt, bis ans Ende der Welt, rief Hvaland. Aber hier nehmt Euer Glas, Stureſon, und da kommt Mary vom Waſſer her. Es giebt nicht weit von hier eine Klippe mit einer Art Bank von Stein; dort ſitzt ſie oft, ſeit Ihr nicht hier ſeid. Ich meine, Ihr kennt die Bank, und habt ſchon einmal dort geſeſſen. Mit herzlichem Gelächter ſtreckte er ſeine Hand über den Tiſch fort und Stureſon ſchlug ein. Er war nicht zweifelhaft darüber, was Chriſtie wußte und meinte. Nach einiger Zeit kam Mary, und Stureſon fand ſie wirk— lich verändert. Ihre Geſundheit ſchien angegriffen zu ſein, ihr Geſicht war länger und magerer. Beim Anblick des Landrichters bedeckte freilich glühende Röthe ihre Stirn und Wangen, und plötzlich ſchien ſie eine Frage thun zu wollen, die ihr auf den Lippen wieder zerrann.— Stureſon ſprach lange und theilnehmend mit ihr. Er war ſo mild und freundlich, und der Ton ſeiner Stimme ſo einſchmeichelnd, als habe ſich ſein ganzes ſtolzes Weſen umgekehrt. Mary mußte ſeine Klagen hören, wie er täglich an ſie gedacht, ohne zu ihr eilen zu können, und wie gern er ge⸗ kommen ſein würde, wenn Pflicht nicht ſtärker wäre, als aller Wille. Dann erzählte er von ſeinem Hauſe, von ſeinen Einrich⸗ — 8&— tungen und Verbeſſerungen, und mit der Wahrheit miſchten ſich geſchickt ſeine Prahlereien, ſeine Einladungen und Bitten. Den ganzen Tag über war Stureſon unermüdet in ſeinen Aufmerkſamkeiten, und Mary mußte es ihm hoch anrechnen, daß er mit keiner Silbe ſie an jene nächtliche Scene erinnerte, die ihre Seele mit Grauen und Scham füllte. Sie ſelbſt wagte es nicht, Olafs Namen auszuſprechen. Er hatte ſie verlaſſen, ſie wußte am beſten warum. Er hatte ihr ja ſelbſt geſagt, daß er hoffnungslos und verzweifelnd fliehen müſſe, ohne Stockfleths Vorſchläge anzunehmen; aber ſchmerzhaft krampften ſich ihre Ner⸗ ven zuſammen, wenn Stureſon ihre Hand nahm, und ihre Augen wandten ſich ſcheu ab, wenn ſeine feurigen Blicke auf ihr ruhten. Immer fiel ihr ein, was Olaf von dieſem Wolfe geſagt hatte, der zum Lamme geworden war. Ein ohnmächtiges Gefühl über⸗ kam ſie, wenn ſie ſeine Stimme hörte und ihr Vater ſein pfiffiges Geſicht machte. Am nächſten Morgen kam es zur vollen Erklärung zwiſchen Stureſon und Hvaland. Der Landrichter hielt um Mary an, der Kaufmann ſagte ſie ihm mit Freudigkeit zu.— Sollt ſie haben, rief er, hat die geſegnete Stunde mir lange ſchon vorgeſchwebt, und vom erſten Tage an, wo ich Euch ſah, Stureſon, kam der Gedanke in meinen Kopf, ihr müßtet mein Schwiegerſohn werden. Komm her, Mary, komm her, mein Kind, fuhr er dann fort, als ſeine Tochter hereintrat, ich weiß jetzt das rechte Mittel, Dich geſund zu machen. Sollſt Lars Stureſons Frau werden und in Holmböe's Hauſe am Malanger Fjord wohnen, wo es Dir immer ſo gut gefallen hat. — 88— Nein, Vater, nein! rief Mary zitternd, als er ſie feſt hielt und Stureſon zuführte. Mit heftiger Anſtrengung wand ſie ihre Hand los. Nicht? ſchrie Chriſtie, nicht, Mädchen! Hör auf mit Deinem Gezier; als ob ich's nicht wüßte, wie es unter dem Tuche da ausſähe. Du weißt nichts— nichts, Vater! ſagte ſie ihr Geſicht ſenkend. Potz Speer und Kreuz! lachte Hvaland, ich weiß nichts, meinſt Du? Weiß aber mehr als zu viel.— Hätte mit Dir einen Gang gemacht, Mädchen, der Dir wenig gefallen thäte, wenn es ein Anderer geweſen wäre, als Lars Stureſon, als Du mit ihm am Morgen heim kamſt. Sollſt es wiſſen, Mary, daß ich damals am Fenſter ſtand. War aufgewacht, als ob es Einer mir ins Ohr geſagt: ſieh hin, Chriſtie, wie's Deine Tochter treibt. Ei, närriſches Kind! fuhr er fort, als Mary ſchamvoll ihre Hände aufhob, habe ja nichts dagegen, und iſt auch keine übermäßige Sünde dabei, mit dem Manne, den man in's Herz ge⸗ ſchloſſen, eine Sommernachtſtunde einſam zu verplaudern. Aber was in der Finſterniß geſchehen iſt, ſoll nicht länger geläugnet werden beim Sonnenſchein.— Gottes Segen auf Dein Haupt, meine Mary. Deines alten Vaters Segen über Dich! Machſt ihn glücklich, Mädchen, froh und glücklich, daß er Dich in ſolchen Armen ſieht. Stureſon war nahe herangetreten und hatte Mary an ſeine Bruſt gezogen. Er ſprach kein Wort zu ihr, er küßte ihre Hände, ——— — — 89— ihre Stirn, ihre Lippen und ſeine Augen blickten mild und bittend in ihr verſtörtes Geſicht. Vertraue mir, theure Mary, ſagte er, ich will Dich heiß und zärtlich lieben und Dein Leben ſo ſchön machen, wie ich es immer vermag. In meinem Hauſe nicht allein, in meinem Herzen ſollſt Du als Herrin allein ſchalten, all mein Glück auf Erden und meine Freude will ich ber Dir ſuchen. Hvaland war entzückt von dieſen Betheuerungen, er umfaßte ſie Beide, drückte und küßte ſie, und hatte keinen Sinn dafür, daß Mary leidend ertrug, was zu ändern ſie keine Kraft beſaß. — In wenigen Minuten hatte Chriſtie ſein ganzes Hausgeſinde herbeigerufen und ihm mitgetheilt, daß Jungfrau Mary Land⸗ richter Stureſons Braut geworden ſei; in einer Viertelſtunde wußte es der ganze Gaard und alle ſeine Anwohner.— Viele kamen um Glück zu wünſchen; der Eine drängte den Anderen; Hvaland hatte genug zu thun, die Gläſer zu füllen und die guten Wünſche zu erwiedern, welche auf das Heil des Brautpaars reich⸗ lich dargebracht wurden. So gingen die erſten Stunden geräuſchvoll vorüber und Stureſon ließ Mary keine Zeit ſich zu beſinnen.— Es war zu ſpät! das fühlte ſie mit jeder Minute mehr, und was hätte ſie auch ſagen können? Sie war in der Gewalt des Mannes, der, wenn ſie ihn zurückwies, Dinge erzählen konnte, die ihres Vaters jähzornigſte Wuth aufwecken mußten. Sein ganzer Ehrgeiz hing an dieſer Verbindung, ſein ganzer Stolz war verwachſen mit dem Gedan⸗ ken, Stureſon ſeinen Schwiegerſohn zu nennen, der den Neid von — 90— Tromſöe bis Bodöe rege machte, und deſſen vornehme Sippſchaft ihm heimlich eben ſo wohl zuſagte, wie der ſtolze, gewaltige Land⸗ richter ſelbſt. Stureſon wandte alle ſeine Sanftmuth und alle Ueberredungs⸗ künſte an, um Mary heiter zu ſtimmen und die Furcht zu zer⸗ ſtreuen, welche ſie ſo ſichtlich beherrſchte. Es gelang ihm im Laufe des Tages wenigſtens in ſo weit, daß ſie, in Unvermeid⸗ liches ſich ergebend, geduldig anhörte, was er verſprach und bat, ſeine frohen Blicke mit einem ſchwachen Lächeln erwiederte und ſich anſtrengte, ihr inneres Widerſtreben zu überwinden und den Zukunftsträumen zu folgen, welche Stureſon ihr mit luſtigen Farben ausmalte. Er ging mit ihr durch das Gärtchen und auf dem Raſen⸗ grund des Gaards umher, und zeigte ihr die Zukunft ſo glänzend, daß ſie Freude daran haben mußte. Der Malanger Fjord mit ſeinen wilden Bergen verſchwand vor den Reiſen, die er mit ihr machen wollte. Sie ſollte Deutſchland ſehen, Frankreich, Paris, in Italien ſich ſelbſt Orangen pflücken, und wenn ſie dann auch zurückkehrte, ſo war von Zeit zu Zeit immer wieder eine Reiſe nach dem Süden im Ausſicht geſtellt. Stureſon ließ die Abſicht durch⸗ ſcheinen, daß er überhaupt nicht Willens ſei, ſein Leben in dieſen Einöden zu beſchließen. Er ſprach von ſeinem väterlichen Gute in Mandals⸗Amt, beſchrieb die alten Eichen und Buchen, welche ſich über deſſen Dach neigten, und die Reize des alten Sitzes ſeiner Familie mit verlockendem Feuer. Dazwiſchen miſchten ſich ehrgeizige Entwürfe. Es würde ihm nicht ſchwer ſein, meinte er, ein Storthingmann zu werden; er ſei aus dem Holze, wo Staats⸗ 4 männer und Führer gemacht würden, und ſeine mächtigen Freunde bildeten eine Partei, auf welche er rechnen könnte. Hvaland begriff das beſſer, wie ſeine Tochter, und während er in Gedanken rechnete, was beſſer ſei, ein Schwiegerſohn als Richter am Malanger Fjord oder als Staatsrath in Chriſtiania, oder wohl gar als Miniſter in Stockholm, hörte Mary nicht ohne Theilnahme zu, was ihr Bräutigam von den geſellſchaftlichen Kreiſen der Hauptſtadt erzählte, und wie bald man in wenigen Tagen dahin gelangen würde, wenn die Dampfbootverbindung eingerichtet ſei, zu der er aus allen Kräften helfen werde. Alles, was Stureſon ſprach und als gewiß darſtellte, mußte angenehme Gefühle erregen, und wer Mary am Arme des ſtol⸗ zen Mannes gehen ſah, konnte nicht umhin, ſie glücklich zu preiſen. — Am Nachmittage kam, wer irgend in der Nähe zu haben war. An Voigt und Pfarrer hatte Chriſtie Boten geſandt, und Abends bei Tiſche fand eine feierliche Proclamation der Verlobung ſtatt, zu welcher auch die Fiſcher, Gaardleute und Koloniſten ſich ein— fanden, denn Hvaland ließ ſchmauſen und trinken, wer kommen und nehmen wollte. Es war zu Ende Auguſt, die Sonne machte höhere Kreiſe und tauchte tiefer ſchon ins Meer hinab, um ſpäter wieder auf⸗ zuſtehen. Erhitzt von Wein und ſeinen Gedanken ging Stureſon, als die Dämmerung anbrach, an den Fjord hinaus; er wollte allein ſein, um einige Minuten lang ſich ſelbſt zu gehören.— Er hatte nun Alles erreicht, was er wollte, Mary und ihr Geld waren ſein, aber Hohn und Verachtung kämpften in ſeinen Zügen, als er die Felſen hinaufſtieg und zurückdachte.— Die Geſellſchaft, — 92— aus der er entkommen war, ekelte ihn an, und ſelbſt das Mäd⸗ chen, der er Liebe und Ergebenheit heuchelte, war ihm zuwider. Ich muß es ertragen, murmelte er vor ſich hin, aber ich werde ſie abſchütteln wie der Bär die Bienen, wenn er ihren Honig geraubt hat, und mich wälzen, um ſie zu zerdrücken, ſo⸗ bald es nöthig iſt.— Große Ehre für mich, fuhr er dann lachend fort, dies alberne Ding, die einem Lappen ſich hingegeben, als meine Frau heimzuführen, mich in Artigkeiten und Schmeicheleien abzuquälen, um ihre zuckenden Finger zu erhalten, ihr Ohr zu betäuben, während ihr Herz kalt iſt, wie das Eis da oben.— Und dieſer Schwiegervater in den ſpeckglänzenden Lederhoſen— er lachte heftig auf— welch ein Anblick für meine luſtigen Freunde und edlen Verwandten in Chriſtiania!— Aber Geduld, Lars, Geduld, mein guter Junge. Hat er die Taſchen erſt aufgeknöpft, und bin ich da, wo ich ſein will, ſoll er einen anderen Ton hören. Ha, Henrik Janſen! rief Stureſon, ſein Selbſtgeſpräch unter⸗ brechend, als er um einen mächtigen Stein biegend den Koloniſten gerade wie damals am Strande bei ſeinen Netzen ſah.— Der Böelappe ſchwenkte ſeinen Glanzhut, grinſte hinauf, machte ſeine Kapriolen und winkte ihn zu ſich herunter. Was ſoll's? fragte der Landrichter beluſtigt. Mein theurer Freund, komm herauf, wenn es Dir beliebt. Habe Euch etwas zu ſagen, wohledler Landrichter, rief der Koloniſt leiſe herauf. Und warum biſt Du nicht bei Deinen Genoſſen auf Hva⸗ lands Hausplatz? fragte Stureſon über das Geröll ſteigend, ißeſt t — von ſeinem Roggenbrot und Hammelfleiſch und trinkſt ſeinen Whiskypunſch zu meiner Ehre? Weil ich nicht will, erwiederte Henrik ſeine verkehrten Augen umdrehend, indem er den Arm in die Seite ſtemmte. Bin ein Mann, der auf ſeinen eigenen Füßen ſteht, wohne auf meinem Erbe und denke nicht daran, in Chriſtie Hvalands Vorflur mit ſchmutzigem Volke zuſammen zu ſitzen. Stureſon fand dieſen Hochmuth des kleinen Lappen ſehr be⸗ luſtigend. Das heißt, mein guter Freund Henrik Janſen, ſagte er, Du meinſt, ein Platz neben Pfarrer, Voigt und Landrichter würde ſich beſſer für Dich paſſen. Und warum denn nicht? fragte der Koloniſt. Ich will es nicht gerade heut von Euch fordern, Herr, aber künftig müßt Ihr mich einladen.— Er grinſte ihn boshaft an, als Stureſon ihn verächtlich betrachtete, drehte ſeinen Glanzhut herum und ſchlug mit der Hand auf den Deckel. Ihr werdet es thun, denk' ich, hochedler Landrichter, fuhr er fort, denn Ihr wißt wohl, daß ich es fordern kann. Du biſt ein Narr, Henrik, ſagte Stureſon, aber weshalb haſt Du mich gerufen? Weil ich Euch fragen wollte, erwiederte der Böͤelappe mür⸗ riſch, ob Ihr meine Sache bei dem Voigt betrieben habt? Welche Sache? Welche Sache? wiederholte Henrik. Habt ein kurzes Gedächt⸗ niß. Ich meine meine Anſtellung als Schulmeiſter, nachdem der Tagedieb fort iſt und niemals wiederkommen wird.— Er brach — 94— in ein leiſes heiſeres Gelächter aus und ſteckte ſeine Finger in den Mund. Was geht mich die Schulmeiſterei an, ſagte Stureſon. Sprich ſelbſt mit dem Voigt. Aber es iſt Wahrheit, Henrik Janſen: biſt ein Mann, der zum Lehren ſo wenig taugt wie zum Lernen. Bleib bei Deinen Ackerſtücken und Netzen, ſteh' auf Deinen Füßen, ſo breit Du willſt, und laß mich in Frieden. Hehe! ſchrie der Böelappe, als er nach einem ſtarren Augen⸗ blick bemerkte, daß ſich der Landrichter entfernen wollte, beſinnt Euch wohl, ob's Recht gethan iſt.— Ich will Schulmeiſter werden! Habe geſchwiegen und werde ſchweigen, aber ich ſage es Euch ins Geſicht, ich will reden, wenn Ihr Euer Wort nicht haltet. Was willſt Du reden, Du armſeliges Geſchöpf? rief Sture⸗ ſon ſich verächtlich umwendend. Jungfrau Mary iſt meine Braut⸗ Beleidige ſie mit einem Worte und ich will Dir zeigen, wie Ver⸗ ſi läumder Deiner Art beſtraft werden. Will reden, erwiederte Henrik boshaft lachend, werde veden! und indem er die Hand nach der Klippe ausſtreckte, auf deren Vorſprung der letzte Strahl des rothen Sonnenlichtes fiel, fügte er mit wildem Grinſen hinzu: Seht hin, ob Ihr dort nichts ſeht! Sieht aus wie Blut— er ließ ſein heiſeres Lachen hören und ſchielte zu Stureſon hin, aus deſſen Geſicht alles Leben ent⸗ wichen war. Eine jähe Furcht ſchien den Böelappen zu ergreifen, als der Landrichter ihn mit Tigerblicken betrachtete. Er ſprang ſo ſchnell er konnte zurück und ergriff die Flucht; aber er erholte ſich von ſeinem Schrecken, als Stureſon gütig lachend ihn zurückrief. Ich ſage es Dir noch einmal, ſprach dieſer, Du biſt ein Narr, wenn Du aus einem freien Koloniſten ein Schulmeiſter werden willſt, dem Pfarrer, Voigt und Aufſeher Ver theilen und ihn fortjagen können, wenn es ſich zeigt, daß er ſeine Sache vernachläſſigt oder ihr nicht gewachſen iſt. Ich will's aber ſein, erwiederte Henrik halsſtarrig. Nun gut, ſo will ich Dir beiſtehen, ſagte der Landrichter. Verlaß Dich darauf, Du ſollſt es werden, wenn es angeht. rweiſe er⸗ und will mit Pfarrer Voigt und Lensmann an einem Tiſche ſitzen, rief Henrik trotzig. Sollſt an einem Tiſche mit ihnen ſitzen, ſagte Stureſon. Aber was ſprachſt Du von der Kli ippe dort? Was, meinſt Du, ſähe wie Blut aus? Nichts, nichts! ſagte der Lappe mit ſeinem häßlichen Grinſen. — Habe einen Traum gehabt von dem Hundeſohn Olaf, der ver⸗ flucht ſein ſoll. Träumte mir, er ſei da hinuntergeſtürzt und liege tief unten bei den Grundhaien. Hüte Dich, Henrik Janſen, vor ſolchen Träumen, wenigſtens vertraue ſie Niemandem, ſprach der Landrichter drohend. Du biſt ſein Feind geweſen, Jedermann weiß das. Leicht könnte der Glaube entſtehen, Deine Hand hätte ihn hinabgeſtoßen. Er ſtieg raſch die Uferhöhe hinauf und ließ den boshaften Lappen erſchrocken ſtehen.— Nach einigen Minuten war er wie⸗ der bei der Geſellſchaft, welche ſich inzwiſchen durch Frauen und Töchter der Nachbarn und Freunde Hvalands vermehrt hatte.— Stureſon war aufgeregter, liebenswürdiger und herablaſſender, als er je geweſen. Das Feſt gewann an Fröhlichkeit und Laune — 96— mit jeder Stunde, Scherz und Gelächter ſchallten durch die Nacht, und endlich wurde zum Tanz aufgeſpielt, der erſt endete, als die Morgenröthe am Himmel erſchien. V Der Landrichter kehrte nach drei Tagen erſt an den Malanger Fjord zurück, um ſein Haus mit allerlei neuen Einrichtungen zu verſehen, die ihn mehrere Wochen lang beſchäftigten. Er ließ ein paar Zimmer einrichten, welche ſeine junge Frau bewohnen ſollte, machte aus zwei anderen, die er ſchon glänzend hergeſtellt hatte, einen Saal, und kümmerte ſich nicht darum, daß Manches, was kaum fertig geworden war, dabei wieder zu Grunde ging. Um neues Material zu beſchaffen, fuhr er nach Tromſöe, wo er bei den Kaufleuten Decken, Geräthe und Tapeten auswählte, ſo koſt⸗ bar und ſchön er ſie erhalten konnte. Ueberall im Lande war inzwiſchen ſeine Verlobung bekannt geworden; wohin er kam, wurde er mit Glückwünſchen empfangen und noch viel freundlicher als früher begrüßt, denn Jedermann wußte, daß der reiche Hvaland nur die eine Tochter hatte.— Der hochfahrende Mann nahm alle dieſe Huldigungen als einen ſchuldigen Tribut auf, den er herablaſſend bei den Vornehmſten und Erſten durch eine Einladung an den Malanger Fiord ver⸗ galt.— Viele Gerüchte waren über die Pracht verbreitet, mit welcher Stureſon ſich umringt hatte. Die Arbeiter erzählten von Kronen aus Glas und Gold, von goldnen Leiſten, die um Thüre und Wände liefen, von glänzenden Möbeln aus ganz dunklem Holze, von großen Uhren unter Glasglocken und wunderbaren Stühlen und Tiſchen mit geſchnörkelten und geſchnitzten Beinen. Die Neugier auf dieſe Herrlichkeiten war um ſo größer, da Stureſon nicht der Mann war, ſie zu befriedigen. Er hielt ſein Haus verſchloſſen; die zu ihm kamen in Geſchäften, wurden in ſeiner Amtsſtube empfangen und konnten höchſtens bis in ſein Wohnzimmer gelangen, wo es freundlich und bequem, aber doch nicht übermäßig prächtig ausſah. Weiter zeigte er nichts, und ſein ſtolzes Weſen ſchnitt jede läſtige Zudringlichkeit ab. Endlich war er fertig mit dem letzten Pinſelſtriche, und nun ſollte Mary ſich daran ergötzen und erſtaunen. Von Zeit zu Zeit hatte Stureſon ſein Pferd ſatteln laſſen und war über die Halb⸗ inſel zu Hvaland geritten, der ihn immer ſehnſüchtig erwartete und glücklich war, wenn ſein ſtattlicher Schwiegerſohn kam.— Im Hauſe wurde fleißig genäht und große, glänzend beſchlagene Kiſten von braungefärbtem und mit Blumenguirlanden bemalten Holz ſtanden in Reihen auf der Diele. Sie enthielten den Leinen⸗ und Bettenſchatz, Kleider und Schmuck, welchen Hvalands Tochter ihrem Ehegemahl zubrachte. Daß für ſein Haus nicht weiter ge— ſorgt werde, hatte Stureſon dringend gebeten. Ich denke, hatte er geſagt, indem er Mary lächelnd umarmte und küßte, ſie iſt von beſcheidenem Sinne und wird mit meiner einfachen Häuslichkeit zufrieden ſein. Ich ſelbſt will nichts, als ſie allein, und wäre es nicht eine alte Sitte, ure hrwürdig aus der Vorväter Zeit, daß jede Braut in den großen bunten Kaſten, mit Mügge, der Schütz von Senienoe. 5 — 98— Meſſing beſchlagen, ihr Hochzeitsgut in die Ehe bringt, ſo würde ich es gänzlich ausſchlagen. Der kluge Landrichter hatte gut reden. Er wußte genau, welche 4 Ehrenſache es für Braut und Eltern iſt, die größten und meiſten Kiſten vollgefüllt mit Stoffen und Betten in das Haus des Mannes mitzunehmen. Wenn aber Hvaland auch geizig war, ſo war er es doch gewiß nicht, wo es darauf ankam, ſich als ein Matador im Land zu beweiſen. b Mary's Großmutter und Mutter hatten für ſie ſchon ganze Berge feiner Wäſche, ſammt Tiſchzeug und Leinen geſammelt, und keine Bergenfahrt hatte Hvaland gemacht, wo er nicht ein Stück holländiſch oder deutſches Leinen, Damaſt oder ſonſt Aehnliches 7 1 mitgebracht hätte. Stureſon erſtaunte, als er die Maſſe dieſer Vorräthe ſah, von denen das Meiſte ganz unberührt in ſeiner erſten Verpackung aufbewahrt wurde. Aber es war ihm noch viel lieber, als ſein Schwiegervater ihm erklärte, er möge ein ſtolzer Mann ſein, wie 9 d g 5 7 er wolle, das aber müſſe er geſtatten, daß Mary ihm jährlich eine Zubuße zur Wirthſchaft von zwei tauſend Spezies zubringe. Macht keine Umſtände, rief er, als Stureſon Einwendungen erhob, wie lange wird es dauern, und Alles, was ich beſitze, ge⸗ 6 hört Euch.— Ich kann's thun, und mehr thun, wenn Ihr es1 nöthig habt; denke aber, iſt genug für jetzt, und will zulegen, d wenn Enkel auf meinen Knieen ſitzen. Will's zuſammenhalten für 1 die; wenn ich es aber nicht erleben ſollte, ſo thut Ihr es für mich. Werdet mehr finden, als Ihr meint. — 99— Mit dieſer frohen Gewißheit war Stureſon das letzte Mal heimgekehrt, und als er jetzt über die Berge ritt, gefolgt von einem Diener, der einen ſchönen nordiſchen Bergpony an der Leine führte, überdachte er ſpöttiſch lachend die zarten Rückſichten des Fiſch⸗ händlers und ſagte zu ſich ſelbſt: Zu einem Dinge in der Welt iſt jeder Dummkopf gut. Dieſer würdige alte Hvaland hat ſein ganzes Lebens über in dem einſamen Gaard geſeſſen; hat Lappen, Quäner und Normänner viele Jahre lang mit ſeinem dicken Rechen⸗ buche, ſeinen ſchlechten Waaren und enormen Preiſen betrogen; iſt jährlich in Sturm und Schneewehen nach den Lofoden ge⸗ fahren, um in bitterlicher Kälte unter allerlei Qual Kabliau zu fangen, die er ſammt Thranfäſſern und Eiderdaunen dann nach Bergen ſchaffte, um mit Geldſäcken auf ſeine Klippe zurückzukehren. Und alles das hat der Thor gethan und wird es ferner thun, damit ich das Ganze einſtreiche. Das iſt ſeine Beſtimmung auf Erden, Geld zu erwerben, welches ich auf würdige, menſchliche und zweckmäßige Weiſe anwenden werde.— Der Himmel iſt ge⸗ recht, er gibt Jedem ſein Glück. O! wäre erſt die Stunde da, wo ich dieſe elende Wüſte auf immer verlaſſen hätte. Er half ſeinem ſtrauchelnden und klimmenden Pferde auf, das über Rollſteine und Getrümmer die Höhe des Fieldes zu erreichen ſtrebte, das durch die Mitte der Halbinſel hinzog.— Wie alle dieſe ſeltſamen Gebirge, bildete es keine Spitzen, ſondern dehnte ſich oben zu einer Ebene aus, deren dichter Moosteppich reich von dem röthlichen Schimmer der wohlthätigen Moltebeere durchſtickt ward.— Sumpfige Quellen machten den Boden weich und tief; zuweilen bog ſich dieſer unter den leichten Hufen der 7* — 100— Pferde, zwiſchen den Felſen wucherten wunderbare Gärten von blauem und rothem Fingerhut und duftige Enzianbüſche ſtanden in Büſcheln dicht beiſammen. Der Landrichter ritt langſam über die Fjeldhöhe hin, welche in Schluchten abſchüſſig nach beiden Seiten niederfiel. Die Bäche donnerten darin nieder, Birkenwald füllte ſie aus, und zu ſeiner Rechten lagen die Gewinde der Meeresarme und der Inſeln, zu ſeiner Linken ſchaute er in das tiefe Thal des Berdo⸗Elf hinab und jenſeit lagen die wilden unermeßlichen Wüſten der lappiſchen Alpen ſchwarz und nackt mit einzelnen hohen zackigen Köpfen, zwiſchen denen mächtige Eislager niemals ſchmelzen wollten. Mitten in ſeinen ſtummen Betrachtungen hielt Stureſon plötz lich ſein Pferd an und deutete auf eine nahe Schlucht, an deren Rande Rauch aufſtieg. Was gibt es da? fragte er ſeinen Diener. Lappen, Herr, erwiederte der Mann, die hier ihr Lager auf geſchlagen haben, um übermorgen den Markt am Malanger Fjord zu beſuchen. Stureſon nickte beiſtimmend. Am 24. Auguſt fiel der große Lappenmarkt, der hier an der Grenze der Lappenmarken gehalten wurde. Eben dieſer Markt und einige andere brachten ihm bedeutende Einnahmen, und Mary ſollte dabei ſein; feſtliche Gelage in ſeinem Hauſe ſollten die Vorfeier ſeiner Hochzeit bilden. Der Landrichter lenkte ſein Pferd von der Mitte des Fjeldes ab der Schlucht zu, ſein Diener folgte ihm nach, obwohl er den Kopf ſchüttelte und vor ſich hin brummte. Er konnte nicht begreifen, was ſein Herr bei einer Bande ekelhafter Lappen wollte, die er aufs Tiefſte verachtete, und als er die ſpitzen Zelte ſah, das Bellen der Hunde hörte und die gehörnte Heerde erblickte, welche flüchtig zuſammenlief und die Naſen in den Wind ſtreckte, machte er ſeinem Unwillen in einem derben Fluche Luft. Du ſcheinſt kein Freund von Rennthieren und Lappen zu ſein, Niels? fragte Stureſon. Das lauernde ſchlechte Geſindel kommt Einem nur zu oft in den Weg, erwiederte der Mann. Fürchteſt Dich? ſagte der Landrichter lachend. Der kräftige Burſche ſpie verächtlich aus.— Fürchte mich nicht, ſprach er mürriſch, möchte aber doch nicht mit ihnen zu⸗ ſammentreffen. Und mit ſolchem jämmerlichen Geſchöpfe hat ſie ſich einge— laſſen, murmelte Stureſon vor ſich hin, und— ſage Einer was er wolle, ſie denkt noch an ihn, wenn ſie plötzlich ſich von mir wendet und die Augen niederſchlägt. Zu ſeinem größten Erſtaunen hörte er jetzt zwiſchen den Büſchen hervor ſeinen Namen ſo laut rufen, daß er ihn deutlich verſtehen konnte. 4 Auf einer grünen mit Birken und Gras bewachſenen Stelle ſtanden drei hohe Zelte, vor denen wohl fünf bis ſechs hundert Rennthiere ſich zuſammendrängten. Ein halbes Dutzend Männer, mehrere Weiber und Kinder hockten um das mittelſte und größte Zelt, deſſen grober Behang von Segeltuch halb zurückgeſchlagen war, und Innen ein qualmiges Feuer ſehen ließ, über welchem ein Keſſel an eiſerner Kette hing.— Eine alte Frau mit tief niedgrhängenden Haaren rührte in dem Keſſel umher, aus welchem ein ſcharfgewürziger Duft aufſtieg; vor dem Zelte aber erblickte Stureſon den Miſſionair Probſt Stockfleth, der ein Buch in der Hand hielt und dieſer Geſellſchaft eben eine geiſtliche Erbauung gehalten hatte. 8 Nach wenigen Augenblicken hatten ſich Beide verſtändigt. Ich habe, ſo erzählte der Miſſionair, eine ſehr weite Wanderung gemacht, um irgend eine Nachricht über meinen armen Freund Olaf zu echalten, der, wie Sie wiſſen, ſeine Stelle verlaſſen hat, ohne daß Jemand wüßte, wohin er gekommen. Und auch Sie haben nichts entdeckt? fragte der Landrichter. Nichts, erwiederte der Probſt ſeufzend. Dieſe Kinder der Wüſte ſind gewöhnt, am kleinſten Zeichen eines Menſchen Spur aufzufinden, doch alle Mühe iſt verloren geweſen. So muß er verunglückt ſein, ſagte Stureſon. Leider wohl, ſprach der Miſſionär. Hier iſt die ganze Fa⸗ milie meines unglücklichen Schützlings. Seinen Brüdern gehört dieſe Heerde, ihre Frauen und Kinder helfen bei dem harten Hirten⸗ leben, und die alte Mutter hält patriarchaliſch Ordnung und Paria aufrecht.— Es ſind gut geartete Weſen, fügte er hinzu, als er den verächtlichen Blick bemerkte, mit welchem Stureſon den Kreis der Männer, Weiber und Kinder muſterte, der ſich um ſein Roß geſammelt hatte; alle ſind gläubige und fromme Chriſten, redliche Freunde, arbeitſam und, was ſelten iſt, mäßig und ge⸗ treuen Sinnes. Stureſon hörte aufmerkſam zu, was der Miſſionair zum Lobe ſagte, und einen eigenthümlichen Reiz konnte er dieſem wilden und freien Nomadenleben nicht abſprechen. Die Männer waren — 4103— ſämmtlich unter Mittelgröße, breitſchulterig und ſchwachbeinig mit flachen gedrückten Geſichtern ulid röthlich entzündeten Augen, die Weiber meiſt alle häßlich, die Kinder gelb und hager, dennoch aber hatten ſie etwas Verſtändiges, Ernſtes und Beſcheidenes, was für ſie einnehmen konnte.— Mit dem Widerwillen des ächten Normanns betrachtete Stureſon jedoch ihre wetterharten Geſichter die brei⸗ und ſchwieligen Hände, ihre braunen Baumwollenhemden, ten Ledergürtel, an denen das Meſſer hing, und Mützen, unter denen ihre ſchlauen beweglichen Augen blitzten.— Es kam ihm vor, als träfen ihn die Blicke des älteren Mannes, welcher das Haupt dieſer Familie war, ganz eigenthümlich lauernd und tückiſch, und eine geheime Furcht wandelte ihn an, denn plötzlich fiel es ihm ein, daß dies Olafs Brüder ſeien, die Blutrache üben könnten. Es war dies jedoch nur ein Blitz, der durch ſeinen Kopf zuckte und verſchwand. Er richtete Fragen an den Lappen und erhielt beſcheidene und verſtändige Antworten, dann erzählte er dem Miſ⸗ ſionär, daß er auf dem Wege zu Hvaland ſei, wo Mary längſt erwarten werde. Sie wiſſen es doch, Probſt Stockfleth, fuhr er fort, Jungfrau Mary iſt meine Verlobte, in vier Wochen wird ſie meine Frau ſein. 3 Ich habe es denken können, Herr Stureſon, ſagte der Geiſt⸗ liche ſanft. Und Sie wünſchen mir Glück, nicht wahr? rief der Land⸗ richter ihn triumphirend anſchauend, indem er ihm die Hand bot. Wie ſollte ich nicht, da ich zugleich damit dem guten Kinde Glück wünſche, das alles Glück der Erde verdient. — 104 Mary liebt mich, fiel Stureſon ſtolz ein, und an Glück und Freuden wird es ihr nicht fehlen.— Morgen wird ſie mit ihrem Vater mich an den Malanger Fjord begleiten, um mein Haus zu ſehen, wo ſie wohnen wird. Ich denke Probſt, Sie werden auch auf dem Markt ſein, und Ihre Pflegekinder nicht verlaſſen. So lade ich Sie ein, gaſtlich an meinem Herde zu ſitzen und Mary Ihren i zu ertheilen derde kommen, erwiederte der Miſſionair. Mary zu mir ein Troſt ſein. Der übermüthige und ſpöttelnde Ton in Stureſons Fragen, und die ruhigen und milden Antworten des Prieſters bildeten eigenthümliche Gegenſätze. Der Landrichter fühlte recht gut, daß dieſer greiſe Schwärmer ſein Freund nicht ſei, aber er hielt es für nöthig, nicht ganz mit ihm zu brechen. Er änderte daher ſeine Redeweiſe, ſagte dem Probſt ſchmeichelhafte Dinge, ließ ſich belehren und umherführen, und machte endlich, wie er ſich ſelbſt ſagte, der Hexenmutter in des Teufels Garküche ſeine Aufwartung, 2. che bis jetzt ſich nicht um ihn gekümmert hatte, ſondern fort⸗ etzt mit ihrem Keſſel und dem Gericht darin beſchäftigt blieb. Es war eine knochige Frau, größer und ſtärker als i ihre ganze 8 Nachkommenſchaft. Die Pocken hatten furchtbare Verheerungen in ihrem Geſicht angerichtet, trotz der Runzeln und Falten ſah man noch die tiefen Narben, welche es überall kreuzten, und doch war ſie in ihrer Häßlichkeit bei Weitem nicht ſo grauenhaft zurück⸗ ſchreckend, wie die Greiſinnen dieſes unglücklichen Volkes oft ſind. Ihr langes ergrautes Haar fiel in Zöpfen unter ihrer Mütze hervor und bedeckte ihre Stirn, unter der ein Paar helle, glänzende — 14105— Augen hervorſahen. Sie grüßte den Gaſt mit Freundlichkeit und richtete einige Worte in lappiſcher Sprache an ihn, welche Stock⸗ fleth überſetzte und die ganz poetiſch klangen. Sei gegrüßt, fremder Mann, ſagte ſie, und ſei willkommen bei den Kindern Herna Juba's. Wenn Du ihnen Gutes bringſt, ſo ſegne Gott Deine Schritte, wenn Du Böſes ihnen gethan haſt, möge er Dir vergeben. Setze Dich zu uns und nimm von unſerer Speiſe. Wir theilen gern mit Dir, was wir haben. Ein Platz iſt leer an unſerem Herde, er gehörte unſerem Liebling. Setze Dich, wo er geſeſſen hat, damit wir denken, Du ſeiſt es, und damit wir Dich ſegnen. Während ſie ſprach, brachten mehre Mitglieder der Familie eilig weiche Decken, und der Probſt ſagte bedauernd: Sie denkt an Olaf, die arme alte Frau. Er war das jüngſte ihrer Kinder, auch hat ſie oft vergebens ihn zu beſtimmen geſucht, zu ſeinem Stamme zurückzukehren, denn Sie wiſſen wohl, Herr Stureſon, es gibt nicht Viele unter ihnen, die um alle Schätze und alles Wohlleben, was die Welt bieten kann, ihr freies Leben in unermeßlichen Lande vertauſchen möchten. 14 Und warum hat der Narr den Willen ſeiner Mutter nicht erfüllt, rief der Landrichter mit unmuthiger und heftiger Stimme, indem er trotzig den Sitz einnahm, der ihm angeboten wurde. Er wäre hier beſſer aufgehoben geweſen, als in dem engen Balkenhauſe. Er wich dem Blicke des Miſſionairs aus und ſah in die grüne Schlucht hinab, auf die graſende Heerde der Thiere, von denen manche Glocken trugen, welche aus der Tiefe melodiſch heraufklangen. Die langen Linien der Alpen ſtiegen in bläulicher — 106— und röthlicher Färbung in weiter Ferne terraſſenartig zum Hori⸗ zont auf. Sonnenſchein und Himmelsbläue verſchmolzen ſich zum weichen Schimmer. Die hellen Birken mit ihrem kühlen Schatten, der blitzende und rauſchende Bach, welcher über Moos und Ge⸗ trümmer abwärts ſchoß, und dieſe einſamen Menſchen, deren Reich ſo unermeßlich und deren Welt doch ſo klein war, konnten man⸗ cherlei Gedanken und Empfindungen aufwecken. Stureſon fand die Scenerie wild und groß, und ließ ſich von den Brüdern Olafs, die unvollkommen genug norwegiſch zu ſprechen verſuchten, Allerlei erzählen. Er betrachtete ſie dabei, und es fiel ihm ein, daß dies die Männer geweſen ſein mußten, welche er einſt aus Olafs Hütte kommen ſah. Sie ſahen ſich alle ähnlich, und ſonderbarer Weiſe emfand er immer wieder ein unheimliches Gefühl, wenn ihre Augen ſich fragend an ihm feſtklammerten. Ihr wollt alſo morgen an den Malanger Fjord hinabziehen, ſagte er, und den Markt beſuchen? Wir wollen vierzig oder fünfzig unſerer älteſten und fetteſten rre auf den Markt bringen, erwiederte das Familienhaupt, en Felle verkaufen und Mehl ſammt anderen Waaren ein⸗ handeln, die für den Winter uns nöthig ſind. Und dann mit Schätzen beladen unter dem Schnee liegen, bis die Sonne wiederkehret, ſagte Stureſon lachend. Glauben Sie das nicht, erwiederte der Miſſionair.— Dieſe Hirten haben auch im Winter mancherlei Geſchäfte zu verrichten, und gleichen nicht den faulen Fiſchern und Koloniſten an der Küſte, welche Tage und Wochen lang ſchlafen, wenn ſie nicht eſſen, oder ſich berauſchen. Sie haben ihre Heerden zu bewachen, ihre Thiere — 4497— zu pflegen, für ihre Familie zu ſorgen und nebenher zu jagen und zu fiſchen, an ſolchen Orten, wo reißende Strömungen das Zu⸗ frieren hindern.— In der Gamme, die mit Pelzen dicht ausgelegt iſt, und wo das Feuer ſtets brennt, fühlt man keine Kälte; leicht vergehen dort die Tage unter Arbeit mannigfacher Art, unter Gebet, Belehrung und mancher Freude. Denn das iſt ein Vorzug, welchen Gott dieſen armen Kindern gegeben hat: ſie ſind heiteren Gemüths, geneigt zum Scherz und aufgeweckten Geiſtes. Der Landrichter konnte ſich des lauten Lachens nicht enthalten. Sie ſind ein wackerer und getreuer Freund Ihrer Freunde, rie er. Man könnte Luſt bekommen, das idylliſche Daſein in der Gamme zu verſuchen. Und wäre es denn ein übergroßes Opfer für den, der Ruhe, Frieden und einfaches Naturleben ſucht und ſich damit begnügt? antwortete Stockfleth. Es gibt in dieſen öden Gebirgen verſteckte Thäler, die ſelbſt im Winter grün ſind; wo Quellen fließen, welche den Schnee ſchmelzen, und deren geſchützte Lage ſie ſo mild macht, daß man glauben möchte, Gottes ſegnende Hand liege ſictlich darauf. Freilich, man kann dort nicht zwiſchen Tapetenwänden wohnen, fügte er mild lächelnd hinzu, nicht die langen Nächte über Toddy trinken und Karten ſpielen; aber was ſind denn alle dieſe Herrlichkeiten unſerer reichen Herren gegen andere Herrlichkeiten in der Welt.— Würden Sie ſelbſt, Herr Stureſon, nicht gern dieſe ſchwarzen Felſenküſten verlaſſen, Ihr ſchön geputztes Haus am Malanger Fjord, das aller Leute Neid erregt, gern aufgeben, wenn Sie dafür im Süden wohnen könnten, oder in einer großen Stadt, die allen Luxus der Civiliſation beſitzt? 108— Ja, bei Gott! rief Stureſon, ich würde mich wenig beſinnen. Jeder nach ſeinem Weſen alſo, ſagte der Miſſionair, doch glauben Sie, daß die meiſten der hier Geborenen ganz anders darüber denken. Ei wohl, lachte der Landrichter, Mary ſelbſt hängt ja mit großer Liebe an dieſen lieblichen Felſenlabyrinthen. Und niemals wird ſie Ihre Wünſche theilen. Poſſen! erwiederte Stureſon. Sie iſt wie alle Weiber, ſie liebt den Putz und den Glanz. Kommen Sie morgen zu uns, Probſt Stockfleth, Sie werden ſehen, wie ihr meine Spiegel, Polſter und Teppiche behagen. Aber ſeien Sie unſer Freund und prägen Sie ihr zeitig das verſtändige Gotteswort ein, daß die Frau dem Manne gehorchen und folgens ſoll, wohin er ſie führen möge.— Ich führe ſie nicht in eines der paradieſiſchen Thäler dieſer Lappengebirge, ſondern, ſobald es mir glückt, in eine reiche, bunte Welt, wo Freuden und Genüſſe ihrer warten. UMnd wo ſie einſamer und verlaſſener ſein wird, erwiederte der Miſſionair ſeufzend, als lebte ſie im tiefen Schooße der Wüſte. Laſſen Sie das meine Sorge ſein, theurer Freund, ſagte Stureſon ſpottend. Wie man die feinen Gerichte der Kochkunſt genießen lernen muß, ehe man ſie vortrefflich findet, ſo iſt es auch mit den Genüſſen der Civiliſation.— Ihren wackeren Beichtkindern würde eine Faſanenpaſtete nicht ſchmecken, ſie würden das ſcheuß⸗ liche Gemengſel, das unſere gute Wirthin dort ſo eben aus dem Keſſel ſchöpft, gewiß bei Weitem vorziehen. Zuweilen aber ſind dieſe rohen Speiſen doch auch für den — 109— verwöhnten Geſchmack nicht ganz übel, antwortete der Miſſionair lächelnd. Verſuchen Sie nur, ob ich nicht Recht habe. Die alte Frau reichte auf einem Holzteller dem Gaſte unter Höflichkeitsbezeugungen ſeinen Antheil an dem blutig ſchwarz ge⸗ färbten Gericht. Es roch kräftig und gewürzig, und Stureſon faßte nach einigem Bedenken muthig den Blechloͤffel, der ihm an⸗ geboten wurde, und machte um ſo eher den Verſuch, es zu koſten, als er ſah, daß ſein Diener, der ſo viel Ekel vor Allem hatte, was Lappe hieß, doch mit großer Begier davon aß. Es ſchmeckte vortrefflich, Stureſon mußte es eingeſtehen. Sehen Sie wohl, lachte der Probſt, dieſe elenden Gebirgs⸗ hirten verſtehen ſich doch ſo übel nicht auf eine Kochkunſt, die ſelbſt Ihrem Gaumen behagt. Und dies iſt ihr Nationalgericht. Sie leben überhaupt nur von der Milch und dem Fleiſche ihrer Rennthiere und ihrer Jagdbeute.— Was Sie da eſſen, iſt ein Gemiſch von Fleiſch, Blut, Herz und Leber eines friſch geſchlachte⸗ ten Thieres, ſammt fetter Milch und Mehl, und wird ſo leicht von Niemanden verſchmäht werden. Der Landrichter ließ ſich noch eine Portion reichen, trank von der eben gemolkenen Rennthiermilch und gab lachend zu, daß die Tafel dieſer Hirten mehr Freuden böte, als er geglaubt habe. Er beſchenkte die Kinder der Familie mit Silberſtücken, drückte den Uebrigen ſeinen Dank aus und wandte ſich endlich nochmals an das Oberhaupt der Familie.. Ich will Dir wohl, ſagte er, Du ſcheinſt ein verſtändiger und erfahrener Mann zu ſein. Ziehe hinunter an den Malanger 19— Fiord; ich will Dich zum Koloniſten machen, will Dir Ackerſtücke und Haus geben und für Dein Fortkommen Sorge tragen. Der Lappe ſah ihn ſtarr an, ſeine kleinen Augen funkelten. Er ſchüttelte heftig und ſchnell den Kopf. Du willſt nicht? fragte Stureſon. Warum willſt Du nicht? — Wenn ich dem Manne dort, Niels, meinem Diener, eine ſolche Stelle anböte, er würde vor Freuden in die Luft ſpringen. So gib ſie ihm, ſagte der Lappe ernſthaft. Du hörſt, antwortete der Landrichter ungeduldig, daß ich Dir und Deiner Familie gern etwas Gutes thun möchte.— Deine Mutter hat mir Segen verſprochen, ich möchte ihn erwerben, wenn ich ihr ein Haus, einen Herd, Holz und Speiſe für ihr Alter zuſichere.— Ich möchte Dir Gutes thun, wiederholte er nochmals mit größerer Lebhaftigkeit, darum ſchlage es nicht aus, Du könnteſt es bereuen. Ich mag Dein Haus nicht, Herr. Danke Dir, ſprach der Lappe, und indem er mit mehr Stolz und Würde den Kopf auf⸗ hob, als ihm zuzutrauen war, fügte er hinzu: Ich will frei ſein wie meine Väter, frei leben und frei ſterben.— Armer⸗Bruder Olaf! wie das wilde Rennthier, muthig und leicht, würde er über die Berge ſpringen, wenn er kein Knecht geworden wäre.— Ich danke Dir, Herr, danke Dir; Herna Juba's Kinder brauchen Deine Wohlthaten nicht. Stureſon fand ſich beleidigt von dieſer ſtolzen Abweiſung, aber Stockfleth ſagte beſchönigend: Sie dürfen es nicht übel deuten, Herr Stureſon, Sie würden von allen Heerdenbeſitzern eine ähn⸗ liche Antwort erhalten haben.— Wenn eine Familie noch mehre hundert Rennthiere ihr eigen weiß, ſo wird ſie um keinen Preis ihr freies Bergleben aufgeben; nur die äußerſte Noth kann ſie dazu treiben. Herna Juba aber iſt ein reicher Mann. Er weidet hier, wie Sie ſehen, gegen ſieben hundert Thiere und hat mehr als noch einmal ſo viel an den Quellen des Berdo⸗Elf zurückgelaſſen. Nun wohl, erwiederte der Landrichter ſtolz lachend, ſo mag denn Jeder von uns ſeinen Aufenthalt ſuchen, wo es ihm beliebt. Sie haben mir ſchon früher einmal von dem Dünkel dieſer noblen Familien erzählt, ich hätte dieſer gern einen Erſatz geboten. Erſatz? Wofür? fragte der Miſſionair. Ei nun, ſagte Stureſon, und ſeine Augen forſchten ſcharf in Stockfleths Geſicht, der Burſch, der verloren gegangen iſt, lebte wohl noch, wenn ich nicht in Hvalands Haus gekommen wäre. Herr Stureſon! ſagte der Probſt erſtaunt. Still, Herr Probſt, fuhr Stureſon fort. Sie haben darum gewußt, daß eine lächerliche und thörichte Leidenſchaft ſich ſeiner bemächtigt hatte; Sie hatten Kenntniß davon, daß Mary aus Mitleid ſich dazu hinreißen ließ, heimliche Geſpräche mit ihm zu halten.— Sie ſehen, ich weiß Alles. Sie haben ihn bewegen wollen, Miſſionair zu werden, um ſeine Narrheit durch ein chriſt⸗ lich frommes Leben los zu werden; er hat es vorgezogen, dies Leben überhaupt zu enden. Woher wiſſen Sie das? fragte der Geiſtliche Sonderbare Frage. Sein Ende liegt nahe, es kann nicht anders ſein. Auch Mary glaubt es, der Gedanke erfüllt ſie mit Schmerz, und Alles, was ich aufbieten mag, kann ihre ſchwer⸗ müthigen Grillen nicht ganz verſcheuchen.— So bitte ich Sie — 112— denn, werther Freund, reden Sie mit ihr, Sie ſind ihr Ver⸗ trauter. Stellen Sie ihr vor, daß ihr und mein Lebensglück da⸗ ran hängt, daß ſie mich liebe, mir angehöre, ein Weſen vergeſſe, das nur durch eine Verirrung, die den Augen der Welt auf immer verborgen bleiben muß, in ein Verhältniß zu ihr gerathen konnte. Schmach und Schande, Wohl und Ehre hängen daran.— Meine Ehre, Herr Stockfleth, Mary's Ehre und Ihr eigenes Wohl, Herr Probſt. Mein Wohl, Herr Stureſon? fragte der Geſſtliche erſtaunt. Ihr Wohl!, wiederholte der Landrichter. Wenn man erführe, daß Sie um dies Verſtändniß gewußt, und es dem Vater ver⸗ ſchwiegen haben, würde die öffentliche Meinung hart genug über Sie richten.— Sprechen Sie mit Mary, reißen Sie die letzten Wurzeln eines Andenkens aus ihrem Sinn, das dieſen verdüſtert. Machen Sie, daß ihre Wangen wieder blühen, ihr Auge wieder glänzt, daß eine liebende glückliche Braut mit mir zum Altare geht, und ſeien Sie meiner ewigen Dankbarkeit gewiß. Er war mit Stockfleth während dieſes Geſprächs bis zu den äußerſten Büſchen gegangen, wo ſeine Pferde warteten; jetzt ſchwang er ſich in den Sattel, ohne die Antwort abzuwarten, und mit einem raſchen Gruße eilte er über die ſchwellende Moosdecke des Fjeldes fort.— Ohne Zurückblicken trieb er ſein Roß an, und nach einer Stunde hielt er vor Hvalands Haus. Mary empfing ihn ſcheu und befangen, wie immer. Weder der ſchöne Bergpony, den er ihr ſchenkte, noch alle ſeine Bitten und Ueberredungskünſte konnten den Schatten von ihrem Herzen bringen. VI. Am nächſten Morgen traten ſie gemeinſam die Rückreiſe an, aber ganz erſichtlich war eine Veränderung mit der Braut vor⸗ gegangen, deren ſich Stureſon heimlich freute. Am Abend vorher hatte er wohl bemerkt, daß Mary von einer ihrer Dienerinnen einen Zettel empfangen hatte, der ſie in Unruhe verſetzte, und nach einiger Zeit ſah er ſie den Pfad hin⸗ aufſteigen, der in das Thal führte, wo Olafs Hütte ſtand. Er glaubte zu wiſſen, was dieſer Spaziergang zu bedeuten habe, und hielt es für paſſend, den Erfolg abzuwarten. Er ging am Ufer der Bucht hinauf, denn Hvaland hatte ihn allein gelaſſen. Der Kaufmann war beſchäftigt, mehre große Boote mit Waaren aller Art zu füllen, die auf den Markt an den Malanger Fjord gehen und ſchon während der Nacht durch Sen⸗ jenöe's Sund nach Lenvig hinaufſchwimmen ſollten. Der große lappiſche Herbſtmarkt bot zu viele Vortheile, um nicht in Hvalands Kopfe jetzt den erſten Platz einzunehmen und ſein ganzes Denken darauf zu richten, wie und wodurch er am beſten ſeinen Concur⸗ renten im Handel den Vorſprung abgewinnen könne.— Alles was Lappen, Fiſcher und Koloniſten in den tiefen abgeſchiedenen Fiordarmen für den Winter zumeiſt gebrauchten, wurde in die Boote gepackt. Große Maſſen Scheeren, Meſſer, Beile, Hacken und Eiſenwaaren allerlei Art, kupferne und eiſerne Lappenkeſſel, Ketten, Nägel und Hämmer lagerten neben Mehlballen und Hülſenfrüchten, Mügge, der Schütz von Senjenoe. — 114— Zwirnbündeln und Nähnadeln.— Das Alles zu ordnen, zu ver⸗ packen, mit ölgetränkten Tüchern zu decken und Vorſichtsmaßregeln zu treffen, damit kein Schade geſchehe, erforderte Arbeit und Aufmerkſamkeit.— Stureſon ſah ſeinen Schwiegervater mitten unter der Schaar ſeiner Bootsleute und Gehülfen ſich abmühen, wie der beſte Pack⸗ knecht, und er wandte ſich lachend fort und ſagte beluſtigt: Er ſpringt umher, wie ein junger Burſch, und läßt ſich die Ströme Schweiß nicht verdrießen. Das iſt ſehr brav und rechtſchaffen gehandelt; Weſen dieſer Art würden ſich unglücklich fühlen, wenn ſie nicht büffeln und gaunern könnten. Unter vergnüglichen Betrachtungen ſetzte er ſeinen Weg fort, und gerade da, wo er in Olafs Thal hinabſehen konnte, fand er hinter großen Steinen ſeinen Freund, den Koloniſten, lang aus⸗ geſtreckt, der auf der Lauer zu liegen ſchien. Als Henrik die Schritte hörte, ſah er ſich erſchrocken um, aber er beruhigte ſich augenblicklich und winkte mit ſeinem ver⸗ traulichſten Grinſen den Landrichter herbei. Nun, ſagte Stureſon, was gibt es, Henrik? Du ſiehſt ſo liebenswürdig pfiffig aus, als wärſt Du einem großen Ge⸗ heimniſſe auf der Spur. Der Böelappe ſchielte ihn boshaft an. Ei, Landrichter, ſagte er, Du kommſt zur rechten Zeit. Weißt nicht, wer da unten im Hauſe ſitzt. Etwa Olaf, erwiederte Stureſon. Iſt er wiedergekommen? Henrik lachte herzlich, ſchien aber dann doch plötzlich von — 1415— einem Grauen ergriffen zu werden, und ließ ſeine Blicke ſcheu über den furchtbaren Nachbar gleiten. Du mußt nicht ſo ſprechen, Herr, ſagte er, denn Du weißt zu gut, daß er nicht wiederkehren kann, der Sohn von einem Hunde. Aber weißt Du nicht, Herr, daß die Todten aufwachen, wenn die Stimme ihren Namen ruft, die ſie zuletzt gehört haben? Dann nimm Dich in Acht, Du Narr, lachte Stureſon, daß er Dir nicht erſcheint. Der Böelappe richtete ſich zornig auf, er konnte eine Ver⸗ letzung ſeines Anſehens nicht ertragen; aber der Landrichter ſah ihn mit überlegenem Hohn an, und während Henrik die Zähne fletſchte, auf ſeltſame Weiſe nickte, den Arm in die Seite ſtemmte, ſeinen Glanzhut rund umdrehte und ſeine breite Naſe aufblies, lachte Stureſon noch viel übermüthiger den wunderlichen kleinen Kerl aus, der ihm mit ſeinem Aerger und Hochmuth Spaß machte. Haſt Du mit dem Voigt geſprochen? fragte der Koloniſt. Ei ja, lieber Henrik, ſagte Stureſon; allein ich kann Dir wenig Hoffnung geben. Der Voigt meint, Du ſeiſt ein Trunken⸗ bold, ein Narr, ein ganz unwiſſendes und bösartiges Geſchöpf, das unmöglich den guten, ehrlichen und rechtlichen Olaf erſetzen könnte, der unglücklicher Weiſe uns verlaſſen hat. Sagt er das? ſchrie der Koloniſt wüthend.— Aber ich will die Stelle haben, Du mußt ſie mir ſchaffen.— Uebermorgen komme ich an den Malanger Fjord, da ſprich mit ihm. Sei vernünftig und bleib zu Haus, erwiederte der Landrichter. 4 Ich will kommen, ſagte der Lappe ihn angrinſend; will an Deinem Tiſche ſitzen, und Dich mahnen vor allen Augen. 8* — 116— Komm immerhin, mein lieber Freund, erwiederte Stureſon ſehr beluſtigt, Du ſollſt empfangen werden, wie Du es verdienſt; aber höre, Henrik Janſen, fuhr er fort, indem er den Ton änderte, merke nochmals genau, was ich Dir neulich ſchon ſagte: Ich bin der Landrichter hier im Bezirk, Du biſt ein elendes, bösartiges, verworfenes Geſchöpf. Wenn Du es wagen ſollteſt, gegen mich irgend eine lächerliche und nichtswürdige Verläumdung auszu⸗ ſprechen, die Niemand Dir glauben wird, ſo will ich Dich ſtrafen laſſen, Du Hund, bis Du genug haſt.— Und nun packe Dich fort und komm nicht wieder in meine Nähe, oder ich will es Dir verleiden. Er ſtieß mit dem Fuß nach dem Koloniſten, der, ein paar Ellen fortgeſchleudert, zu Boden ſtürzte, aufſprang und mit einer Eile entfloh, die ſeinem Entſetzen gleich kam. Das fehlte noch, ſagte Stureſon, nachdem er genug gelacht hatte, daß ſolch hochmüthig ſchandbar Gewürm mich plagen und preſſen könnte, und dies iſt die einzig richtige Art, um mit ihm umzugehen.— Ja, wenn es einer unſerer hartköpfigen Bauern aus dem Süden wäre, die ſich in ihrem Freiheitsdünkel ſo hoch ſtellen, wie die Erſten und Mächtigſten, aber glücklicher Weiſe handelt es ſich hier nur um ein verthiertes lappiſches Geſchöpf. Er duckte ſich hinter den Steinen und beobachtete das Haus im Grunde, deſſen Thür ſich eben öffnete, und deutlich ſah er Mary, die an Stockfleths Hand durch das öde Gartenland ging, wo jetzt Unkraut wild aufwucherte. Der Geiſtliche begleitete das junge Mädchen bis an den Bach, dort blieben ſie beide ſtehen, um Abſchied zu nehmen. Stockfleth legte die Hände auf Mary's Haupt und küßte ihre Stirn. Dann drückte er ſie an ſeine Bruſt und deutete zum Himmel hinauf. Von ſanften, liebreichen Worten mußten ſeine Lippen überſtrömen, denn ihre Blicke hingen an ihm feſt; Stureſon meinte mit ſeinen ſcharfen Augen den Troſt in ihren freundlichen Zügen entdecken zu können. Endlich ſchien der Probſt ihr noch einmal ein Verſprechen abzunehmen, das ſie in ſeine Hände niederlegte; ſo ſchieden ſie.— Mary flog leichten Fußes die Höhe hinan, der Miſſionair blieb einige Minuten ſtehen, bis er umkehrte, noch einmal den wüſten Garten und das kleine öde Haus betrachtete, traurig den Kopf ſchüttelte und dann in der Schlucht aufwärts ſtieg, welche auf die Höhe des Fjelds führte. Er kehrt zu den Rennthieren und dem ſüß duftenden Keſſel der alten Hexe zurück, ſagte Stureſon, und wohl bekomme es ihm. Aber welche Macht beſitzt der Heiligenſchein und der ſchwarze Rock auf Erden! Was alle meine Zärtlichkeit, meine Aufmerk⸗ ſamkeit, mein Schmachten und Bitten nicht vermochten, das voll⸗ bringt dieſer graubärtige Prieſter in einer Stunde.— Glück auf denn, Lars, ſie wird dich lieben, weil er es ihr als Pflicht be⸗ fohlen hat. Ich habe oft geſagt, fuhr er ſpottend fort, indem er an der Bucht hinabging, daß Prieſter nur in der Welt ſind, damit Dummheit und Aberglauben nicht ausſterben, jetzt kann ich Ab⸗ bitte leiſten. Sie ſind auch dazu da, nicht allein die Geiſter, ſondern auch die Herzen der Menſchen zu unterjochen, und Alles, was ihnen nützt, wofür man ſie gewinnt, als Gottes Gebot auszurufen. Er kehrte zurück, und während des ganzen Abends war Mary ſehr ſtill und geſchäftig, aber er bemerkte ſehr wohl, daß — 118— ihre Blicke mild und prüfend ihn betrachteten und ihre Antworten freundlicher und theilnehmender klangen, als es je der Fall ge⸗ weſen war. Am Morgen hob Stureſon die Braut auf den muthigen Zelter, und jetzt zum erſten Male fühlte er etwas, das ſein Herz lebhafter berührte. Das junge Mädchen ſah wirklich ſchön und ſtattlich aus. Es kam ihm vor, als ſei ſie über Nacht friſch auf⸗ geblüht, wie eine Blume, der es an Waſſer gemangelt, oder als ſei er blind geweſen und habe nicht bemerkt, welche Reize ſie beſitze. Ihr ſanftes Geſicht war heut lieblich geröthet, ihre tief blauen Augen ſchimmerten klar unter langen Wimpern und ſchienen ihm etwas ſagen zu wollen. Ihr Hut mit dem grünen Schleier hinderte nicht die Fülle der braunen Locken an einem neckiſchen Spiel mit Luft und Sonnenſchein. Und ihre Füße waren ſchmal, ihre Hände klein und rund, ſie konnte in allen Salons erſcheinen, und mit Hülfe von Putz und Moden dort Aufſehen erregen. Der feurige Pony, welcher das hübſche Mädchen trug, ſchien ſtolzer unter der leichten Laſt. Er war von ächter Race, iſabell⸗ farbig, mit ſchwarzem Streif vom Maule bis zur Schwanzſpitze. Sein ſchwarzer Kamm, borſtig und kurz geſchoren, ſtand ſteil auf dem ſchön gebogenen Halſe, ſeine zierlichen ſchwarzen Füße und Hufe waren ſpiegelblank, und wie der Schaum um die rothen Zügel flockte, die mit weißen Schlangenmuſcheln beſetzt waren, wie die Sonne auf dem Juchtenſattel glänzte, der ſeine gelben funkelnden Nägelreihen zeigte, und das edle Thier auf der mooſigen Ebene des Fjeldes leicht dahinflog, wie ein Hippogryph, den die — 119— Götter des Lichtes über dieſe Wüſte ausſandten, konnte man nichts Schöneres ſehen. Stureſon folgte ihr mit gierigen Blicken und Gedanken, und hinter ihnen trabte Hvaland auf einem ſchweren Klepper, ver⸗ gnügt lachend über die Munterkeit ſeiner Kinder. Erſt auf der höchſten Erhebung des Fjelds hielt Mary das muthige Thier an und erwartete Stureſon. Dies war der Punkt, wo er ſelbſt geſtern gehalten und das Meer und die tiefen Schluch⸗ ten des Gebirgs betrachtet hatte. Er bemerkte, daß Mary's Auge ſich forſchend auf die Birken richtete, wo die Zelte der Kinder Herna Juba's geſtanden, und er zweifelte nicht, daß Stockfleth ihr davon erzählt hatte. Aber es war nichts mehr davon zu ſehen. Kein Rauch ſtieg auf, kein Rennthier ſtreckte ſein gehörntes Haupt hervor, kein gelber Zottelhund ließ ſein heiſeres Bellen hören.— Die Familie war weiter gezogen, irgend ein Verſteck verbarg während des Marktes ihre Thiere, und Stureſon hatte keine Luſt, Mary's Erinnerungen aufzufriſchen. Wie ſchön iſt es hier! rief ſie ihm entgegen. Wie herrlich und wunderbar iſt mein Vaterland ſelbſt in dieſen wilden und unbewohnten Gebirgen. Aber viel ſchöner noch iſt es da, wo Menſchen wohnen, ſagte Stureſon. Ich werde bald andere Berge mit Dir beſteigen, theure Mary, von denen Du auf andere Fjorde hinabſehen ſollſt, wo Wälder von Kirſchen und Nußbäumen ſtehen, wo ſüße Birnen und Aepfel reifen, und wo Alles Dein ſein ſoll, was Dein Herz begehrt und Deine Wünſche fordern. Mein Herz, erwiederte ſie die Augen zu ihm aufſchlagend 9120— und vertraulich ihm zulächelnd, iſt genügſam, und dennoch verlangt es mehr, als Viele. Auch meine Wünſche ſind beſcheiden, obwohl ſie Dir unbeſcheiden dünken könnten. Erkläre mir Deine Räthſel, liebe Mary, ſagte Stureſon, der ſich von ihren Blicken und ihrem Lächeln angezogen fühlte. Jetzt nicht, antwortete ſie, mein Vater kommt. Laß uns bis an die Schlucht ihm entgegen; ich denke, es muß ſchön ſein, dort hinab zu ſehen. Sie trieb ihr Pferd dahin, wo der Bach von Felſen zu Felſen in den Spalt ſprang und ſeinen kühlen Staub vom Luftzuge zu⸗ rücktragen ließ. Schlanke Bergtannen und Birken hielten die Seiten der Tiefe dicht beſetzt, die ſo grün und lieblich ausſah, und ſo ſonnig beglänzt und von ſchweren Schatten abwechſelnd umnachtet wurde, daß jedes Auge mit Wohlgefallen hinabblicken mußte. Geheimnißvoll umhüllte der dichte Wald die ſchroffen Wände, aber Stureſon meinte, als ſie den Rand. erreicht hatten, irgend ein Weſen zu entdecken, das mit großer Geſchwindigkeit zwiſchen den Büſchen ſich fortbewegte und unter den ſchwarzen Tannen verſchwand.— War es ein Menſch oder ein Thier, er wußte es nicht. Auch Mary hatte den flüchtigen Schatten bemerkt, und Beide theilten ſich ihre Vermuthungen mit. Ein Bär, ſagte Stureſon, würde ſich nach ſeiner Gewohnheit eher aufgerichtet und uns erwartet haben. Ich meine weit eher, daß es ein Lappe war, deren viele ſich ſeit einigen Tagen ſchon dem Malanger Fjord von allen Seiten nähern, um ihre Klagen bei Zeiten anzubringen und ihre Käufe und Verkäufe zu machen. Und darum, rief Hvaland, der inzwiſchen näher gekommen — 121— war, laßt uns nicht länger hier nach dem Ungeziefer umherſehen, früh genug wird es uns in den Weg kommen.— Lappen haben nie Gutes im Sinn, und wenn ſie ſich verkriechen können, iſt ihnen am wenigſten zu trauen. Stureſon lachte.— Sie denken zu übel von den armen Leuten, ſagte er, die doch auch ihre guten Eigenſchaften haben. Ich bin zufällig neulich mit einer wandernden Familie zuſammengetroffen, habe bei ihr geſeſſen und ihr Mahl getheilt. Sie waren Alle freundlich und gefällig, und ſprachen verſtändig über ihre Lage. Die Schwärmerei des Probſtes Stockfleth rechtfertige ich freilich nicht, aber wie roh und unwiſſend ſie ihr wanderndes Hirten⸗ leben auch macht, wir, die wir beſſer und geſitteter ſein wollen, müſſen als Chriſten uns ihrer annehmen und ihr Menſchenrecht an ihnen achten. Hvaland widerſprach in ſeiner Weiſe, doch der kluge Land⸗ richter merkte wohl, welchen Eindruck ſeine Worte auf Mary gemacht hatten. Sie ſah ihn dafür dankbar an, und als er ihre Hand drückte, fühlte er einen leiſen Gegendruck, der ihm ſeinen Vortheil gewiß machte. Bald ſenkte ſich das Fjeld, und vor den Reitern lag der prächtige breite Fjord. Raſch ging es zu ihm hinunter, und heut war er ſehr belebt.— Große Boote und Yachten ſchwammen und ruderten über ihn hin; Geſchrei, Lärm und Jauchzen ſchallten herauf. Aus den Booten wurden Tücher geſchwenkt, frohe Stimmen riefen ſich Glückwünſche zu. Andere ſchon gelandete Marktleute ſtanden am Ufer und bewillkommneten nahende Freunde; zahlreiche Fahrzeuge aller Größe lagen in langen Reihen, und ihre Mann⸗ — 122— ſchaften waren mit Ausladen beſchäftigt. Viele Gruppen füllten den weiten Wieſengrund, der zwiſchen zwei hohen Fjellen ſich weit ausdehnte, und mitten durch dies frohe Gewühl zog Stureſon mit ſeinen Gäſten ſeinem Hauſe zu, das im Sonnenglanz ihn erwartete. Bald genug konnte er ſich an der Verwunderung Hvalands und an dem erſtaunten, beifälligen Lächeln des jungen Mädchens weiden, die, ſichtlich überraſcht von den prächtigen Einrichtungen, ſich den erſten Eindrücken willig hingab. Das Alles ſollte ihr Eigenthum ſein. Alle dieſe Teppiche, dieſe glänzenden Spielereien, dieſe Spiegel und Broncen und dieſe herrlichen Sachen ſollten ihr gehören.— In dem Zimmer, das ſie bewohnen ſollte, ſtand ein großer Flügel, der ganz anders klang, wie das kleine beſcheidene Inſtrument, das ihr Vater aus Bergen mitgebracht hatte. Auf Stureſons Bitten ſetzte ſie ſich auf einen geſtickten Seſſel und verſuchte einige Läufe, deren Töne ſie entzückte. Die Männer ließen ſie dann allein, Hvaland wollte das Haus ſehen und Stureſon ihm die Veränderungen zeigen. So verſenkte ſie ſich leicht in eine Fülle von Träumereien, und eingeſchmiegt in der Ecke eines weichen Damaſtlehnſtuhls hingen ihre Blicke froh an ſo vielen ſchönen Gegenſtänden, und ſchweiften darüber hin mit neugieriger Haſt und Genugthuung. Der Kaufmann fand Alles mächtig theuer und koſtbar, aber er hatte auch ſeine Freude daran, denn ſein Stolz fühlte ſich ge— ſchmeichelt, einen ſolchen Schwiegerſohn zu haben. Was ihm un⸗ verantwortliche Verſchwendung geſchienen hätte, wenn er für ſich es hätte kaufen ſollen, das war ihm angenehm, es hier zu finden. — In dem neu errichteten Saale war eine lange Tafel ſchon — 123— gedeckt, Alles vollauf an feinem Tiſchzeug, Porzellan und Kryſtall. Darüber ſchwebte ein großer Kronleuchter, und an der Wandſeite ſtand ein Tiſch mit Weinen und Gläſern. Hier wollen wir fröhlich ſein, ſagte Stureſon, heut, morgen und die nächſten Tage; aber nicht diesmal allein, ſondern oft und immer, denn wenn Mary erſt hier häuslich waltet, wird der Papa, ſo denk' ich, uns aufſuchen, ſobald es ihm zu einſam am Senjenöeſund wird. Ei ja, rief der Kaufmann, ſollt mich bei Euch haben, ſo oft es angeht, denn ich werde Sehnſucht genug nach meiner Mary hellen Augen empfinden. Aber was hilft es, muß ſie miſſen; iſt Geſetz und Ordnung des Lebens alſo von Gott eingeſetzt. Und bald ſollt Ihr ſie miſſen, bald! fiel Stureſon ein, in⸗ dem er Mary lächelnd feſthielt, die ſich zu ihnen geſellt hatte. Haben es noch nicht feſt gemacht, ſagte Hvaland ſcherzend, können bis zum Frühjahr damit warten. Längſtens noch vier Wochen, Schwiegervater, betheuerte der Landrichter. Bitte, meine ſüße Mary, bitte mit mir, daß wir in nächſter Woche uns vor dem Pfarrer in Talvige einſtellen. Nach einer ganzen Reihe von Scherzen und Einwendungen gab Hvaland endlich zu, daß, ſobald der Markt am Malanger Fiord vorbei und die Rechnungen abgeſchloſſen ſein würden, das Aufgebot von der Kanzel erfolgen könne, worauf alsdann am Michaelistage die Trauung ſtattfinden ſolle. Nachdem er dies verſprochen, lief er hinaus und ließ die beiden Verlobten zurück, denn er ſah durchs Fenſter, um die Spitze des Vorgebirges, ſeine drei ſchwer beladenen Boote ſegeln, und — 124— eilte, um zugegen zu ſein, wenn ſie Anker werfen würden, den Platz auszuſuchen, wo er ſeine Bude errichten wollte, und mit allerlei Leuten zu ſprechen, deren Dienſte er nöthig hatte. Stureſon öffnete inzwiſchen die Thür, welche aus dem Saal in den Garten führte, und hier war die ſchönſte Ausſicht auf Gebirge und Meer.— Das ganze reizende Panorama, die um⸗ gletſcherten Felſen der hohen Jauren, welche am Himmel zu ſchwe⸗ ben ſchienen, und das bunte Menſchentreiben auf den grünen Ufern des Fjord, Alles lag vor dem luſtwandelnden Paar. Biſt Du es denn zufrieden, theure Mary, ſagte Stureſon nach einem Geſpräch voll zärtlicher Betheuerungen, daß der Prieſter Deine Hand in die meinige legt, und darf ich endlich glauben, daß die Freude, welche Dein Auge hell macht, auch mir und meinen heißen Wünſchen gilt?! Ich bin es zufrieden, erwiederte die Braut ihn bewegt an⸗ blickend, und bitte Gott, meinen Schöpfer, daß er mir die Kraft verleihen will, Dich recht glücklich zu machen. Ja, das klingt fromm und gut, rief Stureſon lächelnd, Probſt Stockfleth könnte nicht beſſer die Pflichten einer treuen und ergebenen Gattin ſchildern; aber ich verlange noch mehr von Dir, ſüße Mary. Du ſollſt mich lieben, mich verſtehen, mir un⸗ loͤslich anhängen, und ich will Dich dafür anbeten und ſo hoch erheben, wie ich immer vermag. Ihre Umen tiefen Augen ſahen furchtſam und doch beruhigt zu ihm empor. Ich denke, ſagte ſie, Alles zu ſein, was Du von mir forderſt, und verlange nichts dafür, als was ein Mann ſeiner Frau immer geben ſoll. — Ach, Deine Räthſel! fiel Stureſon ein. So ſage mir denn, theure Mary, was Du verlangſt, was Dein genügſames Herz und Deine beſcheidenen Wünſche begehren. Mein Herz, erwiederte ſie lächelnd, will, da es Dir gehören ſoll, daß Du es achteſt und gütig mit ihm umgehſt. Du haſt in der großen Welt gelebt, viel erfahren und viele weit ſchönere und klügere Frauen kennen gelernt. Ich habe nichts, als mein natürliches Empfinden für das Rechte und Gute, wie für das Ungerechte und Harte.— Darum will ich Dich bitten, ſei mild mit mir. Du willſt, daß ich Dich liebe und verſtehe, gern ſoll es geſchehen. Ich will mich bemühen; zeige Du mir den Weg, daß ich Dich innig lieben lerne, durch Deine Handlungen, Deine Güte, durch die Achtung, welche Dir alle guten Menſchen zollen. Du gutes Kind! ſagte Stureſon, und ſeine Stimme drückte ein Gemiſch von Spott, Mitleid und Theilnahme aus. Ei ja, Du haſt Recht! Wahre Liebe iſt immer auf Achtung begründet, alles Andere iſt Täuſchung, ein flüchtiger Rauſch der Sinne, doch man kann nur achten, was über das Gewöhnliche ſich erhebt.— Ihr Mädchen, rief er, und ſeine ſtolze Geſtalt richtete ſich auf, in ſeinem Geſicht lag eine trotzige übermüthige Kraft, wollt ſtarke und feſte Männer, die, geſchmeidig in eurem Dienſt, gewaltig ſind, wo Mannesſinn nöthig iſt.— Aber Deine Wünſche, liebe Mary, nenne mir Deine Wünſche! Meine Wünſche, antwortete ſie eingeſchüchtert von ſeinen Blicken, ſollen ſein, Gutes zu thun und durch Dich Gutes zu fördern. Du biſt angeſehen in Deinem Amte und kannſt für Lei⸗ dende und Unterdrückte viel bewirken. Holmböe hat Manches ge⸗ 1— than; dies Haus, in welchem wir wohnen werden, beſitzt ein geſegnetes Andenken. Aber Holmböe war zu arm, er konnte nicht ausführen, was er begonnen.— Du wirſt reich ſein, theurer Lars, meines Vaters großes Vermögen wird Dich in den Stand ſetzen, viel Glück und Freude um Dich zu verbreiten. Wenn ich Dich recht verſtehe, erwiederte der Landrichter, ſo meinſt Du, daß ich mein Leben ſo gemeinnützlich anwenden ſoll, wie mein Vorgänger? Daß ich Lappen zähmen, den Boden behauen, Kolonien errichten, Verſuche machen ſoll, was hier wächſt und gedeiht, und allerhand Experimente mit neuen Erfindungen anſtellen. So ſchön und reich und noch reicher möge Dein Leben ſein, erwiederte Mary, ich will getreulich Alles mit Dir theilen. Stureſon lachte laut auf, indem er ſie ſcherzend feſthielt. Ich will Hals und Kragen wetten, rief er, wenn nicht Alles, was Du mir vertraut haſt, aus Stockfleths Kopf in Dein weiches Köpfchen übergeſtrömt iſt. Das ſind ſeine Lehren, ich höre ſeine Grundſätze; aber glaube mir, theure Mary, die Welt iſt anders, wie dieſe fantaſtiſchen Tugendhelden ſie ausmalen. O; wende Dich nicht ab, fuhr er fort, und zürne mir nicht. Wir wollen Gutes thun, ſo viel wir können; auch will ich Dich nicht hindern, Deinem ſchönen Mitleid zu folgen, wo es Leiden und Schmerzen zu ſtillen gibt; aber wenn Du meinſt, ich müſſe mein Leben hier hinbringen, um Holmböe's Narrheiten weiter zu führen, oder Stockfleths Schüler und Bewunderer zu werden, ſo muß ich Dir widerſprechen. Er ſchlang den Arm um ſie und deutete auf das bunte Gewühl auf dem Felde.— Laß doch, ſagte er lächelnd, dieſe ſchmutzigen Finner, Quäner, Lappen, Fiſcher, Ruſſen und ihre eklen Weiber hier ſich abquälen, um ein jämmerliches Leben zu friſten; laß ſie bei ihren Kabliauen, ihren Thranfäſſern, ihren Rennthieren, ihren Hütten und Booten leben, wie es Gott beſtimmt hat; wir werden mit aller unſerer Mühe, mit allen unſeren Opfern nichts daran ändern können. Was hat denn Stockfleth bewirkt, der ſeit zwanzig Jahren durch dieſe Wüſten läuft? Was hat Holmböe bewirkt und vor ihm manche wackeren Männer, die Alle beſſern und bekehren wollten?— Sieh dieſe zottige, gierige Maſſe an, ſie iſt ſo roh und ſchlecht, wie ſie immer war.— Nein, meine ſüße Mary, ſo gemein ſoll unſer Daſein nicht ver⸗ kommen.— Vertraue mir nur, glaube nur, daß ich weiß, was zu unſerem Glück gehört, und Du wirſt ſehen, ich ſtreife Deine Einfachheit, Deine nachläſſige Erziehung, Deine Unkenntniß des Lebens bald von Dir ab, und mache, daß Grafen und Fürſten von Deiner Schönheit, Deiner Klugheit und Deinem feinen Weſen bezaubert ſind. Sein Gelächter konnte Mary's Betrübniß nicht verringern. Sie fühlte ſich verletzt und in ihren Erwartungen getäuſcht über den Erfolg dieſes Geſpräches, in welchem ſie Stureſon Alles ſagen wollte, was ſie dachte. Sie wagte nichts mehr und brach daher ab, aber auch Stureſon ſuchte fernere Erörterungen zu vermeiden. Er hatte genug gehört, was dies junge Mädchen dachte und meinte, was ſie von ihrem Rathgeber ſich hatte einbilden laſſen und woraus ſie Troſt und Beruhigung ſchöpfte. Um ſie zu zerſtreuen, zeigte ihr Stureſon, was er in ſeinen Schränken an Silber und werthvollen Gegenſtänden verwahrte. — 428— Er machte ihr Geſchenke mit einigen hübſchen Schmuckſachen, ſcherzte und war froh und unbefangen, aber ſie konnte die ſpöttiſchen und übermüthigen Blicke nicht vergeſſen, mit denen er ſie, wie ein Kind, betrachtet und behandelt hatte. Eine Kälte füllte ihr Herz, das zitternd immer wieder ſein Hohngelächter hörte, und nur mit aller Gewalt vermochte ſie die Thränen zu unterdrücken, welche das dumpfe Weh in ihre Augen drängte. Nach einiger Zeit führte ſie der Bräutigam hinaus, um ihrem Vater entgegen zu gehen, der vom Marktplatze zurückkehrte, und mit Hvaland kamen mehrere Kaufleute, ſammt Frauen und Töchtern, darunter manche Freundinnen Mary's, oder was man gewöhnlich ſo nennt. Sie hatten ihre Zelte und Buden aufge⸗ ſchlagen, ihre Waarenvorräthe ausgeſchifft, geordnet und unter Aufſicht geſtellt, und folgten nun Hvalands Aufforderungen, mit ihm ſeinen Schwiegerſohn zu beſuchen.— Es waren die reichſten und geachteſten Leute, welche hier zuſammenkamen und ihre Glück⸗ wünſche über das junge Paar ausſchütteten; in Stureſons präch⸗ tigem Hauſe verwandelte ſich aber die Bewunderung der jungen Mädchen bald in Neid.— Welche von ihnen hätte den ſtattlichen Mann nicht genommen, der ſo reiche herrliche Sachen, ſolchen Ge⸗ ſchmack und ſolch einträgliches Amt beſaß!— Keine verfehlte Mary zu ſagen, wie glücklich ſie ſei, hier wohnen zu können und alle dieſe Herrlichkeiten zu genießen. Der Nachmittag vermehrte die Gäſte des Landrichters, denn die rege Lebendigkeit am Fjord wuchs mit jeder Stunde. Boote und Yachten trafen von allen Seiten ein, und von den Fjellen — 129— herunter zogen die Männer des Gebirgs und machten Halt auf den kleinen Abſätzen, wo der Rauch ihrer Feuer ringsum aufſtieg. Stureſon ließ ſein ſchönes Luſtboot zu einer Fahrt auf dem Fjord an das Bollwerk legen, und bald flog das flinke Schiffchen mit weißen vollen Segeln durch die leichten Wellen. Er ſelbſt führte das Steuer und zeigte ſeine Geſchicklichkeit als guter See⸗ mann durch ſchnelle Wendungen, und wie er ſein Fahrzeug mitten durch die anderen führte, oder Bord an Bord vorüberflog.— Es war ein luſtiger, freudenvoller Tag. Am äußerſten Ende des großen Marktplatzes landete die Geſellſchaft, um die verſchiedenen Hütten und Zelte zu betrachten, wo Viele in der Nacht ihr Unter⸗ kommen fanden, und als man endlich auf allerlei Umwegen unter Scherzen und Luſt in das gaſtliche Haus zurückkehrte, geſchah es nur, um von Neuem zu trinken, zu ſchmauſen, geſellige Spiele zu ſpielen und zuletzt bis in die Nacht hinein zu tanzen. Der Landrichter hatte für Alles geſorgt, was ſeinen Gäſten Vergnügen gewähren konnte, ſein Lob war in jedem Munde. Alle verſicherten, nie einen Mann geſehen zu haben, der ſo wie er wiſſe was Lebensart ſei, und wie man ſeine Thür offen halte, daß Freunde gern hereinkommen mögen. Wein und ſtarke Getränke aller Art waren in Hülle und Fülle vorhanden, leere Flaſchen und leere Gläſer konnte er nicht dulden. An kleinen Tiſchen ſaßen die älteren Herrn bei Boſton und Whiſt unter den mächtigen Dampfwolken ihrer Pfeifen, für das junge Volk ſchallte Muſik ohne Aufhören, Stureſon ſelbſt war unermüdlich und überall. Es war kein Tanz, den er nicht mitgemacht hätte; ſein Stolz Mügge, der Schütz von Senienoe 9 — 130— war heut in Freudigkeit und Scherz verſchwunden, und als er mit Mary den nordiſchen Fandango auf⸗ und abflog, klatſchten alle Hände Beifall, und die alten dicken Kaufleute, Voigte und Lehnsmänner an den Tiſchen trommelten ſo furchtbar mit den Füßen, daß Lichter und Gläſer umſtürzten, zur Ehre des mächtig wackeren Brautpaares. So gingen die Stunden vorüber, bis es den Meiſten gut dünkte, ihre nächtlichen Ruheſtätten auf den Yachten, in den Booten oder in den verſchiedenen Herbergen aufzuſuchen. Manche Bevor⸗ zugte fanden in Stureſons Gebäuden ihr behagliches Unterkommen, als aber ſeine Zimmer leer waren, und das Haus ſtill wurde, ging er lange noch in ſeinem Schlafgemache auf und ab, um ſich mit Träumereien ſeiner Zukunft zu ergötzen. Die dickbeſohlten Stiefeln der nordländiſchen Ariſtokratie hatten ſeine Dielen zerſtampft und ihre Kraftſprüche aus rauhen Kehlen ſeine Ohren zerſchnitten. Er hakte viel zu lachen und be⸗ gleitete ſeine Selbſtgeſpräche, während er ſich langſam entkleidete, mit verächtlichen und ſpöttiſchen Randbemerkungen. Er war hierher gekommen, einzig, weil er Geld nöthig hatte und ihm kein weiterer Ausweg blieb; jetzt, wo viel Geld ihm gewiß ſchien, war nicht der geringſte Grund vorhanden, länger hier zu bleiben, als er mußte. Morgen, ſagte er, will ich nach Chriſtiania und Stockholm ſchreiben und meine Vorbereitungen beginnen. Ich ſuche ein ehren⸗ volles Amt, gleichviel, was es einbringt; für unſere ſtandesgemäße Erhaltung wird Hvaland mit Freuden Sorge tragen.— Fort will ich, murmelte er dann erregter, wäre es auch nur um allen — 131— dieſen Lappen und Böelappen, Miſſionären und langweiligen Geſichtern aus dem Wege zu gehen.— Sonderbar, daß mir der blaſſe, ſchwarzhaarige Schelm immer wieder einfällt, daß mir die Augen immer wieder einfallen, mit denen er mich anſah, als er über den Rand der Klippe ſtürzte. Er hatte ſich auf ſein Bett geſetzt und ſtarrte ernſthaft vor ſich hin, endlich aber ſah er zur Decke empor, denn über ihm ſchlief Mary, und leiſe ſtreckte er die Hand aus und flüſterte ſich ſpöttiſch zu: Warte, mein Goldfiſchchen, warte! Alle dieſe Sorgen und Plagen ſollſt Du mir bezahlen.— Ich will Dich an einen Ort führen, wo Du ganz mein eigen ſein ſollſt, will dafür ſorgen, daß Dir die tugendhaften Grillen vergehen, und alle Erinnerungen an Deine Verirrungen will ich Dir austreiben. In dem Augenblick, wo er dieſe Worte ſprach, drang ein Ton in ſein Ohr, der jähes Entſetzen über ihn brachte.— Es war derſelbe Ton, der ihn einſt aufgeweckt hatte, als er in dem Felsſpalt eingeſchlafen war. Leiſe, ſüß und klagend zitterte er durch die Nacht. Stureſon meinte den geſpenſtiſchen Geiger vor ſich zu erblicken, wie er ihn geſehen hatte, das Haupt tief auf ſein un⸗ förmiges Inſtrument geneigt, ſein ſchwarzes Haar darüber aus⸗ geſchüttet und Mondlicht blaß darüber rieſelnd.— Mit glühenden Augen ſprang er auf, ſein großer Körper zitterte. Er blickte nach allen Seiten hin und ſah nichts, als das verglimmende Licht der kleinen Lampe in der Ecke. Aber der Ton war noch in ſeinen Ohren, als umſchwebe er ihn, wie der Geiſt eines Erſchlagenen, der mit ſeinen Seufzern den Mörder aufweckt und verfolgt.— Er wußte nicht, woher er kam; er hörte ihn, ohne recht zu wiſſen 9* — 4132— ob es Wahrheit oder erregte Einbildung ſei. Mit Heftigkeit ſtieß er den Laden auf und öffnete das Fenſter. Alles war dunkel und ſtill; der kalte Wind ſchüttelte die ſchwarzen Bäume, die Wellen des Fjord rauſchten, phosphoriſches Leuchten zuckte darüber hin. Die düſteren Schatten des Gebirgs und ſchweres Gewölk ſchmolzen zuſammen zu einer nächtigen undurchdringlichen Maſſe.— Schau⸗ dernd zog Stureſon den Kopf zurück, ſeine große Uhr ſchlug Eins. VII. Am nächſten Morgen begann der Markt und vom erſten Tagesſcheine an ſcholl der Lärm vieler hundert Menſchen von allen Seiten her. Früh war auch Jeder im Hauſe erwacht; wer darin eine Ruheſtätte gefunden, eilte hinaus und ſah das goldene Sonnen⸗ licht an den hohen Fiellen herrlich ins Thal herunterziehen. Noch lag der blaue Duft der Nacht in düſteren Spalten und engen Klüften, Nebel ringten und ballten auf dem Fjord in wunderlichen Spielen, bald aber wurde Alles durchſichtiger und heller, und endlich lief ein blitzendes Leuchten über die Mitte des breiten Waſſers. Der erſte Sonnenſtrahl ſpaltete die dicke Luft und fuhr über den Wieſengrund, auf welchem der Markt ſtand. Hvaland war längſt auf den Beinen, hatte ſeinen Kaffee ge⸗ trunken, mit ſeinem Meſſer lange Spähne von einer zähen, holz⸗ artigen, röthlichen Maſſe abgeſchnitten, und nach gewaltiger Arbeit zwiſchen ſeinen Zähnen glücklich verſchluckt, wobei er alle Zeichen gab, daß es ihm vortrefflich ſchmecke. Dieſe Maſſe war eine — 134— Lieblingsſpeiſe des ächten Nordländers, der Ueberreſt eines ge⸗ räucherten Hammelſchinkens, herrliches Spegekjiöd, deſſen beſte Theile ſchon geſtern den Weg alles Fleiſches gegangen waren. Nebenher ſprach er mit Mary, die mit gefalteten Händen bei ihm ſaß und ſtill über Etwas nachzudenken ſchien. Ihr ſanftes Geſicht war von einem Lächeln erfüllt, ihre Augen blickten durch die Fenſter auf den ſonnenhellen Fjord, aber ihre Ohren ſchienen wenig von dem zu hören, was ihr Vater ſprach, obwohl ſie es betraf. 1— Heut, ſagte Hvaland, wird es wild genug hergehen. Sind viele Lappen gekommen, mehr als ich lange Zeit beiſammen ge⸗ ſehen habe. Werden die Rennthiere wohlfeil ſein, die Felle im Preiſe ſinken, Schneehühner und Vögel billig fortgehen, Mancher ein leckeres Mahl halten und für wenig Geld ſich Wintervorräthe kaufen können. Denke auch meinen Handel zu machen, wie es ſchickt, fuhr er dann vergnügt fort, habe meinen alten guten Platz in der Mitte des Marktes, und was Stureſon betrifft, ſo wird er, ehe zwei Tage vergehen, ein tauſend harte Spezies einwechſeln können. Streit vollauf iſt zu ſchlichten; ſie kommen von allen Seiten, um das Recht anzurufen, wird alle Hände voll zur thun haben. Er ſah Mary von der Seite an und neigte ſich dann zu ihr hin. Will Dir ſagen, flüſterte er, was er mir vertraut hat. Alles Geld, was er heut einnimmt, ſoll zum Hochzeitsgeſchenk für Dich verwandt werden. Kannſt wählen, was Du haben willſt. Einen Goldſchmuck, wie ihn die Frau des Amtmanns in Bodöe hat, Atlas und Spitzen aus Frankreich, oder Ringe und Ketten und eine Uhr daran. Es iſt ein Verſchwender, Mary, aber die Weiber wollen es ſo haben, und nimm's immerhin, Chriſtie Hvaland wird's ſchon gut machen, wenn es fehlt. Ich will nichts nehmen, Vater, erwiederte ſie den Kopf ſchüttelnd. Willſt nichts, willſt ſparen? lachte Chriſtie. Ei ja, beſſer iſt's ſein Geld behalten. Aber Du ſollſt haben, was Keine hat, ſollſt die Erſte ſein im Lande, weil Du ſeine Frau biſt. Muß ich's denn ſein? fragte Mary mit ſonderbarem ſcharfen Tone, indem ſie ihren Vater anblickte. Ob Du es ſein mußt? rief dieſer erſtaunt.— Schläfſt doch nicht mehr, fuhr er lachend fort. Sieh dort, da iſt der Malanger Fjord und hier ſitzen wir in Stureſons Haus, wo Du wohnen wirſt mit ihm. Nimm mich mit Dir, ſagte ſie mit beiden Händen ſeinen Arm plötzlich umklammernd. Ich will wohnen, wo Du wohnſt, ich will bei Dir bleiben, Vater, will mich niemals von Dir trennen. Biſt ein Narr! ſchrie Chriſtie mit rauher Stimme auf, dann aber ſuchte er ſich ſanfter loszumachen und ſagte beruhigend: Sei kein Kind, Mary, was fällt Dir ein? Stureſon hat um Dich geworben, und biſt ihm entgegen gekommen, mehr, wie ich es Dir zugetraut hätte. Gleich am zweiten Abend haſt ihn angenommen; wenn es Andere wüßten, würden ſie Nachrede machen, die Keinem lieb wäre. 3 Mir iſt ſo bang, Vater, ſo ſchwer und bang im Herzen, flüſterte das Mädchen. — 136— aber er liebt Dich ja, thut Alles nach Deinen Wünſchen. Laß ihn warten, bis das Frühjahr kommt, guter, lieber Vater, ſagte ſie leiſe bittend. Ich habe einen Traum gehabt, einen ſchweren, gefährlichen Traum. Nur jetzt laß mich nicht von Dir, nicht ſo bald. Wir müſſen Stureſon beſſer kennen lernen, ehe Du ihm Dein Kind anvertrauſt. Mädchen! rief Hvaland, indem er die harte Fauſt ballte und auf den Tiſch ſchlug, höre auf mit dem unſinnigen Gewinſel. Wenn das Dein Wille war, wenn Du warten wollteſt, warum ſagteſt Du es nicht? Noch geſtern wäre es Zeit geweſen, als ich mein Wort gab, am Michaelistage ſolle die Hochzeit ſein. Du haſt nichts eingewandt, haſt genickt, gelacht und endlich ja geſagt.— Zwiſchen geſtern und heut hat eine kurze Nacht gelegen, welcher Kobold iſt Dir im Traum erſchienen? Mary antwortete nicht, ihr Vater ſchüttelte grämlich den Kopf und ſprach dann weiter: Geſagt iſt geſagt und mein Wort iſt mein Wort. Will mich nicht auslachen laſſen, Deiner Launen halber. Wiſſen es Alle, die hier ſind, wann die Hochzeit ſein ſoll, habe am Michaelistage ein Feſt verſprochen, wie es noch nicht geſehen wurde am Senjenöeſund, und will, ſo wahr ich Hvaland heiße! kein Lügner werden. Mach kein Geſicht, Mary, rief er, indem er aufſtand, als ſollteſt Du Eis holen aus den Schubſäcken der Hexenkinder, die da oben in den Tanasjauren wohnen. Gleich laß Deine Augen klar werden, ich höre Stureſons Stimme draußen. Was ſoll er denken, wenn er Dich ſo findet, wie keine Braut ſein ſoll? Iſt Kann's mir denken, lachte er. Iſt ein ſtolzer feſter Mann, —— ein Mann, der ſeine Hand ausſtrecken mag nach Nord und Süd, wohin er will, und die Beſten greifen nach Ring und Finger. Wirſt beneidet, Mädchen. Denk an den Schmuck, ſieh hin, was Dein iſt; ſieh hin, wie ſein Haus blitzt. Er ſtieß ein helles Ge⸗ lächter aus und drückte Mary's Kopf an ſeine Lederjacke, während er ihr Haar ſtreichelte und doch dabei ſo grimmige Blicke auf ſie richtete, daß ſie keinen weiteren Widerſpruch wagte. Stureſon öffnete die Thür und blickte Mary forſchend an. — Sie hat nicht gut geſchlafen, ſagte Hvaland, hat Kopfſchmerzen, iſt nicht eingerichtet für den Spektakel bis tief in die Nacht. Iſt Deine Ruhe geſtört worden? fragte er theilnehmend ihre Hände faſſend. Durch nichts, ſagte ſie, ich habe unruhig geträumt. So erhole Dich jetzt im friſchen Morgen, erwiederte er, es iſt mir nicht viel beſſer gegangen.— Meine Zeit iſt fürs Erſte beſchränkt, mein Platz in der Gerichtsſtube, aber draußen ſind Deine Freundinnen, liebe Mary. Unterhalte ſie, zeige ihnen Dein Haus, beſieh den Markt und ſeine Schätze; ſobald ich kann, ſuche ich Dich auf. Nach einiger Zeit ging Hvaland, wohin ihn ſeine Geſchäfte riefen, der Landrichter begleitete ihn und eröffnete ſein Gericht, vor welchem viele Kläger und Beklagte erſchienen; um Mary aber ſammelte ſich nach und nach eine ganze Schaar junger Mäd⸗ chen, die mit ihr plauderten, unendlich viele unbedeutende Dinge zu erzählen hatten, ihre Hoffnungen und Neuigkeiten auskramten, über Nichts lachten und ſich beluſtigten, auf Geſchenke rechneten, die ihre Väter, Verwandten und Anbeter ihnen verehren ſollten, — 138— und im Voraus neugierig riethen, was wohl Stureſon ſeiner Braut anbinden werde. So vergingen lange Stunden, bis endlich alle übereinkamen, es ſei jetzt Zeit, den Markt zu beſuchen und ſich umzuſchauen, wie Handel und Wandel ſtänden.— Der Weg führte am Ufer des Fjord hin, nach einer Viertelſtunde waren die Mädchen mitten in dem Gewühl, und luſtig genug war es anzuſchauen. Der größte Theil der ſchreienden, ſchwatzenden und wild lärmenden Menge beſtand aus Lappen, die mit Weibern und Kindern von den Gebirgen gekommen waren. Greiſe mit ſeltſamen, breit gequetſchten Naſen, alte Weiber von entſetzlicher Häßlichkeit, ſchmutzige gelbe Geſichter, die unaufhörlich lachten und ihre vom Skorbut hart mitgenommenen Zähne zeigten, ballten ſich in Haufen um die Buden der beliebteſten Kaufleute zuſammen und führten ein betäubendes Geſchnatter aus. Sie handelten und feilſchten um ihre Tauſchwaaren, um Rennthierſchinken, Felle und Hörner, um ihre lebendigen Schlachtthiere, um Vögel mannichfacher Art, welche ſie zu Dutzenden auf Birkenruthen geſpießt trugen, um bunt ge⸗ ſteppte Röcke, die ihre jungen Dirnen oft ſehr ſauber roth aus⸗ zunähen verſtehen, um die weichen bequemen Halbſtiefeln von Rennthierhaut, welche in den Gammen mit Rennthierſehnen genäht werden, um Bären⸗ und Wolfspelze, Fuchs⸗ und Otterfelle, den Räubern abgezogen, die ſie auf der Jagd erlegten, um Säcke mit Federn aus der Bruſt der glänzend weißen großen Möven, Eiderenten und anderer reich und warm gefiederter Strandvögel, und für alle dieſe Handelsproducte begehrten ſie Pulver und Blei, eiſerne Töpfe und Keſſel, Mehl für ihre kräftigen Blut⸗ und Fleiſchſuppen, — 139— grobes Segeltuch für ihre Zelte und endlich blanke, harte Spezies von Silber, um ſie bei den übrigen zu vergraben. Die Kaufleute trieben den Tauſchhandel eben ſo ſchlau wie einträglich, aber aus den Armen und Buchten des großen Malanger Fjords und von den Inſeln herüber, die in unzähligen Brocken auf das Meer zwiſchen Senjenöe und nördlich hinauf ausgeſtreut ſind, waren viele Fiſcher und Koloniſten gekommen, um ſich mit Winterfleiſch, Vögeln, Komagern und Pelzdecken zu verſehen.— Rieſenhafte Männer aus dem Geſchlecht der eingewanderten Fin⸗ nen handelten unter wilden Flüchen mit kleinen boshaft grinſen⸗ den Lappen, die von ihren Preiſen nichts ablaſſen wollten. Die Kugeln von Kautabak rollten von einer Backe in die andere und brachten ſeltſame ſchiefe Geſichter hervor, als ſei das ganze Volk ſo geſtaltet. Ihre Weiber hockten zuſammen, rauchten die Pfeifen der Männer und miſchten ſich zuweilen mit gellendem Geſchrei in den Handel.— Da wurden Rennthiere betaſtet, ihr Gewicht unterſucht, der geforderte Preis mit Hohngelächter aufgenommen, oder der Verkäufer mit der Branntweinflaſche zur Einſicht gebracht. Von Zeit zu Zeit aber erſchien unter dieſen Haufen von Fiſchern in dunklen Zwillich⸗ und abgeſchabten Lederjacken, mitten unter den Glanzhüten der Quäner und Koloniſten, und den brau⸗ nen, ſchmutzigen Baumwollenhemden und hochſtehenden Mützen der Rennthierhirten, ein junger Elegant aus dem Gebirge. Es waren wenige, aber doch mehre, die ſich vortheilhaft vor ihren Stammgenoſſen auszeichneten und deren Aeußeres ſo⸗ wooh, wie ihre Haltung und ihr ganzes Benehmen, einen Grad voon Cultur und Bildung ausdrückte, welche ſie wahrſcheinlich im⸗ — 140— Umgang mit geſitteten Leuten und in den Schulen, die für ſie angelegt waren, erlangt hatten. Merkwürdig war es aber doch, daß, während die norman⸗ niſchen Fiſcher ſowohl, wie die Finner, Böelappen und anderen Koloniſten, auch nicht einen Mann zu beſitzen ſchienen, der aus dem rohen Haufen vortheilhaft hervorgetreten wäre, gerade dieſe verachteten Nomaden einige ganz artige und wohlgefällige Jüng⸗ linge und junge Mädchen auf den Markt geſchickt hatten. Die kleinen lappiſchen Schönheiten wurden zwar von den ſtolzen Töchtern der Kaufleute aus den Fjorden mit ſpöttiſchen Blicken betrachtet, und von den jungen Normännern kaum ange⸗ ſehen, allein ſie waren nichts deſto weniger hübſcher und zierlicher, als Viele, die ihnen nachhöhnten. In ihren blauen Jacken und weiten Röcken, welche mit rothen Litzen beſetzt und beſtickt waren, in ihren weißen Häubchen, weißen faltigen Schürzen und ſchön mit Arabesken von gelben, blauen und rothen Fäden beſetzten Komagern, trippelten ſie durch das Gedränge zwiſchen den ge⸗ waltigen breiten Geſtalten der Normänner und ihrer Frauen hin und zeigten verſchiedentlich ganz fein geformte Geſichter, lebhafte und klare Augen, hübſche Zähne und rothe Lippen.— Dieſe niedlichen Mädchen in dem gefälligen Nationalputz waren die Erbtöchter wohlhabender Familien, welche vielleicht zwei oder drei tauſend Rennthiere beſaßen. Es waren junge Ariſtokratinnen, welche ſehr wohl wußten, wie ſie begehrt wurden, und ſpröden Sinnes fortſahen, wenn ein Niedriggeborener ſich vertraulich zeigte. Allein auch unter den jungen Lappen, die in ihren neuen braunen Jagdhemden, breite geſtickte Gürtel um den Leib, geſtickte Komager an den Füßen und glänzende Federn auf den Mützen, durch die Menge irrten und ihre ſchwarzen Locken fliegen ließen, fanden ſich hübſche und gewandte Jünglinge.— Mehre brachten koſtbare Gegenſtände zum Verkauf, vielleicht die einzigen Kunſtproducte, welche hier zu haben waren, nämlich kleine und größere Taſchen, allerliebſte Körbchen, Kragen und Ueberwürfe, verfertigt von den feinſten Daunen verſchiedenartiger Vögel, die mit wundervoll glänzender Farbenpracht und in Schattirungen, welche ein Künſtler nicht ſchöner zuſammenſtellen konnte, das Auge entzückten. Die Töchter der Kaufleute ſuchten nach einiger Zeit Mary auf, welche ſich von ihnen getrennt hatte und bei ihres Vaters großem Kramladen geblieben war, wo es bunt und geſchäftig her⸗ ging, denn Hvaland hatte alle Hände voll zu thun; um ſeine Vorräthe drängte ſich das dichteſte Gewühl der Käufer, und der ſchlaue alte Handelsmann war ſo froh gelaunt, wie ſelten, denn ſolchen Markt hatte er kaum je erlebt. Werde Alles los heut, rief er ſeiner Tochter zu, iſt ein Reißen darum, habe reinen Tiſch gemacht, ehe drei Stunden ver⸗ gehen.— Er ſtreichelte ihr vergnügt die Stirn und fuhr dann ſelig grinſend fort: Nu Mary, denke, Deine Grillen ſind vorüber. Siehſt beſſer aus um die Augen. Handel iſt Handel, biſt eine Waare, die losgeſchlagen iſt, aber der Käufer ſoll nicht ſagen, daß er betrogen wurde.— Haſt nichts gefunden auf dem ganzen Markt, was Dir gefällt, Mädchen? Kaufe Dir das Beſte, was da iſt, ich— oder Stureſon, verbeſſerte er ſich— er wird es bezahlen. Jetzt erſchienen die jungen Mädchen, und wie aus einem — 142— Munde riefen ſie der Braut zu: Wundervolles iſt für Dich zu Kauf, Mary! Ein Lappe iſt hier, der das ſchönſte Mäntelchen von Federn hat, das je von eines Menſchen Hand gemacht wurde. — Sie beſchrieben dies Meiſterwerk mit Worten, die ihre Be⸗ wunderung ausdrückten. Weiß ſei der Grund, blaue, braune und brennend rothe Federn bildeten Figuren darauf, die in einander laufend ſich verſchlängen, und Innen ſei es mit feinſtem Pelzwerk gefüttert. Was iſt der Preis? fragte Hvaland. Ei theuer iſt er damit, ſagte die Eine. Achtzig Spezies hat er uns abgefordert. Hvaland riß die Augen auf. Er wußte freilich, daß die Federarbeiten hoch bezahlt wurden, aber dieſe Summe ſchien ihm doch der Gipfel höchſter Unverſchämtheit.— Iſt der Narr toll! ſchrie er. Wo iſt er?— Oho! da kommt der Landrichter.— Iſt er es nicht? Aber was zum Henker! gibt es da?— Streit und Prügel, ſo wahr ich lebe.— Sie werfen ihn in die Luft, den Burſchen. Will's Gott! er muß gute Knochen haben, wenn ſie nicht brechen ſollen. Der Lärm übertönte ſeine Stimme, die Mädchen drängten ſich ängſtlich unter ſeinen Schutz, und Hvaland war ſehr ärgerlich über die vergnügliche Störung, welche viele Käufer veranlaßte, hinzulaufen, um zu ſehen, was es gäbe. Es iſt nichts, als ein erbärmlicher, betrunkener oder verrückter Böelappe, ſagte ein Mann, der zurückkam. Er hat ſich unter⸗ ſtanden, dem Landrichter in den Weg zu treten, ihm mit der h zu chen irde. Be⸗ und nder verk — 143— Fauſt zu drohen und von ihm zu fordern, er ſolle ihn zum Schul⸗ meiſter machen oder er wolle ihn an den Galgen bringen. Ein allgemeines Gelächter entſtand.— Das lappiſche Thier, berichtete der Erzähler, iſt aber übel fortgekommen. Der Landrichter meinte es gut mit ihm, wollte ihn fortbringen, aber er ſchrie und ſchimpfte wie ein Beſeſſener. Da nahmen ſich ein Dutzend wackere Jungen vom Lyngen⸗Fjord ſeiner an. Jetzt liegt er mit zerſchlagenem Kopf auf den Steinen und wird fürs Erſte genug haben.— Herr Stureſon hat die Gerichtsdiener kommen laſſen, er wird ihn kuriren, wie es ſein muß. Das Gelächter dauerte noch fort, als Stureſon herbeikam, der über den Vorfall ganz eben ſo zu denken ſchien. Der alberne Tropf, ſagte er verächtlich, hat beinahe eine zu ſtarke Lehre bekommen, über die Kunſt ſich ſittlich und anſtändig zu benehmen. Vorläufig mag er nüchtern werden; morgen wollen wir weiter ſehen, wie er zu beſſern ſein mag. Wie heißt er? fragte Hvaland. Henrik Janſen, ſoll er heißen, und ganz in Eurer Nähe wohnen. Iſt es der aufgeblaſene Schuft? ſchrie der Kaufmann. Dacht' ich's doch, daß er es ſein müßte. Wiegelt ſeit einiger Zeit mir die Leute auf, grinſt mich an, wenn er mich ſieht, und hat ſon⸗ derbare Reden geführt, daß er bald an meinem Tiſche ſitzen wollte, und ich müßte ihn bedienen. Er ſcheint ein Trunkenbold und ein Narr zu ſein. Straft ihn, daß er zur Vernunft kommt, rieth der Kaufmann. Sorgt nicht, lächelte der Landrichter, ich will ihn mürbe 8 — 144— machen. Aber meine ſüße Mary ſieht ängſtlich und ernſthaft aus, fuhr er fort. Mein Geſchäft für den Vormittag iſt beendet, was übrig geblieben, mögen meine Schreiber abthun. Was gibt es nun, womit ich Dich erfreuen kann? Gibt es nichts, was Deine Wünſche erregt hätte? Die Braut ſchüttelte den Kopf, aber ihre Freundinnen waren nicht ſo beſcheiden.— Es iſt etwas da, Herr Stureſon, ſagte die Keckſte, was Niemand kaufen kann, außer der Herr Landrichter. Was iſt es? Ein Federmantel, den eine Königin tragen könnte. Dann muß ihn Mary beſitzen. Wo iſt er? Ein Lappe hat ihn zu verkaufen, ein ſonderbares, häßliches Geſchöpf. Er muß die Lepra haben, ſein ganzes Geſicht iſt be⸗ pflaſtert und ſteckt ſammt dem Hals in dichten Binden. Mag er haben was er will, ſagte Stureſon, er mag es be⸗ halten, aber den Mantel ſoll er uns laſſen. Laßt ihm den auch, fiel Hvaland ein. Es iſt ein unver⸗ ſchämter Burſch, achtzig Spezies hat er gefordert. Und wären es hundert! wenn er Mary gefällt, iſt er mir nicht zu theuer. Die jungen Mädchen richteten beifällige und bewundernde Blicke auf den großmüthigen Bräutigam.— Du glückliche Mary! flüſterte die, welche ſie umarmte, wie biſt Du zu beneiden um ſolche Liebe! Und wo finden wir den Wundermantel? fragte Stureſon. Er wird doch nicht ſchon verkauft ſein? 2 Seid ohne Satge⸗ ſagte Hvaland lachend, ſo leicht wird der thaft ndet, was raren ſagte Vier. liches be⸗ be⸗ nver⸗ mir ernde fary) um ceſon. d der — 145— gaunecriſche Landſtreicher ihn nicht los. Die ihn etwa haben möch⸗ ten, warten bis Abend, bis auf den letzten Glockenſchlag, und bieten dann zwanzig bis fünf und zwanzig Thaler, wofür er ihn gern losſchlägt, um nicht ohne Geld nach Haus zu kommen. Rath' Euch, daß Ihr es eben ſo macht. Aber Stureſon wollte davon nichts wiſſen.— Komm, ſagte er zu Mary, laß den Vater die Reſte ſeiner Vorräthe verkaufen. Der Handel geht gut, wie ich ſehe, und an ſolchem Tage thut eine Hand voll Spezies mehr oder weniger keinen Schaden. Hvaland ſchmunzelte dazu und machte ein pfiffiges Geſicht. Nun meinetwegen, rief er den Forteilenden nach, gebt dem Schelm, was er haben will, und meinen Segen obenein, wenn er ihn ge⸗ brauchen kann. Der Landrichter durchſtrich den Markt nach allen Seiten und that mancherlei Fragen an bekannte Leute um den Lappen mit dem ſchönen Federkragen. Viele erinnerten ſich ihn da und dort geſehen zu haben, aber nirgends war er zu finden.— Es war inzwiſchen ſpäter geworden und die befriedigten Käufer über⸗ ließen ſich den Genüſſen, die in manchen Buden und an vielen Feuerſtellen ihnen dargeboten worden. Hier ſaßen ganze Reihen normanniſche Fiſcher und Quäner um lange grobe Tiſche und verzehrten Hammelfleiſch, das in der Zwiebelbrühe rauchend ſchwamm; dort zechten Andere bei ſchlechtem Bier und gefüllten Branntweinflaſchen, ſchreiend, jauchzend, rau⸗ chend und mit erhitzten Geſichtern zum Streit ſowohl, wie zur rohen Freude aufgelegt.— Lappen mit Weibern und Kindern bildeten Kreiſe auf dem Raſengrund und ſangen in Gurgeltönen Mügge, der Schütz von Senienoe.„ 10 — 146— ein entſetzliches Gequäcke, während die Flaſche von Einem zum Anderen ging. Ihre Weiber theilten halb gar gekochte Fiſche aus, welche mit den Fingern zerriſſen und gefräßig verſchluckt wurden, und neben ſinnlos Betrunkenen ſaßen die Schlauen und Ver⸗ ſtändigen, zählten ihr Geld, packten es in die grünen Gürtel und verfolgten mit ſcheuen Blicken den gewaltigen Landrichter, der wie ein Rieſe bei ihnen vorüberſtrich, ohne ſie eines Blickes zu würdigen. Die jungen Mädchen waren inzwiſchen mit Mary weiter gegangen, als Stureſon, von einigen Kaufleuten und Lehnsmän⸗ nern aufgehalten, Antwort auf ein paar Streit⸗ und Rechtsfragen geben ſollte; als er ſich losmachte, ſah er Mary's weißes Ge⸗ wand ganz am Ende des Marktes und Niemand bei ihr. Wo ſind Deine Freundinnen? fragte er, als er ſie erreichte. Sie haben ſich zerſtreut, erwiederte ſie, um an anderen Stellen nach dem Manne zu ſuchen, der ſich nicht finden läßt. So laß uns umkehren, ſagte Stureſon.— Wonach ſiehſt Du, liebe Mary? Er folgte ihren Blicken, welche ſich auf die Schlucht richte⸗ ten, aus der die Malself hervorbrach, weiß ſchäumend und über große Felſenblöcke ſprudelnd, welche ihren Lauf hemmten.— Wald zog von beiden Seiten an den hohen Fiellen hinunter in das enge Thal des Stromes; die jähen Wände ſahen wie das offene Thor einer Felſenburg aus, welches der wilde Strom ge⸗ waltſam ſich geöffnet hatte. In ſteilen Abſätzen ſenkten ſich die granitnen Mauern bis zu den äußerſten niedrigen, losgeriſſenen Maſſen, die mit Birkenbüſchen und Moos bedeckt ihren Fuß in Wieſengrund und Moor verbargen. ——— zum Laus, urden, Ver⸗ l und r wie digen. weiter zmän⸗ fragen Ge⸗ eichte. deren läßt. ſiehſt richte⸗ — über l. ter in e das m ge— S die ſſenen uß in — 147— Da iſt er! ſchrie Mary auf. Wo? fragte Stureſon. Wer?! Sie riß ſich von ſeiner Hand los, und ohne auf ſeinen Ruf zu achten, lief ſie mit flüchtigſter Schnelle über den Moorboden den Steinen zu. Biſt Du raſend! rief er ihr nach. Halt, Mary, halt ein! Es iſt ſumpfig und naß. Zurück da, zurück zu mir!— Aber was iſt das! Bei Gott, da iſt er! Dieſer letzte Ausruf galt einem Lappen, der auf einem der hohen Felſentrümmer am Ufer der Malself ſaß und jetzt erſt, als er ſich aufrichtete, dem Landrichter ſichtbar wurde. Es war eine ſchlanke, jugendliche Geſtalt. Seine Mütze mit einem grünen Zweig hatte er tief in ſein Geſicht gedrückt, das obenein von einer Binde bedeckt war; aber ſein Gürtel war mit Silber beſchlagen, ſein Hemd bunt geſtickt, und auf ſeinem Stocke mit der langen Stachelſpitze hielt er den prächtigen Federmantel, der in der Sonne funkelte und glänzte. Stureſon ſah, wie Mary den Felsblock emporklomm, wie der Lappe ihr die Hand reichte, vor ihr niederfiel und aufſprang, um den ſchönen Schmuck um ihre Schultern zu werfen.— Er konnte nur langſam vorwärts, denn unter dem ſchweren Manne ſchwankte der Sumpfboden. Er mußte ſeine Augen vorſichtig auf die dichten Grasbüſchel richten, welche wie Inſeln den feſten Grund bildeten. Sprung auf Sprung war zu machen, wenn er trocken bleiben wollte. Was thut der Narr! murmelte er, als er endlich in der Nähe war und die beiden Geſtalten noch immer dicht beiſammen 10* — 148— ſah; aber im nächſten Augenblick ſtieß er einen wilden Fluch aus und ſtierte im höchſten Entſetzen den Lappen an. Mary hielt dieſen umſchlungen; er hatte den linken Arm um ſie gelegt, mit der Rechten Mütze und Binde von ſeinem Kopf geriſſen; kein Zweifel, daß es Olaf war. Stureſon begriff mit Blitzesſchnelle Alles. Du biſt es alſo, rief er hinauf, der mein Haus umſchlichen hat. Du biſt der Muſikant, der uns den Schlaf vertreibt. Ja, Mörder, der Du biſt! antwortete der junge Mann. Sieh mich an, Deine Hand hat mein Blut nicht vergießen können. Prahle nicht, Lappe! ſchrie Stureſon. Flieh in Deine Gamme zurück zu dem falſchen Prieſter, der Dich dort verborgen wußte, während er mir vorlog, Dich vergebens zu ſuchen. Du ſelbſt lügſt, falſcher Mann! ſagte Olaf.— Der Probſt weiß nichts von mir, ſelbſt meine nächſten Freunde wiſſen erſt ſeit geſtern, daß ich dem Wolfe entkommen bin. So reize ihn nicht, reize mich nicht! Fort mit Dir, ich höre Stimmen, es kommen Leute. Laß die Hand los, Schurke, laß die Jungfrau los, lappiſches Thier!— Mary! Laß ſie los, ſage ich, Du ſiehſt, ich habe die Mittel, Dich diesmal beſſer zu treffen. Er riß aus der Bruſttaſche ſeines Kleides ein Terzerol, das er dort verborgen trug und ſtreckte es gegen Olaf aus. Sage was Du haben willſt, rief er wuth⸗ und angſterfüllt, fordere Geld, ich will es Dir geben, aber betritt nie mehr dieſen Ort. Höre, Du Hund!— Um Gotteswillen, Mary! Dein Vater — dort kommt er!— Komm herab, komm— komm! In meine Arme, Mary, ehe ein Auge Dich ſieht. zer h aus Arm ſeinem alſo, t der Mann önnen. zamme wußte, probſt en erſt c höre laß die age ich, effen. ol, das erfüllt dieſen Vatet meine A₰‿ = 0= Nein! antwortete Hvalands Tochter mit Abſcheu und größter Heftigkeit, niemals zu Dir, Du Mörder!— Ich will nicht; ich haſſe, ich verachte Dich! Stureſon ſprang auf den Felsblock los und drückte das Ter⸗ zerol ab, indem er wie ein Raſender das Geröll erklomm. In dem Augenblick aber, wo er einen ſchwachen Schrei von Mary's Stimme hörte und dieſe an Olaf niedergleiten ſah, wo er nur wenige Schritte noch zu thun hatte, um ſeine Hand nach dem verwegenen Lappen auszuſtrecken, wo ſeine Fauſt ſich ballte, um ihn niederzuſchlagen, und ſeine Augen vor wilder Begier fun⸗ kelten, folgte einem ſtarken Blitz der Donner eines Schuſſes, und Stureſons mächtiger Körper richtete ſich ſteil auf; er ſtolperte, verſuchte ſich zu halten und ſtürzte rückwärts über in den Sumpf⸗ boden des Thals. Olaf hielt ſein rauchendes Gewehr noch in der Fauſt, als Hvaland und mit ihm ein paar andere Männer laut ſchreiend an der Biegung der Felſen ſichtbar wurden; aber ſie waren un⸗ ſicher, wer der geweſen ſei, der ſchnell ſich in dem Geſträuch ver⸗ barg und nicht wieder ſichtbar wurde. Nach einigen Minuten ſtanden ſie jammernd um den blut⸗ bedeckten Körper des Landrichters, welcher ſeine krampfhaft zu⸗ ſammengepreßten Arme über die tödtliche Wunde deckte. Ein Greis kniete an ſeiner Seite nieder und ſuchte ihm ſeine Lage zu erleichtern; es war der Miſſionair, der mit Hva⸗ land gekommen war, in äußerſter Beſtürzung die Kleider entfernte und einige Rettungsverſuche machte; an der anderen Seite kniete Hvaland, ſeine harten Hände um Stureſon ſchlagend. — 150— Wer hat es gethan? ſchrie der alte Mann. Um Gottes Barmherzigkeit! redet Landrichter. Nur ein einziges Mal öffnet den Mund.— Ein Lappe muß es geweſen ſein, rief er mit zit⸗ ternden Lippe, indem er auf die Wunde deutete; nur eines Lappen Kugel kann ſolch weites Loch reißen. Ruft Gottes Gnade an, unglücklicher Mann, ſagte der Probſt. Fleht zu ihm, daß er ſich Eurer erbarme, Und Mary! Wo iſt Mary? fragte Hvaland aufſpringend. Bei dieſem Namen leuchteten Stureſons Augen noch einmal auf. Er öffnete ſie weit und verſuchte ſich mit dem Arm zu ſtützen. Haltet ſie! fort!— Dal röchelte er, und einen letzten drohenden Blick voll Haß auf den Miſſionair richtend, ſtieß er deſſen helfende Hand zurück, und fiel todt nieder. Auf der Höhe zwiſchen den Büſchen war das Gras blutig⸗ roth, und dieſe Spur ließ ſich bis an die Schlucht der Malself verfolgen; ſonſt war nichts zu entdecken.— Stureſons Terzerol lag zwiſchen den Steinen, vielleicht hatte er ſeinen Angreifer ver⸗ wundet.— Raſche Männer, die nach einigen Stunden in die Schlucht drangen und den Verbrecher verfolgten, fanden an ver⸗ ſchiedenen Stellen, die Fußtritte mehrerer Rennthiere von jener ſtärkſten Art, wie ſie zum Laſttragen gebraucht werden. An Baum⸗ zweigen hingen ein paar Fetzen von Mary's Kleid und ein zer⸗ riſſener ſchöner Mantel von ſeltenen Federn. *Man trug Stureſons Leiche in ſein geſchmücktes Haus und ſtatt des Feſtes, das hier gefeiert werden ſollte, herrſchten Ver⸗ wirrung, Trauer und Kummer. Alle Mittel wurden aufgeboten, um den Mörder aufzufin⸗ Hottes öffnet iit zit Lappen Probſt. ngend. enmal om zll letzten jeß er lutig⸗ aalself erzerol den, aber keines führte zu ſeiner Entdeckung. Die Ausſagen, welche Henrik Janſen machte, verwirrten und verdunkelten dieſe Angelegenheit noch mehr. Sie warfen einen ſchrecklichen Verdacht auf Stureſon, ohne einen Beweis zu liefern, brachten Hohn und Spott über die verſchwundene Tochter des reichen Kaufmanns, obwohl die meiſten an ihre ſchandbare Verirrung nicht glauben wollten. Hvaland bot große Summen, wer ihm über ihr Schick— ſal Nachricht brächte, allein obwohl Viele ſein Geld verdienen wollten, hat er doch niemals zu zahlen nöthig gehabt. Man forſchte nach Olafs Brüdern; auch ſie waren mit ihren Heerden verſchwunden, nie hat man ſie wieder an dieſer Küſte geſehen. Eine Sage hat ſich um deſſentwegen erhalten, daß Olaf es geweſen ſei, deſſen Kugel die Bruſt ſeines ſtolzen Feindes durch⸗ bohrte, und daß er nun mit Mary tief in der unermeßlichen Wüſte in einem der kleinen verborgenen Thäler wohne, welche zuweilen ſo lieblich und zauberiſch die Schrecken der eiſigen Wild⸗ niſſe unterbrechen. Dort ſollen ſeine Thiere weiden, dort ſoll Mary vergeſſen haben, daß ihre Liebe verdammt und verachtet wurde. Hvaland iſt nach mehreren Jahren geſtorben. Auch als er todt war, meldete ſich die Erbin nicht. Alles, was er gierig zu⸗ ſammenſcharrte, iſt in fremde Hand gefallen. —HV—:— Henrik Dartley. Die Sonne begann den Schnee von hohen Felswänden zu ſchmelzen, als eines Abends das Carriol eines Reiſenden ſich hören ließ, das aus einem der Päſſe des Hardanger Gebirges auf ſchmaler jähabſtürzender Straße niederklapperte. Die Nebel ſtiegen ſchwer aus den Tiefen auf, ſie ringten und wiegten ſich um die nackten Steinhäupter der Fjellen von Valders, deren rie⸗ ſige Maſſen röthlich angehaucht waren. In den Schluchten beugte der Wind den ſchwarzen Wald, und wenn er ſchwieg, ſprach das Brauſen der Bäche um ſo lauter, die an vielen Orten weißleuch⸗ tend, und wie Blitze ſchnell, zwiſchen den Klippen niederſchoſſen und in die Nacht der Thäler ſtürzten.— In weiter Ferne aber, jenſeit des umnebelten, dunklen Landes lag eine blitzende, uner⸗ meßliche Ebene. Es war das Meer mit ſeinen Inſeln und Fel⸗ ſengewinden. Die untergehende Sonne ſtand als rothe ſtrahlen⸗ 2. 456. loſe Kugel auf den letzten Wellen im Weſten, bereit darin zu verſinken. „Was muß das für ein Narr ſein, der da nach Grover hinabfährt?“ rief ein junger Mann lebhaft und ſpöttiſch aus, der auf einem der neubegrünten Vorſprünge des Gebirgs ſaß und aufmerkſam in die Tiefe ſchaute. „Es iſt ein Fremder,“ antwortete die tiefe Stimme eines Anderen, indem er von der moſigen Decke eines Felsblockes, wo er ausgeſtreckt lag, ſich ein wenig aufrichtete. „Du biſt toll, Lars,“ fiel ſein Gefährte lachend ein,„wie ſollte ein Fremder jetzt hierher kommen? Im Lande liegt Alles noch todt unter dem Schnee, wer will über die Berge zu uns ſteigen? Es wird der Pfarrer Bung ſein, der den Probſt in Grover beſuchen will, oder— Er ſchwieg und Lars antwortete nicht. Beide horchten auf das Geklapper des Wagens, der jetzt tief unter ihren Füßen im Thale war, ohne daß ſie ihn ſehen konnten. Der rothe Duft des Abendlichtes warf von den Stirnen der Felſen ſeinen Abglanz auf die einſamen Männer. Es waren Jäger, wie ſie in dieſen Bergen umherſchweifen, Rennthier und Bär zu jagen. Ihre ſchwe⸗ ren Büchſen und Ranzen lagen auf dem Geſtein neben ihnen, das die Spuren eines eben gehaltenen ſpärlichen Mahls trug. Der jüngere in ſeinem kurzen Rock von dickem Wollenzeug, einem Kragen von Leder mit grünem Fries gefüttert über die Schulter geworfen, gehörte zu den bedeutenderen Grundeigenthümern, welche ſeit uralter Zeit den Adel unter dieſen Hirten bilden, der andree war ein Bauer, einer jener markigen Söhne der wilden großen Alles 1 uns ſt in 1 auf en im t des glanz dieſen vwe⸗ hnen, trug. inem ulter velche ndree oßen — 157— Natur dieſes Landes, die ihre Kinder mit Kraft und Schönheit oft ſo wunderbar reich ausſtattet. „Wenn ich das wüßte, Lars,“ begann der Erſte wieder, „wenn es etwa der Amtsaſſeſſor aus Hammer wäro, der ſeine lange Naſe ins Haus des Probſtes ſtecken will, ich wollte eher dort ſein, als er.“ „Bleib ruhig ſitzen, Henrik,“ erwiederte der Bauer.„Es iſt ein Fremder, der auf der Küſtenſtraße nach dem Süden wollte, auf den Rath weiſer Leute jedoch den kürzeren Weg durch dieſe Thäler genommen hat.“ „Und woher weißt Du das, Du Schwätzer?“ „Weil ich beſſer höre, als Du!— der Pfarrer ſo wenig als der Amtsaſſeſſor würden ihr Pferd an den Abſtürzen ſo raſch gehen laſſen wie dieſer da; auch iſt es am Schlag der Rä⸗ der zu erkennen, daß ſie nicht bei uns gemacht wurden.“ „Horch!“ rief er plötzlich und mit einem Satze war er vom Felsblock aufgeſprungen.—„Nun?“ ſagte ſein Begleiter ungeduldig. Der große kräftige Mann trat auf den Grat des Felſens und beugte ſich lauſchend nieder.— Der Nachtwind warf den Zipfel ſeiner rothen Mütze in ſein lang flatterndes Haar; ſeine kühn blitzenden Augen ſuchten das Dunkel zu durchdringen. „Hörſt Du den Wagen noch, Henrik?“ fragte er. „Nein. Er wird zwiſchen dem Wald im Thale ſein und der Wind führt den Schall abwärts.“ „Telegröb! Telegröb!“ ſchrie der Bauer gewaltig auf, und ohne ſich zu bedenken ſprang er über Geröll und Blöcke an der — 158— Felswand nieder, wand ſich gelenkig durch den Schutt, klammerte ſich an den Fugen des Geſteins feſt, wo der Fuß nicht haften wollte, und verſchwand ſo raſch in der Tiefe, daß ſein nachfol⸗ gender Gefährte Unglück befürchtete und Warnungen in den Abgrund rief. Bald jedoch vernahm er die Antwort. Ein wildes Halloh prallte von den Schluchten zurück und der Ruf:„Tele⸗ gröb! Telegröb!“ zeigte, daß Lars noch immer dieſelbe Richtung verfolgte. Nach einem gefährlichen nur ſo jungen kräftigen Bergbe⸗ wohnern möglichen Niederſteigen erreichte auch Henrik den Weg, welcher zwiſchen jähen Geländen hinlief und ſich in einem be⸗ wohnten Thale öffnete, das den Mittelpunkt eines Kirchſpiels bildete. Der ziemlich breite Arm eines jener unzähligen Meer⸗ buſen oder Fjorde, ſpülte hier tief in den Schooß der Berge, und zog weiter zwiſchen ſenkrechten ungeheuren Felſenmauern, von deren Höhe da und dort ein ſchwacher Lichtſchein nieder⸗ blitzte, als Beweis, daß menſchliches Leben, zerſtreut und adler⸗ artig, ſich auf den Vorſprüngen des Gebirgs eingeniſtet hatte. Unten in der Thalestiefe hörte man nichts als das Brauſen eines großen Baches und das Rauſchen des Windes, der ungeſtüm durch die Schlucht drang. Henrik lief was er konnte, und er irrte nicht, als er bald darauf verworrene und klagende menſchliche Laute zu hören glaubte. Ein banges Geſchrei hallte an den Wänden hin, Lars antwor⸗ tete mit kräftigem Ruf und nach wenigen Minuten befand ſich Henrik an einer Stelle, wo der abſchüſſige Pfad ſich in die Thalſohle verlief. Hier floß zur Sommerzeit ein kleines Waſſer mmerte haften nachfol⸗ in den wildes „Tele⸗ chtung Bergbe rWag, nem be⸗ hſpiels Meer⸗ Berge, nauern, nieder adler⸗ hatte. n eine⸗ getäim r bald laubte. ntwor⸗ d ſch in die Gaſſet im tiefen Gerinne, jetzt aber hatte es den Weg zu beiden Seiten überſchwemmt, den Boden durchweicht und durch den Umſtand, daß die in der Tiefe noch gefrorene Erde keine Feuchtigkeit auf⸗ nehmen konnte, einen jener gefährlichen Sümpfe erzeugt, welche unter anſcheinend ſicherer und feſter Oberfläche ſich verbergen und den Namen„Telegröb“ in der Landesſprache tragen. Die Nacht dunkelte vollſtändig hier, nur zu gewiß aber war es, daß der Reiſende, den die Jäger gehört, vor ihnen in der Grube lag. Henrik hörte das Schnauben und Geſtöhn ſeines arbeitenden Pferdes und den Hülferuf des Mannes, der in gro⸗ ßer Noth ſchien. Als er näher trat, fühlte er den Boden unter ſeinen eigenen Füßen ſchwanken und plötzlich war Lars bei ihm, der ihn von der gefährlichen Stelle zurückzog und ins eiſige Schneewaſſer des Baches ſpringend ſeinem jungen Gefährten zu⸗ rief, ihm zu folgen. „Komm, komm!“ ſchrie er,„wir müſſen beide ans Werk gehen, wenn wir helfen wollen, und Du da, Du unbeſonnener Mann in der Grube, halte Dich ſtill und mache keine Bewe⸗ gung, wenn Dir Dein Leben lieb iſt.“ „Helft mir, Freunde, helft ſchnell!“ antwortete der Verun⸗ glückte. „Wir ſind ſogleich bei Dir,“ erwiederte Lars.„Hier, Hen⸗ rik, brich den Baum nieder.“ Das Krachen in den jungen Fich⸗ ten, die an der Felswand aufwuchſen, wiederholte ſich mehrmals, dann bewegten ſich dunkle Geſtalten vorſichtig heran. Sie war⸗ fen die Bäume über den zitternden Boden, gingen, der Eine den Andern haltend, darüber hin und jetzt ſtreckte Lars ſeinen kräf⸗ — 460— tigen Arm aus und rief dem Fremden zu:„Faſſe meine Hand mit Deinen beiden und halte Dich feſt, ganz feſt, ſo“— er riß ihn mit gewaltiger Stärke aus dem Sumpfe und hob ihn auf. —„Da biſt Du in Sicherheit,“ fuhr er mit einer Art rauher Herzlichkeit und froher Empfindung fort, die ſich im Ton ſeiner Stimme ausdrückte.„Es hatte nicht ſo viel zu ſagen, Mann; die Jahreszeit iſt noch zu früh, um die Telegröb ſo recht ge⸗ fährlich zu machen.“ Der Fremde ſtieß ſtatt der Antwort einen derben Fluch aus und ſchüttelte Waſſer und Moor von ſeinen Kleidern.— „Verdammt ſei der Weg,“ rief er dann„und verdammt dies Land, wo man mitten auf der Straße den Tod im Sumpfe fin⸗ den kann.“ „Ei, Freund!“ erwiederte der Bauer mißbilligend,„Du hätteſt, wie mir däucht, eher ein Gebet, wie einen Fluch, jetzt ſprechen ſollen. Wer ein Land nicht kennt, muß vorſichtig ſein. Norwegen iſt nicht dazu gemacht, daß ein fremder Mann in der Nacht allein darin umherreiſt.— Wärſt Du langſamer gefah⸗ ren, ſo hätte Dein Pferd Dich gewarnt. Es hätte den Boden geprüft und ſich die beſte Stelle ausgeſucht; jetzt liegt es bis an den Hals verſunken, das arme Thier, und kann nicht vor nicht rückwärts.“ „Wie weit iſt Grover noch?“ fragte der Fremde verdrießlich. „Dort liegt es im Thale vor Dir,“ ſagte Lars. „So komm,“ fuhr jener fort,„begleite mich, zeige mir den Weg in das Gaſthaus, wenn eines vorhanden iſt oder— man Hand er riß on auf. rauher ſeiner Mann; cht ge⸗ Fluch l. nt dies pfe fin — 161— ſagte mir, es wohne ein Pfarrer da? Führe mich zu ihm, ich bin erſtarrt vor Kälte.“ „Warte noch einen Augenblick,“ ſprach der Bauer bedäch⸗ tig.„Dein Pferd ſteckt im Sumpfe, Du wirſt es nicht umkom⸗ men laſſen wollen.“ Schafft Hülfe herbei und holt es heraus, ich werde Euch dafür bezahlen. Mein ganzes Gepäck liegt in dem Carriol. Alles wird vom Waſſer durchziehen und verderben.“ „Ehe die Hülfe kommt,“ verſetzte Lars, iſt das Geſchöpf erſtarrt, oder verſunken. Hilf alſo ſelbſt ein wenig mit, ſo wird es uns glücken.“ „Was ſchiert mich das Pferd? rief der Fremde ungeduldig. „Vorwärts und führe mich; mag es umkommen, wenn es nicht anders ſein kann.“ „So laß es uns allein verſuchen, Henrik,“ ſprach der Land⸗ mann ſich von ihm wendend.„Wenn wir die Stangen dem Pferde unter den Bauch bringen können, hilft es ſich wohl heraus; es ſcheint von guter Art zu ſein.“ „Zum Henker mit Euch!“ ſchrie der Fremde zornig.„Bringt mich erſt in ein Haus.“ „Geh auf der Straße weiter fort, ſo wirſt Du Obdach treffen,“ verſetzte Lars. „Ich befehle Dir, Bauer, mit mir zu gehen. Willſt Du gehorchen?“ Henrik, der bis jetzt geſchwiegen hatte, miſchte ſich in den Streit.— Er trat dicht vor den Fremden hin.„Mit welchem Rechte, Du thörichter Mann,“ ſagte er ſtolz,„beleidigſt Du die, Mügge, Henrik Dartley. 41 —-— 162— — denen Du Dank ſchuldig biſt? Hüte Dich, daß wir nicht Glei⸗ ches mit Gleichem vergelten.“ „Hütet Euch ſelbſt und ſeid höflich gegen mich,“ ſagte der Andere ruhiger,„wenn Ihr nicht ſchlimme Folgen haben wollt.“ „Du drohſt,“ erwiederte Henrik mit verächtlicher Betonung, „daran erkennt man den Dänen, wenn es auch Deine Ausſprache nicht bewieſe.— Geh oder bleib, thue was Du willſt, hier haſt Du nichts zu befehlen.“ Er ließ den Reiſenden ſtehen und machte ſich mit ſeinem Gefährten daran dem Pferde Hülfe zu leiſten. Vorſichtig und ſchnell trafen ſie ihre Anſtalten.„Es geht,“ ſagte Lars,„faſſe die Zügel, Henrik, ſo— hierher fremder Mann, hilf mit, faſſe meine Hand feſt.“ Der Fremde gehorchte.—„Jetzt noch einmal— ſo—“ Das Thier arbeitete ſich empor und nach einigen zweifelhaften Anſtrengungen, ſtand es oben, brach von Neuem ein und hob ſich wieder, bis es mit abermaliger Hülfe glücklich herausgezogen war. „Da ſteht es auf ſeinen Beinen, das arme Geſchöpf,“ rief Lars fröhlich, und indem er ſeine ſchmutzige, große Hand feſt auf die Schulter des Fremden legte und ihn ſchüttelte, ſagte er gutmüthig:„Iſt es Dir nicht lieb, daß Du bei uns geblieben biſt? Nun ſiehſt Du, wie man Schweres thun kann, wenn man will, und jetzt komm ſchnell, wir wollen Dich in des Probſtes Haus führen, wo Jungfrau Anna ſorgen wird, Dir eine warme Suppe und ein gutes Bett zu geben.“ Glei⸗ gte der wollt.“ tonung, ſprache er haſt machte leiſten. “ ſagte Mann, II. Der Probſt Fahlberg in Grover war ſeit einigen Stunden nicht allein in ſeinem Hauſe. Er hatte einen werthen Gaſt darin, deſſen Beſuch ihm viele Freude machte. Ein alter Freund war angelangt, der als Diſtrictsarzt tief in den Bergen wohnte, von wo er dann und wann ſich aufmachte und keine Beſchwerden ſcheute, um mit dem Genoſſen ſeiner Jugend ein paar Tage zu plaudern, zu rauchen und nebenher eine hübſche Anzahl Gläſer Punſch und Toddy zu leeren. Dem warmen behaglichen Gaſtzimmer im Pfarrhauſe, mit ſeinen blumigen Tapeten, welche die Balkenwände bekleideten, dem weichen Sopha und den hübſchen Mobilien merkte man es nicht an, daß es am öden Felſenſtrande lag und draußen der Sturm tobte. Die Dielen aus feinen Tannenbrettern ſahen blendend weiß unter dem Teppich hervor, der den größten Theil derſelben über⸗ deckte, Schränke von Nußbaum und Birkenmaſer trugen Taſſen zund Gläſer in langen Reihen aufgeſtellt, und an den Wänden unter Glas und Rahmen hingen Landſchaften in Kupfer geſto⸗ 41* — 164— chen neben einigen alten Familienbildern, die verdunkelt und zer⸗ borſten zwar, doch den Ehrenplatz in der Mitte behaupteten. Die beiden Herren ſaßen rauchend und trinkend an dem großen Tiſch und ihnen gegenüber am Ofen hatte auf einem niederen Seſſel ein Dritter Platz genommen, ein ſtämmiger Geſell, der dicht an der Feuerſtelle ſeinen Kalmukrock bis ans Knie zugeknöpft hielt; kaum daß er den rothen Shawl von Wolle abgethan und über ſein Knie gelegt hatte. Aus ſeiner kurzen Pfeife ſtieß er von Zeit zu Zeit dichte Dampfwolken hervor, ſtützte den Kopf in ſeine Hände und ſah in die Flamme, welche ſeine rauhen harten Geſichtszüge über⸗ glühte. „Das iſt eine Freude Dich endlich wiederzuſehen, mein wackerer Alſen,“ ſagte der Probſt, indem er ſeinem Gaſte die Hand über den Tiſch bot;„wenn ich Dich habe, vergehen Noth und Kummer, die ſo lange uns geplagt haben.“ „Ich verbiete Dir auch alle Sorge und Traurigkeit,“ rief der Doctor,„denn ſie ſind geſundheitswidrig, wirken verderblich für Milz und Magen, ſchwächen die Verdauung und helfen zu nichts. Laß Du die Zeiten gehen, wie ſie eben ſind, alter Chri⸗ ſtian Fahlberg, ich will Dir jedoch ein Rezept ertheilen, wie Du jetzt am beſten alle Grillen los wirſt.“ Er ſtrich das ergraute, buſchige Haar von ſeiner gefurchten Stirn, legte dann den Fin⸗ ger an ſeine rothe Naſe und ſprach:„Geh hinaus, alter Menſch, jetzt wo Gottes Sonne den Tod von allen Wäldern und Wieſen jagt, wo duftige Kräuter aufzuſprießen beginnen, wo die Thüren ſich aufthun und die arme ſchmachtende Kreatur freudig in die grün ſchimmernden Alpen eilt. Geh hinaus und werde jung. Athme und zer⸗ ten. Die en Tiſch en Seſſel dicht an yft hielt, nd über 1 Jeit zu ande und gaſte die 1 Noth en it vif erderblic — 465— die reine Gottesluft, und wenn Dir's in der Bruſt zu weit und zu warm wird, dann nimm das Herzenskind in Deinen Arm, mein Pathchen Anna— wo ſteckt ſie denn, das verwetterte Ding mit den langen Flechten wie eine Nixe?— Die halte feſt und ſchaue ihr in die großen blitzenden Augen, ſo werden alle Sor⸗ gen abfallen, aller Kummer vergehen, der ganze verwünſchte Kram von Plackereien und Nöthen, womit ſich das Menſchenvolk quält und in Schande und Unehre bringt— dixi! alter Chriſtian, probatum est! und nun ſchenk' ein und laß uns weiter trinken.“ „Der Probſt füllte die Gläſer, indem er herzlich über den alten Freund lachte.—„Du haſt wohl recht, Magnus,“ erwie⸗ derte er dann;„aber die Sorgen kommen von gar zu vielen Sei⸗ ten und kommen von ſelbſt.— Erſtens iſt da die drohende Lei⸗ bes⸗ und Nahrungsſorge zu bedenken. Es iſt uns ſchlecht gegan⸗ gen ſeit Jahren. Der Hunger ſchlug an unſere Thüren mit ſei⸗ nen knöchernen Fingern, im letzten Winter jedoch machte er es gar zu toll. Mißwachs überall, kein Brod für uns, kein Heu für unſer Vieh, das Meer von feindlichen Schiffen geſperrt, keine Zufuhr, ohne die wir doch hier im Lande nicht leben können, und dazu ſchwere Steuern und Taxen, kurz überall hohle Backen, hohle Magen, kummervolle Geſichter, verzweifelnde arme Men⸗ ſchen, von denen mancher elendiglich in ſein Grab gelegt wurde.“ „Ei, ſagte der Doctor, was ſind die Küſtenleute doch für Schwelger und Praſſer, die, wenn's einmal knapp hergeht, gleich verhimmeln wollen. Da kommt zu uns in unſere wilden einſamen Thäler, wenn ihr Geduld und Ergebung in Gottes Verhäng⸗ niſſe lernen wollt. Rechtſchaffen haben wir getheilt, was wir hat⸗ — 166— ten, ſo lange ein Haferkorn da war. Seit ſechs Monaten weiß ich nicht, wie ein Glas Grog ſchmecken könnte, doch als der Winter kam mit ſeinen Geſpenſtern in den langen Eisröcken, als ſie herabſtiegen von den ewigen Jökuln und ſich ſchweigend an unſere Thüren ſtellten, da haben wir nicht den Muth verloren. Wir haben mit ihnen mannhaft gekämpft, alter Chriſtian, und kämpfen noch, ſo gut es gehen will mit unſern ausgehungerten Leibern. Ihr aber hier an dem offenen Meer mit ſeinen Fiſchen, an den Vorbergen, wohin ſich Rennthier und Wild flüchtet, um Nahrung zu ſuchen, an den Fjorden, in welche bald einmal ein flinkes Schiffchen den Weg findet, das von Schottland herüber kommt, beladen mit Korn, Thee, Zucker, Rum, Fleiſch und tau⸗ ſend prächtigen Sachen, ihr ſeid kleinmüthiges Volk, das nichts von der echten und rechten Noth kennt und darum zurecht ge⸗ wieſen werden muß.“ 1 „Gott ſei's geklagt!“ verſetzte der Probſt,„es iſt böſe ge⸗ nug; was aber die Schiffchen mit Manna aus Schottland be⸗ trifft, ſo kannſt Du dort an dem armen Peter Klüver ein Bei⸗ ſpiel ſehen, wie es hergeht.“— Er deutete auf den Mann am Ofen und ſagte:„Der kam geſtern mit ſeiner Schaluppe glück⸗ lich in den Fjord. Den engliſchen Kreuzern war er entgangen, kaum aber lag er vor Anker, ſo erſchienen die bewaffneten Boote der däniſchen Corvette, die draußen in den Scheeren liegt, nah⸗ men die Ladung für ſich in Beſchlag, preßten die Mannſchaft zum Dienſt des Königs und ließen ihn, kahl wie eine Maus, liegen, mochte er klagen und ſchreien, ſo viel er wollte.“ „Aha!“ rief der Doctor,„die däniſchen Herren brauchen ihr 8— — 167— Recht; ſie ſind hier die Stärkſten und wollen nicht hungern. Es iſt freilich ein übles Ding für den armen Peter da, der ſehr verdrießlich ausſieht und ein ſchiefes Geſicht macht; doch nur Geduld, jetzt muß es ja anders werden: Es lebe die Freiheit und Gerechtigkeit! es geht nichts darüber.“ „Haſt Du Neuigkeiten aus Chriſtiania gehört?“ fragte der ten weiß als der zcken, als igend an ran, und ungerten Geſſtliche. Füſchen,„Freilich hab' ich gehört, und zwar was von Wichtigkeit ütet, un iſt.“— Er zog ein Zeitungsblatt aus ſeiner Taſche und ſagte: mmal ein„hier ſteht es, Prinz Chriſtian hat erklärt, er wolle es mit der herüber Nation halten. Norwegen ſolle nicht an die Schweden kommen, und tau was geht es auch den Norwegern an, daß ein Friede in Kiel geſchloſſen worden iſt, worin Dänemark dies Land an Schwe⸗ 3 nichts st ge den abtritt. Im Jahre 1814 verhandelt man eine Nation nicht, re 4..——.„—. wie eine Heerde Schafe und giebt ihr, ohne zu fragen, einen täſt g neuen Herrn.“ höſe R „Wahr, wahr!“ rief der Probſt mit blitzenden Augen,„kein land be. 1 Mann wird ſich das gefallen laſſen.“ R du„So hat denn Prinz Chriſtian mancherlei Beſchlüſſe gefaßt,“ lich fuhr der Doctor fort,„und was das Allerwichtigſte darunter iſt, pr dü er hat verordnet, daß in größter Eile ſich aus ganz Norwegen tge Abgeordnete auf dem Eiſenhammer Eidsvold am Miöſenſee ein⸗ hi Mi finden ſollen, die zu erwägen haben, was geſchehen ſoll. Das it 1o) Volk ſoll dieſe Männer wählen, Heer und Flotte ſollen Abge⸗ — ſandte ſchicken, kurz, alter Chriſtian, es wird eine National⸗Ver⸗ ſammlung ſein, bei der es heiß genug hergehen wird.“ üni„Recht ſo!“ ſagte der Probſt,„das iſt ein Erſatz für unſere uche — 168— lange Leiden. Endlich wird Norwegen frei werden, ja es muß jetzt frei werden, denn lange genug haben wir heimlich daran gedacht, das Volk vorbereitet, den Nationalgeiſt geweckt und in Büchern, Schrift und Rede es beklagt, daß ſeit Jahrhunderten unſere alte Unabhängigkeit ſo ſchmählich verloren ging.“ „Still, Alter,“ rief der Doctor,„Du biſt ein Mann des Friedens und darfſt nicht nach Krieg rufen. Was ſollte das werden, wenn man Dich in die Verſammlung nach Eidsvold ſchickte?“ „Dann würde ich Zeugniß ablegen für mein Volk, mit ihm leben und mit ihm ſterben; allein nicht mich wird und ſoll man wählen, ſondern den Amtsaſſeſſor in Hammer, Johann Oerſteen, und weil ich einmal von dieſem Manne rede, ſo ſollſt Du auch wiſſen, daß ich ihn werth halte, ſo werth, daß ich ihm das Liebſte, was ich auf Erden beſitze, anvertrauen will. Er iſt von guter Familie, ein Mann von Vermögen und Anſehen und verwaltet unſere Vogtei ſchon ſeit einem Jahr. Er ſoll mein Schwieger⸗ ſohn werden.“ „Eine Hochzeit alſo,“ ſagte der Arzt verwundert,„eine Braut im Hauſe und draußen— draußen Krieg, oder Zank, oder Gäſte,“ fuhr er aufhorchend fort.„Es kommt Beſuch in Dein Haus, Fahlberg.“ „Ich erwarte den Amtsaſſeſſor,“ verſetzte der Probſt, indem er aufſtand,„ich habe an ihn geſchrieben und ihm die Geſchichte von der Plünderung der Schaluppe des armen Peters mitge⸗ theilt.“ Er ging nach der Thür, doch dieſe ward ſo eben geöffnet 3 muß daran und in nderten un des e das dsvold nit ihm ll man erſteen, I auch Liebſte, guter waltet wieger⸗ — 169— und Lars ſchob den Fremden aus dem Moor hereinl.—„Komm und ſei ohne Sorge,“ ſagte er,„hier iſt der Probſt. Guten Abend, Probſt. Hier haſt Du einen Mann, der auf der Straße in ein Loch fiel und den wir herausgezogen. Du wirſt für ihn ſorgen müſſen.“ Der Geiſtliche begriff ſogleich den Zuſammenhang. Der Fremde war blaß und erſchöpft; ſein Geſicht hatte einen ſtolzen Ausdruck, es ſtritt darin der zornige Aerger über ſein Unge⸗ mach mit dem Bemühen, dies unter den Formen eines höflichen Anſtandes zu verbergen. Der Ueberrock, in den ſein ſchlanker Körper gehüllt war, triefte noch immer vom Waſſer; er verbeugte ſich leicht und ſagte lächelnd: wackern Mannes anſchließen, Herr Probſt. Ich ſtürzte mit Wa⸗ „Ich muß mich der Bitte dieſes gen und Pferd in eine Grube, aus der ich mit Noth entrann; ſo ſtehe ich denn Hülfe ſuchend vor Ihnen, naß, wie eine wahre Waſſerratte.“ „Geſchwind die Kleider herunter,“ ſchrie der Arzt, der auf⸗ geſprungen war.„Wäſche herbei; Peter Klüver, fort da, zieh Deinen dicken Rock aus und gieb ihn her. Wäſche herbei, Strümpfe und Pantoffeln, wir müſſen eine trockene Landratte vor allen Dingen aus Ihnen machen, mein junger Herr. Hinter den Ofen alſo, und treten Sie dann, als ein neuer Menſch, aus der Hölle in unſern Kreis. Ferner verordne ich Ihnen, kraft meines Amtes, als Doctor, ein halbes Quart von dieſem ſtärkenden und wär⸗ menden Getränk, Punſch genannt, welches Sie bei Strafe in ein heftiges Fieber zu verfallen, ſogleich ohne abzuſetzen, ausleeren ſollen. Alſo vorwärts, ohne Widerrede, vorwärts! — 170— Er zog ſeinen Schützling eifrig, wohin er ihn haben wollte, Lars half ihm die naſſen Kleider abthun und Alle beſtrebten ſich hülfreich zu ſein. Der Probſt ſchaffte trockene Wäſche herbei und mitten in ihren Bemühungen bemerkten ſie nicht, daß die Geſell⸗ ſchaft ſich vergrößert hatte, denn ein neuer Gaſt war eingetrof⸗ fen, welcher ins Zimmer trat und ruhig zuſah, was an der Ofen⸗ ſeite geſchah.— Erſt nach einem Weilchen erblickte ihn der Probſt und begrüßte ihn freundlich.—„Vortrefflich, daß Sie zu uns kommen, lieber Oerſteen,“ ſagte er;„hier giebt es viel zu hören und zu beſprechen.“ Er erzählte ihm von dem Unfall des Frem⸗ den, von dem Beſuche des Doctors, von Peter Klüvers Leiden und Schickſale, und das kluge bewegliche Auge des Amtsaſſeſſor flog prüfend von dem Einen zum Andern.—„Wo iſt aber meine liebe Jungfrau Anna?“ fragte er dann. „Als geſchäftige Hausverwalterin, wo ſie ſein muß, in der Küche, um für uns zu ſorgen,“ erwiederte der Vater. „Und wer iſt der Fremde?“ „Seit wann wäre es denn Sitte in Norwegen,“ ſagte der Probſt lächelnd,„einen Hülfeſuchenden zu fragen, wer er ſei?“ In dem Augenblick trat der Reiſende in Peters Ueberrock hinter dem Ofen hervor.—„Baron Roſen!“ rief Oerſteen mit lebhafter Verwunderung,„ich täuſche mich nicht! Welch glückli⸗ cher Zufall führt Dich hieher?“ „Frage lieber, welcher unglückliche Zufall mich in dieſen Kalmukrock bringt,“ ſprach der junge Herr lachend, indem er dem Amtsaſſeſſor die Hand reichte. Um es Dir jetzt kurz zu ſagen, Oerſteen, ich komme vom Chriſtianſund mit dem Befehl das ngetrof⸗ Ofen Probſt zu uns hören Freun⸗ Leiden aſſeſſor meine in der = aMl— Commando der Corvette Najade zu übernehmen, die in Eurer Nähe, Ihr Herrn, hier in den Scheeren liegen muß, und bin in ſolcher Eile gereiſt, daß meine Diener zurückbleiben mußten. Weißt Du, wo die Najade liegt? „Das wiſſen wir ſehr genau,“ erwiederte der Probſt,„denn geſtern noch hat ſie uns die Proben ihrer Nähe geliefert.“ Der Amtsaſſeſſor winkte ihm ſo bedeutungsvoll zu, daß er ſchwieg.„Die Najade liegt vor dem Fjord,“ ſagte er:„Du kannſt in einer Stunde am Bord ſein, wenn Du willſt. Aber Du mußt uns dieſen Abend ſchenken, lieber Roſen, wir müſſen bei⸗ ſammen bleiben, plaudern und uns der alten Zeiten erinnern.“ „Und der neuen gedenken!“ rief Roſen. „Auch das,“ ſprach Oerſteen, indem er dieſe Worte ſtark betonte.„Wohl denen, die Alles bedenken in dieſer verwirrten Zeit.“ Der Doctor Alſen hatte indeſſen am Tiſche die vorgeſchrie⸗ bene Arznei für den Baron bereitet. Nach nordiſcher Sitte ſtand hier dicht dabei der Theekeſſel mit dem brodelnden Waſſer, den Lars geſchäftig aus dem Ofen zog. Eine große Flaſche enthielt das Letzte, was der Probſt an Rum und Rack beſaß, und nicht ohne einen kläglichen Blick ſah der geiſtliche Herr, wie unbarm⸗ herzig der Doctor damit umging. Dieſer ließ ſich jedoch nicht ſtören, an Süße und Saft hinzuzuthun, was ihm gut dünkte, auch ruhte er nicht eher, bis der junge Seekapitän die volle La⸗ dung, wie er es nannte, eingenommen hatte. Die Gläſer wurden. nun fleißig benutzt, das Geſpräch belebte ſich, der Amtsaſſeſſor Oerſteen und der Baron hatten viel von der Zeit zu ſprechen, 12= wo ſie zuſammen in Kopenhagen die Schule beſucht. Es gab Anekdoten, Erinnerungen an entfernte Perſonen, Scherz und Ge⸗ lächter, nur Peter, der geplünderte Schiffspatron, ſaß, finſter auf den däniſchen Herrn blickend, in ſeiner Wolljacke auf dem Seſſel am Ofen und murmelte dann und wann einige leiſe Worte mit Lars, der neben ihm lehnte und den Grog, welchen ihm der Doctor zuerkannt, langſam ausſchlürfte. „Es iſt doch ſonderbar,“ ſagte er,„daß dieſe Männer von ſolchen Narrenspoſſen reden und dabei vergeſſen, daß hier Einer ſitzt, der über ſchweres Unrecht zu klagen hat.“ „Freilich iſt es Unrecht,“ erwiederte Lars,„aber jeder hat ſeinen eigenen Mund erhalten. Rede Du ſelbſt zu dem Dänen, wenn's Niemand thut.“ „Was kann's helfen,“ murmelte Peter vor ſich hin.„Ein Däne hat noch nie ſeinen Raub herausgegeben, und dieſer da ſieht ſo hochmüthig aus, wie irgend Einer.“ „Da haſt Du Recht. Er iſt ſicher Einer von denen, die da denken, die Welt iſt für ſie gemacht.“ „Und iſt es nicht ſonderbar,“ fuhr Peter fort,„daß ich dem Kerl, der mein Eigenthum mir ſtehlen wollte, auch meinen Rock geben muß?“ Lars lachte laut auf und weil es gerade ſtiller am Tiſche geworden war, wurde es dort bemerkt.— Der Probſt drehte ſich um und blickte Lars an.„Du biſt noch hier, mein Sohn,“ ſagte er.„Es wird ſpät, trinke Dein Glas aus und gehe nach Haus!“ gab d Ge⸗ finſter dem Worte i der r von Einer er hat dnen, Ein 1 er da die da ß ich keinen diſch e ſich ohn nach — 173— „Sogleich, Herr,“ ſprach der Bauer, indem er ſich bereit machte. „Warte einen Augenblick, Freund,“ ſagte der Baron und holte ſeine Börſe aus der Taſche.„Wo iſt Dein Kamerad, wackerer Burſche? Nimm das und theilt es Euch; macht Euch einen lu⸗ ſtigen Tag und trinkt auf Telegröb und meine Geſundheit“ Der Bauer ſtreckte jedoch die Hand nicht aus.„Gute Werke bezahlt Gott; Herr,“ ſagte er,„behalte Dein Geld, ich mag es nicht. Wenn Du jedoch gerecht ſein willſt, ſo ſei es gegen dieſen Mann, dem ſeine ganze Habe geraubt wurde.“ Er deutete auf Peter am Ofen und plötzlich erhob ſich die⸗ er und trat hervor. Seine ſtarke, knochige Geſtalt ſtützte ſich auf die Fauſt, welche er auf den Tiſch drückte, ſein wettergehärtetes Geſicht belebte ſich von dem Schmerz, den er empfand. So er⸗ zählte er mit einer Art wilden Beredſamkeit, was ihm geſchehen, und malte trotz der Einfachheit ſeiner Worte die Vorgänge ſo klar und wahr, daß der Probſt und der Doctor den wärmſten Antheil nahmen und dem Baron das Unrecht wiederholten, das hier begangen worden ſei. „Seien Sie überzeugt, meine Herren,“ erwiederte dieſer, nachdem er durch mancherlei Fragen ſich von den Nebenumſtän⸗ den unterrichtet hatte,„morgen ſchon werde ich eine genaue Un⸗ terſuchung anſtellen. Dem Manne ſoll kein Unrecht geſchehen, nur muß man in bedrängter Zeit nicht Alles ſo nennen, was in Frieden und Ruhe ſo heißt.— Die Najade iſt ein könig⸗ liches Kriegsſchiff, das ſeinen Poſten nicht verlaſſen darf. Hat es Mangel am Nothwendigen, ſo muß es ſich dies — 174— hat es Mangel an Mannſchaft, ſo erfordert das Heil des Va⸗ terlandes, daß dafür geſorgt werden muß.— Der Staat muß natürlich dieſem Manne ſeine Verluſte vergüten; ich werde ihm jedenfalls beſcheinigen, daß er uns ſeine Vorräthe überlieferte und ihm eine Anweiſung auf das Kriegsamt in Kopenhagen er⸗ theilen.“ „Da ſparen Sie die Mühe, Kapitän,“ ſagte Peter verächt⸗ lich,„Ihr Schein iſt keinen Schilling werth. In Kopenhagen will man von Norwegen wohl Geld haben, aber keins geben.“ „Der Baron machte eine abweiſende Bewegung und warf einen ſtrengen Blick auf den kecken Sprecher.„Was die Mann⸗ ſchaft der Schlupp betrifft,“ fuhr er fort,„ſo wird ſie verſtän⸗ dig ſein und einſehen, daß das Land ihrer Dienſte bedarf. Kein wahrer Patriot wird ſich beklagen, daß ſolche Dienſte verlangt werden; keiner wird ſich weigern, oder gar darin etwas Unrechtes ſehen.“ Der Probſt rückte unruhig auf ſeinem Stuhle hin und her, die Röthe ſtieg in ſein Geſicht, er wollte ſprechen, aber Oerſteen kam ihm zuvor. „Es iſt mir nicht lieb, daß dieſe Sache heut hier zur Sprache kommt,“ begann er,„ich hatte mir vorgeſetzt es Dir morgen vorzutragen. Die genaue Unterſuchung, welche Du ver⸗ ſprochen haſt, muß uns für jetzt genügen. Wir Alle ſehen auch ſehr wohl ein, was die Zeit erfordert. Das Land iſt jedoch in einer eigenthümlichen Lage; wiſſen wir doch ſelbſt nicht, was werden wird mit uns, nachdem Dänemark uns halb und halb aufgegeben hat.“ 1 Va⸗ muß e ihm tfferte en er⸗ rächt hagen warf Nann⸗ rſtän⸗ Kein langt 175— „Und vor allen Dingen wiſſen wir nicht,“ fiel hier der Probſt ein,„ob die Corvette da draußen ein däniſches, oder nor⸗ wegiſches Kriegsſchiff iſt.“ „Ohne Zweifel gehört das Schiff Sr. Majeſtät Friedrich dem Sechſten,“ ſagte der Baron.„In ſeinem Namen befehlige ich es.“ „Dann,“ rief der alte hitzige Herr,„begreife ich nicht, mit welchem Recht freie Norweger auf ein däniſches Kriegsſchiff ge⸗ preßt werden, mit welchem Recht man eine norwegiſche Schlupp plündert? Dann hat auch die däniſche Herrſchaft hier aufgehört, und einzig und allein kann von Chriſtiania— vom Prinzen Friedrich, dem Reichsverweſer— vor der Verſammlung, die nach Eidsvold berufen iſt, um das Wohl des Landes und deſſen Zu⸗ kunft zu beſtimmen, die Sache verhandelt werden.“ „Bauern, Bürger, Soldaten,“ rief der Baron,„ſind aller⸗ dings berufen, wie ich gehört habe. Was weiß man aber weiter davon? Der Prinz allerdings, der Prinz iſt dort und er iſt der Thronfolger in Dänemark.— Ich habe keine Befehle, meine Herren, keine anderen, als an den Küſten hier zu kreuzen, und ſeit die Engländer uns nicht mehr feindlich bedrohen, Wache zu halten und Ordnung. „Und welche ſchöne Ordnung,“ ſagte der Doctor,„herrſcht nicht hier; alle Wetter! es iſt eine Freude, das zu ſehen.— Seit drei, vier Jahren hat Norwegen faſt keine Verbindung mehr mit Dänemark, denn die Engländer hatten alle die langen Fäden rein abgeſchnitten, an denen man uns von Kopenhagen aus lenkte. Leider waren wir auch nicht einmal mehr im Stande, unſer Silber aus Kongsberg und unſere Steuern, wie ſonſt, der geliebten, väterlichen Regierung zuzuſenden; wir mußten ſogar Norweger zu Beamten machen, weil uns keine über's Meer zugeſandt werden konnten; wir mußten unſere Kinder behalten, eine eigene Univer⸗ ſität errichten, damit ſie hier etwas lernen könnten, nicht jenſeits des Kattegats, wie ſonſt. Wir mußten hungern, weil Dänemark Krieg führte; wir verloren unſere Schiffe, unſern Handel, unſere Ausfuhr. Unſere junge Mannſchaft ſchlug die Seeſchlachten Dänemarks und erntete Ruhm als däniſche Matroſen, und alles das thaten wir ordentlich und freudig, mit Luſt für das Vater⸗ land, mit Liebe für die gute Sache. Wir hielten uns aufrecht unter zahlloſen Leiden, denn der Sinn dieſes Volkes iſt verſtän⸗ dig, und wenn es auch nur Bürger, Bauern und Soldaten ſind, die man jetzt nach Eidsvold berufen hat, ſo werden ſie doch wiſſen, was dem Volke wohl thut. Sie werden ihm an den Puls fühlen, ihm das richtige Tränklein verſchreiben, ein ſtärkeres Tränklein vielleicht, wie ich es dem Herrn Baron ſo eben ver⸗ ſchrieb, das der ganze Organismus davon erſchüttert wird; aber ſie werden Norweger ſein und Norweger bleiben wollen.“ Die Worte des Doctors machten ſehr verſchiedenen Eindruck. Lars und Peter hörten mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu, der Probſt nickte beifällig; der däniſche Offizier verbarg ſeinen Un⸗ muth unter einem ſtolzen Lächeln, Oerſteen aber ſagte vermittelnd: „Was nützt alles Streiten und Wortgefecht, wer kann in die Zukunft blicken. Däne und Normann iſt ſeit Jahrhunderten ver⸗ bunden, wünſchen wir doch, daß ſie nie ſich trennen mögen. Wir ſind zufrieden geweſen in guter Zeit, in ſchlimmen wollen wir lliebten, orweger werden Univer⸗ jenſeits anemark unſere clachten nd alles 3 Vater⸗ aufrecht verſtäͤn⸗ en ſind, ſie doch en Puls ſtͤrkeres ben ver⸗ d; aber Findruck u, der nen Ur- gittelnd: in die ten ver en Wr llen wi⸗ — 177— treulich aushalten. Es lebe Prinz Chriſtian, der zum Wohle des Landes bei uns iſt! Ihm wollen wir vertrauen und unſerem Muthe, ſo wird ſich Alles zum Beſten wenden.“ Dieſer Toaſt wurde getrunken, und bei dem Schweigen, welches hier folgte, gab Lars dem Schiffspatron einen Wink und ſagte der Geſellſchaft gute Nacht. Peter ging mit ihm, doch als er die Thür öffnete, trat ein junges Mädchen herein, vor deren freundlichem guten Geſichte unwillkürlich auch ſeine finſtere Miene einen hellen Schein annahm.—„Gute Nacht, Jungfrau Anna!“ ſagte er;„guten Abend, Henrik Dartley!“ ſetzte er hinzu. Die beiden Genannten traten herein und Peter Klüver machte die Thüre zu. Mügge, Henrik Dartley. 12 — 178— III. Der Probſt blickte offenbar mißlaunig auf ſeine Tochter und ihren Begleiter, den er nicht gerne an Annas Seite ſah. Schüch⸗ tern trat das hübſche Mädchen näher und reichte dem Amts⸗ aſſeſſor begrüßend die Hand, als dieſer ſchnell aufſtand und ihr entgegen ging. „Das iſt meine Tochter Anna,“ ſagte der Probſt zu dem Baron,„und hier haben wir Herrn Henrik Dartley von Roth⸗ bergsland, der Sohn einer meiner alten Freunde und Nachbarn, der mir vorausgegangen iſt in die Ewigkeit.“ Der Baron begrüßte Beide und faßte den jungen Gutsbe⸗ ſitzer ſcharf ins Auge.— Die blonden hellen Locken hingen die⸗ ſem um ein friſchblühendes Jünglingsgeſicht, aus dem ein paar trotzige blaue Augen feurig und ſchelmiſch blitzten. Henrik konnte ſich eines Lachens nicht erwehren bei der Verwunderung des Ka⸗ pitäns, als er zu ſprechen begann, und wie dieſer endlich rief:„bei Gott! Sie müſſen es ſein, der mit dem Bauer mir aus der Grube half,“ geſtand er dies ungezwungen ein und nahm den Dank in Empfang, den Roſen ihm nun ſpendete. chter und Schüch⸗ m Amts⸗ und ihr 1z dem on Roth⸗ Nachbarn, Gutebe ingen di ein paut rik konnt - des f rief: ſb der Gri Dank“ — 179— Während dieſer Zeit beſtellte Anna mit Hülfe einer Die⸗ nerin den Tiſch. Weißes ſauberes Leinenzeug wurde ausgebreitet, und wie das geſchäftige Kind ſich regte, die Teller und Meſſer ordnete, den Korb mit den Fladbröd aufſetzte, dann eine Schüſſel mit friſchgefangenen Seyfiſch, eine andere mit Kartoffeln, die Peter Klüver gebracht, als den Reſt von vielen, welche er geſtern noch beſeſſen; da verfolgte der junge Offizier mit wachſendem Behagen die liebliche ſchlanke Geſtalt. Braune reiche Flechten ſchmiegten ſich voll und weich an das erglühende Geſicht, in wel⸗ chem die ſtarken Züge des normanniſchen Geſchlechts in den reinſten Zügen ausgeprägt waren, und der Kapitän ſagte ſich leiſe:„Dies Mädchen iſt wahrhaftig gebaut und gebildet, daß, wenn ſie ſtatt des dunkeln Wollkleides ein Seiden⸗ oder Spitzen⸗ gewand trüge, Perlen und Goldſchmuck dazu, nicht leicht eine unſererer glänzenden Schönheiten ſich mit ihr meſſen könnte.“ Der Doctor hatte auch wohlbehaglich Anna angeblickt, und als ſie hinausging dem Probſt zugelächelt.„Was ſie ſchön ge⸗ worden iſt ſeit dem letzten Jahre,“ rief er aus.„Es iſt ein Kernmädchen, durch und durch aus einem Guß; man möchte immer nur nach ihr ſehen, und wenn ich jung wäre, alter Chri⸗ ſtian, ſo ein dreißig, vierzig lumpige Jahre zurück von einem einfältigen Menſchenleben, ich würde mich ihr ſchon angenehm zu machen wiſſen. Niemand dürfte das Schätzchen haben, als ſch, daß Du es weißt; alle Nebenbuhler räumte ich aus dem Wege.“ „Verſucht es immer noch, Doctor,“ ſagte Oerſteen ſpöttelnd, „was können die Jahre gegen die Leidenſchaft! Unter grauem 42* — 180— Haar glüht das Herz oft noch am ſtärkſten, auch haben Mäd⸗ chen zuweilen ſeltſame Paſſionen für alte, weiſe Herren. Ueber⸗ dies ſeid Ihr ja ein Doctor, erfahren in allerlei geheimnißvollen Tränken. Braut Ihr ein Zaubermittel, wie es von den alten Nornen und Trollen erzählt wird, dann wird es Euch nicht feh⸗ len, ſie heim zu führen.“. „Lieber Herr Oerſteen,“ erwiederte Magnus Alſen, indem er ſeine klugen Augen über den Amtsaſſeſſor gleiten ließ;„Sie ſind gewiß zwar ein trefflicher Beamter und Geſetzverſtändiger, dem weit und breit Niemand gewachſen iſt, und der ſeine Steuer⸗ liſten auswendig weiß, ob Sie aber die Geſetzbücher der Liebe eben ſo genau kennen, ſteht dahin.— Die verlangt ganz andere Bezahlung in ihren Prozeſſen, als mancher junge Herr geben kann.— Da handelt es ſich nicht um Geld und Titel, man be⸗ zahlt vielmehr mit ſchlanken Gliedern, weißen Zähnen, vollen Locken und dergleichen; Ihr aber mein wertheſter Freund mit Eurer hohen kahlen Stirne und etwas krummen Beinen, habt die Braut auch noch nicht auf dem Kirchgang an der Hand. Da ſeht her, hier ſteht Henrik Dartley, das iſt ein Mann, wie er — den Mädchen gefällt. Vor dem nehmt Euch in Acht! wahrhaftig, vor dem habt Ihr Euch zu hüten.“ Das ſchallende Gelächter des Doctors, nachdem er geendet, wurde von Niemandem getheilt. Oerſteens kahle Stirn röthete ſich dunkel; der Probſt machte ein böſes Geſicht auf ſeinen alten, groben Freund, und ärgerte ſich über Henrik, der ſein Lob mit Genugthuung zu hören ſchien.— Es war ein Glück, daß Anna in dieſem Augenblick wieder erſchien, wodurch das Geſpräch ab⸗ den Mäd⸗ n. Ueber⸗ nnißvollen den alten richt feh⸗ en, inden „(Sſ ieß;„Ll eſtändigen ne Steuler n, wie — 181— gebrochen wurde. Man ſetzte ſich an den Tiſch, nahm Meſſer und Gabel zur Hand, und jeder ſchien ſich zu bemühen, nicht wieder auf das Beſprochene zurückzukommen. Der Probſt aber ſowohl, wie Magnus Alſen und der Amtsaſſeſſor am meiſten, warfen zuweilen beobachtende Blicke auf die beiden Jüngſten der Schmauſenden am Tiſch, welche als Nachbarn zuſammen ſaßen, und wenn die andern recht laut und lebhaft wurden, heimlich zu flüſtern, ſich anzuſehen und zu lachen hatten. Aus dieſem Grunde ſuchte Oerſteen auch bald den jungen Henrik häufig ins Geſpräch zu ziehen, ein Bemühen, wobei ihn der Probſt unterſtützte. Oerſteen fragte nach Henriks Gute, Roth⸗ bergsland, und weil er wußte, daß dies, anſehnlich zwar, doch in der böſen Zeit und durch ſeines Vaters Sorgloſigkeit und Milde, tief verſchuldet war, konnte er in manchen geſchickten Redewen⸗ dungen es hindurch ſchimmern laſſen, daß dieſer junge Mann eigentlich ſo viel als nichts beſitze, daß er in den Händen ſeiner Gläubiger ſei, ja! daß er vielleicht in Kurzem davon vertrieben, als ein Bettler umherirren werde, wobei es ſehr auf ihn, den erſten Beamten im Kreiſe, ankomme, wie gegen ihn verfahren werde. Anfangs beantwortete der junge Mann die Fragen, welche Oerſteen mit ſcheinbar freundlicher Theilnahme an ihn that, in völliger Argloſigkeit, nach und nach erkannte er jedoch die Ab⸗ ſicht und nun wendete auch er ſeine Rede verletzend gegen den gefährlichen Mann, den er haßte und verachtete. Man ſagte Derſteen Geiz und ein hochmüthiges Beamtenweſen nach, das unter den Hirten und Bauern, die in ihrer Naturfreiheit die 1 — 182— Unterſchiede der Geſellſchaft wenig kannten, ihm eine geringe Zahl von Freunden erworben hatte. „Sie ſind,“ ſagte der Amtsaſſeſſor endlich lachend, nachdem das Blut ſich mehr und mehr erhitzt,„ein gewaltiger Jäger, Herr Dartley; wahrſcheinlich machen Sie im Hochgebirge Ent⸗ deckungen von verborgenen ſchönen Einſamkeiten, wo es ſich billig leben läßt, wenn alles Andere verloren iſt.“ „Vielleicht haben Sie Recht,“ erwiederte Henrik, in derſelben Weiſe,„denn wirklich habe ich auf meinen Streifzügen manche geheimnißvolle Wohnung aufgefunden, wo man ſicher iſt, von keinem boshaften Voigt gequält zu werden. Sie wiſſen, Herr Oerſteen, daß Rothbergsland Wälder beſitzt und Weiden, die tief in die Gebirge laufen. Noch vor einem Menſchenalter hatte es freilich dreimal ſo viel, allein mein Großvater begann einen Pro⸗ zeß um einen Waldſtrich auf dem zwanzig Bäume wuchſen. Einer Ihrer Vorgänger miſchte ſich hinein und brachte es dahin, daß nach zwanzig Jahren mein Vater halb Rothbergsland verkauft hatte.“ „Beſchwere Dich doch nicht darüber, Kind,“ fiel der Doctor ein;„Du behielteſt ja die Hälfte. Danke Gott für die gerechte Verwaltung und den gnädigen fürſorglichen Schutz der Geſetze. Viele haben in ähnlichen Fällen nicht einen Fußbreit mehr ihr eigen genannt; ſie ſind verſchollen und verſtorben, den gewonne⸗ nen Prozeß in der Taſche.“ „Wie kommen wir auf ſolche betrübende Dinge,“ ſprach der Probſt.„Dein Vater hat freilich viel verloren; aber Rothbergs⸗ land iſt immer noch ein ſchönes Gut, das ſeinen Werth haben 1 inge Zahl v, nachdem ger Jäger, birge Ent ſich billig derſelben en manche riſt, von ſſen, Herr en, die ti hatte es inen Pro jen. Einel die gercch er Geſth 3 mehr d gewonn ſprach d Rothbenf rrth bede — 183— wird, wenn der Friede zurückkehrt. Du mußt in die Welt hinaus, Henrik, wie ich es ſchon oft ſagte, und jetzt iſt die Zeit dazu, nicht müſſig zu ſein. Wer weiß, was in Chriſtiania geſchieht; wie bald das Vaterland ſeine Söhne fordert, und Du haſt etwas gelernt, biſt auf der Univerſität geweſen. Kenntniſſe helfen jetzt mehr als alles andere zum Fortkommen in der Welt.“ Der junge Mann verſetzte lächelnd:„Ich habe freilich wenig Luſt von dieſem mir ſo theuren Boden zu ſcheiden, Herr Probſt, denn Sie wiſſen wohl, wie ſehr ich ihn liebe; ſollten indeß Um⸗ ſtände eintreten, die ihn mir verhaßt machen, oder ſollte mein Vaterland meiner bedürfen, ſo werde ich gehen, wär's auch um nie wieder zu kommen.“ Den Blick, den Henrik dabei auf ſeine Nachbarin warf, welche die Augen niederſchlug, der Ton ſeiner Stimme und die ſtrenge Miene des Geiſtlichen, gaben ſeinen Worten eine Deu⸗ tung, welche nicht zu verkennen war. Der däniſche Offizier hatte ſich in die Kiſſen des Sophas zurückgelegt, als der Probſt auf⸗ ſtand und unmuthig ſagte:„Wir haben dieſen Abend ganz an⸗ ders verlebt, als wir dachten und wollten. Es iſt ſpät geworden; unſer Gaſt iſt müde, ſo laßt uns denn für heute ſcheiden und uehmt mit der Bewirthung fürlieb, die ich geben konnte.“ Der Probſt gab ſeiner Tochter einen Wink und dieſe ging hinaus, nachdem Henrik verſtohlen unter dem Tiſch ihre Hand gedrückt; dann nahm er ſeinen Hut und ſagte gute Nacht. „Willſt Du nicht bei uns bleiben?“ fragte der Probſt; aber in der Frage lag die Weiſung, daß er es nicht wünſchte.— Henrik verſtand es. — 184— „Nein,“ ſagte er.„Rothbergsland iſt eine Stunde nur und hier iſt das Haus voll Gäſte. Wenn es erlaubt iſt, komme ich jedoch morgen zur guten Zeit und denke etwas für die Küche zu liefern.“ Als er gegangen war, machten ſich der Doctor und der Baron auch davon. Herr Magnus wurde die Treppe hinauf in das zweite Stockwerk geführt, wo ein niedliches Zimmerchen und ein weiches Bett ihn erwarteten; der Offizier ſollte mit ſeinem Freunde zuſammenwohnen, aber erſt nach einer Stunde kam dieſer nach und der Baron empfing ihn, aus ſeinem Schlafe erwachend, mit einigen Scherzen über ſein Langebleiben. „Wahrſcheinlich,“ ſagte er,„haſt Du Dich aus den Armen dieſes ſchönen Pfarrkindes nicht früher loswinden können? Leugne nicht, Oerſteen, was hilft das Alles, Du biſt verliebt.“ „Und wenn ich es bin?“ „So wünſche ich Dir Glück. Dies Mädchen konnte jeden zu einem Roman bewegen, der mit einer Hochzeit endet.“ „Damit ſoll er auch enden, Roſen,“ ſagte Oerſteen und ſetzte ſich auf das Bett ſeines Freundes. Der Seeoffizier lachte.—„Der verdammte alte Doctor,“ rief er;„Du biſt noch nicht auf dem Kirchgang, Freund.“ „Henrik Dartley kann ihn verhindern, meinſt Du?“ mur⸗ melte Oerſteen vor ſich hin.—„Ich kann ihn zwiſchen meinen Fingern zerdrücken, ſo bald ich will.“ „Meinetwegen,“ fuhr Roſen fort,„quetſche ihn platt, wie einen Brotkuchen. Es iſt ein bäueriſcher Tölpel, aber ſchlank von Gliedern, wie der Doctor ſagt, das gefällt.“ len w fortb regeln Hauſe und eich he zu der if in und inem ieſer hend, rmen ugne Der Baron ſchien eine Freude daran zu haben, ſeinen Freund zu peinigen. Ein verächtliches Zucken bewegte Oerſteen's Geſicht. „Der Narr,“ ſagte er,„ſein glattes Geſicht, das iſt Alles, was er beſitzt. Ich will's ihm verleiden und da Du errathen haſt, wie die Sachen ſtehen, ſo kann ich Dir ſagen, daß ich ſo eben eine Unterredung mit dem Probſt gehabt habe.“ „Welche damit endete, daß er Dich als ſeinen Schwieger⸗ ſohn umarmte.“ „Getroffen.— Er umarmte mich und ſagte: Morgen wol⸗ len wir die Sache öffentlich machen. Henrik wird dann von ſelbſt fortbleiben, und wenn er es nicht thut, werde ich meine Maß⸗ regeln nehmen.“ „So iſt's recht,“ ſagte der Baron,„werft ihn aus dem Hauſe, damit er draußen heimlich umher ſchleicht.“ „Ich werde ein Wort mit ihm reden.“ „Schaff' ihn Dir vom Halſe.“ „Vielleicht— im Nothfall ſollſt Du mir helfen, Roſen.“ „Wo ich es kann, von Herzen gerne, mein Freund. Schaff' ihn unter irgend einem Vorwande auf die Najade und ich halte ihn feſt, bis Du verheirathet biſt, oder habe wohl gar Gelegen⸗ heit ihn eine Spazierfahrt nach Oſt⸗ oder Weſtindien machen zu laſſen.“ „Wahrhaftig!“ rief Oerſteen von einem ſchnellen Gedanken durchzuckt. Dann ließ er den Arm ſinken und fuhr mit gedämpf⸗ ter Stimme fort:„Du weißt nicht, daß dieſer Menſch, ſo jung und unbedeutend er iſt, doch eine gefährliche Wichtigkeit erhalten kann.— Unter den Bauern iſt er in großem Anſehn. Er iſt — 186— ein kühner Jäger. Keiner wagt ſo leicht, was er wagt. Er hat die ganze Leibesgeſchicklichkeit dieſer rohen Hirten, ihren Trotz und ihren ungeſchlachten Muth; endlich aber, und darauf merke wohl, gehört er zu einem alten Geſchlecht, das Gott weiß wie lange auf Rothbergsland wohnt.“ „Alſo iſt er vielleicht gar der Abkömmling eines alten Wickinger Häuptlings,“ lachte der Baron. „Es iſt wohl möglich, daß irgend ein Jarl oder Seekönig ſein Ahnherr war, den Halfdan der Schwarze, oder Harald Har⸗ fager mit eigner Hand erſchlug. Aber dies Geſchlecht hier iſt von je an hoch in des Landvolks Gunſt geweſen.— Der alte Niels Dartley rühmte ſich, daß niemals einer ſeiner Vorfahren däniſch geſinnt geweſen, nie einer ein Amt angenommen habe, und daß bei allen Aufſäſſigkeiten, bei Streit und Klage über Druck und Steuern, immer die Dartley's voran ſtanden. So haben ſie auch ſtets eine Art Schirmherrſchaft am Fjord und im Gebirge aus⸗ geübt. Sie waren die Sprecher der Bauern, die Anreger aller Unzufriedenheit, und als die unruhigen Köpfe im Lande ihr Spiel begannen, als ſich Geſellſchaften bildeten, die, wie es hieß, für des Landes Wohl wirkten, in Wahrheit aber den alten Geiſt der Unabhängigkeit im Volke aufweckten, die Ideen der Franzoſen, den Freiheitsſchwindel, durch Norwegen verbreiteten, da haben dieſe Dartley's gethan, ſo viel ſie konnten.“ „Dann ſind ſie in der That gefährliche Subjecte, die man früher ſchon hätte beſeitigen ſollen,“ erwiederte der däniſche Offizier. „Dieſer Henrik Dartley nun,“ fuhr Oerſteen fort,„iſt jetz Er hat en Tootz uf merke veiß wie es alten Seekönig fald Har⸗ riſt von lte Niels 1 däniſch und daß ruck und ſie auch arge als⸗ ger aller ühr Spil hieß, für Geiſt der ranzoſen, da haben die manl däͤniſche Iitiu allein übrig. Er hat in Chriſtiania auf der Univerſität, welche ſein Vater auch ſtiften half, ſtudirt, und kehrte zurück, als dieſer ſtarb. Aber er unterhält noch Verbindungen dort und verbreitet gefährliche Grundſätze unter den Bauern, denen er ſie bei Jagden oder Beſuchen vorträgt, ihnen die alten Landesgeſetze erzählt und von der Freiheit und Gleichheit ihrer Vorfahren die lockendſten Schilderungen macht.“ „Iſt dieſer blondlockige Endymion ein ſolcher Aufwiegler,“ fiel der Baron ein,„ſo müſſen wir uns ſeiner bemächtigen.“ „Im Grunde hat er nichts bisher gegen den Buchſtaben der Geſetze gethan, allein eben jetzt— weißt Du, was in Chri⸗ ſtiania vorgeht?“ —* / J Volk nach Eidsvold berufen werden ſoll.“ ch weiß nichts, als daß eine Verſammlung von allerlei „Und weißt Du, was man dort vorhat?“ „Ich weiß nichts weiter,“ ſagte Roſen. „Man will dem Lande einen eignen König geben, einen König von Norwegen, der nicht ſchwediſch, auch nicht däniſch ſein ſoll,“ fuhr Oerſteen fort. Man will den Beſchlüſſen Europa's trotzen, Krieg führen, Schlachten liefern, aber man will den neugebackenen König, der Wunder vollbringen ſoll, zugleich die Hände feſt zu⸗ ſammenbinden, damit er nicht etwa nach ſeinem eignen Willen thue. Man hat eine Verfaſſung entworfen, die ihn ohnmächtiger macht, als irgend einen König in der Welt.“ Der Baron richtete ſich im Bette auf und ſah den Erzähler forſchend an.„Wenn Du nicht ſo verzweifelt ernſthaft ausſähſt,“ rief er,„ſo dächte ich, es ſei Scherz. Die Narren, was denken — 188— ſie, was wagen ſie? Was wollen dieſe unwiſſenden Bauern thun? Höre, Oerſteen, ich kann Dir mit wenigen Worten ſagen, wie man jenſeit des Meers denkt. Wenn es irgend möglich iſt, wünſcht man Norwegen zu erhalten, und gelingt es dem Prinzen mit Hülfe des Landes ſich hier zu behaupten, den Frieden von Kiel nicht zu erfüllen, ſo ſind alle die donnernden Dekrete aus Kopenhagen, die ihm Gehorſam befehlen und zurückrufen, nichts als eine Faſt⸗ nachtskomödie. Prinz Chriſtian wird einſt König ſein in Däne⸗ mark, dann fallen die Kronen von Neuem vereint ihm zu, aber ein eigenes Reich, eine eigene Verfaſſung, eine Bauernverfaſſung — darin wird man niemals willigen, nimmermehr!“ „Und doch iſt es völliger Ernſt,“ ſagte Oerſteen.„Der Prinz hat ſich wenigſtens ſcheinbar gefügt, wie ſchwer es ihm auch werden mag. Ich habe die ſicherſten Nachrichten, weiß ge⸗ nau, was die Verſchworenen zu thun denken. Sie haben eine Ver⸗ faſſung aufgeſtellt, die der Landrichter Falſen, einer der wildeſten Freiheitsſchwärmer, entworfen hat. Der Adel ſoll abgeſchafft wer⸗ den, die Preſſe frei ſein, das Volk ſich ſelbſt regieren, alle Steu⸗ ern bewilligen, alle Beamten ihm verantwortlich ſein, der König nur ein bedingtes Veto haben.“ „Und den Unſinn glaubſt Du?“ rief der Offtzier. „Ich glaube ihn, weil ich es beſtimmt weiß. Die einzige Möglichkeit ihn zu hintertreiben, wäre, wenn eine Majorität wak⸗ kerer Männer in Eidsvold zuſammen käme, die dem Prinzen beiſtände, ihm die vollen Rechte ſicherte und die Abſichten jener Thoren durchkreuzte.“ „Jetzt begreife ich,“ ſagte Roſen.„Du mußt nach Eidsvold m thun? gen, wie wünſcht it Hülfe tel nicht enhagen, ne Faſt⸗ Däne zu, aber rfaſſung ildeſten fft wer — 189— Oerſteen, und ich will Dir dazu beiſtehen, ſo viel ich nur irgend vermag, obwohl mir das Ganze immer noch wie ein albernes Mährchen vorkommt. So viel geſunder Verſtand wird doch wohl in den Köpfen ſein, daß ſie nicht ſolche Tollhäuslerſtreiche aus⸗ führen. Krieg wollen ſie beginnen? Meine einzige Corvette reicht hin ſie in Ordnung zu halten, ihre Häfen zu ſperren, ſie verhun⸗ gern zu laſſen.— Wir wollen ſchlafen, Freund, und morgen im Sonnenſchein wird auch Dir vielleicht Alles im helleren Licht erſcheinen.“ IV. Am nächſten Morgen fuhr der Amtsaſſeſſor und Voigtei⸗ verwalter Oerſteen früh ſchon über den Fjord. Die Sonne ſchien hell zwiſchen weißlichen Wolken, die an den hohen Kuppen des Gebirgs, wie flatternde Fahnen am Schaft zu hängen ſchienen. Es war kalt auf dem bewegten Waſſer. Rauhe Luftſtröme brachen aus dem Bergſpalt hervor, in welchen die Ruderer den Nachen lenkten, und Oerſteen wickelte ſich feſter in ſeinen Pelz von Wolfs⸗ fellen und betrachtete die ſenkrechten Felſenmauern, an welche die Wellen ſchäumend anprallten. Er kannte die Natur ſeines Vater⸗ landes, wo das Meer ſich tauſendarmig bis in die tiefſten Ein⸗ geweide des Gebirgs gewühlt hat, dennoch fühlte er ein unheim⸗ liches Bangen vor dieſem Labyrinth nackter, ſchneegekrönter Gigan⸗ ten, die eine Gaſſe bildeten, durch welche der Nachen ſtill dahin ſchlüpfte. Er empfand große Luſt umzukehren, zu landen und einen Fußweg zu wählen, der in mäßiger Höhe am Bergſaume hinzog und an einigen Hütten und Höfen vorüberführte, dieſelben, deren Voigtei⸗ ie ſchien den des ſchienen. brachen Nachen Volſs⸗ elche die 3 Vater⸗ en Ein⸗ unheim⸗ Gigan⸗ dahin d einen ehinzog n, deren 1 — 191— Lichtſchein am Abend ins Thal von Grover niederblitzte, aber die Ruderer lachten, als er dies äußerte.—„Du würdeſt in Deinem Pelz nicht weit kommen,“ ſagte der Eine,„der Pfad iſt beſchwer⸗ lich und jetzt iſt er glatt.“ „Gibt es noch einen andern, der nach Rothbergsland führt?“ fragte Oerſteen. „Noch einen?“ ſagte der Bauer verwundert.„Nein; es iſt ein ſchöner bequemer Weg der da oben, ſicher für Mann und Pferd, doch nicht für Dich, da Du wenig daran gewöhnt biſt über die Felſen zu gehen.“ „Aber Henrik Dartley iſt geſtern in der Nacht den Weg gegangen.“ „Henrik Dartley und Du,“ rief der Bauer treuherzig,„Du wirſt Dich nicht mit ihm vergleichen wollen. Er hat Füße wie ein Rennthier, mit ſeinen Schneeſchuhen läuft er auf und nieder, wo es keiner wagt. Das iſt ein Mann!“ Oerſteen lachte und blickte zurück nach dem Thale, aus dem das rothe Haus des Probſtes zwiſchen hohen kahlen Bäumen hervorſah. Wo der blitzende Fjord ſich ausdehnte, ſchwamm ein Boot, das ſechs oder acht Ruderer ſchnell fort führten, und in der Ferne hinter niederen Felſen glaubte er die ſchlanken Maſten eines großen Schiffes zu erkennen.— Als ſein ungeduldiges Auge dann die Höhe der Fjellen maß, meinte der Bauer zu wiſſen, was er denke.„Sei ohne Sorge,“ ſagte er,„Lavinen fallen hier ſelten nieder. Sieh Dich nur um, die Bergwände tragen Holz und auf den Höhen iſt es fruchtbar, da liegen Häuſer und Fel⸗ der. Dann dehnt ſich der Fjord nochmals aus und erſt jenſeit — 492— Rothbergsland ſchießt er in ſchmale Klüfte, wo es finſter und A gefährlich iſt.“ ke „Und alles hier umher gehört ſchon Henrik Dartley,“ ſagte de der Andere.„In den Häuſern da oben wohnen ſeine Hausleute, he und er hält ſie gut, obwohl er ſelbſt nichts übrig hat.“ v „Darum iſt er uns auch ſo lieb, wie unſere Augen,“ ſprach d der Erſte nochmals.„Er theilt ſein Brod mit den Armen, das V dc bringt Segen. Das war eine Noth im Winter, aber ſo lange in d Rothbergsland ein Korn auf der Schütte lag, ſtand der Korb 1 mit Fladbrod für Jeden auf dem Tiſch, und der Topf mit der Grütze am Feuer. Zuweilen kam auch der liebe Gott zur Hülfe. — Henrik Dartley und Lars jagten, und was ſie brachten, wurde V redlich getheilt. Einmal fielen ſechs Rennthiere von einer Klippe in den Björn Fjord, Henrik fand ſie, ſie gehörten ihm, denn es war ſein Grund und Boden, wo die Thiere verunglückten. Aber b er hat ein großmüthiges Herz in der Bruſt; er vertheilte Alles und hat wenig genug für ſich behalten.“ Dieſe Lobpreiſungen ärgerten Oerſteen, ihn ärgerte die Zu⸗ neigung der Bauern für den Mann, den er jetzt noch mehr haßte, als früher. Er ſehnte ſich nach dem Ende dieſer Fahrt und war froh, als der Kahn den breiten Waſſerkeſſel erreichte, zu dem der Fjord ſich ausdehnte, um in verſchiedenen Straßen zwiſchen öde, ſchauerliche Felſenſpalten zu dringen. Wo ein ſtarker Bach in V ſchäumenden Fällen vom Gebirge ſprang, war von der Natur ein Wall aufgeführt, hinter dem die ſüßen Waſſer ſich ſammelten und einen See bildeten, der ſeinen Abfluß ins Salzwaſſer über zerbrochenes, wild aufeinander geſtürztes Geſtein nahm. Solche 4 nſter und ey,“ ſagte Hausleute, 1 i“ ſprach men, das ˖lange in der Korb f mit der ur Hülfe. en, wurde er Klippe denn es ten. Aber ilte Alles e die Zu⸗ ehr haßte, und wa udem der ſſchen öde, Bach in er Nablt ammelten iſſer ibe Sölch 1. — 193— Wälle, die von mächtigen Revolutionen Zeugniß geben, von denen kein Sterblicher nähere Kunde hat, finden ſich häufig und tragen den Namen Eide. Hier lag ein ſolcher Eid, wohl fünfzig Fuß hoch, und beſchirmte das hinterliegende Thal und den See darin vor dem Einbrechen der Meeresfluth. Sand und fruchtbarer Bo⸗ den bedeckte ihn; der Schnee war von ihm abgeſchmolzen und ließ das friſche junge Grün hervorleuchten, Bäume ſtanden da und dort, wie regelmäßig gepflanzt; höher hinauf zog der weiß ſchim⸗ mernde Birkenwald an dem Gebirge empor, und ſeine kahlen glänzenden Stämme miſchten ſich mit dem ſaftigen Grün der Bergfichte, welche ſtolz und froh auf ihren winterlichen Reiz überall ſich muthig auf die jähen Vorſprünge geſtellt hatte. Wo aber der Eid an die Fjellen lehnte, erhob ſich ein ſtattliches altes Haus, ein Gaard, umringt von zahlreichen Nebengebäuden. Er ſah auf den Fjord und auf den See im Thale nieder, zum Zei⸗ chen, daß ihm beides zuſtehe, und mit freudigem Tone ſagte der Bauer:„Das iſt Rothbergsland. Iſt es nicht ſchön hier? Sieh dort den weiten Kranz der Fjellen, hier den breiten Fjord, dort den Eid und jenſeits das Thal mit ſeinem See, in dem die beſten Fiſche ſind. Rund umher liegen Felder und Wieſen, oben die Weiden, bis tief ins Gebirge der Wald, und nun betrachte den großen Gaard. Es iſt in der ganzen Welt nichts, was ſich damit meſſen kann.“ Oerſteen ſprang ans Land und ging den ſteilen Pfad hinauf. Wohl mußte es zur Sommerzeit eine der prächtigſten Landſchaf⸗ ten ſein, denn jetzt ſchon lag ein mehr als gewöhnlicher Reiz auf ihr. Die nackt aufgethürmten Felſenmaſſen mit ihren Schluch⸗ Mügge, Henrik Dartley. 13 — 194— ten vom blauen Gebirgsnebel gefüllt, bildeten ein großes roman⸗ tiſches Panorama. Der Blick verirrte ſich weiter zwiſchen ihrem Dunkel und ſtieg daraus empor, bis zu fernen Gletſchermaſſen und unermeßlichen Schneefeldern. Tiefer unten aber waren die Ge⸗ ſenke herrlich bewaldet und von allen Seiten eilten die Waſſer in ſilberglänzenden Fällen dem Fjord zu, an deſſen Ufern der Rauch aus Menſchenwohnungen aufſtieg.— Als der Amtsaſſeſſor das Haus auf dem Eide erreicht hatte, betrachtete er es einen Augen⸗ blick und er mußte dem Bauer Recht geben, daß es ein ſtattliches Bauwerk ſei. „Das iſt ein ſchönes, altes Haus,“ ſagte Oerſteen für ſich, indem er mit ſeinem Stock an die Pfoſten ſchlug, welche eine eiſerne Feſtigkeit erlangt hatten.„Die Dartley's haben gut ge⸗ baut und für Enkel und Urenkel geſorgt. Ein paar Jahrhun⸗ derte mag es ſo ſtehen, aber ich denke, es wird andern Leuten wenigſtens eben ſo wohl und warm darin werden. Er drückte die Thür auf, an deren beiden Seiten Bänke unter dem Portal an⸗ gebracht waren, und trat in den Vorflur. Alles war ſchweigſam. An der Wand hingen mehrere Büchſen und Gewehre, Jagdſäcke und Netze. Ein großes Schwert mit verroſtetem Handkorb hing mitten darunter; im Winkel lehnten Angelruthen und an Holz⸗ pflöcken reihten ſich Kleidungsſtücke, Kappen von Leder und einige Felle erlegter Thiere, unter denen ein paar friſch geſchoſſene Haſen und einige Vögel am Boden lagen. Der Landrichter warf einen muſternden Blick auf die ver⸗ ſchiedenen Gegenſtände, dann klopfte er an den Eingang zur Linken und als er keine Antwort erhielt, ſchritt er vorwärts. ges roman⸗ chen ihrem ſchermaſſen ren die Ge⸗ die Waſſer der Rauch ſſeſpor das en Augen⸗ ſtattliches en für ſich velche eine m gut ge Jahrhun— ern Leuten drückte di Portal d ſchweigſam „Jaddſäc dior hing an Hol und einig ſſene Hafe zur n gang 1 vorwitt — 195— Das düſtere große Gemach, in welches er trat, war leer, die berauchten Tapeten, mit denen es einſt bekleidet wurde, hingen an manchen Stellen zerriſſen herab; im ungeheuren Eiſenofen brannte jedoch ein friſch angefachtes Feuer und vor dieſem ſtand einer jener ſchweren Holzſtühle, wie ſie ſeſſelartig aus dem Stamm der Bäume gehauen werden. Mehrere ähnliche umwiegten den mächtigen Tiſch in der Mitte dieſer Halle auf deſſen Platte einige Bogen Papier, Federn und Schreibzeug lagen. Einer der Bogen war beſchrieben und dieſer machte die Neugier, wie das Nachdenken Oerſteens rege.— Es iſt eine Liſte aller Bauern im Kirchſpiel, ſagte er, als er ihn aufgehoben und aufmerkſam durchmuſtert hatte. Warum hat er ſie entworfen? Was ſollen die Kreuze bei den verſchiedenen Namen bedeuten? Er hielt das Papier noch in der Hand, als plötzlich die Thür des Nebenzimmers ſich öffnete und der Gutsherr ihm gegen⸗ über ſtand. Ohne Verlegenheit reichte ihm Oerſteen die Hand, indem er mit der andern das Blatt auf den Tiſch legte.—„Sie wundern ſich ohne Zweifel über meinen frühen Beſuch, Herr Dartley,“ ſagte er lächelnd,„aber meine Angelegenheit iſt ſo wichtig, daß ſie, je eher je lieber, abgemacht werden muß.“ „Daß Sie ſo früh kamen,“ ſagte Henrik Dartley mit höf⸗ licher Kälte,„iſt mir angenehm, weil ich ſoeben nach Grover aufbrechen wollte, und wir uns leicht verfehlt hätten.“ Er öffnete dabei ein kleines Nebenzimmer, das freundlich und wohnlich eingerichtet war und bat den Amtsaſſeſſor einzu⸗ treten. Eine Bücherſammlung ſtand in einem Fachwerk und meh⸗ 413* — 1496— rere Briefe lagen aufgeſchlagen auf dem Schreibpult, wo Dartley bis jetzt beſchäftigt geweſen war. „Ich habe Sie geſtört,“ begann Oerſteen,„allein mein Beſuch ſoll kurz ſein. Was ich Ihnen zu ſagen habe, iſt bald geſagt, Herr Dartley, überlegen Sie dann, und beſchließen Sie, was Ihnen gut dünkt.“ „Zur Sache, Herr Oerſteen, wenn's beliebt,“ erwiederte der Gutsherr lächelnd. Sie haben Recht. Zur Sache denn und zwar ohne alle Um⸗ ſchweife.“ Er ließ ſein Auge einen Augenblick auf Henrik ruhen und ſagte:„Wollen Sie Rothbergsland verkaufen 2“ „Nein!“ „Wollen Sie unter den jetzigen beſondern Umſtänden Nor⸗ wegens nicht den Rath Ihres väterlichen Freundes, des Probſtes, folgen und nach Chriſtiania gehen?“ „Auch das nicht.“ „Kennen Sie Ihre üble Lage, Herr Dartley? Wiſſen Sie, daß, wenn Ihre Gläubiger gegen Sie auftreten, Rothbergsland für Sie ganz verloren iſt?“ „Ich weiß es, Herr Oerſteen.“ „Nun gut; ich biete Ihnen eine bedeutende Summe, ich biete Ihnen achttauſend Species, wenn Sie mir das Gut ſofort überlaſſen.“ „Sie ſind ſehr großmüthig, Herr Oerſteen. Man hat mir geſagt, daß Sie um billigen Preis vor Kurzem das bedeutendſte Schuld⸗Document auf Rothbergsland an ſich gebracht haben und daß Sie damit mein Hauptgläubiger geworden ſind.“ » Dartley lein mein e, iſt bald eßen Sie, jederte der alle Um⸗ wik ruhen den Nor⸗ Probſtes, umne, ich Guüt ſofor „Um ſo beſſer, oder gleichviel. Ich will mich hier ankaufen, zahle Ihnen ein Kaufcapital, das ich ſparen könnte, wenn ich Ihnen weniger wohl wollte.“ „Ja, ſehen Sie,“ erwiederte Dartley lachend,„und trotz dieſes Wohlwollens muß ich Ihren Antrag ablehnen.“ Oerſteen ſtand auf.„Dann iſt mein Beſuch ohne die guten Früchte geblieben, welche ich davon hoffte,“ ſagte er.„Indeß überlegen Sie es bis morgen!“ „Es iſt nichts zu überlegen.“ So wird Rothbergsland durch öffentlichen Verkauf mein werden und Sie werden Alles verlieren, weil Sie nichts beſitzen wollen.“ „Lieber Herr Oerſteen,“ verſetzte Dartley,„Rothbergsland gehört den Dartley's ſeit Jahrhunderten und wird das ihre bleiben. Es iſt Odalsgut und Sie vergeſſen das Odalsrecht. Wenn Sie es auch dahin brächten, daß es in gerichtlicher Auction verkauft d würde, ſo könnte ich es doch immer wieder zurückfordern zu jeder Zeit um den billigen Taxpreis. Sie ſehen alſo daß ich das Erbe meiner Väter weder freiwillig veräußern noch durch Zwang mir 5 2 entreißen laſſen will.“ Was Dartley ſagte, hatte ſeine Richtigkeit. Das alte Odals⸗ recht ſchützte das Grundeigenthum ſo ſehr, daß es faſt unmöglich war, Landbeſitz aus den Händen einer Familie zu bringen, wenn dieſe nicht freiwillig es aufgab, oder aus Noth aufgeben mußte. Oerſteen ſchwieg, indem er einen ernſten bedauerlichen Blick auf Henrik warf.„Sie heben das Odalsrecht hervor,“ begann er dann,„aber Sie bedenken nicht, daß, um verkauftes Gut auch — 4198— nach billigem Taxwert einzulöſen, man doch Geld haben muß, das Sie nicht beſitzen.“ „Ich werde die Mittel dazu ſeiner Zeit finden.“ Die beiden Männer ſchwiegen, bis Oerſteen ſtolz ſagte:„So habe ich gethan, was ich thun wollte, und kann den Rückweg antreten.“ „Sie gehen nach Grover?“ „Ja, Herr Dartley.“ „So werde ich Sie begleiten. Ich habe ein Wild für die Küche abzuliefern.“ „Da hätte ich beinahe etwas vergeſſen,“ rief Oerſteen.„Eine Neuigkeit, die für Sie Intereſſe haben muß. Ihre Haſen und Schneehühner kommen zur rechten Zeit; man feiert heute ein Feſt in dem Pfarrhofe.“ „Ein Feſt?— Welches Feſt?“ 6 „Meine Verlobung mit Dartley ſchien einen Augenblick betroffen; plötzlich aber lachte er ſo laut und luſtig auf, daß eine dunkle Röthe Oerſteens Geſicht überzog. ⁸8 Jungfrau Anna.“ „Was iſt Ihnen ſo lächerlich dabei, Herr Dartley?“ fragte er. „O, nichts, Herr Oerſteen, durchaus nichts,“ erwiederte dieſer;„es fiel mir unwillkührlich nur ein, was geſtern der Doctor ſagte.— Noch ſind Sie nicht auf dem Kirchwege mit der Braut.“ „Und wer will ſie mir ſtreitig machen. Sie etwa?“ „Allerdings, ich; wenn es irgend ſein kann.“ „Ja, wenn es ſein kann,“ wiederholte Oerſteen.„Nun gut, ben muß, gte:„So Rückweg für die en.„Eine daſen und heute ein — 199— thun Sie was Sie wollen. Es würde zu nichts nützen, Ihnen Vorſtellungen zu machen; auch habe ich keine Luſt, mit Jeman⸗ dem zu ſtreiten, der ſo beſtimmt als mein Nebenbuhler auftritt. Jeder ſehe wohl zu, was er thue.— Wollen Sie mich noch nach Grover begleiten?“ „Ohne Zweifel, und ich will dort ſo laut lachen, wie hier.“ „In Gottes Namen, ſo laſſen Sie uns beide lachen. Es wird eine luſtige Hochzeit werden, Herr Dartley; ich hoffe Sie liefern uns dazu wieder einen Braten.“⸗ Er legte die Hand wieder auf das Thürſchloß, als Henrik dieſe feſthielt. Einen Augenblick ſchien es, als wollte die äußer⸗ lich behauptete Ruhe beide Männer verlaſſen. Sie betrachteten ſich beide meſſend und herausfordend und unter der erheuchelten Luſtigkeit ſtrahlte der Haß tödtlich aus ihren Blicken. „Johann Oerſteen,“ ſagte der Gutsherr,„hören Sie noch ein Wort, ehe Sie gehen. Wenn es wahr iſt, was die Leute ſich erzählen, ſo ſoll man Sie am meiſten fürchten müſſen, wenn Sie freundlich ſind. Ihre Abſicht war, mich hier fortzuſchaffen, es koſte was es wolle.“ „Meine Abſicht war eine Antwort auf das, was Sie geſtern ſagten,“ erwiederte Oerſteen.„Es können Umſtände eintreten, ſprachen Sie, die mir dieſen Boden verhaßt machen, dann werde ich gehen. Ich verſtand den Sinn Ihrer Worte und glaubte Ihnen die Hand bieten zu müſſen, um in ehrenvoller Weiſe den Platz zu räumen.“ „Es iſt nichts eingetreten, Herr, was mich bewegen könnte, dieſe Hand zu ergreifen,“ rief Dartley erglühend.„Ich will nicht — 200— gehen, darum müſſen Sie andere Mittel ausſinnen und ich leſe in Ihren Augen, wie Sie ſchon jetzt darauf denken. Doch jeder ſehe wohl zu, was er thue! Sie haben es geſagt.“ Die Art, wie ihn Henrik durchdringend betrachtete und das ſpöttiſche Lächeln, das ſeine Worte begleitete, beunruhigten Oerſteen. „Fürchten Sie mich ſo ſehr, Herr Dartley?“ fragte er. „O, nein, nicht im Geringſten.“ „Aber Sie mißtrauen mir?“ „Ich habe keinen Grund, Ihnen zu vertrauen.“ „Allerdings nicht; aber was giebt Ihnen ein Recht, mich Gott weiß welcher Fehler und Laſter anzuklagen? Niemand kann mir als Menſchen und Beamten Böſes mit Grund nachreden, auch Sie nicht. Die Liebe eines Mädchens macht uns zu Gegnern. Beſiegen Sie mich, wenn Sie können, ich habe nichts dagegen.“ „Die Liebe!“ rief Dartley,„Anna's Liebe?!“ Glauben Sie denn, daß Anna Sie liebt, oder wiſſen Sie es?“ Wohin würde uns ein Streit führen, wenn ich auf Ihre Fragen antworten wollte? Laſſen Sie uns gehen. Wir wollen Freunde ſein und offen und ehrlich Spiel treiben. Geben Sie mir Ihre Hand!“ Dartley trat zurück und ſagte ſtolz:„Freunde können wir nicht ſein. Es wäre Falſchheit, wenn ich einſchlüge; aber offene ehrliche Feinde wollen wir ſein, dazu ſtrecke ich meine Rechte aus.“ „Auch das, wenn Sie wollen,“ erwiederte Oerſteen ein⸗ ſchlagend,„ſo ſei denn Feindſchaft zwiſchen uns, bis zur Freund⸗ ſchaft, oder bis zum Untergange.“ dich leſe dohh jeder eund das Oerſteen. echt, mich nand kaun. nachreden, Gegnern. dagegen.“ Glauben auf Ihre ir wollen Sie mir nnen wir ber offene ite cus- Di ie beiden Gegner fuhren über den Fjord zurück zum Pfarr⸗ hauſe und beſtrebten ſich ſo unbefangen als möglich zu ſcheinen. Dartley erzählte von dem Zuſtande ſeines Gutes und der Lage ſeiner Nachbarn, von ſeinen Unternehmungen für die Folgezeit, und was er zu thun gedenke, um Verbeſſerungen einzurichten, die ihm aufhelfen könnten. Er erwähnte auch, wie leicht es ihm ſein werde, ſeine Schulden zu tilgen, wenn nach abgeſchloſſenem Frieden erſt der Holz⸗ und Fiſchhandel nach Holland und dem ſüdlichen Europa hergeſtellt ſei. Mit leichter Mühe laſſe ſich dann aus den Wäldern, die zu Rothbergsland gehörten, noch einmal ſo viel herausſchlagen, als er zu zahlen habe, und ſchon jetzt ſei es nicht ſchwer, vortheilhafte Contracte mit den Kaufleuten in Bergen zu ſchließen, die unternehmend ſich vorbereiteten. Oerſteen hörte ſtill zu und erwog, was Henrik ſprach. Er mußte ihm Recht geben. Sobald nur der Friede geſichert war, mußte der Bodenbeſitz ſteigen und dies Gut mit ſeinen großen — 202— Wäldern und ſeiner vortheilhaften Lage am Fjord dem Beſitzer leicht alle Mittel bieten, ſeine Verlegenheiten zu beſeitigen. Was Dartley ſagte, war in jeder Weiſe vernünftig und wohl über⸗ legt. Der junge Mann war weit einſichtsvoller, als Oerſteen gemeint; er beſaß einen hohen Grad jener klugen Beſonnenheit, welche in dem Charakter ſeiner Landsleute ein ſo merkwürdiges Gemiſch mit ihrer heftigen und heißen Leidenſchaftlichkeit bildet, die dann und wann über alle Dämme bricht. Er bemerkte recht gut, wie aufmerkſam Henrik ihn beobachtete, und wie er unter dem Scheine der größten Offenherzigkeit ſeine geheimen Zwecke verfolgte. Es war Dartley's Abſicht, ſeinen Gegner davon zu überzeugen, daß es ihm gar nicht möglich ſein würde ihn von ſeinem Erbe zu treiben, und wenn er ruhmredig pries, daß ihm von mehr als einer Seite ſchon Anerbietungen über große Holz⸗ käufe gemacht ſeien, die jeden Augenblick bedeutende Summen in ſeine Hände geben könnten, ſo that er dies nur, um zu ſehen, was Oerſteen davon glauben werde. Dieſer wünſchte ihm mit einem ſpöttiſchen Lächeln, das Henrik ſehr wohl verſtand, Glück zu ſolchen ſpeculativen Freun⸗ den, dann aber fügte er funnu⸗„Wir haben ein Sprüchwort im Lande, den Dartley, das Sie gewiß kennen werden, es heißt nämlich: Norwegen hat keine Juden, aber es hat Kaufleute in Bergen! vielleicht hat man Ihnen vor einigen Wochen noch Aner⸗ bietungen gemacht, jetzt hat ſich Alles geändert. Sie wiſſen ja ſelbſt, wie es bei uns ſteht, und ohne Zweifel haben Sie beſſere Nachrichten darüber von Ihren Freunden in Chriſtiania als ich“ Er blickte ſcharf auf Dartley, der wohl einſah, daß es beſſer Beſitzer hen. Was ohl über⸗ Oerſteen ennenheit, würdiges davon zu ihn von daß ihm oße Holz⸗ Summen 1 3u ſehen, heln, das zen Frelun⸗ chwort in , 6 heißt ufleute in noch Anel⸗ wiſſen in Zie beſſere ls ich beſſet dd ße⸗ — 203— ſei, dies nicht zu läugnen.„Ich habe Nachrichten,“ erwiederte er, „doch nichts, was beunruhigend wäre. In Eidsvold wird Nor⸗ wegens Freiheit berathen, wir werden endlich ein Volk ſein, abge⸗ löſt von der erſtickenden däniſchen Obergewalt und muthig genug, um uns nicht an Schweden verkaufen zu laſſen.“ „Alſo Krieg mit Schweden und Europa!“ ſagte Oerſteen ſpottend. „Krieg, und, wenn es ſein muß, Tod und Untergang, wenn Schweden uns unſere Landesfreiheit und Selbſtſtändigkeit nicht verbürgen will.“ „Sie ſind alſo doch halb und halb ein Schwede!“ lachte Oerſteen.„Iſt es möglich, daß Sie Sich für unſern Erbfeind erklären können?“ „Ich bin ein Norweger, Herr Oerſteen,“ verſetzte Henrik, „ganz und gar ein Norweger, kein Schwede und noch weniger ein Däne. Mögen die Männer in Eidsvold beſchließen, was ſie für recht erkennen, wir wollen es mit unſerm Leben vertheidigen. Was meine Meinung iſt, behalte ich für mich; vor Allem aber ſollten wir nicht dulden, daß däniſche Ränke unſere Freiheit untergraben, daß heimliche Intriguen angezettelt werden und eine däniſche Flagge an unſerer Küſte weht, die unſeren Bürgern ungeſtraft ihr Eigenthum raubt.“ Der Blick, den er über den Fjord ſchickte, deutete an, was er meinte. Vor ihnen lag die geplünderte Sloop Peter Klüver's und die beiden Ruderer ließen es an einigen kräftigen Worten über die Spitzbuben, welche ſie kahl gemacht, nicht fehlen. Zur ſelben Zeit fuhr das Boot dicht am Ufer hin, wo ein kleiner — 204— Gaard lag, der Gaard von Bunſerud, aus dem ein Mann hervor trat. Es war Lars, der Bauer, welcher den Nachen anrief und auf den letzten Stein ans Waſſer trat, wo er die Nahenden erwartete. „Guten Morgen, Henrik Dartley,“ ſagte er, ſeine rothe Mütze an dem Zipfel faſſend,„es iſt gut, daß ich Euch beide ſehe. Ich habe ſoeben einen Beſuch im Hauſe, kommt einen Augen⸗ blick herein. Der däniſche Capitain iſt da und will dem Peter Klüver nichts geben, als einen Schein, den dieſer nicht mag. Hilf Du ihm in ſeiner Noth, Du biſt unſer Voigt. „Wie kann ich ihm helfen?“ erwiederte Oerſteen.„Wenn Peter Klüxver damit nicht zufrieden iſt, ſo muß er klagen.“ Der Bauer ſchüttelte den Kopf.„Was ſagſt Du dazu, Henrik?“ „Klagen oder nicht klagen, es iſt völlig einerlei.“ „Das iſt ein eben ſo ſchlechter Rath, Henrik.“ „Wollen Sie nicht noch einmal mit dem Baron ſprechen?“ fragte Dartley. „Es iſt unnütz,“ erwiederte Oerſteen, wir wollen ſehen, was ſpäter zu machen iſt. Vorläufig muß Peter den Schein nehmen. Laßt uns weiter.“ „So will ich es verſuchen,“ ſagte Dartley, indem er ans Land ſprang. Oerſteen war damit zufrieden.„Geh zum Henker!“ mur⸗ merlte er vor ſich hin,„ich denke, es iſt gut, wenn er Roſen ungeheißen in den Weg tritt.“ Er ließ den Nachen abſtoßen und war froh den verhaßten Begleiter los zu ſein. inn hervor anrief und Nahenden eine rothe Fuch beide en Augen⸗ dem Peter nicht mag. e.„Wenn gen. Du dazu ſprechen! ſehen, was ein nehmen dem er dls kker!“ mur er Roſel p ſſoßen Dartley ſtieg raſch das hohe Ufer hinauf.„Lars,“ ſagte er leiſe,„es wird uns ſo gewiß nichts helfen, wie dieſe Steine niemals Brod werden; allein wir wollen andern Rath ſchaffen.“ Als er an der Thür des Gaards war, hörte er drinnen lautes Sprechen und Peter Klüver's tiefe Stimme dazwiſchen, die mit Nachdruck ſagte:„Ich ſehe wohl, Herr, es iſt keine Hülfe für mich, und kann keine ſein. Ihr habt weder Augen noch Ohren für meine Klagen und treibt Scherz, wo es ſich um ſchweres Unrecht handelt.“ Dartley trat in das Haus, welches reinlicher und heller war, als gewöhnlich norwegiſche Bauerhäuſer ſind. Gefäße und Geräthe nahmen den vordern Theil ein. Ein buntbemalter Schrank ſtand an der einen Seite, an der andern ein Tiſch und an der dritten ein Bettgeſtell mit Geſimſen, das an der Wand wie ein großer Kaſten klebte. Ein gewaltiger, blau angeſtrichener Koffer mit Namen und Jahreszahl zeigte, daß es ein Heirathsgut von Lars' Mutter war, das ſie mit ins Haus gebracht, und auf ihm ſaßen zwei Offiziere der Corvette in Uniform, den Degen an der Seite. Die Balkenwände der Hütte waren dunkel beraucht von dem Heerde in der Ecke, der ſich wenig über den Boden erhob. Ein helles Feuer flackerte dort auf den Steinen, und an dem Haken darüber hing ein Keſſel, in welchem die Hafermehlſuppe brodelte, behütet von einem jungen Mädchen, das lächelnd ſeine Aufmerkſamkeit zwiſchen dem Gericht am Feuer und den artigen Worten des jungen Capitains theilte, der auf einem Schemel bei ihr am Heerde ſaß. Die langen dunkelblonden Zöpfe des Mädchens, mit rothen Bändern durchflochten, fielen weit auf — 206— ihren Rücken nieder. Ihr friſches, wohlgeformtes Geſicht mit kräftigen Zügen, das durch ſchelmiſche Augen voll Glanz und Beweglichkeit eine beſondere Anziehungskraft übte, war das wahre Bild einer hübſchen Seterin, die hoch auf den Alpen ein freies Sommerleben führt und dort, mit Heerden und Hirten in der Wildniß wohnend, einen Wiederſchein der wilden Natur in ſich aufgenommen hat.— Karina war die Schweſter des Bauers. Heute hatte ſie ihren beſten Staat angezogen, denn es war ein Beſuch bei Nachbarinnen zu machen. Ein dunkles Wollenkleid und eine Schürze in tauſend Falten ſchmückten den kräftigen Leib; ein offenes Mieder mit rothen Bändern geſchnürt umgab ihre Bruſt und ließ das Hemd durchſcheinen, das mit Silber⸗ münzen und Haken bis an den Hals geneſtelt war. Darüber trug ſie eine Jacke von Lammfell mit vielen blanken Knöpfen,— ein werthvoller Putz, der ein langes Sparen erfordert hatte. Das hübſche Mädchen war behutſam bei ihrer Arbeit und um den Kleiderſchmuck beſorgt, während ſie doch die ſchmeichelnden Worte des fremden Herrn mit Wohlgefallen hörte und ſeine ſcherzenden Fragen munter beantwortete. Als Dartley hereintrat, wendete ſie ſich um und nickte ihm freundlich grüßend zu, dann warf ſie einen Blick auf ihren Bruder, der an einem der Pfoſten ſtehen blieb und, die Arme verſchränkt, aufmerkſam hörte, was ſich begab. Der Baron bemerkte die Anweſenheit eines Fremden nicht ſofort.„Karina, mein Kind,“ ſagte er,„wenn Peter Klüver nicht, ein ſo geſetzter Mann wäre, ſollte man glauben, es ſei Dein Liebſter, der eiferſüchtig iſt, weil ich Dich ſchön finde.“ — eſicht mit Glanz und 3 wahre ein freies ten in der ir in ſich Bauers. war en Lollenkleid kräftigen art ungab it Silber⸗ Darüber nöpfen,— dert hatte. t und um meichelnden und ſeint hereintrat, d zu, dam der Pfoſten hörte, ws nden nicht lüver richt ſü Deil 4 — 207— „Peter Klüver hat jedenfalls gerechtere Anſprüche auf Ihre Aufmerkſamkeit, als dies Mädchen,“ erwiederte Henrik. Beim Ton der fremden Stimme ſtand der Capitain auf. „Herr Dartley,“ ſagte er lachend, indem er ihm die Hand bot, „ſind Sie ein ſo ſtrenger Moraliſt? Ich bin hierher gekommen, weil ich hörte, daß der Eigenthümer der Sloop hier zu finden ſei, und habe ihm alle Entſchädigung geboten, die in meiner Macht ſteht.“ „Das heißt, einen Schein für ſeine Anſprüche auf Kopen⸗ hagen.“ „Allerdings. Man wird ſich nicht weigern, ihn dort anzu⸗ erkennen.“ „Wir haben geſtern ſchon darüber geſprochen,“ ſagte Dartley, „was ein ſolcher Schein werth iſt, wiſſen wir Alle. Sie haben jedoch auch die Mannſchaft gepreßt. Haben Sie dieſe frei gegeben?“ „Ich bedarf Ihrer Dienſte zum Wohl des Vaterlandes.“ „Iſt Ihr Schiff ein norwegiſches oder däniſches?“ „Darauf hörten Sie ebenfalls ſchon geſtern meine Antwort.“ „Und wenn ich nicht irre,“ fuhr Dartley fort,„erwiederte man Ihnen, daß im letzteren Falle ein ſchweres Unrecht begangen wurde. Was ſollen norwegiſche Männer am Bord eines däniſchen Kriegsſchiffes? Was hat Dänemark jetzt noch mit Norwegens Wohl zu ſchaffen? Es hat das Land hingeworfen, abgetreten, ſich von ihm losgeſagt.“ 41 „Was ich thue, habe ich allein zu verantworten,“ verſetzte der Capitain ſtolz. — 208— „Bei wem?“ fragte Dartley.„Bei dem Reichstage in Eids⸗ vold, oder bei dem Könige in Kopenhagen?“ „Herr Dartley,“ ſagte der däniſche Edelmann gereizt,„iſt dieſe Hütte wohl der Ort, ſolche Fragen zu thun und zu beant⸗ worten, und ſind Sie— Sie zwingen mich, Ihnen zu erklären, daß ich Ihre Einmiſchung in dieſe Angelegenheit für gänzlich unverträglich mit Ihrer Stellung und der meinigen betrachte. Ich erſuche Sie daher, ja im Nothfalle müßte ich Ihnen befeh⸗ len, ſich nicht in Dinge zu miſchen, die ſie nichts angehen.“ „Kein Däne hat in Norwegen jetzt noch einen Befehl zu ertheilen,“ erwiederte Dartley unerſchrocken; nicht ich, Sie ver⸗ kennen Ihre Stellung.“ „Genug davon,“ erwiederte der Seeoffizier. Was ſollen die unnützen Worte! Ob ich darf oder nicht darf, iſt meine Sache. Ich thue es und übernehme alle Folgen. Will der Mann den Schein, dort liegt er, man wird ihm gerecht werden und volle Zahlung leiſten; im Uebrigen laſſen Sie uns allen Streit ver⸗ meiden, Herr Dartley. Diejenigen, welche Einſicht und Bildung beſitzen, ſollten ſich hüten, jetzt durch aufrühreriſche Reden Oel ins Feuer zu gießen.“ Dartley trat an den Tiſch und nahm das Papier.„Wollen Sie es annehmen, Herr Klüver?“ fragte er. „Sagen Sie, was ich thun ſoll,“ verſetzte der Schiffspatron. Ohne ein Wort zu ſprechen, riß Henrik den Schein in Stücke und warf dieſe ins Feuer. „Sie haben eine gänzlich eigenmächtige, ungeſetzliche Hand⸗ in Eids⸗ eizt, iſt u beant⸗ erklären, gänzlich vetrachte en befeh hen. efehl zu Sie ver⸗ ollen die e Sache tann den und volle treit ver Bildung den Od Wollen fspatron zchein mn he Hun — 209— lung begangen,“ ſagte Roſen lebhaft aufgeregt,„für welche Sie Rechenſchaft geben ſollen.“ „Doch nur dem Geſetz und dem Gericht in Norwegen, Herr von Roſen. Sie nehmen die Verantwortlichkeit ihrer Hand⸗ lungen auf ſich; ich ſtehe für die meinigen.“ Der Capitain bezwang ſeinen Zorn. Was half es ihm, wenn er heftiger wurde? Er erkannte das Zweifelhafte ſeiner Lage ſehr wohl, und wie die Bande des Gehorſams, welche bis vor Kurzem ſo mächtig waren, ſich aufgelöſt hatten. Sonſt wäre es ein Leichtes geweſen, ſeine Macht geltend zu machen, nun aber war es allzu wahr, kein Däne hatte hier etwas zu befehlen, denn Niemand gehorchte mehr. „So muß denn unentſchieden bleiben, was ich gern zu ver⸗ mitteln ſuchte,“ rief er aus.„Mag der Prinz, oder meinetwegen die Verſammlung in Eidsvold ein Urtheil fällen, der Mann, welcher ſich beſchädigt glaubt, bei ihr Klage führen; ich habe nichts mehr damit zu thun. Wollen Sie mich in das Pfarrhaus nach Grover begleiten, Herr Dartley?“ „Ich denke Sie einzuholen,“ erwiederte dieſer,„zuvörderſt habe ich einige Worte mit dieſen Männern zu reden.“ Als die Offiziere gegangen waren, von Lars von Bunſerud begleitet, der ihnen dienſtfertig den beſten Weg am Ufer des Fjord zeigte, ſetzte ſich Dartley ans Feuer und zog aus der Taſche eine Schrift, die er aufmerkſam durchlas. Karina nahm inzwiſchen den Keſſel vom Feuer, goß den Haferbrei in eine Schüſſel, deckte dann ein weißes Tuch über den Tiſch, ſetzte Holz⸗ teller darauf und legte hölzerne Löffel daneben. Aus einer Kammer Mügge, Henrik Dartley⸗ 14 — 210— holte ſie einige runde und ganz dünne Brotkuchen von Hafermehl un und brachte ſie zum Tiſch, endlich auch ein Brett, auf dem ein rit Stück Fiſch lag, eine Lachsforelle, die geſtern noch im See ſchwamm. fre Als ſie fertig war, kam Lars zurück, der mit einer gewiſſen ihr Ehrerbietung ſeinen nachſinnenden jungen Freund und das Papier in deſſen Hand betrachtete, dann aber zu ſeiner Schweſter trat fir und über die Dänen ſpottete.„Sind das Männer?“ ſagte er. ſie „Sie haben Beine, wie die Kinder, bei jedem Stein ſtraucheln ſie, d und es fehlte nicht viel, ſo wäre der Capitain ins Waſſer gefallen.“ „Er iſt doch jung und ſchnell genug,“ erwiederte das Seter⸗ H mädchen. d Lars ſah ſie mißbilligend an.„Er gefällt Dir wohl mit dan ſeinen goldenen Quaſten am Rock?“ fragte er. „O ja, er gefällt mir recht gut.“ „Das mußt Du nicht ſagen, Schweſter,“ rief Lars ärgerlich. ii „Du biſt ein albernes Mädchen! Hole Salz zum Fiſch und ſieh ſt nach, ob nicht noch ein Stück Speckkiöd im Hauſe iſt.“— Karina un lachte zu der Strafrede und kam mit einem geräucherten Hammel⸗ d beine aus der Kammer zurück, das kaum mehr als ein Knochen m war, von dem ihr Bruder einige ſteinharte Späne mit Anſtren⸗ zu gung abſäbelte. d „Nun, Henrik,“ ſagte er dann,„komm und iß mit uns, wenn es Dir gefällig iſt. Was Gott uns gegeben, ſteht auf dem Tiſch.“ Der Haferbrei wurde aufgefüllt, und Jeder erhielt ſein Theil; dann wurde der Fiſch vertheilt, das Fladbröd und die Fleiſch⸗ d ſpäne, und Dartley aß mit, lobte Karina's Fleiß und Kochkunſt, 3 —————— Hafermehl f dem ein ſchwamm. gewiſſen as Papier eſter trat ſagte er. ucheln ſie, gefallen das Seter⸗ wohl mit argerlih. ud ſich Karim Hanndl n Knochel tAnſtrel⸗ nit uns ſteht auf ſein Theil ie Fliſ Fochkunt — 24114— und wie ſie bei aller böſen Zeit doch immer noch ſo ſchöne Vor⸗ räthe beſäße. Darin ſtimmten die Andern bei; Karina hatte viele freundliche, dankbare Blicke für den jungen Gutsherrn. Sie ſuchte ihm das Beſte aus, was an Fiſch und Fleiſch da war, und als Heenrik ſcherzend ſagte, er glaube doch, daß ſie noch viel ſorgſamer für den hübſchen däniſchen Baron geſorgt haben würde, erwiederte ſie haſtig:„Das glaubſt Du nicht, Henrik Dartley, das glaubſt Du ganz gewiß nicht!“ „Nein, gute Karina,“ erwiederte Henrik, und reichte ihr die Hand,„das glaube ich auch nicht. Ich weiß, daß ich beſſer in Deiner Gunſt ſtehe, als der gleißneriſche Däne, und wenn es darauf ankäme, würdeſt Du es beweiſen.“ „Ich kann Alles thun, was Du willſt,“ ſagte ſie. „Du ſollſt auch heute etwas für mich thun,“ fuhr Dartley freundlich fort,„und ich will Dich dafür küſſen, Karina. Hier iſt ein Brief an alle Männer oben in den Bergen, den trage umher und laſſe ihn leſen. Lars ſoll dagegen mit ſeinem Kahn den Fjord hinauffahren und unſere Freunde, die dort wohnen, auffordern, heute Abend um die achte Stunde in Rothbergsland zu ſein, wo ich Wichtiges mit ihnen zu ſprechen habe. Willſt Du das thun?“ „Sogleich!“ ſagte ſie und zog die Feſtjacke aus.„In ein paar Minuten will ich gehen.“ G Lars ſchob ſeine Mütze über die Stirne.„Ich gehe auch,“ ſprach er,„die Männer werden kommen. Ich kann es denken, was Du ihnen zu ſagen haſt. Wir werden Alle dabei ſein, Henrik. Recht muß Recht bleiben!“ 14* VI. Der kürzeſte Weg nach dem Thale von Grover führte über jähe Felskämme, welche glatt und gefährlich waren; aber Dart⸗ ley legte ſie leicht zurück. Sein elaſtiſcher Schritt ſchlüpfte ſchnell an den Abſtürzen hin, und bald lag das Pfarrhaus vor ihm, das ihm Herzklopfen machte, wie er es unter den Bäumen erblickte. Die Sonne ſchien hell und freundlich ins Thal, und das rothe Haus unter den Bäumen glänzte wie im Feſtſchmuck. Er ſah den Probſt mit einem andern Manne an der Thür auf⸗ und abgehen, und nachdenkend blieb er ſtehen, als er Oerſteen zu er⸗ kennen glaubte. Eine tiefe Bangigkeit ergriff ihn vor dem nächſten Begegnen, das ein entſcheidendes ſein mußte. Er wußte wohl, wie jähzornig und heftig in ſeinem Willen der alte geiſtliche Herr war, wie ſehr Oerſteen ſein Vertrauen erworben, und wie ſchwer es halten würde, ihn anderen Sinnes zu machen. Er wußte aber auch, daß Fahlberg ihm freundlich geſinnt ſei und ührte über der Dart⸗ fte ſchnel vor ihm, Bäumen und das hmuck Er auf⸗ und wen zu e nnücſtn ßte wohl, b geiſtlice und wie 2 achen Er 5 t ſi un daß er ſein Kind mit Zärtlichkeit liebte. Unmöglich dünkte es ihm, daß der Vater ſeine Tochter zwingen könne, den ungeliebten Mann zu nehmen, der obenein Eigenſchaften beſaß, die, wenn der Probſt ſie kannte, wohl geeignet waren, ihn von ſeiner Zu⸗ neigung für den Amtsaſſeſſor für immer zu heilen. Es kam nur darauf an, ihm Alles klar und feſt vorzutragen. Indem er ſtillſtand und überlegte, entdeckte er in den Gän⸗ gen des Pfarrgartens ein anderes Paar. Es war Anna, die mit dem Doctor dort auf⸗ und abging, und augenblicklich änderte er ſeinen Weg, ſtieg an den Abhängen nieder, ſprang über die Hecke und ſtand vor den Beiden, ehe ſie ſeine Nähe ahnten.— Er faßte Annas Hand, die ſie nach ihm ausſtreckte, und blickte liebevoll in ihr verweintes Geſicht. „Du weinſt,“ ſagte er traurig,„o, ich weiß, was Dir ge⸗ ſchehen iſt. Sie haben Dir geſagt, daß ich Dich verlaſſen, daß Oerſteen Dir die Brautkrone aufſetzen ſoll. Iſt es nicht ſo? Aber höre mich an, liebſte Anna. Eher ſoll ſeine Hand verdorren, eher ſollen die Felſen dort wanken und über ihn und mich zuſammen ſtürzen! Wenn er es wagt, Dich zu berühren, will ich Alles wagen, mein Leben, meine Seele! Es ſoll nicht ſein, vertraue mir, es ſoll nicht ſein!“ „Ach Henrik! Du weißt nicht Alles,“ ſagte Anna zweifelnd und doch von Dartley's muthiger Entſchloſſenheit getröſtet.„Mein Vater will es, er hat meine Thränen geſehen und hart mit mir geſprochen; er iſt ſehr erzürnt auf Dich und mich und Alle, die ein Wort für uns zu ſprechen wagten.“ „Damit bin ich gemeint,“ fiel der Doctor ein.„Es iſt eine — 2414— Art Delirium bei ihm, eine fixe Idee, daß der trummbeinige Kerl ſein Schwiegerſohn werden ſoll. Alle Wetter! wenn es nicht mein alter Freund von Kindesbeinen an wäre! Er iſt ſo grob geweſen, daß ich ohne Weiteres in mein Carriol ſtiege und in meine Berge abkutſchirte.“ „Und glauben Sie nicht, Doctor, daß dieſe Krankheit zu heilen iſt?“ „Ich weiß kein Mittel, Kinder, nicht Eines, das helfen könnte,“ ſagte Alſen.„Ich kenne den Alten, er hat dem Oerſteen ſein Wort gegeben und wird es nimmermehr brechen. Dreht dem falſchen Burſchen den Hals um, oder lauft davon, oder faßt ein Herz, ſagt: es kann nicht anders ſein, und ergebt Euch dem Schickſal auf Gnade und Ungnade. Wäre ich ein Prieſter, ich traute Euch hier auf der Stelle. Ich bin ſo ärgerlich, ich könnte dem Menſchen das Blut abzapfen, bis er keinen Tropfen mehr hätte; aber der verſteht die Kunſt beſſer als ich, und ſo nehmt Euch ſelbſt in Acht vor ihm, Herr Dartley, er hat, wie mir deucht, nichts Gutes mit Euch vor.“ „Komm Anna,“ ſagte Dartley,„komm und ſei ohne Furcht!“ „Was wollt Ihr thun?“ fragte Alſen, als Henrik ſie fort⸗ führen wollte.— „Ich will zu dem Vater gehen und ihn fragen, ob er das Herz hat uns zu trennen?“ „Armes Kind!“ ſagte der alte Herr,„zweifle nicht, er wird es thun, und doch, Dartley, Du biſt ein ganzer Mann, wenn es einem gelingt, wird es Dir gelingen.“ Der Doctor hatte die Hand auf Henrik's Schulter gelegt und blickte ihn freundlich an. ige Kerl ct mein reht dem faßt ein uch dem ſter, ich könnte e mehr o nehmt wie mit Gurcht! ſie fort er das⸗ er wird n, wenn aatte d düch m —-— 245— „Als ich geſtern merkte, wie es mit Euch beiden ſtand,“ fuhr er fort,„ſprach eine Stimme in mir: dieſer da wird es nicht leiden, daß ein Anderer in ſeinem See fiſcht, und dabei mußt Du ihm getreulich helfen. Das habe ich gethan und will es weiter thun. Laßt uns denn alle Drei gehen und irgend ein Loch in das Netz machen, das der Schelm ſo geſchickt ausge⸗ legt hat.“ „Er ſchritt neben den Beiden ins Haus, und Anna hielt ſich zitternd an dem Geliebten feſt, als ſie ihren Vater erblickte, der mit Oerſteen, dem Capitain und mehreren Offizieren ſo eben von der andern Seite hereintrat und ſtehen blieb, als er ſeine Tochter an Dartley's Arm ſah. Die Falten auf ſeiner Stirn zogen ſich dicker zuſammen. „Geh' und ſorge für unſere Gäſte,“ ſagte der Probſt im ſcharfen Tone, und Anna war im Begriff, dieſem Befehl Folge zu leiſten, allein Henrik hielt ſie feſt und ging mit ihr und den Andern in das Zimmer. „Ich habe mit Ihnen zu reden, und dabei muß Anna zu⸗ gegen ſein,“ begann er, ohne den Unwillen des Probſtes zu beachten. „Sie können mir nichts ſagen, was ich nicht ſchon wüßte,“ erwiederte dieſer,„ſo ſparen Sie denn die Mühe und zwingen Sie mich nicht, die Gaſtfreundſchaft zu verletzen.“ „Dennoch ſollen Sie mich hören,“ ſagte Dartley, indem er mit Anna dicht vor den erzürnten Vater trat.„Hier ſtehe ich mit Deinem Kinde, Probſt von Grover“, begann er,„und nun ſage es ihm laut, theuerſte Anna, und ſchäme Dich nicht: Liebſt Du mich nicht herzinnig ſchon lange?“ — 216— „Was ſoll das heißen, Herr?“ fiel der Probſt heftig ein, ehe Anna antworten konnte.„Was wagen Sie unter meinen Augen?“ „Es ſoll heißen, lieber Herr, daß, wenn Sie göttliches und menſchliches Geſetz ehren, Sie nicht grauſam die trennen werden, die Ihnen offen Ihre Liebe geſtehen.“ „Eine Liebe, die ich nie gebilligt hätte, wenn ich Sie ge⸗ kannt!“ rief der Probſt.„Hinter meinem Rücken haſt Du ſie begonnen, nun trage auch die Folgen!“ „Sie haben mich gekannt von Jugend auf,“ verſetzte Dart⸗ ley mit derſelben Ruhe, und ſeit ich wieder in Rothbergsland wohne, bin ich faſt täglich in Ihrem Hauſe geweſen. War es da ein Wunder, daß ich Anna lieben mußte? Was habe ich gethan, das mich Ihrer Gunſt unwürdig machte? Dieſer Mann da hat mich verdrängt. Ich lobe ihn nicht, ich tadle ihn nicht; aber zeugt es für ihn, daß er ruhig anhört, Anna's Herz ſei mein? Kann er da noch ihre Hand begehren? O bei Gott, wäre ich an ſeiner Stelle, ich würde eher meine Hand in ſiedendes Blei tauchen, als länger danach trachten.“ „Es iſt ſchwer für mich,“ ſagte Oerſteen,„bei dieſer ſon⸗ derbaren Scene eine Rolle zu übernehmen und verſtändige Mäßigung zu zeigen.“ „Sie ſollen auch nicht ſprechen,“ rief der Probſt,„ich bin hier der Beleidigte, und dieſe Schauſtellung meiner Familienan⸗ gelegenheit danke ich Dir wahrſcheinlich, Alſen.“ „Mir dankſt Du nichts,“ verſetzte der Doctor,„meine Mei⸗ nung jedoch will ich nicht verbergen. Hätte ich eine Tochter, ich gäbe ſie dem muthigen Jungen, den ihr Herz ſich gewählt hat, eftig ein, Augen?“ iches und nwerden, ergsland War es habe ich er Mann n nicht; Herz ſei ott,wäre ſiedendes ſer ſon täßigung ich bin ſich b nilienal⸗ ne Mi⸗ ge, ich ült hah — 217 und, Sapperment! ich glaube es auch jetzt noch nicht, daß es anders ſein kann. Sieh ihn doch an, vom Wirbel bis zur Zehe paßt er ja zu dem Kinde, das die rothgeweinten Augen nicht von ihm laſſen kann. Faſſe Muth, Mädchen, die Krone ſitzt noch nicht auf Deinem Kopf, und Du, alter Chriſtian, ſei fried⸗ lich und voll Liebe, wie ein Mann Gottes ſein muß. Sprich zu dem geſtrengen Herrn Oerſteen dort: Sie ſehen, wie es ſteht; eine Hand ohne Herz iſt wie eine Medizinflaſche ohne Medizin. Du wirſt Deines Kindes Herz doch nicht brechen wollen, Alter? Eine Tochter haſt Du nur, ſetze ſie nicht auf's Spiel, ſolche Krankheiten ſind gefährlich, und wenn Du...“ Er konnte nicht vollenden, denn der Probſt ergriff ihn im höch⸗ ſten Zorne beim Arm, nachdem er vergebens verſucht hatte, ihn zu unterbrechen und ſchrie:„Willſt Du mich toll machen, Alſen, willſt Du der Narrheit, dem Unſinn, der Undankbarkeit das Wort reden? Soll denn ganz und gar alle Sitte und Schick⸗ lichkeit hier mit Füßen getreten werden?!— Ich ſorge für meines Kindes Glück, ich liebe ſie, wie ein Vater ſein Kind lieben kann. Ein verſtändiger, redlicher Mann hat um ſie geworben, ein Mann von Anſehen, Herkommen und Vermögen. Noch iſt es in Norwegen nicht Gebrauch, daß die Eltern ihre Kinder Bettlern hinwerfen, wenn dieſe etwa, ſchändlich und heimlich, ſie bethören, nimmermehr ſoll es mir ſo gehen!— Was will dieſer junge Menſch, der mein Vertrauen mißbrauchte? Wer iſt er? Was hat er in der Welt gethan? Was iſt ſeine Zukunft?! Soll ich mein Kind ſeiner jugendlich unbeſonnenen Leidenſchaft überlaſſen, die er Liebe nennt? Darf ich das? Darf ich mit 218— meinem in Ehren weiß gewordenen Haar ſo überlegungslos handeln, daß man dereinſt, in Kurzem vielleicht, mit Fingern auf mich zeigt und mir zuruft: Seht da den gewiſſenloſen Vater, der ſein leichtſinniges Kind dem Elend überliefert hat! Nein, meine Freunde, das kann und ſoll nun und nimmermehr geſche⸗ hen! Es iſt mir ſchmerzhaft, mein Kind weinen zu ſehen; ſchmerzhaft hart und grauſam erſcheinen zu müſſen; aber ich hoffe, daß mich einſt Freudenthränen dafür belohnen und ſelbſt der mir es danken wird, den ich von einer Thorheit abhielt, die er freilich jetzt nicht einſehen will und nicht einſehen kann.“— Seine Rede war nach und nach milder geworden; er ſtreckte die Hände nach ſeinem Kinde aus, das tief bewegt vor ihm ſtand, und ſah mit einem gütigen, faſt bittenden Blick auf Dartley, deſſen ſtolzes Geſicht keinen Zug veränderte. „Es iſt eine traurige Täuſchung, meine arme Anna,“ ſagte Henrik,„da gilt es feſt zu halten und nicht zu verzagen. Laß uns denn ſehen, wer Recht hat; ob es Thorheit war, die uns verband; ob wir ſiegen, oder ſie, die uns ewig trennen wollen. „Haltt ſagte der Probſt,„ich will ein Wort mit D reden, Daͤrtley.“ „Noch einen Augenblick.“— Er reichte Anna ſeine Hand und ſprach mit feſter Stimme.„Was ſie auch, ſagen mögen, denke an mich und glaube an mich! Wenn eines Mannes Wille und Kraft es thun kann, ſo ſollſt Du glücklich werden. Menſchen⸗ werk vergeht, Vieles ändert oft eine Stunde. Lebe wohl!“ Der Probſt führte ihn hinaus unter die Bäume des Vor⸗ hofes bis an den Weg, der zum Fjord hinablief.„Henrik Dart⸗ mgslos Fingern Vater, Nain, geſche⸗ ſehen; der ich d ſelbſt a“ ſagte gen. Lß die uns wollen. nit Dir ne Hand mögel, nes Wille Menſchen⸗ ℳ it 3 Vor⸗ des Vor Dart⸗ ley,“ ſagte er,„hier iſt die Grenze meines Hauſes; Dein Fuß darf ſie nicht wieder überſchreiten, bis ich es erlaube, das gelobe mir, und ich will Deine Unbeſonnenheit vergeſſen.“ „Ich gelobe es, aber ich ſchwöre zugleich, daß ich Anna's Liebe ewig bewahren und darnach ſtreben werde, Dich Vater zu nennen.“ Fahlberg war gerührt.„Geh',“ ſagte er,„ich will nicht mit Dir rechten. Du biſt jung, Du haſt ein Herz für Dein Vater⸗ land, erwirb Dir ein neues Leben, jetzt iſt die Zeit dazu; das iſt mein Rath für Dich. Höre auf mein Wort, Henrik, und wenn Du einſt zurückkehren ſollteſt, wenn Du Lebensweisheit und Ruhm erlangt haſt, dann komm zu mir, und ich will Dich aufnehmen, wie meinen Sohn.“ „Wie Deinen Sohn!“ rief Dartley und in ſeinen Augen ſtrahlte der lang verhaltene Schmerz.„Ach! mein Vater, und warum verſtößeſt Du mich jetzt? Ich will nicht gehen, und ich kann nicht gehen. Mein Schickſal muß ſich hier vollenden, das habe ich Oerſteen geſagt, und ich wiederhole es Dir. Hüte Dich vor dieſem liſtigen Manne, der Dich verlockt, hüte Dich vor ſeinen geheimen Planen, daß er Dich nicht in Unehre bringt!“ „Verleumder!“ erwiederte der Probſt verächtlich.„Du biſt ſchlechter und gemeiner, als ich dachte. Geh' und behalte Deine Lloen für Dich. Ich habe mich vor dem Gedanken geſträubt, Du könnteſt Dein Vaterland verrathen, jetzt glaube ich es. Geh' dan Schweden, wenn Du ein Schwede ſein willſt, Du biſt falſch genng dazu; aber nimm Dich in Acht, Ränke zu ſpinnen, geheime Verſammlungen zu halten, die Gemüther zu verführen. — 220— Noch haben wir Macht und Anſehen genug, Dir das Handwerk zu legen und Dich unſchädlich zu machen.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich. Dartley ging langſam den Weg hinab und verſchwand zwiſchen den Tannen. Handwerk glangſam VII. Es war dunkel geworden, als Dartley in Lars Hütte trat, Ein feiner eiſiger Regen hatte den ſonnenhellen Tag beſchloſſen. und Henrik'’s Kleider tropften vom Waſſer. Karina war allein zu Hauſe, doch war ſie eben auch erſt von ihrer weiten müh⸗ ſamen Wanderung durch das Gebirg zurückgekehrt. Sie ſaß an dem hellen Feuer, das auf dem Heerde brannte, hatte Schuhe, Strümpfe und Oberkleider ausgezogen und ließ dieſe trocknen, während ſie ſelbſt nachdenkend daneben ſaß, den Kopf tief geſenkt und die Hände in den Schooß gelegt. Als Dartley hereintrat, ſprang ſie auf und machte ihm Platz, indem ſie ſeinen Gruß freundlich erwiederte.„O, wie biſt Du ſo naß!“ ſagte ſie ver⸗ wundert;„ich glaubte, Du ſeieſt im Pfarrhauſe und ſäßeſt am warmen Ofen in luſtiger Geſellſchaft.“ Dartley antwortete nicht. Er ſtellte ſich ans Feuer, warf noch mehr Holz auf und ließ die Flamme hoch aufpraſſeln. — 222— „Es iſt ſchlimmes Wetter draußen,“ ſagte das Mädchen nach einer Weile. „Regenwetter!“ erwiederte er. „Du biſt aber ſehr verdrießlich. Iſt Dir ein Unglück be⸗ gegnet?“ „Ein Unglück kann daraus werden, wenn das Glück ausbleibt.“ „Ich habe Alles wohl ausgerichtet, Henrik. Du mußt nicht traurig ſein. Ein Mann ſoll nie verzagen, ſagt Lars.“ Dartley wendete ſich zu ihr. Im Feuerſchein blickte ſie ihn mit den gro⸗ ßen, muthigen Augen tröſtend an. „Gute Karina,“ ſagte er,„Du weißt nicht, was mir fehlt.“ „Du ſollteſt es mir erzählen. Das macht das Herz leicht. Willſt Du?“ 1 Dartley dachte einen Augenblick nach, dann ſetzte er ſich zu ihr auf die Bank, nahm ihre Hand und ſagte:„Ich will, Kari. Weißt Du, warum ich ſo ins Pfarrhaus nach Grover ging?“ „Weil es ſchön da iſt, und verſtändige, gelehrte Leute darin wohnen.“ „Weil Anna dort wohnt, liebe Karina.“ Das Mädchen ſchlug die Augen ſchnell zu ihm auf.„Du liebſt die Jungfrau Anna?“ fragte ſie. „Ja, Karina, ich kann nicht ohne ſie leben.“ „Und ſie liebt Dich auch? O! ſie muß Dich lieben, Du biſt ja der ſchönſte Mann in allen Thälern.“ „Sie liebt mich, aber ihr Vater will es nicht leiden.“ Er erzählte mit kurzen Worten, was geſchehen, und Karina hörte aufmerkſam zu. Mädchen nglück be⸗ usbleibt.“ nußt nicht Dartley den gro⸗ nir fehlt.“ erz leicht. er ſich zu vill, Kari. er ging! daute darin 8. auf. T M D leben, DA lden. G hörte rina = 223— „Und was willſt Du nun thun?“ fragte ſie, als er ſchwieg. „Ich denke, Du wirſt ſie dem häßlichen Kerl, dem Voigt, nicht laſſen wollen.“ „Gewiß nicht, eher würde ich ihn in den Fjord ſtürzen.“ „Das wirſt Du nicht thun, Henrik; aber ſei ohne Sorge, wenn Jungfrau Anna Dich liebt, wer wird ſie dann zwingen können, die Krone aufzuſetzen? Ich ſagte Nein, und wenn ſie mich in die Kirche ſchleppten, ſagte ich doch: Nein, ich will ihn nicht!“ Sie richtete den Kopf ſtolz auf; ehe Dartley jedoch etwas erwiederte, fuhr ſie fort:„Freilich, ihr Vater iſt ein ſtrenger Mann, und ſie iſt ſanft, wie ein Kind. Sie wird ſehr traurig ſein; Du mußt ſie nicht verlaſſen.“ „Ich habe gelobt, nicht wieder hinab zu kommen, und ich darf auch nicht.“ „So mußt Du ihr ſchreiben, was Du denkſt und was ſietröſtet.“ „Und wer ſoll meinen Brief beſtellen, Karina?“ „Ich,“ ſagte das Mädchen,„gieb ihn mir! Ich klopfe leiſe an ihr Fenſter, ſie wird nicht ſchlafen, ich bringe Dir auch die Antwort. Dort oben auf dem Schrank hat Lars Papier und Schreibzeug; ſetze Dich am Tiſch nieder, ich will indeſſen Deine Kleider trocknen.“ „Es wird eine fürchterliche Nacht,“ erwiederte Dartley be⸗ ſorgt.„Du darfſt es nicht wagen. Kari.“ „Ich es nicht wagen!“ rief ſie lachend,„was iſt da viel zu wagen?“ Wie oft bin ich in Nacht und Wetter von den Fjellen herabgeſtiegen! Schreib' den Brief und laß es meine Sorge ſein.“ — 224— Dartley ſetzte ſich und ſchrieb. Karina zündete die Lampe an und ſtellte ſie bei ihm hin, auf einen umgeſtülpten Topf, dann trat ſie ans Feuer und trocknete Henriks Rock; von Zeit zu Zeit aber ſtützte ſie den Kopf in ihre Hände und ſah zu ihm hin, der Feder nach, die raſch über das Papier flog. End⸗ lich legte er den Brief zuſammen auf den Tiſch.„Hier haſt Du ihn, liebe Kari,“ ſagte er,„wenn aber Sturm und Regen an⸗ halten, wie jetzt, ſo darfſt Du nicht gehen, das verſprich mir.“ „Mögteſt Du nicht gern, daß Jungfrau Anna Nachricht haben ſoll?“ „O, gewiß! ſehr gern, aber Du würdeſt mir bittre Angſt machen.“ „Nun, ſiehſt Du, wir müſſen es thun, es geht nicht anders.“ „Womit ſoll ich es Dir aber danken, Karina? Wenn je⸗ mals ein Brief für Dich zu beſtellen iſt, ich will ihn Deinem Schatz bringen, wär' es auch oben in der Jötunfjellen bei dem Rieſen und Drachen.“ Er ſchlang die Arme um ihren Leib und küßte ſie, ohne daß ſie es wehrte, bis er ſie losließ, dann ſagte ſie:„Nun mußt Du gehen, Henrik, damit Du zur rechten Zeit zu Hauſe biſt, wenn die Männer kommen, die wir beſtellt haben; doch morgen in der Frühe ſoll Lars Dir die Antwort bringen.“ Sie half ihm den Rock anziehen, dann begleitete ſie ihn an die Thür und ſah ihm lange nach, bis ſein Fußtritt verhallte. Als ſie zurückkehrte, ſetzte ſie ſich auf den Platz am Feuer, wo Dartley geſeſſen hatte. Die Flamme zuckte dann und wann hell auf und beleuchtete ihr lächelndes Geſicht und die langen blonden Flechten, welche über ihre Schultern hingen. Endlich e Lampe ten Topf, von Zeit id ſah zu og. End— haſt Du tegen an⸗ ich mir. Nachricht tr Angſt anders. Wenn je⸗ n Deinem n bei dem Leib und dann ſagte ohten Zei ellt haben; bringen. hn an dit allte. an Feubl, und wam die langen Endlich =— 225— nahm ſie den groben Strumpf zur Hand und begann mit leiſer Stimme eines jener alten Lieder zu ſingen, deren klagende, ein⸗ tönige Melodien ſeit Jahrhunderten mit ihnen in dieſen Bergen fortleben. Bald unterbrach ſie jedoch ihren Geſang, und nach der Thür eilend, ſah ſie in die Finſterniß hinaus und trat in den Regen, der ihr entgegen ſchlug.„War es mir doch, als wenn Henrik mich gerufen hätte,“ ſagte ſie, als wäre er zurückgekehrt und ſtände draußen. Was ich dumm bin: der wird nicht zurück⸗ kehren! Mit ſeinen ſchnellen, leichten Füßen fliegt er über die Fjellen, wie ein Getto. O, der Narr, der Amtsvoigt, wie kann er mit Henrik Dartley ſtreiten wollen!“— Sie nahm den Brief, der auf dem Tiſch lag, und ſtarrte die Buchſtaben an.„Wie ſchön das ausſieht,“ rief ſie,„wie prächtig kann er ſchreiben, viel ſchöner als der Pfarrer und der Voigt! Es iſt recht ſchlimm, daß ich es nicht leſen kann, denn gewiß ſteht auch etwas von mir darin.“ Mit dieſem Gedanken beſchäftigte ſie ſich lange Zeit, und während ſie die Vorbereitungen zu ihrem nächtlichen Gange machte, die nägelbeſchlagenen Schuhe von dem Brett nahm, den trocknen Wollrock hervorholte und endlich ihres Bruders Regen⸗ kappe und deſſen großen Lederkragen, den er zu Hauſe gelaſſen, bereit legte, hatte Dartley ſein Haus erreicht, aus dem ihm ſchon von fern der Feuerſchein vom Herde entgegenglänzte. „Es werden wohl mehre meiner Gäſte längſt auf mich warten,“ dachte er, und ſo war es in der That. Als er in die Halle trat, fand er wohl ein Dutzend Männer am Feuer, die ſich um Lars verſammelt hatten, der das Wort führte. Es waren meiſt junge, kräftige Geſtalten. Viele hatten ihre Lederkragen noch Mügge, Henrik Dartley. 15 — 226— auf den Schultern und ſtanden auf ihre Stöcke geſtützt, aufmerk⸗ ſam zuhörend. Das lange Haar ſiel unter der rothen Mütze her⸗ vor, tief in ihre harten und kühnen Geſichter, und einige waren darunter, deren ſtolze Züge gar nicht zu der groben Jacke zu paſſen ſchienen, ſo edel und trotzig froh waren ſie gebildet. Jeder trug an der Hüfte ſein Meſſer in der Lederſcheide, wie es Sitte iſt, und dies gab den Bauern einen wehrhaften Anſtand. Es ſchien dies faſt eine Verſammlung kriegeriſcher Vaſallen aus alter Zeit zu ſein, die ihren Häuptling erwarten, der mit ihnen ein gefährliches Unternehmen zu berathen denkt, und um dies Bild zu vollenden, fehlte auch ein Skalde nicht; denn dicht an der Ecke des Herdes ſaß ein alter Mann mit weißen langen Locken und feurig dunklen Augen, der auf den Knieen ein dreiſaitiges Inſtrument, eine Art Geige hielt, die von den Künſtlern des Gebirges ſelbſt gemacht wird. Dann und wann fuhr er leiſe und abwechſelnd mit den Fingern und einem kleinen Bogen darüber hin, begleitete ſo die Worte des Redners und füllte die Pauſen, wenn dieſer ſchwieg. „Liebe Nachbaren,“ ſagte Lars,„was Henrik Dartley Euch oft geſagt, das iſt nun eingetroffen. Freie norwegiſche Männer ſollen wir werden, wie unſere Väter es geweſen ſind in alter Zeit, und dazu ſoll ein Jeder von Euch rechtſchaffen mitwirken.“ „Ein Hurrah für Norwegen!“ rief einer der jungen Hirten. „Was ſollen wir thun, Lars?“ „Henrik wird es Dir ſagen, Niels Hanſen,“ verſetzte Lars. „Soviel iſt aber gewiß, Jeder ſoll Gut und Blut hergeben um Norwegens Wohl. Wenn ich in die Stadt kam, Nachbaren,“ fuhr aufmerk⸗ Mütze her⸗ ige waren ſtand. Es aus alter ihnen ein dies Bild cht an der gen Locken reiſaitiges ſtlern des r loſſe und en darüber die Pauſen, utley Euch e Männer diin alta . nitwirken. en Hirten ſtt Lans rgeben un aren,“ fuh er fort,„und ich ſah dort die Dänen geputzt umher gehen, die Naſen in die Wolken geſtreckt, ſo dachte ich: Zum Henker! was wollen ſie denn eigentlich hier im Bergenſtift? Haben wir nicht etwa ſelbſt Männer genug, die verſtändig und brav ſind, um unſerem Lande vorzuſtehen? Was iſt es denn nöthig, daß wir uns Weisheit über's Meer holen und ſolche Maulaffen bezahlen, die unſer Brot eſſen und unſer Geld nehmen? Iſt das Volk in Norwegen nicht ein gutes, tüchtiges Volk, das ſich ſelbſt rathen und helfen kann? Und nun hört an, Freunde, wie es jetzt ge⸗ kommen iſt. Nachdem wir viele Noth gelitten, wie Ihr Alle wißt, haben die Dänen Frieden geſchloſſen und Norwegen, wie ein Dohlenneſt auf der Haide, dafür fortgegeben. Ich weiß nicht, wie die Könige heißen, die es ſo befohlen haben, aber das weiß ich, daß ſie kein Recht beſitzen, gerade ſo viel, wie ich oder Ihr. Was würdeſt Du ſagen, Herbrand Möen, wenn wir hier be⸗ ſchlöſſen, Du ſollteſt mit Deinem Hofe künftig uns angehören, uns Dienſte und Abgaben leiſten?“ „Ich würde,“ erwiederte der alte Mann, an den dieſe Worte gerichtet waren,„Euch nicht gehorchen, ſo lange ich es vermöchte.“ Ihr im Kleinen, was „Siehſt Du,“ rief Lars,„da habt J uns im Großen alle trifft. Wir haben zu Dänemark gehört, jetzt ſollen die Schweden unſere Herren ſein; wir aber, Ihr nor⸗ wegiſchen Männer, wir wollen Niemandem künftig angehören, als uns ſelbſt. Wir wollen unſere eigene Fürſten haben, und das ſoll Prinz Chriſtian ſein. Wenn er des Landes und des Volkes alte Rechte und Freiheiten hoch achtet und beſchwört, ſo 45* — 228— wollen wir ihm alle helfen, und wollen unſer Leben dafür laſ⸗ ſen.“„Das wollen wir, Lars,“ ſagten Viele, aber ein paar der Aelteſten ſetzten bedächtig hinzu:„Wir wollen hören, was uns Henrik Dartley räth, der uns gefordert hat. Er wird uns ſagen können, wie man im Lande darüber denkt.“ Nach und nach kamen noch mehre Männer, trotz des wil⸗ den Wetters, ſo daß wohl dreißig beiſammen waren. Viele Ge⸗ rüchte über das, was in Chriſtiania vorging, hatten ſich bis in den Schooß des einſamen Gebirges gedrängt, doch wußte Keiner etwas Beſtimmtes darüber. Schweigend ſaßen ſie hier und war⸗ teten; Lars rückte die Bänke im Halbkreiſe um das Feuer, deſſen glänzender Schein die ernſten verſtändigen Geſichter umſpielte. Plötzlich ging die Thüre auf und Dartley trat herein. Er hielt einen Brief in ſeiner Linken; ein wohlgefälliges Murmeln empfing ihn, einzelne Stimmen riefen ſeinen Namen. Henrik ging in dem Kreiſe umher und reichte em die Hand.„Willkommen in Rothbergsland!“ ſagte er dann.„Liebe Freunde und Nachbaren, ich habe Euch zu mir gerufen, Rath mit Euch zu halten, was wackere Männer bei des Vaterlandes Noth und Gefahr jetzt vereint thun können. Wollt Ihr hören, was ich Euch zu ſagen habe?“ „Ja, Henrik Dartley!“ ſprachen ſie alle. Nun ſtellte er ſich in den Kreis und erzählte ihnen, was geſchohen ſolle auf dem Eiſenhammer zu Eidsvold, und alle die Männer in den groben Regenröcken hörten mit ſchweigender Auf⸗ merkſamkeit zu.„Auch Ihr,“ fuhr er dann fort,„werdet einen Abgeordneten dorthin ſenden, und Ihr müßt einen Mann wäh⸗ dafür laſ⸗ paar der was uns uns ſagen des wil⸗ Velle Ge⸗ ſich bis in ßte Keiner und war zuer, deſſen unſpielte Er hielt ln empfing ing in dem kommen in Nachbaren, galten, was gefahr jebt Jh zu ſagen ihnen, was 5 alle de Nann wij — 229— len, der ein Freund des Vaterlandes iſt, ein redlicher, getreuer Mann, der ſein Volk und die Freiheit liebt.“ „Wer könnte das anders ſein, als Du ſelbſt,“ ſagte der junge Niels;„wer iſt ſo ſehr unſer Freund, als Du?“ „Ja Du, Henrik Dartley,“ riefen Viele,„Du ſollſt es ſein.“ „Ihr urtheilt voreilig,“ erwiederte er.„Man hat mir ge⸗ ſagt, daß übermorgen in dem Hauſe des Probſtes zu Grover die Wahl getroffen werden ſoll, bis dahin bedenkt Euch wohl! Viele gute, würdige Männer ſind dann verſammelt, gebt Eure Stimme dem Beſten darunter. Ihr ſeid meine nächſten Nachbarn und Freunde, ich habe Euch verſammelt, nicht um meinetwillen, ſon⸗ dern damit Ihr wißt, um was es ſich handelt. Jetzt hört, was die Meinung der wackerſten Patrioten im Lande iſt.“ Dartley ſchlug den Brief auf und las ihn vor. Es war eine klare Auseinanderſetzung der Lage des Landes, mit allem, was es zu hoffen und zu fürchten hatte. Ein Aufruf zugleich an alle Norweger, dem Vaterlande beizuſtehen in ſeiner ſchweren Be⸗ drängniß.„Vor allen Dingen,“ hieß es endlich darin,„müßt Ihr ſehen, nicht ſchlechte Ränke der heiligen Sache Schaden bringen. Es gibt viele, die heimlich den Dänen anhangen, die lieber einen anbeſchräinnt Fürſten möchten, der ihnen für ihre Dienſte Geld, einträgliche Stellen und andere Zeichen ſeiner Gunſt gewähren kann, als daß ſie Norwegens Freiheit über Alles liebten. Wir ſind ein armes verlaſſenes Volk, rings be⸗ droht von mächtigen Feinden. Rettung iſt für uns nur in un⸗ ſerm Muthe, im Vertrauen auf Gott und unſer Recht! Wir — 230— haben kein Heer und keine Kriegsſchiffe, die gehören den Dänen, d welche ſie wohl nächſtens gegen uns ſelbſt gebrauchen werden, Ei wenn wir nicht dafür ſorgen, daß ſie es nicht können. Legt Be⸗ vi ſchlag darauf und bemächtigt Euch ihrer, das iſt eine muthige, ri herrliche That, die Vieles entſcheiden kann. Vertreibt die Dänen 6 von Euren Küſten, laßt Norwegens Flagge wehen, das wird die 1 heimlichen Feinde ſchrecken. Helft Euch ſelbſt, helft dem Vater⸗ 1 lande, ſo hat uns Gott geholfen.“ Henrik ließ den Brief ſinken und blickte in dem Kreiſe um⸗ al her. Manche Augen glänzten, die ſchwieligen Hände drückten ſich u feſt zuſammen, aber Alle blieben ruhig und ſtumm. Da ſtand 1 Lars auf und nahm die Mütze von ſeinen ſchwarzen Locken. d Sein kühnes Geſicht vom Feuerſchein überſtrahlt, drückte aus, was er empfand, ehe er redete. Er legte die Hände auf ſeine breite b Bruſt und ſagte:„Hier iſt keiner, der nicht weiß, daß wahr iſt, f was dort auf dem Papier ſteht, denn es ſteht auch ſo in unſern Herzen. Was geſchrieben ſteht, paßt auf uns ganz und gar. Die däniſche Fregatte in den Scheeren hat uns ſchon jetzt Leid ange⸗ than, darum iſt mein Rath, wir wollen die norwegiſche Flagge darauf pflanzen und unſere Männer frei machen, ehe uns mehr Schaden geſchieht.“ „Wir wollen Dir helfen, Lars!“ riefen manche der jungen . Leute. „Schweigt ſtill!“ ſagte der alte Herbrand Möen und er hob ſeinen Stab auf.„Ihr ſeid junge heftige Leute, ohne Ueber⸗ legung. Es ziemt ſich aber nicht zu ſchreien: wir wollen Dies und das thun, ohne zu berathen, ob auch kein Unrecht dabei iſt. en Dänen, n werden, Legt Be⸗ e muthige, die Dänen wird die em Vater⸗ Kreiſe um⸗ rückten ſich Da ſtand en Locken. ückte aus, eine breite wahr iſt in unſem gar. Die Leid ange che Flagge uns mehf der jungen und er en hwe Uebe ber — 231— Das Schiff gehört dem Könige in Kopenhagen, dürfen wir ſein Eigenthum ihm wegnehmen? Auch iſt es ein großes Schiff mit vielen Kanonen und Seevolk; können wir es wegnehmen? Wird nicht unſer Blut ungerecht und unnütz dabei fließen, und endlich Schande und Strafe über uns kommen mit vielen bittern Thrä⸗ nen und Klagen? Das bedenkt alles wohl, liebe Männer, damit nicht Reue uns trifft, wenn es zu ſpät iſt.“ Eine lange Pauſe trat ein, und Alle ſchienen die Rede des alten Mannes ſtille zu bedenken. Endlich ſtand Einer wieder auf und wandte ſich an den Beſitzer von Rothbergsland.„Du haſt uns oft erzählt, Henrik Dartley,“ ſagte er,„daß Norwegen in den Kriegen für Dänemark viele Schiffe verloren hat, auch wiſſen wir, wie norwegiſche Männer in blutigen Seeſchlachten gefochten haben und umgekommen ſind. Sind die Dänen uns jemals da⸗ für gerecht geweſen?“ „Nein,“ ſagte Dartley. „Unrecht,“ erwiederte ein Anderer ſtrafend,„ſoll nicht mit Unrecht vergolten werden.“ „Das iſt wahr,“ ſprach ein Dritter,„allein wir haben Unrecht und Schaden von uns zu wenden.„Hat das däniſche Schiff nicht Peter Klüvers norwegiſches Schiff rein ausgeplün⸗ dert? Hat es nicht norwegiſche Männer gewaltſam feſtgenommen?“ „Wir wollen ſie frei machen!“ rief Niels Hanſen lebhaft. „Ich war heute am Bord bei dem Dänen, wohl die Hälfte ihrer Mannſchaft ſind Normänner, und ſie werden nichts dagegen ha⸗ ben, wenn wir kommen und ſagen: herunter mit der däniſchen Flagge, Jungens, und Hurrah für Norwegen!“ — 232— „Sprich Du, Henrik Dartley,“ begann der alte Herbrand, „Du biſt der, welcher am beſten wiſſen ſoll, was gut iſt, denn Du weißt mehr von Allem, als wir. Iſt kein Unrecht dabei, wenn wir das Schiff überfallen und Blut vergießen?“ „Nein, Herbrand Möen.“ „So ſage uns, was Du denkſt. 4 „Ich frage Euch alle,“ ſagte Dartley mit feſter Stimme, „wollt Ihr Eurem Vaterlande mit Blut und Leben beiſtehen, um ſeine unabhängige Freiheit zu gewinnen 2“ „Ja!“ antworteten die Verſammelten. „Dann darf kein däniſches Schiff hier im Fjord liegen und uns bewachen. Nicht Peter Klüvers Verluſt iſt es, was uns Recht gibt, dies Schiff zu nehmen: Norwegens Wohl befiehlt es uns! Denke darüber nach, Herbrand, ob es wahr iſt, was in dem Brief hier ſteht; wenn wir zu den Waffen greifen, um uns zu vertheidigen, ob wir nicht mit einer kühnen That den großen Herren zeigen ſollen, der Bauer in den Bergen will die Freiheit.“ „Du haſt Recht,“ ſazke d der alte Mann,„doch viel iſt dabei zu bedenken.“ „Am meiſten das,“ ſprach ein Anderer,„wie wir es ma⸗ chen, um zum Zwecke zu kommen.“ Nun wurde ein langer Rath gehalten, in dem man vielfach erwog, wie ſchwer es ſein würde, ſich eines ſo großen, wohlbe⸗ waffneten Schiffes zu bemächtigen. Je länger die Männer da⸗ rüber nachdachten, deſto ſchwieriger erſchien es ihnen. Warnende Worte wurden geſprochen, die bedächtige Klugheit fand Gehör, und zuletzt waren die Meiſten doch ſehr zweifelhaft, ob man eine R un m rbrand, ſt, denn t dabei, btimme, eiſtehen, gen und s uns jehlt es was in un uns großen reiheit ſt daba e5 ma⸗ vielfach wohlbe⸗ arnende Gehör, — 233— That begehen dürfe, die ſchlimm ablaufen könne. Die Aelteren bedachten auch, daß kein angeſehener Mann bei ihnen ſei, als der junge Dartley; daß weder der Probſt, noch der Voigt, noch der Richter etwas davon wiſſe, und ohne deren Rath wurde ſelten irgend etwas unternommen. Sie konnten aber wohl vermuthen, daß jene weit eher dagegen ſein würden, und ihr Vertrauen ſank noch mehr, als ſie erfuhren, die däniſchen Offiziere ſeien im Hauſe des Probſtes und der Amtsaſſeſſor Oerſteen ein Freund des Barons, der die Corvette befehligte. Nach und nach wurde es ſtill in der Halle. Die Männer ſenkten die Blicke zu Boden, dann ſtanden ſie auf und ſammelten ſich um den alten Herbrand Möen, der auf ſeinen langen Stab geſtützt vor ſich hin ſah, bis er ploͤtzlich Dartley die Hand reichte und mit tiefem Ernſte ſagte:„Du mußt es uns nicht übel neh⸗ men, Henrik, wenn wir Dich bitten, Alles noch einmal wohl zu überlegen. Wir wollen es auch ſo machen und dann entſcheiden, was geſchehen kann. Niemand ſoll darüber ſprechen, denn es iſt gefährlich, das zu thun. Für Norwegens Wohl wird Jeder von uns ſein Leben laſſen, Du aber biſt ein kühner Mann, der leicht zu einer That bereit iſt, darum laß uns heute noch warten, und rufe uns wieder, wenn Du überzeugt biſt, daß es ſo ſein muß.“ Dartley ſah ein, daß er dieſe ruhige Vorſicht nicht beſiegen werde. Er bezwang ſeinen Unmuth und entließ die Bauern.„Ihr ſeid freie und verſtändige Männer,“ ſagte er,„ich will Euch zu nichts überreden und zu nichts verlocken, was Ihr nicht billigen könnt. Lebt denn wohl und ſchweigt, aber wißt, daß langes Be⸗ denken noch nie eine That hervorgebracht.“ — 234— „Aber es hat noch Keinen gereut, Henrik, wohl zu über⸗ legen, was man thut,“ erwiederte der alte Bauer.„Gottes Friede in Dein Haus und gute Nacht!“ Manche gingen nun ſchnell davon, Andere blieben zögernd ſtehen, und die Jungen flüſterten mit Lars, der unbeweglich, die Mütze trotzig in die Stirn gedrückt, an der Wand lehnte. Als ſie alle hinaus waren, trat er zu dem Herrn von Rothbergs⸗ land, der finſter blickend am Feuer ſaß, und ſagte in ſeiner treu⸗ herzigen Weiſe:„Das haſt du unrecht angefangen, Henrik, und hätteſt Du mich gefragt, ich hätte Dir's widerrathen. Die alten Männer hier zu Lande ſind zu vorſichtig und zu klug, ein ge⸗ wagtes Ding zu beginnen, wenn der Pfarrer oder der Richter nicht ſeinen Segen dazu gegeben hat. Ein paar Dutzend junge kräftige Burſche, wie Du und ich, hätten es aber in einer Nacht gethan, wie die heutige und morgen beim Sonnenſchein hätten die Uebrigen freudig mitgeſchrieen, wenn Norwegens Flagge von dem Maſte wehte. Willſt Du es jetzt laſſen, oder meinſt Du, daß es doch geſchehen ſoll?“ „Wenn's geſchehen kann, Lars, muß es geſchehen.“ „Alles kann geſchehen,“ ſagte der Bauer,„was in Menſchen Macht ſteht es zu vollbringen. Gute Nacht, Henrik Dartley, laß mich nachdenken, wie wir es am Beſten machen.“ Er ging zum Fiord hinunter, wo er ſein kleines Boot weit ans Land gezogen hatte, ſchob es in die ſchäumigen Wellen und griff zu den beiden Rudern. Mitten durch die Nacht und den Schlag des Waſſers trieb er das leichte Fahrzeug mit aller Kraft; nur dann und wann blickte er einen Augenblick um, da⸗ mit ſein ihn die üͤber⸗ Friede gernd h, die Als ergs⸗ neu⸗ , und alten in ge⸗ tchter junge Nacht häͤtten ge von t Du, enſchen 235·— mit er die Richtung nicht verliere, und wiſchte den Regen aus ſeinem heißen Geſicht. Die langen Wogenkämme ſpritzten über ihn hin und warfen das kleine Boot hoch über ihre Rücken in die Tiefe; aber Lars arbeitete mit der kaltblütigen Zähigkeit eines nordiſchen Seemannes und kümmerte ſich wenig um Wind und Wetter. Er dachte in dieſem Augenblick weit mehr an Henrik und deſſen Plane, als an den ſtürmiſchen Fjord.„Es iſt ein beherzter Junge,“ ſprach er,„und der Böſe ſoll mich holen, wenn ich ihm nicht helfe! Aber klug müſſen wir es anfangen, denn beſſer wäre es für uns, wir lägen hier unten bei den Grund⸗ haien und Schollen, als daß uns etwa der Fang mißlänge und man uns dafür finge.„Weiß es Gott!“ rief er lachend,„der däniſche Kapitän würde wenig Umſtände mit uns machen, wenn wir ihn auch aus der Telegröb gezogen haben.“ Mit doppelter Kraft gebrauchte er dann die Ruder, weil er an Karina dachte. „Sie ängſtigt ſich wohl nicht um mich, denn es iſt ein beherztes Mädchen, und ſie kennt den Lars, aber mir iſt es bänglich, und ich weiß nicht, warum, ich habe eine Sehnſucht nach dem närri⸗ ſchen Dinge.“ Während Lars ſich ſo abmühte, ſeine Hütte zu erreichen, war dieſe leer und verlaſſen. Als Karina bereit war ihren Weg anzutreten, hing ſie die Lampe am Heerde auf, ſetzte die Süd⸗ weſterkappe von ölgetränktem ſtarken Zeuge auf ihren Kopf, wickelte ſich in den Lederkragen, und nachdem ſie den Brief ſorg⸗ fältig in ihrem Buſen verſteckt, trat ſie raſch in die ſtürmiſche Regennacht. Wohl war es, wie ihr Bruder von ihr geſagt, ein tüchtiges und beherztes Mädchen. Es war ihr recht, dem wenig — 236— beliebten Oerſteen, den ſie nicht leiden mochte, einen Streich zu ſpielen, und ſelbſt einem Andern zu Liebe hätte ſie es gethan. Daß es Henrik war, daß der es ihr dankte und Schmeichelworte für ſie hatte, gab ihr freilich einen edlern Eifer, und zudem war es eine gute Sache, an der ſie mächtigen Antheil nahm. So lief ſie denn kühn über die zerriſſenen Geſchiebe hin, wankend zuweilen unter den Sturmſtößen, die über den Fjord jagten, aber vorſichtig und gewandt, wo es gefährlich ſchien. Schnell genug kam ſie ins Thal hinunter und tappte leiſe über den ſumpfigen Wieſenſtrich dem Pfarrhauſe zu. Dunkel lag dies endlich vor ihr; alles Licht und Leben war darin erloſchen. Sie konnte lauſchend an dem Gebäude hingehen, kein Hund ſprang ihr entgegen; denn in Norwegen iſt dies wachſame Thiergeſchlecht überhaupt ſpärlich vorhanden, bei der herrſchenden Noth waren aber die wenigen vierbeinigen Hüter längſt abgeſchafft. . Karina horchte an den geſchloſſenen Läden der Vorderſeite, es regte ſich nichts. Dann ſchlich ſie dicht an der Wand hin und blieb endlich an der Gartenecke ſtehen, unter einem Fenſter, wo es finſter und ſtill war. Wenn jedoch der Wind zu wimmern aufhörte, glaubte ſie drinnen einen leiſen Ton zu vernehmen; ſie legte das Ohr feſt an den Laden, und es war ihr, als weine und ſpreche Jemand. Ganz leiſe nahm ſie den Finger und klopfte, und nach einem Weilchen wiederholte ſie das Zeichen. Wie es klirrte, duckte ſie ſich nieder. Der Riegel wurde fortgeſchoben, der Laden knarrte:„Wer iſt da?“ flüſterte Anna.„O Henrik!“ Karina richtete ſich auf:„Pſt!“ ſagte ſie,„höre, Jung⸗ frau.“ Anna zog erſchreckt den Laden zu, aber Karina hielt ihn feſt ihn ſeile tru ein iich zu gethan. lworte m war de hin, Fjord ſchien. ſe über 1g dies n. Sie ſprang ſchlecht waren derſeite, jin und ter, wo mmern en; ſie weine llopfte Wie ell, der 3 ℳ Jung⸗ elt ihn. — 237— feſt.„Hier iſt ein Brief, lies ihn doch; Henrik Dartley ſchickt ihn Dir, ich bin ſein Bote.“ „Wer biſt Du denn?“ fragte Anna ermuthigt. „Kennſt Du mich nicht? Sieh mich nur genau an. Aber eile und ſieh was Henrik ſchreibt!“ „Wie ſoll ich es leſen, gute Karina?“ erwiederte Anna be⸗ trübt,„ich habe kein Licht.“ „So denke Dir, was er ſchreibt, Jungfrau, und gib mir eine Antwort.“ „Was kann ich ihm antworten?“ „Das weißt Du nicht?“ rief die Seterin erſtaunt. „Still! hörteſt Du nichts? Um Gotteswillen, wenn mein Vater erwachte!“ Sie zog die Läden des Fenſters zuſammen. Karina hörte nichts. „Was Du ihm antworten ſollſt, Jungfrau?“ ſagte ſie, als Anna von Neuem öffnete.„Liebſt Du denn Henrik nicht?“ „Mehr als mein Leben, Karina!“ „So ſagt Henrik auch, und was er ſagt, das iſt wahr. Er will nicht von Dir laſſen, Jungfrau Anna, Du mußt es auch nicht thun.“ „Sage ihm,“ flüſterte Anna weinend,„daß mein Vater heute Abends meine Hand in Oerſteens Hand legte, daß meine Bitten und Thränen nichts halfen, daß ich keinen Rath und keine Hülfe ſehe als den Tod.“ „So mußt Du nicht ſprechen,“ ſagte das Setermädchen, „es iſt nicht recht, dem armen Henrik zu zeigen, wie troſtlos Du biſt. Höre, Jungfrau Anna, Du mußt Vertrauen zu Dir haben — 238— und zu ihm. Wer kann Dich denn zwingen, wenn Du nicht willſt? Dein Vater iſt ein harter, ſtolzer Mann, aber er kann es doch nicht; und Henrik Dartley liebt Dich, kannſt Du da ſo ganz verzweifeln? Iſt er nicht jung und ſchön, und biſt Du nicht auch jung und ſchön? Er hat Dir Troſt durch mich zugeſchickt. ſo mußt Du ihn auch wieder tröſten.“ „Was ſoll ich aber thun, Karina? Du kennſt es nicht, Du weißt nicht, welche Leiden mich drücken.“ „Sonderbar!“ erwiederte das Mädchen,„das ſagte Henrik auch, und doch habt Ihr Beide Unrecht. Ich kann mir Alles wohl vorſtellen, wie es Sitte iſt bei Euch, aber ſpricht denn Dein Herz nicht lauter? Wenn Du ihn liebſt, kannſt Du fragen, was Du thun ſollſt? Du mußt ihm treu anhangen, Jungfrau Anna, und wenn die Menſchen alle von Dir abfielen, wenn ſie Dich in dieſe wilde Nacht ſtießen, Du müßteſt doch nicht von ihm laſſen. Soll ich ihm das ſagen?“ „Sage es ihm,“ flüſterte Anna und reichte dem Mädchen die Hand;„ſage ihm, er ſolle mich lieben, mich ſchützen; ich will Alles thun, was er fordert. Ich will ihm treu bleiben, möge Gott uns gnädig ſein!“ „Höre! willſt Du ihn nicht ſelbſt ſehen und ſprechen? Er darf nicht zu Dir kommen, er hat es Deinem Vater gelo⸗ ben müſſen.“ „Wie ſoll ich ihn ſehen, liebe Karina?“ „Du mußt zu ihm kommen.“ „Ach nein, nein!“ „Geh morgen zur Mittagszeit an den Fjord hinauf; ſteige villſt? 3 doch ganz nicht ſſchick. ſt, Du Henrik Alles Dein , was Anna, n ihm läͤdchen ich will mmöge rchen? r gelo⸗ ſteige — 239 ⸗ über die Felſen, wo die Tannen ſtehen und den Pfad hinunter. Ein Quell ſpringt aus dem Geſtein, und daneben liegt ein mächtiger Block, es ſoll ein König darunter begraben ſein. Henrik wird da warten, willſt Du kommen?“ „Ich will, ja. O! ich will gewiß, aber—“ In dieſem Augenblick entſtand ein Geräuſch an der Thür. „Flieh,“ rief Anna angſtvoll, und Karina ſchlüpfte am Hauſe hin und durch einen Spalt in der Hecke dem Fjord zu. Hinter ſich hörte ſie bald ein eiliges Laufen, das ihre Schritte beflügelte. Zwei dunkle Geſtalten waren ihr auf den Ferſen, und wie ſie ſich auch anſtrengen mochte, ſie konnte ihnen keinen Vorſprung abgewinnen. Die Nacht hatte an Finſterniß verloren, der Regen hatte aufgehört, ein ſchwaches Lichtgeffimmer über dem Rande der hohen Fjellen im Oſten ließ den Mond verrathen, der die Spitzen ſeiner Sichel aus dem Gewölk hervorſteckte. Einigemal war der Vorderſte der Verfolger dem flüchtigen Mädchen ſo nahe, daß ſie ſein heftiges Athmen hörte, und nur mit Aufbietung aller Kräfte gelang es ihr, ihn zurückzulaſſen. Bei dieſer ganzen nächtlichen Jagd war kein Wort geſprochen worden. Kein Ruf forderte die Verfolgte auf, ſtill zu ſtehen, keine Drohung ſchallte ihr nach. Erſt als Karina die Wieſen und den Fußſteig am Fiord zurückgelegt hatte und nun mit unverzagter Kühnheit an jähen Klippen emporſtieg, wurde dies Schweigen gebrochen, weil die Beute zu entkommen ſchien. „Steh ſtill, Du Elender!“ rief eine heftige Stimme,„ſteh, oder Du biſt verloren!“ „Schieß, Oerſteen!“ ſchrie der Nachfolgende.„Er entkommt.“ — 240— „Schießt, ſo viel ihr wollt,“ ſagte die Seterin lächelnd für ſich, indem ſie mit doppelter Schnelligkeit an einem Gipfel auf⸗ kletterte, der ſteil über den Fjord hing. Jetzt ſtand ſie oben und richtete ſich auf. Plötzlich fuhr ein rother Blitz über die bewal⸗ dete Bergwand, der Donner eines Schuſſes rollte ihm nach und Karina war verſchwunden. Aber gleich darauf fiel ein ſchwerer Körper vom Felſen; er ſchlug von Abſatz zu Abſatz und endlich in die Wogen des Fjord, in denen er verſank. Oerſteen lehnte ſich auf ſein Gewehr und blickte ſpähend in die Tiefe.„Was war das?“ rief der Kapitän, der keuchend herauf ſtieg.„Ich glaube, der Narr iſt von der Klippe geſtürzt, und Deine Kugel hat ihm zu dem Sprunge verholfen.“ Schweigend deutete Oerſteen hinab. Der Mond trat ſoeben unter den Wolken hervor und warf einen Schimmer auf den Fjord, der am Fuße dieſes Felſens keſſelartig eingeſchloſſen, eine blanke Fläche bildete. Große Ringe zogen darüber hin. „Ringe und Blaſen,“ rief der Seeoffizier,„das iſt das Letzte von einem Menſchenleben. Laß uns nach Hauſe gehen, Freund!“ „Wer war es?“ ſagte Oerſteen tief athmend.„War er es? hat ihn ſein Schickſal ereilt?“ „Dann hat das Schickſal Dir einen großen Gefallen er⸗ zeigt,“ antwortete Roſen. Er lachte laut auf. Der Ton kam dumpf aus der Tiefe zurück. Oerſteen wandte ſich ſchaudernd ab. ach und ſchwerer endlich aͤhend in d herauf t ſoeben auf den ſen, ane das Letzte Freund! ſien r er es: jallen er⸗ Con kam dernd ab. VIII. Am Bord der däniſchen Corvette war die Morgenwache mit dem Bürſten und Scheuern des Schiffes beſchäftigt, als ein Fiſcherboot unter dem Spiegel hinflog, das die Aufmerkſamkeit des wachthabenden Offiziers erregte. Er ſprang auf die Quar⸗ tierbank und ſah die beiden ſtämmigen Männer an, die ihre Ruder in die Schleifen von Weiden fallen ließen und ihre Müz⸗ zen anfaßten. Der Offizier war einer von denen, die den Capi⸗ tain begleitet hatten, als er Peter Klüver aufſuchte und er erkannte auf der Stelle den Bauer Lars, der in der Spitze ſaß. Sogleich rief er ihn beim Namen und ſchrie ihm zu, zu wenden und ans Schiff zu kommen; aber Lars warf einen bedächtigen Blick auf die hohen Schanzen der Corvette, über welche eine Anzahl Glanz⸗ hüte neugierig blickte, und ſchien keine große Luſt zu haben, dem Ruf Folge zu leiſten. „Lieber Herr,“ rief er zurück,„wir haben es eilig, wenn unſer Fang heute gelingen ſoll. Die Fluth kommt in einer Stunde Mügge, Henrik Dartley. 16 = 242— gewaltig durch die Scheeren herein, wie durch Schleuſenthore, und verjagt die Fiſche ſammt uns.“ „Komm,“ ſagte der Offizier freundlich,„der Capitain iſt am Bord. Er äußerte vorhin den Wunſch, Dich zu ſehen, nun kommſt Du wie gerufen.“ In dem Augenblicke ſtieg der Baron auf's Deck, der durch die Fenſter ſeines Zimmers das Boot und den Mann darin bemerkt hatte. Der Offizier machte ihm ehrerbietig Platz.„Ich will Dich nicht aufhalten, Lars,“ ſprach er,„nur ein paar Fragen ſollſt Du mir beantworten. Lege bei, mein Junge, und ihr da, werft ihm ein Tau hinunter.“ Der Befehl war ſo beſtimmt gegeben, daß er jeden Wider⸗ ſpruch abſchnitt. Das Boot nahm die Angeln ein, welche nach beiden Seiten ausgeſtreckt hingen, und vor der Schanze in See rollte eine Strickleiter nieder, deren Ende ins Waſſerz ſchlug. Lars flüſterte ſeinem Kameraden, Niels Hanſen, ein paar Worte zu, dann wand ſich der Fiſchernachen mit einigen Schlägen zwi⸗ ſchen den Schiffsboten und dem Gig des Capitains durch, die von langen Leinen gehalten, an der Seite ſchaukelten, und erſchien unter der Leiter. Während Lars ſich aufſchwang, band Niels ſein Fahrzeug feſt, hierauf kletterte er jenem nach und ſprang aufs Deck, wo die Matroſen in ihren braunrothen Jacken bald plau⸗ dernd und fragend um ihn ſtanden. Niels ſchüttelte ihre Theer⸗ hände mit manchem Spaß. Zugleich zog er aus der Bruſttaſche eine Zinndoſe hervor, öffnete ſie mit einem tüchtigen Schlage auf den Deckel und bot den Inhalt zum beliebigen Gebrauche dar. Es lagen gliedlange Stücke einer ſchwarzen klebrigen Maſſe euſenthore, apitain iſt ſehen, nun der durch ann darin latz.„Ich ein paar unge, und en Wider⸗ llche nach d in See ſer ſchlug. aar Workt hlaägen wi⸗ durc, die nd erſchien Niels ſei rang rufs bald plal- hre Therr Gruſttaſche chlage auf auche dal en Maſe — 243— darin, welche wie die Enden eines zuſammengedrehten Stricks ausſahen; aber die harten Matroſen⸗Geſichter wurden freudig an⸗ geregt von dieſem Anblick; ihre plumpen Finger fuhren um die Wette eilig hinein, holten die Strickenden aus der Doſe und ſtopften ſie in den Mund, ſo daß bald jeder eine dicke Backe hatte. „Nehmt,“ ſagte Niels,„greift zu, meine Jungens, es iſt von der beſten Sorte, ein Kerntaback, den ein Engliſhman mir geſchenkt hat, als ich ſeine Brigg vor die Scheeren brachte.“ Der grämliche Bootsmann kam bei dieſem Ausrufe auch näher, und Niels hielt ihm die Doſe hin, die er nicht verſchmähte, wo⸗ rauf er den Gangweg auf⸗ und abſchritt, und es nicht weiter ſehen mochte, daß ein paar von der Mannſchaft die Scheuerhölzer müßig in der Hand behielten und mit dem Fiſcher ſchwatzten, ſtatt zu arbeiten. Niels hatte ſich auf eine Karonadenſchleife ge⸗ ſetzt und warf ſeine Augen nach allen Orten. „Alle Wetter,“ ſagte er,„es iſt doch ein ſchmuckes Schiff, das hier. Wie viel Kanonen führt es? „Zähle ſie Dir ſelbſt, Junge,“ erwiederte der däniſche Boots⸗ mann, indem er vorüber ging. Niels Hanſen ſtand auf und zählte vier und zwanzig große Geſchütze. „Und dazu habt Ihr ſo viel Volk nöthig, wie hier auf dem Schiffe iſt?“ fragte er. „Wir hätten wohl noch mehr nöthig, wenn wir's hätten,“ ſprach der Däne. „Wie viel ſind's?“ fragte Hanſen neugierig einen der Matroſen. 16* — 244— „Es ſind hundert und ſechszig Köpfe,“ verſetzte dieſer,„ſollen aber eigentlich zweihundert und ſechszig ſein.“ „Und wenn die Normänner abgerechnet werden,“ fuhr der Bauer lachend fort,„wie viel Dänen bleiben?“ „Ich weiß es ſelbſt nicht, aber kaum die Hälfte mag es ſein?“ Hanſen ſchüttelte nachdenkend den Kopf. Dann zog er den Matroſen zu ſich hin und flüſterte mit ihm, indem er ſich über die Brüſtung lehnte. Er theilte ihm mit, was er von den Din⸗ gen im Lande vernommen, und der Seemanu hörte aufmerkſam zu. Die Andern ſteckten die Köpfe zuſammen und griffen die Worte begierig auf. „Das iſt eine ſchwere Neuigkeit, Niels,“ ſagte der Eine. „Und eine gute Neuigkeit, Olof. Sieh hier, dort liegt Nor⸗ wegen; das iſt Norwegen, das iſt Dein Vaterland, da wohnen Deine Freunde.“ „Ich möchte auch wohl dort ſein,“ murmelte der Mann vor ſich hin,„wir alle.“ „Oder Ihr möchtet auf einem Schiff ſein, Olof, von dem Norwegens Flagge weht. Was halten Euch die Dänen hier feſt? Iſt es nicht Unrecht, Olof? Wie können ſie Euch preſſen und an ihren Bord ſchleppen?“ Der Matroſe zuckte finſter die Schultern.„Was können wir thun?“ ſagte er. „Was thut man gegen Unrecht, Olof?— Und iſt es nicht bittere Schande, daß freie norwegiſche Männer gezwungen wer⸗ den, den Dänen zu dienen, die nichts mehr bei uns zu ſuchen r, ſollen fuhr der e mag es geer den ſich über den Din⸗ fmerkſam rifen die Eine. iegt Nor⸗ a wohnen der Mann von dem hier feſt riſen und 15 köneln ſtes nich gen wer u ſuchen zuſ — 245— haben; die unſre Mitbürger ausplündern und dann auslachen, wenn ſie darüber klagen. Ich will Euch etwas vertrauen, ſprecht Ihr mit den Andern, und wenn etwa 93.4 In dieſem Augenblicke kam der wachthabende Offizier vom Quarterdeck herunter und unterbrach das Geſpräch. Gehört hatte er nichts davon, aber es mißfiel ihm, daß der Bauer ſo viel und heimlich mit ſeinen Landsleuten redete, die ernſthafte Ge⸗ ſichter machten.„Geh vom Deck,“ rief er Niels lzu, erwarte Deinen Kameraden in Deinem Boot; und Ihr da, an die Arbeit!“ Niels nahm ſeine Mütze ab und ſtieg ſchweigend über die Schanze. Der Offizier verfolgte ſeine Bewegungen, bis er unten war, ſich niederſetzte und ſeine Angeln in Ordnung brachte. Als der Fiſcher ſich umſah, glaubte er hinter den fernen Reihen von Klippen, die der Ocean wunderbar aus ſeinen Tiefen ſteigen läßt, ein paar Maſtenſpitzen zu erblicken, und das Herz ſchlug ihm davon. Er ſah lange hin, aber ein Nebelſtreif zog über die Fjellen im Meer; er konnte nichts mehr erkennen. Mit Ungeduld erwartete er ſeinen Freund Lars, den der Capitain mit ſich hinab ins Schiff genommen hatte, und zu ſeiner Freude ſtieg dieſer auch bald darauf eilig am Seile nieder, er⸗ griff die Ruder und regierte ſie mit voller Kraft. Die kleine Fiſcherjolle ſchoß, wie ein Pfeil, über den Waſſerſpiegel hin. Lars ſprach kein Wort und Niels mochte nicht fragen, denn von dem Deck der Corvette ſahen mehrere Männer ihnen nach, indem ſie ſprechend auf⸗ und abgingen. Erſt als ſie weit ſich entfernt hatten und zwiſchen Labyrinthen von Felſen ihr Boot lenkten, das vom Schiffe nicht mehr geſehen werden konnte, be⸗ — 246— gann Niels ſeine Fragen, weil Lars die Ruder einzog und den Kopf in ſeine Hände ſtützte. „Was hat Dir denn der däniſche Capitain gethan,“ ſagte er,„daß Du ſo ſchweigſam geworden biſt?“ „Ich denke nach, Niels,“ erwiederte der Bauer,„was er ſo eigentlich von mir gewollt hat, und kann's nicht ergründen. Höre zu! Er führte mich in ſeine Kajüte, es ſah prächtig darin aus. Auf einem ſchönen blanken Tiſche ſtanden Flaſchen und Gläſer, Fleiſch und Speiſen, mächtig und vielerlei daneben, und auf dem weichen Dinge, das ſie Sopha nennen, ſaß ein Mann im blauen Rock mit einem böſen, rothen Geſicht, wie ein Bul⸗ lenbeißer. Sehen Sie hier, Munſter, das iſt der brave Burſche, der mich aus der verwünſchten Grube gezogen hat, ſagte der däniſche Baron, und der andere Kerl, den ich in meinem Leben nicht geſehen habe, und auch nicht weiß, wo er hergekommen iſt, nickte mit dem Kopfe und murmelte etwas vor ſich hin, wie verdammt gut und dergleichen. Hierauf ſchenkte mir der Capitain ein Glas Cognac ein und hieß mich trinken, dann fing er an zu fragen, die Kreuz und Quer, von Dieſem und von Dem, endlich aber von Henrik Dartley, wie lange ich ihn kenne, was ich von ihm denke, was er thue, ob er im Lande beliebt ſei, ob ich ihn geſtern geſehen habe, ob geſtern Abends, ob heute ſchon, und als ich ſagte: Ja Herr, heute Morgen! da machte er ein Geſicht, wie Einer, der es nimmermehr glauben kann. Sprichſt Du die Wahrheit, Lars? rief er und zog die Augen⸗ braunen zuſammen, als wollte er mich verſchlingen.— Es iſt die Wahrheit, Herr, erwiederte ich, und warum ſollte ich Henrik und den n, ſagte das er ſo gründen. iig darin ben und ben, und n Mann ein Bul⸗ Burſche, agte der in Leben nmen iſt, hin, wie Capitain ng er an on Dem, nne, was liebt ſa ob heute a machte een kannt. Augen⸗ Es iſt Henri — 247— nicht geſehen haben?— Sonderbar, ſehr ſonderbar! ſagte er, und ging auf und nieder.— Höre, Lars, fuhr er dann fort, und die Falſchheit ſah ihm aus den Augen, ich liebe dieſen Henrik Dartley, ſo ſehr Du ihn nur lieben kannſt, aber ich hatte in dieſer Nacht einen ſonderbaren Traum. Ich träumte, Henrik ſei von einer Klippe gefallen und ertrunken.— Henrik! rief ich lachend; o Herr, der fällt nicht und ertrinkt nicht, der ſteht auf ſeinen Füßen ſo ſicher, wie Norwegen auf ſeinen Felſen.— Das iſt mir lieb, Lars. Ja, das iſt ein Normann durch und durch, ein ſtolzer Mann, der ſein Vaterland über Alles liebt. Der falſche Däne verzerrte ſein Geſicht und ſah den Andern an. Sehen Sie wohl, Munſter, ſagte er, die Bekanntſchaft wird Ihnen Ver⸗ gnügen machen. Lars, mein Junge, trink Dein Glas aus, und hier, da haſt Du etwas für die Verſäumniß. Damit gab er mir drei harte Speciesthaler, die ich nehmen mußte. Aber nun ſage mir, ob es wahr iſt, daß Henrik Dartley morgen bei der Wahl in Grover erſcheinen und ſich nach Eidsvold wählen laſſen will. — Ich ſah wohl ein, daß es ihm anders um Herz ſei, aber ich ſagte: Ja, Herr, das will er.— Und glaubſt Du, daß er ge⸗ wählt wird?— Gewiß, Herr, denn Alle ſind für ihn.— Brav, Lars, brav, mein Junge, er muß gewählt werden, rief er laut lachend, und dem finſtern Kerl in der Ecke nickte er zu und fuhr fort: Wie ich ſagte, Munſter, ganz wie ich ſagte. Sie müſſen durchaus ſeine Bekanntſchaft machen, er wird Ihnen ſehr gefallen, Herr, Sie werden ſich lange nicht von ihm trennen können.— Ho, hol ſchrie der Mann, ich denke, es wird dem Burſchen auch bei mir verdammt gut gefallen, ich will ihm = 248— ein warmes Neſt machen.— Ich ſah aufmerkſam in ſeine ſchie⸗ lenden Augen, in denen Böſes zu leſen war, und er mußte es bemerkt haben, was ich dachte. Seine Hand fiel auf den Tiſch, daß die Gläſer klirrten. Was ſtarrſt Du mich an, Dummkopf, was haſt Du im Sinn?— Ich weiß nicht, was Du willſt, Herr! erwiederte ich, wie darfſt Du mich ſchimpfen?— Geh, Lars, es iſt gut fiel der Capitain ein, indem er nach der Thür zeigte; geh und fange Fiſche, mein Sohn, grüße Henrik Dartley, wenn Du ihn ſiehſt; wir wollen auch unſere Angeln auswerfen, und ich hoffe, der Fang wird gut ausfallen.“ „Als ich auf der Treppe war, hörte ich den groben Kerl ſagen: Wir ſollten den Bengel nicht fort laſſen! er hat, wie mir däucht, Pfeffer und Salz hinter den Ohren und ein paar Fäuſte, die ich gut brauchen könnte. Ich würde ihn nicht los laſſen, Capitain Roſen.— Da ſprang ich raſch zur Leiter und ins Boot, denn mir war's, als ſei Gyra⸗Rüſſa hinter mir, der wilde Jäger, mit der ganzen Aasgaardsrotte, und ich machte, daß wir davon kamen.— Aber nun, Kreuz Element! wer iſt der ſchie⸗ lende Kerl? wo kam er her, was will er, was bedeuten alle die Fragen und Reden? Es iſt mir ganz wirr im Kopf, Niels; ich kann's nicht begreifen, und doch muß ein Unglück dahinter ſitzen.“ Niels ſtreckte die Hand nach den Fjellen im Meer aus. „Ich will's Dir ſagen,“ ſprach er,„was daran iſt, und ſobald wir dort um die Spitze fahren, wirſt Du es ſelbſt ſehen. Es kiegt ein großes Schiff in Skareen⸗Bucht, und der Mann am Bord war der Capitain.“ ne ſchie⸗ mußte es en Tiſch, ummkopf, u willtt — Geh, er Thür Dartley, swerfen, ben Kerl wie mir Fäuſte, laſſen, und ins er wilde daß wir er ſchie⸗ alle die Niels; dahinter er als. ſobald en. Es un am — 249— Lars erſchrack ſehr über dieſe Neuigkeit.„Wenn's wahr iſt,“ rief er aus,„ja, wahrhaftig! Dann verſteh' ich, was der Däne wollte aber nein, Niels, ich verſteh' es doch noch nicht, nur das weiß ich, wir müſſen vorſichtig ſein, wir alle, und Henrik Dartley am meiſten, denn, weiß es Gott! ſie haben nichts Gu⸗ tes mit ihm im Sinn.“ Die beiden Fiſcher ſetzten nun ihre Angeln von Neuem aus und näherten ſich ſo fiſchend und beſchäftigt der Meeres⸗ bucht, in der das Schiff liegen ſollte. Die wunderbare Küſten⸗ bildung des Landes geſtattete ihnen, dies ganz unbemerkt zu thun, denn viele Meilen in den Ocean hinaus dringt die ſeltſame, fürchterliche Zerklüftung und Vermiſchung von Fels und Waſſer. Wo die ſteilen Gebirgsmaſſen Norwegens ſich ins Meer ſtürzen, da beginnen jene wunderlichen Sunde, Straßen, geheimnißvolle ſchweigende Becken der See, Labyrinthe und Klippen abentheuer⸗ licher Geſtalt, Inſeln und unermeßliches Geſtein, das, bald hoch aufgethürmt, bald nur zur Zeit der Ebbe ſichtbar, mit granitner Bruſt die ſtürmiſchen Wogen des großen Weltmeers auffängt und zurückwirft. Das Boot der Fiſcher glitt hinter den Felſen⸗ wällen fort, durch lange, ſanfte Wölbungen des grünen Meer⸗ waſſers, das dann und wann an ungeheuren Blöcken, deren ſchwarz⸗ gelber Rücken aus den Fluthen hervortrat, in glänzenden Fon⸗ tainen aufſprützte und ſprudelnd darüber hinſank. Jenſeit jener Felſenreihen lagen neue, vom Winde bewegte Waſſerflecken, neue Klippen, neue Paßſtraßen, neue Sunde und ſo fort, weit hinaus, bis endlich dieſe gräßliche Zerſtörung beendet iſt, bis die Waſſer⸗ wüſte in einſamer Majeſtät ſich ſelbſt bekämpft und raſtlos ſich verſchlingt und wieder gebiert. △ — 250— Aber wehe dem Schiffe, das ohne kundigen Führer dieſen Felſengürteln naht, an denen die Brandung ohne Unterlaß don⸗ nert und mit weißen Zähnen in die nackten Köpfe beißt! Bald genug wird es auf eine der zahlloſen Klippen unter Waſſer ſto⸗ ßen, es wird von Strudeln fortgeriſſen, von Windſtößen und Strömungen ergriffen werden, und oft in wenigen Minuten nichts von ihm übrig ſein, als ein zerſchmetterter Haufen von Balken und Brettern. Die Fahrwaſſer zwiſchen dieſen Irrgängen zu⸗ finden, iſt nur den Eingebornen möglich, darin beruht Norwegens Sicherheit. Daher war es den Engländern auch faſt niemals möglich, bei aller ihrer Uebermacht, eine Landung zu bewerk⸗ ſtelligen, oder norwegiſch⸗däniſche Schiffe zu verfolgen, wenn dieſe in den geheimnißvollen Felſenſtraßen verſchwanden; und darum war auch jetzt Lars ſo ſehr verwundert, als er wirklich in der Bucht, dicht unter einer hohen Felſenwand, ein großes Schiff vor Anker erblickte. „Da liegt es,“ rief er„und ſie müſſen es herein geholt haben, die Lootſen von der Corvette, ſonſt hätte es den Weg nimmermehr gefunden. Er betrachtete es aufmerkſam. Die ſchwar⸗ zen hohen Buge waren oben grün bemalt; an den Seiten hatte es Stückpforten. Auf den Raaen lagen die Segel leicht aufge⸗ rollt, von Stag und Klüver hingen ſie flatternd herab.„Das iſt kein Kriegsmann,“ ſagte Lars,„aber es iſt ein großes, be⸗ waffnetes Schiff, ein Indienfahrer von den däniſchen Regierungs⸗ ſchiffen, oder ſo etwas. Und was will der Kerl hier, der ſo ausſieht, als wollte er jeden Augenblick ſeine Anker aufheben und wieder hinausgehen.“ ſche 1ig uns nen hin ſch der dieſen ß don⸗ Bald ſer ſto⸗ n und nichts Balken hen zu wegens iemals bewerk⸗ m dieſe darum in der Schiff Igeholt en Weg ſchwar⸗ en hatte t aufge⸗ „Das ßes, be⸗ eerungs⸗ der ſo uiheben Die Schiffsglocke wurde ſo eben angezogen; ihr Klang ver⸗ ſcheuchte eine Anzahl ſchwarzer, rothkämmiger Alken, die neugie⸗ rig dumm auf einer Klippe ſaßen und jetzt mit wilder Haſt untertauchten. Niels ſah ſich bei dem Rauſchen um, und zu ſei⸗ nem nicht geringen Schrecken erblickte er kaum hundert Schritt hinter ſich ein Boot, mit drei Ruderern bemannt, das leiſe und ſchnell herankam. Am Steuer ſaß ein Vierter, ein dicker Mann, den Hut in ſein wetterbraunes Geſicht gedrückt. „Achtung, Lars!“ rief der Fiſcher und warf ſich auf die Ruderbank zurück. Lars blickte hin und erkannte den Fremden aus der Capitains⸗Kajüte. Ohne ein Wort riß er die Angeln aus dem Waſſer, und im nächſten Augenblick flog das kleine Fahrzeug quer über die Bucht, einem ſchmalen Spalt zu, der die Felſenreihe durchbrach. „Boot, ohi!“ ſchrie der Mann ihnen nach,„halt an! legt bei!“ Dieſer Ruf diente jedoch nur dazu, daß die, denen er galt, ſchnellere und kräftigere Schläge machten und in den nächſten Minuten ein Wettfahren zwiſchen den beiden Fahrzeugen entſtand. Auch auf dem Schiffe hatte man dies bemerkt. Sechs Männer glitten raſch an der Seite nieder in eine der Schaluppen, und weil Lars mit ſeinem Gefährten ziemlich dicht vorüber mußte, ſchien es gewiß, daß ſie ihnen den Weg abſchneiden würden. „Nun zeige, Niels, daß Du ein Mann biſt,“ ſagte Lars unerſchrocken.„Wir müſſen mitten zwiſchen ihnen durch, ſonſt haben ſie uns, und der Himmel weiß, was ſie mit uns machen wollen. Halte Dein Ruder ab und laß uns einen halben Schlag thun, ſo bekommen wir die Richtung und locken ſie nach.“— Niels ſtemmte die Ruder, und das Boot flog in einem halben Bogen ſeinen Verfolgern entgegen, ſo daß es faſt in ihrer Mitte war.„Wart!“ rief der Fremde laut und heftig, indem er von ſeinem Sitze aufſtand;„ich will Euch Gehorſam lehren, ſobald ich Euch auf Deck habe. Eine neue Wendung brachte die Spitze des Fiſcherkahns herum und dicht vor die Schaluppe. „Riem raus!“ ſchrie der Seemann zornig. Statt der Antwort tauchten die Ruder tief ins Meer. Sie bogen ſich in den nervigen Fäuſten der beiden Norweger, welche alle Kraft aufbietend, ſich lang ausſtreckten, und über den weißen Schaum der andringenden Fluth eilte das leichte Boot nun der Straße im Felſen zu. Dicht hinter ihnen folgten die andern. Die Fluth ſtürzte ſich durch den Spalt in das hinterliegende Becken, und es bedurfte der ganzen Geſchicklichkeit der beiden Ruderer, um ungefährdet durch dieſen ſteilen, düſtern Sund zu gleiten, deſſen Seiten die brauſenden Waſſer peitſchten. Ihre Verfolger blieben zurück. Die größere Schaluppe ward gegen die Felſen geworfen und aufgehalten, die kleinere ward dadurch behindert, und als beide endlich den Paß überwunden hatten, ſahen ſie die Fiſcher jenſeit des Beckens in einem neuen Sund verſchwinden. Raſch eilten ſie ihnen nach, doch ohne ſie erreichen zu können. — In dieſen wunderbaren, lautloſen Einſamkeiten ſcheint es oft, als habe noch nie ein Menſch ſie betreten, nie ein Boot ſich in ihre geheimnißvollen Windungen gedrängt. Oft verirren ſich große Fiſche darin, die den Ausgang nicht wieder finden, bis ſie auf Klippen endlich ſtranden und nach langem furchtbaren Todes⸗ kampfe ſterben. Wenige Menſchen kennen alle Verſchlingungen der halben r Mitte er von ſobald Spitze ſer. Sie 3 welche weißen run der rn. Die Becken, auderer, gläiten, erfolger Felſen bindert rſie die zwinden. können. tes oft ich in ch große ſie auf Todes⸗ igen der Felſen und Waſſerpfade, doch Lars kannte ſie genau, und er ermunterte ſeinen jungen Gefährten zur Ausdauer, zeigte auf die höher aufſteigenden, mit Birkengeſtrüpp umwucherten Fjellen und verlachte laut die Verfolger, denen er ſeine Mütze entgegenſchwenkte. Ueber drei jener felſenumkränzten Seebecken und durch ge⸗ fährliche Engen ſetzten die Männer vom Schiffe ihnen nach. Noch ſahen ſie ſie in das vierte einlenken, doch als ſie dies ſelbſt er⸗ reichten, war das Boot verſchwunden.— In Spalten und Ge⸗ klüft drang das Meer. Die Fluth hob den langen Seetang von dem Geſtein auf und riß die ſchwarzen Steckmuſcheln ſtürmiſch davon los; hohl brauſend ſtürzte der Wind von den Kuppen nieder und wühlte die Waſſer auf. Die Boote fuhren an beiden Seiten hin. Zuweilen glaubten ſie, in einer der tiefen Schluchten die Fiſcher zu entdecken, und ihr rauhes Siegesgeſchrei prallte von den Wänden zurück, aber eben ſo ſchnell ward es wieder ſtumm. Sie fanden ſich getäuſcht, und doch waren ſie mehr als einmal ganz dicht bei den Verſteckten. Wo eine Felſenwand weit über das Meer hing, war eine Grotte, von Geſtrüpp umwuchert, und ſolche finden ſich nicht ſelten hier im Lande. Bei der Fluthzeit werden ſie oft ganz von Waſſer geſchloſſen, aber innen bleibt ein hohler, trockener Raum, zu dem die Wogen nicht aufſteigen, und dieſe Höhle, in welche die beiden Fiſcher ihr kleines Fahrzeug zwängten, war Vielen wohl bekannt durch ein gefährliches Abenteuer, das einſt hier ein verlaſſener, muthiger Mann beſtanden hatte. Auf dem Seeſpiegel hatte ein Windſtoß ſein Boot umgeſtürzt, in welchem er ſich allein befand. Er ſchwamm der Grotte im Felſen zu, dem ein⸗ — 254— zigen Rettungshafen, denn überall ſanken die Felſen ſchroff ins Meer, und ſchon war er nahe, als er hinter ſich ein Rauſchen hörte und mit Entſetzen die große blaue Rückenfloſſe eines Haies entdeckte. Mit Aufbieten aller Kräfte erreichte er das Geſtein, und ſchreckte den mordluſtigen Räuber durch Geſchrei und Ge⸗ plätſcher; dann kroch er hinauf ins Trockene und pries Gott für ſeine Rettung. Es war kalt und dunkel in der Grotte, und mit Sehnſucht hoffte der Arme auf das Ablaufen der Fluth. Wie groß war jedoch ſein Schrecken, als er den Hai erblickte, der vor der Höhle auf⸗ und abſchwamm; ein fürchterlicher Wäch⸗ ter, der ſeine Beute erwartet. Zwei Tage dauerte die Gefangen⸗ ſchaft. Das umgeſtürzte Boot war gefunden worden, und man wähnte den Mann ertrunken, der halb verſchmachtet durch einen glücklichen Zufall endlich entdeckt wurde, eben als er im Begriff war, ſich dem grimmigen Thiere freiwillig zu überliefern, um ſeine Leiden zu enden. Darum ſagte auch Lars, als er ſich auf dem Boden der Haifiſchhöhle niederwarf:„Laß es gut ſein, Niels, es geht uns doch viel beſſer, als dem armen Kerl, der hier bei⸗ nahe verhungerte. Haifiſche ſchwärmen zwar auch draußen um⸗ her und möchten uns verſchlingen, aber ſie werden es nicht ſo lange aushalten, wie jener, und hier haben wir unſer gutes Boot, das uns ſicher zu unſern Freunden bringt.“ Die Fluth hatte die Höhle inzwiſchen faſt ganz geſchloſſen, als ſie draußen ſprechen hörten.„Ich begreife es nicht, wie ſie fortgekommen ſind,“ rief eine rauhe Stimme.„Sucht noch ein⸗ mal genau umher, es waren ein paar flinke Jungen. Eine Schande iſt es, daß ich ſie verlieren ſoll.“ — 255— groff ins auiten uns dee irbin flüſterte Lars,„die S Ee di von allen hätten uns feſtgelegt, Niels Lähure wollen Geſten, und wer weiß Mädn en⸗ mehr am vuunnen bein Schrin und Ge⸗ Dartiehee Id 8.. Pltlich ſprang er auf 3n ſehen war, 8 Gott können nicht de wen haben es auf ihn ai öu⸗ Vnnii tte, und wir Pier aus den iels! Es wird Abend ui jehen, und wir verdammten Loch kommen.“ wird Nacht, ehe er Fluth. erblickte er Wäch⸗ jefangen⸗ und man ſch einen Begriff fern, um ſich auf in, Niels, hier bei⸗ ißen um⸗ nicht ſo er gutes ſchloſen, vie ſie noch ein⸗ Schande IX. Oerſteen hatte mit dem Probſte eine lange Unterredung ge⸗ habt. Tags zuvor ſchon wurden Boten ausgeſandt, um die alten verſtändigen Männer zu verſammeln, welche die Aufſicht in den Kirchſpielen führen und Lensmänner heißen, und alle hatten ge⸗ meinſamen Rath gehalten. Der Regierungsbefehl war gekommen ſogleich eine Wahl zu veranſtalten und, ſo ſchnell es nur irgend möglich, den Gewählten nach Eidsvold zu ſchicken. So wurden denn die Bauern berufen, die Schrift in hohle Stöcke gethan und, wie es Sitte iſt, von einem Gaard zum andern getragen. Bei dieſer amtlichen Handlung hatte der Amtsaſſeſſor Manches gehört, was ihm nicht gefiel. Die Meinungen der Meiſten wa⸗ ren ſeiner eigenen Meinung ganz entgegen, und er ſah deutlich genug, wie wenig Hoffnung er habe, als Abgeordneter gewählt zu werden, wenn die mächtige Stimme des Probſtes nicht den Ausſchlag gäbe. Ein paar von den Verſammelten hatten im Ge⸗ ſpräch auf Henrik Dartley, als auf einen würdigen jungen Mann dung ge⸗ die alten t in den atten ge⸗ gekommen ur irgod h wurdeln 1 gethan getragen. Manches iiſten wa⸗ h deutlich gewählt nicht den im Ge⸗ en Mann 257— gedeutet, der geſchickt zu reden wiſſe, auch des Volkes Freund ſei, und der Voigt hatte ihnen beigeſtimmt, der Probſt ſich je⸗ doch unwillig abgewendet. Oerſteen dachte mit Unruhe an die Geheimniſſe der letzten Nacht. Er erwartete mit jedem Augen⸗ blick, daß die Nachricht einlaufen würde, Dartley werde vermißt oder man habe ihn aufgefunden, und er war darauf vorbereitet, mit dreiſter Stirn Rede und Antwort zu geben. Doch Niemand kam und der Amtsaſſeſſor fand dies wieder ſehr natürlich, denn Henrik ſchweifte oft mehrere Tage umher auf weiten Jagdzügen ins Gebirge. Seine Abweſenheit konnte nicht auffallen. Aber Einer oder der Andere der Bauern mußte nicht ganz ſchweigſam über die Verſammlung am vorigen Abend geweſen ſein, denn die Lensmänner ſprachen davon und rühmten es, daß Dartley von Rothbergsland ſeinen Mitbürgern viele gute Nachrichten mitgetheilt und ſie zum Kampfe für Norwegen aufgefordert habe. Der Haß in Oerſteen erhielt dadurch neue Nahrung. Er lachte ſpöttiſch vor ſich hin und ſagte leiſe:„Ruft nur euern Freiheits⸗ helden, ſucht ihn, wenn er morgen nicht erſcheint, bis in die Eistinden der Jötun⸗Fjellen, oder meinetwegen unter Tang und Muſcheln bei den rieſenhaften Gettojungfern im Meere, es wird lange dauern, ehe er antwortet. Was kümmert es mich, daß er ſtrauchelte und fiel! Was hatte der Elende hier zu ſchaffen, trotz ſeines Verſprechens, trotz ſeiner Schwüre? Die Nemeſis ereilte ihn, und wir ſind ihn los, gänzlich los. Das iſt gut.“ Oerſteens Sorge war hauptſächlich darauf gerichtet, daß nicht etwa der Probſt gewählt werde, ſondern daß dieſer für ſich dieſer Ehre entſage und dem Schwiegerſohne zuwende. Die Un⸗ Mügge, Henrik Dartley⸗ 1 — 258— terredung zwiſchen den beiden Mannern dauerte lange. Oerſteen wußte mit großer Gewandtheit ſein Ziel zu verbergen und es doch näher zu rücken; endlich aber, mit Widerwillen nachgebend, das anzunehmen, was er ſehnlich zu erreichen trachtete. Er ſprach zuvörderſt von den ſchweren Mühſeligkeiten einer Reiſe mitten ins eisbedeckte Land zu dieſer Jahreszeit; von Unglücksfällen und Gefahren, denen Jeder ſo leicht erliegen könne, deſſen Körper nicht recht rüſtig und jugendlich ſtark ſei. Dann tadelte er die plötzliche Berufung, und entſchuldigte ſie gleich darauf mit der dringenden Nothwendigkeit. Er ſprach mit Schärfe und Klarheit über die ſchlimme Lage des Vaterlandes, und wie nur die treueſte, muthvollſte Hingebung, verbunden mit der weiſeſten Einſicht jenes zu erhalten und zu erheben vermöge, bis der Probſt, ganz bewegt von ſeinen Schilderungen, ihm die Hand reichte und leb⸗ haft ausrief:„Sie, lieber Oerſteen, Sie allein ſind würdig, in Eidsvold zu erſcheinen. Kein Anderer darf es ſein. Wie verbre⸗ cheriſch iſt es, Ihre edle Geſinnung zu verkennen, Ihre Liebe zum Vaterlande verdächtigen zu wollen! Henrik Dartley iſt ein Nichtswürdiger. Er ſchadet Ihnen in der Meinung, verbreitet falſche Gerüchte über Sie und täuſcht die Bauern, die ihm an⸗ hangen. Aber laßt ihn morgen kommen; mag er nur kommen; ſo frech er iſt, ich will ihn entlarven und ſeine betrogenen Anhän⸗ ger von ihm ſcheuchen. Ja, das will ich.“ „Laſſen Sie den thörichten jungen Menſchen,“ erwiederte Oerſteen lächelnd.„Die Strafe für ſolche Falſchheit und Bos⸗ heit bleibt ſelten aus; aber nicht der Menſch, ſondern Gott ver⸗ hängt ſie. Ich fürchte ihn nicht, und hoffe eben ſo wenig, daß Derſteen n und es achgebend, Er ſprach ſe mitten ällen und n Koͤrper te er die f mit der Klarheit ie treueſte Einſicht bſt, ganz und leb⸗ vürdig, in zie verbre⸗ dhre Liebe ley iſt än verbreitet ihm al⸗ onmen; ſo en Aihän⸗ erwiederte Pos⸗ und Bos Gott ver⸗ —-— 259— er etwa gewöchlt werde, wie ich mich dazu verſtehen würde; denn Niemand iſt würdiger hier, Abgeordneter des Volks in der Na⸗ tional⸗Verſammlung zu ſein, als Probſt Fahlberg, und Niemand kann und darf erwählt werden, als dieſer.“ „Nein, nein!“ rief der Probſt,„ich würde es auf keinen Fall annehhmen. Ich bin alt, kränklich, wenig beredt. Ich paſſe in nichts zu einer Verſammlung, in der die ausgezeichnetſten Köpfe ſich zuſammen finden müſſen. Meinen ganzen Einfluß werde ich aufbieten, um die Wahl auf Sie zu lenken, denn da⸗ mit glaube ich dem Vaterlande den größten Dienſt zu erweiſen und Sie dürfen Sich nicht weigern, Oerſteen, wo Pflicht und Gewiſſen Gehorſam gebieten.“ Der Amtsaſſeſſor ſtützte den Kopf nachdenkend und betrübt in ſeine Hände.„Einer ſolchen Mahnung kann ich allerdings nicht widerſtehen,“ erwiederte er,„auch will ich der guten Sache gern dienen, ſo viel ich es vermag; allein doppelt würde ich zu beklagen ſein, wenn ich mit der Unruhe meines eigenen Schick⸗ ſals im Herzen in jener Verſammlung ruhig die wichtigſten Dinge erwägen ſollte, wahrſcheinlich Monate lang jenſeit der Berge wäre; und doch Alles, was das Leben lieb und werth macht, hier zurückließe.“ „Ich dachte es mir wohl,“ ſprach der Probſt lächelnd,„daß Sehnſucht und Eiferſucht im Bunde zuletzt ein Unglück anrich⸗ ten würden. Doch nein, lieber Sohn, Sie ſollen Ihren Frieden mitnehmen. Ehe Sie von uns gehen, ſoll Anna Ihre Frau ſein, denn morgen, gleich nach der Wahl, will ich Sie kirchlich ver⸗ binden, wie ich dies thun kann.“ 47* — 260— „Mein lieber, theurer Vater, wollen Sie das?“ rief Oer⸗ ſteen entzückt,„o! dann iſt Alles gut, dann mag Alles geſchehen; ich unterwerfe mich jedem, was Sie für recht halten. Wie glück⸗ lich, wie unausſprechlich glücklich machen Sie mich!“ Der Probſt breitete gerührt ſeine Arme aus und herzte den Schwiegerſohn aufs zärtlichſte.„Ich will es,“ ſagte er,„weil ich überzeugt bin, daß es das Rechte iſt, was ich thue, wie weh es mir auch ums Herz ſein mag, daß er verkannt wird, ſelbſt von meinem alten Freunde Magnus und von meinem eigenen Kinde. Annas thörichte, unbeſonnene Neigung zu Dartley wird jedoch verſchwinden, wenn ſie erkennen lernt, daß em würdiger, edler Mann ſich bemüht, ſie glücklich zu machen, und das wer⸗ den Sie thun, Oerſteen. Alle Verleumdung ſoll zu Schanden werden vor der Wahrheit, ſo ſteht es geſchrieben, und dieſe wird ſich auch hier bewähren.“ „So hoffe ich,“ erwiederte Oerſteen,„und darum allein achte ich es nicht, mich gekränkt und zurückgewieſen zu ſehen.“ „Sie müſſen Anna's Vertrauen gewinnen,“ fuhr Fahlberg fort,„das iſt der Boden, auf dem die Liebe neu aufwächſt. Ihr armes junges Herz iſt voll Blut und Wunden. Es thut mir weh; es liegt etwas flehend Anklagendes in ihrem Blick, eine ſtumme Sprache des Schmerzes, die mich ergreift und ängſtigt. Gehen Sie zu ihr, ſagen Sie ihr Alles, was wir hier geſprochen haben, zeigen Sie ihr aufrichtig die Zukunft, malen Sie ihr das Glück eines Lebens, das ſie noch nicht kennt, und bewegen Sie ſie zur Hoffnung, zum Glauben daran. Wenn ein einziger Funke . rief Oer⸗ gſſchehen; Wie glück⸗ herzte den er,„weil e, wie weh eird, ſelbſt em eigenen riley wird würdiger, das wer⸗ Schanden dieſe wird allein achte en. „Fahlberg dichſt. Jr thut mir Blick, eine nur geweckt iſt, ſo iſt eines Weibes Bruſt ein tiefer Zauber⸗ ſchacht, aus dem verſöhnende, tröſtende Geſtalten emporſteigen.“ Sie reichten ſich die Hände, und Oerſteen ging.„Was ge⸗ ſchehen ſoll, muß ſchnell geſchehen,“ ſagte er vor ſich hin,„denn es käme auf ein glückliches Ungefähr an, und der gefühlvolle Vater weinte mit der Tochter um die Wette und bäte mich wohl gar inſtändigſt, das liebe Kind nicht zu quälen.“ Leiſe ging er durch's Haus und trat in den Hof, wo er Anna's Stimme hörte. Sie ſtand und fütterte ein paar Hühner und Tauben, die zutraulich das Dargereichte aus ihren Händen nahmen. Als ſie den Schritt des Nahenden hörte, blickte ſie um und erröthete. Auch die Thiere flohen ſcheu davon, als fürchteten ſie ſich mit ihrer Herrin. „Welch ſchönes Bild der Häuslichkeit geben Sie mir da, liebe Anna!“ begann Oerſteen lächelnd, indem er ihre Hand er⸗ griff.„Sie verſammeln alles Lebendige, um es zu ſpeiſen und zu tränken, allein die Zahl der Gäſte iſt gering geworden, wie ich ſehe.“ „Es ſind von Vielen die Letzten, die ich mühſam beſchützt habe,“ erwiederte ſie.„In dieſer böſen Zeit und Noth geht Alles verloren.“ „Aber die gute Zeit kommt zurück und bringt Neues und Beſſeres wieder. Auf meinem Hofe habe ich ſchon jetzt eine ganze Kolonie Geflügel aller Art, und wie herrlich wird es ſein, theure Anna, wenn ich Sie dort ſtehen ſehe, geſchäftig ordnend, be⸗ glückend, liebevoll ſchaffend! Die Tauben fliegen auf Ihre Schul⸗ tern, die Hühner ſtürzen ſich über einander hin, Alles wartet, — 262— Alles hofft auf die ſegenſpendende Herrin, und ich warte dann auch am Fenſter auf einen gütigen Blick, auf ein Lächeln, auf ein freundliches Wort. Iſt es nicht verzeihlich, wenn ich als ein Prophet in eine ſo entzückende Zukunft ſchaue?“ Das junge Mädchen hielt die Augen zur Erde geheftet und ſchien mit ihren Entſchlüſſen zu ringen, während Oerſteen ſie den Weg zum öden Garten führte. Plötzlich ſtand ſie unter einem alten Baume ſtill, einem Patriarchen, geſtützt von einer Anzahl Pfeiler, die ſeine ungeheuren Aeſte trugen. Sie machte ihre Hand frei und warf einen ſchnellen, heißen Blick auf den unwillkomme⸗ nen Mann und auf das winterlich dürre Gezweig des Baumes, das tauſendfach gegittert über ihr ſchwebte.„Herr Oerſteen,“ ſagte ſie dann,„Sie ſehen, ich weine nicht mehr, weil ich weiß, daß es mir nichts helfen würde. Wäre ich ſtark genug, meines Vaters Zorn zu tragen, ich flöhe von hier, gleichviel, wohin, aber ich weiß es zu gut, daß ich das nicht vermag. So bin ich denn wie ein Opferlamm, geduldig, aber vom Winter verödet, gleich dieſem Baume hier; verdorrt bis ins Herz.“ „Iſt es nicht ein Kirſchbaum, liebe Anna 2“ ſagte Oerſteen ſanft. „Ja, und ein ſchöner, herrlicher Baum „Er ſtreckte ſeine grüne Krone vor Kurzem noch prächtig in den Himmel; er iſt ſeit Menſchenalter bewundert und berühmt, weit und breit, und ich weiß, wie er ganz in Blüthen prangte, ſpäter voll köſtlicher Früchte hing.“ „Meine geliebte Anna, Sie haben Recht, Sich mit dieſem edlen Baume zu vergleichen. O! ich erkenne die Wahrheit darin, 14 erte dann heln, auf hals en zftet und iſteen ſie ter einem r Anghl hre Hand illkomme⸗ Baumes, Derſteen, ich weiß, z meines d, wohin, ao bin ich verödet, eOerſteen vrächig i brrühnt, u vunnge nit dieſem heit daril 7 — 263— wie Sie traurig und entblättert ſtehen, gleich ihm, denn die Hand des Winters liegt auf Ihnen, die Zeit des Frühlings iſt dahin. Aber dieſe wird wiederkehren, Anna; der ſchöne Baum wird von Neuem aufblühen— ſchöner und herrlicher noch, und Sie, wie er, unter meiner zärtlichen Sorgfalt, meiner Pflege und unend⸗ lichen Liebe.“ „Sie täuſchen Sich oder wollen mich täuſchen,“ erwiederte das junge Mädchen.„Ich liebe Henrik Dartley, es iſt Ihnen kein Geheimniß; nie kann mein Herz einem andern gehören.“ „Sie ſind ſehr hart, mir das zu ſagen, Anna, aber dennoch wage ich, auf die Zukunft zu hoffen.“ „Auch ich, auch ich!“ rief ſie heftig bewegt und faltete die Hände. „Henrik Dartley muß von Ihnen vergeſſen werden, Anna, wenn Sie glücklich werden wollen.“ „O, nie, niemals!“ „Thörichtes Kind! Wer wird dem heißen Blute, dem Augen⸗ blick eine ſolche Gewalt einräumen? Iſt Liebe eine ſchrankenloſe Leidenſchaft geworden, ſo wird ſie zum Unheil, das ſich an unſere Ferſen heftet. Das iſt keine wahre Liebe, die beſinnungslos in jeden Abgrund ſpringt. Dartley iſt ein Bettler, ein junger Fant, ein wilder, abenteuerlicher Menſch, den jeden Augenblick die Hand des Schickſals faſſen, ins Elend ſtoßen, erwürgen kann, und Sie Anna, Sie wollten Ihr edles Leben an einen ſolchen wüſten Geſellen hängen?“ Während er ſprach, erblaßte das junge Mädchen, bis eine ſchöne feurige Glut ihr Geſicht ganz überdeckte....„Reden — 264— Sie nicht weiter,“ rief ſie,„lügen Sie nicht, ich leſe die Luͤge in ihren Augen. Aber wäre Dartley auch Alles, was Sie ſa⸗ gen, ja, wäre er ein Verbrecher, Jeſus, mein Heiland! wäre er ein Mörder, ich wollte ihn doch lieben, denn ich könnte nicht anders.“ „Oerſteen kreuzte die Arme über ſeine Bruſt und preßte ſie zuſammen.„Wie kummervoll iſt es doch für mich,“ rief er aus,„der Gegenſtand Ihrer Schmerzen zu ſein! Was kann ich thun und was ſoll ich thun, um Frieden und Freude über Sie zu bringen? Könnte ich denken, daß wahres Glück Ihnen er⸗ blühte, wenn ich alle meine Hoffnungen zertrümmerte, ich würde es thun, ich würde leiden und entſagen. Aber nein, ich kann es nicht. Barmherzigkeit, Anna! auch ich habe ja ein Herz voll Liebe für Sie, und vor uns öffnet ſich eine ſchöne Zukunft. Ich ſpreche nicht von meinem Vermögen, von meinen Ausſichten, von dem Range, den ich Ihnen in der Welt geben kann. Ich könnte Ihre Sinne verlocken; ich könnte Ihnen ſagen, daß ich Sie in die Hauptſtadt führen, daß Sie dort leben, dort, unter den Edel⸗ ſten und Höchſten, wohnen ſollen; daß ich Alles, was ich beſitze und zu erreichen hoffe, zu Ihren Füßen lege. Aber nein, Anna, ich ſpreche nur von meiner Liebe, und dieſe umfaßt ja Alles, was ich bin und habe. Verſtoß' mich nicht, theures geliebtes Mädchen,“ rief er leidenſchaftlich,„ſei der Engel, der mich leitet! Mein Gott ich bedarf eines ſolchen Weſens, das mich gut macht.“ Er hatte Annas beide Hände ergriffen und an ſein Herz gedrückt. Jetzt legte er den Arm um ihren Leib und preßte ſie die Luͤge 3 Sie ſa⸗ wäre er inte nicht nd preßte u wef er kann ich über Sie Ihnen er⸗ ich wͤrde kann es derz voll unft. Ich hten, don ich könnte ſie in den Edel⸗ ich beſtze n, Anta, ja Alles, gtlittes der nich das nich ſen Hetz preßte ſie — 265— an ſeine Bruſt.„Willſt Du,“ rief er und küßte ſie,„willſt Du mir angehören? Kein Menſch auf Erden wird Dich ſo lieben, wie ich. Wie eine Heilige will ich Dich verehren!“ Die großen Tropfen, die aus ſeinen Augen fielen, rollten über das Geſicht des zitternden, gerührten Mädchens; aber dieſe Rührung verſchwand, als ſie ihn anblickte. Ein verzehrendes Feuer glühte in ſeinen großen, grauen Augen, und ſie ſchauderte davor zurück. Er hielt ſie feſt, wie mit eiſernen Fingern, wie ein Raubthier die Beute hält. Unbewußt drückte er ſie krampf⸗ haft zuſammen, und unter ſeinen Küſſen fühlte ſie Angſt und Abſchen, wie Wahnſinn, durch alle Adern rinnen. „Henrik!“ rief ſie, als riefe ſie zu einem Schutzheiligen, der ihr Kraft und Muth geben könne, und heftig rang ſie ſich los; aber Oerſteen hielt ihren Arm feſt, und mit einem furchtbaren Blicke voll Hohn und Wuth ſah er ſie an.„Ruf' ihn,“ ſagte er,„er wird nicht kommen. Er thut mir leid, daß er dies nicht ſehen kann, daß er nicht am Wege ſtehen wird, wenn wir zur Kirche gehen. Hörſt Du, dort liegt die Kirche, es iſt nicht weit und die Zeit kurz, wo das Glück uns erwartet.“ „Das iſt die wahre Sprache,“ erwiederte ſie gefaßt.„Alles Andere war Verſtellung.“ „Es gibt Menſchen,“ verſetzte Oerſteen kalt,„deren Un⸗ mündigkeit uns nöthigt, ſie zu ihrem Wohle, ſelbſt gegen ihren Willen, zu führen. Ich habe Dir mein ganzes Herz aufgeſchloſ⸗ ſen, theure Anna, und weiß, Du wirſt es einſt annehmen. Morgen iſt der Tag unſerer Verbindung. Dein Vater wünſcht es, und ich verlange darnach.“ — 266— Ein betäubendes Gefühl der Verzweiflung zuckte durch die unglückliche Braut; im nächſten Augenblick aber hatte es ſich in einen trotzigen, eiſigen Hohn verwandelt. Durch den wolkenvollen Himmel drang die Sonne, und wie ſie plöͤtzlich über Felſen und Fjord glühte, zündete ſie auch tief in Annas Bruſt einen wun⸗ derbaren Hoffnungsſtern an. „Zwiſchen heut' und morgen liegt eine Nacht,“ ſagte ſie zu⸗ verſichtlich;„Vieles kann geſchehen.“ „Doch nichts, was in letzter Nacht geſchah,“ erwiederte Oerſteen.„Sei überzeugt, Niemand wird Deinen Schlaf beun⸗ ruhigen, es müßte denn ein Geſpenſt ſein, das in Deine Träume ſchlüpft.“ „Ich fürchte die Geſpenſter nicht,“ entgegnete Anna, ängſt⸗ lich bewegt von ſeinen Worten;„ich fürchte die Lebendigen weit mehr. Doch auch gegen dieſe hilft uns Gott oft wunderbar.“ „So haſſeſt Du mich wohl, meine ſüße Freundin?“ fragte Oerſteen mit höhnender Freundlichkeit. „Ja, ich haſſe Dich von Herzen!“ rief ſie erglühend. „Und Du beteſt gegen mich, wie gegen den böſen Feind?“ „Aus meiner innerſten Seele, daß Gott mich davor behüte!“ Der Abſcheu und Schrecken in ihrem Geſicht erzwangen Oerſteen's lautes Gelächter. Seine blaſſen Lippen zuckten, als er ihre Hand von Neuem nahm und, ſo ſanft er konnte, ſagte: „Du liebes, thörichtes Mädchen, wie kannſt Du ſo grauſam ſein! Doch wahrhaftig, dieſer Abſcheu reizt nur noch heftiger mein Verlangen, und ich finde Dich ſchöner als je. Bete, liebe Anna, bete recht fleißig; ich will es gewiß nicht hindern; aber ——— 1 durch die es ſich in lkenvollen jelſen und nen wun⸗ erwiederte laf beun⸗ te Träume n, ängſt⸗ igen weit erbar.“ 1 fragte Feind? rbehüte! erzwangen ickten, als nt, ſagte: 1G rruſem Fheftiger dte, liebe ern; aber — 267— wiſſe: Mein Wille gegen den Deinen, mein Glück gegen Dein Glück! Verſuche es, verachte mich, haſſe mich; laß der Taube Valeenrallen wachſen, es iſt auch ſolcher Trotz zu bändigen, und ich denke, es zu verſtehen, Dich zum Frieden zu bewegen⸗ Mor⸗ gen, meine theure Anna, morgen, wenn Du meine Frau biſt, wollen wir weiter darüber ſprechen.“ *₰ — 268— X. Unter den Felſen am Fjord von Grover hatte Henrik ſchon ſeit einer Stunde auf Anna gewartet. Ein kleines Thal war hier von der Natur gebildet, rings umſchloſſen von ſteilen Wän⸗ den und nur gegen Mittag geöffnet. Der ſtarke Quell, welcher aus einer engen Schlucht herunter kam, brauſte zwiſchen den ge⸗ waltigen Steinmaſſen, die regellos und zerbrochen angehäuft lagen, und bahnte ſich ſeinen Weg zum ſalzigen Becken in einem tiefen Gerinn. Hier ſtanden die Bäume dicht, ſich gegenſeitig ſtützend, wild über das Waſſer niedergebeugt; ängſtlich mit tau⸗ ſendfingerigen Wurzeln das Getrümmer umklammernd, oder los⸗ geriſſen und zerſchmettert von den Winterſtürmen, mit der Laſt ihrer todten Leiber auf glücklichere Gefährten geworfen, welche ängſtlich darunter ſeufzten. Henrik hatte ſeine Büchſe auf einen ungeheuren Granitblock gelegt, der, mit Moos überwachſen, an ſeinen regelmäßigen Kan⸗ ten bewies, daß Menſchenhand ihn einſt bemeißelte und auf die rik ſchon Thal war len Wän⸗ l, welcher in den ge⸗ angehäuft in einem gegenſtig mit tau⸗ oder los⸗ der Lſ n, rache auf die — 269— rechte Stelle wälzte. Drei aufgerichtete Steine ſtanden neben ihm tief in den Boden eingeſenkt, nnd mehre verwitterte, unkennbare Runenzeichen ſollten, der Sage nach, den Namen eines jener ſiegreichen, grauſamen Seekönige enthalten, der, endlich ſelbſt vom Tode erfaßt, hier in ſein Felſengrab gelegt wurde. Vor dieſen alten Bautaſteinen ſchritt Dartley unruhig auf und ab. Bald hörte er auf die Stimme des Windes, der über das kleine Thal hinfegte, ohne in deſſen Tiefen zu dringen, bald lehnte er ſich an einen der alten Bäume und ſah in das ſchäumige Waſſer nie⸗ der, das ungeſtüm zu ihm aufſpritzte. Er verlor die Geduld mit jeder Minute mehr, bis er endlich zu dem Felſengrabe zurück⸗ kehrte, an deſſen Fuß in dem warmen Licht der Sonne, die vom Süden hereinſchien, er ſich niederwarf und unruhig über die Wellen des Fjord nach den Spitzen der Felſen aufblickte. End⸗ lich hörte er über ſich auf dem Fußſteige, der jäh hinab in dieſe Schlucht lief, den Schritt eines Nahenden. Von der überhängen⸗ den Felſenwand fielen kleine Steine herunter, das trockene Holz eines Buſches brach kniſternd unter der Hand, die ſich gleitend daran feſthielt, und Henrik ſprang freudig auf. Mit allen Schmerzen, Hoffnungen und Erwartungen, die ſeine Seele er⸗ füllten, trat er hinter dem Hünengrabe hervor.„Anna,“ rief er, „geliebte, theure Anna, gelobt ſei Gott, daß ich Dich ſehe!“ Er breitete die Arme aus und ſtand— vor Oerſteen! Der Amtaſſeſſor hielt ſich, bleich vor Schrecken, an dem Felſen feſt vor dieſer unerwarteten Erſcheinung ſeines Todtfein⸗ des. Er zitterte und ſchien den Gebrauch ſeiner Glieder, wie ſeiner Stimme verloren zu haben⸗ Seine Augen waren auf Henrik 270— gerichtet; ſtarr in Angſt, Entſetzen, Grimm und Furcht. Er wußte wohl, daß er keinen Geiſt vor ſich hatte, daß es Henrik Dartley ſelbſt war, deſſen grimmige Blicke, wie Blitze, ihn über⸗ zuckten, daß dieſe drohende, hohe Geſtalt, dieſe nervigen, geſpann⸗ ten Arme eine ſchreckliche Bedeutung für ihn erhalten konnten. Und ſchmal und unausweichlich war der Pfad; zwei Schritte davon die tiefe Kluft, in welcher der Bach rauſchte, hinter ihm der ſteile Fels. Es war kein Entrinnen, kein Rückwärts oder Vorwärts. Hier ſtand er dem kühnen, ſtarken Feinde gegenüber, wie der Geßler dem Tell im Schechenthale, aber Henrik ſtreckte die Hand nicht mitleidig aus, wie jener, ſie lag an dem Meſſer im Gürtel und ſchien zu einer raſchen That bereit zu ſein. „Henrik Dartley,“ ſagte Oerſteen mit Anſtrengung,„ich hoffe nicht, daß Sie Böſes gegen mich im Sinne haben, gegen einen unbewaffneten, argloſen Mann.“ „Arglos nennſt Du Dich, Du falſcher Mann?“ verſetzte Dartley.„Du haſt eine eiſerne Stirn für die Lüge, aber ſie iſt doch nicht feſt genug; ich will ſie zerſchmettern.“ „Willſt Du einen Mord begehen?“ fragte Oerſteen zurück⸗ ſchaudernd. „Ich bin kein Meuchelmörder, wie Du!“ rief Dartley hef⸗ tig, indem er das Meſſer losließ,„aber wenn Du Muth haſt, ſo komm; wir wollen unſern Haß, wie Männer, ausfechten. Hier iſt Raum genug dazu, Dir alle Schlechtigkeit zu vergelten.“„Wollen Sie mich zu einer geſetzloſen Handlung zwingen?“ erwiederte Oerſteen abwehrend.„Ich darf nicht darein willigen., „Eine geſetzloſe Handlung, Du würdiger Diener des Ge⸗ urcht Er es Hencik ihn üͤber⸗ geſpann⸗ konnten. Schritte inter ihm arts oder gegenüber, ri ſtreckte m Meſſer ſein. ung, ſich en, gegen verſetzte ber ſie iſt een zurüch antley hef th haſ ſo n Hir iſt 1„Wol Uen nuidert des Ge ſetzes! ſchrie Dartley zurück.„Feigherziger Schurke! war es etwa geſetzlich, als Du Dein Gewehr auf einen Menſchen abdrückteſt, der vor Dir floh?“ „Und auf wen hat er es abgedrückt, Henrik?“ rief eine luſtige Stimme von der Höhe des Felſens.„Auf ein armes Setermädchen. Pfui, ſchäme Dich, Voigt, wie kannſt Du ſolche Dinge thun?“ Die beiden Männer ſahen überraſcht empor. Da lag Karina ausgeſtreckt auf ihren Armen auf dem Gipfel, und zu beiden Seiten ihres friſchen, lachenden Geſichts, das über der Tiefe her⸗ vorſah, fielen ihre Zöpfe an dem Geſtein herunter. Im nächſten Augenblicke war ſie aufgeſprungen und verſchwunden. Man hörte ſie auf dem Pfade, und plötzlich war ſie unten. Doch ſie war nicht allein. Sie zog an der Hand ein anderes Weib nach ſich und rief:„Hier iſt Jungfrau Anna, Henrik!— da iſt Henrik, Anna! und was willſt Du nun thun, Voigt von Hammer? Da ſiehſt Du es, wie er ſie an ſeinem Herzen hält und wie ſie ſich drücken und küſſen.— Du biſt kein guter Mann, das ſagen alle Leute, und ich habe es ſelbſt erfahren, wie Du nach mir geſchoſſen haſt, wie nach einem Wolfe. Ich ſtieß einen Stein vom Felſen hinab in den Fjord und habe Dich ausgelacht, als Du da unten ſtandeſt, ins Waſſer hinabſahſt und die Flucht er⸗ griffſt. So werden auch Henrik und Anna Dich auslachen, und Du wirſt die Flucht ergreifen müſſen, wenn Du fortfährſt, ſo böſe zu ſein. Höre, Herr, das kannſt Du nicht, das darfſt Du nicht. Du mußt es doch einſehen, die Jungfrau will Dich nicht ——— haben, und biſt Du ſolch ein ſchlechter Mann, daß Du ſie zwingen willſt, dann muß Schmach und Unglück über Dich kommen.“ Karina hatte ſich dicht vor Oerſteen hingeſtellt, wie zum Schutz der beiden Liebenden, und ihre kräftige Hand auf des Amtsaſſeſſors Bruſt gelegt, der lange überlegte, welche Rolle er zu ſpielen habe. Endlich warf er die Hand der kecken Dirne un⸗ ſanft von ſeinem Kleide und ohne ſich weiter um ſie zu küm⸗ mern, that er einige Schritte vorwärts, auf Henrik und Anna zu.„Ich ſehe wohl ein,“ ſagte er mit Ruhe,„daß etwas ge⸗ ſchehen muß, um dieſe Angelegenheit zu löſen, und hätte ich ahnen können, daß Anna's Leidenſchaft größer ſei, als alle Sitte und Scham, ſo würde ich meine Neigung bekämpft haben. Ich habe jedoch nicht allein darüber zu entſcheiden, Probſt Fahlberg hat mehr dabei zu thun als ich. Ich kann nicht zurücktreten, ohne ſeinen Willen. Er ſoll von mir erfahren, was hier geſchehen iſt; mag er es dann löſen, wie ihm gut dünkt.“ Er blickte Anna an, die ſich in Henriks Arme ſchmiegte und ihr Geſicht ängſtlich an deſſen Bruſt verbarg, und fuhr dann fort:„Was ich ſagte, Herr Dartley, das werde ich halten. Ich ſehe meine Verlobte in ihren Armen, und, bei Gott! ich will dieſe Schmach rächen, wie ich es kann; aber ich ſchwöre Ihnen, ich will nach ſolchen Ueber⸗ zeugungen meine Liebe nicht weiter an ein Mädchen verſchwenden, die ſie ſo vergilt.“. „Sie haben Sich nicht zu beklagen, Oerſteen,“ erwiederte Henrik,„denn Sie wußten längſt, was Sie jetzt wiſſen. Gehen Sie denn, aber lügen Sie diesmal nicht. Sagen Sie dem Probſt, daß Anna hieher kam, daß ſie uns beide hier fand und an mein Herz flüchtete, das ihr gehören wird, ſo lange es ſchlägt.“ je zuingen„O! warum verfolgen Sie uns?“ rief Anna weinend, ommen“„warum drängen Sie ſich ſo grauſam in mein Leben ein? Was wie zum that ich, und was hat Henrik je Ihnen zu Leide gethan?“ „Und warum willſt Du denn gerade das ſchönſte Mädchen im Lande heirathen?“ fragte Karina zornig.„Es gibt ja viele andere, die ſich beſſer für Dich paſſen.“ „Ich habe Sie nie verfolgt, Anna,“ ſagte Oerſteen;„doch d auf des jeder Menſch ſucht ſein Glück, wo er es f und Ama finden glaubt. Wenn zu enas ge⸗ er ſich täuſcht, ſo trifft ihn als Strafe der Schmerz, der ich Hich ahnen Sitte und Jch habe jetzt peinigt. Ich will mich ihm unterwerfen, aber noch habe ich Rechte, und kraft dieſer und des Anſehens Ihres Vaters bitte 3 ich Sie, mir nach Hauſe zu folgen. Mit Ihnen, Dartley, werde zeiter reden Sie ſollen vo NAre lberg hat ich weiter reden, Sie ſollen von mir hören.“ den, ohne Er ſtreckte ſeine Hand nach Anna aus, aber Karina ſtieß 1 eten,—. e. er. ie zurück.„Gib ſie ihm nicht,“ rief ſie,„ich ſehe es ihm ſchehen iſt; 5„ f ſ„ ſ) hi an, jcte Anna wie falſch und voll Bosheit ſein Herz iſt. Bleib' bei Henrik, ickte7 t äͤngſtlich Jungfrau Anna! O, wäre ich an Deiner Stelle, ich liefe mit 1 ich at ihm hoch in die Fjellen hinauf und Niemand ſollte uns da auf⸗ Hich ſagle, finden.“ Verlobte in 2re. Nie.. ilen, u„Sei endlich ſtill, Du dummes Geſchöpf!“ erwiederte Oer⸗ ra hen, 2.,.— 3 2—„ p 3 ſteen ärgerlich.„Ich ſchwöre Ihnen, Anna, daß ich wahr und chen Ueber e ſe a Dg e 3 drate aufrichtig mit Ihrem Vater ſprechen werde.“ rſchwenden, 4 rſch„Ich moͤchte nicht mit ihm gehen, Henrik,“ ſagte das junge uiderte Mädchen beängſtigt,„und doch muß ich es wohl, es bleibt nichts 1 Gehen übrig. Ach Gott! es muß geſchehen.“ 6 ſcr. ⸗ epele ſaafe Dar ſolbſ vrde Dich bie 1 probſt„Komm, Liebe!“ ſagte Dartley,„ich ſelbſt werde Dich bis — an die Grenze begleiten, welche man mir geſetzt hat. Mag dieſer ein d an mn Mügge, Henrik Dartleo. 18 ägt. — 274— Mann thun, was er will; ich fürchte ihn nicht, und Du mußt ihn auch nicht fürchten. Du haſt ihm geſagt, daß Du ihn ver⸗ achteſt, ſage es ihm laut ins Geſicht vor allen Leuten, wenn er wieder von Liebe zu Dir ſpricht. Hören Sie, Oerſteen, Anna verachtet Sie, und ich nicht weniger. Zum Teufel, Herr! Sie ſind ein Normann, ſo gut wie ich; regt ſich denn keine Ehre bei Ihnen und kein Gefühl für Schande? Wollen Sie ein Weib nehmen, das Sie verachtet, das an eines Mannes Hals hängt, der geſchworen hat, es ewig zu lieben? Welch' hündiſche Seele muß in einem menſchlichen Körper ſtecken, der um ein ſolches Weib freien kann!“ „Geduld, o Geduld!“ murmelte Oerſteen heimlich knirſchend ſich ſelbſt zu.„Verachten Sie mich, wie es Ihnen beliebt,“ er⸗ wiederte er dann laut,„ich habe keine Urſache es anders zu wünſchen. Aber iſt es nicht feige und ſchlecht, Beleidigungen gegen mich zu häufen 2 Beendigen wir dieſe Scene, ich denke, wir haben uns nichts mehr zu ſagen.“ „Sie haben Recht,“ verſetzte Dartley.„Sie ſpielen die trau⸗ rigſte Rolle hier; um alle Schätze der Welt möchte ich nicht an Ihrer Stelle ſein. Gehen Sie voran, Herr, wir werden folgen.“ Ich werde dieſe Rolle nicht lange ſpielen, verlaſſen Sie ‿ ſich darauf,“ rief der Amtsaſſeſſor drohend, indem er einen Augen⸗ blick an den Felſenſtufen des Weges ſtehen blieb. „Um ſo beſſer für Sie, und wenn es eine Drohung ſein ſoll, in Gottes Namen, ich kann es ertragen.“ Er hob Anna über die größten Steine, und als ſie oben Du mußt ihn ver⸗ „wenn er een, Anna zerr Sie keine Ehre ein Weid als hangt, ſche Seele ein ſelches knirſchend liebt,“ er⸗ anders zu eidigungen denke, wir en die tra⸗ e ich nicht wir werden rlaſſen le nen Augen ohung ſein z ſie oben — 26= waren, ging Oerſteen raſch den Pfad am Fjord hinab dem Pfarr⸗ hauſe zu. Er zitterte vor Grimm über die Beleidigungen, die er ertragen, und alle ſeine heimliche Leidenſchaft für das ſchoͤne Mädchen löſchte bis auf den letzten Funken in dem Haſſe aus, den er jetzt für ſie empfand. Sie ſollte ihm angehören, das ſchwur er mit Zähneknirſchen und einem fürchterlichen Eide, aber er ſchwelgte in der Süße des Gedankens, ihre Qualen zu ſehen, ihren Gram und die ganze Hoffnungsloſigkeit ihrer Zukunft, die er in brennenden Farben ausmalte. War der Segen am Altare nur erſt geſprochen, ſo war kein Entkommen mehr, und vergebens konnte der Vater dann ſelbſt Wehe über ſich und ſein Kind rufen. An Trennung war nicht zu denken; denn die Geſetze in Norwegen geben dem Manne unbedingte Herrſchaft über die Frau; eine Scheidung iſt ſchwer, und, wenn man will, unmöglich. Ging der nächſte Tag nur erſt glücklich vorüber, ſo ſchien Alles ge⸗ wonnen. Anna war ſein, und Dartley— er wollte ihn verder⸗ ben. Wie es auch kommen mochte, was auch ſelbſt für ihn die Folgen ſein konnten, gleichviel, er mußte vernichtet werden. So trat er in das Zimmer des Probſtes, der, über ſein verſtörtes Weſen betroffen, nicht wußte, was er Schreckliches ahnen ſollte, als Oerſteen ſich in einen Stuhl warf, die Hände über ſein Geſicht deckte und als Fahlberg dieſe ergriff und fort⸗ zog, er Thränen darüber hinſtrömen ſah.„Was iſt denn ge⸗ ſchehen?“ rief er angſterfüllt.„Iſt Anna verunglückt, todt?! Reden Sie!“ „Für mich todt, für mich verloren!“ erwiederte Oerſteen. Er erzählte Alles, aber in ſeiner Weiſe: wie Dartley ihn faſt 18* = 276— ermordet, wie er ihn beſchimpft und verſpottet, wie er Anna in verblendeter Leidenſchaft geſehen habe am Halſe des Schurken, der ſich ihrer Schande gerühmt. Der alte zornige Mann war in der höchſten Wuth.„Was wollten Sie thun, Oerſteen?“ fragte er mit erſtickter Stimme. „Was kann ich nach dieſem Auftritte thun, mein würdiger Freund? Ich muß meinem Glück entſagen, und doch macht mich der Gedanke ſo elend, daß ich mir den Tod wünſche.“ „Der Nichtswürdige!“ rief der Probſt außer ſich vor Zorn, „er iſt die ganze Urſache dieſer Schmach. Anna hat nie in ihrem Leben gewagt, meinen Befehlen ungehorſam zu ſein, ſie iſt die Sanftmuth ſelbſt; aber dieſer Bube hat ihr Herz vergiftet. Hö⸗ ren Sie, Oerſteen, Sie haben mein Wort und ich habe das Ihre. Sie ſind ein Mann genug, um wie ein Mann zu handeln. Anna ſoll Ihnen gehören, treten Sie nicht zurück, ich befehle es Ihnen. Sie werden ſie glücklich machen. Ich will mit ihr ſprechen, und eher will ich ſie todt zu meinen Füßen ſehen...“ „Wenden Sie nicht gegen das arme Kind Ihren gerechten Zorn,“ fiel Oerſteen ein,„aber helfen Sie mir den unwürdigen Gegenſtand ihrer Leidenſchaft unſchädlich machen. Anna liegt in einem Zauber, der gelöſt ſein wird, wenn es uns gelingt, Dart⸗ ley zu entfernen. Ich will meinem Worte treu ſein, denn ich empfinde es, ich liebe zu tief und zu wahr, um nicht Alles zu ertragen; aber denken Sie an morgen, denken Sie, wie dieſer Dartley Alles aufbieten wird, Schmach über Sie und mich zu bringen; denken Sie auch an ſeine Ränke, an ſeine verräthe⸗ Anna in th.„Was Stimme. würdiger nacht mich 1 vor Zorn, ie in ihrem ſie iſt die giftet. Ho⸗ b das Ihre. deln. Aune ees Ihnen. rechen, und en gerechten unwürdigen na ligt in Hart⸗ lingt, 2 ar in, däumn ich 55 zu ht Alles wie dieſer nd nich zu de verräthe⸗ —-— 277— riſchen Pläne, an die Ideen, welche er in die Köpfe der Bauern bringt.“ „Und was könnten wir thun?“ fragte Fahlberg. „Wir wollen überlegen, wie wir ihn am leichteſten auf einige Zeit, oder auf immer, von hier entfernen. Ich werde Ihnen ein ſicheres Mittel dazu vorſchlagen. Dort kommt Anna mit dem Doctor. Lieber Vater, ich bitte Sie, mäßigen Sie Ihren Un⸗ willen, ſo viel Sie es vermögen.“ Und Anna trat wirklich mit dem Doctor herein, der auf dem Wege Henrik und ſie gefunden hatte, als er von einem bo⸗ taniſirenden Spaziergange zurückkehrte. Auf ſeinem Stocke trug er ein Bündelchen mit Pflanzen, die erſten, welche er friſch grü⸗ nend angetroffen und heilſam für Dies und Jenes erkannt hatte. Als er Dartley ſah, rief er verwundert:„Potz Velten! was iſt denn das für ein Gewächs, das auf dieſem Boden mit Stumpf und Stiel ausgerottet wurde, und doch wieder zum Vorſchein kommt, als ſei ihm nichts geſchehen? Freund, Ihr ſeid wie die zähe circaea alpina, das ſeltſame Hexenkraut, das man mit dem Meſſer in fünfzig Stücke zerſchneiden kann, und dann das Un⸗ glück hat, fünfzigfaches Unkraut bewahren zu müſſen. Nehmt Euch in Acht, Ihr umſchlingt dieſe zarte viola odorata, als wolltet Ihr ſie niemals wieder loslaſſen und könnt ſie und Euch erſticken.“ „So wäre es ein ſchöner Tod für uns beide,“ ſagte Dart⸗ ley,„denn das Leben iſt oft grauſamer noch, und wenn Sie wüßten, Doctor....“ Der alte Herr hielt ſich die Ohren zu und ſchrie:„Ich — 278— will nichts hören! Helfen kann ich Euch nicht, rathen auch nicht, darum bleibt mir vom Leibe mit Euren Klagen. Der gräßliche alte Menſch da unten im Hauſe iſt toll und wild in ſeiner Weis⸗ heit; ich muß mich ſelbſt hüten, daß er nicht etwa Luſt be⸗ kommt, mich auch zu verheirathen.“ „Nehmen Sie Anna mit nach Hauſe und ſchützen Sie ſie, ſo viel in Ihrer Macht ſteht, bat ihn Dartley. Sei gefaßt, liebe Anna, und vertraue mir. Er küßte ſie heftig und eilte in die Berge zurück, der Doctor aber führte ſein Pathchen ins Haus und ſprach ihr leiſe Muth ein, als er ihr Zittern fühlte. „Sei doch getroſt, Mädchen,“ ſagte er,„haſt Du denn nicht gehört, wie ſtolz Dein Liebſter ſprach? Und wenn’s zum Aerg⸗ ſten kommt, bin ich ja auch noch da. Gewalt ſoll Dir Keiner anthun, wir werden uns ſchon zu wehren wiſſen.“ Der alte Herr hatte aber ſchon im nächſten Augenblick Ge⸗ legenheit, ſein Wort zu erfüllen, denn kaum war Anna ins Zim⸗ mer getreten, als der Probſt zornglühend ſie bei der Hand ergriff und mit einem heftigen Stoß vor ſich hinſtellte. „Was haſt Du gethan, Du ſchlechte Dirne?“ ſchrie er. „Ich habe nichts gethan, Vater, was dieſen Namen verdient erwiederte Anna, bleich wie der Tod. 1ℳ „Nichts!“ rief Fahlberg,„Nichts, Du Elende, die Du ohne Scham und Schande Dich und mich entehrſt!“ „Mein Vater!“ ſchrie Anna auf,„allmächtiger Gott! wer hat mich ſo verleumdet?“ „Still!“ rief der Probſt, und er ballte die Fauſt zum Schlage und hob ſie auf, aber Magnus Alſen riß ihn noch auch nicht, er gräßliche ſeiner Weis⸗ va Luſt be⸗ en Sie ſie, efaßt, liebe elte in die mins Haus ühlte. u denn nicht zum Aerg⸗ Dir Keiner genblick Ge⸗ i ins Zim⸗ Hand ergrif ſchrie er. „ 10 emverdiente die du chne Gott! wel gauſt zun ihn’ noch ſchneller zurück, als Oerſteen, der ihn bittend zu beſänftigen ſuchte. Der Doctor warf mit Gewalt ſeine Pflanzen auf die Erde und trat mit dem Fuße darauf; dann warf er ſeinen Hut hinterher, ſeinen Stock dazu, und nun wendete er ſich zu dem weinenden Mädchen und ſagte:„Geh' Du hinaus, Kind, geh' in Dein Kämmerlein, damit Du nicht hörſt, was ich Deinem Vater zu ſagen habe, der ganz vergißt, was er... ich ſage nicht: ſeinem Amte und ſeinem Rock da... ſondern ſeiner Menſchenwürde, was er dem alten Chriſtian Fahlberg ſchuldig iſt. Zu ſolchen Dingen aber verführt ihn der böſe Feind, der unter allerlei Geſtalt um⸗ her ſchleicht und wohl auch einmal den Einfall haben kann, als Amtsaſſeſſor nach Norwegen zu kommen.“ „Vergiß nicht,“ ſagte der Probſt, beſchämt und doch mit dem Trotz, der Recht behaupten will um jeden Preis,„daß dies mein Haus iſt, in welchem ich mir alle Einmiſchung in meine Handlungen verbitte.“ „Ja ſo,“ fuhr Magnus traurig fort,„das hatte ich ver⸗ geſſen, das fehlte noch, daß Du dem alten Freunde die Thüre weiſeſt. Gut Chriſtian, ich werde gehen, und ſchwerlich wieder kommen, denn was könnte mich zurückrufen? Dieſes armen Kin⸗ des hingeopfertes Leben, ihre Thränen, ihr Elend oder Deine Reue und Verzweiflung über eine ſtarrſinnige Verkehrtheit, die Dich mit Jammer in die Grube bringen wird? Ich werde nicht wiederkommen, Chriſtian, aber ich werde bis morgen bleiben, wenn Du mich nicht gewaltſam forttreibſt, um das Ende abzu⸗ warten. Komm Kind, und trockne Deine Augen! Einen Freund wirſt Du immer hier haben, den alten Magnus, und einen an⸗ — 280— dern dort oben.“ Er deutete auf den Himmel und auf die Berge und ließ es zweifelhaft, wen er meine; aber er führte Anna hinaus, und der Probſt ſandte ihnen finſtere, feindliche Blicke nach. — f die Berge ihrte Anna liche Bück XI. Dartley war den ganzen Tag in. den wildeſten Theilen des Gebirgs umhergeſtreift. In den ſchmälſten Thälern, wohin der Fjord ſeine finſteren Arme ſchickte, war er geweſen und hatte aufwärts glimmend den Lauf der Bäche verfolgt, die aus den Eisbräen in dieſe Spalten ſtürzen. Zuweilen ſtand eine Hütte oben in den Felſen, oder tief am Rande der letzten Geſenke hatte ſich das Menſchenleben ein kleines, enges Haus gebaut, wo es mit ſeinem Glück und Leid in Abgeſchiedenheit wohnte. In dieſe einſamen Wohnungen trat Henrik von Rothbergsland, und über⸗ all wurde er freundlich empfangen. Das Feuer loderte vom gaſt⸗ lichen Heerde auf; man bot ihm, was man hatte, aber Dartley warf ſeine Blicke nicht auf die Fladbrödſtücke und den Haferbrei, er muſterte weit aufmerkſamer den Tragebalken in der Mitte, wo jeder Mann im Gebirge ſeine Waffen verwahrt. Der Aermſte wird wenigſtens dort eine oder zwei jener ſchweren Büchſen auf⸗ legen, die Bär, Wolf und Rennthier tödten und mitten im Rauch = 282— und Staub von ihrer Güte nichts verlieren. Von ihren Vorvä⸗ tern haben ſie die Kunſt geerbt, gute Schmiede zu ſein. Noch ſingen ſie die alten Lieder, mit denen einſt Harniſch und Schwert gefeit wurden, und wie ungeſchickt auch Schaft und Feuerſchloß dieſer Waffen ausſehen, die Männer, welche ſie führen, verfehlen ſelten ihr Ziel. Henrik Dartley eilte von Hütte zu Hütte, und wenn er ging, winkte er da und dort einem der rüſtigen jungen Männer ihn zu begleiten. Er flüſterte ihm heimlich etwas zu, bis der Bauer ihm die Hand ſchüttelte und mit ſtolzen Blicken dem Davoneilenden nachſah. Als es Nacht geworden war, erreichte er den Gaard des treuen Lars. Er öffnete die Thür und ſah Karina allein am Feuer ſitzen. Sie ſaß ganz ſtill, den Kopf geſenkt, die Hände ge⸗ faltet und ſtarrte in die Flamme. Als ſie ſeinen Schritt hörte, ſprang ſie ihm freudig entgegen und blieb überraſcht ſtehen. Die Freude lief roth und lachend über ihr Geſicht, ihre Augen blitz⸗ ten ihn dankbar und beſorgt an.„Du biſt es, Henrik!“ rief ſie, „das iſt wacker, daß Du kommſt. Gottes Friede ſei mit Dir! Ich glaubte, es wäre Niels Hanſen und mein Bruder.“ „Wo iſt Lars?“ fragte Dartley. n. „Weißt Du es?“ erwiederte Karina.„Er iſt mit Niels fiſchen gefahren, und noch iſt Keiner wiedergekommen.“ „Wenn ein Unglück ſie draußen betroffen hätte?“ ſagte Henrik beunruhigt. „Gottes Hand ſchützt Jeden,“ verſetzte das Mädchen. „Wind und Wetter ſind freilich ſo bös heut nicht geweſen, um Sorge zu tragen,“ fiel Henrik ein. Vorvä⸗ n. Noch Schwert lerſchloß verfehlen tte, und jungen jwas zu, Blicken nard des Uein am ände ge t hörte, hen. Die gen blib⸗ rief ſie nit Dit⸗ n. geweſen, 283— „Wenn's ſein ſoll, kann man im Sonnenſchein ſterben, Henrik. Lars iſt ein Mann, der nie verzagt; aber es kann dem Niels etwas zugeſtoßen ſein, der iſt jung und von heftigem Sinn.“ Henrik ſetzte ſich am Feuer nieder, und Karina blieb ihm gegenüber ſtehen. Ihre unruhigen Augen flogen bald auf die Flamme, bald auf den nachſinnenden Herrn von Rothbergsland, bald nach der Thür, die leiſe ächzte. Sie betrachtete ihn prüfend; er ſah bleich und angegriffen aus. Ein tiefer Schmerz lag auf ſeiner Stirn und in ſeinen Augen, die ſonſt ſo hell glänzten. Er ſprach nicht mit ihr, er deckte die Hände ſeufzend über ſein müdes Geſicht und dieſer Seufzer zitterte bang durch Karina's Bruſt. „Es wird etwas geſchehen,“ murmelte ſie vor ſich hin. „Drei Elſtern ſaßen heute vor unſerer Thür, ſie ſchrieen den ganzen Tag um unſer Haus. Als ich ging, verfolgten ſie mich, und wie ich ſie ſcheuchte, flogen ſie um meinen Kopf.“ „Arme Karina,“ ſagte Dartley,„Du biſt in Angſt.“ „Keine Angſt, Henrik, aber ich ſorge für Dich auch. Die drei Elſtern, das biſt Du, Lars und Niels.“ „Und Du denkſt, Niels könnte umkommen von den dreien?“ „Er wird nicht umkommen, Dartley.“ „Oder Lars, Karina?“ „Lars. Ja das wäre ein ſchweres Schickſal. Aber Lars iſt ſo kühn und ſo ſtark, wie ein Bär.“ „Nun Karina, ſo bleibe ich denn allein übrig, dem Unglück begegnen kann.“ „Du,“ ſagte ſie ihn ſtarr anſehend,„nein, Du darfſt nicht unglücklich ſein, und doch iſt es mir, Henrik, als müßte es ge⸗ 284— ſchehen. Es ſteht etwas da hinter Dir, wie ein Schatten, ich kann's nicht erkennen, ob es Anna iſt, oder Reiſa⸗Rova, die böſe Hexe, die Unheil bringt, wenn ſie ſich zeigt. Ihr Anſehen iſt Gift; ſie verdirbt Pflanze und Thier, und wen ihr Finger be⸗ rührt, der muß ſterben. Wer ein gefährliches Werk beginnt, und ſie erſcheint ihm, der muß es laſſen, oder er wird dabei unter⸗ gehen. Darum bin ich ſo traurig, Henrik, darum wünſche ich, daß Lars und Niels kommen möchten um bei Dir zu ſtehen. Du haſt ein gefährliches Werk vor, ach, Henrik! Reiſa⸗Rova hat noch keinen verſchont. Die falſche Hexe in ihrem ſchwarzen Mantel, ſie ſieht ſchön aus und verlockt die Beſten. Laß es ſein, Henrik Dartley, mir iſt ſo bang und ſo weh. Sie erſcheint Dir wohl als Jungfrau Anna; ſie faßt Dich um den Hals und wirft Dich auf ihr kohlſchwarzes Roß mit den Feueraugen, dann iſt es um Dich geſchehen und um uns alle.“ „Närriſches Mädchen!“ rief Henrik aufſpringend,„Dein Hexenglaube ſteckt an; ſchweige ſtill, ehe die böſen Geiſter es wirklich hören. Ich muß fort, Karina, doch Du haſt Recht: Lars und Niels ſind mir beide dringend nöthig. Wenn ſie kom⸗ men, ſende ſie zu mir, ich will ſie erwarten bis tief in die Nacht. Willſt Du?“ „Ich will, Henrik.“ Er ſtreichelte ihr langes, weiches Haar, ſie ließ es ſtill ge⸗ ſchehen; dann legte er ſeine beiden Hände an ihre heißen Schläfe und küßte ſie.„Meine arme Karina, ſagte er, Du haſt mich alſo ſo lieb? Wenn ich ſterbe, wirſt Du die Klagelieder ſingen und an meinem Grabe beten. Wirſt Du das?“ ten, ich die böſe ſehen iſt nger be⸗ mt, und unter⸗ ſche ich, ſtehen. a⸗Rova hwarzen es ſein, int Dir ls und a, dann „Dein eiſteres Recht: ſie kom⸗ e Nacht. ſil ge Schläfe ich alſo en und — 285— Karina's Augen füllten ſich langſam mit großen Thränen. Sie antwortete nicht, aber ein unbeſchreiblicher Schmerz lief, wie ein Schauder, über ihr Geſicht und den ganzen ſtarken Körper. Sie athmete heftig und ſchnell, er hörte ihre Pulſe klopfen und fühlte ſie zittern und ſchwanken. Von einem Gedanken jäh er⸗ ſchreckt, zog er die Finger zurück und ergriff Gewehr und Hut.„Gute Nacht, Karina,“ rief er,„vergiß nicht, was ich Dir aufgetragen!“. „Lebe wohl, Henrik,“ erwiederte ſie und ſtreckte ihre Hand aus. Er war ſchon an der Thür, ſie fiel ins Schloß, und traurig ſetzte ſich das Setermädchen in die tiefe Ecke, verwirrt nachden⸗ kend über das Erlebte. Die Thränen liefen ſtill und unaufhalt⸗ ſam über ihr Geſicht! ſie lehnte den Kopf an die Wand und rang die Hände auf ihrer Bruſt, bis ſie ruhiger wurde und nicht wußte, warum ſie geweint habe. Die naſſen Flecken auf ihrer Jacke wiſchte ſie ärgerlich fort und das Feuer trocknete ihre Augen.„Warum bin ich denn ſo betrübt?“ fragte ſie ſich ſelbſt: „aber warum mußte Henrik denn auch vom Sterben und ſeinem Grabe ſprechen, wenn er ſo friſch und roth vor mir ſteht? Käme Lars nur, Lars, Lars!“ Sie richtete ſich auf und horchte, dann lief ſie hinaus und ſah im Sternenſchein nach dem Fjord hinab. Die Wellen rauſchten ſchäumig an die hohen Ufer, es klang, wie Ruderſchlag, herauf, doch die Schatten der Fjellen fielen ſchwarz auf die Fluth, ſie konnte nichts entdecken. Mehrmals rief ſie Lars bei Namen, ihre Stimme kam hohl zurück, und mit wach⸗ ſender Ungeduld nahm ſie ihren Platz am Herde wieder ein, um mehr noch als vorher ihren Träumen und Sorgen nachzu grübeln, die ſich alle, wie um einen Mittelpunkt, um Henrik Dartley ſammelten. Und während ſie mit ihren Gedanken den bewunderten Mann verfolgte, hatte dieſer die Halle von Rothbergsland längſt erreicht und ſaß ordnend vor ſeinen Papieren in dem großen einſamen Hauſe. Manche wurden dem Feuer geopfert, andere beſſer verwahrt, und endlich nahm Dartley die Feder und ſchrieb emſig an einem Briefe, den er ſorgſam Zeile für Zeile muſterte und den Inhalt überlegte. Er bemerkte nicht, daß draußen vor dem Fenſter eine Geſtalt erſchien, die auf ihn ſah und verſchwand, als er den Kopf aufrichtete, daß dann eine andere noch näher herantrat und ihn mit rachſüchtiger Freude betrachtete. Mit leiſen Schritten gingen Männer an dem Gebäude hin. Es raſſelte wie von Waffen, und als die alte Wirthſchafterin den Kopf aus ihrer Kammer ſteckte, ſprang ein ſchwarzes Geſpenſt jäh auf ſie los und warf ihr, furchtbar ſchnaubend, die Thür an den Hals, daß ſie der Länge nach niederfiel. Dann wurde der Riegel vor⸗ geſchoben; der alten Matthea vergingen die Sinne. Q◻ „Ja, ſo ſoll es ſein,“ ſagte Henrik, ſeine Schrift betrachtend, „ſo, meine geliebte Anna, will ich für Dich Sorge tragen, wenn etwa der Tod, wenn Reiſa⸗Rowa mich hinabreißt.“ Er horchte auf das Geräuſch im Hofe des Gaard und ſagte lächelnd:„Man ſollte wirklich meinen, der Unhold ſtehe an dem Thor und klappere mit den Schlöſſern. Aber es ſind meine Freunde,“ fuhr er fort, als er jetzt feſte Schritte im Nebenzimmer hörte.„Es ſind Niels, Gullik, Herbrand und Lars.“ Die Thüre wurde aufgemacht, doch ſa henrik underten dlängſt gooßen andere ſchrieb muſterte ßen vor ſcwwand, h näher dit leiſen elte wie vf aus Hauf ſie en Hals, xgel vor⸗ rachtend, en, wenn horchte 1„Man klappere kl fort, d Niels, tt doch 287.— es antwortete Niemand.„Kommt herein, meine Freunde,“ fuhr er fort, indem er ſich umwendete. Ein großer Mann im blauen Schifferrock, den Hut auf der Stirn, ſtand am Eingange.„Iſt das der Burſche?“ fragte er mit rauhſchallender Stimme. „Es iſt Herr Henrik Dartley,“ erwiederte ein Anderer, der ſich hinter ihm befand. In der erſten Ueberraſchung war Henrik aufgeſprungen und blickte verwundert auf den fremden Gaſt. Im nächſten Augenblick ſchien er nichts Gutes zu ahnen, denn er faßte nach dem Meſſer an ſeiner Hüfte; doch ſchneller noch, als er, trat der Mann von der Thüre einen Schritt auf ihn zu und ſagte höflich:„Sie kennen mich, Herr Dartley?“ „Capitain Roſen, ja. Was führt Sie nach Rothbergsland?“ „Sie ſollen es ſogleich erfahren. Setzen Sie ſich, Herr Dartley, nur hüten Sie ſich vor jeder Uebereilung. Hier iſt mein Freund Munſter, von Seiner Majeſtät Schiff„die drei Schwe⸗ ſtern“, der Ihre Bekanntſchaft zu machen wünſcht und Sie bittet, ihm auf kurze Zeit die Ehre Ihres Beſuches an ſeinem Bord zu ſchenken.“ „Ich begreife Sie nicht, Capitain,“ erwiederte Henrik,„aber ich muß Ihr Anſinnen ablehnen.“ „Sie werden es nicht ablehnen,“ verſetzte der Baron nach⸗ drücklich;„Sie dürfen es nicht ablehnen.“ Der junge Mann ſchwieg einen Augenblick.„Das heißt,“ ſagte er dann,„Sie wollen mich zwingen, Ihnen Folge zu leiſten.“ = „Wenn es nicht anders ſein kann, ja.“ „Und mit welchem Rechte,“ rief Henrik heftig und ſtolz, „dringen Sie in eines freien Mannes, in eines norwegiſchen Bürgers Haus, um eine Gewaltthat auszuüben 20 „Die Verantwortung für das, was ich thue, iſt meine Sache, Herr Dartley. Wiſſen ſollen Sie nur das: Sie ſollen und müſ⸗ ſen mir folgen, ſei es mit Güte, ſei es mit Gewalt. Es ſoll Ihnen kein Leid geſchehen, allein Sie werden auf einige Zeit dieſen Ort verlaſſen, wo Ihre Gegenwart nur Schaden ſtiftet, wo Sie Unruhen erregen und die Gemüther verwirren. Sicher iſt es zu Ihrem eigenen Wohle, und je weniger Sie widerſtreben, deſto beſſer für Sie.“ „Was machen Sie für Umſtände mit ihm, Capitain!“ rief der rauhe Munſter, indem er Henrik's Arm ergriff.„Hört, Burſche, Ihr ſtiftet hier Aufruhr und Verrath, darum ſollt Ihr eine Reiſe machen. Ich will Euch zur Ordnung bringen, vorwärts mit Euch und ſeid gehorſam.“ Dies gewaltige Ergreifen weckte Dartley's ganzen Muth. Mit einem einzigen Stoß warf er den Seemann ſo heftig an die Wand, daß der Hut von ſeinem Kopfe flog, dann ſprang er nach der Thüre, und Roſen hielt ihn nicht auf.„Gewalt gegen Gewalt!“ rief er,„haltet ihn feſt, Ihr da!“ und plöͤtzlich ſah ſich Henrik von einem halben Dutzend kräftiger Matroſen ange⸗ griffen, die in der Halle ruhig gewartet hatten. Mehrmals rang er ſich los und ſchlug ein Paar der Angreifer nieder, endlich ſtrauchelte er, und nun ward er zu Boden geworfen und mühſam feſtgehalten. id ſtolz, vegiſchen te Sache, nd müſ Es ſoll ige Jeit n ſtiftet Sicher erſtreben, in!“ rief „Hört, ſoll Ihr vorwärts iI Muth. heftig al ſprang dl alt gegel öölih ſh vſen ange jale rang r, endlich mühſamt —ꝛ—ꝛÿü — 289— Roſen hatte das Licht genommen und leuchtete dazu.„Sie hätten denken können, Herr Dartley,“ ſagte er,„daß ich meine Maßregeln gut genommen habe. Wollen Sie jetzt Vernunft an⸗ nehmen?“ „Gegen Räuber, gegen Nichtswürdige!“ ſchrie der Liegende, indem er eine neue Anſtrengung machte. „So müſſen wir ihn binden,“ fuhr der Capitain fort, „und wenn Sie nicht ſchweigen, müſſen wir Ihnen weiter be⸗ ſchwerlich fallen.“ Es war Alles dazu vorbereitet, denn in dem nächſten Augen⸗ blick wurden Dartleys Arme auf dem Rücken zuſammengeſchnürt. „Stellt ihn auf die Füße,“ ſagte Roſen,„und nun hören Sie, Dartley, ich will ſo wenig, als möglich gewaltſam verfahren; alles Andere wird von Ihnen ſelbſt abhängen.“ Er leuchtete auf dem Schreibtiſche umher, öffnete mehrere Papiere und las den Brief, der unvollendet geblieben war. „Sie krönen Ihre geſetzloſe Handlung damit, daß Sie Briefe öffnen und leſen, die mein Eigenthum ſind!“ rief Dartley ihm zu. Der Capitän achtete nicht darauf. Er las aufmerkſam weiter, faltete das Papier und ſteckte es in die Taſche. „Das iſt ein hübſches Dokument für Ihr Treiben, Herr Dartley,“ erwiederte er dann; eine vollſtändigere Rechtfertigung für das, was ich thue, bedarf es nicht. Sie benachrichtigen Ihre Freunde, daß Sie allen Ihren Einfluß angewendet haben, um die Bauern aufzuregen und auszuführen, was von Ihnen begehrt wurde; daß Ihr Vorhaben gefährlich, der Erfolg aber kaum zu bezweifeln ſei; daß, wie es auch kommen möge, Sie für die Mügge, Henrik Dartley⸗ 19 — 290— Freiheit des Vaterlandes handeln und ſterben wollen. Die Stunde ſei nahe, morgen müſſe es entſchieden ſein. Sie haben Todes⸗ ahnungen gehabt, Herr Dartley,“ fuhr er ſpöttiſch fort,„denn dieſer Brief iſt zugleich eine Art Teſtament zu Gunſten einer gewiſſen jungen Dame, die Ihnen theuer iſt. In dieſer Beziehung ſeien Sie ſicher! Ihre Herzensangelegenheiten gehen mich nichts an; im Uebrigen, werden Sie nicht ſterben, und ſollte es ſein, ſo wird Ihr Wille dennoch befolgt werden. Ich ehre Ihre Em⸗ pfindungen und Ihre Entſchlüſſe.“ „Ehren Sie vielmehr die Rechte eines freien Mannes, die Sie gewiſſenlos mit Füßen treten!“ ſagte Henrik.„Wo iſt der Befehl meiner geſetzmäßigen Obrigkeit, mich zu verhaften? Sie, ein Fremder, ein Däne, Sie ſollen Rechenſchaft geben, Herr, für jede Kränkung, die mir geſchehen iſt.“ „Wie gewiſſenhaft Sie ſind,“ erwiederte der Offizier.„Ich will Sie jedoch überzeugen, daß ich nach dem Willen der Obrig⸗ keit handle. Laſſen Sie uns gehen; aber noch eins, Herr Dart⸗ ley. Sie werden keinen Verſuch zur Flucht machen, denn ein Dutzend Kugeln würde Sie durchbohren, ehe Sie zehn Schritte weit wären; auch werden Sie keinen unnützen Lärm erheben, denn man würde Sie zuſammen ſchnüren und knebeln, wie ein Stück Tuch in der Segelkammer.“ Henrik folgte ſchweigend. Auf einen Wink des Capitains ergriffen zwei Matroſen den Gefangenen bei den Armen und führten ihn den felſigen Pfad hinunter zum Fiord, die übrigen umringten ſie. Es waren zehn mit Piſtolen und Säbeln bewaff⸗ nete Männer und Dartley hatte nicht die geringſte Hoffnung, Stunde n Addes⸗ rt,„denn ſten einer Beziehung ch nichts ss ſein, Ihre Em⸗ unes, die o iſt der en? See, zerr, für jer.„Ic er Obrig⸗ err Dart⸗ denn ein 1 Schritte erheben, wie ein 1 Gxxitrins rnen und übrigen n bewaff soffnung, einer ſolchen Schaar Feinde zu entkommen. Man hob ihn in das große Boot, warf einen Matroſenmantel um ſeine Schultern, drückte einen Matroſenhut auf ſeinen Kopf und ſetzte ihn auf den Boden nieder, indem man die Enden des Strickes, der ſeine Arme feſſelte, um eine Ruderbank ſchlug, an welcher er mit dem Rücken lehnte. So glitt das Boot ſchnell und ſtill den Fjord hinab. Nie⸗ mand ſprach. Die langen Ruder tauchten leiſe in die dunkle Tiefe, und weckten das geheimnißvolle Leben der Wellen auf. Goldene Funken ſprühten empor und fuhren zuckend hin und her; ein Feuerſtrudel folgte dem Fahrzeuge und verlor ſich ſchim⸗ mernd in der Ferne. Henrik hatte den Kopf niedergebeugt, ſeine Seele war voll Gram und Zorn. Bald ergriff ihn die ganze Schwere ſeines Schickſals mit zerſchmetternder Gewalt, bald die ohnmächtige Wuth über das, was geſchehen, und ſo unerwartet plötzlich alle ſeine Hoffnungen zerſtörte. Er dachte an Anna, und mehr noch an ihre Zuknnft, ihren Schmerz, ihre bittere Noth, als an die ſeine. Aber ſeine junge ſtarke Bruſt war nicht ge⸗ macht, ſich lange einer nutzloſen Verzweiflung zu überlaſſen; bald fühlte er einen neuen Strom von Muth durch ſein Herz rinnen. Das leuchtende Meer warf ſeine goldenen Funken hinein und zündete ein Feuer an, vor deſſen Gluth die Hoffnungsloſigkeit ſchmolz. Und jetzt blickte er auf, da flammte ein rother Stern am Ufer. Ein Haus lag dort, es war der Gaard von Bunſerud. An der Thür ſtand ein Weib, die eine Kienfackel hoch in die Luft hielt, das war die treue Karina. Henrik erkannte ſie. Ein einziger Schrei konnte ihr ſagen, er ſei es, der in dieſem Boot 19* — 292— hinabſchwimme, aber er ſchrie nicht, denn die Klugheit hielt ihn warnend ab. Er blickte ſeitwärts und ſah das finſtere Geſicht des Capitäns Munſter, vom Feuer der Fackel angehaucht, rache⸗ durſtig auf ſeine Lippen geheftet. Die ſchlaue Verſtändigkeit ſeines Volkes, welche auch ihm eigen war, ſagte ihm:„Wage nichts, wo der Erfolg ſo unſicher iſt und eine unbeſonnene Handlung deine Lage nur verſchlimmern könnte. Warte ab, was geſchieht, es wird ſich eine beſſere Gele⸗ genheit zeigen. Karina hat ein ahnungsvolles Herz; leicht kann es auch ohne Deinen Ruf Gefahr erkennen, und ſind nicht in wenigen Stunden dreißig wackere Männer in Deinem Hauſe? Wird die alte eingeſperrte Matthea nicht Lärm erheben? Es iſt nicht Alles verloren, und wenn nun...“ Er wurde in ſeinen Gedanken unterbrochen, und alles Blut drängte ſich zum Kopfe, denn ein Fiſchernachen fuhr vorüber; deutlich erkannte er Niels Hanſens ſingende Stimme. Im nächſten Augenblick aber ſchwieg der Geſang wieder, der Nachen ſchoß raſch dahin und verſchwand, während das Licht aus dem Pfarrhauſe zu Grover zwiſchen Fels und Bäumen hervorſchimmerte. Der Capitän kehrte das Steuer zum Lande und bald lag die Spitze des Bootes an dem Geſttein.„Jetzt, Herr Dartley,“ ſagte er,„will ich Sie überzeugen, daß Ihre Verhaftung recht⸗ mäßig erfolgte.“ Er ſprang ans Land, und eben öffnete ſich die Thür des Pfarrhauſes. Ein Mann trat raſch heraus, und ein anderer folgte ihm.„Habt Ihr ihn? fragte der Erſte mit lauter Stimme? Henrik erkannte Oerſteen. Scham, Zorn und Rache füllten hielt ihn e Geſicht ht, rache⸗ auch ihm unſicher hlimmern ſere Gele⸗ ſicht kann nicht in n Hauſe? 7 Es iſt in ſeinen n Kopfe, er Nils er ſchwieg rſchwand, ſchen Fels bald lag Dartlen, ung roch t ſih d ein e und pit lauter he füllten — 293— ſeine Bruſt. Die drei Männer ſprachen heimlich unter den Bäu⸗ men, dann kamen ſie langſam näher.„Wo iſt er denn?“ fragte der Amtsaſſeſſor. „Wir haben ihn binden müſſen,“ erwiederte Roſen.„Er ſitzt dort im Boote an der Bank.“ „So ſagen Sie ihm, Probſt Fahlberg, daß das Wohl des Landes ſeine zeitweilige Fortſchaffung erfordert, und daß er ſelbſt ſich dieſes Schickſal bereitet hat.“ „Henrik Dartley,“ ſagte der Probſt mit ungewiſſer Stimme, „Du ſtörſt den Frieden in jeder Weiſe, auch meines Hauſes Frieden haſt Du untergraben. Darum ſollſt Du am Bord des Schiffes bleiben, bis Du keinen weiteren Schaden anrichten kannſt; doch ſoll Dir kein Leid geſchehen, und in wenigen Tagen wirſt Du frei ſein.“ „Das wird ſich finden,“ flüſterte Oerſteen Roſen zu. „Dafür wird Munſter ſorgen,“ erwiederte dieſer. „Probſt Fahlberg,“ erwiederte Henrik gefaßt,„ich mache Dich und den Mann, der bei Dir iſt, verantwortlich für dieſe ſchändliche Gewaltthat. Man raubt mir meine Freiheit, Gott weiß, was man weiter mit mir vor hat! Gebunden und mißhandelt, wie ich es bin, rufe ich Schmach und Schande auf diejenigen, die Dich bewogen haben, ihr Gehülfe bei einem Verbrechen gegen den Sohn Deines Freundes, wie gegen einen Bürger Norwegens zu ſein. Du wirſt den Geſetzen Rechenſchaft geben müſſen, aber noch weit mehr Deinem Gewiſſen. Mir wird der Himmel einen Helfer in meiner Noth erwecken.“ Der Probſt antwortete nicht, aber Oerſteen rief an ſeiner — 294— Stelle:„Den Geſetzen ſowohl wie dem Gewiſſen wird die Recht⸗ fertigung nicht fehlen. Schafft ihn fort! Ich will es vor Jeder⸗ mann verantworten; wir haben Beweiſe genug für ſeine Ab⸗ ſichten.“ „Bringt ihn an Bord der Najade,“ befahl Roſen,„und bleiben Sie bei ihm, Munſter, bis ich zurückkehre.“ Das Boot ſtieß ab, die drei Zurückbleibenden gingen dem Hauſe zu. „Ich will es vertreten in Eidsvold, oder wo es ſein mag,“ wiederholte Oerſteen.„Dieſer unruhige Kopf mußte zur Ruhe gebracht werden, wenn nicht das heiloſeſte Unglück entſtehen, Blut und Verderben über uns kommen ſollte. Weißt Du, Roſen, was er beabſichtigte? Er hatte die Bauern aufgewiegelt, Dein Schiff im Namen Norwegens in Beſchlag zu nehmen, das hatten die Verſchwörer in Chriſtiania ihm aufgetragen.“ Der Capitän ſchlug in ſpöttiſches Gelächter auf.„Dieſe Bauern, mein Schiff!“ rief er. Plötzlich aber ward er ſtill, blickte zurück und blieb ungewiß ſtehen.„Es ſoll an andern Orten Aehnliches ſchon verſucht worden ſein, ſagte er, und wenn dieſe Aufrührer wirklich ſo toll wären...“ „Sei ganz ruhig,“ fiel Oerſteen ein,„die Bauern waren vernünftiger, als er. Sie haben ihn verlaſſen.“ „Gut, aber morgen verlaſſe ich den Fjord und bringe die Najade in Sicherheit,“ flüſterte Roſen. „Morgen, wenn ich gewählt bin und Alles vollbracht iſt,“ erwiederte Oerſteen; dann hebe Deine Anker und geh. Ich will Dir Briefe mitgeben.“ ſein der P die Recht⸗ or Ider⸗ ſeine Ab⸗ en,„und das Boot zu. in mag,“ zur Ruhe entſtehen, uu, Roſen, elt, Dein as hatten f.„Disſ ſill blcke ern Orten wenn dieſe ern wurdl bringe die :7½% 0 uncht iſt ach will Ich will — 295— „Ich habe auch einen Brief!“ ſprach der Offizier leiſe in ſein Ohr.„Lies ihn, jetzt erſt wird mir ſein Inhalt klar. Aber der Verräther iſt in meiner Hand. Keine Schonung mehr, Herr Probſt; ich will ihn feſthalten und zur Strafe bringen.“ XII. Ein Zeuge von Henriks letzten Worten war am Fjord zu⸗ rückgeblieben, ein Weib, das mit ſtummer Verzweiflung dem Boote nachſah und an dem Baume niederſank, der ſie verbarg, als die Ruderſchläge verhallten. Anna war unbemerkt den Män⸗ nern gefolgt, als ſie Oerſteen ausrufen hörte:„Da ſind ſie, ſie haben ihn!“ und ſie hörte Henriks Stimme, ſie hätte aufſchreien und hervorſpringen wollen, aber Stimme und Füße verſagten ihr den Dienſt, und jetzt pries ſie es als ein Glück, denn ein muthiger Gedanke erfüllte ſie plötzlich, und alle ihre Furcht löſete ſich darin auf.„Der Himmel wird Dir einen Helfer erwecken, Henrik!“ rief ſie,„und hier iſt er, hier bin ich!“ Ihre Augen glänzten in Kraft zur entſchloſſenen That. Wie verfolgt von einem böſen Feinde, lief ſie über die Moorgründe den Bergen zu. Ihre Schuhe blieben im Sumpfe ſtecken, ſie achtete es nicht; ihre Füße bluteten bald von den ſpitzen Steinen, doch fühlte ſie kaum den heftigen Schmerz. Ueber die jähen Felſen, die ſie nie ohne Schau⸗ dern betreten, klomm ſie jetzt mit wilder Haſt, und über die ſchmalen Stufen des gefährlichen Pfades ſprang ſie auf und nie⸗ der, ohne an den Abgrund zu denken, der dicht daneben lag. Aus dem Gebirge dröhnte es dumpf, denn lau ſtrich ein Frühlings⸗ wind darüber hin; Lawinen⸗ und Steinſtürze in die Thäler ſchleudernd. Der tiefe Meeresarm glänzte im Sternenlicht, aber Anna ſah nur einen Stern: das Licht im Hauſe von Bunſerud, und wie ſie es erreicht hatte, riß ſie die Thür auf und taumelte athemlos an den Pfeiler in der Mitte der Feuerhalle. Ihr Haar hing verwirrt über ihre Schultern; ihre bluten⸗ 2 den Hände, ihr zerriſſenes Kleid, ihr glühendes Geſiicht, geritzt von dem dichten Birkengeſtrüpp, mit dem ſie gekämpft, machten ſie faſt unkenntlich. Lars, der mit ſeinem Gefährten am Tiſche ſaß, ſprang erſchrocken auf. Karina aber eilte auf ſie zu, hielt ſie in ihrem kräftigen Arme feſt und las aus ihren Mienen Hen⸗ rik's Unglück. „Was iſt geſchehen?“ ſagte ſie heftig,„rede, Jungfrau Fjord zu⸗ ung dem verbarg, den Män⸗ a ſie, ſie ſſchreien ihenn Anna! Du klagſt um Henrik. Wo iſt er? Was iſt ihm zuge⸗ 5 dem di ſtoßen? Reiſa⸗Rova hat ihn in ihr ſchwarzes Netz geriſſen, es döt liſt lag um ſeinen Kopf, ich ſah es.“— ervetn„Hilf, ihm, Lars!“ ſchrie Anna, ſie haben ihn fortge⸗ V re Augen ſchleppt.“ inrem„Wer?“ fragte der Bauer. np„Die Dänen— auf ihr Schiff.“ t diß Lars blieb einen Augenblick ſtumm ſtehen, dann faßte er ſein ihre d 3 langes Haar und warf es in den Nacken.„Siehſt Du wohl, eaum den 1 1. ta Niels,“ ſagte er ruhig,„daß es ihr Boot war, das mit Henrik e Schau⸗ uns begegnete? Ich hatte eine Ahnung, er müſſe es ſein, der zwiſchen den Dänen ſo tief am Boden ſaß. Er kreuzte die Arme über ſeine Bruſt und ſtemmte den Fuß auf den Feuerſtein.„Er⸗ zähle mir alles, was Du weißt, Jungfrau Anna,“ fuhr er fort, „ſetze Dich hier an’'s Feuer und ſei ruhig; Henrik Dartley wird geholfen werden.“ Anna erzählte, was ſie gehört; Lars bewegte keinen Zug ſeines Geſichts. Nach und nach glänzten ſeine Augen wild und feurig, und ſeine hohe Geſtalt richtete ſich ſtolz auf.„Auch Dein Vater, Gott verzeih' es ihm, Jungfrau Anna, er hat eine ſchlechte That gethan! Du machſt es wieder gut, der Bauer wird Hen⸗ rik zu ſeinem Recht verhelfen.“ Er nahm zwei Gewehre vom Balken und reichte das eine Niels hin, dann ſteckte er das Meſ⸗ ſer in ſeinen Gurt und zog die rothe Mütze über den Kopf. „Wohin gehſt Du, Lars?“ fragte Anna. „Zu Henrik!“ erwiederte er. „Nimm mich mit Dir, ich muß Dich begleiten.“ „Sorge für die Jungfrau, Karina, lebe wohl.“ Anna hielt ihn feſt.„Ich kann nicht zurück, Lars,“ rief ſie, und eine verzweiflungsvolle Entſchloſſenheit glühte in ihrem Geſichte.„Ich muß mit Henrik leben oder ſterben.“ „Mußt Du, Jungfrau?“ ſagte Lars, gerührt von dem Muth ihrer Liebe;„nun, ſo ſollſt Du mit uns gehen, und redlich theilen, was über uns verhängt wird. Bleibe mit Niels hier und erwarte mich. Wenn Ihr mich hört, ſo kommt an den Fiord.“ Er eilte ſchnell davon. Eine halbe Stunde ſpäter lag Roth⸗ bergsland vor ihm, und mit Freude erblickte er Kähne mit Fak⸗ ſein, der die Arme in. Er⸗ er fort, ley wird ien Zug vild und uch Dein ſchlechte ird Hen⸗ hre vom as Meſ⸗ Kopf. rs,“ riff in ihrem von den nd rͤlich hier und iord⸗ 1 Rotj nit Fal⸗ keln auf dem Waſſer ſchwimmen, die von mehreren Seiten ſich näherten. Die großen Tannenſcheite brannten in den Spitzen der Fahrzeuge, wie es geſchieht, wenn Nachts die Männer über die Meeresbuchten fahren, um mit dreizackigem Speer den Lachſen aufzulauern. Die kräftigen Fiſcher ſtanden darin, ihre rauhe Bruſt und das lang flatternde Haar dem Winde Preis gegeben; aber ſtatt des Speeres trugen ſie ihre ſchwarzen Büchſen und die Kugeltaſche auf der Schulter. Andere Fahrzeuge lagen am Ufer; ein Kreis von Bauern ſtand daneben, unſchlüſſig berathend und durcheinander redend. Als Lars zu ihnen trat, riefen Mehrere:„Der wird ſagen können, was wir nun machen ſollen. Henrik Dartley hat uns zu ſich beſchieden, aber er iſt nirgends zu finden, Matthea, das alte Weib, iſt toll geworden. Sie lag eingeſperrt in ihrer Kam⸗ mer und ſchrie, der Teufel ſei da geweſen und habe ihr den Kopf eingeſchlagen. Das Haus iſt leer. Tiſch und Stühle ſind umgeworfen. Was kann geſchehen ſein, Lars? Wo iſt Henrik?“ „Auf dem Schiffe bei den Dänen,“ erwiederte Lars,„dort wollen wir ihn ſuchen, ſie haben ihn gefangen hier in ſeinem Hauſe, wir wollen ihn frei machen. Ich frage nicht, ob Ihr wollt, denn ich weiß, Ihr wollt Alle. Gebt mir Eure Hände, Nachbarn!“ Sie ſtreckten die harten, ſchwieligen Hände ſchweigend aus, das war ihr Schwur. Dann ſagte Lars:„Löſcht die Feuer aus und ſprecht kein Wort. Wir ſind wenige, aber wir ſind Männer. Das Schiff müſſen wir haben, oder wir müſſen Alle ſterben; wenn's jedoch ſein kann, wollen wir leben und vielleicht kein Blut vergießen. Liſt hilft oft mehr, als Gewalt und auf der Corvette, die Norwegen gehört, ſo gut wie der Felſen hier und das Meer, haben wir Freunde, die uns beiſtehen werden. Steigt denn in Gottes Namen ein und folgt mir. Ich will der Erſte ſein, der Euch den Weg zeigt.“ Leiſe und raſch glitten die Jollen den Fjord hinab. Auf den Uferſteinen am Gaard von Bunſerud ſtanden ein paar verhüllte Geſtalten. Es war Anna, die, in den Regenrock des Bauers ge⸗ wickelt, von Niels in das Fahrzeug geſchoben wurde, dann ging es ſchweigend weiter, und bald ſahen ſie die Ufer zurückweichen. Das Pfarrhaus von Grover warf ein einſames Licht aus der Ferne herüber, und Anna ſenkte ſeufzend den Kopf. Sie dachte an ihren Vater, der vielleicht jetzt ſchon ängſtlich nach ihr ſuchte, obwohl ſie eine ſo ſchnelle Entdeckung ihrer Flucht nicht zu fürch⸗ ten hatte. Nach und nach öffneten ſich die düſteren Felſenlinien, unter denen die Boote der Fiſcher hinſchlichen; die Wellen ka⸗ men weiß beſäumt von der Bucht herein, und durch die düſtern Wolken im Norden lief ein röthliches Zucken, das hellere Strah⸗ len dann und wann mit ungeheuerer Schnelle gegen den Zenith des Himmels ausſandte. Bei einem dieſer matten Nordlichtsblitze berührte Lars Annas Schulter und deutete auf einen dunkeln ſchwankenden Körper, der im wogenrauſchenden Meere lag. Drei ſchlanke Säulen ſtiegen in die Nacht empor; unten glänzte die See und ſprühte goldene Tropfen aus, oben fuhr das geheimnißvolle Meteor über die flatternden Wimpel und zeigte auf Augenblicke, heller leuchtend, das zierliche Gitterwerk der Taue und Maſten auf der hier und e Steigt der Erſte Auf den verhüllte mers ge⸗ amn ging weichen. aus der te dachte r ſuchte, ufürch⸗ ſenlinien, ellen ke⸗ düſtern e Strah⸗ n Zenith te Lars ankenden ſchlanke See und nißvolle denblice Maſten — 301— des großen Schiffes. Alles war ſtill auf dem Deck; der rauhe Wind und fein fallende Eisſtückchen hatten die Wache unter das Bollwerk getrieben. Eine Strickleiter hing von oben nieder, meh⸗ rere Boote ſchwammen am Schiff; als aber Lars kleiner Nachen von einer hohen Welle heftig gegen die Wand der Corvette ge⸗ worfen wurde, ſah ein Kopf von oben herunter, und eine rauhe Stimme fragte, wer da ſei?. Niels Hanſen ſtand in der Spitze und flüſterte leiſe hinauf: „Ich bin es, Olof, mein Junge, und ein paar andere wackere Männer, die mit Dir zu reden haben.“ Zugleich war er wie eine Katze, auf der Leiter, und ſeine vier Gefährten hinter ihm her. „Was willſt Du, Niels?“ fragte der Matroſe erſtaunt, aber Lars legte ſeine große Hand auf ihn und ſagte:„Wir ſind hier, um einen Mann zu befreien, den die Dänen gefangen ha⸗ ben. Wo iſt er?“ „Dort unten bei dem Capitän,“ erwiederte Olof erſchreckt. Die Wache war aufgeſprungen. Lars ſchützte die Stelle, wo die Leiter herab hing und immer mehrere der Bauern ohne Wi⸗ derſtand über das Bollwerk ſtiegen. Leiſe und lange ſprach Lars mit den Matroſen. Einige ſchlichen ſich fort und holten Andere; plötzlich aber kam ein alter Mann im dunkeln Schifferrock, der wachthabende Offizier, die Treppe herauf und trat ſchnell herbei, als er den Menſchenhaufen erblickte.„Was gibt es hier?“ fragte er laut. „Biſt Du ein Norweger?“ erwiederte Lars. ſ „Ja! — 302— „Dann will ich es Dir ſagen. Im Namen des Landes ha⸗ ben wir dies Schiff beſetzt und wollen es feſthalten, bis unſere Sache entſchieden iſt, nach dem Willen der Volksverſammlung in Eidsvold.“ Der Offizier ſchwieg, er war umringt. Er war ein Norweger und, wie die meiſten, der Sache ſeines Vaterlandes zugethan. Er wußte auch, daß man mehrere Kriegsſchiffe in ver⸗ ſchiedenen Häfen für Norwegen in Beſchlag genommen und, was däniſches Eigenthum war, zu entſchädigen verſprochen hätte. „Wenn Du Auftrag haſt, ſo zu handeln, wie Du thuſt,“ ſagte er,„ſo ſprich mit dem, der hier zu befehlen hat.“ Er deu⸗ tete auf den Eingang zur Cajüte. „Das will ich,“ erwiederte Lars,„ich will mit ihm reden, wie ein Mann; inzwiſchen beſetzt das Schiff, und wer ein Freund Norwegens iſt, der helfe dem Vaterland zu ſeinem Recht.“ Er drückte dem Niels Hanſen dedeutungsvoll die Hand, ergriff mit der andern Anna beim Arm und führte ſie fort. „Jetzt iſt es Zeit, Jungfrau,“ flüſterte er,„jetzt gilt es, raſch zu handeln und Alles zu gewinnen, oder Alles zu ver⸗ lieren.“ Auf der Treppe zum Zimmer des Capitäns brannte eine Doppellampe. Alles war bequem und elegant, das Geländer von blankem Meſſing, die Thüren von Mahagoni mit Goldverzie⸗ rungen, und laut genug drang die Stimme des Barons hindurch, um verſtanden zu werden.„Sie ſind zornig, Herr Dartley,“ ſagte er,„aber ein Mann muß ſich in ſein Schickſal finden, und das Ihrige iſt nicht das härteſte. In ein paar Monaten ſind Sie wieder hier, und an Erfahrungen reicher geworden. Sie hatten nen es — un pflicht 4 ſetloſeſt 7 rechten. tin M Wir m der let „8 lich, d J drängte ſagte d wunden deckte — 303— hatten den Plan gemacht, dies Schiff zu nehmen, und Sie leug⸗ nen es nicht einmal. Ich könnte Sie vor ein Kriegsgericht ſtel⸗ len und verurtheilen laſſen, wenn ich nicht ſelbſt einige Ver⸗ pflichtungen gegen Sie hätte.“ „Und Sie tragen dieſe Verpflichtungen lieber auf die ge⸗ ſetzloſeſte Weiſe ab,“ erwiederte Henrik. „Es wäre gänzlich unnütz, mit Ihnen länger darüber zu rechten. Das Stück iſt aus; die Zeit verfließt, dort ſteht Capi⸗ tän Munſter, den Hut auf dem Kopf, und ſein Glas iſt leer. Wir müſſen ſcheiden. Seien Sie folgſam und vorſichtig, das iſt der letzte gute Rath, den ich Ihnen ertheile.“ „O, daß ich vorſichtig geweſen wäre!“ rief Dartley ſchmerz⸗ lich,„daß ich guten Rath befolgt hätte! Lars.“ In dieſem Augenblick öffnete der Bauer die Thür und drängte ſeine mächtige Geſtalt herein.„Hier bin ich, Henrik,“ ſagte er. „Und auch ich, Henrik, auch ich!“ rief Anna, bei Lars vorübereilend. Der Hut und der Fiſcherrock fielen ab. Mit ihren wunden Händen umklammerte ſie den geliebten Mann und be⸗ deckte ihn mit ihren Küſſen. „Anna!“ rief Dartley, und er hatte Alles errathen. Seine Augen glänzten vor Luſt und Kühnheit. Er küßte ſie unzählige Male, dann rief er freudenvoll:„Ich wußte es wohl, Ihr wür⸗ det mich nicht verlaſſen. Das Stück iſt nicht aus, Capitän Ro⸗ ſen, es hat ein neuer Akt begonnen.“ „Und welcher?“ fragte der Baron beſtürzt. Ein gewaltiges -— 304— Getümmel und ein Hurrahruf ließen ſich auf dem Verdeck hören. „Was iſt geſchehen? Was ſoll das bedeuten?“ „Es ſoll bedeuten,“ erwiederte Lars,„daß ein Hurrah für Norwegen da oben gebracht wird und Du nichts mehr hier zu befehlen haſt.“ Der Baron griff raſch nach ſeinem Degen, welcher auf dem Tiſche lag, doch gleichmüthig trat der Bauer vor ihm hin und ſagte lächelnd:„Laß das Ding da ruhig ſtecken, wenn Du nicht den Schaden davon haben willſt. Sei ein verſtändiger Mann und überlege die Sache. Zu fürchten haſt Du nichts, es wird Dir kein Leid geſchehen. Das Schiff aber muß nach Ber⸗ gen, dahin gehört es, und dort mag weiter entſchieden werden, was damit geſchehen ſoll.“ Das Geſchrei von oben, die rauhen Stimmen, die Hurrah's und endlich der Anblick mehrer Bauern, welche mit ihren Büchſen die Treppe herunterſprangen, die Thüre aufſtießen, Dartley um⸗ ringten, ſeine Hände drückten und ihm verſicherten, daß er frei und die Corvette in ihrer Gewalt ſei, weil alle Norweger ſich mit ihnen vereinigt und ſein Werk gut geheißen hätten, dies Alles überzeugte den Capitain, daß an Widerſtand nicht mehr zu denken ſei. Er bemerkte aber auch die unheimlichen, düſtern Blicke, welche manche der bewaffneten Männer auf ihn warfen, und fürchtete nicht ohne Grund, daß, wo die Zügel ſtrengen Gehorſams ſo plötzlich zerriſſen, rohe, übermüthige Gewalt an deſſen Stelle treten und ihre Opfer fordern könnte. Er legte daher ſeinen Degen nieder und ſagte:„Herr Dartley, in Ihre Hände gebe ich mein Commando und alle Sorge für die Sicherheit dieſes königlichen Schiffes, wie für deſſen Beſatzung. Sie werden die eck hoͤren. rrah für r hier zu n welcher vor ihm en, wenn rſtändiger nichts,& nach Ber⸗ n werden, Hurrah Büchſen rtley um⸗ iß er fri weger ſich dies Alls zu denken ſen her ſeinen inde gebe erden die — 305— Thaten dieſer Nacht vor dem Prinz⸗Regenten zu verantworten haben.“ „Vor den Abgeordneten Norwegens in Eidsvold, Herr,“ erwiederte Dartley ſtolz. „So bin ich alſo wahrſcheinlich Ihr Gefangener?“ fragte der Capitain.„Ich bleibe, wo mein Schiff bleibt.“ „Ohne Zweifel,“ entgegnete Henrik ſtreng,„würden die Ge⸗ ſetze dieſes Landes wenige Umſtände mit einem Manne machen, der einen ſeiner Bürger gewaltſam aus ſeinem Hauſe riß, um ihn nach Indien zu deportiren. Ich will jedoch des glücklichen Ausganges wegen, und weil Perſonen in dieſe Sache verwickelt werden müßten, denen ich Ehrfurcht und Liebe ſchulde, nicht als Kläger auftreten. Gehen Sie nach Bergen oder nach Chriſtiania, beſchweren Sie ſich und vertheidigen Sie ſich; ſobald der Morgen da iſt, haben Sie volle Freiheit.“ „Und ich?“ fragte der trotzige Capitain des Indienfahrers, der unbeweglich geſtanden und zugehört hatte,„was wollt Ihr mit mir beginnen?“ „Ich hätte große Luſt, dem Kerl zu zeigen, wie es in der Haifiſchhöhle ausſieht, wo wir dicht bei ihm ſaßen und ihn aus⸗ lachten, als er uns vergebens ſuchte,“ ſagte Lars.„Höre, Du biſt ein ungerechter, gewaltthätiger Mann und ſollſt an Dir ſelbſt erfahren, wie Gewalt thut, wenn Henrik es ſo will.“ „Laß ihn,“ ſprach dieſer.„Er war ein bloßes Werkzeug in Anderer Hand. Mach', daß Du fortkommſt, ehe man Dich greift und feſthält. Ich werde ſorgen, daß Du an Deinen Bord gelangſt.“ Nun drängten ſich immer mehr der Bauern und Seeleute Mügge, Hemrik Dartley⸗ 6 20 — 306— herein. Von oben riefen viele Stimmen nach Henrik und Lars. Lichtſchein glänzte hell über das Verdeck, und Freudengeſchrei em⸗ pfing die Männer, als ſie in den dichten Kreis ihrer Freunde traten. Henrik Dartley hielt Anna an ſein Herz gedrückt, an der andern Hand führte er den Capitain.„Meine Freunde,“ ſprach er,„wir haben vollbracht, was wir gelobt; kein Unrecht drückt uns und kein Blut klagt uns an. So laßt uns immer einig und verſtändig handeln, wie es freien Männern geziemt, daß Recht auch Recht bleibt und die Morgenröthe dort oben an den Bergen uns keine Schamröthe in die Geſichter bringt.“ d Lars. grei em⸗ Freunde „an der ſprach t drückt er enig nt, daß an den XIII. Und als nun der Morgen roth und ſonnenhell ins Thal von Grover hinabſtieg, waren alle Pfade zu beiden Seiten des Fjord ſehr belebt. Aus den Bergwäldern hervor und von den jähen Abſtürzen nackter Fjellen kamen die Gaardmänner zu Fuß und zu Roß. Die raſchen, gelben und grauen Hengſte, rothe Bänder in ihre borſtigen, geſträubten Kämme und durch das lange Stirnhaar geflochten, wieherten ſich zornig an, und ihre feurigen Augen funkelten vor Kampfluſt. Zaumzeug mit Schlan⸗ genköpfen beſetzt, und Sättel mit hohen Pauſchen, dicht mit gel ben Nägeln beſchlagen, gehörten den Reicheren; viele ſaßen aber auch auf dem nackten Rücken ihrer Thiere, die mit wunderbarer Sicherheit die ſteilen Klippen niederſtiegen und niederrutſchten, ohne je zu ſtraucheln, handbreit an Abgründen von ſchwindeln⸗ der Tiefe vorüberſchritten, über Blöcke und Geröll, über Spal⸗ ten und Geklüft ſprangen, und dann über die Wieſen im Thal jagten in einem Wettrennen, das ihre Reiter mit Jauchzen be— gleiteten. — 20* — 308— Es kamen auch Weiber und Mädchen, ſeitwärts in hohen Sätteln ſitzend. Andere in Carriol und Karren, weil ſie mehr an befahrenen Wegen wohnten, und auf dem Fjord trafen ſich die achtrudrigen Boote, dicht beſetzt mit Volk im glänzenden Sonntagsſtaat, in weißen Pelzen mit blitzenden Knopfreihen, in rothen faltigen, mit grünen oder gelben Bändern beſetzten Rök⸗ ken, rothe flatternde Tücher über die Köpfe, und die ſchön ge⸗ flochtenen Zöpfe über den Rücken niederfallend. Ueberall war Freudenruf, überall trafen ſich Freunde und Bekannte, welche ſich lange nicht geſehen hatten, und die Männer, Alt und Jung, in ſtattlichen neuen Jacken, farbig beſetzt, die Hemden mit breiten Schnallen geneſtelt, die Schnallenſchuhe ſchwarz und ſauber, das weiße Beinkleid wohl gar mit bunter, feiner Wolle zierlich ge⸗ ſtickt, ſie ſchüttelten ſich die Hände und traten vertraulich ſpre⸗ chend zuſammen, nachdem ſie Roß oder Karren in der Nähe des Pfarrhauſes aufgeſtellt. In dieſem war es auch lebendig, denn der Probſt, der Rich⸗ ter, der Amtsaſſeſſor und Vogteiverwalter, ſeine Gehülfen, die Unterbeamten, Kirchſpielvoigte und Lensmänner ſaßen dort zu⸗ ſammen und hielten Rath über die Wahl. Der Kaffee dampfte, und der Probſt hatte zu verſchiedenen Malen ſchon nach ſeiner Tochter gefragt; aber die Mägde, welche vergebens an ihre Thür gepocht, hatten nicht den Muth, dem alten Herrn zu ſagen, daß ſie keine Antwort erhielten. Sie hatten es dem Doktor vertraut, der ſich bald überzeugte, Anna ſei fort, und bei allem Schreck und dem Gedanken, was nun folgen werde, im Grunde ſeines Herzens ein freudiges Gefühl darüber empfand. Er wußte es zu —V—V—— in hohen ſie mehr rafen ſich länzenden reihen, in ten Rök ſchön ge⸗ rall war velche ſich Jung, in t breiten lber, das rlich ge lich ſpre Nähe des dort zu danpfte⸗ ich ſeinen Thür ir. — 309— hindern, daß Fahlberg ſich weiter um Anna bekümmerte, denn er neigte ſich zu ihm und ſagte:„Dein Kind iſt da, wo es ſein muß; es kann nicht zu Dir kommen. Thue Du hier Deine Pflicht, andere Pflichten werden dieſer folgen.“ Eine innere Unruhe drückte ſich lebhaft in den Mienen des Probſtes aus. Er war niedergeſchlagen und beängſtigt, in inne⸗ rem Kampfe mit ſich ſelbſt und von Dartleys Abſchiedsworten, die ihn nicht verlaſſen wollten, tief erſchüttert.„Ich hoffe zu Gott,“ erwiederte er,„daß meinem Kinde nichts Böſes zuge⸗ ſtoßen iſt. Wenn Du wüßteſt, Magnus,“ fuhr er leiſe ſeufzend fort,„wie ſchwer mir ums Herz iſt! Ich wollte, ich könnte es ändern, was doch nimmermehr angeht, darum hilf mir zum Frieden, ſtatt zum Streit.“ „Hilf Dir ſelbſt,“ erwiederte der Doctor,„noch wirſt Du es können.“ In dem Augenblicke kam Oerſteen herbei und nahm den Probſt bei der Hand.„Ich danke,“ flüſterte er,„daß Alles gut vorbereitet iſt. Nach Ihrer Erklärung haben die Lensmänner den Plan, Sie zur Wahl vorzuſchlagen, fallen laſſen; eben ſo ſind Ihre Worte über Dartley nicht verloren gegangen. Der Richter aber hat nun ſeine Stimme für mich erhoben, wie Sie es wünſch⸗ ten. Gehen wir jetzt hinaus. Die Bauern ſtellen ſich ſchon zu⸗ ſammen. Es iſt kein Zweifel, daß, wenn Sie mit ihnen reden und mich empfehlen, faſt alle Hände ſich dafür erheben werden; denn der, welcher uns allein hinderlich ſein könnte, kommt nicht, und wie ich merke, ſind auch manche ſeiner Anhänger ausge⸗ — 310— blieben. Selbſt Lars von Bunſerud, der gefährlichſte von allen iſt nicht hier.“ Er führte den Probſt nach der Thür, doch eben wie ſie hinaus traten, fiel ein Kanonenſchuß, der ſeinen Donner in alle Klüfte der Berge ſchickte; dann folgte ein zweiter, ein dritter, und um die Felſenbiegung ſchwamm die Corvette, ihre weißen Segel vom Winde geſchwellt, Feuerſäulen nach allen Seiten aus⸗ ſendend und ganz in Rauch gehüllt. Die Sonne beleuchtete die Maſten, plötzlich aber wickelte ſich ein Knäuel vom höchſten Top. Norwegens Flagge entfaltete ſich und wehte groß und ſchön dem Lande zu. Die Segel fielen. Die Ankerketten raſſelten, da hörte man durch die zuckenden Blitze und Dampfwolken das Jubelge⸗ ſchrei der Beſatzung, und Boote kamen und ruderten dem Lande zu, wo die ganze Verſammlung aufgelöſt und überraſcht den Nahenden entgegen eilte. „Capitän Roſen macht ſich zu Ehren meiner Wahl das Vergnügen, uns feierlich zu begrüßen,“ ſagte Oerſteen lächelnd. „Er kommt ein wenig zu früh.“ 4 „Viel zu früh!“ ſchrie der Doctor,„denn hört, was iſt das—? Henrik Dartley! zehn Hurrah's für ihn, und da kommt er ſelbſt, und wer iſt bei ihm? Anna! wahrhaftig es iſt Anna! Amtsaſſeſſor, Dein Spiel iſt aus, jetzt haſt Du ganz und gar verloren.“— Im dichten Haufen ſeiner Freunde kamen die Beiden, und Lars, Niels, Karina, viele Andere waren mit ihnen. Der Probſt war ſo erſchrocken, daß er wankend ſich an dem Doctor feſt hielt. Das Unrecht, das er an Henrik gethan, trat ſchamvoll auf ſein von allen n wie ſie er in alle in dritter, e weißen aiten aus ſhtete die ſten Top. ſchon dem da hörte Vahl das läͤchelnd. was iſt da kommt ſt Anna! und gar den, und r probſt iſt hielt. auf ſein Geſicht; jetzt lag es offen vor der Gemeinde. Dazu kam die Angſt um Anna, Zorn über ſie. Er errieth, was ſie begonnen, und wie er ſie in Dartley's Arm erblickte, bleich und zitternd, die Hände flehend zu ihm ausgeſtreckt, da erbleichte und zitterte er ſelbſt; ſein Stolz brach zuſammen, und doch wußte er nicht, welcher der widerſtreitenden Empfindungen er folgen ſollte, bis endlich Thränen über ſein Geſicht ſtrömten und er beide Arme nach ſeinem Kinde ausbreitete. „Mein väterlicher Freund,“ ſagte Dartley bittend;„können Sie noch hart gegen mich ſein, können Sie mir das Herz ver weigern, das mit ſolcher Treue mein iſt? Sie haben dem Manne geglaubt, der dort mit ſcheuen Blicken neben Ihnen ſteht. Leſen Sie dieſen Brief, den ich bei ſeinem Freunde, bei Capitän Roſen fand, und urtheilen Sie, ob Sie Ihr Wort halten dürfen.“ Der Probſt nahm den Brief, der an eine hohe Perſon ge richtet war. Er las ſchneller und immer ſchneller. Plötzlich hielt er ein, ſchlug auf das Blatt, ſtreckte es mit Heftigkeit vor Oer ſteen's Augen und rief:„Haben Sie das geſchrieben? Ja, Sie ſchrieben es! Geſtern vor meinen Augen gaben Sie dem Capi tän dies Papier, und es iſt Ihre Hand! Sie verſpotten, Sie verachten die Freiheitsliebe Ihrer Mitbürger. Sie rathen der däniſchen Regierung, die Verſchwörer zu Boden zu ſchmettern; Sie geben Mittel an, wie die volle Macht zu bewahren ſei.“ „Ich habe nie geſagt,“ erwiederte Oerſteen gefaßt,„daß ich den tollen Wahn theile, der Unglück über mein Vaterland bringt. Ich bin für einen König, der Norwegen mit ſtarker Hand re⸗ gieren und beglücken kann, nicht für den Freiheitsſchwindel ſol cher Menſchen, wie Dartley, die nur Verwirrung und Aufruhr ſtiften.“ Dartley trat vor, aber der Probſt ergriff ihn bei der Hand und ſagte mit Würde:„Du ſollſt nicht antworten, Henrik, laß dieſe Männer entſcheiden. Was wir abzumachen haben, iſt unſere Privatſache. Hier aber iſt offene Wahl eines Abgeordneten; wir ſind mitten darin, und dort ſtehen die Wähler, ſie haben zu ſprechen. Ihr habt alle gehört, was Herr Oerſteen ſagte, ſo ent⸗ ſcheidet denn, ob er Euer Mann für Eidsvold ſein ſoll. Meine Stimme hat er nicht.“ Keine Hand hob ſich auf.„So mußte es ausfallen,“ ſagte Oerſteen mit erzwungener Gelaſſenheit, doch Wuth und Hohn machten ſeine Lippen zittern und drängten alles Blut aus ſei⸗ nem Geſicht.„Wie hätte es auch anders ſein können? Vollen⸗ den Sie jetzt ihr Vorhaben und Ihre Wortbrüchigkeit, Probſt Fahlberg. Dort ſteht Ihr Candidat, Henrik Dartley, der auf Ihren Wunſch und mit Ihrem Willen geſtern gefangen und ge⸗ bunden an Bord der Corvette geführt wurde, heute an Ihr vä⸗ terliches Herz gedrückt und nach Eidsvold geſchickt wird.“ Der Probſt ſenkte den Kopf.„Gott ſei mir gnädig!“ ſagte er ſeufzend,„ich habe ſchwer gefehlt und bin in großer Noth darüber. Wählt, liebe Mitbürger, wen Ihr wollt, Henrik Dart⸗ ley wird Euch ſagen, ob er Euer Abgeordneter ſein kann.“ „Nein!“ ſprach dieſer, indem er vortrat;„ich kann und werde es nicht ſein. Doch hier ſteht der Mann, dem ich meine Stimme gebe.“ Er deutete auf Lars von Bunſerud, reichte ihm ſeine Hand und ſtellte ihn neben ſich. Zuerſt war ein Schweigen Aufruhr der Hand nrik, laß iſt unſere tten; wir haben zu e, ſo ent⸗ I. Mäine n,“ ſagte d Hohn aus ſei Vollen Probſt der auf und ge⸗ Ihr vaͤ⸗ g¹“ ſagte Fer Noth rik Dart⸗ un.“ tann und ic meine dte ihm chweigen . d — 3413— überall, dann ein Murmeln, aber bald riefen Viele:„Henrik Dartley hat Recht, Lars ſoll es ſein, denn er iſt wacker in allen Dingen, der ſtärkſte und beſte Mann weit und breit, hülfreich und verſtändig in Rath und That.“ Da flogen die Hände alle empor, alle Wähler nannten ſeinen Namen und Lars richtete ſich ſtolz auf. Er ſah edel und ſchön aus, wie ein freier Mann aus alter Zeit, der an der Tingſtätte im Kreiſe des Volks ſeine Stimme erhebt.„Ihr habt mich gewählt, liebe Freunde,“ ſprach er,„und es ſoll Euch nicht gereuen, daß Ihr den Bauer in den Rath ſchickt; ich will Euch und dem Lande beſſer dienen, als der falſche Voigt da, den ich anklagen will, damit er ſeine Rich⸗ ter finde. Verſtändigkeit kann auch in der groben Jacke wohnen, und wie ich höre, werden in Eidsvold Bauern, Soldaten und Matroſen mit gelehrten und reichen Leuten vereint ſein, ohne Unterſchied des Standes, wie es gut und recht iſt. So will ich denn gehen und Euch Ehre machen; denn Niemand ſoll da ſein, der ſein Vaterland mehr liebt, als. Lars von Bunſerud, der Bauer aus Grover.“ Die Männer drängten ſich alle herbei, voll Freude und Stolz, ihm die Hand zu ſchütteln.„Wir wollen frei ſein,“ rief Niels Hanſen,„frei wie unſere Väter waren. Dazu helft uns in Eidsvold, wir hier zu Hauſe wollen die Freiheit wachſen laſſen und wollen ſie bewahren mit Leib und Leben. Henrik Dartley hat davon geſprochen, die jungen Männer zu einem Schützen⸗ korps zu ſammeln. Wenn der Krieg ausbricht, ſind wir alle dabei und wollen tapfer ſtreiten, bis es zum guten Ende ge⸗ führt iſt.“ — 314— Lars ſah lächelnd zu Henrik hin. Der Probſt hielt ihn und Anna in ſeinen Armen, ſo daß alle drei ſich feſt umſchlangen, und hinter ihnen ſtand der Doctor Magnus und ſchüttelte den Alten am Kragen, wobei ſein rothes, verklärtes Geſicht wunder⸗ lich hin und her wackelte. „Der Henrik da,“ ſagte Lars,„wird ſicher thun, was ein wackerer Mann thun muß, wenn das Vaterland ihn ruft; jetzt aber ſchlägt ſein Herz ganz für die Jungfrau Anna, und das iſt recht, Niels. Seine Heimath, ſein Haus und ſein Glück da⸗ rin, muß der Menſch lieben und redlich ſorgen, ſich zu bewah⸗ ren. So will ich denn auch für mein Haus ſorgen, ehe ich über ſeine Schwelle trete,“ fuhr er fort.„Komm' her, Karina, und Du Niels Hanſen, gib mir Deine Hand. Hier iſt meine Schweſter, Du⸗ biſt ein tüchtiger Kerl; willſt Du ſie zur Frau nehmen?“. „Ja!“ antwortete Niels freudig,„und ich will ſie lieb und werth halten, wie meine Augen. Karina, ſchlag ein! es ſoll Dir nimmermehr leid werden.“ Die Seterin ſchlug die Augen nieder, dann warf ſie einen Blick nach Henrik und endlich einen ſchelmiſchen auf den tapfe⸗ ren Niels, der ſeine offene Hand ihr vorhielt. „Nun, ich kann's wohl ſagen,“ ſprach ſie,„Du biſt ein ſchneller Burſch und haſt heute Nacht wackere Dinge gethan; auch biſt Du fleißig und es gedeiht, was Du anfaſſeſt. So nimm mich denn, Niels; wahrhaftig, es wird uns gut gehen, wir wollen Beide dafür ſorgen.“ „Und für die Hochzeit,“ ſagte der Probſt,„ſorge ich. In lt ihn und iſchlangen, üttelte den t wunder⸗ was ein ruft; jetzt „und das Glück da⸗ zu bewah⸗ eich über rina, und iſt meine zur Frau te lieb und ſoll Dir ſie einen en tapfe⸗ biſt ein gethan; ſſſt So Ut gehen, ich. In Grover ſoll nie eine luſtigere gefeiert worden ſein. Zwei Paare will ich zur Kirche führen unter Goldkronen und Bändern; Ka⸗ rina ſoll neben Anna gehen, Niels neben Henrik; die Hochzeits⸗ gäſte ſollt Ihr alle ſein.“ Da war ein Jubel überall und ein freudiger Tag, denn aus den Vorräthen der Corvette erhielt Peter Klüver ſein Eigenthum zurück; der Probſt kaufte Speiſen von ihm und Getränke und bis zum Abend war ſein Haus mit frohen Menſchen gefüllt. Am nächſten Morgen wurde das Schiff nach Bergen geführt. Lars reiſte nach Eidsvold, und bald erſcholl der Kriegsruf durch die Berge. Henrik ſammelte hundert Schützen, welche wackere Dienſte leiſteten; als aber der Friede kam und die Freiheit, als Fjord und Gebirge in den Strahlen der Sommerſonne glänzten, da wurde eine Hochzeit gefeiert, wovon ſie in Grover noch er⸗ zählen. Henrik Dartley von Rothbergsland, Anna, Niels und Karina, ſammt Lars und dem Doctor Magnus, den Brautfüh⸗ rern, zogen mit Bänder und Blumen geſchmückt zur Kirche, an der Spitze eines unabſehbaren Zuges, dem die geputzten ſin⸗ genden Hochzeichtsbitter, Fiedler und Trompeter voranſprangen; am Abend aber tanzte der Doctor mit den beiden Bräuten den Hallingtanz zur großen Luſt aller guten Leute. Jetzt leben ſie beglückt und geſegnet im Frieden der Freiheit und des häuslichen Glücks. Der Amtsaſſeſſor Oerſteen iſt längſt verſchollen; er wan⸗ derte nach Dänemark aus. ᷣ 12——rnn N 3— Control Chart 8 vellow Hed Magenta 2²¹ ** 4 7 2½ — 8— 3 8 . 1 2