Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 Eduard Ottmänn in Giezen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Jeſehedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 244 Stun den angenommen. 1. 6 8 8 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem We e r 1 hiuterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir. zurückerſtattet wirdr. 3 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 5 für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3—————— auf 1 Monat: 1 Mt.— pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1s. Auswärtige Abonnenten habei' für Hin⸗ und Zurückſendun der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deferte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der erthe deſſelben entſprchende Summe 4 Uadenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver oren e oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt um Erſatz des Ganzen verpflichtet... eihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird — —. 4 ———— — ————— —— Der unſichtbare Prinz. Ein Roman St. Schuͤtze. Erſter Theil. Leipzig, 1812. bei Johann Friedrich Hartknoch. Erſtes Capitel. Geburt. Ich, der unſichtbare Prinz, will jetzt mein Leben beſchreiben. Zwar bin ich noch nicht alt, und koͤnnte waͤhrend der Beſchrei⸗ bung ſelbſt wohl noch manches erleben, aber da ich bemerkt habe, daß die Menſchen ohne Umſtaͤnde dahin ſterben, und es doch wohl ſein koͤnnte, daß ich die Gnadenjahre von Methuſalem nicht zu genießen bekaͤme, ſo will ich die Neugierde der Welt in Abſicht meiner werthen Perſon bei Zeiten befriedigen. Wenn ich jetzt auf meinem Schloſſe ſo ruhig da ſitzend in die Vergangenheit zuruͤckſchaue, kommt es mir vor, als wenn ich recht ab⸗ ſichtlich in die Welt hineingeſchickt waͤre, um I. Theil. A 2 —— eine Generalmuſterung zu halten, und des⸗ halb werde ich auch nicht ermangeln, bei der Beſchreibung meiner mancherlei ſonderbaren Schickſale uͤber alles gelegentlich meine Mei⸗ uung zu ſagen, und meine Anſicht und meine Bemerkungen mitzutheilen. Uebrigens— da ich mir einen fabelhaften Namen erworben habe— geht auch meine Abſicht dahin, den Sammlern von Anekdoten und Charakterzuͤ⸗ gen mit dieſer Selbſt⸗Biographie einen Strich durch die Rechnung zu machen, und zugleich zu verhindern, daß man ſich nicht nach mei⸗ nem Tode wie beim Homer oder beim Eulen⸗ ſpiegel zanke, welche Stadt oder Inſel die Ehre gehabt habe, meine Wiege zu ſein. Zwar iſt es mit einer Selbſt⸗Biographie wie mit der Selbſterkenntniß ein mißliches Ding, und viele tauſend Beichtvaͤter haben deshalb als Profeſſoren der letztern ihre Noth, aber wenn es andern geradezu erlaubt ſein ſoll, uͤber mich Luͤgen zu verbreiten, ſo— denke ich, habe ich noch das erſte Recht dazu, und darf — —j— —— eine ſolche Gefahr nicht ſcheuen. Es thut mir in dem Augenblicke leid, daß ich von jeher zu beguem geweſen bin, um mich mit meinen Freunden ſchriftlich zu unterhalten, denn ſonſt koͤnnte ich doch noch hoffen, daß irgend ein Kunſtbuͤreau oder Induſtriecomptoir meine Briefe einſammeln und herausgeben, und mich ſo gewiſſermaßen meiner Lebensbe⸗ ſchreibung uͤberheben wuͤrde. Ohne dieſe Hof⸗ nung muß ich ſchon ſelbſt ans Werk ſchreiten. Viele Leute haben geglaubt, daß ich in Buxtehude, in Schilda, in Schoͤppenſtaͤdt oder in Sondershauſen gebohren waͤre, aber das iſt alles nicht wahr. Mein Geburtsort war Gruſingen, ein Dorf, das eigentlich wegen ſeines Handels mit wilden Birnen be⸗ ruͤhmt ſein ſollte, weil wilde Birnbaͤume dort in ſolcher Menge wachſen, daß ſie ordentlich mit Kiefern und Tannen wetteiferten, meine Wiege zu beſchatten. Was die geographiſche Lage des Orts betrift, ſo iſt es mir— wenn ich ſo beim Dorfe ſpazieren gegangen bin— A 2 —— immer vorgekommen, als ob es ohngefaͤhr mitten auf der Erde laͤge. In Abſicht ſeines Urſprungs hat es Aehnlichkeit mit Rom, in⸗ dem es von Raͤubern erbaut zu ſein ſcheint, von denen ich ſelbſt dort noch einige gekannt habe. Es ſieht mit ſeinen Holzbauern und Kohlenbrennern ſo ſchwarz aus dem Walde hervor, als wenn der Teufel hier ſeine Gar⸗ kuͤche oder ſein Rauchhaus haͤtte, und wer irgend auf ſeiner Reiſe dieſen Ort einmal be⸗ ruͤhren ſollte, der kann gewiß glauben, er ſich anſehnlich verirrt habe, ſo abgelegen und rauh iſt die Gegend. Wer mein Vater war, habe ich lange nicht erfragen koͤnnen, aber es ging mir darin noch beſſer, als andern, die es in ihrem Leben nicht erfahren. Der, den ich in der Jugend dafuͤr halten mußte, war ein Spitzbube, doch hatte er fruͤher ſchon hoͤhere Aemter bekleidet, indem er im Kriege Spion geweſen war. Meine Mutter aber war eine fromme Frau und noch dazu von vornehmer Abkunſt, wo⸗ —— 5 —— bei ſie nur die Qual hatte, ſolche verſchwei⸗ gen zu muͤſſen. Die Calender bezeichnen den Tag als den 24ten November, wo ich zu Gruſingen das Licht der Welt— erblickt haben wuͤrde, wenn es nicht ſchon ſtockfinſtere Nacht geweſen waͤre. Es ſchien, daß die Nacht den Tag gewal⸗ ſam vor ſich her trieb, um ihm die Ehre meines erſten Anblicks zu rauben, ſo ſehr be⸗ eilte ſie mit ſchwarzen Wolken die A Abenddaͤm⸗ merung; der aufbrechende Sturm hatte da⸗ bei den Mund ſo voll genommen, als pb er gleich mit tauſend Poſaunen der Welt meine Ankunft verkuͤndigen wollte, und der Himmel nahm ſich ſtatt aller Prieſter mit einer chriſtlichen Taufe ſelbſt meiner an, in⸗ dem er das volle Becken uͤber mich ausgoß, ſo daß mich das Waſſer in der Wiege durch Fenſter und Dach hindurch fand. Ich ver⸗ zog den Mund ein wenig, ſagen die Leute, und ſchrie. In dieſer fuͤrchterlichen Sturm⸗ und Regene 6 nacht verließ mich die Hebamme auf einen Augenblick, um— wie ſie ſagte— mein Daſein dem Cantor zu vermelden, und ihn vorlaͤufig nach dem Willen meiner Mutter um die Gevatterbriefe zu erſuchen. Meine Nutter— ſo ſchwach ſie war— dachte ſchon daruͤber nach, wen ſie zu Gevatter bitken wollte; Richter und Schoͤppe, Koͤhler und Bauern waren ihr zu ſchlecht, wegen ihres hohen Gebluͤts, und mit keinem Menſchen im Dorfe hatte ſie Umgang. Vor Sorgen und Gedanken daruͤber fiel ſie bald darauf in einen ſuͤßen Schlummer, und ahnete die Ge⸗ fahr nicht, die ihr bevorſtand. Plöoͤtzlich ſchreckte ſie auf— es war, als ob etwas zur Thuͤr hereinrauſchte. Ein unbekanntes We⸗ ſen erhob ſich in der Mitte der kleinen Stube, an Geſtalt aͤhnlich einem Juden mit einem langen Barte, der ſeine Haͤnde uͤber die Wiege ausſtreckte, und das Kind in den Man⸗ tel nahm. Meine Mutter wollte ein lautes Geſchrei erheben, aber das Entſetzen verſagte 7. —— ihr Kraft und Stimme, und ſie lag in einet Ohnmacht. Als ſie wieder zu ſich ſelbſt kam, raffte ſie ſich mit der groͤßten Anſtrengung zu⸗ ſammen und ſprang aus dem Bette. Die Wiege bewegte ſich noch leiſe, wie ein Zweig, von dem ein Vogel aufgeſcheucht iſt, aber ich war nirgends zu finden. In allen Winkeln ſuchte ſie vergebens nach mir, und ſiel endlich auf die Knie und weinte. In dieſem Zu⸗ ſtande fand ſie die Hebamme, die zu ihrer Huͤlfe zu ſpaͤt zuruͤckkehrte. Auch dieſe war ganz erſchrocken oder ſtellte ſich wenigſtens ſo, und am Ende verſicherte ſie„ daß der Erd⸗ mann gekommen waͤre, ihr Kind umzutau⸗ ſchen; ſie ſollte ſich nur wieder in das Bett legen, bis er ein anderes braͤchte; aber ſie hoffte vergebens,— meine Stelle war nicht zu erſetzen. Mein Vater kam zuruͤck mit feiner Lein⸗ wand, und wie er das Schickſal hoͤrte, troͤ⸗ ſtete er ſich bei einer Flaſche Wein, und lachte ſogar dazu, woraus man gleich ſehen 8 ———— kann, daß er nicht der rechte Vater war. Meine Mutter wurde vor lauter Jammer und Elend ſo demuͤthig, daß ſie mit den Nachbarn ſprach, welche meinten, daß wirk⸗ lich ein Jude, der ſich im Wirthshauſe auf⸗ gehalten, dieſen Raub veruͤbt haben koͤnnte; aber die Menge ſtimmte fuͤr den Erdmann, und die Sache blieb ungewiß. Zweites Capitel. Der Prinz. Den andern Tag war mein Vater aͤrgerlich, als der Cantor mit den Gevatterbriefen kam, worin nur noch die Namen fehlten, und be⸗ zahlte ſie mit Verdruß. Der Paſtor mußte mich im Kirchenbuche wieder ausſtreichen, gleichjam als ob ich gar nicht auf die Welt gekommen waͤre. Man haͤtte mich oder den Dieb gern mit Steckbriefen verfolgt, wenn 9 nicht meine Perſon zu einer Beſchreibung noch zu klein und jener an einem Barte ſchon kennt⸗ lich genug geweſen waͤre. So ſchlug das Dorf drei Tage lang die Haͤnde uͤber den Kopf zuſammen und ließ es dann ruhig gehen. Meine Mutter aber war uͤber meinen Ver⸗ luſt ſo betruͤbt, daß ſie im Garten einen Huͤ⸗ gel aufwarf, der mein Grab vorſtellen ſollte. Der Garten machte jetzt mehr als jemals ihre Lieblingsbeſchaͤftigung aus, und unter Blumen an meinem Huͤgel glaubte ſie mit mir in Ge⸗ ſellſchaft und Unterredung zu ſein. Freilich konnte jede Narciſſe eben ſo viel mit ihr ſpre⸗ chen, als ein neugebohrnes Kind, an das eine Mutter tauſend zaͤrtliche Fragen zu rich⸗ ten pflegt, ohne jemals die Antwort von ihm zu vermiſſen. Auch ließ es meine Mutter nicht an ſchoͤnen Liedern fehlen, die ſie bei der leeren Wiege im Mondſchein ſang, wel⸗ che aber nicht fuͤr mich, ſondern fuͤr die En⸗ gel, oder fuͤr den lieben Gott gedichtet wa⸗ ren.— Mein Vater ging unterdeß ſeinen 10 —— Gaunereien nach, und war bald ein Roßtaͤu⸗ ſcher, bald ein Schleichhaͤndler, bald gerade⸗ weg ein Spitzbube. Dieſes ſchlechte Hand⸗ werk trieb er nicht aus Mangel, ſondern aus Neigung und aus Gewohnheit, wozu ihm die ſchlechte Regierungsverfaſſung des Landes, in welchem mehrere Partheien herrſchten, nicht wenig befoͤrderlich war; wenigſtens ſah man ihm als einem geweſenen Spion, der dem Vaterlande im Kriege große Dienſte geleiſtet hatte, vieles durch die Finger, und begehrte nur, daß er entfernt von der Hauptſtadt und in dem Gebuͤrgslande, wo Gruſingen lag, dleiben ſollte. Was eine gute Regierung iſt, die bedient ſich zwar auch einer ſolchen Blend⸗ aaterne, aber wenn ſie ſich damit durch die dunkeln Straßen geleuchtet hat, und nach Hauſe zuruͤckkommt, loͤſcht ſie dieſelbe aus und ſtellt ſie in den Winkel; man kann alſo aus jener Duldung ſchon erſehen, wie ſchlecht es zur Zeit meiner Geburt in meinem Vater⸗ lande herging.— Nun ſollte ich zwar er⸗ 11 —-— d zaͤhlen, wie es mir in der Entfernung von meiner Heimath ergangen ſei, aber da ich noch gleich einer verſchiekten Pflanze meine Augen nur wie Bluͤten aufthat, um mich nach dem Lichte umzuſehen, und mein Mund ſich nur oͤfnete wie ein Blumenkelch, der Thautropfen einſaugt, ſo merkte ich von der aͤbrigen Geſchichte um mich her nichts, und mußte mir erſt ſpaͤterhin Muͤhe geben, wie meine Leſer, mein Schickſal zu errathen. Aber wunderbar und wunderlich genng ge⸗ ſchah es, daß nach drei Jahren der Jude des Nachts wieder zu meiner Mutter kam, und mich, wie ſie eben der erſte Schlaf uͤber⸗ fallen hatte, aus dem Mantel in die Wiege legte, wie eine Waare, die man einem Kauf⸗ manne wiederbringt, weil man ſie zu ſchlecht befunden hat. Ich proteſtirte aber dagegen mit Haͤnden und mit Fuͤßen, ſprang gleich aus der Wiege heraus und ſchrie, daß meine Mutter den Augenblick davon erwachte. So viel Athem mir das Weinen noch uͤbrig ließ, 12 ——— wandte ich auf, um beſtaͤndig zu rufen: Wil⸗ helm, Franz, bringt mir Licht, der Prinz will Licht! Meine Mutter griff ſogleich nach dem Feuerzeuge, das auf dem Tiſche ſtand, und zuͤndete mit einem Schwefelfaden die Lampe an. Aber ich, der, wie aus der Betaͤubung des Schlafes geriſſen, noch immer in ſeinem vorigen Zimmer zu ſein glaubte, warf mit der Hand die Lampe gleich wieder vom Tiſche her⸗ unter und ſchrie: nicht, Betty, keine Lam⸗ pe, Licht will ich haben! Indeß hatte ich mich mit Weinen und Schreien erſchoͤpft, und als meine Mutter ein wirklich brennendes Kerzenlicht brachte, und noch ein zweites dazu auzuͤndete, ſah ich mich verwundert um, fing an, mich zu ſchaudern und zu fuͤrchten, und ſchluchzte noch einige Zeit, bis ich muͤde, hungrig und durſtig wurde, und mich an meinen neuen Zuſtand gewoͤhnte. Dazu ka⸗ men die zaͤrtlichen Liebkoſungen meiner Mut⸗ ter, welche zwiſchen den Beruhigungsgruͤnden vor Frenden die heißeſten Thraͤnen vergoß. 3 13 —— Hinter jedem Ohrlaͤppchen hatte ich ein ſchwar⸗ zes Puͤnktchen,(ein Zeichen, womit ich ei⸗ nem Oheime in der Familie gleichen ſollte,) woran ſie mich jetzt haͤtte gleich wieder erken⸗ nen koͤnnen, aber ſie achtete nicht darauf, und verſicherte nachher, daß meine Augen gleich zu ihrem Herzen geſprochen haͤtten. Sie beleuchtete mich von oben bis unten, und konnte ſich nicht ſatt an mir ſehen. Ich trug lange Pumphoſen und eine geſtreifte Jacke, mit einem rothen Bande eingefaßt, ſo daß man nicht wußte, ob ich einen Schaͤ⸗ fer, oder einen Matroſen vorſtellen ſollte. Meine Mutter aber nannte mich in der Freundlichkeit ihres Herzens ſcherzhafter Weiſe einen kleinen Hanswurſt. Aus dem gaͤnzen Dorfe liefen die Men⸗ ſchen herbei, und ich haͤtte mich koͤnnen fuͤr Geld ſehen laſſen. Beſonders traten die Kin⸗ der mit großem Verlangen nach meiner Be⸗ kanntſchaft um mich herum und reichten mir allerhand Spielzeug; ich betrachtete es, ohne 14 ——— eine Miene zu verziehen und warf es dann kalt auf die Erde. Sie fingen an, meine bunte Jacke zu betaſten, und endlich gar, mich zu necken. Ich ging drei Schritte zu⸗ ruͤck und machte eine Bewegung mit der Hand, welche ſagte, daß ſie ſich entfernen moͤchten. Wer biſt du denn? fragte die Frau Cantorin. Ich bin der Prinz, gab ich zur Antwort. Da ſchlugen alle ein lautes Gelaͤchter auf, ich wurde aͤrgerlich und rief: Wilhelm, Franz! und lief dann beſchaͤmt in den Schooß mei⸗ ner Mutter zuruͤck, und weinte. Der Paſtor kam, um mich zu examiniren, wo ich hergekommen waͤre, aber ich wußte weder den Namen der Stadt zu ſagen, noch die Menſchen zu nennen, denen ich angehoͤrt hatte. Ich machte nur eine Beſchreibung von ſchoͤnen Sachen, die ich um mich her ver⸗ mißte, ſprach von dem Papagei, dem ich den Namen Amant beilegte, rief die Bedienten und dann eine Menge Hunde, Caͤſar, Nero, Brutus, u. ſ. w., die ich mit Zotteln und Maͤhnen alle recht ausfuͤhrlich beſchrieb. Von einem Eichhoͤrnchen ſprach ich, das Fidelis hieß. Einen Roſenſtock lobre ich, der ſo hoch waͤre.— Mit den Pflanzen und Thie⸗ ren war dem Paſtor wenig gedient, aber ich konnte ihm nicht helfen, unſer Intereſſe an der Weit wich zur Zeit noch ſehr von einan⸗ der ab, und ich mußte ihm auf ſeine Fragen die Antwort ſchuldig bleiben. Als er nach drei Tagen wieder kam„ war es noch ſchlimmer, denn nun miſchte ich ſchon die Vogelneſter auf den Baͤumen„ und die Kirſchen aus dem Garten mit hinein, und konnte ihm eher ſagen, was ich heute eſſen wuͤrde, als wie ich ehemals bedient geweſen waͤre. Bald aber bekam die Geiſtlichkeit ei⸗ nen neuen Skrupel, ſie wußte naͤmlich nicht, ob ich auch wirklich und, wie ſich gebuͤhrt, die chriſtliche Taufe empfangen habe, woruͤber man um ſo mehr in Ungewißheit ſein konnte, weil ein Jude mich geraubt hatte. Man verſammelte ſich alſo mit dem Richter und — 16 —— Schoͤppen des Dorfs, und meine Mutter ließ Kuchen backen. Wohl lange muß keine ſo merkwuͤrdige Kindtaufe geſehen ſein, als dieſe, denn im Garten hatte das neugebohrne Kind ſchon ſeinen Grabhuͤgel, und im Zim⸗ mer aß es von dem Kuchen auf dem Tiſche ſelbſt wacker mit. Ich ließ alles ruhig hin⸗ gehen, als man aber die Taufformel vorlas und auf die Frage kam: willſt du getauft ſein? wartete ich nicht erſt die Antwort der Pathen noch das Waſſer ab, ſondern be⸗ wegte unwillig die Hand nach dem Taufbecken und ſagte: Nein! Ich will nicht getauft ſein. Da traten die Pathen um mich her und wollten mich halten; ſie verſicherten, daß es ja ein heiliges Waſſer ſei, womit ich be⸗ ſprengt werden ſollte; aber— weil ich, wie alle Kinder, vom Waſchen eben kein Liebha⸗ ber war, ſo riß ich mich los, und der Paſtor mußte noch in Eile das Becken hinter mich her gießen, ſo daß ich wirklich nicht weiß⸗ ob ich recht bin getauft worden, oder nur ſo oben ———————— 17 —— oben hin. Als das Waſſer entferut war, kam ich wieder zuruͤck und aß noch einige Duͤten Roſinen und Mandeln, die mir ganz beſon⸗ ders zukamen, weil ich ſie ſelbſt mitgebracht haben ſollte. Als Prinz hauſte ich noch lange wild umher, und warf vieles Geraͤth entzwei. Eben war ich beſchaͤftigt, ein Dutzend irdene Teller zu zerſchmeißen, als mein Vater zuruͤck⸗ kam, mich beim Jaͤckchen ergriff, und mir mit dem Stock das Handwerk legte. Auch mein ſchoͤnes Kleid zerriß bald, und ein graues kam an ſeine Stelle, ſo daß ich den Prin⸗ zen nun ganz aufgab, und ſpaͤterhin nur durch Schimpfworte noch daran erinnert wurde. Die fruͤhe Herrlichkeit war alſo ver⸗ geſſen, und ich lief und ſprang jetzt im Dorfe ſo munter und froͤhlich umher, als wenn mir die ganze Welt gehoͤrt haͤtte. Drittes Capitel. Neine Erziehung. —— Mein Vater war zwar ein ſtattlicher Mann, groß von Geſtalt, und mit einem Zwickel⸗ bart von militairiſchem Anſehn, aber meine Mutter liebte ihn nicht, ſondern fuͤrchtete ihn blos, und bewies ihm aus Scheu den groͤßten Gehorſam. Doch bei aller Folgſamkeit hatte ſie ſich ausbedungen, daß ſie ſich wohl um feine haͤusliche Bequemlichkeit, aber nicht um ſeine geheimen Geſchaͤfte zu bekuͤmmern brauch⸗ te. Er hatte ſeine eigenen Kiſten und Ka⸗ ſten, die meine Mutter nicht anruͤhrte, und ſeine Rotte durfte niemals bei uns Verſamm⸗— lungen halten. Sehr uͤbelgelaunt kam er nach Hauſe, wenn er Geld verſpielt hatte, was haͤufig mit großen Summen geſchah, aber er behandelte doch meine Mutter eben nicht hart oder grauſam, ſondern commandirte nur gern, und ſchien ſich etwas darauf zu gute 5 19 —— zu thun, daß ſie ihn bedienen mußte. Stolz und hoͤhniſch redete er ſie zuweilen mit Fraͤulein an, und ſagte oͤfters: es iſt gut, meine Servante. Meine Mutter war traurig und duldend, wie eine Buͤßende, die ſich einer fruͤhern Schuld bewußt iſt. Sie ſeufzte, wenn mein Vater ins Haus trat, und wurde heiter, wenn er giug. Dann rief ſie mich zu ſich, und ich mußte mit ihr beten und ſingen. Auch lehrte ſie mich buchſtabiren und endlich nothduͤrftig leſen und ſchreiben. Ihr chriſtlicher Unterricht beſtand darin, daß ſie mir nach und nach die Geſchichte der Bi⸗ bel erzaͤhlte, und vor allen Dingen die zehn Gebote einpraͤgte. Fuͤr das letztere bin ich ihr beſonders Dank ſchuldig, denn als ein unwiſſendes, rohes Kind haͤtte ich Stehlen und Toͤdten in Geſellſchaft meines Vaters allenfalls fuͤr erlaubt gehalten, wenn ſie mich nicht fruͤh dagegen bewafnet haͤtte. Aber weil ich ſehr muntern Geiſtes war, wirkten beide mit gleicher Kraft auf mich, und es entſtand 4 B 2 20 —y—— ein ſonderbares Gemiſch von Ehrlichkeit und Schlauheit in mir. Die heimlichen Unterneh⸗ mungen meines Vaters fand ich bald ſehr an⸗ ziehend, aber mit der Ehre und Rechtſchaf⸗ fenheit im Herzen, nahm ich daran nur An⸗ theil, in ſo fern ſie meinen Verſtand und meine Klugheit beſchaͤftigeen. Mit dem Raube auf dem Ruͤcken abſtrahirte ich— wie die Philoſophen— von allem Inhalt, und er⸗ freute mich nur der Uebung meiner Kraͤfte. Daraus entſtand eine gewiſſe formelle Be⸗ trachtungsweiſe, und dieſe— gleichſam als ob ich nach der neueſten Methode erzogen waͤre— begleitete mich nachher— was den Erziehern ſehr merkwuͤrdig ſein muß— faſt das ganze Leben, ſo daß ich mir aus vielen Dingen in der Welt wenig machte, wenn ich nur damit einſtweilen hanthieren und haͤufig wechſeln und mein Spiel treiben konnte. Meine Mutter zitterte, wenn ſie mich den Wipfel eines Baums erklettern ſah, aber mein Vater hatte eine große Freude daran. Er ſchickte mich bis auf 21 — die aͤußerſten Spitzen, und zog Seile von ei⸗ nem Baum zum andern, auf welchen ich wandeln und mancherlei Capriolen machen mußte. Auf der Erde ein Rad ſchlagen, mei⸗ nen Fuß auf den Nacken legen, meinen Koͤr⸗ per durch einen engen Reif winden— waren Kleinigkeiten. Ich kann nicht leugnen, daß ich an dieſen Dingen bald mehr Gefallen fand, als an den Andachtsuͤbungen meiner Mutter, doch that ich es ihr zu Liebe, daß ich zuwei⸗ len mit ihr ein Lied ſang. Dabei trieb ich aber nicht ſelten meinen heimlichen Scherz: ich nahm Brodkuͤchelchen in die Hand, und lockte die Huͤhner, bis ſie unter den Tiſch herauf und endlich auf das Geſangbuch kamen, oder bewarf ſie mit Krumen, daß ſie ſich mit einander zanken mußten, oder ich ſetzte den Tiſch auf die Zotteln des Hundes, daß er ſchreien und aus unſerm Duett ein Terzett machen mußte. Gab ſie mir Verweiſe, ſo war ich ſtill, bis ich mit einer neuen Schel⸗ merei anruͤckte, zwei Blaͤtter fuͤr eins nahm, und in ein falſches Lied hinein ſang. Sie liebte mich zu ſehr, als daß ſie mich dafuͤr haͤtte zuͤchtigen koͤnnen, aber mein Vater ließ es nicht an Schlaͤgen fehlen, und ſchien da⸗ bei gar keine Abſicht weiter zu haben, als mich abzuhaͤrten. Wenn ich dabei nur Obſt und duͤnne Waſſerſuppen zu eſſen bekam, ge⸗ ſchah es wohl nicht aus Armuth; denn ob⸗ gleich, wie bei Tageloͤhnern, das große Salz⸗ faß an der Wand hing, und die Stuͤhle von Holz und Stroh und die Loffel von Blei waren, ſo ſah doch haͤufig ein ſilbernes Ge⸗ fäß oder ein goldenes Becken durch, ſo daß die aͤußere Duͤrftigkeit nur die Huͤlle zeuze Reichthuͤmer zu ſein ſchien. Das verrieth mir denn auch endlich meine Mutter. Es war Sonntag, alles in der Kir⸗ che, und mein Vater abweſend,— ich mußte in die Kammer treten, und fand ſie auf das praͤchtigſte ausgeſchmuͤckt, mit ſilbernen und ſeidenen Stoffen, purpurnen Gewaͤndern, blin⸗ kenden Geſchmeiden, Spiegeln und Geraͤ⸗ 2 23 ——— then, meine Mutter mit hangenden Locken, Perlenkraͤnze in ihrem Haar, goldene Span⸗ gen um Hals und Arme, und ein hünmel⸗ blaues ſeidenes Kleid um ſie hingegoſſen, das ſie zu einer Heiligen verſchoͤnte. Weinend ſchlug ſie ihre Arme um mich und ſagte: heute iſt mein Geburtstag!— Mutter, was ſind das fuͤr Schaͤtze? fragte ich. Sohn! antwortete ſie, ich zeige dir hier mein ver⸗ lohrnes Gluͤck.„So ſind die Schaͤtze nicht dein?“ Unſer iſt nur, gab ſie zur Aut⸗ wort, was wir zu beſitzen verdienen, was wir zu gebrauchen nicht ſcheuen duͤrfen.„So laß uns doch dafuͤr ein groͤßeres Haus kau⸗ fen,“ ſagte ich drauf. Je weiter von der Huͤtte, je naͤher das Grab! erwiederte ſie. Werde du nu nn und brav, ſo kann ich einſt noch vielleicht aus dieſem Gefaͤngniſſe auf⸗ erſtehn. Aber verſchweig, was du heute ſahſt, und erhalte mir das Leben; ſchwoͤre es mir. Ich ſchwur, und aller Glanz ging wieder in die vorige Verborgenheit zuruͤck. 24 Viertes Capitel. Gaunereien. Als mein Vater nach Hauſe kam, maß er die Breite meiner Schultern, und hing mich mit dem Rockkragen an einem Haken auf, woran ich eine Weile zappeln mußte. Schwe⸗ bend zwiſchen Himmel und Erde glaubte ich faſt, er wolle einen Vogel aus mir machen, ich ſah doch aber die Moͤglichkeit davon nicht ein. Erſt, als es Nacht wurde, erhielt ich Licht daruͤber. Mein Vater hieß mich mit ihm wandern, bis wir uͤber zwei Berge zu einem Staͤdtchen kamen, wovor viele Scheu⸗ nen lagen. Es war recht ſchauerlich, wenn mein Vater pfiff und bald rechts bald links ein heulendes Kuhhorn ſich hoͤren ließ. Aber die Strenge meines Vaters machte, daß ich mir die Furcht bald abgewoͤhnte, und auch nach dem Teufel nicht fragte. Jetzt traten mehrere Maͤnner aus der Dunkelheit hervor, 25 —-— die alle um den Hals graue Saͤcke trugen. Wir ſtanden vor einem Kornmagazine, der groͤßte lehnte ſich mit dem Geſichte an die Wand, und ich mußte ihm in die Taſchen und ſo weiter bis auf die Schultern ſteigen. Oben war eine kleine Oefnung mit einem Ei⸗ ſen, das ſich in der Mitte durchſchlaͤngelte, dazwiſchen ſollte ich durchkriechen. Ich ſagte wimmernd, daß das unmoͤglich waͤre. Aber ſie redeten mich alle hart an und ſchlugen auf mich; ja ich glaube, ſie haͤtten mir ein Stuͤck von der Schulter abgeſchnitten, wenn ich den Eingang nicht moͤglich gemacht haͤtte. Angſt und Froſt zieht zuſammen; ich wurde alſo immer kleiner und kleiner, und ging endlich wirklich neben dem Eiſen durch, doch ſo, daß ich mit dem Kleide an einem Haken haͤngen blieb, und wieder, wie geſtern, ein ſchwebender Vo⸗ gel war. Mit einem großen Meſſer befreite man mich, und ich ſiel ziemlich ſanft auf ei⸗ nen Kornhaufen. In dem Magazine waren zwei Thuͤren, wovon die eine aͤußerlich mit 26 einem großen Schloſſe, und die andere in⸗ wendig durch einen großen Riegel verſperrt war. Dieſen Riegel mußte ich wegſchieben, damit die Bande hinein kommen konnte. Das Korn wurde in den Saͤcken zu einem Canal hinuntergetragen, wo man es in ein Schiff lud. Keiner aber wird es glauben, wenn ich ſage, daß man das Korn an eben den ver⸗ kaufte, dem man es geſtohlen hatte. Die Sache aber wird erklaͤrlich, wenn ich hinzy⸗ fuͤge, daß der Eigenthuͤmer ſelbſt der aͤrgſte Spitzbube war. Es gehoͤrte naͤmlich einem Kriegscommiſſair, der daruͤber Buch und Rechnung halten mußte, und weil er nach Beendigung des Krieges eine große Luͤcke be⸗ fuͤrchtete, und der Ober⸗Reviſor ſchon Herr der Schluͤſſel war, ſo hatte er beſchloſſen, bei dem naͤchſten Gewitter den erſten beſten ſtarken Schlag zu benutzen, um das Magazin ſelbſt mit einem kleinen Blitzſtrahl anzuzuͤn⸗ den. Er war aber ſo chriſtlich geſinnt, daß ꝛes ihn dauerte, ſo viel Korn verderben zu 27 ——ℳ laſſen, was noch arme Menſchen eſſen koͤnn⸗ ten. Deshalb eroͤfnete er meinem Vater, den er ſehr wohl kannte, ſeine Verlegenheit, und bat ihn, noch vor der Zerſtoͤhrung etwas von dem Korne zu retten, und es an ihn um ein Billiges zu verkaufen, daß er es wieder um ein Billiges an die Armen ablaſſen koͤnnte. Eine Spitzbuͤberei ohne Gleichen! Ich be⸗ kuͤmmerte mich wenig darum, ſondern lief nur einer Eule nach, die ich auf dem Geſimſe hatte ſchnarchen hoͤren. Sie flog ſchnaubend hin und wieder und ſtreifte die Koͤpfe der Spitzbuben oͤfters ſo nahe, daß das Haar ihnen zu Berge ſtehen mußte. Endlich war ſie verſchwunden und ich klagte uͤber ihren Verluſt; als wir aber nach Hauſe kamen, rauſchte ſie ploͤtzlich aus einem leeren Sacke hervor, und flatterte durch die Stube. Meine Mutter erſchrak, und weil ſie dies fuͤr ein ſchlimmes Zeichen hielt, fiel ſie zitternd auf ihre Knie, und bat meinen Vater um ſeiner Seligkeit, ja um ſeiner eigenen Klugheit wil⸗ 28 len, von der Ruchloſigkeit zu laſſen, und ein beſſeres Leben anzufangen. Ich hatte unter⸗ deß die Eule ergriffen, und ihr von den dent⸗ ſchen Kartenblaͤttern, die umher lagen, Ei⸗ chelnſieben angehaͤngt. Mein Vater aber riß ſie mir aus den Haͤnden, und im Begriff, ihr den Hals umzudrehen, beſann er ſich, und ließ ſie fliegen. Es ſchien, daß ihm— viel⸗ leicht in ſeinem Leben zum erſtenmal— eine Scheu anwandelte, ſo daß ich mich nicht ge⸗ nug daruͤber wundern konnte. In der Folge mußte ich oͤfters ſo der Dietrich meines Vaters ſein, und ich begriff nun, warum ich ſo ſchmale Biſſen bekam und oͤfters wie ein gezogenes Licht an den Haken hangen mußte. Meine Mutter war uͤber dieſen An⸗ blick oft ganz außer ſich, weil ſie wahrſchejn⸗ lich in mir keinen andern, als einen Galgen⸗ vogel zu ſehen glaubte, aber ich troͤſtete ſie damit, daß ich dies Bild nur andern vor⸗ ſpiegeln ſollte.— Bald darauf verfiel mein Vater auf den Schleichhandel mit verbotenen 29 Waaren, die er heimlich uͤber die Grenze ſchaffte, und ich mußte ihm dabei wieder einen weſentlichen Dienſt thun. Um ſeines Waa⸗ rentransportes recht gewiß zu ſein, machte er bei den Aufpaſſern die Anzeige, daß man rechts durch die Schluft eines Gebuͤrges, durch welche ſich ein Bach ſtuͤrzte, in der naͤch⸗ ſten Nacht einem Paar Schleichhaͤndlern auf die Spur kommen wuͤrde, die dort weder das Geſtraͤuch noch das Waſſer ſcheuten. Jene beſetzten nun rechts und links die Hoͤhen, um die Ankommenden im Thalgrunde zu erwar⸗ ten, waͤhrend mein Vater mit ſeinen Spieß⸗ geſellen auf einem ganz andern Wege die Waaren in Sicherheit brachte. Doch damit ſich die Aufpaſſer nicht ganz und gar betrogen ſehen ſollten, weil ſie ſonſt nur den Verdacht auf ihn zuruͤck geworfen haͤtten, mußte ich mich des Abends mit einem Paͤckchen dorthin auf die Wanderung begeben, und mit meiner Behendigkeit hin und her ſchluͤpfen. Es war in der That eine recht fatale Commiſſion, 30 —— denn wie leicht konnte man mich hier faſſen und fangen und mich wie ein Fruͤhſtuͤck in den Schubſack ſtecken. Ich ſah die Gefahr, worin ich ſchwebte, und als daher die Zeit heranruͤckte, wo ich mit dem Munde pfeifen und jene irre leiten ſollte, konnte ich keinen Ton hervorbringen. Um doch aber Wort zu halten, beſann ich mich, daß ich recht ſchoͤn auf einem Birkenblatt zu blaſen verſtaͤnde; ich verſuchte es damit, und es gelang mir in ſo fern, daß die Aufpaſſer doch einige Witte⸗ rung von mir bekamen. Sie zogen ſich im⸗ mer naͤher von den Bergen herunter, und als es Zeit wurde, warf ich mein Paͤckchen auf den Steg, den ſie paſſiren mußten. Ich ſelbſt aber entſchluͤpfte ihnen ſehr ſchnell und fluͤchtete mich zu einem Baume, den ich bis an die Spitze erkletterte, trotz dem Sturm, der mich darauf hin und her wiegte. Ich hoͤrte ganz dentlich, wie die Leute an dem Stege frohlockten, da ſie uͤber das Packet ſielen, und den Schleichhaͤndlern ſchon einen — 31 —- Theil der Beute abgejagt zu haben glaubten. Sie kamen immer naͤher zu dem Baum, wo ich ſaß, und als ſie eben unten wegziehen wollten, begegnete mir ein Unfall, der mich auf der Stelle verrathen konnte. Es flogen naͤmlich eine Menge Raben daher, die jene fruͤher aufgeſcheucht hatten. Dieſe ſetzten ſich mit großem Geraͤuſch auf meinen Baum, und lagerten ſich ſo dicht um mich her, daß ſie mir ſelbſt Kopf und Schultern nicht ver⸗ ſchonten. So ſtill ich mich auch hielt, ſo witterten ſie doch meine Gegenwart, und um⸗ flogen den Baum mit einem wilden Geſchrei, ganz wie ſie zu thun pflegen, wenn ſie bei Tage eine Katze erblicken. Haͤtten die Auf⸗ paſſer mehr Naturgeſchichte verſtanden oder mehr Scharfſinn beſeſſen, ſo waͤre ich gelie⸗ fert geweſen. Aber ſo fluchten ſie nur uͤber den Laͤrm, den die dummen Kraͤhen machten, und zogen weiter. Sobald ich mich ruͤhren durfte, ſchafte ich mir die Verraͤther ganz vom Halſe; aber ſie kraͤchzten mich noch lange 32 ——— von den naͤchſten Baͤumen an.— Da ich noch lange auf dem Baume ſitzen mußte, hatte ich große Noth, nicht einzuſchlafen, und um mich munter zu erhalten, uͤberhoͤrte ich mir die zehn Gebote, wozu die Kraͤhen das Amen ſprachen. Gegen Morgen ſchlich ich mich auf heimlichen Wegen gluͤcklich wieder nach Hauſe; die Expedition war aufs beſte gelun⸗ gen, und die Auſpaſſer ſagten meinem Va⸗ ter noch Dank, daß er ſie mit dieſem Schleich⸗ wege bekannt gemacht haͤtte; den Spitzbuben haͤtten ſie einen Theil ihrer Beute abgejagt, und nur mit genauer Noth waͤren ſie ihnen entwiſcht. Fuͤnftes Capitel. Gefaͤngniß. — Wie das naͤchſte Gewitter heraufdonnerte, ſtand der Kriegscommiſſair auch ſchon mit ſei⸗ nem Schwefelfaden bereit: er meinte, was der Himmel ſelbſt ſich mit Feuer, Waſſer und Sturm erlaube, indem er bald ganze Staͤdte in Flammen ſetze, bald Doͤrfer durch Waſſerfluten niederſchwemme, bald Thuͤrme und Huͤtten niederſtuͤrme, das ſei auch fuͤr ihn kein Verbrechen, und er wuͤnſchte nur Feldherr zu ſein, um ganz im Sinne der Na⸗ tur zu handeln, wie ein Hagelſchlag die Saaten niederzuſchmettern, wie Blitz und Flamme Staäͤdte und Doͤrfer zu verheeren, und wie Krankheit, Seuche und Peſt Vieh und Menſchen zu toͤdten. Jetzt phantaſirte er im Reich der Moͤglichkeit und befleißigte ſich, dem Gewitter als einem unordentlichen I. Theil. C 34 ——— Schreiber einmal die Hand zu fuͤhren. Das Magazin brannte vom Schwefel eben ſo gut, als vom Blitz. Doch um der ſchwachen Men⸗ ſchen willen ſprang der Commiſſair jetzt mit einem Stiefel und einem Pantoffel, mit ver⸗ kehrrer Weſte und einem zerriſſenen Mantel herbei und wollte ſich die Haare ausraufen. Indem er mehr verdarb als rettete, ſchien er unſinnig zu ſein, da er doch gerade recht viel Verſtand zeigte. Es fehlte nicht an Leuten, die ihm das Wort redeten, und ſeine Sache ging gut. Die Rechnungen galten fuͤr rich⸗ tig, und er zog als ein eihe Mann in eine große Stadt. Es giebt dreierlei Arten von Spſsöuben: erſtlich ſolche, die aus Neigung friſchweg ſtehlen, und dabei ein rohes, luſtiges Leben fuͤhren. Dann ſolche, die zuweilen Gewiſ⸗ ſeusbiſſe bekommen und das Schlechte noch durch moraliſche Handlungen mildern wollen; und endlich ſolche, die ſich ein eigenes Sy⸗ ſtem gebildet haben, und das Schlechte als 35 —— gut oder als nothwendig betrachten. Alſo Naturaliſten, Moraliſten und Philoſophen. Die letztern koͤnnen eben ſo ſchlimm werden als die erſtern, doch bringen ſie es ſelten zu einer rechten Feſtigkeit, und es iſt ihnen nicht ganz zu trauen, indem ſie auch leicht ein neues Syſtem annehmen koͤnnen. So ging es mit dem Kriegscommiſſair, der in der Stadt eine große Luſt bekam, ein ehrlicher Mann zu ſein oder mit Anſtand dafuͤr zu gelten. Dabei beſiel ihn die Furcht, daß er leicht von einem ſeiner vorigen Helfershelfer koͤnne entlarvt oder verrathen werden. Er dachte ihnen alſo zuvor zu kommen, indem er der Polizei eine Anzeige von dem Schleich⸗ wege machte, wodurch man fremde Waaren hereinbraͤchte. Dieſe ſandte die ſchlaueſten von ihren Dienern, naͤmlich ſolche, welche ehe⸗ mals auch ein unehrliches Gewerbe, Schleich⸗ handel u. dergl. getrieben hatten, und durch heimliches Aufpaſſen und Nachſchleichen ge⸗ lang es ihnen endlich, meinen Vater auf der C 2 36 ——— Grenze zu ertappen, und ihn nach dem gro⸗ ßen Gefäͤngniſſe in den Thurm abzufuͤhren. Wir wußten zu Hauſe nichts davon; aber des Nachts traten ploͤtzlich fuͤnf Kerls herein, und indem ſie riefen: es iſt alles aus! pack⸗ ten ſie die Kiſten und Kaſten, und ſchleppten 3 ſie fort. Sie waren von der Verbruͤderung meines Vaters, und retteten von dem geſtoh⸗ lenen Gute, ſo viel ſie konnten. Ich bin verlohren! ſchrie meine Mutter, es koſtet mir das Leben. Da ich ſie an allem unſchul⸗ dig wußte, ſo begriff ich ihre Beſorgniß nicht, aber ſie verſicherte, wenn ſie aus dem Hauſe gehe, wuͤrde man ſie entdecken und aufgrei⸗ fen; die Huͤtte waͤre ihre letzte Zuflucht ge⸗ weſen, und nun ſei auch hier keine Sicher⸗ heit mehr. O warum bin ich nicht lieber nach der ſchrecklichen Inſel gegangen, fuhr ſie klagend fort, um dort gleich Gift und Tod einzuſaugen oder, von allen Zeugen entfernt, als eine lebendig Begrabene die Gnade Got⸗ tes anzuſlehen. Jetzt wird man mich aus 37 — meinem Schlupfwinkel hervorziehen, und mich oͤffentliche Schande erleben laſſen, die bitterer iſt, als der Tod. Sie lief im Hauſe hin und her, und wollte ſich bald in die Kam⸗ mer einſchließen, bald ſich auf dem Boden verſtecken. Ich lief immer ſchreiend nach, und woollte die Nachbarn um Huͤlfe anrufen, aber ſie verbot es mir, weil unſer ganzer Zuſtand dann verrathen waͤre.— Es woͤhrte nicht lange, ſo traten wieder zwei Kerls herein, die ſich wild nach den Ki⸗ ſten und Kaſten umſchaueten, und da ſie ſa⸗ hen, daß ihre Cameraden ſchon ihre Pflicht gethan haͤtten, nahmen ſie mich auf den Arm und trugen mich fort. Knieend und mit vielen Thraͤnen bat ſie meine Mutter, ihr doch den einzigen letzten Troſt zu laſſen, aber ſie verſicherten, daß es zu ihrem Beſten waͤre. Ich ſtreckte die Haͤnde weit zuruͤck und faßte noch die Pfoſten der Thuͤr, doch umſonſt;. ich mußte mit fort, ohne zu wiſſen, wo⸗ hin. 1 38 —— 1 Unterdeß ſaß mein Vater ſchon im Thurm, und die ganze Stadt ſprach von dem großen Spion, der aus der Diebesprovinz angekom⸗ men ſei. Nanche ſcharfſinnige Leute von der Acabemie nahmen eine ſolche Provinz in Schutz und behaupteten, daß man ſie mit einiger Nachſicht behandeln und wohl große bewafnete Raͤuberſchaaren verhuͤten, aber ſonſt dergleichen unvollkommene Verbindungen und rohe Lebensthaͤtigkeiten dulden muͤſſe, weil das die beſte Pflanzſchule fuͤr den Krieg ſei, den ja doch das menſchliche Geſchlecht nicht ganz entbehren koͤnne. Eine ſolche Provinz, ſagten ſie, waͤre als die eigentliche Ritteraca⸗ demie zu betrachten, woraus die groͤßten Hel⸗ 4 den hervorgingen. Und beſonders koͤnne man von einem Spion nicht verlangen, daß er 8 leben ſollte, wie andere Menſchen. Zu jeder Sache gehoͤre eine Bildung und Voruͤbung, und die Spartaner haͤtten wohl Recht gehabt, ihren Kindern Diebereien zu erlauben, damit ſie liſtig und verſchlagen wuͤrden. 39 ——— Die Gerichte hatten bis jetzt von dieſer Philoſophie noch keine Notiz genommen; aber 4 mein Vater ſagte ihnen ſchoͤn die Wahrheit, und hielt eine große Lobrede uͤber die Ver⸗ 4 dienſte, die er ſich im Kriege um das Vater⸗ land erworben habe; und haͤtte ich die ganze Provinz ausgepluͤndert, ſagte er, ſo iſt das noch kein Zehntheil von dem ganzen Reiche, das ich gerettet habe. Einige hoͤrten ihn mit Bewunderung an, und ſahen in ihm eine aus⸗ gezeichnete Natur, die nur die Phyſiognomie ein wenig verzogen haͤtte; andere aber, die wahren Politiker, fluͤſterten ihren Collegen ins Ohr, daß ſich der Staat jederzeit ſo viel als moͤglich der Verpflichtungen entledigen, und froh ſein muͤſſe, wenn es ſeiner Schuld mit dem Schelm zugleich durch einen bloßen Strick los werden koͤnne. Dieſer Meinung traten mehrere bei, und die Sache meines Vaters verſchlimmerte ſich dadurch ſo ſehr, daß er die beſte Ausſicht zu einer luftigen Er⸗ hoͤhung hatte.— Je groͤßer die Gefahr 40 —— wurde, worin er ſchwebte, deſto mehr ſtroͤm⸗ ten die Neugierigen der Stadt herbei, um den Retter des Vaterlandes zu ſehen, und der Schließer hoͤrte mit Freuden die Fortuna an ſeine Thuͤr klopfen.— Unterdeß wurde ich Tag und Nacht transportirt, und da ich wie ein eingeniſtetes Huhn in Stroh auf dem Wagen mehr ſchlief als wachte, ſo ſah ich von der Gegend wenig oder gar nichts, und wußte zuletzt nicht, wohin ich gekommen ſei. Durch welche Betruͤgerei es den Spitzbuben gelang, mich durch eine Krankenfuhre von Dorf zu Dorf weiter zu bringen, kann ich auch nicht ſagen. Es wuͤrde ſchwer ſein, voll⸗ ſtaͤndig aufzuzaͤhlen, was die Bauern nach den Launen der Obern alles thun und leiſten muͤſſen, und vorzuͤglich geht es mit Fuhren und Vorſpann ſehr unordentlich zu. Das kuͤmmerte mich aber damals nicht, ich ſaß gut und war nur betruͤbt, wenn ich an meine Mutter dachte. 3 Endlich hatte man mich in die Stadt, und 41 ——-- mit anbrechender Nacht vor den Thurm ge⸗ fuͤhrt, wo ich wieder durch eine Oefnung wie ein kleiner Zaunkoͤnig hindurch ſchluͤpfen ſollte. Ein rieſenhafter Spitzbube, der auf einen Steinhaufen trat, hing eine Strickleiter uͤber ſeinen langen Nuͤcken, und ich kletterte an ihm wie ein Matroſe hinan. Durch eine außerordentliche Biegſamkeit meines Koͤrpers gelang es mir, mich durch das ſchmale Luft⸗ loch des Gefäͤngniſſes hindurch zu preſſen, und dann durch die Strickleiter, welche ich zur Haͤlfte an mich zog, mich in den Thurm hin⸗ abzulaſſen. Man hatte mir Feile und andere Inſtrumente mitgegeben, wodurch mein Va⸗ ter inwendig das Schloß losbrechen ſollte, waͤhrend man ihm von außen auf gleiche Weiſe zu Huͤlfe kommen wollte. Jetzt ſuchte ich ganz leiſe den Gefangenen aus dem Schlaf zu wecken, ich fluͤſterte: Haͤnschen iſt da! aber es blieb alles ſtill. Ich ſtreckte die Arme umher, an die Wand, an den Fußboden, aber ich fand niemand. Viel⸗ 4² ——— leicht war noch eine andere Thuͤr, ein ande⸗ rer Eingang in der Mauer, aber auch davon entdeckte ich keine Spur. Ich war voll Stau⸗ nen und eilte, denen vor dem Thurm Nach⸗ richt davon zu geben; allein— in dem naͤm⸗ lichen Augenblicke entſtand ein Geraͤuſch, und die Strickleiter raſſelte an der Wand in die Hoͤhe. Ich hoͤrte fortlaufen und andere Schritte ſich naͤhern. Mir wurde nicht wohl zu Muth, aber ich troͤſtete mich damit, daß ich noch nicht zum heiligen Abendmahl gewe⸗ ſen war, und daß folglich meine Ausſagen, wie man mich verſicherte, noch keine gericht⸗ liche Guͤltigkeit hatten. Der Schluͤſſel drehete ſich im Schloß, die Thuͤr ſprang auf, und leiſe jammernd trat der Schließer mit einer großen Laterne herein, indem er die Abweſen⸗ heit des Gefangenen beklagte und heimlich ei⸗ nen Maurer mit ſich fuͤhrte, der— ſonder⸗ bar genug— dem Entſlohenen hinterdrein eine Oefnung in der Mauer machen ſollte, wo⸗ durch er entkommen ſein koͤnnte. Ich duckte 48 ——— mich in den Winkel und hoͤrte eine Weile die Verhandlung mit an. Ach! Herr Gevatter, ſagte der Schließer, ich bitte euch ums Him⸗ mels willen, macht ein Loch in die Mauer, damit jedermann ſehe, wo der Kerl durchge⸗ brochen iſt, ſonſt komme ich in ſchwere Ver⸗ antwortung. Alſo das Durchbrechen iſt er⸗ laubt? fragte der Maurer. Das eigentlich nicht, antwortete der Schließer, aber es kommt haͤufig vor, und man laͤßt es geſche⸗ hen, wenn die Gefangenen nichts zu verzeh⸗ ren haben und nur der Gerichtskaſſe zur Laſt fallen. Sie gehen dann doch uͤber die Grenze, wir ſind ſie los, und die Nachbarn moͤgen weiter ſehen, wie ſie mit ihnen fertig wer⸗ den; machen ſie es doch mit ihren Spitzbu⸗ ben eben ſo. Nur den Gefangenen ſo mir nichts dir nichts laufen zu laſſen, iſt denn doch bis jetzt noch nicht vorgekommen; ich bin hier auf eine ganz verdammte Weiſe betrogen worden. Ein armer Teufel, wie ich bin, laß ich den Spion fuͤr Geld ſehen, denn unſer eins will ja doch auch ſeine Sporteln haben; da kommen Kerls in blauen und gruͤnen Roͤcken, 3 die recht ſchmuck und honnett ausſehen. Sie bezahlen gut, ich laſſe ſie ein, und bleibe recht vorſichtig an der Thuͤr ſtehen, daß mir der Gefangene gewiß nicht entwiſchen ſoll. Zwei, drei gruͤne Kerls waren ſchon wieder zuruͤck, da kommt einer im grauen Rock— ich paſſe wohl auf, aber er iſt es nicht. Es folgt wieder einer im gruͤnen, im blauen, im rothen, im gelben Rock— mir wurde ganz bluͤmerant vor den Augen, wie ich ſo viele Farben ſehe. Der letzte iſt wieder grau, ich ſage halt! und denke nun gewiß, es iſt mein Gefangener, aber— es iſt unſer alter Anti⸗ quarius Strohſeil, der, wie ihr wißt, be⸗ ſtuͤndig grau geht, und nur ſelten aus ſeiner 3 Polterkammer herauskommt; der ſieht mich groß an und fragt: wo iſt denn nun der Gefangene? Ich ſehe ihn ja nicht.— Ich ſtecke den Kopf hinein, und der Kerl iſt rich⸗ tig fort. Nun mußte ich den Antiquarius „F 45 ——— nur gleich bitten, daß er keinen Laͤrm machte; ich kaͤme ja ſonſt in des Teufels Kuͤche. Der Spion war einmal fort. Die Philoſophen von der Academie wohnen ja alle am Stadt⸗ graben; ſie ſind große Liebhaber von Boͤſe⸗ wichtern und nehmen ſelbſt den Teufel in Schutz. Wie leicht hat ihn da einer in den Graben hinuntergelaſſen! Waͤhrend dieſer Rede hatte der Maurer ſchon ein gutes Loch in die Mauer hinein gera⸗ beitet, und ich lauſchte aus dem Winkel hervor, ob es fuͤr mich nicht ſchon groß genug waͤre. Indem klang es ſo hell, der Menſch hielt inne und ſagte: hier geht es nicht weiter, ich bin auf eine eiſerne Klammer gekommen; wir muͤſſen einen andern Ort aufſuchen. Da leuchteten ſie weiter umher und erblickten mich wie einen angelehnten Stein an der Wand. Iſt das der Kobold oder wer, Teufel, iſt das? rief der Schließer. Ich hatte aber nicht um⸗ ſonſt in dem Gedankenwinkel geſeſſen, meine Geſchichte war ſchon fix und fertig. Den An⸗ 2 46 fang machte ich mit dem Liede: der Vater iſt im Krieg! Ich war ein armer Betteljunge, den man vor dem Thore aufgegriffen hatte, um ihn mit Saͤgen und Feilen durch dies Loch zu ſchicken, und den man nun, ich wuͤßte ſelbſt nicht, warum, hier haͤtte ſitzen laſſen. Seh einer den Spitzbuben! wieder neue Raͤnke! rief der Schließer aus; aber es iſt mir lieb, ich weiß nun, woran ich bin. Durch die Thuͤr iſt er gebrochen, werde ich ſagen, das Schloß hat er abgeriſſen! und er bat den Maurer nun gleich, ſeine Hand an das Schloß zu legen; die Inſtrumente, die er bei mir im Gefaͤngniſſe gefunden, ſollten ihm zum Be⸗ weiſe dienen. Der Maurer meinte zwar, daß dies eigentlich Sache des Schloſſers waͤre, aber er that es als Gevatter. Als alles vorbei war, ward ich beim Schlie⸗ ßer auf den Huͤhnerboden geſperrt. Wegen der großen Muͤdigkeit ſchlief ich auch bald ein, aber mir ging es, wie unter den Soldaten den Auslaͤndern, die vom Unterofſicier des — 47 —-— Nachts alle Augenblicke angerufen werden. Mein Unterofficier, oder ich moͤchte lieber ſa⸗ gen, mein Oberofficier— denn er ſaß auf einer Latte— war der große Hahn, der den Morgen ſchon in ſeiner Naſe ſpuͤrte und ihn kraͤhend auszuſchuͤtteln ſtrebte. Es entſpann ſich darauf eine Correſpondenz zwiſchen ihm und einem benachbarten Hahn, die fuͤr beide ſehr intereſſant ſein mochte, mich aber gar nicht ergoͤtzte.— Wie mit aufgehender Sonne die Huͤhner ihre Federn ſchuͤttelten, raͤuſperte ich mich auch, der Zug machte ſich auf nach dem Hof, und da meine Thuͤr noch verſperrt war, folgte ich ihnen wie ein Iltis durch die kleine Oefnung ihres Ausganges nach. Jetzt trat Hannchen, des Schließers mun⸗ tere Tochter, an das Fenſter, um die Huͤh⸗ ner mit Brod zu fuͤttern. Sie hatte den Au⸗ genblick Mitleid mit mir, da ſie ſah, wie ich mit ſtruppigem Haar unter den Huͤhnern ging, mit einer kleinen Figur, die nicht viel groͤßer war als der Hahn, wenn er den Hals reckt⸗ 48 ——— Sie warf immer groͤßere Brocken hinunter, und die Rinde bekam ich endlich ganz und gar.— Man darf ſich uͤber dieſe unwuͤrdige Art des Mitleids nicht wundern, denn die Gefangenwaͤrter ſind an Grauſamkeiten ge⸗ woͤhnt, und muͤſſen oft das Brod kaͤrglich zumeſſen, waͤhrend ſie ſelbſt auf ihrem Tiſch an allen Speiſen Ueberfluß haben. Was Hann⸗ chen that, war immer dankenswerth, denn es war ihr auf das ſtrengſte verboten, ſich auf irgend eine Weiſe eines Gefangenen an⸗ zunehmen, er moͤchte ſein, wer er wollte. Der Vater riß ſie auch den Augenblick vom Fenſter weg, da er ihr Beginnen merkte, und ſagte: was geht uns der Betteljunge an! Sechs⸗ 49 ——— Sechstes Capitel. Affe. Als ſich bald darauf in den Straßen ein Laͤrm und ein Geſchrei von Kindern und Wei⸗ bern erhob, nahm mich der Schließer, weil er mich unnuͤtz fand, beim Arm und ſagte: da, marſchire auch mit fort. Alſo, wie man Waſſer ausſchuͤttet, um es zum Strome lau⸗ fen zu laſſen, ſo ſchickte mich der Schließer hinaus zum groͤßern Haufen. Indem bemerkte er, daß die Veranlaſſung dieſes Auflaufs der Baͤrenfuͤhrer war, der den Tag vorher ſeine Kunſtſtuͤcke gezeigt hatte und nun ſeinen Ab⸗ zug hielt. Er rief ihn an— der Thiertrei⸗ ber nahm vor ihm als einer Gerichtsperſon von Einfluß ſogleich den Huth ſamt der Muͤtze herunter— hier will ich euch ei⸗ nen Affen ſchenken, ſagte er zu ihm, und indem hatte er auch meine kleine Laſt ſchon I. Theil. D 50 — auf den Baͤren geſetzt, ſo, daß ich mit dem Geſichte zuruͤckſah. Der Treiber ließ es ru⸗ hig geſchehen, und er wuͤnſchte nichts mehr, als daß ich nur wirklich ein Affe ſein moͤchte, weil ihm der ſeinige kurz vorher geſtorben war. Die Knaben und Maͤdchen umſprangen mich mit luſtigen Weiſen, und riefen: ein Affe, ein Affe! Da ich alles ſo wohl aufgeraͤumt ſah, fing ich an, Geſichter zu ſchneiden und gleichſam alle aͤußere Geſchmacksſtufen der Affecte, wie ſuͤß, bitter und ſauer, mit den Mienen durchzugehen, woran das Volk ſo großes Behagen fand, daß mancher noch frei⸗ willig einen Dreier in den Huth des Treibers warf, und dieſer dadurch Intereſſent meines Schickſals wurde. 3. Eben fuͤhrte er mich mit dem Baͤren zum Thore hinaus, als aus dem Volkshaufen ein großer Kerl zu mir heran trat und mir ein Bonbon reichte. Ein Rieſe und ein Bon⸗ bon! Das war in der That ſehr auffallend. Das Volk erwartete, daß ich zu dem Zucker 51 —— laͤcheln und ſuͤß ausſehen ſollte; aber ich zog bald unwillkuͤhrlich eine ſehr bittere, traurige Miene, weil ich in dem Papiere die Worte geſchrieben fand: Geh ja nicht nach Hauſe! Denn alle meine Gedanken, wenn ich noch welche hatte, gingen nach meiner Hei⸗ math und nach meiner Mutter zuruͤck, und draußen beim Anblick der wild fremden Ge⸗ gend uͤberfiel mich vollends eine große Trau⸗ rigkeit. Alle Hofnung verſchwand, Gruſin⸗ gen, das kein Menſch kannte, und das ich nicht einmal zu nennen wagte, jemals wie⸗ der zu finden. Ich uͤberließ mich alſo mei⸗ nem Schickſale, das mir jetzt in der Geſtalt eines Baͤrenfuͤhrers erſchienen war. In einiger Entfernung von der Stadt la⸗ gerte er ſich in einen Graben und zaͤhlte die Kupfermuͤnze, die er den Tag vorher und heute fruͤh geloͤſt hatte. Er ließ mich zu ſich treten und griff in meine Taſchen, und da er nichts fand, brummte er recht baͤrenhaft, und nannte mich einen Hungerleider. Ueber mein D 2 52² Herkommen erfuhr er nicht mehr als der Schließer. In der einen Hand hielt er das Geld, und mit der andern ſtuͤtzte er den Kopf, von welchem das ſchwarze Haar wild herab ging; dann zog er ein grobes Brod heraus, und maß die Abſchnitte davon. Er leitete das Meſſer nicht zu tief und gab auch mir einen ſchmalen Biſſen. Als er noch ſo fort gruͤbelte, erſtieg ich ſeitwaͤrts den Gar⸗ tenzaun, und vertrieb mir die Zeit mit ba⸗ lanciren. Kaum bemerkte er dies, ſo hob ef ſein Geſicht, und es zog ſich ein Laͤcheln von ſeinem Munde nach der ſinſtern Stirn herauf. Kannſt du auf dem Seile gehen? fragte er. Ja, Meiſter, war meine Ant⸗ wort. Nun machte ich ihm meine Kunſtſtuͤcke vor, er ſtand und betrachtete mich, und ich ſah ordentlich, wie die Hofnung in ſeinen Mienen aufſtieg, etwas mit mir zu verdie⸗ nen. Drauf zogen wir nach dem naͤchſt n Markt⸗ flecken, mein Herr ließ ſeinen Baͤren tanzen, 53 —- und ich ſchnitt Grimaſſen und Capriolen da⸗ zu, auch uͤbte ich mich, verſchiedene Thier⸗ ſtimmen nachzumachen, ſo daß ich das Gebiet eines Affen ſehr erweiterte. So ging es ei⸗ nige Zeit. Allein in einem großen Gaſthofe von einer ziemlich bedentenden Stadt trafen wir mit einem Puppenſpieler zuſammen, der uns großen Abbruch that. Dieſer war ein gewaltiger Schwadroneur, ein Spieler, ein Luſtigmacher, und es ſchien, daß ihn die Wirthsleute lieber hatten, als uns; er logirte in einer Stube, und wir mußten in einen Stall kriechen. Auch außer ſeinem Puppen⸗ ſpiel gab er Vorſtellungen an ſeiner eigenen Perſon, und jetzt fuͤhrte er den Baͤren redend ein, wie er ſich uͤber die Grauſamkeiten der Menſchen beſchwerte, und ſein Schickſal, tan⸗ zen zu muͤſſen, ſehr beklagte. Dabei miſchte er religiöͤſe Spoͤttereien mit ein, indem er als Richter der Welt den Baͤrenfuͤhrer in die ewige Verdammniß verwieß und dagegen den Baͤren in ſein ewiges Himmelreich aufnahm. Ich betrachtete ihn mit Verwundernng und machte ihm in Stillen einige Grimaſſen nach. Das ſah er von der Seite mit an, aber er ließ ſich lange nichts merken; endlich ſagte er: Habekuk, was kannſt du denn? und ich mußte ihm eine Probe von meinen gymnaſti⸗ ſchen Kuͤnſten zeigen. o Aan air sSeine Geſchichte mit dem Lazarus und dem aumen Mann machte den Abend viel Auf⸗ ſehn; aber den andern Tag ſtachen wir ihn doch aus. Mein Herr zog nämlich ein Seil vom Haͤuſe nach dem Stall, und alles Volk war voller Erwartung, wie ich daruͤber weg ſpazieten wuͤrde. Der Puppenſpieler ſtand dabei) und ſchaute gen Himmel, wie einer, der eine Mondfinſterniß beobachtet, als haͤtte er ſich um unſere Gaukelei gar nicht ſehr be⸗ kaͤmmert; indeß zeigte ſich bald, daß er et⸗ was im Schilde fuͤhrte. Ich war kaum auf der Mitte des Seils angelangt und hatte einige Bewegungen gemacht, als mit dem naͤchſten Schwunge das Seil riß, und ich 55 —— ohne Gnade und Barmherzigkeit in den Hof hinabſtuͤrtte. Den Hals häͤtte ich brechen koͤnnen, wenn nicht der Puppenſpieler ſchon bereit geſtanden haͤtte, mich aufzufangen. Da ſeht ihr's! rief er aus, der Kerl geht wie ein Moͤrder mit dem Kinde um, und Jam⸗ merſchade waͤre es doch um den ſchoͤnen Jun⸗ gen. Jetzt habe ich ihn gerettet, und nun iſt er mein, und ich werde beſſer fuͤr ihn ſor⸗ gen.— Alle traten auf ſeine Seite; aber der Baͤrenfuͤhrer erhob dagegen einen gewal⸗ igen Laͤrm, und drohete, noͤthigenfalls ſei⸗ nen Baͤren loszulaſſen, wenn man ihm keine Gerechtigkeit verſchaffte. Da er das ſagte, liefen Weiber und Kinder vom Hofe, und einer fiel uͤber den andern. Die Polizei nahm ihm aber dieſe Aeußerung ſehr uͤbel, und zwang ihn, auf der Stelle abzuziehen. Ich aber blieb in den Haͤnden des Puppenſpie⸗ lers, den ich als meinen Erretter betrachtete; es war indeß leicht einzuſehen, daß er den Riß des Seils in der Bodenluke, wohin das 56 eine Ende ging, mit dem Meſſer vorbereiter hatte, um mich dadurch in ſeine Dienſte zu bekommen. 8 4 4 Nun pflegen ſolche herumziehende Leute ge⸗ woͤhnlich von zweierlei Beſchaffenheit zu ſein. Entweder ſind es arme Teufel und Knauſer dabei, die nur darauf denken, wie ſie einen Pfennig ſparen und eruͤbrigen wollen, um endlich mit einem netten Suͤmmchen nach Hauſe zuruͤckzukehren, oder es ſind liederliche Paſſagier, die darauf losleben und ſchwelgen, ſo lange ſie etwas haben. Zu der erſtern Claſſe gehoͤrte mein voriger, und zu der zwei⸗ ten mein jetziger Herr. Ich lebte alſo mit ihm einen herrlichen Tag, und gewann bei ihm ein munteres, friſches Anſehn. Er lehrte mich die Kunſt, komiſch zu reden, ſo, daß der bloße Ton ſchon Lachen erweckt. Ich mußte den Athem mehr anhalten, den Mund zuſammenpreſſen und mehr nach dem Gau⸗ men zu ſprechen; der Stimme mußte ich eine gewiſſe Schaͤrfe, eine gewiſſe Nuͤchternheit * 57 ——— und eine gleichſam aufwachende Munterkeit geben, wodurch der Ausdruck von einer ver⸗ ſteckten Laune, die auch den Mißmuth und den Unwillen begleiten muß„ zum Vorſchein kam. Dieſen Ton lehrte er mich wieder mit den verſchiedenen Charakteren verbinden, und durch Hoch und Tief, nach Alt und Jung, nach Vornehm und Gering, modificiren. Zwar ſah ich nachher ein, daß dieſe Methode eigent⸗ lich ruͤckwaͤrts ging, wie ein Krebs; aber bei wirklicher Anlage gelangt ſie doch auch zum Ziel, und, fehlt das eigentliche Talent, ſo. kann ſie ſolches wenigſtens zum Schein er⸗ ſetzen. Um mir die Sache zu erleichtern, gab. er mir anfangs recht entgegengeſetzte Rollen, 5. B. Stolz und Demuth, einen Koͤnig und einen Bettler, daß ich die Stimmen durch die Aehnlichkeit nicht ſo bald verwirrte. Aber ein Zwang war mir's immer, daß ich die Puppen mußte ſtatt meiner agiren laſſen, und ich freuete mich immer, wenn mein Herr an⸗ fing, in den muͤßigen Stunden perſoͤnlich, 58 —— Poſſen zu reißen; da half ich ihm, ſo gut ich konnte, aber es fehlte mir noch an Einfäͤllen, und meine Bewegungen wurden in dieſem Drangſal gewoͤhnlich zu lebhaft, ſo daß ſie ihre komiſche Kraft verlohren. Indeß was ſo zu einem Faxenmächer gehoͤrt, das Llerite c dam doch. 2 9 Ich bezeigte ihm meine große Luſt, einmal mit ihm perſoͤnlich aufzutreten, und er ſagte: wahrhaftig, Haͤnschen, ich will die Woche eine Flaſche Wein weniger trinken, damit wir uns beſſer ausmontiren, und vor dem ehrſa⸗ men Rath einer Stadt auftreten koͤnnen. Er hielt auch wirklich Wort, aß und trank weni⸗ ger, und machte ſchnellere Schritte; denn bei dieſem Gewerbe kommt, wenn man et⸗ was verdienen will, alles auf die Schnelligkeit an. Hat ein Dorf oder ein Staͤdtchen ſich ſatt geſehen, ſo muß man gleich, ehe die Kupferpfennige zerrinnen, weiter eilen, und am naͤchſten Abend ſeinen Vorhang ſchon wie⸗ der, wie eine fleißige Spinne, in einem neuen » Winkel gezogen haben. Da mein Herr an dem Puppenkaſten ſehr ſchwer trug und ich ihn nicht heben konnte, ſo rieth ich ihn zu einer Schiebekarre, die mit einem Rade tra⸗ gen half! Ich ſpannte mich davor und ſo kamen wir immer ſchneller ins Quartier. Damals war es Sitte, auf den Jahrmaͤrk⸗ ten eine Poſſe zu ſpielen, worin der Teufel den Hanswurſt holt. Dies waren immer die „Hauptperſonen im Stuͤck, und mein Herr verſuchte jetzt, einen Hanswurſt aus mir zu machen, waͤhrend er den Teufel vorſtellte. Ich mußte ein luſtiges Leben fuͤhren, eſſen und trinken und ſpielen, der Teufel drohete mir oͤfters und endlich kam er in eigener Perſon, dder es trat der Tod herein, mich abzuholen. Da machte ich nun gewaltig Faxen und Ca⸗ priolen, wollte mich hinter eine Flaſche Wein verſtecken, zappelte wie ein Froſch, zitterte wie ein Eſpenlaub oder ſtellte mich recht herz⸗ haſt, ſagte ihm Schmeicheleien und ließ mich auf Bedingungen mit ihm ein. Dieſes Spie 60 — gefiel mir uͤber alle Maßen, und ich konnte kaum die Zeit erwarten, wo wir oͤffentlich auf⸗ treten wuͤrden. z Allein das Schickſal hatte in dieſe poſſe anch ein Spiel Karten verflochten, womit ich noch nicht recht umzugehen wußte.. Kaum hatte ſie der Wirth uns gereicht, ſo fingerte ſie mein Herr durch die Hand, als ob es bianke Thaler geweſene waͤren. Er. ſſette 1h zuſammen, er ſah ſh dre nal um, und ſagte endlich: ich will dich Kartenkuͤnſte lehren. Er zeigte mir erſt den Werth der Karten nebſt den Geſetzen eines deutſchen Solo's, und wollte eben ſeine Lection weiter fortſetzen, als ein Roßtaͤuſcher zur Stube hereintrat, und ihm mit Proſt, Bruͤderchen! derb auf die Schulter ſchlug. Ich dachte, mein Hett wuͤrde boͤſe werden, aber er hatte eine große Freude daruͤber, und ſeine lebhaften Blicke gingen immer von ſeinem Geſicht auf die Kar⸗ ten. Und es waͤhrte keine Viertelſtunde„ ſo 61 —— haͤufelten ſie ſchon mit einander, mein Herr fluchte, ich mußte hinausgehen, und als ich wieder kam, lag der Tiſch mitten in der Stu⸗ be, und mein Herr ſchien alles Geld verloh⸗ ren zu haben. Ja, der Roßtaͤuſcher ſetzte noch hinzu: die zehn Thaler in acht Tagen! und ging damit, ein Lied brummend, zum Hauſe hinaus.— Ach! Haͤnschen, ſagte mein Herr, iſt der Vorhang ſchon gezogen, iſt es denn noch nicht Abend, daß wir wie⸗ der anfangen koͤnnen; mach, daß ich wieder Geld verdiene! Ich ſtand verdrießlich da, und ſah auf die umhergeſtreuten Karten und auf den Tiſch ſo traurig nieder, als ob es die Ruinen eines Schloſſes geweſen waͤren. Ohne etwas anzuruͤhren, lief ich fort und kroch hinter den Vorhang, wo ich den Koͤnig David wohl zehnmal in meine Hand nahm, ohne eigentlich zu wiſſen, was ich that. Mein Herr kam endlich nach, und wir ſpielten den Abend ganz erbaͤrmlich. Mit der kleinen Einnahme gingen wir den 62 —- folgenden Tag bis zu einer bedeutenden Stadt, wo ein großer Jahrmarkt gehalten wurde. Hans! du ſollſt Augen machen! ſagte er zu mir, und ich war außer mir vor Freude, als ich hoͤrte, daß ich hier den erſten Hanswurſt ſehen wuͤrde. Ich draͤngte mich durch die Menge hindurch, und weinte faſt vor Aerger, daß ich noch ſo klein war. Dem wußte aber mein Herr gleich abzuhelfen, indem er mich auf den Arm erhob, und nun erblickte ich den Hanswurſt wirklich, wie er in einem bun⸗ ten, ſchmucken Kleide auf den Brettern hin und herlief. Aber es war ein ſolcher Laͤrm, daß ich kein Wort vernehmen konnte. Ein Bauer ſtand vor mir, der einen kupfernen Keſſel gekauft hatte, und neben ihm ein Weib mit einem Spinnrade; dies gerieth mit jenem oft ſo lebhaft zuſammen, daß es mir beſtaͤn⸗ dig wie eine Glocke vor den Ohren brummte. Endlich, verdrießlich daruͤber, ſetzte ich mei⸗ nen Fuß auf den kupfernen Keſſel und ſtieß ihn fort, dermaßen, daß ein anderer Bauer 63 mit einer Hechſelbank ihm im Fallen Geſell⸗ ſchaft leiſtete. Da gab der Keſſel erſt einen rechten Klang, und Hanswurſt rief mit recht lauter Stimme: Huy! das klingt nicht weit von Gold. Ein Schatz, ein Schatz! He! Gretchen, nun nimmſt du mich doch? Ach ja! antwortete er in einer ſeinern Stimme, komm her, mein Schatz, mein Engel!— Ich lachte recht herzlich uͤber den Witz, und freute mich, daß ich ihn hatte mit machen helfen. Mein Herr aber trug mich eiligſt fort, damit wir keine Haͤndel bekaͤmen. Den Abend ſtellte er mich ſeinem Collegen vor, und ich buͤckte mich vor ihm, ſo tief ich konnte. Drauf mußten wir ihm die einſtu⸗ dierten Rollen vorſpielen, er ſagte: es iſt gut, ich nehme dich in meine Dienſte. Seit⸗ waͤrts reichte er meinem Herrn die volle Hand, und ich merkte recht gut, daß dieſer um die zehn Thaler, die er dem Roßhaͤndler ſchuldig war, mich an ihn verkauft hatte. Ich war auch mit dem Tauſch nicht uͤbel zufrieden, 364 — indem ich mich in der Kunſt immer t hͤßen zu ſchwingen gedachte. Hanswurſt ließ mich gut eſſen und trinken, zog mir eine bunte Jacke an, und den Abend ſpielten wir unſere Poſſe in einer bretternen Bude. Ueber vieles, das ich groͤßern Per⸗ ſonen nachmachte, lachten die Zuſchauer um ſo mehr, je kleiner ich war, und ſie ſagten oͤfters: es iſt ein drolliger Junge. Der Herr war aber gar nicht damit zufrieden, daß es blos beim Drolligen blieb, ich ſollte in einen ſtaͤrkern Ausdruck, in die Macht der Sinn⸗ lichkeit in Anſpielungen, in Zweideutigkeiten, kurz, in eine Art von Verruchtheit uͤberge⸗ hen. Dafuͤr hatte ich nun gar keinen Sinn, und mein Herr ſagte in dem Zwiſchenaet zu mir: er koͤnne mich nicht brauchen, weil ich noch zu jung und zu unſchuldig waͤre. Im letzten Aet aber trieb er mich als Teufel noch recht in Angſt, und machte, daß ich in meine eigene Geſchichte hineingerieth.„Warum ich noch nicht ſterben wollte?“ fragte er. Ich ſagte, 55 —— ſagte, ich haͤtte noch keine rechte Taufe be⸗ kommen, ich waͤre nur ſo von hinten begoſ⸗ ſen worden. Ich bat, daß er mich doch nicht mitten im A. b. c. hinwegnehmen moͤchte, ich koͤnnte die zehn Gebote noch nicht, und vom Vaterunſer fehlte mir noch die ſiebente Bitte. Was? ſagte er, du waͤreſt das A. b. c. noch nicht zu Ende, und haſt doch ſchon ſo oft ein x fuͤr ein u gemacht? Ein x fuͤr ein u? fragte ich; das ſoll wohl auf das ſiebente Ge⸗ bot gehn? Aber ich kann ja die Gebote noch nicht, und wenn ich zuweilen meine Fin⸗ ger geſpitzt habe, ſo ruͤhrte das gewiß von meinem Vater her, weil der ſo groß und ich ſo klein war.— Als ich dieſes ſprach, krachte ploͤtzlich die ganze Bude, es fielen drei harte Schlaͤge darauf, und eine Stimme rief: willſt du ſchweigen, Bube? Die Bretterwaͤnde wankten, die Zuſchauer ſchrien und liefen da⸗ von. Es war die Stimme meines Vaters, und ich fiel auf die Knie und rief: Mutter, Mutter! Mein Herr flog hinaus, um zu J. Theil. E 66 — ſehen, wer ihm ſolchen Poſſen ſpiele, aber er fand niemand. Auf mich aber ſchalt er als einen dummen Jungen, zog mir die bunte Jacke wieder aus, gab mir die meinige zu⸗ euͤck, und ließ mich laufen. Mit doppelter Vetrübni ging ich die dunkle Straße hinun⸗ ter, einmal uͤber meine Ungeſchicklichkeit, noch mehr aber uͤber den Verluſt meiner Mutter und des vorigen Lebens, das ich bei ihr ge⸗ fuͤhrt hatte. Es war, nals ob mir eine Art von Reue ankaͤme, und wimmernd rief ich ohne Unterlaß: o Mutter, Mutter! End⸗ lich ſank ich ganz muͤde und entkraͤftet hin, ich ſah mich nach einem Ort zum ſchlafen um, und entdeckte ein leeres Schilderhaus, worin ich mich, den Kopf auf die Kniee gelegt, nie⸗ daiſbst, und ruhig Anſchlek; 3 67 — Siebentes Capitel. Sympathie. Am andern Morgen wachte ich mit dem Ge⸗ danken an meine Heimath auf. Ich ging auf 9 den Markt, und ſo ſehr ich auch meinen Vater fuͤrchtete, ſo wuͤnſchte ich ihn doch zu ſehen, um ihn zu bitten, daß er mich nach Hauſe zuruͤckfuͤhren moͤchte. Alle Augenblick glaubte ich ſeine Geſtalt, alle Augenblick be⸗ kannte Geſichter zu erblicken. Endlich blieb ich vor einer Schuſterbude ſtehen, vor Stau⸗ nen, hier das leibhafte Bild meiner Mutter wieder zu ſinden; denn die Schuſterfrau, wel⸗ che ruhig da ſaß und aus einem Buche ihr Morgengebet verrichtete, ſah meiner Mutter ſo aͤhnlich, daß ich anfangs glaubte, ſie waͤre es ſelbſt. Ich lehnte mich auf das Brett, das zum Verkauf vorgeſtreckt iſt, und hatte 9 nur Augen fuͤr ihre Stirn, fuͤr ihren Mund, E 2 68 fuͤr ihre Wangen. Sie warf ein Paar fluͤch⸗ tige Blicke auf mich, und fragte endlich in einem ſauften Tone: was willſt du? Ich antwortete anfangs nicht und ſie griff in die Taſche, mir ein Almoſen zu geben. Ach! ſagte ich endlich, erlaubt mir nur, daß ich hier ſo ſtehen bleiben und euch anſehen kann.— Sie wurde aufmerkſamer auf mich, und da ſie ſprach und die Zuͤge im Geſicht und die Haͤnde bewegte, ſtieg mein Staunen und mein Vergnuͤgen immer hoͤher, denn grade ſo ſchlug meine Mutter die Augen auf, grade ſo neigte ſie den Kopf auf die Seite, grade ſo nickte ſie ein wenig zu den Worten, und fuͤhrte die Hand zu ihrer Stirn. So ſehr ſie auch ſonſt im Aeuſſern, in der Kleidung, in Sitten und Manieren vermoͤge ihres ge⸗ riugen Standes von meiner Mutter abwich, ſo blickte doch in dem Lebendigen ihrer Bewe⸗ gung dieſelbe Feinheit, dieſelbe Lieblichkeit und Anmuth durch, und derſelbe Adel der Seele ſchien mit ihrer Bildung daſſelbe Ziel vor ſich 4 zu haben. Ich ſchlug die Haͤnde zuſammen und rief weinend aus: o Mutter, Mutter! Was iſt dir? Was haſt du? fragte ſie ver⸗ wundert. Ach! gab ich zur Antwort, ich habe meine Mutter verlohren, und ihr ſeht ihr außerordentlich aͤhnlich.„Wer war denn deine Mutter? Ich machte eine Beſchrei⸗ bung, wie gut ſie waͤre und wie ſie ausſaͤhe, und alles paßte auf ſie. Die Frau ſchuͤttelte den Kopf, und machte eine lange Pauſe. Endlich ſagte ſie: nun ſo geh nur weg von der Bude, daß die Kaͤufer heran koͤnnen, geh fort, den Augenblick!— So hart ſie auch that, ſo ſah ich doch wohl, daß es ihr nicht von Herzen ging, und daß ſie mich nur pruͤ⸗ fen wollte. Ich nahm die Hand, die mich wegſtoßen ſollte, und kuͤßte ſee. Indem kam ihr Mann dazu und fragte: was haſt du denn vor? Sieh nur, gab ſie zur Antwort, der Bube hier will nicht fort; er ſagt, daß ich ſeiner Mutter ſo aͤhnlich ſaͤhe, und iſt gar nicht wieder von mir wegzubringen. Der 70 Mann betrachtete mich und ſchlug die Arme aͤber einander. Mutter, ſprach er, es iſt doch wunderbar, ſolchen Sohn habe ich mir oft getraͤumt; ja, du kannſt glauben, ſo hab⸗ ich ihn oft im Traume geſehen, und auf meinen Arm genommen. Gott hat uns keine Kinder gegeben, vielleicht iſt das ein Wink der Vor⸗ ſehung. Wir ſind zwar arm, aber der Kleine wird doch bei uns grade nicht verhungern, wie es ihm jetzt ergehen kann, wenn er ohne Vater und Mutter umherlaͤuft. Nimmt man doch wohl ein unvernaͤuftiges Thier auf, das ſich verlaufen hat, und nicht wieder von uns will. Komm, du armer Junge, komm her⸗ ein in unſere Bude; ich bringe eben das Fruͤhſtuͤck, du ſollſt mit uns eſſen.— Das that ich denn recht gern, aber ich hielt oft mit dem Biſſen zum Munde auf der Mitte des Weges an, und verweilte, wie gefeſſelt, bei dem Anblick eines neuen Zuges, den ich an der Frau entdeckte, ſo daß die beiden gu⸗ ten Leute vertraulich auf die Seite ruͤckten, 71 —— und mich lachend anſahen. So ohngefaͤhr betrachtet ein Knabe einen Vogel, wenn er ihn zuerſt im Kaͤfig hat; er naͤhert ſich ihm, er tritt wieder zuruͤck, und freut ſich, wenn ſein Schnabel ein Koͤrnchen von der Speiſe nimmt, das er ihm in der neuen Wohnung bietet. Die Leute nahmen ſich in allen Stuͤcken meiner an, und ich konnte doch ſo wenig fuͤr ſie thun; denn den Pfriemen zu fuͤhren, war ich noch zu klein und ſie hatten ſchon einen Lehrburſchen, der das beſſer konnte. Alles, wozu ſie mich brauchen konnten, waren kleine haͤusliche Verrichtungen und Gaͤnge auf den Markt. Ich ſah wohl, daß ſie kuͤmmerlich lebten und daß ſie ſich nicht einmal einen Ge⸗ ſellen halten konnten. Als ich den Burſchen nach der Urſach fragte, gab er zur Antwort: das kommt daher, weil ſie das Leder nicht ausdehnen, wie Schaffell, weil ſie kein Holz darin verſtecken, weil ſie keine Stiche machen, die eine halbe Meile aus einander liegen, und 72 — weil ſie folglich die Waare nicht ſo wohlfeil laſſen koͤnnen, als andere; denn wir arbeiten blos auf den Verkauf und ziehen auf die Maͤrkte. Der Grund lag aber eigentlich darin, daß die Gilden aufgehoben waren, daß jetzt Meiſter werden konnte, wer wollte, und daß die Handwerker ſtatt in der Guͤte der Waare mit einander zu wetteifern, ſich nur einander durch ſchnelle, wohlfeile Arbeit und durch einen aͤußern guten Anſtrich zu uͤber⸗ treffen ſuchten. An die Stelle der Gruͤnd⸗ lichkeit und Ehrlichkeit war die Manierlichkeir und Betruͤglichkeit getreten, wozu mein guter Heerr ſich nicht bequemen konnte. Beide waren ſehr fromme Leute. Als die Tage anſingen abzunehmen, ſetzten ſie ſich alle Abende um den Tiſch, um gottesfuͤrch⸗ tige Lieder zu ſingen. Ich legte mein Kinn,“ ſo nah ich konnte, an das Geſangbuch der guten Frau, und ſtimmte herzlich gern mit ein; denn mir war es ganz, als wenn ich wieder zu Hauſe bei meiner Mutter waͤre. * 73 ——— Auch befragte ſie mich zuweilen um den Ka⸗ techismus und gab mir chriſtliche Lehren, ſo daß ſie den Unterricht meiner Mutter, und meine erſte Erziehung an mir fortſetzte, waͤh⸗ rend die Neigung zur Schlauheit, auf die mein Vater wirkte, wieder zuruͤck trat. Ich war bis jetzt ſehr zufrieden mit meinem neuen Schickſal, bis auf den Umſtand, daß der Lehrburſche oͤfters Neid und Mißgunſt gegen mich aͤußerte. Da, nimm, ſagte er oͤfters, daß du auch einmal etwas thuſt und dein Brod nicht ganz mit Suͤnden ißt. Solche Reden kraͤnkten mich ſehr, aber nie hoͤrte ich ſie von meinen Pflegeaͤltern. Dieſe dachten viel⸗ mehr darauf, wie ſie mich koͤnnten etwas ler⸗ nen laſſen, und mit dem naͤchſten Monate ſchickten ſie mich zu einem Klipſchulmeiſter, der eigentlich ein verdorbener Schneider war. Dieſer hatte ſo komiſche Manieren an ſich, indem er die Haͤnde meilenweit ausſtreckte und den Kopf wie ein ſtolzes Pferd uͤberwarf, daß ich ihn nicht ohne Lachen anſehen konnte. 74 —— Ueberhaupt muß ich ſagen, daß mir als Kind ein Klipſchulmeiſter in der Stadt niemals ſo ehrwuͤrdig vorgekommen iſt, als ein Cantor auf dem Lande, und das aus mehrern Grüͤn⸗ den. Erſtlich iſt jener nur ein Weltkind, und wie ein Tageloͤhner zu betrachten, waͤhrend dieſer ein Stuͤck von der Geiſtlichkeir aus⸗ macht, und mit der Kirche, mit Geburt und Tod zuſammenhaͤngt; ſodann iſt jener haͤufig etwas Verdorbenes, ein geweſener Bediente, ein verungluͤckter Studioſus, ein ungeſchickter Handwerker oder ein banquerotter Zwirnhaͤnd⸗ ler, waͤhrend dieſer mit Srudium und Fleiß auf ordentlichem Schulwege durch Conſiſto⸗ rium und Geiſtlichkeit zu ſeinem Amte ge⸗ langt, und feierlich vor der ganzen Gemeinde dazu eingefuͤhrt wird. Ueberhaupt, was Froͤm⸗ migkeit und Chriſtenthum betrift, darin iſt das Land beſſer berathen, als die Stadt, weil die Doͤrfer an ſich ſchon große Chriſtengemein⸗ den bilden, waͤhrend in den Stadtvierteln die Menſchen durch einander laufer — 75 —— Ich lernte nun zwar in der Schule, ſo viel ich konnte, aber ich kann nicht laͤugnen, daß mir unter dem ſchreienden Haufen alle Augenblick die Luſt ankam, eine Schaͤkerei zu⸗ begehen, und nur die Liebe zu meiner from⸗ men Pflegemutter hielt mich davon ab. Doch auch ſo ſollte mein Unterricht hier nicht lange waͤhren; denn nicht genug, daß mich die Jun⸗ gen mit meiner platten Bauerſprache, wovon alle Augenblick ein Wort aus ſeiner Ver⸗ wahrſam ins angenommene Hochdeutſch hin⸗ uͤberſchluͤpfte, gewaltig ſchoren und neckten, ſondern es fand ſich auch der Sohn eines Vietualienhaͤndlers ein, welcher als einer von den Honoratioren etwas Appartes haben, und ſich nicht neben mich ſetzen wollte, indem er ausrief: ei, das iſt ja der kleine Hanswurſt aus der großen Bude! Zum Ungluͤck war er bei meinem Spiel zugegen geweſen, und er⸗ kannte mich wieder. Von Stund an nann⸗ ten mich alle Kinder Hauswurſt und meine Mutter ſah ſich genoͤthigt, mich wieder aus der Schule wegzunehmen.— Drauf ſollte ich in die Domſchule gehen, aber die Dom⸗ herren wollten's nicht haben, weil ſie Scan⸗ dal fuͤrchteten. Bei dieſer Gelegenheit ſprach meine Mutter viel uͤber die Mißbraͤnche und Vorrechte mancher Staͤnde, wovon einige die Arbeit und andere den Genuß haͤtten. Bleib bei mir, ſagte ſie, es iſt boͤſe in der Welt. Recht fleißig ſetzte ſie nun ſelbſt den Unter⸗ richt mit mir fort, und ich lernte bei ihr noch einmal ſo leicht. Am naͤchſten Sonntage erlebte ich zwei Merkwuͤrdigkeiten; naͤmlich, wie ich aufwachte, bemerkte ich, daß ich zum erſtenmal ſeit mel⸗ ner Entfernung vom Hauſe hochdeutſch ge⸗ traͤumt hatte. Meine Mutter redete zwar die ſchoͤnſte Buͤcherſprache mit mir, allein mein Umgang mit den Kindern im Dorfe, mit den Spitzbuben, und mein Umhertreiben auf dem Lande mit Baͤrenfuͤhrer und Puppen⸗ ſpieler hatten bald der plattdeutſchen Sprache das Uebergewicht gegeben, ſo daßt ich zuletzt 27 —— im Traume mich immer dieſer Mundart be⸗ dient hatte, ob ich gleich im wachenden Zu⸗ ſtande unter den Stadtleuten hochdeutſch zu ſprechen ſuchte. Der Traum nun war ein Zeichen, daß ich auf einmal den völligen Uebergang zu einem Staͤdter gemacht hatte, und ich kam halb angekleidet gleich zu meiner Mutter geſtuͤrzt, um ihr die freudige Both⸗ ſchaft zu bringen. Da lachten Meiſter und Meiſterin und Lehrjunge uͤber mich, wohl eine ganze Viertelſtunde lang; ſie fingen im⸗ mer wieder an, und konnten nicht aufhoͤren. Die zweite Merkwuͤrdigkeit war, daß ich heute zum erſtenmal in der Stadt Regen herab fal⸗ len ſah; denn bisher hatte ich mir gar nicht denken koͤnnen, wie es in einer Stadt regnen moͤchte, da Haͤuſer und Leute immer ſo ſchmuck waren, wie, wenn es beſtaͤndig Sonntag ge⸗ weſen waͤre. Ich uͤberzeugte mich ſelbſt und lief auf die Straße; und ein neuer Aublick, uͤber den ich lachen mußte, war, daß die Leute ordentliche Daͤcher(d. h. Schirme) mit 78 —-— ſich umher trugen, damit ſie nicht naß wuͤr⸗ den. 4 2 n„* 2 Da d die Witterung in Kaͤlte uͤberging, mußte ich der Meiſterin das Feuerf tuͤbchen zur Kir⸗ iche nachtragen, und als ich es wieder abho⸗ len wollte, ſtand der Prieſter noch auf der Kanzel. Der Anblick war mir auch neu, un nd ſo viel Froͤmmigkeit ich auch bei mir fuͤhrte und ſo andaͤchtig ich auch mich an den Kir⸗ dhendſeler zeehe hatte, ſo ſiel mir doch— der Hinmel weiß, wie es kam— mein vo⸗ riger Herr auf dem Jahrmarkte dabei ein, 1 wie er auf einem bretternen Geruͤſte ſtand, unnd mit den Haͤnden durch die Luft ſocht. . 7 Es regte ſich wieder eine leiſe Neigung in mir, auch ſo oͤffentlich aufzutreten, und den Leuten etwas vorzuſagen, oder vorzumachen, moͤchte es in einem ſchwarzen, oder in einem bunten . NRocke geſchehen. Zuletzt, da das Gebet kam, faltete ich die Haͤnde, und ſprach alles recht andaͤchtig nach, Birten und Fuͤrbitten; es uberftel mich aber ein ſonderbarer Schauer⸗ 79 als ich fuͤr das Wohlſein des ganzen koͤnigli⸗ chen Hauſes, und endlich auch fuͤr einen Prin⸗ zen bitten mußte, der ſich, nach der Aeuße⸗ rung des Predigers, in der Fremde und fern von uns befand. Wie ein ſchwacher Schim⸗ mer fiel es in meine Seele, und ich erinnerte mich, wie ich einſt der Prinz geheißen hatte. Als der Gottesdienſt geendigt war, und ich der Meiſterin nachlief, klirrte in der breiten Straße ploͤtzlich ein Fenſter, und eine Stim⸗ me ſagte: was iſt das, was iſt das? Ein vornehmer Herr neigte ſich heraus und fragte die Meiſterin: habt ihr denn einen Bedien⸗ ten? Es iſt heute ſchon zum viertenmal, daß ich dieſen Burſchen vorbei laufen ſehe. Ach! liebſter Herr Vetter, erwiederte die Frau ganz demuͤthig, es iſt nur ein armer, verwaiſter Knabe, deſſen wir uns mitleidig angenommen haben.— Ohne mir etwas davon zu ſagen? antwortete er zornig drauf. Wer hat euch denn erlaubt, mitleidig zu ſein? Ihr habt ja ſelbſt kaum zu leben.— Die gute Mutter 80 —— war erſchrocken, und konnte kein Wort der Entſchuldigung weiter vorbringen.— Zu Hauſe fragte ſie ihren Mann gleich: iſt denn das Leder noch nicht bezahlt, das wir vom Better haben? Er ſagte nein! und wie ſie des Vetters Worte wieder erzaͤhlte, wurden beide ſehr traurig. 3 Dieſer vornehme Herr war eigentlich auch nichts weiter als ein Schuſter, aber er hatte einen Lederhandel angefangen, und das Gluͤck hatte ihn ſo ſehr beguͤnſtigt, daß er ſeine Ge⸗ ſellen fortjagte, und ſeines Stolzes und ſeines Aufwandes kein Ende wußte. Es ging eine Anekdote von ihm in der Stadt umher, wor⸗ aus man ihn ſchon erkennen kann. Die Koͤ⸗ nigin, die ſich waͤhrend des Krieges hier auf⸗ hielt, wollte von einem Kaufmanne einen koſt⸗ baren Pelz kaufen, ſie fand aber den Preis zu hoch. Kaum hatte die Frau jenes Schu⸗ ſters dies vernommen, als ſie gleich den Pelz um den geforderten Preis an ſich brachte. Als die Koͤnigin drauf wieder ſchickte, hieß es: er iſt 81 —— iſt ſchon fort. Man war verwundert und fragte, wer ihn gekauft haͤtte. Die Antwort war: eine Schuſterfrau. Da verließ die Koͤ⸗ nigin mit Zorn die Stadt, und das Volk aͤußerte gegen den Kaufmann großen Unwil⸗ len, und prophezeihte dem ſtolzen Schuſter kein gutes Ende. So verſchwenderiſch der reiche Vetter war, ſo uͤbte er doch gar keine Wohlthaͤtigkeit aus, weder gegen die Armen, noch gegen ſeine Verwandte, und es ſchien ihm grade rechte Freude zu machen, allein ſo hoch zu ſtehen. Nun wollte er ſogar nicht einmal dulden, daß jene guten Leute einen jungen Burſchen um ſich hatten, der einem Bedienten aͤhnlich ſe⸗ hen konnte. Durch ſein Anſehn brachte er es bald dahin, daß ich in das Waiſenhaus auf⸗ genommen wurde, welches Recht eigentlich nur Buͤrgersleute und arme Buͤrgerkinder zu genießen pflegten. Mit Thraͤnen nahm ich von meinen Pfle⸗ geaͤltern Abſchied, und wurde mit funfzig I. Theil. F 82 —— Kindern zuſammen gebracht, die alle auf Com⸗ mando ſprachen und ſchwiegen, beteten und ſangen, wachten und ſchliefen, ſaßen und gin⸗ gen, aßen und hungerten. Es iſt leicht ein⸗ zuſehen, daß ſolche Anſtalten zwar Verſor⸗ gung und Unterricht, aber keine Erziehung geben koͤnnen, weil dieſe mit dem Herzen zu thun hat, auf das Vater und Mutter, Ge⸗ ſchwiſter und Nachbaren wirken muüͤſſen. Wollte man der Natur folgen, ſo muͤßte man die verwaiſten Kinder unter die wohlhabenden Buͤrger vertheilen, wo das zerriſſene Band 3 wieder hergeſtellt wuͤrde, wo kinderloſe Ael⸗ tern ihre Kinder, und dieſe ihre Aeltern wie⸗ der ſaͤnden„ wo perſoͤnliche Theilnahme ſie an einander knuͤpfte, und Liebe das Werk der Menſchlichkeit vollendete. Jede oͤffentliche An⸗ ſtalt hat als eine Maſchine etwas Rohes und Kaltes und raubt aus dem Gemuͤthe das menſchliche Zutraun und die Anhaͤnglichkeit an andere. Wie unnatuͤrlich war ich jetzt von meinen Pflegeaͤltern getrennt, die nach mir 83— ſeufzten, zu denen ich jeden Augenblick zu⸗ ruͤck verlangte. Ich ſah ſie nur in der Folge alle Woche einmal, wenn ich mit der Corren⸗ de durch die Stadt plaͤrrte, welches mir trotz der oͤftern Regenguͤſſe immer noch beſſer ge⸗ fiel, als das Stilleſitzen zu Hauſe, das Spruch⸗ aufſagen und das Federſchließen. Meine Mut, ter wartete, wenn ſie den Geſang kommen hoͤrte, ſchon am Fenſter auf mich, und reichte mir jedesmal ein Milchbrod. Aber auch das wurde nicht gern geſehen, denn es iſt Geſetz bei einer wohlthaͤtigen Anſtalt, daß man dem Ganzen, aber nie einem Einzelnen perſoͤnlich wohlthue, wahrſcheinlich, damit noch voͤllig alles Leben aus der Wohlthaͤtigkeit verſchwinde. Man hilft ſich freilich, ſo gut man kann, aber unnatuͤrlich bleibt es immer. Auch den⸗ ken ſich beide Theile wenig dabei, der Brauer ſchickt ſein übriges, halb ſauer gewordenes Bier, der Baͤcker die hart gewordenen Sem⸗ meln und der Kaufmann den verdorbenen Reiß, mehr um es los zu ſein, als damit zu F 2 erquicken. Und damit die armen Leute nicht aus dem Geſchmack kommen, duͤrfen auch die eingekauften Sachen nicht zu theuer und nicht zu gut ſein. Ueberdies iſt unter den Vorſte⸗ hern ſelbſt gewoͤhnlich ein Kaufmann, der die Waaren liefert, und jeder Kraͤmer haͤlt es fuͤr einen großen Vortheil, wenn er Lieferant fuͤr eine oͤffentliche Anſtalt iſt. Außer der wirk⸗ lichen Barmherzigkeit aber ſind gewoͤhulich Ei⸗ telkeit und Eigennutz die Vorſteher einer ſol⸗ chen Anſtalt. Wir merkten als Kinder auch gar wohl, wer es gut mit uns meinte. Zu einem ſolchen ſahen alle Blicke freudig auf, ein Fluͤſtern verbreitete ſich bei ſeinem Erſchei⸗ nen durch die Reihen; war man auf dem Hofe, ſo ſprang man unwillkuͤhrlich herbei und, wer ihm die Hand kuͤſſen durfte, prieß ſich dreimal gluͤcklich; denn jedes Kind will ſeinen Vater und Freund, ſei es auch unter wildfremden Menſchen. 4 Sonſt kann ich wohl bezeugen, daß wir ßeim Genießen der Wohlthaten wenig an un⸗ 85 — ſere Wohlthaͤter dachten; das Mißtrauen, womit wir die Speiſen anruͤhrten, wurde nur durch den Hunger verdraͤngt und durch die Strafen unterdruͤckt, womit alles Murren als unziemlich unterſagt war. Mit Furcht hoͤrten wir des Abends in den Betſtunden immer mit an, welche neue Wohlthaten und Geſchenke eingegangen waͤren, denn wir ſahen nun ſchon einer langen Reihe von Liedern entgegen, die wir dafuͤr ſingen mußten. Es wurde zwar alkes ſo ſchnell als moͤglich durch⸗ gejagt, aber wir armen Kinder hatten große Muͤhe, die Augen dabei offen zu erhalten, und auch die alten Leute ſchliefen nicht ſelten dabei ein. Ich glaube, daß ſolche Fuͤrbitten in Kloͤſtern beſſer gelingen, wo man ganz und gar beſchaulich lebt, und ſich in beſtaͤn⸗ diger Andacht dem Himmel naͤher fuͤhlt. Das Beſte war fuͤr mich, daß ich hier im Leſen und Schreiben mich mehr vervollkomm⸗ nete, mich im Vorſatze der Rechtſchaffenheit beſtaͤrkte, und einen Grund zu den Schul⸗ 86 1 wiſſenſchaften legte. Ich erinnere mich noch mit Vergnuͤgen, wie ich den Kopf hob, als der Lehrer die erſten Landcharten vor uns brachte. Er zeigte einen Globus, eine Gene⸗ ral⸗ und eine Spezialcharte, um uns von allem vorlaͤufig einen Begriff zu geben, und endlich legte er eine Gebuͤrgscharte hin, wo alle Berge und Waͤlder, alle Doͤrfer, Fluͤſſe und Baͤche angemerkt waren. Wie ſchlug mir das Herz bei dieſem Anblick! Unſerer dreie lagerten ſich eben um ſie her. Wo liegt Gruſingen? ſagte ich zu ihnen. Ein Milchbrod, wer es findet. Und endlich fand ich es ſelbſt, wie es ſo ganz erbaͤrmlich klein da lag, nur ein Punct unter tauſend Puncten. Aber ich merkte, wie ein grader Strich dahin fuͤhrte, der als Canal bezeichnet war, deſſen ich mich von der Einladung des geſtohlnen Korns noch recht gur erinnerte. Dahin moͤchte ich fah⸗ ren! ſprach ich bei mir ſelbſt,— und von Stund' an hatte ich im Waiſenhauſe keine Ruhe mehr. Der Fruͤhling kam, und ich — 87 — hatte nicht laͤnger Luſt, ſo eingeſperrt zu le⸗ ben, noch die Krankheiten zu erben, womit ich viele meiner Cameraden behaftet ſah. Ich dachte auf eine gute Gelegenheit, aus dem Hauſe und aus der Stadt zu entkommen. Aber meine vorigen Pflegeaͤltern ſollte ich ver⸗ laſſen— das ſchmerzte mich ſehr. Und wie meine Mutter die Hand wieder aus dem Fenſter ſtreckte, legte ich feſt meine heißen Wangen darauf, kuͤßte ſie lange, und benetzte ſie mit meinen Thraͤnen. Was iſt dir, was haſt du? ſagte ſie; du wirſt doch nicht krank werden? Oder hat dir jemand etwas zu leide gethan? Rede doch!— Ich will euch nur danken, Mutter, ſagte ich, nun iſt alles gut.— Ich konnte mein Auge nicht zu ihr erheben, und betruͤbt ging ich weiter. Bald ſiehſt du ſie ſelbſt wieder, dachte ich, die wahre Mutter, welcher dieſe nur aͤhnlich ſieht.— Ich habe in meinem Leben nicht erfahren koͤnnen, ob beide verwandt geweſen, und es ſcheint auch nicht, aber es waren * 38 —-—— Seelenſchweſtern, von der Natur nach glei⸗ chem Maaße und nach Einem Geiſte gebildet. Es lag eine Meierei vor der Stadt, die eine alte Verpflichtung auf ſich hatte, ver⸗ moͤge welcher ſie alle Monate ein großes fri⸗ ſches Gerſtenbrod an das Waiſenhaus ablie⸗ fern mußte. Zwei Waiſenknaben gingen ge⸗ woͤhnlich hinaus, um es zu holen, und es galt dies fuͤr eine Auszeichnung. Ich betrug mich alſo auf das muſterhafteſte, bis mir dieſe Erlaubniß auch zu Theil wurde. Am erſten Juni wanderte ich mit einem groͤßern Knaben hinaus, und fuͤhlte mich beim Anblick des freien Feldes wie befluͤgelt, ſo daß meine Beine immer mit mir fortlaufen wollten. Aber ich wartete, bis wir an die Pforte ka⸗ men; da ließ ich meinen Cameraden voran⸗ gehn, und ſetzte meinen Fuß auf einen Stein, um die aufgegangene Schleife an meinen Schu⸗ hen wieder feſt zu binden. Kaum war er um die Ecke, ſo verſchwand ich in einen Hohlweg, und wanderte auf gut Gluͤck weiter fort. 89 —— Achtes Capitel. Wanderfahrt. Im Gefuͤhl meiner Freiheit und noch ehe ich an die erſten Beduͤrfniſſe, die ſich bald melden wuͤrden, denken konnte, freuete ich mich uͤber den Anblick eines Fluſſes, der ſeitwaͤrts durch die gruͤne Wieſe heraufkam. Er moͤchte wohl mit dem Canal zuſammenhangen, dachte ich, der nicht weit von Gruſingen ſich hinzieht, und ich betrachtete ihn den Augenblick als meinen Wegweiſer. Endlich ward ich auch ein Schiff gewahr, das von vier Leuten ſtrohm⸗ aufwaͤrts gezogen wurde. Ein anderer ſaß am Steuerruder, der jenen oͤfters ſein Commando zurief und der Herr des Schiffes zu ſein ſchien. Ich flehete ihn an, daß er mich mitnehmen moͤchte, weil ich meine Mutter wieder zu ſe⸗ hen wuͤnſchte, die im Gebuͤrge wohne. Mehr als der Ton meiner Stimme ſprach meine 90 Kleidung fuͤr mich, die mich als einen vom Waiſenhauſe Entlaufenen bezeichnete. Nun iſt zu merken, daß das Volk gegen Armen⸗ und Waiſenhaͤuſer eine große Abneigung hegt und ſie in Abſicht der Verpflegten eben fuͤr keine Wohlthat haͤlt, ſo wie ſie auf der andern Seite gegen Arme und Verwaiſte eine reti⸗ gioͤſe Scheu fuͤhlen. Biſt gluͤcklich entſprun⸗ gen, Burſche? ſagte der Schiffer; ich kann dir es nicht verdenken; ich weiß, wie die Waaren ſchmecken, die Schiffbruch gelitten, und noch immer haben in den Auctionen die Armenhaͤuſer das Meiſte davon gekauft. Aber, Burſche, haſt du auch Fracht, haſt du auch Zehrgeld? Statt aller Antwort kehrte ich die Taſchen um. Das gefiel dem Patron. Nun, ich glaube dir, Burſche, ſagte er. Kannſt du Eier ſieden, kannſt du Pfannku⸗ chen backen? Ja, ſagte ich, ich weiß, wie viel Vaterunſer zu den Eiern gehoͤren, und dem Pfannkuchen will ich ſchon ſelbſt anſehen, was ihm fehlt. An den Blaſen merk' ich, 91 — wenn das Waſſer kocht, und die Kartoffeln nehm' ich ab, wenn ſie platzen.— Sollſt mein Kuͤchenjunge werden, verſetzte er drauf— Halt! ihr Leute, und laßt mir den Burſchen herein. Er ſchob ein Brett nach mir hin; da das aber nicht reichte, packte mich einer von den Schiffsknechten, und trug mich durch das Waſſer. Ich mußte dem Schiffspatron noch ein Weilchen etwas vorplaudern, und es behagte mir ſehr, ſo meiner Heimath entgegen zu wandern, ohne den Fuß an einen Stein zu ſtoßen. 4 Drauf mußte ich Feuer anmachen und den Keſſel aufſetzen. Mein Eifer verrierh meine Unwiſſenheit noch mehr, und ich ging ſo un⸗ vorſichtig mit mir ſelbſt um, daß ich bald einem wirklichen Kuͤchenjungen aͤhnlich ſah. Indem wandte ſich die Rauchſaͤule uͤber mir von Norden nach Suͤden; du biſt ein Hexen⸗ junge, ſagte der Patron, der Wind hat ſich gedreht. Die Schiffsknechte kehrten ihr Ge⸗ 92² 4—-— ſicht nach uns zuruͤck, und ſtiegen ein. Nun hatte ich Gehuͤlfen und Lehrmeiſter genug, aber auch Zuchtmeiſter, denn Jeder hatte et⸗ was zu commandiren, und begleitete ſeine Worte mehr mit Fußdemonſtrationen als mit Fingerzeigen. Die Langeweile machte ſie vol⸗ lends unnuͤtz und ſie verſielen auf allerhand Dinge, die ſie mit mir aufſtellen wollten. Ich merkte, daß ſie im Sinne hatten, mir die Schiffstaufe zu geben, die nicht viel beſ⸗ ſer iſt, als die, womit man einen Hamſter erſaͤuft. Gott! wie oft ſoll ich denn in der Welt getauft werden, rief ich aus; dies iſt ſicher das viertemal ſchon. Als Kind in der Wiege empfing ich ſchon die Taufe des Him⸗ mels; als Prinz bin ich ſicherlich auch nicht verſchont, und in Gruſingen hat mich noch beſonders die Geiſtlichkeit vorgenommen. Wollt ihr durchaus eine Taufe, ſo muͤßt ihr auch fuͤr Kuchen, Roſinen und Mandeln ſorgen.— Gleich ging einer, der wohl etwas vom Boͤtti⸗ cherhandwerk verſtehen mochte, ſchlug auf den 1 93 —* Boden eines Faſſes, beſprengte die Fugen mit Waſſer, und im Umſehen hatte ich eine Hand voll große Roſinen vor mir. Ruͤhre das Mehl ein, rief er einem andern ſcherz⸗ hafter Weiſe zu. Dieſer nahm eine gruͤne Weidenruthe und tauchte ſie in das Waſſer ein. Ich vermuthete mir nichts Gutes und ſchrie aus vollem Halſe: ich will nicht ge⸗ tauft ſein! Da erwachte mein Herr, der eben in der Cajuͤtte ſchlief, und kam mir zu Huͤlfe, indem er mit einem Fluchworte die Gevat⸗ tersleute aus einander trieb. Err rief mich zu ſich, und ich mußte ihm die Zeitungen vorleſen, wovon er auf ſeine Reiſe immer ein großes Paͤckchen mit nahm. Darin ſtand, daß der aͤlteſte Prinz bei ſeiner Groß⸗ tante von den Blattern befallen waͤre. Was das nur immer iſt mit dem Prinzen, ſagte der Schiffspatron, daß er bald die Frieſeln und bald die Blattern hat, und warum er nicht bei ſeiner Mutter bleibt. Aber die Mut⸗ ter kann ihn nicht leiden, ſagt man, und ſie * ſaͤhe ihn wohl lieber todt als lebendig. Da kommen denn alle Augenblick Berichte von Krankheiten, damit man ſich nachher nicht wundern ſoll, wenn er einmal ganz und gar den Geiſt aufgiebt. Auf den zweiten Prinzen ſollte ſie doch nur keine Rechnung machen; 4 der zittert ja vor dem bloßen Lichte, wie ein Seidenwurm, wenn es blitt.— Ja, Herr, gab ich zur Antwort, ich welß es auch nicht, was es heißt, ich habe erſt neulich fuͤr den Prinzen in der Fremde gebetet, ich kann nicht dafuͤr, wenn es ihm nicht beſſer geht. Die Schiffsknechte fuhren den folgenden Tag fort, noch manche kleine Grauſamkeit an mir auszuuͤben; denn es ſcheint in der Natur des Menſchen zu liegen, daß der bloße Um⸗ gang und Kampf mit den Elementen ihn ſo roh und gefuhllos macht, wie die Elemente ſelbſt zu ſein ſcheinen. In der dritten Nacht * war ich kaum eingeſchlafen, als mich ein hef⸗ tiger Schmerz weckte. Ich glaubte, daß mich ein Hund biſſe, aber es war einer vom Schiffs⸗ 95 ——— volk, der mir gewaltig die Ohren kniff. Er nahm mich aus der Cajuͤtte, und ſtellte mich ſchlaftrunken in den Raum des Schiffes mit einer Laterne in der Hand, mit welcher ich auf die Faͤſſer leuchten mußte. Man nahm einen ganz feinen Bohrer, womit man Wein abzapfte, den man in irdene Kruͤge laufen ließ, dann goß man Waſſer zuruͤck, verkeilte das Loch wieder mit zugeſpitzten Hoͤlzchen und ſchob den Reif daruͤber. Bei andern Faͤſſern war ſeitwaͤrts der Boden eingedruͤckt, man langte Caffee, Reiß und Roſinen gleich pfund⸗ weis heraus, und machte die Waaren naß, damit ſie nichts an Gewicht verliehren ſollten. Drauf mußte ich bis zu einem Dorfe leuch⸗ ten, wo die Schiffsknechte ihre Niederlage hatten. Dieſe Dieberei iſt ſo arg, daß faſt alle Ortſchaften, die am Ufer des Fluſſes lie⸗ gen, ſich mit ſolchen Waaren verſorgen. Man trinkt dort nichts anders als S chifferwein, der entweder ſehr matt oder gehoͤrig mit Franz⸗ branntwein verſetzt iſt. Die Schiffsleute ha⸗ 8 ben dort in den Doͤrfern gewoͤhnlich ihre Wei⸗ ber, die den Vertrieb der Waaren weiter be⸗ ſorgen. Was an den Faͤſſern fehlt, das wird ihnen bei ihrer Ankunft zwar am Lohne ab⸗ gezogen, aber da ſie das Gewicht auf man⸗ cherlei Weiſe erſetzt und erſchwert haben, ſo iſt es natuͤrlich, daß ſie doch immer ein An⸗ ſehnliches gewinnen. Auf groͤßern Schiffen, wo der Herr nicht ſelbſt mitfaͤhrt— denn dies war ein bloßer Kahnfuͤhrer— ſoll die Dieberei noch aͤrger ſein. Man haͤtte mit den Hals umgedreht, wenn ich auch nur eine Silbe davon verrathen haͤtte. Dies trieb man mehrere Naͤchte ſo fort. Ich konnte meinem Herrn, der ſo gut gegen mich war, nicht mehr offen ins Auge ſehn, und beklagte mein Schickſal in der Stille, daß ich wider mei⸗ nen Willen nun doch abermals unter Spißz⸗ buben gerathen war; aber ich ſchwur, dieſen Boͤſewichtern durchaus nicht laͤnger zu folgen, und lieber Armuth auf mich zu nehmen, als Unehrlichkeit zu ertragen.„Als ich daher das naͤchſte⸗ 97 ——— naͤchſtemal wieder ein Paͤckchen nach einem Dorfe tragen mußte, ſtahl ich mich in der Nacht davon, und kehrte nicht wieder nach dem Schiffe zuruͤck. Ich ging ſeitwaͤrts an einem Bach hinauf und ſetzte mich unter einen Baum, um et⸗ was auszuruhn, aber jedes Luͤftchen erſchreckte mich, und ich ſah mit Sehnſucht dem Mor⸗ gen entgegen. Sobald es daͤmmerte, ent⸗ fernte ich mich weiter von dem Ufer des Fluſſes und wandte mich landeinwaͤrts nach der Heer⸗ ſtraße zu. Ich ging und ging, und wurde bald ſo muͤde, daß ich keinen Schritt mehr weiter thun konnte. Indem hoͤrte ich ein Klingeln vor mir, und als ich in den Grund hinab ſah, wurde ich einen Fuhrmannswagen gewahr, der ſich langſam vor mir hin bewegte. Ihrer zweie gingen neben den Pferden her. Ohne lange zu uͤberlegen, folgte ich dem Rath meiner Fuͤße, und ſchwang mich hinten auf, wo ich in einer Art Schoßkelle ganz bequem I. Theil. G lag und auch bald von dem ſüheſten Schlaf umarmt wurde.. Als ich wieder erwachte, ſtand der Fuhr⸗ mann mit einer langen Peitſche vor mir und der Wagen hielt auf einem großen Gaſthofe. Was machſt du da, Spitzbube? rief er. Willſt du gleich herunter!— Ach! habt Erbarmen mit mir, ſprach ich; wollt' ich ein Spitzbube ſein, ich waͤre nicht hier. Ich bin ein armes, verlaſſenes Kind, das ſich auf den Weg ge⸗ macht hat, um ſeine Mutter wieder zu ſu⸗ chen. Ein Schiffer wollte mich mit nehmen, aber ich ſollte ſeinem Volk des Nachts mit ſtehlen helfen, und leuchten, wenn ſie die Faͤſſer aufbrachen, das wollt ich nicht. Ich lief heimlich davon, und vor großer Muͤdigkeit— denn ich konnte gar nicht mehr von der Stelle— bin ich ein wenig auf euren Wa⸗ gen geſtiegen und hier eingeſchlafen. Seid deshalb nicht boͤſe, ich bin ja noch klein und ſo leicht wie eine Feder, und hungrig und durſtig dazu.— Ja, glaub's, ſagte er mit 99 — einem anſcheinend boͤſen Laͤcheln; du faͤngſe deine Streiche bei Zeiten an. Komm herun⸗ ter, daß du mir da oben nichts verdiroſt, denn mit dir mag es nicht gar ſauber ſte⸗ hen.— Da ich mich von den Knieen erhob und er ſah, daß ich dreimal grau gekleidet war, fragte er mich, welchem Armenhauſe ich entſprungen waͤre? Ich faßte Muth, denn ſo bald nur ein Menſch erſt fragt, ſo neigt ſich auch ſeine Theilnahme auf unſere Seite. Das ſchlechte Leben auf dem Waiſen⸗ hauſe machte ich ihm bald begreiflich und kam dann wieder auf die Schiffer zuruͤck. Nun ſchien es mir, daß er als Fuhrmann auf das Schiffsvolk nicht gut zu ſprechen war, indem er ſeinem Fuhrwerk und ſeiner Ehrlichkeit den Vorzug gab. Bei den letzten Worten meiner Erzaͤhlung mußte ich ihm den leeren Eimer in den Stall nachtragen. Das troͤſtete mich aufs neue, denn wenn uns jemand erſt etwas thun heißt, ſind wir ihm auch ſchon nicht gan; fremd mehr. Ich verrichtete alles mit der G 2 100 geoͤßten Ruͤhrigkeit, und er ſtand an einen Pfeiler gelehnt, und betrachtete mich mit pruͤ⸗ fender Stirn. Ich mußte Waſſer holen, und brachte den Eimer zweimal halb voll, weil ich ihn noch nicht gandz tragen konnte. Ich mußte den Hafer vor der Thuͤr ſchwingen, damit die Luft den Staub herauswehre. Dies machte ich ſchon geſchickter, und kein Koͤruchen ent⸗ fiog mir davon. Nun, nun! ſagte er, ich ſehe doch, daß du zu etwas nuͤtz biſt. Da loͤſe mir die Bunde Heu auf, und dann wollen wir eſſen. Bei dieſen Worten ſah ich freund⸗ lich zu ihm empor; ja— eſſen, ſag ich— fuhr er fort— nicht wahr, das iſt dir wohl eine rechte Freudenpoſt!— Drauf gingen wir ins Haus, der Tiſch ſtand ſchon ebstt und wir ſetzten uns. Der Fuhrmann hatte fecht ſeine Freude dran, daß ich ſo viel eſſen konnte, und ich merkte bald, daß hinter dem barſchen Ton eine gute Seele wohnte. Etwas geneckt wur⸗ de ich dabei freilich immer, aber lange nicht 101 ——— mit der Rohheit, wie unter dem Schiſfsvolk; das Wohlwollen und die Wohlhabenheit ſah immer durch.— Als er ſich durch Eſſen er⸗ heitert hatte, fing er an, witzig zu werdens er ſagte zum Wirth: es iſt doch haͤlt kurios, wie mir's heut' gangen iſt. Geſtern fuhr' ich aus, da hat mir der Freimann meinen Pudel, den Pluto, vom Wagen geholt— denn an⸗ ders kann ich mir die Sach' nicht klar ma⸗ chen— er war eben fort. Und wie ich heur zu euch in den Hof hineinfahren bin, hat ſich bei meiner armen Seele der Pudel in dies Buͤbel verwandelt. Der dicke Wirth that ihm den Gefallen, recht herzlich zu lachen; indeß meinte er doch, die Veraͤnderung ginge noch an; das waͤre noch lange nicht ſo ſchlimm, wie mit Leuten, die zur Hochzeit reiſten; mit Huth und Quaſt fuͤhren ſie aus, und mit der Nachtmuͤtze kaͤmen ſie wieder. Nun war das Lachen an meinem Herrn, und ich unter⸗ ſtuͤtzte ihn darin. Drauf nahm mich der Hausknecht beim 102 Schopf, und lehrte mich, wie ich die Pferde behandeln und ſie anſchirren muͤßte; denn das Meiſte in den Staͤllen hat immer der Haus⸗ knecht zu beſorgen, und die Fuhrleute legen dabei die Haͤnde in den Schoß.— Ein ſol⸗ ches Leben fuͤhrte ich drei Tage, indem ich bald ritt, bald fuhr, bald ging, Abends dem Hausknecht half und es mir dann wohl ſein ließ. Jetzt ſah ich ein, wie ich vom Leben der Fuhrleute bisher eine ganz falſche Vorſtel⸗ lung gehabt hatte. Ich dachte ſie mir nur immer, wie ſie ſich auf ſchmutzigen Straßen herumſiedeln, und glaubte, ſie muͤßten ſich nur placken und plagen; aber es verhaͤlt ſich⸗ damit ganz anders. Einige Strapazen haben ſie allerdings, indeß mit der dazu paſſenden Kleidung und mit der Nahrung, die ſie ge⸗ nießen, koͤnnen ſie ſolche leicht ertragen. Die freie Luft erhaͤlt ſie ſo roth und friſch, wie faſt keinen von den uͤbrigen Staͤnden, etwa den Jaͤger ausgenommen. Jeden Tag ma⸗ chen ſie nur eine kurze Reiſe und ſind immer 103 —- bei Zeiten im Quartier: hier aber finden ſie eine Pflege, wie ſonſt keiner ihres Gleichen. In den meiſten Wirthshaͤuſern herrſcht eine gewiſſe Taxe, etwas Beſtimmtes, das ſie un⸗ gefordert bekommen. Faſt bei keiner Mahl⸗ zeit fehlt der Braten, und alles befindet ſieh dabei, was die angeſtrengten Kraͤfte nur er⸗ friſchen und ſtaͤrken kann, ſo daß die Zeit im Wirthshauſe immer mit Eſſen und Trinken hingeht.— Dabei iſt der Herr eines ſolchen Fuhrwerks gewoͤhnlich ein wohlhabender, wo nicht gar ein reicher Mann, der liegende Gruͤnde zu Hauſe, und Capitalien hat, auch mitunter ſelbſt einen Handel treibt. Sein Credit bei den Kaufleuten iſt ſehr grèͤß, und ſein Name geht durch viele Handelsſtaͤdte, ſo daß man ihm oder ſeinen Leuten ohne Beden⸗ ken die theuerſten Waaren uͤbergiebt, und ihn unbeſorgt damit in die weite Welt fahren laͤßt. Aeußerſt ſelten geſchieht es, daß einer damit durchgeht, und dann muß er ſchon ein banquerotter Fuhrmann ſein. Es herrſcht 1104 auch große Ordnung und Ehrlichkeit unter ih⸗ nen, und ſie brechen nicht ſo die Waaren an, wie das Schiffsvolk, und Weerugit kommt bei ihnen nur ſelten vor. Ich freute mich, wie ich dieſe cheliche Ge⸗ ſinnung bemerkte, und war meinem Herrn um ſo mehr zugethan. 55 Den dritten Tag kamen wir nach einem aͤußerſt großen Gaſthofe, den die Fuhrleute die liederliche Burg zu nennen pflegen; denn er war eben ſo ſehr wegen ſeiner Groͤße als wegen ſeiner Unordnung beruͤhmt. Wirths⸗ haͤuſer fehlen haͤufig durch zweierlei Dinge: erſtlich dadurch, daß ſie ſich nicht fuͤr eine Art von Gaͤſten eine Beſtimmung geben, und zweitens dadurch, daß ſie keine feſten, billigen Preiſe ſetzen, die grade zu ihren Gaͤſten und zu ihrer Bewirthung paſſen. In der liederlichen Burg war nun beides nicht der Fall. Fuͤrſten, reiche Edelleute, Gutsbe⸗ ſitzer, Kaufleute kehrten hier eben ſo gut ein wie Handwerksburſchen und Keſſelflicker. Der 105 Umfang war ungeheuer, und dabei zehnerlei Aufſicht, ohne eine rechte. Die Preiſe ſchwank⸗ zten auf und nieder, einige aßen umſonſt und andere mußten das Dreifache bezahlen. Aber das muß man ſagen, es fehlte an nichts, und man lebte hier recht aus dem Vollen. Eben war ein reicher privatiſirender Fuͤrſt hier ein⸗ gekehrt, und viele praͤchtige Wagen hielten auf dem Hofe. Mein Herr bezahlte den Morgen alles, auch das, was nicht angeſchrieben war; aber drei wandernde Schneidergeſellen gingen mit laͤchelnder Miene fort, und man ſah ih⸗ nen an, wie viel Dank ſie dem Wirth ſchul⸗ dig blieben. Bald darauf, da alle Gaͤſte die große Stube verlaſſen hatten, und ich noch ſchlummernd im Stroh lag, wurde ich Ohren⸗ zeuge von einer recht ſeltſamen Prellerei. Der Wirth hatte eben die Rechnung fuͤr den Fuͤrſten geſchrieben, und ließ ſie in den Haͤn⸗ den ſeiner Frau. Dieſe ſagte zu ihrer Toch⸗ ter: da hat der Vater einmal wieder ſchoͤn gerechnet, davon koͤnnten wir kein Camiſol, 106 noch viel weniger ein ſeidenes Kleid tragen; wir wollen noch etwas fuͤr uns dazu ſetzen. Drauf bekam der Kellner die Rechnung, der ſagte zur Kammerjungfer, die ſeine Liebſte zu ſein ſchien: ich kenne ſchon das Trinkgeld ſol⸗ cher Herren, wir wollen uns beſſer vorſehen, und lieber gleich in der Rechnung noch eine kleine Zahl hinzufuͤgen. Drauf ſollte der Mar⸗ queur die Rechnung zum Bedienten tragen; aber er betrachtete das Papier, laͤchelte, und ſuchte, mit der Feder in der Hand, auch noch einige Stellen aus, wo ſich Verbeſſerungen anbringen ließen.— Jetzt machte ich mich auf, um meinem Herrn von dieſer Schelmerei zu erzaͤhlen. Durch die Bedienten erfuhr es der Fuͤrſt, und, weil er ein launiger Herr war, ſo kam er ſelbſt hinab, um alle dieſe Betruͤger in Gegenwart vieler Menſchen zu beſchaͤmen. Alſo, Herr Wirth, ſprach er, dies iſt die Rechnung? Der Wirth ſtutzte beim Aublick derſelben, rieb ſich die Augen und wandte ſich zu ſeiner Frau. Kennſt du 107 — die Rechnung? ich nicht. Du hatteſt etwas vergeſſen, lieber Mann, ſagte ſie; aber ſie ſtutzte ebenfalls, und zeigte das Papier dem Kellner: wie kommt dieſe Summe hieher? Dieſer wollte ſich wieder entſchuldigen, aber ſein Staunen war nicht geringer, da er die Rechnuns anſah. Nun kam die Reihe an den Marqueur, der endlich alles richtig fand, und ſagte: ganz recht, das iſt die Summe. Alle ruͤckten naͤher zuſammen, und jeder ſchalt mit dem andern, aber keiner behielt das Schimpfwort fuͤr ſich, ſondern einer gab es immer wieder an den andern weiter. Drauf erhob der Fuͤrſt ein lautes Lachen, und ſein ganzes Gefolge lachte hinter drein. Die kleine Geſellſchaft iſt ganz artig, ſagte er; ich ſchla⸗ ge mich wohl noch durch; bezahlt, ſo kom⸗ men wir gluͤcklich davon. Dieſer Koͤrper hat wenigſtens noch kein Haupt, oder das Haupt weiß nichts von ſeinen Gliedern; adien, Herr Wirth. 108 — Es wurde wirklich alles bis auf den letzten Heller bezahlt, und wir hoͤrten noch hinter aus, wie es im Hauſe rumorte, indem jeder wider den andern gerieth. 6: Neuntes Capitel. Grufingen. Wie wir den Tag ſo weiter und weiter fuh⸗ ren, wurde die Gegend vor uns immer ge⸗ birgigter, und es wehete ein angenehmer Tan⸗ nengeruch daher, in welchem ich die Naͤhe von Gruſingen witterte. Wer darauf merken will, der wird finden, daß die meiſten Oerter und Staͤdte ihren eigenen Geruch haben, was von der Luft, dem Clima, den Gewoͤchſen umher, der Hanthierung, den Produkten und Fabriken und von der Beſchaffenheit der Haͤu⸗ ſer und Straßen u. ſ. w. herruͤhrt, ſo daß nicht nur ein Hund ſeinen Geburtsort mit 109 der Naſe wieder finden kann, ſondern daß auch ein Blinder auf Reiſen manche Stadt am Geruch wieder erkennen muß. Mir we⸗ nigſtens ſagte es mein ganzes Gefuͤhl: Gru⸗ ſingen iſt in der Naͤhe; ich athmete es ein in der Luft, ich ſah an den ſchroffen Bergen die Stufen zu ſeinem Eingange; die Pferde gingen mir zu langſam, mein Herz wurde immer unruhiger. Den Mittag ſchon ſprang ich vor Ungeduld vom Tiſche auf, und kam bald wieder und ſagte: es iſt angeſpannt! Was iſt dir? ſagte mein Herr, haſt du auf einmal deinen Appetit abgeſchworen? Du biſt ja, wie einer, der Hexel im Strumpf hat. Ach! beſter Herr, gab ich zur Antwort, nehmt mir's nicht uͤbel, der Himmel ſieht mir hier grade aus, als ob er auf meinen Ge⸗ burtsort herabſchaute; ich werde heute meine Nutter wieder ſehen. Nun, das iſt brav, Junge, verſetzte er drauf, es ſoll auch gleich vorwaͤrts gehn.— ta Dieſen Nachmittag hatte er wohl Recht, 110 —— mich mit ſeinem Pluto zu vergleichen, denn ich lief am Morgen hin und her, als wollte ich bald die Raͤder und bald die Pferde an⸗ treiben. Ich ſchaͤrfte meine Augen, ſo oft wir auf eine Anhoͤhe kamen, aber ein ſchwar⸗ zes Ungewitter ſtieg herauf, das die ganze Gegend verdunkelte, und mich mit aufgethuͤrm⸗ ten grauſigen Wolken weg zu drohen ſchien. Doch den Abend wartere ich nicht ab; mein Ort iſt nicht mehr weit, ſagte ich zu meinem Herrn, lebt wohl, habt tauſend Dank, und hier nehmt das Meſſer wieder. Es haben naͤmlich die Fuhrleute die Gewohnheit, jeder ein großes Meſſer bei ſich zu fuͤhren, und mein Herr hatte mir auch eins gegeben. Aber er nahm es nicht wieder, und ſprach: be⸗ halt' es zu meinem Gedenk, du wirſt es brau⸗ chen koͤnnen. Da lief und flog ich, und hatte bald keinen Athem mehr. Noch zwei Berge lagen vor mir, die ich noch von unſern Strei⸗ fereien her kannte; doch ehe ſie noch erſtiegen und zuruͤck gelegt waren, ſtellte ſich auch ſchon 111 der Abend ein. Erſt jetzt trat Gruſingen mit ſeinem Kohlendampf aus der Daͤmmerung heraus wie ein Moor, und alles, was an⸗ dere daran haͤßlich finden moͤgen, lächelte mich lieblich an. Blitze noch einmal! rief ich zum Himmel hinauf, dort muß unſer Haus lie⸗ gen. Es blitzte und donnerte dazu, aber von unſerm Hauſe war nichts zu ſehen. Voll Staunen und voll Erwartung rannte ich uͤber den Kirchhof und wollte es nun mit Haͤnden faſſen; aber ich kam zu einer ſtillen oden Mauer ohne Obdach und ohne Fenſter. Ein Menſch mit ausgeſtochenen Augen kann nicht ſchrecklichern Anblick geben, als jetzt das Haus meiner Mutter in einem ſolchen Zuſtande. Mutter! rief ich, und tappte nach der Thuͤr, aber da war niemand, der ſie mir verſchloß, niemand, der ſie mir oͤfnete; der Wind ging aus und ein durch Thuͤr und Fenſter. Ich ver⸗ ſchraͤnkte die Arme und ſtand wie von Sin⸗ nen. Da raſſelte es aus den Steinen hervor und eine Eule ſlog in die ſchwarze Hoͤhlung; 112 — an ihren Fuͤßen regte ſich ein rauſchendes Blatt; wie ein Leichenbote kraͤchzte ſie mich an. Wohnſt du jetzt hier? rief ich ihr zu; weg da! weg da! oder ſag mir, wo haſt du meine Mutter? Da ſchwang ſie die Flügel und flog uͤber den Kirchhof hin. Weh mir! dachte ich, ſie iſt todt; und ich faßte umher nach jedem friſchen Grabhuͤgel, nach jedem ſchwarzen Kreuze. In dem blitzte und don⸗ nerte es wieder, ich las die Namen der Tod⸗ ten, doch kein Name bezeichnete mir die Ru⸗ heſtaͤte meiner Mutter. Um mich ſchauend ſann ich der Verwuͤſtung nach und horchte auf die oͤde menſchenleere Stille; da erſcholl vor der wuͤſten Wohnung ein gellendes Horn und eine Stimme rief, daß es Nacht ſei. Es erſchreckte mich anfangs, aber es war der Waͤchter, und ich eilte zu ihm, um von ihm mein Verhaͤngniß zu erfahren. Kaum hatte et mich erkannt, ſo fuhr er mich zornig an: du einfältiger Buben was 7 win du hier? du , wirſt 113 ———— wirſt noch an uns allen zum Verraͤther wer⸗ den! Vater und Mutter haben ſich geflüͤch⸗ tet; das Haus haben ſie angezuͤndet, was haſt du hier noch zu ſuchen?— O meine Mutter! rief ich, wo iſt meine Mutter?— Weiß ich es? ſagte er trotzig. Gilt denn noch Freundſchaft etwas in der Welt? Da geh ich umher als ein Geſpenſt, und rufe tauben Oh⸗ ren die Stunde. Denkt denn wohl noch ein Menſch an mich armen Nachtvogel?— Wahr⸗ lich! ich uͤbe rechte Großmuth, wenn ich dir dieſe Nacht fuͤr deinen Kopf noch ein Kiſſen gebe, daß du ausruhen kannſt; denn dein Vater hat es nicht um mich verdient. Aber ſo bald der Tag graut, mußt du wieder fort. Deine Ausſage hat freilich vor Gericht noch keine Guͤltigkeit, indeß haͤlt man dich fuͤr ei⸗ nen ſehr verſchmitzten Buben, der ſchon um vieles wiſſen muͤßte; es iſt viel Nachfrage nach dir, und uͤberhaupt ſcheint an deiner kleinen Perſon viel gelegen zu ſein.— Da erinnerte ich mich auf einmal wieder des Zet⸗ I. Theil. H 114 — tels, durch den ich, auf dem Baͤren, gewarnt wurde, ja nicht nach Hauſe zuruͤck zu keh⸗ ren.— Jetzt ging ich mit in das Haus des Nachtwaͤchters, und nahm die Erquickung an, die er mir darbot. Er ſchalt noch immer auf meinen Vater, daß er ihn ſo gering achte, und ihn gar nichts von ſeinem neuen Auf⸗ enthalte wiſſen laſſe, was man doch wohl billig einem alten Freunde ſchuldig ſei. Mein Vater konnte naͤmlich oft ſeines Beiſtandes nicht ganz entbehren, und es iſt uͤberhaupt zu merken, daß Nachtwaͤchter haͤufig mit Spitz⸗ buben in Verbindung ſtehen, und daß ſowohl Bettler als Diebe bei ihnen einkehren.— Ich bat ihn, ob er mir denn gar nichts von mei⸗ ner Mutter ſagen koͤnnte. Drauf gab er mir zur Antwort: deine Mutter iſt an deinen Vater wie mit Ketten angeſchmiedet, denn ſie iſt ihm geſchenkt worden, und auf Leib und Leben ihm anbefohlen; ſie weiß es auch recht gut, daß ſie nicht von ihm kann, ohne ihr veben zu verlieren, deshalb haͤlt ſie aus, und TTS —— hofft und hofft— ich glaube, daß die Berge einmal einſtuͤrzen ſollen. Die Henkersklaue hat viele Krallen, wer einmal darunter ſteckt, der kommt nicht leicht wieder heraus.— Indem er noch ſo ſprach, hoͤrten wir die Treppe hin⸗ auf ſeinen Namen rufen: macht doch auf, wo ſteckt ihr denn, es iſt ja Feuer! Der Richter ſtand vor uns und da er mich erkannte, ſagte er: ach! Buͤrſchchen, biſt du's? Gut, daß ich dich habe.— Ihr geht gleich auf den Thurm und ſtuͤrmt, ich will indeß den Bu⸗ ben ſchon bei mir in Verwahrung bringen. Feuer waͤre? wo denn? fragte der Nacht⸗ waͤchter. Lichterloh brennt es hinter dem Walde, ſagte der Richter, es hat eingeſchla⸗ gen. Jener zweiſelte zwar noch immer, aber er mußte auf den Thurm ſteigen, und ich mei⸗ nem neuen Schickſale folgen. Wie jeder Menſch in der Welt ſeine Liebe und ſeine Furcht hat, ſo war es auch mit unſerm Dorfrichter der Fall: nichts machte ihn aͤngſtlicher, als ein Gewitter. So lange ein H 2 116 — ſolches am Himmel ſtand, konnte er kein Auge zuthun, und lief im Hauſe hin und her. Je⸗ der ſtarke Schlag hatte ſeiner Einbildung nach gezuͤndet, und jeder rothe Streif war gleich ein graͤßliches Feuer. Das untergehende Mondsviertel hatte jetzt einige Wolken geroͤ⸗ thet, und gleich ſtand bei ihm ein ganzes Dorf in Flammen. Der Nachtwächter uͤberzeugte ihn bald von ſeinem Irrthum, aber was half's mir— ich war einmal in ſeinen Haͤnden. Er ſchloß mich auf ſeine Bodenſtube ein, wo der Gerichtsverwalter, der naͤchſter Tage er⸗ wartet wurde, auch uͤber mich Gericht halten ſollte. Die Muͤdigkeit ließ mich anfangs meine Gefahr vergeſſen, und ich ſchlief ruhig ein. Aber am andern Morgen uͤberdachte ich meine Lage, wie daraus vielleicht fuͤr meine Mutter ein großes Ungluͤck entſtehen koͤnnte, und ich beſchloß, auf alle nur moͤgliche Weiſe meine Befreiung zu ſuchen. Ich rief zum Fenſter hinaus: Ach! Herr Pathe, laßt mich doch nur ein wenig anf den Hof hinunter; denn 117 ——— der Richter hatte bei mir Gevatter geſtanden und mit mir von einem Kuchen gegeſſen; aber er antwortete: pathe du nur da oben, du kommſt nicht hinunter. Ich berechnete die Hoͤhe des Fenſters; hin⸗ unterſpringen konnte ich nicht; wenn ich in⸗ deß das Betttuch zerſchnitt, konnte ich muh allenfalls daran herunter laſſen, doch das durfte ich nicht wagen, weil der Hof beſtaͤn⸗ dig bewacht war, theils von den Augen der Menſchen, die hin und wieder gingen, theils von den Hunden, die des Nachts Wache hielten. Ich ſchenkte alſo meine Aufmerkſam⸗ keit dem Kachelofen, wo ich leicht ſo viel Ka⸗ cheln herausnehmen konnte, daß mein Koͤrper zum Durchſchluͤpfen Raum genug fand. Das Andenken meines vorigen Herrn, das große Meſſer, konnte mir dazu die beſten Dienſte leiſten, und ich fing meine Sache ſo geſchickt an, daß das Fehlende gleich wieder an ſeiner Stelle ſtand, ſo bald ſich nur ein Geraͤuſch hoͤren ließ. 118 ——-— Ich wartete die Stunde ab, wo alles in das Mittagseſſen vertieft war— fuͤr Land⸗ leute eine wahre Stunde der Andacht—; hurtig ſchluͤpfte ich dann durch die Kacheln hindurch und kam zum Ofenloche wieder hin⸗ aus. Ich ſah mich um. Der Raum, wo ie mich jetzt befand, war eine alte Polter⸗ kammer, wo viele zerbrochene Geraͤthe, und Sachen, die man aus der Hand ſtellt, durch einander lagen; aber— o Ungluͤck! ſie war außen zugekrompt und mit einem Pflock ver⸗ riegelt. Und als ich anfing, ſie zu ruͤtteln, hoͤrte ich auf einmal hinter mir ein Rauſchen, als wenn ich von Schlangen uͤberfallen wuͤrde. Es war aber allda eine Henne geſetzt, die in 6 Ruhe ihre Eier ausbruͤten ſollte. Dieſe flog auf das Geraͤuſch von ihrem Neſte, und wandte allen Zorn daran, um mir das Haar zu zerzauſen, und einige Huͤhnerkrallen in mein Geſicht abzuſetzen. Die alten Troͤge und Bottiche fuhren mit den Koͤpfen zuſammen, und alles neigte ſich hin und her zu einem 119 ——— gewaltigen Rumor. Indem hoͤrte ich unten die Kinder ſagen: Mutter, die Glucke iſt vom Neſte, die Jungen ſind ausgebruͤtet, komm, laß ſie uns ſehen; denn keine groͤßere Freude iſt fuͤr Kinder in der Welt, als junge Thiere zu ſchauen. Ich konnte aber an dieſer Freude jetzt keinen Antheil nehmen, und ich ſuchte nur gleich nach einem Orte, wo ich mich in aller Schnelligkeit verſtecken koͤnnte; denn durch die Kacheln zuruͤck war es zu weit und zu umſtaͤndlich. Mir fiel ein Faß mit Federn in die Augen, aber es ſchien mir zu voll, und ich zog das Ofenloch vor, wo ich freilich nicht ganz ſicher war, denn wie leicht konnte ein neugieriges Kind dort den Kopf hinein ſtecken, um nach dem Karfunkel zu ſpaͤhen. Indeß ging noch alles gut; die Kin⸗ der uͤberzeugten ſich, daß noch kein Kuͤchlein ausgekrochen war, und die Henne ward wie⸗ der beruhigt.— Da alles fort war, erblickte ich ſeitwaͤrts ein Sieb, das die Henne fruͤher ſchon mochte getragen haben, das ſetzte ich 1220 —-— uͤber ſie, um kuͤnftig bei meinen Unternehmun⸗ gen nicht durch ſie geſtoͤhrt zu werden. Ich wartete bis gegen Abend, und mein noͤchſtes Augenmerk war dann auf den Schorn⸗ ſtein gerichtet; ich fand unter dem Polter⸗ kram eine alte Huͤhnerleiter, der ich mit Stroh⸗ ſeilen wieder einigen Zuſammenhang gab, und da ich ſonſt ſchon mit den Huͤhnern auf den Sproſſen hinabgegangen war, ſo dachte ich, es auch einmal aufwaͤrts damit verſuchen zu muͤſſen. Es ging, und am Ende der Sproſ⸗ ſen machte der Schornſtein einen Einbog, ſo daß ich ſicher weiter klettern konnte. So ge⸗ langte ich denn auch wirklich ohne Gefaͤhrde bis zu der Gegend, wo die Schinken hangen und die Gaͤnſebaken. Hier ſuchte ich nach der Oefnung, die zum Rauchboden fuͤhrt, aber— o wehl das Rauchloch war fuͤr mei⸗ nen Kopf zu klein, und die harten, berußten Steine umher ließen an keine Erweiterung denken. Ich uͤberlegte, was zu thun ſei. Man laͤutete eben Feierabend, und ich höͤrre 121 — dieſem Klange im Schornſteine mit einer ei⸗ genen Andacht zu. Indem trippelte das Haus⸗ muͤtterchen die Treppe hinauf, um Wurſt und Schinken fuͤr die Leute zu holen. Ich mußte nun ſchon bleiben, wo ich war. Ich hoͤrte ſie neben mir wirthſchaften, und endlich ſtreckte ſie gar die Hand zum Schornſteine hinein, um eins von den hangenden Fruͤchten hinein zu ziehen. Ja wahrhaftig! ſo mißlich auch meine Lage war, es koſtete mir viele Muͤhe, nicht ihre Hand zu ergreifen und ihr einen guten Abend zu bieten, denn die Gelegenheit zu einer Schaͤkerei war gar zu anlockend. Doch hielt ich mich, und ſtellte nachher meine Nuͤck⸗ fahrt an. 18. „Jetzt ſtand wieder das Faß mit Federn vor mir, und es war mir zu Sinne, als wenn mit demſelben durchaus etwas anzufangen ſein muͤßte. Es konnte fuͤr keinen andern, als fuͤr den Federhaͤndler beſtimmt ſein, der jaͤhr⸗ lich im Dorfe dergleichen zu ſammeln und ab⸗ zuholen pflegte. Solches war aber zu den 122 —-— Dunen und Federſpulen eine bloße Zugabe, die er um ein Spottgeld bekam; denn das Faß enthielt blos den Mittelſchlag, was man eben nicht braucht, und was ſo von Huͤh⸗ nern, Tauben und Enten abfaͤllt. Dergleichen brauchte er zu einer Betruͤgerei, indem er das Groͤbere unter das Feinere vertheilte, und die guten Federn durch die ſchlechten verfaͤlſchte, um ihnen dadurch mehr Gewicht zu geben. Ich that etwas davon hinaus, und ver⸗ ſuchte nun, ob ich darin ſitzen koͤnnte. Das ging ſehr wohl an, aber wie ſollte ich nach⸗ her den Deckel aufpaſſen? Ich draͤngte die Fachhölzer des Faſſes aus einander, um den Boden zu mir herein zu noͤthigen, aber er folgte nicht. Jetzt ſprang ich wieder hinaus, und preßte den Boden ſo weit einwaͤrts, daß er im groͤßern Raum locker lag und ich mit ihm anfangen konnte, was ich wollte. Ich drehete ihn nun herum, ſchluͤpfte neben ihm hinein, und hob ihn dann mit dem Kopfe bis dahin, wo er anfing feſt zu ſitzen. Mit mei⸗ —, 123 —— nem Meſſer erweiterte ich die Riefen des Faſ⸗ ſes, und ſteckte auch offene Federſpulen hinein, um durch dieſelben oberhalb gehoͤrig Luft ſcho⸗ pfen zu koͤnnen. Die Probe gelang und ich ſah auf den andern Tag der Ausfuͤhrung ent⸗ gegen; denn obgleich die Kammer verriegelt war, ſo gewaͤhrte ſie doch den Vortheil, daß eine kleine Oefnung von hier aus nach der Straße fuͤhrte. Sobald alſo der Nachtwaͤch⸗ ter kam, ſeine Stunden abzurufen, ſtuͤſterte ich ihm zu: hier bin ich! und bat ihn, mich morgen bei Zeiten durch den Federhaͤndler im Faſſe abholen zu laſſen. Der Federhaͤndler iſt nicht gleich da, ſagte er, aber ich will den Peter ſchicken, und ihn ſchon gehoͤrig ab⸗ richten. Dies ging auch, ohne Verdacht zu erwecken, recht gut an, denn dieſes Menſchen bediente ſich jener gewoͤhnlich, um ſeine Sachen im Dorfe zuſammen ſchleppen zu laſſen. Mit dem Federhändler aber hatte der Nachtwaͤch⸗ ter gute Bekanntſchaft, ſo daß es nachher 1 124 ———- das Anſehn haben konnte, als habe er ſelbſt die Ablieferung des Faſſes gefordert. Von dieſem Peter aber, der zu allen moͤg⸗ lichen Verrichtungen gebraucht wurde, muß ich noch etwas erzaͤhlen. Er war mit ſeinen zwei Bruͤdern im Dorfe, die Hennig und Hans hießen, eine ſeltene Erſcheinung; denn alle dreie lebten— was auf dem Lande un⸗ erhoͤrt iſt— in ihrem eigenen Hauſe als Junggeſellen, ohne irgend ein weibliches We⸗ ſen um ſich zu haben. Backen, kochen, wa⸗ ſchen, naͤhen, kehren und fegen— alles be⸗ ſorgten ſie ſelbſt. Wer aber ſich uͤberzeugen wollte, was aus Maͤnnern wohl werden moͤch⸗ te, wenn ſie ſich der Huͤlfe der Frauenzim⸗ mer ganz entzoͤgen, der durfte nur in das Haus von Hennig und Peter treten, ſo hoͤhlen⸗ und grubenmaͤßig ſah es darin aus, ſo daß man nicht zu Menſchen, ſondern zu Baͤren und Woͤlfen zu kommen glaubte. Kuͤrz⸗ lich hatte das Haus einfallen wollen und ſie hatten es ſelbſt geſtuͤtzt und gemauert; aber 125 es hing ganz auf eine Seite und niemand konnte es ohne Lachen anſehen. Ihrer Han⸗ thierung nach waren ſie Schlaͤchter, und wenn ſie dieſem Geſchaͤfte nachgingen, verſchloſſen ſie die Thuͤr, und die Maͤuſe bewohnten un⸗ terdeß das Haus. Als ihnen neulich auf einer ſolchen Schlaͤchterei Bruder Hans erkrankte, verfuhren ſie mit ihm auf eine eigene Weiſe. Sie ſchleppten ihn des Nachts im Regen fort, und da er ihnen zu ſchwer wurde, lehuten ſie ihn an ein Haus(eben da, wo ich ſaß) und ließen immer das Dach auf ihn herabgießen, was er aber nicht empfand, denn er war ſchon todt, und hielt wie eine Schildwach ruhig aus, bis ſie wieder kamen. Der aͤngſt⸗ liche Richter, der wieder nach einem Gewitter umherſchaute, ſah es mit an, wie ſie ihn auf den Schiebekarren luden und fortbrachten. Den andern Morgen erwartete nun jedermann, daß ſie der Sitte gemaͤß ihren Bruder belaͤu⸗ ten ſollten, aber die Bruͤder hatten noch zu ſchlachten, thaten, als ob er noch lebe, und 126 —— verſchoben es bis auf den dritten Tag. Was macht Bruder Hans? fragten da die Leute: wir wollen ihm eine Suppe ſchicken. Dem Bruder Hans iſt wohl, ſagten ſie, er hat alles, was er braucht. Und endlich beerdig⸗ ten ſie ihn, ſagt man, ohne Leichenhemde. So groß war die Gefuͤhlloſigkeit, welche bei ihnen durch ihr lediges Leben entſtanden war.— Den andern Morgen kam Peter richtig an, um im Namen des Federhaͤndlers das Faß abzuholen, das er ihm vor das Dorf tragen ſollte. Nun ja, es wartet ſchon darauf! ſagte der Richter, und die Frau uͤbergab es ihm, ohne daß man ſich weiter darum bekuͤmmerte. Peter war nicht gewohnt, ſich bei ſeiner Ar⸗ beit viel zu denken, ſo dachte er auch nicht daran, wie ſchwer eigentlich Federn wiegen muͤßten. Er trug das Faß ganz nach Vor⸗ ſchrift ſo behutſam fort, als wenn er ein Kind in ſeinen Armen gehabt haͤtte. Bald darauf ſchien es ihm in dieſer Lage zu ſchwer oder zu unbeguem zu werden, er nahm es, 127 —-— ohne die vorgeſchriebene Nichtung zu veraͤn⸗ dern, beide Haͤnde uͤber die Schulter geſtreckt, auf den Ruͤcken. Ich ſah die Wieſe ſchon vor mir liegen, wo mich der Nachtwaͤchter erwartete, und ich konnte den Schalk nicht unterdruͤcken, der ſich jetzt in mir regte. Ich fing mit dumpfer Stimme an, und rief durch die Federſpulen: Peter! Schnell drehte er ſich um, und ſagte: wer ruft mich? Gleich kam die Stimme wieder von der andern Seite: was macht Bruder Hans? Er wandte ſich wieder, und meinte, daß die Jungen des Dorfs hier verſteckt laͤgen, um ihn zu necken, wie haͤufig geſchah. Still ſag ich! rief er ſeitwaͤrts. Und wieder erſcholl es hinter ſei⸗ nem Ruͤcken: Peter, was macht Bruder Hans? J du verfluchte Brut, entgegnete er, wie oft willſt du noch fragen: was macht Bruder Hans? Ihm iſt wohl, ſag ich euch, und nun laßt mich ungeſchoren. Da die Stimme von allen Seiten immer wieder kehrte, indem ich durch die Federſpulen in den Riefen 128 des Faſſes wie durch ein kleines Sprachrohr hinaus ſprach, ſetzte er endlich das Faß auf den Boden, und ſah ſich um. Nun redete ich ganz dumpf: Bruder, wo haſt du mein Hemde, mich friert. Dieſe Worte ſchienen nun vollends aus der Erde zu kommen, und dem Peter ſing an zu grauſen. Ich rief aber⸗ mals: Bruder, mein Hemde, mich friert! Peter trat drei Schritte zuruͤck und faltete die Haͤnde. O Bruder Haus! rief er aus, es iſt ja gar nicht moͤglich, wie kannſt du frieren, da du todt biſt! Gott im Himmel! ich bitte dich, geh doch nur zur Ruhe; oder warte, ich will Bruder Hennig rufen. Da⸗ mit ging er fort, erſt langſam, dann ſchnell, und endlich in der groͤßten Eile, ohne ſich umzuſehen. Der Nachtwaͤchter, der die Schaͤ⸗ kerei hinter einem Baume mit angehoͤrt hatte, kam lachend hervor und befreiete mich aus dem Faſſe. Kannſt du noch ſolche Streiche machen? ſagte er. Gut, wenn du noch Cou⸗ rage uͤbrig haſt, du wirſt ſie brauchen koͤnnen. Renke Renke nur die Fuͤße, und mach, daß du fort⸗ kommſt, ehe man dich vermißt.— Gleich reckte und ſtreckte ich mich, dankte ihm fuͤr meine Errettung und lief dann grade uͤber den Acker weg nach dem Gebuͤrge zu.— Sonderbar ſchien es mir anfangs, daß mich uͤberall ein Schwarm Tauben verfolgte, die hin und her in der Luft mich umkreiſten, aber ich erklaͤrte mir es bald aus meiner weißen Bruſt, die ganz mit Federn uͤberzogen war. Sie hielten naͤmlich mich fuͤr einen Saͤemann, der mit dem weißen Saattuche daher kaͤme, um Saamen auszuſtreuen, und da grade die Hungerzeit war, ſo flogen ſie begierig dar⸗ nach.— Als ich nun fuͤr's erſte mich weit genug entfernt hatte, ſetzte ich mich an einem gruͤnen Abhange nieder, um mir die Federn ab⸗ zuleſen. Bald war auch der ganze Raſen um⸗ her davon beſtreut, und Stieglitz und Haͤnfling kamen, Finke und Mauerſchwalbe, wie auch die zierliche Bachſtelze, um jedes ein Feder⸗ chen im Schnabel mit ſich davon zu kagen. I. Theil. J J 130 —— Rothkehlchen ebenfalls ſaß auf einem Holun⸗ derſtrauche, und lauſchte, aber es ſcheute ſich vor mir. Vielmals neigte es ſich freundlich gegen mich und nipperte und zickerte mich an. Komm nur! rief ich endlich, nun iſt alles dein. Da ſtand ich auf und uͤberließ ihm den ganzen beſchneiten Raſen. Nach den Tauben aber zuruͤckſchauend ſagte ich zu mir ſelbſt mit einem Seufzer: uns helfe Gott, es iſt die Hungerzeit! ae 131 —— Zehntes Capitel. Bettler⸗Fuͤrſt. Es giebt Tage im Leben, wo uns alles gluͤckt, und wieder andere, wo uns gar nichts gelin⸗ gen will. Oft aber betruͤben wir uns zu fruͤh uͤber das Boͤſe, und lauter Gutes kommt au deſſen Statt. So ging es mir heute. Mir begegnete dieſen Tag ſo viel Gluͤck, wie ſonſt faſt nie in meinem Leben. Ich fand zwar meine Mutter nicht wieder, aber doch das, was vor der Hand das Noͤthigſte war, um mein Leben zu erhalten. 5. Wie ich naͤmlich von den Bergen herab in das flache Feld kam, ſah ich die Ebene und die Wege durch die gruͤnen Aecker wie zu ei⸗ ner Wallfarth ganz mit Menſchen uͤberſaͤet, und alleſamt trugen Koͤrbe, Schuͤrzen, Ko⸗ ber und Querſaͤcke, denn es waren Bettler. Ich geſellte mich bald zu einem Trupp junger 0. ₰ 2 132 —— Leute, die alle dieſelbe Parole fuͤhrten, und ſich mit mir auf das Lied beriefen: der Vater iſt im Krieg! Auf die Frage, wohin ſie wanderten, ſahen ſie mich groß an, und wun⸗ derten ſich, daß ich das nicht wiſſe. Zur Spende gingen ſie, gaben ſie zur Antwort.— Wie angenehm uͤberraſchte mich dieſe Both⸗ ſchaft! In einem Dorfe vor uns zog man eben die Glocke an, und alles beſchleunigte ſeine Schritte. Es war ein altes Vermaͤcht⸗ niß bei dieſer Gemeine, vermoͤge deſſen alle Jahr an einem beſtimmten Tage nach Vor⸗ ſchrift gewiſſe Lebensmittel, die groͤßtentheils in Vietualien und Brod beſtanden, unter die Armen vertheilt werden mußten. Ein großes Getuͤmmel erfuͤllte das Dorf. Auf einem gruͤnen Platze lagerten ſich in langen Reihen die Beduͤrftigen; viele Fremde, die, dem Schauſpiele mit beizuwohnen gekommen wa⸗ ren, trieben ſich hin und wieder. Andere hatten auf dieſen Zuſammenſluß von Men⸗ ſchen ihren Vortheil berechnet und Buden 133 — und Zelte aufgeſchlagen, worin man Waaren kaufen, und eſſen und trinken, tanzen und ſpielen konnte, ſo daß der Tag im Dorfe wie ein Sonntag und der Platz wie ein Jahr⸗ markt ausſah. Als die Glocke wieder ange⸗ zogen wurde, mußten ſaͤmtliche Bettler in die Kirche, denn das war Sitte, und wer nicht in die Kirche ging, bekam nichts zu eſſen. Nun gab es aber einen eigenen Anblick, alle Sitze, Stuͤhle, Choͤre, das ganze Haus mit Bettlern angefuͤllt zu ſehen; und als die Or⸗ gel anfing und alle ein frommes Lied anſtimm⸗ ten, bemerkte ich, wie viele alte Leute Thraͤ⸗ nen vergoſſen. Sie mochten wohl an ihr Schickſal zuruͤck denken, und vielleicht in beſ⸗ ſeren Tagen nicht geahnet haben, daß ſie noch auf dieſe Weiſe Gott preiſen wuͤrden. Der Prediger kam und hielt eine Rede uͤber das Thema: Auch den Bettler muß man nicht verachten. Dieſes zog er aus der Entſtehung des Vermaͤchtniſſes, wovon er alle Jahr von der Kanzel herab die Geſchichte er⸗ 134 — zaͤhlte. Sie klang etwas wunderbar, wurde aber nach dem Zeugniſſe aller immer mit gro⸗ ßer Andacht angehoͤrt. Folgendes war ihr Inhalt. Ein Ritter eilte einſt aus dem Kampfe ſei⸗ ner Heimath zu, ſiegreich und voll Uebermuth. Seine Knappen hatte er im raſchen Ritte zuruͤck gelaſſen, und ſo kam er allein an einen Wald. Da ſtand ein Bettler am Wege, der, ſchier verſchmachtend, ihn anflehete und ſprach: Gebt mir eine Gabe. Fort, alter Boͤſewicht, fuhr der Ritter ihn an, was haͤltſt du mich auf. Ritter, ſprach der Bettler, ich bin zwar nur gering, doch verſchmaͤhet nicht den Rath eines Bettlers, geht nicht durch dieſen Wald, daß ihr nicht von Raͤuberhaͤnden fallet.— Alter Luͤgner, ſchweig, ſagte der Ritter, und ſtuͤrmte weiter fort. Aber kaum war er bis in des Waldes Dunkelheit gekommen, ſo fiel eine Horde roher Menſchen uͤber ihn her, und nur mit Noth und blutend am Arm entrann er ihren Streichen. Wieder auf und ab jagte * 135 er, wie eben die Wege ſich kreuzten, und auf einmal ſtand der Bettler wieder vor ihm, und ſagte: ich bitte, o Herr, gebt mir eine Gabe; ſeht, daß ich ſchier vor Hunger ſterbe. Geh du, alter Dieb, ſchnob der Ritter ihn an, du biſt es, der mir Ungluͤck bringt; fort, und halte mich nicht auf. Herr, rief der Bettler, ich bin wohl nur gering, doch ſteht mein Rath euch zu, vermeidet dieſen Weg, der in einen Sumpf euch fuͤhrt, reitet da hinaus. Sumpf und du ſchrecken mich nicht, ſagte der Ritter, und ſtuͤrmte weiter fort. Aber kaum that eine Wieſe ſich auf, da ver⸗ ſank ſein Roß in tiefen Schlamm; nur mit großer Noth zog er blutend es heraus, und ging mit hinkendem Fuße. Langſam ritt er nun weiter, und kam an einen reißenden Strohm; daruͤber fuͤhrte ein langer Steg. Aber der Bettler lag davor und hielt ihm als ein Sterbender die Hand hin. Was liegſt du hier, wie ein Hund, ſagte der Ritter; ich muß fort, daß ich den Sieg verkuͤnde. Nicht ———— uͤber den Steg, ſtammelte der Bettler, und winkte mit halb ſchon gebrochenem Auge. Aber der Ritter ſprengte zu; donnernd krachte die Bruͤcke zuſammen, und warf ihn in den Strohm. Gegen den Tod ankaͤmpfend, ent⸗ raffte er mit der letzten Kraft ſich den ſchaͤu⸗ menden Wogen, vom Waſſer triefend und vom Blut. Da ſprach der Bettler noch die Worte: nimm, Ritter, dieſes Band von meinem Bettelſack, daß du dir damit deine Wunden verbindeſt, damit du nicht ſter⸗ beſt wie ich!— Nun erſt arde es⸗Ritters Sinn erweicht, nieder ſtuͤrzte er auf ſeine Knie, und ſuchte eilend nach einer Erquickung, die er dem Sterbenden reichen moͤchte; aber des Bettlers Geiſt war ſchon von hinnen. Da reute den Ritter ſeine Hartherzigkeit, und er lud den Bettler auf ſeine Schulter und trug ihn in das naͤchſte Dorf, nach Ritterfeld, wo er noch jetzt begraben liegt mitten auf dem Kirchhof unter dem großen Stein. Aber ſeinen Undank zu verguͤten, hat der Ritter hier ein ¹ 8 5 Vermaͤchtniß geſtiftet, und dieſen Tag einge⸗ ſetzt, um uns alle zu lehren, daß man auch einen Bettler nicht verachten muͤſſe. Als der Gottesdienſt beendigt war, zog die Bettlergemeinde nach dem Stein, ſtellte ſich umher, und ſang das letzte Lied. Man ſah noch eingegraben, wie der Bettler vor dem Ritter kniet, aber der Ritter ihn hart von ſich ſtoͤßt, und in einem andern Felde, wie er ihn in ſeine Arme faßt, und mit ſich fort traͤgt.—. Alles lagerte ſich darauf wieder auf dem gruͤnen Platze, und es war eine Bewegung und ein Gewimmel, wie wenn im Walde der Wind weht und die Blaͤtter ſich kraͤuſeln.— Wer wird heute unſer Fuͤrſt ſein! hoͤrte ich da ſagen. Ich verſtand dieſe Worte nicht, und noch ehe ich mich recht erkundigen konnte, gingen ſchon die Geſchwornen des Dorfes mit einem Kelche umher, und jeder Arme mußte aus demſelben ein Loos ziehen. Neugierig oͤfnete ich meinen Zettel und fand mit Stau⸗ 138 nen das Wort darin geſchrieben: Bettler⸗ Fuͤrſt. Gleich fiel mir mein alter Prinzen⸗ name wieder ein, indem riefen andere neben mir: hier iſt der Fuͤrſt! Drauf fuͤhrten mich die Geſchwornen mitten auf den Platz, wo die Gaben lagen, und ich mußte mir das Beſte ausſuchen, und vier Groſchen bekam ich noch obendrein. Indem ich noch beſchaͤftigt war, mich in mein Gluͤck zu finden, umringten mich zwoͤlf Jungfrauen, die ein langes praͤchtiges Band hielten. Solches hingen ſie mir um, von der Schulter und uͤber die Bruſt hinab, ſo daß das Ende davon noch an der Erde nach⸗ ſchleppte. Eine davon aber ſprach die feier⸗ lichen Worte: nimm hier das Band vor deinem Bettelſack wieder. Auch ei⸗ nen Stab gaben ſie mir in die Hand, der vorn mit Goldſchaum reich verziert war und ein Scepter vorſtellen ſollte.— Nun gin⸗ gen die Maͤnner an die Austheilung, und ich mußte immer hinter drein ſchreiten, um— wie ſie ſagten— Ordnung zu halten, und uͤber 139 —— Streitigkeiten zu entſcheiden. Auch ſtand mir frei, mit dem Stocke zuzuſchlagen und zu ſprechen: du, ſei ſtill, oder, du, ſei zufrie⸗ den und murre nicht. Doch merkte ich wohl, daß dieſes Amt und dieſe Wuͤrde mehr Scherz und Ceremonie, als wirklicher Ernſt war; denn wenn die Geſchwornen nicht geweſen waͤ⸗ ren,— ich haͤtte die Ordnung nimmermehr erhalten koͤnnen. Nachdem alle umher ihre Gaben empfan⸗ gen hatten, und die Armen geſpeiſt waren, umringten mich, der ich auf einem Stuhl und an einem beſondern Tiſche ſaß, die Bet⸗ telkinder mit luſtigen Gebehrden. Ich glaubte anfangs, daß dies aus Neugierde geſchehe, um ihren Fuͤrſten ſpeiſen zu ſehen, wie dies das Volk uͤberall gern thut; aber ſie fingen an zu ſprechen: gnaͤdigſter Fuͤrſt, verleihe uns etwas von deiner Huld und Gnade; und an⸗ dere, welche dreiſter waren, ſagten: da du Furſt biſt, ſo zeig' es uns auch. Die Dorf⸗ jugend ſtand weiter hin und lachte: ja, Fuͤrſt, . 140 —-— zeige dich! riefen ſie aus. Die Bauern ſa⸗ hen zu, und erwarteten, was ich thun wuͤrde. Eine Welle hielt ich dieſe Reden fuͤr eine Necke⸗ rei, da indeß die neugierig freundlichen Geſichter umher immer ernſthafter wurden, ſo merkte ich daraus, daß ich auf irgend eine Weiſe ihre Hofnung erfuͤllen muͤßte. Iſt es doch auf allen Feſten ſo, daß der zum Koͤnig Erwaͤhlte andere begluͤcken und beſchenken muß, ſollte es ihm auch den letzten Heller koſten. Nun fühlte ich mich auch gleich durch und durch von fuͤrſtlicher Milde durchdrungen, und es ſchien mir ein Leichtes zu ſein, Gaben zu ver⸗ theilen, die ich erſt von andern empfangen haͤtte. So wie ſich alſo ein Soldatenkind bis zur Erde vor mir neigte, und ſprach: mein Vater ſtarb in Dienſten Eurer Majeſtaͤt! reichte ich ihm ein zierliches Dreierbrod hin 4 und ſagte: hier iſt die Belohnung dafuͤr! Wieder ein anderer kam und ſprach: ich ſtam⸗ me aus einem alten Hauſe, das ſchon vor fuͤnfhundert Jahren Eurer Majeſtaͤt große 141 Dienſte geleiſtet hat, ich bitte eure Majeſtaͤt, dem Verfall meines Hauſes ein wenig aufzu⸗ helfen; Sie ſehen, wie gar durchlaucht ich bin. Dieſer Volkswitz wurde von der Menge ſehr belacht, und ich ſpendete an die alte Stuͤtze meines Throns drei Pfund Schin⸗ ken. Mehrere naͤherten ſich, und es wurde offenbar, daß ſie ihre Rollen vorher einſtudirt hatten. So kam jetzt ein Dritter und ſprach in einem kecken Ton: ich bin zwar nur ein Junker vom Lande, aber ich ſtecke den Degen an die Seite und laſſe Eurer Majeſtaͤt nur meinen Namen vermelden, und gleich werden eure Majeſtaͤt die Gnade haben, mich zur Ta⸗ fel zu laden. Hier, mein lieber Herr von Keck, gab ich zur Antwort— indem ich ihm eine Knackwurſt von drei Ellen reichte— habt ihr eine Domherrnſtelle. Drauf meldete ſich einer, welcher ſagte, er ſei der Kammerdi⸗ rector Sorgenvoll, und baͤte um ein gnaͤdi⸗ ges Gehoͤr. Ich merkte bald den Gedanken davon und entgegnete: Junker Hans von Keck iſt da, wartet, bis wir abgeſpeiſt haben; doch, damit ihr unterdeß etwas zu thun habt, geb' ich euch hier eine Nuß aufzuknacken. Wieder ein anderer kam, welcher betheuerte, daß er ganz ſicher auf meine Gnade Anſpruch machen duͤrfe, denn ſeiner Mutter Schweſter habe eine Tochter, welche verheirathet ſei an einen geſchickten Mann, der mit eigener Hand die Meſſer ſchleife bei dem Kammerdiener des Adjutanten ſeiner Majeſtaͤt. Du haſt Recht! ſagte ich und uͤberreichte ihm ein gebratenes Huhn mit den Worten: hier haſt du eine Leibrente. Nach ihm erſchien ein armer Schul⸗ meiſter: ſein Schulhaus waͤre im Kriege halb ruinirt, ich moͤchte es doch wieder erbauen laſſen. Ihr muͤßt euch behelfen, ſagte ich, bis es hier zu Lande wieder Krieg gibt, wo das Schulhaus vollends wird ruinirt werden; dann iſt es ein bauen, doch um auch fuͤr euch zu ſorgen,—— ſchnitt ich ihm ein Scheibchen, ſo duͤnn wie ein Mohnblatt, her⸗ unter, und ermahnte ihn zur chriſtlichen Ent⸗ 143 — haltſamkeit. Drauf kam eine ganze große Schaar muthwilliger Knaben, welche alle hink⸗ ten und riefen, ſie kaͤmen aus dem Kriege, und wollten Thorſchreiber werden. Ich ſagte: Gott, ſo viel Thore hab' ich ja kaum; da habt ihr einen Gnadenthaler, und nun koͤnnt ihr obendrein betteln, wo ihr wollt; aber ich rathe euch, geht nach dem Dorfe Ritterfeld, da giebt es gute Leute, die reiche Spenden austheilen. Da erhob ſich ein lautes Jubel⸗ geſchrei im Volk, und alle lobten den Bettler⸗ Fuͤrſten. Ich aber, um den Tumult noch zu vermehren, oder weil ich auch fuͤr mich noch einen Spaß haben wollte, ſtieg auf den Tiſch, nahm die vier Groſchen, die ich bekommen hatte, und ſchleuderte ſie weit umher. Da war es denn eine Luſt zu ſehen, wie die Leute uͤber einander ſtuͤrzten, wie Arme und Beine kreuzweis durch einander lagen, und kaͤmpfend und ringend ſie einer Auferſtehung gleich ſich allmaͤhlig entwirrten. Es gab Lachende und Weinende, Selige und Verdammte. Zuletzt 144 ——— zog ich das Band von meiner Schulter, zer⸗ ſchnitt es mit dem Meſſer in viele Stuͤcke, und ließ dieſe auf die Menge herabflattern, indem ich ſagte: hier theile ich meine Reiche unter euch!— Alle ſchmuͤckten die Knopf⸗ loͤcher damit, und ich entließ ſie als Fuͤrſten und Grafen.—— Da nun mein Schatz bis auf wenige Brocken erſchoͤpft war, ſtieg ich von meinem Thron herab„ und begab mich in philoſophiſche Ruhe; aber viel Volks draͤngte ſich nach, um mich zu ſehen. In ihrer Mitte fuͤhrten ſie einen alten Mann daher, von dem ſie ſagten, daß er die Gabe der Weiſſagung beſaͤße. Dieſer ſah mit finſterer Stirn aus ſeinen grauen Haaren hervor, faßte mich mit einem klaren Blick ins Auge und ſagte: Sohn, was verleugneſt du dich! ich ſehe in einen Teich und erblicke ein Schloß, ich ſehe in einen Traum, und erblicke das Leben. So magſt du wohl noch erleben einſt, was du heute getraͤumt haſt⸗ Die Welt iſt verkehrt, der Knaul liegt ver⸗ wirrt, 145 ——— wirrt, wer mag ſagen, wo das Ende ſich verbirgt. Gott mit dir und mit uns allen! Da ließ er mich, und weiter gehend ſah ich in Gedanken ſchon Schloß und Herrlichkeit vor mir. Doch fuͤr jetzt war ich ein Bettler, und noch dazu genoͤthigt, mich den Blicken der Reugierigen zu entziehen, aus Beſorgniß, daß den Entlaufenen vielleicht jemand kennen moͤchte. Ich ſchlich daher ſchuͤchtern an den Hecken hin, und erſpähte die einſamſten Oer⸗ ter. Da ich das Spritzenhaus, wegen Feuers⸗ gefahr, die man bei der Unordnung eines ſol⸗ chen Tages wohl fuͤrchten konnte, offen ſah, ſo ging ich hinein und verbarg mich hinter die Feuerleitern, die mir auch fuͤr Schlaf und Ruhe in der Nacht ſichern Schutz gaben. I. Theil. K 146 —- N Elftes Capitel. a Hirt. Den andern Morgen machte ich mich ſehr fruͤh auf, noch ehe die Spritzen wieder zuruͤck gebracht wurden; aber als ich ſo eben ruhig meinen Weg fortging, raſſelte etwas neben mir und ich ſah mich um. Da war es, als ob ein Schutt⸗ oder Steinhaufen, der vor dem Dorfe auf dem Anger lag, ſich leiſe zu regen anfinge. Ich trat naͤher und wurde den Kopf eines Hundes gewahr, der halb aus den Steinen hervorblickte. Es ſchien, daß die wilde Jugend des Dorfs oder ſonſt ein rohes Geſindel ihn hier geſteinigt hatte, um des Fremdlings los zu werden; aber der letzte Lebensfunken war noch nicht erloſchen, und regte ſich in der Morgenſonne wieder. Ich befreite ihn ſogleich von dem ſchweren Panzer, der ihm ſchon bei Lebzeiten zum Lei⸗ — 147 —— chenſtein werden ſollte. Kaum, daß er auf den Fuͤßen ſtand, ſo ſank er vor Mattigkeit wieder hin, und kruͤmmte ſich auf der Erde. Ich ſetzte mich zu ihm nieder, und gab ihm von dem uͤbrigen Fleiſche und von dem Brode, das ich noch bei mir fuͤhrte, und er nahm und erholte ſich alltaͤhlig wieder. Jetzt er⸗ hob er ſich mit zitternden Knieen, und ſchlich zu einem Bach, wo er ſeinen Durſt ſtillte; drauf kehrte er muthiger zuruͤck, kroch zu mei⸗ nen Fuͤßen und leckte mir die Hand. Es war ein ſehr zottiges Thier mit einem ſehr graͤmlichen Geſicht, ein Pudel von ſchwarz⸗ grauem Fell und unfreundlichem Anſehn. Herrenlos ſicher hatte dies Schickſal ihn ge⸗ troffen, denn ſeine Geſtalt ſprach nicht fuͤr ihn. Pätzlich, wie durch eine Eingebung— fiel mir ein, ob es nicht vielleicht der Hund des Fuhrmanns ſein koͤnne, den dieſer nicht lange verloren hatte. Ich verſuchte, ob er ſich beim Namen zu erkennen gaͤbe, und da ich Pluto rief, ſtreckte er den Kopf noch K 2 148 —-— einmal ſo freundlich zu mir empor, ſchuͤttelte die Maͤhnen, und gebehrdete ſich, als ob er aus der Ferne die Stimme ſeines Herrn ver⸗ naͤhme. Sobald ein Kranker wieder lacht, iſt auch die Geneſung da, und der Pudel lachte auf ſeine Weiſe, indem er mit dem Schwanze wedelte. Nun lockte ich ihn wei⸗ ter fort, und langſam vorwaͤrts ſchreitend feſſelte ich ihn an meine Schritte. Mit die⸗ ſem Patienten kam ich heute nicht weit. Doch das Schlimmſte war, daß uns Nachmittags der Proviant ausging, und ich nun umher ſpaͤhen mußte, wie wir uns das Leben friſten Lönnten. t Es war eben die Zeit, daß die jungen Mohrruͤben anfingen, den gruͤnen Erbſen nachzukommen; indeß waren jene noch ſehr klein, und dieſe noch ſehr ſpaͤrlich. Da es mit zur Freude der Dorfjugend gehört, in die gruͤnen Erbſen zu gehn, ſo hielt ich es in meiner jetzigen Lage auch fuͤr kein groß Ver⸗ brechen, und ich wuͤhlte mich ziemlich tief hin⸗ — — 149 — ein; aber ich wurde ſchoͤn dafuͤr beſtraft. Ich ſaß eben bis an den Kopf in den Schoten, und achteto nicht auf das Bellen meines Hundes, der mich zu warnen ſchien, als ſich ploͤtzlich eine große Geſtalt uͤber mich erhob, und mich beim Schopf nahm. In das Hundeloch ſollſt du, Spitzbube, ſagte der Menſch, und ſchleppte mich nach dem Dorfe fort. Es war der Feld⸗ huͤter, Nachtwaͤchter und Gaͤnſehuͤter zugleich. Haͤtte ich nur noch etwas von geſtern uͤbrig behalten, mit einer Kleinigkeit haͤtte ich mich loskaufen koͤnnen; denn ſolche Leute ſehen in ihrem Amte gewoͤhnlich nur das Mittel, ſich zu erhalten. Sie ſtellen ſich nicht hin, jeman⸗ den abzuwehren, daß er nicht uͤber den Acker faͤhrt; ſondern ſie verſtecken ſich dahinter, um, wenn der Schaden ſchon geſchehen iſt, die Strafe einzufordern. Dieſe Verkehrtheit und unchriſtliche Geſennung findet man nicht ſelten auch bei andern Polizei⸗ und Gerichtsanſtal⸗ ten; uͤber der Begierde zu ſtrafen vergißt man haͤufig den Zweck des Geſetzes, die Verhuͤtung 130 des Uebels und die Wohlfahrt der Menſchen.— Jetzt ſaß ich nun bei dem Feldhuͤter in der elenden Huͤtte, die ſchon ganz und gar ein Hundeloch zu ſein ſchien. Er viſitirte mir die Taſchen und examinirte mich. Ein armes Kind, das ſeine Mutter ſucht, konnte ſeinen Zorn nicht ſehr reizen, doch ſchalt er mich ei⸗ nen Tagedieb und ſagte, ich muͤßte zur Ar⸗ beit angehalten werden. Indem hoͤrte ich ein großes Gaͤnſegeſchrei, und ſeine Frau kam wimmernd und fluchend nach Hauſe, und hinkte, denn ſie hatte ſich einen Dorn in ih⸗ ren nackten Fuß getreten. Jäͤmmerlich ver⸗ brannt und von Muͤcken zerſtochen warf ſie ſich klagend in den Winkel. Das hab' ich von ſolchem Leben! ſagte ſie. O ich Thoͤrin, warum hab' ich gefreit, warum hab' ich dich zum Manne genommen! Wie gut hatt' ich es ſonſt; mir hat es bei meinem Brodherrn nie an etwas gemangelt. Bei der Arbeit wer ich friſch und froh, ich hatte als Magd nicht 6 zu ſorgen, wer mir den Tiſch decken wuͤrde. 151 ——— Da kamſt du, und ich dachte, ich muͤßte freien wie andere, ich muͤßte mein eigner Herr fein. Ja, ſchoͤne Freiheit, ſchoͤne Herr⸗ lichkeit. In der Glut gebraten, am ganzen Leibe zerſtochen komm' ich muͤde und hungrig und elend nach Hauſe, und wer hat gekocht, wer hat gedeckt? O wie hatt' ich es als Maͤd⸗ chen doch beſſer! 8 Dieſe Sprache hoͤrt man haͤufig auf dem Lande. Die Ehe iſt ein großes Wort, aber wenn die Armen nur inſtinetmaͤßig der Na⸗ tur folgen, und dabei an weiter nichts den⸗ ken, ſo werden ſie auch Sclaven der Natur, und leben in einem Thierzuſtande, wo ſie von der menſchlichen Wuͤrde und Freiheit wenig ſchmecken. Daher folgt es auch wie von ſelbſt, daß Gebildete, die nicht einer Forderung und einem Wunſche erliegen, haͤufig aus andern Nuͤckſichten die Ehe verſchmäͤhen, und ſie hoͤhern Zwecken unterordnen. Die Frau des Feldhuͤters fuͤhlte ſich nun an lauter Jam⸗ mer und Elend angekettet, und es verrieth 152 noch eine gewiſſe Kraft der Seele, daß ſie mit der bloßen Befriedigung des Hungers und der erſten Beduͤrfniſſe, ohne zu fragen, wie und wodurch, nicht zufrieden war; denn auch die Auswahl der Speiſen bis zur Ueppigkeit hinauf bezeichnet noch immer die Freiheit des Menſchen.— Wo fehlt es denn, ſagte der Feldhuͤter, hier haſt du ja zu eſſen und zu trinken; und er uͤberfuͤllte den ganzen Tiſch mit laͤndlichem Vorrath, ſo daß man wohl ſah, ſie litten noch lange keinen Hunger. Wie die Frau etwas beſaͤnftigt war, klagte ſie uͤber die Schmerzen am Fuß: ich kann nicht fort, ſagte ſie, mag die Gaͤnſe huͤten, wer will— Sei doch nur ruhig, antwortete er, morgen ſoll ſie ein anderer hinaustrei⸗ ben. Sieh! da hab' ich einen Tagedieb auf⸗ gefangen, er iſt mir ſo noch das Pfaͤndegeld ſchuldig, den ſchicken wir kuͤnftig hinaus, daß du endlich einmal aufhoͤrſt zu klagen. Aber nimmer haͤtte ich dich genommen, haͤtte ich das gewußt.— Ja, wahrhaftig, ich auch 158 — nicht, verſetzte ſie drauf.— Du haſt es ja gewollt, ſagte der Feldhuͤter, und alſo ſei ſtill. Nun hoͤrten ſie auch wirklich auf, dieſes Capitel, wenigſtens fuͤr heute, weiter fortzu⸗ ſetzen.. Am andern Morgen mußte ich demnach die Gaͤnſe hinaustreiben, und der Feldhuͤter ging mit, um mir zu zeigen, wie ich ſie ſammeln, zuſammenhalten und wo ich ſie huͤten muͤßte. Einen Kober gab er mir auf den Weg mit grobem Brod und hart⸗ geraͤucherter Speiſe, wovon ich den ganzen Tag leben mußte. Al⸗ 1 les war alt und feſt, und wurde vollends in der Sonne ſo trocken, daß ich kaum mit dem großen Meſſer durchdringen konnte. So war ich denn nun Gaͤnſejunge. Meine Lage uͤberſchauend ſtand ich auf einem Huͤgel und zaͤhlte die Gaͤnſe. Traurig dacht' ich jetzt an meine Mutter, an Gruſingen, an die Schuſterfrau, an die beſſern Tage zuruͤck und ſprach: hat mich denn alles verlaſſen? Kaum b . 154 hatte ich dieſe Worte geſprochen, ſo rauſchte es hinter mir, und der Pudel, mein treues Thier, kam uͤber das Feld gelaufen. Er ſprang an mich heran, ich beugte mich zu ihm nieder, ich rieb ihm die Ohren, ich ſchlug ihm den Ruͤcken, er winſelte vor Freude, und ich richtete tauſend Fragen an ihn. Du ver⸗ laͤßt mich nicht, ſagte ich, du willſt bei mit bleiben, und den ganzen Tag war er meine Geſellſchaft und mein Zeitvertreib. Frellich ſetzte es dafuͤr noch ſchmalere Biſſen, indem ich mein kaͤrgliches Mahl mit ihm theilte, aber lieber Hunger als Langeweile. Ich ließ ihn apportiren, uͤber den Stock ſpringen und andere Kuͤnſte machen; auch lehrte ich ihn rechts und links bei den Gaͤnſen die Wache halten. Am liebſten aber lag er bei mir, und, kam ein Fremder, ſo fuhr er bellend auf.— Was iſt doch der Hund fuͤr ein merkwuͤrdiges Thier! Andere Geſchoͤpfe werden gewoͤhnlich von einerlei Temperament geleitet, von einer Begierde getrieben, und ſind entweder raub⸗ und mordſuͤchtig, wie Wolf und Tiger, oder ſanft und zaͤrtlich, wie Lamm und Taube; der Hund aber vereinigt beides und zwar mit Verſtand und Uuterſcheidung, indem er dem einen als ſeinem Herrn liebkoſt und ſich auch jeder Zuͤchtigung unterwirft, und einem an⸗ dern als deſſen Feind ſich beiſſend widerſetzt und ſo der Menſchen Freund und Feind zu⸗ gleich iſt.— Ich war froh, daß der Feld⸗ huͤter mir die Geſellſchaft meines Pudels nicht unterſagte, und mit Huͤlfe eines beſondern Zufalls that ich nachher ſogar einen eigenen Fund durch ihn. Nach Eintreibung der Gaͤnſe naͤmlich ging ich einſt des Abends noch vor das Dorf, und ſah der Dorfjugend zu, wie ſie Ball ſpielte. Ich haͤtte gern mitgeſpielt, aber der Stolz der Bauerburſchen erlaubte es nicht, weil ein Gaͤnſejunge nach der Dorf⸗ etikette tief unter ihnen ſteht. Doch verſchafte ich ihnen das Vergnuͤgen, daß mein Pudel ihnen den Ball, wenn er weit uͤber's Ziel flog, zuruͤckbringen mußte, und ich wurde 156 4—— dabei fuͤr die Zuruͤckſetzung vom Schickſal auf eine eigene Weiſe bedacht; denn als der Ball einmal ſehr hoch und ſeil in die Luft ging und lange ausblieb, glaubte der Pudel, wie eben der Wind durch duͤrre Blaͤtter raſſelte, daß er ſchon weit hinter ihm niedergefallen ſei, und brachte etwas, das einem Balle aͤhn⸗ lich ſah. Von den Buben zuruͤckgeſcholten, trug er das Gefundene zu mir. Ich nahm es auf, betrachtete es naͤher, und wie ich es vom Schmutz gereinigt hatte, war es eine kleine rothe Kapſel, die irgend etwas zu ver⸗ wahren ſchien. Ich druͤckte an das ſilberne Haͤkchen, das daran beſindlich war⸗ ſie ſprang aauf und zeigte mir ein ſauberes, noch ganz friſches Bild, das auf gruͤner Seide ruhte, und unten einen fluͤchtigen Federzug hatte. Da ich nichts Blitzendes darau fand, das b mir die Vermuthung einer Koſtbarkeit haͤtte erwecken koͤnnen, ſo beſtimmte ich es gleich zu dem Gebrauche eines Amulets, das viele Land⸗ leute als Verwahrungsmittel gegen unbekannte 157 —-— Uebel auf der bloßen Bruſt zu tragen pflegen. Ich verbarg es gleichfalls auf der Bruſt und ließ es niemand ſehen. Noch wollte es mir aber kein Gluͤck brin⸗ gen: die Speiſen des Feldhuͤters wurden im⸗ mer kaͤrglicher und ſchlechter und des Zankens mit ſeiner Frau uͤber ihre Urzufriedenheit war kein Ende, ſo daß ich die Feierſtunden lieber unter freiem Himmel als zu Hauſe zu- brachte. Indeß ruͤckte der Herbſt heran, die Witterung wurde immer ſchlimmer und meine Kleidung und mein Anſehn immer klaͤglicher. Dazu kam noch eine ungerechte Forderung des Feldhuͤters, welche darin beſtand, daß ich die Gaͤnſe draußen ein wenig berupfen, einen guten Vorrath Federn ſammeln und heimlich mit nach Hauſe bringen ſollte. Zu dieſer Un⸗ ehrlichkeit wollte ich mich durchaus nicht ver⸗ ſtehn; und da er mit Schlaͤgen drohte, ſah ich ſehr traurig von meinem Huͤgel herab, und uͤberdachte mein Schiekſal. Indem fing eine muntere Stimme mir gegenuͤber an zu ſingen: 158 Iſt doch wohl kein beſſer Leben In der ganzen weiten Welt Als das gruͤne Schaͤferleben; Haben ſie all zeit kein Geld, Haben ſie doch Ruhe, Brauchen keine Schuhe u. f. w. Es war der Schaͤfer. Ihm muß es doch beſſer gehn, als dir, dachte ich bei mir ſelbſt, weil er ſo froͤhlich ſingt; und ich verließ auf einige Schritte meine Gaͤnſe, um ein Ge⸗ ſpraͤch mit ihm anzuknuͤpfen. Keine Schuhe? ſagte ich; ach! ich bin nicht gewohnt, barfus uͤber die Stoppeln zu laufen, und bei mir kuckt nicht allein der Fleiſcher beim Strumpf⸗ weber aus dem Fenſter, ſondern beide ſtehn beim Schuſter in der Thuͤr. Und inwendig bin ich wie ein leerer Baͤckerladen, worin der Hunger zur Miethe wohnt. Wenn ich nicht bald einen beſſern Herrn finde„ ſo kann ich mich nur hinſtrecken wie einen Klipfiſch und den Geiſt aufgeben. Der Schaͤfer ſchuͤttelte den Kopf und ſagte: pfui! wer wird auch 159 ———— Gaͤnſe huͤten! erſt das Geſchnatter und das Geſchrei, und dann, wenn ſie uͤber den Bach fliegen, ſtehſt du da wie ein Narr, und machſt einen Hals wie die Gans ſelber. Da lobe ich mir meine ruhigen, friedlichen Schafe, die immer gehen, wo ich es haben will, die mir folgen wie die Schulkinder unſerm Cantor, die ich im Huy gleich mit einem Pfiff herum⸗ holen kann, die mir Runde und Quarree ma⸗ chen, wie die Soldaten. Laß die Gaͤnſe, Burſche, und komm zu uns heruͤber, hier giebt es mehr zu verdienen. Mein Herr hat jetzt fremde Schafe in die Fuͤtterung genom⸗ men, die kannſt du austreiben, und ſie zur beſten Weide fuͤhren.— Ja, wenn er mir ein Paar neue Schuh giebt, ſagte ich, ſo bin ich morgen dabei. — Er ſprach mit ſeinem Herrn, und die Sa⸗ che wurde richtig. Die Gaͤnſezeit ging ohne⸗ hin bald voruͤber, ich bekam alſo den Abſchied, und trat fuͤr ein Paar neue Schuhe in die Dienſte des Schaͤfers. 160 Das neue Leben gefiel mir dreimal beſſer, und ich fuͤhlte mich gehoben, wie ein Schul⸗ knabe, der von Quinta nach Auarta verſetzt iſt. Bei den Schafen war weit mehr Ruhe, und ich konnte mich weit ſicherer meinen Ge⸗ danken uͤberlaſſen. Wenn ich nur welche ge⸗ habt haͤtte! In der Philoſophie war ich da⸗ mals noch nicht weit vorgeruͤckt. Ich ſann alſo auf Mittel, mich zu beſchäftigen und nebenbei noch etwas zu verdienen. Das Strumpfſtricken, das manche Schaͤfer vor⸗ nehmen, ſtand mir nicht an. Ich legte mich lieber darauf, etwas aus Holz zu ſchnitzen; aber, wie man auf jedem Inſtrumente nicht jedes Stuͤck ſpielen und die Geige nicht auf der Trompete blaſen kann, ſo konnte ich auch mein großes Meſſer nicht zu allem gebrau⸗ chen. Quirle konnte ich wohl damit ſchnei⸗ 3 den, aber Vogelbauer brachte ich ſchon nicht zu Stande. An den Sprenkeln zum Roth⸗ kehlchenfang, der jetzt im Dorf im vollen Gang war, mußte ich die Loͤcher und die Schnur 161 —— Schnur ſchuldig bleiben. Doch an den hohen Binſenmuͤtzen, womit die Kinder Grenadier ſpielten, fehlte nichts. Und vorzuͤglich war denen, die ſich beim Cantor einſchmeichelr wollten, mit langen, auserwaͤhlten Haſel⸗ ſtoͤcken gedient, die ich ihnen denn aus den nahen Buͤſchen zur vollkommenen Zufrieden⸗ heit lieferte. Dafuͤr verlangte ich kein Geld, ſondern Buͤcher, woraus ich etwas lernen koͤnnte. Ich erhielt zunaͤchſt den Eulenſpiegel und ein altes halb zerriſſenes Geſangbuch. Jener erfreute mich vornehmlich, und die Streiche darin erweckten meine Seele zu neuer Munter⸗ keit, ſo daß wieder die Erziehung meines Va⸗ ters die Oberhand zu gewinnen ſchien. Doch hatte ich noch das Geſangbuch bei mir liegen, das ich als meine Mutter betrachtete, und ich verſuchte eins ihrer Lieblingslieder daraus zu ſingen. Indem ich ſo meine Stimme den Worten zuwog, und vor Andacht nicht hoͤrte und ſah, ſiel ploͤtzlich ein Schatten auf das I. Theil. L 162 ——— Buch; ich blickte auf und— ein Mann ſtand vor mir, den ich als den ehrwuͤrdigſten des ganzen Dorfs kannte. Es war der Paſtor. Ich erhob mich von der Erde, entbloͤßte mein ſtruppiges Haar und verneigte mich vor ihm. Was machſt du da, mein Sohn? fragte er. Ich ſinge ein wenig, Herr Paſtor, gab ich zur Antwort. Biſt du ein ſo frommes Kind? laß doch ſehen! das Geſangbuch!— ei ei! und den Eulenſpiegel. Ja, Herr Paſtor, er⸗ wiederte ich darauf, ich laͤſe gern beſſere Buͤ⸗ cher, wenn ich welche haͤtte, ich moͤchte fuͤr mein Leben gern etwas lernen, aber ich habe niemand, der ſich meiner annimmt, da liege ich den ganzen Tag bei dem lieben Vieh, und werde am Eude noch ganz verwildern.— Ei! du mußt in die Schule gehen, mein Sohn, das ſind die rechten Jahre. Es wird doch nicht immer Schafe zu huͤten geben; der Win⸗ ter kommt, es treten naſſe, kalte Tage ein, da behalten ſie die Leute lieber zu Hauſe, und unterdeß kannſt du wohl in die Schule ge⸗ —,— 163 hen;— ich will mit deinem Herrn ſprechen; hab' guten Tag, mein Sohn! Dieſe Worte klangen mir wie Feierabend nach ſaurer Arbeit, und ich kann nicht ſagen, wie ich von Ehrfurcht fuͤr den Mann durch⸗ drungen war. Es war aber auch ein wahres Ruſterbild von Paſtor, denn ſein Herz und ſein ganzes Leben hatte ſich der Tugend und Froͤmmigkeit geweiht, wie es eigentlich bei jedem Prediger ſein ſoll, und die Andacht und Gottesfurcht, die ſich bei vielen andern nur als Kanzelmine zeigt, ruhte auf ſeinem Geſicht als der Abdruck ſeiner Geſinnung, und begleitete ihn uͤberall unter das Volk hinaus.— Ich bin nicht der Meinung, daß der Predi⸗ ger nur Geiſtlicher auf der Kanzel ſein muͤſſe, gleichſam als ob hier nur ein Geſchaͤft abzu⸗ thun waͤre, ſondern er muß es auch ſein un⸗ ter dem Volke, und muß aus ſeinem Hauſe faſt nur als ein Heiliger heraustreten, der hoͤhere, geiſtigere Freuden kennt und den das Ehrwuͤrdige ſeines Standes nie verläßt. Die L 2 164 Menſchheit erhaͤlt einmal ihr Gleichgewicht nur durch die Gegenſätze, worin ſie ſich ſchei⸗ det, und wenn der Geiſtliche zugleich weltlich ſein will, ſo werden die Weltlichen ſchwerlich durch ihn geiſtlich werden, alle Gegenwirkun⸗ gen ſind aufgehoben, alle laufen dann cha⸗ rakterlos auf gleicher Flaͤche durch einander, und die Lebensthaͤtigkeit verliert ſich zuletzt in den blos ſinnlichen Genuß, womit die Men⸗ ſchen leicht in den Thierzuſtand zuruͤck ſin⸗ ken.— Selbſt irdiſche Sorgen und Beſchaͤf⸗ tigungen, wie Ackerbau, ſo vertraͤglich ſie auch gewoͤhnlich mit dem Amte des Predigers ſind, koͤnnen doch leicht dem innern frommen Ei⸗ fer und dem Gottesfrieden ſchaden. Es ſchien nicht, als wenn mein Herr glei⸗ che Geſinnung gegen den Paſtor hegte, we⸗ nigſtens wollte er deſſen Vorſtellungen lange kein Gehoͤr geben. Ich merkte aber bald, woran es lag. Da ich naͤmlich die Augen üͤberall hatte, konnten mir ſeine Spibbuͤbe⸗ reien nicht entgehen, und er wußte te nicht, ob 165 —— er mich ganz darin einweihen, oder mich ganz davon eutfernt halten ſollte. Seine Betruͤge⸗ rei war aber folgende. Unter der Heerde der Gemeinde pflegen die Hirten auch ihre eigenen Schafe zu haben, welche, beſſer gepflegt, und hie und da an den Acker getrieben, immer die fetteſten und genaͤhrteſten ſind. Dabei iſt merkwuͤrdig, daß nie eins davon ſtirbt, und daß dies doch gar haͤufig bei den uͤbrigen ſich ereignet. Faͤllt ein Lamm draußen auf dem Felde, ſo traͤgt der Schaͤfer am Abend das Fell davon auf ſeiner Schulter, und zeigt es dem Eigenthuͤmer vor, der an dem Todesfall keinen Zweifel weiter hat. Fuͤgt es ſich nun, daß der Tod ſich einmal verſieht, und eins von den Laͤmmern des Schaͤfers nimmt, ſo macht der Schaͤfer gleich den Fehler wieder gut, und ſchiebt eins von den lebendigen aus der Dorfheerde an deſſen Stelle, dem er die Haut ſeines Lammes zuſchreibt. Aber auch das iſt noch nicht genug; ich muͤßte mich ſehr geirrt haben, wenn nicht bei dem Licht im 166 —— Keller meines Herrn manches Lamm und man⸗ cher Jaͤhrling waͤre geſchlachtet worden, womit man wohl dem zufaͤlligen Tode ein wenig zu „Huͤlfe kommen mochte. Auch gingen haͤufig Fleiſcher aus und ein, und nicht ſelten wurde ein voller Korb in der Daͤmmerung fortge⸗ tragen.— Je heimlicher man nun dieſe Be⸗ truͤgerei ausuͤbte, je offener legte ich meine Ehrlichkeit an den Tag, ſo daß mein Herr endlich beſchloß, mein Mitwiſſen ganz zu ver⸗ huͤten, und mich lieber in den kritiſchen Ta⸗ gen in die Schule zu ſchicken. Dies geſchah denn auch zuweilen, und ich erhielt meinen Platz ganz am Ende, wo ich im Leſen, Schrei⸗ ben und Rechnen ſehr emſig war. Am meiſten machten mir die bibliſchen Ge⸗ ſchichten Vergnuͤgen, welche aus dem Huͤbner vorgeleſen wurden. Dies geſchah nach der erſten Stunde, wenn die Kinder ihr Butter⸗ brod aßen. Solches erlaubte der Cantor ſehr gern, denn er war ein uͤberaus großer Oekonom, und an der Thuͤr war ein Filzhut angebracht, 167 — worin die Kinder das, was an die Erde ge⸗ fallen, oder ihnen ſonſt nicht beliebig war, fuͤr ſeine Huͤhner niederlegen mußten. Es gab uͤberdies mancherlei kleine Verrichtungen im Hauſe, die immer einer von den Schulkna⸗ den, der den Tag hatte, mit großer Freude verrichtete; an mich kam aber die Reihe nie⸗ mals. Das Aergſte jedoch beſtand darin, daß er ſogar des Sonntags unter der Kirche die Haͤlfte von den Kindern waͤhrend der Pre⸗ digt, ohne daß der Paſtor etwas davon wußte, auf die Maulbeerbaͤume des. Kirchhofs ſchickte, wo ſie fuͤr ſeine Raupen— denn er hatte einen Seidenbau— Blaͤtter pfluͤcken muß⸗ ten.— Da die Tage immer kuͤrzer wurden, ſo fingen die Kinder in der Schule an, jeder dem Cantor ein Licht zu bringen, das uͤber uns an den Balken gehaͤngt wurde, um zu ſehn, welches das laͤngſte ſei. Leider eilte mein Herr nicht ſehr damit, und als ich es brachte, lachte die ganze Schule, ſo klein war es gegen die uͤbrigen, und zum Spott wurde 168 — es unter der Heerſchaar von Lichtern das kranke Lamm genannt. Dafuͤr hatte ich es nun zu buͤßen, und ſo oft ich meinem kleinen Nachbar nur ein Woͤrtchen ins Ohr fluͤſterte, erhob ſich auch ſchon der Arm des Cantors, und ich ſah eben denſelben langen Haſelſtock 4 feindſelig zu mir heruͤber ſchweben, den ich noch kurz zuvor ganz ſriedlich ſelbſt in die Schule gelieſert hatte. Aber ein großer Vortheil kam mit dem Schulſtand auch mir zu gute: wenn naͤmlich 4 ein Reicher ſtarb, und zur Beſtattung der Leiche die ganze Schule genommen wurde, durfte ich auch mit dabei ſein, und jeder von uns— bis auf das kleinſte Kind— bekam einen Groſchen. Nun hatte der Tod fuͤr mich die Freundſchaft, dieſen Herbſt grade bei den Beguͤterten anzuklopfen, ſo daß ich in Kurzem zwei Groſchen in der Taſche trug. Ich konnte aber wenig dafuͤr thun, weil bei den Reichen aus ſchuldiger Hoͤflichkeit immer geſungen wur⸗ de: Herr Gort, nun ſchleuß den Himmel 169 —— auf! und dieſes Lied eine ſo ſchwere Melodie 5 hat, daß ſich meine Mutter nie mit mir dar⸗ auf einlaſſen wollte. Endlich ſtarb gar der Richter im Dorfe, und es gab den dritten Groſchen zu verdienen. Der bekam mir aber ſchlecht, denn als wir auf dem Kirchhofe ſingend um das Grab tra⸗ ten, erblickte ich den Richter aus Gruſingen, der unter den Leidtragenden ebenfalls mitſang, und alle Blicke, die er dem verſtorbenen Freunde allein haͤtte weihen ſollen, auf mich richtete, wobei ich vor Schreck außer mir war, und nun keine Sylbe mehr uͤber die Lippen bringen konnte. Indeß erlaubte ihm die hei⸗ lige Feier nicht, irgend einen Schritt gegen mich zu thun, und er mußte fuͤr's erſte noch mit um den Altar, um zu opfern, und dann die Lebensgeſchichte des Verſtorbenen mit an⸗ hoͤren. Mit der Predigt aber kam die Zeit, die Blaͤtter von den Maulbeerbaͤumen zu pfluͤcken, und da der Cantor wußte, daß ich gut klettern konnte, ſo verſagte er mie dies⸗ 170 mal die Ganſt nicht, mit den uͤbrigen hinaus zu gehen. Da ergriff ich ſogleich die Gele⸗ genheit, und lief davon. 48 Zwolftes Capitel. Streifbilder. Ich machte ſchnelle Schritte, um ſo bald als maglich aus der Gegend zu kommen, wo ich fuͤr Kontrebande galt. Ein Bote begegnete- 4 mir unterweges, welcher noch ſchneller lief, als ich und dabei weinte. Ich fragte nach der Urſach ſeiner Thraͤnen, und dieſe war: Err hatte einen Frohndienſt bei einem Edel⸗ mann zu verrichten, indem er einen Brief nach einem entfernten Orte zum Landrathe tragen mußte, waͤhrend ihm zu Hauſe. ſeine Frau ſterben wollte. Ich bat ihn, mir die⸗ ſes Geſchaͤft zu uͤberlaſſen, und verſprach die treueſte Vollfuͤhrung, aber aus Gewiſſenhaf⸗ 171 —— tigkeit und Beſorgniß, weil er mich nicht kannte, ſchlug er mir es ab, und lief weinend an mir voruͤber.— Sein Sciickſal haͤtte mich dauern koͤnnen; im Grunde aber lebt jeder Ehemann ſo in zweien Welten; den Kreis, den die Familie um ihn zieht, muß er alle Augenblick verlaſſen, um im groͤßern Kreiſe außer demſelben zu handeln, von wo er wieder in den engern Kreis zuruͤckkehrt. Mit dem Weibe iſt das ein Anderes; nie den Mittel⸗ punct verlaſſend, kennt ſie nur eine Beſtim⸗ mung, indem ſie fuͤr die Ihrigen lebt, und, ohne den mancherlei Ideen zu folgen, die in die Ferne ziehen und den Mann gleichſam ver⸗ aͤußern, bleibt ſie mehr eins mit ſich oder mehr bei ſich, und blickt auf die Außenwelt, fruͤh mit romantiſcher Erwartung, und ſpaͤt mit frommem Vertraun auf den Geiſt der Weltordnung. Waͤre ſie nicht gewohnt, jedes Haus in der Regel mit einem Hausherrn zu ſehen, ſo muͤßte ſie— ſollte man denken— bei dem Vertraun auf die Weltordnung, an 172. —-— eine Hausfrau glauben, welche nach Ungluͤck, 3 Streit und Krieg alles wieder in Ordnung bringt; aber wegen der Ferne, wohin der Mann ſtrebt, erweiſt ſie ihm die Ehre, zu glauben, daß auch Gott ein Mann ſei, und ſo iſt es bei allen Voͤlkern. Gegen Abend kam ich an einen offenen Marktſiecken. Ein Baͤckerladen, der mir mit ſeinen ausgeſtellten langen Semmelreihen zuerſe in die Augen ſiel, erinnelte mich, daß ich hungrig ſei. Ein munteres, rothbaͤckiges Mädchen ſaß in ihrem Sonntagsſtaate am Fenſter. Ich wollte gleich fuͤr zwei Groſchen kaufen, um fuͤr heute Abend und morgen fruͤh genug zu haben; aber das Maͤdchen ſah mich verwun⸗ dert an„ winkte mit der Hand und ſchuͤttelte den Kopf. Es ſchien, ſie wollte ſagen: hier wird nichts gegeben; doch entſchloß ſie ſich gleich anders, oͤfnete das Fenſter und reichte mir eine trockene Semmel heraus. Ich ſagte aber; ich will friſche Waare, hier iſt Geld. Darauf antwortete ſie mit erroͤthendem Ge⸗ 173 —— icht: das ſchickte ſich auch wohl, daß wir 3 Nun ſo gebt ſie mir umſonſt, entgegnete ich. Da laͤchelte ſie wieder und winkte jemand in der Stube. Gleich kam ein anderes Maͤdchen gehuͤpft„ die groͤßer war als ſie. Die lachte ſie gewaltig aus, und ich merkte wohl, daß ſie eine Schaͤkerei mit einander hatten. Jene mochte Nachbars Lottchen ſein, die ſich ſcherz⸗ hafter Weiſe, gleichſam zur Sonntagsergoͤtzung, fuͤr dieſe zum Verkauf ans Fenſter geſetzt und ge⸗ ſagt hatte: wer nun zuerſt kommt, der ſoll mein Braͤutigam ſein. Jetzt verſpottete ſie die an⸗ dere mit ihrem Bettelknaben„ und endlich reichte ſie einen Pfennig heraus und ſagte: da, Schatz.— Nein, Schatz, gab ich zur Antwort, ich komme nicht, um zu betteln, ſondern, um zu kaufeu. Hoho! ſagte ſie drauf zu ihrer Geſpielin: dein Braͤutigam, Lottchen, iſt doch ſo ſchlecht nicht als ich dachte. Aber nachdem ſie ausgelacht hatten, wurden ſie ernſtlich verlegen. Ja, was ma⸗ 174 —— chen wir nun, hoͤrte ich die groͤßere ſagen.— Siehſt du, nun weißt du es auch nicht, ent⸗ gegnete die kleinere. Ach was! Seelenbraͤuti⸗ gam, fuhr die erſtere fort, indem ſie ſich ge⸗ gen mich wandte, da nimm den Pfennig von mir, und die Semmel von deiner Braut, und nun geh mit Gott. Nein, ſagte ich, und ſchlug mit der Fauſt aufs Brett, daß Semmel und Pfennig wie zur Hochzeit tanz⸗ ten: zum Henker! Maͤdchen, macht mich nicht toll; friſche Waare will ich, hier iſt Geld, ihr muͤßt es nehmen.— Die Seltſamkeit dieſes Auftritts lag in der Natur der Sache; denn noch niemals war ein Bettler— der ja umhergehend Brod genug ſammelt— zu einem Baͤckerladen gekommen, um Semmel zu kaufen, und die Maͤdchen, die mich ſo zerlumpt ſahen, hielten es fuͤr Suͤnde, Geld von mir anzunehmen. Zum Gluͤck trat jetzt der Baͤckermeiſter in das Zim⸗ mer, rieb ſich die Augen und ſagte: ihr ſeid Narren; her das Geld, hier iſt die Waare. 175 —— Damit ſertigte er mich ab, und ich konnte lange nicht ohne Lachen an dieſen Auftritt zuruͤck denken.— Das Haus, das ich dieſe Nacht zu mei⸗ nem Quartier waͤhlte, beſtand in einem Ge⸗ baͤude ehne Dach, ohne Mauer, ohne Fen⸗ ſter, und obgleich kein Wirth darin aus⸗ und einging, erfuͤllte daſſelbe doch Reichthum und Ueberfluß nach allen Seiten— kurz, man koͤnnte recht gut ein Raͤthſel daraus machen, aber es war nichts anders als ein Korndiemen oder Schober, draußen vor dem Ort, den ich erklimmte, und zu meinem weichen Ruhelager machte. Wie auf einer Sternwarte ſaß ich da, und indem ich— nicht die Sterne, ſon⸗ dern meine Semmeln uͤberzaͤhlte, dachte ich an meinen Hund, den ich heute hatte zuruͤck laſſen muͤſſen, und dem ich gern wieder von meinem Vorrath mitgetheilt haͤtte. Als ich in der Daͤmmerung eben einſchla⸗ fen wollte, hoͤrte ich ein lautes Geſpraͤch, das mich wieder munter machte. Zweie kamen 176 zankend des Weges, und der eine behauptete, der andere haͤtte ihn im Spiel betrogen. Nim⸗ mermehr werde ich dir Unrecht thun, ſagte dieſer, und etwas nehmen, das nicht mein iſt, und wenn es Manna vom Himmel regnete. Indem kam aus meiner Hand ein Himmels⸗ brod geflogen, das zu ſeinen Fuͤßen niederfiel. Siehſt du, wie du dich vermißt? ſagte der andere.— Ach! du wirſt es aus der Taſche veelahrtin haben, entgegnete jener, mach keine Poſſen! Ich dich betruͤgen, da wollte ich ja lieber, daß mich die Erde verſchlaͤnge. Indem ſchauerte der Schober, den ich erſchuͤtterte. Sieh! ſieh! ſprach der andere; mich duͤnkt, ſchon zittert und bebt alles um uns her; bitte dich, Freund, vermiß dich nicht weiter.— Ach! machſt du doch einen Laͤrm— die Paar 4 6. Dreier, antwortete jener etwas gemäͤßigter; ich will dir lieber gleich die Haͤlfte von mei⸗ nem Gewinnſt zuruͤckgeben, daß nur der Laͤrm ein Ende hat. Nun gingen ſie auch vertraͤg⸗ licher mit einander, und ſchienen, bang und ſtill, 177 ——-— ſtill, nur auf die Beſchleunigung ihres Weges zu denken. „Wie iſt doch die Welt ſo voll Betrug! ſagte ich zu mir ſelbſt, und ſammelte meine Gedanken zum Schlaf. Die Nacht war friſch und kalt, aber ich hatte mich mit den vollen Garben ſo wohl bedeckt, daß ich nach einem fuͤßen Schlummer am andern Morgen wohl⸗ behalten aufwachte. Den andern Tag ſties ich gleich mit der erſten Dämmerung von mei⸗ nem Strohthurme wieder hinunter, damit man nicht etwa— denn der Schober war ſchon angebrochen— mich als eine volle Garbe zur Scheune heimholte, um mich auch ein wenig zu dreſchen.— Mein Plan war bei dieſer Flucht, daßt ich nach gehoͤriger Entfer⸗ nung von Gruſingen mich irgendwo als irgend etwas vermiethen und dann mein weiteres Schickſal abwarten wollte. hun Noch hatte mein Marſch keine Stunde ge⸗ dauert, als ich zu einem kleinen Dorfe ge⸗ langte, an deſſen Ende ich einen ſonderbaren I. Theil.. M 173 —O Anblick hatte. Ich ſah einen Karren hinaus⸗ fahren, und hinter demſelben zwei Frauens⸗ perſonen laufen, eine juͤngere und eine aͤltere, welche beide heulten und ſchrien, eoͤfters die Haͤnde zuſammenſchlugen, und ſich ſehr klaͤg⸗ lich gebehrdeten. Ich konnte die Urſach da- von nicht errathen und vermuthete, da ich etwas auf dem Karren liegen ſah, daß dies wenigſtens ein Sohn oder ein Bruder von ihnen fein muͤßte, obgleich man nahe Ver⸗ wandte nicht auf eine ſolche Weiſe fortzuſchaf⸗ fen pflegt. Bei naͤherer Beſichtigung aber fand ſich, daß dem Prediger des Orts ſeine einzige Kuh geſtorben war, und daß nicht allein die Magd, die ſie taglich gefuͤttert hatte, ſondern ſogar die Mutter dieſes Maͤdchens, die an dem Schmerz ihrer Tochter jederzeit großen Antheil nahm, der Verſtorbenen weh⸗ klagend das Geleit gab, daß ſie mit Thraͤnen ohne Scheu durch das Dorf liefen, und draußen beim letzten Abſchiede ihren Kummer noch auf das lebhafteſte erneuerten. Erſt⸗ 1 179 — nachdem ſie dem Thiere, das nun bald vol⸗ lends nichts als eine ehrliche Haut ſein ſollte, noch einmal den Ruͤcken geſtreichelt hatten, kehrten ſie beide, ſtill neben einander gehend, traurig nach Hauſe zuruͤck.— Doch iſt eine ſolche Liebe zwiſchen Menſchen und Thieren auf dem Lande nichts ſeltenes, weil die Men⸗ ſchen dort beim ſteten Anblick der Natur und bei ihrer nahen Verbindung mit derſelben ſich und alles, was ſie hervorbringt, gleichſam als Kinder einer Mutter betrachten, und, mit und unter den Geſchoͤpfen lebend, mancherlei Wohlthaten und Veraͤnderungen, Stunden⸗ Tages⸗ und Jahresfreuden, Klima und Wit⸗ terung mit einander theilen, ohne ernſtlich an den Unterſchied zu denten⸗ der ſie von jenen treunt. 3 Der Knecht des cnrfeicherrs hatte bei dem ganzen Auftritte keine Miene verzogen, und erſt, da er die Leidtragenden entfernt ſah, lachelte er ein wenig zuruͤck. Ich naͤherte mich ihm jetzt, und ob ich M 2 180 —— gleich wußte, daß man ein Geſpraͤch mit einem Menſchen dieſer Gattung fuͤr etwas Unehr⸗ liches und Beſchimpfendes haͤlt, ſo ſchien mit es doch in meiner Lage nicht ſehr bedenklich, einige Worte mit ihm zu wechſeln. Ich wuͤnſchte ihm Gluͤck zu ſeinem Geſchaͤſt, und er war uͤber meinen Gruß verwundert; doch da er an mir einen armen Schelm gewahr wurde, ſo frogte er ganz kurz, was ich von ihm wolle. Es iſt euch wohl unlieb, ſagte ich, daß ich euch aurede.— Das kommt ſel⸗ ten genug, gab er zur Antwort, aber ich ma⸗ che mir auch nichts draus. Eine Frage, fuhr ich fort, moͤchte ich wohl an euch thun, wenn ihr es nicht übel nehmen wollt. Frag du nur, entgegnete er. Sagt mir doch— be⸗ gann ich drauf— warum man euch einen Freimann nennt; das klingt ja ſo⸗ vor⸗ nehm, daß man ſich Wunder was dabei denkt. Ganz recht, erwiederte er, kein Menſch iſt frei in der Welt, als ich und der Bettler, und deshalb ſagt wan auch von einem, der —— 181 ——— fechten geht: er treibt die freien Kuͤnſte. Je⸗ der, der Verkehr mit den Menſchen hat— er mag noch ſo reich ſein— muß ſich haͤufig nach ihnen richten und kann nicht nach ſeinem Willen leben, wenn er es auch denkt. Einer braucht immer den andern, und wer frei ſein will, der muß ſich ganz von ihnen losmachen. Bei mir hat man nun von allen Seiten her fuͤr dieſe Freiheit geſorgt. Ich eſſe allein, ich trinke allein, ich ſchoͤpfe mir allein Waſſer aus dem Brunnen; wo ich gehe und ſtehe, bin ich allein, und, ſo zu ſagen, beſtaͤndig mein eigen. Man macht mir Platz, wenn ich kom⸗ me, man weicht mir aus, wenn ich gehe. Niemand gruͤßt mich— und ich erſpare den Dank—, niemand fragt mich um etwas— und ich brauche an keine Antwort zu den⸗ ken— niemand ſpricht zu mir: kommt dieſe Straße— und ſo wandere ich, wo ich will; niemand ruft: wartet doch ein wenig— und ſo bleibe ich Herr meiner Zeit und meines Willens, und bin immer mein eigen.— Ei, 182 ——.ꝛ— ſo lebt ihr doch ſo ſchlimm nicht, als ich dach⸗ te— erwiederte ich darauf. Du irrſt dich, Burſche, gab er zur Antwort. Ruf ich je⸗ mand, ſo kommt er nicht; klopf ich an ein Fenſter, ſo zieht ſich das Geſicht zuruͤck; frag ich: wo geht der Weg hin? ſo will es nie⸗ mand wiſſen. Sprech ich: helft mir doch dieſe Laſt auf, ſo wenden ſie mir den Ruͤcken. Sag' ich: leiht mir doch euren Eimer ein wenig, meiner iſt ſchadhaft, ſo ſchuͤttelt man den Kopf und verſchließt das Geraͤth. Und komme ich zum Nachbar, um mir nur das Licht anzuzuͤnden, ſo ſieht er mich groß an, und blaͤßt das ſeinige aus.— Ei mein Gott!— ſagt⸗ ich drauf— ſo fuͤhrt ihr doch ein recht elendes Leben.— Nicht ſo ganz, Burſche, entgegnete er wieder, ſondern vielmehr ein ſehr ruhiges Leben, ohne allen Streit, ohne allen Zank, ohne allen Neid, ohne Stolz⸗ ohne Ehrgeiz und viele andere Dinge, die an⸗ dern das Blut erhitzen. Ich bin mitten un⸗ ter den Menſchen wie ein Kloſtermoͤnch, im⸗ ——— 183 —-— mer der Einſamkeit und meinen Gedanken uͤberlaſſen, nur daß ich mich umhertreibe und meine Arme rege. Und doch ſage ich dir, Burſche, es giebt nichts Elenderes auf der Welt als die Freiheit, denn etwas muß der Menſch haben, woran er ſein Herz haͤngt, und daher, wenn alle Welt unverheirathet bliebe, der Freimann muß eine Frau haben—, doch das iſt dir noch zu hoch, Burſche. Nun genug, ſcher' dich deiner Wege. Da machte ich denn auch gleich eine ſtum⸗ me Verbeugung vor dem Freimann, und trollte mich. Mit meinem letzten Groſchen kehrte ich den Mittag bei einem Fleiſcher ein, der zugleich Gaſtwirth war. Man redete mit rothem Ge⸗ ſicht mich hart an, und fragte, was ich wollte, nicht, um es mir zu verweigern, ſondern, um es mir deſto gewiſſer zu bringen; denn, wie die Arbeit und das Geſchaͤft des Menſchen iſt, ſo iſt auch ſeine Rede, bald fein und ſchwach, bald ſtark und kraftvoll. Nir war 164 es immer, wenn ich den Fleiſcher kurzweg reden hoͤrte, als fuͤhlte ich den Meſſerſchnitt durch das Fleiſch bis auf den Knochen. Den Nachmittag kam ich in ein ganz ebe⸗ nes flaches Feld, und den Abend hatte ich den erſten Anblick von einer Wind müͤhle. Ich konnte das ſonderbar geſtaltete Weſen nicht genug bewundern. Wie ein Maikaͤfer, der ſeine Fuͤhlhoͤrner entfaltet, und eben auf⸗ fliegen will, ſo ſaß die Muͤhle auf dem Huͤ⸗ gel da und ſchien auch auffliegen zu wollen, ohne doch von der Stelle zu kommen. Ich konnte lange nicht begreifen, wie ſie eigentlich durch den Wind in Bewegung gerieth, da ſie grade gegen denſelben anſtrebte. Mit den be⸗ ſpannten Flügeln aber kam ſie mir vor, wie ein Schiff zu Lande, das gegen den Wind ſeine Segel ausdreitet. Und als nun gar der Knappe herunter kam, und beim großen Steuerruder das Ganze herumdrehte, ſo galt es mir vollends fuͤr ein Schiff, das ein wenig auf den Sand gerathen war. Auch trieb ein —— 185 —- † kleiner Schornſtein Rauch heraus, der auf ein Stuͤbchen wie eine Kajuͤte ſchließen ließ. Oben flogen die Tauben aus und ein, wie Waſſervoͤgel, welche ſich auf die Segelſtange ſetzen.—— Da die Nacht eben niederſchat⸗ tete, fuͤhlte ich das groͤßte Verlangen, auf der Muͤhle zu herbergen. Ich wollte recht ſehr bitten, nahm ich mir vor, und ſtieg ganz ſtille die Treppe hinauf. Die Thuͤr war ſchon verſchloſſen; ich fuhr mit beiden Haͤnden daran hin und her und wimmerte ein wenig. Eine barſche Stimme rief: fort da! und ſetzte dann leiſer hinzu: es wird ein Bettler ſein. Nein, macht auf, ſagte ein anderer, es iſt die Katze unſerer Meiſterin. Da ich merkte, daß ihnen ein Thier mehr galt, als ein Menſch, ahmte ich wimmernd und winſelnd ganz und gar die Stimme derjenigen nach, die den Vorrang vor mir hatte(wie man das in der Welt haͤufig thut,) und als der juͤngere Knappe oͤfnete, kniete ich ſogleich in das Innere der Muͤhle hinein, bevor er mich noch abtroͤſten 186 konnte. Meine Klagen uͤber Froſt und Kaͤlte waren eben ſo groß, als dringend meine Bit⸗ ten, und der barſche Altgeſelle ließ ſich end⸗ lich erweichen. Ich durfte auf der Bank in der warmen Stube ſchlafen, waͤhrend die beide zum hangenden Bette hinaufkletterten. Bei dem beſtaͤndigen Ruͤtteln und Pochen der Muͤhle kam es mir vor, als ob ich, wie ſonſt ſchon, auf einem ſchwerfaͤlligen Fuhrmanns⸗ wagen laͤge, der in dem Gleiſe ſich auf und ab bewegte; ich fuͤhlte einige Beſorgniß, daß der Wagen umwerfen moͤchte, 84 ſchlief ih bald daruͤber ein. In der Nacht gab es eine e Stöürung. Ess erhob ſich naͤmlich ein großes Katzengeſchrei 3 mit ſehr verſchiedenen Stimmen. Hoͤrſt du 3 nichts, ſagte der juͤngere Knappe aͤngſtlich zum aͤltern. Nun ja, die Katzen, antwortete der. Ja, ſchon gut, entgegnete jener, ich weiß es wohl. Die Meiſterin iſt da, und die Schmidts⸗ frau und die Wirthin aus dem Krug— das ſind alles dreies Hexen, die kommen hier des 187 — Nachts zuſammen, um ſich dem Teufel zu ergeben, der ihnen dafuͤr den Drachen durch den Schornſtein ſchickt mit Wurſt und Speck⸗ ſeiten. Drum werden dieſe Weiber ſo reich, und keine kann es ihnen gleich thun.— Du biſt ein Narr, erwiderte der andere, wer hat dir das weiß gemacht? Das ganze Dorf iſt voll davon, antwortete jener; und die ver⸗ ſtorbene Weberfrau hat auch mit dazu gehoͤrt. Kuhnhardt, der Soldat, kam noch ſpaͤt hier vorbei, und hieb der einen Katze mit dem Degen die Pfoten ab, drauf am andern Mor⸗ gen hat gleich die Weberin zu Bette gelegen, und keine Haͤnde gehabt, ſo daß man ſie hat fuͤttern muͤſſen, wie ein Kind, bis ſie geſtor⸗ ben iſt.— Der Altgeſelle lachte nicht wenig uͤber den Schwank, und hieß ihn endlich ſtill ſein. Auch ich ergoͤtzte mich an dieſer Einfalt, und horchte nachher immer auf, um die Stim⸗ men der drei Frauen zu unterſcheiden; zuwei⸗ len kamen wirklich ſehr taͤuſchende Tongaͤnge, Fragen und Antworten zum Vorſchein, und 188 ich uͤberſetzte ſie mir in Gedanken in foͤrm⸗ liche Redensarten, ſo daß ich nach meiner al⸗ ten Manier ein ganzes Geſpraͤch komiſchen Inhalts fuͤr das Puppenſpiel wuͤrde daraus zuſammengebracht haben, wenn mich bei die⸗ ſem Sprachſtudium nicht der Sof uͤber⸗ raſcht haͤtte.* Am andern Morgen hieß es: mach dich auf, Burſche, der Tag iſt da; aber ich bat um alles in der Welt, daß man mir doch erſt erlauben moͤchte, die Raͤder in der Muͤhle zu betrachten. Meine Wißbegierde freute die Knappen und man ließ es geſchehen, doch ohne mich viel aus den Augen zu verlieren. Ich ſchlich mich in das zweite Stockwerk hin⸗ auf, und konnte das große Kammrad, das den Drilling wie einen Kreiſel umtreibt, nicht genug bewundern. Indem fing es im Kaſten zu klingeln an und ich lief vor Staunen ver⸗ gnuͤgt hinunter und rief: ach! es klingelt da drinne, in dem Kaſten da. Ja, ſagte der aͤltere Knappe lachend: ich glaube, in deinem 189 ——-— Magen klingelt es auch;— das Korn iſt ab⸗ gelaufen, ich muß wieder etwas auf den Rumpf ſchuͤtten. Nimm dies und folge mir.— Er gab mir ein Gefaͤß, das ich ihm nachtragen mußte. Ich that es mit vieler Behendigkeit; als ich aber zuruͤck wollte, glitt ich auf den Stufen der Treppe, die durch den Mehl⸗ ſtaub unter den Fuͤßen wie abgeglaͤttet war, ohne Barmherzigkeit der Laͤnge nach hinunter und fiel ſo arg, daß ich hinken mußte. Und du weinſt nicht, Junge, ſagte der Knappe, ſo weine doch! Das that ich aber durchaus nicht, ſondern ich verbiß den Schmerz und preßte die Finger zuſammen. Ob ich nun gleich weiter keinen Schaden genommen hatte, ſo ſah doch der Knappe wohl ein, daß er mich ſo nicht dem Weg und Wetter ausſetzen duͤrfe, ohne eine Grauſamkeit zu begehen. Er behielt mich alſo auf ein Paar Tage bei ſich, und ſchuͤttete mir einen Scheffel Erbſen hin, welche ich von den Linſen reinigen ſollte, 190 wobei es mir weder an Speiſe noch an Trank geurach. Bi5 Nun waͤre es vielleicht elug geweſen, es wie die Flickſchneider im Hauſe oder wie die Maurer und Zimmerleute zu machen, die ihre Arbeit hinausdehnen, um lange Verdienſt zu haben und dabei ganz bequem zu leben, aber ich konnte nicht umhin, meine Klugheit und meinen Verſtand dem Knappen auf eine an⸗ dere Weiſe zu zeigen, um ſeine Vorſtellung von mir ſo viel als moͤglich zu verbeſſern. An dem Scheſfel Erbſen haͤtte ich lange leſen koͤnnen, wenn ich auf die gewoͤhnliche Weiſe mit den Fingerſpitzen haͤtte verfahren wollen. Ich bemerkte, wie die Muͤhle das Mehl beu⸗ telte, und die groͤbern Theile auf dem ſchraͤg geſpannten Tuche hinabſpringen ließ; daraus nahm ich mir einen Kunſtgriff her fuͤr meine Erbſen. Ich gab naͤmlich dem langen Tiſche, der zu meiner Arbeit beſtimmt war, eine er⸗ was ſchraͤge Nichtung, indem ich das obere Ende an die Wand der Muͤhle hinauf ſtellte, ————————— 191 und nun ſchuͤttete ich oben ganz allmaͤhlig mein Gemengſel von Erbſen und Linſen auf. Da die Linſen flach und die Eröſen rund ſind, ſo liefen dieſe von ſelbſt hinunter, waͤhrend jene liegen blieben; unten aber war ein Tuch aus⸗ gebreitet, um die Erbſen ſicher aufzufangen, Dabei brauchte ich nicht einmal den Tiſch zu ruͤtteln, ſondern das that ſchon die Wand der Muͤhle, welche in beſtaͤndiger Bewegung war. Blitzjunge! ſagte der Knappe, da er meine Arbeit ſah, und er ſetzte mir noch ei⸗ nen ganzen Sack voll hin, wumit ich eben ſo verfuhr. Dabei war noch der Vortheil, daß nicht allein die Linſen, ſondern auch von den Erbſen die madigen, die nicht ſo gut laufen konnten, nebſt mancherlei von Unkraut, von Naden, Trespe und dem ſtolzen Heinrich zu⸗ ruͤck blieb.—— Ich bemerkte bei dieſer Ge⸗ legenheit, daß der Knappe auf der Muͤhle ein recht angenehmes Leben fuͤhrt. Das Gloͤck⸗ chen weckte ihn zwar des Nachts aus dem Schlaf, aber er war es ſchon gewohnt und 192 sberhoͤrte es niemals, und im Fall der Noth konnte er die Muͤhle abbinden,(das Segel⸗ tuch zuruͤcklegen,) damit ſie langſamer gehen mußte. Ließ der Wind nach, ſo ſetzte er ſich auf ſeinen Thron vor der Thuͤr„ und ſpielte die Floͤte, oder ſchnitzte allerhand zierliche Sa⸗ chen, die zum Spiel dienen konnten. So hing unter ſeinem runden Schauloche ein franzoͤſiſcher Dragoner und ein preußiſcher Huſar, die bei der Bewegung der Muͤhle be⸗ ſtandig die Schwerter gegen einander fuͤhrten, und auf einander einhieben, ſo daß 43 e wirk⸗ lich zu leben ſchienen. 188 2 Dabei hatte er nie uͤber Langeweile oder Einſamkeir zu klagen, denn den ganzen Tag kamen Leute aus dem Dorfe, welche fragten, ob das Korn ſchon gemahlen waͤre. Die ar⸗ tigſten Maͤdchen ſtiegen zu ſeinem Schloſſe hinauf, und es erſchien keine, welche nicht vorher ihr Haar friſch aufgebunden, die Muͤe ſorgfaͤltig geſetzt, und eine neue Schleife ge⸗ zogen haͤtte, ſo daß wirklich der Knappe unter 193 —--— unter den Bauerburſchen zu den Honoratio⸗ ren zu gehoͤren ſchien.— Mit Freuden ge⸗ denke ich noch der Tage, die ich auf der Muͤhle verlebte, aber es waren deren nur wenige, weil der Knappe bald darauf beſchloß mich fortzuſchicken. 3 Dreizehntes Capitel. Einkehr beim Amtmann. Ich hatte immer gehoͤrt, daß die Muͤller ver⸗ borgene Kaſten haͤtten, worin ſie das feinſte Mehl fuͤr ſich fallen ließen, und als einſt der Knappe und der Lehrburſche noch in dem warmen Stuͤbchen zu Tiſche ſaßen, ſchlich ich umher, um dieſe Kaſten zu erſpaͤhen. Ich ſchaͤtzte an dem Behaͤltniſſe, woraus der Muͤl⸗ ler das fertige Mehl nahm, die Dicke des Bodens, und meinte, daß darin wohl noch ein Schubkaͤſtchen verſteckt ſein koͤnnte; ich I. Theil. N . klopfte mit dem gekruͤmmten Zeigefinger an, und machte allerhand Verſuche. Indem war der Knappe aus ſeiner Kajuͤte getreten und rief: Junge, plagt dich der Teufel? Drauf ſah er den Burſchen laͤchelnd an, und ſchůt⸗ telte den Kopf. Hier! trage das Maaß wie⸗ der auf den Boden! ſprach er im haͤrtern Ton zu mir, und ſieh nach dem Rumpf. Ich that eilig, was er beſahl, und da ich zuruͤck⸗ kam, fragte er mich: kannſt du mit Pfer⸗ den umgehen? Ja, ſagte ch„ das habe ich bei einem Fuhrmann gelernt. Nun ſo halte dich ffertig, verſetzte er drauf, heute Abend will ich dich zum Verwalter aufs Amt ſchicken, dem ich ſo noch einen ſolchen Burſchen ſchul⸗ dig bin.— Den Abend kam auch wirklich ein Kornwagen vom Amte, der wieder Mehl mit von der Muͤhle zuruͤcknehmen ſollte. Ich mußte mich in einen leeren Sack ſtecken, um den Verwalter deſto mehr zu uͤberraſchen. Ohne Murren that ich, was man befahl, und war begierig auf mein neues Schickſal. Jetzt 195 hielt der Wagen auf dem Aumte, und ich hoͤrte den Knecht zum Verwalter ſagen: dem Knappen thut es leid, daß er euch den Bur⸗ ſchen aus dem Stall abſpenſtig gemacht und ihn auf die Muͤhle genommen hat, aber e ſchickt euch dafuͤr einen andern, der wohl noch dreimal beſſer iſt, und den er ſorgfaͤltig in einen Sack gethan hat, daß er keinen Scha⸗ den nimmt.— Der Verwalter trat ſogleich an den Wagen, um die Beſcherung in Au⸗ genſchein zu nehmen. Aber als ich mich er⸗ hob und den Sack herabfallen ließ, fluchte er bei allen Teufeln, und ſagte: was? den Bettelbuben? Ich will's dem Knappen rathen, daß er nicht ſeinen Spott mit mir treibt, oder Donner und Blitz ſoll in ſeine Muͤhle fahren. Wir haben hier liederliches Geſindel genug, das raubt und ſtiehlt, ſcher dich den Augenblick von meinem Hofe, du Lumpen⸗ junge, und komm mir nicht wieder vor die Augen.— Vorſtellungen halfen hier nichts, 4— N. 2 1965 und ich mußte machen, daß ich mich dem Be⸗ reich ſeiner Arme entzog. Wohin ſollte ich mich nun wenden? Die Nacht war vor der Thuͤr, und der Muͤller rief ſchon aus der Ferne mir zu: dahin geht der Weg!— Ich ſetzte mich alſo traurig unter eine Tanne nieder, die mit zwei andern nicht fern vom Dorfe ſtand. Kein Luͤftchen regte ſich, der Himmel war heiter, und es wurde kalt. Doch vor Sorgen um das Ent⸗ fernte achtete ich wenig auf die nahe Gefahr, die mich umſchwebte, und uͤberließ mich dem ſanften Schlummer, der ſich allmaͤhlig auf mein bekuͤmmertes Gemuͤth herabſenkte. Die Kaͤlte der Nacht haͤtte meiner Geſundheit hier gewiß einen toͤdtlichen Streich verſetzen koͤn⸗ nen, wenn nicht ein Zufall mich bei Zeiten geweckt haͤtte. Es war mir naͤmlich auf ein⸗ . mal, als wenn mich jemand mit einem Ball oder mit Erde auf die Naſe wuͤrfe. Ich er⸗ munterte mich und rieb das Geſicht, aber ich ſah niemand. Indem fing es an, ſich auf — 197 —-— dem Baume zu regen, wie wenn der Wind einen Zweig anweht, und doch war die Luft ſtille umher. Noch blieb ich ungewiß, was es ſei, und achtete nicht ſehr darauf, als ploͤtz⸗ lich wieder eine kleine Laſt auf meine Naſe herab fiel, die mich vollends munter machte. Ich blickte auf. Es war ein Tannzapfen, und, wie ich die Augen ſorgfäͤltig in die Hoͤhe rich⸗ tete, gewahrte ich uͤber mir einen Kreuzvogel, der im gruͤnen Schmuck herabhangend ſeinen Schnabel unaufhoͤrlich in die Trauben der Tanne hineingrub, und, nachdem er ſie ge⸗ leert hatte, mit dem Fuͤßchen hinabwarf. Meine ganze Seele wurde bei ſeinem Anblick lebhaft und voll Freude, denn ich erinnerte mich, indem ich ſeiner Arbeit zuſah, der Ei⸗ genheit dieſes Vogels, der von allem Gefluͤ⸗ gel unter dem Himmel eine große Ausnahme macht. So wie ihm naͤmlich der Spaͤtherbſt erſt die beſte Ernte bringt, ſo faͤngt er auch mit dieſer Zeit erſt an, recht zu leben. Maͤnn⸗ chen und Weibchen finden ſich zuſammen, und 198 — bauen ein Neſt, und bruͤten und bringen ihre Jungen aus zur Zeit, wenn wir die Geburt Chriſti feiern; denn Kaͤlte hindert ihn nicht. So ſcheint er mit der Nahrung die Beſchaf⸗ fenheit des immer gruͤnen Baumes anzuneh⸗ men, wovon er lebt, und an Koͤrper ſtark und feſt zu ſein, wie er. Kommt der kleine Kreuzſchnabel fort, dachte ich bei mir ſelbſt, ſo willſt du es auch ſchon aushalten. Indeß war es damals eben nicht meine Gewohnheit, aus ſolchen Dingen lange erbauliche Betrachtungen zu ziehen, ſondern die Erſcheinung ſelbſt ergoͤtzte mich ſchon, und wie der Gruͤnitz fortflog, ſah auch ich mich um, wo ich mein Nachtlager finden moͤchte. Ein kleines Haͤuschen erblickte ich vor dem Dorfe, das ruhig und ungeſtoͤhrt lag, und mich wohl beherbergen konnte. Es war das Grudenhaus, wohin die Gemeinde ihre Strohaſche zu ſam⸗ meln pflegt. Ich ging ganz ſtill hinein, ar⸗ beitete mich durch und ſetzte mich in dem klei⸗ 199 ——— nen Gemache in einen Winkel nieder, wo es mir eben nicht ſehr kalt zu ſein ſchien. Doch gab es bald einen Auftritt, wie ich ihn nicht erwartete; denn als der Abend daͤm⸗ merte, kam eine Perſon an die Thuͤr und rief mit einer heiſern Stimme: Heinrich! ſie ging um das Haus her und rief noch of⸗ ters: Heinrich! und da keine Antwort er⸗ folgte, noch lauter: Heinrich Kuhnhardt! Jetzt ſchwieg ſie eine Weile, dann oöfnete ſie die Thuͤr, und verbarg etwas in die Aſche, worauf ſie die Klinke wieder einlegte und ſich entfernte.— Als ich ſie lange Zeit nicht zu⸗ ruͤckkehren ſah, erhob ich mich aus meinem Winkel, um zu unterſuchen, was ſie da ver⸗ ſteckt haͤtte. Und ſiehe da! ich zog eine goldne Uhr mit einer langen Kette hervor, die wohl nichts anders als geſtohlnes Gut ſein konnte. Indeß— da ſie mir nicht gehoͤrte, ſiel es mir auch nicht ein, ſie zu behalten, und ich 1 verſenkte ſie wieder an den vorigen Ort. Nun ſann ich uͤber den Auftritt ein wenig weiter 200 nach: der Gerufene war offenbar hier erwar⸗ tet worden, und hatte ſich vielleicht nur ver⸗ ſpaͤtet; dieſer Ort war verabredet, und die Uhr wahrſcheinlich fuür Kuhnhardt beſtimmt. Dieſes Namens erinnerte ich mich aber noch aus dem Munde des Muͤllerburſchen, der von einem Soldaten ſprach, welcher den Katzen die Pfoten abgehauen. Es ſchien mir alſo in dem Grudenhaus keinen Augenblick laͤnger ſicher, und ich raffte mich auf, um wieder ins Freie zu kommen. Ich lief uͤber's Feld, ohne an weiter etwas als an Entfernung zu denken, da am ich an eine verlaſſene Schafhuͤrde, und, weil mich denn doch der Himmel nicht ganz verlaſſen wollte, erblickte ich auf einmal wieder ein Haus vor mir, das aber noch kleiner war als das vorige, und die Einrichtung hatte, daß es auf zwei Räͤdern umher wandelte— kurz es war ein Schaͤferkarren, das bretterne Huͤtt⸗ chen, das einem großen Sarge nicht ganz un⸗ aͤhnlich ſieht unde welches als naͤchtliche Her⸗ 201 —— berge dem Schaͤfer zu jeder Weide folgt. Das Neue, das Ungewoͤhnliche daran regte meine Luſt, und ich erſpaͤhte bald die Thuͤr, die mich in den Kaſten aufnahm. Hier lag ich ſicher und warm, und ſank auch nach der großen Ermuͤdung, die mir die mancherlei Be⸗ gebenheiten zugezogen hatten, bald in einen feſten Schlaf. Die Nacht oder gegen Mor⸗ gen traͤumte ich von einem Gewitter, und es war, als ob ſich das Haus bewegte. Aber am andern Morgen, als ich auf⸗ wachte— wer haͤtte rathen koͤnnen, wo ich mich befand! Zwei Knaben, ſchoͤn wie En⸗ gel, ſtanden vor mir, und ein blondgelockter faßte meine Hand und ſagte: ſteh auf! In⸗ dem wurde ich auch das Angeſicht des zorni⸗ gen Verwalters gewahr, und ich merkte, daß der Karren auf dem Amthofe hielt. Da ich, ſchwarz von Aſche, aus dem Kaſten hervor⸗ kroch, erhob der Verwalter ein großes Ge⸗ ſchrei und ſagte: zum Henker, da iſt der Bet⸗ telbube wieder; mit dem Jungen bin ich doch 202 — wie behext, ich kann ihn nicht von meinem Hofe loswerden. Erſt kommt er ſo weiß, wie ein Mehldieb, aus dem Sacke heraus, und nun kriecht er aus der Schaͤferkarre, ſchwarz wie der Teufel. Willſt du fort, exenjunge, — 4 oder ich will dich beſchwoͤren, daß du daran denken ſollſt.— Ei mein Gott, Herr Ver⸗ walter, ſagte der blondlockige Knabe, laßt doch den armen Jungen. Wie er ausſieht, ganz mit Staub und Aſche bedeckt! Schuͤttle dich, Kleiner, ſchuͤttle dich.— Ich that, was mir befohlen war, und mochte Arme und Beine wohl recht poßirlich umherwerfen, denn ich hoͤrte ein Lachen von mehrern Perſonen, die ſich um mich her einfanden. Indem kam auch der Amtmann dazu, und fragte: was habt ihr denn da? Ach! riefen ſeine Kinder und hatten ihm Wunder zu erzaͤhlen: dieſer naͤrriſche Junge hat in dem Kaſten geſteckt, iſt vom Felde mit hereingekommen in dem Schaͤferkarren und ſah uͤber und uͤber ſchwarz aus, noch ſchwaͤrzer als jetzt; uß ihn doch 203 —— buͤrſten und fegen, Vater, daß die Aſche von ihm kommt!— Ei was Kuckuck! was iſt das fuͤr ein Wunderthier, ſagte der Amtmann mit laͤchelndem Wohlgefallen, und da er ſah, daß ſeine Kinder ihre Freude an mir hatten, befahl er, mich ins Haus zu bringen. Zuerſt mußte der Bediente mich vornehmen und mich buͤrſten und ſtriegeln; drauf wurde ich vor den Herrn Oberamtmann gebracht, der ein kleines Examen mit mir anſtellte. Meine Art, mich auszudruͤcken und mein poßirliches Weſen gefiel ihm; er merkte wohl, daß mehr Bildung in mir ſteckte, als Jahre und Klei⸗ dung verſprachen. Mit jeder zufriedenen Miene des Vaters gingen die Kinder einen Schritt naͤher zu mir heran, und endlich ſagten ſie: Vater, laß ihn doch bei uns bleiben! Wenn ihr es gern wollt, Kinder, entgegnete der Amtmann, ſo ſoll er der Eure ſein. Nun hingen ſich die Knaben mit Bitten an ihn, und ich ſah wohl, daß der Amtmann ſeine Kinder mit einem gewiſſen Stolze ſehr lieb 204 — hatte: er erzeigte ihnen gern einen Gefallen, aber er wollte auch, daß man ihm dafuͤr ſchmeicheln ſollte. Auch wenn er ſchon etwas zu thun bei ſich ſelbſt beſchloſſen, hatte er es doch gern, wenn ihn noch ein anderer darum bat, damit ſeine Handlung immer das Anſehn ei⸗ ner Gunſtbezeigung erhielte, die er jemanden aus beſonderer Nuͤckſicht erwieſe. Aber wie ſieht der Burſche aus, ſagte der Amtmann, ſo koͤnnt ihr ihn nicht brauchen; ruft den Jaͤger, daß er ihn zu dem Teiche fuͤhrt, und ihn ein paarmal darin auf⸗ und abſchwenkt, damit er ein anderer Menſch wer⸗ de. Gebt ihm von euren abgelegten Kleidern,⸗ daß er da gleich hineinkriechen kann, wenn er aus dem Waſſer ſteigt; morgen ſoll ihm der Schneider etwas Neues anmeſſen.— Es ge⸗ ſchah, wie der Herr befohlen hatte: ich mußte unter der Anleitung des Jaͤgers ein Bad neh⸗. men, das mich nur zu ſehr erfriſchte; aber das Reiben mit wollenen Tuͤchern und die neuen Kleider gaben mir bald die vorige Waͤr⸗ 205 —-—— me wieder. Ich hatte dabei nur meine Noth, die Kapſel, die ich auf meiner Bruſt trug, ins Gras zu verbergen, und ſie dann wieder heimlich an den vorigen Ort zu bringen. Drauf nahm mich der Bediente des Amt⸗ manns, den man auch zuweilen den Kammer⸗ diener naante, in die Kur, und verſchnitt und ſtutzte mir das Haar. Von den Soͤhnen des Amtmanns aber paßte die Kleidung des blondgelockten ſo gut fuͤr mich, daß ſie ganz fuͤr meinen Koͤrper gemacht zu ſein ſchien.— Nun ſiehſt du doch aus, wie ein Menſchen⸗ kind, ſagte der Amtmann. Drauf ließ er mir ein blaues Jaͤckchen mit rothem Bund und rothen Auſſchlaͤgen verfertigen und einen klei⸗ nen Jokey aus mir machen. So ſtellte er mich ſeinen Kindern vor und ſagte: dieſen Burſchen ſchenke ich euch zum Bedienten. Vierzehntes Capitel. Freundſchaft und Feindſchaft. 8 Ich wohnte mit den Soͤhnen des Amtmanns auf einem Seitengebaͤude, das dem Wohn⸗ hauſe gegenuͤber lag, ich ſchlief in ihrer Naͤhe, damit ich gleich bei der Hand ſein koͤnnte, wenn ſie etwas verlangten, und den ganzen Tag war ich um ſie— doch mehr zu ihrer Geſellſchaft, als zu ihrer Aufwartung. So haͤtte ich lange ungeſtoͤhrt herrliche Tage ver⸗ leben koͤnnen, wenn ich auf dem Amthauſe nicht eine Entdeckung gemacht haͤtte, die mich nachher in mancherlei Gefahr brachte. Ich hörte naͤmlich gar bald nicht allein von der geſtohlnen Uhr des Verwalters, ſondern eines Morgens, da wir uns fruͤher als ſonſt erho⸗ ben, vernahm ich auch im Hofe eine heiſere Stimme, welche die Huͤhner rief und mit den Tauben zankte. Wer iſt das? fragte ich den 297 —--— blondgelockten. Das iſt das Huͤhnermaͤdchen, gab dieſer zur Antwort; ſonſt wird ſie Huͤh⸗ ner frau genannt, aber fuͤr diesmal iſt es ein Maͤdchen. Nun, ſie kann bald ſo heißen, entgegnete der andere Knabe, wenn ihr Lieb⸗ haber, der Soldat, ſie heirathet, der nicht weit von hier in Gersdorf auf Urlaub iſt.— Ach! reden Sie doch nicht, ſagte der Hof⸗ meiſter, das Maͤdchen wird wohl einen Sol⸗ daten nehmen. Ja, ja, Herr Magiſter, er⸗ widerten die Zoͤglinge, wir haben es wohl geſehen, wie ſie mit ihm vor die Pforte ging, wie ſie—. Stille, ſtille, ſagte der Magiſter drauf, laſſen wir das, was geht uns die dum⸗ me Hanne mit ihrem Liebhaber an. Nir war dies aber nicht gleichguͤltig, denn ich zweifelte keinen Augenblick, daß dies die Diebin der Uhr und daß der am Grudenhauſe gerufene Kuhnhardt ihr Liebhaber ſei. Ich dachte alſo daran, wie ich die Gunſt des Ver⸗ walters, der mich immer noch nicht leiden konnte, gewinnen moͤchte, und als er mich 208 im Vorbelgehn einmal wieder ſo anſchnob und mich Hexenjunge nannte, ſagte ich zu ihm: ja, Herr Verwalter, ich kann auch hexen; wenn etwas geſtohlen iſt, kann ich den Dieb herausbringen oder dem Suneen auf die Spur verhelfen. Was! Burſche, erwiderte der Verwalter, das duned du? Mirr iſt eine goldene Uhr geſtohlen, ein Erbſtuͤck von mei⸗ ner Mutter; ich laſſe fuͤr dich zu Weihnachten einen aparten Kuchen backen, wenn du mir ſagſt, wer die Uhr hat.— Laßt heute Abend die Maͤdchen alle ſich verſammeln, entgegnete ich, ich will dann Looſe unter ſie austheilen, und die, welche das groͤßte bekommt, wird die Diebin ſein. Ihr koͤnnt ſie freilich nicht gleich darauf verklagen, aber ihr wißt doch von Stund' an, wo ihr kuͤnftig zu ſuchen und zu forſchen habt, um den rechten Dieb herauszubringen, und vielleicht findet ihr auch auf dieſem Wege eure goldne Uhr wieder.— Mit deinem koͤnnen und vielleicht! er⸗ widerte der Verwalter; du ſprichſt wie ein Wetter⸗ —— 209 —---- Wetterprophet; doch kommts auf den Ver⸗ ſuch an.— Ihr muͤßt aber, fuͤgte ich noch hinzu, bei den Maͤdchen irgend einen Vor⸗ wand gebrauchen, daß ſie den wahren Grund von der Sache nicht erfahren und ich mir keine Ungelegenheit zuziehe.— Deshalb kannſt du ganz unbeſorgt ſein, antwortete der Ver⸗ walter, ich will meine Sache ſchon ſo pfiffig anfangen, daß ſie nichts merken ſollen.— Den Abend ſpaͤt ließ nun der Verwalter nach vollbrachter Arbeit alle Maͤdchen, die im Hofe, im Hauſe und in der Kuͤche dienten, auf ſei⸗ nem Zimmer zuſammen kommen, und ſagte, daß er ihnen einen Hahnewacker geben wollte(ein ſpaͤtes Eſſen, das man den Dienſt⸗ boten zuweilen zu geben pflegt, wenn ſie ſehr fleißig geweſen ſind und ihre Arbeit uͤber die gewoͤhnliche Zeit hinausgedauert hat). Ge⸗ ſchmorte Kartoffeln, die ein wenig von der But⸗ ter geſehn hatten, wurden aufgetragen, und die Maͤdchen waren dabei munter und guter Dinge. Drauf ſtellte ſich der Verwalter, als ob er J. Tbeil. 9 210 —---— ſcherzen wollte. Denkt euch, ſagte er, ddieſer Burſche kann hexen und Kunſtſtuͤcke machen. Jetzt ſoll er uns einmal ſagen, wer von euch die verliebteſte iſt, und an den Looſen, die er austheilt, wollen wir ſehen, wie ihr der Reihe nach viel oder wenig liebt.— Dieſer Einfall war nun nicht ſonderlich, denn es galt ein Kunſtſtuͤck, womit ſonſt bei den Berei⸗ tern die Pferde aufwarten; doch die Maͤd⸗ chen fanden den Spaß ſehr geiſtreich, und wollten ſich bald todt daruͤber lachen. Mit einer weiſen Miene ging ich im Kreiſe umher, ſah ſie alle an, und vertheilte dann meine Looſe. Jubelnd ſtroͤmten ſie nun an den Tiſch zuſammen, und es zeigte ſich, daß das Huͤh⸗ nermaͤdchen bei weitem die Verliebteſte ſei.— Der Verwalter that gleich ſo grimmig ſeine Augen auf, als ob er ſie verſchlingen wollte, und er mußte alle Kraͤfte zuſammen nehmen, um über den Anblick der Diebin nicht gleich in ſchnaubende Wuth auszubrechen. Noch ziemlich ruhig brachte er endlich die Worte 211 hervor: es iſt nun gut, Maͤdchen, ihr koͤnnt nun zu Bette gehn. Meine Andeutung fand er ſehr wahrſchein⸗ lich, weil das Maͤdchen auf ſein Zimmer kam, ſo oft ſie Gerſte fuͤr die Huͤhner forderte, und leicht konnte ſie ſeine Abweſenheit einmal be⸗ nutzt haben, um die Uhr, die gewoͤhnlich un⸗ term Spiegel hing, ihm heimlich zu entwen⸗ den. Ueberdies hatte ſie einen Braͤutigam, dem ſie gern Praͤſente machte, denn ſie war aͤlter als er. Am naͤchſten Sonntag alſo, da ſich alles in der Kirche befand, mußte der Schmidt, der fuͤr das Amt im Nothfall auch die Schloͤſſerarbeit verrichtete, mit Werkzeu⸗ gen erſcheinen, und heimlich die Zeuglade des Huͤhnermaͤdchens oͤfnen. Die Uhr fand man freilich nicht mehr darin, aber die gruͤne Schnur, woran bei der Kette der Uhrſchluͤſ⸗ ſel gehangen hatte.— Der Verwalter glaubte nun feſt an meine geheime Kunſt, und be⸗ gegnete mir von Stund' an mit der groͤßten Gefaͤlligkeit und Freundſchaft. Die Milch O 2 212 —— durfte ich oben wegſchoͤpfen, und vom Halb⸗ bier ging ich zum ganzen uͤber. Was mir aber das Liebſte war: es ließ ſich oͤfters uͤber den Ackerbau, uͤber die Viehzucht und uͤber das Rechnungsweſen gegen mich vernehmen, zeigte mir ſeine Buͤcher, und unterrichtete mich in mancherlei Dingen. Indeß— dem Maͤdchen konnte er trotz allem Verdacht doch immer nichts anhaben. Die gruͤne Schnur war noch kein Beweis fuͤr das, was daran oder nur daneben gehangen hatte, wenn er ſie auch fuͤr die ſeinige erkannte; das Maͤdchen konnte ſie leicht von einer andern Gelegenheit herleiten. Man nahm ſich alſo vor, ihren Gaͤngen und Verbindungen weiter nachzuſpaͤhn, um dem Geraubten vielleicht bei einem Verkaufe auf die Spur zu kommen.— Leider aber zeigte ſich bald, daß der Verwalter wohl nicht ſehr behutſam ſich gegen das Maͤdchen mochte be⸗ tragen haben, denn ihr Geſicht verfinſterte ſich auf einmal gegen mich, und ſie ſah mich mit jedem Tage zorniger an; doch hatte ſie bald ——— 213 ——— Klugheit genug, ihren Haß ſo viel als moͤg⸗ lich zu unterdruͤcken, um ſich nicht verdaͤchtig zu machen. Sie ging mehr mit heimlicher Liſt gegen mich zu Werke, und verleumdete mich bei allen Gelegenheiten: war etwas zer⸗ brochen, ſo hatte ich es gethan; war etwas verdorben, ſo war es durch meine Unvorſich⸗ tigkeit geſchehn, und konnte ſie mir die Suppe verſalzen, oder die Milch verwaͤſſern, ſo that ſie es nicht mehr als gern. Als das nicht half, und ich immer ſehr auf meiner Huth war, veraͤnderte ſie ihre Geſtalt, und nahm eine freundliche Miene gegen mich an. Ach! lieber Johann, ſagte ſie einſt im gefaͤlligen Ton, will er mir nicht einen Gefallen thun? Da vertragen mir die Huͤhner die Eier immer, und fliegen auf das Stroh uͤber dem Schup⸗ pen, wo ich nicht hinkommen kann. Ich wette, daß da ſchon uͤber ein Schock liegt; will er nicht einmal zuſehen? Ja! ſagte ich.— Nun lag aber das Stroh ſehr locker auf blo⸗ ßen knorrigen Stangen, die ſich alle Augen⸗ 214 — blick unterm Fuß herumdreheten. Ich merkte alſo bald, wie die Diebin die Abſicht hatte, daß ich huͤbſch durchfallen und hier den Hals brechen ſollte. Allein ſie kannte meine Kunſt im Klettern nicht, und wenn die eine Stange mir den Dienſt verſagte, ſaß ich ſchon wieder auf einer andern, ſo daß ihre Hofnung ganz unerfuͤllt blieb. Uebrigens fand ich dort weder ſechzig Eier, noch ein einziges, und ihre Ver⸗ muthung war ein bloßes Vorgeben. Bald darauf traf ſich, daß Eduard, der blondgelockte, krank wurde, und auf dem Zim⸗ 4 mer ſeines Vaters bleiben mußte. Um bei ſeiner Geneſung ihm die Langeweile zu ver⸗ treiben, ging ich in den Garten, und ſchnitt Holunderſtoͤcke ab, ſo dick als ich ſie nur hab⸗ haft werden und mit dem Meſſer bezwingen konnte. Drauf richtete ich eins derſelben zu das Mark hinaus. Mit einem Stoͤpſel ver⸗ ſehen und mit Mohrruͤben geladen, brachte ———— in der Laͤnge eines Arms und trieb ſodann ich ſie dem Patienten als ein wahres Wunder 215 —- von Knallbuͤchſe, von einer Groͤße, wie ihm noch keine mochte erſchienen ſein. Dieſes Spiel ermunterte und beluſtigte den guten Eduard auch gar ſehr, aber er ging nicht vor⸗ ſichtig damit um, und ehe wir es uns ver⸗ ſahen, hatte er damit in des Vaters großen Spiegel getroffen und einen Sprung verur⸗ ſacht, der von oben bis unten mitten durch ging. So ſehr ihn auch ſein Vater liebte, ſo hatte er doch jetzt ſeinen ganzen Zorn und vielleicht auch Strafe zu befuͤrchten. Ich aber, da ich ihn in ſolcher Angſt ſah, und dieſe ſelbſt fuͤr ſeine Geſundheit gefaͤhrlich werden konnte, ſprach ihm Muth ein und ſagte: nur ruhig doch, ich will die Schuld, ich will die Strafe auf mich nehmen. Der ſanfte Eduard, der mir ſchon laͤngſt gewogen war, ſiel vor Freuden mir um den Hals und rief aus: o lieber, guter Johann, willſt du das? du ret⸗ teſt mich aus einer Todesangſt. Indem trat die feindſelige Hanne herein, und Eduard hatte kaum Zeit„ ſich ſchnell genug aus meinen Ar⸗ 216 —- men zu entfernen. Da ſie den Riß im Spie⸗ gel ſah, zog ſie ein wunderliches Geſicht; aber ich ſagte gleich: ich waͤre es geweſen, ob ſie mir nicht helfen könnte. Was! Er— fuhr ſie mich an. Pun, Gott lob! Da wird Er einmal ſeinen Lohn bekommen; und ſie lief gleich hinaus, dem Herrn entgegen, um ihn das Ungluͤck und meine Nichtswuͤrdigkeit mit dem groͤßten Ausdruck des Schrecks und Abſcheus zu ſchildern, ſo daß der Stock des Herrn eher zur Thuͤr hereintrat, als er ſelbſt. Was, Bube, ſagte er, was haſt du gemacht? Er breitete die Haͤnde aus, da er den zerbor⸗ ſtenen Spiegel erblickte; indem lag ich auch ſchon zu ſeinen Fuͤßen, um ſeine Schlaͤge auf meinen Ruͤcken zu empfangen. Ja, Herr, ſtrafen Sie mich, ſagte ich entſchloſſen, ich hab' es verdient; und zuͤrnend hob er den Stock weit zuruͤck, um ihn deſto ſchwerer auf mich fallen zu laſſen, als Eduard ploͤtzlich ſich zwiſchen uns ſtuͤrzte, und ausrief: Halt ein, Vater, du roͤdteſt ihn. Ich will es nur ge⸗ —— 217 ——— ſtehen, daß ich es war. Sei barmherzig dies⸗ mal, lieber Vater, ich will es in meinem Le⸗ ben nicht mehr thun.— Der Amtmann war erſtaunt uͤber dieſen Auftritt; in dem Bei⸗ ſtand, den ich ſeinem Sohn leiſten wollte, ſpiegelte ſich zugleich die Liebenswuͤrdigkeit ſei⸗ nes Sohnes, der eines ſolchen Opfers wohl werth ſchien. Er winkte mit der Hand, daß wir aufſtehen moͤchten, maß uns mit den Au⸗ gen, und ſagte lange kein Wort. Wieder ei⸗ nen Blick auf den Spiegel werfend gebot er endlich ſeinem Sohn, auf ſein Zimmer zu gehn, und vor Abend nicht wieder vor ſeinen Augen zu erſcheinen. Jetzt ließ er ſich den Vorgang der Sache von mir erzaͤhlen, ſchaͤtzte den Werth des Spiegels, machte mir Vor⸗ wuͤrfe, daß ich auf das Spiel nicht mehr Acht gehabt haͤtte und hieß mich endlich auch hin⸗ ausgehen... In der Folge beobachtete er uns oͤfters mit ſcharfen Blicken, und ich merkte recht gut, daß er fuͤrchtete, es moͤchte ſich eine Freund⸗ 218 ſchaft zwiſchen uns anſpinnen, die ſich fuͤr ſei⸗ nen Stand nicht ſchicke. Deshalb ſing ich an, ſeinen Sohn in ſeiner Gegenwart weit mehr Ehrerbietung und Aufmerkſamkeit zu be⸗ weiſen, als ich ſonſt zu thun pfiegte, und der Amtmann laͤchelte mit Wohlgefallen darauf hin. Da auch dieſer Vorfall zu meinem Beſten ausſchlug, und die feindſelige Hanne ſah, daß ſie mir auf keine Weiſe etwa anhaben koͤnnte, ſorgte ſie, wie ich bald nachher gewahr wur⸗ de, heimlich dafuͤr, daß mich die Rache von einer andern Seite her traf. Es war naͤm⸗ lich gewoͤhnlich, daß ich mit den Amtmanns⸗ ſoͤhnen den Sonnabend Nachmittag zur Er⸗ holung nach geendigten Lectionen auf die Jagd ging. Wir fanden alle dreie daran großes Vergnuͤgen, und um nicht immer auf einerlei Gegenſtand zu zielen und uns in der Erſtre⸗ bung unſerer Zwecke hinderlich zu ſein, ent⸗ fernten wir uns oͤfters weit von einander und trafen erſt am Ende des Waldes oder auch 219 ——— wohl zu Hauſe erſt wieder zuſammen, wo denn jeder mit dem, was er geſchoſſen hatte, ſich gegen den andern nicht wenig bruͤſtete. Nun hatte ich mich auf der naͤchſten Jagd eben recht weit in den Wald hinein bis zur obern Gegend hinauf, wo der Boden felſigt wird, verſtiegen, waͤhrend meine Gefaͤhrten eine andere Richtung nahmen, als ich auf einmal einen Soldaten mit bepflaſtertem Geſicht hin⸗ ter einem Huͤgel hervortreten ſah, der mit den ſchallenden Worten auf mich zuſchritt: He, Burſche, was hat's geſchlagen? Ich fuͤrchtete gleich, daß wohl meine Sterbe⸗ ſtunde geſchlagen haben koͤnnte, und lief vor ihm, ſchneller als der Wind. Aber der un⸗ ebene Boden und das Geſtruͤpp hinderte mich, und auf einmal hemmte das tiefe Bette ei⸗ nes Sturzbaches mit klippigem Ufer meine Schritte. He! Schurke, warum laͤufſt du, ſagte mein Verfolger, jetzt will ich dir zeigen, was es geſchlagen hat, und indem zog er den Degen heraus, und ſtieß ihn ſo heftig auf 220 — meine Bruſt, daß er ſchien mich damit durch⸗ bohren zu wollen. Aber zum Gluͤck fiel der Stoß des Degens auf die Kapſel, die ich mit dem Bilde auf bloßer Bruſt trug, um mich dadurch gegen unbekannte Uebel zu ver⸗ wahren, und jetzt hatte ſie voͤllig ihre Beſtim⸗ mung erreicht. Allein— o weh mir! Die Heftigkeit des Stoßes gab meinem Koͤrper ein ſolches Uebergewicht, daß ich den ſchreck⸗ lichen Hinabſturz in die Tiefe nicht verhindern konnte. Bewußtlos lag ich jetzt am Rande des Baches, der mit leichtem Eiſe bedeckt war, und ich kann nicht ſagen, wie lange ich in dieſer Betaͤubung zubrachte. Endlich, da ich wieder zur Beſinnung zuruͤckkehrte, hatte ich die Empfindung, als wenn ſich das Haar auf meiner Stirn kraͤuſelte oder als wenn der Zephyr daruͤber hinſtrich. Und da ich die Au⸗ gen aufſchlug, ſah ich zu meiner großen Ver⸗ wunderung Pluto, meinen treuen Pudel, zu meinem Haupte ſtehn, und das Blut von mei⸗ nen Schlaͤfen lecken. Ich taſtete an meinem 221 — Leibe umher und ſpuͤrte eine Wunde an mei⸗ nem Kopf und auf den Kleidern viel Blut. Mit erwachender Lebenskraft wandte ich dann die Augen zu meinem getreuen Pluto, und legte die Hand auf ihn. Ich war noch ſo matt, daß ich weder aufſtehen noch einen Laut hervorbringen konnte. Da winſelte der Pudel mich an, und lief unruhig hin und her, er ſtieg auf die Hoͤhe und kam wieder zuruͤck, er rannte endlich weiter in den Wald hinein und ich hoͤrte an ſeinem Bellen, wie er ſich mir bald naͤherte und bald wieder entfernte. End⸗ lich vernahm ich die Stimme des blonden Eduard, welcher ſagte: was iſt das mit dem Hunde, daß er ſo hin und her laͤuft, es muß etwas hier verborgen liegen. Seine Spur verfolgend gelangte er nun zu dem Klippen⸗ ufer des Bachs und da er mich erblickte, rief er: Gott im Himmel, was iſt das? und haſtig hinunter ſteigend faßte er meine Hand, daß ich mich an ihm erheben konnte. Er hielt mich lange in ſeinen Armen und ſagte 222 ———— oͤfters: armer, armer Junge. was iſt dir geſchehn? Ich berichtete nur kurz, daß ein Raͤuber mich uͤberfallen haͤtte, und daß ich auf der Flucht hier hinabgeſtuͤrzt waͤre. Er ſuchte nach ſeinem Schnupftuche, um mir die Wunde am Kopfe zu verbinden, und da er es nicht fand, riß er ſich Rock und Weſte auf und ſchnitt ein Stuͤck aus ſeinem Hemde, ohne auf meine Vorſtellung zu achten, und umwand damit ſorgfaͤltig meine Stirn. Ich ſah mich nach meinem Huthe um, und da ich ihn nicht finden konnte, ſetzte er mir den ſeinigen auf, um die Wunde gegen alle Ver⸗ kaͤltung zu ſichern. Es iſt ja nun gut, ſagte ich, indem ich noch dieſe und jene Huͤlfe ab⸗ lehnte; aber er antwortete: das bin ich dir ſchuldig. Ach! denk' nur, wenn du hier ſo liegen geblieben und geſtorben waͤreſt, da haͤtte ich doch nicht gewußt, was ich in der Welt anfangen ſollte. Schlinge deinen Arm um mei⸗ nen Nacken, daß du ſo mit mir fortgehen kannſt, denn tragen kann ich dich doch nicht, du 223 —--— 4 biſt mir zu ſchwer.— Drauf mit Anſtren⸗ gung aller ſeiner Kraͤfte brachte er mich aus dem Klippengrunde heraus und wir gelangten ins Freie. Unterweges war nun vom Pudel die Rede, der mir immer treulich folgte. Al⸗ lerdings mußte es mir wunderbar ſcheinen, daß er grade zur Zeit der Noth mich aufge⸗ funden hatte. Aber es iſt bekannt, wie die Hunde an den Fußtapfen die Spur der Men⸗ ſchen wittern, und wer weiß, wie lange ſchon mein Pudel mir nachgeirrt, wer weiß, wie oft er eingefangen und wieder entlaufen ſein mochte. Auf der Grenze des Gebiets fand er mich, und wurde mein Erretter. Ich erzaͤhlte ſeine Geſchichte, und erwaͤhnte zuletzt ſeines Beiſtandes mit großem Lobe. Ja, freilich, ſagte Eduard, haͤtte er mich nicht gerufen, ſo haͤtte ich nicht kommen koͤnnen, aber nun habe ich doch auch etwas gethan, dich zu ret⸗ 7 ten, das kannſt du doch nicht leugnen. Er hat gebellt und ich bin gekommen— er geht neben her und ich fuͤhre dic— So ſprach 224 — Eduard noch manches in der treuen Anhaͤng⸗ lichkeit mit jenem wetteifernd, und es war nur zu deutlich, daß er die zarteſte Freund⸗ ſchaft fuͤr mich fuͤhlte. Zu Hauſe huͤtete ich mich wohl, den Vorfall ſo der Wahrheit ge⸗ maͤß zu erzaͤhlen, daß man ſichere Vermu⸗ thungen daraus haͤtte ziehen koͤnnen; denn, durch das Ungluͤck klug gemacht, erwog ich, welche neue Unannehmlichkeiten fuͤr mich dar⸗ aus entſpringen koͤnnten, wenn eine foͤrmliche Unterſuchung angeſtellt wuͤrde. Daß Kuhn⸗ hard, der Soldat, an mir dieſen Streich veruͤbt hatte, war wohl kein Zweifel, aber ich konnte es ihm doch nicht beweiſen. Seine Hanne zeigte ſich bei meinem Anblick ſehr er⸗ ſchrocken, wie ſie auch wohl in der That ſein mochte, doch innerlich ſicher nicht daruͤber, daß mein ungluͤck ſo groß, als vielmehr, daß es nicht groͤßer ſei; ſie ſchlug die Thuͤren und lief gleich zur Kuͤche, um mir warme Um⸗ ſchlaͤge zu beſtellen.— Wahren Antheil aber nahm an mir Eduard, der mir faſt gar nicht mehr mehr von der Seite wich, und nur weg ſprang, wenn er die Schritte ſeines Vaters hoͤrte. Er le gte ofters ſeine Hände um mich, und ge⸗ brauchte das Mitleid, das Bedauern, wel⸗ ches immer einige Beſtandtheile von Liebe ent⸗ haͤlt, zu einer ſchicklichen Gelegenheit, mir ſagen zu koͤnnen, daß er mir gut ſei. Ein Chirurgus aus der Nachbarſchaft kam, meine Wunde, die nicht unbedeutend ſchien, zu heilen, und ſicher waͤre dies in wenigen Tagen geſchehen, wenn nicht dieſer Wund⸗ arzt, wie man vielen ſeiner Collegen Schuld giebt, die Cur mit Fleiß in die Länge gezo⸗. gen, und durch die eingezwaͤngte Charpie die Wunde uͤber die Zeit ſo ſehr mit aller Gewalt offen erhalten hatte, daß durch das Anſtreben 1 der Natur ſeitwaͤrts ganze Ballen antreiben mußten. Sein Eigennutz war ſo groß daß er nicht allein das Geld des Oberamtmanns, ſondern auch das kraͤftige Amtsbrod, die Schaf⸗ wolle, die Leinwand, die Federſpulen, die er ſo gelegentlich liegen ſah, vortreflich und uͤber I. Theil. P die Maßen wuͤnſchenswerth ſand. Es iſt uͤber⸗ haupt merkwuͤrdig 9 daß die Kunſt um ſo mehr nach zußerm Vortheil trachtet, je koͤrperlicher ſie ſich beſchaͤftigt, und daß ſie um ſo genuͤg⸗ ſamer wird, je geiſtiger ſie wirkt. Es ſcheint, daß ſie im letztern Fall, durch die Begeiſte⸗ rung zufrieden geſtellt, uͤber der Idee das Aeußere, das Leibliche vergißt, im erſten Fall aber ohne den Gedanken an den aͤußern Vor⸗ theil lange Weile haben wuͤrde. Endlich war ich wieder hergeſtellt, Eduard 3 hůͤllte mich in ſeinen Mantel ein, und fuͤhrte mich in die winterliche Mittagsſonne. Wir gingen im Garten oͤfters auf und ab, und ich mußte ihm von meiner Mutter erzaͤhlen. Ich merkte recht gut, wie ihn der Gedanke freute, daß ich nach meiner dunkeln Abkunft wohl mehr ſein moͤchte oder zu werden traͤumen duͤrfte, als das Schickſal mich bis jetzt hatte werden laſſen; denn alles ergriff er, um fuͤr die Freundſchaft zu mir ein Recht oder eine Entſchuldigung zu finden. 227 — Wenn ich meine ſpaͤtern Erfahrungen dazu nehme, ſo ſcheint es mir in der That, daß es eine Jugendfreundſchaft giebt, welche mit der Liebe große Aehnlichkeit hat. Wie ma⸗ 3 giſch, faſt bezaubernd trift uns der Anblick des Freundes, wenn er aus der Ferne zu uns her tritt; er duͤnkt uns beſſer, edler, liebli⸗ cher, als alle, es iſt, als ob ihn ein helleres Licht, ein reinerer Schimmer umleuchtete. Hinter allen liebenswuͤrdigen Eigenſchaften, die wir mit Sinn und Verſtand betrachten, bleibt immer üoch ein unbekanntes dunkles Etwas, das uns zu ihm hinzieht, das uns bei ihm eine Heimath eroͤfnet. Eine Ruhe, eine Freudigkeit verbreitet ſich uͤber uns in ſeiner Nähe, und wir haben die Empfindung, als ob wir nun am Ziele waͤren. Alles aus⸗ ſtroͤnend und mittheilend haͤlt die Seele im Geſpraͤch gleichſam den Einzug in die Seele des andern, und gluͤhet und lebt in dem frem⸗ den Kreiſe des Wirkens wie in ihrer eigenen Behauſung. Mit dem groͤßten Vertrauen ver⸗ P 2 228 —-— bindet ſich die zarteſte Schonung, Achtung miſcht ſich mit Liebe, ohne daß wir jemals ſagen koͤnnen, wo das eine anhebt und das andere aufhoͤrt, und der zaͤrtlichen Geſinnung ſelbſt ſtellt ſich wieder eine gewiſſe Schuͤch⸗ ternheit entgegen, die der Jungfraͤulichkeit nahe kommt, mit welcher die Geliebte zoͤgert zu bekennen: ich liebe dich! Am heimlichſten und maͤchtigſten aber ſcheint die Freundſchaft dann zwiſchen jungen Leuten zu wirken, wenn, wie haͤufig bei der Liebe, ſich Hinderniſſe ein⸗ finden, und bei der Naͤhe immer ein gewiſſer Abſtand, eine gewiſſe Entfernung bleibt. We⸗ nigſtens mir erhoͤhte ſich der Zauber, der uͤber meinen Freund ausgegoſſen war, noch mehr durch den Gedanken, daß er einem Gluͤcke und einem Stande angehoͤrte, von dem ich ihn gleichſam erſt erobern muͤßte; und er ſchien um ſo mehr ſich an mich zu feſſeln, als bei der Dunkelheit meines Schickſals an mir etwas Raͤthſelhaftes blieb. Wenn mein aͤuße⸗ res Verhaͤltniß zu ihm die Enthaltſamkeit mei⸗ ———-——— 229 —-— ner zaͤrtlichen Geſinnung und, ſo zu ſagen, meine Sproͤdigkeit vermehrte, ſo nahm ſein Eifer fuͤr mich um ſo mehr zu, und in der Heimlichkeit und Zuruͤckgezogenheit, worin er ſich hielt, wartete er um ſo ſehnlicher auf Gelegenheit, ſich in einer Zaͤrtlichkeit zu aͤußern, ſo daß wir uns zuweilen wie Liebende zu flie⸗ hen und zu ſuchen ſchienen, und jede Lieb⸗ koſung etwas Fluͤchtiges und Verſtohlnes er⸗ hielt und bei dem Ernſt gern den Schein des Scherzes annahm. Nicht gluͤcklicher duͤnkten wir uns, als wenn wir ohne Zeugen die Arme um uns ſchlingen, und in traͤumender Ruh fortſchlendernd uns einander auflegen oder auf⸗ halſen konnten, gleichſam als haͤtte im innig⸗ ſten Verein einer die Laſt des andern tragen und mit ſeiner Schwere dem andern wieder ein Geſchenk machen wollen; denn die Liebe trachtet immer dahin, ſich dem andern zu uͤberliefern, bei ihm und mit ihm, fuͤr ſich nichts, und fuͤr den andern alles zu ſein, ſo wie ſie fuͤr den andern wieder ein Gefaͤß iſt, 230 ihn aufzufangen, und, alles ihm einraͤumend, ihn ganz und ewig fuͤr ſich zu behalten. Ich kann nicht beſchreiben, wie ſehr ſich meine Gefuͤhle dadurch erweiterten und ver⸗ feinerten. Es war mir, als ob jetzt erſt die 3 Worte anderer und ihre Geſinnungen, ihre Verhäͤltniſſe zu einander mir verſtaͤndlich wuͤr⸗ den. Vieles, das mir in Buͤchern bisher langweilig und ohne Intereſſe geſchienen hat⸗ te, erhielt jetzt erſt fuͤr mich Bedeutung und Sinn, und ich fuͤhlte, daß ich nun erſt recht anfinge, zweifach zu leben, mit dem Herzen und mit dem Verſtande zugleich, fo daß jetzt die Erziehung meiner Mutter kraͤf⸗ tiger als jemals Beiſtand und fortwirkende Huͤlfe bekam. 3 Da ich bei dem Unterrichte, den der Ma⸗ giſter den Zoͤglingen ertheilte, beſtaͤndig zu⸗ gegen war, und bei der engern Bekanntſchaft. aus dem Winkel immer naͤher und naͤher ruͤckte, ſo kernte ich mit großem Fleiße eben ſo viel als jene, ja zuweilen ging ich ihnen mit der — ᷣᷣõ9— 231 Kenntniß und Einſicht noch voraus. Es wur⸗ den nicht nur die gewoͤhnlichen Schulwiſſen⸗ ſchaften, ſondern auch Sprachen, Franzoͤſiſch, Latein und Griechiſch getrieben. Und endlich, da der Tanzmeiſter kam, ſagte der Oberamt⸗ mann ſelbſt, daß er auch mich ein wenig vor⸗ nehmen moͤchte, damit ich mehr Anſtand und Manierlichkeit gewaͤnne.(Eine große Freude fuͤr Eduard!) Dieſem Unterricht und beſon⸗ ders dem vertrauten Umgange mit meinem Freunde ſchrieb ich es zu, daß ich mehr als jenen Anſtand bekam, woran man gleich ei⸗ nen Bedienten erkennt. Dieſer verraͤth ſich naͤmlich, wie man leicht bemerken kann, auch bei dem feinſten Betragen im Stehen und Gehen dadurch, daß er in der etwas ſteifen graden Richtung ſeines Koͤrpers die Arme, be⸗ ſonders die Obertheile, gar zu unbeweglich traͤgt und ſo haͤlt, als ob er immer noch zur Aufwartung hinterm Stuhle ſtaͤnde, wo er mit dem ſparſamen Gebrauche ſeiner Glieder, einer Statue gleich, ſeine Perſoͤnlichkeit mit 74 232 ——— Fleiß verleugnen und eben dadurch ganz als ienend erſcheinen muß.— Mit jedem Tage wurde mir meine Lage angenehmer, und mit der groͤßten Freiheit des Gemuͤths fing ich auch an, weiter um mich zu ſchauen, an allen Auf⸗ tritten und Verhaͤltniſſen mehr Theil zu neh⸗ men, und nicht nur mit der Beobachtung, wie ſonſt, ſondern auch mit der wirklichen Empfindung mit zu genießen, wiewohl ich nicht leugnen kann, daß meine Neigung fuͤr das Liſtige und Sonderbare immer noch ein ſtarkes Uebergewicht behielt, und nicch bei ſehr ernſthaften und wichtigen Dingen in Verhaͤlt⸗ niß zu andern zu einem bemerkenden Phlloſo⸗ phen machte. 1 233 —— Funfzehntes Capitel. Amtmannsleben. Da auf dem Amte ſich oft Geſellſchaft ein⸗ fand, und wir nicht ſelten auch benachbarte Guthsbeſitzer und die Baͤlle in den kleinen Staͤdten beſuchten, ſo erhielt ich mancherlei Gelegenheit, alles, was um mich her vorging, naͤher kennen zu lernen, und zu beurtheilen. Und ſo bemerkte ich denn bald, und noch mehr in der Folge, daß ein Amtmann in der Le⸗ bensweiſe, in Sitten und Betragen, das Mittel haͤlt zwiſchen dem Edelmann und dem Bauer, und daß die guten und ſchlimmen Eigenſchaften beider ſich bei ihm auf eine man⸗ nichfaltige Weiſe miſchen, oft aber auch zu ſonderbaren Erſcheinungen zuſainmentreffen. Das Ehrliche, das Derbe, das Deutſche fin⸗ det ſich hier haͤufig bei Feinheit„Abgeſchliffen⸗ heit, Stolz und leerer Scheinſucht. Gewoͤßn⸗ 234 ——— lich entſcheiden ſich aber die Amtleute mit ei⸗ nem Uebergewichte entweder fuͤr die eine oder fuͤr die andere Parthei: einige ſind mehr Bauern, andere mehr Edelleute.— Wer die erſtern beſucht, wird nicht nur gut bewirthet, ſondern leicht zum Uebermaaß im Genuß, zur Schwelgerei, zum Wetteifer im Trinken u. ſ. w. verleitet. Die Unterhaltung, die man ihm verſchaft, beſteht, außer dem Kartenſpiel, in gewiſſen koͤrperlichen, ſinnlichen Scherzen, wo⸗ mit man einander anfuͤhrt, und die man un⸗ ter dem Namen Amtmannsſpaͤße begrei⸗ fen kann. Man faͤllt durchs Bette, man ge⸗ raͤth in ein Gefaͤß mit Waſſer, ſtolpert uͤber ein unſichtbares Seil, wird von einem Ge⸗ ſpenſte beunruhigt oder ſonſt auf aͤhnliche Weiſe erſchreckt und uͤberraſcht. Es wird jemand vermißt und ehe man es ſich verſieht, liegt er den Damen zu Fuͤßen unterm Tiſch und bewegt ſich als ein großer Hofhund hervor. Oder man findet ſtatt ſeiner eine Dame auf dem Sopha, die man nicht kennt, und der —ÿ—ÿ—— —— 23 8 235 —-— man die Hand kuͤſſen und viele Verbindlich⸗ keiten ſagen muß, bis es vor aller Augen klar wird, daß es eine verkleidete Mannsperſon iſt. Zeigt jemand eine Schwaͤche, eine beſon⸗ dere Neigung, eine eigene Liebhaberei, oder einen Aberglauben, ſo kann er gewiß ſein, daß man ſie zu irgend einem Scherze benutzen werde. Ein anderer wird davon unterrichtet und muß, wie von ohngefaͤhr mit einer Nach⸗ richt, mit einer Neuigkeit oder mit einer Ge⸗ genbehauptung, die einen heftigen Dispuͤt er⸗ regt, allmaͤhlig hervortreten, wobei die An⸗ weſenden ihn ſcheinbar unterſtuͤtzen oder ihn zurechtweiſen. Wer brav luͤgen, und recht tolle Streiche erzaͤhlen kann, iſt auf den Aem⸗ tern ſehr willkommen. Dergleichen.⸗Späͤße nun, die man uͤberall bei den Amtleuten fin⸗ det, vergroͤbern oder verfeinern ſich, je nach⸗ dem der Hausherr mehr ein ſchlichter Land⸗ mann oder ein Edelmann ſein will.— Mein Herr gehoͤrte mehr zur letztern Klaſſe: es hatte alles bei ihm einen ſchoͤnen, edeln, geiſtreichen, 236 — feinen Anſtrich. Er war gaſtfrei, aber mit Auswahl der Gaͤſte. Er erfreute durch eine gute Tafel, durch guten Wein, aber ohne großen Aufwand und Ueberfluß und ohne Schwelgerei. Das Geringere erhielt fuͤr den Anweſenden einen groͤßern Werth durch die Art und Weiſe, wie es gereicht oder ange⸗ boten wurde. Man kann ſagen: bei ihm war des Präſentirens kein Ende, waͤhrend bei an⸗ dern es in allen Winkeln herumſtand. Die Heiterkeit ging nie bis zur uͤberlauten Froͤh⸗ lichkeit, und den Geſpraͤchen wurde immer etwas Geiſtreiches, etwas Wiſſenſchaftliches eingemiſcht, doch ohne ſich eigentlich in die Wiſſenſchaft ſelbſt zu vertiefen, ſo daß jeber mit Wenigem immer fuͤr einen klugen 3 gar ir gelten konnte. Bei bedeutenden Seſellchaften hielt er viel auf Anſtand und aͤußern Schein⸗ und hatte es gern, wenn viele Bediente um die Tafel herumſchwaͤrmten, ſo daß er in ſt cher Umgebung die Tendenz zu einem Tafel⸗ fuͤrſten verrieth. Alles mußte den Tag Bo⸗ 237 —— dienter ſein, Jaͤger, Kammerdiener und Auf⸗ waͤrter. Ich aber ſtand als ſein Leibpage hinter ihm, um einige zugefluͤſterte Worte hinauszu⸗ tragen oder ihm ein Glas Waſſer zu rei⸗ chen.— Hatten ſich die Fremden wieder ent⸗ fernt, ſo kehrte wieder ein anderer Ton in ſeinen Kreis zuruͤck, und man kann nicht an⸗ ders ſagen, als daß er dann ſeine Bekann⸗ ten, ſeine Hausgenoſſen mit einer Art von Freundſchaft behandelte. Dies traf be⸗ ſonders ſeinen Hofmeiſter, den er bei der Ta⸗ fel, damit er doch auch einmal ſeine Stimme hoͤren ließe, nur zuweilen— um eine ge⸗ lehrte Notiz oder um die Entſcheidung uͤber einen abgehandelten literariſchen Gegenſtand erſuchte. Jetzt ließ er ihn bei ſich ſitzen, faßte ſeine Hand, und ſprach von den Vergnuͤgun⸗ gen, die er ihm und ſeinen Zoͤglingen zuge⸗ dacht haͤtte, oder von den Ausſichten zu einer Verſorgung, die ihm nicht entgehen koͤnnte. Der Magiſter, mit den Grundſätzen der fei⸗ nen Welt unbekannt, fand ſich auf ſolche Weiſe 238 geſchmeichelt, und zufrieden geſtellt. Er wußte nicht, daß mit der Ehre, die man ihm erwies, keinesweges ſeine Perſon, wie er ſich einbil⸗ dete, ſondern blos ſein Amt, und ſein Ge⸗ ſchaͤft gemeint ſei, und daß man damit weiter nichts beabſichtigte, als ihn deſto williger und faͤr den Herrn deſto nuͤtzlicher zu machen. Die gelehrte Bildung der Kinder war dabei das alleinige Augenmerk. War der Zweck erreicht und hatte die Schulfuͤchſerei(wie man es nach⸗ her nannte) ein Ende, ſo ſchickte man ihn fort oder verſorgte ihn leidlich, wie es eben ging, ohne nach ſeiner Perſon weiter zu fra⸗ gen. Bei dem Unterricht hatte man nur das Amt vor Augen, daß die Kinder einſt da⸗ durch erlangen ſollten, alle andere Wiſſen⸗ ſchaften dienten nur zur Zierde, um mit Huͤlfe derſelben in der Geſellſchaft einſt eine geiſtreiche Converſation fuͤhren zu koͤnnen, kei⸗ nesweges zur Veredlung des eigenen Geiſtes, oder zur Nahrung fuͤr das Herz. Hierin 4 dachte mein Herr voͤllig wie die Edelleute, die 239 —— gern die ſchoͤnen Kuͤnſte auf Anmuth, An⸗ nehmlichkeit und aͤußern perſoͤnlichen Schein als das Letzte zuruͤckfuͤhren, und auch den geiſtreichſten Mann gern zum bloßen Plaiſir⸗ macher gebrauchen, der ſie unterhalten ſoll. Die Lage eines Hofmeiſters aber gehoͤrt ge⸗ woͤhnlich zu dem Mißlichſten und Zweideutig⸗ ſten, denn indem er nur in einem Durch⸗ gange zum Ziele, im Dienſte fuͤr ein fremdes Intereſſe ſich befindet, das mit dem ſeinigen nur mittelbar in Verbindung ſteht, bleibt er beim Amtmann und Edelmann immer ein ab⸗ geſonderter Theil, der ganz aus ſeiner Rang⸗ ordnung getreten iſt, und nun nicht weiß, wo er eigentlich hingehoͤrt. Bald erſcheint er als ein Rathgeber der Jugend, bald als ein ge⸗ ſchaͤtzter Freund ſeines Herrn, bald als ein Anordner in haͤuslichen Dingen, bald als ein angenehmer Geſellſchafter, bald als ein Noth⸗ und Huͤlfsbuͤchlein fuͤr das Geſpraͤch, und bald— als ein Bedienter. Letzteres iſt er oft mehr als alles andere, und die Bedienten 240 maßen ſich das Recht an, ihn mit unter ih⸗ res Gleichen zu zaͤhlen. Fordert er etwas, ſo muß es bittweiſe geſchehen, und fehlt die Herrſchaft, ſo ſprechen ſie: wir ſind unter uns; und ein Gluͤck fuͤr ihn, wenn er ſich mit ihnen gut vertraͤgt, ſonſt bringen ſie ihm von allem das Schlechteſte, und meinen, es ſei fuͤr ihn gut genug.. In Abſicht der Geſellſchaft auf dem Amte iſt immer eine große Abwechſelung, denn bald erſcheinen Leute von der Kammer, die fuͤr die wohlfeilen Taxen, welche ſie machen, immer weidlich tractirt werden muͤſſen, bald Juſtiz⸗ perſonen oder Förſter und Jaͤger, die mit dem Amte anderweitige Verbindungen und Ge⸗ ſchaͤfte haben, oder auch benachbarte Amtleute und Edelleute. Da man hier gut ißt und trinkt, ſo ſtellen ſich auch die ſogenannten guten Freunde ein, und, man kann an ihnen abmeſſen, wie und mit wem einſt der Amt⸗ mann ſeine fruͤheſten, ſpaͤten und letzten Tage zugebracht habe: ſie ſind wie eine Muſter⸗ karte, 8 8 241 —— karte, worauf man das ganze verfloſſene Le⸗ ben des Amtmanns kennen lernt. Bald ſteigt ein halberfrorner Commerſchbruder vom Pfer⸗ de, dem der Herr entgegen ruft: Kerl, wie ſiehſt du aus! Bald kommt ein Offieier ange⸗ ſprengt, mit dem Zuruf: guten Tag, lieber Z.! Bald ſchleicht ein Mann im grauen Rock zur Hinterpforte herein und der Bediente kommt und meldet: der alte Fritz ſitzt unten (wahrſcheinlich ein alter Aufwaͤrter von der Uni⸗ verſitaͤt). Wieder kommt ein Laufer geſprun⸗ gen, und der Amtmann ruft: ach! der Prinz von Babenhauſen, den ich neulich auf der Re⸗ ſource ſprach; macht die Thuͤrfluͤgel auf! So geht es auf dem Amt Winter und Sommer, und iſt einmal die Witterung ſo ſchlecht, daß gar kein Menſch eintreffen kann, ſo laͤßt man den Prediger rufen, den Foͤrſter einladen, den Juſtizrath bitten, den Actua⸗ rius kommen. Das giebt eine Spielparthie. Und ſchlaͤgt dieſe der Prediger aus, ſo muß ihn der Hofmeiſter unterhalten, waͤhrend die I. Theil. Q 242 —-—— Spielenden ſich heimlich uͤber ihn luſtig ma⸗ chen, und ihn im Geſpraͤch z. B. als Coeur⸗ buben auffuͤhren, und ſeine Kleidung, ſein Betragen, ſein Thun und Laſſen nach den Farben der Karten beſticheln, doch muß ich bekennen, daß ein ſolcher Scherz ſich in Ge⸗ genwart meines Herrn immer in engen Gren⸗ zen halten mußte, und der Oberfoͤrſter vol⸗ lends nahm gar keinen Antheil daran. Ueber⸗ haupt war dies ein edler, ſanfter, biederer, frommer, vortrefflicher Mann, an den ſich gern alles mit Liebe, mit Vertrauen anſchloß, und deſſen Wohnung in den muͤßigen Stun⸗ den immer der Verſammlungsort aller Nach⸗ barn war. Hier traf man den Cantor, den Actuarius, den Verwalter, den Hofmeiſter, ſeine Zoͤglinge, die Jaͤgerburſche, im Kreiſe ſeiner Familie beiſammen. Zu ihm nahm auch ich mit Eduard am liebſten meine Zuflucht, und wenn er gleich bei der Bemerkung, daß Eduard den Arm um mich ſchlug, uns oͤfters zurief: ich werde es dem Vater ſagen! ſo 243 —-—— wußten wir doch, daß er unſere Freundſchaft nicht verrathen wuͤrde. Es war immer eine ſchoͤne Stunde, wenn alles im ruhigen Ge⸗ ſpraͤch beim Oberfoͤrſter in der Abenddaͤmme⸗ rung umherſaß, und von Wundern der Na⸗ tur erzaͤhlte; denn das Wunderbare findet bei Jaͤgern und Foͤrſtern den meiſten Beifall. Doch muß ich ſagen, daß bei dieſen Leuten faſt zu viel Muße herrſcht, wodurch ſie leicht etwas Langſames, Saumſeliges, auch wohl mitunter etwas Rohes bekommen. In heitern Wintertagen wurden nicht ſel⸗ ten Spazierfahrten nach benachbarten Oertern gemacht, und ich, als/ der Leibpage meines Herrn in außerordentlichen Faͤllen, fehlte nie⸗ mals dabei. Da gab es denn mancherlei Auf⸗ tritte im Großen und im Kleinen, auch wohl manche Liebesgeſchichten, die aber alle meiner Aufmerkſamkeit entsingen, weil ich damals noch keine Augen dafuͤr hatte. Statt deſſen will ich aber einen Vorfall anderer Art erzaͤh⸗ Q 2 244 —— len, der uns einſt auf einer ſolchen kleinen Landreiſe begegunete. Es ging ſchon gegen den Fruͤhling, der Himmel war mild und thauete einen ſanften Regen auf das Feld herab, als wir auf einer Fahrt uͤber Land ſeitwaͤrts eine Kutſche her kommen ſahen, die mancherlei Auffallendes darbot. Erſtlich fuhr ſie ſo langſam, als wenn ſie eine Leiche daherbraͤchte; ſodann ſah man keinen Kutſcher, der die Pferde regierte, ſon⸗ dern ſtatt deſſen eine Dame auf dem Bock, und endlich erblickte man uͤber dem Wagen ein großes Futteral, und wir legten uns aufs Rathen, was darin wohl verborgen ſein koͤnnte. Der Hofmeiſter meinte, es ſei ein guter Vor⸗ rath von Wein, wogegen die andern einwand⸗ ten, daß man alsdann nicht wohl gethan haͤtte, ihn ſo hoch den Sonnenſtrahlen aus⸗ zuſetzen; indeß unterſtuͤtzte er ſeine Meinung noch durch die antiquariſche Bemerkung, daß auch die Alten ihre Weine nicht wie wir im Keller, ſondern oben auf dem Boden in leder⸗ 245 —— nen Schlaͤuchen verwahrt haͤtten. Drauf ſchlug der aͤlteſte Zoͤgling vor, es fuͤr ein Huthfutteral zu halten; allein die andern lach⸗ ten, und ſchaͤtzten, wie groß der Rieſe wol ſein muͤßte, auf deſſen Kopf der Huth paſſen ſollte. Unterdeß war der Wagen naͤher ge⸗ kommen, und wir ſahen ganz deutlich, daß ein Herr im braunen Rock vorne die Pferde ganz behutſam beim Zuͤgel fuͤhrte, und ſich furchtſam immer drei Schritte von den Huf⸗ eiſen entfernt zu halten ſuchte, damit ſie ihn nicht auf die Fuͤße treten moͤchten. Der Poſtillion aber ſaß groß und breit im Wagen, und ſchien rechts und links Zeichen zu geben, wie man die Pferde lenken oder welchen Weg man einſchlagen ſollte, wogegen ein anderer, der ihm gegen uͤber ſaß, ihn immer zu beru⸗ higen oder zu beſchwichtigen ſuchte. Hinten⸗ auf befand ſich wieder eine Dame, die, ſtatt aus dem Wagen durch das kleine Fenſter nach dem Coffer zu ſehen, jetzt umgekehrt vom Coffer durch das Fenſter in den Wagen ſah. 246 —— Noch ehe wir uns im Voruͤbergehen den Schluͤſ⸗ ſel zur Aufloͤſung dieſes Raͤthſels erbitten konnten, hielt ſchon der Pferdefuͤhrer mit ei⸗ nem oftmaligen Stille, Burr an, und rich⸗ tete ſein flehendes Geſicht zu uns mit der Bitte und mit der Frage, ob der Herr nicht einen ſeiner Leute miſſen, und ſolchen zur Lei⸗ tung der Pferde auf eine kurze Zeit an ihn ablaſſen koͤnnte— einen Menſchen, der ſie ſicher nach der Stadt braͤchte, die nicht mehr weit von ihnen laͤge. Der Oberamtmann war verwundert und laͤchelte. Den Vorreiter hat⸗ ten wir grade nicht bei uns und den Kutſcher brauchten wir ſelbſt. Da erhob ich meine kleine Figur und ſagte: ich wolle, wenn er erlaube, die Herren Reiſenden ſchon ſicher ge⸗ leiten und fuͤhren, denn ich wiſſe mit Pfer⸗ den umzugehen und habe es einſt bei einem Oberamtmann zur Antwort: Biſt du ſo ge⸗ ſchickt? Und das muß man erſt ſo gelegent⸗ lich erfahren? Nun meinetwegen. Du ſollſt Fuhrmann gelernt. Was? du? gab der* 1 247 —--— fuͤr heute Urlaub haben. Bringe die Herren, wohin ſie es verlangen, doch wenn ich die Nacht zuruͤckkehre, mußt du wieder zu Hauſe ſein.— Drauf verließ ich eilig unſern Korb⸗ wagen, um das Schickſal mit der Kutſche zu theilen. Auf den Bock konnte ich mich nicht ſetzen wegen der Dame, die lange Manchet⸗ ten trug, und die mir den Platz zu ihrer Rechten, wie es zur Leitung dem Fahrenden eigentlich zukommt, ſchwerlich eingeraͤumt ha⸗ ben wuͤrde. Ich ſuchte alſo eins von den Pferden zu erklettern, wo ich unmittelbar die Zuͤgel fuͤhren konnte, allein es erhob ſich da⸗ gegen ein großes Laͤrmen und Rufen im Wa⸗ gen, eine Debatte dafuͤr und darwider, die erſt beigelegt werden mußte. Ich fing an, mich naͤher von den Perſonen und von der Sache zu unterrichten, und will nun den ganzen Vorfall von Anfang an erzaͤhlen. Das Fut⸗ teral auf dem Wagen enthielt eine Harfe, wel⸗ che der Mann vor den Pferden zu ſpielen pflegte, wenn er nicht, wie heute, ihr den 1 1 248 ——— Ruͤcken zukehren mußte; der andere Herr im gelben Rock, der die Converſation mit dem Poſtillion im Wagen zu beſorgen hatte, war ein Floͤtenſpieler, und die Damen auf dem Bock und hintenauf die Ehehaͤlften von bei⸗ den. Sie hatten den Entſchluß gefaßt, von einer groͤßern Stadt zu einer kleinern zu rei⸗ ſen, um dort ſich hoͤren zu laſſen und ein Concert zu geben. Dies ſollte jetzt mit Extra⸗ poſt auf eine recht glaͤnzende Weiſe geſchehen. Daß ſie aber die Koſten nicht ſcheuten, kam daher, weil ſie damit einen Spott, den ſie ſich von ihren Collegen fruͤher zugezogen hat⸗ ten, auszulöͤſchen gedachten. Im Januar hatten ſie naͤmlich auch einen ſolchen Abſte⸗ cher verſucht, wobei ſie aber ſo ſehr ohne alle Umſtaͤnde handelten, daß ſie nur ein einziges Pferd mit Schellen vorſpannten und die Harfe auf einen Schlitten legten. Die ſchnelle Fahrt in der Kaͤlte machte, daß alle Saiten ſpran⸗ gen, und daß ſie ſolche vor dem Concert erſt elend wieder zuſammen binden und ſogar ein — 2 Paar entlegene Stellen(ich glaube, das dicke G) unbeſetzt laſſen mußten. Die Nachricht davon lief bis zu ihren Collegen zuruͤck, wel⸗ che daruͤber viel Gelaͤchter erhoben. Am mei⸗ ſten fanden ſich die Frauen dadurch beleidigt, und ſie feuerten ihre Männer an, einmal eine Fahrt mit Ehre und Anſtand zu unterneh⸗ men, um zu zeigen, daß ſie auch zu leben wuͤßten. Man wollte es nun bis aufs hoͤchſte treiben und faßte den Entſchluß, mit Extra⸗ poſt zu fahren. Vom Wirth in der Schlange wurde eine geraͤumige Kutſche gemiethet„ und die Damen ſelbſt, um den Zug zu verherr⸗ lichen, legten die ſchoͤnſten Kleider an, und ſtiegen am hellen Mittage ein. Doch die Glo⸗ rie der Fahrt verdunkelte ſich ſehr bald; ſei es nun, daß der Schnaps des Apothekers durch den Neid der Collegen verfaͤlſcht, und mit ſtaͤrker berauſchenden Sachen verſetzt war, oder daß der Poſtillion nur nach ſeiner ganz alltaͤglichen Gewohnheit handelte— kurz, ſie hatten kaum die freie Heerſtraße erreicht, und 250 —— dieſer nur erſt einigemal ſtatt des Horns die Flaſche vor den Mund genommen, als er vom Morgen nach Abend zu wanken anfing und endlich voͤllig betrunken vom Bock in den Gra⸗ ben ſiel. Ein Gluͤck war es noch, daß die Pferde gleich wie auf ein ſtilles Commando Halt machten. Aber mit der bequemen, glor⸗ reichen Fahrt hatte es nun ein Ende. Die Herren Muſici hatten alle Haͤnde voll zu thun, und man wußte nicht gleich, wozu man greifen ſollte. Der eine ſprang nach den Pferden, der andere nach dem Kutſcher. Man konnte dieſen doch nicht wie todt liegen laſſen, und einer allein vermochte ihn wieder nicht zu heben. Die Damen mußten alſo gleich ausſteigen, um die Pferde anzuhalten, der Wagen mußte geraͤumt werden, um den gluͤckſeligen Poſtillion darin aufzunehmen. Floͤtenſpieler und Harfeniſt mußten beide Hand anlegen, um ihn mit vereinter Kraft hinauf zu bringen. Da die Damen ſeine Geſellſchaft flohen, ſo blieb ihnen die Wahl, ſich entwe⸗ — 251. der auf den Bock oder hinten auf den Coffet zu ſetzen, worin auch ihre Meinungen ver⸗ ſchieden waren, indem die eine die Hoͤhe waͤhlte und die andere aus Schaam ſich hin⸗ ten verbarg. Einer mußte im Wagen bleiben, um dem Poſtillion aufzuwarten, der mit ſei⸗ nem Koͤrper voller Komplimente war, und ſich bald rechts, bald links zum Schlage hin⸗ aus neigte. Aber wer ſollte nun das Ganze regieren, und die Pferde lenken, da Hot und Huͤ niemals auf der Tonleiter den Muſican⸗ ten vorgekommen war, und man nicht wußte, welchen Accent oder welchen Nachdruck man dem Zuͤgel geben ſollte. Der Harfeniſt mußte ſich endlich wohl entſchließen, die Zuͤgel am aͤußerſten Ende zu ergreifen; doch ſchwebte er immer zwiſchen zwei Extremen: zog er vor⸗ aus, fliehend vor den nachtappenden Hufeiſen, ſo fingen die Pferde an zu laufen; wandte er ſich wieder zuruͤck, ſo gingen ſie entweder ganz langſam oder ſtanden gar ſtille. Ein Gluͤck noch war es fuͤr ihn, daß die Pferde 252 ———— die Extrapoſt bald ganz vergaßen und in ihren alten Schlendrian verfielen, allein dabei mußte man fuͤrchten, die Stadt nicht vor Anfang des Concerts zu erreichen; man hoͤrte in Ge⸗ danken ſchon die Inſtrumente ſtimmen, und ſah ſchon die Lichter angezuͤndet. In dieſer großen Noth und Herzensangſt fuͤhrte ihnen nun der guͤtige Himmel den Wagen des Ober⸗ amtmanns daher, und ſie bedachten ſich kei⸗ nen Augenblick, ihn um einen Kutſcher zu erſuchen, den ich jetzt vorſtellte. Der Poſtil⸗ lion war aber kaum meiner blauen Jacke und des rothen Kragens anſichtig geworden, als er dagegen zu proteſtiren anfing, daß ein an⸗ derer ſich ſeines Geſchirrs hemaͤchtige. Er wollte immer zum Wagen hinaus, um mich fortzutreiben, und phantaſirte wunderliches Zeug, ſo daß der Floͤtenſpieler mit Hand und Mund vielfaͤltig bitten mußte, daß er doch geruhen moͤchte, im Wagen ſitzen zu bleiben. Der Harfeniſt eilte jetzt ſeinem Collegen zur 222 —03 ——— Unterſtuͤtzung herbei, und beide ſaßen ihm wie zwei Bediente gegenuͤber. Nun ging es raſch vorwaͤrts, doch, wenn ich mich umſah, mußte ich lachen; die Man⸗ chetten auf dem Bock waren im Regen ganz erſchlafft, und das große Kopfzeug hing mit ſeinen Baͤndern und Spitzen ſo ſenkrecht her⸗ ab, als ob ſie eben aus der Waͤſche gekom⸗ men waͤren. Endlich hielten wir am Thore. Da der Unterofficier, der aus der kleinen Wache her⸗ austrat, auf der Stelle, wohin er ſeine Auf⸗ merkſamkeit richtete, den Poſtillion erblickte, ſo fragte er: wo iſt denn die Herrſchaft? Ich antwortete in einem ganz trockenen Ton: Die Herrſchaft ſitzt theils auf dem Bock, theils hinten auf dem Coffer. Was? Heda! fuhr er fort, Poſtillion, ſchaͤmt er ſich denn nicht? Herr Unterofficier! ſtammelte dieſer, heute kann ich Ihnen nichts vorblaſen. Aber, wenn ich wieder komme, dann ſoll's gehen! Friſch auf, Camraden, aufs Pferd, aufs 254 —— Pferd, oder ganz duſe: O Gott du from⸗ mer Gott! das iſt auch ein huͤbſch Lied. Jetzt endlich neigten ſich die verſchaͤmten Mu⸗ ſici vor und ſagtan: wir ſind die Herren, die heute hier Concert geben. Ach! ich weiß ſchon, antwortete der Unterofficier, mein Sohn ſpielt auch eine Geige mit; fahren Sie in Gottes Namen, man wartet ſchon auf ſie.— Zwei Rathsherren ſtanden an der Treppe zum Rathskeller, um die großen Vir⸗ tuoſen zu bewillkommen, und mit ihrer Hoͤf⸗ lichkeit der Stadt Ehre zu machen. Aber auch ſie waren beim erſten Anblick ganz er⸗ ſtaunt, wandten den Kopf hin und her und zupften an den ſeidenen Handſchuhen! Die Leute aus der Billiardſtube liefen herbei und zum Gluͤck auch der Hausknecht. Dieſer nahm die Hauptperſon, den Poſtillion, in Empfang, waͤhrend die galanten Herren ihre Haͤnde nach den Damen auf dem Bock und auf dem Coffer ausſtreckten, und ſie in die Stube an den Ofen brachten, damit ſie ſich 255 —- wieder waͤrmen und trocknen koͤnnten. Der Harfeniſt kletterte nach der Harfe hinauf, und der Floͤtenſpieler ſuchte nach den Noten. Es war eine große Thaͤtigkeit um den Wa⸗ gen, und der ganze Markt voller Men⸗ ſchen.— Als man endlich alle Kaſten aus⸗ gepackt hatte, brachte ich den Wagen auf den Hof und die Pferde in den Stall. Drauf aber ging ich zu den Herren Muſicanten, um ſie zu bitten, daß ſie mich auch moͤchten bei ihrem Concert zuhoͤren laſſen, was ſie mir auch ohne Umſtaͤnde bewilligten. Leider wa⸗ ren wieder einige Saiten geſprungen, aber man hatte ſich diesmal beſſer mit Vorrath verſehen, und der Schaden wurde bald wie⸗ der ausgebeſſert. Das Concert nahm bald darauf ſeinen Anfang. Man fuͤhrte die Da⸗ men, welche ich auf eine ſo jaͤmmerliche Weiſe mit Extrapoſt hieher gebracht hatte, mit vie⸗ ler Ceremonie herein, und ſie ſchienen die Kleider von der Frau Burgermeiſterin zu tra⸗ gen, ſo ſtattlich ſahen ſie aus. Waͤhrend 256 noch geſtimmt wurde, bemerkte ich, wie ſich ihnen mehrere junge Herren mit Fragen naͤ⸗ herten, und jede von unſern Damen hob im⸗ mer die rechte Hand auf, welche mit einem Faͤcher bewaffnet war, und zeigte auf das Orcheſter, indem ſie wahrſcheinlich ſagte: das iſt mein Mann; und die andere: der mit der Floͤte das iſt der meinige. Anfangs, ſo lange die Muſicanten alle mit einander ſpiel⸗ en, ging es— ſo weit ich es damals beur⸗ theilen konnte— recht gut; aber ſobald die Harfe dran kam, wollte es gar nicht ſtim⸗ men und harmoniren, ſo ſehr auch der Har⸗ feniſt mit dem Kopf nickte, und andere hart mit dem Fuß zutraten. Dieſes ruͤhrke aber — wie ich mir ſagen ließ— daher, daß der Harfeniſt die Gewohnheit hatte, eher die Fin⸗ ger an die Harfe zu legen, als er zu ſpielen gedachte. Er griff immer erſt blind zu mit Nun! um alle deſto ſicherer in die noͤthige Bereitſchaft zu verſetzen. Die andern aber dachten, das waͤre wirklich ſchon der erſte Taet, —Q—QꝭQꝭQBxy— 255 Tact, und fielen mit ihren Inſtrumenten ein, ohne ſich noch weiter auffordern zu laſſen. Deshalb waren ſie immer einen guten Sprung voraus, waͤhrend der Harfenſpieler einen hal⸗ ben Tact zugab, um ihnen nachzukommen. Jeder wollte den andern zu ſich heruͤberlocken, und endlich wurde eine irrende Heerde Schafe daraus, die ſich einander ſuchten und nicht finden konnten. Unſere Damen ſahen ſich verwundert, jedoch kecklich, einander an und glaubten nicht, daß ſie eben Urſach haͤtten zu erroͤthen. Der Stadtmuſikant war auch nach⸗ her ſo artig, ſeine Leute auszuzanken und herunter zu machen; indeß hatte er nun dem Harfenſpieler ſeine Gewohnheit abgemerkt und ſeine Mitſpieler davon benachrichtigt. Drauf ſtimmten alle herrlich und vortrefflich zuſam⸗ men, und auch der Flötenſpieler, der den Klaͤngen der Harfe mit ſeinen muntern Toͤ⸗ nen wie ein Vogel nachhuͤpfte, legte große Ehre ein. In der großen Zwiſchenpauſe of⸗ ferirte man den Damen ein Glas Punſch, I. Theil. R 258 und mir ein Glas Bier, das nicht ſonderlich ſchmeckte.— Die Muſik aber gefiel mir außerordentlich; oder vielmehr: ſie ſetzte mich in das groͤßte Staunen, und ob ich gleich meine Augen mit vieler Spannung mehr auf die hin und her fahrenden Bogen als auf das Griffbrett, wo erſt recht die Kunſt zu Hauſe iſt, gerichtet hatte, ſo kamen mir doch alle Spieler wie Hexenmeiſter vor, und ich ſpuͤrte in mir den Wunſch, daß ich um alles in der Welt auch wohl ein ſolcher Hexen⸗ meiſter werden moͤchte.— Indeß war der Abend und die Nacht angebrochen; den Ball, wozu man die Virtuoſen einlud, konnte ich nicht abwarten; der Poſtillion hatte ſich wie⸗ der nuͤchtern geſchlafen, und man brauchte mich nicht weiter. Ich machte mich alſo mit dem Trinkgelde, das man mir reichte— das erſte Geld, das ich ſeit langer Zeit ſah— hurtig auf den Weg, und ließ mich mit froͤh⸗ licher Ruͤckerinnerung an das heutige Aben⸗ teuer vom herrlich ſtrahlenden Vollmonde nach. 239 —-— Hauſe leuchten, wo ich den folgenden Tag dem ganzen Amte mit meiner Geſchichte eine luſtige Unterhaltung gab. Sechszehntes Capitel. Vertreibung. —ᷣ—ᷣ’::S——————’— Der Sommer kam, und bot viele neue Freu⸗ den dar. Bald hatten wir im Garten zu pflanzen und zu begießen, bald ritten wir zu⸗ ſammen aufs Feld, um den Wachsthum des Korns, und des Verwalters Anordnungen und Eintheilungen in Augenſchein zu nehmen. Der Oberamtmann ſah unſer Umherſtreifen 3 auch deshalb gern, damit die Arbeiter im Felde, aus Furcht, von uns bemerkt und verrathen zu werden, deſto fleißiger ſein moͤch⸗ ten.— Auf dem Lande findet die Zeit ihre Rechnung ganz durch die Geſchaͤfte und Ver⸗ N 2 200 —-— richtungen der Natur, und ſelbſt im Winter durch die Thiere in den Staͤllen und durch Maaßregeln im Hauſe, die ſich nach den Monaten veraͤndern, und wie ich ſpaͤter in der Stadt leben mußte, konnte ich immer nicht begreifen, wie man ſo in den Tag hin⸗ einleben koͤnne, ohne zu wiſſen, was draußen vorgehe, und wie weit die Natur ſei. Die Ernte beſonders war eine ſehr erfreu⸗ liche Zeit: wir hatten großen Jubel, da wir den erſten Erntewagen ſahen. Zum Anmaͤ⸗ hen des Korns auf der großen Breite ging es fruͤh hinaus, und der Amtmann gab einer Geſellſchaft draußen ein großes Fruͤhmahl. Da viele Frohnleute mit der Senſe aufgebo⸗ ten wurden, die alle zugleich anfangen muß⸗ ten, und die Gaͤſte ſie mit Baͤndern ſchmuͤck⸗ ten, ſo gewaͤhrte es einen herrlichen Anblick, ſie ſo in Reih und Glied geſtellt mit den rauſchenden Senſen vorwaͤrts ſchreiten zu ſe⸗ hen. Das ſtarke, bittere Erntebier, das die⸗ ſen Tag zuerſt angezapft wurde, that auch 26 1 das ſeinige, um alles in eine hoͤhere Stim⸗ mung zu verſetzen. Fuͤr diejenigen von den Fremden, welche bei dem bittern Trank einen boͤſen Mund zogen, wurde gewoͤhnlich ein Spiel veranſtaltet, durch welches ſie auf ir⸗ gend eine Weiſe in Strafe verfallen mußten, die ſie noͤthigte, ein beſtimmtes Portioͤnchen von dem Erntebier aus Weinglaͤſern zu trin⸗ ken.— Dies gehoͤrte ſo zu den Amtmanns⸗ ſpaͤßen. Mit Beendigung der Ernte gab es vollends ein großes Feſt und eine große Feierlichkeit. Das Bringen des Erntekranzes mit Geſang war eine Hauptſcene; doch habe ich bemerkt, daß dies bei den einfachen Landleuten auf großen Bauerhoͤfen mit weit mehr Ruͤhrung und Andacht geſchieht und groͤßern Eindruck macht, weil dabei alles ernſtlicher nach herge⸗ brachten Geſetzen hergeht. Alle Feſte ſind nichts, wenn dabei nicht gewiſſe Sitten und Gebraͤuche herrſchen, die da machen, daß das zur Schau getragene Spiel erſt einen Anſtrich 262 von Ernſt und die rechte Feierlichkeit be⸗ kommt, wodurch der Tag bedeutend und we⸗ gen des Alterthuͤmlichen vor unſern Augen gleichſam bleibend und ewig wird. Eine ſo ernſte Grundlage aber, die unſere Wuͤrde in voraus beſtärkt, giebt nachher den beſten Sporn und die ſorgenloſeſte Freiheit zum Scherz und zur Freude. Zum Schluß des Erntefeſtes wurde auf einer gruͤnen Wieſe getanzt, und es kam durch die Vermiſchung der Staͤdter und Land⸗ lente, der Hoͤhern und Geringern, eine ge⸗ wiſſe Freiheit und Gleichheit zu Stande, wel⸗ che eigentlich nur durch uͤberaus große Freude oder durch uͤberaus große Noth moͤglich, ſonſt aber etwas Gezwungenes und Unnatuͤrliches iſt. Da nun alles durch einander tanzte, und mancher Herr ſich nicht des Kammer⸗ maͤdchens ſchaͤmte, ſo wußte ich nicht, wozu ich greifen ſollte. Bis jetzt hatte ich Frau⸗ ensperſonen wie meines Gleichen oder viel⸗ mehr als etwas weniger, ſtolz und ſtrenge, . ——— 263 —-— veraͤchtlich und feindſelig behandelt, ohne mir dabei etwas beſtimmtes zu denken. Jetzt war es, als ob ſich zuerſt bei mir das dunkle Ge⸗ fuͤhl von einem beſondern Unterſchiede der Geſchlechter regte, und wie ſich dies allemal zuerſt durch eine groͤßere Sproͤdigkeit und Schuͤchternheit kund thut, ſo war es auch bei mir der Fall. Ich ſchaͤmte mich ſchon im voraus und erroͤthete bei dem bloßen Ge⸗ danken, daß ich auch, wie die uͤbrigen geputz⸗ ten Mannsperſonen, irgend ein geputztes Maͤdchen, das ſchon auf einen Taͤuzer war⸗ tete, nehmen und mit ihr tanzen ſollte. Freund Eduard ſchien ſich in der naͤmlichen Lage zu beſinden, er ſchlich ſich zu mir, and ſagte heimlich und leiſe zu mir: nun, willſt du nicht tanzen? Ach! ich weiß nicht! ſagte ich verlegen. Ja wenn wir mit einander tanzen koͤnnten, fuͤgte er hinzu; aber das geht nicht. Siehſt du das Fraͤulein dort? Der Herr Magiſter hat mich ſchon dreimal angeſtoßen, daß ich ſie auffordern moͤchte, und + 264 —— endlich wird es doch geſchehen muͤſſen.— Er hatte wahrgeſprochen, denn in dem naͤmlichen Augenblicke wichen die Menſchen aus einander und der Oberamtmann kam, um ihn zum Fraͤulein hinzufuhren, worauf ſie beide einen ſchuͤchternen Tanz machten: Ich fuͤhlte in ſeiner Seele die Angſt und Scheu, die ihn beklemmen mochte, und war nicht minder be⸗ ſorgt um mich.— Indem trat das Huͤhner⸗ maͤdchen zu mir und ſagte: Johann, hat er egend einen Groll auf mich, ſo muß er ihn heute vergeſſen, und habe ich ihn beleidigt, ſo bitte ich ihn hiermit um Verzeihung, denn heute iſt alles vergnuͤgt, und auch ich will ein leichtes Herz haben. Wenn er alſo kein ver⸗ ſtockter Suͤnder iſt, ſo gebe er mir die Hand, und ſei er vernuͤnftig und thue er einen Tanz mit mir; er ſoll auch nachher ſehen, was ich ihm zugedacht habe, und wie gut ich es mit ihm meine.— Ich wußte nicht, was ich zu dieſer Anrede denken ſollte; doch ehe ich noch eine Entſchuldigung hervorbringen konnte, ſtan⸗ 265 —— den ſchon andere dabei, die mich antrieben, heute doch meinem guten Herrn keine Schan⸗ de zu machen, und wie ein Sauertopf dazu⸗ ſtehen, ſondern lieber huͤbſch mit herumzu⸗ ſpringen, und einen Tanz mit dem flinken Hannchen(rie ſie ſie nannten) nicht auszu⸗ ſchlagen. Um alſo weiter kein Aufſehen zu erregen, und mir die Verlegenheit dadurch nicht noch ſelbſt zu vermehren, wenn noch andere von der Herrſchaft kaͤmen und mich baͤten, reichte ich der Hanne in Gottes Na⸗ men die Hand, und ſchloß mich zum neuen Tanze, der eben beginnen ſollte, mit an. Sobald nur erſt die Hoͤrner und Flöten er⸗ klangen, wurde mir gleich beſſer zu Muthe, und ich merkte bald zu meinem Gluͤck, daß wir im Tanzen faſt mehr der Muſik als den Tanzenden, uns ſelbſt aber am wenigſten an⸗ gehoͤren, ſo daß mir das Ganze ſpaͤterhin wie ein Rauſch vorgekommen iſt, worin man leicht erwas ſpricht und thut, deſſen man ſonſt nicht foͤhig ſeyn wuͤrde. Als ich aber ausge⸗ 266 —— tanzt hatte, war mir, als haͤtte ich ein gro⸗ ßes Werk vollbracht, und ob ich gleich in mir eine kleine Luſt zur Fortſetzung verſpuͤrte, ſo zog ich mich doch wieder aus dem wilden Schwarm zuruͤck und begab mich auf meine vorige Stelle. Es waͤhrte aber nicht lange, ſo kamen wieder andere mit gleichen Fragen und Verwunderungen, warum ich nicht tanze, und da ich etwas zoͤgerte, dieſe oder jene, die ſich nur ganz aus der Ferne beſcheldentlich dazu blicken ließ, aufzufordern, ſo machten die Mannsperſonen ein Geſpoͤtt daraus und ſagten: Ja ja, wir merken ſchon, er will nur mit ſeinem Hannchen tanzen; man rief ſie auch ſogleich neckend herbei, und ich mußte wahrhaftig wider meinen Willen abermals mit ihr herumſpringen, ſo daß ſie mich nachher gradezu ihren Taͤnzer nannte. Nun aber herrſchte die Sitte, daß Taͤnzer und Taͤnze⸗ rin ſich einander beſchenkten, indem er von ihr einen Straus mit vielen Baͤndern und ſie von ihm ein buntes Tuch bekam. Ich war 267 —--— deshalb in der groͤßten Verlegenheit, weil ich nichts hatte, Hanne aber freute ſich ihrer Seits deſto mehr, daß ſie ihre Freundſchaft zu mir jetzt durch ein Geſchenk beweiſen koͤnn⸗ te. Es zeigte ſich aber nachher, daß eine Schlechtigkeit dahinter verborgen war, die auf mein Ungluͤck hinausging, und daß die Her⸗ ausforderung zum Tanz nur die Vorbereitung dazu ausmachte: denn Hanne kam den Abend mit vieler Schmeichelei zu mir und indem ſie ſagte, daß ſie ganz etwas Apartes fuͤr mich gekauft haͤtte, reichte ſie mir eine recht ſchoͤne Tobackspfeife dar, die ich, wie ſie meinte, als ein ſo ſtattlicher Menſch nun ſchon gebrauchen koͤnnte.— Ich nahm ſie vorlaͤufig an und legte ſie hin. Aber bald verſorgte ſie mich auch mit Toback, mit Stahl und Stein und feuerfangenden Sachen, und ſprach recht an⸗ gelegentlich von der Freude, mich einmal rau⸗ chen zu ſehen, weil mich das ganz koͤniglich kleiden muͤßte. Ich haͤtte es nun freilich wohl nicht gewagt, aber Eduard, der immer gern 268 ——— mit mir Gemeinſchaft hatte, machte den An⸗ fang und bat mich, mit ihm den kleinen Brand ein wenig zu erhalten. So geſchah es denn oft ſpielend, wie junge Leute zu thun pflegen, daß wir oͤfters in den muͤßigen Stun⸗ den eine Viertel⸗, auch wohl eine halbe Pfeife rauchten, ſo daß ſolches ſelbſt den Leuten auf dem Amte nicht verborgen blieb. Nun ſchien fuͤr die ungeheure Bosheit der ſchlechtgeſinnten Hanne die Stunde der Rache gekommen zu ſein, denn kaum, als wir eines Abends die ausgerauchte Pfeife bei Seite ge⸗ legt, und uns zur Ruhe begeben hatten, weckte uns ein fuͤrchterliches Geſchret, und ein dicker Qualm zog zu unſerm Fenſter hin⸗ aus, der bald, Gott weiß, durch welches Mittel an den Fenſtergardinen zur lichten Flamme wurde. Wir nahmen eilligſt unſere Kleider in die Hand und liefen baarfuß in den Hof hinunter. Aber ich hatte unten kaum Zeit mich anzukleiden, ſo ſehr trieb mich die Angſt und das Geſchrei, und der Vor⸗ 269 ——— wurf der Menſchen; denn auf allen Seiten hoͤrte ich die Vermuthung aͤußern, daß ich mit meiner Tobackspfeife an dieſem Brand ſchuld ſei. Nun glaube ich zwar nicht, daß es damit ſo gefaͤhrlich ſtand, indem das kleine Nebengebaͤude abgeſondert lag und faſt ganz aus Steinen erbauet war; aber ein Paar brennende Gardinen gaben gleich eine gewal⸗ uge Flamme, und im erſten Schreck glaubte ich, der ganze Amthof brenne. Wie nun al⸗ les auf mich einſtuͤrmte und ſagte: Johann, Johann, wie wird es ihm ergehen, mache er, daß er fortkommt! glaubte ich wirklich, daß dies das einzige Rettungsmittel fuͤr mich waͤre, und lief zum Amthauſe hinaus und auf das Feld. Gern haͤtte ich meinen Eduard noch einmal geſprochen, aber daran durfte ich jetzt nicht denken. Der einzige Troſt blieb mir, daß ich meinen Hund mir folgen ſah, der bei den Bedrohungen der Menſchen ſich immer naͤher an mich anſchloß, und endlich ſein Schickſal mit dem meinigen theilen wollte. — 270 — Ich ſah aus einiger Entfernung, wie das Feuer noch immer zuweilen durch den Qualm an den Giebel hinaufblitzte, und das Raſſeln der Spritze, die aus dem Dorfe heranfuhr, ſetzte mich vollends in Schrecken und beſchleu⸗ nigte meine Flucht. Es war mir oft, als hoͤrte ich Pferde traben, und Menſchen her⸗ ankommen, die mich einholen wollten. Ich konnte mich zwar nicht erinnern, daß ich mir dem Feuergeraͤth und den zuͤndbaren Sachen irgend eine Unvorſichtigkeit begangen haͤtte, aber der bloße Verdacht war ſchon genug, mich in großes Ungluͤck oder doch in große Verlegenheit zu bringen. Ueberdies hat man vor dem Tobacksrauchen in Abſicht der Feuers⸗ gefahr auf dem Lande eine faſt abergläͤubiſche Furcht, da doch ziemlich erwieſen iſt, daß man die brennende Pfeife ſelbſt auf trockenes Stroh ausſchuͤtten kann, ohne daß dieſes da⸗ durch angezuͤndet wuͤrde. Es iſt aber kein Zweifel, daß manches boshaft angelegte Feuer auf dieſe Rechnung kommt, und daß das To⸗ 271 ——— backsrauchen bei den Feuersbruͤnſten gleichſam nur zum Scherwenzel dient.— Mein Herr haͤtte auch vielleicht meiner Vorſtellung Gehoͤr gegeben, und mir am Ende verziehen, aber deſto mehr haͤtte ich das Volk, das in ſolchen Faͤllen unverſoͤhnlich iſt, fuͤrchten muͤſſen.— Wer weiß, dachte ich, ob der Himmel dich nicht ein andermal wieder mit deinem guten Eduard zuſammenfuͤhrt, der ſich jetzt wohl um dich graͤmen mag. Mein Haß erwachte aufs neue gegen die ſchlechtgeſinnte Magd, die mich verfolgte, und der man nie etwas beweiſen konnte. Ich glaube feſt, daß ſie den Brand angerichtet und den Verdacht auf mich vorbereitet hatte, denn alle riefen gar zu einſtimmig, daß ich ſchuld daran ſei. War es ihre Abſicht, mich zu vertreiben, weil ſie mich nicht mehr vor Augen ſehen mochte, oder wollte ſie mir eine harte Strafe zuziehn, das mag auf ſich beruhen; genng, ſie wollte mein Ungluͤck, und erreichte diesmal ihren Zweck. 272 —— Ich wanderte des Nachts mehrere Stun⸗ den und wandte mich wieder aufwaͤrts nach der Gebirgsgegend zu. Da hier die Ernte wegen der kaͤltern Luft ſpaͤter einfaͤllt, ſo wur⸗ de ich auf dem Felde noch Hafermandeln ge⸗ wahr, in die ich mich verbergen konnte, um von der großen Muͤdigkeit ein wenig auszu⸗ ruhn. 1 Den folgenden Tag, wie grade ein heiterer, milder Herbſthimmel ſich uͤber mich ausbrei⸗ tete, ging ich muthig weiter, und verließ mich fuͤrs erſte auf die wenigen Groſchen, die ich als Trinkgeld bei der Muſikantenfahrt ver⸗ dient, und immer treulich bei mir aufbewahrt hatte. 4 Ich ſah mich nach den Doͤrfern um, die in einiger Entfernung uͤber die Gaͤrten hinaus ihre Thuͤrme zeigten, und dachte in eins der⸗ ſelben einzukehren, um in einem Wirthshauſe die noͤthigen Nahrungsmittel einzukaufen. In⸗ dem kam auf dem Feldwege ein junger Menſch dahergegangen, deſſen Geſtalt ich nicht gleich a . 273 — zu deuten wußte. Sein grobes dunkelbraunes Kleid, halb Rock und halb Mantel, gab ihm zwar ein aͤrmliches Anſehn, aber es ſaß ihm alles ſo ordentlich, und ſein hangendes Haupthaar war ſo glatt gekaͤmmt, und ſo ſorgfaͤltig zuruͤckgeſchlagen, daß er doch aus keiner Bettlerherberge zu kommen ſchien. An ſeinem Huthe war ein Kreuz eingenaͤht, und auch der Stab, den er trug, endigte ſich in eine ſolche Form. Und gleichwohl kuͤndigte der Korb, den er trug, ſchon aus der Ferne einen Sammler von milden Gaben an. Ge⸗ lobt ſei Jeſus Chriſtus, ſagte er zu mir, und ich entgegnete ihm mit Amen.— Von wan⸗ nen, Freund? begann ich zu fragen. Durch das Land, wohin Gott mich leitet, gab er zur Antwort. Und was ſind eure Geſchaͤfte, wenn ich fragen darf.— Ich diene einem Eremiten, erwiderte er, fuͤr den ich Wohltha⸗ ten ſammle bei frommen Chriſten, die ſich ſeiner Fuͤrſprache bei Gott empfehlen. „Wo iſt eure Wohnung?“ 1. Theil. S — 274 ——— Weit von hier in einem einſamen Walde. „Womit bringt aber euer Exemit die Zeit hin? Mit Buße, Kaſteiungen und Gebet. „Warum kaſteiet er ſich denn?“ Sein Fleiſch zu kreuzigen und zu buͤßen fuͤr die Suͤnden der Welt. „So hat er keine Freude an der Welt?“ Nur das Goͤttliche iſt heilig und rein, das Weltliche iſt ſuͤndlich und unvollkommen. „Daß es Suͤnden giebt in der Welt, das weiß ich wohl, aber wir muͤſſen uns durch⸗ kaͤmpfen.“ Viele gehen verlohren in der Suͤnde; der Fromme muß ſich rein erhalten, ſich immer mehr laͤutern durch Betrachtung und Gebet, und fuͤr die Suͤnder bitten; ſo iſt er wie eine reine Quelle des Gebuͤrges, die nachher viele traͤnket. 1 „„Ich verſtehe dich nicht ganz, frommer Wanderer, doch ſcheint es mir: ihr thut zu viel, indem andere zu wenig thun. Wie das 275 3 nun den andern zu Gute kommt, das weiß ich nicht; aber da alles in der Welt zuſam⸗ menhaͤngt, ſo mag es doch wohl ſein, nur erklären kann ich es mir nicht.— Indeß ſagt mir doch, was ihr in dem Korbe tragt.“ Lebensmittel fuͤr meinen Herrn. „Koͤnntet ihr wohl einem armen Menſchen damit aushelfen?“ 1 Warum nicht! Aber wie meint ihr das? „Ich moͤchte euch etwas davon abkaufen.“ Das geht nicht. „Aber braucht ihr denn niemals Kleidungs⸗ ſtuͤcken und Hausgeraͤthe?“ Die tauſchen wir ein. „Wohl! ſo koͤnnt ihr ja das Geld nehmen, und damit einkanfen und eintauſchen, was ihr wollt.“ Nein, das Geld traͤgt den Reiz der Suͤnde au ſich, und entfernt uns von den Gaben der Natur und von der Hand Gottes. Wer uns etwas verleihen will, womit wir uns bedecken, der thut es um Gotteswillen, und nimmt er S 2 276 „—-— etwas dafuͤr, ſo ſind es die Gaben, welche wir auch empfingen um Gotteswillen. Von dem Gelde ſchreibt ſich her die Hartherzigkeit der Menſchen, Geiz, Liſt und Betrug; es iſt die Bruͤcke des Teufels zu den O denſchen, worauf die Suͤnden auf⸗ und abwandeln. „Ihr wollt ganz ſicher gehen, merk ich ſchon, und wagt euch lieber gar nicht vor die Thuͤr, oder ihr friert lieber, als daß ihr euch die Finger verbrennt. Nun nach B Belieben! Aber mich hungert, und ich hätte gern etwas von euren Speiſen.“ Zu geben iſt mir nicht verboten, und ich theile euch mit. Da ſetzte er ſeinen Korb nieder, und er⸗ quickte mich. Jetzt hielt ich ihm wieder mein Geld hin, aber er wandte ſein Geſicht weg, wie wenn ihm der Teufel ein Geſicht geſchnit⸗ ten haͤtte.— Auf einmal fuhr mir der Ge⸗ danke durch die Seele, ob er mir vielleicht von meiner Mutter Nachricht geben koͤnnte. Ihr lebt ſo einſam im Gebirge, begann 277 —-— ich wieder, und wandert umher nach ſo man⸗ cherlei Orten, iſt euch nicht vielleicht eine un⸗ gluͤckliche Frau vorgekommen, die auch in der Einſamkeit lebt und betet und ſeufzt?— Ich beſchrieb ihre Geſtalt, ihren Blick, ibre Stim⸗ me, ihre Geſinnung. Da ſchloſſen ſich ſeine Augenlieder welt auf und zeigten in der Erwartung deſſen, was ich ſagen wollte, mir den Strahl der Hofnung, welcher Freude und Sehnſucht zugleich in mir weckte. Ja— gab er endlich zur Antwort— ich kenne eine ſolche Frau, die oft mit der Daͤmmerung kommt und mit der Daͤmmerung geht„die verkleidet ein Juͤngling ſcheint, Und Troſt und Erbauung findet in unſerer einfa⸗ men Huͤtte.— Wo, wo iſt ſie? rief ich aus. Der Laienbruder erſchrack, da er mich in ſolcher Bewegung ſah.— Hab ich ſchon ein Wort zu viel geſagt, murmelte er fuͤr ſi ſich— ſo mag mir Gott verzeihn.— Ums Himmelswillen, fuhr ich fort, wo iſt ——— 278 —— fie, wo find ich ſie? Ich will ihr Huͤlf“ und Beiſtand bringen; zeigt mir den Weg zu ihr. Der Wanderer ſchuͤttelte das Haupt, hob ſeinen Korb wieder auf ſeinen Ruͤcken, und ſagte: auf dieſem Wanderſtabe, auf dieſem Zeichen des heiligen Kreuzes hab' ich geſchwo⸗ ren, nichts von ihr zu verrathen.. „Aber— ich bin ja ihr Sohn— ich darf, ich muß es wiſſen— habt Erbarmen, und fuͤhrt mich zu ihr.“ e Als mein Herr mir gebot, es niemand zu ſagen, hat er nicht hinzugefuͤgt: außer ih⸗ rem Sohn. Was waͤre Schwur und Eid, wenn wir auch nur ein Wort daran vexaͤn⸗ ddeern duͤrften. „Aber ſo laßt doch die Vernunft euch c⸗ ren. Euer Herr konnte ja nicht wiſſen, daß ihr dem Sohn der Verlaſſenen begegnen wuͤr⸗ det. 74..* Der Schwur iſt jett mein Geſet, das als goͤttliche Vernunft uͤber mich gebietet. Ob 279 —-— mein Herr gefehlt hat, da er ſolches von mir begehrte, ziemt mir nicht zu beurtheilen; meine Sache iſt jetzt, zu ſorgen, daß ich keinen Fehltritt begehe. Und damit Gott be⸗ fohlen. Aber ich lief ihm nach und ſagte: ſo werde ich euch bis zur Huͤtte verfolgen. Da wuͤr⸗ det ihr eine große Ungerechtigkeit begehen, ver⸗ ſetzte er darauf; doch— ich wuͤrde dann nicht zuruͤckkehren, und auf dieſe Weiſe doch meinen Schwur halten. Jetzt ſtand ich betroffen. Nicht zuruckkeh⸗ ren? ſagte ich. Aber— nur das noch ver⸗ kuͤndet mir zum Troſt, ob es ihr wohlgeht. Der Wanderer war ſchon bis zum Huͤgel hin⸗ auf geſchritten, und hinabſteigend rief er: ſie iſt traurig, aber es geht ihr wohl. Dieſe Worte wiederholte ich mir tauſend⸗ mal, und aus allen Gegenden ſcholl es mir zuruͤck: traurig und wohl! Ich ſchaute wieder auf den Raſen und ver⸗ ſank in tiefe Gedanken. Ich ſah wohl ein, 280 —-— daß es vergebens war, ihm nachzueilen und daß er nimmermehr mich geleiten wuͤrde.— Wie kann nur ein Menſch ſo den Buchſta⸗ ben zu ſeinem Geſetz machen, daß er ein Joch wird fuͤr ſeinen Willen, dachte ich ſpaͤterhin bei mir; jetzt war ich ohne Huͤlfe und ohne Rath; doch— ich wußte ja nun, daß meine Mutter beim Eremiten zu erkunden ſei, und von Stund' an ſtieg ich immer hoͤher ins Ge⸗ birge hinauf, wanderte von Dorf zu Dorf und fragte nach der Wohnung des Eremiten. Allein auch in dieſer Hofnung hatte ich mich getäͤuſcht, denn uͤberall gab man zur Ant⸗ wort: feinen Diener kennen wir wohl. aber, wo der Eremit ſeine Huͤtte hat, das wiſſen wir nicht. Nie iſt ein Fußtritt bis dahin ge⸗ 2 drungen,„ denn er will verborgen und einſam ſein, um fern von der Welt ſn unſere Sin⸗ den zu beten.. Da das wenige Zehrgeld bald zuſammen⸗ ſchwand, mußte ich meine Gedanken wieder auf andere Dinge richten und fuͤr mein Un⸗ — 281* —- terkommen ſorgen. Ich wollte, wo moͤglich, den Zufall daruͤber entſcheiden laſſen, und ging meinen Weg fort.— Es war grade ein warmer Tag, und ein Fluß, der daher blinkte, lockte mich zu einem Bade. Ich folgte dieſem Winke, und hatte dabei einen kleinen 4 Auftritt, den ich nicht wohl uͤbergehen darf. Ich hatte naͤmlich meine Kleider auf den Ra⸗ ſen locker hingeworfen, und mein Bild dar⸗ unter verſteckt, ſchwang mich in dem Strohme auf und ab, und wollre endlich, dieſes Auf⸗ enthaltes muͤde, wieder ans Land ſteigen, als grade uͤber mir ein Habicht eine Taube ver⸗ folgte, und dieſe ſchnell herabfliehend, aus Furcht vor dem Raubvogel, ſich unter meine Kleider verbarg. Ich war hocherfreut, daß ich in meiner Armuth noch einer lebenden Creatur zum Schutz dienen konnte, und ging, da der Habicht noch immer in der Luft ſchweifte, wieder ins Waſſer zuruͤck, um die Taube aber ſtuͤrzte * nicht in en S zu ſtoͤhren. Indem zwei Knaben, die auch dieſem 282 — Schauſpiele mit zugeſehn hatten, aus dem Gebuͤſch hervor, um die Taube unter meinen Kleidern zu fangen. Allein mein Hund, der unfern am Ufer lag, gewahrte dies kaum, als er mit Wuth uͤber die Knaben herfiel, und er wuͤrde ſie vielleicht jaͤmmerlich zugerichtet ha⸗ ben, wenn ich nicht gleich aus dem Waſſer hervorgeſprungen wäre. So fuhr alſo immer einer uͤber den andern her, bis ſich alles wie⸗ der in Freiheit aufloͤßte. Die Knaben befreite ich vom Pudel, der mir die Kleider erhlelt, und die Kleider retteten der Taube das Leben. Bei unſerm Laͤrm war der Habicht entflohen, und die Taube, wie die Knaben, eilten in das Dorf zuruͤck. Ich that mein Zaͤckchen wieder an, und wanderte, uͤber dieſen Auf tritt vergnuͤgt, meine Straße weiter fort. 0 mh 283 4 1ch Siebzehntes Capitel. Das Vogelſchießen. Ich war noch keine Stunde gegangen, als ein Menſch deſſelben Weges daher gelaufen kam, der einem Aufwaͤrter oder einem Mar⸗ queur aͤhnlich ſah. Er ſtutzte, da er mir vor⸗ uͤbereilte, blieb ſtehen und ſchaute nach mir zuruͤck. Seine Blicke ſchienen beſonders auf meinen rothen Bund und rothen Kragen ge⸗ richtet zu ſein, und da ich gleichfalls Halt machte, ſo fragte er endlich: iſt Er aus dem goldnen Loͤwen?— Ich weiß nicht, was ihr damit meint, gab ich zur Antwort, erklaͤrt euch naͤher.— Mein Herr hat dort fuͤr mich einen Gehuͤlfen beſtellt in der Stadt, fuhr er fort, denn Morgen faͤngt das Vogelſchießen bei uns an und da brauchen wir mehrere Leute. Der Burſche aber aus dem goldnen Loͤwen ſollte deute Morgen ſchon kommen, 4 komr 8 284 ——— und da er noch nicht da iſt, ſo fuͤrchtet mein Herr, daß er wortbruͤchig geworden ſei, und die Sache hat Eile, denn es haben ſich ſchon Fremde aus der Nachbarſchaft bei uns an⸗ melden laſſen, die faſt alle Zimmer bei uns bereits in Beſchlag genommen haben. Weil ich nun ſeine rothen Aufſchlaͤge ſah, ſo dachte ich, er koͤnnte wohl der Menſch fein⸗ den wir erwarten.. Der bin ich guat nicht, erwiderte ich drauf, aber wenn ihr wollt, kann ich ihn alle Au⸗ genblicke vorſtellen, und auch in der That ſeinen Platz ausfuͤllen, denn ich weiß recht gut Gaͤſte zu bedienen und habe es bei einem Amtmann gelernt. 1 Wohl! wir koͤnnten ihn ſchon brauchen, ſagte er weiter, denn mein Herr iſt in Ver⸗ legenheit, und morgen und uͤbermorgen giebt es alle Haͤnde voll zu thun. Bliebe nun gar⸗ der Musje aus dem goldnen Loͤwen aus, ſo ſaͤßen wir da. Aber wenn er auch kaͤme, ſo wuͤrde ich es doch gerne ſehen, wenn ihn mein 4 Herr noch dazu naͤhme; nur— Antheil an den Trinkgeldern muß er nicht verlangen, die bleiben fuͤr mich. Indeß noch ein Scrupel faͤllt mir ein:„daß ihr mich nicht kennt, nicht wahr? Doch wenn ich euch nun erzaͤhle, wer ich bin, und geſetzt, ihr wolltet dennoch mei⸗ ner Ehrlichkeit nicht trauen, ſo koͤnnte ich ja gleichwohl euer Gehuͤlfe ſein, ohne daß ihr dabei Gefahr liefet, wenn ihr es naͤmlich ſo einrichten wollt, daß ich blos die Sachen herbeitrage, waͤhrend ihr das Geld in Em⸗ pfang nehmet. Und nachher will ich euch meine Taſchen preis geben; was wollt ihr mehr?“ Das laͤßt ſich hoͤren, gab er zur Antwort; doch— ich kann daruͤber nicht entſcheiden, geh er zu meinem Herrn. Dort oben am Walde ſieht er das Schießhaus liegen und das Wirths⸗ haus dabei. Ich muß jetzt meinen Auftrag kausrichten, und zum Musje im goldnen Loͤ⸗ wen. Adjeu auf Wiederſehen. Ich machte mich nun auf, nach dem Schießß. dauſe zu, erzaͤhlte dem Wirth, wie ich von 286 ſeinem Marqueur hierher beſtellt ſei, und gab auch ein Stuͤck aus meinem Leben zum Be⸗ ſten. Indeß— der Wirth traute mir nicht ſehr, und ſchalt auf den faulen Maraueur, der immer nicht Aufwaͤrrer genng bekommen koͤnnte, und ſie noch von der Straße auf⸗ laͤſe. Es war alſo ein wirkliches Gluͤck fuͤr mich, daß der Musje im goldnen Loͤwen aus Ambition oder aus Furcht vor der Strenge des neuen Wirths, dem er wie ein Tageloͤh⸗ ner dienen ſollte, den Antrag verwarf und ganz und gar ausblieb; ich trat an ſeine Stelle. Den folgenden Tag begann ein groß Ge⸗ tuͤmmel; die Buden oͤfneten ſich, und die Menſchen ſtroͤhmten aus dem nahen Staͤdt⸗ chen ſowohl als der umliegenden Gegend herbei. In der Aufwartung hatte der Marqueur Recht, der es fuͤr die Hauptſache bei einem ſolchen Feſte hielt, daß es nicht an Leuten zur Bedienung der Gaͤſte fehlen muͤßte. Die meiſten Wirthe begehen dabei den Fehler, daß 287 — ſie wohl an die Sachen, welche ſie verſilbern wollen, aber nicht an die Gaͤſte denken; ſie ſtellen ihre Leute zu den Waaren, aber nicht zu denen, welche ſie begehren, was ſie doch erſt als Wirthe von den Kaufleuten unter⸗ ſcheidet. Daher entſtehen an ſolchen Volks⸗ feſten gewoͤhnlich die groͤßten Verwirrungen, alles ſcheint von der Gnade des Wirths ab⸗ zuhangen, und gegen eine Hungersnoth zu kämpfen, ſtatt ſich in rechtem Wohlleben ein⸗ mal zu ergoͤten. Man ſieht die Menſchen mehr um Kuͤche, Keller, Saal und Speiſe⸗ kammer, als auf dem freien Platze, wo man zu genießen gedenkt, verſammelt. Mehrere Aufwaͤrter laufen hin und her, ohne daß durch ſie etwas Rechts gefoͤrdert wuͤrde. Ruft man den einen um Wein an, ſo antwortet er: ich habe das Bier, und fordert man Bier von einem andern, ſo ſpricht er: ich beſorge die kalte Kuͤche; und man kann doch keinem anſehn, was er zu verkaufen hat. Wird end⸗ lich etwas gebracht, ſo weiß der Aufwaͤrter — 238 wieder ſeinen Käufer nicht zu finden, und ein anderer reißt es ihm aus der Hand. Kurz, man kann nichts Klaͤglicheres ſehen, als die Einrichtung bei einem deutſchen Volksfeſte.— Gegen dies alles hatte der Marqueur als ein Muſter in ſeiner Gattung die beſten Vorkeh⸗ rungen getroffen. Zuerſt war gehoͤrig fuͤr Ti⸗ ſche und Stuͤhle geſorgt, und zwar auf einem freien Platze, wo man Raum hatte und auch alles uͤberſehen konnte. Sodann waren fuͤr die Bedienung drei Abtheilungen gemacht, die in Wirth, Aufwaͤrter und Verkaͤufer beſtan⸗ den, ſo daß es immer aus einer Hand in die andere ging, und die Gaͤſte ſich nicht vom Platze zu ruͤhren brauchten. Er ſelbſt blieb, ſo wie der Wirth auf der andern Seite, auf dem Platze, um die Gaͤſte zu empfangen, und ihre Befehle zu vernehmen. Ihre Beſtellung uͤbergab er gleich an einen von den Aufwaͤr⸗ tern, welche zwiſchen ihm und den Verkaͤu⸗ fern in Kuͤch und Keller, die nicht von der Stelle gingen, in beſtaͤndiger Bewegung wa⸗ ren. 289 ———— ren. Der Fremde hatte es alſo immer nur mit einem Menſchen zu thun, der nur in einem beſtimmten Reviere ſich aufhielt, und ſtets zu ſehen oder abzurufen war. Dieſer allein nahm auch das Geld ein, und damit auf keine Weiſe Unterſchleife geſchehen koͤnn⸗ ten, hatte er Marken fuͤr alle Beduͤrfniſſe, die von den Aufwaͤrtern an die Verkaͤufer gebracht wurden, und deren Anzahl nachher mit ſeiner Einnahme uͤbereinſtimmen mußte. War der Umkreis der Menſchen zu groß, ſo theilte er ſich mit ſeinem Herrn oder mit noch einem Dritten in die Aufſicht, und es ging auf dieſe Weiſe alles ſehr ſchnell von ſtatten, und auch bei dem groͤßten Getuͤmmel blieb im⸗ mer die groͤßte Ordnung. Die Ordnung aber iſt wieder der Freude und dem Vergnuͤgen be⸗ foͤrderlich, ſo daß ſie viele Gaͤſte herbei zieht, und bei ihnen die Luſt zu genießen vermehrt, ſo daß die groͤßern Koſten dadurch dem Wir⸗ the wieder reichlich erſtattet werden.— Mich hatte der Marqueur nur zu ſeinem I. Theil. T 290 — Gehuͤlfen im ſtrengſten Sinne, und gleichſam zu ſeinem Adjutanten beſtimmt, der nicht von ſeiner Seite weichen durfte, und den er hie und dorthin ſchicken konnte, wenn etwa des Rufens und Forderns auf einmal zu viel wurde oder ſich alle Beſtellungen nicht gleich faſſen und merken ließen; denn das Getuͤm⸗ mel war außerordentlich, und er ſuchte ſeinen Stolz und ſeine Ehre darin, alles immer, wie eine Maſchine, in beſtem Gange zu er⸗ halten, ſo daß niemals ein Stocken, eine Hemmung oder eine Verwirrung entſtand. Auf dieſe Weiſe hatte ich denn Gelegenheit genug, die Leute aus der Stadt zu beſichti⸗ gen und ihr Benehmen zu beobachten. Das Ganze konnte ein Schauſpiel vorſtellen, das ſie vor mir auffuͤhrten, und ich kann nicht umhin, einige Gruppen davon in der Be⸗ ſchreibung voruͤbergehen zu laſſen. Ein Hans⸗ wurſt marſchirte mit der Trommel auf und ſchrie, die Knaben machten's ihm nach, und deelamirten. Ein ſteifer Rector ſchritt vor⸗ 3 291 —— uͤber, den Stock an ſeinen Mund haltend, und ſagte: He, Kleiner, das Exercitium! Ein Neugieriger kam gerannt und ſteckte die Nafe in jede Bude, mit tauſend Fragen, mit tauſend Erkundigungen, ohne ſelbſt jemanden eine Antwort zu geben. Ein junges beſchei⸗ denes ſeit acht Tagen verheirathetes Ehepaar ſetzte ſich auf die Raſenbank, und laͤchelte mit holder Zufriedenheit. Nun ſag, was willſt du Puͤppchen, begann der zaͤrtliche Eheherr, willſt du Bisquit, willſt du Marcipan, willſt du Topfkuchen, willſt du Siſter, Makronen, Mandeltorte, Strizel, Reiber, Honigkuchen, willſt du Zuckerprezeln, Auflaͤufer, Haugſtoͤße: willſt du Pfannkuchen, Kringeln, Mandein, Pfefferkuchen? Oder willſt du ſo kleine Zucker⸗ plaͤtzchen, Zuckererbſen, Bonbons? Oder eingemachte Johannisbeeren, Imbeeren? Sag nur, mein Kind, es ſteht dir alles zu Dienſte. Das Kind aber ſagte immer: ich danke! Und hatte weder Hunger noch Durſt, zufrieden und mit Ergebenheit aufblickend zu ihrem T 2 — 292 —- lieben Ehegemahl. Endlich ſetzte ſie hinzu: Was du willſt, mein Kind, das iſt mir auch recht. Ein anſehnlicher Brauherr kam jetzt recht breit daher gegangen, ſeine Frau zur Rechten und ſeine Tochter zur Linken, beide im groͤßten Staat. Was werden wir denn nun genießen, fing Mama an. Der Brau⸗ und Eheherr druͤckte den Huth auf ein Ohr und ſagte mit ſtarker Stimme: Wein! Gut, antwortete ſie, das mag anfangs als eine Erfriſchung gelten; aber wenn wir nun zugeſehen haben, wie der Vogel aufgerichtet iſt, und wir zuruͤckkehren, was dann? Der Brauherr ſetzte ſein ſpani⸗ ſches Rohr weit von ſich weg auf die Erde, und ſagte mit entſchloſſener Miene: Wein!— Was biſt du ſo hitzig heute, entgegnete er⸗ ſtaunt ſeine liebe Ehehaͤlfte. Aber nachher muͤſſen wir auch huͤbſch bei den Tiſchen um⸗ hergehen, und ſehen, was die andern ma⸗ chen. Und wenn wir darauf an unſern Platz zuruͤckkommen, lieber Philipp, was dann? 293 ——— Der Brauherr zog die ſeidene Weſte uͤber ſei⸗ nen Bauch, zupfte am ellenlangen Jabot, und ſagte recht martialiſch: Wein! Ei mein Gott! erwiderte ſeine Frau und ſchiug in die Haͤnde, wenn wir ſchon ſo feuͤh uns den Kopf beſchweren wollen, was ſoll's denn bei Tiſche und nach Tiſche werden? Was wollen wir denn da genießen? Weini ſagte abermals der Brauherr, und heute nichts als Wein, denn das Vogelſchießen kommt alle Jahr nur einmal, und die ganze Welt ſoll ſagen, daß ein ſo vergnuͤgtes Vogelſchießen, wie zu Flin⸗ kerſtädt, noch nirgends geſehen worden iſt, und daß es uͤberhaupt nur Ein Flinkerſtaͤdt in der Welt giebt.— Wenn der Charakter ei⸗ nes Buͤrgers oder eines ſogenannten Phili⸗ ſters darin beſteht, daß er ſich in ſeiner Be⸗ ſchraͤnktheit gluͤcklich fuͤhlt, und ſtolz iſt auf den engen Raum, wo er ſteht, und daß ihm das Wichtigſte außerhalb dagegen nichts ſcheint, ſo ſtellte dieſer Brauer ein recht treffendes Bild eines ſolchen Philiſters dar und konnte * 294 fuͤr alle gelten.— Mit jedem Schritt, den er weiter that, haͤuften ſich die ehrſamen Buͤrger der Stadt um ihn her, bis er Halt machen mußte, und alle, faſt einſtimmig ſag⸗ ten: eine Prieſe; Herr Gevatter, eine Prieſe aus der Prinzendoſe! Das kommt alle Jahr nur einmal. Drauf zog er mit vieler Wich⸗ tigkeit und Langſamkeit eine ſehr glaäͤnzende Scheibe hervor, und ſagte: ja, lieben Freun⸗ de, das iſt noch immer die Doſe, die ich einſt vom Prinzen von Weferlingen— es war ein vortrefflicher Herr— zum Geſchenk und zum Andenken erhalten habe, da er ſich ſieben Wochen bei mir einlogirt hatte. So ſah er aus, hier ſteht ſein Bildniß; ich glaube, ich wuͤrde lieber meine ganze Brauerei hingeben, als dieſe Doſe miſſen. Zeigt, zeigt doch! ſagten die Gevattersleute, als haͤtten ſie ſol⸗ che in ihrem Leben noch nicht geſehn. Der gnaͤdige Herr hat ſich noch recht gut conſer⸗ virt! fuͤgten ſie hinzu; er hat recht was Braves im Geſicht. Ja, erwiderte der Bran⸗ 4 295 — . herr, ich verwahre ſie auch, wie mein e grär. tes Kleinod, und trage ſie jaͤhrlich nur zwei⸗ mal, erſtlich zu meinem Geburtstage, und nachher zum Vogelſchießen.— Detzt ging es an ein Prieſennehmen, und jemand neben mir ſagte, daß man denſelben Auftritt mit denſelben Worten alle Jahr hier erleben koͤnnte. Drauf kam ein junger Mann daher, der recht ſorgenfrei die Blicke zwiſchen Himmel und Erde ſchweifen ließ und mit ſeinem Stoͤck⸗ chen um ſich her durch die Luͤfte fuhr. Ei ſeht doch! da iſt ja Herr Gerke! riefen einige Stimmen, und wie geputzt, wie geputzt! Heda! hieher! hieher! und von der andern Seite riefen ſie wieder: hieher! hieher! Tau⸗ ſend Haͤnde ſtreckten ſich ihm entgegen; Herr Gerke drehte ſich mit dem Huth in der Hand wie ein Kreiſel herum, und hatte nicht Blicke, nicht Worte, nicht Patſchhaͤnde genug, um alle Gruͤße zu erwidern. Es hatte aber der⸗ ſelbe, wie ich hoͤrte, kuͤrzlich ſeine Aeltern 296 —— verlohren und eine große Erbſchaft gethan; war noch unverheirathet und dabei ein bischen dumm. Haben Sie meine Schweſter ſchon geſehn? ſagte ihm ein guter Freund, ſte iſt auch hier. Ei, der Tauſend! gab er zur Antwort. Herr Gerke, Herr Gerke! was eilen Sie denn? Nehmen Sie doch Platz bei uns. Meine Kinder haben ſich bald todt nach Ihnen gefragt, beſonders die da.— Mamſell erroͤthete und der junge Mann kuͤßte ihr die Hand.— Wie? was? kennen Sie denn Ihren alten Freund nicht mehr? ſagte jemand im Vorbeigehen. Doch ein anderer kam gelaufen und rief: Hurtig, hurtig, Herr Gerke; es iſt ſchon alles im Saal bei einan⸗ der, und Sie haben das Vortanzen, Mam⸗ ſell Trudchen wartet ſchon mit Schmerzen auf Sie. Indem war er von einem groͤßern Haufen umringt, welche ihm auf die Schul⸗ ter ſchlugen und ſagten: Ja, ja, Herr Ger⸗ ke, Sie zielen immer grade aufs Herz, ich ſchwoͤre, daß Sie dies Jahr unſer Köutg 297 werden.— Wegen ſeines großen Vermoͤgens durfte er das allerdings hoffen.— Waͤhrend viele dem Saal zuſchwaͤrmten, ereignete ſich im Vordergrunde wieder ein anderer Auftritt. Ein Amtskommiſſair kam geſtiefelt und ge⸗ ſpornt, kommandirte Tiſch und Stuͤhle, Punſch und Wein, und ſagte, er habe ſich trotz aller Hinderniſſe frei gemacht und wolle heute einen recht koͤniglichen Tag leben. In⸗ dem ſtieß er auf einen Dragonerlieutenant, der einen Bedienten hinter ſich hatte, welcher ein wahres Gaunergeſicht trug. Seh ich recht? riefen beide; was zum Henker! ihr ſeid auch hier? Ja, Herr Lieutenant, erwi⸗ derte der Amtskommiſſair, es iſt doch kurjos, daß wir immer zuſammen treffen muͤſſen. Gott ſtraf mich! ſagte drauf der Lieutenant, das Menſchenkind iſt ſchon wieder eiferfuͤchtig. Nicht wahr? auf Guſtchen iſt es gemeint? Auf Ehre! ich will euch heute keinen Abbruch thun.— Denkt euch nur, fuhr der Amts⸗ kommiſſair fort, mein Alter ſchickt mich da 8 298 —— mit einem Pack Acten nach Duͤnkelſtaͤdt, da⸗ mit ich nur dem Vogelſchießen hier nicht mit beiwohnen ſoll; aber nichts, ich ſetzte mich wieder aufs Pferd und im Huy bin ich hier. Und nun— Guſtchen? wie? habt ihr ſie ſchon geſehn? Ich muß ſie von Papa und Mama zu entfernen ſuchen, denn der Alte mit ſeiner Prinzendoſe will ſie mir durchaus nicht geben. Still! da iſt ſie, da kommt ſie. — Hurtig lief er ihr entgegen, und fuͤhrte ſie an ſein Tiſchchen, waͤhrend der Lieutenant ihr nur aus der Ferne ſein Compliment machte.— Indeß— der Amtskommiſſair ſollte heute ganz beſonderes Ungluͤck haben. Sein Vater kam in dem Augenblick daher ge⸗ fahren, und er wußte nicht gleich, wo er ſich verbergen ſollte. Da ſchloß der Hanswurſt ſtraks ſeine Bude auf und ſagte: Hier! ſchluͤpfen Sie nur gleich hinein, bis das Ha⸗ gelwetter voruͤber iſt, und die Sonne wieder ſcheint; aber gehn Sie ſaͤuberlich mit Sim⸗ ſon und den Philiſtern um, und thun Sie 299 —— meiner Bathſeba nichts zu Leide. Der Amts⸗ kommiſſair kroch eiligſt hinein, ſo daß der Vater nur noch ſeinen Rockſchweif zu ſehen bekam. Dieſer ging mit zwei ehrwuͤrdigen Matronen und klagte uͤber die theure Zeit, ſo wie dieſe uͤber die Gottloſigkeit der Welt. Drauf ſetzten ſie ſich— o Ungluͤck!— grade der verſchloſſenen Bude gegenuͤber, und taxir⸗ ten den Werth der Waaren, die ſie um ſich her ausgebreitet ſahen. Der Alte verſicherte ſelbſt, daß er in zwanzig Jahren auf kein Vogelſchießen gekommen waͤre. Aber wie wurde es mit Guſtchen?— Die konnte doch nicht allein bleiben, und der Offieier war auch gleich bei der Hand. Die Hoͤflichkeit erfor⸗ derte es, ſie fleißig zum Wein, zum Punſch des Amtskommiſſairs zu noͤthigen, und allein konnte er ſie doch auch nicht trinken laſſen. So noͤthigten ſie ſich denn beiderſeits, waͤh⸗ rend der Amtskommiſſair in der Bude Angſt⸗ tropfen ſchwitzte. Er fing an, ein wenig zu rumoren, aber er durfte es doch nicht zu 300 — merklich machen. Indem ſchob der Pup⸗ penſpieler ſeitwaͤrts einen Schieber auf und ſagte: Hier koͤnnen Sie Luft ſchoͤpfen. Ich moͤchte vor Bosheit ſticken! fluchte der und ſteckte die Naſe ein wenig heraus; doch die Ausſicht wollte ihm gar nicht gefallen, denn er konnte von Guſtchen weiter nichts als die rechte Hand ſehen, wenn ſie grade nach dem Glaſe griff, um mit dem Herrn Lieutenant anzuſtoßen. Ach! mein Gott! ſeufzte er, wie haͤtte ich mir heute wohl koͤnnen traͤumen laſ⸗ ſen, daß ich noch in dieſem verfluchten Kaſten wuͤrde ſitzen muͤſſen. Iſt denn mein Vater noch nicht weg? Nein, ſagte der Hanswurſt, ſie haben ſich erſt ein Glas Stadtbier geben laſſen, und nachher wollen ſie zuſammen eine Portion Caffee trinken. Hoöͤlle und Teufel! fluchte jener— Hier zu ſitzen! und Guſt⸗ chen mit dem Lieutenant gegenuͤber. Es iſt zum Tollwerden. Warum bin ich nicht lie⸗ ber bei meinen verfluchten Acten hinterm Tiſch geblieben, da haͤtte ich doch nicht noͤthig gehabt, 301 ——— den vermaledeiten Spuk mit anzuſehn. Hans, ſchaff mir den alten Herrn und die Tanten fort.— Hans ging hinuͤber und ſagte: Sie ſictzen hier nicht gut in der Sonne. O doch, erwiderte der Alte, wir brauchen Waͤrme. Ach! fuhr jener fort, wiſſen Sie ſchon, dort in jenem Nebengebaͤude iſt ein Kalb zu ſehn mit zwei Koͤpfen, drei Augen, vier Ohren, fuͤnf Beinen, und, ich glaube, ſechs Schwaͤn⸗ zen. Laß er uns mitfrieden, brummte der Alte, dergleichen iſt uns nichts Neues. Hans kam zuruͤck und berichtete: Es iſt durchaus nichts mit den Herrſchaften anzufangen, denn es giebt kein Wunder in der Welt, das ſie nicht ſchon geſehn haͤtten. So laß mich we⸗ nigſtens nicht verdurſten, ſagte der Amtskom⸗ miſſair. Gleich ſprang der Hanswurſt zu dem andern Tiſch und bat, daß der Herr Lieutenant doch ein Glas fuͤr den Amtskom⸗ iſſſir erlauben moͤchten. Recht gern! ſagte dieſer lachend, und gab eine ganze Flaſche hin. Das war noch ein Troſt. Bald darauf be⸗ 302 —— kam der verſchmitzte Hanswurſt einen Einfall, 1 wie er dieſe unfreiwillige Gefangenſchaft zu ſeinem Vortheil benutzen koͤnnte. Er ſaß naͤmlich, bis er Abends ſeine Bude eroͤfnete, an einem Tiſch daneben, und verkaufte aller⸗ hand Wahrſagungen. Da nun der Amts⸗ kommiſſair ſo ziemlich alle Perſonen dieſer Gegend kannte, ſo ließen ſich auf ſeine Ein⸗ fluͤſterungen muͤndlich wohl noch beſſere Pro⸗ phezeihungen machen, und er richtete es ſo ein, daß die Leute erſt wuͤrfeln, und dann nach einem Weilchen wieder kommen mußten. Unterdeß ließ er ſich von jenem das ganze Leben der fragenden Perſon offenbaren, und alles gerieth uͤber das Zutreffen der Ausſage in das groͤßeſte Staunen. Manches diente dazu, Streit unter Bekannten anzuzetteln, und Prozeſſe hervorzubringen, und es gab viele ſonderbare Scenen, aber es wuͤrde zu weitlaͤuftig werden, alles zu beſchreiben, und ich kannte die Verhaͤltniſſe zu wenig, um von allem gleich das Intereſſante aufzufaſſen. 303 Endlich nahm die Geſchichte des Amtskom⸗ miſſarius doch noch eine gluͤckliche Wendung⸗ Auf ein Geſchrei, daß der Vogel in die Luͤ gezogen wuͤrde, lief alles weiter Wieſe zu; nur der alte Pap Da machte jener von ſeine torium her eine Bemerkung, geh werth war, als das ganze Vogelſchießen. Er ſah naͤmlich, wie jenes Gaunergeſicht, das ſich bisher im Getuͤmmel umhergetrieben, und ſich um ſeinen Herrn gar nicht weiter bekuͤm⸗ mert hatte, heimlich ſeitwaͤrts an der ver⸗ ſchloſſenen Bude hinſchlich, und etwas Blin⸗ kendes aus der Taſche zog, an deſſen Anblick er ſich in der Stille, ſeiner Meinung nach ungeſehen, zu ergoͤtzen ſchien. Indem ent⸗ ſtand ein großer Laͤrm vom Schießhauſe her, der reiche Brauherr ſtuͤrzte wie unſinnig durch das Gedraͤnge und rief ein⸗ uͤber das andere⸗ mal: Ach! meine Doſe! meine Doſe! Was iſt denn? fragten die andern; und die Ant⸗ wort war: die Prinzendoſe iſt mir geſtohlen! 30⁰4 -— — Da gab es nun ein Forſchen, ein Fragen, ein Suchen, ein Bedauern, ein Verwundern, ein Rathgeben ohne Ende. Alles, was ich habe, wollte ich darum geben, ſchwur der Brauherr, wenn ich nur meine Prinzendoſe wieder haͤtte. Gott, wenn das der Herr erfuͤhre, was wuͤrde. er dazu ſagen!— Auf einmal vernahm man ein ſehr heftiges Pochen in der todten Bude, und eine Stimme, welche rief: macht auf, ich bitte euch, macht auf! Der Hanswurſt mußte einer ſo lauten Aufforderung gehorchen, und der Amtskommiſſair trat hervor. Ei, mein Gott! da iſt ja unſer Fritz, ſagte der Papa. Aber dieſer ſchien ihn gar nicht zu bemerken, ſondern ſuchte nun gleich nach je⸗ nem Gaunergeſichte, das ſeitwaͤrts ſchlich und das er auch bald aus dem Gebuͤſche hervor⸗ holte. Seht hier! rief er, das iſt der Dieb, der euch eure Doſe geſtohlen hat. Gleich, Halunke, gieb ſie her, oder du biſt des To⸗ des. Da fiel er auf die Erde, und die Doſe aus ſeiner Taſche. Der Amtskommiſſair hob ſie 202z 5-82 — ſie ſogleich mit Freuden auf und uͤbergab ſie ſeinem— ſo Gott will— kuͤnftigen Schwie⸗ gervater, ſtill erwartend, was dieſer nun dar⸗ auf ſagen oder thun wuͤrde. Dieſer nun woll⸗ te auch etwas von Großmuth au ſich tragen, und winkte auf der Stelle Guſtchen zu ſich, fragend: willſt du ihn haben? Und da ſie nicht Nein ſagte, ſetzte er gleich gegen den Amts⸗ kommiſſair hinzu: da Sie ſich heute ſo ver⸗ dient um mich gemacht haben, ſo will ich meine alte Feindſchaft hiermit vergeſſen, und Ihnen meine Einwilligung zur Verlobung mit meiner Tochter nicht laͤnger verſagen; da, nehmen Sie ſie hin. Drauf ſtreckte er die Arme nach dem alten Herrn aus, und ſagte: auch wir wollen Freunde ſein. Der Vater war vor Verwunderung faſt halb todt, da er alles vernahm; aber er ſah darin den Fin⸗ ger der Vorſehung, und verzieh. Jetzt zog der Schwiegerpapa freudiger als jemals ſeine Doſe heraus und alle rings herum mußten eine Prieſe nehmen.— Der Dieb kam in J. Theil. U 306 —— das Stadtgefaͤngniß, und der Officier ſchaͤmte ſich, einen ſolchen Schurken von Bedienten zu haben, ſchwang ſich aufs Pferd und ritt davon, ergrimmt, daß er nun doch die Beute ſeines Sieges in den Haͤnden ſeines Neben⸗ buhlers zuruͤcklaſſen mußte. Das Vogelſchießen waͤhrte vierzehn Tage, und als Herr Gerke Koͤnig geworden war, nahm der Spectakel erſt recht ſeinen Anfang, denn er wollte durchaus die ganze Stadt be⸗ trunken machen, und wir konnten nicht Wein genug anſchaffen. Es wurde ihm auch bald ein Maͤdchen ausgefunden, die man ihm als Koͤnigin an die Seite ſetzte, und die ganze Geſellſchaft lud er ſchon im voraus zur Hoch⸗ eit ein. 1 4 Indeß hatte ich den Spuk nun ſatt und fing an, auf die Volksvergnuͤgungen der ge⸗ ringern Staͤnde zu achten. Da ſah es denn ziemlich klaͤglich aus. Hanswurſt ließ zwar ſeine Puppen handeln und reden, aber, was ſie hervorbrachten, war doch gar zu erbaͤrm⸗ 307 —— lich; es fehlte immer an Stoff zum Scherz, und die grobſinnlichen Spaͤße, ob ſie gleich vom Puppenſpiel faſt unzertrennlich ſind, konnten allein den Geiſt und Witz noch nicht erſetzen. Es gab keinen Dichter, der dem Hanswurſt Einfaͤlle liehe, und fand ſich ja ein ſolcher, der ein Stuͤck fuͤr ihn ſchrieb, ſo buhlte er gleich um den Beifall der Vorneh⸗ men, und das Volk wurde von dieſen als⸗ dann wieder verdraͤngt und ausgeſchloſſen, ſo daß es mit dem beſten Appetit nie zu einem rechten Genuſſe kam. Wer einmal fuͤr das Volk ſchreibt, der muß ſich auch fuͤr das Volk aufopfern koͤnnen, und ſich nicht daran kehren, ob ſein Werk den hoͤhern Staͤnden mißfaͤllig ſei oder nicht, ſonſt erreicht er auf keiner Seite ſeinen Zweck.— Ueberall ſah man, wie nur geſorgt war, die Sinne(durch Tanz und Wein) zu berauſchen, aber nicht, den Geiſt durch Scherz und Spiel in freie Thaͤtigkeit zu ſetzen. Durch Wuͤrfel und Lot⸗ teerien zog man gleich die groͤbern Beſtand⸗ U 2 4 9 308 ——— atheile des Menſchen an, damit er nie von der Herrſchaft ſeiner ſinnlichen Neigungen frei wuͤrde. Eigentliche perſoͤnliche Spiele, die in hergebrachten dramatiſchen Schaͤkereien beſtehen, wurde ich nicht gewahr. Auf allen Ecken traf man viel Langeweile und wenig luſtige Menſchen. Als die Zeit voruͤber war, erhielt ich mei⸗ nen Lohn, welcher in acht und zwanzig Gro⸗ ſchen beſtand, und ich konnte nun wieder rei⸗ ſen, wohin ich wollte. Komm, Pluto, rief ich, und machte mich auf den Weg. Achtzehntes Capitel. Zauberei. Der Marqueur hatte mir ſtatt alles Trink⸗ geldes einen kleinen ledernen Beutel gegeben, worin ich meinen Reichthum verwahren konn⸗ te, und damit beſchloß ich wieder durch Waͤl⸗ der und Berge zu ſtreifen, um, wo moͤglich, den Aufenthalt des Eremiten zu entdecken und durch ihn meine Mutter wieder zu fin⸗ den. Aber, den dritten Tag kam ich in eine ſo rauhe Gegend, daß der Koͤhler, welcher am Eingange derſelben wohnte, mich warnte, weiter zu gehen, weil ich darin weder vor Raͤubern, noch vor Baͤren ſicher ſein wuͤrde. Doch— hier wirſt du gewiß den Einſiedler antreffen— dachte ich, und betrat um ſo muthiger die Wildniß, wo mich jeder Laut wie eine Geiſterſtimme anſprach. Alle Augen⸗ 310 — licke blieb ich ſtehen, wahrzunehmen, ob ich vielleicht jemand moͤchte kommen oder reden hoͤren, und jeder Windſtoß in den Baͤumen, jedes Rieſeln eines Baches, jedes Rauſchen einer Quelle ſchien die Spur einer lebenden Seele zu verrathen. Es war mir immer, als ſchluͤge jemand in der Ferne an eine Thuͤr, die er geoͤfnet wuͤnſchte, aber dies Klopfen kam immer naͤher, und es hatte doch keine Wahrſcheinlichkeit, daß die Thuͤr mitwandere. Endlich wurde ich gewahr, daß es ein Specht ſei, der vom Baum zu Baum flog, und, Nahrung ſuchend, mit ſeinem harten Schna⸗ bel an jede lockere Rinde eines Stammes ſchlug, um das Ungeziefer herauszuklopfen. Nichts klang im Walde ſchauerlicher als dies. 3 Jetzt brach der Abend an, ich lagerte mich mit einem maͤßigen Abendbrod, das ich mit⸗ genommen hatte, und uͤberlegte nun, wo ich uͤbernachten wollte. Unten auf der Erde durfte ich nicht wohl bleiben, und ich erſah . 4 311 ——— bald einen Baum mit breiten Aeſten, wo ſich gemaͤchlich ruhen ließ. Doch den Hund konn⸗ te ich unmoͤglich mit hinauf nehmen, und un⸗ ten konnte ſein Bellen mich verrathen. Ich flocht alſo Seile von Binſen und gruͤnen Zweigen, fuͤhrte ihn damit weit abwaͤrts, und band ihn an ein Geſtruͤpp, das mit den Dornen umher faſt unzugaͤnglich war. Drauf kletterte ich zum Baum hinauf, und legte gleichfalls ein Geflecht um mich zur groͤßern Sicherheit. So ſchlief ich auch ruhig ein und wachte nicht eher auf, als bis die Son⸗ ne ſchon uͤber dem Horizonte ſtand. Aber— 0 Himmel! was wurde ich gewahr, als ich meine Blicke auf die Erde warſ. Fuͤnf Raͤu⸗ ber lagen unter mir, um den Baum hergela⸗ gert, und hielten Fruͤhmahl. Das iſt nun das letzte, wa wir verzehren, ſagte der eine — verwuͤnſcht ſei das Leben!— Es will auch kein Teufel von Reiſenden ſich hier ſehen laſſen, dem wir auf den Dienſt paſſen koͤnn⸗ ten, ſagte der andere. Was liegen wir auch * 2 . 312 in dieſer oͤden Wildniß, ſagte der dritte, hier werden wir nichts fangen.— Und draußen fängt man un 9, fuͤgte der vierte hinzu. Ei, man muß nicht gleich verzweifeln, ſagte jetzt der fuͤnfte, der ſchon bei Jahren war, laßt uns am Rande des Waldes hinſtreifen, viel⸗ keicht laͤßt ſich da etwas wittern. Ich bin noch muͤde von! der Plackerei, euntgegnete drauf der erſte wieder, meine Fuͤße ſind wie zerſtampft, und meine Knochen ſo muͤrbe, als kaͤmen ſie aus einer Walkmuͤhle.— Die⸗ ſes Geſpraͤch hoͤrte ich von oben ganz ſtille mit an, ich regte und ruͤhrte mich nicht, und troͤſtete mich in der Angſt mit dem Gedanken, daß ſie endlich doch weiter gehen, und dieſen Baum verlaſſen wuͤrden. Verhuͤte nur der Himmel, dachte ich, daß ſich einer von ihnen nach der Witterung, oder nach einer ſchwe⸗ benden Wolke umſieht, da waͤre ich geliefert. So fuͤrchtete und hoffte ich, als auf einmal zu meinem Ungluͤck der Specht, der ſchon vorher mir nichts Gutes geweißagt hatte, 7 3¹8 —— durch den Wald daher flog, und ſich auf meinen Baum ſetzte. Kaum hatten die Raͤu⸗ ber ſein Klopfen vernommen, als zwei mit dem Gewehre aufſprangen und riefen: ein Braten, ein Braten! Nun war es um mich geſchehen, denn, ſahen ſie mich auch nicht, ſo waren ſie gleichwohl im Stande, mich in⸗ cognito todt zu ſchießen, und meldete ich mich mit einem Geſchrei, ſo ſiel ich gleichfalls in ihre Haͤnde. Gleich aber dachte ich an mein Geld, das mich am meiſten in Gefahr brin⸗ gen konnte, und hing das Beutelchen den Augenblick an einen gruͤnen Zweig auf. Jetzt — ich weiß nicht, ob ich gehuſtet oder genieſt habe— aber die Raͤuber riefen hinauf: Euer Wohlſein! Der Teufel! was traͤgt der Baum fuͤr Fruͤchte! Kommt nur gleich herunter, oder wir ſchießen.— Sie ſchienen auch eben kei⸗ nen Spaß zu verſtehen, und nicht ohne eini⸗ ges Zagen machte ich Anſtalt, auf die Erde hinabzufahren. Kaum war ich unten ange⸗ langt, ſo traten ſie um mich her, und ſagten: 314 —— Wer biſt du, kleiner Teufel? Ach! gab ich zur Antwort, ſagt lieber: armer Teufel! denn der bin ich, wie ihr mich hier ſeht. Ich wandere umher, meine Mutter zu ſuchen, und habe keinen Heller mehr in der Taſche. Das wollen wir gleich erfahren, ſagte der Juͤngſte, und in dem naͤmlichen Augenblicke betaſtete er mich mit ſeinen Haͤnden am gan⸗ zen Leibe, wo er nur Geld vermuthen konn⸗ te, aber er fand nichts. Indem beruͤhrte er auch meine Bruſt, und traf auf die Kapſel, die ich trug. Heda! Halunke! ſagte er; hier liegt der Fiſch im Salze; herunter mit dem Bettel.— Sogleich riſſen ſie mir Jacke und Weſte vom Leibe, und holten das kleine Fut⸗ teral hervor, das ſie dem Aelteſten uͤberreich⸗ ten, damit er es eroͤfnete. Dieſer hob den Deckel auf mit vieler Begierde; doch, als er das Bild erblickte, machte er ein ſonderbares Geſicht, deſſen Ausdruck von der Verwunde⸗ rung zur Beſorgniß uͤberzugehen ſchien. Was iſt das, ſagte er halb laut, und die andern 7 3¹*5 —-— ſahn ihm uͤber die Schulter. Biſt du allein hier? fragte er mich. Ganz allein, gab ich zur Antwort. Aber er ſchuͤttelte ſeine grauen Locken, und trat mit den uͤbrigen weiter zu⸗ ruͤck. Ja, ja, fluͤſterten die andern, es iſt ſein Bild, und das iſt ſein Name. Man berathſchlagte, und ſchien nicht ganz mit ſich einig zu ſein. Einige machten Bewegungen mit der Hand, als wenn ſie riethen, mich feſt zu halten, andere fuͤhrten gar Dolchſtoͤße durch die Luft, aber der Alte zog die Achſeln und meinte, ſie koͤnnten ſich große Ungelegen⸗ heit zuziehen, ohne irgend einen Nutzen da⸗ von zu haben. Indem fing mein Hund in der Ferne an zu bellen. Dies entſchied. Die Raͤuber, welche noch eine große Begleitung in der Nähe glauben mochten, warfen das Bild ſogleich auf die Erde, und liefen davon. — Pluto aber kam gerannt mit blutenden Ohren, denn er hatte ſich mit aller Gewalt die Binde vom Nacken geſtreift, um mir zu Huͤlfe zu eilen, und hin und her bellend, und 316 —-— zu mir hinaufwinſelnd bezeigte er ſeine große Freude uͤber meine Errettung. Die Raͤuber waren wirklich fort und ließen ſich nicht wieder blicken. Ich nahm das Bild auf und betrachtete es, ohne etwas Schreck⸗ haftes daran zu entdecken; es muß wohl eine wichtige Perſon vorſtellen, dachte ich; einen Namen ſah ich nicht darunter, aber doch ei⸗ nen Zug, der vielleicht einen Namen bedeuten ſollte. Mit groͤßerer Sorgfalt, da es ſich ſo gut bewaͤhrt hatte, that ich es jetzt wieder an meine Bruſt, und legte die Kleider daruͤber. Drauf ſaͤumte ich nicht, den Baum zu er⸗ klimmen, und mein gerettetes Geld herabzu⸗ holen.— Der gar zu wilde Wald ſchien nun doch fuͤr meine Wallfahrt zu unſicher, und ich trachtete, wieder in eine ebene, freie Gegend zu kommen. Um nicht auf die Raͤu⸗ ber zu ſtoßen, waͤhlte ich den Weg, den ſie gegangen waren, denn es iſt Regel bei ihnen, daß ſie nie in der Richtung fortlaufen, in wel⸗ cher ſie geflohen ſind. So gelangte ich denn * ——— auch bald in ein freundliches Thal, wo ſich ein weites Stoppelfeld vor mir ausbreitete. Um nicht ganz meinen Entzweck aus den Au⸗ gen zu verlieren, wandte ich mich von hier wieder links zu den Bergen in eine Waldge⸗ gend hinauf, die aber nicht ſo rauh und wild, ſondern mit vielen Wieſen und Auen und ſelbſt mit Kornfeldern untermiſcht war. Ich kehrte den Mittag in eine Muͤhle ein, welche Fremde bewirthete, und ließ mir es hier wohl ſchmecken. Als ich eben nach der Waſſerſeite zum Fenſter hinausſah, ſchien ein Auftritt mir ſonderbar, der doch nichts be⸗ deutete. Ein Knabe ſprang vom Bach ru⸗ fend in die Muͤhle; drauf kam er wieder mit dem Lehrburſchen, dieſer lief wieder zuruͤck und holte den Geſellen; drauf erſchien auch der Meiſter, und zwei ſprangen wieder in die Muͤhle zuruͤck. Was iſt das fuͤr ein Laufen, dachte ich, und konnte mir's gar nicht erklaͤ⸗ ren; aber am Ende war es weiter nichts als: man hatte im Waſſerfall einen großen Fiſch * 318 —- gefangen, und holte jetzt ein durchloͤchertes Gefaͤß herbei, um ihn einzuſperren und ihn in das Waſſer zu verſenken. Die große Freude daruͤber ſetzte alles ſo in Bewegung. — Ohne dieſen Aufſchluß waͤre ich nicht im Stande geweſen, das Raͤthſel zu loͤſen; ich glaube aber, daß es uns oft ſo im menſchli⸗ chen Leben geht, indem manches unſere ganze Phantaſie erregt, wo uns zur Erklaͤrung nur ein einziges Wort fehlt. Den Nachmittag ging ich immer mehr auf⸗ waͤrts, bald an Teichen, bald an Baͤchen, bald durch Waͤlder hin, und die Anmuth der Gegend machte, daß ich in Erwartung eines Dorfs bis zur Daͤmmerung fortſchlenderte, ohne noch ein beſtimmtes Ziel nahe vor mir zu ſehen. Es wurde immer dunkler und dunkler, und endlich ſah ich auf einem Stop⸗ pelfelde vor mir ein Flaͤmmchen auflodern, deſſen Beſtimmung und Gehrauch— da ich keine Arbeiter im Felde geſehen hatte— ich mir durchaus nicht erklaͤren konnte. 3¹19 —— Es flackerte aus einem Grunde immer hel⸗ ler auf, und bald erhoben ſich auch Geſtal⸗ ten, welche wie Schatten daran hin und her wankten und jetzt kleiner und dann wieder groͤßer wurden. Den langen Gewaͤndern nach ſchienen es zwei Frauenzimmer zu ſein, wel⸗ che zwei lange Staͤbe hielten, womit ſie auf das Feuer ehinſchlugen, als ob ſie es auslo⸗ ſchen wollten. Drauf ſetzten ſie ſich nieder und ſingen an zu murmeln und ein Lied zu ſummen. Endlich ſtand die eine wieder auf, ſchritt aufs Feld hin, und winkte mit dem langen Stabe einem Menſchen, der ſich lang⸗ ſam aus der Ferne her bewegte.— Jetzt konnte ich meiner Neugierde nicht laͤnger wi⸗ derſtehen, und, den Pluto an meiner Seite, ging ich raſch auf das Feuer zu. Der Menſch, der uͤber's Feld kam, hatte ſich eben der auf⸗ blitzenden Flamme genaͤhert und ſtreckte die Hand daruͤber aus, als ich ſchnell hinzu trat, und Pluto, wie angehetzt, durch die Perſo⸗ nen hindurch uͤber die Flamme wegſprang. N 320 —— Bei dieſer Erſcheinung fuhren ſie alle ploͤtzlich aus einander und ergriffen die Flucht. Ich be⸗ trachtete jetzt ihr Vorhaben naͤher. Ein Loch war in den Acker gegraben, und einige mit Schwefelfaden umwundene Reiſer brannten nicht unter, ſondern uͤber einem Keſſel, der darunter hervorſchimmerte, und auf ſei⸗ nem Grunde einige Kupfermuͤnzen entdecken ließ. Ich winkte den Frauenzimmern zu, daß ſie doch wieder zuruͤckkommen moͤchten, ſie haͤtten nichts zu fuͤrchten; und, um ſie ſicher zu machen, rief ich meinen Hund noch heran, und nahm ihn in meine Arme. Erſt fuͤſter⸗ ten ſie zuſammen, dann lachten ſie, und die eine ſagte: Komm doch, und laß uns un⸗ ſern Meiſter kennen lernen. Ja frellich, ent⸗ gegnete die andere im ſcherzhaften Ton, wenn der Meiſter ruft, muͤſſen wir folgen. Da traten ſie naͤher an das Feuer heran, und ein rundes, ſchalkhaftes Geſicht ſtrahlte uͤber der Flamme mir entgegen, das mich mit heiterer Neugierde betrachtete. Die andere war merk⸗ 2— lich lich alter als dieſe, aber ſie zeigte auch ein rundes, ſchalkhaftes und luſtiges Geſicht, das mit jenem Aehnlichkeit hatte. Beide trugen daͤntel mit fliegenden Aermeln, nachlaͤßig ge⸗ flochtenes hangendes Haar und waren uͤber⸗ haupt ſehr fantaſtiſch gekleidet. J du frem⸗ der Menſch, fing die aͤltere an, wer biſt du denn? Biſt du der Kobold„ oder das graue Maͤnnchen, oder der Lucifer ſelbſt? Nein, fuͤgte die andere lachend hinzu, Lueifer iſt ja der Hund, wie man ſagt.— Hoͤrt, gab ich zur Antwort, zum Kobold bin ich zu groß, zum grauen Maͤunchen zu jung, und zum Lueifer zu gut. Ich bin aber ein Menſch, wie ihr, nur mit dem Unterſchied, daß ihr wahrſchein⸗ lich ein Lagerkiſſen und Obdach habt, ich aber keins von beiden 4 denn ich wandere umher wie ein verlohrner Sohn und ſuche meine Mutter. Wenn ihr aber mehr von mir wiſ⸗ ſen wollt, ſo gebt mir dieſe Nacht Herberge bei euch, und ich will euch viel erzaͤhlen. Das iſt ja ein ſchnackiſcher Menſch, ſagte die Juͤngere I. Theil. 322 —-— zur Aeltern halb laut; aber— wo iſt denn Jacob Pollmann, der ſich ruͤhmt, daß er ein Rieſenherz habe. Zwar wir duͤrfen uns dies⸗ mal auch nicht ruͤhmen; indeß— er will auch ein Mann ſein. He! Jacob Pollmann, wo biſt du? Jaeoͤbchen iſt ſchon uͤber alle Berge. J du Pinſel, du Hee, laͤufft fort und laßt mich im Stich und meinſt, du willſt mich zur Frau haben; ja, komm an!— Drauf lachten beide wieder und die Aeltere ſagte: Ja, einen Schatz moͤchten ſie alle ha⸗ ben, habfuͤchtig ſind ſie wie die Teufel, aber ſollen ſie etwas aufopfern, ſollen ſie einem Maͤdchen etwas zu Liebe thun, dann ſieht man die Schelme. Durch das Feuer muͤſſen ſie fuͤr ſie laufen, ſonſt iſt es nichts. Frei⸗ lich! entgegnete die Juͤngere, aber, wenn ſie auch Courage haͤtten, ſie ſind entſetzlich dumm dabei, und einen dummen Mann zu haben, iſt doch eine rechte Schande; da weiß man ja gar nicht, was man mit ihm aufſtellen ſell; will man ihn beherrſchen, ſo findet 323 ——— man nichts, das der Muͤhe werth waͤre; wollte man ihn lieben, ſo wuͤßte man, glaube ich, wieder nicht, wie man das anfangen ſoll⸗ te, denn der ganze Menſch geht gleich un⸗ term Preis weg. Meinſt du nicht, Mutter?— Du ſuchſt nur immer Entſchuldigungen, er⸗ widerte dieſe; ich kenne dich ſchon, aber ich bin deiner Meinung.— Indem ſie dies ſpra⸗ chen, brannten ſie die Laterne, die auf der Seite ſtand, womit ſie zuerſt das Feuer moch⸗ ten gezuͤndet haben, am Feuer wieder an, und loͤſchten dann die kniſternden Reiſer aus. Drauf beleuchtete mir die Juͤngere das Ange⸗ ſicht und ſagte: nun wie ein Spitzbube ſieht er grade nicht aus, aber doch ein wenig pfiffig. Lange er den kupfernen Keſſel aus der Grube, und komme er mit uns, daß wir hoͤren, wer er iſt; doch ſeinen Hund behalte er nur in ſeinen Armen, oder er kann ihn meinetwegen auch in den Keſſel ſetzen, nur, daß er nicht herausſpringt, denn der iſt es eigentlich, wo⸗ vor wir uns fuͤrchten, vor ihm ganz und gar 3 X 2 324 nicht. Es iſt doch billig, ſetzte ſie noch gegen die Aelrere hinzu, daß wir unſern Meiſter kennen lernen, meinſt du nicht, Mutter? Ich that, was ſie ſagte, aber aus dem Verhaͤltniſſe konnte ich nicht klug werden, denn auf dem Lande wuͤrde es fuͤr eine Got⸗ teslaͤſterung gelten, wenn ein großes Kind zu ſeiner Mutter du ſagen wollte, und hier ſchien es doch ſo der Fall zu ſein. Und doch war der Ton zwiſchen beiden wieder zu mun⸗ ter, zu freundſchaftlich, als daß man ſie fuͤr Mutter und Tochter haͤtte halten koͤnnen. Gleichwohl ſahen ſich die Geſichter einander aͤhnlich, und ſogar im Ton der Stimme lag eine Verwandtſchaft. Indem wir ſo zuſam⸗ men gingen, ſpotteten ſie uͤber ſich und mich und ſagten: heute haben wir wirklich eine große Sache gemacht, denn, indem wir nach Schaͤtzen graben, haben wir den Meiſter ſelbſt gefangen, der uͤber alle Schaͤtze gebietet; aber ich zweifle nur, daß er der rechte iſt, denn er geht gar zu luftig gekleidet, und wenn er 3²⁵ ——— nun vollends ſpricht: ich bin hungrig, ich bin durſtig, dann werden ſich uns die Goldſtuͤcken in der Hand auf einmal zu ſchwarzen Kohlen verwandeln. Laßt nur, erwiderte die Aeltere, Muͤnzen, die man findet, ſehen gewoͤhnlich ſchmutzig aus, aber wenn man ſie reibt, iſt es oft das ſchoͤnſte Gold. Wir wollen ihn zu Hauſe putzen, wie man das Zinn ſcheuert, ſo ſollſt du ſehen.— Ja, antwortete ich, wenn der Sand nicht zu grob iſt, vertrage ich ſchon etwas, ſonſt werde ich ſchrammig und ſchreie unter den Haͤnden laut auf. Hoͤre doch, Toͤchterchen, ſagte die Aeltere, der Burſche ſpricht unſere Sprache. Stammſt du etwa auch aus dem Zigeunergeſchlechte her, was!? Ach! gab ich zur Antwort, ich komme noch viel weiter her, denn ich ſtamme grades We⸗ ges aus dem Geſchlechte der Gauner und Spitzbuben. Burſche, erwiderte jene drauf, wenn du nicht freundlicher gruͤßen willſt, ſo werden wir 3²26 ——— dich huͤbſch vor der Thuͤr ſtehen laſſen. Was miſcheſt du gleich Zigeuner und Spitzbuben zuſammen Ei, entgegnete ich, das kommt auf den Sand an; nehmt ſeines Pulver, ſo ritze ich euch nicht in die Hand, und ſtrahle wie die Scheibe des Mondes, ſonſt bin ich borſtig, wie ein Igel. Es koͤnnte ſcheinen, daß ich hier eine zu derbe Sprache fuͤhrte, aber ich that es grade aus Klugheit, denn die, welche uns viel ent⸗ gegenſetzen, maͤſſen wir durch Widerſtand reizen, ſonſt ſchicken ſie uns aus Langerweile fort, und ſo war ich von jeher bei der Hand, den Ton des Redenden anzunehmen. Ich war neugierig, in welche Hohle, Huͤtte oder Zelt, kurz, in welche Zigeunerherberge ſie mich fuͤhren wuͤrden, aber ſtatt, wie ich er⸗ wartete, in ein Thal, von Felſen umthuͤrmt, einzuſchreiten, kam ich in ein ſchönes großes Dorf und endlich auf einen geraͤumigen ſtatt⸗ lichen Hof, der fuͤr einen Bauer faſt zu gut zu ſein ſchien. Der Vater iſt ſchon zu Berte, 327 —--— ſagten jene, wir wollen in unſere Stube gehn. Hier mußte ich niederſitzen, eſſen und trinken und erzaͤhlen. Sie hoͤrten mich lange mit ſchalkhafter Gelaſſenheit an und ſagten drauf: zer kann ja faſt luͤgen, wie der Stabstrompe⸗ ter. Es iſt nicht uͤbel, was er da ſagt, aber wir wollen es doch erſt beſchlafen. Und nun oͤfneten ſie mir die Thuͤr zu einer Kammer, wo lauter ausgeſtopfte Voͤgel hingen; hier wieſen ſie mir ein Nachtlager an, gingen dann mit dem Lichte wieder zuruͤck, und ſchloſſer die Thuͤr hinter ſich zu; denn— das merkte ich wohl— klug und vorſichtig waren ſie bei aller Keckheit. 1 Den andern Morgen, als das Fruͤhſtae⸗ bereit ſtand, riefen ſie mich und nahmen mich naͤher in Augenſchein. Thu doch die Haare mehr aus dem Geſicht, ſagte die Aeltere, und indem ſie mir ſolche hinter das Ohr legte, hielt ſie plöͤtzlich an mit Staunen und ſchien von einer Entdeckung uͤberraſcht zu ſein. Drauf ging ſie zur andern und ſagte etwas leiſe zu — 3²28 —-— ihr. Nun kam auch dieſe und ſah mir hin⸗ ters Ohr. Sie wurde ploͤtzlich ein wenig roth im Geſicht, und betrachtete mich mit freudi⸗ ger Verwunderung. Drauf trat ſie mit der andern ans Fenſter, und ſchien ſie etwas zu fragen; dieſe ſchüttelte den Kopf und ſagte: nein, in der That nicht. Sonderbar, brumm⸗ ten beide fuͤr ſich. Ich wußte nicht, was das alles zu bedeuten haͤtte, aber, ich bemerkte von Stund' an, daß auch die Juͤngere, wie ſchon fruͤher die andere, mich du nannte. Sie fingen noch einmal an, mich ſcharf uͤber meine Familie zu examiniren, und ſchuͤttelten dann wieder die Koͤpfe. Drauf fragten ſie, was ich verſtaͤnde, und was ich gelernt haͤtte. Ich gab zur Antwort vielerlei, aber das beſte da⸗ von iſt wohl, daß ich etwas vom Ackerbau verſtehe und rechnen und ſchreiben kann. Recht gut, ſagte die Aeltere, Acker haben wir wenig, doch dafuͤr deſto mehr Kuͤhe, Schweine und Gaͤnſe. Was die letztern be⸗ trift, verſetzte ich drauf, damit habe ich ſchon 3²9 ——— fruͤher Bekanntſchaft gemacht.— Die Rech⸗ nungen zu fuͤhren, nicht wahr, Mutter, be⸗ gann jetzt die Juͤngere, dazu koͤnnten wir ihn noch am erſten gebrauchen; nur der Vater, was wird der Vater dazu ſagen?— Ja, das iſt ein böſes Ding, fuhr jene fort; wenn du ihm nur auch bei ſeiner Liebhaberei etwas helfen koͤnnteſt; denn um die Wirthſchaft be⸗ kuͤmmert er ſich wenig. Er hat den Boden voll ausgeſtopfter Voͤgel, und ſucht von den lebendigen ſo viele habhaft zu werden als er kann. Das hat ihm der vorige Cantor in den Kopf geſetzt, der auch ein großer Liebha⸗ der davon war.— Gut, erwiderte ich, ich hole die Jungen vom Neſte, und die Alten oben drein, denn im Klettern bin ich Meiſter.— Noch eins, ſagte die Mutter, der Herr vom Hauſe will, daß man ihn fuͤr einen klugen Mann halte, darnach richte dich. Indem trat er herein und begann mit: Seht doch, ſeht doch, ſchon ſo fruͤh Geſell⸗ ſchaft? Roſa, was iſt das!— Drauf gab 33⁰ ——— Roſa— ſo hieß alſo das Maͤdchen— zur Antwort: Sagt ſelbſt, Vater, wofuͤr ſehet ihr ihn an? Nun, erwiderte er, es mag wohl ſo ein Stuͤck von Kuͤnſtler ſein. Recht, ganz recht, ſagten beide, es iſt ein Tau⸗ ſendkuͤnſtler, denn er kann auf den Baͤu⸗ men ſpazieren gehen, wie der Storch auf dem Dache. Nun, ſeht ihr wohl, fuhr er fort, das habe ich gleich gedacht, daß es mit ihm ſo was waͤre; ich hab es ihm gleich angeſehn. Gut, das ſchlaͤgt in mein Fach; da oben haͤtte ich ſchon laͤngſt einmal mein Weſen getrieben, und wenn es anginge, wuͤr⸗ de ich da ganz und gar wohnen bleiben, ſo recht im Gruͤnen und mitten unter dem ſchoͤ⸗ nen Gefluͤgel. Aber er ſoll auch die Rech⸗ nungen fuͤhren, ſagte Roſa, das thut ſehr Noth bei uns, damit wir doch einmal erfah⸗ ren, wie groß unſere Schaͤtze ſind. Muth⸗ williges Ding, ſagte der Vater, was helfen die Schaͤtze, es kommt ja doch kein Freier dar⸗ nach; und kommt auich einer, du weiſeſt ihn 331 ——— wieder zuruͤck. Wie ſtehts denn mit Jacob Pollmann, dem reichen Ackersſohn aus Ebers⸗ dorf? Haſt du ihn geſtern geſprochen? Ja, Vater, erwiderte Roſa, aber der iſt wieder zu dumm, und feig dabei, und liebt mich nicht ein Bischen. Freilich, geſcheut muß er ſein, ſagte der Alte, daß er der Familie keine 3 Schande macht. Das iſt nun ſchon der zehnte Freier, endlich wird gar keiner mehr kommen, und wir werden ſo fuͤr uns die einzigen ſein in der Welt. 33² — Reunzehntes Capitel. Clara und Roſa. Kaum hatte ich mich in der Wirthſchaft ein wenig umgeſehn, ſo wurde ich gewahr, daß uͤberall der groͤßte Segen und Ueberfluß herrſchte. Das ſchoͤnſte Vieh, das mir je vorgekommen war, ging aus den Ställen zur Weide, Kuͤhe, welche in der Sonne glaͤnz⸗ ten, Pferde, ſo geſchmeidig und raſch, ſo ſchlank und rund, daß ſie wie gewirbelter Rauch durch die Luft quollen oder wie Wol⸗ kengebilde, worin der Sturmwind ſitzt, daher fuhren; Gaͤnſe, die aus dem Geſchlechte der Schwaͤne zu ſein ſchlenen, und Schweine, ſo weiß und voll wie ein Kuchenteich, den man uͤber das Mehl hinwaͤlzt. Eine Menge Men⸗ ſchen wurden gehalten, dieſem Reich der Thiere vorzuſtehen, und die Seele von dieſem allen war 333 —— Clara, deren Commando ſich auf allen Sei⸗ ten vernehmen ließ, und Knechte und Maͤgde beſtaͤndig in einer faſt abgoͤttiſchen Furcht er⸗ hielt. Doch nicht weniger thaͤtig war Roſa⸗ die ihr in allem zur Hand ging, und bald von ihr zu lernen ſchien, bald ſie noch an Klugheit uͤbertraf, welches jene aber keines⸗ weges uͤbel nahm, ſondern woruͤber ſie ſich herzlich freute. Ueberhaupt waren ſie mit ein⸗ ander ſo einig und ſo vertraut, wenn ſich der Geiſt nur zum S als wenn jede athmende ten den Willen des an in ſie vertheilt, ſt mit den Wor⸗ en immer haͤtte wie⸗ Dabei fiel mir auf, in im Dorfe gar keinen hatten, daß dieſe im wenn ſie ſich nahten, erz daß ſie mit den Verkehr und Gegentheil zuruͤckwiche und eine Ehrfurcht vor ihnen hegten, wobei ich nicht wußte, 4 mehr Furcht oder mehr Ehre die Beſtande eile davon ausmachten. So viel ſah ich wohl: mit dem jungen Can⸗ tor und mit der Braut deſſelben, welche die 334 —— Tochter einer Predigerwittwe war, ſtanden ſie in gutem Vernehmen. Bald darauf hatte ich einen ſonderbaren Auftritt. Als ich naͤmlich durch ein enges Gaͤßchen ging, trat mir ein altes Weib ent⸗ gegen, das von den Kruͤcken ihr gebeugtes Haupt erhob, die Hand auf meine Schulter legte, und ſagte: Sohn, rette deine Seele! Ich habe heinerkt, wie du ſo andaͤchtig in der Kirche ſſingſt, noch iſt es Zeit, fuͤr deiner Seelen Heil zu ſorgen. Gutes duͤtterchen, was iſt euch, fing ich an, redet deutlicher, in welcher Gefahr bin ich, daß ihr mich warnt? Komm in mein Kaͤmmerlein, ſagte ſie, ſo dlen. Da öͤfnete ſie we⸗ nis Schritte davon eine ele de ſchwarzgeraͤu⸗ cherte Huͤtte, und hieß mich auf einen ſtro⸗ hernen Seſſel niederſet Du biſt in der Gewalt des Boͤſen, be ſie darauf, doch entfliehe— noch hat er kein Recht an dir. Siehſt du nicht, wie die Zigeunerin ihre Kuͤn⸗ ſte treibt? Wie ſie Roſa bezaubert und be⸗ 3 335 — ſtrickt hat, wird ſie auch dich mit hineinver⸗ ſtricken. Das ganze Dorf weiß, daß die bei⸗ den, Hexen ſind, die ſchwaͤrzeſten, ſo jemals die Hoͤlle hervorgebracht hat. Zwar heilen ſie auch Krankheiten und gebieten der Roſe am Kopf und am Fuß, aber mehr Ungluͤck noch bringen ſie der Welt, indem die Dirne mit geheimen Kuͤnſten faſt aller Maͤnner Herzen— auch die, welche nichts von ihr wiſſen wollen— dd ſie mit ſchwe⸗ r Abend graut, — uf die Kreuz⸗ in Liebes⸗Raſerei fortreißt un rem Bann belegt. Sobald beginnt ihr teufliſches We wege gehn ſie hinaus u agen Ordensklei⸗ der, wozu der Satan ſelbſt ihr Schneider ge⸗ weſen: ſie beſchwoͤren Schaͤtze in der Erde und locken hie und dort einen heran, der ſeine Seele dem Bs Immer ſtreckt die Feuer aus und ſp greift, den will ich ten im Walde haben ſie einen Zaubergarten, wo ſie Kraͤuter ziehn und geheime Traͤnke be⸗ G r dieſe Hand er⸗ un nehmen. Mit⸗ ke Hand uͤber das 336 — reiten.— Aber vor allen Dingen laß dir ſagen, wie Clara, die Zigeunerin, die ſchoͤne Roſa bezaubert hat.— Einſt ſuchte ich ein Almoſen an der Schwelle des reichen Reinert, denn ich bin alt und ſchwach, als die Zigeu⸗ nerin, die vorher von Dorf zu Dorf ſchweifte, zuerſt den Hof betrat, und Roſa ihr mit der Frage: was willſt du hier? aus der Thuͤr entgegen eilte. Kaum hatte ſie in das Auge eſchaut, ſo ſtand ſie wie in der Erde feſtgen zelt und konnte kein Wort rin fing an zu athmen und zu ſtoͤhnen wenn ſie mit unſichtba⸗ ren Geiſtern einen Kampf haͤtte. Deine Hand, Tochter, deine Hand! ſagte ſie endlich; aber Roſa hatte nicht Muth, ſie auszuſtre⸗ aßte ſie mit Gewalt ergrei⸗ ſen. Sie las die imen Zuͤge und ſenkte das Haupt immer ab, und ließ dann eine gluͤhende Thraͤn fallen. Jetzt war der Zauber vollendet. Noſa fing an, Mit⸗ leid fuͤr ſie zu empfinden, und rief dreimal aus: 337 ———ℳ aus: ich weiß nicht, wie mir iſt! Da warf ſogar die Zigeunerin ihre ſchwarzen hangenden Locken um ſie her und kuͤßte ihren Nacken, in der Nachbarſchaft des Ohrs. Kaum hatte ſie dieſen Fleck beruͤhrt und ihre Blicke darauf geheftet, ſo fuhr ſie auf, wie von Sinnen⸗ und ſtoͤhnte gen Himmel: endlich, endlich, Gott, hab ich ſie wieder. Aber dieſe Froͤm⸗ migkeit war Verſtellung und eitel Blendwerk. Roſa war nun verlohren, ihre Haͤnde bltie⸗ ben an einander gekettet, und ſie konnten beide nicht mehr von einander l bmmen. Reinert war ein Narr und litt es. Seit der Zeit iſt ſie Schaffnerin in Haus und Hof, und man hat mit Augen geſehn, wie das Vieh heran ſchwoll, und Kuͤche und Keller ſich fuͤllten. Das iſt aber Hexengut, das einſt verſchwin⸗ den wird, wie es gekomme iſt. Dich wollen ſie jetzt in den Krei s mit hinein zaubern. Ziehe den Fuß zuruͤck, da es noch Zeit iſt.— Und daran ſollſt du merken, daß Roſa bezau⸗ bert iſt: Seit die Zigeunerin einen Kuß auf I. Theil. N 338 —- ihren Nacken gedruͤckt hat, ſind zwei ſchwarze Flecken hinter dem Ohr hervorgegangen, die kein Scheidewaſſer wegwaſchen kann.— Was ſagt ihr, rief ich aus— dieſes Zeichen! Himmel! was muß ich ahnden! Die Alte ſtaunte uͤber meinen Ausruf, und indem faßte ſie mit zitternder Hand mein Ohr und ſchrie in die Luͤfte: Barmherziger Gott! es iſt zu ſpaͤt. Auch du haſt ſchon den Judaskuß em⸗ pfangen; fort, Boͤſewicht, aus meinem Hauſe! Da ſtieß ſie mich aus allen Kraͤften von ſich, bis ich uͤber die eele Cobtset. und vers ſchloß das Hau NRaͤthſelhaft! ſagte ich zu mir ſelbſt, als ich uͤber dieſen Auftritt nachdachte, aber es daͤmmerte etwas herauf, das mir vielleicht mein Schickſal und die Vergangenheit ent⸗ huͤllen konnte. ne Mutter hatte mir oͤf⸗ ters geſagt, daß die kleinen ſchwarzen Punkte, welche ich hinter der Ohrlaͤppchen trug, mein Familienzeichen waͤren, ob ſie ſolche gleich nicht ſelbſt an ſich hatte. Offenbar hatten Clara und Roſa, da ſie mir das Haar aus dem Geſicht legten, an mir daſſelbe bemerkt, und ihre Freundſchaft fuͤr mich ruͤhrte eben von der Entdeckung her. — Aber wie ſollte ich alles zuſammenreimen: die Alte nannte Clara eine Fremde, eine Zi⸗ geunerin, und noch manchen andern hoͤre ich ſo von ihr ſprechen. Doch hier ſind vielleicht Geheimniſſe, wovon das Dorf nicht unter⸗ richtet iſt. Wenn ich die Aehnlichkeit zwi⸗ ſchen beiden und die Nuͤhrung bedenke, mit welcher nach der Erzaͤhlung der Alten Clara der ſchoͤnen Roſa beim erſten Anblick in die Arme ſiel, muß ich da nicht vermuthen, daß ſie in ihr eine verlohrne Tochter wieder fand? Dem muß ich naͤher auf den Grund zu kom⸗ men ſuchen. Ich ging lange, wie ein rzumeader„ in⸗ dem ich beſtaͤndig uͤber das raͤthſelhafte Ver⸗ haͤltniß nachdachte, und war wie ein Erwa⸗ ſchender, wenn ich Roſa vor mir erblickte, ſo daß ſie es bemerkte und ſagte: Haſt du et⸗ 2 —2 was auf dem Herzen, frag nur, ich will ant⸗ worten. Ja, erwiderte ich, eben, was ich auf dem Herzen habe, das moͤchte ich gern wiſſen. Ich habe von einem großen Wald⸗ garten gehoͤrt, zeigt mir ihn doch. So komm, ſagte ſie und ſchritt voran, du darfſt ihn ſchon ſehen.— Wir gingen zwiſchen vielen Bäu⸗ men und Geſtraͤuchen und durch ein finſteres Dickigt hindurch, ehe wir an die Thuͤr ge⸗ langten, aber nun umgab uns eine ſonnige Heiterkeit, und ein großer Garten mit Stau⸗ den, Blumen und Kraͤutern oͤfnete ſich uns. Eine Frau wuͤhlte in der Erde; wer iſt das?. fragte ich. Das iſt unſere Kraͤuterfrau, ſag⸗ te ſie, die mir die rechten Gewaͤchſe und Heil⸗ wurzeln ſuchen und Traͤnke und Salben dar⸗ aus kochen muß; denn ich bin ein kleiner Arzt, mußt du wiſſen, und wenn ſich nicht bald der rechte Mann findet, ſo werde ich Frau Doctorin, und practicire. Doch Ehre, dem Ehre gebuͤhrt; die Mutter iſt eigentlich die geſchickte; ich ſeh ihr nur die Kuͤnſte ab. 841 —— Die Mutter? fuhr ich fragend fort, iſt das eure Mutter? Nun ja, antwortete ſie, ich nenne ſie ſo; weil mir die Mutter ſchon laͤngſt geſtorben iſt, und ich ſie gar nicht ge⸗ kannt habe. Und Clara kann mir immer ſchon dafuͤr gelten, denn ſie liebt mich, wie ihr Kind, und ſie hat mich erſt geſcheut ge⸗ macht; die Leute ſelbſt halten ſie ja dafuͤr, warum ſoll ich denn nun nicht glauben, daß ſte es wirklich iſt? In Scherz frag ich ſie zuweilen— und erſt neulich, da du kamſt— ob ſie mehrere Kinder haͤtte, aber ſie ſagte, nein, ich waͤre das einzige.— Siehſt du die Menge Sonnenblumen? daraus laſſen wir Oehl preſſen; die meiſten ſind ſchon her⸗ ein. Siehſt du da das gruͤne Beet? das ſind Kraͤuter, womit ich die Roſe vertreibe. Sonderbar: Roſa heiß ich, und die Roſe vertreib' ich. Bemerkſt du die Ranken da? die Wurzel davon giebt einen bittern Trank, der zur Staͤrkung des Magens dient.— Jetzt gingen wir weiter nach dem Luſthauſe zu, und auf einmal ließen ſich eine Menge Stimmen hoͤren, welche riefen: Roſa lacht, Roſa flieht, Roſa will dich nicht, marſchier', marſchier'!— Was iſt das? fragte ich voll Verwunderung. Was bedeutet das?— Ja, wenn ich mich nicht der armen Thiere anneh⸗ me, gab ſie zur Antwort, ſo werden ſie alle⸗ ſammt von meinem Vater abgeſchlachtet, der nur Haut und Federn von ihnen verlangt. Nir ſind ſie aber lebendig lieber, und die Ge⸗ lehrigen richten wir ab, daß ſie meinen Freiern huͤbſch zu antworten wiſſen; denn, weil mein Vater reich iſt, kann ich mich vor Freiern nicht retten, aber grade darum will ich ſie nicht. Ich pruͤfe ſie erſt auf mancherlei Wei⸗ ſe, bald muthe ich ihnen zu, daß ſie einem andern helfen und beiſtehen, daß ſie dieſes und jenes thun oder geben ſollen; bald mache ich ihnen weiß, daß wo ein Schatz vergraben laͤge, und warte, ob ſie Courage haben. und ſehe, ob ſie mich meinen oder das Geld. Allerhand Spuk geb⸗ ich mit ihnen an, um 343 ———— zu ſehen, ob ſie vom Schreck die Roſe bekom⸗ men, wovon ich ſie nachher aus Mitleid wie⸗ der heile, oder ob ſie Verſtand genug haben, mich zu uͤberſchaun, denn das muͤſſen ſie, ſonſt iſt es nichts. Erſt kuͤrzlich bin ich ſo einen Haſen losgeworden, eben, als du dazu kamſt.— So? ſagte ich; aber warum lieft ihr denn alle davon? Das will ich dir ſagen. Man ſpricht immer, daß eigentlich der Teu⸗ fel bei einem Schatze erſcheine; wir konnten ihn entbehren, weil wir wirklich keinen Schatz erheben wollten; aber man ſagt weiter, daß er alsdann die Geſtalt eines Hundes un ganz vorzuͤglich eines Pudels annaͤhme. Nun glaube ich zwar nicht daran, und meine Mut⸗ ter auch nicht; indeß— da ſo auf einmal dein graues zottiges Thier mit einem Sprun⸗ ge uͤber das Feuer wegſetzte, erſchraken wir nicht wenig, und meinten im erſten Augen⸗ blick, es moͤchte doch wohl der Teufel ſein, welcher kaͤme, uns fuͤr unſern Frevel zu ſtra⸗ fen, oder, weil wirklich ein Schatz darunter 1 344 —--— verborgen läge. Und deshalb nannten wir dich auch nachher den Meiſter, der unſere Kunſt uͤberboten haͤtte.— Doch— was ſeh ich— ſchimmert da unten nicht eine Ju⸗ denkirſche?— Sie buͤckte ſich darnach und kroch durch ein Geſtraͤuch; aber indem ſtreif⸗ ten ihr die Zweige das kleine Muͤtzchen vom Kopfe, ſo daß das ſchwarze Haar weit um⸗ herſiel. Ich lief gleich dienſtfertig hinzu, und benutzte den Augenblick, um hinter dem Ohr nach dem Familienzeichen zu ſehen, und da ich das nämliche Mahl erblickte, war ich ſe voll Freunden, daß ich ihren Kopf feſt an meine Bruſt druͤckte. Zur Entſchuldigung ſagte ich: das reiche Haar muͤßte ein wenig gepreßt werden„ ſonſt ginge es nicht unter die Muͤtze. Du biſt ein Schalk, erwiderte ſie darauf; doch laß das kuͤnftig ſein, ſonſt werde ich dir die Wangen faͤrben. Das Eine er⸗ laube ich dir: du kannſt mich kuͤnftig du nen⸗ nen, denn du gehoͤrſt doch einmal mit zu un⸗ ferm Kleeblatt; nur— Proben muß ich in 345 —-— der Folge noch von dir ſehn, od du auch recht geſcheut biſt. 3 Von Stund' an trachtete ich darnach, recht klug und pfiffig vor ihr zu erſcheinen, und es ereignete ſich auch bald ein Vorfall, wo ich dies zeigen konnte. Ich kletterte naͤmlich im Walde eben auf einem großen Baume umher, um fuͤr Vater Reinert nach einem ſeltenen Vogelneſte zu ſu⸗ chen, als durch die Abenddammerung zwei junge Burſche daher kamen, welche von einer benachbarten Weide ein ſchwarzes Pferd ge⸗ ſtohlen hatten. Wohl gut, ſagte Hinz, daß dir der Streich gelungen iſt, aber wo wollen wir nun hin damit? Wir koͤnnen es doch erſt uͤbermorgen auf dem Jahrmarkte verkau⸗ fen. Bringen wir es unterdeß zum Gaſt⸗ wirth, ſo fuͤrchte ich, der traut uns nicht, denn der Menſch hat ein Auge auf alle Pferde, als wenn ſie ſchon vom Kopf bis zum Fuß in den Zeitungen beſchrieben ſtaͤn⸗ den, und er wuͤrde gleich fragen, wo habt 346 —-— ihr das Pferd her? So wollen wir es lie⸗ ber, antwortete Kunz, hier unter einem Baum anbinden, bis die Zeit kommt, daß wir es mit zur Stadt nehmen koͤnnen. Das waͤre ſchoͤn, erwiderte Hinz ſpottend: hier ließen wir es erſt mager und elend werden, und dann ſuchten wir einen Kaͤufer dafuͤr. Was mager und elend! entgegnete Kunz; es kann ja hier graſen, wie viele Pferde, welche auf der Weide gehen.— Weide und Wald iſt ein großer Unterſchied, ſagte Hinz darauf wieder; hier kann ſich kaum ein Schaf ſatt freſſen, ſo kurz ſteht das Gras; auch ſind die Naͤchte ſchon ſo kalt, daß das Thier un⸗ moͤglich davon fett werden kann.— Heda! guten Abend, ihr Leute, rief ich jetzt vom Baum herab. Erſchreckt nicht, ich ſehe, daß ihr Leute ſeid, die auf Erwerb ausgehn, und will euch den Profit wohl goͤnnen. Das iſt ein entlaufenes Pferd, wie ich merke, das ihr aufgefangen habt, und ihr wißt nicht, wo⸗ ihr nun gleich damit hin ſollt. Aber ich weiß 347 —— einen Ort, wo es ſicher ſteht, bis ihr es wie⸗ der abholt, und wo es auch nicht Hunger leiden ſoll. Ihr habt vielleicht von dem rei⸗ chen Reinert gehoͤrt, der hier in Schoͤnau wohnt; der hat der Pferde viele in ſeinem Stalle; da kann es leicht auch ein Plaͤtzchen finden. Ich bin aus dem Hofe, und gelte etwas bei ihm, und wenn ich ſage: laßt das Pferd ein, ſo wird niemand etwas dagegen haben. Wartet, ich will gleich hinabkommen. — Indem ich hinunterſtieg, uͤberlegten ſie die Sache mit einander, und Kunz war dafür, und Hinz dagegen. Endlich ſagte dieſer: nun, ich will es dir uͤberlaſſen; du magſt es un⸗ terbringen, wie du am beſten denkſt, aber am Markttage wollen wir es gemeinſchaftlich ver⸗ kaufen. Damit ging er fort, und bekuͤmmer⸗ te ſich weiter nicht um das Pferd.— Wir nahmen es nun, und brachten es bei der zu⸗ nehmenden Dunkelheit ſicher in das Dorf, auf den Hof und endlich in den Stall, wo lauter Schimmel ſtanden, denn davon war der reiche 343 —-— Reinert, der in allen Dingen immer gern das Auffallende und Seltene waͤhlte, ein großer Liebhaber. Hier wurde das geſtohlne ſchwarze Pferd, das gegen die Schimmel recht abſtach, in aller Ruhe hingeſtellt, dis jene wiederkommen und es abholen wuͤrden. Mit heimlichem Jubel lief ich jetzt zu Roſa, und erzaͤhlte, wie ich den Pferdedieben kein herrliches ſchwarzes Thier abgenommen, und in unſern Stall gefuͤhrt haͤtte. Nun, ſagte Roſa, was willſt du denn damit anfangen, was haſt du im Sinne damit?— Es ſoll ſeinem rechten Herrn verbleiben, erwiderte ich, aber es ſoll auch zugleich dieſen nicht vorent⸗ halten werden, ſo daß es zu gleicher Zeit drei Herren bekommt, ohne daß es einer ha⸗ ben will.— Ei, da wirſt du es ſchoͤn zu⸗ richten, erwiderte ſie. Mit nichten! gab ich zur Antwort; gieb Acht, Roſa, wie ich es anſtellen werde.— Drauf ſtreiſte ich die Aermel auf und nahm ein großes Stuͤck Kreide. Damit ging ich in den Stall, und 349 —-— beſtrich das Pferd von oben bis unten, Kopf, Ruͤcken und Scheukel, Stirn und Hals, ſo daß auch kein Haar davon ſchwarz blieb, ſon⸗ dern alles ſich ſo verwandelte, als wenn es nie anders als weiß ausgeſehen haͤtte. Jetzt füͤhrte ich Roſa hinein, ſie ſollte ſagen, wo das Pferd ſtehe, und ſie konnte es nicht von den Schimmeln unterſcheiden. J du Schalk, ſagte ſie, lachte, und rieb mir die Ohren. Als unn der Morgen kam, wo die Diehe es abholen wollten, fuhr ich noch einmal mit der Kreide uͤber den Schwarzen her, ſo daß auch kein Fleckchen ihn verrathen konnte. Drauf verſteckten wir uns, Roſa und ich, und erwarteten, was die Diebe ſagen wuͤr⸗ den. Kunz, der fuͤr die Stallfuͤtterung ge⸗ weſen war, trat zuerſt herein, und ſah ſich im Stalle wild um. Er ſchaute erſt auf die rechte, und dann auf die linke Seite, und lief dann die ganze Reihe durch, aber da war alles Schimmel, und kein einziges Pferd, das ſchwarz ausgeſehen haͤtte. Hinz, ich bitte dich 35⁰ — ums Himmels willen, rief er jetzt zur Thuͤr hinaus, komm doch einmal herein. Ich wer⸗ de nichts als weiße Pferde hier gewahr, die zum Hofe gehoͤren, und das ſchwarze finde ich nirgends. Hinz trat verdruͤßlich heran, und ſagte: wo haſt du es denn hingeſtellt? Hier rechts, gab er zur Antwort. Das ma⸗ che du einem andern weiß, erwiderte Hinz, wenn du es hier hingeſtellt haͤtteſt, muͤß⸗ te es ja wohl da ſein. Hinz lief noch ein⸗ mal die Reihe hinunter und zaͤhlte; ſieben ſtanden hier, ſagte er, und achte ſind es jetzt, ſo muͤßte ja doch das unſere drunter ſtehen; ich bitte dich, Hinz, thue nur die Augen recht auf, es wird ſich finden. Zum Hen⸗ ker, entgegnete Hinz, ich werde doch ſchwarz von weiß unterſcheiden koͤnnen, aber ich mer⸗ ke ſchon, du haſt eine Schurkerei vor, und denkſt mich um meinen Antheil zu betruͤgen. Sicher haſt du es geſtern ſchon heimgefuͤhrt, und heute ſtellſt du dich dumm und ſprichſt: Hinz, komm doch und ſieh, ob das nicht 335¹ —— weiße Pferde ſind. Schurke, ich will dir die Betruͤgerei anſtreichen, mir ſollſt du derglei⸗ chen nicht weiß machen. Gieb mir mein hal⸗ bes Pferd heraus, oder ich will dich zerpruͤ⸗ geln, daß du verhimmeln und verſchimmeln ſollſt. Hoͤre! fang nicht ſo an, ſagte Kunz darauf, ſonſt will ich dir zeigen, daß ich auch gelernt habe, wie man Leder gerbt. Was? du? entgegnete Hinz, und im Nu hatte er ſeine Haͤnde in Kunzens Locken, die er ſo wacker zwickte und zerrte, daß der Krauskopf davon noch einmal ſo kraus wurde.— In⸗ dem trat der Knecht— der Verabredung ge⸗ maͤß— hinzu, und trieb ſie aus einander. Geht zum Henker, wenn ihr hier noch lange lärmen und ſpectakeln wollt, ſagte er. Wo iſt unſer Pferd? fragten ſie ihn. Mir habt ihr keins anvertraut, gab der Knecht zur Ant⸗ wort. Habt ihr eins hieher geſtellt, ſo nehmt es, wo ihr's gelaſſen habt. Ihr moͤgt mir ſchoͤne Leute ſein, daß ihr uͤber eure eigenen Sachen euch zankt und ſchlagt.— Dies 35⁵² ——— Wort fuhr ihnen ins Gewiſſen, ſie ſingen an, fuͤr ſich ſelbſt zu fuͤrchten, brummten noch et⸗ was in den Bart, und zogen dann beſchaͤmt ab. Jetzt ſchlug Roſa in die Haͤnde, und alle Leute, die zum Vorſchein kamen, lachten. Der Eigenthuͤmer des Pferdes wurde bald ausgeforſcht, und erhielt ſein geſtohlnes Gut zuruͤck. Ich aber ſtand von der Zeit an bei Roſa in großem Anſehn, ſo daß ſie mir nun alles anvertraute, und ich fordern und verlan⸗ gen konnte, was ich wollte. Da die Leute meine Schlauheit kannten, und ſahen, mit welcher Treue ich der gebietenden Clara erge⸗ ben war, ſo ſcheuten ſie mich, und befolgten mein Wort, als ob es gradeswegs aus dem Munde der Herrſchaft gekommen waͤre. Der Winter ruͤckte jetzt heran, und mit den kuͤrzern Tagen erwachte auch meine Be⸗ gierde, etwas aus Buͤchern zu lernen. Ich bat deshalb um die Erlaubniß, in die Schule gehen zu duͤrfen, aber damit war es nichts, denn 353 — denn ich merkte bald, daß ich mit meiner Wiſſenſchaft dem Cantor ſchon weit uͤber den Kopf gewachſen war. Ich verließ alſo die Schule, um kein Stoͤhrer darin zu ſein, und ging zu dem Herrn Paſtor. Dieſen bat ich um einigen Unterricht in der Geſchichte, in der Naturlehre und in der lateiniſchen Spra⸗ che, worin ich es mit meinem Freund Eduard ſchon ziemlich weit gebracht hatte. Des Pa⸗ ſtors Frage aber war vor allen Dingen, da er ſolche Fortſchritte bei mir bemerkte, ob ich ſchon conſirmirt ſei, und als ich dies ver⸗ neinte, ſo beſtand er darauf, daß ich auch im Chriſtenthum etwas von ihm lernen ſollte. Indeß auch hierin fand er mich durch den 1 fruͤhen Unterricht meiner Mutter ſchon mehr 5 vorbereitet, als er anfangs vermuthete, ſo daß unſere Unterhaltungen daruͤber bald in philoſophiſche Geſpraͤche uͤbergingen, worin ich mir uͤber das Gelernte mehr Licht ausbat, welches er mir freilich auch nicht geben konn⸗ te. Doch an hiſtoriſchen Kenntniſſen nahm I. Theil. 3 354 ——-ʒ 7 ich ſehr bei ihm zu, und ſaͤttigte darin ganz meine Wißbegierde. Als Oſtern herankam, und das Abendmahl an die Confirmirten aus⸗ getheilt wurde, trug es ſich zu, daß ich beim Herantreten an den Altar keinen Nebenmann bekommen konnte, weil alle zuruͤckwichen, in⸗ dem ich, zum Kleeblatt der Roſa gehoͤrend, als ein Hexenmeiſter betrachtet wurde. Roſa ſelbſt konnte nie in die Verlegenheit kommen, weil ſie immer mit Clara vortrat. Reinert aber ſtand nicht in dem Verdacht, ob man ihn gleich ſonſt nur einen Quengler nannte, und nicht ſehr achtete. Ich mußte alſo jetzt ganz allein um den Altar gehen und den hei⸗ ligen Spruch bei Brod und Wein fuͤr mich allein empfangen, gleich als ob ich ein ſehr vornehmer Herr geweſen waͤre. Sobald ich den Religionsunterricht des Pa⸗ ſtors verlaſſen hatte, verfuͤgte ich mich zum Cantor hinuͤber, um fuͤr meine Begierde zur Muſik, die zuerſt in jenem Concert der rei⸗ ſenden Virtuoſen ſo maͤchtig Wurzel ſchlug, 355 —— Befriedigung zu ſuchen, was mir zur Paſ⸗ ſionszeit waͤre verdacht worden. Der Cantor lebte und webte ganz in dieſer Kunſt, und ich moͤchte ſagen, man lernte ihn erſt kennen, wenn man ihn ein Inſtrument ſpielen oder eine Arie vortragen hoͤrte. Nicht nur auf dem Clavier bewies er große Geſchicklichkeit, ſondern auch auf der Flöte und auf dem Horn, und Sonntags nach der Kirche kamen mehrere Leute aus dem Dorſe und aus der Nachbarſchaft zu ihm, die mit ihm muſteirten. Vorzuͤglich liebte er die aͤltere, einfachere Mu⸗ ſik, wie die von Gretry, und hatte nicht al⸗ lein viele Clavierauszuͤge von Opern, ſondern ſelbſt ganze Partituren vor ſich liegen, indeß war ſein Orcheſter immer noch zu ſchwach, um es bis zur voͤlligen Ausfuͤhrung einer Oper zu bringen, was bei allen ſeinen Be⸗ muͤhungen ihm ſtets als ein Ideal ſeiner Wuͤnſche vorſchwebte. Ich lernte das Clavier und das Waldhorn von ihm, und die Quar⸗ 3 2 h 35⁶ —— tette, welche haͤuſig geſpielt wurden, machten mir viel Vergnuͤgen.— Doch in allen an⸗ dern Dingen, außer der Muſik, war der Cantor ein wunderlicher Mann, fluͤchtig und ausharrend, mißtrauiſch und leichtglaͤubig zu⸗ gleich, ſo daß er alle Augenblick ein Gegen⸗ ſtand des Gelaͤchters wurde, und die Leute ſagten, er ſei ein wenig naͤrriſch. Am mei⸗ ſten zeigte er dies in der Liebſchaft mit der⸗ Tochter der Predigerwittwe. Beide betrugen ſich immer ſo ſanft, ſo ſuͤß, ſo ſchmelzend gegen einander, daß jenes zaͤrtliche Ehepaar auf dem Vogelſchießen von ihnen nur eine Copie zu ſein ſchien. Keiner getrauete ſich, vom andern etwas, auch nur leiſe, zu wuͤn⸗ ſchen, und jeder bemuͤhte ſich, vom andern die Gedanken zu errathen. Es war eine Luſt, ein Geſpraͤch zwiſchen ihnen mit anzuhoͤren: bei jedem Worte horchte der andere auf, waͤh⸗ rend der Sprechende fuͤrchtete, bald, zu viel geſagt zu haben, bald, nicht verſtanden zu 35⁵7 —— werden. Ja— man konnte wohl ſagen: ſie quaͤlten ſich einander recht mit ihrer Zaͤrt⸗ lichkeit. Bei dem allen, ſo gewiß auch jeder der Liebe des andern ſein konnte, ſo fuhren doch dem Cantor alle Augenblick Zweifel durch den Kopf, und Leute, die ihren Scherz mit ihm treiben wollten, worunter beſonders die ſchalkhafte Roſa gehoͤrte, benutzten dieſen Um⸗ ſtand, um ihm, wenigſtens jede Woche ein⸗ mal, einen Schreck einzujagen. Hauptſaͤchlich war es ein Huſarenrittmeiſter, ein Vetter ſei⸗ ner lieben Braut, von dem er ſich nichts Gutes gewaͤrtigte. Dieſer war einmal im Dorfe bei ihr zum Beſuch geweſen, und hat⸗ te ihr Freundſchaft erwieſen, ſo daß Ma⸗ riane— ſo hieß die Braut— wohl zuweilen mit Lobe von ihm ſprach. Seit der Zeit ſchimmerte dem Cantor immer die rothe Hu⸗ ſarenuniform vor den Augen, und des Nachts traͤumte er von lauter Cavallerie. Naͤchſte Michaelis— eher erlaubten es die haͤuslichen 358 ———— Umſtaͤnde nicht— wollten ſie ſich heirathen, und alle Angſt und Noth ſollte dann ein Ende haben.— 1 Mariane und Roſa hatten ſich immer ein⸗ ander geneckt, wer von ihnen wohl eher freien wuͤrde, und die Aermere haͤtte ſicher der Rei⸗ chern den Vorrang abgelaufen, wenn ſich nicht bei Roſa ein ganz beſonderer Freier ge⸗ meldet haͤtte. Wir ſaßen eben, um den Ern⸗ tekranz zu flechten, als eine Hand draußen an das Fenſter ſchlug, und eine fremde Stim⸗ me rief: Roſa, Roſa, nimm dich in Acht, ein Reicher wirbt um dich; ein Liebloſer, ein Herrſchſuͤchtiger; es iſt der ſtolze Conrad von Thalfeld, Gundlachs einziger Sohn.— Wir wollten weiter fragen, aber die Geſtalt war . verſchwunden. 1 „ Den andern Tag kam ſchon wieder ein al⸗ tes Muͤtterchen getrippelt, das ebenfalls von der Sache gehoͤrt haben wollte.„Gluͤck zu, Jungfer Braut, ſagte ſie, glaub' nicht, was 339 —-— die Welt ſpricht, Conrad iſt ein recht ſtattli⸗ cher Mann und hat noch keine gefunden, die ſeiner werth waͤre. Roſa mag wohl endlich fuͤr ihn beſtimmt ſein, und ſeh ich euch beide ein Paar, wird mein ganzes Herz ſich freun.“ — Wieder ein dritter kam gerannt und wuß⸗ te gewiß, daß der Braͤutigam den Freitag hier eintreffen und um Roſa werben wuͤrde. Der Schmidt von Thalfeld iſt hier geweſen, fuͤgte er hinzu, und hat uͤber Conrad eine lange Rede gehalten; aber je mehr er geſagt hat, je weniger hab' ich davon geglaubt; doch das iſt gewiß: den Freitag kommt er. Nun will ich euch rathen: ſeht euch vor. 9 Laßt ihn kommen, den ſtolzen Conrad, ſag⸗ te Roſa, wir wollen ihm ſchon Dinge auf⸗ zurathen geben, uͤber die er ſich wundern ſoll, und wenn er mich nicht mit ganzer Seele verlangt, ſo ſoll er mich auch nimmermehr zur Frau haben. 360 — Jetzt wurden Anſtalten gemacht, wie man ihn taͤuſchen und auf die Probe ſtellen wollte, und wir ſtrengten dazu alle unſere Kraͤfte an. — Da die bevorſtehende Geſchichte im ganzen Umkreis der Gegend ſo viel Aufſehen erregte, und nachher ſich auch mein Schickſal daraus enthuͤllte, ſo iſt es zu entſchuldigen, wenn ich ſie etwas ausfuͤhrlich und von Anfang an er⸗ zaͤhle, und dazu auch das benutze, was ich erſt ſpaͤterhin davon in Erfahrung gebracht habe. Ja, der ganze Vorfall hat ſogar einen Dichter gefunden, aus deſſen Gedicht ich man⸗ ches entlehnen kann. 361 — Zwanzigſtes Capitel. Der Familienrath. In Thalfeld, einem großen Dorfe, das auf einer ebenen kornreichen Flur gelegen war, lebte ein ſehr beguͤterter Landmann: Gundlach, groß und geehrt, im Dorfe genennet der Reiche. 1 Stattlich huͤllt ihm die freiere Bruſt ein ſtrahlen⸗ 5 der Scharlach, Welcher aus blauem Gewand wie am Himmel — ein Wolkchen hervorſticht, Roſig heiteren Tag verkuͤndend vom Abend auf morgen. Stattlich ſchirmet das Haupt hell ſchimmernd die ſamtene Muͤtze, Weich und bequem, an den Schlaͤfen umkraͤuſelt von Flocken des Lammes, Oben mit Golde beſtreift hinauf bis zum goldenen Buſchel. Alſo eſchinächt fuͤr das Haus nur ſaß der be⸗ guͤterte Gundlach. So druͤckt ſich der Dichter uͤber ihn aus, und in ſolcher Geſtalt genoß Gundlach eben der 36²2 ſonntaͤglichen Stille und ſchaute auf den rei⸗ chen Hof und auf die vollen Scheuern hin, als er ſeinen Sohn gewahr wurde, welcher die ragenden Diemen umging. Conrad wandelt daſelbſt, der kuͤnftige Erbe des Gutes, Einziger Sohn und von Herzen geliebt zwar, — doch im Bewußtſein Eigener Kraft oft handelnd nach eigenem Sinn und Beduͤnken, Schön von Geſtalt, ſonntaͤglich im glaͤnzenden 3itz, und geguͤrtet Mannhaft, koͤſtlich zugleich mit theuer bereitetem Kiirſchfell, Das von der Naht vielnarbig durchſchlaͤngelt ge⸗ goſſen ihm anſchließt. Nach dieſer Beſchreibung kann man ſich ſchon vorſtellen, daß beide keine gewoͤhnliche Land⸗ leute waren. Doch der Alte empfand bei dem Anblicke ſeines Sohns große Betruͤbniß, weil dieſer ſchon die dreißig Jahre erreicht, und ſich noch immer zu keiner Heirath ent⸗ ſchloſſen hatte. Die Tante(nach dem Tode der Mutter deren Stelle vertretend), welche eben reifes Obſt aus dem Garten holte, dachte 363. 1 ——— „ immer, Conrad ſollte uͤber die Hecke ſchauen nach Nachbars Hannchen, aber ſie hofte ver⸗ gebens. Indem erhob ſich im Hofe ein großes Hundegebell, ſie trat hervor und erblickte Frau Gertrud, ihre Muhme, mit Hans Wil⸗ lig, dem Schmidt, ihrem Vetter, welche ka⸗ men, ſie zu beſuchen. Der Schmidt kann die großen Scheuern und den Reichthum nicht genug bewundern, aber der Alte klopft ans Fenſter, und bittet, leiſer zu reden, oder das Lob ihm naͤher zu bringen. Drauf redet er alſo betruͤbten Herzens im Kreiſe ſeiner Ver⸗ wandten: Heute noch ſchau ich hinaus auf die Scheuern, wer ſagt mir, wie lange, Rur auf einem allein, auf Conrad ruhet die 33 Hofnung. Fördern wird er das Gut, das weiß ich, und mehren den Vorrath, Aber fuͤr wen? Nicht denkt er an Weib und an Kinder; wie leicht nur 4 Tödtet ihn Eifer und Zorn; viel giebt es Ver⸗ druß in der Wirthſchaft. Seht, das macht mir Gedanken bei Tag' und Un⸗ xruh ofters im Schlaf noch. 364 —— Neulich da lag ich bekuͤmmert, und traͤumt', ich ſaͤß in der Nacht hier Ganz allein, und das Licht auf dem Tiſch fing . an zu verloͤſchen, Und kein Fuͤnkchen im Hauſ', in der Kuͤche nicht Kohlen noch Zunder, Und viel Geiſter im Hofe, die gingen des Nachts um die Wohnung, Warteten all' auf mich, und ſagten mit drohen⸗ der Stimme: 3 Unſer, o Gundlach, biſt du, liſcht dir im Hauſe das Licht aus. Dieſen Traum deutet er auf das Verloͤſchen ſeines Geſchlechts. Laßt doch ſehen, ſagte Muhme Gertrud, ob wir nicht fuͤr den Sohn ein ſtattliches Maͤdchen aus unſerm Dorfe waͤhlen koͤnnen. Indem ging Conrad uͤber den Hof, mit Klee im Arm fuͤr das junge Fuͤllen, und der Vater rief ihn herein. Alle drangen in ihn, daß er ein Weib nehmen ſollte, und Muhme Gertrud rieth ihm, die Margarethe zu waͤhlen. Walters Tochter, was fehlt ihr? Hat ſie nicht 3 herrliche Mitgift? „Iſt ſie nicht jung und ſchoͤn, und lieblich rei⸗ zend von Anſchn, * 4† 36⁵ ——— 5. Hold, von allen geliebt, gutmuͤthig und fanft im Betragen? Dagegen meint aber die Tante, ſie verſtehe keine Wirthſchaft, und ſpiele noch mit Pup⸗ pen und Baͤndern; Seht des Nachbars Hannchen dagegen, wie ſüll und beſcheiden, Emſig und fleißig dabei, ſchon jetzt erſetzt ſie die Hausfrau. Liebwertheſte Baſe, erwidert der Schmidt dagegen: warum ſoll Conrad grade die Aermſte 4 nehmen? Schlechte Verwandtſchaft gaͤb' es, und Zwiſt und beſtaͤndigen Vorwurf; Nicht fuͤr Hannchen und Conrad waͤr' es ein Gluͤck, und der Vater Haͤtte nicht Ehre noch Freude davon; nein, hört, 1 da iſt Minchen, Neich und verſtaͤndig zugleich, des Richters geach⸗ tete Tochter. Da ſeht ihr nun ſelbſt, Vater, beginnt Con⸗ rad endlich, wie ſchwer hier zu waͤhlen, denn Tanten und Vettern ſind uneins daruͤber wie Petrus und Paulus. Dank' euch, Uebe Verwandte; wie ſorgt ihr ſo eifrig! ich dank' euch. 4 366 —-—— Still nur, ſorget nicht weiter, ich werd ein chriſt⸗ — licher Ehmann, Geh aufs Freien mit Gott, ſo bald nur der Hafer herein iſt. Der Alte ſagt, er ſolle ſich doch den Hafer nicht kuͤmmern laſſen; Friſch, wie heute das Herz dir gebietet, ſo folge dem Herzen.— Alle Verwandte ſperren nun neugierig die Augen auf, um zu erfahren, wohin ſeine Wahl gerichtet ſei, und Conrad hebt darauf alſo an: Margarethe mit laͤchelndem Antlitz werd' ich zumn Weibe Mir erwaͤhlen ſo wenig, wie Nachbars Hannchen, 8 die bloͤde, Die in der Ernt' oft baarfuß geht durch Diſtel und Kornfeld, Noch das verſtaͤndige fleißige Minchen, die tief 4 in dem Baß ſpricht, 8* und nachdriſchet den Leuten das Korn noch ſpaͤt auf der Diele; Mag ſie den Großknecht waͤhlen, der huͤlfreich ſtets ihr zur Hand geht, Sleichiie Hannchen den Webergeſell, zu dem ſie das Garn traͤgt, Und fuͤr Gretchen beſtimm' ich den all'zeit freund⸗ lichen Gaſtwirth, „³ 367 4 ——O So ſind alle vermaͤhlt und die Muhmen nicht laͤnger in Sorgen. Ich nun denk' im Dorf nicht weiter zu ſuchen, ich habe Auf und ab in der Kirch' beim Lied und unter der Predigt Laͤngſt ſchon alle gemuſtert, ich wandr' und gey in die Fremde. Ueber den Berg dort, uͤber den Wald erheb' ich die Wuͤnſche, Und ich verhehl⸗ es euch nicht, auf Eine vertrau ich mit Hofnung. Weit und breit iſt geruͤhmt bis hieher Roſa von Schoͤnau, Roſa von Schoͤnau ſuch' ich mir auf dort unter . den Hirten, Hoch zu dem Eichwald wandr' ich und frage nach Roſa von Schoͤnau. Wie er dies Wort ausgeſprochen hatte, wur⸗ den Muͤhme und Tante ganz bleich vor Schrecken. 4 Und Frau Gertrud ſchlug in die Haͤnde mit Zit⸗ tern und Zagen: 4 Roſa von Schonau, ſprach ſie, die falſche, die liſtige Schlange,. Die auf dem Feld' umherſchweift mit der Zigeu⸗ nerin Clara, Mancherlei Kuͤnſte veruͤbt an ſterbendem Vieh und an Menſchen, 368 ——— Helfend und ſchadend wie jedem im Dorfe ſie ubel 3 und wohl will? Alſo hat ſie gelehrt aus der Fremde die Schaff⸗ nerin Clara, Die aus dem wandernden Trupp gottloſen Ge⸗ ſindels ſie aufnahm. Wenig auch weiß ſie von laͤndlicher Zucht und Sitte, denn fruͤh ſchon Starb ihr die Mutter, und fern, ganz fern im wilden Gebirge Hat ſie ein liſtiger Jaͤger erzogen, man ſagt, ein Verwandter. So faͤhrt ſie fort und macht eine ſchreckliche Beſchreibung von dem Hexenweſen, das Roſa im Dorfe treibe; und ihr folgt die muͤtterlich ſorgende Tante: Willſt du dem Boͤſen dich geben ins Netz; du wirſt doch in Ernſt nicht Roſa von Schoͤnau frein, die ſelbſt von verdaͤch⸗ tiger Abkunft?— Elend gingen und klaͤglich die Kuͤh' dort immer zum Stall ein, Und jetztt wandeln ſie ſchwarz wie die Nacht, und ſtark wie die Rieſen, Stolz auf gruͤnender Au, wo Gras ſteht hoch wie der Weizen. Conrad, ſieh, was du thuſt, und bleib dort weg von den Fluren, Wie 369 —-A-A Wie ich dich liebe, ſo bitt' ich dich, Conrad, bleibe von Schoͤnau. Allein der kluge, bedaͤchtige Schmidt ſchuͤt⸗ telt dazu den Kopf und ſagt: Das ſind Maͤhrchen fuͤr Kinder; ich weiß es, ich hole das Eiſen Jaͤhrlich nicht fern von dort aus dem Bergwerk, laßt euch belehren. Mehr als andere Maͤdchen hat Roſa vom Jaͤger erlernet, Und die Zigeunerin weiß auch mehr, als andere Maͤdchen. Beide verſtehen die Zucht, und die Auswahl naͤh⸗ render Kraͤuter, Wiſen zu heilen, zu pflegen, zu mehren den herrlichen Viehſtand. Schwarz wie die Nacht, das iſt wahr, ſo geht auf den Wieſen das Rindvieh, Denn ſelbſt uͤber die Farbe gebieten ſie: hat es denn Jacob 4 Anders gemacht in der Schrift? Geſprenkelte Staͤbchen erwarben Ihm viel ſprenkliche Laͤmmer zum Lohn, was wunderts euch weiter? Nur einen Scrupel hat doch auch der Schmidt: Roſa, ſagt er, hat ſchon viele verſchmaͤht und man ſpricht, daß ſie gar nicht I. Theil. Aa 370 ——— freien wolle, und es fragt ſich, ob Conrad ihr recht ſei. Dagegen der Alte: Macht, ihr Frauen, das Herz ihm nicht ſchwer, daß der löbliche Vorſatz Ihm nicht wanke zu fruͤh, und dankt doch Gott, daß er muthvoll Höher hinausſtrebt, als kaum traͤumend wir ſel⸗ 3 ber noch dachten. Steht auch droben nicht prangend wie hier in herrlichen Breiten Nocken und Weizen, es naͤhrt die geprieſene beſ⸗ ſere Viehzucht Dort auch reiche Bewohner, und Schoͤnau . mißt ſich mit Thalfeld. Gehe init Gott, mein Sohn, zu erwerben ein 4 Weib auf den Bergen. Und dazu iſt auch Conrad feſt entſchloſſen, aber weislich erinnert der Schmidt, daß man einen Vorwand haben, daß man ſich ein Ge⸗ werbe machen muͤſſe, um die ſchoͤne Roſa fuͤrs erſte in Augenſchein zu nehmen und ihre Geſinnungen zu erforſchen. Conrad giebt hierauf zur Antwort, er habe ſchon etwas recht Kluges ausgeſonnen. Sicherlich ſoll ſie von meinem Gewerbe den Grund nicht erratben. ⁴ 371¹ —-— Unter den Eichen ernähet ſich dort eine Heerde 3 von Saͤuen, Wild wie die Eber und ſtark, voll Borſten und 8 laͤnglichen Wuchſes. Uns iſt neulich die Bache gefallen, da komm' ich und frage, Ob eine Bache zur Zucht ich faͤnde zum Kauf in dem Walde. Da kann man ſich denken, welch ein Ge⸗ lächter die Frauen aufſchlugen. Eher, mein⸗ ten ſie, koͤnne er nach einer Kuh fragen, und ſie wollten noch weiter in das Capitel eingehen, als draußen ein Trompeterſtoß ge⸗ ſchah. Das iſt der Stabstrompeter, riefen alle, und nicht lange, ſo ſchritt er zur Thuͤr herein, und freute ſich, die liebwertheſte Ver⸗ wandtſchaft des ehrenfeſten Alten hier ſo haͤus⸗ lich bei einander zu treffen. Viele Gruͤße ſchickte er umher und gab allen die Rechte. Dieſer Stabstrompeter nun war wieder eine ganz eigene Perſon. Schon laͤngſt ſeines Dienſtes entlaſſen und im Genuß eines ſehr geringen Jahrgehaltes machte er ſein Gluͤck auf dem Lande, und trieb ſich weit und breit Aa 2 37² —- in der Provinz bei allen Bauern umher, wo er theils wegen der Geſchichten, die er immer zu erzaͤhlen wußte, theils wegen ſeiner Kunſt ſehr beliebt war. Er mußte nämlich jede Hochzeit anblaſen. So nannte man es, wenn er beim Brautzuge dem Muſikantenchore mit der Trompete ganz allein voranſchritt, und zu jedem Stuͤck erſt den Ton angab oder einen Vorſchlag machte, der oft ſehr kriege⸗ riſch und reutermaͤßig klang. Unter den Mu⸗ ſikanten ſelbſt, die man aus dem Gebirge nahm, und ſie deshalb Bergmuſikanten hieß, waren nur die Waldhoͤrner, Floͤten und Schalmeien oder Clarinetten nebſt dem drolli⸗ gen Fagot im Gebrauch, und der Stabstrom⸗ peter hatte mit ſeiner Trompete uͤberall gleich⸗ ſam das Privilegium, ſo daß eine Hochzeit ohne ihn nichts wuͤrde gegolten haben. Lieben Freunde und Gevattern, was habt ihr denn vor? fragte er jetzt; und, weil man glaubte, daß er bei der Sache vielleicht behuͤlflich ſein koͤnnte, ſo machte man ihm 373 — auch kein Geheimniß daraus. Brav! wackerer Conrad! rief er aus, ihr habt das Herz am rechten Fleck. Nun drang man von allen Seiten in ihn, da er doch uͤberall hinkaͤme, und ihm auch das Geheimſte nicht verborgen bleibe, doch zu erzaͤhlen, was es mit Roſa eigentlich fuͤr eine Bewandniß habe. Vor⸗ nehmlich wuͤnſchte man zu wiſſen, ob ſie wirk⸗ lich die Tochter von Reinert ſei oder von wem ſie ſonſt abſtamme. Auf dieſe Frage machte der Stabstrompe⸗ ter ein bedenkliches Geſicht, und wog den Kopf hin und her. Ja, ſagte er, ich wuͤßte wohl dies und das, aber— daß ich euch nur nicht zu viel erzaͤhle. Ei, was fuͤrchtet ihr euch! ſagte der Schmidt, da Roſa heirathen ſoll, muß es ja doch an den Tag kommen. Wie der Muſikus ſo geheimnißvoll that, wurde die Neugierde bei Gundlachs Ver⸗ wandten immer groͤßer, und wie er ſich end⸗ lich Bedenkzeit bis nach Tiſche ausbat, eilten alle mit Eſſen und Trinken, der Trompeter 374 —-— raͤuſperte ſich, und im Vertraun auf ihre Verſchwiegenheit begann er endlich alſo: Im Marſchlande— dreißig Meilen von hier— lebte ein reicher Bauer, auf deſſen Hofe ein großer dicker Taubenthurm ſtand, welcher alſo eingerichtet war, daß ganz oben erſt der Taubenſchlag, dann ein huͤbſches Zimmer mit vier Fenſtern, darunter ein Huͤhnerboden und zuletzt ein Schweinſtall kam. Auf dem huͤb⸗ ſchen Zimmer aber logierte, ſo oft ſich die Truppen zur großen Revuͤe zuſammengezogen, alle Jahr ein Officier von braͤunlichem An⸗ geſicht, alt einige dreißig Jahr. Dieſer hatte den ganz unerhoͤrten Fehler an ſich, daß er die Frauenzimmer nicht leiden konnte. immer fuͤr ſich blieb oder auch meinetwegen ſpazieren ging.— Es kam aber in das Dorf eine . Zigeunergeſellſchaft, bei welcher ſich ein Maͤd⸗ chen befand von ſo großer Schoͤnheit, daß⸗ wer ſie nur einmal anſah, gleich ſeinen Ver⸗ ſtand bei ihr laſſen mußte. Dieſe Schoͤnheit war aber beſonders dadurch merkwuͤrdig, daß 375 —— bei aller Munterkeit des Geiſtes, bei aller Neckerei, womit ſie die Maͤnner anzulocken ſchien, ſie ein Herz beſaß, das allem Ver⸗ muthen nach aus reiner Kieſelerde beſtehen mußte, ſo unempfindlich, ſo gefuͤhllos war ſie gegen die Bitten der Maͤnner. Nun geſchah es eines Tages, daß ſie auch zu Felsheim— ſo hieß der Officier mit braͤunlichem Ange⸗ ſicht— auf das Zimmer trat, um ihm zu wahrſagen. Wenn ſie nun Kieſelſtein war, ſo war er Stahl und Eiſen, und ſchlaͤgt man beides zuſammen, ſo ſpringen Funken heraus. Das ereignete ſich denn auch hier. Die Zi⸗ geunerin hielt ſeine Hand laͤnger als ſie noͤthig hatte, um ſein Schickſal daraus zu erſehen, und mit zitternder Stimme begann ſie end⸗ lich: du wirſt lieben, wo du nicht denkſt, wirſt geliebt ſein, wo du nicht willſt, und die dich liebt, wird dich darum haſſen.— Ich weiß nicht, ob ſie dieſen Spruch aus der Weisheit ihres Verſtandes oder aus der Thor⸗ heit ihres Herzens nahm, und ob ſie vielleicht 375 ———— ſchon etwas fuͤr ihn empfand, aber ſo viel iſt gewiß: der Spruch ging auf der Stelle in Erfuͤllung. Ihr Blick war das letzte, was aus der Thuͤr ging, und er lief unruhig im Zimmer umher, ohne zu wiſſen, was ihm fehle. Er mußte zum Fenſter hinausſchauen, und ſie ſtand auf dem Hofe, um noch einige⸗ mal nach dem Thurme zuruͤck zu ſehen. Rufſt du mich? ſagte ſie. Nein, ich rufe dich nicht, antwortete er. Doch war ihm, als haͤtte er noch etwas vergeſſen, und ſie beſann ſich gleichfalls, ob ſie nicht eine von ihren Coral⸗ len dort gelaſſen haͤtte. Ja! ſagte jetzt der Officier, das eine moͤchte ich noch von dir wiſſen. Und welches, mein Herr, ſagte ſie umkehrend mit Eile. Nein! entgegnete er wieder, es iſt nichts, ich habe genug.— Ei⸗ geertlich hatte er ſchon zu viel, und ſo bald die ſchoͤne Zigeunerin vom Hofe war, hatte er auf ſeinem Thurm gar keine Ruhe mehr. Er ging in einem fort hin und zuruͤck, wie einer, der auf dem kurzen Wege etwas ver⸗ 377 1 ——— lohren hat, und es wieder ſucht. Auch ſagt man, er haͤtte zuweilen gar ſein Zimmer nicht wieder finden koͤnnen, und waͤre bald zu den Tauben, bald zu den Huͤhnern, und bald gar zu den Schweinen gekommen; doch das mag nun wohl eine Luͤge ſein. Genug, er konnte nicht eher ruhig werden, als bis die Zigeune⸗ rin wieder umkehrte und ihm noch einmal et⸗ was prophezeihte. Da war es denn um beide geſchehen. Sie konnte ihre Straße nicht wei⸗ ter gehn ohne ihn, und er mochte ſie nir⸗ gends miſſen So zog ſie denn mit ihm und ſorgte fuͤr ſeine Pflege. O du Schelm, ſagte ſie oft, und fuhr in ihr ſchwarzes Haar. Und da der Neumond in das erſte Viertel trat, fluchte ſie vollends und warf einen grim⸗ migen Haß auf ihn; aber ſie konnte doch nicht von ihm laſſen, und als der Krieg aus⸗ brach, wollte ſie ſogar mit ihm zu Felde ziehn. Sie folgte ihm anfangs auch; doch auf der Grenze dort oben in Tannenfels ließ 378 er ſie zuruͤck, und empfahl ſie dem Jaͤger Wegwart. 1 Nun wiſſen wir, daß Reinert in Schoͤnan mit ſeiner Frau immer in Uneinigkeit lebte, weil ſie ihm keine Kinder gebar. Deſſen wurde ſie endlich uͤberdruͤßig und zog zu ihrem Bruder nach Tannenfels hinauf. Wegwart aber war ein ſchlauer Fuchs, und um den ehelichen Zwiſt mit einemmal zu beendigen, ließ er dem boͤſen Reinert zuruͤckſagen: eure Frau iſt ſchwanger, und wird ihr Kindbett bei mir halten. Drauf, als die Zigeunerin niederkam, ſtahl er ihr das Kind und ſagte nachher zu ihr: was weiß ich, wo es iſt! Sucht es euch ſelber. Da ſchrie die Mutter laut auf und lief landeinwaͤrts, um ihr Lieb⸗ ſtes auf der Welt, wenn es moͤglich waͤre, wieder zu finden. Man ſagt immer, daß die Zigeuner andern Leuten die Kinder ſtehlen, aber hier geſchah es einmal umgekehrt. Drauf brachte Wegwart ſeine Schweſter mit der neu⸗ gebohrnen Tochter zu ihrem Manne zuruͤck, 379 — und Reinert ſchwoͤrt von der Zeit an, nur er koͤnne ein ſo kluges Kind haben, und wollt ihr an mir zum Verraͤther werden— wie ich nicht hoffe— und hingehen und ſpre⸗ chen: Reinert, das iſt nicht euer Kind, ſo wird er doch es nimmer glauben. Seine Frau lebte drauf nur noch eine kurze Zeit, und die Tochter ward mehr beim Jaͤger als beim Va⸗ ter erzogen. Die ungluͤckliche Mutter aber irrte fort und fort durch das Land von Dorf zu Dorf, immer mit der Hofnung, irgendwo ihres Kindes anſichtig zu werden. Nichts fragte ſie weiter nach Felsheim, den ſie haßte. So umherſtreifend kam ſie denn endlich auch nach Schoͤnau und auf Reinerts Hof, und da fand ſie ihr Kleinod wieder. An einem Mahl, ſagt man, hat ſie ſolches erkannt. Dieſe Zigeunerin nun iſt Clara, und Roſa iſt ihre Tochter. Und wenn ſie die Tochter von der Hexe zu Endor waͤre, ſagte Conrad, ſo nehm' ich ſie doch. 380 —— Recht, mein Sohn, ſagte Gundlach, und bravo riefen der Stabstrompeter und der Schmidt ihm zu, und alle fuͤllten die Glaͤſer, ſtießen an und ſprachen: Conrad und Roſa! Ein und zwanzigſtes Capitel. Der Freier. Kaum war der gefaßte Entſchluß des muth⸗ vollen Freiers unter den Verwandten weiter ausgeplaudert worden, als jeder— wie es gewoͤhnlich geſchieht— Parthei nahm und um einer Tochter, um einer Schweſter, oder um einer Couſine willen allerhand Geruͤcht nach Schoͤnau verbreitete, und Roſa abwen⸗ dig zu machen ſuchte, ſo daß der Braͤutigam einen wahren Dornenweg zu betreten hatte. Der erwartete Freitag brach endlich her⸗ vor, die Sonne leuchtete freundlich ſowohl auf Schoͤnau als auf Thalfeld herab, und 381 —- Conrad, fruͤh ſich erhebend, zog die neuen hirſchledernen Beinkleider und die kalbledernen Stiefeln, drauf die Scharlachweſte, und end⸗ lich den blauen Sonntagsrock mit ſilbernen Knoͤpfen an, und mit dem ſelbſtgebraͤunten Stock in der Hand begann er den Gang auf die Freite. Er ſah im Hof keinen Menſchen an, und ging ganz ſtille zum Dorfe hinaus. Als er zum erſten Huͤgel hinaufſtieg, wehete eine milde Luft vom Walde her ihm entgegen, die ſo ſuͤßen Kraͤutergeruch von den Wieſen zu ihm heruͤbertrug, daß er ſchon meinte, Roſa's Gegenwart aus der Ferne zu verſpuͤ⸗ ren.— Der Weg unter ſeinen Fuͤßen hob ſich allmaͤhlig immer mehr und mehr, und auf einmal trat er in einen dicken, finſtern Tannenwald, der ſo ſchwarz auf ihn herab⸗ hing, wie das Gewoͤlbe einer Hoͤhle. Kaum hatte er aber drei Schritte hineingethan, ſo erblickte er allda das graue Maͤnnchen, wie es unter einer Tanne in ſeinem grauen Man⸗ tel ſich zuſammenſchauerte und aus der grauen 1 382 —— Kappe hervor ſeine Stiru auf ihn richtete. Nun iſt der Glaube des Volks, daß ſich ſol⸗ cher immer im Anfange einer großen Unter⸗ nehmung zeigt, und das Ende vorherſagt oder Warnungen ergehen laͤßt. Conrad, der ſonſt eben nicht ſehr zu den Aberglaͤubiſchen gehoͤr⸗ te, ſtutzte doch ein wenig, da er dieſe Er⸗ ſcheinung ſah; indeß konnte es ihm nicht ſcha⸗ den, wenn er noch einen lehrreichen Spruch mit auf den Weg nahm. Er ſchritt alſo lang⸗ ſam zu ihm heran, und als Graumaͤnnchen ſich ihm in den Weg ſtellte, litt er es gedul⸗ dig und ſagte: rede! was willſt du? Da fuhr das graue Maͤnnchen mit einem ſchwar⸗ zen Staͤbchen durch die Luft; legte es dann auf Conrads Bruſt, und ſprach: Die Rechte it die Falſche, die Jalſche iſt die 4 Nechte. 3 Falſch iſt nicht immer ſchlecht, und recht iſt oſt das Schlechte. Nuͤn denke, was du thuſt. Die Falſche nimm! ich daͤchte! Conrad ſtand noch auf demſelben Fleck und 383 —— wollte immer fragen: wie meinſt du das? aber Graumaͤnnchen winkte mit dem Stabe, daß er weiter ginge. So ſchritt er denn vor⸗ waͤrts, und als er ſich umſah, war das graue Maͤnnchen verſchwunden. Er wiederholte den Vers oͤfters fuͤr ſich, um ihn im Geduͤchtniß zu behalten; doch den Sinn davon konnte er nicht errathen. Wer iſt nun die Falſche, fragte er, und wer iſt nun die Rechte? Daß das Schlechte oft recht iſt, das mag ſein, denn das Schlechte iſt oft gut genug, aber ich moͤchte gern das Beſte haben, und moͤchte zugleich, daß das Beſte auch grade fuͤr mich das Rechte waͤre. Ei was! unterbrach er ſich endlich ſelbſt, das ſind nur Alfanzereien; da⸗ durch werde ich mich nicht irre machen laſſen. — Der Wald ward wieder licht und hell, und eine Straße zog ſich vom Felde her bei ihm voruͤber. Als er uͤber ſie weggehen woll⸗ te, ſaß da eine arme Frau mit kuͤmmerlichem Anſehn und flehenden Gebehrden. Sie kaͤmm⸗ te ihr ſchwarzes Haar durch die langen Fin⸗ 384 ger, und mit dem Ton der Verzweiflung rief ſie ihn an: Hilf, ach hilf mir, du guter Fremdling. Ich bin eine Vertriebene und wandere in ein fremdes Land, Hunger iſt mein Gefaͤhrte und Nothdurft meine Huͤlle; erbarme dich meines Zuſtandes. Conrad, der von ſeinem Wege Gluͤck hoffte, glaubte auch dem Zufalle wohlthaͤtig begegnen zu muͤſſen: er zog ſein ledernes Beutelchen heraus, und legte ihr ein blankes Stuͤck Geld in die Hand. Die Arme dankte mit O und Ach! aber ſie fuhr fort und ſagte: ich bin von den Meini⸗ gen, die dort des Weges ziehn, abgekommen; hilf mir, Fremdling, daß ich ſie wieder er⸗ reiche, meine Kraͤfte ſind ſchwach, meine Kniee wanken, laß meine Hand ein wenig auf dei⸗ nen Arm ſich ſtuͤtzen.— Gute Frau, erwi⸗ derte Conrad, das koͤnnte eine Wanderung in das gelobte Land werden, ich hoͤre und ſehe nirgends einen Zug von wandernden Leuten, es iſt ohnmoͤglich, daß wir ſie ſo einholen. Geht lieber in das Dorf und fragt nach Gund⸗ 385 ——— Gundlach, meinem Vater: da wird man ſich eurer annehmen. Ich habe heute noch wich⸗ tigere Geſchaͤfte vor mir, lebt wohl. Geleite euch Gott, ſagte die Arme, und er gebe euch, was recht iſt.— Hm! wieder, was recht iſt! brummte Conrad im Weitergehen fuͤr ſich; und— recht iſt oft das Schlechte. Das ſind mir ganz eigene Vor⸗ bedeutungen. Zum Henker! Roſa will ich und keine andere, und die ſoll mir die Rechte und auch die Beſte ſein. A So ſinnend mochte er ohngefaͤhr ein Stuͤnd⸗ chen des Weges zuruͤckgelegt haben, und die Gegend umher mit Buchen, Wieſen und Quellen wurde immer romantiſcher, als er bei einem rauſchenden Bache ein junges, ſehr reizendes Maͤdchen erblickte. Zwar trug ſie nur eine ſchlichte ſchwarze Binde um das geflochtene Haar, ein knappes Leibchen vom rothen Dammaſt, und ein faltenloſes Roͤck⸗ chen von großblumigem Golgas, aber ihr Blick ſah ſo himmliſch⸗heiter, ihr niedlicher I. Theil. B b 386 4—-— Fuß gab ihrem ſchlanken Wuchs eine ſo ſchwe⸗ bende Leichtigkeit, daß man uͤber dieſe Gaben der Natur die Zeichen der Armuth an ihr gern vergaß. Sie erhob ſich eben vom ſchwel⸗ lenden Graſe, und zog eine kleine Handkarre vom Rande des Baches daher, worauf zwei volle Koͤrbe mit weißer Leinwand befindlich waren. Die Laſt hinter ſich herfahrend kam ſie grade auf Conrad zu, redete ihn an und ſagte: Ach! guter Mann, helft mir doch, wenn ihr koͤnnt. Die Mutter ſchickt mich eben von der Bleiche, daß ich den reichen Ackersleuten die fertige Leinwand, weiß wie Schnee, in das Dorf da druͤben bringen ſoll. Nun iſt der Bach vom ſtarken Regen ange⸗ ſchwellt, und hat den Steg hinweggeriſſen, ſo daß ich vergebens am Ufer hin⸗ und her⸗ fahre, und keinen Uebergang finde. Wenn es euch moͤglich iſt, helft mir die Sachen hin⸗ uͤberbringen, oder gebt mir guten Rath, wie ich es anfangen ſoll. Zwar ſollte ich euch da⸗ mit nicht beſchwerlich fallen, denn was geht 387 ——* euch mein Weg und meine Leinwand an, auch ſeht ihr eben nicht darnach aus, als ob ihr ſo ſchwere Arbeit gewohnt waͤret, aber man muß doch in der Noth alles verſuchen, und ich wuͤrde mir nachher Vorwuͤrfe machen, wenn ich euch nicht um Huͤlfe angeſprochen haͤtte. Doch nehmt es ja nicht uͤbel, daß ein armes Maͤdchen, wie ich bin, euch mit ſolcher Bitte beſchwerlich faͤllt.— So! ſagte Conrad, nachdem er ſie einen Augenblick be⸗ trachtet hatte, da von dem Anger und von den Teichen her kommſt du, wo es ſo weiß herſchimmert? Ja, guter Mann, gab ſie zur Antwort, ich bin eine Bleicherin, und wo die Huͤtte ſteht am Waſſer, da wohn ich. Da ſind noch ſieben kleine Geſchwiſter, die laufen alle auf und ab, und begießen die Leinwand, ſo daß es eine Luſt zu ſehen iſt. Wir ſchoͤpfen faſt den ganzen Teich aus, und unſere Bleiche wird ſelber wie ein See, ſo breitet ſie ſich aus, und ſo ſchimmert ſie aus der Ferne. Nun ſolltet ihr denken, viele Bb 2 388 Haͤnde muͤßten reich machen; aber zu zwei Haͤnden iſt wieder ein Mund, der alles ver⸗ zehrt. was jene erwerben. Deshalb ſeht ihr mich ſo arm und ſo fluͤhhtig vor euch; doch weil ich mit lauter klaren Sachen umgehe, mit dem Waſſer, mit der Sonne, mit der Luft, ſo bleiben mir die Augen auch immer hell und klar, und mein Sinn froͤhlich und heiter. Nur jetzt kommt mir der muthwillige Bach dazwiſchen, und ich kann nicht hintre⸗ ten und ihn ausſchoͤpfen, wie einen Teich ohne Auellen, und warten, bis er ablaͤuft, das geht auch nicht; ſo bin ich nun etwas ver⸗ drießlich, und verlange, was ich nicht ſollte.— O, ſagte Conrad, du kannſt ſchon etwas for⸗ dern. Iſt ſonſt jemand des Weges gekom⸗ men, den du ſo angeredet haſt?:— Die Bleicherin bedachte ſich ein wenig, und ant⸗ wortete: ja, es kam jemand, aber ich hatte das Herz nicht zu ihm.— Nun, um des Herzens willen, entgegnete Conrad, will ich dir deine Leinwand hinuͤber ſchaffen. Der Bach 389 —— iſt ſo gar tief nicht, und meine Stiefeln ſind feſt. Daß es euch nur nicht ſchadet, ſagte das Maͤdchen. Was ſollt' es mir ſchaden! erwiderte Conrad, und hob gleich den einen Korb in die Hoͤhe, und das Maͤdchen mußte ihm helfen, daß er ihn auf den Ruͤcken be⸗ kam. Damit ging er mitten durch die Flut hindurch, und die Wellen ſpuͤlten ihm faſt bis an das Knie.— Ihr werdet euch eure ſchoͤ⸗ nen Kleider verderben, ſagte die Bleicherin, aber er kehrte ſich an ihre Erinnerungen nicht, kam zuruͤck und trug auch den zweiten Korb hinuͤber. Allein jetzt, da er ſich wieder an dem dies⸗ ſeitigen Ufer befand, ſahen ſich beide auf einmal mit großer Verlegenheit einander an, denn es entſtand die Frage, wie er nun das Maͤdchen hinuͤberſchaffen ſollte. Ja, ſagte er endlich, wie wird es nun mit dir? Deine Sachen ſind gluͤcklich hinuͤber; du kannſt doch auch nicht zuruͤck bleiben. Ja frellich nicht, antwortete ſie; doch— ich will hindurch wa⸗ 8 390 —--— den, ich glaube, das geht. Nimmermehr, ent⸗ gegnete Conrad; die Flut koͤnnte dich um⸗ reißen, und dann wäͤre ich ein ſchoͤner Helfer, das Eigenthum haͤtte ich gerettet, aber den Eigenthuͤmer nicht. Es ginge dann hier im Waſſer, wie haͤufig beim Feuer, wo man oft das Beſte vergißt.— Ich will mich auf die Schiebekarre ſetzen, ſagte ſie jetzt.— Da wuͤrdeſt du erſt recht ins Waſſer kommen, war ſeine Antwort. Nein! was iſt da weiter zu ſinnen; ich mache er mit dir, wie zuvor mit deinen Sachen, ich trage dich hinuͤber. Da⸗ mit nahm er die leere Handkarre, und brachte ſie fuͤr's erſte ans andere Ufer, und, gleich als ob er doch noch Zeit zum Nachdenken ge⸗ winnen wollte, machte er ſich druͤben zu ſchaf⸗ fen, und ſetzte die Koͤrbe wieder auf die Karre. Dann kam er langſam wieder zuruͤck, ſchlug die Arme uͤber einander, und ſah das Maͤd⸗ chen an. Nein, es geht unmoglich, ſagte ſie ſchuͤchtern. Ja nun freilich, entgegnete Con⸗ rad, es ſcheint mir faſt ſelbſt ſo. Aber wenn 391 wir nur entſchloſſen ſind, ſo weiß ich doch nicht, was uns hindern ſoll, daß ich dich auf meinen Schultern hinuͤber trage. Du weißt ja, wie man es mit den Kindern macht, und du biſt nicht viel mehr als ein Kind; Hucke⸗ pack! Herz gefaßt! Ich laſſe mich vor dir nieder, gieb mir deine kleine Laſt, ich trage ſie leicht hinuͤber.— Bei dieſen Worten ließ er ſich wirklich auf ſeine Kniee nieder, ab⸗ gewandt mit dem Geſichte, und das Maͤd⸗ chen mußte ihre Arme um ihn ſchlingen. Conrad trug anfangs ſo leicht an ihr, als haͤtte er nur ein aͤtheriſches Weſen auf ſeinem Ruͤcken gehabt, aber kaum war er einen Schritt gegangen, ſo geſchah ihm faſt, wie dem Chriſtophorus, als er den Herrn Chri⸗ ſtus durch den Fluß trug; ihm wurde unter der Laſt ſo wunderlich zu Muthe, daß er es gar nicht ſagen konnte; heiß und kalt lief es ihm uͤber den Ruͤcken; es war, als ob die Buͤrde immer mehr auf ihn herablaſtete, und endlich wohl gar nicht wieder von ihm gehen 392 —-— Wangen hin, und ſie haltend, tragend und ganz und gar empfindend fuͤhlte er ſich ſelbſt nicht mehr, und es haͤtte nicht viel gefehlt, ſo haͤtte er mitten in dem Waſſer ſie fallen laſſen, und ſie den Wellen preiß gegeben. Doch uͤberwand er noch den Schauer, der wie des Fiebers Anfang ihn durchbebte, und brachte ſie gluͤcklich zum andern Ufer. Hier ſetzte er ſie behutſam nieder, und athmete, als ob er ſich vieler Centner entledigt haͤtte. Und auch ſie ſprach mit ſo kurzen Worten, als ob ſie eine große Strecke gelaufen waͤre. Dank euch, ſagte ſie, mir iſt doch ein wenig bange geworden; aber Faͤhrgeld habe ich nicht, das ich euch geben koͤnnte; ihr muͤßt mit ei⸗ nem Handſchlag fuͤrlieb nehmen. Da reichte ſie ihm die Hand, und er hielt ſie ſo lange, als ob er ihr noch viel zu ſagen haͤtte; doch brachte er weiter nichts hervor, als: Nun- ſo leb' wohl! Drauf that ſie ihre Haͤnde wieder zum Fuhrgeraͤth, nickte noch einmal zum Fuhr wuͤrde. Ihr warmer Athem ſtrich an ſeinen 393 ————— zuruͤck, und, von ſchattigen Geſtraͤuchen em— pfangen, verſchwand ſie. Faͤhrgeld! redete Conrad nun fuͤr ſich, und ſtand in tiefen Ge⸗ danken, Faͤhrgeld freilich haͤtte ich wohl von ihr nehmen moͤgen, einen Kuß zum Lohn. Sie ſah doch recht hold und freundlich aus. So heiter, ſo flink, und ſo klug und ver' ſtaͤndig dabei. Wie ein kleines Wunder er⸗ ſcheint ſie mir hier! Wahrlich! noch nie iſt mir eine ſo ſchmucke Dirne vor die Augen ekommen. Wenn ſie nicht ſo arm waͤre— 1 wer weiß, was ich thaͤte. Hannchen iſt ja auch arm, und die Tante meinte doch, ſie koͤnnte meine Frau werden. Da waͤre dieſe mir doch zehnmal lieber. Doch— ich bin wohl ein Narr, daß ich gleich ans Heirathen denke. Es kann einem ja wohl ein Maͤdchen gefallen, was iſt das weiter.— Er wollte ſich darauf mit aller Gewalt die ſchoͤne Bleicherin aus dem Sinn ſchlagen, aber vergebens— er ging und ging, und wußte den Weg ſchon nicht mehr. Es ſchien, 394 daß er ſich, ohne es zu wiſſen, immer mehr nach dem Bleichanger hin hielt, und haͤtte er nicht mit allem Fleiß im Walde zu bleiben getrachtet, ſo waͤre er auch wirklich dahin ge⸗ langt. Nun aber entſtand aus dem, was er wollte, und aus dem, was er wuͤnſchte, eine Mittelrichtung, die weder nach Schoͤnau, noch zur Huͤtte am Teiche fuͤhrte. So in dumpfer Empfindung fortſchlendernd und in ſeinen Traͤumerelen mancherlei Bilder von ſich abwehrend wurde er ploͤtzlich durch ferne wunderbare Stimmen angerufen, die zwar menſchliche Worte ſprachen, aber nur halb⸗ menſchliche Toͤne hervorbrachten. Aus den hoͤchſten Wipfeln rief es herab: Roſa lacht, Roſa flieht, Roſa will dich nicht; marſchier, marſchiel— Was iſt das? ſagte Conrad, und ſtand ſtill; woher kommt dieſes Schreien und Rufen? Ich ſehe doch keinen Menſchen, woher kommt denn die Stimme? Marſchier! klang es aufs neue, Roſa lacht, Roſa flieht, marſchier!— Conrad ſchaute ſich rechts und 395 ——— links um und ſandte ſeine Blicke ganz hoch in die Baͤume hinauf, aber er ſah nur Zweige und Blätter, und wurde nirgends ein leben⸗ des Weſen gewahr. Ruft mich jemand? fing er an; wer iſt da? Sind Leute hier? Kommt doch naͤher, redet! Ha ha ha! lachte es nun durch die Zweige. Bin ich verſpottet? ſagte jetzt Conrad zu ſich ſelbſt. Es muß hier jemand verſteckt ſein, der mich alſo bewill⸗ kommt. Oder ſollten die Voͤgel ſelbſt dieſe Stimme angenommen haben? Warnungen von allen Seiten. Es wird mir faſt zu Sinne, daß ich es laſſen moͤchte. Horch, horch! es lacht wieder. Das klingt faſt, wie die Stim⸗ me der Bleicherin. Maͤdchen, biſt du es? Warte doch ein wenig. Er fing an, der lachenden Stimme nach⸗ zueilen, und hatte ſchon einige Buͤſche hinter ſich, als es ihm auf einmal vorkam, als ob er ganz aus der Ferne Muſik hoͤrte. Und ſo war es auch. Sie ſchien ihn anzulocken und er naͤherte ſich. Zur Seite des Waldes lag ein Wirthshaus, daher kamen dieſe Toͤne. Bergleute ſpielten hier froͤhlich auf, und ein Jubel und Jauchzen von Tanzenden ſcholl, mit der Muſik vermengt, ihm entgegen. Ohne ſich weiter Rechenſchaft zu geben, ließ er jetzt Schoͤnau links liegen und kehrte in die ſilberne Birke ein. Da kommt Conrad, riefen einige, des reichen Gundlachs Sohn, von Thalfeld. Seltener Beſuch! Sei uns willkommen. Das munterſte Stuͤck ward jetzt aufgeſpielt und viele Haͤnde winkten ihm, mit zu tanzen, aber er ſagte mit ernſtem Geſicht nein dazu, und ging in den Garten. Hier legte er ſich unter einen Apfelbaum, deſſen Aepfel ihn bis auf den Mund herabhingen, und bewundernd die rothbaͤckige Frucht ruhte er aus, wie ei⸗ ner, der eine ſchwere Arbeit verrichtet hat. Die Bleicherin war es eigentlich, die ihm ſo ſchwer auf dem Herzen lag, und, weil er ſie uͤberall ſah, ſo verglich er ſie auch mit dem rothgeſtreiften Apfel, der grade ganz nahe uͤber ſeinen Lippen ſchwebte, den er ſo leicht mit 397 —— der Hand greifen konnte, und doch nicht pfluͤcken durfte und wollte. Nun ſollte ich zu Roſa gehn, ſagte er zu ſich ſelbſt, aber— ich bin ſo muͤde— ich muß erſt noch ein wenig ausruhn.— Und wie er ſo dies und jenes erwog und mißmuthig manches zu vergeſſen ſtrebte, ſaͤuſelte es in dem Apfelbaum wie fer⸗ nes Bienengeſumſe, und der Schlaf wehete ihn an mit leiſem Fittig. Kaum aber war er entſchlummert, ſo bemaͤchtigten ſich die frei⸗ gelaſſenen Wuͤnſche ganz ſeiner Seele, und die Bleicherin ſtand wieder vor ihm. Doch erſchien ſie ihm ganz anders, als zuvor: ge⸗ putzt war ſie wie eine Koͤnigin, ein glaͤnzen⸗ des Kleid rauſchte hinter ihr her, eine gol⸗ dene Kette klang an ihrem Halſe, und gol⸗ dene Ohrringe umleuchteten ſie, worin ein Vogel ſaß, ſo klein, wie eine Biene. Sie kam von einem hohen Gange herab, und hielt ein ſilbernes Birkenreis in ihrer Hand, wo⸗ mit ſie rechts und links den Staub von den Stufen wehete, dann ſetzte ſie den blinkenden 1 3⁰⁸ — Fuß darauf, und winkte ihm freundlich, heran zu treten. Er kniete nieder an die Stufen, und ſie druͤckte einen Kranz auf ſein Haupt, der aber dornicht und ſtachlicht war und von duͤrrem Reis. Der Angſtſchweis drang aus ſeiner Stirn, doch kaum benetzt von dieſen Perlen ſchlugen die duͤrren Zweige aus, und gruͤnten und bluͤheten, ſo daß es ihm darun⸗ ter ſo lieblich duͤnkte, wie unter einer Laube. Begierig griff er mit der Hand darnach, und— erwachend hielt er den Apfel, der uͤber ihm hing, und den er im Traume ge⸗ pfluͤckt hatte. Er richtete ſich auf: eine große Stille herrſchte um ihn her, und weder Muſik noch Tanz im Hauſe ließ ſich hoͤren. Das Voͤlkchen war in den Wald hinaus geſchwaͤrmt, um dort ſeinen Tanzſaal aufzuſchlagen. Es haͤtte nur noch gefehlt, daß der Wirth zu Conrad geſprochen: weder Muſtk iſt hier ge⸗ weſen, noch Tanz und Maͤdchenſchwarm, ſo haͤtte Conrad auch dieſes, und alles, was ihm 899 ——-— heute begegnete, fuͤr Blendwerk oder fuͤr ei⸗ nen Traum gehalten. Die Sonne am Himmel hatte unterdeß ſchon einen großen Theil ihres Bogens vol⸗ lendet, und Conrad meinte, daß es mit ſeinem Werbegeſchaͤfte bei Roſa heute nun doch zu ſpaͤt werden moͤchte. Er ſchlich alſo ganz ſtille davon. Das Chor der Tanzenden jauchzte im Buſch aus der Ferne zu ihm heruͤber, aber es lockte und reizte ihn nicht weiter; langſam fortwandernd und oſt ſtille ſtehend hoͤrte er die Toͤne immer weiter hinter ſich verſchwin⸗ den, und endlich in dem Rauſchen der Baͤu⸗ me und Baͤche ganz erſterben. Er kam wieder an den Bach, wo er die Bleicherin hinuͤber getragen hatte, und ſuchte nach der Stelle, wo dies geſchah, um ſich gleichſam aͤußerlich das klar zu machen, was ihm innerlich ſo unbegreiflich erſchien— naͤm⸗ lich die Verwandlung ſeines ganzen Zuſtandes; aber er konnte den Ort nicht wieder finden, und es kam ihm vor, als ob auch hier eine 400 —— Veraͤnderung vorgegangen waͤre; denn der Bach floß ganz ſeicht, und ein breiter Steg fuͤhrte mit aller Sicherheit daruͤber. Er hielt es nicht der Muͤhe werth, daruͤber zu ſchrei⸗ ten, ſondern ging wieder da hindurch, wo er die Bleicherin ſeiner Vorſtellung nach hinuͤber getragen hatte. Bald hier, bald da ausruhend zog er mit Fleiß ſeine Wanderung bis zum Abend hin, und als er eben den Wald verlaſſen wollte, hoͤrte er noch, weit hinter ſich, eine wehkla⸗ gende Stimme wie von einem Menſchen, der ſich verlohren hat oder ferne Naͤuber ſieht. Ich habe nun genug, ſagte Conrad; ſchon immer hab' ich gehoͤrt, daß es hier im Walde umgehet, und es nicht glauben wollen, aber heute ſcheint mir es doch ſelbſt ſo. Schreie du, rufe du nur, ich werde weder helfen noch retten, und keinen Schritt mehr darnach thun; ich habe genug mit mir zu ſchaffen. Oft ſich umſchauend ſchritt er uͤber den Anger hinweg, und ſchlich dann ganz leiſe uͤber 401 —— uͤber den Hof, ohne daß ihn jemand gewahr wurde. Den andern Morgen dachten Vater und Tante, er haͤtte, weil er ſo lange aus⸗ geblieben, das Jawort ſchon mitgebracht; aber mit großer Verwunderung ſahen ſie ihn fruͤh auf dem Hof hin und wieder gehn, und ſeine Arbeit verrichten. Dabei zeigte er ein ſo ern⸗ ſtes, verdrießliches Geſicht, daß ihn kaum jemand zu fragen wagte. Endlich fand er ſich im Hauſe ein, und forderte zu eſſen und zu trinken. Auf die eifrigen Erkundigungen, was die Braut geſagt habe, gab er zur Antwort, die Bergleute haͤtten ein Feſt gehabt, dazu waͤre Roſa eingeladen, und darum nicht zu Hauſe geweſen. Es kam allen wunderbar vor, wie er ſo, in ſich gekehrt, da ſaß, und bei allem Verdruß, den er zu haben ſchien, doch den ganzen Tag weiter nichts that, als aß und trank. Der Alte, der dies mit anſah, laͤchelte halb unwillig; die Tante aber ſchrieb es ſeinem großen Liebeseifer zu, und meinte, daß er geſtern aus großer Beſcheidenheit ge⸗ I. Theil. Cec —ÿ—ÿ—ꝛx:ͦꝑõna-— 402 —-— vwiß nichts gegeſſen haͤtte. Halb und halb hatte ſie Recht, doch ruͤhrte ſein Hunger nicht von der Sorge her um Roſa, ſondern um eine andere. Es vergingen ein Paar Tage, waͤhrend deren alle Augenblick ein Vetter und eine Muhme ſich einfand, um ſich nach der Braut und nach der Hochzeit zu erkundigen, und da lelder faſt alle Welt ſchon darum wußte, ſo dachte Conrad endlich, daß er um ſeiner Ehre willen doch ſein Wort halten und nach dem geaͤußerten Wunſche, Roſa zu beſitzen und keine andere, nun auch im Ernſt um ſie wer⸗ ben muͤßte. 4 12 403 ——— Zwei und zwanzigſtes Capitel. Der Freiwerber. Wilg, der Schmidt, alles wohl erwaͤgend, ſagte: Es iſt eine Eigenſchaft der Liebe— wie wir Naturkundige wiſſen— daß ſie ein Herz mit Schuͤchternheit beklemmt, und die Bruſt einpreßt, ſo daß oftmals die Worte fehlen, und nicht ſelten auch die Gedanken gebrechen; deshalb iſt es gut und ſehr er⸗ ſprießlich, wenn ein anderer Mann ſich dazu geſellet, der das Wort zu fuͤhren eweiß, mit Einfaͤllen aushelfen kann, und die Gedanken nach Schicklichkeit zu fuͤgen und zu ordnen ver⸗ ſteht.— Vetter Schmidt war auf dem be⸗ ſten Wege, uͤber die Eigenſchaften eines Frei⸗ werbers ſeiner Meinung nach die ſchoͤnſte Rede zu halten, aber Gundlach, der den reichen Strom ſeiner Suade kannte, zog gleich einen Damm dazwiſchen und ſagte: deshalb bitte ich Cx 2 404 —— euch, Herr Vetter, geht mit ihm nach Scho⸗ nau hinuͤber, und werbet um Roſa fuͤr ihn. Den folgenden Tag alſo machten ſich beide auf den Weg, und Conrad fragte aus Scherz, da ſie hinauskamen: habt ihr viel Geld bei euch? weil er ſeinen Vetter als einen ſehr gutmuͤthigen und weichherzigen Menſchen kann⸗ te, der arme Leute nicht gern voruͤberging, ohne ſeine Taſche zu leeren und— dabei eine Rede zu halten, indeß— aus dem Scherz wurde Ernſt. Alle Augenblick kam eine klaͤg⸗ liche Geſtalt gegangen, der Schmidt gab im⸗ mer hin und zuletzt hatte er keinen Heller mehr in der Taſche. Im Walde erzaͤhlte ihm Conrad viele ſchauerliche Dinge, und als ſich nun vollends das entfernte Wehgeſchrei wie⸗ der hoͤren ließ, wollte Willig durchaus hin nach der Gegend, woher es kam, um dem Ungluͤcklichen beizuſtehn. Ich bitte euch, ſagte Conrad, lauft mir nur nicht davon, und hal⸗ tet als Freiwerber huͤbſch Stand. Wieder kam ein Mann durch den Wald daherge⸗ 405 —— ſchritten, welcher bat, daß man ihm den Weg zeigen moͤchte, und Willig haͤtte ihn ſicherlich bis ans Ende der Welt begleitet, wenn ihn Conrad nicht davon abgehalten haͤtte.— End⸗ lich fanden ſie ein Kind im Graſe ſitzen, das immer die Worte ſprach: wo iſt meine Mut⸗ ter, wo iſt meine Mutter? Puppen, Spiel⸗ zeug und Geraͤthe lagen zerſtreut umher. Das Kind hat ſich offenbar verlaufen, ſagte der Schmidt, wir koͤnnen es unmoͤglich ſo liegen laſſen, und die Sachen auch nicht. Er fuͤllte alſo gleich die Taſchen mit Spiel⸗ zeug an, ſo daß rechts der Kopf eines Dra⸗ goners, und links Schaf und Eſel heraus⸗ ſchauten. Mit dem kleinen Engel auf dem Arm gelangte er zum Dorfe, und Reinert, der ſchon um ſeine Abſicht wußte, ſtaunte, einen Freiwerber kommen zu ſehen, der dem Braͤutigam ein Kind voran trug und ſo viel Kinderſpielzeug mit ſich ſchleppte. Aber der Schmidt benutzte gleich dieſen Umſtand zu ei⸗ ner ſchoͤnen Rede, die damit anfing: Haͤus⸗ * 406 —— lichkeit iſt ein ſuͤßes Band, das uns feſſelt an unſere Heimath, an unſer Dorf, an unſer Haus, an unſern Tiſch, an unſern Großva⸗ terſtuhl, und die Kinder ſind eine zauberhafte Gabe Gottes, die uns das Herz rauben, wenn ſie uns anlaͤcheln oder ſagen: komm, Vater!— Einige Maͤgde traten hinzu und ſagten, ſie wuͤßten ſchon, wem das Kind zu⸗ komme, worauf er in ihrer Gegenwart den kleinen Engel des Waldes noch mit vielen redneriſchen Blumen beſtreute.— Conrad gerieth daruͤber in große Ungeduld, und da ſein Zerren am Rock nicht helfen wollte, ſo ließ er ihn im Hausflur ſtehn, und trat keck⸗ lich ſelbſt in das Wohnzimmer.— Hier nun ſaß hinter dem Tiſch ſtolz und ſtattlich Roſa, ganz ſtark und unfoͤrmlich von der Menge der praͤchtigen Kleider, die ſie anhatte, um die Stirn her ein wulſtiges ſchwarzes Haar, und von der goldſtrahlenden Muͤtze viele Baͤn⸗ der auf den Buſen bis in den Schoos her⸗ abtragend. Sie erhob ſich langſam, verdrieß⸗ * 407 —- lich und einſylbig, da ſie Conrad erblickte und ſeinen Gruß vernahm. Nachdem dieſer etwas Wald und Wieſe hervorgeſtammelt hatte, fragte er: ob denn heute Sonntag waͤre. Sie ſagte nein, ſie haͤtte nur Gevatter geſtanden. Doch ihre Kleider logen, wie ihre Worte, und ſie erſchien blos darum ſo geſchmuͤckt, um ſich zu verſtellen. Conrad glaubte vor einem hoͤhern Weſen zu ſtehen, ſo daß er froh war, als der Schmidt nachkam, und eine Rebe an ſie hielt. Sie ward mit der Koͤnigin Saba verglichen, die zu Salomo kam. Roſa zwang ſich, nicht zu lachen, und zog daruͤber ein wunderliches Geſicht, ſo daß der Redner glaubte, ſie ſei geruͤhrt und wolle weinen. Erlaubt, ſagte ſie endlich in einem tiefen, muͤrriſchen Ton: der Fall kehrt ſich jetzt um, Salomo kommt zu Saba. Da freute ſich der Vetter, und machte uͤber das Compli⸗ ment viele Diener, indem er ſich nur einen ſchlechten Aaron nannte. Nun, wenn ihr Aaron ſeid, entgegnete Roſa ſpottend, ſo 408 — wird dies— ſie wieß auf Conrad— wohl Moſes ſein.— Moſes aber hatte, wie be⸗ kannt, eine ſiammelnde Rede; deshalb ver⸗ droß dies Conrad ſehr, und nicht wiſſend, was er gleich darauf ſagen ſollte, wandte er ſich an Reinert und platzte mit den Worten heraus: Warum wir eigentlich kommen, iſt, euch zu fragen, ob ihr keine friſchmelkende Kuh abzulaſſen habt. Hier kehrte Roſa ihr Geſicht zur Wand, um ihr Lachen zu ver⸗ bergen. Ja, antwortete Reinert, es ſoll euch die beſte zu Dienſte ſtehn, Liſebeth, die ſchwarze mit weißem Vorderblatt; und augenblicklich ging Roſa hinaus, um daruͤber die noͤthigen Befehle zu ertheilen. Der Schmidt ſtand wie angedonnert, da er die Angelegenheit plötzlich eine ſo verkehrte Wendung nehmen, eine Menge Reden, die noch in ſeines Her⸗ zens Grunde ſchlummerten, in der Geburt erſtickt, und ſeinen ganzen Plan, Roſa ge⸗ ſpraͤchsweiſe auszuforſchen, vereitelt ſah. Ich ging huſtend an ihm voruͤber, und ergoͤtzte 1 409 ——— mich an ſeiner Verlegenheit.— Jetzt trat Clara herein und ordnete einen Tiſch an mit Er⸗ quickungen. Liſtig, wie eine Schlange, ſchlich ſie um die Fremden her, und weil dieſe ihr uͤberall furchtſam Platz machten, ſo konnte ſie ſolche in Zimmer umhertreiben, wie ſie nur Luſt hatte.— Drauf fuͤhrten die Maͤgde den Vräntigam und den Freiwerber auf die große Wieſe hin⸗ aus, und uͤbergaben ihnen nach geſchloſſenem Handel die ſchwarzbunte Kuh. Waͤhrend Con⸗ rad das vortreffliche Thier am Strick nahm, hielt der Schmidt, voll Verwunderung uͤber die ſchoͤne Heerde, an die Maͤgde noch einige Reden, woruͤber Conrad ihm aus den Augen entſchwand. Dabei wurde die Reihe der Maͤgde, die ſich vor ihn hinſtellten, ein Trink⸗ geld zu empfangen, immer groͤßer. Der Schmidt gerieth in die groͤßte Unruh und, ſie mit bloßen Worten vertroͤſtend, mußte er mit Schanden beſtehen. Dem armen Con⸗ rad nun erging es vollends ſehr ſchlimm, denn 410 —— Roſa hatte vorher heimliche Mittel angewandt, die Kuh wild zu machen, um des Braͤuti⸗ gams Staͤrke zu pruͤfen. Liſebeth hob jetzt Schweif und Hoͤrner in die Luft, bruͤllte erſt ein Paarmal, und fing dann an zu galloppi⸗ ren, als ob ſie ein Reiterpferd geweſen waͤre. Conrad hielt und zog ſie am Stricke, ſo viel er nur konnte, aber er mußte doch ſeitwaͤrts mit forttraben, und Schritte machen wie ein Laͤufer und Springer, ſo daß er zuletzt noch athemlos hingeſunken waͤre, wenn die Bleiche⸗ rin nicht herbeieilend ſich ſeiner Noth erbarmt haͤtte. Ach! ſtoͤhnte er, du biſt meine Ret⸗ terin! das verfluchte Thier! Die Bleicherin beruͤhrte die wilde Kuh kaum mit der Hand, und hielt ihr einige Kraͤuter vor, als ſie zahm und ſtill wurde wie ein Lamm. Drauf ſagte ſie: Lebt wohl, Herr Braͤutigam, und ver⸗ ſchwand in ein Gebuͤſch. 3 Da wurde es dem Conrad wieder ganz wir⸗ rig vor den Sinnen, und er zog mit der Kuh im Walde ſo langſam ſort, als wenn er mit 411 ———— ihr ſpazieren gegangen waͤre. Deshalb kam der Schmidt auch fruͤher nach Hauſe, und auf die Frage: wo habt ihr denn unſern Conrad? konnte er kein Wort antworten; aber Conrad trat herein und ſagte: der Ver⸗ ter iſt an allem Schuld, er hat wieder ſo viele Reden gehalten, daß wir daruͤber zu gar keinem Geſpraͤche gekommen ſind. Nun weiß ich gar nicht, was noch daraus werden will. Ihr ſeid alle beide wunderlich, entgegnete der Alte mit Zorn; ich ſehe ſchon, ich muß ſelbſt hinuͤber, und das gleich uͤbermorgen, damit die Leute endlich aufhoͤren, davon zu reden, und wir ihnen nicht zum Geſpoͤtt werden. Roſa hatte unterdeß am Braͤutigam ſchon großes Wohlgefallen gefunden, und ſie be⸗ ſchloß mit Clara, ihn nicht weiter zu pruͤfen. Was Conrad fuͤr ſie empfand, war bis jetzt nur Reſpect, woraus indeß leicht Liebe wer⸗ den konnte. 41² Auf einem leichten Korbwagen mit zwei muthigen, praͤchtig geſchirrten Pferden kam Gundlach nun ſelbſt mit ſeinem Sohn ange⸗ fahren, und hielt foͤrmlich bei Reinert um die Hand ſeiner Tochter fuͤr Conrad an. Roſa, heute wieder in Gold, Silber und Seide gekleidet, doch etwas weniger ſtolz⸗ und dienſtlicher als zuvor, ſing allmoͤhlig an, dem Conrad zu gefallen, und Mitgift, Auf⸗ gebot und Hochzeit, alles wurde verabredet. * -413 ———— Drei und zwanzigſtes Capitel. Irrungen. Als aber Clara und Roſa aufgehoͤrt hatten, den neckenden Genius des Zufalls zu ſpielen, fing der Zufall ſelbſt an, dieſe Rolle zu uͤber⸗ nehmen, und ſeine Macht an ihnen zu zei⸗ gen, ſo daß es ſchien, daß dem entſchloſſenen Conrad der Beſitz ſeiner Braut noch vor der Schwelle des Brautgemachs ſollte ſtreitig ge⸗ macht werden.— Ein ſonderbarer Vorfall hatte ſich naͤmlich zugetragen, der von einem ganz leichten, ſcherzhaften Anfange zu den wichtigſten Folgen fuͤhrte. Mariane, die Tochter der Predigerwittwe, wollte den Ge⸗ burtstag ihres geliebten Cantors feiern, und ſie ging deshalb den Tag vorher in die Stadt, um mancherlei dazu heimlich zu beſtellen und einzukaufen. Kaum aber war ſie aus dem Dorfe, als Roſa ihrer Schalkhaftigkeit gemaͤß 44 an das Fenſter des Braͤutigams klopfte und aͤngſtlich ſagte: ach! ſtellt euch vor, eure Mariane iſt fort. Ihr wißt doch, daß in der Stadt kuͤrzlich zwei Regimenter eingeruͤckt ſind. Da iſt denn auch leider ihr Freund, der Ritt⸗ meiſter, mit angekommen, und hat das gute Maͤdchen beredet, ihn in der Stadt zu be⸗ ſuchen, und nachher mit ihm fort und auf ſein Landgut zu gehen. Ach! das iſt ein rech⸗ ter Jammer! Und wenn ihr mir nicht glau⸗ ben wollt, ſo ſeht nur ſelbſt zu: Mariane iſt uͤber alle Berge.— Gott im Himmel! ſagte der Cantor, und lief ſtraks in das Haus ſeiner Braut, alle Leute beſtaͤtigten es, daß ſie zur Stadt, und heimlich verſchwunden ſei. Gleich warf der Cantor ſeinen neuen Rock und ſeine weiße Peruͤcke uͤber, und rannte wie ein Mann, der von ferne ſein Haus brennen ſieht. Die Arbeiter auf dem Felde blieben ſtehen, und ſagten: der Cantor iſt einmal wieder naͤrriſch geworden. Schon im Thore fing er an, nach ſeiner Mariane zu 4ʃ ——— fragen. In der Stadt ſah er jedes Haus, jeden Winkel, jede Thuͤr darauf an, ob ſie ihm vielleicht ſeine Geliebte verborgen hielte. Aber ſeine Fragen, wo der Rittmeiſter wohne, waren vergebens, denn niemand wußte etwas von ihm, und ſein Name klang allen Ohren fremd. Er aͤrgerte ſich uͤber die vielen Leute, die ihm hin und her begegneten und konnte nicht begreifen, was das Volk alles auf den Straßen mache. Endlich auf dem Markte, in dem groͤßten Gewuͤhl erblickte er ſie ganz am Ende, an einer Straßenecke, wo ein Theaterzettel mit dem Blaubart angeklebt war, wie ſie auf einem Stein ſtehend eben den Zet⸗ tel las. Flugs in grader Richtung wollte er zu ihr hinuͤber; aber die Menſchen mit ihren Ellenbogen, die Buden mit ihren Stangen, die Toͤpferwaaren und Hausgeraͤthe zu hun⸗ dert Haͤuſern, machten, daß er uͤberall an⸗ flog und aurannte, und ſich hier eine Beule, dort einen rothen Fleck, oder ſonſt eine menſchliche Grobheit holte. Und ehe er den 416 —— Zikzack noch vollendet hatte, war Mariane ſchon wieder eine Unſichtbare. Nicht lange, ſo ſah er ſie in einem Baͤckerladen(wo ſie wahrſcheinlich den Geburtskuchen beſtellte). Hurtig wollte er ihr nachlaufen, aber da der Baͤcker eben die lange Stange aus dem Ofen zog, konnte er nicht gleich weiter, und mußte ſie uͤber den Hof durch die Hinterthuͤr wieder entſchluͤpfen laſſen. Er hofte, wenn er ſie nur noch einmal ſehen und ſprechen koͤnnte, dann wuͤrde die Flucht ſie gewiß gereuen, und ihr Herz ſich wieder zu ihm wenden. Mariane aber hatte ſich einmal feſt vorgenommen, ihn morgen zu uͤberraſchen, und fuhr fort, Ro⸗ ſinen und Mandeln, Zucker und Mareipan fuͤr ihn zu kaufen, waͤhrend er nachlaufend die bitterſten Empfindungen davon hatte. So war er ſchon drei Stunden, ohne ih⸗ rer habhaft zu werden, in der Stadt umher geirrt, als er auf einen freien Platz kam, wo ein neuer Gegenſtand ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Ein großer Kaſten erhob ſich naͤm⸗ naͤmlich dort, der mit der Thuͤr, welche ſich ofters aufthat, wie ein kleines Haus oder wie ein Thuͤrmchen ausſah. Es kamen zuweilen Leute heraus, und zu gleicher Zeit gingen andere wieder hinein. Nicht lange, ſo erblickte er auch einen Huſarenofficier, der einem Herrn und ei⸗ ner huͤbſchen Dame in den Kaſten nachſchluͤpfte. Der Cantor glaubte auf der Stelle, daß die⸗ ſes ſein Huſarenrittmeiſter waͤre; er fragte, was es in dem Kaſten gaͤbe, und auf die Antwort, daß dies eine camera obſcura vorſtelle, beſchloß er, auch hinein zu gehen, und er fand grade ſo viel in der Taſche, als der Eintritt koſtete. Nun hatte der hineingeſchluͤpfte Officier die camera obſcura zu einer geheimen Zuſam⸗ menkunft mit einer jungen Kaufmannsfrau erſehen, mit welcher er gleich in den erſten Tagen ſeines Hierſeins eine fruͤhere Bekannt⸗ ſchaft erneuert hatte, und er ſcheute hier auch die Gegenwart ihres Mannes nicht. Der Cantor, der jetzt hereintrat, und den Kreis I. Theil. D d 418 ——— von Zuſchauern um den kleinen Tiſch eben vollzaͤhlig machte, benutzte das Licht, das durch die geoͤfnete Thuͤr und ſeitwaͤrts durch eine aufgethane Luftklappe fiel, um den Hu⸗ ſarenofficier gleich ins Auge zu faſſen, be⸗ merkte aber auf der Stelle, daß es keineswe⸗ ges ſein gefuͤrchteter Rittmeiſter ſei. Da die Luftklappe nun verſchloſſen, und der ganze Kaſten verfinſtert war, ließ er es ſich gefallen, die mancherlei Bilder zu betrachten, welche die Gegenſtaͤnde von draußen hinein warfen. Menſchen und Thiere ſah man auf die poſſier⸗ lichſte Weiſe vor ſich auf dem Tiſch umher⸗ ſpazieren. Eine Dame ging mit einem Son⸗ nenſchirm vorbei und lockte ihr Huͤndchen an ſich; zwei vornehme Herren kamen und ſchnit⸗ ten ſich Complimente; zwei Schulknaben lie⸗ fen ſich mit den Schulbuͤchern einander nach, und raufften ſich ein wenig, und endlich— Himmel! ſchritt in ihrem gruͤnen Kleide, mit einem Koͤrbchen in der Hand, Mariane voruͤber. Da fuhr der Cantor gleich in dem 4¹9 ——— Kaſten umher, wie ein eingeſperrter He 36, tappte und griff nach der Thuͤr, und oͤfne ſie wider alles Verbot, noch ehe das dche ſpiel beendigt war. Himmeltauſendſackerment! fluchte der Officier, und— ei, ei! ſagte der Ehemann; denn das ploͤtzliche Licht offenbarte der kleinen Geſellſchaft, wie vertraut jener mit ſeiner Frau neben ihm ſtand. Aber flu⸗ chend faßte der Ofſicier den Cantor beim Klei⸗ de, vielleicht mehr um ſich aus der Verlegen⸗ heit zu ziehen, als um ihn mit Worren fuͤr die Stoͤhrung zu ſtrafen. Der lebhafte Platz ſetzte bald einige Zuſchauer ab, und um die Ehre, die nur noch ein wenig erſt verletzt ſchien, vor den Augen des Volks nicht ganz preis zu geben, faßte der Kaufmann ſich kurz und fuͤhrte ſeine Frau in aller Stille nach Hauſe. Der Officier aber warf noch viele Schimpfwoͤrter auf den Cantor, ſo daß die⸗ ſer im Angeſicht der Gaffer als der einzige leidende Gegenſtand auf dem Paatze zuruͤck⸗ blieb, und ſich nur mit Muͤhe ſo vieler Auf⸗ Dd 2 4²0 merkſamkeit entzog. Der vermaledeite Kaſten! ſprach er bei ſich ſelbſt, und bog in die Straße ein, wohin Mariane gegangen war. Er horchte uͤberall auf jeden Fußtritt, auf jeden Laut, auf jedes Geraͤuſch. Endlich kam er in eine ziemlich entlegene Gegend der Stadt, und als er eben nachdenkend vor einem Hauſe ſtill ſtand, hoͤrte er auf einmal darin ein graͤß⸗ liches Geſchrei, wie wenn jemand geſpießt oder mit gluͤhenden Zangen zerriſſen wuͤrde. Es war eine weibliche Stimme, ſie hatte Aehn⸗ lichkeit mit der Stimme Marianens, und ganz heiß fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, daß es wohl Mariane ſelbſt ſein koͤnnte. Zit⸗ ternd und angſtvoll lief er die Treppe hinauf, ofnete die Thuͤr, und ſah— ein Frauenzim⸗ mer, das ſich ganz ruhig mit laͤchelnder Miene vom Sopha erhob und fragte: was iſt Ihnen gefaͤllig, mein Herr? Jener gab ſeine Ver⸗ wunderung uͤber das Geſchrei zu erkennen, und verrieth in der Beſorgniß gleich ſeine ganze Geſchichte, wie er ſeiner verlornen Braut 421 —— nacheile, die er hier in den Martern der Hoͤlle geglaubt haͤtte. Das Frauenzimmer lachte, und gab ganz heiter zur Antwort: ich bin eine Schauſpielerin, und das Geſchrei, das ich erhoben habe, bedeutet weiter nichts, als daß ich hier die Rolle der Ungluͤcklichen einſtudiere, die heute an den Blaubart ver⸗ heirathet werden ſoll. Der Hauptmoment iſt das Geſchrei, das der Schreck auspreßt, als das Maͤdchen in der heimlichen Kammer die gemordeten Weiber des Blaubart erblickt. Und weil darauf ſehr viel ankommt, indem dadurch mit einmal das Schreckliche der Kam⸗ mer der Phantaſie des Zuſchauers ſinnlich und offenbar werden ſoll, ſo uͤbe ich mich ein wenig in dem Geſchrei, um es recht graͤßlich hervorzubringen, und es freut mich, daß es Ihnen einiges Entſetzen eingejagt hat. Ach! ſagte der Cantor, ich zittere und bebe noch, ſo hat der Ton mich ergriffen. Alſo Blau⸗ bart geben Sie heute? Ich kenne die Oper recht aut, und es haͤtte nicht viel gefehlt, ſo 4²²2 —— hätten wir ſie— was Muſik und Geſang be⸗ trift— ſelbſt bei uns in Schoͤnau aufgefuͤhrt. Ei, wenn das iſt! entgegnete die Schauſpie⸗ lerin mit Lebhaftigkeit, ſo koͤnnten Sie uns vielleicht einen kleinen Beiſtand leiſten. Un⸗ ſere Geſellſchaft iſt nicht zahlreich, und wenn es Choͤre giebt, ſind wir immer in großer Verlegenheit. Nun iſt noch dazu einer von unſern Choriſten krank geworden, wie waͤre es, wenn Sie ein wenig mitſaͤngen? Sie kommen nur ein Paarmal vor, und ſind mit unter den Knappen des Ritter Blaubart und Niemand kennt Sie.— Mit dem Singen wollte ich ſchon fertig werden, ſagte der Can⸗ tor, aber Mariane, Mariane!— Wo koͤn⸗ nen Sie denn ſolche beſſer ſuchen, erwiderte die Schauſpielerin, wo ſicherer erwarten, als im Theater?— Das meinte er nun ſelbſt, denn er hatte ſie ja am Markte geſehen, wie ſie den Comoͤdienzettel las. Einer Oper, be⸗ ſonders dem Blanbart mit Muſik von Gretry haͤtte er fuͤr ſein Leben gern beigewohnt, und 42²3 —— ſeine Caſſe erlaubte ihm keinen Zutritt. Er uͤberlegte noch, aber die Schauſpielerin hatte ſchon ſeinen Huth verſteckt, und das Mit⸗ tagseſſen wurde aufgetragen⸗ Der Hunger, die Muſik, Mariane— al⸗ les vereinigte ſich wider ihn, und endlich, da die Schauſpielerin ihn nicht fort ließ, folgte er der Nothwendigkeit. Auf dem Theater ganz Ohr fuͤr die Muſik, ſchweiften ſeine Blicke, wenn geſprochen wurde, uͤberall im Parterre umher, wo leider groͤßere Dunkel⸗ heit herrſchte, als er es ſich vorgeſtellt hatte. Endlich glaubte er wirklich Marianen im gruͤ⸗ nen Kleide anſichtig zu werden; man ſpielte eben die Stelle, wo Blaubart ſeiner Gelieb⸗ ten die Geſchenke bringt und drauf zu ſeinem Gefolge ſpricht: kommt, wir wollen ſie al⸗ lein laſſen. Das ganze Chor zog mit dem herrlichen Marſche links ab, aber der ver⸗ kappte Saͤnger von Schoͤnau ſtand noch im⸗ mer, ſtarr ins Parterre hinabſchauend, ſo daß erſt ein anderer hinzutreten und ihn erinnern 424 —— mußte, woruͤber das ganze Parterre ein lau⸗ tes Gelaͤchter aufſchlug. Indeß hatte er den, Ort, wo Mariane ſeiner Vorſtellung nach ſitzen mußte, ſich gemerkt, und ſobald das Stuͤck beendigt war, draͤngte er ſich mit aller Gewalt den herausſtroͤhmenden Zuſchauern entgegen, und nahm ſich feſt vor, diesmal. weder Ermahnungen noch Rippenſtoͤße zu ach⸗ ten. Da wollte aber das Schickſal, oder vielmehr die Sitte der jungen Herrn, ſich am Ausgange zur Schau hinzuſtellen, daß er im Gedraͤnge an dem rothen Aermel des Hu⸗ ſarenofficiers von heute Morgen hinſtreifte. Dieſer ließ es nicht erſt an ſich kommen, ſon⸗ dern faßte, noch voll Ingrimm auf dieſen Stoͤhrer, ihn gleich beim Kragen, und ſchalt ihn einen unverſchaͤmten Menſchen, der aller Ordnung zuwider handele, und beſtraft wer⸗ den muͤſſe. Es entſtand ein Wortwechſel, ein Unwille von mehrern Seiten, und die Folge „var, daß der Cantor arretirt wurde. Dies ſah aus der Loge der General, der 425 —— aus Hoͤflichkeit gegen das Publikum, das er gern mit ſeinen Wagenraͤdern verſchonte, im⸗ mer bis zuletzt im Theater blieb. Es war ihm jedesmal aͤußerſt unangenehm, wenn ei⸗ ner vom Militair den Buͤrgern oder gar ei⸗ nem Fremden Verdruß zuzog, und am we⸗ nigſten litt er das im Theater. Er gab alſo ſogleich den Befehl, daß man, ſobald er nach Hauſe zuruͤck gekehrt ſein wuͤrde, ſowohl den fremden Menſchen, als den Officier zu ihm fuͤhren moͤchte. Der Cantor von Schoͤnau, der vielleicht in ſeinem Leben mit keinem General geſprochen hatte, verließ ſich auf die Fuͤrſprache ſeines Ungluͤcks, und ſchuͤttete gleich ſein ganzes Herz vor ihm aus. Der General, ein noch jun⸗ ger Mann, ergoͤtzte ſich anfangs an ſeiner Verlegenheit; da er aber von der uͤbergroßen Liebe hoͤrte, welche er zu ſeiner Braut hegte, laͤchelte er mit beſonderm Wohlgefallen. Hexe⸗ rei! mein Freund, ſagte er zum Cantor, ich weiß, wie das in der Jugend geht. Der 426 —-— Officier bekam einen Verweis, und den Can⸗ tor behielt der General, weil es ſchon ſpaͤt geworden war, bei ſich im Hauſe, um ihm ſeinen Schreck einigermaßen zu verguͤten. 1 Vier und zwanzigſtes Capitel. Wiederſehen. Da gleich die ganze Stadt von dieſem Auf⸗ tritt ſprach, ſo hatte Mariane, noch ehe ſie mit dem Topfkuchen zum Thore hinaus war, auch davon gehoͤrt, und kehrte aͤngſtlich nach einer Bekannten zuruͤck, und am andern Mor⸗ gen ging ſie ſelbſt in das Haus des Generals, um die noͤthige Erkundigung einzuziehen. Da war nun die Freude groß. Der General ließ ſie beide vor ſich fuͤhren, um an dem Gluͤck des Wiederſehens wie an einem Schauſpiele ſich zu ergoͤtzen. Das Poſſierliche, das Drol⸗ 427 lige, wovon er ein großer Freund war, zog ihn von Seiten des Braͤutigams eben ſo ſehr an, als das Naive, das Zaͤrtliche von Seiten des Maͤdchens: er lachte nicht wenig uͤber die mißverſtandenen Zuruͤſtungen zum Geburts⸗ tage, und ließ den Topfkuchen und das Zucker⸗ werk in ſein Haus bringen, damit nichts zum Feſte verlohren ginge. Er wolle ſich bei ih⸗ nen zu Gaſte bitten, ſagte er, aber die Mei⸗ nung war, daß er ſie ſelbſt bewirthete. Als aber in Schoͤnau den andern Tag Ma⸗ riane und der Cantor immer noch nicht zu⸗ ruͤckkehrten, wurde der leichtſinnigen Roſa bange, und ſie bat Clara, daß ſie eilig zur Stadt gehen und bei den Bekannten nach ih⸗ nen fragen moͤchte. Wenn nur aus meiner Schaͤkerei diesmal kein Ungluͤck entſteht, ſagte ſie. Beruhige dich, mein Toͤchterchen, ant⸗ wortete Clara, die Stadt iſt nicht weit, wenn du bis ein Uhr mit dem Mittageſſen auf mich warteſt, ſo will ich dann wieder hier ſein. Sie warf gleich ihre Sonntagskleider uͤber, 42²8 —-——— die mehr ſtaͤdtiſch als baͤuriſch ausſahen, den braunen ſeidenen Rock und die Goldmuͤtze mit dem feinen Strich, und eiligſt machte ſie ſich auf den Weg. Gleich am Thor fragte ſie den Brauer, der das Hochzeitbier geliefert hatte, ob er vom Cantor von Schoͤnau nichts wiſſe, und wo er wohl anzutreffen ſein moͤchte. Ja, antwortete der Brauer. Euer Cantor iſt ge⸗ ſtern im Theater arretirt worden, und ſitzt beim General Felsheim. Wie? fragte Clara ſtutzend, beim General Felsheim? Frellich, entgegnete der Brauer, ihr werdet doch wiſſen, daß vorigen Sonntag hier zwei Regimenter eingeruͤckt ſind? Bei dem einen ſteht Fels⸗ heim und iſt zugleich Commandant von der Stadt. Clara war ſtumm vor Staunen, ließ ſich die Wohnung des Generals zeigen, und dachte bei ſich ſelbſt: es mag wohl ein ande⸗ rer ſein. Indeß nahete ſie ſich dem Hauſe nit einem Gefuͤhl von Bangigkeit und Freu⸗ de, und mit klopfendem Herzen wartete ſie im Vorſaal, bis ſich die Thuͤr oͤfnete. Der Ge⸗ / 429 —— neral, der ſich eben zur Wachtparade begeben wollte, trat heraus, und, da er Clara er⸗ blickte, rief er ſtaunend aus: Clara, meine gute Clara, biſt du es? oder taͤuſchen mich meine Sinne? Wohl bin ich Clara, antwor⸗ tete ſie, aber ich begreife nicht, Herr Gene⸗ ral, wie Sie der naͤmliche ſein koͤnnen, den ich einſt ſo haſſen mußte. Lieben, willſt du ſagen, entgegnete Felsheim; wunderliches We⸗ ſen, willſt du immer noch boͤſe auf mich ſein, weil du mich lieb hatteſt? Du haſt dich alſo gar nicht um mich bekuͤmmert, und nicht er⸗ fahren, daß ich im Kriege ſo ſchnell mein Gluͤck gemacht habe? Ihres Namens ſind mehrere, erwiderte Clara, ich hatte ſchon an dem Lieu⸗ tenant genug. Sei doch nicht thoͤricht, ſchoͤne Clara, ſagte der General, es iſt wahrhaftig das erſte⸗ und das letztemal geweſen. Doch— ich vergeſſe meine Bothſchaft, fiel ihm Clara ins Wort. Ihr habt mir meinen Cantor aus Schoͤnau arretirt, und bitten muß ich, wenn ihr ihn mir nicht zuruͤckgeben wollt.— So 430 —- bitte einmal, ſchoͤne Clara, gab der General zur Antwort; du warſt ſo in deinem Leben immer zu ſtolz dazu, oder zu muthwillig. Und wenn der General nicht will, fuhr ſie fort, werde ich ſprechen: Felsheim, gieb mir den Arreſtanten zuruͤck. Recht ſo; doch wie kommſt du nach Schoͤnau? fragte der General. Aber indem hoͤrte er zur Wachtparade blaſen—; ich muß jetzt fort, ſagte er, viele tauſend Fragen hab' ich noch auf meiner Zunge; druͤ⸗ ben ſindeſt du die jungen Leute. Dem Kam⸗ merdiener befahl er bei Leibesſtrafe, keinen fortzulaſſen. Mariane war hoch erfreut, da ſie Clara erblickte, und ihr Braͤutigam hatte viele Wun⸗ der zu erzaͤhlen, aber Clara hoͤrte nur mit fluͤchtiger Seele darauf. Wunderbar! ſagte ſie endlich, daß ich auf dieſe Weiſe einen alten verlohrnen Freund hier wieder finden muß! Wiſſet, daß ich den General kenne, und daß er uns allen wohl will, aber fragt nicht weiter.— 431 —— Nach einer Stunde kam der General zu⸗ ruͤck, und in ſeinem Gartenhauſe ließ er den Fremden aus Schoͤnau ein Gaſtmal bereiten. Daß du mich in ſo hohen Wuͤrden ſiehſt, fuhr er gegen Clara fort, habe ich blos der Kuͤhn⸗ heit eines Spions zu verdanken, der mir im vorigen Feldzuge diente, der alle Wege und Schlupfwinkel durchkroch, und mir zeigte, wie ich eine alte Burg, welche der Paß zu einer ganzen Provinz war, uͤberrumpeln konnte. Er fand niemanden, der ſo viel Sinn hatte fuͤr ſeine tollkuͤhnen Einfaͤlle, als mich, und mir hat die Tapferkeit nie mehr Vergnuͤgen gewaͤhrt, als wenn ſie mit Liſt verbunden war. So ſchafften wir beide gemeinſchaftlich, er die Gedanken, und ich die That. Meine Freunde, und vornehmlich meine jetzt ungluͤck⸗ liche Schweſter, ſtanden damals bei Hofe in großem Anſehen, und ich ging nicht, ſtieg nicht, flog zum General hinauf. Den Spion ließ man mit einer großen Summe laufen, denn in ſeinem ganzen Weſen war keine Si⸗ 43² —-— cherheit und Feſtigkeit, womit man ihn zu ir⸗ gend einem Poſten haͤtte brauchen koͤnnen; was er heute gewann, verthat er morgen wie⸗ der, und uͤbermorgen ging er ſchon auf neue Beute aus: voller Liſt und Kuͤhnheit ſchien ihm nur das ewige Erwerben und Verſchaffen, das Beſiegen großer Schwierigkeiten, gleich viel fuͤr wen, nicht der Gewinn ſelbſt Ver⸗ gnuͤgen zu machen. Ich habe ihn nachher nie wieder geſehn.— Aber jetzt ſag, Clara, wie iſt es dir ergangen, was haſt du erlebt, und was ſchaffſt du in Schoͤnau? Wie wur⸗ de es mit dir, als ich dich auf meinem Feld⸗ zuge bei dem Jaͤger Wegwart zuruͤck ließ? Wie ich wurde? antwortete Clara. Frei⸗ lich konnte ich nicht bleiben, wie ich war. Darin beſtand eben mein Kummer, mein Aerger und mein Haß. Will man ſich ſelbſt immer gleich bleiben, ſo muß man auch kei⸗ nem Menſchen weiter angehoͤren. Ich waͤre damals wohl lieber weniger als mehr gewor⸗ den, aber wer einmal in der Liebe einen Schritt vor⸗ 433 ——— vorwaͤrts thut, der iſt wie eine Zahl mit Ge⸗ folge, und kann nicht wiſſen, was er durch die Anhaͤngſel alles noch werden und bedeu⸗ ten kann. 2— 8 Wie? Clara, ſagte Felsheim, ich will doch nicht hoffen.— Nicht als ob ſich die Anzahl meiner Liebhaber vermehrt haͤtte, ſagte Clara. Mit nichten! Neun Monate hatten mir mehr Verſtand beigebracht, als vorher zwan⸗ zig Jahre; zwei muͤſſen auch billig kluͤger ſein als einer, wenn gleich der eine erſt vom andern lernt. Aber leider ward die kleine Eins neben mir bald wieder weggeſiſcht, und ich kam mir nun auf einmal ſo wenig vor, daß iich ohne ſie gar nichts zu ſein glaubte. Des⸗ halb lief ich in der Welt umher, ſie zu ſuchen. Und alſo bin ich nach Schoͤnau gekommen, und Schaffnerin geworden beim reichen Rei⸗ nert, welcher eine ſchoͤne Tochter hat, die uͤbermorgen nach Thalfeld heirathet, und jetzt auf mich wartet, daß ich ihr den Kranz flechte. I. Theil. Ee 434 —-—— Clara war gar nicht willens, dem General ihr ganzes Schickſal zu offenbaren, weil ſie fuͤrchtete, daß dies vielleicht fuͤr die Hochzeit Stoͤhrungen geben koͤnnte. Roſa wartet auf mich, ſagte ſie, und wollte davon eilen, aber der General zwang ſie, an dem Mittagsmahl Theil zu nehmen, das er fuͤr die uͤberzaͤrtlichen Liebesleute hatte zuberei⸗ ten laſſen. Unterdeß hatte Roſa von Stunde zu Stun⸗ de auf ihre Zuruͤckkunft aus der Stadt ver⸗ gebens gehofft, und weder der Cantor kan, noch Mariane, noch die Schaffnerin Clara; es war zwei Uhr, und ihre Verwunderung und Angſt ſtieg immer hoͤher. Endlich hielt ſie es nicht laͤnger aus, ſie lief vor das Dorf,⸗ den Kommenden entgegen, und ſo immer weiter fort, bis ſie das Stadtthor erblickte. Bin ich einmal ſo weit, ſagte ſie, ſo will ich auch noch weiter gehen, denn keiner iſt doch ſchuld an dieſem Ungluͤck, als ich.— Wenn der Cantor noch nicht zuruͤck iſt, ſagten ihre 1 435 ——— Bekannte auf die Erkundigung nach ihm, ſo muß er noch auf dem Gouvernement ſitzen. Der General ſaß eben beim Nachtiſch, als er neben ſich die Worte hoͤrte: Roſa iſt da!— Clara wollte ihr entgegen eilen, aber er winkte mit der Hand, daß man ſie her⸗ einfuͤhren moͤchte. Gott, meine Mutter, da biſt du ja, ſagte ſie beim erſten Eintritt, und flog der erfreuten Clara in die Arme; und auch ihr, fuhr ſie fort, da ſie den Cantor mit Marianen erblickte; aber— Himmel! wo bin ich— was iſt das?— Jetzt traf ſie der Blick des Generals, ſie ſtaunte ihn an, erroͤthete, neigte ſich ſittſam und ſchwieg. Doch noch mehr war der General uͤber ihren Anblick betroffen. Willſt du es noch laͤnger leugnen, Clara? ſagte er. Aber dieſe gab Weein Zeichen, daß er ſtill ſein moͤchte; drauf nahm ſie Marianen und den Cantor bei der Hand, und fuͤhrte ſie aus dem Garten hin⸗ aus. Und mit Roſa wiederkehrend erwartete ſie, was der General ſagen wuͤrde. Zwei Ee 2 436 —-— Sterne koͤnnen einander nicht aͤhnlicher ſehen, als ihr euch beide, fing jetzt der General an. Boͤſe Zauberin, wie konnteſt du mir ſolches ver⸗ hehlen! Nicht wahr? Sagſt du nicht Mut⸗ ter zu ihr, mein Kind, war es nicht ſo⸗ Ja, antwortete Roſa, ſich zaͤrtlich an ſie ſchmiegend, dafuͤr halte ich ſie, und wenn ſie es auch leugnet. Muß man denn dem Schick⸗ ſal alles einraͤumen, fuhr der General fort, ſoll man denn nie ſein duͤrfen, was man ſein moͤchte? Komm her, Roſa, ich bin der Freund deiner Mutter, komm, gutes Kind, ſetze dich zu mir, daß ich denke, du heißt meine Tochter. Und er ergriff ihre Hand, zog ſie an ſeine Bruſt, und mit Thraͤnen in den Augen herzte und kuͤßte er ſie. Aber Roſa, die wohl die Urſach davon ahnen mochte, ſagte kein Wort. Sei doch munter, mein Kind, ſagte der General, du biſt eine ſo huͤbſche, ſo liebe Tochter, und wenn du hei⸗ ter ausſiehſt, wirſt du noch einmal ſo ſehr gefallen, denn Freundlichkeit iſt das beſte Mit⸗ 437 ——— tel, ſich zu verſchoͤnen.— Ich weiß gar nicht, ſtammelte ſie, wo ich hingekommen bin; es iſt mir alles noch ſo fremd; erſt war ich beſorgt und nun bin ich erſchrocken; ich hatte erſt eine große Angſt, Menſchen zu verlieren, und nun ſoll ich die Freude haben, zu finden, was ich nicht ſuchte und was ich nicht erwar⸗ ten konnte. Das uͤberraſcht mich zu ſehr, und ich bitte, Herr General, daß Sie Ge⸗ duld mit mir haben, und mir einige Nach⸗ ſicht ſchenken, bis ich mich wieder finde, denn ich bin ſonſt wohl ein gar muthwilliges Ding; nur jetzt weiß ich nicht, wie mir iſt, und Sie werden bedenken, daß mir ſolches in mei⸗ nem Leben zum erſtenmal begegnet. Da lachte der General: freilich wohl! mein Kind, ſagte er, es geht mir eben ſo; aber ich merke ſchon, was das heißt; du haſt einen Braͤuti⸗ gam, und fuͤrchteſt, daß ich dir ihn nehmen achee Was iſt ein Freund, ja ſelbſt ein Vater gegen einen Braͤutigam! ei deshaͤlb unbeſorgt, mein Kind, du ſollſt beohalten 438 —--— was du haſt) und noch mehr dazu bekom⸗ men.— Ach! antwortete ſie, ich weiß recht gut, daß ich nur ein Landmaͤdchen bin, und bilde mir ohnehin ſchon genug ein; mehr will ich gar nicht ſein; meinen doch die Leute ſchon jetzt, daß ich gewaltig ſtolz ſei. Ei! ſagte der General, eine Braut kann ſich einbilden, was ſie will, denn ſie iſt Herrin, Koͤnigin, Goͤttin, eine Perle, ein Diamant, eine Krone, das Schoͤnſte, was das Land aufzuweiſen hat, und alles laͤuft auch darum zuſammen, ſie zu ſehen. Und ich bin in die⸗ ſem Stuͤck auch noch ſo, du wirſt es mir alſo ſchon nicht uͤbel nehmen, wenn ich mich zu deiner Hochzeit einfinde.— Roſa verneigte ſich tief. Der General ſchloß ſie wieder in ſeine Arme, und koſete den Tag uͤber noch dies und das mit ihr. Unterdeß ſing es an, Abend zu werden, und Reinert konnte nicht begreifen, wo die Schaffnerin mit Roſa bliebe, und da er hoͤrte, daß ſie zur Stadt gegangen, wurde er vol⸗ 439 lends ganz unruhig. Es iſt nicht Recht, ſagte er, eine Braut ſo allein gehen zu laſſen, denn wenn ihr etwas zuſtoͤßt, iſt das Ungluͤck weit groͤßer, als bei jedem andern Menſchen; Braͤntigam und Schwiegervater, Vettern und Verwandte, Kirche und Kuͤche, Prediger und Cantor hangen damit zuſammen. Mach dich auf deine ſchnellen Fuͤße, Johann, und ſieh, wo ſie bleiben, wenn du auch erſt ſpaͤt im Mondſchein zuruͤckkommſt.— Ich erhielt alſo den Befehl, ebenfalls zur Stadt zu eilen, und die Verlornen, die an der Zahl ſich nun ſchon auf viere beliefen, wo moͤglich noch in derſelben Nacht zuruͤck zu bringen. Und es war auch mein Wille, eher die ganze Stadt umzukehren, als ſie unverrichteter Sache wie⸗ der zu verlaſſen. Bekannte hatte ich nicht, die ich fragen konnte; aber das kuͤmmerte mich auch wenig, denn ich bildete mir jetzt ein, daß jeder Menſch in der Stadt nur da ſei, mir Antwort zu geben, und vom Thorſchrei⸗ ber an bis hinauf zum Gewuͤrzkraͤmer auf dem 440 —— Markt ſchlug ich gleich an alle Thuͤren und Fenſterladen, und fragte, wo ſich Roſa von Schoͤnau befaͤnde. Der Thorſchreiber ſagte, die Leute von Schoͤnau ſind wohl alle toll geworden, daß ſie ſaͤmtlich zur Stadt kom⸗ men, und fragen: wo iſt Mariane, wo iſt Clara, wo iſt Roſa? Denkt ihr denn, daß ich alle Maͤdels im Dorfe kenne, und daß ich nur hier ſitze, um mir die Geſichter zu merken? Sperrt eure Maͤdels ein, ſo lau⸗ fen ſie nicht davon. Ei mein Gott, ereifert euch nur nicht, gab ich zur Antwort, bleibt in Gottes Namen ruhig hinter eurer Brille ſitzen, Maͤdchen ſind freilich kein Flachs und keine Hede, die im Regiſter vorkommen, und wenn ſie auch ins Thor hinein gehn, ſo gehn ſie doch nicht in euern Kopf; ſeid nur nicht gleich ſo boͤſe!— In der Straße trat eine naſeweiſe Koͤchin heraus, welche ſagte, ich ſollte mich doch ſchaͤmen, als ein ſo junger Burſche ſchon nach Madchen zu fragen. So!⸗ erwiderte ich, iſt etwa ſchon Nachfrage nach 441 — ihr geweſen? kehre ſie immer wieder hinter ihren ſchwarzen Topf zuruͤck, und aͤrgere ſie ſich da, bis ſie ſelbſt ſchwarz wird.— Auf mein vieles Laͤrmen kam endlich der Viertels⸗ meiſter zum Vorſchein, und gebot mir ſtille zu ſein„ oder er wolle mich hinbringen, wo meine Landsleute ſaͤßen. Nun, wo ſitzen ſie denn? fragte ich. Auf dem Gouvernement, gab er zur Antwort, ſie ſind Arreſtanten, bis man ſie loslaſſen wird. Ach! ich bitte euch ums Himmelswillen, fuhr ich fort, bringe mich doch auch dahin, habt doch die Guͤte, ich weiß den Weg nicht. Spaße er nicht, ſagte jener drohend, oder es kann ihm wohl die Ehre widerfahren. O thut es doch, lie⸗ ber Herr Viertelsmeiſter, ich bitte euch fuß⸗ faͤllis darum. Geh er zum Henker! ſchnob r mich an, und wollte fort; aber ich lief ihm nach und hielt ihn am Aermel feſt, im⸗ mer meine Bitte wiederholend, daß er mich doch zu meinen Landsleuten fuͤhren moͤchts. De Da ſeh einer den Menſchen, ſagte er zu den 442 —— umſtehenden voll Verwunderung, er kommt daher gelaufen, und will abſolut arretirt ſein. Sind denn die Leute aus Schoͤnau alle naͤrriſch geworden? Erſt geſtern hat man den Can⸗ tor ſetzen muͤſſen, weil es bei ihm rappelte, und nun kommt der auch.— Als ich den Cantor nennen hoͤrte, war ich vollends nicht zu beſchwichtigen. Ganz recht, ſagte ich, zum Cantor will ich eben. Und wie mich der Viertelsmeiſter nicht weiter anhoͤren wollte, ſchrie ich ihm nach, er moͤchte mir ein ſchoͤ⸗ ner Viertelsmeiſter ſein, daß er nicht einmal einen Menſchen nach dem Gouvernement fuͤh⸗ ren koͤnnte. Ihr ſeid weder ein Viertels⸗noch ein Achtelsmeiſter, fuͤgte ich hinzu, und fallt zuletzt noch ganz in die Bruͤche. Das duͤnkte ihm doch zu arg. Ich muß ihn wahrhaftig arretiren, ſagte er, ich mag wollen oder nicht, und ſofort fuͤhrte er mich in das Haus des Generals.— Dieſe ganze Seene machte mir viel Vergnuͤgen; weil ich merkte, daß ich doch meinen Zweck erreichen wuͤrde, ſo wollte ich, daß dies lieber auf eine luſtige als auf eine gewoͤhnliche Weiſe geſchaͤhe.— Jetzt ſtanden wir auf dem Vorſaal, und der Viertelsmei⸗ ſter ließ dem General hineinſagen, er bringe hier einen Menſchen, der eben ſo ſehr nach Arreſt verlange, als andere nach Freiheit. Den muß ich doch ſehen, ſagte der General, fuͤhrt ihn herein. Kaum aber trat ich in das Zimmer, ſo geſchahen allerhand Ausrufungen: Ach! Johann! Haͤnschen, unſer Haͤnschen! Himmel! unſer Vetter! Und der Viertels⸗ meiſter hatte nicht Augen und Ohren genug, um alles verwunderungsvoll aufzufaſſen. Da biſt du ja, Roſa, ſagte ich gleich, und tanzte faſt vor Freuden, denn Furcht hatte ich nach ſo mancherlei Schickſalen faſt vor keinem Menſchen mehr, und der allgemeine Jubel ließ mich vollends alle Ruͤckſichten vergeſſen. Der General winkte dem Viertelsmeiſter und ſagte: es iſt gut. Dieſer ſchuͤttelte den Kopf und ging.— Jetzt ſing ich an, mich viel⸗ mals vor dem General zu verneigen. Aber 444 —— 1 wie ich mich ſeiner Excellenz auf drei Schritt naͤherte, gerieth alles in das groͤßte Erſtau⸗ nen, und ſelbſt der General und meine We⸗ nigkeit blieben nicht ganz frei davon, denn jedermann bemerkte auf der Stelle, daß ich um Stirn, Mund und Augen die groͤßte Aehnlichkeit mit ihm hatte, ſo daß ich von ihm nur eine verjuͤngte Copie zu ſein ſchien. Noch mehr aber nahm die Verwunderung zu, als man bemerkte, daß wir daſſelbe Familien⸗ zeichen, die zwei ſchwarzen Puͤnktchen hinter dem Ohr, an uns truͤgen, die ich ſchon fruͤ⸗ her an Roſa bemerkt hatte, und Clara ging, um den General mit leiſen Worten darauf aufmerkſam zu machen.— Das iſt ja ein flinker Burſche, fing er darauf an, wie kommt ihr denn zu einem ſo drolligen Menſchen? Herr General, gab Roſa zur Antwort, er iſt uns zuerſt als Hexenmeiſter zugelaufen, und nachher haben wir ihn als unſern Vetter betrachtet. Sein Weſen gefiel uns, und wir konnten ihn nicht wieder los werden, nicht 445 —-— deshalb, weil er durchaus bleiben, ſondern, weil wir ihn nicht fort laſſen wollten. Wir vertragen uns auch recht gut mit einander:; er fuͤhrt uns die Rechnungen und ſieht in der Wirthſchaft nach, und nebenbei beluſtigt er uns durch ſeine Streiche.— Aber wer biſt du denn eigentlich? fragte der General.— Jetzt bin ich eine Art Hausverwalter— war meine Antwort— und ganz zuletzt hieher ge⸗ ſandt, um Clara und Roſa, die Braut, zu ihrem Vater heimzuholen. Du luͤgſt, mein Sohn, erwiderte der General; aber ſag, wer biſt du denn vorher geweſen, und woher ſtammſt du?— Das Schickſal, fing ich an, hat mich ſo oft verwandelt, daß ich neugie⸗ rig bin, zu erfahren, was ich zuletzt noch an mir behalten werde. Als Seiltaͤnzer, Pup⸗ penſpieler und Hanswurſt wollte es mir nicht ſonderlich gluͤcken; zum Handwerker noch zu klein, noch ungluͤcklicher als Waiſenknabe, mußte ich dem Schiffer und dem Fuhrmann, alſo zu Waſſer und zu Lande, dienen, um * 446 —— dadurch wieder nach Hauſe zu kommen. Aber es gab fuͤr mich kein Haus mehr, und ich mußre nun vollends die unterſte Stufe betre⸗ ten. Vom Bettler ſtieg ich aber ganz gewal⸗ tig, erſt zum Hirten und dann zum Leibpagen eines wohlanſehnlichen Amtmanns, und end⸗ lich gings beim Schuͤtzenkoͤnige vorbei zu der Wuͤrde eines Hausverwalters, als welcher ich jetzt vor Ihnen ſtehe. Soll ich indeß auch von meiner Abſtammung ſagen, ſo wird mir angſt und weh, denn ich habe meine Mutter ver⸗ lohren, und kann ſie nicht wieder finden.— Wo iſt deine Mutter? fragte der General mit Haſt. Ich beſchrieb ſie, ſo gut ich konnte, und ſetzte hinzu: nach allem, was ich uͤber ſie habe erfahren koͤnnen, iſt ſie eine Ver⸗ bannte, und muß im Gebirge leben, um eine fruͤhere Schuld abzubuͤßen, aber ich kann ver⸗ ſichern, daß ihre Froͤmmigkeit die Tugend ei⸗ nes Heiligen uͤberſteigt. Soll ich berichten, wer mein Vater geweſen, ſo muß ich ant⸗ worten: ein Spitzbube.— Du luͤgſt, ſagte der General abermals, ſeine Unruhe ſtieg bei meiner Erzaͤhlung immer hoͤher. Man ſah, daß er mit ſich ſelbſt kaͤmpfte, und daß er Empfin⸗ dungen unterdruͤckte, die eben hervorbrechen wollten.„O meine ungluͤckliche Schweſter! ſagte er endlich mit halb erſtickter Stimme. Sie lebt alſo, ſie lebt!“ begann er aufs neue. Deine Mutter! O die Ungluͤckliche! Ich errathe alles; ich habe ſie gekannt; ſie ſtand in großem Anſehn bei Hofe; entfernt ſollte ſie enden; aber das Schickſal hat es anders gewandt; ich hoͤre ja, daß ſie noch lebt, ſo darf ich wieder hoffen. Wo iſt ſie, wo find' ich ſie?. Auf dieſe Frage konnte ich keine beſtimmte Antwort geben; aber der General beſchloß, Kundſchafter nach ihr auszuſenden, nur— behutſam, ſetzte er hinzu, und huͤllte durch mancherlei Worte ſeine Entſchließungen wieder in geheimnißvolles Dunkel ein. Nach jedem kleinen Umſtande, meine Mutter betreffend, 443 —— fragte er mich, ſo daß es Mitternacht wurde, ehe wir zur Ruhe kamen. 5 7 So ſehr auch der General bemuͤht geweſen war, ſeine augenblicklichen Aeußerungen mit Widerſpruͤchen zu durchkreuzen, ſo ging doch ſo viel daraus hervor, daß meine Mutter ſeine leibliche Schweſter, und daß er alſo mein Oheim war, von dem ſchon meine Mut⸗ ter ſagte, daß ich ihm aͤußerlich nacharte. Was mag der Vater in Schoͤnau denken, was mag Conrad ſich wundern, daß wir nicht wieder kommen, ſprachen wir oͤfters unter uns, aber es hatten ſich auch ſo viele außer⸗ ordentliche Umſtaͤnde ereignet, daß wir un⸗ moͤglich ſo ſchnell, als wir wollten, die Stadt wieder verlaſſen konnten, und jede neue Ent⸗ deckung eines neuen Ankoͤmmlings hielt die andern mit zuruͤck. Reinert in Schoͤnau hatte unterdeß die Nacht faſt kein Auge zugethan vor Beſorgniß um unſer Schickſal. Mit anbrechendem Tage trat Conrad auf den Hof, um ſeine Braut zum 449 —— zum letztenmal vor der Hochzeit zu ſehen, und zu fragen, ob er ſie nun morgen zu ſei⸗ nem Vater nach Thalfeld heimholen koͤnnte. Wie gro war ſein Erſtaunen, als er hoͤrte: die Braut ſei verſchwunden; ihrer Pflege⸗ mutter zur Stadt nacheilend ſei ſie nicht wie⸗ der gekommen; auch der Cantor mit ſeiner Geliebten werde vermißt, und der letzte Bote, den man darnach ausgeſandt habe, kehre auch nicht wieder zuruͤck.— Das ſind mir ſchoͤne Dinge, ſagte Conrad, morgen will ich Hoch⸗ zeit machen, und nun iſt keine Braut da. Konntet ihr ſie nicht beſſer aufbewahren? Ich foördre ſie von euch, Schwiegervater, ihr habt ſie mir verſprochen.— Ja doch, ja, ihr ſollt ſie auch haben, gab dieſer zur Antwort, ich denke jeden Augenblick, ſie ſoll kommen, ich weiß gar nicht, wo ſie ſo lange bleibt.— Sie ſahen um die Ecke, ſie ſtie⸗ gen auf den Boden, und ſchauten nach ihr, aber immer vergebens. In Thalfeld ſtand der Koch aus der Stadt ſchon mit vorgebun⸗ I. Theil. Ff 450 —— dener Schuͤrze und hielt das Meſſer; die Huͤhner lagen ſchon mit umgedrehten Haͤlſen auf dem Hof, und zappelten zu ſeinen Fuͤßen. Der große Ochſe hatte ſchon den Geiſt auf⸗ gegeben, und viele Schweine, Schafe und Gaͤnſe waren ihm nachgefolgt. An jedem Pflock hing ein goldenes Vließ, und Keller und Speiſekammer fuͤllten ſich mit Vorrath bis oben an. Die langen Tiſche und Baͤnke ſtreckten ſich ſchon durch das ganze Haus hin, und die Bergmuſikanten kamen ſchon und ſtimmten ihre Geigen. Nicht minder waren große Zuruͤſtungen in Schoͤnau zum Polter⸗ abend: die Kinder holten ſchon im Dorfe die alten Toͤpfe zuſammen, um der alten Wirthſchaft ein Ende zu machen; die Braut⸗ zungfern probierten ſchon ihre Kraͤnze auf; Schneider und Schuſter liefen mit neuen Schuhen und Kleidern herbei, das ganze Haus war ſchon geſaͤubert und mit Blumen ausſtaffirt;— und zu dieſem allen fehlte noch * immer die Seele des Feſtes, die Brant! — 451 —— Conrad fluchte und tobte; denn jeder ſah ihn darauf an, und fragte: Braͤutigam, wo haſt du deine Braut? Aber Reinert ließ ſo⸗ gleich zwei raſche Schimmel aus dem Stalle fuͤhren und ſie vor einen leichten Wagen ſpan⸗ nen. Hier, Conrad, ſprach er, habt ihr die ſchnellſten Fuͤße aus meinem ganzen Stall; macht euch damit auf zur Stadt, und holt euch eure Braut, denn alle Boten, die ich ausſende, kommen nicht wieder; wenn ihr ſelbſt kommt, wird ſie ſicherlich folgen. Der Braͤutigam war nicht wenig unwillig und dachte bei ſich: wenn ſie mir noch viele Spruͤn⸗ ge macht, laß ich ſie mein Seel! noch vor der Kirche im Stich und nehme die ſchoͤne Bleicherin. Er hieb ſo grimmig auf die Schim⸗ mel ein, daß ſie unter ſich einen Feuerregen ſpruͤhten, und ſchnell wie falbe Hagelwolken vor einem Ungewitter flogen ſie mit ihm von dannen. Eben, da er in das Stadtthor hin⸗ einſprengen wollte, kamen Roſa und Clara und alle insgeſamt feierlich heraus. Uns zu⸗ Ff 2. 452 —— rufend erſchien er mit ſeinen Schimmeln wie Donner und Blitz. Er wandte ſogleich den Wagen um und wir ſtiegen auf. Das iſt nicht ſcho, Jungfer Braut, ſagte er, zu entlaufen, wenn Hochzeit ſein ſoll; nein, Roſa, das iſt nicht ſchoͤn von dir. Roſa warf einen ſtolzen Blick auf ihn, und faßte dann ſeine Hand. Alle ſtimmten in ihre Erzaͤhlung mit ein, daß es uns viele Muͤhe gekoſtet hätte, den Cantor, der ſich hier durchaus mit dem Rittmeiſter haͤtte duelliren wollen, und daruͤber arretirt geweſen ſei, aus dem Ge⸗ faͤngniſſe zu befreien; einer nach dem andern haͤtte gebeten, bis das Maaß der Bitten voll geweſen waͤre; aber der General, ſetzten wir mit Nachdruck hinzu, iſt ein guͤtiger Mann und wird auch zur Hochzeit kommen. Conrad ſtellte ſich, als ob er uns glaube, und das ganze Dorf jubelte bei unſerer Ruͤckkehr voll freudiger Hofnung, Roſa nun bald als Braut zu ſehn. —— 453 — O- Fuͤnf und zwanzigſtes Capitel. Hochzeit. Endlich brach der erſehnte Tag an, und al⸗ les ging ſo geputzt hervor, daß kein Feſt in der Chriſtenheit dieſem Tage gleich kam. Conraden legte indeß der Zufall noch manches Hinderniß in den Weg, und es wurde end⸗ lich die hoͤchſte Zeit, ihm zu allen Raͤthſeln den Schluͤſſel zu geben, ehe er noch ganz da⸗ von lief. Fruͤh fing das Feſt damit an, daß die Mu⸗ ſikanten vor der Abfahrt in Thalfeld fleißig zechten, und daß der ſchwankvolle Stabs⸗ trompeter bei ihnen im Kreiſe umher mit vie⸗ len Ermunterungen zum Trinken den Mund⸗ ſchenk machte, was ihm nachher aber ſehr ſchlimm bekam. Der Vetter Schmidt trat vor die Thuͤr, um noch vor dieſem wichtigen Auszuge eine erbauliche Rede zu halten. Der 454 1 —— Mann haͤtte ſollen Zimmermann und kein Schmidt werden, ſo haͤtte man ihn doch wenigſtens vom D Dache herab anhoͤren muͤſſen; ſo hatte jetzt niemand ein Ohr fuͤr ihn; alle riefen Juchhe! und die Muſtikanten ſpielten luſtig auf. Die Reite pferde— ſo hießen die geſchmuͤckten Roſſe, auf welchen die jungen Bauerburſche den Conrad zur Braut beglei⸗ teten— tanzten mit verſchiedenen Capriolen auf dem Hofe umher, und alles ſchien trun⸗ kenen Muthes zu ſein. Ein ſtattliches Roß, s mit Gold und Silber, Scharlach, Straͤu⸗ ßen und Baͤndern das ganze Dorf in Ent⸗ zuͤcken ſetzte, empfing den ſtolzen Braͤutigam, dem jedermann Ehre erwies. Und ein reich geſchmuͤckter Wagen, der die Braut aufneh⸗ men ſollte, fuhr hinterher, nebſt einem an⸗ dern, der die naͤchſten Verwandten des Braͤu⸗ tigams mit den uͤbermuͤthigen Muſikanten trug. Unter Jauchzen und Frohlocken hatte alles ſeinen gluͤcklichen Fortgang, bis man zu einer Bruͤcke kam, wo die Muſici, welche 455 —— ohnehin auf den Stabstrompeter ein wenig neidiſch waren, ihn zu necken anfingen und es ſo handgreiflich machten, daß er das Gleich⸗ gewicht verlierend vom Wagen herab in den Graben fiel. Einige ſchrien, man ſollte doch ſtille halten, aber der Fagottiſt, der ein durch⸗ triebener Kerl war, ſagte: ei was! es iſt ſchon eher eine alte Trompete er⸗ ſoffen. Dieſer Ausdruck gefiel ſo ſehr, daß er bald von Mund zu Mund ging, bis er endlich ſprichwoͤrtlich wurde. Der Zug konnte auf den Trinker wider Willen nicht warten. Nur einige nachlaufende Buben hat⸗ ten die Barmherzigkeit, ſich ſeiner anzuneh⸗ men, um ihn, wo moͤglich, wieder heraus⸗ zufiſchen. Indeß hatte Conrad nachher die⸗ ſen Spaß zu buͤßen, denn als er nach Schoöͤ⸗ nau auf den Hof kam, fand er das Haus ſeines Schwiegervaters mit Thuͤr und Fen⸗ ſtern von unten bis oben verſchloſſen, und wie ausgeſtorben, ſo daß ſich auch kein Menſch, weder mit einem Huth noch mit einer Nacht⸗ 456 —— muͤtze am Fenſter ſehen ließ. Der Hof aber war voll Menſchen, und der Hochzeitbitter mit vielen Baͤndern trat an den Braͤutigam heran, verneigte ſich und ſagte laut, mit feierlicher Stimme: Das Haus der Braut iſt wie der Erde Schooß, Es harrt und ofnet ſich nur bei Trompetenſtoß. Dieſe Verſe enthielten wahrſcheinlich eine Anſpielung auf die in der Bibel vorkommende Auferweckung von den Todten, denn der Herold fuͤgte noch hinzu: eigentlich ſollte es eine Poſaune ſein, allein ſeit Menſchengeden⸗ ken hat es hier bei der Trompete ſein Be⸗ wenden gehabt.— Dies war naͤmlich ein alter Gebrauch, der in Schoͤnau und weiter hinauf im Gebirge herrſchte. Bei der An⸗ kunft des Braͤutigams blieb das Haus ver⸗ ſchloſſen, bis man eine Trompete hoͤrte, dann oͤfnete ſich ploͤtzlich die Thuͤr und zu jedem Fenſter ſah ein freundliches Geſicht heraus.— Auf dieſen Bericht nun ſchaute ſich Conrad mit Verlangen nach dem Stabstrompeter um, ———— der alle Hochzeiten anblaſen mußte. Die⸗ ſer aber lag mit ſeinem Privilegium im Waſ⸗ ſer, und man wußte jetzt ſeinem Leibe keinen Rath. Zwar rief Conrad: blaſt, ihr Muſi⸗ kanten, und zwei Bergmuſici ließen ihre Wald⸗ hoͤrner erſchallen, die Laͤrm genug machten, aber die Leute auf dem Hofe ſagten lachend: das iſt nichts, das gilt nichts! Man ſah ſich einander an, und wußte nicht, was zu thun war. Da erhob wieder der durchtriebene Fa⸗ gottiſt ſeine Stimme: Jetzt Meiſter Willig, koͤnnt ihr ja eure Rede halten; wir haben Zeit dazu; Schmidt ſeid ihr ja ohnehin, ſo macht nur, daß Schloß und Riegel ſprin⸗ gen. Willig nahm dies auch keinesweges im Scherz, ſondern er benutzte die Gelegen⸗ heit zum Reden, und ſioppelte ohngefaͤhr folgende Verſe zuſammen: Jungfrau, ſei doch nicht ſo ſprode, 4 Auch Pallaͤſte werden oͤde, Stolze Burgen fallen ein, Eiſen ſoll zerbrechlich ſein. 458⁸ — Jungſrau, ſei doch nicht verdroſſen; Wohl ſteht manches Haus verſchloſſen; Stellet ſich der Schluͤſſel ein, Muß es frei und offen ſein. Jungfrau, tritt aus deiner Kammer, Friſch mit Eiſenwehr und Hammer Bricht der Braͤut'gam doch hinein; Laß dem Spaß ein Ende ſein. Dieſe Verſe hatten in der That gewirkt— die Thuͤr oͤfnete ſich, und es trat—— eine alte Frau heraus, mit einem Kranz auf der Muͤtze, welche alſo ſprach: Da bin ich, Liebſter, rufſt du mich? Ich komme ſchon, ich wart' auf dich; Ach Gott! nun wird mir weh und bang⸗ Dem Braͤut'gam wird die Zeit zu lang. Was ſagſt du, Schatz? Ich waͤr' zu alt? O nicht doch! Zeit hat wohl Gewalt; Doch ſieh, wie raſch, wie flink ich bin! Mehr Jugend giebt nur Eigenſinn. Ein hoher Brand verzehrt auch viel, Und mit dem Feuer iſt kein Spiel; King zöge manch verliebter Thor Die Mutter oft der Tochter vor. 459 Ein lautes Gelaͤchter fuͤllte den ganzen Hof. Conrad, ſchon halb verdrießlich, ſagte: Du ſtehſt aber, Alte, daß ich dich nicht mag. Alſo geh und ſchick mir die Braut heraus. MNußt ſie ſuchen! ſagte die Alte. Der Herold wandte ſich zum Braͤutigam und bar, daß er dieſen Scherz nicht uͤbel nehmen moͤchte; das ſei ſo Sitte in Schoͤnau; ſchafft euch nur eine Trompete an, ſetzte et hinzu, ſo wird auch endlich wohl die Braut zum Vorſchein kommen. Unterdeß wurde das Volk im Hofe immer ausgelaſſener, und unter der Menge befand ſich auch der Kuh⸗ hirte aus der Gemeinde, der dieſem Hofe nicht wohl wollte, weil er ſich ſeinen be⸗ ſondern Hirten hielt; dieſer trachtete den Spott und die Verwirrung dadurch noch zu vermehren, daß er ſein ſchlechtes Kuhhorn an den Mund ſetzte, und einen veraͤchtlichen Ton hervorbrachte. Darauf eroͤfneten andere die Staͤlle, als wenn das Vieh zur Weide geladen wäre. Die ſchwarzen Kuͤhe traten V —-— heraus, und alles gerieth in Flucht und Un⸗ ordnung. Conrad war ſchon nahe daran, wieder linksum zu machen, als zu ſeinem großen Troſt der Stabstrompeter, von luſtigen Bu⸗ ben gefuͤhrt, und von Waſſer triefend, end⸗ lich nachgehinkt kam. Alles jauchzte laut auf bei ſeinem Anblick. Man hob ihn gleich auf den Wagen, und der Braͤutigam ſagte: nun blaſe, was das heilige Zeug haͤlt. Da druͤckte der Stabs⸗ trompeter den langen ehernen Hals recht feſt an den Mund und bließ auf das Haus zu mit einem recht zitternden Ton. Gleich oͤfnete ſich die Thuͤr, und—— die Bleicherin trat heraus. Willſt du mich? ſprach ſie; da bin ich!— Von ihrer Erſcheinung wie von ei⸗ nem Blitzſtrahl uͤberraſcht ſprang Conrad den Augenblick vom Pferde, lief die Stufen hin⸗ auf und ſagte: Ja, wahrhaftig; ich bin des Wartens muͤde, dich will ich und keine andere.— Triumph! rief der Herold, friſch — 2———— 401 —— auf! ihr Muſici! und die Muſikanten mach⸗ ten mit ihren Blaſeinſtrumenten einen recht froͤhlichen Lauf. Da ſah ſich Conrad um, und wußte nicht, was das zu bedeuten haͤtte. Er erhob abermals die Stimme, und ſagte: verdenkt mir es nicht, Leute, daß ich die ſchoͤne Bleicherin zur Frau nehme, da Roſa, meine Braut, mich ſo ſtolz behandelt. Gleich erſcholl ein Lachen rechts und links, und die Einwohner von Schoͤnau riefen: es iſt ja „Roſa, deine Braut; betrachte ſie doch nur. Die Bleicherin zog jetzt die ſtolzen Mienen ſeiner Roſa und Conrad ſtand noch in großer Verwirrung, als meine kleine Perſon in der Geſtalt des Graumaͤnnchens hervortrat und ihm den Orakelſpruch wiederholte: Die Nechte iſt die Falſche, die Falſche iſt die Rechte; Falſch iſt nicht immer ſchlecht, und recht iſt oft 1 das Schlechte. Nun denke, was du thuſt. Die Falſche nimm, ich daͤchte! Roſa bot jetzt alle ihre Freundlichkeit auf, 462 —-— hieß ihn willkommen und ſagte: Conrad, weil dich die Bleicherin beſiegt hat, ſo haſt du die Roſa uͤberwunden, denn ich ſehe, daß du meine Perſon, und nicht meinen Schmuck und meinen Reichthum willſt. Dafuͤr ſind nun beide dein. Die ſtolze, hoffärtige Roſa, die ich ſchien, iſt keine andere, als die hei⸗ tere, froͤhliche Bleicherin. Dieſe, die Falſche, war wirklich die Rechte, denn da zeigte ich mich, wie ich wirklich bin; jene die Rechte, war nur die Falſche, denn mein ganzes Be⸗ tragen, die ernſten Mienen und froſtigen Ge⸗ behrden waren nur angenommen und lauter Verſtellung, um zu ſehen, ob du nicht jene lieber haͤtteſt. Und jetzt, da du mich ver⸗ ſchmähſt, erfahr ich, daß du mich willſt, und darum geb' ich dir nun meine Hand, und bin von Herzen bereit, dir nach Thalfeld zu folgen. Reicht aus dem Hauſe mir nun den Abſchiedsbecher.— Da trat Clara in weißem Gewande, ſchoͤn, wie eine Verklaͤrte, auf die Schwelle der Thuͤr; das Haupt hinneigend 46³ —— mit Augen voll Thraͤnen uͤberreichte ſie einen ſtrahlenden Kelch und ſagte: Und ſollſt und willſt du ſcheiden, So ſei dein Durſt geſtillt Aus dieſem Kelch der Freuden, Mit Liebe nur gefuͤllt. Drauf trank Roſa dem Braͤutigam zu, und dieſer erwiderte ein Gleiches, den Kelch aus⸗ leerend mit langem Zuge. Jetzt erſchien der Vater Reinert, und noͤthigt ſie beide herein. Die Brautfuͤhrer folgten, und den Leuten zu Pferde wurde Wein geſendet, und waͤhrend alle aufs beſte bewirthet wurden, legte Roſa den Brautſchmuck an. Ich aber zog vor den Augen des Braͤutigams die graue Kappe her⸗ unter, und ſagte: die Taͤuſchung hat ein Ende, ihr habt recht gut aus der Spreu den Weizen und aus dem Hexel den Hafer her⸗ ausgefunden, und der baare Gewinn bleibt euer. Der Bach waͤre nicht ſo tief geweſen, haͤtte ich nicht zuvor das Waſſer gedaͤmmt; der Steg waͤre wohl gefunden worden, haͤtte I. Theil. Gg 464 —— ich ihn nicht vorher weggeriſſen, und die Voͤ⸗ gel haͤtten euch nicht zugerufen: Roſa lacht, Roſa flieht, haͤtte ich ſie mit dem gelernten Spruͤchlein nicht aus unſerm Waldgarten in die hoͤchſten Baͤume hinaufgetragen. Clara ſelbſt ſaß fruͤh am Wege als eine arme Ver⸗ triebene, um euer mitleidiges Herz und eure Klugheit zu pruͤfen; ſpaͤt hab' ich geaͤchzt und ein andermal hat Roſa gelacht. Das Kind ſetzten wir in den Wald zum Scherz fuͤr euren gutherzigen Vetter. Aber die Kuh auf der Wieſe ward wild durch ein Kunſtmittel, das ich euch nicht ſagen kann. Dieſes und dergleichen uͤbten wir gegen euch aus als wahre Kleinigkeiten. Solltet ihr aber heute noch etwas merken, das ihr noch nicht wißt, ſo zeigt euch durch Verſchwiegenheit un⸗ ſers Ordens wuͤrdig. Was? ſagte Conrad, ſteht noch etwas bevor? Doch— was auch kommen mag, ich habe die Bleicherin, habe ja Roſa, habe alles nun.— Vergnuͤgt, wie ein Vogel im Walde, eilte er ſeiner geſchmuͤck⸗ — 4⁵⁵ —-— ten Braut entgegen.— Mit ſchallender Mu⸗ ſik ging es drauf von dannen, und ich hatte das Amt, Geld auszuwerfen, womit ich das Volk hin und her taͤuſchte. Aber auf einmal trat ein großer Mann an den Wagen, riß mir den Beutel aus der Hand, ſchlug mich damit um die Ohren, und ſagte: her da⸗ mit, du dummer Junge! Es war kein an⸗ derer als mein Vater, der einmal wieder im Lande umherſtreifte. Ich rief halt, halt! und haͤtte faſt gern geſehn, wenn man ihn einge⸗ fangen haͤtte, um ihn nach meiner Mutter fragen zu koͤnnen; aber es zeigten ſich meh⸗ rere Geſellen um ihn her, welche thaten, als ob ſie ihm den Beutel entreißen wollten, doch dabei nur die Abſicht hatten, ſeine Per⸗ ſon zu decken, und ihn den Blicken des Volks zu entziehen, welches ihnen denn auch meiſterhaft gelang. Dieſer Auftritt machte mich auf einige Zeit wieder nachdenkend, ſo daß ich an dem feierlichen Empfang in Thal⸗ feld und an der ganzen Hochzeit nicht vollen Gg 2 466 —— Antheil nehmen konnte. Aber ich erwachte aus meinem Traume, als gegen Abend der General aus der Stadt erſchien, Braut und Braͤutigam mit Geſchenken uͤberhaͤufte, aufs neue die Tiſche mit Wein uͤberfuͤllte, und durch die Freundſchaft, die er der Braut, mei⸗ ner Couſine, erwies, dem erſtaunten Braͤu⸗ tigam zu erkennen gab, in welchem nahen Verhaͤltniſſe er zu ihr ſtand, waͤhrend Rei⸗ nert bei der Flaſche ſaß, und ſich ruͤhmte, nur allein eine ſo kluge Tochter zu haben. Nach der Hochzeit kehrte Clara als Schaff⸗ nerin zu Reinert nach Schönau zuruͤck.— Zu mir aber ſprach der General: dich nehme ich in mein Haus.— Und ſomit verließ ich das ſchoͤne Landleben, und folgte meinem Oheim mit neuen Ausſichten und Erwartun⸗ gen in die Stadt.— Das iſt die Geſchichte meiner erſten Jugend. Ende des erſten Theils. Verbeſſerungen. — 53— 6— — 59 unten— — 108— 3— 2 — S. 13 8. 15 iſt zu leſen ſiatt Freundlichkeit— Freudigkeit. von einer— vor einer. Spie— Spiel. aus— uns. Morgen— Wogen zugekrompt— zugekrampt. vor deinem— von deinem. regte— reizte. ſeinen— ſeinem. hatte— haͤtte. ſchrieb— ſchreib'. Kleidungsſtuͤcke— Klei⸗ dungsſtuͤcken. wieder— nieder. Haugſtoͤße— Kuunpſtoͤße. gemeint— gemuͤnzt. nun— nur. vom— von noch— nah. niederſetzen— niederſttzen. erheben— heben. nur— nun. Trompeterſtoß— Trom⸗ vetenſtoß. 377— 3 — 338— 16 — 396— 14 — 404— 3 — 407— 2 — 436— 13 457— 3 373 8. 6 ſtatt bleibe— bliebe. 4.. heißt— 3 gilt nichts 1 gilt nicht. 1 wieder umkehrte— wiederkehrte. ſonſt— ſonſt ſchon. ihn— ihm. arme— armen. etwas Wald!— etwas von Wald. Beym Verleger dieſes ſind folgende neue Buͤcher zu haben. Annalen menſchlicher Groͤße und Verworfenheit, oder merkwuͤrdige Begebenheiten aus dem Le⸗ ben beruͤhmter und beruͤchtigter Menſchen. Ir Bd.(oder: hiſtoriſche Gemaͤlde ꝛc. or Bd.) 2te verbeſſerte und vermehrte Auflage. Mit 1 Kupfer von Jury. 8. 1 Rthlr. 8 Gr. 4 Erzaͤhlungen, intereſſante, Anekdoten und Cha⸗ rakterzuͤge aus dem Leben beruͤhmter und be⸗ ruͤchtigter Menſchen. 4Ar Bd.(oder: hiſtori⸗ ſche Gemaͤlde 20r Bd.) Mit 1 Kupfer von Jury. 83..... 1 Rthlr. 8 Gr. Gemaͤlde, hiſtoriſche, in Erzaͤhlungen merkwuͤr⸗ diger Begebenheiten ꝛc. 9r Bd.(oder Anna⸗ len ꝛc. 1r Bd.) Mit 1 Kupfer von Jury. 8. 1 Rthlr. 8 Gr. — deſſelben Werks 20r Bd.(oder Erzaͤhlun⸗ gen ꝛc. 4r Bd.) Mit 1 Kupfer von Jury. 8. . 1 Rthlr. 8 Gr. Hacker, D. J. G. A., Entwuͤrfe und Andeu⸗ tungen zu einer fruchtbaren Benutzung der Ab⸗ 4 ſchnitte heil. Schrift, welche im Jahr 1811 5 ſtatt der gewoͤhnlichen Evangelien bei dem 1 evangel. Gottesdienſt in den K. Saͤchſ. Lan⸗ den oͤffentlich erklaͤrt werden ſollen. 38 und 2 48 Sen(Johannis bis Jahresſchluß.) gr. 8. Auf Druckpap. jedes Heſt.. 12 Gr. Auf Schreibpapier jedes Heft 16 Gr. 1 v. Herder, J. G., Ideen zur Philoſophie der 3 Geſchichte der Menſchheit. Neue rechtmaͤßige Ausgabe in 2 Baͤnden, mit einer Einlei⸗ tung von Heinrich Luden. gr. 8. . 2 Rthlr. 16 Gr. Hoͤck, D. J. D. A., hiſtoriſch⸗ ſtatiſtiſche Darſtellung der Staatskraͤfte Europa's und des Nordamerikaniſchen Freiſtaats, in 6 Ta⸗ bellen. gr. Fol....... 16 Gr⸗ — 2— 7— Kind, Friedr., Roswitha(Fortſetzung der Tul⸗ pen), 2r Bd. Mit 1 Kupfer von Jury. 8. Auf Schreibpapier 1 Rthlr. 16 Gr. „Auf Velinpapier 3 Rthlr. Matuszewic, Graf, Vortrag uͤber das Finanz⸗ geſetz fuͤr das Herzogthum Warſchau, gehalten auf Befehl Sr. Maj. des Koͤnigs in der Land⸗ boten⸗Stube am 17 Dec. 1811. gr. 8. 6 Gr. Reinhard, D. Fr. V., Predigt am Feſte der Kirchenverbeſſerung, den 31. Oktober 1811 gehalten. gr. S...... 4 Gr. — Predigt am dritten Bußtage des Jahrs 1811. den 13. Noveinber gehalten. gr. g. 3 Gr. Schuͤtze, St., der unſichtbare Prinz. Ein Ro⸗ man. Ir Theil. 8. Auf Schreibpapier . 1 Rthir. 18 Gr. Auf Velinpapier 3 Rthlr. “ — 1 Wniſlſnnmnſſſſünfſinfſſſſſſinſſſfſſſſnſſiſſſſinſſnfnſſſnſſiſſſiſe 8 9 5 10 11 12 13 14 1 16 17 18 K- »