er, engliſcher und franzöſiſcher Literatur duard Oftmann in Gießen, Schloßgaffe Lit. A. Nr. 256. eih- und Seſebedingungen. n. Offensein der Bibliothek. Die Vibliother ſteht zur Em⸗ l pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von im Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 244 Stun⸗ nommen. 3 .(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme es Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe tterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:; 1 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: .————————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„ 3„=7„,—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, deichariihte„ ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt der Leſer ſum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird. eſſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen er Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ liehen, auch dafür zu ſtehen haben. ſelben Der unſichtbare Prinz. Ein Romanmn von St. Schuͤtze. Zweiter Theil. Leipzig, 1813. bei Johann Friedrich Hartknoch. — ₰ — — *— Erſtes Capitel. Junker. Ich mochte ohngefaͤhr vierzehn Jahr alt ſein, als mich mein Oheim, der General Fels⸗ heim, zu ſich nahm. Er machte den Leu⸗ ten weiß, daß er einen geliebten Bruder im amerikaniſchen Kriege verlohren und mich als deſſen einzigen Sohn durch ein Kauffahrtei⸗ ſchiff uͤberkommen haͤtte, in welche Luͤge ich denn herzlich gern mit einſtimmte, und dabei nicht ſelten meine Erfindungskraft in Thaͤtig⸗ keit ſetzte, oͤfters aber auch in einige Verle⸗ genheit kam. Ich hieß nun Junker Hans A 2 4 von Felshei m. Das Betragen des Gene⸗ rals gegen mich war ganz eigener Art, denn da er ſich gegen andere zwar meinen Oheim nannte, aber ſich mir keinesweges fuͤr das wollte zu erkennen geben, was er wirklich war, naͤmlich fuͤr den Bruder meiner Mutter, ſo ſuchte er ſeine guͤtige Geſinnung gegen mich hinter eine kalte, ſtrenge, ja wohl gar zor⸗ nige Außenſeite zu verbergen, womit es ihm indeß ſo wenig gelang, daß er vielmehr voͤllig einem heimlichen Liebhaber oder einem ſtill lie⸗ benden Maͤdchen aͤhnlich wurde, das ſeine Liebe nur um ſo mehr verraͤth, jemehr es ſolche zu verbergen trachtet. Die Leute im Hauſe wurden auch bald gewahr, in welcher Gunſt ich bei ihm ſtand, und ſahen ſogar in ſeiner anſcheinenden Strenge gar nichts Auf⸗ fallendes. Dies kam aber daher, weil immer das Hauptgeſchaͤft dem Menſchen ein beſtimm⸗ tes Gepraͤge giebt, welches er auch in Verhaͤlt⸗ niſſen außer demſelben nicht voͤllig los werden kann. Ein General, der Truppen comman⸗ ¹ — 5 —— dirt, läͤßt auch ſeine Frau und ſeine Kinder gern etwas vom Ton ſeines Commando's hoͤ⸗ ren, er ſpricht laut und mit feſtem Accent, und ſelbſt, wenn er Liebe erweiſt, hat ſeine gedaͤmpfte Baßſtimme immer noch viel von der Hoͤhe und Wuͤrde an ſich, von der ſie ſich herabließ. Nie iſt mir dies einleuchtender oder auffallender geworden, als da ich einmal mit einem Junker vom Regimente meines Oheims einige Zeit bei deſſen Aeltern auf dem Lande zubrachte, wo der Papa, ein abgedank⸗ ter Major, gar nicht aus den Commandiren herauskam. Wenn ſich die Familie, die ziem⸗ lich ſtark war, Morgens zum Fruͤhſtuͤck ver⸗ ſammelte, war es immer, als ob ein ganzes Bataillon heranruͤckte, das ſich gegen den Feind ſtellen ſollte. Alle mußten im voͤlligen Anzuge mit dem beſtimmten Glockenſchkage erſcheinen, Alter und Vorrang beobachten, erſt mit einem ſtillen Morgengruße vor dem Vater vorbei deſiliren, und dann in der ge⸗ hoͤrigen Rangordnung ihm zu Tiſche folgen, 6 ——--— wobei die von ſeinen Kindern ſich gewoͤhnlich des Mitredens enthalten mußten, welche vom Prieſter noch nicht confirmirt oder eingeſegnet waren, denn er hielt auch auf Froͤmmigkeit oder hatte die Kirche bei ſeiner Militairord⸗ zung mit einrangirt. Komiſche Auftritte gab es nun, wenn die Kirche mit dem Militair⸗ weſen in enge Beruͤhrung oder Widerſpruch kam. Dies war gewoͤhnlich der Fall, wenn die Kinder des Mittags alle um den Tiſch hertraten, und nach der Reihe laut ihr Gebet verrichten mußten. Dabei ſielen ſeine Blicke ſo ſtreng auf ſie, als wenn jeder einzeln haͤtte das Gewehr vor ihm praͤſentiren ſollen, und er hatte alle Augenblicke etwas zu erinnern, wodurch er die gotteslaͤſterlichſten Stoͤhrungen und Contraſte hervorbrachte. Fing zum Bei⸗ ſpiel der Kleine an: Vater unſer, der du biſt im Himmel! ſo ſprach er dazwiſchen: „Kopf hoch!“ Geheiliget werde dein Name: „ſteh doch grade!“ zu uns komme dein Reich. „Bruſt heraus!“ Dein Wille geſchehe, wie —— —— 7 —— im Himmel—:„lauter doch, lauter!“ alſo auch auf Erden; unſer taͤglich Brod gieb uns heute:„Halt! du da, was fingerſt du an der Weſte herum, was haſt du in der Taſche? Gruͤne Nuͤſſe!“ Es gab eine kleine Unterſu⸗ chung und das Gebet ſtand ſtill. Auch kleine Beſtrafungen fielen dazwiſchen vor, und der Hofmeiſter, der wie ein Lieutenant ſich hinter der Fronte befand, mußte alle Augenblick hin⸗ zuſpringen, und nachhelfen, wo etwas nicht recht war. Selten kam es ohne Schluchzen und Weinen bis zu den Worten: Dieſe Speiſe geſegne uns Gott der Vater! Dieſe altadeliche Art zu erziehen iſt zwar im Ganzen genommen fuͤr Kinder, welche dem Militair gewidmet ſind, ſo uͤbel nicht, indem ſie fruͤh zur Ordnung(die mit der Redlichkeit des Gemuͤths verwandt iſt) und zu einer gewiſſen Feſtigkeit leitet, allein mit Uebertreibung kann ſie auch leicht bis zur Ge⸗ fuͤhlloſigkeit, ja wohl gar bis zur Verruchtheit abhaͤrten und abſtumpfen, ſo daß zuletzt auch — 8 das innere Leben mit der rauhen Geſtalt wohl in Rohheit uͤbergeht. Bei meinem Oheim mußte ich ebenfalls auf Commando kommen und gehen, doch daran that er ſehr wohl, daß er mich nicht auf einmal in das vornehmere Leben eintreten ließ. Ich bewohnte ein angenehmes Hinter⸗ ſtuͤbchen, und mußte erſt meine völlige Um⸗ wandlung abwarten, ehe ich an ſeiner Tafel erſcheinen durfte. Gleich am Morgen nach meiner Ankunft ſtellte der Schneider ſich dar, um mir das Maaß zu neuen Kleidern zu neh⸗ men. Er machte mit der Anrede: gnaͤdigſter Junker— eine ſo tiefe Verbeugung, daß mir die Welt auf einmal wie herumgedreht vor⸗ kam; und nicht allein, daß mir dieſer Reſpect zu groß ſchien, ſondern es duͤnkte mich ein ſo tiefes Verbeugen uͤberhaupt etwas Laͤcherliches. Was iſt es denn nun weiter! dachte ich: macht das Kleid und mein Oheim zahlt das Geld. Ich konnte nicht umhin, uͤber ſeine Figur ein wenig die Miene zu verziehen, —— 9 —— worauf er gleich das Kleid in voraus zu lo⸗ ben anfing, indem er ſich mein Laͤcheln als eine freudige Erwartung auslegte, die er glaubte unterthaͤnigſt beſtaͤtigen zu muͤſſen. Daß ein Schneider wegen ſeiner unmaͤnuli⸗ chen Beſchaͤftigung bei den Deutſchen wenig gilt, iſt bekannt; aber auch ſeine Blaͤſſe iſt characteriſtiſch, und ſie ſcheint mir nicht blos von der Zuſammenkruͤmmung des Koͤrpers, ſondern zum Theil von der ſteten Reibung an wollenen Tuͤchern herzuruͤhren, die ihn al⸗ ler Electricitaͤt und des magnetiſchen Feuers entladet, wovon die Kleider, die aus ſeinen Haͤnden kommen, auch einen eigenen Geruch an ſich tragen. Der Schuſter, der ihm folgte, war ſchon weniger demuͤthig. Das Leder und die feſtern Handgriffe daran haben einen ganz andern Einfluß auf ihn, und er erſcheint eher plump als ſchmaͤchtig. Der Friſeur, der mir die Vollendung ge⸗ ben ſollte, zeigte dagegen gar nichts Bloͤdes . 10 ——— oder Fremdartiges. Sein Geſchaͤft macht, daß er uͤberall zu Hauſe iſt, aber weil er den Perſonen, denen er ſo nahe kommt, ſich doch nicht gleich ſtellen darf, ſo nimmt er von al⸗ len ſo viel an, daß er unter den Handwerkern der abgeſchliffenſte und zugleich der character⸗ loſeſte wird. Er hat ſich aus drei Dingen zuſammengeſetzt, dem Cavalier, der feinen Dame und aus ſich ſelbſt, was im Ganzen nichts anders als das Gepraͤge von hoͤflicher⸗ Naſeweisheit giebt. Als ich nun gehoͤrig ausſtaffirt war, ka⸗ men die Lehrer, mir Stunden zu geben. Eine Ungelaͤufigkeit im aͤußern Betragen mit einem geheimen Ruͤckhalt oder ſtillem Bewußtſein ihres innern Werths characteriſirt ſie gewoͤhn⸗ lich. Im Verhaͤltniſſe zu den Vornehmen er⸗ ſcheinen ſie wie Leute, die gar nicht willens ſind, ſich mit ihnen zu meſſen, daher ſie ſo⸗ wohl wegen ihrer zu großen Beſcheidenheit, als wegen ihres Stolzes jenen Haͤufig unan⸗ genehm fallen. Ihre ſtill hoͤfliche Verſchloſ⸗ * II —— ſenheit empfand auch ich anfangs, bis ich be⸗ kannter mit ihnen wurde und ihnen ihre Lieb⸗ haberei oder ihr hoͤchſtes Gedankengut ab⸗ lauſchte. Allmaͤhlig kam die Zeit, daß ich beim Ge⸗ neral nicht allein zur Tafel, ſondern auch in Geſellſchaften und Aſſembleen zugelaſſen wurde. Das war zum Theil wieder eine neue Welt fuͤr mich. Bei Tiſche, wo immer einige Of⸗ ficiere mitſpeiſten, war die Unterhaltung ſehr munter und ſcherzhafter Art, doch ſo, daß immer ein großer Reſpect gegen den General ſichtbar blieb. Wenn er ſich gern Schwaͤnke erzaͤhlen ließ, dachte ich an die Aehnlichkeit, die ich nach der Ausſage meiner Mutter mit ihm haben ſollte. Indeß irrten die, welche darauf irgend eine Ungerechtigkeit bauen zu koͤnnen glaubten, wovon ich ſelbſt auch ein Beiſpiel erlebte. Es gab im Regimente einen ſehr luſtigen Reiterburſchen, der wegen ſeiner klaren Stimme in der Garniſonkirche zugleich als Feldkantor gebraucht wurde. Dieſer hatte 132 kuͤrzlich gar zu arge Streiche gemacht, und nicht allein durch ſeine Pfiffe manchen Wirth betrogen, ſondern nicht mehr als drei Maͤd⸗ chen auf einmal in Verlegenheit geſetzt. Da ſeine Suͤnden zur gerichtlichen Unterſuchung kamen, meinten alle, daß der General ihm wegen ſeiner Luſtigkeit durch die Finger ſehen wuͤrde, und die Offiriere legten zur Erhaltung ſeines Humors ein gutes Wort fuͤr ihn ein. Der Tag erſchien. Und als er, um ſeine Strafe zu empfangen, auf dem Platze vor den General gefuͤhrt wurde, erwarteten aller Augen von demſelben die Begnadigung, aber der General erhob die Stimme und ſagte: Da du ſo guten Humors biſt, Friz Elme, und andern ſo luſtige Streiche ſpielen kannſt, ſo wird es dir nicht ſchwer werden, auch dir deine eigene Laſt zu erleichtern. Es iſt keine Kunſt, zu lachen, wenn es uns wohl geht; auch im Ungluͤck muß der Froͤhlige gutes Muths ſein koͤnnen. Heute ſollſt du dein Meiſterſtuͤck an dir ſelbſt zeigen, und dir dabei 13 merken, daß Luſtigkeit niemals zu ſchlechten treichen berechtigt.— Er mußte richtig durch die Riemen ſpazieren, wobei noch dazu alles uͤber ſeine ſchmerzlichen Grimaſſen und Achſelzuckungen lachte.— Es iſt doch eigen, daß das Komiſche leicht auf den, der es aus⸗ uͤbt, eine Laͤcherlichkeit zuruͤckwirft, und eine ſolche Gewalt uͤber die Phantaſie erlangt, daß andere uͤber den Spaßmacher auch noch in ſeinem Leidenszuſtande lachen muͤſſen. Dies geht oft ſo weit, daß ſelbſt der Tod deſſen, der in der Stadt fuͤr den Hauswurſt gilt, nicht ohne Lachen ausgeſprochen wird. Ob es gleich immer noch ein großer Unterſchied bleibt, eine laͤcherliche Perſon ſein und Talent zum Komiſchen beſitzen, ſo wirkt ſelbſt dieſes doch auf das Anſehn der Perſon leicht nach⸗ theilig, welches nicht allein aus dem Weſen des Komiſchen, wo der Geiſt nur von der Natur uͤber dem Menſchen Reſpect behaͤlt, folgt, ſondern auch beweiſt, wie gern die Phantaſie einer großen Einheit nachſtrebt, 1 14 —— und ſich entweder ganz dem Scherze oder ganz dem Ernſte ergiebt. Friz Elme, der eigent⸗ lich die Stelle eines geiſtlichen Vorſaͤngers ſchon laͤngſt verſcherzt hatte, verlohr ſie nun endlich wirklich. Meinen Oheim aber hoͤrte ich uͤberall deshalb loben, daß er das Lachen nicht mit dem Laſter vermenge. Es gab auch bald Gelegenheit fuͤr mich, in Damengeſellſchaften zu kommen. Zwar hatte ich fruͤher beim Amtmann ſchon etwas von vornehmer Geſellſchaft geſehn, was mir auch hier fuͤr mein Betragen nicht wenig zu ſtatten kam, doch behielt ſie bei jenem noch einen eigenen Anſtrich von laͤndlich⸗biederm Weſen. Hier machte es einen ſonderbaren Eindruck auf mich, zu ſehen, daß alle ſo leb⸗ haft, ſo freundlich und ſo froͤhlich ſich einan⸗ der begegneten, als wenn unter ihnen allen die groͤßte Freundſchaft herrſchte, und ſie ein⸗ ander jeder Zeit das groͤßte Gluͤck zu verkuͤn⸗ digen haͤtten. Anfangs wurde ich wirklich et⸗ was irre und dachte: was ſind das fuͤr gute, 15 ——— gluͤckliche Menſchen! Weil aber die freund⸗ liche Lebhaftigkeit immer fort dauerte, ohne daß eben wichtige Dinge zum Vorſchein ka⸗ men, ſo merkte ich bald, daß dies nur ſo eine Manier ſei, um gegen den andern ganz Geiſt und Leben zu ſcheinen. Das Geſpraͤch ging oft auf die geringſten Kleinigkeiten uͤber, aber die Lebhaftigkeit und das Entzuͤcken blieb immer daſſelbe. Aufangs ſtand ich in einiger Verlegenheit da, und ſchaͤmte mich, daß ich nicht ſo lebhaft empfinden, nicht ſo gutmuͤthig mich fuͤr alles intereſſiren koͤnnte; aber bald kam es mir komiſch und luſtig vor, und ich beſchloß, es ihnen friſchweg nachzumachen, nicht wie einer, der ſich bilden will, ſondern mehr nach Art eines Schauſpielers, wobei ich freilich mehr wegen meiner Drolligkeit und Naivetaͤt, als wegen meiner Beſcheidenheit Lob verdiente. Ich hatte die Ausdruͤcke bald weg: haben Sie die einzige Gnade! Sie wuͤr⸗ den meinen Oheim unendlich gluͤcklich machen! ein wunderſchoͤnes Huͤndchen, ein goͤttliches 16 bon mot!— Doch— als ich in die Maͤn⸗ nergeſellſchaft kam, fand ich es hier nicht viel beſſer, und ich merkte bald, daß fuͤr das ge⸗ ſellſchaftliche Beiſammenſein die Damen den Ton angeben. Indeß blieb es immer noch ein großer Unterſchied, ob bloße Militair⸗ oder Civilperſonen verſammelt waren. Bei jenen wirkte der Dienſt immer gewaltig mit ein, und ich muß bekennen, wenn ich die Wahl haben ſollte zwiſchen einem rohen und einem uͤberfeinen Officier, daß ich jenem bei weitem den Vorzug geben wuͤrde, weil er noch eher mit dem Begriffe eines Kriegers uͤberein⸗ ſtüönmt. Sonſt iſt aber ſehr wohl zu begrei⸗ fen, warum der Officier unter allen Staͤn⸗ den bei den Damen das meiſte Gluͤck machen muß, weil er maͤnnliches Weſen(den Aus⸗ druck von Kraft) mit Anſtand(dem Schein der Aumuth und Bildung) verbindet; das Uebrige, was Seeleneigenſchaften ſind, denkt ſich die Phantaſie nach Anleitung eines jeden Geſichts hinzu, deſſen ſtumme Sprache ſie gerade 17 gerade um ſo mehr in Bewegung ſetzt, je mehr es in der Phyſiognomie bloß bei der Andeutung geblieben iſt. Mit Junkern ſowohl als mit Ofſicieren kam ich in Umgang, und durch dieſe auch zuweilen mit Schauſpielern. Weil alles drol⸗ lig wird, was von der kuͤnftigen Wuͤrde et⸗ was vorwegnimmt, ſo hatten mir die meiſten von den Junkern mit Huth und Degen ein drolliges Anſehn; doch da ſie mich anfaͤnglich mit Verdacht und etwas fremder Miene be⸗ trachteten, ſo hatte ich ihnen die Kunſt zu imponiren bald abgelernt, und verſtand mich bald eben ſo keck und ſtolz zu bruͤſten, als ſie, ja ich wußte ſie ſogar durch Ueberbietung in einige Conſternation zu verſetzen. Dies hatte ich nicht allein in der Stunde noͤthig, wo ich mit ihnen in der Mathematik gemeinſchaftli⸗ chen Unterricht genoß, ſondern auch in einer andern, in welcher wir mit einigen Fraͤuleins Tanzuͤbungen anſtellten. Um hier nicht, wie es anfangs ſchien, zuruͤckzuſtehn, erſah ich II. Theil. B — 18 —-— bald ein Mittel, jene mit einiger Keckheit zu⸗ uͤberfluͤglnn. Es befand ſich naͤmlich unter den Taͤnzerinnen auch eine Generalstochter, die noch dazu die groͤßte war, an die ſich immer keiner recht— dieſe wandte ich mich bei der Zoͤgerung der Uebrigen gleich mit ſolcher Zuverſicht, als haͤtte kein anderer, als ich, nuf ſie Anſpruͤche machen koͤnnen. Da ſahen mich die Junker mit großen Augen an, und da ich mein ſieghaftes Betragen fortſetzte, ſo ſuchten ſie bald meinen Umgang und ach⸗ teten meine Ueberlegenheit.— Weil aber kei⸗ ner dabei von meiner Schlauheit unterrichtet war, ſo konnte es nicht fehlen, daß daraus ein neuer Irrthum entſprang. Die Beharr⸗ lichkeit, womit ich vorzugsweiſe die Generals⸗ tochter zum Tanz aufforderte, ſchien nicht nur meine hohe Abkunft, ſondern auch ein beſon⸗ deres Wohlgefallen an ihr zu verrathen. Ihre Mutter, eine Wittwe, ſah dies nicht ungern, und es waͤhrte nicht lange, ſo wurde ich von ihr zu kleinen Abendgeſellſchaften gebeten, und 19 —— oft hielt ſie mich, wenn ſich die andern ſchon entfernt hatten, noch zuruͤck, um mich uͤber meine Aeltern und uͤbe meine Herkunft aus⸗ zuforſchen. Diesmal fing ich meine Sache nicht ganz geſcheut an, denn die Regel iſt, wenn uns der andere ausforſchen will, daß wir das Spiel geſchickt umkehren, und erſt horchen, was er fuͤr eine Meinung von uns habe. Ehe ich ihr noch abmerkte, daß ſie mich fuͤr einen natuͤrlichen Sohn des Generals, meines Oheims, hielt, worin ich ſie ſehr leicht ſchamrthlich haͤtte beſtaͤrken koͤnnen, ließ ich mich darauf ein, ihr etwas von Amerika und der Seefahrt vorzuluͤgen, was mir denn nicht wenig ſauer ankam. Aber eine recht dreiſte Behauptung feſſelte bald ihre Aufmerkſamkeit. Ich ſagte mäͤmlich„ daß die Geiſter in Ame⸗ rika ganz anders erſchienen, als in Europa. Da waͤre es kein Kobold, kein Drache, kein Pudel, kein dreibeiniger Haſe, keine Geſtalt in einem Leichentuche, ſondern immer ein Vo⸗ gel, und zwar der, den der Verſtorbene am B 2 20 —— liebſten gehabt haͤtte. Als mein Vater, fuhr ich fort, der als erſter General der Amerika⸗ ner gegen die Wilden diente, an ſeinen Kriegs⸗ wunden ſtarb, ſetzte ſich ein Rabe auf ſeinen Sarg, und ließ ſich mit ihm durch die ganze Stadt tragen, und wenn er kraͤchzte, riefen die Leute: Gott geb' ihm die Ruhe! Deshalb darf auch in der ganzen Gegend kein Vogel getoͤdtet werden, und die Thiere ſind dort ſo dreiſt, daß ſie auf einem auf die Hand flie⸗ gen. Selbſt in der Kirche habe ich geſehn, wie dei Prediger ein Kanarienvogel auf dem Kopfe ſaß, ohne daß er ſich im mindeſten da⸗ durch ſtoͤhren liß. Wenn nun der Selige Luſt bekommt, die Seinigen zu beſuchen, ſo bedient er ſich ſeines Vogels, und fliegt oft am hellen lichten Tage herein und ſetzt ſich, wenn die Leute grade bei Tiſche ſitzen, auf die Suppenterrine oder auf die Bratenſchuͤſſel. Aber dieſer Weihvogel, wie die Leute ihn neunen, iſt den Verwandten nicht immer eine angenehme Erſcheinung. Oft kommt er, um 21 — den Verſtorbenen zu raͤchen, und kratzt im Schlaf den Kindern die Augen aus. Hat aber zum Beiſpiel eine Mutter ihr einziges Kind als eine Waiſe zuruͤckgelaſſen, ſo hat man nicht ſelten geſehn, daß eine Taube ſich auf die Wiege ſetzt, und dem Kinde die Flie⸗ gen abwehrt.— Ach! hoͤren Sie auf, jun⸗ ger Herr, ſagte die Generalin endlich; wer kann denn ſo etwas glauben! indeß— ſie zweifelte nur, damit ich die Sache noch mehr betheuern und durch etwas noch Aergeres uͤber⸗ bieten ſollte. Sie hatte die groͤßte Zeit ihres Lebens auf dem Lande zugebracht, und ich wußte, wie aberglaͤubiſch die Landedelfrauen gewoͤhnlich ſind, deshalb fuhr ich mit meinen Erdichtungen ganz ernſthaft fort und brachte endlich meine Hauptluͤge, naͤmlich die, daß mein Vater als General in Amerika geblieben ſei, durch die ſtarke Bedeckung der noch groͤ⸗ ern Luͤgen in voͤllige Sicherheit, ſo daß ſie jenes, was ich als etwas Ausgemachtes nur ſo vorangeſchickt hatte, gar nicht mehr be⸗ 22 „—— 8 dweiftte, und ich hoͤrte ſie bald nachher ſelbſt gegen andere Damen aͤußern, daß ich ſie uͤber Amerika herrlich unterhalten habe.— Ihre Tochter wurde nun um ein Mondsviertel freund⸗ licher gegen mich, und beim Walzen war ich nicht mehr in Gefahr, ſie aus den Haͤnden zu verlieren; doch muß ich geſtehen, daß ich nichts von einer Regung verſpuͤrte, die auf eine fruͤhe Liebe hingedeutet haͤtte. Dies kam aber gewiß daher, daß mein ohnehin nicht ſehr empfindſames Naturell durch den großen Wechſel von Erfahrungen fruͤh gewoͤhnt war, die Welt nur formell zu betrachten und zu behandeln„ ohne inich ſelbſt in ein Intereſſe zu verlieren. Zweites Capitkel. Leichtſinn. Der Adjutant meines Oheims nahm mich haͤufig in die Geſellſchaft der Officiere mit. Ich muß bekennen, daß die erſte Ruͤckſicht, die Ehre, ſehr wohl den Adel vor den uͤbrigen Staͤnden vortheilhaft unterſcheiden kann, in⸗ dem ſie auf die Anſicht der Welt uͤberhaupt großen Einfluß hat, und den Menſchen auf⸗ fordert, Herr zu ſein, nicht allein uͤber die, welche nach niedern Grundſaͤßen handeln, ſon⸗ dern uͤber die Natur f ſelbſt, ſe daß die Ein⸗ wirkung der aͤußern Dinge bekaͤmpft und be⸗ herrſcht und ſogar der Tod nicht geachtet wer⸗ den darf. Diejenigen haben Unrecht, wel⸗ che den Adel in das Gefuͤhl der Abhaͤngig⸗ keit der uͤbrigen Staͤnde herabziehen wollen. Seine Beſtimmung iſt, ddel, frei, und Herr 3 4 24 u ſein, und darauf deuter ſein ganzes Be⸗ tragen. Wenn er dem Koͤnige dient, ſo ge⸗ ſchieht es nur, weil er ihn fuͤr ſeines Gleichen haͤlt, und beide nur einen Herrn, die Ehre, uͤber ſich anerkennen. Das Ueble iſt nur, daß es nicht immer Gelegenheit giebt, dieſen Begriff in Thaͤtigkeit zu ſetzen. Deshalb geht er leicht in bloße Form uͤber, wird anſtoͤßig, andern beſchwerlich, und geraͤth in Wider⸗ ſpruͤche, wie das in allen Dingen der Fall iſt, wenn einem Begriffe, der aͤußerlich repraͤſen⸗ tirt wird, nicht die Erfuͤllung und die Wirk⸗ lichkeit nachkommt. Dies iſt beſonders ſehr haufig mit dem Ofſieier der Fall: er iſt ein Krieger auch im Frieden und hat gewoͤhnlich mehr Zeit als Geld. Innere Beſchaͤftigung, Studien, verleiden ihm ſehr leicht den Dienſt, und ſo weiß er ſich vor Langerweile nicht zu retten. Er verfaͤllt alſo haͤufig auf Spiel und Liebeshuͤndel, und geraͤth in Lagen, wo er ſeine Ehre nicht immer verfechten kann. Dar⸗ aus entſteht ein kleiner Catechismus von 25 —-— Ehrgeſetzen, der manches durchſchluͤpfen laͤßt, und ſeinem Anſehn bei den uͤbrigen Staͤnden ſchadet.— Der Adjutant ritt mit mir oͤf⸗ ters nach Strohmaun, einem laͤndlichen Gaſt⸗ hofe, wo wir immer Officiere antrafen, deren Beſchaͤftigung keine andere war, als zu ſpie⸗ len. Hier wurde ich eines Tages Augenzeuge von einem Auftritte, der mir als ein Beiſpiel von Leichtſinn ewig merkwuͤrdig bleiben wird. In einer nicht weit gelegenen Stadt bofand ſich ein uͤberaus ſchuͤnes Fraͤnlein, die i ie Anmuth, die Tugend ſelber war. Dieſe v liebte ſich in einen Offieier, deſſen Leichtfertig⸗ keit und uͤble Sitten ſie und alle Maͤdchen laͤngſt von ihm haͤtten zuruͤckſchrecken ſollen; denn, ſo wenig huͤbſch er war, ſo leicht konn⸗ te er durch ein gewandtes Betragen die Schoͤ⸗ nen an ſich feſſeln, und noch keiner einzigen hatte er Treue bewieſen. Nachdem er jenem reizenden Fraͤnlein eine Zeitlang gehuldigt hat⸗ te,-wandten ſeine Sinne ſich wieder einer andern zu, die der erſtern gleichwol in keinem 26 Stuͤcke gleichkam. Es war auf einem Balle, wo ſich die fruͤhere Geliebte ſichtlich von ſeiner Untreue uͤberzeugte. Sie ſtand wie erſtarrt bei dieſem Anblick, ihr Gefuͤhl wechſelte zwi⸗ ſchen Wehmuth und Rache, und nachdem ſie ihren Schmerz durch wilden Tanz vergebens zu unterdruͤcken geſtrebt hatte, ergriff ſie, heiß und mit aufgeloͤſten Locken aus den Reihen tretend, ein Glas toͤdtlich kalten Waſſers, und es ausleerend mit gluͤhenden Lippen ſagte ſie: Dies trinke ich Ihnen! Am folgenden Mor⸗ gen fand man ſie todt im Bette, und das Geruͤcht ſetzte hinzu, daß ſie ſich vergiftet hatte. Man hoͤrte nichts von der Reue je⸗ nes Abſcheulichen, und alles, was er that, beſtand darin, daß er auf ein Landgut hin⸗ ausreiſte, wo er an den Damen des Hauſes und an dem Kammermaͤdchen Troͤſterinnen fand. Doch einen Leichtſinn anderer Art brach⸗ te dieſe Geſchichte zuwege, der zwar menſch⸗ licher, aber mir nicht minder auffallend war. Die Familie jenes Fraͤuleins beſaß einige Mei⸗ 1 8 27 —- len von der Stadt, am Strohme gelegen, ein Schloß mit dem Begraͤbniß ihrer Ahn⸗ herrn. Hier ſollte ſie beigeſetzt werden. Der Vater befand ſich grade abweſend, und der Bruder der Ungluͤcklichen, der auch als Offi⸗ cier in jener Stadt in Garniſon ſtand, erhielt von den Verwandten den Auftrag, waͤhrend die Leiche zu Waſſer mit einem eben abgehen⸗ den Schiffe nach dem Schloſſe gebracht wuͤrde, zu Lande vorauszureiſen, und die noͤthigen Anſtalten zum Begraͤbniſſe zu treffen. Nan hatte ihn zu dieſer Abſicht hinreichend mit Geld verſehn, und in Strohmau ſah ich ihn vom Pferde ſteigen, wo er, ein wenig aus⸗ ruhend, vor Traurigkeit anfangs kein Wort ſprach. Aber indem kamen mehrere von ſei⸗ nen Bekannten aus unſerer Stadt, freuten ſich, ihn nach langer Zeit einmal wieder zu ſehen, bedauerten ſein Ungluͤck, und da er ſo traurig ſchien, bemuͤhten ſie ſich, ihn aufzu⸗ heitern. Sie ließen einige allgemeine Worte uͤber die Sterblichkeit der Menſchen fallen, 28 ſetzten ihm einen guten Troſtwein vor, und baten ihn, ſeinen Schmerz einen Augenblick zu vergeſſen. Es waͤhrte auch nicht lange, ſo wurde er deredt, und kam auf Scharmützel zu ſprechen, und was ſie ſonſt im Kriege mit einander erlebt hatten. Auch blieb nicht un⸗ beruͤhrt, wie ein muntres Spielchen haͤufig ihre Unterhaltung bis an den lichten Morgen geweſen, und als er wieder aufſitzen wollte, hieß es: Bruder, du wirſt doch in dem Wet⸗ ter nicht fortreiten wollen, es regnet, donnert und kracht draußen, daß es ein Mordſpectakel iſt; finſter wird es auch, und dahin iſt ein Weg zum Verſinken. Laß einmal ſehen— zum Spaß— ob du noch das alte Gluͤcks⸗ kind biſt; heb einmal die Karte auf.— Die Fenſterladen wurden eben zugemacht, der Ha⸗ gel fing an zu raſſeln, und es hieß bald: ich ſehe nicht ein, warum wir nicht ein Spielchen mit einander machen; dir iſt es eine Zerſtreu⸗ ung und uns ein Zeitvertreib. Somit ließen ſich die Herren zum Spiel nieder, eine Ueber⸗ 29 —— raſchung in den Karten machte neugierig auf eine andere, und ich erlebte es den Abend nicht, daß ſie wieder aufſtanden. Der helle Mond trat hinter dem Gewitter hervor, und beleuchtete Weg und Steg. Der Sarg ſchwamm ruhig auf dem Gewaͤſſer fort, der Geiſt der Jungfrau ſchwebte vielleicht in den friedlichen Strahlen uͤber ihm; aber der Bru⸗ der gedachte ihrer nicht; es iſt finſtere Nacht, ſagten die andern, bleib, bis es Tag wird. Um Mitternacht, da im Vorſaal alles ſtill war, hoͤrte er auf einmal an die Thuͤr klopfen, er richtete ſich ſchnell in die Hoͤhe und fragte, wer da klopfe. Aber ſeine Cameraden hatten nichts vernommen und redeten es ihm aus. Darauf, als er eben eine große Summe ver⸗ lor, klopfte es zum zweitenmal und gegen Morgen zum drittenmal, und ihm war, als hoͤrte er ſagen: Bruder, komm, ſchenke mir die Ruhe! Er richtete ſich jedesmal empor und Angſttropfen ſtanden auf ſeiner Stirn; aber die andern betheuerten, daß es leere Ein⸗ 30 —- bildung ſei. Als der Wirth die Fenſterladen zuruͤckſchlug, ſaßen ſie noch bei einander; der Ungluͤckliche hatte ſein Geld bis auf den letzten Heller verſpielt, das Verlorne einzuholen, war nicht mehr zu denken, und wie ein Ver⸗ zweifelnder warf er ſich auf ſein Pferd und ſprengte davon. j Am andern Tage kommt vor der Ring⸗ mauer der Burg das Schiff angeſchwommen, das den Sarg uͤberliefern ſoll, aber niemand zeigt ſich zum Empfange. Da laͤßt der Schif⸗ fer auf das Schloß hinaufſagen; er bringe hier eine Leiche, ſie moͤchten ſie doch hinauf⸗ nehmen. Was iſt das, ſpricht der Verwalter zum Amtmann, ein Schiff haͤlt in der An⸗ furt, das uns einen Leichnam bringt. Der Amtmann hoͤrt dieſe Worte mit nicht geringer Verwunderung.— Wegen des Verdachtes, daß ſich das Fraͤulein vergiftet habe, hatte man die Sache geheimer und ſchneller betrie⸗ ben, als noͤthig war. Nun laͤuft das gandze Dorf zuſammen, um zu erfahren, wer der 31 ——— Todte ſei. Weiber und Maͤdchen ringen die Haͤnde, und alle kommt ein kaltes Entſetzen an, zu denken, daß es das Fraͤulein ſein koͤn⸗ ne. Die Maͤnner trugen den Sarg hinauf, aber er war verſchloſſen, und niemand wußte, was ſie damit anzufangen haͤtten. Der Pre⸗ diger kam und der Kuͤſter und ſie riethen ihn ohne Weiteres zu oͤfnen.— Da lag die bluͤ⸗ hende Geſtalt des Fraͤuleins vor ihnen, lilien⸗ bleich, und Weiber und Kinder ſanken wei⸗ nend an ihrem Sarge nieder. Jetzt erſt kam mit Staub und Schweiß bedeckt— der To⸗ desbote, und vernahm ſchon von ferne das Klaggeſchrei, das die Burg erfuͤllte. Er ſoll⸗ te fuͤr ein ehrenvolles ſtilles Begraͤbniß ſorgen, aber, aller Mittel dazu beraubt, ſah er einem Verwirrten aͤhnlich, und kaum konnte man ſeinen Willen von ihm erfahren. Es war Abend, man laͤutete vom Thurm, der Sarg war nothduͤrftig bedeckt, Traͤger kamen, wie ſie ſich eben fanden, Schulkinder liefen zum Geſang herbei, halb ſonntaͤglich, halb * 32 — zerlumpt, und als man in die Kirche trat, ward man erſt die Dunkelheit gewahr, vor der alle zuruͤckbebten. Da wurden Lichter herbeigetragen, wie ſie eben zu haben waren, Stuͤmpſchen, Laͤmpchen und die Laternen aus den Staͤllen. Mit verwachten Augen, mit wilder Zerſtreuung um das Haupt, einem Schlaftrunkenen aͤhnlich ſchwebte der Leicht⸗ ſinnig⸗Ungluͤckliche hinter dem Sarge ſeiner Schweſter her, und als der Prediger in der Kirche die kurze Leichenpredigt ausgeſprochen hatte, und nun die Leidtragenden, der Sitte gemaͤß, um den Altar gehen und opfern ſoll⸗ teir, ſtieß er neben ſich zu ſeiner Linken den Amtmann an, und bat ihn um Opfergeld. Nicht ſo viel einmal hatte die Spielſucht ihm uͤbrig gelaſſen, und mit dem Gefuͤhl der Zer⸗ knirſchung gab er einen Anblick zum Erbar⸗ men. Aber das ganze Dorf ſchrieb es der großen Traurigkeit zu, die ihn aller Beſin⸗ nung beraube. Ich — 33 Ich habe mich nachher erkundigt, ob die⸗ ſer Officier, durch ein ſo ſchreckliches Beiſpiel gewarnt, vom Spiel abgelaſſen habe, aber ich hoͤrte von keiner Beſſerung, d5 man ihn gleich uͤbrigens einen braven und zuten Men⸗ ſchen nannte. 8 8 Zu ſolchen Dingen kann Leichtſinn ver⸗ fuͤhren, wenn Jugend 85: mit La angerweile zuſammen findet. 2 — 2 8 ( —-— Drittes Capitel. Neigung. 5 Auf mich wirkten ſolche Erfahrungen warnend und abſchreckend, und die Geſellſchaft jener Leichtſinnigen hatte nicht im mindeſten nach⸗ thelligen Einfluß auf meinen Character. Ueber⸗ dieß war ich genug mit ernſtern Studien be⸗ ſchaͤftigt, und die Lectionen und Lehrmeiſter draͤugten ſich ordentlich bei mir, ſo daß ich erſt gegen Abend Luft ſchopfen konnte.— Noch muß ich erwähnen, daß es mir anfangs ſehr ſonderbar vorkam, wenn es gelegentlich etwas im Hauſe fortzutragen oder weiter zu ruͤcken gab, und ich durchaus nicht mit Hand anlegen durfte, indem man ſagte, daß ſich das fuͤr mich nicht ſchicke. Dieſe Unterlaſſung koͤrperlicher Thaͤtigkeit koſtete mir ordentlichen Zwang, weil ich das Angreifen und Handha⸗ 4 ben vom Lande her gewohnt war; aber auch noch jetzt, wenn ich daruͤber nachdenke, finde ich es unnatuͤrlich, den Kindern in der Stadt alle koͤrperliche Beſchaͤftigungen und Anſtren⸗ gungen zu unterſagen, da ſchon die Natur der Jugend dazu treibt, und nichts geſuͤnder iſt, als wenn Knaben und Jungfrauen ſich wacker in der Wirthſchaft umhertummeln, womit die feinere Bildung recht gut beſtehen kann. 5 Unter allen Stunden war mir die in der Muſie faſt die liebſte, leider aber hatte ich woͤchentlich nur eine einzige, weil mein Oheim das Muſiciren nicht ſehr leiden konnte, und auch wohl glauben mochte, daß es fuͤr meinen kuͤnftigen Stand nicht paſſe. Es ging mir indeß grade hier am leichteſten von der Hand, und ich ſtand oft des Nachts im Mondſchein auf, um heimlich zu ſpielen. Man köͤnnte fragen, wie dieſe Liebhaberei wohl mit meinem Charakter uͤbereinſtimme, da doch das Ge⸗ fuͤhl in mir keinesweges vorherrſchte; allein C 2 — 36 ——— man wird finden, daß dieſes, wenn es auf die Ausuͤbung der Muſie ankommt, oft hinderlich wird, indem es leicht das ruhige, beſonnene, feſte Auffaſſen ſtoͤhrt, das im Le⸗ ſen und Vortragen der Noten die Hauptſache ausmacht, und ich habe faſt immer bemerkt, daß die ſehr muſicaliſ ſchen Frauenzimmer mehr durch beſonnenen Verſtand Coͤfters gar durch Kaͤlte) als durch Ge fuͤhlsſchwaͤrmerei ſich aus⸗ zeichnen; wenigſtens iſt der Schluß von der Ausuͤbung der Muſic auf vorherrſchendes Ge⸗ fühl nicht aus sgemacht richtig, indem letzteres zunaͤchſt nur auf die Empfaͤnglichkeit d des Gemuͤths fuͤr die Eindruͤcke der Muſie hin⸗ deutet, die eigene Thaͤtigkeit darin aber Kunſt⸗ fertigkeit erfordert. Das Genie freilich(ein großer C Componiſt) muß beides wieder verei⸗ nigen. 85 Außer der Muſie war das Theater mein Hauptvergnuͤgen. Es kam mir beſonders vor, wenn ich anfangs die Damen in Geſellſ⸗ ſchaft von Perſonen ſprechen hoͤrte, d ie in der Wirk⸗ 37 —— lichkeit gar nicht exiſtirten, von einer ſchoͤnen Arſene, von einem Romeo, der ſich in eine Julie verliebt habe, von einem Koͤnige auf der Jagd u. ſ. w., und alle, die vom Lande zur Stadt kommen, muß ein ſolches Geſpraͤch in gleiche Verwunderung ſetzen, beſonders, wenn ſogar die Afſecte, Haß, Liebe, Mitleid fuͤr dieſe oder jene Perſon dabei rege werden. Ich begriff aber dieſe Theilnahme, ſobald ich ſelbſt erſt ein Drama geſehn hatte. Was mir beim erſten Anblick am meiſten auffiel, war, daß alles wirklich und leibhaftig vor meinen Augen vorging und gar keine Erdichtung, kein bloßes Maͤhrchen zu ſein ſchien. Wenigſtens hatte ich mir gedacht, daß die wirklichen Per⸗ ſonen(die Schauſpieler) verlarvt gehen und als ganz eigene Weſen, die nur der poetiſchen Welt und der Phantaſie angehoͤrten, erſchei⸗ nen muͤßten. Aber ich fand alles ſo naruͤrlich, ſo leicht, ſo angenehm, daß ich gleich haͤtte zu ihnen uͤberſpringen, und mitſprechen moͤ⸗ gen. Nur, wenn die Dekorationen ploͤtzli 38 —— veraͤndert wurden, hatte ich eine Anwandlung oder Ahndung von etwas Wunderbarem. Es iſt wohl kein Zweiſel, daß die Phantaſie der Jugend, ſo wie des Ungebildeten ihre Poeſie mit dem Geiſterhaften der Welt anfaͤngt, weil ihr anfangs alles als etwas Unbegreifliches und als etwas Beſeeltes erſcheint. Die theil⸗ weiſe Verdeutlichung der Gegenſtaͤnde ruͤckt dieſes Ziel in der Folge immer weiter hinaus, und wehe dem Menſchen, wenn er es ganz aus den Augen verliert und in der Thaͤtigkeit mit den Einzelnheiten der Welt den Sinn des Ganzen vergißt; er buͤßt dann alle Poeſie ein, die ſtets, auch bei der Darſtellung des Naͤch⸗ ſten, des Alltaͤglichen, keinen andern Zweck hat, als die Dinge in ihrer wunderbaren Ei⸗ genheit, und die ganze Welt als ein ſchoͤnes Wunder darzuſtellen.— So ſehr mir das Leben auf dem Theater gefiel, ſo bemerkte ich doch bald gewiſſe immer wiederkehrende Din⸗ ge, die mir die Selbſtaͤndigkeit des Spiels erwas verdächtig machten. Naͤmlich: immer 39 — woollte einer heirathen und ſollte nicht; alle Augenblick war ein alter Vormund da, der ſeine Muͤndel ſelbſt haben wollte; und knieete einer vor ſeiner Geliebten, ſo mußte jedesmal ein anderer dazu kommen, der daruͤber großen Laͤrm erhob.— Wenn ich zuweilen Luſt be⸗ kam, ſelbſt mit zu agiren, ſo geſchah dies nicht— wie bei andern— aus großem Wohl⸗ gefallen an den hochtoͤnenden Tugendworten, mit welchen ich haͤtte prunken moͤgen, ſondern wegen des Drolligen, das in der Verſchieden⸗ heit der Geſichter, der Gebehrden und Actio⸗ nen lag, woran ich unmittelbar mein Ergoͤtzen hatte. Nur wenn Scenen von muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit vorkamen, wurde ich von der Sa⸗ che ſelbſt hingeriſſen, denn ich dachte dabei an meine Mutter, und mein Oheim heftete dann ſeine Blicke auf mich, um zu ſehen, ob ich auch eine Thraͤne vergieſſen wuͤrde. Er wuͤnſchte, daß ich ſie ſehr lieb behalten, ſie einmal wieder finden und gluͤcklich machen moͤchte, und ſagte oͤfters zu mir: Du fragſt ₰ 40 —— ja gar nicht nach deiner Mutter? Ich hoͤrte aber nur darum auf zu fragen, weil ich wuß⸗ te, daß mein Oheim ſeine Kundſchafter ver⸗ gebens nach ihr ausgeſandt hatte. Auch hatte er mir gleich anfangs ſtreng unterſagt, andern etwas von ihrem Leben und Aufent⸗ halt zu verrathen, und wenn ich ſie einmal wieder ſehen ſollte, hierin nur ihren Winken zu folgen; denn es ſchien ihm zuweilen ſelbſt darum zu thun zu ſein, daß ſie vor der Welt verborgen bliebe.— Eines Morgens hatte ich eine Ueberraſchung. Ich lag noch und ſchlief, als mich eine rauhe Hand anfaßte und mich weckte. Kaum oͤfneten ſich meine Sinne, ſo drang die lieblichſte Muſic zu meinem Ohr. Zur Seite des Bettes winſelte etwas, ich richtete meine Augen dahin und erblickte mei⸗ nen alten treuen Pudel. Er ſprang zu mir aufs Bett, und wir hatten beide eine große Freude. Er war di letbzee Zeit ein Vermaͤcht⸗ niß an Conrad geweſen, der ihn zu Hauſe an eine Schnur binden mußte, weil er mich im⸗ 41 ——— mer winſelnd ſuchte. Endlich aber hatte er ſich ſein erbarmt, ihn vor das Dorf gefuͤhrt und geſagt: ſuch ihn! Da war er nach einigem Umherſpuͤren auf die Stadt zu gerannt, und hier von den Muſteanten und Bedienten zu mir eingelaſſen worden. Die Muſic aber ruhrte von der klugen Roſa her, die den Ge⸗ burtstag des Generals von ihrer Mutter er⸗ kundet hatte und dieſen Morgengruß fuͤr das Schieklichſte hielt, um ihr liebevolles kindliches Andenken an ihn heimlich ihm aus der Ferne zuzufluͤſtern. Doch hatte ſie auch etwas koͤr⸗ perlich Bleidendes beigefuͤgt, naͤmlich einige Ellen Leinwand, die ſo fein und weiß war, als wenn der Mond ſtatt aller Bleiche ſie gleich ſelbſt geſponnen und gewebt haͤtte. Bei der Gelegenheit erfuhr ich auch, daß Conrad und Roſa gluͤcklich lebten, und beide nur zu⸗ weilen durch den Verdacht geſtoͤhrt wurden, als wenn eins das andere beherrſchen wolle: nur durch Liebe und Zaͤrtlichkeit liegen ſie ſich einander entwaffnen. 4 8 7 42 ——— Ich ſprang hurtig in meine Kleider, als ich von dem Geburtstage meines Ohei s hoͤr⸗ te, und trat ganz beſchaͤmt vor ihn, denn ich hatte nichts, wodurch ich ihm meine Liebe zu erkennen geben konnte. Indem ich ſeine Hand kuͤßte, legte ſich der Pudel halb furchtſam hinter mir auf die Erde nieder. Mein Oheim hatte ſchon von ihm vernommen, und voll Verwunderung, wie er ſich an meine Perſon draͤngte, ſtreckte er die Hand uͤber ihn aus und ſagte: lerne von dieſem!. Immer iſt es mir unbegreiflich geblieben, wie die Spuͤrkraft des Hundes ſo weit reicht, aber nicht weniger muß man ſich uͤber die Feinheit der Duͤnſte wundern, die ihn leiten. Was kann nur mit einem fluͤchtigen Fußtritte auf der Erde zuruͤckbleiben, daß der Hund den Dahingegangenen wittert? Es iſt faſt zu vermuthen, daß die Erde mit einer Anzie⸗ hungskraft fuͤr die lebenden Weſen etwas von der feinen Koͤrperatmosphaͤre des Menſchen ſchnell an ſich nimmt, das gleichſam wie ein — unendlich kleines Flaͤmmchen zuruͤckbleibt und lange die Spur des Voruͤbergegangnen ver⸗ raͤth. Doch— da auch der, welcher uͤber der Erde, auf einem Pferde oder auf einem Wagen, dahinſchwebt, in der Ferne geſpuͤrt wird, ſoll man da nicht glauben, daß die feinen Duͤnſte uͤberhaupt auf einander wirken und den Eindruck fortleiten, wie das Licht, das unſer Auge einen entfernten Gegenſtand empfinden laͤßt? Alsdann waͤre es mit dem Geruch nicht anders, als mit dem Gehoͤr und dem Geſicht. Eigentlich iſt es mit dem Se⸗ hen noch viel bewundernswuͤrdiger, weil wir durch die Fortwirkung des Lichts in den Stand geſetzt werden, ſogar Koͤrper zu em⸗ pfinden, die Millionen Meilen weit von uns entfernt ſind. Mein Pudel war jetzt wieder mein Be⸗ gleiter uͤberall und wich nicht von meiner Seite. Am meiſten aber nahm er Theil beim Fechten und Exereiren, denn er argwoͤhnte, daß der Fechtmeiſter und der Feldwebel mir 44 ——— Leids zufuͤgen moͤchten, und es war mir lan⸗ ge ſpaßhaft mit anzuſehen„ wenn jene mir mit barſcher Stimme commandirten und ſich dabei immer wieder vor dem Hunde fuͤrchte⸗ ten, bis ich ihm auf ihr Bitten ein ſtrenge⸗ res Stillſchweigen auferlegte, wobei er indeß kein Auge von meinem Gegner verwandte. 45 Viertes Capitel. Nachſtellung. Mein Exerciren beim Feldwebel hatte die Ab⸗ ſicht, daß ich mit dem Gewehr umgehen und ſofort alle Dienſtverrichtungen des Militairs lernen ſollte, denn mein Oheim wollte mich bei einem entfernten Infanterieregimente an⸗ ſtellen und hatte mich bei demſelben ſogar ſchon als Junker einſchreiben laſſen. Weil meine Geſtalt nicht groß zu werden verſprach, ſo hielt er mich zu einem Infanteriſten taug⸗ licher, als zu einem Cavalleriſten, indem en der Meinung war, daß dieſer mit einem lan⸗ gen Koͤrper ſeine Gewandtheit und koͤrperliche deberlegenheit(worauf es ja bei ihm eigent⸗ lich ankomme) erſt recht zeigen koͤnne, worin die Meinungen anderer ihm widerſprachen. Indeß— noch eh' es dahin kam, daß ich an das Regiment abgeliefert wurde, ereigneten 46 ——— ſich ganz andere Dinge. Eines Nachmittags hoͤrten wir das Poſthorn erſchallen und der Bediente trat herein und meldete den Hof⸗ juden. Mein Oheim brummte fuͤr ſich: was will der Spion einmal wieder! aber er em⸗ pfing ihn mit ſo vielen Ehren, daß man wohl ſah, der Fremde muͤſſe eine bedeutende Per⸗ ſon ſein. Auch litt er nicht, daß er anders wo als bei ihm logirte. Ich ſtaunte, da ich den Juden in das Zimmer hereintreten ſah, denn er trug keine modernen Kleider, ſondern ging halb nach orientaliſcher Art in einem langen, ſehr koſtbarem Mantel, der am Ran⸗ de mit feiner Stickerei verziert war. Es ſiel mir wie ein Schreck aufs Herz, denn ich er⸗ innerte mich in dem Augenblick an die Erzaͤh⸗ lung meiner Mutter, daß eine ſolche Geſtalt mich einſt aus der Wiege geraubt haͤtte. Mein Oheim wechſelte viele Reden der Hoͤflichkeit mit ihm, fragte, wie er beim Koͤ⸗ nige, noch mehr aber, wie er bei der Königin Mutter in Gnaden ſtehe. Wer ſeinen Ban 47 —- ſo feſt gegruͤndet hat, wie Sie, Herr Gene⸗ ral, ſagte der Jude, der hat von dort her nichts mehr zu fuͤrchten— zu fuͤrchten, ſage ich, verzeihen Sie— zu hoffen, zu wuͤn⸗ ſchen; doch nein, was haͤtte der noch zu wuͤn⸗ ſchen, von dem man ſelbſt nur zu erwarten hat. Mein Oheim lehnte aber alle Schmei⸗ cheleien uͤber ſeine Verdienſte ab, und zwei⸗ felte, ob ſeine geringe Perſon ſo wichtig ſein koͤnnte, daß man ſich ſeiner bei Hofe in be⸗ ſondern Angelegenheiten erinnern wuͤrde. Doch, doch! entgegnete der Jude, es wird bald wie⸗ der mit den Nachbarn zu thun geben, und da rechnet man ganz vorzuͤglich auf Ihren Beiſtand. Das Geſpraͤch ſchien darauf hin⸗ auszugehen, die Geſinnungen meines Oheims zu erforſchen, wenn nicht der Jude vielleicht noch ganz andere Dinge dahinter verſteckte. Auf einen leiſen Wink meines Oheims wollte ich mich eben entfernen, als jener bei meinem Voruͤbergehen einen ſcharfen Blick auf mich heftete und mich durch ſeine Anrede zu ver⸗ 48 weilen zwang. Ah! ein feiner junger Herr! ſagte er. Ein Verwandter von mir, ſetzte der General fluͤchtig hinzu. Fein, klug! fuhr der Jude fort. In ſolcher Geſellſchaft koͤnn⸗ te ich es werden, gab ich mit Beſcheidenheit zur Antwort. Sehr artig! erwiderte er dar⸗ auf und hatte immer ſeine Augen nach der Gegend meiner Ohrzipfeln gerichtet. 8 Ich daͤchte, Ihre Exeellenz uͤberließen ihn mir, daß ich ihn der Koͤnigin als Hoſpagen vor⸗ ſtellte; machen Sie mich zu Ihrem Abgeſand⸗ ten. Mein Oheim ſchuͤtzte meine Ungeſchick⸗ lichkeit vor, ſuchte das Geſpraͤch in Scherz zu wenden, und ſagte: erſt will ich ihn durch alle Fakultaͤten wandern laſſen, dann ſoll er nach Athen„ um einen Vers machen, dann nach Boͤotien, um einen Braten tranchiren zu lernen. Im Rebellande ſoll er ſich rau⸗ fen, wie ein Matroſe, unter den Orangen eine Arie ſingen wie ein Minneritter, und wenn er ſo ganz fertig iſt, dann will ich ihm erſt noch einem reiſenden Hofmuſicus uͤberge⸗ ben, 49 —— ben, daß er ihn die feinen Complimente lehrr. Drauf aber, was meinen Sie, daß er dann werden ſoll?— Ein Luſtigmacher!— Den Iuden ſchien dies faſt zu verdrießen, doch faßte er ſich ſchnell und brachte ein gezwun⸗ genes Laͤcheln hervor. Zu viel! zu viel! rief er aus, ich will fuͤr eine kuͤrzere Carriere ſorgen. Bei Tiſche lenkte der Jude— mit Fleiß⸗ wie es ſchien— das Geſpraͤch auf den abwe⸗ ſenden aͤlteſten Prinzen, der durch Kraͤnklich⸗ keit bei ſeiner Großtante die Hofnungen des Reichs zu vereiteln drohe,— und dabei ſah er meinen Oheim immer forſchend an. Aber dieſer verrieth in ſeinen Mienen nichts, das einen Argwohn erwecken konnte, ſondern ſag⸗ te ganz offen, er wundere ſich, daß die Koͤ⸗ nigin ihn ſchon ſo fruͤh von ſich haͤtte entfer⸗ nen koͤnnen. Der Iunde erwiderte darauf: die Politik, das heißt, hoͤhere Ruͤckſichten muͤſſen alle muͤtterliche Zaͤrtlichkeit uͤberwiegen. Die Hofnung, welche die Großtante, die Schwe⸗ II. Theil. D 50 ——— ſter der Koͤnigin Mutter, ihm gegeben hat, einſt ihr großes Reich an ihn zu vererben, iſt nicht ohne Wahrſcheinlichkeit, und ihr Verlan⸗ gen, ihn deshalb bei Zeiten nach ihren Grundſaͤtzen zu erziehen, ſcheint nicht unbillig. Ueberdies ſagt man,— hier ſchaͤrfte er beſon⸗ ders ſeinen forſchenden Blick auf meinem Oheim—, daß er nur wenig Blut von ſei⸗ ner Koͤnigin Mutter in ſeinen Adern habe, ſo wenig, daß die Koͤnigin kaum geneigt ſei⸗ ihn fuͤr ihren wirklich aͤchten Sohn zu halten; deſto aͤhnlicher ſoll er ſeinem Vater, dem Koͤ⸗ nige, zu werden verſprechen, der ihn deshalb ungern an ſeinem Hofe vermißt und beſtaͤndig Nachricht von ihm zu erhalten begehrt, wo⸗ mit man ihm denn dient, ſo gut man kann. Sollte er wohl gar ſterben, ſo wuͤrde er vollends untroͤſtlich ſein, und vielleicht ſelbſt nach ſeinem Grabe wallfahrten.— Mein Oheim entgegnete blos drauf, daß man wohl von einem Kinde noch nicht wiſſen koͤnne, wem er am meiſten aͤhnlich werde, ob dem —— —— Vater oder der Mutter. Was Kind! ver⸗ ſetzte der Jude haſtig darauf und richtete ſich mit großer Aufmerkſamkeit in die Hoͤhe, der Prinz muß ſo alt ſein, als Ihr Herr Couſin hier.— Mein Oheim vermuthete hinter die⸗ ſen Worten nichts Arges, aber mir kam eine Angſt an, die immer groͤßer wurde, je oͤfter die Seitenblicke des Juden auf mich fielen.— Da mein Oheim den folgenden Tag zur Re⸗ vuͤe reiſte, ſo faßte ich ſeine Hand und bat, daß er mich mitnehmen moͤchte, weil ich mich fuͤrchte, hier im Hauſe allein zuruͤckzubleiben; aber, ſich innerlich uͤber meine Anhaͤnglichkeit freuend, ſchalt er mich aus uͤber meine Furcht⸗ ſamkeit, und ſagte, daß er ja noch eine Menge Leute zuruͤcklaſſe, die mich kleine Koſtbarkeit genug verwahren koͤnnten. Die Thraͤnen kamen mir in die Augen, da ich von ihm Abſchied nahm, und mir war, als wuͤrde ich ihn lan⸗ ge nicht wieder ſehen. Obgleich die Abreiſe des Hofjuden nur auf einen Tag ſpaͤter beſtimmt war, ſo hatte ich D 2 52 —— doch ſeinetwegen große Angſt, und ich dachte daruͤber nach, wie ich wohl erfahren koͤnnte, ob er nicht ein Geheimniß vor uns verbuͤrge, das uns nachtheilig werden koͤnnte. Ich hat⸗ te meine vorigen Streiche noch nicht ganz ver⸗ lernt, und wie es Abend wurde, beſchloß ich, mich heimlich durch den Eingang des Ofens ihm zu naͤhern. Ich vermuthete, daß, wenn er etwas im Schilde fuͤhrte, er daruͤber gewiß mit ſeinem Sekretair ſich beſprechen wuͤrde. Und dies war wirklich der Fall. Was will er nur mit dem Burſchen! ſagte der Jude oͤf⸗ ters, was hat er nur mit ihm im Sinn? Will er ihn zum Koͤnige zuruͤckbringen, will er ſich eine Parthei ſtiften, will er einen Auf⸗ ſtand gegen die Koͤnigin Mutter erregen oder will er ihn fuͤr ſich heimlich zum Regenten er⸗ ziehen. Ich haͤtte ihn nicht am Leben laſſen, ihn nicht an ſeine Mutter zuruͤckliefern und lieber alle Anerbietungen der Graͤfin Scharn⸗ horſt zuruͤckweiſen ſollen. Aber ich dachte, daß er dort im Gebuͤrge verborgen genug ſei, 53 —— und daß ich mich ſeiner ſelbſt wohl einmal be⸗ dienen koͤnnte, denn wer laͤßt gern eine ſo wichtige Gelegenheit des Einfluſſes bei Hofe ungenutzt aus ſeinen Haͤnden und ſpart ſie bei der Veraͤnderlichkeit der Fuͤrſten nicht viel⸗ mehr gern auf guͤnſtige oder unguͤnſtige Zei⸗ ten auf. Mit ihm war die Koͤnigin Mutter ganz in meiner Gewalt, und ſicherte mein Anſehn. Der Gedanke an die Moͤglichkeit, daß er noch lebe, konnte mich furchtbar ma⸗ chen. Und nun in den Haͤnden dieſes unbieg⸗ famen Patrioten! Es iſt nicht zu leugnen, fuhr der Sekretair darauf fort, daß ſeine Perſon uns oder dem Hofe in Zukunft leicht nachtheilig werden kann; er traͤgt zu kenntliche Zeichen an ſich, und es giebt viele am Hofe, die ſich ſolche damals vecht gut eingepraͤgt ha⸗ ben. Hieße es nun auf einmal, der Erb⸗ prinz iſt ans Land getreten, ſo koͤnnte, wer 1 Luſt haͤtte, ſich ſeiner zu großen Dingen be⸗ dienen. Wir muͤſſen ihn in unſere Gewalt zu bekommen ſuchen, und die Abweſenheit des * 54 — Generals kann uns dazu guͤnſtig ſein. Ich weiß ſein Schlafzimmer. Wir holen Leute, auf die wir uns verlaſſen koͤnnen; ſie brechen durch das Hinterthor herein, oͤfnen ſein Ca⸗ binet und reißen ihn im Schlafe mit ſich fort; vor dem Schoͤnauer Thore haͤlt der Wagen, der Kutſcher iſt gehoͤrig unterrichtet, und ehe es noch ruchbar wird, fliehen wir mit ihm davon. Was mit ihm dann zu machen ſei, uͤberlegt ſich nachher. Ja, fuͤgte der Jude hinzu, noͤthigenfalls in ein ewiges Gefaͤngniß mit ihm!— Man kann ſich leicht vorſtel⸗ len, mit welchem bangen Erſtaunen ich dieſe Worte vernahm; es fuhr mir ſo heiß durch den ganzen Koͤrper und mein Herz klopfte ſo hoͤrbar, daß ich glaubte, der Ofen wuͤrde von mir zu gluͤhen anfangen. Doch hielt ich mich ſo ſtill, als ich vermochte, merkte mir die Hanze Verabredung, und blieb, bis jene zu Bert waren, und ich mich wieder in das Haus zuruͤckziehen konnte. Die ganze Nacht konnte ich faſt kein Auge zuthun, und uͤberlegte, was nun anzufangen ſei. Machte ich die Sache ruchbar, ſo konn⸗ te dies die groͤßte Unruhe hervorbringen, von der ſich immer noch nicht vorausſehen ließ, wie ſie fuͤr meinen Oheim und endlich fuͤr mich ausſchlagen wuͤrde. Am beſten war es wohl, mich vor jenen Leuten ſicher zu ſtellen, ohne daß jemand die Abſicht merkte.— Am folgenden Tage kam eine Stafette, die eine Aenderung im Reiſeplan des Juden und ſeine ſchnellere Entfernung bewirkte; ich glaubte alſo noch auf einen Augenblick ſicher zu ſein, und, mich in der Stille zur Abreiſe ruͤſtend, hatte ich die Vorſicht, mich unter einem Vor⸗ wande in ein anderes Zimmer zu betten, wo ich dem Geraͤuſch der Stadt naͤher war.— Ich brachte die Nacht wieder in Kleidern und halb wachend zu; aber der Schlaf uͤbermann⸗ te mich doch nach Mitternacht, und mein Be⸗ wußtſeyn verlor ſich in einen Traum, der die Seele mit den Herrlichkeiten des Hoflebens 56 —— beſchaͤftigte, als ploͤtzlich ein maͤchtiger Schall mein Ohr traf und ich mich bei der Hand ergriffen fuͤhlte. Es war niemand anders, als mein treuer Gefaͤhrte, der ein ungewohntes Geraͤuſch vom Hintergebaͤude her vernahm, und mich um ſo eiliger weckte, da die Ver⸗ änderung des Schlaforts und meine Furcht und mein Reiſekleid auch ihm ſchon eine Ah⸗ nung von Gefahr gegeben hatten. Meine An⸗ ſtalten waren ſchon getroffen: ich wartete die Annaͤherung des fernen Geraͤuſches nicht ab, ſondern einiges Geld, einige Waͤſche, und die Floͤte mit mir nehmend ſprang ich aus dem Fenſter auf die Straße, und mein Pudel folgte mir. Schlimm ſchien es mir anfangs, das von allen Thoren nur das Schoͤnauer des Nachts durſte geoͤfnet werden. Indeß— dieſer Um⸗ ſrand beguͤnſtigte grade meine Flucht, in⸗ dem die Gefahr, die hier obſchwebte, mein Fortkommen, wie ich es nur wuͤnſchen konn⸗ te, auf eine ganz eigene Weiſe beſchleunigte; — 57 —- denn, als ich mich kaum unter einem Vor⸗ wande durch die Wache gebracht hatte, rief mich nicht weit von dem Schlage eine barſche Stimme an, mit den Worten: wer kommt da? Es war der beſtellte Kutſcher, der dort in der Dunkelheit hielt. Ich wußte genau die Verabredung, die mit ihm getroffen war, und weil ich ſo heimlich heran ſchlich, glaubte er, daß ich auch einer vom Complott ſein muͤßte. Da ich nicht gleich antwortete, fragte er mit leiſerer Stimme: iſt alles richtig? ha⸗ ben ſie ihn?— Ich verſuchte mein Heil und ſagte: ja, ſie haben ihn, aber ſie werden nicht durch dies Thor kommen, weil ungluͤck⸗ licher Weiſe ein anderer Officier hier die Wa⸗ ſche bekommen hat. Sie ſind ſeitwaͤrts durch den Graben geſprengt, und fuͤhren den Be⸗ wußten zu Pferde mit ſich fort; ſie ſind ſchon weit voraus, und ich ſoll euch mit den Wor⸗ ten gruͤßen: Moor iſt Koͤnig! und euch ſagen, daß ihr nicht hinter Strohmau herum, ſondern den Damm aufwaͤrts bis zum Wirths⸗ hauſe an der Heerſtraße hinauf fahren und auf das ſchnellſte eilen ſolltet, weil ſie euch dort ſchon zu Pferde erwarteten.— Da er mich von allem ſo gut unterrichtet ſah, konn⸗ te er in meine Worte keinen Zweifel ſetzen, und um ihn noch mehr durch meine Keckheit ſicher zu machen, ſtieg ich ſogleich in den Wa⸗ gen und rief: fort!— Der Kutſcher wandte darauf den Wagen um, und das Raſſeln auf den Damm, wo er die Pferde wie zu einer Hoͤllenfahrt anpeitſchte, verhinderte uns beide, noch weiter Worte mit einander zu wechſeln. So ging es ein Paar Stunden fort, waͤh⸗ rend jene noch in der Stadt mit den Schwie⸗ rigkeiten ihrer Expedition beſchaͤftigt ſein moch⸗ ten, und ich freute mich, daß ich auf dieſe Weiſe deſſelben Mittels„ das ſie zu meiner Gefangennehmung beſtimmt hatten, mich zur ſchnellen Flucht und Befreiung bedienen konn⸗ ſte.—. Ehe noch der erſte Schimmer der Morgendaͤmmerung das große Wirthshaus an der Heerſtraße ſichtbar machte, ſprang ich — 59 — heimlich, als eben die Pferde ſich ein wenig ausgetrabt hatten, ohne merkliches Geraͤuſch aus dem Wagen heraus und duckte mich in dem Graben am Wege, bis der Kutſcher weit genug entfernt war, und dann ſchlug ich mit meinem Pudel den Weg links ein, der mich in einer ganz andern Richtung durch das Feld fuͤhrte, und mich noch vollends den Augen meiner Verfolger entzog. Ich wanderte ruͤſtig weiter fort, bis ich auf einen anmuthigen Huͤgel kam, wo unter mir eine Quelle rauſchte, welche weiter hin⸗ abwaͤrts eine Muͤhle trieb. Hier ausruhend dachte ich uͤber meine Lage nach, und bei der Erinnerung deſſen, was ich von meinen Ver⸗ folgern gehoͤrt hatte, war mir zu Muthe, wie einem, der an Seelenwanderung glaubt, und ſich die Zeit zu beſtimmen ſtrebt, wo er in einem Loͤwen oder in einem Elephanten ge⸗ wohnt hat. Ich ſollte ſchon fruͤh am Hofe gelebt und dort mich theilnehmenden Gemuͤ⸗ thern eingepraͤgt haben. Dunkel ſchwebte es 60 —— mir vor, wie auch meine Mutter mir oͤfters von meiner kleinen Perſon vorerzaͤhlte, die, in das Haus zuruͤckkehrend, alle Geraͤthſchaf⸗ ten zertruͤmmert und ſich wie ein gebietender Prinz gebehrdet habe, und es wurde mir wahrſcheinlich, daß ich ſchon in den erſten Jahren meines Lebens am Hofe irgend eine Rolle geſpielt haben muͤßte, nach welcher ich nun meine Noth haben wuͤrde, die Bedeu⸗ tung los zu werden, die man mir einſt zu geben fuͤr gut befunden hatte. Freilich ſo lange ein Kind noch in der Wiege liegt, kann man es ſo gut zu einem Fuͤrſten als zu einem Bettler machen; aber iſt das erſtere einmnal geſchehn, ſo iſt es nicht leicht, ihm die Pur⸗ purfarbe wieder abzuwiſchen; etwas Fuͤrſtliches haͤngt ihm an, und es giebt viele Leute, die davor ihr Knie beugen. O daß ich doch, rief ich aus, dieſen Firniß hier in der Quelle ab⸗ waſchen, und als ein Bettler weiter wandern koͤnnte, denn ich fuͤhlte die Gefahr, worin ich ſchwebte, wenn auch nur irgend jemand auf den 61 Einfall kommen ſollte, mich fuͤr ein Fuͤrſtenkind anzuſehn. Ich faßte daher den Entſchluß, mich, ſo viel nur immer moͤglich, in die weite Welt zu verlieren und mich meinen Nachfor⸗ ſchern unkenutlich zu machen. Doch— was ſoll das mit dem Prinzen im Auslande vor⸗ ſtellen? Soll ich einen Nebenbuhler, oder nur meinen Schatten in ihm ſehn?— Daruͤber ſchwebte mir noch große Dunkelheit vor. Mag er kommen und mein Andenken vernichten, ſagte ich zu mir ſelbſt, daß ich deſto ungeſtoͤhrter durch die Welt wandern kann.— Ich trat an die Quelle, und ſah nach den ſchwarzen Kennzeichen hinter meinen Ohren. Wie Sterne der Hoͤlle ſpiegelten ſie ſich aus dem klaren Waſſer herauf, ich ſchoͤpf⸗ te und wuſch und ſchoͤpfte wieder, aber ver⸗ gebens, ſie kamen mit ihrer Schwaͤrze nur um ſo deutlicher zum Vorſchein. Ich zog das Halstuch, um ſie zu verdecken, da das nicht gelang, blieb kein Mittel mir weiter uͤbrig, als mein Haar bis auf die Schultern herab⸗ wachſen zu laſſen, und ich ſchwur, daß bin⸗ nen Jahresfriſt kein Scheermeſſer auf mein Haupt kommen ſollte.— Indem ließ ſich eine Schalmei aus dem Thale hoͤren, und mir war bei ihrem unſchuldigen Klange, als ob die Sorgen wie Nebel vor mir hinzoͤgen. Ich gedachte meiner Floͤte und ſprach: auf dich will ich vertrauen! 63 — Fuͤuftes Capitel. Muſikaliſche Wanderung. — Ich verſuchte mein Inſtrument, und der Pu⸗ del war mein unfreiwilliger Zuhoͤrer. Als ich ſie ſo in freier Luft hell erklingen ließ, ſam⸗ melten ſich die Voͤgel des Himmels um mich, und ſpaͤheten, ob ich einer ihres Gleichen ſein moͤchte. Mir ſiel dabei meine erſte Flucht ein, wie ich die Federn von mir ſchuͤttelte, und die Voͤgel auch kamen, um ihr Neſt da⸗ mit auszubetten. Es iſt dir damals gut ge⸗ gangen, dacht' ich, ſo wird's auch wohl jetzt keine Noth haben. Indem kam ein Wagen daher gefahren, und ein Mann, der unter Brettern und Kiſten ſaß, ließ ploͤtzlich ſtill halten. Da ich aufhoͤrte zu ſpielen, winkte er mir, und fragte: wo ſoll die Reiſe hinge⸗ hen? Immer da fort! ſagte ich. Nun ſo 64 —— koͤnnen Sie ſich ja auf meinen Wagen ſetzen, junger Herr. Ich verlange weiter nichts da⸗ fuͤr, als daß Sie mir auf Ihrer Floͤte etwas vorſpielen.— Den Vorſchlag ging ich ein, und er hoͤrte mir mit vieler Aufmerkſamkeit zu. Drauf fragte er mich, wo ich hin wolle. Ich bin der Sohn eines Predigers, gab ich zur Antwort, und gehe nach den Ferien auf die Schule zuvuͤck, aber ich habe noch ſieben Geſchwiſter, und mein Vater kann nicht viel an mich wenden; da muß ich mir denn ſo gut forthelfen als ich kann. Mit Verwunderung betrachtete ich die Bretter und Kaſten, worauf wir ſaßen, auf welche ſtille Frage er erwider⸗ te: Ich bin ein Orgelbauer, das da werden die Windkaſten und dies die Pfeifen, und hieraus werden die Balgen hervorgehn. Wo ſind denn die Engel? fragte ich laͤchelnd, die vor den Pfeifen ſchweben? Ei was Engel! entgegnete er finſter, das uͤberlaſſe ich den Schuitzlern; ich habe es mit dem innern Ge⸗ baͤude zu thun. Aber, junger Herr, fuhr er fort, 653 — fort, da Sie ein Predigersſohn ſind, wie ſtehts mit der Philoſophie? Setzen Die ſich einmal hieher.— Er kniff mich in den Arm und fragte mit lauter Stimme: wie ſiehts mit der Unſterblichkeit unſerer Seele aus? Was? Sind wir unſterblich?— Wenn wir eine Seele haben, ſagte ich ganz gelaſſen, ſo muß ſie auch unſterblich ſein, denn eine Seele kann gar nicht ſterben. Ja— wenn—, entgegnete er drauf, ihr mit eu⸗ rem verfluchten wenn und aber. Und die Seele? was iſt denn das fuͤr ein Ding? Ha⸗ ben Sie ſchon eine geſehn?— Wenn ſie ein Ding waͤre, erwiderte ich, ſo verginge ſie auch. Aber haben Sie denn ſchon den Wind geſehn, der aus Ihrer Orgel kommt? Und doch bringt er eine ſo herrliche Muſie her⸗ vor.— Ganz recht, Wind! verſetzte er drauf. Der Menſch wird auch wohl ſo eine Orgel ſein, die geht, ſo lange wir Wind hin⸗ ein blaſen. Da ſteht ein Baum, hat der nicht auch eine Seele? Er treibt ja Augen, II. Theil. E ——- bluͤhet und treibt Fruͤchte hervor. Nun— wenn ich ihn umhaue, was geſchieht da?— Er ſtreckt alle Zweige von ſich, wird welk und duͤrre und ſteht nie wieder auf. Was? wo iſt denn da die Seele? Sie ſteckt in der Erde, nicht wahr? Ja, ich weiß auch, daß ich Vater und Mutter gehabt habe. Und bei der erſten Schoͤpfung— wer iſt dabei gewe⸗ ſen? Und uͤberhaupt: ſo oft ich die Bretter aus der Stadt hole, zieht die Sonne uͤber mich weg—, ich denke, das hat ſie wohl immer gethan. Haͤtte ſie es aber bleiben laſ⸗ ſen, ſo haͤtte ein ander Ding geleuchtet, und das iſt mir gleich. Nichts iſt nichts, und da⸗ von will ich nichts wiſſen.— Ich konnte den Menſchen nicht genug anſehn, da ich ihn ſo raiſonniren hoͤrte. Iſt es moͤglich, ſpra⸗ ich bei mir ſelbſt, der Mann, der zum 20 Gottes ſo viele Orgelpfeifen aufrichtet, daß ſie der ganzen Gemeine vorſingen und ſo manches frommes Halleluja und Amen in die Kirche hinunter toͤnen muͤſſen, kann an dem hohen 67 — Daſein deſſen zweifeln, deſſen Name ſein Werk verherrlichen ſoll?— Mich ſchauderte und ich ruͤckte weg von ihm, ſo weit ich durfte. Indeß— geſchieht es nicht oͤfters in der Welt, daß die Menſchen, die mit der Form einer Sache ſich abgeben, von dem Geiſte derſelben grade am wenigſten verſpuͤren? Hier heißt es alle Augenblick: ſie bauen Orgeln und ſpielen ſie nicht; ſie ſpielen ſie wohl, aber ſie ſingen nicht dazu, ſie ſingen wohl auch, aber ſie ha⸗ ben keine Andacht dabei. Wo iſt die Seele? fragen wir auch hier. Aber es iſt gut, daß der Baum auch eine hat, ſo iſt es ſicher, daß die Menſchen ſie nicht vertrinken, vereſſen und verſchlafen können. Der Gotteslaͤugner hielt den Mittag bei einem Wirthshauſe an, und ſpeiſte ſich aus ſeinem Querſacke, waͤhrend jch mich fuͤr Geld ſpeiſen ließ.— Den Nachmittag that er noch manche Frage, und lachte uͤber die Theo⸗ logen, daß ſie uͤber jenes Leben ſo viel wie nichts wuͤßten. Sein Weg ging nach einer e E 2 63 —--— kleinen Stadt, und kaum waren wir in das Thor hineingefahren, ſo ſetzte er mich auf das Steinpflaſter, ohne ſich im mindeſten weiter um mich zu bekuͤmmern. Ich eilte, Herberge zu ſuchen— aber leider ſollte den andern Tag Jahrmarkt gehalten werden, und die Markt⸗ leute hatten alle Wirthshaͤuſer bis auf den letzten Winkel erfuͤllt. Ich erkundigte mich nach der Wohnung des Mannes/ der mich hieher gebracht hatte, worauf die Leute aber ſagten: das ſei der gottloſeſte Menſch auf Gottes Erdboden, er haͤtte ſchon die zweite Frau von ſich gepruͤgelt, und kaͤme mit kei⸗ nem Fuße in die Kirche, es muͤßte denn u ſein⸗ daß er an der Orgel bauete. 3 Vor der Stadt hatte ich nicht weit ein kleines Waͤldchen erblickt, dahin nahm ich jetzt meine Zuflucht. Da die Nacht kalt zu wer⸗ den ſchien, machte ich mir Vorwuͤrfe, daß ich auf meiner Flucht kein Feuerzeug mitgenom⸗ men hatte, um noͤthigen Falls mir Feuer an⸗ zuſchlagen. Indeß, als ich in den Wald trat, 659 wurde ich nicht weit von mir Licht und end⸗ lich eine hochlodernde Flamme gewahr. Ich ging darauf zu und traf auf ein aͤrmliches Zelt von geflickter Leinwand, das eben ein Mann, ausſehend wie ein abgedankter Bedienter, auf⸗ zurichten beſchaͤftigt war, welcher ein ſo melirt braunes Angeſicht zeigte, als wenn er alle Weinreſte von allen fuͤrſtlichen Tafeln ausge trunken haͤtte. Ich bot ihm einen freundli chen guten Abend und er wollte eben danken, als er ſich ſelbſt ploͤtzlich unterbrach, und fluch te, daß der Wald davon haͤtte erzittern moͤ gen. Aber ſein Dank galt wirklich mir, und der Fluch war nur auf meinen Pudel gerich⸗ tet, der unter ſeiner kleinen Colonie eine große Bewegung hervorbrachte, denn er hatte hin⸗ ter der Scheidewand eine Geſellſchaft von Hunden bei ſich, und ſeine Frau war eben beſchaͤftigt, dem kleinen Hanswurſt die Jacke zu flicken, um damit am Markttage die Men⸗ ſchen zu ergoͤtzen. Gott! die Menſchen, was laſſen ſie ſich doch alles vorſpielen, um der 70 Wunderdinge inne zu werden, woraus die Welt zuſammengeſetzt iſt!— Ich befahl mei⸗ nen Hund auf der Stelle, zehn Schritte von mir hinter einem Baume zu bleiben, damit die Hundegeſellſchaft um ſeiner Bekanntſchaft willen nicht in Unruhe kaͤme. Fuͤr mich ver⸗ langte ich weiter nichts, als am Feuer zu ſitzen, wo eben ein kleiner Junge einen Keſſel mit Kartoffeln aufſetzte. Mangel an Quartier in der Stadt war meine Entſchuldigung, und Erſparung der Koſten ſchien der Grund des Hierſeins fuͤr die andern. Der Herr des Zel⸗ tes geſellte ſich bald zu mir, und fing ein Ge⸗ ſpraͤch mit mir an. Er war Trommelſchlaͤger geweſen, hatte im Kriege zwei Finger verloren und darauf ſeinen Abſchied bekommen. Weil ihn die Soldaten beim Regiment immer auf⸗ gezogen hatten, wie das mit dem Tambour faſt immer zu geſchehen pflegt, ſo hatte er ſich, anfangs aus Noth, und nachher aus Gewohnheit, auf die Spaßmacherei gelegt. Jetzt trieb er ſein Weſen mit Hunden, die 271 —— er zum Tanz abgerichtet hatte. Er ſchlug da⸗ zu meiſterhaft die Trommel und ſein Bube blies auf einer Pfeife dazu.— Ja, wenn wir nur was zu leben haͤtten, ſagte er: die elenden Kartoffeln ſind vom vorigen Jahr, wo ſie meine Frau ſelbſt aus der Erde nachgerodet hat; ſeit drei Wochen geben wir uns ſchon alle Muͤhe, ſie zu verzehren, aber ſie dauern mit unſerm Hunger um die Wette, und wenn ihr weiter nichts wollt, als uns beim Eſſen zuſehen, ſo geht und kommt morgen wieder, da ſind wir luſtige Leute, und ſpielen und tanzen, daß die ganze Stadt ihre Freude daran hat. Schafft Eſſen, ſagte er noch einmal, oder ſchert euch von dannen. Der Brummbaͤr! dachte ich, und ging.— Ich beſchloß, bis zu einem nahen Dorfe fortzuſchleichen, woher ich ein Licht ſchimmern ſah; aber es kam an⸗ ders; denn ſchon den halben Weg mochte ich uͤber den Stoppelacker zuruͤckgelegt haben, als ich meinen Hund vermißte. Ich lief zuruͤck, 172 ihn zu ſuchen. Da kam er langſam uͤber das Feld und ſchleppte etwas hinter ſich her, das er alle Augenblicke fallen ließ— ich ſah nach — es war ein angeſchoſſener Haſe. Mir konnte die fremde Beute nichts nutzen, aber ich gedachte gleich der Hungrigen im Walde, ging den Weg wieder zuruͤck, und ſchnell her⸗ vortretend ſagte ich: Wenn ihr einen Brat⸗ ſpieß habt, hier iſt der Braten! Da waͤre mir der Kerl beinah um dem Hals gefallen. Die ganze Hundegeſellſchaft wurde rebelliſch, als ſie den Haſen witterten; aber ihr Lehr⸗ meiſter, der Stock, ſcheuchte ſie bald wieder zur Ruhe, und ich mußte die Fertigkeit be⸗ wundern, mit welcher der Tambour den Ha⸗ ſen abzog. Mit dem großen Meſſer, das ich bei mir fuͤhrte— immer noch das vom Fuhrmann— ſchnitt ich in Ermangelung eines eiſernen Bratſpießes ein feſtes gruͤnes Holz ſo duͤnn und ſpitz, daß es dazu dienen konnte. Die Frau ließ, mit dem Buben den Spieß haltend, den Braten uͤber dem Feuer 73 —— herumlaufen, und oͤfnete auch eine Buͤchſe, ihn ſpaͤrlich zu betraͤufeln. Indem kam ein huͤbſches Maͤdchen aus der Stadt mit einem Kruge Bier. Sie war die Tochter einer Mar⸗ ketenderin und hatte ſich nur einſtweilen an dieſe Geſellſchaft angeſchloſſen; ihr Beſchuͤtzer, ein Floͤtenſpieler, hatte ſis kuͤrzlich verlaſſen, und ſie irrte jetzt allein auf den Maͤrkten um⸗ her. Sie ſpielte eine Zitter, eigentlich eine Harfe; dieſe hatte ſie aber Tages vorher an einen Prediger verkauft, weil es ihr allein zu ſchwer wurde, ſie mit ſich fortzutragen. Als die Leute ſich am Haſen erquickt hat⸗ ten, fing nach einem Glaſe Branntwein der Kuͤnſtler an, ſich fuͤr einen klugen und wohl gar gluͤcklichen Mann zu halten, indem er uͤber ſeine Kunſt großſprecheriſche Worte fuͤhr⸗ te und ſich als den Director einer großen An⸗ ſtalt betrachtete. Er ruͤhmte beſonders, wie es ihm kein Hundekomoͤdiant an Spaß gleich thun koͤnne. Daß ein Hund das Gewehr praͤſentirt, ſagte er, ſieht man uͤherall; aher— 74 ——— die Leidenſchaften, die Leidenſchaften, darauf kommt es an. Ich fragte, was er damit meine. Darauf antwortete er: was im Hunde vorgeht, das geht auch im Menſchen vor, und wenn ich den Hund zu keinen Menſchen machen kann, ſo hat auch der Menſch kein Intereſſe fuͤr ihn, denn kein eigennuͤtzigeres Geſchoͤpf giebt es auf Gottes Erden, als den Menſchen. Nun gebe ich Acht, was die Seele im Hunde vorhat, und was ſie will; denn der Hund hat auch eine Seele und die ſieht grade aus, wie die unſrige. Der Hund ſtu⸗ dirt, verlangt, haſſet, fuͤrchtet, ſehnt ſich, wird verdruͤßlich und bekommt allerhand Lau⸗ nen. Das alles muͤſſen ſie mir nun im Spiel wiederholen: ich habe einen tapfern Hannt⸗ bal und eine verliebte Roſamunde, einen furchtſamen Adonis, und einen neugierigen Peter Meffert, eine kraͤnkliche Marcebille und eine luſtige Tanzgrete. Und wenn alles vor⸗ bei iſt, dann kommen ſogar die Philoſophen dran, und dazu habe ich den großen Schwar⸗ 75 — zen da, der mir viel Geld koſtet, und den kleinen Klaͤffer hier, der nicht einen Augenblick Ruhe haͤlt. Zum Schluß muͤſſen ſich dieſe beiden produeiren, und ich werfe die Frage auf, wer die meiſte Langeweile habe, ob ein großer oder ein kleiner Hund? Ich laſſe mit Stimmenveraͤnderung zwei Philoſophen aus mir ſprechen, wovon der eine behauptet, der ruhige große Hund habe die meiſte Langeweile, der andere aber, der kleine habe ſie. Die ſtete Unruhe des einen, der immer umher laͤuft, und das Traͤumende und Verdrießliche des andern, der ſich immer aufs neue zum Schlafen hinlegt, und immer die rechte Stelle und die rechte Lage nicht treffen kann— bei⸗ des hat viel fuͤr ſich; und— wie ich rede, bewegen ſich die Hunde, ſo daß es auf dem Markt ein Mordſpectakel giebt. Ich fragte, wie denn nun die Entſcheidung dieſer wichti⸗ gen Unterſuchung ausfiele; er aber antwortete mit weiſem Laͤcheln: daruͤber waͤren die Ge⸗ lehrten noch nicht einig; der kleine Hund ſrei⸗ 76 lich waͤre am ſchlimmſten dran, weil er die Langeweile nicht ſo ertragen koͤnnte, als der große Hund; aber was hilft das ertragen, ſetzte er hinzu, er hat ſie doch einmal. Ja freilich, erwiderte ich drauf, zum Ertragen der Langeweile mag immer viel Kraft gehoͤren, und wer ſie nicht aushalten kann, wird es wohl nicht weit in der Welt bringen. Aber fragte ich— wie kommt Ihr denn auf ſolche Curioſitaͤten? Ich bin einmal Calfactor auf einer gelehrten Schule geweſen, gab er zur Antwort, von da man mich zum Tam⸗ bour nahm. Alle Augenblick kam der Lehrer geſprungen, ich moͤchte nicht ſo viel einheizen, er ſtudirte jetzt; und dann wieder; ich moͤchte mehr nachlegen, daß er Gedanken kriegte, er haͤtte ſchreckliche Langeweile. Das iſt mir nun wieder bei den Hunden eingefallen, die ſich eben ſo gebehrden. Ja, worauf verfallen die Menſchen nicht, beſonders die Philoſophen!— Um etwas von den Kunſtſtuͤcken zu ſehen, zog ich meine Floͤte hervor, aber ich hatte ſie kaum an den Mund gelegt, als die Hunde alle in einen Winkel lieſen, denn ſie glaubten, daß ſie nun auftanzen muͤßten. Als der Herr mich ſo gelaͤufg ſpielen hoͤrte, bat er mich ums Himmels willen, daß ich doch morgen feinen Hundetanz mit der Floͤte begleiten moͤch⸗ te; aber ich lachte, und ſchuͤttelte den Kopf dazu. Indem ſetzte ſich auch das Maͤdchen mit der Zitter heran und ſagte: den Tanz kann ich auch. Da wollten jene ebenfalls nicht zuruͤckbleiben, der Junge griff zur Pfelfe und der Herr zur Trommel, und nun erſcholl der ganze Wald von dem tuͤrkiſchen Laͤrm, die Voͤgel verließen ihre Neſter, und das Wild lief aufs Feld. Wir ſuchten mit einander zu harmoniren, ſo gut es gehen wollte, aber es blieb doch eine Hundemuſic. Indeß— in der Ferne mochte ſie beſſer klingen als in der Naͤhe, denn ehe wir es verſahen, kamen mit Juchhe betrunkene Bauern herangetaumelt, die ſpaͤt aus der Stadt nach Hauſe gingen, und ſchon des Marktes Vorabend gefeiert ha⸗ 7³ — ben mochten. He! Muſie! riefen ſie, aufge⸗ ſpielt, wir wollen tanzen! Es fanden ſich auch einige Nuͤchterne dazu, und luſtig gaben ſie ſich einander die Haͤnde und tanzten herum, bis ſie athemlos hinſanken. Wir mußten im⸗ mer wieder ſpielen— und mit dem Laͤrm wurde die Schaar der Tanzenden immer groͤ⸗ ßer. Freilich mag wohl kein Tanz geſuͤnder ſein, als im Freien bei ruhiger Luft, wegen des beſtaͤndig friſchen und freien Athemzuges; die Reihen der Baͤume bildeten im Schein der lodernden Flamme keinen ſchlechten Saal und der Fußboden war auch bald dazu feſtgetreten. Nach jedem Tanze warfen die Bauern Muͤn⸗ ze in das Zelt, das ich gern dem Eigenthuͤ⸗ mer uͤberließ, und ich hoͤrte, indem ſie ſich einander neckten, daß einer aufmunternd zum andern ſagte: ei was, du biſt reich wie Gund⸗ lach; oder: ſei nicht hochmuͤthig wie Conrad! welche Redensarten alſo ſpruͤchwoͤrtlich bei ih⸗ nen geworden waren. 79 ——— Der Spuk, der mir anfangs großes Ver⸗ gnuͤgen gewaͤhrte, wurde mir bald laͤſtig, denn, weil ich in zwei Naͤchten wenig geſchlafen hat⸗ te, fielen mir immer die Augen zu, und die Floͤte ſank mitten im Lauf der Toͤne von mei⸗ nem Munde herab, ſo daß ich mir nun recht gut denken konnte, wie Muſicanten zu Muthe ſein muß, die auf den Bauerhochzeiten ein⸗ nicken, wie ich es haͤufig geſehen hatte. Nur wenige Stunden brachte ich nach die⸗ ſem Tumulte am Feuer ſchlafend zu. Am andern Morgen war das Maͤdchen ſehr be⸗ hend um mich her, ſie reichte mir vom war⸗ men Bier, das ſie bereitet hatte, und ſagte: Ihre Floͤte und meine Zitter ſtimmen doch ſo ziemlich zuſammen. Ich wunderte mich uͤber dieſe Bemerkung, weil ſie ſo ploͤtzlich kam. Das Maͤdchen wandte halb verſchaͤmt das Ge⸗ ſicht von mir weg, aber die Frau kam ihr bald zu Huͤlfe, und ſagte: ja, es waͤre auch am beſten, ihr bliebet zuſammen, dann haͤtte das Maͤdchen wieder einen Beſchuͤtzer, und 80 —— Sie eine Pflegerin. Freilich, rief der alte Trommelſchlaͤger, wir muͤſſen beiſammen blei⸗ ben, eines hilft dem andern fort; kommt mit in die Stadt und ihr werdet ſehen, daß mei⸗ ne Hunde noch einmal ſo munter ſpringen, wenn ſie eure Floͤte hoͤren. Aber ich laͤchelte abermals, und ſchuͤttelte den Kopf dazu. Zwar um das Maͤdchen, daß ich ſchon ſo fruͤh einer ſolchen Lebensart ergeben ſah, that es mir leid, doch konnte ich ihr nicht helfen; ich reichte ihr die Hand zum Abſchiede und ſagte allen, auch dem Sand dgſoghee 5 auf im⸗ mer Lebewohl⸗ 1.r So viel hattrn ſchon die feinern Sitten und die Begriffe der Ehre auf mich gewirkt, daß ich es fuͤr unanſtaͤndig hielt, mit ſolchen Leuten zu leben, ob man gleich nicht von ih⸗ nen ſagen konnte, daß ſie etwas Unehrliches trieben; aber das Ehrgefuͤhl iſt von ſo eigener Art, daß, einmal erwacht, es ſich immer mehr und mehr verfeinert, und endlich ſo hoch hinaufſteigt, bis es ſich in leere Form verliert, wo 81 —— wo Ceremonien Bedeutung bekommen, wie Karten in der Hand eines Spielers, der ihnen das Recht einraͤumt, ſein Schickſal zu machen. Mein ſtilles, einſames Wandern geſiel mir nach dem Geraͤuſch, und noch war meine Caſſe im Stande, mich zu erhalten. Den Abend, als ich in ein Dorf kam, fand ich grade die Kinder auf einem gruͤnen Platz bei einander, wo ſie vergnuͤgt herum tanzten und dazu ſangen. Der Anblick mach⸗ te mir Vergnuͤgen und ich ſtellte mich hinter ſie und ſpielte die Floͤte dazu. Da hielten ſie plotzlich inne, ſahen mich erſt lachend an und dann tanzten ſie weiter. Das Ungewoͤhnliche meiner Erſcheinung verdoppelte ihre Munter⸗ keit, und es waͤhrte nicht lange, ſo oͤfneten ſich die Fenſter zweier Nachbarinnen, die ein⸗ ander gegenuͤber wohnten, und die nach An⸗ hoͤrung meiner Muſic meinten, daß ſie mir dafuͤr auch etwas erzeigen muͤßten. Die eine hielt ein Butterbrod in ihrer Hand, und da II. Theil. F 8² —-— ich nicht darauf zu merken ſchien, reichte die andere ein Stuͤck Kuchen heraus, worauf jene zuruͤckging und einen Krug Bier zeigte. Da fingen beide an zu lachen, denn ſie ſahen wohl, wie ſie ſich einander uͤberboten und hatten beide das Herz nicht, mich zu ſich zu rufen, weil ich ziemlich ſtattlich gekleidet ging. Meh⸗ rere freundliche Geſichter geſellten ſich hinter den Fenſtern zu ihnen, und beide Partheien fuhren fort, ſich ſcherzend einander hoͤher zu treiben, bis die eine ein Glas Wein bot, waͤh⸗ rend die andere Liqueur hinhielt. Jetzt ſchritt ich wie ein citirter Geiſt zu jener hinuͤber und trank den Wein, und bat mir dann von die⸗ ſer das Butterbrod aus, woruͤber beide Theile ſich ſehr zufrieden bezeigten.— Sehr Scha⸗ de, daß Mißbrauch die Gaſtfreiheit verſcheucht hat; ſie liegt ſo ganz im natuͤrlichen Gefuͤhl des Menſchen, und hat fuͤr den Empfaͤnger ſowohl als fuͤr dem Geber unendlichen Reiz. Es iſt, als ob ſich unter den Augen Gottes die Verwandtſchaft ſeiner Kinder dadurch offen⸗ 83 —— barte. Man fragt den Fremden ſo gern, haſt du auch ein Haus? haſt du auch Aeltern, haſt du auch Kinder? und fuͤhlt ſich beim Anblick des Wandernden ſo gluͤcklich im Beſitz von dieſem allen! Einer forſcht nach dem Neuen des andern, und jeder wird ſich in dem Zuſtande des Fremden erſt bewußt, was den Menſchen zum Menſchen macht. Leider ſind die Wohnungen auf den Doͤr⸗ fern nicht fuͤr den Sommer, ſondern fuͤr den Winter gebaut, wo ſie ſo wenig als moͤglich Kaͤlte und Luft einlaſſen duͤrfen, woraus fuͤr die Lebensart der Bewohner eine ſehr abſte⸗ chende, nachtheilige Verſchiedenheit entſpringt. Der Abend war ſo ſchoͤn, daß ich mich ohn⸗ moͤglich ſchon entſchließen konnte, in ein ſo enges Haus oder in einen ſchmuzigen Gaſthof einzukehren. Ich machte lieber um das Dorf einen Spaziergang, und ſah, wie die unter⸗ gehende Sonne den aufwallenden Staub roͤ⸗ thete. Die Heerden kamen eben ins Dorf zuruͤck, erſt die Schafe, dann die Gaͤnſe, wo⸗ F 2 84 — bei ich mich an meinen vorigen Schaͤferſtand erinnerte. Drauf ſchlich ich an den Gaͤrten hin, die das Dorf als die ſchoͤnſte Zierde um⸗ gaben, woraus ein leiſer Abendwind die ſchoͤn⸗ ſten Wohlgeruͤche von Blumen und Fruͤchten heruͤberwehte. Ein munteres Geraͤuſch zog endlich meine Aufmerkſamkeit an ſich. Der Wipfel eines Birnbaums war in Bewegung, und die Stimme eines Kuaben rief herab: die ſitzen feſt! Indem kam ein Mann im weißen Schlafrock, mit einer langen Raupen⸗ ſtange, die er zum Baum hinaufſtreckte, und womit er einige Zweige ruͤttelte und ſchuͤttelte. Aber weiter zuruͤck hoͤrte ich ein Lachen von mehrern Kindern, und nachdem eine Maͤdchen⸗ ſtimme ihnen Ruhe geboten hatte, erklangen die Saiten einer Harfe, deren melancholiſche Toͤne nachher zum munterſten Spiele uͤber⸗ gingen. Die Stimmen um den Baum ver⸗ loren ſich bald nach der Harfe zu, und alles ſchien nun in einer gruͤnen Laube verſammelt zu ſein.— Noch nie hatte mich das haͤus⸗ 85 liche Leben ſo hold angelacht als hier. Ich fuͤhlte ein heftiges Verlangen, mitten unter ihnen zu ſein, und wußte nicht, wie ich es anfangen ſollte. Es fuͤgte ſich aber bald, daß das Maͤdchen ein Stuͤck auf der Harfe ſpiel⸗ te, das zugleich fuͤr die Floͤte geſetzt war, und das ich recht gut kannte. Es war das Lied von Hoͤlty: Ein Vogel kam geflogen oft in mein Kaͤmmerlein, das mit der Flöͤte ſich al⸗ lerliebſt ausnimmt, indem dieſe mit ihren Toͤ⸗ nen dazwiſchen gleichſam auf⸗ und abhuͤpft, und das ſuͤße Koſen des Vogels und ſein Zupfen am Buſenband mit unſaͤglichem Reiz nachahmt. Ich zog den Augenblick mein In⸗ ſtrument hervor und ſtimmte aus der Ferne mit ein. Ein Geraͤuſch der Kinder wollte das Spiel unterbrechen, aber der Vater ſagte: ſpiele doch fort! Da horchten alle ganz ruhig auf, und Floͤte und Harfe vereinigten ſich, obwohl getrennt, zum ſchoͤnſten Einklange, zweien Nachtigallen aͤhnlich, die wechſelnd im Geſang auf einander warten und dann wieder 86 gleichſtimmig zuſammen treffen. Doch kaum war das Spiel geendet, ſo riefen die Kinder: der Vogel ſitzt hinter dem Garten, wir wol⸗ len ihn fangen, kommt! Da trat— der Pre⸗ diger mit ſeiner Familie aus der Hinterthuͤr heraus, zog ſeine Muͤtze ab, und bat, daß ich doch naͤher kommen moͤchte. Ohne vieles Fragen hieß er mich zu ihnen in die Laube gehen, und Mariane, ſeine aͤlteſte Tochter, mußte wieder in die Harfe greifen und meine Floͤte mit ihr eins zu werden trachten. Aber das wollte nicht immer gelingen, und endlich ſpielte jeder wechſelsweiſe ſein Stuͤck fuͤr ſich. Ich konnte die ſchoͤne Gruppe nicht genug be⸗ wundern. Man bot mir ein Glas Milch an, und es kam die Zeit, daß ich reden ſollte. Ich bin ein Schuͤler, ſagte ich, von— ich nannte mit Fleiß einen recht entfernten Ort—, habe in den Hundstagsferien meine Tante be⸗ ſucht, die in der Vorſtadt der Reſidenz wohnt, und die mich gern einmal ſehen wollte Mein Vater iſt Schulhalter und unterrichtet 87 der Muſic. Von ihm habe ich das Horn und die Floͤte gelernt. Ich helfe mir fort, ſo gut ich kann, und wenn der Himmel mir Goͤnner beſchert, ſo hoffe ich noch zu ſtudiren.— Der Paſtor ſah freundlich, doch etwas forſchend mich an, und that einige lateiniſche Fragen, die ich ihm ganz gut beantwortete. Darauf holte er Buͤcher her, woraus ich etwas uͤberſetzen mußte. Er ſchlug den Cicero auf, es war das Buch von der Freundſchaft. Mit eini⸗ ger Einhuͤlfe ging es ſo ziemlich. Aber wie ich ſo lauter Stimme im Garten das Gute und Loͤbliche uͤber die Freundſchaft im Kreiſe der fremden Menſchen ausſprach, erwachten allmaͤhlig bekannte Gefuͤhle in meinem Her⸗ zen, wie ein Nachhall zu den Worten, und riefen mit zunehmender Sehnſucht meinen Freund Eduard gleichſam vom Horizonte heruͤber. Meine Stimme ſank gegen das Ende, eine leiſe Nuͤhrung drohete meine 88 — Worte zu erſticken, und der P nahm mir mit ernſtem Wohlgefallen d aus der Hand. Er bat mich, bis morgen bei ihm zu verweilen, und ich uͤbernachtete bei ihm. kse In keinem Stande iſt Laͤndlichkeit, Gei⸗ ſtesbildung und Froͤmmigkeit ſo ſchoͤn ver⸗ ſchmolzen als beim Landprediger, wenn er nicht zum Bauer ausgeartet oder dem ſtaͤdtiſchen Leben bei reichen Amt⸗ und Edelleuten zuge⸗ than iſt, und keine Miſchung ſtimmt zu einem ſo ſchoͤnen Ganzen, gleichſam zum Bilde der Vollkommenheit, zuſammen, als jene Eigen⸗ ſchaften, denn ſie vereinigen drei verſchiedene Dinge, wovon jedes ſchon fuͤr ſich dem Men⸗ ſchen fuͤr etwas Ideales oder fuͤr einen Ziel⸗ punct des Strebens gilt, naͤmlich: Natur, Wiſſenſchaft und Religion. Dieſes alles ver⸗ bunden bringt bei dem Landprediger, je nach⸗ dem es nur die Umſtaͤnde erlauben, ein wahr⸗ haft idylliſches Leben hervor, und erzeugt in 89 ſeinem Hauſe einen Ton und ein Betragen, das von Unziemlichkeit und leerer Etikette ſich gleich weit entfernt haͤlt. Einen eigenen Cha⸗ racter nehmen davon die Predigertoͤchter an, bei deren laͤndlichen, ſanften und frommen Froͤhlichkeit haͤufig Worte in das Geſpraͤch ſich miſchen, die, etwas von Kenntniſſen mitbrin⸗ gend, aus dem Munde des Vaters und aus dem Reich der Wiſſenſchaften heruͤbertoͤnen.— Doch nur der kann in dem Wirkungskreiſe und in dem Amte des Predigers ſeine Gluͤck⸗ ſeligkeit finden, der keine heftigen Wuͤnſche und Leidenſchaften zu kuͤhnern Unternehmun⸗ gen in ſich verſpuͤrt. Nachdem mir alle am andern Morgen bei der Abreiſe ein freundliches Lebewohl zugenickt hatten, ſchied ich von ihnen. Doch ſo oft in der Folge meine Phantaſie von den Stuͤr⸗ men des Lebens ausruhen wollte, kehrte ich in Gedanken bei dieſem Prediger ein, deſſen Familie in einer ſchoͤnen Gruppe mir immer 90 vor Augen ſtand.— Ich vermuthe, daß die Harfe der Tochter von jenem Maͤdchen her⸗ ruͤhrte, das geſtern die Zitter ſchlug, denn die Frau Paſtorin ſagte einmal: da ha⸗ ben wir einen ſchoͤnen Kauf gethan! indeß ich fand nicht fuͤr gut, durch Fragen mein fruͤheres Zuſammentreffen mit jener zu ver⸗ rathen. 91 — Sechstes Capitel. Muſicant. Ich ſuchte fortwandernd das Gebirge zu gewin⸗ nen, weil ich dort am erſten vor aller Welt unbekannt zu leben hoffte, und ich fing eben an zu uͤberlegen, welches Mittel zur Unter⸗ haltung ich ergreifen wollte, als ich in der Ferne einen gebeugten Mann auf einem kran⸗ ken Pferde ganz langſam daher kommen ſah, in welchem ich bei der Herannaͤherung den romantiſchen Stabstrompeter erkannte, der auf einem alten Klepper ſaß und in ſtillem Fortgange auf demſelben eingeſchlafen war. Auch das Thier hatte die Augen halb ver⸗ ſchloſſen, und wenn es den Pferden, beſon⸗ ders den alten, nicht immer einige Muͤhe ko⸗ ſtete, ſich hinzulegen, ſo glaube ich, waͤren dieſe beide, Roß und Reiter„ keinesweges auf 92 dem Wege wandernd, ſondern mit ſtiller Ueber⸗ einkunft im Graſe ſchlafend von mir gefunden worden. Ich freute mich im erſten Augen⸗ blick, einen Bekannten zu ſehen, doch mich beſinnend ſtand ich an, ob ich den Trompeter wecken ſollte oder nicht; denn, da er in der Gegend viel umherreiſte, konnte er leicht meine Spur verrathen. Indeß— der Zufall woll⸗ te, daß das Thier an einen Stein ſtieß, und der Reiter erwachte. Guten Morgen! ſagt ich zu ihm. Er ſah mich mit großen Augen an, und erwiderte drauf mit Brummen: Was macht denn Er hier, Musje? Er hat wohl einmal wieder Luſt bekommen, das Land zu durchſtreichen? Freilich, Herr Landrath, gab ich zur Antwort; ich bin noch jung, warum ſoll ich es nicht? Aber ich will Con⸗ rabs Frau einſt bei meiner Ruͤckkunft uͤberra⸗ ſchen, verrathet mich nicht. Muſie will ich lernen, mit Muſie kommt man durch die ganze Welt. Seht hier die Floͤte, und Cla⸗ vier und Horn und etwas Geige kann ich da⸗ 93 ———— zu, und nun ſagt mir, wo ich unterkommen kann.— Er beſann ſich eine Weile, und ſagte drauf: Ja, ich wuͤßte wohl etwas;— da wende Er ſich nur durch das Thal hin, und wenn Er da herauskommt, wird Er eine große Stadt vor ſich liegen ſehen; da iſt ein Stadtmuſteus, der heißt Lebrecht, dem bringe Er einen Gruß von mir, und weil ich wuͤß⸗ te, daß ihm der eine Lehrburſche fortgelaufen waͤre, ſo ſchickte ich ihn dafuͤr. Und nun gehe Er und lerne Er was Tuͤchtiges, damit wir einmal ordentlich mit einander aufſpielen koͤnnen... Ich ſah ihm einen Augenblick nach, und ſeine Worte, ob ich wieder das Land durch⸗ ſtreichen wollte, weckten einen leiſen Vorwurf in mir, denn es ſchien mir in der That, daß ich daran einiges Wohlgefallen faͤnde, und mir wurde bange, daß ich die Liebe zum ruhigen, ordentlichen Leben daruͤber ganz verlieren moͤch⸗ ke. Deshalb ermahnte ich mich ernſtlich, eine Anſtellung zu ſuchen. Der Vorſchlag mit 94 — dem Stadtmuſicanten ließ ſich hoͤren, weil ich zur Muſie vor allen Dingen immer eine ganz beſondere Neigung hatte, und ich dieſe dort befriedigen konnte. Nur— daß der Stabs⸗ trompeter im voraus darum wiſſen ſollte, war mir nicht recht. Indeß— die Neige des mit⸗ genommenen Taſchengeldes ſchmolz immer mehr zuſammen, ich mußte ſchon nach dem Mittel greifen, das ſich mir eben darbot. Ich wan⸗ derte alſo in Gottes Namen durch das Thal hinab, das erſt gar nicht enden wollte, mei⸗ nem neuen Schickſal entgegen.. Den Mittag kehrte ich bei einem Gaͤrtner ein, der am Abhange des Berges einen gro⸗ ßen Kirſch⸗ und Pflaumengarten in Erbpacht hatte, und auch gern eine Erquickung an die Wanderer verkaufte. Ich ließ mich an Obſt und ſchwarzem Brode genuͤgen, und beſah den luſtigen Garten. Der Gaͤrtner ſtand nicht weit davon, und ich befragte ihn wegen der Kraͤuter und Blumen umher, von deren Nutzen und Pflege er mir mit großem Eifer 95 ——— viel erzaͤhlte. Ich bewunderte ſeine Kenntniß, und die lateiniſchen Namen in ſeinem Munde gaben ihm vollends ein gelehrtes Anſehn. Ein Gaͤrtner iſt doch auch ſo uͤbel nicht, dachte ich. Giebt man dem Jaͤger, der in dem gro⸗ ßen Garten der Natur lebt, ſchuld, daß er leicht Neigung zum heimlichen Verhelen, zur Liſt, zum Nachtragen einer Beleidigung be⸗ komme; ſo ſcheint dies beim Gaͤrtner nicht der Fall; er hat mit keinen Nachſtellungen(es ſei denn bei den Maulwuͤrfen,) und nur mit un⸗ ſchuldigen Baͤumen und Blumen zu thun. Dabei iſt ſeine Beſchaͤftigung keine bloße Ar⸗ beit, ſondern eine Wiſſe enſchaft. Er hoͤrt die Sprache der Natur, und alle Menſchen„ die bei ihrem Geſchaͤft auf dieſe Stimme der all⸗ 1 gemeinen Pflegerin hoͤren muͤſſen, werden dem Geiſte derſelben nicht ganz entfremdet. Frei⸗ lich redet ſie hier etwas leiſe, und die Muſic ſcheint mir vor derſelben doch den Vorzug zu verdienen. Deshalb, als mir der Gaͤrtner die Gießkanne in die Hand gab, machte ich nur einen kleinen Umgang, und gab dem Gedan⸗ ken, ſein Gehuͤlfe zu werden, weiter kein Gehor. J Nach einer Wanderung von drei Stunden kam ich in eine große Ebene, wo ſich eine an⸗ ſehnliche Stadt vor mir ausbreitete, deren Thuͤrme in einer langen Reihe, mit dem ern⸗ ſten Dome voran, einen feierlichen Aufzug bildeten. Ich ſchlug den Staub von meinen Fuͤßen, und wanderte wie ein Schuͤler, der eben vom Spaziergange kommt, in die Stadt ein. Auf meine Frage, wo der Stadtmuſicus Lebrecht wohne, wies man mich nach einem alten raͤucherigen Hauſe, woraus aber die lu⸗ ſtigſte Muſie mir entgegen ſcholl. Ich trat herein. Der Herr ſaß eben mit ſeinen Leuten muſicirend um einen großen Tiſch her, und ſtrebte fluchend mit der Notenrolle nach der Friſur eines Geſellen, indem zugleich einige Thraͤuen auf ſeinen Wangen ſtanden. Ich konnte mir beides nicht zuſammenreimen, und wie ich mich verneigte, warf er ebenfalls mir ein 97 —— ein Fluchwort an den Hals und rief: Stoͤh⸗ rung von Teufel heute, warten, man muß warten! Es wurde nun die verungluͤckte Stelle noch einmal wiederholt, und der Stadtmuſicus ſchleuderte drauf die Noten, wie außer ſich, in einen Winkel, lief im Zimmer umher und rief: o goͤttlicher, unmenſchlich goͤttlicher Haydn du!— Iſt jemand gekommen, wie? Was will man, fuhr er fort, indem er ſein volles Geſicht zu mir wandte.— Da verneigte ich mich wieder, und brachte meinen Gruß vom Stabstrompeter mit dem Zuſatze, daß ihm ein Lehrling fehle, und daß ich der ſein wolle. Freilich fehlt mir einer— erwiderte er mit Haſt und ergriff mich beim Arm und ſetzte. mich faſt unſanft auf einen Stuhl am Tiſche: Die Stelle da iſt leer, da gehoͤrt man hin. Ich war alſo, wie es ſchien, im Nu einge⸗ fuͤhrt und haͤtte gern uͤber die wunderliche Weiſe des Geigenkommandeurs gelaͤchelt, wenn ich mich nicht vor ſeiner Strenge gefuͤrchtet haͤtte. Er ſchob mir ein Inſtrument nach II. Theil. G dem andern hin und ſagte: was kann man, was hat man gelernt? Man zeige ſeine Kuͤn⸗ ſte. Ich blies das Horn. Kein uͤbler Au⸗ ſatz, kein ſchlechter Ton! ſagte er drauf, und nickte brummend mit dem Kopfe. Nun ging ich zur Floͤte uͤber und er lobte mich mit hm! ha! das laͤßt ſich hoͤren, der Sauſewind muß nur noch weg, die Lippe muß naͤher heran, doch da wollen wir ſchon nachhelfen. Endlich ſah ich mich nach einem Claviere um. Holz! Holz! erwiderte er drauf; was will man mit der hoͤlzernen Muſic. Apoll hatte ſich einmal in einem Concert unartig aufgefuͤhrt, da hat man ihn in einen Kaſten geſperrt, und daraus iſt das Clavier geworden. Nun ſpektakelt er drin, der Hals iſt ihm wie zugeſchnuͤrt, dumpf und immer dumpf, der Ton bleibt gefangen, klingt nicht von der Leber weg. Da lobe ich mir die Geige, Clarinette, Floͤte, das Wald⸗ horn, Hoboe— das kommt geradesweges aus der Seele, das greift das Herz an. In ſol⸗ che Geſellſchaft darf ſich das Clavier nicht wa⸗ 99 —— gen. Es iſt nur ein Regiſterbuch, eine Gram⸗ matik, eine Fibel, worin ſteht: der Affe ahmt alles nach; Declamation ſtatt Geſang, eine eingetrocknete Muſic. Fuͤr's Haus, zur Uebung— habe nichts dagegen. Exercitium mit allen Chicanen— man ſetze ſich, man ſpiele; wir wollen doch hoͤren, was man kann. — Ich ſpielte einige leichte Sachen, und der Meiſter verſetzte drauf: Hm, will nicht viel ſagen. Aber die Violine, die Clarinette ſoll man lernen; ja die Clarinette, dazu fehlt mir eben der zweite Mann. Aber wo kommt man denn her? Wem gehoͤrt man an?— Meine Geſchichte vom Schulmeiſter, der als ein gro⸗ ßer Freund von der Muſie ſeinen Sohn gern zu einem Virtuoſen machen wolle, behagte ihm; er ſtreckte die Hand aus und ſagte: Topp, mein Sohn, er ſoll von mir lernen, was ich ſelber kann. He! Catharine! ſetze ſie dem jungen Menſchen etwas zu trinken vor.— Es fiel mir auf, daß er mit dem Trinken und G 2 ——— nicht mit dem Eſſen anfing, aber es beſtaͤtigte ſich hier, daß die Muſicanten jenes weit lie⸗ ber haben, was allerdings wohl von der un⸗ mittelbaren Anſtrengung ihrer Nerven herruͤh⸗ ren mag. Auch in Krankheiten zeigt ſich, wenn die Nerven gelitten haben, ein auſſer⸗ ordentlicher Durſt.— Der Herr, an mir auf und abgehend, ſtand plößzlich ſtill und ſag⸗ te: Muſie iſt der eigentliche Geiſt der Welt, die Seele des Lebens, alles andere iſt tode dagegen, iſt Koͤrper, iſt ausgedroſchenes Stroh, iſt lebloſes Puppenwerk, eine feſtgefrorne Quelle, ein erſtarrter Waſſerfall. Die Muſic giebt es unmittelbar von innen heraus, ſchießt ihre Strahlen wie die Sonne, und lebt und webt eben ſo, wie es bei uns im Herzen oder im Kampfe zugeht. Nicht was man ißt, ſon⸗ dern, wie es ſchmeckt, darauf kommt es an. Was ſollen mir Statuͤen, Gemaͤhlde? Sie ruͤhren und regen ſich nicht, und wer ſie ge⸗ nießen will, muß ſie mit den Augen erſt ver⸗ arbeiten und verdauen. Muſie iſt wie der 101 —-— Wein, den man gleich ſchmeckt und durch und durch fuͤhlt. In der Folge hoͤrte ich ihn noch oͤfters mit Enthuſiasmus von ſeiner Kunſt reden, und wenn es nach ſeinem Lobe, nach ſeiner Empfindung gegangen waͤre, ſo haͤtte er ein großer Capellmeiſter und Componiſt ſein muͤſ⸗ ſen; aber je mehr Genießer er war, deſto we⸗ niger Fruchtbringender Erzeuger war er, und ſeine Empfindung uͤbermannte ihn ſo ſehr beim Spielen, daß er die Noten vor Waſſer nicht ſehen konnte. So hatte ich ihn gleich beim Eintritt getroffen, geruͤhrt und vor Eifer flu⸗ chend, und dies Schauſpiel wiederholte ſich mir noch oft. Seine Leute waren es ſchon gewohnt, und ſelten verzog einer eine Miene dabei, ich hatte aber meine große Noth, nicht zu lachen, bis ſein Eifer auf eine andere Weiſe den Ernſt wieder in mir herſtellte, und ich das Gewicht ſeines Arms in der Rolle oder im Fidelboben fuͤrchtete; denn er verſtand bei ſo ernſten, wichtigen Dingen keinen Spaß, 102 ——— und ich hatte lange zu thun, ehe ich mich bei ihm in Gunſt ſetzte. Aber da er mich in den muͤßigen Tagen immer fleißig bei einem In⸗ ſtrumente fand und ſah, daß es mir in der That um Erkernung der goͤttlichen Kunſt zu thun ſei, fing er an, mich lieb zu gewinnen, und uͤberhaupt war er ein guter, vortrefflicher Mann. Harte Verweiſe machte er gern durch freundliche Worte wieder gut, und nach der Arbeit ſorgte er fuͤr ſeine Leute wie ein Va⸗ ter. Auf großen Bauerhochzeiten war es eine Luſt, ihn kommandiren zu hoͤren, und er war im Stande, wenn man es an etwas fehlen ließ, uns gleich Baß und Geige aus den Haͤn⸗ den zu reiſſen, und alle Muſie wie ein Pabſt zu unterſagen, bis das Verlangte kam. Dies machte denn auch, daß es uns auf den Hoch⸗ zeiten weniger klaͤglich ging, als es wohl Stadt⸗ muſicanten ſonſt zu geſchehen pflegt. Inden war er leider nicht immer bei uns.— Der Tummelplatz der Freude gab mir mancherlei zu beobachten, und bei dem Gedanken, daß 103 ——— mich hinter der Geige kein ſpaͤhendes Auge ſuchen wuͤrde, war ich mit meinem Zuſtande ziemlich zufrieden. Auch hatte Herr Lebrecht die Gewogenheit fuͤr mich, wegen meines rei⸗ fern Alters mich uͤber den juͤngſten Burſchen zu ſetzen, der das Amt hatte, den uͤbrigen die Inſtrumente nachzutragen. Es giebt eine eigene Empfindung, durch ſeine Erſcheinung immer luſtige Menſchen zu machen, wie dies bei Muſicanten der Fall iſt. Mit dieſen Wirkungen belebte ſich mir die Welt noch romantiſcher als zuvor, und meine Munterkeit und Schalkhaftigkeit ſtieg aufs neue. Nicht ſelten flog mein Bogen durch die Quaͤſte einer Zuſchauerin, ſo daß die Muͤtze hurtig zum luſtigen Stuͤck auf die Geige mit fort⸗ ſprang, und ein allgemeines Lachen die In⸗ ſtrumente uͤbertoͤnte. Ich hatte bei meinem Spiel gewoͤhnlich etwas ganz anders als die Noten im Auge, und kein Bauerburſche wag⸗ te ſich mit ſeiner Pudelmuͤtze mehr in meine Naͤhe. Am liebſten aber grimaſſirte ich mit 104 —— den Toͤnen der Geige, wenn der Tanz anging, und gab uͤber das antretende Paar ohnmaß⸗ geblich mit einigen Vorſtrichen meine Meinung zu erkennen, welche Sprache zuletzt faſt ſyſte⸗ matiſche Ordnung bekam. Erſchien z. B. ein altes oder ein haͤßliches Paar auf dem Platze, dann klang meine Geige ſo klaͤglich, als wenn ſie ſagen wollte: mir wird ſchlimm! Waren die Leute ſehr verſchieden, ſo brachte ſie ab⸗ wechſelnd aus dem tiefſten Baß und aus dem hoͤchſten Diskant ganz eigene Locktoͤne hervor. Ein flinkes Paar wurde mit einem raſchen Laufe bewillkommt, ein dicker Mann mit lang⸗ ſamen Streichen empfangen, die in traͤgen Uebergaͤngen einen Menſchen darzuſtellen ſchie⸗ nen, der, aus dem Schlafe erwachend, ſich mit den Armen dehnt; Leute von ehrbarem Auſehn bekamen einen ſchoͤn klingenden Aceord zu hoͤren; bei winzigen Weſen marſchirte der Bogen gar uͤber den Steg.— Ich machte die Bemerkung an mir, daß der Menſch uberall findet, was er liebt, und immer den 105 —-— Außendingen ſeinen Character aufdruͤckt, Auch in den Toͤnen fand ich Gelegenheit zu kleinen ſchalkhaften Neckereien.— Allein es iſt ſchlimm, daß die Menſchen von dem, der Spaß macht, gewoͤhnlich verlangen, daß er ſich ſelbſt auch zum Beſten geben ſolle— die Undankbaren! Ich konnte fortan vor dem Schabernack der Bauern nicht genug auf meiner Huth ſein, denn jeder glaubte ſeinen ſchlechten Witz an mir uͤben zu koͤnnen, ohne zu bedenken, daß ſie eigentlich den Stoff zum Scherz gaben, nicht ich. Liefert mir nur die Materialien, dachte ich bei mir, ich will ſie ſchon verarbei⸗ ten; den Kuͤnſtler ſelbſt aber muͤßt ihr nicht in ſeinen Schoͤpfungen ſtoͤhren.— Es war Sitte auf Bauerhochzeiten, daß den Morgen nach der erſten Nacht die Munterſten immer die Traͤgen aus dem Bette holten, man ſetzte den Langſchlaͤfer auf einen großen Hebebaum, und trug die Theerbuͤchſe als Laterne voran, waͤhrend ein anderer an dem Faulen den Re⸗ chen als Kamm gebrauchte. Traf dies nun 105 grade einen Reichen oder Angeſehenen, ſo mußte ein Muſicant ſein Stellvertreter ſein, und ſich allen Schabernack gefallen laſſen, den ſie ihm zugedacht hatten. Dazu wollten ſie mich nun immer haben, und meine Entſchul⸗ digung, daß ich keine Trompete blaſen koͤnne, wie dabei Sitte war, ließen ſie nicht gelten. Ich mußte mich alſo jedesmal verſtecken, wenn die Zeit kam, oder einen von den Geſellen bitten, jenes Amt zu uͤbernehmen. Waͤre ich eigennuͤtziger geweſen, ſo haͤtte ich es ſelbſt gethan, denn der, welcher die Stelle des Lang⸗ ſchlaͤfers erſetzte, bekam gewoͤhnlich anſehnliche Geſchenke. Indeß— ſeit meinem kurzen Junkerleben war ich empfindlicher und delika⸗ ter geworden, und alle Augenblick ſtieß mir ein Ehrenpunct auf, der mir nicht in den Kopf wollte.— Mit einem andern An⸗ ſchlage hatte man mir noch Schlimmeres zu⸗ gedacht, ich raͤchte mich dafuͤr aber auf eine empfindliche Weiſe. Ein dicker reicher Acker⸗ mann rief mich naͤmlich einmal vor dem Tanze 107 —-— auf die Seite und verlangte bei dem Verluſt ſeiner Gnade, daß ich einen Schimmel ma⸗ chen, und diesmal einen Baͤren vorſtellen ſollte. Damit iſt es alſo. Es pflegen die jungen Burſche einen aus ihrer Mitte durch ein Sieb und Bettlaken ſo auszuſtaffiren, daß er durch das, was man ihm vorn und hin⸗ ten anbaut, einem Menſchen zu Pferde gleicht, mit welchem er, dem Anſcheine nach, in das Zimmer hereinreitet. Er hat das Recht, die Leute in Schrecken zu ſetzen, und mit einer kleinen ſchmucken Peitſche die uͤberfluͤßigen Zu⸗ ſchauer wegzujagen, unter welchen alle Augen⸗ blick das Geſchrei entſteht: der Schimmel kommt! So nennt man ihn wegen des Pfer⸗ des, auch, wenn er eine andere Geſtalt ange⸗ nommen haben ſollte.— Da der reiche Bauer ſo ſehr mit Drohungen in mich ſtuͤrm⸗ te, ſo verſprach ich es ihm. Aber heimlich rief ich anf dem Hofe die Schuljugend zuſam⸗ men, worunter ſich auch ſein Sohn befand. Gegen dieſe that ich, als ob ich einen herrli⸗ —-— chen Einfall haͤtte, und ſie folgten mir den Augenblick in die Scheune. Hier beredete ich den reichen Bauersſohn, daß er ſich in einen Baͤren verkleiden ließ und ſchilderte ihm, wel⸗ chen gewaltigen Spaß das machen wuͤrde. Die ganze Verlarvung beſtand darin, daß man den Jungen in Erbſenſtroh ſteckte, wel⸗ ches man ſo ſorgfaͤltig um ihn herum wand, daß er in der ſtruppigen Umhuͤllung einem zottigen Tanzbaͤr nicht unaͤhnlich ſah. Ich trat ſodann von auſſen an das Fenſter, um an ihnen zu erfahren, was man mit mir zu thun willens geweſen waͤre. Der dicke Bauer wollte ſich bald todt lachen, als der Baͤr an⸗ gekrochen kam, und viele andere hatten mit ihm uͤber die Capriolen, die er machte, einen großen Jubel. Als das Thier aber zum Hau⸗ ſe wieder hinauskriechen wollte, nahm der Bauer ein Licht, und zuͤndete das Erbſenſtroh an. Da lief der Baͤr in den Hof und ſchrie ganz erbaͤrmlich. Viele riefen nun, und jener Uebelthaͤter vorzuͤglich:„Musje, werf' Er d 109 —- ſich doch in den Miſt, werſ' Er ſich doch in die Pfuͤtze.“ In der That mußte der arme Junge das Letztere erwaͤhlen, wenn er nicht lebendig verbrennen wollte. Da traten alle Gaͤſte aus dem Hauſe und man trug viele Lichter herbei, um recht in vollem Glanze mit auzuſehen, wie ich aus der Miſtpfuͤtze her⸗ vorkriechen wuͤrde. Was machten ſie aber fuͤr Augen, als der reiche Ackermannsſohn zum Vorſchein kam, und er zugerichtet wie ein Ferkel ſich aus dem Erbſenſtroh hervorarbeitete. Der Junge keichte und ſtoͤhnte, als wenn er aus dem Fegefeuer kaͤme, und der Vater, der ſich ſelbſt eine Grube gegraben hatte, machte ſich mit ſeinem Goldſoͤhnlein gleich davon, um keinen Spott weiter von den andern zu erleben. Ich ſtellte mich, wie einer, der von nichts wiſſe, und in der That war ich ja auch an den Feuer⸗ und Loͤſchanſtalten ganz un ſchuldig. Indeß beſchloß ich von der Zeit an, gegen Leute, die keinen Spaß verſtehn— und wie —— wenige verſtehen ihn in der Welt!— mit Schaͤ⸗ kereien kuͤnftig ſparſamer zu ſein. Hochzeiten ſielen Gottlob nicht immer vor, und es blieb muſicanten leben faſt wie Geſchoͤpfe, die ihren Winterſchlaf halten. Oefters ſchliefen wir bei⸗ nah in vier Wochen nicht, und dann lagen wir wieder Monate lang auf der Baͤrenhaut. Von dieſem unordentlichen Leben mag es denn auch wohl kommen, daß ſich dieſe Leute gern im Anzuge vernachlaͤßigen. Bunt wie ihr Le⸗ ben ſieht gewoͤhnlich auch ihre Garderobe aus, in den Farben bei ihren Kleidern ſind ſie meiſt nicht ſehr gluͤcklich, man weiß, was ein Muſicantenrock ſagen will, und man erkennt einen Muſicanten nicht ſelten ſchon an der Tracht. Es wuͤrde bis ins Unergruͤndliche fuͤhren, wenn man in allen Staͤnden der Beziehung nachforſchen wollte, in welcher die Kleidung der Menſchen mit ihrer Lebens⸗ und Sinnesweiſe ſteht. mir viel Muße zu andern Dingen. Die Stadt⸗ 111 ——— Unter ſich waren die Leute, wenn ſie vom Muſiciren ausruhten, ziemlich munter und ſcherzhaft, ſie erzaͤhlten ſich gern luſtige Anec⸗ doten oder theilten ſich am liebſten Bemerkun⸗ gen uͤber Perſonen mit, die etwas in Carri⸗ katur uͤbergingen. Denn ihre Spaͤße ſuchten nicht die Feinheit, ſondern einen etwas kraͤf⸗ tigen, ſinnlichen Anſtoß. Viele Staͤnde ha⸗ ben ihren eigenen Witz, der Muſicanten⸗ witz iſt darunter nicht der beſte. Siebentes Capitel. Gelderwerb. Da mir mein Herr nichts weiter als Beks⸗ ſtigung und freien Unterricht gab, ſo gerieth ich wegen der Bekleidung bald in große Sorge. Wenn ich nicht bald wie eine Troͤdelbude aus⸗ ſehen wollte, mußte ich Geld anſchaffen. Ich ſann auf mancherlei Mittel, aber ſie ſchlugen wenig an, und es war nicht Rath, die aͤußer⸗ ſte Noth abzuwarten. Ich uͤberlegte alſo, wie ich es anſinge, daß ich an meinen Oheim ſchriebe, ohne daß er meinen Aufenthalt er⸗ fuͤhre. Gab ich den Brief auf die Poſt, ſo druckte man mit dem Stempel den Namen der Stadt darauf und ich war verrathen. Meldete ich ihm geradezu, und ganz deutlich und beſtimmt, welche Nachſtellung man mei⸗ ner Perſon lege, und welche Bedeutung dieſe fuͤr 113 — AYA— fuͤr gewiſſe Leute habe, ſo mußte ich fuͤrchten, daß er, vermoͤge ſeiner guͤtigen Geſt innung ge⸗ gen mich, auf Unterſuchungen, auf Nachfor⸗ ſchungen dringen wuͤrde, die erſt recht die Ge⸗ fahr herbeifuͤhren konnten. Zu halsbrechenden Unternehmungen hatte ich keine Luſt, und ich ſtrebte nur nach dem Gluͤcke, mitten im Ge⸗ tuͤmmel der Welt bemerkend und unbemerkt zu ſein. Anf unſern kleinen muſicaliſchen Reiſen ſah ich mich alſo nach Gelegenheit um, wie ich an meinen Oheim eine Beſtellung ma⸗ chen koͤnnte. Eine Stadt, die acht Meilen von dem Orte meines Aufenthalts entfernt ag, und ein Kaufmann daſelbſt, von deſſen Pracht und Reichthum ich oͤfters erzaͤhlen hoͤrte, ſchienen mir ganz bequem dazu. Mit einem kleinen Urlaub von drei Togen machte ich mich dahin auf den Weg, und trat zum Kaufmann aufs Comptoir. Ich war wieder ein armer Schuͤler und kam aus der Penſion eines Predigers von einem entlegenen Dorfe. Ein Goͤnner hatte verſprochen, mir Unter⸗ 114 —— ſtuͤtzung zukommen zu laſſen, ſobald ich an den Ort meiner Beſtimmung angelangt ſein und ihn benachrichtigt haben wuͤrde, durch welch ein Handelshaus die Auszahlung auf Anweiſung oder Wechſel an mich geſchehen koͤnnte. Ich bezeugte mein Zutraun dem Herrn, an deſſen Biederkeit man mich ver⸗ wieſen, und bat ihn, daß er die Guͤte haben moͤchte, dieſen Brief mit einem Umſchlage, worin er melde, daß ich wirklich bei ihm erſchienen ſei, an die Addreſſe zu beſoͤrdern; ich wolle dann zur rechten Zeit ſchon wieder anfragen und das Geld ſelbſt bei ihm abholen. Der Kaufmann fragte mich, wer mein Vatee ſei. Ich ſchlug verſchaͤmt die Augen nieder und gab zu erkennen, daß der Herr nicht ge⸗ nannt ſein wolle, woraus der Handelsherr ſchloß, daß der Goͤnner auf dem Briefe wohl ſelbſt der Vater ſein moͤchte. Er wurde von Stund' an hoͤflicher gegen mich, da er den General mit Excellenz in der Aufſchrift ge⸗ wahrte, und ſagte mir meine Bitte zu, er 113 —-— wolle, verſicherte er, den Brief beſorgen, und das Geld— wenn welches ankaͤme— aufhe⸗ ben, bis ich es bei ihm abholte. Er fragte noch, ob ich die Addreſſe ſelbſt gemacht haͤtte, und bewunderte meine reinliche Handſchrift. Das Geſchaͤft war gluͤcklich vollendet, und ich hatte nun die Hoffnung auf Geld. Der Brief lautete alſo: Mein geliebter, . mein verehrteſter Oheim, Verzeihen Sie, daß ich undankbar ſchei⸗ nen, und Sie verlaſſen mußte. Es war nicht meine Schuld, das Schickſal zwang mich dazu, das Schickſal, das auch uͤber das Leben meiner Mutter einen Schleier geworfen hat. Ich bin gewiſſen Leuten ver⸗ daͤchtig geworden, indem ſie eine Perſon in mir ſehen, die ihnen Gott weiß welche Ge⸗ fahr droht. Ich ſoll ihnen etwas ſein, das ich doch nicht bin und auch nie zu werden im Sinn gehabt habe. Verfolgt man mich, H 2 116 —- weil man meine Mutter verfolgt hat? Ich weiß es nicht. Aber es iſt nothig, daß ich mich der lichten Hoͤhe entziehe, wo ich ſo leicht kann bemerkt werden. Vielleicht finde ich meine Mutter wieder, und ſie kann mir dann ſagen, was ich zu thun habe. Um ihres Schickſals willen, liebſter Oheim, forſchen, fragen Sie nicht nach mir. Ich bin auf dem Wege, etwas zu lernen, das mich gluͤcklich weiter bringen kann, nur fuͤr jetzt ſehe ich mich genoͤthigt, Sie, liebſter Oheim, um eine kleine Unterſtuͤtzung zu bitten. Der Kaufmann, der dieſen Brief bpefoͤrdert, wird beſorgen, was Sie ihm auftragen werden. Ich lebe fern und un⸗ bekannt, aber mein dankbares Herz bleibt bei Ihnen, und ich fahre fort, Morgens und Abends mit Liebe und Ehrerbietung Ihre Hand zu kuͤſſen als Ihr treuergebener Neffe. 117 —-— Durch Erwaͤhnung meiner Mutter hoffte ich ihn vorzuͤglich zur Verſchwiegenheit auch in Abſicht meiner zu verpflichten, da er ihrent⸗ wegen ohnehin ſchon immer geheimnißvoll ge⸗ gen mich geweſen war. Ehe ich aber zu dieſem Geſchaͤft die kleine Reiſe machen konnte, mußte ich mir heimli⸗ cher Weiſe etwas Geld erwerben, und dies Bemuͤhen brachte mich zur Bekanntſchaft mit einem Schuͤler, Namens Nothe, der Praͤfect beim Chore war. Bei dieſem erkundigte ich mich naͤmlich, ob er niemand wuͤßte, der wohl bei mir Stunde auf der Floͤte nehmen moͤ chte, oder auf der Violine oder Clarinette(auf der ich aber leider ſelbſt noch Anfaͤnger war.) Er ſagte, daß er niemand wiſſe, er haͤtte aber Luſt, ſelbſt die Floͤte zu lernen, und er thaͤte mir den Vorſchlag, dafuͤr von ihm Unterricht auf der Guitarre und im Singen zu nehmen. Nun gab meine Stimme zwar zur Virtuoſitaͤt eines Saͤngers wenig Hoffnung, indeß das Neue reizte mich, ſo daß ich den Vorſchlag 118 —— einging, und, ſo oft ich Freiſtunden bekom⸗ men konnte, mich bei ihm einfand. Einer uͤbte den andern, und nicht ſelten traf ich auch andere Schuͤler bei ihm, die ebenfalls ein Inſtrument ſpielten, oder ſich im Singen hoͤren ließen. Alles wurde mit Jugendluſt und Munterkeit getrieben. Indeß ſah ich noch immer das Mittel nicht, wie ich baares Geld verdienen wollte. Deshalb klagte ich endlich dem Chorpraͤfecten gradezu meine Noth, und er ſagte, ihm ſei auch ſo ums Herz, er moͤchte auch wohl gern was verdienen. Wißt ihr was, fuhr er fort, wir wollen heimlich muſicaliſche Aufwartungen machen. Auf den Doͤrfern und in den Gaͤrten vor der Stadt kaͤßt ſich haͤufig noch ſpaͤt ein luſtiges Voͤlkchen finden, das Luſt zu tanzen hat, ſobald es nur eine Geige hoͤrk. Wir wollen die Gelegenheit erſehen und gebt Acht, die Leute ſind himmel⸗ froh, wenn wir ihnen etwas aufſpielen. Es ſind unſerer mehrere, der eine ſpielt den Baß, der andere die Geige, der dritte die Floͤte u. ſ. w. Wir treten zuſammen und bilden ein heimliches Muſicantenchor.— Den naͤchſten Sonntag wurden auch gleich einige ausgeſandt, um zu ſehn, wo es am luſtigſten herginge, in der Woche uͤbten wir uns in Tanzſtuͤcken, und wie es wieder Sonntag wurde, wanderten wir in der Daͤmmerung mit unſern Inſtrumenten zum Thore hinaus. Wir hoͤrten hinter den Hecken die Glaͤſer erklingen, und ſobald die Geſell⸗ ſchaft Vivat hoch! rief, fielen wir ploͤtzlich mit einem Tuſch ein. Gleich ſprang einer heraus und alle waren verwundert uͤber die Ueberra⸗ ſchung. Wir thaten, als ob wir nur eben von einem guten Freunde kaͤmen, und ließen uns dann mit einigen hoͤflichen Redensarten erbitten, einen Tanz außzuſpielen. He! zum Tanz! zum Tanz! riefen ſie da, und alles ſtuͤrzte in den Gartenſaal. Bei einem Stuͤck blieb es nun nicht, ſo wie niemals bei einem Glaſe Wein, und der Jubel dauerte oft bis gegen Morgen, oder ſo lange wir wollten, und reichlich belohnt kehrten wir dann mit 120 ——— der muntern Geſellſchaft zugleich ſpielend und ſingend nach der Stadt zuruͤck. Was von unſerer Seite anfangs Zufall ſchien, das wurde von Seiten der reichen jungen Herrn bald darauf erneuerter Einfall und wirkliche Beſtellung. Kommt heute wieder da und da hin! hieß es, und wer in den Gaͤrten ſeinen Freunden ein kleines Feſt gab, der machte ihnen zuletzt noch mit unſerer Muſie eine heimliche Freude. Meine Kammer war zum Gluͤck ſo gelegen, daß ich aus dem Fenſter in ein enges Gaͤßchen leicht entwiſchen und am Morgen auf dem naͤmlichen Wege wieder zu⸗ ruͤckkehren konnte, ohne daß einer im Hauſe etwas davon merkte. Doch— die Herrlich⸗ keit ſollte nicht lange waͤhren. Einſt kam Herr Lebrecht wider ſeine Gewohnheit ſehr ſpaͤt von einem Spaziergange zuruͤck, und weil wir eben zur Tafelmuſic jungen Herren in ei⸗ nem Garten ein naives Stuͤckchen vom goͤtt⸗ lichen Haydn aufſpielten, konnte er nicht um⸗ bin, darauf zuzuſchreiten. Auf einmal trat 4 121 —— er zur Thuͤr herein— und der Fidelbogen ſank mir vor Schreck faſt aus der Hand. Der Taet gerieth in Unordnung und bald ver⸗ ſtummte die ganze Muſic. Mit Verlaub, meine Herren, ſagte er, daß ich ſo herein⸗ trete.— Jetzt wurde er mich gewahr; heda! Burſche, plagt ihn der Teufel, und ihr alle⸗ ſammt, wer hat euch gelehrt, mir ins Hand⸗ werk zu pfuſchen! Wartet, ihr ſollt mir, wenn ihr denn ſo gar muſicaliſch ſeid, mor⸗ gen die ſpaniſche Fidel auf den Arm nehmen. O goͤttlicher Haydn! ſieh mir die Spitzbuben an!— Spgleich aber umringten ihn die jun⸗ gen Herrn, der eine zupfte ihn am Aermel, der andere am Rockſchoß.„Liebſter Herr Lebrecht, ſein Sie uns willkommen. Ei, Sie werden uns doch nicht den muſicaliſchen Spaß verderben wollen? Ins Handwerk pfuſchen! pfui! ſchaͤmen Sie ſich, Herr Lebrecht, wer wird die Muſic ein Handwerk nennen! Sie gehoͤrt zu den freien Kuͤnſten und iſt die goͤtt⸗ lichſte von allen— ſie iſt eine wahre Goͤtter⸗ 122 ſpeiſe— die Sprache der Sphaͤren— das Organ des Himmels.— Die Herren haben die Gefaͤlligkeit, die Freundſchaft fuͤr uns— es iſt eine kleine muſicaliſche Ergötzlichkeit. Bald ſtellt ſich dieſer, bald jener aus Inſtru⸗ ment. Wir ſind alle muſicaliſch, wie die Nachtigallen Ein Stuhl! ein Glas! Setzen Sie ſich. O eine ſchoͤnere Ueberraſchung konnte uns nicht kommen. Je ſpaͤter der Abend, je ſchoͤner die Leute.“— Herr Le⸗ brecht konnte kein einziges Wort dazwiſchen bringen und im Nu hatte man ihm ein Glaͤs⸗ chen Wein in die Hand practicirt. Die Mu⸗ ſic ſoll leben! ſchrie der ganze Saal, und weil uns alle zunickten, ſpielten wir einen Tuſch dazu. Der Herr ſchuͤttelte den Kopf. Wie? was? es ſchmeckt Ihnen nicht? ſagte ſein Nachbar, beſſern Wein her! gebt von der andern Flaſche. Er läͤchelte: nicht doch, der Wein ſchmeckt mir ſchon, aber— die Muſic. Wie? entgegnete der Wirth; hoͤren Sie nur die Paſſage vom goͤttlichen Haydn, 123 —-— es iſt ein himmliſcher Satz. Dem Herrn Le⸗ brecht wurde wieder eingeſchenkt, und wir ſpielten weiter. Als wir ihn endlich ganz froͤhlich ſahen, hielten wir ploͤtzlich inne und ſagten: Ja, Herr Lebrecht will ja nicht, daß wir ſpielen ſollen; Herr Lebrecht, duͤrfen wir denn? In Gottes Namen! gab er zur Ant⸗ wort, ihr ſeht ja, ich habe zu thun und kann es nicht wehren. Aber morgen, morgen! brummte er fuͤr ſich hin. Indeß der Himmel wollte, daß er, von allen Seiten genoͤthigt, wi⸗ der ſeine Gewohnheit zu viel trank, und, als die Geſellſchaft aufbrach, erhielt ich das Amt, ihn nach Hauſe zu fuͤhren. O die Spitzbuben! fagte er oͤfters fuͤr ſich und dankte mir fuͤr die Unterſtuͤtzung. Wegen dieſes Dienſtes verzieh er mir nachher, aber unſere muſicaliſchen Strei⸗ ſereien mußten wir einſtellen. Der naͤchtliche Gang hatte ihm eine Erkaͤltung zugezogen, und er konnte lange Zeit auf keine Hochzeit kommen. Achtes Capitel. Liebe und Hahnengeſchrei. [OO—— Meinen Umgang mit dem Praͤfeeten ſetzte ick indeß fort, und ich bemerkte, wie die Chor⸗ ſchuͤler ein eigenes Leben fuͤhren. Sonſt, wenn ich ſie mit den Maͤnteln vor den Haͤu⸗ 4 ſern, oft im Regen, ſingend ſtehen ſah, be⸗ dauerte ich ſie; jetzt erſchien es mir anders. Strapazen achtet die Jugend nicht, und weil die Beſchaͤftigung dieſer Saͤnger formeller und geiſtiger Art iſt, ſo machen ſie, wie die Mu⸗ ſicanten, gern uͤber andere Menſchen ihre Be⸗ merkungen, und der vornehme Herr, vor dem ſie am Tage demuͤthig den Huth ziehen, dient ihnen am Abend haͤufig zum heitern Geſpraͤch und zum Gegenſtande der Nachahmung. Ueber⸗ dies war unter meinen Bekannten nicht ein einziger, der nicht ſeine Goͤnner und Freunde 125 ——— und Freunde hatte. Gute Buͤrgerfamilien ga⸗ ben ihnen Freitiſche, des Sonntags gingen ſie mit der Guitarre und ſpielten ihnen etwas vor, oder ſetzten ſich mit dem ehrbaren Toͤch⸗ terchen ans Clavier zu einer Doppelſonate. Man ließ die Kinder von ihnen in der Muſic unterrichten, ſich Noten von ihnen beſorgen, das ganze Haus war ihnen als armen unſchul⸗ digen Leuten gewogen, und der Bäaͤcker und der Fleiſcher fand ſich durch die Ehrerbietung geſchmeichelt, mit welcher der geſcheute Menſch bei Tiſche ſprach, und ihm nachher eine ge⸗ ſegnete Mahlzeit wuͤrſchte. Allein man hielt ſie fuͤr unſchuldiger als ſie wirklich waren, und nicht ſelten ſpannen die Groͤßern mit den Buͤrgertoͤchtern Liebeshaͤndel an, wodurch die Aeltern nachher oft in nicht geringe Verlegen⸗ heit kamen. Ja man verſicherte mich, daß die Chorſchuͤler in ihren Maͤnteln den Maͤd⸗ chen ganz beſonders geſielen, weil das Singen und der große Huth ihnen etwas Romanti⸗ ſches gaͤbe, wodurch faſt jeder ſich ein Herz 126 gewogen machte. Am Praͤfecten ſah ich auch davon bald ein Beiſpiel. Er hatte eine ge⸗ heime Liebſchaft mit einer Baͤckerstochter, die er, ſobald er eine Cantorſtelle bekommen wuͤr⸗ de, zu heirathen gedachte. Weil aber der Baͤcker, der endlich etwas davon gemerkt hat⸗ te, ſich weit uͤber ihm erhaben glaubte, gab es bei dem Liebhaber oftmals ein großes Weh⸗ klagen. So oſt er mit ſeinem Chor vor Noͤs⸗ chens Thuͤre ſang, waͤhlte er ein Stuͤck, das auf ſie Beziehung hatte. Und wenn er zum Beiſpiel anſtimmte: ich bin eine Roſe im Thal Saron— ſo ſtand ſie hinter den Fenſtergardinen, und wußte— ſich innerlich freuend— daß ſie gemeint ſei. Indeß mit der Zeit wurde ſie immer ſtrenger bewacht, und der arme Menſch ſann vergebens auf Mittel, wie er ſie ſehen und ſprechen moͤchte. End⸗ lich warf ich mich ihm zum Vermittler auf, oder vielmehr, der Zufall that es, der Bitte⸗ res und Suͤßes durch einander miſcht. Eines Abends naͤmlich, als ich etwas ſpaͤt nach 127 —— Hauſe kam, hoͤrte ich im Vorbeigehen die Magd zum Nachtwaͤchter ſagen: um 12 Uhr! Ich begriff, daß ſie damit ſagen wollte: um 12 Uhr weckt die Geſellen, daß ſie den Ofen heizen. Gleich kehrte ich zum armen Liebha⸗ ber zuruͤck, und zeigte ihm, wie er naͤchtlicher Weiſe zu ſeiner Geliebten ins Haus kommen koͤnnte. Er durfte nur mit einem alten Man⸗ tel etwas fruͤher als der Nachtwaͤchter erſchei⸗ nen, eine todte Laterne in die Hand nehmen, und ſeinem Pochen die Bitte hinzufuͤgen, daß man ihm ſein Licht, das der Wind ausge⸗ weht, im Hauſe wieder anzuzuͤnden vergoͤn⸗ nen moͤchte. Die Leute mit den Augen voll Schlaf wuͤrden wohl nicht ſehr auf ihn mer⸗ ken, ein zweiter Vorwand koͤnnte ihn leicht auf den Hof fuͤhren, und, der Wachſamkeit erſt entgangen, wuͤrde er den Weg auch ſchon zu ſeiner Roſa finden. Praͤfectus folgte mei⸗ nen Rath, und es ging auch alles anfangs gluͤcklich. Man oͤffnete, ließ ihn ein, ſetzte ihm die alte Lampe hin und bekuͤmmerte ſich 128 —— weiter nicht um ihn. Als er aber zu Roſa's Kaͤmmerlein ſchleichen wollte, kam einer der Geſellen dazu, riß ihm den Mantel von der Schulter— und von Zorn und Eiferſucht entflammt, weil er ſelbſt ein Auge auf das Maͤdchen hatte, dachte er ihn in den Back⸗ ofen zu ſperren, und ihm dort die Hoͤlle recht heiß zu machen. Ob er nun wirklich mit dem Mordgedanken umging, ihn wie einen Kuchen zu backen, oder ob er ihn nur aͤngſtigen woll⸗ te, das weiß ich nicht— genug, er ſchob ihn in den Backofen, und macht ſchon Auſtalt, ihn zu heizen. Da erhob der Praͤfeet„ der im Chor den beſten Baß ſang, ein moͤrderi⸗ ſches Geſchrei, und ſeine Stimme klang ſo fuͤrchterlich durch das Haus, daß den Schla⸗ fenden die Erde zu beben ſchien. Alle ſtuͤrz⸗ ten heraus und der Baͤckermeiſter war nicht der letzte. Der Gefangene ward gleicht von dem Geſellen wieder frei gegeben, und fiel nun bittend und flehend zu den Fuͤßen des Vaters nieder. Ich bin ein ehrlicher Menſch, ſagte 8 129 —— ſagte er, ich komme in einer gerechten Sache. Macht eure Tochter nicht ungluͤcklich, bringt mich nicht in Verzweiflung; ich liebe ſie, und werde nimmermehr von ihr laſſen. Bald werde ich verſorgt ſein! gebt ſie mir zur Frau. Ho ho! erwiderte mit Hohnlachen der Mei⸗ ſter, paß auf! wenn der Hahn im Dom vier⸗ mal kraͤht, ſollt ihr ſie heimfuͤhren, ſonſt aber nicht. Bis dahin hat es gute Wege, ſchweigt ſtill und macht keinen Laͤrm, daß ich bei den Nachbarn nicht noch Schande erlebe. Ein ſchoͤner Freiersmann! darnach haͤtt' ich 3 wohl noͤthig, aus dem Bette aufzuſtehn!, Um Mitternacht! Der Menſch iſt toll.— Da⸗ mit ſchob er ihn ganz chriſtlich und ſanſt zur Hausthuͤr hinaus, und ſuchte bei den Leuten dieſen Vorfall zu vertuſchen, damit ſeiner Tochter kein Nachtheil daraus entſtaͤnde. Der verſchmaͤhte Freier klagte mir am an⸗ dern Morgen ſeine Noth und erzaͤhlte, wie er in der Nacht um Roͤschen beim Vater förmlich angehalten, aber mit der Redensart II. Theil. 3 130 —— zuruͤckgewieſen ſei: paß auf, wenn der Hahn im Dome viermal kraͤhet!— Dieſe Worte nun hatten Beziehung auf ein Feſt, das zur Erinnerung an die Verleugnung Petri in die⸗ ſer Stadt jaͤhrlich gefeiert und das Feſt der Wahrhaftigkeit genannt wurde. Es war mit einem großen Jahrmarkte verbunden, wel⸗ cher acht Tage dauerte. Am Sonntage aber ſchloß die kirchliche Feier mit einer Seltſam⸗ keit, die die Menſchen weit und breit und be⸗ ſonders viel Landvolk herbeilockte. Um 1 Uhr war der ganze Markt mit Schauluſtigen an⸗ gefuͤllt, die alle auf den Zeitpunet warteten, wo die Thuͤre des Doms ſich oͤffnen wuͤrde. Und mit dem erſten Glockenſchlage ſtuͤrzte es wie ein wogender Strom in die offenen Hal⸗ len. Kopf an Kopf, Geſicht an Geſicht hat⸗ te unter tobendem Gebrauſe die Menge nur ihre Blicke zur großen Orgel gerichtet, welche im ganzen Jahre nur an dieſem Tage ihre Wunderwerke ſehen ließ. Es befanden ſich naͤmlich an derſelben eine Menge Figuren, die, 131 — ſo wie der Organiſt ſpielte, alle in Bewegung geriethen. Der Engel Gabriel ſah ſich nach der Maria um, David ruͤhrte die Harfe, ein großer Adler hob die Fluͤgel, der Engel des Gerichts hob die Poſaune zum Munde, und ein anderer ſchlug den Tact. Zuletzt aber, wenn dieſe genug figurirt hatten, und die brauſende Phantaſie des Organiſten ſich in eine Windſtille aufloͤſte, kam erſt das Beſte und das Hauprtſtuͤck, worauf mit Anhalten des Athemzuges aller Augen gerichtet waren. Dies war ein kleiner goldener Hahn, der im Vordergrunde der Orgel ſtand, und die Be⸗ ſtimmung hatte, jaͤhrlich an dieſem Tage drei⸗ mal zu kraͤhen. Er fing allmaͤhlig an, ſich zu regen, hob die Fluͤgel, verneigte ſich, und ſo wie er ſein großes Geſchrei von ſich gegeben hatte, erſcholl der ganze Dom von lautem Eelaͤchter. Daſſelbe geſchah zum zweiten⸗ und zum drittenmal, und darauf wogte das Meer wieder zu den Thuͤren hinaus. Dieſe Sitte nun brachte unter dem Volk manche J 2 132 . Redensart hervor, und wer, beſonders um dieſe Zeit, dem andern etwas gelobte, ſetzte gern hinzu: ſo wahr der Hahn dreimal kraͤht! Oder bei Verneinungen ſagte man: paß auf, der Hahn wird viermal kraͤhen. Dieſe Schwur⸗ formel hatten viele Leute an ſich und kein Kraͤmer ſaß auf dem Markte, der ſie nicht am Feſte der Wahrhaftigkeit in ſeinem Munde fuͤhrte. Sagte aber jemand: wohlfeiler kann ich euch die Waare nicht geben, ſo wahr der Hahn heute dreimal kraͤht, ſo konnte man auch gewiß ſein, daß er ſich nichts weiter ab⸗ dingen ließ. Noch ſicherer war dieſer Schwur im Munde derer, die, auf dem Markte ſich begegnend, einander etwas verſprachen oder ſich erbaten, was denn freilich ſcherzweiſe oft mit den geringſten Kleinigkeiten geſchah. Nun iſt aber vom Hahn an der Orgel zu berichten, daß er eigentlich das ſchlechteſte Kunſtſtuͤck an der ganzen Orgel war, weil er— nicht ſelbſt kraͤhete, ſondern der Stadt⸗ muſicus hinter ihm ſtand, und den kraͤhenden 133 — Ton mit der Clarinette hervorbrachte. Fuͤr dieſes Jahr fuͤgte es nun das Schickſal, daß Herr Lebrecht von der letzten Erkaͤltung grade krank lag, da er auf die Orgel ſteigen und kraͤhen ſollte. Die Geſellen waren zu einer Hochzeit abgerufen, und ich allein ſtand an ſeinem Bette, um ihn zu pflegen. Der Tag ruͤckte immer naͤher, und ſeine Angſt ſtieg endlich ſo hoch, daß er in Fieberphantaſie ver⸗ ſiel, worin er beſtaͤndig mit dem Gedanken ſich herumquaͤlte, daß er das Hahnengeſchrei nicht wuͤrde beſorgen koͤnnen, und weil die ganze Scene lebhaft vor ſeiner Seele ſchweb⸗ te, ſo richtete er ſich im Schlaf oͤfters auf, und brachte ein Geſchrei hervor, das offenbar einem Hahne nachgebildet war. Indem ich dieſes Kraͤhen ſo mit anhoͤrte, dachte ich dar⸗ . auf, wie ich die Angſt von ſeiner Seele neh⸗ men koͤnnte, und nach gehoͤriger Voruͤbung trat ich mit der Clarinette vor ihn hin und ſagte: Liebſter Herr, es hat keine Noth, ſeht hier, es iſt mir gelungen, auf der Clarinette 134 —— ein Geſchrei hervorzubringen, das auch der groͤßte Kenner nicht vom Hahnenruf unterſchei⸗ den ſoll. Ich lieferte ihm eine Probe davon, und er druͤckte mir die Hand und ſagte: gut, gut, Er iſt mein Troſt; rede Er mit dem Organiſten, daß er ihn ſtatt meiner kraͤhen laͤßt, diesmal habe ich wahrhaftig keinen Athem dazu. Mache Er ſeine Sache gut. Ich war ekoͤniglich vergnuͤgt uͤber dieſen Auftrag und ſprang bei der Vorſtellung von der Sonderbarkeit dieſer religioͤſen Volksſcene uͤber Tiſch und Stuͤhle. Unmoͤglich konnte ich bei einer ſo außerordentlichen Gelegenheit in mir den Schalk unterdruͤcken, und kaum hatte ich uͤber meine Angelegenheit ein wenig nachgedacht, ſo fiel mir mein verliebter Praͤ⸗ fectus und der Schwur des Baͤckermeiſters wieder ein. Halt! dachte ich, wenn der Menſch nicht meineidig werden will, muß er wahrhaftig ſeine Tochter dem Chorpraͤfeeten geben, und Zeugen genug ſind da, die ihn dazu antreiben ſollen. 135 —— Der Tag, die Stunde kam. Das Meer erbrauſte unter mir, die Orgel uͤber mir. Die Figuren bewegten ſich, daß es eine Luſt war, und als der Organiſt ausrumort hatte und mir das Zeichen gab, kraͤhte ich wie ein leib⸗ haftiger Hahn uͤber die Maßen praͤchtig, und erndtete den lauteſten Beifall ein. Das wie⸗ derholte ich zum zweiten⸗ und zum drittenmal. Drauf aber, noch ehe ſich die Koͤpfe nach der Kirchenthuͤr wandten, erzeigte ich dem Volk eine Wohlthat, und kraͤhte— weil es damit gut ging— zum viertenmal. Allein— darauf erfolgte kein einſtimmiges Lachen, ſon⸗ dern ein vermiſchtes Getoͤſe von mancherlei hellen und tiefen Toͤnen, und das Lachen, welches erſt ſpaͤter kam, ſchlug wie eine Flam⸗ me nur hie und da durch den Laͤrm hindurch. Da ſah ich, wie viele nach der Orgel ſich herandraͤngten, und mir ward hinter dem Hahne nicht wohl zu Muth. Ich wartete aber die Haͤnde derer, die ich die Treppe hin⸗ aufkommen hoͤrte, nicht ab, ſondern fluͤchtete 136 — mich eilig in den dunkeln Thurm, wo mich niemand finden konnte. Ich hoͤrte zuͤrnen und ſchelten und beſonders die Kraͤmer uͤber Entweihung des Feſtes klagen, weil dieſe fuͤrch⸗ teten, daß nun kuͤnſtig weniger Menſchen zur Stadt kommen, und ihnen von ihren Waa⸗ ren abkaufen wuͤrden. Darin waren ſie indeß irrig, denn das Volk mußte ja weit neugie⸗ riger ſein, wenn es ungewiß bliebe, ob der Hahn drei⸗ oder viermal kraͤhen wuͤrde, als bei ganz ausgemachter Sache. Nach dem Verhallen des Getuͤmmels und der Entfernung der Menge haͤtte ich freilich deſorgen muͤſſen, in der Kirche eingeſperrt zu werden, wenn es waͤhrend des Markts nicht immer Neugierige gegeben haͤtte, die ſich vom Kuͤſter die Merkwuͤrdigkeiten des Doms zei⸗ gen ließen, das hoͤlliſche Feuer auf einem Ge⸗ maͤhlde, das brauſende Meer in der Wand und das eiſerne Gitter, das der Teufel ge⸗ ſchmiedet hatte. Ueberdies blieb heute der Dom dis zu Abend fuͤr jedermann umſonſt offen, und — 137 ——— es war mir bald ein Leichtes, unbemerkt zu entſchluͤpfen. Die Geſchichte hatte aber wider mein Erwarten ein ſo großes Aufſehn gemacht, daß ich nicht wagen durfte, mich wieder vor meinem Herrn ſehen zu laſſen. Ich uͤberleg⸗ te, ob ich die Clarinette mitnehmen ſollte, oder nicht— ſie konnte mir auf meiner Wande⸗ rung leicht zum weitern Fortkommen behuͤlf⸗ lich ſein; indeß— ich gedachte an den fruͤ⸗ hen Unterricht meiner Mutter und wohl wiſ⸗ ſend, daß ſie an Werth meine Floͤte, die ich im Stich laſſen mußte, bei weitem uͤbertraf, legte ich ſie dem Hahn unter die Fluͤgel, wo ſie denn wohl vom Volke bald bemerkt, und den Zorn des Kuͤſters erregt haben wird, der im Dom nur lauter Wunderwerke zeigen woll⸗ te. Auf dem Domplatze hoͤrte ich alle Augen⸗ blick einen dem andern erzaͤhlen, daß der Hahn heute viermal gekraͤht haͤtte, und als ich vor das Thor kam, vernahm ich von den heim⸗ kehrenden Bauerburſchen, wie ſie einander aus 4 138 dem Hahnengeſchrei fuͤr das ganze Jahr ſchlecht Wetter prophezeihten. Am meiſten bedauerte ich, meinen Pudel nicht bei mir zu ſehen, der um meinetwillen bisher ſchon ſo viel von der Muſie ausgeſtan⸗ den hatte und nun in der Truͤbſal zuruͤckblieb. Ich hatte aufs neue meine Verwunderung daruͤber, daß der Hund, der doch ſo viel Menſchliches an ſich hat, die Muſic nicht lei⸗ den kann. Er ſieht uns dabei an und findet uns unbegreiflich. Sein Bellen, das ſich zu gar keinem Ton beſtimmt, zeigt ſchon ſeine unmuſicaliſche Seele, und erſt im Heulen— bei Schlaͤgen und bei der Muſie— ſucht er mit jaͤmmerlichem Ausdrucke die Scala. Ene ve. ox nauug 139 —— Neuntes Capitel. Handel und Wanbel. Mein Weg war jetzt nach jener Stadt gerich⸗ tet, wo der Kaufmann wohnte, der das Geld⸗ geſchaͤft fuͤr mich beſorgen wollte. Mein Oheim konnte ſchon laͤngſt geantwortet haben; die Krankheit des Herrn Lebrecht hatte mich nur abgehalten, fruͤher darnach zu fragen. Unterwegens traf ich mit einem Glaſer⸗ geſellen zuſammen, der mit ſeinem Glaskaſten auf dem Ruͤcken auf den Doͤrfern herumzog. Er war nicht unzufrieden mit ſeinem Geſchaͤft, und lobte an den Bauern, daß ſie einen Staͤdter immer fuͤr kluͤger hielten und ihm Ehre ſchuldig zu ſein glaubten„ nur uͤber das Hangen am Alten beklagte er ſich. Ich haͤtte nicht geglaubt, daß dies auch Einfluß auf ihn haben koͤnnte, aber es betraf die run⸗ 140 — den Scheiben in den Fenſtern, die alle mit Blei eingeſchloſſen„ und, kunſtlich an einander gefuͤgt, ihm nicht wenig zu ſchaffen machten. Er verſicherte, er wollte eher ein ganzes Schloß mit breitem Glaſe verſehn, als eine Bauer⸗ huͤtte mit ſolchen runden Scheiben. Das Zuſchneiden derſelben, das Nachſchmelzen des Bleis und das Aneinanderpaſſen ſo vieler ein⸗ zelnen Theile, das in einer Berechnung von halben und Viertelſcheiben endigte, waͤre eine verdrießliche und oft mißliche Arbeit, woruͤber einem leicht die Geduld ausginge.— Rein⸗ lichkeit und ein gewiſſes behutſames Weſen in den Bewegungen der Haͤnde und des ganzen Koͤrpers ſchien mir das aͤußere Characterzei⸗ chen an dieſem Menſchen und uͤberhaupt am Glaſer zu ſein; im Betragen grenzt er durch Einfachheit an den Tiſchler und Zimmermann, ob dieſe gleich einen feſtern Blick haben. Die wenigen Groſchen, die ich von den muſicali⸗ ſchen Streifereien noch bei mir trug, erlaub⸗ ten mir eben nicht, in den Wirthshaͤuſern mit 141 — der Mahlzeit mich weit von ihm zu entfernen, und ich hatte noch manches Geſpraͤch mit ihm. Er ſprach von der verſchiedenen Helligkeit des Glaſes, und ſagte: die Durchſichtigkeit uͤber⸗ haupt iſt zu verwundern, noch mehr aber das Licht, daß es durch den feſten Koͤrper hindurch gehen und doch daſſelbe bleiben kann. Indeß — ob es wirklich durchgeht, iſt noch die Fra⸗ ge, das Glas wirkt mit wie die Luft, ohne daß die Sonne erſt noͤthig hat, ſelbſt in das Zimmer zu kommen.— Dabei fiel mir zu⸗ gleich der Gebrauch des Glaſes zur Harmo⸗ nica ein, bei welcher die Feinheit und Gei⸗ ſtigkeit deſſelben auch auf den Klang uͤberzu⸗ gehen ſcheint, welcher vor der Phantaſie aͤhn⸗ lich wirkt, wie ein fortgehender Lichtſtrahl. Noch fragte ich den Glaſergeſellen, was er bei einem ſtarken Hagelwetter fuͤr eine Em⸗ pfindung haͤtte? Er ſagte laͤchelnd, es waͤre ihm, als ob ein Nachbar an das Fenſter ſchluͤge: er ſpraͤnge unwillkuͤhrlich auf und ge⸗ riethe in eine thoͤrigte Eilfertigkeit; der Mei⸗ 142 —y— ſter aber frage nach dem Glasvorrathe und es wolle lange kein anderes Geſpraͤch auf⸗ kommen. Eben hielt ein Scherenſchleifer vor der Thuͤr, der nach Beendigung des Marktes mit ſeiner Karre, welche mehr Raͤder uͤber ſich als unter ſich hatte, aus der Stadt zuruͤck⸗ kehrte. Ich zog ein altes Federmeſſer heraus, um es ſchleifen zu laſſen— vielleicht, daß ich von meinem kuͤnftigen Schickſale ſchon eine geheime Ahnung hatte;— aber der Glaſer ſiel mir dazwiſchen und ſagte: ja nicht, das ſind Spitzbuben, die verderben die feinen Meſ⸗ ſer ohne Gnade und Barmherzigkeit. Wie? fragte ich verwundert, iſt auch bei dieſen Leu⸗ ten Betrug zu finden? Freilich, erwiderte er, ſie verbrennen die Meſſer; denn ſie ſoll⸗ ten den Stein, worauf ſie die Klinge legen, immer naß erhalten, daß ſie die die Schaͤrfe behutſam und allmaͤhlig ſpitzten; das dauert ihnen aber zu lange, und ſie thun es faſt ganz mit einem trocknen Steine, worauf in 143 ——— der großen Erhitzung die Guͤte des Metalls wegſchmilzt und eine ſtumpfe Maſſe wie Blei zuruͤckbleibt, die nicht lange Schaͤrfe haͤlt und die vorige Dichtigkeit nie wieder bekommt. Ein feines Meſſer muß auf einem Leder ab⸗ geſchliffen werden, wie es die Barbiere ma⸗ chen. So ein Menſch geht mit ſeiner Schleif⸗ maſchiene in den Städten aus einer Straße in die andere, und je fruͤher er mit einer Ar⸗ beit fertig wird, deſto eher kann er eine neue uͤbernehmen, und es gehoͤrt nicht viel dazu, daß er den Abend ſeinen halben Thaler nach Hauſe bringt. Jeder Faullenzer wird Sche⸗ renſchleifer, und unter hunderten ſind nicht zehne, die ihr Handwerk verſtehen. Daher hat man auch viele Scherenſchleiferlieder, worin die Gluͤckſeligkeit dieſer Menſchen geſchildert wird. Sie ſind in den Straßen der Stadt, was die Schaͤfer auf dem Felde ſind. Als ich den Glaſer verließ„ gab ich ihm die Verſicherung, daß, wenn ich einmal ein Schloß haͤtte, er mir in alle Fenſter Spiegel⸗ 144 —-— glas ſetzen ſollte; er aber laͤchelte und ſagte: in den Schlöͤſſern wird alles verdungen, und der große Profit kommt an die Obern, die wie die Flamme bei der Nachtlampe das Oel wegzehren und uns das Waſſer uͤbrig laſſen. Indem kam ein Bergmann vorbei, der in ein Bethaus ging: Sehen Sie, ſagte er, der bringt Gold und Silber aus der Erde und iſt doch ein armer Teufel; je hoͤher hinauf, je groͤßer der Proſit, Gott befohlen.— Je naͤher der Natur, je froͤmmer die Leute, dach⸗ te ich noch hinzu, um in dem Bergmaun et⸗ was anders, als einen bloßen Goldgraͤber zu ſehen, und indem fingen ſi ſie in dem Bethauſe an zu ſingen, und ich erfreute mich der lau⸗ ten Andacht, wovon der Klang mir noch weit nachſcholl. 1 8 Bald darauf hatte ich den Ort meiner Be⸗ ſtimmung erreicht, und indem ich meine Klei⸗ der beſah, trat ich in das Haus des Kauf⸗ manns. Ich ſtreckte mein Kinn um einen Zoll höher und zog alle Muskeln an, um mir G vor 145 ——— vor dem Handelsherrn ſo viel als moͤglich ein Anſehn zu geben, und durch Hoͤflichkeit und Anſtand meine verſchoſſenen Kleider Luͤgen zu ſtrafen. Er war nicht ſelbſt auf dem Comptoir, aber es ging gleich jemand, ihn zu rufen. Indeß ſchloß ſein Compagnon, der die Caſſe hatte, einen großen eiſernen Kaſten auf, und, nachdem er mir einen Brief von meinem Oheim uͤberreicht hatte, fing er an, auf einer marmornen Platte mir eine große Summe Geldes aufzuzaͤhlen, wobei er immer laͤchelnde und forſchende Blicke auf mich warf. Er hielt alle Augenblick inne und ſchien erſt war⸗ ten zu wollen, bis ich den Brief geleſen haͤtte, was ich denn als einen Befehl anſah. Der Oheim bedauerte mein Schickſal, doch glaubte er, daß ich kluͤglich gehandelt haͤtte, und ſetzte hinzu, zum Hofpagen taugte ich nicht. Er ſchicke mir hier eine groͤßere Summe, als ich vielleicht eben brauchte, und dies deshalb, weil es verlaute, daß er mit ſeinem Regimente nach einem andern Orte verſetzt werden ſolle, II. Theil. 8 140 — und es doch immer ungewiß bliebe, ob ein öfterer Briefwechſel nicht meine Spur verra⸗ the. Der Kaufmann werde in allen Stuͤcken fuͤr mich ſorgen.— Ich war von dieſer Guͤte geruͤhrt und ſchlug die Augen nieder. Sobald ich wieder aufblickte, fuhr der Mann mit dem Aufzaͤhlen fort und ſagte wie im Scherz: Ei, was werden Sie mit all' dem Gelde anfangen! Es ſchien ihm ordentlich weh zu thun, daß er ſo viele blanke Stuͤcke in eine Hand liefern ſollte, wo ſie nicht wuchern konnten. Indem trat der Herr herein, und machte mir ein Compliment, das weit uͤber meine Jahre hinausreichte. Ich dankte ihm fuͤr die guͤtige Beſorgung des kleinen Geſchaͤfts, aber er erwiderte: Der kleinſte Dienſt fuͤr Seine Excellenz, den Herrn General, waͤre ihm das groͤßte Vergnuͤgen, und er bedauerte nur, daß er ihm nicht perſoͤnlich die Hochach⸗ tung bezeigen koͤnnte, die das ganze Land ihm ſchuldig ſei; er baͤte, daß ich ihn demſelben ganz beſonders empfehlen moͤchte. Wenn ich 147 ferner ſeines Raths beduͤrfe, ſetzte er hinzu, wuͤrde er ſich mit der groͤßten Uneigennuͤtzigkeit meiner annehmen. Unterdeſſen hatte der Caſ⸗ ſenfuͤhrer wieder mit Aufzaͤhlen inne gehalten, und es ſchien immer, als ob das Geld gar nicht von ſeinen Fingern wollte. Er trat jetzt nahe an den Herrn heran und fluͤſterte ihm etwas ins Ohr, worauf dieſer eine zweifelnde und dann eine hoffende Miene machte. Sollte es Ihnen in dieſer Stadt gefallen— ſagte er drauf zu mir— ſo bleiben Sie in meinem Hauſe, ſo lange es Ihnen beliebt. Ja, fuhr der andere mit mehr Dreiſtigkeit fort, in Ih⸗ rem Alter ſind Sie mit einem ſolchen Vor⸗ rathe von Gelde mehr in Gefahr als Sie glauben. Sie wollen vielleicht ſtudieren, aber es iſt Schade um die Summe, die es koſten wird, und die ſich nachher doch nie ganz ver⸗ intereſſiren kann. An Ihrer Stelle wuͤrde ich lieber Kaufmann, das wuͤrde fuͤr Sie weit vortheilhafter ſein. Die Ueberraſchung, wo⸗ mit mich dieſer Vorſchlag traf, wuͤrkte erſt K 2 148 —-—— befremdend, dann reizend und uͤberredend auf mich. Ich neigte den Kopf beſcheiden und bedauerte laut mich ſelbſt wegen meiner Unge⸗ ſchicklichkeit; indem ich im Rechnen und Schrei⸗ ben eben kein Meiſter ſei. Sobald der Han⸗ delsherr mich einigermaßen dazu geſtimmt ſah, raͤumte er gleich alle Hinderniſſe aus dem Wege, und noͤthigte mich, die Stelle eines Lernenden in ſeinem Comptoir anzunehmen. Das Wort eines ſo wuͤrdigen Oheims ſei ihm Caution genug, und— ſetzte der andere hin⸗ zu, indem er vollends ganz zu zaͤhlen aufhoͤr⸗ te, hier iſt ja ſchon das Lehrgeld.— So wenig ich nun eigentlich auch Neigung zum Kaufmannsſtande hatte, ſo folgte ich doch, in Ruͤckſicht meiner bedenklichen Lage, der Gele⸗ genheit zu einem Unterkommen, wie es ſich mir eben darbot. Ich merkte bald, daß bei jenen beiden Handelsherrn zwei ganz verſchiedene Beweg⸗ gruͤnde zu meiner Anſtellung obwalteten, bei dem einem die Luſt zu dem Lehrgelde, das er * —ꝙ 149 ——— ſchon in Haͤnden hatte, und bei dem andern die Ruͤckſicht auf meine adeliche Verwand⸗ ſchaft. Wenn die Kaufleute Geld genug er⸗ worben haben, faͤllt es ihnen haͤufig ein, daß ihnen zu ihrem Anſehn in der Welt noch zweierlei fehle, erſtens Rang und Titel, und zweitens Kenntniſſe und Wiſſenſchaften. Sie verfallen alſo nicht ſelten auf die Thorheit, den Umgang mit betitelten Perſonen und be⸗ ſonders mit dem Adel zu ſuchen oder mit ei⸗ niger Liebhaberei den Beſchuͤtzer der Kuͤnſte und Wiſſenſchaften zu ſpielen. Demnach ſieht man an der Tafel eines ſo vollendeten Kauf⸗ manns bald Kuͤnſtler und Gelehrte, bald den Adel verſammelt. Mein Herr nun, der ſich gern uͤber ſeines Gleichen erheben wollte, war ein Adelfreund, und er hatte auch bereits die Freude, eine weitlaͤuftige Verwandte von ſich mit einem Officiere, einem Herrn von Keith, verheiragthet zu ſehen, welches ihm ſehr zu ſtatten kam, denn der Zufall wollte es, daß ſich ein reicher Fuhrmann in der Stadt be⸗ 150 —— fand, der mit ihm einerlei Namen fuͤhrte. Er glaubte alſo, wenn er in einer glaͤnzenden Squipage aus dem Stadtthore fuhr, hinzu⸗ ſetzen zu muͤſſen: ich bin Schaller aus der Keithſchen Familie. Aus derſelben Ruͤckſicht ward ich auch in ſeinem Hauſe weit beſſer gehalten, als es ei⸗ gentlich einem Lehrlinge zukam, und, nachdem ich mit feinen, zierlich zugeſchnittenen Kleidern ausgeſtattet war, ſah ich, wie mein Herr öͤf⸗ ters mit Wohlgefallen auf mich zeigte, und man fluͤſterte ſich einander ins Ohr: das iſt der Sohn eines Generals.— Da ich mich nun einmal zum Kaufmann beſtimmt hatte, nahm ich mich auch mit Eifer meines Geſchaͤfts an, um zu ſehen, wie weit ich es darin brin⸗ gen koͤnnte. Bald ſaß ich am Kopierbuche, um im Schnellſchreiben drei fertigen Brief⸗ ſteltern, die einen Bogen nach dem andern zu mir hinſchoben, nachzukommen, bald zaͤhlte ich am Marmortiſche Geld aus groͤßern zu klei⸗ nern Tuͤten, bald lief ich auf die Poſt, um — 151 Briefe hinaufzutragen, oder abzuholen, bald hatte ich auf dem Packhofe das Amt, Caffee oder Reis ſtuͤrzen zu laſſen. Letzteres ge⸗ ſchah beſonders wegen der ſpitzbuͤbiſchen Schiffs⸗ knechte, die die Waaren oft gar zu ſehr be⸗ feuchteten, ſo daß ſie ſich an die Faͤſſer ſetzten und leicht verdarben. Dies alles mußte auf das puͤnctlichſte geſchehen, und ich zog mir anfangs manchen kleinen Verweis zu. Faſt in keinem Stande herrſcht ſo viel Ordnungs⸗ liebe als beim Kaufmann, die ſich bei ihm bis auf die geringſte Kleinigkeit erſtreckt, und auch auf das Reelle ſeines Characters, auf das Worthalten u. ſ. w. großen Einfluß hat. Andere hatte ich vorher oft uͤber Kaufleute ſo urtheilen hoͤren, als ob viel gewinnen bei ihnen mit viel betruͤgen verwandt ſei; jetzt uͤberzeugte ich mich, daß dies, beſonders bei Großhaͤndlern, durchaus nicht der Fall iſt, indem faſt alles bei ihnen auf das Steigen und Fallen der Waaren ankommt, welches in der Negel ganz und gar nicht von ihnen abhaͤngt. 152 Dabei handeln ſie— was mich am meiſten in Verwunderung ſetzte— haͤufig mit Waa⸗ ren, die ſie nie mit Augen zu ſehen bekom⸗ men, und von denen ſie oft nicht einmal Kenntniß haben. Das aber glaube ich be⸗ haupten zu koͤnnen, daß keine Beſchaͤftigung unter allen Arten von Thaͤtigkeiten ſo eigen⸗ thuͤmlichen Einfluß auf die Anſicht der Welt hat, als der Handel. Die Gewohnheit, in den Waaren nur den Geldeswerth zu ſehen, giebt zuletzt dem Geiſte eine ſolche Richtung, daß er alle Dinge um ſich her, ohne ein un⸗ mittelbares Intereſſe an ihren Eigenheiten zu nehmen, unter gleichen Maaßſtab zu bringen trachtet, woraus von ſelbſt eine Geringſchaͤtzung der geiſtigen Dinge, 3. B. der Kuͤnſte und Wiſſenſchaften, folgt. Von der ſteten Bezie⸗ hung auf Nutzen nimmt auch die Moral und Philoſophie des Kaufmanns leicht eine Farbe an: ſobald er zu philoſophiren beginnt, fragt er nach der Unſterblichkeit der Seele und nach Strafe und Belohnung. Eine gute That und 153 —-- eine Wohlthat(Geben, Schenken) ſind bei ihm faſt dieſelben Begriffe. Er iſt ein eben ſo großer Wohlthaͤter der Armen, als andaͤch⸗ tiger Zuhoͤrer in der Kirche. Bei Anmaßun⸗ gen anderer iſt er der eifrigſte Vertheidiger des Rechts. Sein Hauptvergnuͤgen iſt Spiel und Politik, worin ſich ſein eigenes Geſchaͤft, nur unter andern Proportionen, zu wiederholen ſcheint. Die ganze Welt liegt wie eine Ver⸗ koͤrperung arithmetiſcher Verhaͤltniſſe vor ihm, und will er ſeinen Geiſt frei machen, ſo wen⸗ det er ſich zu dem Anblick aͤußerer Pracht, die ihn weit von dem Gefuͤhl der Beduͤrfniſſe entfernt, und er ergiebt ſich gern dem Ge⸗ nuſſe ſinnlicher Vergnuͤgungen, die ihn ſehr leicht oder ſchnell zur Froͤhlichkeit ſtimmen. Seine Geſinnungen ſtehen bei ihm in einem abgeſchloſſenen Zuſammenhange, und, in die⸗ ſer beſtaͤndigen Uebereinſtimmung mit ſich ſelbſt, laͤßt er ſich von andern nicht leicht in einen andern Standpunct verſetzen oder in eine fremde Denkweiſe hinuͤberziehen. Die, 154 — welche mit einer gelehrten Liebhaberei oder mit einer Wiſſenſchaft ſich eifrig abgeben, ſind oft als Kaufleute nicht die beſten, eben, weil ſie ihren Standpunct und die gewohnte Welt⸗ anſchauung verlaſſen haben. — 155 —-— Zehntes Capitel. Steigender Kredit. — Mein Herr war, wie geſagt, ſchon aus ſei⸗ nem Kreiſe herausgetreten, ohne denſelben grade zu erweitern, indem er nach etwas Un⸗ weſentlichem ſtrebte, das fuͤr ihn immer ein muͤſſiges Außenwerk bleiben mußte. Um ſei⸗ nen Glanz und ſeine Herrlichkeit zu zeigen, gab er jaͤhrlich dreimal dem Adel ein herrliches Feſt, wobei ſein Kammerdiener niemals un⸗ terlaſſen durfte, den Generalshut an das Fen⸗ ſter zu hangen, damit die Leute ſehen moͤch⸗ ten, welche vornehme Leute er bei ſich haͤtte. Der Adel fand eben keine Urſach, es an Hoͤf⸗ lichkeit gegen ihn fehlen zu laſſen, weil er nie in die Lage kommen konnte, mit ihm in einen Rangſtreit zu treten oder ſich etwas gegen ihn zu vergeben. —— 156 —— Den Winter uͤber mußte ich noch Stun⸗ den im Rechnen und Schreiben nehmen, doch hatte ich mehr Wohlgefallen an der Muſic, die ich des Abends fuͤr mich uͤbte. Des Co⸗ pirens wurde ich bald uͤberdruͤßig, und ſobald ich mir ſelbſt im Schnellſchreiben genuͤgte, hatte ich keine Freude mehr daran. Zwei kleine Geſchichten aber trugen ſich bald darauf zu, die mir ganz beſonders die Gewogenheit meines Herrn und in der Stadt ſogar eine Art von Namen erwarben. Mein Herr hatte naͤmlich einen weitlaͤuf⸗ tigen Verwandten, den er gern mit einem ar⸗ men Fraͤulein verheirathen wollte, um dadurch immer mehr mit dem Adel in Verbindung und Verwandſchaft zu kommen; aber der liebe Vetter, der ſchon uͤber die Jahre der erſten Leidenſchaft hinaus war, und ſich durch⸗ aus nicht nach ſeinem Willen fuͤgen wollte, zeigte alle moͤgliche Anlage, ein Hageſtolz zu werden. Sein bepuderter Hut lag auf einem Bogen Papier, damit er den Tiſch nicht be⸗ — 157 ſchmutzen moͤchte, ſeine meerſchaumnen Pfei⸗ fenkoͤpfe hingen an der Wand in Reih und Glied, und der eine hieß die Montags⸗, die andere die Dienſtagspfeife u. ſ. w., weil er jeden Tag eine davon in Feuer ſetzte, ſeine Handtuͤcher mußten immer zwei Henkel haben, damit er ſie abwechſelnd umkehren koͤnnte, und in ſein Studierzimmer durfte weder ein Kehr⸗ beſen, noch ein Borſtwiſch kommen, weil er ſie behutſamlich ſelbſt zu ſaͤubern pflegte. Mit dem Glockenſchlage mußte ſein Fruͤhſtuͤck, und eben ſo ſein Mittagseſſen kommen, mit dem Glockenſchlage ſtand er auf und eben ſo puͤnct⸗ lich legte er ſich nieder. Der Mann lebt in der Zeit, die Frau im Raume, und dieſe weiß ſelten, was die Glocke iſt. Seine ſtrenge Eintheilung der Zeit gab alſo zu einer Ver⸗ heirathung wenig Hoffnung. Von jeher war er wenig unter Menſchen gekommen, ſondern hatte mit ſeinem Vater immer gemeinſchaftlich ſtndiert, und da die Leute immer vergebens warteten, daß er ein Amt annehmen ſollte, 4 158 —— ſo nannten ſie ihn ſpottend den Sohn, der ewig bei dem Vater iſt. Seine Beſchaͤftigung war die Erhaltung des Antikencabinets, das ihm ſein ſterbender Vater auf die Seele ge⸗ bunden hatte, und worin ſich zum Beiſpiele die Pantoffeln und Handſchuhe aller Jahr⸗ hunderte befanden. Davon beſah er taͤglich ein Stuͤck nach dem andern und buͤrſtete den Staub hinweg, der ſich immerwaͤhrend an⸗ ſetzte und den Vers zu predigen ſchien: die Herrlichkeit der Erden muß Staub und Aſche werden. Um ihn zum Heirathen zu bewegen, beſtach man die Koͤchin und den Bedienten, daß ſie ihm die Suppe verſalzen, Teller zer⸗ brechen und das Eſſen vertheuern, dabei ſelbſt die gluͤcklich Liebenden ſpielen mußten. Alle Augenblick kam eine Nachbarin, um ſeine Raritaͤten in Augenſchein zu nehmen, und die Lohnbedienten mußten alle fremde Damen mit und ohne Schleier zu ihm fuͤhren, aber — das war alles vergebens. Zu dem armen Fraͤulein, das ihm beſtimmt war, ſchien er 159 —-— wirklich einmal eine kleine Neigung, wenig⸗ ſtens eine Aufwallung zu verſpuͤren, denn er unterſtand ſich einſt, da ſie eben einen ſeiner Pantoffeln betrachtete, ſie in die Backe zu kneifen, worauf ſie mit recht holder Sproͤdig⸗ keit: ach! ich bitte Sie! geſagt hatte. Nun trug es ſich zu, daß nicht weit da⸗ von ein Mann ſtarb, der auch ein Hageſtolz geweſen, und der nun ganz verlaſſen da lag. Ich ging eben vorbei und fand einen Mann an die Thuͤr klopfend, der, wie ſich an dem langen Maaßholze auswieß, ein Tiſchler war, und hinein wollte, um das Maaß zum Sarge zu nehmen. Der Hauswirth, ein Controlleur auf dem Packhofe, hatte ſich den Morgen ſchon auf ſeinen Poſten begeben, die Koͤchin war zum Einkaufen auf den Markt gegangen, und das Haus ſtand unterdeſſen verſchloſſen. Mich ſchauderte bei dem Gedanken an den Todten, der weder Bruder noch Schweſter an ſeiner Seite hatte. Aber im Augenblick fiel mir der andere Hageſtolz ein, und ich 160 wuͤnſchte, daß er dieſen verlaſſenen Zuſtand ſehen moͤchte. Daran reihte ſich gleich ein anderer Gedanke, der mir in der That köͤſt⸗ lich ſchien, und mit welchem ich jenen fuͤrch⸗ terlich aus ſeiner Ruhe aufſchrecken konnte. Es war mir naͤmlich erinnerlich, daß der le⸗ bende mit dem Todten ohngefaͤhr gleiche Groͤße hatte, und ich ſagte zum Tiſchler⸗Meiſter: ich weiß euch zu rathen. Da druͤben wohnt ein Mann, der ganz dieſelbe Statur hat, und wenn ihr ihn bittet, erlaubt er euch wohl, daß ihr an ihm das Maaß nehmt, er iſt ein ſehr ruhiger, ſanfter Mann. Der Meiſter laͤchelte und meinte, daß der denn doch wohl ein wenig das Maaß gegen ihn umkehren und es in der Breite gebrauchen moͤchte. Ich be⸗ theuerte ihm aber, daß er meinem Herrn damit uͤberdies einen großen Gefallen erzeigen und ſicher keine geringe Belohnung von ihm dafuͤr bekommen wuͤrde, worauf er die Ab⸗ ſicht zu errathen anſing. Er laͤchelte uͤber den Einfall, indeß bezeigte er zur Ausfuͤhrung deſ 62 161„ —— deſſelben keine Luſt; ich habe einen ehrlichen Hollaͤnder in meinem Dienſt, ſagte er, der thut es in der beſten Meinung von der Welt, den will ich ſchicken. Es geſchieht. Der Hollaͤnder tritt mit einem laugen weißen Sta⸗ be zum Antikenkraͤmer herein, und als dieſer fragt, was er wolle, giebt er zur Antwort: ſein Herr ſchicke ihn her, um an, ihm das Maaß zu einem Sarge zu nehmen. Der Ha⸗ geſtolz richtet ſich von ſeinem Seſſel hoch in die Hoͤhe, und ſcheint ſtill verwundert zu fra⸗ gen, ob er denn ſchon kodt ſei. Er blickt im Zimmer umher und ſchaut dann auf ſich ſelbſt, und als er ſich vom erſten Schreck erholt hat, verlangt er jene außerordentlichen Worte vom Tiſchler noch einmal zu hoͤren. Der Geſelle fuͤgt ganz trocken hinzu, ſein College— auch ſo ein Herr, wie er— ſei todt und liege in der Kammer verſchloſſen, weil die Koͤchin zum Markte gegangen ſei, und ſich keine Nutter⸗ ſeele um den einzelnen Menſchen bekuͤmmere. Da er mit ſeinem Collegen einerlei Geoͤße I1 Theil. L 16²2 — habe, ſo wuͤrde er dem Verſtorbenen wohl den Gefallen thun, an ſeiner Perſon fuͤr ihn das Maaß zu einem Sarge nehmen zu laſ⸗ ſen. Der Herr that einen Blick zum obern Winkel des Zimmers hinauf und konnte ſich nicht beſinnen, daß ihm bei irgend einem Volke ein ſolcher Gebrauch ſchon vorgekom⸗ men waͤre. Er hatte ſchon die Worte auf ſei⸗ nen Lippen: ſeid ihr toll? doch als ein Samm⸗ ler von ſeltſamen Dingen ward er irre an ſich ſelbſt, und wußte gar nicht, ob eine ſolche Forderung wohl wirklich ſtatt finden koͤnne. Maaß zu einem Sarge, ſprach er jetzt zu ſich ſelbſt. In einer Kammer liegt er einge⸗ ſperrt!— Indem war der Tiſchler ſchon mit dem Stabe hinter ihn getreten und be⸗ zeichnete am Holze ſeine Hoͤhe. Mit einem Schauder fuhr der Lebendige zuruͤck, als er es hinter ſeinem Nacken ſich regen hoͤrte und der Schimmer des weißen Stabes in ſeine Augen fiel. Ums Himmelswillen! was macht ihr, was habt ihr vor? rief er aus und zog ſich 163 mit langen Schritten bis ans andere Ende des Zimmers zuruͤck. Es iſt nun ſchon gut, ſagte der Geſell; mein Herr, ich wuͤnſche Ihnen wohl zu leben. Von der Stund' an war es, als ob un⸗ ſer Mann ſich vor ſich ſelber fuͤrchtete, und er kam ſich wie ein Menſch vor, der auf der Welt nur dazu diene, andere das Maaß an ſich fuͤr die Todten nehmen zu laſſen. Be⸗ ſonders ſtand das verſchloſſene Haus des Ver⸗ ſtorbenen lebhaft vor ſeiner Phantaſie, und er meinte, daß es ihm einſt auch ſo gehen koͤnnte. Alle Gedanken an Sterblichkeit flie⸗ hend legte er auf der Stelle die ſchoͤnſten Klei⸗, der an, und ging zum Hauſe hinaus, um das freundliche Geſicht des Fraͤuleins aufzuſuchen, das ihm ſagen mußte, ob er lebe, oder ob er todt ſei.— 8 43. Es waͤhrte keine vier Wochen, ſo war Verlobung und Hochzeit. Ob aber die Ver⸗ bindung zu einer großen Gluͤckſeligkeit fuͤr ihn ausgeſchlagen ſei, daran zweifle ich. Denn L 2 164 ſobald das Fraͤulein, das allen Vorrechten ihrer Geburt gern zu entſagen verſicherte, ſich nur erſt etwas fuͤhlte, wachte bei dem Aublick eines Officiers ihr ganzes Herz wie zu einem neuen Leben wieder auf und der liebe Mann ſah bald nur Leute ihres Standes um ſie, welche wenig zu ſeinem Umgang paßten. Drum iſt mir ein armes Fraͤnlein, das ſich in das buͤrgerliche Leben ganz zufrieden zuruͤckzu⸗ ziehen meint, haͤufig wie ein zahmer Vogel vorgekommen, der es ſich im Zimmer bei den Menſchen wohl ſein laͤßt, aber alle Augen⸗ blick, wenn die Collegen draußen zwitſchern, Luſt bekommt, wieder zu ihnen zuruͤck zu flie⸗ gen. Es iſt ſchwer, angeborne Rechte aufzu⸗ geben, beſſer, ſie zu behaupten.— Mein Herr hatte indeß uͤber die Wirkung meines Einfalls eine große Freude, und er behan⸗ delte mich nun ganz wie ein Glied ſeiner Fa⸗ milie.— Aun 2 Die zweite Geſchichte war der Art, daß ſie mir zu beweiſen ſchien, welchen Einfluß — 165 — mein neuer Stand bereits auf mein Herz ge⸗ habt haben mochte. Ich ging naͤmlich eines Morgens ſehr fruͤh nach der Poſt, als ich in einem kleinen Hauſe ein Geſchrei vernahm, mit welchem eine Frau wimmernd den Himmel anflehte. Ich folgte ſogleich dieſer Stimme, und kam in die Woh⸗ nung eines armen Klempners, der auf einem Block ſaß und ſich das Haar raufte, indeß Weib und Kinder um ihn weinend die Haͤnde rangen, und nicht weit davon in der Kuͤche ließ der Klang von mehrern Geraͤthen, auch das unwillige Schelten von Menſchen ſich hoͤ⸗ ren. Gottes Erbarmen! rief die Frau, wir kommen an den Bettelſtab; wir koͤnnen die Steuern nicht bezahlen, und nun reiſſen ſie uns noch das Werkzeug aus der Hand, das uns ernaͤhren ſoll und nehmen das letzte Ge⸗ ſchirr aus der Kuͤche. Gott, was fangen wir an, Herr, helfen Sie, helfen Sie uns!— Ich ging hinaus und ſah, wie die Gerichts⸗ diener ſich mit Keſſeln und Schmelztiegeln, 166 ——— mit Haͤmmern und Feilen beladen hatten, und brummend eben damit abziehen wollten. Hal⸗ tet ein, rief ich, und bringt die Menſchen nicht zur Verzweiflung. Es ſoll Rath wer⸗ den, ich will Huͤlſe ſchaffen, nur einen Au⸗ genblick Geduld. Was? ſagte der Anfuͤhrer, haben Sie Geld? Bezahlen Sie uns⸗, und es iſt gut. Wir ſind ſchon dreimal in das Haus gekommen, diesmal laſſen wir uns nicht ſo abſpeiſen. Wie viel betraͤgt die Schuld? fragte ich. Nehmt unterdeß dieſe Gedulds⸗ groſchen. In einer Viertelſtunde bin ich wie⸗ der hier und bringe das Geld. Drauf ver⸗ ſprachen ſie, eine Viertelſtunde auf mich zu warten, und ich lief ſogleich nach Hauſe zu⸗ ruͤck, wo der Caſſenfuͤhrer eben aufgeſtanden war, und auf das Vorgeben, daß ich eine gute Gelegenheit gefunden haͤtte, feine Lein⸗ wand fuͤr mich zu neuen Hemden zu kaufen, befriedigte er mein Verlangen, und ich lieferte das Geld in die Haͤnde der Gerichtsdiener. Dies blieb aber nicht verſchwiegen, denn als 167 —— ich eine Stunde drauf eben auf dem Comptoir ſaß und die Worte zum hundertſtenmale nieder⸗ ſchrieb: In ergebenſter Beantwortung Ihres werthen vom Zten dieſes—, trat der Klemp⸗ nermeiſter ſelbſt herein, um ſich bei meinem Herrn zu bedanken, weil er glaubte, daß er ihm die Huͤlfe geſandt haͤtte. Da ſah ſich der Herr gieichſam von mir uͤbertroffen, und wußte nicht, was er mir dafuͤr alles zum Lobe ſagen ſollte.— Bald darauf aber ſtell⸗ te er ein großes Feſt an, wozu er die reich⸗ ſten Kaufleute, und viele von Adel und be⸗ ſonders diejenigen einlud, die mit jenem an ſeinen Vetter verheiratheten Fraͤulein, wenn auch nur durch das zehnte Glied, verwandt waren. Dem neuen Ehepaar ſollte ein glor⸗ reicher Tag berettet werden, und— ich ſollte auch mit dabei ſein, eine Ehre, die uͤber alle Begriffe ging. Zugleich wurde ein Fremder, ein Mann aus der Reſidenz, mit dazu gezo⸗ gen, der an das Haus meines Herrn geſandt war, um wegen einer Reislieferung zu Maga⸗ 168 —— zinen einen Contraet mit ihm abzuſchließen. Es vereinigten ſich alſo ſo viel Umſtaͤnde auf einmal, daß kein Aufwand geſpart und alle Erfindung der Koͤche und Conditors aufgebo⸗ ten werden mußten, um mit dieſem Feſte alle andere, die jemals gefeiert waren, zu ver⸗ dunkeln. 6. s n Mit meiner Kleidung wurde eine ſtrenge Muſterung vorgenommen, und wie ich vorher in vollem Anzuge vor meinen Herrn hintrat, billigte er alles, und bemerkte nur, daß das Kleid und die Schuhe noch nicht genug aus⸗ geſchnitten waͤren.— Das Kochen und Bra⸗ ten war nun in vollem Gange, und die Haͤu⸗ ſer der Straße ſchuͤtterten eine ganze Stunde von dem Rollen der Caroſſen, die die Gaͤſte in unſer Haus abſetzten; alles glaͤnzte von Gold und Silber, feinen Spitzenkragen, At⸗ tas, Ringen und Brillianten, und wie alle bei einander waren, fuͤgte ich mich auch, halb unbemerkt, hinzu. Aber kaum hatte ich mich zu Tiſche geſetzt, ſo irrten von allen Seiten 169 — Blicke nach mir hin, und mein Herr bemerk⸗ te mit Wohlgefallen, wie man meinetwegen hie und da die Koͤpfe zuſammen ſteckte, doch ſchien es ſeine Wuͤrde nicht zu erlauben, daß er oder ein anderer von mir oͤffentlich uͤber Tiſche ſpraͤche. Die koͤſtlichſten Gerichte folg⸗ ten auf einander und meine Nachbarn ſchenk⸗ ten mir fleißig ein, ſo daß ich mich nicht erin⸗ nerte, jemals ſchon in meinem Leben ſo ſchwel⸗ geriſch als heute gelebt zu haben. Zuletzt, wie es mit kleinen Glaͤſern zu den feinen Weinen uͤbergieng, wurde der Pre⸗ diger, der auch mit zugegen war, zu einem Kranken gerufen, welcher Sterbens halber von ihm das heilige Abendmahl begehrte. Da lachten die Gaͤſte rechts und links und erwo⸗ gen mit mancherlei ſpoͤttiſchen Bemerkungen, wie der Prediger, voll des ſuͤßen Weins, ploͤtzlich vor den Kranken hingeſtellt wohl ſeine Rolle ſpielen wuͤrde. Mir ſchien es, haͤtte ich meine Meinung ſagen ſollen, daß der Pre⸗ 170 —— diger wohl in einen traulichen Familienkreis, aber nicht in eine bacchantiſche Geſellſchaft, ſelbſt auch dann nicht gehoͤrt, wenn er nur, gleich den Goͤtterſtatuen des Conditors, zum Staate dient.— Indeß— ein ganz ande⸗ rer Gegenſtand zog bald meine Aufmerkſamkeit auf ſich. Durch die Entfernung des Predigers war eine Luͤcke entſtanden, durch welche ich nun eine entferntere Region des Tiſches beob⸗ achten konnte, und ſiehe! meine Blicke fielen auf den Fremden aus der Reſidenz, und je oͤfter ich ihn anſah, je mehr fuͤrchtete ich in ihm den Sekretair des Hofjuden gewahr zu werden, der um meine fruͤheſten Geheimniſſe wußte. Er ſchoß ebenfalls einige Blitze her⸗ uͤber, die zu ſagen ſchienen, daß er eine un⸗ verhoffte Entdeckung gemacht haͤtte. Ich merkte, wie er ſich rechts und links nach mir erkundigte, und die Nachbarn beifaͤllig mit dem Kopfe nickten. Doch nahm er bald ein ruhigeres Weſen an, als ob er meiner nicht —— 171 ——— weiter achtete; auch mochte er glauben, daß ich ihn ſicherlich hier nicht erkennen wuͤrde, weil ich ihn bei meinem Oheim nur wenig ge⸗ ſehen hatte; aber mehr als ſein Geſicht hatte ſich mir ſeine Stimme eingepraͤgt, mit wel⸗ cher er ſeinem Herrn den boͤſen Rath ertheil⸗ te. Sobald alſo in dem laͤrmenden Geraͤuſch gleich einer lichten Stelle in einem wild ver⸗ wachſenen Walde eine Pauſe entſtand, horchte ich mit aller Anſtrengung zu dem Klange ſei⸗ ner Worte hinuͤber und er ließ als ein Mann aus der Reſidenz, der viel zu erzoͤhlen wußte, eine kleine Vakanz der Ohren nicht gern un⸗ benutzt. Immer gab er ſich das Anſehn, als ob er bei Hofe eine ſehr wichtige Perſon vor⸗ ſtelle, und wie Bacchus mit den anklingenden Bechern ihm jedes Ohr verſchloß, ſann er auf Mittel, durch das Auge das Staunen der Gaͤſte auf ſich zu lenken. Er zog naͤmlich ein kleines Bild hervor, das er als eine ſeltene Merkwuͤrdigkeit erſt ſeinem naͤchſten Nachbar 172 ünd dann weiter zeigte, bis es mit ſeiner Er⸗ laubniß auf ein feines Obſttellerchen gelegt und an der ganzen Tafel zur Bewunderung herum⸗ gegeben wurde. Es kam endlich auch zu mir, und wie erſchrak ich, als ich gleich auf den erſten Blick bemerkte, daß dieſes Bild die groͤßte Aehnlichkeit mit demjenigen hatte, das ich als Amulet auf meiner Bruſt trug. Es war daſſelbe Geſicht darauf abgebilder, und ich beeilte mich, meinen Nachbar zu fragen, wen es vorſtelle. Unſern Koͤnig! gab er zur Antwort, wiſſen Sie das nicht? Ja wenn hierunter noch ſo einige Federzuͤge ſtaͤnden, ſetzte er hinzu, dann haͤtte es großen Werth, dann waͤre es wirklich eines von den Schutz⸗ bildern, die der Koͤnig nur an die vertrau⸗ teſten Perſonen ſchenkt. Dies iſt blos eine Copie davon, woran man indeß doch ſehen kann, wie jene geſtaltet ſind. Was bedeutet denn ein ſolches Schutzbild? fragte ich weiter; aber mein Nachbar, der viel von der Ehrlich⸗ 123 ———— keit eines guten Hausvaters in ſeinem Geoſichte trug, laͤchelte und wollte es nicht ſagen. Sie ſind noch zu jung, mein Herr, fuͤgte er hin⸗ zu, Sie muͤſſen ſo etwas noch nicht wiſſen.— Bald darauf wurde die Tafel aufgehoben und die Gaͤſte liefen mit Hoͤflichkeit und Luſtigkeit hin und wieder. Ich wollte mich ſchon da⸗ von ſchleichen, als ich auf einmal Ruhe ge⸗ bieten hoͤrte, und mich jemand bei der Hand ergriff. Ein Kreis hatte ſich gebildet, in wel⸗ chen ich hineingefuͤhrt wurde und wo ich mei⸗ nen Herrn als Mittelpunct antraf. Und mit den Worten: Hier ſehen Sie den braven jungen Mann, von dem Sie ſo viel Nuͤhm⸗ liches gehoͤrt haben— bog er feierlich ſeinen Racken und gab mir vor den Augen Aller einen Kuß. Bei dieſer wichtigen Handlung⸗ die er ſchon laͤngſt bei ſich beſchloſſen, und mit Fleiß bis zuletzt aufgeſpart haben mochte⸗ wußte ſich mein Herr ein Anſehn zu geben, als wenn er Herzog oder Koͤnig geweſen waͤre, 174 — Ich verneigte mich verſchaͤmt, und, ſo viel es der Wein erlaubte, auch nicht ohne An⸗ ſtand, und verſuchte eine kleine Gegenrede, die etwa wie eine Dankſagung ausfallen moch⸗ te, womit die Schauſpieler hervortreten, in⸗ dem ſie ſagen: dies iſt der ſchoͤnſte Tag mei⸗ nes Lebens, oder: ich werde mich beſtreben, den Beifall zu verdienen u. ſ. w. Indeß eine Dame von mittlern Jahren, die freund⸗ lich laͤchelnd nicht weit von mir ſtand, ließ mich nicht ausreden, ſondern ſchloß mich— wie vor Nuͤhrung und Entzuͤcken— in ihre Arme, und da ihre Nachbarin ebenfalls ſehr mildthaͤtig ausſah und mir auch manches Lob zu ſagen hatte, ſo dachte ich in der Verwir⸗ rung von Wein und Freude, daß ich ſie nicht muͤßte auf mich warten laſſen: ich nahm alſo gleichfalls einen Kuß von ihren Lippen, und ſchien daruͤber ſo in Geſchmack zu kommen, daß ich wie ein Ball immer weiter in der Reihe fortging! Bald aber ſtieß ich in mei⸗ 175 —— ner Sonnenbahn auf ein Chor junger Fraͤu⸗ lein, die vor mir fliehend mit halbem Geſicht mich wieder zur Beſinnung brachten. Da brach im Saal ein lautes Gelächter aus, und ich benutzte die erſte Luͤcke, die jetzt im Um⸗ kreiſe der Damen entſtand, um mich augen⸗ blicklich wie ein beſchaͤmter Braͤutigam davon zu machen. 176 lftes Gapitet. Freunde in der Noth. — Sobald ich mich von dieſem Auftritte ein wenig erholt hatte, ſuchte ich meinen Collegen auf, der ein großer Politiker war, und im⸗ mer am liebſten verbotene Schriften las. Er ſaß eben bei einer Flaſche Wein, um mir in der genoſſenen Ehre nachzukommen. Ach! ſagte er auf meine Fragen, das ſind die Ge⸗ heimniſſe des Hofes von Baal, die ich erſt neulich geleſen habe. Ja, mein Freund, fuhr er fort, an unſerm Hofe geht es her wie in der Welt ſieben Tage vor der Schoͤpfung: einer ſtreitet immer wider den andern. Das Oberhaupt der Staͤrkern iſt die Mutter der Koͤnigin, die Augen hat, leuchtend wie der See zu Betesda, wenn die Sonne darauf ſcheint. Die haucht nun in ihre Tochter hin⸗ ein, 177 —— ein, was ihr erhabener Geiſt ausgebruͤtet hat, und der Koͤnig hat die Weisheit, zu allem ja zu ſagen. Er geht aber dabei gern in einem Roſengarten ſpazieren, worin jene Angeln und Fußeiſen gelegt haben. Um nun dem Troſt der Freundinnen, die er begehrt, den Zugang zu ſichern, hat er ein eigenes Mittel erfun⸗ den. Es giebt Stunden, ſagt er naͤmlich, wo an einer Minute das Gluͤck des ganzen Reichs haͤngt und wo meinem Miniſter und jedem, der mein Vertraun beſitzt, er⸗ laubt ſein muß, auch mitten in der Nacht vor mir zu erſcheinen. Demnach hat er den we⸗ nigen, die in einen ſo außerordentlichen Fall kommen koͤnnen, zum Zeichen ſeines unbegrenz⸗ ten Vertrauns ſein Bildniß ganz im Kleinen, mit dem Namenszuge ſeiner eigenen Hand, geſchenkt, das ihnen ſeinen ganz beſonderen Schutz zuſagt, und durch alle Leibwachen hin⸗ durch den Zugang zu ihm eroͤfnet. Da kom⸗ me nun ſein Miniſter oder ſein Sekretair, wie und in welchem Kleide er wolle— mit II. Theil. M 178 ——— Vorzeigung dieſes unterſchriebenen Bildniſſes wird er ſogleich eingelaſſen. Es hebt in der Gefahr alle Ceremonien auf, und wird bei der Ankunft eines Couriers auch wirklich zu⸗ weilen gebraucht. Allein man flüſtert ſich einander ins Ohr: die eigentliche Abſicht ſei⸗ dadurch die Perſonen ſeines vertrauten Um⸗ gangs der Aufmerkſamkeit der Koͤnigin und der Königin Mutter zu entziehen; denn ſobald dieſe eine ſo hoch begnadigte Freundin des Königs entdecken, iſt derſelben die verderblich⸗ ſte Rache geſchworen, und mit oder ohne Vor⸗ wand, wird ſie auf die Seite geſchafft. Den⸗ noch giebt es Thoͤrinnen, die ſich wohl gar ſchmeicheln, dem Koͤnige durch ihre Liebe einen Geiſt einzufloͤßen, der ihn, ſelbſt zu herr⸗ ſchen, bewegen koͤnnte; die furchtbare Schlau⸗ heit der herrſchſuͤchtigen Koͤnigin Mutter hat ihn aber ſo ſehr mit Schreckniſſen umſtellt, daß kein Wagniß ihm jemals gelingt. Indeß — ſo wahr ich jetzt das volle Glas leere(er trank es aus mit einem Zuge), ſo hoffe ich — 179 — als ein Patriot, daß die gute Parthei doch noch einmal die Oberhand gewinnen ſoll. Nun erſt wußte ich, welch ein ſeltenes Kleinod ich auf meiner Bruſt trug, und ich glaubte, daß das Schickſal mich ſolches piel⸗ leicht nicht umſonſt haͤtte finden laſſen. Koͤnn⸗ te ich das Vaterland retten, ſprach ich bei mir ſelbſt, ich wuͤrde keine Gefahr ſcheuen— mit dieſem Bilde wuͤrde ich durch alle Wachen hindurch ſchreiten. Es leuchtete mir nun auch ein, warum einſt die Raͤuber im Walde bei dem Anblick dieſes Bildes mir meine Freiheit wiedergaben, und, bei dem Schuͤtzlinge wohl gar die Naͤhe des Koͤnigs fuͤrchtend, wie in die Flucht geſchlagen davon liefen. Mancher⸗ lei Gedanken ſtiegen auf in meinem Geiſt, doch— ich rieb mir die Stirn und hatte wohl nicht Unrecht zu glauben, daß an dieſer Aufwallung von Patriotismus auch der Wein⸗ geiſt großen Antheil haben koͤnnte. Mit der Wiederkehr der Nuͤchternheit kam auch die Erinnerung wieder an die Gefahr⸗ M 2 180 — worin ich jetzt ſchwebte, ſo lange jener ver⸗ daͤchtige Mann aus der Reſidenz in meiner Naͤhe und in der Stadt ſich befand. Ich freute mich nicht wenig, als ich endlich von ſeiner Abreiſe hoͤrte, allein— ich frohlockte zu fruͤh.— Er hatte im Wirthshauſe vor dem Thore, im Dammhirſch, angehalten, und ſchickte gegen Abend elnen Brief an meinen Herrn, worauf er noch vor ſeiner Abreiſe Antwort erwartete. Der Herr gab mir ein Schreiben in die Hand, das ich gleich zu ihm hinaustragen ſollte, ich entſchuldigte mich zwar mit der Beſorgung eines andern Geſchaͤfts, aber ohne daß man darauf hoͤrte. Ich muß auf meiner Huth ſein, dachte ich bei mir, es iſt zwar moͤglich, daß er nichts gegen mich im Schilde fuͤhrt, doch allzuſehr darf ich ihm nicht trauen. Als ich hinaus kam, ſah ich einen beſpannten Wagen vor dem Wirthshauſe halten, der Herr aber war oben auf dem Zimmer. Ich nahm den Schauplatz im Au⸗ genſchein, und merkte auf, ob nirgends Ver⸗ —— 181 — raͤther lauerten. Da hoͤrte ich hinter einem großen Fuhrmannswagen einen Mann am Rade arbeiten, der einen vorgefundenen Scha⸗ den auszubeſſern ſchien. Ich naͤherte mich ihm, und wie er ſich in die Hoͤhe richtete, erblickte ich— welche Freude!— jenen Fuhr⸗ mann wieder, von dem ich einſt zum Anden⸗ ken das große Meſſer bekommen hatte. Duͤnkt mir doch ſchier, ſagte er, daß die Engel vom Himmel fallen; wie ſeht ihr ſo gar ſtattlich aus, haͤtt' euch beinah nicht wieder erkannt. Ich erzaͤhlte ihm kurz, was ihm zu wiſſen noͤthig war, und kam auch auf die Rettung ſeines Hundes. Da ſcheuete er den Schmutz ſeiner Haͤnde nicht, ſondern legte ſeine Rechte ſchwer auf meine Schulter: hab' ihn wieder! weiß Gott! bin vorgeſtern da durch Dings kommen, und fahre durch eine Straße, wo Hochzeit war, es ging drinnen die Muſic, ſtuͤrzt da das Thier aus dem Hauſe raus und ich denke halt! ich hab' einen Schatz gefun⸗ den, ſo freundlich war er und ſo froh war 782 — ich;— glaub', er iſt jetzt mit den Pferden zur Schwemme.— Ich und er wollten noch weiter ſprechen, als der Hausknecht an mich trat, und ſagte, der fremde Herr warte auf mich. Ich komme wieder, ſagte ich zum Fuhrmann, und flog in das Haus und die Treppe hinauf. Gleich an der Thuͤr glaubte ich mit Abreichung des Briefs mein Geſchaͤft zu vollenden, aber der Herr Sekretair noͤthig⸗ te mich weiter in das Zimmer hinein, ſprach einiges zu meinem Lobe, und bat mich, zu verweilen, bis er einige Zeilen zur Antwort auf dieſen Brief geſchrieben haͤtte. Er ſetzte ſich an ein Pult und ſchrieb, vielleicht nur, um meinen Aufenthalt zu verlaͤngern; ich aber huͤthete mich wohl, meinen mir angewieſenen Platz auf dem Sopha zu behalten, ſondern ich ſtellte mich an das Fenſter, wo ich den Eingang zum Hauſe und die Straße zur Stadt uͤberſehen konnte. Es waͤhrte auch nicht lange, ſo ſah ich ſeitwaͤrts an einem Sraben Perſonen daher ſchleichen, deren ich ——;ʒ—— Q,A¶ A p— 8 183 — mich noch recht gut vom Hauſe des armen Klempners erinnerte. Jetzt war kein laͤnger Saͤumen, und mit den Worten: ich habe et⸗ was vergeſſen, lief ich ſchnell zum Zimmer hinaus. Allein er mochte zum Fenſter hinaus gewinkt haben, und wie ich quer durch das Haus ſtuͤrzen wollte, traten mir am Aus⸗ gange ſchon die Gerichtsdiener entgegen, wel⸗ che nur wegen der Eile, wonitt ſie zuſchritten, etwas von einander abgekommen waren. Der Anfuͤhrer, der mich gleich als den Wohlthaͤter des Klempners wieder erkennen mochte, ſtutzte beim erſten Anblick, doch er fuͤgte ungeſaͤumt, wie einer, der mit dem andern bekannt thut, ſeinen Arm zu dem meinigen, und fragte, ob ich nicht der und der waͤre? Ja, ſagte ich, und ſtand in demſelben Nu auch ſchon drei Schritte von ihm. Gleich hoͤrten alle Kom⸗ plimente auf, und alle bewegten Haͤnde und Beine auf mich zu, mich zu greifen. Aber fortlaufend bis zum offenen Thorwege ſchrie ich: Huͤlfe, Huͤlfe, Raͤuber, Moͤrder! ſteht 184 —-— mir bei! Da ſprang der Fuhrmann ſchnell hinter dem Wagen mit ſeiner Radehacke her⸗ vor, und indem er ungeſehen auf ſie einſchlug, rief er: Michel! Matthis! und im Augenblick eitten zwei Knechte herbei, die mit Miſtgabeln, und was ihnen ſonſt in die Haͤnde kam, dem Beiſpiel ihres Herrn folgten. Indeß, wie ich laufend vom Kampfplatze mich entfernte, war mir doch einer von den Haͤſchern, der beim erſten Angriff ſeitwaͤrts ſprang, ſo nahe ge⸗ kommen„8 daß er mich beim Rockſchooß faßte, und ich mich ſchon fuͤr verloren hielt. Indem aber hoͤrte ich ihn bei dem plötlichen Schall eines nahen Hundegebells ein ſchmerzliches Ge⸗ ſchrei ausſtoßen und ſah beim angſtvollen Um⸗ ſchauen den Obertheil ſeines Koͤrpers ſich mit einer ſchrecklichen Gebehrde nach ſeinen Ferſen zuruͤckbeugen— der Pudel war es, der ihn von hinten angefallen, und ihm in das Bein eine tiefe Wunde gebiſſen hatte. So wurde durch den Fuhrmann und ſeinen Hund die ganze Schaar von Haͤſchern zerſtreut, und ich * 185 ſetzte meine Flucht ohne weitern Angriff fort. Wie ich ein gutes Stuͤck in das Feld hinaus⸗ gerennt war, dachte ich an die Regel der Diebe, nie in derſelben Richtung fortzulaufen, und ſchlug meinen Weg rechts ein, wo ich einen tiefen Graben durchwadete. Indem plaͤtſcherte etwas hinter mich drein— ich ſah mich um— es war der treue Pudel. Ich wandte mich zu ihm und ſagte: ich habe dich vom Tode errettet, nun haſt du mir vergol⸗ ten! Die Dankbarkeit hat dich an mich gefeſ⸗ ſelt. Wolan, wenn du alle Gefahren mit mir theilen willſt, ſo komm!— Oefters wohl lief er winſelnd zuruͤck, um nach ſeinem vorigen Herrn zu forſchen, aber er folgte im⸗ mer wieder meinen Schritten und ſprang mit mir uͤber Dorn und Hecken. Es ſchien, daß es mit der Verfolgung, die ich doch nicht verdient hatte, und die nur aus einer dunkeln Vergangenheit ſich an mein Schickſal hing, immer ernſter werden ſollte. Mein Herr war ſicher nicht mit im Einver⸗ 186 —--— ſtaͤndniß, ſondern der Spion hatte vielleicht, um meiner habhaft zu werden, den Vorwand gebraucht, daß er mich bei Gelegenheit der Briefuͤberbringung als einen wackern jungen Menſchen doch auch noch ſprechen und kennen lernen wolle, und deshalb durfte kein auderer als ich den Brief zu ihm hinaustragen. Bei dem Stadtgerichte mochte es ihm ein Leichtes geweſen ſein, eine geheime Requiſition vorzu⸗ ſchuͤtzen und ſo die Gerichtsdiener wie Fang⸗ eiſen zu ſeinem Gebrauch zu bekommen. Aber unverhofft— mitten in der Noth— fand ich Freunde, die mir beiſprangen, und ſah mich nun wieder auf freien Fuß, freilich in keiner glaͤnzenden Lage und mit keiner guten Aus⸗ ſicht. Wenn die Hofpolitik einmal gewiſſer Perſonen zu ihren Zwecken noͤthig hat, dann fragt ſie nach deren Heil und Verderben we⸗ nig, und ich hatte damals ſchon Verſtand und Erfahrung genug, um bei Dingen, die in eine ſo rieſenmaͤßige Verbindung ſich verloren und wo vom Wohl eines Staats die Rede war, 187 —— auf Unterſuchung und Anerkennung meiner Un⸗ ſchuld nicht das geringſte Vertrauen zu ſetzen. Das Beſte ſchien mir, ein Reich, wo moͤg⸗ lich, ganz zu verlaſſen, wo ſo viel Ungerech⸗ tigkeit und Verwirrung herrſchte, und ich nahm mir vor, mit dem wenigen Gelde, das ich bei mir hatte, ſo weit zu wandern, als ich irgend koͤnnte. Fuͤr jetzt mußte ich meine naͤchſten Verfolger fuͤrchten, und ſobald ich ein Ge⸗ raͤuſch von einem Muͤhlrade oder das Zuſam⸗ menſchlagen zweier Zweige eines Baums hoͤrte, glaubte ich ſchon das Stampfen und Jagen eines Pferdes zu vernehmen, das einen Ver⸗ folger hinter mich her braͤchte. Alle Augen⸗ blick ſtand ich ſtill und horchte, und das Rau⸗ ſchen meines eigenen Kleides hinter mir war ſchon im Stande, mir einen Schreck einzu⸗ jagen. 1 zwoͤlftes Capitel. aachterſcheinungen. — Die Abenddaͤmmerung ging allmaͤhlig in naͤcht⸗ liches Dunkel uͤber, und mein Pudel ſchloß ſich immer naͤher an mich an. Ich wanderte fort, ſo lange nur noch einiger Schein des Himmels mich den Weg und die Veraͤnderung der Gegend erkennen ließ. Als ich aber ſo eine Stunde in der Dunkelheit fortgegangen war, ließ ſich aus der Ferne ein wunderbar⸗ aͤngſtlicher Ton hoͤren, der mich in banges Staunen verſetzte. Ich ſtand ſtille, um den Urſprung davon zu erforſchen. Es klang wie ein maͤchtiges Seufzen, das von Zeit zu Zeit immer wiederkehrte, und mit jedem Schritt, den ich that, lanter und eindringlicher wurde; doch uͤberſtieg es bald die Kraft einer gewoͤhn⸗ lichen Menſchenſtimme und glich dem Aechzen 189 ——— und Stoͤhnen eines Rieſen. Mein Hund, der nicht von mir wollte, fing an zu winſeln und vermehrte meine Bangigkeit noch; es iſt aber ausgemacht, daß Hunde und Pferde bei unbekannten Erſcheinungen ſich ſo gut fuͤrch⸗ ten, wie die Menſchen. Wie das Schmerz⸗ getoͤn einen gewiſſen Grad erreicht hatte, fing ich an, wieder freier zu athmen, denn ich hielt mich nun uͤberzeugt, daß es kein menſch⸗ liches Weſen ſein koͤnnte. Doch ich ſtutzte nicht wenig, als ich allmaͤhlig vor mir am Himmel ein ungeheures Schloß ſich ausdehnen ſah, deſſen Laͤnge zu den Sternen nach Nord und Suͤd ich nicht auszumeſſen vermochte, und meine Phantaſie regte ſich abermals, um es zu einer Rieſenwohnung zu machen. Nach wenigen Schritten aber wurde ich gewahr, daß— ein Salzwerk oder ein Gradirhaus vor mir lag, welches von einer Dampfmaſchine in Bewegung geſetzt wurde, und deſſen langar⸗ mige Hebel und Kolben im heißen Drange unter der Laſt der Arbeit erſeufzten. Ich 190 — weilte einen Augenblick, und hoͤrte dem Angſt⸗ getriebe der maͤchtigen Thaͤtigkeit zu. Wahr⸗ lich auch bei Tage hat eine ſolche Maſchine etwas Schauerliches. Es iſt, als ob der kal⸗ te Verſtand den freien Geiſt der Natur in einen ſelbſtgeſchloſſenen Rieſenkoͤrper gebannt und ihn gezwungen haͤtte, wider ſich ſelbſt zu arbeiten. Das immer in ſich fortgehende Werk erſcheint wie eine ſchnode Nachahmung der Schoͤpfung, welche die Wirkung wieder zur Urſach zuruͤckwendet und, der Natur die Freiheit abtrotzend, fuͤr ſich ſeinen Kreis ſchließt, aber dem Zuſammenhange der in einander greifenden Kraͤfte keine lebendige Seele, kein Gefuͤhl und kein Wohlwollen(ohne welches der Menſch ſich auch die Welt nur mit Schau⸗ der denken kann) zu verleihen vermag. Es ſteht da wie das Skelett des kalten Schickſals, ſo wie es der Gotteslaͤugner ſich denkt, ge⸗ fuͤhllos ſchaffend und verderbend. Es iſt vom menſchlichen Geiſte ſelbſt nur das Geſpenſt⸗ aber um ſo ſchreckerregender, da der Verſtand 191 — hier abgeſondert, allein, ſtreng und erbar⸗ mungslos erſcheint. Ein großes Thor fuͤhrte durch das lange Gebaͤude, und ich ging nicht ohne geheimes Grauen hindurch. Ich hoͤrte uͤber mir Stroͤhme fließen, welche der langarmige Rieſe, von der Gewalt des Feuers getrieben, in der ſteten Arbeit hin und wiederkehrend alle Au⸗ genblick tief aus der Erde herauffoͤrderte, und uͤber die Reiſer ausgoß und in Tropfen ver⸗ theilte, damit die Luft im Fluge ihren Theil vom Gewaͤſſer naͤhme, und ſolches deſto ſchwe⸗ rer an Salze zuruͤckbliebe. Noch lange ſah ich die ausgeſtreckten Balken, die in ihrer Ver⸗ richtung weit uͤber die Wieſe hinausgingen, und, indem ich einen Fußſteig verfolgte, war mir alle Augenblick, als ob ich von den gro⸗ ßen Scheren wuͤrde ergriffen werden. End⸗ lich verlor ſich das Geraͤuſch hinter mir, und es wurde ſo ſtill um mich her, daß ich jeden Glockenſchlag und jedes Hundegebell in den benachbarten Doͤrfern hoͤren konnte. Ein Poſt⸗ 192 —- horn, das eben aus der Ferne laut wurde, machte die Friedlichkeit des Feldes noch anmu⸗ thiger. Der Poſtillion blies: Beſiehl du dei⸗ ne Wege, und gleich ſtand das Bild meiner Mutter vor mir, das ich auf einem der fun⸗ kelnden Sterne zu ſehen glaubte. Das Lied weckte bald Sehnſucht, bald floͤßte es mir Muth ein, und ich uͤberlegte, ob ich mit der Poſt uicht vielleicht ſicherer mein Ziel erreichen wuͤrde, doch mein Ueberſchlag fiel wie eine mathematiſche Berechnung aus zwiſchen Kraft und Geſchwindigkeit, indem ich dann zwar ſchneller fortkam, aber auch deſto eher mein Geld und leider fuͤr die Beſtimmung zu fruͤh verbrauchen wuͤrde. Ich blieb alſo bei mei⸗ nem erſten Entſchluß. Schon hatte ich unter dem Sternenhim⸗ mel eine ziemliche Strecke zuruͤckgelegt, und es mochte ohngefaͤhr um Mitternacht ſein, ſo daß ich mich nach Ruhe zu ſehnen anfing, als ich von einer friedlichen Hoͤhe, wo der Ster⸗ nenſchimmer eine weiße Kirche ſichtbar machte, ganz —— 193 —— ganz vernehmlich eine Orgel hoͤrte, die in der ſtillen Nacht uͤberaus fromm und feierlich klang. Ein entfernter Ton giebt der Einſam⸗ keit erſt ihre Reize und laͤßt uns erſt die Leere derſelben empfinden. Eine feſte Burg iſt un⸗ ſer Gott! ſcholl von oben her, und ein rau⸗ ſchender Bach neben mir ſchien die ſanftere Begleitung dazu zu ſpielen. Mein Weg hatte die Richtung dahin, und wie ein got⸗ tesfuͤrchtiger Pilger ſtieg ich den Huͤgel hinan. Ich war verwundert, noch ſo ſpaͤt dier Zeichen der Andacht zu finden, und vermu⸗ thete eine Leichenfeier, aber als ich auf den Kirchhof kam, bemerkte ich keinen Menſchen und das Dorf lag im tiefen Schlaf. Leiſe ſchlich ich zur Kirchenthuͤr— ſie ſtand offen. Ich lauſchte hinein, und ſtaunte, ſie von kei⸗ ner Gemeinde erfuͤllt, ſondern leer und fin⸗ ſter zu ſehen. Nur ein einziges Licht ſchim⸗ merte von der Orgel her, die noch immer in rauſchender Bewegung war. Endlich ſenkte II. Theil. N 194 —— ſich ihr Ton, die jubilirenden Pfeifen ver⸗ ſtummten, und eine menſchliche Stimme wurde vernehmbar, welche ſprach: nun weiß ich, wie es mit der Orgel ſteht, die tiefen Toͤne ſind die beſten, man muß ſich huͤten, zu viele Regiſter herauszuziehen. Aber ich bitte Sie, gehen Sie einmal hinunter und ſagen Sie mir, wie mein Spiel von unten ſich ausnimmt. Das will ich thun, war die Antwort, und langſame Fußtritte kamen jetzt die Treppe hinunter. Mir ſchien jene Stim⸗ me nicht unbekannt, und ich ſetzte mich, das Weitere abzuwarten. Ploͤtzlich, als mich der Kommende erblickte, zagte er zuruͤck und rief: ach— was iſt das, da ſitzt jemand auf den Stufen des Altars. Wer ſollte es denn ſein? erwiederte die Stimme oben. Aber dieſer rannte zuruͤck und ſagte: ja, ja, ein Juͤng⸗ ling ſitzt am Altar, und ſenkt traurig das Haupt, Eott! das wird einen Todesfall be⸗ deuten. Da leuchtete jener mit dem Lichte heruͤber, und ich rief: Rothel denn dafuͤr * ——— 193 —-— erkannte ich ihn, und eilte nun gleich zu ihm hinauf. Er war uͤber meine Erſcheinung noch weit mehr erſtaunt als ich uͤber die ſei⸗ nige, und nachdem wir Worte der Verwunde⸗ rung genng mit einander gewechſelt hatten, nahm er mich mit in die Wohnung ſeines Begleiters, der hieſigen Orts Kuͤſter war. Das Wunder klaͤrte ſich bald auf. Er hatte hier eine Organiſtenſtelle bekommen, und war hieher gereiſt, um am folgenden Tage vor der Gemeine zur Probe zu ſpielen. Weil er aber die Orgel gern vorher kennen lernen und doch bei den Leuten keinen Verdacht erwecken woll⸗ te, als wenn er erſt lange Verſuche anſtellen muͤßte, ſo ließ er ſich ſpaͤt, da ſchon alles zu Bett war, die Kirche aufſchließen, um zu ſe⸗ hen, ob er auch die Orgel in ſeiner Gewalt haͤtte, und ob der Kuͤſter dabei noch etwas zu erinnern faͤnde. So fuͤgte es ſich, daß ich ihn traf und ihm hier wie ein Traum ge⸗ ſicht erſcheinen mußte. N 2 190 Ich erzuͤhlte etwas von meinem Schickſal, und fragte„ was mein Hahnengeſchrei noch fuͤr Wirkungen hervorgebracht haͤtte. Großen Dank! erwiederte er, es hat luſtige Auftritte gegeben. Ich erinnerte den Baͤckermeiſter an ſein Wort, und behauptete, daß nun nach dem Ausſpruche im Dom ſeine Tochter mir gehoͤrte. Er ſprach zwar von Verabredung, von Beſtellung und Betrug, aber gute Freunde kamen dazu, und baten ihn, das alte Spruͤch⸗ wort, das ſo lange in der Stadt gegolten, nicht zu Schanden zu machen. Ich ſchwur, daß die unerwartete Veraͤnderung in jener Wahrhaftigkeitsformel durchaus ohne mein Zu⸗ thun geſchehen ſei, und da er ohne alle Aus⸗ nahme geſprochen, ſo muͤßte er auch ohne alle Ausnahme Wort halten. Indeß— er haͤtte doch vielleicht nicht eingewilligt, wenn er nicht am Morgen des Feſtes eine ſehr erbauliche Predigt uͤber die Wahrhaftigkeit mit angehoͤrt haͤtte, worin es zum Verbrechen gemacht wurde, ſich eines Schwurs auch nur zum 197 Scherze zu bedienen. Der Prediger hatte ſehr ſehr lebhaft das Unheil geſchildert, das durch die Luͤgen in die Welt kaͤme, und da der wackere Meiſter an dieſem Ungluͤck keinen Theil haben wollte, ſo gab er mir ſeine Tochter, und in vier Wochen ziehen wir hier ein. Das vierte Hahnengeſchrei gab den Tag noch mancherlei Gelegenheit zu Scherzeden, auch wohl zu Steitigkeiten. Wer etwas ver⸗ ſprochen, wollte es nicht halten, und wer ſich der Formel zur Verneinung bedient hatte, der ſah ſich ploͤtzlich um die Erfuͤllung deſſen be draͤngt, was er vorher verweigert hatte. Bald war es der erſte Tanz auf einem Balle, bald ein Spaziergang, ein Beſuch, ein Schmaus, ein Andenken, ein Kuß oder ſonſt eine Er⸗ weiſung von Zaͤrtlichkeit oder Freundſchaft. Da faſt jedermann ſich an dieſem Tage der uͤblichen Redensart zu bedienen pflegte, ſo ge⸗ rieth der ganze Markt, ja faſt die ganze Stadt in eine lebhafte Bewegung, und die 198 —— kleinen Geſchaͤfte und Anmahnungen nahmen ploͤtzlich einen ſtreitenden ruͤckgaͤngigen Lauf, ſo daß nicht allein manche ſproͤde Schoͤnheit, ſondern auch mancher Kaufmann in ſeiner Bude um ein Mehreres, als er hoffen ließ, ſich angefochten ſah. Und wenn der Tag wie⸗ derkehrt, wird der Dom di Menſchen nicht alle faſſen koͤnnen, die herbei ſtroͤmen, um zu hören, ob der Hahn nicht wieder nach dem dritten⸗ auch zum viertenmal kraͤhen werde.— Das denke ich auch, erwiederte ich drauf, und noch heute freue ich mich des muntern Streichs, zumal da ich nun, wie ich ſehe, zwei Lie⸗ bende dadurch gluͤcklich gemacht habe; wenn auch die Betheurungsformel daruͤber auf ewig ſchadhaft werden ſollte. Rothe dankte mir nochmals, und ſchlug in ſeliger Erwartung der Zukunft einen Blick gen Himmel auf, der ſich ſchon in das Chor der Halleluja ſin⸗ genden Engel zu verlieren ſchien. Den fol⸗ genden Tag mußte ich bei ihm bleiben, ich und der Kuͤſter ſangen recht herzhaft zu ſei⸗ 199 —— nem Orgelſpiel mit, und, nachdem er vielen Beifall damit eingeerntet hatte, gab uns die Gemeine einen Schmaus, bei welchem ich von der ausgeſtandenen Angſt mich wieder erholte. 200 —— Dreizehntes Capitel. Raiſonneur und Schwadroneur. Bei der Fortſetzung meiner Reiſe war ich an⸗ fangs ungewiß, ob ich ſo duͤrftig fortwandern oder nicht lieber einen vornehmen Herrn ſpie⸗ len ſollte. In Geſellſchaft reicher Leute durf⸗ te ich hoffen, Bekanntſchaften anzuknuͤpfen, die mir zu meinem Fortkommen vielleicht dien⸗ lich ſein konnten, und es bleibt dem Men⸗ ſchen in der Welt zur Befoͤrderung ſeines Gluͤcks immer Hauptregel, ſich nicht aus al⸗ len Verbindungen loszureißen, weil das ge⸗ ſammte menſchliche Leben wie ein großer Schloßbau zu betrachten iſt, wo immer einer dem andern die Hand zureicht, und wer ein⸗ mal herausgetreten iſt, nicht leicht ſeine Stelle wieder findet. Indeß— es war doch zu ge⸗ wagt, ſich auf ein blos moͤgliches Gluͤck in . 201 —-—— den Umgang mit Menſchen einzulaſſen, deren Lebensweiſe leicht zu fruͤh meinen Beutel er⸗ ſchoͤpfen konnte. Ich blieb alſo bei meiner beſcheidenen Fußwanderung und ſuchte zum Einkehren immer die wohlfeilſten Wirthshaͤu⸗ ſer. Doch einmal ſchien der Zufall auch un⸗ geſucht mich zu beguͤnſtigen.— In einem Gaſthofe an der Landſtraße, wo ich Mittag machte, ging ein vornehmer Herr, nachdem er ſeine Bezahlung der Wirthin verdrießlich hingeworfen hatte, oͤfters brummend und gnur⸗ rend an mir voruͤber, und ſchien in meinem Namen auf das ſchlechte Eſſen zu ſchmaͤhen, womit ich mich eben begnuͤgte. Sein Blick ſchweifte an meinem Kleide auf und ab, und endlich fragte er, ob ich auch des Weges woll⸗ te. Wie ich es bejahte, bat er mich, ihm Geſellſchaft zu leiſten. Nichts konnte mir erwuͤnſchter kommen. Der Wagen fuhr vor, und ich ſtieg mit ein. Er erkundigte ſich nun zunaͤchſt, wer ich waͤre, und ich gab mich wieder fuͤr einen armen Schuͤler aus. Darauf 202 —- fuhr er fort und ſagte: ja freilich, auf der Schule mag es wohl ſchmale Biſſen ſetzen, und der Sohn iſt froh, wenn er ſich einmal zu Hauſe wieder ſatt eſſen kann. Die Men⸗ ſchen ſind ungeſchickt im Kochen, wie in allen Dingen, ſie verderben die Speiſen und betruͤ⸗ gen dabei, wie ſie wiſſen und koͤnnen. Iſt es nicht ſo?— Ich antwortete, ich waͤre bis jetzt mit meiner Koſt noch ſo ziemlich zufrie⸗ den geweſen: ſo ſind Sie einer von den Be⸗ guͤnſtigten, entgegnete er darauf, ſitzen an der Seite des Lehrers.„Praeceptor heißt einer, der das Beſte andern vorweg nimmt. So geht es auf der Schule und in der gan⸗ zen Welt.“— Ich haͤtte uͤber dieſe woͤrtliche Ueberſetzung gern gelacht, aber der Herr ſah gar zu finſter dabei aus. Auf Reiſen lernt man die Welt kennen, fuhr er fort; ich weiß davon zu ſagen. Ungeſchicklichkeit iſt das eine Uebel, und Schlechtigkeit das andere.— Ich bemerkte, daß mir doch in unſerm Va⸗ terlande eine große Cultur zu herrſchen ſchiene. 203 —-— „Cultur? ſagte er; beim Teufel auch! Wo iſt nur ein Handwerker, der ſeine Kunſt ver⸗ ſtäände? Wie viel Schneider giebt es unter zehntauſenden, die ein Paar gute Beinkleider machen koͤnnen, wie viel Schuſter, die nicht nach dem Schlendrian arbeiten. Ja, jede Stadt hat ihren eigenen Schlendrian! was helfen die Fortſchritte? ſie werden nicht be⸗ nutzt. Heute komme ich durch eine Stadt, wo ſie Brod backen wie Semmel, und mor⸗ gen durch eine andere, wo die Semmel wie Brod ausſieht; naſſen elenden Teig ſchuͤtten ſie den Leuten vor. Zum Henker, warum backen denn jene beſſer? koͤnnen dieſe es nicht von jenen lernen? Schon den Haͤuſern ſieht man die Traͤgheit des Menſchengeſchlechts an. Wie Hans gebaut hat, ſo baut Peter wie⸗ der. Wie koͤnnten ſonſt die Staͤdte ſo ver⸗ ſchieden ausſehn. In der einen ſind ſolche Daͤcher Mode, in der andern wieder andere, hier hohe, dort wieder Schwellen, hier ſteigt man hinauf und dort hinunter, und oft kann 204 man nicht mit dem Kopf zur Thuͤr hinein.“— Ich meinte wieder, daß wohl die Lage der Oerter und die Baumaterialien etwas dazu beitruͤgen.„Das macht das Wenigſte aus, ſagte er, es iſt nichts als Schlendrian und verfluchte Ungeſchicklichkeit. Die einmal ſchlecht bauen und backen, die thun es von nun an bis in Ewigkeit, und ſollten ſie auch eine Meile davon das beſte Muſter ſehen. Daher kommt es denn auch, daß im Lande gar keine Ueber⸗ einſtimmung herrſcht, der eine Schloͤſſer macht Schloß und Riegel ſo, der andere wieder an⸗ ders; hier muß man rechts, dort links dre⸗ hen, hier druͤcken, da ziehen, bald ſitzt das Ding zu hoch, bald zu nahe an der Wand, und wenn man ſich zehnmal die Hand ſchin⸗ det, es bleibt beim Alten. Erkannte Fehler 8 ſollte man doch einmal wegſchaffen, wozu lernt man denn etwas in der Welt? Sehen Sie nur unſere Kannen und Kruͤge an. Wie viele haben Geſchick? Die Henkel, die Haͤlſe, die Tuͤllen haben eine abgeſchmackte Phyſiognomie, 203 283 ——— und wie viele ſelbſt verſagen nicht den geraden Ausguß! Sollte man die Menſchen nicht pruͤgeln, daß ſie immer und ewig bei den al⸗ ten Fehlern verharren. Dazu wohnen wir ja in Doͤrfern und Staͤdten, daß wir es uns einander bequem machen. Soll man denn immer wieder uͤber den alten Block ſtolpern. Daß das Bier in jeder Stadt, der Eierkuchen in jedem Hauſe verſchieden iſt, laß ich mir noch gefallen, aber es giebt viele herrliche, koͤſtliche Gerichte, die ſie nur in ein er Stadt zu machen verſtehen, und wenn andere auch die Sachen dazu haben. Zum Teufel noch einmal! ich kann doch nicht zwiſchen der Sup⸗ pe und der Vorkoſt dreißig Meilen reiſen, und zum Braten wieder dreißig Meilen 2 Man ſpricht von Cultur? ja, ſie ſitzt ver⸗ dammt fleckweis; es iſt keine Regel, keine Schnur; in jeder Stadt, ja in jedem Stadt⸗ viertel hat der Barbier einen andern Strich, und bin ich heute aufwaͤrts geſchoren, morgen geht's herunterwaͤrts.“— Jetzt war mir 205 —-— das Lachen wieder ſehr nahe und ich zog das Schnupftuch„ um dahinter zu huſten. So viel Muͤhe ich mir auch gab, mit meinem Geſichte etwas von der finſtern Nacht des ſtrengen Herrn aufzufangen, es gelang mir nicht, und ich glaube, ich ſah nur um ſo freundlicher aus, je aͤrger er auf das Phlegma der Menſchen zankte.— Darauf ſiel er uͤber die Schreibmeiſter her, und behauptete, daß jeder andere Buchſtaben machte.„Zum Hen⸗ ker, fuhr er fort, ſoll denn nicht einmal in der edeln Schreibkunſt Uebereinſtimmung herr⸗ ſchen? Koͤnnen denn die Eſel nicht mit einan⸗ der uͤbereinkommen, wie ſie das A, das 3, das ch, das p ſchnirkeln wollen, damit man nicht erſt in jeder Handſchrift noͤthig hat, die Buchſtaben zu ſtudieren?“— Ich ſuchte dem Geſpraͤch eine andere Richtung zu geben und ſagte, in vielen Dingen muͤſſe man wohl die Frauenzimmer um Rath fragen, die doch noch den meiſten Geſchmack haͤtten.„Ge⸗ ſchmack! brummte er drauf, und faltete die 207„ Haͤnde; großer Gott! ja, ein wenig fuͤrs Haus und auch das kaum. Was wechſelt abgeſchmackter als die Mode, und wer iſt der Mode mehr zugethan, als die Frauenzimmer? das bricht ihnen den Stab. Zum Henker! derſelbe Aufſatz kann doch nicht der Schwarz⸗ haͤrigen wie der Blonden und nicht auf einer breiten Stirn ſitzen wie auf einer ſchmalen? Der Kuͤnſtler iſt verloren, der ſich allein auf den Geſchmack der Frauenzimmer verlaͤßt, und wenn ich nicht irre, haben ſie der neuern Kunſt, der Dichtkunſt wie der Mahlerei ſchon einen großen Knacks beigebracht.“— Jetzt ſchuͤttelte er brummend den Kopf, als wenn er noch viel zu ſagen haͤtte, aber weiter nicht fruchtlos reden wollte. Wir kamen an ein Wirthshaus, er ließ ſtille halten, und da er ganz ruhig ſitzen blieb, merkte ich, daß er meiner uͤberdruͤßig ſei. Ich ſtieg alſo hurtig aus und wuͤnſchte ihm wohl zu leben, worauf er noch mancherlei hinter mich drein ſprach: „wohl zu leben! damit hat ſich's, der Teufel 7 d 4 208 ——— mag hier wohl leben.“ Ein grimmiger Seitenblick des Kurſchers, der die Peitſche in die andere Hand nahm, ſagte mir, daß er ein Trinkgeld erwarte. Ich unterdruͤckte den Schreck daruͤber und gab ihm reichlich nach meinem Beduͤnken, aber er dankte kaum. Drauf be⸗ ſchloß ich, mich doch lieber kuͤnftig in keinen Wagen zu ſetzen.— Indem ich den Raͤdern nachſah, hatte ich uͤber den unzufriedenen Rai⸗ ſonneur meine Betrachtung. Heute, dachte ich, ſprach er nur von der Bequemlichkeit des Lebens, wie wenn er nun einmal von der Juſtiz und von der Regierung anfaͤngt? Hilf Himmel! da muß es nicht mit ihm auszuhal⸗ ten ſein.— Ich haͤtte nur auf die Men⸗ ſchen auch recht ſchelten ſollen, dann haͤtte er mich gewiß bis ans Ende der Welt mitgenom⸗ men; aber mein Geſicht wollte trotz aller Voruͤbung in der Truͤbſal durchaus nicht in die Falten, und einen Menſchen zu ſehen, der immer heiter ausſieht, iſt freilich fuͤr einen Unzufriedenen verdrießlich. Doch— warum, fragte — 209 —— fragte ich mich ſelbſt, mag der Mann nicht zu Hauſe bleiben, wenn es ihm nirgends ge⸗ faͤllt? Freilich, zu Hauſe wird es ihm wohl noch weniger behagen. Wenn ich indeß uͤber⸗ lege, was er von Schlendrian und Uncultur ſagte, ſo hatte er nicht ganz Unrecht. Das Beſſere iſt da, aber wer ſoll es verbreiten? Es ſtockt uͤberall. Soll die Regierung nun einen Reichsbaͤcker, einen Reichsſchloſſer, einen Reichszimmermann, einen Reichstoͤpfer halten, der durch alle Provinzen reiſt und den Leuten zeigt, wie ſie ihre Sachen beſſer anzufangen haben? Eine Univerſitaͤt auf Reiſen! der Ge⸗ danke ſcheint ſo uͤbel nicht.— Indeß— an dieſem Blick in die Regierungskunſt nur von fern hatte ich ſchon genug, und ich freute mich den Abend, als ich zu Bette ging, daß ich keine Staatsſorgen auf mir hatte. Den folgenden Tag geſellte ſich ein ſehr ruͤhriger und freundlicher Menſch zu mir, der einen gruͤnen Rock und eine gelbe Weſte trug, und deſſen dreieckiger Hut zwar etwas ver⸗ II. Theil,. O 210 ——— wittert, aber dafuͤr ſo manierlich auf ein Ohr geſetzt war, daß das Anſehn der Perſon eben nicht darunter litt. Der Mann ließ es an Worten nicht fehlen und ſo wurden wir bald bekannt mit einander. Er hatte eine Reiſe vor auf die kleinen Städte. Anfangs ſprach er viel von der Natur und ihren Geheimniſ⸗ ſen und ich konnte nicht klug aus ihm werden. O, wer ſie nur erſt recht erkannt hat, ſagte er, der kann ſie wahrhaftig brauchen, wie ein Reitpferd. das oft ſchon ein kleiner Knabe zu zuͤgein vermag. Herr! ich laſſe in fuͤnf Mi⸗ nuten Salat wachſen, und wenn einer die Zaͤhne ſammt dem Kinnbacken verliert, ich ſetze ſie ihm wieder ein— aus Silber, ganz aus Silber. O die Kunſt iſt hoch geſtiegen, der Menſch, der geſchickte, kann heut zu Tage alles. Eine Farbe, wenn ſie mir nicht recht iſt, werfe ich ſie gleich herum, Leinwand kann ich bleichen ohne Regen und Sonnenſchein, und alles, was nur Fleck heißt, das ſchaff' ich mit einem Hauch weg, und das Zeug ſieht — 211 —- wieder wie neu aus. Wer wollte ſich mit Leichdorn plagen— ich hole ſie ſammt der Wurzel heraus, und— wenn es nur nicht ſo ſtaubig waͤre, ſo ſollten Sie auf meinen Stiefeln die engliſche Wichſe bewundern. Al⸗ les Ungeziefer, das auf Erden kreucht, iſt in meiner Macht. Haben Sie von dem Maͤuſe⸗ thurm gehoͤrt? Gott! mir haͤtte ſo etwas nicht begegnen ſollen. Ich bin ſo viel wie zehntauſend Katzen auf einem Fleck.— Es iſt wahr, bei der Schoͤpfung ſind manche Feh⸗ ler vorgefallen, aber wir muͤſſen nur huͤbſch nachhelfen, dazu haben wir ja den Verſtand. Ich ſage Ihnen, der Menſch kann alles, und heut zu Tage iſt ihm nichts mehr unmoͤglich. Will's nicht regnen, ſo zieht er Waſſerleitun⸗ gen, und ſtirbt das Vieh, ſo macht er den Duͤnger ſelbſt. Aus dieſem Geſpraͤch merkte ich ohngefaͤhr, daß ich wohl auf einen Kammerjaͤger, der Ratten und Maͤuſe vertreibt, zu rathen haͤt⸗ te. Ich fragte, wie ihn ſein Geſchaͤſt ernaͤhre. 9 2 212 — Er antwortete: wenn ich will, recht gut, aber der Menſch braucht auch Zeit zum Nachden⸗ ken. Meine Frau ſtoͤßt mich oft zum Hauſe hinaus, aber ſie verſteht es nicht, es iſt ſonſt eine gute Frau. Ich bin gern unter meinen lieben Kindern, ſieben habe ich an der Zahl, zarte— aͤtheriſche Weſen, faſt immer krank, Geſichter wie die Engel. Wenn ſie nicht grade ſchreien, iſt es eine Luſt mit ihnen. Geht es auch ein wenig knapp zu, das iſt geſund, iſt fuͤr's ganze Leben erſprießlich. Genuͤgſamkeit iſt die Wurzel unſers Gluͤcks. Und ein Menſch, der Verſtand hat, dem fehlt es nie. Alle Augenblick habe ich ein neues Plaͤnchen, eine neue Erfindung— es iſt ein wahres Vergnuͤ⸗ gen. Koͤnnte ich nur alles ſo ausfuͤhren, wie ich moͤchte, die Welt ſollte nicht Augen genug haben fuͤr die Wunder, die ich verrichten woll⸗ te.— Dabei lief der Menſch ſich ganz außer Athem, und oft faßte er ſich an die gelle Weſte, als wollte er fuͤhlen, ob er noch da woͤre. Er ruͤhmte ſich, drei Tage wandern 213 — zu koͤnnen, ohne einen Biſſen zu ſich zu neh⸗ men. Indeß, als wir an einen Marktflecken voruͤbergingen, wo viele Schornſteine rauchten, aͤußerte er doch, daß ihm ganz eigen zu Muthe wuͤrde, und er rieth, uns hier zu verprovian⸗ riren, weil nicht ſobald wieder eine Stadt kaͤme und die Wirthe auf der Landſtraße uͤber⸗ all ſehr theuer wäͤren; es fuͤhre nur dieſer Ort, fuͤgte er hinzu, etwas vom Wege ab. Wie ich nun meinte, daß einer von uns hin⸗ eingehen und einkaufen koͤnnte, erwiederte er kurz: Sie ſind ein zarter Herr, geben Sie nur her, ich will ſchon alles beſorgen. Ich machte ihm meine Beſtellung und er wollte im Huy wieder da ſein. 4 Der Menſch iſt auch gar zu zufrieden, dachte ich bei mir ſelbſt, als er weg war, er phantaſirt ſich alles an, und man kann ihm ſeine Luͤgen gar nicht uͤbel nehmen, weil ſie ihn ſaͤttigen und bereichern, ohne daß er wei⸗ ter etwas als Luft dazu braucht. Indeß mit dieſer letzten Meinung war ich im Irrthume; 214 —— denn nachdem ich noch mancherlei Betrachtun⸗ gen angeſtellt hatte, und ſich ein Glockenſchlag in der Stadt hoͤren ließ, fiel mir ploͤtzlich ein, daß er eigentlich ſchon wieder da ſein ſollte. Ich ſtreckte den Hals, aber nichts Gruͤnes, noch Gelbes wollte aus dem Thore kommen, und ich merkte endlich, daß ich von ihm be⸗ trogen ſei. Das Geld, das ich ihm mitgege⸗ ben hatte, machte nicht wenig aus, und mein Beutel hatte dadurch einen gewaltigen Riß bekommen. Nachlaufen konnte ich nicht, denn ſeine Fuͤße waren eben ſo ſchnell, wie ſeine Worte. Ich mußte mich alſo in mein Schick⸗ ſal finden, und ſetzte verdrießlich meinen Weg fort. Vierzehntes Capitel. Betruͤbter Zuſtand. Ganz ermattet, hungrig und durſtig kehrte ich den Nachmittag in ein Wirthshaus ein und ließ mir etwas zu eſſen geben. Der Pu⸗ del lagerte ſich zu meinen Fuͤßen, und ſchien auch ganz traurig zu ſein. Nur ein einziger Gaſt ſaß im Zimmer, der ſich aber auf ſeinem Schemel hin und ber drehte und tauſend Fra⸗ gen an mich that, die ich ihm nie zu ſeiner Zufriedenheit beantwortete. Ich bemerkte bald, daß es ein Chirurgus oder Barbier war, der ſich hier fuͤr ſeine Kunden auf die ganze Woche mit Neuigkeiten zu verſorgen trachtete. Sein Wunſch wurde bald erfuͤllt. Ein Mann in einem hellblauen Rock mit ſtaͤhlernen Knoͤpfen trat herein, den er Großhaͤndler nanute, und der eben von der Reſidens zuruͤckkam. Sein 216 —4— Geſchaͤft beſtand darin, in den Provinzen Victualien und mancherlei kleine Beduͤrfniſſe zuſammen zu kaufen, und ſie nach der Haupt⸗ ſtadt zu fahren. Neutgkeiten wollt ihr wiſ⸗ ſen? fing er jetzt zum Feldſcherer an, ſetzt euch einmal hieher. Dann fuhr er fort. Habt ihr ſchon etwas vom unſichtbaren Prin⸗ zen gehoͤrt?(dies war das erſtemal, daß die⸗ ſer Name zu meinen Ohren kam.) Wie? was? ſagte der Barbier; meint ihr den aus⸗ waͤrtigen? Erzaͤhlt doch, ich verſtehe euch nicht. Gebt Acht, ſagte der Großhaͤndler, das legt den Keim zu einer Revolution. Der Bar⸗ bier ruͤckte noch näher und bat ihn, daß er doch nicht ſo laut reden moͤchte. Nun? frag⸗ te der Großhaͤndler, ſind etwa der Steuern und Abgaben nicht ſchon genng, und ſoll die Laſt noch groͤßer werden? Der Prinz im Aus⸗ kande hat davon gehoͤrt, und es ſoll ein gu⸗ ter Prinz ſein. Er hankt fuͤr fremde Reiche und will ſein Vaterland retten. Aber eben, weil er ſo denkt, haͤlt man ihn zuruͤck. Jetzt 217 —— heißt es nun, daß er ans Land gekommen, daß er mitten unter uns getreten, daß er da und dort und uͤberall iſt, wo ihn keiner ver⸗ muthet. Bald zieht er mit einer Zigenner⸗ horde, bald ſteckt er in einem Chor Muſican⸗ ren, bald reiſt er als Handelsdiener, bald geht er wie ein wandernder Handwerksbur⸗ ſche,— alles, um das Reich kennen zu ler⸗ nen und der Ungerechtigkeit zu ſteuern. Erſt vorgeſtern war in der Stadt, wo ich durch⸗ kam, eine große Bewegung. Die Regierung hatte die Haͤſcher nach ihm ausgeſchickt— das war geſchehn vor dem Thor—, aber Fuhrleute und Knechte waren uͤber ſie herge⸗ fallen und hatten ſie ſchoͤn zugerichtet. Der Fuhrmann ſagte: mir hat er gedient, ich ken⸗ ne ihn,— denkt euch das nur! Und weshalb haben ſie ihn arretiren wollen? Weil er einen armen Klempner, der ſchon auf dem Boden am Stricke hieng, losgeſchnitten, und ſein Handwerkszeug den Haͤſchern aus den Hän⸗ den geriſſen hat, denn er konnte die Steuern 218 —— nicht mehr bezahlen, und der junge Prinz voli Zorn hat ſein eigenes Kleid ausgezogen und geſagt: da nehmt! ich kann eher mein Kleid verlieren, als der arme Mann ſein Geraͤth. Eine Zeit lang hat er bei einem Kaufmann logirt, und nun, ſagt man, wandert er wie⸗ der. Aber viele ſagen, es waͤre der rechte Prinz nicht, es waͤre der falſche, den andere Leute nur dazu angeſtiftet haͤtten. Gott mags wiſſen. Ich habe ſelbſt einen Mann geſpro⸗ chen, der ihn will geſehn haben, er ſoll nicht groß ſein, und auf ſeiner Wanderung immer einen Pudel mit ſich fuͤhren. Ueber dieſe dunkle Sage von mir erſchras ich nicht wenig, und mein Blick ſiel unwill⸗ kuͤhrlich auf meinen Pluto, der zu mir auf⸗ horchte, und jetzt die Aufmerkſamkeit der Fremden auf ſich zog. Der Barbier fluͤſterte dem Großhaͤndler etwas ins Ohr, und ich hielt es fuͤr das rathſamſte, meine Rechnung zu bezahlen, und ungeſaͤumt das Haus zu ver⸗ laſſen.— Ich uͤberlegte, wie eine ſolche Idee 219 ſich wohl verbreitet haben koͤnnte. Wahrſchein⸗ lich hatte der Hofjude ſeine Entdeckung nicht fuͤr ſichbehalten, und der, dem er dies Ge⸗ heimniß anvertraute, war nicht vorſichtig da⸗ mit umgegangen. Bis jetzt ſchien der Ver⸗ folger ſeine Maßregeln nur geheim, noch nicht oͤffentlich auszufuͤhren. Wußte aber das Volk erſt etwas davon, ſo hing ſich leicht Ein Ge⸗ ruͤcht an das andere, und das Wahre wurde mit dem Falſchen vermengt, wobei jeder— wie es immer zu geſchehen pfiegt— etwas hinzudichtete. 1s Ich ſah mich oͤfters furchtſam um und beſchleunigte meine Schritte. Den andern Tag traf ich mit brabantiſchen Keſſelfuͤhrern zuſammen, die auch von der Reſidenz kamen. Da ſie ſehr geſetzte, ordentliche Leute waren, ſo nahm ich mir das Herz, ſie um die Wahr⸗ heit jenes Geruͤchts zu befragen; aber ſie wuß⸗ ten von nichts. Daraus ſah ich, daß jene Sage lange noch nicht allgemein verbreiter war, und faßte wieder Muth.— Als die 220 Keſſelfuͤhrer an meiner Mahlzeit die Duͤrftig⸗ keit meiner Kaſſe bemerkten, wurde ich ihnen wegen meiner Lebensweiſe verdaͤchtig, und ich eilte, mich von ihnen zu trennen. Darauf kam ich zu einer Stadt, deren Anblick in mir eine fruͤhe Erinnerung in mir weckte. Es war dieſelbe, wo ich mein ver⸗ lornes Hochdeutſch wieder fand. Der Weg fuͤhrte mich uͤber einen Kirchhof, wo mir ein friſch begruͤntes Grab mit einem Faͤhnlein in die Augen fiel. Ich trat hinzu und las; es war der Name jener armen Schuſterfrau, die mich einſt an Kindesſtatt angenommen hatte. Schreck und Wehmuth durchſchauerten meine Seele. Ich warf mich nieder auf den Raſen und umfaßte das Kreuz, ich begehrte nach ihr ſelbſt meine Haͤnde auszuſtrecken. Gute Mut⸗ ter, biſt du todt, ſagte ich zu ihr, ſoll ich dich nicht wieder ſehn? Hat Noth, hat Kum⸗ mer dich getoͤdtet? O wenn du wuͤßteſt, wer itt deinem Grabe naht! Ich bin in großer Bedraͤngniſt, und ich weiß, du huͤlfeſt mir 221 —— gern, ach! und kannſt es nicht.— Indem regte ſich etwas nicht weit hinter mir— ich wurde eine arme Frau gewahr, die auf einem Grabe Blumen begoß. Habt ihr auch jemand hier verloren? fragte ich ſie; nicht doch! ant⸗ wortete ſie mit ziemlich unbekuͤmmerter Miene, ich bin die Todtengraͤbersfrau, und muß hier die Blumen begießen, daß ſie nicht verwelken. Anfangs kommen die Leute ſelbſt und beſpren⸗ gen ſie, ja ſie weinen auch wohl Thraͤnen darauf, aber es dauert nicht lange; dann muß ich mich ihrer annehmen, und ich erhalte auch gute Bezahlung dafuͤr.— Darauf ging ſie nach andern Graͤbern, und begoß ſie eben⸗ falls. Ein eigenes Geſchaͤft! dachte ich im ſtillen Kummer bei mir ſelbſt, und die Ruhe des Kirchhofs gefiel mir ſehr in meiner Be⸗ truͤbniß. Aber die Frau wunderte ſich, daß ich immer noch auf dem Grabe blieb, ob es gleich ſchon Nacht wurde. Gott! ich hatte ſo wenig in meiner Taſche, daß ich gar nicht wagte, nach einem Wirthshauſe zu fragen. 222 —— Als ſie ſich mir naͤherte, erkundigte ich mich, woran dieſe Frau geſtorben waͤre. Krankheit und Elend hat ſie hinweggenommen, gab ſie zur Antwort; kommt erſt Krankheit bei ar⸗ men Menſchen, ſetzte ſie hinzu, dann ſtellt ſich auch die Noth ein, und die macht dem Leben vollends ein Ende. Ihr Mann hat ſich zu ſeinen Verwandten nach einer andern Stadt begeben, Kinder hatten ſie nicht, und ſo iſt alles gut; aber— wollt ihr denn hier liegen bleiben die Nacht? Es wird ſchon dun⸗ kel. Ich habe nicht viel, um zu herbergen, ſagte ich drauf, aber wollt ihr mich unter euer Dach nehmen, ſo will ich die Schlafſtelle wohl noch bezahlen. Warum juſt bei mir? fragte ſie, es giebt ja Wirthshaͤuſer genug; doch— wenn ihr es ſo wuͤuſcht, kann ich den Groſchen wohl auch verdienen. Es war mir ein eigenes Gefuͤhl, wie ich in das Haus des Todtengraͤbers trat. Der Mann ſaß eben und ſcheuerte die Grabſcheite blank und rauchte dabei eine Pfeife. Als er 223 —- mich kommen hoͤrte, fragte er hurtig: verlangt man mich, iſt jemand geſtorben? Nicht doch, erwiederte ſeine Frau, aber weil es jetzt ſo ſchlechten Verdienſt giebt, ſo erlaubſt du wohl, daß der arme Menſch bei uns die Nacht zu⸗ bringen kann; er bezahlt dafuͤr. Meinetwe⸗ gen! ſagte er, ich logire die Todten, warum nicht auch einmal die Lebendigen?— Es iſt doch ſonderbar, fuhr er fort, daß jetzt keiner ſterben will. Da lege ich die Haͤnde in den Schooß, und warte; alle wollen ſie immer den Herbſt oder das Fruͤhjahr begraben ſein. Es iſt ordentlich, als ob die Todten gern in Geſellſchaft reiſten. Jede Stunde klopft da einer an, und heult und ſchreit, ſein Herr, ſeine Frau waͤre geſtorben. Ei, du lieber Him⸗ mel! daß du mir nicht weinſt, Frau, wenn ich todt bin, denn das Sterben kommt ja in unſerer Wirthſchaft ſo oft vor, daß ich gar nicht begreife, wie man ſich noch ſo daruͤber haben kann. Aber ſo iſt es: der Menſch kann in der Welt alles gewohnt werden, nur 224 —— den Tod nicht, das iſt ein Racker.— Wie du wunderlich ſprichſt! entgegnete ſeine Frau, der Tod kommt im Leben nur ein einzigesmal, und immer zuletzt, wie kann man ihn da ge⸗ wohnt werden? Man kann den Tod doch nur erfahren, wenn man ſelbſt ſtirbt.— Kurjos! erwiederte er drauf, was du fuͤr kluge Bemerkungen machſt! der Tod kommt immer zuletzt!! ich moͤchte wiſſen, wie er es anders anfangen ſollte. Und wir koͤnnten ihn nicht an andern lernen! Ei ſeht doch!— Haſt du die Waſſerſuppe ſchon aufgeſetzt? Mich ſchlaͤfert. Nachher will ich das Ding näͤher uͤberlegen. ae 3 CEs befremdete mich ganz und gar nicht, einen Todtengraͤber ſo muntere Geſpraͤche fuͤh⸗ ren zu hoͤren, weil ſein Geſchaͤft ihn durch die Gewohnheit in den Stand ſetzt, ſich gleich uͤber das Aergſte hiuweg zu ſetzen. Der er⸗ fahrne Chirurgus fuͤhlt den Schmerz nicht, wenn er in die Wunde eines andern ſchneidet, und 225 —-— und ſo denkt auch der Todtengraͤber: es muß ſo ſein. e. Die Frau trug das Eſſen auf— ich blieb ſtill in meinem Winkel ſitzen— darauf noͤ⸗ chigte ſie mich mit dem Zuſatze, daß es nichts koſten ſolle. Da ich zoͤgerte, nahm er ironiſch die Muͤtze ab und ſagte: eine Waſſerſuppe, mein Herr, iſt Ihnen nicht gefaͤllig?— Ich aß wenig und ſetzte mich wieder in meinen Gedankenwinkel. Da haben wir's— ſagte er drauf— du haſt vergeſſen, Semmel einzu⸗ brocken. Mach das wieder durch den Nach⸗ tiſch gut, gieb ihm eine Schnurre zum Be⸗ ſten, ſo etwas von der Art, als: warum wir grade im Anfange des Lebens geboren werden. — Ach! ich haͤtte wohl einen Rath fuͤr den jungen Herrn, erwiederte ſie drauf— wenn es ihm wirklich ſo gar erbaͤrmlich ginge, als er ſich ſtellt—; ſein Rock ſieht mir noch zu gut dazu aus. Ei! entgegnete er, wenn ihn ein zerlumptes Kleid gluͤcklich machen kann, II. Theil.. P. 226 ——— zieh ihm meinen alten Ueberrock an. Ich meine nur, fuhr ſie fort, da morgen die Wai⸗ ſen ihren Umgang halten, ſo koͤnnte er ſich leicht mit anſchließen; die Vorſteher ſehen es ſogar gern, und beſtellen ordentlich Leute da⸗ zu, wie ich gewiß weiß, damit die Anzahl und das Beduͤrfniß des Waiſenhauſes den Leu⸗ ten deſto groͤßer ſcheine. Der Todtengraͤber ſah mich laͤchelnd von der Seite an, aber ich ſchuͤttelte den Kopf und ſagte: nimmermehr! Siehſt du 7 ſagte er drauf, die Promenade iſt ihm zu ſchlecht. Ja, ich waͤre ſelbſt kein Lieb⸗ haber davon, und gaͤbe auch meinen Rock nicht dazu her; denn auf Ehre muß der Menſch in der Welt halten.— Iſt Armuth denn Schande, fragte ſeine Frau. Hm! eine ku⸗ rioſe Frage! erwiederte der Mann: ſie iſt es juſt nicht, aber ſie wird dafuͤr gehalten; und nun frage ich wieder: was iſt denn eigentlich die Ehre in der Welt? Aber das Capitel moͤchte mir doch zu lange dauern, ſchlafen Sie wohl, mein Herr. 227 —— Die Frau machte mir eine Streu, und ich ſchlief, von Gedanken und. Gorgen eazüdes, ruhig ein. Den folgenden Morgen gab ich meinen Groſchen und wie ich wegging, ſagte der Todtengraͤber: wenn Sie mich wieder brau⸗ chen— ich wohne hier gleich am Kirchhofe.— Ich nahm meinen Weg durch die Stadt, und blieb unwillkuͤhrlich vor dem praͤchtigen Laden eines Goldſchmidts ſtehen, welcher eben geoͤf⸗ net wurde. Mir ſiel das Bild ein, das ich bel mir trug. Wenn es fuͤr andere Leute ſo großen Werth hat, dachte ich, ſo werden ſie es dir auch gut bezahlen. Indeß— mußte ich in denſelben Grade nicht auch den Leuten verdaͤchtig werden?— Ich ſetzte mich auf eine ſteinerne Bank am Brunnen nieder, um die Sache weiter zu uͤberlegen; indem wurde es in der Stadt immer lebendiger, und eine Schaar Knaben, die einer nahen Straße zu⸗ lief, zeigte an, daß von dort her etwas zu er⸗ warten ſei. Es waͤhrte auch nicht lange, ſo 228 —-— ſah ich aus jener Gegend viele Menſchen her⸗ anziehen, und ein lauter Geſang ſcholl all⸗ maͤhlig durch das Getuͤmmel hindurch. Die Waiſen waren im Anzuge. Mehrere Leute mit Buͤchſen, die ſie an Stangen trugen, gingen voran und ſchienen gleichſam Bahn zu machen. Darauf folgten die alten Maͤnner⸗ hinter dieſen die Frauen und endlich Knaben und Maͤdchen, die eigentlichen Waiſen. Vor jede Thuͤr trat ein Geber, der nach Bereiche⸗ rung der Buͤchſen jedem armen Menſchen ein Stuͤck Geld in die Hand legte. Das Singen eines gottesfuͤrchtigen Liedes, das Umherſtehen des Volks, wovon der eine dieſen, der andere jenen Armen noch im Wohlſtande gekannt hatte, der Anblick des ſchwachen Alters mit der huͤlfloſen Jugend, wovon ein Theil zum Leben ein, der andere allmaͤhlig aus der Welt hinausging— wie hier ein Greis gefuͤhrt, dort zwei Kinder von einer Frau geleitet wur⸗ den, waͤhrend andere Kleinen ſich munter ein⸗ ander die Hand faßten— dies alles machte 229 ——— einen erſchuͤtternden Eindruck, und es war, als wenn ſich hier die Worte offenbarten: arm trittſt du in die Welt, arm wirſt du ſie wieder verlaſſen, und uͤber alle Zuſchauer ver⸗ breitete ſich eine Ahnung von der dunkeln Macht des Schickſals, dem kein Sterblicher entrinnen kann. Es war wol natuͤrlich, daß ich in meinem duͤrftigen Zuſtande mich jetzt mehr als jemals zu ſolchen Betrachtungen, die ſonſt nur fluͤchtig von meiner Seele voruͤber⸗ eilten, geſtimmt fuͤhlte. Aber die Empfindung ſollte noch tiefer mich ergreifen, denn als die Alten ſchon den Zug weit vor mir ausgedehnt hatten, ſah ich ploͤtzlich einen Mann heran treten, der mir bekannt ſchien. Da er taͤher kam, erkannte ich in ihm den vormals reichen Lederhaͤndler, jenen Vetter meiner armen Pfle⸗ gemutter, der einſt zu ihr geſagt hatte: wer hat euch denn erlaubt, mitleidig zu ſein! Un⸗ gluͤck, großer Verluſt hatte ihn vom hohen Uebermuth herab an den nackten Wanderſtab gebracht, und er war jetzt ein Mitglied des 230 naͤmlichen Waiſenhauſes, auf das er einſt mich durch ſeine Fuͤrſprache gefoͤrdert hatte. Er ſchritt mit Anſtand voruͤber, als wollte er von dem Ungluͤck, das ihn umgab, nichts wiſ⸗ ſen, und in ſeinem Gange hatte er noch im⸗ mer vieles von ſeinem vorigen Stolze an ſich⸗ Jetzt kam er an das Haus, das ihm ſonſt zu eigen gehoͤrte, wo er ſeine Hochzeit und viele Feſte gefeiert hatte: er blieb auf einen Augenblick ſtehen, und blickte ſo ruhig hinauf zu demſelben, als wenn er nach den Repara⸗ turen haͤtte ſehen wollen; aber das Chor ſang: was Gott thut, das iſt wohlgethan!— und das Volk ſaltete die Haͤnde. Den Beſchluß . machte eine Großmutter mit einer kleinen ver⸗ waiſten Enkelin, welche einander gegenſeitig unterſtuͤtzten und nicht ſchnell gehen konnten. Beide ſchienen noch die Gluͤcklichſten: das Kind ſah ſich beim Anblick der Großmutter noch nicht ganz verlaſſen, und dieſe empfing vom Kinde ſchon die Huͤlfe und Hoffnung des neuen Lebens. 231 Als der lange Zug voruͤber war, der Ge⸗ ſang in den Straßen allmaͤhlig verhallte, und ich nun ſo allein auf der ſteinernen Bank da ſaß, hatte ich beim Aufblick die Empfindung eines Erwachenden, der viele Menſchen im Traume wie Schatten hinter ſich gelaſſen. Ich glaubte jetzt, daß ich wohl meinen Zu⸗ ſtand noch laͤnger ertragen, und, ohne mein Bild mit Gefahr fuͤr meine Freiheit zu ver⸗ aͤußern, mir mit dem Wenigen, das ich noch hatte, weiter forthelfen koͤnnte. Meine Zu⸗ flucht wollte ich lieber in einer einſamen Land⸗ gegend, bei einem Foͤrſter, bei einem Amt⸗ mann oder Edelmann, als in einer volkreichen Stadt ſuchen, wo ich leichter bemerkt und verrathen werden konnte. Nach einer noth⸗ duͤrftigen Stillung meines Hungers ging ich alſo wieder zum Thore hinaus. Vor der Stadt begegnete mir ein vorneh⸗ mer Mann, der in der Morgenſonne mit zu⸗ ruͤckgeſchlagenem Rock ſpazieren ging, und da⸗ bei das Lied, das aus den Straßen der Stadt, 232 — q- von den Haͤnſern zuſammen gehalten, andaͤch⸗ tig herunter klang, ganz gemaͤchlich und wohl⸗ behaglich nachbrummte, ſo recht in ſeiner Haut und in der ſeidenen Weſte, die er an⸗ hatte, ſich gluͤcklich preiſend. Weil er grade Luſt zum Sprechen haben mochte, fragte er mich, ob ich nicht meinen Hund verkaufen wollte. Das arme Thier kam mir in dem Augenblick ganz elend vor, und ich fragte, was er zu geben gedaͤchte. Er bot einen Du⸗ katen. Indem legte ſich der Pudel zu mei⸗ nen Fuͤßen nieder und ſah mich an. Da dauerte es mich wieder, daß ich ihn von mir ſtoßen ſollte, und ich antwortete: nein, das iſt zu wenig, Herr. Wie ich das Gebot ſo dreiſt von der Hand wieß, mochte der Herr denken, es waͤre etwas ganz beſonders, und bot zwei Dukaten. Mir wurde bange, daß er mich wirklich zur Untreue gegen das Thier bewegen moͤchte, und ich ſing an, ſchnellere Schritte zu nehmen, indem ich rief: nein⸗ nein. Do ſtieg die Neugierde des Herrn im⸗ —jjj 233 —--— mer hoͤher, und er lief mir nach und ſagte: ich gebe drei Dukaten! Hierauf wandte ich mich zuruͤck nach ihm, und ſagte: Lieber Herr, ich bitte euch, bietet nicht ſo viel, habt Er⸗ barmen mit mir.— Dies ſetzte ihn noch mehr in Erſtaunen und er fuhr fort und ſag⸗ te: ich muß den Hund haben. Wem gehoͤrt er? Wo habt ihr ihn her?— Ich merkte, daß er glauben mochte, ich haͤtte ihn geſtohlen, und gab zur Antwort: Der Hund gehoͤrt nicht mir, ſondern ich gehoͤre dem Hunde zu; ich kaufe ihn taͤglich, aber ich kann ihn doch nicht bezahlen. Wiſſet, Herr, daß ich ihm zweimal mein Leben ſchuldig bin, und ſolches werd' ich ihm niemals vergelten; oder koͤnnt ihr ſagen, wie viel ein Menſchenleben werth iſt, ſo bietet nur, ich ſtehe euch zu Dienſten. Wie? ſagte er ſtaunend, ihr wollt doch wohl um des Hundes willen nicht euch ſelbſt ver⸗ kaufen? Ja, Herr, gab ich zur Anwort, in ſolcher Noth bin ich;— und mit Zuverſicht trat ich ihm naͤher. Da kam den Herrn ſicht⸗ 234 —— lich eine Angſt an, er drehete ſich auf dem Hacken, und faßte nach ſeiner Weſtentaſche, als haͤtte er gkeich nachſehen wollen, ob er auch ſein Geld noch haͤtte. Pluto! redete ich den Hund an, und er hob ſich wie ein Menſch in die Hoͤhe. Da ſah der Herr um ſich, und wurde gewahr, daß wir ganz allein im Felde waren, und feine Angſt ſtieg immer hoͤher. Ein Bettler! wohl gar ein Raͤuber ſtand als Sprache ſeines Herzens auf ſeinem Geſichte geſchrieben, und indem er hoͤflichſt einige Ruͤck⸗ ſchritte machte, ſagte er: wenn Ihnen gefaͤllig iſt— wenn Sie wirklich Luſt haben, in meine Dienſte zu treten, da vor der Stadt liegt ein großes Gartenhaus, da keunt mich jedermann; Gott befohlen! 8.— Ich mußte uͤber ſeine Beſorgniß lachen. Sein ganzes Betragen zeigte, daß nicht viel Gutes bei ihm zu hoffen ſei, und ich gab den Gedanken, bei ihm Dienſte zu nehmen, gleich wieder auf. Es giebt Leute„ die zu einer Sache Luſt bekommen, wenn ſie ihnen halb 235 —— entzogen wird, und die zuruͤcktreten, wenn man ſie ihnen uͤberkaſſen will. Mit ſo ſchwan⸗ kenden Characteren iſt nicht gut umzugehen, es ſteckt gewoͤhnlich der feinſte Eigennutz und wohlbehagliche Eigenliebe dahinter. Dies ſchien mir ganz ſo ein Menſch. Haͤtte er uur eini⸗ ge Theilnahme fuͤr mich und mein ſonderbares Schickſal bezeigt, ſo haͤtte ich mich wohl zu ihm begeben moͤgen, ſo aber mußte ich meine Straße weiter wandern. Indem ſich mancherlei Gedanken und Ent⸗ wuͤrfe bei mir durchkreuzten, verließ ich den gebahnten Weg, und richtete meinen Lauf da⸗ hin, wo die Gegend einſamer und wilder zu werden ſchien. Ein großer Wald breitete ſich vor mir aus und ich begab mich in ſein ſchat⸗ tiges Dunkel. Doch hier kam ich mir noch verlaſſener vor und ich fuͤhlte mich wie vom Heimweh ergriffen. Was wird nun aus dir werden? ſagte ich zu mir ſelbſt, und nieder⸗ ſitzend an einen Baum empfand ich Muͤdigkeit und Hunger zugleich. Waͤre ich doch wieder 236 — bei meinem Onkel, ſagte ich, oder bei jenen friedlichen Leuten, die den Tag ſich mit Muſie verkuͤrzen. Jetzt werde ich fuͤr meinen Ueber⸗ muth genug beſtraft. Hier ſitz' ich, und kann noch zu einem Waldteufel verwildern, der von Wurzeln und Kkaͤutern lebt, und ſeinen Hun⸗ ger mit bittern Eicheln ſtillt. Zu einem from⸗ men Waldbruder hab' ich wenig Luſt, und doch wuͤrde mir eine ſtille Huͤtte jetzt— o wie ſehr willkommen ſein! Auf Binſen liegend wollte ich gern den Wald vor Wilddieben be⸗ wachen, oder auf elendem Stroh die Fruͤchte der Baͤume, auf einem Schaffelle ruhend die Heerde huͤten. Nun bin ich nichts, und, in⸗ dem ich mein Leben rette, weiß ich nicht, wie ich es erhalten ſoll.— Nach dieſen Worten lehnte ich mich wie zum Schlummer zuruͤck, als ob ich mich auf das Spruͤchwort haͤtte verlaſſen wollen: wem es Gott goͤnnt, dem giebt er's im Schlaf.— Kaum hatte ich auch einen Augenblick ſo ausgeruht, als ich mit dem Ohr nah an der Erde ein ganz ent⸗ 237 ferntes Geraͤuſch vernahm. Ich richtete mich auf, und da es in der Luft ſtille war, legte ich wieder das Ohr an die Erde, und mir war es, als wenn anch Menſchenſtimmen in das Geraͤuſch ſich miſchten; dann klang es wieder wie ein rauſchend Wehr oder wie der dumpfe Hall des Sturms, der durch Tannen brauſt. Wieder wurde es laut wie ein kraͤ⸗ hender Hahn, doch dieſer einzelne Schall klaͤr⸗ te ſich bald auf, und ward— fuͤr den Ton einer Trompete erkannt. Darauf droͤhnte die Erde von tiefern Toͤnen, die als Paukenſchlaͤge ſich kund gaben. Bald ließen ſich auch die hoͤhern Toͤne der Hoboen und Clarinetten hoͤ⸗ ren, und nun war es die ſchoͤnſte, die erfreu⸗ lichſte Muſie, die immer naͤher kam, und ſtets mit dem Ausrufe froͤhlicher Menſchen⸗ ſtimmen ſich ſchloß. Ich erhob mich mit gro⸗ ber Neugierde, zu erfahren, welch ein Hoch⸗ zeitfeſt oder ſonſtige Feierlichkeit ſich bis zu dieſer wilden Waldgegend moͤchte verirrt haben. Die Toͤne ſchwebten rechts bei mir hinauf, 238 — ℳ— und ſchienen ſich ſchon wieder zu entfernen; aber ich eilte, daß ich ihnen nachkam. Da blinkte eine Waſſerflaͤche durch die Geſtraͤuche, und nicht lange, ſo ſah ich einen rauſchenden Strom durch die gruͤnen Wieſen daher ziehen. Es ſchwand der Tannenhain, der mich von der Muſte und dem Getuͤmmel trennte,— und ein großes Schiff mit Maſtbaum und Wimpel lag vor mir. Solches landete eben und eine ganze Colonie von jungen Leuten ſprang an das Ufer. Die meiſten waren muntere Knaben und Juͤnglinge und nur we⸗ nig aͤltere Perſonen folgten ihnen, die man⸗ cherlei Warnungen ihnen nachriefen. Indem trat auch eine blonde heitere Juͤnglingsgeſtalt auf das Brett vom Schiffe, und— o Him⸗ mel!— ich ſah in ihr meinen Freund Eduard wieder. Sogleich ſtuͤrzte ich hervor, breitete meine Arme gegen ihn aus, und Eduard! ausrufend, ſchloß ich ihn an meine Bruſt. Er konnte vor Ueberraſchung, vor Staunen und Freude kaum einen Laut von ſich geben; 239 —— all' ſein Blut trat aus ſeinem Geſichte zuruͤck, ſein Mund ruhete an meinen Wangen, und ich kuͤßte die wallenden Thraͤnen. Dann ſah ich ihm in die hellen ſanften Augen, und er fragte: biſt du es? Gott! rief ich aus, in meiner groͤßten Noth— mir dieſen! In⸗ dem ſchmetterten die Trompeten, und die Ju⸗ gend jauchzte; aber wir gingen dem ſtillen Walde zu, und ſaͤttigten Blick und Seele in einem langen Geſpraͤch. Laß mich ſchweigen von meinen vielen Schickſalen, ſagte ich zu ihm, ich habe ja dich nun. Sage du nur, welch ein Gluͤck dich zu mir in den Wald hieher bringt.„Ich bin auf der Schule, be⸗ gann er darauf, wir duͤrfen alle Jahre einen Tag erwaͤhlen, wo wir hieher fahren mit Sang und Klang, und bei dem Föoͤrſter ein⸗ kehren, der da wohnt an jenem blinkenden Tei⸗ che. Wald und Wieſe hier gehoͤrt der Schule und der Foͤrſter iſt im Dienſt unſers Klo⸗ ſters. Mein Bruder iſt der Oekonomie zuge⸗ than, ich ſoll ſtudieren.— Nun erzaͤhle von 240 —-— dir.“— Ich theilte ihm darauf von dem, was mir begegnet war, ſo viel mit, als er wiſſen durfte, und er umarmte mich dann aufs neue und ſagte, aber nun laß uns nicht wieder von einander gehn. Ich weiß ſchon, wie ich es mache, daß du bei mir bleiben kannſt. Du gehſt mit mir auf die Schule, lernſt wie ich, und wohnſt bei mir. Mein Wechſel wird ſchon fuͤr uns beide hinreichen, habe deshalb keine Sorge.— Ich ſann ein wenig nach, und dachte, daß der Aufenthalt auf einer Schule wohl noch der ſicherſte auf der ganzen Welt ſein koͤnnte, und daß nie⸗ mand dort einen verdaͤchtigen Menſchen ſu⸗ chen wuͤrde. Deinen Vorſchlag nehme ich an, ſagte ich drauf, unter der Bedingung, daß ich dir die Unkoſten wieder erſtatten darf, ſobald ich im Stande bin, meinem Oheim von mir Nachricht zu geben.— Nachdem wir dieſes und noch mancherlei mit einander geſprochen hatten, ſtellten wir uns nahe 241 ——— nahe an einander, um zu ſehen, wer groͤßer geworden waͤre. Da fand ſich, daß er mich um eine Stirubreite uͤbertraf. Ich betrach⸗ tete ihn naͤher, und bemerkte, daß er uͤber⸗ haupt zu einer recht huͤbſchen Geſtalt heran⸗ gewachſen war. 4 Funfzehntes Capitel. Schuͤler. Wir begaben uns darauf nach der Förſter⸗ wohnung, wo große Freude und große Thaͤ⸗ tigkeit herrſchte, und auf die Aeußerung mei⸗ nes Eduards gegen die Lehrer, welche zur Auf⸗ ſicht mitgereiſt waren, daß er hier der Schule einen neuen Eleven braͤchte, wurde ich von allen ſehr freundſchaftlich aufgenommen. Es duͤnkte mir ganz eigen, ſo auf einmal in laͤnd⸗ liche Umgebung und in das Geruͤmmel einer froh umherſchwaͤrmenden Jugend verſetzt zu ſein. So mag dem Schiffer zu Muthe wer⸗ den, wenn er kaͤmpfend mit den Stuͤrmen oft hie und dort vergebens zu landen geſucht hat, und nun endlich in einen ſichern Hafen einkehrt, wo er nahe vor ſeinen Augen das Jauchzen der Stadt vernimmt.— Mancherlei Spiele beſchaͤftigten die vegſame Menge. Ei⸗ nige ſandten die rollende Kugel unter Koͤnig und Volk, und Fehler und Treffer dienten gleichmaͤßig zur lachenden Luſt. Andere ſchlu⸗ gen das Ruder auf dem ſtill ausgebreiteten klaren See und muͤhten ſich dabei ſo ſehr, als wenn ſie heute noch entfernte Staͤdte er⸗ reichen muͤßten. Einige Groͤßere ſtreiften mit dem Jaͤgerburſchen durch das Jagdrevier in das Gehoͤlz hinaus, und waren froh, um eines huͤpfenden Rehes willen Moraſt und Sumpf zu durchwaten. Wieder andere paar⸗ ten ſich zu einem kriegeriſchen Spiel, erkann⸗ ten Dorn und Hecken fuͤr Waͤlle, und liefen an, um Belgrad zu erobern. Dabei fuhren die Muſicanten, ſitzend unter jungen Eichen, immer fort, das Treiben der Menſchen auf ihre Weiſe, in Concerten und Symphonien, zu ſchildern. Bald aber wurde es ſtiller, die Trompete ſchmetterte und ladete zu Tiſche ein. Eine lange Tafel ſtreckte ſich durch den Wald, das Schiff hatte ſich ſeiner Vorraͤthe entladen, Q 2 * 244 — und auch der Wein fehlte nicht zu den man⸗ cherlei Speiſen. Da war es, wie wenn Bie⸗ nen um einen Baum ſchwaͤrmen, und ſich auf die Bluͤten ſetzen. Zu Ende der Mahlzeit er⸗ hob ſich bei immer lauterm Rufen der Pokal, man ließ die Lehrer als ſorgende Väͤter und dann die ganze Welt leben, ſo daß die Trom⸗ peten und Pauken gar nicht zur Ruhe kamen. Jetzt, da der Wein die ohnehin ſchon hell lodernde Lebenskerze der Jugend noch hoͤher entflammt hatte, ſank jede feſſelnde Ruͤckſicht und es gab ein eigenes Schauſpiel. Das in⸗ nerſte Gefuͤhl trat nach eines jeden Character aus der Bruſt hervor und ging in Phantaſie uͤber. Hier ſchlug einer an ſein Herz und verſicherte, daß er Muth habe, eine ganze Welt zu beſiegen. Dort trat einer auf den Stuhl, um eine pathetiſche Rede zu halten. Wieder zwei umarmten ſich, die zaͤrtlichſten Thraͤnen vergießend. Ein anderer ging um⸗ her, um jeden, der etwa beleidigt ſein koͤnn⸗ te, um Verzeihung zu bitten. Wieder ein . britter, ein vierter weinte mit Hefeigkeit, in der Meinung, daß ſein Recht von einem au⸗ dern gekraͤnkt ſei, und er rief: meine Ehre! meine Ehre! Von einer andern Seite ſah man Viele um einen Ernſthaften verſammelt, der ſich mit dem Scepter in der Hand beduͤn⸗ ken ließ, ein Koͤnig zu ſein. Kurz, es war, als ob das kuͤnftige, noch in der Jugend ſchlummernde Leben, jetzt aus dem Innerſten ſich hervordraͤngend, zu den mannichfaltigſten Traumbildern ſich geſtaltete. Man ſah alle, von der Macht der Phantaſie hingeriſſen, aus der Verborgenheit den wahren Menſchen of⸗ fenbaren, und die glaͤnzenden Tage der Zu⸗ kunft ſchildern.— Allmaͤhlig aber ſammelten ſich die ſchweifenden Vorſtellungen wieder und knuͤpften ſich an die Wirklichkeit, ſo daß der Lehrer wieder fuͤr den Gebieter galt, ein drei⸗ ſtes Du ſich wieder in ein beſcheidenes Sie aufrichtete, und alles in die Schranken des vorigen Rechts und der irdiſchen Wuͤrde zu⸗ ruͤcktrat. Die Muſicanten eroͤfneten jetzt einen 246 ——— Zug in den Wald hinaus, und hie und da rauſchte aus dem Gebuͤſch ein Schlafender hervor, der ſich an die Schaar anreihte. Man kam zur Stelle, und ſchloß einen Halb⸗ kreis um eine hochragende, vielbejahrte Eiche, die von den ſchallenden Schlaͤgen der Axt bis in die Krone hinauf zitterte. Der letzte Schlag geſchah: da neigte ſie das Haupt, und ihre eigenen Zweige unter ſich zerbrechend ſtuͤrzte ſie krachend nieder, ſo daß weithin die Erde von ihrem Fall erdroͤhnte. Die ſchmetternde Trompete triumphirte uͤber ſie, und wetteifernd lief die Jugend hinzu, ſich von dem Laube des Gefallenen einen Kranz zu brechen, womit die Schaar, Haupt an Haupt geſchmuͤckt, unter froͤhlicher Muſie prangend zuruͤckkehrte. Un⸗ terdeß waren reizende Staͤdterinnen erſchienen, und die Jugend, geſcheucht in ihrem Ueber⸗ muth, ſah man ſanfterer Anmuth befliſſen. Luſtige Töne ermunterten zum Tanz, und die Abendroͤthe, durch das gruͤne Laub hindurch funkelnd, verlieh den Tanzenden himmliſchen — 247 —— Schmuck. Ich bemerkte, daß vorzuͤglich mein Eduard bei dem Anblick der Schoͤnen nicht regungslos blieb, und es war auch keine, die ihn nicht ihrer Gunſt oder eines Vorzugs wuͤr⸗ dig gehalten haͤtte. Nach einer laͤndlichen Mahlzeit hallte noch ein mal der Wald vom lauten Ruf der Freude, welcher Dank und Lebewol ihm ſagte. Zu Schiffe! riefen nun die Stimmen und ich folgte ihnen froͤhligen Muthes. Aber es begab ſich, als vom Waſ⸗ ſer her in der ſanften Abendſtille die Drom⸗ mete nach dem Hafen zuruͤck den Hain um ein Scho anrief, daß vom Lande her— ein zot⸗ tiges Thier— mein Pudel gelaufen kam, den ich im Getuͤmmel verloren und gar vergeſſen hatte. Er rannte am Ufer entlang dem Schiffe nach, und ich ſah wol ein, daß das große Schiff nicht um ſeinetwillen zuruͤckkehren konn⸗ te. Aber er beſann ſich nicht lange, ſondern ſprang, wie er uns gegenuͤber gekommen war, und meine Stimme hoͤrte, vom Ufer herab in den Fluß, und Schaum erregend um die 248 krauſen Locken arbeitete er bis zur Mitte des Stroms ſich muthig hindurch, worauf der Schiffer ihn an Bord nahm. Durch dieſe Heldenthat gewann er die Zuneigung der gan⸗ zen Schule, und jeder ſchaͤtzte ſich gluͤcklich, der ihn liebkoſen konnte.— Mozarts Ely⸗ ſium auf dem ſtillen und tragendem Gewaͤſſer entzuͤckte die ahndungsvolle Seele; zum Him⸗ mel hinauf flog das Feuer der Raketen und webte aus Funken ein Netz, durch welches die Sterne des Himmels friedlich hindurch ſchauten. So beſeligt und innig vergnuͤgt mochten wir ohn⸗ gefaͤhr zwei Stunden den Strom hinabgefahren ſein, als im aufgehenden Monde am andern Ufer, einem kleinen Walde zur Seite, ein hohes, langes Gebaͤnde freundlich hervorging, welches das Ziel unſrer Fahrt und den Ort meiner kuͤnftigen Aufenthalts bezeichnete. Ein nahes Dorf ſandte feine Bewohner, uns in langen Reihen am Ufer zu empfangen, und Freude und Jubelgeſchrei miſchte ſich von bei⸗ den Seiten. Alles ging, unter dem Vortritt 249 —— der Muſie, zur Schule hinauf, und nachdem die Vorſteher derſelben mit feoͤhlichem Schall waren begruͤßt worden, verfuͤgte ſich jeder in ſeine Wohnung zur Ruhe.— So— duͤnk⸗ te mir— hatte ich meinen Einzug auf der hohen Schule wie ein König oder wie ein Fuͤrſtenſohn gehalten, und bei Eduard auf ſeinem Zimmer, zuruͤckdenkend an den großen Wechſel des verfloſſenen Tages, glaubte ich zwiſchen Morgen und Abend mehr denn eine ganze Woche verlebt zu haben. Von einem unſtaͤten Wandel war ich nun ploͤtzlich in die Ordnung des Lebens wieder zuruͤckgeſetzt, und hatte bier die ſchoͤnſte Hoffnung, meine Bil⸗ dung zu vollenden und wieder Gluͤck von der Zukunft zu erwarten.— Den andern Mor⸗ gen, als ich nach einem langen, tiefen Schla⸗ fe erwachte, kam es mir ganz beſonders vor, wie ich mich in einem heitern Stuͤbchen, das eben die Morgenſonne erhellte, ſo friedlich und ruhig bei Eduard ſah, und mein voriges Leben erſchien mir gegen meinen jetzigen Zu⸗ 250 —— ſtand ſo fremd und abweichend, als wenn es gar nicht zu demſelben gehoͤrt haͤtte. Ich dachte an meinen Aufenthalt beim Amtmann, dem Vater meines Eduard, und an die Stun⸗ den und den Unterricht, den ich dort und nachher bei meinem Oheim genoſſen hatte, und uͤber alles andere wegſehend nahm ich mir vor, auf den gelegten Grund der Wiſ⸗ ſenſchaften ernſtlich fortzubauen. Es gab aber noch Schwierigkeiten zu bekaͤmpfen. Wir wa⸗ ren zwar uͤbereingekommen, daß ich mit einem angenommenen Namen der Sohn eines ver⸗ ſtorbenen Cantors aus dem Dorfe des Amt⸗ manns, der ſich meiner annaͤhme, ſein und bedeuten ſollte, und der Director der Schule, bei welchem ich mich ſogleich meldete, nahm dies auch fuͤr wahr an, allein er meinte, daß ich doch einen Vormund haben muͤßte, und ver⸗ langte, daß dieſer deshalb an ihn ſchriebe, damit er doch wuͤßte, an wen er ſich meinet⸗ wegen zu halten habe. Wir uͤberlegten nun, wen wir wohl zu meinem Vormund ernennen 251 —— koͤnnten, und wir fanden fuͤr gut, einen rei⸗ chen Bauer des Dorfs dazu zu machen. Ich gab vor, daß ich an ihn geſchrieben und ihn um einen baldigen Brief an den Herrn Di⸗ rector erſucht haͤtte, wobei ich gegen dieſen im voraus ſeine Schreibart entſchuldigte. Dieſes Schreiben, das wir ſelbſt zuſammen ſetzten, kam endlich an, und lautete ohnge⸗ faͤhr alſo: Viel⸗ und hochgelahrter Herr Director, Sintemal unſer ſeliger Herr Cantor ge⸗ ſtorben iſt, und uns den Sohn einſtweilen zuruͤckgelaſſen hat, ſo hat er mich gebeten und aufgetragen, weil ich im Dorfe und der Ackermann Andreas Baͤr bin, daß ich ihn doch im Maßen der Gemeine in eini⸗ gen Stuͤcken in Obſervation nehmen, und in ſo fern von dem Gelde der Gemeine be⸗ rechnen moͤchte. Dieweil nun unſer junger Herr Eduard auch dorten bei Ihnen auf 252 ——— der Schule geht, und mit großem Nutzen und Erklek unter Ihrer Obſervation ſtudi⸗ ren thut, ſo wollte ich Sie, Hochehrwuͤr⸗ den ohne Maaßen gebeten haben, daß Sie ihn auch zu einem Scholarium auf⸗ und an naͤhmen, und ließen ihn ordentlich in der Schule mit ſitzen, bis er koͤnnte zur Univerſitaͤt avanciren. Solches wage ich nun unter Devotion hiermit ſolches zu er⸗ bitten und zu conſuliren, als welches ich die Ehre habe, zu erſterben Ew. Hochehrwuͤrden Hochgelahrteſter Muͤhldorf unterthaͤniger Diener den 31 Juni 17—. Andreas Baͤr in Muͤhldorf. Dieſer Brief machte uns viel Spaß, und dem Director viel Pein, denn ich uͤberbrachte ihn ſelbſt, und blieb ſtehen, bis er ihn gele⸗ n hatte. Er fuͤhlte wohl, daß es unſchic⸗ lich ſei, in Gegenwart des Muͤndels uͤber den 253 —-— Vormund zu lachen, und doch war es ihm nicht moͤglich, die Anwandkung dazu zu unter⸗ druͤcken; alle Augenblick bekam er einen neuen Anfall, und die Muskeln in ſeinem Geſichte zitterten wie ferne Wetterwolken, wenn es dahinter blitzt, ſo daß das Leſen des Briefs ihm eine ſaure Arbeit war. Nach einer fluͤchtigen Pruͤfung, die man mit mir anſtellte, wurde ich faſt in allen Stunden dem Eduard gleich geſetzt, und wir lernten nun beide gemeinſam um ſo eifriger, je naͤher einer den andern hinter ſich folgen ſah. S e ch s ehn tes Capitel. Schulleben. Das viele Sitzen den Tag uͤber in einge⸗ 4 ſchloſſenen Zimmern wuͤrde mir nach den vie⸗ len freien Wanderungen gewiß verdrießlich ge⸗ fallen ſein, wenn nicht eben der große Ab⸗ ſtand dagegen in der Ruhe und Sicherheit wieder ſein Angenehmes gehabt haͤtte. Kann der Junker auf der Jagd bei ſtarkem Regen in eine Huͤtte untertreten, ſo duͤnkt ihm in dem Augenblick das ſchlechte Dach traulicher und beſſer als ſein Schloß. So ohngefaͤhr war mir zu Muthe. Wer mit einiger Wiſ⸗ ſenſchaft in das Leben und in die Welt hin⸗ aus geht, ſieht in den Erſcheinungen weit eher das Merkwuͤrdige als der, welcher ſich ohne alle Kenntniß dahin wendet. Und eben ſo: wer mit einiger Welterfahrung in die Schule kommt, findet in den Buͤchern weit eher die Wahrheit und das Leben wieder, das er verließ, als ein anderer, dem das Bild von der Copie voͤllig fremd iſt. Daher kam es denn auch, daß ich mit der groͤßten Ver⸗ wunderung bemerkte, wie meine Mitſchuͤler die ſchoͤnſten Gedanken auf das gleichguͤltigſte weglaſen, auf welche die verſchiedenen Lectio⸗ nen nicht viel anders wirkten, als verſchiedene Schellen und Kinderklappern, die nur von Moment zu Moment die Aufmerkſamkeit er⸗ regen. Erſt weun ein philoſophiſcher Geiſt als ein hoͤherer Lebensſinn in ihnen aufdaͤm⸗ mert, fangen ſie an, die Schaͤtze, die ſie ſammlen, ſich zuzueignen. Auf dieſe Hoff⸗ nung hin muß jeder in der Schule lernen, ſo viel er nur kann; von hundert Samenkoͤrnern geht oft kein einziges auf.— Aber um ſich mit der Welt in Zuſammenhang zu ſetzen, iſt es auch noͤthig, ſich gewiſſe Fertigkeiten zu erwerben, ſollten ſie auch nie zum geiſtigen Leben ſich verklaͤren, und hiezu, wohin das ⁴ 256 —õ— Einſammlen, das Auffaſſen und Merken ver⸗ ſchiedener Dinge gehöͤrt, iſt grade die Jugend am tuͤchtigſten.— Nach dieſen zwei Ruͤck⸗ ſichten— der koͤrperlichen Crealen) und der geiſtigen(philoſophiſchen)— beſtimmt ſich denn auch der verſchiedene Unterricht auf den Schu⸗ len: waͤhrend man vieles mechaniſch erlernen laͤßt, klopft man von Zeit zu Zeit an, um den Geiſt zu wecken. Das Erſtere iſt weit ſicherer, als das Letztere, und man kann es daher den Lehrern nicht verdenken, wenn ſie ihr Geſchaͤft etwas handwerkaͤmaͤßig treiben. Wenn man die Frage aufwirft, von welcher Beſchaffenheit Lehrer im Unterricht und Vor⸗ trag ſein muͤſſen, ſo kommt man auf zweier⸗ lei Arten, die beide ihren Werth haben. Erſt⸗ lich ſolche, die fuͤr ſich kein eigenes Studium treiben, in keiner Wiſſenſchaft fuͤr ſich eifrig fortſchreiten und nimmer der Welt Proben davon zu geben gedenken, ſondern die zufrie⸗ den ſind, wenn ſie nur immer das, was grade fuͤr jede Klaſſe gehoͤrt, mit einigem Leben und Wohl⸗ 257 ——ℳ Wohlbehagen vortragen. Sie haben eine ge⸗ wiſſe Geſchicklichkeit, das, was ihnen ſchon laͤngſt bekannt iſt, ſo mitzutheilen, daß es den Schuͤlern neu und anlockend erſcheint, und ſie es nicht merken, wie wenig Intereſſe ei⸗ gentlich der lehrende Geiſt fuͤr den Gegenſtand hat. Dieſe Lehrer ſind die gewoͤhnlichſten, und, man moͤchte hinzuſetzen, im Ganzen ge⸗ nommen die beſten und gluͤcklichſten. Denn, wenn ſie von brennendem Eifer fuͤr das Hoͤch⸗ ſte der Wiſſenſchaften entflammt waͤren, wo ſollten ſie die Geduld hernehmen, alle Jahr in einer niedern Sphaͤre immer daſſelbe vorzu⸗ tragen. Es muß ihnen zu einem Handwerke werden, und ſie ſind gluͤcklich, wenn ihnen ihr Geſchaͤft eine angenehme Gewohnheit bleibt. Allein das Ertragen dieſer Laſt macht viele auch zu einem gefuͤhlloſen Stein, die alles mit Gleichguͤltigkeit, mit Gedankenloſigkeit, ohne Leben behandeln, ſo daß der Inhalt ihrer Lection wie etwas laͤngſt Bekanntes ſich ausnimmt, daß keinen Menſchen mehr intereſ⸗ II. Theil. RN 23 ₰ ——— ſiren koͤnne. Dieſe traͤgen und unmethodiſchen Koͤpfe ſind fuͤr die Schulen der groͤßte Nach⸗ theil, ihre Stunden werden mit Schlaͤfrigkeit, wohl gar mit Widerwillen beſucht, und das Todte haftet nicht in den friſchen Gemuͤthern. — Nicht ſelten wird aber auch der Fehler begangen, daß in einer Wiſſenſchaft gleich an⸗ fangs zu viele Ideen beigebracht werden, woruͤber die Anſchaulichkeit derſelben verſchwin⸗ det. Dies iſt z. B. ſehr haͤufig und auf Schulen faſt gewoͤhnlich mit der Geographie der Fall. Man ſaͤngt zu fruͤh mit Notizer uͤber die Laͤnder an, und vernachlaͤßigt daruͤber die Charten, deren Einpraͤgung ganz und gar die Hauptſache iſt, und als Grundlage vor⸗ ausgehen muß, ſo daß das Uebrige ſich nach⸗ her nur als eine geringe Zugabe anhaͤngt. In der Arithmetik quaͤlt man ſich gewoͤhnlich mit zu vielen Regeln, wobei man den Blick und das Gefuͤhl und die Einſicht fuͤr das Ganze verliert, ſo daß man oft die ſchwerſten Bruch⸗ exempel durcharbeitet, ohne nachher die leich⸗ 259 —-— teſten Aufgaben, die im Leben alle Augenblick vorkommen, loͤſen zu koͤnnen. Von dem Be⸗ griffe der Worte zu den todten Zahlen iſt ein ſehr beſchwerlicher Gang, wobei die junge Phantaſte mit der Auffaſſung des Unſinnlichen ſich vergeblich martert. Muͤndlich, gleich mit den Zahlen ſelbſt anzufangen, iſt weit natuͤr⸗ licher und wirkſamer. So lernt der Kauf⸗ mannslehrliug in einem Jahre im Rechnen mehr, als der gelehrte Schuͤler(wenn er ſich nicht zum Mathematiker bildet) fuͤr die An⸗ wendung in fuͤnf, ſechs Jahren.— Eine zweite Gattung von Lehrern beſteht in ſolchen, die in irgend einer Wiſſenſchaft mit eigener Erfindung arbeiten, und ihre Schuͤler fuͤr Ideen erwaͤrmen. Die Natur, das Leben, das Weltall ſpricht durch ſie, und die Schuͤ⸗ ler eilen ihnen mit Vergnuͤgen zu. Es iſt ſchon ein Gluͤck, wenn jede Schule von dieſer Gattung nur einen einzigen beſitzt, damit die Wiſſenſchaften in der Wiederkehr der Elemen⸗ te— wie es leider faſt immer unabaͤnderlich R 2 260 —— geſchieht— nicht ganz verhaͤrten, und der Handwerksgeiſt der Lehrer wenigſtens nicht auf alle Schuͤler uͤbergeht. In den geiſtigen, mehr abſtracten Wiſſenſchaften, iſt dies durch⸗ aus noͤthig, und eine allgemeine Belebung des Geiſtes wirkt hier fuͤr die Zukunft mehr, als methodiſches Lehren und Erlernen, das fuͤr das unkundige Gemuͤth nur Gedaͤchtnißwerk wird. Freilich ſollte eigentlich jede Wiſſen⸗ ſchaft wieder ſo mit Ideen belebt werden, al⸗ lein der Lehrer kann hier auch leicht zu viel thun, und wo es auf das Einpraͤgen ſinnli⸗ cher Merkmale ankommt, iſt der Denker oft nicht an ſeiner Stelle, die Schuͤler laſſen ſich von ihm unterhalten, und lernen bei ihm nichts, denn das Formelle, das Mechaniſche läßt ſich in ſpaͤtern Jahren am wenigſten nach⸗ holen. Nun trifft es ſich auch haͤufig, daß dieſe begeiſterten Lehrer uͤber den Ideen, die ſie ſelbſt verfolgen„ den Schuͤler, fuͤr den ſie eigentlich wirken ſollen, vergeſſen, Vortrag und Methode ganz und gar verabſaͤumen, und 261 —— mit allen hohen Kenntniſſen fuͤr die Schule wenig Nutzen ſtiſten. Oft liegt es aber daran, daß man ihnen nicht die rechten Wiſſenſchaf⸗ ten anweiſt, wo ſie als Belebungsprincipe wirken koͤnnen.— Aus dieſen aufgeſtellten zwei gegen einan⸗ der thaͤtigen Beſtrebungen von Lehrkraͤften be⸗ ſteht nun das ganze Weſen der Schule, und auf ihrer weiſen Vereinigung beruht das gan⸗ ze Geheimniß des gelehrten Jugendunterrichts. — Von dieſem allen ſah ich Beiſpiele genug. Es kam mir anfangs beſonders vor, jede Stunde einen neuen Lehrer auftreren zu ſehen, allein eben durch die ſchnelle Vergleichung der⸗ ſelben mit einander, gelangt der Schuͤler zu einem Urtheile uͤber ſie, und ſammelt, mit dem Lernen unbewußt, zugleich Lehrkenntniſſe ein.— Das Zuſammenlernen, das Meſſen der Kraͤfte gegen einander hat das Gute, daß es auch die Traͤgen mit ſich fortnimmt, doch leider, weil eben dieſe immer mitgenommen werden muͤſſen, verſaͤnmen die Beſſe ſeren ihre 262 ——— Zeit daruͤber. Wie der Ton in der menſchli⸗ chen Geſellſchaft, ſo iſt auch hier das Ganze auf Mittelkoͤpfe berechnet. Menſchen von ausgezeichneten Talenten machen durch Privat⸗ unterricht weit ſchnellere Fortſchritte, und die⸗ ſe ſollten ſich eines ſolchen Frachtwagens nie oder nur zuletzt auf kurze Zeit bedienen. Uebrigens hat die Schuljugend wieder ihr eigenes Leben und eroͤfnet dem, der mit glei⸗ chen Rechten in ihren kleinen Staat eintritt, gleichſam im Bilde eine ganze Welt. Hier kann man den Menſchen an ſeiner Quelle ſtu⸗ dieren, und man lernt den Einzelnen erſt in der Verſchiedenheit gegen andere erkennen und unterſcheiden 7 und zwar in ſeiner urſpruͤngli⸗ chen Reinheit, in ſeiner unentwickelten Fuͤlle und Ganzheit. Weil die jungen Leute in ihrer Unbefangenheit und— Unerfahrenheit ein un⸗ beſtochenes urtheil, und fuͤr Recht und Un⸗ recht von Natur ein ſehr feines Gefuͤhl haben, ſo richten ſie ſich ſelbſt einander ſehr ſtreng⸗ and ſchoten ſich nach dem Werth und Un⸗ 263 —— werth in allen Eigenſchaften ſowohl des Gei⸗ ſtes als des Herzens ſehr richtig und ſehr ge⸗ nau. Ein aus der Welt mitgebrachtes blos anklebendes Vorrecht wird weggeſpottet, das Anſehn des Standes, die vom Vater erborgte Scheinwuͤrde angegriffen und hinausgetrieben, jeder Fehler dem andern in Kampf und Luſt vorgehalten, keine Anmaßung, keine Ueberhe⸗ bung geduldet, und der Einzelne unter ihnen ſieht gleichſam hundert Spiegel um ſich her, wovon jeder richtend ihm ſein Bild zuruͤck⸗ giebt. Ja eine ſolche ſich ſelbſt uͤberlaſſene kleine Geſellſchaft iſt das wirkliche Ideal von einer Republik der Wahrheit, wie wir ſie nachher im Leben nie wieder finden, und zu der alles muͤhſam zuruͤckſtrebt. Es gehoͤrt aber dazu, daß kein perſoͤnliches, buͤrgerliches Anſehn von außen her einwirke. So war es hier der Fall. Die Lehrer hingen ganz und gar nicht von den Geſchenken der Aeltern ab, und hatten ihre volle Beſoldung und auch ihre kuͤnftige Verſorgung einzig von der Schule zu 264 ——— erwarten, wobei nicht zu verkennen, wie noͤ⸗ thig es ſei, daß die Schule ihre Freiheit in dem Beſitz eigener Guͤter genieße. 1 Solche Vortheile ſind den Lehrern ſehr wohl zu goͤnnen, weil ſie, indem ſie fuͤr die Wiſſenſchaften und das buͤrgerliche Leben ſich aufopfern, ihres Genuſſes ſich ſelbſt berauben, und nicht ſelten zum Theil der Welt, zum Theil den Wiſſenſchaften abſterben. Bei der beſtaͤndigen Richtung auf gewiſſe wiederkehrende Lehrgegenſtaͤnde muß ihr Geiſt leicht die Ge⸗ wohnheit annehmen, zu lange, zu haͤufig bei der Form einer Sache zu verweilen, und ei⸗ nem Worte, einer Sylbe, einem Buchſtaben, ja einem Haͤckchen ein Gewicht und eine Wich⸗ tigkeit zu geben, womit ſie nachher im Leben gegen die uͤbrigen viel wichtigern Dinge laͤcher⸗ lich abſtechen. Dieſe Methode wird bei ihnen zuletzt uͤberhaupt Sprach⸗ und Handlungs⸗ weiſe, und bald dieſe, bald jene Sylbe und Sache als wichtig betonend, werden ſie in der Gemeinſchaft mit andern leicht hindernd, auf⸗ 265 —y— haltend und beſchwerlich, und verlieren die Faͤhigkeit, ein Ganzes zu uͤberſehen, und es mit der Empfindung zu genießen und allſeitig zu beurtheilen. Ihr Scherz, der am liebſten mit Verſtandesmerkmalen ſpielt und die An⸗ muth der Sinnlichkeit vernachlaͤßigt, behaͤlt mit dem gelehrten Anſtrich immer etwas Trok⸗ kenes, Kaltes und Sproͤdes, und bekommt daher den Namen des Schulwitzes. Den Gegenſatz vom Schulmanne bildet der Hof⸗ mann, der in ſeinem leichten, ſchnellen Ge⸗ ſpraͤch, mit ſeinen eilenden Aecenten gleichſam in einem Geſchwirre von Worten leicht alle Bedeutung des Inhalts verliert. — 266 —-— * Siebzehntes Capitel. Schulſtreiche. Es giebt nicht leicht Fehler und Schwaͤchen an Perſonen, die junge Leute nicht gleich be⸗ merken ſollten, und beſonders auf einer Schu⸗ le, wo ihrer mehrere ſtets bei einander ſind. Je mehr aber jemand ſolche mit falſcher Wuͤrde zu verſchleiern oder verblendet ſich wohl gar damit zu bruͤſten ſtrebt, deſto mehr iſt er ih⸗ rem Leichtſinn und ihrem Muthwillen ausge, ſetzt. Sie meinen ſich hier in dem Fall zu ſehn, daß ſie betrogen werden ſollen, und glauben ſich dadurch berechtigt, auf den Irthum und den Fehler oͤfters hindeuten, und gegen den unharmoniſchen Eindruck oder gegen das Unrecht, das ihnen von da bevorſteht, mit Neckereien wie aus einem Hinterhalte Gegen⸗ batterien auffuͤhren zu muͤſſen. Der Lehrer⸗ 267 — welcher ehrlich und offen, mit Rechtſchaffen⸗ heit, mit warmem Eifer fuͤr das Wahre und Gute ſpricht und handelt, hat ihre hoͤchſte Verehrung, wenn ſie auch in ſeiner Abweſen⸗ heit zuweilen uͤber ſeinen Enthuſiasmus ſpot⸗ ten. Vergiebt ſich einer etwas von ſeiner Wuͤrde, ſo empfindet die Jugend daruͤber ein Mißbehagen, doch ſie ſieht noch uͤber die Schwaͤche hin, ſo lange Herzensguͤte ſich darin offenbart. Aber ſehr ſchlimm ergeht es dem, der ungerecht und wunderlich zugleich iſt. Ein ſolcher fand ſich nun auf der Schule und hieß Guͤldenſpieß. Er hatte aͤußerlich wenig An⸗ ſehn, dabei einen ſtotternden Vortrag, und war ſo argwoͤhniſch, daß er in der geringſten Uebertretung gleich die groͤßte Argliſt und Bos⸗ heit ſah. Ueberall bildete er ſich ein, von Nachſtellungen umgeben zu ſein, der Kopf flog rechts und links, ſeine Blicke kamen nicht zur Ruhe, glaubte er in der Ferne etwas zu wittern, ſo ſetzte er ſeine Fuͤße ſchnell in Be⸗ wegung, und bei der unſchuldigſten Sache ——=ẽTZ]ꝛ2GG/aa3— ——— 268 —— ſchalt er den Schuͤler gleich einen laͤppiſchen Knaben. Traf es ſich, daß eben in der Som⸗ merhitze alles in den Klaſſen zum Einſchlafen ruhig ſaß, waͤhrend er unter ihnen auf und ab ging, ſo meinte er wegen der Stille, es muͤſſe eine Verſchwoͤrung gegen ihn im Werke ſein, und in dieſer Beſorgniß machte er oft Bewegungen, als wenn er eine Menuett tanzte. Ueber jede Kleinigkeit verhing er eine harte Strafe, und oft mußte die halbe Schule ſeinetwegen das Zimmer huͤten.— Mit ſol⸗ chen Eigenſchaften kam er der Jugend nun eben recht, die in der leichten Reizbarkeit eines andern immer eine Aufforderung ſieht, ihn zu necken, und ihm das wirklich zu zeigen, was er beſtaͤndig fuͤrchtet oder zu ſehn ſich einbil⸗ det. Und unter ihnen finden ſich immer an⸗ ſchlaͤgeriſche Koͤpfe, die ſtets Entſchuldigungen und Ausfluͤchte, liſtige Ennſälle und Naͤnke in Bereitſchaft haben. Zuerſt ſuchte man ſeine Geduld damit auf 4 die Probe zu ſtellen, daß man Abends in H ſeinen Betſeunden den Geſang verwirrte. Das Lied wurde plötzlich in eine fremde Melodie verſetzt, zu welcher die Verſe gar nicht paſſen wollten, ſo daß der Schlußfall oft auf die Anfangsſylben eines Wortes kam, was einen ſonderbaren Uebelklang hervorbrachte. Oder man fing mit dem Nachſatze der Melodie zu fruͤh an, ſo daß man mit der Stimme hin⸗ auffuhr, waͤhrend Guͤldenſpieß mit dem Vor⸗ ſaͤnger ganz unten im Baß rumorte. An Forte und Piano ließ man es auch nicht feh⸗ len. Auf ein gegebenes Zeichen ſanken alle Stimmen zur leiſeſten Grazie herab, und wie⸗ der auf ein anderes erhoben ſie ſich zum Sturmwind; zuweilen trat auch eine ploͤtzliche Windſtille ein. Dabei der anſcheinende Ernſt Aller— es war mir nicht moͤglich, dies mit anzuhoͤren, ohne in das Schnupftuch zu la⸗ chen. Das Ende vom Liede war, daß Herr Guͤldenſpieß den Vorſaͤnger ausſchalt, und be⸗ hauptete, daß er nicht ſingen koͤnne. Der ingendlichen Gemeine war nichts anzuhaben, 270 —— well ſie immer mit Uebereinſtimmung handelte, und ſich der Urſprung von einem Vorſatze hiebei nicht ausmitteln ließ.— Auch blieb es nicht bei dieſen allgemeinen Anfechtungen. „ Einſt klopfte es an die Thuͤr ſeiner Klaſſe. Einer von den Einfältigen, der zunaͤchſt ſaß, ging hinaus und kam ganz erſchrocken wieder zuruͤck und ſagte, zu Herrn Guͤldenſpieß hin⸗ gewandt: Der Herr Director iſt todt! Da eilte er gleich von ſeinem Thron, aus der Klaſſe und den Gang hinauf, und alle Schuͤ⸗ ler hinterher. Ein Lehrer, der eben keine Stunde hatte, und das Getrappel hörte, trat heraus, um die Urſach dieſes Auflaufs zu er⸗ fahren—, er benachrichtigte, daß er den Herrn Direetor eben geſund verlaſſen habe. Darauf erhielt jener, der die Todesnachricht zur Thuͤr hereinbrachte, auf acht Tage Stu⸗ benarreſt; er war aber unſchuldig, weil an⸗ dere einen fremden Menſchen vor die Thuͤr geſchickt hatten, den er nicht kannte und alſo nicht verrathen konnte. Auf jede ungerechte 7 — 271 —— Strafe erfolgte eine neue Rache, ſo daß zwi⸗ ſchen beiden Theilen eine beſtiudige Fehde herrſchte. 3 4 Vorzuͤglich aber war es eine ſcwarge Ziege der kranken Frau Directorin, welche zur Aus⸗ uͤbung von mancherlei Schabernak dienen mußte. In der That hat auch die Ziege ein ſo drolliges, launigt⸗verſtecktes Anſehn, daß die Jugend, die mit geſundem Sinn am erſten die Cha⸗ ractere in der Natur gewahr wird, unmsglich ruhig an ihr voruͤber gehen kann. Man hat⸗ te den Boden uͤber dem Herrn Guͤldenſpieß zu oͤfnen gewußt, und die Ziege in der Abend⸗ daͤmmerung da hinauf gefuͤhrt. Als jener nun des Nachts erwacht, hoͤrt er ein ſeltſames Trappen uͤber ſich: er vermuthet Spitzbuben, und an den harten Tritten bringt er heraus, daß es Soldatenſchuhe ſein muͤſſen, weil dieſe damals gewoͤhnlich mit kleinen Naͤgeln beſchla⸗ gen waren. Deu folgenden Abend bewaffnet er alſo ſeine ganze Inſpection, um zu ſehen, ob ſich nicht ein Deſerteur uͤber ihm verſteckt 272 — fꝛ— haͤtte. Man kann ſich leicht denken, wie die Schelme mit Stangen und Ofengabeln unter ſeiner Anfäͤhrung beim Einfall in das Gebiet der Ratten und Maͤuſe luſtig ſ ſich werden 8 behrdet haben. Ein andermal gab es einen hpoßen Schreck. Man hatte am Abend aus Schaͤkerei die Ziege mit auf die Stube genommen. Herr Guͤlden⸗ ſpieß hoͤrt kaum ein ungewoͤhnilches Lachen, als er ſich zu ihnen aufmacht, die Urſach zu erfahren. Aber man war behend genug, die Ziege gleich in einen Kleiderſchrank einzuſper⸗ ren. Alle ſtehen bei ſeinem Eintritt ruhig, mit verzogenen Mienen, und betheuern ihre Unſchuld. Er geht an ihnen auf und ab, und die Mienen in den Geſichtern wollen ihm gar nicht gefallen. Indem faͤngt es im Klei⸗ derſchranke ſich zu regen an, und es ſchallt wie die Stimme eines Saͤuglings daraus her⸗ vor. Er tritt hinzu, um das unſchuldige Weſen zu retten, da ſtuͤrzt mit Bart und Hoͤrnern des Teufels Reitpferd heraus, ſo daß er 273 —— er im erſten Schreck waͤhnt, ein Geſpenſt der Hoͤlle zu ſehen. Dafuͤr bekamen aber auch alle„ die auf dem Zimmer gegenwaͤrtig waren, zwei Wochen Stubenarreſt. Die Strafe ſchien wieder zu hart, und je mehr man, aller Zer⸗ ſtreuungen beraubt, Langeweile hatte, deſto eifriger ſann man auf neue Streiche. Herr Guͤldenſpieß dachte nun daruͤber nach, wie er ſich bei den Schuͤlern mehr Auſehn verſchaffen koͤnnte, und er glaubte, daß ein Titel, der in der Welt oft ⸗Wunder thut, das beſte Mittel dazu ſei. Er ſchrieb alſo eine Diſſertation uͤber die Lyra der Alten, fuͤgte zur Beſtaͤtigung ihrer Anmuth den Klang von ſechs Ld'or bei, und ließ ſich dafuͤr zum Ma⸗ giſter ernennen. Jetzt erſcholl es von allen Seiten: Herr Magiſter Guͤldenſpieß, und es war kein Schuͤler, der ſein Exereitium brach⸗ te, welcher nicht zehnmal in einem Athem Herr Magiſter geſagt haͤtte, ſo daß ſchon nach dreien Tagen ein Drittheil ſeiner Klaſſe aufs neue mit Stubenarreſt belegt war. Die II. Theil. S 274 —— Sache erregte gar zu viel Aufmerkſamkeit, die Schuͤler konnten ſie ohnmoͤglich unbenutzt laſ⸗ ſen. Man ſann auf eine Verſpottung dieſes Titels, und endlich hatte man es heraus. Auf einem Vorwerke nicht weit von der Schu⸗ le wurden junge Eſel gehalten, die man zwi⸗ ſchen dem Unterricht und unter der Predigt immer ſchreien hoͤrte. Man ſuchte davon ein kleines Thier habhaft zu werden, und ver⸗ mummte es ſo, daß es uͤber ſeinen Ruͤcken einen ehrwuͤrdigen ſchwarzen Mantel, an ſei⸗ nem Halſe eine weiße Krauſe und an den Vorderpfoͤtchen lange Manchetten trug. Da⸗ zu mußte der Schulſchneider behuͤlflich ſein, der nicht weit in einem aͤrmlichen Hauſe wohn⸗ te und als Flickſchneider ein Ideal von einer Nachtmuͤtze war. Man hatte wahrgenommen, daß der Kalfactor immer fruͤh das Zimmer mit einem Hauptſchluͤſſel zu oͤfnen, dann den Herrn Magiſter zu wecken und im Zimmer die Studierlampe anzuzuͤnden pflegte. Dieſen Zeitpunct benntzte man, und ſobald er zuruͤck⸗ 275 ——— gekehrt war, brachte man den jungen hoff⸗ nungsvollen Eſel zum Studieren ins Zimmer hinein. Man hatte ihn zwiſchen den Beinen eines Saͤgebocks ſo befeſtigt, daß er in ſeinem Ornat immer eine aufrechte Stellung beobach⸗ ten mußte. So ſaß er auf einem Stuhl, und hatte die Pfoten auf das Stndierpult gelegt. Rechts ſtand die Studierlampe, vor ihm lag aufgeſchlagen jene Diſſertation, und zur Linken ruhte die Zither, zur Vergleichung mit der Lyra. Vor allem hatte man nicht vergeſſen, ihm einen Doctorhut aufzudruͤcken, hinter welchem die langen Ohren mit einer langen Feder ſehr weiſe hervorſahen.— Der Kalfactor oͤfnete zum zweitenmal die Thuͤr, und, die Geſtalt von hinten ſchauend, glaub⸗ te er wirklich, daß der Herr Magiſter ſchon in vollem Studieren ſei. Er zog ſeine Muͤtze und bot ihm einen guten Morgen. Wie der Herr Magiſter die Thuͤr wieder gehen hoͤrte, jagte er die Traͤume des Morpheus von ſich, und erhob ſich von ſeinem Lager. Jetzt in S 2 2 275 .— das Zinmer tretend waͤhnte er im erſten ſchreckhaften Anblick nichts mehr und niches weniger als ſich ſelbſt zu ſehen, wie er ſtudie⸗ rend ſeinen Tod verkuͤndige. Der Eſel riß ihn aber bald aus allem Zweifel, und verrieth mit der Wiederholung ſeiner zwei Buchſtaben, wie weit er von der Diſſertation, die vor ihm zag, und von der Erkenntniß der Lyra ent⸗ fernt ſei. Der Magiſter gebot ihm Ruhe und war außer ſich vor Staunen. Statt aber in aller Stille ſein Ebenbild zu vernich⸗ ten, rief er die Kalfactoren zu Huͤlfe, damit ſie das Thier zur Unterſuchung in den Con⸗ ferenzſaal truͤgen, wo es ſaͤmmtliche Herren Collegen, und alle, die nur jemals Luſt be⸗ kommen konnten, auch Magiſter zu werden, in Augenſchein nehmen mußten. Man kaun ſich vorſtellen, welches Aufſehn dieſe Geſchich⸗ te machte, und es war keiner, der die gelehrte Diſſertation uͤber die Lyra geleſen hatte, wel⸗ cher jenen Spott nicht ſehr treffend fand, und mit Anwendung auf unſern Herrn Magiſter 277 — in das Spruͤchwort mit einſtimmte: er ver⸗ ſteht ſo viel von der Sache, als der Eſel vom Lautenſchlagen. In der That wußte er von der Muſic der Neuern eben ſo wenig als von der Muſte der Alten, und von die⸗ ſer iſt es bekannt, daß man von ihr mit aus⸗ fuͤhrlicher Beſtimmtheit ſo viel wie nichts weiß. Dieſer Spott war alſo der Wahrheit nach eben nicht ungerecht, indeß kam es den Schuͤ⸗ lern nicht zu, und ſie hatten die Strafe ver⸗ dient, die ſie nach ſtrenger Unterſuchung traf. Nachdem der Schneider, auf deſſen Mitwir⸗ kung man zuerſt verſiel, in ſeiner Angſt und Verſchwiegenheit acht Tage und acht Naͤchte geſchwitzt hatte, nannte er die Raͤdelsfuͤhrer, die darauf ins Carcer ſpazieren mußten.— Dergleichen Auftritte und luſtige Schwaͤnke machten mir das Schulleben ſehr unterhaltend und erſetzten mir gewiſſermaßen die Aben⸗ theuer, die mich vorher auf meinen Wande⸗ rungen beſchaftigt hatten.— Ich kann nicht 7 umhin, noch einen Streich zu erzaͤhlen, der 278 — deshalb merkwuͤrdig iſt, weil er beweiſt, wie die Wahl des Standes und die Beſtimmung des Menſchen oft von Kleinigkeiten abhaͤngt. Ein reicher Bauer, der in vielen Prozeſſen von den Advokaten war betrogen worden, faßte den Entſchluß, um ihnen einſt das Wl⸗ derſpiel zu halten, ſeinen Sohn Jura ſtudie⸗ ren zu laſſen, wobei aber ſeine Frau ihm wider⸗ ſprach und behauptete, daß der Sohn ſich beſſer zum Theologen ſchicken wuͤrde. Es blieb in⸗ deß beim Juriſten, und der junge Menſch wurde deshalb vorlaͤufig zu uns auf die Schu⸗ le geſchickt. Er zeigte ſich auch ſo ſchlau und pfiffig, daß ich der Abſicht des Vaters haͤtte Beifall geben moͤgen. Es fuͤgte ſich aber, daß der Oberſte der Schule, der Abt(der dieſen Titel beibehielt, weil die Schule ein aufgeho⸗ benes Kloſter war) eben am letzten Examen⸗ tage ſeinen Wagen zuruͤſten ließ, um ſich auf ſein fern gelegenes Landguͤtchen zu begeben. Die jungen Leute, denen ſchon die Luſt der Ferien in den Gliedern ſteckte, ſahen nicht 279 —— ohne Luͤſternheit, wie der Bediente ein Paͤck⸗ chen nach dem andern in den Wagenſchuppen trug, und ſie vermutheten darin die koͤſtlichſten Sachen, Gebackenes und Eingemachtes. Kaum hatten die Thorfluͤgel ihre Arme wieder ruhig uͤber einander gelegt, als ſie darunter einen Ball hinein laufen ließen, der ihnen zur Er⸗ ofnung des Schuppens einen Vorwand geben konnte. Sie waren gleich uͤber die Schach⸗ teln her, und fanden eine, die ſich beſonders durch Wohlgeruch auszeichnete, und ganz vor⸗ zuͤgliche Koͤſtlichkeiten verſprach. Sie liefen damit in der Daͤmmerung ſchnell zu ihrem Zimmer und ſagten zu einander: ſicher wird Kuchen darin ſein. Immer den Wohlgeruch einathmend zerrten ſie ſo lange an dem Bind⸗ faden, bis die Schachtel ſich aufthat. Aber — wie ſahen ſie ſich in ihrer Erwartung be⸗ trogen!— Des Abts Peruͤcke, ganz neu gekraͤuſelt, einbalſamirt und friſch gepudert, lag vor ihnen, und forderte, wie der Schat⸗ ten oder die Schale von ſeiner Wuͤrde, zur 280 — Ehrerbietung auf, ſo daß ſie anfangs ganz betroffen zuruͤcktraten. Indeß reizte ſie bald die Seltenheit, einem ſo ehrwuͤrdigen Gegen⸗ ſtande nahe zu ſein, ſie ſtreckten die freveln⸗ den Haͤnde darnach aus, und verſuchten, einer nach dem andern, ſich die Peruͤcke auf das junge Haupt zu ſetzen. Die kleinen Blond⸗ und Schwarzkoͤpfe lachten wie die Kobolde ſich einander an; wie aber der reiche Bauersſohn ſie auf ſeinen dicken Kopf bekam, machten alle vor ihm tiefe Verbeugungen, und riefen: Herr Paſtor, Herr Paſtor! Indem trat der Vater des jungen Menſchen herein, der gekommen war, ihn zu den Ferien abzu⸗ holen. Wie er ſo alle gegen ſeinen Sohn ſich verneigen und ihn ſelbſt in der Peruͤcke ſo ſchelmiſch⸗ehrwuͤrdig da ſtehen ſah, rief er aus: wirklich und wahrhaftig! du ſollſt ein Paſtor werden, ſtehſt wie ein leibhaftiger Pa⸗ ſtor da! So geſchah es denn auch in der Folge, aber der Sohn machte viel liederliche Streiche, und nur mit vielem Gelde gelang 281 —— es dem Vater, ihn endlich mit Ehren unter die Peruͤcke zu bringen. Wer bei dem Sohn einkehrt auf der Pfarre, der kann ſich noch heute die Geſchichte von ihm erzaͤhlen laſſen. — Was nun des Abts Peruͤcke betraf, ſo war ſolche zwar in den Wagen zuruͤckgebracht, doch ſo jaͤmmerlich zugerichtet worden, daß der Kammerdiener am dritten Morgen ſich auf dem Landgute damit zu Pferde ſetzen, und in Erwartung von Gaͤſten eiligſt damit zum Fri⸗ ſeur nach der naͤchſten Stadt reiten mußte. —— dBͤöjõÿyoa‚ↄ ——— õõʒõöõÿõ 1 Achtzehntes Capitel. Bedientenrolle. Ich huͤtete mich wohl, an dieſen Streichen Antheil zu nehmen, ſo ſehr ich mich auch von Natur dazu hingezogen fuͤhlte; ich vergaß nicht, daß die Schule mir ein Zufluchtsort war, deſſen Sicherheit ich nicht verſcherzen durfte. Indeß fand ſich bald eine Gelegenheit, durch die ich gezwungen wurde, auch einen kleinen Streich zu begehen. Mein Eduard war nämlich nach dem Em⸗ pfange eines Briefes von ſeinem Vater ploͤtz⸗ lich nachdenkend, niedergeſchlagen und verle⸗ gen, und ſagte endlich, ſtatt ſich zu freuen, nur mit Verdruß: mein Vater kommt hieher! Nun, was iſt das weiter? entgegnete ich, kann er zuͤrnen, mich bei dir zu ſehen? bin ich jetzt nicht ein ganz anderer, als der ich 283 — damals auf eurem Amte war? Doch— fuͤrch⸗ teſt du deshalb Unannehmlichkeiten— um dei⸗ netwillen will ich keinen Anſtand nehmen, mich hinweg zu begeben oder mich auf kurze Zeit zu verbergen.— Ach! wenn das ginge! erwiederte er— aber— du mußt hier blei⸗ ben, das iſt eben mein Kummer. Dies Wort machte mich beſorgt und ich fuͤrchtete ſchon, daß ich auf irgend eine Weiſe verrathen ſei.— Ich habe ſehr unbeſonnen gehandelt, fuhr er ſort, ich habe etwas Dummes gethan, und ſchaͤme mich, es zu bekennen.— Nur heraus damit! verſetzte ich drauf, vor mir mußt da keine Geheimniſſe haben; was iſt es denn, das dich beunruhigt?— Da fiel er mir um den Hals und ſagte: ach! kannſt du mir ver⸗ geben? denke nur, um dich bei mir zu behal⸗ ten, um die Ausgaben fuͤr uns beide beſtrei⸗ ten zu koͤnnen, ſchrieb ich dem Vater: Jo⸗ hann iſt wieder da, und— weil— weil ich hier ſchlecht verſorgt— bedient waͤre, ſo—. Ach! ich errathe, fiel ich ihm ins Wort. Du 284 ——— haſt mich in den Gedanken deines Vaters als deinen Kammerdiener angeſtellt, und dir eine Zulage ausgebeten, damit ich dafuͤr in deiner Geſellſchaft ſtudieren koͤnnte. Was zagſt du, was fuͤrchteſt du! du haſt ja eine edle Hand⸗ lung begangen— nur Schade, daß dein Un⸗ ternehmen jetzt ſcheitern muß. Haͤtteſt du mich gefragt, ich haͤtte wohl noch andere Mittel gewußt— du haͤtteſt Privatunterricht vorſchuͤtzen koͤnnen im Reiten, im Zeichnen, im Fechten u. ſ. w. Doch jetzt ſei gutes Muths, ich helfe vollbringen, was du ange⸗ fangen haſt. Es wird mir gar nicht ſchwer fallen, auf einen Tag einmal wieder einen Bedienten zu ſpielen. Laß nur den Vater in ſeinem Wahne, er ſoll uͤber mich nicht zu klagen haben.— Eduard fiel mir aufs neue um den Hals und wollte es anfangs nicht zugeben, aber da er kein Mittel ſah, ſich aus der Verlegenheit zu retten, und er zur ange⸗ kuͤndigten Ankunft ſeines Vaters, der ſehr auf Anſtand und Ordnung hielt, ſeinen Bedienten 263 ohnmoͤglich foreſchicken konnte, ſo mußte er meinen Entſchluß genehmigen.— Der be⸗ ſtimmte Tag erſchien— eine beſondere Er⸗ laubniß gab uns Freiheit von allen Lectionen — ich hatte mir eine Bedientenjacke mit ro⸗ then Aufſchlaͤgen zu verſchaffen gewußt, und ſchon am Morgen ſing ich an, mit Aufraͤu⸗ men, Anordnen, mit Buͤrſten und Fegen mein uͤbernommenes Amt zu verrichten. Ich dach⸗ te in meinem Sinn: es donnert nach, es iſt eine kleine Repetition aus deinem vorigen Le⸗ ben, nachher wird ſich der Himmel fuͤr dich deſto ſchoͤner aufklaͤren. Der Wagen rollte vor, ich oͤfnete den Schlag, Eduard ſlog ſei⸗ nem Vater in die Arme. Ich blieb drei Schritte hinter ihm ſtehen, und lief dann wieder voraus, dem Oberamtmann die Thuͤr zu oͤfnen. Jetzt wuͤrdigte er mich auch eines Blicks und ſagte: brav, Johann, du biſt doch immer noch der flinke Burſche, aber groͤßer biſt du geworden. Unter Ihnen, Herr Ober⸗ amtmann, gedeiht alles, gab ich zur Antwort, 286 ——— und Sie wiſſen es vielleicht ſelbſt nicht ein⸗ mal, wie viel Sie an mir gethan haben. Er winkte, daß ich ihn nicht weiter loben moͤch⸗ te.— Zu Mittag wurde ein koͤſtliches Mahl bereitet, ſo gut wir es aufbringen konnten. Aber der Oberamtmann bekam den Einfall, einige Schuͤler, deren Aeltern er kannte, mit dazu zu bitten. Das brachte mich in große Gefahr. Ich ſagte zwar zu den jungen Leu⸗ ten, daß ich heute aus Scherz die Rolle eines Bedienten uͤbernommen haͤtte, und daß ſie mich ja nicht verrathen moͤchten, aber wie ſie zu Tiſche ſaßen, und ich hinter dem Stuhle des Herrn Oberamtmanns ſtand, oder hin und her flog und alle Augenblick: befehlen Sie? oder iſt Ihnen gefaͤllig? mit Zierlichkeit zu hoͤren gab, da hatten ſie ihre große Noth, ihre Mienen in Ordnung zu erhalten, und nahmen die groͤßten Biſſen in den Mund, um daran das Lachen zu verbeißen. Ich machte aus meinem Amte eine voͤllige Schauſpieler⸗ rolle, ging alle Bedienten⸗Bewegungen durch 287 ——— und hing ihnen mit einer verſteckten Ironie eine leiſe Perſiflage an, ſo daß meine Ver⸗ richtung, ſtatt durch das Gefuͤhl der Ernie⸗ drigung mich zu beſchaͤmen, meinen Geiſt viel⸗ mehr durch Luſt und Scherz uͤber die andern erhob. Indeß kam noch eine harte Pruͤfung. Der Oberamtmann wollte den Nachmittag zur Stadt,(welche nur eine halbe Stunde von unſerer Schule entfernt lag) um dort mit ſeinem Sohne einige Viſiten zu machen, und weil er denn immer das Foͤrmliche liebte, ſagte er: Johann ſoll mitfahren, und uns anmelden. Eduard wollte zwar, daß ich vorau geſchickt werden ſollte, aber er entgegnete: wozu? Er kann hinten auftreten, es iſt ja ein ſchmucker Burſche!— Ich ſtreckte bei dieſen Worten meinen Kopf um einen Zoll hoͤher, gleichſam als ob ich den Werth dieſes Lobes ſelbſt empfaͤnde; eigentlich aber ſtutzte ich nicht wenig uͤber dieſe Aeußerung. Die kleinen Gaͤſte ſprangen ploͤtzlich in die Winkel 288 — und ſchienen alle von Schnupfen und Huſten befallen, wohinter ſie den Lachteufel verbar⸗ gen.— Es war nun weiter kein Rath, der Wagen rollte vor, ich hob Vater und Sohn hinein, und im Huy ſprang ich hinten auf, freundlich zuruͤckſchauend und muntern Geiſtes alles in Scherz verwandelnd. Es fuͤgte ſich aber, daß der Magiſter Guͤl⸗ denſpieß eben des Weges daher kam. Er ſah mich kaum, als er ſich auch mit Heftigkeit uͤber meine vermeintlichen Poſſenſtreiche er⸗ zuͤrnte, und rief: laͤppiſcher Knabe, wollen Sie gleich herunter! Da war ich nun in gro⸗ ßer Verlegenheit, und wußte nicht, welcher Gefahr ich ausweichen ſollte. Ließ ich den Oberamtmann im Stich, ſo war Eduard ver⸗ rathen, und ich kam um ſeine Huͤlfe; zeigte ich mich ungehorſam gegen den ſtrengen Herrn Magiſter, ſo verlor ich auf der Schule auf einmal den ſchoͤnen Credit, in welchem ich mich bisher mit ſo vieler Muͤhe erhalten hat⸗ 289 hatte. Indeß da der Herr Oberamtmann die Stimme hoͤrte, neigte er ſich gegen den Herrn Magiſter ſo hoͤflich aus dem Wagen, daß dieſer daruͤber mich aus den Augen verlor, und meinte, daß der Herr an dem Spaß wohl ſelbſt einigen Antheil haben koͤnnte.— In der Stadt war ich bis jetzt noch wenig bekannt, denn ich hatte ſie mit Fleiß nur ſel⸗ ten beſucht, ich konnte alſo hier ohne Gefahr meinen Dienſt verrichten, ohne zu fuͤrchten, fuͤr irgend jemand ein Gegenſtand des Gelaͤch⸗ ters zu werden. Endlich war die Expedition vollbracht, der Herr Oberamtmann, der hier von ſeinem Sohne Abſchied nahm, druͤckte mir als ein Zeichen ſeiner beſondern Zufrie⸗ denheit einen Speciesthaler in die Hand, und ich und Eduard gingen damit ſogleich zu einem Kuchenbaͤcker, wo wir lachend und ſcherzend uns etwas dafuͤr zu Gute thaten. Arm in Arm kehrten wir am Abend wieder nach der Schule zuruͤck.— II. Theil. X 290 Ich verfuͤgte mich darauf ungeſaͤumt zu dem Herrn Magiſter, um ihm ſeinen Arg⸗ wohn, als haͤtte ich durch meinen Ungehorſam ihn verſpotten wollen, auszureden. Ich nahm ein fuͤrchtſames, geheimnißvolles Weſen an, und ſagte, wenn er's nicht uͤbel nehmen woll⸗ te, gedaͤchte ich ihm die Sache mit einem einzigen Worte zu erklaͤren; dies waͤre naͤm⸗ lich einer von den Amtmiannsſpaͤßen, die die Herren vom Lande ſo gern haͤtten, und wenn man einen Amtmann traetiren wolle, muͤſſe man zum Nachtiſch auch jedesmal auf ſolchen Spaß bedacht ſein; unſer Herr Ober⸗ amtmann habe ſich koͤniglich daruͤber gefreut. Der Herr Magiſter laͤchelte in dieſem Jahre zum erſtenmal, da er dies hoͤrte, indeß glaub⸗ te er mir nur halb und ſagte: faule Fiſche! ich will es einmal ſo hingehen laſſen, doch daß ich Sie nicht wieder auf einem fahlen Pferde treffe!— Von nun an ſchielte er in der Klaſſe beſtaͤndig nach mir hin und be⸗ 291 —— lauſchte alle meine Mienen und Geberden. Ich ſah ihm zu vergnuͤgt aus, es ſchien, daß ich den Sieg uͤber ihn davon getragen häͤtte, und das war ihm nicht recht. Er zeigte ſich alſo hinfort, wo es nur Gelegenheit gab, meinen Wuͤnſchen entgegen, und zum Ungluͤck mußte ihm jetzt mein Pudel einfallen. Auf der Schule durſte eigentlich kein Hund gedul⸗ det werden, mit dem meinigen hatte man es bisher nicht ſo ſtreng genommen, weil es fuͤr alle eine kleine Unterhaltung war, zu ſehen, wie er den Schuͤlern die weit verſchlagenen Baͤlle zuruͤcktrug. Jetzt beklagte ſich der Herr Magiſter uͤber die eingeriſſene Unordnung, und der Director befahl mir, den Hund weg⸗ zuthun. Ich ſteckte mich hinter den Nacht⸗ waͤchter, der ihn ein wachſames Thier nen⸗ nen mußte, welcher des Nachts der Schule von großem Nutzen ſei, aber der Magiſter, der durchaus nicht beſiegt ſein wollte, ſagte: faule Fiſche! und ich ſah mich gendͤthigt, 2 2 — 292 meinen trenen Pudel bei dem Klickſchneider in die Koſt zu geben„ wo er angebunden und bald ſo elend wurde, wie der Schneider ſelbſt Alle Abend winſelte er nach un⸗ ſerer Geſellſchaft, und wirx kamen, ihn zu beſuchen, und brachten ihm, was wir uͤbrig hatten; aber ſein Zuſtand blieb bekla⸗ genswerth. 293 —— Neunzehntes Capitel. 4 Liebesabentheuer. Bald gab es eine andere Noth, und zwar mit Eduard, deſſen weiches Herz fuͤr die Ein⸗ druͤcke weiblicher Schoͤnheit gar zu empfaͤnglich war. Er hatte einſt im Concert, in der Stadt, ein Maͤdchen geſehen, das nach ſei⸗ ner Beſchreibung ſo viel Reiz und Anmuth offenbarte, daß ſie werth ſchien, ein Vorbild der Engel zu heißen. Er beſchwor mich bei aller Freundſchaft, und forderte allen meinen Scharfſinn auf, zu erkunden, welche Mutter dieſes Goͤtterkind zur Welt gebracht haͤtte, und welches ihr Stand und ihr Name ſei. Beim naͤchſten Concert mußte ich alſo mit ihm ge⸗ hen.— Sie erſchien, er zitterte— und wollte zuruͤcktreten, doch ich zog ihn mit mir fort, bis wir in ihrer Naͤhe ſtanden. Immer 294 trieb ich ihn an, doch mit ihr zu reden, aber er wurde blaß und roth, ohne nur den Mund aufzuthun. Sie war in der That eine erha⸗ bene Schoͤnheit, ſchlank, mit ſchwarzem ge⸗ rvingelten Haar, von bluͤhendem Colorit, doch — wie ich gleich merkte— bei anſcheinender Milde mit viel Stolz und wenig Verſtand begabt. Sie wuͤrdigte den blonden Juͤngling kaum eines Blicks, obgleich der Wechſel der Farben auf ſeinem Geſicht ihr nicht entging. Ich erkundigte mich bei den Nachbarn und erfuhr, daß ſie eine Kaufmannstochter ſei, und fuͤr die Schoͤnſte in der ganzen Stadt gehalten werde. Endlich waren wir auch ſo gluͤcklich, ihren Vornamen zu vernehmen, denn eine von ihren Bekannten trat an ſie heran und nannte ſie liebes Julchen. Nun ſchweb⸗ te— liebes Julchen— beſtaͤndig auf Eduards Lippen, und das eine Wort ſchien alle ſeine Gedanken auszuloͤſchen.— Als es zur gro⸗ ßen Zwiſchenpauſe kam, verſammelten ſich meh⸗ rere Officiere um ſie, die alle nach der Gunſt 295 — ſtrebten, mit ihr ein Paar Worte zu wech⸗ ſeln. Komm, ſagte ich zu meinem Freund, hier iſt weiter nichts als Dreiſtigkeit noͤthig; ich will die Herren ſchon durch ein Geſpraͤch beſchaͤftigen, unterhalte dich mit ihr. Nicht ohne Noth brachte ich ihn dahin: meine Her⸗ ren, ſing ich ganz keck an, warum giebt man doch in aller Welt eine Ariadne auf Naxos, in einem Concerte ein Melodrama, das kaum auf dem Theater mit Dekoration, mit Hand⸗ lung und Geberdenſprache dem guten Ge⸗ ſchmacke genuͤgen kann! Geſchah das hier zum erſtenmal oder hoͤrten ſie es ſonſt ſchon? — Sie ſahen mich groß an, und einer er⸗ wiederte endlich: das iſt nichts Neues, wie oft habe ich die Ariadne am Claviere declami⸗ ren hoͤren! Freilich! entgegnete ich drauf, es iſt eine alte Erſcheinung, die auch mir in Wien und Petersburg mehr als einmal vor⸗ gekommen iſt, aber ich glaubte, daß ſie— weil wir doch hoffentlich im Geſchmack nicht ruͤckwaͤrts, ſondern vorwaͤrts ſchreiten— von 296 einem ſo feinen Puͤblikum in einer ſo gebil⸗ deten Stadt, wie dieſe iſt, nicht wiederholt werden wuͤrde. Auf Ehre! das ſetzt mich in Erſtaunen. Auf dem Theater laß ich mir es noch gefallen, aber auch da hat das Sprechen bei der Muſte nur ſo lange Sinn und Men⸗ ſchenverſtand, als der Affeet vorherrſcht, ſo daß die Empfindung daruͤber nicht zum Ge⸗ ſange kommen kann, und ſich nur in abge⸗ riſſenen Saͤtzen aͤußerte. Dabei muß gleich⸗ fam die aͤußere Natur, Meer, Felſen, Blitz und Donnerwetter mit handeln, damit das Ganze ein großes tragiſches Anſehn erhalte.— Mit den letzten Worten wurde ich ihnen of⸗ fenbar zu gelehrt, und in der Beſorgniß, ich moͤchte mich noch hoͤher ſchwingen, thaten ſie gleich bei Zeiten einige Fragen abwaͤrts an mich, wie es Leute von oberflaͤchlicher Bil⸗ dung in Geſellſchaften immer zu thun pflegen, wenn ſie der Gefahr, ſich eine Bloͤße zu ge⸗ den, ausweichen wollen. Deshalb gehoͤrt auch ein Kunſtgeſpraͤch, wenn es damit ernſtlich — 2A gemeint iſt, in keine gemiſchte Geſellſchaft; man laͤßt es darin zu keinem Fortgange, nicht bis zur Beruͤhrung des Weſentlichen! ſondern jeder ſchneidet ſich nur in Eile vom Thema ein Zipfelchen zu einer Redensart ab, womit man ſich nicht zu weit vom Markte der tauſend Dinge entfernt. Die Officiere fragten, wie mir dieſe oder jene Stimme, der und jener Spieler und Saͤnger gefiele und dergleichen mehr, und ſie kamen bald zu dem Ausruf: Sackerment! was die fuͤr ein Paar Augen hat! Unterdeß hatte ſich Eduard im Geſpraͤch mit Mamſell Iulchen weidlich ab⸗ gemartert, und ſogar einmal das Gluͤck ge⸗ habt, ihr den Faͤcher aufzuheben.— Beim Herausgehen folgte er ihr in einiger Entfer⸗ nung; zu mir aber geſellte ſich ein ſehr ge⸗ putzter Mann, den ich fuͤr einen Handlungs⸗ diener hielt. Er fragte ohne Umſtaͤnde, wer der Herr ſei, der ſo angelegentlich mit der Mamſell ſich unterhalten habe. Ich machte meinen Freund in e iaus gleich zu einem kommen, 298 Baron, lobte ſeinen Geſchmack, und that da⸗ gegen auch einige Fragen uͤber das Maͤdchen: 9— wenn es dem Herrn Baron ſo gar ſehr darum zu thun iſt, ihren Beifall zu gewin⸗ nen— ſagte er, ſo wuͤßte ich ihm wohl zu rathen. Ich habe das Gluͤck, ihr Couſin zu ſein, und kann Ihnen gleich vertranen, daß auf den letzten dieſes Monats ihr Geburtstag faͤllt, der von der Familie in ihrem Garten gefeiert wird. Will der Herr Baron ihr eine Aufmerkſamkeit beweiſen, ſo kann ich zu einer guten Aufnahme derſelben vielleicht etwas bei⸗ tragen, indem ich mich den Abend auch in ihrer Geſellſchaft befinden werde.— Die Sicherheit, die Freundlichkeit, womit er dies ſagte, floͤßte mir ein ſchnelles Zutrauen zu ihm ein. Ich erinnerte mich auch, bemerkt zu haben, daß die, welche ſich im Concert um die Gunſt des Maͤdchens bewarben, auch ihn mit beſonderer Auszeichnung beehrten; er ſchien der Petrus zu dieſem Himmelreich zu ſein. Vielleicht hatte die Benennang Baron einen 299 —— ſo tiefen Eindruck auf ihn gemacht, daß dar⸗ uͤber alle Mitwerber ploͤtzlich vergeſſen waren. Wir kamen alſo nach langem Geſpraͤch, das wir auf einer Promenade fortſetzten, endlich darin uͤberein, daß der Herr Baron um die und die Stunde eine praͤchtige Mandeltorte an ſie in den Garten abſenden ſollte, welcher er die gehoͤrige Fuͤrſprache voran zu ſchicken gelobte.— Eduard erdruͤckte mich faſt vor Entzuͤcken, als er von dieſem Plane hoͤrte, aber er wollte durchaus, daß auch Verſe bei⸗ gelegt werden ſollten. Verſe ſind der Sonn⸗ tagsrock, womit man an beſondern Tagen immer glaubt erſcheinen zu muͤſſen, wenn man ſich auch ſonſt aus der Poeſie den Hen⸗ ker macht. Das gab nun viel Kopfbrechens, und unſere Gedanken gingen acht Tage auf ein Treibjagen, um Reime zuſammen zu ho⸗ len. Nichts verwirrt und zerſtreut aber mehr, wie Liebe und Verſemachen. Wenn uns der Lehrer in der Klaſſe 4 rief, waren wir nicht zu Hauſe; der da. wuße uns erſt an⸗ 350 ſtoßen, und dann kamen wir gewiß um ein Eapitel zu ſpat. Abſonderlich Ednard beging die verkehrteſten Dinge: ſtatt Erdbeben iber⸗ ſetzte er im Livius Erdbeeren, und aus Mar⸗ tial(dem Dichter) machte er Marzipan. In die Klaſſe kam er mit dem Hut auf dem Kopf und hatte dafuͤr den Autor vergeſſen. Bei Tiſche betete er immer noch fort, wenn andere ſchon laͤngſt fertig waren und wenn er mit der Gabel eſſen ſollte, nahm er den Loͤffel; die Serviette ſteckte er als Schnupftuch in die Taſche, und die kleinen Brode aß er in Ge⸗ danken alle weg, ſo weit nur ſeine Haͤnde reichten, ſo daß er alle Augenblick Spott und Lachen oder Scheltworte auf ſich lud. Des Abends rief er noch oͤfters aus dem Bette, und weckte mich, wenn er eben einen neuen . Reim gefunden hatte. Er beſtand hartnaͤckig drauf, daß der Vers vorkommen ſollte: Sie iſt die Seele der Muſic. Aber wir konnten immer zur Muſie keinen Gegenreim finden, weil weder Gequick noch antik 301 uns zu einem Gedanken paſſen wollte. End⸗ lich ließ er ſich gefallen, dafuͤr zu ſetzen: Ihr Blick beſeelt des Liedes Klang Und ihr Ge⸗ ſpraͤch iſt wie Geſang. Damit war ſeine Se⸗ ligkeit vom vorigen Concert zur Genuͤge aus⸗ gedruͤckt. Der Tag kam, der Conditor war unterrichtet, und zur beſtimmten Stunde ſoll⸗ te ein Unbekannter die Mandeltorte au Jul⸗ chen uͤberbringen. Was ſie wohl ſagen wird? fragten wir uns einander, die Augen moͤcht ich ſehen, womit ſie ſtaunen wird. Koͤnnten wir doch ſelbſt zugegen ſein, oder nur lau⸗ ſchen!— Geſagt, gethan! Wir hatten keine Ruhe, und ein Vorwand verſchafte uns auf ein Paar Stunden Freiheit. Aber weil mir doch der Gang etwas abentheuerlich vorkam, ſagte ich zu Eduard: laß uns den Pudel mit⸗ nehmen, man kann nicht wiſſ ſen, wozu es gut iſt. Ich band ihn alſo los, und er folgte uns gern.— So gingen wir zur Stadt. Mit der Daͤmmerung ſchlichen wir um das Staket des Gartens, und lauſchten und horch⸗ 302 ten durch die Staͤbe, ob wir nicht die Goͤtt⸗ liche gewahr werden koͤnnten. Da ſchritt ſie ploͤtzlich wie Diana den langen Gang herauf, und eine Roſe nickte an ihrem Buſen. Ver⸗ weilend beugte ſie ſich zu einer Lilie hinab, und Eduard ſeufzte: ach! wenn ich doch die Lilie waͤre! Aber nach dem Saale zu klang es wie Schuͤſſeln und Tellern, und Stimmen naͤherten ſich von der andern Seite und rie⸗ fen: komm, Julchen, zu Tiſche. Da wurde es auf einmal ſo ſtill, daß es hinter dem Stakete nicht laͤnger auszuhalten war! wir brachen eine Latte aus, und ſchluͤpften hin⸗ durch. Die Lichter im Saal fingen an zu keuchten, die Dunkelheit nahm zu. Erſt bar⸗ gen uns die Stachelbeeren, dann lockten uns die Roſenbuͤſche, und endlich die hellen Fen⸗ ſter ſelbſt. Im Dunkeln ſtehend konnten wir drinnen alles ſehen und hoͤren, ohne daß man uns bemerkte. Die Geſellſchaft war nur klein, der Couſin ſaß der Conſine gegenuͤber, das Geſpraͤch war heiter, doch nicht ſehr lebhaft, 3⁰03 — bis— zur Thuͤr uns gegenuͤber die Mandel⸗ torte herein kam. Alles gerieth in Verwun⸗ derung. Die Torte war vom ſchoͤnſten Guß und mit Blumen erhob ſich daruͤber Amor and Pſyche, die ſich nach der Anordnung des Conditors ſehr zaͤrtlich umarmten. Ein Buch⸗ ſtabe von Schrot und Zuckererbſen deutete auf den Geburtstag der Mamſell, die das ſchoͤne Zuckergebaͤude nicht genug bewundern konnte. Die Glaͤſer klangen zuſammen, aber keiner wollte ſich der praͤchtigen Torte anneh⸗ men. Da rief eine Stimme: nun, Herr Couſin, theilen Sie uns doch etwas davon mit, Sie werden ſie doch mit der Couſine nicht allein verzehren wollen? Gott behuͤte! ſagte er, und mit Beſcheidenheit laͤchelnd zer⸗ ſchnitt er ſie. Darauf hieß es: der Geber ſoll leben! und alles eilte mit dem Glaſe auf den Couſin zu. Wir warteten immer, daß er endlich anfangen ſollte, uͤber den Kuchen dun⸗ kele Reden zu verbreiten, und auf den Ur⸗ ſprung anzuſpielen, aber er blieb dabei, ſich 30⁰ gegen jedermann hoͤflichſt zu verneigen, und weder ja, noch nein zu ſagen. Hoͤrſt du was? feagte Eduard. Bieles, gab ich fluͤſternd zur Antwort, nur nicht das Rechte. Das iſt zum Tollwerden, veyſetzte er dranf.— Indem entdeckte man auch das Gedicht, und der Jubel wurde nun erſt vollkommen. Der Couſin ſollte es vorleſen, aber er beſcheidete ſich, bis alle darauf beſtanden, es von ihm felbſt zu hoͤren. Da fing er an mit ſuͤßen Stimme das Gedicht zu declamiren, und bei jedem Verſe einen zuͤrtlichen Blick auf die Cou⸗ ſine hinuͤber zu werfen. Von allen Huͤnden rauſchte ihm Beifall zu, und als er zur Cou⸗ ſine herumeilte, um ihr das Gedicht hoͤflichſt zu uͤberreichen,(als haͤtte er es nicht uͤber den Tiſch langen koͤnnen,) ſtand ſie zu unſerm groͤßten Schreck auf und gab ihm einen Kuß⸗ Eduard wollte zu Boden ſinken, und ich fluchte wie ein geſtrandeter Admiral. Zuletzt — um das Maaß unſerer Leiden voll zu ma⸗ chen— wurde der Kerl ſogar luſtig und ver⸗ t ccher⸗ 3⁰³ —— ſcherte, die und die Stelle im Gedicht waͤre ihm am ſauerſten geworden, denn es ſei eine große Kunſt, etwas zu ſagen, und auch nicht zu ſagen, worauf alle lachend verſicherten, es waͤre deutlich genug. Auf dieſe Weiſe hatte er ſich alſo foͤrmlich fuͤr den Geber und Dich⸗ ter erklaͤrt, und wir, die wir vor dem Fen⸗ ſter das Zuſehn hatten, waren ſchaͤndlich be⸗ trogen. O der Spitzbube! riefen wir aus, ſo laut, als es ſeine Naͤhe nur erlaubte, und wir rannten zuruͤck, um Steine zu ſuchen, womit wir ihm durch das Fenſter ein Denk⸗ mal auf ſeine Stirn praͤgen wollten. Aber ploͤtzlich ſtand der Gaͤrtner hinter uns, wel⸗ cher uns den Spitzbuben zwiefach zuruͤckgab. Schurken! was habt ihr vor? ſagte er, euch ſoll ja ein heiliges Kreuz——! Wir ruͤck⸗ ten zuſammen, um fuͤr einen Mann zu ſte⸗ hen, darauf zog er ſeine Bohnenhacke zuruͤck, und lief nach der Hundehuͤtte zu. Ein großes Thier ſtuͤrzte jetzt hinter uns her, und wir wuͤrden nicht mit heilen Ferſen davon gekom⸗ II. Theil. U 3⁰⁶ —— men ſein, wenn wir ſeiner Reiterei nicht gleichfalls eine gefluͤgelte Cavallerie haͤtten ent⸗ gegenſchicken koͤnnen. Waͤhrend unſer Pudel den Angriff aufhielt, ſchluͤpften wir gluͤcklich durch das Staket zuruͤck und zogen ſodann unſern Nachtrapp an uns. Die Geſellſchaft im Saale war bei unſerer Mandeltorte ſo li⸗ ſtig, daß ſie nichts von dem Laͤrm vernahm, und der Gaͤrtner konnte ohnmoͤglich ahnden, daß uns das Seſt ſo nahe anging. Er trieb uns wie Diebe fort, indem wir als die Be⸗ ſtohl'nen flohen. Zwanzigſtes Capitel. B i f and Gegenliß. — Die folgenden Tage hatte ich keine Ruhe auf der Schule, bis ich wieder zur Stadt gehen und uüͤber den bettuͤgeriſchen Menſchen naͤhere Erkundigung einziehen konnte. Da erfuhr ich denn, daß er ſelbſt der feurigſte Liebhaber der Mamſell ſei, aber, ſtatt unruhig, oder eifer⸗ ſuͤchtig ſich zu gebehrden, die Klugheit habe, ſich das Vertrauen ſeiner Nebenbuhler zu er⸗ werben, ihnen die Geheimniſſe abzulocken und ſie dann zu ſeinem Vortheil zu benutzen. Dieſe kaͤltere Methode, die noch dazu der Liebe den Schein von Standhaftigkeit und Ausdauer gab, konnte endlich ihrer Wirkung nicht verfehlen, und unſere herrlichen Geſchen⸗ ke ſchienen noch vollends den Reſt des Win⸗ ters bei dem Maͤdchen verſcheucht zu haben, 1 2 308 denn wan verſicherte, daß bald die Verlobung zwiſchen ihr und dem Herrn Couſin vor ſich gehen wuͤrde. Es war vorauszuſehen, daß er gegen uns, die er fuͤr unbedeutend hielt, auf Befragen die ſchoͤnſten Luͤgen hervorbringen, und ſich eben nicht groß verantworten wuͤrde. Ohnmoͤglich konnten wir ihm aber den Betrug ſo ungerochen hingehen laſſen, und wir beſchloſ⸗ ſen endlich, ihn auf eine recht auffallende Weiſe zu ſtrafen und im Angeſicht Aller, die von dem Kuchen gegeſſen hatten, zu beſchaͤ⸗ men. Dazu war die Zeitung, die in der „Stadt herauskam, mit ihren tauſend kleinen Anzeigen ein recht bequemes Mittel, und wir Aießen folgendes hinein ſetzen. Verlornes Gut. 214 Es iſt eine Mandeltorte verloren gegan⸗ gen, die ſich aller Wahrſcheinlichkeit nach ein betruͤgeriſcher Menſch auf eine unerlaubte Weiſe zugeeignet hat. Sie traͤgt auf ihrer Stirn den Namenszug J. und daruͤber die — 309 —-— Gruppe von Amor und Pſyche, deren Um⸗ armung ſagt, daß ſie beide arglos von kei⸗ nem Betruge wiſſen. Wir erſuchen den Dieb, durch ein Schamerroͤthen von dem Diebſtahl ſelbſt Anzeige zu machen, und gehoͤrigen Orts ſich ſeine Beſtrafung dafuͤr auszubitten. Die Betrogenen ſind Freundſchaft und Liebe. Damit wollten wir nicht allein den Betrug verrathen, ſondern mit einer geheimen Verſi⸗ cherung von aufrichtiger, reiner Liebe zugleich dem Maͤdchen ans Herz reden. Es wirkte. Jeder, der darum wußte, errieth gleich, wer gemeint ſei, und der Thaͤter ſtand beſchaͤmt da. Im folgenden Concert ſuchten die Blicke des Maͤdchens meinen Eduard, ſie ſpendete die ſuͤßeſten Worte, und nannte ihn zuletzt gar vertraulich ihren lieben Baron. Nun ſchwamm mein Freund in Seligkeit, aß und trank nicht, und lebte von dem Klang ihrer Stimme. Doch das Glaͤck ſollte nur von * 310 —-— kurzer Dauer ſein. Der Couſin hatte bald eine Gegenliſt erſonnen. Einſt, da er meinen Freund voruͤbergehen und dem Theater zueilen fah, machte er ſich ſchnell auf, ihm zu folgen. Er gruͤßt ihn aufs höflichſte und ſetzt ſich au ſeine Seite, vielmals wegen der vorgefallenen Mißverſtaͤndniſſe ſich entſchuldigend und ein Betragen beobachtend, das ihn, meinen Freund, alle Augenblick als Sieger kroͤnte. Als aber eben der Vorhang aufrauſchen ſoll, tritt eine reizende Schoͤne herein, die um einen Platz verlegen ſcheint. Sogleich ſpringt der Fuchs auf, ihr den ſeinigen einzuraͤumen. Die feu⸗ rigſten Angen, die gluͤhendſten Wangen, die lockendſten Regungen eines aufwallenden Bu⸗ ſeus nebſt der Weiße und Fuͤlle eines nahe ruhenden Arms— mußten Eduard in große Angſt und Verwirrung ſetzen. Zwiſchen ſei⸗ nem Herzen und ihrer aufſchlagenden Flamme war leider keine Feuermauer gezogen, ſondern ſie ſaß ihm wegen Mangel des Raums ſo nahe, daß er von der durchbrennenden Glut 28 31r — zu vergehen glaubte. Indeß verſchaffte ſie ihm bald einige Ruhe, indem ſie gleich bei der erſten ruͤhrenden Scene ſich ſo oft die Angen trocknete, daß ihm von da eine große Kuͤh⸗ lung zuwehte. Jetzt bat ſie ſich mit geruͤhrter Stimme ſeinen Zettel aus und er nahm ſich darauf ein Herz, ein Geſpraͤch mit ihr anzu⸗ knuͤpfen. Da richtete ſie ihre Augen gradezn auf die ſeinigen, ihre Lippen ſtroͤhmten uͤber von Tugend und Sittſamkeit, ihre Worte ſchwelgten in einem Reichthum von Gebanken und als ſie ausgeredet hatte, hob nach einem kurzen Stillſchweigen ſich ihr Buſen noch von einem zaͤrtlichen Seufzer. Mit der unter⸗ druͤckten Unſchuld im Stuͤcke fuͤhlte ſie dat zarteſte Mitleid, und den Boͤſewicht, der ſie verfolgte, haͤtte ſie mit eigner Hand erwuͤrgen moͤgen. Eduard dachte, ein edleres, vortreff⸗ licheres Maͤdchen muͤſſe es auf Gottes Erde nicht weiter geben; aber ſie ſchien nicht gluͤck⸗ lich, ſie ſchien in einer bedraͤngten Lage, und er drannte vor Begierde, ihr Schickſal zu er⸗ s fahren. Nach Beendigung des Schauſpiels ſchwebt ſie zoͤgernd vor ihm her, und ein Blick giebt ihm den Muth, ihr den Arm zu bieten. Kaum aber hatten ſie ſich ans dem Gedraͤnge etwas herausgewunden, ſo daß er nun im Stande war, ihr Geſpraͤch mit mehr Ver⸗ traulichkeit zu genießen, als auf der breiten Straße hin und her promenirend ihm Julchen mit dem Couſin entgegen kam. Sie ſcheint beim Anblick erſtaunt und wirft einen ſtolzen, zweifelnden Blick auf ihn, wozu ihr Begleiter mit verzogenem Geſichte recht heimlich und liſtig kaͤchelt. Mit einer Frage ſchloß ſie ſich naͤher an dieſen an, und was ihr beredter Mund zu wiſſen verlangt, ließ ſich vermuthen. Eduard ging ſtill und betroffen, bis die rei⸗ zende Schoͤne an ſeiner Seite ihn wieder er⸗ munterte. Bald bittet ſie ſich uͤber dieſen, bald uͤber jenen Gegenſtand Belehrung aus, und an der Hausthuͤr faͤllt ihr ein, daß er durch die Pforte des Hintergebaͤndes viel na⸗ her gehen koͤnne. Hier tritt ihre Mutter 3¹3 *——— ihnen entgegen, und er kann es ihr nicht ab⸗ ſchlagen, auf einen Augenblick bei ihr einzu⸗ kehren. Das Geſpraͤch wird bald lebhafter, die Schoͤne immer lernbegieriger. Ein junger Herr tritt jetzt herein, der mit vieler Hoͤflich⸗ keit ihre Behauptungen beſtreitet, und den klugen Eduard zur Entſcheidung auffordert. Doch er bittet ſie, lieber zur Guitarre zu greifen, ſie ſingt herzzerreißend, lehnt das Kopſchen auf das Inſtrument zuruͤck, aͤußernd, daß der heutige Tag ihr unvergeßlich ſei. Sie haben doch nicht Kopfſchmerzen? fragt der fremde Herr; Sie ſollten ein Glas Cham⸗ pagner trinken, ja wahrhaftig, ſetzte er mit einem Blick hinzu, Champagner iſt dagegen das beſte Mittel. Eduard verſtand ſeinen Wink, man ſtellte ſich, als ob man ſich heim⸗ lich etwas zu ſagen haͤtte— und im Umſe⸗ hen war der Diſch beſetzt. Man trank ein Glas nach dem andern, und der Fremde rief bald: Cicero, bald, Cato ſoll leben! Was weiter geſchah, wußte Eduard mir nicht wie⸗ 3 —— der zu erzaͤhlen, aber ich wartete vergeblich bis Mitternacht auf ihn und ſtaunte nicht weuig, als Hamlets Geiſt, naͤmlich der, wel⸗ cher dieſe Rolle kuͤrzlich auf dem Theater ge⸗ ſpielt hatte, meinen Freund in der luſtigſten Laune hereinfuͤhrte, und ſagte: lieber Bruder, iſt das dein Zimmer? ſieh dich doch um, ich will dich zu Bette bringen.— Da trat ich hervor, und bat, mich dafuͤr ſorgen zu laſſen. 3.— Um die Gunſt der ſchoͤnen Julie war es nun geſchehn. Der ſchlaue Couſin hatte es ſo gefuͤgt, daß Eduard ihr in einem ſchlimmen Lichte erſcheinen mußte, denn jene reizende Schoͤnheit war eine junge Schauſpielerin, die eben nicht in dem beſten Rufe ſtand. Jener hatte ſie in der Gefahr, worin er ſchwebte, als Blitzableiter gebraucht, und die Eitelkeit ſeiner Couſine, die vor der Verheirathung erſt noch Willens war, ſich etwas von einem Ba⸗ ron anbeten zu laſſen, ward ploͤtzlich durch deſſen Treuloſigkeit gebeugt, ſo daß ſie nun ☛ — 4 3¹⁵ —-C dem ſtandhaften Couſin ihre Hand gab. Weil ſie beide keinen Ueberfluß an Empfindung hat⸗ ten, ſo fuͤhrten ſie eine Ehe von gewoͤhnlichem Schlage, naͤmlich eine ſolche, wo keiner An⸗ trieb fuͤhlt, den andern zu haſſen oder zu lie⸗ ben und beide in dem Wahne, daß das in der Welt nicht anders ſei, ein Gluͤck, das ſie nicht kennen, auch nicht vermiſſen. Die Liebe iſt ſo gut eine Faͤhigkeit der Seele, als alle andere Anlagen und Talente; nur wenigen iſt viel davoon verliehen, doch weil jeder nur mit ſeinem Maße mißt, ſo wird er des Wenigen oder Vielen ſeines Gutes nicht inne. Mit Eduard ſtand es nun faſt noch ſchlim⸗ mer als zuvor, denn bei der Tugendheldin, die er Jetzt liebte, war in der Sproͤdigkeit kein Schutz gegen ſeine Thorheit zu erwarten. Durch ſeine Schwaͤrmerei ſollte er nun in die Netze der Sinnlichkeit verſtrickt werden, s welchen der, den ſie einmal ergriffen ha⸗ ben, nicht leicht unverletzt wieder zuruͤckkehrt; ich mußte ihn alſo von ſeinem Irthum zu 316 uͤberzeugen ſuchen, noch ehe die Einſicht, die mit der Erfahrung in dieſem Fall nur zu ſpaͤt wirkt, ihn verloren gehen ließ. Man hatte ihm ſchon im voraus zu einem Pickenik gebeten, und eine vorgegebene Einla⸗ dung von einem Freunde ſeines Vaters ſollte ihm dazu Erlaubniß verſchaffen. Ich erſuchte ihn, mich auch dabei zuzulaſſen, und dafuͤr, daß ich ihn im Concert zum Baron gemacht haͤtte, mich vor jenen Leuten zum Gtafen zu ernennen. Ich kam mit Jleiß ſpaͤter, und Eduard hatte in der Geſellſchaft der Alber⸗ tine(ſo hieß ſie), ſchon alle Seligkeit eines angehenden Liebhabers empfunden, als ich ſtolz und vornehm herein trat. Die Schauſpieler umgaben mich mit vieler Aufmerkſamkeit, und auch Albertine entzog ihrem Freunde einige, Blicke. Die Herren und Damen lauſchten nun auf mich, und verſuchten mit Unſicherheit bald dieſes, bald jenes Geſpraͤch, um erſt be⸗ hutſam zu erforſchen, fuͤr welches Capitel ich wol am meiſten geſtimmt waͤre, ab ich nach 3¹⁷ dem Ruhme ſtrebte, fuͤr einen Gelehrten zu gelten, oder bei welcher Narrheit ſie mich ſonſt faſſen koͤnnten. Da ich merkte, wie ſie ſo auf meine Schwächen lauerten, bekannte ich mich bald fuͤr die eine, bald fuͤr die andere Liebhaberei, um ſie recht an der Naſe herum⸗ zufuͤhren. Ich ſing mit dem Gluͤck des Fa⸗ milienlebens an, und gleich ſagten ſie eine Menge ſchoͤner Sentenzen aus Ifflands Schau⸗ ſpielen her, und der eine wollte uͤber die, der andere uͤber jene Stelle vor Entzuͤcken außer ſich kommen. Drauf wandte ich das Geſpraͤch zum Philoſophiſchen hinauf, wo ihnen etwas angſtlich zu Muthe wurde, doch einer konnte zum Gluͤck das Fragment eines Gedichts von Klopſtock auswendig, womit er gleich die Bloͤßen ſeiner Bruͤder deckte. Ein anderer, der nicht bemerkt zu ſein glaubte, fluͤſterte ſeinem Nachbar ins Ohr: das iſt ein rechter Stockſiſch! worauf jener ſagte: ja, Bruder, eine Art von Rindvieh! Ich ſtellte, mich in ein gelehrtes Geſpraͤch vertieft, wobei man — meine unbaͤndige Weisheit lobte. Wie ich aber den Tiſch gedeckt ſah, rief ich aus: verſlucht ſei der gelehrte Firfanz, hier iſt das Wahre! Sie lachten zwar, doch nur ganz behutſam; wie ich indeß in dem Tone fortfuhr, und ruͤhmte, was ich alles eſſen und trinken und vertragen koͤnnte, meinten ſie, ich ſchiene in allem etwas profitirt zu haben. Liebe und Wein! ſetzte ich hinzu, das iſt mein Wahl⸗ ſpruch; da erhoben ſie ſich ſaͤmmtlich mit vol⸗ len Glaͤſern, ſtießen an und riefen: Liebe und Wein! Ich kann aus dem Kerl nicht klug werden, brummte einer dem andern ins Ohr, und Alle ſchienen nun entſchloſſen, mir vollends durch Wein die Zunge zu loͤſen, um endlich zu erfahren, wo ſie bei mir ſicher ans Land ſteigen koͤnnten, denn das Reich der Ideen wollte ihnen gar nicht behagen. Drauf fing ich an, merken zu laſſen, daß ich große Reich⸗ thuͤmer beſaͤße, und trinkend und ſingend nahm allmaͤhlig unſere Freundſchafr gewaltig au Kraͤf⸗ ten zu. Eine kleine Sootterei munterte ſie 319 ———— zu luſtigen Aneedoten auf, und nun mußten die hoͤnſten Stellen aus Trauerſpielen herhalten, um bei dieſer oder jener Gelegenheit perſiflirt und traveſtirt zu werden, ſo daß zuletzt faſt das ganze Geſpraͤch in dichteriſchen Brocken be⸗ ſtand, womit man ſich hin und her warf. Wie ſtaunte Eduard, als er ſo allmaͤhlig das Goͤttlichſte der Kunſt mit Fuͤßen treten ſah! Ader mit der Berauſchung nahm die Freiheit zu: es ſollte noch beſſer kommen. Alles iſt vergaͤnglich, nur Tugend dauert fort! ſagte der Worrfuͤhrer, als er die letzte Flaſche auf den Tiſch ſetzte; aber— ſetzte er hinzu: der Herr Graf hat noch von ſeiner Tugend abzu⸗ laſſen, die auf ſeinen Guͤtern gar gewaltig ge⸗ deihen ſoll. Dieſe Sprache, in welcher der Beſenſtiel durch das Reisholz immer hindurch⸗ ſah, traf auf der Stelle: Ich, der Graf und der Baron leerten unſere Taſchen, um gleich den Abgang des Champagners zu er⸗ ſetzen, und die Schauſpieler, wo moͤglich, bis an den Hals in Wein zu tauchen, Doch ſie 320 —— extranken ſo wenig, wie die Fiſche im Meer; die Unordnung nahm indeß immer mehr uͤber⸗ hand; durch Du und Du machte man Rie⸗ ſenſchritte in der Verſtaͤndlichkeit, und wie ſich die Damen in das anſtoßende Zimmer, das ihnen traulicher ſchien, zuruͤckgezogen hatten, ſing ein Wetteifer unter den Erzaͤhlern an, ſich mit ſchmutzigen Anecdoten zu uͤberbieten, auch dergleichen in Verſen zu declamiren. Mit deiner Declamation, ſagte einer von ihnen, du legſt den Ton falſch, laß mich einmal re⸗ den. Was, erwiederte der, ich koͤnnte wohl aicht deelamiren? Deine Jamben vollends ſind wahre Jammerverſe. Der Kerl hat den Beth⸗Ton, er heult immer von oben her⸗ unter, denn er iſt einmal ein verdorbener Can⸗ didat geweſen. Und du franzöͤſiſcher Damen⸗ ſchneider, entgegnete jener mit Hite. Dieſer nannte ihn darauf einen Bibelhuſar, und ſagte: warte, daß ich dir nicht ein Maͤntel⸗ chen anmeſſe. Damit faßte er hinten den Rock ſeines Gegners, drehete ihn wie einen Strick 32 Strick zuſammen, und ſchleuderte ihn reſolut in den Winkel.— Da erſah ich den Zeit⸗ punct; Albertine wollte vor Schreck in Ohn⸗ macht fallen, ich ſtand gleich da, und breitete meine Arme aus. Eduard, der ſich nach dem Laͤrm umſah, fand ſie, als er zuraͤck kam, in der zaͤrtlichſten Ruhe von der Welt, und weil ſie uͤber Schwindel klagte, ſchlug ſie oͤfters ihre Schwanenhaͤnde um meinen Nacken. Er ſchleuderte mir einige Blitze zu, und ging vor, uns wie eine Schildwache auf und nieder. Albertine ſchien nun ganz die Meinige zu ſein. dir war es dabei nur um Eduard zu thun, und ich fluͤſterte ihm gelegentlich ins Ohr, daß er ſich ſtellen moͤchte, als wenn er ſchliefe, dann wuͤrde er wohl noch groͤßere Wunder ſe⸗ hen. Hamlets Geiſt war, wie ich laͤngſt an ihren heimlichen Winken gemerkt hatte, ihr entſchiedener Liebhaber. Wie nun jener ſchlief, und ich, wie vom Wein uͤberwaͤltigt, in eine andere Gegend des Bachanals taumelte, glaub⸗ te er, daß die Zeit gekommen waͤre, wieder II. Theil. 2 322 —— in ſeine alten Rechte einzutreten. Doch nicht lange, ſo ſtuͤrmten zwei andere fremde Schau⸗ ſpieler, die im Vorbeigehen den Laͤrm gehoͤrt hatten, auf das Zimmer zu uns herauf, und ein junger, ſehr huͤbſcher Menſch, der noch ein angehender Kuͤnſtler ſchien, fand jetzt bei Albertinen noch groͤßern Beifall als der alte Hamlet; denn je mehr eine Schauſpielerin Anbeter haben kann, deſto mehr Ruf bekommt ſie, deſto mehr wird ſie von den andern be⸗ neidet. Albertine hatte Erfahrung und Klug⸗ heit genug, um es mit keinem zu verderben, und fuͤr ſich Ehre und Vortheil daraus zu ziehen. Der Himmel wollte, daß auch noch der Direckor in einer Art von Schlafrock mit einer langen Pfeife herein trat. Da riefen Alle ihm Papachen! entgegen, und flogen auf ihn zu. Jetzt dachte Albertine daran, wie naͤchſtens ein großes Trauerſpiel gegeben werden ſollte, worin die Heldin eine Auffahrt zu Wagen, die tugendhafteſten Reden, die ſchoͤnſten Anzuͤge und die herrlichſten Abgaͤnge — 323 — hatte. Dieſe Rolle, welche ſchon einer an⸗ dern zugedacht war, konute ſie ſich ohnmoͤglich nehmen laſſen, dies war ein guͤnſtiger Zeit⸗ punct fuͤr ſie. Sie noͤthigte Papachen auf das Sopha nieder, fuͤhrte ihm ein volles Glas Wein zu Munde, ſtrich mit ihren Haͤnd⸗ chen um ſeinen Bart und endlich ſetzte ſie ſich gar auf ſeinen Schooß. Ich will doch ſehen, ſagte der gefuͤhlvolle und kunſtverſtaͤndige Di⸗ rector endlich, ob ich fuͤr das gute Kind nicht noch ein Roͤllchen finden kann.— Nun habe ich genug, ſagte Eduard zu mir, und die Schlange verwuͤnſchend ging er mit mir fort und nach der Schule zuruͤck. Mehrere Tage ſah es noch wuͤſt um ſeine Stirn aus wie bei Einem, der lange nicht ausgeſchlafen hat, aber er freute ſich doch, aus ſeinen Traͤumen erwacht zu ſein, und mir dankend gelobte er kuͤnftige Beſſerung. Es liegt in der Natur der Phantaſie, daß junge Leute etwas von dem Geiſte eines Schau⸗ ſpiels, das ſich die Schauſpieler auf Augen⸗ X 2 324 blicke zuei guen, auf ihre Perſonen uͤbertragen, und man kann ſi ich anfangs nicht denken, daß jemand eine Tugend ſo herrlich darſtellen koͤnn⸗ ke, ohne folbſt etwas davon zu empfinden. Deshalb haͤngt den Schauſpielern etwas Raͤth⸗ Schaßers, Seltſames, ja wohl gar etwas Gro⸗ ges und Edles an, und man iſt neugierig, ſie außer dem Theater zu ſehen. Hier ſindet man ſie nun gewöoͤhnlich ganz anders, und laͤßt ſich durch den Abſtand fortan oft zu fal⸗ ſchen oder zu ungerechten Urtheilen uͤber ſie verleiten. Es iſt ja ganz natuͤrlich: wer heute dieſen, morgen jenen Character annehmen und ſich balb ſo, bald anders ſtellen muß, kann an der Sache, an dem Inhalt ſeiner Reden, an den Grundſaͤtzen der Perſonen u. fw. zuletzt gar keinen Antheil mehr nehmen, ſon⸗ dern verliert bei der Geſchicklichkeit der Ver⸗ wandlung ſeines aͤußern Scheins allmaͤhlig auch etwas von dem, was ihm an der Verſtellung hinderlich ſein koͤnnte, alſo auch zum Theil das, was wir perſonliche Eigenthuͤmlichkeit⸗ * 325 Character oder Grundſaͤtze nennen. Bei einer beſtaͤndigen Betrachtung der ſo verſchieden ſich artenden Menſchen tritt Macht und Wuͤrde des eignen Sinnes immer mehr in den Hin⸗ tergrund zuruͤck, und ſie kommen von ſelbſt darauf, die Welt von ihrer laͤcherlichen Seite und die Menſchen nach ihren Schwaͤchen zu betrachten. Dieſes, welches zugleich einen Theil ihres Studiums ausmacht, muß ihnen bei dem einfachen, ehrlichen Buͤrger natuͤrlich den Vor⸗ wurf der Falſchheit zuziehen, und man kann ſagen: in den haͤuslichen Kreis des buͤrgerlichen Lebens gehoͤren ſie nicht; aber deſſo beſſer wer⸗ den ſie in die vornehmen Cirkel paſſen, wo die herrſchenden Grundſaͤtze den ihrigen ſehr nahe kommen. Solche Menſchen von froͤhlichem Leichtſinn muͤſſen denen ſehr willkommen ſein, die ſich nur mit einem Anſchein von Freundſchaft verſammlen, und mit einander weiter nichts zur Abſicht haben, als ein Paar Stunden hinweg⸗ zuſpotten oder ſich einmal einer rauſchenden Froͤhlichkeit zu uͤberlaſſen. Ein und zwanzigſtes Capitel. Abgang von der Schule. Nach drei Jahren hatten wir ſo viel Kennt⸗ niſſe erlangt, daß wir mit den ſchoͤnſten Zeug⸗ niſſen auf die Univerſitaͤt gehen konnten. Es war aber kuͤrzlich ein Ediet erſchienen, daß alle Abgehende ſich noch beſonders von einer Commiſſion ſollten examiniren laſſen, was den Fleiß in der letzten Zeit ſehr vermehrte, und machem nicht allein Tage, ſondern ſogan Naͤchte koſtete. Den fortſchreitenden jungen Gelehrten alle Augenblick, bei jeder Stufe zu examiniren, hat den meiſten Nutzen fuͤr die traͤgen und mechaniſchen Koͤpfe, weniger fuͤr die wiſſenſchaftlichen. Jeden Faͤhigen hat die Natur fuͤr eine Hauptwiſſenſchaft beſtimmt, in welche er unvermerkt die andern Wiſſen⸗ ſchaften mit hineinzieht; da aber ein Examen 327 — nach der Schnur auf jedes Fach zu ſehen hat, ſo quaͤlt ſich mancher Lernende blos um des Examens willen mit Dingen, die bei ihm doch nicht haften, und er verdirbt dadurch viel Zeit, die er auf ſeine Weiſe beſſer anwen⸗ den koͤnnte. Er wird in die Mechanik hinein⸗ gezwaͤngt, und erfaͤhrt ſo ganz die Wahrheit des Ausſpruchs: der Buchſtabe toͤdtet, aber der Geiſt macht lebendig! Man will doch in keiner Sache geradezu ſchlecht beſtehen, und giebt ſich nun mit dem Undankbarſten grade die meiſte Muͤhe. So wollte mir die Ge⸗ ſchichte nicht zuſagen. Ich ſchob es auf den Unterricht. Man fing damit an, gleich alle Zeitraͤume zu durchlaufen, und mir wurde ohne Hauptſammelplaͤtze, ohne Vereinigungs⸗ puncte bei dem Anblick des Ganzen wie dem Irrenden auf dem Meere, der die Himmels⸗ gegend nicht erkennen und unterſcheiden kann. Man gab zwar ſolche Hauptpuncte, aber man gab ihrer gleich zu viele, ſo daß dieſe in einem langen Regiſter wieder zu einem Meere 328 wurden. Wer unter uns ein gutes Gedaͤcht⸗ niß hatte, fuhr dabei am beſten, die Zahlen und Namen halfen ihm durch; wer ſich aber, wie ich, mehr fuͤr die Sache intereſſirte, ver⸗ lor ſich trotz aller Eintheilungen doch in eine Menge von einzelnen Merkwuͤrdigkeiten, wo⸗ von er keine vollſtaͤndig in ihrer ganzen Be⸗ ziehung wußte. Wenig und ansfuͤhrlich, ſo recht mit allen Merkmalen der Menſchlichkeit, ſollte meines Erachtens den Anfaͤnger in der Geſchichte weit eher zu einer ſichern und le⸗ bendigen Erkenntniß bringen, als alles auf einmal in einem Regiſter. Die Unredlichkeit der Menſchen iſt, wie an vielen Geſetzen und Laſten, auch an dieſem noch beſonders mar⸗ ternden academiſchen Examen ſchuld; denn billig ſollten die Lehrer nach drei, vier Jah⸗ ren doch wohl am beſten wiſſen, was ihre Schuͤler koͤnnen, wenn man ſich nur auf ihre Rechtſchaffenheit verlaſſen duͤrfte. Als alles gluͤcklich uͤberſtanden war, hatte ich noch eine andere Sorge. Es wurde mir 230 329 —— peinlich, laͤnger auf Unkoſten meines Freundes zu leben, und meine Schuld immer mehr zu vergroͤßern. Ich ſann nach, wie ich es moͤg⸗ lich machte, Geld von meinem Oheim zu be⸗ kommen. Da er mir das letztemal geſchrieben hatte, daß er ſich mit ſeinem Regimente wol nach einer andern Garniſon wuͤrde begeben muͤſſen, ſo wußte ich jetzt den Ort ſeines Aufenthalts nicht, und niemand auf der Schu⸗ le konnte mir ſagen, wo ſein Regiment ſtehe. Aber ich erfuhr durch den Gerichtshalter, daß in der Stadt ein alter Pachter wohne, der von jedem Regimente zu ſagen wiſſe, wo es ſein Standquartier habe. Sogleich begab ich mich zu ihm.— Ich ſah in dieſem Manne wieder eine ſeltſame Erſcheinung. Schon auf ſeiner Hausflur und im Vorſaal hingen nichts als Schlachtengemaͤlde, alte Generalsgeſichter und Abbildungen von Saͤbeln und Gewehren, Huͤten und Grenadiermuͤtzen. Alles, was zum Militair gehoͤrt, intereſſirte ihn, und der Krieg ging gleichſam in Schattenbildern an 330 —— ſeiner Wand voruͤber. Sein eigentliches Ge⸗ ſchaͤft und Vergnuͤgen aber beſtand darin, alle Veraͤnderungen und Befoͤrderungen bei den Regimentern aufzumerken und nachzutragen. Er ließ jeden Junker auf ſeinem Papier ſort avanciren und vergaß auch bei den großen Generalen die Schlachten nicht, die ſie gelie⸗ fert hatten. Er hielt ſich lange Tabellen, worauf weiter nichts abgebildet ſtand, als die Uniform eines jeden Regiments, die er bis auf die Knoͤpfe zu unterſcheiden wußte. In einem beſondern großen Atlas hatte er von allen Regimentern die Rangregiſter mit allen einzelnen Perſonen, die er noch dazu faſt eben ſo deutlich in ſeinem Kopfe trug. Nun gab er in den Zeitungen genau acht, wenn Be⸗ foͤrderungen vorfielen, damit er ſeine Regiſter darnach berichtigen koͤnnte, und bemerkte er, 3 daß jemand langſam weiter kam, ſo bedauerte er ihn, und freute ſich nachher, wenn er be⸗ foͤrdert wurde. Es war ihm ſehr lieb, wenn er jemand fand, dem er mit einer Notiz aus 331 —-— ſeinem Atlas dienen konnte, und er fuͤhrte mich, wie ich Intereſſe dafuͤr zeigte, durch alle Regimenter hindurch. Da kam ich denn endlich auch zu meinem Oheim und ſah, daß er in einem Grenzorte in Garniſon ſtand. Nun wußte ich genug, und dankte fuͤr ſeine Bemuͤhung. 18 Aber dieſer Mann war mir ein Beweis, daß der Begriff des theoretiſchen Lebens weit groͤßer und bedeutender iſt, als man es ſich gewoͤhnlich denkt. Dieſes Leben geht nicht blos in den Buͤchern, in den Theorien vor ſich, ſondern findet ſich auch in der buͤrgerli⸗ chen Welt. Jener Mann, der nicht ohne Nutzen Oekonomie getrieben hatte, behielt ſich doch zur ſtillen Ergoͤtzlichkeit der Gedanken im⸗ mer noch vor, die Regimenter vor ſich vorbei marſchieren zu laſſen, gleichſam als ob er zwar wachend ein Landbebauer, aber im Traum ein General geweſen waͤre. Dies ruͤhrt ſicher⸗ lich nicht blos von einer unbefriedigten Be⸗ rufsneigung, ſondern von dem Umfange des 332 —— menſchlichen Geiſtes üͤberhaupt her, fuͤr wel⸗ chen das wirkliche Leben, das ihn nahe be⸗ ruͤhrt, noch zu aͤrmlich ausfaͤllt, ſo daß er nicht unterlaſſen kann, nach Maaßgabe ſeiner Neigungen mit ſeinen Gedanken auch noch andere Lebenskreiſe zu durchirren, und mit den Geiſtesaugen das zu betrachten, was er mit den leiblichen nicht aͤberſehen und uͤber⸗ haupt mit ſeiner Wirkſamkeit nicht abreichen kann. So entſtehen haͤufig Liebhabereien, die bei dem Hauptgeſchaͤft wie ein Gaͤrtchen hin⸗ term Hauſe das kleine Paradies ausmachen. Giebt es doch ſogar Neigungen und Richtun⸗ gen des Geiſtes, die manchen Menſchen ſchon von Geburt an beſtimmen, uͤberhaupt nur theoretiſch zu leben, und einen Theil der Welt oder einen Zuſammenhang von Dingen nur aus der Ferne zu genießen. Wegen einer Gelegenheit zu meinem On⸗ kel bedachte ich wohl, daß es bei Geheimniſ⸗ ſen grade das Gefaͤhrlichſte iſt, ſie Briefen anzuvertrauen. Ich ſah mich alſo, um nicht 5830 verrathen zu werden, nach einem eben ſo dum⸗ men als ehrlichem Menſchen um. Dieſem trug ich mit wenigen Worten vor, was er zu meinem Oheim ſagen ſollte, und er mußte es mir wie ein Papagei wiederholen, bis er es auswendig konnte. Ich ſagte ihm nicht ein⸗ mal meinen Namen, damit er nicht unterwe⸗ ges zu jedermann ſpraͤche: der und der hat mich geſandt und das iſt meine Verrichtung. Aus den Worten, die er uͤberbringen mußte und aus der Dummheit des Menſchen ſelbſt konnte mein Oheim ſchon ſehen, daß hier kein Betrug obwalte. 1 Das Unternehmen gelang. In vier Wo⸗ chen kam der Bote wieder zuruͤck und brachte eine große Menge Goldſtuͤcke, womit er alle ſeine Kleider ausgefuͤttert hatte. Mein Oheim ließ mir ſagen: ich ſollte handeln, wie mir klug duͤnkte, und meine Mutter nicht vergeſ⸗ ſen. Dem letztern fuͤgte der Bote die Ausle⸗ gung hinzu: ich ſollte meiner Mutter etwas davon abgeben. Ich blieb ſo lange auf der 334 —— Schule, bis Eduard von ſeinem Vater, den er auf einige Wochen beſuchte, wieder zuruͤck⸗ kam, und mich zur Reiſe auf die Univerſitaͤt abholte. 8 Unterweges ſiel eben nichts Merkwuͤrdiges vor, doch gab es den zweiten Tag einen in⸗ tereſſanten Auftritt. Wir waren zu Mittag in ein Wirthshaus eingekehrt und hatten eben unſere Mahlzeit beendigt, als ein Mann in einem weiten Ueberrock, mit dem Hut auf dem Kopfe, und einem Knotenſtocke in der Hand hereintrat, in deſſen verdrießlicher Ge⸗ ſtalt ich den Augenblick jenen unzufriednen Tadler wieder erkannte, der mir ſchon einmal begegnet war. Ich ſprang mit einer Art von Freude hurtig auf und ſagte: ihr Diener, mein Herr, ich bin nun auf Schulen geweſen und habe die Wiſſenſchaften erlernt.— Da haben Sie auch was Rechts gethan, gab er zur Antwort.„Nun, bildet das nicht den Geiſt, den Geſchmack?“ Wie's faͤllt! erwie⸗ derte er, wenn jemand ſeinen Kopf verwirren 335 ——— will, muß er nur die Geſchichte ſtudieren, und wo moͤglich, die ganze Welt durchreiſen, da findet er alles, was man ſich nur traͤumen mag, fuͤr jede Meinung einen Beweis und einen Gegenbeweis, und es bleibt dann nichts mehr uͤbrig, was er nicht fuͤr moͤglich hielte, ſo daß er zuletzt weder Gut und Boͤſe, noch Schoͤn und Haͤßlich unterſcheiden kann. Ach! mein Herr, entgegnete ich, man muß ſich nur gleich an die rechte Quelle machen; die Grie⸗ chen und Roͤmer ſind unſere Muſter. Da legte er die Hand auf meinen Magen und fragte: was haben Sie gegeſſen? Ich ant⸗ wortete: eine gebratene Gans. Nun, ſagte er drauf, die Gans werden Sie eher verdauen, als die Griechen und Roͤmer. Herr, Sie werden beleidigend, fuhr ich fort, was denken Sie denn von mir? Ei was, gab er zur Antwort: aus braunem Kohl wird nie Blu⸗ menkohl werden. Der Deutſche iſt und bleibt ein gutes Hausthier, und das iſt noch ein Gluͤck, denn ſonſt wuͤrde vollends nichts aus 836 ——— ihm. Mit den Trelbhausweſen kommen wir zu keiner rechten Natur, zu keiner Feſtigkeit. Wir gießen immer von oben hinein„ aber Gott weiß, wie viel davon auf die Wurzel kommt. Bei uns geben die Weinſtoͤcke, wenn ſie auch aus Italien kommen, einen ſauren Wein; indeß— Rocken und Weizen gedeihen gut. So, mein’ ich, muß auch bei uns die Kunſt ausſehen, wenn ſie mit uns Ein Leib⸗ und Eine Seele ſein ſoll. Wo nicht, ſo wird entweder eine Affenzierlichkeit d daraus, oder elne Maskerade, wo die Leute nur einem Narren. weiß machen, ſie waͤren das wirklich, wofuͤr ſie ſich ausgeben. Gut, daß die Grie⸗ chen und Roͤmer mit bauen helfen, aber der Zimmermann muß nicht in dem Hauſe wollen mit mir wohnen bleiben. Ehe wir ſie nicht ſammt den Italienern, Spaniern und Eng⸗ laͤndern wieder zum Hauſe hinausjagen und beten koͤnnen: Alles, was wir ſind und haben, Großer Gott, ſind deine Gaben ſo lange iſt es mit uns nur Schaumweſen, das bei dem naͤchſten Windſtoß wieder zuſam⸗ menfaͤllt, oder es iſt Goldſchaum, uͤber ein Baͤrenfell gezogen, welches bei dem naͤchſten Regenguß wieder durchſchaut. Aus dem Kern, aus dem Herzen, aus der Wurzel muß es kommen, wenn es unſer eigen ſein und blei⸗ ben und in Sturm und Wetter fortdauern ſoll. Den muͤßte man doch wohl einen rech⸗ ten Thoren ſchelten, der Jahrhunderte nach uns, die deutſchen Griechen, die deutſchen Italiener, die deutſchen Spanier und nicht lieber gleich die Spanier, die Italiener, die Griechen leſen wollte. Andere Nationen ha⸗ den auch wohl von fremdem Wein getrunken, aber ſie haben ihn gleich in ihr eigenes Blut verwandelt, und trotzen unn auf ihr Eigen⸗ thum. Wenn ich die deutſche Poeſie anſehe, ſo kommt ſie mir vor wie eine Scheppenſtaͤdti⸗ ſche Suppe, worin Brod und Semmel durch einander ſchwimmt. Hier ſpringt ein Amor und da kuckt eine Venus heraus„ und rings⸗ II. Theil. 9 338 herum geht ein Gekräͤuſel von Grazien. Der Deutſche ſtehr dabet und friert.— Nun ja doch, ja, erwiederte ich auf dies alles, man muß das Griechſche und Roͤmſche ſo verarbei⸗ ten, daß es unſer Eigenthum, unſer anderes Ich wird, Geiſt und Sinn muß von ihnen trinken, und den Vogel nicht ſammt den Fe⸗ dern hinunterſchlucken.— In Gottes Na⸗ men! entgegnete er, rupft und kocht und ſchluckt ihr nur— der Deutſche iſt verflucht ſtolz, daß er ſich einen Magen zutraut, der alle Nationen verdauen kann. Mir ſind noch wenig Menſchen begegnet, die dabei ganz ge⸗ ſund geblieben waͤren, und noch immer ſpraͤ⸗ chen wie Soͤhue ihrer Mutter. Es iſt eine Kocherei zum Teufel— halb gebraten, halb gekocht. Bei vielen gehen auch die Griechen und Roͤmer noch nicht einmal zur Hausthuͤr hinein, ich ſehe immer noch das deutſche Baͤ⸗ renfell am Pflocke hangen, und erobern ſie das goldne Vließ nicht bald, ſo gehen ſie wahrhaftig bepelzt wieder in die alten Waͤlder — 339 zuruͤck.— Ich ſehe ſchon, ſagte ich drauf, Sie lieben mit ſtarken Farben zu mahlen, und druͤcken alles auf das Schlimmſe aus! vom Griechen gehen Sie gleich zum Baͤren uͤber! das Aergſte aber iſt, daß Sie ſtets von Uebeln reden, ohne ein Mittel dagegen anzugeben.— Ach Gott! ſeufzte er— Men⸗ ſchenbildung, Menſchenbeſſerung! Traͤume, Thorheiten; ich ſehe die Sau in der Bibel, die immer wieder zum Schlamme zuruͤckkehrt. — Indem ſagte der Wirth im Vorbeigehen leiſe zu mir: da kommt noch ein Sonderling aufs Haus zugeritten. Und es waͤhrte nicht lange, ſo trat ein Mann mit friſchrothen Wangen, geſtiefelt und geſpornt zum Zimmer herein. Er ſtutzte, da er den andern ſah. Nun, kommt nur naͤher, ſagte dieſer, ich thue euch nichts, ich habe uͤberhaupt nichts dagegen, daß jeder in der Welt ſeine Thor⸗ heit treibe wie er Luſt hat. Fangt ihr ſchon wieder an? erwiederte jener. Frellich iſt es eine große Thorheit, Schuͤſſeln und Milch⸗ 9 2 21 340 — kannen, Seſſel und Thuͤrſchwellen zu eorrigi⸗ ren, denn was liegt daran, ob der Menſch aus ſolchen oder andern Krüͤgen trinkt. Das iſt nur die aͤußere Schale. Und wenn ich das ſchoͤnſte Haus auf das geſchmackvollſte ausmeublire, und ich ſetze einen dummen Men⸗ ſchen hinein, ſo wird dieſer doch bleiben wie er iſt, er wird geiſtlos fortleben, wenn ihm auch die Meubeln alle Tage eine aͤſthetiſche Vorleſung halten. Die Sachen werden ſchon kommen, wenn nur erſt der rechte Menſch da iſt. Dieſen aber aufzuſinden, halte ich fuͤr das groͤßte Verdienſt. Tauſend Koͤpfe leben immer nur wie einer, der als eine lebendige Idee in ihre Gedanken uͤbergeht und ihren Mechanismus beſtimmt. Je fruͤher dieſe Ideen⸗ maͤnner heraufſteigen, deſto eher werden die Menſchen, was ſie werden koͤnnen; die ſind die wahren Erloͤſer der Welt. Aber deshalb werden ſie auch in einer Krippe geboren und zuletzt ans Kreuz geſchlagen.— Er wandte ſich weg, um nach der Verſorgung ſeines 341 —— Pferdes zu fragen. Da erkundigte ich mich beim Wirthe, was das mit dieſem Manne ſei, und dieſer gab zur Antwort: er reiſt auf den Doͤrfern umher und ſucht Genie's auf. Es iſt ein Englaͤnder, der aber ſchon lange in Deutſchland ſich umhertreibt. Einen Bund hat er geſtiftet, der ſich die Geſellſchaft der Widergeburt nennt; denn er behaup⸗ tet, wir alten Leute muͤßten von den Kindern wiedergeboren, und nicht die Kinder von den Vaͤtern, ſondern die Vaͤter von den Kindern zur Welt gebracht werden. Aber er iſt ein reicher Mann, und iſt nicht allein vermoͤgend fuͤr ſich, ſondern hat auch eine große Kaſſe unter ſich von den Geldern, die die Geſell⸗ ſchaft zuſammengeſchoſſen hat; daraus laͤßt er die Genie's ſtudieren. Und nun ſagt er: ich ſchaffe euch den Miniſter, ich ſchaffe euch den General, den Philoſophen, den Dichter, in jedem Fache den erſten, und an euch uͤbrigen Hundsfoͤttern iſt dann weiter nichts gelegen; ihr ſeid nur da, um zu tanzen, wie jene auf⸗ 242 342 ——— / ſpielen— und taugen die etwas, ſo koͤnnt ihr am Ende ſagen: ich habe durchs ganze Leben einen recht guten Tanz gemacht; und damit koͤnnt ihr euch ruhig ſchlafen legen. Es ſcheint faſt, der Herr ſieht uns fuͤr eine Heerde Schafe an, die immer dem Leitham⸗ mel nachſpringen.— Jetzt kam der Men⸗ ſchenreſtaurateur ins Zimmer zuruͤck. Nun wie gehts? ſing der Tadler an, habt ihr viel Mizßwachs gehabt oder ſind die Zoͤglinge gut eingeſchlagen, ſteht der Flachs huͤbſch hoch oder bluͤhet er ſchon? Ich fuͤrchte, ich fuͤrchte, wenn ihr die junge Saat ſo ſtark duͤngt, ſo wird euch alles ins Stroh wachſen; der Gelehrte, mein ich, muß aus der Faſtenzeit gar nicht herauskommen, ſonſt thut er nichts, und das Geuie muß ſich durch Steine hindurch arbei⸗ ten, ſonſt hat das Gewaͤchs keine Kraft.— Was ihr da redet entgegnete der Reſtaura⸗ ceur; es ſcheint faſt, ihr glaubt, es waͤren anfaugs Steine geſaͤet und daraus waͤren Men⸗ ſchen geworden. Gehoͤrt denn zum Wachs⸗ 343 —-— thum außer dem guten Kern nicht auch eltt guͤnſtiger Boden, nicht auch Thau, Negen und Sonnenſchein? Meint ihr denn, daß die Eiche immer erſt einen Felſen wegwaͤlzen muß, wenn ſie eine Eiche werden ſoll? Euklides lebt noch, Sokrates auch und Homer dazu, aber ſie liegen unter Steinen begraben und kommen dort um. Nun geh ich umher und lockere hie und lockere da, und ſieht ein herrlicher Keim hervor, ſo leite ich den Bach von dem Un⸗ kraut und den Gänſeblumen weg und bringe ihn zu dem edlen Sprößling. Darin habt ihr freilich recht, grade, wo die Steine liegen, ſindet ſich die groͤßte Stammhaftigkeit und Hartnaͤckigkeit, und aus der phyſiſchen Tuͤch⸗ tigkeit geht nachher auch der Geiſt am kraͤf⸗ tigſten hervor; niemals aber iſt es umgekehrt. — Da, ja, brummte der Tadler, ihr habt der Natur allerdings etwas abgelauſcht: ihr koͤnnt einen Strom bis zur Quelle verfolgen, aber, wenn ihr eine Quelle ſeht, koͤnnt ihr auch ſagen, welch ein Fluß daraus werden 344 wird?— Bei einem großen Manne will je⸗ der das Genie ſchon in ſeiner Kindheit geſehn haben; aber die Bemerkung koͤmmt gewoͤhnlich erſt nachher. Die Kinder, welche man fruͤh ſchon als Genie's bewundert, zeigen ſich in der Regel nachher als mechaniſche Köpfe: das Auffallende, das Verſtaͤndliche in ihrem bun⸗ ten Treiben ſind fruͤhe Fertigkeiten, worin ſie leider aber auch ſelbſt fruͤh fertig werden. Jede große Geiſteskraft ſtrebt aus dem Dun⸗ keln hervor, und ſeine Spur iſt oft nur ein chaotiſches Gaͤhren, wobei die Lehrer an einer Geſtaltung verzweifeln. Ihr ſtellt Fallen auf, um das Genie einzufangen, und wenn ihr das Ding aufzieht, huͤpft eine Eidechſe her⸗ aus.— Der Reſtaurateur erwiederte drauf: ich weiß ſchon, ihr glaubt an nichts; die Aus⸗ nahme macht ihr zur Regel. Da muͤßte man ja auf keiner Schule mehr wiſſen, was ein guter Kopf ſei. Ich verſichere euch aber, die. außerordentliche Anlage verraͤth ſich da grade am erſten, wo ſie die wenigſte Anreizung ſin⸗ 345 —-— det; unter Bauerkindern getraue ich mir weit eher die Genie's heraus zu leſen, als auf ge⸗ lehrten Schulen. Denkt ihr denn, daß ſich hier durch Beobachtung nicht auch etwas ler⸗ nen laͤßt? Man hat bis jetzt viel zu wenig die Kindheit der Menſchen mit ihren ſpaͤtern Jahren verglichen. Die fruͤhen Merkmale ſind da, wir haben uns nur noch zu wenig darum bekuͤmmert.— Nun gut, ſagte der Tadler, geſetzt, ihr habt die Genie s wirklich arretirt, wer ſoll ſie darauf erziehen?— Als ob es nicht die herrlichſten Schulanſtalten gaͤ⸗ be! entgegnete jener frohlockend, und glaubte nun ſchon uͤber den Tadler den Sieg davon getragen zu haben. Aber dieſer ſchlug ein lautes Gelaͤchter auf. Ich will euch ſagen, faͤgte er hinzu, wer die Genie's erzieht, und wer ſie auch verdirbt. Es iſt das Zeital⸗ ter, und dazu gehoͤrt der Hausknecht ſo gut, der euer Pferd fuͤttert, als ihr, der darauf umher reitet. Und wenn die Prinzeſſin und das Kammermaͤdchen, die Koͤnigin und die 346 Kuͤchin, der Hofmarſchall und der Marqueur, der Kuͤſter und der Keſſelflicker dagegen ſind, ſo hilft euch alle eure Anſcrengung nichts; eure Zucht wird wieder in Grund und Boden getreten. Das iſt eben die Witterung des Himmels, der Sturm, Thau und Regen, wovon ihr vorhin ſpracht.— Bei dieſen Worten naͤherte ſich ein Bettelmoͤnch, der bis⸗ her in einem Winkel ruhig zugehoͤrt hatte; er erhob die Haͤnde und ſagte mit lauter Stim⸗ me: drum, lieben Freunde, laßt uns die Barmherzigkeit des Himmels anflehen, daß er nicht von uns ablaſſe, und nicht ermuͤde, uns zu erloͤſen. Des Menſchen Thun iſt eitel nichts, wenn der Schoͤpfer nicht ſendet Fruͤh⸗ regen und Spatregen und das Feld behuͤtet. Du, o Gott, leiteſt, wie Baͤche, die Herzen der Menſchen. Erbarme dich unſerer, wenn das Gemuͤth dorret und ſchmachtet. So fuhr er fort, und hielt eine foͤrmliche Predigt. Viele Leute traten heran und falteten ihre Haͤnde; aus dem Hof, aus den Staͤllen, aus 342 ——— den benachbarten Haͤuſern kamen ſie herbei, und die große Wirthsſtube wurde wie eine Kirche. Der Geniejaͤger aber warf ſich auf ſein Roß und ſprengte davon. Dem Tadler war es ganz recht, und er brummte noch, wie er zur Thuͤr hinausging: ſchon gut, Gott hat die Welt gemacht, mag er weiter ſorgen. Mirr ſchien es indeß doch, daß das Unter⸗ nehmen des erſtern nicht ſo ganz zu verwer⸗ fen ſein moͤchte und daß die Menſchheit davon vielleicht großen Nutzen zu erwarten habe, ja daß von dieſer Seite die immerwaͤhrende Er⸗ loͤſung, von welcher der Moͤnch ſprach, wohl noch am erſten erworben und gewonnen wer⸗ den koͤnne. — Zwei und wanzigſtss Eapicel. eben a uf der univerſitat. Wir mietheten uns auf der Univerſitaͤt ein geraͤumiges Quartier, und Eduard freute ſich zum erſtenmal in ſeinem Leben der Freiheit und der Selbſtſtaͤndigkeit. Fuͤr die beſonders, welche auf der Schule ſtreng gehalten werden, iſt der Abſtand des Studentenlebens dagegen gar zu groß, und der Student weiß nicht gleich, was er mit der Freiheit anfangen ſoll. Ueberhaupt iſt ſein Zuſtand einzig in ſeiner Art, weil er aus allen buͤrgerlichen Verhaͤlt⸗ niſſen heraustritt, und eine Unabhaͤngigkeit ge⸗ nießt, wie ſie in der Regel ſonſt nie in eines MNenſchen Leben vorkommt, und wie ihm auch nachher nie wieder zu Theil wird. Nimmt man noch dazu die Jahre der erſten vollen Jugendkraft, die zugleich mit Bildung, mit 3⁴49 vielen Kenutniſſen verbunden iſt, ſo muß man ſagen: der Studeut iſt eine eigene Erſchei⸗ nung. Seine Jugend reizt ihn, etwas mit Muth, mit Feuer anzugreifen, und mit an⸗ dern einen Wettkampf zu beſtehen, der ihm Ehre bringt. Aber damit will ſein Schlen⸗ dern ins Collegium, ſein ruhiges Praͤpariren und Repetiren„ um das ſich der Profeſſor wenig oder gar nicht bekuͤmmert, keinesweges ſtimmen. Auf der Schule war das anders: er ſah uͤberall Mitſtreiter an ſeiner Seite, mit denen er ſich meſſen, denen er zuvoreilen konn⸗ te. Hier hat er nur Schreibmaſchinen neben ſich, und niemand fragt, wie viel er oder der andere weiß. Da iſt es denn in der Regel, daß der wiſſenſchaftliche Eifer, ſtatt erſt recht aufzuflammen, hier bald erkaltet und bei man⸗ chem ganz erliſcht. Es iſt ein mechaniſches Schneckenleben, das dem Jugendfeuer oft un⸗ ausſtehlich wird. Man kommt zuſammen, ohne der Wiſſenſchaft, die man treibt, auch nur mit einem Worte zu gedenken, in der 3 S50 — taͤglichen Einfoͤrmigkeit fehlt es an Begeben⸗ heiten, an Stoff zur Unterhaltung, an Ver⸗ anlaſſungen, die eine Wechſelwirkung hervor⸗ braͤchten. In dieſem muͤßigen Daſein ſieht ſich nun das regſame Gemuͤth genoͤthigt, ſich ſelbſt ein Leben und Verhaͤltniſſe um ſich her zu erſchaffen, zu erdenken und zu erzwingen: ſo entſteht der Burſchencomment, ſo bilden ſich Orden und Landsmannſchaften und es giebt bald allerhand Haͤndel und Ehrenſachen, denn eine Unmoͤglichkeit iſt es, daß ſich viele junge Leute neben einander befinden, ohne in irgend einen Wetteifer mit einander zu treten. Die erſte und groͤßte Aufgabe waͤre alſo von Seiten der Univerſitaͤt und der Profeſſoren, etwas aufzuſtelee, wodurch die Aufmerkſam⸗ keit der Studierenden auf wiſſenſchaftliche Ge⸗ genſtaͤnde und zwar oͤffentlich zu einem ſolchen Wetteifer geleitet wuͤrde, daß jeder Ehre un⸗ ter ſeines Gleichen damit gewinnen koͤnnte. Die Collegia mit praetiſchen Uebungen ſind, obwohl loͤblich und nuͤtzlich, doch nur erſt ein 4 351 —— Schatten davon. Die Diſputationen beſtehen groͤßtentheils in bloßen Wortgefechten, die noch dazu unter den Diſputirenden oͤfters ſchon vorher verabredet und von einem ganz andern, als der da ſpricht, gedacht und eingefluͤſtert ſind. Nein, es kaͤme darauf an, daß ſich ein Student wirklich fuͤr eine Sache, fuͤr eine Wahrheit, fuͤr einen Zweig einer Wiſſenſchaft, fuͤr irgend eine Behauptung intereſſirte, und in weſſen Gemuͤth wird ſich nicht irgend ein ſolcher Gegenſtand vorfinden!— Dieſen muͤßte man erforſchen, hervorrufen, hervorlocken. Umgang, Unterredungen, ſchriftliche Aeuße⸗ rungen koͤnnen dazu dienlich ſein. Und warum ſollte es nicht auch dem Profeſſor gelingen, durch ſeinen Vortrag, durch ſeine Schriften und muͤndlichen Mittheilungen die Aufmerk⸗ ſamkeit auf irgend einen Streitpunct zu zie⸗ hen, fuͤr den ein jugendliches Gemuͤth ſich gern ereifert? Damit rufe man die Geſammtmaſſe der denkenden Mitſtreiter auf, und laſſe jeden ſeine Meinung friſch, wie ſie aus ſeinem Bu⸗ 35² 6 ſen quillt, offentlich vertheidigen. Daraus werden Diſputationen hervorgehen, worin das wahre Leben, Geiſt, Seele und Feuer herr⸗ ſchen. Partheien werden ſich bilden, Strei⸗ tigkeiten werden ſich entzuͤnden, Haͤndel und Schlaͤgereien werden entſtehen. Ganz recht! Es iſt weit beſſer und fuͤr die Studierenden weit geziemender, daß ſie ſich fuͤr eine Wahr⸗ heit im Reich der Wiſſenſchaften ſchlagen und tödten, als daß ſie ſich um die Handbreite eines Steins oder um ein nichts ſagendes Wort oder um einen ſchelen Blick umbringen; es gaͤbe damm immer noch Mittel und Gele⸗ genheit genug, das Feuer zur rechten Zeit zu daͤmpfen. Mit der Thaͤtigkeit des Geiſtes muß ſich das Gefuͤhl ihrer Ehre verbinden! ſonſt ſind ſie in ihren Studien todte, ſeelen⸗ loſe Maſchinen, die in moraliſchem Sinne ſich ſchon hier, wie einſt andern das Leben (das Gefuͤhl fuͤr Wahrheit) rauben. Freilich wird dann die Vollſtaͤndigkeit des Collegien⸗ hefts ſtatt durch einen Ritt, durch einen Com⸗ merſch 333 —— merſch u. ſ. w., eher vielleicht durch eine Diſpu⸗ tation leiden, indeß— in jedem lebendigen Intereſſe iſt der Keim zu einem neuen Leben aufgegangen, das nachher auch das Entfern⸗ tere in ſeinen Kreis zieht, ſo daß doch wieder ein Ganzes herauskommt. d Um des naͤmlichen Zweckes willen waͤre es auch zu wuͤnſchen, daß die Profeſſoren die Wiſſenſchaften nicht immer von der Abgeſchloſ⸗ ſenheit, und gleichſam von hinten ſtatt von vorne anfingen, ſondern daß ſie dahin ſtreb⸗ ten, das Gefundene aufs neue zu beleben, auf ſeinen Urſprung zuruͤck zu fuͤhren, und in den Gemuͤthern der Zuhoͤrer aufs neue entſtehen zu laſſen. Statt deſſen prunkt man haͤufig mit hohen, ſchweren Saͤtzen, und ge⸗ fällt ſich darin, ein Raͤthſel nur wieder und, immer wieder in andere Worte zu kleiden, was mit allen Erklaͤrungen wol den Verſtand be⸗ ſchaͤftigt, aber den Geiſt nicht ergreift, nicht befruchtet. Der Zuhoͤrer fragt immer noch bei ſich ſelbſt: wie kommt man zu dieſen Säͤtzen? II. Theil. 3 2 354 und weil ihm die Gebankenſtufen, die vorher⸗ giugen, fehlen, erlangt er oberhalb keine Si⸗ cherheit und ſinkt nur mit einer Beute fuͤr ſein Gedaͤchkniß wieder auf die platte Erde zuruͤck. Unter Hunderten, die in den Hoͤrſaal eingehen, finden ſich kaum dreie, in denen das Wort des Lehrers lebendig wird,„ Würzal ſchl ägt und neue Bluͤten treibt. Dennoch— ſo unvollkommen auch die Anwendung iſt— bleibt eine Univerſitaͤt et⸗ was Außerordentliches, Kuͤhnes, Erhabenes, und die Ausfuͤhrung eines ſehr großen Gedan⸗ kens. Maͤnner, die ſich ganz und gar einer Wiſſenſchaft opfern, treten hin, um ſie in einer und derſelben Stunde nach Weſten und Oſten, nach Suͤden und Norden zu verbrei⸗ een, und die neuen Entdeckungen, die neuen Erfindungen und Gedanken von oben her gleich in das Leben zuruͤckfließen zu laſſen. Aus al⸗ len Provinzen, ja aus allen Laͤndern ſtroͤmen, wie Abgeſandte der Menſchheit, die wackern Soͤhne herbei, um die beſſere Belehrung lebend 355 —-— aus dem Munde eines einzigen zu empfangen, und von einem einzigen Puncte wie Strahlen von einer Sonne auf alle Staͤnde des Vater⸗ landes zuruͤck zu leiten. Der Verein von Leh⸗ rern in allen Wiſfenſchaften mit ihren Zuhs⸗ rern umher geben der Phantaſie den Aublick von ganzen Staͤdten und Laͤndern, deren Haͤupter hier gleichſam zuſammenragen. Und gluͤkkt auch nicht immer der Ruͤckgang der Wiſſenſchaften ins Leben, ſo iſt es doch ein großer Troſt, daß ſie ſelbſt bewahrt, gepflegt und aufbehalten werden, und uͤber allen be⸗ dingten Werkthaͤtigkeiten erhaben als eine ewig fortbluͤhende Pflanzung in reinerm Lichte be⸗ ſtehen, die ſchon goͤttlich an ſich iſt, aber auch bei der hoͤchſten Entfernung niemals ganz ohne wohlthaͤrigen Einfluß fuͤr die Welt bleibt. Zu allen dieſen Betrachtungen gab mir be⸗ ſonders das Beſuchen philoſophiſcher Collegien Gelegenheit, die ich am meiſten liebte, wo ich aber die Zuhoͤrer nicht empfaͤnglich und wirk⸗ ſam genug fand. Von da ging ich zur Juris⸗ 3 2 3⁵⁶ prudenz uͤber, wo die Vollſtaͤndigkeit der in einander greifenden Saͤtze, der Scharfſinn der Menſchen, aber auch ihre Truͤglichkeit mich in Verwunderung ſetzte. Je mehr ein Lehrer die moͤglichen Faͤlle aus dem Leben herleitete oder ſie nach der natuͤrlichen Folge der Ge⸗ danken ihrem Urſprung nahe brachte, deſto leichter, deſto lieber machte ich mir ſie zu ei⸗ gen; die aber mit kalten Zahlen, tabellariſch, mit todten Anhaͤufungen recht vieler Einzel⸗ heiten, mit Beeilung einer recht großen Voll⸗ ſtaͤndigkeit verfuhren, wurden mir am erſten beſchwerlich und ſchienen nur denen willkom⸗ men zu ſein, die gern recht ſchnell fuͤr das Gedaͤchtniß ſammlen, um deſto eher die Uni⸗ verſitaͤt verlaſſen zu koͤnnen. Eduard wetteiferte anfangs im gleiß mit mir, doch weil ſein gefuͤhlvolles Herz auch be⸗ ſchaͤftigt ſein wollte, ſo zerſtreuten ihn bald mehrere Bekanntſchaften, Freundſchaften und Liebſchaften. Vorzuͤglich zog ihn eine Profeſ⸗ ſorstochter an, die er die goͤttliche Auguſta 35⁷ — nannte, die um ſo mehr Aufmerkſamkeit ver⸗ diente, je groͤßer in der Stadt der Mangel an eigentlich huͤbſchen Maͤdchen war. Die Schoͤnheit will unter der Laſterhaftigkeit nicht gedeihen, und an dieſer Univerſitaͤt, wie an den meiſten, waren die Buͤrger in ihrer mo⸗ raliſchen Beſchaffenheit eben keine Muſter. Schon der beſtaͤndige Wechſel von Perſonen, die Nahrung ins Haus bringen, verdirbt das Herz, indem alle perſoͤnliche Theilnahme er⸗ liſcht, und die Menſchen wie Waaren ein⸗ und auspaſſiren. Die Unordnung des einen fuͤhrt die Betruͤgerei des andern herbei. Und weil jener den Herrn ſpielt, dient er auch den Buͤrgern, die doch weder durch ihren Stand, noch durch Jugend dazu berechtigt ſind, zu einem Vorbilde der Nachahmung. Es geht alſo eine ganz unnatuͤrliche Zuſammenſetzung hervor, die der Student nicht ohne Gering⸗ ſchaͤtzung den Philiſter nennt. In dieſem Feuermeer der auf⸗ und abwallenden Jugend ſind beſonders die Toͤchter der Stadt ſehr uͤbel 58 ——— daran. Wo ſollen ſie ihr Ohr verbergen, daß ſie nicht Worte hoͤren, welche ihr jungfraͤnli⸗ ches Zartgefuͤhl verletzen, ja wie ſollen ſie ihr Herz gegen ſo viele Blicke verwahren! Wie leicht geht ihre Tugend— ſchon durch die Einwirkung der Gedanken— und mit derſel⸗ ben auch die Anmuth ihrer Seele und dann der Ausdruck derſelben, ihre Schoͤnheit ver⸗ loren!— So galt nun Juſtchen fuͤr die Schoͤnſte der Stadt, ob ihr gleich die Ju⸗ gendfriſche der Wange und jene befangene Naivetaͤt fehlte, die, einmal verloren, nie wieder kehrt. Da ihre Mutter auch noch An⸗ ſpruͤche machte, ſo wurden fleißig Geſellſchaf⸗ ten gegeben, und Eduard und ich pfiegten nicht vergeſſen zu werden. Ich war durchaus däbei noͤthig, um mich mit der Mutter zu unterhalten, waͤhrend Eduard mit der Toch⸗ ter ſprach, und ich ermangelte nicht, jener ſo viel Aufmerkſamkeit zu ſchenken, daß ſie ihre Tochter daruͤber ganz aus dem Ange verlor. Der Herr vom Hauſe ließ manches höͤren, 359 ——— das entweder in leichtfertigen Aneedoten beſtand oder eine Ergaͤnzung ſeines Vortrages vom Eatheder ausmachte und wobei er unertruͤglich zuſammenhaͤngend ſprach. Meine Ohren hat⸗ ten dabei mehr zu thun als meine Zunge, denn ein Poofeſſor iſt gewohnt, immer recht zu haben, und kann er dabei einen Hieb auf ſeine Collegen, Gegner und Nebenbuhler an⸗ bringen, ſo iſt ſeine Freude vollkommen, und wer mit lacht, erzeigt ihm einen großen Ge⸗ fallen. Dieſe Bekaͤmpfung und Befeindung der Herrn Collegen moͤchte nun noch hinge⸗ hen, denn ſie fließt ſchon aus dem Eifer fuͤr die Wiſſenſchaften und aus dem Beſtreben, ſeine Behauptungen durchzuſetzen; wenn aber der Herr Profeſſor auch uͤber andere Dinge, die nicht in ſein Fach einſchlagen, abſprechend urtheilt, ſo iſt das ein großes Uebel, das nicht ſelten auch in der Literatur viel unnuͤtze Schrei⸗ berei verurſacht. Poſſierlich iſt es, wie Frau und Tochter etwas von dieſer Gelehrſamkeit, noch mehr aber von der Autoritaͤt des Pro⸗ 360 — feſſors annehmen. Die Frau Profeſſorin auf einer Univerſitaͤt(wenn die Stadt nicht groß iſt) weiß mit ſo vieler Wuͤrde zu praͤſidieren und bei der Begruͤßung ſitzen zu bleiben, daß eine Praͤſidentin von ihr lernen koͤnnte.— Wie die Toͤchter die Gelehrſamkeit einmiſchen, davon erlebte ich uͤber Tiſche bald ein Beiſpiel. Es entſtand einmal eine fatale Pauſe, die der Mamſell beſonders unangenehm fiel, weil ſie nicht ihr heimliches Gefluͤſter mit Eduard fort⸗ ſetzen konnte; um alſo das Geſpraͤch wieder in Gang zu bringen, warf ſie ſchnell die Frage auf: ob wohl eine Nothluͤge erlaubt iſt? Ei⸗ gentlich hatte ſie ſchon durch dieſe Frage ſelbſt mit Ja darauf geantwortet, weil ſie nach ei⸗ ner Sache ſich wißbegierig ſtellte, die ihr doch voͤllig gleichguͤltig war. Ich haͤtte alſo gern hinzufuͤgen moͤgen: wie iſt eine Nothfrage von einer Nothluͤge zu unterſcheiden? wenn ich nicht gefuͤrchtet haͤtte, die Zufriedenheit des Geſichts zu ſtoͤren, worauf meines Eduards Blicke enheten. Das Geſpraͤch kam auch wirk⸗ 361 —- lich wieder in Gang, indem der Papa ſelbſt das Wort aufhob und ſagte: ja, was i ſt aber eine Luͤge? das verdient zuvoͤrderſt eine Eroͤrterung.— Das Paͤrchen hoͤrte nicht weiter auf die Entſcheidung der aufgeworfenen Frage, ſondern dachte nur an eine Eroͤrte⸗ rung fuͤr ſeine eigenen Angelegenheiten, indem. es allmaͤhlig mit dem Stuhle ruͤckte, und ſich darauf bald aus dem Kreiſe der Geſellſchaft verlor. Das Schlimme dabei war, daß Auguſte bei ihrer Liebe auch an ihre Verſorgung dach⸗ te, Eduard dagegen nur Liebe, und nur im⸗ mer Liebe wollte. Dieſe Ungewißheit bei ihrer Leidenſchaft erzeugte bald Argwohn und Eifer⸗ ſucht, und ſie verfolgte mit Nachforſchungen ihren Geliebten auf allen Schritten und Tritten. Nun war kuͤrzlich ein ſehr keuſches und zuͤch⸗— tiges Maͤdchen wegen ſeiner Schoͤnheit in Ruf gekommen, das auf alle uͤbrigen, wenn auch nicht ſtolz, doch mit Zufriedenheit ſehr hoch herabſah, denn es war die Tochter des Thuͤr⸗ 36 ——— mers. Dieſe aufbluͤhende Schoͤnheit waͤre vielleicht den Muſenſoͤhnen noch lange verbor⸗ gen geblieben, wenn nicht den vorigen Som⸗ mer ein ſchreckliches Ungewitter, das mit Win⸗ deseile ſchwarz und fuͤrchterlich heranflog, einen ſchmetternden Blitz in den Thurm hinabge⸗ „ſandt und dem Thuͤrmer— ein Schwein er⸗ ſchlagen haͤtte. Dadurch erfuhr man erſt, daß ſich dort oben ſogar Thiere befaͤnden, die ſonſt nur gar zu gern in der Erde wuͤhlen, und jedermann war neugierig, die Oekonomie und Einrichtung des Thuͤrmers kennen zu lernen. Da blieben nun im Heraufſteigen die Studen⸗ ten gleich auf der Treppe wie angezaubert ſte⸗ hen beim Anblick der ſchoͤnen Tochter, die hier ſo hoch ihre Unſchuld bewahrt hatte. Nur ſelten war ſie dis jetzt in die Stadt hinabge⸗ kommen, und ein Beſuch in ihrer Behauſung uͤberraſchte ſie daher deſto angenehmer. Man hatte ſonſt die Ausſicht vom Thurm nicht ſon⸗ derlich gefunden, aber jetzt war jedes gefuͤhl⸗ volle Herz davon entzuͤckt, und es gehoͤrte 363 —— von der Zeit an zu den ſchoͤnſten Luſtparthien, auf den Thurm zu ſteigen und deim Thuͤrmer Caffee zu trinken, ſo hoch dieſer auch zu ſtehen kam. Beſonders pflegte Eduard an der zu⸗ vorkommenden argloſen Artigkeit und Freund⸗ lichkeit des Maͤdchens ſich gern zu ergoͤtzen. Mancher aber meinte es ernſtlicher, und einer ſogar entbrannte von ſo heſtiger Leidenſchaft zu ihr, daß er oft wie ein Sturmwind hin⸗ auf flog, und alle, die ſich nicht recht auf ihre Klinge verlaſſen konnten, hinunter wet⸗ terte. Es war ein Lieflaͤnder von rieſenhafter Groͤße, die Haare bis auf die Schultern her⸗ abhangend, die Augen voll Leben und Glut.— Als nun Auguſte, die Profeſſorstochter, ihre Liebe durch die ſchoͤne Thuͤrmerin gefaͤhrdet glaubte, ſann ſie darauf, wie ſie dem Eduard den oͤftern Thurmbeſuch verleiden koͤnnte, und ihre Eiferſucht ging zuletzt bis zu der Raſerei, daß ſie ſelbſt das Leben deſſen in Gefahr zu ſetzen kein Bedenken trug, den ſie eher mit Gefahr ihres eigenen Lebens haͤtte erhalten 3⁶ —-— und ſchuͤtzen ſollen. Sie verrieth naͤmlich in ihrer Unbeſonnenheit die Stunde, die ſie zu⸗ vor erforſcht hatte, wo Eduard allein und heimlich zum Thurm hinaufſtieg, an den ra⸗ ſenden Lieflaͤnder. Dieſer, vor Liebe und Wuth ſchnaubend, eilte ſogleich nach, und ein fuͤrch⸗ terlicher Auftritt ſetzte die ganze Stadt in Be⸗ wegung. Eduard ſtand eben bei den Glocken, und hatte den Strang des Anſchlaͤgers gefaßt, als der ergrimmte Raufbald auf ihn zuſtuͤrzte, und ihn kraͤftig mit beiden Haͤnden ergriff, um ihn mir nichts dir nichts durch das Schallloch in die Stadt hinunter zu ſchleudern. Alles Rufen des armen Eduard in dieſer Himmels⸗ ſphaͤre waͤre vergebens geweſen; er bedachte ſich alſo nicht lange, den Strang, den er in ſeinen Haͤnden hielt, in der hoͤchſten Noth, die ihm noch groͤßer ſchien, als jedwede Feu⸗ ersgefahr, aus allen Leibeskraͤften anzuziehen, ſo daß die Glocke mit fuͤrchterlich bebender Stimme die Stadt fuͤr ihn um Huͤlfe anrief und in ſtuͤrmender Eile ihre Schlaͤge verdop⸗ pelte. Da ſtuͤrzten die Buͤrger aus ihren Haͤu⸗ ſern, die Studenten aus ihren Hoͤrſaͤlen, die Handwerker von ihren Seſſeln, die Soldaten unter das Gewehr. Hier kamen die Spritzen und dort die Schleifen mit Waſſerbutten ge⸗ fahren; das Hausmuͤtterchen ſtand auf der Schwelle, ſchlug in ihre Haͤnde und ſchrie: gerechter Gott! ich zittere am ganzen Leibe! Bald eilte man in dieſe, bald in eine andere Straße, indem immer eine neue Vermuthung die Suchenden taͤuſchte, bis man endlich au⸗ hielt und die beſtimmtere Anweiſung vom Thuͤrmer erwartete.— Unterdeß hatte der grimmige Lieflaͤnder, von den Glockenſchlaͤgen uͤberraſcht, und in ſeiner Wuth von dem be⸗ benden Schall gleichſam noch uͤberboten, den am Strange feſthaltenden Eduard fahren laſ⸗ ſen, und war bei den Fluͤchen und Drohun⸗ gen des hinauf eilenden Thuͤrmers in deſſen Zimmer hinabgeſtiegen, wo er ſich an das Fenſter ſetzte, um bei einer Taſſe Caffee von da herab ganz ruhig dem Getuͤmmel der Stadt 3866 zuzuſehn, in welchem die Menſchen eilfertig umherlaufend ihm erſchienen wie Gewuͤrme, das auf Erden kreucht. Eduard kam noch ganz erſchrocken nach Hauſe zuruͤck, und mußte den folgenden Tag mit ſeinem Gegner vor dem academiſchen Se⸗ nat erſcheinen, welcher die große Noth, in welcher er geſchwebt hatte, wohl begriff, und ihn deshalb nur mit einer leichten Strafe be⸗ legte, waͤhrend er den Lieflander, der ſich ſchon durch mehrere Duelle furchtbar gemacht hatte, auf der Stelle von der Univerſitaͤt ver⸗ wies. Die ſchoͤne Thuͤrmerin mußte fortan in ihren Thurm wie eingeſperrt verbleiben, und bei der ganzen Sache hatte niemand wei⸗ ter Freude, als die Wirthe, die auf einmal nach ihres Herzens Wunſch die Tabagie in der Luft aufgehoben ſahen. Auf Auguſten fiel die groͤßte Strafe zuruͤck„ indem ſie nicht nur von Eduard, ſondern nun auch von ihren uͤbrigen Liebhabern um der Verraͤtherei willen verlaſſen wurde. Dieſer tolle Vorfall hatte 367 — ſich der Stadt ſo eingepraͤgt, daß die Buͤr⸗ ger nach vielen Jahren noch davon erzaͤhl⸗ ten, und auch Spottlieder kamen zum Vor⸗ ſchein, wovon eins der beſſern ohngefaͤhr alſo lautete: 3 Wohin fuͤhren wir die Spritzen? Wo erhebet ſich die Flamme?— Geht nach Hauſe, lieben Buͤrger⸗ Unausloſchlich brennts im Herzen. Röschen hat die Glut gezündet, In dem Thurme brenuts da oben; Wie wir kamen, um zu loͤſchen, Hat uns auch die Flamm' ergriffen. Was ſind Kruͤge, Waſſereimer, Was ſind Baͤche, tieſe Brunnen, Alle moͤgen ſich erſchoͤpfen, Immer wieder brennts von neuem. Lippen koͤnnen Kuͤhlung geben, Doch wo nimmt der ganze Himmel So viel Thau von ſuͤßen Lippen, Auszuthun dies Heer von Flammen 366 Schaͤtze, ſagt man, gluͤhn in Vergen, 1 Dringen durch mit Flammenſpitzen, 2 So die Schonheit auch im Thurme Guͤnzt und funkelt durch Geiäuer. — Laßt es brennen, lieben Buͤrger, Eilt zuruͤck in eure Haͤuſer, Noch daheim ſind zu bewahren Viele Flammen eurer Toͤchter. Drei 369 —-— Drei und zwanzigſtes Capitel. Ferienreiſe. 23 Um dem liebekranken Herzen meines trauten Eduard eine Zerſtreuung zu verſchaffen, ſchlug ich ihm eine Ferienreiſe vor, auf welcher wir — wie junge Leute pflegen— recht viel Be⸗ ſonderes zu erleben wuͤnſchten. Und es fehlte in der That nicht daran. Zwei Tage hindurch ſahen wir nur Berge und Thaͤler; als wir aber am dritten eben in ein Dorf einreiten wollten, um dort zu fruͤhſtuͤcken, kam ein junger geſetzter Mann daher geritten, der uns bekannt ſchien. Ei ſeht doch! ſagte er; guten Morgen, meine Herren. Dieſe letzten Worte gaben beſonders einen großen Wohlklang in unſern Ohren, denn der Mann, der ſie aus⸗ ſprach, war einer von unſern Lehrern auf der Schule geweſen, und hatte uns noch kuͤrzlich II. Theil. Aa 370 manchmal herunter geriſſen. Herr Gerber, wo kommen Sie denn hieher? fingen wir nun auch an: Ja, wie Sie mich hier ſehen, gab er zur Antwort, reite ich im Lande umher, um mir eine Frau zu ſuchen; denn mit der Predigerſtelle, die mir, wie Sie wiſſen, von der Schule zugefallen, iſt eine ziemlich große Wirthſchaft, und die eigene Behanung der Aecker verbunden. Ich haͤtte zwar fuͤr mich beſſer gethan, ſie zu verpachten, aber weil ich alles ſo huͤbſch bei einander fand, wollte ich die ſchoͤne Einrichtung nicht zerſt en, und uͤbernahm gleich das gauze Weſen mit Schiff und Geſchirr. Ich fuͤhle nun aber, daß ich dem Hausweſen mit einer alten Haushaͤlterin ohnmoͤglich laͤnger vorſtehen kann und daß ich dazu eine verſtaͤndige Frau haben muß, die die Sorgen mit mir theilt. Sie wiſſen, ich habe Ihnen immer Philoſophie vorgetragen, und verſtehe den Kuckuk von der Landwirth⸗ ſchaft, und ob ſich gleich darin auch mit der Zeit etwas lernen laͤßt, ſo ſeh' ich doch ein, 371 —— daß ich ohne eine Frau mit dem Geſinde ſchlecht fertig werden wuͤrde. Deshalb hab ich mir vom Conſiſtorium Urlaub erbeten, eine Reiſe durch die Provinz machen zu duͤrfen. Du lieber Gott! auf der Schule bei den Buͤ⸗ chern habe ich mich wenig um Frauenzimmer bekuͤmmern koͤnnen, und jetzt— wo nehme ich nun gleich her, was ich brauche! Ich wuͤnſchte in der That, daß es Leute gaͤbe, bei denen man wegen der unverheiratheten Frauen⸗ zimmer gleich Erkundigung einziehen koͤnnte, die waͤren der Welt noͤthiger und heilſamer, als alle Zeitungen und Intelligenzblaͤtter. Zu einem ſolchen kaͤme ich und ſagte, was ich noͤ⸗ thig haͤtte, und er ſagte mir wieder, wo ich es ſinden koͤnnte. Großer Gott! die Wahl geſchieht doch nur ſo im Ganzen, um aufs Einzelne zu gehen, hat man viel zu wenig Gelegenheit, und in den aͤußerlichen Hauptſa⸗ chen, was ſo in die Sinne und in menſchliche Begriffe faͤllt, hat ein anderer eben ſo gut Augen als unſer eins, und ſieht bei mehr Aa 2 372 Welt⸗ und Menſchenkenntniß wol noch etwas weiter. Man hat mich da freilich auch an einen Mann gewieſen, der rechts und links um ſich her freiwerbert, aber der ſcheint mir die Gewohnheit der Buchhaͤndler zu haben, die in ihren Anzeigen ihre Verlagsartikel uͤbermaͤ⸗ ßig loben, und behaupten, daß ſie fuͤr jeder⸗ mann zu gebrauchen waͤren. Das ſteht mir nun eben nicht an, ich liebe das Beſtimmte. Auch geſiel mir ſchon der Titel des Mannes nicht, denn man nennt ihn im ganzen Lande den Stabstrompeter. Was Kuckuk! dachte ich, wie kommſt du mit einem Stabstrompe⸗ ter zuſammen!— Ach! den kenne ich, fuhr ich jetzt heraus, der kann luͤgen wie ein Hirſch nauft, doch iſt es nicht zu leugnen, daß er weit und breit, beſonders auf dem Lande, viele Menſchen kennt und ſie wohl zu beurtheilen weiß.— Ja, das habe ich auch ſelbſt an ihm erfahren, erwiederte der junge Paſtor, doch——. Indem waren wir vor dem Wirthshauſe auf einem freien Platze im Dorfe 373 —— augekommen, und der Paſtor ſtieg mit uns ab. Wir ließen ein Fruͤhſtuͤck auftragen„ ſo gut es nur zu haben war, und ermunterten unſern ehemaligen Lehrer zum Mitgenuß; aber er legte die Wange auf ſeine Hand und ſaß ſehr nachdenkend da. Hoͤren Sie, Herr Pa⸗ ſtor, fing ich jetzt an, Sie ſehen mir faſt aus nicht wie einer, der eine Frau ſucht und nicht finden kann, ſondern wie einer, der ſchon eine weiß, die er gern moͤchte, die aber gleich der goldenen Frucht im Garten der Heſperiden von einem Drachen bewacht wird. Da hob er Haupt und Blick auf und ſagte, indem er mich verwundert anſah, Sie haben es getroffen! Ich liebe und bin wieder geliebt, aber ein Drache verwehrt mir den Weg zu ihr. Das iſt eben die Bekanntſchaft, die ich dem Stabstrompeter verdanke und wieder auch nicht verdanke.— Was iſt das fuͤr ein Auflauf, fragte Eduard ploͤtzlich.— Viele Bauern zogen durch die Straße. Das iſt zum Gerichtstage, erwiederte der Wirth, es 27 37/4 ——— wird heute Schilds Hof verkanft— an den Meiſtbietenden. Es iſt eine Schande, wie der Gerichtshalter mit den Bauern umgeht. Wenn er ſieht, daß einer in Noth kommt, führt er ihn erſt noch tiefer hinein, belaſtet ihn, wie er weiß und kann, mit Vorſpann und Herrendienſt, mehr als alle andere, treibt mit Gewalt alle Forderungen ein, ſchont ihn auf keine Weiſe, und verwickelt ihn wohl noch obendrein in theure Prozeſſe. Vorzuͤglich iſt er drauf bedacht, bei Zeiten dem armen Teu⸗ fel Geld zu hohen Zinſen vorzuſchießen, und unn wartet er auf ein Ungluͤck; ſogleich iſt er da, ihn zu draͤngen und ihn vom Hoſe zu jagen. Das Gut wird angeſchlagen, und ſtel⸗ len ſich auch die Bauern um ihn her, ſo hat doch keiner das Herz, zu bieten, weil ſie ſchon wiſſen, daß er es kaufen wird, und jeder ſeine Rache fuͤrchtet. So hat er ſchon viele rechtſchaffene Leute zu Grunde gerichtet, und von ihrem Schweiß und ihren Sorgen ſich ein grotes Haus erbaut, das wie ein fuͤrſtli⸗ 375 —— cher Pallaſt von einer Anhoͤhe in die gande Provinz hineinſieht— dem Reiſenden eine Augenfrende, aber dem Unterthan ein Anblick zum Erbarmen. Jedermann nennt es auch die Thraͤnenburg.— Bei dieſen Wor⸗ ten ſprang Eduard hurtig von der Bank auf und rief: unerhoͤrte Schandthat, um ſo groͤ⸗ ßer, je verborgener ſie ausgeuͤbt wird! Komm, kaß uns hin, um Zeuge dieſer Schurkerei zu ſein. Ja, fuͤgte der Wirth noch hinzu, alles will von dem Bauer Gewinn und Vortheil ziehen, aber einer, der fuͤr ihn ſorgt und auf feiner Seite ſteht, iſt noch zu ſuchen; und nun ſoll er nicht mißtrauiſch ſein! Der Pre⸗ diger machte eine Bewegung mit der Hand und ſeufzte. Ich bat ihn, daß er bis zu un⸗ ſerer Ruͤckkunft auf uns warten moͤchte, und eilte mit Eduard unverzuͤglich nach dem Bauer⸗ hofe, wo die oͤffentliche Verſteigerung war. Da ſaß auf dem Stein vor der Pforte der Eigenthuͤmer des Hofes, ſtrich mit dem Kam⸗ me ſein Haar, immer und immer fort, bis 376 ——— das Blut herabſtoß. Er ſuchte ſich zu ſamm⸗ len, und trocknete den Schweiß von ſeiner Stirn, aber die Angſt kehrte immer wieder und riß die gefaltenen Haͤnde aus ſeinem Schooß. Zwei Enkelinnen kamen und draͤng⸗ ten ſich an ſeine Seite. Still, ſagte er, nur ſtill, ſie bieten ſchon, die Freunde werden nicht zuruͤck ſtehen. Waͤre mein Sohn nur hier, der Verwalter, er weiß, was der Hof werth iſt. Bekommt es der Juſtizrath, ſo ſind wird verloren, wir gehen vom Hofe wie Bettler.— Habt guten Muth, Vater, ſag⸗ ten wir zu ihm, das Gebot kann ja auch eure Schuld weit uͤberſteigen, denkt nur, wie hoch jetzt die Kornpreiſe ſtehn. Zuletzt muß doch Rath werden.— Wir gingen hinein und draͤngten uns durch die Kaͤufer hindurch, aber da war keiner, der den Mund aufthat, ohne vor dem Juſtizrath zu zittern. In dei⸗ nem Namen! ſagte ich zu Eduard und fing an zu bieten. Da ſah uns der Richter mit großen Augen an, und machte eine Pauſe und ſprach: ich muß noch einmal erinnern, daß hier niemand weiter bieten darf, als der ausweiſen kann, daß er auch das Vermoͤgen dazu beſitzt, um in drei Tagen zu bezahlen.— Ich fluͤſterte dagegen den Bauern zu, ſie ſoll⸗ ten nur wacker ſein, wir haͤtten ſo hohe Freunde in der Reſidenz, daß wir ſie wohl ſchuͤtzen köͤnnten. Nun ging auch das Gebot mit Rieſenſchritten in die Hoͤhe, und man ließ den Sekretair, wecher den Sachwalter des Iichters in der Kaufangelegenheit machte, kaum zum Worte kommen. Schon ſah ich mein Vorhaben gelungen, und wollte nach und nach zu bieten aufhoͤren, als Eduard ein Paar leiſe Worte hinter ſich zuruͤck ſprach, und ploͤtzlich alle Bauern verſtummten. Mein Gebot war das letzte, nnd das Gut wurde mir zugeſchlagen. Hilf Himmel! dachte ich, was iſt da anzufangen, du haſt noch ein Jahr Collegia zu hoͤren und kannſt dich unmoͤglich hieher ſetzen, um ein Bauerngut zu verwal⸗ ten; doch— ich durſte mir die Verlegenheit —8G S9 nicht merken laſſen. Und wer iſt der Kaͤufer? fragte der Juſtizrath mit hoͤhniſch laͤchelnder Miene. Ich, ſagte Eduard, und nannte ſei⸗ nen Namen; mein Vater leiſtet Buͤrgſchaft fuͤr mich. Ei; ſo, ſo! verſetzte der Gerichts⸗ halter, das wird ſich bald ausweiſen. Ihren Herrn Vater kenn' ich recht gut, aber Sie haben keine Vollmacht von ihm, und als Stu⸗ dent reiſt man nicht ſo im Lande umher, und kauft Bauerguͤter auf. Wehe Ihnen, wenn Sie nach drei Tagen nicht ihr Wort bethaͤti⸗ gen koͤnnen. Sie muͤſſen dann alle Unkoſten tragen, verfallen in Straſe, und es wird nach⸗ her ein neuer Verkaufstermin geſetzt.— Wahrſcheinlich haͤtte er auch den Kauf mit dem Beweiſe der Ungaͤltigkeit des Käͤuſers gleich uͤber den Haufen geworfen, wenn das Gebot nicht ſchon ſo hoch geſtiegen waͤre und er ſich nicht Hoffnung gemacht haͤtte, das Guͤtchen nachher auf einem andern Termin viel wohlfeiler zu erſchnappen. Hoͤre, wie klug ich es angefangen habe, —— 379 gagte Eduard, als wir nach dem Wirthshaufe zuruͤck gingen, ich machte den Bauern weiß⸗ du waͤrſt ein Prinz, der ſich in ihrer ſchoͤnen Gegend niederlaſſen wollte, und gkeich wagte kein Menſch weiter zu bieten, und wir haben auf dieſe Weiſe das Gut noch ſo ziemlich wohl⸗ feil erſtanden. Herrliche Streiche! erwiederte ich; du kannſt mich dadurch noch ungluͤcklich machen; wie kamſt du auf den Einfall, mich fuͤr einen Prinzen auszugeben? Weil ich weiß, entgegnete er, daß die Bauern davor einen großen Reſpeet haben. Aber wer ſoll denn den Acker bebauen, fragte ich, und pfluͤgen und ſaͤen, und das Dach uͤber dem Hauſe flicken laſſen, denn haſt du wohl geſehen, wie die Tauben durch die Ziegeln aus⸗ und ein⸗ flogen?— Laß das gut ſein, ſagte er drauf, mein Vater hat eine koͤnigliche Freude, wenn er hoͤrt, daß ich mich fuͤr etwas Reelles in⸗ tereſſire und ſchon ſo fruͤh meine Cameralſtu⸗ dien mit ſolchen practiſchen Uebungen ver⸗ binde. Er iſt ja ein reicher Mann, ſo ein 38⁰ Bauerhof iſt fuͤr ün eine whe Klei⸗ nigkeit. 2 Im Wirthshauſe erin heen wir bei un⸗ frmn Eintritte den Prediger, und glaubten, er waͤre ſchon abgereiſt, aber wie wir einen Blick in den Hof thaten, ſahen wir, wie er mit dem Juſtizrath, der eben ſeinen Kutſcher anſpannen ließ, ganz demuͤthig ſprach, und etwas zu bitten ſchien, wobei ſich der Juſtiz⸗ rath unwillig bald rechts bald links herum⸗ drehte, und endlich ihm ganz laut nachrief: bemuͤhen Sie ſich nicht weiter, daraus kann nichts werden!— Wir fragten ihn gleich drauf, was er mit dem Gerichtshalter vor habe.— Seinetwegen bin ich eben hieher gekommen, gab er zur Antwort; er verwei⸗ gert mir ſeine Tochter auf die ungerechteſte Weiſe. Eigentlich aber iſt es ſeine Frau, die ſo grauſam handelt, denn ſie iſt die Stief⸗ mutter von vier erwachsnen Maͤdchen, die alle Tage heirathen koͤnnten, die ſie aber unter mancherlei Vorwand davon zuruͤckhaͤlt, um 381 —-— hnen den Genuß des muͤtterlichen Erbtheils zu entziehen. Bald iſt der Freier nicht vor⸗ nehm, bald nicht reich genug. Die Kinder muͤſſen ihr als Maͤgde dienen, und ſind ſelbit lieber im Hof und in den Staͤllen, als unter den Augen ihrer ſcheltenden Stiefmutter. Un⸗ ter ihnen fand ich das Maͤdchen, das der Him⸗ mel fuͤr mich beſtitmt hat, ganz, wie ich ſie wuͤnſche, wie ich ſie mir nur traͤumen konnte; aber die tyranniſche Mutter ſpricht: Sie brau⸗ chen Geld in ihre Wirthſchaft, das Geld iſt es, was Sie ſuchen und nicht die Frau.— Wie, Herr Paſtor? begann ich, ſind Sie denn mit dem Maͤdchen einig, ſagt ſie Ihnen zu?— In Noth und Tod will ſie mir fol⸗ gen, entgegnete er, ja es waͤre ihr ſogar recht, wenn ich ſie mit Gewalt von da wegnaͤhme. Doch— bedenken Sie— ich bin ein Pre⸗ diger— wie wuͤrde es ſich fuͤr mich ſchicken, ein Maͤdchen zu entfuͤhren! das darf wohl ein Officier, ein Student— verzeihen Sie— aber—. Wiſſen Sie was, Herr Prediger, 382 ——— ſtel ich ihm ins Wort, wenn Sie das mei⸗ nen, ſo uͤbertragen Sie uns das Geſchaͤft. Wir wollen es auf das gewiſſenhafteſte voll⸗ fuͤhren, und Sie kennen uns ja als wackere Leute. Sie ſcherzen— ſagte der Prediger laͤchelnd, das moͤchte doch wohl ſo ſchnell nicht gehen.— Indeß ſeiner Miene ſah man an, wie ſehr er die Moͤglichkeit von dem wuͤnſch⸗ te, was er bezweifelte. Wie? fuhr ich fort, wollen Sie denn lieber mit dem Vater dar⸗ uͤber einen Prozeß anſangen? damit moͤchte es noch mißlicher ausſehn. Haben Sie aber erſt das Maͤdchen, ſo muß er auch mit dem Gelde von ſelbſt herausruͤcken, und Ihr Pro⸗ zeß iſt dann ſo gut wie gewonnen. Das iſt wahr— entgegnete er— aber wie? laͤßt ſich fragen, wann und wo? Gar vieles giebt es dabei zu bedenken.— Fuͤr Sie als Philo⸗ ſophen freilich, verſetzte ich drauf, aber bei andern heißt es: geſagt, gethan! Eben fuͤhrt man unſere Pferde vor; wir ſetzen uns auf, und reiten zuſammen nach Ihrer Wohnung.— 338 ——O Nach dieſen Worten ſchwangen wir uns jeder auf ſein Pferd, und es ſchien, daß der Pa⸗ ſtor, wie er erſt im Sattel ſaß, mehr Cou⸗ rage bekam, und nach Beſeitigung verſchiede⸗ ner Schwierigkeiten die Ausfuͤhrung des Plans, den wir ihm vorlegten, doch fuͤr moͤglich hielt. Freilich, ſagte er endlich, wenn es geſchehen ſollte, wuͤrde kein Tag guͤnſtiger ſein, als der heutige; denn der Juſtizrath iſt noch weiter gereiſt, um auch auf andern Doͤrfern Gerichts⸗ tag zu halten, und kehrt vor morgen Abend nicht wieder nach Hauſe zuruͤck. Seine Frau aber hat die Gewohnheit, alle Abend, wenn ihr Mann nicht zu Hauſe iſt, die Wirthſchaf⸗ terin des nahen Amtes zu beſuchen, um noch mehr in der Oekonomie von ihr zu lernen. Da ſind die Maͤdchen allein und blos von einer alten Magd bewacht, die mich ſchon ein⸗ mal zu ihnen eingelaſſen hat.— Waͤhrend dieſes Geſpraͤchs waren wir auf ſeiner Pfarre angekommen, wo unter den Gaͤnſen und Huͤh⸗ nern auf dem Hofe eben die groͤßte Lebhaftig⸗ 334 ——— keit herrſchte, indem eine junge Taube, die zu fruͤh aus dem Neſte geflogen, und unter die Huͤhner gefallen war, von ihnen wie ein Raub⸗ vogel behandelt und von ihren Schnaͤbeln und Krallen gewaltig zerhackt wurde. Sehen Sie da, ſagte ich, ſo mag es Ihrem Taͤudbchen auch ergehen! Eduard wunderte ſich uͤber die Nachlaͤſſigkeit, nicht einmal die fluͤggen Tau⸗ ben aus dem Neſte zu nehmen; nein, fuͤgte er hinzu, Sie muͤſſen machen, daß Sie eine Frau bekommen.— Er befahl der alten Haushaͤlterin, fuͤr uns das Mittagseſſen zu beſchleunigen, aber ſie lief eben mit Salz uͤber den Hof zum Stalle, wo ein neues Kalb ge⸗ boren war, und ſagte, ſie haͤtte keine Zeit, ſo daß wir mit Augen ſahen, wie der Paſtor bei der Wirthſchaft in ſteten Sorgen ſchwebte. Er mußte ſelbſt auf die Rauchkammer gehn, um das fehlende Fleiſch durch geraͤucherte Schinken zu erſetzen, von wo er ſo ſchwarz zuruͤckkehrte, daß ein Beichtkind, welches eben eintrat, ſich einen Taufſchein zu holen, ihn kaum erkannte. Der 385 — Der Knecht, der mit dem Pfluge vom Felde zuruͤckkam, brummite, daß er heute noch eine Luſtfahrt machen und den angebrochenen Acker liegen laſſen ſollte. Doch kam den Nachmittag noch alles in Richtigkeit. Die Haushaͤlterin mußte die Sonntagskleider an⸗ ziehn, und ſich in den halbdedeckten Pfarr⸗ wagen ſetzen, welchen wir neben her zu Pferde begleiteten. Auch hatte der Prediger uns el⸗ nen Brief mitgegeben, der uns mit ſeinen eigenen Worten bei ſeiner Charlotte beglaubie gen ſollte. aNaeSe Wir richteten es ſo ein, daß wir erſt in der Daͤmmerung bei der Thraͤnenburg aulang⸗ ten, und ließen in einem Waͤldchen uicht weit davon halten, von wo er auf ein gegebenes Zeichen ſchnell herbeieilen ſolte. 9 Hir ritten⸗ bis nahe an den Garten heran und drauf um das ganze Gehöfte herum, um erſt die Sichert heit der Gegend zu erforſchen. Dann banden wir unſere Pferde an einen Zaun, und gingen zur Pforte. Da wir ſie verriegelt fanden, ſo ließen II. Theil. Bb 38 — wir nach der Vorſchrift des Braͤutigams den Schlaͤgel dreimal auf das Eiſen fallen, daß es bei der Stille des Abends einen durchdringen⸗ den Schall gab. Sogleich kam mit halb zer⸗ ſereutem Haar eine Magd, finſter und ver⸗ drießlich wie ein Schneegeſtoͤber, und oͤfnete uns. Auf unſere dreiſte Frage nach Charlot⸗ ten brummte ſie: nur die Treppe hinauf! Und, indem wir in der Dunkelheit die Haͤnde zu Hülfe nahmen, gelangten wir nach man⸗ chem Anſtoß gluͤcklich bis zu der Thuͤr, wo Charlotte verborgen war. Wir traten hinein. Die vier Maͤdchen ſaßen an einem Tiſch um eine Lampe, und Gaͤnſe und Federn lagen im ſie herum, die eine rupfte die Gans, die andere nahm ſie aus, die dritte ſonderte die Dunen von den Federn, und Charlotte war beſchaͤftigt, ſie gleich zu ſchleißen. Wir bringen euch Gluͤck, lieben Kinder, ſagte ich gruͤßend, und auch hier begegnen uns guͤnſtige Zeichen, denn ſicher ſind dieſe Federn zu Braut⸗ betten beſtimmt, und ſo trete ich heran, nehme dieſe, zerreiße ſie und ſpreche: Mamſell Char⸗ lotte, auf Ihr Wohlſein! Nun erkannte ich gleich an der veraͤnderten Miene, welches Charlotte war, und uͤberreichte ihr den Brief ihres Braͤutigams. Als ſie denſelben geleſen hatte, ſah ſie mich verwundert an, und wink⸗ te drauf mir und ihrer Schweſter Caroline, ihr in ein anderes Zimmer zu folgen. Ich glaubte, daß es geſchehe, um ſich gleich zur Flucht in den Stand zu ſetzen, aber mitten ins Zimmer hintretend in den Mondenſchein begann ſie alſo: was muß ich von Herrn Gerber denken, daß er mir ſo etwas zumu⸗ thet! Entfliehen ſoll ich, heimlich, hinter dem Ruͤcken meiner Aeltern, denen ich wie eine Magd bis jetzt ehrlich und treu gedient habe, in der Nacht, ungeſehn, ohne ein Abſchieds⸗ wort? Was habe ich verbrochen, daß ich wie eine Diebin davon ſchleichen ſollte? daß ich Herrn Gerber liebe, kann alle Welt wiſſen, und mein Wort werde ich ihm halten und ſollte es mir das Leben koſten. Aber iſt dies Bb 2 20 3808 ——— der Weg, mich aus meiner druͤckenden Lage zu befreien? Iſt dies die Art und Weiſe, wie man ſein Recht geltend macht?— Hat er vergeſſen, was ich durch ihn werden ſoll? Was wuͤrden die Leute von der Frau eines Predigers urtheilen, die die neue Laufbahn mit einem ſolchen Fehltritte anfinge? Welches Beiſpiel wuͤrde ſie den Frauen im Dorfe ge⸗ ben! Wuͤrde nicht dieſer Fleck auf ewig mich entſtellen? Und weiter, mein Herr, wo hat mein Braͤutigam hingedacht, mir— verzeihen Sie— zwei voͤllig fremde Perſonen zu ſchik⸗ ken, und zu verlangen, daß ich mich ihnen anvertrauen ſoll. Wiſſen Sie! unbefleckt, wie der Schnee, der vom Himmel faͤllt, muß des Maͤdchens Ehre ſein, keine Hand darf ſie be⸗ ruͤhren, und wie leicht bleibt eine Spur zu⸗ ruͤck. Habe ich gegen Elend und Druck mich ſo lange ſtandhaft bewieſen, ſo will ich auch nicht noch zuletzt ohne den verdienten Kranz mich feig von hinnen ſchleichen. Als ſie ausgeredet hatte, machte ich eine 389 — Verbeugung und ſagte: mit Bewunderung hoͤre ich Sie ſo ſprechen, und wuͤnſche im Herzen meinem vormaligen Lehrer, meinem Freunde Gluͤck, daß er in Ihnen die wuͤrdig⸗ ſte Gefaͤhrtin, ganz wie er ſie verdient, ge⸗ funden hat; doch ſcheint es mir, daß Sie aus zu großer Beſorgniß fuͤr Ihre Tugend ohne Grund die Mittel verſchmaͤhen, die ſie in den Stand ſetzen, ſolche noch mehr zu verherrlichen. Tugend im Druck iſt ein Schatz, den man verwahrt, aber Tugend im Gluͤck iſt eine Muͤnze, welche wuchert und reiche Zin⸗ ſen traͤgt. Bedenken Sie. wie aller Glanz Ihrer Vortrefflichkeit hier eingekerkert vergeht, und was Sie wirken und ſchaffen wuͤrden als die Frau eines ſo wackern Mannes! Von hier aus werfen Sie einen Blick auf die Schwierigkeiten, uͤber die Sie durch einen einzigen Entſchluß hinwegſchreiten koͤnnen, und dann fragen Sie ſich ſelbſt, was hier Muth, was Feigheit zu nennen ſei. Es haͤlt ein Wa⸗ gen vor der Thuͤr mit einer betrauten Perſon, 390 ——— die Sie kennen, und deren Geſchlecht, Alter und Character Sie vor der Welt gegen allen Unglimpf ſchuͤtzen kann. Und— weiß denn nicht jedermann, was Sie hier dulden und ertragen? Muͤßte man nicht Ihren Geliebten der Hartherzigkeit beſchuldigen, wenn er Sie nicht auf alle nur erdenkliche Weiſe zu retten ſuchte, und wird man ihn, wenn dieſe That gelingt, nicht allgemein deshalb lobpreiſen? Ueberdies, wenn Sie ſelbſt darein gewilligt haben, daß er Sie mit Gewalt befreit, wie koͤnnen Sie jetzt Anſtand uehmen, Ihr Wort zu erfuͤllen? 1 Wohl habe ich das begehrt, erwiederte ſie drauf, aber meine Meinung war, daß er ſelbſt am hellen Tage im Angeſichte meiner Aeltern mich aus dem Hauſe fuͤhren, die Mit⸗ gift und alles. was ſie mir verſagen, zuruͤck⸗ laſſen, und ſo vor allen Menſchen zeigen ſollte, daß er mich auch unter allen Umſtaͤn⸗ den, mich und nichts weiter verlangt. 394 ——— Waͤhrend dieſer Reden war ihre Schweſter Faroline in der groͤſten Unruhe im Zimmer hin und wieder gerannt, ſeufzte und rieb ſich die Haͤnde. Jetzt fiel ſie ploͤtzlich ihrer Schwe⸗ ſter zu Fuͤßen und flehete: bedenke, Schwe⸗ ſter, die ewige Gefangenſchaft, worin wir ar⸗ men ungluͤcklichen K Kinder ſchmachten, und daß keiner in Zukunft kommen wird, uns zu be⸗ freien, wenn du, die aͤlteſte Schweſter, nicht den Anfang machſt und uns vorangehſt. Ge⸗ lingt es dir, ſo wird man erfahren, daß un⸗ ſere Ketten nicht unaufloͤslich ſind, und man⸗ cher andere wird auch Muth faſſen. Ver⸗ ſchmaͤhſt du ſelbſt aber die Freiheit, ſo 5ne ſie doch mir und den beiden andern Schwe⸗ ſtern, denke, indem du dich befreieſt, daß du uns dies Opfer bringſt. Nicht alſo, Schweſter— ſagte ſie drauf — ich kann meinem kuͤnftigen Stande h entgegen handeln. Du biſt ja in der naͤmli⸗ chen Lage, und haſ die Bedenklichkeit und die Ruͤckſicht nicht noͤthig, die ich nehmen muß. 39²2 —— Deine Grundſaͤtze, deine Beſtimmung erlau⸗ ben es dir, ſo ſei bereit und entfliehe! Die Schweſter ſtand eine Weile von die⸗ ſem Vorſchlag uͤberraſcht. Aber Charlotte fuhr fort: eile zu unſerer Tante, zu der du ſchon immer begehrt haſt, die wird weiter fuͤr dich ſorgen. Und was du thun willſt, dazu entſchließe dich raſch, ehe die Mutter wieder zuruͤck kommt. Jetzt fuͤgte ich noch meine Betheurungen hinzu, ſprach von der ehrlichen Haushaͤlterin des Predigers, die auf uns warte, und ſchil⸗ derte, wie wir, die Ritter, neben dem Wa⸗ gen her ſie geleiten wuͤrden.— Da lief ſie in der Verwirrung hin und her, aber Char⸗ kotte warf ihr ein Kleid und einen Schleier uͤber, und in wenigen Minuten war ſie rei⸗ ſefertig. Die Schweſtern hingen ſich alle an ihren Hals mit vielen Thraͤnen, und ſagten oftmals: o wann werden wir uns wieder ſe⸗ hen!— 393 ———— Der Wagen flog aus dem Walde herbei, ſie ſtieg ein, Wir ſetzten uns ſchnell zu Pfer⸗ de, und im Huy ging es die Allee hinnnter. Kaum aber waren wir hundert Schritte ge⸗ fahren, als uns die Mutter begegnete. Ich verlor indeß keinesweges die Faſſung, ſondern, indem ich den Wagen halten ließ, ſagte ich zu ihr: Wir bringen eine kranke Officiersdame, die hier ihr Nachtaͤuartier nehmen ſoll. Beim Amtmann ſoll ſie logiren, wir wiſſen aber nicht, ob hier der Juſtizamtmann oder dort der Oberamtmann gemeint ſei.— Nein, bei Leibe nicht, erwiederte ſie, das iſt bei dem Herrn Oberamtmann druͤben, da fahren Sie nur hin. Alſo, ſagte ich weiter, wollen Sie die Dame nicht behalten? Nein, rief ſie mit Haſt, reiſen Sie mit Gott!— Damit eilte ſie voruͤber, als ob Naͤuber ſie verfolgt haͤt⸗ ten.— Haben Sie es gehoͤrt? ſagte ich nach⸗ her zur Mamſell: Ihre Frau Mutter will Sie nicht; Sie koͤnnen nun mit gutem Ge⸗ wiſſen weiter reiſen. Darauf antwortete ſie 391 ——-- nichts, ſondern ſtieß einige Seufzer aus, die die Angſt ihres Herzens beſchrieben. Die Reiſe im Mondſcheine war recht an⸗ muthig; indeß ich ſagte zu Eduard, als wir ſo neben einander ritten: Bruder, es iſt doch ganz eigen, heute morgen bieten wir auf ein Bauergut, blos um es in die Hoͤhe zu trei⸗ ben, und bekommen es wider unſern Willen; heute Abend wollen wir ein Maͤdchen entfuͤh⸗ ren, aber ſie weigert ſich, und wir bekom⸗ men eine andere dafuͤr, die wir nicht ſuchten, Ich weiß nicht, ſollte das liebe Kind wohl ſelbſt auf den Paſtor Abſicht haben? mir ſcheint, wenn ihre Schweſter zu wenig Unternehmungs⸗ geiſt beſitzt, ſo hat ſie zu viel. Geretter ha⸗ ben wir ſie nun, aber wer ſie heirathen wird, das wiſſen wir noch nicht.— Wie? fragte Eduard, haſt du ſie etwa in dein Herz ge⸗ faßt? Gottlob, ſo erlebte ich doch auch ein⸗ mal, dich verliebt zu ſehen.— Bewahre mich der Himmel, entgegnete ich, vor dieſer ſuͤßen Pein!— So redend kamen wir gluͤcklich bei 395 —— der Wohnung des Predigers an. Er ſprang ſogleich heraus, empfing die Verſchleierte in ſeine Arme und ſagte: Ach, Theuerſte, Beſte, meine liebe Charlotte!— Sachte, Herr Pa⸗ ſtor, fiel ich ihm jetzt ins Wort, umarmen Sie das liebe Kind nicht ſo feurig, Sie moͤch⸗ ten ſonſt wirklich einen Raub begehen; denn es iſt nicht die Ihrige. Nein! fuͤgte das Maͤdchen hinzu, indem ſie den Schleier zu⸗ ruͤckſchlug, ich bin Charlottens Schweſter, aber nicht minder ungluͤcklich als ſie.— Ich ſtieß meinen Freund Eduard an und meinte, daß ſie ſich ſchon mit ihrem Ungluͤck empfehlen wollte. Als wir zuſammen im Zimmer des Predigers angekommen waren, erſtatteten wir umſtaͤndlichen Bericht, des Inhalts, daß Char⸗ lotte, um die Wuͤrde einer Predigerfrau nicht zu verletzen, uns nicht habe folgen wollen. Der Paſtor wunderte ſich zwar nicht wenig, Carolinen ſtatt ſeiner Charlotte bei ſich zu ſehn, aber dabei konnte er doch ſein heimliches Entzuͤcken uͤber den großen Tugendſinn ſeiner 396 ——— Geliebten nicht bergen.— Wundern Sie ſich nicht weiter, begann jetzt Caroline, mich zu dieſem Schritt ſo bereitwillig gefunden zu haben. Ich bin kein ſo gottesfuͤrchtiges Kind, wie meine Schweſter, und will dafuͤr auch keine Predigerfrau werden. Der Herr Paſtor wird wiſſen, daß mein Geliebter ein Verwal⸗ ter iſt, der mit ſeiner Beſcheidenheit grade ſo ein entſchloſſenes Weſen braucht, als ich bin, und der uͤber meine Errettung eine große Freu⸗ de haben wird.— Ach! ſie hat auch einen Geliebten, ſagte ich halb lant zu Eduard, und wandte mich drauf zu ihr mit der Frage: wie gelang es Ihnen aber, Mamſell, da Sie mit Ihren Schweſtern ſo eingezogen und ſo gut wie eingeſperrt lebten, ſolche Bekannt⸗ ſchaften zu machen? Schild, mein Braͤutigam, kam oͤfters in unſer Haus. Bis jetzt iſt er Verwalter bei— Wie? unterbrach ſie Edu⸗ ard— der Verwalter meines Vaters, der ſeit drei Jahren die Guͤter des Amts verwaltet? — Staunend hoͤrte das Maͤdchen, daß er der 0 594q — Sohn jenes wackern Mannes ſei. Ja, fuhr ſie fort, auf ihn hatten wir unſere Hofſnung geſtellt; er wollte ſich meines Wilhelms an⸗ nehmen, und ſeinem Vater auch das kleine Guͤtchen zu erhalten ſuchen, das er einmal von ihm erben ſollte. Aber der Termin iſt nun vorbei, und ich weiß nicht, was unſer Schickſal iſt.— Guͤtiger Himmel! hub ich jetzt an, liegt das kleine Gut nicht in Wal⸗ tersdorf, und iſt es nicht das naͤmliche, das wir heute Morgen erſtanden haben? Schild, glaube ich, hieß der Eigenthuͤmer, und er ſag⸗ te: wenn nur mein Sohn, der Verwalter, hier waͤre!— Da geriethen alle in das groͤßte, freudigſte Erſtaunen; das Maͤdchen ſagte: ja, das iſt der Vater meines Wil⸗ helms, er hat viel an ihn gewandt, damit er etwas Tuͤchtiges lernen ſollte, und um ſo mehr iſt es nun Wilhelms Pflicht, ſeinem Vater beizuſtehn. Aber wo war er, daß er nicht ſelbſt das Gut erſtanden hat? Soll meine Hoffnung doch zu Schanden werden?— Be⸗ 398 ruhigen Sie ſich! erwiederte Eduard darauf. Hat mein Vater zur Unterſtuͤtzung Ihres Ge⸗ liebten etwas verabſaͤumt; ſo hat es ſein Sohn wieder eingeholt. Ich zweifle nicht, daß er mein Kaufgebot erfuͤllen, und ſeinem Verwalter das Bauergut anvertrauen wird. Sobald der Tag anbricht, eile ich zu ihm, um ſogleich die noͤthige Unterſtuͤtzung von ihm zu erbitten. Ich weiß gewiß, daß ich ihm mit ieſer Handlung eine Freude machen werde.— Da ſah man auf einmal das Maͤdchen heftig bewegt, ſie fiel auf ihre Knie und dankte Gott fuͤr ihre Befreiung; denn, ſetzte ſie hinzu, iſt ſein Vater errettet, ſo bin ich es auch. O wie oft, wie vielmals hat er gebeten, gefleht, vor meinem Vater auf den Knien gelegen, daß er ihm doch das kleine Eigenthum nicht entreiſſen, und die Seinigen nicht ins Ungluͤck ſtuͤrzen, daß er doch nur noch ein Jahr Geduld haben moͤchte. So als ein guter Sohn hatte er mein Herz gewonnen, noch ehe ſein Auge einen Blick auf mich warf. 399 —— Freilich— waͤre er nicht in ſolcher Noth ge⸗ weſen, ſo haͤtte ich ihn wol nie mit Augen geſehn, und auch nicht gleich einen ſo gu⸗ ten Menſchen in ihm erkannt. So wenig ich aͤber meinen Vater vermochte, ſo verſprach ich doch, fuͤr ihn das Mitleid des Richters anzuflehn. Gott! und das war es eben, was ſein Ungläͤck vollendete; denn wie die Mutter merkte, daß ein Verſtaͤndniß zwiſchen uns herrſchte, ließ ſie dem Vater Tag und Nacht keine Ruh, bis er den Hof in Anſchlag brach⸗ te; ſie fuͤrchtete, daß der Sohn den Hof uͤber⸗ nehmen, und mich zur Frau heimholen moͤch⸗ te.— So nun doch geſchehen ſoll, verſetzte ich drauf; aber Sie, lieber Herr Paſtor, muͤſſen ſelbſt hin zur Thraͤnenburg, wo Ih⸗ nen, trotz aller Drohungen der Aeltern, die gottesfuͤrchtige Charlotte als eine Tugendheldin am lichten Tage im Angeſichte aller Nachbarn folgen wird. Schon war Mitternacht herangeruͤckt, und die Haushaͤlterin trat herein, einem jeden ſeine 400 Ruheſtaͤtte anzuweiſen. Die Phantaſie war aber von der Begebenheit des vorigen Tages noch ſo bewegt, daß wir alleſammt faſt kein Auge zuthaten. 4 S en Am andern Morgen datren wir uns kaum erhoben und einander uns Giuͤck wuͤnſchend die vorigen Geſproͤche erneuert, als jemand an die Hausthuͤr klopfte. Die Hanshaͤlterin⸗ die eben das Fruͤhſtuͤck herein trug, ging, um zu oͤfnen. Es war Wilhelm Schild, der Braͤutigam des Maͤdchens. Caroline flog ihm in die Arme, und Verwunderung und Freude wechſelten mit einander. Ein Pferd ſtand vor der Thuͤr mit einem ſchweren Mantelſack. Eduards Vater ſandte das Geld, um dafuͤr das angeſchlagene Bauergut zu kaufen, und Jes noͤthigenfalls von dem Juſtizrathe zu erſte⸗ hen. Der Weg ging hier vorbei. Eine Rei⸗ ſe nach der Reſidenz, die wegen großer Korn⸗ lieferungen in die Magazine noͤthig war, hat⸗ te den Oberamtmann auf eine laͤngere Zeit, als er anfangs glaubte, vom Hauſe entfernt. Dar⸗ 401 —— Daruͤber war der Termin verſtrichen„ aber der Herr wollte ſeinen Verwalter, den er als einen treuen, ehrlichen Menſchen kann⸗ te, doch nicht in Stich laſſen, und auch jetzt noch alles zur Rettung des Hofes verſuchen. — Das Geld in dem Mantelſacke uaͤberſtieg noch die Kaufſumme, wofuͤr Eduard das Gut erſtanden hatte. Er trat auf der Stelle ſeine Rechte, die ja nur die Rechte ſeines Vaters waren, an ihn ab, und alles kam ins Gleiche. Schild, der Sohn, erhielt den Hof ſeines Vaters zur billigen Pacht, bis er ſo viel verdient haben wuͤrde, daß er ihn ganz als Eigenthum an ſich kaufen koͤnnte. Er zog ein mit ſeiner Braut und beide pflegten des nun getroͤſteten Vaters bis an ſein Ende. Der Prediger aber ſaͤumte ebenfalls nicht lange, ſeine Braut zu holen, und es waͤhrte kein Jahr, ſo ruͤckte der Juſtizrath mit dem muͤtterlichen Erbtheile nothgedrungen heraus, weil er denn doch endlich den Ausſpruch der II. Theil. Ce 82 Geſetze von obenher und die Schmach beim Volk fuͤrchtete. 1 Beide Hochzeiten wurden an einem Tage gefeiert, und die Gaͤſte, die den Zuſammen⸗ hang der Geſchichte hoͤrten, bekannten, daſ ihnen lange nichts zu Ohren gekommen waͤre, worin ſich der Zufall ſo vernuͤnftig betragen haͤtte. — —= 403 — Vier und zwanzigſtes Capitel. Kuͤhnheit. Die uͤbrige Zeit verging auf der Univerſikaͤt ziemlich ruhig, wenigſtens ſielen keine Haͤndel und Begebenheiten von Wichtigkeit vor bis auf eine, die doch eine Erwaͤhnung verdient. Weil naͤmlich verliebte Seelen gern Gemuͤther aufſuchen, die mit einem aͤhnlichen Sinne Empfaͤnglichkeit fuͤr ihre Herzensangelegenheiten zeigen, ſo ward Eduards Zimmer bald der Sammelplatz von Verliebten allerlei Art, wo⸗ von jeder gern das Ohr dem andern lieh, wenn er ihm dafuͤr nachher nur wieder ſeine Auf⸗ merkſamkeit ſchenkte. Es gab ſchmachtende, melancholiſche, hitzige, ſeufzende und fluchende, und ſie waren alle gute Freunde mit einander, ſo lange ihr Blick nicht auf denſelben Gegen⸗ ſtand ſiel. Unter ihnen befand ſich auch einer, Ce 2 404 ——·— der deshalb merkwuͤrdig war, weil er ſters einen Knaben von ſieben Jahren mit ſich fuͤhr⸗ te, der ihm das Bild ſeiner Geliebten zuruͤck ſpiegeln mußte, indem er veilchenblaue Augen hatte, die voͤllig den ihrigen glichen. Der Juͤngling ſaß immer tiefſinnig, doch mit ſanf⸗ ter Miene ganz ruhig da, und betrachtete mit unverwandten Blicken die Augen des Knaben. Weil er auf dieſe Weiſe uͤberaus mild und freundlich ſich betrug, ſo glaubte niemand, daß er als ein verſchmaͤhter Liebhaber ſo große Schmerzen empfaͤnde; aber der Erfolg wies es anders aus. Er ſtuͤrzte ſich in den nahen Strom, und der Knabe kam weinend in die Stadt gerannt, und ſchrie zu ſpaͤt nach Huͤl⸗ fe. Das Maͤdchen, das er liebte, war— auf der Unnperſttaͤt ein ſeltener Fall!— noch ſo unſchuldig und unerfahren, daß, als ihre Mutter von der Urſach dieſes Mordes ihr er⸗ zaͤhlte, ſie daruͤber lachte, indem ſie nicht be⸗ griff, wie ſie daran ſchuld ſein koͤnne; wie aber ihre Mutter von dem großen Ungluͤcke 405 —— ſprach, das den armen Menſchen getroffen, fing ſie an zu weinen. Der ungluͤckliche Juͤng⸗ ling wurde allgemein bedauert. Was ſind Trieb, Neigung, Liebe fuͤr unerforſchliche Dinge! Wie gefahrvoll iſt die Zeit, wo der Menſch im Genuß des friſchen, vollen Lebens ſich grade am freieſten fuͤhlen ſollte, wo aber die Liebe die hoͤchſte Kraft wieder der Gewalt der Natur zuruͤckliefert! Wie der Blitz nicht bei jeder Niederfahrt mit gleicher Heftigkeit zuͤndet, ſo trifft auch bei den verſchiedenen Gemuͤthern die Liebe nicht auf gleiche Weiſe das Herz. Mir war es ein großer Troſt, daß Eduard zu den leicht empfaͤnglichen gehoͤrte, die nie von einem Schmerz tief und auf lange Zeit ergriffen werden. Bei der Betrachtung ſo verſchiedener Zuſtaͤnde ſtaunte ich um ſo mehr, je freier ich mich ſelbſt bis jetzt von ſolchen Affeeten fuͤhlte. Ohngefaͤhr um dieſelbe Zeit war es, als ein Student von einer Reiſe zuruͤckkehrte, auf welcher er es gewagt hatte, die Gebuͤrgs⸗ 406 —— provinz, welche auch die Diebsprovinz hieß, allein zu Fuße zu durchwandern, und der von den Wunderdingen, die er geſehn ha⸗ ben wollte, ſo viel Aufhebens machte, daß faſt die halbe Univerſitaͤt Luſt bekam, mit naͤchſtem Fruͤhling ein Gleiches zu unterneh⸗ men. Der Menſch ſprach von Baͤren und Elefanten, von ſeltſamen Burgen und alten Schloͤſſern, wie ſie vielleicht nur in ſeiner Phantaſie exiſtirten. Auch Gruſingen kam in ſeiner Erzaͤhlung vor, das ſeiner Beſchreibung nach in einem ſo engen und tieſen Thale lag, daß weder Sonne noch Mond hinein ſchien. Wie ich den Kopf dazu ſchuͤttelte und zu ver⸗ ſtehen gab, daß ſich das anders verhalte, dran⸗ gen alle in mich, ſie bei der naͤchſten Reiſe zu geleiten. Wenn ich ihnen nun nicht fuͤr eine feige Memme gelten wollte, mußte ich in ihr Begehren willigen, und uͤberdies reizte mich auch eine gewiſſe Neugierde zu wiſſen, wie es dort ausſehen moͤchte, und ob ich da⸗ ſelbſt nicht vielleicht gar meine Mutter wieder 407 —- ſinden koͤnnte. Da ein Reiſeplan um ſo ſtaͤr⸗ ker die Phantaſie erhitzt, je kuͤrzer die Tage ſind und je haͤufiger der Schnee faͤllt, ſo griff die Luſt zu der Wanderung immer mehr um ſich, und die Anſtalten dazu, die anfangs Spielerei ſchienen, wurden immer ernſtlicher. Man ſchleppte Saͤbel und Hirſchfaͤnger, Pi⸗ ſtolen, Jagdtaſchen und Torniſter herbei, ſchaffte ſich Huͤte mit langen Federn und Rei⸗ ſekleider an, die ſehr militaͤriſch ausſahen, ſo daß die Luſtreiſe allmaͤhlig die Geſtalt eines Feldzuges annahm. Jetzt haͤtte ich mich gern wieder von der Anfuͤhrung losgeſagt, indem ich beim Anblick ſolcher Zuruͤſtungen blutige Scenen fuͤrchtete, aber ich hatte einmal mein Wort gegeben und mußte es nun auch halten. Ats der Fruͤhling kam, zogen wir in einer großen Anzahl aus, und alle Frauen und Maͤdchen traten an das Fenſter, um unſer ſtattliches Corps zu ſehen. Bei dem Ruͤck⸗ blick auf ein ſo ſtarkes Gefolge freute ich mich 408 —— ganz und gar nicht, denn ich dachte daran, wie ſchwer es ſein wuͤrde, fuͤr ſie jeden Abend ein Unterkommen und Lebensmittel zu finden, doch troͤſtete ich mich mit der Vorſtellung, daß die meiſten wohl nach und nach ſich von uns verlieren wuͤrden. Und ſo geſchah es denn auch. Dem einen gefielen die Wiethshaͤuſer, dem andern die Wege nicht, die wir erwaͤhl⸗ ten, der eine klagte uͤber Blaſen am Fuß, der andere uͤber Schmerzen in der Bruſt, ſo daß erſt hie und da Einzelne zuruͤckblieben, und endlich der ganze Haufe in zwei Partheien zerfiel, wovon die eine gleich auf die ſteilſten Gebuͤrge unſinnig losſchritt, die andere aber durch bequemere Thaͤler mir gelaſſen folgte.— Im Vorgrunde des Gebürges lag ein freund⸗ liches Staͤdtchen, und vor demſelben ein gro⸗ ßes Wirthshaus. Hier ruhten wir ein wenig aus, und hatten Abends einen intereſſanten Auftritt. Ein Buchhaͤndler, der in einer na⸗ hen Papiermuͤhle geweſen war, trat mit einer hoͤflichen Verwunderung zu uns herein, und 4⁰ —-— freute ſich, ſo viel angehende Geayrte und Buͤcherkaͤufer vor ſich zu ſehn. Bei einer Flaſche Wein wurde er bald naͤher mit uns bekannt, und fing an, uͤber den Werth ſeiner Verlagsartikel ungeheuer aufzuſchneiden. Da⸗ bei hatte er jedes Buch in keiner andern Ab⸗ ſicht herausgegeben, als um die Menſchheit gluͤcklich zu machen, und ſein ganzes Beſtre⸗ ben ging nur dahin, mit ſeinen Werken die Ehre der Nation aufrecht zu erhalten; dieſes und jenes Product ſei ſeine Puppe, woran er ſeine wahre Freude habe, viele Schriften haͤtte er blos den Gelehrten zu Gefallen uͤber⸗ nommen, und er ermuͤde nicht, ſich fuͤr die Wiſſenſchaft aufzuopfern. Aber ſeine Wer⸗ ke waͤren auch koͤſtlichen Inhalts, ſie enthiel⸗ ten alles, was je uͤber die abgehandelte Ma⸗ terie geſagt worden ſei und noch geſagt wer⸗ den koͤnnte; ſie waͤren eben ſo transſcen⸗ dent als allgemein verſtaͤndlich, verbaͤnden die groͤßte Sittlichkeit mit der groͤßten Schoͤnheit im aͤſthetiſchen Ausdruck, waͤren dem 41⁰ —— Gelehrten eben ſo nuͤtzlich, als dem Ungelehr⸗ ten unentbehrlich u. ſ. w. Es war ſehr poſ⸗ ſierlich mit anzuhoͤren, wie er ſeine kaufmaͤn⸗ niſche Sprache mit gelehrten Brocken ſchmuͤck⸗ te, und Uebergaͤnge und Schluͤſſe machte, die oft weder gehauen, noch geſtochen waren. Es wurde ihm oft ſchwer, ſeiner Begeiſterung Worte zu geben, und er redete ſich in Gottes Namen immer in die Buͤcher hinein, ohne das Dickigt zu fuͤrchten, das er vor ſich hat⸗ te.— In der That iſt das Geſchaͤft der Buchhaͤndler von ganz eigener Art: die gelehr⸗ ten Dinge machen ſie zu einem Handelsarti⸗ kel, und ſo wenig ſie oftmals davon gruͤndlich verſtehen koͤnnen, ſo muͤſſen ſie doch mit einer Pruͤfung des Zeitgeiſtes ohngefaͤhr wiſſen, wo⸗ von Abſatz zu erwarten ſei. Sie ſtehen alſo, wie Janus, mit zwei Geſichtern da, das eine geht auf die Gelehrten und das andere auf das Publikum. Zwiſchen dieſen beiden ſchwebt auch ihre Seele, die ſich bald mehr nach dem einen Geſichte, bald nach dem andern hin⸗ 411 ——— zieht, und von beiden Zungen eine ſeltſame Sprache zuſammenſetzt. Es iſt kein Zweifel, daß ihre Neigungen und Urtheile einen großen Einfluß auf die Literatur haben, denn was ſie nicht wollen zur Geburt kommen laſſen, das ſieht nicht das Licht der Welt. Dabei iſt gleichwohl noch zu merken, daß der gelehr⸗ teſte Buchhaͤndler fuͤr ſeine Spekulationen nicht immer der geſchickteſte iſt.— Da der gegenwaͤrtige gar zu ſehr Kaufmann zu ſein ſchien, ſo nahmen wir uns vor, uns einen Spaß mit ihm zu machen. Es mußte einer ſich auf das Pferd des Wirthes ſetzen, und vor dem Hauſe vorbei reiten. Wir fragten ihn, wo er hin wollte. Nach der Stadt Jus, gab er zur Antwort, es ſoll dort ein Buchhaͤndler gehenkt werden, und weil das ſo etwas Seltenes iſt, ſo ſoll ich hin, um im Namen des ganzen academiſchen Senats ſol⸗ ches mit anzuſehen. Wie? fragte ich zum Fenſter hinaus, was hat er denn gemacht? Hat er einem alten Buche einen neuen Titel 41 —— angelogen, hat er ein Buch in einer andern Geſtalt zum zweitenmal verkauft, hat er eine neue Auflage geſetzt, wo keine war„ hat er dem Publikum Dinge angeprieſen, die nim⸗ mermehr im Buche ſtehn, hat er ein neues Produkt aus andern Buͤchern zuſammen ge⸗ ſtohlen, hat er Sammlungen, Blumenſtraͤuße, Auswahlen aus Schriften, Styl⸗ und Dekla⸗ mationsuͤbungen veranſtaltet oder hat er un⸗ verholen Buͤcher gradezu nachgedruckt? Hat er einen Gelehrten um das Honorar verkuͤrzt, Buͤcher ſtatt baar Geld, Muͤnze nach leichtem Fuß ſtatt Wechſelzahlung, falſches Geld oder leichte Ld'or gegeben? Hat er kleinere Lettern genommen, als er verſprach, mehr Woͤrter, mehr Zeilen zuſammengepreßt, hat er Exem⸗ plare verheimlicht, hat er Commiſſionsartikel in ſeinen Beutel verkauft, hat er heimliche Auflagen gemacht oder hat er das Honorar gradezu verweigert? Hat er Lebensgeſchichten und Buͤcher von Autoren herausgegeben, wo⸗ von dieſe nichts wiſſen? Oder hat er Recen⸗ 413 —— ſenten, Literaturzeitungen beſtochen, daß ſie ſeine Artikel loben muͤſſen? Hat er— Ums Himmels willen! hoͤr' auf zu fragen, ſagte der Student zu Pferde, das Holz iſt ſchon ſo theuer; willſt du, daß die Waͤlder noch mehr ausgehauen werden? Zur Unterſuchung jener Fragen haͤtte eine Papiermuͤhle ſchon Arbeit auf ein ganzes Jahr. Darauf koͤnnen ſich unſere Gerichtshoͤfe nicht einlaſſen. Nein! dieſer Buchhaͤndler, der von tauſenden gehenkt werden ſoll, opfert ſich blos fuͤr die tauſend auf. Er hat ſich mit einem Gelehrten uͤber eine transſcendentale Wahrheit geſtritten, und in der§. ae ihn mit einem Beutel voll Laub⸗ thaler ſo auf das Gehirn geſchlagen, daß er todt zu Boden gefallen. Da nun noch die Anklage dazu kam, daß er viele Leute vergif⸗ tet haͤtte, beſonders junge Leute, die mit der Zeit alle elenden Todes geſtorben waͤren, ſo wurde wirklich und wahrhaftig das Todesur⸗ theil uͤber ihn ausgeſprochen. Alle Gelehrten ſind begierig, dieſes ungeheure Beiſpiel von 414 ——— Gerechtigkeit mit anzuſehen, und haben ihre Verleger gebeten, ihnen Equipage dazu zu lei⸗ hen, welches dieſe ihnen aber in Gnaden ab⸗ geſchlagen. Deshalb bin ich nun vom Senat abgeſandt, um mich zu uͤberzeugen und ihm zu berichten, ob wirklich ein ſolches Gericht ſtatt gefunden. Ach! nur ſtille, meine Her⸗ ren, fing jetzt der Buchhaͤndler an, wenn es zum Galgen geht, haben die Gelehrten den Vorrang, ſie, die wie die Teufel mit einander wetteifern, ſich zu entehren, die voll Neid wie Diebe und Raͤuber uͤber einander herfal⸗ len, und durch ihre Schlechtigkeiten uns die Buͤcher zu Makulatur machen. Reiten Sie doch hin in Gottes Namen, mein Herr, und wenn Sie hoͤren, daß ein falſcher Recenſent gehangen werden ſoll, dann kommen Sie, und melden Sie mir's; dann will ich allen meinen Autoren eine Equipage vor die Hausthuͤr ſchicken, daß ſie ein ſo ungeheures Bei⸗ ſpiel von Gerechtigkeit ganz bequem mit anſe⸗ hen koͤnnen. Ich bin Ihr Diener. Damit 115 —— ging er örummend fort, ohne ſich ein einziges⸗ mal umzuſehen. Wir aber lachten noch lange uͤber dieſen Auftritt, und unſere Reden, worin wir ſeine Aufſchneidereien wiederholten, klau⸗ gen wie lauter Buchhaͤndleranzeigen. Der folgende Tag begann mit einem uͤber⸗ aus ſchoͤnen Morgen, in welchem der Mai mit aller ſeiner Lieblichkeit auf uns herabſchau⸗ te, und einer trieb den andern an, die Reiſe zu beſchleunigen. Einen Geſang anſtimmend, traten wir in den Eingang eines weiten Thals, wo viele Quellen und Baͤche den eindringen⸗ den Sonnenſtrahlen entgegen glaͤnzten, und ihr Plaͤtſchern mit dem Liede der Nachtigallen ſich miſchte, die bei funkelnden Thautropfen in den nahen Gebuͤſchen ſaßen. Unter uns eßunden ſich als die vorzuͤglichſten Redner des menſchlichen Herzens ein Dichter, ein Mahler und zwei Naturforſcher, ein Botaniker und ein Mineraloge. Dieſe blieben auch, je nach⸗ dem die Sprache der Natur ausfiel, ihr nie⸗ mals eine Antwort oder unſern Dank ſchuldig. 416 —— Zuerſt war an dem Dichter die Reihe, der die unendlichen Reize, welche uns umgaben, in Worte faßte, und in ſeinen Ausrufungen Bruchſtuͤcke von Verſen umherſtreute. Der Mahler machte uns auf die herrliche Beleuch⸗ tung und auf den Wechſel von Farben und Geſtalten aufmerkſam. Der Mineraloge freu⸗ te ſich uͤber die hervorſchauenden Felſen, und ſagte uns, von welcher Steinart ſie waͤren. Der Botaniker aber entzuͤckte ſich an einer Blume, die am Wege ſtand. Anfangs ſchien es uns eine Wonne, in Gedanken mit allen dieſen zu Gottes Tiſch zu gehen und die Seele durch alle Sinne zu ſaͤttigen, doch mit der Zeit merkten wir, daß die verſchiedenen Gemüthsrichtungen viele Beſchwerden ſs brachten. Wenn der Botaniker noch an ei 1 Quelle lag, ſtieg der Dichter ſchon zu einer Burgruine hinauf, und der Mahler war zu⸗ ruͤckgeblieben, um eine Felſengruppe aufzuzeich⸗ nen. Der Mineraloge aber hatte alle Augen⸗ blick einen merkwuͤrdigen Stein gefunden, und bat 4¹4⁷ ——— bat uns, ihn in die Taſche zu ſtecken, ſo daß wir endlich wie die Laſtthiere einhergingen. Der Dichter war oft unwillig, wenn wir et⸗ was nicht gleich ſo ſchoͤn fanden, als er, und entſprach etwas nicht ſeiner Erwartung, oder trat wohl gar ſchlechtes Wetter ein, ſo war vollends gar kein Auskommen mit ihm. Seine Launen wechſelten noch aͤrger als die Witte⸗ rung, und in den Wirthshaͤuſern war er zu nichts zu gebrauchen, ſeine Urtheile fielen uͤber⸗ eilt, ſeine Beſtellungen verkehrt oder unvoll⸗ kommen aus, ſeine Forderungen gingen oft uͤber alle Billigkeit, und alle Augenblick hatte er etwas liegen laſſen, das wir ihm nachtra⸗ gen mußten. Ein gluͤcklicher Zufall konnte ihn ſehr aufgeraͤumt machen, uͤber eine Klei⸗ nig eit vergaß er oft Eſſen und Trinken. Im⸗ mer wuͤnſchte er nicht blos Nahrung fuͤr die Phantaſie, ſondern auch eine Zuſammenſtim⸗ mung des Zufaͤlligen zu einem Plau, zu einer Idee. Da ſich ihm ſo von außen her alles von ſelbſt fuͤgen ſollte, ſo war er unter uns II. Theil. Dd 41⁸ wie ein Kind zu betrachten, das uns bald Freude, bald Noth und Sorgen machte, und immer mit Schonung und mit Raeſich be⸗ handelt ſein wollte. Am ſiebenten Tage unſerer Reiſe, als die Gegend merklich wilder und abſchreckender wurde, kamen wir an ein kleines Haus, worin ein Zoͤllner wohnte. Er trat heraus und fragte, wo wir hin gedaͤchten. In's Gebuͤrge, ſo weit wir kommen koͤnnen, gab ich zur Aut⸗ wort. Haben Sie denn ſchon Geleitsmaͤnner angenommen? fragte er weiter.— Wir wol⸗ len keine, erwiederte ich, es iſt uns am rech⸗ ten Wege nicht viel gelegen.— Ja, es iſt auch nicht um des Weges, ſondern um Ihrer Sicherheit willen, ſagte er drauf, werden doch wiſſen, daß hier in der C viele Raͤuber hauſen?— Uund gegen die koͤnnen uns die Geleitsmaͤnner ſchuͤtzen? frag⸗ te ich.— Ja, das iſt wohl ganz naturlich, entgegnete er, denn es ſind eben die Raͤuber, die dem Reiſenden das Geleit geben und ſich 4¹⁹ —-— dafuͤr bezahlen laſſen.— Was ſagt aber die Regierung dazu? fuhr ich fort. Ach! die iſt gar nicht eiferſuͤchtig darauf, erwiederte er⸗ denn hier auf den Steinen und Felſen giebr es füͤr ſie nicht viel zu ernten, und die Raͤu⸗ ber machen hier nur eine Art von Polizei aus, die Mangel und Ueberfluß ein wenig gegen einander ausgleichen, und dabei gegen die Regierungsbeamten den groͤßten Reſpeet beweiſen. Ich werde recht gut mit ihnen fer⸗ tig.— Und wir denken's auch, ſagte ich zu⸗ letzt, es ſind unſerer viele.— Der Joͤllner uͤberzaͤhlte uns mit den Augen, zog eine be⸗ denkliche Miene und ging dann in ſein Haus zuruͤck.— Wir uͤberdachten die Warnung, ſſen uns naͤher an einander an, und ſchrit⸗ ten darauf muthig vorwaͤrts. Die Jelſen rechts und links thuͤrmten ſich immer hoͤher, und eine Todtenſtille herrſchte durch das tieſe Thal, worin nun von fern her der Sturz wilder Gewaͤſſer gehoͤrt wurde. Ein Adler ſchwang ſich aus den zackigen Truͤmmern einer Od 2 42²⁰ —--— laͤngſt verfallenen Ritterburg und kreiſte hoch in den Luͤften. Das Thal verengte ſich immer mehr, und endlich ſtreckte das Geſtein von beiden Seiten die Haͤupter ſo nah zu einan⸗ der hinuͤber, daß es ein großes, maͤchtiges Thor bildete, durch welches wir hindurch muß⸗ ten, und das das Rieſenthor genannt wurde. Rechts fuͤhrten breite Steinplatten zu einem felsumthuͤrmten Viereck hinauf, das einen Thron darzuſtellen ſchien, und auch ieſen Namen fuͤhrte; Kron und Seepter la⸗ gen zur Seite, und auch ein maͤchtiges Schwert ſtreckte ſich vom Felſen. Jetzt da wir zum Rieſenthore eingingen, ſtand mein treuer Plu⸗ to, den ich leider zu dieſer Reiſe auch mitge⸗ nommen hatte, ploͤtzlich ſtill, und den erhebend roch er in die Luſt hin, als haͤtte er etwas Verdaͤchtiges verſpuͤrt. Wie er mich aber vorwaͤrts eilen ſah, kam er mir langſam nach, und blieb dicht an meiner Seite.— Wir ſprachen alleſammt kein Wort, ſondern wir horchten auf die Stille und ſpannten un⸗ 42¹ — ſere Aufmerkſamkeit auf jedes kleine Geraͤuſch, das ſich zufällig hoͤren ließ. Indem wir links unſere Blicke zu einem grauen Felſen hinauf⸗ richteten, um welchen viele weiße Steine la⸗ gen, die wie Menſchen in weißen Kitteln aus⸗ ſahen, erhob ſich am Fuße des Berges ploͤtz⸗ lich eine lange Geſtalt, die einen blauen Man⸗ tel trug. Es war ein Maun von Rieſen⸗ groͤße, mit einem Zwickelbart und ſonnever⸗ branntem Antlitz, um deſſen Nacken ein wil des, ungekaͤmmtes Haar ſchweifte. Er ſchritt grade auf uns zu, und fragte, ob wir ſchon Geleit haͤtten. Wir ſchwiegen eine Weile und ſagten darauf: nein, aber wir gingen nicht weit und brauchten keins. Nach Belieben! entgegnete er, und ſchritt an uns voruͤber. Mun blieben wir eine Weile ungeſtoͤrt, das Thal erweiterte ſich wieder, und wir fingen an, aufs neue friſchen Muth zu ſchoͤpfen, als auf einmal hinter uns ein großes Geſchrei und ein Wehklagen ſich erhob: wir ſahen uns um und wurden gewahr, daß unſere Burſche, 422 —-— welche uns die Sachen nachtrugen, in den Haͤnden von fuͤnf wilden Menſchen zappelten, denen ſie zu entrinnen trachteten. Sogleich machten wir linksum und marſchierten auf ſie kos. Indem ließ von den Bergen her der Schall von mehreren Kuhhoͤrnern ſich hoͤren, der uns nicht wenig erſchreckte. Doch ſchie⸗ nen die Kerle vor uns nicht bewaffnet zu ſein, und ich bedachte mich nicht lange, da ſie ſich auf die Felſen hinauf retten wollten, ſie gleich aus der Ferne anzugreifen, indem ich die lä⸗ ſtigen Mineralien aus den Taſchen hervorlang⸗ te, und ſie mit aller Kraft meines Arms auf ſie hinſchleuderte, worin mir die Uebrigen nachfolgten, ohne ſich an das Geſchrei des Mineralogen zu kehren, welcher inſtaͤndig ba, doch die Kleinodien nicht zu verſtreuen. Kaum aber hatten wir uns jenen fuͤnf Raͤubern ge⸗ naͤhert, als es hinter uns rauſchte, und eine noch weit groͤßere Anzahl mit Schwertern in den Haͤnden auf uns zukam. Jene laſſend wandten wir uns nun auf dieſe, und zogen 423 —— die blanken Hirſchfaͤnger heraus, Der Angriff ward eroͤfnet und die Saͤbel klirrten maͤchtis an einander, wobei ich den Meinigen immer muthig zurief, ſich wacker zu halten. Aber ein neues Staunen ergriff uns, als wir durch das Fluchen und Waffengetoͤſe hindurch von den Bergen her ein wildes Lied vernahmen, das aus einer alten, zerſtoͤrten Ritterburg zu kommen ſchien. Doch galt es hier kein Feiern, wir mußten uns durchhauen, es mochte koſten, was es wollte. Die meiſten von uns, in der Sechtkunſt wohl geuͤbt, wußten gut mit dem Degen umzugehen, und die Raͤuber ſingen an zu weichen. Da trat mir auf einmal mit Haſt ein großer Mann entgegen, um mich gleich mit einem Krafthiebe zu Boden zu ſtrecken. Aber im erſten Anlauf fuͤhlte er ſich augenblicklich durch den Biß des Hundes ge⸗ hindert, der nach ſeinen Ferſen ſprang und mich dadurch zu retten ſtrebte. Flugs zog der Raͤuber eine Piſtole aus ſeinem Guͤrtel, und, ehe ich es noch verhindern konnte, ſtreckte er 424 — damit meinem treuen Pudel todt zur Erde hin, ſo daß er neben mir in ſeinem Blute ſchwamm. Jetzt, auf das aͤußerſte ergrimme, wollte ich den naͤmlichen Vorſatz gegen ihn ausfuͤhren, und rannte mit geſchwungenem Schwerte na⸗ he auf ihn zu, um ihn von oben herab mit einem Gewaltſtreiche zu zeichnen. Aber— o Himmel! da ich ſein Antlitz nahe ins Auge faßte, ſiel mein Arm wie gelaͤhmt zuruͤck— ich erblickte— meinen Vater! Und— ehe ich noch einen Gedanken mit dieſem Schreck verbinden konnte, fuͤhlte ich bei dem Schall der donnernden Worte: verruchter Bube! ſein Schwert ſchon am Gehirn krachend, und die Beſinnung verließ mich. Was weiter aus mir wurde, wußte ich nicht, denn die Nacht des Todes ööerfiein meine Sinne. Das Gefecht dauerte uͤber meinem Leich⸗ nam fort. Aber das wilde Lied aus der Rit⸗ terburg, wie man mir nachher erzaͤhlte, kam naͤher heran, und die Naͤcher meines Todes — — 425 — erkannten in ihnen ihre Bruͤder, die, im Ge⸗ buͤrge umherſtreifend, auf einem andern Wege zu ihnen ſtießen, und jetzt, da ſie das Kaͤm⸗ pfen und die Gefahr bemerkten, ſogleich ge⸗ ruͤſtet von den Bergen her ihnen zu Huͤlfe eilten. Sobald die Raͤuber ſich von hinten angefallen ſahen, hielten ſie nicht laͤnger Stand, ſondern zogen ſich ſeitwaͤrts nach den ſteilen Felſen zuruͤck, zwiſchen welchen ſie entſchluͤpf⸗ ten. Meine kaͤmpfenden Mitbruͤder glaubten nun Heldenthaten genug ausgeuͤbt zu haben, und nachdem ſie meinetwegen das Noͤthige be⸗ ſorgt hatten, kehrten ſie ruhmredig nach der Univerſitaͤt zuruͤck, der eine mit halbem Ohr⸗ zipfel, der andere ohne Naſenſpitze, viele mit einer Schmarre im Geſicht, die meiſten aber mit zerfetzten Kleidern, welches alles ſie jedoch nicht abhielt, ihres kuͤhnen Unternehmens ge⸗ gen die Naͤuber ſich wie eines Sieges zu ruͤhmen. Fuͤnf und zwanzigſtes Capitel. Erhebung. Als ich wieder zu mir ſelbſt kam und die Augen aufſchlug, befand ich mich in einem Zimmer, das mit allen Bequemlichkeiten ver⸗ ſehen war. Die erſte matte Bewegung mei⸗ nes Koͤrpers beſtand darin, daß ich die Hand nach meinem Kopfe hob, wo ich in dumpfer Betaͤubung einen Druck fuͤhlte von dem Ver⸗ bande, der meine Schlaͤfen umgab. Sodann fiel durch die Daͤmmerung meiner Augen die Geſtalt eines Frauenzimmers, das vor mei⸗ nem Bette ſaß. Es ſchien mir, daß ſie wein⸗ te, und ſich Thraͤnen vom Geſichte trocknete, aber ehe ich noch das Bild feſt halten konnte, ſchwankte ſie wie ein Schatten zur Thuͤr hin⸗ aus. Ich that einen langen Athemzug, und wurde mir des heitern Scheines bewußt, den 427 —— der Tag in das Zimmer warf. Ich richtete mich auf und fing an, die Gegenſtaͤnde um mich her zu unterſcheiden. Die Flaͤche des Tiſches lag wie eine gruͤne Ebene vor mir, und die Waͤnde daͤmmerten allmaͤhlig wie Waͤl⸗ der aus dem Morgennebel heran. Ich rich⸗ tete mich auf, und bemerkte, daß viele Heili⸗ geubilder an den Waͤnden umherhingen, und mir gegenuͤber ſah ich eine betende Laura, die vor einem Altare kniete. Ein Blick, den ich mit Anſtrengung nach dem Fenſter wandte, zeigte mir in der Ferne den Rand von einem hohen Felsgebuͤrge, das wie eine graue Wet⸗ terwolke da lag. Ermuͤdet von dieſen Ein⸗ druͤcken ſank ich wieder zuruͤck und fuͤhlte ſchlummernd das Verlangen nach einer Staͤr⸗ kung. Da ſagte eine holde Stimme: richte dich auf, mein Sohn, du biſt gerettet! Eine Hand unterſtuͤtzte mich, und eine andere fuͤhr⸗ te mir eine Schale zum Munde, woraus ich neues Leben trank. Geſtaͤrkt richtete ich mich in die Höhe, ſchlug die Angen auf und er⸗ 4²28⁸ ——— blickte— vor dem Bette ſitzend— meine Mutter. Ich wollte die Haͤnde nach ihr ausſtrecken, aber ſie fielen wieder auf meine Bruſt zuruͤck, ich wollte ſie bei Namen rufen, aber die Stimme verſagte mir, mein Herz hob ſich zum Weinen, aber dem Auge fehlten Thraͤnen.— Sei ruhig, ſei getroſt, mein Sohn, ſagte ſie mit freudig⸗wehmuͤthiger Stimme; ich bin deine Mutter, du biſt mein Sohn, du lebſt, ich habe dich wieder. Da raffte ich alle meine Kraft zuſammen, beugte mich uͤber, und ſank in ihre Arme, indem ich nur immer die Worte ausſprach; meine Mut⸗ ter, meine Mutter! Aber ſie bat, daß ich mich ruhig halten moͤchte, damit die Freude meinem Leben nicht gefaͤhrlich wuͤrde; ich fuͤhl⸗ te mich einer Ohnmacht nahe und ſank zu⸗ ruͤck; doch mit jedem Athemzuge nahm ich zu an Lebenskraft, und durch Schlummer und audere Staͤrkung gewann ich bald die Gewiß⸗ heit meiner Geſundheit wieder.— Sobald es meine Umſtaͤnde erlaubten, erzaͤhlte ich ven 429 —— den mancherlei Schickſalen, die ich in der lan⸗ en Abweſenheit erlebt hatte, und meine Mut⸗ ter weinte vor Freude, wie ſie hoͤrte, daß ihr guter Bruder noch am Leben ſei und ſo gro⸗ zen Antheil an ihrem Schickſal naͤhme. Sie begehrte noch mancherlei zu wiſſen, unterbrach ſich ſelbſt aber durch die Beſorgniß, daß das viele, Reden meiner Geſundheit nachtheilig ſein koͤnnte. Den dritten Tag wagte ich zuerſt, das Zimmer zu verlaſſen, und da merkte ich, daß ich mich in einem Kloſter befand. Ich bat meine Mutter, mir zu ſagen, wie ſie hieher gekommen ſei, aber ſee fuͤrchtete noch immer, daß ihre Erzaͤhlung mich zu ſehr erſchuͤttern moͤchte und ſuchte mir dadurch mehr Erholung zu verſchaffen, daß ſie mich in den Garten, in die Kirche oder auf einen Spaziergang fuͤhrte. Das Kloſter, das auf einer ziemlich betraͤchtlichen Anhoͤhe lag, wies den Blick auf der einen Seite nach einem duͤſtern Keſſel hin⸗ den der Kreis umher liegender Felſen bildete, 430 —— welcher mich an mein letztes Abenteuer erin⸗ nerte. Wir gingen auf den Kirchhof, um d Gegend von der andern Secs a behen Da wurde ich am Eingange ein friſches Grab gewahr, und fragte meine Mutter, wer hier kuͤrzlich begraben ſei. Es iſt kein menſchliches Weſen, gab ſie zur Antwort, doch wohl werth, ſich ſo nahe an die uͤbrigen Graͤber anzuſchließen„ denn es hat ſich im Leben un die Menſchen ſehr verdient gemacht. Ich ah⸗ nete den Sinn ihrer Worte, ging naͤher, und las auf dem Denkſtelne, der errichtet war, die Worte: Dankbarkeit und Treue. Ja, fuhr ſie fort, es iſt dein treuer Begleiter, der fuͤr dich unter den Raͤubern ſein Leben ein⸗ buͤßte. Durch das Gebuͤrge, bis in die Naͤhe des Kloſters hat er dich gebracht, hier ſollte er ſein Grab finden. Deine Freunde ſetzten ihm dies kleine Denkmal, indem ſie meinten, daß auch die Treue eines Hundes dem Men⸗ ſchen zum Beiſpiele dienen koͤnne. Ja, er iſt dieſer letzten Ehre werth, ſagte ich dar uf, 431 —— mehr als einmal hat er mich aus den groͤßten Gefahren errettet. Nun liegt er zu meinen Fuͤßen, und ich rufe Pluto vergebens.— Meine Blicke blieben noch lange auf das klei⸗ ne Grab geſenkt, und ich ſchied ungern von dem Huͤgel; die Krankheit hatte mich ſanfter und mitleidiger geſtimmt, als ich zuvor gewe⸗ ſen war. Ich ſuchte meine Gedanken zu zer⸗ ſtreuen um meiner Geneſung willen, und un⸗ ter der Pflege meiner Mutter— denn nur ſelten kam ein Wundarzt aus der Nachbar⸗ ſchaft— ſah ich meine Wunde auch bald ſo weit geheilt, daß ich ohne Verband umher gehen konnte. Jetzt betrachtete mich meine Mutter mit inniger Freude, und ſchien ſehr bewegt. Darauf nahm ſie mich bei der Hand, und fuͤhrte mich in eine hohe Laube, die uns die Ausſicht auf das Felsgebuͤrge offen ließ. Es iſt nun die Zeit gekommen, begann ſie, daß ich dir meine fruͤhern Schickſale mitthei⸗ len und jauch den Schleier heben kann, der auf deiner Geburt liegt. Zwar ziemt es einer 8 Mutter nicht, von Dingen zu reden, die ſie vor ihren Kindern eher geheim zu halten Ur⸗ ſach haͤtte; aber deine Wohlfahrt und dein kuͤnftiges Schickſal, das ich jetzt allein vor Augen habe, gebieten mir, dies Gefuͤhl zu unterdruͤcken. Mein Vater, der dem Koͤnige als wacke⸗ rer Offieier diente, hatte nur zwei Kinder, deinen Oheim und mich. Er ſtarb zu fruͤh, um unſere Erziehung zu vollenden, und meine Mutter, die nur eine geringe Penſion und kein eigenes Vermoͤgen hatte, ſah ſich bald genoͤthigt, meinen Bruder, der ſchon fruͤh bei dem Regimente ſeines Vaters angeſtellt war, dem Schutze des Koͤnigs zu empfehlen, und fuͤr mich bei der Koͤnigin mit guter Fuͤrſprache um die Stelle einer Hofdame anzuhalten. unſchuldig und unerfahren trat ich in die große Welt. Ohne die Anleitung der Ober⸗ hofmeiſterin, der Graͤfin von Scharnhorſt, die ſich faſt mit muͤtterlicher Sorgfalt meiner an⸗ nahm, waͤre ich nicht im Stande geweſen, in 433 —=— in der neuen Lage, worin ich mich befand, mich nur einigermaßen mit Klugheit zu betra⸗ gen. Aufangs ſchuͤtzte mich die Unwiſſenheit ſelbſt gegen die mancherlei Cabalen, die am Hofe herrſchten, und ich glich einem ſchlum⸗ mernden Kinde, das auf einem Schiffe durch die gefaͤhrlichſten Klippen hindurch faͤhrt, ohne es zu ahnden. Es waͤre vielleicht beſſer ge⸗ weſen, mich nie zu wecken; doch fuͤrchteten andere, daß mancher vielleicht meine Unerfah⸗ renheit zu ihrem Schaden nutzen moͤchte, und ſo wurde ich allmaͤhlig in die Geheimniſſe des Hofes eingeweiht. Indeß noch ehe ſich mir die Gefahr naͤherte, ſtand auch ſchon der Er⸗ retter mir gegen uͤber, und betrachtete mich mit Blicken, die mir noch weit mehr als Freundesſorgfalt verriethen. Es war einer der edelſten Maͤnner, die mir je das Schickſal zugefuͤhrt hat. Als Rittmeiſter beim Regi⸗ mente des Koͤnigs und noch mehr aus beſon⸗ derer Gunſt, die ihm ſein Geiſt und ſeine Talente verſchafften, hatte er die Erlaubniß⸗ II. Theil. Ee 434 —— oft am Hoſe zu erſcheinen, und es gab kein Feſt, das ihn nicht in meine Nähe brachte. Er wußte oft mit wenigen Worten, ſein un doch verſtaͤndlich mich zu warnen, wenn ich in Begriff war, einen Fehler zu begehen, und wünſchte nichts mehr, als daß ich nur ſeine Rechtſchaffenheit, ſeine Freundſchaft fuͤr mich nicht verkennen moͤchte. Doch ehe er es noch gelegen fand, ſein waͤrmeres Gefuͤhl fuͤr mich, fuͤr Liebe zu erklaͤren, und auch mir das ſchuͤch⸗ terne Geſtaͤndniß der Gegenliebe von den Lip⸗ pen zu nehmen, erhielt er vom Koͤnige einen Auftrag, der ihn auf einige Monate vom Hofe entfernte. Er hatte nur noch ſo viel Zeit, mich zu bitten, daß ich mich nach ſeiner Ruͤckkehr eben ſo moͤchte wiederfinden laſſen, wie er mich verließ. Ich verſprach es, und er druͤckte meine Hand mit Inbrunſt an ſeine Lippen.— Indeß— kaum war er meinen Augen entſchwunden, als ſich die Feſte und die Zerſtreuungen um mich her vermehrten, und die zunehmende Gunſt, die mir von meh⸗ 435 —-õ rern Seiten entgegen kam, eine froͤhligere Stimmung in mir erweckte, und mir ein Selbſtvertraun einfloͤßte, das nur um ſo freier wirkte, je mehr ich mich aller Aufmerkſamkeit auf Erinnerungen und Warnungen uͤberhoben ſah. Bis jetzt war mir der Koͤnig nur in der Fer⸗ ne erſchienen, und ſein kaltes, ſtolzes Anſehn hatte mich zuruͤckgeſchreckt. Nun aber traf es ſich bei Gelegenheit, daß er ſich mir naͤ⸗ herte, und, indem er mich mit einiger Ehrer⸗ bietung behandelte, warf er einen ſo milden Blick auf mich, daß das Finſtere und Stren⸗ ge, das ich ſonſt auf ſeinem Antlitz zu bemer⸗ ken glaubte, ſich ploͤtzlich in Fruͤhlingsheiterkeit verwandelte, und ſein guͤtiger Charaeter, der durch Wolken von Kummer um ſo reizender hervorblickte, einen riefen Eindruck auf mich machte. Er naͤherte ſich mir oͤfter, und ſeine Unterhaltung mit mir entſprach ganz der Vor⸗ ſtellung, die ich von ihm gefaßt hatte. Mit aufgeregter Phantaſie fing ich allmaͤhlig an, mir die Lage des Koͤnigs zu denken, und an Ee 2 436 ſeinen innern Zuſtande, den ich mir als lei⸗ dend vorſtellte, Theil zu nehmen.— Es waͤhrte aber nicht lange, ſo ſah ich mich ploͤtz⸗ lich ganz allein von ihm aͤberraſcht; er erſchien in ganz einfaͤcher Kleidung, ohne koͤniglichen Schmuck, und mit einem Betragen, das die reinſte Liebe verrieth. Meine Natuͤrlichkeit, mein unſchuldiges Weſen ergoͤtzte ihn, und ſeine Milde und Guͤte gewann mein Herz. Er druͤckte mir ſein Bildniß in die Hand, das ſeines Namens Unterſchrift fuͤhrte, und mich ſeiner beſondern Huld verſicherte. Ich hatte es als den Schluͤſſel zu betrachten, womit ich in alle Geheimniſſe des Koͤnigs dringen konn⸗ te, ich machte aber keinen Gebrauch davon, jelmehr eilte ich zur Oberhofmeiſterin, um wegen des Verhaͤltniſſes, worin ich zu kom⸗ men fuͤrchtete, ſie um Rath zu fragen. Ich glaubte, daß ich viel Verweiſe von ihr empfan⸗ gen wuͤrde, wie ich ſie auch verdiente; aber um ſich ſchauend legte ſie nur den Zeigefinger auf den Mund, und ſagte: Sie ſind des 435 — Todes, wenn die Koͤnigin etwas davon er⸗ faͤhrt. Noch mehr aber haben Sie die Koͤ⸗ nigin Mutter zu fuͤrchten. Sie forſchte mich aus, und glaubte, daß es zu ſpaͤt ſei, mir die Neigung auszureden, die ich bereits fuͤr den Koͤnig gefaßt hatte, jetzt wollte ſie mein Be⸗ tragen nur ſo leiten, daß etwas Gutes daraus entſpraͤnge. Sie ſchien einen geheimen Plan darauf zu bauen, wie ſie durch mich auf den Koͤnig wirken und unendlich viel Boͤſes, das im Lande ohne ſein Wiſſen geſchah, durch mittelbare Lenkung ſeines Willens verhindern koͤnnte. Sie ſuchte meinen Verſtand immer mehr zu bilden, und freute ſich der ſchnellen Entwickelung meiner Talente; ja ich traue es ſogar ihrem kuͤhnen Geiſte und ihrer Geſin⸗ nung zu, daß ſie willens geweſen, mich, wenn die Umſtaͤnde ſie beguͤnſtigt haͤtten, zu einer wirklichen Koͤnigin zu machen. In wie fern ſie hierin gegen mich und gegen ihre eigene Klugheit gefehlt hat, wage ich nicht zu beur⸗ theilen; aber der Erfolg zeigte, daß ſie mit 433 — ihren Entwuͤrfen in Abſicht meiner zu hoch hinaus ſtrebte. Jetzt endlich kam Sternfels, mein Freund, wieder an den Hof zuruͤck. Ich zitterte, da ich von ſeiner Zuruͤckkunſt hoͤrte, denn ich fuͤhlte mich gegen ihn des Meineids ſchuldig. Seine Augen funkelten von Zorn, als er mich erblickte, doch hielt er damit an ſich, ſo viel er vermochte, und ſo⸗ bald ſich eine Gelegenheit darbot, mich allein zu ſprechen, warf er ſich auf das innigſte be⸗ wegt zu meinen Fuͤßen und bat nach der feu⸗ rigſten Erklaͤrung ſeiner Liebe um meine Hand. Da ich nichts darauf zu ſagen wußte, riß er ſich ſchnaubend vom Boden, und ließ in den heftigſten Ausdruͤcken gegen mich ſeinem Zorn freien Lauf. Ihre Falſchheit wird Sie ſchon belohnen, ſagte er; Ungluͤckliche, ſelbſt der König vermag Sie nicht zu ſchuͤtzen, ſobald die Koͤnigin Mutter Ihr Verderben beſchloſſen hat; ihre Herrſchaft geht weit uͤber die Ge⸗ walt des Herrſchers hinaus; Sie ſind verlo⸗ ren! Iſt Ihnen das Schickſal derer noch 439 —- unbekannt, die Ihnen vorangingen? Ueber das Meer auf eine entlegene Inſel wurden ſie verwieſen, wo der Peſthauch der Luft ihrem Leben bald ein Ende machte. Gott! daß ſie mit ſo ſchoͤnen Eigenſchaften ſich ſo fruͤh in den Tod ſtuͤrzen ſollen! iſt denn keine Ruͤck⸗ kehr moͤglich, keine Reue?—— Vor Schreck weinte ich viele Thraͤnen, da ich ihn ſo ſpre chen hoͤrte, doch ich glaubte, daß nur ſeine Liebe die Gefahr vergroͤßere. Er ging, kam wieder, und rief:„o daß ich Sie retten könnte!“—— Einen ſolchen Freund ſtieß ich von mir, und miy ward gerechte Strafe dafuͤr.— Die Koͤnigin Mutter, die immer argwoͤhnte, daß ihre Tochter vom Koͤnige mit Geringſchaͤtzung behandelt wuͤrde, erfuhr faſt noch eher, als ich ſelbſt„ in welchem veraͤn⸗ derten Zuſtande ich mich befand; von allen Seiten kamen die warnenden Worte: fliehen Sie! Die Oberhofmeiſterin ſah ploͤtzlich, noch ehe ſie kraͤftigere Maaßregeln ergreifen konnte, von ihrer Parthei, die anfangs maͤchtig an⸗ 440 wuchs, ſich verlaſſen, und geſtand mir end⸗ lich ſelbſt, daß ſie fuͤrchte, die Koͤnigin Mut⸗ tur moͤchte mir mit Gift nach dem Leben trachten.— Obgleich der Koͤnig mich beſtaͤn⸗ dig ſeines Schutzes verſicherte, ſo ſchwebte ich doch Tag und Nacht in Aengſten, und die Beſorgniß ging auch nur zu bald in Erfuͤl⸗ lung.— Einſt ward ich in der Nacht ge⸗ weckt, ein Wagen hielt vor der Thuͤr, man drang in mich, zu fliehen, weil es zu meiner Rettung ſei. Bereitwillige Dienerinnen mach⸗ ten mich ſchnell zur Reiſe fertig, und ich ah⸗ nete erſt den Betrug und mein Loos, als der Morgen anbrach und ich, ſchon fern von der Reſedenz, bemerkte, daß der Anfuͤhrer des Reitercorps, das mich geleitete, einer von der Parthei der Koͤnigin Mutter war. Er ver⸗ heelte ſeine Abſicht noch, aber ſie kam durch 3 ein anderes Ereigniß bald an den Tag; denn wie wir einen ziemlich weiten Weg zuruͤckgelegt hatten, und uns in der Daͤmmerung grade auf einem Anger bei einem Dorfe befanden, — 441 — rief er ploͤtzlich: wir ſind verrathen, ich ſehe Dragoner vom Huͤgel daher kommen, die man uns ſicher von der Reſidenz nachgeſchickt hat, uns wieder zuruͤckzubringen. Schnell— ver⸗ huͤllen Sie ſich tief in den Schleier und werfen Sie alles von ſich, was Sie verdaͤchtig ma⸗ chen kann; ich werde Ihre Perſon verleugnen. Da ſiel mir das Schutzbild ein, das ich vom Koͤnige bekommen hatte, und ich ſaͤumte nicht, es den Augenblick auf den Aüger hin⸗ aus zu werfen; ich ſelbſt glanbte durch Kum⸗ mer und ſchlafloſe Naͤchte ſchon entſtellt genug und in den Reiſekleidern, die ich trug, ganz unkenntlich zu ſein. Als die Dragoner naͤher kamen, rief eine mir bekannte Stimme: Halt, nicht weiter! Wo iſt die Ordre des Koönigs? — Es war Sternfels, mein treuer— ver⸗ 1* ſchmaͤhter Freund. Kaum hatte er meine ge⸗ waltſame naͤchtliche Entfuͤhrung erfahren, als er, immer noch von Liebe gegen mich erfuͤll, mit ſeinen ihm ergebenen Leuten ſich auf den Weg machte, mich den Haͤnden meiner Feinde 442 —-— wieder zu entreißen. Der Anfuͤhrer meiner Begleitung ſtellte ſein kleines Corps in Reih und Glied, und drohte den Kutſcher nieder⸗ zuſchießen, wenn er nicht nach ſeinem Willen thaͤte. Sobald Sternfels die feindſelige Ab⸗ ſicht ſah, ſprengte er ohne Weiteres mit dem Degen in der Fauſt auf die Rotte los, und ein hitziges Gefecht entſtand von beiden Sei⸗ ten. Ich rang die Hände, ich ſchrie, daß ſie nur ihres Lebens ſchonen moͤchten, ich zitterte fuͤr Sternfels, den ich in augenſcheinlicher Gefahr ſah. Um Gottes willen! haltet ein! rief ich, richtet lieber auf mich eure Schwer⸗ ter, laßt mich als das Opfer fallen. Um⸗ ſonſt! das Gefecht dauerte fort, und ich ſah — den wackern Sternfels vom Pferde ſinken. Seine Leute flohen uͤberwunden, und Oeden⸗ hain, der mich raubte, eilte mit ſeiner Beute davon. Den folgenden Tag verfinſterte ſich ſein Geſicht ſehr gegen mich, und die wenigen Worte, die er ſprach, nahmen eine große 443 ——— Rauhheit an, ſo daß ich immer Schlimmeres fuͤrchten mußte. Bald darauf aber geſellte ſich ein Mann zu ihm, der ihn als einen Kriegsgefaͤhrten begruͤßte. Sie eilten beide voraus, und ſchienen etwas heimlich zu ver⸗ handeln. Endlich kam Oedenhain an den Wa⸗ gen heran und ſagte: ich muß fuͤrchten, Sie nicht ſichern Weges hindurch zu bringen, in⸗ dem leicht neue Verfolger uns nacheilen koͤn⸗ nen. Dieſe Beſorgniß und das Mitleid mit Ihrer Jugend aͤndern meinen Plan; wenn Sie ſich in meinen Willen ergeben, ſo kann es Ihnen noch leidlich ergehen. Sie ſind nach der entlegenen Inſel verbannt, wovon nie⸗ mand lebend wiederkehrt; ich will Sie aber in eine andere Wuͤſtenei in Sicherheit brin⸗ gen, wo ihr Schickſal menſchlicher ſein wird. Es liegt hier das wilde Gebuͤrge vor uns, das nur von elenden Kohlenbrennern und Raͤubern bewohnt iſt. Die Raͤuber ſind Her⸗ ren dieſer oͤden Provinz, und den wackerſten von ihnen erblicken Sie jetzt bei mir. Wenn 444 — Sie dieſem Manne folgen, ſo koͤnnen Sie als ſeine Gehuͤlfin, in einer ſchlechten Huͤtte ſich noch immer einbilden, eine Koͤnigin zu ſein.— Bedenken Sie aber ſelbſt, daß, ſo wie Sie jenen Verbannungsort verlaſſen, Sie aufs neue in Gefahr ſchweben wuͤrden, ihr Le⸗ ben zu verlieren. Dies iſt die Bedingung, unter welcher ich Sie entlaſſe, und fuͤr die Erfuͤllung derſelben muß mir ſtatt Eid und Schwur Ihre eigene Klugheit buͤrgen. Da mir keine andere Wahl uͤbrig blieb, ſo rettete ich nach vielen Wehklagen mein Leben in das Gebuͤrge, wohin Oedenhain mich gelei⸗ tete, und ich ward die Pflegerin des Man⸗ nes, der als Herr des Hauſes gegen dich die Rechte des Vaters ausuͤbte.— Aber nun weißt du, daß du von koͤniglichem Blute ſtam⸗ meſt, und, ausgeruͤſtet mit Kraft und Kennt⸗ niſſen, ſollſt du nicht laͤnger in der Verbor⸗ genheit umherirren, ſondern Ehre und Gluͤck ſuchen da, wo es dir entriſſen iſt. Nicht weit von hier lebt jene Graͤfin Scharnhorſt, auch 445 goch zetzt meine Freundin, die, weil ſie end⸗ lich den Cabalen des Hofes erlag, nun den freien Genuß des Landlebens auf ihren Guͤ⸗ rern dem vorigen Glande vorzieht. Ihr ſollſt du dich vorſtellen und nach Ueberreichung eines Briefs von mir den Rath anhoͤren und befol⸗ gen, den ſie dir geben wird.— O, mein Sohn, in dir bluͤht die Hoffnung meines Le⸗ bens wieder auf, gern will ich die ausgeſtan⸗ denen Leiden vergeſſen, wenn du nur aus der Niiedrigkeit wieder emporſteigſt. Fuͤr jetzt bin ich wenigſtens aus dem Sclavendienſte, den ich dem Naͤuber leiſten mußte, befreit. Dies verdanke ich einem Eremiten, deſſen Laienbru⸗ der oͤfters vor unſere Thuͤre kam. In der oͤden Wildniß verrichtete ich oftmals mein Ge⸗ bet bei ihm, und, in Mannskleider gehuͤllt, ſicherte ich mich gegen die Schmach, die ich auf einſamem Pfade durch den Wald zu fuͤrch⸗ ten hatte. Endlich zeigte er mir den Weg in dieſes Kloſter, wo er mir eine gute Aufnah⸗ me verſchaffte, und wo ich wegen der einſa⸗ 446 ——— men Lage vor Nachſtellungen mich ſicher hal⸗ te. Ich lebe hier unter den barmherzigen Schweſtern, deren Gehuͤlfin ich bin, ohne Ordensverpflichtung, und wir ſind bemuͤht, das wieder gut zu machen, was die Rauhheit der Gegend und die Raͤuber den Reiſenden Boͤſes zufuͤgen. Wunderbar, wie Gott in der Natur ſorgt, daß Gutes und Boͤſes ſich gegen einander aus⸗ gleichen; iſt dort ein Gebuͤrge voll Raͤuber, ſo ſteht hier wieder ein Pflegehaus.— Mein Blick, unwillkuͤhrlich in die Ferne gerichtet, ſchauerte jetzt vor der Nachtgeſtalt der finſtern Felſen zuruͤck, und ſenkte ſich auf die milden, ſanften Augen meiner Mutter; ihres Lebens, ihres Beſitzes mich freuend, gelobte ich alles zu thun, was ſie begehte. Der gluͤckliche Zu⸗ fall, ſagte ich, der mich auf jenem Anger beim Dorfe als armen Hirtenknaben das weg⸗ geworfene Schutzbild wieder finden ließ, deutet an, daß ich ſo auch die Ehre unſerer Familie retten und die verlornen Rechte wieder erlan⸗ 44 —-— gen werde.— Meine Geſundheit war jetzt voͤllig wieder hergeſtellt, und die Narbe, die ſch von der geheilten Wunde an der linken. Schlaͤfe behielt, konnte ich leicht mit dem han⸗ genden Haare bedecken. Wir uͤberlegten nun, wie ich vor der Graͤfin von Scharnhorſt mit Anſtand erſcheinen moͤchte. Eine Wanderung zu Fuße dahin, ſo nah es auch war, wurde verworfen, und der alte Kloſterwagen mit Vorſpann von zwei Pferden aus dem Dorfe vorgezogen, und beſchloſſen, daß ich damit erſt um die Abenddaͤmmerung in Scharnhorſt ankommen ſollte.— Nachdem ich meinem Freunde Eduard Nachricht von mir gegeben hatte, ſchied ich alſo abermals von meiner Mutter, um, wo moͤglich, nun einer glaͤn⸗ zendern Laufbahn entgegen zu gehen. —— Sechs und zwanzigſtes Capitel. — Liebe. Den Nachmittag kam ich in eine liebliche Ge⸗ gend, in welcher Wieſen und Waͤlder mit ein⸗ zelnen Bruchſtuͤcken von hervorragenden Felſen wie Ernſt mit Freundlichkeit wechſelten. Da etwas von dem alten Silenzeuge, das vom Kloſter den Pferden aufgelegt war, zerriß⸗ und der Bauer bei einem Wirthshauſe Halt machen mußte, ſo benutzte ich dieſe Zeit zu einem angenehmen Spaziergange, und begab mich nach einem romantiſch gelegenen Walde, aus deſſen heiterm Gemiſch von Birken und Buchen und Maiengeſtraͤuchen mir lockend hundert Nachtigallſtimmen entgegen klangen. Das Blut wallte mir leichter durch die Adern, und eine weiche, wohlthuende Empfindung be⸗ maͤchtigte ſich meines Herzens. Ich ſetzte mich nie⸗ 449 —— nieder auf den gruͤnen Raſen, um auf man⸗ ches Gute, das ich in der Welt erlebt hatte, einen zufriedenen Blick zuruͤck zu werfen. In⸗ dem hoͤrte ich mitten aus dem Walde ein hel⸗ les, froͤhliches Lachen von jungen Maͤdchen, das von mancherlei Scherzreden untermiſcht war. Da es ziemlich entfernt ſchien, ſchlich ich durch einige Geſtraͤuche hindurch, um ihrer aus dem gruͤnen Hinterhalte heimlich anſichtig zu werden. Staͤdtiſch gekleidete Jungfrauen, die mit ihrem Alter an der Grenze der Kind⸗ heit ſchwebten, ſtanden in einem großen Krei⸗ ſe, in welchem ſie dem ſchoͤnſten Kranze von kaum entknoſpeten Roſen glichen, und warfen ſich einander einen Federball zu, der, im taͤu⸗ ſchenden Fluge bald dieſe bald jene Hand ir⸗ releitend, eben das aufſchallende Gelaͤchter verurſachte, wobei ſie ſich oft mit Doris und Daphne und aͤhnlichen Schaͤfernamen froͤhlich einander zuriefen. Jetzt trat ein Maͤdchen, groͤßer als die andern, von aͤußerſt zierlichem und ſchlanken Wuchs, deſſen Fuß nur Roſen⸗ II. Theil. Ff 450 —— blaͤtter zu kruͤmmen ſchien, in die Mitte der Geſpielinnen und ſagte: ich bin des Spiels überdruͤßig, laßt uns ſehen, wer zu einem Kranze die beſten Blumen findet, ich ſah ſchon viele hier, und denke nicht lange zu ſuchen. Gehe nur jede fuͤr ſic.— Sie warteten alle, welche Gegend des Waldes ſie waͤhlen wuͤrde, dann zerſtreuten ſie ſich. Jene wand⸗ te ſich aber nach der Seite, wo ich verborgen war, und ich, halb erſchrocken, ſtellte mich zu mehrerer Sicherheit hinter einen ziemlich hohen Felsblock, doch ſo, daß ich ſeitwaͤrts durch die Geſtraͤuche ſie belauſchen konnte. Sie richtete ihr großes offenes blaues Auge bald hierhin, bald dorthin, und wenn ſie ſich buͤckte, fielen ihre braunen Locken wie wallen⸗ des Gewoͤlk um die zarten Wangen her, die feuriger erroͤthend den dunkeln Schleier hin⸗ wegſpotteten. Ein anderes Maͤdchen folgte ihren Schritten, welchem ſie aber alle Beruͤh⸗ rung der Blumen unterſagte und nur die zu empfangen befahl, die ſie pfluͤcken wuͤrde. 451 —— Rief jene: hier rechts ſinden Sie; ſo ſagte dieſe: ſei ſtill, und laß mich ſelbſt ſuchen. So kamen ſie dem Ort, wo ich ſaß, immer naͤher. Endlich erhob die Braungelockte ihre blauen Augen und rief: ſieh, da auf dem Fel⸗ ſen ſteht ein ganzer Kranz von Blumen, roth und ſchoͤn— wenn wir ſie nur haͤtten! die andere mußte gleich darnach klimmen, konnte ſie aber nicht erreichen. Alſobald eilte ich, mich hinterwaͤrts auf den Felſen hinauf zu ſchwingen, und ſchuell wie ich mich aufrich⸗ tete, hielt ich den ſchönſten Buͤſchel von ro⸗ then Blumen in meinen Haͤnden und ſprach: hier, mein ſchoͤnes Fraͤulein, iſt, was Sie wuͤnſchen.— Sie ſtand betroffen, ſenkte das Auge, wandte ſich halb, als ob ſie fliehen wollte, weilte dann, und hob wieder ihre Blicke zu mir empor. Ich bitte um Verzei⸗ hung, ſagte ich, wenn ich unwillkommen Sie uͤberraſcht habe;— und ich ſprang hinab, kniete in das Gras, und ließ den bluͤhenden Schmuck vor ihr auf meiner flachen Hand Ff 2 452 —— ruhn. Sie haben dieſe Blumen gewuͤnſcht, ſagte ich, es ſollte mir leid thun, wenn ſie jetzt von ihrem Werth verloren haͤtten. Sie winkte darauf ihrer dienenden Geſpielin, daß ſie ſolche in Empfang naͤhme, doch beſann ſie ſich ploͤtzlich, und nahm ſie ſelbſt, wobei ihre Wangen dreimal hoͤher gluͤhten. Ich danke! ſagte ſie mit erzwungener Faſſung, und ſich ein wenig verneigend, indem ſie noch einmal ihren Blick auf mich heftete, verließ ſie mich mit ſittſamen Schritten, und das andere Maͤdchen folgte ihr. Ich zog mich gleich hin⸗ ter die Gebuͤſche zuruͤck, doch vergaß ich nicht zu lauſchen, ob ſie mir irgend wo nachſpoͤhen wuͤrde, was auch wirklich geſchah, ſobald ſie mich weit genug entfernt glaubte. Das Ge⸗ ſchaͤft des Blumenſammlens ſchien fuͤr ſie vollendet; denn ſie wechſelte unſtaͤt die Plaͤtze im Walde, ohne wol deutlich zu wiſſen, warum.— Indem ſchreckte die rauhe Stim⸗ me des Bauern— wie ein kraͤchzender Rabe bei Nachtigallen— mich aus dem Traum und 453 —— rief, daß ich eilen moͤchte, um in den Wagen zu ſteigen, weil er ſonſt das Schloß vor Nacht nicht erreichen koͤnnte.— Ich ging und ſetzte mich ein, es flogen Huͤgel und Haine an mir voruͤber, und ihr Eindruck konnte nichts von der friſchen Erinnerung verwiſchen, die ich jetzt mit allen Einzelnheiten in hundert man⸗ nichfaltigen Verknuͤpfungen immer wieder aufs neue genoß.— Ich ſuchte zu begreifen, wie ſo viel vornehme huͤbſche Maͤdchen in den Wald kaͤmen, und die Braungelockte, die weit an Anſehn uͤber die andern hervorging, mit ihrem Verhaͤltniſſe zu der dienenden Geſpie⸗ linn, welche nicht ihr du zu erwiedern wagte, war mir vollends ein Raͤthſel.— In dieſe Betrachtungen gleichſam wie in den Duft von Blumen eingehuͤllt merkte ich nicht eher die Schnelligkeit, mit welcher wir fortgeruͤckt wa⸗ ren, bis ich in der Daͤmmerung ſchon vor dem Schloſſe hielt. Da gleich einige Leute hervortraten, die mich und meine Sachen in Empfang nahmen, ſo gelang es mir, ſo ziem⸗ 454 — lich ungeſehn und, ohne durch meine Equipage aufzufallen, mich den Zimmern der Graͤfin zu naͤhern. Ich ließ mich anmelden und hinein ſagen, daß ich die Ehre zu haben wuͤnſchte, ihr perſoͤnlich einen Brief zu uͤberreichen, wor⸗ auf ſich gleich die Thuͤrfluͤgel oͤßneten, und die Graͤfin ſelbſt mir durch zwei Zimmer entgegen kam. Sie betrachtete mich mit ſo großer Ver⸗ wunderung, als ob ſie gleich eine bekannte Perſon in mir geahnet haͤtte, und ſobald ſie den Brief meiner Mutter geleſen, belebte Freude ihr Auge, und meine Hand ergreifend fuͤhrte ſie mich mit der zaͤrtlichſten Theilnahme in ihr Cabinet. Indem ſie mit den Blicken heimlich meine Locken umſchweifte, ſagte ſie zu mir: ich kenne Sie, ich kenne Sie ſchon lange; ich habe Sie oft auf meinen Armen getragen; nun ſind Sie ein Mann geworden, nun ſind Sie zu Hoffnungen reif. Sie that einige Fragen nach meiner Mutter, deren juͤngſtes Schickſal ihr nicht unbekannt ſchien, und in meiner Erzaͤhlung hoͤrte ſie mit Ver⸗ 45⁵ —--— gnuͤgen des Unterrichts erwaͤhnen, der mich auf Schule und Univerſitaͤt gebildet hatte. Eben wollte ſie in ein vertrauteres Geſpraͤch eingehen, als draußen mehrere blaſende Po⸗ ſtillions ſich hoͤren ließen und einige Wagen am Portale des Schloſſes vorfuhren. Da kommen die Kinder, ſagte ſie haſtig; es ſind einige Fraͤulein aus der Nachbarſchaft, die einer andern aus der Reſidenz waͤhrend ihres hieſigen Aufenthalts bei mir Geſellſchaft lei⸗ ſten; ſie kehren jetzt von einer kleinen Reiſe und einem laͤndlichen Vergnuͤgen zuruͤck.— Ich hoͤrte ſchon die Vorſaͤle ſich mit Maͤdchen⸗ 3 ſtimmen erfuͤllen, und die Graͤfin verließ mich auf einen Augenblick, um ſie zu empfangen. Ein Kammerdiener kam, mir mein Zimmer anzuweiſen, und eine Stunde darauf wurde ich zur Tafel geladen. Wie ſtaunte ich, als ſich ein großer pracht⸗ voller Saal vor mir aufthat, und ich die naͤm⸗ liche Geſellſchaft von muntern Jungfrauen in hellem Glanze von tauſend Kerzen wieder er⸗ 456 —— blickte, die ich heute im Walde verlaſſen hatte. Und an ihrer Spitze ſtand jene Schoͤne in braunen Locken, welcher mich die Graͤfin ſo⸗ gleich vorſtellte, indem ſie mich Herr von Fels⸗ heim und ſie Fraͤulein Clementine nannte. Sie nahm an der Tafel ihren Platz zwiſchen der Graͤfin und einer andern aͤltlichen Dame, und ich ſaß ihr gegenuͤber. Wir ſahen uns beide etwas betroffen an, und ich wußte nicht, ob es ihr recht ſein wuͤrde, wenn ich des Abenteuers im Walde erwaͤhnte. Da ſie aber gleich mit allem Fleiß das Geſpruͤch vom Walde ablenkte, und ihre Geſpielinnen an den ſchoͤ⸗ nen Garten des geſehenen Landgutes erinner⸗ te, ſo glaubte ich, daß ihr eine Verheimli⸗ chung lieber waͤre, und ſchwebte mit meinem Geſpraͤch nur im Allgemeinen uͤber die ſchoͤne Gegend hin. Auf dieſe Weiſe wurde indeß bei den hellen Blicken, die wir einander zu⸗ ſandten, das Uebel nur noch aͤrger, denn nichts giebt der keimenden Liebe mehr Kraft, als Verheimlichung, wodurch ſie wie einge⸗ — ſchloſſene Glut nur um ſo maͤchtiger ſich ent⸗ zuͤndet, je mehr man ſie zu hemmen ſtrebt. Es ſchien auch, daß die andern Maͤdchen nicht ohne Argwohn auf uns lauſchten, und ploͤtz⸗ lich ließ ſich einmal eine Stimme mit den Worten hoͤren: die Prinzeſſin hat doch den beſten Kranz geflochten! Mir klang es wie Spott, indeß erfolgte eine allgemeine Stille darauf, und die Graͤfin warf einen verweiſen⸗ den Blick auf die, welche dies geſagt hatte, ſo daß das Fraͤulein uͤber ſich ſelbſt erſchrak. Fraͤulein Clementine war unterdeß bis an die Stirn roth geworden, und ich ſpuͤrte, als ob mich die Sache zunaͤchſt betroffen haͤtte, auch einige Verlegenheit, welches alles die Graͤfin mit den Worten zu verhuͤllen ſuchte: Hulda ſcherzt gern! Clementine faßte ein Herz und ſagte: es iſt kein Wunder, wenn ich reicher zuruͤckkam, weil unſerer zwei waren, und von ihnen jede einzeln ging. Auch war ich eigen⸗ nuͤtzig genug, mir gleich den beſten Platz zu waͤhlen. Wenn wir aber wieder in den Wald 458 ——— kommen, ſoll unſere Freundin Hulda den An⸗ fang machen. Vielleicht iſt ſie dann eben ſo gluͤcklich als ich.— Dieſe letzten fluͤchti⸗ gen Worte ſchienen nach meinem Gefuͤhl in dem Klange ihrer zarten Stimme mehr Nach⸗ druck zu bekommen, als ſie wohl zu ihrer er⸗ ſten Beſtimmung haben ſollten, und ich eigne⸗ te in der feurigen Hoffnnng meines Herzens mir einen Theil davon zu. Wenn die hohen Gebuͤrge fuͤr Sie nicht zu beſchwerlich waͤren, fing ich an, ſo moͤchte ich jene wunderſchoͤnen Blumen ruͤhmen, welche dort ungeſehn pran⸗ gen, denn oft bricht aus Felſen die ſchoͤnſte, bluͤhendſte Farbe hervor. Clementine ſchlug die Augen nieder und ich fuͤrchtete ſchon, zu viel geſagt zu haben, indem ich auf die ge⸗ ſpendeten Blumen hindeutete. Darauf erwie⸗ derte ſie halb ſcherzhaft: da muͤßten wir die Schwingen eines Adlers beſitzen; oder ſoll ich mir einen Falken wuͤnſchen, der darnach zu fliegen verſteht? Mir iſt dergleichen nicht be⸗ kannt.— Jetzt hatte ich ſchon auf der Zunge, 45⁰ —— zu ſagen, daß ich der Falk ſein moͤchte, aber mein Gefuͤhl ſagte mir, daß dies fuͤr unſern Zuſtand nicht der rechte Ton ſei, indem der wahren Liebe Galanterie nimmer mehr genuͤgt. Durch mein Schweigen erhob ſich nun ihr Muth, und ſie naͤherte ſich im Geſpraͤch im⸗ mer dem Felſen, woher ich den Purpurſtrauß brachte, indem ſie Blumen mit einander ver⸗ glich und jener Art den Vorzug gab.— Bald darauf aber wurde die Tafel aufgeho⸗ ben.— Den folgenden Tag nahmen wir im Garten das Fruͤhſtuͤck ein, wobei ein Fiſcher ſein Netz aus dem Teiche mit blinkenden Fi⸗ ſchen zog, deren Anblick uns ſehr ergoͤtzte. Clementine ſchlug mancherlei Spiele vor, die ich ihr mußte ausfuͤhren helfen. Es war, als ob wir uns zuweilen mit Fleiß mieden, aber wir begegneten uns immer wieder, und die Graͤfin that, als ob ſie es nicht bemerkte, woraus ich ſchloß, daß ſie unſere gegenſeitige Zuneigung heimlich zu beguͤnſtigen gedaͤchte. Endlich begann ein Wettſpiel der Schoͤnen im 460 Geſang, und meine Koͤnigin ſchien auch hierin den Preis davon zu tragen. Doch theilten bald darauf die andern ihr mit heimlicher Liſt ein Lied zu, das ſie in große Verlegenheit ſetzte. Sie mochte bei dem unſchuldigen An⸗ fange deſſelben nicht gleich an den verfaͤnglichen Schluß denken, und erbangte allmaͤhlig, wie ſie ſingend demſelben naͤher kam, denn es war hier von einem Juͤnglinge die Rede, der, durch Verwandlung aus einer Blume hervor⸗ gehend, zuletzt die Hand des erſtaunten Maͤd⸗ chens kuͤßte. Sie wandte das Geſicht immer weiter von der Guitarre abwaͤrts, als wenn ſie ſich ſelbſt vor dem Liede haͤtte verbergen wollen, und je zaͤrtlicher die Worte wurden, deſto mehr kaͤmpfte ſie, mit ihrer Stimme Herr daruͤber zu ſein. Viele Nachtigallen jauchzten zu gleicher Zeit aus den Gebuͤſchen, und der ſchmelzende Geſang derſelben, ihr nachhallend, gab ihr nach eingeerntetem Lobe endlich die Erloͤſung.— Aber der Tag kam, daß die muntere Geſellſchaft das Schloß wieder 461 —-— verlaſſen ſollte, und ich ging betruͤbt den Mor⸗ gen ſehr fruͤh in den Garten hinab, um einen Strauß von den allerſchoͤnſten Blumen zu⸗ ſammen zu ſetzen, die ich mir vorher ſchon dazu erſehn hatte. Kaum war ich damit zu Stande, als ich ein Geraͤuſch neben mir hoͤr⸗ te— ich erblickte Clementinen, die auch fruͤh herabgekommen war, um ungeſehn hier zu luſtwandeln. Ich hielt den Augenblick fuͤr guͤnſtig, und trat gleich aus den Geſtraͤuchen hervor; aber ſie erſchrak und wollte uͤber einen gruͤnen Naſen davon fliehen, als ſie ausglitt, und— von mir aufgefangen in meine Arme ſank. Ich bat flehentlich, nicht zu zuͤrnen, daß ich ſie erſchreckt und erſt ſelbſt dieſen Bei⸗ ſtand ihr noͤthig gemacht haͤtte; doch wie ſie ausgeglitten, ſchiene daraus zu erhellen, daß ſie Unrecht gehabt zu fliehen; ich ſei gekom⸗ men, ihr dieſen Blumenſtrauß zu uͤberreichen, und baͤte bei ihrer Abreiſe, wenigſtens ſo lan⸗ ge mir ihr Andenken zu erhalten, als die Farbe und der Geruch dieſer Blumen dauern und ſie 462 —— an mich erinnern wuͤrden. Jetzt ließ ſie ihre Hand auf die meinige herabſinken und ſagte: wohl laͤnger! doch— wie ſoll ich vergelten? Maͤnner achten wenig auf Blumen, und an unverwelklichen Kraͤnzen fehlt es mir. Ich muß Ihnen alſo wohl den Dank ſchuldig blei⸗ ben; leben Sie wohl.— Indem riß ſie ihre Hand gewaltſam los, und jagte davon, aber hinter ihr klang etwas auf dem Boden. Ich hob es auf, es war ein Ring von lauter klei⸗ nen Roſen, die einen recht zierlichen Kranz bildeten. Ungewiß, ob er ſich nicht wirklich durch den Druck meiner Hand abgeſtreift haͤt⸗ te, lief ich ihr nach und rief: dieſer RNing vermißt ſeinen Eigenthuͤmer. Er hat ihn ge⸗ funden, erwiederte ſie, und verſchwand. Nun ſchwamm ich in den ſeligſten Gefuͤh⸗ len, jede Roſe in dem Ringe betrachtete ich wie den Anfang zu dem Kreiſe vieler gluͤckli chen Stunden, doch wie hier Ende und An⸗ fang ſich verſchlangen, ſo wußte ich auch nicht, 2 wann dieſe getraͤumte gluͤckliche Zukunft fuͤr mich beginnen wuͤrde. Viele Poſthoͤrner erſchallten vor der Thuͤr und riefen zur Abreiſe. Die Fraͤulein ſchwirr⸗ ten im Schloſſe hin und her und wunderlich genug moͤgen meine Worte ſich verwirrt ha⸗ ben, die ich noch mit einer jeden ſprach. Auch Clementinen ſah ich naͤher ſchweben, ich druͤck⸗ te ihre Hand an meine Lippen, ſie ſchien ge⸗ ruͤhrt, doch ſagte ſie zum Abſchiede kein Wort. — Die Wagen donnerten uͤber die Bruͤcke, und eine Todtenſtille herrſchte ploͤtzlich auf dem ganzen Schloſſe.. Jetzt ſah mich die Graͤfin traurig ſtehn; kommen Sie!l ſagte ſie zu mir, und ich muß⸗ te ihr in ihr Cabinet folgen. Es ſcheint— begann ſie— daß Clementine Eindruck auf Sie gemacht hat, laſſen Sie ſich deshalb nicht bange ſein; es wird auf Sie ankommen, ſie fuͤr ſich zu gewinnen. Sobald Sie ihrer wuͤrdig ſein werden, ſollen Sie auch ihren Namen und ihre Abkunſt erfahren. Bis das 464 hin haben Sie den Troſt, uͤber ihr Schickſal durch mich kuͤnftig Nachricht zu erhalten. Jetzt laſſen Sie uns Ihren Zuſtand naͤher betrach⸗ ten. Sie wiſſen, weſſen Sohn Sie ſind, aber noch nicht, daß Sie es zwiefach geworden. Als falſcher Sohn bedeuten Sie mehr, denn als der aͤchte, jener muß erſt die Rechte von dieſem geltend machen. Hoͤren Sie, was ich fuͤr Sie that. Nach der Verbannung Ihrer Mutter wuͤr⸗ de ich am Hofe plöͤtzlich allen Einfluß verlo⸗ ren haben, wenn nicht die Vorſehung mir einen Gedanken eingegeben haͤtte, der Ihnen und mir, dem Koͤnige und der Koͤnigin zu⸗ gleich Heil bringen konnte. Ich ſprach zur Koͤnigin; eher wird das Ungluͤck, und der Unbeſtand des Koͤnigs kein Ende nehmen, als bis er einen Thronfolger ſieht, der ihn zu⸗ gleich an Ihre Majeſtaͤt feſſelt. Die Idee einer verſtellten Schwangerſchaft, zu welcher ich rieth, konnte ſie eben nicht als neu uͤber⸗ raſchen, doch um ſo eher fand ſie Eingang,⸗ und 465 —-— und die Anwendung, die Folge davon, mach⸗ te die Sache erſt merkwuͤrdig, denn es ging hiebei auf einen Doppelbetrug hinaus, bei wel⸗ chem der am wenigſten betrogen ward, dem man den Betrug zugedacht hatte. Meine ganze Abſicht war naͤmlich darauf gerichtet, Ihnen die Rechte eines Kronerben zu ver⸗ ſchaffen, und der Mutter das erlittene Un⸗ gluͤck durch das beſſere Loos ihres Sohnes wieder zu verguͤten. Ich hatte den Ort ih⸗ res Aufenthalts in Erfahrung gebracht, und durch Geſchenke und andere Beweggruͤnde ver⸗ mochte ich den Hofjuden, mir das Kind zu verſchaffen, das meine ungluͤckliche Freundin in ihrer Verbannung gebaͤren wuͤrde. Dieſes wurde nun in das Cabinet der Koͤnigin ge⸗ bracht, und unter Glockengelaͤut und dem Donner der Kanonen, die dem Lande einen Thronfolger verkuͤndeten, empfing es der Koͤ— nig auf ſeine Arme, und dankte dem Himmel fuͤr die endlich erfuͤllte ſehnlichſte Hoffnung. II. Theil.. Gg 456 Haͤtte man ihm etwas von der Wahrheit geſagt, ſo haͤtte er vielleicht daran gezweifelt, und haͤtte er alles erfahren, ſo haͤtte er doch nicht mehr glauben koͤnnen als jetzt, da er nichts wußte. Man ließ ihn alſo gern bei dem Wahne, daß dies nicht nur ſein Sohn, ſondern zu⸗ gleich der Sohn der Koͤnigin ſei, damit Sie ihm deſto naͤher angehoͤren moͤchten. Und auch die Koͤnigin konnte kaum ſagen, daß ſie betro⸗ gen war, denn ihre Abſicht war erreicht: der Koͤnig liebte ſie jetzt mehr als jemals. Aber dieſe ſtaͤrkere Liebe war vielleicht die Urſach eines Erfolgs, den wir nicht erwarteten. Nuͤmlich nach zwei Jahren wurde die Koͤnigin wirklich ſchwanger und gebar gleichfalls einen Prinzen. Von der Zeit an mochte ſſie den Stellvertreter nicht mehr mit Augen ſehn, und bat mich, ihn, auf welche Weiſe es auch ſei, wieder zu entfernen. Ich ſah die Ge⸗ fahr, worin Ihr Leben ſchwebte, und um Sie zu erhalten, vermochte ich den Juden 46⁷ —— abermals, Ihres Schickſals ſich zu erbarmen, und Sie Ihrer Mutter wieder zuruͤckzubringen. Der Koͤnig liebte Sie aber ſo ſehr, daß man eine ganz neue Liſt erſinnen mußte, um Ihre Entfernung zu rechtfertigen. Es mußten Nach⸗ richten kommen von der Schweſter der Koͤni⸗ gin Mutter, als ob ſie die Hoffnung blicken ließe, den Sohn des Koͤnigs zum Erben ihres großen Reichs einzuſetzen, wonach der Wunſch ſo natuͤrlich war, ihn ſchon jetzt nach den Sitten ihres Landes zu erziehen. Es ward eine Abreiſe veranſtaltet, und es hieß fortan: der aͤlteſte Prinz iſt abweſend, bei der Groß⸗ tante. Man wußte lange nicht, ob man ihn dort ſollte noch länger leben oder vorgeblich ſterben laſſen, indeß befahl man einſtweilen, fuͤr ihn als einen Kranken in den Kirchen zu bitten. Weil der zweite Prinz nun aber von ſchwaͤchlicher Geſundheit ſchien, ſo rieth ich denen, die darum wußten, jenen Glauben an Gg 2 468 —— den lebenden erſtgebornen Prinzen nicht ſobald zu vertilgen, denn ich dachte immer noch an die Moͤglichkeit, Sie einmal wieder in die vorigen Rechte einzuſetzen. Mit der Zeit iſt es indeß anders gekommen, als ich dachte. Der zweite Prinz faͤhrt fort zu leben, und Sie haben ungekannt und ungeſehen durch 5 mancherlei Widerwaͤrtigkeiten und Schickſale in der Welt ſich durchkaͤmpfen muͤſſen. Je⸗ doch— jetzt ſind Sie zum Manne gereifet, und der Zeitpunct iſt fuͤr Sie da, zu han⸗ deln, nicht laͤnger unſtaͤt umher zu irren, ſondern aufwaͤrts nach einem beſtimmten Ziele zu ſtreben. Der Graf von der Luͤhe in der Reſidenz, mein Bruder, wird auf dieſen Brief Sie mit eben der Freundſchaft empfan⸗ gen, die ich fuͤr Sie habe, und Ihnen dann ſagen, welche Wege Sie zu Ihrem Gluͤcke einſchlagen muͤſſen. Nun machen Sie ſich auf und verfolgen Sie Ihr Ziel.— Als ich dies alles ruhig angehoͤrt hatte, ſtand ich 469 —-— noch lange erſtaunt da, und nur der Dank, zu dem ich mich gegen die Graͤfin verpflichtet fuͤhlte, gab mir die Sprache wieder. So wenig ich auch eigentlich Luſt zu hohen, eitlen Ehren in mir verſpuͤrte, ſo floͤßte doch der Gedanke an Clementinen, die von allen Be⸗ ſtrebungen der Preis ſein ſollte, mir nicht geringen Muth dazu ein, und ich ſetzte mich in den Stand, den andern Tag nach der Reſidenz abzureiſen. 470 —— Sieben und zwanzigſtes Capitel. Begraͤbniß. Ich fand den Morgen meine Boͤrſe mit einer ſehr großen Summe gefuͤllt„ und ein Pferd vorgefuͤhrt, das in dem reichſten Geſchirr von Stahl und Silberverzierungen wie die Sonne glaͤnzte. Ein Paß vom Gerichtshalter gab mir den ſchon einmal gefuͤhrten Namen: Hans von Felsheim, und ſo geruͤſtet glaubte ich es dreiſt wagen zu duͤrfen, in der Reſidenz mit meinen Hoffnungen und Erwartungen aufzu⸗ treten. Es iſt eine Eigenſchaft der guͤtigen Feen, ſagte ich beim Abſchiede zur Graͤfin, daß ſie gern im Verborgenen Gutes thun; dies verhindert mich, laut werden zu laſſen, was mir heute widerfahren iſt, doch je ge⸗ heimer ich es empfing, um ſo getreuer werde ich die Erinnerung daran im Herzen aufbe⸗ 471 —-ꝛ— wahren. Ich bitte den Himmel um ſeine Gunſt, damit Ihr Werk gedeihen und Ih⸗ nen Freude bringen moͤge. Klugheit, Muth und Selbſtvertrauen, ſagte ſie darauf, iſt al⸗ les, was Sie brauchen, um den Sieg davon zu tragen. Damit geleite Sie Gott. Von der Hoͤhe warf ich noch einen Blick auf das Schloß zuruͤck, doch ſeine ganze Statt⸗ lichkeit erſchien mir nur als der aͤußere Glanz von der bezaubernden Schoͤnheit der ſanft⸗er⸗ habenen Clementine, die darin gewohnt und gewandelt hatte. Ich rieth hin und her, wo ſie wol ſein moͤchte, und gab nach den Wor⸗ ten der Graͤfin ihr einen hohen Rang. Si⸗ cher iſt ſie als eine reiche Graͤfin, dachte ich, die Erbin großer Guͤter, oder ſie hat ſonſt Verbindungen, die mit hohen Ehren verknuͤpft ſind; aber wer ſie auch ſein mag, nicht ihre Geburt, der Adel ihres Blicks hat mich be⸗ zaubert, und ich wuͤnſche nichts ſehnlicher, als ſie zu beſitzen. 1 Ich reiſte Tagelang, ohne von der Gegend 472 —— oder auf dem Wege und in den Wirthshäu⸗ ſern etwas zu bemerken, das mir Stoff zu einem Gedanken, oder zu einer Betrachtung gegeben haͤtte. Hat ſich die Welt ſo verͤn⸗ dert, fragte ich mich ſelbſt, daß ſie mir nichts Merkwuͤrdiges mehr darbietet, oder habe ich die Fäͤhigkeit verloren, es gewahr zu werden? Wie iſt ploͤtzlich ein ſo ganz anderer Menſch aus mir geworden! Ich bin wie in einen Zau⸗ berkreis gebannt, und was nicht in dieſen hin⸗ einfaͤllt, das iſt fuͤr mich nicht da. Der Phi⸗ loſoph iſt durch die Liebe vernichtet; denn, obwohl die ganze Welt mir freundlich entgegen tritt, ſo wirkt ſie doch nur wie eine Muſie auf mich, und giebt nur die Begleitung zu der Melodie, die in meinem Innern forttoͤnt, ohne daß ich etwas darin zu unterſcheiden, und das Sichtbare wirklich zu ſehn und zu erken⸗ nen vermoͤchte. Wie war dieſe Verwandlung moͤglich!— Ich ſchrieb es dem großen Blut⸗ verluſte in meiner Krankheit zu, der mich ſanſter und zur Liebe empfaͤnglicher geſtimmt ⁸ 473 —-— hatte; indeß— die Liebe ſelbſt, blieb ſie nicht daſſelbe Wunder, daſſelbe unaufloͤsliche Raͤth⸗ ſel?— In ſolchen hellen Augenblicken des Nachdenkens uͤber mich fuͤhlte ich gewiſſermaßen einen Verdruß uͤber meinen veraͤnderten Zu⸗ ſtand, in welchem ich nun weder mir ſelbſt angehoͤrte, noch die Welt mir zu eigen machen konnte; indeß ſah ich ein, daß alles Straͤu⸗ ben gegen dieſe magiſchen Feſſeln nichts helfen wuͤrde, und uͤberließ mich deshalb den Traͤu⸗ mereien wieder, die mein Gluͤck in hundert Geſpraͤchen mit Elementinen wiederholten. Ich dachte daran, wie ich in der Reſidenz wohl bald zu hohen Ehrenſtellen gelangen und dann an der Hand der Graͤfin, der Liebe wuͤrdig vor Clementinen hintreten und um ihr Herz, um ihren Beſitz werben koͤnnte. Ich nahm mir vor, eben ſo muthvoll als thaͤtig zu dem Ziele hinauf zu dringen, welches der Bruder nde. Schon fuͤhlte ie Reſidenz zu ſehn, am Abend des neun⸗ und wie freute 474 —-—— ten Tages, als ich eben uͤber einen Waldhuͤgel ritt, die Thuͤrme und Pallaͤſte aus dem Ne⸗ bel hervordaͤmmern zu ſehen! Man ſagte mir, daß ich das Stadtthor heute nicht mehr errei⸗ chen koͤnnte. Das achtete ich nicht, ſondern ſpornte mein Pferd ſo ſehr, daß es mich uͤber Anger und Feld wie auf Fluͤgeln des Windes davon trug. Aber die Thuͤrme und Pallaͤſte gingen doch noch eher in der Abenddaͤmmerung unter, als der Schall des Hufſchlages vom Thore der Stadt mir zuruͤckhallte. Immer tiefer ließ die Nacht ihre Rabenfluͤgel ſinken, ſo daß ich endlich kaum noch die Spur des Weges gewahren kounte, wo ich langſam fort⸗ ritt. Alles wurde ſtill um mich her, und kein Reiſender kam auf der veroͤdeten Straße mir entgegen. Ich machte Halt und wie ich mich umſah, um der Gegend kundig zu bleiben, ward ich von einem n entfernten hellen Schein zeichnete, 475 —-— henden Mond, oder glaubte, daß es ein auf⸗ ſteigendes Feuer ſei, in deſſen Qualm die tie⸗ fere Glut zuruͤckſtrahlte, doch die Bewegung, mit welcher es ſichtlich naͤher kam, widerſprach dieſer Vorſtellung. er feurige Schein brei⸗ tete ſich immer weiter aus, und endlich unter⸗ ſchied ich mehrere lang hinter einander wan⸗ delnde Flammen, die oft nur durch die Gegen⸗ ſtaͤnde, bei welchen ſie vorbei gingen, verdun⸗ kelt wurden und dann wieder ſtaͤrker zum Vor⸗ ſchein kamen.— Ich ſtuͤrmte ohne Weg und Steg uͤber den Acker fort, und ſtellte mich dann, um die wunderbare Sache naͤher in Augenſchein zu nehmen, hinter eine Feldhecke, an welcher der Richtung nach die Erſcheinung voruͤber ſchweben mußte. Bald ſah ich deut⸗ lich, daß eine lange Reihe von Fackeln daher leuchtete, und daß Menſchen ſie trugen, die dabei ſo ſtill einhergingen, wie die Nacht ſelbſt, welche ſie umgab. Mehrere Koͤrper bewegten ſich in dem Scheine der Lichter wie Schatten heran und ſchaudernd erkannte ich jetzt, daß 476 —— es ein Leichenzug ſei. Ein ſchwarzbehan gener Sarg ſtand hoch und frei auf einen ſchwarzen Wagen, vor welchem ſechs gebeugte Trauerpferde gingen. Ein Mann zu Pferde ritt voran, der ein blankes Schwert in ſeiner Hand hielt, und— wie die Fackeln ihn be⸗ leuchteten, wurde ich in ihm die Geſtalt mei⸗ nes Oheims gewahr. Ich hatte nicht das Herz, ihn anzureden, noch uͤberhaupt durch einen Laut den ſchwarzen, feierlichen Zug zu ſtoͤren. Alles ging ſtill an mir voruͤber, und viele bewaffnete Maͤnner zu Pferde mit gezo⸗ genen Schwertern machten den Beſchluß. Ich glaubte anfangs, daß ein Traumbild mich taͤuſchte; doch bald kam die Beglaubigung von mehrern Seiten. In den Doͤrfern vor mir erwachte der Klang vieler Glocken, die dem Todten in der Nacht feierlich ihr Willkommen entgegen riefen. Und bald erhob ſich auch von der Stadt her ein Gewuͤhl und Getoͤſe von unzaͤhligen Glockenſtimmen, die dumpf uͤber die ganze Gegend die Trauerpoſt wie einen 477 — ſchwarzen Mantel verbreiteten. Ich folgte dem Zuge langſam uach; die Landleute traten aus ihren Huͤtten und Seufzen: Gott, er iſt todt! — Jetzt naͤherte ich mich einem Manne, der von einem Stabe unterſtuͤtzt, in einiger Eut⸗ fernung hinter der Leiche herging. Guten Abend, redete ich ihn an; aber er blieb ſtumm auf einen Augenblick und ſagte darauf: jetzt iſt nicht Zeit, ſich Gutes zu wuͤnſchen; bei einer Leiche frommt kein Gruß. Verzeiht, fugte ich hinzu, ich bin ein Fremder und der Landesſitte unkundig. So weiß ich auch nicht, was hier vorgeht, und bitte euch, es mir zu ſagen: Wie? fragte er, ihr wißt nicht, daß man hier den Prinzen zu Grabe traͤgt? Sie haben ihn immer den unſichtbaren genannt, nun iſt er es wirklich. Lange lebte er in ei⸗ nem fremden Reiche, und nur die Begierde, ſeinem Vaterlande zu helfen„ konnte ihn zu uns zuruͤckbringen. Von ihm erzaͤhlt man viel. Er war ein Beſchuͤtzer der Armen, ein Raͤcher der Unterdruͤckten, ein Helfer der 478 — Wittwen und Waiſen; ungekannt wandelte er unter uns„ uͤberall ſah man die Spuren ſei⸗ ner Wohlthat, aber ihn ſelbſt ſuchte die Dank⸗ barkeit vergebens. Um die Maͤngel des Lan⸗ des und unſere Noth zu erforſchen, hat er auch den Bettlermantel nicht verſchmaͤht, und ſchon als Kind ſich gedemuͤthigt, um einſt de⸗ ſto glorreicher zu erſcheinen. Verraͤther haben ihn verfolgt, und— ihn auch vielleicht ge⸗ toͤdtet. Er ging, die Raͤuber zu unterjochen, ſagte man, die frei im Gebuͤrge hauſen, und dort ward er erſchlagen. Jetzt bringen ſie ſei⸗ nen Leichnam zur Stadt, und morgen wird 4 ſein feierliches Begraͤbniß ſein. Ich bin aus dem nahen Flecken dem Zuge gefolgt, um ihm die letzte Ehre zu erweiſen. Nun ermuͤden aber meine Kniee— ich werde ſein Antlitz doch nicht ſehen— darum kehre ich zuruͤck und wuͤnſche euch— doch ſtill!— das Wuͤn⸗ ſchen hat ein Ende, um uns iſt finſtere Nacht. Was iſt das? ſagte ich ſtaunend zu mir ſelbſt. Welche wunderbare Sagen! Hat der — Verdacht, den man auf mich warf, weiter ge⸗ wuchert? Haben die Verraͤther ſich vielleicht ſelbſt verrathen, oder hat ihr Forſchen und Spaͤhen die Neugierde des Volks geweckt, ih⸗ ren Glauben geſtaͤrkt, daß ſie ſich Hoffnungen luͤgen, ſich mit Erdichtungen taͤuſchen? Oder wer hat aus meinem Schickſale den Stoff zu ſolchen Fabeln geſtaltet?— So fragend dach⸗ te ich an mancherlei, was wol in meinem Le⸗ ben dazu Veranlaſſung gegeben haben moͤchte, und mir fielen dabei verſchiedene Perſonen ein, die dem leichtglaͤubigen Volke wol Vorſchub geleiſtet haben konnten; denn wenn zu einer wunderbaren Sage erſt der Anfang gemacht iſt, ſo fehlt es nicht an Leuten, die ſie fort⸗ ſpinnen.— Indem ich ſolche Ueberlegungen bei mir anſtellte, war ich, der Leiche folgend, der Stadt immer naͤher gekommen. Ein gro⸗ ßes Schloß ward vor mir ſichtbar, das von vielen Kerzen leuchtete, und in ſein geoͤfnetes Thor den Sarg mit dem Leichenzuge aufnahm. Hier, ſagte man mir, ſollte der Prinz ſo 4 480 — lange bleiben, bis er morgen feierlich zur Erde beſtattet wuͤrde.— Ich eilte in die Stadt und fand alle Straßen mit Menſchen ange⸗ fuͤllt, die auf das Trauergelaͤut ihre Haͤuſer verlaſſen hatten und der Leiche entgegen gehen wollten, aber durch eine ſtarke Wache am Thore daran verhindert wurden. Sobald ich in einem der beſten Gaſthoͤſt abgetreten war, ging ich in das Gaſtzimmer, um hier, wo ich viele Menſchen an verſchie⸗ denen Tiſchen verſammlet fand, welche die außerordentliche Begebenheit herbeigefuͤhrt hat⸗ te, die verſchiedenen Meinungen und Urtheile daruͤber zu hoͤren. 8 Ich weiß nicht, ſagte einer, wie man ſich ſo ſehr daruͤber wundern kann. Der Prinz in der Fremde, der ſchon immer kraͤnkelte, fuͤr den wir ſchon oͤfters in der Kirche gebetet haben, iſt unn geſtorben— was iſt das wei⸗ ter? Es mag ein Verluſt ſein fuͤr den Staat:; aber Wunderbares ſeh' ich daran nicht. Der Leichnam iſt in aller Stille aͤber's Meer ge⸗ kom⸗ 4831 —— men, ausgeſchi tßt, und eben ſo in aller Stille hieher gebracht worden. Daß wir ſolches nun nicht ſchon acht Tage vorher gewußt haben, ſind' ich ſehr natuͤrlich; man hat den Koͤnig mit der Nachricht nicht zu fruͤh betruͤben wol⸗ len.— Jal der Koͤnig! verſetzte ein anderer darauf, der mag viel davon wiſſen! Iſt der Prinz nicht ſchon laͤngſt ans Land geſtiegen, und hat er nicht ſchon ͤberall in den Pro⸗ vinzen im Verborgenen gehandelt? Das mag nun freilich gewiſſen Leuten nicht angeſtanden haben, deshalb haben ſie die Raͤuber uͤber ihn hergeſchickt, ihm bei Zeiten das Lebenslicht auszublaſen, damit ſein Verſtand nicht einſt zu hell auf ihre Schandthaten leuchten moͤchte. O herrliche, ſaubere Kunſtſtuͤcke! Wir ſind im⸗ mer gut genug, uns ſolche Naſen drehen zu laſſen; aber ich denke, daß uͤber die Finſter⸗ niß, in der wir ſitzen„ endlich auch einmal eine Sonne aufgehen kann.— Ihr ſprecht ja wahrhaftig, erwitdertz ein dritter, als ob ihr Luſt haͤttet, mit dem naͤchſten Mokgen II. Theil. Hh 43* ——— eine kleine Nevolution anzuzetteln! Seid doch nicht wunderlich. Eben weil man gefabelt hat, daß der Prinz ſchon heimlich unter uns herum⸗ irre, hat irgend ein Gauner, ein Betruͤger den Glauben des Volks benutzt, und ſeine Rolle geſpielt. Da iſt denn das Geruͤcht ent⸗ ſtanden von einem unſichtbaren Prinzen, wovon es bald laut und bald wieder ſtille ge⸗ worden. Poſſen! Ich wette, daß er weder ein Prinz, noch unſichtbar iſt. Jetzt bricht der Laͤrm aufs neue los; Studenten haben ſich im Gebuͤrge mit den Raͤubern herumge⸗ hauen, da heißt es von dort her: er iſt un⸗ ter ihnen geweſen, und von einer andern Seite; er hat ſich mit den Raͤubern verbun⸗ den, und marſchirt grade auf die Reſidenz zu⸗ Solches Gerede konnte die Regierung doch endlich nicht laͤnger mehr ruhig mit anhoͤren, und ſie hat wol Urſach, Gott zu danken, daß grade jetzt der Prinz ſterben mußte, damit die Sagen uͤber ihn endlich einmal ihre Endſchaft erreichten. Sicherlich haͤtte man ihn auch im —— 4 . —— —— 9 483 —--— Reiche der Großtante begraben laffen, wenn man hier nicht durch das Begraͤbniß jedermann uͤberzengen wollte, daß an einen umherwan⸗ dernden Prinzen nun gar nicht mehr zu den⸗ ken ſei. Beinahe getroffen! ſagte darauf jemand, der ſich ſchon nach der Thuͤre zu gewandt hat⸗ te, indeß ich denke, der Prinz lebt noch, und das ſind alles nur Spiegelfechtereien.— Ueber dieſes Urtheil aͤußerten alle das groͤßte Stau⸗ nen; einer fragte den andern, wer der Menſch ſei, der dieſes geſprochen, und keiner wußte es zu ſagen. Ich haͤtte am erſten uͤber dieſe Verwir⸗ rung Auskunft geben koͤnnen, aber ich huͤtete mich wohl, und hielt es jetzt, da viele Blicke auf mich ſielen, fuͤr das dienlichſte, mich nach und nach ihrer Aufmerkſamkeit zu entziehen, und auf mein Zimmer zuruͤck zu gehen.— Nach dem, was ich nun alles vernommen, konnte ich mit ziemlicher Gewißheit ſchließen, daß die mancherlei Geruͤchte uͤber den unſicht⸗ Hh 2 484 —— baren Prinzen, die ich nur zum Theil ver⸗ antaßt, und wozu zuletzt der Vorfall mit den Raͤubern, ſo wie meines Freundes Aeuße⸗ rung bei der Auction, daß ich ein Prinz ſei, vielleicht auch etwas beigetragen hatte, endlich die Parthei der Koͤnigin zu den Ent⸗ ſchluß gebracht haben mochte, den Prinzen in der Ferne, der eigentlich nur fuͤr den Koͤnig exiſtirte, ſterben zu laſſen, und dem Volke durch das augenſcheinliche Begraͤbniß auf im⸗ mer alle Hoffnung zu Neuerungen zu nehmen. Den folgenden Morgen, als ich kaum auf die Straße getreten war, um zu hoͤren, was weiter vorfallen wuͤrde, kam ein Knabe auf mich zugerannt, welcher mich bat, die Lieder zu kaufen, die er uͤber den unſichtbaren Prin⸗ zen feil zu bieten haͤtte, Ich ſtutzte und kauf⸗ te, ſo viele er davon in ſeinen Haͤnden hielt. eicht lange, ſo begegnete mir wieder ein ar⸗ mes Maͤdchen mit derſelben Bitte; ich nahm auch von ihr einiges und waͤhlte aus, was mir noch fehlte. So ſammelte ich uͤber mich —— mancherlei Abenteuer mir andichteten, andere bereits meinen Tod beklagten. In Abſicht der Poeſie waren ſie von ſehr verſchiedenem Werth; zwei davon will ich hier zur Probe iefern. Volkslieder auf den unſichtbaren Prinzen. J. Was ſchallt in den Provinzen, Was ſchallt in Dorf und Stadt? Es iſt vom heim'ſchen Prinzen, Man wird nicht Nedens ſatt. Es ſchlief mein Burſch, der Fraͤnzel, Mit ihm auf freiem Feld, Fruͤh ſchuͤttelt er den Naͤnzel, Da klingt's voll Gold und Geld⸗ Das Sicklein, das gepfaͤndet Der Amtmann auf der Au, Das hat er ſpat geſendet Zuruͤck zur Webersfrau⸗ 486 ——-— Er ſchaut durch Stab“ und Gitter, Befreit manch armes Lamm, Die Toͤchter boͤſer Muͤtter Bringt er zum Braͤutigam. Nahm dir in wuͤſter Haide Ein Raͤuber Struͤmpf' und Schuh, Er deckt mit ſeinem Kleide Dich vor dem Regen zu. Der Richter mit Sentenzen Schlaͤgt Hof und Aecker an, Doch ſieht ein Sternlein glaͤnzen Der arme Bauersmana. 4 Er kam und iſt verſchwunden, Doch zahlt' er blank und baar, Die Huͤlfe wird gefunden, Der Prinz iſt unſichtbar. II Fuͤrder will ich mich nicht ſchaͤmen,„ Tragen mein Torniſterſell, Will den Stab und Kittel nehmen, Iſt der Prinz doch mein Geſell. —— 487 —— 1 5. Mit ihm then' ich Trank und Biſſen, Bin mit ihm ein Herz und Sinn; 3 He, Herr Wirth, wer kann es wiſſen Ob ich ſelbſt der Prinz nicht bin! Fallen ließ er Rang und Tittel,. Und ich fand's bei Sternenlicht, Gab dafuͤr ihm Stab und Kittel, Nur mein Schaͤtzel will er nicht. He nun, Schurken mit der Kreide, Nehmt euch alle wohl in Acht, Prinz und ich— wir fliegen beide Wie die Eulen durch die Nacht. Luſtig ſpielt er ſeine Flöte, Und ich ſpie das Hackebrett, Hurtig ſpringen Hans und Grete Wie zur Hochzeit aus dem Vett. b Saͤnger werden Cantor, Kuͤſter; 3 Weg, ihr Schurken, macht mir Platz; Sicher werd' ich noch Miniſter, Und zur gnaͤd'gen Frau mein Schatz. — Auf dem Markte ſtanden verſchiedene Volks⸗ haufen, welche mancherlei Reden fuͤhrten. Je⸗ ——— 485 —-— der war ihnen willkommen, der Geſchichten vom unſichtbaren Prinzen zu erzaͤh hlen wußte, wenn ſie nur recht wunderbar klangen. Einige wollten ſogar wiſſen, wie er ausſaͤhe, und be⸗ ſchrieben ihn vom Kopf bis zum Fuße, wobei ich mit Verwunderung bemerkte, daß manches wirklich zutraf. Der Kaufmann, der ſich gern adelicher Bekanntſchaften ruͤhmte, ſchien das meiſte uͤber mich ausgekundſchaftet und ver⸗ breitet zu haben; denn in allen Erzäͤhlungen kamen Vorfaͤlle mit Gerichtsdienern, Fuhrleu⸗ ten und Muſiranten vor. Einer fabelte ſogar, daß ich ſchon als Kind in der großen Baß⸗ geige geſeſſen haͤtte, um auf Hochzeiten die Geſpraͤche der Gaͤſte mit anzuhoͤren. Die Regierung aber hatte man in dem groͤßten Verdacht, daß man mich um meiner Gerech⸗ tigkeitsliebe willen nun boͤslich aus dem Wege geraͤumt haͤtte. Gegen Mittag ließ 13 einen Wagen vor⸗ fahren, um dem Grafen von der Luͤhe, an welchen ich das Empfehlungsſchreiben hatte, 489 — meine Aufwartung zu machen; aber der Thuͤr⸗ ſteher ſagte mir gleich, daß Seine Excellenz ſchon zur Begraͤbnißceremonie auf dem Schloſſe waͤren. Und ehe ich noch nach dem Wirths⸗ hauſe zuruͤckkam, hoͤrte ich ſchon von allen Seiten das Gelaͤut, das den Aufang der 1 Feierlichkeit ankuͤndigte. Viele Menſchen wog⸗ ten durch die Straßen, und ſtroͤmten der Hof⸗ kirche zu. Ich folgte ihnen nach, um auch ſo viel als moͤglich von der Feierlichkeit mit anzuſehn. Indem kam der Koͤnig gefahren, alles wich auf die Seite und ich draͤngte mich 4 bis zu den erſten Reihen vor, um zum erſten⸗ mal den Anblick desjenigen zu genießen, dem ich mein Leben verdankte. Wie er ſich vor⸗ beugte, um das Volk zu gruͤßen, fiel die ganze Leutſeligkeit ſeines Geſichts auf mich, und es war, als ob er mit ſeinem Blick laͤnger auf mir denn auf den andern verweilte, und durch die augenblickliche Aufmerkſe amkeit, ſeiner Trauer, die aus allen Zuͤgen ſprach, auf einen Mo⸗ ment Einhalt thaͤte. Wie? dachte ich bei mir, 490 —— wenn du jetzt zu ihm riefeſt: ich bin dein Sohn! was wuͤrde geſchehen, welchen außer⸗ ordentlichen Auftritt wuͤrde das geben! Aber der Wagen war ſchon voruͤber, und bas Draͤn⸗ gen durch die Straßen wurde jetzt ſo arg, daß ich faſt zur Kirche getragen wurde. Als ich bis zu dem Eingange gekommen war, fand ich eine ſtarke Wache, welche den Uugeſtuͤm zuruͤck hielt, und auch mich einzudringen hin⸗ derte. Seht doch! ſprach ich zu mir ſelbſt, wer hat wohl mehr Recht, einem Begraͤbniſſe beizuwohnen als der Verſtorbene ſelbſt— oder der, dem— man es feiert! Ich muß noth⸗ wendig Zeuge von der Ehre ſein, die man mir zugedacht hat.— Zum Gluͤck fiel mir jetzt ein, daß ich ein Schutzbild trug, welches un⸗ ter allen Umſtaͤnden den Weg zum Koͤnige oͤfnet. Ich trat auf die Seite, zerrte an den Kleidern und riß es mit Gewalt heraus. Ei⸗ lend draͤngte ich mich damit durch die Menge, und zeigte es heimlich dem koͤniglichen Herolde, der mit einer Hellebarde uͤber den Einlaß wachte. * 82 ——- 491 Er ſchien faſt zu erſchrecken, da er das Bild ſah, heftete einen ſcharfen Blick auf mich, und befahl ſogleich einem andern, mich ungefaͤumt zum Koͤnige zu fuͤhren. Weil ich aber gar nicht willens war, die Feierlichkeit zu unter⸗ brechen, ſo ſagte ich auf der Haͤlfte des Weges zu meinem Fuͤhrer: es iſt nun ſchon gut, ich danke euch, Freund.— Somit bekam ich den ſchoͤnſten Platz in der Kirche. Eben ward der Sarg mit Krone und Scepter herein ge⸗ tragen, und eine dumpfe Trauermuſic begann, welche die Andacht und den Schmerz uͤber den Berſtorbenen bei allen, die zugegen waren, ſehr vermehrte. Einige weinten ſogar, weil ſie ſich von dem Grunde der Traurigkeit wirk⸗ lich uͤberzeugt hielten, andere deshalb, weil ſie ſolches glaubend machen wollten. Da der Koͤ⸗ nig in Wahrheit ſich betruͤbte, ſo fehlte es den uͤbrigen an Thraͤnentuͤchern nicht, um— ihre Augen dahinter zu verbergen. Nach beendigter Trauermuſic trat die Geiſt⸗ lichkeit an den Sarg, der nicht weit von mir 492 ——— vor dem Altare ſtand, um— dem Landesge⸗ brauche gemuͤß— ihn zu oͤfnen, und den Ver⸗ ſtorbenen zum letztenmale dem Volke zu zei⸗ gen. Der ganze Hof blieb mit Anſtand auf ſeinen Plaͤtzen, aber ich ermangelte nicht, mich mit hinzuzudraͤngen, um zu ſehen, ob wirklich ein Menſch in dem Sarge laͤge, der meine Perſon vorſtellen könnte. Ich heſtete voll Staunen meine Blicke auf ihn, und wurde in der ausgeſtreckten Geſtalt einen Juͤngling gewahr, den ich noch kuͤrzlich unter den Raͤu⸗ bern gegen mich fechtend geſehn hatte. Seine Groͤße hatte ohngefaͤhr die meinige, aber im Geſichte glich er mir nicht im mindeſten, ich bildete mir ein, weniger wild und dabei liſti⸗ ger auszuſehn. Indeß hatte man die ſchwar⸗ zen Puncte hinter den Ohren nicht vergeſſen, die meine Hauptkenntzeichen ausmachten, und die Haare waren mit allem Fleiß ſo zuruͤck⸗ gelegt, daß jedermann die Geburtsmale deut⸗ lich ſehen konnte.— Das Hinzutreten und Beſchauen dauerte faſt eine volle Viertelſtunde. ——— — Darauf wurde der Sarg wieder verſchloſſen, und der Hauptact war beendigt. Alle nahmen hre Plaͤtze wieder ein, und es begann nun der Gottesdienſt. In einem Liede prieß d die Gemeinde die Seligkeit des Verſtorbenen, und mir ward vom Nachbar ein Buch gereicht, woraus ich das Naͤmliche mitſingen mußte. Einſt hatte ich Fuͤrbitten fuͤr ihn— den frem⸗ den Prinzen gethan, ohne zu wiſſen, wem es eigentlich galt; jetzt war ich der einzige in der Kirche, der von dem Schickſale des unſicht⸗ baren zu ſagen wußte. Als Lied und Orgel darauf verſtummten, trat der Hofprediger auf die Kanzel, um dem Verſtorbenen eine Lei⸗ chenpredigt zu halten. Ich war neugierig, was er uͤber mich ſagen wuͤrde, beſonders da er mich gar nicht gekannt hatte, und ich ohne ſein Wiſſen jetzt als der Richter meiner eige⸗ nen Leichenpredigt unter ſeinen Zuhoͤrern ſaß. Aber er machte es noch weit aͤrger als ich dachte.„O traurige Erfahrung des menſchli⸗ „ 294 —— chen Schickſals! fing er an, wenige Spannen Raum ſchließen ihn ein, den Hochgefeierten, der einſt eine Welt beherrſchen ſollte. Wir haͤtten ihn auf ewig verloren, wenn wir nicht von ſeinen Tugenden unterrichtet waͤren, die ſein glorreiches Leben ſchmuͤckten. Er war der ſittſamſte, der chriſtlichſte, der keuſcheſte, der gerechteſte, der beſcheidenſte, der huͤlfreich⸗ ſte, der liebevolleſte, der ehrenwertheſte Prinz, den je die Welt hervorgebracht hat.(Luͤge du und der Teufel, brummte ich in den Bart, indem ich an den Spitzbuben dachte, der in dem Sarge lag.) Die Kunde berichtet von ſeiner Sittſamkeit— fuhr er fort— daß er nie die Geſetze der Ehre, nie die Geſetze des Reichs, nie die Wuͤrde ſeiner hohen Abkunft verletzte. Von ſeiner Chriſtlichkeit ſchallet der Ruhm, daß er, obgleich entfernt von uns, doch ſtets fromm und gottesfuͤrchtig in die Fußtapfen ſeiner Ahnherrn und ſeiner glorreichen Aeltern trat. Von ſeiner Keuſchheit wiſſen wir, daß 495 —— noch keine irrdiſche Liebe in ſein Herz kam, viel weniger eine ſuͤndliche Luſt ihn beruͤhrte. (Hm! ſagte ich zu mir: das heißt viel be⸗ haupten!) Von ſeiner Gerechtigkeit ſagt der Ruf, daß uͤberall, wo der Blick der gerechten Regierung nicht hintraf, er die Unſchuld ſchirmte, und der Huͤlfloſen, der Bedraͤngten ſich annahm.(Jetzt ſah ich auf den Sarg, und dachte, der Spitzbube muͤßte ſich drin herumdrehen, weil ihn der Paſtor mit ſeinem Lobe doch gar zu ſehr kitzelte.) Von ſeiner, Beſcheidenbeit ruͤhmt das ferne Land, daß er nie die Ueberlegenheit ſeines Geiſtes, noch ſei⸗ ne Macht andere laſtend fuͤhlen ließ, und ſeine Hoheit jeder Zeit mit Nachſicht und Huld ſo zu vereinigen wußte, daß ſeine Wuͤrde dabei nie einen Strahl ihres Sonnenglanzes ver⸗ lor.“—— So redete er fort bis ans Ende, und der Schluß der Predigt hieß:„Alſo war der, der jetzt vor unſern Augen im en⸗ gen Raume des Sarges da liegt.— Ich 49⁶ —-—— biß mich in die Lippen, doch es kann ſein, daß ich gleichwohl gelacht habe, weil ich eine ge⸗ wiſſe Unruhe in meiner Nachbarſchaft, und Blicke bemerkte, die mit meinen Mienen nicht zufrieden zu ſein ſchienen. Darauf ward der Sarg in die koͤnigliche Gruft hinabgetragen, und Auftritte von ganz anderer Art erwarte⸗ ten mich. Eine große Menge Volks war auf dem Platze vor der Kirche verſammelt, das ſich unruhig hin und her draͤngte, und fra⸗ gend und forſchend ſich nach etwas umſchaute. Es entſtand ein Rufen und Schreien, das unverſtaͤndlich mein Ohr betaͤubte, und indem ſah ich den koͤniglichen Herold mit der Helle⸗ barde nach mir hinzeigen, beſchaͤftigt mit einem großen Gewuͤhle von Menſchen, unter wel⸗ chen ich auch den Stabstrompeter gewahr wurde. Ich fing ſchon an, mich aus allen Kraͤften durch das Getuͤmmel hindurch zu ar⸗ beiten, als auf einmal ganz vernehmlich, die andern uͤberſchreiend, eine laute Stimme rief: Der 497 —— Der Prinz lebt noch! da iſt erl kommt ihm zu Huͤlfe, rettet ihn! Er iſt unſer Beſchuͤtzer, ſteht ihm bei! Darauf ſtuͤrmte ein großer Haufe herzu, um mich im Triumphe aufzu⸗ fuͤhren, aber auf der andern Seite ſah ich Faͤuſte gegen mich geballt, und Waffen gegen mich gekehrt, ſo daß ich glaubte, hier zwi⸗ ſchen Liebe und Haß, ohne eines von beiden zu begehren, meinen Untergang finden zu muͤſſen. Eine Rauferei, ein Gefecht entſpann ſich, und die Beſchuͤtzer zogen eine Mauer um mich her, ſo daß ſie Ruͤcken an Nuͤcken mich ſchirmten. Aber dieſer Zuſtand dauerte nicht lange, ich hoͤrte ſtaͤrker die Waffen klir⸗ ren, und der Haufen zertheilte ſich. Solda⸗ ten marſchierten auf mich zu, um ſich meiner zu bemaͤchtigen. Huͤlfe! ſchrie ich jetzt nach allen Seiten, und Gefecht und Getuͤmmel vermehrte ſich. Indem fuhr ein von Gold glaͤnzender Wagen vorbei, der mir im Ge⸗ draͤnge ein wenig Luft machte. Ich blickte II. Theil. Ji 498 —-- zuruͤck. Ein junges Frauenzimmer neigte ſich vor, rang die Haͤnde und ſchien meine Feinde um Schonung fuͤr mich anzuflehen. Vor freudigem Erſtaunen ſtand ich bei ihrem Au⸗ Blick wie entſeelt, denn— war es Taͤuſchung oder Phantaſie— ich erkannte in ihr Cle⸗ mentinen! Wie ein Blitzſtrahl zuckte es uͤber meinem Hanpte, und ich eilte meiner Fuͤrſprecherin nach. Aber der Wagen mit Mohr und Heiducken war verſchwunden, und ich fuͤhlte mich in den Haͤnden der Soldaten, die mich aus dem Getuͤmmel fortreiſſend nach einer alten Burg— ins Gefaͤngniß fuͤhrten. Dreimal hoͤrte ich hinter mir die ehernen Pforten krachen, und, der Dunkelheit uͤber⸗ geben, dachte ich jetzt mit Schrecken an die einſt fuͤrchterlich klingenden Worte meines Verfolgers, des Hofjuden:„wenn es Noth thut, in ein ewiges Gefaͤngniß mit ihin!“ Von den Todesbildern der Leichenſeier zuruͤck⸗ 499 —-— ſpiet der Trauer als eine Vorahnung nun an mir ſelbſt erfuͤllt und mich hier auf immerdar in die Verſchwiegenheit des Grabes verſenkt. Nur ein ſchwaches Licht brach uͤber mir durch die ſchmale Oefnung des Kerkers her⸗ ein, woran ſich mein Blick ſehnend empor⸗ hielt und das ich die Hoffnung nannte. Ende des zweiten Theils. 20 3. 30— 54— 11198 66— IIIIIEIILIIIIIIII 3 IIIIIIII EIIIIIIIIIII IIl 111 10 iſt 5 ſt. 2 ſt. 59— 13 ſt. die Zeit zu beſtimmen— der Zeit zu 64— 12 ſt. Balgen— Beigen. I ſt. 12 ſt. 19 ſt. 13 ſt. 8 ſt. 4 ſt. 1 fehlt:— weil es ſchon ſpaͤt war. 17 ft. 17 ft. 12 ſt. n ſt. Verbeſſerungen. gut— ſo gut. 3 ehit nach Braͤutigam— erwiderte ſie. — zu leſen ſtatt auf einem— einem. zu denben— Zeit. holen— haben. beſinnen. treibt— bringt. aber— aber einmal. wir es— wir es uns. lauter— mit lauter. dem Munde— den Reden. zur Unterhaltung— zum Unterhalt. Kampfe— Kopfe. Ebrenpunct— Ehrpunct. ihnen— ihm. hob— fuͤhrte. bliebe— blieb. herumzog— umherzog. 4 ſagte— ich ſagte. einiger— einer. wollte es— wollte. der eine— die eine. der Art— von der Art. mußten— mußte. trat— heran trat. wieder— niedere. fort— weiter fort. Anblick in mir— Anblick. herunter— heruͤber. 24 Trappen— Tappen. aͤußerte— aͤußert. ſetzte u. ſ. w.— ſetzte er mit einem Blick auf Eduard. . muß von— muß man von. 8 . halten— den Wagen halten. nun— nur. * ſifſſſſiſſſſftſſffſſſſſſnſſſſn 1 12 13 14 15 16 17 18 10 1