— deutſcher, engliſcher und franzöſſſcher Eduard Oflmann in Gießen Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Ieih- und JCeſebedingungen. Eiänanahmen und Rücfgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Gaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Ent Denen nahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entfprchend e Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für sochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: Bücher: ———— auf 1 Monat: 1— Pf. 1 e 10 50 Pf. 2 Nk. f Pf. 5. Auswürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Aurkisſendung der ücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Das längere Verſchwinden der Baronin und So⸗ phiens aus den mit fröhlichen Menſchen gefüllten Räumen wurde nur von wenigen Gäſten bemerkt. In⸗ deſſen machte Graf Ultritz, der ſein Späherauge raſt⸗ los umherſchweifen ließ, verſchiedene Beobachtungen, die ihm, der aus kleinen Urſachen ſchon oft große Wirkungen entſtehen geſehen, der nähern Unterſuchung werth ſchienen. Marie, die Tochter des Hausherrn, war während des Balles unwohl geworden, wollte ſich aber, ehe ſie Schubert, Die Jagd nach dem Glücke III. 1 2 ſich auf ihr Zimmer zurückzog, von der Baronin Bill⸗ mann und Sophie verabſchieden. Zufällig hörte Graf Ferdinand den Vater Mariens, als er dieſe aus dem Saale führte, äußern, die beiden Damen ſeien nicht zu finden; gleich darauf ſah der Graf die Oberhofmeiſterin von Starrfels in übelſter Laune durch die Säle ſteuern. Er näherte ſich ihr und erfuhr bald, daß und weshalb ſie den König ſprechen wolle. Auffallender⸗ weiſe ſei aber der Monarch nirgends ſichtbar. Der Graf erinnerte ſich jetzt an die Berichte ſei⸗ nes Sohnes zur Zeit, als der König noch die Villa am See bewohnte. Eine ernſtliche Neigung für die ſchöne Sophie hatte damals den jungen Fürſten er⸗ füllt; war dieſe Leidenſchaft durch Sophiens Kälte nicht ausgelöſcht worden oder durch das Wiederſehen von neuem entflammt? War die Sprödigkeit des wun⸗ derſchönen Mädchens vielleicht nur Maske geweſen? Begünſtigte etwa die Prinzeſſin Eliſabeth ein Liebesverhältniß zwiſchen Sophie und ihrem Bruder, um dieſen in größerer Abhängigkeit von ſich zu er⸗ halten? Zwar hatte Graf Ultritz immer gewünſcht, der König möge die Zeit in Liebeleien vertändeln, keines⸗ wegs aber lag es im Intereſſe des Miniſters, daß dies ohne ſein Wiſſen, ohne ſeine Einmiſchung geſchah. ——— —— 3 Da mußte er auf der Hut ſein; ſeine ſchon ein⸗ mal erſchütterte Stellung ertrug keinen zweiten Stoß mehr. Schon einmal hatte Eliſabeth ihm die Zügel entriſſen, an denen er den Monarchen lenkte; jetzt wur⸗ den vielleicht von ſeinen Feinden neue Fäden geſpon⸗ nen, die ihm verderblich werden konnten. „Frage den Portier“, beauftragte der Graf ſeinen Sohn, den er herbeiwinkte,„ob der König vielleicht ſchon, wie es ſeine Art iſt, incognito nach Hauſe fuhr. Wenn nicht, ſo bitte Tante Kathrin, die wohl, da es nicht ſpät iſt, in ihrem Zimmer noch wacht, ſie möge im Hauſe nachſehen, ob nicht irgendwo der König hin⸗ ter meinem Rücken Audienzen ertheilt.“ Der Rittmeiſter vollzog den Wunſch des Vaters und meldete nach wenig Minuten, Tante Kathrin ſei nachmittags nach der Villa am See gereiſt, um die nöthigen Anordnungen zu treffen, da in drei Wochen dort die Hochzeit Heinrich's und Mariens gefeiert wer⸗ den ſolle. Der Wagen des Königs warte noch vor dem Hotel.. „Tanze wieder, ſei vergnügt“, ſprach der Miniſter, ſein Geſicht zum Lächeln zwingend,„während ich unſern Feinden in die Karten ſehe. Es geht etwas vor, das man mir verheimlichen will; ich werde aber hinter die Schliche kommen.“ 1* 5 „Du haſt doch von dem Schurken, der ſich nun durch eine reiche Heirath in unſerm Kreiſe feſtſetzen will, die Documente zurückverlangt?“ fragte leiſe der Sohn. Der Vater nickte bejahend. „Die Papiere exiſtiren nicht mehr; ich ſelbſt habe ſie in dem Bibliothekzimmer des Barons vor einer Stunde verbrannt. Wermuth iſt fortan unſchädlich, er hat keine Beweiſe mehr in Händen, allein ſeine Verbindung mit Marie läßt ſich jetzt kaum mehr hin⸗ tertreiben.“ „Meinſt Du?“ verſetzte der Rittmeiſter zornglühend. 3 „Ich ſchonte ihn bisher aus Rückſicht gegen Dich, jetzt aber werde ich handeln; ich bin nicht der Einzige, der ihn haßt. Alle Gardeoffiziere ſind empört über die Auszeichnungen, die man dem bürgerlichen Parvenu ſo verſchwenderiſch zukommen ließ. Es bedarf nur eines Anlaſſes und die allgemeine Abneigung gegen ihn wird ſich in Thätlichkeiten Luft machen. Der Aben⸗ teurer iſt ebenſo hitzig als eingebildet und—“ „Wenn man es klug anfinge“, bemerkte Graf Fer⸗ dinand, ruhig lächelnd,„wenn man ihn reizte und er ſich vergäße, ſodaß man gegen ihn geſetzlich einſchrei⸗ ten könnte, dann ließe ſich Zeit gewinnen. Ein lan⸗ ger Proceß— eine Unterſuchung—“ — 5 „Man wird es nicht unklug anfangen“, meinte der Sohn.„Verlaß Dich darauf, der Freche ſoll nicht ſo leicht und ungeſtraft einem Ultritz die Braut ſtehlen.“ „Nur Vorſicht“, mahnte der Vater.„Ein Cava⸗ lier wie Du darf ſein koſtbares Leben nicht gegen die Canaille wagen.“ „Aber die Canaille darf auch nicht über uns triumphiren“, entgegnete der Sohn.„Laß mich handeln, Vater, Du wirſt zufrieden ſein.“ Der Rittmeiſter ging, um ſeine Tänzerin für die nächſte Tour zu holen, und der Miniſter, gehoben von dem Bewußtſein, in dem gelehrigen Sohn bald einen tüchtigen Helfer, eine Stütze zu finden, betrat die Ter⸗ raſſe, um in dem Garten, der ſich am beſten zu einem Stelldichein eignete, nach dem Könige zu ſpähen. Mrr. Brown wollte den Grafen aufhalten, dieſer aber fertigte ihn ungeduldig ab und ſtieg die Terraſſen⸗ treppe hinab. Mr. Brown jedoch folgte ihm und ließ nicht ab, ihn in ein Geſpräch zu verwickeln. „Ich habe jetzt keine Zeit für Sie“, ſagte der Graf;„ich ſuche den König, er muß im Garten ſein.“ „Hier iſt er“, antwortete eine ſtrenge Stimme, und neben dem Grafen ſtand, wie aus der Erde geſtiegen, der König.„Sie kommen wie gerufen, Herr Graf, folgen Sie mir.“ l ——— 6 Ein Wink des Fürſten befahl Mr. Brown, ſich zurückzuziehen. „Sie ſind entlarvt, Graf Ultritz“, ſprach der Fürſt entſchloſſen, und ſeine Stimme klang drohend.„Ich bin ſchmählich betrogen durch Sie, oder vielleicht wurde mein Vater durch den Ihrigen getäuſcht. Sie ſind nicht, wofür ich Sie hielt!“ „Ich bin ein treuer Diener Eurer Majeſtät“, ſtammelte beſtürzt der Graf. *„Das wird ſich zeigen“, preßte der König zwiſchen den Zähnen hervor, den Grafen, der ſich jetzt wieder zu lächeln bemühte, feſt anblickend.„Zeigen Sie mir binnen drei Tagen die Brieftaſche, die rothe Brieftaſche, welche im Beſitz Ihres Vaters war.“ „Ich habe ſie Eurer Majeſtat gezeigt“, betheuerte der Graf. „Dieſe war nicht die echte; es fehlten wichtige Papiere darin“, ſprach der König wieder.„Hörten Sie nie die Namen Feodor Borowieff und Maria Corniani?“ „Niemals!“ verſicherte der Graf mit aufrichtigem Tone. Seine Züge drückten dabei ſo natürlich den höch⸗ ſten Grad des Staunens, ja der Neugierde aus, daß der Monarch über dieſes übermenſchliche Maß der Ver⸗ 7 ſtellungskunſt die Faſſung verlor und außer ſich vor Entrüſtung ausrief: „Wohlan! In drei Tagen überliefern Sie die echte Brieftaſche mit ihrem vollen Inhalt, oder Sie ſind ent⸗ laſſen, Ihrer Aemter enthoben, ſo wahr ich noch König dieſes Landes bin.“ Zum erſten Male verließ den Diplomaten die Geiſtesgegenwart. Kein Wort kam über ſeine Lippen, es wurde ſchwarz vor ſeinen Augen. Als er wieder zu voller Beſinnung kam, war er allein. Der König, ohne die Geſellſchaftsräume nochmals zu betreten, war durch eine Thür am Ende der Ter⸗ raſſe in das Stiegenhaus gelangt und hatte das Pa⸗ lais Billmann ſchon verlaſſen, als der Miniſter ſeine Selbſtbeherrſchung wiederfand. Welch neue Geheimniſſe legten ſich drohend in ſeinen Weg? In welcher Beziehung ſtand jener Feodor Borowieff, nach welchem der Abt des Kloſters forſchte, zu ihm ſelbſt, vielmehr zu ſeinem Vater? Was ſollte der Frauenname, den er noch niemals gehört, jene Maria Corniani, plötzlich bedeuten? Wer war dieſes Weib? Warum hatte der König früher nie⸗ mals daſſelbe erwähnt? Warum heute und in Ver⸗ bindung mit der rothen Brieftaſche? Wie hing das Alles zuſammen? 5 ——— 8 Doch jetzt war keine Zeit, ohne Anhaltspunkte darüber nachzugrübeln. Mr. Brown ſtand, den Grafen beobachtend, auf der Terraſſe. Er durfte nichts merken. Mit anſcheinend heiterer Miene kehrte der Graf in den Tanzſaal zurück und ſah den dahinſchwebenden Paaren ſo aufmerkſam zu, als ob die Figuren des Cotillons eine neue, höchſt merkwürdige, unbegreifliche Erfindung ſeien. So ſtand er wie ein harmloſer Lebemann, ein befriedigtes Lächeln auf den ſchlaffen Mienen, als ob gar nichts Unangenehmes vorgefallen wäre, unter den dem Tanze Zuſehenden, die ihm ehrerbietig Platz gemacht hatten; ja er tauſchte ſogar heitere Bemer⸗ kungen mit den Zunächſtſtehenden. Niemand ahnte— er ſah es an den Geſichtern der Höflinge, die er ſo genau kannte— was ihm begegnet war. Dieſe Leute hätten ja die Worte eines in Ungnade gefallenen Stan⸗ desgenoſſen nicht mehr pflichtſchuldigſt ſo beifällig be⸗ lächelt, ſie würden ihn vielmehr wie einen Ausſätzigen gemieden haben. Drei Tage Friſt waren freilich eine kurze Zeit, um ein ihm ſelbſt unbegreifliches Geheimniß zu löſen, aber er verzweifelte nicht. Beſaß Tante Kathrin die echte Brieftaſche oder die Papiere, von denen der Kö⸗ nig geſprochen, ſo mußte ſie ihm dieſelben jetzt ausliefern. ——— 9 Er legte ſich im Geiſte Alles zurecht, was er Tante Kathrin heute noch ſchreiben wolle. Völlig einig mit ſich, wollte er ſich jetzt nach Hauſe begeben, um einen Eilboten nach der Villa abzufertigen, als der Gouverneur⸗General der Reſidenz zu ihm trat. „Wiſſen Sie ſchon den unangenehmen Vorfall, Excellenz?“ fragte der General, den Grafen beiſeite ziehend.„Ihr Herr Sohn hatte mit dem Oberlieute⸗ nant Wermuth einen Wortwechſel, der beinahe einen ſchlimmen Ausgang nahm.“ „Iſt Theodor verwundet?“ ſtieß der Graf in ſei⸗ ner Angſt um den Sohn hervor. „Wo denken Sie hin!“ entgegnete der General. „Man fiel dem raſenden Wermuth zeitig genug in die Arme; aber der Skandal, daß es im Hauſe eines Ade⸗ ligen zu einer ſolchen Scene zwiſchen Offizieren kam, iſt arg genug.“ „Um ſo ſtrenger wird man den Schuldigen be⸗ ſtrafen müſſen“, verſetzte jetzt beruhigter der Graf. „Das wird geſchehen“, verſicherte der Generel, „obwohl Ihr Herr Sohn Wermuth ſchwer gereizt zu haben ſcheint. Ich bin befreundet mit Baron Billmann“, fuhr er bedauernd fort,„und es thut mir recht leid, daß ſein künftiger Schwiegerſohn ſich eines ſo großen Vergehens ſchuldig machte.“ 10 „Wo fand der Streit ſtatt und was veranlaßte ihn?“ fragte der Graf, ungeduldig über die Weit⸗ ſchweifigkeit des Generals. „Wermuth“, nahm dieſer das Wort,„deſſen Braut erkrankte, wollte eben nach Hauſe. Er ſtand in der Garderobe und ſchnallte ſeinen Säbel um. Da traten aus einem Büffet nebenan einige Gardeoffiziere, dar⸗ unter Ihr Herr Sohn. Die jungen Herren ſchienen etwas zu tief in das Champagnerglas geſehen zu ha⸗ ben. Kaum wurden ſie Wermuth's anſichtig, als einer der Gardeoffiziere übermüthig rief:„Jetzt wird es erſt behaglich, das Pack macht ſich aus dem Staube, die Linie räumt der Garde das Feld.“—„Sie nimmt ſchon Reißaus!“ bemerkte ein Anderer.“ „Dieſe Aeußerung“, verſetzte Graf Ultritz—„es iſt bei dem feinen Bildungsgrad der jungen Herren aus den beſten Familien nicht anders anzunehmen— war eine völlig ſubjective, keineswegs für Wermuth's Ohren beſtimmte.“ „Mag ſein“, meinte der General.„Unglücklicher⸗ weiſe jedoch hörte er ſie und verſetzte:„Das iſt der Unterſchied zwiſchen uns, mein Herr; Ihr Terrain iſt der Ballſaal, dafür nahmen Sie Reißaus im Felde!““ „Damit ſpielte Wermuth auf das unglückliche Reitergefecht im letzten Feldzuge an. Doch war nur — ꝗ q-—ſ 11 der Oberſt, der dabei fiel, ſchuldig, nicht das Regiment“, ſchaltete der Miniſter ein. „„Dieſe Beſchimpfung“, erzählte der General wei⸗ ter,„fordert Blut!“ rief der ſo beleidigte Gardelieute⸗ nant.—„Es fragt ſich nur, weſſen Blut?“ erwiderte darauf Wermuth ruhig.„Ich gebe Ihnen gern Ge⸗ legenheit, morgen dieſe Frage zu erledigen.“ Mit die⸗ ſen Worten wollte ſich Wermuth entfernen.“ Der General fuhr fort: „Morgen früh hätten die beiden Hitzköpfe ſich duellirt und die Sache war abgemacht. Jetzt miſchte ſich aber Ihr Herr Sohn, wie mir ſcheint, ſehr zur Unzeit und nicht mit vollem Rechte, ein.—„Du wirſt Dich gar nicht mit ihm ſchlagen“, rief der Rittmeiſter dem Lieutenant zu;„er hat die Garde der Feigheit im Felde angeklagt, er iſt dem Gerichte verfallen. Du beſudelſt Deine Hand, wenn Du dem Abenteurer die Ehre eines Zweikampfs gönnſt.“—„Ziſcht die junge Schlange auch ſchon?“ ſchrie nun Wermuth, die müh⸗ ſam errungene Faſſung verlierend.„Elender Knabe, der ſich hinter Geſetze verſteckt, was wiſſen Sie von Ehre? Sie werden mir mit dem Degen in der Hand Rede ſtehen, oder ich züchtige Sie mit der Ruthe, wie es ſolchen Kindern im Waffenrock geziemt.“—„Der Graf Ultritz“, verſetzte nun Ihr Sohn,„verachtet Ihre 12 Rohheit, die nur beweiſt, daß ſchmuziges Waſſer in den Adern des Herrn von Wermuth fließt“— er be⸗ tonte höhniſch das von—„der Rittmeiſter Ultritz aber kündigt dem Oberlieutenant Wermuth, ſeinem Unter⸗ gebenen, hiermit als Vorgeſetzter den Arreſt an.“— Ohne Zweifel war es jetzt um Ihren Sohn geſchehen, denn wie raſend ſprang Wermuth auf ihn zu, den entblößten Säbel in der Fauſt. In dieſem Augenblick fiel ein Civiliſt ihm in die Arme, ein gewiſſer Dr. Molling. Der Lärm hatte viele Zuhörer herbeigelockt. Alle vereinten ihre Bemühungen, noch größern Eclat zu vermeiden. Als ich auf dem Platze erſchien, war Wermuth ſo gefaßt, daß ich ihn beiſeite nehmen und er mir den Hergang erzählen konnte, den ich mir dann von Ihrem Sohn und einigen andern Offizieren ſeines Regiments wiederholen ließ.“ „Und wo iſt der Oberlieutenant Wermuth jetzt?“ „In ſeiner Wohnung in Arreſt; morgen früh wird er in die Kaſerne in ſtrenge Haft gebracht.“ „Subordinationsverletzung! Hm, hm“, ſprach der Graf gedankenvoll,„ich täuſchte mich ſehr in dem jun⸗ gen Manne. Baron Billmann zu Liebe protegirte ich dieſen Wermuth mehr, als vielleicht recht war.“ „Das denken die Offiziere der geſammten Armee“, verſetzte der General;„er iſt merkwürdig raſch avanirt.“ 13 „Die Gerechtigkeit ſoll ihren vollen Lauf haben; ich ziehe meine Hand ab von dem Unwürdigen“, ver⸗ ſicherte der Graf.„Wie lange kann die Unterſuchung dauern, wie wird das Urtheil lauten?“ „Vier bis ſechs Wochen werden immerhin vor⸗ übergehen, ehe der Fall ſpruchreif iſt. Wenn Wermuth nicht nachweiſen kann, daß er bei geminderter Zu⸗ rechnungsfähigkeit handelte, ſo wird er, ſelbſt in An⸗ betracht der mildernden Umſtände— er wurde ſchwer gereizt— mindeſtens mit einem Jahr Feſtungshaft be⸗ ſtraft werden. Vielleicht räth aber der Feldherr dem König, die Sache durch ein Ehrengericht abmachen zu laſſen.“ „Was wird dann geſchehen?“ fragte der Miniſter. „Vielleicht nimmt Wermuth dann einfach ſeine Entlaſſung als Offizier, vielleicht auch entſcheidet das Gericht auf Zweikampf. Es hängt viel davon ab, wie der König den Vorfall anſieht und wie Eure Excellenz ihm denſelben darſtellen werden.“ „Ich übe, wie Sie wiſſen“, bemerkte der Miniſter mit jeſuitiſcher Miene,„gar keinen Einfluß auf die Entſchließungen Seiner Majeſtät. Doch zweifle ich nicht, daß in dieſem Falle die Ehre der Armee zunächſt in Erwägung kommt.“ Huldvoll ſich verbeugend und verbindlich lächelnd verabſchiedete ſich der Graf von dem General. a 8 14 „Ja, lächle nur“, brummte der Gouverneur, ein würdiger alter Mann, der das Herz auf dem rechten Flecke trug, in den grauen Bart und blickte dem Mi⸗ niſter nach,„wir kennen Dich und Dein Gelichter. Der Sohn iſt ein Heuchler wie der Vater. Er ſcheint ihnen unbequem, dieſer Wermuth, ich glaub's wohl; ſie hätten gern das Vermögen der Tochter dieſes Hau⸗ ſes, das jetzt jenem zufällt, für ſich ſelbſt erjagt. Na, na, wir wollen ſorgen, daß dieſe Geſchichte Herrn Wermuth den Kopf nicht koſtet. Das Beſte iſt, die Sache ſoviel als möglich zu vertuſchen; das wird auch der Feldherr einſehen.“ „Für die nächſte Zeit wäre der Bräutigam ver⸗ ſorgt und aufgehoben“, ſprach hohnlächelnd der Mini⸗ ſter bei ſich ſelbſt, als er, zu Hauſe angelangt, ſich an den Schreibtiſch ſetzte.„Jetzt gilt es, den ſeltſamen Widerſtand Kathrin's zu brechen.“ Raſch flog die Feder über das Papier. Die prachtvolle Uhr auf dem Kaminſimſe ſchlug zwei Uhr, als ein Reitknecht mit dem Briefe an die Tante auf ſchnellem Renner ſich nach der Villa am See auf den Weg machte. Die verſiegelte Antwort, welche er am nächſten Tag ſpät abends zurückbrachte, lautete: „Man muß es darauf ankommen laſſen, ob der König ſeine Drohung erfüllt. Wünſchen Sie nicht, Ferdinand, daß er je den wirklichen Inhalt der echten Brieftaſche, die für immer menſchlichen Augen entrückt iſt, erfährt, ſo lieb Ihnen Leben und Ehre iſt. Tra⸗ gen Sie, was das Verhängniß uns auferlegt, die Buße iſt leichter als die Schuld. Fragen Sie mich nie mehr, meine Zunge bindet ein furchtbarer Eid und Mitleid mit Ihnen! Kathrin.“ „Dieſes unſelige Geheimniß, das mich äfft wie ein Irrlicht, ich muß es enträthſeln“, rief der Graf, „lauerten dahinter auch die Schrecken der Hölle und uwüßte ich es dem alten böſen Geiſte unſeres Hauſes, Tante Kathrin, mit Gewalt entreißen!“ Indeſſen traten Ereigniſſe ein, deren Wichtigkeit für den Staat uns zwingt, den Bericht über die Ent⸗ wicklung des Familiendramas zu verſchieben. Vor Ablauf der dreitägigen Friſt, welche der König dem Grafen gegeben, brach ein Vulkan, der ſchon lange unter ruhiger Oberfläche gährte, plötzlich und unaufhaltſam aus und begrub unter ſeiner wild daherſtürmenden Lava die morſchen Gebilde der Zeit, damit neues Leben aus den Ruinen blühe. ————— 2 — Zweites Kapitel. Im Schloßpark. Motto: Ver iſt das würdigſte Glied des Staats? Ein wackerer Bürger. Unter jeglicher Form bleibt er der edelſte Stoff. Goethe's„Vier Jahreszeiten“. Es iſt ein alter Erfahrungsſatz, daß die große Maſſe des Volkes ſich um die Form der Regierung gar wenig kümmert, ja einen tüchtigen Zwang und Druck lange Zeit geduldig aushält, wenn ſie nur dabei ma⸗ teriell ſich wohl und behaglich fühlt. Die Idealiſten fälſchen die Weltgeſchichte, indem ſie neue Ideen als die Haupttriebfedern der Revolutionen erklären; faſt alle Revolutionen ſind aus materiellen Gründen, aus finanziellen Schwierigkeiten hervorgegangen; erſt wenn die Steuern eine gewiſſe Höhe überſchritten, regte ſich das Volk in ſeiner Geſammtheit zur Abwehr und erin⸗ nerte ſich dem Staat und der Regierung gegenüber 17 ſeiner ewigen Menſchenrechte, ſeiner Freiheit. Dieſe Ideen hinken alſo meiſtens den materiellen Urſachen der Revolution nach, etwa wie die Aeſthetik nach dem Kunſtwerk entſteht; ſie ſind Kinder der materiellen Noth des Volkes. Wohl verkünden die Lehrer und Apoſtel der Völker⸗ freiheit dieſe aus der Geſchichte der Vergangenheit ab⸗ ſtrahirten Ideen immer wieder als Richtſchnur für die Zukunft, allein das Volk in ſeiner überwiegenden Zahl hat für Begriffe kein Verſtändniß. Erſt wenn der Büttel mit dem Steuerzettel zu oft ins Haus kommt und dem Bauer, Arbeiter und kleinen Bürger zu tief in den Seckel greift, werden die trägen, ſo ſchwer be⸗ weglichen Maſſen für Ideen empfänglich; dann ſind ſie aber auch gleich bereit, ſie in Thaten umzuſetzen. Wenn der Zaghafte, von Verzweiflung getrieben, endlich ſich zu handeln aufrafft, zeigt er oft einen Muth, eine Tollkühnheit, welche ans Unglaubliche ſtreift. So gerathen die Völker, wenn ſie ſich endlich gegen die Regierung, die ihre Macht mißbrauchte, erheben, nur zu leicht in einen Zuſtand ſieberhafter Tobſucht, die in blinder Racheluſt keine Grenzen kennt und im eigenen Fleiſche wühlt. Jede Nation wird ganz nach Verdienſt gut oder ſchlecht regiert; nur ein träges, feiges, entſittlichtes Volk Schubert, Die Jagd nach dem Glücke I11. 2 18 duldet mehrere Generationen lang eine ſchlechte Regie⸗ rung; die Nachkommen, welche endlich eine Revolution machen, bürden dann ungerechterweiſe die ganze Schuld an dem Nationalunglück der letzten Regierung auf und nehmen an ihr Rache, anſtatt beſonnen die Verfaſſungs⸗ veränderung zu überlegen. Weil die Revolutionen ſo weit über ihr vernünf⸗ tiges Ziel hinausſchießen, iſt die Reaction nach jedem gewaltſamen Fortſchritte ſo groß und iſt überhaupt der Fortſchritt des Zeitgeiſtes ſo langſam. Er macht zwar ungeheure Schritte und müht ſich furchtbar ab, rutſcht aber oft wie ein auf naſſem Lehmboden Wandelnder für einen Schritt vorwärts zwei zurück, beſonders wenn er bis an die Kniee auf weiten Schlachtfeldern im Blute watet. Manchmal gleitet er ganz aus und fällt auf die Naſe. Da lachen die Materialiſten, da jubeln die Peſſi⸗ miſten und Finſterlinge und meinen, er ſei todt. Bis jetzt aber iſt er Gott Lob immer wieder aufgeſtanden und wandelt raſtlos weiter, wie der ewige Jude. Dafür iſt er der Fortſchritt, und am Ende der Zeiten wird er wohl ans Ziel kommen. Aber nur nicht geprahlt, daß wir es ſchon ſo herr⸗ lich weit gebracht hätten! Bis zur Unfehlbarkeit des Papſtes, bis zum Banditenthum des Socialismus! Die blinde Leidenſchaftlichkeit, der Mangel an Selbſterkenntniß prägt den meiſten Revolutionen einen widerwärtigen Stempel auf; unheimlich wie die dunklen Kräfte der Natur, deren Geſetze der Menſch vergeblich zu beſtimmen ſucht, ſind ſie plötzlich da, furchtbarer als das Erdbeben verſchlingen ſie Tauſende meiſt unſchul⸗ diger Menſchenleben und reißen oft, was die Cultur mühſam in Jahrhunderten auferbaut, in ihren Abgrund. Sie reinigen wie ein Gewitter die Luft, ſagt man uns zum Troſt. Wir können uns aber nicht verhehlen, daß dieſer ſprungartige Gang der Freiheit des menſchlichen Geiſtes ganz unwürdig iſt. Bei jedem feſten Bau wird Stein an Stein, nach und nach, aber ſtetig gefügt, nur der Teufel baut über Nacht Paläſte, ſie ſtürzen aber auch beim Morgengrauen wieder ein. Um die bedeutenden Koſten des Krieges zu decken, waren die Steuern im Lande, von dem wir ſprechen, erhöht worden, obwohl die Laſten ohnehin ſchwer auf die Bevölkerung drückten und allenthalben Elend und Mangel herrſchte. Viele Fabriken feierten, eine Mißernte ſteigerte die Noth, der allgemeine Credit wankte, der Handel lag darnieder. In ſolchen Zeiten genügt der geringſte Anlaß, ein Funke, um die allge⸗ meine Mißſtimmung zum Ausdruck zu bringen und zur offenen Empörung zu entflammen. 2* In unſerm Lande, wo jahrelang jede Aeußerung der Unzufriedenheit erſtickt, jeder Vorſchlag zur Beſſerung mißachtet worden war, brachen nun gleichſam über Nacht die ſo lange zurückgehaltenen Elemente mit wil⸗ der Kraft, Sturmfluten gleich, hervor. Schon zwei Tage nach dem Friedensfeſte bei Baron Billmann kam es zu blutigen Exceſſen. Arbeitsloſe Pöbelhaufen, von Weibern und Kin⸗ dern begleitet, die nach Brod ſchrieen, zogen durch die Straßen und verlangten die Auflöſung der gegenwär⸗ tigen Kammern und die Entlaſſung des Miniſteriums, das den Krieg gutgeheißen und an allem Unglück ſchuld ſei. Vergeblich ſuchte die Regierung den Sturm durch Verſprechungen zu beſchwichtigen; dieſelben reizten die erregten Haufen, neue Zugeſtändniſſe zu fordern, und als dieſe verweigert wurden, begann die immer wü⸗ thendere, von Schreiern aufgehetzte Menge das Haus des Grafen Ultritz zu zerſtören, gegen den ſich der Volkshaß zunächſt richtete. Die bewaffnete Macht ſchritt ein, gegenſeitig kam es zu Verwundungen, ja ſogar einige Todesfälle waren zu beklagen. Der Monarch, im Bewußtſein, ſtets das Rechte, das heißt das, was man ihm als ſolches gelehrt, ge⸗ wollt zu haben, konnte die ſtörriſche und proptich⸗ Be⸗ wegung in den Gemüthern ſeiner Unterthanen nicht ver⸗ ſtehen. Seine bisherigen Rathgeber verſtummten jetzt kleinlaut, von auswärts war keine Hülfe zu erwarten, und ſo ſtand der junge Fürſt, wenn die Revolution ſiegte, allein den Anſchuldigungen des Landes gegen⸗ über, denn die Miniſter baten jetzt um ihre Entlaſſung und er gewährte ſie. Mehr als je erkannte er bitter, daß er keinen wahren Freund beſaß, daß die Adels⸗ und Geiſtlich⸗ keitspartei ihn mißbraucht hatte. Gleichwohl vermochte er ſich zu tiefgreifenden Re⸗ formen nicht zu entſchließen; er fürchtete ſich vor einem wirklich liberalen Miniſterium. Alles Gute, ſo meinte der König, könne und dürfe nur vom Throne, von oben nach unten kommen; daß von unten und gar auf gewaltſamem Wege, von dem Volke ſelbſt Verbeſſerungen ausgehen könnten, ſchien ihm unfaßbar. In der Aufgabe eines ſtrengen, aber ſorgſamen Vormundes ſah er die ſchönſte Pflicht ſeines Regentenberufs; er war der Freiheit als ſolcher nicht abgeneigt, aber es mußte ein Liberalismus ſein, wie Joſeph II. ihn geübt, ein vom Throne aus herrſchen⸗ der, der nöthigenfalls mit Gewalt ſeinen Willen gel⸗ tend machte. Daß vieſe Art von Völkerbeglückung auch Tyrannei ſei, ahnte der Fürſt nicht, wohl aber ſagte er ſich in dieſer Kriſis, daß er gar Manches verſäumt habe, ſich zu einem tüchtigen Herrſcher auszubilden. Weich angelegt von der Natur, widmete er ſich bisher den Staatsgeſchäften nicht mit voller Hingabe und Vertiefung in ſeine Aufgabe. Er gelobte ſich jetzt, die Bedürfniſſe des Volkes gründlich zu ſtudiren, da⸗ mit er künftig mit voller Sicherheit über die noth⸗ wendigen Maßregeln entſcheiden könne. Vorerſt behalf er ſich damit, die Kammern auf⸗ zulöſen, neue Wahlen auszuſchreiben und ein provi⸗ ſoriſches Miniſterium zu ernennen, deſſen Mitglieder keiner beſtimmten Partei angehörten. Die Ruhe wurde dadurch für den Moment hergeſtellt. Jetzt aber rüſte⸗ ten ſich die Parteien zum Wahlkampfe und das ge⸗ ſammte Volk in allen Schichten wurde aufs lebhafteſte von den politiſchen Leidenſchaften ergriffen. Zwei Mo⸗ nate währte dieſer einem Waffenſtillſtand ähnliche Zu⸗ ſtand, welcher den Gegnern Zeit zur Rüſtung gab. Beim Ausbruch der Unruhen reiſte Mr. Brown mit ſeinen Angehörigen und Baron Billmann mit Marie nach der Villa am See, wo Tante Kathrin ſchon alle Anſtalten zu der Doppelhochzeit Juliens und Mariens getroffen hatte. Die letztere, obwohl ſie 23 ſchwer durch die Trennung von Heinrich, der noch in engem Arreſte ſaß, litt, beſtand darauf, daß Herr von Claming ihretwegen ſeine Vermählung nicht länger hinausſchiebe. So fand dieſelbe denn im engſten Fa⸗ milienkreiſe ſtatt. Die Neuvermählten begaben ſich auf einige Wochen nach Oberitalien, die Baronin kehrte nach der Reſidenz zu der Prinzeſſin zurück. Sophie theilte ſich mit Tante Kathrin in die Pflege Mariens, deren Befinden, je länger die Ungewißheit über Hein⸗ rich's Schickſal währte, ſich mehr und mehr verſchlim⸗ merte. Mr. Brown ſiedelte ganz nach der Fabrik über, die durch die Verbindung mit Amerika einen außer⸗ ordentlichen Aufſchwung nahm. Häufig war der leb⸗ hafte Greis in Karl's Geburtsſtadt zu ſehen, wo er, wie ſich ſpäter zeigen wird, die Spießbürger zu ener⸗ giſchen Thaten veranlaßte. Mit Tante Kathrin war eine große Veränderung vorgangen; ihre ſtolze Haltung war dahin, ihr Haar ſchneeweiß, der Glanz ihrer Augen ſchien erloſchen, das Alter drückte ſie ſichtlich ſchwer darnieder. Sie ging gar nicht mehr ins Freie und zog ſich ſcheuer als früher von jedem Umgang zurück; beſonders ängſt⸗ lich wich ſie Mr. Brown aus, wenn er, um nach Ma⸗ riens Befinden zu ſehen oder Sophie zu beſuchen, nach der Villa kam. Gleichwohl beſaß Tante Kathrin die Kraft, faſt ganz allein die kranke Marie zu pflegen; merkwürdiger⸗ weiſe ſchien Mariens Mißtrauen gegen die Greiſin gänzlich verſchwunden, ja ſie hatte ſie jetzt am liebſten um ſich und duldete durchaus nicht, daß der Vater oder Sophie nachts bei ihr wachten. Der Baron reiſte jede Woche nach der Reſidenz, um ſich von dem Fortgange der Unterſuchung gegen Heinrich zu unterrichten und bei einflußreichen Perſonen ſich für ihn zu verwenden. Einſam vergingen Sophie die Tage. Mr. Brown, der die Herzensneigung des edlen Mädchens billigte, ließ es zwar ſo wenig als die Baronin vor ihrer Abreiſe jetzt an Vorſtellungen feh⸗ len. Er entſchuldigte Karl's Handlungsweiſe und meinte, das Mißverſtändniß ſei leicht aufzuklären; der Geliebte würde dann reuig zu ihr zurückkehren und dem Bunde fürs Leben ſtünde nichts mehr im Wege. Aber davon wollte das beleidigte Mädchen nichts hören. „Wenn er mich wahrhaft liebte“, ſagte ſie,„ſo müßte er mich ſo hoch achten, daß er nun und nimmer an meine Verworfenheit glauben könnte, und ſpräche der Schein auch noch mehr gegen mich.“ Die Zeit der Vornahme der Wahlen war näher gerückt; die Gemüther erbitterten ſich von neuem. Es 25 ſtellte ſich heraus, daß das proviſoriſche Miniſterium nicht unparteiiſch, ſondern unter der Decke mit der ultramontanen Partei gemeinſam handelte. In wilden Volksverſammlungen tauchten bisher unbekannte Män⸗ ner von zweifelhafter und befleckter Vergangenheit auf und erhitzten mit unſinnigen Phraſen die urtheilsloſen Köpfe des roheſten arbeitsloſen Pöbels. Communiſtiſche Ideen wagten ſich frecher ans Tages⸗ licht und verſuchten die an ſich heilſame Bewegung zur geſetzmäßigen Freiheit in eine gefährliche Richtung zu drängen. Neuerdings fanden bewaffnete Kundgebungen und grobe Exceſſe ſtatt; die Regierung verlor den letzten Reſt von Energie und ſchürte mit halben Maßregeln das Feuer; die guten Bürger ſahen alle beſtehende Ordnung und ihr Eigenthum bedroht; Schrecken und Verwirrung arbeiteten dem Umſturz in die Hände. In dieſer Zeit der Rath⸗ und Muthloſigkeit griff Karl Molling, der mit Schmerz in die Schaaren der ehrlichen Kämpfer für wahre Freiheit unredliche, ver⸗ worfene Geſellen, ehr⸗ und vaterlandsloſe Strolche ſich drängen ſah, zur Feder. Unerſchrocken verdammte er in allen ihm zugänglichen Zeitungen die rohen Aus⸗ ſchreitungen des verführten Volkes; er tadelte laut die jetzige Unthätigkeit der durch frühere Uebergriffe ver⸗ haßten Polizei und ermahnte alle gutgeſinnten Bürger, ſich zuſammenzuſchaaren und die äußere Ruhe und Ordnung der Stadt herzuſtellen, eine Aufgabe, welche die Armee bis jetzt nicht zu erfüllen vermochte. Ohne irgend einen Amtstitel oder berechtigende Würde war Karl plötzlich in einen Wirkungskreis ver⸗ ſetzt, der weit über ſeine bisher ſo beſcheidene Lebens⸗ ſtellung hinausging, und erlangte, da ſeine Bemühungen der Erfolg krönte, eine große Popularität. Die Bür⸗ gerſchaft ermannte ſich, die Aufruhrſtifter wurden ver⸗ haftet, geſicherte Zuſtände kehrten wieder. Der König, der, ſolange man ihm gewaltſam neue Zugeſtändniſſe hatte abtrotzen wollen, ſie hartnäckig verweigerte, er⸗ klärte ſich nun bereit, eine Deputation aus Männern aller Stände zu empfangen, um die Klagen des Volkes zu hören. Karl's Mitbürger verſäumten nicht, auch ihn, der ſich um das Land und die echte Freiheit ſo große Ver⸗ dienſte erworben, zum Mitglied dieſer Deputation zu ernennen. Eine Stunde vor der anberaumten Audienz ging Karl, um ſeine Gedanken zu ſammeln, in den ſchönen Park, der an die Reſidenz ſtieß und als ein öffentlicher Spaziergang Jedermann zugänglich war. Die Morgenſonne ſchien hell und freundlich; die an den Kreuzungen der feinbeſandeten Wege ſtehenden 27 Marmorbilder hoben ſich ſcharf von dem blauen Him⸗ mel ab; Schwäne zogen friedlich auf den am Rande ſchon leichtgefrorenen Baſſins dahin; an den faſt ganz entblätterten Aeſten und Zweigen der Bäume und Ge⸗ ſträuche hingen die feinen Kryſtalle des Froſtes; die ganze Natur ſchien gerade in die erſten Stunden des Winterſchlafs hinüberzuträumen, nur hier und da ſtand noch eine ſpäte Blume oder immergrüne Pflanze, die der Gärtner vergeſſen hatte, wie eine Erinnerung an den entſchwundenen Herbſt. Mit lebhaften Schritten ging Karl dahin; die kühle Luft erquickte ſeine von vieler Arbeit angeſtrengten Sinne; in Gedanken verloren erreichte er das Ende des Parkes und betrat die Landſtraße, welche zu eini⸗ gen ſtark bevölkerten Dörfern und Fabrikorten hin⸗ führte. Es fiel ihm auf, daß ſo viele Arbeiter und Tage⸗ löhner ihm begegneten, die, mit trotzigen Geberden und fluchend die letzten Ereigniſſe beſprechend, der Haupt⸗ ſtadt zueilten. Manche befanden ſich in einem Zuſtande, dem man anſah, daß ſie die Nacht nicht im Bette zu⸗ gebracht hatten, und zogen lärmend dahin; auch das zarte Geſchlecht war reichlich vertreten. Karl wurde dadurch gemahnt, umzukehren, um die Stunde der Audienz nicht zu verſäumen. Als er den Park wieder betrat, erblickte er in geringer Entfernung in einer Seitenallee eine Equipage, deren ſcheu gewordene Pferde wie raſend dahinjagten. Vergebens ſuchte der Kutſcher die wilden Thiere zu bändigen, ſie rannten toll dahin, keinem Zügel mehr gehorchend; da plötzlich bogen ſie ab von der Straße, die Achſe des Wagens ſtreifte an eine der großen Pappeln, der Wagen ſtürzte, weit über den Bock ge⸗ worfen fiel der Kutſcher ins Gras, die Pferde aber ſprangen auf und ſetzten mit abgeriſſenen Strängen und einem Theil der gebrochenen Deichſel über Stock und Stein. Karl lief zur Stelle und erkannte mit Ueberraſchung in der jungen ſchönen Dame, der er, von einem Hau⸗ fen Neugieriger umringt, aus dem Wagen half, ſeine fürſtliche Tänzerin, die Prinzeſſin Eliſabeth. Sie war ſehr blaß und noch mehr als über den Unfall ob der fremden, zum Theil feindſeligen Geſichter, die ſie an⸗ ſtarrten, erſchreckt. An den rohen Ausdrücken einiger Betrunkenen erſah Karl, wie nöthig ſeine Dazwiſchen⸗ kunft geweſen; ein paar in Lumpen gehüllte, ſehr ver⸗ dächtig ausſehende Männer wollten ſich ſchon über den Kutſcher, als ſie ſeine fürſtliche Livree bemerkten, her⸗ machen; ein Anderer ſchmähte die Prinzeſſin und ſchrie, auf Karl deutend: 29 „Das iſt auch einer, der es mit unſern Quälern hält, nun zahlt's ihm heim!“ „Fürchten Sie nichts“, ſprach Karl zu der bei⸗ nahe ohnmächtigen Prinzeſſin,„keine Hand ſoll Sie berühren.“ Karl war unbewaffnet, aber feſt entſchloſſen, die Prinzeſſin vor jeder Mißhandlung zu ſchützen. „Pfui“, rief er,„eine wehrloſe Dame auf offener Straße zu beſchimpfen! Wer noch auf Recht und Sitte hält, der duldet es nicht und ſteht mir gegen dieſe rohen Menſchen bei!“ Mit raſchem Griffe erfaßte Karl die lange Peitſche, die in einer Hülſe auf der Seite des Bockes des um⸗ geſtürzten Wagens ſtak; der elaſtiſche Peitſchenſtock mit dem ſchweren Silberknopfe diente unter dieſen Um⸗ ſtänden als eine nicht zu verachtende Waffe. Die ganze Zuverſicht, der waghalſige Muth ſeiner Studentenzeit beſeelte unſern Helden; hochaufgerichtet ſtand er da, zur Abwehr jedes Angriffs bereit. Bewundernd blickte die Prinzeſſin zu dem kühnen Manne empor, der ſich ſo unerſchrocken ihrer annahm, ſo ritterlich wie der beſte Cavalier des Hofes. Dennoch wäre es ohne Zweifel zu gefährlichen Auftritten gekommen; die betrunkenen Arbeiter zeigten eine drohendere Haltung, die Neugierigen, welche ſich 30 nicht ſchon bei Karl's Aufforderung feig entfernt hat⸗ ten, machten keine Miene, in dem ungleichen Kampfe für ihn Partei zu ergreifen. Da erſchien zum Glücke ein ſauber gekleideter junger Arbeiter, der Karl per⸗ ſönlich kannte, auf dem Platze des Streites. In wenig Worten pries er Karl's Verdienſte, nannte ihn eines Freund des Volkes und forderte die Umſtehenden auf, ihn und die Prinzeſſin gegen die Beleidigungen ehrloſer Wichte zu ſchützen. Die Rotte der Trunkenen zerſtreute ſich, ihrem Unmuth in unverſtändlichen Drohungen Luft machend. Der wackere Arbeiter aber, den ein günſtiges Geſchick zur rechten Zeit hergeführt, folgte auf Karl's Geheiß dieſem und der Prinzeſſin, um ſie vor weitern Zudring⸗ lichkeiten zu bewahren. Der Kutſcher, welcher keinen bedeutenden Schadeu erlitten, machte ſich auf, die Pferde einzufangen. Mit einem Blick des Dankes nahm die junge Königstochter, die ſich am rechten Fuße etwas verletzt hatte, die Führung Karl's an. Wohlbehalten brachte dieſer das zitternde Mädchen auf einem von ihr be⸗ zeichneten Seitenwege an die Hintertreppe der Reſidenz; der dort aufgeſtellte Portier vergaß faſt, der Prinzeſſin die Ehrenbezeigung zu erweiſen, ſo verblüfft war er, ſie mit einem Fremden Arm in Arm eintreten und die Treppe hinaufgehen zu ſehen. Oben im Corridor des erſten Stockes angelangt, fragte Eliſabeth einen Lakai, wo der König ſich befinde. Ehe der Befragte antworten konnte, öffnete ſich eine Thür und der junge Monarch trat heraus, um ſich in den Saal zu begeben, in welchem er die De⸗ putation empfangen wollte. Die Prinzeſſin zog jetzt ihren Arm aus dem ihres Beſchützers und berichtete dem Bruder, der ſehr beſtürzt über ihr bleiches Aus⸗ ſehen war, das Vorgefallene. Jetzt, wo ſie ſich in Sicherheit wußte, erwachte ihr Muthwille. „Ich bringe eine Geiſel für das empörte Volk“, ſagte ſie lächelnd;„dieſer edle Demokrat fand mich, das Königskind, hülflos auf der Erde liegend und rettete mir, ſeiner Feindin, großmüthig das Leben.“ Dcer ſpaßhafte Ton Eliſabeth's gefiel unſerm Helden nicht; er ſchien ihm vielmehr in der Lage der Prinzeſſin beinahe unweiblich. Er wies jede Aner⸗ kennung ſeines Verdienſtes ab und erwiderte, ſich un⸗ willkürlich an das Geſpräch auf dem Balle erinnernd: „Auch heute war ich nichts als der Zufall!“ Die Prinzeſſin reichte ihm aber jetzt die Hand und dankte ihm in herzlichen, natürlichen Worten. Dabei ſah ſie ihn einen Moment forſchend und tief an. Er hielt den Blick aus und meinte, daß in den freundlichen braunen Augen plötzlich etwas wie Wider⸗ ſchein eines warmen Gefühls hell aufleuchtete. Auch der König dankte dem Retter der Prinzeſſin. „Wir ſehen uns wieder“, ſchloß er und führte ſodann die Schweſter in das Gemach, vor deſſen Thür ſie ſtanden.. Karl hörte noch, wie der Monarch die Prinzeſſin nach dem Namen ihres Beſchützers fragte, dann fiel die Thür ins Schloß. Karl beeilte ſich jetzt, den Audienzſaal, worin die Deputation ſchon verſammelt ſein mußte, zu erreichen, was ihm nur mit Hülfe eines Dieners, welcher ihm durch die weitverzweigten Gänge des Königsſchloſſes den Weg zeigte, gelang. 5 Drittes Kapitel. Die Audienz. Motto: Zweierlei Arten gibt es, die treffende Wahrheit zu ſagen: öffentlich immer dem Volk, immer den Fürſten geheim. Goethe's„Vier Jahreszeiten“. Der König hörte die Wünſche der Deputirten huldvoll an. Zum erſten Mal in ſeinem Leben ſtand her ohne Mittelsperſon den Leuten aus dem Volke gegen⸗ über. An ſtrenges Ceremoniel von Jugend auf gewöhnt, fühlte er ſich anfänglich nicht ganz heimiſch, ſo allein, inmitten der Männer, welche zwar ehrfurchtsvoll, aber ohne Floskeln und Redeblumen zu ihm ſprachen. Durfte er ſich wirklich getrauen, den Rathſchlägen der Depu⸗ tation zu folgen, ſeine Regierung künftig direct und hauptſächlich auf das Bürgerthum zu ſtützen? Der Schubert, Die Jagd nach dem Glücke. III.* 34 Thron könne den Wall eines bevorzugten zahlreichen Adels zwiſchen ſich und dem Volke nicht entbehren, lautete einer der Hauptgrundſätze, die man ihm ſchon in der Wiege einimpfte; Eigennutz und Furcht bewege die Welt, überall lauere die Revolution mit der rothen Republik im Hintergrunde der Freiheitsbeſtrebungen. Das war der mehr oder minder deutliche Refrain aller menſchlichen Stimmen, die bisher an ſein Ohr geklungen waren. Die Prinzeſſin dachte freilich anders; in Manchem hatte ſie den Bruder zu beſſerem Glauben bekehrt, im Ganzen jedoch ſein Mißtrauen gegen das Volk nicht aus ſeinem Herzen nicht zu bannen vermocht. Nun ſprach dieſes Volk mit ihm und nach und nach gewann der Fürſt Vertrauen. Von Natur begabt, begriff er, was das Volk wollte; perſönlich war der König ein Freidenker, den Wiſſenſchaften und Künſten hold. Die Wahrheit, der Glaube an das Edle im Menſchen war nie ganz in ſeinem Herzen ertödtet worden. Jetzt fühlte er zum erſten Male deutlich, daß man ihn dem Volke künſtlich ent⸗ fremdet hatte. Jetzt begegneten ſich endlich Fürſt und Volk ohne Zwiſchenträger. An ſeinem edlen Wollen zweifelten die Männer nicht, welche freimüthig ihm ihre Klagen vortrugen, welche von ihm Abhülfe ver⸗ 35 trauensvoll erbaten; auch er begann an die Redlich⸗ keit ihrer Abſichten zu glauben. Der König entließ die Deputation mit dem Ver⸗ ſprechen, daß die Wahlen völlig frei und unbeeinflußt ſtattfinden ſollten und daß er ſich der Verfaſſungsän⸗ derung, welche die Kammern ihm vorlegen würden, nicht widerſetzen werde. Es war doch ein harter Entſchluß für ihn geweſen. Karl, den der König, als er die Deputation verab⸗ ſchiedete, aufforderte, zu bleiben, bemerkte es wohl; der Monarch ſchien auffällig gedrückt, ſeine Miene be⸗ kümmert; der Schritt, den er ſelbſtſtändig gethan, das Verſprechen, das er gegeben, war in ſeinen Folgen ungemein wichtig und die Ungewißheit des Ausgangs ſchien den Monarchen ſehr zu beunruhigen. Nachdem er Karl nochmals in verbindlichſter Weiſe für die der Prinzeſſin geleiſtete Hülfe gedankt, erkundigte er ſich genauer nach der Stimmung der Volksſchichten, nach dem Detail der begehrten Reformen, nach den Mitteln ihrer Ausführung. Unſerm Helden ward eigenthümlich zu Muthe; der junge Fürſt verlangte von ihm Aufklärung, von ihm, der am wenigſten von allen Unterthanen ver⸗ pflichtet war, ihn zu lieben. Hatte nicht der im Glanze der Majeſtät ſtrahlende Jüngling Sophie bethört und 3 36 ihm für immer das Glück des Lebens vernichtet? Schul⸗ dete er dieſem Manne, der ſo leichtſinnig die Ehre der Geliebten raubte, vielleicht nur um einer Laune zu fröhnen, überhaupt Wahrheit? Karl fand nicht Zeit, ſich dieſe Zweifel genauer zu überlegen. Der Monarch drang mit immer neuen Fragen in ihn, er mußte antworten. Und er that es rückhaltlos, mit einem Freimuth, der vielleicht gerade durch die perſönliche Gereiztheit Karl's gegen den könig⸗ lichen Nebenbuhler die letzte Schranke fallen ließ. Bald aber riß ihn die Begeiſterung für ſeine Sache fort; er erhob ſich über jedes perſönliche Motiv, als Vertreter der Allgemeinheit ſprach er mit Feuer zu dem König. Er vergaß, welcher König es war und was derſelbe ihm Uebles zugefügt; das Bürgerthum und der Geiſt einer neuen Zeit waren es, welche durch ihn mit dem Königthum verhandelten. Der hochherzige Fürſt ließ den jungen Mann, dem die Worte vom Munde floſſen, als ob eine höhere Macht ſie ihm zuflüſtere, ausreden. Das männliche Weſen Karl's, der Freiſinn, der ſcharfe Verſtand, gepaart mit einer nicht zu verkennen⸗ den edlen Geſinnung, zwangen dem Monarchen Ach⸗ tung und Wohlgefallen ab, denn alle echten Fürſten lieben perſönliche Würde. 37 Der Deputation, den Vielen gegenüber fühlte ſich der König beinahe gedemüthigt und erfüllte mit ſchmerz⸗ lichem Entſagen ihre Bitte; den einzelnen Mann, der nun unter vier Augen viel freier die Wahrheit ihm enthüllte, verſtand er viel beſſer; ihm konnte er aus vollem Herzen dafür danken. Mit reiner Freude hörte Karl aus dem königlichen Munde die Verſicherung, daß künftig Fürſt und Volk treu zuſammenarbeiten würden, die hohen Auſgaben der Cultur zu löſen. Wie Sophie ſich des mächtigen Eindrucks wahrer Majeſtät nicht hatte erwehren können, als ſie die Hand des Fürſten küſſen wollte, ſo überwältigte jetzt die edle Opferfreudigkeit des Monarchen unſern Helden. Zwar kniete Karl nicht nieder und küßte die Hand des Königs, aber er brach in heiße Dank⸗ und Segens⸗ wünſche aus. Und für den König waren ſie wohl⸗ thuend, die ungekünſtelten warmen Zeichen der Nei⸗ gung aus einem edlen Herzen. Das ſtarre Eis der Zurückhaltung und eines kalten Ceremoniels ſchmolz; wiederholt reichte er leuchtenden Blickes dem jungen Rechtsgelehrten die Hand. „Ich bin doppelt in Ihrer Schuld, Herr Doctor“, ſprach der Fürſt;„Sie haben mir einen Dienſt gelei⸗ ſtet, welchen zu bezahlen der König zu arm iſt— Sie 38 ließen mich die Wahrheit erkennen. Sie werden mich aber nicht mißverſtehen, wenn ich Sie auffordere, mir ohne Rückhalt zu ſagen, womit ich dem Retter meiner Schweſter meine Freundſchaft beweiſen kann. Der König hat Ihnen gedankt— der Bruder möchte Sie erfreuen.“ Karl zögerte. Sophiens Bild trat wieder zwiſchen ihn und den Monarchen, der nun ſeine Aufforderung wiederholte. „Wohlan“, ſagte Karl,„ich bitte Eure Majeſtät um Gnade für einen Offizier, der, wie ich weiß, ſchwer, abſichtlich und vorbedacht gereizt wurde, bis er die Ge⸗ ſege der Subordination vergaß.“ „Meinen Sie den Oberlieutenant Wermuth?“ fragte der König. „Denſelben“, verſetzte Karl, der den ehemaligen Studiengenoſſen im Arreſt beſucht und von ihm den genauen Hergang jenes Wortwechſels erfahren hatte. „Und für Sie ſelbſt haben Sie nichts zu erbitten, gar nichts?“ wiederholte der König zweimal. Lächelnd ſchüttelte Karl das Haupt und trug nun dem König den uns bereits bekannten Vorfall im Garderobezimmer des Barons Billmann vor. „Verlaſſen Sie ſich darauf“, entſchied der König, „noch heute werde ich mir die Acten vorlegen laſſen und, wenn ich kann, mich Ihres Freundes annehmen.“ 39 Als Karl die Reſidenz verließ, glühte ſein Antlitz freudig; mit Stolz und Rührung konnte er ſich ſagen, daß die große Stunde, die er eben erlebt, in ſeinem Daſein unvergeßlich bleiben werde. Jetzt beurtheilte er Sophiens Fehltritt milder, der Monarch war der Liebe werth; ja, ſo hoch ſtand zu⸗ weilen deſſen Bild in ſeiner Achtung, daß er ihn eines für Sophie entwürdigenden Wargaitniſſs zu ihr für unfähig hielt. Vielleicht hatte er doch Sophie und dem Fürſten Unrecht gethan? Dann aber rief er ſich im Geiſte ihre von ihm belauſchte Unterredung im Garten zurück; er ſah, wie der König die Geliebte auf die Stirn küßte— gab es da für ihn eine andere Auslegung, als daß Sophie ihn um den König aufgegeben hatte? Viertes Kapitel. Wie es inzwiſchen in der Kleinſtadt zuging. Motto: Und Heil dem Bürger des kleinen Städtchens, welcher ländlich Gewerb mit Bürgergewerb paart! Auf ihm liegt nicht der Druck, der ängſtlich den Landmann be⸗ ſchränket, Ihn verwirrt nicht die Sorge der vielbegehrenden Städter, Die dem Reicheren ſtets und dem Höheren, wenig vermögend, Nachzuſtreben gewohnt ſind, beſonders die Weiber und Mädchen. Goethe's,„Hermann und Dorothea“. Mit Genugthuung laſen die meiſten Einwohner der Reſidenz in der Zeitung beim Frühſtück die Berichte über den geſtrigen Empfang der Deputation im Königs⸗ ſchloß. 2 Die Freunde und Verehrer des jungen Dr. Kark Molling aber freuten ſich aufrichtig, ſeinen Namen in der Liſte zu finden, welche die neuen Amtsernennungen brachte. Karl war als Advocat in der Reſidenz an 41 Stelle des Dr. Rödern, der ſich ganz von den Geſchäften zurückzog, beſtätigt— eine in Anbetracht ſeiner Jugend ſeltene Begünſtigung, die er aber nach dem allgemeinen * Urtheil wohl verdiente. Acht Tage ſpäter erhielt Karl einen Brief, der ſeine kühnſten Erwartungen übertraf. Da dieſes Schreiben uns zugleich benachrichtigt, wie es mittlerweile in der Geburtsſtadt unſeres Helden,. die wir längere Zeit aus den Augen verloren, zuging, ſo müſſen wir es ſeinem ganzen Wortlaut nach wieder⸗ geben: „Lieber Sohn! Faſt weiß ich vor Freude, Stolz und Reſpekt die gewohnten Worte nicht mehr zu ſetzen. Im Namen der Stadt theile ich Dir mit, daß Du in unſerm Bezirk als Candidat zur Abgeordnetenkammer vorgeſchlagen biſt. Wenn Du, wie ich nicht zweifle, dieſen Ehrenpoſten annehmen willſt, ſo laden Dich Deine Wähler ein, hierher zu kommen, damit Du Dein politiſches Glaubensbekennt⸗ niß, wie Mr. Brown es nennt, vor ihnen ablegen . kannſt.. Ich verſtehe mich, wie Du weißt, gar nicht auf politiſche Dinge; zu meiner Zeit hatten die Abgeord⸗ neten nichts weiter zu thun, als die von ihnen verlang⸗ ten Gelder zu bewilligen. Dafür bekamen ſie gute 42 Diäten. Sehr angeſehen waren ſie freilich nicht beim Volke, doch wählte man ſie zeitlebens immer wieder, denn es kommt nichts Beſſeres nach, und im Grunde war es einerlei, wen man wählte, wußte man doch zum voraus, daß der Steuern nicht weniger wurden. Jetzt iſt es ganz anders; jetzt kommt es zu förmlichen Wahlſchlachten, denn das Volk, ſogar die armen Arbeiter, kümmern ſich um Dinge, die ſie nichts angehen. Die Welt iſt eben politiſch geworden, meint Mr. Brown, und kein Menſch will mehr die Katze im Sack kaufen. Darum wollen Dich Deine Wähler, denen Du die Ka⸗ ſtanien aus dem Feuer holen ſollſt, zuerſt von Ange⸗ ſicht zu Angeſicht ſehen und ſich überzeugen, ob Deine Klauen ſcharf genug ſind. Es hat ſchwer gehalten, Dich durchzubringen, und verdankſt Du es hauptſächlich Mr. Brown; der kennt ſich in ſolchen Sachen aus und weiß die Menſchen und Dinge nach ſeinem Sinn zu lenken, daß es luſtig iſt, ihm zuzuſehen. Den ältern Bürgern und Beamten ſchienſt Du zu jung und zu freiſinnig; Deine Vertheidigung des Verbrechers, des Dr. N., ſtand in unſerm Tageblatt abgedruckt, und wunderten ſich beſonders einige alte, fromme, weibliche Seelen, die noch zur Franzoſenzeit 43 ſo manchen politiſchen Verbrecher an dem Galgen, der vor dem Ringthor ſteht, hängen ſahen, daß ein ſolcher Attentäter an der Menſchheit heutigen Tages ganz leer ausgehen konnte und daß der Staat ſogar eigene Leute aufſtellt, welche ſolche Spitzbuben vertheidigen. Der Jugend freilich gefiel es, daß ein Kind un⸗ ſerer Stadt es ſo weit habe bringen können. Nun kamen die Unruhen in der Reſidenz— bei uns blieb Gott Lob Alles mäuschenſtill— und aber⸗ mals wurde Dein Name genannt; als Du gar als Beſchützer unſerer allergnädigſten Prinzeſſin auftrateſt, kam man von allen Seiten, mir Glück zu wünſchen, und Mr. Brown ſchlug jetzt vor, Dich zum Abgeord⸗ neten zu wählen. Das gab nun plötzlich eine Aufregung, von der Du Dir keinen Begriff machen kannſt; unſer Buchhändler Frommler, der einen großen Anhang hat, wollte nichts von Dir wiſſen, doch brachte ihn Mr. Brown ſchnell herum, indem er ihm vorſtellte, welch ſchöner Nutzen bei der erwachten politiſchen Denkkraft und Reife der Einwohner unſerer Stadt mit dem Ver⸗ kauf Deiner Schriften ſich erwerben ließe. Dies zog. Zwei Tage ſpäter kündigte der Buch⸗ händler nun Deine Gedichte und Arbeiten, als in ſeinem Verlag eingetroffen, an; dieſelben gingen reißend ab, Dein Gegner war gewonnen. Zwar verſuchte nun der Vetter 44 Hans— ich hätte ihm die Kühnheit nicht zugetraut— eine Rede an die im Löwenbrauhaus— Du weißt doch noch, wie gut das Bier dort iſt— verſammelten Bürger zu halten; ich war nicht dort, aber Hans ſoll kräftig geſprochen haben. Du wollteſt, ſagte er, Alles um⸗ ſtürzen; die Gewerbefreiheit würde die Stadt bald an den Rand des Abgrundes bringen und die projectirte Eiſenbahn noch mehr fremdes Geſindel in die gute Stadt führen, und ſo weiter. Mr. Brown aber hatte dem Buchhändler eine viel ſchönere Rede eingelernt, wie man ſie im Parlament in England hält. Herr Frommler behauptete, daß der Stadt ein Mann nicht gefährlich werden könne, welcher die Prin⸗ zeſſin ſo muthvoll vertheidigt, daß ihm der Landes⸗ herr ſelbſt in einer eigenen Audienz dafür gedankt habe. Die von allen intelligenten, fleißigen und ſtrebſamen Bürgern erſehnte, nur von unglaublich beſchränkten Köpfen gefürchtete Eiſenbahnverbindung mit der Reſi⸗ denz könne nur ein Abgeordneter durchſetzen, der, wie Du, die allgemeine Achtung des Landes und das Ver⸗ trauen des Königs genieße. Wie es Mr. Brown anfing, die Landgeiſtlichen, die früher immer in feſtgeſchloſſenem Bunde ihrem alten Candidaten zum Siege verhalfen, miteinander zu ent⸗ 45 zweien, ſodaß ihre Stimmen ſich zerſplittern, iſt mir heute noch ein Räthſel. Genug, Du wirſt jedenfalls mit überwiegender Majorität gewählt werden. Uns allen geht es recht gut; das Geſchäft wird von Tag zu Tag einträglicher. Früher hatte der Kaufmann auf dem Rathhaus⸗ platz den Hauptzulauf. Seit die Politik in den Köpfen der Bürger ſpukt, ſcheinen ſie auch eingeſehen zu haben, daß meine Preiſe niedriger, meine Waaren aber— wie ich ohne Prahlerei behaupten darf— viel beſſer ſind. Der Vater Roſalindens iſt faſt der Einzige, der noch offen gegen Deine Candidatur ſpricht. Der Narr bildete ſich ein, der Vetter Hans würde endlich doch Roſalinde heirathen. Das Mädchen— ſie iſt furchtbar dick geworden— hielt den armen Hans ſeit Deiner Abreiſe tüchtig unter dem Pantoffel. Hans hätte nie daran gedacht, gegen Dich öffentlich aufzutreten. Roſalinde ſtachelte ihn dazu auf, und er, obwol er ſeit langer Zeit nur widerwillig die Tyrannei der alt gewordenen Jungfrau ertrug, war ſchwach genug, ſich zu fügen. Hans aber iſt nicht der Mann, ſich für eine verlorene Sache aufzuopfern; der Mißerfolg kränkte ſeine Citelkeit, er ermannte ſich und brach mit Roſalinde für immer. In ihrem Zorne und der weiſen Ueberlegung, daß die Zeit der Eroberungen für ſie vorüber ſei, verlobte ſie ſich mit dem erſten Commis ihres Vaters, einem hochaufgeſchoſſenen, aber fleißigen Menſchen, der über den ſchweren Geldſäcken der Mitgift die allzu gewichtige Geſtalt ſeiner Zukünftigen überſieht. Man bedauert den armen Bräutigam allgemein. Roſalinde wird ihn genug quälen, denn er entſpricht durchaus nicht dem Ideal ihrer Träume. Nun kommt aber die Hauptſache, zwei Ueber⸗ raſchungen auf einmal. 1 Deine Schweſter Chriſtine iſt Braut mit dem Inge⸗ nieur der Fabrik, den ſie bei dem Einweihungsfeſt— Du erinnerſt Dich gewiß noch— kennen lernte. Und um die ſanfte beſcheidene Anna hat geſtern zu meinem größten Erſtaunen Vetter Hans angehalten. Anna pflegte in letzterer Zeit Hanſens Mutter, die Majorin, welche ſehr kränklich iſt, und wurde mit dem Vetter, wie es ſcheint, vertrauter. Bald errieth ſie, daß Hans nur auf eine Gelegenheit warte, Roſalindens verhaßtes Joch abzuſchütteln. Da wir mit Kaſtens ſo lange befreundet ſind, die Majorin Hans zu Liebe jeden Stolz auf ihr„von“ und ihr Geld überwand, ſo gab auch ich meine Einwilligung. Vetter Hans iſt zwar kein Geiſteslicht, aber Anna, 47 ein einfaches Mädchen, darf keine großen Anſprüche ma⸗ chen; ſie hat ihn gern und für ſie iſt er klug genug. Er tritt in mein Geſchäft. Von nächſtem Neujahr an eröffnen wir gegenüber dem Laden von Roſalindens Vater ein neues Kaufgewölbe unter der Firma: Molling& Compagnie. Der Eiſenbahnbau wird, ſo rechne ich, ſehr viele Beamte und Arbeiter in un⸗ ſere Stadt führen, Mr. Brown ſeine Fabrik immer mehr erweitern, ſodaß noch ein drittes großes Kauf⸗ mannsgeſchäft in unſerer Stadt beſtehen könnte. Natürlich iſt Hans zu Deiner Partei übergetreten; er behauptet jetzt, abſichtlich die Rolle Deines Gegners geſpielt zu haben, damit kein Anderer die Leitung der Dir feindlichen Bewegung an ſich reißen konnte. Laß ihm dieſe Ausrede, die er bald ſelbſt für Wahr⸗ heit halten wird. Man muß die Menſchen nehmen, wie ſie ſind, und nicht alle können ſo vortrefflich, charakterfeſt, ſo klug und dabei doch ſo gut ſein als mein lieber Sohn, den ich herzlich umarme als der glücklichſte aller Väter.“ Fünftes Kapitel. Die Neueſis erwacht. Motto: Ich brauche Wahrheit! Ihre ſtille Quelle im dunklen Schutt des Irrthums aufzugraben iſt nicht das Loos der Könige. Gib mir den ſeltnen Mann mit reinem, off'nem Herzen, mit hellem Geiſt und unbefang'nen Augen, der mir ſie finden helfen kann. Schiller's„Don Carlos“. Der junge Advocat, dem ſich ſo früh ein großer ſchöner Wirkungskreis erſchloß, zögerte nicht und theilte umgehend dem Vater den Tag ſeines Eintreffens in der Geburtsſtadt mit. Nachdem er die nöthigſten Geſchäfte erledigt hatte und von der Regierung in vorgeſchriebener Weiſe in Amt und Pflicht genommen war, packte er raſch die wenigen Habſeligkeiten zu dem nur ein paar Tage dauernden Ausfluge. ——;—yÿ— 49 In dieſer Beſchäftigung unterbrach ihn ein könig⸗ licher Bote mit dem Befehl, ſogleich vor dem Monar⸗ chen zu erſcheinen. Karl konnte ſich den Grund dieſer Vorladung nicht denken, gehorchte jedoch derſelben ſogleich. Der König empfing ihn in ſeinem Arbeitszimmer; er war nicht allein, ſondern ſprach eifrig mit einem Offizier, der am Schreibtiſch ſaß und ſchrieb. Mit Staunen erkannte Karl in dieſem Offizier den bisher gefangen gehaltenen Heinrich. „In wenig Tagen wird er frei ſein“, richtete der König an Karl ſogleich das Wort.„Der Gouverneur⸗ General und der Feldherr haben ſich für ihn verwendet; die Unterſuchung ergab, daß der Rittmeiſter Graf Ultritz in planmäßiger, verabredeter Weiſe durch Andere den Oberlieutenant von Wermuth beleidigen ließ und ſich dann einmiſchte, um ihn in Arreſt ſetzen zu können. Der Lieutenant, welcher zuerſt Herrn von Wermuth beſchimpfte, bekannte, daß er, von dem Rittmeiſter da⸗ zu verleitet, in der Champagnerſtimmung darauf ein⸗ ging; er bereue es jedoch aufrichtig und ſei bereit, Herrn von Wermuth, den er als tapfern Kameraden hochachte, jede Ehrenerklärung zu geben. Herr von Wermuth hat mir Alles gebeichtet; die Umtriebe der Ultritz ſind in der That ganz nihtaunnrdine Auch Schubert, Die Jagd nach dem Glücke. III. Ihr Freund, wenngleich er durch Heldenmuth auf dem Schlachtfelde ſeine Tüchtigkeit als Soldat bewies, fehlte ſchwer, als er vom Grafen Ultritz die Papiere er⸗ trotzte.“ Dieſe Worte des Monarchen vermochte Karl erſt völlig zu begreifen, nachdem ihm Heinrich auf Verlan⸗ gen des Königs das Blatt Papier gezeigt, worauf er aus dem Gedächtniß den Inhalt der Verſchreibung und der Tagebuchcopie, die Karl in Verwahr gehabt, niedergeſchrieben hatte. Heinrich's Haß gegen den ehemaligen Miniſter kannte keine Grenzen mehr; ihn noch tiefer zu ſtürzen, brach er jetzt das demſelben gegebene Wort und verrieth ihn an den Monarchen, der den Arreſtanten nur zu ſich beſchieden hatte, um ganz klar über deſſen Schuld oder Nichtſchuld zu werden. Die Handlungsweiſe Wehrmuth's widerte den König an, und unter gewöhnlichen Umſtänden würde er den Offizier, ohne auf Weiteres einzugehen, gewiß ſofort in ſein Gefängniß zurückgeſendet haben. Die rothe Brieftaſche war aber auch hier das Zauberwort, wel⸗ ches alle Bedenklichkeiten überwand. Das Geheimnißvolle feſſelt nun einmal die menſch⸗ lichen Gemüther und reizt beſonders die mit Phantaſie reicher Begabten, ſich in Vermuthungen zu ergehen, 51 in Grübeleien zu vertiefen. Zuweilen kann dieſe Be⸗ gierde wie ein Fieber das Gehirn ergreifen und alle übrigen Vorſtellungen in den Hintergrund drängen, ſodaß man weder Ruhe noch Raſt findet, bis der dunkle Fleck erhellt, das quälende thtöielbaiio Geheim⸗ niß gelöſt iſt. So erging es dem König, als er nach Ablauf der dem Grafen gewährten dreitägigen Friſt weder die Brieftaſche noch irgend eine Nachricht über die⸗ ſelbe oder deren einſtigen Inhalt empfing. Das gänz⸗ liche Verſchwinden ſeines ehemaligen Miniſters beſtärkte den Fürſten in dem Verdachte, daß ein Glied der Fa⸗ milie Ultritz, wenn nicht Graf Ferdinand ſelbſt, ſchwer an dem königlichen Hauſe gefrevelt haben müſſe. Der Einbruch bei Dr. Rödern, die Hausſuchung nach den Karl anvertrauten Documenten, die gemeine Intrigue des Rittmeiſters gegen Wermuth, die Berichte Mr. Brown's über das Tagebuch und die Briefe der ver⸗ ſtorbenen Baronin Billmann, der Mutter Mariens, der plötzlich aufgetauchte Taufſchein Borowieſf's— das Alles ſchienen Glieder einer unlösbar verſchlun⸗ genen Kette. Längere Zeit gedachte der König den Unter⸗ ſuchungsgerichten die ganze Angelegenheit zu übergeben, doch die Rückſicht auf ſeinen Vater hielt ihn wieder 4* 52 davon abz wenn Sophie von dem Rechte ihrer Geburt wirklich keinen Gebrauch machte, zu welchem Zwecke ſollte er dann die lange geheim gehaltene Jugendver⸗ irrung ſeines Vaters aller Welt bekannt machen? Außer Mr. Brown und der Baronin Billmann wußte Niemand etwas von dem Taufſchein; an der Verſchwie⸗ genheit beider durfte er nicht zweifeln. Wollte Sophie ſpäter jemals ihre Titel beanſpruchen, dann war es immer noch Zeit genug, den Schleier zu lüften. Der Prinzeſſin⸗Schweſter wagte der König ſich in dieſer Sache nicht anzuvertrauen; er fürchtete, ein heftiger Gefühlsausbruch oder irgend ein unüberlegter Schritt derſelben könnte der Welt das Geheimniß verrathen. Dieſes letztere auf jeden Fall zu durchdringen, war aber der König feſt entſchloſſen; er ſchwankte nur über die Wahl der Mittel. O, daß er jetzt einen verlaßlichen treuen Freund gehabt hätte, in deſſen verſchwiegener Bruſt er ſeine Sorge niederlegen, bei dem er ſich Raths erholen konnte! Dieſer Freund mußte ſelbſtverſtändlich mit den Geſetzen vertraut, ein energiſcher, geſinnungserprobter Mann ſein. Mr. Browu's Geſchicklichkeit und Eifer reichten zu der Löſung der ſchwierigen Aufgabe nicht hin. In dieſer Stimmung geriethen die Gedanken des Königs auf den jungen Advocaten, auf Dr. Molling. 53 Dieſem Juriſten die ganze Angelegenheit mitzutheilen, fiel dem Könige weniger ſchwer, als ſie der Schweſter oder den Gerichtsbeamten anzuvertrauen. Karl war der Mann, wie er ihn brauchte, klug, edel und charak⸗ terfeſt. 34 Nachdem Karl von Heinrich Alles erfahren, was dieſer anzugeben vermochte, wurde Heinrich nach der Kaſerne zurückgebracht. Der König theilte jetzt Karl rückhaltlos alle Einzel⸗ heiten mit, die ſich auf die rothe Brieftaſche bezogen. Wir ſind nicht im Stande, die Empfindungen zu ſchildern, welche auf Karl die Kunde hervorbrachte, Sophie ſei die Enkelin des verſtorbenen Königs und beſitze den Taufſchein ihres Vaters, der ihre Rechte außer Zwei⸗ fel ſetze. „Dieſen Taufſchein muß Fräulein Sophie Ihnen auf kurze Zeit überlaſſen“, bemerkte der König;„er bildet den Hauptbeweis, daß man meinen Vater betrog. Ich gab den Schein zu voreilig aus der Hand; hätte ich ihn behalten und Graf Ultritz gezeigt, ſo würde er viel⸗ leicht über die Brieftaſche Aufſchluß gegeben haben. Jetzt, nachdem der Graf Ferdinand verſchwunden iſt und ſein Sohn ſogar vorgibt, ſeinen Aufenthaltsort nicht zu wiſſen, bſeibt nichts übrig, als auf vorſichtige Weiſe jene ſeltſame Frau, Tante Kathrin genannt, auszu⸗ 54 forſchen. Wie Herr von Wermuth behauptet, ſcheint ſie in das Geheimniß wenigſtens theilweiſe verwickelt; den Taufſchein, von welchem Sie ſodann eine beglaubigte Abſchrift nehmen können, wird Ihnen Fräulein Sophie aushändigen, wenn Sie ihr den Brief vorzeigen, den ich ſogleich ſchreiben will.“ Der König ſetzte ſich an das kleine Schreibpult, welches in dem Kabinet in der Ecke neben dem großen Fenſter ſtand, und begann emſig einige Zeilen auf das Papier zu werfen. Er wendete Karl dabei den Rücken und ſo entging ihm die Veränderung in deſſen Zügen. Mit gewaltſamer Willensanſtrengung hatte der junge Mann ſich bisher beherrſcht; jetzt brach ſeine Kraft zuſammen. Erſchöpft ließ er ſich langſam auf den naehſue Stuhl nieder. „Sie wiſſen, Herr Doctor, wie unbedingt ich Ihnen vertraue“, ſprach jetzt der Monarch, den Brief ſiegelnd; „ſagen Sie mir nun offen, wollen Sie mich mit voller Hingabe unterſtützen, der Sache auf die Spur zu kom⸗ men? Sie müſſen mir dann, ehe ich Sie noch tiefer hinter die Couliſſen blicken laſſe, Ihr Ehrenwort ver⸗ pfänden, daß Sie nie einen andern Gebrauch von den Mittheilungen Ihres Königs machen, nie mehr davon verrathen werden, als zur Ueberführung und Entdeckung —— 3 55 des Schuldigen unbedingt nöthig iſt. Können Sie das verſprechen?“ 3 Keine Antwort erfolgte— der König blickte ſich um. „Mein Gott, was iſt Ihnen?“ rief der Monarch aufſpringend.„Sind Sie unwohl?“ „So viel Vertrauen, Majeſtät“, verſetzte Karl, ſich zu faſſen ſuchend,„heiſcht auch meinerſeits volle Offen⸗ heit. So erfahren Sie, Majeſtät, daß es mir unmög⸗ lich iſt, Fräulein Sophie zu begegnen, zu ſprechen. Es gab eine Zeit, wo ich glauben durfte, von ihr geliebt zu ſein. Es war eine Täuſchung.“ Karl ſtrich ſich mit der Hand über die Stirn, als wolle er die Erinnerung an jene Zeit wegwiſchen, und fuhr aufſtehend fort: 3 „Wenn ich jetzt vor ſie hintrete, würde ſie glauben, ich hätte dieſe Annäherung geſucht, ich wollte jetzt, nachdem ich ihre hohe Abkunft erfahren, ihre verlorene Gunſt wiedergewinnen.“ „Sie, Sie alſo ſind der Mann, den ſie liebt!“ unterbrach der Monarch unſern Helden.„Für Sie wollte ſie den Titel der Gräfin wegwerfen und Fräu⸗ lein Warren bleiben!“ Karl traute ſeinen Ohren kaum, die Wände des Zimmers drehten ſich vor ſeinen Augen, der Fußboden wankte unter ſeinen Füßen. 56 „Sie waren einſt geliebt, ſagten Sie“, ſprach der Fürſt lebhaft;„ein Mädchen wie Sophie liebt nur ein⸗ mal. Sie ſind noch geliebt, geliebt, wie kein Mann ge⸗ liebt zu werden verdient, denn ich ſehe, Sie kennen Sophiens Werth nicht einmal, da Sie ihr Unklarheit und Wankelmuth vorwerfen.“ Ein Wort gab das andere und bald war Karl überzeugt, daß er ſich geäuſcht, daß er Sophie Unrecht ge⸗ than. Der König, in ſeinem Eifer, das ungerechtfertigte Mißtrauen Karl's zu beſeitigen, verſchwieg ihm nichts. Er geſtand, daß er in ſchwärmeriſcher Jugend⸗ wallung in der Villa am See an Sophie einmal ein Bouquet geſendet hatte, worin ein Gedicht verborgen war, in welchem er um eine Unterredung ohne Zeugen im Parke bat. Sophie ſſei wirklich gekommen, aber nur, um den königlichen Verehrer in wenn auch nicht unzarter, doch ſehr ernſter Art zurechtzuweiſen. Der Brief, habe ſie damals geſagt, ſei offenbar an eine falſche Adreſſe gekommen, Könige aber hätten kein Recht, zu irren; um nun keinen Dritten zum Zeugen des Irrthums eines Königs zu machen, bringe ſie ihm den Brief ſelbſt zurück. Niemand habe das Gedicht geſehen und Niemand werde je etwas davon erfahren, wenn der Monarch ſich künftighin vorher genauer über⸗ legen wolle, an wen er ſchreibe. — — —. 57 „Auch bat mich das edle Mädchen damals“, lauteten die Worte des Königs,„die kleinen Aufmerkſamkeiten gegen ſie und Fräulein Julie zu unterlaſſen, da man dieſelben gehäſſig auslegen könnte. Wie ſelbſtſtändig, klug und doch ſo ſchonend als möglich war dieſes Be⸗ tragen eines Mädchens, das die Schwelle der Kindheit kaum überſchritten! Jede Andere an ihrer Stelle hätte ſich laut mit ihrer Tugend gebrüſtet, den kühnen An⸗ beter vor ihren Angehörigen lächerlich gemacht, oder kokett bald durch Abweiſung, bald durch Ermunterung ſich Einfluß auf einen König zu verſchaffen geſucht; Sophie handelte einfach und offen. Ich war ihr dank⸗ bar, daß ſie mich nicht verrieth, mich nicht offen de⸗ müthigte— ſie ſah meine Reue und verzieh. So ſchieden wir damals als gute Freunde, und das ſind wir jetzt noch mehr geworden und werden es bleiben! Sie aber, dem das herrliche Mädchen ihr Herz ſchenkte und ſo viel opfern will, werden— ich erwarte es— ſo groß denken wie Sophie ſelbſt!“ „Und wie Eure Majeſtät“, ergänzte Karl, der ſich recht klein und beſchämt neben dem edlen, wahrhaft königlichen Manne fühlte, an deſſen Verſicherung, daß auch die letzte Unterredung mit Sophie im Garten des Barons Billmann unverfänglich geweſen ſei, er nicht mehr zweifelte.„Mein Herz iſt zu voll, Majeſtät, von 58 Glück und Reue, von Dankgefühl. Ich ſchwöre“, fuhr er, ſich mühſam faſſend, fort,„daß ich all meine Kraft aufbieten werde, das Geheimniß, das Eure Majeſtät ſo ſehr beſchäftigt, zu enthüllen, und gelobe die ſtrengſte Verſchwiegenheit.“ „So empfangen Sie die hinterlafſenen Papiere meines Vaters, die ich erſt vor kurzer Zeit auffand“, verſetzte der König freudig. Er nahm ein kleines Paquet vergilbter Briefe und Blätter aus dem geheimen Fache des Pultes. „Leſen Sie dieſelben, gleich hier an Ort und Stelle, und dann handeln Sie nach eigenem Ermeſſen“, ſagte der Monarch.„Ich gebe Ihnen unbeſchränkte Voll⸗ macht.“ Der König zog ſich zurück, Karl begann zu leſen. Die Briefe waren von einer Frauenhand in ita⸗ lieniſcher Sprache geſchrieben; ſie enthielten die feurigſten Verſicherungen der Liebe und Treue. Die erſten Briefe waren mit„Maria Corniani“ unterzeichnet und trugen keinen Poſtſtempel, die ſpätern, mit einem um ein Jahr jüngern Datum, in Rußland auf einer Poſtſtation am ſchwarzen Meere aufgegeben, zeigten nur die Unter⸗ ſchrift„Marie“. Sie ſprachen von der Hoffnung, den Gatten bald wiederzuſehen. Ein Schreiben ver⸗ kündigte ihm freudig, daß die Briefſtellerin ſich Mutter 59 fühle, und beſchwor den geliebten Mann, recht bald zu ihr zurückzukehren. Den Briefen lagen einige Zeilen von der Hand des verſtorbenen Königs bei. „Seltſam, fürwahr, höchſt ſeltſam! rief Karl, nach⸗ dem er dieſe letztern überflogen. Er las nochmals. Die Thür öffnete ſich, der König ſtand auf der Schwelle. „Sind Sie fertig? fragte er leiſe. Karl bejahte. „So gehen Sie“, ſprach der König, ihm die Hand reichend.„Möge Ihnen das Werk gelingen!“ Mit fliegenden Pulſen verließ Karl das Gemach. Auch ihn ſchien jetzt die Ungeduld, die fieberhafte Span⸗ nung ergriffen zu haben, welche den König quälte. „Es gilt ihre Rechte“, ſagte er bei ſich,„die ſie um meinetwillen gering achtet. Ich jedoch kann ihr Opfer nicht annehmen.“ Der König aber verſchloß ſeufzend die alten Briefe wieder in das Schreibpult. Sechstes Kapitel. Um Mitternacht. Motto⸗ Iſt jenes Fläſchchen dort den Augen ein Magnet? Goethe's„Fauſt“. Baron Billmann war, wie jede Woche, abermals von der Villa nach der Reſidenz gereiſt, um ſeinen künftigen Schwiegerſohn zu beſuchen und zu ſeinen Gunſten ſich bei allen einflußreichen Perſönlichkeiten zu verwenden. Das junge Claming'ſche Ehepaar kam von der Hochzeitsreiſe zurück und bezog das Haus neben der Fabrik; da gab es viel zu thun für Julie, um dem theuren Gatten den neuen Herd recht heimiſch zu machen. Sie bat Sophie, auf einige Tage zu ihr zu ziehen und ihr in der völligen Einrichtung und, Aus⸗ ſchmückung der Wohnung beizuſtehen. 4 4 61 Für Sophie bot dieſer Vorſchlag willkommene Zerſtreuung, und da auch Marie ihr freundlich zuredete, ſo willfahrte ſie dem Wunſche der jungen Frau. Bei der geringen Entfernung der Fabrik von der Villa konnte man jeden Tag, wenn nöthig mehrmals, nach Marie ſehen, die man überdies in beſter Pflege wußte. Tante Kathrin und Marie waren nun allein in der Villa am See. Seit Wochen ſtürmte es; ein ei⸗ ſiger Wind fegte über den See, blies die letzten wel⸗ ken Blätter von den Bäumen und knickte die Aeſte, welche ſeiner Herrſchaft trotzen wollten. Schneegeſtöber und kalte Regenſchauer praſſelten an die Fenſterſchei⸗ ben; heulend fuhr der Orkan durch die Kamine, die Wetterfahnen auf dem Dache knarrten, die Wellen des Sees ſchäumten und ſchlugen rauſchend ans Ufer. Mit dröhnender Stimme verkündigte der unerbittliche Winter ſeine Ankunft; die Natur erſtarrte, als ſie das Nahen des Schrecklichen vernahm, der ſeine Beute nun erbarmungslos mit dem kalten weißen Schneelinnen überdeckte und alles Leben darin begrub. Jetzt wurde es ſtill, der Kampf war zu Ende. Regungslos lag die Gegend in tiefem Frieden. Der See gefror am Rande zu und glich einem öden, unfruchtbaren, weiten Felde. So trüb und traurig die Gegend an den kurzen 62 nebligen Tagen jetzt erſchien, um ſo herrlicher war ihr Anblick bei Nacht, wenn der Mond über den Bergen emporſtieg und in wunderbarer Klarheit ſein reines Licht über das Thal ergoß. Da belebte ſich das bleiche Antlitz der Natur, da glänzte und ſchimmerte das Eis, die Bäume prangten in Silberzier, die Glasſcheiben der Fenſter glühten wie blankes Gold, die Schatten der Mauern und Giebel zeichneten ſich ſcharf am blen⸗ dend weißen Boden ab; in tauſend Abſtufungen malte der Mondſchein neue metalliſche Farben, die der Tag nicht kennt, in die Landſchaft, und aus der blauen durchſichtigen Luft grüßten die Sterne leuchtender herab, als wären ſie dem Menſchenauge näher gerückt und forderten ihn auf, die Wunder der Schöpfung in frommer Ehrfurcht anzuſtaunen. Wieder war eine ſolche Nacht angebrochen; aber der heilige, andachtsvolle Friede, welcher draußen wal⸗ tete, blieb den Herzen des jungen Mädchens und der Greiſin, die noch in der einſamen Villa wachten, ver⸗ ſagt. Tante Kathrin ſaß zuſammengekauert am flackern⸗ den Kaminfeuer in einem hohen Lehnſtuhle; keine Haube verhüllte mehr das weiße Haar, welches aufge⸗ löſt über den gebeugten Nacken hing und in einzelnen Strähnen über die Bruſt fiel. Eine fahle Bläſſe ließ — ℳ— die gefurchten Züge des intereſſanten Antlitzes faſt geſpenſterhaft erſcheinen; die müden, rothgeweinten Au⸗ gen ſtarrten in die glühenden Kohlen. Krampfhaft rankten ſich die abgemagerten Hände um ihre Kniee. Marie lag im Fieber auf dem Bette im Alkoven; die ſchwerſeidenen rothen Vorhänge waren zu Häupten der Kranken etwas zurückgeſchlagen; der gedämpfte Schein einer Nachtlampe beleuchtete das bleiche Ge⸗ ſicht der ſchönen Braut. Schwere Träume mußten ſie quälen, zuweilen ſtöhnte ſie laut auf und richtete, ohne die Augen zu öffnen, ihr Geſicht auf die Stelle, wo Tante Kathrin ſaß; die Greiſin fuhr bei jedem Laute der Kranken erſchreckt aus ihrem Dahinbrüten auf. Als die prachtvolle Uhr die elfte Stunde der Nacht verkündete, erhob ſich Tante Kathrin und trat zu dem Lager Mariens. Langſam goß ſie aus einem Fläſchchen, das eine helle Flüſſigkeit enthielt, einige Tropfen auf einen Löffel und gab dem Mädchen vorſichtig die Arznei ein. Nach wenigen Minuten verlor ſich die Röthe auf den Wangen der Fieberkranken, ihre Athemzüge wur⸗ den regelmäßiger, ſie ſank in einen tiefen Schlaf. Die alte Frau legte ihr Ohr an das Herz der Schlummern⸗ den und blickte dabei auf den Zeiger der Sekundenuhr, welche auf einem Tiſchchen dicht am Bette ſtand. 64 „Unverändert“, murmelte ſie,„das Schickſal iſt unbarmherzig! Sie iſt verloren, keine Hoffnung auf Beſſerung, und doch wird ſie nicht früh genug ſterben.“ Lange betrachtete ſie die Schlafende. Die Hände der Greiſin bebten krampfhaft, mechaniſch griff ſie in die Taſche ihres grauſeidenen Rockes; ihre Augen leuch⸗ teten einen Augenblick in der alten Energie auf, dann aber machte ſie das Zeichen des Kreuzes und hob flehend die Arme gegen den Himmel empor. Zitternd ließ ſie die Vorhänge des Alkovens ganz herab, als vermöchte ſie den Anblick der Kranken nicht mehr zu ertragen, und ſetzte ſich von neuem in dem Lehnſtuhl„ nieder. So mochte ſie eine Viertelſtunde zugebracht haben, als ein leiſes Klopfen an der Thür des Zimmers ſie aufſcheuchte. Leiſe, ganz leiſe hatte es zweimal geklopft, nicht lauter, als wenn ein Waſſertropfen auf glatte Dielen fällt, aber ſie hatte es gehört. Geräuſchlos trat ſie zur Lampe und ſchraubte ſie tiefer herab. Dann öffnete ſie die Thür. Ohne zu ſprechen trat die in einen weiten Man⸗ tel gehüllte Geſtalt eines Mannes herein. Der dicke Teppich machte die Schritte unhörbar. „Schon zurück?“ flüſterte die Greiſin mit ver⸗ 65 zweiflungsvollem Tone, nachdem ſie die Thür wieder verſchloſſen. Die Geſtalt deutete auf den Alkoven. „Sie ſchläft und wird vor einer Stunde nicht erwachen“, ſprach Tante Kathrin;„der Arzt gibt ihr jetzt täglich Opium, welches ſehr ſtark auf ſie wirkt; ſie kann uns nicht hören.“ „Kam ich Ihnen zu früh?“ nahm jetzt Graf Ferdinand Ultritz, denn er war der nächtliche Beſucher, das Wort.„Ich glaube es wohl. Sie baben mich abermals hintergangen. Ich war in dem Kloſter am ſchwarzen Meer, das Sie mir bezeichneten. Der Abt iſt todt.“ „So hat er vielleicht dem König verrathen, daß ſein Vater unter dem Namen Borowieff aus ſeiner Ehe mit Maria Corniani ein Kind beſaß, jenen Feo⸗ dor Borowieff, der aus dem Kl oſter entſprang.“ „Ich laſſe mich nicht länger hinhalten“, ſagte nun der Graf mit einer wilden Entſchloſſenheit, vor welcher der Greiſin das Blut in den Adern ſtockte. „Ferdinand“, jammerte dieſe, vor dem Grafen auf die Kniee ſinkend,„als Sie nach Ihrem Sturze vor faſt zwei Monaten um Mitternacht, wie heute, zu mir kamen, da gab ich, ergriffen von Ihrem Gram und Ihrem Unglück, Ihnen nach. Ich leiſtete Ihnen Schubert, Die Jagd nach dem Glücke. III 5 66 das furchtbare Verſprechen, das zu halten ich leider zu ſchwach bin.“. „So iſt mein Untergang gewiß“, ſtammelte der Graf.„Sie wiſſen, ich bin nicht reich; der Schurke Friedrich ließ ſich ſeine Mitwiſſerſchaft und die Fäl⸗ ſchung der Documente theuer bezahlen; mein Sohn hat den letzten Reſt meines Vermögens verbraucht. Wenn Marie dieſen Wermuth heirathet, wenn mir dieſes Erbe entgeht, bin ich ein Bettler!“ „Geſetzt aber, ſie ſtirbt, geſetzt, ſie ſtirbt recht bald“, ſagte die Greiſin, ſich erhebend,„wie unklug war es dann von Ihnen, hierher zu kommen! Bedenken Sie, wenn man Ihren geheimnißvollen Beſuch entdeckte, wenn zufällig der Tod ſchon in den nächſten Tagen Marie von ihren Leiden erlöſte— könnten nicht Ihre Feinde Sie als Urſache dieſes Unglücks anklagen, als Mariens Mörder?“ Ferdinand zuckte, wie von einem elektriſchen Schlage getroffen, zuſammen. „Deshalb verſuchte ich Sie fortzubringen; warum kamen Sie zurück, ehe ich Ihnen die Erlaubniß hierzu gab, ehe Marie todt iſt?“ ſprach Tante Kathrin eifrig. „Ich wußte wohl, daß Sie in Rußland dem Geheim⸗ niß, auf deſſen Spur der König merkwürdigerweiſe gerieth, nicht näher kommen würden. Allein ich hoffte — 9—,— e ,Aude 67 durch Ihre Täuſchung einen doppelten Zweck zu er⸗ reichen. Die weite Reiſe ſollte Ihnen ſelbſt Ruhe und Faſſung zurückgeben; ſtarb dann inzwiſchen die Kranke, ſo waren Sie fort— Ihre Ehre blieb unverletzt.“ „Sie ſehen zu ſchwarz“, bemerkte Graf Ferdinand. „Wer ſollte mich einer ſolchen That— eines Mordes für fähig halten?“ Raſch ſchlug Tante Kathrin das Auge zu Ferdi⸗ nand auf; er konnte den Blick nicht aushalten. „Wer, fragen Sie? Dieſe dort im Alkoven hält Sie jedes Verbrechens für fähig und ihr Bräutigam ebenfalls.“ „Und Sie haben dennoch Mariens Vertrauen zu gewinnen gewußt?“ gab der Graf kopfſchüttelnd zurück. „Indem ich mir den Anſchein gab, den Haß Mariens gegen Sie zu theilen, und für ihre Verbindung mit Heinrich nach Kräften wirkte.“ „Das war nicht wohlgethan; Sie kreuzten meine Pläne“, ſprach der Graf finſter.„Sie heuchelten auch die Abneigung gegen mich nicht, Sie empfinden ſie wirklich. Ich glaube Ihnen nichts mehr, Katharina, Sie ſind zu meinen Feinden übergegangen.“ „Ferdinand“, verſetzte im Tone zärtlichen Vor⸗ wurfs die Tante,„haben Sie Erbarmen, ich bin alt, ich ſtehe an der Schwelle des Grabes— ich kann das 5* 68 Ungeheure nicht vollbringen! Friedrich's Tod hat mich meine Sünden erkennen laſſen; ich bereue ſie, ich kann zu den alten Verbrechen keinen Mord fügen.“ „So erfahren Sie denn“, preßte Ferdinand zwi⸗ ſchen den Zähnen hervor,„morgen früh wird der Bräutigam Mariens die Freiheit erlangen, ich weiß es von meinem Sohne, den ich geſtern nachts ge⸗ ſprochen.“ „Sie ſind in der Reſidenz geweſen?“ wehklagte Tante Kathrin.„Wenn der wüthende Pöbel Sie er⸗ kannt hätte!“ Ferdinand beruhigte ſie. „Niemand hat mich geſehen. Wir ſprachen uns in dem Hohlwege zwiſchen dem Rödern'ſchen Garten— Sie wiſſen, wo Friedrich ſo unglücklich ſtürzte.“ „Alſo morgen kommt der Bräutigam?“ ſagte ton⸗ los Tante Kathrin.„Er findet eine Todkranke.“ „Die Liebe hat ſchon oft den Todesengel ver⸗ ſcheucht“, meinte der Graf.„Die Krankheit Mariens iſt langwierig; ſie wird ſich wieder aufraffen und dem Betrüger die Hand reichen. Und geſetzt, ſie könnte nimmer aufſtehen, das Mädchen iſt ebenſo romantiſch, wie ihre Mutter war, ſie iſt fähig, ſich auf dem Todten⸗ bette trauen zu laſſen und ihrem Manne ihr Vermögen zu hinterlaſſen.“ — 69 Die Tante vermochte nicht zu widerſprechen; Marie hatte gar oft dieſen Entſchluß geäußert, wenn ſie, in manchen Stunden ſich kränker fühlend, von ihrem bal⸗ digen Tode ſprach. „Nur dieſe Nacht iſt noch unſer— wir müſſen handeln!“ flüſterte der Graf. „Ferdinand, iſt es dahin gekommen?“ ſtöhnte die Greiſin entſetzt. „Halten Sie Ihr Verſprechen“, antwortete kalt Graf Ultritz, während ein teufliſches Lätheln ſeine Züge verzerrte.„Es iſt das letzte Mittel— nehmen Sie— zwei Tropfen genügen.“ So ſprechend, reichte er ihr ein kleines Fläſchchen hin. Entſetzt wich ſie zurück. „Gift!“ hauchte, in den Lehnſtuhl niederſinkend, die alte Frau. „Es muß ſein“, ziſchelte ihr Ferdinand ins Ohr; „nehmen Sie oder ich ſelbſt—“ In dieſem Augenblicke richtete ſich die Tante auf und lauſchte. „Still“, ſagte ſie,„ich höre Schritte, es kommt Jemand den Gang herab.“ Der Graf zitterte. „Wer mag es ſein, der um Mitternacht noch her⸗ umſchleicht?“ 70 „Dort hinein, raſch!“ flüſterte Tante Kathrin und ſchob Ferdinand in das kleine Kabinet, dem Alkoven gegenüber, in welchem ſie ſelbſt während der wenigen Stunden, in denen die Kranke ſchlummerte, zu ruhen pflegte. Die Schritte draußen kamen leiſe und vorſichtig näher. Jetzt verſtummten ſie vor der Thür. Eine Zeit lang blieb Alles ſtill. Schon glaubte Kathrin, ihr Ohr habe ſie getäuſcht, als es klopfte. Die Greiſin erhob ſich und nahm die Lampe in die Hand. „Wer iſt da?“ fragte ſie mit feſter Stimme. „Ich bin es, der alte Jakob“, ertönte die Stimme des Hausmeiſters. Kathrin öffnete ein wenig die Thür und erhob die Lampe, ſodaß deren Schein auf den draußen ſtehenden Mann fiel, ihr eigenes Geſicht aber vom Schatten des Lampenſchirms bedeckt blieb. „Was gibt's? Brennt es oder habt Ihr geträumt“, ſprach Tante Kathrin ſtreng„daß Ihr um Mitter⸗ nacht die Ruhe der Kranken ſtört?“ „Verzeihung“, verſetzte der Hausmeiſter einge⸗ ſchüchtert.„Wir ſind ganz allein in der Villa— die Kutſcher und die Bedienten ſind mit dem gnädigen Herrn nach der Reſidenz, auf die Köchin und die weib⸗ liche Dienerſchaft iſt nicht zu zählen—“ 41 „Ihr ſprecht, als ob wir das Schloß vertheidigen müßten, alter Narr“, unterbrach ihn ungeduldig Tante Kathrin. „Hm, hm, es iſt nicht Alles in Ordnung“, be⸗ merkte der Hausmeiſter;„man hat einen Mann in dunklem Mantel in der Nähe des Wohngebäudes her⸗ umſchleichen ſehen.“ „Wer hat ihn geſehen?“ fragte die Alte raſch. Die Lampe ſchwankte in ihrer Hand. Einen Moment fiel ein Lichtſtrahl auf ihre blaſſen, verzerrten Züge. . Mit Staunen überzeugte ſich Jakob, daß Tante Kathrin ſich doch auch wie andere Sterbliche vor et⸗ 1 was fürchten könne; er hatte es bisher nicht geglaubt. Die Angſt der Frau gab ihm ſeine Ruhe zurück. „Fürchten Sie nichts“, ſagte er,„der alte Jakob wird für Sie wachen. Ich wollte nur fragen, ob Sie nichts gehört hätten, denn ich ſchlief bis vor kurzem.“ „Ich war wach“, antwortete die Tante und drückte die Thür, durch deren Oeffnung der alte Jakob neu⸗ gierig ins Zimmer blickte, beinahe ganz zu,„und habe nichts gehört; Ihr habt Euch geirrt. Geht zu Bette. Wenn der Baron zurückkehrt, ſoll er wiſſen, wie ſchlecht Ihr Euer Amt verwaltet. Bewacht das Hausthor, damit Niemand hberein kann, anſtatt die arme Kranke. aufzuwecken.“ 92 „Durchs Hausthor nehmen die Diebe und Ha⸗ lunken ihren Weg nicht, die finden andere Löcher“, verſetzte jetzt der Diener mit eigenthümlich mißtrauiſchem Tone,„aber der alte Jakob hat ſeine Augen offen. Gute Nacht!“ Der Hausmeiſter entfernte ſich ſo geräuſchlos, als ſein von Natur ſchwerfälliger Gang es zuließ. Tante Kathrin lauſchte noch eine Weile, dann verſchloß ſie die Thür wieder. „Sie müſſen fort, Ferdinand“, ſagte ſie, einige Schritte weit in das Kabinet tretend,„der Alte hat Sie entdeckt.“ „Das iſt unmöglich“, erwiderte Ferdinand;„ich kam von der Seeſeite und ging auf dem Geländer der Terraſſe fort, damit der Schnee die Spur meiner Füße nicht verrathe, bis zu dem Gewächshauſe, zu deſſen Eingang Sie mir den Schlüſſel gaben, als ich das letzte Mal Sie hier heimlich ſprach. Nein, ich gehe nicht von der Stelle, bis jene dort“— er deutete nach dem Alkoven—„dieſen Saft verſucht hat. Helfen Sie mir— wenn Ihre Hand ſchwankt, die meine iſt feſt.“ Mit ſicherem Griffe entkorkte er das Fläſchchen und ſchritt leiſe auf den Alkoven zu. Tante Kathrin, die Lampe in den zitternden Hän⸗ den, wankte ihm nach. Sie flehte ihn an, ſeine Seele —— 73 nicht mit der gräßlichen That zu belaſten. Das furcht⸗ bare Lächeln in ſeinen ſchlaffen Zügen belehrte ſie je⸗ doch, daß er zu dem Verbrechen feſt entſchloſſen ſei. „Wohlan“, flüſterte ſie, die Lampe auf den Ka⸗ minſims ſtellend,„geben Sie mir das Gift.“ In der Meinung, ſie wolle an ſeiner Statt die entſetzliche That vollenden, reichte er ihr das Fläſch⸗ chen. Die Greiſin ſtellte es neben die Lampe. „Ich gehorche Ihnen, Ferdinand“, ſprach ſie; ihre Bruſt athmete mühſam und das blaſſe, verwitterte Antlitz erröthete jetzt bis an die Schläfe.„Aber vorher muß ich noch ein Mittel verſuchen, Ihren Sinn zu wenden. Nie und nimmer würde ich Ihnen verrathen haben, was Sie beſſer nie erfahren hätten, denn es wird Sie noch elender machen, aber Sie zwingen mich ſelbſt dazu.“ Langſam, als ob ſie eine große Laſt mit äußerſter Anſtrengung emporheben müſſe, zog ſie jetzt aus der Taſche ihres Kleides ein Paquet zuſammengefalteter Pa⸗ piere und reichte es zögernd dem Grafen hin. Die Röthe auf dem Antlitz der Tante Kathrin ſteigerte ſich und log auf ihre Wangen den Schimmer der Jugend. „Das ſind die Schriften, welche die rothe Brief⸗ taſche enthielt.“ 74 Ein„Ah!“ der Ueberraſchung glitt von den Lip⸗ pen Ferdinand's. „Tragen Sie die Lampe dort hinein— leſen Sien, ſprach tonlos die Greiſin,„und dann— dann— ſoll Ihr Wille geſchehen!“ Der Graf that, wie ſie ihm geheißen. Die Uhr am Kaminſimſe ſchlug Mitternacht. Im Dunkeln ſank Katharina weinend an dem Lager der kranken Marie nieder. Mit den Thränen fand ſie nach langen, langen Jahren die Gnade wieder, beten zu können. Sie flehte nicht um die Vergebung des Himmels für ihren eige⸗ nen Lebenslauf, ſondern für den des Mannes, der in ihrem Schlafgemach jetzt die geheimnißvollen Papiere neugierig entfaltete und in die ihm wohlbekannten Schriftzüge ſeines Vaters, des Polizeiminiſters Graf Ultritz, blickte. Siebentes Kapitel. Das Geheimniß. Motto:.. Verflucht der Schooß, der mich getragen! Und verflucht ſei Deine Heimlichkeit, die all dies Gräßliche verſchuldet! Falle der Donner nieder, der Dein Herz zerſchmettert. Schiller's„Braut von Meſſina“. „Wenn Du, theure Karoline“, ſo lautete die Selbſtanklage des Vaters vor ſeiner Tochter, der Ba⸗ ronin Franz Billmann,„dieſe Zeilen lieſt, deckt das Grab Deinen Vater. Die Beichte, die ich Gott vor⸗ enthielt, lege ich vor Dir ab, unſchuldiges, betrogenes Kind, damit Dein Gebet verſöhnend und ſegensreich für den ſündigen Vater zu dem Schöpfer empordringe. Der Sohn eines armen Edelmannes aus N., begleitete ich meinen Vater, der in ruſſiſche Militär⸗ dienſte getreten war, nach Petersburg. Als der Va⸗ 76 ter ſtarb, hinterließ er mir, dem ſechzehnjährigen Jüng⸗ ling, zwar kein Vermögen, aber vielſeitige Verbindun⸗ gen mit mächtigen ruſſiſchen Großen. Ich machte gute Forſchritte auf der Univerſität und wurde ſchon mit vierundzwanzig Jahren als Secretär im Juſtizminiſte⸗ rium angeſtellt. Meine günſtigen Ausſichten für die Zukunft ließen meine Armuth überſehen; ich durfte daran denken, um Leonie Cronoff, eine Doppelwaiſe aus einer der ange⸗ ſehenſten gräflichen Familien, zu werben. Sie beſaß, als ich ſie als Gattin heimführte, kein Vermögen, aber einen reichen Onkel, den ſie als einzige Verwandte ein⸗ mal beerben mußte. Bald nach meiner Verheirathung lernte ich bei Hofe den Kronprinzen von**r, meinen jetzigen Herrn und König, kennen Er fand Gefallen an mir. Nach kurzer Zeit wurde ihm meine Geſellſchaft unentbehrlich und er lud mich ein, ihn auf ſeinen Reiſen zu be⸗ gleiten. Meine Frau und ihr Onkel willigten, nach lan⸗ gem Abrathen, endlich ein; ich trat aus dem ruſſiſchen Staatsdienſt, der Onkel ſiedelte mit meiner Frau nach einem Landgute, das er am ſchwarzen Meere beſaß, über. Der Kronprinz, welcher großes Vergnügen darin fand, incognito zu reiſen, nahm den Titel Graf Bo⸗ 76 rowieff an. Wir durchflogen Rußland, die Türkei und ließen uns hierauf in Neapel nieder; lebensluſtig ſtürzte ſich der künftige Monarch in die Vergnügungen, die dort unter dem ſüdlichen Himmel auch das kältere Blut der im Norden Geborenen zu vaſcheremn Puls⸗ ſchlag reizen. Es fehlte nicht an Abenteuern galanter Art; jeder Tag brachte neue Genüſſe, jede Nacht verwandelte ſich zum Tage. Und ich, jung, geſund, zum erſten Male über unbeſchränkte Geldmittel gebietend, nahm Theil an allen Ausſchreitungen übermüthiger Jugendluſt. Unmerklich geriethen wir tiefer auf den Pfad des Ab⸗ grundes, das Laſter ſchreckte uns nicht mehr, ſein ſüßes Gift ward der Seele zum Bedürfniß. Selbſt die Kunde, daß meine Gattin, die am Ufer des ſchwarzen Meeres ſehnſüchtig meiner harrte, ſich Mutter fühlte, riß mich nicht los von dem Taumel, der mich gefangen hielt; und der Kronprinz dachte noch weniger daran als ich, heimzukehren. Zu jener Zeit ſchrieb mir der Onkel unter An⸗ derem, daß noch eine entfernte Verwandte, außer mei⸗ ner Frau, ihm lebe, die Tochter eines Vetters. Dieſe Couſine war bisher von ihm verleugnet worden; ſie hatte durch eine Mißheirath die Ehre der Familie ent⸗ würdigt. 78 Ein ſolches Verbrechen war in den Augen des ſtrengen Grafen Cronoff unverzeihlich. Voll Phantaſie, durch die Einſamkeit einer klöſter⸗ lichen Erziehung bis zur Ueberſchwänglichkeit getrieben, verliebte ſich das Mädchen, kaum nachdem es in die große Welt eingeführt worden, in einen Sänger Giu⸗ ſeppe Corniani, der damals in Petersburg Aufſehen erregte, und entfloh mit ihm nach Italien, wo ſie ſeine Frau wurde. Sie beſaß eine ſchöne Altſtimme, welche nach kur⸗ zer Zeit unter Corniani's Leitung ſich ſo vervollkomm⸗ nete, daß ſie als Sängerin die Bühne betreten konnte. Ohne ein Stern erſter Größe zu werden, erntete ſie doch großen Beifall und war auf den Bretern gern geſehen. Nach zehn Jahren wechſelnden Glückes, wie es das Leben des Künſtlers mit ſich bringt, begann Cor⸗ niani zu kränkeln und verlor ſeine Stimme; da ſich die Gattin nicht von ihm trennen wollte, auch für ſich allein kein einträgliches Engagement bei den Theater⸗ directionen finden konnte, brachen bald Noth und Elend über das Ehepaar herein. In dieſer Verlegenheit wendete ſich die unglück⸗ liche Frau des Sängers hülfeflehend an ihren Vetter, den Onkel meiner Gattin. Aber der in ſeinen heilig⸗ ſten Empfindungen gekränkte Ariſtokrat antwortete nicht. Da folgte ein zweiter Brief, welcher die Todes⸗ anzeige des Sängers enthielt. Nunmehr hielt es der alte Cronoff mit ſeinen Grundſätzen vereinbar, die ſchwergeprüfte Verwandte zu begnadigen. Er bot ihr— ſie war kinderlos— eine Woh⸗ nung auf ſeinem Landgute unter der Bedingung an, daß ſie ihren Mädchennamen wieder annehme und ihre Ehe mit dem verſtorbenen Corniani, ſowie ihren Stand als Bühnenſängerin geheimhalte. Mich beauftragte der Onkel, dieſen Vorſchlag der Nichte, die in Neapel lebe, zu überbringen. Ich that es. Von dieſem Augenblick trat eine Wendung in meinem und in des Kronprinzen Schickſal ein; die Couſine meiner Gattin, die Wittwe des Sängers Cor⸗ niani war, obwohl ſchon in den Dreißigen, noch eine wunderſchöne Frau. Hochgewachſen, wie eine Tanne des Nordens, vereinigte ſie einen königlichen Anſtand mit einem ſprühenden Geiſte; ihre großen Augen, hell aufleuchtend, wie ſtrahlende, hoffnungverheißende Sterne, oder in träumeriſcher Tiefe ruhig wie der See des Gebirges in feuchtem Glanze ſchimmernd, ihr bald ſtolz und kalt zurückhaltendes, bald offenes, heiteres Weſen raubten mir in ihrer Nähe nur zu ſchnell die klare 80 Beſinnung. Ihr zur Seite lebte ein Engel, eine kaum der Knospe entſtiegene Blume, Maria Corniani, eine Bruderstochter des Sängers, der er bis zu ſeinem Tode Unterricht in ſeiner Kunſt gegeben. Die Wittwe quälte das liebliche Geſchöpf, welches ſie um ſo unver⸗ ſöhnlicher haßte, je mehr ihr Gatte es verzogen hatte. Die Vorliebe des Sängers war ohne Zweifel nur die warme Theilnahme des für die Kunſt begeiſterten Leh⸗ rers gegen die talentvolle Schülerin. Vielleicht hätte die Frau es noch ertragen, daß Corniani wie in einen Spiegel in das Mädchen blickte, wäre Maria weniger ſchön geweſen. So aber kam zu der Eifer eſucht der Neid der ebenſo eitlen als leidenſchaftlichen Frau, und nach dem Tode Corniani's ließ ſie dem zurückgehaltenen Groll gegen die arme Waiſe freien Lauf. Stumm duldete Maria die üble Behandlung. Wohin hätte ſie, die allein auf der Welt ſtand, ſich wenden ſollen? Die beiden Frauen, welche ſo wenig zuſammen⸗ paßten, befanden ſich in einer ſehr d dürftigen Lage, als ich ſie kennen lernte. Der Vorſchlag des Onkels brachte Rettung; wie ein Bote des Himmels erſchien ich in der Hütte der Armuth. Ich kam wieder, Graf Boro⸗ wieff mit mir. Wuchs meine Leidenſchaft ſtündlich, trotz meines Einblicks in ihren unedlen Charaker, für —— —— 81 die intereſſante Wittwe, ſodaß ich die heiligſten Pflich⸗ ten darüber vergaß, ſo war mein Gefühl doch noch kühl im Vergleich mit der an Wahnſinn grenzenden Liebe, welche meinen Gönner für Maria Corniani er⸗ faßte. Das liebliche Mädchen, voll unbeſchreiblich rüh⸗ render Anmuth und Schönheit, widerſtand allen Kün⸗ ſten ſeiner Verführung; die Tugendhaftigkeit des be⸗ zaubernden Naturkindes, obgleich ſie zu Zeiten den jungen Prinzen der Verzweiflung nahe brachte, zwang ihm Bewunderung ab. Seine aus ſinnlichem Wohlgefallen entſtandene Neigung verwandelte ſich in wahre tiefe Liebe; er än⸗ derte ſeine Lebensweiſe gänzlich, floh alle Geſellſchaft und lebte ganz dem holden Traume der erſten reinen Liebe. Maria bemerkte nicht gleichgültig den Sinnes⸗ wechſel, die Veredlung ihres Anbeters und die unbe⸗ grenzte Macht, welche ſie auf ihn ausübte. Ihr Herz erwachte, ſie erwiderte ſeine Liebe. Die ſchöne Wittwe und ich waren die Zeugen dieſes ſtillen Glückes. Die Zartheit und Innigkeit des Verkehrs der ſchwarme⸗ riſchen jungen Seelen warf einen verklärenden Hauch auch auf uns, die wir das Leben ſchon genauer kann⸗ ten und wußten, wie jede verborgene Freude einen Schubert, Die Jagd nach dem Glücke. III. 6— 82 Keim in ſich trägt, der früher oder ſpäter, wenn die Rauſchgoldblätter des Glückes verwelkt ſind, ſich zur Leidensblume entwickelt, deren Dornen unſere Bruſt zerreißen, deren Gift unſer Leben vergällt. Der Vater des Kronprinzen, durch ſeine Späher wohl unterrichtet von des Sohnes romantiſchem Lie⸗ beshandel, bezeichnete ihm jetzt einen Zeitpunkt, bis zu welchem er nach Hauſe zurückkehren ſollte, um der ihm beſtimmten Braut, einer Tochter des Königs von***, die Hand zur Ehe zu reichen. Gleichzeitig for⸗ derte er ihn auf, Neapel ſogleich zu verlaſſen und ſich nochmals an den ruſſiſchen Hof zu begeben, um einige geheime politiſche Unterhandlungen zu Ende zu führen. Ein heftiger Mann, hatte der König den Sohn zu unbedingter Fügſamkeit erzogen. Der Kronprinz fürchtete den Vater, er wußte nur zu gut, daß jeder Widerſtand ihm gegenüber unmöglich war. Man mußte alſo gehorchen und nach Rußland aufbrechen; Maria Corniani begleitete aber als Gräfin Borowieff den Geliebten. Ohne Ahnung ſeines höhern Standes war ſie durch einen armen Prieſter Namens 83 Filelfo in einem Fiſcherdorfe auf der Inſel Capri mit ihm getraut worden. Ich und mein Diener Friedrich, die Wittwe Cor⸗ niani und die Beſitzerin der Villa, welche wir in Nea⸗ pel zuletzt bewohnten, eine taube Matrone, die nur nothdürftig leſen konnte, waren die Zeugen dieſes Ehe⸗ bundes. Einige Wochen ſpäter ſtarb der alte Filelfo. Wir reiſten langſam. Von einem kleinen unbe⸗ ſuchten Badeort in Savoyen aus ſchrieb ich an den Onkel meiner Frau und theilte ihm den beiläufigen Zeitpunkt mit, bis wann ich mit der wiedergefundenen Nichte, welche auf alle ſeine Bedingungen einging, auf ſeinem Landſitze am ſchwarzen Meere eintreffen wollte. Ich erſuchte ihn, ſeine Antwort nach dem Badeort zu adreſſiren, da der Kronprinz ſich noch incognito vier⸗ zehn Tage dort aufzuhalten wünſche. Ehe acht Tage vergingen, traf eine Antwort ein, welche mich in große Beſtürzung verſetzte. Meine Frau war ſehr ſchwer erkrankt und der Onkel gebot mir, indem er die Vorwürfe über mein langes Ausbleiben nicht ſparte, unverzüglich abzureiſen; 6* „ dies ſei um ſo nothwendiger, als er ſelbſt ſich heute noch, vielleicht auf Jahre, nach Aſien begeben müſſe, da er dort zum Gouverneur einer neu eroberten Pro⸗ vinz ernannt worden ſei. Graf Borowieff aber, deſſen Aufenthalt, ſowie daß er ihn mit der ſchönen Maria Corniani theile, ſeinem Vater verrathen wurde, erhielt jetzt den ſtrengſten Be⸗ fehl, die unwürdige Liaiſon ein⸗ für allemal abzubrechen, ſogleich nach Petersburg zu eilen und binnen vier Wochen in der deutſchen Reſidenz, wo die Vorberei⸗ tungen zur glänzenden Verlobung ſchon getroffen wur⸗ den, ſich einzufinden. Unſanft aufgerüttelt aus der allzu leichtſinnigen Sorgloſigkeit über die nächſte Zukunft, wußte keins von uns einen Rath, den Wetterſtrahl des Schickſals, der das Glück der jungen Eheleute zu vernichten drohte, abzulenken. Graf Borowieff nahm Abſchied von Marie; er ſchützte tödtliche Erkrankung ſeines Vaters als den glaubwürdigſten Vorwand ſeiner ſchnellen Abreiſe vor und verſprach, ſo bald als möglich zu Maria zurück⸗ zukehren, welche uns nach dem Landſitze am ſchwarzen 3 85 Meere begleiten ſollte. Die Wittwe des Sängers, deren Mißſtimmung gegen Maria längſt verſchwunden ſchien, war nämlich auf den klugen Einfall gerathen, die Ab⸗ weſenheit des Onkels meiner Frau zu benutzen, um der Gräfin Borowieff wenigſtens die erſte Zeit eine geſicherte Zuflucht zu bieten. Nachdem ich und die Wittwe, ſowie mein Diener Friedrich einen feierlichen Eid geſchworen, die königliche Abſtammung des Grafen Borowieff gegen Jedermann, beſonders aber ſeiner Gattin zu verheimlichen, ſchlug der Kronprinz, Verzweiflung und Furcht vor ſeinem Vater im Herzen, den Weg nach Petersburg ein; wir andern reiſten ſo ſchnell als nur immer möglich an unſern Beſtimmungsort. Um allenfallſige Nachforſchungen des Königs nach Maria Corniani zu erſchweren, reiſte dieſe unter dem Namen Signora Filelfo mit uns; der Kronprinz fürchtete nämlich, wenn Maria den Namen Borowieff. führe, könne ſein Vater ſeiner Vermählung auf die Spur kommen. Je näher wir dem ſchwarzen Meere kamen, deſto beklommener wurde mir ums Herz. Ich ſollte die 2* 86 Gattin wiederſehen, die zärtlich an mir hing, die ich aus Eitelkeit, der Begleiter eines künftigen Königs zu ſein, ſchon im erſten Jahre unſerer Ehe verlaſſen. Die Freundſchaft des Kronprinzen, der ich ſo viel geopfert, welchen Vortheil hatte ſie mir gebracht? Bald, das ſah ich klar vor Augen, mußte er ſich den Wünſchen ſeines Vaters fügen; der Prinz war eine energiſche Natur, der Augenblick regierte ihn und nimmer wagte er, dem Vater zu trotzen, der ſich keinen Augenblick beſonnen haben würde, das Band, das den Sohn an die Nichte eines Theaterſängers feſſelte, zu zerreißen, ja, der in ſeiner wilden Heftigkeit vielleicht den Sohn zu verſtoßen oder in ewigem Kerker zu begraben fähig war. Mir hinterließ nun der Prinz das unglückliche Weſen, das ſeinen Schwüren geglaubt, nicht ahnend, daß ſelbſt die Weihe des Prieſters den Bund, den ein Königsſohn gegen den Willen des Vaters ſchließt, nicht unlösbar macht. Ich konnte ſehen, wie ich dieſe Bürde, die nun ſchwer auf mir laſtete, wieder los würde. Und ich ſelbſt! Wie ſah es in meinem Innern aus? Die Treue, die ich meinem arglos vertrauenden Weibe 4 4 87 gelobt, hatte ich, in wildem Sinnengenuß ſchwelgend, gebrochen; die Wittwe Corniani wußte mich immer mehr zu umſtricken; wohl erwachte das Gewiſſen, ich ſah die ganze Abſcheulichkeit meines Verhältniſſes zu ihr ein; oft hatte ich mir gelobt, ſie und den Fürſten heimlich zu verlaſſen und reuevoll zu meiner Frau zu⸗ rückzukehren, aber die Unruhe und Qual der Sehnſucht, wenn ich auch nur eine Stunde von der ſchönen Wittwe getrennt war, belehrte mich, wie ohnmächtig das Beſ⸗ ſere in mir geworden. Ein Blick ihrer Augen, ein freundliches Lächeln dieſes ſphinxartigen Antlitzes be⸗ zauberten mich und führten mich willenlos aufs neue zu ihren Füßen. Es war nicht Liebe, was ich für ſie empfand; es war weniger, denn ich achtete ſie nicht. Sie hatte ſich leidenſchaftlich an mein Herz geworfen, als noch kein Grün die Erde über dem Grabhügel ihres Mannes deckte; und doch war es wieder mehr als Liebe, was mich in ihre Nähe bannte; es war ein dämoniſches Feuer, in dem ich für ſie erglühte, ein verzehrendes Verlangen, das keine Befriedigung kannte und endlos ſchien. —õ—õõmõsss ◻☛ 38 Die Vorſehung ſtrafte mich furchtbar für meine Verblendung, denn als wir auf dem Landſitze endlich ankamen, lag mein unſchuldiges edles Weib im Ster⸗ ben. Lächelnd, mit brechendem Blicke deutete ſie auf die Wiege neben ihrem Schmerzenslager, in welcher ein Knäblein friedlich ſchlummerte. Aber ach, die Geburt meines Sohnes Ferdinand koſtete der Mutter das Leben. Sie ſtarb wenige Tage nach meiner Ankunft. Einen Monat nach dem Tode der Mutter meines Kindes ſchrieb mir der Kronprinz aus Petersburg, er ſehne ſich, ſeine Gattin vor der ewigen Trennung noch einmal zu ſehen, und werde auf der Heimreiſe nach Deutſchland ſich einige Stunden in Kiew aufhalten, wohin ich mich mit der unglücklichen Gräfin Borowieff zur feſtgeſetzten Friſt begeben ſolle. In Begleitung meines Kammerdieners Friedrich machte ich mich mit der kränkelnden Maria auf den Weg; wir gelangten jedoch nur bis in ein Dorf in der Nähe Odeſſas, da die Gräfin heftig erkrankte. Friedrich eilte nach Kiew, um den Kronprinzen dort ᷣ zu erwarten und zu uns zu geleiten. Mein Kammer⸗ diener kam allein zurück und brachte mir ein Schreiben ᷑̃ 89 des Prinzen, worin dieſer in verzweiflungsvollen Aus⸗ drücken beklagte, daß er den Umweg über Odeſſa nicht mehr wage, da ſein Vater ihn zur beſtimmten Stunde erwarte, um mit ihm nach dem*erſchen Hofe zu reiſen und ihn mit ſeiner künftigen Gattin bekannt zu machen. Nur nach vielen Bitten habe der König ein⸗ gewilligt, die förmliche öffentliche Verlobung hinaus⸗ zuſchieben; insgeheim jedoch ſei der Checontract bereits geſiegelt und fehle nur noch ſeine, des Kronprinden, Unterſchrift, die er nicht länger verweigern dürfe, ohne den Verdacht des ſtrengen Vaters zu erregen. Er wiſſe, daß alle direct durch die Poſt an ihn kommenden Briefe vorher von dem König geöffnet würden, weshalb er mir die Adreſſe eines verlaßtichen Mannes angebe, an den ich meine künftigen Berichte über die arme Maria zu richten hätte. In der Hoffnung, den geliebten Mann wiederzu⸗ ſehen, getäuſcht, verſchlimmerte ſich die Krankheit der Gräfin Borowieff; ſie ſchwebte wochenlang zwiſchen Tod und Leben, und als ſie nach der Geburt eines Knaben endlich ſich etwas erholte, blieb ihr Geiſt ge⸗ trübt, eine tiefe Melancholie ergriff ſie. Sie ahnte, 90 daß der Mann ihrer Liebe ſie betrogen hatte. daß ſie ihm ein Stein auf ſeinem Lebenspfade war, und opfer⸗ freudig faßte ſie den Entſchluß, ihm zu entſagen. Sie ſprach nicht mehr, nahm faſt keine Nahrung zu ſich, der ſeelenvolle Ausdruck ihrer Augen erloſch. Nur meinem Vorſchlage, ihren Sohn auf den Namen Filelfo taufen zu laſſen— als Grund gebrauchte ich den Vorwand, ihren Gatten vor Enterbung durch ſeinen Vater zu ſchützen— widerſetzte ſie ſich ſo ent⸗ ſchieden, daß ich, um einen Aufſehen erregenden Auf⸗ tritt zu vermeiden, nachgeben mußte. Der Sproſſe des Kronprinzen wurde als Graf Feodor Borowieff getauft und in das Kirchenbuch des Dorfes eingetragen. Den Taufſchein nahm die Mutter zu ſich; ich überließ ihn ihr unter der Bedingung, daß ſie auch fernerhin, bis ihr Gatte es anders verfüge, vor der Welt den Namen Filelfo fortführe. Auf eine genaue Mittheilung des Vorgefallenen ſchrieb mir der Kronprinz, daß er bei Lebzeiten ſeines Vaters ſeinen Sohn nie anerkennen werde, daß er ſelbſt für ſeine Gattin von nun an todt ſein müſſe. Mit Schauder ſah der Prinz die Zeit nahen, wo der 91 Vater ihn, der ſchon vermählt war, zu einer zweiten Ehe zwingen würde. In ſeiner entſetzlichen Lage, aus der es nur einen Ausweg gab, nämlich ein offenes Bekenntniß, beſchwor er mich, auf Rettung, auf Hülfe zu ſinnen. Das Schickſal kam dem ſchwachen Charakter zu Hülfe. Der Tod Maria Corniani's befreite den Kron⸗ prinzen von der Hauptlaſt ſeiner Sorge. Bald nach unſerm Wiedereintreffen auf der Be⸗ ſitzung, wo mein Sohn und die Wittwe Corniani unſer harrten, verfiel die einſt ſo liebliche, engelgleiche Maria in völligen Wahnſinn und welkte raſch dahin. Das Grab ſchloß ſich über der ſo ſchwer Geprüften; ſie wurde als Signora Filelfo beerdigt. Der Taufſchein ihres Sohnes Feodor, welchen ich ſuchte, um ihn dem Kronprinzen zu bringen, war nirgends zu finden; w der Friedrich noch die Wittwe Corniani wußten Aur ſchluß darüber zu geben. Dieſe traurigen Erlebniſſe ſtürmten auf mich ein und erweckten mein Gewiſſen endlich aus dem Schlafe. Von fruchtloſer Reue gefoltert— denn ich konnte ja den Todten das Leben nicht dadurch zurückgeben— irrte ich Tag und Nacht auf der weiten Beſitzung um⸗ her; aber ich fand keine Ruhe. Im Rauſchen der Bäume hörte ich klagende vorwurfsvolle Stimmen, die Wogen des Meeres, die in wilder Brandung an das Felſenufer rauſchten, ſchienen mir ins Ohr zu donnern, daß es für meine Schuld keine Sühne gäbe. Die wahnſinnige Neigung für die ſchöne Wittwe erloſch nun in meiner Bruſt und machte einem na⸗ menloſen Ueberdruſſe, einem dumpfen Grolle Platz. Sie war mein böſer Geiſt geweſen; die tiefen, verzeh⸗ renden Augen, in die ich ſonſt ſo gern geblickt, fürchtete ich jetzt; ich vermied ſo viel als möglich die Teufelin, die mich verlockt hatte, Pflicht und Ehre zu vergeſſen. Die ſeltſame Frau bemerkte wohl, was in mir vorging; unheimlich, drohend leuchteten ihre Augen, ein Zug der Verachtung umſpielte ihren feingeſchnittenen Mund mit den ſchmalen Lippen, wenn ſie mir zufällig begegnete. War ſie ihrer Herrſchaft über mich völlig ſicher oder zu ſtolz, meine verlorene Neigung wieder⸗ gewinnen zu wollen, genug, ſie that nicht den gering⸗ ſten Schritt, ſich mir zu nähern. — — 93 O, daß ich doch damals ihr entflohen wäre auf immerdar! Denn jetzt traten Umſtände ein, die mich, wenn auch auf andere Weiſe als früher, vollkommen zu ihrem Sklaven machten. Mein Sohn Ferdinand erkrankte plötzlich, und ehe noch ein Arzt gerufen wer⸗ den konnte, machte ein Gehirnſchlag dem Leben des zarten theuren Weſens ein Ende. Betäubt von dem neuen fürchterlichen Unglück ſann ich darüber nach, auf welche Weiſe ich dem Onkel, der nach dem Tode meiner Frau mir tiefbekümmert geſchrieben hatte, dieſe noch ſchrecklichere Trauerbotſchaft möglichſt ſchonend mittheilen könne. Da ſchickte die Wittwe des Sängers zu mir und bat mich um eine kurze Unterredung. In meiner troſtloſen Lage war mir die Einſamkeit zur Qual geworden; ich beſchloß, zu hören, was ſie mir mitzutheilen habe, und begab mich zum erſten Male ſeit dem Tode der Gräfin Bo⸗ rowieff in den Theil des Schloſſes, den die Wittwe Corniani bewohnte. „Haben Sie ſich alle Folgen des Todes Ihres Sohnes“, begann ſie mit kalter Stimme„ſchon klar vor Augen gehalten?“ 94 Fragend ſah ich ſie an— ihre Augen blitzten un⸗ heimlich. „Der Onkel Ihrer verſtorbenen Frau, meiner Couſine“, fuhr ſie fort,„wird, da Sie keine Nachkommen beſitzen, ſein bedeutendes Vermögen kaum Ihnen hin⸗ terlaſſen; der Heirathscontract ſpricht Ihnen in dieſem Falle jedes Recht darauf ab.“ „Vielleicht hoffen Sie ſelbſt jetzt in ſeinem Teſtament als Haupterbin zu figuriren?“ warf ich ein. „Ich?“ lachte ſie bitter.„Die Frau eines fah⸗ renden Sängers? Ich muß froh ſein, daß er mir hier in dieſem Gefängniß eine Zelle anwies, damit ich nicht verhungere; ich kenne dieſe Großen; ſie ſind brutal und erbarmungslos wie die Henker, wo es ſich um die Vorurtheile der Geburt und um Mißheirathen handelt. Ein Almoſen wird der alte Cronoff mir vielleicht zu⸗ werfen, aber ehe er mich als Erbin einſetzt, eher ſchleu⸗ dert er ſeine Reichthümer dem nächſten beſten Bettler in den Schooß. Aber ebenſo gewiß wird er auch Ihnen nicht, nachdem Ihr Sohn, ſein Großneffe, todt iſt, ſeine Güter hinterlaſſen; er hat Ihnen nie vergeben, daß Sie, als ſein Amt ihn nach Aſien rief, trotz ſeiner Bitten nicht zu der kranken Gattin, ſeiner Nichte, zu⸗ rückkamen. Erfährt er aber, daß Sie in den Armen einer Andern die beſchworene Treue verhöhnten, ſo wird er Sie um ſo ſicherer enterben.“ „Woher ſollte er dies wiſſen?“ unterbrach ich das furchtbare Weib, deſſen dämoniſche Schönheit Zorn und Bosheit noch mehr hervortreten ließen. „Woher?“ verſetzte ſie hohnlachend.„Durch mich wird er es erfahren, Undankbarer, wenn Sie mir nicht blindlings gehorchen. Sie verdienen zwar nicht mehr, daß ich für Ihr Glück ſorge. Ziehe ich meine Hand von Ihnen ab, opfere ich Sie meiner Rache, indem ich den Onkel in unſer Verhältniß einweihe und dem König, dem Vater des Incognito⸗Grafen Borowieff, den Namen des ſaubern Helfershelfers ſeines Sohnes nenne, ſo ſind Sie verloren.“ Sie hatte nur zu ſehr Recht. Die Briefe des DOnkels gaben mir die Hauptſchuld an dem Tode meiner Gattin. Der Kronprinz hatte mir ſeine Verlobung angezeigt; er drohte, indem er mich an meinen Eid erinnerte, mit der fürchterlichſten Rache, wenn ich je ſein Geheimniß verriethe, und verſprach mir reiche Be⸗ lohnung für mein Stillſchweigen. Der Ehrgeiz nach äußern Auszeichnungen, die Habſucht nach irdiſchen Gütern überſtimmten die War⸗ nungen meines Gewiſſens. Ich verſprach dem Prinzen Schweigen und lauſchte jetzt der Sirene, die mir einen verworfenen, aber leicht ins Werk zu ſetzenden Plan verlockend vortrug. Als ich das Zimmer verließ, war ich entſchloſſen, ihn auszuführen. Niemand wußte noch im Schloſſe vom Tode meines Söhnchens. Es war in meinen Armen geſtorben, während die Amme einen Gang ins Dorf gemacht hatte; als dieſe, eine Leibeigene, die weder ſchreiben noch leſen konnte und überhaupt be⸗ ſchränkten Geiſtes war, ins Schloß zurückkehrte, nahm die Wittwe Corniani, die am Thore auf ſie gewartet hatte, dieſelbe mit ſich auf ihr Zimmer und ſagte ihr, daß während ihrer Abweſenheit der kleine Feodor Fi⸗ lelfo geſtorben ſei und daß ich ihrer Nachläſſigkeit die Schuld an dieſem Tode beimeſſe. Die Amme war außer ſich vor Schrecken und ging mit Freuden auf den Vorſchlag der Wittwe ein, zu ent⸗ 97 fliehen, um dem erſten Ausbruch meines Zornes zu entgehen. Die einzige Zeugin, welche unſern Betrug hätte entdecken können, war ſomit entfernt. Mein Sohn Ferdinand wurde nach zwei Tagen als Feodor Filelfo begraben, Feodor Borowieff aber nahm ganz den Platz meines verſtorbenen Kindes ein; er galt von nun an als der Erbe meines Namens, für meinen Sohn Ferdinand. Die beiden Knaben waren im Alter nur wenig verſchieden; außer der Amme und meinem Kammerdiener und der Wittwe Corniani kannte ſie Niemand. Friedrich allein wußte außer uns um den Betrug; er war habſüchtig und unſerer Familie treu ergeben. Ich erkaufte ſein Schweigen. Durch dieſes Verbrechen ſicherte ich mir einen doppelten Vortheil. Der Onkel meiner Frau, in der Meinung, einen Nachkommen in dem unterſchobenen Ferdinand zu ha⸗ ben, blieb mir gewogen und mußte mir zufolge des Ehecontracts dereinſt ſein Vermögen hinterlaſſen, der Kronprinz aber war ein⸗ für allemal jeder Befürch⸗ tung, die Folgen ſeiner jugendlichen Verirrung könnten vor der Zeit entdeckt werden, überhoben. Schubert, Die Jagd nach dem Glücke III. 7 98 Ich ſelbſt überbrachte ihm die freudige Botſchaft. Er dankte mir gerührt für den großen Beweis meiner Freundſchaft. Schwach und leichtſinnig wie er war, hatten neue Erlebniſſe den Gram um den Verluſt Maria Corniani's in den Hintergrund gedrängt. Er verſprach mir, für das Kind jener übereilten Verbin⸗ dung zu ſorgen, aber vor der Welt ſollte es für Fer⸗ dinand, meinen Sohn, gelten und nie erfahren, daß ich nicht ſein Vater ſei. Die Wittwe Corniani ſollte mit dem Kinde einſtweilen in Rußland beiben. Kurz nach dieſer Unterredung vermählte ſich der Kronprinz dem Willen ſeines Vaters gemäß und ich erhielt eine Stelle in ſeinem Hofſtaat. Ehe ich mein Amt antrat, übergab ich dem Kronprinzen eine rothe Brieftaſche, welche alle Documente, die ſich auf unſer Geheimniß bezogen, mit Ausnahme des verlorenen Tauf⸗ ſcheins enthielt. Ich ſtieg von Stufe zu Stufe in der Laufbahn, zu der ich mir auf ſo verwerfliche Weiſe den Weg ge⸗ bahnt. Zwei Jahre nach der Vermählung des Kron⸗ prinzen ſtarb der König; der neue Herrſcher beförderte mich und zeichnete mich vielfach aus. Er befahl mir —— 99 jetzt, Ferdinand aus Rußland kommen zu laſſen. Ich ſchrieb an die Wittwe, in deren Obhut der Knabe auf dem Landgute lebte. Sie antwortete, ſie wolle nur die Ankunft des alten Grafen Cronoff, der aus Aſien zu kurzem Beſuch eintreffen werde, abwarten; da mein Schwiegervater mich ebenfalls zu ſehen wünſchte, ſo entſchloß ich mich raſch zu der Reiſe ans ſchwarze Meer. Wie freute ſich der alte ehrenhafte Mann über das Söhnlein ſeiner geliebten Nichte! Jetzt kam mir unſer Betrug faſt verzeihlich vor. Die Wittwe gewann durch die Liebe, womit ſie an dem kleinen Ferdinand zu hängen ſchien, durch die unermüdliche Sorgfalt für ihn die volle Verzeihung des alten Cronoff. Er billigte es, daß ſie mit mir den Knaben nach Deutſchland begleite und ſich nicht mehr von ihm trenne. Mit mancherlei Befürchtungen trat ich, nachdem der Urlaub des Onkels abgelaufen war, die Heimreiſe in Begleitung der einſtigen Geliebten an. Wenn ſie ihre alten Rechte geltend machte? Wenn ſie mich zwang, ihr die Hand zur Ehe zu reichen? Ich hätte mich kaum weigern können. 7* „———— 490 Meine Furcht war jedoch grundlos. Sie erklärte mir, daß ſie ſich ganz meinem Willen fügen werde, ja ſie forderte mich auf, wenn ſich eine Gelegenheit dazu biete, mich wieder zu verheirathen, wobei ſie nur die eine Bedingung ſtellte, daß ſie als Pflegerin und Gouvernante bei Ferdinand, bis er herangewachſen ſei, bleiben dürfe. Ich mußte froh ſein, ſo leichten Kaufs mich mit ihr verſtändigen zu können. So blieb ſie denn, auch als ich mich bald darauf wirklich mit Deiner Mutter vermählte, im Hauſe. Doch ſollte ich das Familienglück, das ich ſchon einmal fre⸗ velnd verſcherzt hatte, auch in der zweiten Ehe nicht dauernd finden. Der Tag, an dem Du das Licht der Welt erblickteſt, theure Tochter, raubte mir Deine Mut⸗ ter. Wie Ferdinand, den Du bis heute für Deinen Stiefbruder halten mußteſt, wurdeſt nun auch Du der Pflege und Aufſicht jener Frau übergeben, welche ihr Kinder Tante Kathrin nanntet, in welcher Du jetzt die Mitſchuldige Deines Vaters erkennſt, die abenteuerliche 1 Wittwe des Sängers Corniani! Mit zunehmenden Jahren meldete ſich mein Ge⸗ wiſſen lauter. Tante Kathrin blieb feſter als ich. 101 Der König ſchien der Vergangenheit nicht mehr zu gedenken; zwar blieb er ſtets dankbar und gnädig gegen mich, er erhob mich und ſpäter Ferdinand zu beneideten Ehrenſtellen, allein er liebte ſeinen natürli⸗ chen Sohn nicht und geſtattete ihm nicht viel Einfluß. Die Königin hegte ſogar eine tiefe Abneigung gegen Ferdinand und ſuchte ihn vom Hofe zu entfernen. Der König war damals im Beſitze der rothen Brief⸗ taſche, welche die Beweiſe enthielt, daß Ferdinand ſein Sohn ſei; wollte er ihn verleugnen, ſo wurde es mir ſehr ſchwer, wenn nicht unmöglich, gegen den König aufzutreten. In dieſer Kriſis rieth mir Tante Kathrin, mich der Brieftaſche wieder zu verſichern. Ich folgte dem ſchlauen Rath. Von jetzt an war der König wieder ganz in meiner Hand; er vermuthete wohl, daß ich der Dieb war, doch die Furcht vor der Entdeckung und Veröffentlichung ſeiner Ehe mit Maria Corniani hielt ihn ab, irgend welche Schritte zur Erlangung der rothen Brieftaſche gegen mich zu unternehmen. Er wußte, daß er ſich auf mein Stillſchweigen verlaſſen konnte, ſolange er die Bedingungen unſeres Vertrags 102 einhielt. Meine Stellung bei Hofe war fortan uner⸗ ſchütterlich. Jahrzehnte vergingen. Du, liebe Karoline, reichteſt Baron Franz Bill⸗ mann die Hand, nachdem ich in unglückſeliger Ver⸗ blendung Dir den Geliebten Deines Herzens ver⸗ weigert. Dein Töchterchen Marie wuchs heran. Wie glück⸗ lich hätte ich beim Anblick Deines Kindes, das ja mein Fleiſch und Blut war, ſein können! Aber das Alter der Schuldbeladenen iſt freudenlos. Zwiſchen Euch, meinen wirklichen Abkömmlingen, und mir ſtand der eingeſchobene Sohn des Königs, er für meinen Sohn galt, und Tante Kathrin. Sie rlangte, als Du Dich vermählteſt, mit Dir zu ziehen. zie entfremdete mir Dein Herz, ſie ſäete Mißtrauen zwiſchen mich und Deinen Gatten. So ſtand ich, ein lebensmüder Greis, der Liebe der Meinen beraubt, verlaſſen da. Ferdinand, vor der Welt mein Sohn, war ein ſelbſtſüchtiger Charakter; kein Zug von Sym⸗ pathie feſſelte ihn an mich. Die Stimme der Natur, die uns ſcheinbar verknüpfte, war gefälſcht, das, was * 103 Andern als das Heiligſte gilt, hatte ich zum Deck⸗ mantel eines unerhörten Betrugs entwürdigt. Ferdinand aber war unſchuldig daran, er ahnte ja ſeine Herkunft nicht. Ich konnte ihm keinen Vor⸗ wurf daraus machen, daß er ſich gleichgültig gegen mich zeigte; wenn er überhaupt zärtlicher Regungen fähig war, galten ſie vielmehr ausſchließlich der Tante Kathrin, die es doch ſo wenig um ihn verdiente. So lagen die Verhältniſſe, als der Graf Cronoff ſtarb und mich zum Erben ſeines bedeutenden Vermö⸗ gens ernannte. Ferdinand erhob die Erbſchaft in Rußland, da mich ſchon ſeit längerer Zeit ein Unwohl⸗ ſein an das Bett feſſelt; mein Leiden verſchlimmert ſich von Tag zu Tag, ich fühle mich dem Tode nahe. Beladen mit der furchtbaren Schuld, kann ich nicht ſterben, ehe ich ſie Dir, geliebte Tochter, rückhaltlos gebeichtet. Mit zitternder Hand ſchreibe ich dieſes Vermächtniß nieder. Durch mein Teſtament hoffe ich einen Theil des an Dir begangenen Unrechts wieder gut zu machen. Tante Kathrin vermache ich ein Legat, für Ferdinand mag der König ſorgen. 104 Ich ſtelle Dir anheim, ob Du nach meinem Tode meine Bekenntniſſe dem Gericht übergeben willſt. Fluche dann dem Vater nicht, der Dir einen entehrten Namen hinterläßt. Kannſt Du das Opfer bringen, willſt Du großmüthig mein Verbrechen mit dem Schleier ewigen Schweigens bedecken, ſo ſegne Dich Gott dafür. Ver⸗ nichte in dieſem Fall die rothe Brieftaſche und ihren Inhalt und bete zu dem Allbarmherzigen für die Seele Deines Vaters!“ Mit wachſender Aufregung hatte Graf Ferdinand dieſe Aufzeichnungen geleſen. Seine Augen ſchienen aus ihren Höhlen zu treten, ſeine Geſtalt bebte, als er ſich erhob und zu der Frau, der Mitwiſſerin und Urheberin des Betrugs, in das Krankenzimmer zurückkehrte. „Weiß der jetzige König, daß ich ſein Bruder bin?“ flüſterte er. Tante Kathrin antwortete nicht. Sie lag in ſich zuſammengeſunken im Lehnſtuhl und weinte leiſe. „Weshalb hat man mir bis heute meine Abkunft verheimlicht?“ fragte er, die Greiſin heftig am Arme ſchüttelnd.„Warum erfuhr ich nicht, wer ich bin? 105 Ich will meine Rechte geltend machen. Nur der plötz⸗ liche Tod des verſtorbenen Königs, meines Vaters, hinderte ihn, glänzend für mich zu ſorgen.“ „Deine Rechte?“ verſetzte Tante Kathrin.„Armer Ferdinand, Du weißt noch nicht Alles. Du biſt nicht der Sohn des verſtorbenen Königs.“ „ Nicht ſein Sohn?“ preßte Ferdinand wüthend zwiſchen den Zähnen hervor, indem er die alte Frau aus dem Stuhl emporriß.„Fürchterliches, entſetzliches Weib, wer bin ich?“ „Du biſt mein Sohn, ich bin Deine Mutter!“ erklang es hohl von Tante Kathrin's Lippen, die jetzt händeringend vor Ferdinand auf die Kniee fiel. „Unmöglich!“ ſprach, wie aus einem ſchweren Traume mühſam erwachend, Ferdinand mit gebrochener Stimme.„Unmöglich!“ Tante Kathrin erhob ſich und nahm den Mann, den ſie Sohn genannt und der regungslos vor ihr ſtand, bei der Hand. Willenlos ließ er ſich von der alten Frau in das Seitenkabinet führen, in welchem die Lampe ſtand. „Höre mich nun an“, ſprach Tante Kathrin, den 106 faſt betäubten Ferdinand auf das Sopha nieder⸗ laſſend.„Ich haßte Deinen Vater, wie ich noch keinen Menſchen haßte. Als er mein Herz gewann, verſchwieg er mir, daß er vermählt ſei; er betrog mich um Ehre und Glück, um die Selbſtachtung, die mir bisher das Höchſte geweſen, die mich in Noth und Elend aufrecht erhalten hatte. In verblendeter Leeidenſchaftlichkeit war ich einſt mit dem ſchönen Sänger Giuſeppe Cor⸗ niani bei Nacht und Nebel entflohen, ich opferte ihm Stellung, Vorurtheil der Geburt, eine glänzende Zu⸗ kunft. Corniani aber, ein unbedeutender Menſch, ohne großen Verſtand, beſaß wenig Herz, und dieſes Wenige gehörte ganz ſeiner Kunſt; alle ſeine Gedanken waren auf die Rollen gerichtet, die er ſpielte und ſang. Wie die meiſten Künſtler lebte er gar nicht in der Wirklich⸗ keit, ſondern in dem erlogenen Daſein der Breter, welche die Welt bedeuten. Ich will ihn nicht anklagen, ſie ſind faſt alle ſo, die dem Theater angehören; ohne daß ſie es wiſſen, wird ihnen die Wirklichkeit zum Phantaſiebild; was ſie zu fühlen und empfinden wäh⸗ nen, iſt nichts als Strohfeuer der Begeiſterung für eine effectvolle Situation. So ſpielen ſie auch im 107 Leben. Ihr Pathos iſt falſch, ihre Worte ſind Phra⸗ ſen, ihre Schwüre Selbſttäuſchungen; ſie bedürfen des Beifalls oder doch des Anblicks der Menge, ſie brauchen daher auch im Privatleben ein Publikum, was ſie be⸗ gafft, bewundert, beneidet oder wenigſtens verlacht. Darum haben ſie kein Familienleben. Eitelkeit und wieder Eitelkeit und Selbſtüberſchätzung, der Rauſch des Selbſtbetrugs ſind die Grundelemente ihres Cha⸗ rakters. Ein tiefer Ekel vor dem Lügenweſen der Bühne ergriff mich, aber ich hielt bei Corniani aus. Der Menſch irrt, ſolange er lebt, er hat ein Recht zu irren und ich kenne nur die eine Moral: Nichts iſt ſündhaft, deſſen Folgen man bis zum Aeußerſten auf ſich nimmt. Ich that es, ich trug bis zu Ende das Schickſal, ich ſpann ſeinen langen Faden ab von der Spule der Zeit, welche die Reue mit Thränen benetzt, ob mir die Seele wie die Finger dabei bluteten! Als ich fertig war mit der Titanenarbeit, da hatte ich ab⸗ gebüßt, was ich nach den Begriffen der Geſellſchaft verſchuldet, da fühlte ich mich entſühnt. Mein Cha⸗ rakter hatte ſich geſtählt, ich war mir meiner Willens⸗ kraft bewußt geworden; aus Ueberfülle der Phantaſie 108 beging ich, faſt noch ein Kind, einſt eine Thorheit; jetzt, ein noch ſchönes Weib, verachtete ich die Phan⸗ taſie, die mich ſo elend gemacht. Da lernte ich Deinen Vater kennen; er war ein Verſtandesmenſch, er lachte wie ich über die Hirngeſpinnſte der Einbildungskraft, über den Glauben an die kindiſchen Ideale, welchen die Gefühlvollen nachjagen, um ſchließlich als den Kern der ſo ſchön geſchmückten, von fern angebeteten Götzenbilder eine fühlloſe hölzerne Gliederpuppe zu er⸗ kennen. Aber Niemand kann über ſeine Natur gebieten. Wir ſpotteten der Poeſie, höhnten den Idealismus; unmerklich erwachten jetzt die wilden Sinne und nah⸗ men, von keinem edlern, frommen Wahn mehr ge⸗ bändigt, den Herrſcherſitz in unſern leeren Gemüthern ein.“ Tante Kathrin fuhr fort: „Die Begierde, welche in der reinen, begeiſterten Schwärmerei edler Liebe einſt Befriedigung ſuchte, aber nicht fand, ſchrie jetzt laut nach Genuß und ſinnlos ſtürzten wir uns in den Quell der rohen Freude, deren Tropfen erquicken, in denen zu baden aber der Seele den Tod bringt. Ich glaubte den Schwüren Deines 109 Vaters— Du haſt geleſen, daß er mich betrog, ſo ge⸗ ſchickt er auch die Schuld von ſich abzuwälzen ſucht. Er hat gefrevelt an der wahren Moral, er war zu feig, die Folgen ſeines Verhältniſſes mit mir zu tragen. Er opferte mich, ich aber, ich haßte ihn von nun an unverſöhnlich. Einige Monate nachdem er mich ver⸗ laſſen, um ſein Amt bei dem Kronprinzen anzutreten, gebar ich Dich. Ich wußte, daß Dein Vater ohne zwingende Urſache nicht ſo bald zu mir zurückkehren würde. So beſchloß ich, Dich mit dem Sohne des Kronprinzen zu vertauſchen. Ich ließ den nur wenig ältern kleinen Feodor Borowieff, welcher die Rolle des todten Ferdinand ſpielte, in einer dunklen Nacht vor die Thür eines benachbarten Kloſters tragen. So blieb Deine Geburt verheimlicht. Du, der Baſtard, galteſt fortan vor der Welt für Ferdinand, den ehe⸗ lichen Sohn Deines Vaters. Er ſelbſt aber hielt Dich für den Sohn des Königs.“ „Entſetzlich!“ ſtöhnte Ferdinand.„Und weiß der König jetzt, daß ich nicht ſein Bruder bin?“ „Ich kann nicht mehr zweifeln, daß er es weiß oder wenigſtens dem Geheimniß auf der Spur iſt“, 110 antwortete die Greiſin.„Friedrich, der Kammerdiener, den Dein Vater damals bei uns zurückgelaſſen hatte, ſetzte das Kind aus und wartete in der Nähe des Kloſters, bis er ſich überzeugt, daß die Mönche es zu ſich nahmen. Es fiel mir leicht, Friedrich zu dem Betrug zu bewegen. Du warſt doch wirklich, wenn auch illegitim, ein Ultritz; der neue Betrug vereinigte Sohn und Vater und ſchob nur jenen Feodor Boro⸗ wieff, die unerwünſchte Frucht einer Jugendthorheit des Fürſten, beiſeite. Friedrich begriff, daß, um die Intereſſen des gräflich Ultritz'ſchen Hauſes und ſeine eigenen zu wahren, die That geheim bleiben müſſe. In ſeinem Weſen miſchte ſich ein Hang zum Geheim⸗ nißvollen, eine Spitzbubennatur mit angeſtammter Treue gegen die Ultritz'ſche Familie, mit grenzenloſer Habſucht und einer eigenthümlichen Religioſität, welche aus einigen unverrückbaren Sätzen und Aberglauben be⸗ ſtand. Ich wußte die Saiten ſeines Charakters ſo an⸗ zuſpannen und auszunutzen, daß er mir zeitlebens ein williges, verſchwiegenes Werkzeug blieb. Dennoch hin⸗ terging er mich einmal, denn nur er kann den Tauf⸗ ſchein Feodor Borowieff's entwendet und in den Korb —— 111 gelegt haben, in welchem wir das Knäblein ausſetzten. Er geſtand es mir niemals ein, doch bin ich von ſeiner Treuloſigkeit in dieſem Punkte feſt überzeugt. Ob er Mr. Brown's Verſuchungen und Geldanerbietungen gegenüber ganz feſt blieb, wage ich nicht zu entſcheiden. Deinem Vater verrieth er jedoch nie den wahren Sach⸗ verhalt. Meine Rache an Deinem Vater war gelun⸗ gen; mein und ſein Sohn lebte in ſeinem Hauſe und er hielt ihn für des Königs Kind. Seine Tochter, von Dir und ihm um ihr Lebensglück beſtohlen, wen⸗ dete dem Vater ihr Herz ab, einſam und elend fuhr er zur Grube!“ „Und ich bin Dein Sohn?“ ſtöhnte Ferdinand, ſich von den Armen der Mutter freimachend. „Dich habe ich geliebt“, fuhr Tante Kathrin ſchmerz⸗ lich fort, als ſie bemerkte, mit welcher Geberde des Abſcheus der Sohn ſich von ihr abwendete,„Du ſtiegſt als der vermeintliche Sohn eines Königs zu hohen Würden. Vo iſt eine Mutter, die, wie ich, dem Sohne das ungeheure Opfer brachte, ſich ihm nie zu erkennen zu geben?“ „Fluch dieſer Heimlichkeit, dieſem Betrug!“ rief 142 der Sohn.„Dich hat nicht Liebe zu mir, Dich hat der Haß gegen den Vater geleitet!“ Im Innerſten von der begründeten Anklage ge⸗ troffen, erbleichte Tante Kathrin, ſie fand kein Wort der Rechtfertigung. „Hätteſt Du mir früher die rothe Brieftaſche ge⸗ zeigt und das gräßliche Geheimniß enthüllt, es wäre Alles anders geworden.“ „Glaube das nicht“, verſetzte die Greiſin.„Was hätte es Dir genützt? Du würdeſt doch kaum als un⸗ ſer Ankläger bei Gericht aufgetreten ſein! Wenn Du aber geſchwiegen hätteſt, wärſt Du unſer Mitſchuldiger geworden, das wollte ich Dir erſparen.“ „Und warum vernichteteſt Du dann wenigſtens den Inhalt der rothen Brieftaſche nicht?“ fragte Ferdinand. „Ich bedurfte der Documente, damit der König Dich nie fallen laſſen konnte, als Waffe gegen ihn im Falle der Noth. Am Todestage Deines Vaters brachte mir Friedrich die Brieftaſche, welche für die Mutter Mariens beſtimmt war. Ich bewahrte ſie. Wußte ich doch nicht, ob und bis zu welchem Grade der junge 113 König von ſeinem Vater ins Vertrauen gezogen wor⸗ den. Daß Mr. Brown durch Mariens Mutter von dem Vorhandenſein der Brieftaſche unterrichtet wurde, daß Heinrich Wermuth Kenntniß davon bekam, daß endlich, wie es ſcheint, der König auf den Einfall ge⸗ rieth, in den Papieren ſeines Vaters zu ſtöbern und Dich als ſeinen Bruder bezeichnet fand und hinterher über den echten Feodor Bor. wieff, der vielleicht noch lebt, Näheres erfuhr, war nicht vorauszuſehen. Aber ſelbſt jetzt iſt es gut, daß wir den Inhalt der Brief⸗ taſche haben— man wird den Skandal ſcheuen und Du wirſt mit einer großen Summe Dich abfinden laſſen.“ „Du kennſt den König nicht— ſein Gerechtigkeits⸗ ſinn iſt enthuſiaſtiſch— er wird uns nicht ſchonen. Ich bin ein Bettler, wenn Marie ſich vermählt— es gibt nur einen Ausweg. Sie muß ſterben, dann bin ich ihr Erbe. Vollende das Werk, es wird Deiner Moral zu⸗ ſagen, es iſt die letzte Conſequenz, das letzte Glied in der Kette von Betrügereien und Verbrechen— zaudere nicht!“. Mit dieſen Worten ſtieß Ferdinand die ais Frau, Schubert, Die Jagd nach dem Glücke. III 114 welche vergeblich ihn beſchwor, den furchtbaren Plan aufzugeben, in das Krankenzimmer hinaus, dann nahm er die Lampe und folgte ihr. „Du willſt ſie morden“, fragte die Greiſin,„auch das Kind, wie Du die Mutter gemordet?“ „Welche Albernheit!“ verſetzte Ferdinand aus⸗ weichend.„Karoline ſtarb eines natürlichen Todes. Aber dieſe dort lebt ſchon zu lange. Vorwärts!“ Die Gräfin ſchwieg jetzt und ging mit geſchloſſenen Augen wie eine Nachtwandlerin auf den Kamin zu, auf deſſen Sims das Fläſchchen mit dem Gifte ſtand. Sie ergriff es; ihr leichenblaſſes Antlitz auf den Sohn richtend, ſchlug ſie, wie geiſtesirr, das Auge zu ihm empor. Er winkte gebieteriſch nach dem Bette. Mit leiſen Tritten ſchlich das Mörderpaar zu dem Lager Mariens. Frau Kathrin zog den Vorhang zurück. Ferdi⸗ nand erhob die Lampe ein wenig. Ein Ausruf der Ueberraſchung entſchlüpfte den Lippen der Greiſin— das Bett war leer. Der Sohn, welcher ſie zu dem Morde gedrängt, ließ vor Schreck über Mariens Verſchwinden die Lampe 4 — 115 ſeiner zitternden Hand entgleiten; ſie zerbrach erlöſchend am Boden. Gleichzeitig erſcholl aus der entgegengeſetzten Ecke des Zimmers der gellende Ruf: „Hülfe! Hülfe!“ Achtes Kapitel. Es gibt eine vergeltende Gerechtigkeit. Motto: Wenn uns der Meuchelmord auch aller Folgen entledigte, wenn mit dem Todten Alles ruhte; wenn dieſer Mordſtreich auch das Ende wäre, das Ende nur für dieſe Zeitlichkeit— wegſpringen wollt' ich übers künft'ge Leben! Doch ſolche Thaten richten ſich ſchon hier; die blut'’ge Lehre, die wir Andern geben, fällt gern zurück auf des Erfinders Haupt, und die gleichmeſſende Gerechtigkeit zwingt uns, den eignen Giftkelch auszutrinken. Schiller's„Macbeth“. Wie er es dem König verſprochen, begann Karl Molling ſogleich ſeine Forſchungen nach der rothen Brieftaſche. Zunächſt reiſte er zu Mr. Brown nach der Fabrik, um ſich die nöthigen Aufklärungen und Ergänzungen über manche Epiſode der Vergangenheit zu verſchaffen. Dann erſt wollte er Sophie in der Villa am See aufſuchen, ſie um Verzeihung wegen ſeines 117 Mißtrauens bitten, Einſicht von dem Taufſchein nehmen und ihr ſeine Dienſte zur Geltendmachung ihrer An⸗ ſprüche anbieten. Es dämmerte ſchon, als die Extra⸗ poſtkutſche, welche unſern Karl aus der Reſidenz in die Fabrik befördert hatte, vor dem ſtattlichen Wohn⸗ gebäude hielt. Mr. Brown war im Städtchen; Karl mußte da⸗ her ſeine Ungeduld zügeln. Er folgte dem Diener, welcher ihn einlud, die Rückkehr des Fabrikherrn im Bibliothekzimmer ab⸗ zuwarten.. Ausgefroren von der Fahrt bei dem kalten Wet⸗ ter, war unſerm Helden die warme Stube will⸗ kommen. Der Diener brachte Licht und fragte, ob er ihn bei den Damen des Hauſes melden ſolle. Jetzt erſt erfuhr Karl, daß Frau von Claming ſchon aus Italien zurück und daß Sophie bei ihr auf Beſuch ſei. Herr von Claming hatte Mr. Brown nach der kleinen Stadt begleitet. Ehe Karl dem Diener ſeinen Willen kundthun konnte, trat Julie, die den Wagen auffahren hörte und glaubte, ihr Gatte und Mr. Brown ſeien nach Hauſe gekommen, in das Bibliothekzimmer. Herzlich begrüßte ſie den jungen Advocaten. „Es verſtand ſich von ſelbſt, daß er den Abend hier zubringen mußte. „Wie wird mein guter Großonkel ſich freuen und mein Mann“, ſagte ſie,„und noch eine dritte Perſon, deren Theilnahme Sie eigentlich gar nicht verdienen!“ Karl erkannte, daß die klarblickende Julie ſo ziem⸗ lich alles Vorgefallene durchſchaute; er nahm daher keinen Anſtand, ſie zu bitten, Sophie ſeine Ankunft 8 und ſeinen Wunſch, ſie im Namen des Königs ſprechen zu dürfen, mitzutheilen. Julie zögerte nicht, ſofort die Botſchaft zu be⸗ ſtellen, und wenige Minuten ſpäter ſaßen Sophie und Karl einander im Bibliothekzimmer gegenüber. Im Anfange ſtockte die Unterredung; längere Zeit beſtand ſie nur aus abgeriſſenen Worten, die einem Dritten, der die ſie begleitenden Blicke und Mienen nicht verſtanden hätte, ganz ſinnlos vorgekommen wäre. Nach und nach aber gewannen die Reden Zuſammen⸗ hang, die Gedanken Deutlichkeit, die ſtolze Zurückhaltung 119 des Mädchens verwandelte ſich in Offenheit, die ehr⸗ erbietige, ja demüthige Sprache des jungen Mannes wurde feuriger. Wir wiſſen zu gut, daß keine Kunſt den Zauber zu ſchildern vermag, welcher in dem Zwiegeſpräch eines liebenden Paares für die Betheiligten liegt, deshalb verzichten wir in weiſer Beſchränkung darauf, den Wortlaut ihrer Reden dem Leſer zu verrathen, und be⸗ richten nur das Ergebniß, welches uns das liebliche Bild der Verſöhnung zweier Liebenden zeigt. 1 Mit hochſchlagendem Buſen ſaß Sophie auf dem kleinen Divan im Erker; ihre bleichen edlen Züge über⸗ flog der Schimmer reinſter Freude; entzückt ſenkten ſich Karl's Blicke in die tiefen, wunderbaren, in feuchtem Glanze ſtrahlenden Augen; ſeine Arme umſ ſchloſſen die ſchlanke Geſtalt, ſein Haupt lag wonnetrunken in ihrem Schooße. Sie aber beugte ſich nieder zu dem vor ihr Liegenden, ihr dunkles Haar berührte ſeine Wangen, wie einſt beim Abſchiede ſuchten und fanden ſich jetzt ihre Lippen im heißen Kuſſe. Die Welt um ſie verſank, jeder Schmerz war vergeſſen, ein neues Leben ging ihnen auf. Sie fühlten 120 ſich eins im heiligen Bewußtſein wahrer, endloſer Liebe. Sophie hatte dem Geliebten verziehen. Jetzt hielt ſie ihn feſt, jetzt war er der Ihre fürs Leben; ſie war ſein, rückhaltlos, ohne Schranken; ſein treues, hinge⸗ bendes Weib! Und er? Für ſein Empfinden gibt es keinen Ausdruck; iſt doch jedem Mann das Weib ein Räthſel, das er mit ſcheuer Andacht verehrt. Jeder Liebende vergöttert im Weibe das Geheimniß ewiger Schönheit aufs neue, ein Pygmalion, der in heißer Liebesglut zu dem ſchönen Marmorbilde ſich verzehrt und Aphrodite beſchwört, der kalten Statue Leben und Liebe einzuhauchen. Jeder Liebende iſt aber zugleich der Bildner und Schöpfer der idealen Geſtalt des Weibes; wie der Be⸗ griff ewiger weiblicher Schönheit ſeiner Seele vor⸗ ſchwebt, ſo ſchmückt ſeine Phantaſie mit allen Vorzügen das ſterbliche Weib aus, für das ſein Herz in Liebe ſchlägt. Wohl ihm, wenn dann die Wirklichkeit nicht zu weit hinter ſeinen Träumen zurückbleibt, wenn die lebendig gewordene Galatea hält, was die Erſcheinung 121 des angebeteten Kunſtwerks verſprach, wenn ſie das Sehnen, das ſie erweckte, zu befriedigen vermag! Karl war ein ſolcher Glücklicher, Sophie ein in jeder Hinſicht vollendetes Weib. Begreiflicherweiſe hatte Karl, die Stunden aus⸗ genommen, wo er ungerecht Sophie durch Eiferſucht beleidigte, wie alle Liebenden, in der Geliebten das unerreichbare Muſterbild der Schöpfung verehrt; den⸗ noch meinte er, ſie bis heute noch gar nicht gekannt zu haben. Ein neues überirdiſches Weſen erſchien ſie ihm jetzt in ihrer reinen Jungfräulichkeit, ihrer erha⸗ benen und doch ſo einfachen Denkweiſe, mit ihrem treuen Sinn, ihrem edlen Herzen, in ihrer tadelloſen, bezaubernden Schönheit. Und ſie ſchien nicht blos, ſie war ſo, und noch beſſer, als ſein trunkenes Auge ſie bewundernd erblickte. Hand in Hand ging das Brautpaar den heim⸗ kehrenden Fabrikherren entgegen. Mit herzlichem Glückwunſche umarmten die Freunde die Glücklichen. Julie preßte halb weinend, halb lachend Sophie ſchweſterlich an ihr Herz. Bis ſpät in die Nacht blieb man im traulichen Geſpräche beiſammen. Karl vergaß den Auftrag des Königs nicht, er theilte Mr. Brown den Inhalt der Aufzeichnungen des verſtorbenen Monarchen mit. Die rothe Brief⸗ taſche, welche die Beweiſe der Ehe mit Maria Corniani enthielt, war verloren gegangen oder, wie der Monarch in den ſeinem Sohne hinterlaſſenen Papieren ſagte, von dem Vater des Grafen Ferdinand Ultritz ent⸗ wendet worden. Bis zur Auffindung des Taufſcheins Feodor Borowieff's hatte begreiflicherweiſe der jetzige König den Grafen Ferdinand für ſeinen natürlichen Bruder gehalten. Mr. Brown bedauerte nun die unkluge Uebereilung, womit Sophie dieſen Taufſchein vernichtet. Der einzige Zeuge, den man vielleicht hätte ein⸗ ſchüchtern oder beſtechen können, der alte Kammerdiener Friedrich, war todt. Darüber, daß man bei Tante Kathrin weder durch Drohungen noch durch Bitten etwas ausrichten würde, herrſchte nur eine Meinung. Graf Ferdinand war verſchwunden. Alle andern Mitwiſſer ruhten längſt im Grabe. 123 Unter dieſen Umſtänden mußte jede Hoffnung auf baldige Entdeckung der Brieftaſche ſchwinden, doch nahm ſich Karl vor, morgen einen Verſuch zu machen, Tante Kathrin zum Sprechen zu bringen. Es war elf Uhr nachts vorüber, als Karl ſich von ſeiner Braut und Julie für heute verabſchiedete; den Wagen, welchen Mr. Brown ihm anbot, um raſch das Städtchen zu erreichen, lehnte er ab. Die Nacht war hell und freundlich. Es drängte ihn, durch eine körperliche Bewegung im Freien die pochenden Pulſe ſeines übervollen Herzens zu beruhigen. Im Vaterhauſe, das wußte er, ſchliefen ſie ja doch ſchon, und es war einerlei, ob er durch ſeine Ankunft früher oder ſpäter den alten Hausknecht auf ein paar Minuten aus den Federn jagte, damit er ihn einlaſſe. Mr. Brown und Herr von Claming ließen ſich nicht abhalten, Karl ein Stück des Weges zu begleiten; 3 die Hochachtung und Freundſchaft, welche die drei Männer für einander hegten, durch verwandtſchaftliche Bande nun für alle Zukunft noch mehr befeſtigt, ver⸗ lieh ihrem Beiſammenſein etwas ſo Gemüthliches und Angenehmes, die Nacht war ſo ſchön, die Luft ſo friſch “ — —— 124 und erquickend, daß Karl ganz vergaß, die Fabrik⸗ herren an den Heimweg zu erinnern. Erſt als ſie vor dem rückwärtigen Eingange zum Parke des indiſchen Schloſſes ſtanden, fiel Karl ſeine Unachtſamkeit bei und er forderte jetzt die Freunde auf, zu den Damen zurückzukehren. Der rüſtige Greis aber, welcher auf die Mahnung, ſeine Geſundheit in der kalten Winternacht nicht aufs Spiel zu ſetzen, lachend antwortete, meinte, nachdem er einmal ſo weit gegangen, wolle er an das Fenſter des alten Jakob, der im Erdgeſchoſſe der Villa wohnte, klopfen und ſich nach dem Befinden Mariens er⸗ kundigen. Herrn von Claming erſchien dieſer Einfall ſeltſam; er befürchtete, die Kranke möchte dadurch in ihrer Ruhe geſtört werden. Schon wollte Mr. Brown ſeinen Einwürfen nach⸗ geben, als Karl, von einer eigenthümlichen, ihm ſelbſt unklaren Unruhe getrieben, den Vorſchlag des Greiſes unterſtützte. War es ſeine lebhafte Phantaſie, der Eindruck der zaubervollen Mondnacht oder die Rückwirkung der höch⸗ — 125 ſten Anſpannung ſeiner Nerven, welche ihm plötzlich eine unbeſtimmte Gefahr, in der ſich Marie befinden könne, vormalte? Im Gegenſatz zu ſeinem unendlichen Glück trat vor ſeine Seele das Schickſal Heinrich's und Mariens und bewegte ſein Herz zum innigſten Mitleid. Herr von Claming widerſprach nicht mehr. Nach einigen hundert Schritten erreichten die dre Männer die vordere Fronte der Villa. Sie hatten nicht nöthig, am Fenſter dem alten Jakob zu klopfen, denn dieſer ſtand, mit einem Gewehre bewaffnet, vor dem Thore. „Wie, Sie ſind es, Mr. Brown?“ ſprach mit ge⸗ dämpfter Stimme der Hausmeiſter, das Gewehr, wel⸗ ches er ſchon ſchußgerecht zum Anſchlag erhoben hatte, ſenkend.„Gott ſei Dank, jetzt ſoll er uns nicht ent⸗ kommen.“ „Wer? Von wem ſprecht Ihr?“ nahm Karl das Wort, faſt erſchreckt, daß ſeine Ahnung ſich verwirklichen könnte. 4. Es iſt ein Mann in der Villa“, verſetzte haſtig der Alte.„Ich fand die Spuren ſeiner Tritte im 126 Schnee; ſie führen vom See herauf, bis hart an die Veranda, wo ſie plötzlich aufhören.“ „Habt Ihr Frau Kathrin davon in Kenntniß ge⸗ ſetzt?“ fragte Mr. Brown. „Wohl hab' ich es gethan“, flüſterte noch näher tretend der Hausmeiſter.„Der Mann iſt in ihrem Zimmer. Ich ſah ſeinen großen dunklen Mantel auf einem Stuhl liegen, obwohl ich nur durch die Spalte der Thür ſehen konnte, denn ſie ließ mich das Zimmer nicht betreten.“ „Vorwärts, führt uns zu Frau Kathrin“, ſagte Karl entſchloſſen;„ſogleich— wir müſſen wiſſen, wen ſie bei ſich verbirgt.“ Der Hausmeiſter wartete ab, ob Mr. Brown damit einverſtanden ſei. Dieſer nickte und jetzt öffnete der alte Jakob ge⸗ räuſchlos das Thor. „Warten Sie einen Augenblick, bis ich Licht bringe“, ſagte er dann und verſchwand, um gleich darauf mit einer angezündeten Blendlaterne wieder zu er⸗ ſcheinen. Die Treppe zum erſten Stock und alle Gänge 127 waren mit Teppichen belegt; ſo wurde es der nächt⸗ lichen Patrouille möglich, ohne viel Geräuſch vorzu⸗ dringen. Die Treppe war erſtiegen; der alte Jakob leuchtete jetzt den Gang hinab, welcher von der rechten Seite des Stiegenhauſes nach einem Seitenflügel führte. „Die achte Thür iſt es“, ſagte er. In dieſem Momente ſchlug ein mehrmaliger lang⸗ gezogener Schrei:„Hülfe! Hülfe!“ an das Ohr der vier Männer. Wie auf ein Commando ſtürmten ſie an die bezeichnete Thür und begehrten Einlaß. Laut und deutlich vernahmen ſie jetzt abermals den Hülferuf. Niemand öffnete. Den vereinigten Angriffen der vier kräftigen Män⸗ ner wich die Thür. Der von innen vorgeſchobene Riegel hielt zwar feſt, aber die Bohlen der Thür zer⸗ brachen unter den Schlägen und Tritten der Einlaß Fordernden, denen ſich jetzt beim Scheine der Blend⸗ laterne ein ſeltſamer Anblick bot. Marie lag am Boden. Geiſterbleich ſtand Tante Kathrin am Eingange des kleinen Kabinets und breitete die Arme drohend aus, als wolle ſie dieſe Schwelle mit ihrem Leben vertheidigen. Ein Fenſter klirrte im Kabinet— der alte Jakob hörte es zuerſt. „Er flieht durch das Fenſter, das Spalier des Epheus hinab“, rief er, indem er die Laterne auf einen Tiſch ſtellte.„Wir wollen ihn unten abfangen.“ „Bleiben Sie hier“, ſprach von Claming zu Mr. Brown und folgte eilends mit Karl dem Hausmeiſter. „Was iſt geſchehen?“ fragte Mr. Brown, der jetzt mit den Frauen allein war, die Tante Kathrin.„Helfen 1 Sie mir Marie auf das Bett tragen.“ „Nichts— dieſer da iſt nichts geſchehen“, ſprach Kathrin, auf Marie deutend, und trat in das Ka⸗ binet. Mr. Brown überzeugte ſich, daß Marie noch ath⸗ mete, daß ſie nicht verwundet war. Warum aber ſtand Tante Kathrin der ihrer Ob⸗ hut anvertrauten Kranken nicht bei? Was bedeutete ihr ſeltſames Benehmen? Der Greis ging auf das Kabinet zu. Die alte Frau trat heraus, die zuſammengerafften Papiere, 129 welche das Geheimniß enthielten, in der rechten Hand. „Geben Sie mir dieſe Papiere“, gebot Mr. Brown, „im Namen des Königs!“ Mit raſchem Griff ſuchte er ihr die Schriften zu entreißen, das hochgewachſene Weib aber ſchleuderte den Greis mit der linken Hand von ſich und ſprang mit unglaublicher Schnelligkeit zum Kamin, in welchem das Feuer noch glimmte. Mit gräßlichem Gelächter warf ſie die Documente und Bekenntniſſe in die Glut. „Ihr bekommt ſie nicht“, rief wie im Wahnſinn die Alte,„dieſe Documente der rothen Brieftaſche, nach deren Geheimniß Euch gelüſtet! Luſtige Nacht— luſtiges Leben! Es gibt nur eine Moral— die Con- ſequenz! Sie lebe!“ Mit dieſen Worten ergriff ſie das Giftfläſchchen und leerte es auf einen Zug. All dieſes geſchah in ſo kurzer Zeit, daß, als Mr. Brown ſich aufraffend zu dem Kamin ſtürzte, die Papiere noch zu retten geweſen wären; ſie hatten noch nicht Feuer gefaßt. Er war feſt entſchloſſen, dieſelben Schubert, Die Jagd nach dem Glücke. III. 9 aus dem Kamine zu nehmen, aber jetzt begann ein furchtbares Ringen. Wie eine Tigerin warf ſich die Greiſin dem Manne, deſſen Abſicht ſie erkannte, entgegen. Die Wuth der Verzweiflung, vielleicht auch die Qualen des in dem Körper wüthenden Giftes gaben ihr Rieſenkräfte; ſie ſtemmte ſich gegen Mr. Brown, ſie drängte ihn vom Kamin weg. Er ſah die Papiere in heller Lohe aufflammen, jedoch all ſeine Anſtrengungen, ſich von der Wahnſin⸗ nigen loszureißen, blieben vergeblich. Die Papiere waren verbrannt, da gab die Ver⸗ theidigerin endlich nach— doch, was iſt das? Die Arme, die den alten Mann umſchlingen, ſind ſteif, immer ſchwerer wird die Laſt, die daran hängt. Die irren Augen voll Haß brechen und ſtarren gläſern ins Leere— Tante Kathrin iſt eine Leiche. Drunten aber auf dem mondhellen See ereilte das Verhängniß den unglücklichen Sohn der Wittwe Corniani. Ferdinand hatte wohlbehalten den Boden erreicht und einen ziemlichen Vorſprung vor ſeinen Verfolgern. 134 So ſchnell er konnte, lief er längs des Sees dahin; wohl kam ihm Karl, der den beiden Andern weit voraus war, näher und näher, aber mit einem Gegner hoffte der Flüchtling es aufnehmen zu können. Er hielt im Lauf inne, zog einen Dolch und er⸗ wartete den Angreifer. Da ſchallten von der andern Seite Hufſchläge, ein Reiter ſprengte im Jagdgalopp die Straße herauf. Mit Entſetzen erkannte Ferdinand in demſelben Heinrich Wermuth. Der König hatte befohlen, den Offizier auf freiem Fuße zu proceſſiren. Heinrich's Unruhe über Mariens Befinden, die Sehnſucht, ſie zu ſehen, war aber ſo groß, daß er, ohne auf Baron Billmann, der erſt am andern Mor⸗ gen abreiſte, zu warten, ſogleich nach Wiedererlangung der Freiheit zu Pferde ſtieg, um nach der Villa zu reiten. Karl rief den Reiter an; es war keine Zeit zu Erklärungen. Heinrich erkannte ſogleich die Stimme Karl's und ſah, daß er einen Menſchen verfolgte; natürlich nahm er ohne Zaudern an der Verfolgung Theil. 9* 432 In dieſer furchtbaren Lage wendete ſich der gehetzte Flüchtling ſeeeinwärts. Herr von Claming und der alte Jakob kamen hinzu— doch wohin war der Ver⸗ folgte verſchwunden? Eben noch hatten ſie deutlich die ſchwarze Geſtalt auf der weißen Fläche geſehen. Jetzt war weit und breit nichts mehr zu entdecken. Noch lange ſuchten ſie hin und her. Heinrich ritt eiligſt nach der Fabrik und holte alle Arbeiter. Das ganze Seeufer wurde von ihnen umſtellt, aber an keinem Punkte des Cordons verſuchte der Flüchtling durchzudringen. Das Eis war gebrochen, der See hatte den Grafen Ferdinand verſchlungen. Einige Tage ſpäter, als Thau⸗ wetter eingetreten war, fand man den Ertrunkenen. 8 Neuntes Kapitel. Im Kirchhof an See. Motto: Senkt duftiger zu dieſem Blumenhage, Ihr Wolken, eures Vorhangs dunkle Säume, Daß ungeſtöret hier die Holde träume, Die ſich hier bettete, ſo früh am Tage! Sie will nicht wachen! Schlafen will ſie. Wache Für ſie denn unſer Schmerz und unſre Thränen, Und unſer Segen ſchaukle ihre Wiege. Glückſelig, wen zu dieſem Brantgemache Mit leiſem Arme niederzieht das Sehnen, Daß er bei ihr, zwar Staub bei Staub nur, liege! Rückert's„Agnes' Todtenfeier“. Das Wiederſehen Mariens und Heinrich's war für die Zeugen deſſelben ſehr ergreifend; ſtand doch auf dem bleichen Geſicht der Braut deutlich jene In⸗ ſchrift, womit der Tod zuweilen ſeine jugendlichen Opfer ſchon im Leben bezeichnet, als wolle er die Angehörigen auf den baldigen Verluſt vorbereiten. 134 Nur Heinrich bemerkte nicht, daß Mariens Krank⸗ heit reißende Fortſchritte machte. Fühlte doch dieſe ſelbſt ſich kräftiger und traf alle Vorbereitungen zur Hochzeitsreiſe, auf welche ſie ſich unendlich zu freuen ſchien. Die Unruhe, dieſes Sehnen nach Ortsveränderung, erklärte der Arzt dem betrübten Vater, ſei ein un⸗ trügliches Symptom der baldigen Auflöſung der Leidenden. Ihre ohnehin ſchwache Geſundheit hatte durch das grauenvolle Erlebniß jener Nacht einen Stoß erhalten, von dem ſie ſich nicht mehr erholen konnte. Als ſie damals aufwachte und Tante Kathrin und den Grafen den teufliſchen Plan beſprechen hörte, ſie zu vergiften, da lähmte das Entſetzen ihre Glieder, das Blut ſchien zu erſtarren, ſie vermochte die Zunge nicht zu regen. Sie ſah die drohende Gefahr vor ſich, die Angſt des Todes marterte ihr Gehirn, und ſie lag da ſteif und hülflos, wie mit Ketten angeſchmiedet. Wenn jetzt die furchtbare Tante Kathrin oder der Onkel an ihr Bett ſchlichen, wenn ſie das Gift ihr in den Mund träufelten, ſo war ſie verloren. Glühendheiß wie ein vernichtender Blitzſtrahl durchzuckte ſie die Furcht vor dieſem ſchrecklichen Ende; eine Blutwelle drang zu ihrem Herzen, ſie fühlte einen ſtechenden Schmerz, als ob es berſten wolle, dann ſchoß das Blut tobend durch alle Adern, ein Schwindel er⸗ faßte ſie. Einige Zeit darauf aber war ihrem Körper die Be⸗ weglichkeit, ihrem Geiſte die klare Einſicht zurückgegeben. Sie ſchlüpfte jetzt leiſe aus dem Bette, warf ein Tuch um und ging vorſichtig auf den Zehen an die Thür des Kabinets, in welchem ihre Mörder mit ein⸗ ander flüſterten. Sie verſtand jedes Wort; jedes drang wie ein Dolchſtich in ihre Bruſt. Als Ferdinand die Greiſin antrieb, den Mord auszuführen, trat Marie hinter den Vorhang der Thür, wo ſie, im tiefſten Schatten ſtehend, zuſah, wie die Verbrecher langſam auf ihr Bett zuſchritten und wie Graf Ultritz die Lampe erhob. Da wurde es plötzlich dunkel. Jetzt wich der Bann, der bisher ihre Lippen gefeſſelt— laut um Hülfe rufend ſtürzte Marie bewußtlos zu Boden. 136 Es war nicht zu verwundern, daß dieſes Erleb⸗ niß, welches mancher kräftigern Natur den Tod oder Wahnſinn zu bringen geeignet war, die verderbliche Kriſis ihres Leidens beſchleunigte. Am Morgen des achten Tages nach jener Schreckensnacht wehte von den Zinnen der Villa ſchauerlich eine ſchwarze Fahne und verkündigte weithin, daß ein junges hoffnungs⸗ reiches Leben geendet, daß das Herz der Tochter des Gutsherrn zu ſchlagen aufgehört habe. Die Dienerſchaft und Arbeiter in Trauerkleidern trugen nach der Sitte jener Gegend die Verblichene im offenen, mit Blumen überdeckten Sarge nach dem kleinen Kirchhofe am Seeufer. Dort wurde Marie nach ihrem letzten Wunſche in der Kapelle beigeſetzt, auf deren Stufen, unter dem Bilde der Guadenmutter, ſie mit Heinrich einſt vor dem Gewitter Zuflucht ge⸗ funden. Heinrich und der unglückliche Vater wichen nicht mehr von der theuren Leiche, bis ſie der Erde über⸗ geben werden mußte. Als man den Sarg an dem offenen Grabe niederließ, warf ſich Heinrich mit lautem Schrei noch einmal über die todte Braut und umarmte 137 und liebkoſte ſie mit den Ausbrüchen eines ſo raſenden, wilden Schmerzes, daß man ihn endlich mit Gewalt von ihr trennen mußte. Von ſtarken Händen gehalten, ſtumm und gebro⸗ chen ſah Heinrich den Sarg, der ſein Liebſtes umſchloß, in den Erdboden verſinken. Er hörte durch die Trauermuſik hindurch, wie die Steine und Erde dumpf hinabkollerten auf den Sarg⸗ deckel, unter dem das zarte liebliche Weſen den ewigen Schlaf ſchlummerte. Er meinte, ſein Herz müſſe zer⸗ ſpringen vor Weh und Grimm; er verfluchte den Him⸗ mel, der ihm das gethan, für ihn gab es keinen Gott mehr, der über den Sternen mit Weisheit und Güte die Geſchicke der Menſchen lenkt, nur ein tückiſcher, boshafter Zufall waltete, der nun das heißbegehrte Weib faulend in die Erde vergrub. Sein Blick fiel auf die verbrannte, geborſtene Fichte.. Weshalb hatte das Schickſal, ſo fragte er, anſtatt ſie beide mit ſeinem Blitze zu vernichten, ihn und Marie damals verſchont? Nur um ihm die Geliebte im Augen⸗ blick, wo er ſie ſein nennen konnte, zu entreißen, nur 138 um ihn zu den ungeheuren Qualen dieſer Stunde auf⸗ zuſparen? Für ſie, die ihn jetzt auf immer verlaſſen, war er ſich ſelbſt untreu geworden, ſie zu gewinnen hatte er nach Mitteln gegriffen, vor denen er erröthen mußte. Seine Selbſtachtung war dahin; ohne Halt in ſich, verabſcheute er ſich als einen ehrloſen Abenteurer. Wie um ihn zu verhöhnen, geſtalteten ſich, nach⸗ dem er durch den niedrigen Vertrag mit Graf Ferdi⸗ nand das Glück ſeines Lebens ertrotzt, die Verhältniſſe ſo, daß er auch ohne jene gewaltſamen Mittel leicht an das Ziel ſeiner Wünſche hätte gelangen können. Der Krieg würde ihm das verdiente Offiziers⸗ patent gebracht haben, deſſen ungerechtfertigte, zu vor⸗ zeitige Verleihung den Neid der Kameraden heraus⸗ forderte, der ſich zuletzt zu dem Wortwechſel zuſpitzte, durch den alles Errungene in Frage geſtellt wurde und deſſen Folgen Heinrich verleiteten, dem Grafen Ferdi⸗ nand das gegebene Wort zu brechen und ihn an den König zu verrathen. Zu dem Gefühl ſeiner Ohnmacht gegen das 139 Geſchick geſellte ſich nun ein tiefer Ekel vor dem Leben. Die traurige Ceremonie war vorüber. Von Karl begleitet, der Alles aufbot, dem einſtigen Studiengeno ſien Troſt zuzuſprechen, kehrte Heinrich, anſcheinend gefaß⸗ ter, nach der Villa zurück. Dort erwartete ihn die Nachricht, daß das Ehren⸗ gericht ſeine ſowie des Rittmeiſters Graf Ultritz Ent⸗ laſſung aus dem Heere verlange, daß es jedoch die Initiative ihnen freiſtelle. An den Baron Billmann lag ein Handbillet des Königs bei, worin der Monarch ſeine Verwendung für Heinrich zuſagte, im Falle dieſer in gleicher Charge in die Armee des Nordſtaates eintreten wolle. Heinrich nahm auf Zureden des Barons den Vor⸗ ſchlag an, ſprach aber den Wunſch aus, ſogleich abzu⸗ zureiſen, da ihn hier am See Alles an die Zeit ſeiner Liebe, ſeines verlorenen Glückes erinnerte. Der angegebene Grund war ſo natürlich, daß man ihn am Morgen des folgenden Tages ziehen ließ. Karl Molling gab ihm mit Mr. Brown bis zu dem Städtchen das Geleite. 140 Dort trennten ſie ſich. Der von dem Trauerfall tiefergriffene Karl beeilte ſich ſo viel als möglich, die Dankrede für ſeine Wahl zum Abgeordneten in der anberaumten Verſammlung abzu⸗ halten und ſeine Angehörigen flüchtig zu begrüßen. Es trieb ihn wieder hinaus zu Sophie, die, wie er wußte, ſo innigen Antheil an Mariens traurigem Loos nahm. In ernſter Stimmung wandelte Mr. Brown mit unſerm Helden gegen Abend nach der Fabrik. Sie ſchlugen den Weg ein, der an der kleinen Kirchhofs⸗ kapelle vorüberführt, und ſahen ſchon von fern mit Befremden eine Menge Landleute verſammelt. Sie beſchleunigten ihre Schritte. Ehrerbietig machte man ihnen Platz. Da erblickten ſie auf Mariens friſchem Grabhügel die Leiche Heinrich Wermuth's; ſeine Rechte umklam⸗ merte eine Piſtole, aus ſeinem Herzen träufelte noch das Blut und ſickerte hinab in die Tiefe, wo die ge⸗ liebte Braut ruhte. — — ——— — —— Zehntes Kapitel. Schluß. Motto: Jede epiſche oder dramatiſche Dichtung kann immer nur ein Ringen, Streben und Kämpfen um Glück, nie aber das bleibende und vollendete Glück ſelbſt dar⸗ ſtellen. Sie führt ihren Helden durch tau⸗ ſend Schwierigkeiten und Gefahren bis zum Ziel; ſobald es erreicht iſt, läßt ſie ſchnell den Vorhang fallen. Schopenhauer. Etwas über ein Jahr nach dieſen grauenvollen Vorgängen— der Frühling zog gerade wieder ein in das Thal— ging eine kleine Geſellſchaft am Ufer des Gebirgsſees ſpazieren. Am Eingange des kleinen Kirchhofs blieb ſie ſtehen. Baron Billmann trat hinein und kniete betend an dem von Trauerweiden überdachten Grabe Mariens nieder. Mr. Brown, das von Claming ſſche Chepaar, 142 Karl Molling mit Sophie, ſeit vierzehn Tagen ſeine junge Gattin, unterhielten ſich leiſe. „Armer Freund“, ſprach Karl,„wer hätte ein ſolches Ende gedacht, als wir zuſammen unſern Lebens⸗ lauf begannen; er ſo kräftig, ſo kühn, ſo muthig— ich damals verzagt, unklar und weichlich. Ich fand das Glück“— Karl blickte freudig und dankbar Sophie in die dunklen Augen—„er mußte ſo furchtbar zu Grunde gehen!“ „Heinrich's Leben gleicht einer unüberlegten Jagd nach dem Glücke“, ſprach Mr. Brown;„er ſuchte das Glück zu ſehr in äußern Gütern, in Rang, Chre, Stellung. Das wahre Glück jedoch ruht in uns ſelbſt und beſteht darin, die eigene Trefflichkeit, welcher Art ſie auch ſei, ungehindert üben zu können. Die meiſten Menſchen aber ſtürmen wie Seeräuber hinaus auf das wilde Meer des Lebens zur Jagd nach dem Glücke, das längſt, von ihnen freilich unerkannt, daheim an ihrem Herde ſaß. Das verſchmähte wartet die Rück⸗ kehr der Enttäuſchten und Reuigen nur nicht ab, es entflieht auf immerdar.“ „Dürfen wir eine ſo heißbegehrende, leidenſchaftliche — 143 Natur wie Heinrich ſtreng verdammen?“ fragte Julie. „Die Liebe hätte ihn veredelt“, meinte Karl,„ſie iſt das höchſte Glück.“ „Ja, er iſt zu tadeln“, antwortete der Greis. „Nur wer den ſeltenern und größern Muth beſitzt, zu entſagen, zu verlieren, wenn das erſehnte Glück nur auf unerlaubten Wegen erreichbar iſt, nur der ver⸗ dient das Glück. Heinrich würde auch im Beſitze Mariens und eines großen Vermögens nie glücklich ge⸗ worden ſein. Denn nur was wir redlich erwerben, was wir uns ſelbſt verdanken, gewährt uns innere, wahre Befriedigung.“ „Sie fordern viel, mehr als Sterbliche leiſten können“, bemerkte Julie,„aber Sie haben Recht wie immer.“ „So müßte man, wie wir, das Glück verloren haben“, meinte Sophie, ſich inniger an ihren Mann ſchmiegend,„um es ganz zu begreifen und neu wieder zu verdienen?“ „Mein Glück iſt unverdient“, ſagte Karl,„und doch iſt es ſo groß wie das Unglück des armen Hein⸗ —— 144 rich. Was ich geworden bin, was ich errang, verdanke ich weniger mir ſelbſt als den herrlichen Freundinnen und Ihnen, meinem väterlichen Freunde.“ Mr. Brown, Julie und Sophie aber ließen dies nicht gelten. Karl mußte ihr beredtes Lob hören. „Sie und Heinrich“, ſchloß dann der Greis, „gingen von einem Punkte aus, um das Glück zu ſuchen. Bald führte Euch Euer Weg nach entgegengeſetzten Richtungen. Nicht der Zufall, nicht äußere Verhält⸗ niſſe aber beſtimmen unſer Loos; wie ſeltſam auch die Verkettungen unſeres Lebensweges, wie ſonderbar ſeine ſcheinbaren Verſchlingungen, die Launen unſeres Schick⸗ ſals ſind, ſo gibt es doch einen ſichern Ariadnefaden, der uns aus dem Labyrinthe der Prüfungen und Ver⸗ ſuchungen hinausführt— ich meine die Geſinnung, den Charakter. Wir haben unſern innern Lebensweg, der dem äußern erſt Bedeutung verleiht, wir haben das Glück unſerer Seele viel mehr in unſerer Gewalt, als wir zugeben wollen. Was uns in ſchwachen Stunden als Zufall und Unglück erſcheint, iſt für die tiefere Selbſterkenntniß meiſt nur eine Conſequenz unſerer —— 145 metaphyſiſchen Beſchaffenheit, und der gemeine Mann hat Recht, wenn er behauptet: Jeder iſt ſeines Glückes Schmied!“ Eine Woche nach dieſer Unterredung finden wir die Geſellſchaft in dem Geburtsſtädtchen unſeres Helden bei einem großen Volksfeſte vereinigt. Der König machte mit ſeiner ſo eben ihm ange⸗ trauten Gemahlin in Begleitung der Prinzeſſin Eliſa⸗ beth und der neuen Oberhofmeiſterin Baronin Billmann eine Rundreiſe durch ſein Reich. Die freie Verfaſſung, die er dem Lande gewährt, erhöhte die Liebe der Bürger zu dem Fürſten, und Karl's Vaterſtadt blieb nicht hinter den größern Städten zurück, jetzt, wo es galt, den verehrten Landes⸗ herrn würdig zu empfangen. Das Pulver wurde nicht geſpart, denn ohne Lärm gibt es für Klein⸗ und Großſtädter keine Freude. Un⸗ zählige Fahnen ſchmückten die mit dem erſten Laub des Frühlings und den Zweigen des Nadelholzes gezierten Häuſer. Unbarmherzige Muſikchöre ſpielten ihre herzzerrei⸗ ßenden, aber gutgemeinten Weiſen; die Männer ſchrieen, Schubert, Die Jagd nach dem Glücke. 111. 10 146 bis ſie heiſer waren, ihr„Vivat!“, und die Frauen und Mädchen ſtrahlten alle in ihrem beſten Putz und ſchwenkten freudig und gerührt die Tücher zum Will⸗ komm. Am glücklichſten aber von allen Bewohnerinnen des Städtchens war Roſalinde. An der Spitze weißgekleideter Jungfrauen, ſelbſt in eine Wolke ſchneeigen Tülls eingehüllt, ſtand ſie da, ihres vollen Werthes, der nun endlich anerkannt wor⸗ den war, ſich bewußt. Sie durfte das Feſtgedicht ſprechen, mit dem der König empfangen werden ſollte. Dieſe Ehre, am Vorabend ihrer Hochzeit, ſchloß ihre Mädchenlaufbahn glorreich ab; von dieſer Stunde würde man, das wußte ſie, im Städtchen noch nach hundert Jahren ſprechen. Die Feierlichkeit des Moments, die Wichtigkeit ihrer Aufgabe verſetzte ſie in eine große Aufregung. Die Ausſicht, zu einem König zu reden, vielleicht von ihm und der jungen Königin angeſprochen zu werden, vertrieb die Röthe der Geſundheit von ihren Wangen. Zum erſten Male in ihrem Leben zeigte ihr Geſicht jene vornehme intereſſante Bläſſe, welche bisher keine Schminke in dem gewünſchten Grade hatte hervorrufen können. Sie war überglücklich, ſie grollte Niemand mehr; ſie hätte rufen mögen:„Seid umſchlungen, Millionen, dieſen Kuß der ganzen Welt!“ Der König war ſehr gnädig, die Königin, die Tochter aus einem kleinen Fürſtenhauſe, welche der Monarch aus Neigung gewählt hatte, reichte der Sprecherin ſogar die Hand und ließ ihr zum Andenken ein werthvolles Armband übergeben. Jetzt weihte Roſalinde ihr künftiges Leben dem Cultus der abſoluten Monarchie; ſie gelobte ſich in Ge⸗ danken, wenn der Himmel ihr Kinder beſchere, dieſelben zu unbedingter blinder Treue und Anhänglichkeit an das angeſtammte Herrſcherhaus zu erziehen. Die Erinnerung, daß ſie einſt den Demokraten Karl Molling geliebt, er⸗ ſchien ihr jetzt beinahe wie ein Verbrechen. Als der König Karl mit Sophie auf dem Feſtplatze erblickte, ſtellte er unſern Helden ſeiner Gemahlin vor. Zu Sophie aber ſagte er: „Durch ein in einem Bouquet verborgenes Gedicht 8* 148 gab ich der Königin meine Neigung kund, und diesmal kam mein Brief an die richtige Adreſſe.“ Die Prinzeſſin Eliſabeth begrüßte freundlich ihren Beſchützer und bat ſeine junge Frau, ihrem Portrait, das ſie nächſtens ſenden werde, fern von den Acten der Gerechtigkeit, in der Advocatenwohnung ein beſcheidenes Plätzchen zu gönnen. Auch Julie, von Claming und Mr. Brown wur⸗ den ſowohl von der Prinzeſſin als von dem jungen Königspaare mit Auszeichnung behandelt. Hans von Kaſten, der alle Anordnungen zur Feierlichkeit mit Umſicht geleitet, erhielt eine goldene Doſe. Er beſchloß, von nun an, trotz Anna's Einſprache, zu ſchnupfen. Was iſt noch zu berichten? Das Geheimniß der rothen Brieftaſche blieb begra⸗ ben, Niemand erwähnte es mehr. Karl zog ſich bald aus dem Staatsdienſte zurück, um ſich ganz der Poeſie hingeben und in der Nähe des von Claming'ſchen Ehepaares und Mr. Browu's leben zu können. Jetzt blühte ſein Glück noch reicher als zuvor, denn wer mit einem Talent, zu einem Talent geboren iſt, findet an demſelben ſein ſchönſtes Daſein. Mit dem Königshauſe blieb man in den beſten Beziehungen. Ein neuer Geiſt herrſchte im Lande. Die Arbeit galt für keine Schande mehr. Baron Billmann verkaufte ſein Haus in der Re⸗ ſidenz und zog nach dem Städtchen. Er ließ ſeinen Neffen aus England kommen und in das merkwürdig gedeihende Handlungshaus Molling& Compagnie ein⸗ treten.„Nieder mit den Barridren!“ ſchien auch ſein Wahlſpruch geworden zu ſein. Graf Theodor Ultritz, an welchen das Erbe Ma⸗ riens gefallen war, wanderte nach Amerika aus. Nehmen wir nun Abſchied von den uns liebge⸗ wordenen Perſonen unſerer Erzählung, die fortan in beneidenswerthem Glücke lebten, ſoweit ein ſolches die in das menſchliche Daſein unvermeidlich verflochtenen Uebel überhaupt geſtatten. Die Erinnerung an die Unglücklichen, welche die gebührende Strafe ereilt, und an das beklagenswerthe Schickſal der armen Marie und Heinrich's wirft zuweilen einen finſtern Schatten auf das heitere Leben derer, die im Thale am Gebirgs⸗ 150 ſee in Liebe und Freundſchaft verbunden friedlich wohnen. In ernſtem Geſpräche philoſophiren ſie dann über das Thema: Die Jagd nach dem Glücke. Ende. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Inhalt. Erſter Band. Erſtes Kapitel. Es lebe der König... Zweites Kapitel. Vor zwanzig Jahren Drittes Kapitel. Der Hofmeiſter Biertes Kapitel. Fauſt und Mephiſto auf der Univerſität. Fünftes Kapitel⸗ Tante Kathrin.... Sechſtes Kapitel. In der Heimath. 1 1 Siebentes Kapitel. Kleinſtädtiſche Verhältniſſe Achtes Kapitel. Im indiſchen Schloß Neuntes Kapitel. Hans wagt einen Sturm Zehntes Kapitel. Die Verſchwörung.. Elftes Kapitel. Mir blüht die Roſe nicht Zwölſtes Kapitel. Karl's Abſchied. 3 Dreizehntes Kapitel. Aus allen Himmeln geſtürzt. Bierzehntes Kapitel. Der Hofmeiſter faßt feſten Fuß Füufzehntes Kapitel. Die Rede des Volkstribuns. 4. Zweiter Band. G. Erſtes Kapitel. * In der Kirchhofskapelle....... 1 Zweites Kapitel. Der berühmte Vertheidiger..... 21 Drittes Kapitel. 5 Eine Hand wäſcht die andere...... 34 Biertes Kapitel. Die Brieftaſche iſt gefunden...... 51 4 Fünftes Kapitel. Prüfungen 3.. 64 Sechſtes Kapitel. G Mißlungene Verſuche. 78 Hiebentes Kapitel. Der Krieg bricht aus.. 92 Achtes Kapitel⸗ Die Warnung 3. 105 RNeuntes Kapitel. Verfehmt— 3... 118 4 Zehntes Kapitel. Der Feſtball. 137 Erftes Kapitel. 5 Was opfert Liebe nicht...... 168 Dritter Band. Erſtes Kapitel. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme Zweites Kapitel.; Im Schloßpark 5 Drittes Kapitel. Die Audienz.. Biertes Kapitel. Wie es inzwiſchen in der Kleinſtadt zuging. Fünftes Kapitel. Die Nemeſis erwacht Sechſtes Kapitel. Um Mitternacht 3. 3 Siebentes Kapitel. Das Geheimniß Achtes Kapitel. Es gibt eine vergeltende Gerechtigkeit Neuntes Kapitel. Im Kirchhof am See 3 Zehntes Kapitel. Schluß.. 3 16 33 40 48 60 75 116 133 141 Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Der Lebensretter. Humoriſtiſcher Roman von Ulrich Bandiſſin. 3 Bände. 8o. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. Milden der Volellſchuft. Erzählung von Mar von Schlägel. 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. — — Krieg und Frieden. Novellenbuch von Cevin Schücking. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Ueue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Zur E hre Gottes! Ein Zeit ge mälde. von Sacher⸗AKaſoch. 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. Der Mull nan Ranſtanz. Roman. von Otto Müller. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 4 Thlr. Friedliche Fahrten in kriegeriſcher A 2⁴ Novelle von Lucian herberi. 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. Fräutrin oder Frau? Nodeil Wilbie Coll ins. 1 Band. 86. Eleg. geh. Preis 25 Ngr. —õʒ Neue Romane aus dem Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig: Die Ehefabrikanten. Komiſch⸗ſocialer Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Aodelle. Humoriſtiſcher Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 8o. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Komiſcher Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 3 Thlr. 11 Neue Romane Verlage von Eruſt Julins Günther in Leipzig. Deutſche Kumuſe. Zwei Erzählungen aus dem von Levin Schücking⸗ 2 Bände. 80. Eleg. geheftet. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. Des Hauſes Eckſtein. Roman von J. von Oben. 3 Bände. 80 Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Verfloſſene Stunden. Novelle von s. Junghans. 22 ½ Ngr. 1 Band. So. Elegant geheftet. Preis 22 Verlag von Ernſt Julius Günther in eipzig. Hirell die Tochter des Calviniſten. Roman von John Saunders. Verfaſſer von„Abel Orake's wife“. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Ein muthiges Weib. Von der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. gr. 8⁰. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Drangſale einer Frau, Die Halliburtons. Roman von Frau Henry Wood. Aus dem Engliſchen von Auguſt Kretzſchmar. Atorifrae Ausgabe. 5 Bde. 8. Geheftet. Preis 3 Tylr. 10 Ngr. 11* Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Die Ogilvies oder Herzenskämpfe. Roman von der Verfaſſerin von„John Halifaxee. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. Leben um Leben. Roman von der Verfaſſerin von„John Halifas“. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Ein edles Leben. Roman voon der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 2 Bände. 8. Geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. — Verlag von Ernſt Julius Günther in Teipzig. Lady Audley's Geheimniß. Roman von M. E. Braddon. Aus dem Engliſchen. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. Aurora Flopd. Roman von A. E. Braddon, Aus dem Engliſchen von F. Seybold. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 80. Eleg geh. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Lleauor's Sieg. Roman von M. E. Braddon. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Verlag von Ernſt Julius Günther in Teipzig. Das Vermächtniß der Millionärin. 3 Roman E. Waldmüller-Zuboc. 3 Bände. 8⁰. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. König Auguſt und ſein Goldſchmied. Roman von Franz Carion. 3 Bände. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. Der große Baron. Eine Geſchichte von Edmund Höfer. Zwei Bände. 160. Geheftet. 1 Thlr. 10 Ngr. Neue Romane aus dem Verlag von Ernſt Zulius Günther in Teipzig. Sta ndes⸗ Vorurtheile. Roman von Alfred Steffens. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 3 Thlr. Die Kheiderburg. Erzählung von Tevin Schücking. 2 Bände. 16. Geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. Non possumus. Roman von Sr. Hilarius. 3 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. 1 Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Iulius Günther in Leipzig⸗ Hannah. Von der Verfaſſerin von„John Halifax.“ Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. Armadale.. Roman von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Marie Seott. Autoriſirte Ausgabe. 6 Bände. 8. Geheftet. Preis 4 Thlr. Ein tiefes Geheimniß. Ro man von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 4 6 Neue Romane 4 aus dem Verlage von Exruſt Julius Günther in Leipzig. Bariſer Todtentanz. Roman in 2 Abtheilungen von 6 Mar von Schlägel. 1. Abth.: Nach uns die Sündfluth! 2. Abth.: Der rothe Faſching. 6 Bände. Preis 4 Thlr. 15 Ngr. Nomaden. Roman von Robert Byr. 5 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 4 Thlr.— *4ℳ⸗ Michel. 4 Geſchichte eines Deutſchen unſerer Zeit. Von Johannes Scherr. Zweite Auflage. 4 Bände. 80. Geheftet. Preis 3 Thlr. Nene Komane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Zur linken Hand Novelle Eduund Höfer. 1 Band. 8. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. In der Welt trerlnrn. Eine Erzählung von Edmund Hoefer. 3 Zweite Auflage.* 4 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 3 Thlr. Das Thurmkätherlein. Roman aus dem Elſaß von Auguſt Becker. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 4 Thlr. aus dem Verlag von Eruſt Julius Günther in Leipzig. Neue Romane El paso de las animas. Roman von E. von Bibra. 2 Bände. 8⁰. Elegant geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. Alles um ein Nichts. Roman von Georg Köberle. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. Die Channings. Roman Frau Henry Wood. Aus dem Engliſchen von Auguſt Kretzſchmar. Autoriſtrte Ausgabe. 4 Bde. 8o. Elegant geheftet Preis. 2 Thlr. 20 Ngr. Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Geheimniſſe. Novellen von Karl Irenzel. 2 Bände. 80. Eleg. geheftet. Preis 2 Thlr. Ber neue Abälaril. Roman von Julius Groſſe. 2 Bände. 80. Elegant geheftet. 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