eihbiblothet deutſcher⸗ engliſcher und franz öſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. TLeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Mihr offen. — 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet. wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für tchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 4 Bücher: Bücher: 1 Mr.—Pf——— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 M. f Pf. 8 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und zurickſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſte zu ſorgen. 4 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſecte Bücher(namentlich bei ulchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der S er zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. usleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtg sſetht und wird beſonbers darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ¹ ⁸⁴————— Theodor Mügge. Erſter Band. Parl der Erſte und Uromwell. Berlin, 1857. Verlag von Otto Janke. Rarl der Erſte und Cromwelſ. Roman von Theodor Mügge. Berlin, 1857. Verlag von Otto Janke. Zehn Oxfond welchen munter — 4 1 kleiner t⁰s. 12 Glas Schu) Reſte lange flurs 1— gekehr —+‿ 4— . 4 —— Geſich lächer 4 dielkn — 1 um do Th. T I. Zehn Meilen von London auf der großen Straße nach Oxford lag in der Nähe eines Dorfes ein Gaſthaus, in welchem es an einem Herbſtabende des Jahres 1637 munter herging. Die Urſach war die, daß eine Anzahl kleiner Landeigenthümer von einem nahen Markte zurück⸗ gekehrt war und bei dem weißen Lamm anhielt, um ein Glas Ale zu trinken. Sie zogen ihre Pferde unter den Schuppen, wo eine Krippe bereit ſtand, ſchütteten die Reſte ihrer Haferſäcke aus und klapperten dann mit ihren langen Schwertern über das Backſteinpflaſter des Vor⸗ flurs in die Gaſtſtube. Die breitſchultrigen Männer mit den treuherzigen Geſichtern würden heut zu Tage ziemlich auffallend und lächerlich gefunden werden. Ein Bauer, der über ſeinen vielknöpfigen, greben Rock ein ve voſtetes Schwert ſchnallte, um damit zu Markte zu reiten, wäre eine polizeiwidrige Th. Mügge, Romane I. 1 ¼ —— —ͦö————-——— 1 * —————— 2 Erſcheinung, damals aber war die Neomanry Altenglands der kräftigſte und waffenfähigſte Theil der Nation, aus dem die Milizen der Grafſchaften größtentheils hervor⸗ gingen. Für gewöhnlich trugen nun freilich weder Bauern noch Bürger ein Schwert an der Seite; nur der Land⸗ adel, die Herren vom Hofe und wer überhaupt auf b Namen und Stand Anſpruch machte, verfehlte nicht mit Degen und Federhut zu erſcheinen; wenn aber Reiſen gemacht werden ſollten, und wäre es auch nur eine Reiſe! 1 zu Markt geweſen, wenn Jemand denken konnte, er würden bis in die Nacht ausbleiben und hatte über Haiden zu traben, die vom Monde beleuchtet wurden, dann ſchnallte. er jedenfalls ſeines Vaters alten Sarras um und ſuchten. ſich obenein Geſellſchaft, beſonders wenn er in der Nähe der Hauptſtadt war.— 3 Die Landleute fanden in der Schenke ein halbes 4 Dutzend Krämer aus London, welche mit dem Reſte ihrer unverkauften Waaren und dem gelöſten Gelde dahin zu 3 rückkehren wollten, es jedoch weislich vorgezogen hatten, 1 1 4 hier den jungen Tag zu erwarten, obwohl der matte Schimmer des alten draußen noch mit den Nebeln des 1 4 Abends kämpfte, während Windſtöße die welken Blätter der Ulmen und Birken an die Fenſter warfen. 1 4 kei Die Krämer ſaßen um den großen Eichentiſch in der 3 Mitte der Schenkſtube, und zu ihnen geſellten ſich die Freeholders unter Händeſchütteln und Freundſchaftsbe⸗ weiſen. Am Fenſter aber ſtand ein Mann, welcher nicht zu dieſer Geſellſchaftsklaſſe gehörte, ſondern etwas höher hinauf zu rangiren ſchien. Sein kurzer Rock mit weiten Aermeln und breiten Aufſchlägen, ſeine hohen Reiterſtiefeln, ſein dunkler ſpa⸗ niſcher Hut mit breiten Krämpen und niedrigem Kopfe, dazu die Lederhandſchuhe, welche auf ſeinem Sitze am Kamin lagen, ſahen freilich weder fein noch vornehm aus, aber ſie waren doch immer etwas mehr als ſchlichte Bauern⸗ oder Kleinbürgertracht. Am Kamin lag auch zein Reitermantel. Ein gekorbtes Schwert lehnte da⸗ neben. Die Krämer flüſterten ihren Bekannten Etwas zu, was dieſe mit Kopfnicken beantworteten, und dann und wann bei ihren Fragen und Geſprächen richteten ſich ihre Blicke immer wieder auf den fremden Gent— leman, der ihre Neugier beſchäftigen mußte. Die Schönheit oder Anmuth des Fremden konnte es freilich eben ſo wenig bewirken, wie ſeine Kleidung. Dieſe war ſchlicht und grob, der Mann ſelbſt plump und vierkantig. Sein Geſicht hatte etwas vom Bullen— beißer, es war düſter und gemein, breit und muskelvoll. Seine tiefblauen Augen blickten eigenthümlich ſtarr und . 1* 4 ein unheimliches Glänzen öffnete ſie zuweilen weiter als gewöhnlich. Braunes dichtes Haar fiel rund abgeſchnitten auf die hochgewölbte Stirn, und über den Hinterkopf ſank es ſtark und voll auf den Stiernacken nieder. Dies Haar und ſein Schnitt zog jedesfalls zumeiſt die Aufmerkſamkeit der Bauern und Krämer auf ſich. Der Fremde mußte ohne Zweifel zu den ſtrengen Sektirern gehören, zu den Feinden der Regierung und der biſchöf⸗ lichen Kirche; zudem mußte es ein ſtarrſinniger, nichts⸗ fürchtender Mann ſein, der es wagte, dies Zeichen ſeiner Geſinnung öffentlich zu tragen. Damals eben war der Kirchenſtreit in vollem Gange. König Karl der Erſte regierte ſeit 1629 ohne Parlament; alle Rechte des Volks waren unterdrückt, ein Prieſter hatte mehr zu bedeuten als ein Lord. Die geiſtliche hohe Kommiſſion war ein fürchterlicher Gerichtshof für Alle, die nicht glauben und ſich nicht demüthigen wollten; denn wer die Vorſchriften der geiſtlichen Gerichte nicht befolgte, wer gegen die neue Liturgie die Stimme erhob, wer die Andachten der biſchöflichen Kirchſpielpfarrer nicht befuchte, hatte ſchwere Strafen und Verfolgungen zu er⸗ warten. Aber eben dieſe Verfolgungen riefen Widerſtand, Märtyrer und Heilige hervor. Die reine Lehre wurde in unterirdiſchen Gewölben, in verfallenen Häuſern, in Höhlen und in Wäldern gepredigt, und jemehr der Henker peitſchte, brandmarkte und Ohren abſchnitt, um ſo höher ſtieg die Zahl der wandernden Heiligen, der Bibeler⸗ klärer und der Begnadigten, die Alles duldeten zur Ehre Gottes und der Wahrheit. Puritaner nannten ſich dieſe Anhänger der reinen Lehre, welche keinen gelehrten und geweihten Prieſter an⸗ erkannten, weil der Geiſt Gottes jeden Chriſten zum Prieſter mache, der es ſein ſolle, und dieſen ſtarrſinnigen Schwärmern ſagte man ſchon damals nach, daß ſie auch keinen andern König und Herrſcher auf Erden anerkennten, als Jeſus Chriſtus, deſſen Reich über ſein Volk kommen werde. 4 Der runde Hut mit den breiten Krämpen und das kurz geſchnittene Haar war das Zeichen derer geworden, die zu den Neuerern gehörten, und eben deßwegen ſahen die Bauern mit Aufmerkſamkeit den Reiſenden an. Hätte er ein ſchwarzes Kleid getragen, ſo wäre der puritaniſche Heilige fertig geweſen, doch auch ohne dies Amtsgewand fühlten ſie Zuneigung für ihn; denn wenn in den höheren Klaſſen ſchon ein Theil dem Puritanismus mehr oder minder anhing, aus Abneigung und Haß gegen die Ge⸗ waltherrſchaft des Königs und der Prieſter, ſo war in ——— 6 den tieferen Schichten des Volks dies noch weit mehr der Fall. 44 Der Fremde kümmerte ſich ſeinerſeits gar nicht um die Geſpräche der Leute an dem großen Tiſche. Er kreuzte ſeine Arme, ſah auf die Nebel, welche über die Haide rangen und vom Winde zerriſſen wurden, auf die fallende Nacht und die Wolken, zwiſchen denen einzelne Sterne ſichtbar wurden. Endlich kam der geſchäftige Wirth, zündete ein Paar dünne Lichter an, brachte friſche Krüge voll ſchäumenden Biers und rühmte den Gäſten ſeine friſchen Forellen, ſeinen Braten und ſein ſaftiges Beefſteak, das draußen ſchon am Spieß ſtecke. 8 „gſt es nicht eine Freude, hier warm zu ſitzen an meiner Feuerſeite, rief er, indem er mit dem Poker durch den Kamin fuhr, und iſt dies ſchmucke Haus nicht eines, wo man lieber bleibt, als in Nacht und Nebel noch nach London zu reiten, ohne zu wiſſen, ob man geſund an⸗ 4 kommt? 1 Es giebt in London größere Häuſer, Tom Willy, rief einer der Krämer.— Aber kein beſſeres und kein. billigeres, ſchrie der Wirth, mit einem Seitenblick auf 4 den unbeweglichen Fremden. Ei, fuhr er lachend fort, ich habe freilich keine Tapeten, keine Stickereien und keine N Man ließ ihn daher ſtehen wo er ſtand, und die 5 Silberſchüſſeln, wie die großen Gaſthöfe in Southwark, aber feines Leinen und Lavendelwaſſer fehlen meinen Betten nicht, und wer mit einem guten Glaſe Bier, einem guten Fiſch, einem guten Stück Rindfleiſch und wenn er Luſt hat, mit einer guten Flaſche Claret vor⸗ lieb nimmt, kann es nirgend beſſer bekommen. Dieſe Aeußerungen brachten dem Wirthe mehre be⸗ kräftigende Lobſprüche ſeitens ſeiner Gäſte ein, nur nicht von dem, dem ſeine preiſenden Worte eigentlich galten, und der ſie nicht beachtete. Geſpräche wandten ſich, nachdem allerlei Marktgeſchichten abgethan waren, den Tagesereigniſſen zu. Die Krämer aus London erzählten Neuigkeiten und die aufmerkſamen Bauern hörten vom ſchlechten Handel, vom Druck der Zeiten, vom Advokaten Prynne und dem Geiſtlichen Heinrich Buxton, denen neulich auf Befehl der Stern⸗ kammer der Henker die Ohren abgeſchnitten, und wie ſie dabei vom Schandpfahle aus zum Volke geredet, das rund umher bitterlich geweint und ihnen Blumen geſtreut habe. Es fielen dabei harte Worte, Flüche und Schwüre von einigen heftigen Mitgliedern der Geſellſchaft, die, nachdem ſie ſich vorſichtig umgeſehen hatten, in etwas 8 gedämpftem Tone behaupteten, daß der grimmige, blutige Prieſter Laud, der Erzbiſchof von Canterbury, der größte Schurke von allen ſei. Er ſei ein Papiſt und wolle den alten Sauerteig wieder bringen. Von ihm gingen die Verfolgungen aus gegen die reine Lehre; er habe die ſtrenge Sonntagsfeier eingeführt; er ſtachle die Pfarrer auf, Anzeige zu machen, wer die Kirchengebote nicht halte; er wolle Meſſe, Beichte und Faſten, und ſein Werk ſei die Liturgie und die geiſtlichen Gerichte mit ihren Spionen und Strafen an Leib und Gut. Der König ſei in der Gewalt des Erzbiſchofs, ſagten Andere, und müſſe ſich vor ihm demüthigen, und was der teufliſche Prieſter nicht wiſſe, das wiſſe der große Verräther, Thomas Wentworth, der jetzt Graf Strafford genannt werde, und zum Vicekönig in Irland ernannt worden ſei, um jährlich funfzig oder ſechzigtauſend Pfund in ſeine Taſche zu ſtecken, als Belohnung für ſeinen Ab⸗ fall und ſeine blutige Tyrannei. Die Lords, welche es gut mit dem Volke meinten, zögen ſich vom Hofe zurück, verſicherten die Krämer, denn wie es da zugehe, könne es kein ehrlicher Mann ertragen. Rath verlange und wolle der König nicht, er verlange nur Geld. Von des Volkes Rechten ſei nicht mehr die Rede, ein Parlament werde nicht berufen, A 8 — 9 in die Gerichtshöfe habe man Richter eingeſetzt, wie man ſie gebrauche, denn nachdem die Sternkammer erklärt habe, daß auch dies zu den Rechten der Krone gehöre, jage man die gerechten Richter fort und ſetze gewalt⸗ thätige feile Schufte an ihre Stelle. Keine Klage fruchte daher, kein Schutz vor Gewalt und Willkür ſei mehr vorhanden, und noch ſchlimmer werde es kommen. Denn nicht allein daß man durch Anklage und Verfolgung an⸗ geſehener und wohlhabender Männer mit Hülfe jener feilen Richter viele tauſend Pfund erpreſſe, auch neue geſetzloſe Abgaben und Laſten würden vorbereitet. Das Tonnengeld erhebe der König nach wie vor, jetzt wolle man Steuern auflegen ganz wie es dem Könige beliebe, ohne irgend das Parlament zu rufen und deſſen Be⸗ willigung zu erhalten. Mitten unter den Aeußerungen des Zorns und dem Kopfſchütteln der Zuhörer ſagte dann Einer: Das iſt der Anfang, uns auszuplündern, aber ſie werden nicht eher aufhören, bis wir keinen Pfennig mehr in der Taſche haben. Ihr meint, Laud oder Wentworth, Vane, Finch und Windebank ſeien die Schlimmſten, ich ſage, die Schlimmſte iſt die Königin und ihr verdammter Schweif von Franzoſen, Italienern, Deutſchen, und was in Eng⸗ land in Sünde und Leichtſinn groß geworden iſt. 10 Geht nur hin und ſeht euch Whitehall an, wie die papiſtiſche Franzöſin darin wirthſchaftet. Seht nur die Säle, wie ſie von Gold ſtarren, von Marmor, von Tapeten, von Kryſtallſpiegeln und allerlei Narrentand. Seht euch die Leute an, welche dort aus⸗ und eingehen und die Feſte feiern helfen. Aus der ganzen Chriſtenheit ſind alle Taugenichtſe da zuſammen gekommen, um unſer Geld zu verpraſſen. Mag der König und ſeine ver⸗ dammten Rathgeber uns ausziehen bis anfs Hemd, in dieſem Schlunde der Verſchwendung und heidniſchen Völlerei wird doch Alles wieder verſchwinden. Was können wir armen Leute thun, rief ſein Nach⸗ bar, ein langer, dürrer Burſche, indem er die Hände faltete. Die Schale des Zorns iſt über Israel ausge⸗ goſſen; der Herr hat ſeine mächtige Hand von uns ab⸗ gezogen und uns den Feinden überantwortet. Wer fliehen kann, flieht in die Kolonien von Amerika, um nicht Leib und Seele den Amenonitern Preis zu geben. Von Briſtol ſind viele Schiffe mit Flüchtlingen ſchon fort, aus den nördlichen Häfen nicht minder, und eben liegen in London acht große Briggs voll Auswanderer, die des verfolgten Glaubens wegen ihr Vaterland verlaſſen. Bei dieſen Worten drehte ſich der Fremde am Fenſter um und zeigte ſein hartes und ernſthaftes Geſicht. Mit — — * 11 einer Stimme, die rauh und polternd klang, wandte er ſich an den letzten Sprecher. Was klagſt Du, Freund, über Israels Fall, ſagte er, und was jammerſt Du darüber, daß viele Männer übers Meer ziehen um Gott anzubeten in ungeſtörter Freiheit? Wenn es ihnen mög⸗ lich wäre, Gewiſſen, Glauben und Recht hier zu be⸗ wahren vor Tyrannei, ſie würden Volk und Vaterland nicht aufgeben. Der Herr züchtigt die Schwächlinge und die Feigen, er iſt mit denen, die ihre Lenden gürten zu ſeiner Ehre. Ihr kennt die Plagen Egyptens und die Heuſchrecken, welche eure Saaten verzehren, aber ihr habt nicht die Kraft euch zu ſchützen. Steht nicht in der heiligen Schrift: Auge um Auge und Zahn um Zahn? Darum müſſen die von euch weichen, welche nicht mit euch ſterben wollen, und den Staub von ihren Schuhen ſchütteln, um Sodoms Untergang nicht mit anzuſehen. Als er dies geſagt hatte, ging er vom Tiſche an den Kamin und ſetzte ſich dort auf den Seſſel nieder, an welchem ſein Schwert lehnte. Die Bauern und Krämer waren ſtumm geworden, Niemand wußte, was er dem Fremden antworten ſollte. Was er geſagt hatte, war ſonderbar in ihre Herzen gedrungen, und ſeine düſtere Stirn, ſein ſtrenges Auge, das ganze Weſen dieſes 12 Mannes hatte etwas, was Furcht und Zutrauen er⸗ wecken konnte. Nach einigen Minuten fragte der Wirth zuerſt wieder, ob der Gentleman nicht ein neues Glas Ale begehre, eben ſei es friſch aus dem Keller gekommen. Er mußte mehrmals fragen, denn der Reiſende richtete ſeine Augen auf die Flamme im Kamin, deckte die gefalteten Hände auf ſeine Bruſt und ſchien im tiefen Nachdenken be⸗ griffen. Endlich gab er Antwort, indem er den Vorſchlag annahm. Und wollt Ihr nicht einen guten Fiſch oder ein ſaftiges Rippenſtück zur Nacht haben, Herr? fragte Tom Willy weiter. In Gottes Namen, gieb, was Du übrig haſt, er⸗ widerte der Fremde. Und ein Bett, Sir, ſo gut, wie es zehn Meilen in der Runde zu haben iſt, fuhr der Wirth erfreut fort. 4 Nein, ſagte der Reiſende kurz und beſtimmt. So⸗ bald der Mond herauf iſt, und um 9 Uhr wird er hoch genug ſein, um Licht zu geben, muß ich fort. Sorgt für mein Pferd und haltet es bereit; ich habe es nöthig, noch heut in London zu ſein. 13 Ehe der Wirth einige beſcheiden warnende Bemer⸗ kungen machen konnte, welche er vorbereitend durch Kopf⸗ ſchütteln, Lächeln, Achſelzucken und Ohrenſpitzen ankün⸗ digte, vernahm man vor dem Hauſe ein Getrappel von Hufen, laute Stimmen, ein paar gellende Flüche und heftiges Gelächter. Tom Willy ſprang hinaus, die Krämer und Bau⸗ ern horchten ihm nach, und richteten neugierige Blicke auf die Fenſter; nach wenigen Augenblicken wurde es im Vorſaale lebendig und gleich darauf riß Willy in dienſtfertiger Behendigkeit die Thür der Gaſtſtube weit auf. Es waren drei junge Männer, welche lärmend und luſtig in die Halle traten und ſich, übermüthig lachend, ohne allen Gruß und jedwede Rückſicht darin umſchauten. Ihrer Kleidung nach gehörten ſie zu den bevorzugten oberen Ständen, denn unter den kurzen Reitmänteln, welche über ihre Schultern hingen, trugen ſie feine mit Litzen beſetzte ſcharlachfarbene Röcke und grüne Bein⸗ kleider, hreite kurze Stiefeln mit langen Sporen und aufgeſchlagene Federhüte. Dies war die Tracht der Stutzer der damaligen Zeit, die Tracht der jungen Ca⸗ valiere, und dazu paßten ihre Sammetbinden und Spitzen⸗ kragen ſowohl, wie die gelockten langen Haare, welche „ 14 die ſtolzen und muthwilligen Geſichter einfaßten. Sie ließen die glänzenden Scheiden ihrer Stoßdegen an die Sporen ſchlagen, warfen die geſtickten Handſchuhe auf einen Seitentiſch und betrachteten ſich offenbar als Herren 1 im Hauſe, indem ſie dem Wirthe befahlen, den beſten Wein zu bringen, den er beſitze, das ſaftigſte Stück, das 1 am Spieße ſtecke, für ſie abzuſchneiden, und den Platz an der Feuerſeite frei zu machen, um die bequemſten Stühle dorthin zu ſchieben. Der Wirth ſah nach ſeinem unheimlichen Gaſte hin, der ganz urd gar nicht ausſah wie ein Mann, der leicht aus dem Wege zu bringen ſei. Er wagte einige leiſe Worte, daß jener Herr bald aufbrechen und der Platz zu Ihrer Herrlichkeiten Befehl ſein werde; aber die 1 jungen Cavaliere hörten nicht darauf, weil ſie inzwiſchen unter Lachen und Geſpött ſich in ihrer Weiſe luſtig 3 machten. Sie hatten zu dieſem Zwecke, ohne um Erlaubniß zu fragen, die Lichter von dem Tiſche genommen, an 4 welchem die übrigen Gäſte ſaßen und ließen dieſe nach Belieben im Finſtern mißfällig brummen und ſcheele Blicke werfen, während ſie die Wände des Gaſtzimmers und die Holzſäulen, welche die Decke trugen, beleuch⸗ 4 teten. Nach alter Sitte waren dieſe überall mit Balla⸗. ——. 1 den, Liedern, Beſchreibungen von Hinrichtungen und außerordentlichen Begebenheiten, Thaten, verübt von den Helden der Hochſtraße und beſungen von ihren Bewun⸗ derern, groben Holzſchnitten und erklärenden Verſen be⸗ klebt. Unter lautem Gelächter und manchem derben Witze wurden die Wände abgeſucht und endlich kamen die drei Herren überein, daß es eine köſtliche Kneipe ſei, wohin der Zufall ſie verſchlagen habe, wenn Wein und Speiſe nur halb ſo gut wären als die vortreffliche 1 Geſellſchaft. Und nun Wirth, wo iſt der Wein? ſchrie der Wil⸗— deſte und Jüngſte unter den Dreien. Bei den reizen⸗ den Teppichen, welche die Wände dieſes Stalles zieren, haſt Du nicht gehört, daß wir am Kamin ſitzen wollen? Der Wirth verbeugte ſich mit Gelaſſenheit und deu⸗ tete auf den Fremden, der noch immer an der Mitte des Gitters ſaß, die Füße kreuzte und in's Feuer ſchaute, ohne den geringſten Antheil an den Vorgängen zu nehmen. Wie? Was? Ein Rundkopf! rief der junge Herr, und ohne ſich zu bedenken, legte er die Hand ziemlich heftig rüttelnd auf die breite Schulter des Sitzenden 6 und ſagte in dem näſelnden Tone, der den puritaniſchen Geiſtlichen eigen war: Theuerſter, Geliebteſter! Wolltet —— ————— 16 Ihr in chriſtlicher Freudigkeit Euch nicht bequemen von dieſem Platze zu weichen und drei weltlich geſinnte, dürſtende und hungrige Männer an dies wärmende Feuer zu laſſen, welche im Namen des Herrn dies Beiſpiel der Entſagung von Euch fordern? Der Fremde wandte ſich langſam um, blickte in die drei lachenden und höhnenden Geſichter und ſtand ohne Widerſtreben auf. Nehmt, wonach Euch gelüſtet, ſagte er, mir genügt ein anderer Platz. Ihr werdet ihn finden, Theuerſter, dort in der Ecke, fuhr der junge Cavalier fort, indem er in einen Winkel wies, wo Ihr anſtimmen könnt einen Pſalm Davids, oder was Euer Herz ſonſt begehren mag. Hierher, Wirth, jetzt mit dem Tiſche und den Seſſeln, und nun, Theuerſter, packt Euch von hinnen, ſo ſchnell Ihr könnt. Ohne ein Wort zu erwiedern, nahm der Reiſende was ſein war und begab ſich in die bezeichnete Ecke, wo er ein kleines Tiſchchen und einen alten Holzſtuhl fand. Die Krämer und Bauern blickten mit Theilnahme aber auch mit Mißbilligung auf dieſen Mann des Frie⸗ dens und der Demuth, der ſo trotzig und wild ausſah, ſo aufreizend zu ihnen geſprochen hatte und dennoch ein 17 ſo zahmes Herz beſaß. Wenn er Widerſtand verſucht hätte, ſie würden für ihn aufgeſtanden ſein. Ihre har⸗ ten Fäuſte ballten ſich, und je lauter die Junker lachten und höhnten, je ärger der Lärm wurde, je mehr ſie tranken, tadelten und übermüthige Scherze trieben, um ſo ſtiller wurde es an dem großen Tiſche. Die Gäſte wagten nicht mehr, etwas von Hof und Kirche zu reden, was ſicherlich die Cavaliere beleidigt haben würde. Alle leerten ſchweigend ihre Gläſer, verzehrten die Reſte ihres Abendbrods und machten ſich dann davon, um draußen auf der Haide nach Herzensluſt über die ſündige Brut herzuziehen, welche weder Gott noch Menſchen fürchte. Statt der Erzählungen der Bauern und Krämer hörte der beſcheidene Fremde nun die Erzählungen der Cavaliere. Sie kamen, wie aus ihren Reden zu ent⸗ nehmen war, vom Beſuche bei einem reichen Landedel— mann zurück und wollten morgen in London ſein, um bei einem Hoffeſte nicht zu fehlen, das mit einer Bären⸗ hetze früh beginnen ſollte. Die Königin liebte dieſe Hetzen ganz beſonders und hatte ſie zu einer der Haupt⸗ vergnügungen s Hofes gemacht. Die drei Cavaliere ſtritten darüber weitläuftig, ob die drei Bären, welche die Königin eben aus den Ardennen von Brabant her⸗ über erhalten hatte, nicht die ſtärkſten und größten ſeien, Th. Mügge, Romane I. 2 die je der königliche Bärengarten geſehen hatte. Sie wetteten auf verſchiedene Sieger, ſprachen dann über Rennpferde nnd Hunde und über Thomas Wentworth, welcher, eben aus Irland eingetroffen, ſo ſauertöpfig und düſter ausſehe, wie ein bekehrter Rundkopf und ehema⸗ liger Zungendreſcher im Parlament ausſehen müſſe. Sie ſpotteten über den neugebackenen Grafen, ſpotteten über einige andere Perſonen von kaum weniger hohem Range und gefielen ſich endlich in luſtigen und anzüglichen Kri⸗ tiken über manche Damen des Hofes, deren Sitten eben nicht die ſtrengſten zu ſein ſchienen. Ohne Zweifel hatten die luſtigen Geſellen dabei ver⸗ geſſen, daßſie nicht ganz allein waren, denn verwundert ſahen ſie ſich um, als die tiefe Stimme des Fremden aus der Ecke den Wirth herbeirief und ihn beauftragte, ſein Pferd ſatteln zu laſſen. Wollt Ihr denn wirklich noch fort? fragte Tom Willy. Ich will fort, war die Antwort, weil ich muß. Aber Herr, ſagte der Wirth, eines ſchen Wille muß ſich den Verhältniſſen anpaſſen. ond kommt zwar ſo eben herauf, aber der Weg iſt ſchlecht und die Gegend nicht die beſte. Iſt es unſicher auf der Hochſtraße? fiel der Fremde ein. ——,—. 19 So ſicher, wie es ſein kann, erwiederte Willy, und gewiß nicht unſicherer, als andere Straßen ſind. Ihr wißt wohl, fügte er mit einem leiſen Lächeln hinzu, Hochſtraßenmänner hat es immer gegeben, und Finchley Common hat Leute aus guten Häuſern geſehen, die ihr Gewerbe wie Edelleute trieben. Wer ſicher ſein will, nichts mit ihnen zu thun zu haben, bleibt am beſten da, wo er ein gutes Bett findet. Der Reiſende bedachte ſich einen Augenblick und fragte dann nach dem Betrag ſeiner Zeche, die nicht groß war und welche er aus einem vollen Beutel be— zahlte. Ich würde Euer Anerbieten gewiß annehmen, ſagte er dann, indem er aufſtand, alleln ich habe eine weite Reiſe vor, und muß in London eintreffen. Ihr gehört zu den Auswanderern? antwortete Willy. Ich gehöre dazu. Aus Eunren Antworten vorhin habe ich es gemerkt; Herr, Ihr geht gr Gefahren entgegen. Ueberall ſtehen wi in Gottes Hand, ſprach der Fremde, der ſein agenen Mantel umwarf und zuknöpfte, ſein Schw ſchnallte und ſich fertig machte. Lebe wohl, Wirth, der Herr iſt mit den Gerechten und ſeine Gnade währet ewiglich. t -* 2* 20 Die Junker am Kamin lachten über dieſen Abſchied und näſelten predigend hinter dem Reiter her, der ſein kräftiges, ſchweres Pferd in die mondbeglänzte Haide lenkte. Der Himmel war umwölkt, aber nicht dicht genug, um das grauweiße Licht auszulöſchen, das ferne und nahe Gegenſtände kenntlich machte und doch ungewiß ließ. Einzelne hohe Bäume ſtanden auf kahlen Hügeln, die ſich bald dichter zuſammenſchoben, bald in wellige Tiefen ſenkten, wo Gras und Schilf wuchs. An ein⸗ zelnen Orten war das Buſchwerk weit ausgedehnt und warf ſeinen ſchwarzen Schatten über die Straße. Kein Haus ſtand am Wege, nichts verkündete die Nähe einer großen Stadt, und mit derſelben Schweigſamkeit, wie in der Schänke, ritt der Fremde vorſichtig ſeines Weges. Es dauerte jedoch nicht allzulange, als er hinter ſich raſchen Hufſchlag hörte, und bald erkannte er die drei Kavaliere, denen er vielleicht gern ausgewichen wäre. Doch nicht allein waren ihre Pferde ſchneller, nirgend zeigte ſich auch ein ſchützender Arücz gbee Der Rei⸗ ſende veränderte daher den P ſeines Roſſes in nichts, aber er zog ſein Schwert aus Scheide, wand den Riemen um ſeine Fauſt und verbarg dieſe und die Klinge unter ſeinem Mantel. Nach wenigen Minuten waren die drei Herren bei 3 ihm, nnd er erwartete ſie, indem er anhielt und ſich e umwandte. Theuerſter, ſagte der Erſte, als er ihn erreichte, warum ſteht Ihr hier ſtarr und ſteif, wie die Salzſäule d zu Gomorrha? Warum flieht Ihr nicht vor den Kindern 3 der Amaletiker, welche daher kommen auf ſchnellen Roſſen, 3 wie die Drachen des Thales Joſaphat? Die Straße iſt frei, erwiederte der Fremde. Seid f⸗ ſo gut, Ihr Herren, und ziehet vorüber, wohin es Euch 1 1 d beliebt. 1 in Es beliebt uns jedoch, Theuerſter, Dich zu begleiten, exk fuhr einer der Anderen fort; denn wiſſe, wir haben uns ie gelobet, aus Dankbarkeit für Deine chriſtlichen Opfer in 8. jenem Hauſe, welches die Weltlichen Kneipe nennen, wo 4 6 Du für uns gefroren und gedürſtet, Dein Haupt zu 4 ni ſchützen, damit Du ſicher gen Babel gelangſt, wo die 1 5 Sünde hauſt und die Gezeichneten wohnen. 1b Ich bitte Euch nochmals, ſagte der Fremde, mich di⸗ nicht weiter zum Gegenſtande eures Uebermuthes zu 6, 4 machen. Friedfertig wie ich es bin, habe ich keinen — Streit zu fürchten, auch kein Geleit nöthig. 1 8 Weil Du ein Held biſt, Geliebteſter, der im Namen Gottes ſich die Ohren abſchneiden laſſen würde, ſchrie 22 der Dritte lachend, allein wir wollen es ſo. Du willſt auswandern, Deine Freunde erwarten Dich, Du haſt die Taſche voll Geld, wie wir geſehen haben. Du ſollſt nicht verloren gehen, wie das Brotkrümlein, das vom Tiſche der Wittwe fällt, Du ſollſt unſere heitere und angenehme Geſellſchaft genießen und ſollſt dafür nichts thun, als unſere Zeche bezahlen. Ich werde nichts bezahlen, erwiderte der Fremde. Sechs Flaſchen Claret und unſer beſcheidenes Abend⸗ brot, ſchrie der Cavalier lachend. Bedenke, Theuerſter, daß der Herr verkauft wurde für dreißig Silberlinge, wir verkaufen uns Dir für drei goldene Pfunde. Oeffne daher die Schnalle Deines Gürtels, hole den Sack her⸗ vor, in welchem Du das weltliche und unnütze Geld verwahrſt, und ſei überzeugt, wir wollen nichts von Dir, als daß Du Dich erkenntlich zeigſt für unſere Mühe, den warmen Platz am Heerde des ſchuftigen Schelms verlaſſen zu haben, der uns ſeinen ſchlechten Wein trinken ließ und dann gehörig prellte, auf daß wir Dir nach⸗ eilten, um Dir unſer Leid zu klagen. Seid Ihr Straßenräuber? fragte der Reiſende. Nicht doch, Geliebteſter, Theuerſter! erwiderte der Junker, während die andern Beiden ausgelaſſen lachten; aber heraus mit dem Gelde und vergüte uns den Scha⸗ — 6 23 den, oder Du wirſt uns zwingen, Dir einige unangenehme Empfindungen zu verurſachen. Und was wollt Ihr einem wehrloſen und ruhigen Mann anthun? ſagte der geplagte Mann. Wir würden, Geliebteſter, Deine dicke Naſe mit un⸗ ſeren Peitſchenſtöcken berühren, würden Deinen glotzen⸗ den Augen vielleicht einige Schmerzen verurſachen, und würden Deinen Rücken, der lang, breit und rund iſt, ſo lange bearbeiten, bis ſich das Wunder des heiligen Januarius an ihm wiederholte und er Blut zu ſchwitzen begönne. Und Ihr, ſagte der Fremde, als das Gelächter auf⸗ hörte, Ihr, die Ihr beſſer ſein wollt, als alle die, welche Ihr mit Füßen tretet, und die Ihr doch ſchlechter und verderbter ſeid als Mörder und Wucherer, Ihr wagt es, auf offener Straße ſchlimmer gegen mich zu han— deln, als Räuber thun würden? Das ſind die Menſchen, welche im Palaſte leben, denen die Höchſten zulächeln, denen ſie ihre Hand bieten und Gnadenworte in ihr Ohr flüſtern. Gott der Herr iſt langmüthig, aber er wird aufwecken das Wort, vor dem die Schlöſſer ſprin⸗ gen und die Riegel. Geht hin mit Eurer Schande, die Peſt klebt an Eurem Athem; um aller Welt Schätze möchte ich keine Stunde in Eurer Nähe ſein. 1 4 —= 1— — 24 Hört den verdammten Rundkopf! rief der vorderſte der Cavaliere. Nieder mit ihm! ſchrieen die Andern, indem ſie ihre Degen zogen. Auf Deine Kniee, Du rundköpfiger Schelm, und bitte ab. In einem Augenblick aber verwandelte ſich das ſtille und friedliche Aeußere des bedrohten Reiſenden. Sein Schwert funkelte über ſeinem Kopfe, ſeine Streiche fielen dicht und ſchwer, ſein Roß rannte gegen das Pferd des heftigſten ſeiner Gegner und ſtürzte es mit dieſem zu Boden. Die beiden anderen entflohen, denn plötzlich war es ihnen klar geworden, daß ſie ſtatt mit einem Feig⸗ ling mit einem ungewöhnlich kräftigen und waffengeübten Manne zu thun hatten, der wie ein Raſender focht. Als ſie in ſchnellſter Flucht ſich entfernten, verfolgte er ſie nicht. Er ſtieg ab und, ſein Pferd am Zügel, näherte er ſich dem Niedergeworfenen, der halb beſin⸗ nungslos und blutig vor ihm lag. Mit ſeiner ſtarken Hand hob er ihn auf und lehnte ihn an die Einfaſſung des Weges. Der Mord ſchien ihm ins Geſicht, er be⸗ trachtete ihn genau, und wie er die Spitze ſeines Schwertes aufhob, zuckte ein grimmiges Lächeln um ſeinen Mund. Sei barmherzig, bat der junge Mann, die Hände ₰ — 25 ausſtreckend, tödte mich nicht. Ich will Dir dankbar ſein, ſo lange ich lebe. So werden die Spötter und Verächter zu Schanden werden! ſprach der Fremde, im Tone der Prophezeiung: ſo wird ihr Haupt im Staube liegen, wie Nebukadnezars Haupt einſt im Staube lag. Fürchte nichts, Jüngling, mich dürſtet nicht nach Deinem Blute; Du biſt es nicht, den ich haſſe. Dein Pferd hat ſich aufgerafft. Die Du Deine Freunde nannteſt, ſind geflohen; gieb mir Deine Hand, daß ich Dir helfe.— Er half ihm in den Sattel. Ich heiße John Herbert, ſagte der junge Mann be⸗ ſchämt. Verzeiht unſern Uebermuth, Ihr habt ihn uns ſchwer vergolten. Wenn ich Euch nützlich werden kann, kommt zu mir. Ich werde kommen, wenn es Gott ſo will, war die Antwort des Fremden, indem er ſich auf ſein ungedul⸗ diges Thier ſchwang. Und wie iſt Euer Name? fragte Herbert. Mein Name iſt Oliver Cromwell, erwiderte der finſtere Mann. Merke ihn Dir, Jüngling, auch wenn wir uns nicht wiederſehen. Er ſpornte ſein ſchnauben⸗ des Roß und ließ ſeinen Begleiter weit zurück. 4 A —— 26 II. Am nächſten Tage war der königliche Palaſt White⸗ hall gefüllt mit der Blüthe des Hofes, des Adels und der Fülle von Fremden, welche die heiteren Feſte der vergnügungsluſtigen Königin damals vorzüglich aus Frank⸗ reich und Italien herbeizogen. Die bewunderte Tochter Heinrichs des Vierten, Henriette Marie von Frankreich, deren Leid und Thränen und deren unnachahmliche Reize ſo viele Maler und Dichter verherrlicht haben, war da⸗ mals nicht mehr in der erſten Blüthe der Jugend, aber ſie war die vollendet ſchöne und ſtolze Frau, deren Lächeln jeden Cavalier zu ihrem Dienſt entflammte und welche über ihren ernſten, einfachen Gemahl einen Einfluß ge— wonnen hatte, den die Staatsmänner jener Zeit aufs Bitterſte tadelten und verdammten. Jedermann kannte die Geniereiſe, welche Karl als Prinz von Wales einſt nach Madrid gemacht hatte, um die Schweſter des ſpaniſchen Königs zu heirathen; Jeder⸗ mann wußte, daß aus dieſer Brautfahrt ein Krieg wurde, als der allmächtige Günſtling Georg Buckingham die Infantin ſchnöde verwarf, um ſeinem Schüler dafür die franzöſiſche Prinzeſſin aus Paris zu holen. Das Volk nahm keinen Antheil daran, die Eine wie die An⸗ 27 dere war Katholikin, cler es jauchzte dem jungen Könige entgegen, deſſen Regierungsantritt, wie es hoffte, dem elenden Regiment ſeines Vaters Jakob, des weiſeſten Narren in Europa, wie Sully ihn genannt hatte, ein Ende machen ſollte. Bald aber fand das Volk, daß es ſich getäuſcht habe. Mißgriffe und Gewaltthätigkeiten wurden größer, als ſie früher geweſen, und nach den erſten aufgelöſten Parlamenten des Königs wurde die Mißſtimmung all⸗ gemein. Man ſchob die Schuld auf den wüſten, ge⸗ wiſſenloſen Günſtling, und dieſer wurde von einem Fa⸗ natiker ermordet, allein auch dadurch wurde es nicht beſſer. Die Königin brauchte Geld zu ihren Feſten, ihrem glänzenden Hofhalt, ihren Verſchwendungen; der König Geld zu ſeinen unglücklichen Kriegsunternehmungen, und das Parlament war zähe; es verlangte zuvörderſt die Sicherheit ſeiner Rechte und Privilegien, dann wollte es Subſidien und Taxen bewilligen. Der König machte 1629 allen Rechtsberufungen und Forderungen ein Ende, indem er das Parlament auflöſte und erklärte, daß er künftig allein regieren werde. Von Buckinghams Bevormundung hatte ihn Feltons Dolch befreit, aber von vielen Seiten wurde behauptet, daß die Königin dafür ſein Premier⸗Miniſter geworden ſei. 28 Sie theilte ihre Zeit zwiſchen rauſchenden Luſtbarkeiten und dem ſtillen Antheil an den Regierungsgeſchäften. Der König unternahm nichts ohne ihre Beiſtimmung. Sie wußte ihren ſchwankenden Gemahl zu Allem zu be⸗ wegen, was ſie für gut hielt, und in ihrer zärtlichen Sorge um ihn, in ihrer reizenden Nähe und bei ihren ſüßen Bitten vergaß Korl alle Vorſätze, die nach langen Mühen ſeine aufrichtigſten Freunde und Räthe bei ihm erweckt hatten. Der König ſowohl, wie noch weit mehr die Königin und der Hof waren von dem Gedanken erfüllt, daß der Tyrannei des Parlaments ein Ende gemacht werden müſſe. Die Hauptſache war der Geldpunkt, in allem übrigen hatte die königliche Macht geſiegt. Unbewilligtes Tonnen⸗ und Pfundgeld wurde zwar auch ſchon erhoben, allein ganz erſichtlich reichten die Einnahmen nicht aus, ſtiegen die Schulden von Monat zu Monat. Der König, von Natur einfach und lärmender Luſtigkeit nicht geneigt, konnte ſeiner Gemahlin nichts abſchlagen, und hielt könig⸗ lichen Glanz und verſchwenderiſche Pracht als noth⸗ wendig verbunden mit der königlichen Würde, von welcher er die höchſten Begriffe hatte. Alle, die in ſeine Nähe kamen, bewunderten die Milde ſeiner Sitten, die liebenswürdige Herablaſſung, 29 die Güte ſeines Herzens, und prieſen ſeine Huld und Gnade eben ſo ſehr, wie ſie ſein Familienleben hoch⸗ achteten, von dem ſo viele ſchöne Bilder und Züge bis auf unſere Zeit gekommen ſind. Maler und Künſtler aller Art, Dichter und Schau⸗ ſpieler hatten Zutritt zu dem Palaſt, und wurden zu den Feſten der Königin verwandt, mit Gelehrten und Berühmtheiten des Tages an den Hof gezogen und vom Könige mit Beweiſen ſeiner Huld bedacht. Karl der Erſte war kein beſonderer Freund der Wiſſenſchaften und Künſte, aber er fand es königlich, ſie zu beſchützen, und liebte es, in ſeinen Sälen alle diejenigen zu er⸗ blicken, denen der Himmel beſondere Gaben verliehen hatte. Gerade dieſe Männer waren es auch, die ihm be⸗ ſonders zu ſchmeicheln verſtanden. Sie verherrlichten ſeine Größe und Hoheit durch Bilder, Verſe und Schäfer⸗ ſpiele, kriechende Bücher und Zeitungsartikel. Er warf ihnen die Broſamen ſeiner Gnade zu, und hatte dafür die Genugthuung, daß ſie alles prieſen und vertheidigten was er that, und mit dieſem Haufen, der an ſeinem Lächeln hing, verbanden ſich die üppigen Kavaliere, die Abenteurer aus der Fremde, der Hof und ſein ganzer Anhang und endlich die Geiſtlichkeit, welche mit dem 30 Könige die Herrſchaft und das Einkommen theilen wollte. In den prächtigen Sälen und Gallerien Whitehalls war das Feſt gefeiert worden, das mit der Bärenhetze begonnen hatte und nach der königlichen Tafel mit der Aufführung einer Komödie endete. Das alte Haus der Tudors war nie ſo glänzend geweſen, als damals, wo es der Geſchmack Henriette Marien's und ihrer Bau⸗ meiſter neu ausgeſchmückt hatte. Der große Eßſaal ſtarrte von goldenem Blumenwerk, das Paris unver⸗ gleichlich lieferte. Die reichen Marmorkamine ſchim⸗ merten im Glanz der Kerzen, die köſtlichen Teppiche aus Flandern bedeckten weich das Tafelwerk des Fuß⸗ bodens und an der gemalten Decke des Saales bewun⸗ derten die Gäſte des Königs die kunſtvollen Stuckarbeiten, welche von niederländiſchen Künſtlern ausgeführt waren. Um die Königin und ihre Söhne Karl und Jakob, den kleinen Herzog von Gloſter und die Prinzeſſin Marie hatten ſich die Damen und Herren des engeren Hof⸗ kreiſes verſammelt, um ſie in ihre Zimmer zu Spiel und Zeitvertreib zu begleiten. Der größte Theil der. Gäſte war verabſchiedet worden, der König allein ſtand vor wenigen ſeiner nächſten Diener an dem großen Kamine und unterhielt ſich mit einem ſtattlichen Manne, 31 deſſen ſtolzes und kühnes Geſicht Geiſt und Entſchloſſenheit ausdrückte.. An den Bildern, welche Anton van Dyl von dieſem Könige hinterlaſſen hat, kann man deutlich den Unglück verkündigenden Zug erkennen, der nach den Ausſagen aller Zeitgenoſſen Karl dem Erſten aufgedrückt war. Sein edles Geſicht erhielt dadurch etwas Düſteres und Melancholiſches, ſein dunkles Auge war voll Hoheit, aber kalt und ſtreng, ſein mildes Weſen von einem Ernſt begleitet, der zu dieſen rauſchenden Feſten wenig paßte, 4 und in die Beweiſe ſeines Vertrauens und ſeiner Gnade miſchte ſich zuweilen plötzlich die ganze Schärfe ſeines Mißtrauens und die eiferſüchtigſte Bewahrung ſeiner königlichen Würde. Der Mann, mit welchem der König ſprach, war Thomas Wentworth, Graf von Strafford, ſein Statt⸗ t halter in Irland. Wentworth war bis zum Jahre 1628 das Haupt der Oppoſition des Unterhauſes geweſen, dann war der ehrgeizige Mann für den König gewonnen worden, und wie alle Renegaten, diente er dem Ab⸗ ſolutismus mit leidenſchaftlichem Eifer. Er verwandte ſeine großen Gaben jetzt mit aller Kraft darauf, die. Freiheiten des Volks und die Rechte des Parlaments, 3 welche er einſt ſo kühn vertheidigt hatte, für immer zu 32 vernichten, und dies war ihm wenigſtens in Irland ge⸗ lungen, wo er unbeſchränkt regierte und ein Parlament zuſammengebracht hatte, das ſeinen Befehlen blindlings Gehorſam leiſtete. Jetzt war er nach London gekommen, um dem Könige ſeinen Plan vorzulegen, wie es möglich ſei, es in England eben ſo zu machen, und zu dieſem Zwecke hatte er eine Denkſchrift ausgearbeitet und dem Könige übergeben, welche den Titel:„Durch und durch“ führte. Der König hatte ſie geleſen, allein obwohl er alles anerkannte, was darin geſchrieben war, hatte er doch nicht den Muth, ſolche Dinge auszuführen. Majeſtät, ſagte der Graf, als er des Königs Un⸗ ſchlüſſigkeit bemerkte, es giebt nur einen Weg, der dahin führt, Sie unabhängig von den widerſpenſtigen Launen Ihrer Unterthanen zu machen, den Weg, ſie nicht zu dulden. Wohl Mylord, erwiederte der König, und wer könnte behaupten, daß ich je mich ſolchen Launen gefügt hätte?! Ich habe die Aufrührer geſtraft, die verwegenſten Mit⸗ glieder des Unterhauſes ſitzen noch jetzt im Kerker. Ich habe das unzufriedene Parlament nicht wieder berufen, die Richter abgeſetzt, welche mir widerſtrebten, der Kirche ihre Macht wiedergegeben, neue Gerichtshöfe ernannt und jeden Uebelthäter, Sektirer und Unruheſtifter zur nte 9 33 Rechenſchaft gezogen. Ich will eine ſtarke Regierung und werde dieſe durchſetzen. Auf Straffords ſtolzen Lippen ſammelte ſich ein Lächeln. Das Alles, erwiederte er, iſt geſchehen, trotz deſſen aber hat ſchlechter Rath Ew. Majeſtät bewogen, das Rechtsgeſuch, die unerfüllbare Petition of right zu unterſchreiben. Zu halten war ſie nicht, ſie mußte gebrochen werden; eben dieſer Bruch erbittert die Ge⸗ müther. Der König empfand den Vorwurf, denn er ſagte milder als gewöhnlich: Es ſind Fehler gemacht worden, jetzt kommt es darauf an, dieſe zu verbeſſern und nicht in neue Fehler zu fallen. Wenn man das nicht will, giebt es nur ein Mittel, erwiderte der Statthalter. Welches? fragte Karl. Unerbittlche, unbeugſame Strenge! Vollſtändiger Bruch mit der Revolution! Der König blickte vor ſich hin und Strafford fuhr mit leiſer Stimme fort: Der Geiſt der Empörung iſt niedergeſchlagen, aber nicht ausgerottet, Majeſtät. Er hat ſelbſt einen Theil der Großen dieſes Reichs er⸗ griffen, und alle einzelnen Handlungen, wären ſie noch ſo eingreifend, demüthigten ſie noch ſo ſehr, fruchten zu Th. Mügge, Romane I. 3 3⁴4 nichts, ſo lange nicht eine Kraft vorhanden iſt, die jeden Widerſtand unmöglich macht. Sie haben Recht, Mylord, murmelte der König. Wenn der König von England das ſein will, was jetzt der König von Frankreich iſt, ſagte Strafford, ſo bebarf er eines Richelieu. Laud und Sie, erwiderte Karl ſchnell aufblickend. Unſer Rath, ſprach der Statthalter, wird von Ew. Majeſtät gnädig gehört, doch nicht immer befolgt. Ah! rief der König lächelnd und doch mit ab⸗ weiſender Hoheit, Sie ſind ein Moraliſt, Mylord, der an der Fröhlichkeit meines Hofes keinen Geſchmack findet. Unſere Damen wollen ſich erheitern, unſere jungen Herren ſpielen und tanzen. Wer möchte ihnen die leichten glück⸗ lichen Stunden nicht gönnen, die auch meine Sorgen verkürzen. Gewiß, mein gnädigſter Herr, erwiderte der Graf, ſind die Feſte von Whitehall dem Ruhme des Hofes und der Größe Eurer Majeſtät angemeſſen; nur wäre es zu wünſchen, daß diejenigen, welche ſich vorzugsweiſe damit beſchäftigen, ſich ihnen ganz widmen wollten. Das Lächeln des Königs kehrte abermals wieder. Ich verſtehe, ſagte er, aber Ihre Vermuthungen treffen nicht zu, Mylord. Ich glaube, daß ich keinerlei Ein⸗ 35 flüſſen unterworfen bin, die ſich gegen meinen Willen mir aufdringen möchten. Er deutete ſtolz mit dem Finger auf ſeine Bruſt und fuhr dann fort: Mein unerſchütter⸗ licher Wille iſt, mich als König frei zu bewegen, dem Uebermuth Gehorſam zu lehren, Untreue zum Pflicht⸗ gefühl zu bringen, Verrath zu züchtigen und meine mir von Gott verliehenen königlichen Rechte nicht mit Füßen treten zu laſſen! Und das, ſagte Strafford, können Ew. Majeſtät nur, wenn Sie meine Vorſchläge annehmen. Soll dieſer Geiſt des Volkes, das auf ſein Recht pocht, für immer gebrochen werden, ſo helfen nicht Ausnahmegerichte, nicht Geldſtrafen, nicht Kerker für die Vorlauteſten, nicht Gnadenbeweiſe, Ehren und Würden für die Treuen. Was dann? fragte der König. Ein ſtehendes Heer, ſagte der Graf. Nur mit Hülfe eines Heeres, das ganz dem Könige gehört, ganz das Werkzeug ſeines Willens iſt, können Sie hoffen, die große Reform durchzuſetzen. So lange dies nicht Ihnen zur Seite ſteht, wird die Meuterei immer neue Stützen finden. Der König ſchwieg und ſah in die Flamme des Kamins. Aber das Geld! rief er plötzlich aufblickend. 3* Das Geld! erwiderte Strafford lächelnd, das Geld dazu müßte freilich das Parlament bewilligen, wenn jedoch kein ſolches vorhanden iſt, hat der König das Recht, in Zeiten der Noth Steuern auszuſchreiben, welche zur Sicherheit des Landes beſtimmt ſind. Das iſt wahr! ſagte Karl lebhaft. Hat der König ein Heer, fuhr der Statthalter fort, ſo findet er überall Gehorſam. Mit den 12,000 wackern Männern, die ich in Irland habe, darf kein lauter Seufzer anfſteigen, den ich nicht haben will. Ein ſtehendes Heer, Majeſtät, und meinen Kopf ſetze ich zum Pfande, aller Widerſtand hört auch in England und Schottland auf. Dann iſt es Zeit von dem Willen der Krone das Maaß der Rechte abhängig zu machen, welches dem Volke zeitweiſe bewilligt werden ſoll. Soll aber die königliche Macht ſicher hingeſtellt werden, ſo muß Alles von Ihrer Gnade abhängig ſein. Keine Freiheit des Eigenthums, keine Freiheit der Perſon, die nicht unter dem Willen des Königs ſtände; kein Richter und kein Recht, welche der höchſten Autorität nicht unterworfen wären. Kein Murren dagegen darf geduldet werden. Gnadenloſe Strenge gegen Alle, die es wagen, Zweifel gegen des Königs Befehle zu erheben; der Tod für jeden Meuterer! 4 37 Der König hörte ſtill und aufmerkſam zu, indem er nach ſeiner Gewohnheit meiſt die Augen zu Boden ſchlug. Entweder Alles oder Nichts, ſagte der Graf. Ent⸗ weder ein Heer und mit dieſem was man will, oder wenn man durchaus Geld haben muß und nicht anders zu können glaubt— ein Parlament! Bei dieſem Worte hob Karl den Kopf und blickte den Rathgeber ſtreng und vorwurfsvoll an. Dann winkte er einem dicken freundlichen alten Herrn, mit klugen großen Augen, der längſt den König ſcharf beobachtet hatte. Es war der Erzbiſchof von Canterbury, Laud, das Haupt der biſchöflichen Kirche, der fanatiſche Verfolger aller Abtrünnigen und Sektirer, des Königs erſter und vertrauteſter Geheimerath. Was ſagt der Erzbiſchof von Canterbury, fragte Karl. Kann der König eine Steuer ausſchreiben zur Sicherheit des Landes? Ohne Zweifel, Majeſtät, erwiderte Laud. Die Bar⸗ baresken plündern unſere Küſten. Es iſt nothwendig, zum Schutze der Küſten Schiffe auszurüſten und gegen Landungen einige Regimenter in Bereitſchaft zu halten, Hal rief der König, und ſeine Augen glänzten hell auf, ſo iſt es! —— —— — — 38 In dieſem Augenblicke erſchien die Königin zum großen Mißvergnügen der beiden Staatsmänner. Der König ging ihr entgegen und ſah beglückt in ihr ſchönes, freudeſtrahlendes Geſicht. Du darfſt heut nicht ſo beſorgt und düſter ausſehen, ſagte Henriette Marie lächelnd, indem ſie ihm die Stirne rieb. Ich komme, Dich zu holen. Wir wollen im Buche des Schickſals leſen. Der Weiſe von Piſa iſt ſo eben gekommen, er ſoll uns wahrſagen; ich muß wiſſen, welche glückliche Zukunft und königliche Größe meinem geliebten Herrn beſtimmt iſt. Sie führte den König fort, der ſeine Miniſter einlud, ihm zu folgen. Der Erzbiſchof verbeugte ſich lächelnd und tief, Strafford aber ſandte dem königlichen Paare einen finſteren, gereizten Blick nach. In den Zimmern der Königin hatte ſich die bevor⸗ zugte Geſellſchaft verſammelt, welche an den Offen⸗ barungen des gelehrten Mannes Theil nehmen ſollte, der unter dem Namen des Weiſen von Piſa ſeit einiger Zeit in London lebte und am Hofe erſchien. Es war ein Italiener, ein alter Mann mit weißem Haar und ſanften einſchmeichelnden Formen. Er nannte ſich Graf und Doktor Cimaſora, hatte lange in Rom und in Paris gelebt und galt deshalb bei den Einen als Agent — 8 39 des Papſtes, bei den Andern als Agent des franzöſiſchen Hofes, bei den Dritten als verkappter Jeſuit. Die Königin war ihm gewogen, und Karl unterhielt ſich gern mit ihm. Jedenfalls war es ein Mann von ungewöhn⸗ lichen Kenntniſſen, und daß, wie verlautete, er lange Zeit in den Kerkern der Inquiſition zugebracht habe, konnte den Glauben an ſeine alchymiſtiſchen und aſtro⸗ logiſchen Kenntniſſe nur vermehren. Cimaſora fand an dem engliſchen Hofe mehrere reiche Männer, die mit ihm gemeinſam über die Kunſt grübelten, Gold zu machen und den Stein der Weiſen zu entdecken. Wenigen Auserwählten aber war es nur geſtattet, iu Schmelztiegeln und Retorten unter ſeiner Anleitung einen Theil ihres Vermögens in Rauch zu verflüchtigen; Anderen hatte er ſeine magiſchen Künſte gezeigt, hatte ihre Zukunft berechnet, aus kabbaliſtiſchen Zeichen wunderbare Dinge geleſen, die Niemand wiſſen konnte, und damit Schrecken und Erſtaunen verbreitet. Ein paar ſeiner Vorherſagungen, die bei den Hoffräulein und Hofjunkern pünktlich eintrafen, hatten ſeinen Ruf erhöht, und dabei war Cimaſora ein geſchickter Arzt, der mit ſeinen Tränken und Pulvern nicht geringere Wunder zu thun wußte. Heut hatte man im Kreiſe der Königin ihn dazu 40 bewogen, einige Proben ſeiner Wiſſenſchaft zu zeigen, und Henriette Marie hatte gewünſcht, den König ſelbſt dabei zu betheiligen, der ſich ziemlich ungläubig über Manches geäußert hatte, was er von Doktor Cimaſora's Allwiſſenheit gehört. Als der König hereintrat, ſtanden die Hofleute ehr⸗ furchtsvoll auf, und an dem koſtbaren Vermeiltiſche blieb ganz allein der alte weißhaarige Italiener ſitzen, welcher niedergebeugt auf einen Gegenſtand, den ein ſchwarzes Tuch umhüllte, auf welchem weiße ſeltſame Zeichen ge⸗ ſtickt oder geſchrieben waren, die Nähe der erlauchten Perſonen nicht zu bemerken ſchien. Der Halbkreis öffnete ſich vor dem Könige und ſeiner Gemahlin, denen ſich Strafford und Laud ange⸗ ſchloſſen hatten. Karl legte den Arm auf die Schulter ſeines Neffen, des wilden Prinzen Ruprecht von der Pfalz, winkte den Lords Holland und Hamilton, welche Cimaſora auf des Königs Gegenwart aufm am mache n. wollten, zu, ſich ruhig zu verhalten, und betrachtete dir ſeinem melancholiſchen Ernſt die Thätigkeit des alien Mannes, der einen Kreis von Hieroglyphen und pla⸗ netariſchen Tafeln um den verhüllten Gegenſtand legte. Cimaſora ſchien dabei zu rechnen, und jedem Zeichen nach einem beſtimmten Kalkül ſeinen Platz anzuweiſen. 1 v 41 Sein weißes Haar und die glänzend weißen dichten Augenbrauen, unter denen die ſchwarzen Augen ſich weit öffneten, gaben ihm ein ſeltſames Anſehn. Endlich hob er ſein langes, kränkliches Geſicht auf, und mit einer tiefen Verbeugung erwiderte er den lächelnden Gruß des Monarchen, welcher zu ihm an den Tiſch trat. Nun, Herr Doktor, ſagte der König, Ihr wollt uns in die Zukunft blicken laſſen. Seid Ihr überzeugt, daß, was ſich uns enthüllt, wahrhaft geſchehen wird? Nein, Majeſtät, erwiederte Cimaſora mit ſanfter Stimme. Ich wage das nicht zu behaupten. Meine ganze Kunſt beſteht darin, was Ew. Majeſtät in dieſem Spiegel ſehen werden mit Hülfe meiner Wiſſen⸗ ſchaft ſo auszulegen, wie ich die Bedeutung aufzufaſſen vermag. Das heißt aufrichtig geſprochen! rief Karl lachend und froh gelaunt. So laßt uns denn ſchauen, was die Zukunft uns als Pfand reicht. Der Doktor ſah ſich nach den Fenſtern um, der Tag ſchien noch hell genug herein. Ihr müßt Nacht haben zu Eurem Werke, fragte der König ſpottend. Keinesweges, Majeſtät, erwiederte Cimaſora, nur 42 des Spiegels wegen iſt es beſſer, die Vorhänge zuſam⸗ menzuziehen. Dienſtfertige Hände rollten die ſchweren Seidenvor⸗ hänge nieder. Während deſſen trat der König, wie der Magier es wünſchte, gerade vor den umhüllten Spiegel. Der Doktor zündete eine Flüſſigkeit an, welche er in eine kleine glänzende Schaale goß und bei dem erſten Zucken der Flamme, die ein blaues blendendes Licht ausſtrahlte, erſuchte er den König, die Decke von dem Spiegel zu nehmen, in welchen Karl nun unverwandt hineinſah. Der Spiegel war von ovaler Form, ein klares Glas mit einer Faſſung, welche Silber zu ſein ſchien. Prinz Ruprecht, die Königin und einige andere Per⸗ ſonen, welche neugierig hinter dem Könige ſtanden, ſahen deutlich deſſen Bild abgeſpiegelt; zu ihrer Verwunderung antwortete Karl jedoch anf die Frage Cimaſora's, was er erkennen könne: Ich ſehe Nichts, weder mich ſelbſt, noch irgend eine andere Perſon. Es iſt mir, als blickte ich in einen ungeheuren Abgrund, der in ſeiner ſchwarzen Tiefe alles Leben verſchlungen hat. Verändert ſich dieſe Dunkelheit nicht? fragte der Doktor. Sie wird durchſichtiger und jetzt wird ſie roth! rief 43 der König im Tone der Verwunderung. Bei Gott! Das iſt eine ſeltſame Bewegung. Wie ein brandendes Meer ſtürzen rothe Ströme über einander hin und zer⸗ malmen ſich. Geſtalten tauchen darin auf und verſchwin⸗ den wieder. Erkennen Sie Niemand darunter? fragte Cimaſora mit leiſer Stimme. Ich erkenne nichts, fuhr Karl fort. Doch ja, dort, das muß Strafford ſein, aber ich ſehe ihn nicht mehr, und da— iſt es nicht der Erzbiſchof? Ich weiß es nicht. Ich ſehe ein Gewühl von Lei— bern, Köpfen, ſeltſamen verzerrten Geſichtern;— nun endlich dort— ja, das bin ich ſelbſt, das muß ich ſein. Sind Sie allein, Sire? fragte der Doktor, indem er den kabbaliſtiſchen Kreis drehte, auf deſſen Rande die Schale ſtaud. Nein, ſagte der König. Es ſteht eine dunkle Ge⸗ ſtalt neben mir, die ihre Hand an meinen Mantel ge— legt hat und mich fortziehen will. Vermögen Sie ihr Geſicht zu erkennen? fragte der Magier weiter. Es iſt ſchwarz, eder iſt es der große Hut, erwiderte Karl lachend. Vielleicht iſt es ein Mohr, wenn es kein böſer Geiſt iſt, der mich verlocken will. Er verſchwindet. 44 Geben Sie Acht, Sire, ob er zurückkehrt. Da iſt er wieder, ſagte der König, und noch einmal, und jetzt, wie Licht und Schatten, zum vierten Male. Er ſcheint mir zu winken und hält meinen Arm feſt. Und noch immer erkennen Sie das Geſicht nicht? Nein, aber was iſt das? Ich ſehe mich nicht mehr, er ſteht allein da. In der Mitte, allein, und ſein ſchwarzer Mantel hat breite goldene Säume. Die Röthe zerfließt in Sonnenlicht, Alles wird hell und klar, als bräche ein ſchöner Morgen an und dort— das Schloß iſt Whitehall. Es iſt umringt von glänzenden Reiter⸗ ſchaaren, ein ganzes ſtattliches, mächtiges Heer. Bei Gott!— In dieſem Augenblick kniſterte und praſſelte das Licht in der Schaale und erloſch. Damit enden die Geſichte! rief der König, und ſein eigenes Geſicht ſah froher und lächelnder aus, als man es ſeit langer Zeit geſehen hatte. Er wandte ſich zu ſeiner Gemahlin, der er die Stirn küßte, dann zu Strafford und Laud, welche ihren ſtaatsmänniſchen Ernſt allein behaupteten. Die anweſenden Hofherren und Damen lachten, weil ſie den König lächeln ſahen, und während Cimaſora das ſchwarze Tuch mit den Hiero⸗ glyphen wieder über den Spiegel fallen ließ und aus den Charakteren des Kreiſes manche der kleinen Tafeln 45 wie zu einem Exempel zuſammenſtellte, an deſſen Auf⸗ löſung er zu rechnen ſchien, wurden die munterſten ſpott⸗ luſtigſten Geſpräche um ihn her geführt. Erſt nach einiger Zeit winkte der König dem weiſen Doktor aus Piſa, und indem er mit ihm durch die Zimmer ging, fragte er ihn, was er als Ergebniß ſeiner Beobachtun⸗ gen gefunden habe? Majeſtät, erwiderte der greiſe Mann, meine Berech⸗ nungen haben genau beſtätigt, was Ihre Augen ſagen. Es ſtehen dieſem Lande große und ſchwere Stürme be⸗ vor; Muth, feſter Wille und außerordentliche Geſchick⸗ lichkeit ſind nöthig, um die Gefahren zu beſiegen, von denen ich Sie ſelbſt umringt fand. Sie ſagen mir wahrlich nichts Neues, aber ich werde ſie alle beſiegen, rief Karl, ſeine ſtolzen Augen erhebend. Die Hoffnung dazu iſt vorhanden, fuhr der Magier fort, denn viele Zeichen ſtanden ſo günſtig, daß ſie ſich auflöſten; vor allem jedoch iſt es ein Mann, der mit gewaltiger Hand in das Glück und Unglück Ihrer Zu⸗ kunft greift. Wer iſt es? fragte der König. Cimaſora zuckte die Schultern. Meine Berechnun⸗ gen ſprechen keine Namen aus, ſagte er, überall aber, * 46 wo die Schlüſſe ſich harmoniſch verbinden ſollten, ſchob ſich daſſelbe Zeichen dazwiſchen. Fünf Mal geſchah dies. Beim vierten Male ſchien es, als müßte es be⸗ ſeitigt werden; endlich blieb es allein übrig. Und was folgert Ihr daraus? Ich folgere daraus, ſagte der Doktor, daß jener Mann fünf Male Ew. Majeſtät nahen wird, und jedes⸗ mal wird ſein Erſcheinen von großer Bedeutung für Sie ſein. Es wird an wichtigen, verhängnißvollen Ta⸗ gen geſchehen. Fünf Male, wiederholte der König. Und was ſagtet Ihr vom vierten Male? Es wird darauf ankommen, ihn alsdann ganz zu gewinnen. Er iſt alſo mein Frennd nicht, meint Ihr? fragte der König lächelnd. Da er ſein Geſicht nicht gezeigt hat, muß er ein Feind ſein, erwiderte Cimaſora. Und beim fünften Male? rief Karl, wo ich ihn ſah in dem ſchwarzen Mantel mit Goldſäumen, wo ich White⸗ hall ſah, umringt von gepanzerten Reitern und Lanzen, die im heiteren Sonnenſcheine glänzten. 4 Ich kann die Auflöſung nicht deuten, ſagte der Doktor ſich beſinnend, indem er den König mit ſeinen 4 1 1 4 gte. 47 großen ſchwarzen Augen ſtarr betrachtete, allein ſo viel glaube ich zu verſtehen, daß die heitere und ſonnenvolle Zukunft Ew. Majeſtät davon abhängt, daß jenes letzte Geſicht ſich nicht erfüllt; Whitehall nie von jenen ge— panzerten Reitern und Regimentern umringt wird. Gut, Doktor, gut! rief der König lachend, doch glaubt mir, ich werde dafür ſorgen, daß es dennoch geſchieht. Ihr wißt nicht, wie wunderbar Eure magi— ſchen Bilder und Rechnungen mit manchen Thatſachen übereinſtimmen, aber Eure Schlüſſe ſind falſch. Ich kenne den Mann, vor dem Ihr mich warnt, ſehr gut, und werde ihm nie ganz trauen; was jedoch das Heer betrifft, von dem ich Whitehall umringt ſah, ſo wißt, daß ich wünſchen möchte, der Tag wäre heut ſchon da, wo ich es lebendig vor mir erblickte und ſeine Harniſche klingen hörte. & Er ſagte Cimaſora ſeinen Dank mit aller der Freund⸗ lichkeit und Güte, die man an ihm bewunderte, und er⸗ ſuchte ihn um Gelegenheit, auch ihm irgend eine Freude zu machen. Ich weiß, ſprach er am Schluſſe, daß Ihr das nicht bedürft, was ich Euch geben möchte, und was Ihr wollt, kann ich Euch nicht gewähren. Doch ſeid verſichert, fuhr er leiſer fort, ich habe es Jemandem zugeſagt, den ich mehr liebe wie mein Leben, daß der 48 Tag kommen ſoll, wo meine katholiſchen Unterthanen keinerlei Zwang in ihrem Glauben finden werden. Der weiſe Doktor von Piſa beugte ſich auf des Kö⸗ nigs Hand, die er küßte. Es war ihm bekannt, daß die Königin längſt dahin wirkte, ihren Glaubensgenoſſen größere Duldung zu verſchaffen; er dachte auch daran, daß der König bald genug Irland gebrauchen würde, und er lächelte vor ſich hin und ſah dann ſeufzend dem Monarcheu nach, der mit leichten, frohen Schritten zu ſeinem Hofe zurückkehrte. Es war gewiß, daß Karl Alles, was er gehört hatte, auf Strafford bezog und daß ſein geheimes Mißtrauen gegen den Renegaten beſtärkt wurde. Er liebte den Mann nicht, der einſt mit ſolcher Heftigkeit ſein erbitterter Gegner geweſen, ſein königlicher Stolz konnte ihm die Vergangenheit nie ganz verzeihen, aber er wußte, daß er ihn brauchte; er wußte, wie hoch er Straffords Geiſt und Energie zu ſchätzen hatte, er wußte endlich, daß Thomas Wentworth grenzenlos ſeine alten Freunde haßte und grenzenlos gehaßt wurde. Der König legte gnädig ſeine Hand auf Straffords Arm, führte ihn im Geſpräch umher und bewilligte alle Geſuche, die der Graf immer in Bereitſchaft hielt. Morgen, ſagte er dann, wollen wir im Geheimrath 49 5 überlegen, wie die Steuer beſchaffen ſein ſoll, die wir nöthig haben und welche Grundlagen die Rüſtungen haben müſſen, aus denen mein Heer hervorgeht. Mitten in dieſem Geſpräch vernahm er plötzlich ein Geräuſch vor dem Schloſſe. Viele Menſchen zogen vor⸗ über, ein langer, ſchweigender, in Reihen geordneter Haufen. Bei den Männern gingen Weiber, welche ihre kleinen Kinder trugen; Väter hielten die mehr erwach⸗ ſenen an den Händen; Viele waren mit allerlei Sachen beladen, Alle ſahen ernſt und kummervoll aus. Manche weinten laut und überließen ſich ihren Schmerzen. Was giebt es da? fragte der König. Sire, ſagte Laud ſanft lächelnd, es ſind die Aus⸗ wanderer von den acht Schiffen, welche ſegelfertig lagen. So eben ſind dieſe Schiffe beſetzt und der könig⸗ liche Befehl verkündigt worden, welcher alle Auswan⸗ derung verbietet. Recht! rief der König im ſtrengen Tone. Wir können nicht dulden, daß dieſe Verräther ſich durch Flucht ihren Pflichten entziehen und Andere verleiten, ihrem Beiſpiele zu folgen. Schon jetzt hat das Land mehr als zwanzigtauſend Menſchen und mehr als zwölf Millionen Pfund dadurch eingebüßt. Th. Mügge. Romane I. 4 50 Und wer ſind die dort an der Spitze? fragte die Königin. Des Königs Stirn verfinſterte ſich.— Der kleine grauhaarige Mann mit der Naſe, die einem Raubvogel Ehre machte, heißt John Pym, ſagte er heftig. Neben ihm geht Haslerigh, der einſt behauptete, er werde nie den Kopf beugen lernen. Dort der Dritte iſt John Hampden, ein Tugendheld, deſſen Sanftmuth Weiber zum Weinen bringt. Und wer iſt der vierſchrötige Burſch im abgetragenen Rock und breiten Hut, der mit den beiden jungen Mäd⸗ chen und der weinenden Frau hinter Hampden geht? fragte Prinz Ruprecht. Er ſieht aus wie ein Stier, der dem Schlächter entſprungen iſt, meil e er einen falſchen Schlag bekommen hat. Ich weiß nicht, wer er iſt, ſagte Karl. Er heißt Cromwell, erklärte Laud. Ein wüſter Menſch, gottlos und halb toll. Er hat im letzten Parlament geſeſſen; eine rohe, gemeine Natur, ein Vetter von Hampden. Ehemals war er Brauer in Huntingdon, ein Spieler und Schlemmer; jetzt hat er ſich bekehrt und gehört zu den ärgſten Schwärmern und Sektirern. Man hiätte ſie Alle laufen laſſen ſollen, murmelte — 11 51 Strafford vor ſich hin. Er blickte ſtarr hinab. Die Augen der Auswanderer richteten ſich auf ihn, Eltern zeigten ihn ihren Kindern und wieſen auf ſeinen Nach⸗ bar Laud. Ihre Geſichter drückten Abſcheu und grenzen⸗ loſen Haß aus. III. Drei Jahre waren ſeit jenem Tage verfloſſen. Der König hatte ſein fünftes Parlament verſammelt; aber welch ein Parlament war das! Vor ihm war Alles niedergeſunken, was Laud und Strafford aufgebaut hatten. Alle Gewalt des Königs war aufgehoben; die Sternen⸗ kammer, der hohe Gerichtshof, die geiſtlichen Tribunale beſtanden nicht mehr. Alle Gefängniſſe hatten ſich ge— öffnet und die Märtyrer herausgelaſſen, welche ſie, ver— ſtümmelt und gepeinigt, ſeit elf Jahren verwahrten; alle Zungen waren frei und alle Straßenecken und Pfeiler mit Plakaten beklebt. Flugblätter aller Art und Zei⸗ tungen mit den neueſten Neuigkeiten wurden von den Händlern ausgerufen.— Es war im Mai des Jahres 1641 und London in großer Bewegung. Menſchenſchaaren eilten dem Platze 4* 52 vor dem Tower zu, wo ein hohes Blutgerüſt erbaut war. Eine Hinrichtung fand ſtatt; das Henkerbeil ſchlug mit einem Schlage das Haupt eines Mannes ab, vor dem alle dieſe Menſchen ſo viele Jahre lang gezittert und bei ſeinem Anblick vor Wuth und Racheluſt ge⸗ knirſcht hatten. Jetzt wo der Henker das Haupt an dem ſtarken langen Haare emporhielt, und mit dröhnender Stimme über den Platz rief: Gott ſchütze den König! antwortete keine Stimme. Wie ein endloſer Seufzer lief über die dichtgedrängte Maſſe ein leiſes dumpfes Flüſtern und Murmeln, das an den düſtern Thoren des Towers abprallte und ſtarb. Die vielen tauſend Männer mit rund geſchnittenem Haar, breitgekrämpten Hüten und ſchwarzen Röcken, die Frauen mit den breiten Schnebben⸗ mützen und ſchwarzen Schleiern entfernten ſich ſtill von dem blutigen Orte. Aus manchen Geſichtern ſchien aller Haß gewichen zu ſein. Wehmüthig hoben ſie die Augen empor zu dem ſchrecklichen Staatsgefaͤngniß, das ſeit Jahrhunderten ſo viele der edelſten und erſten Männer verſchlungen hatte, und leiſe erzählten ſie ſich, daß der Hingerichtete vor dem Kerker des einſt allmächtigen Erz⸗ biſchofs von Canterbury niedergekniet ſei und durch das eiſerne Gitter den Segen deſſelben empfangen habe. Aber es gab auch Viele, die ſich die Hände drückten — 53 und mit wilden, fanatiſchen Blicken den blutigen Kopf und den Block betrachteten. Israel iſt erlöſt von ſeiner Geißel! Der Herr hat den gefunden, der ihn verſpottet, riefen ſie ſich zu, bis endlich ſich ganze Schaaren zu⸗ ſammenfanden, welche Pſalmen anſtimmten und unter ihrer Abſingung den Ort des Schreckens verließen. Unter denen, welche ſich ſchweigend entfernten, be⸗ fand ſich auch das Mitglied des langen Parlaments, Oliver Cromwell. Er hatte in demſelben breiten Hute, in demſelben unſcheinbaren abgetragenen Rocke, in welchem wir ihn zuerſt kennen lernten, das fürchterliche Schau⸗ ſpiel betrachtet. Jetzt ſuchte er ſich dem Strome der Zuſchauer ſo raſch wie möglich zu entwinden und ſchlug abgelegene Seitenwege ein, um zu ſeiner Wohnung am Strande zu gelangen. Sein Anblick verkündigte den ſtreng geſinnten Puri⸗ taner. Er ſchlug ſeine Blicke vor ſich nieder, um ſich das Anſehen zu geben, als vermeide er es, ſich mit weltlichen Dingen zu beſchäftigen. Sein ernſtes, unbe⸗ wegliches Geſicht ſchien wie aus Stein gehauen; dennoch nahm es einen milden Ausdruck an, als er die Thür ſeines Familienzimmers öffnend, in die betrübten und thränenvollen Geſichter ſeiner Frau und ſeiner Kinder blickte. 4 — 24 Die gutherzige und beſcheidene Frau hatte ſich, wie es ſchien, ſoeben den Hergang der Hinrichtung erzählen laſſen, und wahrſcheinlich hatte der junge Mann, welcher dies übernommen, ein ſo rührendes Bild davon geliefert, daß alle Augen darüber naß wurden. Da kommt der Vater! riefen die Töchter aufſtehend, doch ohne Zweifel erinnerten ſich alle zugleich, welchen Antheil derſelbe an dem Schickſal des Opfers gehabt, und welche Geſinnungen er mit ſtolzer Härte ausge— ſprochen, denn ſie ſuchten die Thränen zu verbergen und zu trocknen, während Cromwell dem jungen Manne die Hand bot und einige begrüßende Worte ſagte. Der gütige Blick, welchen Oliver auf ſeine Frau richtete, bewegte dieſe zu einer leiſen Aeußerung. Wir haben von Herrn John Herbert gehört, ſagte ſie, mit welcher Faſſung der unglückliche Graf Strafford ſeinen letzten Gang gethan hat, und welche rührende Rede er an die verſammelte Menge hielt. Ihr habt recht gehört, erwiderte das Parlaments⸗ mitglied. Strafford iſt mit unerſchütterlichem Muthe geſtorben. Kühn die verachtend, welche er ſein Leben über verachtete, und mit einer Lüge auf den Lippen, die ſo oft gelogen haben. Herr Cromwell, ſagte der junge Mann, welcher be⸗ r —— 55 ſcheiden am Tiſche ſtand, verzeiht, wenn ich widerſpreche; doch was man von dem Grafen auch ſagen mag, zur Lüge war er immer zu ſtolz, dieſer Stolz iſt ſein Unheil geweſen. Er hat den Schwarm feiler Männer verachtet, welche ſeine Kraft und Energie nicht beſaßen; er hat nie zu denen gehört, die um Freuden und Genüſſe oder um eitlen Tand die Rechte des Parlaments angriffen. Was er that, war gewaltig, groß und raſch, und hätte der König ſeinen Rathſchlägen allein gefolgt, ſeinen mächtigen Arm walten laſſen, wahrlich, man hätte heut kein Blutgerüſt für den unglücklichen Mann aufge⸗ ſchlagen. Cromwell hörte den Sprecher ruhig an. Er be⸗ merkte wohl, daß ſeine jüngſte Tochter Marie heimlich Herberts Hand berührte, als wolle ſie ihn warnen, aber nichts an ihm verrieth irgend eine Bewegung von Un⸗ muth oder Zorn. Im Gegentheil ſah er mild auf den jungen ſtattlichen Mann, auf ſein geſticktes Sammetkleid, auf die blitzenden Goldſchnallen an ſeinen Knien und das goldene, farbige Wehrgehenk auf ſeiner Schulter. Dennoch, ſprach er dann langſam und gewichtig, wie es ſeine Art war, iſt er mit einer Lüge geſtorben, denn mit dem letzten Athemzuge betheuerte er ſeine Un⸗ ſchuld und prophezeite ſchlechtes Gedeihen für den jungen 56 a Baum der Volksfreiheit, der mit unſchuldigem Blut be⸗ goſſen werde. Strafford, erwiderte der kecke Jüngling, der ſich nicht beſchwichtigen laſſen wollte, war ein Staatsmann, welcher Alles, was ſeinem Syſtem ſich widerſetzte, ver⸗ nichten mußte. Was bei einem Privatmann Verbrechen heißt, iſt bei Männern, die einen Staat ordnen und regieren wollen, nur zu oft Nothwendigkeit. Er konnte ſagen und glauben, daß er unſchuldig ſei, wenn er glaubte, daß er das Beſte gewollt und nach ſeiner beſten Ueber⸗ zeugung gehandelt habe. Im Uebrigen hat er Nichts gethan, was er allein zu vertreten hatte. Der geſammte Staatsrath hat ſtets darüber entſchieden und der König hat es genehmigt. Nach dem Buchſtaben des Geſetzes mußte er freigeſprochen werden. Cromwells Augen ruhten auf dem jungen Mann, er hörte, was dieſer ſagte, wie es ſchien, nicht ohne Be⸗ friedigung. In Vielem habt Ihr Recht, antwortete er. Schuldig wird ein Staatsmann nur dann, wenn ſeine Plane unglücklich enden. Richelieu hat mehr verbrochen, und viele Andere, die nach ihm kommen, mögen noch ge⸗ waltthätiger wie er den Fuß auf den Nacken eines Volkes ſetzen, um endlich unter Glockengeläut und Prieſterſegen zu ſterben, dabei Marmorſäulen als An⸗ 57 gedenken zurückzulaſſen. Wer aber Gewaltiges will und es nicht vollbringt, wer auf dem Schaffot endet, der iſt ſchuldig, und iſt ein ſelbſtgefälliger Thor, der ſich ſelbſt betrügt, wenn er ſterbend ſeine Unſchuld be⸗ theuert. So ſtirbt er mit der Hoffnung, ſprach Herbert er⸗ glühend, daß die Nachwelt gerechter richtet, als die, welche ſein Blut vergoſſen haben. Und haben denn nicht Viele, wie Ihr ſagt, in Glück und hohen Ehren gelebt, die, als ſie todt waren, verflucht und verabſcheut wurden? Haben nicht Andere ihr Haupt auf den Block gelegt als Miſſethäter, die nun von der Geſchichte ge⸗ ſegnet und als Wohlthäter der Menſchheit geprieſen werden?— Giebt es ein leuchtenderes Beiſpiel, als das des Heilands ſelbſt? Schweigt! rief Cromwell mit ſeiner ſcharfen, pol⸗ ternden Stimme. Die Läſterung würde zu groß und zu gemein ſein, wenn Ihr den Verräther, der heut ge⸗ rechten Tod erlitt, damit vergleichen wolltet. O! fuhr er fort, und ein finſteres, ſpöttiſches Lächeln verzog ſeine harten Muskeln, ich kann mir denken, daß ſie in Whitehall jetzt ſolche thörichte Ver⸗ ſuche anſtellen. Dieſelben Menſchen, welche dem König riethen, ſeinen Freund und getreuen Rathgeber zu opfern, 58 werden jetzt nicht ermangeln, dieſen zum Heiligen zu er⸗ heben. Ihr dürft nicht vergeſſen, Herr Cromwell, ſagte Herbert, erſchrocken über die Heftigkeit des Parlaments⸗ mitgliedes und mehrfach vergeblich von Marie gezupft und an Vorſicht erinnert, daß der König Alles aufge⸗ boten hat, um Strafford's Leben zu retten. Er hat das Parlament flehentlich gebeten, die Klage fallen zu laſſen, hat die Lords gebeten, kein Todesurtheil wenig⸗ ſtens zu ſprechen, denn nimmermehr werde er es unter⸗ ſchreiben. Ei ja, rief Cromwell höhniſch dazwiſchen, und er hat dem unglücklichen Strafford ſein königliches Wort verpfändet, kein Haar ſolle ihm gekrümmt werden. Er hat den Lieutenant des Towers zu beſtechen geſucht, ihm zur Flucht zu helfen, und ihm Strafford's Tochter für ſeinen Sohn verſprochen. In dieſem Könige iſt keine Treue und kein Glauben. Er hat das Todesurtheil endlich dennoch unterſchrieben und Strafford's Kopf iſt gefallen. Urtheilt nicht allzuhart, fiel der junge Mann lebhaft ein. Der König iſt von weichem Gemüth; Ihr kennt ihn nicht, Herr Cromwell, Ihr wißt nicht, wie gütig, menſchlich und mild er iſt. — 59 Wir haben es erfahren, wir Alle, erwiederte Crom⸗ well rauh und kalt. Es lebt keine Familie in Eng⸗ land von einiger Bedeutung, die nicht davon erzählen könnte. Strafford ſelbſt, fuhr Herbert fort, hat, wie Ihr wohl wißt, den König gebeten, das Urtheil zu nnter⸗ zeichnen, um den Haß durch ſeinen Tod zu verſöhnen. Alle Rathgeber des Königs haben ihn beſtürmt, die Krone zu retten und den einzelnen Mann zu opfern. Die Biſchöfe ſanken zu des Königs Füßen und flehten ihn an, der grauſamen Härte des Parlaments und dem Blutgebrüll des wüthenden Volkes zu weichen. Und er ließ ſich erbitten, ſagte Cromwell, finſter lächelnd. Ihr habt London geſehen, fuhr Herbert fort. Fana— tiker reizten den Pöbel auf. Es bildet ſich im⸗Ge⸗ heimen eine blutdürſtige, grimmige Sekte wie man ſagt, der ſelbſt Pym, Hampden, Hollis und die jetzigen Führer des Parlaments, Lord Kimbolton, Bedford nnd Northum⸗ berland bei weitem nicht genug thun. Dieſe Sektirer wollten mehr als Straffords Kopf. Gebt uns Strafford oder den König! hörte man die Rotten ſchreien, welche Whitehall umlagerten. Genug, genugl rief Cromwell, mit großen Schritten — E—ꝛ—ꝛ—ꝛꝛÿ—ꝛ:——x] 60 auf und ab gehend; geſchehen iſt geſchehen. Alle Kronen der Welt machen Straffords Hals nicht wieder heil. Bringt Licht herein ihr Frauen, geht und ſeht nach Speiſe und Trank. Er war mit Herbert allein und blieb vor ihm ſtehen, indem er ſeine Hand auf deſſen Schulter legte. Erinnert 1 Ihr Euch noch des Abends, ſagte er, wo ich Euch zuerſt kennen lernte. Als einen Thoren, der Züchtigung verdiente, erwi⸗ derte Herbert lächelnd. Ich erkannte damals einen edlen Kern in ſchlechter Schaale, fuhr Cromwell fort, aber ich meinte nicht Euch ¹ je wieder zu ſehen. Am Tage darauf wollte ich Eng⸗ land verlaſſen, mit meiner Familie nach den Kolonieen auswandern, ein tyranniſcher Machtſpruch machte dies unmöglich. Es war des allmächtigen Gottes Finger, der ſeine Feder führte, fügte er mit feierlicher Stimme V hinzu. Und ſo habe ich Euch im vergangenen Jahre als Mitglied des Parlaments wieder gefunden, fiel Herbert ein. Euer Familienkreis hat ſich mir geöffnet, Ihr habt mir geſtattet, zuweilen Euer Haus betreten zu dürfen. Und Ihr habt ſeit einiger Zeit oft von dieſer Er⸗ ——— 61 laubniß Gebrauch gemacht, meinte Cromwell ihn feſt an⸗ blickend. Herr Cromwell! ſagte der junge Mann ſtockend. Ich weiß was Ihr antworten wollt, aber hört mich an, John Herbert, was ich mit wenigen Worten Euch offen erklären will, und was ich von Euch fordere. Fordert Alles von mir, rief dieſer leidenſchaftlich, nur nicht, daß ich meine Hoffnungen aufgeben ſoll. Ihr wißt, Herr Cromwell, was ich war, ein junger übermüthiger gedankenloſer Mann, der mit Spielen, Fechten, Tanzen und im Taumel eines unbeſonnenen Lebens ſeine Tage hinbrachte; Ihr wißt aber auch, daß ich mich geändert habe, daß ich ernſter und beſonnener geworden bin. Und dennoch, Jüngling, dennoch wandelſt Du in Finſterniß, ſagte der ſtrenge Puritaner, und Deinem blöden Auge widerſtrebt das Licht. Glaubt das nicht von mir, fuhr Herbert fort. Ich weiß, was falſch und unrecht iſt. Ich liebe die An⸗ maßung und Gewalt der Biſchöfe nicht; ich weiß, daß die Gnade Gottes erworben ſein will durch Gebet, chriſt⸗ liche Liebe und Duldung. Und wenn dieſe Erkenntniß in Dein Herz gedrungen iſt, fuhr Cromwell in demſelben ſalbungsvollen Tone fort, wenn aus den Fenſtern des Himmels Stimmen 62 ſchallten, die nach Dir riefen, warum ſtehſt Du noch bei Denen, die verloren ſind? Herr Cromwell, erwiederte der junge Mann, den Kopf ſenkend, ich bin durch viele Bande der Dankbarkeit und Ehrfurcht an den König gefeſſelt. Meine Familie hat immer ſeinem Haushalte nahe geſtanden, mein Oheim iſt ſein erſter Kämmerer. Ich verdanke ihm eine lange Reihe von Wohlthaten und einen Platz als Officier ſeiner Leibwache. Dieſe irdiſchen Rückſichten ſind es, die Euch halten, Sir Herbert? fragte Cromwell vorwurfsvoll. Nein, Herr, erwiederte dieſer, wäre der König ge⸗ blieben wie er war, als er ſein kurzes Parlament im vorigen Jahre hielt und auflöſte, ich und Viele würden ihn verlaſſen haben. Aber er hat ja nun Alles gegeben, was Ihr begehren konntet, Alles widerrufen, was ge⸗ ſchehen iſt, ſich in Alles gefügt, was man ihm abfor⸗ derte. Strafford iſt todt, Laud im Kerker, Finch ent⸗ flohen, das Parlament überall der Sieger. Während Whitehall ſich mit Cavalieren füllt, ſagte Cromwell, die dem Könige zurufen, daß die Stunde nahe ſei, wo er Rache nehmen müſſe. Herbert ſchwieg; er mußte zugeben, daß Thränen, Racheſchwüre und bitterer Haß den Palaſt erfüllten. ———————;—ꝛ—x—xx——— 63 Hört mich an, ſagte Cromwell endlich. Gehörtet Ihr zu denen, welche Gott begnadigt hat, daß ſie den ſchmalen Weg des Heils wandeln, gehörtet Ihr zu denen, welche bei ihres Volkes Rechten ſtehen gegen Tyrannei und Bedrückung, ich wollte Euch Maria's Hand nicht verweigern. Aber auch ſo wie es iſt, will ich es nicht, weil eine Stimme in meinem Innern ſpricht: Nimm ihn auf und pflege ihn, auf daß ſein Auge ſich öffne und er ſehend werde. Dank Euch; tauſendmal Dank! rief Herbert. Maria ſoll Dein ſein, fuhr Cromwell fort, doch erſt dann, wenn die Schlacken von Dir abgefallen ſind, und Deine Seele ſich gereinigt hat von den Irr⸗ thümern. Und was fordert Ihr von mir? fragte Herbert. Soll ich den König verlaſſen, mit meinem Oheim, mit meinen Verwandten mich entzweien? Nein, erwiderte Cromwell nach kurzem Schweigen, Du ſollſt bleiben an Deinem Platze, wohin der Herr Dich geſtellt hat, dort ſtreiten für ſeines Namens Ehre. Leihe Dein Ohr den Gutgeſinnten und fördere ihre Sachen, wie Du es vermagſt. Der König iſt mit Feinden umringt, hilf ihn davor ſchützen. Laß uns gemeinſam wirken auf eine Verſöhnung mit denen, die 64 ſeine wahren Freunde ſind, mit den ehrlichen, uneigen⸗ h 1 nützigen Männern des Volks, die ihm dienen wollen mit d Gut und Leben, wenn er ehrlich uud aufrichtig ſich mit an ihnen verbinden will. 31 Der junge Herbert wurde von dieſem Gedanken bet 8 lebhaft ergriffen. Verſöhnt Euch mit dem Könige, rief 65 er, er iſt gnädig und gerecht. Trennt Euch von den dui dwdh wilden, heftigen Wortführern des Parlaments, von Pym, 3 Hollis, Haslerigh, Martins, Vane und den Anderen. lbas Euer Name iſt wenig bekannt, Ihr ſprecht nicht in der vul Verſammlung; Ihr laßt Euch gern verdunkeln, weil def Ihr zu den Beſcheidenen und Gemäßigten gehört. Ich will Euch ſichere Nachricht geben, welches die Abſichten von des Königs ſind. 1 all Cromwell lächelte und drückte ſeinen Dank aus. V Meldet mir Alles, was Ihr erfahren könnt, ſagte er,* aber ſchweigt gegen Jeden. Wir verſtehen uns jetzt, kud John Herbert. Ich bin ein ſtiller, gottvertrauender niñ Mann, mein Herz dürſtet nach Frieden und Gott ſegne r⸗ den König! hat Gott ſegne den Königl rief Herbert, und maches 3 u ſo mild und verſöhnlich, wie Ihr es ſeid.— Die Frauen kehrten zurück und nach einiger Zeit verließ Herbert voller Hoffnungen die Familie.— Aml Abend 65 war London erleuchtet; wer nicht illuminirte dem wur⸗ den die Fenſter eingeworfen. Cromwells Haus war dunkel geblieben. Die Verſammlungen der Oppoſitionsmitglieder aus beiden Häuſern fanden häufig bei Lord Falkland ſtatt. Es war das Feldlager aller Gegner des Hofes, und doch war der reiche Lord ſelbſt einer der mildeſten und gemäßigtſten Männer. Er war befriedigt von dem, was der König jetzt gethan und nachgegeben hatte, und wollte nun, was Viele wollten: vermitteln, beruhigen und verſöhnen. Weit erregter und heftiger als er, waren die Grafen von Northumberland, Bedford, Eſſex und Carlisle, vor allem aber der kühne Lord Kimbolton, der Mann des Volks, welcher ſpäter als Lord Mancheſter die Heere des Parlaments befehligte. Es waren einige zwanzig Lords in Falklands Sälen verſammrlt, doch eine viel größere Zahl der Mitglieder des Hauſes der Gemeinen hatte ſich eingefunden, und mit ihnen waren reiche Kauf⸗ leute und Magiſtratsmitglieder aus der City gekommen. Auch Damen fehlten nicht. Lady Falkland ſtand mit der geiſtreichen Gräfin Carlisle, der Schweſter des Grafen Northumberland, mitten in einem Kreiſe der ſedeutendſten politiſchen Größen jener Tage. Die junge Th. Mügge, Romane I. 5 Lady Kimbolton unterhielt ſich mit dem ungeſtümen Republikaner Heinrich Martin, der zuerſt das damals oft wiederholte Wort ausgeſprochen hatte: es ſei von einem Menſchen zu viel gefordert für Millionen zu denken und ſie zu regieren.“ Der liebenswürdige ſchwär⸗ meriſche Heinrich Vane ſtand zwiſchen vielen Damen und unterhielt ſie mit den Erzählungen ſeiner Abenteuer in 1 den Kolonieen, wohin er ſich freiwillig verbannt hatte, um des Königs und Lauds despotiſchen Glaubensvor⸗ ſchriften zu entgehen. Manche andere Gruppen hatten ſich gebildet. Die magere ſtolze Geſtalt Denzil Hollis ragte aus einer der⸗ ſelben hervor, und mancher theilnehmende Blick richtete ſich auf ſein früh ergrautes Haar, ſein eingefallenes, leidendes Geſicht und ſeine dunklen, tiefliegenden Augen. Hollis war ein Sohn des Lord Clare und ein Jugend⸗ geſpiele des Königs; trotz deſſen war er einer der ent— ſchiedenſten Vertreter der Volksrechte in den Parla⸗ menten von 1628 und 29 geweſen. Ihn hatte die I Rache des Hofes am grimmigſten verfolgt. Der König 1 ſelbſt hatte ſich durch ſeinen Verrath, wie es genannt W wurde, am tiefſten beleidigt gefühlt. Verurtheilt von— feigen und abhängigen Richtern und gefangen geſetzt, ſo lange es dem Könige gefallen möchte, hatte er elf Jahre 8 — 67 im Kerker zugebracht, weil man ihn nicht bewegen konnte, um Gnade zu flehen, und ſich zu demüthigen, was er beharrlich verweigerte, da er nichts verbrochen habe. Dieſer ſtolze Mann, befreit als ſich alle Kerker öffneten, ſaß nun wieder im Parlament, und von ihm beſonders war Straffords Fall und Tod betrieben wor⸗ den. Er hatte die Remonſtranz durchgeſetzt, welche alle Mißbräuche der königlichen Macht unmöglich machen ſollte, eben ſo die Bill, durch welche der König keinen Engländer mehr zum Soldatendienſt preſſen durfte; end⸗ lich war er es geweſen, der aufs thätigſte die Aus⸗ ſchließung der Biſchöfe aus dem Oberhauſe betrieb, was endlich auch wirklich gelang. Und neben dieſem unerbittlichen Feinde der Prieſter, der„herzverrotteten“ Lords und des Hofes, ſah man die Männer, welche nebenbuhleriſch ihm den Rang an Kraft der Rede und Kühnheit der Gedanken ſtreitig machten. Der düſtere, glaubenseifrige Arthur Has⸗ lerigh, den der König zu ſeinem ſchweren Schaden an der Auswanderung gehindert hatte, John Hampden, der milde, freundliche und hochverehrte Edelmann, welcher zuerſt das Beiſpiel unerſchrockenen Widerſtandes gegen Gewalt gab, Stroud, der wie Hollis in langer Haft 68 gelegen, und endlich der Ulyſſes des langen Parlamentes, John Pym, der ergraute Held der Tribüne und der Volksverſammlungen, der ſchlaue, vielgewandte Advokat. Alle Schattirungen der Parteien waren in den Sälen Lord Falklands vertreten, und ohne Zweifel heut ein Tag, an welchem die unruhigen Geſichter und die lebhafte Auf⸗ regung der Gemüther gerechtfertigt ſchien. Sonderbare Gerüchte liefen umher, von einer großen Verſchwörung in Whitehall, von geheimen Abſichten des Hofes gegen das Parlament, von Angriffen, die auf das Leben Pym's und einiger anderer Mitglieder des Unterhauſes gemacht werden ſollten. Man konnte nicht läugnen, daß des Königs Anhänger ſich bedeutend verſtärkt hatten, daß namentlich ein großer Theil des Landadels ihm neuer⸗ dings wieder zugefallen war, daß die große Majorität des Oberhauſes es mit dem Hofe hielt, und daß die immer höher geſtellten Forderungen des Unterhauſes Viele erſchreckten, die nicht ſo weit gehen wollten, und denen vor dem Geiſte bangte, welcher die Maſſen zu bewegen began Der Aufſtand der Katholiken in Irland und der damit verbundene große Mord der Proteſtanten hatte Wuth und Entſetzen über England verbreitet. Man traute dem Hofe Alles zu, ſo auch, daß er darum 69 gewußt habe. Die katholiſche Königin wurde jetzt noch mehr Gegenſtand des bitterſten Haſſes, und ſelbſt in dieſen Sälen wurden die heftigſten Beſchuldigungen gegen ſie laut, als manche der Gemäßigten und der Friedensſtifter ſie zu vertheidigen wagten. Lord Falkland verſuchte dies in ſeiner Weiſe. Was will und kann denn Hof und Königin jetzt noch thun, ſagte er. Die wenigen hundert Cavaliere, Landedelleute, junge Rechtsgelehrte und entlaſſene Officiere, welche in Whitehall ſich lächerlich machen, ſind in der That keine Feinde, die man fürchten darf. Der König, ſelbſt wenn er wollte, was ich Sr. Majeſtät niemals zutrauen werde, iſt nicht im Stande, es auszuführen. Er beſitzt kein Heer und kein Geld. Aber er kann ſich beides verſchaffen, wenn er will, rief eine ſcharfe Stimme dazwiſchen. Lord Falkland ſah ſich nach dem Sprecher um; hinter ihm ſtand Oliver Cromwell. Die vierkantige Geſtalt des Parlamentsmitgliedes für Cambridge machte in dieſer Verſammlung keinen vortheilhaften Eindruck. Die Grafen und Lords, die Damen aus vornehmen Familien und ſelbſt die allermeiſten Mitglieder des Un— terhauſes trugen modiſche und feine Kleider. Es waren viele lebensfrohe Geſichter darunter, deren Neigung für 70 Putz und weltliche Luſt keineswegs durch ihre politiſchen Meinungen erdrückt war; aber man ſah auch eine An⸗ zahl Männer, die in ſchwarzen einfachen Röcken, in dem langgekämmten Haar und der Entfernung aller Dinge, welche als weltlicher Tand betrachtet werden konnten, die ganze düſtere Strenge der Puritaner ſchon damals zur Schau trugen. So war es mit Cromwell. Ueber den breiten Kragen des faltigen, ſchlichten Rocks fiel ſein grobes Hemd. Ein ſchwarzes Tuch war nachläſſig um ſeinen gewaltigen Hals geſchleift; den breitkrämpigen, zerbo⸗ genen Hut hielt er in der Hand. Lord Falkland mußte ſich auf dies dunkle, muskel⸗ volle Geſicht des Brauers von Hundington beſinnen, dann ſagte er ſtolz lächelnd: Was das anbelangt, Herr Cromwell, ſo kann man weder Heere aus der Erde ſtampfen, noch Goldſtücke in der Hand wachſen laſſen, um ſie zu bezahlen. Noch weniger aber, fügte er mit einem leiſen ſpöttelnden Lächeln hinzu, wird Se. Ma⸗ jeſtät oder einer ſeiner Geheimräthe im Stande ſein, durch inbrünſtige Gebete ein Wunder zu bewirken. Blöde Augen, erwiederte Cromwell ernſthaft, ver⸗ mögen nicht zu erkennen, was die Gnade des Herrn vollbringt. Ohne mit ihrem Spott zu rechten, Mylord, 3 71 ſage ich Ihnen, daß, wenn ich des Königs Geheimrath wäre, ich ihm Heer und Geld ohne ein Wunder ver⸗ ſchaffen wollte. Dann dürfte Se. Majeſtät vielleicht bedauern, daß er Sie entbehren muß, ſagte Lord Falkland beluſtigt; wie dem aber auch ſein mag, Herr Cromwell, wir thun jedenfalls beſſer, den böſen Feind nicht an die Wand zu malen, ſondern ihn zu verbannen. Der König wird ſich hüten, das zu begehen, was man ihm zumuthet; allein wenn man ſo fortfährt, wie man jetzt angefangen hat, wird man es dahin bringen, daß Intriganten, Schwärmer und Tollköpfe aller Art namenloſes Unglück über nnſer Vaterland ausſchütten. Wehe Denen, ſprach Cromwell mit ſeiner markigen Stimme, die mit Ruthen peitſchten, wo ſie pflügen ſollten. Wie die Saaten waren, ſo werden die Früchte ſein! Nichts iſt übler und verderblicher, rief Lord Falk⸗ land gereizt, als dies fortgeſetzte Mißtrauen, das im Volke ausgeſtreut und genährt wird. Man kennt das fröhliche Alt⸗England nicht mehr, wenn man den fanatiſch düſteren Geiſt jetzt aufwuchern ſieht, der jede Freude zum Verbrechen ſtempelt, Kunſt und Wiſſenſchaft als Sünde und Gottloſigkeit verdammt, und mit dem hei⸗ 72 ligſten und edelſten aller Bücher, mit der Bibel in der Hand auf den Märkten umherzieht, um nicht etwa Liebe und Nachſicht zu lehren, ſondern Zerſtörungswuth und wilde Schwärmerei. Mehre der Umſtehenden miſchten ſich ein, theils Falkland unterſtützend, theils ihm widerſtreitend. Hollis ſelbſt ergriff das Wort und vertheidigte den erwachten religisſen Sinn des Volkes, das von Biſchöfen und Prieſtern lange gedrückt nnd verfolgt ſich um ſo eifriger der reinen Lehre zuwende und den Firniß der Heuchelei und der pfäffiſchen Gelüſte von ſeinem Glauben ab⸗ ſtreife. Die Reden und Gegenreden wurden lebendiger, gegenſeitige Vorwürfe blieben nicht ans, und aus Allem ging ein ziemlich vollſtändiges Bild der Lage Englands hervor, das immer tiefer in zwei feindliche Heerlager ſich zerſpalten hatte. Die puritaniſchen Prieſter und Heiligen zogen jetzt ungeſcheut durch alle Grafſchaften und alle Städte, überall predigend und mit fanatiſchem Eifer gegen Kirche, Hof, Lords und die Trennungen der Geſellſchaft durch Rang, Stand, Titel und Ver⸗ mögen ſich erhebend. Der Landadel, die großen Grund— beſitzer, die alten Familien mit großen Privilegien, die Geiſtlichkeit, die Univerſitäten und der größte Theil der 73 reichen und vermögenden Leute ſchloſſen ſich enger zu⸗ ſammen. Die Maſſe des Volkes aber, beſonders in den Städten, in London vornehmlich der kleinere Gewerbe⸗ ſtand, die Bürger der City, die Meiſter und noch mehr die Geſellen und Arbeiter, hielten es mit der Majorität des Unterhauſes, deſſen Kern aus Puritanern und deſſen Majorität aus den heftigſten Gegnern der Biſchöfe, der Lords und des Hofes beſtand. Lord Falkland ſah ſich bald in die Enge getrieben, als auch Pym das Volk gegen ſeine Vorwürfe in Schutz — nahm. Ich gehöre nicht zu denen, die dem finſteren Eifer religiöſer Schwärmer huldigen, ſagte das kluge Haupt der Oppoſition endlich, aber die biſchöfliche Kirche hat ſo tief in unſer Fleiſch geſchnitten, daß wir eine Haut von Horn uns anſchaffen müſſen, um künftig ſicher vor ihr zu ſein. Von oben herunter durch Glau⸗ bensbefehle und Vorſchriften wird keine Religion ge⸗ gründet, und keine Kirche organiſch ausgebildet, von unten herauf durch das Volk muß es kommen. Die Gemeinde muß ſich ihre Satzungen geben, das Volk ſelbſt muß über ſeinen Glauben beſtimmen, und ſo lange Prieſter 1 und Hof dies Recht nicht vollſtändig anerkennen, iſt der puritaniſche Eifer das beſte Schutzmittel. Ich fürchte, Ihr täuſcht Euch, Herr Pym, ant⸗ 74 wortete der Lord kopfſchüttelnd. Ihr wollt eine Wunde mit Gift heilen, und bedenkt nicht, daß dies den ganzen Körper durchzieht. Ihr denkt gemäßigt, ſeid ſelbſt der presbyterianiſchen Lehre zugethan, meint aber, die Schwär⸗ merei als Mittel benutzen zu können, Eure Gegner zu beſiegen. Denkt jedoch an mich, dieſe Fanatiker werden auf eure Schultern ſteigen, ſie werden mit ihren wilden Lehren alles umſtürzen und ihr werdet nicht ſtehen blei⸗ ben können. Ohne Achtung vor jedem Wiſſen, ohne Liebe für jedes höhere Streben, wird ihr Reich ein Reich der düſterſten Gewalt und der Unterdrückung aller menſchlichen Freiheit ſein. Nehmt Euch in Acht, Ihr Herren, daß Ihr nicht zu den Betrogenen gehört. Wenn die Heiligen des Volks einmal in England regieren ſollten, werdet Ihr die Herrſchaft der Biſchöfe ſehnſüchtig zurück⸗ wünſchen. Cromwell machte eine heftige und unwillige Bewe⸗ gung, und indem er ſeinen Platz verließ und an Lord Falkland vorüberging, ſtand er einen Augenblick ſtill und ſagte in ſeiner polternden abſtoßenden Weiſe: Die den Geiſt nicht begreifen, der von Gott ausgeht, läſtern ihn und können ihn doch nicht halten! Falkland ſah ihm mit einem verächtlichen Zucken ſeiner Lippen nach. Hoffentlich, ſagte er, werde ich es 75 nicht erleben, daß der Geiſt, den dieſer Mann begreift, Englands Schickſal leitet. Es iſt blödſinnig, von ihm Heil zu hoffen. Mylord, erwiderte John Hampden ſanft, mein Vetter Cromwell iſt in ſeinen Ausdrücken nicht ſehr glücklich; wenn es jedoch ans Handeln geht, ſo glaube ich Euch verſichern zu können, daß er nicht blödſinnig genannt zu werden verdient. Er wird einer der erſten Männer im Lande ſein, ehe man es denken mag. Dieſer prophetiſche Ausſpruch Hamp dens iſt ſpäter oft wiederholt worden, damals achtete man nicht darauf. Die Meiſten lächelten dazu und Lord Falkland wandte ſich fort, um mit dem Grafen Eſſex zu ſprechen, dem von allen Seiten geſchmeichelt wurde, weil man ihn für das größte militäriſche Talent in England hielt. Cromwell hatte inzwiſchen längſt die Säle Lord Falklands verlaſſen und war in ſeine ſtille Wohnung zurückgekehrt.— Dieſe Kurzſichtigen, murmelte er vor ſich hin, ſie denken an Verſöhnung mit Menſchen, die keine Verſöhnung wollen. Sie wollen ſich unterwerfen dem Geſchlecht der Moabiter, zu denen ſie im Herzens⸗ grunde ſelbſt Alle gehören, damit der Segen Kanaans ihnen wieder zu Theil werde. Aber gehet hin und folget eures Herzens Gelüſten, gehet hin in den Feſt⸗ 76 ſaal der Philiſter. Ihr ſehet den Simſon nicht, dem ihr Haar und Nägel verſchnitten habt, und der die Säulen, auf denen ihr tanzet und von denen herab ihr ihn verhöhnt, ſchon mit ſeinen Armen umfaßt hält. Die Stunde wird kommen, wo er ſie zerdrückt, als wären es Halme von Stroh. Als er die Thür ſeines Wohnzimmers öffnete, ſah er John Herbert neben Maria ſitzen. Sie lehnte den Kopf an ihn, er hielt ihre Hände in den ſeinen; ein zärtliches Zwiegeſpräch ſchien hier ſtattgefunden zu haben, das Cromwell's gewichtigen Schritt ſogar überhörte. Verzeiht, Herr Cromwell, ſagte der junge Mann, als beide verwirrt aufſtanden, ich habe Euch hier er⸗ wartet, weil ich mit Euch zu ſprechen wünſchte. Und da ich eben nicht zu haben war, erwiederte Cromwell lächelnd, wußtet Ihr Eure Zeit auszufüllen. Er ſtrich die erröthende Tochter über die Stirne und ſagte freundlich: Du haſt John Herbert gewiß ſehr lieb, mein gutes Kind? Von ganzem Herzen, Vater, antwortete ſie leiſe. Dann bitte zu Gott, mein theures Kind, daß der Herr ihn erleuchte und auf die rechten Wege des Heils führe, damit er bei uns ſtehe in reinem Glauben. Und in ungebrochener Ehre, Vater, fügte ſie muth— n voller hinzu. In der einzigen wahren Ehre auf Erden, die Chriſten ie r und Menſchen ziemt, ſagte Cromwell, in der Ehre Gottes, die aus dem Munde der Gerechten ſpricht. 6 Marie entfernte ſich, das Parlamentsmitglied wandte ſich zu dem jungen Offizier der Leibwache. Es ſcheint, ſagte er, Ihr habt Eure Sorgen dem armen Mädchen anvertraut, und wollt auch mir etwas davon mittheilen. Herr Cromwell, erwiederte Herbert ſtockend, ich kämpfe einen Kampf des Gewiſſens, der Pflicht und der Dank⸗ barkeit. Ich habe gelobt, Ihnen Alles mitzutheilen, was Wichtiges ſich begiebt. Nund fragte Cromwell erwartungsvoll, als Herbert ſchwieg. Flieht, Sir! fuhr der Offizier fort, oder wenn Ihr das nicht wollt, haltet Euch wenigſtens ganz ruhig bei Allem was geſchieht. Ich will mit Hülfe meines Oheims Euch ſchützen, mit dem Könige verſöhnen und Vergebung erwirken. Und was iſt es? Was ſoll geſchehen? fragte Crom⸗ well unbeweglich. Mein Vetter Herbert, der Kronanwalt, fuhr der junge Mann fort, wird morgen im Oberhauſe erſcheinen 78 und gegen mehrere Mitglieder des Parlaments eine An⸗ klage auf Hochverrath erheben. Der König iſt entſchloſſen, Strafford's Tod zu rächen. Man hat ihn dazu gedrängt; fünfhundert Cavaliere ſind in Whitehall. Möglich, daß das Parlament zerſprengt wird, wenn es Widerſtand leiſtet, und daß es nicht dabei bleibt, die Schuldigſten auszuſuchen. So ſcheint es mir, erwiderte der unerſchrockene Puri⸗ taner, in deſſen Augen eine grimmige Freude blitzte. Weiß man, wer die Angeklagten ſein werden? Man ſpricht von Kimbolton, Northumberland, Eſſex, von Pym, Hollis, Haslerigh und Hampden. Was gehen ſie mich an, ſagte Cromwell, ich habe mich niemals neben ſie geſtellt. Dann eilt, Euch ſelbſt zu retten. Ich will das Aeußerſte thun, um Eure Verſöhnung zu erleichtern. Der König hat recht, ſagte Cromwell, die Arme kreuzend, wenn er ſeine Macht herzuſtellen ſucht, da es noch Zeit iſt. Das Parlament kann nicht ſtehen bleiben; es muß weiter und immer weiter gehen. Alle die Narren, welche vermitteln wollen, wiſſen nicht, was ſie thun. Dennoch iſt es ein gefährliches Spiel, und wenn es mißglückt, was ſoll dann geſchehen? Es wird nicht mißglücken, antwortete Herbert. * 79 London? fuhr Cromwell Was braucht der König fort. Er kann nach Orford gehen, oder nach York, dort wird der ganze Adel zu ihm eilen, und dieſer tapfere Adel giebt ihm Heer und Geld zu gleicher Zeit. Das iſt ein Gedanke, ſprach der junge Mann er⸗ regt, der wohl zu überlegen wäre. So geht Sir, und überlegt ihn mit denen, die Ge⸗ danken zu ſchätzen wiſſen. Ich werde ruhig bleiben und den Tag erwarten. Habt Dank, lieber Herbert, ich rechne auf Euch bei Allem was geſchieht. Er geleitete ihn hinaus und kehrte dann zurück, mit Blicken voll Leben und Feuer. Ha! Rehabeam, rief er, ſeine Hände erhebend, deine Stunde iſt gekommen. Zu deinen Zelten, Israel!— Schnell ergriff er Hut und Mantel und eilte Pym, Hollis und Hampden nochmals aufzuſuchen. IV. In Whitehall waren die Geſichter ſo froh und hoff⸗ wie ſie ſeit langer Zeit nicht geweſen. Man nungsvoll, 1 der ſeits Straffords Tod und ſah den König ſelbſt, Lauds Einkerkerung gewöhnlich ſchweigend und finſter 80 umherging, heut heiter und lächelnd ſich mit ſeinen zahl⸗ reichen Gäſten unterhalten. Und in der That konnte der König mit dem Gang der Dinge zufrieden ſein. Viele waren an ſeinen Hof zurückgekehrt, die lange Zeit ihn gemieden hatten. Eine ſehr große Zahl von Lords war um ihn verſammelt, von ihren Landſitzen waren manche hohe Herren gekommen, um ihre Treue zu be⸗ theuern; Karl konnte mit Gewißheit ſagen, daß er die Majorität des Oberhauſes beſitze, und in allen Fällen auf ſie zählen könne. Es kam nur darauf an, dieſer Majorität den nöthi⸗ gen Schutz zu geben, ihr zu beweiſen, daß die Kraft und Stärke beim Könige ſei, daß ſie von dem rundköpfiſchen Pöbel nichts zu beſorgen habe, der dem rebelliſchen Un⸗ terhauſe ſeinen Beiſtand zugeſichert hatte. Soldaten hatte der König freilich noch immer nicht; er hatte ſogar von ſeiner früheren Gewalt, die Landesjugend auszuheben, ſo viel verloren, daß Straffords Rath, ein Heer zu preſſen, jetzt geradezu unmöglich war. Da⸗ gegen aber hatten ſich mehr als tauſend Cavaliere aus den Reihen des Landadels, der Baronets, der Esquires und der Gentry überhaupt freiwillig zu ſeiner Vertheidi⸗ gung geſtellt. Der hohe Adel beſaß überdies eine zahlreiche bewaffnete Dienerſchaft, ſo daß Whitehall 81 und die Häuſer der Großen in der Umgebung des Pa⸗ laſtes ganz mit ergebenen Mannſchaften beſetzt und ge⸗ füllt waren. Die kecken Cavaliere und ihr Anhang betrachteten die Spießbürger aus der City mit Hohn und Ueber⸗ muth. Die Milizkompagnieen, welche der Lord⸗Mayor aufgeboten hatte, um Ordnung und Ruhe zu erhalten, waren ihnen Gegenſtand des Gelächters und der Ver⸗ ſpottung. Wo es irgend Streit gab, und dieſer war in den letzten Tagen nicht ſelten geweſen, wurden die Rund⸗ köpfe blutig nach Hauſe geſchickt. Die Cavaliere waren im Gebrauch des Degens und der Piſtole wohl geübt, während ihre Gegner meiſt gar nichts davon verſtanden; zum größten Vergnügen der jungen Edelleute hatten die plärrenden Spießbürger daher jedesmal bald das Haſen⸗ panier ergriffen, ſo wie die Cavaliere ihre Schwerter klirren ließen. In die City hinein wagten ſie ſich freilich nicht, ſie galt als die Burg aller Schlechtgeſinnten. Dort herrſchte das Parlament, und die Milizen und Bürger hielten Tag und Nacht Wache, weil die grimmigen Cavaliere geſchworen haben ſollten, das Demokratenneſt an allen Ecken in Brand zu ſtecken und die ganze Brut darin zu verbrennen. Th. Mügge, Romane I. 6 82 Heut nun war im Oberhauſe die Anklage erfolgt und der Erfolg ein offenbar günſtiger geweſen. Sie war gegen Lord Kimbolton, gegen Pym, Hollis, Has⸗ lerigh, Hampden und Stroud gerichtet, welche angeklagt wurden, die Grundgeſetze und die Verwaltung des Reichs verrätheriſch umzuſtürzen, den König ſeiner kö⸗ niglichen Macht zu berauben, ihm die Zuneigung ſeines Volkes zu entziehen, Krieg gegen den König zu erheben u. ſ. w. Die Lords hatten einen Ausſchuß zur Prüfung der Anklage ernannt und das Haus der Gemeinen davon benachrichtigt, wo ein heftiger Auftritt inzwiſchen ſtatt⸗ gefunden hatte; denn der König hatte einige Offiziere ſeines Haushalts zu ihnen geſchickt, und die Auslieferung der Verbrecher gefordert. Das Haus ſah ein, daß kein Kopf ſicher ſei, wenn es dies Begehren bewilligte, es wies daher die Officiere hinaus, und faßte einen Be⸗ ſchluß, der den Bruch ſeiner Privilegien ausſprach und Jedermann gebot, die Freiheit der Vertreter des Volks zu vertheidigen. Während deſſen waren vom Hofe Wachen ausge⸗ ſchickt worden, die Angeklagten zu fangen, wo man ſie finde. Man war in ihre Wohnungen gedrungen, hatte ihre Zimmer verſiegelt, ihre Schränke erbrochen, ihre 4 Papiere mitgenommen, ſie ſelbſt jedoch waren ſämmtlich der Haft entgangen, denn ihre Freunde hatten ſie in der City in Sicherheit gebracht, wo ſie vom Volke und von den Milizen umringt wohl aufgehoben waren. Während nun in Whitehall die Gläſer klangen, die Cavaliere das Wohl ihres Herrn und Königs tranken und zierliche Trinkſprüche auf ſchöne und ſtolze Damen ausgebracht wurden, ſchallte aus der City das wilde Geſchrei des Volks herüber, das um angezündete Feuer lagerte und Hoch's ohne Ende auf Pym, auf Hollis und alle Verfolgten immer von Neuem bereit hatte. In dem prachtvollen Speiſeſaale des Palaſtes ſtanden Ta⸗ feln voll Wein und Erfriſchungen, aus der großen Gallerie riefen Hörner und Flöten zum Tanze. Die Königin und ihre Damen ſchwebten mit Herzogen und Grafen auf und ab, während der König nach ſeiner Weiſe lächelnd zuſah oder mit auf den Rücken gelegten Armen in Begleitung einiger der Lords auf und ab ging und ihnen klagte, wie Alles was er gethan habe nur dorch Undankbarkeit und verbrecheriſche Habgier ver⸗ golten worden ſei und die gierigen Hände dieſer Männer ohne Ehrfurcht und Scheu ſich nach den heiligſten Rechten ſeiner Krone ausgeſtreckt hätten; aber, fügte er dann hinzu, und ſein finſteres Geſicht drückte ſeine heftige 6*— Entrüſtung aus, ſie ſollen erfahren, daß ich Rechte, die mir von Gott gegeben ſind, nicht antaſten laſſe von einem Haufen frecher und wahnſinniger Heuchler, die den Sinn meines Volks zu verführen ſuchen, das mir treuer an⸗ hängt, als ſie meinen. Der König dachte bei dieſen Worten an den glän⸗ zenden Einzug in London, den er vor wenigen Monaten erſt gehalten hatte, als er aus Schottland zurückkehrte. Eine große Zahl der angeſehenſten und reichſten Bürger war ihm damals pomphaft entgegen geritten, die Zünfte mit ihren Fahnen und Zeichen hatten einen meilenlangen Triumphzug gebildet, das Volk hatte ihn jubelnd empfan⸗ gen und ein prachtvolles Feſt war in Guildhall gefeiert worden. Der Lord-Mayor, Richard Gourney, und ein Theil der Aldermänner gehörten zur Hofpartei, allein ſeit jener Zeit war die Meinung, daß der König auf⸗ richtig halten wolle, was er verſprochen, längſt wieder erloſchen. Die Bürger der City hatten eine offene Er⸗ klärung abgegeben, daß ſie den feierlichen Empfang des Königs nicht ſo verſtanden wiſſen wollten, als ſeien ſie vom Parlament abgefallen, mit dem ſie leben und ſterben wollten, und noch viel ſtürmiſcher hatten ſich die Arbeiter und Geſellen gegen jene Feſtlichkeiten aus⸗ geſprochen. 1 85 Dennoch waren die Hofleute überzeugt, daß ein ernſtlicher Widerſtand gegen des Königs Willen von dieſen Pfahlbürgern nicht gewagt werde, und König Karl ſelbſt hörte mit Vergnügen die Verſicherungen und die Scherze der munteren Cavaliere, welche in verſchiedenen dichten Gruppen ſich ſammelten und ſchworen, daß ſie des Königs Befehle ausführen würden, ſeien es welche es ſeien, und daß ſie mit dem Unterhauſe bald fertig werden würden, möge geſchehen was da wolle. Die tapferſten Raufbolde hatten ſich um des Kö⸗ nigs Neffen geſchaart, um die deutſchen Prinzen Ruprecht und Moritz von der Pfalz, die Söhne des unglücklichen Kurfürſten Friedrich, der ſich verleiten ließ, die Hand nach der böhmiſchen Krone auszuſtrecken, und in einer unglücklichen Schlacht bei Prag Alles verlor, was er beſeſſen. Verlaſſen von ſeinem Schwiegervater Jakob, fand ſeine Familie in England einen Zufluchtsort, und Ruprecht war ſeines königlichen Oheims Liebling ge⸗ worden; ſeine ritterlichen Gaben machten ihn zum erſten Cavalier des Hofes. Der ſchöne ſtolze Jüngling, verwegen bis zur Toll⸗ kühnheit, der wildeſte Reiter, das tapferſte Schwert, der Vorderſte bei allen Dingen, wo es galt zu fechten, zu trinken, zu tanzen und zu lieben, war eben ſo unbe⸗ 86 ſonnen mit der Zunge, wie mit der Hand an Dolch und Degen. Seine mächtige Stimme ſchallte durch die Gallerie, ſeine hohe Geſtalt überragte den Kreis von erhitzten Köpfen, welche ſeine Prahlereien jubelnd an⸗ hörten und ſich zur Nachfolge anſpornten. Hier ging die Flaſche fleißig in die Runde und alle fernere Nach⸗ ſicht mit den rebelliſchen Rundköpfen wurde als ver⸗ ächtliche Schwäche verdammt. Man muß ein Ende mit ihnen machen, rief Prinz Ruprecht endlich. Hängt ſie auf! ſchrie der junge Lord Lindſay. In einer Reihe die ganze Schnur von Schuften, den alten langnaſigen Pym als Wegweiſer an der Spitze! fügte Sir Eduard Varner, ein beſonders begünſtigter Cavalier, hinzu. Ein übermüthiges Gelächter füllte die Gallerie. Die wildeſten Trinkſprüche wurden ausgebracht, und endlich rief der heißblütige deutſche Prinz ſeinen Gefährten zu: Seht zu Ihr Herren, daß Eure Schwerter für morgen ſcharf geſchliffen ſind, und ſetzt Eure Piſtolen in guten Stand. Es wird ein glorreicher Tag werden. Wer weiß, was die Bäume morgen für Früchte tragen. Was ſoll geſchehen? fragten Mehrere. Prinz Ruprecht erwiederte mit etwas gedämpfter 87 Stimme: Der König wird ſich morgen ſelbſt die ſechs Schufte aus dem Unterhauſe holen, und wenn die Zun⸗ gendreſcher auf ihren hölzernen Thronen Widerſtand leiſten, räuchern wir das ganze Neſt aus. Das war eine Nachricht, die Entzücken erregte, aber doch nicht ohne Erſtaunen gehört wurde. Die Meiſten freilich fanden das Gewaltſamſte gerechtfertigt, aber Manche ſahen doch erſchrocken ſich an; denn ein ſolcher Bruch aller Privilegien, eine ſolche geſetzloſe Handlung mußte das Aeußerſte hervorrufen. Unter denen, die dem Prinzen zunächſt ſtanden, be⸗ fand ſich ein Verwandter des Grafen von Northumber⸗ land, der von Beſorgniß getrieben, daß Leben und Frei⸗ heit aller Oppoſitionsmänner bedroht ſei, noch an dem⸗ ſelben Abend der Gräfin Carlisle Alles mittheilte, was er gehört hatte. Die Anderen fuhren fort zu prahlen und zu drohen, Wein, Weiber und Würfel verkürzten ihnen die Zeit bis tief in die Nacht; während ſie aber ihr tobendes Gelag in den königlichen Sälen fortſetzten, ging Karl ſelbſt weit davon ab, denn ſein mäßiges, ernſtes und nüchternes Leben fand keinerlei Gefallen an ſolchen Freuden. Man hat dieſem Könige nachgeſagt, daß er ohne den Wahn, der ſein Leben und ſein Wohl zerſtörte, der 88 beſte und redlichſte aller Menſchen geweſen wäre; in Wahrheit kann man von ihm behaupten, daß ſein und ſeines Volkes Unglück Schritt für Schritt dadurch her⸗ vorgerufen wurde, daß ſein Ehrgeiz und ſein, wie er glaubte, unantaſtbarer höchſter Wille weit größer waren, als ſeine Fähigkeiten und ſeine Charakterſtärke. Schwach und nachgiebig und ohne Selbſtvertrauen, hatte er ſich gefügt, als ſein gewaltthätiger Despotismus gebrochen wurde, weil er nicht die Kraft beſaß, ein energievoller Despot zu ſein; aber alle ſeine Unterwerfung war Schein, denn in den fürchterlichſten Lagen ſeines Lebens faßte er nach jedem Strohhalm, von dem er hoffte, daß er die alte Gewalt ihm zurückgeben könnte. Auch an dieſem gefährlichen Abende ſah man den König mit derſelben frohen Miene, die er damals ge⸗ habt hatte, als Strafford ihm ſeine Pläne vorlegte. Vor ſeinen Blicken breitete ſich eine hoffnungsvolle Zu⸗ kunft aus. Wenn er mit dem Unterhauſe fertig war, wenn er die Anmaßungen der Gemeinen gedemüthigt hatte, ließ ſich mit den Lords, mit dem getreuen Adel und der getreuen Geiſtlichkeit alles Weitere leicht ordnen. Der König ging jetzt mit Lord Digby umher, wie ehemals mit Laud und Finch. Der Lord war ein ei⸗ 89 friger Freund der Kirche, einer der heftigſten Gegner aller Sektirer und des verwegenen Unterhauſes. Auf ſeinen Rath hatte der König die Anklage der ſechs Par⸗ lamentsmitglieder beſchloſſen; ſein Rath war es auch, der morgen den vollſtändigen Bruch bewirken ſollte. Der König hatte Alles zugeſagt. Seine Augen leuchteten bei dem Gedanken, mitten im Heerlager der Rebellen zu ſtehen, um es ſo zu machen wie Ludwig der Vierzehnte von Frankreich es ſpäter that, ſie mit der Reitgerte in der Hand auseinander zu jagen; aber in Frankreich hatte Richelieu die abſolute königliche Macht ſchon feſt begründet. Mazarin hatte das Gebäude aus⸗ gebaut; das Parlament war ein hohler Name ohne alle Macht, eine Reitgerte genügte vollkommen, ſeine Thüren auf länger als ein Jahrhundert zuzuſchlagen. In Eng⸗ land dagegen gab es kein Heer, gab es keine Miniſter, welche Geiſt und Rechte des Volkes gedemüthigt und zerbrochen hätten. Die Verſuche und Kämpfe dazu hatten nur die revolutionairen Leidenſchaften aufgeweckt, den trotzigen altgermaniſchen Geiſt der Freiheit aufge⸗ ſtachelt; hinter dem bedrohten Parlament ſtand die Maſſe des Volks, und Karl der Erſte war kein Ludwig der Vierzehnte. Ich werde meine Rechte zu behaupten wiſſen! ſagte 90 der König mit denſelben ſtolzen Blicken wie damals zu Strafford! Aber hören Sie das Geſchrei des Pöbels, Mylord? London iſt wüſt und zuchtlos; dieſe Banden der Miliz ſind eines Schlages mit den pflichtvergeſſenen Bürgern, welche heut die Verräther in Guildhall be⸗ wirthen, wie ſie mich neulich bewirthet haben. Wir werden Ruhe und Ordnung zurückführen, er⸗ wiederte Digby lächelnd. Wenn es zum Aeußerſten kommt, fuhr der König mit einem ſcheuen Blicke ſtillſtehend fort, werde ich nach York gehen! Man hat mir dazu gerathen, London zu verlaſſen, den Adel dort zu ſammeln, London zu um— zingeln. Bald genug wird es ſich nach uns ſehnen, fügte er in ſtolzerem Tone hinzu, und unſere Gnade anrufen. Um Gottes Willen, Majeſtät! rief der Lord er⸗ ſchrocken, verbannen Sie jetzt dieſen Gedanken. Nein, Sire! morgen iſt der Tag, an welchem Sie den trotzi⸗ gen Uebermuth dieſer Verſammlung von Verräthern, ſammt allem Uebermuth des Pöbels, für immer bändi⸗ gen werden. ¹ So ſoll es ſein! erwiederte Karl, unmuthig über den Ton ſeines Rathgebers. Ich werde thun, was ich be⸗ ſchloſſen habe. — — 91 Es ſteht viel auf dem Spiele, fuhr Digby warnend fort, die ganze Zukunft Ew. Majeſtät. Energiſch muß Schlag auf Schlag folgen, wenn es gelingen ſoll. Alles oder nichts, Sire! Denn wahrlich, man thäte beſſer, nichts zu wagen, wenn man den Willen nicht hat, Alles zu erreichen. Der König ſah gedankenvoll vor ſich hin, er glaubte dieſe Worte ſchon einmal gehört zu haben. Meinen Sie, murmelte er vor ſich hin, daß ich Widerſtand fin⸗ den werde? Es giebt keinen Widerſtand, ſagte der Lord, der nicht vor dem königlichen feſten Willen zu Boden ſänke. Kein Mitleid, keine Gnade darf jetzt Ihr königliches Herz erweichen. So habe ich es zugeſagt, erwiederte Karl. Keine Schonung den Verräthern, die uns dahin gebracht haben! Ich will Herr ſein in meinem Reiche, will als Sieger zurückkehren. Oder als Beſiegter, ſprach der Lord kalt, denn Eines iſt nur möglich. Bedenken Sie, mein gnädigſter Herr, daß die treubrüchigen Gemeinen damit umgehen, eine Anklage gegen die Königin zu erheben. Des Königs Geſicht röthete ſich vor Zorn und Un willen. Bei Gott! rief er aus, ſo weit ſoll es nicht 92 kommen. Eine Anklage gegen die Königin iſt eine An⸗ klage gegen mich ſelbſt. Ehrvergeſſene wie ſie ſind, werden ſie dennoch das nicht wagen. Ich kenne ſie Alle und werde ſie finden. Seid ruhig, Mylord, die Sechs will ich morgen haben, die Anderen werden ihnen nach⸗ folgen. Sein Geſicht heiterte ſich auf, er blickte nach der großen Gallerie hinüber, in welcher ſo eben die jungen Cavaliere der Königin ein begeiſtertes Hoch brachten, weil ſie ein Glas auf das Wohl aller treuen Herzen geleert hatte. Als Karl ſich dem Schauplatze der Freude näherte, ſah er den weiſen Doktor aus Piſa in ſeiner Nähe, der ihn aufmerkſam anblickte. Nun, Graf Cimaſora, ſagte Karl lächelnd, Eure Prophezeiungen lügen. Wo iſt der Fürchterliche, dem ich fünfmal begegnen werde? Mein gefährlichſter Feind, der verſöhnt werden muß, wenn meine Werke glücken ſollen?— Er ging vorüber, ohne eine Antwort abzuwarten. Der Doktor verbeugte ſich tief und feierlich. Be⸗ ſorge nichts, murmelte er dann vor ſich hin, er wird kommen. Du wirſt das Schickſal herausfordern. Der König bot ſeiner Gemahlin den Arm; Henriette Marie ſah ihn zärtlich an. Ein unermeßlicher Jubelruf hallte durch den Saal. Am nächſten Morgen war das Parlament verſam⸗ melt; eine unermeßliche Menſchenmenge drängte ſich vor dem Hauſe und hielt die Thüren umlagert. Ein dunkles Gerücht hatte ſich verbreitet, der König werde kommen und ſich die Angeklagten holen, die in der Verſammlung gegenwärtig waren, doch Niemand wollte daran glauben. In und außer dem Hauſe er⸗ ſchien ein ſolches Beginnen zu unklug, zu unerhört und gewaltthätig.. Dennoch hatten ſich viele der Eifrigſten und Heftig⸗ ſten bewaffnet und ihre bewaffneten Diener ſtanden draußen auf dem Platze. Nicht ohne Kampf, riefen ſie denen zu, welche vermitteln wollten, ſoll man uns die— jenigen entreißen, welche bisher an unſerer Spitze ſtan⸗ den, ohne etwas Anderes zu thun, als wir ſelbſt. Was das heißen ſoll, wiſſen wir wohl zu würdigen. Erſt ſie, dann wir Alle. Kein Kopf iſt mehr ſicher; Eigenthum und Freiheit ſind gefährdet. Wir wollen nicht weichen, wollen nicht nachgeben. Wenn wir es thun, ſind wir verloren! Mitten in dieſem Streit der Meinungen, der die Parteien bis zur Wuth erhitzte, war keiner ſo ruhig wie Oliver Cromwell. Sein undurchdringliches, hartes Ge⸗ ſicht ſah gleichgültig auf die von Leidenſchaft verzerrten Züge ſeiner Kollegen. Ein geheimes Wohlbehagen ſchien dann und wann aus ſeinen Augen zu blitzen, ſo ſtand er ſeitwärts von den dichten Gruppen, die den Stuhl des Sprechers umringten, an eine Säule gelehnt, als ginge es ihn wenig an, was dort verhandelt würde. Plötzlich trat ein Parlamentsmitglied athemlos und glühend herein. Der König kommt, die Cavaliere kom⸗ men! war ſein lauter Ruf, der nach einem augenblick⸗ lichen Schweigen mit einem wilden Schrei des Zornes beantwortet wurde. Fort mit den Angeklagten! ſchrieen viele Stimmen. Verbergt Euch in der City, riefen Andere. Hier bleiben! Hier bleiben! hieß es von der andern Seite. Nach einigen Minuten voller Verwirrung, während man die ſechs Männer feſthielt und weiterſchob, ſagte Pym mit entſcheidender Kraft: Ich denke, wir folgen dem Rathe, welchen Klugheit giebt und Beſonnenheit an⸗ zunehmen gebietet. Gehen wir, Freunde, weil unſer Bleiben zu nichts nützen kann, als zu einem ſchrecklichen Auftritte, der nicht allein unſer Leben in Gefahr bringt, ſondern auch das vieler Anderen. Von allen Seiten wurde Beifall geklatſcht; der 95 Einzige unter den Sechs, welcher ſich ſträubte den Saal zu verlaſſen, Stroud, ward gewaltſam durch die Hinter⸗ thür hinausgeſtoßen, und kaum war es geſchehen, kaum hatten die Mitglieder des Hauſes ihre Plätze einge⸗ nommen, als ſich draußen am Haupteingange ein ge— waltiger Lärm erhob. Man hörte Schwerter klirren, ein paar gebieteriſche Stimmen Ruhe anordnen, und jetzt wurde die große Thür geöffnet und man erblickte den Vorſaal, die Treppen und Vorthüren ganz mit Bewaffneten angefüllt. König Karl ſtand auf der Schwelle in reicher, rother mit gol⸗ denen Sternen geſtickter Kleidung, nach ſpaniſchem Schnitt gepufft und mit weißem Atlas gefüttert. Seine langen dunklen Locken fielen bis auf den breiten Kragen von brüſſeler Spitzen, ſein edles Geſicht voll Ernſt und Hoheit wandte ſich ſtolz der Verſammlung zu, die ſeine raſchen Blicke durchflogen. Er hielt den Hut in der Hand, an welchen drei weiße Federn von einer Diamant⸗ agraffe geneſtelt waren, die andere Hand ruhte auf dem Griff ſeines Schwertes. Als der König einige Augenblicke ſtillgeſtanden, als bedenke er ſein wichtiges Vorhaben, wandte er ſich zu ſeiner bewaffneten Begleitung um und ſagte laut und nachdrücklich: Bei Todesſtrafe folge mir Niemand! Dann ging er den freien Gang zwiſchen den Sitzen der Parlamentsmitglieder raſch hinauf, dem Platze des Sprechers zu, nur gefolgt von ſeinem Neffen, dem kühnen Prinzen Ruprecht, deſſen markige Geſtalt durch Kleid und Mantel von ſchwarzem Sammet noch mehr gehoben wurde. Als der König vortrat, erhob ſich die Verſammlung und Alle entblößten ihre Häupter. Karl nahm den Sitz des Sprechers ein, Prinz Ruprecht ſtellte ſich an ſeine Seite; ein zufriedener Blick des Königs flog über die düſtern Geſichter der Volksvertreter, deren Augen ſich meiſt zu Boden ſenkten.— Der Anlaß um deſſentwillen ich hier erſcheine, be⸗ gann er nach einem Gruße, iſt höchſt betrübend für mich. Ich verlangte von Ihnen die Auslieferung einiger Mitglieder, die auf meinen Befehl des Hochverraths an⸗ geklagt ſind. Statt Gehorſam zu finden, erhielt ich eine Botſchaft. Ich achte Ihre Privilegien, meine Herren, wie kein König von England dies je gethan hat, aber bei Hochverrath giebt es kein Privilegium. Daher er⸗ kläre ich Ihnen, daß ich dieſe Angeklagten haben muß und greifen laſſen werde, wo ich ſie finde. Geſetzlich ſoll der Weg ſein, denn ich beabſichtige keinen andern, und was ich meinen Unterthanen bewilligte, davon will ich nichts zurücknehmen. 97 Ein tiefes Schweigen folgte des Königs Worten. Er runzelte die Stirn und blickte fragend umher, als ob er erwarte, daß Jemand antworte. Iſt einer der Angeklagten hier im Hauſe? rief er heftiger, indem er ſich zu dem Sprecher wandte. Der alte Baronet kniete nieder und ſagte mit kalter Ruhe: An dieſer Stelle, Sire, habe ich nur Augen, um zu ſehen, und eine Zunge, um zu ſprechen, was das Haus, deſſen Diener ich bin, mir aufträgt. Ich bitte Ew. Majeſtät unterthänigſt um Verzeihung, daß ich keine andere Antwort zu geben vermag. Eine gewiſſe Unruhe malte ſich in des Königs Blicken. Der Sprecher war ein gemäßigter Mann, er hatte ihn als ſeinen Anhänger betrachtet, jetzt ſah er ſein Geſicht feindlich erbittert, und nach der feſten Antwort, welche ihr Präſident gegeben, hoben die Abgeordneten auf den Bänken ihre Köpfe ſtolz und drohend auf. Manches Auge heftete ſich heiß und haßerfüllt auf den Mo— narchen, der nicht recht zu wiſſen ſchien, was er thun ſollte. Da die Vögel ausgeflogen ſind, ſagte er endlich im ſtolzen Tone, ſo erwarte ich, daß Sie mir ſie ſenden werden, ſobald ſie wiederkommen. Ich wiederhole es nochmals, ich will und muß ſie haben, aber auf mein Königswort, ich bin fern von jeder Gewaltthat! Th. Mugge, Romane I. 7 In dieſem Augenblick des tiefen Schweigens hörte man eine Stimme deutlich den Namen: Strafford! aus⸗ ſprechen. Der König wurde bleich bei dieſer Mahnung an ſein Gewiſſen. Auch der unglückliche Graf hatte ſein Königswort erhalten, daß ihm kein Haar gekrümmt werden ſollte. Mit funkelnden Augen ſuchte er nach dem, der das Wort über ſeine Lippen brachte. Prinz Ruprecht neigte ſich zu ihm und flüſterte ihm zu: Befehlt, Oheim. Ein einziges Wort und wir haben ſie Alle! Aber der König ſtand auf, ohne dies entſcheidende Wort zu ſprechen; der Prinz von der Pfalz folgte ihm, dunkelroth vor Zorn und Racheluſt. Kein Ton, nicht das kleinſte Geräuſch begleitete dieſen Rückzug. Es war die lautloſe Stille, welche dem Orkan vorausgeht. Gebt den Befehl! den Befehl! murmelte Ruprecht leidenſchaftlich, ſich an des Königs Ohr drängend. Karl konnte zu keinem Entſchluß kommen. Gebrochenes Privilegium! rief die Stimme, welche vorher geſprochen hatte, jetzt dicht neben ihm. Der König richtete ſich auf, ſeine Blicke fielen auf Oliver Cromwell, welcher ſtumm und finſter an der Säule ſtand. Ein Abſcheu ſchien den Monarchen zu he 99 ergreifen; ſeine ſtolzen Augen ſahen mit Verachtung auf den Puritaner, der in ganzer Widerwärtigkeit ſich ihm darſtellte. Die groben, eiſernen Züge des gewaltigen Mannes waren ingrimmig zuſammengezogen, ſein rund geſchnittenes Haar halb über die Stirn fallend, ſeine Blicke bis zur Wildheit ſtreng, und ein barbariſcher Triumph darin. Seine dürftige Kleidung, dicht an dem königlichen Schmuck von Gold und Edelſteinen, machte den Gegenſatz noch größer. Das große Schwert mit dem Eiſenkorbe, auf welchem Oliver's muskelvolle Hand lag, berührte den Diamantknopf an des Königs präch⸗ tiger Waffe, daß ſie davon erklang. Ohne Aufenthalt eilte Karl der Thür zu. Wer iſt der Menſch, der wie ein Henkersknecht ausſieht? fragte er in ſeiner Erregtheit. O! wäre Lord Digby hier! ſagte Prinz Ruprecht heftig. Wir gehen und laſſen dies Neſt unausge⸗ nommen; gehen beſiegt, ohne ein Schwert gezogen zu haben. Nicht von dieſen hier, vom Gemeinderath will ich die Vögel fordern, rief der König. Der Gemeinderath muß ſie mir ausliefern. Die Cavaliere folgten dem Könige und ließen das Volk voll Wuth, Hohn und Spott auf dem Platze. 7* ——xöy’ Viele waren geſtoßen und mißhandelt worden. Die jungen Edelleute hatten wenig Umſtände gemacht, um Thüren und Haus zu beſetzen. Heraus mit den Bur⸗ ſchen, hatten Viele gerufen, ſie ſollen gehängt werden! Zum Teufel mit ihnen, was gehen uns die Gemeinen an, ſie ſind für den Pöbel da. Wann kommt der Befehl, daß wir eindringen? Bei Gott! es ſoll Keiner entkommen, ſie ſollen das Ziel für unſere Piſtolen ſein. Das Haus hob ſeine Sitzung auf, nachdem es den Beſchluß gefaßt hatte, daß es nicht eher wieder berathen würde, bis es Genugthuung erhalten habe für den Bruch ſeiner Privilegien. Alle Zwiſtigkeiten und Parteiungen hatten aufgehört; der unbedachte Schritt des Königs hatte alle Gemüther ihm abgewendet, ſeine Schwäche hatte jede Furcht vor der Gewalt beſeitigt. Und eben ſo fruchtlos lief der Verſuch ab, den Ge⸗ meinderath zur Auslieferung zu bewegen. Wie wäre es auch möglich geweſen, da alles Volk in London die Verfolgten ſchützte, welche ganz ruhig dicht in der Nähe von Guildhall ſaßen und den König vorüber⸗ fahren ſahen. Karl hatte diesmal die Cavaliere zu Haus gelaſſen, nur drei Lords begleiteten ihn. Er war ſich bewußt, ——— 101 9 er die Auslieferung nicht erreichte; an die Stelle der r. Gewalt ſollten daher Bitten, Schmeicheleien und große en Verſprechungen treten. ei Aber alle ſeine Betheurungen halfen nichts. Eine d ungeheure Menſchenmenge hatte ſich aufgeſtellt, eben ſo ir ſtumm, eben ſo düſter und feierlich, wie die Geſichter 44 des Lord⸗Mayors und der Aldermänner. r Die Bitten und Vorſtellungen des Königs wurden D mit Bitten und Vorſtellungen erwidert, dem Parlament Genugthuung für ſeine angegriffenen Privilegien zu geben. Bedenkt, was Ihr thut, ſagte der König endlich zornig. Ich hoffe, Euch morgen bei mir zu ſehen und beſſeren Rath bei Euch zu finden. So kehrte er nach Whitehall zurück, aber ſein Ge Muth ſank bei jedem Schritte. Daſſelbe Volk, das nun noch vor wenigen Monaten jauchzend ihn umringte und die ihm Blumen ſtreute, ſtand jetzt höhnend an ſeinem de Wege. über⸗ Damals hatte er Alles bewilligt, was das Parla⸗ ment gefordert hatte. Er kam aus Schottland zurück, iſen, wo der Friede geſchloſſen war unter Belohnung derer, welche ſich gegen ihn erhoben. Die Volksfreiheiten und vemRechte ſchienen geſichert, die Volksliebe war für den 102 Fürſten erwacht, der verſöhnen und aufrichtig ſeine Fehler vergüten wollte. Jetzt aber war der Glaube an den König verſchwunden. Treulos hatte er ſein Wort gebrochen, was er wollte war den blödeſten Augen klar; und ſelbſt ein großer Theil ſeiner Anhänger ſah ein, daß Karl keine Volksrechte achten und dulden wollte, ſobald er im Stande zu ſein meinte, ſie zu vernichten und die unbeſchränkte königliche Gewalt herzuſtellen, weil er dieſe für ſein göttliches Recht hielt. Düſter und niedergeſchlagen erreichte der König den Palaſt. Noch tönte der tauſendfache Ruf: Parlaments⸗ privilegium! Parlamentsprivilegium! in ſeinen Ohren; noch ſah er die einzelnen wilden Geſtalten und fana⸗ tiſchen Geſichter, welche ſich an ſeinen Wagen gedrängt, ihn mit blutdürſtigen Blicken betrachtet und aait gellen⸗ den Stimmen ihm zugeſchrieen hatten:„Zu deinen Zelten, Israel!“ ein Ruf, deſſen Bedeutung er kannte. Niemand wagte dem Könige eine Vorſtellung zu machen. Whitehall war in großer Verwirrung, die Königin in Thränen, die Hofleute niedergeſchlagen, des Königs nächſte Vertraute beſtürzt und erbittert durch Karls Schwäche, der ſie das Mißlingen des Plans zuſchrieben, den ſie ſelbſt zu ſeinem Verderben ausge⸗ 5 heckt hatten. 103 Ich bin ohne Macht dieſem rebelliſchen Volk gegen⸗ über, ſagte der König nach einem Geſpräche mit Lord Digby.— Was ſollte ich thun? Sollte ich ein Gemetzel im Parlamentshauſe beginnen? Würden die wenigen Hunderte meiner treuen Cavaliere nicht von dieſen empörten Bürgern zerriſſen worden ſein? Was iſt ein König, dem die Kraft nicht zur Seite ſteht, ſeinen Willen auszuführen?! Wie glücklich iſt mein königlicher Bruder in Frankreich dagegen. Er hat einen Richelieu gefun⸗ den, der die Hugenotten gedemüthigt, die großen Va⸗ ſallen zu ergebenen Dienern, die Parlamente zum bloßen Namen gemacht hat. Die königliche Macht ſteht groß und würdig da; er hat ein Heer, das ſeinem Willen Gehorſam verſchafft. O! Strafford, Strafford! mur⸗ melte er, die Hand an ſeine Stirn legend, jetzt erſt er— kenne ich deinen Rath. Majeſtät, erwiederte Lord Digby ernſthaft, möge Gott in Gnaden England immer vor der Geißel einer Soldatenherrſchaft bewahren. Die Könige Englands ſind groß und mächtig geweſen ohne ſie, weil ihr treuer Adel mit ihnen war, und das Volk gehorchen gelernt hatte. Die Zeit iſt aus den Fugen, Sire, aber noch ſchlagen viele treue Herzen. Ich will nach York! rief der König mit großer — 104 Lebendigkeit, Herbert hat Recht. In York bin ich in der Mitte meiner Getreuen. Dort allein iſt es möglich ein Heer zu ſammeln, Geld zu ſammeln und das ver⸗ brecheriſche London und dies Neſt voll Verräther zu be⸗ wältigen. Der Lord wagte nichts mehr zu erwiedern, er ſah ein, daß Entfernung jetzt beſſer ſei, als Bleiben. Laßt uns zunächſt nach Hamptoncourt oder Windſor, fuhr der König fort. Erſt die Königin und meine Kinder in Sicherheit, dann kann ich freier athmen. Wir wollen ſchon ſehen, daß wir die alte Verfaſſung des Reichs herſtellen, denn, bei Gott! hergeſtellt ſoll ſie werden! Plötzlich unterbrach Trompeten⸗ und Paukenſchall die Stille. Ein endloſes Freudengeſchrei tönte von der Themſe herauf, auf welcher eine Fülle reich bewimpelter Barken fuhren, deren Böller Freudenſchüſſe abfeuerten. Bewaffnete Seeleute ſchwenkten ihre Hüte und auf dem größten Boote ſtanden fünf Männer Hand in Hand, deren Anblick einen unermeßlichen Jubel hervorrief. Am Ufer aber, gleichſam zum Schutz der Schiffe, zogen die Milizkompagnieen Londons, begleitet von acht Kanonen und angeführt von Skippon, einem hart verfolgten, lange gefangenen Mann, den das Parlament aus eigner Gewalt zum Befehlshaber der bewaffneten Macht ernannt hatte. 105 Was iſt das? fragte Karl erſchrocken? Sire, ſagte ſein treuer Diener Herbert traurig, es ſind die Seeleute, die Miliz und das Volk, welche die Angeklagten ins Parlament begleiten. Wiel ſchrie der König auf, auch dieſe Waſſerratten verlaſſen mich? Fort, nach Hamptoncourt, ich will nichts weiter ſehen! Nach einer halben Stunde füllte ein unzählbarer Volksſchwarm den Platz vor Whitehall.— Wo ſind die Cavaliere geblieben? ſchrieen lachende und höhnende Stimmen. Die Thore des Palaſtes waren geſchloſſen. Nie⸗ mand ließ ſich ſehen, keine Stimme antwortete. Der König war fort.— Zwei ſchmuckloſe Wagen hatten ihn mit der Königin und ſeinen Kindern nach Hamp⸗ toncourt gebracht. Er ſollte Whitehall nicht eher wie⸗ derſehen, als in den letzten kummervollen Tagen ſeines Lebens. 106 V. Mehre Monate waren vergangen, als eines Abends ein Mann leiſe die Thür des Zimmers öffnete, in wel⸗ chem ſich Marie Cromwell befand. Ein Schrei der Ueberraſchung ſtarb auf ihren Lippen, als der Eindringling ſeinen Mantel fallen ließ, und die Hände, welche ſie ihm entgegenſtreckte, mit ſeinen Küſſen bedeckte. O, theurer John! ſagte ſie leiſe, Gott behüte Dich! Wohl mir, daß ich Dich endlich wiederſehe. Du biſt allein? fragte Herbert. Glücklich allein, erwiederte Marie mit dem Feuer ihrer Empfindungen. Setze Dich, ſprich zu mir, ſage mir, wo Du warſt? Wo ich war! rief der junge Mann. Frage mich, wo ich bin, ſüße Marie, und ich will Dir antworten.— Wo iſt Dein Vater? In einer langen Parlamentsverſammlung, wo ſie den ganzen Tag über wild durch einander ſchreien, Blut und Gewalt fordern, und dabei Gottes Werke zu verrichten glauben. Und Deine Mutter, Deine Schweſtern? fragte John. — 107 In der Betſtunde bei dem gottſeligen, heiligen Ha⸗ bakuk Capel, fuhr das junge Mädchen fort, welcher heut eine Erbauung hält, über den Text der Offenbarung: Fürchte dich nicht, daß du leiden ſollſt. Siehe du wirſt verſucht werden, und wirſt Bangniß und Trübſal haben. Aber ſei getreu bis an den Tod, ſo will ich dir die Krone des Lebens geben. Sei getreu bis an den Tod! wiederholte Herbert tief ergriffen und ſeine Stimme zitterte. Auf meinen Knieen ſchwöre ich Dir, ich will getreu ſein, ſo lange Athem in dieſer Bruſt iſt. Und wenn der Tod mich fortreißt, wenn ich nicht mehr bin, wenn es droben einen Ort giebt, wo Geſchiedene an die zurückdenken können, denen auf Erden alle ihre Gedanken gehörten, ja auch dann noch, Geliebte, auch dann noch ſoll mein Geiſt Dich umſchweben, Dir ſagen, daß ich die Krone des Lebens von Dir erwarte. Die ſchwärmeriſche Glut ſeiner Augen ſtimmte zu dieſen Worten, welche zündend auf Marie wirkten. Was iſt es denn, ſagte ſie ängſtlich bittend, was Dich ſo weich nnd todesbang macht? Ach! John, warum mußt Du mich ſo hart erſchrecken? Herbert ſenkte den Kopf, während Cromwells Tochter mit ihrem Liebesgeflüſter ſein Herz beſtürmte.— Marie, 108 ſagte er endlich, indem er ſie umfaßte und an ſich zog, es iſt mir ſo, als hätte Gottes Stimme durch Deinen unſchuldigen Mund ſein Urtheil über uns geſprochen. Es iſt mir ſo, als hörte ich das traurige Seufzen eines Engels, der uns ankündigte, daß wir leiden und ver⸗ ſucht werden ſollten, und der uns tröſtend ermahnte, treu zu ſein bis in den Tod, um die Krone des Lebens zu empfangen. Willſt Du treu ſein, Marie? Doch was frage ich Dich. Ich leſe in Deinen Augen Liebe und Erbarmen, ich ſehe in dieſen ſchimmernden Sternen, daß ſie nie mich verlaſſen werden. Nie, Herbert, nie! flüſterte Marie den Kopf an ſeine Schultern lehnend. Und wenn ſie Dir ſagen, ich ſei ein dürres Holz, das ausgeriſſen werden muß, um ins Feuer geworfen zu werden, wenn ſie Dir ſagen, ich ſei der Gottloſen Einer, die der Herr verworfen habe, und wolle, daß ſie umkommen,— was dann, Marie— O! was dann?! Ich werde ſagen, ſie lügen, denn ich glaube an Dich! erwiederte ſie mit feſter Stimme. Ja, gaube an mich! rief Herbert entzückt, glaube feſt und treu, geliebtes Mädchen, aber glaube auch, daß Treue belohnt wird, und nach der harten Prüfung Tage des Glücks kommen. 109 * Wo die Krone uns erwartet, fügte Marie leiſe lächelnd hinzu, indem ſie ihre ſeligen Blicke auf das ſchöne ſtolze Geſicht ihres Geliebten richtete. Nach einiger Zeit erſt ſchien ſie zu bemerken, daß Herberts Bruſt ein Lederkoller bedeckte, daß ein Ring⸗ kragen von glänzendem Stahl darüber hinfiel und daß der Hut, den er auf den Tiſch geworfen, ein feſter mit Eiſen gefütterter Hut war. Möchte ich ihn doch von mir werfen können, ſprach er verdüſtert, möchte er mich nie mehr drücken; aber es darf nicht ſein, ich muß ihn tragen. Willſt Du, theure Marie, auch immer vertrauen, daß Alles, was ich thue, gethan werden muß, weil meine Ehre es ſo gebietet? Willſt Du nie an mir zweifeln, mich verthei⸗ digen, wenn ſie mich verhöhnen, mich ſegnen, wenn ſie mir fluchen? Ob ich will! ſagte Cromwells Tochter.— Glaubſt Du, John, daß ich Gefallen habe an dieſem heilloſen Tumult, an dieſem Wüthen und Toben halb toller Menſchen, die Alles, was ſie erſinnen und verlangen, mit Bibelſprüchen und Gebeten rechtfertigen? Ich fühle mich krank und zur Verachtung aufgelegt, denn entweder ſehe ich Narren, Dummköpfe, ſtumpfſinnige Schwärmer oder Heuchler; die ehrlichen Leute, die es redlich meinen, 110 * kann man mit der Laterne ſuchen. Der große Pym iſt ein pfiffiger Advokat, Denzil Hollis, blind vor Wuth und Haß, Haslerigh und Vane Fanatiker, Stroud ein Dummkopf, mein guter, edler Vetter Hampden allein iſt voll milder Tugend, Kraft und großer Her⸗ zensgüte. Und Dein Vater, Marie? Mein Vater! flüſterte ſie und ihre Augen thaten ſich weit auf, ihre Lippen zuckten wie vor Furcht und Hohn. Er iſt ein Heiliger, denn er iſt in Gnade, und Tauſende ſehen zu ihm auf wie zu Einem, den Gott vor Allen auserkoren hat, ſein Werkzeug zu ſein.— Aber hüte Dich, John, hüte Dich! Er weiß, er ſieht, er hört Alles, und doch ſcheint er nichts zu wiſſen. Da kommt er! rief ſie aufhorchend und ſich unter⸗ brechend. Noch kannſt Du ihn vermeiden, wenn Du ihn nicht ſehen willſt. Nein, erwiederte der junge Mann gefaßt, ich will ſeinem Anblicke nicht ausweichen; es iſt nothwendig, daß wir Auge in Auge uns ſehen. Er hielt Maria's Hand feſt und erwartete Cromwell, der an der Schwelle ſtehen blieb, als er den Gaſt er⸗ blickte, dann aber in ſeiner gewöhnlichen Weiſe ſagte: — 111 Seid willkommen, John Herbert. Ihr kommt von York, aus des Königs Lager? Ich komme daher, Herr Cromvell, antwortete der junge Mann, der ihm entgegengegangen war. So hat der Geiſt Dich gefunden, Jüngling, fuhr Oliver fort und hat Dich zu denen getrieben, die Deiner warten? Ich bin nach London gekommen, ſagte Herbert, um im Auftrage des Königs einige Briefe zu befördern. Und an wen waren dieſe Briefe? fragte Cromwell. Ich glaube keine Verpflichtung zum Schweigen zu haben, gab Herbert zur Antwort. Sie waren an Sir Benjamin Rudyard und an den Kanzler Littleton. Du hätteſt dieſe Briefe denen überliefern ſollen, denen ſie gebührten, erwiederte Marig's Vater, dem Parlament! Die Briefe, ſagte der junge Mann erröthend, waren mir und meiner Ehre anvertraut. Nur mit meinem Leben würde ich ſie in andere Hand gegeben haben. Ehre! ſprach Cromwell die„Arme kreuzend. Was nennt ihr Ehre, ihr jungen Männer in Federhüten, die ihr in York übermüthig auf eure Bruſt ſchlagt und euch ſelbſt belügend ausruft: Unſere Ehre gebietet uns bei — — ——————Bn 112 dieſem Könige zu ſtehen!— Auch ich bin ein Edel⸗ mann, fuhr er ſtolz fort. Die Cromwells ſind ein alter normanniſcher Stamm, die alten Barone von Yeran reichen bis in das elfte Jahrhundert. Und dennoch ſage ich Dir, Jüngling, ich würde meiner Ehre wegen keine Stunde in York ſein, keine Stunde einem Könige dienen, der ein Feind Gottes und derer iſt, die an ihn glauben, der ſeines Volkes Freiheit und Rechte von ſich ſtößt, und mit Liſt und Gewalt verderben will alle Wahren und Gerechten.— Was wollt ihr jetzt noch, wo der König Alles be⸗ willigt hat, was ihr gefordert habt? ſagte Herbert. Das Parlament kann vom Könige weder aufgelöſt noch vertagt werden, die Sternkammer iſt abgeſchafft, die Biſchöfe ſind aus dem Hauſe der Lords gewieſen, die Gerichtsbarkeit des Geheimraths iſt verſchwunden, Schiffs⸗ geld und Monopole ſind gefallen— was könnt ihr noch wollen, wenn ihr die Macht des Königs nicht ganz ent⸗ würdigen wollt? Du würdeſt vielleicht Recht haben, erwiederte Crom⸗ well, wenn die Zeit und dieſer König anders wären. Wie Rehabeam ſinnt er darauf, zu brechen, was er niemals halten will. Umgiebt er ſich mit Anderen als mit Menſchen, die alle Volksrechte haſſen und verfluchen? ri 113 Was fordern die Cavaliere täglich in York von ihm anders als Gewalt und Unthat? Was zettelt er in Ir⸗ land an, während er uns mit Honigſeim füttert? Was ſammelt er Heerſchaaren um ſich, welche täglich drohen, kein Stein in dieſem Babel ſolle unzerbrochen bleiben und kein Hals auf den Schultern eines Rundkopfes feſt⸗ ſitzen! Darum, fuhr er in demſelben harten Tone fort, müſſen die ſich hüten, die ihren Hals behalten wollen, und darum iſt es nöthig, dem treuloſen Fürſten alle Gewalt zu nehmen, wie es die Schotten ſchon vor uns gethan haben, als ſie ſeinen falſchen Sinn er⸗ kannten. Hofft nicht, ſagte Herbert, daß der König das Ge⸗ ringſte noch genehmigen wird. Ihr wißt, was er ant⸗ wortete, als das Parlament ihm den Vorſchlag machte, das Heer und die Feſtungen nur auf einige Jahre unter Befehl der beiden Häuſer zu ſtellen. Nein, bei Gott rief er aus, nicht auf eine Stunde will ich es thun. Würde ich es gewähren, ſo könnte man freilich noch meine Hand küſſen, mit entblößtem Haupte vor mir er⸗ ſcheinen, noch ſchreiben:„der Wille des Königs von beiden Häuſern beſtätigt,“ wenn ihr Geſetze gebt, und mich am Anblick einer Krone und eines Scepters wei⸗ Th. Mügge, Romane I. 8 114 den, die dürre Reiſer geworden ſind, aber in Wahrheit wäre ich dann nichts weiter, als das Bild, das Zeichen und der eitle Schatten eines Königs. Wir haben heut, ſagte Oliver ruhig, alles was wir fordern in neunzehn Punkten zuſammengeſtellt, welche Karl genehmigen muß, wenn er weiſem Rath zugänglich iſt. Heer und Feſtungen kommen unter Gewalt des Parlaments, die Garden ſollen entlaſſen, die papiſtiſchen Lords aus dem Oberhauſe geſtoßen werden. Im Ge— heimrath ſoll Niemand ſitzen, den das Parlament nicht mag; nichts Wichtiges, mag es Kirche oder Staat be— treffen, ſoll ohne Parlamentsbeſchluß gültig ſein; alle hohen Beamten wählt das Parlament auf Lebenszeit, kein Mitglied der königlichen Familie ſoll ſich fernerhin ohne Zuſtimmung des Parlaments verheirathen, keine königliche Verordnung Gültigkeit haben, die nicht vom Geheimenrath unterzeichnet iſt. Alles was Karl proklamirt hat, ſoll er widerrufen. Das Parlament ſoll ſomit Alles ſein und der König nichts! rief Herbert erſchrocken und bewegt. Ihr wollt den blutigen Bürgerkrieg, ihr ruft ihn hervor. Er wird kommen, John, weil dieſer ſtolze Herodes ſich nicht demüthigen will, und doch muß er es, wenn Ordnung und Freiheit wiederkehren ſollen, ſprach das Parlamentsmitglied. Laß dem Wolf die Zähne, und befiehl ihm nicht zu beißen. Ein Volk muß ſicher ſein, daß Macht nicht miß⸗ braucht werden kann. Und nun höre mich, Jüngling, höre mich in Gegenwart dieſes Mädchens, das, wie Du einſt ſagteſt, Deines Herzens Glück iſt. Wirf von Dir das Kleid der Knechtſchaft, denn Du kannſt es nicht länger tragen zum Heile Deiner Brüder. Bleibe bei uns und ich will Dich aufnehmen, wie der Vater den Sohn aufnimmt. Das Parlament rüſtet ſein Heer und hat dem Grafen Eſſex den Oberbefehl anvertraut. Hollis und mein Vetter Hampden errichten Reiterregi⸗ menter auf eigene Koſten, unter Beiſtand ihrer Ge⸗ noſſen im Parlament, von denen manche ſich entſchloſſen haben, ihr friedliches Kleid mit dem Büffelkoller zu vertauſchen. Auch meine geringen Dienſte hat der Herr gefördert. Das Haus hat mich heut auserſehen, im Kriegesrath meinen Platz zu nehmen, als ſein Abgeord⸗ neter beim Heere. Obwohl ich nun ein Mann des Friedens bin, muß ich doch dem Rufe folgen mit Gott und Gideon! Willſt Du auf mich hören, mein Sohn, ſo kehre nicht zurück zur Finſterniß; leihe Deinen Arm der gerechten Sache. Tritt ein in die Reihen derer, die für Deines Volkes Rechte ſtreiten und erwirb Dir die 8*½ Braut durch rühmliche Thaten; ich will Dir die Wege bahnen! Der ſtolze Blick, mit welchem Oliver Cromwell die letzten Worte begleitete und die kühne Feſtigkeit ſeiner Stimme erſchreckten Herbert. Uebereilt nichts, ſagte er, ich bitte Euch. Ihr ſeid nie Soldat geweſen, Ihr kennt den Krieg nicht. Das Parlament kann kein Heer ſammeln, das den Cavalieren des Königs gewachſen wäre. Es wird geſchlagen werden und ein klägliches Ende nehmen. So müſſen wir ſiegen lernen! erwiderte Cromwell, und um ſo willkommner werden uns Männer ſein, die etwas vom Waffenhandwerk verſtehen. Tapfere Män⸗ ner können leicht zu hohen Ehren gelangen, die Zeit iſt danach. Sieh auf IJreton, er iſt ein einfacher Bürger, der um Maria's Schweſter wirbt; aber der Herr iſt mit ihm, ſeine Seele iſt erfüllt von hohen Gedanken, bald wird ſeines Namens Ruhm vor ihm hergehen und ihn zum Schrecken der Gottloſen machen. Ireton, der Schwärmer! rief Herbert beſtürzt aus. Ich lade Dich ein, fuhr Oliver fort, neben ihm Dich zu erheben, und Zeugniß abzulegen vor Deinem Volke. Ein Zeugniß meiner Schande, ſagte Herbert. Nein, 117 und tauſendmal nein! Noch glaube ich nicht an den ſchrecklichen Krieg, noch kann eure Mäßigung ihn ver⸗ meiden; wenn es eben ſein muß, wenn ihr ihn heraus⸗ fordert, dann iſt mein Platz bei dem, dem ich Treue geſchworen habe. Cromwell warf einen ſtarren Blick auf ihn. Und dieſe hier? fragte er dann kalt, in dem er auf ſeine Tochter deutete. Laßt ſie entſcheiden zwiſchen uns, erwiederte Herbert. Sprich, theure Marie, verlangſt Du einen Ehrloſen, der nicht wagen darf, ſein Geſicht zu Dir zu erheben? Geh, John, ſagte das junge Mädchen mit feſter Stimme, geh, wohin Ehre und Gewiſſen Dich rufen. Geh dahin, wo Dein Platz iſt, meine Liebe folgt Dir nach. Es lag etwas in ihren Zügen, was an ihres Va⸗ ters herbe Starrheit erinnerte; ſie blickte dieſen an, Auge in Auge, ohne zu erſchrecken. Ihr hört es, rief Herbert freudig, ſie hat ent— ſchieden! Cromwells Geſicht nahm den düſterſten Ausdruck an. Ich kenne Deine Werke, ſagte er dann mit harter Stimme, indem er den Spruch der Bibel eintönig ſtreng ausſprach, ich weiß, daß Du weder kalt noch 118 warm biſt. Ach, daß Du kalt oder warm wäreſt! 1 1 Weil Du aber lau biſt und weder kalt noch warm, F. werde ich Dich ausſpeien aus meinem Munde. Geh, 1 fuhr er fort, verlaß dies Haus und betritt es nicht wieder, es ſei denn, daß ich es Dir geſtatte. Ich gehe, ſagte Herbert demüthig. Lebe wohl, Marie, Gott ſei mit Dir! Lebe wohl und ſei treu, erwiederte ſie ſtandhaft, in⸗ dem ſie ihrem Vater folgte. Dann wandte ſie ſich noch— mals an der Thür um nnd ſagte, ihn liebvoll anſchauend: 1 6 Sei getreu bis in den Tod, ſo will ich Dir die Krone des Lebens geben! Am nächſten Morgen kehrte Oliver zeitiger als ge⸗ wöhnlich in ſein Haus zurück; gütig legte er ſeine Hand auf Maria's Stirn und blickte lange in ihre Augen. Der Herr iſt Dir gnädig geweſen, mein Kind, ſagte — — er, er will Dein Herz erlöſen von Falſchheit und Lüge. In dieſer Nacht hat der treuloſe Kanzler Littleton das große Siegel dem Könige ausgeliefert. John Herbert—b war deſſen Bote, ihm wurde es übergeben. Er iſt— damit entflohen, auch der Kanzler iſt verſchwunden, London in heftiger Aufregung. Doch ein Siecgel iſt todtes Metall, man kann ein anderes machen; wer aber ſich dazu brauchen läßt, Verrath an Volk und Parla⸗ 119 ment zu üben, der darf nicht länger von meiner Tochter geliebt und gekannt werden. Wirf ihn zu den Todten und vergiß ihn. Ich will es ſo! VI. Es war ein wüſtes Schlagen und Morden ſeit Jahr und Tag in England, und Niemand konnte ſagen, wann und wie es enden würde. Bald ſiegten die Generale des Königs, bald errang ein General des Parlaments einen Vortheil. Hier wurde eine Stadt von Irländern und Cavalieren erobert, dort öffnete eine andere den Rundköpfen ihre Thore. Das Parlament beſaß ohne Zweifel die größten Mittel, ihm gehörten die meiſten und größten Städte, ihm gehörte Flotte und Handel, ihm gehörte das uner⸗ ſchöpfliche London; der König aber war trotz deſſen im Uebergewicht, obwohl er nicht wußte, wovon er zuweilen das Nothdürftigſte beſtreiten ſollte. Die treuen Cava⸗ liere gaben was ſie an Geld, Silbergeſchirr und Koſt⸗ barkeiten beſaßen, und was das Beſte war, ſie gaben ſich ſelbſt. Auf ihren beſten Pferden, mit ihren beſten 120 Waffen und mit den tapferſten und treueſten ihrer Die⸗ ner zogen ſie nach York und bildeten Reitergeſchwader, an deren Spitze der wilde Prinz Ruprecht Alles nieder⸗ warf, was ſich ihm entgegenſtellte. In allen Grafſchaften entbrannte der Parteienkampf, und wie es in Bürgerkriegen hergeht, alles Recht und alle Ordnung löſten ſich auf. Wo die Partei des Königs die Oberhand gewann, mußten die Rundköpfe es büßen; wo dieſe den Herrn der Heerſchaaren für ihren Sieg prieſen, wurden die Schlöſſer und Sitze des „verrotteten“ Adels verwüſtet, die Prieſter der biſchöf⸗ lichen Kirche verjagt und die Heiligen eingeführt. Bei alledem war aber doch noch immer eine gewiſſe Menſchlichkeit bemerkbar, die erſt nach und nach ſich mehr verlor, als man den Irländern keinen Pardon mehr gab, Katholiken aufhing und mordete und die Partei der Independenten immer größeren Anhang er⸗ hielt, welche mit ſchonungsloſem Eifer die Kirchen zer⸗ ſtörten, Gemälde, Statüen und Alles, was papiſtiſcher Gräuel, Abgötterei oder alter Sauerteig hieß, zertrüm⸗ merten und mit fanatiſcher Wuth Jeden verfolgten, der ſich nicht zu ihren Lehren bekannte. Noch ſchlimmer aber ſtand es mit dem Parlament, als die Königin Henriette Marie aus den Niederlanden — — V 121 zurückkehrte, begleitet von vier mit Waffen angefüllten Schiffen und tüchtigen Offizieren, die des Königs Schwiegerſohn, der Prinz von Oranien, bereitwillig ſandte. Der König führte ſeine ſchöne Gemahlin im Triumph nach York, und nun begannen dort die prächtigen Hoffeſte von Whitehall von Neuem. Bären ſogar hatte die Königin mitgebracht, Hetzen und Jagden wurden veranſtaltet, Fackeltänze und glänzende Gelage füllten den Reſt des Winters; doch beim Beginn des Frühjahrs ging es wieder ins Feld hinaus und die Rundköpfe flohen, London ſelbſt gerieht in Gefahr. In dieſer Zeit ſaßen einſt unter einem Dache von Stroh drei Männer beiſammen, welche die Lage des Landes überlegten. Der Kommiſſarius des Parlaments, Oliver Cromwell, war der Eine, der Andere war John Hampden, ſein Vetter, jetzt der Oberſt eines Reiter⸗ regiments, der Dritte war ein junger Mann mit ſchwär⸗ meriſch ſchönem Geſicht und edlen tiefen Augen, die in Schmerz und Trauer glänzten. Es war der junge Lord, Thomas Fairfax, einer der tapferſten Anführer der Reiterei und einer der heftigſten Gegner des Königs und des Königthums. Die drei Männer waren in ihren Geſinnungen ſo 122 ziemlich einig, ſie waren alle drei Republikaner, ſowohl aus poliliſcher Ueberzeugung wie durch die religiöſen Gründe des ſtrengen Puritanismus, zu welchem ſie ſich bekannten, dennoch aber konnte nichts verſchiedener ſein, als ſie. John Hampden war ein fünfzigjähriger Mann, ſanften Gemüths, ein Freund der Wiſſenſchaft, reich und hochgeehrt von Allen: ſogar von den Cavalieren als der Beſte unter der ganzen Rotte Korah betrachtet. Die Energie ſeines Charakters verſteckte ſich unter mil⸗ den Formen, unter Großmuth und ritterlicher Höflich⸗ keit. Seine unbeugſame Kraft hatte Beredſamkeit und eine einſchmeichelnde, wohlklingende Stimme zur Seite. Es war ein edles, würdiges Geſicht, klug und freund⸗ lich, ein philoſophiſch gebildeter Kopf mit klarer, hoher Stirn und feinen Lineamenten. Auch wer ihn nicht kannte, mußte ſich bald überzeugen, daß dies ein Mann ſei, der logiſch zu denken und die Menſchen zu leiten wußte. Der junge Fairfax erſchien dagegen als eine jener glücklichen jugendlichen Geſtalten, denen ein gütiges Schickſal Nichts verſagt hat. Ein ſtattlicher, ſchöner Körper, ein leuchtendes Auge, eine offene empfängliche Seele, feurig fühlend und lebhaft in allen ihren Nei⸗ und mi 123 gungen und Abneigungen. Er hatte ſtudirt und Reiſen gemacht, Univerſitäten und Feldläger beſucht, hatte in den Niederlanden gegen die Spanier gefochten und war von glühender Freiheitsliebe erfüllt. Ein Liebling der Soldaten und ein Liebling des Volkes, kriegsgewaltig und liebenswürdig, achtete er die beiden älteren Männer, mit denen er hier zuſammen ſaß, wie Väter, deren Geiſt und Erfahrung er ſich willig beugte. Beſcheiden unterwarf er ſich ihrer Leitung, doch eben ſein Mangel an Selbſtſtändigkeit war es, der ihn zum Werkzeug machte in der Hand eines Gewaltigen. Und dieſer Mann, dem er dienen ſollte, der ihm willig die Kränze des Ruhmes und der höchſten Ehren und Würden überließ, bis die Stunde kam, wo er ſie ihm abnahm, um ſie auf ſein eigenes ergrautes Haar zu drücken, ſaß ſtill denkend neben ihm. Während die anderen beiden in Tracht und männlicher Schöne Her⸗ ren und Führern glichen, ſchien Oliver Cromwell ihr untergeordneter Diener zu ſein. Rauh und ſchwer ſaß ſein plumper Kopf auf dem plumpen Körper, ſeine groben Lippen ſchienen nicht dazu gemacht, einen feinen Gedanken auszuſprechen, dieſe knochige, bucklige Stirn nicht geeignet, etwas zu erſinnen, was über den trotzigen Muth eines Dragoners hinausging. 124 thun, und ſich verſöhnen. heftig. minſterhall dringt. Fairfax. Nach einem langen Geſpräch über die Lage der Dinge ſagte Hampden endlich: Einſehen müſſen wir Alle, daß es ſo nicht länger geht. Noch ein Feldzug wie der letzte und wir ſind zu Ende. ſich dem Könige, und wehe uns, wenn er in Whitehall dann den Frieden diktirt. Das Land liegt verwüſtet, der Handel ſtockt, das Elend iſt groß und allgemein. Der König hat mit Falkland und anderen friedfertigen und gemäßigten Männern ſich verſtändigt, er will nach Oxford ein Parlament berufen, will, was Recht iſt, London öffnet Heucheln, wie er immer geheuchelt hat, rief Fairfax Leider müſſen wir es annehmen, fuhr Hampden fort, denn wer ihn kennt, wird nie daran glauben, daß es ihm Ernſt ſein kann, der Fürſt eines freien Volkes zu ſein. Allein in London wird das Parlament täglich von wüthenden Weibern und hungrigem Volke bedrängt, die nach Frieden ſchreien.— Gebt uns den Bettler Pym heraus und die Verräther, die den Frieden hin⸗ dern! iſt ihr Geſchrei, das bis in den Saal von Weſt⸗ Es iſt angeſtiftet von den Volksfeinden, ſagte So iſt es jedenfalls, erwiederte Hampden, doch ſchon iſt Blut gefloſſen, man hat unter dieſe Frieden⸗ ſtifter ſchießen und ſtechen müſſen. Welch ein Zuſtand der Dinge, wenn es ſo weit gekommen iſt!— Ja, wenn ein Frieden geſchloſſen werden könnte, der uns einige ſichere Bürgſchaften gäbe, o! wie gern wollte ich der Erſte ſein, der ihn annähme. Das Parlament, rief der junge Lord, und alle Männer von Verſtand ſehen ein, daß dies unmöglich iſt. Wo iſt da noch an Frieden und Verſöhnung zu denken, wo ſo viel Haß und Rache ausgeſäet wurden? Wo iſt zu glauben, daß der König jemals dem Volke aufrichtig das opfern werde, was er als Zeichen ſeiner Göttlichkeit betrachtet? Er hat es nicht gethan, als er es konnte; jetzt kann er es nicht, weil er untergehen müßte. Und weil es ein Kampf des Unterganges iſt,— er oder wir,— begann Oliver Cromwell, darum ſollen wir nicht verzagen, nicht von Frieden ſprechen, ſondern nach Mitteln ſuchen, durch Gottes Beiſtand, welche zum Siege führen. Hampden ſchüttelte trübe den Kopf. Wo ſind dieſe Mittel zu finden? fragte er. Die Kraft erlahmt. Pym, die Seele des Parlaments, der große Vermittler 126 zur Eintracht und zum Widerſtand, erregt die tiefſte Beſorgniß aller ſeiner Freunde. Er erliegt unter der Laſt der Mühen und Arbeiten, Geld iſt ſchwer mehr aufzutreiben, neue Steuern nicht zu erſchwingen, die Maſſe des Volks dem Kriege abgeneigt. Sie laufen davon, die Schufte, und verſtecken ſich, wenn ſie können, rief Fairfax. Ueber Cromwells Lippen lief ein verächtliches Lächeln. Sucht denn die Männer, ſagte er, welche ſtehen bleiben, mag auch der Teufel kommen in Geſtalt eines brüllen⸗ den Löwen, daß er ſie verſchlinge. Es ſind genug im Lande, die für die Freiheit fechten werden, wie Män— ner fechten, die zu ſterben bereit ſind. Doch täuſcht euch nicht, daß man dieſen Krieg glücklich enden kann, wenn man zaghaft dem Böſen den Finger reicht. Wir ſind in einer Revolution begriffen und Revolutionen ſind eiternde tiefe Wunden, die den ganzen Körper mit Fie⸗ ber füllen. Da helfen keine Mittel zur Beruhigung; da hilft nichts als ausſchneiden Alles deſſen was faul iſt, wenn neue Geſundheit durch die Adern ſtrömen ſoll. Fairfax nickte lebhaft und beiſtimmend, Hampden ſchwieg, nach einem Weilchen aber ſagte er: Wir haben ſchon öfter über dieſen Gegenſtand geſprochen, Oliver. 127 Du weißt, daß ich die volle Freiheit will, Freiheit des Glaubens, wie bürgerliche Freiheit und Rechte. Aber das Königthum iſt unverträglich mit Beidem! fiel Cromwell hart und abſtoßend ein. Halte Dich an keinen Namen, erwiderte Hampden ſanft; nicht darauf, auf das Weſen der Dinge kommt es an. Mit der Freiheit iſt Alles verträglich, was ſeinem Weſen nach ihr nicht widerſteht. Wenn ein König nichts ſein will, als Haupt und Spitze eines Staates, in welchem er vollzieht, was das Volk ihm zur Vollziehung übergeben hat, ſo mag er immerhin König, Fürſt oder Kaiſer heißen, es kann die Freiheit dabei beſſer gedeihen, als in einer ſogenannten Re⸗ publik unter einem Konſul oder Protektor, der mit Sbirren und Soldaten den Namen Freiheit und Gleich⸗ heit zu Spott und Schanden macht. Oliver murmelte etwas zwiſchen ſeinen Lippen, was Niemand verſtand, dann ſagte er aufblickend: Was ſollen wir ſtreiten, wo es darauf ankommt zu handeln. Iſt die Gnade mit uns, ſo werden wir ſiegen, ſind wir zur Freiheit auserſehen, wird Knechtſchaft nieht wiederkehren können. Wenn ein Volk Tyrannen nicht dulden will, fallen ſeine Ketten von ihm ab, wie Fäden von Werg. Erleuchtet der Herr die Köpfe derer, welche 128 Macht haben, ſo wird das Reich der Freiheit kommen, mögen die Gottloſen wüthen und alle Teufel mit ihnen ſein. Aber fuhr er dann fort, verblenden darf man ſich nicht vor den Irrthümern und Lügen, in denen die Meiſten noch ſo tief befangen ſind, daß ſie erſchrecken, wenn ihnen die Wahrheit gezeigt wird, und dennoch kann es nicht eher beſſer werden, als bis wir vollſtän⸗ dig mit dem Reiche der Lüge gebrochen haben, bis es keinen Adel mehr giebt, keine Prieſter und keine Ca⸗ valiere! Sei vorſichtig, Oliver, ſagte der milde Hampden, den Finger aufhebend, während Fairfax beiſtimmend lachte. Vorſichtig, fiel Cromwell ein; ja, daß ich es ſein muß, bezeugt die Wahrheit meiner Rede. Als ich neu⸗ lich dem kühnen Volksmanne Lord Kimbolton, der jetzt Lord Mancheſter heißt, ſagte, daß es nimmer gut gehen könne in England, bis kein Adel mehr da ſei und keine Standesunterſchiede, ſondern wir Alle, wie Gott es ge⸗ wollt, freie und gleiche Menſchen ſein würden, die der Herr aus demſelben Stoffe geſchaffen und mit denſelben Rechten in die Welt geſetzt, und die Freiheit nicht eher gedeihen werde, bis er ſelbſt wieder ſchlechtweg Herr wi 8 4 129 Montague heiße, ſtarrte er mich an wie Einer, der eine bittere Medicin verſchlucken ſoll. Es wird lange währen, murmelte Hampden vor ſich hin, ehe die Menſchen von ihrem Hochmuth laſſen, von anererbten Vorurtheilen und eitlen, übermüthigen Tren⸗ nungen. Und dennoch wird es geſchehen, ſagte Cromwell, denn dieſe unnatürlichen Trennungen müſſen verſchwin⸗ den, und darum darf kein Frieden werden zwiſchen uns und Jenen da, die zu dem goldenen Kalbe beten, bis ſie niederliegen zu unſeren Füßen und bis die Völker alle des Herrn ſind. Ach! armer Vetter, rief Sir John ſeufzend, das wirſt Du nie erleben! Was thut es, erwiderte Cromwell rauh, weiß ich doch, daß es kommen wird, mag darüber auch eine lange Zeit vergehen.— Aber fuhr er fort, indem er ſtarr in das verglimmende Feuer blickte, das auf dem niederen Heerdſtein zu ihren Füßen brannte, wir müſſen thun, was uns auferlegt iſt; dürfen nicht raſten und die Tropfen unſeres Schweißes zählen. Laßt uns ein Heer ſchaffen, wie es ſein muß, ſo wird das Volk darin ſeine Stütze finden. Laſſet die Gottſeligen ausziehen, ihres Vaters verlorenes Schaf zu Th. Mügge, Romane I. 9 130 ſuchen und ſiehe, ſie werden ein Reich finden. Laßt uns den Covenant erneuern, die Waffen nicht eher nie⸗ derlegen, bis es keine Herren mehr giebt und keine Knechte. Laßt uns aufrichten den Baum der wahren Lehre, der wahren Freiheit, die nichts weiß von ge⸗ weihten Prieſtern und gebornen Lords. Laßt uns auf⸗ treten gegen die Presbyterianer, die für ſich arbeiten und für ſich ernten wollen. Fort mit dieſen Lauen und Halben, ſie müſſen der Schemel unſerer Füße werden. Fort mit dieſen Generalen, die den rechten Glauben und den rechten Muth nicht beſitzen. Ein Führer muß ſein und Ein Heer, kein zerſplittertes Weſen, das bald nach rechts bald nach links wankt. Fort mit dieſem Eſſex, fort mit Waller, fort mit Allen, die nicht wiſſen, daß wer das Schwert in dieſem Kampfe gezogen hat, die Scheide fortwerfen muß. Und wen willſt Du an die Spitze ſtellen? fragte Hampden. Cromwell blickte auf. Dieſer muß es ſein, kein Anderer! ſprach er mit voller Kraft, indem er ſeine Hand auf die Schulter des jungen Fairfax legte. Ihn hat der Herr zu großen Dingen auserſehen. Wir aber wollen bei ihm ſtehen und dieſes Jünglings Hand halten, damit er nicht ſtrauchle. Das Parlament muß gereinigt 131 werden von Schwachköpfen und Schlechtgeſinnten. Die unabhängigen Männer allein, die Independenten, welche Niemandes Macht anerkennen als Gottes und des hei⸗ ligen Geiſtes, der ſeine Schale ausgegoſſen hat über die Häupter aller Menſchen, auf daß ſie Brüder werden.— ſie nur können das neue Reich aufbauen. Ja, anders muß es mit uns werden, fuhr er in derſelben Weiſe fort, anders und beſſer! Sie werden untergehen, ſo mächtig ſie ſind und uns Platz machen, denn der Herr wird die erhalten, welche er auserkoren hat. Siegen müſſen wir und ſiegen wollen wir. Ich will Euch die Männer ſchaffen, vor denen die Cavaliere des Königs wie Spreu zerſtäuben werden. Was ſind eure Reiter? ſprach er zu Hampden. Ehemalige Be⸗ diente, Kellner aus Wirthshäuſern entlaufen, Geſindel aller Art ohne Zucht und Sitte. Die Reiter des Königs ſind Edelleute, jüngere Söhne aus guten Häuſern, Männer, welche wiſſen, was ihre Sache gilt. Wollt ihr ſie ſchlagen, ſo müßt ihr Leute haben, die mehr leiſten als jene, die begeiſtert zum Streite ſind für eine Sache, der ſie mit Leib und Seele gehören. Ich glaube, ſagte Hampden, aber ich weiß nicht, wie es zu erreichen iſt. 9* — 132 So will ich es thun, verſetzte Cromwell. Ich werde Männer werben, die Gott vor Augen haben, nicht um Sold fechten, ſondern mit der Bibel in der Hand; die freiwillig kommen, ein Gewiſſen mitbringen und nicht geſchlagen werden. Das ſind die Männer, die Israel braucht, um zum Schrecken zu werden für alle Un⸗ reinen! Seine Worte zündeten die Hoffnungen an. Die drei Männer reichten ſich die Hände zum unverſöhnlichen Kampfe für die Freiheit. Und wenn ich nicht mehr bin, Oliver, ſagte Hampden, dann vollende Du das Werk und ſtehe treu bei Thomas Fairfax. Sei gewiß, erwiderte Cromwell, das Werk wird vollendet werden. VII. Ein Jahr darauf hielt König Karl ſeinen Hof in Oxford. Mit heiteren Blicken ſah man ihn dort um⸗ hergehen zwiſchen den lachenden und lärmenden Gruppen der Cavaliere, die in der beſten Laune waren. Der König ſprach mit einem jungen Oberſten ſeiner 133 Garde, der die hohe Würde ſeines Fahnenträgers be⸗ kleidete und kein Anderer war, als Herbert. Ihr ſeid alſo gewiß, ſagte der König, indem er ihn freundlich am Ohr zupfte, daß die Narren in London ihre beſten Generale und Offiziere abſetzen? Ja, Majeſtät, erwiederte Herbert, es ſind in London große Dinge vorgegangen. Eſſex und Mancheſter haben ihre Stellen niedergelegt; alle Mitglieder der Häuſer, die ein Amt im Heere bekleideten, haben ſich der Selbſt⸗ verläugnungsbill unterwerfen müſſen. Der junge Lord Fairfax iſt Obergeneral geworden und nur ein Einziger von allen Parlamentsmännern iſt durchgeſchlüpft und im Heere geblieben. Wer iſt es? fragte Karl. Oliver Cromwell, erwiederte Herbert zögernd. Bei dieſem Namen verfinſterte ſich die Stirn des Königs. Weiß es Gott! ſagte er, weshalb ich einen ſo tiefen Widerwillen gegen dieſen rohen Mann empfinde, obwohl ich ihn von Angeſicht kaum je geſehen habe. Sie halten dieſen Schwärmer alſo in London für un⸗ entbehrlich bei ihrem neuen Muſterheere? Ja, Majeſtät, antwortete Oberſt Herbert, Oliver Cromwell iſt das wahre Haupt der Independenten. Mehr lächerlich als ſchrecklich! rief Karl verächtlich, ——— 134 und dennoch ein Böſewicht der verwegenſten Art. So laßt ihn denn, fuhr er im leichteren Tone fort, wir werden bald ſehen, was er und ſeine Heiligen mit Bibel⸗ ſprüchen und Pſalmenſingen vermögen. Pym iſt todt, Hampdeen iſt gefallen, Mancher liegt unter dem Raſen, der mir fürchterlicher war, als dieſer dickköpfige Brauer⸗ knecht. Bedford, Northumberland, die ſchlimmſten meiner Gegner, haben meine Verzeihung angefleht. Cimaſora! — er wandte den Kopf nach der Tiefe des Saales, als ſuche er den weißhaarigen Doktor dort, aber er ſah nur den wilden Prinzen Ruprecht und einen Haufen Offiziere aus edelſtem Blut, die unbändig lachten. Ah, Cimaſora iſt auch geflohen, fuhr der König fort. Aber was giebt es da? Was hat der Prinz? Man lieſt ſich Spottgedichte vor auf die neuen Offiziere des frommen Heeres, ſagte Herbert mit ernſtem Geſicht, und witzelt über die Soldaten, welche marſchiren, indem ſie geiſtliche Lieder ſingen, oder, wenn ſie in ihren Zelten ſitzen, beten und die Bibel leſen. Der König lächelte. Ich kann es meinen über⸗ müthigen Cavalieren nicht verdenken, ſagte er, wenn ſie über Fanatiker Scherze machen. Es giebt nichts Trau⸗ rigeres, als dieſe blödſinnigen, ſtumpfen Geſichter, welche 135 keine andere Erholung kennen, als ihre Fortſchritte in der Gnade zu prüfen. Aber ihre Schwerter ſind ſcharf, erwiederte Herbert halblaut. Waffen und Pferde muſterhaft, die Disciplin ſtreng und der Gehorſam freiwillig ſo groß, daß er Be⸗ wunderung erregt. Ei, rief Karl mit einem ſeiner ſtolzen unwilligen Blicke, Du biſt ein Bewunderer der Rebellen geworden, Sir Herbert! Ich habe ſie in ihrem Lager geſehen, antwortete der junge Oberſt, und wer einen Blick hat für den Geiſt, der ein Heer beſeelt, muß anerkennen, daß dieſe Ord⸗ nung wunderbar und gefahrdrohend iſt. Ich habe keine Flüche und Schwüre gehört, keine Klage über Raub und Plünderung des Eigenthums friedlicher Landleute vernommen. Keine Trunkenheit wurde von mir bemerkt, kein Würfelgeklapper und— keines Weibes Ehre wurde bedroht. Es iſt wahr, ſie ſaßen und beteten in ihren Zelten. Mitten im Geſchmetter der Trompeten erſchallten ihre Pſalmen, und Abends ſah ich ſie verſammelt um irgend einen Erdaufwurf oder Feldtiſch, auf welchem ein Dragoner oder ein Musketier ſtand, der mit der Bibel in der Hand ſeinen Waffenbrüdern den Geiſt Gottes auslegte. 136 Abſcheulich! gottſchänderiſch! fiel der König ein. t Tollheit und Aberglauben ſind anſteckende Uebel. Mir 1 ekelt vor dieſen langhaarigen, abgehärmten Schwärmern J und ihren tiefliegenden Augen voll Wahnſinn. fi Es ſind Männer, Majeſtät, ſagte Herbert, die mit ſi glühender Begeiſterung in die Schlacht gehen, um das wi Himmelreich zu erwerben, und denen nichts zu ſchwer iſt, wenn ihnen dafür die Märtyrerpalme winkt. 5 5 Glaubt Ihr denn aber, erwiederte der König, die 3 Stirn faltend und auf und ab gehend, daß die Menſch⸗ 1 3 heit ſich lange mit dieſem menſchenfeindlichen, düſteren d 1 Fanatismus vertragen wird? Glaubt Ihr, daß dieſe w 4 gottſeligen Musketiere und Dragoner den frohen heitern g Geiſt Alt⸗Englands vernichten, dies ganze Land in ein finſteres Bet⸗ und Bußhaus verwandeln können? Die G 1 Menſchen wollen Freude und Glück, wollen Feſte, volle 6 Becher und gute Schüſſeln. Bald genug wird man die la Heiligen verwünſchen und den guten König Karl, ſeine 1 d heitre Königin und ſeine goldenen Cavaliere zurückſehnen. ſ Sie wollen das Haus der Lords ausräuchern, ſie wollen R nichts dulden, als ihre traurige Gleichheit, ihr elendes, de freudenloſes Leben. Sie haben mir vorgeworfen, ich R füllte die Gefängniſſe; ſie machen ganz England zu einem großen Zuchthauſe und— gebt Acht, Herbert, wie ſchnell 137 ihre Freiheitslehren von der Brüderlichkeit aller Menſchen umſchlagen werden in wildeſte Verfolgungsſucht und in Akte der Rache, die jedes menſchliche Herz mit Schauder füllen. Es iſt mir, als ſei ich ein Prophet, ſo füllt ſich meine Seele mit Wahrheit, daß dies Alles geſchehen wird. Aber wann, mein königlicher Herr, wann? fragte Herbert. Ol ſei nicht bange, lachte Karl, es wird kommen, ehe man es denkt. Sieh meinen Sohn an, den Prinzen von Wales. Er zählt kaum fünfzehn Jahre jetzt; der wird die ſchöne Zeit wiederbringen, wenn es mir nicht ganz gelingen ſollte. Majeſtät, ſagte der Oberſt, ich weiß nicht was Gottes Wille iſt, aber das weiß ich, daß für jetzt dieſe Soldaten des Parlaments die feurigen Wünſche Eng⸗ lands für ſich haben, auf daß ſie ſiegen mögen, um dieſen ſchrecklichen Krieg zu beenden. Wo ſie hinkommen, ſchafft ihre ſtrenge Ordnung ihnen Freunde; wo unſere Regimenter ſtehen, erſchallt Jammer und Wehklagen wegen Raub und zügelloſen Uebermuths.— Prinz Ruprecht— Ich weiß, ich weiß! unterbrach ihn der König, ſie nennen ihn den rohen Fremden, und ich wünſchte er —— 138 wäre weniger heißblütig, weniger unbedachtſam. Aber laß ihn, Herbert, ich brauche ſein tapferes Schwert, und wenn der Krieg aus iſt, will ich gut machen ſo viel ich kann. Mein Adel beſteht nicht aus Betſchweſtern, meine Offiziere wollen Vergnügen haben, meine Soldaten ſind luſtige Jungen. Sie nehmen ein paar Kühe, Käl⸗ ber oder Hühner, wo ſie ſie finden, küſſen gern, wo ſie Mädchen ſehen und machen es zuweilen vielleicht ein wenig zu arg; allein man wird das Alles leichter ver⸗ geſſen und verzeihen, wie man es vergeſſen und ver⸗ zeihen wird, daß die nüchternen, mäßigen, ordentlichen, betenden Soldaten des Parlamentes jedes Bild zerhauen, jeden Schmuck zerſtören, kein Kunſtwerk achten, die Kan⸗ zeln zertrümmern und die Kirchen zu Pferdeſtällen machen. Ihr gemeiner Sinn, der nichts ehrt was Geiſt und Schönheit heißt, wird ſie zum Grauen und Abſcheu künftiger Geſchlechter ſtempeln. Ich ſchaudere noch vor den wahnwitzigen Burſchen, die nach Uxbridge kamen, um über den Frieden zu unterhandeln, Vane, St. John, Martin und wie ſie weiter heißen. In ihren unheim⸗ lichen Blicken lag Mord und Brand, aber kein Frieden. Im Parlament, ſagte Herbert, iſt die gemäßigte Partei der Presbyterianer weit überwiegend. Die meiſten ſind ſelbſt voll Mißtrauen gegen die Plane der Inde⸗ ſie ein ver ver⸗ hen, uen, Kan⸗ chen. und ſcheu vor men, ohn, eim⸗ eden. figle eiſten Inde⸗ 139 pendenten, und der allgemeine Ruf fordert ſtürmiſch Frieden und Ausſöhnung unter billigen Bedingungen, was ich Euer Majeſtät überzeugend beweiſen kann. Frieden, rief der König lachend, ol gewiß, ich will den Frieden auch, aber keinen mit dieſen Menſchen die der Krieg geboren hat und welche darin untergehen müſſen. Wie? Majeſtät! ſagte Herbert erſchrocken. Die ein⸗ geleiteten Friedensunterhandlungen ſind in Uxbridge dem Abſchluſſe nahe, in London bereitet man ſich, den König zu empfangen. Die guten Londoner! lachte Karl. Ich werde kom⸗ men, doch nicht jetzt. Die Friedensunterhandlungen ſind abgebrochen. Herbert verſtummte. So iſt Alles verloren! mur⸗ melte er in ſich hinein und ſeine Blicke drückten Schmerz und Vorwurf aus. Erhole Dich, Sir John, fuhr der König triumphirend fort, Du wirſt früh genug wieder in Whitehall ſein. Es iſt mir prophezeiht worden, daß ich in mein Schloß einziehen werde, wenn es mit Schwadronen und Ba⸗ taillonen umringt iſt. Dabei ſollſt Du nicht fehlen, Herbert, allein ich brauche Dich jetzt zu anderen Dienſten. Ich habe aus Schottland die frohſten Nachrichten. 140 Montroſe hat geſiegt, Argyle iſt geſchlagen, meine Fahnen wehen vor Glasgow. Der Prinz von Wales iſt heut von mir dorthin geſandt, Du aber ſollſt nach Irland gehen und die zwanzig tauſend Irländer herüberbringen, die mir Ormond verſprochen hat. Bringe mir zwanzig⸗ tauſend Irländer und fünfhunderttauſend Pfund, und ſollteſt Du dafür meine drei Königreiche verpfänden! rief er mit blitzenden Augen. Ha, Herbert! führe ſie mir zu, eine Grafenkrone ſoll Dich belohnen; die ſchönſte und ſtolzeſte Tochter des ſtolzeſten Pairs ſoll Dein ſein. Nenne ihren Namen, der König wird für Dich werben.. Herbert ſchlug die Augen zu Boden. Karl legte ſeine Hand vertraulich auf des jungen Oberſten Schulter. Nun? fragte er lächelnd, hat Dein Herz keine Sprache? Hat denn von allen Damen meines Hofes keine den Stahl von Deiner Bruſt ſchmelzen können? Herbert ſchüttelte leiſe den Kopf. Ich habe keine Zeit dazu, um Damen zu gefallen, ſagte er. Du ziehſt Dich zurück ſowohl von Feſten, wie ſie Männer lieben, als von ſolchen, wo man der Schönheit huldigt, ſprach der König. Man findet Dich ſchroff und kalt allein ſtehen, nennt Dich einen Träumer, einen Moraliſten, einen halben Rundkopf, wenn nichts Weiteres. 141 Fahnen Majeſtät! ſagte Herbert, ſich ſtolz aufrichtend, wäh⸗ t heut rend ſein Geſicht glühte. Srland Ruhig, Freund John, lachte der gnädige Fürſt, ich eingen, kenne Dich und neige der andern Meinung zu, die Deine anzig⸗ Seufzer einem geheimen Liebeskummer zuſchreibt. Ant⸗ und worte, iſt es nicht ſo? inden! Ich will es nicht läugnen, ſagte Herbert leiſe. re ſie Und wer iſt die Holdſelige, die dies Herz von Erz önſte gewonnen hat und grauſam verbrennen läßt? fuhr Karl Dein beluſtigt fort. Ah, ich ſehe es Dir an, es iſt ein Ge⸗ Dich heimniß, das Du nicht verrathen willſt. Ein Geheimniß, von meinem Schwur gebunden, er⸗ legte wiederte der junge Mann. So bewahre es, fuhr der König lächelnd fort. Doch Du biſt blaß und mager dabei geworden. Herr Oliver könnte Dich bei ſeinen Heiligen gebrauchen. Höre, Sir ofes en John. Wenn Du das Schmachten ſatt haſt, wende ine Dich an mich und ich will Dein junges Geſicht wieder roth und glatt machen. Bei meinem Königsworte! ſie wenn wir in Whitehall ſind, will ich Dich wieder fragen, heit und ſei Deine Schöne dann, wer ſie wolle, Du ſollſt rff ſie haben. Nach einigen Stunden ſchon war Herbert auf dem Wege nach Irland, mit geheimen Inſtruktionen und Be⸗ 142 fehlen des Königs verſehen. Während der Friedens⸗ unterhandlungen ruhten die Waffen und noch konnte von dem Abbruch des Friedensgeſchäftes nichts bekannt ſein. Nur von zwei Dienern begleitet ritt der junge Oberſt weſtwärts durch die Abtheilungen des Heeres, auf einem Wege, wo er keiner feindlichen Partei zu begegnen hoffte. Die Zeichen ſeines Ranges hatte er abgelegt, ſein Leder⸗ koller und ſeine Waffen konnten Niemandem auffallen, feſte Plätze vermied er, und ſo war manche Meile zu⸗ rückgelegt, als der Abend herannahte. Plötzlich aber, mitten in einer waldigen und hüg⸗ ligen Gegend, ſah er vor ſich mehre Reiter; als er rück⸗ wärts blickte, war der Weg von einer anderen Schaar geſperrt, auf den Kämmen der nahen Hügel bemerkte er ausgeſtellte Wachtpoſten. Er konnte nicht zweifeln, daß er mitten unter den Dragonern des Parlaments ſei. Und ſchon nach wenigen Augenblicken war es ihm eben ſo gewiß, daß der Offizier, welcher an der Spitze der Schaar ritt, die ihm entgegen kam, kein anderer war als Oliver Cromwell. Da galt kein Beſinnen, kein Ver⸗ ſtellen und keine Täuſchung. Cromwells durchdringendes Auge hatte ihn ohne Zweifel beim erſten Blicke erkannt, und doch ſchien es faſt ſo, als ſei dies nicht der Fall; riedens⸗ nte von nt ſein. Oberſt feinem hoffte. Leder⸗ ffallen, ile zu⸗ hüg⸗ rrück⸗ Schaar merkte eifeln, ts ſei. ihm Spitz war Ver⸗ endes annt, Fall; 143 denn gleichgültig ſah er auf die Nahenden und wandte ſich von ihnen ab, um ſeine Soldaten zu betrachten. Als Herbert dicht bei dem General war, faßte er grüßend an ſeinen Hut, während er die linke Hand an den Griff ſeiner Sattelpiſtole legte. Wer ſeid Ihr? fragte Cromwell rauh, indem er ihm ins Geſicht blickte. Ein Reiſender, erwiederte der junge Oberſt, der nicht weit von hier wohnt und Ge⸗ ſchäfte hat. Und wohin des Weges? fuhr der General des Parlaments fort. Gen Weſten, nach Liverpool, erwiederte Herbert. Cromwell wandte ſein Pferd um und ließ es neben Herberts Pferd gehen. Ihr müßt ein gutes Gewiſſen haben, ſagte er, daß Ihr es wagt, von Oxford quer durchs Land zu reiſen mitten in Kriegszeiten. Der Krieg iſt vorbei, war Herbert's Antwort. König und Parlament ſind verſöhnt, ſo mag ich denn auf Frie⸗ den rechnen. Der General warf ihm einen ſtrengen Blick zu. Nein, Freund, ſprach er, ich will es Dir beſſer ſagen, damit Du auf Deiner Huth biſt; denn glücklicher Weiſe haſt Du Unrecht. Die Friedensunterhandlungen ſind ge⸗ ſcheitert, weil Karl Stuart, den der Herr blind gemacht hat, keinen Frieden will. In ſeinem Uebermuthe ſteht 144 es geſchrieben, daß erfüllt werden ſoll, was ihm ver⸗ heißen wurde.— Er hofft auf die Schotten und weiß nicht, daß Montroſe geſchlagen und flüchtig iſt. Er ſendet Boten an die Irländer, um ihnen den papiſtiſchen Götzendienſt zu verkaufen, England mit den wilden Män— nern von Connaught zu füllen; allein er erfuhr noch nicht, daß ſein Knecht Ormond nichts vermag über die Häuptlinge. Höre, Freund, fuhr er fort, als Herbert ſchwieg, Du ſcheinſt ein Mann zu ſein, der einen ehrlichen Na⸗ men beſitzt, und wirſt mit keinem der Verräther etwas gemein haben, die gegen Volk und Parlament, gegen ihrer Väter Glauben und Freiheit es unternommen ha⸗ ben, die Irländer nach England zu führen. Ich thue nichts, was mein Gewiſſen und meine Ehre beunruhigen könnte, erwiederte Herbert. So wandle Deines Weges, aber hüte Dich, ſagte Cromwell. Es ſoll ein Menſch, der John Herbert heißt, vom Könige ausgeſandt ſein gen Irland. Wenn er in meine Hände fiele, ich würde Gericht über ihn halten wie über einen Spion, und ſein Blut würde über ihn kommen.— Doch um eines Weibes willen, fuhr er mit tiefer Stimme fort, ſoll meine Hand rein bleiben. Um zweier Augen willen, die um ihn weinen ——— —Oo— 145 n ver⸗ und noch immer hoffen, der Herr werde ihn frei machen, veiß mag er hingehen, bis ſeine Stunde kommt. Wenn Ihr E ihn treffen ſolltet, ſagt ihm, daß er ſein Haupt auf⸗ tſchen heben möge und ſehen, wenn er müde iſt, um bei ſeinen Miän⸗ Brüdern zu wohnen. voc Herr Cromwell! ſprach Herbert. di Das iſt mein Name, fiel der General ein. Doch höre, Mann, welchen Rath ich Dir gebe. Du willſt an reiſen und wirſt Dich nicht halten laſſen; ſo reiſe denn, 8 es wird Dir keine Frucht tragen. Dieſer Krieg neigt Auc5 ſich ſeinem Ende zu, und wenn der Tag gekommen iſt, gegen wo die Gtolzen am Boden liegen und wiſſen nicht, zu 3 ha⸗ wem ſie die Hände erheben ſollen, dann komm zu mir, und ich will Dir ſagen, wie das Eiſen, das in's Waſſer 1 fiel, oben ſchwimmen ſoll. hr Sie waren bis zu einem Hügel gekommen, hinter , deſſen buſchiger Höhe ein Reiter⸗Regiment raſtete. Die . Abendſonne überglühte roth die Roſſe an ihren langen 1 Leinen, und die Harniſche und Helme der Soldaten, en welche ſtill bei einander ſaßen. Aus ihrer Mitte tönte ih allein die Stimme eines Begeiſterten, der zu ihnen ſprach. ürde Die Sonnengluth floß über ſein langes Haar und über⸗ is ſtrahlte ſein ſtrenges Geſicht. Rings umher war Schwei⸗ reill gen und der grüne Frühlingswald. inen Th. Mügge, Romane I. 10 — 146 Cromwell blickte hinüber. Dann ſagte er: Der da redet mit Gottes Stimme, iſt mein Schwiegerſohn Jre⸗ b ton. Das Reis iſt zum Baume geworden, doch ſein V Rauſchen iſt nicht für Dich. So lebe wohl! Und Alles kam ſo, wie Cromwell es geſagt hatte. Der Bürgerkrieg war in blutigen Niederlagen des Kö⸗ nigs beendet. Die Schlachten von Marſtonmoor und Naſeby brachen die Macht des Königlichen Heeres, ein Unglück folgte dem anderen. Montroſe floh beſiegt, Prinz Ruprecht mit Schande, der Prinz von Wales entkam nach Paris zu ſeiner Mutter. In Irland mußte Karl ſeinen eigenen Unterhändler Herbert ver⸗ läugnen, nicht ein Mann von den 20,000, die er er⸗ wartete, kam nach England, und endlich war der König eingezwängt in Oxford, und hatte nichts als die Wahl, 1 entweder dem Schwert zu erliegen, oder ſich hier dem Heere des Parlaments zu ergeben, dort den Schotten in die Arme zu werfen. Gerade zu dieſer Zeit war es Herbert gelungen, aus Irland zu entkommen und Oxford zu erreichen.— Als ihn der König wiederſah, kam er ihm mit wehmüthiger Freude und Augen, die voll Thränen hingen, entgegen.— So habe ich Dich wieder, mein theurer John, rief er aus. In dieſen Tagen des Kummers, wo ich viel ver⸗ er⸗ önig ah 147 loren habe und Wenige mir geblieben ſind, wird Dein Anblick mir zur höchſten Freude. Verzeihe, wenn ich Dich betrübte, und vergieb, wenn ich Dich verläugnen mußte; aber ich weiß, daß Du mich verſtandeſt und daß Du wußteſt, was ich auch zu ſagen gezwungen wurde es war bedeutungslos für Dich. Herbert beugte ſich auf des Königs Hand und ſagte gerührt: Der König that, wie die Pflicht es ihm gebot. Freudig hätte ich mein Haupt auf den Block gelegt, ohne zu klagen und ohne ein Wort zu ſprechen. Mein 7 Kummer iſt es, allein zu kommen und hier keinen Troſt zu finden. Sage das nicht! rief Karl raſch und lebhaft, ſo übel ſteht meine Sache noch nicht. Oxford, erwiederte der junge Officier, iſt zwar ein feſter Platz, der Monate lang allen Angriffen wider⸗ ſtehen kann. Und noch habe ich Kriegsvorräthe, fiel der König ein, ſammt mehr als fünftauſend Kriegern, dem Kern der Tapferſten. Vorräthe werden aufgezehrt, ſprach Herbert, wo iſt Erſatz zu hoffen? Ganz England iſt in der Gewalt des Parlaments. Dieſe Antwort ſchien den König zu entmuthigen. — 10* 148 Er ging auf und nieder, ſeine Augen flogen unruhig umher.— So ſagen Andere auch, begann er dann laut mit ſich ſelbſt ſprechend. Ich darf nicht warten, bis die Stadt eingeſchloſſen iſt, daß keine Maus hinaus kann. Kriegsgefangen in die Hände dieſer Empörer zu fallen, welch fürchterlicher Gedanke! Beſſer, ſagte Herbert langſam und mit ſtarker Be⸗ tonung, wäre es, an Verſöhnung zu denken. Mit wemd fragte der König heftig. Soll ich nach London gehen, mich den Bürgern anvertrauen? Soll ich vor dieſe meuteriſche Bande treten, vor Pembroke, Suf⸗ folk, Eſſey? Er rollte ſeine großen leuchtenden Augen umher und fuhr dann mit Bitterkeit fort: oder ſoll ich meine Knie beugen vor den Fanatikern dieſes Unter⸗ hauſes, das jeden Tag auf neue Schmach für mich ſinnt? Majeſtät, erwiederte der treue Diener, in Beſorgniß, den reizbaren Herrn heftiger aufzuregen, es giebt noch eine Macht, an welche man ſich wenden kann. Ihr meint die Schotten, rief der König lebhaft. Ei, ich denke, ſie werden mich gut aufnehmen und nicht ver⸗ geſſen haben, was ich für ſie gethan. Ich meine das Heer des Parlaments, ſagte Herbert. Karl blickte ihn ſtarr und zornig an. Was ſagſt —— ge⸗ 149 Duè! ſchrie er auf, und ſein Kopf röthete ſich vor Schaam und Unwillen. Ja, ich habe anfragen laſſen, habe Ireton fragen laſſen, wie man mich aufnehmen würde, wenn ich in ihrem Lager erſchiene, und habe keine Antwort erhalten. Dafür, Sire, habe ich eine Antwort mitgebracht, fiel der Vertraute ein. Dud ſagte der König, ihn mißtrauiſch betrachtend. Wer gab ſie Dir? Ein Mann, erwiederte Herbert, deſſen Schutz es mir allein uöglich machte, durch Fairfax' Heer zu kommen, das ſeine Kolonnen rund um Oxford ausbreitet und alle Straßen beſetzt hält. Wer iſt es? fragte Karl, und von einem raſchen Gedanken ergriffen fügte er mit frohlockendem Tone hin⸗ zu: Fairfax ſelbſt! Nicht er, ſagte Herbert,— Oliver Cromwell! Bei dieſem Namen zuckte der König zuſammen. Und was will der ungeſchlachtete Schwärmer? fragte er. Am liebſten ſelbſt mit Ew. Majeſtät ſprechen. Mit mir?! rief Karl. Ei, ſeht da! Ich will nicht, ich haſſe dieſen plumpen Geſellen. Wenn es Fairfax wäre, ſagte er die Hand auf ſeine Stirn legend; er iſt jung, empfänglich, ritterlich; der Sohn eines Lords und 150 der Erſte im Heere— der aber!— ich habe ein Grauen vor dem Bauer, der ein Herr geworden iſt. Herbert ſchwieg einige Augenblicke, um dem Könige Zeit zu laſſen, dann ſagte er: Sire, es iſt nicht zu verkennen, daß Oliver Cromwell einer der Erſten im Heere geworden und daß dieſer rauh und ſchlicht aus⸗ ſehende Mann einen Einfluß auf die Partei der Indepen⸗ denten ausübt, der ihn zur eigentlichen Seele derſelben macht. Aber er hat geringen Einfluß im Parlament, fiel Karl ein. Die Lords verachten den gemeinen Menſchen, der es gewagt hat, ſie überflüſſig und volksſchädlich zu nennen, und ſelbſt im Hauſe der Gemeinen hat er wenig Freunde. Eſſex iſt der Mann des Parlaments, ſein Anhang iſt groß in London und in den Grafſchaften. Im Unterhauſe ſitzen mehr als zwei Drittheile Presby⸗ terianer. Wenn ich mit dieſen mich verſöhnen wollte, ihnen geben wollte, was ſie fordern, würden ſie mich auf ihren Armen nach Whitehall tragen. Aber ich will nicht, ich habe noch Zeit genug dazu. Die Schotten ſind mir lieber, als dieſe Empörer. An der Spitze des ſchottiſchen Heeres kann ich meine Bedingungen machen. Ein frohes Lachen erhellte das Geſicht des Königs. Ich weiß, fuhr er fort, die Presbyterianer wollen den 151 Frieden um jeden Preis. Ich kann die Schotten zwin⸗ gen billig zu ſein, wenn ich dem engliſchen Parlament Verſprechungen mache, und kann das Parlament zum Nachgeben bringen, wenn ich die Schotten hinter mir habe. Sire, ſagte Herbert, möge Gott Euer Majeſtät jetzt vor jeder Täuſchung bewahren. Es iſt wahr, daß das Haus der Lords Frieden und Verſöhnung wünſcht, eben ſo wahr, daß die große Majorität des Unterhauſes aus Presbyterianern beſteht, welche zufrieden ſein werden, wenn Sie, Sire, den Covenant annehmen, die biſchöf⸗ liche Kirche aufheben und Sicherheit geben, daß Alles treu gehalten werde. Bah! rief der König, die Narren. Wenn ich in Irland wäre, Geld hätte, meine Königreiche dem Papſt verpfänden könnte, ich würde mich auf gar nichts ein⸗ laſſen. Aber wir ſind in Oxford, ſagte der Vertraute, und vor uns ſteht ein Heer, das, wenn es Ew. Majeſtät gewinnen kann, beſſer iſt als alle Irländer. Man kann nicht zweifeln, Sire, daß zwiſchen dieſem Heere und dem Parlament eine Kluft beſteht, die wohl zu beachten iſt. Im Parlament herrſchen die Presbyterianer, im Heere die Independenten. Jene bilden einen friedlichen Rath, 152 dieſe haben die Waffen in den Händen. Wer dies Heer hat, dieſe eiſernen gewaltigen Soldaten, denen keine Ge⸗ fahr zu groß iſt, dem gehört England; er kann dem Parlament Geſetze vorſchreiben. Ich bitte, Ew. Maje⸗ ſtät, dies zu bedenken. Der König hatte aufmerkſam zugehört. Hal rief er, die Hände ſpöttiſch zuſammenſchlagend, Du ſprichſt auf mein Wort wie ein Heiliger, der in der Gnade iſt. Es wäre möglich, mit den Independenten die Presby⸗ terianer herunter zu bringen, oder auch, je nachdem, mit den Presbyterianern die Independenten zu beſeiti⸗ gen. Heer und Parlament— Parlament und Heer! ſagte er lebhaft. Ei ja, ich verſtehe! Und wenn dies Heer mich nach Whitehall führt?— O! ſprach er ſtillſtehend, was fällt mir da ein. Whitehall umringt von einem Heere. Er ſtrich ſich das Haar von ſeiner hohen Stirn und lächelte argliſtig. Nun, fragte er dann, ſich zu Herbert umwendend, was räthſt Du mir, Sir John? Hören Sie den General Cromwell, Sire, erwiederte dieſer. Und wo,— wie ſoll ich ihn hören? Er iſt in der Nähe, ſagte Herbert, nicht weit vor vor ———· ———— 153 Oxford erwartet er meine Nachricht; allein er verlangt daß meine Ehre für ſeine Freiheit bürgt. Er kann ruhig ſein, rief der König verächtlich, ſeine untergeordnete Perſon hat keinen Werth für mich. Viel⸗ leicht, fügte er hinzu, könnte ich in Verſuchung gerathen, Fairfax feſtzuhalten, oder Eſſex— doch nein, jetzt nicht — jetzt nicht! Meine Rache wartet. Erſt laß mich wieder König ſein! Führe ihn her, Herbert, ſobald es dunkel wird. Mein Königswort darauf, er ſoll gehen ſobald es ihm gefällt. Als es Nacht geworden war, ſahen die Wachen vor dem Palaſt der Dechanei, welchen der König bewohnte, den Oberſten Herbert in Begleitung eines Mannes ein⸗ treten, der im Reiterhut und Mantel ſein Geſicht ver— barg und von Niemand gelannt wurde. Des Königs Kammerdiener, Aſhburnham, führte die beiden Herren in das Schlafzimmer des Königs, und ſie fanden dieſen dort auf einem Seſſel vor dem Kamin ſitzend und nachdenkend in das matt glimmende Feuer ſchauend. Ein ſilberner Armleuchter mit vier Wachs⸗ kerzen ſtand auf dem Seitentiſch und warf ſein flackern⸗ des Licht auf Oliver Cromwell's dunkles Geſicht. Bei dem feſten Schritte des Generals ſtand Karl auf und richtete ſeine Augen neugierig forſchend auf ihn. 154 Er erinnerte ſich in dieſem Augenblicke, daß er ihn ge⸗ ſehen hatte, damals, wo er im Parlament erſchien, um die Sechs zu fangen, und daß er ſeinen Neffen gefragt hatte, wie der Menſch mit dem Henkergeſichte heiße? Später hatte er ihn auf Schlachtfeldern von fern er⸗ blickt, vor den feindlichen Reihen und im dichteſten Treffen. Er hatte bei Naſeby vergebens ausgerufen: Wer bringt mir dieſen Teufel Cromwell, todt oder lebendig, ich bezahle jeden Preis! Jetzt ſtand er vor ihm aus freiem Willen, offenbar bereit, ihm die Hand zu bieten, und doch hätte Karl gern wiederum rufen mögen: Fort mit dieſem gemeinen Mann und ſeinem Henkergeſicht! Er unterdrückte jedoch dieſe widerwärtigen Regungen und verſuchte ein gnädiges Lächeln, indem er nach der Sitte des Hofes, Cromwell die Hand zum Kuſſe bot. Aber der General nahm dieſe ſchmale kalte Hand an, ohne ſie an ſeine Lippen zu bringen. Er beugte auch ſein Knie nicht, ſondern begnügte ſich mit einer Verbeugung, und indem er dann um ſo ſtolzer ſich auf⸗ zurichten ſchien, ſprach er ohne alle Einleitung: Ew. Majeſtät haben ſich an den Oberſten Ireton gewandt und angefragt, welche Aufnahme Sie im Lager finden würden? Ich bin gekommen, um ſelbſt die Antwort darauf zu geben. 155 Ehe wir weiter gehen, fiel der König beleidigt ein, erklären Sie mir, General, in weſſen Namen Sie zu mir ſprechen? Cromwell ſah ihm feſt ins Geſicht. Im Namen derer, ſagte er dann mit ſeiner ſchweren Zunge, welche allein die Macht haben, Ew. Majeſtät wieder auf den Thron zu ſetzen. Im Namen des Parlaments alſo, erwiederte der König, der ſich innerlich ergötzte, als er Cromwell ge⸗ ärgert ſah. Wenn Sie das Parlament meinen, Sire, ſprach der General, ſo hätten Sie ſich an dies wenden ſollen. Sie haben ſich an das Heer gewandt, und durch meinen Mund ſpricht daſſelbe zu Ihnen. Dann wundert es mich doch, fiel Karl ein, daß der erſte Führer dieſes Heeres, Lord Fairfax, nicht eine Unterredung nachſucht, oder kommen Sie von ihm, Ge⸗ neral, als ſein Abgeſandter? Ein ſpöttiſches Zucken der Lippen war Cromwells Antwort. Sire, ſprach er dann, ich bin kein Hofmann, verſtehe es nicht, verſtellte Rede zu führen. Eure Rede ſoll ſein: ja, ja, oder nein, nein! Wollen Sie mich hören, Sire, was ich Namens keines Einzelnen, ſondern im Namen derer, die das Schwert gezogen haben für 156 die Freiheit und die Rechte Aller, Ihnen zu ſagen habe? So laſſen Sie hören, ſagte Karl, indem er ſich auf den Seſſel niederließ, während Cromwell vor ihm ſtehen blieb und Herbert die Thür bewachte. Majeſtät, begann das Haupt der Puritaner im ern⸗ ſten Tone, ich gehe nicht auf die Vergangenheit zurück, ich ſehe auf die Zukunft. Dieſer blutige, grauenvolle Bürgerkrieg iſt aus; die ihn hervorgerufen haben, mögen Gott bitten, daß er ihnen vergebe. Ueble Rathgeber haben den König verleitet, mehr als einmal die Hand zurückzuſtoßen, welche ihm geboten wurde, um ſich mit ſeinem Volke zu verſöhnen. Gottes Allmacht hat es ſo gewollt, damit die Welt erkenne, was gut und böſe heißt auf Erden. Zur Sache, General, ſagte der König, mit dem Feuerſchürer, den er in der Hand hielt, auf den Boden klopfend.. Die Sache iſt die, fuhr Cromwell fort. Das Par⸗ lament wird dem Könige Frieden bieten unter der Be⸗ dingung, daß er die biſchöfliche Kirche verwerfe, den Covenant beſchwöre, die presbyterianiſche Lehre annehme, ſeine Anhänger ächte, keinen, der für ihn die Waffen geführt, zu einem öffentlichen Amte laſſe und auf zwanzig — ſagen ſich auf ſtehen m ern⸗ zurück, envolle mögen hgeber Hand h mit es ſo e heißt t dem Boden Par⸗ Be⸗ den ehme/ affen anzig 157 Jahre den Befehl der Flotte und des Heeres dem Par⸗ lament überlaſſe. Niemals werde ich das annehmenl! ſchrie der König auf. Dagegen, ſprach Cromwell ruhig weiter, verlangt das Heer vom Könige nichts, als die feſte Zuſicherung, daß der Glaube und die Freiheit des Volkes keinerlei Zwang und Tyrannei unterworfen werde. Ihr wollt die Liturgie alſo nicht unterdrücken? fragte Karl. Majeſtät, antwortete der General, wir wollen Nie⸗ mand unterdrücken, aber auch nicht die Unterdrückten ſein. Wenn der König dem Heere vertrauen will, ſo will das Heer ſeine Sache führen und Mittler ſein zwiſchen ihm und dem Parlament. Ich ſoll mich alſo in Eure Hände begeben? ſagte Karl lächelnd. Ei ja, ich verſtehe! Welche Garantie gebt Ihr mir? Welche verlangen Sie, Sired war die Antwort. Das Heer hat nichts zu geben, als ſeine Macht, und dieſe ſoll den König ſchützen, damit er nicht in den Willen der Presbyterianer falle, und ſtatt der biſchöflichen Ty⸗ rannei, presbyterianiſche Gewalt England bedrücke. Seltſam! rief der König. Ich habe zu wählen, wie 158 es ſcheint, doch es fragt ſich, ob Eure Hand, Ihr Herren, milder iſt, als die, welche mir in London ausgeſtreckt wird.— Noch habe ich Freunde genug und Schotten genug! Majeſtät, ſagte Cromwell düſter und rauh, zu Gottes Ehre iſt es nothwendig, Ihnen nichts zu verbergen. Sie haben immer Ihr Spiel ſelbſt verdorben, ſeien Sie diesmal auf Ihrer Hut. Die Schotten können Sie nicht ſchützen und wollen es nicht. Sie werden keinen Krieg mit England beginnen, um den König für ſich zu behalten. Das Parlament will Sie nicht ſchützen, Sire, es braucht Ihre Perſon, und einmal in ſeiner Gewalt, werden Sie gezwungen ſein, zu thun, was dieſe Pres⸗ byterianer von Ihnen fordern. Auch die Schotten ſind Presbyterianer, und jeder Schotte liebt Geld. Schott⸗ land iſt arm! fügte er mit Nachdruck hinzu. Das Heer, Majeſtät, kann und will Sie ſchützen. Im Heere ſind einfache, ſchlichte Männer, welche volle Freiheit fordern, aber Jedem ſein Recht laſſen, auch dem Könige! Will der König ein Fürſt freier Männer ſein, will er des Volkes Rechte achten, Geſetze heilig halten, aller ab⸗ ſoluten Macht entſagen; will er des Volkes Willen ehren, der ausgeſprochen wird in frei gewählten Parlamenten, und ſich mit Männern umgeben, die als Patrioten be⸗ hr Herren, zosgeſtreckt MSchotten zu Gottes verbergen. en keinen r ſich zu en, Sire, „Gewal, eſe Pres⸗ oteen ſind Schott⸗ das Heer, eere ſind fordern, el Will er des aller a⸗ en ehren, lamenten, joten be⸗ 159 kannt ſind, ſo kann er ſein Haupt getroſt in den Schooß des Heeres legen, es wird ſicherer ſein als in Paris oder Dublin. Bei dieſer Anſpielung auf die katholiſche Partei in Irland röthete ſich das Geſicht des Königs. Ich will es bedenken, rief er heftig aufſtehend. Bei Gott! Herr Cromwell, es iſt mir ſo, als haben wir unſerer Unter⸗ redung nichts weiter hinzuzufügen. So lebt denn wohl, dee ich habe genug gehört, um zu wiſſen wie viel Ihr fordert, und wie wenig ich zu geben habe. Cromwell verbeugte ſich kalt. Sehen Sie zu, Sire, ſagte er, daß Sie nicht mehr verlieren. Welch Scheuſal, murmelte Karl, als Cromwell ver⸗ ſchwunden war. Ich will nichts von ihm! Nichts mit ihm! Niemals will ich ihm vertrauen! Nach Schott⸗ land! nach Schottland! dort warten die, die mir treu ſind! VIII. Wenige Monate darauf war der König in der Ge⸗ walt des Parlaments. Die Schotten hatten ihn ver⸗ kauft für vier hundert tauſend Pfund; ein Reiterregiment hatte ihn nach Schloß Holmby gebracht. Fairfax kam und küßte ihm die Hand. Die Bevollmächtigten des Parlaments bezeugten ihm ihre Ehrfurcht, viele Menſchen ſtanden an ſeinem Wege, ſchwenkten ihre Hüte, und Bürger wie Edelleute ſchauten ihn mit Blicken voll Liebe und Mitleid an. Als er aber in dem prächtigen Schloſſe war, wurden die Thore geſperrt, ſeine Diener entfernt, andere, die das Parlament als Wächter und Hüter beſtellt hatte, ihm gegeben und eine ſtrenge Bewachung angeordnet. Der König wartete vergebens viele Wochen lang auf Nachricht aus London, er verlangte vergebens neue Unterhandlungen, denn im Parlamente ſelbſt war wilder Streit ausgebrochen zwiſchen den Presbyterianern und Independenten, deren feindlicher Zuſammenſtoß, nachdem ſie lange gemeinſam gehandelt, nicht länger zu ver⸗ meiden war. Es handelte ſich um die Herrſchaft der beiden Par⸗ teien und beide waren mächtig. Der größte Theil des Ober⸗ und des Unterhauſes, der größte Theil der be⸗ ſitzenden Bürger in London und in den Städten, der größte Theil der wohlhabenden und beſitzenden Leute in den Grafſchaften, Alle, die den Frieden wollten, Alle, die ſchwere Steuern und Laſten trugen, Alle, die in e—üü ———— 161 Handel und Gewerbe litten, und Alle, die das Heer und den Sieg der Soldaten fürchteten, bildeten die Partei der Presbyterianer, oder verbanden ſich mit ihr. Dem gegenüber aber ſtanden die harten ſtolzen Männer, welche nicht gelitten und geduldet haben wollten, um aus biſchöflicher und königlicher Tyrannei in die unduldſame Herrſchaft einer andern Partei zu fallen. Sie forderten volle Freiheit des Glaubens und der Lehre, volle Freiheit der Kirche, weil ohne dieſe kein Volk frei ſein könne, und je mehr die presbyterianiſchen Prieſter von den Kanzeln die Independenten und das Heer, als Gottesläugner und Antichriſten ausriefen, je mehr ſie ſich verbanden und die presbyterianiſche Ord⸗ nung, als die einzig geduldete begehrten, je mehr ſie mit pfäffiſchem Stolz die Obergewalt des Parlaments für gottſchänderiſch erklärten, um ſo näher kam der Tag, wo der alte Bund brechen mußte. Die Presbyterianer fanden für die Ausführung ihrer Pläne nur Einen Stein des Anſtoßes, den ſie beſeitigen mußten, das Heer, und ſie machten viele Verſuche, es los zu werden. Bald ſollte es größtentheils nach Irland ge⸗ ſchickt werden, um das abgefallene, den Katholiken preis⸗ gegebene Land wieder zu erobern, bald ſollte es alle ſeine Oberſten und Generale verlieren, nur Fairfax ſollte Th. Mügge, Romane I. 11 162 bleiben; bald ſollte es zerſtreut werden in die nördlichen und ſüdlichen Grenzplätze, um es dort langſam und ein⸗ zeln aufzulöſen; allein es wurde weder nach Irland ge⸗ ſchickt noch aufgelöſt, noch von ſeinen puritaniſchen Be⸗ fehlshabern befreit, denn dieſe wußten genau, daß es ihnen zunächſt galt und was ſie werth waren. Die Oberſten der Regimenter waren faſt alle durch den Krieg geworden was ſie waren. Es waren zum Theil frühere Advokaten, oder kleine Landeigenthümer, oder Schlächter, Schneider und andere Gewerbtreibende. Tapfere, aber meiſt rohe und unwiſſende Männer, die „der Geiſt“ ergriffen, und welche Cromwell erkannt und emporgehoben hatte. Offiziere und Soldaten hingen an ihm, wie an dem Leiter und Beſtimmer ihres Schick⸗ ſals. Oliver betete mit ihnen, klagte mit ihnen über ihre Entbehrungen und den mangelnden Sold, über den Undank der Presbyterianer, über den Haß der Reichen und Beſitzenden, über die Härte und Herrſchſucht des Parlaments, und ſteigerte ihren Ingrimm über die re⸗ ligiöſen Beſchränkungen, welche er mit manchen klugen Be⸗ merkungen erklärte, und wie bald es beſſer werden müßte, wenn die feſt zuſammenſtänden, welche das Schwert der Gerechtigkeit in Händen hielten. Während der langen und heftigen Parlamentsſitzungen 163 dicchen wurde es aber jeden Tag deutlicher, wer zuletzt ſiegen d ein⸗ werde. Im Hauſe der Lords waren höchſtens noch nd ge⸗ dreißig beiſammen; Niemand achtete darauf, was ſie n Be⸗ ſagten und thaten; im Unterhauſe aber half es eben ſo aß es wenig, daß die Presbyterianer Beſchlüſſe über die Zer⸗ ſtörung des Heeres faßten. Dies rückte immer dichter durch auf London los und Fairfax hatte tauſend Entſchuldigungen. n zum Er war das willenloſe Werkzeug Cromwells. Mitten in ümer, dieſem erbitterten Streiten ſtarb Eſſex und mit ihm hatten bende. die Presbyterianer ihren tapferſten und fähigſten Führer r, die verloren. t und Plötzlich verbreitete ſich eine Nachricht in London, en an die eine furchtbare Aufregung in der Stadt und im Schic⸗ Parlament erregte. Der König war aus Schloß Holmby r über entführt worden! Er war in den Händen des Heeres, er den den Bevollmächtigten des Parlaments entriſſen, mit Ge⸗ richen walt nach Newmarket gebracht. tt des Im Parlament brach der Sturm los, als Cromwell, ie ie aus dem Lager zurückgekehrt, nach einigen Tagen erſchien n Be⸗ und ſeinen Sitz einnahm. Finſtre Blicke fielen von allen rißte Seiten auf ihn, er ſchien ſie nicht zu beachten. Mit ut de ſeinem undurchdringlichen Geſicht ſaß er da und ver⸗ richtete ein inbrünſtiges Gebet, dann hob er ſeine Augen 11* pungen 164 auf und blickte freundlich grüßend nach allen Seiten umher. Oliver hatte ſich jedoch geirrt, wenn er glaubte, durch Unbefangenheit und Furchtloſigkeit die Angriffe gegen ihn niederzuſchlagen; denn jetzt trat ein Mann gegen ihn auf, der eben ſo kühn, eben ſo furchtlos und unerſchütterlich war. Denzil Holles erbat ſich das Wort vom Sprecher und las Briefe vor von glaubwürdigen Männern, nach welchen Cromwell hinter Fairfax' Rücken die Verſchwörung des Heeres geleitet, überall die Unzufriedenheit geſchürt, das Parlament verläumdet und die Entführung des Königs durch Fairfax' eigene Leibwache bewerfkſtelligt habe. Die Anſchuldigungen waren ſo klar und beſtimmt, die Angaben ſo genau, die Beweiſe ſo genügend, daß alle Zweifel verſchwanden. Verräther! In den Tower mit ihm! Entwerft die Klage auf Hochverrath! ſchrien viele Stimmen, und viele Hände ſtreckten ſich aus, drohende, düſtere Geſichter ſahen auf den General, der ſeinen mächtigen Kopf zum Himmel aufhob und von tiefem Schmerz erfüllt ſchien. Dieſe Stunde war gefährlicher als alle, welche je griffe Nann und recher nach rung hürt, des tellig immt, daß t die viele ichter Kopf rfüll he je 165 über ſein Haupt zogen. Er befand ſich faſt allein unter einer großen Zahl wüthender Gegner, die ihm längſt mißtrauten. London war presbyterianiſch, London ver⸗ langte den Frieden und den König. Denzil Holles, der elf Jahre im Kerker geſeſſen, wünſchte jetzt nichts eifriger als Karl wieder in Weſtminſter zu ſehen. Die alten Soldaten des Grafen Eſſex umlagerten die Thüren mit Volk und Weibern gemiſcht, und verfluchten das Heer und die Independenten. Ein Wort des Parlaments und Cromwell ſaß hinter düſtern Mauern, oder lag der Volkswuth Preis gegeben, durchbohrt auf dem Platze, und wenn er todt war, war Fairfax mit dem Parlament leicht verſöhnt, das Heer zerſtreut, die Presbyterianer ſiegreich, der König ihr Geſchöpf. Der Mann mit dem Löwenblick und Löwentrotz er⸗ blaßte, und plötzlich ſah man ihn, den Sieger in ſo vielen Schlachten, wie ein Kind weinend die Hände ringen und mit allen Zeichen der Verzweiflung und des Jammers auf's Knie fallen. So möge Gott mich ver⸗ ſtoßen! rief er unter vielen Thränen, ſo möge ſein Schwert der Rache auf mein Haupt herabſinken, ſeine Plagen mich treffen und meine Eingeweide zerreißen wie mit glühenden Zangen, wenn ich nicht gänzlich unſchuldig bin. Habe ich nicht Zeugniß abgelegt für mich zahlloſe 166 Male? Habe ich darum mein Kreuz getragen, und mich erhoben für Volk und Parlament, um mich verleumdet zu ſehen? Herr, Deine Macht iſt groß und ſtrahlend ſind Deine Werke! Auf Dich ſetze ich mein Vertrauen, Du wirſt mein Schild werden gegen meine Feinde! Was wollt Ihr von mir? Wem wollt Ihr glauben? Hier bin ich und hier ſind meine Thaten! Leugnen Sie es, General, rief Waller, einer der Hauptführer der Majorität, daß Sie es waren, der den Fähnrich Joyce, den ehemaligen Schneider, aus⸗ ſandte um den König zu entführen? Ich leugne es, erwiederte Cromwell mit erhobener Stimme, denn Gott und Engel ſind meine Zeugen, daß ich dieſen Joyce bis zu jenem Tage ſo wenig kannte, wie ein Kind im Schooße der Mutter das Sonnenlicht kennt. Und leugnen Sie es, rief Glyn, ein anderer Führer der Partei, daß Sie hier im Parlament vor nicht langer Zeit, als über die unmäßigen Forderungen der Offiziere verhandelt wurde, Ihren Nachbarn zuflüſterten: dieſe Menſchen werden nicht eher zum Einſehn gelangen, bis das Heer ſie an den Ohren hinauswirft? Ich rufe des Herrn Beiſtand an, daß es die un⸗ verſchämteſte Lüge iſt, die ze von einem der Gezeichneten erfunden wurde, erwiederte Cromwell feierlich. 167 Ich habe es ſelbſt gehört! ſchrie Einer, der vor ihm ſaß. Cromwell warf ihm einen Blick der tiefſten Ver⸗ achtung zu. Es war kein Mann, der in Anſehn ſtand. — Sind das die Werkzeuge meiner Prüfungen, ſagte er, ſo wäre mein Unrecht groß, wenn ich meinen Athem verſchwendete. Haben Sie nicht in einer Verſammlung von Offi⸗ zieren geſagt, fragte Holles, daß dies Haus einer Säu⸗ berung bedürfe, die nur das Heer bewirken könne? Gott du hörſt mich! rief der General wiederum auf ſeine Knie ſinkend; verdamme mich und zerſtücke mich, laß mich untergehen in deinem Zorne: Schütte alle Schalen des Giftes über mich aus und laß mich trinken den bitterſten Trank der Schande und jeder Schmach, wenn ein Menſch auf Erden wandelt, der es treuer mit dem Parlament meint! Seine Augen glänzten und glühten, ſeine ſonſt langſamen und feſten Bewegungen wurden raſch und leidenſchaftlich, die ſtockenden, polternden und abge⸗ riſſenen Sätze, in welchen man ihn zu hören gewöhnt war, verwandelten ſich in einen wilden Strom markiger Beredſamkeit, auf welchem glänzende Bilder und Ge⸗ danken, verwirrte Ausrufungem und Betheuerungen, Bibel⸗ ſprüche und prophetiſche Mahnungen in einander wir⸗ 168 belten, wie der Giſcht eines empörten Meeres, das don⸗ nernd über Strudel und Klippen ſtürzt. Zwei volle Stunden ſprach er ſo ohne Raſt und Ziel, ohne Plan und Einheit, aber hinreißend und ge⸗ waltig. Der Schweiß perlte von ſeiner Stirn, und immer höher und ſtolzer richtete er ſich auf, er, der Sohn ſeiner Thaten; und als er endlich auf ſeine Bruſt ſchlug und Gerechtigkeit forderte, war kaum Einer in der ganzen Verſammlung, der nicht hingeriſſen von dieſer Größe einer Beredſamkeit, wie man ſie nie gehört, ihm Beifall gerufen und von jedem Verdacht freigeſprochen hätte. Jubelnd wurde der„Retter des Vaterlandes,“ die „Stütze des Parlaments,“ von Vielen begleitet, die ſein Todesurtheil vor wenigen Stunden unterſchrieben haben würden, und als er endlich ſein Haus erreichte, wo ſeine erfreute Familie ihn umringte und in ſeinen Armen hing, ſah man noch lange den mächtigen Eindruck in ſeinem Geſicht arbeiten, den dieſer Tag auf ihn gemacht hatte. Seine Augen lagen nicht wie ſonſt ſtarr und feſt in den Höhlen, ſie rollten umher und ſtrahlten ein Feuer aus, wie in der wildeſten Schlacht. Er ging mit ſeinem Schwiegerſohn Ireton und dem Oberſten Lambert in ſein don⸗ ſein haben ſeine rmen ck in nacht ſt in Feuer inem ſein 169 Gemach und blieb mehrere Stunden dort mit ihnen allein; dann erſt erſchien er wieder und als Familien⸗ vater trat er in ſeinem Hauskleide mit ſanften Mienen und lächelnd in das Wohnzimmer, wo wiederum John Herbert bei Marie ſaß, ihre Hände vereint und ihre Blicke voll Liebe. Herbert war nach London gekommen unter beſonderer Vergünſtigung, welche durch Fairfax für ihn ausgewirkt war, und da die Ausſicht zur Ausſöhnung mit dem Könige fortgeſetzt wuchs, ſah man leicht darüber fort und ſprach viel von der großen und allgemeinen Verſöhnung mittelſt einer Amneſtie, welche nur wenige Anhänger des Königs ausſchließen ſolle. Aber Herbert gehörte ſelbſt zu den Bekehrten. Crom⸗ wells Haus öffnete ſich ihm wieder und frohe Hoffnungen für die Zukunft füllten ſein Herz. Er hing treu an dem König, allein er ſah ein, daß dieſer nicht weiter könne, daß die meiſten Forderungen des Volks gerecht ſeien, und er wiegte ſich in einen Traum ein, der um ſo glücklicher war, da in Geſprächen mit Cromwell dieſer ihm manche Zeichen ſeiner Beiſtimmung gab. Jetzt, als der General ſich neben ihn ſetzte, war es natürlich, daß die Vorgänge des Tages und die kom⸗ menden Verhältniſſe beſprochen wurden, und mit Ver⸗ 170 wunderung hörte Herbert Cromwells Mittheilungen. Niemand fragte nach den heftigen Scenen im Parla⸗ ment, der General ſchwieg über ſeine Thränen, Schwüre und Gebete, dagegen klangen einzelne Aeußerungen des Spottes über die innere Verderbtheit der Verſammlung, über den Undank, den er erfahren, über die Verwilde⸗ rung aller Sitte und alles Rechts und über die Bosheit und Heuchelei der Menſchen um ſo herber aus ſeinem Munde. Ohne Zweifel, ſagte Herbert endlich, wird der König jetzt vom Parlament zurückgefordert werden, und das Heer wird ſich nicht weigern. Der König ſelbſt wird ſich weigern, erwiederte Cromwell gelaſſen, denn er befindet ſich wohler im Lager, als im Schutze des Parlaments. Und wie ich den König kenne, erwiederte der junge Mann, werden ihn tapfere Offiziere zu billigen Bedin⸗ gungen leichter bereit finden, als dieſe ewigen Deputa⸗ tionen der presbyterianiſchen Seligmacher, die Tage und Wochen mit ihm disputiren, um ihn hartnäckiger zu machen. Glaubt Ihr, Herbert, fragte Cromwell, ihn ſcharf anſehend, daß Eure Gegenwart dieſen irregeleiteten Fürſten zur Einſicht bewegen könnte? ſilungen. Parla⸗ Schwüre gen des umlung, erwilde⸗ Bosheit ſeinem König nd das viederte ler im r junge Bedin⸗ deputa⸗ ge und iger 4 ſcharf Fürſten 171 Ich glaube es gewiß, erwiederte Herbert. Könnte ich zu ihm gelangen, ich würde alle Beredſamkeit an⸗ wenden, um ihm zu beweiſen, daß er nachgeben müſſe. Es iſt ein edler, hoher Geiſt in ihm, aber unglücklicher Weiſe lebt er in Selbſttäuſchungen, die ihn nie erkennen laſſen, daß neben ſeinem beſiegten Rechte ein anderes ſiegreiches Recht ſteht. Ihr ſollt den König ſehen und ihm rathen, die Vorſchläge des Heeres anzunehmen, ſagte Cromwell. Jetzt, fragte Herbert, wo Sie ſelbſt, General, ſich als treuer Diener des Parlaments erklärten, wo Fairfax ſeine Ergebenheit betheuert, wo die presbyterianiſche Majorität des Unterhauſes triumphirt hat? Cromwell zuckte leiſe die Achſeln. Ich fürchte ſehr, ſprach er, ſeine Augen ſtarr aufhebend, daß man mich mißverſtanden hat. Was kann Fairfar?— Nichts. Was kann ich? Sehr wenig. Der Rath der Offiziere ſpricht den Willen der Soldaten aus. Ich habe ſo eben eine Vorſtellung dieſes oberſten Rathes, durch Ireton und Lambert erhalten. Das Heer verlangt ſein Geld und alle Bewilligungen, die ihm verſprochen wor⸗ den ſind. Es verlangt die Säuberung des Hauſes von ungeeigneten Mitgliedern— er nannte die Häupter und Führer der Presbyterianer, Hollis, Glyn, Waller, eilf 172 an der Zahl, welche hauptſächlich gegen ihn geſprochen hatten.— Ich muß dieſe Vorſtellung einreichen, fuhr er dann mit demſelben heuchleriſchen Tone fort, man wird mich verkennen, aber Gottes Wille geſchehe! Ich bin ein ſchwaches Werkzeug. Fairfax wird mit dem Heere London beſetzen und das Haus wird gereinigt werden. Steht es ſo? ſagte Herbert nachdenkend. Ja, mein Sohn, erwiederte Cromwell, gemeinſam wollen wir arbeiten, um Ordnung und Ruhe, Sicherheit und Frieden herzuſtellen. Dieſe Menſchen führen uns zu neuen Sternkammern; dies Parlament iſt willkür⸗ licher in Rache und Gewalt, als Laud und Strafford es je geweſen ſind. Wir wollen den König einſetzen in ſein Recht, das Heer wird ihn mit dem Volke ver⸗ ſöhnen. Es wird die Monarchie herſtellen, eine Ver⸗ faſſung geben und Jeden ſchützen in dem was er beſitzt. Dieſe Menſchen da, rief er in ſeinem harten Tone, wollen uns zu ihrem Fußſchemel machen, aber wir wollen ihnen zeigen, daß ihre Stunde gekommen iſt! Mein theurer Vater! rief Herbert entzückt, ich habe lange auf dieſen Tag gehofft. Und er iſt gekommen, ſagte Cromwell, ihn umar⸗ mend. Der König ſoll treue Diener finden, nie ſoll d ſeſprochen en, fuhr rt, man hhel Ich mit dem gereinigt meinſam jicherhei ren und willkür Strafford ſeten in oolle ver ine Ver 5 beſitz en Tonl, ber wit n iſt ich hab⸗ in umau „ oall nie ol 173 die Krone ſo feſt auf ſeinem Haupte geſeſſen haben. Wir aber, Herbert, wollen in Frieden und in Liebe leben und uns unſeres irdiſchen Glückes freuen.— Herbert drückte freudig Marie an ſein Herz, die bange und ſtille Blicke auf ihn und ihren Vater richtete. O, meine Geliebte! rief er, hoffe mit mir, daß erfüllt werde, was uns in Treue verheißen iſt. Am 1. Auguſt des Jahres 1647 geſchah der Ein⸗ zug des Heeres in London. Fairfax mit ſeinem glän⸗ zenden Stabe ritt an der Spitze eines Reiterregiments, welches die Wagen umringte, in welchen einige fünfzig Mitglieder des Parlaments, darunter acht Lords, ſaßen, die ſich zum Heere geflüchtet hatten, nachdem die Ma⸗ jorität den Frieden und den König zurückführen wollte. Zwanzigtauſend Soldaten zogen ein, harte, ſtolz⸗ blickende Männer, die feindlich⸗kalt und höhnend auf Lord⸗Mayor und Gemeinderath ſahen, welche demüthig den Obergeneral bewillkommneten und beglückwünſchten. — Der junge Lord hörte ſie kaum an, erwiederte kaum einige Worte als die Väter der Stadt dem Heere einen Monatsſold zuſprachen; er zog mit ſeinen Schaaren unter Paukenſchall und Pſalmengeſang weiter und be⸗ mächtigte ſich vor allen Dingen des Towers und Til⸗ bury⸗Forts, der Feſtung an der Themſe. 174 Regiment an Regiment zog vorüber, und oft ent⸗ ſtand Jubelgeſchrei unter den Zuſchauern, oft zogen Volkshaufen mit den Soldaten durch die Straßen und ſtimmten in ihren Geſang ein, allein im Allgemeinen waren Freude und Herzlichkeit nicht groß. Der reiche Theil der großen Stadt war grabesſtill. Die Anhän⸗ ger des Königs längſt entflohen, außer Landes, todt oder verborgen auf ihren Landſitzen, um der Verfolgung zu entgehen; jetzt aber fehlte dem Einzuge des Heeres nicht allein die Gentry, welche es mit der Revolution gehal⸗ ten, es fehlten auch die wohlhabenden Mittelklaſſen, der corporative Bürgerſtand zum größten Theil. Viele Männer, die treu bei Volk und Parlament ausgeharrt, ſtanden nun finſter blickend hinter ihren Fenſtern und ſahen auf die Schwerter und Musketen der Soldaten mit Grauen nieder. Das Heer kam nicht mit Kränzen, ſondern mit blanken Waffen, es brachte nicht den Frieden und den gefangenen König mit ſich, ſondern das kleine Häuflein der Acht und Fünfzig, um dieſe mit Gewalt wieder auf ihre Sitze zu ſetzen, und neben ihnen zu wachen, damit künftig ihr Wille ge⸗ ſchehe. Monate lang hatte das Heer wie eine Gewitter⸗ wolke vor London gelegen, die bald ſchmeichelnd zer⸗ oft ent oft zogen aßen und lgemeinen Der reiche e Anhän⸗ todt dder llgung zu eres nicht on gehal— aſſen, der arlament ter ihren Musketen kan nich z brachte mit ſich fzig, un gen, und Wille ge Gewitter elnd gel⸗ 175 ſtreut, bald liſtig verjagt werden ſollte. Mit ſcham⸗ loſer Heuchelei hatte Fairfax verſichert, die Befehle des Parlaments ſeien ſeine Geſetze, mit noch ſchamloſerer Heuchelei hatte Cromwell ſich unter Eiden und Thränen verſchworen, der treueſte Diener des Parlaments zu ſein; beide Generale hatten die heiligſten Verſicherungen ertheilt, daß ſie ohne den Willen des Hauſes London nicht beſetzen würden. Jetzt waren ſie da, begleitet von zwanzigtauſend Soldaten, deren jeder keinen anderen Willen kannte, als den ihrer gottbegeiſterten Führer. Jetzt waren ſie da und in ihrer Gewalt war der Tower und die Feſtung, in ihrer Gewalt die Miliz, deren Offtzierſtellen Fairfax oder durch ihn Cromwell mit ſeinen entſchiedenſten Anhängern beſetzte. In ihrer Gewalt war bald Alles, was dem Staat gehörte, alle Mittel, alle Schiffe, alle feſten Plätze, alle Häfen, alle Aemter und Stellen, wo⸗ hin ſie ihre Geſchöpfe ſchicken konnten. Nichts ſtand mehr vor ihnen, als ein ohnmächtiges Parlament, aus welchem ſich auf ihren Befehl die elf Männer, Holles an der Spitze, freiwillig entfernt hatten, um nicht ge⸗ waltſam hinausgeworfen zu werden. Nichts blieb mehr zu überwältigen, als eine waffenloſe Volksmaſſe, die mit ſcheuer Beſtürzung auf die gepanzerten Reiter, auf 176 die langen Züge der Musquetiere und auf den Zug der ſchweren Geſchütze ſah, welcher das Heer begleitete. Eine düſtere Ahnung bemächtigte ſich an dieſem ver⸗ hängnißvollen Tage vieler Herzen, die den Untergang aller Freiheit erkannten. Sie laſen ihn in den fanati⸗ ſchen Geſichtern der Soldaten, ſie laſen ihn in den höhniſchen Blicken der Offiziere auf den Gemeinderath, ſie laſen ihn in den triumphirenden Mienen, als Fairfax bei Weſtminſterhall vom Pferde ſtieg, die entflohenen Sprecher und Gemeinen auf ihre Plätze führte und die Huldigungen und bedientenhaften Dankſagungen des Par⸗ laments und des Gemeinderaths dafür in Empfang nahm. Das Parlament war erniedrigt und verachtet, es lag unter den eiſernen Sporen an den Reiterſtiefeln der Generale. Der hohe Rath der Offiziere gebrauchte dieſe demüthige Verſammlung noch als Gliederpuppe, bis der Tag kam, wo es ganz beſeitigt werden konnte; aber von dieſer Stunde an herrſchte das Heer, und nur darauf ſchien es noch anzukommen, wer der Erſte unter dieſen gewaltthätigen Männern ſein ſollte. An dieſem Tage des Jammers beugten viele Freunde der Freiheit und des Rechts ihre Häupter und prophe⸗ zeiten eine wilde und erbarmungsloſe Soldatentyrannei. Zug der äitete. eſem ver⸗ Intergang n fanat⸗ in den einderath, s Fairfet tflohenen e und di des Par⸗ Empfang achtet, ei ſiefeln der gebraucht derpuppe⸗ in konnten und nun rſte unten ſe Freund d proph enthranne 177 Presbyterianiſche Prieſter predigten auf den Straßen, daß das Reich der Zerſtörung und des Schreckens kommen werde, das Reich des Teufels auf Erden, der ſeinen eingebornen Sohn, Oliver Cromwell, ausgeſandt habe und mit ihm die hölliſchen Schaaren, welche als Dragoner und Musquetiere das Heer des Antichriſts bildeten. Es half jedoch weder Predigen noch Wüthen. Lon⸗ don blieb beſetzt, das Parlament unterworfen. Ein paar ſchwache Verſuche dem Willen des Heeres nicht zu folgen, wurden ſofort dadurch beſeitigt, daß Cromwell einige Regimenter vor Weſtminſter aufſtellte und Fairfax erklärte, es thue ihm leid zu ſehen, daß noch immer zu viele Feinde der öffentlichen Ruhe und der Volkswohl— fahrt auf den Bänken des Hauſes ſäßen. Und während in London die Mittel vorbereitet wur⸗ den, alle dieſe Feinde des„wahren Volkswohls“ zu be⸗ ſeitigen, lebte König Karl in dem prächtigen Schloſſe von Hamptoncourt, wohin er auf Befehl des Oberge⸗ nerals gebracht war, ſo frei und vergnügt, als ſei er ſchon wieder Herr großer Macht und hoher Würden. Seine Diener waren ihm wieder gegeben, allen ſeinen alten Freunden, welche ihn zu ſehen wünſchten, war der Zutritt geſtattet, viele Anhänger fanden ſich ein und die Th. Mügge, Romane I. 12 —— [i—— 178 königlichen Kinder, die jungen Prinzen und die Prinzeſſin wurden zu ihm gebracht, ſo oft er ſie zu ſehen wünſchte. Alle Bitten, die das Parlament ihm hart abgeſchlagen, erfüllte der hohe Rath des Heeres, wo Cromwell herrſchte, unbedingt. Die Mauern von Hamptoncourt öffneten ſich dem Könige zu Spazierritten und Fahrten, ſo oft es ihm beliebte, ſelbſt die Jagd, ſein früher leidenſchaftlich geübtes Vergnügen war ihm nicht verſagt. Man forderte nichts als ſein Wort, daß er nicht ent⸗ weichen wolle. Herbert war in des Königs Nähe, ſein Begleiter auf Spaziergängen und bei Vergnügungen und ſein ver⸗ trauter Vermittler in geheimen Unterhandlungen mit dem hohen Rath der Offiziere, der durch den ſtillen, ver⸗ ſchwiegenen Oberſten Ireton, Cromwell's Schwiegerſohn, dem Könige Friedens⸗ und Verſöhnungsanträge machen ließ. Zuweilen ſahen die Schildwachen, wie ſpät am Abend der puritaniſche Oberſt noch mit dem Könige in dem Park umherging und Karl vertraulich ſeinen Arm nahm; zuweilen kamen andere Oberoffiziere des Heeres, die nicht weniger freundlich aufgenommen wurden, und mit jedem Tage fanden ſie, daß der Gefangene heiterer und fröhlicher ausſah und in altgewohnter Weiſe mit ſeinen Dienern und mit Herbert ſcherzte. inzeſſin ünſchte. ſchlagen, romwell toncourt Fahrten, früher verſagt. icht ent⸗ Zegleiter ſein ver⸗ wit dem len, ver⸗ ggerſohn, when ließ⸗ ſpät am unige in nen Aum 3Heeres, dn. und e heitene iſe nit K9 be Es war im September, ein heiterer ſchöner Tag, als Karl mit Herbert auf einem einſamen Spaziergange den Park durchſtreifte. Der König war guter Laune und ſpottete über die ferne Kette der Wachtpoſten, welche die Umgebungen des Schloſſes umringten. Nun will's Gott! rief er im leichten Tone, ſo wer⸗ den wir bald dieſe mürriſchen, langweiligen Geſellen nicht mehr nöthig haben. Nichts Schöneres doch als mein Whitehall! O! ich will nachholen, was ich ſo lange entbehren mußte. Wir werden wieder Feſte feiern, wie damals, weißt Du, Herbert, wo Geſang und Tanz, Bärenhetzen und Ringelrennen täglich wechſelten, wo meine heitere Gemahlin täglich neue Luſt herbeirief und von allen Höfen Europa's die edelſten und erſten Ca⸗ valiere nach England kamen, um ritterliche Sitten bei uns zu lernen. Ich denke, fügte er mit einem feinen Lächeln hinzu, ſelbſt dieſe bibelfeſten, bußfertigen Offi⸗ ziere des Covenants werden es nicht verſchmähen, wenig— ſtens anzuſchauen, wie ein Fackeltanz auf den Parquets der großen Gallerie ſich ausnimmt. Ich denke, Majeſtät, erwiederte Herbert, daß auch zum Tanzen einige Neigung bei Manchen unter ihnen vorhanden iſt. Der König lachte. Wenn ich mir ſie denke, ſagte 12* er, dieſe Schneider und Fleiſcherknechte, dieſe Winkel⸗ advokaten und kleinen Pächter, Brauer und Seifen⸗ ſieder, welche jetzt in Oberſten- und Generalsröcken ſtecken, und mir dann denke, es wäre möglich, daß ſie in Whitehall mich umringten mit ihren dicken, traurigen Köpfen, ſpitzen Naſen und Bullenbeißerbacken, ſo über⸗ kommt mich eine unwiderſtehliche Luſt, ihnen ins Ge⸗ ſicht zu lachen, oder ihre Unverſchämtheit mit Fußtritten zu belohnen. Sire, erwiederte Herbert warnend, vergeſſen Sie nicht, daß dieſe Brauer und Advokaten die Einzigen ſind, welche Sie nach Whitehall führen können. Ei, Du haſt Recht! rief der König, aber wer weiß, was ich ohne ſie vermag? Man muß ſich hüten, in ihre Fallen zu gehen; hüten, mehr zu gewähren, als nöthig iſt.— Ich könnte Dir etwas anvertrauen, fuhr er fort, indem er ſein Gewehr auf den Boden ſetzte, aber biſt Du nicht mehr noch ein Freund des Friedens, als des Königs? Sire, ſagte Herbert, meine ganze Hingebung iſt dem Könige geweiht, doch meine Ueberzeugung macht es mir zur Pflicht, Ew. Majeſtät auf's dringendſte und innigſte zu bitten, ſich mit Ireton zu verſtändigen. Sie verlangen zu viel von mir, fiel der König ein. 181 en⸗ Hinter Ireton ſteckt Cromwell, der bluti ge, heißhungrige fen Schelm „ nach deſſen Pfeife Fairfax ſeltſamer Weiſe zu ſie tanzen ſcheint. gen In dieſem plumpen Körper, erwiederte Herbert, der⸗ wohnt ein gewaltiger Geiſt. he⸗ Ah, Poſſen! rief Karl lachend. In dieſem dicken, ten rothen Kopf ſteckt eine tüchtige Portion Ehrgeiz und Eitelkeit, weiter nichts. ie Hat General Cromwell, ſagte Herbert, je ſelbſt ein gen Geſpräch mit Ew. Majeſtät gehabt? In Oxford, entgegnete der König; Du weißt es, in eß, jener Nacht vor meiner Flucht, und damals hat er mir üre mein Schickſal vorher geſagt. Hier hat er ſich nie bis thi jetzt vor meinen Augen blicken laſſen. fr, Es hängt von Ihnen ab, Sire, ob Sie ihn ſehen biſ wollen. des Der König ſchüttelte mit einer Gebehrde des Ab⸗ ſcheues den Kopf. Ich mag dieſen Menſchen niemals den ſehen, wenn ich nicht muß, ſagte er. Er hat etwas uit an ſich, was mir das Gefühl giebt, als faſſe ich eine iiſe Schlange an. i Wenn dies der Fall iſt, fuhr Herbert fort, ſo muß 1 man Schlangen ſtets an den Hals faſſen, damit ſie einl. nicht ſtechen. 182 Und ihnen die Giftzähne ausbrechen, fügte Karl mit einem ſeiner funkelnden Blicke hinzu. Herbert ſchwieg einen Augenblick. Majeſtät, ſagte er dann, ich ſehe mit Bedauern, daß Sie den einzigen Mann haſſen, der Ihnen zu helfen vermag und für deſſen aufrichtigen Willen dazu ich mit meinem Kopfe Bürgſchaft leiſte. Sie wiſſen nicht, Sire, was Oliver Cromwell ſchon für Sie gethan hat und was er faſt gezwungen iſt, zu Ihren Dienſten ferner zu thun. Laß hören, rief Karl lebhaft, und er wiederholte dieſe Worte mehrmals. Im Heere, ſagte Herbert, haben ſich zwei Parteien gebildet. Eine fanatiſche äußerſte Spitze will die Re⸗ publik. Die Republik! rief Karl verächtlich lachend. Ja, Sire, fuhr Herbert fort. Es ſind verwegene, tapfere Generale dabei, Männer wie Pride und Rain⸗ borowe. Es iſt die Elite der Independenten im Unter⸗ hauſe damit einverſtanden, Männer wie Vane, Haslerigh, Ludlow und Sidney. Die elenden Narren und Schufte! rief der König noch ſtärker lachend. Sechszehn Regimenter, Majeſtät, haben ſich für den Verfaſſungsentwurf erklärt, welcher in der Stille umläuft, mit nichts. Schließen Sie ſich feſt an Cromwell, hinter ihm 183 und in welchem weder von einem Oberhauſe noch— von dem Könige die Rede iſt. Ich will mich ihnen bemerkbar machen! ſchrie Karl, ſein Gewehr auf einen Vogel abfeuernd, den er tödtete. Ja, Sire, ſagte Herbert, indem er das erſchoſſene Thier mit dem Fuße fortſtieß, aber dies können Sie nur, wenn Cromwell Ihnen Pulver und Blei reicht. Crom⸗ well ſteht an der Spitze der Gemäßigten, die den Thron ſchützen wollen. Weil ſie Nutzen davon zu ziehen denken, rief der König. Mag es ſein, Majeſtät; doch dieſe Männer ver⸗ dienen Ihren Dank. Cromwell wirkt überall für Sie, er hat Ihre Sache im Parlament geführt, und dadurch Mißtrauen erregt. Mißtrauen? das freut mich! ſagte Karl. Die Fanatiker nennen ihn einen Abtrünnigen und Abgefallenen; die Erbitterung iſt ſo hoch geſtiegen, daß ſelbſt Meuchelmord im Werke geweſen ſein ſoll. Dahin muß es kommen, rief der König frohlockend; wie wüthende Hunde müſſen ſie über dem Raube ſich anfallen und morden. Majeſtät, flüſterte Herbert erblaſſend, hoffen Sie ſtehen die Beſten, ſteht ein großer Theil des Volkes. Nur mit ihm iſt es möglich, in Whitehall noch einmal glücklich zu ſein. Meinſt Du, ſagte Karl, indem er ſeine Stirn rieb. Ach! rief er laut auflachend, Thorheit, ſich ſolche Dinge einzubilden. Der häßliche, ſchmutzige Wucherer will mit mir ſchachern, aber noch brauche ich ihm nicht zu geben, was er fordert. Was wollen dieſe Independenten, dieſe meuteriſchen Offiziere, ohne das Parlament? Parlament und Offiziere, jetzt habe ich ſie. Ich will die Einen durch die Andern jagen und hetzen, und wenn ſie müde und matt ſind, dann iſt es Zeit für mich. Herbert ſah den König mit unverkennbarem Un⸗ muth an. Du biſt böſe, Sir John, ſagte Karl, ſanftmüthig ihm die Schulter klopfend, aber Du weißt nicht was ich weiß. Du weißt nicht, daß meine Freunde im Norden ſich ſammeln; Du weißt nicht, daß Ormond und Ha⸗ milton in Schottland ein Heer beiſammen haben werden, ehe dieſe feilen Rebellen es denken. Majeſtät, rief Herbert zurücktretend, wollen Sie noch⸗ mals den Schotten vertrauen, nochmals Alles auf das Spiel eines Krieges ſetzen, deſſen Ausgang nicht zweifel⸗ haft ſein kann?! ——y 185 Wie, nicht zweifelhaft? fragte Karl ſtolz und un⸗ gewiß. Unzweifelhaft iſt nur, Sire, daß Ihre Sache dann ganz und für immer verloren iſt, erwiederte Herbert laut. So, ſagte der König, ihn mißtrauiſch betrachtend, und was ſoll ich thun? Mich dieſen meuteriſchen Offi⸗ zieren hinwerfen? In Cromwell's Arme ſollen Sie ſich werfen, Sire, verſetzte Herbert. Im Namen des Himmels! mein gnä⸗ digſter Herr, es iſt das letztemal, wo die Gnade Gottes ſeinem Erwählten den Weg zeigt. Nun gut, erwiederte Karl verdrüßlich, bring' mir den Mann, der ſich mir aufdrängt. Bei meiner Ehre! ich will thun, was ich kann; aber er muß nicht mehr von mir fordern, als ich zu geben vermag. Nie und nimmer kann ich ihm vertrauen! Am nächſten Tage erſchien Cromwell in Hampton⸗ court, aber er kam nicht wie in Oxford bei Nacht, um verſtohlen in den Palaſt geführt zu werden. Er kam am hellen Tage, umgeben von Offizieren und begleitet von einem der ſchweren, mit ſechs Pferden beſpannten Gallawagen jener Zeit, der von Reitern umringt war. Das Regiment des Oberſten Whalley, ſeines Verwandten, 186 das den Palaſt bewachte, war in Parade aufgeſtellt und Karl ſah von ſeinem Fenſter aus den General auf einem prächtigen ſchwarzen Roſſe die Schaaren muſtern. Seine Blicke hingen an dem Reiter, der im blitzen⸗ den Harniſch auf und ab flog und deſſen kriegeriſche Kraft ſeine Gedanken zu beſchäftigen ſchien. Der Freudenruf der Soldaten, welcher ihn empfing und be⸗ gleitete, dröhnte von den Mauern Hamptoncourts zurück, und die blauen und rothen Röcke der Offiziere, ihre Helme und Federbüſche, ihre raſchen Bewegungen wie die geſchloſſenen Schwenkungen der Soldaten ſahen eben ſo wohlgefällig aus, wie ſie Tüchtigkeit und Vollendung ausdrückten. Aber was war das Alles in des Königs Augen! Er erblickte immer nur die ehemaligen Schlächter und Schneider, ſah nur die vierkantigen groben Geſtalten, die unfeinen Glieder, die plebejiſchen Manieren, die geflickten Jacken und Schuhe dieſer hageren Rundköpfe. Kein Ein⸗ ziger ſaß zu Pferde wie ein Edelmann, überall kam der Bauer zum Vorſchein, und jeder Vergleich, welchen Karl anſtellte, wenn er an ſeine ritterlichen Kavaliere dachte, die ſo kühn und ſtattlich ihre Roſſe lenkten, mußte ihn mit Zorn und Kummer erfüllen. Ein bitteres Gefühl drängte ſich ihm auf, daß ſeine tapferen Freunde von t und einem litzen⸗ riſche Der ndung flugen! r und , die lickten Ein⸗ n der Karl achte t ihn eflh e von 187 ſolchen trübſeligen Tölpeln geſchlagen werden konnten; doch in ſeinem Herzen loderte die Hoffnung auf, daß es dennoch anders werden ſolle. Und was um des Himmels Willen iſt in dem alten Kaſten enthalten, der dem ehrenwerthen Mann auf und ab folgt? fragte der König endlich lachend, indem er ſich zu Herbert wandte. Ich glaube, erwiederte dieſer, daß die Familie des Generals, ſeine Frau, ſeine Tochter, die General Jre⸗ tons Frau iſt, und einige andere Perſonen ſich darin befinden. Ei, ſagte der König, ſo werden wir Damen zu empfangen haben und müſſen dafür ſorgen, uns zu ſchmücken. Er betrachtete ſein grünes, mit Gold geſticktes Ge⸗ wand und ſchien zufrieden mit ſeinem Aeußeren. Immer hatte Karl darauf gehalten, ſeine ſtattliche Geſtalt nicht zu vernachläſſigen; ſeit der Zeit aber, wo er ein Ge⸗ fangener war, achtete er noch ſorgſamer auf Sauberkeit und Pracht ſeiner Kleidung. Während er ſeinen Dienern befahl, ihm eine ſchwere goldene Kette umzuhängen, Spitzenkragen und Kanten⸗ Manchetten ihm anzulegen und ſein langes glänzendes Haar zu ordnen, war die Parade beendet und Cromwell — 188 erſchien mit ſeinem Stabe in dem Schloßhofe. Er war begleitet von einer Anzahl Oberſter und Generale, dar⸗ unter Ireton, Lambert, Fleetwood und Andere, die in dem großen Saale des Erdgeſchoſſes blieben, wo ein ausgeſuchtes Frühſtück ſie erwartete. Die mächtige Kutſche fuhr ebenfalls in den Hof, allein ſie blieb ge⸗ ſchloſſen und ſchien zu erwarten, was weiter geſchehen werde. Cromwell allein kam die Stiegen herauf und bald hörte der König das Klingen ſeiner Sporen im Vorſaale. Führe ihn herein, rief Karl ſeinem Vertrauten zu. Doch nein, warte! ſetzte er lächelnd hinzu; es iſt ſchick⸗ licher in meiner Lage, ihm ſelbſt die Thür zu öffnen. Mit der Huld, die ihm ſo viele Herzen gewonnen hatte, ging er Cromwell entgegen und bot ihm die Hand, wie einem längſt erwarteten Freunde. General, ſagte er, ich danke Gott, Sie bei mir zu ſehen. Freudig bewegt, wie ich bin, leſen Sie in meinen Augen die Wahrheit meiner Empfindungen. Ich kenne Sie, General; ich weiß, daß ich auf Sie zählen kann. Fürchten Sie nicht, daß ich heut Ihren Rath und Ihre Hülfe unbeachtet laſſe, wie damals, als wir uns zum letzten Male ſahen. er war , dar⸗ die in vo ein üchtige eb ge⸗ chehen f und en im en zu. ſchic⸗ ffnen. hatte, 1 , wie 189 Sire, ſagte Cromwell, erinnern Sie ſich, daß Alles eingetroffen iſt, was ich Ihnen ſagte. Sie ſind ein Prophet, dem man glauben muß, fiel Karl ein, indem er den puritaniſchen Führer zu dem Seidenpolſter führte und ihn bat, ſich bei ihm nieder⸗ zulaſſen.— Ich will Ihnen glauben, General; ich bin entſchloſſen, mich Ihnen ganz anzuvertrauen, denn— fügte er mit leiſerer, aber nachdrücklicher Stimme hinzu — ich weiß, daß Sie mich ebenſowohl nöthig haben, wie ich Ihrer bedürftig bin. Cromwell's ſchneller Blick antwortete dem König. Majeſtät, ſagte er dann kaltblütig, betrachten Sie die Lage der Dinge genau, wie ſie iſt. Ich glaube das zu thun, rief der König lächelnd. Ihr wollt Frieden und Ruhe, das Parlament ruft die⸗ ſelben Worte und von Schottland ſchallen ſie zurück. Ohne mich könnt ihr nicht fertig werden. Ich will mit euch gehen, aber ihr müßt mir nicht mehr ab fordern, als ich bewilligen kann. Sire, erwiederte Cromwell, Sie haben ähnliche Worte ſchon früher ausgeſprochen. Was das Heer Ihnen ab⸗ gefordert hat, iſt feſte, letzte Bedingung. Handeln laſſen wir mit uns nicht, und Ihr eigenes Wohl erfordert es, daß Sie die Stimme derer hören, die von Gott berufen 190 worden ſind, den König zu ſchützen und den Thron neu zu befeſtigen. Karbs Geſicht klärte ſich auf. Mit liebenswürdiger Güte drückte er die rauhe Hand des Generals und ſagte, ihn anblickend: ich danke Ihnen, Sir Cromwell! Glauben Sie mir, Sie ſollen mit dem Könige zufrieden ſein. Ich will das Wohl meiner Unterthanen und Englands, ich haſſe Gewalt und Tyrannei! Ich bete zu Gott, daß er jedes Menſchen Glück beſchütze, und ich weiß, daß nur in wahrer Freiheit und geſichertem Recht das Glück der Völker und jedes Einzelnen gedeihen kann. Dann, Majeſtät, erwiederte Cromwell, lebhafter be⸗ wegt von dieſer Sprache, werden Sie die Billigkeit der Bedingungen anerkennen, welche das Heer ſtellt. Es will den König nicht ſeiner höchſten Macht berauben, er ſoll das Haupt des Staates bleiben; es verlangt nur jährliches Parlament und alle zwei Jahre neue Wahlen, das Wahlrecht ausgedehnt und beſſer vertheilt, Sicherheit, daß der Volkswille ausgeführt werde. Sicherheit, Sire, daß des Volkes Rechte niemals unterdrückt werden kön⸗ nen. Freiheit und Recht für Alle; und ein kräftiger Schutz durch das Haus der Gemeinen. Durch das Haus der Gemeinen! rief der König lächelnd. Dies Haus muß Ihnen dankbar ſein, General, n neu rdiger ſagte, auben. ſein. lands, t, daß „daß Glück . G ben, er gt nur Vahlen, herheit, Sire, en kön räftige Küänig Heneta. 191 wenn es erfährt, wie beſorgt Sie für ſeine Hoheit ſind / während das Heer dem Willen des jetzigen Unterhauſes noch immer widerſtrebt. Ja, Sire, erwiederte Cromwell, als der König ſchwieg, das Heer widerſtrebt dieſem Hauſe, weil es weder durch das Volk gewählt iſt, noch den Willen des Volkes kund giebt. Weil eine mächtige Partei darin herrſcht, die ebenſowohl die Rechte des Königs, wie die Freiheit und die Rechte der Nation unterdrückt. Und das Heer mit ſeinen Schwertern und Feld ſchlangen, meint Ihr, wird Freiheit und Rechte beſſer ſchützen? fragte der König ſpöttiſch aufblickend. Sehen Sie ſich vor, General. Soldaten und Musketen ſind bis jetzt noch nie geeignet geweſen, etwas Anderes zu thun, als zu vollziehen, was ihnen geboten wurde. Weil ich das erkenne, Majeſtät, antwortete Cromwell, und weil ein großer Theil des Heeres dies mit mir glaubt, darum iſt es unſere Abſicht, die Gewalt denen zu geben und zu erhalten, denen ſie gebührt. Einem Parlamente, das den Willen des Volkes wahrhaſt aus⸗ ſpricht und einem gerechten, durch Erfahrungen zur Ein ſicht gelangten Fürſten, der ſich nicht weigert, die Grund⸗ lagen dauernder Ruhe und Ordnung anzuerkennen. Nein, in Wahrheit! rief Karl, ihm zärtlich die Hände 192 drückend, ich weigere mich nicht. Ich ehre und liebe aufrichtige und einfache Männer und bin entzückt Ihre Erklärungen zu hören, die ich von ganzem Herzen theile. In der Liebe des Volks muß der Fürſt ſeine Sicherheit ſuchen, nicht aber auf Roſſe und Harniſche bauen. Majeſtät, erwiederte Cromwell, ich preiſe dankbar die Gnade Gottes, wenn er Ihr Herz mit ſolchen Ge⸗ danken füllt. Mit Waffen können freie Völker nicht regiert werden, aber wie Heere der tyranniſchen Willkühr dienen können, ſo können die Soldaten der Freiheit auch dafür ſorgen, daß Tyrannei nicht wiederkehre. Der König ſchüttelte lächelnd den Kopf. Glauben Sie nicht allzu feſt daran, ſagte er. Ein Heer dient entweder dem Könige, oder es dient dem Feldherrn. Der Feldherr, welcher es verſteht, der Herr ſeiner Sol⸗ daten zu ſein, wird ſeinen Willen auch im Staate zum Geſetz machen. Und iſt das etwa Freiheit, General? fuhr er mit einem ſpöttiſchen Zucken ſeiner Lippen fort. Wird England unter einem Militärdespotismus, unter einem glücklichen Feldherrn, der vielleicht an die Spitze einer Republik tritt, freier ſein, ſich wohler befinden? Cromwell ſah mit tiefem Ernſte dem Könige ins Geſicht. Freier, ſprach er bedächtig, würde es auf nd liebe ft Ihre Herzen iſt ſeine arniſche dankbar den Ge⸗ er nicht billkühr eit auch Glauben er dient ldherrn. ir Sol⸗ tte zum eneral? en fott unter 1 193 lange hinaus nicht ſein können, aber wohler könnte das Gemeinweſen ſich befinden. Es könnten gute Geſetze beſtehen, der Handel blühen, die Ehre des Landes und ſeine Größe nach Außen und Innen aufrecht erhalten werden. Und wie würde es enden? rief Karl mit ſcharfer Stimme. Wo würde der Uſurpator bleiben? Wie bald würde ſein Reich untergehen?!— Nein, General, fuhr er vertraulich fort, ich ſage dies nicht, weil ich gehört habe, daß einige fanatiſche, tolle Menſchen die Republik träumen. Verſtändige Männer werden ſolche Thorheiten verachten. Sehen Sie um ſich in England; wo iſt eine Gleichmacherei hier möglich? Der erbliche König ſteht nicht allein, eine mächtige, erbliche Ariſtokratie begleitet ihn; große Namen, alte Familien, weitläuftiger Beſitz, Reichthum und Macht! Wollen die Gleichmacher dies Alles wegſchaffen? Es iſt unmöglich, ſagte Cromwell, und eben deß⸗ wegen, Majeſtät, um Anarchie zu verhüten, den Staat und die Geſellſchaft zu befeſtigen, bieten meine Freunde und ich Ihnen unſern Beiſtand an. Und ich nehme dieſe Hülfe mit Freudigkeit an, er⸗ wiederte der König. General, die Trennungen unter den Th. Mügge, Romane I. 13 194 Menſchen ſind ſo alt, wie ihre Geſchichte, immer wird es Klaſſen und Stände geben mit verſchiedenen Rechten, verſchiedenen Gütern und erblichen Privilegien. Die Letzten können nicht gleich den Erſten ſein, es giebt eine Reihenfolge, aber zu den Erſten zu gehören, das iſt die Aufgabe. Sie, General, fuhr der König dann lebhafter fort, und diejenigen, welche mit Ihnen ſind, haben ſich in die vorderſte Reihe geſtellt, der König wird Sie dort zu erhalten wiſſen. Er neigte ſich näher zu Cromwell's Ohr und ſprach mit gedämpfter Stimme: Der Graf von Eſſex iſt todt. An dem Tage, wo ich wieder meinen, von Gott mir gegebenen Sitz auf dem Throne Englands einnehme, wird Sir Oliver Cromwell Graf von Eſſex ſein. Ich werde ihn zum Oberfeldherrn und General der könig⸗ lichen Garde ernennen, und das große Band des Hoſen⸗ band⸗Ordens ſoll ihn den erſten Männern meines Reichs an Ehren und Würden gleich machen. Der puritaniſche Heilige konnte den wohlgefälligen Eindruck nicht ganz verbergen, den dieſe königliche Ver⸗ heißung hervorrief. General Ireton, fuhr Karl fort, den ich hochſchätze, ſoll mein Statthalter in Irland werden. Ein Jahres⸗ einkommen von 60,000 Pfund und eine Erhebung zum wird echten, Die t eine iſt die hafter —n ſich e dort ſprach t todt. tt wir mehme, 195 Pair und Lord wird ſeinen großen Verdienſten ange⸗ meſſen ſein. Und Lambert, Fleetwood, Skippon, meine Generale und Oberſten? fragte Cromwell leiſe. Iſt König Karl ſo arm, um ſeine treuen Diener nicht alle königlich belohnen zu können? war die Ant— wort.— Bei meinem Königsworte! es ſoll Niemand ſein, der nicht mit mir zufrieden wäre.— Lord Fairfax freilich, fügte er hinzu, wird vielleicht beſondere Anſprüche erheben. Cromwell lächelte.— Lord Fairfax, erwiederte er, iſt ein hochbegabter Mann, doch ſo uneigennützig, daß ich Ew. Majeſtät verſprechen kann, er wird thun, was ich ihn zu thun bitte. So wären wir einig, verſetzte der König. Ich habe dem Parlament ſchon geantwortet, daß mir die Vor⸗ ſchläge des Heeres beſſer gefallen als die ſeinen. Jetzt verlaßt euch darauf, ich will nichts hören als durch euren Mund. Nur Vorſicht, Sire, ſagte Cromwell. Ich achte es nicht, daß man mich mit Mißtrauen und Haß betrachtet, ich kenne mich und kenne die, welche meinen, Gott ſpreche zu ihnen. Ihrer Hände Werk wird zerbrechen, aber mein Werk wird beſtehen. Mit Würde und Kraft hob 13* 196 er ſeinen mächtigen Kopf auf und ſah den König feſt an. Gott läßt ſich nicht ſpotten, ſprach er, und duldet keine Lüge! So ſchwöre ich Ihnen, mein gnädiger Herr, daß ich in Wahrheit Ihre Sache führen will, bis an ihr gutes Ende. Und ich, erwiederte der König, ich ſchwöre Ihnen, General, daß ich Ihre Treue belohnen will, ſo gut ich es vermag. Nun aber, fuhr er fort, indem er ſich abwandte und an's Fenſter trat, laſſen Sie mich Ihre Gemahlin und Ihre Töchter ſehen, die einſt die Zierden meines Hofes ſein ſellen. Dann, Sir Cromwell, ſtellen Sie mir die tapferen Offiziere vor, von denen ich ſo Vieles er⸗ warte. Es geſchah Beides, was der König begehrte. Die alte Kutſche that ſich auf und Lady Cromwell erſchien mit ihren weiblichen Begleiterinnen. Die gute, einfache Frau beugte ihre Knie vor dem Monarchen und küßte unter Thränen ſeine Hände, indem ſie ihm ihre Ehr⸗ furcht verſicherte. Und hier, ſagte der König, als er die Dame unter Lobeserhebungen aufgehoben hatte, hier haben wir, wenn ich nicht irre, Ihre älteſte Tochter, Madame, die ihrer Mutter Ebenbild iſt? Ihnen, gut ich dte und lin und 8 Hofes zie wir heles er⸗ 2. Die erſchien einfache d küßte re Ehr⸗ ne untei r, wenn ie ihrer 4 Es iſt meine Tochter, Lady Ireton, erwiederte Cromwell, da er ſah, daß ſeine Gattin vor Freude und Rührung nicht ſprechen konnte. Die ſtolze, republikaniſch geſinnte Lady Ireton hörte ziemlich kalt die Schmeichelworte des Königs, allein auch ſie wurde merklich milder geſtimmt, als Karl andeutete, daß ſein Lord Statthalter Jreton in Dublin eine ſchöne und milde Frau nöthig haben werde, die ihm Herzen gewänne und die Palme des Friedens vor ſein Schwert ſtelle. Und dieſe junge Dame, fragte er dann, auf Marie blickend, iſt Ihre, jüngſte Tochter, Madame, und noch nicht verheirathet? In dieſem Augenblick ergriff Herbert Mariens Hand, und indem er mit ihr vor dem Könige niederſank, ſagte er: Mein königlicher Herr! einſt fragten Sie mich in Oxford, welche ſtolze Schöne mein Herz beſäße, und weil ich es geheim hielt, verhieß mir Ihre Gnade, ich ſolle die heimführen, die ich liebe, ſei ſie wer ſie wolle. Karls Augen thaten ſich weit auf. Sie funkelten, wie wenn des Königs Zorn ausbrechen wollte, aber es war wie ein Gedanke, der vorüber fliegt. Iſt es mög⸗ lich, rief er, Cromwell's Tochter! Und ſchon damals 198 erfüllte Dich ihr Bild und machte Dich kalt gegen andere Schönheit?— Schon damals, mein gnädigſter Herr, erwiederte Herbert. In Liebe und Treue haben wir ausgeharrt, bis zur rechten Stunde. Auch für Euch ſoll dieſe kommen, ſagte der König von Neuem heiter lächelnd. Wenn ich in Whitehall bin, wollen wir Eure Verlobung feiern. Er küßte Marie auf die Stirn, nahm die ſchwere Goldkette, welche er trug, ab und hing ſie um ihre Schultern. Nehmen Sie dieſe Kette, als ein Andenken, ſagte er und erinnern Sie ſich, daß Sie einen Freund haben, der König Karl heißt. Wenn Sie einſt zu ihm kommen und einen Wunſch an ihn richten, ſo wird der König bei ſeinem Worte bereit ſein, ihn zu erfüllen. Die Gnadenbeweiſe und die Huld des Königs ver⸗ doppelten ſich nun gegen ſämmtliche Mitglieder der Fa⸗ milie des Generals und gegen dieſen ſelbſt. Alle waren ergriffen und hingeriſſen von ſo vielen Zeichen der Güte und ſo vielen Betheuerungen und Zuſicherungen. Lange ging der König mit Cromwell in der Gallerie auf und ab, endlich wurde Ireton gerufen, der ihrem Geſpräche beiwohnte, und als zuletzt alles zur völligen Zufriedenheit feſtgeſtellt ſchien, ging Karl hinunter in den Saal der b 4 1 Ai 13 f A 4 gegen wviederte geharrt, gs ver⸗ er Fa⸗ waren r Güte Lange uf und ſprüche denheit aal der 199 Offiziere. Keiner war dort, der, als er Hampton⸗ court verließ, nicht darauf ſchwor, der König ſei ſein beſter Freund. IX. Von dieſem Tage an, wo Cromwell in Hampton⸗ ſcourt erſchienen war, erfolgte eine große Umwandlung. Im Parlament ſprach der General fortgeſetzt für den König, tadelte alle harten Bedingungen, rieth zur Ver⸗ ſöhnung und ſtand offen an der Spitze der gemäßigten Partei der Independenten, die eben ſowohl den Pres⸗ byterianern wie den Gleichmachern entgegentrat. In Cromwell's Wohnung wurde es nicht leer von den verſchiedenartigſten Perſonen, die ihn aufſuchten, denn überall drang ſich die Ueberzeugung auf, daß er den Ausſchlag zu geben habe. Bald ſah man Lords und Grafen bei ihm, Salisbury, Warwick und Andere; bald kamen Generale und Oberſten, ſeine Anhänger oder unzufriedene Offiziere, die ihn zur Rede ſtellten; bald wieder erſchien Fairfax rathlos und hülflos, weil er an Aufrechthaltung der Disciplin im Heere verzweifelte.— 200 Die Bande der Ordnung löſten ſich auf, die Soldaten widerſetzten ſich ihren Offizieren. Hier hingen ſie ihren republikaniſchen Oberſten an, dort ſchrieen ſie nach Ire⸗ ton und nach Cromwell, und jagten ihre Anführer fort. Endlich erſchienen auch die jungen heftigen Ratio⸗ naliſten des Parlaments, die wie Heinrich Vane, Ludlow und Hutchinſon nichts vom Könige wiſſen wollten, und ihre düſteren Geſichter ſahen drohend auf den Verräther, der die Sache der Vernunft und des Volkes verlaſſen habe. An einem Nachmittage kam es zu einer langen und lebhaften Erklärung. Heinrich Vane, Martins und ihre Freunde fanden ſich bei Cromwell ein. Iſt es wahr, fragte Vane mit Heftigkeit, daß Du dem Manne in Hamptoncourt einen Beſuch gemacht haſt? Es iſt wahr, erwiederte Cromwell ruhig. Und es iſt wahr, fuhr der feurige Sidney fort, daß Du ihm verſprochen haſt, die Krone ſo ſicher auf ſein Haupt zu ſetzen, wie er ſie nie getragen habe? Auch das iſt wahr, ſagte der General mit derſelben Sicherheit, vorausgeſetzt, daß er annimmt was ihm das Heer bietet, und was das Parlament, das die Wieder⸗ kehr der Ruhe will, nicht zurückweiſen kann. Cromwell, ſagte Ludlow ihn finſter betrachtend, daten ihren · Jre⸗ fort. Ratio⸗ udlow , und ätther, laſſen und ihre wahr, ne in , daß f ſein nſelben m das Pieder⸗ ſchtend, 201 welcher Moloch hat Eingang gefunden bei Dir, und welches iſt der Preis, um den Du Deine Seele ver⸗ kaufen willſt? Die breite Stirn des Puritaners färbte ſich röther, aber mit dem Gefühl der Ueberlegenheit ſah er den Angreifer faſt verächtlich an. Es iſt Zeit, ſagte er, daß ihr die Wahrheit hört. Wohin wollt ihr mit all eurem Wüthen? Ihr wollt zerſtören, aber nicht aufbauen, denn was ihr bauen wollt iſt Schutt, der euch zermalmt. Und was willſt Du? fragte Heinrich Vane. Ich will dies wankende Gebäude halten, erwiederte Cromwell, ich will ihm einen neuen feſten Grund geben, aber die Mauern nicht umſtürzen und nicht zu den Narren gehören, die ſich todtſchlagen laſſen. Nimm Dich in Achtl ſchrie Martins, es könnte leicht dahin kommen. Cromwell warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Ich weiß, ſagte er, daß Zucht und Ordnung aufgehört haben; ich weiß, daß feige Mörder davon ſprechen, man müſſe Verräther aus dem Wege räumen, aber— er ſchlug mit der Hand auf ſein Gewand, daß der Panzer dröhnte, den er darunter trug,— ich möchte meine Feinde warnen, wohl zu bedenken, was ſie thun, denn wenn ich todt bin, werden ſie weinen über ihre That. 202 Ihr wollt die Republik, fuhr er fort, als Alle ſchwiegen, ich will die Freiheit und den König, der ſie ſchützt. Ich will Geſetze, die ihm nicht erlauben, die Rechte des Volks anzutaſten, ich will ihn mit Männern umringen, welche nicht zugeben, daß er Uebles thun kann, ich will ſeine Macht einengen, daß nur Gutes zu thun ihm übrig bleibt. Ihr wollt die Republik; es iſt mög⸗ lich, daß Ihr dahin gelangen könnt, es mag von manchen Seiten wünſchenswerth genannt werden, aber welches iſt der Weg, der dahin führt? Der König hat Rechte— Er hat ſie verwirkt, fiel Heinrich Vane ein. Er hat als König einen Eid geleiſtet, die Freiheiten und Rechte ſeiner Unterthanen zu ſchützen; er hat die hei⸗ ligſten Schwüre gebrochen, Niemand iſt ihm Treue ſchuldig. Für abſolute Gewalt und göttliches Recht hat er das Schwert gezogen, das Schwert hat gegen ihn entſchieden. Wir können ihn zur Rechenſchaft ziehen, ein Beiſpiel geben für alle Völker und Jahrhunderte, doch nur durch Einführung der Republik unſere Nach⸗ kommen vor den Leiden bewahren, die uns zerfleiſchen. Woran denkſt Du, Heinrich Vane? rief Cromwell mit einer abwehrenden Bewegung. Behüte uns Gott in Gnaden, daß wir je das erleben, was Du andeuteſt. Ein Prozeß, gegen den König, eine Entthronung, ein Alle er ſie ;, die nnern kann, thun mög⸗ nchen hes iſt 203 Kerker oder— ſagte er mit tiefer Stimme— ein Schaffot!— Wir haben des Scheußlichen genug in unſerer Geſchichte. Fragt die düſteren Gewölbe des Towers, ſie werden euch reichlich von Gift und Henker⸗ beil und Mord erzählen, aber die den Opfern ihre Kronen und ihr Leben nahmen, waren ihresgleichen. Fürſten und Prinzen und ihr adliger Anhang haben dieſe Teufelsthaten auf ihren Seelen, das Volk von England iſt rein von Blutſchuld und ſoll es bleiben, ſo lange ich es ändern kann! Wollte Abraham ſeinen Sohn nicht opfern, weil Gott es ihm geheißen? rief der düſtere Ludlow. Läſtere den Namen des Herrn nicht, erwiederte der Puritanerhäuptling, Du weißt nicht was Du thuſt. Hörſt Du das Volk nicht nach Frieden rufen? Hörſt Du nicht zahlloſe Stimmen den König fordern, daß Sicherheit und Ordnung wiederkehren?! Wer ſoll ſie herſtellen, dieſe größten Güter der Menſchheit, wenn er nicht mehr iſt? Das Heer! ſagte Haslerigh. Du, Cromwell! Das Heer! wiederholte der General. Ja, es würde euch den Frieden bringen, aber auf der Spitze ſeiner Schwerter. Wißt ihr was es heißt, wenn das Schwert befiehlt? Habt Ihr vergeſſen, was die prätorianiſchen 204 Cohorten den römiſchen Kaiſern waren? Was die Le⸗ gionen thaten, als ſie Rom Geſetze vorſchrieben? Was aus der Freiheit wurde, als das Heer die Säule und Stütze des römiſchen Staates war?„ Ich! ſprach er dann, und ſeine Hand fiel mächtig gegen ſeine eiſerne Bruſt, ich ſoll dieſes Volkes Hort und Hüter ſein? Wenn ich ein Werkzeug des Herrn und in ſeiner Gnade bin, ſo hat er meine Augen ge⸗ öffnet und Herz und Nieren geprüft. Weil ich die Freiheit liebe, will ich ihr Henker niemals werden; weil ich Gottes Gebote erkenne, darum iſt der Verſucher von mir gewichen! Deine Augen ſind blind, fiel Ludlow heftig ein, Deine Ohren verklebt und der Verſucher iſt in Deinem Herzen.— Der König hat Dich mit Schmeichelworten bethört, er hat Dir große Verſprechungen gemacht. Leugne es nicht, Oliver Cromwell. Die Sünde iſt über Dich gekommen, der Pfeil des Verderbens ſitzt in Deiner Seite. Und ſiehſt Du nicht, ſagte Vane, daß der falſche Mann Dich betrügt, wie er Alle betrogen hat? Glaubſt Du, daß er von allen ſeinen Schwüren einen halten werde? In allen Regimentern und in ganz London, im Parlament wie unter dem Volk ſind Nachrichten über „ 19 8 die Le⸗ ? Was ule und mächtig en; weil her von iig ein, Deinem elworten gemachi⸗ iſt über Deiner falſche Glaubſt j halten don, im en über 205 Deinen Abfall verbreitet. Man kennt den Preis, der Dir und Ireton geboten worden iſt, um den Thron in Whitehall aufzurichten. Lüge nicht, aber geh und verlaß mich! ſagte Crom⸗ well ſtolz, indem er ſich umwandte. So lebe wohl, rief Heinrich Vane; aber denke an Strafford und wiſſe, zwiſchen dem Brauer von Hunting⸗ don und dem Grafen Eſſer liegt eine größere Kluft, als zwiſchen dem General des Parlaments und dem Präſi⸗ denten der Republik! Als Cromwell allein war, blieb er düſter ſinnend in der Mitte des Zimmers ſtehen. Er kreuzte die Arme, ſeine Augen ſahen ſtarr auf die Stelle, wo Heinrich Vane geſtanden hatte. Nach einigen Minuten erſt öff⸗ neten ſich ſeine Lippen und flüſterten den Namen Straf⸗ ford! mit dem Ausdruck der Verachtung. Ich werde nicht ſo enden, murmelte er in ſich hin— ein; ſeid ſicher, Oliver Cromwell wird eher euch Alle nach Tillburn ſchicken, ehe er ſelbſt den Weg geht.— Strafford! rief er heftiger, wer hieß den Narren auf ein Königswort bauen? Wer hieß ihn, ſich zum Ge— noſſen aller Lüſte, zum Diener jedes Frevels machen? Er hob ſeine Hände mit einem ſcheinheiligen Blicke empor und faltete ſie. Ich weiß, Herr, ſprach er, daß 206 ich noch in deiner Gnade bin und daß dein Auge mich anblickt. Was ich will, iſt gerecht, du bewachſt meine Wege, und wenn ich ſtraucheln will, hält mich dein Finger. So blieb er eine kurze Zeit in Betrachtung ſtehen, Dann aber richtete er ſeinen mächtigen Kopf mit Kraft auf und ſagte mit dem näſelnden Tone eines ächten Puritaners: Viele ſchelten mich, rathſchlagen mit ein⸗ ander über mich, und denken mir das Leben zu nehmen; ich aber, Herr, hoffe auf Dich und ſpreche: Du biſt mein Gott! Mit dieſem Bibelverſe ſchien er Alles abgethan zu haben. Seine Stirn heiterte ſich auf, und als Marie nach einem Weilchen zu ihm kam, fand ſie ihn lächelnd auf und nieder gehen, froh und väterlich theilnehmend geſtimmt. Nun, ſagte er, ich will wetten, daß ich weiß, was Dich zu mir führt, mein Kind. Du willſt Dich be⸗ klagen, daß John Herbert ein ſo ſchlecht geſinnter Bräutigam iſt, weil er in drei Tagen ſich nicht ſehen läßt. Ich will nur hinzufügen, Vater, erwiederte das junge Mädchen, daß er ſeit dieſer Zeit, nämlich ſeit wir in Hamptoncourt waren, auch nicht einmal irgend eine Nach⸗ richt hat an mich gelangen laſſen. 207 Alſo nicht einmal geſchrieben! rief Cromwell ſpottend. Wenn er ungetreu würde? Wenn ihm etwas begegnet wäre! fiel Marie ein. Was denn? fragte der General lachend. Die Kö⸗ nigin und ihre feinen franzöſiſchen Damen ſind noch nicht in Hamptoncourt, aber was wird das werden, wenn Herbert erſt Lord Siegelbewahrer oder Oberkam⸗ merherr iſt, und alle Tage an den Hof muß?! Scherze nicht, erwiederte ſie. Mir iſt ſo bang um ihn, als wäre er in großer Gefahr. So ſeid ihr Weiber, ſagte Cromwell. Geduldig haſt Du ausgeharrt und nichts gefürchtet, als Herbert ſich in Schlachten ſtürzte, als ſein Leben täglich bedroht war. Du haſt geglaubt, da er in Irland als Hoch⸗ verräther gefangen ſaß, haſt gehofft, als ich Dir ver⸗ bot, an ihn zu denken, und jetzt, wo die Erfüllung nahe iſt, der Frieden nahe, zitterſt Du vor ſeinen großen Ge⸗ fahren. Iſt denn der Frieden ſo nahe, Vater? fragte Marie, ihn mißtrauiſch anblickend. O! dieſen Frieden wollen ſo Viele, und doch will ihn Keiner ſo recht aus ganzem Herzen. Jeder will etwas für ſich, aber Wenige wollen den Frieden um des Friedens willen. Cromwell legte beide Hände auf ihren Kopf, und 208 ſah ihr tröſtend in die traurigen Augen. Du ſollſt glücklich werden, ſagte er. Nur noch eine kurze Zeit und alle Deine Wünſche ſollen erfüllt ſein. Fürchte nichts, mein Kind, ein Stern ſteht über meinem Haupte, der nicht untergehen wird. Dieſe Kraft und Zuverſicht ſeines Weſens that ihr wohl. Sie lehnte das Haupt an ſeine Schulter und blickte liebevoll zu ihm auf. O! daß unſer armer Vetter Hampden von uns gehen mußte, ſagte ſie leiſe, er ſtand neben Dir mit ſeiner Treue und tapfern Großmuth. Jetzt haſt Du Keinen, der Dich ganz ver⸗ ſteht. Keinen, ſagte Cromwell mit tiefer Stimme. Ich habe Gott und mich! Und Gott iſt die Liebe! flüſterte Marie. Und die Treue! erwiederte Cromwell. Das junge Mädchen riß ſich los, ihr Geſicht er⸗ heiterte ſich, ſie ſtieß einen Schrei der Freude aus und ſtürzte ſich auf die Thüre, denn draußen hörte ſie be⸗ kannte Schritte. Es iſt John! Er iſt es! rief ſie, aber indem ſie die Arme ausbreitete, ließ ſie dieſe wieder ſinken, denn ein Blick auf ihren Geliebten ſagte ihr, daß er in Sorge und Unruhe ſei. — 2— u ſollſt tze Zeit Fürchte Haupte, that ihr ter und armer je leiſe tapfern unz ver⸗ e. Ich ſcht er⸗ us und ſie be⸗ ſie die enn ein Sorge 209 Was iſt geſchehen? Was hat Dich getroffen? fragte Marie angſtvoll, indem ſie ſeine Hände ergriff. Der König! ſagte Cromwell, von der andern Seite ſeinen Arm ergreifend. Was giebt es in Hampton⸗ court? In Hamptoncourt? erwiederte Herbert. O, es giebt dort einen heiteren, frohen Fürſten, der mit aller Zärt⸗ lichkeit von ſeinem tapferen Freunde, dem Oberfeldherrn Cromwell ſpricht. Se. Majeſtät hat Recht, erwiederte der General; er beſitzt keinen beſſeren Freund, als ich es bin, und keinen treueren ſoll er jemals haben. In vier Wochen ſoll er in Whitehall ſein. Sage ihm das, Herbert. Sage ihm, daß ich ſicher bin, jeden Widerſtand zu über⸗ winden, und denke dabei an Dich, fügte er lächelnd hinzu, denn Whitehall und Dein Glück ſind eng ver⸗ bunden., Mein Glück, rief Herbert, raſch auf Marie blickend, iſt hier. Ich bin es müde, von Fürſtenlaunen abzu⸗ hängen, müde, in ihrem Dienſt deu beſten Theil meines Lebens zu vergeuden. Mag geſchehen was da will, ich will nichts, als mein ſtilles Haus und ſeine Freuden. Cromwell ſchüttelte lächelnd den Kopf. Ich will wetten, ſagte er, Du haſt Dich mit dem Könige gezankt. Th. Mügge, Romane I. 14 210 Ihr irrt, erwiederte John. Nie iſt der König ſo höflich, ſo freundlich und herablaſſend zu mir geweſen. Nun? fragte Cromwell. Eben deswegen, ſagte der Oberſt, bin ich ſeines Dienſtes müde. Wißt Ihr nicht, daß, wenn Fürſten am gnädigſten ſind, man am meiſten auf ſeiner Huth ſein muß?— Dieſer da, ſagte Cromwell, ſpöttiſch die Lippen zuckend, hat uns nöthig. Und ich, fiel Herbert ein, will nichts von ihm. Mein Vermögen iſt nicht groß, aber mein Gut ernährt mich.— Ich hoffe, ihr ſeid es zufrieden, und während ich mich mit Marien Zukunftsträumen hingebe, fuhr er fort, indem er ſeine Hand in die Taſche ſeines Rockes ſteckte und einen Augenblick nachdenkend ſtehen blieb, als überlege und ſchwanke er— leſt dies! rief er mit plötz⸗ licher Entſchloſſenheit, einen zuſammengefalteten Zettel hervorziehend, den er Cromwell überreichte. Cromwell nahm das Papier. Der Abend nahte, er trat an's Fenſter und ſchlug es auf, während die Beiden ſich entfernten. „Der König,“ las er,„behandelt mich mit vieler Höflichkeit, aber er iſt auffallend kalt. Ich habe ſein Vertrauen, wie ich gewiß bin, von dem Tage an ver⸗ den 211 loren, wo er erfuhr, daß ich Marie liebe und wo er wußte, wer ſie war. Es gehen geheime Dinge vor, Berkley und Aſhburnham ſind die einzigen Vertrauten. Ich fürchte, er unterhandelt mit den Schotten und mit den Cavalieren; ich fürchte, ein Aufſtand iſt nahe, der bethörte König denkt an Flucht. Mag er das Gewicht ſeiner Schuld davon tragen, er weiß, wie ich denke und weiß, daß ich nicht länger ihm zugehöre. Wollt Ihr erfahren, worauf er ſinnt, ſo ſeid heut Abend genau um die zehnte Stunde in Holborn, wo ein Gaſthof ſich be⸗ findet, genannt zum blauen Eber. Dorthin wird ein Mann kommen.“— Was weiter geſchrieben ſtand, mur⸗ melte Cromwell leiſe vor ſich hin, bis er endlich den Zettel zerriß, in den Kamin warf und ſchweigend die Klingel zog. Sagt dem General Ireton, rief er ſeinem Diener zu, daß ich ſogleich mit ihm zu ſprechen habe. Am Abend ſpät war der„blaue Eber“ in Holborn gefüllt mit Menſchen allerlei Art, die das gute Bier des Wirths tranken und mit Heftigkeit über die Tagesfragen ſtritten.— Es war Lärm und Getöſe in allen Theilen des blauen Ebers. In der großen Schank⸗ und Gaſt⸗ ſtube hatten die Gäſte nicht alle Raum, auch mehrere kleinere Nebenzimmer waren mit ihnen gefüllt; auf dem 14* — 212 Vorflur ſaßen Fuhrleute und in der Küche und der Seitenkammer zechten und lachten die Stallknechte und Diener einiger Reiſenden, welche im Gaſthofe Nacht⸗ quartier hielten. Am lauteſten aber ging es im vorderen Theile des Ebers zu, wo Bürger und Soldaten verſchiedener Re⸗ gimenter ſaßen. Meiſt waren die Tiſche allein von dieſen oder jenen beſetzt, auch ſah man ſehr gut, daß unter den Soldaten ſelbſt Trennungen ſtattfanden, denn nicht allein nach den Regimentern ſonderten ſie ſich, auch unter ſich ſelbſt bildeten ſie verſchiedene Kreiſe und Gruppen. Das Bier hatte die Köpfe erhitzt, denn für ge⸗ wöhnlich war Wirthshauslärm und Gelächter ſchon da⸗ mals ſeltener geworden in dem luſtigen Alt⸗England. Die vielen Prediger, Kaplane und Heiligen, das viele Singen und Beten und die finſteren, ſauertöpfigen Ge⸗ ſichter, welche jeden Spaßvogel einſchüchterten, ließen keine rechte Freudigkeit mehr aufkommen. Es war aber überhaupt im blauen Eber heut weit mehr Gezänk und Streiten um Parlament und Heer, um Frieden und König, um Cromwell und Pride, Fairfar und Vane, und um manche andere Perſonen und Zuſtände, als Frohſinn und Wohlbehagen. Jeder 213 hatte ſeinen Liebling, den er vertheidigte; Jeder hatte ſeine Meinung, welche er aufrecht erhalten wollte. Ein paar herkuliſche Korporale von Whalley's Re giment beſchäftigten ſich, während ſie ihre Hammel⸗ ſchnitte verzehrten, mit der ſchwierigen Lehre von der Gnadenwahl, über welche ſie ſich nicht vereinigen konnten. An einem anderen Tiſche ſaßen Dragoner von der Leibwache des Obergenerals, die nicht lange vorher eine zwei Stunden dauernde Predigt Hugh Peters, des frommen, gottbegeiſterten Mannes, gehört hatten, und nun bald die verſchiedenen Haupt- und Nebentheile der Predigt kritiſirten, bald von Cromwell ſprachen, der mit Ireton und vielen Offizieren gekommen war und den letzten Theil der geiſtlichen Aufrichtung mitgenoſſen hatte. Bei Cromwell's Namen und den Lobeserhebungen, die ſeiner andächtigen Zerknirſchung geſpendet wurden, ſahen von einigen anderen Tiſchen Pride's Musketiere ſtolz und drohend auf die Dragoner und ohne ein Wort weiter zu äußern, ſtießen ſie auf das Wohl der Le⸗ veller an, womit ſie zunächſt ſich ſelbſt meinten. Das Wohl auf die Leveller wurde weit weniger von den Soldaten als von den Bürgern übel aufgenommen. Die Soldaten waren mit geringen Ausnahmen ſtarr⸗ — 214 köpfige Puritaner, die Bürger zum größten Theil ge⸗ mäßigt in ihren Forderungen, ſowohl in politiſchen Rechten wie in kirchlicher Freiheit. Die presbyterianiſche Gemeindeordnung ſagte ihnen zumeiſt zu, denn dieſe war weit davon entfernt Alles und Alle gleich zu machen. Wie der dritte Stand, der Stand der Gewerbtreibenden und Beſitzenden von der presbyterianiſchen Kirche be⸗ günſtigt wurde, ſo verlangten die Bürger es auch vom Parlament, und freuten ſich des Uebergewichts ihrer Partei darin. Das Heer war ihnen mehr als zu ſehr verdächtig, und am allerſchlimmſten beurtheilten ſie die Leveller, die Gleichmacher, die da behaupteten, alle Menſchen müßten gleiche Rechte haben, weil Jeſus Keinen von der Erlöſung ausgeſchloſſen und ſein Reich auf Erden für alle Chriſten erworben habe. Die Lehren dieſer Freiheit und Gleichheit behagten den Bürgern um ſo weniger, weil ſie ſahen, wie weit jene ſchon um ſich gegriffen hatten. Hier hörten ſie die Soldaten behaupten, daß mehr als zwei Drittheile des Heeres zu den Levellern ge⸗ hörten, daß Rainborowe, Pride und viele Oberſten im Offizierrathe nichts mehr nach Cromwell, Ireton und Lambert frügen, daß man die Verräther fortjagen müſſe, dem Parlamente hinterher, welches dem Heere ſeine Be⸗ 215 lohnungen verſage und mit dem Könige im Bunde ſei, dem Ahab, der ſein Volk mit Zwietracht und Blut ge⸗ tränkt. Während in den Gaſtſtuben viele ähnliche oder ent— gegengeſetzte Meinungen ſich hören ließen und finſtere Blicke gewechſelt wurden, ſtanden draußen auf dem Hofe des blauen Ebers drei Männer in Reitermäntel gewickelt, die heimlich zuſammen redeten. Das große Thor des Hauſes war geſchloſſen, es blieb nur eine Pforte offen, wo Jeder ein und aus mußte. Der Abend war düſter, feiner Regen fiel und nach einiger Ueberlegung blieb der Eine allein vor der Pforte ſtehen, während die beiden Andern ins Haus traten. Ihr Erſcheinen machte kein Aufſehen. Es waren Herren in Reitröcken, Treſſenhüten und Reiterſtiefeln, welche einen weiten Weg gemacht zu haben ſchienen. Auf einen Wink kam der Wirth heraus, und als der Eine ihm etwas ins Ohr geſagt hatte, führte er ſie erfreut in ſein eigenes Stübchen, das dicht an die große Halle ſtieß. Ein Schiebfenſter erlaubte in dieſe zu blicken, ohne geſehen zu werden, und eben ſo gut war zu hören was in der Nähe geſprochen wurde. Als die Herren ihre Mäntel abgelegt hatten, legte der Aeltere vertraulich ſeine Hand auf die Schulter des ——= ——— —— ———— —õy—— ——— 216 Wirthes. Nun, ſagte er, ich denke es geht Dir gut, in dem blauen Eber, Tom Willy? Vortrefflich, Herr, ſehr gut! erwiederte der Wirth. Ach! wie haben ſich die Zeiten geändert. Denken Sie noch an den Tag, General, wo Sie damals zuerſt in's goldene Lamm kamen? Ein Abend wie heut, ich ver⸗ geß' es mein Lebtag nicht. Die drei Cavaliere, die Schelme, fingen Händel an. Hehe! wo ſind ſie ge— blieben? Einer von ihnen ſteht draußen am Thore, unter— brach ihn Cromwell lachend. Am Thore! ſchrie der Wirth. Ein Cavalier im blauen Eber? Ich will ihm die Frechheit einſalzen, wenn es nicht ein Spaß von Euer Gnaden iſt. Laß ihn ſtehen, ſagte Cromwell. Doch höre, Mann: Bewahre Deine Zunge und laß es ſein zwiſchen uns, wie damals, wo Du mich nicht kannteſt. Ich erwarte hier einen Boten, mit dem ich zu ſprechen habe. Laß Niemand in dies Zimmer, aber bringe uns von Deinem beſten Bier und das ſaftigſte Rippenſtück von Deinem Spieß. Ich will verſuchen, ob der Eber ſeine Gäſte eben ſo gut ſpeiſt und tränkt, wie es das Lamm ge⸗ than hat. Im Schatten des Lammes iſt gut ruhen, wie das 99 1 ut, 217 Sprichwort ſagt, erwiederte der Wirth demüthig, aber der wilde Eber nimmt ſeine Freunde vielleicht noch beſſer auf. Er hat Recht, der Narr, murmelte Cromwell, nach⸗ dem er einen Lehnſtuhl gerade ſo vor den Kamin ge⸗ ſtellt, wie er es einſt im Lamm gethan und ſich vor dem Feuer niedergeſetzt hatte. Leiden und dulden mag das Lamm Bosheit und Gewalt, die aber Eber geworden und die Weinberge verwüſten, müſſen auf ihre Zähne vertrauen. Wehe ihnen! wenn ſie dulden, daß man dieſe ihnen ausbricht. Der Wirth kam mit Bier und Speiſen; als er jedoch ſah, daß ſeine Gäſte ſchweigſam und mürriſch waren und ihn kaum zu beachten ſchienen, entfernte er ſich und wagte kein neues Geſpräch zu beginnen. Cromwell's Begleiter hatte inzwiſchen das Schieb⸗ fenſter ein wenig geöffnet und ſich dahinter geſtellt. Das Gaſthaus war leerer geworden, die meiſten Gäſte ſchon gegangen oder zum Aufbruch bereit, nur eine Gruppe von Bürgern, Krämern und Reiſenden unteren Standes ſaß noch feſt, und da ſie in der Nähe des Fenſters zechten, konnte jener deutlich ihr ganzes Geſpräch ver⸗ folgen. Der. lauteſte Sprecher war ein magerer, kleiner, 218 ſchlaublickender Mann, der in ſeiner Knopfjacke genau wie ein reiſender Kaufmann, d. h. wie einer jener Hau⸗ ſirer ausſah, die mit Karren und Pferd zu jener Zeit England und Schottland durchkreuzten und deren Leben und Thätigkeit Walter Scott mit ſo vieler Vorliebe und ſo treffend geſchildert hat. Ich ſage Euch, ſprach der Hauſirer, pfiffig den Finger an die Naſe legend, während er den Arm auf⸗ ſtützte, fürchtet Euch nicht zu ſehr vor dieſen Soldaten, denn ich ſage Euch, es ſtehet geſchrieben: die das Schwert ziehen, ſollen durch das Schwert umkommen und ihre Zeit wird nahe ſein! Wie ſo, Joel? fragte Einer, nachdem die Andern die Köpfe geſchüttelt hatten. Ich ſage Euch, fuhr der Hauſirer, die liſtigen Augen umherwerfend, fort, es wird nächſtens hier wenige Sol⸗ daten mehr geben. Im Norden ſummen die Cavaliere umher, wie Bienen, wenn ſie ſchwärmen wollen, und über die Grenze geht es hin und zurück, bei Tag und Nacht. Das iſt ein Wirthſchaften in den alten Stein⸗ hallen, ein Scharfſchleifen, Schießen und Kugelgießen. Ich ſage Euch, die dünnen Backen der Heiligen werden eine gute Nuß zu knacken bekommen.. Biſt ein Narr, Joel, antwortete ſein Widerſacher. 219 Cavaliere und Schotten werden ſich die Finger ſchwerlich noch einmal verbrennen, aber lange wird es nicht dauern, und in London geht es los. Haſt nicht gehört was die Soldaten da ſagten? Ihre eigenen Offiziere wollen ſie fortjagen und todtſchießen, weil ſie es mit Cromwell halten. Haſt nicht gehört, daß der Cromwell den König nach Whitehall bringen will? Gott ſegne den König! riefen ein paar halblaute Stimmen. Ja, Gott ſegne ihn! fuhr der Mann fort, wenn er uns den Frieden giebt und die alte gute Zeit wieder⸗ bringt. Gott ſegne ihn dreifach, wenn er uns von den Soldaten erlöſt! Und von dem Parlament! lachte der dünne Hauſirer. Das Parlament iſt gut, ſchrie ein Anderer, aber es kann ja nichts thun, was die Herren Offiziere nicht wollen. Darum müſſen ſie ſich ſelbſt ans Leben, ſagte der Hauſirer. Wenn die Wölffe ſich die Kehlen ausreißen, wirds dem Jäger leicht gemacht ihnen die Pelze abzu⸗ ziehen. Das iſt ein Lied, wie es die Cavaliere ſingen, und ſo muß es kommen, wenn es beſſer werden ſoll. Aber wenn es wahr iſt, fiel ein alter Mann ein, —₰½ ſo hat der König dem Cromwell große Dinge verſprochen, 220 und das Heer wird bleiben wie es iſt, blos daß die Soldaten uns dann in des Königs Farben ausſaugen. Und die Prieſter und Cavaliere kommen obenein über uns, meinte ein Zweiter. Es war immer noch nicht damals ſo ſchlimm, wie es jetzt iſt, brummte ein Andrer. So ein Cavalier iſt doch immer ein vornehmer Herr, ſagte der Hauſirer. Plagen will er ſich nicht laſſen, ſein Recht will er auch. Stolz iſt er auf ſeine Privilegien und dünkt ſich aus beſſerm Stoff gemacht; aber das Blut macht ihn edel und das Gold fließt zwiſchen ſeinen Fingern in unſere Mützen, wenn wir ſie nur demüthig unterhalten. Was ſind dagegen die knickrigen, filzigen, grauſtrümpfigen Puritaner, die uns den letzten Groſchen nehmen! Seid ohne Sorge, der König iſt klüger geworden. Er hat es den Cavalieren und den Schotten verſprochen, nie mehr ohne Parlament zu regieren, und Alles, was er zugeſtanden, treu zu halten. Das ſagen die Offiziere auch, ſprach der alte Mann. Er hat dem Cromwell hohe Eide geſchworen, daß er geben will, was gefordert wurde. Der Hauſirer ſtieß ein lautes Gelächter aus. Hört, ſagte er, ſeine Stimme dämpfend, ich habe den Crom⸗ —. imn. 221 well für einen verdammt pfiffigen Kerl gehalten, der alle Tage ein reiſender Kaufmann werden könnte, aber er iſt zehnmal dummer, als ich. Glaubt er denn wirklich, König Karl werde ihn immer ſo an's Herz drücken und ihm die Macht laſſen?— Haha! wenn er wüßte, was ſich die Herren in Northumberland erzählen. Wenn der Bauer zum Grafen gemacht wird, ſagen ſie da, ſo geſchiehts in der Noth, um mit ſeiner Hülfe die übrigen Rebellen aufzuhängen. Wenn man die los ſein wird, ſo hat er gethan, was er ſoll, und dann fort mit dem alten Bluthund! Einer muß der Letzte ſein und be⸗ zahlt muß die Zeche werden. Cromwell ſprang heftig von ſeinem Stuhle auf. Sein Geſicht ſah ſo dunkel und drohend aus, daß Ireton die Hand auf ſeinen Arm legte und ihn feſt⸗ hielt. Laßt doch die einfältigen Tröpfe ſchwatzen, ſagte er. Sie machen ſich davon, wir werden Nichts mehr zu hören haben. Elendes Geſindel! murmelte Cromwell. Sie wün⸗ ſchen ſich die alten Ruthen zurück, um im Staube die Hand zu küſſen, welche ſie züchtigt. Ja, eine ſolche Hand muß da ſein, rief er heftiger; ſie muß über ihrem Haupte ſchweben, damit ſie zittern und gehor⸗ chen, und ſie wird kommen. Sie wollen nichts als ——— 222 Brot. Gebt ihnen Brot und ſtoßt ſie mit Füßen, ſo habt ihr ſie. In dieſem Augenblicke wurde die Thür geöffnet und Herbert trot herein. Der Mann iſt gekommen. ſagte er eilig. Er iſt in den Stall gegangen und ſattelt ſein Pferd. Den Sattel trug er auf dem Kopfe. So iſt es Zeit, erwiederte Cromwell. Zieh Dein Schwert, Ireton, wir müſſen ihn haben. Als ſie in den Hof gelangten, ſahen ſie einen Reit⸗ knecht ein geſatteltes Roß aus dem Stalle führen. Wer biſt Du? fragte Cromwell, ſein blankes Schwert aufhebend. Der arme Mann war aufs äußerſte er⸗ ſchrocken. Er bekannte, daß er von Hamptoncourt komme und nach Dover reiten ſolle, wo er etwas zu holen habe.— Wir ſind aufgeſtellt, um genau zu unterſuchen was hier aus und eingeht, ſagte der General, nach einer Reihe von Fragen, deren Beantwortung die Einfalt des Burſchen bewies. Du ſcheinſt ein ehrlicher Kerl zu ſein, ſo beruhige Dich, Dir ſoll kein Leid geſchehen, aber den Sattel Deines Pferdes da müſſen wir näher beſichtigen. Der Reitknecht ſchnallte willig den Sattel ab, und 223 „ ſo Ireton trug ihn in das Zimmer, wo Herbert ihnen entgegenkam. ffnet Hier iſt der Sattel, ſagte Cromwell. Jetzt laßt uns nen. ſehen, wo der Brief ſteckt. und Trennt das Sattelkiſſen auf, erwiederte der Ver⸗ dem traute des Königs. Cromwell nahm ein Meſſer und ſchnitt die Naht Dein entzwei. Seine Augen blickten erwartungsvoll auf das Leder und doch ſah man einen höhnenden Zug des Un⸗ bei⸗ glaubens um ſeinen Mund ſpielen. Es iſt nichts! rief er— aber halt! Ja, da iſt ein Gelt Papier. Es iſt ein Brief! i Er zog einen gefalteten Bogen hervor, der eng aum zuſammen gedrückt und mit einem Umſchlage verſehen war. uie Die Aufſchrift lautet an die Königin, ſagte Ireton. ijn Und das königliche Siegel iſt darauf gedrückt, fügte aur Herbert in ſchwankendem Tone hinzu. jalt Hier gebietet nun die Pflicht der Selbſterhaltung, gel murmelte Cromwell, und ohne Bedenken zerbrach er das hen, Siegel. ͤhe Das Papier war eng beſchrieben; auf der erſten Seite mit Klagen, Zärtlichkeitsbetheuerungen und frohen 7 un Hoffnungen gefüllt. Cromwell ſtand vor dem Lichte, 224 Jreton blickte über ſeine Schultern in den Brief, Her⸗ bert hatte die Arme gekreuzt und ſah in die beiden Ge⸗ ſichter, welche immer düſterer und drohender wurden. Er hörte, wie Cromwell's Lippen ſich öffneten, wie er einzelne Worte und Sätze hervorſtieß.„Alle Parteien buhlen um mich— die Schotten— meine tapferen Freunde— Lord Capel, Graf Newport, Hamilton— keine Zugeſtändniſſe— niemals nachgeben— muß mich verſtellen.— Glaube nichts von mir, was unköniglich wäre— die Schelme dringen in mich— Cromwell, der Brauerknecht— Ireton, der verlaufene Winkel⸗ ſchreiber— Graf von Eſſex— Vicekönig in Irland — ſie ſind verblendet in lächerlicher Eitelkeit— aber die Zeit wird kommen, wo ich ſie ſtatt mit dem ſei⸗ denen Hoſenbande mit einem tüchtigen hanfenen Strick begnadige! Ha! rief Cromwell, indem er den Brief auf den Tiſch ſchleuderte und die geballte Hand darauf deckte. Eine ſchwärzliche Röthe überzog ſein Geſicht, aus ſeinen Augen ſprühten die wildeſten Leidenſchaften und ſeine verzerrten Lippen zitterten, als er Ireton befahl, den Brief zu ſchließen, den Sattel zuzunähen und dem Manne zu übergeben. Dank Dir, Herbert! ſagte Cromwell dann, tief auf⸗ 225 Her⸗ athmend. Gott hat Dich auserſehen, mich von Blindheit den Ge⸗ zu erwecken. vurden. Und was, erwiederte Herbert ihn ſcheu anblickend, wie er redet General, was wollt Ihr thun? zarteien Er muß des Todes ſterben! murmelte Cromwell, in⸗ apferen dem er den Arm mit voller Gewalt ſtraffte, und dann kon— ſeine Rechte wie zum Eide aufhob. ſß nich zniglich mwel, X. Winkel⸗ ☛* Irland Als der Sommer des Jahres 1648 vergangen war, aber hatte ſich Vieles geändert.— Der König war entflohen im ſe⸗ aus Hamptoncourt, aber er hatte nichts gefunden, als Stric ein neues Gefängniß in Schloß Carisbrook auf der Inſel Wight. Dort ſaß er ſtrenger und immer ſtrenger be⸗ if den wacht während die Schotten für ihn aufſtanden, im vccte Norden Englands die königliche Fahne erhoben wurde nen und ſeine Söhne, Karl und Jakob, eine Kriegsflotte aus fene Holland herüberführten. Dort ſaß er noch, als Alles 1 rn beendet war, als Cromwell in der Schlacht bei Preſton die Rann Cavaliere und Schotten niedergemetzelt hatte, als Capel, al.. 6 Newport und Haſtings im Tower der Block des Henkers . erwartete, die Prinzen ruhmlos geflohen waren. ef auf⸗ 1 ef auf Th. Mügge, Romane I. 15 ——— 226 Und dennoch war der König ungebeugt, dennoch war er hoffnungsvoll und kein Tag verging, an welchem er nicht neue Pläne machte. Was er von London hörte, war wohl dazu geeignet, ſeine Hoffnungen und Entwürfe weiter zu ſpinnen, denn keine Woche verging dort, wo nicht Aufläufe ſtattfanden, wo nicht Menſchenmaſſen mit Fahnen und Inſchriften vor das Parlament zogen und unter dem Geſchrei: Gott und König Karl! ungeheure Petitionen in das Haus ſchafften, in welchen die Rück⸗ kehr des Königs und die Auflöſung des Heeres gefor⸗ dert wurde. Solche Zeichen der öffentlichen Meinung durften vom Parlamente nicht überſehen werden. Es wurden neue Kommiſſionen ernannt, die mit dem Könige unter⸗ handelten; aber Monate vergingen unter Debatten und der hartnäckige Monarch ließ ſich wenig abringen, bis er nach und nach mürber gemacht wurde und die meiſten Punkte bewilligte.— Bei dieſen Nachrichten ſtieg die Freude der Bürger in London und in den Grafſchaften. Jeden Tag, hoffte man, werde der vollſtändige Vertrag in Newport abgeſchloſſen werden, und dann der König. einen Triumphzug von ſeinem Kerker in das prächtige Whitehall halten, wie ihn noch kein Herrſcher in Eng⸗ land gehalten hatte. *. h war im er hörte, wwürfe t, wo en mit n und eheure Rüch geſe ourften vurden unter⸗ n und 1, bis neiſten eg die haften. zertrag Künig üchtige Eng⸗ Gerade in dieſen letzten entſcheidenden Tagen war es, wo Oliver Cromwell, eben zurückgekehrt von ſeinen Siegen, ruhelos von den Sitzungen des Hauſes in Weſt minſter zu den Sitzungen des hohen Offizierraths ins Hauptquartier zu Windſor eilte und von dort zurück kehrend die Klubs und Verſammlungen der Rationaliſten beſuchte, um Vane oder Sidney ſprechen zu hören, und ſelbſt zu ſprechen. Wenn man ihn müde ausruhend wähnte, ſaß er am Schreibtiſch und fertigte Befehle für vierzehn Regimenter aus, die Ireton und Lambert von den ſchottiſchen Grenzen auf London führen ſollten, und wenn die Nacht gekommen war und Alles umher zu ſchlafen ſchien, ſah man aus ſeinem Hauſe einzeln und leiſe eine Anzahl dunkler Geſtalten treten, welche ſchweigend ſich entfernten. Der dreißigſte November war ein rauher, naßkalter Tag. Einer jener Nebel lag auf London, bei denen die Luft ſo dick und ſchwer iſt, daß ſie nach dem Sprich wort mit einem Meſſer geſchnitten werden kann. Es war nicht weit über Mirtag hinaus und doch mußten die Zimmer erleuchtet werden. Auf den Straßen konnte Niemand ſeinen Nachbar erkennen; es war gefährlich die Gaſſen zu kreuzen, wo man Wagen oder Reitern be⸗ gegnen konnte. Jeder ſuchte ſich durch Rufen, oder 15* 228 durch Klingeln mit Schellen oder auf irgend eine andere Weiſe zu ſchützen; wer aber nicht durch unaufſchiebbare Geſchäfte zum Ausgehen gezwungen wurde, blieb jeden⸗ falls an ſeiner Feuerſeite ſitzen. Doch weder Nebel noch Finſterniß vermochten Crom⸗ well's Thätigkeit zu hindern. Er war ſo eben nach Haus gekommen und ging mit ſchweren, dröhnenden Schritten in ſeinen Reiterſtiefeln auf undgab. Sein ſtrenges Geſicht, das ſelten lachte, hatte heut einen be⸗ ſonders behaglichen Ausdruck; alle ſeine Bewegungen waren ſchnell. Dieſer Körper von Eiſen ſchien in Fluß gerathen zu ſein. Dieſelbe Luſtigkeit blieb auf ſeinen Lippen, als nach einiger Zeit Herbert hereintrat, der eben von einer Reiſe zu kommen ſchien. Willkommen, John! rief Cromwell ihm entgegen, Du kommſt aus Berwikſhire eben zur rechten Zeit, um den dickſten Nebel zu ſehen, der jemals auf London ge⸗ legen hat. Und, wie es ſcheint, erwiederte Herbert, hat dieſer Nebel Alles, was in London lebt, blind und taub gemacht. So iſt es in Wahrheit, ſagte der General lachend. Man könnte ſtreiten darüber, ob die Blindheit größer ſei bei denen, die der Herr züchtigen will, oder die Dunkelheit, mit der er ſelbſt ſeine Werke einhüllt. 1 jandere Crom⸗ n nach mnenden gungen n Fluß ſeinen tt, der ngegen, it, um on ge⸗ dieſer macht. ſchend. grißer er die 229 Iſt es wahr, fragte Herbert, daß das Unterhaus heut mit Majorität ſich dafür entſchieden hat, daß die Zugeſtändniſſe des Königs genügen, um einen dauern⸗ den Frieden herzuſtellen? So iſt es, erwiederte Cromwell. Mit ſechs und dreißig Stimmen Majorität haben ſie die Bedingungen angenommen, nachdem Tag und Nacht darüber geſtritten worden war. Und Ihr freuet Euch? fiel Herbert ein. Ich freue mich, ſagte Cromwell, weil ich die Hand Gottes erkenne, und glaube, auch Du darfſt Dich freuen, mein Sohn, denn Du ſcheinſt es einzuſehen, daß Par⸗ lament und Heer nicht länger neben einander beſtehen können. Das heißt, rief der junge Mann lebhaft aus, Ihr wollt Gewalt brauchen! Nicht mehr, als nöthig iſt, ſagte Cromwell. D u biſt jetzt Offizier des Heeres, haſt meine Reiter bei Preſton geführt, mich als Freiwilliger begleitet, und durch Deine Tapferkeit gezeigt, daß Du auf immer mit dem falſchen Könige und ſeinem Anhange gebrochen haſt; Du alſo kannſt am wenigſten wollen, daß dies Parla⸗ ment ſich mit ihm verſöhnt, er mit Pfaffen und Jun⸗ kern wieder einzieht in Whitehall, um uns alle Früchte 230 unſerer Mühen zu entreißen. Die Cavaliere verfluchen Dich als einen Abgefallenen; der König hat Dich nicht ſehen wollen, als Du in Newport im Namen des Heeres, in Fairfax' und meinem Namen, ihm Anerbieten zu machen dachteſt. Einſt warſt Du ſein Liebling, jetzt nennt er Dich Verräther, und es iſt kein leeres Wort, daß er geſchrieben, es werde der Tag kommen, wo ein tüchtiger Strick um jeden Verrätherhals liegen ſolle.— Nun, fuhr er lachend fort, Dein Hals iſt für Beſſeres beſtimmt, für Maria's weichen Arm, und der meine iſt für den Henker zu dick. Aber Auge um Auge, Zahn um Zahn und Hals um Hals! Herbert hörte ſchweigend zu, aber ſein Geſicht ver⸗ düſterte ſich. Ich bin aus meinem väterlichen Hauſe mit frohen Erwartungen zurückgekehrt, ſagte er. Der König iſt treulos, ich erkenne es an. Er hat meine Opfer mit Undank vergolten, und ich zweifle nicht, daß, 2 wenn er die Macht hätte, er mich jetzt nicht beſſer be⸗ handeln würde, als den ſchlimmſten Rebellen. Mag Gott über mich walten, ich fürchte nichts!— Ich habe das Land geſehen, es iſt müde und voll Verzweiflung. An allen Orten ruft man nach Frieden, alle Stimmen ſchreien nach Ruhe, nach Brot und nach dem Könige. 4 8 erfluchen ich nicht nen des nerbieten ing, jett s Wor, wo ein olle.— Beſſeres neine iſt 5, Zahn icht ver⸗ Hauſe r. Der zt meine ht, daß, ſer be Mag zch habe veiflung. Stimmnen Königer 31 — Das Parlament hat entſchieden, es hat die Bedin⸗ gungen angenommen; an uns iſt es zu gehorchen. Wir werden nicht gehorchen, erwiederte Cromwell luſtig geſtimmt, weil das ſo viel heißt, als Gänſen gleich den Hals unter das Meſſer zu legen. Das Heer will nicht. Das Heer! wiederholte Herbert. Das Heer iſt der große Fluch geworden, alle Stimmen und Hände er⸗ heben ſich gegen uns. So werden wir ſie ruhig machen müſſen, ſagte Cromwell. Wie Viele ſind es denn, rief der junge Mann, die ſich über unſere Siege in Schottland gefreut haben? Ich darf es Euch nicht ſagen, mit welchen Namen ſie die Kämpfer für die Freiheit belegen, wie ſehnlich ſie wünſchen, um jeden Preis keinen Soldaten mehr zu ſehen. Weil es ſo iſt, erwiederte Cromwell, darum eben müſſen wir bleiben. Wir oder ſie; es giebt keinen Weg mehr. Höre mich an, fuhr er vertraulich fort, und fälle dann Dein Urtheil. Die Majorität dieſes Parlaments fürchtet uns mehr, als den König. Schlaff und ehr⸗ geizig, gierig nach Macht und doch kraftlos, ſuchen ſie, 1 das Heer zu beſeitigen, in welches die Revolution ſich* 232 zurückgezogen hat. Die Blödſinnigen! ſie ſehen nicht ein, daß Alles, was errungen wurde, verloren geht. Was kann den König allein zwingen, die Zugeſtändniſſe, welche ihm abgepreßt wurden, zu halten? das Heer! Wir brauchen nicht erſt zu wiſſen, daß Karl fortgeſetzt mit Irland unterhandelt, daß er aus ſeinem Kerker Holland und Frankreich in Bewegung hält, daß er mit den Schotten und ſeinen Cavalieren fortgeſetzt verkehrt, um uns nicht zu irren, was er thun wird, ſobald er wieder König heißt. Aber er hat zugegeben, daß zwanzig Jahre lang alle Gewalt über Heer, Feſtungen und Staatsmittel in den Händen des Parlaments bleibe, rief Herbert; er hat ſeine Hände ſo feſt gebunden, daß es bei einiger Vorſicht un⸗ möglich ſcheint, er könne ſeine Eide brechen. Kennſt Du die Menſchen ſo wenig? ſagte Crom⸗ well. Laß ihn die goldene Krone tragen, laß ihn leut⸗ ſelig lächeln, laß ihn ſeufzen, wenn irgend ein Mißgeſchick 4 kommt, oder Fehler Klagen hervorrufen. Das Parlament trägt den Haß, Er macht das Mitleid rege, und bei der erſten günſtigen Gelegenheit iſt der Aufſtand da. In Irland, Schottland und England wird er ausbrechen und ſtatt des Friedens ſehe ich Ströme von Blut, zahl⸗ loſe Leiden über mein Vaterland hereinbrechen. ht un⸗ Crom⸗ leut eſchic ament ei der 4 JIn rechen zahl⸗ Mag er den Aufſtand beginnen, fiel Herbert feurig ein. England wird es nicht dulden. Dann iſt es Zeit, ihm auf immer alle Macht zu nehmen, Sonderbar, ſagte Cromwell, eben ſo wie Du da hat der ohrenloſe Prynne im Parlament geſprochen! Der Narr, den ſie zweimal dem Henker überlieferten, er iſt ein Freund des Mannes geworden, der ihm Alles nahm, was er beſaß. Wir ſollen vertrauen! Wir ſollen glauben! Wir ſollen hoffen, daß ein wachſames und kräftiges Parlament die erworbenen Rechte des Volkes behüte, den Vertrag ſichere, den König in Schran⸗ ken halte! Womit, wenn das Heer nicht mehr da iſt, das ſie haſſen? Was will dies Volk ohne Waffen in dieſer Zeit des Kampfes? Ba haben, was er braucht; Arme und Schwerter, mehr d genug wird der König bedarf er nicht. Und dann, John Herbert, dann wer⸗ den wir die Männer ſein, an denen erfüllt wird das Wort des Apoſtels: Wohin ſie auch fliehen mögen vor ſeinem Zorne, der Rächer wird hinter ihnen ſein und der Fluch des Herrn ſie erreichen und ſtrafen an Kind und Kindeskindern, an ihren Heerden und Früchten. Er wird verſengen und tödten, was ihnen anhing. Nein! fuhr er mit harter Stimme fort, ich will nicht umſonſt gelebt haben. Nicht ſoll einſt in den — ———— ———— X 234 Büchern der Geſchichte von mir ſtehen: er unterwarf ſich einem feigen und knechtiſchen Parlament und erlitt verdienten Untergang durch einen Fürſten, der beleidigt war bis zum Aeußerſten, deſſen hartnäckiges Gemüth ihm bekannt war, der unmöglich vergeben konnte. Ihr geht zu weit! ſagte Herbert. Aber wenn Karl neue Tyrannei über England bringt, was könnt Ihr ſelbſt dem Lande geben? Freiheit nimmermehr! Ruhe! erwiederte Cromwell, Brot, Sicherheit, Alles was dieſe Menſchen wollen. Und was hat der Rath der Offiziere in Windſor beſchloſſen? fragte der Oberſt. Morgen um dieſe Stunde wird der König in den Händen des Heeres ſein, ſagte Cromwell. Und dann? Dann wird er nach London geführt werden. Nach London, um neue Bedingungen zu unterſchreiben? Die Zeit der Bedingungen iſt abgelaufen. Was dann alſo, was dann?! Ein Richterſpruch des Parlaments, ſagte Cromwell. Ihr hofft vergebens! Es iſt unmöglich! Jetzt, nachdem der König Alles bewilligt hat, nachdem das Parlament angenommen hat, jetzt wollt ihr ihn richten! Es iſt grauſam, und ungerecht zugleich. nterwarf d erlitt beleidigt Gemüth in Karl nt Ihr „Alles Lindſor in den 235 So iſt es beſchloſſen von faſt allen Oberſten und Generalen. Und Fairfax?! Fairfax vollzieht was der hohe Rath beſchließt. Nie werdet Ihr das Parlament dazu bewegen kön⸗ nen! rief Herbert in großer Aufregung. London ſelbſt wird es nicht dulden. So muß das Parlament gereinigt werden, antwortete Cromwell freundlich nickend und was London betrifft, ſo ſind der Tower, Whitehall, Weſtminſter und alle halt⸗ baren Gebäude ſeit geſtern ſchon von den beſten Re⸗ gimentern beſetzt. Und was ſoll das Ende ſein? Es iſt beſſer, erwiederte Cromwell gleichgültig zum Fenſter gehend, daß Eines Mannes Blut vergoſſen wird, als daß Millionen umkommen. Eine Pauſe entſtand, in welcher tiefes Schweigen herrſchte. Endlich ſagte Herbert: Es würde vergebens ſein, wollte ich eine ſolche grau⸗ ſame That einen feigen und gewiſſenloſen Mord nennen, der ſich rächen wird an denen, die ihn begehen. Aber Eines bedenkt, General.— Er trat näher zu ihm heran und fuhr im ruhigen Tone fort: Wenn der König hin⸗ gerichtet wird, ſo iſt dies nicht allein ein Verbrechen, 236 ſondern weit mehr noch ein d verer politiſcher Fehler. Des Königs Eidbrüchigkeit und Schuld ſind aller Welt bekannt. Viele haſſen und verachten ihn, Mißtrauen und Furcht heften ſich an ſeine Schritte, jeder Verſuch, neues Unrecht zu begehen, muß die Erbitterung und Abneigung ſteigern. Tödtet ihr ihn, ſo ſtirbt Alles, was er gethan. Ihr macht ihn zum Märtyrer, deſſen Leiden und Un⸗ glück das Mitgefühl der Menſchen weckt. Dann wendet ſich die Liebe und Sehnſucht des Volkes ſeinem Sohne, dem jungen, ritterlichen Prinzen von Wales zu, der Herzen genug ſchon beſitzt. Laßt Euch warnen, Vater, ſeht, was vor Euch liegt.— Ein Löwe liegt an Eurem Wege, wachet und betet, daß er Euch nicht ver⸗ ſchlinge! Vas Herbert ſagte, ſchien einen unerwartet mächtigen Eindruck auf Cromwell zu machen. Seine Augen rollten unruhig, ſeine Hand faßte ſtürmiſch nach ſeiner Bruſt. Bin ich es, antwortete er, der über Tod und Leben be⸗ ſtimmt? Hat dieſer treuloſe König mich nicht gezwungen, mich vor dem Heere zu demüthigen, einzugeſtehen, daß ine Augen geblendet waren, daß Gott und das Heer mir vergeben mögen? Werde ich nicht vom Mißtrauen verfolgt und bedarf es nicht ſtarker Werke ohne Wanken, 2 um mein Anſehn zu erhalken und mein eigenes Leben zu fehler. Welt ſichern?. Nund Herbert! rief Marie, die bei den letzten Worten feuls ihres Vaters hereintrat, Du biſt hier! Gelobt ſei Gott! nun theurer geliebter John. khan. Der Oberſt faßte mit Heftigkeit ihre Hand, und un⸗ indem er ſie Cromwell entgegen führte, rief er mit det tiefem Schmerze: Knie nieder, Marie, knie an meiner B Seite nieder und bitte ihn, daß er Gewiſſen und Ehre qn bewahre! de Halt! ſchrie Cromwell mit ſeiner Donnerſtimme, uiii rufe das Kind nicht gegen den Vater auf.— Fort mit Ba 4 den falſchen Propheten, die da ſprechen, der Herr hat ber⸗ es geſagt, doch hat der Herr ſie nicht ausgeſandt! Israel muß gerettet werden, denn eure Weiſſagungen ſind eitel igen Lügen! ltee Mit dieſen Worten entfernte er ſich. Marie um— uſſt. 1 klammerte erbleichend den geliebten Mann, und deckte be⸗ ihre Hand auf ſeine Lippen. gen, An demſelben Tage hatte der König in Newport eine daß kleine Geſellſchaft vertrauter Freunde um ſich verſammelt, veer die um ſo weniger ihm verweigert wurde, als er in uen weniger Zeit ja ſeinen Feſtzug nach London halten ſollte. ken, Es war die Nachricht eingetroffen, daß die Majorität 238 des Unterhauſes die nageſtcſderen Bedingungen ange⸗ nommen habe, und überall in der Stadt und Umgegend herrſchte die aufrichtigſte Freude. Viele Menſchen waren gekommen den guten König Karl zu ſehen, denn die Inſel Wight war durchaus königlich geſinnt. Bauern und Bürger umringten das Haus wo der Fürſt ſich befand, Herren vom Landadel erwirkten ſich mit ihren Frauen und Kindern die Erlaubniß einzutreten, ihm ihre Ehrfurcht zu bezeugen, und mit Freudenthränen entfernten ſie ſich, Freudengeſchrei erhob ſich, wenn der König ſich am Fenſter zeigte. Man achtete nicht mehr auf die finſteren Geſichter der Musketiere, welche Haus und Stadt bewachten, mehr als eine frohlockende Stimme ließ ſie wiſſen, daß Gottes Gnade England bald dahin gebracht haben würde, die blutigen, zerſtörenden Rotten zum Teufel zu jagen. Endlich als es Abend wurde, ward es ſtiller, denn die Nacht kam wild und ſtürmiſch. Das Meer donnerte an die Ufer, Regengüſſe vertrieben die Neugierigen von dem Platze, endlich ſtanden die Wachen allein und ſchauten grämlich zu den erleuchteten Fenſtern hinauf, hinter denen der Schatten ihres Gefangenen auf und ab ſtreifte. Bei dem Könige war der Herzog von Richmond, ange⸗ gegend waren in die auern t ſich ihren tihre ernten ſich f die und imme dahin Kotten 239 der Graf von Lindſey und der Oberſt Coke. Karl war vergnügt, er erzählte viel, und erheiterte ſeine Gäſte mit ſeinen freudigen Erwartungen. Ihr ſeid noch immer nicht zufrieden, Oberſt Coke, ſagte er, und auch Ihr, Lindſey, zieht die Augen zu⸗ ſammen. Ihr fürchtet Euch vor den fanatiſchen Menſchen, denen noch nicht genug iſt, was ich geopfert habe; aber was wollen ſie denn weiter von mir? Ich glaube, fuhr er mit ironiſchem Lächeln fort, es iſt mir ſo wenig ge⸗ blieben, daß es ſich kaum noch lohnt, um dies Wenige weiter zu ſtreiten, und wenn ich nicht wüßte— hier legte er die Hand an ſeine hohe, ſtolze Stirn und brach ſeine Rede ab.— Ja, wenn ich nicht wüßte, rief er dann laut, daß meine Unterthanen mich lieben, wenn ich nicht ſo große und hinreichende Beweiſe ihrer Liebe und Treue hätte, ich würde dieſe grauen Haare höher achten, als meine entwürdigte Krone. Hoffen Sie, Sire! murmelte der Herzog von Rich⸗ mond. Ja, Mylord, ich hoffe! erwiederte Karl. Meine Rechte werden nicht für immer unterdrückt ſein. Der Tag wird kommen, wo der Rauſch endet, die Welt wieder vernünftig wird. Aber, Majeſtät, fiel der aufrichtige Coke ein, es kann 240 länger dauern, als man denkt, und das Neue verſchlingt das Alte. Seid unbeſorgt, tapferer Freund, ſagte der König; ich denke, ſie haben es Alle herzlich ſatt und ſind müde wie abgehetzte Jagdhunde. Da iſt Lindſey, der mir ſagt, daß in ganz England und Schottland für den König gebetet wird; da iſt Richmond, der in London nur Einen Schrei gehört hat: Gott und König Karl! Und da iſt das Heer, antwortete Coke kopfſchüttelnd, in welchem alle Tage wüthender gepredigt und ſchänd⸗ licher verläumdet wird. Der König lächelte vor ſich hin. Laßt ſie doch, ſprach er, man muß darum nicht zu ſehr zürnen. Eng⸗ land ruft mich und ſegnet mich, was können ſomit dieſe Schwärmer groß Uebles thun? Auch dieſe heißen Köpfe werden ſich abkühlen. Alles will ſeine Zeit haben und, mein lieber Coke— ich habe warten gelernt! Mit der huldvollen Freundlichkeit und der Würde ſeines Weſens, welche aufleuchtete, ſobald ſeine reizbare Phantaſie ihm neue Bilder vorzauberte, wandte Karl ſich zu dem Herzog. Sie ſagten mir, begann er, daß Oberſt Hammond, unſer gütige Wirth oder Kerker⸗ meiſter, plötzlich die Inſel verlaſſen habe? Ja, Sire, erwiederte Richmond. Niemand weiß erſchlingt r König; ind müde der mir für den London ig Karl! chüttelnd, d ſchänd⸗ ſie doch, en. Eng⸗ omit dieſe 241 wohin er gegangen und warum er dieſem gemeinen Menſchen, dem Major Rolfe, den Oberbefehl über⸗ geben hat. Es iſt derſelbe Schuft, fügte Lindſey hinzu, der vor kaum ſechs Monaten einer Verſchwörung angeklagt war. Gegen mein Leben, ſagte der König ruhig. Ach! wer hat ſich nicht gegen mich verſchworen?! Wer hat mich nicht verlaſſen und mich verrathen?! Northumber⸗ land, Mancheſter, Bedford, Viele, die todt ſind, Viele, die noch leben; Manche, die ich wie Brüder oder wie Kinder liebte. Herbert!— er ſprach den Namen mit Bitterkeit aus und ſeine dichten Augenbraunen zogen ſich finſter zuſammen. Alles geht vorüber, fuhr er dann fort, doch wenn die Treue ſo ſelten wird, muß man ſie um ſo höher ſchätzen und ſich ſelbſt am treuſten bleiben. Was mich am meiſten freut, rief er mit Augen, die triumphirend blitzten, iſt, daß keiner dieſer Verräther ſagen kann, er habe mich je ſchwach geſehen, und giebt es eine größere Genugthuung, als die, daß ein ſo ver⸗ worfener Menſch, wie dieſer Oliver Cromwell, im Par⸗ lamente bekennen mußte: Weil der König ein Mann von ungewöhnlichem Geiſte und großen Fähigkeiten iſt, darum darf man ihm niemals trauen? Der König lachte und die Kavaliere folgten ſeinem Th. Mügge, Romane I. 16 Beiſpiele. Ich hoffe, Sire, ſagte der Herzog, Maſter Cromwell von Huntingdon wird den großen Geiſt des Königs noch ferner zu würdigen haben. Deſſ' ſeid gewiß, erwiederte Karl launig, ich bin ihm viel ſchuldig und habe ein gutes Gedächtniß. Einer der Diener des Königs trat herein, näherte ſich ſeinem Herrn und ſagte einige leiſe Worte. Mich will er ſprechen? fragte Karl. Wer iſt er? Wer ließ ihn herein? Ich weiß es nicht, antwortete der Mann beſtürzt, aber er behauptet, es ſei etwas, was er dem Könige ſelbſt und allein zu ſagen habe. Ein Anſchlag! rief Lindſey an den Degen faſſend. Wie ſieht der Fremde aus? Du kennſt ihn nicht? forſchte der König. Sein Geſicht iſt mit einer ſchwarzen Seidenmaske bedeckt, die er nicht abnehmen wollte. Sein blauer Mantel iſt der eines Offiziers. Ein Mörder! flüſterte Richmond. Der elende Rolfe! Das iſt ſeltſam, ſagte Karl, indem er einige Schritte nach der Thür that. Um Gottes Willen, Majeſtät! rief Lindſey. Sie dürfen nicht gehen. Nicht gehen? wiederholte der König ſtolz. Meint 243 N Miie Ihr, Mylords, daß ich, der tauſend Gefahren entronnen eiſ des iſt, und der mit Gottes Hülfe aus allem Leid hervor⸗ gehen wird, fürchten könnte, von eines Meuchlers Hand zu fallen? Bleibt ruhig, ich will es ſo, fuhr er be⸗ b. fehlend fort. Nur wenn ich rufe, ſeid bei der Hand! ich bin näherte Mit feſten Schritten trat er in das Vorgemach. Es war groß und ziemlich düſter. Zwei Lichter brannten iſt er? auf einem Tiſche, der in der Mitte ſtand und ſchickten ſchwache, zitternde Strahlen nach allen Seiten aus. Der beſtürzt Wind heulte draußen und trieb den Regen raſſelnd über Könige die Fenſter hin, innen war tiefes Schweigen und ein ge⸗ heimer Schauder flog über des Königs Haut und Haar, faſſend. als er die dunkle ſtille Geſtalt des Vermummten er⸗ nicht blickte. Wer ſeid Ihr? fragte Karl nach einem augenblick⸗ enmaske lichen Betrachten. blauer Der Name iſt gleichgültig, erwiederte der Fremde hohl aus ſeiner Verhüllung. Rolſe Nun denn, was wollt Ihr? fuhr der König fort. Schritte Euch warnen! ſagte die Geſtalt. Warnen? fragte Karl. So ſeid Ihr ein Freund? 1 gie Nach einigem Bedenken antwortete der Vermummte: Nehmt mich, wofür Ihr wollt. Leſ't dies Papier. Main Der König trat mit dem Bogen, der ihm hinge⸗ 16* 244 reicht wurde, an den Tiſch, indem ſeine Augen ſtreng forſchend und mißtrauiſch jede Bewegung des verdächtigen Mannes verfolgten. Der Reitermantel ohne irgend ein Abzeichen hüllte deſſen ganze Geſtalt ein. Das ab⸗ laufende Waſſer bezeugte, daß er lange im Wetter ge⸗ weſen ſein mußte, ſeine Stiefel waren ſchwer und ſchmutzig, ſein breitkrämpiger Hut glänzte von der Näſſe. Was iſt das! murmelte Karl vor ſich hin.— Be⸗ fehl an die Oberſten Eure und Cobbet ſich des Königs zu bemächtigen, allen Widerſtand unter Gottes Leitung zu vernichten und den König nach Hurſtcaſtle zu führen. So iſt es, ſagte der Fremde.— Oberſt Eure iſt unterweges, in einer Stunde wird er hier ſein. Ich werde ihn erwarten, erwiederte der König. Ihr werdet ihn erwarten! wiederholte der Vermummte, und der wilde und drohende Ton ſeiner Stimme be⸗ ſtärkte Karls Verdacht. Hütet Euch! Seid Ihr mein Freund, rief der König, ſo laßt mich Euer Geſicht ſehen. Nein! ſagte der Fremde, indem er einen ſeiner kräf⸗ tigen Arme raſch aufhob, als Karl näher trat. Ich bin Euer Freund nicht. Keinen Schritt weiter, Sire! Aber ich bin gekommen, Euch dennoch zu helfen. Nehmt und ſeht. 245 Er gab dem Könige ein anderes Blatt.— Eine Verhandlung im Offizierrathe, ſagte Karl, ein Anklageakt gegen den König.„Er, der Haupturheber aller Unruhen und Leiden, die das Volk betroffen, ſoll wegen Verrathes, Blutvergießen und Unheil vor Gericht geſtellt, das Par⸗ lament gezwungen werden, die Abtrünnigen und Ver⸗ räther von ſich abzuthun und dann zu verfahren, wie es Gottes Wille und das Urtheil aller guten Leute iſt.“ Hal rief Karl, ſeine Augen funkelnd zu dem Ver⸗ mummten erhebend. Iſt es ſo, wie es hier geſchrieben ſteht? Es iſt ſo, erwiederte dieſer. Morgen ſchon wird das Heer dem Unterhauſe dieſe Erklärung abgeben. Und was habt Ihr mir weiter zu ſagen? fragte der König. Nichts! erwiederte der Vermummte. So danke ich Euch, ſagte Karl. Wer Ihr auch ſein mögt, nehmt meinen Dank. Der Unbekannte nahm die Papiere zurück, ſteckte ſie ein und betrachtete den König einen Augenblick nach⸗ denkend, dann ſagte er mit ſeiner tiefen, grollenden Stimme: Wen Gott verderben will, den ſchlägt er mit Blindheit, daß er nicht vor ſich ſehen kann, noch hinter ſich. Karl Stuart, der genannt iſt König von England, der Bluträcher iſt an Deinen Ferſen, erwarte ihn nicht, da es noch Zeit iſt. Aber Du wirſt ihn erwarten, weil Gott zu Schanden werden läßt, die ſeiner ſpotten! Bei dieſen Worten wendete er ſich um und hinter ihm fiel die Thür zu. Cromwell! der Teufel! oder welcher Dämon! ſchrie der König auf, indem er zornig das Schloß anfaßte. Aber es war von außen ein Riegel vorgeſchoben, und heftig erregt, ließ er ab, als bei ſeinem lauten Rufen die Kavaliere herbeieilten. Was iſt geſchehen?! riefen Richmond und Lindſey. Nichts von Belang, erwiederte der König mit ſeiner gewöhnlichen Würde und Ruhe; nichts, als ein unver⸗ ſchämter und unberufener Rathgeber, deſſen Abſichten ich durchſchaue. Er erzählte, was er vernommen hatte, und ſah ſeine Freunde in große Beſtürzung gerathen. Glauben Sie, Sire, ſagte Richmond, daß dieſer Mann die Wahrheit ſprach? Ich kann nicht daran zweifeln, erwiederte Karl. Dann Majeſtät, rief Lindſey, müſſen Sie fliehen. Und auf der Stelle! fiel Coke ein. Ich habe Pferde, ein Boot iſt jeden Augenblick zu ſchaffen; treue Seelen giebt es hier genug, die ihr Leben willig für die nicht, weil 247 Rettung des Königs opfern. Verſtecke giebt es genug, wo auf jede Gefahr hin Sie Sicherheit finden. Selbſt die Loſung iſt mir bekannt. Keine Wache wird Sie auf⸗ halten, Sire. Der König ſchüttelte beſtimmt abwehrend den Kopf. Ich will nicht gehen, ſagte er, denn ich weiß, daß es weit beſſer iſt ruhig zu ſchlafen, als in dies wilde Wetter hinaus zu irren. Aber, Sire, ſagte Lindſey, bedenken Sie, in welche Hände Sie fallen. Dieſer Eure, fügte Lindſey hinzu, iſt einer der roheſten und gewaltthätigſten Gleichmacher. Was können ſie mir denn thun? verſetzte Karl lächelnd. Sie können nichts ohne mich anfangen und müſſen mich ſchonen. Glaubt mir, fuhr er nachdenkend fort, meine Flucht würde der Rotte, die mich verfolgt, erwünſcht ſein; ich verſtehe das Ziel dieſes Vermummten. Fliehe ich, ſo haben ſie Grund, über neuen Verrath zu ſchreien, die Menge gegen mich zu erbittern, das Par⸗ lament vom Vergleiche abzubringen. Bleibe ich, ſo ſteht ganz England mir zur Seite. Sire, ſagte Lindſey düſter, Sie haben es mit Leuten zu thun, die nur Gewalt kennen. Aber das Parlament! das Volk! rief der König. Nein, ſagte er mit voller Entſchiedenheit, ſie haben mir 248 ihr Wort gegeben, ich ihnen das meinige, daß wir beide treu den Vertrag halten wollen. Ich habe geſchworen nicht zu fliehen und ich will nicht. Sire, erwiederte Coke erregt, wenn Ew. Majeſtät darunter das Parlament verſtehen, ſo bedenken Sie, daß dies ſelbſt vielleicht in wenigen Tagen zerſprengt und vernichtet ſein kann, und daß es das Heer iſt, welches gegen König und Parlament Gewalt erhebt. Karl dachte einen Augenblick nach, ein überzeugendes Lächeln lief durch ſein Geſicht. Gleichviel, ſagte er dann, ich werde mein Verſprechen halten. Gute Nacht, Ned Coke, gute Nacht Lindſey. Ich bin müde und vill ſchlafen, ſo lange ich kann. Gott ſei mit Ihnen, Sire, rief der alte Oberſt er⸗ ſchüttert. Hätte ich die Macht, ich entführte Sie gegen Ihren Willen. So muß geſchehen, was ich nicht ändern kann; aber ich fürchte, Sie werden nicht lange ſchlafen. Vier Stunden ſpäter wurden die Einwohner New⸗ ports von Waffenlärm und Fackelſchein geweckt. Dra⸗ goner umringten einen Wagen, voran marſchirte eine Kom⸗ pagnie Musketiere, ein ſtarker Reiterhaufen ſchloß den Zug. Am nächſten Morgen war der gefangene König auf dem einſamen Felſenſchloß Hurſtcaſtle im ſicheren Gewahrſam, getrennt von allen ſeinen Dienern und 3 ———— 249 r beide Freunden, in der Gewalt des Heeres und des rohen woren Kerkermeiſters Eure. Hier blieb der König länger als einen Monat eng dajeſtät eingeſchloſſen, ſtrenge bewacht und auch behandelt, he, daß ohne Verbindung mit der Außenwelt, ohne zu wiſſen, t und was in London geſchah und. mit ihm geſchehen würde. velches Kurz nach dem Anbruch des neuen Jahres 1649 aber kam derſelbe Wagen, welcher den König nach dem tendes Felſenſchloſſe gebracht hatte, von Windſor gefahren. Reiter umringten ihn dicht, die Jalouſien waren nieder daun, Nod gelaſſen, im raſchen Lauf der ſechs Pferde ging es durch d wil die Straßen fort, bis in den Hof des St. James Pa laſtes, deſſen Thore ſich hinter ihm ſchloſſen. Ilt er Die Straßen waren öde, an allen Ecken hielten ner Dragoner, die Musketiere bildeten Linien, und ſtrenge a, Befehle waren erlaſſen worden, bei den härteſten Stra Indern. inr fen jeden Zuſammenlauf und jede Unruhe zu vermeiden. lafe ſnne Die meiſten Bewohner Londons mochten auch von dem har kläglichen Schauſpiele nichts ſehen; ſie ſchloſſen ihre d0 Thüren und verhingen ihre Fenſter, nur in der Nähe daim des Palaſtes ſtanden viele Menſchen aus allen Ständen nll beiſammen, und als der düſtere verſchloſſene Wagen bei Köna ihnen hinrollte, erſcholl lautes Weinen und Wehklagen. ichere Viele ſchwenkten ihre Tücher und hoben ihre Hände u u 250 auf; ſie wußten, daß der Gefangene es durch die Ja⸗ louſien ſehen konnte, und trotz der Reiter, die ihre Pallaſche gebrauchten, und der Musketiere, welche ſcho⸗ nungslos mit den ſchweren Gewehrkolben um ſich ſchlugen, erhob ſich das tauſendſtimmige Geſchrei: Gott ſegne den König! Und was laut und öffentlich auf dem Platze geſchah, das fand ſeinen Wiederhall in allen Häuſern, ſelbſt wo man es nicht denken mochte. Auch in Cromwells Hauſe floſſen Thränen. Die gute beſcheidene Frau weinte mit ihren Töchtern um den unglückſeligen Mann, der mor⸗ gen vor ſeinen Richtern erſcheinen ſollte; von Zeit zu Zeit aber ſchwiegen ſie alle und hörten auf die Stim⸗ men, welche aus dem Zimmer des Generals drangen. Aengſtlich fuhren ſie zuſammen, wenn draußen Sporen klirrten, ſchwere Säbel raſſelten und harte Schritte auf der Treppe laut wurden. Das iſt Fairfax, flüſterte Marie, die ihr Ohr an die Thür lehnte. Undeutlich und gebrochen klangen die Worte zu ihr heraus, aber der zornige Ton darin war nicht zu ver⸗ kennen. Ich will nicht länger! hörte ſie deutlich ſagen, Alles muß ſein Ziel haben. Ich will meinen Namen * A 251 de gr nicht dem Fluch der Nachwelt überliefern. Thut was de ihr ihr wollt, ich ziehe mich davon zurück. de ſhr Nach einigen ſchwächer geſprochenen Sätzen und ſoluxen Antworten hörte ſie dieſelbe Stimme erwiedern: Hoffe ne nicht, mich nochmals umzuwenden, niemals! Ich will bei dieſem blutigen Ende meine Hände rein erhalten, wollte ricih Gott, daß ich ſo auch von Dir ſagen könnte. eere Bei dieſen Worten, denen ein ſpöttiſches Lachen Cromwells folgte, wurde die Ausgangsthür geöffnet öſt wo el u und geſchloſſen, doch ſtatt des Fortgehenden, war ein 4 Kommender eingetreten, deſſen Worte einen erſchüttern⸗ 6 ni den Eindruck auf das junge Mädchen machten. de ‚ Es war Herbert, den ſie hörte, und der nach we⸗ t Sim nigen Minuten von ihrem Vater begleitet in das Fa⸗ drangen milienzimmer trat. Spen Cromwell war voll väterlicher Güte, ſeine Augen rite al heiter; er ſchien zu allerlei Scherz aufgelegt, und faſt war es, als hätten die beiden Männer die Rollen ge⸗ Ohr a wechſelt; denn während ein tiefer, ſorgenvoller Ernſt Herbert's edles Geſicht bedeckte, ſah der Puritanerchef 1 weltluſtiger als jemals aus. Nicht die geringſte Auf⸗ regung war an ihm zu bemerken, eben ſo wenig be— ſa achtete er die rothen und trüben Augen der Frauen. Nu Er ſprach von Schottland, von wo er erſt ſeit einer ——————=/ 252 Woche zurückgekehrt war, von der vollſtändigen Unter⸗ werfung der Schotten und Herſtellung des Friedens, er⸗ zählte dann von ſeinem feierlichen Einzuge, witzelte über die londoner Bürger und wie froh er geweſen ſei, nicht den ganzen Dezember hier verlebt zu haben. Es iſt wahr, ſagte Herbert kalt, Ihr waret nicht zugegen, als das Parlament mit Gewalt zerſprengt wurde, als der Fuhrmann Priede und der edle Lord Grey die Thüren ſchloſſen und die Geächteten die Treppe hinunter warfen, die man dann verhöhnt und mißhandelt von Gefängniß zu Gefängniß ſchleppte. Warum, ſagte Cromwell, ihm auf die Schulter klopfend, wollen wir hartnäckig uns mit den Fehlern und dummen Handlungen beſchäftigen, die in ſolchen Zeiten zu leicht vorkommen? Geſchehenes läßt ſich nicht ändern, die Wege des Herrn ſind dunkel, aber es ge⸗ ſchieht nichts was er nicht will und was nicht endlich ſich als ein höheres Walten erwieſe. Mit dieſer Lehre, erwiederte Herbert düſter, läßt ſich Alles rechtfertigen. 8 Du ſelbſt weißt, ſprach Cromwell, daß ich Vieles gemißbilligt habe und haſt zugeſtanden, daß Eines nur möglich war, entweder unſer Untergang oder der dieſer Männer ohne Nachdenken. Jetzt, Herbert, liegen die 253 Sachen ſo, daß kein Mann mehr ſchwankend und un⸗ gewiß ſein darf. Jeder muß bei ſeiner Fahne ſtehen, edens, el telte ib Jeder muß wollen, was die Pflicht ihm gebietet. ſi, uic Ich denke, ſagte der Oberſt, daß meine einzige und ei, Ulc nächſte Pflicht die ſein ſoll, London den Rücken zu nn nil kehren, mich zurück zu ziehen und meinen Frieden bei win Dir zu finden, liebe Marie. zerſpreng. 4. 8 Er reichte ihr die Hand und ſagte dann haſtiger: „dlo Lord ei i Laßt uns nicht weiter rechten; ich kann das Unglück nicht iei rufhalten. Beſtimmt mir die Zeit, wo Marie mein ſein nihad ſoll; ich ſehne mich auf's Innigſte danach, dies mein letztes und ſchönſtes Ziel zu erreichen. Söhm Höre mich darüber, gab Cromwell zur Antwort, n Fehler denn verbergen kann ich Dir nicht, daß ich Forderungen in ol auch an Dich zu machen habe, und ehe Marie Dein ſich nich Weib wird, muß mein Sohn genau wiſſen, welche Stel⸗ er es lumg er einzunehmen hat. ht end Bei ſeinen letzteren Worten, die mit größerem Nach⸗ rruck geſprochen wurden, erbleichte das junge Mädchen ſter, li und preßte krampfhaft die Hand ihres Geliebten. Cromwell ſtand auf und winkte Herbert, der ihm ch Vil ſolgte und deſſen Augen zu den ſchweigenden und nie⸗ Eines dergeſchlagenen Frauen zurückblickten. der diſ Es iſt Zeit, ſagte Cromwell, als beide allein waren, liegen 254 daß wir völlig wiſſen, woran wir ſind. Ich habe ver⸗ gebens gehofft, daß Dein Muth, Deine Jugend, Deine Liebe zu meiner Tochter und Deine Anhänglichkeit zu mir Dir den Weg zeigen ſollten, den Du unwandelbar gehen mußt. Niemand, antwortete Herbert mit Wärme, kann größere Achtung und Ehrerbietung vor den großen Ta⸗ lenten Cromwells haben; Niemand weiß, wie ich, welch mächtiger Geiſt in ihm wohnt. Wenn dies der Fall iſt, ſprach Cromwell, was hält Dich ab an mich zu glauben? Wenn ich der Stern bin, den der Herr leuchten läßt in dieſer Nacht, warum folgſt Du mir nicht? Bin ich denn nicht gefolgt? fragte Herbert ſchmerz⸗ lich und im vorwurfsvollen Tone. Habe ich nicht mit allem gebrochen, was früher mein war? Ver⸗ dammen mich nicht die, die einſt mich liebten und be⸗ neideten?! Du haſt den Leib von ihnen gewendet, ſagte Crom⸗ well, aber dein Sinnen iſt noch bei ihnen; alles was Du thateſt war halb gethan, weil die Gnade nicht mit Dir war. Jetzt laß uns. reden, wie es ſein muß, denn die Stunde iſt da, wo Du ganz erwerben ſollſt, was Du verloren haſt, Freunde, Verwandte, ein Weib das 255 Dich liebt, Vater und Mutter, Schweſtern und Brüder, ns die Dir anhängen, oder die Du laſſen mußt, weil ſie d, Deine tkät nicht zu Dir gehören. andelbar Und was— was verlangt Ihrd fragte Herbert er⸗ ſchüttert. um Du weißt, fuhr Cromwell ruhig fort, daß dieſe 22 falſchen Lords ſich weigern, in dem Gerichtshofe über bet dr den König zu ſitzen. Ich wußte es wohl, ſie würden t, weli alſo thun, denn der Wolf mag des Lammes Fell tragen, 3 er wird doch nie zum Lamme werden. Es iſt gut ſo, vas hil wie es iſt; es iſt eine Fügung, an der man die Ge⸗ tern bn rechten erkennen ſoll, und da ein Volk, in welchem Gott un falg allein der Herr iſt, keine Lords und keinen Adel ge⸗ brauchen kann, wird dieſer Tag der letzte ihrer Herrlich⸗ ſchmeiy keit ſein. ch niht Weiß der König, was mit ihm geſchehen ſoll? fragte 9 Ver⸗ Herber Herbert. und be Er weiß es, erwiederte Cromwell, aber nicht deſſent⸗ wegen fürchtet und ſorgt er, ſondern ſein größter Kum⸗ e Crell mer iſt es, daß ſeine Speiſen von Soldaten gebracht les was werden, daß der Mann mit dem ſilbernen Stabe ihm iccht mi richt mehr knieend den Becher reicht. uß, dem Und warum, fiel der junge Offizier ein, hat man 256 dieſe Aeußerlichkeiten ihm nicht gelaſſen? Warum will man den gefangenen Fürſten auch darin demüthigen? Um ihn daran zu gewöhnen, ernſtlich nachzudenken, daß er dahin gekommen, wo aller Prunk von ihm ab⸗ fallen muß, ſagte der General. Was ſoll geſchehen, da die Lords ſich zurückziehen? murmelte Herbert vor ſich hin. Die wahren Richter ſind das Unterhaus und das 8 eer. hergeben, rief Herbert heftig. Es ſind nicht die Lords allein, die vor dem Blut zurückbeben, das Ihr vergießen wollt. Ueberall iſt derſelbe Abſcheu erweckt, und im Heere ſelbſt finden ſich Stimmen genug, die Schaam und Schande rufen.„ Ich weiß es, fiel Cromwell ruhig ein. Fairfax will nicht weiter, und mit ihm ſind Manche, die auf halbem Wege ſtehen bleiben möchten. Laß ſie immerhin, wir brauchen ſie nicht mehr. Die Schotten haben Ver⸗ wahrung eingelegt, die Cavaliere rufen den Himmel um Erbarmen an, das gedankenloſe Volk ſchreit ihnen nach, und der Prinz von Wales will jede Bedingung eingehen, um ſeinen Vater zu retten. Und dennoch— dennoch haltet ihr nicht ein! * Ich hoffe, es werden nicht Viele ſein, die ſich daau 4 257 rum wil Iſt es Pflicht, die Böſen zu ſtrafen, ſagte Crom⸗ rüthigen⸗ well, ſo darf um ſo weniger Schonung ſtattfinden, wo zudenken, das Haupt der Böſen fallen ſoll. ihm ab Er trat langſam auf Herbert zu, und fuhr mit ſanfterer Stimme fort: Ich bin nicht blutdürſtig. So ichiehen! wahr der Herr lebt! ich will der Welt beweiſen, daß ich ſchonen und vergeben kann. Aber dieſer Mann, der und da nicht zu beugen und nicht zu beſſern iſt, erfahren in jeder Schlauheit und Täuſchung, immer ſinnend auf ſich dahl Betrug, immer den Tag der Rache erwartend, er muß ie Lorde des Todes ſterben! vergieße Ich hätte ihn retten mögen, fuhr er fort, ich hätte und Wn gewünſcht, daß er entflohen wäre; er verſchmähte jede Schan Flucht, weil er auf ſeine Anhänger, auf die leichtgläu⸗ bige, wankelmüthige Menge, auf dies verdorbene Par⸗ lament zählte. Mitten unter der drohendſten Gewiß⸗ heit, unter den Bitten ſeiner Freunde blieb er, weil ſein ni verhärtetes Gemüth ihm die Hoffnung vorſpiegelte, er 1 werde dennoch Sieger bleiben. Und noch jetzt, am Tage des Gerichts, denkt er an dieſen Sieg, an Aufſtand; nicht an Flucht, ſondern an Wiedereroberung alles deſſen, was er verloren, und an Vergeltung. Da iſt kein Wanken, Herbert, da gilt es ein Spiel um Leben und Tod. Die Würfel ſind gegen ihn gefallen, er hat in Th. Mügge, Romane I. 17 258 es ſo gewollt. Jetzt iſt es zu ſpät! Kein Umkehren iſt möglich. Er muß den Schatten Lauds und Straffords folgen. Herbert ſenkte ſchweigend den Kopf. Richte Dich auf, ſprach Cromwell, ein jeder Mann muß ſeine Schuldigkeit thun, und wen der Herr berufen hat ſein Werkzeug zu ſein, der darf nicht zittern vor ſeiner Stimme. Das Parlament muß ſich ergänzen durch die Offiziere des Heeres, um über Karl Stuarts Schuld und Strafe zu urtheilen. Niemand ſoll ſagen, es ſeien fanatiſche Rebellen geweſen. Darum, mein Sohn, ſollſt auch Du zu den erwählten Deputirten des Heeres gehören, welche dem hohen Gerichtshof beigefügt werden. Ich! rief Herbert, und ſein Geſicht drückte den höchſten Abſcheu und Zorn aus— nimmermehr! Nicht? erwiederte Cromwell kalt. Ich ſitze in dem Gerichtshofe, Jreton, alle meine Freunde. Nicht alle, ſagte Herbert mit gewaltſamer Mäßi⸗ gung. Doch wenn es auch ſo wäre, ich nicht— ich niemals! Bedenkt es wohl, Sir Herbert, ſprach der General, es hängt von dieſer Stunde Vieles ab. Ich habe dieſe traurige Sache nicht dahin geführt, wo ſie iſt, ich hätte ehren iſt traffords r Mann berufen tern vor ergänzen Stuarts Ul ſagen, n, mein arten des beigefügt icte den orl ein den - Miff t— U General abe dih i hul 259 gewünſcht, es ändern zu können. Es hat nicht ſo ſein ſollen. Nun ſeht das Heer an. Neun Zehntheile der Offiziere und Soldaten fordern das Gericht und den Tod Karl Stuart's. Welch ein Fluch für jedes Land, rief Herbert leiden⸗ ſchaftlich, wo das Heer Geſetze giebt und Richter er⸗ nennt, wo es die Parlamente ſäubert und mit dem Schwerte in der Hand auslegt, was Gerechtigkeit ſein ſoll! Es mag gewaltſam ſein, erwiderte Cromwell, aber bedenke, wie oft die Heere mächtiger Despoten dazu ge⸗ dient haben, die Völker in Ketten zu ſchlagen. Hier hat das Spiel ſich endlich einmal umgekehrt, hier hat das Heer das Schwert gezogen, den Tyrannen zu ſtrafen. Um einen neuen Tyrannen, einen Diktator, der nichts hat als ſein Schwert, und nichts kennt als ſeinen Willen, auf den Thron zu ſetzen! ſagte Herbert, indem er das Haupt der Independenten durchbohrend anblickte. — Cromwells mächtiger Kopf färbte ſich dunkler. Ge⸗ nug! rief er ſtolz aufgerichtet, wollt Ihr Vernunft an⸗ nehmen, Sir Herbert? Wollt Ihr im hohen Gericht neben mir und Ireton, neben den Häuptern derjenigen Partei ſitzen, welche in dieſem Lande neue Geſetze und neue Ordnung ſchaffen wird? 17* Nein! antwortete Herbert kalt. So laßt uns ſcheiden, ſagte Cromwell, denn jede weitere Verbindung zwiſchen uns wird unmöglich. Ich ſehe es ein, war die Antwort des Oberſten nach einem düſteren Schweigen. Wollt Ihr erlauben, daß ich Marie Lebewohl ſage? Cromwell öffnete die Thür und winkte ſeiner Toch⸗ ter. Sir John Herbert, ſagte er, will Dich noch ein⸗ mal ſehen. Zum letzten Male, Marie,— Gott ſteh mir bei! — Zum letzten Male! rief John, ihre Hände im tiefen Schmerz faſſend. Ich habe es längſt wohl geahnt, es mußte dahin kommen, fügte er mit einem tiefen Seufzer hinzu. Es kann nicht ſein, John! Nein! nein! flüſterte das junge Mädchen, bleich zu ihm aufblickend. Werde glücklich— glücklich Marie! fuhr Herbert fort. Deine Hand iſt rein, Du weißt nichts von Blut und Sünde. Ich kann nicht Dein Gatte werden, denn zwiſchen uns ſteht eine That, begangen von dem, den Du lieben und ſegnen mußt, die mich auf immer von ihm trennt.. Dies ſagte er gepreßt, halb laut und ihre Stirn und Lippen mit Küſſen bedeckend. Dann eilte er nach der Ausgangsthür. n jede en nach , daß Toch⸗ h ein⸗ ir bei! ntiefen mußte hinzu. ate dad Herbert n Blut ;, denn n, den eer vol „Stirn er nach 261 Herbert! rief Cromwell, einen Schritt ihm folgend, indem er die Hand nach ihm ausſtreckte; aber er ließ dieſe ſinken und blieb ſtehen, denn der Oberſt hörte ihn nicht. Langſam ging er zu ſeiner Tochter zurück, die be⸗ wegungslos nach der Stelle blickte, wo Herbert ver⸗ ſchwunden war. Er ſchlug die Arme um ſie und drückte zärtlich ihren Kopf an ſeine Bruſt. Kein Laut antwortete ſeinen Liebkoſungen. Sei treu, murmelte ſie endlich mit erſtickter Stimme, und ich will dir die Krone des Lebens reichen! Am 27. Januar wurde der König zum letzten Male aus St. James in einer verſchloſſenen Sänfte nach dem großen Saale von Weſtminſter geſchafft. Zwei und dreißig Offiziere umgaben dieſe, ein dichtes Spalier von Soldaten bildete zwei erzene Mauern, hinter denen das Volk in ängſtlicher Erwartung ſtand. Trotz der Waffenmacht, die London im Zaume hielt und trotz der vielen Mißhandlungen, die von den Sol⸗ daten verübt wurden, ließ ſich das öffentliche Mitleid —— ——— 262 nicht erſticen. Aus den dichten Volkshaufen wurden Tücher geſchwenkt und das Geſchrei: Gott ſegne den König! begleitete die Sänfte bis an die Stufen des Ge⸗ richtshauſes. Mit feſten Schritten trat Karl in den Saal, deſſen Zuſchauerraum größtentheils mit Soldaten gefüllt war. Gerechtigkeit! ſchrieen Hunderte von Stimmen, daß die Fenſter bebten, als der gefangene Fürſt erſchien. Karl ſah ruhig und würdig umher. Sein Haar war weiß geworden, aber ſeine Geſtalt war ungebeugt, ſein Geſicht freundlich und mild, doch der Ausdruck darin ſo königlich, wie er je geweſen. Er ſetzte ſich auf den Lehnſtuhl, mit carmoiſin⸗ farbenem Sammet überzogen, und legte beide Hände auf den großen Goldknopf ſeines Stockes. Sein einfacher blauer Rock war ſauber, er hatte ſeine gewohnte Sorg⸗ falt auch heut auf alle Theile ſeines Anzuges ver⸗ wandt. So betrachtete er ſeine Richter, deren kleine Zahl ihm einige Aeußerungen der Verwunderung entriß. Statt der 150 Mitglieder, aus welchen die Verſammlung be⸗ ſtehen ſollte, waren nur 67 anweſend, aber das trium⸗ phirende Lächeln des Königs über das Ausbleiben der andern war übel angewandt. Eben weil jene nicht ge⸗ wurden aar ebeugt, darin 3 moiſin⸗ de auf ffacher Sorg⸗ 3 ver⸗ 4 iſſ 263 2* kommen waren, hatten 46 Stimmen das Urtheil ge⸗ ſprochen, das jetzt verkündigt werden ſollte. Unter tiefem Schweigen erfolgte der Namensaufruf der Richter, und abermals lief ein Lächeln über die Lippen des Königs, als Fairfax Namen genannt wurde und eine laute Stimme von der Gallerie die Worte ſprach: Der hat zu viel Verſtand, um hier zu ſein! Der Präſident Bradſhaw warf wilde Blicke auf die Zuſchauer, aber der Thäter war nicht zu entdecken, und ſo begann er ſeine Rede gegen den Gefangenen, der des Verrathes und Mordes, der Tyrannei und der un⸗ verſöhnlichen Feindſchaft gegen das Gemeinwohl im Namen des engliſchen Volkes angeklagt ſei. Bei dieſen letzten Worten rief dieſelbe Stimme von der Gallerie: Nicht der zehnte Theil des engliſchen Volkes weiß etwas davon! Es iſt nur zu wahr! Gott ſegne den König! ſchrien Andere. Ruhe! Räumt die Tribüne! rief der Präſident in Wuth, während Soldaten in den Volkshaufen drangen und wehklagende Töne laut wurden. Eine ſtolze, ſchöne Frau erhob ſich, vor der die bewaffnete Macht zurück wich. Es war Lady Fairfax, die den Saal verließ und bald war es bekannt genug, daß ſie die Urheberin des Tumults geweſen. — ————— ——— 264 Ich verlange gehört zu werden, ſagte der König, indem er aufſtand. Hinrichtung! Hinrichtung! ſchrieen die Soldaten. Hört mich! hört mich! fuhr Karl lebhaft fort, ſeinen Stock aufhebend, aber in dem Augenblick, wo er dies that, fiel die goldene Krone, welche den Knopf bildete, ab und rollte zu ſeinen Füßen. Der König hob ſie auf, er war verlegen und blaß geworden; eine augenblickliche Stille trat ein.— Ich verlange in dem gemalten Zimmer gehört zu werden, rief Karl abermals, als er ſich geſammelt hatte; vor Lords und Gemeinen ſoll man mich hören, denn ich habe einen Vorſchlag zu machen, der wichtiger iſt für den Frieden Englands und für das Glück meiner Unter⸗ thanen, als für meine eigene Erhaltung. Ein neues furchtbares Geſchrei der Soldaten war die Antwort.— Leſ't das Urtheil! keinen Aufſchub! riefen zahlreiche wilde Stimmen. Die Richter erhoben ſich, mehrere forderten, daß eine Berathung ſtattfinden ſollte; allein dieſe Berathung war fruchtlos. Der Beſchluß war gefaßt, den König nicht zu hören. Und abermals ward die Anklage geleſen, dann fügte der Präſident mit ſtarker dumpfer Stimme das Urtheil rKönig, aten. t, ſeinen er dies bildete, nd blaß — Sch werden, tte; vor ich habe für den Unter⸗ ten war ufſchubl daß eine ng war ig richt mn fügte Urtheil 265 hinzu:„Beſagter Karl Stuart ſoll demnach als er⸗ klärter Feind der guten Leute des Volks öffentlich hin⸗ gerichtet werden durch Trennung des Kopfs vom Rumpfe.“ Ein fürchterliches Schweigen folgte den letzten Worten, alle Augen richteten ſich auf den König, der den Kopf emporgehoben hatte, auf ſeinen Lippen ein verächtliches Lächeln, ſeine Augen zum Himmel gerichtet. Der ganze Gerichtshof war aufgeſtanden zum Zeichen der Beiſtimmung des Urtheils. Plötzlich ſah man den König ſeinen Sitz verlaſſen. Wollen Sie mich auf einen Augenblick hören, Sir? fragte er haſtig. Nach dem Urtheile dürfen Sie nicht mehr gehört werden, erwiederte Bradſhaw. Nicht, Sir, nicht?! rief Karl heftig. Vorher wolltet Ihr mich nicht hören, jetzt dürft Ihr nicht. O Schande! Wachen, führt ihn fort! ſchrie der Präſident. Ich will nach dem Urtheile ſprechen, ich darf es! — Ich habe das Recht nach dem Urtheile zu ſprechen! ſagte der König ſo laut er konnte.— Das Urtheil Sir — ich ſage das Urtheil!— Hört mich!— Ol welche Gerechtigkeit, welche Freiheit haben Andere von Euch zu erwarten, die Ihr mir, dem Könige, das Wort ent⸗ reißt! ———— 266 Soldaten ergriffen ihn an beiden Armen und zogen ihn fort, er war umringt von fanatiſchen, berauſchten Männern, zwiſchen Schwertern und Musketen. Eine unbeſchreibliche Verwirrung herrſchte im Gerichtsſaale. Lachen, Lärm, wildes Geſchrei, lautes Weinen und Stöhnen begleiteten den Gefangenen. Fort mit dem Ahab! ſchrie der Soldat, welcher des Königs linken Arm gepackt hielt, und ſeine Kameraden blieſen ihm den Rauch ihrer Pfeifen ins Geſicht. Hinrichtung! Hinrichtung! jubelten die Meiſten, ihre Waffen zuſammenſchlagend. So gelangte Karl zu der Sänfte, die ihn endlich vor Beleidigungen ſchützte. Sein Zorn hatte ſich ge⸗ legt, keine Spur von Unruhe oder Furcht war in ſeinem Geſicht; er blickte frei und würdevoll nach allen Seiten um. Da lagen Viele auf den Knieen laut betend und weinend; alle Hallen, Straßen und Fenſter waren mit Menſchen gefüllt, die ihre Thränen nicht zurückhielten. Gott ſchütze Sie, Sire! Gott errette Ew. Majeſtät von Ihren Feinden! riefen Manche, die ſich näher drängten. Kolbenſtöße und Hiebe ſcheuchten ſie zurück. Ein wilder Jubel entſtand, wenn da und dort Einer ſchwer getroffen niederſtürzte. zogen uſchten Eine sſaale. eraden , ihre endlich ch ge⸗ ar in allen d und n mit jelten. it von igten. Ein ſcchwer 267 Arme Menſchen! ſagte der König mitleidig lächelnd, als die Soldaten ihr Geſchrei nach Hinrichtung erneuten, für einen Schilling immer bereit zum Morde und jeg⸗ licher Gewalt. Wie wenig gehört dazu, und ſie thäten ihren Generalen, was ſie mir jetzt thun! Es war Abend geworden, als Karl Stuart ſeine Gemächer erreichte. Die Wachen blieben vor der Thüre ſtehen, durch einen Wink der Hand verabſchiedete er den Oberſten Hacker, der, als der Vornehmſte ſeiner Wächter, ihn begleitet hatte, und nun trat er allein in das matt er⸗ hellte große Zimmer, wo ihn Niemand empfing, als ein greiſer Diener, der leiſe ſchluchzend auf ſeinen Knieen lag. Der König ging an ihm vorüber und blieb in der Mitte des Gemaches ſtehen. Sein Geſicht war hell und feſt, ſein Blick leuchtend, ein triumphirendes Lächeln belebte ſeine Züge.— Ungebeugt von dieſen Verräthern, ohne Furcht und ohne Makel, ſagte er mit voller Stimme, bin ich endlich von ihrem eklen Anblick erlöſt. Dein Wille geſchehe, mein Gott und Herr! Keiner dieſer Elenden hat mich zittern ſehen, wohl aber ſah ich mehr als Einen erblaſſen und das Gericht auf ſeiner Stirn.— 268 Ein ſtärkerer Triumph malte ſich in ſeinen Mienen, und in Betrachtungen verſunken, ſtand er lange, bis ein tiefer Seufzer des Greiſes ihn daraus erweckte. Du biſt hier, William? ſagte er, indem er ihm die Hand bot, die der alte Mann mit ſeinen Thränen bedeckte. Laß uns kein Wort darüber verlieren, fuhr er fort, wir haben keine Zeit dazu. Mach' Feuer an, es iſt kalt. Du mußt nicht weinen, wo meine Befreiung ſo nahe iſt. Geh', laß mich allein. Er ſetzte ſich an dem großen vergoldeten Kamine nieder. Es war ein prachtvolles, reich geſchmücktes Zimmer; ein raſcher Blick über Täfelei, Marmor und Broderien, dem ein bittres Zucken der Lippen folgte, ſchien des Königs Gedanken auszudrücken. Er beugte den Kopf tief nieder und ſeine Augen ruhten ſtier auf den kniſternden Funken des Feuers. Dann und wann wurde ſein Geſicht heller überſtrahlt, die bläulichen Flammen zitterten darüber hin und ſchienen an dem langen weißen Haar leuchtender niederzufließen. Alle Leidenſchaften drückten ſich in ſeinen Zügen aus und von den verſchiedenſten Empfindungen erfüllt glänzten ſeine Augen bald in ſanfter Freude, oder voll Stolz und Glück, um bald darauf Blicke des Haſſes und der tiefſten Verachtung auszuſtrahlen. Jetzt öffnete er die 269 Mienan, Arme und ſeine Lippen flüſterten die ſüßeſten Liebes⸗ dbis en namen; aber dieſen Augenblicken folgten andere, in denen te Du wilde Verwünſchungen und Schwüre aus ſeinem Ge⸗ ie Hand murmel ſich hervorhoben, bis endlich die Reſignation bedeckt des Unglücks auch ſein Herz überwältigte und die Würde fort, vpit und Ruhe in ſein Geſicht zurückkehrten, welche ihm in iſt kalt den Tagen ſeines Prozeſſes ein ſo großes Uebergewicht nahe iſt verſchafft hatten. Lange blieb der König in dieſer Ruhe, in welche Kamine ſich harmoniſch verſöhnend ſein Leid auflöſte, als die hmücktes Thür leiſe geöffnet wurde und unter dem Geflüſter mor und mehrerer Stimmen ſich wieder ſchloß. n folgte, Karl blickte danach um und ſah eine dunkle Geſtalt, r beugte den Kopf in einer ſchwarzen Prieſterkappe verborgen, ſier auf den Leib umhüllt mit einem weiten Mantel, vor ſich d wam ſtehen. linlihen Was willſt Du von mir?! rief er überraſcht von un dem dieſem Anblick, indem er ſich erhob. Alle Still, Sire, erwiederte eine leiſe bittende, weibliche Stimme, hören Sie mich! Die Dame ſchlug die Kappe zurück und beugte ihr Knnie. Der König kannte ſie nicht. 1 Wer ſind Sie? Wie kamen Sie herein? fragte er. Sire, erwiederte die Knieende, einſt haben Sie mir . us und glänzten 1 Steh und der er die 270 dieſe Kette gegeben und mir geheißen, wenn ich eine Gnade zu bitten hätte, mich auf dies Pfand zu be⸗ rufen. Armes Kind! ſagte Karl, ich habe keine Gnaden mehr zu ertheilen. Doch Sire, doch! fuhr die Dame dringender fort. Zögern Sie nicht. Nehmen Sie dieſen Mantel, dieſe Kappe, meinen Talar und Gürtel, und laſſen Sie mich hier zurück. Retten Sie ſich, Sire! Rettung! ſagte Karl lebhaft bewegt, wie wäre es möglich? Und Sie, die ſich ſelbſt zum Opfer bringen will, wer ſind Sie? Wie gelang es Ihnen, durch dieſe Thür zu kommen? Mein Vater, erwiederte die Dame, bewahrt die Sie⸗ gel des hohen Offizierraths. Ihr Vater? rief der König, und mit tiefer Stimme fügte er hinzu: Oliver Cromwells Tochter! Jetzt kenne ich Sie. Ich habe dies Siegel benutzt, flüſterte die Dame, um den ſchon geſchriebenen Schein für Biſchof Juxon damit zu verſehen. Fragen Sie nicht weiter, Sire. Eilen Sie, Niemand wird Sie aufhalten. Sie werden alle Wachen paſſiren können. Ein tiefes Mißtrauen füllte Karls Seele und drückte ich eine zu be⸗ Gnaden er fort. l, dieſe ie mich wäre es bringen ch dieſe 271 ſich auf ſeinem Geſicht ab. Das iſt in der That mehr, als ich erwarten konnte, ſagte er, ſie ſcharf betrachtend. Die Tochter Oliver Cromwells, die Braut John Her⸗ berts, dringt bis zu dieſer Stelle, um mir zu meiner Flucht behülflich zu ſein! O! Sire, bat Marie flehentlich, mögen auch meines Vaters Handlungen und ſein Einfluß viel dazu beige⸗ tragen haben, daß England den heutigen Tag erlebt; um ſo inniger iſt Herbert's Verlangen, daß es anders werden möge, und um ſo mehr bitte ich Gott, daß er mir gnädig ſei, größere Sünde von meines Vaters Haupte zu wenden. Cromwell! rief der König, im Tone des tiefſten Abſcheu's. Bekenne, Weib, er hat Dich hierher geſandt? Er will, Du ſollſt mich verlocken, um die Freude zu haben, mich am Thore oder im Park durch ſeine ſchänd⸗ lichen Genoſſen einfangen zu laſſen. Majeſtät, ſagte Marie aufſtehend, denken Sie größer von meinem Vater und— fügte ſie leiſer hinzu— beſſer von mir! Wenn es nicht wahr wäre, fuhr der König lebhaft fort, was könnte Sie bewegen ſich einer ſo furchtbaren Gefahr zu überliefern? Wenn ich entkomme— viſſe Mädchen, Dein weißer Hals würde ſchwerlich dem 272 Henkerbeile entgehen. Dein Vater ſelbſt würde Dich ihm überliefern um ſich dafür von ſeinen Heiligen be⸗ wundern zu laſſen. Das Geſicht des jungen Mädchens erblaßte bei dieſer Vorhaltung, ſie fühlte ihren Muth verſchwinden, aber nach einigen Augenblicken ſagte ſie mit größter Entſchloſſenheit: Mag geſchehen, was da wlll, ich ſtehe in Gottes Hand. Mein Leben hat wenig Reiz noch für mich. Fliehen Sie, Sire, es iſt keine Zeit mehr zu zögern. Der grimmige Oberſt Hacker kehrt in einer Viertelſtunde aus dem Rath zurück; aber verſprechen Sie mir, Ihre Gnade und Liebe dem armen Her⸗ bert wieder zuzuwenden, der Ihr treueſter und beſter Freund iſt. Karl ſtand einige Minuten nachſinnend, dann ſagte er mit feſter aber ſanfter Stimme: Der König flieht nicht! Welche Schmach, wenn man mich ergriffe und zurückſchleppte, und wenn Du ſchuldlos biſt, liebes Mädchen, wie ich es jetzt gern glaube, welches Loos bereitete ich Dir, ſelbſt wenn Du mit dem Leben davon⸗ kämeſt? Aber, Sire, rief Marie ihre Hände faltend, be⸗ denken Sie, daß am Dienſtag uunwiderruflich Ihre Sterbeglocke läuten ſoll. Keine Gnade für Sie iſt bei 273 dieſen blutdürſtigen Männern. Es iſt der letzte Augen⸗ blick, wo Ihnen Gott durch ein ſchwaches Geſchöpf den Rettungsweg zeigt. Stoßen Sie ihn nicht zurück. Der König lächelte. Er legte die Hand auf ihre glühende Stirn und blickte in ihre angſterfüllten Augen. Du biſt ſo ſchön, wie Du gut biſt, ſagte er, und Deine Treue thut meinem Herzen wohl. Dein Opfer aber nehme ich nicht an, fuhr er freundlich fort. Zwiſchen würde Dich Heiligen be⸗ erblaßte bei verſchwinden, mit größter il, ich ſtehe 3 ms heut und Dienſtag liegt eine lange Zeit. Manches kann nt in eie ſich ändern. refprche O! Sire, ſchluchzte Marie, es wird ſich nichts ändern. rna He⸗ Du weißt nicht, ſagte Karl geheimnißvoll nickend, aber beruhige Dich, ich habe noch immer einige Karten ennd beſter. 8. auszuſpielen. Kein Wort mehr, mein Kind; gehe, ehe Dich der grimmige Hacker erblickt, und Gott ſei mit Dir. dum ſne Sage Herbert, daß ich ihn gern ſehen und ihn fordern üni ſih will, wenn die Elenden es geſtatten. Und nun lebe wohl enriſe in und nimm den Dank Deines Königs für immer mit Dir. bit, iiha 4 Mit ſanfter Gewalt führte er ſie zur Thür und öffnete relchs doß dieſe, dann wandte er ſich um und wiederholte triumphirend Leben dauon— ſeine Worte: Der König von England flieht nicht! futeid, keſ—— nffich Jhr 1 — Sie iſt bi Th. Mügge, Romane I. 18 274 XII. London verlebte einen ſchwermüthigen Sonntag in Thränen und Gebeten, und in derſelben Weiſe ging der Montag vorüber. Alle Geſchäfte ſtockten, alle Läden waren geſchloſſen, Entſetzen und Hoffnungen bewegten alle Herzen. Den ganzen Tag über war der Palaſt St. James von Gruppen umringt, die nach den Fen⸗ ſtern des Schloſſes blickten, ſtarke Wachen und Reiter⸗ haufen hielten jedoch Jeden ab, der ſich nähern wollte und zerſtreuten die Verſammlungen, welche ſich bildeten. Der König, ſagte man, ſei allein mit Biſchof Juxon, und wolle ſeine letzten Stunden ganz der Verſöhnung mit dem Himmel widmen; am Nachmittage aber bemerkte man mehrere Edelleute, ſeinen Neffen, den Prinzen von der Pfalz, den Herzog von Richmond und Andere, die zu ihm gelangen konnten, allein er wies ſie ab, da er keine Zeit mehr für irdiſche Dinge habe. In der Morgenfrühe des Dienſtags, während die dumpfen Schläge der Art aus Whitehall herüberdröhnten und eine ſchweigende, erſtarrte Menge ſeit dem erſten Tagesgrauen zuſchaute, wie die Mauer der großen Gal⸗ lerie durchbrochen wurde, und vor derſelben ein Gerüſt ſich erhob, das nach und nach ganz mit ſchwarzem Tuche — nntag in ging der ſe Läden bewegten Palaſt en Fen⸗ Reiter⸗ wollte Juxon, ſöhnung emerkte gen von ere, die da er nd die öhnten erſten 1 Gal⸗ Gerüſt Tuche bedeckt ward, verſammelten ſich die Beiſitzer des Gerichts⸗ hofes in Weſtminſter. Das Todesurtheil war fertig, aber als es verleſen war, blieb die Aufforderung zur Unterzeichnung ver⸗ gebens. Der Anblick Londons, dieſer Schmerz und dieſe Trauer waren nicht ohne Folgen geblieben. Die meiſten Mitglieder des Gerichts waren nicht gekommen; die Leiter der ſiegreichen Partei liefen umher, die Fehlen⸗ den zu holen, ihren Muth durch Vorwürfe zu beleben, und ſich ſelbſt durch allerlei Mittel zu ſtärken. Es fehlte nicht an Wein und Ermahnungen, und Oliver Cromwell ging von Gruppe zu Gruppe, bald Drohworte und Verſprechungen, bald ſalbungsvolle Sprüche anwendend. Nach einiger Zeit jedoch wurde er abgerufen, weil im Vorgemach ihn Jemand zu ſprechen wünſche, und mit freundlichem Geſicht näherte er ſich dem Wartenden, der kein anderer war als Herbert. Nun, Oberſt, ſagte er, ihm die Hand drückend, ich ſehe in Ihrem Geſicht Vertrauen und Hoffnung. Was iſt es, das Ihr Herz umgewandelt hat? Sind Sie end⸗ lich überzeugt, daß wir thun, was unſere Pflicht iſt, wie traurig dieſe auch ſein möge? Iſt das Todesurtheil unterſchrieben? fragte Herbert. Noch nicht, erwiederte der General. Ein menſch⸗ 18* I 276 liches Erbarmen iſt in manchen ſchwachen Gemüthern, die nicht einſehen können, daß das Rückwärts unmög⸗ f lich iſt. General, ſagte Herbert, ſeine Hand feſthaltend, o! 8 daß Gottes Stimme auch in Ihrem Herzen ſpräche⸗ Doch das iſt nichts, fuhr er fort, als er Cromwells Geſicht finſter werden ſah, nicht das Herz, aber die Klugheit, die Politik des Mannes muß ich anrufen, der 1 dieſe ganze fürchterliche Erbſchaft übernehmen wird. Ich habe dies einſt ſchon gethan, fuhr er fort, und leider iſt b mein Rath vereitelt worden. Nicht durch meine Schuld, fiel Cromwell ein, durch die eigene Verblendung dieſes Mannes. Mag es ſo ſein, ſagte Herbert haſtig, noch aber lebt er, noch iſt die ſchreckliche Gewißheit dieſer That nicht da. Ich weiß, ſprach er leiſer, daß in dieſem 1 Augenblick Lord Seymour von Paris gekommen iſt, der . von dem Prinzen von Wales kommt, ausgerüſtet mit jeder Vollmacht, um des Königs Leben zu kaufen. Was will der Knabe? murmelte Cromwell. Mag er ſein eigenes Haupt bewahren. Er bietet Alles was Ihr wollt, fuhr Herbert fort. Seymour beſitzt ein weißes Blatt Papier, unterzeichnet V mit dem Namen des Prinzen. Setzt hinein, was Euch emüthern, unmäög⸗ ltend, ol ſprüche⸗ romwells aber die afen, der rd. Ich ledder iſt in, durch ſch aber ſer That n dieſem iſt der iſtet mit fen. Mag bert fort. eyechna vas Euc 277 nöthig ſcheint; die Thronentſagung der Stuarts, die ewige Verbannung der Familie. Haltet den König im engen Gefängniß, nöthigt ihn zu jedem Opfer, aber be⸗ wahrt Euch vor Blutvergießen, das eben ſo ungerecht wie verderblich iſt. Der König kann nach unſeren Ge⸗ ſetzen kein Unrecht thun. Er kann nicht! erwiederte Cromwell, aber er hat es gethan. Hört mich, Sir, hört mich! ſagte Herbert. Sey⸗ mour hat Briefe an den König, an Fairfax, an den hohen Rath. Ihr müßt ihn hören, Ihr dürft nicht weiter gehen! Er ſoll gehört werden, erwiederte Cromwell, aber ich ſage Dir, es kann zu nichts fruchten, als die Sterbe⸗ glocke Karl Stuarts um einige Stunden zu verzögern. Was hülfe es, dieſen unverbeſſerlichen Mann zu ver⸗ bannen? Er würde wiederkommen. Was hülfe es, wenn er dem Throne entſagte und mit ihm ſein ganzes Ge⸗ ſchlecht? Sie haben keinen Eid gehalten und würden keinen halten. Was hülfe es, ihn einzuſperren? Kein Gefängniß wäre zu feſt für ſeine Intriguen und Ränke. Nichts ſichert vor ihm als der Tod. Komm morgen zu mir, John Herbert, und wir wollen von dieſer Sache reden, als von einer, an der nichts mehr zu ändern iſt. Du wirſt verſtehen lernen, was dieſe Rä⸗ der vorwärts treibt. Wer von uns könnte dem Werke jetzt noch Halt gebieten, ohne zerſchmettert zu werden? Sieh die Regimenter an, ſtudire jedes Geſicht. Das Heer will den Tod dieſes Königs, das Heer will die Republik und der Wille des Heeres iſt Geſetz! Cromwell! rief eine luſtige Stimme von der Thür. Hierher! unterſchreibe! Sogleich, Martin, erwiederte der General.— Ich erwarte Euch, Herbert, geht und tröſtet die, welche nach Euch verlangt. Unterſchreibt nicht, General! rief der Oberſt flehend, indem er ihn feſtzuhalten ſuchte; aber Cromwell hatte ſich losgemacht und Herbert ſah ihn in dem Saale an den Tiſch treten, die Feder ergreifen und ſich nie⸗ derbeugen. Gleich darauf erſcholl ein lautes Gelächter. Crom⸗ well hatte die noch mit Dinte gefüllte Feder ſeinem Freunde Martin durchs Geſicht geſtrichen; Martin hatte es eben ſo mit Cromwell gemacht. Außer ſich vor Schmerz und Empörung eilte Her⸗ bert fort. Er hatte den letzten Verſuch gemacht, ſein ſcheiterndes Schiff auf den Wellen zu halten. Und während neun und funfzig Männer das To⸗ 279 dieſe Rä⸗ desurtheil unterſchrieben, von denen die meiſten es ſo im Werke unleſerlich thaten, daß ihre Namen ſpäter niemals er⸗ werden? rathen werden konnten, war der König von St. James bt. Das nach Whitehall geführt worden. Der Park ſtand dicht will die voll Soldaten, durch deren Reihen Karl ging, dazu wir⸗ . belten die Trommeln, daß Niemand hören möchte, was er etwa ſagte. Als er in das Zimmer trat, das er früher bewohnt 8 hatte, kamen ihm ſeine beiden jüngſten Kinder entgegen, von Herbert begleitet, der auf des Königs Wunſch ein⸗ gelaſſen wurde. er Thür. Der König war fein und einfach gekleidet, aber mit äußerſter Sauberkeit war ſein Kragen gefaltet und ſeine vM V langen Spitzenmanchetten glänzten wie an Gallatagen. 4 7— Er nickte Herbert freundlich zu, hob den achtjährigen ſhm Herzog von Gloſter auf ſeinen Arm und legte ſeine Erou⸗ Rechte auf den Kopf der Prinzeſſin Eliſabeth. ſinen So ſehe ich euch noch einmal, meine geliebten Kin⸗ der, ſagte er voll Zärtlichkeit, indem er ſich niederſetzte, ſie an ſich drückte und wiederholt küßte. Herbert, flüſterte er dann, ſage mir, welche Hoffnung Du noch haſt, ilte der⸗ b welche Erwartungen ich von Seymours Kommen hegen darf? Keine, Sire! erwiederte Herbert, ſein Haupt beu⸗ tin jcie 280 gend. Ich habe dieſe Hoffnung getragen und daran geglaubt; ich weiß jetzt, daß ſie eitel iſt. Die Elenden! rief der König heftig, ſie dürſten nach meinem Blute, und ſie ſollen es haben.— Nichts mehr davon, ich bin bereit zu ſterben, und ſo lebt wohl, meine theuren Kinder, lebt wohl und vergebt den Mördern eures Vaters, wie er ſelbſt ihnen vergiebt. Treue Freunde werden euch behüten, fuhr er fort, indem er die Augen mit einem innigen Blicke auf den Biſchof und Herbert richtete, und wenn ihr eure Mutter wie⸗ derſeht— gütiger Gott! unterbrach er ſich mit zittern⸗ der Stimme— wenn ihr ſie wiederſeht, dann ſagt ihr, daß meine Gedanken immer bei ihr waren, daß ich ſie ſegne, daß ich ſie liebe, wie in den erſten Stunden, und mein Herz ihr gehört, bis zu ſeinem letzten Schlage. Er küßte die Kinder inbrünſtig und betrachtete ihre Züge. Merke mein Sohn, ſprach er dann zu dem jungen Prinzen, was ich Dir ſagen werde. Sie wollen Deines Vaters Kopf abſchlagen und ſeine Krone viel⸗ leicht auf Dein Haupt ſetzen, aber Du darfſt nicht König ſein, ſo lange Deine Brüder, Karl und Jakob, leben. Wenn ſie dieſe fangen können, werden ſie ſie auch köpfen und zuletzt Deinen ſchuldloſen Kopf ab⸗ d daran ſten nach ztts mehr l, meine Mördern Treue dem er Biſchof ter wie⸗ zittern⸗ ſagt ihr, ich ſie den, und hlage. tet ihre zu dem wollen ne viel⸗ ſt richt Jalob, ſie ſie opf ab⸗ 281 ſchlagen. Darum verſprich mir, laß Dich nicht von ihnen zum Könige machen. Nein, nein! ſagte das Kind weinend und ihn küſſend, eher ſollen ſie mich in Stücke reißen. So nehmt meinen Segen und lebt wohl! ſagte Karl, indem er zum letztenmale mit inniger Zärtlichkeit ſeine Kinder an ſich zog. Es iſt genug! rief er dann aufſtehend, während Thränen ſein Geſicht überſtrömten, die er vergebens zu ſtillen ſuchte. Führt ſie fort. Es iſt der letzte große irdiſche Schmerz, er muß überwunden werden. Während die Kinder entfernt wurden, lehnte der un⸗ glückliche Vater ſich an ein Fenſter und deckte die Hände über ſein Geſicht. Erſt nach langer Zeit wandte er ſich um, der Ausdruck ſeiner Züge war ruhig und traurig. Er winkte dem Biſchof, der ihm in das Schlaf⸗ zimmer folgte, wo er auf ſeinen Knieen betete und kehrte dann getröſtet und freundlich zurück, indem er Herbert die Hand bot. Nun zu Dir, mein Freund, ſagte er, um Dir mein letztes Lebewohl zu ſagen, und meine Wünſche auszu⸗ drücken. In dieſer Stunde bitte ich Dich um Ver⸗ zeihung für mehr als einen Schmerz, den ich Dir be⸗ reitet habe. Ich habe Deine Treue nicht immer wohl 282 vergolten, habe durch mein Mißtrauen Dich gekränkt, Dich falſch und Verräther genannt, Deinen Rath ver⸗ achtet und Dich von meiner Seite geſtoßen. O! mein gnädigſter Herr, erwiederte Herbert ſeuf⸗ zend, wollte doch Gott, ich könnte mehr noch für Sie tragen. Ich gehe in das Land des Friedens, ſagte der König. Du bleibſt zurück, mein Freund; ich wünſche aus voller Seele, daß Du glücklich ſein magſt. Marie Cromwell— Sprechen Sie dieſen Namen nicht aus, mein könig⸗ licher Herr, fiel Herbert erſchüttert ein. Nie kann Marie Cromwell mein Weib werden. Die finſtere Entſchloſſenheit, mit der er dieſe Worte ausſtieß, ſchien den König zu überzeugen. Du willſt nichts mit meinen Mördern zu thun haben, ſagte er, nicht mit denen in Liebe beiſammen wohnen, die nach meinem Blute lechzen. Ja, treuer John, ich verſtehe Dich und weiß, Du kannſt nicht anders. Geh denn nach Frankreich, und bringe meinem Sohne Karl meinen Segen. Theile ſein Leid mit ihm, bewahre Dich für ihn; ſei ihm Rath und Stütze und ſuche Dir eine Lebensgefährtin, treu geſinnt, edel und würdig, wie Du es biſt. Gott wird Dich vergeſſen laſſen, daß eine Wunde in Deinem Herzen iſt. h gekränkt Rath ver⸗ erbert ſeuf h für Sie der König. aus voller romwell— mein könig— fann Marie dieſe Worte du wilſt ſagte er, . die nach ih verſteſe Geh denn arl meinen Dich für Dir eine g, vie 6 eine daß 283 Herbert ſchüttelte traurig den Kopf. Ich werde, ſagte er, meines Königs Willen befolgen, ſo weit dies in meiner Macht iſt. Karl war inzwiſchen mit ihm den Saal hinauf ge⸗ gangen und in ein Nebengemach getreten, während er fortgeſetzt leiſe mit ihm ſprach und ihm Aufträge zu ertheilen ſchien. Jetzt ſtand er plötzlich überraſcht ſtill und ſtreckte dann mit Heftigkeit die Hände aus, indem er mit einigen raſchen Schritten ſich den Fenſtern näherte. Dieſe ließen den Platz vor dem Schloſſe ſehen, und welch ein Anblick war es. Düſtere Schnee⸗ und Sturmwolken flogen über den kalten Himmel, eine ſchwere trübe Luft lag auf London. Der große Platz war leer von Menſchen, nur weit ent⸗ fernt konnte der Blick des Königs ſie erreichen, hinter den Schaaren gepanzerter Reiter und den langen Linien des Fußvolks, das von allen Seiten den Raum dicht umgab. Regiment ſtand an Regiment, die Waffen blitzten, Fahnen wehten, Kommandoworte der Offiziere erſchallten und raſſelnd folgte die Vollziehung jedes Be⸗ fehls, wie mit einem Griff und Schlag. Karl betrachtete dieſe finſtern geſchloſſenen Reihen und ſeine Augen thaten ſich größer auf, ſeine ſtarren 284 Blicke hingen an dieſen eiſernen Geſchwadern. Iſt es möglich! rief er endlich, iſt das die Erfüllung?! Ha, treuloſer Prophet! haſt du mir darum geſagt, Whitehall würde einſt umringt ſein von einem unbeſiegbaren Heere? Und welcher furchtbare Dämon war es, der mir fünf⸗ mal nahe treten ſollte?! Cromwell! murmelte Herberts Stimme neben ihm. Wo? Da iſt er! rief Karl auf den Platz hinab deutend. Schwarz ſeine Federn, ſchwarz ſein Mantel und ſchwärzer noch ſeine Seele! Iſt es dies Geſpenſt, das mich irre leitete, deſſen Athem mich vergiftete? Es iſt das fünfte Mal, Herbert, das fünfte Mal! Er preßte Herberts Hand und ſagte dann ruhiger: Seht dort hinab, da ſteht das Heer, das mich zum Tode bringt. Mein Volk liebt mich, mein Volk möchte mich retten, aber das Heer verlangt mein Blut und ich muß ſterben. Ja, ich habe gefehlt und muß es büßen. Nach einem Heere habe ich verlangt, mit einem Heere wollte ich gewaltſam England zwingen, nun wendet ſich die blinde Waffe gegen mich. Aus Gewalt kann kein Recht entſpringen, mit Gewalt wird kein Recht erworben. Wehe denen, die auf Gewalt trotzen! ſie werden ge⸗ freſſen werden vom Schwerte, das alle Freiheit und alles Wohl der Menſchheit vernichtet. Wann wird der 285 Tag kommen, Du Hoher und Gerechter, wo Deine j Kinder alle im Frieden wohnen, wo ſie die blutige Ge⸗ Vbibal walt von ſich werfen und Dein Reich kommen wird 1 derr⸗ über ſie! uir fin⸗ In dieſem Augenblick erſchien Hacker an der Thür und hinter ihm ſtand eine lange Reihe Soldaten. ben in⸗ Es iſt Zeit, Sire, ſprach der Oberſt dumpf und leiſe. atz rini Ich komme! antwortete der König. Lebt wohl Freunde, der Tod iſt mir nicht ſchrecklich. Ich danke meinem Gott, daß ich vorbereitet bin. Mit erhobenem Haupte, langſam und feſten Schrittes ging Karl Stuart durch die Gallerie. Die Soldaten waren heut nicht frech und roh, ſie ſenkten ſchweigend Mantel Geſpenſt, tete? Es . uiiſi ihre Blicke. zum Id Herbert blieb in der Gallerie ſtehen. Er ſah das cie ni ſchwarze Gerüſt, die beiden verlarvten Männer neben ich ni Block und Beil, ſchaudernd ſank er auf ſeine Knie. er. Nach Der König ſprach laut und deutlich: Ich kann nicht ere volle zu dem Volke reden, man hat es zu weit entfernt, um ſich die die Stimme ſeines ſterbenden Königs zu hören, aber ich kein Rech benutze dieſe Gelegenheit, um in Gegenwart Gottes zu. erworben. erklären, daß ich unſchuldig an den Verbrechen bin, deren verden g⸗ man mich angeklagt hat. Was Unheilvolles geſchehen eiheit und iſt, laſtet auf den beiden Häuſern des Parlaments. Sie d der wir 286 haben zuerſt die Rechte der Krone angetaſtet, haben den Oberbefehl über das Heer begehrt, haben dann zu den Waffen gegriffen, bevor ich daran dachte einen Mann auszuheben. Sagte ich es nicht, er ſtirbt wie er gelebt hat! ſprach eine harte drohende Stimme, nicht weit von Herbert, und dieſer erblickte in einem Fenſter der Gal⸗ lerie Cromwell, umringt von Offizieren, Parlaments⸗ mitgliedern und Damen in tiefer Trauer. Aber ich verzeihe Allen, rief der König lauter, ja mehr noch, ich bete, daß ſie bereuen mögen, was ſie ge⸗ than. Dazu aber iſt nöthig, daß ſie dreierlei thun: daß ſie Gott geben, was ihm gebührt und ſeine heilige Kirche herſtellen, daß ſie der Krone ihre geraubten Rechte wiedergeben, und daß ſie dem Volke CEhrfurcht lehren, den Unterſchied, den Gott eingeſetzt hat, zwiſchen Herrſchern und Unterthanen. Eine Bewegung des Unmuths und der Unruhe machte ſich bemerkbar. Nichts hat ſeinen Sinn geändert, ſagte Cromwell, kein Haar iſt anders geworden. Sirs! rief der König den Arm hochhebend, für die Freiheit des Volkes ſterbe ich. Weil ich ſie erhalten wollte, darum ſtehe ich hier. Hätte ich dem Ehrgeiz haben den nn zu den ien Mann elebt hat! weit von der Gal⸗ rlaments⸗ lauter, jn vas ſie ge⸗ tbun: daß lige Kicche ten Rechte ht lehren, Herrſchern iſe machte Eromwel, d, für die e erhalten 1 Ehrjei 287 bewilligt was er forderte, hätte ich dies Reich nach der Gewalt des Schwertes umgewandelt, ſo hätte ich nicht nöthig gehabt hierher zu kommen, und darum ſage ich auch mit meinem letzten Worte, daß ich ein Märtyrer des Volles bin! Gott ſchütze England, Gott ſchütze mein Volk!. Er ſtreckte die Hände ſegnend aus und lehnte den Kopf an die Schulter des Biſchofs. Die Augen vieler Soldaten füllten ſich mit Thränen, die Tauſenden auf dem Platze blieben lautlos. Es ent⸗ ſtand eine tiefe Stille, Herbert bedeckte ſein Geſicht mit beiden Händen. Plötzlich hörte er einen knirſchenden Schlag, dem ein wilder Schrei der Angſt folgte. Todtenbleich ſprang er auf, die frühere Stille war wiedergekehrt; eine einzige laute, grimmige Stimme ließ ſich hören. Er ſah eine ſchwarze Geſtalt, die ein menſchliches Haupt an dem langen Haar emporhielt. Herbert lehnte an der Wand der Gallerie und hörte die weithin hallenden Worte: Dies iſt der Kopf Karl Stuarts, des Verräthers! Starr blickte er auf die Reiterſchaaren, welche die ſtumme Menſchenmaſſe vom Platze trieben; er ſah die Soldaten an ſich vorübergehen, 288 aber er ſchreckte empor als din Sargz an ihm hinge⸗ tragen wurde. d In dieſem Augenblicke würde Herbert von einer ſanften Hand berührt und eine iilternde Stimme flüſterte ſeinen Namen. Er ſah in Mariens weinendes Geſicht, cber; er ſtieß ihre Hand von ſich und ſagte heftis: Geh dort hin, da iſt Dein Platz. Küſſe ſeine bhuligen Finger, wir haben nichts mehr gemein. Raſch drängte er ſich durch die Menge, mit einem tiefen Seufzer ſank Cromwells Tochter in die Arme ihrer Mutter. Herbert ging nach Frankreich, wenige Jahre ſpäter ſtarb er in der Verbannung. Druck von W. Pormetter in Berlin, Kommandantenſtr. 7. an ihm hinge⸗ 72 dert von einer 5 timme flüſtert Vaeze ae, ern— S) 3 . 65 A e e, t, aber er ſtieß h dort hin, de 7 B 2. ſs 22 ger, wir haben ge, mit einen in die Arme e Jahre ſpile⸗ — cK--——ÿ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—————— Grey Control Chart ſeds Green vellow Hed Magenta