—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih⸗- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.——. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.,.—..———— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 4 me.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Da alles Rufen des ungeſtuͤmen Volkes ſchwieg und auch das Krachen der hin⸗ ter mir zuſtuͤrzenden Gefaͤngnißthuͤren verhallt war, da das helle Tageslicht des Himmels wie abgeſchnitten uͤber mir verloſch, war es nicht das Vermiſſen der getuͤmmelvollen Welt, oder des freundlichen, lebensreichen Sonnen⸗ A 2 4 ——— ſcheins, was ich empfand, ſondern Taubheit, Blindheit ſchien mich ploͤtzlich uͤberfallen zu haben, und die Dunkelheit lag ſo laſtend auf mir, als wenn ſchon Feſſeln mich umgeben haͤtten, die mich erſticken ſollten. Kurz: in dieſer plotzlichen Veraͤnderung meines Zuſtan⸗ des fuͤhlte ich ſchon— was ſich in der Ferne fuͤrchten ließ— die Beraubung meines Lebens. So iſt jeder plotzliche Anfang eines neuen. Verhaͤltniſſes gewoͤhnlich reich an Vorahnun⸗ gen, worin ſchon die ganze Folgezeit ſich dun⸗ kel offenbart, und auf die Seele einen Ge⸗ ſammteindruck macht, wobei ſich aber auch in der Ungewißheit die Gedanken leicht in Irr⸗ thuͤmer verlieren. Sobald die erſte Betaͤu⸗ bung voruͤber war, gingen eine Menge ein⸗ zelner Vorſtellungen in großer Eile vor der Seele voruͤber, ſo daß ich keinesweges die Stille meines Gefaͤngniſſes, ſondern aufs neue ein großes Geraͤuſch und Getuͤmmel ver⸗ ſpuͤrte, das von innen heraus vor meine Seele trat. Ich ſah noch den Sarg, der in E ₰ ——- die Gruft getragen wurde, ich hoͤrte noch die letzten Toͤne der Orgel, ich vernahm noch den Ungeſtuͤm des kaͤmpfenden Volks um mich— und mitten hindurch flog— wie eine weiße Taube durch den Gewitterhimmel— Clemeneinens ſchimmernde Geſtalt— aber Schwerter und Bajonnette umringten mich, und die Vorſtellung, wie ich rechts und links entfliehen koͤnnte, zuckte noch durch meine Glieder. Daruͤber ging mehr als eine Stunde hin, ohne daß eine Empfindung von Einſam⸗ keit in meine Seele kam. Wirſt du auch Muth haben, zu ſterben? fragte ich mich jetzt. Ob ich wohl alle Urſache hatte, mit meinem Schickſale, das mich ſo hin und her warf, unzufrieden zu ſeyn, ſo glaubte ich doch nicht, daß ich Entſchloſſenheit genug haben wuͤrde, in den Tod zu gehen; es ſchwebten auch gleich eine Menge Hoffnungsbilder her⸗ bei, die wie Blumen uͤber meinem Abgruͤnde hingen, und die Angſt und Bangigkeit nicht ganz aufkommen ließen. Hatte nicht Ctemen⸗ tine mich erblickt, und aus einem goldenen Wagen die Haͤnde ringend, Schrecken und Mitleid geaͤußert? War nicht mein Oheim, mit dem Schwerte in der Hand, dem ſchwar⸗ zen Leichenzuge vorangegangen, befand er ſich alſo nicht in meiner Naͤhe, konnte er nicht gleich mit Huͤlfe herbei eilen? Doch— wußte er es auch, daß ich es ſei, den dieß Schick⸗ ſal getroffen, und wer wird ihn von meinem Schickſale unterrichten?— Dieſe Betrach⸗ tungen haͤtten mich nun wohl bei laͤngerer Fortſetzung auf das bringen ſollen, was jetzt zu bedenken war,— naͤmlich auf die Erinne⸗ rung an den Brief, den ich bei mir hatte, auf den Ring, und das Geld, das ich eilends. in eine Fuge der Wand haͤtte verbergen ſollen. Aber leider fiel mir dieß in der Betaͤubung und Verwirrung meiner Gedanken nicht ein— das Gefaͤngniß oͤffnete ſich, und es war damit zu ſpaͤt. Ein Richter trat herein, um ſich mit dem Protokoll meiner Perſon und vor allen Dingen meiner Sachen zu beſchaͤftigen. Zwe 7 —— Gerichtsdiener ſetzten einen Schreibtiſch hin mit Licht, und ein Actuarius befahl ihnen, mich zu durchſuchen und meine Taſchen zu leeren. Ich gab alles ruhig hin, weil es doch unmoͤglich war, etwas ihren Augen oder Haͤn⸗ den zu entziehen. Der Richter ſtutzte, da er ſo vieles Geld zum Vorſchein kommen ſah, mit froher Nengierde nahm er das Empfeh⸗ lungsſchreiben an den Bruder der Graͤfin Scharnhorſt in Empfang, mit Verwunderung betrachtete er den Ring und mit noch groͤßerm Staunen endlich das Schutzbild des Koͤ⸗ nigs, wobei er frohlockend ausrief:„es iſt richtig, ja, es iſt alles richtig!“ darauf nahm das Verhoͤr ſeinen Anfang. Auf die Frage, wer ich ſei, dachte ich an den Namen in mei⸗ nem Paß und an meinen Oheim, mit dem ich vor allen Dingen in der Ausſage zu har⸗ moniren trachtete. Ich gab mich alſo fuͤr den Sohn ſeines Bruders aus, der im Ame⸗ 3 rikaniſchen Kriege als General geblieben ſei⸗ Von Amerika war ich nach Europa gegangen, —— hatte aber unterwegs Schiffbruch gelitten, und als ein armer Knabe aus Land ſteigend mich genoͤthigt geſehen, umherwandernd bald hie bald da Huͤlfe bei den Menſchen zu ſuchen, und ihnen meine geringen Dienſte anzubieten. Hier kam ich nun in meine wirkliche Geſchichte hinein und hatte ein weites Feld vor mir. Bei jedem neuen Abentheuer dachte der Rich⸗ ter, er kaͤme der Wahrheit auf die Spur, und da er immer durch Seitenſpruͤnge mich zu fangen ſuchte, ſo wurde jede Geſchichte noch einmal ſo lang, und es war gar kein Ende abzuſehen. Jetzt ſing ich zum erſtenmal wieder an, freien Athem zu ſchoͤpfen, weil ich den Richter in ſo großer Verlegenheit ſah. Es iſt ein verſluchter Kerl, ſagte er, und nahm eine Priſe nach der andern. Auch der Actuarius glaubte, daß ihm die Hand er⸗ lahmen muͤßte. Wie ich einmal recht in Zug gekommen war, ging es mir vom Munde weg, als haͤtte ich Schuͤlern ihre Lection dietirt. Der Schreiber ſchuͤttelte alle Augen⸗ —— 9 ——— blicke Sand aufs Papier, und der Richter ſagte: es iſt zum Verzweifeln; Je mehr er fragte, je mehr bekam er zu hoͤren, ſo daß er zuletzt mauſeſtill wurde, und mich allein reden ließ. Indem er das Geld in der Hand wog, ſchien ſein Kopfſchuͤtteln mit einem Blick aufs Papier zu befuͤrchten, daß wohl Tauſende nicht hinreichen wuͤrden, die Unkoſten dieſer weitlaͤuftigen Unterſuchung zu decken. Schon hatte er eine ganze Doſe ausgeſchnupft, und das Licht brannte bis auf den Leuchter herab, und noch waren wir nicht weiter gekommen als bis zu meinem Hirtenleben. Hier endlich fand ich das Schutzbild anf dem Anger, und da der Richter glaubte, daß dieß einen guten Ab⸗ ſchnitt gaͤbe, machte er fuͤr heute Feierabend. Er betrachtete die voll geſchriebenen Bogen, und ſagte: der Teufel hat ſolche Luͤgen er⸗ dacht; aber wir wollen ihn doch ſchon faſſen. Darauf warf er mir noch einen zornigen Blick zu, und ging zur Thuͤr hinaus. Gott lob! ich lebe wieder, ſagte ich jetzt 10 — zu mir ſelbſt. Man lebt, wenn man ſich in Thaͤtigkeit fuͤhlt, und etwas zu bemerken und zu betrachten findet; aber— fuhr ich gegen mich ſelbſt fort— was ſoll es helfen, ſo den Richter in der Irre umherzufuͤhren, ſein Ausſpruch iſt es nicht, den ich hier zu fuͤrch⸗ ten habe; die mich verderben wollen, werden nach ſeinen Akten wenig fragen, und mein Bekennen und Ausſagen kann mir bei der Langenweile im Gefaͤngniſſe hoͤchſtens nur zur Verkuͤrzung der Zeit dienen. Indem trat der Gefangenwaͤrter herein und ſetzte mir das Eſſen hin. Seit dem Begraͤbniſſe hatte ich noch keinen Biſſen zu mir genommen, und doch, wie ich die Hand darnach ausſtreckte, ſchanderte ich davor zuruͤck. Hier— fuͤrchte ich— iſt es, wo man Gericht uͤber mich haͤlt, ſagte ich zitternd, und zwiſchen Hunger und Durſt, und der Furcht vor dem Tode kaͤm⸗ pfend, nahm ich nur etwas trocknes Brod zu mir, welches, wie ich glaubte, nicht ſo leicht Gift gegen mich verbergen koͤnnte. 11 — Darauf ſetzte ich mich auf das Lager, das mir zur Ruhe bereitet war, und allmaͤhlig, wie der ſchwache Schimmer uͤber mir verdaͤm⸗ merte, fielen mir die Augen zu. Aber indem ich noch zwiſchen Schlaf und Wachen ſchwebte, glaubte ich nicht weit von mir eine ſeufzende Stimme zu hoͤren, welche aus geaͤngſteter Bruſt ſtoͤhnend ausrief: o Himmel! Nacht und wieder Nacht! Ich ſuchte mich zu er⸗ muntern, um einen Gedanken mit dieſen Toͤ⸗ nen zu verbinden, allein die Gewalt des Schlafs war zu maͤchtig, und erſt am Mor⸗ gen erinnerte ich mich derſelben wieder. Ich vermuthete, daß ein Mitgefangener in meiner Naͤhe ſaͤße, der uͤber das Druͤckende ſeines Zuſtandes klagte.— Es waͤhrte nicht lange, ſo ſaß der Richter wieder vor mir mit ſeinem Verhoͤr; aber kaum hatte ich den Mund auf⸗ gethan, um in meiner Lebensbeſchreibung vom Gaͤnſehuͤten auf den Schafhirten uͤberzugehen, ſo ſagte er:„daß ich kein Narr waͤre! Es nliegen zwoͤlf Stunden zwiſchen uns, da hat 12 —— „Er wieder tauſend Teufel aushecken koͤnnen, „und nun denkt Er uns von den falſchen „Waaren Jahrmarkt zu halten;— aber wir nkaufen nichts. Mein lieber Hans von Fels⸗ „heim, wir ſind bereits von allem unterrich⸗ „tet. Ihr habt Euch von andern Leuten ge⸗ „brauchen laſſen, die Rolle eines Prinzen zu „ſpielen, und deshalb tragt Ihr auch das „Schutzbild bei Euch, das eine maͤchtige Ver⸗ „bindung anzeigt, weil es nur aus hohen „Haͤnden kommen kann. Eben das hat Euch „an der Kirchthuͤr auch verrathen und in „unſere Gewalt gebracht. Unter dem Volke „habt Ihr großen Anhang, daher die geball⸗ „ten Faͤuſte und Euer Rufen: helft, ſteht „mir bei! Waͤret Ihr hieher gekommen, Eu⸗ „ren Oheim zu ſuchen, wie Ibr vorgebt, „woher, koͤnnte man fragen, wußtet Ihr „denn, daß er an eben dem Tage mit der „Leiche hier eintreffen wuͤrde, da wir ſelbſt in „der Reſidenz nicht davon unterrichtet wa⸗ nren?— Kurz, er machte durch eine ge⸗ 13 ſchickte Verknuͤpfung vieler Umſtaͤnde den Ver⸗ dacht, den er auf mich leitete, ſo wahrſchein⸗ lich, daß ich faſt ſelbſt an mein Verbrechen geglaubt haͤtte; denn das iſt eben das Schlim⸗ me bei dem Scharfſinn, daß er der Luͤge und Einbildung eben ſo gut dient, als der Wahr⸗ heit, und daß er zur Verfaͤlſchung des Re⸗ ſultats leicht zu fruͤh das geſunde Gefuͤhl und den Hausverſtand verachtet. Der Richter ſetzte noch hinzu, wenn ich mein Verbrechen eingeſtehn, und den Raͤdelsfuͤhrer, der mich angeſtiftet, nennen wolle, ſo ſolle meine Strafe ſehr gelind ſeyn. Alle Betheurungen meiner Unſchuld halfen nichts, ich ſollte durch⸗ aus Mitverſchworne namhaft machen. Da fiel mir ein„ wenn ich den Hofjuden als ei⸗ nen ſolchen nannte, der um meine Sache wiſſe, ſo waͤre zu vermuthen, daß dieſer, ſo⸗ bald er ſich in meine Angelegenheit verfloch⸗ zen ſaͤhe, aus Furcht, daß ſeine fruͤhe Dienſt⸗ leiſtung zur Herbeiſchaffung eines falſchen Prinzen an den Tag kommen moͤchte, ſchnell 14 fuͤr meine Freilaſſung ſtimmen und die Unter⸗ ſuchung niederſchlagen wuͤrde, und ich ſprach daher friſch weg ſeinen Namen aus. Wie der Richter dieß hoͤrke, machte er eine Miene, wie wenn er etwas Bitteres gegeſſen haͤtte, und ich ſah ihm an, wie unlieb ihm meine Ausſage war. Doch blieb ich nur bei der all⸗ gemeinen Behauptung, daß er uͤber mich Aus⸗ kunft geben koͤnnte. Der Richter ließ dieß protokolliren und ging dann langſam zur Thuͤr hinaus. Zweites Capitel. Troſt. Der Zude wird in Unruhe gerathen, dachte ich, er wird mit meinem Oheim reden, und ſobald dieſer nur meinen Namen nennen hoͤrt, bin ich auch gerettet. Dieſe Vorſtellung wie⸗ derholte ich mir des Tages woßl hundertmal, 15 —— und ſo oft das Schloß raſſelte, glaubte ich, mein Oheim wuͤrde hereintreten; indeß— ich hoffte vergebens; der zweite, der dritte Tag ging hin, ohne daß ein Menſch ſich ſehen ließ. Dabei wagte ich noch immer nicht, von dem Eſſen, das der ſtumme Gefangenwaͤrter taͤglich dreimal brachte, weiter etwas als trocknes Brod zu eſſen, wodurch ich zuletzt ganz matt und hinfaͤllig wurde. Von dem Waſſer aber trank ich alle Stunden nur we⸗ nige Tropfen, um, in Falle einer Vergiftung, die Wirkung zu ſchwaͤchen, und die Gefahr noch zu rechter Zeit gewahr zu werden. All⸗ maͤhlig fing ich auch an, die Einſamkeit und das todte Einerlei als druͤckend und laͤſtig zu fuͤhlen, und ich dachte darauf, wie ich in mein freudenloſes Leben, das kaum ein Leben zu nennen war, Abwechſelung bringen koͤnnte. Da alles, was Geſtalt heiſtt, von mir durch die Dunkelheit entfernt blieb, ſo konnte ich die Abwechſelung nur in dem ſuchen, was als Form dieſelbe beſtaͤndig begleitet, naͤmlich in ſtimmte, das ich in Betrachtung ziehen wollte. 16 ——— Zeit und Raum; aber auch dieſe— ohne Glockenſchlag in einem engen Gefaͤngniſſe— wie wentg Merkmale boten ſie dar, um daran den Fortgang des Lebens zu meſſen. Dieſes Einerlei, ja dieſes voͤllige Stillſtehen aller aͤußern Veraͤnderung, das gleichſam die Welt vernichtet, und nur ein finſteres todtes Chaos in Erſtarrung zuruͤcklaͤßt, wuͤrde mir, glaub ich, zuletzt, ohne die Moͤglichkeit etwas, das vorgeht, dem Denken entgegen zu ſetzen, nach meiner vorigen Lebensweiſe, den Verſtand ge⸗ raubt haben, wenn ich nicht mit den Veraͤn⸗ derungen, die noch moͤglich waren, haushaͤl⸗ teriſch umgegangen waͤre. Dieſe Haushal⸗ tung beſtand darin, daß ich mir vornahm, nach einer beſtimmten Folge ſowohl die Lage meines Koͤrpers als meinen Ruheplatz zu ver⸗ ändern, und ſo auch meine Zeit innerlich, d. h. meine Gedanken einzutheiſen, ſo daß ich fuͤr jeden Winkel, und fuͤr das Auf⸗ und Abgehen, wie fuͤr das Ausruhen ein gewiſſes Capitel be⸗ So 6 1 17 ——— So war der eine Winkel dem Andenken an Clementinen gewidmet, und ich durchging hier alle Moͤglichkeiten, wie ich durch ſie gerettet werden koͤnnte; in einem andern dachte ich an meine Mutter, und in einem dritten an mei⸗ nen Oheim. Auf meinem Ruhelager warf ich mir phlloſophiſche Fragen auf, die ich zu be⸗ antworten ſuchte. Und ging ich auf und ab, ſo behauptete ich gegen mich ſelbſt, daß der Wille den Menſchen mache, und daß man auch dem Tode mit Verachtung muͤſſe ent⸗ gegen gehen koͤnnen. Dieſer duͤſtere, halb thaͤtige Zuſtand ward aber bald durch eine Erſcheinung erhellt, die auf einmal wieder eine friſche Lebensquelle von außen in mein Gefangniß leitete, Naͤmlich eines Morgens, als ich noch im Schlummer lag, war mir ploͤtzlich, als ob die helle Sonne mir gerade gegenuͤber ſtaͤnde, und mir bren⸗ nend auf das Auge ſchiene. Ich ermunterte mich, und ſah einen Juͤngling mit dunkel⸗ rothen Wangen und braunem Haar, das ge⸗ III. Theil. B 18 —--— ringelt um ſein Geſicht ſiel, vor meinem La⸗ ger knieen, neben einem Lichte, das ihn wie einen Roſenbuſch beleuchtete. Ich glaubte anfangs, daß die Waͤnde meines Kerkers zu⸗ ruͤckgewichen waͤren, und daß ich mich in einem Garten befaͤnde. Aber kaum ſtammelte ich wie ein Traͤumender die Worte: mas iſt das? als der Juͤngling ſich leiſe zuruͤckhob und mit dem Lichte zur Thuͤr hinaus ver⸗ ſchwand. Die Gefaͤngnißdunkelheit umgab mich wieder, und ich blieb ungewiß, ob ich dieß wirklich wachend geſehn, oder nur ge⸗ traͤumt haͤtte. Doch gab es nun etwas, woran ich zunaͤchſt denken, worauf ich wieder hoffen konnte, indem ich mit Verlangen dem naͤch⸗ ſten Morgen entgegenlebte, um zu ſehen, ob ſich das Nämliche wieder ereignen wuͤrde. Und es duͤnkte mir in der naͤchſten Nacht lange noch nicht um die Zeit der Daͤmmexung, als die Sonne ſchon wieder uͤber meinem Haupte ſtand, und der Juͤngling abermals vor mir kuiete. Er hielt eine Tafel, auf 19 deren Flaͤche er mit Hin⸗ und Hertaſten be⸗ ſchaͤftigt war. Dießmal zoͤgerte er zu fliehen, und ſchien unwillig, daß ich ſchon erwachte; doch erhob er ſich, und faßte das Licht. Da rief ich⸗„biſt du ein menſchliches Weſen, und haſt du eine Sprache, wie andere Men⸗ ſchen, ſo ſag mir, was du hier ſucheſt in meinem Gefaͤngniß, und welche Freude dir mein Anblick gewaͤhren kann.“ Er ſchwieg eine Weile, darauf ſagte er:„Mngluͤcklicher, der du hier auf ſchlechten Polſtern ruheſt, ich bin gekommen„ dich zu beneiden. Vergoͤnne, daß ich an deinem Anblick mich labe, daß ich die Zuͤge kennen lerne, die von Gott gewuͤr⸗ digt werden, als Sonne meinem Planeten zu leuchten, den ich nur wie ein Trabant umirre. Koͤnnten doch meine Augen einen Strahl von dieſer Anmuth in ſich trinken, daß ich weni⸗ ger unwerth waͤre, das A ngeſicht derjenigen zu ſchauen, die von deinem Glanze wieder⸗ ſtrahlt. Dulde mi ich als einen dunkeln Koͤr⸗ per zwiſchen euch, dem kein eigenes Licht zu B 2 & 20 — Theil ward. Ich will ein Spiegel ſeyn, der, an ſich todt und finſter, doch die Strahlen weiter leitet, und der Sonne das Bild zuruͤck⸗ giebt. Ja, dienen will ich wie ein Sonnen⸗ ſtaͤubchen, das, ſo gering es iſt, doch noch den Schimmer verherrlicht.“ Hiebei fiel ſein Blick auf die Tafel, die er hielt, und ich wurde gewahr, wie ſeine Hand ſich bemuͤhte, darauf in einer weichen Maſſe mein Bild zu formen.„Wie? fragte ich,„wem kann damit gedient ſeyn, dieß bleiche Angeſicht voll Trau⸗ rigkeit zu beſitzen, woran der Kummer und Mangel nur noch wenig vom Leben uͤbrig ge⸗ laſſen hat?“— Es lebt, erwiederte er darauf, und wird neues Leben geben. Gott! fuhr ich erſchrocken auf, welch ein Gedanke durchſchauert mich! mein Tod iſt nahe, Ihr haſcht nach dem Bilde von mir, um es dem Volke zu verkaufen. So werd' ich freilich Euch Leben geben, aber ich— muß ich nicht umkommen, nicht verſchmachten?— Warum umkommen, warum verſchmachten? 21 —— fragte er. Meint Ihr, weil die Sonne nicht in dieſen Kerker ſcheint? O wie wollte ich wachſen und gedeihen, wenn ich in ſolchen Feſſeln laͤge! Welchen Grund kann es geben, fragte ich weiter, warum Ihr mich gluͤcklich preiſet? Es iſt der naͤmliche, gab er zur Antwort, warum ich dieß Bild von Euch begehre; doch fuͤrchtet nichts, mein Herz iſt rein, ich that ſchon fruͤh das Geluͤbbe, das Schwerſte zu uͤben, damit mir nachher im Leben alles leicht wuͤrde. Indem kam der Gefangenwaͤrter und ſetzte das Fruͤhſtuͤck ins Gefaͤngniß. Wohl! ſagte ich darauf zum Juͤnglinge, wenn Ihr gekom⸗ men ſeid, mir nicht zu ſchaden, ſondern zu helfen, ſo koͤnnet Ihr als Freund Euch jetzt beweiſen, wenn Ihr hier Speiſe und Trank mit mir theilt. Er ſah mich forſchend an, und eine leiſe Nuͤhrung ſchimmerte durch ſein weit geoͤffne⸗ tes Auge. Darauf ergriff er haſtig meine — —— Hand, und ſagte: Euer Freund! nein, ich darf es nicht ſeyn. Freunde theilen mit ein⸗ ander, und das darf ich nicht.— O dann muß ich abermals, rief ich aus, Qualen des Hungers leiden!— Was iſt das? fragte er; gerechter Gott! Ihr fuͤrchtet doch nicht— 2 — daß dieſe Speiſen vergiftet ſind, gab ich zur Antwort.— Wohlan! da darf ich mit Euch theilen, entgegnete er, und den Augen⸗ blick aß er von der Speiſe. Es geſchieht, fuhr er fort, Euch zu erhalten, es geſchieht„ der zu dienen, der allein ich gehoͤre; mag ich auch ſterben. Und geduldet Euch ja, ſeht, ob ich nach dem Genuſſe am Leben bleibe. Sterb“ ich, ſo moͤgt ihr Euch erhalten. Und leb' ich, ſo will ich denken, daß ich doch Etwas, dieſes Mahl und dieſe Gefahr, mit Euch getheilt habe; o es iſt doch auch eine Gemeinſchaft.— Mich duͤnkt, daß du ſchwaͤrmeſt, edler Juͤngling, verſetzte ich darauf; ich verſtehe nicht, was du meinſt, doch ſehe ich, du willſt, daß ich die mein Leben verdanken ſoll. Das erhebt 23 — nun ſo ſehr meinen Muth, daß mir der Tod nicht ſo ſchrecklich mehr ſcheint, und ich will nicht laͤnger zoͤgern, mit dir zu eſſen, und mit dir aus einem Becher zu trinken.— Darauf aß ich und trank mit ihm, und es war, als haͤtte ich mich mit ihm zum Tode vorbereitet. Aber in der folgenden Nacht ward es in meinem Gefaͤngniſſe noch heller als zuvor, ein Tiſch mit den koͤſtlichſten Speiſen ſtand in der Mitte, und ein großer, voller Pokal glaͤnzte unter denſelben. Der roſenſtrahlende Juͤngling ſetzte zwei Stuͤhle, und rief: ſteht auf, heute nun auch mein Gaſt zu ſeyn. Ich erhob mich, und indem die Schoͤn⸗ heit des Juͤnglings mit dem Gaſtmahle mir ins Auge ſtrahlte, war mir, als haͤtte mich irgend ein Geiſt, der nur des Nachts irdi⸗ ſches Leben hat, zu ſich eingeladen. Iſt es, daß ich ſterben ſoll, ſagte ich, ſo will ich vorher noch den ſchwellenden Wogen mich uͤberlaſſen, womit die Freude mich aufnimmt, 24 ——-è um mich dann vielleicht auf immer dem Schoße der Nacht zu uͤbergeben. Fuͤrchtet nichts, erwiderte er darauf; ſeht, wie ich den Becher kredenze, Ihr ſeid mein Fuͤrſt, ich Euer Edelknabe. Nun ſetzte ich mich zu ihm, und indem ich das Köſtlichſte aß und trank, glaubte ich bei dem ſchnellen Uebergang vom Schlaf zur Freude ſchon an einer Himmelstafel zu ſitzen. Und ſo wie ich den Becher vom Munde ſin⸗ ken ließ, ergriff ihn der Juͤngling mit ſehn⸗ ſuchtsvoller Haſt, um ihn auf gleiche Weiſe trinkend zu beruͤhren. Darauf aber ſaß er in Anſchauen meines Bildes verſunken, und folgte meinen Zuͤgen auf ſeinem Taͤflein, wor⸗ auf er das angefangene Werk zu vollenden trachtete. Dießmal, ſagte ich, ſollt Ihr mir nicht enteilen, ohne mir den Beiſtand zu ver⸗ ſprechen, den ich nur von Euch hoffen darf. Furchtſam nach der Thuͤr blickend, antwortete er: redet; ich helfe Euch! Felsheim, fuhr ich fort, der General des Reiterregiments, — das kuͤrzlich in dieſe Stadt einruͤckte, iſt mir nahe verwandt, iſt mein Oheim. Eilet zu ihm. ſobald Ihr dieß Gefaͤngniß verlaſſen habt, und ſaget ihm, daß ich mich hier ein⸗ gekerkert befinde, und wie mir es ergeht. Er wird ſofort auf Unterſuchung meiner Sache dringen, und meine Unſchuld wird dann fuͤr mich ſprechen.— Darauf antwortete er, in⸗ dem er mir die Hand reichte: das will ich. In demſelben Augenblicke ließ— wie ein Gluͤckwunſch— nicht weit von meinem Auf⸗ enthalte eine froͤhlich ſchallende Muſik ſich hoͤ⸗ ren, und ich, aufhorchend, fragte: was iſt das? Ehe er mir aber noch Antwort geben konnte, wurde die Muſik unterbrochen durch eine wimmernde und wehklagende Stimme, wie ich ſie ſchon oͤfters, obgleich nie ſo laut und ſchmerzvoll, in meiner Naͤhe gehoͤrt hat⸗ te.— Da ſeht Ihr, ſagte er, wie froͤhliche Muſik Trauer erweckt, ſo koͤnnet Ihr auch glauben, daß aus Trauer Euch Freude kom⸗ men kann. Jener iſt wahrhaft zu beklagen, 26 —— Ihr ſeid beneidenswerth. Ihm iſt ſeine Ge⸗ liebte geraubte zund durch den Kerker hindurch muß er noch den naͤchtlichen Gruß⸗ vernehmen, den der Braͤutigam ſeiner Braut bringt. Er waͤre gern an des Begluͤckten Stelle, wie ich an der Eurigen. Aber— um Euch zu zei⸗ gen, daß ich dieß wirklich ſeyn will, ſo weit ich kann, ſo nehmt hier meine Kleider, und laßt mich an Eurer Statt im Geſaͤngniß zu⸗ ruͤck. Fliehet! kein Gefangenwoͤrter wird Euch halten.— Nimmermehr! rief ich voll Er⸗ ſtaunen; ſoll ich einem Unſchuldigen, einem Fremden die Laſt meines Schickſals aufbuͤr⸗ den? Womit haͤtte er verdient, daß er fuͤr mich litte!— Ein Fremder! ſagte er darauf mit Empfindlichkeit, ein ſolcher kann ſich freilich dieſes Recht nicht anmaßen. Ich muß es dulden. Aber wollet Ihr euch denn durchaus der Gemeinſchaft mit mir entziehen, ſo werdet Ihr auch erlauben, daß ich meine Rechnung mit Euch ſchließe. Ich habe hier auf dieſer Tafel Euer Bild, und ich will Euch 27 — dafuͤr nun— das meine geben. Ich nenne es das meine, weil ich es in meinen Haͤn⸗ den habe, aber ſo feſt ich es auch halte, ſo kann ich doch nicht verhindern, daß es das Eure ſei. Ich will alſo herausgeben, was mir doch nie gehoͤren kann.— Und damit druͤckte er mir ein kleines Bild in die Hand, umarmte mich und flog mit den Worten da⸗ von: ich ſorge fuͤr Eure Errettung! Wie ein Strahl der Morgenroͤthe ſiel es in meine Seele, als ich den Blick auf das Bild warf— zartes Roth der Wangen, branne Locken, Himmelserhabenheit in blauen Au⸗ gen, zauberten das Bild von Clementinen vor meine Sinne. Der Kerker war nun wie von tauſend Hochzeitkerzen erhellet, offene Luft uͤber mir, und rings umher gruͤnes freies Feld, worauf der Blick ſchweift mit unſaͤgli⸗ cher Luſt. Tauſend Kuͤſſe druͤckte ich auf dieſe Wangen, auf dieſe Stirn, auf dieſes ſtrahlende Auge. So waͤrſt du wirklich mein! rief ich, noch mit Beſorgniß ſchwelgend im 28 —— holte ich, du haſt dich mir geſchenkt. Einen Engel haſt du mir geſandt mit dieſem Be⸗ weiſe deiner Liebe. Schlecht habe ich dein er⸗ ſtes Pfand verwahrt, das zweite ruh' an mei⸗ nem Herzen. Und nachdem ich meinen Blick und meine Phantaſie mit geſchaͤftigen Lippen daran geſaͤttigt hatte, fuͤgte ich es an die heiß⸗ klopfende Bruſt, nahe dem Orte, wo ewig das Gefuͤhl des Mein lebt.— Aber wer iſt dieſer Menſch? fragte ich jetzt mich ſelbſt; welche Sprache iſt in ſeinem Munde; wie ſoll ich ſeine Worte deuten? Dienet er ihr in allen Stuͤcken ſo treu, daß er ſelbſt das Geheimniß ihrer Liebe nicht verletzt? Zu wel⸗ chem Anſpruche glaubt er ſich berechtigt, oder welchen Hoffnungen will er entſagen, da er kommt, mit mir den Todesbecher zu trinken. Doch— es ſcheint— ſie ſelbſt hat ihn ihres Vertrauens gewuͤrdigt, oder— kaͤme das Bild nicht aus ihren Haͤnden? Gelangte das meine nicht zu ihr? Zu welchem Zwecke Genuß. Mein und keines andern! wieder⸗ 4 29 ——-— haͤtte er es mir abgeſchmeichelt? Bedenk ich es recht! waͤre ich nicht erwacht, haͤtte er auch dann wohl geloben koͤnnen, ſich fuͤr mich aufzuopfern?— Wie? Er erkuͤhnt ſich, ſie zu lieben; wie vermag er nun, ſo wider ſich ſelbſt zu handeln, und durch Nacht und Ge⸗ faͤngniß zu brechen, um meiner Liebe— viel⸗ leicht auch der ihrigen— Troſt zu bringen. Der Waͤchter ſcheint beſtochen; das iſt gewiß, aber wohin ſoll das fuͤhren?— So uͤberließ ich mich noch lange vielfaͤltigen Zweifeln; doch wenn ich zuruͤck dachte an die Milde ſeines Blicks und den Klang ſeiner Stimme, ſo konnte ich an keine Falſchheit glauben, und alles, was als Reſultat mir uͤbrig blieb, war das Seltſame einer Schwaͤrmerei, wovon ich den Zuſammenhang nicht einſehen konnte. Drittes Capitel. Schlangen unter Roſen. Ich ſaß noch in tiefen Betrachtungen ver⸗ ſenkt, und ermuͤdete meinen Geiſt durch Traͤu⸗ me und Moͤglichkeiten, als ein unbekannter Mann in das Gefaͤngniß trat, ein Kleid hinwarf, und indem er die Thuͤr offen ließ, ſagte: thut, wie ihr klug ſeid! Das Kleid beſtand in der vollſtaͤndigen Uniform eines Officiers, ſeine Worte waren verſtaͤndlich. Nein! jener Juͤngling iſt kein Verraͤther, ſagte ich, und dieß fuͤr eine Frucht ſeines Beiſtan⸗ des haltend, ſaͤumte ich nicht, mein Kleid ab⸗ zuwerfen und die Uniform anzulegen. Ich zitterte vor Freude und Bangigkeit, und ellte, ſo ſehr ich konnte. Darauf that ich noch ei⸗ nen Blick in mein Gefängniß zuruͤck, und indem ich eine dunkele Empfindung unter⸗ druͤckte, die in Angſt und Wehmuth beſtand, 3 ——— ſprach ich: in Gottes Namen, und flog auf den langen Gang hinaus. Ich hoͤrte leiſe Fußtritte hinſchleichen, die aber nicht zu ſu⸗ chen, ſondern zu fliehen ſchienen. Dieſem Geraͤuſche folgend, ging ich durch die zweite Thuͤr und naͤherte mich der dritten. Da hoͤrte ich einen Klang wie von Waſſen, und noch ehe ich mich ſelbſt um einen Rathſchluß be⸗ fragen konnte, ſah ich ſchon Soldaten auf mich zu marſchiren mit einem Anfuͤhrer, wel⸗ cher dieſe Worte ſagte:„ach! da kommt er ſchon.“ Sie nahmen mich gleich in ihre Mitte und der Anfuͤhrer draͤngte ſich nahe an mich heran, und indem er mir ins Ohr fluͤſterte: fuͤrchten Sie nichts! hing er mir eine Larve vor. Ich folgte willig, wenn auch nicht ohne einige Zaghaftigkeit. Wie konnte ich zweifeln, daß die Abſicht meiner Begleiter eine andere ſei, als mich zu retten, und mich auf dun⸗ keln Pfaden zur Stadt hinaus in die Frei⸗ heit zu fuͤhren. Wozu haͤtte man ſonſt das Kleid in das Gefaͤngniß geworfen und die · / . 32 Thuͤr offen gelaſſen? Die Verkleidung, die Verlarvung konnte meines Erachtens keinen andern Zweck haben, als bei dem anbrechen⸗ den Morgenlichte mich denen, die mir etwa begegneten und nach meiner Erkennung in der Stadt Unruhe erregen koͤnnten, zu ver⸗ bergen.— In dieſem Glauben ſchritt ich muthig und immer dreiſter weiter, bis ich— meiner Empfindung nach, denn die Oeffnun⸗ gen der Larve paßten ſchlecht zur Lage meiner Augen— auf einen großen Platz gelangte, wo helles Licht brannte und abermals Ge⸗ raͤuſch von Waffen ſich hoͤren ließ. Man be⸗ fahl mir, hier ſtille zu ſtehen, und ich merkte, wie der Schein mehrerer Fackeln auf mich leuchtete. Ich ſtreckte meine Hand aus, ſpuͤrte aber niemand vor mir, noch zur Seite. Nur ruhig! ſagte nochmals jener Anfuͤhrer, ob⸗ wohl in weiterer Entfernung von mir, und ich hoffte, daß man mir die Larve abnehmen, oder ſonſt fuͤr meitze Befreiung ſorgen und mich vielleicht in einen Wagen heben wuͤrde; 3 da 33 —— da hoͤrte ich auf einmal Gewehre auf die Erde ſtampfen, und alles ſchien mir verdaͤch⸗ tig. Ein kalter Schauer uͤberlief mich bei dem Gedanken an eine Argliſt. Indem hoͤrte ich die Stimme meines Oheims, doch weit von mir. Er ſtieß die heftigſten Worte des Zorns aus, und, ſo viel ich verſtehen konnte, ſchalt er uͤber Saumſeligkeit im Gehorſam, wenn nicht gar uͤber Verweigerung deſſelben. Aufs neue ſtampften ſie die Gewehre auf den Boden— großer Gott! das ſah alles einer Hinrichtung aͤhnlich, und, von Schauder und Entſetzen ergriffen, faßte ich nach der Larve, um ſie ſtracks von meinem Geſichte zu reißen, als fruͤher eine Stimme rief: halt! halt! und ein Menſch herbei flog, der mich ſchnaubend und ſtoͤhnend in ſeine Arme faßte und ſchrie: nein, nein! du fuͤr mich ſterben! nimmermehr. Noch iſt es Zeit, ich lebe noch, ich dulde es nimmermehr; o welche That! mein Freund, mein Bruder. III. Theil. C 34 Da ſiel die Larve von meinem Geſichte und ich erblickte, von herbei eilenden Fackeln um⸗ ringt, einen vornehmen Juͤngling vor mir, den ich nicht kannte, und der uͤber meinen Anblick nicht weniger befremdet war. Wer iſt das? fragte er die Umſtehenden. Aber der Anfuͤhrer der Soldaten, der mich hieher ge⸗ bracht hatte, ſtellte ſich nicht minder erſtaunt und ſagte: was werde ich gewahr! Es iſt eine Verwechſelung geſchehen. Ich war be⸗ ordert, den Lieutenant Edbert aus dem Ge⸗ faͤngniß abzuholen und hieher zum Richtplatz zu fuͤhren. Dieſen brachte man mir aus den Gemaͤchern entgegen, und da er ſeine Uniform traͤgt, wie konnte ich glauben, daß es nicht Edbert ſey. Auch iſt er mir willig gefolgt und hat nichts geſagt oder gethan, das mich meinem Irrthum haͤtte entreißen koͤn⸗ nen.— Was iſt das, was iſt das? hoͤrte ich fragen.— Mein Oheim wars, der ſich mir naͤherte. Blendwerk der Hoͤlle, ſehe ich recht? ſagte er darauf, und— indem er ploͤtzlich die ———„ 22 35 —— uͤbrigen Worte, die ſein Staunen ihm noch entlocken wollte, unterdruͤckte, preßte er mich in ſeine Arme, und war ganz blaß vor Schrecken. Gott im Himmel, fuhr er ge⸗ laſſener fort, wie leicht konnte es geſchehen, daß ich unſchuldiges Blut vergoß! Ich wuͤthete gegen mich ſelbſt, da ich die Leute antrieb, ihre Carabiner gegen dieſe Bruſt zu richten.— Aber ploͤtzlich ſchien ein Blitzſtrahl von Argwohn in ſeine Seele zu fallen, und indem er ſich mit einer heftigen Bewegung gegen den Anfuͤhrer wandte, ſagte er: Sie, Herr, treiben eine ſchoͤne Mummerei; und haͤt⸗ ten wir andern nur wacker mit eingegriffen, ſo waͤre das Trauerſpiel vollendet„ noch ehe der. Tag uͤber das unſchuldig vergoſſene Blut auf⸗ ging. Aber man hat doppelt grauſam gehan⸗ delt, daß man eben mir in dem blutigen Spiel die Hauptrolle, die des Henkers, ertheilte. Da haͤtten die Teufel frohlocken moͤgen„ auch die reine Hand eines Patrioten ſo mit Blutſchuld befleckt zu ſehen. Ihrer koͤniglichen Hoheit C 2 36 —— 4 bin ich dieſes errettete Leben ſchuldig. Wenn Sie nicht ploͤtzlich unter uns traten, haͤtte ich 1 eine Mordthat begangen, und mein Amt ver⸗ fluchen moͤgen, das mir unbewußt die Pflicht unterlegte, meine Hand zu ſolchen Dingen zu bieten. Ich bin hier, die Strafe an Edbert zu vollziehen, nicht gegen mein eigenes Blut zu wuͤthen; denn dieſer iſt mein Neffe. Aber um ſo ſtrenger muß ich nun auf die Unter⸗ ſuchung dieſer Sache dringen, und ich bitte Ihre Hoheit, ſelbſt als Zeuge mich dabei zu unterſtuͤtzen.— Ja, das will ich, das will ich, ſagte der Prinz mit Eifer, alles will ich thun, dieſen ſchaͤndlichen Irrthum und die Argliſt zu enthuͤllen.— Unterdeß werden Sie erlauben— begann jetzt der Anfuͤhrer des andern Commando's, daß ich meinen Gefan⸗ genen wieder in ſein Gefaͤngniß zuruͤckfuͤhre und ſo den Irrthum verbeſſere, den ich be⸗ gangen habe. Ich bin hier niemanden Rechen⸗ ſchaft ſchuldig, ich diene meinem Koͤnige. Darauf ſchrie er: Marſch! und ſeine Solda⸗ 37 ——— ten nahmen mich wieder in ihre Mitte. Mein Oheim und der, den er den Prinzen nannte, ſtaunten uͤber dieſe Maaßregel, mochten ſich aber doch zu keiner Gewaltthaͤtigkeit berechtigt glauben,— und ſo entſchwand ich ihren Au⸗ gen und ſah' mich in wenigen Minuten wie⸗ der in meinem Gefaͤngniſſe. Unerhoͤrt! rief ich aus, da ich allein war, umkommen ſollte ich in den Schlingen der Bosheit, und mein eigener Oheim, Beſchuͤtzer meines Lebens, mein zweiter Vater, ſollte ſelbſt den Willen des ſchwarzen Verhaͤngniſſes an mir vollziehn, und mein Moͤrder werden! Seine Stimme hoͤrte ich rufen, wie ſie mit meinen Henkern zuͤrnte, wie er die Zoͤgern⸗ den antrieb, ſein eigenes Blut zu vergießen. Nicht weniger verwundert gedachte ich der ſeltſamen Errettung, und mir klangen im Ge⸗ faͤngniß oftmals die Worte deſſen wieder, der, mich umarmend, ausrief: mein Freund, mein Bruder; denn aus dem Zuſammenhange der Dinge ging hervor, daß der, welcher dieſes 38 —-— ſprach, wirklich mein leibhaftiger Bruder, der Sohn deſſelben Vaters war, dem auch ich mein Daſeyn verdankte. Hier ſahen wir uns zum erſtenmal, und eine Umarmung war das bruͤderliche Zeichen, womit er mich zuerſt be⸗ gruͤßte, und mir zugleich neues Leben ertheilte. Mein naͤchſter Athemzug war ſein Geſchenk; einem Freunde glaubte er das Leben zu retten, aber indem er es fuͤr einen Irrthum erkannte, that er noch mehr, als er waͤhnte, er rettete ſeinen eigenen Bruder. Wunderbares Schick⸗ ſal, das in der Verkettung der Dinge, gleich dem Boͤſen das Gute entgegen ſetzte, um die Unſchuld mitten im Kampfe der Stuͤrme dem nahen Verderben zu entreißen!— Dieſen und aͤhnlichen Betrachtungen uͤberließ ich mich mit halb ſchwermuͤthiger Stimmung, ich heftete meinen Blick auf den Boden und fuͤhlte bei dem Gedanken, dem Tode ſo nahe geweſen zu ſeyn, eine gewiſſe Bitterkeit in mir, welche 3 mie den Vorſatz eingab, nun kuͤnftig zur Ver⸗ — 39 —— fechtung meines Rechts auch anderer nicht zu ſchonen. Sobald ich mich etwas von meinem Stau⸗ nen erholt hatte, erwartete ich mit Ungeduld den Eintritt meines Oheims, denn ich glaubte gewiß, daß er mich im Gefaͤngniß aufſuchen wuͤrde; aber ich hoffte den ganzen Tag ver⸗ gebens. Erſt in der Nacht erhellte ſich mein Gefaͤngniß wieder, und ich ſah' den ſchoͤnen Juͤngling abermals, welcher mit einer Fackel winkend mich vom Lager rief. Krampfhaft ſchloß er ſeinen Arm um mich, und zitternd konnte er lange kein Wort ſprechen. Endlich ſtroͤmte uͤber ſeine Lippen der Ausruf der Freude, daß er mich noch am Leben faͤnde. Es fehlte nicht viel, ſagte er, ſo ſtuͤrzten drei Menſchen in den Abgrund des Verderbens, Tuͤcke lauert hinter dieſer friedlichen Stille, und bald haͤtte ſie uns betrogen, aber nun iſt es Zeit, daß der Erretter nahe, ehe es zu ſpaͤt iſt. Eurem Oheim hat man nicht erlaubt, zu Euch zu kommen, weil er glaubte, es for⸗ 4020 dern zu koͤnnen; und ich werde eingelaſſen durch die Gewalt der Beſtechung. So iſt das Unrecht maͤchtiger als das Recht, und die Liſt geht durch Umſchweif naͤhern Weg, als die Redlichkeit auf geradem Pfade. Aber dagegen ſollt ihr kaͤmpfen, die Gefahr hat Euch zum Manne gemacht, dringet durch bis zu dem Ziele, das Euch Euer Schickſal beſtimmt hat. O welchem Sterblichen winkte je ein beſſerer Lohn! Viertes Capitel. Aufklaͤrung. Hoͤrt jetzt, fuhr er fort, das Verhaͤngniß der vorigen Nacht, dem Ihr gluͤcklich entronnen feyd. Schon fruͤher webte das Schickſal daran mit den Faͤden des Zufalls. Der nicht weit von Euch hier im Gefaͤng⸗ niſſe klagt, iſt ein ungluͤcklich Liebender, ein Officier vom Jaͤgerregimente, mit Namen 4¹ —— Edbert, und das Kleid, das Ihr tragt, iſt die Farbe ſeines Regiments. Ihr duͤrfet wohl in dieſe Hoffnung Euch kleiden, ihm iſt ſie entflohn, Euch kehrt ſie zuruͤck. Dieſem Ge⸗ faͤngniſſe gegenuͤber wohnt ein reicher Mann, der in langen Saͤlen hundert Weberſtuͤhle be⸗ ſitzt, die die feinſten Gewaͤnder ſchaffen. Aber das Koͤſtlichſte, das er hat, iſt ſeine Tochter, ſchoͤn wie die Friſche des bluͤhenden Apfelbaums, und mild wie im Lenz der Strahl der Sonne. Dieſe Milde macht ſie folgſam gegen ihren Vater, aber ſchwankend gegen ihre eigenen Wuͤnſche. Ein reicher Juͤngling, der mit Bewundernng durch die langen Saͤle ſchritt, und den Geiſt jener Weberſtuͤhle zu beherrſchen begehrte, bewarb ſich lange Zeit um die Gunſt der reichen Erbin, und gewann— ſo ſchien es— endlich auch ihr Herz. Doch fruͤher ſchon fuͤhlte Edbert Liebe fuͤr ſie, denn er kam oft in das Haus des reichen Mannes, um mit dem Zauber der Mathematik, womit er die Erfindungskraft des Werkmeiſters leitete, 42 —— jene Weberſtuͤhle noch mehr zu beleben. Ihr Auge ruhte mit Wohlgefallen auf ihm, wenn er mit beredter Zunge von den Wundern ſprach, die in Bauten und Maſchinen der menſchliche Geiſt hervorbringt; aber wie all⸗ maͤhlig aus einem kalten Boden ein gruͤnender Keim aufgeht, wenn lange der Strahl der Sonne auf ihm ruht, ſo fing auch die Liebe in ſeinem anfangs ruhigen Herzen an Wurzel zu ſchlagen, und Keime zu entfalten, mit welchen ſie immer mehr zum Lichte aufſtrebte. Er glaubte, daß er Mann genug ſeyn wuͤrde, dieſe Flamme zu unterdruͤcken— ach! er wuß⸗ te nicht, daß er des ſchwerſten Kampfes ſich unterwunden. Ruhig blieb er uͤber dieſer Glut, die unterhoͤlend Mark und Bein durchdrang; doch man ſah bald an den kummervollen Zuͤ⸗ gen ſeines Geſichts, daß der Bau ſeines Stolzes uͤber den morſchen Stuͤtzen zuſammen⸗ zuſinken drohe. So trat er einſt auch in das Cabinet des Prinzen, den er in ſeiner Wiſſenſchaft zu 43 —— unterrichten gewuͤrdigt war, als dieſer, immer ſichtlicher ſeinen Kummer bemerkend, ihn plöͤtz⸗ lich fragte, was ihm fehle, und aus wahrer Achtung gegen ihn ſich erbot, ihm das, was er wuͤnſche, zu verſchaffen, möchte es auch ſeyn, was es wolle. Darauf nannte Edbert den Gegenſtand ſeines Kummers, und fuͤgte zur Rechtfertigung ſeiner Liebe, eine Schilde⸗ rung hinzu, die ſeine geliebte Clorinde mit den Reizen einer Himmelskoͤnigin ausſtattete. Der Prinz, der bisher aus mancherlei Be⸗ ſorgniß faſt in beſtaͤndiger Einſamkeit war ge⸗ halten worden, hoͤrte dieſer Lobpreiſung mit großer Aufmerkſamkeit zu, und, theils von dem Verlangen ihm zu dienen, theils von Neugierde getrieben, begehrte er, das reizende Maͤdchen ſelbſt zu ſehen. Edbert, der nichts Arges fuͤrchtete, dachte jetzt auf Mittel, wie er ihm dieſen Wunſch erfuͤllen moͤchte, und er erſah Zeit und Gelegenheit, ihn heimlich und unerkannt in das Haus ſeiner Geliebten zu fuͤhren. Clorinde ſaß in einem kleinen Kreiſe 44 —— 5 von guten Bekannten, als Edbert mit dem Prinzen hereintrat, und ihn als einen frem⸗ den Reiſenden, als ſeinen Freund vorſtellte. Der Prinz, das Geſpraͤch meidend, war in der Stille nur bemuͤht, die Anmuth aufzu⸗ faſſen, die Clorinde in ihren Reden, wie in allen ihren Bewegungen und Mienen, ohne es ſelbſt zu wiſſen, offenbarte.— Kaum hatte er ſie zum drittenmale geſehen, ſo fuͤhlte er ſein Herz von der heftigſten Leidenſchaft ent⸗ flammt; dabei hatte er nicht die Kraft, wie der, dem er zu helfen verſprach, die Flamme in ſich zuruͤck zu preſſen, ſondern ſie loderte in mancherlei unvorſichtigen Ausdruͤcken, ehe daß er es wußte, alle Augenblicke hervor. Ihr muͤßt ſie beſitzen, ſprach er zu Edbert, und ſollte es mir das Leben koſten. Er glaubte, daß ſie ihm ſelbſt naͤher ſeyn wuͤrde, wenn er ſie im Beſitze ſeines Freundes wuͤßte, ohne jedoch in ſich den Entſchluß zu faſſen, eine Untreue gegen ihn zu begehen; denn uͤber die Folgen hatte er noch nicht nachgedacht. Als — 45 —— Edbert ſeine Leidenſchaft bemerkte, war er mehr fuͤr ihn als fuͤr ſich beſorgt, und aus Furcht, daß er ſich ohne ihn einmal in das Haus der Clorinde ſchleichen und zugleich durch ſelne Unvorſichtigkeit ſich in Gefahr begeben koͤnnte, begleitete er ihn treulich jedesmal, wenn er ſeinen Beſuch erneuerte. Er ſah ein, daß er ein Kind ans Feuer geſtellt hatte, deſſen freudige Begierde nach der Flamme alle Augenblicke fuͤrchten ließ, daß es ſich hinein⸗ ſtuͤrzen moͤchte. Es waͤhrte auch nicht lange, ſo fiel zwiſchen ihm und dem Braͤutigam ein lebhafter Wortwechſel vor, und der Prinz vergaß ſich ſo ſehr, daß er ihm, im Bewußt⸗ ſeyn ſeines hohen Ranges, Schweigen gebot, bis er ausgeredet haben wuͤrde, worauf dieſer ihm nicht allein das Wort, ſondern ſogar den Ort unterſagte, wo er mit ſeinen Fuͤßen ſtand, indem er hoͤflichſt an die Reiſe erinnerte, auf der er ſeinem Vorgeben nach begriffen ſey. Nur mit genauer Noth gelang es dem armen Edbert, die Streitenden von einander zu trennen. Aber jetzt erſt beſtand der Prinz mehr als jemals darauf, Clorinden bald wieder zu ſehen, zu welcher Zeit und Stunde es auch ſeyn moͤchte. Da er ſich durchaus nicht be⸗ ruhigen ließ, ſo wurde ein mondheller Abend gewaͤhlt, an welchem der Braͤutigam, wie man wußte, ſich vor der Stadt auf einem Landgute befand, und, um mehr Vorſicht anzuwenden, fuͤhrte Edbert den Prinzen auf einem andern geheimen Wege zu Clorindens Zimmern, indem ihm durch den Aufſeher der Fabrik der Gang durch den langen Saal recht wohl bekannt war. Eine feierliche Stille, wie unter Geiſtern, herrſchte unter den raſtenden Weberſtuͤhlen, die der bleiche Mon⸗ denſchein wie mit einem weißen Leichentuche uͤberhing, als der Prinz, der aus Furcht bald rechts, bald links ſchauete, mit Edbert ſtill herein trat. Sie waren ſchon bis zur Haͤlfte des langen Saals gekommen, als auf einmal an einem Weberſtuhle im Winkel ſich ein Raſſeln erhob, wie wenn die Maſchine ſich 427 —-— von ſelbſt zu regen anfinge. Indem aber wurde der Prinz daſelbſt eine lange Geſtalt gewahr, die ſich in die Hoͤhe richtete und haſtig die Arme vor ſich hinſtreckte. Das ploͤtzliche Geraͤuſch ſchien alle Stuͤhle rechts und links zu beleben, und der Prinz, der ſich aus einem Hinterhalte angefallen glaubte, zog die Piſtole, die er heimlich zu ſeiner Sicherheit mitgenom⸗ men hatte, hervor, und ſchoß ſie auf die lange Geſtalt ab, die auch alſobald mit einem Todesgeſchrei ſich zur Erde kruͤmmte. Edbert fuͤrchtete gleich, daß der Prinz eine Uebereilung begangen haͤtte, und begab ſich nach dem Orte, wo die Geſtalt niedergeſunken war. Da eilten auf das Geraͤuſch viele Leute aus dem Hauſe mit Lichtern herbei, und man ſah mit Entſetzen, wie Wilm, ein armer Weber, in ſeinem Blute lag. Er, der duͤrftigſte von allen, pflegte, um ſeine zahlreiche Familie er⸗ nähren zu koͤnnen, oͤfters noch ſpaͤt, uͤber die gewoͤhnliche Tageszeit hinaus, wenn ſchon alle Lichter uͤber ihm verloſchen, und ſeine Mitar⸗ 48 — beiter heingegungen waren, ſeine letzten Kraft 1 aufzubieten, um deſto eher eine uͤbernommene Arbeit zu vollenden. Er zuͤndete dann ſein kleines Laͤmpchen an, das ihm ſpaͤrlich leuchtete, und war in ſeinem Werke ſo geſchickt, daß er kaum dieſes ſchwachen Schimmers bedurfte, um Hand und Fuß nach der Vorſchrift ſeines Meiſters zu bewegen. Von der langen An⸗ ſtrengung ermuͤdet, war er aber jetzt am Weber⸗ ſtuhle eingeſchlummert, und ſein Laͤmpchen verloſchen, bis das Geraͤuſch ihn weckte und er ſich wieder zur Arbeit erhob. Nun zu Boden geſtreckt, roͤchelte er die letzten Todes⸗ ſeufzer, und die Leute hoben ihn auf mit vie⸗ len Thraͤnen und Wehklagen. Aber auf die Thaͤter fiel der heftigſte Zorn, und man litt nicht, daß ſie ſo von hinnen gingen, ſondern Diener der Gerechtigkeit mußten kommen, die ſie mit ſich fortfuͤhrten. Sogleich trat Edbert ihnen entgegen und ſagte: ich war es, der jenen Ungluͤcklichen traf, laßt meinen Freund in Freiheit, daß er nicht um meinetwillen leide 49 ——— teide und in Kummer und Verdruß gerathe; ich habe die That begangen, er iſt unſchuldig⸗ Da man hierauf nicht achten wollte, ſondern beide in das Gefaͤngniß zu fuͤhren gedachte, fluͤſterte er dem Anfuͤhrer ins Ohr: es iſt der Prinz, den ihr mit mir gefangen nehmt. Darauf ſtand dieſer verwundert ſtille, und, weil er den Prinzen, den er nur ſelten ge⸗ ſehen, nicht kannte, und gleichwohl fuͤrchtete, daß es ſich wirklich ſo verhalten moͤchte, fuͤhrte er ihn bis zum koͤniglichen Schloſſe, wo die betheuernde Verwunderung ſeiner Diener ihn ſogleich von der Wahrheit uͤberzeugte. Edbert begab ſich freiwillig in das Gefaͤngniß und blieb bei der Ausſage, daß er es geweſen ſey, der, obwohl aus Uebereilung, weil er eine Nachſtel⸗ lung gefuͤrchtet, jenen armen Weber getoͤdtet habe. Da der Prinz fuͤr die Verpflegung der Fa⸗ milie des Verſtorbenen auf eine fuͤrſtliche Weiſe ſorgen ließ, ſo wuͤrde man von Seiten der Gerichte nicht ſehr bemuͤht geweſen ſeyn, den Tod des Ungluͤcklichen durch harte Strafe an III. Theil. D . Edbert zu raͤchen, wenn nicht ganz andere Umſtände bald darauf ſene Sache verſchium⸗ mert haͤtten. 1 Der Tod des unſi dötbaren Prirhen„ ſein Begraͤbniß, und Eure Verhaftung, die ſich daraus entſpann, fielen dazwiſchen, und man ſchien daruͤber das Schickſal des gefangenen Edbert beinahe zu vergeſſen, als auf einmal, durch Eure Veranlaſſung, ſeine Begebenheit eine ganz andere Wendung nahm.— Der Hofjude trat jetzt als ſein Anklaͤger auf; er ſtellte der Koͤnigin und der Koͤnigin Mutter vor, daß Mord das geringſte Verbrechen ſey, das ſich Edbert habe zu Schulden kommen laſſen; er habe als ein Verfuͤhrer der Unſchuld des Prinzen zwiefach ſein Leben verwirkt und durch die Abentheuer, wozu er ihn verleitet, ihn auf die ſchnoͤdeſte Weiſe in Lebensgefahr gebracht. Die beiden Koͤniginnen, die aus eigener Gefahr wußten, welchen Nachtheil es bringe, wenn die Neigung eines Regenten fruͤh auf Ausſchweifungen verfiele, glaubten 42 ——— 7 jeßt, daß es noͤthig ſey„durch die Beſtrafung des gefangenen Edbert ein abſchreckendes Beiſpiel aufzuſtellen, und ſie bewogen deshalb die Richter, ihn zum Tode zu verurtheilen.— Weil nun Edbert bei allen, die ihn kannten, und ſo auch bei den Soldaten der Reſidenz ſehr beliebt war, ſo hielt man die Anweſen⸗ heit eures Oheims mit dem fremden Regimente fuͤr eine gute Gelegenheit, durch ihn ſeine Hinrichtung zu vollſtrecken, aber auch ſeine Leute hatten bereits aus dem Munde des Volks viel Liebe fuͤr Edbert eingeſogen, und die, welche die Carabiner auf ihn anlegen ſoll⸗ ten, zoͤgerten einen Augenblick, weshalb der General ſie mit harten Worten an ihre Pflicht erinnern mußte. Indeß hatte der Jude, deſ⸗ ſen Anklage ſo gutes Gehoͤr fand, dabei einen ganz andern Plan im Sinne. Näͤmlich da er ſich, wie man ſagt, durch den Richter, der uͤber Euch das Verhoͤr hielt, ploͤtzlich in eure Angelegenheit verſtrickt ſah, und beſorgte, daß ſeine fruͤͤhere Miſſethat an den Tag kommen D 2 moͤchte, die ihn der Staatsverraͤtherei ſchuldig machte, ſo dachte er darauf, wie er Euch ſo f plötzlich als moͤllich aus dem Wege ſchaffte. Auf eine gewoͤhnliche Weiſe glaubte er ſeine Abſicht nicht ſicher, oder nicht fruͤh genug er⸗ reichen zu koͤnnen, indem er, ſobald Euer Oheim von Eurer Gefangenſchaft hoͤrte, deſ⸗ ſen Gegenwirkung zu fuͤrchten hatte. Auf⸗ merkſam auf alles, was Euch umgab, waͤhlte er eine Liſt, die eben ſo einfach als wohl be⸗ rechnet war. Oedenhain, von jeher der treueſte Anhaͤnger ſeiner Parthei, war dazu beſtimmt, den Verurtheilten aus dem Gefaͤng⸗ niſſe abzuholen. Dieſer wußte ſchon, was er. zu thun hatte. Er ließ dieſelbe Uniform, die Edbert trug, zu Euch ins Gefaͤngniß bringen, und mit Einverſtaͤndniß des Gefangenwaͤrters Euch auf dieſe Weiſe zur Flucht auffordern. Es war daher zu erwarten, daß Ihr, in Hoffnung auf fremde Huͤlfe, die Ihr Euch von Euren Freunden verſprechen durftet„ hier keine Schlingen ahnen wuͤrdet. Gleich einem Raubthiere lauerte er am Eingange auf ſeine Beute, bis er Euch herannahen hoͤrte und er vorwaͤrts ſchreitend ſich ſtellen konnte, als ob er wirklich den verurtheilten Edbert, den der Aufſeher der Gefaͤngniſſe ihm ausliefern ſollte, in Empfang nehme. Dieſer Schein ſollte ihm nachher zu einem Vorwande dienen, als ob hier wirklich ein Irrthum haͤtte vorfallen koͤn⸗ nen. Waret ihr nur erſt todt, ſo mochte ſich nachher der Irrthum aufklaͤren, wie er wollte, und die Entſchuldigung wahrſcheinlich ſeyn oder nicht— man hatte doch ſeinen Zweck erreicht. Gegen Euch aber beobachtete er den Schein, als ob er Euch heimlich fortfuͤhren und retten wollte, und wohlweislich hing er Euch eine Larve vor, deren Einſchnitte nicht auf Eure Augen paßten, damit Ihr die nahe Gefahr nicht gewahr werden moͤchtet. Nur wenig fehlte, ſo wäre der tuͤckiſche Anſchlag dieſer Boͤſewichter gelungen, und ſie wuͤrden noch obendrein gefrohlockt haben, das Werk durch Euren Oheim vollfuͤhrt zu ſehen, den 4 —— ſie als ihren Gegner haſſen. Doch der Him mel hat Euch gerettet, und die Abſichten des Teufels ſind vereitelt. Solches aber geſchah auf folgende Weiſe. Der Prinz hatte bisher uͤber das Schick⸗ ſal ſeines Freundes die groͤßte Unruhe em⸗ pfunden, doch wandte man alles an, ihn glauben zu machen, daß ſeinem Freunde, wie es auch anfangs den Anſchein hatte, kein Leid widerfahren wuͤrde. Eines Abends aber, da er in der Daͤmmerung den Schloßgarten durchſtrich, um ſich zu zerſtreuen, richtete ſich aus einem Geſtraͤuche eine alte Frau hervor, die die Haͤnde uͤber ihr Geſicht zuſammenſchlug, als haͤtte ſie ein ploͤtzliches Ungluͤck wahrge⸗ nommen. Was iſt Euch? redete er ſie an. Darauf antwortete ſie: Nicht wahr, Ihr habt nicht den Weber gemeint, aber er iſt dennoch todt; und nun beklage ich Euer Schickſal, denn alſo wird es auch Euch ergehen; wie Ihr getoͤdtet habt, werdet Ihr ſterben, gleich⸗ viel, ob der Tod Euch gemeint hat, oder einen andern; das iſt der Schluß des Himmels.— Der Prinz war erſchrocken. Gute Frau, ſagte er, woher glaubt Ihr, daß ich, und nicht Edbert den Weber umgebracht? Das weiß jeder Bettler auf der Gaſſe„ entgegnete ſie. Mir thut es leid um Euer junges Leben, und des⸗ halb warne ich Euch.— Aber woher wollt Ihr mein Schickſal wiſſen, fragte der Prinz weiter. Das weiß ich, erwiederte ſie betheu⸗ rend, weil ich die Kleider des Ermordeten be⸗ ſitze, und drauf geruht habe unter dieſem Wachholderſtrauche; da ward es mir im Traume offenbar, und ich ſah Euch fallen, wie den Weber. Doch ſchmerzte es mich und ich kroch hervor, um Euch nachzurufen, daß Euch Gott behuͤten moͤchte.— Wie ſie das geſagt hatte, verſchwand ſie in das Dunkel der Gebuͤſche. Jetzt ſing der Prinz an, auf das lebhaf⸗ teſte fuͤr ſeinen Freund zu fuͤrchten, denn er glaubte, daß nicht des Webers Tod, ſondern ein Ungluͤck, das ſeinem Freund begegnen 56 koͤnnte, erſt dieſen Fluch auf ihn laden wuͤrde. Es iſt nicht gut, ſprach er bei ſich, daß ſo das Volk von mir denkt, kaͤme nun das Todes⸗ opfer meines Freundes noch dazu, ſo muͤßte ich in jedem Gebuͤſch einen Auflaurer fuͤrchten, der mir eine Piſtole entgegen hielte. Er hatte 1 Recht. Auch aus Wahn und Aberglauben kann leicht ein Ungluͤck kommen, denn mancher Traͤumer haͤlt ſich fuͤr die Hand der Vor⸗ ſehung.— Fortan beſchloß er, ſich nur auf die Augen ſeiner Getreuen zu verlaſſen, und er ſandte deshalb zwei ſeiner Diener ab, die heimlich den Eingang des Gefaͤngniſſes be⸗ wachen mußten. Des Nachts bargen ſie ſich gegenuͤber in das große Fabrikhaus, und merk⸗ ten auf alles, was geſchah. Der Glaube des Volks ſicherte ihnen dieſen naͤchtlichen Aufent⸗ halt; denn ſeit der Weber verſchieden war, ſprach jedermann, daß ſein Weberſtuhl ſich um Mitternacht von ſelbſt bewege, und ein Flaͤmmchen zu der Arbeit ſchimmere, indem die Sehnſucht den Geiſt zuruͤck treibe, fuͤr die 57 — Seinen zu ſorgen.— Von hier aus ſahen und hoͤrten die heimlichen Waͤchter nun an jenem Morgen, wie Soldaten das Gefaͤngniß umringten, die nur gekommen zu ſeyn ſchienen, um Edbert zum Richtplatz abzuholen. Oeden⸗ hain hatte von ſeinen Leuten diejenigen aus⸗ gewaͤhlt, die ihm die ergebenſten waren, und ſtellte ſie wie Fußvolk auf. Aber die Waͤchter warteten nicht, bis er ſein Bubenſtuͤck aus⸗ fuͤhrte, ſondern liefen eilends zum Prinzen, ſchlugen an die Mauer ſeines Schlafgemachs und riefen: Edbert iſt in Gefahr, man will ihn zum Tode fuͤhren. Da warf er gleich ei⸗ nen Mantel um ſich, und flog fort, ſeinen Freund zu retten. Er fand Euch an ſeines Freundes Statt, und alle ſtaunten uͤber den Betrug.— Das iſt der Zuſammenhang der Dinge, wodurch Ihr dem Tode nahe gebracht, und gluͤcklich demſelben wieder entriſſen ſeyd. Jener in Eure Angelegenheit verwickelte Hof⸗ jude, war die Triebfeder von allem. Er ließ den braven Edbert fuͤr ſchuldig erklaͤren, um durch die Anſtalten zu deſſen Hinrichtu Mittel in den Haͤnden zu haben, an Ench ohne eigene Gefahr den Mord zu veruͤben.— Wie erſchrak ich, als ich dieß alles im Schloſſe erfuhr! Kaum konnte ich die Nacht erwar⸗ ten, Euch wieder zu ſehen. Ihr lebt, ich faſſe dieſe Hand, aber die Zeit 5 da, daß ich Euch laſſen muß. Er umarmte mich, und wollte dann, ehe der Morgen kaͤme, enteilen, aber ich hielt ihn und flehte, daß er ſich mir zu erkennen geben und auch ſagen moͤchte, wer die Herrin ſey, deren Bild ich auf dem Herzen truͤge. Da ſchuͤttelte er ſchweigend ſeine Locken, und er⸗ wiederte blos: ein Schwur feſſelt meine Zunge, lebt wohl, vertrauet auf ihre Huͤlfe! damit ſchied er von mir, und daß Gefaͤngniß ſchloß ſich leiſe hinter ihm zu. Jetzt dachte ich dem Gange des Schickſals nach, und fand, daß ich ſelbſt die erſte Ver⸗ anlaſſung zu dieſem Mordanſchlage gegeben hatte, indem ich es wagte, den Hofjuden, der 59 . um die fruͤheſten Geheimniſſe meines Lebens wußte, als Mitſchuldigen zu nennen; ich glaub⸗ te auf dieſe Weiſe klug zu handeln, und haͤtte bald dadurch meinen Tod herbeigefuͤhrt. Nun wußte ich nicht, was weiter aus mir werden wurde, und nicht ohne Beſorgniß fuͤr mein Leben, ergab ich mich dem Schlummer, der ſich endlich auf mein muͤdes Auge herabſenkte. Fuͤnftes Capitel. Freud' in deid. ——— Ich mochte eben erſt in Schlaf verſunken ſeyn, als man mich heftig ruͤttelte, und, wie es mir in dem Augenblick ſchien, mit haſtigen und zornigen Worten mir befahl, aufzuſtehen, und dahin zu folgen, wohin man mich fuͤhren wuͤrde. Ich blickte wild auf, und ſahe vier große Leute in meinem Gefaͤngniſſe, wovon mir jeder verdaͤchtig und im erſten Schreck wie ein Henker vorkam. Der eine hob mich vom Lager, der andere hielt mir das Kleid entgegen in das ein dritter mich mit Gewalt hinein trieb, waͤhrend der vierte den Eingang huͤtete. Da ich nun halb entkleidet war, ſo koſtete es wenig Muͤhe, mich in reiſefertigen Stand zu ſetzen; aber ſchnell aus fuͤrchterlichen Traͤumen aufgeweckt, glaubte ich nur an Verraͤtherei und Todesgefahr und ſtraͤubte mich auf alle Weiſe, zu thun, was man von mir verlangte. Wollt Ihr aufs neue mich aum Richtplatz fuͤhren? rief ic;* ich weiche nicht von der Stelle; wenn Ihr meinen Tod begehrt, ſo koͤnnt Ihr auch hier mein Blut vergießen, ſucht keine Luͤgen, ſucht keinen Vorwand weiter. Ich ſterbe aber unſchuldig, und Gott wird Euch dafuͤr ſtrafen.— Ums Himmels willen! ſagten ſie, redet nicht ſo laut, ſeyd ſtill, wir ſind ja gekommen, Euch zu befreien; eilet und macht kein Geraͤuſch. Aber ich in meinem Irrglauben, ſchrie um ſo heftiger, gleich als haͤtte ich ſchon das Meſſer an meiner Kehle gefuͤhlt. Ihr Heuchler, rief ich, ich kenne ——— 61 —— Euch ſchon, Ihr wollt mich in irgend eine finſtere Grube werfen, daß ich das Tageslicht nicht wieder ſchauen ſoll. Ich weiche nicht aus dieſen Mauern, hier allein iſt noch Sicher⸗ ½ heit; und wage es niemand, ſich mir zu nahen; ſo lange ich noch einen Athem in mir fuͤhle, will ich aus allen Kraͤften mit Haͤnden und Fuͤßen fuͤr mein Leben ſtreiten.— Da ſie ſahen, daß ich mich ihnen ernſtlich widerſetzen wollte, ſielen ſie mich auf einen ſtillen Wink, den ſie ſich einander gaben, gewaltthaͤtig an, nahmen mich in ihre Arme, und banden mir Haͤnde und Fuͤße. Und als ich ein heftiges Geſchrei erheben wollte, fingen ſie ſogar an, mir den Mund zu verſtopfen, daß ich nun zu demuͤthigen Bitten mich verſtehen mußte, aunnd ſagte, ich wollte mir alles gefallen laſſen, ſie moͤchten nur den Athem mir vergoͤnnen. Hierauf lachte der Groͤßte von ihnen, und, ohne daß ſie weiter ein Wort ſprachen, trugen ſie mich fort. Draußen legten ſie ein Tuch uͤber mich, als wenn ſie einen Leichnam oder 62 ——— ſonſt eine todte Laſt auf ihren Haͤnden fort⸗ geſchafft haͤtten. Ich fuͤhlte mich ſo getragen wohl eine halbe Stunde lang; endlich lag ich auf ruhiger Erde, die Bande ſielen von mir, und die vier Menſchen verſchwanden. Nicht wiſſend, wo ich mich befaͤnde, faßte ich um mich her und bemerkte, daß ich auf gruͤnem Naſen lag. Ich horchte, da es noch finſter war, ob keine Stimme oder kein Geraͤuſch ſich in meiner Naͤhe hoͤren ließe, und ver⸗ nahm weiter nichts, als das Wiehern eines 3 Pferdes, das aus weiter Ferne zu kommen ſchien.— Indem ging der erſte bleiche Schim⸗ mer des Tages herauf, ich ſah die Stadt in grauem Nebel hinter mir liegen und erhob mich, um meiner Freiheit mich zu ermaͤchtigen. „O wie blind, wie thoͤricht iſt doch oftmals der Menſchen Beginnen, ſprach ich zu mir ſelbſt, indem ich mich auf den Weg machte; folgſam ging ich, als man mich zum Tode fuͤhrte, und ſtraͤubte mich, da man kam, mich zu befreien. Abermals bin ich denn alſo 63 ——— eaus der Gefahr errettet, womit das Schick⸗ 1 ſal meiner Geburt mich verfolgt. Aber wo bleiben jetzt die Hoffnungen, die mich zur Reſidenz in die Naͤhe des Koͤnigs zogen! Ich ſehe mich wieder in mamem vorigen Zuſtand und zuruͤckgeſchleudert von der Hoheit des Gluͤcks, zu der ich hinanſtieg. Nicht ich ſelbſt begehrte darnach, mein Schickſal trieb mich dazu— und nur Clementinens Beſitz ſchimmerte mir als der Preis dieſes Kampfes aus der Ferne. Auch dieſe Lockung verſchwin⸗ det und vielleicht ſehe ich ſie nie wieder.— Indeß— wer anders, als ſie, kann fuͤr meine Errettung geſorgt haben? wem anders, als ihr, muß ich meine Freiheit verdanken?— Mir fiel der Juͤngling ein, und Argwohn verduͤſterte meine Stirn. Wie? ſagte ich, ihm war es vielleicht am erſten darum zu thun, mich aus der Stadt, mich aus der Naͤhe Clementinens zu entfernen, denn ach! nur zu deutlich ſehe ich, er liebt ſie, er darf ſie taͤglich umſchweben. Und ich muß fliehen! 54 —— eine bittere Wohlthat!— Indem ich ſo Worte des Undanks und des Mißtrauens ſprach, und den Juͤngling mit Verdacht und Vorwuͤrfen uͤberhaͤufte, die er wenigſtens jetzt nicht ver⸗ diente, war der Tag voͤllig uͤber der Stadt heraufgekommen, und ich dachte nur daran, wohin ich meine fliehenden Schritte wenden ſollte. Ein Gehoͤlz lag vor mir, das mich am erſten den Blicken boͤsgeſinnter Menſchen entziehen konnte, dahin begab ich mich. Und kaum hatte ich einige Schritte vorwaͤrts ge⸗ than, als nicht weit von mir eine bekannte Stimme ſich hoͤren ließ, und ich den ſchoͤnen Juͤngling aus dem Walde hervortreten ſah, welcher mir zuwinkte. Seiner Erſcheinung mich freuend, lief ich gleich auf ihn zu. Ihr ſeyd frei? rief er mir entgegen. Ja, es iſt gelungen! Jetzt ſaͤumet nicht, den Anblick dieſer Stadt, in der mehr als tauſend Ver⸗ raͤther auf Euch lauern, gleich Dolchſtichen zu fliehen. Kommt, ich will Euch den Weg durch dieſen Wald zeigen.— Womit habe ich das das verdient, ſagte ich, daß Ihr, ohne mich zu kennen, Euch meiner ſo guͤtig annehmt; womit kann ich das vergelten? Kennen iſt wenig, erwiederte er darauf, lieben iſt mehr, ja dieſes iſt erſt das rechte Wunder der Erkenntniß und das wahre Wiſſen, das ſich ruͤhmen kann, des Fremden wirklich inne zu werden; ſo iſt auch das rechte Erkennen immer mit Liebe verbunden; nichts konnen wir mit Eifer und Luſt ergreifen, das wir nicht auch lieben; doch die Liebe ſelbſt iſt dem ſelben weit voraus, ſie iſt wie das Wiſſen Gottes, der die Welt ſchon erkennt, wenn er ſie anſchaut. Und ſo iſt das Sehen wie⸗ der fuͤr beides die erſte Nahrungsquelle. Zu einer ſolchen Quelle will ich Euch leiten.— Indem er ſo ſprach, fuͤhrte er mich immer tiefer in den Wald hinein, und endlich ſagte er: ſich ſchnell von mir wegwendend: Sehet, erkennet und liebet! Ich ſtand im Anfange eines langen Baumganges, und wie ich den Blick erhob, ſah ich zwei junge Frauenzim⸗ III. Theil. E 66 —-— mer daher kommen, die mich ſogleich in freu⸗ diges Erſtaunen ſetzten, denn ich wurde ge⸗ wahr, wie die eine Clementinen, und die andere dem ſchoͤnen Juͤnglinge glich. Clemen⸗ tine war es ſelbſt. Sie fuhr zuruͤck, da ſie mich bemerkte, wie jemand, der einen Geiſt zu ſehen glaubt, ſo daß die Begleiterin ſie halten und unterſtuͤtzen mußte. Indeß dieſe ihr zuzureden ſchien, ruhig zu bleiben, wagte ich, mich ihr zu naͤhern, und an ihrem Er⸗ ſcaunen ſah ich, daß meine Gegenwart ſie in der That uͤberraſchte. O Sie machen mir Schreck und Angſt, ſagte ſie endlich, als ſie das weggewandte Haupt erhob, ich glaubte nicht, daß Sie mir ſo nahe ſeyn wuͤrden. Sicher— das hat mie Philibert gethan, der ſtets auf neue Ueberraſchung ſinnt.— Doch — ich freue mich, daß Sie gerettet ſind. Das iſt das drittemal, daß wir uns begegnen; ganz anders ſah ich Sie bei der Graͤfin. Ein geheimnißvolles Dunkel umſchwebt Sie, und ſchon der Neugier waͤre es zu verzeihen, wenn . 67 ——— ſie etwas fuͤr Sie zu thun wagte, um das Raͤthſel Ihrer Beſtimmung zu löſen; do Ihr Ungluͤck bringt Sie mir noch naͤher, und ſo ſeh ich mich auf einmal in Sorgen verſtrickt, die mich beunruhigen, als ob es die meinigen waͤren. Ich bin wohl thoͤricht, ſo zu handeln, weil ich dabei weder 3 Zeit noch Ende vor mir ſehe, und ich definde mich nun ſelbſt in ſo großer Dunkelheit, daß ich jetzt weiter nichts zu ſagen weiß, als: moͤch⸗ ten Sie bald in einer gluͤcklichern Geſtalt vor mir erſcheinen!— Da warf ich mich auf das Knie, kuͤßte ihre Hand und benetzte ſie mit vielen Thraͤnen. Ihnen verdanke ich mein Leben, ſagte ich, ewig ſoll es Ihnen geweiht ſeyn, o daß ich zu Ihren Fuͤßen es opfern koͤnnte!— Nicht das! erwiederte ſie, ermannen Sie ſich, ſuchen Sie Rath bei der Graͤfin Scharnhorſt, mir iſt um Ihr Schick⸗ ſal bange; jetzt kann ich nichts fuͤr Sie thun, faſſen Sie Muth, und goͤnnen Sie mir die Hoffnung auf Ihr Gluͤck:— Leben Sie E 2 58 68 —— wohl!— Darauf wandte ſie ſich nach einem andern Wege, und bald war ſie meinen Au⸗ gen entruͤckt.— Ich erhob mich vom Bo⸗ den und fuͤhlte wieder friſche Lebenskraft in meiner Bruſt. Ich ſchaute umher, zu ſehen, wo ich mich befaͤnde. Da erklang das Wie⸗ hern des Pferdes wieder, mir jetzt ganz nahe, und ich ſah, wie es eben der ſchoͤne Juͤng⸗ ling vom Zaune losband, um es mir zuzu⸗ fuͤhren.— Liebenswuͤrdiger Zauberer! redete ich ihn an, wie viel gluͤcklicher biſt du, der du das befluͤgelte Roß mir zufuͤhrſt, als ich, der ich damit entfliehen muß! Doch weil du auf meine Leiden und Klagen mit Seufzern antworteſt, will ich ſtatt Neid nur Dank in mein Herz kommen laſſen fuͤr alles das, was du mir gethan haſt. Leb' wohl!— Ich kuͤßte ihn, ſchwang mich auf das Pferd und flog davon.— Wie darauf in einiger Entſer⸗ nung eine Schlucht im Walde ſich oͤffnete, ſah ich ſeitwaͤrts ein Schloß, das ich fuͤr die Wohnung Clementinens halten mußte, und 69 —— himmliſche Freude und Sehnſucht ſtritten in meiner Bruſt bei dieſem Anblick; doch ich mußte es weit hinter mir zuruͤcklaſſen, flie⸗ hend die Gefahr, womit die Naͤhe der Re⸗ ſidenz mich bedrohte. Ein Felleiſen hinter mir auf dem Pferde machte mich neugierig auf die neuen Gaben des Gluͤcks, womit die Liebe mich beſchenkt hatte, und als ich es am Abend oͤffnete, fand ich nicht allein die noͤthigen Kleidungsſtuͤcke, ſondern auch Geld und alles, was ich nur zur Reiſe gebrauchen konnte. Es war mir bei dem Anblick dieſer Dinge, als ob Cle⸗ mentine ſelbſt mir nahe ſchwebte, und eine himmliſche Heiterkeit bemaͤchtigte ſich meines Geiſtes. In dieſer froͤhlichen Stimmung ritt ich immer weiter fort, und nahm den kuͤrzeſten Weg auf Scharnhorſt; doch gehoͤrte noch eine geraume Zeit dazu, ehe ich uͤber meine Errettung ſelbſt die volle Freude empfinden konnte. Jeder ploͤtzliche Uebergang aus einem 70 —— gebundenen, in einen freien Zuſtand verſetzt die Seele in eine Art von Ermattung oder Betaͤubung, worin das Gefuͤhl von dem Zwange der Feſſeln noch fortwaͤhrt, und ſich der Geiſt des Gluͤckes ſo bald nicht ermaͤchti⸗ gen kann. Die Seele iſt nur einer gewiſſen Spannkraft faͤhig, uͤber welche hinaus ſie das Aeußerſte nicht mehr zu faſſen vermag, das Wichtigſte erregt zuletzt keine Empfindung mehr, und ich war jetzt wohl im Stande, mir die Moͤglichkeit vorzuſtellen, wie nach lan⸗ gen Leiden ein Ungluͤcklicher mit kaltem Mu⸗ the zum Richtplatz gehen, und auch bei dem Zuruf der Gnade noch kalt und ruhig blei⸗ ben kann.— Was allein mir eine ungewoͤhn⸗ liche, traͤumeriſch entzuͤckende Stimmung gab, war der Gedanke an Clementinen. Die Vor⸗ ſtellung, daß ſie mich liebe, fuͤhrte einen eige⸗ nen Himmel mit ſich, von wo aus ich wenig von der Erde bemerkte, oder auf ihre Bege⸗ benheiten achtete.— Ich ſah den Philoſo⸗ phen in mir vernichtet, und fuͤhlte mich mehr 71 —-— zu Handlungen als Betrachtungen aufgekegt; alle meine Ueberlegungen erſtreckten ſich nur auf meine Wuͤnſche und Hoffnungen⸗ Sechstes Eapitel. Das Hochzeitbuͤndel. Ohne alle Verfolgung und Gefahr hatte ich mich dem Aufenthalte der Graͤfin bereits bis auf wenige Stunden genaͤhert, als mich des Abends in einem laͤndlichen Wirthshauſe plötz⸗ lich eine boͤſe Nachricht in Schrecken ſetzte. Ein Kuͤſter, der uͤber Land von einem Hoch⸗ zeitſchmauſe zuruͤckkehrte, trat eben mit der Laterne herein, und die Gaͤſte wunderten ſich um ſo mehr, wie er noch ſo ſpaͤt nach Hauſe trachten koͤnne, da er, von dem Freuden⸗ taumel der Hochzeit noch bewegt, nicht ganz feſt auf den Beinen ſchien. Er ging aber nahe an die Tafel heran, leuchtete jedem ins * 8 72 Geſicht und ſagte: Michel, Peter, Heinrich, Chriſtoph, ihr Eiszapfen, ihr Zaunlatten, die ihr da ſitzt, als wenn ihr in langer Reihe angefroren, oder angenagelt waͤret, wollt ihr wohl hervor hinter euren Schanzen, wollt ihr wohl huͤbſch die Haͤnde und die Fuͤße be⸗ wegen, daß man euch von Zaunpfaͤhlen unter⸗ ſcheiden kann? Stellt die Kruͤge hin, neh⸗ met die Ofengabel, den Heulanger, den Steinbohrer, es giebt etwas zu ſpießen. Auf! ſeyd ſtehenden Fußes, zeigt euch in Reih und Glied.— Nun, was iſt denn, ſagten die Bauern ganz geruhig, ſpukt es in ſeinem Kopfe?— Ei was ſpuken! gab er zur Ant⸗ wort; der Teufel iſt leibhaftig erſchienen, und hat hundert andere Teufel mitgebracht. Die Nachricht, die ich euch bringe, ſchreit deshalb aus mir wie aus einem Beſeſſenen, und ruft: Legion, Legion! Damit ihr aber gleich wißt, wohin ihr eure Naſen zu richten habt, ſo ſage ich euch: eine Schwadron Reiter iſt auf Scharnhorſt zugeſprengt, und ein Mann von 73 —— Wichtigkeit iſt an ihrer Spitze, von ſo fin⸗ ſterem Angeſicht, als ob er aus lauter Ge⸗ witterwolken zuſammen gebacken waͤre. Blitz und Hagel wird es auf Scharnhorſt herab⸗ regnen, wenn ihr nicht ein wenig mit euren Knuͤppeln drein ſtuͤrmt und das Ungewitter abhaltet. Auf die Graͤfin iſt der Schlag ge⸗ richtet. Nun denkt huͤbſch an das ſchoͤne Saatkorn, womit ſie euch nach dem Hun⸗ gerjahre die Aecker wieder aufgeweckt hat. Ohne ſie waͤret ihr verhungert, wie eure Feld⸗ maͤuſe. Und um euch gleich von der großen Gefahr zu uͤberzeugen, ſeht mich einmal an. Trage ich wohl einen Buͤndel mit Kuchen, Aepfeln und kaltem Braten in meiner Hand? Iſt das nicht eine Schande fuͤr einen Men⸗ ſchen, der von einer Hochzeit kommt, ſo leer einher zu gehen? Gewittert haben ſie es, die Kerls, auf zehn Meilen und ſind hinter mir drein gezogen, wie die Baͤren hinter einem jungen Kalbe. Sackerment! haben ſie geſagt, er traͤgt auch ſchwer; warte er doch ein we⸗ 74 —ð— nig, daß wir ihm helfen. Und da haben ſie mir davon geholfen, noch ehe ich ſagen konnte: ich dank euch!— Tauſend Element! das muß mich in Harniſch ſetzen. Kuchen, vom ſchoͤnſten Weizenmehl gebacken, Bruſt von der fetteſten Gans! Regt euch, ihr Boh⸗ nenſtangen, ihr Heugabeln, und ihr Dreſch⸗ flegel; auf, ihr Senſen und ihr Sicheln, und eilet nach Scharnhorſt, daß ihr aus ſol⸗ chen Faͤngen und Krallen die Graͤfin be⸗ freit.— Die Bauern lachten anfangs uͤber ihn und fragten, ob es denn Raͤuber waͤren, oder Soldaten, die ihm den Streich geſpielt haͤtten. Soldaten, ſchrie er, Leute zu Pfer⸗ de, flinke Reiterburſchen, ſchneller wie die Habichte!— Da fiel ich ihm ins Wort und ſagte: glaubt ihm, lieben Leute, das bedeu⸗ tet eine arge Nachſtellung. Weil die Graͤfin die Luft auf eurem Lande lieber athmet, ale den Wind am verderblichen Hofe, hat ſir Feinde, die ihr nachtrachten; aber ſie hal ſich eurem Schutz anvertraut, ihr muͤßt da⸗ 25 —--— nicht dulden; es iſt eure gnaͤdige Frau, euch ziemt es, ſie zu ſchuͤtzen. Alſo rafft euch auf, eilt nach Scharnhorſt, eurer Graͤfin zu Huͤlfe. Und ihr, ſagte ich zum Kuͤſter, redlicher Pa⸗ triot, leuchtet mir auf dem dunkeln Pfade voran, zeigt mir an den Felſen hin den Feld⸗ weg, daß ich mit meinem Pferde bald nach Scharnhorſt komme, um meiner Freundin beizuſtehen.— Darauf geriethen die Bauern in große Unruhe, es war ein Rufen hin und her, mein Pferd ward vorgefuͤhrt, und der Kuͤſter leuchtete durch die rabenſchwarze Nacht mit der Laterne voran.— Ich zweifelte kei⸗ nen Augenblick, daß die Abſicht der feindſeli⸗ gen Sendung ſey, die Graͤfin auf ihrer Burg aufzuheben, und zur Reſidenz abzufuͤhren. Ich bedachte, daß man ihren Brief bei mir gefunden hatte, und weil man von mir Boͤ⸗ ſes fuͤrchtete, mußte man auch ſie fuͤr ſchul⸗ dig halten. Auf meine eigene Gefahr, aber⸗ mals in Gefangenſchaft zu gerathen, achtete ich jetzt wenig, ja es freute mich in liebe⸗ entflammter Seele, mich nun thaͤtig zeigen zu koͤnnen in einer Sache, die ſo enge mit der meinigen verflochten, mit meiner Liebe ſo nahe verwandt war. Der Kuͤſter fuhr fort, wie er vor mir herzog, die Graͤfin Scharnhorſt zu loben und auf alle Partheien zu ſchimpfen, die nach Maaßgabe der Gunſt oder Ungunſt des Hofes ſolchen Unfug im Lande anrichte⸗ ten. Auch kam er auf die Hoffnung zu ſpre⸗ chen, die die Landleute auf den unſichtbaren Prinzen ſetzten, der auch vor nicht langer Zeit ſich in der hieſigen Gegend gezeigt habe.— Nun glaubte ich, daß endlich die Noth das Siegel der Verſchwiegenheit brechen muͤßte, und, um den Kuͤſter in dem Vorſatze, die Doͤrfer gegen die Stadtſoldaten aufzurufen, noch mehr zu beſtaͤrken, ſagte ich: ich bins, von dem ihr redet; und erſcheine hier, um euch und die Graͤfin gegen Ungerechtigkeiten zu ſchuͤtzen. Da rief er: hilf Himmel! wel⸗ che Ehre wiederfaͤhrt mir! aber indem er dieß ſagte, war er— was mich in große Verwun⸗ —— 77 —— derung ſetzte— ploͤtzlich mit dem Lichte ver⸗ ſchwunden und ich hoͤrte nur noch ein Mur⸗ meln wie aus der Erde. Kuͤſter! wo ſeyd ihr? rief ich, und ritt nahe zu dem Orte hin, wo er, dem Anſchein nach, vor meinen Au⸗ gen verſunken war. Ich hielt es fuͤr unbe⸗ greiflich, wie er, einer Sternſchnuppe gleich, ſo ſchnell verloͤſchen konnte; aber das Wun⸗ der klaͤrte ſich bald auf, indem er ſich aͤchzend wieder vom Boden erhob und ſagte: ich bin in den Bauch eines Pferdes gefallen. Ein entkleidetes todtes Pferd lag naͤmlich auf dem Anger neben vielen andern zerſtreuten Gebei⸗ nen, und der Kuͤſter war, wie er gerade ſeine Augen zu mir aufrichtete, um des unſſichtba⸗ ren Prinzen anſichtig zu werden, in das hohle Geripp hineingeſtolpert und darin mit ſeiner kleinen Perſon verſunken. Dieß war der erſte Vorfall ſeit meiner Gefangenſchaft, der mir wieder ein Lachen abnoͤthigte, ob ich gleich nicht Urſache hatte, mich daruͤber zu freuen, denn die Larerne war durch den Fall ausge⸗ gangen, und wir ſtanden in der finſtern Nacht mitten auf dem Felde, wie in einen Sack gehuͤllt. Der Kuͤſter, wie er wieder um ſich ſchaute, fuͤgte in ſeiner Weinlaune noch die Bemerkung hinzu: ja, haͤtte ich nun auch den Hochzeitbuͤndel noch bei mir gehabt, hier haͤtte ich ihn doch verloren!— Das war in⸗ deß das Geringſte. Wir mußten leider nun auf's Gerathewohl den Weg im Finſtern ſu⸗ chen, und, da der Boden hie und da felſicht und uneben war, kamen wir nur wenig von der Stelle. Alle Augenblicke ſtolperte das Pferd, alle Augenblicke hielt den Fuͤhrer eine Schwierigkeit zuruͤck. Und endlich blieb er ganz und gar liegen, indem er verſicherte, ſeine Augenlieder waͤren wie Fallthuͤren, er koͤnne ſie vor ſchwerer Muͤdigkeit nicht mehr offen erhalten. Ich merkte wohl, daß der Wein, der ihn vorher ſo munter gemacht hatte, jetzt, als waͤre er nur auf eine kurze Zeit gedungen, ihm den Dienſt aufſagte, und alles Zurufen, ſich doch zu ermuntern, war 79 fruchtlos. Ich liege hier gut, ſagte er, reiten Sie in Gottes Namen weiter, gnaͤdigſter Prinz, mich werden wohl morgen die Gaͤnſe hier auf dem Lager finden.— Aber ich war beſorgt, daß er auf dem feuchten Boden ſich den Tod holen moͤchte; deshalb hielt ich ſtill, reichte ihm die Hand, und redete ihm ſo lange zu, bis er ſich von mir auf das Pferd ſetzen ließ. Ich ſchwang mich dann auch hinauf, und er mußte ſich hinten an mir feſthalten. Er hoͤrte indeß damit noch nicht auf, mein Fuͤhrer zu ſeyn, ſondern er ſaß wie ein Schif⸗ fer am Steuerruder, und gab meinem Fahr⸗ zeuge die Richtung, indem er, der Gegend kundig, immer rief: hier geht es rechts, da links. Ich folgte zwar ſeiner Vorſchrift auf das puͤnktlichſte; aber ſeine Bangigkeit, daß wir ſtuͤrzen moͤchten, miſchte in ſeine Nath⸗ ſchlaͤge ſo viel Vorſicht, daß es bald eben ſo gut war, als wenn er ſagte: haltet an, wir koͤnnen nicht weiter. Jetzt ſah ich zum Gluͤck ein Licht ſchimmern, und ich beſchloß, darauf 80 — zuzureiten„ es koſte was es wolle. Ohne mich alſo an das Angſtgeſchrei meines Ge⸗ faͤhrten zu kehren, ließ ich mein Pferd ſtol⸗ pernd auf und ab klettern, bis wir uns vor dem Obdache dem Lichte gegenuͤber befanden. Es war ein kleines Haus, das am Eingange eines Waldes lag, und noch Spuren wachen⸗ der Menſchen zeigte; aber wie wir vom Pferde herab durch das Fenſter in die helle Stube ſahen, in der wir alles genau bemer⸗ ken konnten, hatten wir uͤber den Anblick der innern Erſcheinungen mehr Schreck als Freu⸗ de, denn wir wurden darin vier Reiter ge⸗ wahr, die um einen Tiſch her eben ſehr emſig beſchaͤftigt waren, Geraubtes und Gepluͤnder⸗ tes auszukramen, und vor ſich zum Schmauſe auszubreiten. Hier iſt kein Ort des Bleibens fuͤr uns, ſagte ich zu meinem Kuͤſter, der ſich ſehr neugierig vorbog, wir wollen unſer Nachtquartier lieber unter einem Baume ſu⸗ chen. Indem aber kam zum gemeinſamen Mahle auf dem Tiſche auch der Inhalt des Hoch⸗ * 31 —— Hochzeitbuͤndels zum Vorſchein, und der Kuͤ⸗ ſter richtete ſich ſo haſtig empor, als wenn er gleich die Hand durchs Fenſter darnach haͤtte ausſtrecken moͤgen.„Ach! ſehen Sie doch, gnaͤdigſter Prinz,“ ſagte er,„da ha⸗ ben ja die Spitzbuben auch meinen Hochzeit⸗ braten, meinen Kuchen und auch das Flaͤſch⸗ chen Wein, das mir noch die Braut mit auf den Weg gegeben hat. Sehen Sie doch die herrliche Schellrippe, ſehen Sie nur die vor⸗ treffliche Gaͤnſebruſt, und jetzt langen ſie auch den dicken Kuchen mit den großen Roſinen hervor. Der Kerl faͤhrt mit dem Schwerte hindurch, der andere nimmt den Stoͤpſel von der Flaſche: Ich bitte Sie ums Himmels willen, gnaͤdigſter Prinz, wie kann ich das zugeben, wie koͤnnte ich das ſo ruhig mit an⸗ ſehen! Es iſt ja alles mein, was ſie da haben, es iſt mir ja nahe vom Munde weg⸗ genommen. Und wie hungrig ich bin! Gott im Himmel! Die Fauſt auf ihren Nacken! ich geb' es nicht zu.“— Ich bitte euch, III. Theil. 3 82 —— ſagte ich darauf zu ihm, ſeyd ſtill, und wen⸗ det lieber eure Augen weg, ſeht in das Dun⸗ kele, und ſagt, wo wir am ſicherſten in den Wald hineinreiten. Nein! entgegnete er, das heißt mir geradezu an's Herz gehen, und im Nu ſprang er vom Pferde.— Was wollt ihr thun? fragte ich aͤngſtlich. Den Gier⸗ woͤlfen die Beute abjagen, gab er zur Ant⸗ wort, daß kein Biſſen und kein Tropfen wei⸗ ter uͤber ihre Lippen kommt.— Wenn ihr Unfug hier aufangen wollt, erwiderte ich zor⸗ nig, ſo werde ich euch ganz im Stich laſſen, denn wir zwei Wehrloſe koͤnnen es unmoͤglich mit den vier Bewaffneten dadrinnen aufneh⸗ men. Gnaͤdigſter Prinz, flehte er darauf, haben Sie nur die Gnade, einen kleinen Au⸗ genblick zu verziehen, bis ich wenigſtens die Gaͤnſebruſt noch gerettet habe, denn die ſehe ich noch wohlerhalten. Ich will den unver⸗ ſchaͤmten Burſchen eine ſolche geſegnete Mahl⸗ 2* zeit wuͤnſchen, daß ihnen der Biſſen im Mun⸗ de erſtarren ſoll! Haben Sie deshalb keine 33 Sorge, gnaͤdigſter Prinz, ich will meine Sa⸗ chen ſchon geſcheut anfangen.— Nun war ich doch neugierig, was er thun wollte.— Aber er lief hurtig um das Haus, ſuchte die Hofthuͤr und ſchlich ſich in den Stall. Hier machte er eiligſt die Pferde los, und jagte ſie hinaus auf das freie Feld; darauf ſchlug er mit Heftigkeit an das Fenſter und rief: Leute, eßt nicht weiter, eure Pferde haben ſich los⸗ geriſſen, und ſind davon gelaufen. Da ſprin⸗ gen ſie, da laufen ſie, ſie haben mich bald umgerennt. Noch ein Gluͤck, daß ich dazu kam.— Jetzt, als wenn der Feind ins La⸗ ger fiele, fuhren die Kerls auf, fluchten tau⸗ ſend Teufel, und liefen der eine rechts, der andere links, immer ihren Pferden nach, de⸗ ren Hufſchlaͤge wir noch vernehmen konnten. Ich hatte unterdeß an der Seite ruhig ge⸗ halten und dieß alles mit angeſehn. Der Kuͤſter kam nun, lud mich zum Nachteſſen ein, und fuͤhrte mein Pferd in den Stall; denn die Reiter waren wie verſtoben und ver⸗ F 2 flogen.— So bald das Haus ſich in unſerer Gewalt befand, wurden alle Thuͤren ſorgfaͤl⸗ eig verſchloſſen und die Riegel vorgeſchoben. Ein alter Mann, der ein Holzſchlaͤger war, empfing uns mit ſeiner gutmuͤthigen Frau ſehr freundlich, und war froh, die uͤberlaͤſti⸗ gen Reiter los zu ſeyn. Darauf ſetzten wir uns au den Tiſch, und jetzt ſchien mir, weil ich noch gar nicht zu Nacht gegeſſen hatte, der Einfall des Kuͤſters doch ſo uͤbel nicht. Dieſer, der uͤber die Hochzeitbiſſen mit der Freude des Wiederſehens jubelte, machte den gefaͤlligen Wirth und verfehlte auch nicht, mich in meiner neuen Wuͤrde foͤrmlich anzuerkennen, und ſie andern kund zu thun, indem er, das Glas erhebend, dem Hausherrn zurief: heute iſt Eurem Hauſe großes Heil wiederfahren, denn der unſichtbare Prinz iſt in eure ſchlechte Wohnung eingekehrt. Gleich zog der Holzſchlaͤger ſeine Muͤtze von dem grauen Scheitel, und, ehe ich es noch verhindern konnte, lag er ſchon mit ſeiner Frau vor mir 90 —.— auf den Kuien. Der Kuͤſter aber brachte meine Geſundheit aus, und ich empfing auf dieſe Weiſe in einer armen Huͤtte meine erſte Huldigung. Den alten Leuren wurde in dem Stuͤbchen auf einmal ſo aͤngſtlich, als wenn ihnen das Haus gar nicht mehr angehoͤrt haͤtte, und ich mußte lange bitten, ehe ſie ein Herz faßten, an dem kleinen koͤniglichen Mahle mit Theil zu nehmen. Indem ich noch ſo bemuͤht war, ſie in das vorige Gefuͤhl ihrer Freiheit zuruͤck zu leiten, entſtand auf einmal an der Thuͤr ein heſtiges Pochen, und der Kuͤſter, der ſeine Mahlzeit vollendet hatte, lief in den Winkel, als wollte er ſich in ſeinen eigenen Schatten verkriechen. Der alte Hauswirth fing nun wieder an zu fuͤhlen, daß er doch Herr im Hauſe ſey, indem er ſagte, daß wir uns nur ruhig verhalten moͤchten, er wolle keinen ein⸗ laſſen, der nicht zu uns gehoͤre. Wir glaubten ganz gewiß, daß die vier Reiter wieder zuruͤck gekehrt waͤren, und der 36 — Wirth nahm das Licht, oͤffnete den Ober⸗ fluͤgel der Thuͤr, um die neuen Gaͤſte zu be⸗ ſchauen. Darauf aber ſprach er einige leiſe Worte mit ihnen, und ehe er uns noch Aus⸗ kunft gab, traten fuͤnf lange Kerls in das Zimmer, die ein halb geſetztes, halb wildes Anſehn und dabei eine blinkende Axt in der Hand und einen Kober auf dem Ruͤcken hat⸗ ten. Noch mehr waren wir indeß erſtaunt, als ſie alle fuͤnfe ſich ploͤtzlich auf die Erde warfen und mich mit ehrerbietiger Freude in ihren dunkeln Thaͤlern und Waͤldern willkom⸗ men hießen. Allergnaͤdigſter Prinz, ſagten ſie, wir haben Sie laͤngſt erwartet; wir freuen uns, daß wir die erſten ſind, die es wiſ⸗ ſen, wir wollen unſerm gnaͤdigſten Prinzen vorangehen, mit dieſer Axt ihm Gut und Blut vertheidigen, und Bahn machen, wo er es befiehlt. Der alte Wirth deutete mir darauf an, daß es ſeine Leute und von ihm Cameraden waͤren, naͤmlich Holzſchaͤger, uͤber welche er 87 —— als der Aelteſte die Aufſicht fuͤhre, und denen er die zu faͤllenden Baͤume anweiſen muͤßte; ſie kaͤmen noch vor Morgen, weil ſie zu ih⸗ rem Stand einen langen Weg haͤtten; heute aber waͤren ſie noch mehr voll Ungeduld, weil ſie ſchon vernommen, daß Reiter vor das Schloß geruͤckt waͤren, und jede Thuͤr und jeden Ausgang beſetzt hielten; deshalb regte ſich der Zorn ſchon in ihrer Fauſt, und ſie waͤren gleich zum Angriffe bereit, wenn ich ihr Anfuͤhrer ſeyn wollte. Indem fing der Morgen an zu daͤmmern, und fuͤrchtend, daß wir als Helfer der Graͤfin vielleicht ſchon zu ſpaͤt kommen moͤchten, trieb ich ſogleich zum Aufbruch an, und befahl dem Kuͤſter, ein gleiches Aufgebot auch in ſeinem Dorfe ergehen zu laſſen. Da ich noch un⸗ bewaffnet war, gab man mir eine Hellebarde in die Hand, die der Eigenthuͤmer des Hauſes in Verwahrung hatte, und die mir zur Wehr und zum Commandoſtabe diente. Nun tra⸗ ten die fuͤnf Maͤnner aus der Huͤtte, und 88 —— auch der Alte geſellte ſich mit der Axt zu ih⸗ nen, um an ihrer Seite gleichſam den Dienſt eines Unteroffieiers zu verrichten. Darauf marſchirten wir allmaͤhlig durch den Wald, und zogen aus den einzelnen Haͤu⸗ ſern unterweges auch die uͤbrigen Leute an uns, die von gleichen Geſinnungen beſeelt waren, ſo daß unſer Haͤuflein immer ſtaͤrker wurde, je naͤher wir dem Schloſſe kamen, und wir endlich glauben durften, es mit den Reitern aufnehmen zu koͤnnen. Siebentes Capitel. Das Schwert der Rache. Im Dorfe hoͤrten wir, daß der Vorſatz, die Graͤfin heimlich zu uͤberfallen und aufzuheben, im erſten Augenblick mißlungen ſey. Der Sohn vom Kaſtellan des Schloſſes, der auch zur nahe gefeierten Hochzeit eingeladen war, —— 839 —— hatte bei dem Geruͤchte von den anruͤckenden Reitern gleich Schlimmes fuͤr ſeine Graͤfin geahnet, und beim Brauttanze auf gruͤner Wieſe ſofort die Braut aus ſeiner Hand ge⸗ laſſen, ſich raſch auf ſein Pferd geſchwungen, und war noch am Abend deſſelben Tages den Feinden zuvorgekommen. Die Graͤfin hatte darauf eiligſt alle Leute um ſich verſamlet, und ſich in ihr Zimmer eingeſchloſſen, wo ſie, von außen bewacht, wenigſtens fuͤrs erſte noch ſicher zu ſeyn glaubte. Zu entfliehen war nicht Zeit.— Schon war das Schloßthor einge⸗ rennt, das aufgethuͤrmte Bollwerk aus dem Wege geraͤumt, und man ſtand eben im Be⸗ griff, mit dem innern Eingange ein Gleiches zu thun, als ich mit den Huͤlfſtreitern in den Schloßhof eindrang, und wir mit Spießen und Stangen die Kuͤraſſier, deren am Aus⸗ gange nur wenige hielten, vor uns hertrieben. Jetzt machten wir uns an den innern Eingang, um auch dieſen zu befreien, aber damit wollte es ſobald nicht gelingen, weil er ſtark beſetzt 90 und der Raum zum Kampfe beſchraͤnkt war. Noch hatten die Kuͤraſſier den erhaltenen Be⸗ fehle gemaͤß blos von ihren Schwertern Ge⸗ brauch gemacht, ohne eine Piſtole oder Flinte abzuſchießen. Es war aber nun das Geruͤcht von einem rebelliſchen Haufen zu den Ohren ihres Commandeurs gekommen, der auf einem Seitenfluͤgel des Schloſſes ſein Quartier hatte; und ehe wir es uns verſahen, drang er mit dem groͤßten Theil ſeiner Mannſchaft, die er vorher an den Wegen ausgeſtellt, und nun ſchnell geſammlet hatte, hinter uns in das Schloßthor herein, und da er zu gleicher Zeit Feuer zu geben befahl, konnten wir, von zweien Seiten angegriffen, nicht Stand halten und ſuchten Schutz, wo wir konnten. In einiger Entfernung aber erblickten wir einen alten halb verfallenen Thurm; dahin floh ein großer Theil von uns, und ich rief auch den Uebrigen zu, daß ſie uns dahin folgen moͤch⸗ ten, weil viel Mauerwerk, das dazwiſchen lag, die Pferde verhinderte, nachzukommen; 91 —-— jene aber wurden umringt und von uns ab⸗ geſchnitten. Der Commandeur— es war Oedenhain, nun ſchon zum drittenmal mein Feind— hielt jetzt in der Mitte des Schloß⸗ hofes, erhob ſein Schwert in die Luft, und befahl mit einem Ausbruche von Grimm gegen mich, den Reutern abzuſitzen, und uns alle hinter dem Gemaͤuer zu fahen oder niederzu⸗ hauen. Da entſtand ein nicht geringes Ge⸗ metzel, und es fielen Verwundete von beiden Seiten. Die Holzſchlaͤger mit ihren Aexten hieben wacker drein; weil aber unſer Haufen zu klein war, wurden wir bis an den Thurm zuruͤckgedraͤngt, und ſahen uns genoͤthigt, in das Innere deſſelben uns zu fluͤchten, doch geſchah dieß mit ſolcher Vorſicht, daß es kei⸗ nen von unſern Verfolgern gelang, mit uns zugleich hinein zu dringen. Die eiſerne Thuͤr, die ſich halb verroſtet am Eingange befand, wurde mit aller Gewalt an die ſteinernen Pfoſten gedraͤngt, und weil ſie nicht knapp anſchloß, ſo trugen andere hurtig Steine her⸗ 2 92 —.—O bei, deren drinnen genug umher lagen, um hinter der Thuͤr noch eine Mauer aufzufuͤhren. So wurde der Thurm feſt und unzugaͤnglich und wir ſahen wenigſtens vor der Hand unſer Leben geſichert. Ich ſtieg die alte Treppe hinauf, um aus einer Oeffnung von oben herab den Feindes⸗ haufen, und was uns ſonſt umgab, zu uͤber⸗ ſchauen. Die Kuͤraſſier waren noch immer auf dem Hofe verſammlet, doch ſchien es, daß man den Vorſatz, den innern Eingang des Schloſſes zu durchbrechen, der von den einge⸗ ſchloſſenen Bewohnern ſtark verwahrt und be⸗ feſtigt war, aufgegeben hatte, indem weiter kein Stuͤrmen und Draͤngen dahin ſichtbar wurde, und nur eine ſtarke Wache ſie ruhig von außen beſetzt hielt. Von meinen uͤbrigen Mitſtreitern erblickte ich keinen mehr, entweder hatten ſie ſich zu dem großen Hofe nach den Staͤllen gefluͤchtet, oder waren bereits als Ge⸗ fangene abgefuͤhrt worden. Auf der andern Sei⸗ te des Thurms ſah' ich eine hohe Ringmauer, — 93 — die unuͤberſteiglich war, und von hier aus zog ſich rechts ein Garten, deſſen veizende Ver⸗ ſchlingungen ich ſchon aus fruͤherer Zeit kannte. — Meine Blicke erhoben ſich darauf nach dem Altane des Schloſſes und ich bedauerte mehr als unſer Mißgeſchick den Zuſtand der Graͤfin, die ebenfalls, aber leider getrennt von uns, umringt und eingeſchloſſen war. Indem ich noch ſo in ſtiller Ueberlegung verweilte, trat ſie ploͤtzlich ſelbſt hervor und ſchimmerte in einem langen weißen Gewande mir wie ein Leitſtern heruͤber. Sie breitete mit dem Aus⸗ drucke der Wehmuth ihre Arme aus, gleich als ob ſie mich zwar willkommen hieße, aber zugleich mein Ungluͤck beklagte, und wuͤnſchte, daß ich lieber nicht erſchienen ſeyn moͤchte; doch ging die Bewegung der Haͤnde bald in Dankſagung uͤber, und indem ſie ihre Rechte von der Bruſt zum Himmel erhob, ſchwur ſie, auf das ge⸗ duldigſte auszuharren, und bat auch uns, ſtand⸗ haft zu ſeyn und groͤßern Beiſtand abzuwar⸗ ten. Ich gab ihr von meiner Seite die Ver⸗ 94 — ſicherung, ſoweit ich mich durch Bewegung der Haͤnde aus der Ferne verſtaͤndlich machen konnte, daß wir entſchloſſen waͤren, das Aeußerſte zu ertragen, und auszuͤhalten, bis die Huͤlfe von außen, die ich noch von der weiter liegenden Gegend erwarte, gekommen ſey. Drauf ging ſie zuruͤck, und auch ich ſtieg in den Thurm hinab, um mit den Uebrigen zu aͤberlegen, welche Maaßregeln wir in dieſem Zuſtande wohl ergreifen koͤnnten. In der Mitte befand ſich, in die dicken Mauern gleich⸗ ſam hinein gehoͤlt, eine Art von Zimmer mit Oeffnungen, welche mit roſtigen Eiſen ver⸗ gittert waren. Hier verſammelten wir uns zu einer Berathſchlagung. Es fragte ſich, ob wir mit Lebensmitteln verſehen und wie lange wir uns damit zu hal⸗ ten im Stande waͤren. Die Holßzſchlaͤger nah⸗ men die Kober von ihren Ruͤcken, worin der Le⸗ bensunterhalt, welchen ſie wegen der weitern Ent⸗ fernung vom Hauſe immer zu ihrem Geſchaͤft in den Wald mit zunehmen pflegten, jeden 4 . — 95 ——— auf einen ganzen Tag verſorgte, und den ſie mit den uͤbrigen zu theilen verſprachen, wobei alle mit ſo wenigem zufrieden ſeyn wollten, als hinreichend waͤre, um nur ihr Leben zu friſten. Doch da der Mundvorrath im Gan⸗ zen nur ſehr geringe befunden wurde, ſo ſann man auf neue Mittel, wie wir uns vor dem Hungertode bewahren koͤnnten. Ein ruͤſtiger Burſche aus dem Hofe bemerkte, daß uͤber uns in dem durchloͤcherten Gemaͤuer eine wilde Zucht von Tauben niſte, und er zweifelte nicht, daß uns dieſe eine Ausbeute geben wuͤrden, wir moͤchten ihnen nun die unbebruͤteten Eier oder ihre Jungen nehmen oder die alten ſelbſt einfangen. Bei dem Worte einfangen er⸗ hob ſich ein Mann in einem gruͤnen Wams, der von uns im Walde auch war mit aufge⸗ leſen und zu unſerer Unternehmung mit fort⸗ gerafft worden. Es war ein Vogelſteller, der ſein Geſchaͤft mit Leimruthen trieb, und ſelbige noch bei ſich fuͤhrte, wie er ſie zum Walde mitgenommen hatte. Derſelbe erbot ſich, hier 96 in der Naͤhe des Garten an den freien Oeff⸗ nungen, wenn wir ihn ungeſtoͤrt laſſen woll⸗ ten, mit ausgeſtellten Leimruthen von dem hin und wieder flatternden Gefluͤgel, wo moͤglich einen nicht geringen Fang zu thun, und wir uͤberließen ihn ſeinen Verſuchen. Nun gingen gleich andere, nach Holz umherzu⸗ ſpaͤhen, und auf einem Abſatze der Mauer eine Kuͤche einzurichten, und ſie fanden von dem zerbrochenen alten Gebaͤlk in der Tiefe des Thurms Splitter und Truͤmmer genug umherliegen, womit ſie die Kuͤche reichlich verſehen konnten. In dem verlaſſenen engen Zuſtande, worin wir uns nun behelfen muß⸗ ten, wurden wir erſt gewahr, wie noͤthig dieſes oder jenes zur Erhaltung des Lebeus ſey, das wir im vorigen freien Leben fuͤr nichts geachtet hatten. Dahin gehoͤrte auch das Salz und das Waſſer, und wir waren erſchrocken uͤber den Mangel daran. Indeß ich machte aufmerkſam darauf, wie die Waͤnde hie und da mit Salpeter beſchlagen waͤren, und rieth noͤthigen⸗ 97 noͤthigenfalls davon Gebrauch zu machen, was auch nachher, nicht ohne Furcht, doch mit gutem Erfolg, geſchah. Aber mit einer noch groͤßern Entdeckung uͤberraſchte uns ein anderer, der ebenfalls im Thurme umherſpaͤhete, und in einem Winkel neben mancherlei Gartenge⸗ raͤthen, wie Schaufeln, und Spaten, die der Gaͤrtner hieher zu ſtellen pflegte, auch Garten⸗ gemuͤſe und einen kleinen Vorrath von Obſt fand, das wahrſcheinlich der Kuͤhle wegen hier bei Seite geſetzt war. Somit ſahen wir uns der Furcht zu verdurſten zum Theil enthoben, und unſere Thaͤtigkeit theilte ſich nun zwiſchen der Muͤhe, uns einzurichten und der Sorge, ob die auswaͤrtige Huͤlfe auch wohl zeitig ge⸗ nug eintreffen wuͤrde; weshalb alle Augenblicke einer hinauf lief, um zu ſehen, ob uͤber das Feld oder durch den Wald keine bewaffneten Landleute kaͤmen, die aus den entfernten Doͤr⸗ fern zu unſerer Errettung herbei eilten. Aber leider ſahen wir die Umgebung ſtiller als je: weder ein Wanderer, noch ein Hirt ließ ſich III. Theil. G 93— blicken, und es ſchien, daß durch die Gewaltthaͤtig⸗ keit Oedenhains alles eingeſchuͤchtert und zuruͤck⸗ geſchreckt war. Indeß befand ſich auch wegen des großen Umfanges, welchen das Gut des Schloſſes hatte, in der halb wuͤſten waldigen Gegend weit und breit kein Dorf, das uns ſobald haͤtte Beiſtand ſenden koͤnnen; wir mußten mit der allmaͤhligen Verbreitung der Nachricht von unſerm Ungluͤck den Troſt der folgenden Tage abwarten.— Unterdeß fing unſere Thurmcolonie immer mehr an, ſich ein⸗ zurichten und nach der getroffenen Anordnung ihre Kraͤfte und Muͤhe unter ſich zu vertheilen, ſo daß ſich auf der einſamen Hoͤhe, wie auf einer Inſel, eine Art von buͤrgerlicher oder haͤuslicher Verfaſſung bildete. Ein Theil be⸗ ſorgte die Feurung, ein anderer das Kochen, und man fand fuͤr jedes Amt bald den Ge⸗ ſchickteſſen heraus. Die blechernen Trink⸗ flaſchen der Holzſchlaͤger mußten zu Toͤpfen und ein vom Regen ausgehoͤhlter Stein zum Tiegel dienen. Der flinke Burſche aus dem 99 — Hofe holte ein Paar junge Tauben unter dem Dache hervor, andere berupften ſte, und wie⸗ der andere ſuchten das Gemuͤſe zu reinigen und zum Kochen in den Stand zu ſetzen. Des Nachts wurde eine Wache angeordnet, die auf alles, was ſich in der Naͤhe begeben moͤchte, Acht haben mußte. Doch blieb die Befriedigung des Hungers und Durſtes ſehr mangelhaft, und alle Augen⸗ blicke wurde etwas vermißt, das zum Leben unentbehrlich ſchien. So war es an und fuͤr ſich ſchon ein trauriger Umſtand, daß wir nicht die Kleider wechſeln konnten und auch Nachts auf einem harten Lager mehr Unge⸗ mach als Ruhe fanden. Dem ſuchten wir indeß dadurch abzuhelfen, daß wir, am Feuer ſitzend, uns zuweilen am Tage faſt ganz ent⸗ kleideten und durch Luft und Waͤrme unſerm Koͤrper mehr Pflege verſchafften. Da Stund' an Stunde verging, und wir noch immer keine Streiter uns zu Huͤlfe kom⸗ men ſahen, ſo wurden wir endlich fuͤr unſere G 2 100 Sicherheit und fuͤr unſer nur elend gefriſtetes Leben ſo beſorgt, daß wir ſchon glaubten, uns auf Gnade oder Ungnade ergeben zu muͤſſen, als der Bericht der Nachtwache am Morgen mich auf einen neuen Gedanken brachte. Der Waͤchter zeigte naͤmlich an, daß er um Mitter⸗ nacht bei allgemeiner Stille vor dem Eingange unſers Thurms ein Geraͤuſch vernommen haͤtte, das dem Graben und Schaufeln eines Todten⸗ graͤbers aͤhnlich waͤre, wenn derſelbe ein Grab macht. Wir wußten anfangs nicht, was dieß zu bedeuten haben moͤchte. Mit der groͤßten Sorgfalt ſpaͤheten wir vom Thurm auf die Stelle herunter, woher das Geraͤuſch gekom⸗ men ſeyn ſollte, aber wir konnten keine Ver⸗ aͤnderung daran gewahr werden, indem ſie flach und begruͤnt war, wie ſonſt. Da dachte ich, wie? wenn des Feindes Abſicht waͤre, uns unter der Erde anzugreifen und ſich in den Thurm hineinzugraben? Was wir von ih nen fuͤrchteten, konnten wir ja eben ſo gut ſelbſt ausfuͤhren, und da die Ringmauer 101 —— der Burg auf der einen Seite nicht weit ent⸗ fernt war, ſo hielt ich das Unternehmen fuͤr moͤglich, und gab ſogleich Befehl, Hand an⸗ zulegen, um einen unterirdiſchen Gang zu graben, der uns außerhalb der Ringmauer in Freiheit ſetzen koͤnnte. Alle bezeigten dieſem Gedanken den groͤßten Beifall, und jeder ſtellte ſich ungeſaͤumt zur Arbeit, um auch keinen Augenblick unbenutzt vorbeiſtreichen zu laſſen, denn es kam jetzt drauf an, ob wir eher verhungern, oder uns fruͤher durch die Erde graben wuͤrden. An Geraͤthſchaften da⸗ zu fehlte es uns nicht, denn die Holzſchlaͤger hatten nicht allein ihre Aexte bei ſich, ſondern es fanden ſich auch, wie gemeldet, die Schaufeln und Spaten des Gaͤrtners im Thurm, und keine einzige Kriegswaffe war uͤberdieß zum Graben, zum Aufbrechen, zum Wegraͤumen der Steine u. ſ. w. untauglich, denn alles, was die Menſchen zu ergreifen pflegen, um ſich einander zu verderben, kann auch eben ſo gut dienen, Schloͤſſer zu zerſtoͤren und 102 —-— Mauern zu durchbrechen. Bald war auch durch die Schaufeln und Hacken ein tiefer Grund gegraben, und nun ging es ſeitwaͤrts in gerader Richtung fort, zunaͤchſt durch die Thurmmauer, deren Durchbrechung uns einige Muͤhe koſtete, dann mit mehrerer Leichtigkeit durch den lockern Boden. Dabei war die Arbeit ſo vertheilt, daß keiner vom andern gehindert oder ſelbſt von Schwierigkeiten uͤber⸗ haͤuft wurde. Was die vordern losbrachen und lockerten, das ſchafften die andern hinter ihnen zu dem groͤßern Raume weiter, und dann traten dieſe wieder an die Stelle jener, damit keiner von einerlei Anſtrengung zu fruͤh ermuͤden moͤchte. Des Nachts aber ließ ich ruhn, theils um der noͤthigen Erholung willen, theils, damit in der Stille von unſerm Unter⸗ nehmen außer dem Thurme kein Geraͤuſch moͤchte wahrgenommen werden. Statt deſſen lauſchte die Nachtwache auf das Vorhaben unſers Feindes, aber es wurde vor dem Ein⸗ gang des Thurms keine Regung von Schaufeln 103 weiter bemerkt, woraus wir ſchloſſen, daß die Feinde ihr Vorhaben wieder aufgegeben haben muͤßten. Bald darauf aber ereignete ſich etwas Neues, Außerordentliches. Am folgen⸗ den Tage naͤmlich, als die Arbeit ruͤſtig weiter vorwaͤrts ging, und ich eben auf der Warte ſtand, um nach Huͤlfe oder aͤußerer Gefahr umher zu ſpaͤhen, kam einer von den Arbeitern hinauf gelaufen, und ſagte: ach! kommen Sie herunter, Prinz, es hat ſich ein ganz beſon⸗ derer Umſtand zugetragen, der uns alle nicht wenig in Schrecken ſetzt; uͤber uns iſt ein Sarg herabgeſtuͤrzt, worin eine kriegeriſche Leiche liegt. Anfangs ſahen die Breter uͤber uns nur wenig aus der Decke hervor, da wir uns aber nach oben mehr Raum verſchaffen wollten und noch mehr Erde wegnahmen, ſiel der Sarg ganz hinunter, der Deckel blieb oben ſitzen, und wir ſahen einen Krieger in der vollen Ruͤſtung vor uns liegen. Es ſcheint nach der Uniform ein Officier oder Rittmeiſter zu ſeyn; kommen Sie doch und ſehen Sie 104 —— ſelbſt. Wir wagen nicht eher, ihn anzuruͤhren, bis Sie ihn in Augenſchein genommen. Alle ſtehen mit den Aexten umher und leuchten hinzu mit den Braͤnden.— Mit ahnungs⸗ voller Neugier ſtieg ich auf dieſe Nachricht ſogleich in den Thurm hinunter, und folgte durch den unterirdiſchen Gang bis zur erleuchte⸗ ten Stelle, wo der Todte offen und baar vor mir lag. Ich erblickte die Geſtalt eines Officiers, die ſchon nahe daran war, in Staub zu zerfallen, und ſich nur noch an den Klei⸗ dern einigermaaßen erkennen ließ. Ich hielt ihn ebenfalls fuͤr einen Rittmeiſter und zwar vom Leibdragoner Regimente des Koͤnigs, und um mich naͤher von ſeiner Perſon und von der Wuͤrde, die er im Leben bekleidet hatte, zu unterrichten, betrachtete ich alles genau, was um und neben ihm lag. Da fand ich auch ein breites ſchoͤnes Schwert, das, noch wenig beroſtet, im Lichte des Feuers wieder er⸗ glänzte, und mich anfzufordern ſchien, ſeiner zum Kampfe mich zu bedienen. Seht! ſagte ——— 105 — ich zu den Mitſtreitern, die Todten gehen aus ihren Graͤbern hervor, um meine Hand zu bewaffnen; noch war ich ohne Klinge oder Degen, nun habe ich ein Schwert, wie es der beſte Krieger ſich nur wuͤnſchen kann. Mit ihm will ich fuͤr unſer Leben feechten. Erkennet darin den Beiſtand Gottes und faſſet Muth.— Als ich aber an das Licht des Tages ging, es naͤher zu beſchauen, da ſtieg mein freudiges Erſtaunen noch hoͤher, denn ich wurde oben nahe am Schafte einige einge⸗ praͤgte Buchſtaben gewahr, die den Namen des vorigen Beſitzers zu enthalten ſchienen: Ich wiſchte den Roſt hinweg und las— Carl v. Sternfels.— Iſt es moͤglich! rief ich aus, welche Wunderzeichen! Sternfels hieß der Freund meiner Mutter, der auch dann, als ſie ſeine Liebe verſchmaͤhte, noch alles an⸗ wandte, ſie zu retten, und mit einem Haufen Drajoner dem Raubzuge nachſetzte, um dem feindſeligen Oedenhain ſeine koſtbare Beute zu entreißen. Er kaͤmpfte mit ihm, ſiel aber 106 —-— zum großen Schrecken und zum ewigen Schmerz meiner Mutter unter den Gewalt⸗ ſtreichen ſeines Feindes. Da er ein Freund der Graͤfin und von ihrer Parthei war, ſo hielt man es wahrſcheinlich fuͤr das beſte, ſeinen Leichnam auf ihr unfern gelegenes Gut zu bringen, und ihn in der Abweſenheit der Graͤfin hier auf altritterlichem Begraͤbnißplatze zu beerdigen. Oedenhain, ſprach ich frohlockend zu mir ſelbſt, die Stunde der Rache iſt ge⸗ kommen, denn deines Feindes Grab hat ſich aufgethan, um das blutige Schwert gegen dich zu erheben.— Ich brannte vor Begierde, mich ihm gegenuͤber zum Kampfe zu ſtellen, und trieb die Arbeiter immer eifriger an, ihr Werk zu beſchleunigen. Das Schwert aber reinigte ich ſorgfaͤltig von allem Roſte, und glaͤttete es ſo, daß es bald wie ein Spiegel glaͤnzte, und auch an Schaͤrfe der ſchoͤnſten Klinge nichts nachgab. Unterdeß ruͤckte leider der Mundvorrath immer mehr zuſammen, und die Leute, die — 107 —— bei der muͤhſamen Anſtrengung nicht mehr ihren Hunger ſtillen konnten, wurden immer ſtiller, und, wie es ſchien, muthloſer. Jeder ſah den andern elend zuſammenſchwinden, und verhehlte ſelbſt das Gefuͤhl der Ohnmacht, das er auf dem Geſichte des andern las. Ich fuͤrchtete, daß endlich ihre Sehnen ganz er⸗ ſchlaffen und ſie neben der Schaufel ſich hin⸗ ſtrecken wuͤrden, um ſich dem Todesſchlummer zu uͤbergeben. Deshalb ergriff ich zu ihrer Ermunterung ſelbſt ein Werkzeug, und ſtellte mich voran, indem ich gewiß glaubte, daß der Ausgang nicht mehr fern ſeyn koͤnnte. Kaum war ich auch mit dem Spaten einen Schritt weiter vorgedrungen, als ich auf et⸗ was hartes ſtieß, daß den Fortgang der Arbeit voͤllig zu hemmen ſchien; die Arbeiter warfen ihre Schaufeln aus der Hand und ſtießen wehklagend Worte der Verzweiflung aus. Aber ich frohlockte und rief, daß eben jetzt unſere Erloͤſung nahe, indem dieß nichts an⸗ ders als die Ringmauer des Schloſſes ſeyn 108 — koͤnne, alſo das letzte Hinderniß, das wir noch zu uͤberwinden hatten. Da griffen alle wieder muthig ans Werk, die Holzhauer holten ihre Aexte herbei, um einen Stein nach dem andern loszubrechen, und es waͤhrte keine Stunde, ſo fiel ein ſchwacher Tagesſchimmer in unſere Kummerhoͤhle. Jetzt befahl ich, inne zu halten, und erſt die rechte Zeit und Ge⸗ legenheit abzuwarten, wo wir hervortreten koͤnnten. Es war gegen Abend, wir gingen hinauf zum Thurme, um Acht zu haben, ob Feinde in der Naͤhe waͤren, die uns den Weg aufs neue verſperren moͤchten; aber wir be⸗ merkten, daß jene Seite wegen der hohen Ringmauer, die uns ſelbſt bewachen und ver⸗ wahren ſollte, fortwaͤhrend frei und unbeſetzt blieb. Es wollte zwar ein ſehr ſcharfes Auge in einer tiefen Waldesſchlucht eine Bewegung wie von wandernden Menſchen verſpuͤren, doch blieb man daruͤber in Ungewißheit. Ich ließ alſo die Leute ſich ganz ruhig verhalten, bis die Nacht voͤllig hereingebrochen und der 5 —— 109 groͤßte Theil unſrer Feinde in der Gewalt des Schlafes war. Wir trugen noch das uͤbrige Holz zu einem froͤhlichen Feuer zuſammen, ſetzten uns umher und verzehrten das letzte, was wir noch hatten. Und indem alle ſo ruhig ſaßen, und in ſtiller Freude uͤber ihre nahe Errettung ihre Haͤnde falteten, erhob der Aelteſte von ihnen mit ſchwacher Stimme ein frommes Danklied, und die andern ſtimm⸗ ten in gedaͤmpften Toͤnen mit ein, ſo daß in dem Thurm bei Nacht ein eigener dumpf verhallender Geſang entſtand, der mit ſeltener Nuͤhrung mein Herz erſchuͤtterte.— Als aber die ganze Gegend im Schlaf begraben lag, und nur noch das große Licht im Schloßhofe brannte, nahm ein jeder ſeine Waffe in die Hand, und folgte mir, der ich das Schwert trug, zum Ausgange der Hoͤhle. Zwei leuch⸗ teten mit Feuerbraͤnden, und mit weniger Anſtrengung ſtießen wir die letzten Steine hinaus, ſo daß wir nun Raum genug hatten, zu entſchluͤpfen. Auf dieſer Seite lag ein 110 —- tlefer Weg, und wegen der Abſchuͤſſigkeit des Berges reichten wir mit Vorſtreckung der Waffen uns einander die Hand, um den ſteilen Abhang nicht hinabzuſtuͤrzen. Wir hielten treu an einander und keiner langte unten fruͤher an, der nicht noch die Hand ſeines Freundes hielt oder ſeinen Fußtritt leitete. So befanden wir uns denn alle wohl⸗ behalten im ſichern Grunde, und klimuten nun den weniger ſteilen Berg hinan, der uns gegenuͤber lag, und oberhalb in einen dichten Wald fuͤhrte. Dahin retteten wir uns. Wir dachten darauf bis zu einem Dorfe fortzu⸗ wandern, wo wir die Menſchen um Huͤlfe und Beiſtand gegen die Graͤfin anrufen woll⸗ ten; aber ein Geraͤuſch erſchreckte uns und hemmte ploͤtzlich unſere Schritte. Es war ein ſummendes Getoͤſe, das zwar Menſchen⸗ ſtimmen glich, aber doch keinen einzelnen Laut beſtimmt vernehmen ließ, ganz, wie es zu ſeyn pflegt, wenn man ſich von fern allmaͤhlig einem Kriegslager nahet. Indeß— das 111 — dumpfe Gemurmel ſchien nicht weit von uns zu entſtehen, und wir wagten noch einige Schritte, um von ſeiner Beſchaffenheit uns naͤher zu uͤberzeugen. Da wurden wir ge⸗ wahr, daß es aus einem Gebaͤude kam, das nicht weit vor uns lag, und bald fuͤr die Feldſcheune des Foͤrſters erkannt wurde. Wir hoͤrten jetzt deutlich, wie eine Stimme allge⸗ meine Stille gebot und befahl, ſich in Reih und Elied zu ſtellen. Es iſt kein gutes Zei⸗ chen, ſagte einer unter ihnen, die Flamme im Thurme iſt erloſchen, wir werden zu ſpaͤt kommen.— Jemand an der Thuͤr hielt eine Laterne und rief auf unſer Geraͤuſch: Werda! Es war der Kuͤſter von Schlangenfeld, der mich auf meinem Wege nach Scharnhorſt ge⸗ leitet hatte. Eine große Anzahl bewaffneter Bauern, die heimlich auf dielen Umwegen ſich durch den Wald hieher geſchlichen hatten, erfuͤllten die Scheuer und ruͤſteten ſich eben zum Aufbruche. Der Kuͤſter rief ihnen nun laut zu: Muth und Heil! da iſt er ſelbſt, 112 —— der Prinz,— und ich trat in ihre Mitte. Da wollten alle das Haupt entbloͤßen, aber ich ſagte ihnen, daß ſich das fuͤr Krieger nicht ſchicke, und lobte ihre Bereitwilligkeit mir zu dienen. Die Graͤſin zu befreien, bin ich hier, ſetzte ich hinzu; wenn unſere Abſicht erreicht iſt, dann moͤget ihr in Gottes Namen wieder in eure friedlichen Huͤtten zuruͤckkehren.— Nun begruͤßten ſich meine Gefaͤhrten aus dem Thurme und die Bauern mit vieler Freude, und wer etwas zur Erquickung bei ſich hatte, der gab es her.— Schon laͤngſt, wie wir hoͤrten, waͤren die guten Leute uns zu Huͤlfe geeilt, wenn nicht ſorgfaͤltig alle Wege von Cavallerie beſetzt gehalten, und alle Zuſammen⸗ rottirungen ſtets verhindert und verſcheucht worden waͤren. Jetzt hatten ſie nach einer heimlichen Verabredung ſich einzeln, und von einer andern Seite her dem Schloſſe genaͤhert/ und ſie ſagten, der helle Schein auf dem Thurme haͤtte ihnen zum Leitfeuer gedient und waͤre ihnen immer ein ermunternder Anblick geweſen, ———— 113 ——— geweſen, bis nach Mitternacht das Erloͤſchen des Lichts ſie ſehr niedergeſchlagen haͤtte, in⸗ dem ſchon vorher ein Geruͤcht ihnen verkuͤndet: die Leute im Thurme muͤßten vor Hunger ſterben, und man ſaͤhe ſie oben nur noch wie Schatten ſchweben. Mit jeder Stunde vergroͤßerte ſich die Schaar durch die von andern Doͤrfern herbei Eilenden, die jenen das Wort gegeben hatten, und nach getroffener Anordnung ſtellte ich mich an ihre Spitze und marſchirte mit dem Anbruche des Tages auf das Schloß zu. Die Holzhauer mit ihren Aexten bildeten eine ei⸗ gene Abtheilung, und ſchritten den uͤbrigen, die ſich mit Heugabeln, Spießen und Stan⸗ gen bewaffnet hatten, voran. Oedenhain mochte aber bald Nachricht von uns bekommen haben, oder das Verloͤſchen der Flamme auf dem Thurme hatte ihn auf⸗ merkſam gemacht; denn wie wir den Wald⸗ berg hinabzogen„ fanden wir ihn mit ſeiner Mannſchaft ſchon im Weggrunde aufgeſtellt, III. Theil. H 114 —— wo er auf uns lauerte. Wir machten alſo gleich Halt und blieben an dem Rande des Berges in geſchloſſenen Reihen ſtehen. Bei dem Anblicke der Leute vor und hinter mir ſchmerzte es mich, daß ich doch nun Urſache werden ſollte von Niedermetzelungen und Ver⸗ ſtuͤmmelungen, und ich uͤberlegte, ob ich durch friedliche Vorſchlaͤge das Ungluͤck nicht noch abwenden koͤnnte. Indem ritt Oedenhain nahe heran und ſtieß ein Fluchwort gegen mich aus; gern haͤtte er auch gleich zum An⸗ griffe kommandirt, wenn der Boden, worauf wir ſtanden, fuͤr die Cavallerie guͤnſtiger ge⸗ weſen waͤre. Komm herab, du Betruͤger, rief er mir zu, daß mein Schwert dich lehre, welche Strafe dir gebuͤhrt. In den Staub ſollſt du dich kruͤmmen, unter meine Fuͤße. Zu Pulver will ich dich zermalmen, und dich zertreten, daß auch kein Staͤubchen von dir entkommen ſoll.— Und ihr Dummrkoͤpfe, was bildet ihr euch ein, einen Prinzen zu ſehen, er ſtammt von Raͤubern her, iſt ein Rebell. —- 113 —— Darauf erwiederte ich: duͤnkt es euch ſo leicht, uns zu zermalmen, wozu die drohen⸗ den Schimpfworte? Nehmt euch aber wohl in Acht, daß nicht derſelbe Fluch auf euren Nacken zuruͤckkehre. Schaut euch um, be⸗ trachtet euren kleinen Haufen gegen die große Schaar„ die gegen euch hier bewaffnet ſteht. Das ganze Land erhebt ſich wider euch, wo werdet ihr dann Haͤnde genug haben, uns zu zermalmen, und Fuͤße uns zu zertreten! Da⸗ mit ihr aber ſehet, wie ſehr ich den Namen Rebell verabſcheue, ſo thue ich euch einen Vorſchlag: gebt die Graͤfin frei und liefert ſie in unſern Schutz, ſo will ich die bewaffnete Schaar wieder aus einander gehen heißen, und auch ihr moͤget eure Straße ziehn. Hal entgegnete er darauf, du Nichtswuͤr⸗ diger, was unterſtehſt du dich, mit mir zu 1 unterhandeln! Es ziemte ſich auch wohl, daß ich mit Rebellen Vertraͤge ſchloͤſſe! Die Graͤfin iſt mir gewiß, und du, elender Huͤttenprinz, ſollſt ſie mir nicht entreißen. Meinem Schwerdte H 2 116 —— duͤſtet es nach deinem Fleiſche, und es wird nicht eher ruhen, als bis es dein Blut ge⸗ trunken hat.— Indem er dieſes ſprach, hat⸗ ten ſich auch von der andern Seite bewaffnete Haufen eingefunden, und er ſah ſich im tiefen Grunde faſt ganz eingeſchloſſen, ſo daß man bei ſeinen Leuten bald Beſorgniß auf allen Geſichtern las.— Wenn denn wirklich, be⸗ gann ich jetzt, dein Verlangen nach mir ſo groß iſt, wohlan! ich will deiner Begier zu Huͤlfe kommen. Wozu ſollen dieſe ſich mor⸗ den und toͤdten, und eine ganze Provinz zum Aufruhr entflammen? Ich erbiete mich, dir ritterlich mich zu ſtellen. Laßt uns als ehr⸗ liebende Maͤnner mit einander unſere Sache verfechten, und beide Schaaren moͤgen Zeuge ſeyn, von der furchtloſen Tapferkeit, womit wir uns gegenſeitig Achtung einfloͤßen. Hier⸗ auf verhoͤhnte er mich aufs neue, und meinte, daß ein ſolches Gefecht ihm wenig Ehre brin⸗ gen koͤnne; dieſer Hohn kehrte aber wie ein Echo gleich zu ihm zuruͤck, indem von den 117 —- Bergen her ein Lachen erſcholl und viele Stim⸗ men riefen: Seht doch den feigen Menſchen, er will lieber als ein Schlaͤchter uns zerhauen, denn ſich tapfer wehren als ein Soldat.— Wie dieſes hoͤhnende Getuͤmmel ſich immer mehr verbreitete und jeder ſeinen Witz uͤbte an dem unſinnig ergrimmten Krieger, ſo fin⸗ gen auch ſeine eigenen Leute an zu murren, und ein junger Cornet ritt an ihn heran, mit ihm einige Worte leiſe zu reden. Mochte nun deſſen Vorſtellung wirken, indem er vielleicht von ihm fuͤr ſeine Tapfer⸗ keit in der Reſidenz ein ſchlimmes Zeugniß fuͤrchtete, oder mochte er einſehen, daß die aͤußerſte Gefahr ihn draͤnge, und daß er durch einen Zweikampf derſelben noch am ſicherſten entkommen koͤnnte—, genug, er ſprang vom Pferde und ſagte: Euch Memmen zu zeigen, wie man ſolchen frechen Menſchen zuͤchtigen muß, will ich mich ſtellen und einmal ſtatt Eurer fechten; es iſt gleich viel doch, ob er ſo ſtirbt oder auf eine andere Weiſe.. 118 — Jetzt wollten mich einige von meinen Leu⸗ ten zuruͤckhalten, indem ſie es thoͤricht nannten, mit einem tollen Menſchen zu fechten, den man ſchon ſo gut wie in ſeiner Gewalt habe; aber vertrauend auf meine gerechte Sache und auf mein Schwert, und aus Ruͤckſicht gegen das viele Unheil, das ich durch dieß Wagniß verhuͤten konnte, wand ich mich los, trat hinab und ſagte: hier ſteh' ich! bedenkt wohl, daß aller Augen auf uns ſehen, und daß es meinem Tode nicht an Raͤchern fehlen wuͤrde, wenn Ihr unredlich und falſch gegen mich verfahren wolltet. Euch alle rufe ich zu Zeu⸗ gen an; wer auch von der Hand des andern falle, mit dieſem Gefecht ſoll die ganze Fehde enden, und jeder friedlich in ſeine Heimath zuruͤckkehren. Da hoben die Reiter ſowohl als die auf den Bergen ihre Haͤnde empor und riefen: ja, ſo ſoll es ſeyn!— Ein alter aus⸗ gedienter Soldat, der ſich unter den Meini⸗ gen befand, trat zu meinem Schutz hinter mich, und zu Oedenhain geſellte ſich der 119 ———— Cornet, um freventlichen Mord zu verhuͤten. — Hierauf nahm der Zweikampf ſeinen An⸗ fang. Ein Gedanke beunruhigte mich ſogleich, der von meiner Gerechtigkeitsliebe zeugen mag: ich bemerkte naͤmlich, wie wir an Jahren ſo ungleich waͤren, und daß meine Jugend mir uͤber meinen Gegner, der ſchon in einem ge⸗ ſetzten Alter und dabei etwas ſtark von Koͤr⸗ per war, wohl ein unbilliges Uebergewicht geben koͤnnte; doch die Noth befahl jetzt, dieß Gefuͤhl zu unterdruͤcken, und ich focht mit großer Vor⸗ ſicht nach allen Regeln der Kunſt, wie ich es einſt bei meinem Oheim gelernt hatte. Ich begnuͤgte mich anfangs damit, die Hiebe, die er mit mehr als maͤnnlichem Feuer auf mich richtete, von mir unſchaͤdlich abzuleiten, bis die Kraͤſte meines Arms nachzulaſſen ſchienen, und mir fuͤr den Ausgang bange wurde. Ich uͤbergab mich alſo jetzt ganz meiner Liſt und meiner Klugheit, und brachte meine Finten in Ausuͤbung, worin ich, vielleicht meinem Charakter gemaͤß, am meiſten geſchickt war. 120 —ℳ— Ueberdieß hatte ich beim Fechten die Bemerkung gemacht, daß jeder mit einem beſondern Scharf⸗ blick an den Augen des andern gewahr wird, wohin derſelbe ſeinen naͤchſten Schlag richtet, und bei keiner Sache wirkt der Blitz der Augen ſo fein und ſo ſchnell, als in einem ſo nahen, regelmaͤßigen Kampfe. Ich ließ alſo, mit einer erworbenen Fertigkeit, meine Augen betruͤgliche Blicke thun, um dadurch die Maaßregel des andern irre zu lenken. So geſchah es, daß ich links eine Bloͤße zu geben ſchien, und dahin ſeine Aufmerkſamkeit zog, waͤhrend ich rechts mit einem ſchnellen Kraft⸗ hiebe ihn uͤberraſchte. Durch die ploͤtzliche Biegung des Koͤrpers aber entſtand dort, wo⸗ hin er mit dem Schwerte hieb, eine große Luͤcke, und ich traf ihn auf der entgegenge⸗ ſetzten Seite, waͤhrend ſein Schwert leer durch die Luft ſuhr. Die Schnelligkeit, wo⸗ mit dieß geſchah, hatte meiner Hand ein ſol⸗ ches Gewicht gegeben, daß meine Klinge tief in ſeine Bruſt eindrang, waͤhrend die Waſſe ——yõ—n 121 —— in ſeiner Hand mit der Flaͤche auf einen bei Seite liegenden harten Felsſtein traf, und daran zerſchellte. In demſelben Augenblicke, als das Blut aus ſeiner Wunde ſtroͤmte, lag auch ſein Schwert zerbrochen zu ſeinen Fuͤßen, und der Himmel hatte gerichtet. Alles Volk auf den Bergen erhob ein lautes Jauchzen, ſeine Leute aber machten ſich auf der Stelle davon, um ſich bei Zeiten dem Hohngelaͤchter und den Gefahren zu entziehen. Nur der Cornet blieb bei dem Sinkenden, und theilte mit mir die Sorge, die dem Sterbenden ge⸗ buͤhrte. Alle Huͤlfe war vergebens und ſein gebrochenes Auge verkuͤndete den nahen Tod. Oedenhain, ſagte ich jetzt zu ihm, verzeihet, und erkennt die Hand des Raͤchers. Euer Schwert, womit Ihr einſt meine Mutter ins Elend getrieben, womit Ihr ihren Freund getödtet habt, liegt dort in Stuͤcken, und das Schwert des gefallenen Sternfels lebt da⸗ fuͤr ſiegreich in meiner Hand. Es iſt aus ſeinem Grabe auferſtanden, um an Euch den 122 ——— Tod jenes Edeln zu raͤchen. Das Unrecht iſt abgebuͤßt, friedlich moͤget Ihr nun zu Eu⸗ rem Urſprunge zuruͤckkehren.— Noch einmal richtete er ſeinen Blick zu mir empor und ſchloß dann ſein Auge auf immer. Nun eilte ich zum Schloſſe hinauf, und alle Landleute folgten mir frohlockend. Die Wachen waren verſchwunden, und Stimmen von außen und von innen riefen ſich einander zu, daß jeder von ſeiner Seite helfen moͤchte, den geſperrten Eingang zu durchbrechen. Das gelang ſehr bald, und ich flog dann frei hin⸗ auf zu den Zimmern der Graͤfin. Da kam ſie mir in bleicher Geſtalt mit offnen Armen entgegen, und, vielmals mir fuͤr die Errettung dankend, nannte ſie mich ihren Freund, ihren Beſchuͤtzer. Auch ſie hatte mit den Ihrigen ſchon an manchen Beduͤrfniſſen Mangel gelit⸗ ten, aber alles willig tragend, den Mitleiden⸗ den ſtets Muth eingeſprochen, und am meiſten fuͤr mich gezittert und fuͤr meine Erhaltung zum Himmel gefleht. Jetzt trat ſie auf den 123 —-—— Balkon hinaus, um auch dem Volke zu dan⸗ ken. Da brachten ſie die Leiche. Wo wollt Ihr ihn begraben? rief ich hinab; und die Traͤger, Leute der Graͤfin, erwiderten: er hat ſich ſelbſt ſchon ſein Grab gegraben; vor der Thuͤre des Thurms iſt eine breite Grube, die er machen ließ fuͤr die Eingeſperrten, daß ſie hineinſtuͤrzen moͤchten, wenn ſie bei naͤcht⸗ licher Weile aus dem Thurme entrinnen woll⸗ ten. Er hielt ſie oben mit gruͤnen Reiſern und Gras bedeckt, daß niemand vom Thurme ſie bemerken ſollte. In dieſes Grab wollen wir jetzt ihn legen; es gehoͤrt ihm zu eigen.— Dieſes vernehmend ſchanderte die Graͤfin vom Anblick der Leiche zuruͤck, und die Hand der Gerechtigkeit erkennend, wandte ſie ſich weg von der jauchzenden Menge, die nun in lau⸗ ten Freudenruf ausbrach uͤber ihre Errettung. Viele kamen, ihr Gluͤck zu wuͤnſchen, und warfen ſich zu ihren Fuͤßen. Darauf ließ ſie das Volk in den Seiten⸗ hallen des Schloſſes ſich verſammeln, und . 124 —— Wein aus ihren Kellern bringen, um es dank⸗ bar zu erquicken. Von außen aber brachte man viele Geſcheuke an Speiſen und mancher⸗ lei Fruͤchten, und wie in einem lebendigen Koͤrper, nach einer Hemmung, die Kraͤfte wie⸗ der allmaͤhlig zu einander uͤberſtroͤmen, und ſich wohlthaͤtig beruͤhren, ſo fing auch jetzt die Ordnung des Schloſſes wieder an, ſich nach und nach froͤhlich zu beleben; doch, weil wir wohl einſahen, daß in Ruͤckſicht des be⸗ leidigten Hofes nun kein ſicherer Aufenthalt hier weiter fuͤr uns zu hoffen ſey, ſo ließ die Graͤfin gleich Anſtalt zu unſerer Abreiſe treffen, und mit einem kleinen Gefolge von ihren eige⸗ nen Leuten, die bewaffnet ihren Wagen be⸗ gleiten mußten, begaben wir uns den andern Morgen auf den Weg, um das vaterlaͤndiſche Reich ganz zu verlaſſen. Die Landleute aber kehrten in ihre friedlichen Wohnungen zuruͤck. 8 —— 125 ——— Achtes Capitel. Fluchr. Nach allem, was ich der Graͤfin uͤber mein Schickſal in der Reſidenz mitgetheilt hatte, mußten wir ſchließen, daß allein das, mir im Gefaͤngniſſe abgenommene Empfehlungsſchrei⸗ ben an ihren Bruder, an den Maaßregeln Schuld ſey, die man gegen ſie ergriffen; oder vielmehr, ich klagte mich ſelbſt der Unvorſichtigkeit an, daß ich jenes Schreiben nicht gleich verborgen oder ganz vernichtet hatte, und wenn ſie jetzt traurig neben mir im Wagen ſaß, ſo glaubte ich immer, daß ſie auf mich zuͤrne. Da ſie merkte, wie ihr Schweigen mich in Unruhe ſetzte, zwang ſie ſich zur Heiterkeit und ver⸗ ſicherte, daß es mit der Verbannung weiter nichts auf ſich habe. Ihr Bruder in der Reſidenz verſtehe die ſeltene Kunſt, dadurch, daß er dem Anſcheine nach auf allen Einfluß Verzicht leiſte, und bei kleinen Angelegen⸗ 126 heiten jedem, von welcher Parthei er auch ſey, ſich gefaͤllig beweiſe, ſich das Zutrauen und die Freundſchaft aller zu erhalten, und es fiele kein Streit, keine Mißhelligkeit vor, die eine Aufklaͤrung oder Ausgleichung zulaſſe, bei welcher er nicht als Vermittler gebraucht wuͤrde. Und da er nun meinen Brief, fuhr ſie fort, gar nicht erhalten hat, in welchem uͤberdieß nichts zu ſeinem Nachtheil geſagt iſt, ſo zweifle ich nicht, daß er bald die entſtandene Meinung uͤber mich verbeſſern und gelegentlich auch meine Zuruͤckberufung bewirken wird. Freilich waͤre dieß alles nicht entſtanden, wenn Sie in Abſicht der Leichenfeier weniger neugierieg und im Gebrauch des Schutzbildes behutſamer geweſen waͤren„ oder ſich deſſen lieber ganz enthalten haͤtten.* Dadurch iſt unſer Plan geſtört und Ihre Ausſicht aufs neue verdunkelt; indeß noch duͤrfen wir hoffen. Das Volk iſt, wie wir ge⸗ ſehen haben, auf Ihrer Seite, Ihre Perſon hat durch dieſen Auftritt noch mehr an Be⸗ — 127 —— deutung gewonnen, und die Koͤnigin Mutter wird wohl merken, daß Sie nicht ſo leicht unter⸗ druͤckt oder uͤberſehen werden koͤnnen. Jetzt gehen wir an die auswaͤrtigen Hoͤfe, wo ich nicht unbekannt bin, noch unwillkommen ſeyn werde, und die neuen Verhaͤltniſſe, in welche ich Sie fuͤhren will, koͤnnen immer auch et⸗ was zu Ihrem kuͤnftigen Gluͤcke beitragen. Mein kuͤnftiges Gluͤck! ſagte ich, darf ich dabei an Clementinen denken? o beſte, guͤtig⸗ ſte Graͤfin, enthuͤllen Sie das Raͤthſel, ver⸗ ſchweigen Sie mir ihre Abkunft nicht laͤnger, wer iſt ſie, wo iſt ihre vaͤterliche Heimath und was kann ich fuͤr ſie thun? Bei ſolchen Schickſalen, erwiderte ſie darauf mit Ernſt, ziemt Ihnen dieſe Frage nicht. Streben Sie nur erſt ſelbſt Ihrer vaͤterlichen Abkunft werth zu ſeyn, dann koͤnnen Sie auch hoffen, einſt der Schwelle Clementinens nahen zu duͤrfen. Nach dieſem Verweiſe erlaubte ich mir kein einziges Wort mehr uͤber ſie, und ſaß lange traurig in tiefem Nachdenken; doch die 128 Graͤfin faßte bald darauf meiue Hand und ſagte troͤſtend: Sie ſehen ja, daß ich es gut mit Ihnen meine, daß ich alle Ihre Sorgen mit ihnen theile, daß ich mich ſo emſig fuͤr Sie bemuͤhe, mich ſo bereitwillig fuͤr ſie in Gefahr ſetze, als haͤtte der Himmel in Ihnen mir einen Sohn geſchenkt—; alſo erheben Sie den Muth und fahren Sie fort zu hoffen. Ich war aufs neue beſchaͤmt, und nur in Abſicht meiner Mutter aͤußerte ich noch Be⸗ ſorgniſſe; doch auch hieruͤber beruhigte mich die Graͤfin, indem ſie mir verſprach, ihr mit ſicherer Gelegenheit naͤchſtens uͤber mein Schick⸗ ſal Nachricht zu ertheilen.— Es iſt ohnehin ſchon gewoͤhnlich auf Reiſen, daß man gern das Entfernte und das Vergangene vor Augen hat, und daruͤber das Gegenwaͤrtige und Naͤchſte vergißt, bis man etwa bei einer Stadt oder vor einem Wirthshauſe ankommt, und unſer Zuſtand jetzt berechtigte uns noch mehr dazu. Indeß hatten wir auch einige Urſache, an das, was uns unterweges begegnen koͤnnte, 129 — 4 koͤnnte, zu denken, da wir uns auf der Flucht befanden und noch zwei Tagereiſen von der Grenze entfernt waren. Erſt die Aufmerk⸗ ſamkeit in den Blicken der Voruͤbergehenden erinnerte uns an das Auffallende, das wir mit unſerer Begleitung fuͤr die Leute haben mußten; denn eine große Dienerſchaft der Graͤfin ritt bewaffnet neben und hinter uns, und mußte zu mancherlei Vermuthungen An⸗ laß geben. Doch ging bis jetzt alles gut, und nachher mußte, wie wir ſehen werden, das Verdaͤchtige ſelbſt, das in dem Auffallen⸗ den lag, uns zur Beſchirmung, und zur Ausfuͤhrung unſers Plans dienen. Wir hat⸗ ten naͤmlich, wenn wir nicht einen großen Umweg machen und uns durch das Gebuͤrge andern Gefahren ausſetzen wollten, auf der Grenze eine kleine Veſtung zu paſſiren, und befuͤrchteten, daß man hier uns vielleicht als verdaͤchtig anhalten und unſere Flucht hindern moͤchte. Indeß, wie wir hoͤrten, daß der General Schallfink hier Commandant ſey, III. Theil. ₰ 130 lachte die Graͤfin und ſagte: eine Eule in einem Felſenneſte! Es iſt ein Mann von ſo wunderlichem Weſen und Anſehen, fuhr ſie fort, wie mir noch keiner im Leben vor die Augen gekommen. Klein von Figur und leb⸗ haft und zornig dabei, fuͤrchtet er immer, von andern Menſchen nicht genug geachtet zu wer⸗ den, und fuͤhlt ſich alle Augenblicke gedrungen, ſeinen Nachbar zu reizen und zu beleidigen. Wegen des Unglaubens an ſeine aͤußere Wuͤrde, worin man ihm auch eben nicht Unrecht geben kann, hat er im Kriege durch Keckheit ſich ſelbſt zu uͤbertreffen geſucht, und ſich dadurch bis zum Commandanten dieſes Felſenneſtes emporgeſchwungen. Hier, hofft man, wird er am erſten noch Frieden halten, denn er kann hier ſeinem Anſehen ſo viel Opfer bringen laſſen, als er nur Luſt hat. Indeß, wie mit dieſem wunderlichen Manne fertig zu werden ſey, weiß ich noch nicht; er ruͤhmt ſich einer großen Anhaͤnglichkeit an den Hoß, und er⸗ ——— 131 — eifert ſich gern fuͤr den Koͤnig, auch wo er es nicht noͤthig hat. Ich ſann nach, was hiebei fuͤr Maaßregeln zu ergreifen waͤren, und vertiefte mich den Mittag, da wir in einer kleinen Stadt Halt machten, eben in mancherlei Gedanken„ als ein ganz eigener Auftritt dazwiſchen kam⸗ Wir ſaßen bei Tiſche, und der Wirth ließ uns fragen, ob ein alter Prager Muſikant uns mit Muſik aufwarten duͤrfe. Die Graͤfin bejahte es ſogleich, weil ſie glaubte, daß es mich zerſtreuen wuͤrde. Da traten fuͤnf Muſi⸗ kanten in das Zimmer von recht jaͤmmerlichem Anſehn, ſowohl in Abſicht der Kleidung, die durch alle Schattirungen wanderte und in keiner Farbe Stand hielt, als auch in Abſicht des Autlitzes und der Lebensfarbe. Am mei⸗ ſten aber war darunter ein kleiner Mann zu bewundern, der in einem alten blaumancheſter⸗ nen Rock und in einer Weſte von gruͤnem Pluͤſch vor uns ſtand. Er ſtrich den Baß, war aber dabei ſos klein, daß er kaum zum J 2 132 —-— Griffbret hinauf langen konnte. Auch ſchien er, indem er hie und da an ſeinen Kleidern zerrte, uͤber ſeine eigene Figur ſelbſt unzufrie⸗ den zu ſeyn. Sein Haar ſtrebte ſo ſtoͤrriſch von der Seite, als haͤtte es mit allem Fleiß das Gehirn fliehen wollen. Die Roͤthe ſeines Geſichts ließ mich ungewiß, ob die Zornfarbe von natuͤrlicher oder kuͤnſtlicher Erhitzung her⸗ ruͤhre. Die großen Augen aber unter den ſchwarzen Augenbraunen zeigten an den ſalzigen Ufern eine beſtaͤndige Morgenroͤthe, und die Lippen waren ſo in ſteter Bewegung, als haͤtten ſie immer einen zornigen Gedanken in der Geburt erſtickt.— Allein— ich hatte meine Betrachtung an dieſer Figur noch nicht ganz vollendet, als ich ſeitwaͤrts bemerkte, daß die Graͤfin ganz bleich wurde. Was iſt Ihnen? fragte ich, und ganz keiſ' erwiderte ſie: ich weiß nicht, es iſt mir, als ob ich den Commandanten von Felſenſturz hier erblickte; da ſteht er leibhaftig vor mir und ſtreicht den Baß. Jetzt faͤhrt er mit der 133 —— Hand hinauf, jetzt ſchuͤttelt er mit den Kopf, jetzt ſtampft er mit dem Fuße; bei jedem raſchen Bogenſtriche ſcheint er immer noch mehr zu wollen, als er thut, ſein Mund hat keine Ruh, und ich fuͤrchte alle Augen⸗ blicke, daß er den Baß zuruͤckwirft, und zornig auf uns zuſchreitet. Es iſt mir wie ein Traum, und doch ſeh' ich ihn wirklich und koͤrperlich mit offenen Augen vor mir. 5 Ich laͤchelte zu dieſer Beſorgniß, denn un⸗ moͤglich konnte der Commandant ſich in einen Muſſkanteurock geſteckt haben um uns fo ſeine Aufwartung zu machen. Als aber das Stuͤck beendigt war, ſeufzte der Baßſtreicher ſo laut und ſo vernehmlich, daß wir ihn fragen mußten, was ihm fehle. Ach! ſagte er wehklagend, und ſein Geſicht bekam gleich einen recht demuͤthigen Ausdruck, ich bin nur zum Ungluͤck geboren, und lauter Mißgeſchick verfolgt mich von Kindesbeinen an. Schon bei meiner Geburt ließ mich die Amme fallen, daß ich ein Merkzeichen davon behielt; meine 4 134 —.- Mutter ſchlug mich in der Wiege, indem ſie meine Schweſter ſtrafen wollte, welche vergaß, die Wiege zu bewegen. Als ich fuͤnf Jahr alt war, fiel ich in ein Gefaͤß voll Liqueur, weil meine Mutter eine Wirthſchaft hatte; da⸗ von wurde ich ſehr krank und konnte nachher in keinen rechten Wachsthum kommen. Mein Onkel, ein Apotheker, jagte mich ſort, weil ich bei ſeinem Schmelztiegel eingeſchlafen war. Ein anderer Vetter konnte mich blos deshalb nicht leiden, weil ſeine Stiefeln nicht auf meine Beine paßten. Endlich dachte ich, ich wuͤrde von den Soldaten frei bleiben, da wollten ſie mich zum Stuͤckknecht nehmen, und ich mußte unter die boͤhmiſchen Mufitkanten gehn. Als ein ſolcher wandere ich denn aus einer Pro⸗ vinz in die andere, aber wo etwas im Winkel ſteht, da ſtoß ich es um; iſt etwas von Glas, das bricht ſchon, wenn es mich nur ſieht, und meine Haare ziehen mich immer zum Lichte hin, daß ſie meinen Kopf ein wenig in Feuer ſetzen. Wenn ich einen Brief ſiegle, ſo ziſcht 135 —— das Siegellack gleich vor Freuden, mir auf die Hand zu brennen. Iſt ein dreibeiniger Schemel im Zimmer, ſo bekommt ihn kein anderer als ich. Am Ofen verſenge ich mir das Kleid, und unter einem Kronleuchter traͤufelt das Licht auf mich herab. Im Gedraͤnge ſchlagen ſich die Menſchen ordentlich um meine Fuͤße, um ſie zum Poſtamente zu erwaͤhlen. Ein Butterbrod in meiner Rechten iſt eine Taube mit Fluͤgeln, die auf Kruͤmchen erpicht iſt, und ein geſchaͤlter Apfel wird den Augenblick zu einem Aal, der die Tiefe des Gewaͤſſers ſucht. Und ſoll bei einem Streit einer durch⸗ gepruͤgelt werden, ſo bin ich es. Ein ſolches Ungluͤck nun konnte meine Schweſter endlich nicht laͤnger mit anſehen, ſie ſchrieb mir aus Felſenſturz, daß ich mich doch bei ihr in Ruhe ſetzen moͤchte. Ich dachte wirklich, nun wuͤr⸗ den meine Leiden ein Ende haben; aber ſtellen Sie ſich mein unerhoͤrtes Ungluͤck vor: wie ich nach Felſenſturz komme, muß ich dem Com⸗ mandanten aͤhnlich ſehen, ſo zum Sprechen 136 ——— aͤhnlich, daß nicht viel fehlt, ich verwechſelte ſeine Naſe mit der meinigen, ich ſetzte den Huth auf ſeinen Kopf, ſtatt auf den meinigen, dder griff in ſeine Taſchen, wenn ich Geld hervorlangen wollte. Kaum hatten auch die Leute mich geſehen, ſo wurde ein Laͤrm und ein groß Gelaͤchter durch die ganze Stadt. Und nicht lange, ſo ließ mich der Comman⸗ dant rufen und ſagte, wie ich mich unterſtehen koͤnnte, ihm aͤhnlich zu ſehen, ich ſollte mich den Augenblick aus dem Thore packen, oder er wollte mir ſo viel Schlaͤge angedeihen laſ⸗ ſen, daß ich auf einmal eine ganz andere Phyſiognomie davon bekommen ſollte. Geh' er mir aus den Augen, ſetzte er hinzu, wir haben hier Muſikanten genug, und Muͤßig⸗ gaͤnger obendrein.— Jetzt habe ich mich nun mit dieſen armen Leuten hier zuſammengethan und wandere wieder in Gottes Namen nach wie vor. Sein Schickſal dauerte uns, und doch konnten wir nicht umhin, uͤber ſein vieles — 137 —-— Ungluͤck zu lachen, denn, wenn der Zufall in ſeinen Verknuͤpfungen ſinnreich wird, giebt er die Ahnung oder den Schein von einem necken⸗ den Genius, der den Zuſchauer beluſtigt. Wenn er dem General ſo aͤhnlich ſieht, dachte ich, ſo ſollte er, ſtatt nur Unheil davon zu ernten, ſich dieſer Eigenſchaft lieber ſelbſt zu einem Widerſpiel gegen ihn bedienen, denn jener iſt ja in dem naͤmlichen Fall wie er, und die Ungelegenheit koͤnnte eben ſo gut auf ihn kommen. Deshalb ſagte ich zu ihm: lieber Mann, da ihr ein ſo gutes Anſehn habt, ſo ſolltet ihr auch trachten, deſſen froh zu werden und zu genießen. Denkt, die Natur habe fuͤr euch in der Perſon des Comman⸗ danten geſorgt, fordert nun den Reſpect, den er hat, laßt euch verehren und fuͤrchten, wo es eben Gelegenheit giebt; das iſt die beſte Nache, die ihr am Commandanten nehmen könnt. Ich will euch einen Vorſchlag thun. In den Laͤndern jenſeit der Veſte liebt man die Muſik weit mehr als in dieſem Reiche, 138 ——— ſo wie uͤberhaupt die kleinen Hoͤfe wegen Mangel an großen Beſchaͤftigungen nach Ver⸗ haͤltniß die ſchoͤnen Kuͤnſte und das Vergnuͤgen weit mehr lieben als die großen. Unſre Reiſe geht dahin, kommt mit uns, und laßt euch in den Thoren von Felſenſturz ſo viel Ehre erweiſen, als ob ihr ſelbſt der Commandant waͤrt. Wir geben euch beſſere Kleider und raͤumen euch den beſten Platz in unſerm Wagen ein. In der Daͤmmerung wird man den Irrthum nicht erkennen, und wer an den Wagen tritt, dem ſoll vor Reſpect gleich die Zunge auf der Lippe erſtarren. Seht, ein ſolches Gluͤck iſt euch gewiß lange nicht wie⸗ derfahren. 4 Ach! gnaͤdigſter Herr, erwiderte er darauf, einem andern wuͤrde das herrlich gelingen, nur mir, weil ich ein Ungluͤcksſohn bin, will der⸗ gleichen niemals zu Gute kommen. Ich bitte, ſich ja nicht mit mir zu befaſſen, denn Sie wuͤrden nur das Ungluͤck zu ſich einladen, das Rad wuͤrde von der Axe laufen, die Straͤng —ä 139 —— wuͤrden reißen, die Pferde wild werden und der Kutſcher uͤber jeden Eckſtein fahren. Und weil Sie mir eben den Vorſchlag thun, ſo wartet ſicherlich ſchon das Ungluͤck dei Ihnen auf mich, denn im Guten kann mir ſolche Ehre nimmermehr begegnen. Ich hab' auch wohl geſehen, von welchen Leuten Sie um⸗ geben ſind, alſo tragen Sie Ihr Mißgeſchick lieber ohne mich.— Ueber dieſe Worte war ich verwundert und fragte, wofuͤr er denn unſere Begleitung anſaͤhe.— Nach den Kra⸗ gen auf den Roͤcken und nach den Hirſchfaͤn⸗ gern um die Huͤften haͤlt ſie jedermann fuͤr Amtsboten, fuͤr Amtsdiener, die man von benachbarten Aemtern zuſammen gerufen und bewaffnet hat, daß ſie eine gewiſſe Expedition uͤber die Grenze befoͤrdern. Bei mir aber kann nie ein Ungluͤck vorbei reiſen, es muß immer erſt vorfragen, ob ich nicht wenigſtens das Gexaͤck wolle mit tragen helfen.— Wie er ſich ſo ſtraͤubte, wollte ich ihm ſeine wun⸗ derliche Vorſtellung verweiſen, aber die Graͤfin 140 — meinte, daß ich kuͤnftig ſolche Streiche als meiner unwuͤrdig unterlaſſen muͤßte, und ſo entließ ich den Schattenkommandanten in Frieden. Waͤre ich allein geweſen, ſo wuͤrde ich durchaus nicht geruht haben, bis ich ſo guͤnſtige Umſtaͤnde zu irgend einem Schalks⸗ ſtreiche haͤtte benutzen koͤnnen.— Indeß, die Ausſage des Muſikanten, daß die Leute unſere bewaffneten Diener fuͤr Amtsboten hielten, brachte mir bald eine neue Liſt in die Gedan⸗ ken, welche die Graͤfin bei der großen Be⸗ ſorgniß, in der Veſtung angehalten zu werden, endlich genehmigen mußte. Ich ſetzte mich naͤmlich gleich auf ein Pferd und ſprengte zur Stadt, um dem Commandanten zu melden, daß ich hier die Graͤſin Scharnhorſt braͤchte, die vom Koͤnige des Landes verwieſen und mir zur Befoͤrderung anvertraut waͤre. Weil man gerade kein Militair in der Naͤhe gehabt, habe man, um ſie eiligſt in ihrem Schloſſe aufzu⸗ heben, ſich der nächſten Amtsdiener bedient, um ſie nicht entkommen zu laſſen. Alles ſollte .⁴ 141 —— ohne großes Aufſehn geſchehen.— Die Offi⸗ ciersuniform, in die man mich im Gefaͤngniß mit boͤſer Abſicht gelockt hatte, mußte mir jetzt zu meinem Gluͤcke gereichen, indem ſie mir aͤußerlich das Anſehn gab, das ich eben brauchte.— Der Commandant empfing mich in der Mitte ſeines Zimmers mit hoch empor gehobenem Haupte, und mit Blicken, welche die Naſe zum Viſir zu machen ſchienen, und mit geſenkten Augenliedern, als haͤtte er von einer großen Hoͤhe herab mich in ſeinem Barte ſuchen muͤſſen. Er ruͤhrte und regte ſich nicht, bis ich ausgeſprochen hatte.. Ich brachte ein gnaͤdiges Wort vom Koͤnige, der mir einge⸗ ſchaͤrft haͤtte, ja nicht zu unterlaſſen, ſeinen wackern Schallfink zu gruͤßen, und zu fragen, wie es ihm in Felſenſturz ergehe. Mich ſelbſt aber ſtellte ich als den Neffen dar von einem ſeiner alten Kriegskammeraden, der ſeiner gern gedaͤchte, und gerade, weil er, wie ich merkte, meinen Oheim wegen ſeiner Thaten immer ſehr beneidet hatte, nahm er die kleine Ehrerweiſung ſehr gut auf. Mit jedem Dienſte, den er mir erweiſen konnte, glaubte er ſich mit groͤßerer Wichtigkeit uͤber den General Felsheim zu erheben, und er lief in kurzen Gaͤngen jetzt eben ſo eifrig im Zimmer hin und wieder, als er vorher unbeweglich auf einem Fleck feſtzuſtehn ſich bemuͤht hatte. Ich fuͤrchtete, wie ich vorgab, daß die Graͤfin hier in der Stadt vielleicht einigen Anhang haben, und dieſer durch ſie in Verſuchung gerathen moͤchte, ſie mit Ueberliſtung der we⸗ nigen Amtsknechte aus meinen Haͤnden zu be⸗ freien, deshalb erſuchte ich ſeine Excellenz, ihr doch im Wirthshauſe eine Wache vor die Thuͤr zu ſtellen, damit ſie uns ja nicht genom⸗ men wuͤrde, und um dabei doch dem Willen des Koͤnigs ganz nachzuleben, mit dieſer Ex⸗ pedition alles Aufſehn zu vermeiden, ſo baͤte ich ihn, die Wache aͤußerlich vor den Leuten fuͤr eine Ehr enwache geltenzu laſſen. Wohl bedacht, ſagte er darauf! Ich ſehe, Sie ſind ein wackerer Officier, der ſeinem 4— 143 —— Konige wahrhaft dient, und puͤnctlich ſeinen Willen vollzieht, ohne einen Buchſtaben zu verletzen. Die Graͤfin Scharnhorſt— was hat ſie denn begangen, was iſt es mit ihr?— Sie hat— gab ich zur Antwort, die Augen des Prinzen auf eine Schoͤnheit zu leiten ge⸗ ſucht, die dem koͤniglichen Hauſe nicht genehm war.— Ja, erwiderte er drauf, von jeher hat ſie Cabalen geſponnen; ſie verdient es, ſe e will es ja ſo haben. Sogleich beorderte er ein Commando Kam⸗ merhuſaren, die ſie noch vor den Thoren in Empfang nehmen und mit dem Schein einer ehrenvollen Begleitung voranreiten mußten. Ein Officier ritt an den Wagen, ſie im Na⸗ men des Commandanten zu bewillkommen, und ich ſah, wie die Graͤfin, die uͤber den Anblick erſt erſchrocken war, nach erlangter Aufklaͤrung ſich Muͤhe geben mußte, nicht zu lachen. Im Wirthshauſe gerieth alles gleich in den groͤßten Eifer, um uns wuͤrdig zu em⸗ 144. —— pfangen und zu bewirthen, und im Nu ſtand eine anſehnliche Ehrenwache vor der Thuͤr. Das einzige Schlimme war, daß nun auch die Graͤfin anſehnliche Geſchenke austheilen mußte, woruͤber der fiuſtere Commandant, weil ſeiner Meinung nach die Ehrenwache nur ein Vorgeben war, nachher wohl geſchmunzelt haben mag; indeß kam dieß wegen des großen Vermoͤgens der Graͤſin in keine Betrachtung, und wir hielten mitten im Getuͤmmel von Ehrenbezeigungen ein ſehr vergnuͤgtes Mahl. Fuͤr die weitere Unterhaltung ſorgte der Com⸗ mandant, indem er nach Tiſche ſelbſt herein⸗ trat, theils um den aͤußern Schein zu be⸗ obachten, theils um ſeinem brennenden Eifer fuͤr den Koͤnig durch eine ohnmaßgebliche Straf⸗ predigt gegen die Graͤfin Genuͤge zu verſchaffen. Erroͤthen Sie, Graͤfin, fing er an, er⸗ roͤthen Sie vor mir, ich bitte; einem Koͤnige untreu zu werden, der Verdienſte ſo gut zu belohnen weiß, von einem ſo alten fuͤrſtlichen Hauſe, das mit ſeinem Ruhme der Ewigkeit trotzet, 145 ——— trotzet, abzufallen— Graͤſin, wo haben Sie hingedacht? Eine unwuͤrdige Liebe, eine un⸗ gleiche Verbindung iſt das groͤßte Verbrechen, das ein Prinz an dem Glanze ſeines Fuͤrſten⸗ ſtammes begehen kann. Und welcher Gegen⸗ ſtand konnte Sie denn ſo kuͤhn machen, die Aufmerkſamkeit des Prinzen darauf hinzuleiten? Sagen Sie, nennen Sie ihn, daß ich die Moͤglichkeit Ihres Irrthums einſehe. Die Graͤfin, die bei dieſer ernſten Anrede Zeit genug hatte, ſich zu beſinnen, vermehrte das Spaßhafte des Auftrittes noch, indem ſie eine Couſine des Commandanten nannte, die ſich gerade in der Reſidenz befand. Ich ſchäͤtzte ſie ſo hoch, ich hatte ſie ſo lieb, ſetzte ſie hinzu, daß ich ihr unmoͤglich dieſen Dienſt verſagen konnte. Und uͤberdieß iſt das Haus, von dem ſie ſtammt, ſo alt und angeſehen, daß es mit dem Stamme des Koͤnigs beinahe wetteifern kann.— Wie ſie das geſagt hatte, wurde der kleine Commandant ganz verdutzt, und wußte gar nicht, wie und wo er ſeine III. Theil. K 146 — O Rede wieder aufnehmen ſollte. Meine Cou⸗ ſine— fuhr er endlich fort— es iſt wahr, ſie konnte vielleicht noch am erſten ſich ſchmei⸗ cheln— wie! ſagen Sie doch, hat ſie dem Prinzen gefallen; liebt er ſie, hat er Neigung zu ihr blicken laſſen? Ja, auf Ehre! wenn er ſie kennt, wird er ſie zu ſchaͤtzen wiſſen. Allerdings, erwiderte die Graͤfin, der Prinz wußte, was er that; und das Fraͤulein benahm ſich dagegen mit ſolcher Beſcheidenheit daß ſie ſeiner Liebe nicht einmal Glanben bei⸗ meſſen wollte. Es haͤtte auch wohl noch ein gutes Ende nehmen koͤnnen, wenn nicht die Koͤnigin Mutter in ihrem grenzenloſen Stolze ſich gleich vom Zorn zur Strafe haͤtte hin⸗ reißen laſſen. Auf dieſe allein haben Sie Ihren Unwillen zu richten, nicht auf den Koͤnig, noch viel weniger auf mich, die ich nur das Gute wollte. Iſt es ſo? ſagte er darauf; freilich, dann muß ich bekennen, ich ſtehe beſchaͤmt vor Ihnen wegen der Vorwuͤrfe, die ich Ihnen 147 —— vorhin zu machen wagte; doch war es von jeher meine Sache, im Dienſt des Koͤnigs mich aufzuopfern und nur nach ſeinen Win⸗ ken zu leben. Hier ſind Irrthuͤmer vorge⸗ fallen, woruͤber wir nicht urtheilen duͤrfen; dem Koͤnige meine Pflicht! außer ſeinem Dienſt aber moͤgen Sie auf meine Freund⸗ ſchaft rechnen.— Damit empfahl er ſich und wuͤnſchte uns eine gluͤckliche Reiſe. Er meinte es jetzt ſo gut mit uns, daß er uns ſogar einige Flaſchen vom koͤſtlichſten Wein mit auf den Weg gab; und mit der ehrenvollen Begleitung, die auch bei unſerer Abreiſe uns voranreiten mußte, erreichten wir am andern Morgen gluͤcklich die Grenze, wo wir nun aus aller Gefahr waren. K 2 148 ——— Neuntes Capitel. Hofbeſuche. — Da die Abſicht der Graͤfin war, mit mir mehrere Beſuche an kleinen Hoͤfen abzuſtat⸗ ten, ſo fing ſie jetzt an, mir einige Regeln zu geben, wie ich mich an denſelben zu verhalten habe. Außer jener Gewandtheit in Beobach⸗ tung deſſen, ſagte ſie, was fuͤr Anſtand und Sitte gilt, die ſich nur durch Uebung erlernen laͤßt, verdient der Inhalt des Geſpraͤchs hier die meiſte Ruͤckſicht und Behutſamkeit. Es wird noͤthig ſeyn, daß Sie, im Ausdruck be⸗ ſonders, der Naivetaͤt mehr Schranken ſetzen, und den Grundſatz befolgen, ſich der Erwaͤh⸗ nung aller Dinge von einiger Wichtigkeit, die unmittelbar in den Wirkungskreis der gegen⸗ waͤrtigen Perſonen fallen oder ein perſoͤnliches Intereſſe beruͤhren, ganz und gar zu enthalten, alles, was von außen ernſtlich auf die Ver⸗ — 149 — haͤltniſſe einwirkt und eben die Gedanken und Gemuͤther am meiſten erfuͤllt, ganz zu unter⸗ druͤcken, und dafuͤr lieber von tauſend Kleinig⸗ keiten zu reden, die ganz nahe liegen oder wenigſtens mit dem Hauptintereſſe der Perſo⸗ nen in keinem Zuſammenhange ſtehen. Man ſpricht eher von dem Wege, von den Staͤd⸗ ten, von den Prinzen, die man auf ſeiner Reiſe ſah, als von dem Zweck ſeiner Reiſe. Man weiß tauſend Dinge zu erzaͤhlen, die man dem aͤußern Anſcheine nach alle mit großer Wichtigkeit behandelt, ohne auf das Rechte zu treffen. Und wir beſonders haben jetzt große Urſache, hierin auf unſerer Huth zu ſeyn. Meine Abſicht geht dahin, gute Menſchen, die ich am Hofe unſers Koͤnigs ſchaͤtzen lernte, einmal wieder zu ſehen. Viele werden die Nothwendigkeit meiner Reiſe wohl ahnen, andere noch geheime Zwecke darin ver⸗ muthen, deshalb muͤſſen wir in gelegentlichen Beruͤhrungen von mancherlei Umſtaͤnden uns den Schein geben, als ob wir mit den fuͤrſt⸗ 150 ——— lichen Perſonen unſers Hofes zwar in gutem Vernehmen, aber in keinem nahen Verhaͤlt⸗ niſſe oder einer Verpflichtung ſtaͤnden. Indeß fehlt es nicht an Leuten, die mit boͤſer Abſicht auch in Kleinigkeiten das Wichtige zu beruͤhren, und wenn man nicht darauf gefaßt iſt, eine Verlegenheit herbeizufuͤhren wiſſen, die ihnen Kennzeichen von der Wahrheit giebt, oder ſie im Stillen beluſtigt. Es gehoͤrt wenig Ge⸗ ſchicklichkeit, aber deſto mehr Feſtigkeit dazu, eine abſichtlich hingeworfene, von fern zielende Frage nur in ihrer naͤchſten Bedeutung aufzu⸗ faſſen, den eigentlichen Sinn derſelbeu zu ver⸗ meiden, und das Geſpraͤch von ſeinem Ziele wieder zuruͤckzuſpielen auf andere Kleinigkeiten, wie ſie dem Gegenſtande der Frage eben zu⸗ naͤchſt liegen. So mit gelaͤufiger Zunge be⸗ handelt, wird auch der Angriff des boͤsgeſinnten zu einem leichten Scharmuͤtzel und das ganze Geſpraͤch zu einem verſteckten unſtaͤt hin und wieder ſpielenden Wortgefecht. Auf die Er⸗ gruͤndung einer tief liegenden Wahrheit darf 151 ——— es hier niemals hingehen, vielmehr muß man mit einem Schein, als ob man die Sache recht gut kenne, in einem fluͤchtigen Wechſel von Anſichten und Meinungen als vorausge⸗ ſetzt annehmen, daß es hier mehr um die Form, um das Wort, um den Einfall oder um einen witzigen Gedanken, als um die Sache ſelbſt zu thun ſey. Dieß iſt faſt uͤberall die ſtillſchweigende Uebereinkunft der Geſellſchaft, worein Sie treten, und wer lange darin ver⸗ harrt, findet auch in dieſem Spiel mit der Form zuletzt die Wahrheit wieder, nur ſehr mittelbar angedeutet, ſchwach bezeichnet und gegen den Ausdruck der Naivetaͤt wandelbar, hinfäͤllig und leicht verſchwehend. Ohnehin kommt es ja bei der Wahrheit im Umgang und im practiſchen buͤrgerlichen Leben nur dar⸗ auf an, warum es jemanden eben zu tbun ſey, und was die Sache gerade fuͤr ihn be⸗ deute. Iſt nun vollends das Intereſſe fuͤr etwas groͤßtentheils nur erheuchelt, wie Sie es oftmals an den Hoͤfen finden werden, ſo 152 ——— koͤnnen Sie ſchon denken, wie das Ganze in Meinungen, Anſichten und Wortfuͤgungen ſich verlieren muß. Bei wirklich bedeutendem Intereſſe fuͤr et⸗ was, das Verhaͤltniſſe beruͤhrt, bleibt die herr⸗ ſchende Wahrheit an den Hoͤfen ja ohnehin immer nur politiſcher Art, d. h. abhangend von den Verbindungen, worin eine Sache mit einer Perſon und dieſe wieder mit andern ſteht. Jeder hat ſeine Parthei, ſeine Schuͤtz⸗ linge, und das Urtheil uͤber etwas richtet ſich immer darnach, ob es dieſe oder jene Perſon, ob es die eigene Parthei oder die des andern betreffe. Schon aus dieſem Grunde muß ſich ein Fremder, der an einen Hof kommt, alles beſtimmten Urtheils enthalten und billig erſt aufmerken, wie man fuͤr dieſe oder jene An⸗ gelegenheit, fuͤr dieſe oder jene Perſon geſtimmt ſey. Hierin ſehen Sie abermals einen Grund, warum man der Wahrheit am Hofe nicht ſo geradezu und ſo unbedingt nachſtreben kann, als es wohl im gemeinen Leben zu geſchehen 153 — pflegt. Wer nun vollends etwas wiſſenſchaft⸗ lich und philoſophiſch zu behandeln gewohnt iſt, der muß von dem hier Guͤltigen mit ſeiner Wahrheit und ſeinen Beweiſen ganz und gar weit entfernt bleihen. Die hoͤhern Ver⸗ haͤltniſſe machen dieß nothwendig; doch iſt auch zu begreifen, wie jemand ſeinem innern Ge⸗ halte ſchaden kann, wenn er fruͤh in dieſe Art zu denken und zu urtheilen eingeweiht und daran gewoͤhnt wird. Ja es gehoͤrt viel Staͤr⸗ ke der Seele dazu, wenn jemand im Laufe mehrerer Jahre bei ſo fluͤchtiger Behandlung der Gegenſtaͤnde nicht verlernen ſoll, etwas beſtimmt und ſcharf aufzufaſſen und feſtzuhal⸗ ten, und innerlich, fuͤr ſich ſelbſt, es ſeinem Weſen nach zu wuͤrdigen. Die Graͤfin war noch mitten in ihrem Unterricht, als hinter uns in einem Walde ein großes Geſchrei ſich erhob, und viele Wald⸗ hoͤrner, mit Menſchenſtimmen und Hundegebell vermiſcht, ſich hoͤren ließen. Die fuͤrſtliche Jagd naͤherte ſich, viele Bauern liefen hervor 154 —— und zerſtreuten ſich uͤber den Acker, indem man an ihren heftigen Bewegungen, an ihrem Schreien und Laͤrmen wohl merken konnte, daß ihnen etwas mißlungen ſey. Nicht lange, ſo ſtuͤrzte auch der Gegenſtand ihrer Beſorgniſſe, ein großer Hirſch, durch ihre Reihen hindurch und ſprengte mitten durch den Zug unſeres Reiſewagens, die Jaͤger folgten ihm und die Graͤfin erſchrak nicht wenig uͤber das Getuͤm⸗ mel, weil ſie fuͤrchtete, daß der feindliche An⸗ griff unſern Pferden, unſern Leuten, oder gar uns ſelbſt gefaͤhrlich werden koͤnne. Indeß war dieß nur eine Vorſpiegelung des erſten Schrecks, man dachte nicht den Hirſch mit Kugeln, ſondern nur mit Hunden und Hirſch⸗ faͤngern zu ereilen. Einer vor allen ſprengte eifrig nach, und hieb ſcheltend und fluchend auf den Bauer, der ihm eben in den Weg kam, ſo daß dieſer ſich gleich blutend auf die Erde ſtreckte. Der Hirſch war wider ſeinen Willen hier durchgebrochen und nicht weit von uns in einen Fluß geſprungen. Der wackere —,.— — 155 Jaͤger fuhr noch immer fort, Schurken und Halunken um ſich zu werfen, und jeden, den ſein Arm ereilen konnte, mit der Flaͤche ſeines Hirſchfuͤngers abzuſtrafen und durchzuzuͤchtigen, ſo daß durch das Wehklagen und Rufen der Stimmen unter dem Geheul von Hunden, und dem Getoͤn der Waldhoͤrner ein Mord⸗ ſpectakel entſtand. Die Graͤfin aber legte un⸗ willkuͤhrlich die Haͤnde in den Schooß zu⸗ ſammen und ſagte mit kleinlauter Stimme: „Es iſt der Fuͤrſt!”“— Mein Himmel! dachte ich, die erſte Probe vom Hoftone iſt eben nicht ſehr erbaulich. Der Fuͤrſt war nun keinesweges willens, den Hirſch durch den Fluß entkommen zu laſſen, ſondern ſpornte ſein Pferd zum Sprunge in die Flut, und rief: mir alle nach! Da gab es denn ein luſti⸗ ges Schauſpiel, wie einige von ſeinem Gefolge mit dem Pferde hinterdrein ſprangen, andere am Ufer ſich noch hin und her beſannen, und wie ſie ſich einander noͤthigten, doch voran zu ſpaziren. Bei der reißenden Fluth des Stroms — 156 — wollte es dem Fuͤrſten nicht ſogleich gelingen, hindurch zu kommen, und je groͤßer die Gefahr ſchien, je weniger durfte man ihn im Stichtlaſſen. Es waͤhrte alſo nicht lange, ſo ſah man den ganzen Hof zu Pferde im Waſſer ſchwimmen, und bei den mancherlei Ausrufungen in der Noth gab es allerhand Mißlaute, bald feiner, bald grober Art. Da wandte ich mich zur Graͤfin und ſagte: es ſcheint eben nicht, daß ich den Hofton hier werde erlernen koͤnnen, worauf ſie laͤchelnd erwiderte: im Waſſer faͤllt er auch immer etwas anders aus.— Unter⸗ deß hatte der Fuͤrſt den feſten Boden jenſeits gluͤcklich erreicht, er verfolgte aber den Hirſch nicht weiter, ſondern wandte ſich am Ufer zuruͤck, um ſeinen Hof ſchwimmen zu ſehen. Jetzt war auch ein Gefolge von Hofdamen, die ebenfalls in Jagdkleidern dem Feſte bei⸗ wohnten, aus dem Walde herbeigekommen. Sie erſtarrten faſt vor Schreck, da ſie ſo viele im Waſſer ſahen, und haͤtten gern die Haͤnde zuſammengeſchlagen, wenn ſie nicht gefuͤrchtet 137 — haͤtten, daruͤber die Zuͤgel zu verlieren. Sie erhoben Stimmen der Klage, und fuͤrchteten bald fuͤr dieſen, bald fuͤr jenen. Der Fuͤrſt aber ſtand am Ufer und wollte uͤber die Men⸗ ſchen, die auf zweien Pferden zugleich ritten, auf dem Jagdroſſe und auf dem Ruͤcken des Gewaͤſſers, ſich faſt todt lachen. Er rief ihnen zu, wie ſie ſich helfen koͤnnten; wie ſie die Pferde beim Zuͤgel aufreißen muͤßten, und befahl ihnen allen, wieder am vorigen Ufer zu landen. Er ſelbſt ſchwang ſich wieder mit dem Pferde in die Fluth zuruͤck, und faßte ſeinen Kammerherrn, der eben zu verſinken drohete, beim Schopf. Roß und Reiter er⸗ mannten ſich, und er fuͤhrte beide als ſeine Beute an das Land. Da war nun ein großes Bedauern und Beklagen, alle trieften von Waſſer und es entſtand ordentlich ein kleiner See um den Hof. Die Ritter wollten ihre muͤden Pferde mit andern, die noch friſch waren, vertauſchen, aber der Fuͤrſt litt es nicht und rief: gleiche Kaͤmpfe, gleiche Siege! 158 — Bleib ein jeder, wie er ſitzt, und ſo folgt mir zum Schloſſe. Indem wurde er auf unſern Wagen aufmerkſam, und ſchickte einen von ſeinen Leuten, ſich zu erkundigen, wer wir waͤren. Wie der Fuͤrſt den Namen der Graͤfin hoͤrte, kam er gleich ſelbſt an den Wagen, ſie zu bewillkommen und ſagte: Da haben ſie mich gleich mitten auf meiner ehrenvollen Laufbahn gerroffen, und es freut mich, die Anerkennung meiner Verdienſte nun in ſo guten Haͤnden zu wiſſen. Ich ſehe Sie noch heute bei mir. Jetzt nahm der Nuͤckzug ſeinen Anfang; eine lange Reihe von Herren und Damen im ſchoͤnſten Jagdgeſchmeide, mit vielen nachfolgen⸗ den Jaͤgern, gab einen herrlichen Anblick, und das Schmettern der Waldhoͤrner verbreitete üͤber ſie Feierlichkeit und Luſt. Wir ſchloſſen uns dem Zuge mit an und kamen auf ein Jagdſchloß, wo uns der Fuͤrſt aufs beſte empfangen ließ. Kaum hatten wir auch die Kleider gewechſelt, ſo wurden wir zu einem praͤchtigen Gaſtmahle abgerufen. Ich 159 — war nun ganz auf den Hofton gefaßt, aber es ging hier ſo munter und froͤhlich her, daß ich durchaus nichts davon entdecken konnte. Die außerordentliche Begebenheit des Tages gab Stoff zur Unterhaltung genug, und man hatte nicht noͤthig, des Geſpraͤches Luſt an Kleinigkeiten zu uͤben. Jeder ſcherote uͤber das Ungluͤck des andern und deutete auf die Gebehrden, die ſich jeder in der Angſt erlaubt hatte, und gerade die, welche in der groͤßten Gefahr geweſen waren, befanden ſich dabei am ſchlimmſten, indem ſie ihre Nachbarn nicht ebenfalls hatten beobachten koͤnnen, um jetzt auch Bemerkungen uͤber ſie mitzutheilen. Der Fuͤrſt beſonders hatte an der uͤberſtandenen Noth ſeine große Freude, und ließ das ganze Schauſpiel noch einmal vor ſich uͤbergehen. Weil nun bei außerordentlichen Vorfaͤllen die Menſchen ſich einander immer naͤher fuͤhlen, als in der Gewohnheit des alltaͤglichen Lebens, ſo wurden wir ſchnell mit den Perſonen des Hofes bekannt und galten als Zeugen des 160 —— Ueberſtandenen, ſogar fuͤr halbe Kampfgefaͤhr⸗ ten. Auch ſprach der Fuͤrſt ſchon wieder von einer abermaligen großen Jagd. die er naͤch⸗ ſtens in den Bergen zu veranſtalten willens ſey, und er lud die Graͤfin und mich ſchon vorlaͤufig dazu ein. Deshalb kam es mir vor, als wenn die Amtmannsſpaͤße ſich bis an die⸗ ſen Hof verſtiegen haͤtten, und weil die Graͤfin ſich wohl ein wenig davor fuͤrchten mochte, ſo ſchuͤtzte ſie Mangel an Zeit vor, und be⸗ ſtimmte ihre Abreiſe auf den naͤchſten Tag. Wir hatten, um in ein neues Fuͤrſtenthum zu kommen, eben nicht noͤthig zu eilen, und beurlaubten uns daher erſt nach der Mittags⸗ tafel. Gegen Abend beruͤhrten wir die Grenzen Wieſen und Waͤldern, wild zerſtreuten Baͤu⸗ men und gerade aus laufenden Baumgaͤngen uns wie ein Garten entgegen lachte. Es iſt ein Land des idylliſchen Friedens, ſagte die Graͤfin. Und wie wir uns dem Bezirk der Stadt des neuen Landes, das mit umherliegenden 161 ——— Stadt naͤherten, hatten wir abermals einen ſchoͤnen Anblick, indem uͤber einer freien Ebene vor uns ein Stern nach dem andern erwachte, und zuletzt ein ganzer Lichthimmel erglaͤnzte. Der geraͤumige Waldgarten vor uns wurde, prangend in einem Goldgewebe von ſich durch⸗ kreuzenden Strahlen, die immer naͤher ſich an einander draͤngten, durch und durch ein gluͤhender Feuerkoͤrper, und mit den Lichtſtrah⸗ len kamen zugleich die lieblichſten Toͤne der Muſik zu uns heruͤber, die uns zu einem Feſte einzuladen ſchienen. Und ſo war es auch. Es iſt der Geburtstag der Fuͤrſtin, ſag⸗ te die Graͤfin, und ich habe ſchon einen un⸗ ſerer Leute vorausgeſchickt, uns anzumelden. Ein eigener Zufall! erwiderte ich darauf, den erſten Hof habe ich im Waſſer kennen gelernt, den zweiten ſehe ich im Feuer.— Vor einem offenen Gartenthore wartete ſchon ein Kammer⸗ herr, um uns nicht voruͤber zu laſſen. Da die Graͤfin die hier regierende Fuͤrſtin ſehr wohl kannte, ſo glaubte ſie keine Unſchicklich⸗ III. Theil. L 162 ——— keit zu begehen, wenn ſie gleich aus dem Wa⸗ gen ſich in das Getuͤmmel des Feſtes begaͤbe. Alle Gaͤnge waren mit Menſchen angefuͤllt, die Buͤrger der Stadt ergoͤtzten ſich hier nach freier Luſt, und man ſah' ihren frohen Mie⸗ nen das Bewußtſeyn an, daß der Zauber⸗ garten fuͤr ſie alle ſey.— Jetzt traten wir in einen großen Saal, wo ein Tanz ſeine Lebenskraͤnze wand. Die Fuͤrſtin aber ſaß mit ihrem Hof ſeitwaͤrts auf einer Erhoͤhung, und die Zufriedenheit leuchtete aus allen Bli⸗ cken. Uns entgegen tretend, hieß ſie uns freundlich willkommen, und nachdem ſie ſich ein wenig mit der Graͤfin unterhalten hatte, wandte ſie ſich auch zu mir. Das Herz klopfte mir, weil ich an den Unterricht der Graͤfin dachte, aber die Sorge wich im Augenblick, da ich die Fuͤrſtin ſprechen hoͤrte. Sie hob mich elbſt mit eben ſo viel Herzlichkeit als Feinheit uͤber die erſte Bedenklichkeit, den Zweck meiner Reiſe, hinweg, indem ſie ſich ſo aͤußerte, daß ſie ſchon alles zu wiſſen ſchien. 163 —; Und in der That war ſie, wie ich bald merkte, von meinem letzten Schickſale ſehr gut unter⸗ richtet, aber ſtatt die Dinge, die mich nahe angingen, mit nichtigem Formgeſpraͤch uͤber unbedeutende Gegenſtaͤnde zu verhuͤllen, ent⸗ ſchleierte ſie dieſelben ſo leiſe und ſo behutſam, daß ich keineswegs daruͤber erſchrecken konnte, ſondern mich von der herzlichen Theilnahme und von der ſanften Klugheit, womit ſie alles beruͤhrte, auf eine bezaubernde Weiſe zu ihr hingezogen fuͤhlte. Sie wußte uͤber die Freude, eine Gefahr uͤberſtanden zu haben, uͤber die neuen Hoffnungen, die ſich jugendlichen Ge⸗ muͤthern ſo willkommen darboͤten, uͤber das Troͤſtliche, das auch bei den verwickeltſten Um⸗ ſtaͤnden einem kraͤftigen Willen und einem hei⸗ tern Herzen noch ſtets uͤbrig bliebe, ſo wahr und treffend zu reden, daß ich die Feinheit ihres Geiſtes, die Klugheit in der leichten Verknuͤpfung der Dinge, und die Fuͤlle und Zartheit ihrer Empfindungen uͤber manches, das ſie nur zum Schein erdichtete, um die L 2 Wahrheit darin deſto ebener anzufaſſen, nicht genug bewundern konnte. Ihr offener Blick ſchien aus meinen Augen gleich die wahre Er⸗ kenntniß meiner ſelbſt zu ſchoͤpfen, und weil ſie mich eines vorzuͤglichen Gluͤckes nicht un⸗ werth halten mochte, ſo fuͤgte ſie noch man⸗ cherlei Rath hinzu mit herzlicher Wohlmeinung, ohne daß ich im mindeſten dadurch beſchaͤmt worden waͤre. Ich haͤtte gern alle Erwiede⸗ rung vergeſſen, um ſie nur immer fort und fort ſprechen zu hoͤren, und doch ſah' ſie es ſo gern, wenn ich meine Gedanken auf meine Weiſe entwickelte. Jetzt erſt fuͤhlte ich ganz den Werth eines wohl gewaͤhlten Ausdrucks und der Feinheit in der Einkleidung einer Sa⸗ che, und ſah' ein, daß dieſer erſt durch jene (das Weſen durch die Geſtaltung) ihre Vollen⸗ dung erhalte. Eine einfache Wahrheit giebt es ja ohnehin in den mannigfachen Lebensver⸗ haͤltniſſen nicht mehr, ſondern ſie nimmt von den Perſonen Farbe und Lebenszeichen an⸗ ohne deshalb minder Wahrheit zu ſeyn, und 165 — ich begriff nun, daß eine ſchroffe Beſtimmtheit mit ihrer Demonſtration allerdings nicht in eine ſolche Geſellſchaft paſſe. Wenn es ſo iſt mit dem feinen Tone, ſagte ich zu mir ſelbſt, dann will ich mir denſelben recht gern zu eigen machen.— Ich mußte die Fuͤrſtin nachher noch mehr bewundern, als ſie mit dieſem oder jenem Buͤrger ſprach, und ſie mit wenigen Worten in irgend eine Angelegenheit deſſelben einging. Es war nicht das kalte Regiſter von angewoͤhnten Hoffragen, deren ſich viele nur aus Noth bedienen, indem ſie ſich nach der Familie erkundigen, wiſſen wollen, wie viele Kinder vorhanden ſind, und wozu man den aͤlteſten oder den zweiten Sohn beſtimmt habe u. ſ. w., womit ſie vielleicht uͤber's Jahr wie⸗ der dieſelben Fragen thun, ohne noch eine Sylbe von den eingeſammelten Antworten zu wiſſen; ſondern die Fuͤrſtin faßte gleich mit Wenigem alles Weſentliche auf, und indem ſie mit heilſamen Rathſchlaͤgen oder Warnun⸗ gen ſich gleich mitten in die Gedanken und 166 —— Verhaͤltniſſe des andern verſetzte, und ohne im Geſpraͤch unnuͤtz umher zu ſchweifen, gleich das Herz und die Seele traf, ſtand der ein⸗ fache Buͤrger mit ſtaunender Ehrfurcht und mit einem ſtillen Entzuͤcken dankbarer Liebe vor ihr, und fuͤhlte, auch bei dem offenſten Gemuͤthe, gleich ſelbſt, wie wenig hier ein leeres und breites Geſchwaͤtz von ſeiner Seite der ſchuldigen Achtung gegen eine ſolche Fuͤrſtin, und dem Adel ihrer Seele gemaͤß ſeyn wuͤrde. Ja ſein eigener Ausdruck ſchien mit einfacher Herzlichkeit auf der Stelle etwas von dem milden Einfluſſe der ſtrahlenden Hoheit wieder zuruͤck zu geben; denn bewundernswuͤrdig iſt es, wie ſchnell die Worte des beſſern Gemuͤths und des uͤberlegenen Geiſtes auf den Grund⸗ ton und die Stimmung des Mitredenden wirken. Den andern Tag ſah' ich die Fuͤrſtin in der Umgebung geiſtreicher und gelehrter Maͤn⸗ ner, und, weit entfernt, daß ſie, wie ich an⸗ fangs fuͤrchtete, durch Erwaͤhnung gelehrter 167 —— Gegenſtaͤnde an wahrer Achtungswuͤrdigkeit haͤtte verlieren ſollen, wurde die Vortrefflich⸗ keit ihres Geiſtes und Herzens erſt hier recht begreiflich und verſtaͤndlich, indem ſie keines⸗ weges, wie viele es machen, mit wiſſenſchaft⸗ lichen Kenntniſſen, fremden Ausdruͤcken und dergleichen zu prunken ſtrebte, ſondern bei jeder Wiſſenſchaft nur allſeitigen regen Sinn dafuͤr verrieth, ſo daß ſie, ohne fuͤr irgend eine Parthei ſich zu eutſcheiden, an allem Merkwuͤrdigen und Wiſſenswerthen ſich eben ſo gern ergoͤtzte, als an einem Vorfalle des Tages, wenn anders derſelbe nur etwas Merk⸗ wuͤrdiges darbot; denn ihre Liebe zu den Kuͤn⸗ ſten und Wiſſenſchaften nahm den Urſprung — wie es eigentlich immer ſeyn ſollte— nicht aus todten Buͤchern, ſondern aus dem heiter⸗ empfaͤnglichen Sinne fuͤrs Leben, der jene erſt begeiſtgen muß. Sie achtete in jeder Meinung das Streben nach Wahrheit und alle ihre Partheiligkeit beſtand darin, daß ſie in dem wohl unterrichteten und geſchickten Manne mehr die Rechtſchaffenheit ſeines Her⸗ zens, als ſein Wiſſen und Koͤnnen ſchaͤtzte⸗ mit welchem allein Jemand mehr die kalten Zeichen der Ehre als des Vertrauens empfing. Da es hier beſtaͤndig, im Scherz ſowohl als Ernſt, womit die Reden ſich oft wunderſam in einander verflochten, viel zu hoͤren und zu lernen gab, ſo haͤtte ich noch gern viele Tage hier verleben moͤgen, wenn die Graͤfin ihre weitere Entfernung von der Grenze nicht fuͤr noͤthig gehalten haͤtte; auch mußte in Abſicht meiner es anmaßlich ſcheinen, an ſolchen geiſt⸗ reich⸗vergnuͤglichen Unterhaltungen laͤnger An⸗ theil nehmen zu wollen, ohne ſelbſt achtungs⸗ werthe Beitraͤge dazu liefern zu koͤnnen. Wie wir nun weiter reiſten, ſagte ich zur Graͤfin, daß mir ſo das Hofleben ſchon nicht uͤbel gefiele, indeß fuͤrchtete ich, daß ich den rechten oder den gewoͤhnlichen Ton doch noch nicht kennen gelernt haͤtte. Da laͤchelte die Graͤfin und ſagte: was ich Ihnen daruͤber mittheilte, war nur im Allgemeinen, alles 169 —— „ Allgemeine aber leidet große Veraͤnderung im wirklichen Leben, wo es erſt durch die Ver⸗ haͤltniſſe, unter welchen es erſcheint, ſeine naͤhere Beſtimmung und eigentliche Geſtalt er⸗ halten muß.— So ſoll es mich ungemein freuen, erwiederte ich darauf, zu ſehen, daß die Natur bei aller Annahme von Manier und Form doch immer wieder hindurch wirkt und das neue Kleid ſich huͤbſch nach dem Koͤr⸗ per zieht. Meine Beſorgniß iſt nun zum Theil verſchwunden, und mit etwas Behut⸗ ſamkeit und Schlauheit hoffe ich an den Hoͤfen ſchon fertig zu werden. Darauf ſagte ſie et⸗ was Schmeichelhaftes, ohngefaͤhr des Inhalts, daß ein offener Kopf mit meinem Talent uͤber⸗ all und in alle Verhaͤltniſſe ſich leicht fuͤgen und finden wuͤrde. Ich dankte fuͤr das Com⸗ pliment und ſetzte noch hinzu: ich wuͤnſchte doch, daß der Ton an allen Hoͤfen ſo be⸗ ſchaffen ſeyn moͤchte, als an dieſem, den wir eben verlaſſen haben. Nur Geduld, erwieder⸗ te ſie mit halb verhehltem Laͤcheln, wir finden 170 —— morgen eine Nachahmung davon, und mehr koͤnnen Sie doch nicht verlangen, als daß ſich die andern nach einem ſolchen Muſter richten. Ich merkte gleich, daß hierin ein Irrthum oder ein Mißverſtaͤndniß laͤge, und den andern Tag uͤberzeugte ich mich davon. Der Fuͤrſt der naͤchſten Reſidenz gab den Buͤrgern ſeiner Stadt eben ein Freiſchießen, und wir hoͤrten faſt eben ſo bald das Getoͤſe, das damit verbunden war, als das Schießen ſelbſt. Bei der Annaͤherung bemuͤhte ich mich vergebens, des Fuͤrſten anſichtig zu werden, ſo ſehr war er von ſeinen luſtigen Untertha⸗ nen umringt. Zwei Hofdamen aber, die von einem Spaziergange kamen und den ge⸗ ſammelten Blumen ſo große Buͤſchel in den Haͤnden hielten, daß man damit ein Paar Kuͤhe haͤtte ſaͤttigen koͤnnen, noͤthigten oder zwangen uns vielmehr, aus dem Wagen zu ſteigen und brachten uns, indem eine von ihnen voranlief und dann athemlos wieder⸗ kehrte, auf eine recht haͤuslich freundſchaftlich⸗ 171 —- tumultuariſche Weiſe in das Getuͤmmel, und blieben in dem Gewuͤhl hie und da auch wohl noch ſtehen, um ein Geſpraͤch mit dieſem oder jenem nachbarlich abzuthun. Weil der Fuͤrſt uns gerade am naͤchſten war, ſo trachteten ſie, uns ihm zuerſt vorzuſtellen, aber ſie tha⸗ ten ſehr uͤbel daran, denn nicht genug, daß die Naͤhe zuͤgellos laͤrmender Zungen, die alle Augenblicke die Durchlaucht mit einem Ausrufe in die Luͤfte ſchickten, uns unangenehm fiel, ſondern die Durchlaucht ſelbſt befand ſich auch in keiner lieblichen Verfaſſung. Er war im Genuß der Freude ſeinen Mitgeſpielen ſchon ſtark vorangeſchritten, und, indem er ſich mit ploͤtzlichen Wendungen hier in dieſen und dort in jenen Kreis von Umſtehenden warf und faſt nur wenig Aufmerkſamkeit fuͤr die Aus⸗ bruͤche ſeiner Laune ſich erwerben konnte, be⸗ ſtuͤrmten ihn einige mit Dienſtfertigkeit, um bald die Flinte ihm in die Hand zu geben, bald ihn an die Reihe des Schießens zu erin⸗ nern, oder auch wohl gar noch ſeine Buͤchſe nach dem Ziele zu richten. Er war wie aus dem Schlafe gerufen, als man uns ihm vor⸗ ſtellte; indeß ſammelte er ſich bald wieder, nannte uns brav, daß wir gerade zu dieſem Feſte kaͤmen und hieß uns mit froͤhlich ſeyn. Man machte gleich Platz und wir ſollten auf der Stelle den Koͤnigsſchuß thun; aber die Graͤfin, die die hieſige Art zu leben ſchon kannte, ſchuͤttelte dem Fuͤrſten die Hand und dankte laͤchelnd fuͤr die Ehre, um die man ſo wackere Schuͤtzen nicht berauben muͤſſe. Dar⸗ auf gingen wir nach dem Saale des Schloſſes, deſſen Fenſter alle nach dem Getuͤmmel zu ge⸗ oͤffnet waren, und hier fanden wir die Fuͤrſtin mitten unter den Damen der Stadt. Herz⸗ lich lachend uͤber die Schwaͤnke, die jene zum Vorſchein brachten, zog ſie unwillkuͤhrlich die Frauen, die in der Ehre, ihre Fuͤrſtin zu unter⸗ halten, wetteiferten, immer naͤher an ſich, und ein Wort uͤbertoͤnte ſo ziemlich das andere. Sie ſprang aber hurtig auf, da ſie von unſerer Ankunft hoͤrte, nahm eine ernſte Miene an, 173 — und hatte, wie nach dem Alphabete, eine Menge Fragen in Bereitſchaft, die ſie bei der Be⸗ willkommung an uns richtete, ſo daß man wohl merkte, wie ſie ſich des gluͤcklichen Wahns zu erfreuen ſuchte, gegen alle Staͤnde den rechten Ton treffen zu koͤnnen. Da die Graͤfin ihr aber mit froͤhlicher Laune entgegen kam, uͤberließ ſie ſich wieder ihrer vorigen Munter⸗ keit. Die Stadtdamen miſchten ſich auch bald in's Geſpraͤch, und alle Augenblicke ſprang eine auf die Seite herum, um der Fuͤrſtin, die gegen alle uͤberaus guͤtig war, wegen einer gnaͤdigen Aeußerung den Handſchuh oder den Zipfel ihres Kleides zu kuͤſen. Auch fanden ſich zwei Gelehrte ein, die von allen außer⸗ ordentlich bewundert und von der Fuͤrſtin noch beſonders wegen ihrer Talente gegen uns ge⸗ lobt wurden, ob ſie gleich nichts zum Vor⸗ ſchein brachten, das der Geſellſchaft einen hoͤhern Schwung haͤtte geben koͤnnen. Der eine, gar feierlich und ernſthaft, ſchien durch ſein Schweigen die guͤnſtige Meinung, welche 174 —-— andere von ihm hatten, wie mit einem ſtillen Bewußtſeyn beſtaͤtigen zu wollen, und der an⸗ dere, ein luſtiger Mann, miſchte im Gebrauch fremder Redensarten ein Wortgemenge aus allen Wiſſenſchaften zuſammen, und ſprach bald zu dieſer, bald zu jener Hofdame, um ihr einen witzigen Einfall ins Ohr zu fluͤſtern, ſo daß ich der Wohlmeinung war, er haͤtte lieber gleich den Hofnarren ſelbſt ſpielen ſollen. Den Abend ſaßen wir zu einem großen Schmauſe, und ich haͤtte bei aller Munter⸗ keit, womit man die Geſpraͤche ſich durch⸗ kreuzen ließ, doch Langeweile verſpuͤrt, wenn die Hofdame, die neben mir ſaß, mich nicht bald durch keckliche Fragen in Thaͤtigkeit ge⸗ ſetzt haͤtte. Da ſie aus dem Lande kommen, fing ſie an, wo der unſichtbare Prinz umher ſpukt, ſo erzaͤhlen Sie mir doch etwas von ihm: iſt es denn wahr, daß er eine Kappe traͤgt, die ihn alle Augenblicke verwandelt, bald in einen Huſaren zu Pferde mit Muͤtze und Pallaſch, bald in einen kleinen Kanonieroffi⸗ — 175 —-— eier?— Ach! das iſt das wenigſte, erwieder⸗ te ich darauf. Neulich, als der Koͤnig den Rahmen ſeines kleinen Bildes oͤffnet, um ſich einmal ohne Glas zu betrachten, wird das kleine Geſicht immer groͤßer und groͤßer, bis der ganze Prinz leibhaftig vor ihm ſteht, ihn mit ſtarren Augen anſieht und die Hand nach ſeiner Krone ausſtreckt. Und denken Sie ſich! wie der Kellermeiſter einmal nach dem Keller⸗ ſchluͤſſel greift, zieht ſich ploͤtzlich an der Wand ein Schatten herauf und bedeckt den Schluͤſſel mit ſeiner Hand. Will man ihn aber fangen, ſo verwandelt er ſich in einen Froſch. Dieß alles erklaͤrt ſich indeß von ſelbſt, wenn man auf ſeinen Urſprung ſieht. Er war naͤmlich einer der aͤlteſten Ahnherrn des koͤniglichen Hauſes, ſo ſagt man— klagte aber gleich von ſeiner Geburt an uͤber großen Durſt, und konnte ihn nicht ſtillen. So ſoll er denn auch ein⸗ mal gewuͤnſcht haben, daß der große See vor ſeinem Schloſſe ſtatt Waſſer nichts als Wein ſeyn moͤchte. Geſchah es nun aus dieſem 3 4 176 Verlangen, oder weil der boͤſe Geiſt ihm et⸗ was vorſpiegelte— genug, einſt, da er vom andern Bergſchloſſe kam, wo ſein Vater einen koͤſtlichen Felſenkeller hatte, fiel er der Laͤnge nach in gedachten See und verſchwand. Alles Fiſchen nach ihm war vergebens, man weinte und klagte, daß der junge hoffnungsvolle Prinz, denn er gab Hoffnung, in ſeinem Leben noch manches Ophoft alten Nuͤdesheimer auszutrinken, ſeinen Tod im Waſſer hatte finden muͤſſen. Nach acht hundert Jahren indeß dachte niemand mehr an ihn, und da der See ſeit der Zeit immer kleiner und kleiner geworden war, gleich als ob der Prinz auf dem Grunde immer noch fort getrunken haͤtte, beſchloß man, ihn ganz auszutrocknen. Da ſtieg auf einmal eine ganze Schaar Froͤſche daraus hervor, mit einem Commandeur vor⸗ an, der um einen Kopf groͤßer war, als die andern, in der Sonne um und um von Gold und Silber glaͤnzte, das Kinn und die Augen ſehr hoch trug, und uͤberhaupt ein fuͤrſtliches Anſehn 177 —— Anſehn hatte. Er ſetzte ſich auf das Stein⸗ pflaſter und fragte vor dem Portale des Schloſ⸗ ſes, warum man ihm nicht mehr zu trinken geben wolle. Da man gleich alle Thuͤren und Fenſter verſchloß, ſo raͤchte er ſich mit ſeinem Gefolge an den Bauern, die eben auf der Wieſe Heu machten, und trieb ſie alle von dannen. Drei Doͤrfer wurden aufgeboten, ihn zu bekriegen, und es ſetzte ein gewaltiges Blut⸗ bad. Aber ſeit jener Niederlage iſt der Prinz keinesweges verſchwunden, ſondern uͤberall ſichtbar, bald in der Geſtalt eines grauen Maͤnnchens, das ſich Freiwerbern in den Weg ſtellt, bald wie ein kleines, graues Waiſen⸗ kind, das immer ruft: mich duͤrſtet, mich duͤrſtet, gebt mir doch zu trinken; bald laͤßt er wie ein kleiner Schiffer ſich ſehn, der auf der Schale einer Schildkroͤte ſchwimmt, bald wie eine Rauchſaͤule, die ploͤtzlich im Kamine aufſteigt und tauſend Geſtalten aͤfft. Faͤllt man aber uͤber ihn her, ſo wird er, wenn er nicht weiter kann, wieder zu einem Goldfroſche, III. Theil. M ₰ 178 —--— und an den wagt ſich keiner, weil jeder weiß, daß es der Prinz iſt.— Lachen und Ver⸗ wunderung wechſelten bei der Hoſdame waͤh⸗ rend dieſer Schnaken, und ob ſie gleich nicht daran glaubte, ſo verſicherte ſie doch, ſchon Aehnliches uͤber den unſichtbaren Prinzen ge⸗ hoͤrt zu haben.— So ging wenigſtens der Abend gut hin, und wie ich nachher dieß alles auf der Reiſe der Graͤfin wieder erzaͤhlte, ſagte ſie, daß ſolche Luͤgen und Fabeln an den Hoͤfen wegen der Langenweile oft gar nicht unwillkommen waͤren; doch fragte ſie mich, ob denn nun hier der Hofton mir der rechte ſchiene. Darauf gab ich zur Antwort: ich hatte Unrecht zu glauben, daß der Ton jener humanen Fuͤrſtin in dem kleinen Paradieſe, das wir vor drei Tagen verließen, nachgeahmt werden koͤnne. Nein! der Rath, populaͤr zu ſeyn, kann nur fuͤr die Fuͤrſten gelten, die ein beſonderes Taleut dazu haben, und es auf eine fuͤrſtliche Weiſe zu ſeyn vermoͤgen; die andern moͤgen ſich lieber an Gebrauch und 179 Hofſitte halten, womit ſie wenigſtens den Schein des Rechten nicht verfehlen, und aͤußer⸗ lich fuͤr die Wuͤrde und den Tribut der Achtung ſorgen, der ihrem Range gebuͤhrt. Das außer⸗ ordentliche uͤberhaupt iſt nur fuͤr wenige, und kann nicht zur Vorſchrift fuͤr alle dienen. Die Natur bleibt auch hier das eigentlich handelnde Weſen; die aͤußere Form kann ſich nie ganz von der innern Anlage trennen. Darum werde ich nun freilich auch den Hofton an allen Hoͤfen wohl verſchieden finden und uͤber das Gemeinſame deſſelben uͤberhaupt erſt zu⸗ letzt urtheilen koͤnnen. Mit dieſer Meinung war die Graͤfin ſehr zufrieden. Bald darauf kamen wir in ein Land, deſſen Regent der gelehrte Fuͤrſt genannt wurde, der aber eben ſo gut der luſtige haͤtte heißen koͤnnen. Ich dachte ſchon, daß ich hier wieder ein Nach⸗ bild des letztern finden wuͤrde, aber ich irrte, wie ich nachher ſah, und ich hatte Gelegen⸗ heit genug, ihn kennen zu lernen, weil er nach dem, was er ſchon von mir gehoͤrt hatte und 180 ——— nach dem Zeugniſſe, das ihm die Graͤfin von mir gab, gleich das Verlangen außerte, mich zu ſeinem Kammerherrn zu erwaͤhlen. Zehntes Capitel. Doctoren. Noch hatte ich den Fuͤrſten ſelbſt nicht ge⸗ ſprochen, und mir wurde eine Zeit beſtimmt, da ich vorgelaſſen werden ſollte. Als ich aber zur feſtgeſetzten Stunde in das Vorzimmer trat, fand ich es mit lauter ſchwarz gekleide⸗ ten Maͤnnern angefuͤllt, welche in dem leb⸗ hafteſten Streit begriffen waren, indem der eine behauptete, der Zuſtand des Patienten ſey ſtheniſch, der andere, aſtheniſch, und der eine Theil ſchwaͤchende, der andere ſtaͤrkende Mittel anrieth. Da war ein finſterer Mann, der blieb dabei, daß man auf den Unterleib wirken muͤſſe, ein anderer vollbluͤtiger Herr 181 —— beſtand darauf, daß man ihm zur Ader laſſen ſollte, und ein blaſſes Maͤnnchen wollte ſich durchaus mit der Leber zu ſchaffen machen. Jeder gab der Krankheit einen andern Namen, und der eine ſuchte das obwaltende Uebel in dieſen, der andere in jenen Wegen und Sy⸗ ſtemen. Ich merkte wohl, daß vom Fuͤrſten die Rede war, konnte aber nicht begreifen, wie er ſo ploͤtzlich in Krankheit verfallen ſeyn koͤnn⸗ te, da die Graͤſin ihn geſtern erſt ganz geſund und froͤhlichen Muths verlaſſen hatte; doch verſicherte man mich, er ſey ſehr krank, und alle Aerzte der Stadt waͤren hieher beſchieden, um uͤber ſeinen Zuſtand zu berathſchlagen.— Ich wollte, weil ich bei ſo bewandten Um⸗ ſtaͤnden doch unmoͤglich auf eine Audienz hof⸗ fen konnte, mich ſchon wieder entfernen, als ein fuͤrſtlicher Kammerdiener mich heimlich beim Arm nahm, und auf einem Umwege durch mehrere Zimmer hindurch— zum Fuͤrſten fuͤhrte, der eben ſaß, ein koͤſtliches Fruͤhmahl 182 —ꝛ—— einzunehmen.— Er war gleich ſehr freundlich und zuvorkommend gegen mich, und ſagte: nach dem, was ich von Ihnen gehoͤrt habe, iſt mir's, als kennte ich Sie ſchon zehn Jahr. Auf ſolch einen Mann, wie Sie ſind, habe ich ſchon lange gewartet, und ich denke, mich ſollen Sie auch bald kennen lernen. Wenig⸗ ſtens gebe ich Ihnen heute gleich eine gute Gelegenheit dazu, und Sie finden mich im beſten Flor. Sie werden im Vorzimmer viele ſchwarze Maͤnner getroffen haben, die ſich fuͤr Aerzte ausgeben, und behaupten, uns bis ins Mark und Gebein ſehen zu koͤnnen, aber ihr Blick geht nicht einmal bis in unſern Magen. Dieſem Kapaunen— ich bitte zu⸗ zulangen— trauen die Herren gewiß nicht zu, daß er meinen Appetit reize, und er thut es wahrhaftig, und erwirbt ſich meine ganze Zu⸗ neigung. Mein Kanzler iſt ein guter Mann, und ich laſſe ihn ſchalten nach Herzensluſt, aber wenn er ſich einbildet, daß im Lande ſchon alles aufs beſte beſtellt ſey, ſo irrt er ſich 183 —— Geſtern Abend kamen wir nun auf die Aerzte zu ſprechen, und er ruͤhmte die Geſchicklichkeit derſelben und die großen Fortſchritte in der Heilkunſt bei einem Glaſe Wein ſo uͤbermaͤßig, daß ich einmal anderer Meinung ſeyn mußte, und ich ſtritt und ſtritt mit ihm, bis ich ihm geradezu ſagte: ich will mich ins Bett legen, geſund und friſch, wie ich bin, und will dann die Aerzte kommen laſſen, ſo ſollen Sie ſehen, daß ſie alle moͤgliche Krankheiten in mir finden. Wir haben um einen Wald gewettet, der aus ſeiner Beſitzung mein ſeyn ſoll, wenn er Un⸗ recht behaͤlt; und verliere ich die Wette, ſo geb' ich ihm einen Berg dafuͤr mit ſammt den Tannen! Erhitzt vom Wein, wie ich war, ging ich zu Bette, und ſchickte gleich einen Diener in die Stadt, daß ſie an alle Thuͤren der Aerzte ſchluͤgen und ſie zum ſchnellen Beiſtand ihres Fuͤrſten riefen. Da kam denn einer nach dem andern ganz außer Athem, ſtellte ſich vor das Bett und beſah und be⸗ faßte mich. Ich lauſchte anfangs nur ganz 3 184 —— wenig durch die Wimpern und hielt mich uͤbrigens ganz ſtumm und ſtarr., worauf der erſte meinte, es ſey eine Art von Schlagfluß, man muͤſſe mir gleich eine Ader oͤffnen. Da⸗ zu ließ es aber Gottlob mein guter Kam⸗ merdiener nicht kommen, ſondern er bat um einige Stunden Schonung fuͤr mich. Nun erſchien der zweite, dem begegneten meine Haͤnde mit den ſchoͤnſten Geſtikulationen, gleich⸗ ſam als haͤtte ich im Bette den Koͤnig Lear geben wollen; daher ſagte er auf der Stelle: es ſey ein hitzig Fieber, wogegen er nach der gelehrten Meinung, daß das, was die Krank⸗ heit errege, ſie auch heile, mir feurige Weine zu verordnen gedenke, um die Hitze erſt recht zum Ausbruch kommen zu laſſen. Bei dem dritten fuͤgte ich noch die Declamation hinzu, und ſprach den hier ſehr paſſenden Monolog aus Hamlet: ſeyn oder nicht ſeyn, das iſt die Frage. Da ich die Augen dabei ein wenig verdrehte, ſo meinte der Herr Doctor, es waͤre Hirnwuth; er wolle mir die Haare vom * — . 185 —- Kopfe ſcheeren, und eiskalte Umſchlaͤge darauf legen. Der vierte, ein aufgeweckter Mann, gefiel mir noch am beſten, denn er ſagte: der Kopf waͤre nur der Pfropf von der Men⸗ ſchenflaſche; wenn er nun unruhig wuͤrde, ſo waͤre er nicht ſelbſt ſchuld, ſondern der Grund laͤge im Grunde, wie ſchon das Wort ſelbſt anzeige. Nun weiß der Himmel, ob er den Spaß merkte oder nicht, aber, ich hatte eine g ſchwere Pruͤfung zu beſtehn, denn, weil er das Uebel im Unterleibe ſuchte, ſo betaſtete er mich dermaßen, daß ich vor Lachen haͤtte laut aufſchreien moͤgen. Der nach ihm folgte, ein ſehr muͤrriſcher Mann, meinte, die Milz waͤre verſtopft, und er wollte mir dagegen eine Cur verordnen, die ein ganzes Jahr dauern ſollte.— Darauf ſchlief ich mit dem ſuͤßen Bewußtſeyn, daß ich den Wald des Praͤſidenten recht redlich verdient haͤtte, ruhig in die paradieſiſchen Gefilde der Traͤume hin⸗ uͤber, und jetzt laſſe ich es mir dafuͤr wohl ſeyn. 186 ———— Wie der Fuͤrſt ausgeredet hatte, erzaͤhlte ich ihm, was ich im Vorzimmer vernommen hatte, wie die Aerzte mit einander ſtritten, und noch immer ihre Werkſtaͤtte bald im Un⸗ terleibe, bald im Kopfe aufſchluͤgen, ſo daß das Leben ſeiner Durchlaucht, von allen Seiten umringt, durchaus nicht entrinnen koͤnnte. Das beluſtigte ihn noch mehr, und er ſagte: haben Sie auch wohl bemerkt, daß die Anſichten und Mittelverſchreibungen der Aerzte ſich am meiſten nach ihrem Charakter richten? Blondchriſtel und Suͤßfraͤnzel be⸗ ruͤhren die Natur nur immer leiſe mit einem ſanften Traͤnkchen, das unſchuldig, wie ein Waſſerſuͤppchen, auch kein Kind beleidigt. Dickkopf und Finſterſtirn dagegen ſaͤhen gern, wenn in der Apotheke nicht tlos Puboer, ſon⸗ dern auch Piſtolen und Kanonen zu haben waͤren, um bei dem Kranken recht auf den Grund zu kommen, oder auch ihn in den Grund zu bohren. Trippelfuß und Haſenohr moͤchten gleich jede Minute eine neue Doſis 187 ———— einloͤffeln, und ſpringen in einer Stunde mit den Mitteln wohl zehnmal herum, wie die Wetterfahne bei einem Gewitter. Da ſehen wir nun, wie ſchwer es iſt, daß ein Menſch hinuͤber geht in den andern, und wie oftmals die Apotheke im Patienten nur den Arzt kurirt, ganz ſo, wie im gemeinen Leben: wenn der Nachbar Pomeranzen liebt, ſo raͤth er gleich auch ſeinem Nachbar dazu, derſelbe mag nun uͤber Zahn⸗, Kopf⸗oder Leib⸗ weh, uͤber Stechen in der Bruſt oder Schmerz im Beine klagen. Vernuͤnftiger iſt noch zu ſagen: wenn ich an Ihrer Stelle waͤre! das iſt ein Satz, der immer wahr bleibt, wenn er auch keinem Menſchen etwas helfen kann, eben ſo wahr als: wenn die Nacht am Tage herrſchte, ſo wuͤrde der Tag finſter ſeyn, wie die Nacht. Doch— es wird nun Zeit ſeyn, die Leute vor mein Bett zu laſſen. Er gab einen Wink, und ich hoͤrte, wie viele Menſchen in das Nebenzimmer traten. Alle Aerzte ſtanden vor dem Gardinenbette . 188 —- und warteten, bis der Kammerdiener den Vor⸗ hang zuruͤckſchluͤge. Da geſellte ſich plöͤtzlich der Fuͤrſt durch die Seitenthuͤr zu ihnen, und ſie waͤren vor Schreck beinahe in Ohnmacht gefallen. Laſſen Sie es gut ſeyn, meine Herren, ſagte er, geſtern Abend lag ich freilich ſehr ſchwach darnieder, aber heute fuͤhle ich mich ſchon wieder durch einen Kapaunen und ein Glas Madera geſtaͤrkt.— Durch⸗ laucht, was iſt das? entgegneten ſie darauf, 5 Hoͤchſtdieſelben ſollten doch geruhen zu beden⸗ ken— die Verſtopfung, den Schwindel, die Kraͤmpfe, die Hitze im Blute, der Schlag kann Ihre Durchlaucht auf der Stelle ruͤhren; wir ſind außer uns, Sie ſo umherwandelnd zu finden.— Nun— damit Sie ſich wieder ſammeln, und Muße haben, mich laͤnger zu beobachten, erwiderte der Fuͤrſt, ſo bitte ich Sie, in dieß Zimmer zu treten, und heute einmal von meiner Arznei zu nehmen.— Ein koͤſtliches Fruͤhmahl ward aufgetragen, die Aerzte ließen es ſich gefallen und ſchienen beim 139 3 Madera immer mehr einerlei Meinung zu werden; wenn einer behauptete, es ſaͤße hie oder da, ſo gab es ihm der andere auf der Stelle zu. Inzwiſchen unterhielt ſich der Fuͤrſt uͤber den weiten Wirkungskreis der Heilkunde, indem er eine Menge Krankheiten nannte und immer fragte, ob er ſie wohl bekommen koͤnnte. Er ſah recht hypochondriſch dabei aus, und wie jene ihm vorher eine Menge Krankheiten angedichtet hatten, ſo bemuͤhten ſie ſich jetzt, ihm eine jegliche auszureden, und von allen frei zu ſprechen. Endlich nach dem Fruͤhſtuͤck wagte der Luſtige unter ihnen noch den Scherz, zu ſagen, nun er in den Stand geſetzt waͤre, mit ſeiner Durchlaucht zu ſym⸗ pathiſiren, ſey er feſt uͤberzeugt, daß das Uebel⸗ oder Wohlbefinden bei Hoͤchſtdenenſelben ſeinen Sitz nirgends anders als im Magen habr, worauf der Fuͤrſt ſie alle laͤchelnd entließ.— Ich eilte froͤhlich nach der Graͤfin zuruͤck und verſicherte, daß ich mit dem groͤßten Vergnuͤ⸗ gen der Kammerherr dieſes Fuͤrſten werden 3 190 —-— wolle, deſſen Laune mir ſo gute Unterhaltung verſpraͤche, und darauf erzaͤhlte ich ihr den Vorfall, den ich ſo eben mit augeſehn hatte. Sie war aber nicht minder vergnuͤgt, denn ſie hatte durch ihren Bruder in der Reſidenz ſo eben die Erlaubniß des Hofes erhalten, wie⸗ der auf ihre Guͤter zuruͤck kehren zu duͤrfen; ja ſie waͤre ſogar erſucht worden, am Hofe zu erſcheinen, indem man ihr uͤber manches Mißverſtaͤndniß, das in ihrer langen Abweſen⸗ heir vorgefallen, eine Aufklaͤrung ſchuldig zu ſeyn glaube. Oedenhain haͤtte zu einem ſo auffallenden Betragen gar keinen Befehl ge⸗ haßt, ſein Auftrag waͤre nur geweſen, ſie um noͤthiger Auskunft willen an den Hof zuruͤck zu fuͤhren, und dabei keine Weigerung gelten zu laſſen; am wenigſten waͤre er berechtigt ge⸗ weſen, mit den Bauern einen Krieg anzufan⸗ gen, und wenn er auf dieſe Weiſe ſeinen Tod gefunden, ſo habe er das ganz allein ſich ſelbſt zuzuſchreiben. Meiner, fuͤgte ſie hinzu, wuͤrde zwar in den Briefen mit keiner Sylbe gedacht, 191 —— indeß könne ich mich darauf verlaſſen, daß, wenn ſie nur erſt wieder am Hofe waͤre, ſie die beiden Koͤniginnen ſchon uͤberzeugen wolle, wie wenig ich den Argwohn verdiene, den Uebelwollende auf mich geworfen haͤtten.— Ich erwiderte darauf, nach der Reſidenz haͤtte ich kein Verlangen, ich wuͤnſchte nur Clemen⸗ tinen zu ſehen, und es kraͤnke mich, durch einen Ueberbringer ſo guter Nachrichten nicht auch von ihr ein neues Lebenszeichen oder ein Merkmal ihrer Gunſt— obgleich unverdient — zu erhalten.— Wie duͤrfte ſie einen Ge⸗ danken an Sie laut werden laſſen, erwiderte die Graͤfin, da man jetzt mit Fleiß uͤberall ein tiefes Stillſchweigen uͤber Sie beobachtet! Es iſt immer das Zeichen einer ſchwachen Re⸗ gierung, wenn ſie zwiſchen ſtrengen und ge⸗ linden Mitteln ſchwankt, und die Gefahr ſo ſehr hat uͤberhand nehmen laſſen, daß ſie nun keins von beiden mehr ganz anzuwenden wagt. Bei der Gelindigkeit fuͤrchtet man den zu großen Uebermuth des Volkes, und hat man 192 — eine Weile alles ruhig hingehen laſſen, ſo be⸗ ſorgt man wieder, daß es mit ſtarken Maaß⸗ regeln nun zu ſpaͤt oder zu gefaͤhrlich ſeyn moͤchte.— Der kriegeriſche Auftritt bei meiner Burg zeigte der Regierung an einem kleinen Beiſpiele die groͤßere Gefahr, die mit harter Beſtrafung der Schuldigen hervorbrechen und endlich Aufruhr uͤber das ganze Land verbrei⸗ ten wuͤrde. Deshalb laͤßt man die Unzufrie⸗ denen ruhig in den Schooß der Ihrigen zu⸗ ruͤckkehren, und meint, die alte Gewohnheit wuͤrde ſie ſchon wieder einſchlaͤfern und zufrie⸗ den ſtellen. Von Clementinen koͤnnen Sie di barg mich Nachricht erhalten, und wenn Sie durch ehrenvolles Aufſtreben ſich ihrer wuͤrdig zeigen, will ich— das verſpreche ich Ihnen— zu Ihrer Beruhigung bald ihren Engel an Sie abſenden.— Meinen Engel? wer iſt das? fragte ich mit Haſt; er ſoll mich beruhigen? wie kann er das?— Er wird es koͤnnen, erwiderte ſie, wenn Sie ihn ganz in dem Begriffe eines Engels faſſen. Er iſt ein . kleines 193 ——— kleines Wunder„ und Wunder ſcheinen ja noͤthig zu ſeyn, um Sie durch ſo viele Drang⸗ ſale und Gefahren hindurch endlich zum Ziel zu fuͤhren.— Damit uͤberließ ſie mich meinem Schickſal, und ſchied mit ſanfter Ruͤhrung von mir. Eilftes Capitel. Gelehrte. Nun war ich Kammerherr und bekam durch den Poſten manche Gelegenheit zu neuen fahrungen. Der Fuͤrſt, der ſich an den ver⸗ ſchiedenen Meinungen und Lehrſaͤtzen in den Wiſſenſchaften mehr wegen ihrer Ungewißheit als wegen ihres wahren Gehalts ergoͤtzte, liebte den Umgang mit Gelehrten um der Streitigkeiten willen, die ſie beſtaͤndig mit ein⸗ ander fuͤhrten, und die ihm den koͤſtlichſten Zeitvertreib gewaͤhrten. Wegen dieſer Nei⸗ gung hatten ſich aber gerade nicht die beſten III. Theil. N — 194 — ihres Standes um ihn verſammelt; es waren meiſt unruhige Koͤpfe, die gern Aufſehn in der Welt machen, und lieber durch auffallende Saͤtze Staunen und Bewunderung erregen, als aufrichtig belehren wollten. Meiner wollte der Fuͤrſt ſich vorzuͤglich bedienen, um ſich von ihren ſonderbaren Meinungen naͤher zu unter⸗ richten, und ſich auf manches, das er zum Scherz gegen ſie vorzutragen gedachte, durch mich vorbereiten zu laſſen. Er lud ſie bald zu einem platoniſchen Gaſtmahle ein, damit ich ſie alle moͤchte kennen lernen. Der Fuͤrſt ann damit, daß er ſagte, er haͤtte aber⸗ mals an ſie gedacht, und ein neues Mittel ge⸗ funden, ihre Verdienſte zu belohnen; naͤmlich er haͤtte den Wald des Kanzlers an ſich ge⸗ bracht, damit ſie des Sommers darin fleißig ſtudieren, und mit ihren Gedanken auch huͤbſch einander ausweichen koͤnnten, endlich aber auch deshalb, um ſie einſt alle in dieſem Muſen⸗ haine begraben zu laſſen. Dadurch fanden ſie ſich nun ſehr geſchmeichelt, und manche ſchie⸗ 195 ——— nen ſich auf den Tod ſchon ordentlich zu freuen, blos um des ehrenvollen Begraͤbniſſes willen. Es waͤhrte aber nicht lange, ſo entſpann ſich hieraus ein Streit. Manche aͤußerten naͤm⸗ lich den Wunſch, daß ſie von dieſem und jenem in einiger Entfernung begraben ſeyn moͤchten, und forſchten, welche Rangordnung dabei ſeine Durchlaucht zu beobachten gedaͤchten. Der⸗ gleichen Fragen, die eine Verachtung des Geg⸗ ners andeuteten, blieben nun von dieſem nicht unbeachtet, und da bei halben Stichelreden der Fuͤrſt immer die vollſtaͤndige Meinung wiſſen wollte, ſo legte jeder die hohe Idee, die er von ſich ſelbſt hatte, immer dreiſter an den Tag. Es waren unter ihnen zwei Par⸗ theien, die Telliſten und Coͤliſten, die ſich ohngefaͤhr von einander unterſcheiden moch⸗ ten, wie die Ausdruͤcke: naiv und erha⸗ ben. Jene behaupteten, der Gegenſtand der Poeſie ſey die Welt mit ihrer ſinnlich⸗ goͤttli⸗ chen Beſchaffenheit, wie ſie ſich einem reinen Gemuͤthe ſchon von ſelbſt offenbare, ohne daß N 2 196 ——- eine beſondere Ruͤckſicht auf Gott, auf das Himmliſche, u. ſ. w. noch dabei noͤthig waͤre. Die andern aber meinten, mit dieſer Anſicht braͤchten die Kuͤnſte weiter nichts, als ein ganz gemeines irdiſches Wohlbehagen hervor, und gaͤben keine Erhebung des Gemuͤths; in dieſen Schranken ſey die Poeſie weiter nichts, als eine große Naturhiſtorie, nur geiſtreich ausgeſprochen, ſie haͤtte eigentlich gar keine Beziehung auf den Menſchen weiter, als in ſo fern er die Welt genieße und ſie beobachte; die wahre Poeſie kaͤme aus dem Gemuͤthe des Dichters, welcher nur das Göttliche, das Himmliſche in den Koͤrpern ſehe, und ſich derſelben nur als Stufen zum Himmel be⸗ diene, um ſich durch die geiſtigen edlern Be⸗ ſtandtheile derſelben zu dem reinen Urſprunge, zu Gott zu erheben. Nicht die Welt in ihrer ganzen Erſcheinung, ſondern die Anſicht des Dichters, der den Geiſt im Koͤrper frei mache, und das Verlorne gleichſam wieder zu Gott zuruͤck bringe, begruͤnde die Poeſie. Dieſe, die Coͤliſten(die Himmliſchen), warfen nun den Telliſten(den Irdiſchen) vor, daß, weil ſie die Dinge in keiner hoͤheren Beziehung betrachteten, ſo wuͤrden ſie mit ihrer Naivetaͤt gemein, indem ihnen eins ſo viel bedeute als das andere, und ſie jeden Erdenklos fuͤr be⸗ ſingenswerth halten koͤnnten; worauf jene er⸗ widerten: jedes Ding enthalte ſchon den Gott in ſich, und es beduͤrfe keiner beſondern Beziehung auf ihn, deshalb waͤren ſie die wahren Dichter, die Koͤrper und Seele bei einander ließen, waͤhrend jene in dem Wahne, die Dinge zu erheben, ſie nur zerſtoͤrten, und dafuͤr luftige Geſtalten ſchafften. Jetzt ſagten nun die Telliſten ſpottend, daß die Coͤliſten eigentlich gar kein Begraͤbniß verlangen koͤnn⸗ ten, indem ja Wald und Erde nur gemeine Dinge waͤren, wornach ſie gar nichts fragen koͤnnten. Weil ſie nur den Himmel und nicht die Erde fuͤr etwas Weſentliches gelten ließen, ſo muͤßten ſie ſich eigentlich ihrer eigenen Lei⸗ che ſchaͤmen und erroͤthen, wenn man nur 198 —— davon ſpraͤche. Gaͤbe es aber hierbei fuͤr ſie noch eine Phantaſie, ſo wuͤrden ſie wohl lie⸗ ber auf den Baͤumen, als unter denſelben wollen begraben ſeyn, um ſich dem Sternen⸗ himmel doch um einige Zoll naͤher zu befinden. Hierauf machten ſie ſich uͤber den Begriff des Himmels luſtig und ſchonten auch ſelbſt den herrſchenden Gott nicht, der darin thronen ſollte. Bald wurde es dem Fuͤrſten zu arg, und er erinnerte ſie hurtig an ihre irdiſchen Angelegenheiten, um ihre kleinen Beduͤrfniſſe den hohen Anſichten gegenuͤber geſtellt zu ſehen, was ihm immer das meiſte Vergnuͤgen ge⸗ waͤhrte.— Nachher fragte er mich, was es denn mit dieſem Streit eigentlich auf ſich habe. Darauf antwortete ich, ſo weit ich in der Philoſophie mich umgeſehen haͤtte, hingen dieſe Dinge mit den allerſchwerſten Fragen und Unterſuchungen zuſammen, deren Wichtigkeit und Unſicherheit zugleich den Stolz und die Schwäche aller Philoſophen ausmachten; es beruͤhre das Capitel von der Freiheit des —— 199 —— menſchlichen Willens, oder— ſo zu ſagen— ſein Verhaͤltniß zu ſich ſelbſt, mit Beſtim⸗ mung deſſen, was er ſelbſt, und was Natur ſey. Sobald ſich der Menſch aber die Frei⸗ heit vorzuſtellen ſuche, ſteige er zur vollkom⸗ menen Freiheit, und alſo zum Bilde Gottes hinauf, und die Frage nach dem Weſen und nach der Entſtehung der Welt ſey ebenfalls ein Umſchauen nach einer hoͤheren Freiheit oder einer freien Kraft; da aber der Begriff der Freiheit ohne den Begriff der Beſchraͤn⸗ kung und Gegenwirkung wieder nichts ſey und fuͤr die Vorſtellung nichts Haltbares gaͤbe, ſo wuͤßten die Philoſophen gar nicht, was ſie mit Gott anfangen und wo ſie ihn wohnhaft machen ſollten, ob in der Welt ganz und gar, oder noch daruͤber hinaus, perſoͤnlich und ge⸗ trennt in einem beſondern Erkerſtuͤbchen. Das iſt, fuhr ich fort, was ich ohngefaͤhr den Philoſophen bei ihren Unterſuchungen abge⸗ merkt habe, und es liegt wohl in der Natur der Sache, daß ſolche Forſchungen in alle 200 —- Ewigkeit fortdauern muͤſſen und nie ihre End⸗ ſchaft erreichen koͤnnen. Dieſer ſchwierige Punct ſcheint nun auch auf die Anwendung der Kunſt, ja auf das ganze practiſche Leben in der Welt den groͤßten Einfluß zu haben, indem wir immer finden werden, daß die Menſchen bald mehr im Kreiſe irdiſchen Wohl⸗ ſeyns, bald mehr in Beziehung auf etwas Hoͤheres handeln, wie ſich dies jeder nach ſei⸗ ner eigenen Vorſtellung denkt und ausbildet. Solches und dergleichen, das ich hier nur kurz beruͤhre, ließ ſich der Fuͤrſt ganz ruhig vordemonſtriren, und ſagte darauf: es freut mich, daß die Sache ſo ungewiß iſt, denn ich habe es den Leuten ſchon immer angemerkt, daß ſie mit dem Siebe ſchoͤpfen. Moͤgen ſie denn immer ſo fortfahren; aber— ich kann es nicht leugnen: zuweilen werde ich doch neu⸗ gierig, zu wiſſen, was hinter ſolchen Dingen eigentlich wohl verborgen ſeyn moͤchte, und deshalb bitte ich Sie, daß Sie mir zuweilen einige Winke geben, damit ich die Leute huͤbſch 201 —--— durch Fragen in Verlegenheit ſetzen und ſie gegen einander noch mehr in Harniſch bringen kann.— Ich machte bald darauf die naͤhere Be⸗ kanntſchaft der Gelehrten, und ließ mich, ſo weit es anging, in all' ihre Tendenzen ein⸗ weihen. Weil ſie aber den Grundſatz hatten, daß der moraliſche Character des Menſchen und ſein Privatleben nichts mit der Kunſt und einem oͤffentlichen Amte zu thun habe, ſo faßte ich gleich ein großes Mißtrauen gegen ſie, und ich fand dieſes bald nur zu ſehr ge⸗ gruͤndet. Es hatte ſich naͤmlich in der Stadt auch ein unbeſcholtener Mann, Namens Frank, eingefunden, der aus großer Vorliebe fuͤr die Gelehrten manches froͤhliche Mahl mit ihnen theilte, und ſie gern um ſich ſah. Da er auch Verſe machte, ſo dachten ſie daran, wie ſie durch die Eitelkeit ihn in ihr Netz zoͤgen. Es ging einer zu ihm und ſagte: ei, was machen Sie fuͤr herrliche Sachen! die muͤſſen Sie drucken laſſen, geben Sie doch einen Al⸗ 202 —— manach heraus, wir wollen Sie mit Beitraͤ⸗ gen unterſtuͤtzen. Solche ließen ſie ſich nun von ihm ſehr anſehnlich honoriren. Durch den großen Na⸗ men, den ſie ihm in ihren Critiken ertheilten, pluͤnderten ſie ſeine Kaſſe. Auf die kritiſchen Inſtitute wußten ſie zu ihrem Vortheil zu wirken, und ich ſtaunte, da ich bei dieſer Ge⸗ legenheit auch einen Blick in das Weſen der⸗ ſelben that, die Unredlichkeit der Welt auch bis hieher verbreitet zu ſehen. Noch aͤrger ging es dem ehrlichen Frank mit einer galanten Dichterin, Namens Lida, die gern Fremde bewirthete, um Vortheil von ihnen zu ziehen. Einſt, da ſie auch mich zu einem Gaſtmahle gebeten hatte, begegnete mir der gute Frank, in großer Angſt und Bewe⸗ gung. Ach! ſagte er, wiſſen Sie wohl, wie es unſerer Lida geht? Sie hatte bis jetzt aus edlem Stolz ihren Zuſtand gegen uns ver⸗ hehlt, aber heute hat ſie ſich mir entdeckt. Denken Sie, ſie weiß nicht mehr, wovon ſie morgen leben will. Da bin ich denn in der Stadt umhergelaufen, um von guten Freun⸗ den fuͤr ſie zu borgen, denn ich ſelbſt bin eben nicht bei Caſſe, ich habe aber fuͤr ſie gutge⸗ ſagt, und nach gerade ſchon ein artiges Suͤmm⸗ chen beiſammen; ich bitte, daß Sie ſich auch der armen Frau annehmen und fuͤr Sie thun, was Sie koͤnnen.— Lieber Frank, erwiderte ich darauf, es kann nicht ſeyn, daß Lida Man⸗ gel leidet, ich bin ja heute bei ihr zu einem Gaſtmahle gebeten, und eben auf dem Wege zu ihr. Wollen Sie nicht mit? Sie werden willkommen ſeyn.— Frank ſtarrte mich an, und fand dies unbegreiflich. Aber um ſich von der Wahrheit zu uͤberzeugen, ging er wirklich mit, und er hoͤrte ſie ſchon in der Ferne ſingen, und fand eine ganz artige Ge⸗ ſellſchaft beiſſammen. Lida kam bei Frankens Anblick indeß keinesweges außer Faſſung; nein, ganz geruhig rief ſie ihn auf die Seite, und ſagte, daß ſie heute von vornehmen Fremden, die ſie ſehr nahe angingen und an deren 204 — Freundſchaft ihr ſehr viel gelegen ſey, unver⸗ muthet waͤre uͤberraſcht worden, und ohne ſeine Unterſtuͤtzung wuͤrde ſie jetzt in Ver⸗ zweiflung ſeyn, ſie baͤte ihn daher, ſeine milde Hand aufzuthun, und— er that es wirk⸗ lich, und nahm den Abend an dem böoͤſtlichen Gaſtmahl, wobei es ſehr luſtig herging, ſelbſt Antheil. Viele Jahre nachher erfuhr ich, daß er noch immer das Geld, welches er fuͤr die poetiſche Lida zuſammen geborgt hatte, aus ſeinem Beutel verzinſen mußte. So ging es zu unter den ſtreitenden Ge⸗ lehrten, die die Milde und Laune des Fuͤrſten herbei gelockt hatte. Ich kann nicht ſagen, daß ich an dieſem Umgang beſonderes Wohlgefallen gefunden haͤt⸗ te, denn das Komiſche wird unluſtig, wenn das Laſter oder die Unredlichkeit den Ernſt ein⸗ miſcht. Weder mit dem Betragen der Ge⸗ lehrten, noch mit der Art, wie ihnen der Fuͤrſt begegnete, war ich zufrieden. Ich hatte von der Beſtimmung und Wuͤrde der Gelehr⸗ 205 — ten ganz andere Begriffe. Die Abhaͤngigkeit, in der ich dieſe ſah, und in der ſie ſo unwuͤr⸗ dig behandelt wurden, floͤßte mir eine Gering⸗ ſchaͤzung, wo nicht gar eine Verachtung ge⸗ gen ſie ein. Weil die Beſchaͤftigung des wiſ⸗ ſenſchaftlichen Kopfes ſich geradezu der Er⸗ kenntniß der Dinge widmet, ſo muß der Ge⸗ lehrte mehr als jeder andere die Wahrheit verfechten und ſich ihr aufopfern. Im uͤbri⸗ gen practiſchen Leben geht durch das Beruͤh⸗ ren perſoͤnlicher Ruͤckſichten und eigennuͤtziger Vortheile ſtets viel vom Rechten und Wahren verloren, und wenn ſich die Gelehrten nun auch in ſolche Verhaͤltniſſe begeben und es aller Welt recht zu machen ſuchen, wer ſoll die Wahrheit dann in ihrer Reinheit noch be⸗ wahren und erhalten, und auf jene Verderb⸗ niß einwirken! Deshalb muß man ihnen vor allen Dingen Unabhaͤngigkeit und feſten Muth zur Entſagung vieler aͤußern Vortheile wuͤn⸗ ſchen, damit in der ſchroffen Allgemeinheit ihrer Urtheile immer eine Gegenwirkung bleibe 206 —— gegen jene Nachgiebigkeit und Oberflaͤchlich⸗ keit, die in der menſchlichen Geſellſchaft mit der Zeit das Rechte vom Falſchen immer ſchwaͤcher und ſchwaͤcher ſondert, und gern alles auf Ruͤckſichten ankommen laͤßt, wogegen die ſtrenge Forderung des idealen Willens und wiſſenſchaftlichen Kopfs allerdings ſchwaͤrme⸗ riſch oder pedantiſch erſcheinen muß. Bei ge⸗ hoͤriger Wechſelwirkung gleicht ſich nachher das Ganze wieder zu einem friedlichen, uͤber der Verſunkenheit empor gehaltenen Leben aus. Zu fruͤhe Verſchmelzuͤng aller Gegenwirkun⸗ gen aber bringt den Tod, Verſchiedenheit ſchaͤrft den Trieb des Lebens, ſteter Kampf muß ſtets erneuerten Frieden gebaͤren. So mag auch wohl der Streit fuͤr Ge⸗ lehrte ſich geziemen, ſo fern es ihnen nicht um ihr Ich, ſondern allein um Wahrheit zu thun iſt. Von dieſer Beſchaffenheit waren indeß die Geſellſchaften des Fuͤrſten nicht. Schon ihr zu großes Streben nach aͤußern Gunſtbezeigungen verdarb ihren Character, * 207 —— und der heitere Scherz uͤber ſie wurde daher leicht zum Spott, der zuletzt auf ihren gan⸗ zen Stand zuruͤckſtel und, wie alle Perſiflage in verdorbener Geſellſchaft thut, Falſches und halb Wahres unter dem Stempel der Nichts⸗ wuͤrdigkeit zu einer allgemeinen Oberflaͤche zu⸗ ſammendruͤckt. Die Duldſamkeit, die oft aus dieſer Geringſchaͤtzung aller Dinge entſteht, iſt von der wahren Billigkeit und allgemeiner Wuͤrdigung beim Anſchauen der Welt ſo ver⸗ ſchieden, wie Schatten vom Licht, denn— ſie giebt mit ihren Urtheilen nur ſchwarze, farbloſe Bilder, die alle der Nacht aͤhnlich ſehen, aus welcher ſie entſprangen. * 208 ———— Zwoͤlftes Capitel. Kammerherrnnoth. 1 Da mein Beſtreben, dem Fuͤrſten mehr Liebe zu den Wiſſenſchaften ſelbſt einzufloͤßen, ver⸗ gebens war, ſo ließ ich es gehen, wie es wollte, und nahm auch gelegentlich das Luſtige hin, das ſich aus ſeinen Scherzen ergab. So trachtete er immer dahin, den ganzen Hof in eine gelehrte Haltung zu verſetzen, indem er bald dieſes bald jenes vortrefflich zu finden vorgab, und alle zu gleichen Liebhabereien auf⸗ forderte. Da ich etwas von der griechiſchen Sprache verſtand, ſo kam er jetzt auf die Idee, Griechiſch zu treiben, d. h. gegen ſeinen Hof zu thun, als ob er Griechiſch triebe. Einige Worte, einige Bemerkungen und Verſe, die ich ihm lieh, erregten bei den Damen bald ſo großes Erſtaunen, und ſo großes Wohlgefal⸗ len, daß ſie, um ihre ſchoͤnen Lippen daran 209 —— ͤ- zu uͤben, mich ſaͤmmtlich um Beiſtand zur Er⸗ lernung dieſer goͤttlichen Sprache anriefen, ſo daß ich meine wahre Noth hatte. Jede bekam eine Sehnſucht nach dem Homer, und hoffte die Sprache deſſelben eben ſo leicht zu lernen, wie das Franzoͤſiſche. Mit der Verdeutſchung einiger Verſe waren ſie indeß ſchon zufrieden, und eine von ihnen trat hin, um declamirend zu zeigen, wie ſchoͤn das Helleniſche in ihrem Munde klaͤnge. Da wußten die andern nicht, was ſie vor Neid und Eiferſucht dagegen auf⸗ bringen ſollten, denn jede fremde Sprache bekommt in einem ſchoͤnen Munde einen eigen⸗ thuͤmlichen Reiz, und ertheilt eben ſo auch wie⸗ der der Schoͤnen eine neue Anmuth. Man be⸗ trachtete alſo das Griechiſche wie einen Schmuck, eine Zierde, wodurch man den Wohlklang einer ſchoͤnen Stimme und ſelbſt die Schoͤnheit des Geſichts und der Geſtalt noch erhoͤhen koͤnn⸗ te.— Ein anderer Scherz, den ſich der Fuͤrſt mit ihnen machte, beſtand in der Einfloͤßung einer großen Liebe fuͤr allerhand Attituͤden, III. Theil. O 4* 8* 6 210 —- womit man, der Behauptung nach, nicht nur beruͤhmte Statuen, ſondern auch Gemaͤlde darſtellen koͤnnte. Da ſah man ploͤtzlich den ganzen Hof in reizenden, ſonderbaren, oft in den ſchwerſten Stellungen erſtarren. Der Fuͤrſt verſicherte beſtaͤndig, daß dieſe lebendi⸗ gen Gruppen die gemalten Bilder noch uͤber⸗ traͤfen, und that, als wenn er ſich gar nicht ſatt daran ſehen koͤnnte, indem er doch heim⸗ lich daruͤber lachte. In jedem Winkel ſaß eine Mutter Marie, und ich konnte nicht ſchoͤne Kinder genug anſchaffen, um jeder eins auf den Schooß oder an die Bruſt zu geben, wobei der Muthwille des Fuͤrſten, wie ſich leicht denken laͤßt, immer viel zu erinnern fand. Mich rief er dabei ſtets als Kenner auf, und ich hatte Anſtrengung noͤthig, um nicht den Scherz zu verrathen.— Es iſt aber noch zu merken, daß den Damen die Gunſt des Fuͤrſten auch in perſoͤnlicher Ruͤckſicht keinesweges gleichguͤltig war, denn er lebte als Wittwer, der ſeine Hofhaltung von einer ehr⸗ — 211 —— wuͤrdigen Alten aus ſeiner Verwandtſchaft be⸗ ſorgen ließ, und ſeine Gnadenerweiſungen eben nicht nach der Etikette abmaß. Die alte Tante bewachte die Hofſitte aber deſto eifriger, und tadelte ihren Couſin daruͤber, daß er viele, die nicht tafelfaͤhig waͤren, gleichwohl zu oft zu ſich einluͤde. Dagegen hatte aber der Fuͤrſt ein gute Einwendung. Er ſagte: bei der Re⸗ gierung eines Staats kommt alles darauf an, daß die Aemter gerade mit den tuͤchtigſten Maͤnnern, ohne Ruͤckſicht auf Stand und Ge⸗ burt, beſetzt werden; es laͤßt ſich aber nicht denken, daß ich fuͤr die Anſtellung derer, die mit mir zu Tiſche ſitzen, nicht gerade am erſten ſorgen ſollte; ſeheich nun ſtets Separatiſten um mich, ſo iſt es unmoͤglich, Unpartheiligkeit bei Beſetzung der Aemter zu vermeiden. Die Unterſcheidung nach dem innern Werth kann ich nicht moͤglich machen, ſo lange ich durch alleinige Auszeichnung der Perſonen nach dem aͤußern Anſehn mir den Weg 9 2 212 dazu verſperre; deshalb muß ſich alles, was Talent beſitzt, mir naͤhern duͤrfen. Dieſe Behauptung war aber, ſo gegruͤn⸗ det ſie ſchien, ein bloßer Vorwand, denn er bekuͤmmerte ſich um die Regierung ganz und gar nicht, und ſagte einſt ganz naiv zu mir: das Regieren macht mir Langeweile; große Ideen laſſen ſich doch bei einem kleinen Lande nicht ausfuͤhren, und die kleinen gehen auf muͤhſame Geſchaͤfte, auf einen mechaniſchen Zuſammenhang von ganz gewoͤhnlichen Dingen hinaus, wozu eine Ausdauer und eine Geduld 4 gehoͤrt, wie ſie nur mein Kanzler beſitzt. Dem kann ich in Gottes Namen alles ruhig anvertrauen, und ich thue wohl, mich nicht in ſeine Anordnungen zu miſchen; denn eine Herrſchaft von zweien taugt nicht, und erzeugt nur Widerſpruch und Partheien.— In ſei⸗ nen ergoͤtzlichen Stunden fuͤhrte er oͤfters den Wahlſpruch im Munde, den er einſt von einem polniſchen Staroſten vernommen hatte: nichts thun iſt edel! 213 — Dem gemaͤß ließ er auch nicht gern jemand mit einer Bittſchrift oder mit einer muͤndlichen Klage vor ſich, und meine Pflicht war es beſonders, alles Andringen zu verhindern. Geſchah es gleichwohl, ſo mußte ich immer die Schuld ſeiner Verſaͤumniß tragen. Euch ſoll geholfen werden, ſagte er zu den Leuten, und dann zu mir: erinnern Sie mich doch daran, oder ſorgen Sie doch dafuͤr. Wußte er nun bei einer zweiten Anfrage keine genuͤ⸗ gende Antwort zu ertheilen, ſo wandte er ſich zu mir zuruͤck und ſchalt mich aus wegen mei⸗ ner Vergeßlichkeit, ſo daß ich vor den Leuten bald als ein Menſch erſchien, der das Gute nur verhindere. Der oͤffentlichen Reputation hatte ich aber ſchon vielen Geſchmack abge⸗ wonnen, ſo daß es mir immer ſchwerer fiel, bei dem Volke zur Vermittelung ſeiner Ange⸗ legenheit fuͤr einen Saumſeligen zu gelten. Vom Fuͤrſten ſelbſt machte man ſich eine ſehr gute Vorſtellung, denn alles, was der Kanzler anordnete, wurde ihm zum Lobe angerechnet. 214 —-õ Dadurch entſtand nun aber einmal ein recht komiſcher Auftritt, der hier eine Erwaͤhnung verdient. Der Kanzler, der den linken Fluͤgel des Schloſſes bewohnte, hatte naͤmlich eine Deputation der Buͤrgerſchaft zu einer Dank⸗ ſagung vorzulaſſen verſprochen, und war zu der Zeit, da ſie erſcheinen ſollte, gerade ver⸗ reiſt, ohne des kleinen Geſchaͤfts weiter einge⸗ denk zu ſeyn. Jetzt ſah der Fuͤrſt die Buͤrger auf den Schloßhof treten, und hoͤrte, daß ſie kämen, ſich fuͤr mancherlei Wohlthaten zu be⸗ danken. Wenn es das blos iſt, ſagte er, ſo kann ich ſie wohl ſelbſt einmal anhoͤren. Und ſo ließ er ſich im Saal auf den goldnen Seſ⸗ ſel zur Audienz nieder, und ich ſtand hinter ihm. Er hatte eben die beſte Laune von der Welt, und mit vergnuͤgtem Sinn ſtaunte er je mehr und mehr uͤber die großen Dinge, die er zum Wohl der Stadt gethan haben ſollte, wovon ich zum Gluͤck beſſer als er unterrichtet war. Zuerſt fing die Deputation damit an, daß ſie ſich gluͤcklich pries, den 215 —- Fuͤrſten aus einer ſo großen Lebensgefahr ge⸗ rettet zu ſehen, denn ſie glaubten, daß ihn juͤngſt der Schlag geruͤhrt haͤtte. Was iſt denn das mit der Lebensgefahr? wandte ſich der Fuͤrſt fragend zu mir, und ich erwiderte fluͤſternd: das war, wie Ihre Durchlaucht die Doctoren examinirten. Die Buͤrgerſchaft pries weiter, daß er die Wiſſenſchaften be⸗ ſchuͤtze, und die Mittel dazu auf eine ſo libe⸗ rale Weiſe aus ſeinem eigenen Beſitz vermehrt, habe.— Was iſt denn das wieder? fragte er mich. Es ſind einige alte Buͤcher, weil es an Platz fehlte, aus Ihrem Cabinet auf die oͤffentliche Bibliothek geſchafft worden, gab ich zur Antwort. Die Buͤrgerſchaft fuhr mit vielen Lobeserhebungen fort, die Froͤmmigkeit des Fuͤrſten zu ruͤhmen, mit welcher er fuͤr den Schmuck des aͤußern Gottesdienſtes ge⸗ ſorget habe.— Und— was habe ich denn da wieder gemacht? fragte der Fuͤrſt. Ich an twortete: das Taufbecken iſt mit einem Engel verziert, und der Kirche ſind neue 216 Klingelbeutel geſchenkt worden. Drauf ging es auf die Schule uͤber, und der Fuͤrſt ſollte ſich auch gegen ſie ſehr wohlthaͤtig bewieſen haben. Davon weiß ich wieder nichts, ſagte der Fuͤrſt zu mir. Allerdings, fluͤſterte ich ihm zu, der Rector hat vom Schloſſe Freibier und die Schule neue Tafeln und Tintenfaͤſſer bekommen. Darauf ward in großen Worten erhoben, wie er fuͤr die Ruhe und Sicherheit der Stadt mit vaͤterlichem Augen wache.— Wie wache ich denn? fragte mich der Fuͤrſt. Ihre Durchlaucht, erwiderte ich, Sie haben zwei Stapelwaͤchter angeſetzt und eine Patroulle aangeordnet. Der Redner konnte aber immer nooch nicht fertig werden, die Befeſtigung der buͤrgerlichen Sicherheit zu ruͤhmen; da ſagte der Fuͤrſt zu mir: mein lieber Felsheim, ich muß noch etwas gemacht haben, was mag es doch ſeyn? Ganz recht, gab ich zur Antwort, vor der Stadt iſt ein neuer Galgen errichtet. Pfui Teufel! brummte der Fuͤrſt darauf, die Leute werden mich endlich noch zum Scharf⸗ 217 —— richter machen. Alles ſoll ich gethan haben. Raſch erhob er ſich nun und ſagte: gut, lieben Leute; ich freue mich, wenn ihr alles, was ich fuͤr euch gethan habe, erkennt. Kehrt zu⸗ ruͤck zu den Euren und ſchildert ihnen, wie es mich innig ruͤhrt, an euch dankbare Kinder zu haben. Ich werde nicht ermuͤden, euch in meine vaͤterliche Liebe einzuſchließen, und es mir oft ſelbſt ſagen, daß es fuͤr ein Vaterherz keine ſuͤßere Sorge giebt, als wie er ſeine Kinder gluͤcklich mache. Ueber dieſe gnaͤdige Aeußerung waren die Buͤrger bis zu Thraͤnen geruͤhrt, und mit feierlichem Schweigen verließen ſie den Saal. Das ging ja noch alles recht gut ab, ſagte drauf der Fuͤrſt zu mir; haͤtte ich doch nim⸗ mermehr geglaubt, daß ich ſeit kurzem die Stadt mit ſo viel Wohlthaten uͤberſchuͤttet haͤtte; aber der Kanzler iſt ein wackerer Mann, er denkt doch an alles, er verſieht junge Ge⸗ lehrte mit Tintenfaͤſſern und die Stadt mit einem Hochgericht. Das iſt ruͤhrend; und 218 ——— darum ſoll er auch regieren bis an ſein ſe⸗ liges Ende. Mit meinem Amte, Geſuche vom Fuͤrſten abzuhalten und an die rechte Behoͤrde zu ver⸗ weiſen, kam ich bald in ein neues Gedraͤnge. Der Fuͤrſt hatte naͤmlich eine ſchoͤne Freundin, Namens Malvina, die ihren Einfluß auf ihn auch gern bis auf die Regierungsgeſchaͤfte aus⸗ gedehnt haͤtte, und von mir verlangte, daß ich bald dieſem bald jenem beim Fuͤrſten Gehoͤr oder die Anwartſchaft auf eine Stelle ver⸗ ſchaffen und denſelben uͤberhaupt von manchen Angelegenheiten muͤndlich unterrichten ſollte, damit ſie ihre Schuͤtzlinge mir zuſenden, und — mit dem Sekretair des Fuͤrſten war ſie ſchon einig— ſo allmaͤlig ſelbſt eine kleine Regierung bilden koͤnnte. Da ich den Kanzler in allem zuverlaͤſſig und wacker ſah, und ich der ſchoͤnen Malvina nicht Kenntniß und Rechtſchaffenheit genug zutraute, ſo weigerte ich mich, ihr zu willfahren. Anfangs betrug fie ſich deshalb mit einem uͤbelgelaunten Still⸗ 219 —— ſchweigen gegen mich; bald darauf aber wurde ſie freundlich und endlich gar freundſchaftlich. Sie lud mich oͤfters zu ſich ein, und meine muſikaliſchen Kenntniſſe mußten ihr einen Vorwand leihen, meine Geſellſchaft wuͤnſchens⸗ werth zu finden. Wenn ich lange genug ihr Spiel auf dem Fortepiano mit einem andern Inſtrumente begleitet hatte, ging es zu der Karte oder zu einer Lectuͤre und endlich zu einem traulich koͤſtlichen Mahle uͤber, das aus den ausgeſuchteſten Delikateſſen beſtand. Ich beeiferte mich, ihre zuvorkommende Hoͤf⸗ lichkeit um ſo mehr mit Artigkeit zu erwidern, je ſtrenger ich ihren ernſtern Wuͤnſchen zuwi⸗ der handeln mußte. Oftmals ſandte ſie mir auch koſtbare ſeltene Fruͤchte, worauf von mei⸗ ner Seite ein kleines Briefchen mit mancherlei Schmeichelworten zum Dank erfolgte. Den⸗ noch fing ſie bald drauf an, uͤber Mangel an Aufmerkſamkeit und uͤber meine Unbiegſamkei und meinen Stolz zu klagen, und ſie ſchrieb es der Zerſtreuung zu, in welcher meine Ge⸗ 220 ——— danken ſtets umher irrten und nach einem andern Gegenſtande gingen. Durch den Ver⸗ rath meines Dieners hatte ſie naͤmlich erfah⸗ ren, daß ich ein Bild auf meiner Bruſt trug, wovon ſie das Original nun auf alle moͤgliche Weiſe zu erforſchen und auszuſpaͤhen ſuchte. Um ſie irre zu leiten, beſchloß ich von Stund' an, mit einer jungen Hofdame, Fraͤulein Ulrike, die noch nicht lange vom Lande zu uns gekommen war, freundlich zu thun, und in Malvinens Gegenwart durch ein gewiſſes zuruͤckhaltendes Weſen mich zu ſtellen, als ob ich mit ihr ein geheimes Verſtaͤndniß haͤtte, das ich nicht wolle merken laſſen. Durch dieſen Ernſt taͤuſchte ich ſie in der That, denn ſie dachte, wenn ich nur in gewoͤhnlicher Freundſchaft mit ihr ſtaͤnde, ſey kein Grund voorhanden, nicht unter vier Augen mit ihr zu ſcherzen; weil ich dieß aber unterließe, muͤßten unſere Verhaͤltniſſe wohl von der Art ſeyn, daß ich ihr nichts Gleichguͤltiges oder Leicht⸗ ſinniges ſagen koͤnnte, ohne den Ernſt der 221 —— Zaͤrtlichkeit(und eine wahre Liebe iſt ernſter Beſchaffenheit) durchblicken zu laſſen; doch war ſie ſchlau genug, ſich zu ſtellen, als wenn ſie von dieſer Liebe nichts merke, blos um mir einen Grund zu entwenden, aus welchem ich mich nun haͤtte käͤlter gegen ſie betragen koͤnnen. Sie glaubte ihre Mittel verſtaͤrken zu muͤſſen, und weil alle Hofdamen ſo geſchickt in Attituͤden waren, und alle Augenblicke zu einer heiligen Familie ſich zuſammenkauerten, ſo wollte ſie ebenfalls darin nicht zuruͤckbleiben, und, wo moͤglich, jene noch uͤbertreffen. Da bekam ſie den ſonderbaren Einfall, die buͤßende Nagdalena darſtellen zu wollen, welche zu einem offenen Buche hingeſtreckt liegt und vor Andacht weder an die Lage ihres Koͤrpers, noch an den Faltenwurf ihres Kleides denkt. Das Bild hing in ihrem Zimmer, und ich, als ein Gelehrter, wie ſie mich oft nannte, ſollte ihr die Rolle— Kleidung, Stellung, Mienen und Gebehrden— einſtudiren. Alle meine Vorſtellungen, daß dieſer Gegenſtand 222 —— zur Nachahmung unpaſſend und mit ſo vie⸗ len Schwierigkeiten verknuͤpft ſey, fanden kein Gehoͤr; ſie behauptete, ob ſie gleich an Schoͤnheit ſich mit keiner Magdalena vergleichen koͤnne, ſo habe ſie doch alle Ur⸗ ſache, dem Fuͤrſten zu zeigen, daß es fuͤr ſie Zeit ſey, als Buͤßende zu erſcheinen.— Dieſe Worte enthielten, wie ich glaubte, noch einen beſonderen Sinn, und da der Sekretair des Fuͤrſten, der gegen uns beide ſonſt den Neutralen ſpielte, zu mir einſt wohlmeinend ſagte, daß ich ja auf meiner Huth ſeyn moͤch⸗ te, ſo wußte ich nicht mehr, zu welchen Mit⸗ teln ich mich wenden ſollte, und ſah mich bald von allen Seiten in vielfache Gefahr ver⸗ ſtrickt. Ulrike nemlich fing an, mich in Ernſt zu lieben, und immer deutlicher das Gefuͤhl der Eiferſucht zu verrathen, das mein Ver⸗ haͤltniß zu Malvina ihr eingefloͤßt hatte. Je mehr ſie mit einer edlen Faſſung die feuchten Augen vor mir zu verbergen trachtete, deſto heftiger ergriff mich der Schmerz des bitter⸗ 223 ——--— ſten Vorwurfes, ſie geraͤuſcht zu haben. Der Fuͤrſt ſprach jetzt mehr als ſonſt von den lo⸗ benswerthen Eigenſchaften ſeiner reizenden Malvina, ſandte mich oͤfters mit Erkundigun⸗ gen nach ihrem Wohlbefinden zu ihr, und kroͤnte faſt jeden Beifall, den er meinen Lip⸗ pen uͤber ſie zu entlocken wußte, mit neuem Lobe. Da ſie nun auch naͤchſtens in der Ge⸗ ſtalt einer Buͤßenden ihm erſcheinen wollte, ſo dachte ich: der Fuͤrſt iſt ihrer uͤberdruͤßig, und ſie will ſeinen Wuͤnſchen zuvorkommen, ihre Entlaſſung fordern und ihn an das Ver⸗ ſprechen einer Verſorgung erinnern. Dieſe konnte aber keine andere, als eine anſtaͤndige Verheirathung ſeyn, und bei der gnaͤdigen Freundlichkeit des Fuͤrſten gegen mich mußte ich fuͤrchten, daß er mich zu dieſem Verſorger erwaͤhlt haͤtte. Mirr grauſte bei dieſer Vor⸗ ſtellung, denn den Vorſchlag zu einer ſol⸗ chen Verbindung fand ich nicht allein fuͤr meine Ehre kraͤnkend, ſondern ich fuͤhlte auch die Unmoͤglichkeit, nach Clementinen noch eine 224 ——— andere zu lieben. Und nun erwachte meine Sehnſucht nach der Geliebten auf das lebhaf⸗ teſte, und das lange Stillſchweigen der Graͤfin Scharnhorſt uͤber ſie ſiel mir ſchwer aufs Herz. Ich ſuchte, ſo oft es nur Zeit und Gelegenheit gab, die einſamſten Spaziergaͤnge auf, um dem bittern Schmerz der Trennung durch Seufzer Luft zu machen, und meinen aͤngſtlichen, gefahrvollen Zuſtand naͤher zu be⸗ trachten. Wie ich aber ſo auf die Entſtehung meines Verhaͤltniſſes mit Malvinen zuruͤck⸗ ging, glaubte ich ploͤtzlich eine ganz andere Abſicht zu entdecken, die mir noch wahrſchein⸗ licher war, als die andere, der ich mich zu entziehen ſtrebte. Naͤmlich ihre Freundſchaft hatte einen ſo ſonderbaren Anfang genommen, daß ich, bei kalter Erwaͤgung, einer Liebe, die gleichſam unter Dornen hervorgeſproßt ſeyn ſollte, ohnmöͤglich rechten Glauben bei⸗ meſſen konnte, und ſie ſchien mir ſelbſt zu kiug, um unter ſolchen Umſtaͤnden von einer ſolchen Verbindung Gluͤck zu hoffen. Nahm ich nun an, 225 an, daß bei ihren Wuͤnſchen, mehr Einfluß auf den Willen des Fuͤrſten zu bekommen und durch ihn in mancherlei Dingen zu herrſchen, ich vor allen ihr im Wege ſtehen mußte, ſo konnte recht gut ihre Abſicht dahin gehen, mich zu ſtuͤrzen, und, ſo oft kuͤnftig der Fuͤrſt üͤber ſie mit mir ſprach, glaubte ich etwas heimlich Forſchendes in ſeinen Blicken gewahr zu werden. Wenn er mich anreizte, ſie zu loben, ſo geſchah dieß wohl nicht, um mir eine Neigung anzudichten, nach welcher er mich nachher mit ihr verbinden könnte, ſon⸗ dern, um zu ſehen, ob ich wirklich unbeſchei⸗ den und verwegen genug ſey, ſie fuͤr mich gewinnen zu wollen. Sie ſelbſt hatte vielleicht mit Fleiß ihm zuerſt dieſen Verdacht eingefloͤßt und wollte nun dadurch, daß ſie mich immer naͤher anlockte, ihm Gelegenheit verſchaffen, ſich zu üͤberzeugen, daß ich nicht wirklich der treue Diener ſey, für welchen er mich hielte. Somit ſollte ich in Ungnade fallen, und mei⸗ nen Poſten einem andern einraͤumen, der ge⸗ III. Theil. Pp 226 ——— gen Malvinens Herrſchſucht ſich willfaͤhriger zeigte; und je nachdem der Verdacht des Fuͤr⸗ ſten ſchwer oder leicht ausffiel, hatte ich noch obendrein Schande und die ungerechteſte Strafe zu fuͤrchten. Es war aber noch der Fall moͤglich, daß ſie und der Sekretair, nach einer Verabredung, mich nur in Angſt und Sorgen verwickeln wollten, damit ich von ſelbſt die Stelle verließe, die mir unterhoͤhlt ſchiene. Mit allen dieſen Vermuthungen traf ich aber ſo wenig das Rechte, daß vielmehr eine noch viel groͤßere Gefahr mich umſchweb⸗ te, als alle jene Beſorgniſſe mich einſehen ließen, und woruͤber ich erſt nach langer Zeit Aufklaͤrung erhielt. Ich erinnere mich faſt nicht, in meinem ganzen Leben in einer ſo verwickelten Lage mich befunden zu haben, wie dazumal bei dem luſtigen Fuͤrſten.— Mal⸗ oina fuhr noch immer fort, Gefalligkeiten gegen mich auszuſpenden, und kleine artige Briefe zur Dankſagung mir abzulocken; be⸗ fand ich mich aber ſelbſt bei ihr, ſo war der 227 — Schein einer Vertraulichkeit zwiſchen uns, nach ihren liſtigen Fuͤgungen, oft noch groͤßer. End⸗ lich kam der Tag, wo ſie mir eine Probe von der Darſtellung ihrer buͤßenden Mazdalena ge⸗ ben wollte, um ſich dabei von meinem Ur⸗ theile leiten und belehren zu laſſen. Wenn ich nun dabei auch auf das behutſamſte zu Werke ging, ſo konnte ich doch unmoͤglich in Abſicht der Anordnung des Coſtuͤms alles, was an Unſchicklichkeit erinnerte, vermeiden. Nur die Idee der Kunſt, die man auszuuͤben vorgab, konnte einigermaßen den Anſtand retten, und ich hielt mich auf das ſtrengſte in den Gren⸗ zen dieſer Vorſtellung. Da uberdieß auch die andern Damen des Hofes aͤhnliche Spielereien trieben, ſo troͤſtete mich der Gedanke, daß wir blos der Mode folgten; doch horchte ich oͤfters furchtſam auf, gleich als ob ich uͤberall Feinde geahnet haͤtte. Als ich nun aber der wohl coſtuͤmirten Malvina die Hand reichte, um ſie zu einer Tafel hinaufſteigen zu laſſen, die das Poſtement der Magdalena ſeyn ſollte, .. 2 8 228 —-— ſo hoͤrte ich auf einmal nebenan eine Stimme laut werden, die einen aͤngſtlichen Ausruf von ſich ſtieß. Sie kam aus dem verborgenen Aufenthalte hinter dem Vorhange des Neben⸗ kabinets, und ich drohte, unbekannte Gefahr fuͤrchtend, augenblicklich in das Heiligthum einzudringen, als Malvina ſich mit großer Eilfertigkeit von der Tafel herab dazwiſchen ſtuͤrzte, und betheuerte, daß es weiter nichts als ihre kranke Kammerfrau ſey, der ſie, bei einem ploͤtzlichen Anfalle von Unpaͤßlichkeit, hier auszuruhen geſtattet habe. Jetzt war mein Verdacht vollkommen, und bei dem naͤch⸗ ſten Geraͤuſch, das im Vorſaal entſtand, ver⸗ ſicherte ich, daß wir geſtoͤrt wuͤrden, und be⸗ gab mich eiligſt hinweg. Irgend ein Verraͤther hat, mich zu ver⸗ derben, ſagte ich zu mir ſelbſt, im Cabinet gelauert, entweder der Fuͤrſt ſelbſt oder einer von ſeinen Getreuen. Ich blieb ungewiß, ob ich eine weibliche oder eine maͤnnliche Stimme gehoͤrt haͤtte, entſchied mich aber mehr fuͤr 229 —— das letztere. In Eile ging ich zum Fuͤrſten, um vielleicht hier gewahr zu werden, was man mit mir vorhaͤtte; doch dieſen traf ich eben aus einem ſuͤßen Schlafe erwachend; er forderte mich zu einem Schachſpiele auf, und war froͤlich und guter Dinge; ja er fragte ſo⸗ gar, ob Malvina mit ihrer Masdalena ſchon zu Stande gekommen ſey, und lachte weidlich uͤber das Kunſtſtuͤck, ſo daß ich nicht wußte, ob hier oder ob dort die Verſtellung herrſchte. In der Nacht aber traͤumte ich von Phi⸗ libert, wie er emſig um Clementinen beſchaͤf⸗ tigt war, und eine Thraͤne von ihren Wan⸗ gen trocknete. Ich gerieth daruͤber nach mei⸗ nem Erwachen in Verwunderung, denn Traͤu⸗ me bringen am haͤufigſten dunkle Gefuͤhle ins Bewußtſeyn, die man vorher nur fluͤchtig em⸗ pfangen, oder Dinge, die man im Geraͤuſche des Tages uͤberhoͤrt oder vergeſſen hat; ſie of⸗ fenbaren nicht ſelten die wirkliche Lage, worin man ſich befindet, und ſtellen ſie der Seele ſymboliſch dar, d. h. ſie kleiden ſie in eine 230 Geſchichte, in einen Vorfall ein, worin gerade die naͤchſten Beſorgniſſe, Gefahren und Be⸗ ſtrebungen ſich abſpiegeln. Vielleicht hatte ich am Tage irgend einen Eindruck von Philibert empfangen, der mir dunkel und unbewußt ge⸗ blieben war. Vielleicht hatte ich ihn ſelbſt in der bunten Menge anderer Menſchen ge⸗ ſehn, und ſeine Erſcheinung trat jetzt deutlich in der Seele hervor. Vielleicht— mir fiel die Stimme ein, die ich im Cabinett gehoͤrt hatte, und die in der That der ſeinigen nicht unaͤhnlich ſchien.— War er der Auflaurer geweſen?— Ich ging mit dieſem Gedanken bald hoffend, bald trauernd umher, war auf⸗ merkſam auf alle Geſtalten, und glaubte ihn uͤberall verſteckt oder verkleidet zu ſehn. Es giebt Ahnungen, die Wahrheit andeuten und etwas Verborgenes offenbaren, und mein Ge⸗ fuͤhl taͤuſchte mich jetzt nicht; denn als ich am Abend bei untergehender Sonne durch den Wald ritt, erblickte ich ploͤtzlich vor mir auf einem unzugaͤnglichen Felſen ſeine Geſtalt. Er 231 ——— ſtand wie ein Theil des Felſens unbeweglich, und ſchaute ernſt auf den rollenden Strom, der ſich ſchaͤumend durch das Thal auf die einzeln ragende Klippe warf und ſich toſend zu ſeinen Fuͤßen brach. Seine Stellung und ſein Geſicht mahlten Traurigkeit, und bei einer Bewegung ſeiner Hand zum Herzen ent⸗ quoll ein Seufzer ſeiner Bruſt. Darauf ließ er den Arm auf den Felſen zuruͤck ſinken und blieb regungslos am Geſtein, wie ein wild bluͤhendes Geſtraͤuch, das mit einer Ranke ſich feſtſchlingt.— Staunend fuͤrchtete ich an⸗ fangs das Traumgeſicht zu verſcheuchen, das mich nicht minder erfreute als uͤberraſchte. Ich vermied alles Geraͤuſch, um ihn nicht im Sinnen zu ſtoͤren, und ſo wie man einem Vogel auflauert, dem man naͤher zu kommen hofft, ſtand ich lange da, das Pferd ruhig anhaltend. Endlich rief ich Philibert, und ſprengte zum Felſen hin; aber ſeine Geſtalt war verſchwunden, und die Felszacken auf der Hoͤhe blieben regungslos vor mir ſtehen. Ich 232 umſpaͤhte den Ort, ließ das Pferd uͤber Bloͤcke und Staͤmme, uͤber Klippen und Vertiefun⸗ gen klimmen, dennoch fand ich nirgends eine Spur von ihm, auch keinen Weg, der mich haͤtte hinauf geleiten moͤgen, noch ein Ge⸗ raͤuſch, das eine lebende Seele verrathen haͤt⸗ te, ſo daß ich faſt meinte, von der aufgereg⸗ ten Phantaſie mit dem Bilde der Sehnſucht getäͤuſcht zu ſeyn. Die Sonne war indeß zur Ruhe geſunken, und die dunkle Nacht breitete durch die Kammern des Waldes ihre Schat⸗ ten. Schweigend durchritt ich den Wald, und kam, nicht ohne zuruͤck zu ſchauen, zur Stadt zuruͤck. War es Philibert wirklich? fragte ich mich; hat Clementine ihn geſandt? Aber, wenn er es iſt, warum tritt er nicht offen, wie der Schein des Tages, zu mir herein? Was ſoll ich von ſeiner Heimlichkeit denken, und warum ſah ich ihn traurig, warum ein⸗ ſam ſo gebengt auf einem Felſen? Sieht er im Verborgenen mein Ungluͤck, warum rettet er mich nicht?—— kommt er, mir ſelbſt ſeind⸗ ſelig aufzulauern?—— Tauſend Gedanken und Sorgen umlagerten mich. Ich ritt den andern Tag auf die Landſtraße hinaus, um ihn, im Fall er ſchon auf ſeiner Heimkehr be⸗ griffen ſey, noch auf dem Wege zu erhaſchen und zu mir zuruͤckzufuͤhren, aber alles Su⸗ chen und Forſchen war vergebens, und ſin⸗ nend und gruͤbelnd ging ich wieder zum Fuͤr⸗ ſten zuruͤck. Oreizehntes Capitel. Ehrenvoller Ruf. Noch aͤngſtigte mich das dreifache Verhaͤltniß, zu Malvinen, zu Ulriken und zum Fuͤrſten, als ploͤtzlich ein Stern der Hoffnung aufging, der mir eine andere Bahn vorſchrieb. Briefe von der Reſidenz aus meinem Vaterlande ka⸗ men an mit dem wichtigſten Inhalt. Man ſchrieb, der Koͤnig, von meiner Bravheit, 234 — von dem reichen Schatze meiner Erfahrung und meiner Kenntniſſe unterrichtet, wuͤnſche nichts Geringeres, als daß es mir gefallen moͤchte, die Stelle eines Gouverneurs bei ſei⸗ nem Sohne anzunehmen, um ſeiner Bildung die Vollendung und ſeinem Character die Fe⸗ ſtigkeit zu geben, die zu vielen wackern Eigen⸗ ſchaften ihm allein noch fehle; deshalb— hieß es weiter— waͤre der Entſchluß, ihn durch die Provinzen des Reichs, und einige auswaͤr⸗ tige Laͤnder reiſen zu laſſen, damit er ſeine Vorſtellungen erweitern, und das Wiſſen an den Gegenſtaͤnden ſelbſt pruͤfen koͤnnte. Ihn zu begleiten— dazu glaubte man keinen tuͤch⸗ tiger als mich; und damit mein aͤußeres An⸗ ſehn dieſem ehrenvollen Poſten entſpraͤche, legte man mir den Titel und Rang eines Ma⸗ jors bei, und gab mir zugleich die kuͤnftige Ausſicht auf die wichtigſten Aemter im Staat. — Alles dieſes beſtaͤtigte nicht nur die Graͤ⸗ ſin, ſondern ſie ſetzte auch hinzu, daß Cle⸗ mentine nichts dawider habe; es ſey die Staf⸗ 235 —-— fel zu den hoͤchſten Ehrenſtellen, ich moͤchte eine Gelegenheit nutzen, die ſelbſt mit der Fuͤhrung des Scepters— wenn man auf die Zukunft ſähe— in einem ſo nahen Zuſammenhange ſtäͤnde. Des Argwohns, womit man vorher gegen mich gefehlt haͤtte, ſollte gar nicht mehr gedacht werden, und man ſchiene im Stillen beſchloſſen zu haben, angethanes Unrecht wie⸗ der gut zu machen. Auch Edbert waͤre frei⸗ geſprochen. Waͤren noch geheime Abſichten bei dieſem Antrage verborgen, ſo haͤtte ich nicht noͤthig, ſie zu fuͤrchten, ſondern duͤrfe viel⸗ mehr hoffen, ſie zu meinem Beſten wenden und zu meinem Vortheile benutzen zu koͤnnen. — Erfreut und erſtaunt zugleich ſtand ich da, als ich dieß alles geleſen hatte. In der That — die ehrenvollſte Laufbahn oͤffnete ſich mir, offenbar hatte die Graͤfin fuͤr mich gewirkt, und daß ſelbſt Clementine mit darum wußte, das vollends ſpornte mich an, keinen Augen⸗ blick mit meiner Entſchließung zu ſaͤumen. Wie aber, ſiel mir dabei ein, wenn der Hof 236 —— nur willens waͤre, mich wieder in ſeine Ge⸗ walt zu bekommen, um mich deſto ſicherer zu verderben! Wie ein Raubvogel, der ſchnell uͤber unſer Haupt wegſchweift, ſo uͤberflog mich dieſer Gedanke. Andere Vorſtellungen verſcheuchten ihn wieder. Ich unterſuchte, ob nicht wirklich der Staat ſeine guten Gruͤnde dazu haben koͤnnte. Mir war ſehr wohl be⸗ wußt, in welchem Verhaͤltniſſe ſchon ſeit lan⸗ ger Zeit die benachbarten kleinen Staaten zu dem Reiche meines Koͤnigs ſtanden. Weil ſein Großvater ihre Macht ſehr beſchraͤnkt hatte, trugen ſie heimlich noch immer großen Haß und Widerwillen gegen unſer Land; den Groll, womit ſie gegen ihren Beleldiger ſelbſt aus großem Reſpect nicht loszubrechen wag⸗ ten, hatten ſie zur Rache fuͤr ſeinen Enkel aufgeſpart, gegen den ſie nun glaubten ſich muthiger zeigen zu koͤnnen; deshalb ward von dieſer Seite immer Unruh und Krieg gefuͤrch⸗ tet, und mein Vaterland hatte auf die kleinen Staaten ſtets ein aufmerkſames Auge. Jetzt 237 —— konnte man leicht auf den Gedanken verfallen, daß es die Abſicht jener Verbuͤndeten ſeyn koͤnnte, meiner gegen das Reich, das mich ohnehin beleidigt hatte, ſich zu bedienen, und das Anſehn, worin ich beim Volke ſtand, zur Stuͤrzung des Throns zu benutzen. An der Spitze ihrer Armee konnten ſie mich wohl gar nach dem Glauben des Volks fuͤr einen rechtmaͤßigen Erben des Landes ausgeben, und ſo uͤberall Aufruhr erregen. Dieſen moͤglichen Unfaͤllen kam man zuvor, indem man mich zu einem Ehrenpoſten ins Vaterland zuruͤck⸗ rief. Wollte ich aber nicht ſo weit hinaus⸗ denken, ſo zeigte ſich noch ein zweiter Beweg⸗ grund, der ganz nahe vor Augen lag. Um nichts mehr konnte es dem Staate in Abſicht meiner Perſon zu thun ſeyn, als, den Wahn zu vertilgen, womit das Volk meine Erſchei⸗ nung betrachtete, welches mich nun einmal fuͤr ſeinen Verfechter und fuͤr einen Gegner des Hofes hielt. Dieſer Glaube mußte ſchwin⸗ den, ſobald man mich oͤffentlich an der Seite 238 —— des Prinzen erblickte, und zwar in einem Ver⸗ haͤltniſſe zu ihm, welches mich als dienend darſtellte. Hatte ſich aber das Volk erſt an dieſen Anblick gewoͤhnt, ſo konnte es nachher nicht leicht wieder auf den Gedanken kommen, in mir einen andern als den Gouverneur des Prinzen und einen treuen Diener des Koͤnigs zu ſehen. Somit war auf einmal alle Ge⸗ fahr getilgt.— Dieſe letztere Vermuthung fand ich ſo wahrſcheinlich, daß ich mich ſogar uͤber die Maaßregel freuete, die ſo viel Klug⸗ heit verrieth, denn immer habe ich an klugen Handlungen anderer faſt die naͤmliche Freude gehabt, als wenn ich ſie ſelbſt begangen haͤt⸗ te.— Ich ſaͤumte alſo nicht, vom Fuͤrſten meinen Abſchied zu fordern, und da er von meiner glaͤnzenden Beſtimmung hoͤrte, ſagte er laͤchelnd, er habe immer gehoͤrt, daß der Prinz meines Landes nur eine Hand habe, ob die rechte oder die linke, das wiſſe er nicht, aber davon werde es abhangen, auf welche Seite 239 ich mich ſetzen muͤßte, um den Fehler zu decken. Ulrike war traurig uͤber meinen Abſchied, aber Malvina konnte die Freude nicht verber⸗ gen, die ſie daruͤber empfand, und ich ſah' nur zu deutlich, daß ihre Abſicht bei dem raͤthſelhaften Betragen gegen mich keine andere geweſen ſeyn koͤnne, als mich auf irgend eine Weiſe von der Stelle zu vertreiben, die ſie mit einem folgſamern Anhaͤnger zu beſetzen wuͤnſchte; doch um auch zuletzt noch den bis⸗ herigen Schein zu beobachten, machte ſie mir eine ſehr koſtöare Brillantnadel zum Geſchenk, damit ich, wie ſie ſagte, das Bild auf der Bruſt deſto beſſer vor Frevelaugen verwahren koͤnnte. 8. Ich dachte auf meiner Reiſe mit großer Lebhaftigkeit daran, welche Freude meine Mut⸗ ter haben wuͤrde, wenn ſie von meiner An⸗ ſtellung hoͤrte, und ich haͤtte ſie gern gleich beſucht, wenn nicht das Kloſter zu entlegen und nicht zu beſorgen geweſen waͤre, daß ich 240 —y—ℳ ihren heimlichen Aufenthalt durch meinen Be⸗ ſuch nur verrathen moͤchte. Aber naͤher be⸗ ruͤhrte mein Weg jenes Amt, wo ich den erſten— Grund zu den Wiſſenſchaften gelegt hatte, und wo ich erfahren konnte, wie es meinem Freun⸗ de Eduard ginge. Es war zur Erntezeit, wie ich mich dem Gute naͤherte, und es kehrten eben die Schnitter in großer Anzahl mit ihren blanken Senſen vom Felde zuruͤck, und ſtimm⸗ ren mit den Binderinnen ein froͤhliches Lied an, das aber mehr einen wehmuͤthigen als heitern Eindruck auf mich machte; denn ich wurde ploͤtzlich des Abſtandes inne, in welchem ich mich auf meinem neuen Lebenswege gegen dieſe laͤndliche Friedfertigkeit befand. Es war mir, als ob die Stimme der freien, ſegens⸗ reichen Natur ſelbſt mich eines Abfalls oder einer Untreue gegen ſie beſchuldigte, und ich fuͤhlte bei dem Gedanken an die Reſidenz meine Bruſt beklemmt, und mein Herz verlangte mit Sehnſucht zuruͤck nach einem Zuſtande, wie die Umgebung ihn vor meine Sinne ſtellte. Doch 241 —— Doch ſtieg uͤber dieß alles hinaus das Bild der reizenden Clementine, die mir aus heiterer Fruͤhlingsluft zu einem neuen Himmel hinauf⸗ winkte, ſo daß zwiſchen Vergangenheit und Zukunft mein Geiſt wie zwiſchen zweien Wel⸗ ten ſchwebte. Ich erkannte es wohl, daß mehr mein Schickſal als mein Wille mich leitete und ich troͤſtete mich damit„ daß alles Gottes Fuͤgung ſey.— Indem ich noch in dieſe Betrachtung verſenkt war„bemerkte ich, wie ein liebendes Paar, zaͤrtlich ſich umſchlin⸗ gend, vom Felde daher kam und langſam dem Liede der Schnitter folgte. Es war Eduard. Eine Thraͤne verduͤſterte mir den Blick vor Freude und Wehmuth, denn ich fuͤhlte, indem ich ihn wieder ſah, die lange Trennung und mein eigenes, ſonderbares Loos, das mich bald noch weiter von ihm entfernen ſollte. Und wunderbar ſchien es mir ſelbſt, daß ich nicht entzuͤckt zu ihm hineilte, ſondern aus der Ferne noch lange meinen Blick auf ihm ruhen ließ, um mich halb trauernd an ſeinem Bilde III. Cheil. Q 242 —— und an ſeinem Gluͤcke zu laben. Sobald er mich aber erblickte, lief er ſo eilfertig auf mich zu, daß ſeine Geliebte ihm nicht ſchnell ge⸗ nug folgen konnte. Ich ſprang vom Pferde, ihn zu umarmen, und vergaß alles um uns her. Erſt der Zuruf ſeiner Geliebten, daß das Pferd mir entlaufe, brachte mich wieder zur Beſinnung. Ploͤtzlich verſtummte das Lied der Schnitter, welche nach dem Fluͤcht⸗ linge ſprangen; es nahm ſeinen Weg nach dem Amte; und rannte ſo geradezu auf den Hof, als wenn es von einem unſichtbaren Geiſte dahin waͤre geleitet worden. Der Ver⸗ walter trat hervor, es in Empfang zu nehmen, und viele Menſchen verwunderten ſich, ein ſo ſchoͤnes Thier zu ſehen, das als Bote ſeines Herrn ſo treu voran eile. Indem wa⸗ ren wir nachgekommen, und es fand ſich, daß das Pferd auf dieſem Hofe geboren und er⸗ zogen war. Ein Auslaͤnder hatte es auf einem Jahrmarkte gekauft, und durch ihn war es bis zu mir gelangt. Wenn aber ſelbſt das 243 —— Pferd ſich freute, den Weg und die Thuͤr ſeiner erſten Heimath wieder zu erkennen, wie ſollte ich nicht bei dem Anblick ſo theurer Ge⸗ genſtaͤnde noch viel mehr Wehmuth und Freu⸗ de empfinden!— Als der Amtmann von dem Zweck meiner Reiſe hoͤrte, wollte er ein gro⸗ ßes Gaſtmahl anſtellen, und die ganze Nach⸗ barſchaft zuſammenrufen, aber ich zog die trau⸗ lichen Stunden in dem kleinen Kreiſe vor, und ergoͤtzte mich an Eduards Sanftmuth und an ſeinem Gluͤcke. Weil bei ſeinem leicht empfaͤng⸗ lichen Sinn zu fuͤrchten war, daß ſein Herz vielleicht irre geleitet oder gemißbraucht werden koͤnnte, ſo hatte ſein Vater beſchloſſen, ihn bei Zeiten zu verheirathen und ihn deshalb einer Verwandten zugefuͤhrt, deren treuherzige Zuneigung nun ſeine ganze Seele erfuͤllte. Mit dieſer, welche Ottilie hieß, kam er eben des Weges daher, als ich mich dem Amte naͤherte. Er hatte eine Anſtellung bei der Kammer in der Stadt und hielt ſich jetzt zur Erholung bei ſeinem Vater auf. Unter mei⸗ Q 2 244 — nen Augen mußten ſich die Liebenden nun feierlich die Haͤnde reichen, und das haͤuslich⸗ frohe Mahl wurde zum Verlobungsfeſte.— Dieß war der letzte Tag, wo ich in voͤlliger Freiheit, ohne durch Ruͤckſichten oder Ver⸗ daͤltniſſe geſtoͤrt zu werden, der Freundſchaft und der einfach⸗laͤndlichen Freude im vollen Maaße genoß.— Mit dem Abſchiede von Eduard lag ein Paradies hinter mir, das ich kuͤnftig, ſo viel Gutes mir auch noch begeg⸗ nete, nicht wieder ſich erneuern ſah und nur mit der Erinnerung betrat. Nicht weit von der Reſidenz traf ich mit der Graͤfin zuſammen, weil ſie mit Fleiß noch vor meiner Ankunft abgereiſt war, um durch eine fruͤhere Entfernung vom Hofe mit ihrem Fuͤrworte fuͤr mich den Beobachtern deſto un⸗ verfaͤnglicher und aufrichtiger zu ſcheinen, und durch keine Berathſchlagungen mit mir die Aufmerkſamkeit der Argwoͤhniſchen auf ſich zu ziehen. Sie ſagte mir, wie ſie ſelbſt dem Hofe den Rath zu dieſer Anſtellung gegeben haͤtte, 245 — um mein Schickſal an das Intereſſe des Staats zu knuͤpfen, und damit beſtaͤtigte ſie meine Vermuthung. Clementine ſchien aber leider nach ihren Aeußerungen immer noch ein fernes Ziel fuͤr mich zu ſeyn, das ich nur unter ganz beſonders guͤnſtigen Umſtaͤnden er⸗ reichen koͤnnte. Ich ſtaunte daruͤber, und fragte, welche Ehrenaͤmter ſie denn von mir verlange, und wie hoch ſie ſelbſt ſtehe, daß ſie eine ſolche Stufe noch fuͤr gering achte? Die Graͤfin antwortete nicht beſtimmt darauf und blickte ſchweigend gen Himmel, als ob von dort die Entſcheidung kommen muͤßte. Das war nun freilich wenig Troſt und wenig Ermunterung fuͤr mich, indeß beſchloß ich, die nun einmal betretene Bahn in Got⸗ tes Namen zu verfolgen, und hoffte dabei zu⸗ gleich, Clementinens Aufenthalt, den ſie mir verſchwieg, in der Reſidenz zu erfahren.— Nachdem ich noch manchen Rath von ihr em⸗ pfangen, und ihr auch viele herzliche Gruͤße an meine Mutter aufgetragen hatte, ſchied ich 246— —- von ihr und eilte zur Stadt. Vor allem ließ ich mich der Koͤnigin Mutter vorſtellen. Dieſe empfing mich mit neugierigen Blicken, wußte aber ihren Mienen ſo viel Haltung zu geben, daß ſie gegen das, was ihr etwa verdaͤchtig an mir ſeyn konnte, voͤllig gleichguͤltig ſchien. Mit Uebergehung alles deſſen, was meine Perſon betraf, ſprach ſie nur von der Wich⸗ tigkeit des Amtes, deſſen ich ſey gewuͤrdigt worden. Sie hielt mit einer wohl weiſe auf⸗ gehobenen Hand und geſondertem Zeigefinger, gleich einer lehrreichen Sibylle, eine lange Er⸗ mahnung an mich, ja des kuͤnftigen Regenten Heil und Wohlfarth auf das gewiſſenhafteſte in Obacht zu nehmen.— Die Koͤnigin ſagte ohngefaͤhr das naͤmliche, aber ihre Neugierde, mich zu ſehen, da ſie mich einſt an Kindes ſtatt angenommen hatte, konnte ſie weniger verbergen. Bald brach ein freudiges Wort, bald Beſorgniß und Furcht hervor, und Un⸗ ruhe und ein gewiſſes Unbehagen ſprach aus ihren Mienen.— Vor den Koͤnig zu treten * 247 — aber beklemmte mir ſelbſt das Herz. Ich ſah auf ſeinem Angeſicht den aͤußern Druck, den ſein ſanfter, lebevoller Charakter ohne kraft⸗ volle Gegenwirkung gegen ſeine Verhaͤltniſſe erlitt; Mißmuth und Lebensuͤberdruß mahlte ſich auf allen ſeinen Zuͤgen. Und als er nun vollends mit einer gewiſſen innern Regung ſagte: es iſt mein einziger Sohn, den ich Ihnen anvertraue, den aͤltern hat das Schick⸗ ſal mir geraubt— da haͤtte ich gern zu ſeinen Fuͤßen hinſinken, ſeine Hand ergreifen und mit Thraͤnen benetzen moͤgen, denn mein Herz draͤngte mich, ihm troͤſtend entgegen zu rufen: dein Sohn lebt noch! Doch fuͤhlend die Bande der eiſernen Nothwendigkeit, unterdruͤckte ich die aufwallende Ruͤhrung, und beugte zur heiligſten Verpflichtung mein Haupt. Der Prinz aber begann mit den Worten: unſere erſte Bekanntſchaft war eine Umarmung. Dießziſt mir ein guͤnſtiges Zeichen und bedeu⸗ tet, daß ich am ſicherſten mich Ihren Armen anwertrauen darf. Wenn Ihre Erfahrung 248 —-— mir kuͤnftig vorangeht, werde ich glauben, den Nath eines Freundes zu hoͤren; und dieſes ſagend reichte er mir die Hand. Ich erwiderte: oft ſorgt die Natur fuͤr ein geheimes Band, das uns in wichtigen Verhaͤltniſſen noch be⸗ ſonders verpflichtet, wenn wir uns auch deſſen nicht immer bewußt ſind. So ohngefaͤhr fuͤh⸗ le ich mich hingezogen zu Ihrem Herzen, ohne daß es mir vergoͤnnt iſt, den Grund zu ent⸗ huͤlen.— Der Prinz uͤberflog mich mit lebhaften Blicken, und ich ſah, wie er begierig war nach dem Sinn meiner Rede, ohne die Fragen laut werden zu laſſen, die er auf der Zunge hatte, wahrſcheinlich, weil er nicht gleich bei der erſten Unterredung den Verdacht erwecken wollte, als wenn es ihm an ſchneller Faſſungskraft fehle; in der Folge fand ich, daß er ſonſt von Fragen ein großer Freund war.. Nachdem ich nun die wichtigſten Geſchaͤfte beſorgt hatte, ſpaͤhte ich nach allen Seiten, m den Aufenthalt von Clementiuen zu ent⸗ 249 —— decken. Ich eilte hinaus in den Wald zu ihrem Luſtſchloſſe, vor welchem ich ſie ge⸗ ſprochen hatte, aber dieſes lag wie ausgeſtorben, veroͤdet da, die Fenſter truͤb und die Thuͤren verſchloſſen, die Steine mit Moos und Gras bewachſen, und niemand zeigte ſich in der Naͤhe, den ich um das Schickſal der ehema⸗ ligen Bewohnerin haͤtte befragen koͤnnen. Dar⸗ auf begab ich mich zum Grafen von der Luͤhe, aber er war von nichts unterrichtet, oder ſtellte ſich wenigſtens ſo. Gefaͤllig in tauſend Klei⸗ nigkeiten verſagte er mir alles, was mich zur Hauptſache haͤtte fuͤhren koͤnnen. Man be⸗ hauptete daher am Hofe nicht mit Unrecht von ihm, bei jeder Handlung leihe er nicht die Hand, ſondern nur den Handſchuh, und ſelbſt, wenn Jemand ihn wegen einer Mord⸗ that um Rath fragen ſollte, wuͤrde er nichts weiter wiſſen, als wo man den beſten Dolch kaufen, und wie man ihn gut verwahren koͤnnte. Auf dieſe Weiſe gelang es ihm denn auch, mit allen Partheien am Hofe in Freundſchaft 250 zu bleiben; theilnehmend gegen die Perſon, nahm er nie Antheil an der Sache, und doch war jeder ſeiner benoͤthigt, weil man ſtets zu einer wichtigen Angelegenheit auch vieler einleitenden geringfuͤgigen Dinge bedarf. Gern haͤtte ich zu meinem Oheim, der ſchon laͤngſt wieder nach ſeiner Grenzgarniſon zuruͤckgegangen war, eine Reiſe gemacht, aber man ſchien dieß nicht gern zu ſehen, und meinte, daß es nicht gut ſey, meinen Dienſt gleich mit Geſuch um Urlaub anzufangen. Und damit ich deſto eher den Gedanken daran aufgeben moͤchte, mußte der Prinz die Zeit zur Abreiſe naͤher ruͤcken, und der Koͤnig mir anbefehlen, jeden Tag bereit zu ſeyn. 251 ——— Vierzehntes Capitel. Will auch. Wir hatten auf unſrer Reiſe ein ziemlich großes Gefolge bei uns, und bei jeder kleinen Stadt traten die Magiſtratsperſonen und die Buͤrger mit ihren Fahnen hervor, uns feier⸗ lich zu bewillkommen. Ich mußte auf alle Weiſe bemuͤht ſeyn, die Aufmerkſamkeit von mir abzulenken, und dem Volke vor Augen zu legen, wie gern ich mich dem Anſehn des Prinzen unterwerfe. Indeß war das Mur⸗ meln und Fluͤſtern bei meinem Erſcheinen im⸗ mer ſehr groß, und wenn ſie Vivat riefen, ſchienen ſie mehr meine ſichtbar gewordene Perſon ls den Prinzen neben mir zu meinen, der ihnen ſo gut als voͤllig unbekannt war. Einmal ereignete es ſich ſogar, daß man mir das Kiſſen mit dem Gedichte uͤberreichte, ſtatt es meinem Nachbar zu uͤbergeben; ich wies 252² —- es aber mit einer unwilligen Bewegung zuruͤck und hieß ſie auf die andere Seite treten. Da ich nun auf keinen Zuruf dankte und den neu⸗ gierigen Blicken Scheltworte entgegen ſetzte, ſo verlor ich allmaͤlig die Aufmerkſamkeit und die Gunſt des Volks;— Prinz Ernſt dage⸗ gen, ganz in den Grundſaͤtzen der neuen Humanitaͤt erzogen, ließ es an Herablaſſung nicht fehlen, und betrug ſich ſo populaͤr, daß er keine Anrede mit Wuͤrde beantwortete, ſondern nach einem ernſten Anfange ohngefaͤhr folgende Worte zuſammen miſchte: Es freut mich, geachtete Herrn, von dem Patriotismus dieſer Stadt jetzt mich ſelbſt zu uͤberzeugen, von welchem ſchon laͤngſt ein guͤnſtiger Ruf ſich bis zu mir verbreitete, und ich werde keine Zeit verſaͤumen, den Koͤnig von der großen Liebe zu benachrichtigen, die Sie ihm und ſeinem Sohn erweiſen.(So weit gingen ohngefaͤhr die einſtudierten Worte und nun kam ſein eigener Zuſatz) Ja, dank euch, lieben Leute, dank euch, verbunden; ſchoͤn, ſehr 253 ———43 ſchoͤn, bitte, laßt es gut ſeyn, werde gedenken, werde es meinem Vater ſchreiben, aute Leute, recht brave Buͤrger eine recht huͤbſche Stadt, koͤnnte hier wohnen, gefäͤllt mir, die Pforte iſt ſehr ſchoͤn, herrliche Bogen, werde gedenken.— Und ſo ging es oft noch eine ganze Weile fort, ſo daß die Leute immer nicht wußten, ob ſie noch laͤnger ſich verneigen, oder ob ſie abtreten ſollten. Ich ſagte darauf gelegentlich zum Prinzen: allen Menſchen iſt die Neigung zu etwas Hoͤherem angeboren, es mag ſich ihnen nun in religioͤſen Vorſtellungen, in Kunſtwerken, oder in Perſonen offenbaren, und es befoͤrdert und erhaͤlt dieſen Sinn bei ihnen, wenn ſie auch aͤußerlich oͤfters an etwas Großes erinnert und durch ſichtliche Majeſtaͤt erbaut werden. Alles, was ſie weit uͤber ſich erhaben glauben, muͤſſen ſie deshalb auch in groͤßerem Abſtande von ſich, und anders als ihres Gleichen er⸗ blicken. Im Fuͤrſten ſehen ſie gleichſam das irdiſche Bild der Gottheit, und es ſcheint 25¾ —— mir nicht wohlgethan, ſie durch eine zu große Herablaſſung in dieſem gluͤcklichen Wahne zu ſtoͤren. Man raubt ihrer Seele dadurch einen Theil der hohen Geſinnung, und laͤhmt den Schwung, der ſie oft zu großen Hand⸗ lungen faͤhig macht. Sie haben recht, lieber Major, ſagte er drauf, ich ſehe es ein, ich werde Ihren Rath befolgen. Ich beſinne mich ſelbſt, wie ſchoͤn es oft meinen Vater kleidete, wenn er dem Volke gegenaber ſtand, ich will es auch ſo machen.— Darauf ſah ich ihn wie umgewandelt, er nahm ploͤtzlich andere Mienen, andere Gebehrden, eine andere Hal⸗ tung des Koͤrpers an, und ſchien aus der Proſa ſich auf einmal in Poeſie, wenigſtens in recht ſteife Verſe uͤberſetzt zu haben. Nun ereignete ſich aber bei der naͤchſten Stadt viel G Ungluͤck; die Fleiſcher, welche uns entgegen ritten, verloren ihre Pauken, die zum letzten⸗ male unter den Hufen der Pferde erklangen, und einer von den reitenden Schuͤtzen kam aus dem Gleichgewichte, ſo daß er ſehr un⸗ 25⁵ ——— ſanft dem Burgermeiſter, welcher ihm nahe ſtand in die Rede fiel, woruͤber derſelbe einem Ohnmaͤchtigen aͤhnlich wurde. Der Prinz verzog aber dabei keine Miene, und laͤchelte weder uͤber das eine(was freilich unſchicklich, aber doch natuͤrlich geweſen waͤre), noch gab er uͤber das andere ein Bedauern oder Theilnah⸗ me zu erkennen; ganz ſteif nickte er nur ſei⸗ nen Dank zu der Rede, die der Burgermeiſter vor Schreck und Verwirrung in tauſend Bruch⸗ ſtuͤcke zerfallen ließ, und ſtatt durch einige leut⸗ ſelige Worte ihm die Beſonnenheit wieder zu geben, brachte er ein langes Regiſter von Fragen zum Vorſchein, die er ſich fuͤr dieß⸗ mal mochte in den Kopf geſetzt haben, als da ſind: hat die Stadt Fabriken? Treibt ſie Handel? Hat ſie oͤffentliche Anſtalten? Iſt viel Armuth hier? und dergleichen.— Mit der letzten Frage machte er zum Theil ſein kaltes Benehmen wieder gut, doch den Nach⸗ mittag verdarb er es mit der Buͤrgerſchaft ganz und gar, denn bei einem Spazierritte 256 ———— bielt er ſein Angeſicht ſo erhaben in die Luft hinaus, daß er das Ungluͤck hatte, eine alte Frau umzureiten, ohne es im mindeſten ge⸗ wahr zu werden, oder ſich nur darnach um⸗ zuſehen. Jetzt war alles ſtill, und als er vom Spazierritt zuruͤckkehrte, war kein Vivat⸗ rufen mehr zu hoͤren. Ich machte ihn auf⸗ merkſam darauf, er ſah ſeinen Fehler ein, und weil es ſich fuͤgte, als wir in der Abend⸗ daͤmmerung ausgingen, daß eine Obſthaͤndlerin, die eben nach Hauſe wollte, vergebens ihre Laſt zu heben ſich bemuͤhte, ſo war der Prinz ſo außerordentlich herablaſſend, ihr den Korb auf den Ruͤcken zu geben, worauf das Volk ſich von allen Seiten faſt die Haͤlſe abſchrie, und uns durch alle Straßen verfolgte. Da bekam der Prinz einen Widerwillen gegen den Beifall des Volks, und weil er von meinen Wanderungen gehoͤrt hatte„ ſo ſagte er: ich will incognito reiſen, bin die Spielerei ſatt, mag keine Ehrenpforten, will keine Triumph⸗ bogen. Er 257 —-— Er ſandte darauf ſein Gefolge weit vor⸗ aus, und behielt nur wenig Leute bei ſich. Es traf ſich aber bald, daß er, in einem an⸗ dern, ſchlichten Rock, grobe Leute fand, die ihm mancherlei Aufenthalt machten. Wie kommt das? fragte er, geht das auch andern ſo? Ja, das iſt ſo in der Regel, mein Prinz, erwiderte ich, und jede Regierung kann nicht aufmerkſam genug ſeyn auf die Mißbraͤuche, die mit Ertheilung von Aemtern entſtehen. Die Leute vergeſſen bald, daß ſie angeſtellt ſind, dem Publikum zu nutzen, und auf einmal iſt die ganze Ordnung der Dinge umgekehrt; ſie glauben, daß ſie im Namen des Koͤnigs da ſtehen, und daß das Publikum von ihren Launen abhaͤnge. So geht der rechte Sinn und Begriff, die erſte Beſtim⸗ mung eines Amtes, leicht verloren. Und ſchlechte Verwaltung eines Dienſtes bringt ge⸗ woͤhnlich ein neues Amt hervor, das bald nicht beſſer verwaltet wird.— Dieß hatte ſich der Prinz gemerkt, und nun war er ſchon III. Theil. R 258 im voraus auf jeden koͤniglichen Beamten er⸗ bittert, der ihm in den Weg kommen wuͤrde. Nun traf es ſich bald darauf, daß die Hand eines Zoͤllners nicht lang genug war, um dem Kutſcher das Wegegeld abzufordern. Der Kutſcher mußte vom Bock ſteigen, und weil gerade andere Wagen dazu kamen, wur⸗ den die Pferde wild, und der Prinz, ſtatt das naͤchſte Ungluͤck zu bedenken, rief und ſchrie, daß der Zoͤllner ein Halunk ſey, den man aufſpießen muͤſſe. Er ſprang hinaus, ihn zu pruͤgeln, der Zoͤllner aber wollte die Schmach nicht auf ſich ſitzen laſſen, und da eben Wegbereiter vorbeiritten, ſo rief er ſie an, ihn zu arretiren. Mir zu Huͤlfe! rief der Prinz, und weil ich nicht gleich bei der Hand ſeyn konnte, indem ich mit den wilden Pferden mir zu ſchaffen machte, wußte er in der Angſt weiter kein Mittel, als ſeinen Rock aufzuſchlagen, und ſeinen Stern zu zeigen, worauf alle ſich ſogleich wieder in Nachtmuͤtzen oder in Eckſteine verwandelten, die noͤthigen⸗ 259 —— falls die Raͤder uͤber ſich haͤtten weggehen laſſen. Darauf machte ich dem Prinzen begreiflich, wie geſetzwidrig ſein Betragen ſey und daß man nirgends Selbſtrache nehmen duͤrfe.— Was er einmal fuͤr recht oder fuͤr unrecht er⸗ kannte, darauf war er gleich wie der Jaͤger auf ſeine Beute erpicht, und ich mußte noch manche wunderliche Dinge von ihm befuͤrch⸗ ten, denn nach ſeiner Erziehung, die ihn mit allen moͤglichen Kenntniſſen, und Ideen uͤber⸗ fuͤlt hatte, war er des Glaubens, daß der Menſch alles koͤnne und alles thun muͤſſe, was er wiſſe und einſehe, ohne dabei auf ein beſonderes Maaß von Kraͤften, auf angeborne Talente und uͤberhaupt auf den großen Unter⸗ ſchied des Wiſſens und Koͤnnens ſelbſt Ruͤck⸗ ſicht zu nehmen.— Die Idee von ungerechter Anmaßung im oͤffentlichen Dienſt verfolgte ihn noch immer, und als wir bald darauf an einen Fluß ka⸗ men, wo die Faͤhrleute im Wirthshauſe mit den Karten in der Hand lange auf ſich war⸗ R 2 260 — ten ließen, zog er den Degen, um ſie zu er⸗ morden. Aber ich hoͤrte ihn gleich darauf er⸗ baͤrmlich ſchreien, und wie ich herbei eilte, fand ich ihn in den Haͤnden der Leute, die ihn ins Waſſer werfen wollten. Mit Geld wurde alles wieder gut gemacht.— Beſon⸗ ders aber ſaß er den Poſtmeiſtern auf dem Dache, die er wegen der Hoͤflichkeit in Unter⸗ richt nehmen und uͤber ihre Pflicht belehren wollte, wobei er ſich indeß alle Augenblicke in die Nothwendigkeit ſetzte, an den Prinzen zu appelliren.— Das iſt keine Kunſt, ſagte ich ihm darauf, Sie glauben ſelbſt zu handeln, und der Koͤnig iſt es, der fuͤr Sie handelt. Auf dieſe Weiſe gewoͤhnen Sie die Leute, nicht an Gerechtigkeit, ſondern an willkuͤhrli⸗ ches Verfahren, weil doch niemand wagen wird, Sie wegen einer Beleidigung zur Re⸗ chenſchaft zu fordern.— Dieß ſah er ein, und von Stund an ließ er es gehen, wie es wollte. 4 261 —— Bald darauf aber wurde er auf den ſchlech⸗ 4 ten Weg aufmerkſam, und fragte, wie es zu⸗ ginge, daß beſonders die Straßen in den Staͤdten ſo ſchlecht gepflaſtert und dabei des Abends ſo ſpaͤrlich erleuchtet waͤren. Ich ant⸗ wortete darauf: die Leute bilden ſich ein, daß ſie dazu nicht Geld genug haben, aber das iſt ſelten gegruͤndet. Sie haben Tauſende, wenn der Feind kommt und ſie ihnen nimmt, aber ſo keinen Heller zum allgemeinen Wohl. Das macht die engherzige Geſinnung, die bei langem Frieden mit Abſonderung des Privat⸗ intereſſe leicht beim Buͤrger entſteht; er ver⸗ roſtet in der Gewohnheit, und verliert alle Luſt und Kraft zum Großen, zum Ganzen, zum Allgemeinen; ſeine Ruͤckſichten und Rech⸗ nungen werden immer kleinlicher und aͤrmli⸗ cher, bis einmal etwas Außerordentliches von außen her ploͤtzlich groͤßere Eintheilungen her⸗ vorbringt. Die Neigung des Privatlebens iſt, in ſich ſelbſt einzukriechen und ſich vom offentlichen abzuſcheiden, daher der Glaube, 262 —— daß ſie zum Oeffentlichen zu arm und ſchwach waͤren. Kriege und Ungluͤcksfaͤlle muͤſſen ſie von Zeit zu Zeit immer erſt wieder eines beſ⸗ ſern belehren. Jetzt hatte der Prinz vom Kriege eine recht guͤnſtige Idee, und er fragte nun um ſo eifriger in jedem Thore, warum das Stein, pflaſter ſo ſchlecht erhalten wuͤrde, aber— er bekam unhoͤfliche Antworten, weil er nicht an ſein Incognito dachte. um ſeiner Betrachtung einen hoͤhern Standpunet zu geben, fuͤgte ich hinzu: es iſt die wichtigſte Aufgabe fuͤr eine Regierung, das Intereſſe und die Neigung des Einzelnen in das Ganze zu verweben, und in das Oef⸗ fentliche hinuͤber zu leiten, damit der bloße Gehorſam der Unterthanen wirkliche Thaͤtig⸗ keit und Willenshandlung werde: nur ſo kann eine Staatseinrichtung ſich erſt zu einem organiſchen Koͤrper bilden.— Da nun der Prinz hiervon nicht gleich etwas in Anwen⸗ dung bringen konnte, ſo zogen wir unſern 263 —— Weg ruhig weiter fort. Indeß, um ihm die Langeweile zu vertreiben, fiel ich einmal dar⸗ auf, ihm etwas aus meinem Leben zu erzaͤhlen. Dadurch hatte ich nun wieder Feuer in ſeine Seele geworfen, und ich ſah bald an der Un⸗ ruhe ihm das Verlangen an, auch Abenteuer zu erleben. Sobald wir alſo den Abend in einer klei⸗ nen Stadt abgetreten waren, und uns kaum etwas erholt hatten, warf er den Mantel um, und ging zum Hauſe hinaus. Da ich fuͤrchtete, es moͤchte ihm etwas Widriges be⸗ gegnen, das mir nachher bei ſeinen koͤniglichen Aeltern Verdruß zuziehen koͤnnte, ſo ſchickte ich ihm einen Bedienten nach, der aus der Ferne auf ſein Beginnen Acht haben muftte. Es waͤhrte auch nicht lange, ſo kam dieſer zuruͤckgeſprungen und ſchrie: Ach! Ihre Ho⸗ heit haben ſich vergeſſen, ſie ſind bei einem Schuſter ins Haus eingebrochen und ſchlagen ſich mit den Leuten herum. Gleich machte ich mich auf, um ihm zu Huͤlfe zu kommen. We. Da trat er athemlos uns entgegen und ſagte: verfluchte Dinge, Barbaren ſind das! Den⸗ ken Sie nur! Ich gehe durch eine enge Straße, ſitzt da ein Schuſter in einer elenden Huͤtte, und flickt hinter ſeiner Glaskugel einen nichtswuͤrdigen Pantoffel. Ich ſehe dem Fleiße des Menſchen eine Weile zu. Was geſchieht! der Lehrburſche, der haſtig nach dem andern Pantoffel greift, hat das Ungluͤck, die Glaskugel umzuſtoßen. Gleich faͤllt der Menſch mit einem langen Leder umbarmherzig uͤber ihn her, und wie die Meiſterin dazu kommt, und drein reden will, wendet er den Pantoffel und gebraucht ihn gegen ſeine eigene Frau. Halt ein! Barbar, rief ich zwiſchen die Thuͤr hinein, und mit einem Sprunge ſtand ich unter ihnen, um Frieden zu ſtiften. Denken Sie ſich, Herr Major, da ſagt der Meiſter: was unterſteht Er ſich, junger Herr, und was miſcht Er ſich in meine Angelegen⸗ heiten, was thut Er mir den Schimpf an! Leidet das nicht, Leute, er will uns das Haus⸗ 265 —-—— recht nehmen.— Jetzt griff der Burſche wi⸗ der mich nach dem naͤmlichen Leder, womit der Meiſter ihn durchgepruͤgelt hatte, und wie ich glaubte, die Frau ſollte auf meiner Seite ſeyn, weil ich ja um ihrentwillen den Schlag aufgefangen hatte, machte ſie gleichfalls grim⸗ mige Gebehrden, ſchimpfte heillos und ſagte: ja was will er hier? Wer hat ihn gerufen? Was macht Er Laͤrm von der Sache? Hier geht nichts vor— gar nichts! Wenn wir hier etwas laut mit einander reden, was kuͤm⸗ mert das Ihn; was ſteht er da und horcht, und macht uns nachher ſolchen Schreck. Mann, leide das nicht, du biſt Herr im Hauſe.— Da fielen ſie wahrhaftig alle uͤber mich her; ich will nicht ſagen, ob ich etwas abbekommen habe, aber ich mußte mich wacker wehren. Das fuͤr meine Huͤlfe, fuͤr meinen Beiſtand! Ich glaubte, ich haͤtte zweien Menſchen das Leben gerettet, ſo barbariſch ging der Kerl mit ihnen um; und nun ſagten ſie, es waͤre nichts.— Laͤchelnd hatte ich ſeine 266 ——— Erzaͤhlung mit angehoͤrt; allerdings iſt das nichts, entgegnete ich darauf; Schlaͤge bedeutet bei dieſen Leuten nicht mehr, als bei uns feine Sticheleien, verbluͤmte Anzuͤglichkeiten, oder ein heftiger Wortwechſel; und uͤberdieß be⸗ haupten die Aerzte, daß es weit geſuͤnder ſey, ſich zu pruͤgeln, als ſich zu zanken. Ein Meiſter fuͤhlt ſich Herr und Fuͤrſt in ſeinem Hauſe, und die Seinen wuͤrden ihn bald ſehr gering achten, wenn er nicht zuweilen Strafen aus⸗ theilen wollte; ſie ſchaͤtzen ihn nur um ſo mehr. Und auf aͤhnliche Weiſe kann auch ein Volk ſeinen Fuͤrſten nicht lieben, den es nicht zugleich fuͤrchtet.— Das habe ich nicht be⸗ dacht, erwiderte der Prinz darauf; ich will mich kuͤnftig beſſer vorſehen. Nun war wieder eine Weile Ruhe und Friede in ſeiner Seele; aber es kam den an⸗ dern Tag das Geſpraͤch auf die Ritterzeiten, wie es ehemals fuͤr eine ſo große Ehre gegolten habe, die Frauen zu beſchuͤtzen, und ich merkte bald dem Prinzen an, wie ſehr er die⸗ 267 — ſe Zeit zuruͤckwuͤnſche, und ſehnlich verlange, auch etwas fuͤr die Unſchuld zu thun.— Er ſpaͤhte, wie es ſchien, heimlich, um ungluͤckliche Frauenzimmer zu entdecken, denen ſein Bei⸗ ſtand etwas nuͤtzen koͤnnte; und endlich glaubte er wirklich ſo gluͤcklich zu ſeyn. Als er naͤm⸗ lich eines Abends durch die Straßen einer an⸗ geſehenen Stadt ging, ward er in einem Hauſe eine Mutter mit einer ſehr zahlreichen Familie gewahr, indem wenigſtens ſieben ſchoͤne Toͤch⸗ ter um ſie her ſaßen. Suchen Sie die Be⸗ kanntſchaft dieſer Damen, ſagte jemand zu ihm, der eben in das Haus gehen wollte; kommen Sie, ich fuͤhre Sie bei ihnen ein. Somit trat er in die Geſellſchaft. Alle ſind ſehr gefaͤllig und zuvorkommend gegen ihn; mehrere Zimmer werden erhellt, und man zerſtreuet ſich hierhin und dorthin. Seine Reden ſchweifen uͤber Gluͤck und Ungluͤck, forſchen nach Verſorgung, nach geheimen Wuͤnſchen; da ergreift in einem entlegenen Winkel die ſchoͤnſte von allen feurig ſeine 268 — Hand, legt ſie auf ihr Herz, und ſagt mit Thraͤnen in den Augen: ach! ſchoͤnſter Herr! ich bin ein ungluͤckliches Kind! Meine Aeltern ſind fruͤh geſtorben, und ſchlechte Vormuͤnder, wahre Boͤſewichter, haben ſich in mein Ver⸗ moͤgen getheilt, und mich in die Penſion die⸗ ſer Frau gegeben, die ich zwar meine Mutter nenne, aber als einen leibhaften Drachen zu fuͤrchten habe. Weil das Geld ausbleibt, be⸗ handelt ſie mich auf das grauſamſte, Tag und Nacht muß ich arbeiten, und ehe ich nicht meine Schuld abverdient habe, bin ich hier ſo gut wie verkauft. Ach! wenn ſich doch ein Erretter faͤnde, als treue Magd wollte ich ihm dienen, mit Liebe dankbar ſeyn, Zeit meines Lebens, und ihm folgen bis ans Ende der Welt.— Dem Prinzen klopfte gleich das Herz vor Freude, hier eine leidende Unſchuld gefunden zu haben, und mit einem Dienſt die Ritterzeit erneuern zu koͤnnen. Er will gleich mit dem Schwerte vor die grauſame Wirthin hintreten und ſprechen: Grauſame, 269 —— gieb ſie heraus; aber das Maͤdchen bittet, ſeine edle Handlung lieber heimlich auszufuͤhren, und nach einem Augenblick Entfernung kommt ſie wieder und ſpricht: das Hinterthor iſt offen, ich bin bereit, mein Herr, Ihnen zu folgen. Es war ſchon ſpaͤt Abends, und ich ſaß eben, und las eine gelehrte Abhandlung uͤber die Veſtalinnen, als der Prinz mit dem from⸗ men Kinde herein trat, und gewaltig froh⸗ lockte, eine leidende Unſchuld gerettet zu haben. Es war nur ein kurzes Geſpraͤch noͤthig, um gleich zu merken, daß das entfuͤhrte Frauen⸗ zimmer eine unſittliche Perſon ſey.— Ich zog ihn auf die Seite und ſagte: ich bitte Sie ums Himmels willen, was bringen Sie uns da ins Haus! was ſollen wir nun mit ihr anfangen? Wenn das die Menſchen ſehen, wenn das die Koͤnigin Mutter erfaͤhrt; Sie wiſſen, wie ſtreng ſie daruͤber denkt„ haben Sie die Guͤte, die Perſon ſobald als moͤglich wieder aus dem Hauſe zu ſchaffen.— Der Prinz erſtarrte uͤber ſeinen Irrthum und 270 —— wollte ſich der uͤbernommenen Pflicht gleich wieder entbinden; aber das Maͤdchen ſchalt ihn wacker aus und beklagte ſich bitter, daß er ſo ſchlecht Wort halte. Sie verlangte nun eine große Summe Geldes, weil ſie ſonſt zum Sterben ungluͤcklich ſey, und— kaum hatte man ſie zufrieden geſtellt, ſo entſtand ein neuer Laͤrm und ein Pochen vor der Thuͤr. Man war verwundert, daß das Maͤdchen da⸗ bei ſo ganz ruhig blieb. Man oͤffnete, die Gerichtsdiener traten herein und ein Advokat (der naͤmliche, der den Prinzen in jenes Haus genoͤthigt hatte) klagte ihn des Maͤdchenraubes an; der Prinz, erſcaunt, aus einem Ritter auf einmal ein Raͤuber geworden zu ſeyn, mußte, weil er nur wenig zu ſeiner Verthei⸗ digung vorbringen konnte, jetzt noch obendrein fuͤr ſeine Unbeſonnenheit eine große Strafe be⸗ zahlen. Das Maͤdchen aber folgte dem Ad⸗ vokaten wie einem alten Freunde; und man ſah' wohl, daß der ganze Handel verabredet war. 271 —— Es zeigte ſich alſo der Prinz, weil man ihn in der Jugend bei einem tauſendfachen Unterricht ohne alle practiſche Uebung ſeiner Kraͤfte, ohne alle eigene Anſtrengung und Erfahrung ließ, in der Anwendung der Ideen, die er ergriff, ſtets ungeſchickt, und die Ge⸗ danken gingen immer bei ihm gleichſam mit dem Verſtande durch, ſo daß er, indem er mit der Seele ſah, das Naͤchſte vor ſeinen Augen nicht bemerkte, und uͤber jeden Stein ſtolperte. Kein Wunder, denn als er z. B. reiten lernte, mußte der Oberſtallmeiſter das Pferd beim Zuͤgel fuͤhren, und wieder ein an⸗ derer mit der Peitſche hinterdrein gehen, und das Pferd erinnern, daß es nicht ganz ſtille ſtaͤdde.— Nach jedem Auftritte folgte ge⸗ woͤhnlich eine neue Betrachtung, und aus die⸗ ſer wurde ein neuer Unfall. Der Advokat der bei jenem Streiche den Unterhaͤndler ſpielte, gab jetzt Stoff zu einem Geſpraͤch uͤber die mancherlei Ungerechtigkeiten, die nicht ſelten mit einer falſchen Anwendung der Geſetze 272 ——— veruͤbt wuͤrden, und gleich brannte der Prinz wieder vor Begierde, irgend einem Richter die Larve abzureißen, und ihn vor ſeinen Trugſchluͤſſen erroͤthen zu laſſen. Dazu bot ſich nun auf dem Fortgange unſerer Reiſe bald,— wie es ſchien— eine herrliche Gelegenheit dar, und weil ich dergleichen fuͤr practiſche Uebungen anſah, ließ ich dem Prin⸗ zen immer auf kurze Zeit ſeinen Willen. In einem großen Wirthshauſe ward naͤm⸗ lich einſt, nicht weit von unſerm Zimmer, ein Wimmern gehoͤrt, und wie wir fragten, was das bedeute, antwortete man: ein junges Frauenzimmer, das in der Stadt einen un⸗ gluͤcklichen Prozeß habe, und ihn zu verlieren fuͤrchte, beklage den Verluſt ihrer Ehre durch den Meineid eines Schaͤndlichen, der es leugne, ihr die Ehe verſprochen zu haben. Dieſer ſey der Sohn einer reichen Wittwe, und ſonſt ein guter Menſch, aber die Mutter, welche hier ein ſchoͤnes Landgut beſaͤße, habe um einer beſſern Parthie willen ſo lange mit Bitten 273 —— Bitten und Drohungen auf ihn eingeſtuͤrmt, bis er ſich entſchloſſen, ſeine Verbindlichkeit gegen das Frauenzimmer durch einen Eid ab⸗ zuſchwoͤren. Sie ſey mit ihrem Bruder hie⸗ her gereiſt, weil ſie geglaubt haͤtte, die Sache in der Guͤte beilegen zu koͤnnen; aber heute ſey der Termin zum Schwur erſchienen, und das Maͤdchen wimmere ſowohl uͤber die ſchwar⸗ ze That des Treuloſen, als uͤber ihr eigenes Ungluͤck.— Kaum hatte der Prinz dieſe Ge⸗ ſchichte vernommen, ſo bot er ſich der Dame zum Helfer an, und ſchwur auf ſein Schwert, den Falſchen zur Erfuͤllung ſeines Verſprechens zuruͤck zu bringen.— Ich ſchilderte ihm die Schwierigkeit ſeiner Unternehmung, weil doch der gerichtliche Gang ſich nicht hemmen laſſe, indeß er glaubte nur gar zu gewiß eine Ge⸗ legenheit zu einer Ritterthat gefunden zu ha⸗ ben und beſtand darauf, augenblicklich zur Stadt und vor Gericht zu eilen. Ich folgte ihm, und der Weg zu Pferde war bald zu⸗ ruͤck gelegt. Wir gingen zu einem Advokaten, III. Theil. S 274 —— der uns als geſchickt war genannt worden, und trugen ihm die Angelegenheit vor; aber er ſagte darauf: ich wuͤrde recht gern die Sache uͤbernehmen, wenn ich nicht ſchon der Gegenparthei diente. Wie? entgegnete der Prinz ſtaunend, ſind Sie denn alles zu ver⸗ fechten bereit, auch das, was Sie fuͤr Un⸗ recht erkennen?— Wenn ich Sachwalter der⸗ ſelben bin, erwiderte der Advokat, ſtreite ich dafuͤr, ſo lange ich kann, und ſuche ſo viele Gruͤnde hervor, als ſich nur erfinden und er⸗ denken laſſeen.— Aber damit gerathen Sie ja auf Erdichtungen, fuͤgte ich hinzu, weihen den Unerfahrnen in Liſt und Raͤnke ein und verlaͤngern den Prozeß nur zum Nachtheil deſſen, der ſein Recht ſucht.— Das kuͤm⸗ mert mich wenig, erwiderte der Advokat dar⸗ auf, bei uns kommt es nicht darauf an, was iſt, ſondern was ſich ergiebt, und zuletzt mag der Richter entſcheiden. Doch ſind alle dieſe Eroͤrterungen hier unnoͤthig— die Sa⸗ che, von der Sie reden, iſt heute durch Ab⸗ legung eines Eides ſchon beendigt; wollen Sie aber appelliren, ſo ſteht es Ihnen frei, und ich erwarte dann Ihre neuen Einwuͤrfe, um darauf von meiner Seite zu antworten.— Aber Herr, fuhr jetzt der Prinz hitzig heraus, Sie machen ja ein Maͤdchen ungluͤcklich, das, ihrer Ehre beraubt, in Elend vergeht; ſie iſt ja offenbar unſchuldig. Da lachte der Ad⸗ vokat, zeigte auf die Akten, und ſagte: hier unſere Offenbarung, eine andere kennen wir nicht.— Ich hatte Noth, dem Prinzen von Beleidigungen zuruͤckzuhalten, und nach⸗ dem wir uns uͤberzeugt hatten, daß eine Ap⸗ pellation einen noch groͤßern Prozeß mit ſich bringe, indem ſie zugleich mit einer Anklage auf Meineid verbunden ſeyn wuͤrde, ſo uͤber⸗ redete ich den Prinzen, mit mir in Gottes Namen wieder ruhig nach Hauſe zuruͤckzu⸗ kehren. Es dunkelte ſchon, da wir zum Thore hin⸗ aus ritten, und der Prinz, der ſich zum er⸗ ſtenmal zu Pferde der einſamen Nacht anver⸗ S 2 traute, hatte bei einem geheimen Grauen zu⸗ gleich ſeine große Freude daran. Der Zufſall wollte noch vollends den Ritt abenteuerlich machen, denn kaum hatten wir eine Stunde Weges zuruͤckgelegt, und ſahen die hellfun⸗ kelnden Sterne uͤber uns ausgebreitet, als ſeitwaͤrts aus einem Graben, von Trauerwei⸗ den umſchauert, ein angſtvolles Stoͤhnen ſich hoͤren ließ, das die große Noth einer leiden⸗ den Seele verrieth. Hier hat jemand ein Ungluͤck, ſagte der Prinz mit freudiger Heim⸗ lichkeit zu mir, ſicher iſt hier ein Menſch iin den Graben gefallen, kommen Sie, Herr Major, wir muͤſſen ihn herausziehen. Bei dieſen Worten war er ganz nahe, und zwar auf der andern abgewandten Seite, zu mir heran⸗ geritten, und faßte meine Hand, indem er ſich eben ſo ſehr fuͤrchtete, als er ſich der Er⸗ ſcheinung zu naͤhern wuͤnſchte. Esß ſteht bei Ihnen, antwortete ich,— und lenkte nach dem Graben zu. Da ſahen wir nun die ge⸗ kruͤmmte Geſtalt eines Menſchen, der ſich be⸗ 277 —-—— ſtändig vom Boden erhob, und ſich mit Aech⸗ zen wieder auf die Erde warf, die Haͤnde empor ſtreckte, und das wild hangende Haar zerraufte. Ach, Ach! klang das Stoͤhnen im⸗ mer fort, kein Gott im Himmel! Eliſabeth, Eliſabeth! Verloren— Hoͤllenpein— verlo⸗ ren meine Seele. Verruchtes Haupt; ver⸗ maledeiter Leib, in die Erde mit dir, in den. hoͤlliſchen Abgrund— kein Frieden mehr, keine Ruhe. Es aͤngſtigt mich zu Tode; kein Athem, keine Luft!— Wer ſeyd Ihr? rief der Prinz ihn an; gebt euch zu erkennen. Der Menſch ſchwieg, und ſchien ſich endlich zu beſinnen; o helft. mir! ſtammelte er jetzt, man will mich er⸗ morden; rettet mich, gebt mir das Leben wie⸗ der. Er kroch aus dem Graben herauf und weil nichts Feindſeliges an ihm zu ſehen war, ſprang der Prinz vom Pferde, und, indem er vor ihn hintrat, zog er ſein Schwert aus der Scheide, ſtreckte es uͤber des Ungluͤcklichen Haupt gen Himmel und ſchwur: ſo wahr 8 278 —— die Sterne uͤber uns leuchten, ich helfe dir, weil du ungluͤcklich biſt, ich nehme dein Leben in meinen Schutz, ich ſchirme dich gegen deine Feinde! Wer hat dich beleidigt, wer hat dich hieher geworfen; nenne deinen Verfolger!— Dazu ſchwieg aber der Ungluͤckliche wieder, und ſagte nur: wie iſt mir, ich weiß nicht, wo ich bin.— Komm, ſagte der Prinz dar⸗ auf, ich bringe dich unter ein ſicheres Ob⸗ dach;— und gleich winkte er ſeinem Reit⸗ knechte, daß er ihn auf ſein Pferd naͤhme. Dieſer fuͤhrte ihn langſam hinter uns her, bis wir gluͤcklich das Wirthshaus erreichten. Hier rief ploͤtzlich der Prinz alle Diener zuſammen, ließ Speiſe und Trank bringen und befahl den Ungluͤcklichen aufs beſte zu pflegen. An ſeinen Kleidern ſah man, daß er einem vor⸗ nehmen Stande angehoͤre, und ſein Geſicht zeigte ein noch jugendliches Alter. Aber die Leute im Hauſe, die herbei liefen, machten ſonderbare Geberden, als ſie ihn erblickten, und es waͤhrte nicht lange, ſo ſtuͤrzte haſtig 279 —— ein Officier in das Zimmer, fluchte alle Teu⸗ fel, und rief: was? finde ich dich hier, Ver⸗ ruchter? Biſt du endlich hervorgekrochen, du Maulwurf? Jetzt gilt es, Elender!— Was wollen Sie, Herr, erwiderte der Prinz trotzig, wiſſen Sie auch, wo und bei wem Sie ſind? Dieſen Ungluͤcklichen fand ich am Wege, und ich habe ihm meinen Schutz zu⸗ geſagt.— Wie? fragte jener noch zorniger, Sie wollen ihm das Wort reden? eines Be⸗ truͤgers wollen Sie ſich annehmen, eines Schurken, dem ich gekommen bin das Genick zu brechen?— Ja, Herr, entgegnete der Prinz; mit dieſem Schwerte habe ich bei allen Sternen geſchworen, ihn zu vertheidi⸗ gen.— Sie raſen, mein Herr, entgegnete der Officier, das Naͤmliche haben Sie ja noch wenig Stunden zuvor meiner ungluͤcklichen Schweſter gelobt, und jetzt wollen Sie auf einmal ihrem Feinde beiſtehen, der auf die nichtswuͤrdigſte Weiſe Unſchuld, Ehre und Gluͤck ihr geraubt hat?— Da ſtand der 280 —— Prinz ſtumm wie eine Blldſaͤule da, denn es fand ſich, daß der, den der Prinz von der Straße aufgeleſen hatte, um ihn gegen ſeine Feinde in Sicherheit zu bringen, der naͤmliche war, dem er in der Stadt einen Prozeß zu⸗ gedacht hatte. Vor dem Bruder des ungluͤck⸗ lichen Maͤdchens, der ihn auf dem Heimwege mit dem Schwerte verfolgte, und die Ehre ſeiner Schweſter in einem Zweikampfe zu raͤ⸗ chen begehrte, hatte er kleinmuͤthig in einen Graben ſich verkrochen, und lag hier aͤchzend und ſtoͤhnend, indem er uͤber den begangenen Neineid ſich der Verzweiflung preis gab, bis wir des Weges daher kamen und ihn fanden. Mit einem zerknirſchten Herzen ſank jetzt der Ungluͤckliche zur Erde nieder, die innern Vor⸗ wuͤrfe ſeines Gewiſſens hatten ihn ſchon halb gemordet, noch ehe das Schwert des Nache fordernden Bruders ihn traf; die Reue und das Bekenntniß gaben ihm das Leben wieder. 9 Mutter, rief er aus, ich kann nicht wei⸗ ter. Eliſabeth, habe Mitleid; vergieb;— ——. ——y=—— 281 —— du ſollſt, du darfſt nicht ungluͤcklich ſeyn, ich muͤßte verzweifeln. Da vernahm das trau⸗ ernde Maͤdchen die jammernden Worte des Geliebten, und beſinnungslos ſtuͤrzte ſie in das Zimmer herein; aber der Bruder ſchlenderte ſie weit weg von ihm, und befahl ihr, den Nichtswuͤrdigen zu verachten. Doch unend⸗ lich an Erbarmen iſt die Liebe; ihre Feind⸗ ſchaft ſelbſt iſt auf Liebe gegruͤndet und hat die Verſoͤhnung in ihrer Mitte. Von Reue zerknirſcht, ungluͤcklich, wie ein zertretener Wurm, vor der Geliebten jetzt ein Gegen⸗ ſtand des Mitleids,— wie haͤtte das Maͤd⸗ chen ihn verachten, ihn von ſich ſtoßen koͤn⸗ nen, da ſie ihn liebte! Gegen den Zorn des liebenden Bruders ſelbſt nahm ſie den Straf⸗ baren in ihren Schutz, und bat um Zeit fuͤr ihren Schmerz, um Schonung fuͤr ihr ge⸗ kraͤnktes Gefuͤhl.— So ſchien alles noch zu einem guten Ausgange ſich zu fuͤgen. Der Prinz ſagte darauf beſchaͤmt zu mir: mit mei⸗ nen Abenteuern will es mir nicht gluͤcken, 282 —-— ſtatt die Unſchuld zu retten, befreie ich den Strafbaren, und ziehe den Meineidigen aus der Gefahr; ich will es doch kuͤnftig lieber bleiben laſſen. Gern beſtaͤrkte ich ihn in dieſem Vorſatze, und zeigte ihm, wie ein Gedanke bei der Aus⸗ fuͤhrung ſich immer auf eine weite Reiſe be⸗ gaͤbe, auf welcher, gleich den Kraͤften der Natur, wenn man nicht alles ſorgfaͤltig leite, leicht Suͤß in Sauer und eine Wohlthat in Gift ſich verwandle; die Anwendung eines Gedankens erfordere noch ein eigenes Studium unnd ſetze die Kenntniß von tauſend Dingen voraus, die man nicht aus Buͤchern lerne. Deshalb moͤchte er ſich gewoͤhnen, die Welt ruhig nach allen Seiten zu betrachten, bei eigenen Verſuchen aber bedenken, daß alles in Zuſammenhang ſtehe, und daß man nicht Eins ergreifen koͤnne, ohne zugleich das andere zu beruͤhren. 283 —- Funfzehntes Capitel. 1 Prinzen⸗Ehre. Da das Eintreten der Wintermonate das Reiſen beſchwerlich machte, beſchloß ich, nach der Genehmigung des Koͤnigs, einige Zeit in einer Stadt zuzubringen, wo ſich eine Univer⸗ ſitaͤt und zugleich eine Kunſtacademie befand, damit der Prinz auch das Treiben der Gelehr⸗ ten ein wenig kennen lernen ſollte. Mit dem Incognito war es demnach aus, denn die Ehre, einen Prinzen in ihren Mauern zu haben, war zu groß, als daß die Univerſitaͤt ſich dieſes Umſtandes nicht haͤtte gleich bedie⸗ nen ſollen, um damit aͤußerlich ihren Glanz zu vermehren. Es kam alſo gleich eine De⸗ putation, uns in Namen des academiſchen Senats zu bewillkommen, und den Priazen um die Gnade zu erſuchen, ſeinen Namen mit unter die Zahl der academiſchen Buͤrger ſetzen zu laſſen. Die Landsmannſchaſt brachte 284 ———— eine Muſic, und die Schuͤtzengilde ſchwenkte vor unſerer Wohnung ihre Fahnen. Man forſchte, wenn es dem Prinzen belieben wuͤrde, die Cabinette zu beſuchen, um bei Zeiten fuͤr Gedichte zu ſorgen, womit man ihm den Eingang beſtreuen wollte. In der academiſchen Buchdruckerei waren die Setzer ſchon im vor⸗ aus vom Prinzen begeiſtert, denn ſie durften bei ſeiner Annaͤherung ihre Haͤnde nur nach dem Setzkaſten ausſtrecken, ſo flogen gleich wie von ſelbſt die Buchſtaben zum ſchoͤnſten Lobe zuſammen, und man ſchien eben beſchaͤf⸗ tigt zu ſeyn, die Geſchichte ſeines glorreichen Stammbaums zu ſchreiben, ſo daß man den Zufall nicht genug bewundern konnte. In den Fabriken und Manufacturen war man ſo eben am Schluſſe eines Werks, das— recht romantiſch— von ſelbſt den Prinzen mit den ſchoͤnſten Deviſen und Gleichniſſen anſprach, wobei wir uns denn ſtellten, als ob wir er⸗ ſtaunlich uͤberraſcht waͤren. In der Muͤnze ſprang augenblicklich eine ſymboliſche Vorſtel⸗ 31 283 —— lung aus dem Stempel, die der Nachwelt den Prinzen als den eifrigſten Beſchuͤtzer der ſchoͤnen Kuͤnſte pries.— Dieſe Flut von Ehrenbezeigungen brachte denn in unſerer Kaſſe bald eine große Ebbe hervor, und haͤufte fuͤr den Prinzen mancherlei Beſchwerden. Bei jedem Feſte mußte er ſeinen Namen und, wo moͤglich, auch ſeine Perſon ſpenden, bei jedem Examen in einer Erziehungsanſtalt den Zu⸗ ſchauern voranſitzen, bei der Leiche eines be⸗ ruͤhmten Gelehrten mit zum Kirchhofe gehn, bei der Gruͤndung eines Gewaͤchshauſes die Mauerkelle ergreifen, und bei der Begruͤßung eines neuen Prorectors hoͤchſteigen das ſeidene Kuͤſſen mit dem Gratulationsgedichte voran⸗ tragen, ſo daß er vor lauter Ausuͤbung von Schicklichkeiten abermals zu keiner rechten Hand⸗ lung und Thaͤtigkeit kam, und ſich dafuͤr nur recht heldenmaͤßig an die Langeweile des Praͤ⸗ ſidirens und Repraͤſentirens gewoͤhnte. Doch erswies ihm die Univerſitaͤt dafuͤr alle moͤgliche Aufmerkſamkeit, und wartete nur auf eine 286 —— ſchickliche Gelegenheit, ihm ihren Dank zu er⸗ kennen zu geben. Und dieſe fand ſich bald. Der Prinz hatte naͤmlich an den Collegien, wovon er anfangs aus Neugierde einige beſuchte, wenig Gefallen, und er ſollte dafuͤr — ſo wollte es ſein guͤnſtiges Geſchick— ſich große Verdienſte um die Gelehrſamkeit auf ei⸗ nem bloßen Spaziergange erwerben, denn eines Tages, als ich mit ihm uͤber das freie Feld ging und er in tiefen Gedanken vor mir her ſchritt, ſtolperte er uͤber etwas, und ſah ſich nach dem Gegenſtande des Anſtoßes ein wenig um, ſtieß noch einmal mit dem Fuße daran, und ſuchte zu begreifen, wie er hier habe ſtraucheln koͤnnen. Wie er nun die Stelle ein wenig unterſucht hatte, entdeckte er unter der leichten Staubhuͤlle einen ſehr harten Koͤrper, der, je weiter er ihn verfolgte, immer groͤßer und groͤßer zum Vorſchein kam. Was iſt das? rief er, und ich trat hinzu und erblickte einen außerordentlich großen Knochen der halb aus der Erde hervorſah, und halb 287 ——— noch darunter verborgen lag. Es hatte aber nicht gar weit davon der Profeſſor der Natur⸗ geſchichte einen Garten, in welchem er ſo eben ſpazieren ging. Zu ihm eilte der Prinz und bat ihn, doch zu ſehen was er da gefunden habe. Alſobald wurden auch aus einer nahen Waſſermuͤhle die Knappen herbeigerufen, die mit Hacken und Spaten den Koͤrper vollends von der Erde los machen mußten, wobei der Muͤllermeiſter indeß immer in der Ferne ſtand, und laͤchelte. Als nun der große Knochen voͤllig an das helle Licht des Tages kam, ging der Profeſſor auf die rechte und auf die linke Seite, ſtaunte, ſchlug die Haͤnde zuſammen und ſagte endlich: weiß Gott, es iſt ein Mam⸗ muth, ein Rieſenelephant, eine ſehr ſeltene, eine ſehr koſtbare Erſcheinung. Viele Leute von den Spaziergaͤngern ſammelten ſich, um das Wunder anzuſtaunen, und nicht lange, ſo kam ein Student mit einem Wagen aus der Stadt gefahren, um den wichtigen Bei⸗ trag zur Naturgeſchichte herein zu holen. Neu⸗ gierige gingen nach, faſt die halbe Univerſitaͤt ſchloß ſich dem Zuge an, und obgleich mancher Fleiſcherknecht den Kopf ſchuͤttelte und in den Knochen ein ganz anderes Thier zu ſehen ver⸗ meinte, ſo folgte doch die Menge gern dem Ausſpruche des Profeſſors, und durch die Straßen hindurch, wo ſich alle Feuſter mit Geſichtern und Tabackspfeifen fuͤllten, rief immer einer dem andern zu: ein Mammuth, ein Mammuth! Anfangs glaubte ich, daß der Profeſſor nur um des Prinzen willen die Sache ſo wichtig mache; indeß erſchien, nach⸗ dem das große Geripp im Naturaliencabinett aufgeſtellt war, von ihm in allem Ernſt eine große Abhandlung daruͤber, die die Geſtalt und Eigenſchaft des Mammuths, ſein Vaterland, und die ehemalige Beſchaffenheit unſeres Erd⸗ bodens recht gelehrt aus einander ſetzte. Dem Prinzen aber ſchickte man gleich am folgenden Morgen eine Dankadreſſe zu, und ernannte ihn durch ein ſtattliches Diplom zu einem Mitgliede der Naturforſchenden Geſellſchaft. Alſo 289 Alſo weil der Prinz uͤber einen großen Knochen geſtolpert war, wurde er unter die Naturforſcher aufgenommen. Die Sache lief aber noch ſchlimmer ab, als ich dachte; denn einſt, weil das große Gerippe immer noch dem Publikum gezeigt wurde, fand ſich auch jener laͤchelnde Muͤllermeiſter ein, brummte gar ſonderbar, und fluͤſterte endlich den Studenten heimlich zu, daß er das Thier recht gut kenne. Darauf ſchloſſen ſich einige, die auch Naturforſcher ſeyn wollten, naͤher an ihn an, beſuchten ihn des Sonntags in der Muͤhle, und der Muͤller, der ſeine ge⸗ heime Weisheit nicht laͤnger in ſich beherbergen konnte, ſagte nun gerade heraus: es iſt weder ein Elephant, noch ein Mammuth, ſondern der große Ochſe, der in der Menagerie ge⸗ ſtanden hat. Hier ward naͤmlich lange Zeit ein frieſiſcher Ochſe von außerordentlicher Groͤße gehalten, der unter andern Seltenheiten zu weiter nichts diente, als die Merkwuͤrdigkei⸗ ten der Univerſitaͤt zu vermehren. Im vori⸗ III. Theil. K 290 —— gen Winter aber, da man eines Morgens kam, ihn zu fuͤttern, war er ploͤtzlich ver⸗ ſchwunden. Man begriff nicht, wo er geblie⸗ ben ſeyn koͤnnte, weil man auf dem Schnee wohl viele Menſchentritte aus⸗ und eingehen, aber keinen Fußtritt von einem Ochſen ſeh: man vermuthete alſo, daß es Hausdiebe ge⸗ weſen ſeyn muͤßten, die das Thier innerhalb der Mauern geſchlachtet haͤtten, und warf Knechte und Maͤgde ins Gefaͤngniß, indem man ſie fuͤr ſchuldig hielt. Der Muͤller aber war es, der zu dieſem Ochſen Appetit bekom⸗ men hatte, und nun, um an ſeiner Weisheit nicht zu erſticken, ſein Kunſtſtuͤck verrieth. Er hatte naͤmlich dem Ochſen uͤber ſeine vier Beine große Stiefeln gezogen, und ihn ſo recht gravitaͤtiſchen Ganges gluͤcklich uͤber den Hof und bis zu ſeiner Muͤhle gebracht, wo er ihn ſchlachtete; die großen Knochen hatte er darauf nicht weit von der Muͤhle auf dem Felde verſcharrt; hier aber war der Wind fleißig auf und ab gegangen, und hatte den 291 —— Staub allmaͤlig hinweggeweht, ſo daß das maͤchtige Gerippe wieder zum Vorſchein kam. Die Studenten erhoben daruͤber ein jubelndes Gelaͤchter, und meinten, daß es nicht unbil⸗ lig ſey, nun auch den Wind in die Geſell⸗ ſchaft der Naturforſcher mit aufzunehmen. Die Geſchichte wurde immer bekannter, und die Verlegenheit des Senats immer groͤßer; man haͤtte gern den Muͤller beim Kopf ge⸗ nommen, aber der Prinz hatte uͤber ſeine große Entdeckung ein Diplom erhalten, der Profeſſor eine Abhandlung geſchrieben, und als Profeſſor konnte er doch unmoͤglich ſagen, daß er ſich geirrt habe. Wie nun der Muͤl⸗ ler gar nicht aufhoͤren wollte, von ſeinem Ge⸗ heimniſſe zu reden, ſo ſah man ſich in der That genoͤthigt, ihm obendrein noch Geld anzubieten, daß er nur endlich ſtill ſeyn moͤchte. Auf der andern Seite fingen nun wieder die Knechte und Maͤgde an, uͤber erlittenes Un⸗ recht zu klagen, und man mußte abermals die Hand aufthun, um die Leute zu beſchwich⸗ T 2 292 tigen, und das viele Gerede zur Ruhe zu 3 bringen.— Der Ochſe blieb indeß als Mam⸗ muth aufgeſtellt, und es fehlte nicht an Spott⸗ liedern, die ſeinen Urſprung lange in Anden⸗ ken erhielten. Eins davon lautete alſo: Das iſt doch gar zu toll, Ein großer Ochſe ſoll Den Ruhm der Fakultaͤt vermehren, Soll uns Naturgeſchichte lehren, Der große Ochſe. Er waͤlzet Blatt auf Blatt, Der Muͤller vor der Stadt Sieht fleißig ihn in Kohl ſtudieren, Und denkt der Stadt ihn zu enſäpien Der ſchlaue Muͤller. Er ehrt ihn, wie er kann, Er zieht ihm Stiefeln an, Und bringt ihn erſt zum rechten Ziele, Er fuͤhrt ihn heimlich fort zur Muͤhle, In zwei Paar Stiefeln.. Kein Rad geht mehr herum, Es iſt Eollegium, Die Knappen ſitzen in der Klauſe, „Behalten ihn zum Doctorſchmauſe Collegialiſch. Sie legen ſtill und groß Ihn in des Huͤgels Schooß, 293 — Und bringen, was ihn ſo vergoͤttert, Das Werk, das er zuvor durchblaͤtt ert, Kohl auf den Huͤgel. Da kommt des Windes Braus, Er ſtrockt die Bein' heraus, Das wecket Neugier, reget Zweifel, Der Wand'rer ſtehet ſtil: was— Teufel: Sind das fuͤr Beine! Gleich rennt auf ſein Begehr Ein Herr Profeſſor her, Der ſpricht: Natur, o ſelt'ne Gabe! Ein Mammuth ſteigt aus ſeinem Grabe, Der Herr Profeſſor! Ein Chor Studenten bringt Den Mammuth drauf und ſingt Zur Stadt herein— neugierig haͤufen Im Fenſter ſich die Tabackspfeifen: Ein großer Mammuth Der Muͤller ſteht von fern, Und laͤchelt: ei, ihr Herrn, Ihr wollt doch alles beſſer wiſſen; Der Ochs war mir ein feiner Biſſen; Er geht und laͤchelt. Da wird ein groß Geſpoͤtt: Der Ochs im Cabinett! Allein des Herrn Profeſſors Lehre Bewies, daß es ein Mammuth waͤre, Der große Ochſe! —— 294 —-— Da die neue Ehre dem Prinzen nicht uͤbel behagte, ſo ſann ich zu meiner Unterhaltung darauf, wie ich ihm bald noch mehr derglei⸗ chen verſchaffen koͤnnte. Zuerſt wandte ich mich in ſeinem Namen an die philoſophiſche Fakultaͤt, und ſetzte einen Preis auf die Be⸗ antwortung der Frage, ob es nicht ein Be⸗ weis der abſoluten Beſchraͤnktheit des menſch⸗ lichen Verſtandes ſey, daß er in der Welt immer nach einem Endzwecke frage.— So ketzeriſch und gottlos dies klang, ſo konnte man doch die Weisheit des Prinzen darin nicht genug bewundern, und— uͤberſandte ihm gleich das Doctordiplom, nahm ihn auch in die philoſophiſche Geſellſchaft auf. Die Frage blieb indeß unbeantwortet, aus dem be⸗ greiflichen Grunde, weil es nicht wohl angeht, daß jemand mit den Fuͤßen auf ſeinem eigenen Kopfe herum tanzt. Nun machten wir uns an die Kunſtaca⸗ demie, wir baten Mahler, Bildhauer, Dich⸗ ter und Muſiker zu Tiſche, und es gab bald 295 ——— den lebhafteſten Streit. Jene behaupteten, daß die Kunſt vom Plaſtiſchen(von der Ge⸗ ſtaltung) ausgehe, und die Welt zum Gegen⸗ ſtande habe, der Tonkuͤnſtler aber, daß ſie ſubjectiven(innerlichen) Urſprunges ſey, und nicht die Welt ſelhſt, ſondern nur den Aus⸗ druck, den ſie im Menſchen zuruͤcklaſſe, dar⸗ zuſtellen und zu ſchildern ſuche, und deshalb ſey die Muſik die erſte aller Kuͤnſte, wogegen die andern meinten, daß ſie geſtaltlos und nichtig ſey. Der Dichter, der von beiden um ein entſcheidendes Urtheil angeſprochen wurde, ſagte dagegen, daß man beides zu⸗ ſammen nehmen muͤſſe, wenn man den Be⸗ griff der Kunſt nicht einſeitig faſſen, und un⸗ ſerer Zeit im Gegenſatz gegen das Zeitalter der Griechen nicht Unrecht thun wolle. Sonſt habe die verkoͤrpernde Methode mehr vorge⸗ herrſcht; das Leben der Neuern aber ſey mehr innerlich und wolle daher mehr Negung und Bewegung, und das Volk pflege blos deshalb einer Statue einen Hieb zu verſetzen, um 296 ———- dadurch die Ruhe derſelben zu verſpotten, und ihrem Geſichte den Ausdruck einer Handlung zu geben. Dagegen erhob ſich nun der Bild⸗ hauer, mit recht kraͤftigen Worten zuͤrnend auf die Rohheit der noͤrdlichen Voͤlker, und er brauchte in der Demonſtration immer die Fauſt ſtatt des Zeigefingers, der Mahler zog dagegen die Augbraunen in die Hoͤhe, der Dichter laͤchelte, und der Muſiker neigte den Kopf nach der Flaſche zu. Der Streit en⸗ digte zuletzt mit der Behauptung, daß keine Nation in Ausuͤbung aller Kuͤnſte zugleich vollſtaͤndig und vollkommen ſeyn koͤnne, weil die Natur jedem Dinge, alſo auch jedem Volke, durch Eigenheit und Beſtimmtheit auch ſeine Beſchraͤnkung gebe. Alles dieß nahm ich nun, um den Geburtstag des Prin⸗ zen zu feiern, zu einer Abhandlung zuſam⸗ men, und uͤberſandte ſie dem Vorſteher der Kunſtacademie, wofuͤr dieſer den Prinzen, der fuͤr den Verfaſſer galt, ebenfalls in die Mitte des Kuͤnſtlervereins aufnahm. Auf dieſe Weiſe 297 —-—— ward er mit allen moͤglichen Ehren uͤberhaͤuft, und bald wegen ſeiner vielen gelehrten Kennt⸗ niſſe und wegen ſeines unmenſchlich großen Eifers fuͤr die Kuͤnſte und Wiſſenſchaften weit und breit beruͤhmt. Mit dem naͤchſten Sommer aber verließen wir die Univerſitaͤt, um uns weiter in der Welt umzuſehn. Sechszehntes Capitel. Die Bekanntſchaft im Hemde. Wir betraten jetzt das Ausland, kamen durch viele kleine Oerter, und auch kleine Re⸗ ſidenzſtaͤdte 1 wo der Prinz ſich beſonders uͤber die vielen, oft ſchlecht bekleideten Kinder auf den Straßen wunderte, und fragte, wie das zugehe. Ich antwortete darauf: jeder kleine Hof hat eine Menge kleiner Dienſte, und jeder, welcher eine ſolche Anſtellung hat, hei⸗ 298 ———— rathet auch, daher die große Bevoͤlkerung bei ſehr beſchraͤnktem Wohlſtande in ſolchen Staͤd⸗ ten. Waͤre es moͤglich, mehrere Geſchaͤfte zu groͤßern Aemtern zu vereinigen, ſo wuͤrde das dem Ganzen zutraͤglicher ſeyn, doch— das Capitel von der Bevoͤlkerung nebſt der Ar⸗ muth, die daraus entſpringt, iſt uͤberhaupt fuͤr die neuere Zeit eine aͤußerſt ſchwere, ja unaufloͤsliche Aufgabe polizeilicher Anordnung, die noch dazu ſehr nahe mit der Sittlichkeit zuſammen trifft. So lange man noch Colo⸗ nien nach andern Laͤndern fortſchicken konnte, wußte man ſich zu helfen; jetzt aber, bei all⸗ gemeiner Bevoͤlkerung, fragt ſich: ſoll die Verheirathung jedem erlaubt ſeyn, oder wel⸗ che Einſchraͤnkung ſoll man ſetzen? Darf und ſoll man ſtrenge Enthaltſamkeit fordern, oder in wie fern iſt es beſſer, daß der Menſch nach der Natur lebe?— Hier treten fuͤr die menſchliche Geſellſchaft eine Menge Stoͤrun⸗ gen ein, und ein weites Feld oͤffnet ſich fuͤr Laſter und Ausſchweiſungen, und keine Weis⸗ 299 —ʃ heit eines Staats kann hier Mittel und Wege ausfuͤndig machen, wie man der Sittenloſig⸗ keit ſteure, ohne die Rechte der Natur zu kraͤnken. Armen⸗ und Findelhaͤuſer, Verſor⸗ gungsanſtalten, Schwermuth, Selbſtmord, Siechthum, Schmerz, Untergang, Verwor⸗ fenheit, Rabenſtein und Galgen ſtehn damit in Verbindung. Wenden wir lieber den Blick von da hinweg, wo kein einziges Mittel ſichern Ausgang verſpricht. Der Prinz war voll Staunen bei dem Hinblick auf die mancherlei Dinge, die im Staat ſich einander begegnen und verwirren, und er that manche Frage, die ich ihm unbe⸗ antwortet laſſen mußte. Doch hatte mein Bemuͤhen, ihm manches zu erklaͤren, fuͤr mich wenigſtens das Gute, daß ich ſelbſt auf vie⸗ les aufmerkſam wurde und daruͤber nachdachte, was ich nachher als eine Vorbereitung zu meiner Beſtimmung anſehen konnte. So ka⸗ men wir auch auf das Capitel von Handel und Induſtrie, und ich ſtimmte fuͤr eine ab⸗ 300 —— ſolute Freiheit als nothwendig zur Entwicke⸗ lung aller Kraͤfte und erforderlich zur Aus⸗ gleichung gegenſeitiger Vortheile, aber es gab dabei tauſendfache Hinderniſſe und Bedenklich⸗ keiten. Das Merkwuͤrdigſte dabei war mir indeß immer, daß dies alles zuletzt mit Gegenſtaͤn⸗ den der Philoſophie, mit dem Begriff vom Menſchen, ſeiner Wuͤrde und Beſtimmung zuſammenhing, und mirr fiel ein„ daß jener alte Schriftſteller doch wohl Recht haben moͤchte, welcher behauptete, daß der Koͤnig ein Philoſoph ſeyn muͤſſe. Doch ein Gegenſtand anderer Art ſollte uns bald noch mehr beſchaͤftigen, etwas, das ploͤtzlich alles weitere Philoſophiren aufhob, und uns wieder an Natur und Schickſal zu⸗ ruͤcklieferte. Das Weib iſt dazu geſchaffen, daß es den Mann aus der Ferne zuruͤckrufe, und Idee und Sache wieder in Leben und Perſon verwandele. So geſchah es jetzt. Wir waren in einer großen Stadt angekommen, wo mein Kummer, keinen Brief, wie ich hoffte⸗ von der Graͤfin mit einem Gruße von Cle⸗ mentinen vorzufinden, durch große Beſorgniſſe fuͤr den Prinzen noch vermehrt wurde, weil dieſer hier das Ungluͤck hatte, ſich zu verlieben, welches auf folgende ganz eigene Weiſe geſchah. Wir hoͤrten, daß ſich nicht weit von der Stadt ein Bad befaͤnde mit der merkwuͤrdigen ja ſonderbaren Einrichtung, daß beide Ge⸗ ſchlechter ſich in einem und demſelben Behaͤlt⸗ niſſe badeten, ſich darin mit einander unter⸗ hielten und darin ſogar ſpazieren gingen, wo⸗ bei nicht die mindeſte Unſchicklichkeit vorfalle, oder auch nur moͤglich ſey. Je weniger wir daran glauben wollten, um ſo neugieriger waren wir, dieſe Anſtalt kennen zu lernen. Wir ließen uns alſo den Weg dahin andeuten, und ſpazierten am andern Morgen mit aller Gemaͤchlichkeit hinaus. Schoͤne Gebaͤude, welche uns in der Morgenſonne entgegen lach⸗ ten, uͤberzeugten uns bald, daß wir uns wirk⸗ lich dem Bade naͤherten. Nachdem wir die Umgebung ein wenig in Augenſchein genom⸗ 3⁰2 ——— men hatten, traten wir in das Haus ein, und verlangten ebenfalls, hier nach der herr⸗ ſchenden Gewohnheit in Geſellſchaft zu baden. Man wies uns gleich ein beſonderes Zimmer an, wo wir alle moͤgliche Bequemlichkeit und auch die gehoͤrige Bedienung fanden. Fuͤr jeden lag ein Badehemde bereit, das man an⸗ zuziehen pflegte, wenn man in die große Wanne hinabſtieg. Wir ließen uns von allem unter⸗ richten, entkleideten uns und zogen das Hemde an, das uns ſorgfaͤltig vom Nacken bis zu den Fuͤßen verhuͤllte. Jetzt wurde eine Sei⸗ tenthuͤr geoͤffnet und wir gingen einige Stufen hinab, die von einem Verſchlage umgeben waren, der uns ſo lange verbarg, bis wir ſchon mit halbem Leibe im Waſſer ſtanden. Nun waren wir auf ebenem Boden, und be⸗ fanden uns nach allen Seiten frei in einem großen Behaͤltniſſe, welches man aber als ein ziemlich geraͤumiges Zimmer betrachten konnte, worin das Waſſer, das uns bis an die Bruſt reichte, beſtaͤndig zu⸗ und abfloß. Es gingen 303 ———* eben zwei Herren und zwei Damen darin um⸗ her, die mit einander ſprachen und ſcherzten, wie man ſonſt wohl auf einer oͤffentlichen 2 Promenade zu thun pflegt, und bald die Nunde machten, bald ſich auf hoͤhere oder nie⸗ dere Sitze an der Wand niederließen, wo ſie dann, je nachdem ſie groß oder klein waren, oder ſich die Plaͤtze gewaͤhlt hatten, mit dem Kopfe allein oder noch weiter hinausſahen, was denn allerdings einen ſonderbaren Anblick gab, und an ſchwimmende Schwaͤne erinnern konnte. Ich muß bekennen, daß ich, weil ich nie in ein Bad gekommen war, mich anfangs ein wenig ſchaͤmte, und die Damen kaum an⸗ zublicken wagte, obgleich der Bademantel und obendrein das Waſſer uns genug umhuͤllte. Bei dem Rauſchen und Schwanken des Ge⸗ waͤſſers ſchien es immer, als wollten die Wel⸗ len alle Augenblicke verraͤtheriſch zuruͤckweichen, und uns wie Regenwuͤrmer auf dem Boden zuruͤcklaſſen; doch allmaͤlich gewoͤhnten wir uns an den Zuſtand, und fingen auch an, 324— einige Schritte zu thun, und endlich, wie die andern, wacker darin herum zu marſchiren. Die Damen, welche ſich mit den Herren unterhielten und mit ihnen ſchon bekannt ſeyn mochten, ließen auf ihren bleichen, doch dabei freundlichen Geſichtern ein ſchon geſetztes Alter erkennen, und wir hatten uns an ihren An⸗ blick bald gewoͤhnt. Es währte aber nicht lange, ſo ging abermals eine Seitenthuͤr auf, und die Treppe aus dem Verſchlage hinab kam ein aͤußerſt reizendes Frauenzimmer, zart wie eine Waſſerlilie, aber mit den lieblich er⸗ roͤthenden Wangen, gleich einer Blume, oder Purpurbluͤte in einer weißen Umhuͤllung. Ihr ſchwarzbraunes Haar, in viele Flechten um den Kopf gewunden, vermehrte noch den Ausdruck der Anmuth, womit ſie als das ſchoͤnſte Bruſtbild auf dem Waſſer uns entge⸗ gen ſchwebte. Die kleinen Wellen, die ſie erregte, ſchienen neugierig auf ſie zu zu eilen, und dann wieder zaghaft zuruͤck zu fliehen; wie ſcherzende Genien auf und ab waren ſie bemuͤht/ 3⁰05 — bemuͤht, immer genauer ihre Umriſſe zu meſ⸗ ſen, und der Rundung ihrer Geſtalt, die ſie ſo nahe beruͤhren durften, immer ſchmeicheln⸗ der und ſchalkhafter ſich anzuſchmiegen, ſo daß ſie der Statue einer Veſta aͤhnlich wurde, auf welcher das Gewand mit der Fuͤlle des Koͤrpers ſelbſt im zarten Marmor zuſammen⸗ ſchmilzt. Der Prinz war außer ſich, da er dieſe Geſtalt erblickte; er faßte zitternd meine Hand und ſagte: Gott! wer iſt das? In dieſer Frage lag mehr, als er ſelbſt wußte. Denn ſie druͤckte gleich das heftigſte Verlangen nach jener Erkenntniß aus, wovon der Name nur den Zipfel des Gewandes ergreift. So wie die Dame ſchuͤchtern ſich ein wenig vorwaͤrts bewegte, wich der Prinz zuruͤck und ſuchte ſich immer ſo zu ſtellen, daß er, hinter meinem Ruͤcken verborgen, ſie belauſchen konnte. Sie war aber nicht allein, ſondern ein anderes Frauenzimmer begleitete ſie als ihre Dienerin oder Geſellſchafterin. Es waͤhrte auch nicht III. Theil. u 306 lange, ſo oͤffnete ſich gegenuͤber eine andere Thuͤr, und ein junger Herr mit ſehr gravi⸗ taͤtiſchem Anſehn trat herein, den ſie als eine Bekannte freundlich, doch mit vieler Ehrfurcht, begruͤßte. Ihr Geſpraͤch machte den Prinzen dreiſter, und er ſuchte ſich ihr zu naͤhern. Der gute Freund aber, vielleicht, um ihn von ihr entfernt zu halten, begann eine Unterredung mit ihm, und trat eine kleine Promenade an. Dieß zog ihm indeß gerade den Nachtheil zu, dem er entgehen wollte, denn, wie er zu ſeinen Damen zuruͤckkehrte, und that, als ob er ihnen etwas zu ſagen haͤtte, hielt der Prinz den Faden des vorigen Geſpraͤchs feſt, und ſtahl ſich damit in ihre Naͤhe und endlich in ihre Unterredung. Jetzt gingen ſeine Augenwimpern bis zu den Augenbraunen hinauf, um mit einem vollen Blicke den ganzen Reichthum von Schoͤnheit einzuſaugen, worin ſie ſo herrlich ſtrahlte. Schuͤchtern ſchlug ſie ihre Augen nieder, ſtolz und gefaßt erhob ſie dann den Blick und gab auf ſeine 8⁰0⁷ —— ungeſtuͤm ſtammelnde Rede Antwort in einem ziemlich feſten Tone. Wenn er ſeine Augen wandte, ſah ſie halb mit Argwohn, halb mit Neugierde ihm nach, und ihr Muth fing an zu wanken, wenn er aufs neue Pfeile ſeiner Blicke zu den Worten geſellte, ſo daß der Begleiter in nicht geringe Unruhe gerieth, und immer nicht wußte, ob er kluͤger thaͤte, die Geſellſchaft zum Gehen oder zum Sitzen zu noͤthigen. Aengſtlich maß er die Geſtalt der Dame mit den Augen, und es ſchien, daß er ſie jetzt groͤßer faͤnde, als jemals, denn er warf zugleich einen verdrießlichen Blick auf das Waſſer, das ihren Buſen umſpuͤlte und ſich mit der feinen Umhuͤllung des enge anſchlie⸗ ßenden Gewandes verſchworen zu haben ſchien, ihre Reize, ſtatt ſie zu bedecken, nur noch mehr zu enthuͤllen. Die Schoͤne, die ſeine Beſorgniſſe nicht ohne Theilnahme gewahr wurde, ſuchte ihm Muth und Vertrauen ein⸗ zufloͤßen, indem ſie ihm freundſchaftlich einige Worte ins Ohr fluͤſterte, worauf ſie gegen den U 2 308 ——— Prinzen ploͤtzlich das Kinn bis aufs Waſſer verneigte und wieder zu ihrem Zimmer die Treppe hinaufſtieg, wo ſie vor den Blicken des Nachſtaunenden, der gleichfalls, mit ſeiner Stirn, das Waſſer beruͤhrte, von den neidi⸗ ſchen Breterwaͤnden der Treppe empfangen, wie eine verklaͤrte Geſtalt verſchwand.— Nun war große Noth. Mit Ungeſtuͤm rauſchte der Prinz gleich im Waſſer zu mir heruͤber, und wiederholte die Frage: wer iſt das? wer iſt das? Daſſelbe hatte er ſchon ihren Beglei⸗ ter gefragt, war aber mit der unbeſtimmten Antwort: eine Dame aus der Stadt! kalt ab⸗ gefertigt worden. Bei Himmel und Höoͤlle beſchwor er mich jetzt, ihm die naͤhere Be⸗ kanntſchaft dieſes Frauenzimmers zu verſchaffen, und dafuͤr auf das volle Maaß ſeiner Dank⸗ barkeit zu rechnen. Da ich ihn ſo entgluͤht ſah, glaubte ich, daß es am beſten ſeyn wuͤr⸗ de, nicht gleich wie ein Sturmwind, der ſeine Glut nur noch mehr entflammen koͤnnte, ihm entgegen zu ſtreben, ſondern anfangs zu thun, 3⁰9 ——— als ob ich ſeine Empfindung billigte. Ich wetteiferte alſo mit ihm, ihre Reize zu loben, und ſtimmte alsdann den Ton allmaͤlig zur Kaͤlte und zum trockenen Ernſt hinab, indem ich an ihrer Schoͤnheit noch mancherlei aus⸗ zuſetzen fand. Sein Verlangen aber nach ihr nahm ich fuͤr Scherz oder vielmehr fuͤr eine Art des Ausdruckes ſeiner Bewunderung. Wie er nun merkte, daß ich mich gegen ſeine Wuͤnſche taub ſtellte, brach er in die heftig⸗ ſten Vorwuͤrfe und in eine Art von Raſerei gegen mich aus, und nannte mich kalt und gefuͤhllos und in Abſicht ſeines Zuſtandes grau⸗ ſam, unbarmherzig, feindſelig und lieblos; ja er betheuerte, daß er nicht eher ſein Haupt zur Ruhe niederlegen wuͤrde, als bis er ſie wieder geſehen, und ſie zugleich ſeiner Liebe verſichert haͤtte.— Wir ſtanden eben vor dem Badehauſe, als er dieß ſagte, denn wir hat⸗ ten nach dem Verſchwinden jener Dame das Badezimmer auch gleich verlaſſen, und uns eiligſt angekleidet.— Gedulben Sie ſich doch 310 —— nur, ſagte ich, ſie muß ja aus irgend einer von dieſen Thuͤren kommen und in irgend einen von dieſen Wagen ſteigen. Aber der Prinz hatte keine Ruhe, ſondern lief zuruͤck und beſtuͤrmte den Bademeiſter und alle Die⸗ ner im Hauſe mit der Frage, wer jene Dame ſey, worauf jene nur erwiderten, daß ſie der Kleidung nach eine Fremde ſchiene. Und— waͤhrend er ſo umher lief, trat ſie wirklich aus einer Thuͤr heraus, und begab ſich mit ihrem Begleiter nach einem Wagen, der mit ſeinen breiten goldenen Leiſten ein eben ſo koſtbares als altfraͤnkiſches Anſehn hatte, und ohngefaͤhr auf ihren Stand und auf ihre Vaterſtadt folgern ließ. Der Prinz, der eben aus dem Hauſe zuruͤckkehrte, ſah nur von fern noch den ſchlanken Wuchs, als ihr Be⸗ gleiter ſie in den Wagen hob. Durch dieſen Anblick ganz außer Faſſung gebracht, vergaß er ſich ſo ſehr, daß er anfing, dem Wagen nachzulaufen, gleich einem Armen, der ein Almoſen aus der Hand des Reichen erwartet. 311 — Da aber alle große Anſtrengung ihm bei ſei⸗ ner Erziehung fremd geblieben war, ſo erlag er bald athemlos ſeinen vergeblichen Bemuͤhun⸗ gen, und ſank erſchoͤpft in das Gras hin, wo ich ihn klagend und ſtoͤhnend wieder fand. Ermannen Sie ſich, Prinz, redete ich ihn an, und bedenken Sie, was Sie thun. Viele Augen ſind auf uns gerichtet, und wie leicht erraͤth man Ihre Gedanken! laſſen Sie uns wenigſtens behutſamer zu Werke gehen.— Ja, das muͤſſen wir, erwiderte er darauf; ſorgen Sie, ſchaffen Sie Rath.— Ich ſchlug vor, in alle Gaſthoͤfe zu ſenden und uͤberall nach der Schoͤnen zu forſchen.— Das war ihm recht, und ſobald wir die Stadt wieder erreicht hatten, ſandte ich eine Menge Leute aus, umherzuſpaͤhen nach einem Frauenzimmer und einer Equipage, wie wir ſie beſchrieben. Sie hatten von mir aber den geheimen Be⸗ fehl, mir allein die Anzeige zu thun; ſie ka⸗ men indeß alle unverrichteter Sache zuruͤck, und ich ſchloß daraus, daß die Dame bereits 31² —— abgereiſt ſey. Der Prinz war nicht ſo bald beruhigt, ſondern beſuchte alle Promenaden, Concerte und Baͤlle, und alle Oerter, wo er nur Geſellſchaft vermuthen konnte. Wie er ſie nirgends fand, trieb er mich an, unſere Abreiſe zu beſchleunigen, um ſie gleichſam in der Ferne aufzuſuchen; er wußte aber nicht, nach welcher Stadt er zunaͤchſt verlangen, und in welcher Richtung er ſie einholen ſollte. In Hoffnung, daß der Zufall vielleicht am beſten die Gefahr von uns abwenden wuͤrde, ließ ich mir jeden Vorſchlag vom Prinzen ge⸗ fallen, und durchirrte mit ihm die Laͤnder und Staͤdte, durch die ſein verwirrter Sinn ihn trieb. Ich war ſehr froh, als ich endlich bemerk⸗ te, daß die naͤchſten Gegenſtaͤnde wieder an⸗ fingen, ihn zu reizen und ihm mancherlei Fragen in den Mund zu geben, worauf ich es an Antworten, die ihn zerſtreuen konnten, nicht fehlen ließ.— Bald darauf kamen wir in eine große Reſidenzſtadt, und ich meinte, „ 313 —— daß das Hofleben hier ſeine Heilung vollenden koͤnnte. Es herrſchte aber an dieſem Hofe, bei großer Einfachheit, eine ſehr ſtrenge und laͤngſt veraltete Etikette, die ſo wenig Aus⸗ ſichten zu Vergnuͤgungen gab, daß eine laͤſtige Audienz fuͤr ihn das Erſte und Letzte blieb. Da uͤberdieß der Oberhofmarſchall nach der beilaͤufigen Aeußerung, daß der Prinz eine kurze Zeit auf einer Univerſitaͤt zugebracht habe, auf den ſonderbaren Einfall kam, ihn als einen Studenten zu betrachten und aufzu⸗ fuͤhren, ſo entſtanden ſelbſt fur eine Audienz noch tauſendfaͤltige Schwierigkeiten. Man ſchlug in allen Buͤchern, in allen Rangregiſtern und allen verzeichneten Ceremonien nach, um aufzufinden, wie und wo man dieſen Gaſt empfangen muͤſſe, denn der Fall war noch gar nicht vorgekommen, daß ein Fremder Audienz verlangt hatte, der zugleich Prinz und Student geweſen war. Endlich brachte der Ceremonienmeſſter mit ſeiner großen Weis⸗ heit heraus, daß der Koͤnig ihn nirgends 314 —— 3 anders als im Schlafkabinette empfangen muͤſſe. Wir erfuhren dieß durch Umwege, und als ich darauf aus Scherz zum Prinzen ſagte, daß es dort fuͤr ihn wohl auch ſchicklich ſeyn wuͤrde, im Schlafrock zu erſcheinen, haͤtte er beinahe Ernſt daraus gemacht, und ich mußte alle Kraft der Ueberredung anwenden, um ihn zu bewegen, ſich eine ſolche Audienz ge⸗ fallen zu laſſen. Er ging, der Koͤnig that einige Fragen an ihn, die ſeinen Vater, eine fluͤhtige Erinnerung an vorige Zeiten und ſeine Reiſe betrafen, und ſodann entließ er ihn wieder. Die Audienz hatte nach den Be⸗ griffen der Hofleute ſehr lange, naͤmlich drei Minuten gedauert, und alles, bis zum Hof⸗ rath von der dritten Klaſſe hinab rief voll Staunen: drei Minuten! Ich glaubte, daß dieſer Auftritt den Prin⸗ zen zerſtreuen wuͤrde, aber die Ideenverbin⸗ dung, die vielleicht nach ſeiner Vorſtellung zwiſchen einem Schlafkabinett und einer Be⸗ kanntſchaft im Hemde lag, verſchlimmerte 315 — ſeinen Zuſtand noch mehr und weckte die vorige Erinnerung aufs neue. Deshalb warf er auch gleich den Prinzenrock von ſich, und, als wir den Nachmittag nach einem koͤniglichen Gar⸗ ten gingen, der fuͤr Privatleute nur einen Katzenweg uͤber einen elenden Steg offen ließ, zerbrach er mit Wuth Steg und Thuͤr, und ereiferte ſich gewaltig fuͤr die Achtung, die man dem Publikum ſchuldig ſey, wobei er doch eigentlich nur ſich, und ſein Verhaͤltniß zu der unbekannten Schoͤnen, die er durch Hofetikette gegen ſich verſperrt und ausge⸗ ſchloſſen dachte, im Sinne hatte. Von nun an war er wieder ganz Popularitaͤt, und verlangte auch wieder incognito zu reiſen. 316 —— Siebenzehntes Capitel. Schlimme Zeichen. Es fand ſich aber bald darauf ein Menſch bei ihm ein, den ſeine Mutter mit geheimen Auftraͤgen an ihn geſandt hatte, und der un⸗ ter andern auch den Befehl mit brachte, ſeiner Wuͤrde keinen Glanz zu verſagen, und mit Anſtand jede Regierung noch vor der Ankunft in einer Reſidenz jedesmal begruͤßen zu laſſen, was mir jetzt wegen der gar zu ſehr herab⸗ laſſenden Geſinnung des Prinzen eine will⸗ kommene Botſchaft war. Indeß dieſer neue Reiſegefaͤhrte, der den Prinzen beſtaͤndig um⸗ ſchwebte, und ihm oft verſtohlen etwas zu⸗ trug, kam mir mit ſeiner finſtern Stirn, mit ſeinem verſteckten Weſen, zu der ſeine Hoͤf⸗ lichkeit gegen mich gar nicht paßte, zuweilen ſehr verdaͤchtig vor. Auch der Prinz benahm ſich ſeit deſſen Ankunft verſchloſſener, und warf mitunter feindſelig mißtrauiſche Blicke auf mich. Gegen alles, was ich ſagte, hatte er von nun an etwas zu erinnern, wobei nicht ſowohl der Widerſpruch als der boͤſe Wille, mir zu widerſprechen, meinem Gefuͤhl ſchmerzhaft war. Leider hatte er ſo wenig Character und bei dem Wechſel der Vorſtel⸗ lungen und Erſcheinungen ſo wenig Ueberblick, daß man ihn eben ſo leicht zum Boͤſen als zum Guten bewegen konnte, wenn man ihm nur eine Idee, einen Zuſammenhang von Mit⸗ teln und Zwecken gab, wovon er ſich einbil⸗ den konnte, die Verbindung einzuſehen. In⸗ deß— einen Theil ſeines finſtern Weſens glaubte ich auch auf Rechnung ſeiner ungluͤck⸗ lichen Liebe und unbefriedigten Neigung ſchrei⸗ ben zu muͤſſen, und da ich mich fuͤr dieſelbe eben nicht guͤnſtig erklaͤrt hatte, ſo fand er darin eben keinen Grund, ſein Zutrauen gegen mich zu vermehren. Mit ſolchen ſtillen Betrachtungen war ich ſchon mehrere Tage gereiſt, als der Prinz an einem Abend zu mir ſagte, daß er eine Bot⸗ 318 ——— ſchaft vom Grafen Helm erhalten habe, der ihn in der naͤchſten Stadt zu ſprechen wuͤnſche, und, um ihn als einen beſondern Freund ſeines vaͤterlichen Hauſes wuͤrdig zu empfan⸗ gen, baͤte er mich, vorauszureiſen und ſelbſt die Anſtalten zu ſeinem Empfange in Augen⸗ ſchein zu nehmen, die er dießmal nicht gern ſeinen Leuten allein uͤberlaſſen wollte.— Am andern Morgen war ſchon ein Theil der Be⸗ gleitung vorausgeſchickt, und ich ſetzte mich zu Pferde, um bald nach ihnen an Ort und Stelle zu ſeyn. Nur ein einziger Reitknecht folgte mir. Ich hatte einen großen, finſtern Wald zu paſſiren. Es fuͤgte ſich aber, daß, wie ich in den Wald hineinritt, ein ſtarker Platzregen auf mich herabfiel, weshalb ich ge⸗ noͤthigt war, den Mantel umzuwerfen, der hinter mir auf dem Pferde lag, und der nun ganz meine Uniform bedeckte. Als ich ſo eine Stunde geritten, und die Umgebung im⸗ mer wuͤſter und wilder geworden war, ſpreng⸗ ten ſieben verdaͤchtige Menſchen hinter den 3¹19 —— Baͤumen hervor, die ſich ſtutzig umſahen, und endlich die Frage an uns thaten, wer wir waͤren. Ich ahnete nichts Gutes und ſagte gleich, daß wir zur Dienerſchaft des Prinzen gehoͤrten, und den uͤbrigen nachzukommen ſuchten, die nur wenige Schritte vor uns voraushaͤtten. Nur zu! ſagte der Anfuͤhrer lachend, ihr werdet ſie gleich hinter dieſem Huͤgel finden.— Sie ritten fort, und wir ſahen ihnen nach.— Ich fuͤrchtete aber, daß ſie einen Anfall auf den Prinzen vorhaͤtten, und um ihm noͤthigenfalls Beiſtand zu leiſten, machte ich hinter der naͤchſten Anhoͤhe Halt, und ritt dann verſteckt hinter den Baͤumen nach dem Wege zuruͤck, den wir gekommen waren, indem ich weniger an meine Sicher⸗ heit als an die Rettung des Prinzen dachte. — Endlich ſah ich auch wirklich ſeinen Wagen aus einem Hohlwege ſich naͤhern; und in demſelben Augenblicke ſtuͤrzten auch die Bandi⸗ ten hervor, und umringten den Wagen des Prinzen, der nur von wenig Leuten begleitet 320 — Die Gegenwehr von dieſen und mein Anfall dazu, glaubte ich, wuͤrde das Ungluͤck abwenden, und ich eilte im ſchnellſten Fluge gleich herbei, rufend: was habt ihr vor? Aber die Banditen hatten keinesweges Hand an den Prinzen gelegt—, ſondern verweil⸗ ten nur einen Augenblick vor dem Wagen, und kehrten dann, verdutzt und dem An⸗ ſcheine nach in ihrer Erwartung getaͤuſcht, in Frieden zuruͤck, indem der Anfuͤhrer wieder lachend zu uns ſagte: Hoho! was reitet ihr doch, und ſitzt uns auf dem Nacken!— Sie zogen ſich alle wieder in den Wald zuruͤck, und der Prinz beugte ſich geruͤhrt, wie es ſchien, zum Wagen hinaus, um mir dankbar die Hand zu druͤcken. Der verdaͤchtige Menſch aus der Reſidenz ſetzte aber gleich hinzu: es waͤre dabei keine Gefahr geweſen, die Leute haͤtten nach einem Transport Contrebande ge⸗ fragt, und nichts von dem gefunden, was ſie hier geſucht haͤtten.— Ich konnte aus den verwirrten Umſtaͤnden nicht klug werden, doch — 321 ——— doch ſiel mir ein, wie, wenn auf mich die Nachſtellung gerichtet geweſen und nur durch ein Mißverſtaͤndniß waͤre verhindert worden— Die Leute glaubten mich vielleicht noch im Wagen, waͤhrend man mich, einem an⸗ dern Entſchluſſe nach, vorausgeſandt hatte, vielleicht, damit ich allein deſto ſicherer ihnen in die Haͤnde fallen ſollte, und ſie hatten mich im Mantel nur nicht erkannt, oder die Ver⸗ abredung war nicht genau und das Verſtaͤnd⸗ niß unvollkommen geweſen. Ich ſtellte daruͤber viele Betrachtungen an, konnte aber auf keine Gewißheit kommen, und beſorgte uͤbrigens den Auftrag des Prin⸗ zen, ihm wieder voraus ellend, aufs beſte. Die Zuſammenkunft mit dem Grafen fand wirklich ſtatt, und der Prinz wechſelte in ſeinem Be⸗ tragen mit Finſterniß und Sonnenblicken ge⸗ gen mich, ſo daß ich nicht wußte, ob bloße Einbildung oder boͤſe Ahnung mich beunruhigt haͤtte.— III. Cheil. 322 — Als wir zwei Tage weiter gereiſt und in die Nachbarſchaft eines reißenden Stroms ge⸗ kommen waren, kam ein Bote an mich, und meldete mir, mein Freund Eduard warte am andern Ufer auf mich und begehre mich zu ſprechen. Ich konnte nicht begreifen, wie Eduard in dieſe Gegend gerathen ſeyn koͤnne, und vermuthete, daß irgend ein großes Un⸗ gluͤck, oder ein beſonderes Schickſal ihn hieher gebracht haͤtte; um ſo mehr eilte ich, ſeiner Einladung zu folgen.— Ein alter zerlumpter Schiffer mit einem jungen Burſchen erwartete mich am Ufer, und ſah, als ich vor ihn trat, aus ſeinen grauen Locken mit unſtaͤten Bli⸗ cken mich an, indem er mit großem Ernſte fragte, ob ich von ihm uͤber den Fluß geſetzt ſeyn wolle. Allerdings, antwortete ich, macht nur fort, jenſeits wartet ein Freund auf mich. Ein Freund! brummte der ſaumſelige Alte bei ſich. Nun dann! ſagte er, Burſche,— greif zum Ruder, geh ans Werk. Bald ſchwebten wir auf der Flut; alles war ſtill⸗ 3²3 —— kein Wind bewegte das Waſſer, kein Laut ließ ſich hoͤren, und nur die Wellen ſprachen rau⸗ ſchend mit dem Gewoͤſſer. Die Luft war mild und warm, ſo daß ich das Oberkleid, womit ich mich gegen die Abendkuͤhle verwahrt hatte, beſchwerlich fand, und auf meinen Schooß legte. Der Mond ging eben blutig herauf, und zog mit langen Strahlen durch das Gewaͤſſer einen feurigen Weg, ſo daß wir uͤber wallende Glut hinzugleiten ſchienen. Siehſt du wohl, ſiehſt du? ſagte der Alte zu ſeinem Burſchen, der Himmel roͤthet ſich; tummle dich, ehe der Sturm kommt; dort brauſt der Strudel, halte dich rechts, den Teufel in die Hoͤlle! halte dich rechts, ſonſt wirft der Strom uns hinunter.— Was iſt euch, fuhr ich auf, fuͤrchtet ihr Gefahr? ſagt, was zu thun ſey, daß ich euch helfe. Aber der alte Schiffer fluchte abermals: den Teu⸗ fel in die Hoͤlle! und beide, ohne auf mich u achten, arbeiteten wie in einem Todeskam⸗ pfe ſtraks gegen einander, ſo daß der Kahn . 2 324 —-— anfing ſich zu drehen, als häͤtte ein Wirbel⸗ wind ihn gefaßt. Ploͤtzlich gab es einen Nuck, und der Schiffer, mit einem Schrei: wir ſind verloren! warf das Ruder hin, und ſprang uͤber Bord und der Knabe ihm nach. Im erſten Schreck wollte ich gleich nach dem Ru⸗ der greifen, aber ich fuͤhlte in demſelben Au⸗ genblick, daß ich mit dem Fuße in Waſſer trat und bemerkte, daß der Kahn einen gro⸗ ßen Spalt bekommen hatte. Ohne mich wei ter zu bedenken, warf ich das Oberkleid, das ich in Haͤnden hatte, darauf, und verſtopfte damit die Oeffnung, ſo daß die ſprudelnde Quelle nachließ. Jetzt faßte ich das Nuder, und arbeitete mich an einer Klippe voruͤber gluͤcklich durch die Flut hindurch, ohne daß es große Auſtrengung koſtete. Aber indem hoͤrte ich den alten Schiffer, der noch ſchwimmend ſich im Waſſer befand, ein augſtvolles Klag⸗ geſchrei ausſtoßen, wie wenn jemand in To⸗ desgefahr ſchwebt. Sogleich eilte ich ihm zu Huͤlfe und ruderte zu ihm hinan. Und wirk⸗ 325 —— lich war er in den rauſchenden Strudel ge⸗ rathen und ein ploͤtzlicher Krampf hatte ſeine Fuͤße gelaͤhmt, ſo daß er ſchon glaubte ver⸗ finken zu muͤſſen, als ich ihm das Ruder hin⸗ reichte. Aechzend und ſtoͤhnend wand er ſich wieder heraus und faßte das Hintertheil des Schiffes, an welchem er ſich allmaͤlig hinauf half. Der Burſche lief unterdeß am Ufer hin und her und ſah ohne Entſchließung mit großer Angſt mit an, wie ich den Alten her⸗ uͤberbrachte. Wie wir aber gelandet waren, warf ſich der Greis zitternd auf die Erde und ſprach: ſetzen Sie Ihren Fuß auf dieß ver⸗ ruchte Haupt, ich bin es nicht werth. Was macht ihr, Alter? entgegnete ich, ſteht auf, geht in eure Huͤtte, trocknet euch! Da faßte er mich noch einmal ſcharf ins Auge und fagte: wahrlich, Sie muͤſſen ein guter Menſch ſeyn, ſonſt waͤren wir alle verloren!— Un⸗ terdeß war der Mond voͤllig herauf gegangen und ſtand hell am friedlichen Himmel. Er beſchien hinter Baͤumen ein freundliches Haus, 326 —’ die Foͤrſterwohnung. Dahin eilte ich, hier ſollte ich meinen Eduard finden. Aber es ſaß der Förſter haͤuslich⸗vergnuͤgt mit ſeinen Jaͤ⸗ gern um einen großen Tiſch, und erzaͤhlte ihnen eben ein Maͤhrchen, wie der unſichtbare Prinz einſt vor Kaͤlte erſtarrt und in Geſtalt eines zuſammengeſchauerten Kaͤtzleins auf einer Muͤhle eingekehrt ſey; da ſchlug ich ploͤtzlich an das Fenſter und alle fuhren erſchrocken zu⸗ ſammen. Ich fragte nach Eduard, aber ſie hatten niemanden geſehen; auf meine Erzaͤh⸗ lung von meinem Ungluͤck auf dem Waſſer, waren ſie alle gleich huͤlfreich um mich her. Da ich ihre Bewirthung ausſchlug, gingen zwei Jaͤger mit mir, um den Kahn des Foͤr⸗ ſters loszumachen, mit welchem ſie mich ohne alle Gefahr wieder uͤber den Strom brachten. Sie konnten nicht begreifen„ wie der alte Schiffer, den ſie einen alten Suͤndendiener nannten, eine ſolche Unvorſichtigkeit habe be⸗ gehen koͤnnen.— Der Prinz und ſein finſte⸗ rer Gefaͤhrte ſahen mich zu ihrem Erſtaunen 4 327 ——— wieder zuruͤckkehren, und ſo ſehr ſie auch ihre Verwunderung zu verbergen trachteten, ſo merkte ich ihnen doch wohl die Verlegenheit an, mit der ſie innerlich kaͤmpften. Als ich aber berichtete, wie ich den alten Schiffer aus dem Rachen des Todes geriſſen haͤtte, da faßte wieder der Prinz mit Ruͤhrung meine Hand, und das Gute in ihm ſchien mit dem Boͤſen in Widerſtreit; es wurde jedoch die Anwand⸗ lung des Mitleids und der Liebe bald wieder durch das finſtere Antlitz ſeines Dieners ver⸗ ſcheucht, der von Tage zu Tage groͤßere Ge⸗ walt uͤber ihn ausuͤbte.— Da niemand den Boten, der mich mit jener Nachricht hinter⸗ ging, kennen wollte, ſo hatte ich auch keinen, mit dem ich uͤber den Vorfall haͤtte Bͤrnen koͤnnen. G Alles uͤberzeugte mich indeß leider nur zu deutlich, daß ich von feindſeligen Nachſtel⸗ lungen umgeben ſey, und ich bewaffnete mich daher heimlich mit Dolch und Piſtolen, nahm von keiner Speiſe, die nicht auch der Prinz „ 328 ——— eben beruͤhrt hatte, und uͤberlegte ſtille bei mir, wie ich unter einem Vorwande mich dem Dienſte des Prinzen entziehen und mich wie⸗ der in Freiheit und Sicherheit begeben koͤnnte; aber noch ſah ich keine ſchickliche Gelegenheit, und mein Zuſtand war jetzt uͤberaus traurig. Achtzehntes Capitel. Blinde Leidenſchaft. —x Der folgende Tag nahm eine feierliche Geſtalt an und ferderte meine Aufmerkſamkeit fuͤr ganz andere Dinge, denn eine große freie Reichsſtadt lag vor uns, welche uns einen beſonders ehrenvollen Empfang ſchuldig zu ſeyn gkaubte, weil ſie dem Großvater unſers Koͤ⸗ nigs die Erhaltung ihrer Freiheit verdankte. Unſere Anmeldung war bereits geſchehen, und ſobald wir ihr Gebiet betraten, ließ hinter der Bruͤcke eine Trompete ſich hoͤrn, und — — —— 3²9 —— der Herold der Stadt ritt an unſern Wagen heran, um, wie er ſagte, uns den Gruß des Weges zu bieten und dann ſein Friedens⸗ faͤhnlein uns voran wehen zu laſſen. Die Trompete ſchmetterte, wie er den Zug erdoͤff⸗ nete, aufs neue, und von Huͤgel zu Huͤgel donnerte eine kleine Kanone, deren Stimme unſere Ankunft immer weiter verkuͤndigte. Darauf aber erklang ein freundliches Gloͤck⸗ chen in der Stadt, welche man die Pilger⸗ glocke zu nennen pflegte, und die immer vor⸗ nehmen Fremden, zum Zeichen der freund⸗ ſchaftlichen Bewillkommung, angezogen wurde. Weil es ſich indeß fuͤgte, daß man eben auch eine Leiche zum Thore hinaus trug, die man auf einen Feldkirchhof bringen wollte, ſo wußten wir im erſten Augenblick nicht, ob das Laͤuten auf die Leiche oder auf unſern Einzug gehe, und der Prinz ſchauderte bei dem Gedanken an dieſe Vorſtellungen. Ich, ſchon mehr an die Todesgefahr gewoͤhnt, er⸗ zitterte weniger davor. Eine laut ſchallende 330 Muſik, die aufs neue einen Hugel lebendig und froͤhlich machte, verſcheuchte bald wieder die truͤben Gedanken; die Straße belebte ſich mit Menſchen, die hin und wieder liefen, und unſere Spannung fuͤr den letzten Em⸗ pfang in der Stadt noch erhoͤhten. Indem wurden wir hinter dem Gewuͤhle von Zu⸗ ſchauern, die alle Anhoͤhen beſetzt hatten, drei weiße Zelte gewahr, zwei kleinere und ein groͤ⸗ ßeres, welches letztere einen langen goldenen Wimpel uns entgegen flattern ließ. Nun be⸗ hauptete der Glaube des Volks, wenn dieſer dem Fremden gerade entgegen ſchwebe, ſey das ein Zeichen, daß er wirklich gern geſehen, und der Stadt als Freund willkommen ſey. Sogleich ſchien auch die Beſtaͤtigung darauf zu erfolgen; denn aus dem großen Zelte tra⸗ ten jetzt hinter einander ſieben Jungfrauen hervor, lieblicher als die Morgenroͤthe, die ſie umglaͤnzte, und an ihrer Spitze ſtand in einem kangen weißen Gewande, von einem Myr⸗ thenkranze umſchlungen— jene reizende Schoͤ⸗ — 1 331 8 —-ℳ ne des Bades, die der Prinz bis jetzt verge⸗ bens geſucht hatte. In dem weißen Kleide erneuerte ſie ganz das vorige Bild und den vorigen Eindruck. Der Prinz, der vor Ueber⸗ raſchung nicht glaubte, was er ſah, hob ſich ungeduldig vom Sitze, um die Erſcheinung naͤher ins Auge zu faſſen; aber ich ermahnte ihn, die Faſſung nicht zu verlieren, und den Gruß der Jungfrauen, welche eben naͤher kamen, ruhig zu erwarten. Die ſchoͤne Red⸗ nerin war nicht weniger erſchrocken; und kaum hatte ſie ihren Mund geoͤffnet, um das Ge⸗ dicht, das ſie mit zarten Haͤnden dem Prin⸗ zen emporreichte, mit einigen Worten zu be⸗ gleiten, als ploͤtzlich alle Roſen von ihren Wangen wichen, und ſie bleich, wie eine Lilie, in die Arme ihrer Schweſtern ſank. Das Gedicht fiel dazwiſchen hin, von der Luft ent⸗ fuͤhrt, und der Prinz ſprang zum Wagen hinaus mit dem Ausrufe: ſie iſt es— helft, helft ihr; weckt ſie, ruft ſie bei Namen, holt Aerzte herbei. Da riefen die Jungfrauen 332 ——— eine um die andere: Adelgunde, Adelgunde! bis ſie die Augen wieder aufſchlug und ihren Blick voll Furcht auf den Prinzen richtete. Als krank ward ſie indeß gleich, von vielen Haͤnden unterſtuͤtzt, zum Zelte geleitet, und der Prinz, den kein Augenblick laͤnger ver⸗ goͤnnt war, bei ihr zu bleiben, ſetzte ſich mit zagendem Ungeſtuͤm wieder in den Wagen, um ſein Herannahen zur Stadt fortzuſetzen. Kaum hatte er ein wenig Athem geſchuͤpft, als der Burgermeiſter in einem breiten Treſ⸗ ſenkleide und einer langen Peruͤcke, deren Locken bis auf die Bruſt herabhingen, vor ihm ſtand, mit einem langen Gefolge von Se⸗ natoren, die lange ſchwarze Maͤntel und, ſo jung ſie waren, gleichfalls Peruͤcken trugen. Der Burgermeiſter ſprach von des Himmels Gnade, ſeine koͤnigliche Hoheit in den Mau⸗ ern ſeiner Stadt zu ſehen, und unterdruͤckte aus Schicklichkeit das Gefuͤhl der natuͤrlichen Angſt und Beſorgniſſe fuͤr Adelgunden, welche ſeine Tochter war. Der Prinz aber konnte 333 — nicht danken, ohne gleich aͤngſtliche Fragen und Bitten einzumiſchen wegen der Unpaͤßlich⸗ keit der Schoͤnen, worauf der Burgermeiſter weiter nichts ſagte, als daß er zu viel Gnade fuͤr ſie haͤtte. Ja, zu viel Gnade! wieder⸗ holte eine andere Stimme unter den Senato⸗ ren, die gleichfalls aus dem Herzen zu kom⸗ men ſchien. Indem oͤffneten ſie ihre Reihen, und ein Mann, ſtattlich aufgeputzt, mit ro⸗ then Schnuͤren und bunten Baͤndern umwun⸗ den, trat hervor mit einem großen ſilbernen Becher, welchen er auf einem ſilbernen Spie⸗ gel zum Prinzen empor hielt, indem er dieſen Vers dazu ſprach: Es lud die Stadt zum alten Wein Schou manchen Biedermann, Und noch, wer unſer Freund will ſcyn, Schließt an die Reih' ſich an. Auf dieſe Weiſe pflegte die Stadt den Ehren⸗ wein jedem angeſehenen Fremden zu reichen. Der Prinz, voll Glut und Unruhe, bedachte ſich ſo wenig, daß er wohl den Becher von ſich gewieſen haͤtte, wenn ich nicht mit einer 334 ——— Ermahnung ihm zur Seite geweſen waͤre. Jetzt trank er mit Uebermaaß, und gab darauf den Becher zuruͤck. Und kaum waren wir in der Stadt an⸗ gekommen, als er ſchon nach dem Hauſe des Burgermeiſters eilen wollte, um ſich nach Adelgundens Befinden zu erkundigen; es ko⸗ ſtete mich unſaͤgliche Muͤhe, ihn von uͤbereil⸗ ten Schritten zuruͤckzuhalten, und Thorheiten zu verhindern, von denen nur Ungluͤck und Unheil zu fuͤrchten war. Zu ſeinem Troſt kam der Burgermeiſter gleich ſelbſt, um ihn zu ſich einzuladen. Die Senatoren und alle Vornehmen der Stadt waren in einem lan⸗ gen Saale verſammelt, um ſich ihm vorſtellen zu laſſen; aber der Prinz lief ſo unruhig durch ſie hindurch. daß wohl jedermann ſah, wie ſeine Blicke etwas ganz anders ſuchten. End⸗ lich durfte er auch in den Kreis der Famillie eingehen, wo ſein Stern Adelgunde ſtrahlte. Mehr hoͤflich als freundlich gegen ihn, hielt ſie ſich nicht allein in den Grenzen der Schicklich⸗ 335 4—--- keit, ſondern in einer edlen Faſſung der Seele, die es ſogar ungewiß ließ, ob ſie wirklich Nei⸗ gung fuͤr den Prinzen verberge, oder ob ſie vielleicht nur den Schreck und die Furcht zu beſiegen hatte, die der ploͤtzlich erneuerte An⸗ blick des Prinzen anfaͤnglich in ihr erregte. Innerlich ſchien ſie vor der Ungebuͤhr zu er⸗ roͤthen, die in dem Mangel an Selbſtbeherr⸗ ſchung lag, womit der Prinz ihr flammend gegenuͤber ſtand, und ſie that nichts weiter zur Erwiederung ſeiner regelloſen Gunſtbe⸗ zeigungen, als was die Schicklichkeit und ihre eigene Ehre erlaubte oder ihr zur Pflicht machte. Wirr ſetzten uns darauf zu einem großen Gaſtmahle, und man glaubte fuͤr heute den Wuͤnſchen des vornehmen Gaſtes, welche ſei⸗ ner Herrlichkeit keinesweges entgingen, nachle⸗ ben zu muͤſſen, indem man Adelgunden in ſeine Naͤhe brachte; doch ihr Betragen blieb ſich immer gleich, und als der Prinz nach Hauſe zuruͤckkehrte, wollte er vor Schmerz 336 und Wuth vergehen, und tobte wie ein zuͤgel⸗ loſer Streiter, der trotzend auf Beute beſteht. An eine baldige Abreiſe war nun gar nicht zu denken, es wurde ein zweites und drittes Feſt veranſtaltet, womit bald der Prinz dem Burger⸗ meiſter, bald die Stadt dem Peinzen dankte, ohne daß dieſer dadurch in ſeiner Bewerbung um Adelgunden auch nur um einen Schritt weiter gekommen waͤre. Er fing an, des Nachts wie ein Wachender, und bei Tage wie ein Traͤumender umher zu wandeln, und meine Ermahnungen, die Ehre ſeines koͤnigli⸗ chen Hauſes und den ſtrengen Willen ſeines Vaters und beſonders der Koͤnigin Mutter zu bedenken, fanden alle kein Gehor. Auch der Burgermeiſter dachte allmaͤlig auf Sicher⸗ heit, und er lud ihn hinfort zu keinem Feſte, zu keinem freundſchaftlichen Mahle ein, ohne auf die andere Seite ſeiner Tochter einen Senator zu ſetzen, deſſen Betragen anfangs nur beſcheidentlich einen Beſchuͤtzer, nach und nach aber gauz deutlich den Freund verrieth, 1 der 837 —— der mit ſeinem Herzen die naͤchſten Anſpruͤche auf ſie machte. Es war der naͤmliche, den wir ſchon im Bade als ihren Begleiter geſehen hatten, und auch derſelbe, der unter den Se⸗ natoren am Thore mit dem Ausrufe: zu viel Gnade! unaufgefordert den Ausſpruch des Burgermeiſters beſtaͤtigte. Bis jetzt hatte er ſeine Beſorgniſſe und ſeine Eiferſucht aus Ruͤckſicht gegen ſeine Herrlichkeit unterdruͤckt, nun aber konnte und wollte er derſelben wei⸗ ter keine Schranken ſetzen, und er litt es endlich kaum noch, daß der Prinz ſeiner kuͤnf⸗ tigen Braut nur zu einem Geſpraͤch ſich naͤhern durfte. Unter ſolchen Umſtaͤnden wa⸗ ren zuletzt blutige Haͤndel zu fuͤrchten, und deshalb ſagte ich dem Prinzen„ nachdem ich ihm noch einmal ſeine mißliche Lage vorgeſtellt hatte, jetzt gerade heraus: Prinz, wenn Sie eine Thorheit begehen, muß ich dafuͤr haften; nun aber kann ich nicht laͤnger fuͤr Ihr Leben und fuͤr Ihre Ehre Buͤrge ſeyn, ich bitte daher um meine Entlaſſung, und werde auch III. Theil Y 338 —-—— den Koͤnig darum erſuchen. Verwundert uͤber dieſe Worte, zog er ſich finſterér als jemals von mir zuruͤck, und erwaͤhlte jenen geheimniß⸗ vollen Diener zu ſeinem Vertrauten, der alle ſeine Schritte zu billigen ſchien. Da ich auf dieſe Weiſe die Gefahr gegen mich ſich vermehren ſah, ſo beſchloß ich, auf das ſchleunigſte eine Stafette an den Koͤnig abzuſenden, und ihn ſelbſt von der Lage des Prinzen zu unterrichten, und zugleich meine Entlaſſung zu fordern. Des Nachts war ich damit heimlich zu Stande gekommen, aber der Eilbote flog kaum zum Thore hinaus, als eine andere Stafette eintraf, deren Botſchaft ploͤtzlich die Umſtaͤnde veraͤnderte. Ich erhielt naͤmlich vom Koͤnige den Befehl, zu dem erſten Fuͤrſten und Vorſteher der Grenzſtaaten mich zu begeben, und fuͤr ſeinen Sohn um die Hand der Prinzeſſin Regina anzuhalten, wel⸗ che Sendung ich am beſten mit Gruͤnden wuͤr⸗ de unterſtuͤtzen koͤnnen, da ich als Fuͤhrer des Prinzen von ſeinen vortrefflichen Eigenſchaften 1 339 — am beſten unterrichtet ſey. Der Prinz ſtaun⸗ te nicht wenig uͤber dieſe Nachricht, doch ſah er ein, daß er ſich hierin dem Willen des Vaters und ſeinem Schickſale wuͤrde fuͤgen muͤſſen, wobei er indeß trotzig verſicherte, daß dieß ihn keinesweges hindern ſolle, ſich ferner um die Gunſt der ſtrengen Adelgunde zu be⸗ muͤhen, fuͤr die ſein Vater leicht eine Graf⸗ ſchaft uͤbrig haben wuͤrde. Ungewiß blieb es, ob der Koͤnig und die Koͤnigin ſchon um die thoͤrichte Liebe des Prinzen wußten, oder ob andere Gruͤnde ſie zu dieſer Sendung beſtimmt hatten. Ich fuͤr mein Theil befolgte recht gern den Auftrag, weil ich davon eine Aenderang meines Schick⸗ ſals hoffen konnte, und gleich am andern Tage trat ich meine Reiſe an. 2 340 ——- Neunzehntes Capitel. Bewerbung. Sobald ich mich fern von der Stadt und auf dem Wege in geraͤuſchloſer Einſamkeit be⸗ fand, unterhielt ich meine Seele mit dem ſehnſuchtsvollen Gedanken an Clementinen, und voll Wehmuth und Schmerz uͤber ihr lan⸗ ges Stillſchweigen gegen mich, ſuchte ich nach Gruͤnden, die ſie einigermaßen rechtfertigen konnten, und, indem mein Argwohn ſie an⸗ klagte, entſchuldigte ſie meine Liebe. Ich waͤlzte alle Schuld auf die Graͤfin, die ſich als Vermittlerin angeboten hatte, und nun ſo wenig Wort hielt; ich nahm mir vor, ſobald ich nur erſt vom Prinzen frei ſeyn wuͤrde, ihren Maaßregeln mehr nachzuforſchen.— Dieſe Betrachtungen wurden aber bald durch die Kriegsruͤſtungen unterbrochen, die in den Grenzſtaaten gleich beim Eintritt und uͤberall, wo ich hinkam, ſich bemerklich machten. Ich 341 —— erſchrak daruͤber, und meinte nun, daß meine Sendung wohl wichtiger ſeyn koͤnnte, als ich mir anfangs vorgeſtellt hatte. Deshalb ver⸗ doppelte ich meine Eile, und am ſiebenten Tage traf ich beim Fuͤrſten ein. Man empfing mich auf eine ſehr ehrenvolle Weiſe und wies mir eine ſehr geraͤumige Wohnung auf dem Schloſſe an. Der Fuͤrſt Albert, der mit den Zuͤgen der Biederherzigkeit mir das Bild eines guten Hausvaters gab, hoͤrte kaum den Zweck meiner Sendung, als er auch unverholen mir ſeine Freude daruͤber an den Tag legte, nicht um ſeines Vortheils und um der Ehre willen, die ſeinem fuͤrſtlichen Hauſe damit wiederfuͤhre, ſondern wegen des allgemeinen Gluͤcks und wegen des Friedens, der dadurch zwiſchen dem Koͤnigreiche und den benachbarten Staaten wuͤrde befeſtigt werden; er hoffte, daß nun aller Argwohn ſchwinden und das ſtets heim⸗ lich gezuͤckte Schwert in die Scheide zuruͤck⸗ kehren wuͤrde; indeß bliebe die Antwort dem Willen ſeiner Tochter uͤberlaſſen, deren Wohl⸗ 344 —— fahrt ſein hoͤchſtes Gluͤk auf der Welt ſey; bei ihr ſollte ich werben.— Die Fuͤrſtin ſprach ſchon etwas bedenklicher und ſchien hin⸗ ter den freundlichen, wohlwollenden Mienen ſtille Beſorgniſſe zu verſchließen. Ihr Anblick machte aber einen ſo angenehmen Eindruck auf mich, wie wir nur bei einer willkommenen Erinnerung zu empfinden pflegen; ich ſchrieb es ihrem leutſeligen Weſen zu. j Jetzt ſtand mir noch das Schwerſte bevor, die wirkliche Bewerbung bei der Prinzeſſin, die bei der Wahl ihres Gatten einer groͤßern Freiheit, als andere ihres Standes, genoß, und ich hoffte am erſten, wenn ſie nur ein gefuͤhwvolles Herz beſaͤße, mit den Gruͤnden des Vaters, mit Erwaͤgung des Gluͤckes, das ein geſicherter Friede in die Huͤtten von ſo vielen tauſenden bringe, auf ſie gluͤcklich zu wirken und ſie zu meinem Vortheile zu ſtim⸗ men; aber wie ſoll ich meinen Schreck und mein Erſtaunen ſchildern, als ich vor ſie trat! das Blut erſtarrte mir in den Adern, der 343 —— Athem fehlte zum kleinſten Worte, wie von einer Gottheit in lebloſen Stein verwandelt, ſtand ich da,— denn meine Augen ſahen Clementinen. Sie erhob ſich raſch von ihrem Sitze, und kam mit Blicken, welche ein Geſpenſt wahrzunehmen glaubten, auf mich zu; eine ploͤtzliche Aufwallung von Freude be⸗ ſeelte ihre Lippen mit einem Ausrufe, unwill⸗ kuͤhrlich ſtreckte ſie die Arme nach mir; aber es war nur ein Augenblick— wie wenn die Nacht den Blitz verſchlingt, wich ſie auf ein⸗ mal finſter von mir zuruͤck, rang die Haͤnde und rief: iſt es moͤglich! Darauf ſuchte ſie ſich zu ſammeln und fuhr dann gelaſſener fort: ich weiß, warum Sie kommen; beginnen Sie Ihren Antrag; wenn Sie den Muth haben, mich zu uͤberreden, werde ich nicht das Herz haben, mich zu weigern.— Nimmermehr! rief ich aus, und ſtuͤrzte zu ihren Fuͤßen. Allmaͤchtiger Himmel! wie konnte ich hoffen, wie konnte ich fuͤrchten, Sie hier zu fin⸗ den Sie Prinzeſſin Regina, Clementine 344 ——— eine Prinzeſſin!— Wie haͤtte ich das ahnen koͤnnen— wie haͤtte ich— o mein Herz wallt uͤber bei dem ſtolzen Gedanken, daß ich in Ihnen—— nein, Clementine, keine an⸗ dere, ich weiß nichts von Regina, ich will nichts von der Prinzeſſin wiſſen.— Und haͤtten es nicht ſchon gewußt? fragte ſie.— Ich ſchwur bei unſerer Liebe.— Huͤten Sie ſich, auf ſo nichtigen Grund zu bauen, er⸗ widerte ſie.— Ich erſchrak uͤber das Wort. Gott, was muß ich ahnen! rief ich mit Haſt, alles ſtuͤrzt zuſammen— durch meine Ankunft, durch Ihren Entſchluß, ich bin vernichtet durch mich ſelbſt; Sie waͤhlen den Prinzen!— Mei⸗ ne Thorheit wird belohnt, wie ſie es verdient— fagte ſie mit Faſſung darauf. Sie haben gelernt, Fuͤrſten zu dienen; auch weiß ich, wie beliebt Sie ſchon an jenem ſchwankvollen Hofe waren. Jetzt kommen Sie, uns zu bedauern und dann das Schickſal anzurufen, daß es ent⸗ ſcheiden ſolle. Ja— es hat entſchieden! durch dich, Malvina; du lehrſt mich zuruͤck⸗ 845 —-— ſchauen in mein Herz, du zeigſt mir, wo ich ſtrauchelte, du loͤſeſt die Verblendung, in der ich meine Pflicht und faſt meine Ehre ver⸗ gaß.— Malvina? entgegnete ich voll Erſtau⸗ nen; wie kommt die auf Clementinens Lippen? Wer iſt es, der meinen Namen gelaͤſtert hat, daß er ein Flecken Ihrer Ehre ſcheinen muß? Wenn ich einſt Ihrer Achtung werth war, ſo bin ich es noch jetzt, und ich hoffe, jetzt noch weit mehr, da meine unerſchuͤtterliche Liebe durch Verſuchungen erprobt iſt. Doch nicht jene Malvina gab mir dieſen Sieg und dieß ſtolze Gefuͤhl; nein, eine martervolle Sehnſucht nach Ihrem Beſitze, jahrelanges Hoffen und Ausharren und ſtilles Vertrauen auf Ihre Herzensguͤte hat meine Liebe be⸗ waͤhrt und hat ſie unwandelbar gemacht. Ich ward bis jetzt nicht werth befunden, Ihren Stand und Ihren Namen zu wiſſen, mit ſtrenger Sorgfalt hat die Graͤfin bis auf die⸗ ſen Tag dieß alles mir verſchwiegen. Clemen⸗ tine war der einzige Laut, worin mein Herz — 26— beim Anblick der Zukunft lebte, nichts weiter wußte ich von dem Ziele meiner Wuͤnſche, doch um ſo reiner bewahrte ich in meiner Seele das geliebte Bild, und nun ſoll we⸗ der Noth noch die groͤßere Gefahr es aus meinem Buſen reißen. Ich ſage mich los von dem Auftrage, der mich hieher ge⸗ bracht hat; hier iſt kein Kampf zwiſchen Liebe und Pflicht! Denn als ich verſprach, fuͤr den Prinzen um Prinzeſſin Regina zu werben, wußte ich nicht, daß ſie Clementine ſey. Und was Malvina betrifft, ſo vermuthe ich hier einen Verlaͤumder, den ich zur Rechenſchaft fordern werde. Die Prinzeſſin ſah jetzt ſchweigend vor ſich hin, ſchien halb beſaͤnftigt, vielleicht auch beſchaͤmt, und einen mildern Blick auf mich werfend, gab ſie mit einem leiſen Wink zu ver⸗ ſtehen, daß ich mich entfernen und ihr Zeit zur Ueberlegung laſſen moͤchte. Da ergriff ich ihre Hand, kuͤßte ſie, und halb verſoͤhnt ſchieden wir von einander. 347 ———— Pein und Unruhe trieb mich in meinem Zimmer umher, tauſend Vermuthungen, Entſchuldigungen und Erklaͤrungen beſchaͤftigten meine Seele, und durch die Verwirrung leuch⸗ tete endlich der verſoͤhnende Blick, womit die Geliebte zuletzt troͤſtend auf mich geſchaut hatte. Es ward Abend, es ward Nacht, und ſchwermuthsvolle Gedanken hielten mich um⸗ lagert, als ein leiſes Klopfen an der Thuͤr laut wurde, und der ſchoͤne Juͤngling, Phi⸗ libert, hereintrat, eine Fackel in der Hand. Meine Freude bei ſeinem Anblick miſchte ſich alſobald mit geheimen Unwillen; denn ich hatte ihn auf dem Felſen im Walde erblickt, als ich vor Malvina floh und Rath und Troſt in der Einſamkeit ſuchte, jetzt zweifelte ich nicht, daß er meine Schritte belauſcht haͤtte. Gleich ſtuͤrmmte ich mit Fragen auf ihn ein; aber ſtatt aller Antwort legte er Papiere in meine Hand, die er mich anzuſehen bat. Ich oͤffnete ſie und fand Briefe, die ich mit Malvinen gewechſelt haben ſollte. Es waren nur Ab⸗ — 24 ſchriften, und der Inhalt erlogen; nur ein einziges Schreiben von meiner Hand befand ſich darunter, das Artigkeiten enthielt. Wie kommen Sie zu dieſen Briefen! fragte ich ihn; wer hat ſie erdichtet, und wer hat ſie in Ihre Haͤnde geliefert?— Die Prinzeſſin, gab er zur Antwort; empfangen habe ich ſie zuerſt von Malvinens Kammerfrau. Ich ging, wohin die Liebe mich gehen hieß— an den Hof des gelehrten Fuͤrſten, um Sie als Ihr Genius zu umſchweben. Zwei Sterne ſah ich da um den Mond, der meine Sonne mir widerſtrahlt, aber ſein Licht verdunkelte ſich, weil er von der Sonne ſich wandte. Den Lauſcher belauſchte Malvina, ſie ver⸗ ſprach, mich zum Zeugen Ihres neuen Lebens zu machen. Durch einen Vorhang ihres Cabinets ſah ich den Frevel verſchwenderiſcher Gunſt, und es preßte meiner Bruſt einen Schrei des Schmerzes aus. Briefe ſollten ſchriftlich Zeugniß geben, und die Kammer⸗ frau zeigte ſich mir gewogen, doch nur Ab⸗ 349 —— ſchriften von den wahren, die ſie nicht zu entwenden wagte, reichte ſie mir. Ach! ich war ſo traurig, ſo uͤber alle Maaßen betruͤbt, den ſo wenig treu zu ſehen, den ſie ſo innig liebte! Die Wildniß ſuchte ich auf, den Fels und das brauſende Gewaͤſſer, nirgends war Troſt fuͤr mich. Betrogen biſt du— ſiel ich ihm ins Wort — Malvina war meine Feindin, und, um ſich zu raͤchen, hat ſie mir das gethan. Sie wußte, daß ich ein Bild auf meiner Bruſt trug, dich hat ſie angelockt, um mit dem Schein von Dingen, die ſie ſelbſt erſt truͤg⸗ lich webte, dich zu taͤuſchen. O wie voll Argliſt iſt die Rache! Ich ſchilderte ihm darauf das ganze Ver⸗ haͤltniß, worin ich mit Malvinen durch mei⸗ nen Dienſt verſtrickt war, und jetzt wurde manches, was ſie that, und was mir damals ſo raͤthſelhaft ſchien, mir klar und deutlich. Als er ſah, daß ihn das Weib hintergangen hatte, warf er ſich bußfertig zu meinen Fuͤßen, 35⁰ — und wollte vor Schmerz vergehen; aber ich fragte, warum er ſich nicht zu mir gewandt, und allein ſeiner Phantaſie, die ſo leicht irre leite, ſich uͤberlaſſen habe; er ſey fuͤr mich ein ſchlechter Geuius geweſen. Darauf war ſeine Antwort: ich diene nur ihr allein; nur ihre Beſorgniſſe trieben mich fort; und haͤtte ich Sie, den Geliebten, treu und ganz ihrer Liebe werth gefunden, ſo wuͤrde ich auch Ih⸗ ren Augen mich offenbart haben,— aber— weil ich, als ein Betrogener, nur Betruͤbtes ſah, huͤllte ich mich in meine Traurigkeit, und floh zuruͤck zur Geliebten, deren Gram und Verluſt ich als den meinen beweinte. Al⸗ les, was ich fuͤr Sie, Beneidenswerther, that und noch thun werde— und ſollte ich auch mein Leben opfern— das wird fuͤr meine Herrin, und nimmermehr fuͤr Sie ſelbſt ge⸗ than ſeyn, es waͤre denn, daß ich beide nicht mehr zu unterſcheiden vermoͤchte.— Mit die⸗ ſen Worten verließ er mich. 351 — Eine ſchlafloſe Nacht folgte auf dieſe ſelt⸗ ſamen Stunden, mit Unruhe und heißer Sehnſucht wartete ich auf den Morgen, wo ich wieder vor die Geliebte treten duͤrfte. Ich ſandte einmal uͤber das andere zu ihr, und endlich ward es mir geſtattet. Schmerz und Leiden auf ihrem Geſicht zeugten von dem Zuſtand ihres Herzens und hatten die Bluͤte ihrer Schoͤnheit unſanft beruͤhrt; doch fuͤr mich ging Hoffnung aus dieſem Schmerz her⸗ vor, denn ich ſah, daß ſie mich noch liebte, und nicht gefaßt war, mich zu verlieren. Heute komme ich nicht als der Geſandte des Prinzen zu Ihnen, ſagte ich zu ihr, meine Botſchaft iſt beendigt; laſſen Sie uns jetzt von unſern eigenen Angelegenheiten, von unſern Wuͤnſchen und Hoffnungen reden. Nichts wird mir um Ihretwillen zu ſchwer ſeyn; nennen Sie den Preis, durch den ich Ihrer wuͤrdig werden und Sie verdienen kann. Ich weiß, erwiderte ſie darauf, was Sie bereits gethan und um Ihrer Geburt willen 35² —ↄo gelitten haben. Koͤnnte Mißtrauen und Haß in mir auch die Liebe beſiegen, das Mitleid wuͤrde ein Fuͤrwort fuͤr Sie ſprechen, ach! das Mitleid! ſo nenne ich das Gefuͤhl, zu dem mein Herz ſeine Zuflucht nehmen muß, um nicht vor ſich ſelbſt zu erroͤthen. Ich war wohl unbeſonnen, meine Neigung einem Juͤnglinge zuzuwenden, der wie ein Traum⸗ bild mir erſchien, unbekannt, ohne Namen, ohne Vaterland, dem nur Blick und Stimme allein Buͤrgſchaft gaben, daß er nicht ganz meiner unwerth ſey. Die Graͤfin lieh mir Hoffnungen, die ich nicht zu wiederholen wa⸗ ge; und Ihre Sendung nun— bekennen Sie— haben Sie nicht doch vielleicht den Gedanken auf meinen Beſitz aufgegeben— hat Ihnen bei der truͤben Ausſicht dieſes nicht vielleicht ein willkommener Ausweg ge⸗ ſchienen?— Was bei Ihnen Zweifel iſt, er⸗ widerte ich darauf, das iſt bei mir Verwun⸗ derung. Die Graͤfin beſtand darauf, Ihre Geburt mir zu verheimlichen„ bis die rechte Zeit 853 —-—— Zeit gekommen ſeyn wuͤrde. Ich ſuchte meine Clementine zum zweitenmal in der Reſidenz meines Koͤnigs, ging nach dem Luſtſchloſſe hinaus in den Wald, dort glaubte ich Sie zu finden; aber verſchloſſen waren die Thuͤ⸗ ren, und Gras wuchs um den Eingang. Wo ſollte ich nun nach Ihnen forſchen, bei wem nach Ihnen fragen, welchem Herzen mich anvertrauen, wer konnte mir das Raͤth⸗ ſel Ihres Namens loͤſen? Clementine hießen Sie bei der Graͤfin, warum taͤuſchten Sie mich ſo?—. Hoͤren Sie den Grund, entgegnete ſie darauf. Ich ward zur Reſidenz Ihres Koͤ⸗ nigs geſandt, weil man ſchon damals Hoff⸗ nung hatte, mich mit dem Prinzen zu ver⸗ maͤhlen; um mich minder Zwang erleiden zu laſſen, wollte man verſuchen ,ob ich den Prin⸗ zen, wenn ich ihn durch Umgang kennen lern⸗ te, nicht vielleicht ſelbſt allmaͤlig lieb gewinnen koͤnnte. Aber ſein unſtaͤtes, ſchwankend⸗ un⸗ ruhiges Weſen geſiel mir ſo wenig, daß ich III. Theil. 8 54 ——ö immer nur auf einen Vorwand dachte, mich von ihm zu entfernen, Nir ſiel ein, wie meine Mutter oft die Jugendfreundſchaft ruͤhmte, die ſie einſt mit der Graͤfin Scharn⸗ horſt verbunden hatte, und gleich enteilte ich der Reſidens, um— wie ich ſagte— eine Pflicht der Hoͤflichkeit gegen ſie zu erfuͤllen, eigentlich aber, um meine Freiheit bei ihr zu ſuchen. Sie ließ es auf ihrem Schloſſe nicht an Luſtbarkeiten fehlen, und lud aus der gan⸗ zen Nachbarſchaft muntere Geſpielinnen ein. Aber um ganz die Reſidenz zu vergeſſen, und allen Zwang aus unſerer Mitte zu verban⸗ nen, machten wir unter uns aus, ſpielend auf laͤndlichen Fluren uns als Schaͤferinnen zu betrachten, und jede mußte ſich einen Schaͤ⸗ fernamen geben. So hieß das eine Fraͤulein Doris, das andere Phillis, das dritte Hulda u. ſ. w. Ich nun, daß mein Name nicht gar zu ſchaͤferlich klaͤnge, begnuͤgte mich mit Clementine, wie ich ſchon laͤngſt zu heißen wuͤnſchte, denn ich hatte oft gehoͤrt, daß die⸗ 35 —— ſes Wort ein ſanſtes, leutſeliges Weſen be⸗ deute; es war mir lieber als das ſtolze Wort Regina, das mit Anmaßung eine Koͤn⸗ gin verſpricht. Unter dieſen Scherzen nun erſchien der fremde Juͤngling mit dem Pur⸗ purſtrauße, Wald und Baͤume und Geſtraͤu⸗ che ſprachen mit und umſtrickten mein Herz mit einem ſuͤßen Wahn; ich glaubte— doch ich will nicht zu erklaͤren ſuchen, was mir bis jetzt noch unerklaͤrlich blieb.— Noch we⸗ niger froh und heiter, als zuvor, ſah ich die Reſidenz wieder, und der Zwang, den Priu⸗ zen oͤfters ſehen zu muͤſſen, ſchien mir immer größer. Das Luſtſchloß im Walde, das bis⸗ her veroͤdet ſtand, mußte mir Stunden der Erholung geben. Nicht kann und mag ich den Schreck ſchildern, als ich Sie bei jenem Aufruhr in den Haͤnden der Soldaten er⸗ blickte, ich zitterte fuͤr Ihr Leben, und mußte doch alle Beſorgniſſe ſtill in mich verſchließen; nur meiner dienenden Begleiterin, die durch Treue ſich bei mir den Namen einer Freun⸗ 3 2 ₰ 2 356 — din erwarb, konnte ich meinen Kummer ent⸗ decken; und Philibert, ihr Bruder, fand bald ſogar durch mein Anſehn Mittel und Wege, bis zu Ihnen ins Gefaͤngniß zu dringen, und Erkundigung von Ihrem Zuſtande einzuziehen. Der gute Juͤngling wußte, daß Ihr Bild mir einigen Troſt gewaͤhren wuͤrde, und naͤcht⸗ lich und heimlich gelang es ihm, es nachfor⸗ mend Ihren Zuͤgen zu entwenden. Durch ſeine Huͤlfe gluͤckte es mir auch nachher, Sie aus dem Gefaͤngniſſe zu befreien, und im Walde, als ich am Morgen vom Schloſſe herab kam, bereitete er mir jene Ueberraſchung, die er mit ſeiner Schweſter verabredet hatte. Ich glaubte Sie ſchon fern von mir, als ich Sie ganz nahe vor mir erblickte.— Von der Naͤhe des Prinzen aber ward ich bald be⸗ freit; denn ein Geruͤcht war zu meinem Ohr gekommen, er habe auf einem naͤchtlichen Gange zu der Braut eines andern aus uͤbereilter Furcht einen armen Weber erſchoſſen. Das gab mir Grund genug, ihn auf immer zu fliehen und die Reſidenz zu verlaſſen.— Was Ihnen ferner wiederfuhr, blieb mir nicht ver⸗ borgen; ich weiß auch, wie Sie mit tapferer Hand den mordſuͤchtigen Oedenhain erſchlagen, und damit den Freund ihrer Mutter geraͤcht haben. Das alles ward mir durch die Graͤfin und durch Philibert bekannt. Aber wie mußte es mich betruͤben, als ich von Ihren Verhaͤlt⸗ niſſen am Hofe des gelehrten Fuͤrſten hoͤrte! Indeß— keine Vorwuͤrfe weiter, die Sie vielleicht nur halb, vielleicht gar nicht verdie⸗ nen— Philibert hat mir ſchon erzaͤhlt, wie Malvina es anfing, ſich fuͤr Ihren Ungehor⸗ ſam zu raͤchen; Philibert hat ſich taͤuſchen laſſen, und buͤßet jetzt dafuͤr in ſeinem Her⸗ zen.— Jetzt, nachdem ich ſchwach genug war, Ihnen alles zu bekennen, laſſen Sie uns uͤberlegen, was wir thun, und worauf wir unſere Hoffnungen gruͤnden koͤnnen. Ich verſchmaͤhe die Hand des Prinzen auf alle Weiſe, und keine Macht der Welt wird im Stande ſeyn, mich in ſeine Feſſeln zu ſchmie⸗ 358 —— gen; ich weiß auch— man wird mich nicht zwingen, aber man wird lange Zeit Geduld haben, und die lange Zeit mit Wuͤnſchen und Bitten bald ſtill, bald offen mich umlagern— keine geringe Pein! indeß durch Beharrlichkeit werde ich meinen Entſchluß ausfuͤhren, durch Standhaftigkeit ſiegen. Mein Vater hat wohl zuweilen ſchon den Gedanken gehegt, mich nach ihm auf ſeinen Thron zu ſetzen, weil ich die einzige ſeines Stammes bin, ſo fern nicht Krieg und Unruhe davon zu fuͤrchten waͤre. Der fuͤrſtliche Nachbar macht Anſpruͤ⸗ che auf dieß Land, und ob er gleich als ein Verſchwender mit ſeinem Laͤndchen faſt ganz an uns verſchuldet iſt, ſo weigert er ſich doch, das kuͤnftige Erbe als Zahlung an mich abzu⸗ treten. Indeß— ſollte auch dieſe Hoffnung mir fehlſchlagen, ſo bin ich ohnehin durch die Guͤter meines Vaters reich genug, um der Wuͤrde einer Fuͤrſtentochter gemaͤß zu leben. Das alles giebt mir Muth, die Hand des Prinzen auszuſchlagen, und meinen thoͤrichten 359 ——— Traͤumen in meinem Herzen noch ferner ein Plaͤtzchen zu vergoͤnnen. O wohl mit Recht, erwiderte ich darauf, nennen Sie thoͤrichte Traͤume, was bei einer andern vielleicht Liebe heißen wuͤrde, denn— was ich auch gethan und gelitten habe— nichts that ich noch fuͤr Sie, und, an Ver⸗ dienſt, an aͤußerer Wuͤrde und Hoheit Ihnen ganz ungleich, muß ich die Graͤfin des Be⸗ truges anklagen, worin ſie mich gehuͤllt, ja wozu ſie mich ſelbſt ohne mein Wiſfen verlei⸗ tet hat; nur darin allein hatte ſie Recht, Ihren Namen, Ihren Aufenthalt mir zu verſchweigen, damit ſie noch jederzeit den Beſitz des unverdienten Kleinodes mir vorenthalten koͤnnte; denn was kann ich bieten gegen dieſe Großmuth, gegen dieſe Guͤte! Darum ziemt es mir auch nicht, ſo vor Ihnen hier zu ſtehn. Kann ich keine Krone Ihnen darbringen, ſo darf ich auch keine von Ihnen empfangen. Ich bitte, laſſen Sie mich meinen Schmerz vor Ihnen verbergen; in Ihnen verliere ich 360 ——— das Koͤnigreich, wornach ich einzig in der Welt haͤtte trachten moͤgen. Jetzt falle ich an mein Schickſal zuruͤck, das, ach! nur darum in der Wiege mit Herrſchertraͤumen mich um⸗ gaukelte, um mich nachher deſto erbarmungs⸗ loſer durch Land und Stadt zu verfolgen. Einer Ohnmacht nahe, ſchwankte ſie in meine Arme, da ſie dieß hoͤrte; ich hielt ſie mit einem Gefuͤhl voll Schmerz und ſuͤßer Betaͤubung lange innig umſchloſſen, und mit einem leiſen Lebewohl auf ihren Lippen ſchied ich traurig von hinnen. Mit Staunen vernahmen ihre Aeltern die Verzoͤgerung ihres Entſchluſſes, und weil ich ſelbſt nicht wuͤnſchen konnte, daß ſie mit Bit⸗ ten in ſie ſtuͤrmen moͤchten, verließ ich ſchnell den Hof mit einer Antwort, die in mancher⸗ lei Entſchuldigungen nicht viel mehr, als das verſchwiegene Nein kund that. Raſch und mit innerm freudeloſem Unge⸗ ſtuͤm flog ich den Weg zuruͤck, wenig hoffend und doch noch feſt hangend am Bilde der Ge⸗ 361 ——— liebten. Es waren nicht neue Entwuͤrfe, die meinen Geiſt abmuͤhten, ſondern nur Traͤu⸗ me, die ihn ohne Klarheit in eine Betaͤu⸗ bung verſenkten; doch ob gleich ich mir oft ſelbſt ſagte, daß ich ſie auf eine unwuͤrdige Weiſe nicht beſitzen koͤnnte, ſo fehlte es doch nicht an Augenblicken, wo mein Herz noch verblendet genug war, ſie vom Schickſal als mein Eigenthum zu fordern, und deshalb plagte mich noch immer der argwoͤhniſche Ge⸗ danke, daß Philibert mehr bei ihr gelten moͤch⸗ te, als mir lieb ſey. Zwar ſchien er nur alles zu thun, was mit ihrem Willen, mit ihren Wuͤnſchen uͤbereinſtimmte, und ihr Wunſch, ihre Neigung entſchied ja fuͤr mich; allein ſelbſt ſeine Folgſamkeit war mir nicht recht, weil ſie doch nichts anderes als ſeine Liebe verrieth. So thdͤricht iſt ein liebendes Herz, daß es keine Neigung dulden will fuͤr den Gegenſtand, den es doch der Liebe der ganzen Welt werth haͤlt! — ᷣ—ↄ 362 Zwanzigſtes Capitel. Große Gefahr. Gleich bei meiner Abreiſe vom Hofe des Fuͤr⸗ ſten hatte ich einen Courier an meinen Koͤnig abgefertigt mit dem Reſultate meiner Sen⸗ dung, das ich lieber ſtaͤrker als ſchwaͤcher aus⸗ druͤckte, um dadurch die Freiheit der Prin⸗ zeſſin fuͤr die Zukunft, wo moͤglich, ganz zu ſichern. Jetzt eilte ich mit der Nachricht zum Prinzen, der noch immer in der freien Reichs⸗ ſtadt verweilte, um der bewachten Adelgunde Zeichen der Gunſt abzulauſchen. Es wurde aber eben in der Stadt die erſte große Herbſt⸗ redoute gehalten, als ich am Abend ſpaͤt ein⸗ traf, ich fand daher den Prinzen, ob er mich gleich heute erwartet hatte, nicht zu Hauſe, ſondern er war in jenem Getuͤmmel, ſeinem ungluͤcklichen Sterne nachgezogen, und hatte hinterlaſſen, daß er mich dort auch noch zu ſehen hoffe. Sein geheimer Diener ſchien 36³3 ——— ſehr erfreut uͤber meine Ankunft, und hatte auch ſchon ein Redoutenkleid fuͤr mich zurecht gelegt. Weil ich weiß, daß Sie ſich gern un⸗ ſichtbar, wenigſtens unſcheinbar machen, ſagte er zu mir, ſo habe ich Ihnen das Gewand eines Eremiten beſorgt, das leicht uͤberzuwer⸗ fen iſt, und Ihnen mit der Larve und dem Barte auch ein recht ehrwuͤrdiges Anſehn ge⸗ ben wird. Das Vergnuͤgen, was er daruͤber in ſeinem Geſichte ausdruͤckte, war mir in der That kein gutes Zeichen, denn wenn der Feind auf ſeinen Gegner die Sonne ſcheinen laͤßt, ſo bedeutet es immer ein Ungewitter, und ich ging daher nicht ohne einen Dolch fort, den ich heimlich bei mir verbarg. Als ich aus dem Hauſe trat, huſchte eine weiße oder vielmehr bunt ſchimmernde Geſtalt an mir voruͤber, die meinem Wagen vorausſprang und gleichfalls nach dem Redoutenhauſe ellte, was ar einigermaßen auffiel, woraus ich indeß keinen Argwohn weiter ſchoͤpfen konnte, weil des Hinlaufens noch lange kein 4 1 364 ——— Ende war; doch begleiteten mich mancherlei Beſorgniſſe in den Saal, und das Getuͤmmel und die tiefen und hellen Toͤne der Muſik machten als Ausbruͤche der Freude eines be⸗ rauſchten Sinnes einen ganz eigenen Eindruck auf mich; es war, als ob die dumpfen Pau⸗ kenſchlaͤge in dem Klopfen meines eignen Her⸗ zens widerhallten, und die gaͤllenden Drom⸗ meten mich zudringlich mit boͤſer Mahnung am Kleide zerrten. Der Boden erzitterte un⸗ ter mir von den Fußtritten der im Tanze ſchwelgenden Juͤnglinge und Jungfrauen. Hier ſchwebte ein Moͤnch mit einer Cythere, dort ein Corſar mit einer Nonne voruͤber. Pantolon ging mit Sokrates, der Großvezier hielt die Hand eines chriſtlichen Kirchenvaters, und von einer breiten Gallerie erneuerte das Volk ſein Jauchzen, ſo oft eine neue auffal⸗ lende oder laͤcherliche Maske zum Vorſchein kam, ſo daß ein uͤberaus großes Getuͤmmel und nach verſchiedenen Richtungen ein tiges Wogen und Draͤngen war. 42. der Stadt ſaß auf einer Erhoͤhung und Adel⸗ gunde hatte den Senator, ihren Geliebten, an ihrer Seite, beide nur ſtille Zuſchauer und faſt ohne Regung, und ohne Zeichen des Le⸗ bens. Die dichteſten Haufen vermeidend, ſah ich ſorgfaͤltig bald rechts, bald links mich um; indem lief ein Hanswurſt an mir voruͤber, der mich mit ſeinem Holze beruͤhrte und rief: bete, Eremit, bete! Weil dergleichen Scherze auf einer Redoute, wo alle Augenblicke ein Stand in dem andern ſich beſpiegelt, ihn an⸗ nimmt und wieder aufhebt, ſo hatte ich vor dieſer Stimme nicht zu erſchrecken, und gleich⸗ wohl war meiner Phantaſie die Geſtalt dieſes Meunſchen lange gegenwaͤrtig; ich ſah ſie, ich fuͤrchtete ſie.— Bald darauf traf ich mit dem Prinzen zuſammen, den ich nach der Ver⸗ ſeines Dieners im Spielzimmer fin⸗ Da jeder die Maske des andern kannten wir uns leicht; er faßte eer Hand, und fuͤhrte mich in mich gleich 366 — ein Seitenzimmer, wo wir uns allein und ohne Zeugen befanden. Auf die Nachricht, daß die Prinzeſſin Regina ſich noch zu beden⸗ ken wuͤnſche, erwiderte er: das kuͤmmert mich jetzt wenig, etwas ganz anders liegt mir am Herzen. Adelgunde iſt hier, aber ich habe noch kaum drei Worte mit ihr ſprechen koͤnnen, weil ſie der verdammte Senator bewacht, den ich lieber in die andere Welt ſchicken moͤchte als an ihrer Seite ſehen. Er tritt immer dazwiſchen, oder ruft ſie ab, wenn ich eben ein Geſpraͤch beginnen will. So nimmt er mir das Recht, das doch jeder Maske zu⸗ kommt, und aus keinem andern Grunde, als weil er in dieſer Maske den Prinzen vermuthet. Ich bitte Sie alſo, laſſen Sie uns tauſchen und geben Sie mir fuͤr meine Ritterkleidung Ihren Eremitenbart, hinter welchem er mich Gehor giebt, und Sie damit nur die Rechte eines andern antaſten, der ſich doch nimmer⸗ mehr ſein Eigenthum wied rauben laſſen und endlich wohl gar noch Unſchicklichkeiten gegen Sie begeht.— Das hat er ſchon genug ge⸗ than, entgegnete er, und deshalb bleibt mir nichts uͤbrig, als ihn zu uͤberliſten, und ich beſtehe auf die Maske.— Dieſer Ton, Prinz, erwiderte ich, iſt mir bis jetzt fremd; als Gefaͤlligkeit haͤtte ich es thun moͤgen, aber zum Gehorſam füuͤhle ich mich nicht verpflichtet. Es iſt uͤberdieß nur die Sorge fuͤr Ihre Ehre, die mich gegen Sie ſo unbiegſam macht. Wie lange wollen Sie noch in dieſer Stadt hier verweilen, und den Schimpf eines ver⸗ ſchmaͤhten Liebhabers auf ſich laden? Stehn Sie ab von Ihrem Vorhaben. Verlangen Sie nicht, daß ich Sie ſelbſt noch in Ihrer Thor⸗ heit beſtaͤrke, und etwas thue, das Ihnen kein Heil bringen kann.— Doch! doch! ver⸗ ſetzte er haſtiger und feuriger darauf, nur dieſe Unterredung noch, dann ſollen Sie uͤber mich gebieten, und morgen oder uͤbermorgen, 368 —-—— wenn Sie es wuͤnſchen, verlaſſe ich die Stadt. Ich will ihr rund heraus ſagen, welche Guͤter ſie in meinem Reiche beſitzen koͤnnte, und fruchtet das nicht, ſo will ich ſie auf ewig mit dem Ruͤcken anſehen und ihren Namen mit Fuͤßen treten.— Sie druͤcken ſich, mein Prinz, erinnerte ich dagegen kopſſchuͤttelnd, nicht wuͤrdig aus fuͤr einen Gegenſtand, fuͤr den Sie mit ſolcher Liebe brennen; doch, wenn Sie mir gewiß verſprechen, binnen drei Tagen die Reiſe mit mir weiter fortzuſetzen, ſo willige ich in den Tauſch der Kleider, und Sie moͤgen ſich auf eine Stunde in einen Eremiten ver⸗ wandeln, waͤhrend ich in Ihrer Rittertracht einher ſtolzire. Da umarmte er mich dankbar, und verſprach, er wolle in dem Gewande ein recht ſtiller und frommer Eremit ſeyn. Gleich legte er Helm und Harniſch ab, und da wir ohngefaͤhr von einer Groͤße waren, paßte jedem die Kleidung ohne Zwang. Nach einer Stunde, ſagte er, will ich getreulich das Eremitenkleid wieder zuruͤckbringen, und mich . wieder 369 ———— wieder in den anſtaͤndigen Glanz des Ritters begeben; bis dahin leben Sie wohl.— Wir traten jetzt, jeder fuͤr ſich, wieder in den Saal, und manche fluͤſternde Stimme hoͤrte ich neben mir zum Nachbar ſagen: das iſt der Prinz. Die Taͤuſchung war alſo vollkommen, und, um ſie nicht zu unterbrechen, befliß ich mich zugleich, in Haltung, Gang und Bewegungen ganz den Prinzen darzuſtellen, woruͤber ich meine vorige Angſt und Sorge faſt ganz ver⸗ gaß. Den Dolch hatte ich indeß wieder heim⸗ lich zu mir geſteckt, ohne daß der Prinz ihn gewahr wurde. Jetzt beobachtete ich den Eremiten, wie er verehrend und aus der Ferne anbetend ſeiner Herzenskoͤnigin ſich naͤherte, und es ſchien ihm in ſo fern zu ge⸗ lingen, daß der ſtrenge Senator ihn wenig⸗ ſtens nahe kommen ließ und nicht ſehr auf ihn achtete. Aber ſie ward bei ſeiner Anrede und verwegenem Antrage ſichtlich von Stau⸗ nen ergriffen, und wie ſie ihn mit Worten ſtrafte, trat vor Zorn oder vor Ruͤhrung eine III. Theil. Aa 370 Thraͤne in ihr Auge, doch bewies ſie die Schonung gegen ihn, daß ſie ihn nicht an ihren Nachbar verrieth. Indem ich dieß aus der Ferne beobachtete, trat ein Menſch ganz nahe an mich heran, und fluͤſtterte mir ins Ohr: heute ſoll's werden! Ich wandte mich nach ihm, um nach dem Sinn dieſer Worte zu fragen, aber eine Woge des Getuͤmmels hatte ihn ſchon mit fortgeriſſen. Darauf erhob ſich ein gewaltiger Laͤrm, beide Thuͤrfluͤgel oͤffneten ſich, und Menſchen von allerlei Volk, Griechen, Perſer, Aegyptier, ſchritten in einem langen Zuge einem Triumph⸗ wagen voran, auf welchem Alexander der Große als maͤchtiger Sieger thronte. Ein tuͤrkiſcher Marſch toſ'te drein, und Tanz und jedes andere Vergnuͤgen war unterbrochen, in⸗ 8 dem nur alles dem Einzuge Alexanders ſich entgegen draͤngte. Die beſiegten Voͤlker ſtellten ſich in einen großen Kreis umher, und be⸗ reiteten ſich, jedes auf ſeine Weiſe mit Pan⸗ tomime und Tanz den Helden zu verehren, 371 —— waͤhrend er in einer glaͤnzenden Krone den Purpurmantel von ſich ſchlug, und— ſich ſtolz von ſeinem Throne erhob. Ploͤtlich aber ward ein dumpfer Schall vernommen, wie der Knall einer geladenen Piſtole, der in⸗ deß, halb im Geraͤuſch erſtickt, weniger auf das Ohr, als auf das Auge wirkte, denn alles ſtuͤrzte einer Gegend zu, wo mancherlei Geſchrei, Rufen und Klagen einen außer⸗ ordentlichen Vorfall verkuͤndigten. Mit vieler Muͤhe draͤngte ich mich hindurch, doch noch ehe ich zur Stelle gelangen konnte, begegnete mir ſchon Adelgunde, die der Senator in ſeinen Armen ohnmaͤchtig fort trug. Ich ver⸗ muthete daß ihr ein Ungluͤck zugeſtoßen ſey, aber das Draͤngen und Getoͤſe wies noch nach einer andern Urſache. Wer iſt es? wer iſt es? fragte einer den andern neben mir; verſchließt die Thuͤren, rief eine andere Stimme, keiner gehe aus dem Saal! dieß vermehrte aber die Verwirrung noch, alles eilte zur Thuͤr, weil man fuͤrchtete eingeſchloſſen zu werden, die 3 Aa 2 37² —-— Entfernten ſtuͤrzten ſich auf die Naͤchſten, und viele, welche die Veranlaſſung des Getuͤmmels nicht wußten, ſchrien in der Angſt bald Feuer, bald Mord. Indem nun durch das Draͤngen nach der Thuͤr neues Uebel ſich erzeugte, ent⸗ ſtand Raum an dem Ort des erſten Schreckens. Ich trat hindurch und ſah— ein Anblick des Entſetzens!— den Prinzen auf dem Boden in ſeinem Blute liegen; ein Strom quoll aus ſeiner Wunde. Ich warf mich uͤber ihn, rief ihn bei Namen, netzete ihn mit meinen Thraͤnen, aber ſein Auge war ſchon gebrochen, und er ſtammelte nur noch dieſe Worte zu mir: ſchuldig! ich bin ſchuldig, ich hab ge⸗ toͤdtet und muß wieder ſterben; der Mann am Weberſtuhl! es iſt mir vorhergeſagt— nun trifft es ein; das iſt mein Loos— ach! Sie in Gefahr!— Verzeihung— Gott, mein Vergehen!— keine Huͤlfe— ich muß ſterben!— Klagend ſuchte ich ihn zu troͤſten, ich bedeckte ſeine Wunde mit meinem Ritter⸗ mantel, ich richtete ſein Haupt empor— umſonſt, der Athem hatte ihn ſchon verlaſſen — Aerzte kamen herbei— man unterſuchte die Verletzung— ſie ging tief— alle Huͤlfe war vergebens— der Prinz lag in der Ge⸗ walt des Todes.— Banges Fluͤſtern verbrei⸗ tete ſich jetzt, da man hoͤrte, daß der Prinz der Gemort ete ſey, ſtarres Erſtaunen lagerte ſich auf alle Geſichter, die Muſik und jede Freude verſtummte, und der Saal glich auf einmal einer ſtillen Todtengruft. Man brachte eine Scharlachdecke, um den Prinzen anſtaͤndig zu verhuͤllen. Vom feierlichen Zuge nahm man ſie, der Triumphwagen verwandelte ſich in ein Todtengeruͤſt, man legte den Prinzen darauf, um ihn ruhig und ſanft in ſeine Woh⸗ nung hinuͤber zu fuͤhren, in ernſte, ſtille Trauer erſtarb das Feſt der Freude. 374 — Ein und zwanzigſtes Capitel. Zuflucht. 8 Mein erſter Schreck und das Mitleid, das ich mit dem Schickſal des Prinzen beim An⸗ blick ſeiner Leiche empfand, ließ anfangs eine weitere Betrachtung und eine Ruͤckſicht auf mich ſelbſt nicht auffommen. Allmaͤlig aber fing die blutige Geſtalt an, auf eine andere Weiſe mir Grauen und Entſetzen einzufloͤßen, denn es war faſt kein Zweifel, daß auch der Prinz mit um die Nachſtellungen wußte, die man mir bisher gelegt hatte, und dieſer ſchreck⸗ liche Auftritt bewies, daß man nach manchem fehlgeſchlagenen Verſuche nicht den Frevel ſcheuete, mir gewaltſam geradezu das Leben zu rauben. Durch den Todeshauch der Piſtole ſollte im Getuͤmmel auf einmal das Licht in mir verloͤſchen; aber, der Prinz mochte ent⸗ weder nicht genau von jedem Umſtande dieſes Anſchlages unterrichtet ſeyn, oder er hatte es — in dem blinden Taumel ſeiner Leidenſchaft vergeſſen, und bat flehentlich um das Gewand, das den ſchon erkauften Moͤrdern das Ziel ihrer Graͤuelthat bezeichnete. Die Stimme, wel⸗ che mir als dem vermeinten Prinzen heimlich ins Ohr fiuͤſterte: heute ſoll es werden! verrieth⸗ daß man ſchon laͤnger mit dieſem Mordan⸗ ſchlage gegen mich umging, und nur durch den Tauſch der Kleider, um welchen die Ban⸗ diten nicht wiſſen konnten, entging ich der Todesgefahr, die nun allein auf das Haupt eines Mitſchuldigen ſich zuruͤck wandte. Aber in welcher mißlichen Lage befand ich mich jetzt! Umſtellt von den finſtern Blicken des verdaͤchtigen Menſchen, der mit verbiſſener Wuth uͤber das Mißlingen ſeines Anſchlages ergrimmte, und, mit fuͤrchterlichem Geheul uͤber die Leiche hingeſtreckt, mehr den Aerger als das Mitleid, mehr den rachſuͤchtigen Zorn als den Schmerz ausweinte. Vor mir der Verblichene, deſſen Leben mir vor allen andern anvertraut war, ein Koͤnigsſohn, an dem die 375 — Liebe der Aeltern und die Hoffnung eines ganzen Reiches hing! Und obwohl er mit ſeinem ſchwankenden Ungeſtuͤm dem Lande als kuͤnftiger Regent wenig Gluͤck verſprach„ ſo war doch die Aufmerkſamkeit, die Erwartung aller auf ihn gerichtet, und vorherzuſehen, daß die Nachricht von ſeinem Tode ſowohl in der Reſidenz als in den Provinzen großes Auf⸗ ſehn erregen und nicht geringen Eindruck ma⸗ chen wuͤrde. Dazu kam die naͤchſte Sorge fuͤr eine Unterſuchung uͤber die Veranlaſſung ſeines Todes; und— wenn ich die Moͤrder, und den ganzen Anſchlag nun wirklich ent⸗ deckte— welche neue Gefahr mußte ich fuͤr mich dabei fuͤrchten, indem zu vermuthen war, daß die Verbindung der Schuldigen zugleich die Perſonen nahe beruͤhrte, die mich taͤglich umgaben, und denen wenig an meiner Pflicht⸗ erfuͤllung und Rechtfertigung gelegen ſeyn konnte, ja die nichts Gutes von mir zu er⸗ warten hatten, zumal wenn ſich ſogar finden ſollte, daß ihr Anſchlag gerade auf mich ſelbſt 377 — gerichtet geweſen. Darum ſteckten ſie jetzt auch heimlich die Koͤpfe zuſammen, fuuͤſterten hinter meinem Ruͤcken, oder ſaßen zu gehei⸗ men Berathſchlagungen in einem entlegenen Zimmer. Indeß blieb ein Theil mir treu und gewogen, und dieſe ſtellten ſich nun naͤher zu mir, litten nicht, daß andere mich bedienten, und ließen in ihrem Eiſer deutlich das Mißtrauen blicken, das ſie gegen die an⸗ dern hatten. Ich wurde auch bald gewahr, daß ſie— gleich mir— heimlich Waffen bei ſich fuͤhrten, und auf die Frage, wozu das waͤre, ſagten ſie: wir ſind hier von Banditen umgeben, und nirgends ſicher. Ich ſuchte ſie zu beruhigen, ſie warnten mich aber um ſo mehr, ohne noch zu wagen, mit ihrem Ver⸗ dacht eine beſtimmte Perſon zu bezeichnen. Unter dieſen Umſtaͤnden wurde der Bericht uͤber den blutigen Auftritt an den Hof gemacht, und eiligſt, noch ehe ein Verlaͤumder mir zu⸗ vorkaͤme, einer von meinen Getreuen, der ihn ſelbſt als Augenzeuge beſtaͤtigen konnte, damit 378 —-§- abgeſandt. Darauf ward beim Senat auf eine ſtrenge Unterſuchung der Mordthat ange⸗ tragen, ein beſonderes Gericht dazu feſtgeſetzt und mit dem Verſprechen großer Belohnungen jedermann zur Mitwirkung aufgefordert, der etwas zur Entdeckung des Moͤrders oder des Mitſchuldigen beibringen koͤnnte. Man hatte im Saal nach dem Verlaufe des Getuͤmmels eine weggeworfene Piſtole gefunden, die, ſchwarz und mit Rauch angelaufen, ſich gleich als das eben gebrauchte Werkzeug zu erkennen gab. Dieſe ſchickte man ſofort zu allen Stahl⸗ arbeitern und Buͤchſenſchaͤftern, um durch den Verfertiger oder Verkaͤufer vielleicht auf den Kaͤufer zu kommen; aber alle geſtanden ein⸗ muͤthig, daß niemand in der Stadt einer ſo ſchoͤnen Arbeit, als daran ſichtbar ſey, ſich ruͤhmen koͤnne, und daß Waffen der Art nur in der Reſidenz unſers Koͤnigs ſo fein und dauerhaft verfertigt wuͤrden.— Hierdurch ward leider die Vermuthung beſtaͤtigt, daß der Mordanſchlag vom Hofe herkaͤme, und 1 379 —— daß ich von dort her am meiſten Feindſelig⸗ keiten zu fuͤrchten haͤtte. Noch erinnerte ich mich, daß jemand in einem bunten Kleide, da ich in den Wagen ſtieg, ganz nahe an mir voruͤbergeſchluͤpft war, gleich als haͤtte er meiner Erſcheinung und meiner Maske erſt recht gewiß werden wollen, und in der naͤmlichen Tracht hatte jemand nachher zu mir geſagt: bete, Eremit, bete. Auf dieſen fiel am meiſten mein Verdachr, und um zu ſehen, ob ſich vielleicht ſeine Per⸗ ſon wieder erkennen oder errathen ließe, bat ich oͤffentlich, daß alle diejenigen erſcheinen moͤchten, die auf der Redoute eine ſolche Rolle geſpielt haͤtten. Ich fuͤrchtete, daß ſich nie⸗ mand ſtellen wuͤrde, aber es meldete ſich eine große Anzahl und weit mehr, als wohl auf der Redoute in dieſer Kleidung mochten zu finden geweſen ſeyn. Dieß machte es nun unmoͤglich, den Verdaͤchtigen herauszuforſchen, und ich vermuthete nicht ohne Grund, daß der geheime Diener des Prinzen, der in der 380 —— Stadt einen großen Anhang hatte, durch Geld viele zu dieſem Bekenntniſſe mochte her⸗ beigebracht haben, denn es waren gar zu aͤrm⸗ liche Leute, und traurige Geſtalten, Bettler und zerlumpte Schuhflicker darunter, denen man nimmermehr den muntern Einfall, einen Hanswurſt zu ſpielen, zutrauen konnte; indeß wußten ſie alle anzugeben, wo und durch wen ſie die Maske bekommen haͤtten. Da ich merkte, wie ſelbſt die Leute des Prinzen bei der Unterſuchung zum Theil wider mich han⸗ delten, und, wenn ſich ein Umſtand ergab, ihn ſchnell wieder durch andere Umſtaͤnde ver⸗ wirrten, ſo gab ich die Hoffnung, den Thaͤ⸗ ter zu entdecken, gaͤnzlich auf, und uͤberließ die weitern Unterſuchungen dem Senate. Ich traf nun Anſtalten, den Leichnam des Prinzen, der unterdeſſen einbalſamirt, und ſtets von einer Ehrenwache umſtellt war, nach der Reſidenz unſeres Reiches abführen zu laſ⸗ ſen. Als der Zug begann, hoͤrte ich mit ge⸗ heimen Schauer abermals das Pilgergloͤckchen 331 —— erklingen, das uns beim Eintritt in die Stadt empfangen hatte. Viele Augen weinten Thraͤ⸗ nen, welche die Jugend des Prinzen bemit⸗ leideten, und viele brachten die Verehrung dem Todten, welche ſie dem Lebenden ſchuldig geblieben waren. Adelgunde lag in einer Krankheit, worin Schreck und Kummer ſie geſtuͤrzt hatte; doch ihr Vater gab mit den Senatoren der Leiche das Trauergeleit bis an das Thor, wo er einſt freudig uns willkom⸗ men hieß; ſeine letzte Bitte war, das Ungluͤck nicht ſeiner Stadt zuzurechnen, und in ſeinem Namen den Koͤnig anzuflehen, deshalb keinen Haß auf ihn und ſeine getreuen Buͤrger zu werfen; ewig wuͤrde die Stadt ihm verpflich⸗ tet und verſchuldet bleiben.— Sobald wir zum Thore hinaus waren, bemerkte ich unter den Leuten des Prinzen mehr Friedfertigkeit und freundliches, verſoͤhnliches Weſen, was bei dem einen Theile von dem Einfluſſe des gemeinſamen Trauergeſchaͤfts, bei dem andern aber wohl von der Erleichterung herruͤhrte, 382 ——— die ſie mit der Beendigung des Gerichts auf ihrem Herzen verſpuͤrten, ſo daß wir nun ganz ruhig und mit Eintracht in langſamen Zuge unſern Weg allmaͤlig weiter fortſetzten, bis wir die Grenze unſeres Landes erreichten. Das ſchlimmſte Geſchaͤft ſtand mir noch bevor, naͤmlich nach der Ruͤckkehr, vor den Koͤnig und die Koͤnigin hinzutreten, und mich auf eine ſo betrubte Weiſe meines traurigen Amtes zu entledigen; doch glaubte ich, mit einem treuen und ehrlichen Bericht den beſten Glauben zu finden, und dachte dabei mich auf die Zeugen zu berufen, die mit mir kom⸗ mend nichts anders ausſagen konnten, als was ſie mit Augen geſehen hatten. Indeß— am andern Morgen, als ich uͤber eine Bruͤcke eben die Grenze des Vaterlandes betreten wollte, ſaß da auf einem Steine, von der Morgenſonne beſchienen, Philibert, und er⸗ hob ſich gegen mich mit den Worten: wohin auf dieſem Wege?— Darauf winkte er mir zu einem geheimen Geſpraͤche, und weil er 1 383 —-— ſah, daß die Uebrigen noch zuruͤck waren, ſagte er, die Haͤnde faltend: um des Lichtes willen, das am Himmel ſteht, gehen Sie nicht wieder zuruͤck zur Reſidenz, die hinter Ihnen auf ewig ihre Thore fuͤr Sie verſchlie⸗ ßen wuͤrde.— Auf meine Antwort: es ge⸗ zieme ſich nicht anders, ich muͤſſe dem Koͤnige Rechenſchaft ablegen,— fing er an, ſich zu entſetzen. Wie? ſagte er, Sie hoffen Ge⸗ rechtigkeit bei Menſchen, die nur darauf ſin⸗ nen, Sie aus dem Leben hinauszuſtoßen, die ſtets, wovon ſie ſelbſt entflammt ſind, Herrſch⸗ ſucht und verderbliche Abſichten von Ihnen fuͤrchten, und die jetzt ſicher glauben werden, ſie muͤßten den Tod des Prinzen an Ihnen raͤchen, ſie muͤßten ſein Blut von Ihnen for⸗ dern, ſie muͤßten nun den Zorn und den Neid auf Ihr Leben gedoppelt ausſtroͤmen, weil der nicht mehr iſt, der lebend Sie ver⸗ dunkeln, ja verloͤſchen ſollte! Hoffen Sie nicht, daß man Ihre Unſchuld anerkennen werde; nein, um des Scheins der Gerechtig⸗ 384 —— keit, um des Volks willen, wird man Sie ſogleich in Verwahrſam bringen, und, hat man Sie einmal wieder in der Gewalt von vier Mauern, ſo werden Sie nimmermehr der Hand des Henkers entrinnen; nicht ver⸗ hoͤren, nicht oͤffentlich hinrichten; heimlich euthaupten, erdroſſeln, erwuͤrgen wird man Sie; denn das Gift, ſo lange vergeblich fuͤr Sie aufgeſpart, hat nun den hoͤchſten Grad, die aͤußerſte Staͤrke erreicht, will nun nicht laͤnger ſich halten im Gefaͤß, muß ziſchend hervor, und ſeinen Grimm ausſchuͤtten auf Ihr Leben. Schon hat die Zeit die Heimli⸗ chen an die ſchwarzen Gedanken gewoͤhnt, jetzt erhebt das Ungluͤck ihren Vorſatz zur Frechheit, und, was ſie vorher kaum mit der Zunge zu lispeln wagten, darnach werden ſie jetzt dreiſt die Hand ausſtrecken. Ich war lange genug dort, ich kenne das Gewinde die⸗ ſer Nattern, jetzt komm' ich, Sie zu rufen, Sie zu wecken, Sie wegzureißen vom Ab⸗ grunde; weil zum ſuͤßen Schlummer ein ganz anderer 385 —— anderer Ruheplatz— der Schooß der Liebe, Sie erwartet.— Hat Clementine, ſagte ich darauf mit Eil, hat Regina dich geſandt, ge⸗ denkt ſie meiner noch; ſprich, Juͤngling, was darf ich hoffen?— Was ich bitte, was ich flehe— gab er zur Antwort— iſt allein fuͤr ſie, die Krone meines Lebens, und auf mei⸗ nen Knien bitte ich Sie: fliehen Sie die Reſidenz; ich bitte in ihrem Namen, dar⸗ aus moͤgen Sie erkennen, wie ſehr Sie ge⸗ liebt ſind. Dieſe Worte ermunterten wieder meinen Geiſt, und erwaͤrmten mein Herz mit frohen Gefuͤhlen; dennoch beſtand ich darauf, den Leichnam des Prinzen ſelbſt nach der Reſidenz zu bringen, und ſetzte hinzu: Das Amt und 1 die Wuͤrde, womit der Koͤnig mich bekleidet hat, erfordern es, meine Pflicht, meine Ehre erheiſchen, daß ich ſelbſt erſcheine und jeder Verlaͤumdung Trotz biete; ich kann nicht wie ein Dieb, wie ein Meuchelmoͤrder, wie ein feiger Menſch mich davon ſchleichen— um III. Theil. Bb 386 X ———O meiner Ehre willen muß ich mein Leben wa⸗ gen.— Da er mich ſo feſt auf meinem Ent⸗ ſchluß beharren ſah, wollte er wehklagend ganz in Thraͤnen vergehen, und er rief ein⸗ uͤber das anderemal: Clementine, zu ſeiner Errettung herbei! o wie ſehr beweine ich dein bitteres Schickſal, den zu verlieren, den du ſo lieb haſt!— Nimmer, fuhr er, gegen mich gewandt, fort, werde ich es zugeben, daß Sie auf eine ſo ſchnoͤde Weiſe Ihr Leben von ſich werfen, daß Sie bei Ehrloſen Ehre ſuchen, wo nur ſchaͤndlicher Tod zu erwarten iſt; nein, hier in den Weg ſtrecke ich mich hin; eher ſollen die Raͤder des Wagens mich in Stuͤcken zerreißen, ehe ich Sie des Weges dahin ziehen laſſe; denn ich wuͤrde doch den Jammer nicht uͤberleben, der die Geliebte traͤfe; und, ſtirbt die Sonne, muß auch das Leben eines Wurms verloͤſchen. Ein mitleidvoller Schauer durchbebte mich, da ich ihn wirklich mit ſeinem Leibe den Weg bedecken ſah, und die raſſelnden Raͤder und 387 —— ſtampfenden Roſſe immer naͤher kamen. Nein, du ſollſt mich nicht vor ihr beſchaͤmen, rief ich aus, du ſollſt— lebend oder tod— mich nicht aus ihrem Herzen verdraͤngen; die Ver⸗ zweiflung ſpricht aus dir, weil du ohne Hoff⸗ nung liebſt; ſteh auf; wie dein Leben an dem ihrigen haͤngt, ſo ſoll es auch an dem meini⸗ gen hangen; ich gehe nicht nach der Reſi⸗ denz.— Jetzt ſprang er freudig auf, um⸗ armte mich unter vielen Thraͤnen, und ſagte, Gott wuͤrde mich durch ihre Liebe belohnen. Der Wagen donnerte langſam heran, und Philibert verſchwand. Ich uͤberlegte, was nun zu thun ſey; die Gefahr, die er mir geſchildert hatte, konnte ich mir nicht wegleugnen; was die Pflicht des Amtes von mir forderte, ſtimmte wenig mit der allgemeinen Verpflichtung gegen die Tu⸗ gend ſelbſt uͤberein; mein Vertrag war mit Boͤſewichtern, und ſie hatten ihn ſchon ſelbſt durch offene Schandthat gegen mich gebrochen; ſie konnten nicht verlangen, daß ich uͤber ein B b 2 388 —— Ungluͤck mich rechtfertigen ſollte, welches das Werk ihrer eigenen Bosheit war; fuͤrchten mußte ich, daß ſie, durch den Schmerz er⸗ bittert, den begangenen Fehler durch ein noch gewaltſameres Unternehmen gegen mich wieder gut zu machen ſuchen wuͤrden. Wenn jener nicht herrſchen ſoll, hoͤrte ich ſie in Gedanken ſagen, ſo ſoll es dieſer noch minder, und ich war nun entſchloſſen, mich nimmermehr in ihre Haͤnde zu liefern, indem ich meinte, daß ich in Ausuͤbung der Pflickt und Tugend hier dem Weſen und nicht dem Scheine folgen muͤßte. Ich wandte mich alſo an den Gou⸗ verneur der naͤchſten Stadt mit der Bitte, einem andern die Geleitung des Leichenzuges zu aͤbertragen, weil ein anderes wichtiges Ge⸗ ſchaͤft mich abrufe. An den Hof aber ſchickte ich— um noch einen oͤffentlichen Bruch zu vermeiden, die Vorſtellung, daß mein Schmerz uͤber den Tod des Prinzen mir nicht erlaube, Zeuge zu ſeyn von dem erſten Jammer, den der Anblick ſeiner Leiche erwecken wuͤrde. Beſ⸗ 839 — ſer als ich koͤnnten die, welche ſeinem Herzen nicht ſo nahe geweſen waͤren, und die doch alles mit erlebt haͤtten, das Ungluͤck, welches ihn betroffen, umſtaͤndlich ſchildern, wozu es meinem Schmerz an jedem Ausdruck fehle. Was ich zu ſagen haͤtte, koͤnne erſt bei einiger Faſſung des Gemuͤths den Trauernden, wenn auch nicht zum Troſt, doch zur Beruhigung gereichen. Es hat nicht an mir gelegen— ſetzte ich hinzu— auf einen Wink des Schick⸗ ſals ſtatt ſeiner zu ſterben.— Dieſe letzten Worte ſagten mehr als alles andere, und gaben mit einem geheimen Stachel den wah⸗ ren Grund zu erkennen, warum ich keineswe⸗ ges erſcheinen konnte. Meine Zuflucht nahm ich nun zu meinem Oheim, dem General Felsheim, zu dem ich ſogleich mit einem meiner treuen Diener auf das ſchleunigſte mich begab. Sehr lange Zeit hatte das Schickſal mich von ihm getrennt und fern gehalten. Aus Abneigung gegen gewaltſame Mittel verſchwieg ich ihm noch immer die eigentliche Urſache von allem Miß⸗ geſchick, das mich bisher verfolgte. Er war jetzt Gouverneur in einer ſehr bedeutenden Veſtung, und mit großem Anſehn und großer Macht begabt. Meine Freude und Sehn⸗ ſucht, ihn wieder zu ſehen, wuͤrde groͤßer ge⸗ weſen ſeyn, wenn ich nicht haͤtte vermuthen muͤſſen, ihm oft Anlaß zur Unzufriedenheit mit mir gegeben zu haben. Mit mancherlei Beſorgniſſen naͤherte ich mich alſo jetzt der Stadt und trat dann vor ihn. Aber er er⸗ kannte mich nicht, und wollte mir Ehre er⸗ weiſen; da uͤberflog mich ein wehmuͤthiger Schauer, und mich hinſtuͤrzend an ſeine Bruſt — mit Thraͤnen in den Augen, rief ich ihm meinen Namen zu. Wie iſt mir? wie iſt mir? ſagte er uͤberraſcht. Biſt du es, lebſt du noch, haſt du nicht ganz deinen alten Oheim vergeſſen? nein, dein Herz kommt deinem Gedaͤchtniß zu Huͤlfe, du erinnerſt dich ſeiner noch. Und ſo ſtattlich! wie haͤtte ich dich erkennen ſollen! Major in des Koͤnigs 391 — Dienſten; das iſt nichts Geringes, und wer weiß auch, ob wir nicht beſſer thun, uns ganz an dieſen zu halten, denn mit dem Nef⸗ fen haͤtte ich manches ernſte Wort zu reden; doch— erſt will ich deiner warten und pfle⸗ gen, daß du wieder heimiſch werdeſt bei mir, und dann will ich dich fragen: was fuͤhrt dich in meine Arme? Darauf ließ er mir in ſeiner geraͤumigen Wohnung eines der beſten Zimmer anweiſen, und ſeine Leute ſtuͤrzten hin und wieder, um meine Befehle einzuholen und jeden Wink auf das genaueſte zu vollziehen.— Als ich aber bei Tiſche meinen Oheim froͤhlich ſah, ward ich voll Sorgen, wie ich es anfinge, von meinen vielen Begebenheiten ihm etwas mit⸗ zutheilen, ohne ſeine Heiterkeit zu ſtoͤren; doch— zunaͤchſt fragte er nach ſeiner Schwe⸗ ſter, ich mußte ihm eine beſtimmte Antwort darauf geben. Ich ſagte, daß ſie gerettet, daß ſie in einem Kloſter vor Nachſtellungen geſichert, und, ſo weit es die Entfernung von 39² ———— den Ihrigen geſtatte, auch gluͤcklich ſey. Dar⸗ auf fuͤgte ich manches von meinem eigenen Schickſale hinzu, und erzaͤhlte, auf welche Weiſe ich ſie wieder gefunden und auf ihren Antrieb nachher mit Empfehlungen von der Graͤfin Scharnhorſt mich nach der Reſidenz begeben haͤtte. Jetzt, nach mancher freudigen Unterbrechung, verdunkelte ſich ſein Geſicht. Aber du ſaßeſt ja in einem Gefaͤngniſſe, fing er an, was hatteſt du denn verbrochen? Viele Geruͤchte gehen von dir umher, das eine verſtehe ich nicht, das andere moͤchte ich gern bezweifeln. Auf dem Nichtplatz ſah ich dich— Gott im Himmel! wie war ein ſol⸗ cher Irrthum moͤglich! aber was mich am mei⸗ ſten erſchreckte, war, nachher zu hoͤren, daß du aus dem Gefaͤngniß entſlohen ſeyſt. Ein Mann von Ehre entflieht nicht, wo er ſich vertheidigen kann. Erzuͤrnt rannte ich umher und fragte: warum ſitzt er gefangen? und da mir niemand geſtatten wollte, mit dir zu reden, ſo brannte ich vor Begierde, dich vor 393 —y— Gericht zu ſehen; da hieß es am andern Mor⸗ gen ploͤtzlich: er iſt entflohn! Daß du mich einſt verließeſt, verzeih ich dir gern, denn es geſchah vielleicht um deiner Mutter willen, deren Schickſal man auch vielleicht auf den Sohn uͤbertragen konnte. Aber im Gefaͤng⸗ niſſe ſitzen— und heimlich daraus entweichen — hier kenne ich dich nicht mehr, und mein Herz ſtraͤubt ſich gegen dich. Auch die Ehre, die du dir nachher erworben haſt, iſt mir deshalb verdaͤchtig, und ich fuͤrchte, daß du durch keine edle That dazu gelangt biſt. Jetzt, vom Schickſale gedraͤngt, von Vor⸗ wuͤrfen uͤberhaͤuft, konnte ich nicht laͤnger ver⸗ ſchweigen, was die Quelle aller meiner Leiden war. Ich erzaͤhlte, wie man mich nach mei⸗ ner Geburt aus der⸗ Wiege genommen, mich zu einem Koͤnigsſohn geweiht, und mich dann nach der Geburt des zweiten Prinzen wieder verſtoßen, und wie man darauf den Argwohn gefaßt habe, daß ich einmal die Anſpruͤche auf die vorgeſpiegelten Rechte eines Koͤnigs⸗ 394 ——— ſohns geltend machen moͤchte. Das erklaͤrt, fuͤgte ich hinzu, mein ganzes unſtaͤtes Leben, und tauſend Gefahren, mit denen ich bisher gerungen habe, und denen ich nun endlich u doch erliegen muß, wenn Sie, theuerſter Oheim! ſich nicht meiner annehmen.— Die Stunden dieſes Abends reichten nicht hin, um meinem Oheim alles zu erzaͤhlen, was ich um jenes Argwohns willen ſeit meiner Geburt, und beſonders ſeit meiner Flucht aus ſeinem Hauſe, hatte erleiden muͤſſen. Auch der fol⸗ gende Tag wurde noch mit Erklaͤrungen hin⸗ gebracht, bis mein Oheim eine voͤllige Ein⸗ ſicht bekam in das Gewebe von Liſt und Bos⸗ heit, das man von allen Seiten um mich her gezogen hatte, und ſelbſt die Ehre, die man mir erwies, wurde von ihm nur als ein Mittel erkannt, mich zu verderben. Drauf ging er ſinnend auf und ab, und ſagte oͤfters: die Schurken, ſie verdienten, daß ihnen nun wirklich zu Theil wuͤrde, was ſie fuͤrchten; aber— ſetzte er bald darauf — 25— hinzu— ſollen wir ungerecht ſeyn, weil ſie es ſind? Anſpruͤche auf den Thron zu machen, hat bei dieſen Umſtaͤnden nur den Schein des Rechts, nicht wahre Guͤltigkeit. Doch deshalb ſoll man auch nicht dein Verderben wollen, und dich ſchuldlos morden. Ich denke, ſo iſt es am beſten: man muß ihnen die Augen oͤffnen, das Mißverſtaͤndniß aufklaͤren, recht⸗ lich einen Vergleich mit ihnen ſchließen, zu deiner Sicherheit eine Verguͤtung fordern, und, zeigen ſie ſich dann noch boͤsgeſinnt, auf ſein Schwert ſich verlaſſen. Die Wege der Liſt, worauf die Graͤfin Scharnhorſt wandelt, gefallen mir nicht; du haſt dich jetzt mir an⸗ vertraut, laß nun auch mich fuͤr dich ſorgen. 396 — Zwei und zwanzigſtes Capitel. Krieg. Noch hatte mein Oheim, wie es ſchien, kei⸗ nen ſichern Entſchluß gefaßt, als ein Courier zur Stadt hereinſprengte, der ihm vom Hofe die Nachricht vom Ausbruche des Krieges ben des Koͤnigs mit dem Titel General⸗Feld⸗ marſchall zum Anfuͤhrer ſaͤmmtlicher Truppen ernannte. Die Abſicht der Feindſeligkeiten, die man ſchon lange von den verbuͤndeten Grenzſtaaten befuͤrchtete, wurde nun in großen Zuruͤſtungen, Truppenmaͤrſchen und Waffen⸗ uͤbungen zu ſichtbar, als daß man ſie laͤnger mit Gleichguͤltigkeit haͤtte anſehen koͤnnen. Durch die Vermaͤhlung des Prinzen mit der Prinzeſſin Regina hatte man noch gehofft, das Kriegsfeuer zu daͤmpfen, aber da ein ſchnoͤdes Nein zur Antwort auf den ehrenvollen Antrag erfolgt war, ſo glaubte man die Rache gegen brachte, und ihn durch ein huldvolles Schrei⸗ 8 397 .—— jene Verbuͤndung nicht laͤnger verſchieben zu muͤſſen, und es wurden die ſchnellſten, die nachdruͤcklichſten Maaßregeln anbefohlen. Daß bei der Beſetzung der oberſten Befehlshaberſtelle gerade die Wahl auf meinen Oheim ſiel, dar⸗ uͤber hatte ich mancherlei Vermuthungen. Vielleicht, dachte ich bei mir, fuͤrchtet man ihn meinetwegen, und ſucht ihn durch Erthei⸗ lung dieſer Wuͤrde zu beguͤtigen und wieder fuͤr den Koͤnig zu gewinnen; wenigſtens durfte man nicht wagen, ihn zu uͤbergehen. Daß man ihn aber ſammt dem Neffen in Fallſtricke zu locken willens ſeyn koͤnnte, fand ich nicht wahrſcheinlich. Am glaublichſten blieb⸗ immer der einfache Grund, daß man ihn als den er⸗ fahrenſten Feldherrn in der Noth nicht wohl entbehren konnte. Ich war begierig, ob mein Oheim den Antrag annehmen, oder was er darauf erwidern wuͤrde, aber er ſagte gleich ohne Bedenken ſehr edelmuͤthig: Es iſt nicht Zeit, ſich feindſelig gegen einen andern zu be⸗ weiſen, wenn er eben unſerer Huͤlfe bedarf, 398 —- und uns darum bittet. Und ehrenvoller noch, als der Antrag ſelbſt, iſt die Pflicht, dem Vater⸗ lande zu dienen. Das iſt es, was mich ruft, und was ich vor Augen habe, nicht Koͤnigin, noch Koͤnigin Mutter. Deine Sache mag ruhn bis zum Frieden, du gehſt mit ins Feld und bleibſt als mein Adjutant mir zur Seite. — In welch eine mißliche Lage kam ich nun 1 aufs neue! Fuͤrſt Albert, der Vater meiner Geliebten, war das Haupt der verbuͤndeten Fuͤrſten, und alſo gegen meine Geliebte ſollte ich die Waffen ergreifen! Dieſer Gedanke verwirrte mich einen Augenblick, aber ich wagte nicht, meinen Oheim, der um mein Verhaͤlt⸗ niß zur Prinzeſſin wohl wußte, meine Unruhe merken zu laſſen. Ich kannte ſeinen Eifer fuͤr das Vaterland zu gut, als daß ich haͤtte eine Entſchuldigung fuͤr mich oder Losſagung hoffen koͤnnen. Ueberdieß,— wohin haͤtte ich ohne ihn mich wenden ſollen? Der Oheim blieb mein einziger Beſchuͤtzer, und nachdem ich dem Lande oͤffentlich zu einer bedeutenden 399 —- Perſon geworden war, ſiel eine Verheimlichung meiner Perſon faſt unmoͤglich. Und wie haͤtte ich auch fern ſeyn koͤnnen bei einem Unter⸗ nehmen, das wegen des Schickſals meiner Ge⸗ liebten mich ſo nahe anging! Durfte ich nicht wagen, die Hand bewaffnet gegen ſie zu er⸗ heben, ſo wollte ich doch auch nicht von der Gefahr mich wegwenden, die ſich ihr naͤherte, und lieber mit ihr fuͤrchten, wo ich hoffen ſollte, und fuͤr ſie hoffen, wo ich zu fuͤrchten hatte. Raſch ging alles ſeinen Lauf: es wurden Befehle abgefaßt, Eilboten geſandt, Verab⸗ redungen getroffen, Maͤrſche und Vereinigungs⸗ puncte beſtimmt. Beſondere Zuruͤſtungen waren weiter nicht noͤthig, weil man ſchon ſeit meh⸗ rern Jahren zur Vertheidigung bereit, und ſtets in der Erwartung des Krieges geweſen war. Die Magazine ſtanden immer gefuͤllt, und von Zeit zu Zeit wurden die alten Vor⸗ raͤthe mit neuen vertauſcht.— Ich kam jetzt alſo in einen neuen Lebenszuſtand, oder Lebens⸗ 400 —— verhäͤltniß, deſſen ich vor der Entſcheidung meines Schickſals hier noch beſonders mit einer Schilderung gedenken muß.— Alles ſtroͤmte der Grenze zu, und in we⸗ nigen Tagen ſah ich einen langen Zug von verſchiedenen Regimentern vor und hinter mir. Weil ſchon eine geraume Zeit Frieden im Reiche geherrſcht hatte, ſo aͤußerte ſich allent⸗ halben eine große Theilnahme fuͤr den Krieg, und man ſchien ihn eben nicht als ein Ungluͤck zu fuͤrchten, ſondern ſich uͤberhaupt nur der 4 veraͤnderten Lage der Dinge zu erfreuen; denn das iſt nun einmal eine Eigenſchaft des Men⸗ ſchen, daß ſeine Neigung und Luſt, im Guten, wie im Boͤſen, ſich mit der Zeit abſtumpft, und jede Veraͤnderung ihm dann willkommen iſt, die ihm neue Erwartungen erregt, ſollten dieſe ihm auch nicht viel Heilſames verſpre⸗ chen.— Die Soldaten wurden daher uͤberall mit Freuden aufgenommen, und gern bewir⸗ thet. Ueberhaupt iſt der Buͤrger weit bereit⸗ williger, ſeine Wohnung und ſein Mahl mit 4 frem⸗ 401 ——— fremden Menſchen zu theilen, als von ſeinem Gelde beizuſteuern, wenn es das Beduͤrfniß des Staats erfordert. Es zeigt ſich hier der unterſchied des lebendigen, perſoͤnlichen Han⸗ delns, vom bloßen Thun und Entrichten. Man hat doch eine beſtimmte Perſon, einen empfindenden Menſchen vor ſich, dem man perſoͤnlich Gutes erweiſen, und dem man zu⸗ gleich die Freude und die Zufriedenheit uͤber das Erwieſene anſehen kann. Er tritt als ein Fremder herein, kommt wohl gar aus einer entfernten Gegend, man glaubt ſeinen Beifall, ſein Urtheil mehr achten zu muͤſſen, als die Meinung des Nachbarn. Auch knuͤpft ſich mancherlei Thaͤtigkeit daran, wodurch man im Bereiten und Auordnen ſeine Kunſt, ſeine Geſchicklichkeit, ſeine Klugheit, kurz, ſeinen Werth offenbart, den man von andern gern wahrgenommen, erkannt, oder wohl gar be⸗ wundert ſieht. Deshalb empfindet der Buͤrger die Laſt der Einquartierung, wenn ſie ihn nicht gar zu oft druͤckt, lange nicht in dem III. Theil. Ce 2 4⁰0²— —- Maaße, als eine gleiche Beſchwerde in einer andern Geſtalt thun wuͤrde, und ſo wie man den Soldaten nicht gern mit einem ſaureu Geſicht empfaͤngt, ſo wuͤrde man es ſich auch bei ſeinen Mitbuͤrgern zur Schande anrechnen, wenn jener unzufrieden das Haus verließe. Es wirken hier noch die Reize und Annehm⸗ lichkeiten der Gaſtfreundſchaft; man hat Freude daran, einen Fremden zu bewirthen.— Ich kann daher nicht ſagen, wie erheiternd es auf mich wirkte, taͤglich in ein anderes Haus, bei andern Leuten einzukehren, und die verſchieden Art der Bemuͤhung zu ſehen, womit man uns ein voruͤbergehendes heimiſches Behagen zu bereiten ſuchte. Die Treuherzigkeit bei dem einen, die uͤbertriebene Hoͤflichkeit bei dem an⸗ dern; hier ein ehrwuͤrdiger Hausvater, der ſich ſogleich ſeiner alten Rechte und Gewohn⸗ heiten begiebt, um das Liebſte ſeinem Gaſte einzuraͤumen, wenn deſſen Wuͤnſche nur nicht mit den ſeinigen zuſammentreffen; dort eine regſame Familie mit einer jungen freundlichen 403 —-— Hausfrau, die, umgeben von den lauſchenden Augen und den dienſtfertigen Haͤnden der Kinder, das ganze Haus mit froͤhlichem Ge⸗ raͤuſch erfuͤllt, um den Fremden auf ſeinem ruhigen Platze, wie die Planeten die Sonne, dienend zu umſchweben; wieder auch wohl die aͤngſtliche Beſorglichkeit einer Wittwe, oder die Schuͤchternheit einer heranbluͤhenden Toch⸗ ter— alle dieſe und aͤhnliche Bilder des Haus⸗ ſtandes unterhielten und ergoͤtzten mich von Tag zu Tag bis an des Landes Grenze. Aber auch der Anblick der Soldaten ſelbſt gab manches zu beobachten. Ich bemerkte bald, wie dreierlei Gemuͤthsarten ſich auf dem Marſche offenbaren, erſtlich: froͤhlicher Leicht⸗ ſinn, der durch den ſteten Wechſel der Um⸗ ſaͤnde, durch das Wagniß, worauf man aus⸗ geht, durch die Geſellſchaft, durch den ſorg⸗ loſen Zuſtand, und beſonders durch Kraft und Jugend genaͤhrt wird. Krieg iſt ganz fuͤr die Jugend, ja ſogar ein Beduͤrfniß fuͤr ſie. Spaͤtere Jahre verlangen ſchon mehr den Cec 2 404 6———— Antrieb einer Idee, oder der Gewohnheit. Von dieſen geſetzteren Perſonen ruͤhrt auch zum Theil die andere Gemuͤthsart auf dem Marſche her, welche darin beſteht, daß je⸗ mand den haͤuslichen Zuſtand immer in Ge⸗ danken mit ſich fuͤhrt. Dieß zeigte ſich bald in Beobachtung gewiſſer Bequemlichkeiten, bald in einer gewiſſen Triebſamkeit. Manche, wenn ſie ins Quartier kamen, konnten nicht eher ruhen, als bis alles— wo moͤglich— ſo lag und ſtand, wie ſie es zu Hauſe verlaſſen hat⸗ ten, und ſie verlangten gern gewiſſe Dinge fuͤr ſich allein, mit einer genauen Beſtimmung, wie und auf welche Weiſe es beſorgt und ge⸗ bracht werden ſollte, und hingen in allem noch an einer gewiſſen Folge und Ordnung. Dieß dauerte— was man kaum glauben ſollte— bei manchem bis in die Zelte des Krieges fort. Waren ſie dabei nicht von ruhigem Naturell, ſo liefen ſie, auch nach dem beſchwerlichſten Narſche, ſobald ſie ins Quartier kamen, um⸗ her, um dieſe oder jene kleine Angelegenheit 405 — zu betreiben, die irgend ein haͤusliches Augen⸗ merk oder eine Liebhaberei betraf. So waren viele, welche einen Hund mit ſich fuͤhrten, fuͤr den ſie eher ſorgten, als fuͤr ſich ſelbſt. Auch andere Hausthiere hatten manche bei ſich, die ſie anf dem Marketenderwagen ſorg⸗ faͤltig aufzuheben gaben, und alle Abend in einen haͤuslichen Zuſtand zu verſetzen ſuchten. Gewoͤhnlich gingen dergleichen Dinge bei laͤn⸗ gerer Zeit auf dem Marſch allmaͤlig verloren, und je weiter wir zogen, deſto mehr ver⸗ ſchwanden die Zeichen der Haͤuslichkeit, und das wandernde Leben behauptete ſeine vollen Rechte. Dieß brachte aber auch bald bei vielen die dritte Gemuͤthsart hervor, naͤmlich Roheit, Wildheit und das Verlangen nach einem zuͤgel⸗ loſen Zuſtande, das mit der Fortdauer des Krieges immer mehr zunimmt, und in Schlach⸗ ten und bei blutigen Auftritten oft zur wirk⸗ lichen Mordluſt, zur Raub⸗ und Blutbegier wird, ſo daß man auf einmal im Menſchen wieder die wilde thieriſche Natur, den Wolf, 406 —— den Tiger, hervortreten ſieht, der bis dahin nur in ihm geſchlummert hatte, oder durch Cultur gezaͤhmt und gebaͤndigt war. Deshalb veraͤndern ſich auch die Phyſiognomien der Sol⸗ daten auf einem Feldzuge gar bald, und ſo wie ihre Kleider zerreißen, bekommen auch ihre Mienen ein rauheres Anſehn. Darnach aͤndert ſich auch die Kriegszucht bald, die ſchon nach einem Monate nicht mehr dieſelbe iſt, welche ſie beim Ausmarſche war. Geringe Verbrechen werden zuletzt ganz uͤberſehen, und die großen deſto ſtrenger beſtraft. Es gewaͤhrte einen ſchoͤnen Anblick, von der Hoͤhe herab die wandelnden Schaaren mit blinkenden Gewehren vorwaͤrts ſchreiten zu ſehen, und man wurde in der That mit Luſt fuͤr das freie kriegeriſche Leben erfuͤllt, wenn uͤber das offene Feld hin in heiterm Sonnenſchein ihrer Tauſende ein froͤhliches Lied erſchallen ließen, wobei die Idee einer ſo engen Verbruͤderung, als der Krieg ſie erheiſcht, den nie empfundenen Eindruck eines ſolchen 407 —-— Chorgeſanges noch verſtaͤrkte. Es war noch in den Monaten des Herbſtes, und helle, warme Tage beguͤnſtigten den Zug. Wir hatten nun allmaͤlig die Grenze er⸗ reicht, und unſer Marſch ging gerade auf die Stadt zu, wo Fuͤrſt Albert ſeinen Sitz hatte. Es war eine der beſten Veſtungen in den Grenzſtaaten, und auch deshalb beſonders der Aufmerkſamkeit meines Oheims werth, weil er am erſten hoffen konnte, daß der Bund ſich zerſtreuen wuͤrde, wenn er das Haupt derſelben ſchluͤge. Eine ſchlimme Ausſicht fuͤr mich, bei der meine Angſt und Sorge fuͤr die Geliebte immer hoͤher ſtieg. Jetzt hoͤrte ich in der Ferne die erſten Schuͤſſe fallen; man hatte uns erwartet, und die leichten Truppen fin⸗ gen an, ſich durch Scharmuͤtzel zu begruͤßen, bei welchen von beiden Seiten einige Gefangene gemacht wurden. Wir kamen darauf an einen engen Paß, der von den Feinden ſtark beſetzt var. Indeß mein Oheim verſicherte, es gaͤbe im Felde nicht leicht eine Liſt oder eine Maaß⸗ 408 —— regel, fuͤr die nicht auch eine Gegenliſt oder ein Gegenmittel ſich finde, und das Meiſte kaͤme darauf an, Maaßregeln in der Seele des andern zu leſen„Ddum das Gegenmittel ſchon in Bereitſchaft zu haben, und auf dieſe Weiſe den andern in die Falle zu locken. Die ſtarke Beſatzung dieſes Paſſes hatte er vorher⸗ geſehn, ja ſeinen Marſch gerade deshalb hie⸗ her genommen, um ihn recht ſtark beſetzt zu finden, denn, indem er hierauf rechnete, hatte er auch ſchon den Ort auf beſchwerlichen Pfaden und Umwegen durch eine zahlreiche Mannſchaft umgehen laſſen, die noch mehr durch ihre Ueberraſchung als durch ihre An⸗ zahl furchtbar wurden. Von zwei Seiten be⸗ draͤngt, glaubte der Feind ſich ergeben zu muͤſſen, ohne der Pflicht eingedenk zu ſeyn, ſich mit Gewalt durchzuſchlagen. Dieß vermehrte gleich die Hoffnung unſerer Soldaten fuͤr dieſen Feldzug und ſtaͤrkte noch mehr das Vertrauen, das ſie zu meinem Oheim gefaßt hatten. Auch kam bald die Nachricht von einer andern 40⁰9 — Seite, daß von den herbei eilenden Huͤlfstrup⸗ pen des Feindes ein Theil abgeſchnitten und zerſtreut, ein anderer gefangen genommen waͤre. Es ſchadete der Sache der Gegner, daß ihr Heer aus Soldaten verſchiedener Laͤnder und Herren zuſammengeſetzt war, wodurch leicht Unfolgſamkeit und Mangel an Uebereinſtimmung, im Gluͤck Neid und im Ungluͤck Unzufriedenheit erzeugt wurde. Es waren alſo hald große Vortheile erlangt, und man konnte meinen Oheim ſchon als Ueberwinder betrachten, als noch einmal der Feind alle Kraͤfte zuſammenraffte, und wir die Vereinigung zu einer Schlacht erwarten durften. Wir folgten ihm Schritt vor Schritt, und ließen ihn nicht aus unſern Augen. Wie wir nun ſo auf Eilmaͤrſchen den Fliehenden nachmarſchirten, trat eines Abends ein Mann zu meinem Oheim ins Quartier, der ein ſehr verwildertes Anſehn hatte. Es war kein anderer als jener Raͤuber, der einſt uͤber meine Mutter und uͤber mich Gewalt 8 41⁰ —-- ausuͤbte. Ich ſchauderte bei ſeinem Anblick zuruͤck. Er bot meinem Oheim abermals als Spion ſeine Dienſte an. Aber mein Oheim ſchuͤttelte den Kopf und ſagte: Alter, laß es gut ſeyn, genug des Umherſchwaͤrmens, ſorge nun fuͤr ein ruhiges Ende. Er wollte ihm ein Geſchenk reichen, aber jener nahm es nicht, und brummte, da er den Ruͤcken wandte, in den Bart: das ſoll ihn gereuen! Es ſchien faſt, daß ſich mein Oheim das Unternehmen zu leicht vorſtellte, wie es alten Kriegern haͤuſig zu gehen pflegt; denn bald nachher kam die Nachricht, daß ein Seiten⸗ corps, das eiligſt zu uns ſtoßen ſollte, von einer uͤberlegenen Macht ploͤtzlich war angefal⸗ len, und ſo ſchaͤndlich zugerichtet worden, daß nur Bruchſtuͤcke davon zu uns gelangten. Jetzt riefen unſere Soldaten den Ankommenden zu: ihr Blindſchleichen, ihr Muͤckenfaͤnger, hinter welchem Sumpf habt ihr ſo lange geſeſſen? Hier gings ganz anders her. Dadurch ent⸗ ſtand nun Streit und Uneinigkeit unter un⸗ 411 —— ſern Leuten, wovon ich großes Unheil befuͤrch⸗ tete; indeß, vom Stachel des Schimpfes ge⸗ reizt, theils aus Furcht davor, fochten beide Theile nachher mit einander wetteifernd um ſo tapferer, und ich ſah nun ein, warum mein Oheim bei den kleinen Haͤndeln Mord und Todtſchlag ſo gelind beſtrafte. Ueber⸗ haupt wird im Kriege die Rechnung um ein Menſchenleben nicht ſo genau gefuͤhrt; man nimmt ein und giebt aus, Bruͤche fallen bei Seite.— Jetzt naͤherten wir uns der Stadt, und als wir ihr gegenuͤber gekommen waren, ſchlugen wir ein Lager auf, das auf die Dauer eingerichtet wurde, weil wir vermutheten, daß auch nach gewonnener Schlacht wir wegen Belagerung der Veſte hier noch lange wuͤrden verweilen muͤſſen.— Mit welcher Sehnſucht blickte ich zur Stadt, da ich ihrer anſichtig wurde! gern haͤtte ich die Thurmſpitzen fra⸗ gen moͤgen: was macht Clementine, was denkt ſie von mir? Und ſo ſtand ich auch eines Tages und ſchauete hinuͤber mit man⸗ 41² —yy'é— cherlei Sorgen, als ein junger Menſch durch die Vorpoſten daher kam, der mit einem Korbe auf ſeinem Ruͤcken Huͤhner zum Ver⸗ kauf ins Lager brachte. Er ſchritt, ſo bald er mich gewahr wurde, gerade auf mich zu, und wandte dann ſein Antlitz von mir weg, indem er leiſe ſagte: verrathen Sie ſich nichr. Es war Philibert, der ſo ſich eingeſchlichen hatte, um mir von Clementinen Nachricht und Troſt zu bringen. Nur wenig Worte waren uns vergoͤnnt. Was bin ich ihr jetzt? fragte ich, Freund oder Feind?—„Feind, gab er zur Antwort, obwohl ſie Euch lieber zum Freunde haͤtte.“— Wie beurtheilt ſie meine Schritte? fragte ich weiter; was will ſie, daß ich thun ſoll?—„Ohne Ehre keine Liebe!“ iſt ihr Wahlſpruch.„Vom Schloß⸗ thurm herab wird ſie Zeuge eures Unterneh⸗ mens ſeyn;“ und damit ging er in das Lager. Ohne Ehre keine Liebe! wiederholte ich mir, und fuͤhlte mich aufs neue mit Muth und Hoffnung erfuͤllt. . anz Drei und zwanzigſtes Capitel. Schlacht. Die Vorbereitungen zu einer Schlacht wur⸗ den immer ernſtlicher; jeden Tag trafen neue Verſtaͤrkungen ein. Mein Oheim ritt mit einem Regimente Huſaren hinaus, um den Feind zum letztenmal zu recognoſeiren, und darnach ſeine Maaßregeln zu ergreifen. Ich bewohnte mit ihm ein großes, ſchoͤnes Zelt, das fuͤr die Diener noch einige Seitenzelte hatte, und wartete eben auf ſeine Zuruͤckkunft, als man einen Spion gefangen hereinſchleppte. Es war eben der, den mein Oheim kurz zu⸗ vor zuruͤckgewieſen hatte; er war gleich dar⸗ auf zum Feinde uͤbergegangen und jetzt in die Haͤnde der Unſern gefallen. Noch war das Gefuͤhl, mit welchem ich ihn einſt als meinen Vater betrachtete, nicht ganz in mir erſtor⸗ ben; fand mein Oheim ihn hier, ſo war ſein Tod gewiß; ich glaubte aber, daß ich weniger 4¹4 — ſtreng ſeyn duͤrfte, und, ohne von ihm er⸗ kannt zu ſeyn, ſagte ich, entruͤſtet uͤber ſein laſtervolles Leben, mit Nachdruck zu ihm: wollt ihr denn durchaus eines unnatuͤrlichen Todes ſterben? Noch einmal ſey euch das Leben geſchenkt. Geht heim und bekehret euch zu einem ruhigen Wandel.— Er dankte nicht, er ſagte kein Wort. Aber alſobald ließ ich ihn aus dem Lager bringen, damit er den Augen meines Oheims nicht begegnen, und noch zu rechter Zeit ſeinem Verhaͤngniſſe ent⸗ rinnen moͤchte. Mein Oheim erſchien bald darauf, und ließ die Generalitaͤt ſich verſammeln, um auf den folgenden Tag die noͤthigen Befehle zu ertheilen. Den andern Morgen, als ſchon alles in Unruhe und Bewegung war, und wir eben das Zelt verlaſſen wollten, kam eine Bot⸗ ſchaft aus unſrer Reſidenz, die meinem Oheim, nebſt einer großen Dankſagung, ein Geſchenk an ſeltenen Speiſen und Fruͤchten und einen 415 —— kleinen Vorrath koͤſtlichen Weines uͤberbrachte. Die Flaſchen wurden wegen der Eile des Auf⸗ bruchs auf den Tiſch geſtellt, und mein Oheim ſagte: die ſollen uns nach vollbrachter That erquicken. Viele Regimenter waren ſchon in der Nacht ausgeruͤckt, und als die Sonne auf⸗ ging, ordneten ſich die Schaaren zu einer un⸗ abſehlichen Reihe. 1 Der Feind uns gegenuͤber hatte auf bei⸗ den Fluͤgeln, die an Wald und Fels ſich an⸗ lehnten, eine ſehr feſte Stellung. Deshalb ging die Abſicht meines Oheims dahin, durch ein verſtelltes Manoͤver, waͤhrend er den Hauptangriff auf den Mittelpunet richtete, den Feind zu verleiten, ſeine feſte Stellung auf dem linken Fluͤgel zu verlaſſen. Es machte einen eigenen Eindruck auf mich, die ganze Maſſe wie ein ſchweres Ungewitter allmaͤlig auf die gegenuͤberſtehende Macht anruͤcken zu ſehen. Der Donner der Kanonen, der von beiden Seiten losbrach, hatte fuͤr mich nicht 416 —— ſo wohl erwas Schreckliches und Schauder⸗ volles, als Ehrfurcht erweckendes, indem er als der allermaͤchtigſte Ausdruck des menſch⸗ lichen Willens, der von keiner Stiame, von keinem Klange weiter uͤbertroffen wird, ſich vor meine Seele ſtellte. An der Seite mei⸗ nes Oheims, der mir ſeine Ideen mittheilte, war ich mit in die Thatkraft verſetzt, die das alles anordnete, und ich kam deshalb nicht ſo ſehr in das Gefuͤhl eines leidenden Zuſtan⸗ des, wie es ohne Ueberblick leicht bei den ein⸗ zelnen Soldaten entſteht, der daher nichts ſehnlicher wuͤnſcht, als mit dem Feinde erſt ins Handgemenge zu kommen. Beim Aus⸗ ruͤcken aus dem Lager fiel unter den Soldaten noch mancher Scherz vor; jetzt aber wurde es unter ihnen immer ſtiller und ſtiller, und den ganzen Weg ſah man mit Spielkarten be⸗ ſtreut, die ſie in Erwartung großer Gefahren von ſich geworfen hatten. Mit jedem Augenblicke ward nach allen Seiten das Todesloos geworfen, und rechts und 417 — und links ſielen blutige Opfer. Ich bemerkte aber dabei, wie im Ruͤcken der Armee ein ganz eigenes Weſen entſtand, naͤmlich, da ſtets Verwundete weggetragen, und von an⸗ dern weiter gebracht oder in Empfang genom⸗ men wurden, ſo gab es viel Anlaß zum Hin⸗ und Herlaufen, welches manche benutzten, um ſich mit dem Vorwande eines Geſchaͤftes ganz und gar aus der Schlachtlinie zu entfernen.— Das Zurufen und Laͤrmen, womit die Offi⸗ eiere ihre Leute anfeuerten, hatte nicht das Wuͤrdige, das ich mir davon vorgeſtellt hatte, ſondern eher etwas Graͤßliches an ſich, wegen des Anblicks der Hinſinkenden, deren Tod zu raͤchen man die andern antrieb„ ſo daß in die Standhaftigkeit ſich Blutbegier und Wuth miſchte, wodurch auch der Feigſte, der Sanf⸗ teſte mit fortgeriſſen wurde. Mein Oheim, der von einer Anhoͤhe alles leitete, gab nicht zu, daß ich bei ſteigender Gefahr mich in das Getuͤmmel ſtuͤrzte, gleich als waͤre er zur Er⸗ haltung meines Lebens ganz beſonders ver⸗ III. Theil. Dd 4¹⁸ —-- pflichtet geweſen; nur, wenn ſich eben keiner ſeiner Adjutanten weiter bei ihm befand, und ein ſchneller Befehl oder eine Erinnerung er⸗ gehen mußte, ließ er mich nach der Stelle, wo es Noth that, hineilen, und unter einem Hagelſchauer von Kugeln, die pfeifend um mich her flogen, vollzog ich ſeinen Befehl. Allmaͤlig begann der Feind in der Mitte zu weichen, und ein mit Kanonen beſetzter Huͤ⸗ gel ward darauf erſtuͤrmt, von wo aus man nun den Feind in die Flanke nehmen konnte. Zu gleicher Zeit aber hatte mein Oheim durch eine ruͤckgaͤngige Bewegung unſers rechten Fluͤgels dem linken des Feindes Raum gege⸗ ben, weshalb dieſer ſchon glaubte, den Sieg in Haͤnden zu haben, und ſich eiligſt von ſei⸗ nen Felshoͤhen den Unſern nachſtuͤrzte. Sie breiteten ſich wild ſchwaͤrmend immer weiter im Thale aus, und da einige von unſern Re⸗ gimentern daruͤber die Faſſung verloren, dran⸗ gen die Feinde bis an die Spitze unſers La⸗ gers vor. Darauf fielen ſie, nach Beute be⸗ 4¹9 —— gierig, daruͤber her, und ein loſes Geſindel, wie es faſt jede Armee hinter ſich herfuͤhrt, ſchloß ſich ihnen an, und Pluͤndern war jetzt die Loſung. Ein jauchzendes Getuͤmmel erhob ſich, und mir wurde um den Sieg nicht we⸗ nig bange; aber mein Oheim lachte dazu und ſagte: wenn wir auch nachher einige Flaſchen Wein und einige Feldkeſſel weniger finden, da⸗ fuͤr ſollen ſie uns hier die Zeche doppelt be⸗ zahlen. Indem fing die eroberte Redoute an, Feuer auf die Uebermuͤthigen hinabzuſpeien, und weil ſie damit in die Flanke genommen waren, verlor ſich das Jauchzen bald, die Unordnung vermehrte ſich, und die Anfuͤhrer konnten die Soldaten nicht mehr beiſammen erhalten. Statt ſich insgeſammt nach der Mitte der Schlachtordnung hin zu draͤngen, wo der entſcheidende Punct des Sieges war, ſuchten ſie ihre vorige Stellung wieder zu ge⸗ winnen, und flohen nach den verlaſſenen Felshoͤhen zuruͤck. Damit kamen ſie aber zu ppaͤt, unſere Cavallerie fiel dazwiſchen, und Dd 2 42⁰⁶ — unſere Infanterie zog eine feſte Mauer, die ihnen jeden Ruͤckweg verſperrte. Es wurde alſo ein großes Blutbad unter ihnen ange⸗ richtet, und der groͤßte Theil der hier zerſtreut Kaͤmpfenden gerieth in unſere Geſangenſchaft. Dies entſchied den Sieg; denn wie der Feind auf dem rechten Fluͤgel, der mit abwechſeln⸗ dem Gluͤck focht, das Ungluͤck und die gaͤnz⸗ liche Niederlage des linken Fluͤgels ſah, begaun er auf der Stelle den voͤlligen Ruͤckzug nach der Stadt. Alles war nun auf der Flucht, und wir verfolgten die Geſchlagenen bis unter die Kanonen der Veſte. Jetzt verbreitete ſich große Munterkeit und ein froͤliches Leben durch die Reihen der Unſern, auf allen Geſichtern ſah man frohlockende Siegesluſt, ſo daß in dem Augenblick alles Ungemach, Hunger und Durſt vergeſſen war. Victoria! ſcholl es hin⸗ auf und hinab, und eine ſchallende anſ i beſtaͤtigte den Ausruf. Als mein Oheim darauf durch Teſehung der haltbarſten Stellen fuͤr die Einſchließung —-—— 421 — der Stadt geſorgt hatte, begaben wir uns mit den uͤbrigen Truppen wieder in das Lager zuruͤck.— Aber welch ein graͤuelvoller Anblick machte unſere Sinne erſtarren, als wir in das Zelt traten! Neben dem Schenktiſche bei zerbro⸗ chenen Flaſchen lagen zwei Menſchen, krampf⸗ haft noch in der Hand den Todesbecher hal⸗ tend, mit halb aufgerichtetem Koͤrper todt auf der Erde, Arm und Kopf auf den Stuhl hinaufgeſtreckt, die ſtarren offenen Augen aus ihrem Kreiſe gewichen, die Lippen bleich, ihr ganzes Geſicht durch Verzuckungen und graͤß⸗ liche Gebehrden entſtellt, ſo daß wir ſie kaum erkennen konnten. Ein Verwundeter, der ſich noch vor ihnen bis hieher geſchleppt, und ſich in einen Winkel verkrochen hatte, kam jetzt hervor, um uns mit ſchwacher, ſtammelnder Rede zund zu thun, von welch einem ſchreck⸗ lichen Auftritte er hier Zeuge geweſen. Aber es iſt noͤthig, das Ungluͤck bis auf die erſte Triebfeder zu verfolgen, und alles 422 —-— im Zuſammenhange zu berichten, wie es ſich aus ſpaͤtern Unterſuchungen ergab. Die Koͤnigin Mutter hatte naͤmlich mit der ſchlechtgeſinnten Parthei den teufliſchen Plan entworfen, erſt meines Oheims als eines Schlachtmeſſers gegen ihre Feinde ſich zu bedie⸗ nen und dann ſeine gefuͤrchtete Schaͤrfe auf ewig in die Scheide zuruͤck zu legen. Ihn ſammt dem Neffen zu verderben, war jetzt die Abſicht ihrer Bosheit, und ihr geheimer Unterhaͤndler, der in Liſt und Raͤnken grau gewordene Israelit, ſollte die Schandthat aus⸗ fuͤhren. Ihre vergeblichen Anſchlaͤge auf mich hatten ihren Unmuth endlich bis zu der Frech⸗ heit geſteigert, daß ſie auch das Abſcheulichſte zu begehen nicht mehr erroͤtheten. Die Reſidenz mußte ihrem ſchwarzen Beginnen Vorwand und Namen leihen, indem man den Buͤrgern den Ge⸗ danken eingab, durch ein Geſchenk beim Heer⸗ fuͤhrer einen Beweis dankbarer Geſinnung be⸗ ſonders dafuͤr abzulegen, daß er die Gefahr — 423 —-—— ſo weit von ihnen entfernt habe. Man brachte zu dieſer Beſtimmung vorzuͤglich ein Geſchenk an Wein von großer Koͤſtlichkeit in Vor⸗ ſchlag, deſſen Beſorgung man durch einen dritten und vierten ſo ins verborgene leitete, daß es nachher ungewiß blieb, wer ſich daran verſuͤndiget haben koͤnnte. Zu dieſem Geſchaͤft fand der Hofjude keinen tauglicher, als jenen Kriegscommiſſair, der ſchon fruͤher durch das Anzuͤnden eines Magazius reich geworden, und als ein unternehmender Kopf ihm bekannt war. Es hatte dieſer viele Jahre hindurch zwar den ehrlichen Mann geſpielt, allein bei dem abermaligen Anſcheine zum Kriege regte ſich die alte Suͤndenluſt aufs neue, und der Auftrag des Juden, mit einer großen Beloh⸗ nung, war gar zu anlockend, als daß er ihn haͤtte von der Hand weiſen koͤnnen. Er ſorgte alſo dafuͤr, daß der Wein, noch ehe er in die Haͤnde der Stadtvorſteher kam, eine toͤdtliche Beimiſchung erhielt, und uͤbernahm auch, nebſt vielen andern Geſchaͤften, die Lieferung deſſel⸗ 424 ben ins Lager. Er vertrauete darauf das Ge⸗ ſchaͤft unverdaͤchtigen Leuten, die damit gleich nach der Schlacht, wenn mein Oheim ſieg⸗ reich zuruͤckgekehrt ſeyn wuͤrde, als Abgeſandte der Reſidenz ſich vor ihn ſtellen ſollten; doch dieſe, aus natuͤrlicher Furcht vor dem Schlacht⸗ getuͤmmel, glaubten kluͤger zu handeln, wenn ſie ſich ihres Auftrages fruͤher entledigten, ohne erſt den ungewiſſen Ausgang der Schlacht, der ihre Heimkehr gefaͤhrden konnte, abzuwar⸗ ten. Sie erſchienen daher eilfertig damit, als mein Oheim eben zum Aufbruch blaſen ließ. Nun begab es ſich, wie wir geſehen ha⸗ ben, als mein Oheim in der Schlacht den Ruͤckzug des rechten Fluͤgels anordnete, daß dadurch die eine Seite des Lagers bloß⸗ geſtellt wurde, und alles vom feindlichen Troß ſich hineinwarf, was zum Rauben und Pluͤn⸗ dern nur Haͤnde hatte. Unter dieſen befand ſich nun auch jener Raͤuberhauptmann aus Gruſingen, der aufs neue von Raubluſt fort⸗ geriſſen und von Nachbegierde ergriffen ſich 2 7 29 —— hieher ſtuͤrzte, um denen Schaden zuzufuͤgen, die ſeinen Dienſt vorher verſchmaͤht hatten. Unpatriotiſch lief er mit dem rohen Feindes⸗ geſindel im Lager umher, und als er ſo nach der reichſten Beute umherſchnob, ſtieß er im Getuͤmmel der hin und wieder Eilenden auch auf den Kriegscommiſſair, der in ſeinen Ge⸗ ſchaͤften hieher gekommen war, und jetzt ohne Bedenken die Cokarde von ſich warf, um, ſchnell in einen Feind verwandelt, an der all⸗ gemeinen Pluͤnderung mit Theil zu nehmen. Der Raͤuberhauptmann erkannte ihn aber auf der Stelle. Schon laͤngſt hatte er gewuͤnſcht, ſeiner einmal in den Bergen habhaft zu wer⸗ den, um die Verraͤtherei an ihm zu beſtrafen, durch die er einſt auf Tod und Leben ins Ge⸗ faͤngniß gerathen war. Ha! rief er jetzt, find ich dich hier, Schurke? wehre dich, wenn du ein Herz haſt, oder ich ſchmettere dich den Augenblick zur Erde nieder. Der Commiſſair, mit einem langen Schwerte in der Hand, lief vor ihm, ſo ſchnell er es nur vermochte, im⸗ 42²6 — mer die langen Gaſſen hinunter, um wo moͤglich im Getuͤmmel ihm zu entkommen; allein der Raͤuber ſaß ihm ſtets auf den Fer⸗ ſen, und endlich athemlos, da er nicht weiter laufen konnte, fluͤchtete er ſich in ein Zelt, wo er den Raͤuber, der ihm auch hier folgte, flehentlich und fußfaͤllig bat, ihm doch das Leben zu ſchenken, er wolle es ihm doppelt und dreifach vergelten. Wie der Raͤuber ſo klaͤglich den Dieb ſich gebehrden ſah, verweilte er einen Augenblick mit Laͤcheln uͤber ihn. Darauf fing jener an, die gegen ihn veruͤbte Falſchheit zu leugnen, und ſetzte hinzu: wer haͤtte euch fangen und halten moͤgen, es war ja vorherzuſehen, daß ihr euch retten wuͤr⸗ det. Und nun, wenn ihr gerecht ſeyn wollt, ſo koͤnnt ihr doch unmoͤglich das Leben von mir fordern, da es euch ja das Eure nicht gekoſtet hat. Auch frage ich: was kann euch mein Leben nuͤtzen, und wozu wollt ihr es mir rauben? wird es nicht weit beſſer und kluͤger ſeyn, von mir ein Loͤſegeld anzuneh⸗ „ 427 — men? Ich will eine Schrift von mir aus⸗ ſtellen in Form eines Wechſels, den koͤnnt ihr von Hand zu Haud laufen laſſen, und jedermann wird euch die Summe bezahlen. Hier ſeh' ich Schreibzeug, beſtimmt ſelbſt den Preis, den mein Kopf werth iſt.— Der Raͤuber laͤchelte wieder und, halb beſaͤnftigt, ſagte er: viel wird es nicht ſeyn; aber jetzt will ich nicht euer Geld haben, ich will euer Blut trinken. Seyd doch nicht thoͤricht, er⸗ widerte der Commiſſair, hier giebts wohl beſ⸗ ſere Getraͤnke. Laßt nur ein vernuͤnftig Wort mit euch reden; wir werden uns am Ende noch recht gut verſtehn. Dort ſehe ich Fla⸗ ſchen, ich gehe, ich ſchenke euch ein, denn euer Selav bin ich nun doch, euer Gefange⸗ ner, ich unterwerfe mich jedem Spruch. Hier trinkt, unterdeß iſt mein Wechſel geſchrieben. Wollten wir laͤnger ſtreiten, ſo verginge uns nur die ſchoͤne Zeir, die wir mit Pluͤnderung beſſer anwenden koͤnnten. Manche Koſtbar⸗ keit ſcheint hier verſteckt, die Leute ſind ent⸗ 428 —— flohen; Freund und Feind laͤuft durch einau⸗ der; Mord und Tod iſt uͤberall, laßt uns indeß keine Narren ſeyn. Es war eingeſchenkt, der Raͤuber trank. Gut! ſagte er, in den Plunder wollen wir uns nachher theilen; macht nur eure Ver⸗ ſchreibung; ſetzt tauſend Thaler, ich will es billig mit euch machen, wir ſind doch— was ſo die Geſchaͤfte betrifft— halbe Collegen. Auf dieſes Wort ſtieß der Commiſſair mit dem Raͤuber an und trank gleichfalls. Betruͤger ſind die Menſchen doch alle, ſagte der Com⸗ miſſair, aber nicht alle ſo aufrichtig als wir; alſo unſere Bruͤderſchaft! Meinetwegen, ent⸗ gegnete der Raͤuber; die Schlange hat Eva verfuͤhrt; ich laſſe mich finden. Der Himmel wird am Ende wohl an uns beiden nicht viel erobern; aber ich ſage euch, ich fuͤrchte mich ſelbſt vor dem Teufel nicht. Auch nicht vor der Hoͤlle? fragte der Commiſſair. Poſſen! erwiderte der Naͤuber, es wird droben ſo gut Spitzbuben geben, wie hier; ich wuͤßte auch 429 — nicht, wie die Menſchen durch den Tod auf einmal anders werden ſollten.— Zum Teufel! ſchenkt ein, wie ſind wir auf den Tod ge⸗ kommen!— Wie viele ſind es wohl, fragte der Commiſſair, die ihr ſchon hinuͤber geſchickt habt?— Achl laßt es auch ein Dutzend ſeyn, entgegnete jener; hoͤrt ihr nicht das Feuern, und den Kanonendonner? da fallen Tauſende gleich, gegen ſolche Geſchaͤfte iſt mein Hand⸗ werk nur eine Pfuſcherei, Aehrenleſe nach der Ernte. Aber euer Wein brennt mir im Ma⸗ gen wie hoͤlliſches Feuer; Henker! wie wied mir im Kopfe!— Und mir ſticht es im Unterleibe, ſagte der Commiſſair; ich fuͤhle ſo ein Zucken, mir iſt ſo wunderlich.— Nein! verſetzte der Raͤuber, Kraͤmpfe fuͤhl ich in der Fauſt, Glut im Gehirne. Zum Teufel! was iſt es denn, das ihr mir da zu trinken gebt? — Da beſah der Commiſſair die Flaſche, und wie er das Zeichen der Stadt erkannte, ward er todtenbleich. Gott! wo ſind wir? rief er aus; wo ſind wir hingerathen?— Nun, es 430 — wird wohl das Zelt des Feldmarſchalls ſeyn, antwortete der Raͤuber, aber was iſt euch, warum werdet ihr bleich?— Der Commiſſair ſtieß vor Angſt heiß ſeinen Athem von ſich, Schreck und Furcht umnebelte ſeine Sinne; er kruͤmmte ſich zuſammmen, warf ſich auf den Boden und ſchrie: Gott im Himmel, wir ſind verloren! Darauf wollte der Raͤuber ihm beiſpringen, aber er fuͤhlte ſeine Glieder erſtarren, und ſeine Knie erbeben. Hoͤlle und Teufel! ſchrie er, wer haͤlt mich hier in Ban⸗ den, Schurke, was haſt du gethan, ſataniſche Schlange, du haſt Giſt in den Becher ge⸗ traͤufelt. Fluch deinem Wucher! an den Teufel haſt du mich verſchrieben.— Huͤlfe! rief der andere mit matter Stimme, iſt niemand da, mir zu helfen? Ich kann nicht auf.— Ach! ich will es nur bekennen. Es war fuͤr den General; ich hab' es gemiſcht, und nun auch getrunken; wir beide ſind des Todes. Der Wein iſt vergiftet! 431 —-— Da fluchte der Raͤuber und raffte ſich ſchnaubend empor, aber er ſank, halb gelaͤhmt, bald wieder in Verzuckungen zuruͤck. Das iſt mein Lohn, rief er aus, warum mußte ich Gemeinſchaft mit einem Schurken machen! Komme nun, wer Rache nehmen will, und nehme ſein Theil! Ich hoͤre die Eule rufen; verfluchtes Schickſal! ich muß ſterben! Hier that Gottes gerechte Hand ſich kund, ſagte mein Oheim beim Anblick dieſer Boͤſe⸗ wichter, die ihr Verderben fanden durch ihre eigene Miſſethat.— Unerhoͤrtes Bubenſtuͤck! Wie konnte man ſo Schaͤndliches gegen uns beſchließen! Dieſe graͤßlichen Geſtalten zeigen uns, welch eines ſchmaͤhligen Todes wir ſter⸗ ben ſollten. Alſo auch des Oheims gedachten ſie nicht mehr zu ſchonen, um des Neffen willen; zum Dank fuͤr den Sieg ſollten wir den bittern Kelch des Todes trinken, wir und unſere Freunde mit uns. Ha! die Schaͤndli⸗ chen! ſie wollen keine Redlichkeit, ſie wol⸗ len nicht den Weg des Rechts. Wohlan! 43² —-— ihnen ſoll werden, wozu ſie durch Noth uns zwingen. Das Maaß der Bosheit iſt voll. Wunderſam hat uns der Himmel dieſesmal noch errettet, aber es hieße Gott verſuchen, wenn wir frevelnd uns ferner in Gefahr ſtuͤrzen wollten. Noch haben wir Kraͤfte, auf die wir vertrauen koͤnnen. Komme denn das Verderben uͤber die, welche es ſich ſelbſt be⸗ reitet haben.— Darauf wurden die Leichname hinausgeſchafft und offen im Lager zur Schau ausgeſtellt. Die Begebenheit lief von Zelt zu Zelt, man ſagte, daß man den Feldmarſchall und mit ihm zugleich den unſichtbaren Prinzen habe vergiften wollen. Ueberall war Getoͤſe und Zuſammenlauf, Freunde kamen uns Gluͤck zu wuͤnſchen, Rufen hoͤrte man in der Ferne, das uns neues Leben zujauchzte, und Fluch donnerte von allen Seiten auf die Verraͤther. Unter ſchrecklichem Laͤrmen und Getuͤmmel brach die Nacht herein, und ohne Schlaf er⸗ wartete ich den daͤmmernden Morgen. — Vier Vier und zwanzigſtes Capitel. Entſcheidung. Noch ehe der Tag anbrach, hoͤrte ich im Lager Trompeten ſchmettern und Trommeln mit dumpfen Schall durch die Zelte gehn, es kam jemand mich zu wecken, aber ich war ſchon in den Kleidern. Ein Adjutant trat herein, um mich zur Verſammlung zu rufen, und ich folgte ihm erwartungsvoll. Da fand ich auf einem Platze die ganze Generalitaͤt verſammelt, welche nun ihren großen Kreis oͤffnete, um mich zu empfangen. Kaum aber, daß ich in ihrer Mitte ſtand, ſo zogen ſie alle die Schwerter, und riefen mit lauter Stimme: Unſer Koͤnig lebel Sie, Prinz, ſollen unſer Monarch ſeyn! Darauf trat einer hervor und ſprach dieſe Worte: „Prinz, Sie kennen die Zerruͤttung des Reichs, Sie wiſſen, wie die Bosheit regiert, und wie nur der Ehre jetzt gewinnen kann, der ihren III. Theil. Ee 4 434 —— Entwuͤrfen froͤhnt. Der alte Koͤnig iſt zu ſchwach, laͤnger in dieſem ſturmvollen Reiche das Staatsruder zu fuͤhren; Sie ſind der naͤchſte nach ihm, entſproſſen aus ſeinem Blut, einſt von ihm anerkannt und einzig noch uͤbrig von ſeinem Geſchlecht. Suchen Sie nicht weiter die Verborgenheit, treten Sie hervor, ergreifen Sie das Scepter, ſchon laͤngſt hat die Stimme des Volks nach Ihnen verlangt, ſchon laͤngſt im getreuen Herzen Sie zum Koͤnige erwaͤhlt. Wir werden keinen Schritt von hier weichen, bis wir den Troſt mit uns nehmen koͤnnen, daß Sie, allverehr⸗ ter Prinz, unſer Koͤnig ſind.“ Jetzt richteten alle ihre Degenſpitzen auf mich. Aber darauf erwiderte ich alſo: Es erfuͤllt mich mit Stau⸗ nen, Sie ſo mit entbloͤßten Degen und Schwertern um mich her verſammelt zu ſehen; laſſen Sie mich nicht denken, daß Sie mit Gewalt mir gebieten wollen. Auf dieſe Weiſe werde ich keinen Scepter ergreifen, ſo keine Krone auf mein Haupt ſetzen; unter 435 —-— dieſen Bedingungen keinen Thron beſteigen. Wenn ich Koͤnig ſeyn ſoll, ſo zeigen Sie allernaͤchſt durch Gehorſam, daß Sie des Scepters mich wuͤrdig halten. Einen freien Regenten erwirbt man nicht ſo. Mein Wille muß unbeſchraͤnkt ſeyn, wenn anders ich ehren⸗ voll und mit Ueberlegung waͤhlen ſoll. Glanz und Hoheit hatten bis jetzt nur wenigen Reiz fuͤr mich, will ich nicht einer andern Stimme in mir Gehoͤr geben, ſo ſollen— das ſchwoͤr ich— dieſe Degenſpitzen ſich umſonſt wider mich kehren, dieſe Schwerter umſonſt auf mich blitzen. Ich verlange freie Wahl und einen ungehinderten Entſchluß. Da ich alſo geſprochen hatte, eilten ſogleich die Degen in ihre Scheiden zuruͤck, und der Kreis oͤffnete ſich, um mir freien Ausweg zu gewaͤhren. Aber der Aelteſte unter ihnen neigte ſein graues Haupt gegen mich und ſagte: Verzeihung, Ihre koͤnigliche Hoheit, es ge⸗ ſchah aus keiner andern Abſicht, als um unſerm neuen Regenten zu huldigen. Es Ee 2 486 —— wuͤrde getreuen Unterthanen nicht geziemen, uͤber den Sohn ihres Koͤnigs zu gebieten. Es ſteht allein bei Ihrer Hoheit, die Krone anzu⸗ nehmen, oder ſie zu verwerfen; jedoch bitten wir in Unterthaͤnigkeit, daß Ihr wohlwollen⸗ des Herz ſich des ungluͤcklichen Volks erbarmen, und der Verlaſſenen ſich annehmen moͤge. Wer iſt des Scepters wuͤrdiger, wer kennt das Land beſſer, wer iſt durch Schickſale bewaͤhrter, als Sie, mein gnaͤdigſter Prinz! Es iſt die Hand der Vorſehung, die Ihnen die Krotie reicht. Wir beugen in Ehrfurcht unſre Knie. — Wohl!l entgegnete ich darauf; ich erkenne es: das Schickſal iſt es, das mich aus der Huͤtte trieb, das Schickſal, das mich hinauf verfolgte bis zu dieſer Hoͤhe, ich kann nicht laͤnger widerſtreben, ich ehre den Willen einer hoͤhern Macht, und beuge nun mit Ergeben⸗ heit mein Haupt unter der Laſt der neuen Wuͤrde, Da zogen alle aufs neue die Schwerter und riefen: wir ſchwoͤren unſerm Koͤnige ewige Treue. Heil unſerm Koͤnige! * 437 —-— Jetzt erſt trat mein Oheim hinzu, und, um den uͤbrigen ein Beiſpiel zu geben, wollte er ſein Knie vor mir beugen, aber ich litt es nicht, und ſchloß ihn dankbar in meine Arme. Er hatte es ſo eingeleitet und angeordnet. Weil er meinen friedlich geſinnten Character kannte, fuͤrchtete er, daß ich noch laͤnger zoͤgern oder mich weigern moͤchte, die Krone anzunehmen, deshalb vermehrte er auf alle Weiſe die Beweggruͤnde, und ſtellte die ehr⸗ wuͤrdigen Generale mit Waffen in den Haͤn⸗ den um mich her. Nach ſo vielen Gefahren, nach ſo vielen Nachſtellungen bedurfte es keines Zwanges, keiner Ueberredung weiter; der Himmel uͤber mir war mein Zeuge, daß ich nie freventlich nach der Krone geſtrebt, daß vielmehr auf den Wogen ſchrecklicher Ge, fahren mich Gott zu dieſer Hoͤhe hinauf ge⸗ tragen hatte. Eben trat die Sonne herauf, und mit welchen Gefuͤhlen, mit welcher De⸗ muth des Gemuͤths ſah ich ſie! Gott zuerſt meinen Dank, ſprach ich zu meinem Oheim, 438 — dann zu den Uebrigen.—— Das Volk war⸗ tete auf mich, die Soldaten waren an ver⸗ ſchiedenen Plaͤtzen verſammelt. Ich ſchwang mich alſo auf das Pferd, um ihre Begierde, mich zu ſehen, zu befriedigen. Ja, ich bins, rief ich Ihnen zu, der umherirrende, der ver⸗ folgte Prinz, lange unſichtbar, endlich ſichtbar vor euch allen. Ich kenne eure Noth, ich kenne eure Beſchwerden, ich habe mit euch geduldet, mit euch getragen; ich habe geſehen, wie das Laſter die Tugend unterdruͤckt, wie Unredlichkeit und Betrug ſich immer weiter verbreitet. Es iſt Zeit, das Land zu reinigen von der Bosheit, der Wahrheit wieder eine Freiſtatt zu geben, den Rechtſchaffnen zu ſondern von dem Boͤſewicht, den Mißbraͤu⸗ chen abzuhelfen, die Geſetze zu ſchaͤrfen, die Suͤnde in ihrer Bloͤße an das Licht zu ſtellen, nd den Heuchler zu zuͤchtigen und zu ſtrafen; uͤberall iſt das Verderben, nur bei wenigen fand ich die alte Rechtſchaffenheit noch. Zu eurem Beſten wandelte ich unter euch, um 439 — eures Gluͤcks willen ſetze ich auch jetzt die Krone auf mein Haupt, und fordere von euch nun den Schwur des Gehorſams und der Treue.— Da riefen alle— wir ſchws⸗ ren!— mit furchtbar hallender Stimme, und ein Lebehoch erſchuͤtterte die Luͤfte. Nun endlich durfte ich an Clementinen denken, und mein Entſchluß war gleich gefaßt; ich gab den Grenzſtaaten ihre Freiheit wieder, nichts ſollte ſie in ihren Rechten ſtoͤren. An Fuͤrſt Albert ward ſogleich ein Friedensbote abgeſandt, und der Friede augenblicklich unter⸗ zeichnet. Doch— das Geſchaͤft, um die Prinzeſſin Regina fuͤr mich zu werben, uͤber⸗ ließ ich der Graͤfin Scharnhorſt, weil ſie zu⸗ erſt dieſe Angelegenheit eingeleitet hatte, und ich dieß zur Erkenntlichkeit ihr ſchuldig zu ſeyn glaubte. Gern waͤre ich ſelbſt augenblick⸗ lich hinuͤber geflogen zur Stadt, aber außer dem Bedenken des Anſtandes, der nun um des Volkes willen mehr Foͤrmlichkeit von mir verlangte, draͤngten mich auch andere Geſchaͤfte 440 —— ſehr wichtiger Art. Ein friedlicher Vorſchlag von mir, den ich ungeſaͤumt an den Koͤnig ſandte, war auf Anſtiften der Koͤnigin Mutter verſchmaͤht worden, und ich hatte die Betruͤb⸗ niß zu hoͤren, daß der alte Koͤnig ſelbſt mit dem Reſte ſeiner Truppen gegen mich in An⸗ marſch ſey. Eine ſchwache Gegenwehr, aber ſchmerzvoll durch den Gedanken, daß ich nun doch Buͤrgerblut vergießen ſollte! Fuͤr mich war weiter keine Gefahr zu fuͤrchten; ich ſorgte bald dafuͤr, daß die Gegner von allen Seiten umringt und eingeſchloſſen wurden. Wir ſandten Ueberlaͤufer zu ihnen, die ſie von allem unterrichten und fuͤr unſere Sache gewinnen mußten. Viele Regimenter kamen darauf freiwillig zu uns heruͤber, andere weigerten ſich zu kaͤmpfen. Als der Koͤnig das ſah, befahl er aus Verzweiflung zum Angriffe zu blaſen; aber alle Anſtrengung war vergebens; die ihn noch umgaben, leiſteten ihm nur ſchwachen Beiſtand, und nach wenigen Scharmuͤtzeln war er vor mir fluͤchtig und verlaſſen. Ich ſorengte ihm nach, und in dem naͤmlichen . Augenblicke traf eine Kugel ſein Pferd, und er ſank auf die Erde. Doch raſch, mit ver⸗ wirrtem Haar, erhob er ſich, und begehrte, das Schwert in der Hand, durchaus mit mir zu fechten. Verraͤther, ſprach er, ich gebe mich nicht in deine Haͤnde, die letzten Kraͤfte will ich zuſammenraffen, mich wider dich zu ſtemmen; ſtirb, oder toͤdte mich, wenn du kannſt. Da wehrte ich nur ſeine Streiche ab, und bat und flehete, daß er ſeines Lebens ſchonen moͤchte. Ich begehre nicht deinen Tod, rief ich, Koͤnig, halt ein, ich bin dein Sohn. Bei dieſen Worten ſenkte ich das Schwert zur Erde, und erwartete, was er thun wuͤrde. Da ward er voll Erſtaunen und ſah mich zweifelnd an. Zu ſeinen Fuͤßen nun warf ich mich nieder, und rief: Mein Vater, ich bin Ihr erſtgeborner Sohn, den man fruͤh Ihren Armen entriſſen hat; ich bin nicht todt, ich lebe noch.— Jetzt zitterten, jetzt wankten ſeine Knie, und da ich ſah, daß ihn die Kraͤfte verlaſſen wollten, umfaßte ich ihn und ſchloß ihn in meine Arme. Die an⸗ 442 —-— dern kamen unterdeß auch dazu, und trugen ihn darauf in meine Wohnung. Als er nun am andern Tage das Gewebe von Bosheit erfuhr, womit man ihn bis jetzt umſtrickt hatte, begehrte er nicht weiter zu herrſchen; die Milde kehrte zuruͤck in ſein Antlitz, er erkannte mich fuͤr ſeinen Sohn, und, indem er das anmuthigſte Schloß im Reiche zu ſeinem Aufenthalte erwaͤhlte, um ſeine letzten Tage dort in ungeſtoͤrtem Frieden zu verleben, uͤbertrug er mir die Verwaltung des Reichs, und freute ſich der Hoffnung, eine beſſere Zeit durch mich wieder aufleben zu ſehen. Die Koͤnigin und Koͤnigin Mutter aber ſammt der ſtraͤflichen Parthei begaben ſich auf dieſe Nachricht ſogleich auf die Flucht, und beſtiegen ein Schiff. Auf der See aber erhob ſich ein gewaltiger Sturm, der ſie nach dreien Tagen an die wuͤſte Inſel, nach dem naͤmlichen Aufenthalte trieb, wohin ſie einſt meine Mutter verwieſen hatten. Nachdem ſie hier viel Noth und Elend ausgeſtanden, kam endlich ein Schiff, daß ſie gluͤcklich zur 443 ——— Schweſter der Koͤnigin Mutter brachte. Dort blieben ſie auf immer, nun durch das Meer von uns getrennt, und keine Raͤnke ſtoͤrten weiter unſern Frieden. —— Fuͤnf und zwanzigſtes Capitel. Ziel. Clementine allein war der Stern, der mir Verlangen einfloͤßen konnte nach der Hoͤhe, welche ich nun erreicht hatte, und ich betrach⸗ tete ſie daher als den einzigen, koͤſtlichſten Lohn, der mir fuͤr ſo viel Muͤhen und Sorgen end⸗ lich zu Theil werden ſollte. Alle Hinderniſſe lagen nun bei Seite, und wie durch eine heitere Luft nach einem Ungewitter ſchweiften alle meine Gedanken zu ihr, und ſchon in ſuͤßer Vorſtellung erlabte ſich mein Geiſt an dem Bilde, von dem Hoheit und Sanftmuth zu⸗ gleich mir entgegen ſtrahlten. Erſt als alles blutige Werk abgethan war, ward an ihre 444 —-— Aeltern feierlich der Bewerber geſandt, der um Regina— nun ein Name von Bedeutung — fuͤr mich werben mußte. Zuruͤckkehrend aus dem Felde, war ich jetzt mit meinem Oheim auf dem Wege nach dem Schloſſe Scharnhorſt, wohin der Geſandte mir die Antwort bringen follte. Winterlich⸗heiter lag der Himmel uͤber mir, die Haine in ihrer Verklaͤrung zitterten im leiſen Hauche des Windes, und warfen ihren Blaͤtterſchmuck herab, mir den Weg zu beſtreuen. Vor mir breitete ſich ein feierlicher Tag. Nicht lange, ſo kam durch die Luft der Klang einer ſchmet⸗ ternden Trompete, dem ſogleich die Poſthoͤrner unſers Zuges Antwort gaben, und wie ein gluͤckliches Himmelszeichen ſah ich jenen Stabs⸗ trompeter vor uns herſchweben, der ſchon oft als ein Meteor mir voran gezogen war; und wo er mit ſchmetterndem Schall die ruhigen Huͤtten erreichte, ſtuͤrzte Jung und Alt hin⸗ aus uns entgegen, und auf den Thuͤrmen er⸗ wachte der Feierklang der Glocken. Wie die ſteigende Flut des Meeres, ſchwoll die Men⸗ 445 ——C— ſchenſchaar heran, welche eilte, ihren neuen Koͤnig zu ſehen. Von Dorf zu Dorf begeg⸗ nete ſich das Jubelgeſchrei der Nacheilenden und Kommenden, und durch die Freude ver⸗ bruͤdert, beruͤhrten ſich die Nahen und die Fer⸗ nen. Als wir darauf zur Grenzflur von Scharnhorſt kamen, erklang ſeitwaͤrts der ganze Wald von froͤhlicher Muſik. Hier war es, wo ich zuerſt Clementinen erblickte, und lebhaft ſtand jene froͤhliche Stunde mit allen Reizen des Fruͤhlings wieder vor mir. Und ſiehe da! eine Schaar ſtattlicher Jungfrauen huͤpfte hervor, einen feſtlichen Tanz zu weben auf friedlicher Au. Umſchwebt von ſolchen Bildern, glaubte ich, der Lenz ſey wirklich er⸗ ſchienen, und unter Blumen und Bluͤten kehre jener erſte Tag der Liebe zuruͤck. Als wir darauf den letzten Abſchnitt unſers Weges beruͤhrten, trat der biedere Fuhrmann in ſeinen Sonntagskleidern hervor, jener, der mich einſt den Haͤnden meiner Feindeentriß, und mit entbloͤßtem Haupte ſich verneigend ſagte er: ich muß meinen Herrn einfahren 446 — zur Burg, keinem andern laſſ' ich die Ehr'! Und die Pferde, mit Baͤndern geſchmuͤckt, von ſeinen Leuten vorgefuͤhrt, wurden jetzt von ihm geleitet und regiert. Ich ſah wohl ein, wie die Graͤſin dieß alles veranſtaltet, und zu meinem feſtlichen Empfange dieſe Zeichen der Erinnerung hier zuſammen gereiht hatte, noch einmal mir die Stufen zu zeigen, durch die ich ſo weit hin⸗ auf geſtiegen war. Noch feſtlicher ward es, da wir ihr Gebiet ſelbſt betraten, denn es ſtieg an der Grenze ein großer Ehrenbogen auf, an welchem der Name meiner Geliebten mit dem meinigen ſich verſchlang. Dabei ſtand ein Chor bluͤhender Landmaͤdchen, ſchoͤn, wie Braͤute geſchmuͤckt, und auf einmal, da eine zarte Jungfrau im feſtlichen Schmuck herantrat, mir einen Ehrenkranz zu reichen, glaubte ich Roſa wieder vor mir zu ſehen mit ſchalkhaft⸗freundlichem Geſicht. Ich wur⸗ de aber bald inne, wie weit jene Zeit hinter mir lag, denn es war— Roſa's aufbluͤhende Tochter, uͤber deren Anblick beſonders mein Oheim die groͤßte Freude empfand. Gleich 447 3 ——— darauf erblickte ich eine Schaar mit Aexten bewaffneter Maͤnner, welche als Abgeſandte der Gegend erſchienen, mich zu bewillkommnen, und die als Mitſtreiter bei jener Belagerung des Thurms jetzt die Ehre begehrten, mir voran als Leibwache zu ziehen. Gern ward ihnen dieß vergoͤnnt, und ſtattlich glaͤnzten ihre Aexte in der Sonne mir voran. Ehe wir aber noch die Burg erreichten, fanden wir ein großes Thor errichtet, von deſſen Gallerie herab die mannichfaltigſten Inſtrumente er⸗ ſchollen, und— der uns hier bewillkommte, war Lebrecht mit ſeinem Chor, welcher ein himmliſches Jauchzen vom goͤttlichen Haydn in meine Seele rief.— In dem Hofraume aber wartete meiner noch Groͤßeres; Eduard eilte mit jugendlicher Freude herbei, mir den Schlag zu oͤffnen; und kaum hatte ich ſeine Liebkoſungen empfangen, als noch zaͤrtlichere Arme mich umwanden— meine Mutter war es, geſchmuͤckt mit Perlen und einem himmel⸗ blauen Kleide, wie ſie mir einſt in der Huͤtte an ihrem Geburtstage erſchienen war. Freu⸗ denthraͤnen erſtickten ihre Stimme. Darauf 448 —— übergab ich ihr das Schwert, womit ich ihren Freund geraͤcht hatte. Sie druͤckte es an ihre Bruſt und ſagte: theures Schwert! nicht deshalb mir ſo lieb, weil du den Feind ge⸗ ſtraft, ſondern weil du in der Hand meines Freundes fuͤr meine Ehre und fuͤr meine Frei⸗ heit geſtritten haſt. Nun ſind alle meine Hoff⸗ nungen erfuͤllt; welche Freude erlebt die Mut⸗ ter eines ſolchen Sohnes!— Tauſende wa⸗ ren Zeugen dieſes ruͤhrenden Auftrittes, und der ganze Hof erdroͤhnte von dem Zujauchzen des Volks. Jetzt fuͤhrte ich meine Mutter zu dem Eingange des Hauſes, und hier em⸗ pfing mich die Graͤfin ſelbſt, die guͤtige Wir⸗ thin. Aber ſie ſagte, da wir die breiten Stu⸗ fen hinaufgingen: eine noch viel werthere Per⸗ ſon iſt hier, die noch mehr Sie entzuͤcken wird. Und indem oͤffnete ſich der Saal, und an den Stufen eines Throns erblickte ich Cle⸗ mentinen, die den Gluͤcklichen in die ausge⸗ breiteten Arme aufnahm. An ihrem Buſen, von ihren Lippen trank ich nun die Freude des vollkommenen himmliſchen Gluͤcks, das alles 449 —— alles zu einem Genuſſe verſchlang. Auch ihre Mutter naͤherte ſich darauf, und es gab viel freudiges Gruͤßen. Aber weil die Graͤfin es ſo erſonnen und verauſtaltet hatte, daß auch nichts dem hoͤchſten Gipfel meines Gluͤ⸗ ckes fehlen ſollte,— ſo mußte alſobald ſich ein Zimmer aufthun, worin, feſtlich behan⸗ gen, ein Altar ſtand, vor welchem Philibert in bluͤhender Engelsgeſtalt hin und her ging, beſchaͤftigt, denſelben zu ſchmuͤcken. Er wich zuruͤck, da er uns kommen ſah, und der Schloßkapellan trat aus dem Hintergrunde hervor, um— ſo wuͤnſchte es die Graͤfin— an uns die Trauung zu vollziehen, damit wir uns von Stund an ganz gehoͤren ſollten. Wir blickten uͤberraſcht einander an, und ich ſagte: die Herzen ſind eins, unſere Freunde verſammelt, was hindert uns noch? Hierauf ſprach der Prieſter, nach einer kurzen Anrede, den Segen des Himmels uͤber uns aus. Und wie wir die Ninge wechſelten, erklang die Betglocke auf dem Thurm, das Volk ſtimmte einen Geſang an, und groß und allgemein war III. Theil. f 450 —— die Ruͤhruug. Darauf nahm ich mit Clemen⸗ tinen den Thron ein. Alle Thuͤren wurden geoͤffnet, und das Volk, bis in den Vorſaal, bis in den Hof hinab, ſank auf die Knie, um mir als ihrem Koͤnige zu huldigen. Ein neues Jubelgeſchrei erhob ſich ſodann bis zu den Wolken, und ein allgemeines großes Gaſt⸗ mahl beſchloß die Feierlichkeit dieſes Tages. Als aber die Sonne ſinken wollte, ſprach Clementine zu mir: Pyilibert will Abſchied nehmen.— Meine geliebte Clementine, gaab ich zur Antwort, loͤſe mir den letzten Zweifel, † und ſage mir: wer iſt dieſer Juͤngling und was hat ihn bisher bewogen, mir ſo viel Gu⸗ tes zu erzeigen? Gern will ich dein Verlangen erfuͤllen, entgegnete ſie, doch nur ſo viel kann ich von ihm ſagen, als ich ſelbſt von ihm begreife. Es iſt ſchwer, die Seele eines andern zu ver⸗ ſtehn, zumal, wenn ſeine Gedanken einen hoͤhern Flug nehmen. Wir ſagen wohl: es iſt ein Schwaͤrmer; aber damit haben wir ſein Weſen noch nicht ergruͤndet.— Viel mag der erſte Unterricht auf ihn gewirkt ha⸗ 431 —— ben; denn ſein Vater war der Graf Fuͤrſten⸗ ſtein, der eine religioͤſe Sekte ſtiftete. Sein Hauptgrundſatz war, es ſey nicht genug, der Tugend gemaͤß zu leben, ſondern man muͤſſe ſich ihr ganz widmen, und ſie ganz und gar zum Gegenſtande ſeines Strebens machen. Da aber eines Menſchen Kraͤfte nicht hinrei⸗ chend waͤren, alle zugleich zu umfaſſen, ſo duͤrfe jeder eine davon zum beſondern Ziele waͤhlen, z. B. die Barmherzigkeit, wornach jemand es zum Zweck ſeines Lebens machen koͤnne, umher zu reiſen, und die beſte Ein⸗ richtung der Waiſenhaͤuſer zu erforſchen, und dergleichen mehr. Deshalb ſind aus dieſer Sekte wieder andere entſtanden, je nachdem die Anhaͤnger ſich zu einerlei Abſicht vereinten, und die Geſellſchaft der Wiederge⸗ burt z. B. iſt ein Zweig davon. Philibert nun, der Sohn des Grafen, wich in ſo fern von ſeinem Vater ab, als er glaubte, man duͤrfe auch wohl nach dem Antriebe ſeiner eige⸗ nen Neigung handeln, wenn man dieſe nur zum Gegenſtand der Tugend mache, und dem, was man liebe oder verehre, mit reinem Ge⸗ 3f 2 452 —--— muͤth, ſtreng, ohne Eigennutz diene. Hat vielleicht das Beiſpiel der Minneritter in vori⸗ ger Zeit, oder hat ſein eigenes Schickſal ihn dieß als eine lindernde Huͤlfe gelehrt, ich weiß es nicht. Genug, ſo bald er mich erblickte, ſing er an, mir die Zuneigung ſeines Herzens zu ſchenken, und das geſchah zuerſt, da er mich bei kindiſchen Spielen mit ſeiner Schwe⸗ ſter fand; denn, weil der Graf nach ſeinem Tode ſeine Kinder der Armuth preis gegeben hatte, erbarmte ſich ihrer meine Mutter, und gab die Tochter mir zur Geſpielin, doch be⸗ harrte dieſe ſtets mit demuthsvollem Sinn darauf, meine Dienerinn zu ſeyn. Nie em⸗ pfand ich fuͤr Philibert eine Regung, die einen Wunſch nach Beſitz angezeigt haͤtte: es war immer nur ein ruhiges, und heiteres An⸗ ſchauen, ein reines Wohlgefallen, wie es ſtets die Schoͤnheit gewaͤhrt, die ja nicht deshalb von Gott geſchaffen iſt, daß ſie nur Begier⸗ den einfloͤßen ſoll. Aus Beſorgniß, daß ich ſeine Naͤhe fuͤrchten moͤchte, entdeckte er mir auch bald ſeine Grundſaͤtze, und ließ in ſeine getraͤumte Seligkeit mich ſchauen. Ich war ſeine Gottheit, er war mein Prieſter. Er verſicherte ſtets, daß er mit Sehnſucht nur den Augenblick erwarte, wo ich von ganzem Herzen lieben wuͤrde, um mit völliger Erge⸗ benheit und ſtrengem Gehorſam mir dann zu zeigen, daß er wohl im Stande ſey, auch den, welchem ich meine Liebe ſchenke, mit gleichem Herzen zu lieben und um meinetwil⸗ len mit Brudertreue zu umfaſſen. Der Au⸗ genblick kam, und er flog ſtets wie ein Strahl meiner Augen zu dir, ein Bote meines Winks, der Laut meiner Seufzer, das Wort meiner ſtillen Wuͤnſche, der Blitz meiner Gedanken. Wenn ich in der Einſamkeit einer Arche glich, die auf offenem Meere ſchwebte, ſo war er die Taube, welche ich ausſandte, um nach dem Lande meiner Hoffnung umzuſchauen, und mir ein Blatt vom Olivenbaume zu brechen. Indem ſie noch ſo ſprach, hoͤrten wir im Nebenzimmer ſeine Tritte, er wartete auf die Stunde der Erloͤſung. Als wir eintraten, breitete er die Haͤnde gen Himmel, dankte Gott mit verklaͤrtem Angeſicht, und mit Au⸗ 2 gen, aus welchem Friede und Frendigkeit des Gemuͤths glaͤnzten Es iſt vollendet! ſagte er, es ſteht meine Prinzeſſin als Koͤnigin da, und gekroͤnt ſind meine Wuͤnſche; ich darf den Zauberkreis nun verlaſſen. Ein neues Ziel will ich ſuchen, einen neuen Kreis meines Wirkens; ich finde ihn auf dem Wege der Kunſt; Koͤnigin, ich bitte um Ihren Segen! — Bei dieſen Worten kniete er nieder, und Regina legte die Haͤnde auf ihn. Aber ſie dachte daran, wie ſie ihn belohnen, und fuͤr ſein weiteres Fortkommen ſorgen moͤchte. Des⸗ halb ſchlang ſie einen ſeidenen, golddurchwirk⸗ ten Guͤrtel um ihn, zum Andenken, wie ſie ſagte, aber ſie hatte reiche Geſchenke, Klei⸗ nodien darin verſteckt, daß heimlich dieſer Schatz ihn begleiten und ihm einſt eine Quelle des Troſtes eroͤffnen moͤchte.— Darauf gin⸗ gen wir mit ihm durch einen verborgenen Gang, bis wir ins Freie kamen, wo ein hoher Felſen vor uns lag, uͤber welchen er ſeinen Weg zu nehmen gedachte. Nachdem er noch einmal ſein klares Angeſicht zu uns gewandt hatte, ſchied er von uns thraͤnenlos —— —2 und ohne Seuſzer, und ſtieg die Hoͤhe hinan. Wir blieben ſtehen und ſahen ihm nach, bis er den Gipfel des Berges erreicht hatte. Da traf ihn noch der Scheideblick der ſinkenden Sonne, und wie eine Blume, welche ſich neigt, verſchwand er vor unſern Blicken. Eine Thraͤne zitterte in Clementinens Auge. Große Stille herrſchte um uns her. Uns war, als fuͤhlten wir den ſtillen Hingang einer zur Heimath ſcheidenden Seele. Aber das Geraͤuſch im Schloſſe weckte uns bald aus unſerm Traume, viele Lichter ent⸗ zuͤndeten ſich, und aus ſteben und ſiebenzig Bo⸗ genfenſtern ſtrahlten die Sterue neuer Freude. Das Feſt waͤhrte drei jabelvolle Tage. Darauf verließen wir Scharnhorſt und zogen durch das Jauchzen der Provinzen nach der Reſidenz, wo uns ebenfalls der glorreichſte Empfang bereitet wurde. Alles ſtroͤmte herzu, mit großem Eifer ſich bewerbend um meine Gunſt; aber ich hatte Menſchen zu erforſchen und zu ſchaͤtzen genug gelernt, und— durch die Liebe treuer Unter⸗ thanen, wie durch die Klugheit und Waffen⸗ 456 —— ſtaͤrke meines Oheims, der 7 allen Seiten mich beſchirmte, gelang es mir, bis jetzt, wo ich alles ruhig uͤberſchaue, friedlich uͤber ein friedliches Volk zu herrſchen. Auch darf ich wohl glauben, meine im Laufe des Lebens mir reichlich geſammelten Erfahrungen zum Wohle des Reichs nicht unbenutzt gelaſſen zu haben, was ich dem Urtheile meiner Zeitgenoſſen an⸗ heim ſtelle. Nur von meinen ſeltſamen Be⸗ gebenheiten hab' ich erzaͤhlen wollen, um dem hunderrzuͤngigen Geruͤcht, das des Guten leicht zu viel chut, billige Schranken zu ſetzen. Gott hat mich wunderbar geleitet. Moͤge denn mein Leben den Neugierigen zur Kurz⸗ weil, und den Verſtaͤndigern hie und da, wenn es ſeyn kann, zu Nutz und Frommen gereichen! Ende. — 2 ———— 8 ——— ſiſſinſſſſ ſfſſſſſnſſſſſſſſiſ 7 9 11 12 13 14 15 16 17 —