5——— reAeee 9 — ½ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8 1 von.. Eduard Otltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 26. Aeih⸗- und Ceſebedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; 11, für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr. PFf. 1 Nr. 50 Ff. 2 M. f. —— 2 1„— 1I. 5 M—„ u— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — —— — Geſchichte der Camiſarden. ———+½ Von 4 Friedrich Schulz. ) Auflage. Zofingen⸗, 1 3 0 2. —————— — Geſchichte der Camiſarden. Ein Seitenſtuͤck zur Geſchichte des 3ojaͤhrigen Krieges. Geſch. d. Camiſarden. A ——y— ——. 4—— —— Geſchichte der Camiſarden. D. Geſchichte der Camiſarden iſt die Geſchich⸗ te der empoͤrten Menſchheit, die ihre Rechte ver⸗ nichtet ſieht, und fuͤr die Reklamation derſelben tyranniſch beſtraft wird. Der Wurm, der ſich unter die Fuͤße getre⸗ ten fuͤhlt, ſtrengt im Nu ſeine ganze Kraft an, ſich zu retten; wer ſich von drei andern ange⸗ griffen ſieht, wird im Ausbruche wilder Verzweif⸗ lung oft ſo ſtark, als dieſe drei. Verzweiflung wagt alles, weil ſie nichts zu verlieren hat, und in ihren Exploſionen ſchont ſie ſelbſt des allmaͤch⸗ tigen Schoͤpfers nicht, weil er nur mit Vernich⸗ tung darauf antworten kann.. Aus dieſem Umſtande erklaͤre man es ſich, wie eine Handvoll Bauern, ohne Erfahrung, ohne Diſciplin, ohne andere Anfuͤhrer, als ſolche, A 2— 6— ˖xᷓê welche die verzweifeltſten unter ihnen waren, drei Jahre hindurch einer uͤberlegenen Anzahl diſcipli⸗ nirter, kriegserfahrner, von Feldherrn angefuͤhrter Truppen, die unter den Waffen aufgewachſen waren, Stand halten, ſie faſt immer und uͤberall zuruͤck werfen und ſchlagen, tauſende von ihnen entweder niederhauen oder gefangen nehmen, oder in Unordnung bringen, und zwei Marſchaͤlle von Frankreich, an der Spize von zwanzigtauſend Koͤpfen, zwingen konnten, mit ihnen um Ruhe und Frieden zu handeln, und endlich dieſe Ruhe und dieſen Frieden von ihnen zu erkaufen, die weder Schrecken noch Gewalt der Waffen, noch Machtgeboth des Monarchen fuͤr das Land zu erringen im Stande waren.— Dieß Beiſpiel iſt faſt einzig in der Geſchichte des menſchlichen Ge⸗ ſchlechts. Die Bewohner der Sevennen**) waren von jeher eifrige Anhaͤnger des reformirten Bekennt⸗ niſſes geweſen. Auch ſie trafen unter Ludwig XIV. die Verfolgungen, die der Fanatismus uͤber die Unkatholiſchen verhaͤngte. Auch ſie wurden ſeit dem Widerrufe des Edikts von Nantes durch Dragoner entweder bekehrt oder niedergehauen, *) So heißt ein gebirgiger Landesſtrich in Languedoc, der gegen Morgen durch die Rohne von Dauphine ge⸗ trennt und gegen Niederlanguedoc, gegen Abend von Rovergue und gegen Mitternacht von Auvergne begraͤnzt wird. — 7 und durch ſchwaͤrmeriſche Abbe's entweder zum Galgen oder zum Himmel befoͤrdert. Recht⸗ glaͤubig oder todt! riefen ihnen Prieſter an der Spize von Fanatikern in Uniform zu: der Koͤnig will es! Aber ſie antworteten: Unſer Leben und unſre Habe opfern wir dem Koͤnige auf, wenn er es verlangt, aber unſer Gewiſſen gehoͤrt Gott, wir koͤn⸗ nen nicht daruͤber verfuͤgen. Dieſe Antwort haͤtte Maͤnnern genuͤgt, wel⸗ che die Rechte der Menſchheit zu vertheidigen ge⸗ habt haͤtten, aber nicht alſo Menſchen, welche die Rechte der Gottheit geltend zu machen glaub⸗ ten. Sie fiengen bald an, ihre Drohungen zur Wirklichkeit zu bringen, anfangs durch Schrecken, dann durch wirklich grauſame Thaͤtlichkeiten. Haufen von Soldaten drangen mitten in der Nacht mit bloſen Saͤbeln in die Haͤuſer, hielten ſie uͤber die Ungluͤklichen geſchwungen und riefen: Todt, todt, oder katholiſch! Jezt floß noch kein Blut, aber Thraͤnen genug. Der Vater zitterte fuͤr die Mutter, die Mutter fuͤr die Kinder, die Kinder fuͤr die Aeltern, und im Ausbruche des Schreckens bekannte mancher Mund, was das Herz nicht bekannte. Aber dieſe Methode duͤnkte die Bekehrer viel zu langweilig. Man errichtete Folterbaͤnke und Galgen, hieng die Ungluͤklichen bei den Fuͤßen uͤber ihre Kamine auf, und bekehrte ſie uͤber ei⸗ 8—— nem Schmauchfeuer; ließ ſie an langen Seilen in tiefe Brunnen hinab bis an das Kinn ins Waſſer und ſchrie ihnen zu: Schwoͤrt ab, oder erſauft! Andere ließ man in dreimal vier und zwanzig Stunden nicht ſchlafen; andern riß man die Naͤgel ab, andere ſtichelte man vom Kopf bis zu den Fuͤßen ſo lange mit Nadeln, bis ſie abſchworen. Man glaube nicht, daß wir einen Kirchen⸗ vater kopiren, der die Chriſtenverfolgungen unter Nero und Diokletian mahlt. Wir ſprechen auf das Wort von Gewaͤhrsmaͤnnern*) nach, die zum Theil Augenzeugen dieſer empoͤrenden Auf⸗ tritte waren. Der Fanatismus iſt von jeher un⸗ erbittlich und methodiſch grauſam geweſen. Er iſt zunaͤchſt das Kind der beleidigten Eigenliebe, die ſich von Gott ſelbſt auf den Haͤnden getragen glaubt, und ſich doch von Geſchoͤpfen verachtet ſieht, die ſie ſelbſt verachtet. Dieß iſt der Sta⸗ chel, der ein Lamm in einen Wolf verwandeln kann. 3 Die Liſten der Bekehrten wurden nach Hofe geſchickt, aber man verſchwieg ſorgfaͤltig, daß Gewalt das meiſte dabei gethan haͤtte. Ludwig XIV. war wohl ſchwach, aber nicht grauſam; ²) S. Etat das Reformés ex Franc, à la Haye 1685. Hi- ſtor. de la France ſous le Regne de Louis xIV. par (Larrey) T. VII.& VIII. ———— —— —— — 9 und ſo eifrig katholiſch er auch im Bette ſeiner lezten Maitreſſe geworden war, wuͤrde er doch ſchon dieſes Umſtandes wegen, nie geduldet ha⸗ ben, daß man ſeine Unterthanen auf der Folter⸗ bank zu eifrigen Katholiken machte. Man ſpie⸗ gelte ihm alſo das Ganze als Wirkung der Gna⸗ de Gottes vor, die ſeinen Eifer belohnen wollte; und Madame Maintenon naͤhrte bei ihm große Achtung fuͤr dieſe Gnade Gottes; weil ſie gern in ſeiner Gnade bleiben wollte. Unterdeſſen giengen die Verfolgungen fort. Man riß die Kirchen der Reformirten nieder, ver⸗ jagte ihre Prieſter, fuͤhrte ſie gewaltthaͤtig zu ka⸗ tholiſchen Beichtvaͤtern, die ihnen die Hoſtie ein⸗ zwangen, wie man Kindern bittre Medicin ein⸗ zwingt, und man ſezte Soldaten mit aufgepflanz⸗ ten Bajonetten vor ihre Haͤuſer, die jeden ihrer Schritte bewachten. Man traute ſeinem Werke nicht und es war natuͤrlich, daß man in jedem Neu⸗ bekehrten einen Heuchler ſah.— Immer noch trieben die Unterdruͤckten noch nicht Gewalt mit Gewalt ab: ſie ſtahlen ſich un⸗ ter den Augen ihrer Verfolger in Hoͤhlen, Waͤl⸗ der, und Kluͤfte, und dienten dort nach ihrer Weiſe dem ewigen Weſen mit einem Feuer, das der Druck in allerhoͤchſte Schwaͤrmerey und un⸗ bedingte Ergebung verwandelt hatte. Sie erſezten den Ungehorſam gegen ihren Koͤnig mit dem feu⸗ rigſten Gehorſam gegen Gott; und wenn ſie in 10— ihren Hoͤhlen uͤberfallen, oder bei der Zuruͤckkunft aus denſelben uͤberraſcht und grauſam gemißhan⸗ delt wurden, fuͤgten ſie ſich mit einer Gelaſſen⸗ heit darein, die um Gotteswillen alle Martern duldete, wenn ihre Verfolger um Gotteswillen alle Martern uͤber ſie verhaͤngten. Einer der unerbittlichſten und grauſamſten unter leztern war der Abbe von Chaila. Einmal hatte er gehoͤrt, daß die Reformirten eine Verſammlung in der Nachbarſchaft des Dorfes Pont de Montvert hielten. Er verlangte und erhielt eine Anzahl Soldaten, die ſich in Hinter⸗ halt legten, und als die Verſammlung geendigt war, gegen ſechzig Hugenotten aufgriffen. Vor der Hand ließ der Abbe einige davon henken und die uͤbrigen auf das Schloß fuͤhren, das er be⸗ wohnte. Traurige Zufaͤlle dieſer Art waren in den Sevennen nicht ſelten geweſen. Sie hatten den dabei verwickelten Familien, Leiden und Kummer gemacht, doch ohne ſie zu Thaͤtlichkeiten aufzu⸗ regen. Auch jezt, da einige der Gefangenen, die Mittel gefunden hatten zu entfliehen, ihren Glau⸗ bensgenoſſen Nachricht von der Unmenſchlichkeit des Chaila gaben, antwortete der große Haufen nur mit Seufzern und Thraͤnen darauf. Aber mitten unter ihnen ſtand ein junger Mann ſprach⸗ los, ohne Gefuͤhl und Bewegung wie es ſchien, aber im Herzen wilde Verzweiflung, eine Zeitlang — —§ IT da, und rief endlich im Ausbruche des bitterſten Schmerzes: Nein, ich will ſie nicht ver⸗ laſſen! Ich muß ſie wieder haben, oder ſterben!. Dieſe Worte galten einem reformirten Maͤd⸗ chen, das mit den uͤbrigen aufgehoben und im Schloße Pont de Montvert eingeſperrt war. Sie war die verlobte Braut des jungen Mannes und hatte in drei Tagen ſeine Gattin werden ſollen. Bruͤder, fuhr er fort, der Abbe iſt ein Prieſter und nicht unſer Koͤnig. Wir koͤnnen ihn ohne Bedenken zwingen, unſre Leute herauszugeben. Glaubt mir das, und kommt mit. Perier, ſo hieß der junge Landmann, ſah, daß ſeine Glaubensgenoſſen unentſchloſſen waren, Gut, ſagte er, wir wollen weiter druͤ⸗ ber nachdenken und dann ſehen. Er be⸗ ſchied ſie auf den folgenden Tag wieder an Ort und Stelle. Bis dahin gieng er von Haus zu Haus und gewann alle fuͤr ſeinen Vorſaz. Sein Muth theilte ſich den uͤbrigen mit und an dem beſtimmten Tage(es war der 24. Jul. des Jahrs 1702.) waren mehr als hundert junge feurige und entſchloſſene Maͤnner mit Gabeln, Senſen, Flinten und Saͤbeln bewaffnet beiſammen. Perier ſprach mit einer natuͤrlichen aber eindringenden Be⸗ redſamkeit zu ihnen und befeſtigte ihren Vorſaz. Sie erwaͤhlten ihn einmuͤthig zu ihrem Anfuͤhrer. 12— Unter dieſen jungen Maͤnnern war kein ein⸗ ziger, dem man nicht einen Vater, eine Mutter, einen Bruder, eine Schweſter, oder einen andern Verwandten entriſſen gehabt haͤtte. Kindliche Lie⸗ be und Mitleid wirkten bei ihnen das, was die Liebe zu ſeinem Maͤdchen bei Perier wirkte. Dieſer fieng damit an, daß er eine Art von Diſciplin unter ſeinem Haufen einfuͤhrte. In der erſten Hize hatte man von Ermordung des Abbe von Chaila geſprochen. Dieſen Vorſaz redete ih⸗ nen Perier mit Feuer und Nachdruck aus. Er ſtellte ihnen die fuͤrchterlichen Folgen, die er ha⸗ ben koͤnnte, vor, und machte ihnen begreiflich, daß der Schwur, den ſie ihm als Anfuͤhrer ge⸗ than, ihn berechtigte, die Widerſpenſtigen ſtreng zu beſtrafen. Periers Vorſtellungen wirkten auf ſeine Leute ſo ſtark, daß ſie von neuem in Verſicherungen ihrer Treue und ihres Gehorſams ausbrachen. Sie zogen ab und kamen mit Anbruch der Nacht vor dem Schloſſe von Pont de Montvert an. Alles war ſtill in demſelben. Die Thore waren verrammelt, denn der Abbe hatte Nachricht von ihrem Vorſatze bekommen. Er hatte ſein Haus⸗ geſinde bewaffnet, und einige Soldaten, die bei ihm waren, hatten ihm verſichert, daß ihre ſchar⸗ fen Patronen dieß Geſindel bald auseinander ſtie⸗ ben wuͤrden. — d d 13 Perier unterſuchte das zu uberwaͤltigende Schloß und fand, daß es keine ſchwere Arbeit ſeyn wuͤrde. Da er aber Gewalt zu vermeiden Willens war, wenn man ihm die Gefangenen auslieferte, ſo beſchloß er, vorher zu unterhan⸗ deln. Er rief alſo ſo ſtark, daß man ihn wohl vernehmen konnte, vor dem Thore des Schloſſes: „Wir ſind nicht gekommen um Gewalt zu gebrauchen. Wir wollen bloß unſere Leute heraus haben!“— Einige Flinten⸗ ſchuͤſſe, die ein Paar ſeiner Leute beſchaͤdigten, waren die Antwort auf ſeine Aufforderung. Muth gefaßt, Leute, gagte er: und mir gefolgt! Er ſtellte ſie vor dem Hauptthore des Schloſ⸗ ſes in Ordnung. Ueber demſelben hatte er einen Vorſprung bemerkt, der ſie vor dem Feuer aus den Fenſtern ſicherte. Drei der ſtaͤrkſten mußten einen Balken aufheben, der in der Naͤhe lag, und mit demſelben wie mit einem roͤmiſchen Sturm⸗ bocke wider das Thor rennen, einige andere hal⸗ fen ihnen, und ſie fuͤhrten die Stoͤße mit ſolcher Gewalt, daß das Thor bald geſprengt war. Als aber Perier bemerkte, daß ſeine Leute, ſo bald das Thor ſtuͤrzte, wild in das Schloß rennen wollten, hielt er ſie zuſammen, und ließ ſie in Ordnung vorruͤcken.„ Niemand in dem Schloße zeigte und regte ſich. Er gab alſo eine Art von Wache ab. In⸗ 14 d dem er eine der Schildwachen ausſtellte, bemerkte er jemand, der ſich aus einem Fenſter retten woll⸗ te. Er gieng hinzu und erkannte den Abbe von Chaila.„Fuͤrchtet nichts, ſagte er zu ihm: aber gebt unſere Leute heraus. Der Abbe fuͤrchtete fuͤr ſeinen Hals. Er warf ſich dem Perier zu Fuͤßen und bath um Gnade.— „Iſt nicht noͤthig; ſagte Perier: meine Leute thun euch nichts. Es ward ihnen unterſagt ehe wir auszogen.“ Der Abbe erhohlte ſich von ſeinem Schrecken, verſprach alles was man verlangte, gab die Gefangenen los, ließ Erfriſchungen bringen und befahl ſeinen Leu⸗ ten: d'obéir en tout point à Monfi ſeur le Com- mandant. Alles gieng gut ab. Die Auftritte von rrind⸗ licher, bruͤderlicher, und ſchweſterlicher Liebe, die zwiſchen den Gefangenen und ihren Rettern vor⸗ fielen, beſchaͤftigten die Herzen Aller. Perier gieng voll Entzuͤcken mit ſeinem Maͤdchen Arm in Arm im Schloßhof auf und ab. Ploͤzlich regte ſich der Daͤmon des Fanatis⸗ mus auf der andern Seite. Ein Enthuſiaſt, der unter den Reformirten war, hatte keinen Vater und keine Schweſter und keine Braut zu befreien gehabt. Er ſprach mit den Gefangenen uͤber die Mißhandlungen, die ihnen widerfahren waren, ließ ſich ihre verrenkten Finger, ihre verſtauchten Haͤnde und ihre uͤbrigen zum Theil noch bluten⸗ ——— — 15 den Schaͤden zeigen, und uͤber dieſer Betrachtung, geriethen er und ſie in eine unaufhaltſame Wuth. Sie ſuchten den Abbe auf, fielen uͤber ihn her, ſchleiften ihn aus dem Schloße, und warfen ihn mit Steinen todt, bevor noch Perier Zeit bekam, ihn zu retten. Dieſer war auſſer ſich vor Zorn. Aber die Schuldigen beſtanden darauf, daß ſie ſeine Befehle nicht gewußt haͤtten. Er konnte das Geſchehene nicht ungeſchehen machen. Mit Tagesanbruch zog er ohne Geraͤuſch ab und nahm nichts aus dem Schloße mit ſich, als die Waf⸗ fen, die ſich auf demſelben gefunden hatten. Nichts von allem uͤbrigen durfte angeruͤhrt wer⸗ den. Ungefaͤhr eine halbe Meile von Pont de Montvert bei dem verfallenen Schloße von Vin⸗ bouches machte er Halt, um abzuwarten, was jene blutige That fuͤr Folgen haben wuͤrde. Er verſchanzte ſich hinter demſelben, und ſchickte Bothſchafter ab, die horchen mußten, was man wider die Moͤrder des Chaila verfuͤgte. Sie ka⸗ men bald mit der traurigen Nachricht zuruͤck, daß man Unterſuchungen angeſtellt, daß man im Schhloße von Pont de Montvert das Nahmen⸗ verzeichniß der Gefangenen gefunden haͤtte und wuͤßte, daß ſie bei Vinbouches ſich aufhielten. Ein Detachement Truppen ſey im Anzuge um ſie aufzuheben. 7 Perier hielt Rath. Man beſchloß, ſich zu trennen. Jeder ſollte ſich auf Umwegen einen 16— Zufluchtsort ſuchen, den er fuͤr den ſicherſten hielt. Das Detachement vertheilte ſich, als es bei Vinbouches niemand fand, um die Camiſarden aufzuſuchen. Denn jezt ward dieſer Nahme erſt beruͤhmt. Den Urſprung hat er von folgendem Vorfalle:. Im Junius eben dieſes Jahres, alſo einige Wochen vor dem Ueberfalle von Pont de Mont⸗ vert hatte ſich ein Haufen von Reformirten und Katholiken zuſammen gerottet, um die Einnehmer der Kopfſteuer, die ihre Pflicht zu ſtrenge gethan hatten, eigenmaͤchtig zu beſtrafen. Die Aufruͤh⸗ rer hatten ſie zur Nachtzeit in ihren Haͤuſern uͤberfallen, und ſie mit ihren Regiſtern am Halſe aufgehaͤngt. Da dieſe Leute, die eine Zeitlang in dieſer Gegend ſpuckten, ſich verkleidet hatten, und zwar ſo, daß ſie Ein Hemd uͤber ihre Kleider und ein anderes uͤber den Kopf geworfen hatten: ſo nennte man ſie Camiſars von dem Worte Camiſe, worein ihre Provinzialſprache das Wort Chemile verwandelt hatte. Durch ein Mißverſtaͤndniß legte man nach der Zeit dieſen Nahmen den Reformirten bei, die zu den Waffen gegriffen hatten, und zugleich ſchrieb man auch den Unfug jener Moͤrder auf ihre Rechnung. Unter⸗ — 17 Unterdeſſen wuͤthete der Geiſt des Fanatis⸗ mus immer noch aus dem Menſchen, der die Veranlaſſung zu dem Morde des Chaila gegeben hatte. Er hieß Eſprit Seguier, und war eine Art von Geiſtlichen. Als Periers Leute bei Vinbouches aus einander giengen, rafte er gegen dreißig der Eifrigſten wieder zuſammen, zog mit ihnen nach Pont de Montvert, verbrannte das Schloß, und ſezte die ganze Gegend herum in Feuer und Blut. Er ermordete die katholiſchen Prieſter und alle Anhaͤnger dieſes Bekenntniſſes jedes Geſchlechts, jedes Standes und Alters, und gab vor, der heilige Geiſt habe ihn geſandt und zu dieſen Unternehmungen geſtaͤrkt. Das Schloß von Deveſe und die Doͤrfer Frugeires und Saint Andre de Lanciſe und ihre Kirchen waren das Theater dieſes fanatiſches Wuͤtherichs und alle dieſe Graͤuel im Laufe von drei Tagen veruͤbt. Die uͤbrigen Reformirten, die ſeiner Wuth nicht Einhalt thun konnten, zitterten vor den Folgen. Die Juſtiz bemaͤchtigte ſich endlich ſei⸗ ner. Ein Detachement ſtieß auf ſeinen Haufen und zerſtreuete ihn beim erſten Angriffe. Man wollte vorzuͤglich den Anfuͤhrer. Er war ent⸗ wiſcht, aber man forſchte ſo lange nach ihm, bis man ihn fand und aufhob. Geſch. d. Camiſarden, B 1 18— Die Kuͤhnheit und Seelengroͤße(wenn Fana⸗ tismus Seelengroͤße genannt werden kann) die dieſer Mann bis zum lezten Augenblicke ſeiner Hinrichtung zeigte, ſind faſt unerhoͤrt. Der Offi⸗ cier, der ihn feſt nehmen ließ, ſagte mit wilden Blicken zu ihm:„Unmenſch, jezt hab' ich Dich! Was erwarteſt du fuͤr deine Schandthaten?— Was du zu erwarten haͤtteſt, wenn ich Dich haͤtte! erwiederte Se⸗ guier mit unbegreiflicher Kaͤlte. Mit demſelben Phlegma erſchien er auch vor ſeinen Richtern. Sie verurtheilten ihn zum Holzſtoß. Er hoͤrte dieſe Sentenz heiter, ſtill und voll Ergebung an. Sein Benehmen war beſcheiden, aber entſchloſſen, und ſeine Antworten gaben, wie ſein Stillſchwei⸗ gen, den Anblick eines chriſtlichen Helden aus den Zeiten des Diokletian. Er blieb in ſeiner Rolle auch auf dem Holzſtoße, und die Wuth der Flam⸗ me konnte ihm keine Klage, keinen Seufzer ab⸗ preſſen. Die Anſtalten, die man von Seiten der Re⸗ gierung gegen dieſe Unruhen traf, waren zu ſtuͤr⸗ miſch, als daß ſie der Erbitterung haͤtten ſteuern koͤnnen. Die Truppen, welche die Camiſarden uͤberall aufſuchten, und ein Blutgericht, das man zu Flora niedergeſezt hatte, verbreiteten uͤberall Angſt und Schrecken. Sie gaben der Sache den Schein eines buͤrgerlichen Krieges, regten das Volk auf, und machten, daß man das Uebel fuͤr 1 — 19 fuͤrchterlicher hielt, als es war. Indeß verſchaff⸗ ten ſie doch eine Zeitlang Ruhe. Seitdem der Haufen Periers aus einander gegangen und Se⸗ guier mit den Seinigen aufgerieben war, hatte man nichts mehr von Camiſarden gehoͤrt. Eine Proclamation, die man ergehen ließ, ſchien den Reformirten ſogar Hoffnung zu machen, daß ſie bald das Ende dieſer Verfolgungen ſehen wuͤrden. Aber ſie ſchien es nur: den hinter der Guͤte, Nach⸗ giebigkeit und Weisheit, die ſie ſchau trug, war Treuloſigkeit, Intoleranz und Grauſamkeit ver⸗ ſteckt. Hier iſt ein kurzer Begriff ihres Inn⸗ halts; Der Koͤnig gewaͤhrt nach ſeiner Gnade und Guͤte Generalpardon und Losſpruch allen de⸗ nen, die mittelbar oder unmittelbar an der Er⸗ mordung des Abbe von Chaila und allem uͤbri⸗ gen darauf erfolgten Unfuge Theil gehabt haben, doch unter der Bedingung, daß die Schuldigen ihre Waffen niederlegen und ruhig in ihre Woh⸗ nungen zuruͤkkehren, widrigenfalls ſie nach dem Verlauf einer beſtimmten Zeit fuͤr Aufruͤhrer er⸗ klaͤrt und als ſolche verfolgt und gezuͤchtigt wer⸗ den ſollen- 1 Auf dieſe Verſicherung kamen viele der Fluͤcht⸗ linge zuruͤck. Man hb ſie auf und henkte ſie vor ihren eigenen Haͤuſern. So wollte es das vorhin erwaͤhnte Blutgericht. B2 Nun ſezte ſich alles, was reformirt war, auf fluͤchtigen Fuß und warf ſich haufenweiſe in Waͤlder und Hoͤhlen. Man feagte aͤngſtlich ein⸗ ander: wo iſt Perier? Dieſer erſchien bald an der Spize eines neuen Haufens, der ſich aus den Truͤmmern des erſten gebildet und durch den Zutritt mehrerer Bra⸗ ven verſtaͤrkt hatte. Die uͤbrigen Vertriebenen ſchlugen ſich dazu, und alles, was Waffen fuͤh⸗ ren konnte, verband ſich, durch gleichen Eifer be⸗ ſeelt, fuͤr ſein Bekenntniß, fuͤr ſeine Familie, fuͤr ſeine Freiheit und ſein Leben ſich bis auf den lez⸗ ten Blutstropfen zu wehren. Der Graf von Broglio, der die koͤnig⸗ lichen Truppen befehligte, ließ die Wohnungen aller derer verbrennen, die ſich aus Mißtrauen auf die hinterliſtige Proclamation, oder aus Schrecken uͤberhaupt, in die Gebirge gerettet hat⸗ ten; und zog heran, um die Fluͤchtlinge zu uͤber⸗ fallen und aufzuheben. Aber Perier, der dieß er⸗ wartet hatte, traf zur rechten Zeit Gegenanſtal⸗ ten, die um ſo wirkſamer waren, da er ſich durch Bothſchafter von den Planen des Grafen Nach⸗ richt zu verſchaffen gewußt hatte. Seinen Standort hatte er in einem dicken Walde und in einer unzugaͤngigen Gegend ge⸗ nommen. Dort entwarf er den Plan zu ſeinen Unternehmungen. Er erneuerte ſeine alten Ein⸗ richtungen und vermehrte ſie mit neuen. Da er — 21 ſich auf die gewoͤhnliche Kriegsdiſciplin nicht ver⸗ ſtand, ſo ſchuf er ſich eine neue, die ſeiner Lage angemeſſen war. Seine Leute mußten dieſe Kriegs⸗ geſetze beſchwoͤren. Mit Anbruch der Nacht pflegte er kleinere Haufen abzuſchicken, die unausgeſezt kamen und giengen und Waffen und Lebensmittel zuruͤk brach⸗ ten. So erhielt und bewaffnete er ſeine Leute, die auſſer Flinten, Saͤbeln, Piſtolen und Bajo⸗ netten noch ein Beil im Guͤrtel trugen, ein fuͤrch⸗ terliches Waffenſtuͤck, wenn es von einer maͤnn⸗ lichen Fauſt gefuͤhrt wird. Einige der ſtaͤrkſten hob er aus, bewaffnete ſie mit Senſen und machte ein eigenes Corps daraus, deſſen er ſich nach der Zeit mit zerſtoͤrendem Erfolge bediente. Alle dieſe Vorkehrungen hatte er getroffen, als er die Nachricht erhielt, daß ein Corps koͤnig⸗ licher Truppen, dreihundert Koͤpſe ſtark, bei dem Dorfe Karnule, eine Meile von ſeinem Standorte eingetroffen ſey. Er beſchloß, die aufzuſuchen, die ihn ſuchten. Sein Anſchlag war uͤberlegt. Er gieng aus dem Dickicht hervor, und auf ſei⸗ nem Zuge bemerkte er ein Terrain, das zu ſeiner Unternehmung paßte. Es war ein Kreuzweg, mit einem dicken Gebuͤſche umfaßt, von dem aus man auf beiden Seiten die Straße beſtreichen konn⸗ te. Sein Haufen war ungefaͤhr zweihundert Koͤpfe ſtark. Er verbarg ihn bis auf funfzig, die er fuͤr ſich behielt, in dem Gebuͤſche auf beiden Seiten der Straße und ließ ſie ſich dort nieder legen. Seine Senſenknechte ſtellte er voran in das Gebuͤſch. Den uͤbrigen Anfuͤhrern gab er jedem ſeine beſondern Befehle, und er ſelbſt zog mit ſeinen Funfzigen den Weg hinan, den die koͤnig⸗ lichen Truppen kommen ſollten. Er machte ſich bald von ihnen bemerkt, wandte ſich dann um, und gab ſich das Anſehn, als ob er vor ihnen hin fliehend eine Anhoͤhe er⸗ reichen wollte. Die Truppen machten eine Be⸗ wegung ihn abzuſchneiden; ſeine ſcheinbare Flucht ward uͤbereilter, und er warf ſich in die Straße, wo ſein Hinterhalt verborgen lag. Dieſen hatte er nicht ſo bald erreicht, als er ſich ſchwenkte und ie Truppen mit feſtem Fuß erwartete. Dieſe kamen in Feuer des Nachſezens aus Reih' und Gliedern und draͤngten ſich unordentlich an und in das Gebuͤſch. Ploͤzlich gab Perier ſein abge⸗ redetes Signal, und in eben dem Nu traf ein Hagel von Kugeln aus dem Hinterhalte die Truppen. Ein großer Theil davon ſtuͤrzte und die uͤbrigen wollten, uͤberraſcht und erſchrocken, ſich durch die Flucht retten; aber auf ein zwei⸗ tes Signal traten die Senſenknechte hervor, bil⸗ deten einen Halbzirkel uͤber den Weg hin und verſperrten den Fluͤchtlingen den Nuͤckzug. Nun ſtuͤrzten von allen Seiten Cannſarden uͤber ſie her, und Bajonet, Saͤbel und Senſe rieben ſie auf, bis auf fuͤnf, denen Perier kaltbluͤtig auftrug, — 23 nach Bequemlichkeit zum Grafen von Broglio zuruͤk zu gehen und ihm zu erzaͤhlen, daß und wie man ſie geſchlagen haͤtte. Die Camiſarden verlohren nur acht Maͤnner in dieſem Handgemenge. Die Erſchlagenen pluͤn⸗ derte und begrub man, ſo gut man konnte. Pe⸗ rier ſandte ein Detachement mit der errungenen Beute nach ſeinem Standorte, den er zugleich als ein Aſyl fuͤr die fluͤchtigen Familien brauchte. Er hatte daſelbſt eine kleine Anzahl von ſeinen Leu⸗ ten zuruͤk gelaſſen, die es bewachten, und durch kleine Streifzuͤge in die umliegende Gegend ſich und den Weibern und Kindern, die ſie zu verſorgen hatten, noͤthigen Unterhalt verſchafften. Das Detachement ſtieß um Mitternacht wie⸗ der zu Perier und er ſezte ſich zum zweitenmal, minder aͤngſtlich als das erſtemal bei dem Schloſſe von Vimbouches. Hier vernahm er, daß der Graf von Broglio an der Spize von vierhundert Mann den Schimpf der koͤniglichen Waffen in eigener Perſon abzuwaſchen Willens waͤre. Die Camiſarden waren leicht und ſchnell, wie die Hirſche, und in Thaͤlern und auf Bergen zu Hauſe. Die koͤniglichen Truppen waren ſchwe⸗ rer, und dieſen Umſtand nuzte Perier, um den Grafen beſtaͤndig in Athem zu erhalten und ſeine Leute zu necken und zu ermuͤden. Sonach erſchien und verſchwand er bald hier bald dort wie ein Bliz und dieß trieb er einige Tage hindurch ſo unausge⸗ 24— ſezt, daß der Graf endlich muͤde ward und ſich nach Montpellier begab, um ſich zu erhohlen. Nur zuweilen kam er, die Poſten zu viſitiren, die er zerſtreut auf der Ebene zuruͤck gelaſſen hatte. Die koͤniglichen Truppen waren, wie ihr An⸗ fuͤhrer, des Kletterns muͤde, und die Action von Karnule verbunden mit unablaͤßigen und fruchtlo⸗ ſen Zuͤgen und Gegenzuͤgen, hatte ſie matt und muthlos gemacht. Die Camiſarden nuzten dieß, um ſich in ihren Wald zuruͤck zu ziehen und fuͤr den juͤngſterfochte⸗ nen Sieg ein feierliches Dankfeſt anzuſtellen. Die Andacht und das religieuſe Feuer, das die ganze Verſammlung beſeelte, entzuͤndete die Schwaͤchern unter ihnen mit einer Schwaͤrmerey, die ihren Un⸗ ternehmungen eine himmliſche Glorie umwarf, und die eingebildete Gabe der Prophezeihung unter ih⸗ nen aufregte. Greiſe und Weiber waren jezt noch ihre Propheten; aber wir werden bald ſehen, daß ſelbſt ihre handfeſtern Maͤnner und Anfuͤhrer von dieſer goͤttlich geglaubten Raſerey angeſtecket wuͤrden. Sie behielten waͤhrend dieſer Zeit der Ruhe die Haͤnde nicht unthaͤtig im Schooß. Sie thaten in kleinen Haufen Streifzuͤge in die benachbarten ka⸗ tholiſchen Doͤrfer. Eine ihrer Hoͤhlen hatten ſie zu einem Zeughauſe, eine andere zu ihrem Proviant⸗ magazin, eine dritte zu einer Kleiderkammer, und eine vierte zu einem Lazareth fuͤr Kranke und Ver⸗ wundete eingerichtet. Die Furcht und Achtung, die man fuͤr ſie hatte, gaben ihnen Muth, ſich mehr heraus zu wagen. Im ganzen genommen, war auch das Land auf ihrer Seite und unter⸗ ſtuͤzte und erhielt ſie ins geheim. Deßhalb konn⸗ ten ſie auch allmaͤhlig die Weiber, Kinder und Alten wieder zu ihren Familien zuruͤck ſchicken, und ſich dadurch nicht bloß von einer unbrauchbaren Buͤrde befreien, ſondern ſich auch an ihnen An⸗ haͤnger verſchaffen, die ihnen Bothſchaft und Le⸗ bensmittel brachten. Perier hatte ſelbſt einige Katholiken durch ſeine Mannszucht, die es nie zu Raub und Pluͤnderung kommen ließ, fuͤr ſich ge⸗ wonnen. Sie kamen oft den Beduͤrfniſſen der Camiſarden ſogar zuvor, und ſelten durften dieſe gewaltthaͤtige Hand anlegen. Ihre Lage war ſol⸗ chergeſtalt wo nicht ruhig, doch minder ungluͤk⸗ lich geworden. 3 Der Gluͤkswechſel ins Beſſere erheitert das Herz und feuert zu Unternehmungen an. In die⸗ ſer Stimmung waren einmal die Camiſarden waͤh⸗ rend eines großen kriegeriſchen Schmauſes, den ſie von der Ausbeute der Jagd und einiger Streife⸗ reyen in die Nachbarſchaft angeſtellt hatten. Ihr Anfuͤhrer, der nur in ſo fern Bauer war, ſagte waͤhren deſſelben:„die koͤniglichen Trup⸗ pen haben ſich empfohlen. Es kommt mir vor, als ob ſie nach den Regeln der Höflichkeit mit uns umgehen wollten. . 26— Wenn das iſt, ſo duͤrfen wir ihnen den Beſuch, den ſie uns bei Karnule ge⸗ macht haben, nicht ſchuldig bleiben. Ich moͤchte wohl, daß ſich unſre Leute fertig machten.“ Man antwortete ihm in demſelben Tone. Dieß war des Abends. Der Befehl zum Auf⸗ bruche lautete: So bald der Morgen grau't. Alle die Nachrichten, die man von den ko⸗ niglichen Truppen hatte, liefen auf die einzige hinaus, daß ſie ruhig in ihren Quartieren ſtaͤn⸗ den. Perier wußte, daß ein Corps von ihnen, zweihundert Koͤpfe ſtark, in einer Gegend ſtand4, deren Aus⸗ und Zugaͤnge ihm genau bekannt wa⸗ 8 ren. Sein Vorſaz war, dieſe Truppen, um ſei⸗ ne Leute zu ſchonen, nicht auf ihrem Poſten ane zugreifen, ſondern ſie heraus zu locken, und mit ihnen handgemein zu werden, und zugleich ſeine Leute in Uebung und Athem zu erhalten. Aber ſey es nun, daß die Truppen Nachricht von ſei⸗ nem Anzuge erhielten, oder daß ſie ein Wetteifer anfeuerte, ihm das zu thun, was er ihnen zu thun im Begriffe war: genug, als er aus einem Hohlwege heraus kam, um ſich in die Ebene zu ſtehlen und den Feind zu uͤberraſchen, ſah er die⸗— ſen, ſtaͤrker als er war, mit Entſchloſſenheit zu iihn heran und ihm entgegen ziehen. Perier naͤherte ſich mit Entſchloſſenheit und ſtellte ſich, den Hohl⸗ — 27 weg im Ruͤcken, in Schlachtordnung. Die koͤnig⸗ lichen Truppen ruͤckten heran. Man neckte ſich eine Zeitlang; aber waͤhrend des Scharmuͤzels bekam Perier eine Wunde, und da er fuͤrchtete, daß dieſer Zufall nachtheilig auf ſeine Leute wir⸗ ken moͤchte, zog er ſich mit muſterhafter Ordnung zuruͤck. Die koͤniglichen Truppen thaten ein Glei⸗ ches, weil ihnen ſeit dem Vorfalle von Karnule die Luſt vergangen war, ihm in Berge und Ge⸗ buͤſche zu folgen. Dieſer Vorfall entſchied nichts und wird nur durch die Bleſſur Periers und durch die Vorſicht der koͤniglichen Truppen merk⸗ wuͤrdig. Periers Wunde hinderte ihn, die Geſchaͤfte wie bisher mit Thaͤtigkeit zu verwalten. Er uͤber⸗ gab alſo die Befehlshaberſchaft einem andern Ca⸗ miſarden, Nahmens la Porte, den er vor allen uͤbrigen ſchaͤzte, und ließ ſich zu ſeiner Frau in ein Haus ſchaffen, deſſen die Camiſarden gewiß waren. Dieſe(es war eben die, welche er aus der Gefangenſchaft von Pont de Montoert be⸗ freiete) bewachte und pflegte und ſtellte ihn in kurzer Zeit wieder her, waͤhrend die Camiſarden Bethtage fuͤr die Erhaltung ihres Anfuͤhrers an⸗ beraumten und in ſeiner Abweſenheit nichts unter⸗ nahmen, als daß ſie ihre kleinen Detachements wie gewoͤhnlich ausſchickten. Perier kam endlich wieder, aber nur, um auß mmer Abſchied von ſeinen Bruͤdern zu nehmen. 28 Er erklaͤrte, daß er auſſer Landes wollte. Dazu gab er weiter keinen Grund an, als daß die Lie⸗ be und die Klagen ſeiner Gattin ſeinen Eifer fuͤr das Wohl der Bruͤder beſiegt haͤtten. Dieſe wandten alles an, um ſeinen Entſchluß umzuſtoſ⸗ ſen; aber er blieb unerſchuͤtterlich. Was ſie an ihm verloͤhren, ſagte er: gewoͤnnen ſie an laPorte doppelt wieder. Dieſer ſelbſt drang in ihn, zu bleiben, aber vergebens. Er gieng nach Genf, und die Klagen und Thraͤnen ſeiner Bruͤ⸗ der folgten ihm. La Porte ward an ſeiner Statt einmuͤthig zum Hauptanfuͤhrer gewaͤhlt. La Porte war ein Mann von ungefaͤhr vier⸗ zig Jahren, groß und ſchlank gewachſen, mit ei⸗ ner maͤnnlichen und einehmenden Bildung, einem ſchwarzen, dicken Bart, einer ſtarken Stimme, einem ernſthaften Weſen, und einer erprobten Ent⸗ ſchloſſenheit. Ueber Mannszucht hielt er mit einer Strenge, die in Unerbittlichkeit uͤbergieng. Nur einen Fehler hatte er, von dem Perier frei war: er hatte Hang zum Fanatismus. Auch mocht' er lieber angreifen, als ſich angreifen laſſen, und in dieſem Punkte riß ſich ſeine Herzhaftigkeit oft von ſeiner Vorſicht und Klugheit los. „Wir uͤbergehen einige einzelne unbedeutende Vorfaͤlle, um Naum fuͤr einen wichtigern zu be⸗ kommen, der nicht weit von de la Salles, einer 4 kleinen, Stadt in den obern Sevennen ſich dar⸗ both. 1 6 — 29 La Portens Leute waren jezt uͤber fuͤnfhun⸗ dert Koͤpfe ſtark. Seit dem die Camiſarden Mu⸗ nition und Lebensmittel genug herbei zu ſchaffen gewußt hatten, war ihre Anzahl bis auf dieſen Punkt geſtiegen. Die koͤniglichen Truppen wuß⸗ ten nicht, daß ſie ſo ſtark waͤren. Es war eine eigene Kriegsliſt la Portens, ſie dießfalls durch Spione irre zu fuͤhren. Unter leztern war be⸗ ſonders einer, der ſich ihm ſehr nuͤzlich machte. Er ſpielte den eifrigen Katholiken und wenn er es nicht war, wußte man doch, daß er es geweſen waͤre. Man trauete ihm alſo. Eben dieſer Spion hatte es den koͤniglichen Truppen als ein wichti⸗ ges Geheimniß entdekt, daß la Porte aus ſeinen Waͤlder auf Pluͤnderung ausgezogen waͤre, Der Hunger haͤtte ihn dazu vermocht, und er haͤtte nur ungefaͤhr hundert oder hundert und funfzig Leute bei ſich. Der Spion hatte gemeſſene An⸗ weiſung von la Porte, mithin konnte er alle Um⸗ ſtaͤnde bis auf den Weg angeben, den er genom⸗ men haͤtte oder noch nehmen wuͤrde. Sgpgleich ließ der Graf von Broglio ein Corps von fuͤnfhundert Koͤpfen unter Anfuͤhrung eines geſchikten Partheigaͤngers ausruͤcken. Der Spion mußte ihm den Weg zeigen. Er fuͤhrte ihn gerade zu den Camiſarden. La Porte war auf dieſen Beſuch gefaßt. Beim Anblicke des Feindes ſtellte er ſich, als ob er vor ihm floͤhe, und zog ſich in die Waͤlder von Cha⸗ 30— teigners, die den Abhang eines Berges bedeckten, zuruͤck. Man mußte hinauf klettern, um ihn zu erreichen. Die koͤniglichen Truppen naͤherten ſich in geſchloßnen Gliedern und hatten zu Fuͤhrern Miquelets bei ſich, Bergbewohner, die man aus Roußilon hatte kommen laſſen. Die Camiſarden ſchwenkten ſich und ſtanden, ſo bald ſich ihnen die koͤniglichen Truppen bis auf einen Buͤchſenſchuß genaͤhert hatten. Die Mique⸗ lets thaten den erſten Angriff. Ein Haufen Ca⸗ miſarden, der eine Zeitlang in dem Gebuͤſche Stand hielt, hatte Befehl zu weichen, ſo bald die uͤbrigen Truppen zur Unterſtuͤzung der Mique⸗ lets heran ruͤckten. Sonach zog dieß vorgewor⸗ fene Corps ploͤzlich zuruͤck, waͤhrend die Feinde im Nu durch ein ſchreckliches Feuer angegriffen wur⸗ den, von dem ſie nicht wußten, woher es kam. Sie fuhren aus einander, ſezten ſich aber wieder. Jezt ſtuͤrzten die Camiſarden aus den Hecken her⸗ vor und warfen ſich mit Gabeln, Senſen, Beilen, und Saͤbeln auf den Feind. Der Kampf ward hartnaͤckig. La Porte ſank unter ſeinen Wunden nieder. Dieß erſchuͤtterte die Camiſarden. Ein Vetter la Portens hielt einige der Entſchloſſenſten zuſammen und warf ſich dorthin, wo die uͤbrigen wichen. Er und ſeine Leute fochten mit wilder Verzweiflung. Das Gluͤk wollte ſich immer noch nicht fuͤr ihn erklaͤren, denn die koͤniglichen Trup⸗ pen wehrten ſich erbitterter als je. Die Camiſar⸗ Eeen den ſezten ſich wieder und feuerten Pelotonweiſe auf ſie; die Senſenknechte und Beiltraͤger warfen ſich unter ſie und zwangen ſie endlich zur Flucht. Der Ueberreſt ſchlug ſich durch und ſtuͤrzte vom Berge herunter, ward aber auch dort von den Flinten verſteckter Camiſarden empfangen. Dieſe draͤngten und verfolgten ſie eine Zeitlang und dann ſammelten ſie ſich von neuem unter den Augen Rolands. So hieß la Portens Vetter. Der Sieg war auf ſeiner Seite; aber er hatte ihm viel gekoſtet. Das Schlachtfeld war mit Verwundeten und Todten bedeckt. Die koͤniglichen Truppen hatten gegen dreihundert, und die Camiſarden mehr als hundert Menſchen verlohren. La Porten fand man in lezten Zuͤgen. Man hob ihn wie die uͤbri⸗ gen verwundeten Camiſarden auf, und verband ihn, waͤhrend andere die Todten pluͤnderten und mit ihrer Beute den Wald gewannen. Gewoͤhnlich hielten ſich die koͤniglichen Trup⸗ pen nach ſolchen Aktionen eine Zeitlang ruhig in ihren Quartieren, und dieſe Ruhe nuzten die Ca⸗ miſarden, um ſich von ihrem Verluſte zu erhohlen, und ſich zu verſtaͤrken. Die Koͤniglichen Truppen waren dießmal des Sieges zu gewiß geweſen, als daß ſie ihre Nieder⸗ lage haͤtten geſtehen ſollen. Sie wollten alſo die Camiſarden geſchlagen und ihren Anfuͤhrer nieder⸗ gehauen haben. Man ſtellte Dankfeſte fuͤr dieſen Sieg an, und machte ſie durch la Porten ausge⸗ 32.— ſtellten Kopf deſto feierlicher, waͤhrend dieſer von ſeinen Wunden faſt geheilt, eben dieſen Kopf zu neuen Planen wider ſeine Verfolger ſchon an⸗ ſtrengte. Indeſſen liefen doch wahrhaftere Berichte von dieſem Vorfalle nach Hofe. Bis jezt hatte man dieſen Krieg dort fuͤr unb deutend gehalten. Nun ward man anderer Meinung. Ob gleich der Koͤ⸗ nig ſeine ſaͤmmtlichen Truppen fuͤr Italien und Flandern, wo Eugen und Marlborough ihnen zu ſchaffen machten, noͤthig gebraucht haͤtte: ſo ſchick⸗ te er doch einige Regimenter Infanterie und Dra⸗ goner unter Anfuͤhrung des Brigadiers von Ju⸗ lien nach den Sevennen ab. La Porte lebte, und war auſſer Gefahr. Wenn er auch noch nicht perſoͤnlich wieder thaͤtig werden konnte, ward er ſeinen Bruͤdern wenigſtens durch paſſende Beſehle näzſich Roland that das Uebrige. Drei Monathe waren ſeit der Aktion bei de la Salles verfloſſen. Da es ſpaͤt im Jahre war, bezogen die koͤniglichen Truppen die Winterquar⸗ tiere. Faſt taͤglich kamen neue Detachements der⸗ ſelben an, die kleine Armee in Languedoc zu ver⸗ ſtaͤrken. Der Hof wollte mit einem einzigen ent⸗ ſcheidenden Streich alle Camiſarden auf einmal ausrotten. La Porte glaubte ſich gaͤnzlich geheilt und ſtellte ſich von neuem an die Spize der lez⸗ tern. Die Zahl ſeiner Feinde war betraͤchtlich an⸗ gewachſen, er wollte alſo auch ſeine Freunde ver⸗ mehren. Da die Feldarbeiten gethan waren, ſo war eine Menge ſtarker und brauchbarer Maͤnner jezt unthaͤtig zu Hauſe. Dieſen ließ er durch ſei⸗ ne Kundſchafter die drohenden Gefahren der Pro⸗ vinz vorſtellen. Es waͤre der Plan des Hofes, die Reformirten ganz und auf einmal auszurotten, alſo waͤren ſie ihrer Religion und ſich ſelbſt die lezte allerhoͤchſte Anſtrengung ſchuldig. Es waͤre ruͤhm⸗ licher mit den Waffen in der Hand, als mit einem Strick, um den Hals zu ſterben. Dieſe Vorſtellungen wirkten. In wenig Ta⸗ gen ſtieß eine anſehnliche Verſtaͤrkung von hand⸗ feſten Maͤnnern zu ihm, die Waffen und Muni⸗ tion mit brachten. So oerſtaͤrkte und verſorgte ſich la Porte von allen Seiten, und die koͤnigli⸗ chen Truppen, die Erhohlung von ihrem weiten Zuge brauchten, hinderten ihn nicht daran. 8 gleich verſtaͤrkte er ſich auch moraliſch. Er hatt bemerkt, daß Fanatismus ein treflicher Vorfec hie ſey. Er hatte demſelben alſo nicht ſo geſteuert, wie Perier. Die Schwaͤrmer, Conovulſionalrs und kleinen Propheten, die ſich unter ſeinen Leuten be⸗ fanden, hatte er gebraucht, um den Muth und Enthuſiasmus dieſer zu naͤhren und zu verſtaͤrken. Von ihnen ließ er ſich, wenn er einen Zug zu thun im Begriffe ſtand, immer in voraus Sieg prophezeihen. Er ſelbſt predigte von Bafz Zeit, Geſch. d. Camiſarden. E 34— beſonders ſeit ſeiner lezten Krankheit, und ver⸗ mehrte dadurch das Vertrauen, das man allge⸗ mein auf ihn ſezte, vis auf den hoͤchſten Grad. Aber eben dieſer ſchwaͤrmeriſche Eifer, den er mit den uͤbrigen in die Wette zeigte“, brachte ihm den Tod. Als er eines Sonntags mit der allerhoͤch⸗ ſten Anſtrengung Pſalmen ſang, oͤffneten ſich ploͤzlich alle ſeine Wunden. Ein heftiges Fieber ſchlug dazu, und ward ſechs Tage nachher toͤdt⸗ lich. Die Beſtuͤrzung und Ruͤhrung der Cami⸗ ſarden laͤßt ſich nicht mit Worten ausdruͤcken. Ihr Verluſt war um ſo gefaͤhrlicher jezt, da ſich die koͤniglichen Truppen um die Haͤlfte vermehrt, von neuem wider ſie in Bewegung ſezten. Sie hatten keine Zeit zu verlieren. Roland ward an la Portens Stelle zum Hauptanfuͤhrer ernannt, und man leiſtete ihm einmuͤthig den Eid der Treue. Sie kannten ihn als einen entſchloſſenen, klugen Mann, und erwarteten mit Ungeduld den Zeitpunkt, wo ſie einen neuen entſcheidenden Schritt zur Vertheidigung ihres Lebens und ihrer Rechte unter ſeiner Ausfuͤhrung thun ſollten. Die Camiſarden hatten jezt nicht bloß mehr auf ihren wilden Muth zu rechnen, der ſie an⸗ fangs beſtaͤndig ſiegen ließ: ſie waren foͤrmlich exercirt und an Tactik gewoͤhnt worden. Roland war Soldat geweſen, und verſtand die millieaͤri⸗ ſchen Handgriffe aus dem Grunde. Ueber Manns⸗ zucht und Subordination war bei ihnen von jeher 4 ſtreng gehalten worden. Ihr Muth und Enthu⸗ ſiasmus thaten das uͤbrige. Ihr Aufzug und ihre Bewaffnung waren freilich ſehr ſeltſam. Ihre Flinten waren bald kurz, bald lang. Im Guͤr⸗ tel trugen ſie Piſtolen und an der Seite Saͤbel, Bajonette und Degen von jeder Form und jeder Fabrik. Beile, Senſen, Forken und Piken ſezten dieſem abentheuerlichen Heergeraͤthe die Kro⸗ ne auf. Ihre Kleidung war noch weniger im Stan⸗ de, Achtung zu erwecken: ſie war ſchmutzig, ge⸗ flikt und zerlumpt. Aber das Ganze gab einen gewiſſen, finſtern, raͤuberiſchen und moͤrderiſchen Anblik, der ſehr auf Schrecken wirkte. Uebrigens war ihr ganzes Corps in Com⸗ pagnien von hundert Mann vertheilt, deren jede einen Brigadier an der Spize hatte, unter dem wiederum ein Lieutenant und vier Unterofficiere ſtanden. Der Anfuͤhrer des Ganzen hatte den Titel General, den der Kriegsrath dem Ro⸗ land zuerſt ertheilt hatte. Roland war noch nicht fuͤnf und zwanzig Jahre alt, als ihm die Anfuͤhrung ſeiner Leute uͤbertragen ward. In fruͤhern Jahren hatte er als Dragoner gedient. Er war ein großer, ner⸗ viger, regelmaͤßig gewachſener Mann, mit ſchwar⸗ zem Bart und maͤnnlichem Geſichte, Er hatte 4 C 3 8 36 8— viel geſunden Verſtand und einen unerſchuͤtterli⸗ chen Muth. So bald er das Kommando uͤbernommen hatte, theilte er ſein Corps in drei verſchiedene Haufen, den einen von dreihundert, den andern von vierhundert, den dritten von vier⸗ bis fuͤnf⸗ hundert Koͤpfen. Den erſten ſchickte er ab, um die Berge von Boitieres, und den zweiten, um die von Auſerre zu beſezen. Er ſelbſt nahm mit dem dritten eine Stellung, die mit den beiden uͤbrigen einen Triangel bildete, der ungefaͤhr einen Strich von drittehalb Meilen umfaßte. Dieſe Stellung hatte Roland gewaͤhlt, um theils die koͤniglichen Truppen auf mehrern Seiten zu be⸗ ſchaͤftigen, theils ohne Zeitverluſt einen Haufen zu dem andern werfen zu koͤnnen, wenn er von ei⸗ nem uͤberlegenen Feinde angegriffen wuͤrde, theils ſie alle drei ohne Zeitverluſt zu vereinigen, wenn er der ganzen Macht beduͤrfte. Uebrigens war der Strich, den ſie beſezt hielten, beſonders die Gegend, wo Roland ſtand, Meilen weit in die Runde mit Haͤuſern beſezt, aus deren Bewohnern ſich die Camiſarden zum Theil zuſammen gezogen hatten. Das Land umher war ganz von Refor⸗ mirten bewohnt und auf ihrer Seite. Solcherge⸗ ſtalt konnten ſie ſich, wenn Noth an Mann trat, aus der Mitte dieſer bis an drei und vier tau⸗ ſend Koͤpfe verſtaͤrken. Endlich hatten ſie auch noch ihre Waͤlder in der Naͤhe, die ihnen beſtͤn dig einen ſichern Zufluchtsort gewaͤhrten; und an Lebensmitteln, Waffen und Munition hatten ſie keinen Mangel. Uebrigens kampirten ſie nicht regelmaͤßig, wußten kein Lager abzuſtecken, und hatten keine Zelter. Gegen Wind und Wetter ſchuͤzten ſie ſich ſo gut ſie konnten in Kluͤften, unter Baͤumen, oder Schuppen. Um ſich her hatten ſie eine Men⸗ ge Vorpoſten ausgeſtellt, die es unmoͤglich mach⸗ ten, unentdekt zu ihnen vorzudringen. Jeder Un⸗ bekannte oder Verdaͤchtige wurde auf den gering⸗ ſten Argwohn niedergeſchoſſen. Rolands Befehle waren uͤber dieſen Punkt beſonders gemeſſen und ſtrenge. So kam es, daß eine Menge Kundſchaf⸗ ter von Seiten der koͤniglichen Truppen, aufge⸗ bracht und hingerichtet wurden. Die davon ka⸗ men, hatten ihre Entdeckungen gemeiniglich nur von einem Baum, oder einem Berge herab ma⸗ chen konnen. Deßhalb waren die Berichte, die ſie zuruͤck brachten, hoͤchſt unvollſtaͤndig„ dunkel und verworren, und nur dieß brachte man aus den verſchiedenen Auſſagen heraus, daß uͤberall Camiſarden herum ſchwaͤrmten. Einige wollten ſie in den Bergen von Boitieres, andere in den Gebirgen von Auſerre, noch andere in den ihnen entgegen geſezten Gebirgen geſehen haben. Un⸗ zaͤhlige Camiſarden! ſagte der Herr von Julien. Er glaubte es nicht; aber man zwang ihn bald, es zu glauben. 38 4— Da man dieſe Spionen fuͤr verdaͤchtig hielt, ſo ſchickte man einige Detachements aus, denen man ſie als Fuͤhrer zugab, mit der Drohung, ſie zu henken, wenn ihre Auſſagen nicht beſtaͤttigt gefunden wuͤrden. Aber ſie waren ihrer Sache gewiß und fuͤhrten die Truppen mit Zuverſicht nach den beſchriebenen Gegenden. Wo ſie hin kamen, ſtellten ſich ihnen Camiſarden entgegen; da ſie aber keinen Befehl zum Schlagen hatten, ſo recognoſcirten ſie dieſelben bloß, und berichteten nachher, was ſie geſehen und gefunden hatten. Roland ward von ſeinen Spionen nüͤzlicher bedient. Er erfuhr durch ſie alles bis auf die kleinſten Bewegungen des Feindes. Herr von Ju⸗ lien hatte nach Hofe geſchrieben, und Roland wußte woͤrtlich, was er geſchrieben hatte. Sein Brief war an den Principalminiſter von Chamil⸗ lard gerichtet und folgenden Innhalts geweſen: Der Graf von Broglio haͤtte die Lage der Ange⸗ legenheiten in den Sevennen nach der Wahrheit berichtet, und das Uebel waͤre ſogar noch aͤrger, als er es geſchildert haͤtte. Die Camiſarden waͤren gegen Zehntauſend Koͤpfe ſtark, waͤren gut bewaff⸗ net und exercirt, und verheerten in den Gebirgen alles um ſich her, drohten auch, in die Ebene herab zu kommen. Man wuͤrde verſuchen, ſie im Zaum zu halten; aber ohne Verſtaͤrkung der Trnppen wuͤrde es nicht mit Nachdruck geſchehen koͤnnen. * Und wirklich erſchienen die Camiſarden bald in der Ebene. Sie hatten in einem Kriegsrathe beſchloſſen, bis vor die Thore der umliegenden Staͤdte zu ſtreichen. Mit Niemes wollten ſie den Anfang machen. Hundert Camiſarden zogen da⸗ hin. Catinat, einer ihrer Anfuͤhrer, auf wel⸗ chen Roland ein groſſes Vertrauen ſezte, war an ihrer Spitze. Der Nahme dieſes Mannes war eigentlich Morel, weil er aber in Piemont un⸗ ter dem Marſchall von Catinat gedienet hatte, ſo hatte er deſſen Nahmen angenommen. Als der Gouverneur von Niemes Nachricht bekam, daß man einen bewaffneten Haufen heran ziehen ſaͤhe, ſchickte er funfzig Dragoner ab, um ihn zu beobachten. Catinat zeigte ſich an der Spitze von nur vierzig Koͤpfen. Die Dragoner ſprengten auf ihn zu. Er floh und zog ſie da⸗ durch allmaͤhlich von der Stadt ab in ein Thal, wo ſeine uͤbrigen Leute im Hinterhalte lagen. Die Dragoner ſprengten unordentlich hinter ihm her, ploͤzlich wurden ſie von einem moͤrderiſchen Feuer empfangen. Einige wichen, andere ſezten ſich wieder. Aber die Camiſarden, die hier und da hinter Hecken und Baͤumen verſteckt ſtanden und von allen Seiten lebhaft feuerten, brachten ſie bald ganz in Unordnung und ſchlugen ſie form⸗ lich in die Flucht. Ein Camiſarde von ſechszehn bis ſiebzehn Jahren, klein und unanſehnlich von Figur, warf ſich einem Dragoner in den Weg, 2I. 4 ſchoß ihn vom Pferde herunter, ſprang auf daſ⸗ ſelbe, ſprengte hinter die Fliehenden her, fiel mit dem Saͤhel in der Hand bald auf dieſen, bald auf einen andern, und verfolgte den Reſt bis na⸗ he vor Niemes, wo er ihn ſeiner Betaͤubung uͤber⸗ ließ, und darauf ruhig zu ſeinen Leuten zuruͤck ſprengte. Gegen vierzig Dragoner blieben in dieſem Ge⸗ fechte. Die Camiſarden erbeuteten mehrere Pfer⸗ de, und verlohren nur vier Menſchen. An ſich war dieß Handgemenge nicht wichtig; aber die Zolgen deſſelben waren es, und auſſerdem hat ſich waͤhrend deſſelben in der Perſon des Cavalier (ſo hieß der junge Camiſarde) eine Art von Wun⸗ er angekuͤndigt, das ihren wilden Enthuſiasmus ſtaͤrker aufregte. Catinat ſtreifte fuͤnf oder ſechs Tage in der Gegend von Niemes umher, waͤhrend die koͤnig⸗ lichen Truppen nicht die mindeſte Bewegung mach⸗ ten, den erlittenen Schimpf abzuwaſchen. Er be⸗ unzte dieſe Unthaͤtigkeit, und ſie brachte ihm mehr Vortheile, als die Niederlage von funfzig Dra⸗ gonern. Reformirte und Katholiken beeiferten ſich in die Wette, erſtere vor Freuden, und leztere vor Furcht, ihm Lebensmittel, Waffen und Blei zuzufuͤhren, und ob gleich er, beſonders von ſei⸗ nen Glaubensgenoſſen, viel erwartet hatte, uͤber⸗ traf ihre Unterſtuͤzung ſeine Erwartung doch. Schon unter la Porte hatten die Reformirten in — 41 den Gebirgen ihren Glaubensgenoſſen in der Ebe⸗ ne zugeſezt, mit ihnen gemeinſchaftliche Sache zu zuge 9 machen, und der Religionseifer waͤre an ſich ſchon wirklich genug geweſen, ſie dazu zu vermoͤgen; indeß waren ſie bis jezt unentſchloſſen geblieben, weil ſie auf der einen Seite von dem Verlangen, die Feſſeln ihres Gewiſſens zu zerbrechen, und ih⸗ re natuͤrlichen Rechte wieder geltend zu machen, zwar angezogen; auf der andern Seite aber durch die Furcht vor Folter, Galgen und Rad, die den Emporern auf dem Fuß folgten, und wo⸗ von ſie ſchreckliche Beiſpiele geſehen hatten, zu⸗ ruͤck geſtoßen wurden. Es kam alſo darauf an, ihnen Schluͤßigkeit beizubringen. Dieß Geſchaͤft war dem Catinat als Hauptſache bei ſeinen jezi⸗ gen Streifereien von Roland anempfohlen wor⸗ den. Es bedarf wenig, ein einmal erhiztes Volk zu gewinnen. Der kleine Vortheil, den ſich Catinat dießmal erfochten hatte, blendete und ermunterte die Reformirten; ſie nahmen ihren Entſchluß, und verſprachen, alles zu thun, was er, ſeiner Auf⸗ traͤge gemaͤß, von ihnen verlangen wuͤrde. Ro⸗ land ward hievon benachrichtiget, und er nuzte dieſe vortheilhafte Erklaͤrung. Wir wollen etwas naͤher unterſuchen, was er dadurch gewann. Wenn man aus den Sevennen herab ſteigt, tritt man in ein weitlaͤuftiges, reizendes Thal, das man la Vaunage nennt. Es ſchließt ſich an eine weitlaͤuftige Ebene, die gegen Morgen Niemes, gegen Mittag das Meer, und gegen Abend den Fluß Vidourles hat. Ebene und Thal bilden zuſammen eine einzige Landſchafe, die ſo bevoͤlkert, und mit Haͤuſern und Doͤrfern ſo be⸗ ſaͤtt, und zugleich ſo fruchtbar und lachend iſt, daß es die Reformirten fruͤherer Zeiten das klei⸗ ne Canaan nannten. Vor dem Widerrufe des Edicts von Nantes, zaͤhlte man mehr als dreiſ⸗ ſig reformirte Kirchen darinn, und jezt noch mach⸗ ten ſie den groͤßten Theil der Bewohner aus, ob wohl, dem Schein und Nahmen nach, als Neu⸗ bekehrte. Roland wollte auch nicht, daß ſie auf der Stelle dieſe Maske abnehmen ſollten. Es war ihm genug, ſich ihrer verſichert zu haben, um gelegentlich bei ihnen einen Zufluchtsort zu finden, und von ihnen Mannſchaft, Munition, und jede andere Unterſtuͤtzung zu erhalten. Nach dieſer Vorbereitung alſo konnten ſich die Camiſarden allmaͤhlig uͤber die Ebene verbrei⸗ ten, und bis vor die Thore der Staͤdte ſtreifen. Rolands Plan, die ganze Provinz, und ſelbſt die anſtoßenden, in Krieg zu verwickeln, naͤherte ſich auch ſeiner Ausfuͤhrung dadurch, und dieſer war nichts weniger als chimaͤriſch, weil die Landſchaf⸗ ten, Vivares und Rovergue, den Geiſt des Auf⸗ ruhrs naͤhrten, und ſogar ſchon Rolanden durch ihre Bothſchafter hatten befragen laſſen, wie, und durch welche Mittel ſie am bequemſten zu den Waffen greifen koͤnnten. Catinat war von neuem mit etlichen und ſechzig Pferden abgeſchickt worden. Jeder Reiter hatte einen Fußknecht hinter ſich auf dem Pferde. Dieß war ziemlich die ganze Reiterei der Cami⸗ ſarden, und ſie war beſtimmt, Pferde in der Ca⸗ margue,(einer moraſtigen Landſchaft, welche von Baucaire bis Cette die Rhone endlang ſtreicht) anzugreifen, deren die Bewohner in großer Men⸗ ge ziehen, und die ſie ſo lange wild herum lau⸗ fen laſſen, bis ſie dieſelben brauchen, oder verkau⸗ fen wollen. Es iſt eine gute Pferderace, zwar klein, aber ſtark, fluͤchtig und unverwuͤſtlich. Ro⸗ land wollte eine Art leichter Reiterei damit berit⸗ ten machen. Catinat zog auf Umwegen zu dieſer Unter⸗ nehmung ab, um nicht auf die koͤniglichen Trup⸗ pen zu ſtoßen. Aber er erfuhr bald, daß man in Niemes Nachricht von ſeinem Zuge haͤtte, und daß der Oberſte von Saint⸗Sernin mit ſeinem Dragonerregiment ausgeruͤckt waͤre, um ihn ab⸗ zuſchneiden. Er ſezte ſich alſo in einer Gegend, durch die der Oberſte kommen mußte, wenn er an ihn wollte. Man ſtelle ſich eine Landſtraße vor, die auf beiden Seiten eine halbe Stunde weit durch Wein⸗ berge eingeſchloſſen iſt. Catinat verſteckte ſeine Fußknechte in den Vertiefungen und hinter den Schuzmauern dieſer Weinberge, einen halben Büch⸗ ſenſchuß von der Straße entfernt, und ſeine Rei⸗ 44— ter poſtirte er oberhalb der Gegend, wo die Wein⸗ berge angiengen, dergeſtalt, daß ſie die Spize des Regiments angreifen konnten, waͤhrend deſſen Mittelpunkt durch den Hinterhalt beſchaͤftigt wuͤr⸗ de. Cavalier befehligte den kleinen Haufen Ca⸗ vallerie, und Catinat gieng zu ſeinem Poſten in den Weinbergen zuruͤck, und befahl ſeinen Leuten die tiefſte Stille an. Der Vortrab des Drago⸗ nerregiments erſchien bald. Man ließ ihn ruhig vorbei. So bald aber das Mittel des Regiments voruͤber war, gaben die Camiſarden ploͤzlich und abgemeſſen Feuer, und Neiter und Pferde ſtuͤrz⸗ ten verwundet oder todt uͤber einander. Der Oberſte von Saint⸗Sernin verſuchte, voll Ent⸗ ſchloſſenheit und Wuth, ſeine Leute zuſammen zu halten, aber vergebens; die Pferde draͤngten und verwickelten ſich zwiſchen und in den Weinpfaͤh⸗ len und Ranken, ſtuͤrzten und warfen ihre Reiter ab, und der Oberſte ſelbſt war gezwungen, ſich, ſo gut er konnte, durch zu reiſſen und durch zu hauen. Alles floh, aber waͤhrend Cavalier unter dem Vortrabe metzelte, und die Fluͤchtlinge zuruͤck warf, drang Catinat an der Spize ſeiner Hand⸗ voll Fußknechte mit aufgepflanztem Bajonet her⸗ vor, und ſtieß alles nieder, was ihm in den Wurf kam. Zwei Drittheile des Regiments blieben in dieſem Handgemenge. Die Camiſarden verlohren nicht mehr, als ſet)szehn Menſchen, und bemaͤch⸗ tigten ſich uͤber hundert Pferde. Unterdeſſen war Cavalier, der vor Ungeduld, ſich auszuzeichnen, brannte, dem Oberſten von Saint⸗Sernin auf den Huf nachgeſprengt, und dieſen rettete nur der Umſtand, daß ſein Pferd beſſer lief. Vor Niemes brachte er einige Truͤm⸗ mer von ſeinem Regimente wieder zuſammen, und zog mit denſelben, von ſeiner Geringſchaͤzung der Camiſarden aus dem Grunde geheilt, in die Stadt. Catinat war mit dieſer Unternehmung zufrie⸗ den, und verſchob den Zug nach der Camargue bis auf eine andere Zeit. Die Todten ließ er auszie⸗ hen, die Sorge fuͤr die Verwundeten uͤberließ er dem Feinde, und ſo zog er mit ſeinen Camiſarden, die nun groͤßten Theils die Uniform des Dragoner⸗ regiments von Saint⸗Sernin trugen, in ſeine Berge zuruͤck. Die Bewohner von Niemes ſahen mit Schrek⸗ ken ein Regiment zuſammen gehauen, das fuͤr eins der bravſten galt, und ihre Beſtuͤrzung theilte ſich dem ganzen Niederlanguedoc mit. Kalte Ue⸗ berlegung haͤtte die Einwohner uͤber dieſen Punkt beruhigen ſollen. Es waren damals vierzehn bis fuͤnfzehn tauſend Mann guter Truppen in der Pro⸗ vinz, die zum Theil aus Deutſchland und Flan⸗ dern, zum Theil aus Italien gekommen waren, wo ſie, wenn auch nicht immer geſiegt, doch dem Feinde die Uebergewalt ſtreitig gemacht hatten. Doch vermehrte vielleicht eben dieſer Umſtand das allgemeine Erſtaunen. Man ſah, daß eben dieſe Truppen uͤberall geſchlagen wurden, wo ſie ſich zeigten, und daß ſie uͤberhaupt bei ihren Unter⸗ nehmungen gegen die Camiſarden von einem ge⸗ wiſſen Zuge von Eckel oder Ueberraſchung gemei⸗ ſtert wurden, der ihren Muth abſtumpfte. Fuͤr den Officier war es verdrießlich und abſchreckend, mit Leuten zu thun zu haden, die ſchon im voraus zum Holzſtoß oder zum Rade verurtheilt waren⸗ und deßhalb wilde Wuth und Verzweiflung mit zum Gefechte brachten, waͤhrend ſie der Soldat, der weniger raͤſonnirte, fuͤr eben ſo viel Hexenmei⸗ ſter und Teufel hielt. Sonach ſtritten fuͤr die Camiſarden Vernunft, Vorurtheil, und eine unwillkuͤhrliche Muthloſigkeit, die durch ihre wuͤ⸗ thende Vertheidigung beſtaͤndig neue Nahrung erhielt. Kuͤhnheit der Lezteren. Catinat ward zum drit⸗ tenmal abgeſchickt. Er war durch die Ebene nach der Camargue gezogen, und hatte dort eine be⸗ traͤchtliche Anzahl von Pferden aufgebracht, und eine Menge Flinten und anderer Waffen zuſam⸗ men gerafft, auf Mauleſel geladen, und ſie nach dem Hauptquartiere transportirt. Er ſelbſt hatte dieſen Transport gedeckt, und unterwegs weder koͤnigliche Truppen, noch andere Hinderniſſe vorge⸗ funden. So war er bis nahe an die Bruͤcke bei Candiac gekommen, die dort uͤber die Vitre, einen Dieß vermehrte das Selbſtvertrauen und die — 47 ſchmalen, aber tiefen und reiſſenden Fluß, geſchla⸗ gen iſt. Er erfuhr, daß ein feindliches Corps dieſe Bruͤcke beſezt hielt. Er uͤberlegte noch, wozu er in dieſer Verlegenheit greifen ſollte, als ihm die zweite Nachricht zukam, daß ſich eben dieß Corps zuruͤck gezogen haͤtte. Er ſchickte funfzig ſeiner Leute ab, um ſich, wenn die Nachricht gegruͤndet waͤre, der Bruͤcke zu bemaͤchtigen; im entgegen geſezten Falle aber ohne Zeitverluſt wieder zu ihm zu ſtoßen. Er ſelbſt folgte ihnen langſam und in geſchloßnen Gliedern aus der Ferne nach. Cavalier, der das kleine Detachement befeh⸗ ligte, fand wirklich die Bruͤcke frei, ſezte ſich bei derſelben, und gab dem Catinat Nachricht davon. Aber bald ſah er die koͤniglichen Truppen, betraͤcht⸗ lich ſtark, wieder heran ruͤcken. Er hatte Urſache zu fuͤrchten, von ihnen uͤberwaͤltigt zu werden, er⸗ wartete ſie aber doch feſten Fußes, weil er auf ſchleunige Huͤlfe von Seiten Catinats rechnete. Dieſer kam auch wirklich noch zur rechten Zeit den koͤniglichen Truppen zuvor, ſtellte ſich ihnen in geſchloßnen Gliedern entgegen, und griff ſie ſo wuͤthend an, daß ſie wichen. Zum Ungluͤk be⸗ kam er eine Wunde, die ihn zum Fechten unfaͤ⸗ hig machte. Die koͤniglichen Truppen ſezten ſich wieder, und die Camiſarden wehrten ſich nicht mehr mit ihrer gewohnten Entſchloſſenheit. Ploͤz⸗ lich trat Cavalier an ihre Spitze, und rief: Mir nach, Bruͤder! ſie ſind geſchlagen, 48—, wenn ihr mir folgt!— Auf dieß Wort ſez⸗ ten und faßten ſich die Camiſarden augenblicklich wieder, ſtuͤrzten auf den Feind los, und brachten ihn von neuem in Unordnung. Cavalier rief ſei⸗ ne Leute zuruͤck, die den Fluͤchtlingen zu hitzig nachſezten, lud den Catinat und die uͤbrigen Ver⸗ wundeten auf Pferde, ließ auf dem Schlachtfelde vierzehn von ſeinen Leuten todt zuruͤck, und mar⸗ ſchirte in ſo guter Ordnung weiter, daß ein neues Corps koͤniglicher Truppen, welches ihm auf den Ferſen folgte, und gerne an ſeine Convoy wollte, ihm keinen Vortheil abgewinnen konnte. So kam er ohne Verluſt in dem Hauptquartiere der Ca⸗ miſarden an. Seine Leute glaubten, der heilige Geiſt ſtritte aus ihm, und die koͤniglichen Trup⸗ pen, der Teufel. Beide irrten. Fanatismus und Verzweiflung ſtritten aus dieſem Baͤckergeſellen, der fuͤr ſeinen Muth mit dem Himmel belohnt zu werden hoffte, waͤhrend die koͤniglichen Soldaten⸗ die einem irrdiſchen Koͤnige dienten, nur auf ihre gewoͤhnliche Loͤhnung rechnen konnten. Unterdeſſen hatten der Graf von Broglio und Herr von Julien ernſtlich darauf gedacht, der In⸗ ſolenz dieſes neuen Anfuͤhrers der Camiſarden Einhalt zu thun. Hinter ihrer anſcheinlichen Un⸗ thaͤtigkeit war der Plan, ihn einzuſchließen, und ihn entweder unter den Saͤbel, oder unter das Rad zu bringen, verſtekt geweſen. Ihre Trup⸗ pen hatten ſich allmaͤhlig aller Zugaͤnge in die — —— — 49 Gebirge bemaͤchtigt. Cavalier hatte zwar alle ihre Bewegungen ausforſchen laſſen, war aber ihrem Plane zu ſpaͤt auf die Spur gekommen. Er hatte ſich aus dem Gebirge in die Ebene ge⸗ worfen, und erfuhr bald, daß er nicht zuruͤck, und von Roland, im Fall er angegriffen wuͤrde, nicht unterſtuͤzt werden koͤnnte. Aber er ſezte ſich nicht bloß vor, dieſe Verlegenheit zu heben, er wollte ſogar den Feind in ſeiner eigenen Schlin⸗ ge fangen, und ſein Plan verungluͤkte nicht. Ein Corps koͤniglicher Truppen hielt einen Paß beſezt. Cavalier beſchloß, daſſelbe zwiſchen zwei Feuer zu nehmen, und daruͤber hin in das Gebirge zu dringen. Die Schwierigkeit, dem Ro⸗ land von dieſem Plane Nachricht zu geben, hielt ihn nicht ab. Seine Leute kannten Schlupfwege, die ſie ſich von wilden Thieren hatten zeigen laſ⸗ ſen, und kletterten uͤber Abgruͤnde hin, in welche Andere geſtuͤrzt ſeyn wuͤrden. So ſpielte er dem Roland einen Brief zu, worinn er ihn bath, an einem gewiſſen beſtimmten Tage vor Anbruch der Sonne mit vierhundert Mann in der Gegend des erwaͤhnten Paſſes ſich zu zeigen. Er meldete ihm, daß der Feind denſelben mit ſechshundert Mann beſezt hielt, und daß er ihn im Geſichte mit zwei⸗ hundert Mann angreifen wollte, waͤhrend er von ihm im Ruͤcken mit vierhundert Mann angegrif⸗ fen wuͤrde. Geſch. d. Camiſarden. D 50 3— Roland fand ſich zur geſezten Zeit mit fuͤnf⸗ hundert Mann ein. Aber ſey es, daß Cavalier, der ſich dem Feinde unter Beiſtand einer finſtern Naacht genaͤhert, eine guͤnſtige Gelegenheit ihn an⸗ zugreifen gefunden, oder daß er von einer ver⸗ meinten goͤttlichen Regung ergriffen, ſich den Sieg als unausbleiblich prophezeihet, oder daß er dem ſehr menſchlichen Triebe allein, und ohne Bei⸗ huͤlfe, einen glaͤnzenden Streich auszufuͤhren, nachgegeben hatte; genug, er warf ſich, als der Tag kaum grauete, mit ſolcher Wuth auf den Feind, daß dieſer in Unordnung kam, und ſeinen Poſten verließ. Roland kam gerade dazu, als die koͤniglichen Truppen von allen Seiten aus einander fuhren, ſtuͤrzte ſich mit ſeinen Leuten un⸗ ter ſie, und metzelte fuͤrchterlich. Der Sieg war vollſtaͤndig auf der Seite der Camiſarden. Sie verlohren kaum vierzig Menſchen; aber die kd⸗ niglichen Truppen hatten gegen vierhundert auf dem Plaze gelaſſen. Roland lobte mehr den Er⸗ folg der Unternehmung Cavaliers, als die Unter⸗ nehmung ſelbſt, wie es bei aͤhnlichen Vorfaͤllen immer iſt, die dem Unternehmer, je nachdem der Ausſchlag faͤllt, entweder das Schaffot, oder den Lorbeerkranz verdienen. Indeſſen ließ er der Ent⸗ ſchloſſenheit Cavaliers alle Gerechtigkeit wieder⸗ fahren, vereinigte ſein Corps mit dem ſeinigen, und ſo waren ſie im Begriffe, unter dem Gewir⸗ bel der Trommeln zuruͤck zu marſchiren, als ſie — 51 vernahmen, daß ſich neue Truppen ſehen lieſſen, und Bewegungen machten, wodurch ſie das Ge⸗ fecht erneuern zu wollen ſchienen. Als aber Ro⸗ land ſeine Truppen Fronte machen ließ, und die Verſtaͤrkung gleichſam heraus forderte, ließ es dieſe damit genug ſeyn, daß ſie ihn eine Zeitlang zu erwarten ſchien, und ſich bald nachher ganz zu⸗ ruͤck zog. Nun ruͤckten die Camiſarden gleichfalls in ihr Hauptquartier. Hiier hielten ſie einen Kriegsrath, in welchem beſchloſſen wurde, daß ſie ſich, um dem Feinde einen groſſen Begriff von ihrer Staͤrke zu machen, uͤberall und auf allen Seiten zeigen, und dadurch die koͤniglichen Truppen, ſich zu theilen, und ih⸗ ren Entſchluß, die Ausgaͤnge des Gebirges beſezt zu halten, aufzugeben zwingen wollten. Acht⸗ hundert Camiſarden wurden unter Cavalier zu dieſem Behufe abgeſchickt, und Roland behielt den Reſt fuͤr ſich, um in den obern Sevennen zu agi⸗ ren, ſeine Magazine und Zufluchtsoͤrter zu decken, und auf alles ein wachſames Auge haben zu koͤnnen. Unterdeſſen war Catinat von ſeinen Wunden noch nicht ganz wieder hergeſtellt. Zwar war er einer der erſten geweſen, die Cavaliers Entſchloſ⸗ ſenheit und Geiſtesgegenwart nach Verdienſt an⸗ erkannt hatten; aber er konnte es doch nicht ohne inneres Nagen anſehen, daß er ihm jezt vorgezo⸗ D 2 52 2— gen wuͤrde. Er leß ſich auch im Kriegsrathe daruͤber aus. Ich kann die Wahl eines neuen Chefs in Cavalier nicht mißbil⸗ ligen, ſagte er; aber ein Zug von Ehr⸗ geiz, deſſen ich nicht Meiſter bin, er⸗ laubt mir nicht, unter ihm zu dienen, da er vorher unter mir gedient hat. Man ſtellte ihm vor, daß man, da er noch nicht ooͤllig wieder hergeſtellt waͤre, und bei den gegen⸗ waͤrtigen ſehr dringenden Umſtaͤnden, dem Ca⸗ valier das Kommando des ganzen Corps zwar gegeben haͤtte, daß man es aber, ſo bald er ganz wieder beſſer waͤre, theilen, und ihm die eine Haͤlfte uͤbertragen wuͤrde, um damit in Vivares zu agiren. So ward dieſer Punkt abgethan, der die innere Ruhe der Camiſarden leicht haͤtte er⸗ ſchuͤttern koͤnnen. Ploͤzlich zeigten ſich uͤberall Camiſarden. Von fuͤnf Seiten her kamen Couriere, und ihren Be⸗ richten nach, hatten ſich unzaͤhliche Camiſarden zu ein und eben derſelben Zeit hier und dort und uͤberall gezeigt. Die Befehlshaber der koͤnigli⸗ chen Truppen ſahen wohl, daß man Detachements fuͤr Armeen angeſehen haͤtte; da ſie aber doch fuͤrchteten, daß die Camiſarden ihre ganze Macht nach Niederlanguedoc werfen moͤchten, um das Land zu verheeren: ſo ſchickten ſie nach allen Sei⸗ ten Truppen aus, um die Rebellen zu verjagen, und zogen ſogar einige Detachements aus Viva⸗ res zuruͤck, wo man gefuͤrchtet hatte, daß die Ca⸗ miſarden heraus brechen wuͤrden. Auf dieſe Weiſe hatten alſo leztere ihren Endzweck erreicht. So bald Roland den Ruͤckzug der koͤniglichen Truppen erfuhr, benachrichtigte er den Cavalier davon, und dieſer ſandte ſogleich vierhundert Mann ab, die unter Catinat agiren ſollten. Die wich⸗ tigſten Poſten, welche die koͤniglichen Truppen an den Grenzen von Vivares aufgegeben hatten, wur⸗ den ohne Aufſchub von Camiſarden beſezt. Cavalier konnte mit ſeinen vierhundert Leuten nichts gewaltthaͤtiges anfangen, mußte alſo ſeine Zuflucht zur Liſt nehmen. Die koͤniglichen Trup⸗ pen waren uͤberall und zahlreich in Bewegung. Er zog ſie alſo bald hier hin bald dort hin, nekte ſie unausgeſezt, fiel ihnen in den Ruͤcken, griff ihre Bagage an, und keine dieſer kleinen Unternehmun⸗ gen blieb ohne Erfolg und Beute. Unterdeſſen naͤherte ſich das Oſterfeſt. Die Camiſarden begiengen es ſehr feierlich, wo und un⸗ ter welchen Umſtaͤnden ſie ſich auch befanden. Ca⸗ valier wollte den erſten Tag deſſelben auf einem Vorwerke nicht weit von Alais feiern. Alle ſeine Leute waren beiſammen und auſſer ihnen noch eine Menge von Reformirten aus der umliegenden Ge⸗ gend. Waͤhrend ſie auf ihre Weiſe Gott dienten, wollten ihm die Katholiken auf ihre Weiſe dienen und die Feier des Oſterfeſtes durch Stroͤme von Ketzerblut verherrlichen. Die Beſazung von Alais N war ungefaͤhr eilf bis zwoͤlfhundert Mann ſtark. Ein Haufen bewaffneter Buͤrger ſchlug ſich zu der⸗ ſelben, und zog mit ihr durch die Prieſter ange⸗ feuert aus. So ſtuͤrzten ſechszehn bis achtzehn⸗ hundert Mann auf vierhundert, nicht ſo wohl zu einem Kampfe, als vielmehr zu einem uͤbermaͤch⸗ tigen Morde. Die Nachricht von ihrem Zuge lief vor ihnen her. Der Gottesdienſt der Camiſarden ward un⸗ terbrochen. Cavalier arbeitete, die Faſſung wie⸗ der herzuſtellen, als entſchloßner Anfuͤhrer und als Prophet zugleich. Die fremden ſchickte er fort, weil ſie noch Zeit dazu hatten, und mit ſeinen Leuten hielt er noch einmal eine Bethſtunde, waͤh⸗ rend welcher er in Verzuckungen fiel und unaus⸗ bleiblichen Sieg vorher ſagte. Alles flammte von wilder Andacht und wilder Wuth. Er war entſchloſſen, den Feind feſten Fußes zu erwarten. Er ſtellte ſeine Leute hinter einem alten Gemaͤuer, das ſie bis an den Guͤrtel deckte und ihnen gleichſam zu einem Parapet diente. Der Feind war fruͤh und ohne Geraͤuſch ausge⸗ zogen und hatte geglaubt, die Schildwachten nie⸗ derſtoßen und die Verſammlung uͤberraſchen zu koͤnnen. Als ſie aber die Camiſarden im Geweh⸗ re fanden, waren ſie gezwungen ſie foͤrmlich an⸗ zugreifen. Leztere wichen durch Buͤcken ihrem er⸗ ſten Feuer aus, und dann ſtuͤrzten ſie, waͤhrend ſie ihren gewoͤhnlichen Schlachtpſalm*) anſtimm⸗ ten, aus ihren Verſchanzungen hervor, feuerten ab, warfen ſich, immer noch mit Geſang, auf den Feind, der aus einander fuhr und ſich bei der all⸗ gemeinen Beſtuͤrzung nicht wieder faſſen konnte. Die Camiſarden ſezten lihm wuͤthend nach und ſchlugen ihn bis nach Alais hinein. Kaum daß man die Thore vor ihnen ſchließen konnte. Alle Glocken in der Stadt wurden angezogen und die Kanonen auf der Citadelle abgefeuert, vermuth⸗ lich um die Camiſarden zu verſcheuchen, die ſich aber dadurch nicht irre machen ließen, ſondern den Reſt des Tages in den Vorſtaͤdten blieben und ſich erfriſchten. Jede ihrer Schildwachen, die ſie ausſtellten, ward Prediger bei dieſer Gelegen⸗ heit, und ſchrie aus allen Kraͤften den Einwoh⸗ nern Vorwuͤrfe zu, daß ſie auf ſolch eine unan⸗ ſtaͤndige Art das Oſterfeſt haͤtten feiern wollen. Gegen Abend kehrte Cavalier nach dem Schlacht⸗ felde zuruͤck, auf welchem der Feind mehr als zweihundert Todte gelaſſen hatte. Von da zog er nach dem Vorwerke, wo er bis gegen Abend *) Dieſer Pſalm hub ſo an: 4 Que Dieu ſe montre ſeulement Et lon verra dans le moment Abandonner la place: Le Camp des Ennemis épars, Epouvanté de toutes parts, Fuira devant ſa Face. Ac. 56— des folgenden Tages ausruhete, und dann einer Verſtaͤrkung von zweihundert Mann, die er von Roland unterwegs wußte, entgegen ritt und die⸗ ſelbe wirklich zu ſich ſchlug. Unterdeſſen hatte der Gouverneur von Andu⸗ ze, auf die falſche Nachricht, daß Cavalier jezt in der Gegend von Uſes ſtaͤnde, mehrere Wagen mit Munition unter einer Begleitung von zwei⸗ hundert Mann nach St. Hippolite abgeſchickt. Cavalier ward davon benachrichtigt, und wollte dieſe trefliche Gelegenheit nutzen. Er ſchickte drei⸗ hundert Mann mit zwei ſeiner geſchikteſten Offi⸗ ciere ab, die ſich waͤhrend der Nacht der Zugaͤnge bemaͤchtigen und ſich in zwei Detachements ſo po⸗ ſtiren mußten, daß ſie jene Eskorte zugleich an der Spitze und am Ende angreifen konnten. Alles gieng nach Wunſch. Die Eskorte wurde nieder⸗ gehauen, und die Wagen wurden in den Wald von Desfort gebracht. Man fand auf denſelben eine Menge Flinten, Pulver, Kugeln, Montirun⸗ gen, Huͤte, Struͤmpfe und Schuhe fuͤr das Regi⸗ ment Cordes. Cavalier kleidete mit leztern ſeine Leute, und das uͤbrige ſchickte er nach dem Haupt⸗ magazine der Camiſarden. Unterdeſſen hatte zwar Roland in den Ge⸗ birgen keine Unternehmung von Belang ausge⸗ fuͤhrt; aber er hielt doch die koͤniglichen Truppen und die Katholiken dort herum beſtaͤndig in Furcht. Er war des Landſtriches, den er beſezt hielt, voͤl⸗ 57 lig Meiſter, und das reformirte Bekenntniß be⸗ gieng oͤffentlich unter ſeinem Schutze ſeine Reli⸗ gionsuͤbungen. Auſſer ſeinen feſten und gutbe⸗ wachten Hoͤhlen, die er zu Hoſpitaͤlern, Arſenalen und Provianthaͤuſern brauchte, hatte er auch dort Pulvermuͤhlen, Baͤckereyen, Schmieden und ande⸗ re Werkſtaͤtte, deren er bedurfte, um den Krieg zu unterhalten. Aus ſeinem Lager ſtammten alle Plane und Befehle her, die den franzoſiſchen Hof ernſthaft zu beſchaͤftigen anſiengen, und denen er nicht anders, als durch eine faſt unerhoͤrte Nach⸗ giebigkeit ein Ende machen konnte. Jezt war ee indeſſen noch nicht dazu geſtimmt. Der Graf von Broglio und Herr von Julien wollten endlich groͤſſern Ernſt brauchen, als ſie ihre Truppen beſtaͤndig genekt und geſchlagen ſa⸗ hen. Sie ließen auf einmal fuͤnf⸗ bis ſechstau⸗ ſend Mann auf die Gebirge zu marſchiren. Ro⸗ land erhielt von der Beſtimmung dieſes Corps die Nachricht, daß er einige Dorfer, die es mit ihm hielten, pluͤndern und verbrennen ſollte. Er haͤtte Repreſſalien brauchen koͤnnen, welche die ganze Provinz verheert haben wuͤrden, aber dieß war nicht in ſeinem Plan. Er wollte ſeinem Va⸗ terlande Gewiſſensfreiheit verſchaffen, nicht es verwuͤſten. Er unternahm es alſo, die kdnigli⸗ chen Truppen zuruͤck zu halten, und dazu be⸗ durfte es ſeiner ganzen Macht. Sonach zog er alle ſeine Detachements an ſich. Dieß war das erſtemal, daß ſaͤmmtliche Camiſarden beiſammen waren, und auch das leztemal. Sie beſchloſſen in einem Kriegsrathe, den anruͤckenden Feind nicht in Schlachtordnung zu erwarten, ſondern ihn in Hinterhalt zu locken und nieder zu ſchießen. So⸗ gleich wurden auf allen Seiten dergleichen ver⸗ ſteckt, und dieß geſchah ſo geſchickt und raſch, daß die koͤniglichen Truppen, die ſehr vorſichtig zu Werke giengen, ohne etwas unternommen zu ha⸗ ben, Halt machten, ihre Plane aufgaben und bald ſogar Befehl erhielten, ſich behutſam nach Montpellier zuruͤck zu winden. Man hatte fuͤr dieſen Plaz gefuͤrchtet, weil ſich einige Camiſarden dort herum hatten ſehen laſſen, die durch ihre Kundſchafter die Nachricht verbreitet hatten, daß Roland und Cavalier mit ihrer ganzen Macht im Anzuge waͤren, und mit⸗ telſt einer Verſchwoͤrung in der Stadt, dieſe von innen und auſſen zugleich zu ſtuͤrmen willens waͤ⸗ ren. Dieß Geruͤcht hatte viel Wahrſcheinlichkeit, weil es viel Reformirte in der Stadt gab, deren Neigung fuͤr die Camiſarden man kannte; aber ungegruͤndet war es immer, und nur die Folge von einem Stratagem Rolands, das ihm beinah ſo viel Vortheil ſtiftete, als eine gewonnene Schlacht. Die koͤniglichen Generale konnten die⸗ ſes und aͤhnliche ſehr wahrſcheinliche Geruͤchte oh⸗ ne ſeine Unvorſichtigkeit nicht vernachlaͤßigen. Ih⸗ re Wachſamkeit war lobenswerth, und vereitelte — 59 immer manchen Plan der Camiſarden. Ueberdieß war der Erfolg, den ſie ſich mit ihren ſechstau⸗ ſend Mann haͤtten verſchaffen koͤnnen, immer ſehr zweifelhaft, den auſſer den Hinterhalten, die auf ſie warteten, hatte Roland auch noch eine Menge anderer Reformirten bewaffnet. Auf der andern Seite hatte Roland auch wohl Urſache zufrieden zu ſeyn, daß er dem Sturm auf dieſe Weiſe vorgebeugt hatte, denn die koͤniglichen Truppen konnten ohne großen Zeitver⸗ luſt bis auf die Haͤlfte verſtaͤrkt, und mithin die Camiſarden doch wohl endlich uͤberwaͤltigt werden und einen deſto groͤßern Verluſt leiden, da ſie dießmal alle beiſammen waren und mithin, wenn ſie uͤberwunden worden waͤren, alle auf einmal eine faſt unerſezliche Niederlage gelitten haben wuͤrden... In den Gebirgen gieng alles wieder den vo⸗ rigen Gang. Roland hatte ſie in Beſiz und blieb Meiſter darinn. Zwei Detachements ſezten ſich in Auſerre und Velai, waͤhrend Catinat und Ca⸗ valier nach Vivares abmarſchirt waren, wo die Reformirten ruͤhrig zu werden anfiengen. Die koͤniglichen Truppen eilten hinzu, ihren Einbruch zu verhuͤten; dieß wuͤrde ihnen aber nicht gelun⸗ gen ſeyn, wenn ſich nicht ein widriger Zufall fuͤr die Camiſarden mit ihnen verbunden haͤtte. Cavalier kam bald bis Bagnas, das lezte Dorf an der Grenze von Vivares. Dort ließ er ſeine Leute, die Tag und Nacht marſchirt waren, ausruhen. Er hatte noch nicht wieder Befehl zum Aufbruche gegeben, als drei Fremde zu ihm kamen, die ſich fuͤr Bothſchafter aus der Land⸗ ſchaft Vivares ausgaben. Sie erklaͤrten, daß ſie Auftrag haͤtten, den Rettern ihrer Glaubensge⸗ noſſen entgegen zu gehen, und ſie auf einem ſichern Wege nach einem beſtimmten Orte zu fuͤh⸗ ren, wo die Mitglieder einer zahlreichen Confoͤde⸗ ration ſie erwarteten. Sie ſchienen von allem un⸗ terrichtet zu ſeyn, nannten die Haͤupter der Ver⸗ ſchwdrung, und gaben ſolch eine Menge kleiner, auch dem Cavalier bekannter Umſtaͤnde an, daß ſie ſeine Vorſicht uͤberraſchten, ſein ganzes Ver⸗ trauen gewannen und ſelbſt zu einem Kriegsrathe gezogen wurden. Dieſe drei Leute waren aber nichts anders, als Kundſchafter, die der Graf von Broglio und der Herr von Julien abgeſchickt hatten, die auf dieſe Weiſe alle Maßregeln Cava⸗ liers erfuhren, und deren einen er ſogar zum Ue⸗ bermaaß der Unvorſichtigkeit an ſeine Bruͤder in Vivares abgeſchickt hatte, um ihnen den Weg anzuzeigen, den ſie nehmen ſollten. So verrieth Cavalier ſich ſelbſt. Unterdeſſen ſtanden die koͤniglichen Truppen immer noch in der Gegend von Alais. Dieß wußte Cavalier durch ſeiue Couriere, die ab und zu giengen. Aber Herr von Julien, der jezt die Depeſchen Cavaliers durch ſeine Spione aufge⸗ 3. — 61 fangen, und auch ſchon auf vorher gegangene Nachrichten dreitauſend Mann in lauter kleinen einzelnen Corps auf Schleifwegen nach Vagnas hin hatte defiliren laſſen, ſtellte ſich jezt mit dem Gouverneur von Alais, Herrn de la Lande an die Spize dieſer Mannſchaft und marſchirte gera⸗ de auf Cavalier los, den er durch eine Freicom⸗ pagnie und einen Haufen Miliz, die der Herr von Vagnas anfuͤhrte, zum Kampfe heraus locken laſſen wollte, um zuzufahren, wenn er ſich in dieſen verwickelte. So bald Cavalier Nachricht erhielt, daß ſich ein Corps Truppen nach Vagnas her zoͤge, eilte er demſelben entgegen, erreichte es, griff es mit ſolcher Wuth an, daß es beim erſten Feuer floh, und verfolgte es ſo hitzig bis an den Fluß Ar⸗ deche, der von Fluͤchtlingen und Todten voll war, daß Herr von Julien nicht ſo ſchnell herzu kom⸗ men, nicht einmal ſich zeigen konnte. Es waren gegen zweihundert Leute von der Freicompagnie und der Miliz geblieben, da hingegen die Cami⸗ ſarden keinen Mann verlohren und nur vier Ver⸗ wundete zaͤhlten. Als leztere nach Vagnas zuruͤck kehrten, ent⸗ deckten ſie in einem hohlen Baume einen Officier von den geſchlagenen Truppen, und einige Schrit⸗ te weiter, einen andern hinter einer Hecke. Man fuͤhrte beide zu Cavalier, der ſie ſehr artig empfieng. 62— „Sagt mir, ihr Herren, hob er an: wie kann ſich der Herr von Vagnas mir folch einer Handvoll Leute gegen mich ſtel⸗ len? Sah er mich etwa nicht fuͤr voll an?“— Wahrhaftig, gnaͤdigſter Herr, erwiederte einer der Officiere: man muß Sie wohl fuͤr voll anſehen. Aber ich muß Ihnen als Mann von Ehre die Wahr⸗ heit ſagen: Herr von Vagnas war zu voreilig. Wir hatten Befehl nicht eher anzugreifen, als bis wir den Herrn von Julien im Ge ſicht haͤtten—„Herr von Julien?“ unterbrach ihn Cavalier.— Ja, gnaͤdigſter Herr, fuhr jener fort: Sie ha⸗ ben Urſache ſich in Acht zu nehmen, Herr von Julien iſt nicht weit und beinah noch einmal ſo ſtark als Sie!. Sogleich ſchickte Cavalier Leute auf Endek⸗ kungen aus und traf noch andere Vorkehrungen. Dann kam er zu den beiden Officieren zuruͤck und ſagte mit einer Kaltbluͤtigkeit, die anfangs ihre Herzensangſt noch peinlicher machte, ſie aber bald davon befreiete: Herr von Vagnas wuͤrde ſich wahrſcheinlich nicht ſo uͤbereilt ha⸗ ben, wenn ich mir nicht die Muͤhe ge⸗ macht haͤtte, ihm den halben Weg zu erſparen.— Aber, ihr Herren, nennt mich nicht gnaͤdigſter Herr. Ich heiße Cavalier ſchlechtweg. Uebrigens ſeyd ihr frei. Geht und macht dem Herrn von Julien meine Empfehlung. Dieſe beiden Leute, deren einer Lieutenant und der andre Faͤhndrich unter der Miliz waren, hatten dem Cavalier eine Art von Komoͤdie ge⸗ geben, die ſich aber bald an ernſthaftere Dinge an⸗ ſchloß. Er hoͤrte naͤhmlich den Augenblick, daß Herr von Inlien nur noch eine Viertelſtunde ent⸗ fernt waͤre. Er hielt Kriegsrath. Man ſtimmte anfangs fuͤr Zuruͤckzug, fand ihn aber ſehr ſchwer und gefaͤhrlich. Man beſchloß endlich, den Feind zu erwarten. Cavalier ſezte ſich am Ausgange eines Wal⸗ des. Die koͤniglichen Truppen zeigten ſich ſchon auf der Hohe und ruͤckten in geſchloßenen Glie⸗ dern heran, die Infanterie voraus und die Caval⸗ lerie hinterdrein, um ſie zu decken. Ihr hoher Standpunkt ſtellte ſie bloß, und die Camiſarden ſahen ſie kommen, ohne ſelbſt geſehen zu werden. So bald ſie ſich bis auf einen Buͤchſenſchuß ge⸗ naͤhert hatten, empfiengen dieſe ſie mit ſolch ei⸗ nem moͤrderiſchen Feuer, daß ſie zuruͤck prallten. Sie faßten ſich aber wieder und antworteten mit ſolchem Nachdrucke, daß ſie die Camiſarden war⸗ fen, und dann mit aufgepflanzten Bajonet ſo wild nnter ſie fuhren, daß Cavalier, der die an⸗ dringende Uebergewalt ſahe: rette ſich, wer ſich retten kann! zu ſchreyen gezwungen war. So retteten ſich die Camiſarden ſo raſch und doch dabei ſo regelmaͤßig, daß ihnen der Feind nichts anhaben konnte, Sie hatten uͤberhaupt nur dreiſe ſig Mann verlohren, waͤhrend Herr von Inlien nahe an zweihundert Todte und Verwundete ein⸗ buͤßte. Indeß war dieſer Sieg in ſo fern fuͤr lez⸗ tern wichtig, daß er die Unternehmung Cavaliers auf Vivares ruͤckgaͤngig machte. Er beſezte alle Ausgaͤnge in dieſe Landſchaft, und obgleich Ca⸗ valier noch einigemal durchzubrechen ſtrebte, ge⸗ lang es ihm doch nicht, ſondern er mußte ſeinen Plan aufgeben und wieder zuruͤck ziehen, freilich nicht ohne Gefahr auf Seiten des Herrn von Julien, von deſſen Regimente er einen Theil ganz zu Grunde richtete. Es liefen neue Berichte von Seiten des Gra⸗ fen von Broglio und des Herrn von Baville, Intendanten von Languedoc, nach Hofe, die das Uebel ſehr dringend und groͤßer als es immer noch war, ſchilderten. Man verſicherte, daß eine all⸗ gemeine Revolution in Vivares und den angraͤn⸗ zenden Landſchaften zu fuͤrchten waͤre. Alle Ta⸗ ge liefen Beſtaͤttigungen ein, daß dieſe Beſorg⸗ niß ſehr gegruͤndet ſey. Der Hof ſchien endlich die Sache auch ernſthaft zu finden, und ſchickte noch mehr Truppen nach Languedoc, als man verlangt hatte. Dem Marſchall von Montrevel gab man das Commando daruͤber. So bald er in Languedoc ankam, wurden die koͤniglichen Truppen thaͤtiger und ihre Bewegungen auf al⸗ —y—— —— . 65 len Seiten lebhafter. Er wollte die Camiſarden auf das Auſſerſte treiben und deßhalb alle Doͤr⸗ fer, die man im Verdacht hatte, daß ſie es mit ihnen hielten, pluͤndern und verbrennen laſſen. Sein heftiger Character paßte zu den gewaltſa⸗ men Entſchließungen des Herrn von Baville. Er war hartherzig und blutduͤrſtig, und doch dabet, was kein ſeltner Fall iſt, laͤßig und verzaͤrtelt. Er zwang die Camiſardeu grauſam zu werden, und doch hatten ſeine Unternehmungen gegen ſie weder Nachdruck noch Conſiſtenz, und waren mehr Luſtparthieen als ernſthafte Feldzuͤge. Sei⸗ ne Liebſchaften beſchaͤftigten ihn ernſthafter, und die Fanatiker, die er mehr fuͤrchtete, als die Ca⸗ miſarden, waren die ſchoͤnen Augen ſeiner Ge⸗ liebten.*) Roland begriff leicht, daß ein General von ſeinem Character viel Geraͤuſch machen, aber we⸗ nig thun wuͤrde. Er uͤbertraf ihn alſo an Thaͤ⸗ tigkeit und ſpannte dadurch die ſeinige bald ganz ab. Er begegnete ſeiner Mordgier und Verhee⸗ rungsſucht mit Mordgier und Verheerungsſucht, beſchaͤftigte ihn auf allen Seiten und hieb ihm ⁴) Er machte um die Zeit auf eine derſelben ein Impromptu, das ſo anfieng: Les fanatiques, que je erains, ſont vos beaux yeux, filvie etc, etc. Geſch. d. Camiſarden. E nach und nach ſo viel Leute nieder, daß er bald von neuem um Verſtaͤrkung anhalten mußte. Der Marſchall von Montrevel ließ unter an⸗ dern das Dorf Mariege verbrennen, ungeachtet es doch gezwungen worden war, den Camiſar⸗ den Quartier zu geben. Daruͤber ſchrieb Cavalier, den Verhaltungsbefehlen Rolands gemaͤß, an den Marſchall, er moͤchte ſich kuͤnftig dieſer wuͤthen⸗ ven Maßregeln enthalten, ſonſt wuͤrde er fuͤr je⸗ des verbrannte reformirte Dorf zwei katholiſche anzuͤnden, und wenn dieß nicht auf ihn wirkte, in gleichem Verhaͤltniſſe damit ſteigen. Der Marſchll achtete nicht auf dieſen Brief, ob gleich Cavalier Wort hielt, und zwei ziemlich große Doͤrfer um Montpellier einaͤſcherte. Er hatte abermals zu Veſtris, einem andern Dorfe, ſich Quartier geben laſſen: auch Veſtris ließ der Marſchall anzuͤnden. Cavalier ſchrieb noch ein⸗ mal an ihn, und ſtellte ihm dringend vor, er moͤchte wenigſtens die Katholiken ſchonen, wenn er die Reformirten nicht ſchonen wollte; er wuͤrde ſonſt doppelt und dreifach mehr katholiſche Ort⸗ ſchaften, als reformirte, verheeren. Zu dieſer Drohung fuͤgte er die feierliche Verſicherung, daß er dieſe Art Krieg zu fuͤhren auf das lebhafteſte verabſcheue. Cavalier trauete zwar auch dieſem Briefe keine Wirkung zu, aber er ließ ihn ab, um der Welt kund zu thun, daß man ihn zu dieſen Grauſamkeiten gezwungen habe, Demnach ſchickte er zwei Detachements Camiſarden in zwei katho⸗ liſche Doͤrfer, und ließ ſie anzuͤnden; er ſelbſt marſchirte nach Pouls, einem Dorfe, das faſt ganz von Katholiken bewohnt war, und brann⸗ te es ab.. So verbreitete ſich uͤberall Schrecken und Jammer. Die Truppen ſchienen dadurch verwil⸗ dert zu werden. Kaum ließen ſie den ungluͤkli⸗ chen Einwohnern Zeit ſich zu retten. Viele wur⸗ den von den Flammen uͤbereilt und verzehrt, vie⸗ le, die ſich vertheidigen wollten, nieder gemacht. Die Staͤnde von Languedoc, die damals verſam⸗ melt waren, ſandten ihre Klagen uͤber dieſe Ver⸗ heerungen und deren zu befuͤrchtende Folgen nach Verſailles. Der Hof mißbilligte das Benehmen des Marſchalls. Er verbrannte keine Doͤrfer mehr;z aber ſein gewaltthaͤtiger Character lirt dieſe Maͤßi⸗ gung nicht lange. Er veruͤbte aufs neue Grau⸗ ſamkeiten, die andere ungluͤkliche Folgen hatten. Um dieſe Zeit war Catinat mit vierhundert Mann detaſchirt worden, um in Vivarez einzu⸗ dringen; aber er hatte die Zugaͤnge ſo ſorgfaͤltig bewacht und der koͤniglichen Truppen ſo viele ge⸗ funden, daß er nach vielen beſchwerlichen Hin⸗ und Herzuͤgen nichts zu Stande bringen koͤnnen, als eine Wiedervereinigung mit Cavalier. Da ſich dieſer hierdurch verſtaͤrkt fuͤhlte, ſuchte er Gelegen⸗ heit, dem Marſchalle zu zeigen, daß die Cami⸗ e E 92 1 ſarden nicht ſo leicht auszurotten ſeyen, als er zu aͤuſſern pflegte, und zwar in einem Tone, als ob er fuͤr den Ruhm, ſie vertilgt zu haben, auser⸗ leſen ſey. Rolands Plan war, ihn nachdruͤckli⸗ cher zu beſchaͤftigen, als er erwartet hatte, um dadurch ſeine Meinung und ſeinen Ton zu berich⸗ tigen. Cavalier brannte vor Begierde, dieſen Ent⸗ wurf auszufuͤhren, und die Gelegenheit dazu both ſich bald von ſelbſt dar. Der Partheigaͤnger Poul, ein geſchickter und muthvoller Officier, wurde fuͤr das Schrecken der Camiſarden gehalten. Er hatte zwar noch nichts wichtiges gegen ſie ausgefuͤhrt, aber ſich doch ge⸗ ruͤhmt, das Land von ihnen reinigen zu wollen 3 und man trauete ihm hierinn Geſchicklichkeit ge⸗ nug zu, weil ihm in Piemont folgender Streich gelungen war, der ihm Ruf verſchafft hatte. Ein Hauptmann, Nahmens Barnabaga, der als Partheigaͤnger keinen geringern Ruf hatte, als Poul, hatte ſich geruͤhmt, leztern ſchlagen zu wollen, wo er ihn faͤnde, war aber von dieſem aufs Haupt geſchlagen worden. Er war ſehr aufgebracht uͤber dieſen Streich, und die Vor⸗ wuͤrfe, die er von ſeinem Chef daruͤber hoͤren mußte, ſezten ihn ſo in Hitze, daß er verſprach ihm in Zeit von vier Tagen Genugthuung zu ver⸗ ſchaffen, und ihm den Kopf des Poul zu uͤber⸗ bringen. Dieſer erhielt Nachricht davou. Er machte ſich ſogleich, nur mit zwanzig Mann, nach — 6 G einem Dorfe auf den Weg, wo ſich Barnabaga mit zweihundert Mann einquartirt hatte; uͤber⸗ fiel ihn, und that dieſem Prahler, wie er ihm hatte thun wollen. Dieſer Poul alſo hoffte dem Oberhänpte der Camiſarden wie dem Barnabaga mitzuſpielen. Ein Paar Ausfaͤlle des Marſchalls, daß er ſo lange zoͤgerte, zu zeigen was er koͤnne, ſezten ihn vol⸗ lends in Feuer. Er verlangte nur ein Regiment Dragoner, mit welchem er uͤber den Cavalier her⸗ fallen und ihn lebendig oder todt einfangen woll⸗ te. Der Marſchall gab ihm zu dem Regimente Dragoner noch ein Regiment Infanterie; und mit dieſen gieng er von Nimes ab⸗ um Esvalier aufzuſuchen. 1 n Dieſer war nicht weit. So bald er von dem Plan des Poul hoͤrte, gieng er ihm auf dem We⸗ ge entgegen, den jener nehmen mußte; verbarg ſich in verwachſenen und eng bepflanzten Wein⸗ bergen, die ihm zugleich zum Retranſchemen dien⸗ ten. Poul, der ihn hier nicht erwartete, und deß⸗ halb immer vorwaͤrts ruͤckte, zog ſich in ein Defi⸗ lee, welches laͤngſt dieſen Weinbergen hinlief. Ca⸗ valier fiel ihn unvermuthet an und brachte ſeine Infanterie, die voran marſchirte, gaͤnzlich in Un⸗ ordnung. Poul that alles, um ſie zu unterſtuͤ⸗ zen und zuſammen zu halten; dennoch konnte er nicht verhindern, daß diejenigen, die den Kugeln und dem Tode entkommen waren, ihr Heil in der 70 4— Flucht ſuchten. Aber ſie liefen dem Tod in die Haͤnde, denn Catinat, der mit der camiſardiſchen Reiterey in der Naͤhe war, hieb ſie nieder. Ver⸗ zweifelnd warf ſich Poul mit ſeinen Dragonern in die Weinberge und auf die Camiſarden; aber die Dragoner verwickelten ſich in den Hecken und Re⸗ ben, und kamen in Unordnung. Poul drang den⸗ noch, wie ein wuͤthender, vor, und anf Cavalier los, den er zu erkennen glaubte. Auf einmal traf ihn ein Piſtolenſchuß. Seine Officiere riefen ihm zu:„Sitzen Sie auf, Herr Hauptmann!“ Er beſtrebte ſich noch, wieder aufzuſitzen, als ihm ein Saͤbelhieb den Kopf ſpaltete. Er ſank todt zuruͤck; ſeine Dragoner nahmen die Flucht. Ca⸗ valier ſezte ihnen nach, und da ſeine Reiterey an den Pferden aus der Camarque vortreffliche Ren⸗ ner hatte, ſo hohlten ſie jene ein, und richteten ein großes Blutbad unter ihnen an. Faſt das ganze Infanterieregiment war aufgerieben worden. Von den Dragonern blieben weniger, weil ihnen die Flucht leichter wurde. Die Camiſarden hat⸗ ten nicht mehr, als fuͤnf und zwanzig Todte, und ſechszehn Verwundete. Ueberdieß machten ſie vierzig Pferde Beute. 5 Cavalier trug die aͤuſſerſte Sorgfalt fuͤr ſeine Verwundeten. Er ließ ſie unter einer ſtarken Be⸗ deckung an einen ſichern Ort bringen; denn un⸗ ter vielen andern Grauſamkeiten ließ ſich der Mar⸗ ſchall von Montrevel auch die zu Schulden kom⸗ — 7TI men, daß er Patrouillen in diejenigen Oerter oder Haͤuſer ſchickte, wo er verwundete Camiſarden vermuthete. Dieſe ließ er in deu Gefaͤngniſſen heilen, hohlte ſie, indem er ihnen Gnade ver⸗ ſprach, uͤber das aus, was er von den Camiſar⸗ den wiſſen wollte, und ließ ſie ſodann raͤdern, oder lebendig verbrennen. Bei mehr als einer Gele⸗ genheit hatte er ſich dieſes unmenſchlichen Kunſt⸗ griffes bedient, da hingegen die Camiſarden, die faſt immer Verwundete von den koͤniglichen Trup⸗ pen in Haͤnden hatten, ihnen kein Leid zu⸗ fuͤgten. Als der Marſchall die Niederlage und den Tod des Poul erfuhr, war er auſſer ſich, zumal, da die Unternehmung auf ſeinen Befehl, und faſt unter ſeinen Augen gewagt worden war. Er konn⸗ te nicht begreifen, wie zwei Regimenter alter und geuͤbter Truppen ſo auf einmal, und faſt ohne ſich gewehrt zu haben, vernichtet werden koͤnnten. Er fluchte auf den Krieg durch Hinterhalte, und beſchloß, kuͤnftig nur große Corps auszuſchicken, die auf jeden Fall die Camiſarden durch ihre Menge erdruͤcken koͤnnten. e Das Schickſal des Poul bewog den Roland zu ganz entgegen geſezten Maßregeln. Er ver⸗ muthete richtig, daß der Marſchall, dem zwanzig⸗ tauſend Mann zu Gebothe ſtanden, dem Cava⸗ lier durch zahlreichere Corps nachſetzen laſſen wuͤt de. Auch wußte er, daß, wenn man dieſem jun⸗ gen Manne irgend etwas vorwerfen koͤnne, es der Fehler einer nicht genug uͤberlegten Kuͤhnheit ſey; deßhalb ſchickte er einen Expreſſen an ihn ab, und ließ ihm ſagen, er moͤchte unverzuͤglich, und ſo ſtill und heimlich er nur koͤnnte, zu ihm ſtoßen, und in der Ebene nur einige Partheien zuruͤck laſſen, mit dem Befehle, das Land zu durch⸗ ſtreifen, um die Aufmerkſamkeit der koͤniglichen Truppen zu theilen, und ſie irre zu machen. Ca⸗ valier hatte ſo eben einige dieſer Truppen, die Miene machten, ihn anzugreifen, zuruͤck geſchla⸗ gen; jezt begab er ſich in die Sevennen. Der Matſchall hatte vierzehn bis funfzehn tauſend Mann, in mehrere Corps abgetheilt, ausgeſchickt, um Cavalier zu uͤberfallen. Dieſe wurden von ſeinen zuruͤck gelaſſenen Partheien beſchaͤftigt, und hin und her gezogen, waͤhrend er ſelbſt ſeine Leu⸗ te ausruhen ließ, und mit Roland ſich uͤber Mittel und Wege berathſchlagte, wie der Krieg ſo lange hingezogen werden koͤnnte, bis die Unterſtuͤzung ankaͤme, die ihnen maͤchtige Beſchuͤtzer, ihrem ei⸗ genen Intereſſe gemaͤß, verſprochen hatten. Der Marſchall von Montrevel hatte ſich wieder nach Nimes zuruͤck gezogen, und that dort Thaten im Felde der Liebe, waͤhrend ſich Ca alier mit einem verſtaͤrkten Corps, das jezt aus acht hundert Mann Infanterie und vierhundert Pferde beſtand⸗ nach Niederlanguedoc in Marſch ſezte. Kaum war er einige Stunden weit vorge⸗ ruͤckt, als er erfuhr, daß ſich die koͤniglichen Trup⸗ pen von mehreren Seiten naͤherten, um ihn ab⸗ zuſchneiden und einzuſchließen. Roland, der auch davon unterrichtet war, ruͤckte mit einem Corps Camiſarden vor, um ihn zu unterſtuͤtzen, oder los zu machen: aber Cavalier wußte die ihm nach⸗ ſetzenden Truppen durch Hin⸗ und Hermaͤrſche, in Hohlungen und Schleifwegen ſo zu verwirren und zu ermuͤden, daß er Zeit gewann, ſich zu retten. Jene erhielten Befehl, in ihre Quartiere zuruͤck zu kehren. Aber dieſer Befehl war ein Kunſtgriff des Marſchallt, um Cavalier in eine Schlinge zu locken. Sen Kriegsrath warnte ihn vergebens davor. Er hatte ſich Nimes genaͤhert, und un⸗ gefaͤhr eine halbe Meile von dieſer Stadt Poſto gefaßt. Der Kriegsrath ſtellte ihm vor, er ſey daſelbſt einem Ueberfalle zu ſehr ausgeſezt; aber er war anderer Meinung, und erklaͤrte, der Mar⸗ ſchall habe nicht genug Truppen in Nimes, um einen Ausfall zu wagen; er wuͤnſchte ſogar, von ihm angegriffen zu werden; nur darum habe er ſich der Stadt ſo weit genaͤhert, weil er wuͤßte, daß ſich, waͤhtend die koͤniglichen Truppen in ihre Garniſonen zuruͤck marſchirt waͤren, ein wichtiger Streich ausfuͤhren lieſſe. Aber er fand bald, daß er falſch geſchloſſen hatte. Drei Regimenter ruͤck⸗ ten aus Nimes, und ſtanden bald vor ihm. Dennoch erwartete er ſie, ohne zu wanken, auf einem vortheilhaften Poſten. Sie griffen ihn mit großem Muthe an, wurden aber mit nicht minderm empfangen. Das Gefecht war ſehr blu⸗ tig, und der Sieg waͤhrend einer Stunde zwei⸗ felhaft. Aber der Marſchall hatte friſche Trup⸗ pen bei der Hand, die Cavalier nicht erwartete, die ſich aber beſtaͤndig abloſeten, und ſo unun⸗ terbrochen uͤber ihn her fielen. Er zog ſich kaͤmp⸗ fend uͤber eine Meile zuruͤck; aber endlich mußte er der Uebermacht weichen. Er nahm die Flucht, und ward bis zu einem Gehoͤlze verfolgt, das in der Naͤhe war. Die Camiſarden verlobren gegen dreihundert Mann; aber die Koͤniglichen weit weniger. Dieſer erſte Schlag, den Cavalier er⸗ hielt, haͤtte ſeine gaͤnzliche Vernichtung bewirken koͤnnen, wenn er ſich nicht eine Huͤlfsquelle zu er⸗ offnen gewußt haͤtte. Es kamen abermals friſche Truppen vor dem Geholze an, um die geſchwaͤchten und geſchreckten Camiſarden vollends zu erdruͤcken. Cavalier hatte dieß vermuthet, und deßhalb den Catinat mit hundert Pferden abgeſchickt, um ſich auf der an⸗ dern Seite des Waldes zu zeigen. Catinat wur⸗ de dort angegriffen; aber er trieb zen Feind nach⸗ druͤcklich zuruͤck. Dieſer fuͤrchtete, Cavalier ſey mit ſeiner ganzen Mannſchaft in Catinats Naͤhe, zog alſo die Truppen, die das Gehoͤlz auf der andern Seite beſetzen ſollten, nech dieſer Seite, — und ſo behielt Cavalier Zeit, ſich zuruͤck zu ziehen. Mittels eines forcirten Marſches legte er fuͤnf Meilen in ſechs oder ſieben Stunden zuruͤck, und machte zu Luſſan Halt, wo er den Catinat er⸗ wartete, der auch bald hernach ankan, nachdem er von dem Feinde gegen fuͤnf und zwanzig Mann nieder gehauen hatte, ohne ſelbſt einen einzigen verlohren zu haben. So entgiengen die Cami⸗ ſarden der groͤßten Gefahr, die ihnen noch ge⸗ droht hatte; und Cavalier lernte, oder haͤtte ler⸗ nen ſollen, ſeinen Muth, der oft durch fanatiſche Einbildungen in Verwegenheit uͤbergieng, beſſer zu ordnen und zu nutzen. Der Marſchall von Montrebel ward bald uͤberdruͤßig, ſich und ſeine Truppen fuͤr ſo gerin⸗ gen Erfolg ſo anhaltend zu plagen, oder er hat⸗ te auch vielleicht andere Urſachen, den Krieg in die Laͤnge zu ziehen; kurz, er kehrte zu ſeinen vo⸗ rigen Vergnuͤgungen zuruͤck, und gab dem Cava⸗ lier, deſſen Verluſt man ihm uͤbertrieben angege⸗ ben hatte, ſo viel Zeit, als er brauchte, um in wenig Tagen ſtaͤrker und unternehmender, als vorher, auf den Kampfplaz zu treten. Roland und Cavalier konnten ſo viel Men⸗ ſchen haben, wie ſie wollten; bis auf funfzig tau⸗ ſend Mann haͤtten ſie zuſammen bringen koͤnnen; aber ſie wieſen alle Tage junge Leute ab, die un⸗ ter ihnen dienen wollten, theils, weil ſie dieſelben nicht haͤtten unterhalten koͤnnen, weil der Anbau 76— des Landes darunter gelitten haben wuͤrde, und theils, weil ſie erbauen und nicht zerſtoͤhren woͤll⸗ ten. Ueberdieß haͤtte bei der Art, wie ſie Krieg fuͤhrten, eine groͤßere Anzahl Truppen ihnen mehr Hinderniß als Vortheil gebracht. Cavalier ruͤkte alſo auf der Spitze von tauſend oder eilfhundert Koͤpfen, wovon ein Drittheil in guter Cavallerie beſtand, in das Feld, ſuchte den Feind auf, ſchlug ihn uͤberall, wich den Gelegenheiten aus, wo er haͤtte geſchlagen werden koͤnnen, und ſezte durch eine Reihe von ſchnell auf einander folgenden Ak⸗ tionen den Marſchall ſo in Unruhe, daß er nach Hofe ſchreiben, und aufs neue um Verſtaͤrkung anhalten mußte. Unter den mancherlei Mitteln, durch de ſich die Camiſarden gegen zwanzig tauſend Mann er⸗ hielten, war auch der Umſtand, daß das Land es mit ihnen hielt. Konnte man ſie von dieſer Seite druͤcken und ſchwaͤchen, ſo war dieß fuͤr ihre Un⸗ ternehmungen aͤuſſerſt nachtheilig„ und ſie un⸗ terlagen jedesmal, dei aller Klugheit und Vor⸗ ſicht, wenn ihre Firunde oder Spione ſie hinper. giengen. So hatte Roland eine Unternehmung einge⸗ leitet, von der er den gluͤklichſten Erfolg vermu⸗ thete; aber ſie ſcheiterte durch die Verraͤtherei ei⸗ nes ſeiner Vertrauten nicht nur, ſondern verſezte auch die Camiſarden in ſolche Noth, daß der Mo⸗ — ment ihrer gaͤnzlichen Vernichtung da zu ſeyn ſchien, welcher ſie nur faſt einzeln und unter un⸗ glaublichen Anſtrengungen ihrer Seenbhaſtzaken und Tapferkeit entgiengen. Die koͤniglichen Truppen waren von mehre⸗ ren Seiten in die Gebirge geruͤckt. Die Berge bei Auſerre ſollten ihr Vereinigungspunkt ſeyn. Auf die Nachricht davon hatte Roland den Ca⸗ valier berufen, welcher ſeine Reiterei unter der An⸗ fuͤhrung des Catinat zuruͤck ließ, mit der Beſtim⸗ mung, nach Niederlanguedoc zu marſchiren, dort aber den Feind bloß zu necken, und ſich nicht zu weit von den Sevennen zu entfernen, um im Falle der Noth bei der Hand zu ſeyn. Cavalier und Roland naͤherten ſich alſo den Truppen in der Auſerre; aber dieſe, ſo bald ſie vernahmen, daß ſich die Camiſarden vereinigt haͤtten, gaben ihre Unternehmung auf, und zogen ſich zuruͤck, ohne einen Schuß gethan zu haben. Sie verei⸗ nigten ſich mit andern, die nach Alais und An⸗ duſe vorgeruͤckt waren, in der Abſicht, in groͤße⸗ rer Anzahl wieder zu kommen, und, indem noch neue Truppen von Perpignan naͤher ruͤckten, die Camiſarden von allen Seiten ſo eng zu umſſchlieſ⸗ ſen, daß ſie ſich nicht mehr in die Ebene herab getrauen und ſich ergeben oder in den Bergen um⸗ kommen ſollten. Die Nachricht davon erhielt Ro⸗ land von guter Hand und mit allen Unſtaͤnden. Er beſchloß, dem Feinde entgegen zu gehen und genden Gruͤnden: Man bedachte, daß, wenn zwanzig tauſend Mann in die Sevennen brechen wollten, man ih⸗ nen ohne Zeitverluſt entgegen marſchiren muͤſſe, und ſie ſolchergeſtalt ohne große Muͤhe aufhalten koͤnne; da ſie ferner nur durch Hohlwege herein ruͤcken koͤnnten, ſo muͤſſe man ſie an den vor⸗ nehmſten Eingaͤngen erwarten, angreifen und aus der Faſſung bringen; ſodann koͤnne man ſich ohne Gefahr in Niederlanguedoc werfen und dort den Feind mit zwei tauſend Mann, die jezt auf den Beinen waͤren, von ſo vielen Seiten her be⸗ ſchaͤftigen, daß er ſeinen ganzen Plan aufgeben muͤßte; und endlich koͤnne man dann auch die Abſichten, die man auf die Landſchaften Vivares und Rovergue haͤtte, bequemer ausfuͤhren. Man verlohr keinen Augenblick. Ein Paar eamiſardiſche Partheien erhielten Befehl, in den Bergen von Auſerre zu bleiben und die koͤniglichen Truppen, die in dieſer Gegend noch waͤren, oder ſich zeigen wuͤrden, durch verſtellte Vor⸗ und Ruͤck⸗ zuͤge zu beſchaͤftigen. Catinat erhielt Auftrag, mit ſeiner Reiterei nach Tour de Belot, als dem all⸗ gemeinen Vereinigungspunkte, vorzuruͤcken. Die uͤbrigen Camiſarden zogen ſich auf verſchiedenen Wegen eben dahin. Man machte Anſtalt, Pro⸗ viant und Fourage fuͤr zwei tauſend Mann eben daſelbſt anzufahren. ſein Kriegsrath war derſelben Meinung aus fol⸗ Aber dieſe Sorgfalt und Vorſicht ſelbſt dien⸗ te dazu, die Camiſarden deſto ſicherer und fruͤher der Treuloſigkeit eines Menſchen auszuliefern, der ſie fuͤr funfzig Louisd'or verkauft hatte, und an dem es nicht lag, wenn ſie nicht alle bis auf den lezten Mann aufgerieben wurden. Dieſer Menſch war ein Muͤller und einer der Lieferanten Rolands, auf den er das meiſte Vertrauen ſezte. Er hatte drei Soͤhne unter den Camiſarden, und bei ver⸗ ſchiedenen hoͤchſt gefaͤhrlichen Gelegenheiten als Spion ſo weſentliche Dienſte geleiſtet, daß ſeine Treue nicht bezweifelt werden konnte. Er war ſchon in Tour de Belot, als Roland und Cava⸗ lier ankamen. Sie fragten ihn: ob er viel Le⸗ bensmittel habe?— O, im Ueberfluß ſollt ihr be⸗ kommen! antwortete er: ich erwarte ihrer noch von mehreren Doͤrfern und will jezt hin, um die Leute anzutreiben. Mit dieſen Worten ver⸗ ſchwand er. Tour de Belot war eine große, weitlaͤuftige Meierey, die aus mehreren Hofraͤumen beſtand und mit Mauern eingeſchloſſen war. Der groͤßte Theil der Camiſarden hatte ſich in Staͤllen und Scheunen gelagert. Eine Stunde nach der Ent⸗ fernung des Muͤllers(es war beim Eintritte ei⸗ ner duͤſtern Nacht) ſchlichen ſich mehrere Corps koͤniglicher Truppen in die Naͤhe der Meierey und beſezten ſie rund herum in gleichen Entfernungen. Erſt zwiſchen ein und zwei Uhr wurden ſie von einer camiſardiſchen Schildwacht bemerkt. Sogleich machte dieſe Laͤrm. Die Camiſar⸗ den liefen zu den Waffen. Die Meierey wurde von allen Seiten eingeſchloſſen und geſtuͤrmt. Ro⸗ land und Cavalier eilten nach den Haupteingaͤn⸗ gen, brachten, ſo gut ſie konnten, einige hundert von ihren Leuten zuſammen, drangen heraus, trieben den Feind zuruͤck und wurden von ihm zuruͤck getrieben; andere von denen, die ſich in der Meierey befanden, kletterten auf die Mauern, die unter ihrem Gewicht einſtuͤrzten. Sie griffen in unordentlichen Haufen an, ſchlugen zuruͤck, was ſich ihnen entgegen ſtellte, ſtachen und ſchlu⸗ gen nieder, ohne zu wiſſen, ob Freund oder Feind. Die Officiere nannten ihre Nahmen und riefen ih⸗ rer Mannſchaft zu. Es war ein graͤßliches Blut⸗ bad. Nicht alle Camiſarden waren aus der Meierey entkommen; ein Theil davon hatte ſich verrammelt und gab Feuer aus den Fenſtern und von den Daͤchern. Sie ſchoſſen von ihren Freun⸗ den eben ſo viele nieder, als von ihren Feinden. So brach endlich der Tag an, und nun fanden die Camiſarden ſich wieder zuſammen, ſchlugen ſich durch den Feind und ſuchten fliehend Roland und Cavalier auf. Dieſe verſammelten den Reſt ihrer Leute um ſich, und ſtießen zu ihrer Reiterei⸗ die ſchon vorgeruͤckt war, um ihnen zu Huͤlfe zu kommen, Sie marſchirten noch einmal zuruͤck — 81 und erneuerten den Kampf; aber auf einmal fiel ein Corps friſcher Truppen mit ſo viel Nachdruk aͤber ſie her, daß ſie gaͤnzlich aus einander ge⸗ ſprengt wurden. Waͤhrend dieſes Handgemenges drangen drei oder vierhundert Camiſarden aus der Meierey hervor und flohen, unter einem Hagel von Kugeln, ihren Bruͤdern nach. Die Meierey ward mit neuer Wuth angegriffen. Die darinn noch zuruͤck gebliebenen vertheidigten ſich mit gleicher Unerſchrockenheit. Sie hatten ſich in eine Scheu⸗ ne zuruͤck gezogen, aus welcher ſie ein ununter⸗ brochenes Feuer machten; da ſie aber auf dem Punkt ſtanden, uͤbermannt zu werden, ſo legten ſie Feuer an die Scheune und kamen alle in den Flammen um. Die Camiſarden verlohren in dieſer moͤrderi⸗ ſchen Action ſechs bis ſiebenhundert Menſchen; die koͤniglichen Truppen uͤber dreihundert, die Ver⸗ wundeten auf beiden Seiten ungerechnet, deren eine große Anzahl war. Bald bemerkten die Camiſarden einen Hau⸗ fen Dragoner hinter ſich, von dem ſie verfolgt wurden. Roland ſchickte ihnen ſeine Reiterey ent⸗ gegen und dieſe trieb ſie zuruͤck. Ein kleiner Er⸗ ſaz nach einer gaͤnzlichen Niederlage! die Cami⸗ ſarden gewannen den Wald von St. Benezet, und hier erfuhren ſie die Umſtaͤnde von der Ver⸗ raͤtherey des Muͤllers. Dieſem Menſchen hatte es Geſch, d. Camiſarden, F 32— nicht genuͤgt, ſeine Freunde in Tour de Belot verrathen zu haben; er hatte noch neben her der Grauſamkeit des Marſchalls von Montrevel ein abſcheuliches Opfer gebracht. Dieſer hatte ihm, auſſer den erhaltenen funfzig Louisd'or, noch einen eintraͤglichen Dienſt verſprochen, wenn er im Nah⸗ men Rolands und Cavaliers, Landleute, die es mit ihnen hielten, aufforderte, Lebensmittel her⸗ bei zu ſchaffen, bei Strafe ihre Haͤuſer eingeaͤſchert zu ſehen. Dieſe armen Leute gehorchten. Der Marſchall ließ ſie unterweges aufheben und den Tag darauf in Nimes henken. Roland gab ſich große Muͤhe, jenen ſchaͤndlichen Verraͤther in ſeine Haͤnde zu bekommen; aber erſt nach einigen Mo⸗ nathen ertappte man dhn und lieferte ihn dem Ca⸗ valier aus. Er geſtand ſein ganzes Verbrechen und ſchien es lebhaft und aufrichtig zu bereuen. Er bath um erlaubniß, ſeine Soͤhne noch einmal umarmen zu duͤrfen, aber ſie wollten ihn nicht ſehen. Sodann bath er Gott und ſeine Bruͤder um Verzeihung und ward erſchoſſen. Uebrigens glaubten die Camiſarden, aus die⸗ ſem Verluſte ſelbſt Zuverſicht und Hoffnung ſchö⸗ pfen zu koͤnnen. Sie hielten es fuͤr ein Werk un⸗ mittelbarer goͤttlicher Vorſicht, daß ſie nicht alle umgekommen waren. Viele wurden durch dieſen Gedanken ſo begeiſtert, daß ſie an dem Dankfeſte welches jezt Roland in dem Walde von Miquelet feiern ließ, zu prophezeihen anfiengen, und ihren Bruͤdern verſicherten, daß ihre Erldſung nahe ſey. Cavalier ſelbſt fuͤhlte den Geiſt in ſich und er⸗ klaͤrte jene erſte Prophezeihung dadurch, daß ih⸗ nen die fremden Maͤchte bald Huͤlfe ſenden wuͤr⸗ den. Hoffnung und Zuverſicht lebten von neuem in den Herzen der Camiſarden auf. Roland und Cavalier trennten ſich jezt. Er⸗ ſterer nahm nur vierhundert Mann mit ſich und kehrte in die Gebirge zuruͤck. Dem Cavalier ließ er ſechs bis ſiebenhundert Mann, mit denen er ſich in Niederlanguedoc zeigen und dem Marſchall von Montrevel beweiſen ſollte, daß nicht alle Camiſarden todt waͤren. Dazu ſchickte ſich denn Cavalier an. Er legte ſeine Leute in drei Doͤrfer nicht weit von Nimes, erfriſchte, verſtaͤrkte ſie und fieng an, ſo lebhaft, und von ſo vielen Seiten her, ſo ſchnell, bald in großen, bald in kleinen Haufen, zu agi⸗ ren, und ſich mit ſolcher Kuͤhnheit ſelbſt vor den Thoren feſter Plaͤze zu zeigen, daß das Land in wenig Tagen in allgemeines Schrecken gerieth, und daß der Marſchall ſelbſt die Sache fuͤr ge⸗ faͤhrlich genug zu halten anfieng, um daruͤber von neuem nach Hofe zu ſchreiben und die Um⸗ ſtaͤnde als ſehr bedenklich zu ſchildern. Wir erſparen dem Leſer die Erzaͤhlung von einer Menge kleiner Actionen, Streifzuͤge, Ueber⸗ faͤlle und Kriegsraͤnke, wodurch Cavalier die koͤ⸗ 3 F 2 8 84— niglichen Truppen ſowohl als das ganze Land in Bewegung erhielt, und ſich in den Augen des Marſchalls zu vervielfaͤltigen und faſt unuͤber⸗ windlich zu machen wußte. Der Marſchall ſagte bei dieſer Gelegenheit:„Ich glaube, dieſe Canail⸗ le ſteigt Legionenweiſe aus der Hoͤlle hervor. Je mehr man umbringt, deſto mehr ſind da.“— Er war hoͤchſt aufgebracht uͤber den Gang, den dieſer Krieg nahm, und es war ihm aͤuſſerſt empfind⸗ lich, ſeine Ehre durch dieſe Straßenbuben und Galgendiebe,*) wie er ſie nannte, com⸗ promittirt zu ſehen. Wenn er von nun an nicht mehr in Perſon im Felde erſchien, ſondern um ſeine Ehre zu retten, lieber die Herzen der Wei⸗ ber bekriegte, waͤhrend er ſeine Generale fuͤr ſich handeln ließ; ſo blieb er darum doch nicht weniger die Seele aller Unternehmungen gegen die Cami⸗ ſarden, und erſezte durch ſeine Aufmerkſamkeit und Verhaltungsbefehle, ſeine Gegenwart und ſein Bei⸗ ſpiel bei den Truppen„ die er in beſtaͤndiger Thaͤ⸗ tigkeit erhielt. Cavalier hatte ſich in den Bergen von Bou⸗ quet geſezt. Der Marſchall beſorgte, entweder er moͤchte von da in Vivares eindringen, oder er hatte zur Abſicht ihn in den Bergen auszu⸗ hungern; genug, er ſchickte faſt alle ſeine Trup⸗ pen dahin. Aber als ſie ankamen, war Cavalier *) Gens de ſae& de corde, ſchon nicht mehr da. Zuverlaͤßige Kundſchafter hatten ihn gewarnt. Da er vermuthete, daß die Abſicht der koͤniglichen Truppen ſey, ſeinen Ein⸗ bruch in Vivares zu verhindern, ſo brachte ihn dieß auf einen Plan, den er dem Roland mit⸗ theilte; ſodann zog er ſich mit Vorſicht und Klug⸗ heit nahe an den koͤniglichen Truppen vorbei, bis Ganges, wo er Rolands Antwort erwartete. Die⸗ ſer traf in Perſon unverzuͤglich ein, und hatte ſechshundert Mann bei ſich, um Cavalier zu ver⸗ ſtaͤrken. Man hielt einen Kriegsrath, deſſen Ge⸗ genſtand und Reſultat folgendes war: Schon einige Zeir vorher waren Deputirte aus Rovergue, einer Provinz, die an Languedoc graͤnzt und damals voller Reformirten war, bei Roland erſchienen, mit der dringenden Bitte, daß er ihnen Truppen und beſonders einen entſchloſ⸗ ſenen und von ihm ſelbſt gewaͤhlten Anfuͤhrer ſchicken moͤchte; ſie verſicherten ihm, daß ſie ſo⸗ dann bald einen allgemeinen Aufſtand bewirken wollten; alles ſey reif dazu; Waffen und Muni⸗ tion haͤtten ſie zuſammen gebracht; Menſchen wuͤrden auch nicht fehlen; kurz, ſie erwarteten nur ſeine Huͤlfe; um loszubrechen. Da aber dieſe Deputirte gerade waͤhrend der bedenklichen Umſtaͤnde nach dem Ueberfalle von Tour de Belot gekommen waren, ſo hatte ſie Roland bloß mit der Verſicherung abfertigen koͤn⸗ nen, daß er ihr Anliegen in reifliche Ueberlegung nehmen wolle; daß ihr Zuſtand ihm ſehr am Her⸗ zen liege; und daß er, wenn er ſich wieder er⸗ hohlt und verſtaͤrkt haben wuͤrde, unverzuͤglich alles fuͤr die Ausfuͤhrung dieſes Entwurfs thun wollte.. Die koͤniglichen Truppen hatten ſich alſo, wie oben bemerkt, nach den Graͤnzen von Viva⸗ res gezogen. Cavalier hatte gemeint, daß man ihren Marſch dahin nutzen muͤſſe, um auf der Seite von Rovergue etwas zu unternehmen. Jezt kam es darauf an, feſt zu ſetzen, wie und durch was fuͤr Mittel. Die Ausfuͤhrung war nicht leicht: denn man mußte durch ein ganz katholi⸗ ſches Land, und ein zu großes Detaſchement konn⸗ te den Plan verrathen und zum Scheitern brin⸗ gen. Man beſchloß alſo im Kriegsrath: daß man nur funfzig Mann nach Rovergue ſchicken wolle, weil dort Mannſchaft und Waffen leicht zuſam⸗ men zu bringen waͤren; Catinat ſollte ſie anfuͤh⸗ ren, nur des Nachts vorruͤcken und bei Tage ſich verborgen halten; um dieſen Marſch ſo weit zu ſichern, als man koͤnnte, und zugleich jede Action mit den koͤniglichen Truppen zu vermeiden, wolle man mit den uͤbrigen Truppen gegen Perpignan marſchiren, und von dort ſich eilig in die Ober⸗ ſevennen zuruͤck ziehen. Aber die Sachen wand⸗ ten ſich ganz anders. 3 Um die koͤniglichen Truppen irre zu fuͤhren, bediente man ſich des gewoͤhnlichen Kunſtgriffs: man ſchickte drei Haufen unter geſchickten Anfuͤh⸗ rern ab, die den Feind an drei verſchiedenen Or⸗ ten zugleich beſchaͤftigen und aufhalten ſollten. Das camiſardiſche Hauptcorps, ungefaͤhr acht⸗ zehn hundert Mann ſtark, war waͤhrend der Nacht marſchirt, campirte in einem tiefen Thale, das mit Felſen umgeben war, und glaubte, dort un⸗ entdeckt geblieben zu ſeyn. Aber bald gaben die Poſten auf den Felſen Nachricht, daß ſie ein Corps Truppen nach dem Thale vorruͤcken ſaͤhen. Es war ein Detaſche⸗ ment von hundert Mann, die eine Perſon von Bedeutung nach Desforts begleiteten. Die Schild⸗ wachten erhielten Befehl, ſich zu verbergen. Die Bedeckung marſchirte hindurch, als ſie aber nach Verlauf einiger Stunden wieder zuruͤck kam, ge⸗ rade zu der Zeit, wo die Camiſarden aus ihrem Lager aufbrachen, wurden ein Paar ihrer Poſten von denſelben bemerkt. Sogleich zog ſich der Officier, der dieß Detaſchement anfuͤhrte, und dem es wahrſcheinlich an Erfahrung und Kopf fehlte, um die Felſen herum und griff die Camiſarden an. Aber er ward ſogleich von Roland einge⸗ ſchloſſen und ſeine Leute wurden in wenig Augen⸗ blicken nieder gehauen, bis auf einen Sergenten, der ſich in eine Hoͤhle verkrochen hatte, und den man auffand und zu Roland brachte. Er bath um ſein Leben.—„Das nehmen wir nie⸗ mand,“ erwiederte Roland:„auſſer, wenn 88— wir unſer eigenes vertheidigen! Du kannſt nach deiner Garniſon zuruͤck kehren!“— Zugleich gab er ihm einen Brief an den Gouberneur mit, ungefaͤhr folgenden Innhalts: 4 0 3* „Es thut mir leid, daß ich Ihnen oon den hundert Braven aus Ihrer Garniſon, die mich angegriffen haben, nur dieſen Einzigen zuruͤck ſchicken kann, der weit kluͤger war, als ſein Offi⸗ cier, und nicht mit tauſend Mann anbinden woll⸗ te. Er wird Ihnen ſelbſt ſagen, wie er ſich ge⸗ holfen hat; und Sie werden ſehen, daß wir nicht, wie man uns nachſagt, mit kaltem Blute mor⸗ den. Nur aus Noth fuͤhren wir Krieg, und wir verzeihen uns dieſes leztere Blutbad nur darum, weil wir dazu gezwungen wurden. Werden wir gefangen, ſo raͤdert und verbrennt man un⸗; aber dieſer Sergent, der mit uns ſehr zufrieden ſcheint, muß die Urheber jener Grauſamkeit beſchaͤmen.“ Uebrigens ward dieſer Zufall dem Entwurfe wegen Rovergne ſehr hinderlich. Man ſahe wohl ein, daß die koͤniglichen Truppen, da ſie jezt wußten, daß ſich die beiden Haͤupter der Cami⸗ ſarden vereinigt hatten, Verdacht ſchoͤpfen, ſie be⸗ obachten und verfolgen wuͤrden, und daß dieß eine Generalaction herbei fuͤhren koͤnnte, die man aus Grundſaz vermeiden wollte. Man ſezte alſo die vorgehabte Unternehmung bis zu einer gele⸗ genern Zeit aus und zog ſich in die Sevennen, — 8 89 doch mit Zuruͤcklaſſung einiger kleinen Detaſche⸗ ments, die, wie gewoͤhnlich, den kleinen Krieg in der Ebene fort fuͤhrten. Dem Hauptcorps ließ Roland nun eine Weile Zeit, ſich zu erhohlen. Indeſſen war er nicht gewohnt, ſolche Ra⸗ ſten lange dauern zu laſſen. Er verließ die Se⸗ vennen bald, um die Erpedition auf Rovergue wieder vorzunehmen. Valmal und Caſtanet blie⸗ ben mit kleinen Detaſchements in den Gebirgen zuruͤck, welche immer noch die Feſtungen und Waf⸗ fenplaͤtze der Camiſarden vorſtellten. Roland campirte in den Waͤldern um Su⸗ mene. Vierhundert Mann von der Garniſon die⸗ ſes kleinen Platzes ruͤckten an, um die Camiſar⸗ den zu verjagen; aber ſie verſchwanden auf ein⸗ mal wieder. Roland ließ ihnen nachſetzen; ſie war⸗ fen ſich eiligſt in die Stadt; aber die Camiſarden ſtuͤrmten die Thore, und zwangen die Beſatzung, ſich in die Citadelle zu ziehen. Roland blieb den ganzen Tag in Sumene, ließ eine Menge Waf⸗ fen und Mundvorrath weg fahren, und marſchir⸗ te ſodann gegen Abend nach Ganges. Die Gar⸗ niſon dieſes Orts zog ſich ebenfalls, ſo bald er ſich ſehen ließ, in die Citadelle. Der Pfarrer von St. Laurent, Inem Dorfe in der Naͤhe von Ganges, war allein weit mu⸗ thiger, als eine ganze Garniſon. Er kam, von einigen Maͤnnern begleitet, nach Ganges. Eine camiſardiſche Poſt hielt ihn an, und wies ihn 90— zuruͤck.„Schießt die Hunde nieder!“ rief der Pfarrer, gab ſeinem Pferde die Sporn,— und hatte das Gluͤk, den Schuͤſſen der Camiſar⸗ den zu entkommen. Seine Begleitung ſchoß in der That zwei Camiſarden nieder, wurde aber bald umringt, und zuſammen gehauen. Roland brachte die Nacht in Ganges zu, und ruͤckte den andern Morgen nach St. Laurent; aber der Pfarrer war nicht da. Indeſſen fielen dort Dinge vor, die nichts aͤhnliches mit der laͤ⸗ cherlichen Tollkuͤhnheit dieſes Pfarrers hatten. St. Laurent iſt ein großes, volkreiches Dorf⸗ deſſen Einwohner damals faſt lauter Reformirte waren. Roland quartierte ſich foͤrmlich ein. Sei⸗ ne Leute befanden ſich in Freundes Lande, und Roland ließ ſie einige Tage ausruhen. Zwei Kundſchafter des Marſchalls von Montrevel fan⸗ den waͤhrend dieſer Zeit Gelegenheit, ſich dem Roland als Deputirte aus Rovergue vorzuſtellen, und ihn in der That zu hintergehen. Gerade um dieſe Zeit ward Cavalier krank. Er hatte eine empfangene Wunde ſo vernachlaͤßigt, daß er ſich jezt auf einmal auſſer Stand befand, etwas zu unternehmen. Deßhalb mußte er ſich in die Ober⸗ Sevennen begeben, um ſeine Geſundheit wieder herzuſtellen. Als er von Roland Abſchied nahm, ſagte er:„Bruderl ich kenne un ſern Ca⸗ tinat; er iſt hitzig und verwegen. Empfiehl ihm bei der bevorſte henden — — 8 91 wichtigen Unternehmung Maͤßigung und Vorſicht!“ Es zeigte ſich bald, daß dieſe Warnung ſehr noͤthig geweſen war. Catinat ward auf einmal ſtaͤrker, als vorher, von einem Geiſte der Ver⸗ wegenheit und eines hochmuͤthigen Selbſtvertrauens befallen, welchen jene vorgegebene Deputirte von Rovergue mit hinterliſtigen Lobſpruͤchen naͤhrten. Kaum hatten die Camiſarden St. Laurent ver⸗ laſſen, als ſie hinter ſich die dortige Kirche in Feuer aufgehen ſahen. Roland fragte nach dem Urheber dieſes Brandes, und ſogleich antwortete Catinat mit Kaͤlte:„Ich bins! Ich habe Feuer an die Goͤtzenbilder unſerer Fein⸗ de gelegt. Sie haben unſre Tempel nicht geſchont, ich will ihre Kirchen auch nicht ſchonen.“ Roland ſtellte ihm mit einiger Hitze die Un⸗ regelmaͤßigkeit und das Gefahrvolle ſeines Beneh⸗ mens vor; verwies es ihm, daß er willkuͤhrlich gehandelt, gegen ſein Anſehen verſtoßen, und mit⸗ hin den Eid der Treue, den er ihm geleiſtet, ge⸗ brochen habe. Catinat antwortete nichts darauf, und Ro⸗ land hielt dieß fuͤr ein ſtummes Eingeſtaͤndniß ſei⸗ nes Fehlers. Sie ruͤckten vor Pompignan. Die Garniſon zog ſich in die Citadelle. Catinat gieng gerade nach der Kirche, und zuͤndete ſie an. Ro⸗ land wurde ſogleich davon benachrichtigt.„Gott ſchuͤtze uns!“ rief er aus: der Menſch wird uns ungluͤcklich machen!“— Er eilte ſelbſt hin, um zu loͤſchen; aber ein anderer Umſtand zog ſeine Sorgfalt an ſich. Die koͤnig⸗ lichen Truppen erſchienen, und naͤherten ſich von mehreren Seiten. Zu gleicher Zeit erfuhr man, daß die vorgegebenen Deputirten von Rovergue ſich unſichtbar gemacht haͤtten. Sie waren der Garniſon in die Citadelle gefolgt. Die Feinde zeigten ſich zwar in geringer Anzahl; aber Ro⸗ land fuͤrchtete, daß ſie ihn dadurch nur zu einem Angriffe anlocken wollten. Er war dafuͤr, daß man ſich in den nahe gelegenen Wald zuruͤck zie⸗ hen ſollte; aber Catinat war fuͤr den Angriff, und zog alle uͤbrigen Officiere zu ſeiner Meinung heruͤber. So fieng man ein Gefecht an, wobei die Camiſarden jeden Augenblick in Gefahr wa⸗ ren; uͤbermannt und vernichtet zu werden. Roland zog in Schlachtordnung auf den Feind los, der, gleich bei der erſten Salve, zuruͤck wich. Roland ſezte ihm nach, erblickte aber ſogleich drei andere Corps, die im Begriffe waren, uͤber ihn her zu fallen. Jezt wich er zuerſt zuruͤck, nahm die Flucht, und rief:„Rette ſich, wer kann!“ Im vollen Laufe folgten ihm ſeine Leute; da ſie aber eine halbe Meile bis zum Walde hatten, ſo hohlte ſie die feindliche Cavallerie ein, und hieb eine große Anzahl von ihnen nieder. Roland brachte, ſo viele er konnte, von den Fluͤchtigen zum ſtehen, ſezte ſich vor dem Walde, waͤlzte Felſenſtuͤcke vor ſich hin, bildete dadurch eine Art von Retranchement, welches die Cavallerie auf⸗ hielt, die ſolchergeſtalt ein ſtarkes Feuer von den Camiſarden auszuhalten hatte, dennoch aber nicht zuruͤck wich, weil ein Corps Infanterie zu ihrer Unterſtuͤtzung heran ruͤckte. So bald Roland die Infanterie kommen ſah, warf er ſich in den Wald; aber jene verfolgte ihn auf dem Fuße, waͤhrend die Cavallerie ſich um den Wald herum zog, und alle Ausgaͤnge deſſel⸗ ben beſezte. Roland hatte einen Vorſprung, und kannte die Gegend beſſer, als die koͤniglichen Trup⸗ pen; er legte alſo hier und da Hinterhalt zwiſchen den Felſen und Anhoͤhen: die im Walde waren. Die koͤnigliche Infanterie, die ſich auf das Ma⸗ ndore der Cavallerie verließ, durchzog voller Hitze, aber doch in Ordnung, den Wald. Dennoch wurde ſie durch das unerwartete Feuer, das man aus jedem Winkel auf ſie machte, aufgehalten, und aus einander getrieben. Sie ſammelte ſich aber wieder, griff die Camiſarden, ſelbſt in ihren Schlupfwinkeln, an, und trieb ſie ſo in die En⸗ ge, daß alle flohen, die noch fliehen konnten; die uͤbrigen aber lieſſen ſich nieder ſtechen, und ver⸗ kauften ihr Leben theuer. Unterdeſſen hatte Roland eine vortheilhafte Stellung genommen, und unterſtuͤzte, an der Spitze einer auserleſenen Mannſchaft, diejenigen Haufen ſeiner Leute, die er detaſchirt hatte. Zu⸗ gleich brachte er die Fluͤchtigen zum Stehen, und ſo begann das Gefecht von neuem, mit der groͤſ⸗ ſeſten Hartnaͤckigkeit. Aber Roland waͤre verloh⸗ ren geweſen, wenn ihn Catinats Geiſtesgegenwart und Muth nicht gerettet haͤtte. Dieſer haite ſich mit ſeiner Cavallerie und mit drei oder vierhun⸗ dert Fluͤchtlingen, die ſich zu ihm gefunden, aus dem Walde in eine Ebene gezogen, hinter Anhd⸗ hen, die ihn deckten, und wo er ſehen konnte, ohne geſehen zu werden. Die Abſicht der feind⸗ lichen Cavallerie war ihm klar; er fiel ſie alſo mit jenen Fluͤchtlingen an, nahm ſie zugleich mit ſeinen Reitern in die Flanke, ſchlug ſie zuruͤck, und reinigte ſolchergeſtalt die Eingaͤnge des Wal⸗ des, die ſie beſezt hatten. Dieß rettete Roland und die Camiſarden. Sie hatten ſich, da ſie von der Menge uͤbermannt wurden, noch eine Weile fliehend geſchlagen, und dieß gegen fuͤnf Stunden ausgehalten. Endlich flohen ſie von allen Seiten, ſammelten ſich wie⸗ der, und feuerten in Pelotons, wurden wiederum aus einander gedruͤckt, ſuchten und fanden die Ausgaͤnge des Waldes, und waͤren dort von der koͤniglichen Cavallerie nieder gehauen worden, wenn Catinat ſie nicht verjagt, und dadurch den koͤniglichen Truppen einen vollſtaͤndigen Sieg ent⸗ riſſen haͤtte. Dieſe verlohren in dieſer Action un⸗ gefaͤhr dreihundert Mann, und die Camiſarden uͤber ſechshundert. Die Camiſarden ſammelten ſich nach und nach wieder, aber in einem traurigen Zuſtande; indeſſen waren ſie immer noch gegen eilfhundert Mann ſtark. Sie zogen ſich in die Waͤlder von St. Benezet zuruͤck, und hier gaben ſie ein Bei⸗ ſpiel, wie unpartheyiſch ſie die Gerechtigkeit hand⸗ habten, und wie ſie ſelbſt ihrer Anfuͤhrer, troz den wichtigſten geleiſteten Dienſten, nicht ſchonten, wenn ſie ſich Verſtoße zu Schulden kommen lieſ⸗ ſen. Roland ließ den Catinat in Arreſt nehmen, und man erwartete nur die Zuruͤckkunft Cavaliers, um ihm den Prozeß zu machen. Cavaliers Krank⸗ heit war kurz geweſen; er kam in wenig Tagen wirklich an. Sogleich wurde ein Kriegsrath gehalten, und Catinat wurde als Verbrecher vorgefuͤhrt und an⸗ geklagt: daß er ohne Grund und Befehl die Kir⸗ chen von St. Laurent und Pompignan in Brand geſteckt, und dadurch ſeine Bruͤder, und alle ihre Freunde, einer gaͤnzlichen Vernichtung, die ihre Feinde nun fuͤr billig und verdient halten wuͤr⸗ den, ausgeſezt habe. Der zweite Punkt der An⸗ klage war, daß er auf die Vorſtellungen Ro⸗ lands, ſeines Chefs nicht geachtet. Man befahl ihm, ſich uͤber beide Punkte deutlich zu verantworten. Er ſagte:„die Kirche von St, Laurent habe ich, in einem Anfalle von Eifer, der mich uͤbermannte, angezuͤndet; ich hielt ihn bloß fuͤr unſchuldig, ſogar fuͤr gerecht, weil ich mich an die Grauſamkeiten erinnerte, die man von jeher, und noch taͤglich, an uns begangen hat, und begeht. Ich will bekennen, daß ich fehl⸗ te, wenn ich zu Pompignan auf Antrieb der Rachſucht gehandelt habe, die ich gegen den Pfar⸗ rer dieſer Kirche fuͤhlte, der mich ehedem ſehr hef⸗ tig verfolgt hatte. Was das ungluͤkliche Gefecht bei Pompignan betrifft, ſo ſieht jeder leicht ein, daß bloß die Betriegerei der vorgegebenen Depu⸗ tirten aus Rovergue Schuld daran war; die Raͤnke und hinterliſtigen Anſchlaͤge dieſer Spione muͤſſen uns allen bekannt ſeyn; vielleicht habe ich ihnen mehr geglaubt, als Andern; aber meine Abſichten waren rein und redlich. Ich habe die Befehle Rolands immer geehrt, und werde ſie Zeitlebens ehren; aber mein Zorn auf den Pfar⸗ rer hatte mich betaͤubt, und meiner Pflicht ver⸗ geſſen gemacht. Uebrigens habe ich mir in Ab⸗ ſicht meiner Geſinnungen fuͤr die gemeinſchaftliche Sache nichts vorzuwerfen. Ich bin bereit, fuͤr ſie mein Blut bis auf den lezten Tropfen zu ver⸗ gieſſen, und dieß habe ich auch bei mehreren Ge⸗ legenheiten bewieſen.“— Man ließ ihn abtreten. Der Kriegsrath war getheilt. Einige billigten ſeine Gruͤnde, Andere fanden ſie ſchwach; aber Cavalier ſtellte ihnen mit Lebhaftigkeit vor, daß das Geſtaͤndniß Catinat —* 97 ihm die Verzeihung von Fehlern verſchaffen muͤſſe, denn nicht ſowohl Geiſt des Widerſpruchs und des Ungehorſams, als vielmehr Uebereilung und Hitze zum Grunde laͤgen; daß Catinat bei allen Gelegenheiten ſich als ein wackerer Mann gezeigt habe, und daß man ihn in dieſer doppelten Hin⸗ ſicht losſprechen muͤſſe. Sodann nahm Roland das Wort, und ſagte: er glaube, daß Catinat, wenn er ſich gleich des Ungehorſams ſchuldig ge⸗ macht, und die Niederlage bei Pompignan veran⸗ laßt habe, ſo ſey er doch bei dieſer Gelegenheit mit ſo viel Muth und Klugheit zu Werke gegan⸗ gen, daß dieſes allein Verzeihung verlange, und erhalten muͤſſe. Der Kriegsrath trat dieſer Meinung bei 3 Catinat wurde losgeſprochen, und trat in die vorige Achtung bei ſeinen Bruͤdern wieder ein. Nachdem dieſe Sache beigelegt war, berath⸗ ſchlagte man, was man nun beginnen ſollte. Man befand ſich in einem zerruͤtteten Zuſtande. Die Unternehmung auf Rovergue war zum zweiten⸗ mal geſcheitert, und man konnte nicht leicht von neuem Anſtalten machen, weil man ſie von feind⸗ licher Seite entdeckt hatte. Auf der andern Seite konnte man, bei dem erlittenen Verluſte, nichts aͤhnliches und wichtiges unternehmen. Man war ſogar in Gefahr, uͤberfallen und aufgerieben zu werden. Alſo beſchloß man, ſich in die Berge zu⸗ Geſch. d. Camiſarden, G 98* ruͤck zu ziehen. Man ſchickte ſich ſchon dazu an, als Roland eine Nachricht erhielt, die ganz ent⸗ gegengeſezte Maßregeln zur Folge hatte. Der Intendant von Baville, den die Cami⸗ ſarden toͤdtlich haßten, ſollte den andern Morgen von Montpellier, wo er ſich befand, nach St. Hippolite gehen, um dort einige Gefangene zu verurtheilen, welche die koͤniglichen Truppen bei Pompignan gemacht hatten, und auſſer ihnen mehrere andere Reformirte, die der Marſchall von Montrevel, auf den Verdacht, daß ſie die Cami⸗ ſarden beguͤnſtigten, hatte einziehen laſſen. Ein Rgiment Infanterie und ein Regiment Dragoner ſollten ihn begleiten. Die Camiſarden erhielten Nachricht davon, und ſie faßten den Entſchluß, den Intendanten aufzuheben. Noch keine Unternehmung hatte ih⸗ ren Eifer ſo beſchaͤftigt, und man muß bekennen, daß es nicht leicht einen Gegenſtand geben konn⸗ te, der faͤhiger geweſen waͤre, die beiden entge⸗ gengeſezten Empfindungen, Haß und Mitleid, in ihnen zu erregen. Zwar ſtanden ihnen nur hochſtens eilfhundert Mann zu Gebothe, die noch dazu nicht alle mit Waffen verſehen werden konn⸗ ten; aber die Aufhebung des Herrn von Baville war ihnen ſo wichtig, daß ſie alle andern Be⸗ trachtungen bei ihnen aufhob. Man eilte, ſich auf dem Wege, den der Intendant nehmen mußte, in Hinterhalt zu legen. Was an Gewehren ab⸗ gieng, wurde durch Sicheln, Senſen, Aerte, und andere moͤrderiſche Inſtrumente erſezt. Sie mar⸗ ſchirten mit Anbruch der Nacht aus dem Gehoͤlze von St. Benezet, und legten ſich in ein Thal, durch welches der Intendant mußte. Ihre Maß⸗ regeln waren mit ausgezeichneter Verſicht und Liſt genommen. Wir verſchonen den Leſer mit dem Detail davon. t2n 25. 95= Aber dennoch verungluͤckte dieſe Unternehmung. Das gute Gluͤk des Intendanten rettete ihn dieß⸗ mal von der Schlinge, die man ihm gelegt hatte. Sein Wagen naͤherte ſich, von einer Garde beglei⸗ tet, allmaͤhlig dem Hinterhalte; aber auf einmal hielt er ſtill, kehrte um, und fuhr im ſtarken Trott den Weg zuruͤck, den er gekommen war, und die Dragoner mit ihm. Alles verſchwand auf einmal. ee r, en nnrzchin Ein einziger Mann hatte den Intendanten gereteet. Die Camiſarden hatten alles feſt genom⸗ men, was ſich auf ihrem Wege zeigte; aber ein Winzer entkam ihnen, und eilte Jenem mit der Nachricht entgegen, daß die Camiſarden in der Naͤhe waͤren. Noch nie hatten die Camiſarden ſolch einen ſchmerzlichen Verluſt erlitten. Indeſ⸗ ſen wurde er bald nachher durch ein unerwartetes Gluͤk einigermaßen erſezt. in Der lezte Vorfall aͤnderte zum Theile den Plan, den man gehabt hatte, ſich in die Seben⸗ Hn 4— G 2 2 RRX 3 100— nen zuruͤck zu ziehen, um auszuruhen, und ſich zu verſtaͤrken. Die Befreiung der gefangenen Reformirten lag dem Roland ſehr am Herzen. Er ließ dem Cavalier neun hundert Mann, die noch am beſten bewaffnet waren, zuruͤck, und er ſelbſt gieng mit den uͤbrigen zweihundert nach den Oberſevennen. Cavalier hingegen naͤherte ſich der Stadt Anduze, und nahm auf der Seite des na⸗ he gelegenen Waldes einen vortheilhaften Poſten. Er ſchickte zwei Detachements aus, von denen das eine um Montpellier ſtreife mußte, um den In⸗ tendanten beſtaͤndig zu beobachten, und das an⸗ dere ſich in zwei oder drei Partheien theilen, zwi⸗ ſchen Uſes und St. Eſprit ſtreifen und ſo viel Beute machen ſollte, als ſich nur machen lieſſe. Moguier, einer der Anfuͤhrer des leztern De⸗ taſchements, ein braver Partheygaͤnger, ſah gleich den erſten Tag ein ziemlich betraͤchtliches Trup⸗ pencorps in der Ferne. Er verbarg ſeine Leute, die ungefaͤhr dreißig Koͤpfe ſtark waren, hinter einem Berge, legte ſeine Waffen und das ganze Aeuſſere eines Soldaten ab, begab ſich ganz allein nach der Landſtraße, und naͤherte ſich einem Man⸗ ne, den er dort antraf, und den er, nach einigen vorlaͤufigen Fragen, fuͤr einen Reformirten er⸗ kannte. „Ich bin ein Camiſarde,“ ſagte No⸗ guier zu ihm:„meine Leute ſind nur ein Paar Schritt von hier, Weißt du, 6 — 101 was das fuͤr Truppen ſind, die da her kommen?“—. 3 n Der Mann antwortete, ſchmerzlich bewegt: „Es ſind einige von unſern Bruͤdern⸗ die man unter einer Bedeckung von funfzig Mann nach Anduze fuͤhrt, um ſie dort zu verurtheilen. Meine Frau iſt mit darunter. Man beſchuldigt ſie, daß ſie den Conventikeln der Camiſar⸗ den beigewohnt haͤtten, aber ſie ſind unſchuldig. Es iſt ein Streich von dem Abſcheulichen Marſchall. Ich wollte eben nach Anduze gehen, um meine Frau los zu bitten!“ Noguier ließ dem Manne nicht Zeit, ihm noch mehr zu erzaͤhlen; er hatte ſich mit ihm unmerklich ſeinen Leuteu genaͤhert; hier ließ er ihn, mehrerer Sicherheit wegen, feſt nehmen, und verſprach ihm, daß er ihm ſeine Frau bald brin⸗ gen wolle. Da jenes Corp, ſich immer mehr naͤherte, ſo eilte er, ſeine Leute in Hinterhalt zu legen, mit dem Befehle, daß ſie funfzehn Schuͤſſe auf den Vortrab der Bedeckung und fuͤnf auf den Nachtrab thun ſollten; zehn andere Cami⸗ ſarden ſollten erſt abfeuern, wenn die erſtern zwan⸗ zig geſchoſſen haͤtten, damit dieſe Zeit behielten, von neuem zu laden. Der Trupp naͤherte ſich. Die Bedeckung verlohr durch die erſten Schuͤſſe mehrere Menſchen, 102— und gerieth dadurch in ſolch ein Schrecken, daß ſie die Flucht nahm und die Gefangenen zuruͤck ließ. Noguier gab ſich dieſen zu erkennen. Sie waren, zwei und zwei zuſammen geſchmiedet, in der Mitte der Bedeckung gegangen; deßhalb war keiner von ihnen verwundet worden. Die drei Haufen, aus welchen dieſes Deta⸗ ſchement beſtand, vereinigten ſich jezt auf einem beſtimmten Sammelplatze wieder, und begleiteten nun ihrerſeits die Gefangenen nach dem Poſten des Cavalier, der ſie mit großer Freude empfieng. Man vertheilte ſie unter die Freunde der Cami⸗ ſarden und ſorgte fuͤr ihre Sicherheit und ihren Unterhalt. Das andere Detaſchement ſtieß ebenfalls wie⸗ der zu Cavalier, nachdem es eine Weile um Mont⸗ pellier geſchwaͤrmt und einige Beute gemacht hat⸗ te. Es brachte die Nachricht mit, daß der In⸗ tendant zwei Tage nachher nach Anduze abge⸗ gangen ſey, aber in ſo ſtarker Begleitung, daß es unmoͤglich geweſen, ihn anzugreifen. Dieß ver⸗ mochte den Cavalier, ſich von Anduze zu entfer⸗ nen und in den Wald von Alader zuruͤck zu zie⸗ hen, wo er die Verſtaͤrkung erwartete, die ihm Roland ſchicken ſollte. Hier beſchaͤftigte er ſich mit Dankfeſten und andern Uebungen der Froͤm⸗ migkeit, die beſonders von ſeiner Seite, mit ei⸗ nem Eifer begangen wurden, welcher mit jedem Augenblicke zu ſteigen ſchien und ihn bis zum — 103 hoͤchſten Grad erhizte. Die Zeit her hatte ihn der Geiſt, wie es die Camiſarden nannten, nur periodenweiſe und nicht gewaltſam in Bewegung geſezt, aber nun bemaͤchtigte er ſich ſeines ganzen Kopfes und aller ſeiner Sinne. Er prophezeihte unter Convulſionen, die ſein ganzes Weſen zerreiſ⸗ ſen zu wollen ſchienen, und ſagte mehrere Dinge vorher, die durch einen Zufall zum Theil eintra⸗ fen. Dieß verſchaffte allen uͤbrigen ſtarken Glau⸗ ben, und erweckte bei ſeinen Bruͤdern das aller⸗ hoͤchſte Zutrauen auf ſeine Unternehmungen. Gerade hierinn lag das Wunder; aber Ca⸗ valier glaubte dieß nicht und war uͤberzeugt, daß der Himmel auſſerordentliche Dinge fuͤr ſeine Par⸗ they thaͤte, ſagte und verſicherte dieß auch ſeinen beſten Freunden. Kurz, er hl ſich fuͤr einen wahren Propheten. Einmal verſammelte er mitten in jenem Wal⸗ de ſeine Leute um ſich her. Er bethete und pre⸗ digte, und waͤhrend er ſprach, ſchien er auf ein⸗ mal zu erſtarren. Unbeweglich ſtand er da, die Haͤnde zum Himmel empor gehalten. Rur ſein Auge war in Bewegung. Endlich brachte er fol⸗ gende Worte, von Seufzern unterbrochen, mit Emphaſe hervor:„Hoͤre, o mein Sohn! Schicke zwanzig Mann nach Vicl So⸗ gleich wird le Fevre, dieſer wuͤthende Verfolger der Kinder Gottes, kommen und ſie angreifen wollen; aber, ich will 10G— dieſen Suͤnder in deine Haͤnde geben, damit du ihn beſtrafeſt, ihn und Alle, die ſich euren heiligen Unternehmun⸗ gen widerſetzen! Habe Vertrauen, mein treuer Sohn!“— Er ſeufzte noch einigemal und fiel wieder in Eeſtaſe. Als er endlich wieder zu ſich ſelbſt kam, fragte er, was er geſagt habe? Man antwortete ihm, er haͤtte prophezeihet.—„Ich weiß es wohl!“ verſezte er:„Aber, was hab' ich geſagt?“— Man wiederhohlte ihm ſeine ei⸗ gene Worte.—„Nein!“ rief er nach einer neuen Anwandlung von Enthuſiasmus aus: „Nein, le Fevre wird dießmal noch nicht umkommen! Das Maaß ſeiner Suͤnden muß erſt ganz voll werden, ehe er die Strafe dafuͤr leidet! Aber ſein Trupp wird in Eure Haͤnde gegeben und ganz aufgerieben werden! Cava⸗ lier, gehorche den Befehlen des Him⸗ mels! Schicke zwanzig Mann ab und laß ſie von Dur and anfuͤhren!“— Le Fevre wurde angegriffen und geſchlagen. Ein Wunder war dieß nicht. Wenn Durand auf Befehl ſeines prophetiſchen Chefs bloß mit zwan⸗ zig Mann den Le Fevre aufſuchte und bis nach Vie zuruͤck trieb, ſo lockte er ihn aber auch, durch eine verſtellte Flucht, in einen Hinterhalt von achthundert Camiſarden, wo ſeine Leute freilich —— 105 wohl in Stuͤcken gehauen werden mußten; was aber wirklich fuͤr eine Art von Wunder gelten konnte, war der Umſtand, daß er von ſeinen hun⸗ dert Leuten in der That nur allein uͤbrig blieb. Dieß verdrehete dem Cavalier den Kopf vollends; aber der Ruf eines großen Propheten, den er da⸗ durch erhielt, ward ſeiner Parthei deſto vortheil⸗ hafter. Nicht nur Bauern und andere gemeine Leute machten jezt williger gemeinſchaftliche Sache mit den Camiſarden, ſondern auch die Adelichen und wohlhabenden Reformirten in den Sevennen ſchloßen ſich thaͤtiger an ſie. Auch in andere Pro⸗ vinzen, ſogar jenſeits des Meeres, gieng der Geiſt von Aufmerkſamkeit und Eifer fuͤr ihre Sache uͤber, und dieſe vortheilhafte Stimmung ſezte die Camiſarden mehr als je in den Stand, auf die feſten Verſicherungen von Huͤlfe und Unterſtuͤzung, die von allen Seiten kamen, ſich muthig zuſam⸗ men zu erhalten, und die Vertheidigung ihrer Sa⸗ che fortzuſetzen. Um dieſe Zeit war es, als Roland dem Ca⸗ valier ſagen ließ, daß er wichtige Depeſchen er⸗ halten habe, deren Innhalt er ihm in eigener Perſon anvertrauen muͤßte. Cavalier kam und ſezte ſich bei Sommieres. Dort ließ er ſeine Leute unter dem Befehl des Ravanel zuruͤck, mit der Anweiſung, den Feind durch mannigfaltige Be⸗ wegungen zu beſchaͤftigen und irre zu fuͤhren. Er ſelbſt nahm nun funfzig Mann fuͤr ſich, und naͤ⸗ herte ſich dem Roland, der nach der Seite von Salles, mit achthundert Mann, vorgeruͤckt war. Die Haͤlfte davon war, nebſt noͤthiger Munition und Proviant, fuͤr Cavalier ſelbſt beſtimmt, um damit in die Ebene zu ruͤcken, den Marſchall zu beunruhigen und ihn, durch ſcheinbare Unterneh⸗ mungen gegen andre Oerter, auf die Meinung zu bringen, daß man nicht mehr an den Einbruch in Rovergue und Vivares daͤchte; endlich auch, um durch dieſe unablaͤßige Streifzuͤge von allen Sei⸗ ten her, ihn zu dringen, von neuem nach Hofe zu ſchreiben und dieſen immer unruhiger in Abſicht der Sevennen zu machen. Letzteres war der Hauptzweck der geheimen In⸗ ſtructionen, die Roland von fremden Hofen er⸗ halten hatte, und man ſieht die Bewegungsgruͤn⸗ de davon leicht ein. Dieſer innere Krieg unter⸗ grub unmerklich die Kraͤfte Frankreichs, und trug in der That mit dazu bei, dieſe maͤchtige Monar⸗ chie ſo in die Enge zu treiben, daß der Koͤnig, nach einer ſchnellen Folge von verlohrnen Schlach⸗ ten, Ueberfaͤllen, und ungluͤklichen Combinationen, ſeine Feinde faſt vor den Thoren ſeiner Hauptſtadt ſehen und ſich ſelbſt von Verſailles nach Cham⸗ vord uͤberpflanzen mußte. Die Depeſchen, die Roland dem Cavalier mit⸗ zutheilen hatte, giengen wahrſcheinlich auf dieſen ſeinen, weitſehenden Plan hinaus: Es war naͤhm⸗ lich ein Brief von Seiten und im Nahmen der —— 107 Koͤniginn Anna von England, von der Hand des Marquis von Miremont, angekommen. Dieſer Mann war ein ausgewanderter Reformirter von Range, der an dem Londoner Hofe geſchaͤzt war, nicht ſowohl wegen kriegeriſcher Thaten, als viel⸗ mehr wegen ſeiner Redlichkeit und wegen ſeines warmen Eifers fuͤr die Religion. Sein Brief war folgenden Innhalts: Die Koͤniginn habe erfahren, daß die Reformirten in den Sevennen gezwungen worden, die Waffen zur Vertheidigung ihrer Ge⸗ wiſſensfreiheit und ſelbſt ihres Lebens zu ergreifen: Dieſe mitleidige Monarchinn habe ihm aufgetra⸗ gen, ihnen von ihrer Seite zu verſichern, daß ſie wahrhaften Antheil an ihrer traurigen Lage neh⸗ me; ſie habe ihm den ehrenvollen Auftrag ge⸗ macht, die Huͤlfsvoͤlker anzufuͤhren, die ſie ihnen zu ſchicken beſchloſſen; ſie ſollten ferner bis zu ſei⸗ ner Ankunft ſich mit Nachdruck und Klugheit be⸗ nehmen; er wuͤrde ihnen zu ſeiner Zeit die Maß⸗ regeln wiſſen laſſen, die Roland zu nehmen haͤtte, um denjenigen die Hand zu biethen, die er ſelbſt nehmen wuͤrde. ꝛc. Roland und Cavalier hielten dieſen Brief unter ſich geheim, und entwarfen eine Antwork, die den Charakter der Einfalt und des kriegeri⸗ ſchen Geiſtes trug. Sie bathen den Marquis, ihre tiefeſte Ehrfurcht und Dankbarkeit der Koͤni⸗ ginn zu Fuͤßen zu legen; gaben ihm, einen ge⸗ nauen Abriß ihrer Lage und der Art, wie ſie den — — — I 03— Krieg fuͤhrten, um weit ſtaͤrker zu ſcheinen, als ſie in der That waͤren; drangen beſonders auf ſchleunige Unterſtuͤzung, und ſtellten vor, daß ſie bei ihrem beſten Willen, ſelbſt ihr Leben fuͤr die Gerechtigkeit ihrer Sache aufzuopfern, dennoch ohne die verſprochene Huͤlfe unterliegen wuͤrden. Nachdem dieſe Depeſche abgeſchickt war, verabre⸗ deten Roland und Cavalier die Operationen, die unter gegenwaͤrtigen Umſtaͤnden am thunlichſten und nuͤzlichſten waͤren. Sie verlohren Rovergue und Vivares nicht aus dem Geſicht, weil die dor⸗ tigen Reformirten wiederhohlt in ſie gedrungen hatten, ihnen zu ihrer Befreiung die Hand zu biethen; aber ſie ſahen aus den Bewegungen der koͤniglichen Truppen, daß der Marſchall gegen dieſe Unternehmung auf ſeiner Huth war; ſie glaubten alſo, ſie aufſchieben zu muͤſſen, und fuͤrchteten ſogar, daß ſich nicht leicht wieder eine Gelegenheit dazu finden wuͤrde. Indeſſen beſchloſ⸗ ſen ſie, um eine ſolche herbei zu fuͤhren, die Auf⸗ merkſamkeit des Marſchalls auf die Sevennen und den Mittelpunkt der Provinz zu ziehen. Roland kehrte in ſein gebirgiges Lager zuruͤck; aber nur auf ſo lange, bis er ſich zu einer wichtigen Ak⸗ tion angeſchickt haͤtte. Cavalier gieng zu ſeinen Leuten zuruͤck, die zwiſchen Sommieres und Sau⸗ ve ſtanden, und die durch die vorhin erwaͤhnte Verſtaͤrkung bis auf vierzehn hundert Mann ver⸗ mehrt worden waren. Die Beſtuͤrzung war in — 109 Niederlangnedoc allgemein. Der Marſchall hatte die Abweſenheit der Camiſarden genuzt, um die harten koͤniglichen Verordnungen gegen ihre An⸗ haͤnger, ihrer ganzen Strenge nach, in Ausuͤbung zu bringen. Er hatte eine Menge Ungluͤklicher henken, raͤdern und nieder hauen laſſen, von denen man argwoͤhnte, daß ſie den Camiſarden Lebens⸗ mittel zugeſchleppt haͤtten, ungeachtet man wiſ⸗ ſen mußte, daß dieſe mit gewaffneter Hand der⸗ gleichen in Beſchlag nahmen, und daß man ſie ihnen nicht ungeſtraft verweigern konnte. Da ſie Staͤdte mit Mauern uͤberwaͤltigten, und deren Einwohner zur Auslieferung ihres Vorraths zwan⸗ gen, wie haͤtten ſchwache, unbeſezte Doͤrfer ihnen widerſtehen ſollen? Man trieb die Strenge bis zur Unmenſchlich⸗ keit. Ein Beiſpiel davon mag hier ſtatt aller uͤbri⸗ gen dienen. In der Abſicht, den Camiſarden al⸗ len Unterhalt abzuſchneiden, ließ der Marſchall alle groͤßern Doͤrfer mit Mauern und Truppen verſehen, und befahl den Bewohnern der kleinern, ſich in jenen nieder zu laſſen. Als er, um dieſe Anſtalten zu beſchleunigen, ſich unter einer Be⸗. deckung von ſieben bis acht tauſend Mann zu St. Genies befand, fuͤhrte man eine junge Frau mit zwei Tochtern zwiſchen zehn und zwoͤlf Jahren vor ihn. Leztere hatten ihre Mutter begleitet, um einige Metzen Bohnen zu hohlen, die ſie in dem Dorfe Sauzet zuruͤck gelaſſen hatte, als ſie nach 1 2 110— St. Genies zog. Man gab dieſer Frau ohne alle Wahrſcheinlichkeit Schuld, daß ſie dieſe Bohnen den Camiſarden habe zutragen wollen. Der Mar⸗ ſchall befahl, ſie ſogleich zu erſchießen. Der Of⸗ ficier, der zu dieſer Exekution kommandirt war, glaubte, dieſer Befehl gelte nur der Mutter; aber der Marſchall ließ ihm ſagen, er habe Mutter und Tochter verſtanden; man muͤſſe dieſe hartnaͤckige Brut ausrotten, und man koͤnne hierinn nicht zu viel thun. Der Eindruck, den das Schickſal die⸗ ſer Ungluͤcklichen machte, war unbeſchreiblich. Der herzzerreiſſende Schmerz der Mutter und das Ge⸗ ſchrei und die Todesangſt der Kinder erregten das Mitleid der haͤrteſten Herzen, und floͤßten ſo viel Abſcheu ein, daß die Katholicken ſelbſt das Schik⸗ ſal der Reformirten beklagten, und daß leztere ſich deſto eifriger fuͤr die Camiſarden verwandten. Der Marſchall erlitt bei dieſer Gelegenheit einen Verluſt, der, fuͤr ihn wenigſtens, haͤrter war, als alles andre, was ihn fuͤr ſeine Grau⸗ ſamkeit haͤtte beſtrafen koͤnnen. Ein junges Frauen⸗ zimmer zu Alais, das eben nicht vom erſten Ran⸗ ge war, aber viel Schoͤnheit und ein edles Herz beſaß, hatte den Marſchall gefeſſelt, und er emp⸗ fand wahre Leidenſchaft fuͤr ſie. Er hatte Gefaͤl⸗ ligkeit, Auszeichnung, Koſten, kurz alles ange⸗ wandt, um ihr zu gefallen, und es hatte bis jezt geſchienen, als ob ſie nicht unempfindlich dagegen 9 ſey. Ein Marſchall von Frankreich, der in einer Provinz kommandirt und dort wie ein Souverain Hof haͤlt; von dem uͤbrigens alle Beforderungen und Gnadenbezeigungen abhangen; der im hoͤch⸗ ſten Grade galant und freigebig iſt; der mit al⸗ len dieſen Vorzuͤgen eine ſchoͤne Figur, Witz und Heiterkeit verbindet; dieß alles ſind Dinge, die eine Schwachheit, oder wenigſtens eine wohlwollende Neigung bei einem jungen Weibe entſchuldigen koͤnnen. Aber ſo bald Jene die lezte That des Marſchalls erfuhr, ließ ſie ihm ſagen, daß ſie ihn nie wieder zu ſehen verlangte. Er flog nach Alais, that alles, was er thun konnte, um ihren Ent⸗ ſchluß zu aͤndern und drang auf eine Zuſammen⸗ kunft, als um die lezte Gnade. Sie ſchlug ihm dieß wiederhohlt ab; endlich verſtand ſie ſich doch dazu. Aber, ohne auf ſeine dringende und ſchmei⸗ chelnde Bitten zu hoͤren, demuͤthigte ſie ihn mit den haͤrteſten Vorwuͤrfen und erklaͤrte: wenn er ihr Kronen anzubiethen haͤtte, wuͤrde ſie ihn doch fuͤr einen Henker halten, der nichts als Abſcheu und Verachtung verdiene. Er fuͤhrte zu ſeiner Entſchuldigung die koͤniglichen Befehle an, nnd die Nothwendigkeit, Unordnungen dieſer Art zu unterdruͤcken. Sie erwiederte, daß er ſelbſt dieſe Unordnungen begehe und verwies ihn auf immer aus ihrem Hauſe. Man konnte dieſer Perſon die verdiente Achtung nicht verſagen, und der Mar⸗ ſchall ſelbſt konnt' es nicht. 112— Dieſer Vorfall ward bald bei Hofe ſelbſt be⸗ kannt, wo ſchon Unzufriedenheit mit dem Mar⸗ ſchalle ſich zu zeigen anfieng. Das Geruͤcht von ſeinen neueſten Grauſamkeiten hatte ſich uͤberall verbreitet, und fiel auf ſein Haupt zuruͤck. Ganz Languedoc war wider ihn aufgebracht; und unter dieſen Umſtaͤnden war es, als Cavalier ſeinen Bruͤdern zu Huͤlfe eilte. Er gieng von Quiſac, wo ſein Trupp geſtan⸗ den hatte, mit vierzehn hundert gut bewaffneten und muthigen Leuten ab, und durchſtreifte die Gegenden um Uſes und Niemes. Seine Deta⸗ ſchements hieben nieder, was ihn an koͤniglichen Truppen aufſtieß, und verbreiteten Beſtuͤrzung und Schrecken bis zu den entfernteſten Staͤdten der Provinz. Er ſelbſt griff Bouqueiran, nicht weit von Nimes, an, trieb die Garniſon in die Cita⸗ delle und ward Herr dieſes Ortes, deſſen Mauern er durch die Einwohner ſelbſt nieder reiſſen ließ. Seine Detaſchements ſtießen wieder zu ihm, und nun zog er ſich in die Berge zuruͤck, nachdem er im Vorbeigehen die Mauern der großen Doͤrfer nieder geworfen und die Bewohner derſelben in Contribution geſezt hatte. Jezt ruͤckte der Mar⸗ ſchall mit zehn tauſend Mann ſeiner beſten Trup⸗ pen aus Nimes; aber die Camiſarden waren ver⸗ ſchwunden. Ausgeſchickte Spione gaben ihm fal⸗ ſche Nachrichten und ermuͤdeten ihn durch frucht⸗ loſe Maͤrſche. Kurz, ſeine Truppeu giengen un⸗ —— 113 verrichteter Sache und abgemattet in ihre Quar⸗ tiere, und er ſelbſt gieng nach Nimes zuruͤck. Unterdeſſen war Roland auch nicht unthaͤtig geblieben. Wir haben ihn in ſeinem Berglager gelaſſen, wo er ſich anſchickte, irgend einen groſe ſen Streich auszufuͤhren. Die Brigadiers Ju⸗ lien und Planque hatten ſich an den Eingaͤngen zur Landſchaft Vivares verſchanzt. Roland hatte den Plan, ſie anzugreifen. Da aber ſein Kriegs⸗ rath dagegen war, ſo marſchirte er nach Ginouil⸗ lac einer kleinen befeſtigten Stadt an den aͤuſſer⸗ ſten Grenzen der Sevennen, naͤherte ſich ihr waͤh⸗ rend der Nacht und griff ſie bei Anbruche des Tages unerwartet an. Ihre zwei hundert Mann ſtarke Garniſon vertheidigte ſich mehrere Stunden ſehr unerſchrocken; aber Roland uͤberwaͤltigte end⸗ lich den Plaz und hieb deſſen Vertheidiger nieder. Von da durchſtreifte er alle mit Mauern verſe⸗ hene Doͤrfer und nahm alle Lebensmittel in Be⸗ ſchlag, ohne daß man es wagte, ſich zu wehren, Die koͤniglichen Truppen zogen von allen Seiten heran, und verfolgten ihn lange; aber er entzog ſich ihnen in guter Ordnung auf Schleifwegen und gewann nach und nach das Gebirge wieder. Auf dieſe Weiſe fuͤhrten Roland und Cavalier den Krieg fort. Jener brach aus ſeinen Bergen und dieſer aus ſeinen Waͤldern von Zeit zu Zeit her⸗ vor, und ſie machten ſo ſchnelle, ſo unerwaxtete Geſch. d. Camiſarden. H⸗.. 114— Streifzuͤge, daß der Streich ſchon immer geſche⸗ hen war, wenn die koͤniglichen Truppen ſich in Bewegung ſezten. Um dieſe Zeit thaten ſich zwei neue Arten von Camiſarden hervor, die von den unſrigen ganz verſchieden waren, Schon ſeit einiger Zeit hatte ſich eine Raͤuberbande aus Provence, aus Katholiken beſtehend, nach Languedoc hinein ge⸗ zogen und alle Arten von Grauſamkeiten unter dem Nahmen der Camiſarden veruͤbt. Man naun⸗ te ſie deßhalb die ſchwarzen Camiſarden. Anfangs ſchienen ſie bloß ſich an die Katholiken zu halten. Sie pluͤnderten und verbrannten ihre Doͤrfer und Kirchen, ermordeten ihre Prieſter, beraubten und toͤdteten Arme wie Reiche, zogen nur des Nachts aus und verbargen ſich den Tag uͤber in Waͤldern und Hohlen, wo ſie zugleich ihre Beute nieder legten. Da ſie fuͤr Camiſarden gelten wollten, ſo vergriffen ſie ſich nicht an den Reformirten. Einmal beobachtete dieſe Raͤuberbande vier Cami⸗ ſarden, die zur Nachtzeit ſich um ein Dorf herum ſchlichen, und ſie nahmen ſich ſo geſchickt, daß ſie dieſelben ohne Geraͤuſch in die Haͤnde bekamen. Sie brachten ſie zu ihrem Anfuͤhrer, und dieſer redete ſie folgendergeſtalt an: Freunde, ihr gehoͤrt alſo zu den wackern Camiſar⸗ den, von denen man ſo viel ſpricht? Aber was gedenkt ihr anzufangen? Ue⸗ ber kurz oder lang werdet ihr Hunger — 1I 15 ſterben. Seid klug und ſchlagt euch zu uns, und macht euer Gluͤk. Ihr kennt das Land; fuͤhrt mich hin, wo ſich et⸗ was thun laͤßt. Wir wollen bruͤderlich theilen. Dieß iſt das Beſte was ihr thun koͤnnt; entſchließt euch dazu, ſonſt laß ich euch henken! Die Camiſarden ließen ſich, weil ſie hofften, ihm entwiſchen zu koͤnnen, zu ſeinem Vorſchlage willig finden. Sie fuͤhrten dieſe Raͤuber, ſo lang es angieng, in die Schloͤſſer und Haͤuſer reicher Katholiken. Da man ſie aber den Tag uͤber bin⸗ den und des Nachts nicht aus den Augen ließ, ſo wurden ſie wider Willen Zeugen von einer Men⸗ ge Diebſtaͤhle und Ermordungen. Die Naͤuber er⸗ preßten ferner durch Drohungen von ihnen Un⸗ terricht, wie man ſich bei den Reformirten beliebt machen koͤnnte, und bei dieſer Gelegenheit pluͤn⸗ derten ſie viele der leztern aus. Die Kreuzbruͤder, eine andere neue Art von Camiſarden, thaten ſich um eben dieſe Zeit hervor. Sie trugen ein weißes Kreuz am Hut, und man nannte ſie deßhalb weiße Camiſarden. Sie waren nicht weniger grauſam und verderblich, als die ſchwarzen. Es war ein Haufen von fuͤnf bis ſechs hundert jungen Leuten, die ohne Anfuͤhrer zuſammen gelaufen waren und alle Reformirten dder neue Katholiken mit wilder Wuth verfolgten, — 116— d ſie ohne Anſehen der Perſon ermordeten, ihre Haͤu⸗ ſer anzuͤndeten, ſich ihrer Habſeligkeiten bemaͤchtig⸗ ten und ſie ungeſtraft beraubten. Zu diefen Kreuz⸗ bruͤdern ſchlugen ſich in kurzem noch drei andere Haufen, die regelmaͤßiger ſchienen, weil ſie Anfuͤh⸗ rer hatten, die aber eben ſo zuͤgellos ſich benah⸗ men. Den einen fuͤhrte ein Muͤller, Nahmens Florimond, an; den andern, der ſchon oben er⸗ waͤhnte le Fevre; und den dritten ein Eremiten⸗ moͤnch. Dieſer war der furchtbarſte unter allen, weil er der grauſamſte war. Papſt Clemens XI. hatte dieſe Art von Kreuzzug durch eine Bulle vom erſten May 1703. veranlaßt, durch die er allen denen, die gegen die Camiſarden, als eine verfluchte Brut, die Waffen nehmen wuͤrden, ei⸗ nen Generalablaß verſprochen, im Fall ſie im Kampfe blieben. Auf dieſe Autoritaͤt hatte der Biſchoff von Nimes, unter welchem jener Eremit ſtand, ihn von ſeinem Geluͤbde losgeſprochen, hatte ihm ſeinen Segen gegeben, und da ſolcher⸗ geſtalt ſeine heilige Wuth legitimirt war, ſo hielt dieſer Bruder, Franz Gabriel genannt, ſich mehr als jeder andere berechtigt, mit blindem und bar⸗ bariſchem Eifer die Vernichtung der Reformirten zu betreiben; und er ermordete ohne Unterſchied auch die neuen Katholiken als Betruͤger und Heuch⸗ ler, ſchonte weder Weib noch Kind, und wurde bald in der ganzen Provinz als ein Ungeheuer von Grauſamkeit gefuͤrchtet und verabſcheuet. 1 1 — 117 So ſtanden die Sachen, als Roland auf der einen und Cavalier auf der andern Seite, ſich Muͤhe gaben, die Maßregeln des Marſchalls zu vereiteln. Sie hatten mehrere Partheyen ausge⸗ ſchickt, theils um die ſchwarzen Camiſarden auf⸗ zuſuchen, theils um die Gewaltthaͤtigkeit der Weißen zu verhindern, indem ſie dieſelben, wie die koͤniglichen Truppen ſelbſt, von einem Dorfe zum andern herumzogen, wo ihre unerwartete Erſcheinung Huͤlfe noͤthig zu machen ſchien. Roland erhielt die groͤßern befeſtigten Orte in den Gevirgen in beſtaͤndiger Unruhe, zog von dem einen zum andern, und nekte und ermuͤdete die Truppen, die unter der Anfuͤhrung der Bri⸗ gadiers Julien und Planque ſie beobachteten. Dieß war alles, was Roland zu thun wagen konnte; aber Cavalier hatte mehr zu thun, weil er in der Ebene mehr Gelegenheit dazu fand. Ob es ihm gleich am Herzen lag, Niederlanguedoc von den ſchwarzen Camiſarden zu reinigen, weil ſie ſeiner Parthei einen uͤbeln Ruf machten; ſo ward er doch von den weißen Camiſarden, unter Anfuͤhrung des Florimond, le Fevre und des Ere⸗ miten, zu ſehr beſchaͤftigt, als daß es ihm haͤtte gelingen koͤnnen. Einige ſeiner Partheien waren ſogar von Florimond geſchlagen worden. Le Fevre hatte ſich von ſeiner lezten Niederlage bei Vie auch wieder erhohlt und ſuchte ſich dafuͤr zu raͤchen; aber der Eremit, der ſich nur auf Verbrennen und Pluͤndern einſchraͤnkte und keinen rechtlichen Krieg fuͤhren wollte, trieb ſeine Grauſamkeiten ſo weit, daß Cavalier an den Gouverneur von Nimes ſchrieb: wenn er den Feindſeligkeiten des Eremi⸗ ten nicht ein Ende machte, ſo wuͤrde er von nun an alle Katholiken, die ihm in die Haͤnde fielen, ohne Anſehn der Perſon niederhauen laſſen. Aber man achtete nicht auf dieſe Warnung und Cava⸗ lier ward es muͤde eine fruchtloſe Großmuth zu zeigen. In der Hoffnung, die Grauſamkeit durch Menſchlichkeit zu beſchaͤmen, hatte er die Zeit her mehr als einen Gefangenen los gegeben und zu⸗ ruͤck geſchickt; aber jezt glaubte er ein haͤrteres Betragen annehmen zu muͤſſen. So traf er bei einer ſeiner Streifereyen zu St. Genies auf eine Beſatzung von zweihundert Mann, die ſich bei ſeiner Annaͤherung in ein Gewoͤlbe zuruͤck gezogen. hatte. Vor dem Eingange deſſelben ließ er Holz und Stroh auffahren und anzuͤnden. In weni⸗ ger als einer Viertelſtunde kamen dieſe Ungluͤkli⸗ chen theils durch den Dampf, theils durch die Flammen, theils durch Bajonnetsſtiche um, wenn ſie ſich retten wollten. Die Camiſarden zogen ſich zuruͤck. Einige von ihnen, die ſich mit ihren Freunden an einem der Stadtthore verweilten, hoͤrten auf einmal Schuͤſſe hinter ſich, und einem von ihnen wurde der Schenkel zerſchmettert. Es war der Pfarrer des Orts, der mit ſeinem Kuͤſter und einigen Bauern ſich auf einen benachbarten Thurm ge⸗ rettet hatte, und von da herunter Feuer gab. Als Cavalier Nachricht davon erhielt, ließ er ihm ſagen, wenn er ſich nicht ſogleich als Gefange⸗ ner ſtellte, ſo wuͤrde er ihn verbrennen laſſen, wie die Garniſon; aber der Pfarrer antwortete ihm mit Flintenſchuͤſſen und Schimpfworten. Man legte alſo Feuer an den Thurm und dieſer Fana⸗ tiker kam mit allen ſeinen Leuten um, faſt im An⸗ geſichte von vier Regimentern, die, als ſie die Flamme erblickten, der Stadt zu Hulfe eilten, aber nicht mehr den Cavalier, ſondern bloß die Spuren von ſeiner Rache daſelbſt antrafen. Unterdeſſen hatte der Eremit in der Gegend von Sommieres gewuͤthet, und weder ſchwangere Weiber noch Kinder an der Bruſt verſchont. Er war im Begriff, in die Landſchaft Vaunage einzu⸗ ruͤcken, als Cavalier ihn uͤberfiel, und ſeine Leute in Unordnung brachte. Er trieb ihn bis an die Vindourles, und zwang ihn, ſo uͤbereilt und un⸗ ter ſo viel Gefahr uͤber dieſen Fluß zu ſetzen, daß der Reſt ſeiner Leute groͤßtentheils ertrank, und daß er ſelbſt kaum dem Tode entgieng. Die koͤniglichen Truppen waren den Cami⸗ ſarden bei allen Unternehmungen auf der Ferſe. Auch dießmal zeigten ſie ſich ſogleich. Cavalier achtete die Kreuzbruͤder wenig und das klleinſte Detaſchement haͤtte hingereicht, ſie zu verjagen; aber die koniglichen Truppen, die jezt immer in großer Anzahl ausmarſchirten, banden ihm die Haͤnde, und er ſah ſich gezwungen, den Krieg wie Roland zu fuͤhren. Konnte er indeſſen, ohne zu große Gefahr, nicht fliehen, ſo hielt er auch Stand und zwar mit auſſerordentlicher Stand⸗ haftigkeit und Muth. Beides bedurfte er unter andern bei folgender Gelegenheit: Um ſeinen Bruͤdern in der Landſchaft Vau⸗ nage, welche die Kreuzbruͤder grauſam verfolgten, in der Naͤhe zu ſeyn, hatte er ſich in den Waͤl⸗ dern bei Nage geſezt und mehrere kleine Deta⸗ ſchements ausgeſchickt, um den Feind zu beobach⸗ ten und zu beſchaͤftigen. Solche Zuruͤckzuͤge nuz⸗ te er beſtaͤndig zum Gottesdienſte und Gebeth. An einem Sonntage hatte er die in der Gegend wohnenden Reformirten zu einer ſolchen Uebung eingeladen, und es hatten ſich ihrer gegen tau⸗ ſend mit Weibern und Kindern eingefunden. Der Gottesdienſt hatte kaum angefangen, als man Cavaber berichtete, daß ein Truppenkorps ſich naͤhere. Seiner Leute waren ungefaͤhr nur fuͤnf⸗ hundert; die uͤbrigen waren in kleinen Detaſche⸗ ments ausgeſandt worden. Das Dragoner⸗Regiment von Fimarcon, von einem Corps Infanterie begleitet, naͤherte ſich in der That. Die Zeit zum Ueberlegen war kurz. Zu einer andern Zeit waͤre ein ſchneller Ruͤckzug das beſte Rettungsmittel geweſen; aber Cavalier konnte ſeine verſammelten wehrloſen Bruͤder nicht — 121 unter den Saͤbeln der Dragoner zuruͤck laſſen. Er beſezte alſo eiligſt einen vortheilhaften Poſten; ei⸗ nen Grund zwiſchen zwei Bergen, deren Abhaͤn⸗ ge in einem Halbzirckel zuſammen ſtießen. Dem Ravanel trug er auf, alle Greiſe, Weiber, und Kinder, die unter der Verſammlung waren, in den Mittelpunkt des Treffens zu ſtellen, waͤhrend er ganz allein, auf einem guten Pferde, dem Fein⸗ de entgegen ritt, um ihn in der Naͤhe zu beob⸗ achten. Solche Zuͤge von Verwegenheit oder Un⸗ beſonnenheit waren ihm gewoͤhnlich, und den ge⸗ genwaͤrtigen wuͤrde er theuer haben bezahlen muͤſ⸗ ſen, wenn ihn nicht eben die Unerſchrockenheit, die ihn dazu verleitete, gerettet haͤtte. Ein Cornet von Fimarcon erkannte Cavalier. Es war einer von jenen jungen Leuten, die nach Auszeichnung duͤrſten; und der dazu die Gegend dort herum ſehr gut kannte. Er waͤhlte zwei brave Dragoner, verlohr ſich mit ihnen, ſchlug einen Schleifweg ein, um den Cavalier abzuſchnei⸗ den, kam ihm in der That zuvor und erwartete ihn in einem Hohlwege, den er bei ſeiner Zuruͤck⸗ kunft nothwendig nehmen mußte. Cavalier ſchien ihm nicht entwiſchen zu koͤnnen. Dieſer kehrte in der That, ohne etwas zu argwoͤhnen, auf dieſem Wege zu ſeinen Leuten zuruͤck, und bemerkte den Hinterhalt nicht eher, als bis er ſich ihm auf einen Piſtolenſchuß ſchon genaͤhert hatte. Da er nicht umkehren konnte, 122— ohne dem Feinde in die Haͤnde zu fallen, ſo hielt er einen Augenblick ſtill und faßte ſein Piſtol. In demſelben Augenblicke legte der Cornet an, und rief ihm zu:„Du biſt Cavalier! Ich kenne dich! Ergieb dich, oder du biſt des Todes!“— Cavalier zerſchmetterte ihm den Kopf ſtatt aller Antwort. Die beiden Dra⸗ goner ſchoſſen auf ihn, fehlten aber; er ſchoß den einen mit ſeinem zweiten Piſtole nieder und ſpreng⸗ te mit bloßem Degen auf den andern zu. Dieſer nahm die Flucht und Cavalier kehrte mit kaltem Blute zu ſeinen Leuten zuruͤck. Er fand ſie, ſeinen Verhaltungsbefehlen ge⸗ maͤß, geſtellt und geordnet, und ſo erwartete er ſtolz den anruͤckenden Feind. Die Dragoner tha⸗ ten den Angriff, waͤhrend die Infanterie ſich hin⸗ ter eine niedrige Mauer zog, die ihr ſtatt Bruſt⸗ wehr diente. Die Camiſarden hielten das erſte Feuer aus, ohne einen Schuß zu thun, indem ſie ſich alle in einem Tempo zur Erde nieder buͤckten, und wieder aufrichteten; ſodann ſchoßen ſie, un⸗ ter Geſang und Geſchrei, in welche Weiber⸗ und Kinderſtimmen ſich gaͤllend miſchten, wuͤthend her⸗ vor und machten, in einer Entfernung von kaum drei Schritten, ſolch ein moͤrderiſches Feuer, daß die Dragoner in Unordnung zuruͤck geworfen wur⸗ den. Ihre Pferde wurden ſcheu bei dem graͤßli⸗ chen Geheul und giengen unaufhaltſam durch. 4 — 123 Die Weiber und Kinder, vom Eifer hingeriſſen, begleiteten ſie mit Steinwuͤrfen und vermehrten die Unordnung. Die Infanterie indeſſen hielt Stand und hinter ihr ſammelten ſich die Drago⸗ ner wieder. Auf einmal ſtuͤrzten die Camiſarden mit gleicher Wuth auch uͤber ſie her. Die Wei⸗ ber wurden noch wuͤthender, draͤngten ſich ohne alle Ordnung hervor bis an den Fuß der Mauer, und waren im Begriffe, ſie zu erſteigen, als ein Maͤdchen von ungefaͤhr ſiebenzehn Jahren mit bloßem Saͤbel auf dieſelbe ſprang und raſend auf den Feind ein hieb. Dieſer unerwartete Anblick wirkte wunderbar auf den Feind. Er wich zu⸗ ruͤck und jene Heldinn, von einem Haufen der muthigſten Camiſarden unterſtuͤzt, brachte die In⸗ fanterie und auch von neuem die Dragoner in Unordnung. Cavalier ſchrie und beſtrebte ſich, das Feuer ſemer Leute zu maͤßigen und dieſe mach⸗ ten auch endlich Halt, aber das Maͤdchen, die von einem blinden Eifer und Muth hingeriſſen wurde, konnte er nicht erſt bezaͤhmen. Er hatte bei dieſer Action nicht mehr als zwoͤlf Todte und achtzehn Verwundete. Auſſerdem waren einige Weiber, indem ſie ſich der Mauer naͤherten, nie⸗ dergeſchoſſen worden. Die koͤniglichen Truppen ließen gegen hundert Mann auf dem Platze. Die Camiſarden zogen ſich in das Gehoͤlz zuruͤck und ſezten ihren Gottesdienſt fort, der ſich in das feier⸗ lichſte Dankfeſt verwandelte. ——— — p ⸗ 3 4 1 —— 124— Dieſes Gefecht gab zu einem wunderlichen Geruͤchte Anlaß. Da die koͤniglichen Truppen mit eben ſo vielen Weibern als Maͤnnern zu fech⸗ ten gehabt hatten, ſo ſprengte man aus, die Ca⸗ miſarden waͤren in Weiber verkleidet geweſen, Ca⸗ valier ſelbſt ſey in dem Anzuge einer jungen Baͤu⸗ rinn zuerſt uͤber die Mauer geſprungen; ihm waͤ⸗ ren vierzehn⸗bis funfzehnhundert Maͤnner gefolgt, unter denen mehr Hauben als Huͤte geweſen, und unter dieſen Hauben haͤtten die entſchloſſenſten und wildeſten ſeiner Soldaten geſteckt. an glaubte endlich ſogar, dieſe Verkleidung do. n die Verſammlung zum Gottesdienſte ſelbſt, eine Kriegsliſt von Cavalier geweſen. Cavalier hatte jezt wieder eine Weile Ruhe, und er nuzte ſie, um die ſchwarzen und weißen Camiſarden aufzuſuchen, und die Provinz von ihnen zu reinigen. Er ſchlug ſie auch bei mehre⸗ ren Gelegenheiten. 1 Beſonders machten die ſchwarzen Camiſarden dem Roland und Cavalier viel Unruhe durch die Grauſamkeiten, die ſie begiengen, und die man auf die Rechnung ihrer Leute zu ſezen pflegte. Die Partheien, die ſie ausſchickten, um jene Moͤr⸗ der aufzuſuchen, kamen faſt immer unverrichteter Sache zuruͤck, weil dieß Geſindel nur immer des Nachts aus ſeinen Waͤldern und Hoͤhlen, wo es unbekannte oder unzugaͤngige Schlupfwinkel ge⸗ funden hatte, ſich hervor wagte. Indeſſen ſegte 8 — 125 Cavalier ſo viel Kundſchafter wider ſie in Bewe⸗ gung, daß an einem Abend ſechs Bauern auf einmal ihm berichteten, ein Haufen dieſer Raͤuber habe ſich nach Guarigues hinein geſchlichen. Er befand ſich nur eine halbe Meile von dieſem Orte, und ſchickte ſich ſogleich an, ſie zu uͤberfallen 3 da er aber zu gleicher Zeit einen Expreſſen von Roland erhielt, der ihn einer wichtigen Sache wegen zu ſich berief, ſo uͤberließ er dem Catinat die Ausfuͤhrung dieſer Expedition. Catinat ſezte ſich mit hundert Mann zu Pfer⸗ de und einer gleichen Anzahl zu Fuße in Bewe⸗ gung. Hinter jedem Reiter mußte ein Fußknecht aufſitzen. So naͤherte er ſich ohne Geraͤuſch Gua⸗ rigues, wo er gegen ein Uhr des Morgens an⸗ kam. Sein Plan war: die ſchwarzen Camiſar⸗ den, wo moͤglich, lebendig aufzuheben. Was von koͤniglichen Truppen in dem Dorfe ſtand, hatte ſich hei der Erſcheinung der ſchwarzen Camiſar⸗ den, die ſie fuͤr den Vortrab der wahren hiel⸗ ten, zuruͤck gezogen. Catinat fuͤrchtete ſeinerſeits, daß dieſe Truppen in der Naͤhe bleiben, ihn beob⸗ achten und zwiſchen zwei Feuer bringen moͤchten, wenn er ohne noͤthige Vorſicht in den Ort ruͤckte. Er ſtellte alſo in einiger Entfernung von dem Dorfe Vedetten aus, um uͤber die Bewegungen jenes Corps zu wachen, beſezte die Aus⸗ und Ein⸗ gaͤnge der Ortſchaft, legte in der Gegend herum mehrere Hinterhalte, und ſo erwartete er ruhig den Zuruͤckzug der Raͤuber, die unterdeß pluͤnder⸗ ten und zugleich ſich berauſchten. Mit Anbruche des Tages kamen ſie in der That ſo mit Beute beladen und betrunken, daß Catinat leichtes Spiel mit ihnen hatte. Er ließ ſie, ohne daß ſie ſich vertheidigen konnten, nieder hauen, weil er wegen der Naͤhe der koͤniglichen Truppen, ſich nicht damit aufhalten konnte, ſie lebendig einzufangen. Was er gefuͤrchtet hatte, traf auch wirklich ein. Kaum hatte er den Ein⸗ wohnern die geraubten Effecten wieder zugeſtellt, als er erfuhr, daß ein ſtarkes Detaſchement ko⸗ niglicher Truppen gegen ihn in vollem Marſche ſey. Er behielt Zeit ſich zuruͤck zu ziehen. Von den falſchen Camiſarden waren ihm doch, waͤh⸗ rend des Handgemenges, ſechszehn entkommen. Der Marquis von Miremont war immer noch im Nahmen der Koͤniginn von England thaͤtig. Er hatte an Roland eine Art von Agenten ge⸗ ſchickt, der einen Brief voll Verſprechungen bal⸗ diger Huͤlfe uͤberbracht und zugleich Auftrag hat⸗ te, mit Roland und Cavalier Maßregeln zu ei⸗ nem kraͤftigen Erfolge zu verabreden. Aber dieſe Maßregeln ſollten vor der Hand nur noch die Standhaftigkeit und Thaͤtigkeit der Camiſarden unterhalten; ſchienen ſogar uͤberhaupt nur dieſen Zweck zu haben. Uebrigens war dieß Geheimniß ſchon entdeckt, entweder, weil der Marquis nicht verſchwiegen genug geweſen war, oder, weil die I — 127 franzöͤſiſchen Emiſſarien zu London ihn erforſcht hatten. Vielleicht auch war es dem brittiſchen Hofe ganz recht, wenn er Frankreich von dieſer Seite unruhig machen und den Koͤnig zwingen konnte, einen Theil ſeiner Truppen von den Gren⸗ zen zuruͤck zu ziehen, um ſich im Innern zu ver⸗ wahren; vielleicht endlich hatte man wirklich den Plan, eine Landung vorzunehmen, und in Lan⸗ guedoc waͤhrend des Aufruhrs einzubrechen; ge⸗ nug, man wußte zu Verſailles alle Schritte und Intriguen des Marquis, und man nahm die kraͤf⸗ tigſten Maßregeln, um ſie zum Scheitern zu bringen. Roland und Cavalier gaben dem Agenten des Marquis alle noͤthigen Aufklaͤrungen, und er kehrte ſodann nach London zuruͤck. Um, vermoͤ⸗ ge der verabredeten Maßregeln, den Krieg lebhaft fort zu fuͤhren und einen Einbruch in Vivares vorzubereiten, fieng Roland ſeine Streifzuͤge in den Gebirgen von neuem an, und Cavalier zeich⸗ nete ſich in der Ebene durch eine That voll Ge⸗ rechtigkeit und Ehre aus. Seit der Niederlage der ſchwarzen Camiſar⸗ den zu Guarigues hatte Catinat die koͤniglichen Truppen beſtaͤndig auf den Ferſen gehabt. Dieſe wußten, daß Cavalier in den Gebirgen war, alſo hatten ſie jenen unausgeſezt verfolgt und enge umſchloſſen gehalten. Die Zuruͤckkunft Cavaliers machte ihn los und die Truppen zogen ſich zu⸗ 128— ruͤck. Die Camiſarden begaben ſich nun in die Waͤlder von Fontcouvert, weil ſie erfahren hat⸗ ten, daß einige Banden ſchwarzer Camiſarden in dieſer Gegend wankten. Cavalier ließ ſeine Kund⸗ ſchafter Tag und Nacht nach ihnen forſchen, weil er dieſe Raͤuber gerne ganz vernichten wollte, und er erhielt endlich die Nachricht, daß ſie ſich, gegen vierzig Mann ſtark, zu Grange de Vendras be⸗ faͤnden. Er ſchickte ſeinen Brigadier des Plantes mit hundert Mann ab, um ſie zu uͤberfallen, und mit dem Befehle, ſich den folgenden Tag zu Ca⸗ ſtelnaur, dem allgemeinen Verſammlungspunkte, wieder einzufinden. Des Plantes beſezte alſo waͤhrend der Nacht Grange, griff mit Tagesan⸗ bruch die Naͤuber an, und hieb ſie nieder, bis auf ſiebenzehn, die er gebunden mit nach Caſtelnaur nahm. Hier hielt Cavalier mit ſeinem Kriegsra⸗ the foͤrmlich Gericht uͤber ſie, um ihre Verurthei⸗ lung deſto regelmaͤßiger und authentiſcher zu machen. 12 1 Man hatte bei ihnen drei tauſend Thaler in Golde gefunden. Sie geſtanden mehrere Naͤube⸗ reyen ein, verſicherten aber, daß ſie mit derjeni⸗ gen Bande, die man zu Guarigues aufgehoben, keine Gemeinſchaft gehabt haͤtten. Man begnuͤg⸗ te ſich mit dieſem Belenntniß. Cavalier nahm das Wort und ſagte:„Ihr verdient Stras fe fuͤr eure Verbrechen. Ueber all haͤtte zuch das Rad erwartet, aber nicht bei T —. 129 uns, das iſt nicht unſre Art. Ich wer⸗ de euch erſchießen laſſen. Bittet Gott um Vergebung eurer Suͤnden und be⸗ reitet euch zum Tode, wie euer Glaube es verlangt. Wir zwingen niemand in Religionsſachen. Bethet nach eurer Weiſe. Gott ſey euren Seelen gnaͤ⸗ dig.“— Cavaliers Leute marſchirten auf, und nach Verlauf einer Stunde wurden jene ſieben⸗ zehn Verbrecher erſchoſſen. Aber Cavalier ließ es nicht dabei bewenden. Er verfertigte eine Art von Manifeſt, worinn er der Welt Aufklaͤrung uͤber die ſchwarzen Camiſarden gab, und ſich ge⸗ gen alle Beſchuldigungen verwahrte, als ob die Graͤuel, die ſie begangen hatten, von ihm und ſeinen Leuten begangen worden waͤren. Er fuͤgte eine Darſtellung von der Lage, von den Abſich⸗ ten und von den Grundeaͤtzen ſeiner Parthei hin⸗ zu. Dieſe Schrift war von ihm und den vor⸗ nehmſten Mitgliedern des Kriegsraths unterzeich⸗ net. Man verbreitete Copien von dieſem Mani⸗ feſte durch das ganze Land. Cavalier marſchirte von Caſtelnaur ab und kampirte den folgenden Tag in der Gegend von Nage. Hier zeigte ſich, daß die Prophezeihungen der Camiſarden nicht unfehlbar waren. Die koͤniglichen Truppen, die noch immer die wichtigſten Poſten an der Kuͤſte beſezt hielten, Geſch. d. Camiſarden. J 130 4— zeigten ſich nicht mehr ſo zahlreich in der Ebene; da aber der Marſchall die Garniſonen haͤufig ab⸗ loͤſen ließ, ſo waren immer einige Regimenter auf dem Marſche, vermuthlich in der Abſicht, die Camiſarden in Zaum zu halten. Dieſe Truppen gewannen oft Vortheile uͤber die kleinen camiſar⸗ diſchen Partheien, die ihnen waͤhrend des Mar⸗ ſches aufſtießen. Cavalier hatte ſeinerſeits auch den Plan, dieſe Truppen bei Gelegenheit anzu⸗ greifen. Er hatte ſeine Infanterie zu Nage zuruͤck gelaſſen, mit dem Befehl, auf die erſte Nachricht ſich fertig zu halten. Seine Cavallerie nahm er mit nach Vergeſſe, wo er wußte, daß Fourage zu haben ſey und wo er von den Einwohnern, die faſt ganz aus Reformirten beſtanden, willig auf⸗ genommen wurde. Dieſes Dorf war mit einer ſtarken Mauer umgeben. Zwei Barrieren bildeten die Thore; Cavalier ließ ſie durch Verhacke befe⸗ ſtigen, um nicht uͤberfallen zu werden. Auſſerhalb poſtirte er Vedetten. Da aber das Dorf groß und rund herum mit Oehlbaͤumen beſezt war, die es verdeckten, ſo ſtellte er auf den Kirchthurm eine Schildwacht, auf die er ſich am meiſten verließ, weil man von dieſem Thurme herab die ganze umliegende Gegend und ihre Zugaͤnge uͤberſehen konnte. Darauf verſammelte er ruhig die Ein⸗ wohner und ſeine Reiter auf dem Plaze des Dorfs, ſtellte ſich in ihre Mitte und hob mit lauter Stimme ein langes Gebeth an. Seine Zuhdͤrer —— 132. 4 waren voll inniger Andacht und Ruͤhrung, und ihren Eifer machten prophetiſche Anwandlungen noch gluͤhender. Einer ihrer beruͤhmteſten Pro⸗ pheten fuͤhlte ſich ſtaͤrker davon ergriffen, als alle uͤbrige. Bald zeigten ſich an ihm jene Erſchuͤtte⸗ rungen, die gewoͤhnlich ihren Inſpirationen vorher giengen.„Fuͤrchten wir nichts, meine Bruͤder!“ ſchrie er auf einmal:„Der Feind flieht vor uns! Er iſt weit von hier! Wir ſind ſicher! Habe Vertrauen, mein Volk, und ruhe aus! Die Royaliſten fuͤrchten dich, und einer ihrer Haufen wird dir in die Haͤnde gegeben wer⸗ den!“ Auf einmal hoͤrte man von allen Seiten her Schuͤſſe. Die koͤniglichen Truppen waren vor dem Dorfe; Ein Corps Infanterie griff lebhaft die Barrieren an, und eine Abtheilung Cavallerie hatte den Ort rund herum beſezt. Die Einwohner geriethen in das aͤuſſerſte Schrecken; die Camiſarden rannten zu ihren Waf⸗ fen und Pferden, und ſtuͤrzten wild auf einen Trupp Infanterie, der durch die Batrieren einge⸗ drungen war, machten ſich mit dem Saͤbel in der Hand Luft und traten nieder, was ſich ihnen widerſezte. Ein Corps Cavallerie ruͤckte vor, um unter ſie einzuhauen; ſie wandten ſich aber und .½ flohen mit verhaͤngtem Zuͤgel. Die Dragoner ſezten ihnen nach; aber ihre Pferde waren beſſere Renner und ſo entkamen ſie, Aber diejenigen Ca⸗ miſarden, die in Vergeſſe zuruͤck geblieben waren, und ſich dort noch vertheidigten, wurden faſt alle nieder gehauen; was ſich von ihnen rettete, hat⸗ te die Pferde zuruͤck kaſſen muͤſſen. Alles gieng demnach anders, als die Pro⸗ phezeihung gelautet hatte. Zwei Regimenter ko⸗ niglicher Truppen, die in der Naͤhe von Vergeſſe vorbei kamen, hatten erfahren, daß Cavalier mit ſeiner Reiterei ſich daſelbſt befaͤnde. Die Vedet⸗ ten waren uͤberfallen und nieder geſtoßen worden, und zum Ungluͤcke war die Schildwacht auf dem Thurme eingeſchlafen. Kurz, bei dieſem Vorfalle war auch der kleinſte Umſtand der Prophezeihung entgegen geweſen. Unterdeſſen glaubte Cavalier, daß ſich ſeine Leute im Dorfe noch vertheidigten. Er eilte mit ſeiner Infanterie dahin zuruͤck, um ſie los zu machen. Bei ſeiner Annaͤherung zogen ſich die Dragoner nach dem Dorfe und er folgte ihnen, um ſie anzugreifen. Aber ſie erwarteten ihn nicht. Er fand in Vergeſſe nichts, als Tod⸗ te oder Sterbende: denn man hatte die Einwoh⸗ ner ſowohl, als die Camiſarden, nieder gehauen. Der Plaz des Dorfes ſchwamm in Blut. Wei⸗ ber und Greiſe und Saͤuglinge in den Armen ih⸗ rer Muͤtter, lagen ermordet da, und Verwundete fand man ſterbend unter den Haͤnden ihrer Van⸗ 8 — 133 4 wandten und Retter. Sieben Gefangene wurden den folgenden Tag lebendig geraͤdert. Dieſer Verluſt bewirkte, daß Cavalier ſeinen Plan aͤnderte. Statt den Feind zu uͤberfallen, ließ ihn ſein jeziger Zuſtand fuͤrchten, von ihm uͤberfallen zu werden. Seine Cavallerie war faſt ganz aufgerieben; er ſchickte alſo den Catinat nach der Camargue, um Pferde zu holen, und er ſelbſt zog ſich eiligſt von Vergeſſe in die Waͤlder von Dommeſſargues zuruͤck. Das Detaſchement, welches Catinar mit ſich nach der Camargue nahm, war hundert Mann ſtark Cavalier theilte, nachdem er einige Tage Raſt gehalten hatte, noch drei Detaſchements ab: zwei zu ſechzig Mann, und das dritte zu hundert, mit der Beſtimmung, Streifzuͤge zu machen. Er ſelbſt unternahm dergleichen mit dem Reſte ſeiner Leute, doch ohne ſich zu weit von dem Walde zu entfernen, welcher der Vereinigungspunkt ſeines Corps war. Unterdeſſen hatte der Marſchall von Mon⸗ trevel ihm uͤberall nachſpuͤhren laſſen. Dieſer wollte den Umſtand nutzen, daß Cavalier von Reiterei entbkoßt war. Die Befehlshaber der Garniſonen hatten Befehl, ihm nirgend Ruhe zu laſſen; demnach war alles in Bewegung, ihn zu uͤberfallen und einzuſchließen. Unter andern hatte der Gouverneur von Uſes erfahren, daß ſich Ca⸗ dalier in der Naͤhe, nur mit dreihundert Mann, gezeigt habe. Sogleich detaſchirte er den Kern ſeiner Garniſon, naͤhmlich das Marineregiment, eines der ſchoͤnſten und beſten in Frankreich, zu welchem er noch eine Anzahl Dragoner geſellte. Das Ganze belief ſich auf neunhundert Mann und der Brigadier Jonquiere war an der Spitze. Dieſer Officier ſuchte den Cavalier auf und blieb ihm auf den Ferſen. Jener, der davon unterrich⸗ tet war, zog ſich, auf Schleifwegen zwiſchen An⸗ hoͤhen und Buſchwerk, zuruͤck; da es aber gera⸗ de geregnet hatte, ſo fand der Brigadier deſto leichter ſeine Spur. Er kam des Abends in der Naͤhe von Mouſſac an, wo Cavalier uͤbernachtete. Beide brachen den andern Morgen auf. Der Bri⸗ gadier, der Cavalier zu Mouſſac verfehlt hatte, marſchierte die ganze Nacht hindurch bis Lascours, einem Dorfe, das auf einem Huͤgel nahe am Fluße Gardon liegt. In dieſem Dorfe hatte Cavalier ſein Nachtquartier gehabt, und von dort aus die koͤniglichen Truppen bei Anbruch des Tages be⸗ merkt. Er zog ſich aber immer noch nur lang⸗ ſam zuruͤck, um jene zu locken und zu ermuͤden. Dieſe konnten ſich kaum noch auf den Fuͤßen er⸗ halten, der Brigadier beſchloß alſo, in dieſem Dor⸗ ſe Halt zu machen, und, voller Zorn, ließ er die Einwohner pluͤndern und niederhauen. Sein Ei⸗ fer verſtattete ihm und ſeinen Leuten nicht lange Ruhe. Er ſezte ſich nach einigen Stunden wie⸗ — — — 135 der in Marſch, um Cavalier einzuhohlen, oder daruͤber umzukommen. Ddiiejenigen Einwohner von Lascours, die dem Blutbade entgangen waren, retteten ſich zu Ca⸗ valier. Die guten Leute hielten ihn fuͤr unuͤber⸗ windlich und beſchworen ihn, ſie zu raͤchen; aber er ließ ſich in ſeinem Marſche nicht aufhalten. Unterdeſſen kamen immer mehrere dieſer ungluͤkli⸗ chen Einwohner an: Vaͤter und Muͤtter, deren Kinder man umgebracht hatte, Soͤhne und Toͤch⸗ ter, die ihre Vaͤter und Muͤtter beweinten; auf einmal nahm er ſeinen Entſchluß. Er befand ſich drei Viertel⸗Stunden von Lascours. Er verſam⸗ melte ſeine Leute zum Gebeth, und ermahnte ſie, in der Vertheidigung ihrer Bruͤder zu ſiegen oder zu ſterben. Sie wurden auf einmal von Muth und wildem Eifer begeiſtert, und drangen ſelbſt darauf, daß er ſie dem Feinde entgegen fuͤhren ſollte. Cavalier ruͤckte vor, waͤhlte ein vortheil⸗ haftes Terrain und nahm folgende Stellung: er poſtirte ſich an dem Ufer eines Flußes, der vor ihm vorbei lief, und verbarg jenſeits deſſelben zur Rechten dreißig Reiter, die einzigen, die ihm uͤbrig geblieben waren. Ihnen gegenuͤber legte er, un⸗ ter dickem Buſchwerke, einen Hinterhalt von ſech⸗ zig auserleſenen Maͤnnern, die theils ihre ge⸗ woͤhnlichen Waffen, theils Senſen und Aerte fuͤhr⸗ ten. Die Reiter hatten Befehl, nicht eher zu ſchieſſen, als bis das Hauptcorps abgeſeuert haͤt⸗ 136— te; und der Hinterhalt ſollte ſich nicht eher be⸗ wegen, als nach dem Feuer der Reiter. Sodann ſollre alles auf einmal uͤber den Feind herfallen. Der Brigadier Jonquiere hatte alſo keine große Muͤhe, den Cavalier einzuhohlen. Er hielt ſich des Sieges verſichert, ruͤckte alſo ohne Vorſicht heran. Unordentlich griff er die Camiſarden mit einem allgemeinen Feuer an, das nur wenige ver⸗ wundete. Denſelben Augenblick ſezte Cavalier uͤber den Fluß, naͤherte ſich dem Feinde, und be⸗ ſchoß ihn von drei Seiten hinter einander. So⸗ dann griff er ihn mit aufgepflanztem Bajonette an, drang in ſeine Glieder, und zu gleicher Zeit ſtuͤrzte ſein kleines Corps Reiter ihm in die Flanke, und metzelte wuͤthend unter ſeinen Leuten. Der Hinterhalt brach in denſelben Augenblicken hervor, und drang ein. Den koͤniglichen Truppen fiel gleich Anfangs der Muth. Sie lieſſen ſich nieder metzeln, faſt ohne ſich zu wehren. Von neun hundert Mann kamen kaum hundert und funfzig davon, und von dieſen ertrank noch ein großer Theil im Gardon. Der Brigadier ſelbſt ſprang, ſchwer verwundet von ſeinem Pferde, ſezte uͤber eine Mauer, von zwei ſeiner Leute gehoben, und rettete ſich ſolchergeſtalt. Alles war geflohen, nur zehn Officiere von der Marine, die ſich zuſammen gefunden hatten, hiel⸗ ten noch Stand. Sie hatten ſich Ruͤcken an Ruͤk⸗ ken feſt an einander geſchloſſen, und hielten auf —. 137 beiden Seiten die Spontons vor. Die Camiſar⸗ den ſchaͤzten ihren Muth nach Verdienſt, und drangen in ſie, ſich zu ergeben. Cavalier ſelbſt naͤherte ſich, und rief ihnen zu:„Ergeben Sie ſich, meine Herren, wir geben Ihnen gern Quartier! Mein Vater ſizt gefan⸗ gen zu Nimes. Sie gehen zum Mar⸗ ſchall, und bitten um ſeine Loslaſſung! — Aber die Officiere ſahen ihn veraͤchtlich und mit wilden Blicken an, und machten eine Bewe⸗ gung, auf ihn einzudringen, und ihn zu durch⸗ bohren. Sogleich wurden ſie nieder gehauen. Die Camiſarden wurden nach dieſem Vorfalle von den koͤniglichen Truppen eine Weile lebhaft verfolgt; aber es gelang leztern nicht ſich Ge⸗ nugthuung zu verſchaffen; und da der Winter daruͤber herzu kam, ſo ſtellten beide Partheyen die Feindſeligkeiten ein. Doch unterließen die Cami⸗ ſarden nicht, auf ihrer Huth zu ſeyn. Sie er⸗ ſchienen von Zeit zu Zeit mit Detaſchements, um ihre Freunde vor der Verfolgung der Kreuzbruͤ⸗ der, und beſonders vor dem Eremiten, zu ſchuͤzen; ſie ſuchten aber die koͤniglichen Truppen nicht auf, um ſich mit ihnen zu ſchlagen. Uebrigens hatten die Camiſarden jezt eine Art von Anſehen in ihrem Aeuſſern bekommen, welches ſich jedoch ſchwer beſchreiben laͤßt. Die Beute, die ſie bei Lascours gemacht hatten, war betraͤcht⸗ lich geweſen. Bei der erheblichen Anzahl von 138— Waffen, Pferden, Geld, koͤniglichen Montirungen fuͤr die Gemeinen, hatten ſie noch die Habſelig⸗ keiten von wenigſtens dreißig Officieren in die Haͤnde bekommen. Dieſe waren groͤßtentheils mit dem Ludwigskreuze verſehen geweſen. Cavalier ver⸗ theilte dieſe Kreuze unter ſeine vornehmſten Offi⸗ ciere. Gallonirte Weſten, und Huͤte mit Treſſen, mit Federn und Federbuͤſchen, Uhren, Tabatieren, und eine Menge anderer Dinge dieſer Art, ſchenk⸗ te er ſeinen neuen Rittern, und dieſe puzten ſich damit heraus. Selbſt die Unterofficiere und Ge⸗ meinen bekamen Theil an dieſer Art von Triumph⸗ und wurden mit irgend einem Ehrenzeichen aus⸗ geſtattet. Dieß gab einen etwas abentheuerlichen Aufzug; aber bei dem Volke gewannen ſie, wie man leicht vermuthen kann, nicht wenig da⸗ durch. Der Marſchall von Montrevel wußte ſich nicht wenig mit der Ruhe, worinn ſich die Provinz einige Monathe hindurch befand. Er hatte nach Hofe geſchrieben, daß die Rebellen ſich nicht mehr zu zeigen wagten, und daß ſie ſich, aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach, in einem Zuſtande befaͤnden, der ſie des Krieges uͤberdruͤßig gemacht haͤtte. Der Hof hatte ſogar, im Vertrauen auf dieſe Nachricht, einige Regimenter aus den Sevennen zuruͤck gezogen, und nach den Grenzen von Spa⸗ nien, Deutſchland und Italien geſchickt; aber ſehr bald ſtoͤhrten die Camiſarden die ſtolze Sicherheit —* 139 des Hofes. Sie hatten ihre Cavallerie wieder hergeſtellt und verſtaͤrkt. Roland und Cavalier hatten, wegen eines dritten Expreſſen, der mit nachdruͤcklichen Huͤlfsverſicherungen von London gekommen war, eine Conferenz gehalten, und neue Maßregeln genommen. Der Hof hatte dieß erfahren. Man ließ Truppen aus Deutſchland und Italien zuruͤck kommen, weil man wußte, daß die Allürten den Entwurf gemacht haͤtten, den Krieg bis in den Schooß von Frankreich zu ſpielen. Der Marſchall, dem man, bei ſeiner uͤbri⸗ gen Gewaltſamkeit, Mangel an Vorſicht und Wachſamkeit nicht zum Vorwurf machen konnte, hatte durch Kundſchafter, die er uͤberall, und ſelbſt in London hielt, Nachricht bekommen, daß in Kurzem ſehr gefaͤhrliche Leute aus den benach⸗ barten Laͤndern ſich nach Frankreich hinein ſteh⸗ len, und in die unruhigen Provinzen vertheilen wuͤrden. Der Marſchall ließ alſo die Zugaͤnge zu die⸗ ſen Provinzen ſo ſorgfaͤltig bewachen, und alle Reiſende ſo genau ausfragen, daß man ſehr bald zwei derſelben, die ſich fuͤr Hollaͤnder ausgaben, aber durch ihren Dialect als Gaskonier verrathen wurden, anhielt, und feſt nahm. Der eine hieß Peytaud, der andere Jonquet, und beide waren in Dienſten einer benachbarten Macht. Jener wur⸗ de zu Briſſon, und dieſer zu Saint⸗Eſprit in Ver⸗ haft genommen. Man fuͤhrte ſie nach Alais, wo 5 4 — ſie der Intendant von Baville in eigener Perſon vernahm. Es war nicht leicht ſie zum Sprechen zu bringen, und ſie widerſtanden Anfangs ſehr muthig allen Drohungen, und Verſprechungen. Peytaud blieb der ſtandhafteſte; aber Jonquet ließ ſich durch das Verſprechen, daß man ihm nicht nur verzeihen, ſondern auch eine Belohnung aus⸗ wirken wollte, wenn er die noͤthigen Aufklaͤrun⸗ gen uͤber eine Sache gaͤbe, von der man ſchon im voraus oollig unterrichtet zu ſeyn verſicherte, end⸗ lich hinreiſſen, und er geſtand folgendes: Acht franzoͤſiſche Officiere, in Dienſten der Allirten, haͤtten Befehl erhalten, ſich in die Se⸗ vennen zu begeben, um mit Roland und Cava⸗ lier Verabredungen zu treffen; drei davon, Teiſ⸗ ſedre und zwei Bruͤder Peytaud, waͤren nach Vi⸗ vares gegangen; aber Teiſſedre habe ſich eher um⸗ bringen laſſen, als ſich in Verhaft begeben wol⸗ len, und der juͤngere Peytaud ſey gefluͤchtet; die vier andern waͤren in Genf zuruͤck geblieben, wo einer von ihnen, Nahmens Villette, ſeinen Auf⸗ enthalt nehmen, und die Correſpondenz zwiſchen den Camiſarden und Alliirten beſorgen ſollen, waͤh⸗ rend ſich die drei uͤbrigen unverzuͤglich in die Se⸗ vennen zu begeben den Befehl gehabt haͤtten. Ihre Inſtructionen waͤren folgenden Innhalts ge⸗ weſen: ſich genau von der gegenwaͤrtigen Lage des Aufſtandes zu unterrichten; die Inſurgenten zu verſichern, daß man ſie durch unverzuͤgliche Unter⸗ —ü— 141 ſtuͤtzung an Waffen, Munition und Geld in den Stand ſetzen wolle, ſich Gewiſſensfreiheit und Zu⸗ ruͤckgabe ihrer Gotteshaͤuſer zu verſchaffen; genau zu unterſuchen, wie und wo man eine Landung an den Kuͤſten verſuchen und decken koͤnnte; die Reformirten in Rovergue, Vivares und Dauphi⸗ ne aufzuregen, und ſie zu ermuntern, das Joch eben ſo, wie ihre Bruͤder in den Sevennen, abzu⸗ ſchuͤtteln; und endlich, die Anfuͤhrer dieſer Leztern ſich verbindlich machen zu laſſen, keinen Stillſtand anzunehmen, wuͤrde er ihnen auch unter den vor⸗ theilhafteſten Bedingungen angebothen. Zu dem allen fuͤgte Jonquet noch die Be⸗ ſchreibung ſeiner uͤbrigen Kameraden ſo genau und treffend, daß man, bei ſorgfaͤltiger Wachſamkeit, zu Lyon, in Auvergne, Velay, und an andern Orten, noch einige davon entdeckte, und ſie, wie den ſchon gefangenen Peytaud, aufknuͤpfte. Jon⸗ guet allein wurde begnadigt. Man ſieht leicht, daß dadurch der Entwurf zu einem allgemeinen Aufſtand ſcheiterte. Dennoch ließ Roland ſeine Hoffnung noch nicht ſinken, und er hatte wirklich mit Capalier verabredet, eine allgemeine Inſur⸗ rection in den benachbarten Provinzen zu erregen, und mit Rovergue den Anfang zu machen. Catinat, der immer uͤr dieſe Unternehmung beſtimmt geweſen war, hatte ſie endlich mit Er⸗ folg begonnen. Er hatte ſich nach Rovergue hin⸗ ein geſchlichen, nur von zeinigen Anfuͤhrern beglei⸗ — — ———— tet, die unter ihm befehligen ſollten. Schon hatte er einige Corps Truppen zuſammen gezogen und gebildet; ſey es indeſſen, daß er zu dieſer Unter⸗ nehmung, die eben ſo viel Klugheit als Muth erforderte, nicht genug geſchickt war; ſey es, daß man ihm nur deßhalb den Eingang ſo leicht ge⸗ macht hatte, um ihn deſto leichter in irgend einer Schlinge zu fangen; oder ſey es endlich, daß es veraͤnderliche Laune des Kriegsgluͤckes war: ge⸗ nug, er wurde uͤberfallen, und litt eine gaͤnzliche Niederlage. In weniger als ſechs Tagen war ſein Corps errichtet und zerſtreuet worden. Meh⸗ rere ſeiner Leute wurden gefangen und geraͤdert; er ſelbſt entkam unter tauſend Gefahren, und kehrte wieder zum Cavalier zuruͤck. Indeſſen ſchienen den Marſchall die Bewe⸗ gungen in Rovergue zu beunruhigen, und ihn wegen ihrer Folgen in Furcht zu ſetzen. Er de⸗ orderte alle Truppen nach dieſer Seite hin, und dachte jezt nicht ſowohl darauf, wie er die Cami⸗ ſarden ausrotten, als vielmehr, wie er mehr als einem Sturme, welche die Kuͤſten von Languedoc, und die umliegenden Provinzen droheten, zuvor kommen wollte. So lebhaft auch Roland und Cavalier den Schlag fuͤhlten, den ihnen die Aufhebung nnd Hinrichtung der fuͤr ſie geſandten Officiere beige⸗ bracht hatte, verlohren ſie dennoch weder Hoff⸗ nung noch Muth. Sie rechneten immer noch ſeſt — 143 auf die verſprochene Un terſtuͤzung, und zeigten deßhalb mehr Entſchloſſenheit, als je. Roland efuͤhrte den Krieg in den Gebirgen mit verſtaͤrktem Eifer fort, das heißt, er beunruhigte Tag und Nacht die Plaͤtze und G arniſonen, theils in Per⸗ ſon, theils durch ſeine Unteranfuͤhrer, um die koͤ⸗ niglichen Truppen in denſelben verſchloſſen zu hal⸗ ten, und ihrer immer mehrere noͤthig zu machen. Um eine etwaige Landung zu decken, hatte Ca⸗ valier den Befehl, die Kuͤſte gar nicht mehr zu verlaſſen. Beide blieben ihre Arbeiten nicht unb fuͤr ihren Zeitverluſt und elohnt. Sie ſchwaͤchten den Feind immer mehr und mehr, und leiſteten ſolchergeſtalt den Alliirte dieſe ihnen leiſteten. n groͤßere Dienſte, als Der Krieg, den Cavalier in der Ebene fuͤhr⸗ te, war fuͤr den Feind verderblicher, als je. Nie waren ſeine Leute in ſo Es waren ihrer zwiſchen gutem Stande geweſen. eilf und zwoͤlf hundert zu Fuß, und zwei hundert zu Pferde. Er hatte ſie in mehrere Corps, und jedes dieſer einzelnen Corps in mehrere Haufen abgetheilt, die bei Ta⸗ ge und bei Nacht das Land durchſtreiften, und Unruhe und Schrecken von allen Seiten her ver⸗ breiteten. Die weißen Camiſarden wagten faſt gar nicht mehr, ſich zu zeigen; und wenn die koͤnig⸗ lichen Truppen erſchienen, wurden ſie faſt immer uͤberfallen und geſchlagen. gen mit Montirungen, Man nahm ihnen Wa⸗ mit Lebensmitteln, mit —— —— 144—. Leckerehen ab. Einmal fiengen Cavaliers Leute ſechs Maulthiere auf, die mit koͤſtlichem Weine fuͤr den Marſchall beladen waren. Ihre Treiber, die keinen Paß vorzeigen konnten, verſicherten es wenigſtens. Cavalier trieb Scherz mit dieſer Beu⸗ te. Er trug den Treibern, die er mit leeren Faͤſ⸗ ſern wieder fort ſchickte, auf, dem Marſchall von ſeiner Seite zu verſichern, daß er ganz gewiß ſei⸗ nen Paß reſpectirt haben wuͤrde, wenn ſie ihm ei⸗ nen haͤtten vorweiſen koͤnnen, daß er aber, da man dieſe Vorſicht nicht gebraucht haͤtte, den Wein ſich zugeeignet habe, der, weil er fuͤr die Tafel des Mars beſtimmt geweſen, nothwendig eine Quelle des Muths und des Ruhms ſeyn muͤſſe. Die Partheyen der Camiſarden machten faſt taͤglich aͤhnliche und weit wichtigere Bente. Sie hatten unter andern ein Convoy mit zwanzig Salz⸗ wagen, die von Cette kamen, auf dem Korn. Die Bedeckung derſelben war zwei bis drei tauſend Mann ſtark, und ſie war beſtimmt, ſich mit den Salzwagen in mehrere Gegenden der Proovinz zu vertheilen, wo das Salz ſelten und theuer gewor⸗ den war. Die Camiſarden uͤberfielen acht Wa⸗ gen, und zerſtreuten und ſchlugen deren Bedeckung, die zwiſchen drei und vier hundert Mann ſtark war. Dieſe Beute ward ihnen ſehr nuͤtzlich⸗ Sie ſelbſt behielten den geringſten Theil von dem Sal⸗ ze, das uͤbrige vertheilten ſie unter ihre Bruͤder und Freunde auf dem platten Lande. Ueberhaupt thaten ſie fuͤr dieſe alles, was ſie konnten, und dieß ward ihnen von jenen bei andern Gelegenhei⸗ ten mit der groͤßten Willigkeit erſezt. Alles ſchien ſich guͤnſtig fuͤr ihre Entwuͤrfe und Hoffnungen zu erklaͤren; aber dieſer beruhigende Anſchein war triegeriſch. Zwei Unfaͤlle, die uͤber ſie ergiengen, ſtuͤrzten ſie bald in einen Zuſtand zuruͤck, der troſt⸗ loſer war, als irgend einer von denen, worinn ſie ſich ſchon befunden hatten. Ich weiß nicht, ob die angenehme Hoffnung, welche die Camiſarden naͤhrten, daß bald eine Flotte mit Munition und Geld ankommen wuͤr⸗ de, den Reformirten in den Sevennen mehr Muth und Vertrauen einfloͤßte, als ſie gewoͤhnlich be⸗ ſaßen, oder ob es Eifer fuͤr die Religion war, der die Reformirten in Nimes zu einem Schritte verleitete, der ihnen ſehr verderblich wurde; ge⸗ nug, gegen drei hundert von ihnen verſammelten ſich auf einer Muͤhle, die in einer der Vorſtaͤdte lag, zu einem feierlichen Gottesdienſte. Der Mar⸗ ſchall von Montrevel ward ſogleich davon be⸗ nachrichtigt. Da er gerade in Nimes zugegen war, ſo begab er ſich in eigener Perſon nach der Muͤh⸗ le. Er war im aͤuſſerſten Grade aufgebracht, und alle Umſtaͤnde trugen dazu bei, ſeinen Zorn zu vermehren. Es war gerade an einem deer feier⸗ lichſten Feſte der Katholiken, am Palmſonntage, Geſch. d. Camiſarden. K gerade zu einer Zeit, wo er ſelbſt in der Stadt war; man ſchien ſolchergeſtalt die Katholiken ſtoͤh⸗ ren, ihr Feſt entheiligen, und den Koͤnig und ſei⸗ ne Befehle in der Perſon des Marſchalls, unter den Augen des leztern, verſpotten zu wollen; Dinge, die ihn, wenn man ſich ſeines Characters erinnert, zu einer grauſamen Haͤrte ſtimmen konn⸗ ten, die man aber doch deßhalb nicht entſchuldi⸗ gen kann. Er erſchien alſo auf einmal mit einem Corps vor der Muͤhle, die er rund herum beſetzen ließ. Alles, was aus der Verſammlung fliehen wollte, Weiber, wie Kinder, wurde niedergehauen, und als doch einige entkamen, ließ er Feuer an die Muͤhle legen. Was dem Saͤbel entgieng, wurde von den Flammen verzehrt. Es war ein Anblick, der das Herz eines Tiegers haͤtte ruͤhren muͤſſen. Aber der Marſchall ſtand ohne Gefuͤhl in der Naͤ⸗ he dieſes graͤßlichen Auftrittes, und ließ kein Wort von den einmal gegebenen Befehlen nach. Die ganze verſammelte Gemeinde kam, bis auf weni⸗ ge, um. . Wir haben oben bemerkt, daß der Hof ſchon ſeit einiger Zeit mit dem Marſchalle von Montre⸗ vel unzufrieden geweſen ſey; jezt ſagte man laut und oͤffentlich, daß er wuͤrde zuruͤck berufen wer⸗ den, um in Guienne zu commandiren; und daß der Marſchall von Villars zu ſeinem Nachfolger in Languedoe ſchon ernannt ſey. Dieß war eine — 147 Art von Ungnade, worein er fiel; und man gab zwei verſchiedene Urſachen davon an. Einige maßen ſie der Geiſtlichkeit bei, die ſich von dem Mar⸗ ſchalle, der von Natur hochmuͤthig und gering⸗ ſchaͤtzig jedermann behandelte, nicht genug geehrt geglaubt, und bei Hofe ausgebreitet habe: er ſey in dieſem Kriege ſo verfahren, als habe er Be⸗ fehle oder Urſachen gehabt, die Camiſarden zu ſchonen. Andere glaubten, ſeine Zuruͤckberufung ſey die Folge einer heimlichen Rache von Seiten des Intendanten von Baville, gegen welchen ſich der Marſchall beſtaͤndig ſehr uͤbermuͤthig benom⸗ men, und den er ſogar Robin genannt hatte; ein Schimpfwort, deſſen ſich ehemals der Kriegsadel gegen den Geſezadel in Frankreich oft zu bedie⸗ nen pflegte. Wahrſcheinlicher iſt, daß der Hof, da er große Urſachen zu fuͤrchten hatte, die Allürten moͤchten waͤhrend der Unruhen in Languedoc in das Innere von Frankreich dringen, ſehr ernſthaft darauf dachte, dieſen Krieg um jeden Preis zu endigen; und daß der Marſchall von Villars ihm mehr geſchickt geſchienen, dieſe Angelegenheit mit Vorſicht und Geiſtesgegenwart durchzufuͤhren. Gewiß iſt es, daß der Marſchall von Montrevel zuruͤck berufen wurde; daß er ſeine Abreiſe auf den ſechszehnten April 1704. feſtſezte, und daß er vor derſelben noch zeigte, wie leicht er die Ca⸗ K2. miſarden ausrotten koͤnnen, wenn er ſich immer ſo genommen haͤtte, als an dieſem Tage. Als Roland und Cavalier die Nachricht von der Zuruͤckberufung und nahen Abreiſe des Mar⸗ ſchalls erhalten hatten, waren ſie einig geworden, das Andenken daran durch einen wichtigen Streich gleichſam zu heiligen; aber der Marſchall hatte denſelben Plan gehabt, und ſeine Maßregeln mehr von weitem genommen. Er unterhielt ſeit ge⸗ raumer Zeit zwei wichtige Kundſchafter, Nahmens Saint Chate, und Boucaru, bei Cavalier. Bou⸗ caru war ein bejahrter Edelmann, den ſeine Aus⸗ ſchweifungen zu Grunde gerichtet hatten; Saint Chate ebenfalls ein Edelmann, aber juͤnger. Ihre liederliche Lebensart hatte ſie beide unter die Ca⸗ miſarden gebracht; aber nicht, um mit ihnen zu fechten, denn ſie hielten ſich weit vom Feuer ent⸗ fernt, ſondern unter dem Vorwande, daß ſie ſich bekehren wollten. Vielleicht hatten ſie dieß im Ernſte gewollt; aber Leute, die ſo verzaͤrtelt wa⸗ ren, wie ſie, konnten unmoͤglich die unruhige, be⸗ ſchwerliche, elende Lebensart aushalten, die ſie gewaͤhlt hatten. Sie lagen bald ihren Freunden heimlich an, ihnen Pardon auszuwirken, und dieſer ward ihnen verſprochen, unter der Bedin⸗ gung, daß ſie ihn verdienen ſollten. Dieß Ver⸗ dienen beſtand darinn, daß ſie die Rolle der Haͤuchler bei den Camiſarden ſpielten, und ſie an ihre Feinde verkauften, — 1 4 9 Der Marſchll hatte ihre Verraͤthereyen meh⸗ rere Male genuzt. Aber ſey es, daß er nicht im⸗ mer den ganzen Gebrauch davon machte, den er haͤtte machen koͤnnen, oder ſey es, daß er ihre An⸗ gaben fuͤr eine einzige Gelegenheit aufſparen woll⸗ te; genug, er that, durch ihren Vorſchub, erſt am Tage ſeiner Abreiſe etwas, das ihm bisher noch nicht gelungen war; er brachte die Cami⸗ ſarden nahe an den Punct einer voͤlligen Ver⸗ nichtung. Er hatte ſchon Abſchied genommen, und ſich nach Sommieres verfuͤgt. Sein Gepaͤck hatte den Weg nach Montpellier einſchlagen muͤſſen, wo er, wie er oͤffentlich verſichert hatte, noch den Abend zu rechter Zeit einzutreffen gedaͤchte. Da er auch ſeine Truppen zum Marſche beordert hatte, ſo ließ er ausſprengen, ein Theil davon ſey zu ſeiner Bedeckung beſtimmt, der andere aber ſolle dem Marſchall von Villars, der unverzuͤglich eintreffen wuͤrde, entgegen gehen. Der eigentliche Entwurf, der unter dieſen ſehr ſcheinbaren Bewegungen ver⸗ ſteckt lag, war ſo geheim gehalten worden, daß die Kundſchafter Rolands und Cavaliers nicht die geringſte Spur davon geſehen hatten. Sie beſtaͤttigten nicht nur jene Umſtaͤnde, ſondern ver⸗ ſicherten noch dazu, der Marſchall habe voll Miß⸗ muth geſagt: der General muͤſſe ſehr ge⸗ ſchickt ſeyn, der dieſes Geſindel zu Paaren treiben wollte. — — ———-———— I 50— Seitdem die Camiſarden erfahren, daß der Hof jene Veraͤnderung in der Prooinz treffen wuͤr⸗ de, hatten ſie wegen dieſer Sache mehreremale Kriegsrath gehalten. Saint Chate und Boucaru waren Ehrenmitglieder deſſelben. Ihr anſcheinend großer Eifer, ihre Andacht und Froͤmmigkeit beim Gottesdienſte, und eine Art von Leidenſchaft, die ſie fuͤr das Bethen ſchau trugeu, hatte ihnen die Bewunderung der gemeinen Camiſarden und das ganze Vertrauen ihrer Oberhaͤupter erworben, ſo, daß man ſie fuͤr Heilige, und ihre Worte fuͤr Orackel hielt. Beſonders galt es bei Cavalier für eine Art von Gotteslaͤſterung, wenn man einige Zweifel gegen ihre Redlichkeit aͤuſſerte. Sie wa⸗ ren beſtaͤndig um ihn, und er ſagte ihnen alles. Unter ſolcher Anleitung beſchloß Cavalier, den Tag auszuzeichnen, der, wie er ſagte, ſeine Bruͤ⸗ der von den grauſamen Verfolgungen des Mar⸗ ſchalls von Montrevel befreien ſollte. Cavalier wußte nicht, daß man ihm auf al⸗ len Seiten Schlingen gelegt hatte, und daß ge⸗ gen acht tauſend der beſten koͤniglichen Truppen, auf dem Wege, den er nehmen mußte, in meh⸗ rere Hinterhalte vertheilt, auf ihn warteten. Die Camiſarden hatten in dem Walde von Canne campirt. Den funfzehnten April gegen Abend verließ Cavalier ſein Lager, ſezte ſich an die Spitze ſeines ganzen Corps, und hatte vor, Vaunage zu durchſtreifen, und alle Quartiere — 151 und Poſten des Feindes, den er, wegen der de⸗ taſchirten Bedeckungen fuͤr die beiden Generale, ſehr verringert und geſchwaͤcht glaubte, anzugrei⸗ fen, und zu beunruhigen. Mittels eines ſtarken Marſches kam er noch denſelben Abend bis Caveirac, drei Meilen von dem vorhin genannten Walde. Die Garniſon hatte ſich bei ſeinem Anblicke zuruͤck gezogen, und er quartierte ſich ein. Mit Anbruch des Tages marſchirte er aus, und kam bis Langlade, wo er Halt machte, um ſeine Leute, die ſehr erſchoͤpft waren, ausruhen zu laſſen. Sie konnten dem Schlafe nicht widerſtehen. Die Fußknechte ſchlie⸗ fen neben ihren Waffen, und die Reiter neben ih⸗ ren Pferden, deren Zuͤgel ſie um den Arm ge⸗ ſchlungen hatten. Cavalier hatte ſich große Muͤhe gegeben, wach zu bleiben; aber der Schlaf hatte ihn uͤber⸗ mannt. Auf äinmal hoͤrte er Schuͤſſe. Seine Schildwachen ſchrien: zu den Waffen! Die Dragoner von Fimarcon hatten ſeine vorderſten Poſten uͤberrumpelt, und waren im Begriffe, uͤber ihn herzufallen. Seine Infanterie ſprang auf, und griff zu den Waffen. Seine Cavallerie, die im Augenblicke zu Pferde war, und die er ſelbſt gegen die Dragoner fuͤhrte, hielt, von ſeiner In⸗ fanterie unterſtugt, das erſte Feuer Jener aus, warf ſich ſodann auf ſie, zerriß ihre Glider und jagte ſie zuruͤck. 152 Die Camiſarden ſezten ihnen hizig nach, und fielen in einen Hinterhalt. Die Flucht der Dra⸗ goner war verſtellt geweſen. Cavalier hatte ſeine Leute nicht aufhalten koͤnnen, weil ſein Pferd bei dem erſten Anfalle verwundet worden war. In⸗ deſſen erſchien er bald auf einem friſchen. Ein Kundſchafter hatte ihm berichtet, daß hinter ei⸗ nem benachbarten Huͤgel ein Corps Truppen auf⸗ marſchirt waͤre. Es gelang ihm, durch die paſ⸗ ſenden Befehle, die er gab, und durch die Uner⸗ ſchrockenheit, mit der er das Gefecht noch eine Weile aushielt, ſeine Leute los zu machen, und ſie, mit Huͤlfe des Catinat, Clari, und Ravanel, wieder zu ſammeln. Er zog ſich fechtend zuruͤck, und behielt die Dragoner beſtaͤndig auf den Fer⸗ ſen. Dieſe machten auf einmal Halt. Cavalier glaubte, ſie wagten nicht, ihn weiter zu verfol⸗ gen, und hielt ſich ſchon fuͤr gerettet. Er ent⸗ fernte ſich, und war ſchon uͤber fuͤnf hundert Schritte vom Feinde, als er von neuem in einen Hinterhalt fiel. Er zog ſich immer vorwaͤrts, und als er ei⸗ nen Bauer unterwegs antraf, von dem er glaub⸗ te, daß er von ſeiner Parthei ſei, fragte er ihn, ob Feinde da waͤren? Dieſer erwiederte, es ſeyen ihrer uͤberall auf allen Wegen, und er rieth ihm, ſich nach der Seite von Nage zu ſchlagen, und ſich durch ein verſtecktes Defilee zu ziehen, das er ihm anzeigte. 5*. — 153 Cavalier war kaum in Nage, als er ſich ein⸗ geſchloſſen, und von einer ganzen Armee umzin⸗ gelt ſah. Die koͤniglichen Truppen hatten die An⸗ hoͤhen und alle Ein⸗ und Ausgaͤnge der umliegen⸗ den Gegend beſezt. Nun glaubte Cavalier ſelbſt, er ſey ohne Rettung verlohren. Er warf ſich in den Anzug eines gemeinen Camiſarden, um nicht erkannt zu werden.„Kin⸗ der,“ ſagte er,„wir werden gefangen, und lebendig geraͤdert, wenn wir den Muth ſinken laſſen. Es bleibt uns nur noch ein Mittel uͤbrig. Wir muͤſſen uns durchhauen. Folget mir, und haltet euch geſchloſſen.“ Von gleicher Unerſchrockenheit beſeelt, fielen ſie jezt auf den Feind; aber die große Anzahl derſelben hielt ſie auf. Camiſarden und Royali⸗ ſten vermiſchten ſich; von beiden Seiten wurde mit gleicher Erbitterung gefochten. Sie ergriffen einander bei den Haaren, ſtachen einander mit Bajonetten nieder. Cavalier, den man wahr⸗ ſcheinlich erkannt hatte, wurde umzingelt und ergriffen. Der Soldat, der ihn hielt, verlohr ſeinen Arm durch einen camiſardiſchen Saͤbelhieb; einem zweiten, der ihn wieder faſſen wollte, zer⸗ ſchmetterte er mit ſeinem Piſtole das Gehirn. So machte er ſich wieder los. Seine Leute drangen hindurch, und flohen nach allen Seiten; er ſam⸗ melte und ſtellte ſie von neuem, ſo gut er konnte; — —————-——— ——·— 154— da aber uͤberall noch Truppen ſtanden, ſo wußte er nicht, wozu er greifen ſollte. In dieſer Noth eilte er auf eine Bruͤcke zu, die mit Dragonern beſezt war, und griff dieſe ſo unerſchrocken, ſo raſend an, daß ſie wankten, und ihren Poſten im Stiche ließen. So ſezte er mit ſeinem ganzen Corps, im Angeſichte von mehr als ſechs tauſend Mann, uͤber die Bruͤcke. Aber man kann ſagen, daß ihm ein Kind zum Theil dieß Gluͤk verſchaff⸗ te. Es gieng ſo damit zu: Cavalier hatte unter ſeinem Corps ſeinen juͤngſten Bruder, der kaum zehn Jahre alt war. Er ritt ein kleines wildes Pferd, und auch ſeine Waffen waren ſeiner Staͤrke angemeſſen. Er kam ſeinem Bruder nicht von der Seite, folge ihm uͤberall, und focht ſeit dem fruͤhen Morgen. Das Hemd hatte er bis uͤber den Ellenbogen aufge⸗ ſtreift, und mit rothem Bande umwunden. Er machte uͤberhaupt den Helden, war uͤberall in hoͤchſt eigener kleiner Perſon, vertrat die Stelle eines Adjutanten, trug die Befehle aus, und er⸗ munterte die Leute durch Worte und Beiſpiel. Dieß Kind ſah ſeinen Bruder noch eine Strek⸗ ke von der Bruͤcke entfernt, waͤhrend ſeine Leute ſchon daruͤber giengen. Auf einmal ſtellte es ſich mit aufgezogenem Piſtol vor ſie, und rief:„Wo⸗ hin, wohin? Marſchirt auf am Ufer! Greift den Feind an, und deckt den Ruͤckzug meines Bruders!“ Die Cami⸗ —.,— — 155 ſarden gehorchten. Cavalier kam mit dem Reſt ſeiner Leute naͤher, und ſo gieng das ganze Corps, in Ordnung, aber immer fechtend, uͤber die Bruͤcke. Aber der Fluß war ſeicht. Der Feind ſezte hin⸗ durch, und das Gefecht ſieng von neuem an. Es dauerte den Reſt des Tages. Cavalier verkaufte jeden Fuß Terrain iehr theuer, waͤhrend er ſich im⸗ mer allmaͤhlig zuruͤck zog. Er warf ſich nach der Seite der Waldungen von Canne und Montpe⸗ zat; da er aber vorher durch ein Defilee mußte, um eine zweite Bruͤcke zu paßiren, ſo hielt ihn dieß auf, und es entſtand ein neues Gemetzel. Die Nacht brach an. Der Marſchall, der ſich geſtelle hatte, als gienge er nach Montpel⸗ lier, hatte den Weg dahin auf einmal verlaſſen, und ſich auf Saint⸗Come geſchlagen, von wo aus er ſeine Befehle ertheilte. Da dieß Dorf nicht weit von der zweiten Bruͤcke war, ſo detaſchirte der Marſchall von den beſten Truppen, die er bei ſich hatte, ein Corps Grenadiere, und Frei⸗ willige, die uͤber den Nachtrab Cavaliers herſie⸗ len, ihn zuſammen hieben, und den Reſt der Ca⸗ miſarden ſo eifrig bis an den Wald verfolgten, daß ſie ihre Rettung bloß der Finſterniß der Nacht verdankten. So nahm der Marſchall, wie er ſich ausdruͤck⸗ te, Abſchied von ſeinen guten Freun⸗ den. Er reiſete noch dieſelbe Nacht ab. Das Geruͤcht von dieſem Siege lief vor ihm her nach 1 — —— · 156 Verſailles; diente aber zu nichts weiter, als daß man ſagte: er habe dem Marſchall von Villars den Ruhm rauben wollen, die Rebellen beſiegt zu haben; und es waͤre beſſer geweſſen, wenn er ſo angefangen haͤtte, wie er geendigt. 1 Die Camiſarden verlohren an dieſem ungluͤk⸗ lichen Tage zwiſchen vier und fuͤnf hundert Men⸗ ſchen; aber die koͤniglichen Truppen nicht viel weniger. Die traurigen Ueberreſte von Cavaliers Corps hatten ſich nach dem Walde von Montpezat ge⸗ rettet. Cavalier blieb zwei Tage daſelbſt, um ſeine durch die Flucht zerſtreuten Leute wieder zu ſammeln. Jeden Augenblick entdeckte er neue un⸗ gluͤckliche Folgen ſeiner Niederlage. Er hatte ſei⸗ ne Kriegscaſſe, ſein Gepaͤck, ſeine Munition und eine Menge Waffen verlohren. Seine Neiterei war, bis auf wenige Mann, zu Grunde gerich⸗ tet. Aber am meiſten ſchmerzte ihn der Verluſt ſeiner entſchloſſenſten Camiſarden, auf die er das meiſte Vertrauen geſezt hatte, und die groͤßten⸗ theils umgekommen waren. Indeſſen ſuchte er doch, ſo bald als möglich, ſeinen Verluſt zu erſetzen. Er verließ die Waͤl⸗ der von Montpezat, und zog ſich weiter in die Gebirge nach den Waͤldern von Youzet, wo er ſich voͤllig ſicher glaubte. Auf einmal uͤberfielen ihn drei tauſend Mann koͤniglicher Truppen. Er konnte ſich nur durch die Flucht vertheidigen. —— —,,— Man ſezte ihm lange nach, und der Feind durch⸗ ſtreifte den ganzen Tag die Waͤlder. Cavalier entkam zwar, aber bloß, wie es ſchien, um ei⸗ nem neuen und groͤßern Ungluͤcke entgegen zu ge⸗ hen. Bei dieſer Gelegenheit verzweifelte Cavalier zuerſt an der Moͤglichkeit, ſich zu erhalten. Der Brigadier La Lande hatte bei jenem Ue⸗ berfalle nicht bloß die Abſicht, die Camiſarden zu uͤberfallen, ſondern vorzuͤglich, ſich ihrer Ma⸗ gazine zu bemaͤchtigen. La Chate und Boucaru, die waͤhrend des Gefechts bei Nage ſich von den Camiſarden weg geſtohlen, und ſich jezt in Ni⸗ mes aufhielten, hatten wahrſcheinlich den Ort verrathen, wo ſich die camiſardiſchen Magazine befanden. So bald alſo der Brigadier den Ca⸗ valier aus dem Walde verjagt hatte, ließ er in dem Dorfe Youzet eine alte Frau feſt nehmen, und vor ſich fuͤhren. Er ſagte zu ihr: er wiſſe, daß ſie zuweilen das Hoſpital der Camiſarden be⸗ ſuchte, welches ſich in einer Hoͤhle in den nahe gelegenen Waͤldern befaͤnde; man habe bemerkt, daß ſie ſehr oft Suppen und Medicin zu den Verwundeten und Kranken getragen, wofuͤr ſie gut ſey bezahlt worden; wuͤrde ſie dieſes laͤugnen, ſo koͤnnte es ihr theurer zu ſtehen kommen, als ſie vielleicht glaubte. Die Alte erwiederte mit großer Faſſung, man verwechsle ſie mit einer andern; ſie wuͤßte nicht, was man von ihr wollte ꝛc. und ſo hielt ſie eine 158 gute Weile kaltbluͤtig und unerſchrocken alle Fra⸗ gen aus, die man an ſie that, und war weder durch Drohungen, noch durch Verſprechungen irre zu machen. Nun aͤnderte der Brigadier den Ton. Er ließ einen Galgen errichten, und befahl, die Alte augenblicklich zu henken. Sie ließ ſich mit der vorigen Unerſchrockenheit zum Gerichte fuͤhren; aber der Anblick des Galgens, und das Schrecken des nahen Todes, erſchuͤtterten ihre Standhaftig⸗ keit. Sie verlangte mit ldem Brigadier zu ſpre⸗ chen, und ſie geſtand und entdeckte ihm alles. Das Hoſpital ward uͤberfallen. Man glaubte, den Verwundeten und Kranken noch eine Gnade zu erweiſen, wenn man ſie bloß nieder hieb. Und es war in der That eine ſolche; denn unter dem Marſchall von Montrevel haͤtte man ſie erſt ge⸗ heilt, und ſodann lebendig geraͤdert. Von dem Hoſpitale gieng man zu den Magazinen. Man pluͤnderte und verheerte ſie, und mit ihnen alle uͤbrige Huͤlfsquellen der Camiſarden. Dieſe, und ihre Freunde und Anhaͤnger waren in der aͤuſſer⸗ ſten Beſtuͤrzung. Alle ihre Hoffnungen ſahen ſie zertruͤmmert, ihre Leute zerſtreuet und aufgerieben, und die gaͤnzliche Vernichtung vor der Thuͤr. Nur der einzige Roland blieb unerſchuͤtterlich. Er behandelte das Ganze wie einen voruͤberge⸗ benden Unfall, der wieder gut gemacht werden koͤnnte. Die Beſtuͤrzung und das Schrecken, das jedermann ergriffen harte, tadelte er als Schwach⸗ — 159 heit und Feigheit, und ſuchte Religion, Eifer, Zuverſicht und Glauben dagegen geltend zu machen. 3 Es ſchien, daß Cavalier ſich ſchaͤmte, bei dieſen Unfaͤllen den Muth verlohren zu haben. Er ermannte ſich wieder. Rolands Rathſchlaͤge, Maßregeln, unerſchrockene Entwuͤrfe, und ſelbſt ſeine Propheten, die ganz anders ſprachen, als die Propheten Cavaliers, machten lezterm wieder Muth. Er ſammelte ſeine Leute von neuem, bewaffnete ſie mit Senſen, Gabeln und mit Eiſen beſchlagenen Pruͤgeln, und ſo ſtellte er ſie wieder ins Feld. Roland war mit ſeinen Leuten ſchon wieder in den Gebirgen beſchaͤftigt und hatte den kleinen Krieg kuͤhner und ſtrenger als vorher an⸗ gefangen; Cavalier, Catinat und Ravanel zogen ſich wieder in die Ebene und brachten das Land auf den Gedanken, daß ſie Kraͤfte und Huͤlfsmit⸗ tel haben muͤßten, welche die groͤßten Unfaͤlle zu erſetzen faͤhig waͤren. Unterdeſſen war der Marſchall von Villars in Nimes angekommen und hatte von dem Bri⸗ gadier La Lande Bericht von ſeinen lezteren Ope⸗ rationen erhalten. Dieſe waren zwar nur Folgen der Niederlage der Camiſarden in Vaunage gewe⸗ ſen, die der Marſchall von Montrevel noch ein⸗ geleitet hatte; dennoch ſahe man ſie fuͤr Wirkun⸗ gen des gluͤcklichen Sterns an, der den Villars aͤberall begleitete, 160— Er fieng damit an, daß er ſich von dem Zu⸗ ſtande der Provinz, von der Stimmung ihrer Einwohner, von der Natur des Aufſtandes, von dem Character der Rebellen, beſonders ihrer An⸗ fuͤhrer, und von den Maßregeln, die man bis jezt gegen ſie genommen, gruͤndlich unterrichten ließ. Sodann ſchickte der den Brigadiers La Lan⸗ de, Julien und den uͤbrigen vornehmſten Officie⸗ ren den Befehl zu, die Truppen in Bewegung zu ſetzen und ſchneller und thaͤtiger zu agiren, als vorher, um die jetzige Beſtuͤrzung der Camiſar⸗ den vortheilhaft zu nutzen. Er ſelbſt ſezte ſich ſchon den naͤchſten Tag nach ſeiner Ankunft in Marſch, um aͤberall ſelbſt zu ſehen und ſelbſt zu befehlen. In Begleitung des Intendanten von Baoille, begab er ſich in die Sevennen, hielt ſich in jedem groͤßern Orte auf, berief den Magiſtrat und die vornehmſten Einwohner, theilte ihnen den Willen des Koͤnigs und ſeine eigenen Abſichten mit, alles mit ſo viel Wuͤrde, Nachdruck und ſo viel durch⸗ ſcheinender Sanftmuth, daß er ſich die Ehrfurcht und die Herzen Aller gewann. Zudem ließ er ei⸗ ne foͤrmliche Amneſtie im Nahmen des Koͤnigs bekannt machen. Dieſe Schrift war kurz, aber in ſehr gemaͤßigten Ausdruͤcken abgefaßt. Die Woͤrter: Rebellion und Rebellen hatte man gaͤnzlich vermieden; man ſprach darinn nur von den Reformirten in den Sevennen und in ganz — 151 Languedoc, die Religions halber die Waffen er⸗ griffen, und von ſolchen, die ſie unterſtuͤzt und beſchuͤzt haͤtten; man verſprach ihnen Gnade, wenn ſie ſich unterwerfen, und zu ihrer Pflicht zuruͤck kehren wollten. M Dieſe erſten Schritte begleitete der Marſchall mit der freiwilligen Losgebung mehrerer Gefange⸗ nen auf das bloße Verſprechen, daß ſie kuͤnftig treuer ſeyn wollten; und er legte dadurch den Umriß eines Friedens an, den der Hof mehr wuͤnſchte, als hoffen konnte, da die Alliirten, wie er wohl wußte, ernſthafte Anſtalten machten, den Camiſarden zu Huͤlfe zu kommen. Als der Mar⸗ ſchall ſah, daß ſeine Gelindigkeit und ſein Zuvor⸗ kommen ſehr wenig, oder doch ſehr langſam wirk⸗ ten, ſo nahm er noch einmal zu nachdruͤcklichen Maßregeln ſeine Zuflucht; da aber auch dieſe nicht ſo geſchwind durchgriffen, wie er wuͤnſchte, ſo mußte er endlich zu wirklichen Friedensvorſchlaͤgen und vorlaͤufigen Unterhandlungen fortſchreiten. Roland und ſelbſt Cavalier wollten nichts von den einleitenden Vorſchlaͤgen ihrer Freunde hoͤren, die als Mittler auftraten, ſondern fuhren fort, jener in den Gebirgen, und dieſer in der Ebene, Unruhe und Schrecken zu verbreiten. Sie neckten die koͤniglichen Truppen, uͤberfielen die Beſatzungen, erpreßten Lebensmittel und Muni⸗ tion. Ihre Partheyen ſtreiften Tag und Nacht Geſch. d. Camiſarden. 2 herum, und kamen beſtaͤndig mit Beute aller Art zuruͤck. Man dachte darauf, neue Magazine an⸗ zulegen. Das Loos war geworfen(ſo ſagte Ro⸗ land, und er hielt Wort,) die Waffen nicht eher nieder zu legen, als bis man ihnen Gewiſſens⸗ freiheit, ungeſtoͤhrte Religionsuͤbung und Wieder⸗ gabe aller ihrer Privilegien zugeſichere haben wuͤr⸗ de; und ſie ſchmeichelten ſich, ihre Lage ſo zu verbeſſern, daß ſie den Krieg noch eine Weile V fortfuͤhren und Huͤlfe von Auſſen erwarten koͤnn⸗ I ten. Als der Marſchall dieß vernahm, ſezte er alle ſeine Truppen in Bewegung, ließ ſie mehrere Tage hindurch die ganze Provinz durchſtreifen und wandte die hoͤchſte Anſtrengung an, die Caa miſarden zu uͤberraſchen. Er hatte ſeine Armer in drei Corps abgetheilt, und er ſelbſt ſezte ſich an die Spitze des vierten, und durchzog ſolcher⸗ geſtalt die Gebirge, Waͤlder und Ortſchaften, wo ſich Camiſarden aufhalten, oder durch welche ſie gekommen ſeyn ſollten. Aber vergebens. Die Ca⸗ miſarden bekaͤmpften und ſchlugen den Marſchall und ſeine Brigadiers gleichſam durch Abmattung, wenigſtens zwangen ſie ihn, ſeinen Truppen Raſt zu geben; und der ganze Vortheil, den er von die⸗ ſer Unternehmung hatte, war bloß der, daß er eine bewundernswirdige Thaͤtigkeit hatte zeigen koͤnnen. Unterdeſſen war die Amneſtie, die der Mar⸗ ſchall bekannt gemacht hatte, nicht ganz ohne Wirkung geblieben, und den Camiſarden ſelbſt ———— QQ—— waren mehrere von ihren Leuten untreu geworden. Sie verlohren ihrer von Zeit zu Zeit fuͤnf bis ſechs auf einmal. Wenn ſie ſich dem Marſchalle auslieferten, ſo empfieng und behandelte man ſie nicht nur nach den Buchſtaben der Amneſtie, ſon⸗ dern bewirthete ſie noch nebenher koͤſtlich und gab ihnen Geld; und es iſt ein Wunder, daß ihrer binnen zwei Monathe doch nur hoͤchſtens dreißig bis vierzig uͤbergiengen. Cavalier und Roland ſelbſt wurden unruhig uͤber dieſes Syſtem der Beſtechung, das man ge⸗ gen ſie brauchte. Roland berief ſeine Leute zu⸗ ſammen und redete ſie folgendergeſtalt mit Ernſt und Nachdruck an:„Zweifelhafte und un⸗ zuverlaͤßige Menſchen koͤnnen wir un⸗ ter uns nicht brauchen. Wer nicht mehr den guten Willen hat, lieber ſein Le⸗ ben aufzuopfern und alles zu erdul⸗ den, als die Vertheidigung ſeines Glaubens aufzugeben, und den Eid ewiger Verbruͤderung zu brechen, der kann gehen. Ihr hattet freien Willen bei eurer Verpflichtung, ihr habt ihn noch, um ſie aufzuheben. Bald muß die Huͤlfe von England erſcheinen; wir ha. ben aufs neue Verſicherungen da ruͤber. Eure Anfuͤhrer ſind entſchloſſen, ent⸗ weder mit den Waffen in der Hand zu 2 2 ſterben, oder freie Religionsuͤbung, nach Innhalt des Edicts von Nantes, zu erhalten. Wir wiederhohlen es: wer unter euch nicht ſo denkt, wer wankt, oder ſich auch nur beſinnt, der er klaͤre ſich offenherzig; er kann ſogleich gehen und ſich zu jenen feigen Seelen ſchla⸗ gen, die Gottes und ihrer Bruͤder Sa⸗ che untreu geworden ſind.“— Keiner war unter allen, der ſich nicht ſtand⸗ haft und ven gleichem Entſchluſſe beſeelt gezeigt haͤtte; alle ſchwuren aufs neue, ihren Anfuͤhrern uͤberall hin zu folgen. Die Deſertion hoͤrte auf und die Feindſeligkeiten wurden mit ſo viel Nach⸗ druck und auch mit ſo viel Huͤlfsquellen von Sei⸗ ten der Camiſarden fortgeſezt, daß der Marſchall zweifelhaft wurde, ob er ſie mit Guͤte und Ge⸗ lindigkeit gewinnen koͤnnte. Roland hatte noch vier⸗oder fuͤnfhundert Mann in den Gebirgen, die er in beſtaͤndiger Bewegung erhielt; und Cavaliers Corps von ungefaͤhr glei⸗ cher Staͤrke, ſtreifte, in mehrere Haufen abge⸗ theilt, am Rande der Ebene immer ſo, daß es leicht die Waͤlder gewinnen konnte. Jeder Tag zeichnete ſich durch irgend einen Streich, oft auch durch kuͤhnere und wichtigere Unternehmungen aus, und ſo wurden des Marſchalls Entwuͤrfe zam Frieden, ſeine Thaͤtigkeit und ſein Muth ſelbſt⸗ fruchtlos und unnuͤz gemacht. — 165 Aber dieſer General, der nicht minder k.i ge⸗ riſch als politiſch und klug war, ſich uͤberall in Perſon zeigte und den Camiſarden keinen Augen⸗ blick Ruhe ließ, wußte den Nachdruck und das Schrecken ſeiner Waffen durch Maͤßigung und Menſchlichkeit zu mildern. Man brachte einige Camiſarden vor ihn, die man auf der Flucht ge⸗ fangen hatte; er ſchenkte ihnen das Leben und ſagte zu ihnen: der Koͤnig verzeiht euch, wenn ihr euern Aufſtand bereuet und demſelben entſagt!— Sie gelobten Treue, und er begnadigte ſie auf ihr bloßes Wort. Er zog von neuem gegen die Camiſarden aus. Kaum hatte er den Truppen Zeit gelaſſen, ſich von ihrem vorigen beſchwerlichen Zuge zu erhohlen; ſchon den dritten Tag hatte er ſie wiederum mit einem allgemeinen Streifzuge durch alle die Waͤl⸗ der beſchaͤftigt, wo ſich die Camiſarden zu ver⸗ halten pflegten. Jezt ließ er das ganze Land zwi⸗ ſchen Anduſe, La Salle und Saint Jean de Gar⸗ doningue durch drei große Detaſchements beſetzen und umringen. Aber Cavalier, der gerade in je⸗ nen Gegenden ſtreifte, entgieng der Gefahr da⸗ durch, daß er ſeine Leute in lauter kleine Pelo⸗ tons vertheilte, die den Truppen entkamen, und ſich ſogar in einzelnen Haͤuſern ihrer Freunde ſo lange verſteckt halten konnten, bis der Sturm voruͤber war. Dieſer zweite Streifzug dauerte drei Tage, und war nicht minder lehhaft und nachdruͤcklich, aber auch eben ſo fruchtlos, als der erſte. Die Flamme des Aufſtandes barg ſich gleichſam unter ihrer eigenen Aſche in den benachbarten Provin⸗ zen, und ſie war durch die Muͤhe, die man ſich gab, ſie zu loͤſchen, nur zuruͤck gedruͤckt, nicht erſtickt worden. Sie lag mit ihrer ganzen Gluth in den Herzen und in dem Willen vieler Tauſen⸗ de der Einwohner von Rovergue und Vivares, Provinzen, worinn es von Mißvergnuͤgten, ſelbſt unter den Katholicken, wimmelte. Beſonders war dieß der Fall in Rovergue, wo der Abbe de la Bourlie, aus dem Hauſe Guiſcard, den erſten Saamen zu einem allgemeinen Aufſtande ausge⸗ ſtreuet und zu lezterem ſogar einen beſondern Plan eingeleitet hatte. Dieſes Mannes Entwuͤrfe waren durch die lezte ungluͤkliche Unternehmung Catinats auf Ro⸗ vergue vereitele worden, und er ſelbſt hatte ſich nach der Schweiz fluͤchten muͤſſen. Von da war er nach Holland und England uͤber gegangen. Er hatte um dieſe Zeit Gelegenheit gefunden, den Ro⸗ land und Cavalier vom Haag aus wiſſen zu laſ⸗ ſen, daß er fuͤr ſie arbeite; daß ſeine Plane ge⸗ billigt worden; daß er Correſpondenz nach Ro⸗ vergue unterhalte; daß dort alles gut gehe; daß er viel von den Allürten erwarte; daß er einem glaͤnzenden Erfolg entgegen ſehe, wenn ſie ſtand⸗ — 3 167 haft blieben; daß ſie durch Entſchloſſenheit und Muth die Beſchwerlichkeiten des Wartens, womit ſolche zuſammen geſezte Unternehmungen verbun⸗ den ſeyen, uͤberwinden moͤchten. Auch die Reformirten in Rovergue hatten dergleichen Verſicherungen von ihm erhalten. Sie gaben den Camiſarden Nachricht davon und be⸗ ſchworen ſie, nicht ſowohl die Gefahr, die ſie lie⸗ fen, als vielmehr den Ruhm, der ihrer erwarte⸗ te, ins Auge zu faſſen. Sie verſprachen ihnen Unterſtuͤtzung an Waffen und Munition, und an⸗ dere kleine Huͤlfen, ſo lange bis wichtigere an⸗ kaͤmen. 1 Das Gluͤck ſchien ſich von neuem fuͤr die Ca⸗ miſarden zu erklaͤren. Mehrere Umſtaͤnde verei⸗ nigten ſich, um ihre Anfuͤhrer bei Muth zu er⸗ halten. Roland agirte immer noch ununterbro⸗ chen in den Gebirgen, errichtete von neuem Ma⸗ gazine und both den koͤniglichen Truppen auf al⸗ len Seiten die Spitze. Leztere waren kaum in ihre Quartiere zuruͤck, als Cavalier von neuem ſichtbar wurde, ſeine Leute in mehrere Detaſche⸗ ments vertheilte, bis in die Mitte der Ebene vor⸗ ruͤckte und den Marſchall zwang, ſeine Macht zum drittenmale ins Feld zu ſtellen. Indeſſen konnten die Anſtalten des Mar⸗ ſchalls nicht kluͤger erdacht noch thaͤtiger ausge⸗ fuͤhrt werden. Da er ſah, daß die Camiſarden 8 ſich in mehrere Haufen vertheilt hatten, ſo that er ein gleiches mit ſeinen Truppen und ließ ſie unausgeſezt die Waͤlder durchſtreifen und durchſu⸗ chen; um aber beſtaͤndig Herr des Landes zu blei⸗ ben, ſo hatte er drei Bataillons ſo geſtellt, daß ſie ohne Zeitverluſt ſich vereinigen konnten, im Fall Cavalier ſich entſchloͤſſe, ſeine Leute zuſam⸗ men zu ziehen. Dieß that er auch wirklich, ſo bald er die Gefahr inne ward, die ſeinen Leuten und ihm ſelbſt bei der thͤtigen Verfolgung des Marſchalls drohete. Er that dieß mit ſo viel Geſchicklichkeit oder Gluͤck, daß der Marſchall es nicht verhindern konnte; und ſo erſchien er auf einmal mit allen ſeinen Leuten, in der Gegend von Bouquet, auf einem Berge, der mit Felſen und Waͤldern umgeben war. Hier her berief er eine zahlreiche Gemeinde; er predigte ſelbſt in ih⸗ rer Mitte, und man brachte den ganzen Tag mit Gebeth zu. So bald der Marſchall dieß vernahm, ſezte er ſich ſelbſt an die Spitze ſeiner Truppen und marſchirte nach Bouquet; aber Cavalier hatte ſich ſchon den Tag vorher von da weg gezogen. Der Marſchall konnte ihm bloß einige von ſeinen Leu⸗ ten niederhauen, die ſich verſpaͤtet hatten. Er ſah jezt immer mehr ein, daß das kluͤgſte und wirk⸗ ſamſte Mittel den Krieg zu endigen, dieſes ſey, alles zu verſuchen, um die Anfuͤhrer der Inſur⸗ genten durch Verſprechungen und Friedensantraͤ⸗ — 169 8 ge, die der Krone ſo wenig als moͤglich Schande machten, zu gewinnen.* Man haͤtte ſehr gerne mit Roland ſelbſt ver⸗ handelt. Ueber ſein Benehmen und ſeine ſtolze Sprache hatte man ſich anfangs nicht gewun⸗ dert, vielmehr geglaubt, er ſey fein genug, ſich ſo entſchloſſen und unerſchuͤtterlich zu zeigen, um ſich geltend zu machen, um deſto mehr zu gewinnen. Aber er hatte gewiſſe Anerbietungen, die man ihm gethan, mit ſo viel Stolz zuruͤck gewieſen, daß man in Abſicht ſeiner bald alle Hoffnung aufgab und ſich ganz an Cavalier ſchloß, den man weit weniger hartnaͤckig fand; und in kurzem vollen⸗ dete die Feinheit und Klugheit des Marſchalls, was man durch behutſame und ſchmeichelhafte Anfragen eingeleitet hatte. Ein Notar, Nahmens Roubiere, ein ſchlauer intrignanter Mann, dazu ein alter Reformirter, hatte es auf ſich genommen, den Brigadier la Lande mit Cavalier zuſammen zu bringen. Er hatte in dieſer Abſicht mehrere Schritte gethan, die wahrſcheinlich nur eine unvollkommene Nego⸗ ciation eingeleitet hatten, weil der Marſchall nach der Zeit dem Baron d'Aygalliers den beſondern Auftrag machte, Cavalier aufzuſuchen und zu ſehen, wie er geſtimmt ſey. Uebrigens war dieſer Mann als Reformirter gebohren, nachher aber zum katholiſchen Bekennt⸗ niß uͤbergetreten. Man glaubte, daß, auſſer ſei⸗ — 170— ner Geſchicklichkeit im Unterhandeln, ſein Beiſpiel auf Cavalier wirken wuͤrde. Dieſer hatte ſchon vorlaͤufig ein Paar Unterredungen mit dem Ba⸗ rone gehabt, jezt kamen ſie, um eine foͤrmliche Verhandlung einzuleiten, auf dem Schloſſe Saint Jean de Sairargues zuſammen. Mehrere Maul⸗ thiere, mit Erfriſchungen beladen, hatten Ueber⸗ fluß und Wohlleben dahin verpflanzt. Nach dem erſten freudigen Empfange, nahm der Baron den Cavalier auf die Seite, und ſtellte ihm vor, daß er taͤglich mit groͤßern Gefahren umringt wuͤrde; ſein Schickſal werde ſchrecklich ſeyn, wenn er auf dem Krieg beſtaͤnde; er muͤſſe ſelbſt fuͤhlen, daß er nicht laͤnger widerſtehen konne; daß der Koͤnig ſich herab ließe, ihn nicht nur zu begnadigen, ſondern ſogar ihm eine Stelle bei der Armee an⸗ zubiethen, wenn er Treue gelobte; und daß er endlich wenn er ſich im Punct der Religion billig zeige, auf alle nur moͤgliche Gnaden⸗ und Ehren⸗ bezeugungen rechnen koͤnne. Uebrigens gebe er ihm ſein Ehrenwort, daß man aufrichtig mit ihm verhandeln wolle; daß der Koͤnig dem Marſchall uneingeſchraͤnkte Vollmacht dazu gegeben, und daß er ſich von der Aufrichtigkeit des Hofes durch fol⸗ gende zwei Puncte voͤllig uͤberzeugen koͤnne: Erſt⸗ lich, ganz Europa ſey gegen Frankreich in den Waffen, und dadurch werde dieſer innere Krieg deſto fuͤrchterlicher; zweitens wolle der Koͤnig den Tractat, der zu Beilegung deſſelben geſchloſſen 6 — — 1 171 wuͤrde, der geringſten Clauſel nach brechen, ſo muͤſſe er befuͤrchten, daß die Unruhen von neuem ausbraͤchen; mithin dringe ihn ſein Intereſſe eben ſo ſehr als ſeine Ehre zur puͤnctlichen Vollziehung des zu ſchließenden Vertrags. Was Cavalier auf dieſe Vorſtellung antwor⸗ tete, iſt nicht genau bekannt geworden. Gewiß iſt, daß der Baron mehrere Couriere nach Nimes ſchickte und von dort her bekam, weßhalb man annehmen kann, daß man damals bloß einige vorlaͤufige Puncte debattirte und feſt ſezte. So bald Cavalier zu ſeinen Leuten zuruͤck gekommen war, ſchickte er einen Expreſſen an Roland, um ihn von allen Umſtaͤnden der Ver⸗ handlung zu benachrichtigen. Auch ſeinen vor⸗ nehmſten Officieren gab er Auskunft daruͤber. Er erklaͤrte, daß er ſich zu nichts verbindlich gemacht, daß ihm aber der Baron genug geſagt habe, um daraus zu ſchließen, daß man ihnen ſehr vortheil⸗ hafte Friedensbedingungen zugeſtehen werde. Den folgenden Tag erhielt Cavalier einen Brief von Alais, worinn ihm der Brigadier La Lande ein Rendezvous, mit aller zu verlangenden Sicherheit, anbiethen ließ. Cavalier entſchloß ſich, daſſelbe anzunehmen, und erſchien an dem be⸗ ſtimmten Orte. Der Brigadier la Lande hatte eine Begleitung von funfzig Mann nebſt einigen Officieren bey ſich, und Cavalier eine gleiche An⸗ zahl. Beyde Bedeckangen ſezten ſich in einiger b Entfernung von einander, und auf dem freyen Plaze dazwiſchen, giengen die beyden Chefs ein⸗ ander entgegen. La Lande gab dem Bruder Ca⸗ valiers, der auf einem der vorigen Streifzuͤge ge⸗ fangen worden war, ein Zeichen naͤher zu treten. „Hier iſt Ihr Bruder,“ hob er an: der Koͤnig gibt Ihnen denſelben zuruͤck; noch mehr, dieſer guͤtige Monarch ver⸗ zeiht Ihnen, und will alles vergeſſen, wenn Sie kuͤnftig als treuer Unter⸗ than ſich benehmen wollen. Ich weiß wohl, daß die Feinde des Koͤnigs Sie aufgeregt haben, aber es haͤngt nur von Ihnen ab, ſich zu uͤberzeugen, daß des Koͤnigs Abſichten rein und menſch⸗ lich ſind. Und was ſind Ihre Forde⸗ rungen und Wunſche? Cavalier erwiederte: er verlange drei Dinge: volle, uneingeſchraͤnkte Gewiſſensfreiheit; Loslaſ⸗ ſung Aller der Religion wegen Verhafteten; Er⸗ laubniß, das Land verlaſſen zu duͤrfen, im Fall der Koͤnig jene Gewiſſensfreiheit nicht bewilligen wollte. Dieſer lezte Punct ſchien die Aufmerkſamkeit des Brigadiers beſonders zu ſpannen.„Wie viel Menſchen glaubenSie, ſagte er, daß man Ihnen zu dieſer Auswanderung bewil⸗ ligen muͤßte?“— Zehntauſend, verſezte Cavglier: von jedem Geſchlecht und Al⸗ — 173 ter.—„Ich daͤchte, erwiederte der Brigadier: Zweitauſend waͤren genug.“— Nein, ſagte Cavalier: das waͤre nicht genug. Ich will Ihnen meine Meinung noch deut⸗ icher ſagen. Entweder, man macht alle vorige zu unſerm Vortheil gegebene Edicte, und alle unſere Prioilegien wieder guͤltig; oder, man bewilligt ei⸗ nen Paß fuͤr zehntauſend Reformirte, worinn man uns drei Monathe zur freien Verfuͤgung uͤber unſere Habſe⸗ ligkeiten zugeſteht, und uns erlaubt, zu unſern Bruͤdern im Auslande unge⸗ hindert uͤberzugehen. Der Brigadier antwortete hierauf nichts wei⸗ ter, als daß er dem Marſchall Nachricht von die⸗ ſer Verhandlung geben wolle, und daß es ihm leid thue, mit ihm nichts feſtes beſchließen zu koͤn⸗ nen. Zugleich naͤherte er ſich den Leuten Cava⸗ liers, und warf ihnen ein Paar Haͤnde voll Gold⸗ ſtuͤcke zu, um, wie er ſagte, die Geſundheit des Koͤnigs dafuͤr zu trinken. Aber auf ein Zeichen, das ihnen Cavalier unvermerkt gab, blieben ſie unbeweglich ſtehen, und er antwortete ſtatt ihrer dem Brigadier: Geld brauchen ſie nicht; aber wohl Gewiſſensfreiheit! Der Brigadier antwortete ihm laut genug, daß die Camiſarden es hoͤren konnten:„Es ſteht nicht in meiner Gewalt, Ihren Wunſch * zu erfuͤllen; aber ich glaube, daß Sie am beſten thun, wenn Sie ſich ohne Be⸗ dingung den Verfuͤgungen des Koͤnigs uͤberlaſſen.“— Wir ſind bereit, erwieder⸗ te Cavalier beſcheiden aber entſchloſſen: alles zu thun was der Koͤnig will, wenn er uns erlaubt, Gott ſo zu dienen, wie wir glauben, ihm dienen zu muͤſſen; aber auch mit den Waffen in der Hand zu ſterben, wenn man die vorigen Grau⸗ ſamkeiten gegen uns wiederhohlen wollte. Der Brigadier brach dieſe Unterhaltung ab. Er ſchien mit Cavalier zufrieden. Sie ſprachen noch eine Weile uͤber gleichguͤltige Dinge und trennteu ſich ſodann. Der Marſchall hatte waͤh⸗ rend dieſes Tages Befehl gegeben, die Camiſarden in Ruhe zu laſſen, ſogar ſich ihnen nicht zu wi⸗ derſetzen, wenn ſie bloß Lebensmittel verlangten; und man ermangelte nicht, dem Cavalier dieſe menſchenfreundliche Geſinnungen bemerkbar zu machen. Ob gleich Roland alles wußte, was verhan⸗ delt worden war, ſtellte er ſich doch, als ob er nichts davon wuͤßte. Er ſchickte ſeine Partheyen nach wie vor aus, neckte die koͤniglichen Truppen, fuͤllte ſeine Magazine mit Kriegs⸗ und Mundpro⸗ viſion und blieb feſt entſchloſſen, den Krieg fort⸗ zufuͤhren, und entweder den Frieden auf die von W —— Cavalier vorgeſchriebene Bedingungen zu erhalten, oder mit den Waffen in der Hand umzukommen. Man hatte von Cavalier ſeine gemachten Forderungen ſchriftlich verlangt; und er hatte ſie dem Marſchall wirklich zugeſchikt, ungefaͤhr in denſelben Ausdruͤcken, wie er ſie dem Brigadier la Lande vorgetragen hatte. Die Antwort darauf blieb nicht lange aus. Der Baron d'Aygalliers antwortete ihm: die Erfuͤllung ſeiner Forderungen wuͤrde keine große Schwierigkeit haben, nur wuͤnſchte der Marſchall mit ihm perſöͤnlich zu Nimes zu unterhandeln, und ließe ihm hierdurch die noͤthige Sicherheit anbiethen. Cavalier ant⸗ wortete darauf, er wuͤnſchte, daß er vorher mit ihm ſich beſprechen koͤnnte, wie er den ehrenvollen Antrag des Marſchalls am beſten erwiedern koͤn⸗ ne, er muͤſſe aber geſtehen, daß, wenn ſeine For⸗ derungen wenig Schwierigkeiten finden wuͤrden, dieß vielleicht nicht der Fall mit des Marſchalls Forderungen ſeyn moͤchte. Cavalier war hieruͤber ſogleich beruhigt. Der Baron erhielt Vollmacht, die noͤthigen Anſtalten zu machen, um das Vertrauen Cavaliers zu ver⸗ ſtaͤrken und die Conferenz zu Nimes zu erleichtern. Da Cavalier dem Baron geſtand, daß er ſich, trotz der verſprochenen Sicherheit, nicht in Nimes einſchließen wuͤrde, ſo ſchlug man ihm ein Kloſter auſſerhalb der Stadt vor. Aber die Idee eines Kloſters beunruhigte ihn auch noch, ſie ward aber * — ¹ 3 175 dadurch gehoben, daß man ſich erboth, die Con⸗ ferenz in dem Garten des Kloſters unter einem Zelte zu halten. Dieß war ihm noch nicht ge⸗ nug. Er verlangte Geiſeln, und auch dieſe wur⸗ den ihm bewilligt. Nun begab er ſich nach Ni⸗ mes. Hier that ſich noch eine Schwierigkeit her⸗ vor. Cavalier haͤtte durch das Innere des Klo⸗ ſters gemußt, um in den Garten zu kommen; dieß hielt er nicht fuͤr rathſam. Man mußte al⸗ ſo ein Stuͤck der Gartenmauer niederreiſſen. Er ritt auf einem ſchoͤnen Pferde, das er damals bei der Niederlage des Marineregiments erbeutet hatte. Sein Kleid war roth und auf allen Naͤhten mit Treſſen beſetzt. Auf ſeinem Hute trug er eine weiße Feder. Sein blondes Haar, von betraͤchtlicher Laͤnge, war nachlaͤßig mit einem ſchwarzen Bande aufgeknuͤpft. Nichts fehlte ſeinem Anzuge, als die Kunſt, ihn mit we⸗ niger Zwang und mehr Wuͤrde zu tragen. Ihm zur Rechten ritt Catinat auf einem der wildeſten und lebhafteſten Roſſe aus Camar⸗ gue, uͤbrigens gut gekleidet; und zur Linken ſein Secretair, einfach gekleidet auf einem anſtaͤndigen Pferde. Voran waren zwoͤlf Reiter und hinter⸗ drein zwoͤlf andere. Ein Trupp Infanterie ſchloß den Zug. So kam Cavalier, unter einem unge⸗ heuern Zulaufe von Menſchen, vor dem Eingan⸗ ge der Gartenmauer an. Als er ſah, daß der Marſchall ſeine Bedeckung an der einen Seite des 4 Eingangs hatte aufmarſchiren laſſen, that er ein gleiches mit der ſeinigen; ſodann ſtieg er ab, und trat, von Catinat und Billard begleitet, in den Garten. 4 Der Marſchall, von dem Intendanten von Baville und dem Brigadier la Lande begleitet, gieng aus dem Zelte hervor, dem Cavalier ent⸗ gegen. Der Empfang war ohne Ceremonie. Der Marſchall behandelte Cavalier ſehr herablaſſend und artig, ſo daß man wohl ſah, er wolle ihn gewinnen. Der Brigadier hingegen empfieng ihn wirklich freundſchaftlich. Cavalier bemerkte, daß der Marſchall und der Intendant ihn verwundert anſahen, und dann durch Blicke mit einander ſprachen. Er war hoͤchſtens zwanzig Jahr alt, und ſchien noch weit juͤnger. Beide hatten alſo Urſache, ſich zu wundern, daß ſie in dieſem be⸗ ruͤhmten Anfuͤhrer gleichſam nur noch ein Kind ſahen. 5 Die Conferenz nahm ihren Anfang. Der Marſchall ſagte zu Cavalier: der Koͤnig wolle, vermoͤge ſeiner Menſchenfreundlichkeit, das Blut ſeiner Unterthanen, und ſogar ſolcher unter ihnen, ſchonen, die ſich gegen ihn aufgelehnt haͤtten, und deßhalb habe er ihm augetragen, den Weg der Guͤte zu verſuchen; aus Eifer fuͤr den Dienſt des Koͤnigs, habe er gewuͤnſcht, aus dem Munde ei⸗ nes Anfuͤhrers der Mißvergnuͤgten ſelbſt die Mit⸗ Geſch. d. Camiſarden. M * 178— tel zu vernehmen, wodurch ſie zu ihrer Pflicht zuruͤck gebracht werden koͤnnten.— Cavalier er⸗ wiederte: er koͤnne nichts als die Forderungen wie⸗ derhohlen, die er ſchon muͤndlich und ſchriftlich ge⸗ than habe. Da er Haupt einer Parthei ſey, die ihn mit ihrem Vertrauen beehrte, ſo ſey er ver⸗ pflichtet, dem allgemeinen Intereſſe treu zu blei⸗ ben. Der Intendant unterbrach ihn, ſah ihn veraͤchtlich an, und ſagte: Ihr ſeyd ſehr un⸗ dankbar und ſehr verwegen, daß Ihr mit der koͤniglichen Verzeihung Euch nicht begnuͤgen wollt, ſondern noch Bedingungen vorſchreibt.—„Nicht meinetwegen habe ich die Waffen er⸗ griffen,“ verſezte Cavalier;„ſondern fuͤr die Vertheidigung meiner Bruͤder und Freunde. Bin ich nicht durch meinen Eid verpflichtet, verlangt nicht meine Ehre, ihr Intereſſe zu befoͤrdern? Und, da die Sachen nun einmal ſo weit gegangen ſind, was bleibt uns noch uͤbrig, als mit den Waffen in der Hand zu ſterben, oder von der Gnade des Koͤ⸗ nigs und ſeiner Gerechtigkeit unſre Gewiſſensfreit zu erhalten?“—„O, es iſt zu viel Gnade, verſezte der Intendant aufgebracht: daß der Koͤnig miteinem Re⸗ bellen unterhandelt.“—„Daran ſind Ihre (Gr auſamkeitenSchuld!“ erwiederte Cava⸗ — 179 lier reimuͤthig und mit Kaͤlte:„Ich will das Andenken daran nicht wieder auffri⸗ ſchen, darum bin ich nicht hier. Viel⸗ leicht haͤtte ich beſſer gethan, gar nicht zu kommen. Ich bin auch bereit, wie⸗ der zu gehen, wenn man mir nichts an⸗ ders zu ſagen hat.“— Der Zorn blizte dem Intendanten aus den Augen. Er wollte antwor⸗ ten, aber der Marſchall ſagte in einem ernſthaf⸗ ten Tone zu ihm: Ich bitte Sie, laſſen Sie mich reden! Sodann wandt' er ſich zu Cavalier und ſagte: Sie haben mit mir zu thun. Man wird uns nicht mehr unter⸗ brechen. Sagen Sie mir alſo klar und deutlich, was verlangen Sie und Ihre Leute— Cavalier wiederhohlte die drei Punkte, die er dem Brigadier la Lande ſchon vorgelegt hatte.— Ihr beſteht auf Gewiſſensfrei⸗ heit, verſezte der Marſchall: der Koͤnig be⸗ willigt ſie euch. Ihr koͤnnt euch uͤber⸗ all, wo ihr wollt verſammeln, und Gott nach eurer Weiſe dienen; aber Kirchen oder Tempel zu bauen, wird euch nie erlaubt werden. In Abſicht des uͤbrigen koͤnnten Sie, Cavalier, zufrieden ſeyn, denk ich, wenn Ihnen der Koͤnig eine Stelle unter ſeiner Ar⸗ mee gaͤbe, und Ihre Leute in ſeine M 2 180— Dienſte naͤhme. Dieß waͤre immer vor⸗ theilhafter und ehrenooller, als das Koͤnigreich zu verlaſſen.— Cavalier ver⸗ ſicherte dem Marſchall: daß der Koͤnig nie treuere Unterthanen gehabt haben ſolle, als ſeine Leute und ihn; ſie ſeyen bereit, ihm die uͤberzeugendſten Proben einer unerſchuͤtterlichen Treue zu geben, und ihr Blut mit Freuden in ſeinem Dienſte zu vergießen, wenn er ihnen die Punkte bewilligte, um die ſie gebethen haͤtten.— Gut, erwiederte der Marſchall: Sie werden mir Ihre For⸗ derungen noch einmal ſchriftlich und um ſtaͤndlich eingeben; ich will alles moͤgliche thun, um Ihnen nuͤzlich zu werden. So endigte ſich dieſe Conferenz. Obgleich Cavalier alle Urſache hatte, mit dem Benehmen des Marſchalls gegen ihn zufrieden zu ſeyn, ſchied er doch nicht beruhigt von ihm, und baute we⸗ nig auf dieſen glaͤnzenden Schein. Er kehrte mit ſeinem Zuge in derſelben Ordnung zuruͤck, wie er gekommen war. Der Baron d'Apgallier folgte ihm, und ſie entwarfen gemeinſchaftlich jene drei Forderungen der Camiſarden in der umſtaͤndlichern Form, wie der Marſchall ſie zu wuͤnſchen geſchie⸗ nen. So uͤbergab ſie Cavalier den folgenden Tag unter einem aͤhnlichen Gepraͤnge. Bei dieſer zwei⸗ ten Conferenz ſezte man auch einen Waffenſtill⸗ ſtand feſt, und Cavalier erhielt die Freiheit, ſich — 18T mit ſeinen Leuten nach Calviſſon zu ziehen, mit dem Verſprechen dort ſo lange auf koͤnigliche Ko⸗ ſten verpflegt zu werden, bis Antwort vom Hofe kaͤme. Cavalier ſezte nun unverzuͤglich ſeine Gei⸗ ſeln in Freiheit, und ſtattete dem Roland genauen Bericht von dem ganzen Hergange ab. Dieſer antwortete ihm ſogleich: er naͤhme den Waffen⸗ ſtillſtand an; er ſey bereit, ſich zu unterwerſen, wenn man die gethanen Forderungen erfuͤllte und dabei Wort hielte; daran zweifle er aber ſehr, und wenn man ihnen nicht die gruͤndlichſte Gewaͤhr leiſtete, ſo waͤr' es unklug und verwegeu, ſich auf die Verſprechungen des Hofs zu verlaſſen; er, fuͤr ſeine Perſon ſey entſchloſſen, es eher auf das Aeuſſerſte ankommen zu laſſen, als ſich und ſeine Bruͤder in Gefahr zu ſtuͤrzen, durch einen hinter⸗ liſtigen Friedensſchluß betrogen zu werden; er muͤſſe ihn noch ſprechen, um dieſen Gegenſtand gruͤndlich und reiflich mit ihm zu uͤberlegen. Cavalier befand ſich uͤbrigens zu Caloiſſon wohl verſorgt, ſicher und frei. Einige Officjere Maͤnner von Verſtand, vom Marſchall ausdrüͤck⸗ lich dazu gewaͤhlt, waren theils als Commiſſarien, theils als Geſellſchafter um ihn, beobachteten und unterhielten ihn in guͤnſtiger Stimmung. Faſt alle Tage waren Religionsuͤbungen, und von al⸗ len Enden der Provinz eilte das Volk herbei, be⸗ ſonders die Verwandten und Freunde der Cami⸗ 182— ſarden. Die Reformation ſchien von neuem auf⸗ leben zu wollen. Unterdeſſen erhielt der Marſchall Antwort vom Hofe. Er ließ Cavalier nach Nimes beru⸗ fen, und dieſer erſchien auf vorige Weiſe, und erhielt dieſelbe Schrift zuruͤck, die er bei der zwei⸗ ten Conferenz eingegeben hatte. Die darinn ge⸗ forderten Punkte waren wenig von denen verſchie⸗ den, die wir oben angegeben haben; ſie waren nur erweitert und erklaͤrt, und beſtanden aus ſie⸗ ben Artickeln, zu welchen Cavalier noch einen, die ihm angebothene Militairſtelle betreffend, hin⸗ zugeſezt hatte. Unter jedem Artickel ſtand eine lakoniſche Antwort. Gewiſſensfreit, und Erlaub⸗ niß zu gottesdienſtlichen Verſammlungen, uͤberall, wo man es ſchicklich faͤnde, nur nicht in feſten Plaͤtzen und Staͤdten mit Mauern.— wurde bewilligt.— Loslaſſung der ſeit der Aufhebung des Edikts von Nantes gefangenen Reformirten— bewilligt.— Freie Zuruͤckkunft aller, der Re⸗ ligion wegen, Ausgewanderten, und Wiederein⸗ ſetzung in ihre Guͤter und Privilegien— bewil⸗ ligt, mit dem Beding, daß ſie den Eid der Treue noch einmal leiſten ſollten.— Wiederein⸗ ſetzung des Parlaments von Languedoc auf vori⸗ gen Fuß, mit vorigen Prioilegien— wird der Koͤ⸗ nig in Ueberlegung nehmen.— Befreiung der Prooinz vom Kopfgelde auf zehn Jahre— abge⸗ ſchlagen.— Bewilligung der drei Staͤdte, — — 1 183 Montpellier, Cette, und Ayguemortes, zu Sicher⸗ heitsplaͤtzen— abgeſchlagen.— Befreiung von Abgaben auf ſieben Jahre fuͤr diejenigen Be⸗ wohner der Sevennen, deren Haͤuſer waͤhrend des Krieges verbrannt, oder ſonſt zerſtoͤhrt wor⸗ den— bewilligt.— Erlaubniß fuͤr Cavalier, unter ſeinen Leuten, und denen aus dem V Verhafte Loszugebenden, ein Corps zum Dienſte des Kdnigs auszuheben, daß die Erlaubniß haͤtte, ſein Be⸗ kenntniß frei zu uͤben— zugeſtanden, doch mit dem Beding, daß die uͤbrigen Nichtgewaͤhl⸗ ten die Waffen niederlegen, und ſich ruhig ver⸗ halten ſollen.— Cavalier hatte keine vortheilhaftern Antwor⸗ ten erwartet, und da er ſeine Forderungen bloß darum ſo hoch geſpannt hatte, weil er die Ne⸗ gociation in die Laͤnge ziehen, und den Alliirten Zeit verſchaffen wollte, die verſprochene Huͤlfslei⸗ ſtung zu beſchleinigen, ſo bath er den Marſchall, der auf ſchleunige Abſchließung des Vertrags drang, ihn zu entſchuldigen, und ſtellte ihm vor, daß weder Roland, noch deſſen Leute, noch ſeine Freunde uͤberhaupt, ſo ergeven ſie ihm auch ſeyen, ihre Einwilligung zu einem Frieden auf dieſen Fuß je geben wuͤrden; man habe ihnen jede Ge⸗ waͤhrleiſtung verſagt, und doch koͤnne nur die Bewilligung der drei Sicherheitsſtaͤdte die Grund⸗ lage eines feſten und dauerhaften Friedens wer⸗ den. Der Marſchall antwortete in einem ernſt⸗ 8 184— haften Tone: des hn des Koͤnigs ſey fuͤr Re⸗ bellen die ſicherſte Gewaͤhrleiſtung; es ſey ein Be⸗ weis von auſſerordentlicher Gnade, daß der Koͤ⸗ nig ihre Forderungen auch nur ſich vorlegen laſ⸗ ſen; ſie haͤtten von der Gerechtigkeitsliebe des Monarchen alles zu fuͤrchten, wenn ſie ſeine Guͤ⸗ te verachteten; er wiſſe die Willensmeinung des Koͤnigs, da ihm die ganze Sache uͤbertragen ſey, gaͤbe ihm alſo den nuͤzlichen Rath, den Vertrag zu unterzeichnen, und ſich nicht um die uͤbrigen zu bekuͤmmern, deren Halsſtarrigkeit man zu beu⸗ gen wiſſen wuͤrde.— Cavalier bedachte, daß ſei⸗ ne Unterſchrift im Grunde nur ihn fuͤr ſeine Per⸗ ſon verpflichte, und daß er noͤthigenfalls immer Vorwand finden wuͤrde, ſich von dieſer Verpflich⸗ tung los zu machen; auch ſah er wohl, daß ſei⸗ ne Parthei des Friedens eben ſo ſehr beduͤrfte, als der Koͤnig. Er unterſchrieb alſo den Vertrag. Der Marſchall und Intendant bezeigten große Zufriedenheit, und wuͤnſchten ihm Gluͤck zu dieſem Schritte. Der Marſchall uͤberreichte ihm ein Ober⸗ ſtenpatent, worinn er die Freiheit erhielt, die Stel⸗ len unter ſeinem Regimente ſelbſt zu beſetzen; und auſſerdem kuͤndigte er ihm an, daß ihm der Koͤ⸗ nig einen Gehalt von zwoͤlf hundert Livres aus⸗ geſezt habe; alles, wie man ſieht, um Cavalier ſo zu binden, daß er nicht leicht brechen koͤnnte, und die uͤbrigen camiſardiſchen Chefs durch ihre Eitelkeit anzulocken, ſeinem Beiſpiele zu folgen. — 185 Cavalier gieng nach Calviſſon zuruͤck, und ſchickte von dort einen Expreſſen an Roland, mit der Nachricht, von dem geſchloſſenen Frieden. Roland antwortete ihm, er ſey nicht im gering⸗ ſten damit zufrieden, obgleich er nicht gehofft haͤtte, daß man noch ſo viel erhalten wuͤrde; in⸗ deſſen koͤnnten wohl die bewilligten Punkte Ande⸗ re blenden, aber ihn nicht; er muͤßte ſich ſehr ir⸗ ren, wenn man Willens waͤre, ſie zu halken.— Dagegen billigten Catinat, Ravanel, und die uͤbrigen Officiere Cavaliers Schritt, und naͤhrten nicht das geringſte Mißtrauen. Man draͤngte ſich nach den Stellen unter ſeinem Regimente. Eben ſo freuten ſich die uͤbrigen Refornurten, und jeder⸗ mann glaubte nun das Ende aller Unruhen und Verfolgungen zu ſehen. Aber dieſe Freude dauerte nicht lange. Fa⸗ natismus und Intoleranz erhoben von allen Sei⸗ ten ihre Stimmen, und ſchrieen uͤber Umſturz der Kirche und Religion. Beſonders blieben die Jeſuiten nicht unthaͤtig, und ſie ſezten alle ihnen zu Gebothe ſtehende oͤffentliche und heimliche Huͤlfs⸗ mittel in Bewegung. Bald wurden die gottes⸗ dienſtlichen Verſammlungen verbothen. Zwar dul⸗ dete man dergleichen noch bei den Camiſarden; aber weder ihren Freunden noch Verwandten war es erlaubt, Theil daran zu nehmen. Man zog ſogar einige Neu⸗Reformirte ein, die ſich unter ihnen hatten finden laſſen. Cavalier beklagte ſich 186— zu Nimes, daß man den Grundartickel des Ver⸗ trages gebrochen; aber der Marſchall verſicherte ihn, es ſey ganz gegen ſeinen Willen geſchehen, und wirklich ließ er die Eingezogenen wieder los. Dennoch hielt Furcht die uͤbrigen zuruͤck. Sie ſezten ſich nicht ferner der Gefahr aus; aber ſie beſchwerten ſich laut. Roland ſah aus allem, daß man Cavalier betrogen habe, und er ließ ihm durch einen ver⸗ trauten Offcier ſagen, es ſey Zeit, die Schlinge zu zerreiſſen, worinn man ihn gefangen habe, und Maßregeln zu nehmen, um ſich nachdruͤck⸗ lich an dem Hofe und dem Marſchall zu raͤchen. Aber Roland dachte nicht daran, daß er viel⸗ leicht von ſeinen eigenen Leuten verrathen wuͤrde, und daß man ihn ſo genau und ſo heimlich beob⸗ achtete, daß man nicht nur von ſeinen Bewegun⸗ gen, ſondern auch von jedem ſeiner Worte unter⸗ richtet ſey. In der That entgieng er ein Paar⸗ mal nur durch einen Gluͤcksfall der Aufhe⸗ bung. Waͤhrend der Marſchall kein Mittel unver⸗ ſucht ließ, und weder Kundſchafter, noch Geld, noch Verſprechungen ſchonte, um Rolands hab⸗ haft zu werden, erhielt Cavalier die Erfuͤllung faſt aller ſeiner Forderungen. Man ließ eine Menge Gefangener los, unter andern auch ſeinen Vater, und mehrere ſeiner Verwandten und Freunde, und gab ihm zu verſtehen, daß alles zu ſeiner Zufrie⸗ 3 1 — y— 187 denheit ausſchlagen wuͤrde. Er hatte an den Mar⸗ ſchall einen Brief voller Dankſagungen geſchrie⸗ ben, und die Antwort erhalten, daß man an der allmaͤhligen Erfuͤllung des Vertrags arbeite, daß aber der Koͤnig mit dem unbehutſamen Betragen der Neu⸗Reformirten unzufrieden ſey; daß die Klugheit mehr Vorſicht empfehle, und daß der Wille des Koͤnigs ſey, Cavalier ſolle ſich mit ſei⸗ nen Leuten binnen drei Tagen nach Montpellier begeben.. Dieß leztere war ein Donnerſchlag fuͤr Cava⸗ lier und ſeine Leute. Zu Montpellier ſtand eine zahlreiche Garniſon; die Stadt iſt mit Mauern und Waͤllen umgeben, und hat eine ſtarke, weit⸗ laͤuftige Citadelle. Es war eine Art von Gefaͤng⸗ niß, wohin man ſich begeben ſollte. Cavalier ſelbſt wurde aͤngſtlich. Seine Leute waren um ihn her, und verſicherten laut, ſie wuͤrden nicht nach Mont⸗ pellier gehen, ſie wuͤrden ſich lieber in Stuͤcke hauen laſſen, als zugeben, daß die geringſte Clau⸗ ſel des Vertrags gebrochen werde. Cavalier wi⸗ derſprach dieſem Entſchluße nicht; er bath ſie nur, ſich zu maͤßigen, und ihm Zeit zu laſſen, an den Marſchall zu ſchreiben. Dieß that er auch. Er meldete ihm, daß er unfaͤhig ſey, ſeinem leztern Befehle zu gehorchen; ſeine Leute wollten nicht mit ihm nach Montpellier, und keine Vorſtellung koͤnnte ſie dazu bewegen; ſie ſagten: zwei Drit⸗ tel der Gefangenen ſeyen, dem Vertrage zuwider, 188 noch auf den Galeeren und in den Gefaͤngniſſen; ſie konnten nicht dafuͤr, daß die Neu⸗Reformir⸗ ten in ihre Verſammlung gekommen u. ſ. w.; er fuͤrchte, daß ſie ſich nicht eher fuͤgen moͤchten, als bis ſie jede Clauſel des Vertrags puͤnktlich er⸗ fuͤllt ſaͤhen. Cavalier zeigte dieſen Brief den Officieren die der Marſchall ihm zugegeben hatte, und ver⸗ ſicherte ihnen, daß, bei der jezigen Stimmung der Gemüͤther, auf nichts mehr zu rechnen ſey, und daß jede Ausſoͤhnung unmoͤglich wuͤrde, wenn man nicht alle Urſachen zum Mißtrauen wegzuraͤu⸗— men ſuchte. Jene Officiere ſchrieben zugleich mit Cavalier an den Marſchall, und gaben ihm das Zeugniß, daß er alles gethan habe, um die Miß⸗ vergnuͤgten zu beruhigen; daß aber eine Inſur⸗ rection unvermeidlich ſey, wenn man die neueſten Befehle nicht widerriefe, oder wenigſtens aus⸗ ſezte.. Dieſe Depeſchen waren kaum abgeſandt, als Cavalier Nachricht erhielt, daß der Marſchall alle Wege nach Calpviſſon habe beſezen laſſen, und zu⸗ gleich diejenigen Oerter, wo die Camiſarden ihre Religionsuͤbungen zu halten pflegten. Dieß ſchien einen Ueberfall anzukuͤndigen, und Cavalier gerieth zugleich ſeiner eigenen Perſon wegen ſo in Be⸗ ſorgniß, daß er dieſe beunruhigende Nachricht ſei⸗ nen vertrautern Officieren mittheilte. Auch dieſe ſahen leich ein, daß die Gefahr vor der Thuͤr ſey. Unter mehrern Maßregeln, die ſie zu ihrer Rettung vorſchlugen, blieben ſie bei folgender ſte⸗ hen: ſie ſprengten verſtellter Weiſe aus, beſon⸗ ders unter ihren Leuten, man koͤnne ſich nicht wohl mehr auf die Redlichkeit des Cavalier ver⸗ laſſen; er ſey an den Marſchall verkauft, u. ſ. w. Mehrere der gemeinen Camiſarden mußten laut erklaͤren, daß ſie ihm nicht mehr traueten, und daß man diejenigen fuͤr Verraͤther halten muͤſſe, die noch ferner ſeinen Befehlen gehorchten, u. ſ. w. Durch dieſen Kunſtgriff wollte man Cavalier in den Stand ſetzen, als Mittler aufzutreten, die Treue oder Untreue des Hofes zu erforſchen, und den Ruͤckzug der Camiſarden zu beguͤnſtigen. Die⸗ ſe Komoͤdie wurde meiſterhaft geſpielt. Die ge⸗ heime Conferenz war kaum geendigt, als ſich durch ganz Calviſſon Murren und Geſchrei erhob. Die Camiſarden lieſen zuſammen, ihre Officiere, von den Mißvergnuͤgteſten begleitet, ſuchten die Officiere und Commiſſarien des Marſchalls auf, warfen ihnen mit Ungeſtuͤmm vor: ſie ſeyen ſo gut Betrieger, als Cavalier; ſpeißten ſie mit lee⸗ ren Hoffnungen ab, um ſie deſto ſicherer zu be⸗ triegen; der Marſchall hielte den Vertrag nicht, alſo wollten ſie ihn auch nicht halten, u. ſ. w. Die Commiſſarien geriethen in die aͤuſſerſte Beſtuͤrzung. Die camiſarviſchen Officiere ließen durch den ganzen Ort Laͤrm ſchlagen, die Haupt⸗ wache zog ab, und das ganze Corps marſchirte 190 3— auf, und zog nach einem der Thore. Cavalier kam herzu, und ſtellte ſich aͤuſſerſt aufgebracht. Er fragte ſie, auf weſſen Befehl, und wozu ſie aufmarſchirten? Er befahl den Offizieren, ihre Leute zuruͤck zu halten. Als man ihm antwortete: man wolle die Verraͤther beſtrafen, erwiederte er, dieß komme ihm zul Sodann milderte er ſei⸗ nen Ton, und erinnerte ſeine Leute an ihr ehe⸗ maliges Zutrauen, an ihren Eid, an ihre Treue. Er nahm die Officiere bei Seite, ſprach heimlich mit ihnen, und dieſe nahmen den Schein an, als ob ſie zum Gehorſame zuruͤck kehrten. Dieß alles gieng unter den Augen der Commiſſarien vor. Cavalier gieng ſodann zu ihnen, und ſagte, ſie ſeyen Zeugen, daß er uͤber ſeine Leute faſt nichts mehr vermoͤge; aber er wolle eher ſein Leben laf⸗ ſen, als daß man ihnen Leid zufuͤgen ſollte; ſie mochten nur ruhig ſeyn, er wolle ſogleich Befeh⸗ le zu ihrer ganzen Sicherheit geben. Er verfuͤgte ſich zu ſeinen Leuten zuruͤck, und ſagte in einem nachgiebigen Tone:„ erklaͤrt mir doch die eigent⸗ lichen Urſachen eures Aufſtandes!“— Sie er⸗ wiederten:„wir halten uns fuͤr verrathen und verkauft; wir moͤgen keinen Frieden; wir wollen mit den Waffen in der Hand ſterben!“ Cavalier lobte ihren Entſchluß, kehrte zu den Commiſſarien zuruͤck, und ſagte ihnen: er ſey gezwungen, zu haͤucheln; ſie konnten ohne Beſorgniß mit ihrer Bedeckung abziehen. Sie verſicherten ihn, daß — 191 ſie ſein redliches Benehmen anerkennten, und es beim Marſchalle zu ruͤhmen wiſſen wuͤrden.„Ich bin gezwungen,“ ſagte er,„die Leute zu fuͤhren, wohin ſie wollen. Sagen Sie dem Marſchalle, daß ich alles thun werde, um ſie auf andere Ge⸗ danken zu bringen; daß ich aber an einem gluͤk⸗ lichen Erfolge zweifle, ſo lange man den Vertrag nicht puͤnktlich erfuͤllt.“— Die Camiſarden zogen ab, und warfen ſich in die naͤchſten Waͤlder, zu großer Beruhigung der Commiſſarien, die ſich ih⸗ rerſeits nach Nimes zuruͤck verfuͤgten.. Sccpogleich erhielten ſaͤmmtliche koͤnigliche Trup⸗ pen Befehl, den Camiſarden nachzuſetzen. Aber ihre Arbeit war vergebens. Cavaliers Corps hat⸗ te ſich auf unbekannten oder unzugaͤngigen We⸗ gen verlohreu, und Rolands Leute ſchwaͤrmten in mehreren Partheien umher, und ermuͤdeten die Truppen, die ihnen nachſezten. Aber der Marſchall war feſt entſchloſſen, nicht eher abzulaſſen, als bis er ſie eingehohlt und voͤllig zerſtreut haͤtte. Eine doppelte Nach⸗ richt, die er erhielt, veraͤnderte jedoch ſeinen Plan und ſeine Methode. Der Gouverneur von Per⸗ pignan meldete ihm, daß vierzig feindliche Schiffe nach den Kuͤſten von Languedoe geſegelt ſeyen; und von dem Intendanten von Baville erhielt er die Nachricht, daß man zu Avignon zwei Men⸗ ſchen arretirt habe, deren einer ausgeſagt, daß er zu Cavalier reiſen ſollen, um ihn zu bewegen, 192— daß er ſich bis Ende des Juny halten, und ſich in der Naͤhe von Vivares poſtiren moͤchte, wo er um jene Zeit Unterſtuͤzung finden wuͤrde. Jezt bereuete der Marſchall, daß er mit den Camiſarden mehr kuͤnſtlich als aufrichtig unter⸗ handelt hatte. Er ſuchte ſie von neuem durch die Verſicherung zu gewinnen, daß es noch Zeit ſey, wenn ſie zuruͤck kehren wollten, und daß ſie zufrieden ſeyn wuͤrden, wenn ſie es thaͤten. Aber waͤhrend ſeine Emiſſarien arbeiteten, um theils Cavaliers Leute zuruͤck zu bringen, theils Roland ſelbſt zu uͤberreden, lief die Nachricht ein, daß die feindliche Flotte eine Menge Waffen und Muni⸗ tion, nebſt einer Anzahl Truppen, zu Villefran⸗ che ausgeſchifft habe; und daß drei Tartanen, beſtimmt, das Ganze nach Languedoe zu bringen, ſchon wirklich geladen, und nach Languedoc von fuͤnf engliſchen Fregatten begleitet, unter Segel gegangen ſeyen. Der Marſchall verlohr keine Zeit, und mar⸗ ſchirte nach der Kuͤſte. Doch noch vor ſeiner Ab⸗ reiſe befahl er dem Intendanten und den Officie⸗ ren, die in den feſten Plaͤtzen commandirten: die Rebellen gut aufzunehmen, die ſich unterwerfen wollten; ihre Beſchwerden anzuhdren, und moͤg⸗ lichſt nachgiebig bei ihren Forderungen zu ſeyn; ihnen zu verſichern, der Koͤnig wolle, daß man ihnen Wort hielte; der Friede ſey ja geſchloſſen, und nur durch ein Mibßverſtaͤndniß von ihnen — 193 felbſt gebrochen worden.— Darauf marſchirte er in eigener Perſon nach der Kuͤſte, und zog dort einen Cordon von Cette bis Aygnemortes. So⸗ dann kehrte er zuruͤck, um jeden ungluͤklichen Buͤr⸗ gerkrieg zu endigen, oder wenigſtens deſſen Ende zu beſchleunigen. Wir verſchonen den Leſer mit dem Detail der aufs neue eingeleiteten Unterhandlung, und ſagen nur dieß, daß Roland, trotz allen Anerbiethungen, die man ihm that, ſtandhaft dabei blieb: er wolle die Waffen niederlegen, wenn der Koͤnig das Edikt von Nantes wieder guͤltig machen, und den Reformirten Tempel und Prediger geſtatten wuͤr⸗ de. Cavalier blieb noch eine Weile zweifelhaft, welche Parthei er ergreifen ſollte; endlich gieng er in das Nez des Marſchalls. Seine Leute wa⸗ ren immer noch in den Waͤldern von Cannes ge⸗ weſen, von allem entbloͤßt, und von den koͤnigli⸗ chen Truppen gleichſam belagert gehalten. Cati⸗ nat und Ravanel waren ganz der Meinung Ro⸗ lands, und eben ſo unerſchrocken, als er. Als ſie eines Tages den Cavalier weniger unruhig als ſonſt fahen, fragten ſie ihn, mit einer Miene voll Verdruß, was denn aus ihnen werden ſollte? Es ſeyen weder Magazine, noch Kebensmittel, noch Ausſichten dazu da; ſie faͤhen ſich auf dem Punkte, vor Hunger und Elend umzukommmen. Cavalier ermahnte ſie, den Muth nicht ſinken zu Beſch. d. Camiſarden. N laſſen, und gab ihnen zu verſtehen, daß er einen Plan habe, der allem Ungluͤcke abhelfen, und ihre Hoffnungen wieder beleben wuͤrde. Dazu waͤre noͤthig, daß er ſie anf eine Weile verließe. Er empfahl ihnen Eintracht, als die Seele ihrer Angelegenheiten, und fuͤgte eine Anweiſung hinzu, wie ſie den Feind vermeiden, und ihre Leute er⸗ naͤhren koͤnnten. Sie hoͤrten ihm ſo weit gelaſſen zu, ſo bald er aber aͤußerte, daß er zum Mar⸗ ſchall wolle, um die Hand ans Werk zu legen, hielten ſie ihren Unwillen nicht laͤnger mehr zu⸗ ruͤck. Du willſt uns alſo im Stiche laſ⸗ ſen? riefen ſie voller Wuth: O, das haben wir vermuthet. Dubiſt ein Verraͤther, du verdienſt den Tod!— Nein, erwie⸗ derte Cavalier entſchloſſen: Ich bin euer Freund. Ich will fuͤr euch arbeiten. Wenn der Marſchall mir nicht Wort haͤlt, ſo geh' ich aus dem Lande und fuͤhre ſelbſt die Huͤlfstruppen herein, die man uns verſprochen hat!— Mit dieſen Worten ſtieg er zu Pferde und eutfernte ſich. Gebt Feuer auf den Verraͤ⸗ therl riefen die Officiere, und man ſchickte ihm wirklich einige Schuͤſſe nach, die ihn aber nicht mehr erreichten. Er ſprengte mit verhaͤngtem Zuͤ⸗ gel davon. Einige Camiſarden, die ihm ergeben waren, oder⸗dieſe Gelegenheit nutzen wollten, folgten ihm. Er brachte noch gegen vierzig der⸗ A8 — 195 ſelben zuſammen, in einem Dorfe, wo er anhielt, um einen Expreſſen an den Marſchall zu ſchicken. Sodann nahm er ſeinen Weg auf Veſenobre, wo er erfuhr, daß der Baron d'Aygalliers in der Naͤhe ſey und ihm etwas zu ſagen habe. Er ſuch⸗ te ihn auf und der Baron ſagte ihm von Seite des Marſchalls, er glaube, daß alles gut gehen werde; er habe nach Hofe geſchrieben und erwar⸗ te guͤnſtige Antwort. Cavalier beklagte ſich, daß man ſo wenig Achtung fuͤr den Vertrag gehabt habe. Der Baron verſprach ihm, mit dem Mar⸗ ſchalle davon zu reden; einige Tage darauf er⸗ hielt er neue Verſicherungen, wobei die Erfuͤllung des Vertrags kaum beruͤhrt war, mit dem Zuſa⸗ ze: der Koͤnig ſey zufrieden mit ihm, und er ſelbſt wuͤrde es bald auch ſeyn; die einzige Veraͤnde⸗ rung, die man gemacht habe, beſtehe darinn, daß er nun nicht in Spanien, ſondern in Deutſchland dienen wuͤrde.— Der Marſchall fuͤgte hinzu, daß er ihn zu ſehen wuͤnſchte. Cavalier ſaͤumte nicht, weil er ſich freuete, Gelegenheit zu haben, ſich noch einmal gegen den Marſchall zu erklaͤren. Er begab ſich mit ſeinem kleinen Gefolge, das bis auf ſechzig Mann angewachſen war, nach Saint Genies, wo ſich der Marſchall befand. Dieſer vermied die Hauptſache ſehr geſchickt, war aber uͤbrigens ſehr gefaͤllig gegen Cavalier. Er gab ihm auf, nach Valabregue, einer kleinen Inſel, N 2 welche die Rhone oberhalb Beaucgaire bildet, ſich zu verfuͤgen. Die Bedeckung, die er erhielt, war noch einmal ſo ſtark, als ſeine eigene. Er fieng an, wegen ſeines Schickſals beſorgt zu werden, beſonders, da der Officier, der auf der Inſel ſtand, erklaͤrte, er habe keinen Befehl, ihn von der In⸗ ſel zu laſſen, doch wolle er daruͤber an den Mar⸗ ſchall ſchreiben. Dieß that er wirklich, und mit der Antwort kam auch die Erlaubniß fuͤr Cava⸗ lier, ſich nach Nimes begeben zu duͤrfen, doch oh⸗ ne alle Begleitung. Dagegen gab man ihm eine Bedeckung von Dragonern, die ihn, wie einen Verbrecher, in die Mitte nahm und ſorgfaͤltig huͤtete. Zu Nimes ſagte ihm der Marſchall, er habe Ordre, ihn nach Breyſach zu ſchicken, wo er ſein Regiment errichten ſollte; der Weg ſey ihm vorgeſchrieben, und er moͤchte ſich fertig hal⸗ ten, binnen vier Tagen abzureiſen. Uebrigens wurde Cavalier in Nimes genau bewacht. Vor ſeinem Quartier war eine Wache, und er konnte keinen Schritt thun, ohne einen Sergenten, der ihm mit einigen folgte. Dieſe peinliche Behand⸗ lung wurde indeſſen durch die Nachricht verſuͤßt, daß die in mehreren Staͤdten verhafteten Refor⸗ mirten losgegeben worden; auch kamen einige da⸗ von wirklich, um unter ſeinem Regimente Dienſte zu nehmen. Was die zu den Galeeren Verur⸗ theilten betraf, ſo konnte er bloß das Verſprechen erhalten, daß auch ſie losgelaſſen werden ſollten, —ÿy— — 3 197 und daß er die Nachricht davon zu Breyſach finden wuͤrde. Cavalier reißte endlich von Valabregue, wo⸗ hin er von Nimes zuruͤck gegangen war, mit un⸗ gefaͤhr hundert Camiſarden, ab. Ein Detaſche⸗ ment koͤniglicher Truppen begleitete ihn. Man hatte ihm und ſeinem Gefolge eine Summe Gel⸗ des zur Verkoͤſtigung gegeben. Sie wurden auf ihrem Wege uͤberall ſehr gut behandelt. Vorneh⸗ me und Geringe wetteiferten, ſie zu ſehen und zu verſorgen. Zu Macon fanden ſie Befehl, Halt 8 machen. Cavalier ſchrieb von dort an den Miniſter Chamillard, er habe ihm Dinge von Wichtigkeit mitzutheilen. Der Baröͤn d'Aygalliers ward von Seiten dieſes Miniſters nach Macon geſchickt, mit der Vollmacht, Cavalier zu verneh⸗ men; aber dieſer erklaͤrte, er koͤnne ſich nur dem Miniſter, oder dem Koͤnige ſelbſt entdecken. Ein Cabinetscourier hohlte ihn alſo von Macon ab und brachte ihn nach Verſailles. Der Miniſter gab ihm Audienz; auch der Koͤnig wollte ihn ſe⸗ hen. Man ſtellte ihn alſo auf die große Treppe, wo der Koͤnig vor ihm vorbei mußte. Der Mo⸗ narch begnuͤgte ſich, einen Blick auf ihn zu werfen und die Achſeln zu zucken. Der Erbinetsoourier brachte den Cavalier nach Macon zuruͤck. Vermuthlich hatte Cavalier ſeine Forderun⸗ gen dem Miniſter oder dem Koͤnige ſelbſt vortra⸗ gen wollen, weil er den Berichten des Marſchalls ——— 198— von Villars nicht traute; aber auch dieſer Schritt blieb ohne alle Wirkung. Er mußte mit ſeinen Leuten gegen drei Monath in Macon warten. Endlich erhielten ſie Ordre, weiter zu reiſen. Man gab ihnen eine Bedeckung von der Marechauſſee, und ſo nahmen ſie den Weg nach Breyſach. Ca⸗ valier ward immer aͤngſtlicher uͤber ſein Schickfal, da man ihn nicht einmal einer militaͤriſchen Be⸗ deckung mehr wuͤrdigte. Zu Onnan, einem Dor⸗ fe, nicht weit von Moͤmpelgard, fand er Gele⸗ genheit, ſeine Leute des Nachts heimlich zu ver⸗ ſammeln und ihnen zu entdecken, daß er entſchloſ⸗ ſen ſey, Frankreich zu verlaſſen. Alle waren willig, ihm zu folgen. Sie deſertirten ſaͤmmtlich und warfen ſich in die Schweiz. Cavalier gieng nach Piemont und erhielt ein Regiment in Sa⸗ voyiſchen Dienſten. Nach der Zeit lebte er noch eine Weile in Holland und England, und ſtarb faſt ganz vergeſſen. In den Sevennen ſchlug unterdeſſen fuͤr die Camiſarden alles widrig aus. Roland hatte er⸗ fahren, daß die oben erwaͤhnte Flotte ſich naͤherte und Huͤlfe fuͤr ihn mit braͤchte; aber die Hoffnung, die er darauf bauete, und die ſeinen Eifer und Muth rege erhalten hatte, verſchwand im Mo⸗ nath Julius gaͤnzlich. Die drei Tartanen und ihre Bedeckung waren von einem Sturm ergrif⸗ fen und zerſtreuet worden. Die eine Tartane war an den Kuͤſten von Catalonien geſcheitert, und ·— — 6 199 die beiden andern waren von dem Ritter Roanez, der mit vier Galeeren an den franzoͤſiſchen Kuͤ⸗ ſten kreuzte, weggenommen worden. Catinat, Clari und einige andere Officiere hatten bisher mit dem Reſte von Cavaliers Corps in den Gebirgen gelegen und von da aus von Zeit zu Zeit bis in den Mittelpunkt der Ebene geſtreift⸗ um bei der Hand zu ſeyn, wenn jene Flotte lan⸗ den wuͤrde. Jezt, da ſie das Schickſal derſelben vernahmen, ließen ſie den Muth ganz ſinken und ergaben ſich dem Marſchall von Villars, der ih⸗ nen erlaubte, mit einigen von ihren Leuten, die ihnen gefolgt waren, ſich nach Genf zu begeben. Der einzige Roland, blieb unerſchuͤtterlich und fuͤhrte den Krieg noch lebhaft fort, aber nicht mehr auf lange Zeit. Die Camiſarden wurden durch die allmaͤhli⸗ ge Schwaͤchung ſo elend und zugleich ſo ſchlecht, daß ſich unter ihnen ſogar Verraͤther fanden, die ihren wackern Anfuͤhrer verkauften. Man gab eines Tages dem Kommandanten von Uſes Nach⸗ richt, Roland befaͤnde ſich auf dem Schloſſe Ca⸗ ſtellnan, das nur eine Meile von jener Stadt ent⸗ fernt lag. Sogleich wurde ein Detaſchement von Infanterie und Dragonern dahin abgeſchickt. Man beſezte waͤhrend der Nacht das Schloß. Ro⸗ land rettete ſich, ward aber bemerkt und von den Dragonern verfolgt, die ihn ſogleich einhohlten. Er war ganz allein und in einem Augenblicke von allen Seiten umringt. Man hatte Befehl, ihn lebendig zu bringen. Er lehnte ſich an einen dik⸗ ken Oehlbaum, Man rief ihm zu, ſich zu erge⸗ — —— 200— 1 4 ben. Er antwortete mit drei Schuͤſſen aus einer dreilaͤufigen Flinte. Sodann griff er zu Piſto⸗ len, deren er mehrere im Guͤrtel hatte. Man naͤherte ſich ihm indeſſen doch; aber ein Drago⸗ ner, voll Ungeduld, mehrere ſeiner Kameraden fal⸗ len zu ſehen, legte auf ihn an und ſtreckte ihn zur Erde nieder. Roland ſtarb auf der Stelle. Man brachte ſeinen Koͤrper im Triumphe nach Nimes und machte dieſem den Prozeß. Man verurtheilte ihn zum Feuer, und er wurde mit einem Gepraͤnge verbrannt, welches das Anden⸗ ken ſeiner Emporung und ſeines Muth zu verewi⸗ gen beſtimmt war. Seine Aſche wurde in den Wind geſtreut. Ravanel war der einzige unter den uͤbrigen Anfuͤhrern, der ſich nicht ergab. Aber er machte ſich unnuͤz dadurch, daß er ſich entfernte und ver⸗ barg. Catinat und die uͤbrigen, die ſich nach Genf begeben hatten, ließen ſich von dem dorti⸗ gen engliſchen Agenten bereden, nach den Sevennen zuruͤck zu kehren. Sie hatten Geld bekommen, um Leute anzuwerben und den Krieg fort zu ſe⸗ zen; aber ſie wurden unterwegs in Verhaft ge⸗ nommen, und theils geraͤdert, theils lebendig ver⸗ brannt. Auch Ravanel wurde endlich entdeckt, gefangen und zum Rade verurtheilt. Es gab nur noch einzelne kleine camiſardiſche Banden oh⸗ ne Anfuͤhrer, welche pluͤnderten, um ſich das Le⸗ ben zu erhalten. Man kann ſagen, daß dieſe Unruhen nun beigelegt waren, Der Marſchall von Villars erhielt Befehl, zuruͤck zu kommen, und er gieng den ſechsten Januar 1705. aus Languedoe ab. ——44¼— —y4—. ſfſſnnſſfſ ffff 7 8 9 10 11 13 14 15 16 17