8 — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. 8, Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ¹ „2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für ncßchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 4 et.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nr.— Pf. „ 3„„—„„—„„= 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verloͤrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deſecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtatrfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Ve heeee Kapitän Marryat's ſämmtliche Be rk e, X in ſorgfältigen und vollſtändigen Uebertragungen. Zwanzigſter Band. Verlag von Aolph Krabbe. 1844. Erſtes Kapitel. „CEichenherz ſind unſtre Schiffe, Cichenherzen unſere Leutc.“ Altes Lied. 1 3 Bericht über die Old Glory und ihren Kapitän.— Britannia, Fama, der alte Ocean und noch viele andere anſtößige Perſonen werden vor einen Kabinetsrath geb racht, wo es ihnen dem Anſcheine nach ſchlimm er⸗ gangen wäre, wenn nicht noch vor dem Urtheilsſpru che eine gelegen kommnde Unterbrechung eingetreten wäre. — Hat je irgend Jemand gehört, was aus dem Gallion der lufti⸗ gen Old Glory wurde? Wir glauben, mit Sicherheit behaupten zu können, daß dieſes Geheimniß nie gelöst wurde, ja, und auch nie gelöst werden wird. Die Glory war im Jahre 97 einer von unſeren alten Achtundzwanzigern und mit drei Decken verſehen, über welchen ſich das Halbdeck, darüber die Hütte und über der letzteren die Bramhütte befand, ſo daß ihr Stern ganz das Aus⸗ ſehen eines hohen, in Samen geſchoſſenen Hausgiebels hatte; denn alle dieſe Decke nahmen an Breite ab, je höher ſie hinauf⸗ ſtiegen. Der Bildſchnitzer hatte ſich an dieſem hohen Sterne un⸗ gemein viel Mühe gegeben und viele Geſchichten darauf angedeutet, wenn nicht etwa gar völlig ausgedrückt. Die Harmonie der höl⸗ zernen Allegorieen war wunderbar. Die zwölf Apoſtel befanden ſich ganz geſellig neben neun nicht ſehr anſtändigen Muſen, und vor dem rothglühenden Ofen, in welchem die drei ſeuerfeſten Juden Sadrach, Meſach und Abednego brieten, ſaß ganz geſetzt der alte — — — — — Neptun mit dem Dreizack auf der Schulter, an deſſen Zinken ein ſehr appetitlicher Fiſch ſtack, ſo daß es ganz den Anſchein gewann, als habe der alte Gentleman gute Luſt, ſich eigenhändig einen Bra⸗ ten zuzurichten, weil er ſah, daß der menſchliche nicht gar werden wollte. Wenn wir übrigens die Füllhörner, die Wappenſchilder die Frucht⸗ und Blumenkörbe und die Konterfeis anderer Dinge, welche der plaſtiſche Künſtler auf dem Stern der alten Glory an⸗ gebracht hatte, ſchildern wollten, ſo würden wir nie vorwärts kommen, was wir um ſo mehr vermeiden müſſen, da das Haupt⸗ intereſſe unſerer Erzählung eben vorne zu ſuchen iſt. Wir müſſen nun zu demſelben Satze wi der zurückkehren, mit welchem wir dieſe höchſt wichtige Erzählung begonnen haben. Hat je irgend Jemand gehört, was aus dem Gallion der luſtigen Old Glory wurde? Da vermuthlich darauf Niemand eine entſprechende Antwort geben kann, ſo wollen wir dem Leſer Alles mittheilen, was wir davon wiſſen. Dieſer Gallion war der Stolz und das * Wunder der ganzen Flotte. Er beſtand aus einer großartigen Familiengruppe und bot einen ſehr imponirenden Anblick, da jede Figur weit über Lebensgröße war. Man ſah darunter zuerſt eine adamitiſche Fama mit einer langen Trompete in der einen Hand und einen Lorbeerkranz in der andern, wie ſie eben eine ſehr matro⸗ nenhaft gekleidete Britannia krönte, die einen ungeheuren, grim⸗ migen Löwen zu ihren Füßen hatte. Zur Rechten dieſer Dame ſaß ein ſehr rauhhaarichter, alter Mann in Naturalibus, deſſen un⸗ tere Extremitäten in Schilf eingetaucht waren. Sein Arm um⸗ faßte einen Gegenſtand, einem Smyrnaer Feigenkruge höchſt ähn⸗ lich, aus welchem ein hölzerner Waſſerſtrom herausrauſchte. Was durch dieſen ehrwürdigen, alten Mann dargeſtellt werden ſollte, konnte nie zur Genüge ermittelt werden. Einige ſagten, es ſey der alte Ocean ſelbſt und Neptuns leiblicher Vater, während Andere behaupteten, es ſey nur Vater Themſe. Wie dem übrigens ſeyn mochte, er ſah mit ſeiner Kupfernaſe recht würdevoll aus: denn die — ——— 7 hölzerne hatte er durch eine Kartätſchenkugel— daß doch dieſe “ Kartätſchen den menſchlichen Naſen ſtets ſo feindſelig ſind!— bei SGelegenheit von Lord Howe's Schlacht verloren, ſo daß ſie durch 3 einen kupfernen Siellvertreter erſetzt werden mußte, welcher noch obendrein ein ſo vortreffliches Naſenſtück war, als nur je eines auf⸗ gefunden werden konnte. Dieſe drei Geſtalten, Britannia, Fama und der zweifelhafte alte Mann bildeten die Hauptreihe, denn der Löwe war, obgleich liegend, ein wenig vorgeſchoben; aber hinten befanden ſich Grazieen, Kammerjungfern, Knaben und Mädchen in der lieblichſten Verwir⸗ rung untereinandergemengt. Was dieſe thaten, oder zu thun vor⸗ ſtellen ſollten, war ein eben ſo großes Geheimniß, als ihr ſpäteres gemeinſchaftliches Schickſal. Freilich da man ihnen keine denkbare Beſchäftigung über oder unter der Erde und dem Waſſer anſehen 4 konnte, ſo müſſen ſie wohl ihre Apotheoſe gefunden haben und ſchnur⸗ ſtracks zum Himmel gefahren ſeyn. 1 Mit einem Worte, dieſer Gallion oder Figurenkopf war ſo 4 *† 3 groß und vielgeſtaltig, daß er der Mannſchaft der Glory eben ſo 4 1 ſehr zum Aerger, als zum Stolze diente; denn die Gruppe nahm ſo viel Raum ein, daß kaum Platz genng übrig blieb, um in der 1 Miktelwache ein Hemd waſchen oder einen pugiliſtiſchen Ehrenpunkt ausfechten zu können, wenn allenfalls ein paar luſtige Theerjacken etwas der Art mit ihren Fäuſten zu bereinigen hatten. 1* Es unterliegt weder in dieſer, geſchweige denn in einer andern Welt auch nur dem allermindeſten Zweifel„daß der Admiral Lord Gambron ein gottſeliger und würdiger Mann war— das heißt, wenn wir ihn von dem Standpunkte ſeiner eigenen Schätzung und dem ſeiner Bewunderer betrachten. Indeß war er einer von denen gott⸗ ſeligen Männern, welche gewaltig viel Unfug anrichten, und wir ſind geneigt, zu glauben, daß das Verſchwinden des mehrerwähnten Figurenkopfs ſich wohl auf den gnädigen Herrn zurückführen ließe, 8 obſchon wir es nicht wagen, die Thatſache mit Beſtimmtheit zu be⸗ haupten. So viel aber können wir mit aller Entſchiedenheit angeben, daß der Kapitän der Old Glory einer der zornmüthigſten von allen See⸗ kapitänen war, die je ein Ungewitter niederzufluchen oder einen Or⸗ kan mit den eigenen Donnerwettern zu überbieten bemüht waren. Pfui, Kapitän Firebraß, meinſt du, die Augen und Gliedmaßen, die Körper und Seelen anderer Leute ſeyen nur dazu geſchaffen wor⸗ den, daß du ſie einzeln und zu Hauf für immer und ewig der hölliſchen Verdammniß überantworteſt? Wir müſſen uns deiner ſchämen, Kapitän Firebraß, und dich ernſtlich fragen, ob du je erwarten kannſt, in die himmliſche Glorie überzugehen, wenn du hienieden aus deiner Glory ein ſo abſcheulich fluchendes Schiff machſt. Nicht daß Firebraß ein grauſamer Mann geweſen wäre; er ſtrafte weit weniger, als irgend ein Kapitän in der Flotte, denn er liebte ſeine Leute, erwies ſich als ihren Freund in geſunden Tagen und war ihr Vater in Krankheit. Aber obgleich er ſie zumal in Furcht und Liebe erhielt, ſo konnte er doch ſeine eigene Leidenſchaft nicht im Zaume halten, die übrigens, wie er meinte, nichts weiter als eine kleine Aufregung war und ihm Erleichterung ſchaffte. 4 Als Firebraß das Kommando der Glory übernahm, war ihm ſchon von Anfang an der reiche Figurenkopf ſehr zuwider.— Er rümpfte die Naſe darüber und verfluchte ihn durch alle ſeine zahlloſen Verwünſchungsvariationen, weil er in einem abſcheulichen Geſchmack angefertigt ſey, zu viel Wind halte und durch ſein Ge⸗ wicht das Schnabelgebälk faſt zuſammendrücke. Aber ſein Haß wurde bald in Liebe, ſeine Verachtung in Bewunderung und ſein Wunſch, ihn zu zerſtören, zu einem ſo ſehnlichen Verlangen, ihn zu erhalten, umgewandelt, als ſey in gedachtem Gallion ſein eigener guter Name oder die Ehre des Vaterlandes identifizirt. Ehe wir jedoch dem Leſer mittheilen, wie dieſe Liebe des Kapi⸗ tän Firebraß zu ſeinem Figurenkopf entſtand, gehegt wurde und zu „ —— — — 9 einer ſolchen Höhe von Begeiſterung ſteigen konnte, müſſen noch ein wenig weiter über den Kapitän ſelbſt berichten. Er war 4 ein kleiner, fünfzigjähriger Mann von gedrungenem Bau, der ohne Frage früher ſchön geweſen war, aber nun in ſeinem drahtförmigen, krauſen, grauen Haare und in der ſteten Unruhe ſeiner Züge ſehr alt, folglich auch in demſelben Grade häßlich ausfäh. Wir ſagen folglich, denn die Züge waren an ſich regelmäßig, ſeine ſcharfen Augen ſchwarz und ſeine Zähne vollkommen. Bielleicht beſaß die Farbe ſeines Geſichts die anſtößigſte Eigenſchaft, denn ſie beſtand in einem gleichförmige lebhaften Roth— nichts daran, was man annäherungsweiſe weiß hätte nennen können, als ſeine Zähne. Sogar die Theile des Auges, welche gewöhnlich die letztere Farbe tragen, waren ſo von blutunterronnenen Venchen durchzogen, daß ſie faſt eben ſo roth waren, wie die Lippen einer Dame, die eben ein Cos⸗ metikum gebraucht hat. Wenn man ihn anſah, hätte man glauben können, er habe ſie durch irgend einen chemiſchen oder magiſchen Prozeß rothglühend gemacht und wolle ſie ſo belaſſen, ſo lange er lebe. Das Phänomen von Bardolfs Naſe war das des ganzen Firebraß. Er konnte ſtets ſein eigenes Bad erhitzen, und das will ſchon etwas heißen in einem ſo froſtigen Klima, wie das unſerige. Aufbrauſende Leute ſind in der Regel ehrlich. Es fällt uns zwar nicht entfernt ein, dies als einen allgemeinen Grundſatz aufzu⸗ ſtellen, aber Leute von reizbarem Temperament nehmen ſich ſelten die Zeit, welche erforderlich iſt, um Andere zu hintergehen. Fire⸗ braß war in der ganzen Kanalflotte derjenige Mann, welcher am geradeſten zu Werke ging, was viel heißen will, wenn man ſeine vielen rückhaltsloſen Kollegen in's Auge faßt, aber dennoch nur die lautere Wahrheit iſt. Er haßte die Heuchelei, war übrigens nur zu geneigt, dieſe Untugend allen Deujenigen zur Laſt zu legen, welche ſich nicht mit der üblichen Religion und Moralität des Tages oder ſeines Kreiſes begnügten. Der freundliche Leſer darf überzeugt ſeyn, daß die Aneldote, welche wir jetzt berichten, Niemand anders, als Angeren Firebraß angeht, obſchon ſie unterſchiedlichen tapferen Offi⸗ ee beigelegt wird. Nach dem denkwürdigen und glorreichen Siege am erſten Juni verſammelten ſich die Kapitäne, welche an deſſen Erringung tapfer mitgeholfen hatten, an Bord des Oberbefehlshaberſchiffes, um dem„ tapferen Admirale und ſich ſelbſt gegenſeitig Glück zu wünſchen. Natürlich ſtand der Kontreadmiral Lord Gambroon vorne an. Er ſchlug die Augen auf, als wolle er eine ſchlaue Schätzung über die Höhe des Beſahnmarſches vornehmen, faltete ſehr geſetzt die Hände vor ſeinem Magen und ſchnüffelte in einem, Tone, der mehr für einen Konventikel, als für das Halbdeck eines Kriegsſchiffs paßte „Wir gewannen einen glorreichen Sieg-— aber r ich habe darum 4 gebetet.“ 1 Ueber dieſe ſehr lobenswerthe Bemerkung Kach die Ungeduld 4 unſers Firebraß los. Er brachte ſein rothes Geſicht dem bleichen* des fronimen Admirals gegenüher und erlaubte ſich die ſehr unge⸗ bührl iche— ja wir dürfen wohl ſagen, ſehr gott loſe Bemerkung: 4 5„So, Ihr habt alſo darum gebetet, mein Lord? Dann ſeyd Ihr verdammt leicht dazu gekommen, denn ich habe darum gefochten.“ Ich bedaure, berichten zu müſſen, daß dieſe Bemerkung mit * mehr Heiterkeit und ſogar Beifall aufgenommen wurde, als gebühr⸗ lich war, und wir berichten ſie überhaupt bloß, um den profanen Charakter dieſes Kapitäns in ein volles Licht zu ſtellen. Erfreuen wir uns jedoch als demüthige und rechtgläubige Chriſten der tröſtlichen„ neberzeugung, daß Kapitän Firebraß gewiß nie an den Platz des Lord Gambroon kam, wenn er nicht ſpäter noch bereute und ſich bekehrte. Dem Admiral wollte dieſe Entgegnung durchaus nicht gefallen, weshalb er Firebraß Vorwürfe darüber machte; und da man ſich leicht denken kann, wie gerne ein Mann, wie der Kapitän der Glory, einen Verweis entgegennahm, ſo darf man ſich nicht wundern, wenn die ganze Geſchichte beinahe mit einem Kriegsgericht endigte. Kei⸗ nesfalls erhöhte ſie die Liebe des gottloſen Mannes zu der Perſon —— 8 innigſten Zuneigung zu umfaſſen begann. Kapitän Firebraß war im Begriffe, einen Verurtheilungsrath über die berüchtigte Gruppe, mit deren Schilderung wir uns ſo viele Mühe gegeben haben, zu halten. In dieſer Zerſtörungsjury hatte er den erſten Lieutenant, den Meiſter, den Hochbootsmann und den Zimmermann zu Beiſtänden, indem ſie den Damen und Gentlemen, welche eine ſo hervorragende Stellung einnahmen, alles mögliche Schlimme nachſagten. Der erſte Lieutenant griff ſie von dem Standpunfte des Geſchmacks an. Die Britannia war nicht halb ſo ſchön, wie Molly Greifinſack von den Halfway⸗Hou⸗ ſes; die Grazien waren wahre Drullen, und die beſte davon würde kein anſtändiger Matroſe von der Landſtraße aufleſen, wenn er nicht eben erſt von einem langen Kreuzzuge zurückkehrte; und was endlich Madame Fama betreffe, ſo wäre ſie eine wahre Schande ihres Geſchlechts— der falſchen Naſe des alten Mannes mit dem Feigenkruge gar nicht zu gedenken. 1 Der Meiſter hatte eine etwas günſtigere Meinung von der Gruppe, fintemal er nicht glaubte, daß die unbekleideten Damen ganz ſo häßlich ſeyen, als ſie der erſte Lieutenant machen wolle. Vergleichung ſey gehäſſig, aber als ein verheiratheter Mann habe er ein Recht, in der Sache mitzuſprechen. So viel könne er we⸗ nigſtens ſagen, wenn Mrs. Treſtletree, ſeine Frau, nur eine halb ſo ruhige Zunge in ihrem Kopfe hätte, als die ſchlimmſte Perſon aus der Gruppe, ſo wäre es ihm vielleicht nicht ſo ſehr darum zu thun, in die Fremde zu kommen. Allerdings laſſe ſich nicht in Abrede zie⸗ hen, daß die kleinen Knaben und Mädchen, wie auch einige von den Damen ſtark nackend ſeyen; aber dieſem Uebelſtand könne man durch ein Bischen Farbe, ſtellenweiſe halbzolldick aufgetragen, abhelfen. Außerdem müſſe er als Familienvater bekennen, daß er gegen die Kinder nichts einzuwenden habe; und da ſie weder Butterbrod oder den Grundſätzen ſeiner Herrlichkeit, obgleich ſie dazn Aulaß 8 gab, daß er ſeinen früher ſo ſehr verachteten Figurenkopf mit der langten, noch weinten, außerdem ihre Geſichter recht ſäuberlich umſonſt gewaſchen würden, ſo oft die Wellen von vorne kämen, ſo ſey er der Anſicht, daß man ſie wohl noch eine Weile laſſen könne, wo ſie ſeyen, wenn anders nicht der Kapitän ihre Entfer⸗ enung wünſche. 4* Der Hochbootsmann bekannte, daß ſie ſeinem laufenden Takel⸗ werk manchen Poſſen ſpielten, und trotz ihren ich ſauberen Geſichter ſey doch immer etwas nicht ſauber unter ihnen. Was auch Herr Treſtletree von ihrer Reinlichkeit ſagen möge, ſo beſchädigten ſie doch immer die Schooten— nameuntlich die Fockſegel⸗ und Klüverſchooten. Indeß trage er ihnen keinen Groll nach, und es ſollte ihm leid thun, wenn er mitanſehen müßte, daß ſie ungehört verurtheilt würden. Was der gute Hochbootsmann mit dieſer letzten Bemer⸗ kung meinte, iſt nie völlig ermittelt worden. Der Zimmermann war ganz und gar für ihre Zerſtörung. Sie brauchten ſtets mehr Farbe, als ſie werth waren, und verloren alle Augenblicke etwas von ihren Geſichtern oder von ihren Glied⸗ maßen. Wollte man dieſe Beſchädigungen wieder herſtellen, ſo konnte man's Niemand recht machen. Man brauchte mehr Zeit dazu, der Fama einen kleinen Finger anzuſetzen, als eine neue große Stenge zu machen; und dann verlor ſie unaufhörlich den Becher ihrer Trompete, während die Kinder ſtets gleichfalls etwas brauchten. Die einzige Schwierigkeit für den Zimmermann beſtand nur darin, wie man den Raum wieder ausfüllen ſollte, wenn die Gruppe ent⸗ fernt wurde. So weit war der Verurtheilungsrath gediehen, als die Ver⸗ handlung mit einemmale eine andere Wendung nahm. 3 Zweites Kapitel. „CEichenherz ſind unſ're Schiffe, Luſt'ge Theere unſ're Leute.“ Das Verurtheilungsgericht wird unterbrochen.— Ein Schreiben läuft ein, das ſich unheilvoll erweist.— Kapitän Firebraß wird wüthender, aber aus der Wuth erzeugt ſich die Gnade.— Der Familien⸗Gaſlion der alten Glory iſt gerettet— wenigſtens für eine Weile. Wer haben unſere fünf Würdenträger in angelegentlicher De⸗ batte verlaſſen, aus welcher man erſehen wird, daß es wunder⸗ bar hätte hergehen müſſen, wenn bei dem Schluſſe derſelben nicht eine einhellige Meinung herausgekommen wäre, da ſie bei dem Be⸗ ginne bereits ihren Entſchluß gefaßt hatten. Jede von den bei der Jury betheiligten Perſonen hätte ohne Frage bis auf den letzten Augenblick ſteif und feſt behauptet, daß die Old Glory demnächſt ihrer ſchlimmſten Beläſtigung, einer zahlreichen Familie, enthoben werden würde. Kapitäͤn Firebraß war nur über die Art, ſie zu beſeitigen, ver⸗ legen. Sollte er in das Logbuch eintragen laſſen, daß der Figu⸗ renkopf in einem Sturme über Bord gewaſchen worden ſey— war es gerathen, ihn auf geſetzlicherem und ehrlicherem Wege zu ent⸗ fernen, indem er ein Certifikat unterzeichnen ließ, daß ſein Gewicht dem Schiffe zu viel Mühe machte— oder handelte er am zweck⸗ mäßigſten, wenn er ſeine Zerſtörung vermittelſt Bitten und Ver⸗ wendungen herbeiführte? Nie hatte eine ſo unſchuldige Familie zahlreichere und unverſöhnlichere Feinde. Aber die Stunde ihres Triumphes war nahe und der Tag ihrer Wiedererneurung däm⸗ merte auf. Sie ſollte ein neues Daſeyn der Ehre und Herrlichkeit beginnen, indem ſie berufen war, den Stolz vor ſich niederzubeugen und ihn zu demüthigen. Dieſe ruhmvolle Laufbahn ſollte übrigens nicht Jahre, ja nicht einmal Monate währen, ſondern verglimmen, wie ein Komet, um nie wieder den Augen ſichtbar zu werden. Die Glory lag damals mit der übrigen Kanalflotte bei Spi⸗ thead vor Anker. Das Kriegsgericht über den Figurenkopf nahm eben in der Kajüte ſeinen Fortgang, als ein Offizier mit einem Brief von dem Kontreadmiral, Lord Gambroon, eintrat. Dies reichte zu, alle Ruhe des Kapitän Firebraß zu verſcheuchen. Er nzte mit dem Schreiben in der Hand umher und erſtickte faſt an der Menge von Flüchen, die ſich ſeine Kehle heraufdrängten. End⸗ lich ſchienen gleich zwanzig zumal herauszubrauſen, wodurch er ſich ſo weit erleichtert fühlte, daß er das Siegel erbrechen und den In⸗ halt vorleſen konnte. 3 „„Lieber Sir!’— wie mag er ſich unterſtehen, mich lieb zu nennen! Lieber Teufel! Dieſer näſelnde, pſalmodirende, Hymnen ſingende, heuchleriſche, reimverderbende, ſchwefelverſenkte Sünder.“ „Wer, Sir?“ ſagte der erſte Lieutenant halb zitternd, halb beſchwichtigend. „Wer, Sir?“ verſetzte der aufgebrachte Mann.„Wer, Sir? Was geht das Euch an? Hol' Euch der Teufel, Sir.„Lieber Sir!“ Oh! ich will ihn lieben— Theer und Federn dem Kerl! Potz Hühner und Enten! Blut und Wunden!“ Und unter ganzen Salven ahnlicher liebenswürdiger Unterbre⸗ chungen brachte er zuletzt das Sendſchreiben zu Ende. Ja, Send⸗ ſchreiben; wir bedienen uns abſichtlich dieſes Wortes, ohne daß wir gegen die Dogmen der Schule faſhionahler Novellenſchreiber einen Verſtoß zu begehen glauben. Bei einer andern Gelegenheit würden wir es einfach einen Brief genannt haben; aber juſt als Firebraß mit dem Leſen zu Ende gekommen war, entdeckte er eine Art zwei⸗ deutigen Grinſens um die weiten, durch Tabaksſaft gebräunten Kinnladen des Hochbootsmanns. Ueber dieſen Beweis von übelzei⸗ tiger Heiterkeit ballte der entbrannte Kapitän beſagtes Sendſchreiben zu einen Klumpen zuſammen und ſandte es mit guier Zielfertigkeit — 15 und einer ganzen Batterie von Flüchen voll in der Mund des an⸗ ſtößigen Mannes.„Nehmt dies, Ihr heilloſe Faſer von einer ver⸗ ſporten Kabel,“ brüllte Firebraß. „Sehr wohl, Sir,“ verſetzte der Hochbootsmann achtungsvoll, indem er an den wenigen grauen Haaren zupfte, die über ſeine Stirne herunterhingen.„Was ſoll ich damit machen, Euer Gnaden?“ Die ſcheinbare Unſchuld der Antwort ſchien die Leidenſchaft des Schiffers ein wenig zu zügeln. „Was Ihr damit machen ſollt?“ verſetzte er.„Verwendet das ſchmutzige Ding meinetwegen zu dem Schmutzigſten, was Euch ein⸗ fällt.“— In dieſem Augenblicke rief„eine leiſe kleine Stimme,“ aber doch ein wenig lauter als die des Gewiſſens: „Mit Erlaubniß, Kapitän Firebraß, ſoll ich dies vor Allem in das Orderbuch eintragen?“ Dieſe Frage ging von einem maultrommelſpielenden Kapitäns⸗ ſchreiber aus, der in einer entfernten, dunkeln Ecke der Kajüte ſeinen Gänſekiel mit einer Geſchwindigkeit von zwölf Knoten in der Stunde dahin fahren ließ. Inzwiſchen hatte der rauhe alte Bootsmann das Papier wieder geglättet, bis es wieder einige Aehnlichkeit mit der urſprünglichen Geſtalt hatte, und hielt es bedächtlich an einem Zi⸗ pfel in die Höhe. Während dies geſchah, ging der Kapitän hin, um ſeinen Schreiber am Ohr zu zupfen— eine ſehr malitiöſe Gewohn⸗ heit, in die er verfallen war, weil er den demüthigen Dienſtmann längſt gegen die Eindrücke aller Arten von Flüchen abgehärtet hatte. Sobald Kapitän Firebraß das Ohr des Delinquenten ergriffen hatte, ergriff auch der erſte Lieutenant etwas Sachgemäßeres, näm⸗ lich die Gelegenheit, ſeinen Kollegen in dem Verdammungsrathe über den Figurenkopf zu ſagen, daß der Schiffer in lichterloher Leiden⸗ ſchaft befangen ſey und ſie daher, um alle weiteren Mißhelligkeiten zu vermeiden, unverweilt die ganze Gruppe mit einemmale verur⸗ theilen ſollten; ſeine Meinung ſey, ſie zu Brennholz zuſammenzu⸗ hauen und bei der nächſteu Kanalbriſe, welche die Schiffsbuge kreuze, im's Log zu ſetzen, daß der Figurenkopf über Bord geblaſen wor⸗ den ſey. Nachdem das Ohrenzupfen unter dem Grinſen des Operateurs und unter dem Kreiſchen des Patienten gebührend vollzogen worden war, trat der Kapitän wieder an den Tiſch, ſtierte ſeinen Offizieren voll in die Geſichter und brüllte laut hinaus: „Nun, Gentlemen— zum Teufel, was iſt's?“ „Sir,“ verſetzte der erſte Lieutenant unterwürfig;„mit aller gebührenden Ergebenheit ſind wir zu einem Beſcheide gekommen. In der erſten Nacht, welche wir wieder in der See draußen ſind, wollen wir den ganzen Quark losmachen, ihn zu Brennholz zuſam⸗ menhauen und das Defieit auf Rechnung einer Bö ſetzen. Darüber haben wir uns vereinigt, Sir, und wir wollen's ſo zur Ausführung bringen.“ 5* Der erſte Lieutenant glaubte mit dieſen Worten den komman⸗ direnden Offtzier ungemein zu Gefallen zu reden; aber nun wurde dieſe unvernünftige Perſon mit einemmale ganz blau und bleifarben vor Wuth. Firebraß ſtreckte ſeine Arme aus, packte mit jeder Hand eine Seite des Tiſches wie mit Schraubſtöcken, beugte ſich darüber hin, ſchob ſeinen Kopf ganz nach vorne und rollte ſeine Augen grimmig gegen die erſchrockenen Offiziere. Jeder wich betroffen um einige Schritte zurück. Anfangs ließ ſich nur ein erſticktes, gur⸗ gelndes Geräuſch aus der Kehle des Kapitaͤns vernehmen. Die Flüche„rumpelten herauf“, wie der Hochbootsmann zu ſagen pflegte. Endlich fand die Exploſion ſtatt, die übrigens anfangs nur aus einer Maſſe faſt unartikulirter und zuſammenhangloſer Ausrufungen beſtand, endlich aber folgende Worte unterſcheiden ließ. „Ihr unterſteht euch? Ihr unterſteht euch? Hole euch Alle der Teufel. Ihr unterſteht euch, mich—mich, dem Kapitän Firebraß, an der Naſe zu zupfen? Wollt ihr etwa gar mich anſpeien? Mich mit Füßen treten, ihr Meuterer? Kein Wort— ich kenne euch, und 17 wollte lieber, daß ihr zuerſt für immer und ewig verdammt wärt. Rühre mir einer von euch nur ein Glied, nur ein Haar, nur einen Zehennagel von jener glorreichen Gruppe an! Lieber wollte ich mich an der Naſe zupfen oder meinen Sitz der Ehren mit Fußtrit⸗ ten bearbeiten laſſen— ja, lieber wollte ich, der Kapitän Firebraß, der wandelnde Spucknapf des nächſten beſten Apothekerjungen werden. Es iſt jetzt nicht ein einziges Stück in jenem Figurenkopf, das ich nicht liebte, ehrte und anbetete. Der Zahlmeiſter ſoll ſie ſammt und ſonders viktualiſiren— den Löwen und Alles, ſie ſollen Alle als A. B. in den Schiffsbüchern ſtehen, und ich will aus den klei⸗ nen Bübchen und Mädchen Unteroffiziere machen. Ha, Ihr grinst? Aber das Geld ſoll aus einer eigenen Kaſſe kommen. Blut und Wunden. Ich weiß ſo gut, wie ihr, ihr Tölpel, daß ſie weder eſſen noch trinken können; aber ſie können ihren Sold in Farbe ver⸗ brauchen— und ob ſie mir nicht morgen ſchön ausſehen ſollen— herausgeputzt wie ein Maimorgen! O, der eingefleiſchte näſelnde Heuchler! Kein Wort, Tauthanſe— kein Wort, ich kann's nicht ertragen— bin auch nicht toll— aber lest einmal dies und ſagt als ehrliche Seeleute, ob es nicht zureicht, Einen für's Narrenhaus reif zu machen!“ Herr Trauthanſe, der erſte Lieutenant, nahm das Sendſchreiben aus der theerichten Fauſt des Hochbootsmanns, ſchnitt ſo gut er konnte, ein Pfarrergeſicht und ſchickte ſich an, zu leſen, während ſich Kapitän Firebraß in eine Hörerpoſitur ſetzte. Letzteres wurde dem Kapitän nicht ſehr leicht, denn er ging ſo unluſtig daran, wie ein Mann, dem man ſagt, er ſolle die möglichſt bequeme Stellung an⸗ nehmen, um gemächlich gehangen zu werden. Indeß that er ſein Beſtes, indem er ſich auf einen Stuhl niederſetzte, den rechten Fuß über den linken legte und nach der Weiſe eines Tourniquets ein ſeidenes Schnupftuch an die Kniee knotete. Der Lieutenant fing an zu leſen; Firebraß aber, der im Verlaufe immer zorniger wurde, Marryat's W. XX. Jack am Lande. 2 zog ſein freiwilliges Folterinſtrument in demſelben Grade feſter an und ſuchte ſo viel möglich die geiſtige Aufregung durch eine phyſiſche zu neutraliſiren. Das anſtößige Dokument lautete folgendermaßen: (Privat.) S. M. S.—— zu Spithead vor Anker, den 7. Juni 1797. „Lieber Sir! Ich würde Euch mit Freuden bei dieſer Gelegenheit als einen Bruder in dem Herrn anreden und den Verſuch machen, in Eurem Innern ein Gefühl jenes künftigen Zuſtandes zu wecken, wo Heulen und Zähneknirſchen ſeyn wird— eines Zu⸗ ſtandes, dem die Sünder nicht entgehen können. Ich beabſichtige nicht, einen Offizier und einen Mann von Ehre zu beleidigen, ſpreche aber zu Euch um der theuren Liebe willen, die ich zu einer Seele auch im Zuſtande des Abfalles trage, wenn ich Euch ſage, wie Ihr bald weit genug auf dem breiten Pfade zur ewigen Berdammniß vorgerückt und ein Verſtoßener ſeyn werdet, wenn Ihr nicht ſchleunigſt bereut und Eure Sünden in einer Weiſe, die ich nur andeuten will, zu ſühnen ſucht. Doch Alles dies empfehle ich nur Eurer Privatberück⸗ ſichtigung. Ich wünſche mich mit Euch über etwas zu be⸗ nehmen, was man mit Recht ein öffentliches Feld nennen kann, und hoffe, daß ich Euch zu etwas Gluck wünſchen darf, das wie ein Blick des wahren Lichtes ausſteht, welches in Eurem umnachteten Verſtand aufgetaucht iſt. Ich höre aus dem. Munde mehrerer Perſonen, daß Ihr Eure Un⸗ zufriedenheit ausgedrückt habt über die ſchwerfällige heid⸗ niſche und gottloſe Götzengruppe, welche ein wahres Aergerniß iſt für einen religiöſen Sinn und dennoch ſo augenfällig auf dem Schnabel des Schiffes ſteht, das ſich unter Eurem Kom⸗ mando befindet. Ich will nichts von der Unanſtändigkeit ſagen, wenn man ohne Unterlaß nackte Bilder vor den Augen 19 der zarten, unſchuldigen Jugend an Bord der Glory zur Schau ſtellt, und beklage dabei hauptſächlich, daß in dieſer Weiſe ſo zu ſagen eine Art von Altar für die falſchen Götter der heidniſchen Mythologie errichtet werden mußte. Es iſt daher ein großer Spielraum in Eure Hände gegeben, der wahren Religion einen Dienſt zu erweiſen. Durch eine umſichtige Benützung der Malerei könnten die drei Haupt⸗ figuren in die Sinnbilder des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe umgewandelt werden, in denen das Weſen des Chriſtenthums beſteht. Der Löwe kann nach dem Geiſte des heiligen Worts durch den Beiſtand des Bildſchnitzers in ein Lamm umgewandelt werden, während durch die Anfügung von ſechs oder ſieben Paar Flügeln, welche nur je drei Schillinge ſieben Pence koſten, die nackten kleinen Knaben und Mädchen Cherubim und Seraphim vorſtellen dürften. „Ich weiß, dieſe Aenderungen werden Euch in einige Unkoſten verſetzen, und da ich als armer Sünder bereitwillig bei dem guten Werke meine Hand bieten möchte, ſo über⸗ mache ich Euch mit Freuden ſämmtliche Intereſſen eines Gut⸗ habens, das ich an einen gewiſſen Phineas Mordecai in Portſea zu fordern habe. Er weigert zwar die Zahlung, aber ſie wird ſich durch umſichtige und thätige Geltendmachung des Geſetzes wohl erzwingen laſſen. „In dem Beiſchluſſe findet Ihr eine Skizze der chriſtlichen Veränderungen, die Ihr in der Gruppe anbringen mögt, und zugleich meine Anweiſung auf den beſagten Phineas Mordecai. „Da dieſe Mittheilung nicht als amtlich betrachtet werden kann, ſo werdet Ihr nach den darin enthaltenen wohl⸗ gemeinten Andeutungen und nach dem Euch inwohnenden Gnadenlichte verfahren. Ehe übrigens dieſer Haufen Götzen⸗ dienſt ſtehen bleiben ſoll— im Falle Ihr abgeneigt ſeyn ſolltet, * die Veränderungen im Sinne des Evangeliums vorzunehmen — würde ich Euch lieber meinen Einfluß bei den Behörden zu gänzlicher Abſchaffung dieſes Gräuels leihen, damit Ihr ſtatt deſſen eine einfache Büſte, ein Schnörkelwerk oder eine Gei⸗ genſchnecke aufſetzen könntet. Der Eurige im Glauben — Gambroon.“ Der letztere Vorſchlag in Seiner Herrlichkeit wohlgemeintem Sendſchreiben war nun eben das, was Kapitän Firebraß ein paar Stunden früher auf's Sehnlichſte gewünſcht hatte; aber jetzt würde er ſich ebenſogerne von ſeinem rechten Arme, als nur von dem geringſten Bruchſtücke der Gruppe getrennt haben. Sie waren ihm in ihrer Geſammtheit koſtbar geworden. Am Schluſſe der Vorleſung dieſes Briefs hatte der Kapitän ſein Tourniquet ſo feſt angezogen, daß der Blutumlauf in dem Beine unten völlig gehemmt war, und als er es verſuchte, vorzu⸗ treten, um ſeine Befehle zu ertheilen, ſtolperte er anfangs und ſah ſich dann genöthigt, zu hüpfen. Dies währte einige Zeit, denn ſeine Wuth geſtattete ihm nicht, an die Urſache des ſich ſelbſt aufgelegten Leidens zu denken. Aber alle Dinge müſſen ein Ende nehmen, und eine Leidenſchaft, wie die unſeres Freundes konnte ſchon um ihrer Heftigkeit willen nicht lange dauern, ohne das Individuum, welches ſich derſelben hingab, zu tödten. Das Bewußtſeyn der Lächerlichkeit kam ihm zu Hülfe; er ſetzte ſich wieder auf ſeinen Stuhl, und während er ſein Schnupftuch lösknüpfte, kehrte auch ſeine gute Stimmung wieder zurück. Er rieb und hätſchelte das noch immer eingeſchlafene Bein, ſchaute heiter um ſich und Alles in der Kajüte wurde Sonnenſchein. „Kommt her, Mr. Sneep,“ ſagte er zu dem leichenartig aus⸗ ſehenden Schreiber.„Wir ſegeln morgen oder übermorgen aus, und Ihr thut wohl, wenn Ihr noch nach Hauſe geht und Eure arme Mutter tröſtet, ehe der blaue Peter fliegt. Nebenbei, ich glaube 21 ich bin ihr noch zehn oder zwölf Pfund ſchuldig; da nehmt ſie, mein guter Junge— und hört nicht darauf, was ſie wegen der Schuld ſagt; ſie iſt alt und ihr Gedächtniß nicht mehr wie früher. So— zieht Eure Segel auf.“ Der junge Menſch wankte, ohne eine Sylbe zu ſprechen, von hinnen und drückte ſeine Gefühle nur durch ein paar große Thränen aus, die in jedem Auge zitterten und wie ein paar helle Schild⸗ wachen über ſeine Empfindungen daſtanden. „Im Grunde ein guter Burſche,“ nahm der Kapitän wieder auf,„aber nur zu ſchnell bereit, ſein Ruder in's unrechte Boot zu ſchieben. Nun, Gentlemen; nun, Mr. Tauthauſe— die Old Glory ſoll ſich wieder verjüängen. Wir wollen— ich ſage, wir wollen das ſchmuckſte Schiff in der ganzen Flotte ſeyn. Glaubt nicht, daß ich wankelmüthig ſey; aber ich habe mich wahrhaftig in meine glor⸗ reiche Familie da vorne verliebt, und was wir lieben, wollen wir nicht züchtigen. Gehen wir unverweilt nach dem Vorderſchiffe, um zu ſehen, in welchem Zuſtande unſere Protégés find.“ Sie begaben ſich miteinander nach vorn, und die Unterofftziere konnten ſich nicht genug wundern, was ihren Kapitän veranlaßt haben mochte, ihren Figurenkopf mit einem ſo ſchrecklich ſchweren Worte oder Worten zu bezeichnen, von denen ſie nur den Schlußtheil zu verſtehen glaubten, unter welchem in engliſcher Sprache(jays, ſprich ſchäs) lockere Weibsbilder gemeint ſind. Wir müſſen geſtehen, daß die glorreiche Gruppe der Old Glory bisher, trotz der kupfernaſigen Verbeſſerung, ſchändlich vernachläſſigt worden war, da ihr ganzer Anſtrich aus einer ſchmutzigen Bleifarbe beſtand. Viele Theile ihrer koſtbaren Leiber waren vermittelſt eiſer⸗ ner oder kupferner Klampen zuſammengefügt, letztere aber roſtig ge⸗ worden, ſo daß ſie dem Ganzen das Anſehen von eben ſo vielen offenen, garſtigen Wunden gaben. Die Hautoberflachen waren kei⸗ neswegs glatt und die intereſſanten Hände und Geſichter ſo voll Schrunden, daß ſie allen Heilkräften des Gänſefettes Trotz boten. Die Geſchichte des Königs Block und der Fröſche hatte ſich an den Figuren wiederholt. Anfangs waren ſie von den luſtigen Theeren mit Achtung, ja, ſogar mit Verehrung behandelt worden; aber die Vertraulichkeit, dieſe fruchtbare Mutter der Verachtung, hatte ſie endlich zu den ſchnödeſten Dienſten herabgewürdigt. Wenn zum Beiſpiel ein Fockmarsmann ſeine Hoſen geſcheuert hatte, ſo trug er nicht das mindeſte Bedenken, ſie an Famas Trompete zum Trocknen aufzuhängen, und ebenſo konnte man ein halb Dutzend Paar zer⸗ lumpter Wollenſtrümpfe an dem unſterblichen Kranze, mit welchem ſie die Britannia krönte, herunterbimmeln ſehen. Britannia, die Herrſcherin der Meere genoß keiner viel würdigeren Behandlung, denn wenn ſie ſich im Hafen befand und die Weiber und Kinder der Matroſen an Bord waren, ſo mußte ſie manches Kinds⸗ taſchentuch über ihrem furchtbaren Arme tragen, während hin und wieder, wie bei Hecuba, ein Schmierlappen über ihrem Diademe hing. Wenn Jack aufgeräumt war, ſo pflegte er der nächſten Figur eine Pfeife zwiſchen die unſterblichen Lippen zu ſtecken, und die Gabeln an dem Dreizack des alten Ocean boten ein ſehr bequemes Mittel, Taue daran zu flechten. Bisweilen mußten die Unſterblichen Jacken, Hoſen und Strohhüte tragen, hin und wieder aber gar den rothen, den blauen oder den Scharlachputz, womit die Lueretien des Points von Portsmouth ſo ehrgeizig ihre züchtigen Perſonen zu dekoriren pflegen. Alle dieſe Verunglimpfungen fanden jedoch nur Statt, wenn das Schiff im aktiven Dienſte zur See war, oder etwa vor dem achten Glockenzuge Morgens. Wie übrigens alle Beſchimpfungen und Vernachläſſigungen, welche man der Menſchheit anthut, ließen auch ſie ihre Merkzeichen zurück. Die Figuren waren nicht mehr, was ſie ſonſt geweſen, und dem Bildſchnitzer, falls derartige Leute nur das mindeſte Gefühl in ihrem Innern tragen, hätte das Herz bluten müſſen, wenn ſie ihm in dieſem Zuſtande des Zerfalles zu Geſicht gekommen wären. Doch alledem ſtand ſchleunigſte Abhülfe bevor. 23 Drittes Kapitel. Kapitän Firebraß zeigt eine wahrhaft väterliche Sorge für ſeine Familie— kauft Cosmetica für ſie und ſchminkt ihre Geſichter.— Der Ruhm der beſagten Familie.— Ehre, die ihr erwieſen wird.— Ihr geheimniß⸗ volles Verſchwinden.— Die Beſtürzung der Offiziere und das Leidweſen des Kapitäns.— Job war nicht der einzige Mann im Elend, welcher Tröſter fand. Britannia, Fama und der Waſſergott waren in einem Grade vernachläſſigt worden, wie man es nicht hätte für möglich halten ſollen, und bei einer genaueren Unterſuchung ſtellte ſich heraus, daß ſie ſich in keiner anſtändigen Geſellſchaft von Göttern und Göttinnen, welcher anſtändigen Mythologie dieſelben angehören mochten, zeigen konnten. Kapitän Firebraß machte, als er ihren gar unfläthigen Zuſtand unterſuchte, ein merkwürdig ernſtes Geſicht, und man wollte wiſſen, daß er ein oder zweimal auf's Rührendſte geſeufzt habe. Zwar unterliegt dieſe ſogenannte Thatſache einiger Beanſtandung, aber ſo viel iſt gewiß— als er die Kupfernaſe des alten Oceans betaſtete, ſchüttelte er dreimal in ſo kläglicher Weiſe den Kopf, daß man hätte glauben könne, er ſey über ſeine eigene Wohlfahrt be⸗ kümmert. Firebraß war übrigens nicht der Mann, welche derartigen dringlichen Falle ſeine Zeit und Thatkraft in müßigem Bedauern vergendete. Er befahl, daß unverweilt dieſen jetzt ſo theuren Gegenſtänden ſeiner Zuneigung eine Wache beigegeben werde, welche nicht ſo faſt als eine Ehrengarde dienen, ſondern vielmehr verhindern ſollte, daß ihnen ſowohl bei Tag als bei Nacht auch nur die mindeſte Unbill zugefügt werde. Der nächſte Schritt beſtand in alsbaldiger Herſtellung der ernſtlicheren Beſchädigungen; und ſo⸗ bald alle Geſchicklichkeit, die an Bord aufgetrieben werden konnte, erſchöpft war, begab ſich der feurige Schiffer nach Portsmouth, um ſich die Dienſte der beſten Bildſchnitzer, deren ſich der Platz rühmen konnte, zu ſichern. Im Laufe von zwei Tagen befand ſich die ganze Geſellſchaft, den Löwen nicht ausgenommen, wieder in dem Zuſtand ihrer früheren Jugend und Schönheit, wobei namentlich auf den häßlichen Alten mit der Urne beſondere Rückſicht genommen wurde. Dann kam die Schueſter der Skulptur, die Malerkunſt, um das Ganze zu krönen.„Nach dem Leben— ganz nach dem Leben!“ lautete des Kapitäns unaufhörliches Geſchrei. Dieſe Fleiſchfarbe! Sir Thomas Lawrence war damals noch ein junger Mann, hätte aber daran profitiren können. Kapitän Firebraß ſah der Arbeit mit der größten Spannung und Theilnahme zu, indem er ganze Stunden in ſeinem Gig unter den Bugen verbrachte. „Ein wenig mehr Roth auf Famas Backbordwange, wenn ich bitten darf, Meiſter Firniß! Sehr gut— ſo wird's vorderhand recht ſeyn. Britannias Steuerbordkatzenkopf könnte auch ein wenig roſiger ausſehen— und macht mir ein Grübchen recht mittſchiffs auf das Kinn der Dame. Gebt den Sternen dieſer kleinen Jungen ein bischen mehr Farbe, wenn Ihr ſo gut ſeyn wollt, und um der Abwechslung willen kann man den Knirps, der dem Löwen zunächſt ſteht, einen Gelbrübenkopf geben.“ So verbrachte er den lieben langen Tag damit, daß er den Figurenkopf der Glory zu einem funkelnden Gemiſche aller grellen und ſchreie enden farben machte, die ſich nur auftreiben ließen. Als endlich das Maiſterwerk fertig war, wurde es nicht nur der Gegenſtand der Bewunderung für die ganze Flotte, ſondern ſein Ruf wanderte auch an's Land. Die Vergoldung war nicht ge⸗ ſpart worden; denn wo ſich immer ein Flecken Blattgold anbringen ließ, durfte man darauf zählen, ihrer zwei zu finden. Der Ruf des Figurenkopfs erreichte, wie bereits angegeben wurde, das Land, weshalb denn auch Schneidervirtuoſen, kontemplative Fleiſcher oder Schu⸗ macher in den Fährbooten Luſtpartieen machten, um dieſe ungeheure und glückliche Leiſtung der Kunſt zu bewundern. Allerdings belegte der fromme Theil der Portsmouther Municipalbehörden dieſe Schau⸗ 25 ſtellung mit dem Banne und ließ an ihre Weiber und Töchter den Befehl ergehen, ſich davon ferne zu halten, weil ſie ſo gar unan⸗ ſtändig und gottlos ſey; dies diente aber nur dazu, die weibliche Neugierde noch mehr zu ſtacheln, und es gab zu Portsmouth, Gos⸗ port, Portſea oder in den Halfway⸗Houſes keine einzige Weibsperſon zwiſchen Sieben und Siebenzig, welche nicht eine ausführliche Be⸗ ſchreibung aller Theile dieſes außerordentlichen Bildnerwerkes hätte geben können. Lord Gambroon wurde darüber faſt raſend, während der alſo umgeſtaltete Figurenkopf eine ſo gute Wirkung auf Firebraß übte, daß dieſer für einen Zeitraum von ſieben Tagen in einer wahrhaft himmliſch guten Laune war. Wir nähern uns jetzt unſerer erſten Kataſtrophe. Die Glory war Tags zuvor ausbezahlt worden und ritt, als der Morgen an⸗ brach, wohl ſeewärts als das äußerſte Schiff der Flotte vor einem einzelnen Anker. Jedermann weiß, daß der Zahltag für die Matro⸗ ſen eines Kriegsſchiffs ein Bacchanal iſt. Das Schiff ſelbſt wird vorn und hinten zum Tummelplatz der lärmendſten Beluſtigung. An dieſem Tage wird die Trunkenheit nicht beſtraft und Alles findet Nachſicht, was nicht in wirkliche Meuterei ausartet. Da faſt von Jedem angenommen werden kann, daß er betrunken zu Bette geht, ſo iſt es kaum möglich, einen guten Lugaus zu halten. Indeß läßt ſich ſtets vorausſetzen, daß eine hinreichende Anzahl von Marinern im Stande iſt, die verſchiedenen Wachpoſten des Schiffes zu beſetzen. Die Offiziere nehmen natürlich keinen Theil an dieſer allgemeinen Abweichung von Disciplin und Nüchternheit. Wir ſind jetzt im Begriffe, eine jener erſtaunlichen Thatſachen zu berichten, welche die Welt für unmöglich halten würde, wenn ſie nicht wirklich vorgefallen wäre. Als der Tag anbrach, war die ganze Gruppe, Löwe und Alles, von dem Schnabel der Old Glory verſchwunden. Ihre Glorie war für immer dahin— und der Um⸗ ſtand, daß der Mariner, welcher als Schildwache dabei geſtanden hatte, gleichfalls nicht mehr aufgefunden werden konnte, machte das Geheimniß noch unerforſchlicher. Der Figurenkopf war in der kunſt⸗ gerechteſten Weiſe beſeitigt worden. Die Kupferbolzen, mit welchen er an Vorſteven und Bruſtholz befeſtigt geweſen, desgleichen die eiſen⸗ feſten Leittaue und Braſſen, mit denen man die verſchiedenen Theile der Gruppe Beſtand gegeben hatte, waren durch die geeigneten In⸗ ſtrumente und zwar in einer Weiſe durchſchnitten, daß man die thã⸗ tige Hand ſachverſtändiger Perſonen darin nicht verkennen konnte. Sobald dieſe übelberathene Familie einmal im Waſſer war, ſo mußte ſie mit der Ebbe bald den Kanal hinunterſchwimmen, wenn ſte nicht etwa, was weit wahrſcheinlicher der Fall war, durch irgend einen boshaften ſchelmiſchen Dieb an's Land getaut wurde. Dieſe Entführung der britanniſchen Gloria ſammt der trom⸗ petenblaſenden Fama und dem neugemalten Löwen war ſchon bald nach ein Uhr Morgens allgemein im Schiffe bekannt. Die Leute wurden wieder nüchtern, meinten aber, wenn ſie dieſe ſchreckliche und unglaubliche Deſertion erzählen hörten, ſie ſeyen noch immer betrunken, oder hielten wenigſtens ihre Berichterſtatter für über See. Dann kamen die Matroſen zu Fünfen, Zehnen und Zwanzigen aus dem Raume herauf, um ſich perſönlich von einer Thatſache zu über⸗ zeugen, bei der ſie kaum ihren eigenen Augen Glauben ſchenken mochten. Die Offiziere waren entſetzt und betäubt. Sie fühlten, in welchem lächerlichen Lichte ſie vor der ganzen Flotte erſcheinen mußten, ſelbſt wenn ſie wegen der jämmerlichen Vernachläſſigung der Wache keine Strafe befiel und auf die Tags zuvor geſchehene Auszahlung des Schiffes übergebührliche Rückſicht genommen wurde. Der erſte Lieutenant war ganz außer ſich und der Kapitän der Mariners rang verzweifelt die Hände— bald über den Verluſt des Figurenkopfs, bald über das Unſichtbarwerden ſeines Jollys. ieſ ſtänden ſeiner Sorge unſichtbar geworden, war nämlich der geſe teſte, ordentlichſte und nüchternſte Mann an Bord, ſo daß er in ſeiner 27 Klaſſe eigentlich als etwas Außerordentliches galt. Durch Gewalt konnte er unmöglich überraſcht worden ſeyn, und eben ſo ſehr hatte es ſeine Richtigkeit, daß er nicht betrunken war, als er die Wache bezog, wie man denn ihm überhaupt nicht nachſagen konnte, daß er, ſeit er ſich auf dem Schiffe befand, je eine Verſündigung an der Tu⸗ gend der Mäßigkeit begangen hätte. 3 Aber wer ſollte dem nichts ahnenden Kapitän die entſetzliche Kunde hinterbringen? Der gute, ruhige Mann(denn das war er, wenn er ſchlief) lag in dem glücklichſten von allen nur denkbaren Morgenſchlummern. Seine Lieblinge, ſeine Schooßkinder tanzten zärtlich in allen Arten phantaſtiſcher und liebkoſender Attitüden um ihn her, und er ſann auf neue Ehre, friſche Himmelsglorien für ſie— aber ach, jetzt waren die theuren Gegenſtände ſeiner Herzensneigung für immer dahin. Nichtsahnender Mann! nie wird wieder ein ſo ſüßer Schlaf Deine Augen ſchließen oder Deinen bilderreichen Träu⸗ men ſo angenehmen Weihrauch ſtreuen! 1 Aber inzwiſchen träumte Kapitän Firebraß fort. Wer wird es wagen, ihn zu ſeinem Elende zu wecken? Welche Stimme iſt im Stande die unheimliche Kunde zu hinterbringen und das ſcharfe Gift derſelben mit etwas Beſchwichtigendem und Verſöhnendem zu mildern? Es war ein verzweifelter Dienſt und der erſte Lieutenant blickte vergeblich unter den verſammelten Offizieren nach einem Frei⸗ willigen umher. Männer, die mit Begiex vorgeſprungen wären, um „die Seifenblaſe Ruhm ſelbſt unter Donnerſchlünden“ zu ſuchen, zogen ſich zurück, wie Hunde, die wegen einer geſtohlenen Wurſt die Peitſche erhalten haben. Zum Glück für alle Theile befand ſich ein dritter Lieutenant der Mariner an Bord— ein milchgeſichtiger Jüngling mit einer merkwürdigen Verſtandesarmuth. Er war der Sohn einer Kammerdienersfrau des Lord Fitzharting Fitzalbert, welcher unter die Lords der Admiralität gehörte. Dieſer junge Gentleman erhielt ſeine Beſtallung als kleine Belohnung für die mühſamen Dienſte, welche ſein Vater dem Lande geleiſtet hatte, indem er Seiner Herrlichkeit das Haar kräuſelte und ſeiner ſchönen Frau geſtattete, die Garderobe des gnädigen Herrn unter ihre Obhut zu nehmen. Wie ärmlich werden doch manche Leute von dem undankbaren Vater⸗ lande belohnt— doch wir können dies nicht ändern. Beſagter Marineroffizier, Sepet geheißen, erhielt die Weiſung, daß es zu ſeinem Dienſt gehöre, den Verluſt des Mariners dem Kapitän zu melden, da derſelbe, wenn anders Wache gehalten worden, unter der ſeinigen verſchwunden wäre;„und Mr. Sepét,“ fügte der erſte Lieute⸗ nant bei,„Ihr könnt dann eben ſo gut den Bericht erſtatten, daß der ganze Figurenkopf mit dem Mariner deſertirt ſey, folglich das Bruſtholz ſo kahl daſtehe, wie eine flache Hand. Ihr könnt dies ja ſagen und ſehen, wie es der Kapitän aufnimmt.“ „Aber was geht mich der Figurenkopf an?“ verſetzte der junge Sepét, welcher juſt noch Hirn genug hatte, um zu bemerken, daß der Dienſt mit einiger Gefahr verbunden war. „Was er Euch angeht? Tauſend alle Welt— Alles junger Mann! Die Damen waren folgerecht Eurer ſpeziellen Hut anvertraut. Der Mann, der ihnen als Wache beigegeben war, ſtand unter Eurem Befehle, und die ganze Sache hätte nicht ſtatthaben können, wenn Ihr der vorgeſchriebenen Ordre gemäß mit Eurer Wache die Runde gemacht hättet.'s iſt indeß eine bloße Kleinigkeit— der Verluſt des Mannes kommt hauptſächlich in Betracht. Beeilt Euch; es iſt keine Zeit zu verlieren— marſch!“ Der arme Teufel ſchlich ſich nach der unter der Hütte befind⸗ lichen Kajüte hinunter, und ſeine Kameraden, die einer ſchleunigen Exploſion entgegenſahen, pflanzten ſich in zwei Zeilen vor der Thüre auf. Sie durften nicht lange harren. Nach ein paar Minuten ließ ſich ein Flüchegeklapper vernehmen, worauf krachend die Thüre auf⸗ flog und Mr. Sepét mit geſträubten Haaren über die Schwelle her⸗ auseilte, während der Fuß des Kapitäns in dichter, obgleich ſehr un⸗ ſchädlicher Berührung hinter ihm ſichtbar wurde. Das Entſetzen des Flüchtlings ließ ſich einigermaßen entſchuldigen, denn ſein Verfolger . 3 29 war im Hemd, hatte ſeine weiße Nachtmütze über die eine Seite ſei⸗ nes glühendrothen Geſichts gezogen und hielt mit der einen Hand einen Stiefelzieher, mit der andern eine Waſſerflaſche umfaßt, welch letztere unmerklich ihren kalten Strom über die nackten Beine des Kapitäns ausgoß, der mit ſeinen ungewöhnlichen Waffen vergeblich den Kopf des jungen Marineoffiziers zu bearbeiten ſuchte. Seiner Blöße unbewußt, ſetzte der aufgebrachte Kapitän ſeine Jagd nach dem Haupt⸗ decke fort, nach welchem das unglückliche Opfer hinunterſprang und verſchwand, aber nicht eher, bis Stiefelzieher und Waſſerflaſche den Kopf des armen Verbrechers getroffen hatten. Als Kapitän Firebraß bemerkte, daß ihm der Gegenſtand ſeiner Rache vorderhand entwiſcht ſey, ſchien er plötzlich zum Bewußtſeyn ſeiner lächerlichen Lage zu kommen. Er griff nach einem Wachmantel, welchen ihm ein ruck⸗ ichtsvoller Matroſe hinhielt, wickelte ſich in deſſen Falten und kehrte einer Jammermiene nach der Offiziersgruppe zurück, die er mit den Worten anrief: „Was iſt dies? Was habe ich hören müſſen?“ Der Kapitän der Mariner trat achtungsvoll auf ihn zu, lüpfte in ſeinem Verſuche, ſo amtlich als möglich zu ſprechen und zu han⸗ deln, ſeinen Hut drei Zolle vom Kopf und begann folgendermaßen: „Kapitän Firebraß, es wird mir zur peinlichen Pflicht, Ench zu melden, daß Joſuah Griplethwalde, Soldat in Lieutenant Se⸗ pet's, Unterabtheilung der Mariner, verſchwunden iſt, als er bei dem Figurenkopf Schildwache ſtand.“ 1 „Und der Figurenkopf?“ brüllte der ungeduldige Mann im Wachmantel. b „Iſt mit ihm unſichtbar geworden.“ „Unmöglich! Heillos, teufelmäßig, unglaublich, unmöglich! Der Mann kann nun und nimmermehr mit der Fama, mit der Britannia, mit dem alten Ocean, mit dem Löwen und mit den kleinen Kindern, die alle ſo groß waren, als er ſelbſt, davon gelaufen ſeyn.“ „Wnhrſcheintih ſind ſie mit ihm davon gelaufen, Sir, denn es unterliegt keinem Zweiſel, daß ſie fort ſind,“ bemerkte der Wund⸗ arzt im geſchmeidigſten Tone.„Er konnte von Glück ſagen, daß er eine privilegirte Perſon war.“ „Mr. Tauthauſe, Mr. Tauthauſe, um Gottes willen erklärt mir Alles dies. Wenn auch nur ein Funken Wahrheit darin iſt, ſo wird Jes Einigen von Euch die Beſtallung koſten.“ Und Firebraß machte ein ſo boshaftes Geſicht, als könnte er jeden dritten Mann auf der Stelle hängen laſſen. „Die Nacht war nebelig und dunkel,“ ſagte der erſte Lieutenant; „alle Matroſen hatten ſich betrunken, und der Mariner auf der Wache wurde entweder von den Dieben überwältigt oder ſtand mit ihnen im Bunde. Es müſſen Mehrere dabei betheiligt geweſen ſeyn, denn ſämmtliche Figuren ſind in einer Weiſe abhanden gekommen, wie ſie die geſchickteſten Werftenarbeiter nicht beſſer hätten wegnehmen können. „Der Verſtand ſteht mir ſtille! Die Sache ſcheint mir— unmöglich zu ſeyn. Wurde denn kein Lärm gemacht? kein Geräuſch gehört? Wo fſind die Offiziere der Wache?“ Sie traten der Reihe nach auf und gaben natürlich die befrie⸗ digendſte Auskunft über ſich und ihren Wachdienſt, wobei ſie ſtets das gleiche Lied von der Dunkelheit und dem Nebel wiederholten. Es wurde angedeutet, daß die Räuber wahrſcheinlich Tags zuvor mit den Handelsleuten und Trödlern, die am Zahltag Zutritt hatten, an Bord gekommen ſeyen, und vermuthlich habe nach abgemachtem Werke ein auf der Lauer liegendes Uferboot die Gruppe, ſobald ſie in die See niedergelaſſen wurde, in's Schlepptau genommen. Da dies die einzige wahrſcheinliche Conjectur war, welche über den Fall aufgeſtellt werden konnte, ſo ſah ſich Kapitän Firebraß genöthigt, ſie ihrem Werthe gemäß anzunehmen. Es bildete ſich nun eine trübſelige Prozeſſion, die der Kapitän anführte, und dann ging der Marſch langſam nach dem Schauplatze der Verödung.. Während Firebraß nach dem Vorderſchiffe ging, ſuchte Jeder ſich ſo fern wie möglich von ihm zu halten. Er ſchien übrigens jetzt 31 mehr niedergeſchlagen, als zornig zu ſeyn und ſprach kein Wort, bis er genau vorn auf dem Bruſtholze ſtand, wo geſtern noch die hoch⸗ rothe Göttin in aller ihrer goldenen Glorie geprunkt hatte— freilich ein kläglicher Subſtitut, denn wir haben bereits geſagt, daß Fire⸗ braß ein kleiner Mann war, und der Mantel, welchen er haſtig über ſich geworfen, trug durchaus nicht dazu bei, die Würde ſeiner Außen⸗ ſeite zu erhöhen. Eine Weile blieb er troſtlos in dieſer Haltung ſtehen, indem er bald ſehnſüchtig nach dem Waſſer uiederſchaute, als wolle er darin ſeinem unerträglichen Elende ein Ende machen, bald wüthend um ſich herblickte, wie wenn er irgend ein Opfer ſuchte, um es dem Anden⸗ ken der Hingeſchiedenen zu weihen. Die Scene war zu bitterkläglich, um lange währen zu können, denn als ſeine Augen auf die Flagge des frommen Contreadmirals fielen, ballte er die Fauſt und ſchüttelte ſie drohend in jene verhaßte Richtung. Dann verließ er haſtig ſeinen augenfälligen Poſten und ging wie ein Mann, dem das Theuerſte ge⸗ raubt wurde, nach ſeiner Kajüte hinunter, das einemal ſich ſchwer⸗ fällig auf die Schulter ſeines erſten Lieutenants lehnend und dann wieder unverſtändliche, kaum hörbare Flüche vor ſich hinmurmelnd. Als er die Thüre ſeiner Kajüte erreicht hatte, blieb er ſtehen, ergriff mit Wärme die Hand des erſten Lieutenauts und ſprach fol⸗ gendermaßen: „Mein lieber Freund, die Sache geht mir mehr zu Herzen, als ſie eigentlich werth iſt; aber ich werde der Gegenſtand des Gelächters für die ganze Flotte werden. Begebt Euch zu dem Admiral an Bord, ſobald Ihr glaubt, daß er auf ſey, und erſtattet über den ganzen Vorfall den beſtmöglichen Bericht. Und hört, Tauthauſe, ich will Euch eine Gunſt erweiſen— eine große Gunſt. Ich habe im Sinne, dieſen pſalmſingenden Sohn einer Hündin herauszufordern und ihn, wenn anders noch Kraft im Schießpulver liegt, niederzuſchießen. Ihr, mein Junge— Ihr ſollt mir ſekundiren. Schickt mir den Doktor— ein ſauberer Contreadmiral das! Schickt mir den Doktor.“ Aber der Leidensbecher unſeres armen Firebraß war noch nicht voll. Der Admiral war ſehr aufgebracht und zu gleicher Zeit ſehr ver⸗ gnügt. Am Morgen deſſelben Tages übermachte jeder Kapitän der Flotte unſerem ungeſtümen Freunde ein ſpöttiſches Condolenzſchrei⸗ ben mit ebenſo lächerlichen als peinigenden Erbietungen. Firebraß ertrug Alles dies mit leidlichem Gleichmuthe— das heißt, wenn man ſeine Perſönlichkeit in's Auge faßte. Er fühlte freilich gute Luſt, ſeinen Quälgeiſtern eine natürliche Gerechtigkeit angedeihen zu laſſen; aber er hatte die Lacher ſoſehr gegen ſich, daß er vorderhand beſchloß, dem Strome des Spottes ſeinen Lauf zu laſſen, da er ihm nicht widerſtehen konnte, ohne ſich noch größeren Aergerlichkeiten auszuſetzen. Am Mittag langte eine zwölfruderige Jolle mit einem heilig ausſehenden Lieutenant in den Sternſchotten neben der Oid Glory an. Der fromme Offtzier erſchien auf dem Halbdeck und drückte ſeinen Wunſch aus, den Kapitän Firebraß zu ſprechen, der ſofort mit einem Geſichte erſchien, in welchem Weineſſig genug war, um ein ganzes Fäßchen voll Gurken einzumachen. Er wurde folgender⸗ maßen angeredet: „Contreadmiral Lord Gambroon hat durch das allgemeine Ge⸗ rücht, das ſich ihm durch eigene Beobachtung beſtätigte, vernommen, daß das Schiff unter Eurem Kommando durch das Abhandenkommen des heidniſchen Figurenkopfs, den Ihr ſo flitterhaft bemalen ließt, einen Verluſt erlitten hat, weshalb er Euch aus chriſtlicher Liebe einen ſehr guten Apoſtel Paulus ſchickt, den ich mit im Schlepptau habe. Se. Herrlichkeit trugen mir zugleich auf, Euch zu ſagen, daß der Apoſtel die wahre Glorie“ ſey, und daß der Admiral nicht das Mindeſte dagegen habe, wenn derſelbe das Aergerniß erſetze, welches zuvor als der Figurenkopf der Glory zu ſehen geweſen ſey.“ „Vermeldet dem Contreadmiral Lord Gambroon mein Kompli⸗ ment, nehmt ſeinen Apoſtel Paulus im Schlepptau wieder zurück und bedeutet ihm, daß ich ſeine Gabe unmöglich annehmen könne, weil ich gewiß wiſſe, daß Se. Herrlichkeit den Apoſtel noch nicht über den 33 zweiten Vers des vierten Kapitels in der Epiſtel an den Timotheus habe predigen hören; der heilige Mann werde daher Sr. Gnaden weit dienlicher ſeyn, als mir. Und damit fort aus meinem Schiff, Ihr pſalmdienender—“ „Dieſes Benehmen—“ „Hinweg mit Euch, Sir! Und hört— noch ein Wort iws Ohr — ich habe noch eine kleine Rechnung mit dem gnädigen Herrn ab⸗ ufertigen, kenne übrigens den Dienſt.“ Viertes Kapitel. Beſteht nur in einigen nothwendigen Einführungen und einer kleinen Ab⸗ handlung über Charaktere.— Sollte nicht übergangen werden, obſchon . der Autor verſucht hat, verſtändig zu ſeyn. Jack, welchen wir dem Leſer noch nicht vorgeſtellt haben, iſt zur Zeit nicht am Lande, ſondern noch immer an Bord der Old Glory. Wir bedauern, die erſte Erwähnung dieſer Perſon damit beginnen zu müſſen, daß er am Zahltage ſich furchtbar betrank, mit ſeinen Kameraden Händel anfing, ſich mit ſeinem Mädchen herumbalgte, von ſeinem Iunden rein ausgezogen wurde und am Morgen der Ent⸗ führung des Figurenkopfs ſo elendiglich unwohl war, daß ſich ſein Gehirn in einem zu verwirrten Zuſtande befand, um die erſtaunlichen Ereigniſſe faſſen zu können, welche dem Kapitän ſoſehr zu Herzen 4 und der Schiffsm nnſchaft völlig über den Horizont gingen. Wir müſſen ihn außerdem vorderhand noch auf der See laſſen und uns einſtweilen in Betrachtung von weit angenehmeren Scenen und gebildeteren Weſen zu ergehen, als diejenigen waren, die wir bis jetzt zoſehitet haben. Marryat'’s W. XX. Jack am Lande. 3 24 34 Sir Edward Fortintower ſchien in ſeinem Sechsundzwanzigſten jenes Neecplusultra, jene höchſte Vollkommenheit des menſchlichen Glückes errungen zu haben, weſche den nachdenkſamen Mann für den Beſitzer deſſelben zittern läßt. Jedes Ereigniß, das möglicherweiſe ſein Geſchick treffen konnte, ſchien auch, da es nothwendig einen Wechſel in ſich faſſen mußte, als natürliche Folge einen Mafel, eine Beeinträchtigung jenes übermäßigen Glückes, das ſichtlich ſein Loos war, mit ſich führen zu müſſen. In vollkommener Geſundheit, im Beſitze einer männlichen, kräftigen Geſtalt und mit einem ſchönen Antlitze begabt, ſtand er unter den übrigen Menſchen wie ein hehres Gebilde da, obſchon es nicht von ſeiner Race geſchieden war. Mit einem gewaltigen Geiſte, viel Witz und regem Eifer ausgeſtattet, hatte er einen Grad von intellektueller Vollkommenheit erreicht, der ſich zwar nicht mit den bloßen Zufälligkeiten ſeiner körperlichen Schön⸗ heit meſſen konnte, ihn aber doch in den Stand ſetzte, ſeine Rolle mit Anmuth zu ſpielen, in was immer für eine Geſellſchaſt ihn der Zufall werfen mochte. 3 Von allen ſeinen Talenten war übrigens eine leidenſchaſtliche und natürliche Beredtſamkeit das hervorſtechendſte. Er fühlte dies ſelbſt in vollem Grade und war natürlich ſtolz darauf. Kaum hatte ihm das Geſetz geſtattet, ſich Mann zu ſchreiben, als er ſchon ſeine Stelle unter den Senatoren des erſten Reichs der Welt einnahm, und obgleich er bis jetzt nicht vielen perſönlichen Einfluß beſaß, war er doch der allgemeine Gegenſtand der Bewunderung und, der Muth⸗ maßung Aller zuſolge, beſtimmt, eines Tags die Haupttriebfeder in dem Geſchicke des größeren Theils der civiliſirten Welt zu werden. Dies war eine hohe und ſehr werthvolle Auszeichnung. Die hoch⸗ ſtrebenden jungen Männer des Tages zollten ihm allgemein ihre Hul⸗ digung, und wo immer er auftreten mochte, erregte er augenſcheinlich ſtets jenes Aufſehen, das fuͤr ſeinen Gegenſtand ebenſo ſchmeichelhaft als gefährlich iſt. Für einige übelvergoltenen Verdienſte ſeiner Vorfahren war Ed⸗ 35 ward Fortintower am Tage ſeines Majoritätsantritts zu einem eng⸗ liſchen Baronet ernannt worden. Seine Erbgüter waren groß nnd unbelaſtet, da ſie von einem wucheriſchen, entfernten Verwandten herrührten; auch hatten ſie unter Sir Edwards Beſitz noch immer ihre Integrität behalten. Er machte zwar alle Beluſtigungen, den Aufwand und ſögar einige der Ausſchweifungen des Tages mit, ließ aber dabei ſtets jene anſpruchsloſe Klugheit walten, die ſeinen Be⸗ luſtigungen einen doppelten Reiz verlieh, und ihn vor der Demüthi⸗ gung des Schuldenmachens wie vor dem Elend der Gexyiſſensbiſſe bewahrte. Obgleich mit Entſchiedenheit ein Modemann, hatte ihn doch die Natur für das Geſchäftsleben geſchaffen. Er liebte die Thaͤ⸗ tigkeit und Beſchäftigung um ihrer ſelbſt willen und befolgte immer Methode, mochte ſich's um wichtige Dinge oder Kleinigkeiten, um einen wilden Ausbruch der Vergnügungsluſt oder um die ſtille Zu⸗ rückgezogenheit ſeiner Bibliothek handeln. Kein junger Mann jener Zeit beſaß die Mittel zu einem größe⸗ ren Glücke, als Sir Edward Fortintower, und ebenſowenig ſchien irgend Jemand mit gediegeneren Eigenſchaften begabt zu ſeyn, um dieſe Mittel den großen Zwecken des Lebens dienſtbar zu machen oder letztere ſeſtzuhalten, wenn ſie errungen waren. Und er war geſegnet in jenem ſüßeſten von allen Segen— in ſeiner Liebe. Es war eine treue Liebe, und doch war ihr Strom nicht nur glatt, ſondern ſogar lieblich, entzückend dahin gelaufen. Noch ein Monat— aber wie ärgerlich lang däuchte ihm nicht dieſe Friſt, wenn er daran dachte— noch ein einziger kleiner Monat, und die wonnig bebenden Gefühle der Hoffnung ſollten für immer ver⸗ ſchlungen werden von dem gediegenen Geuuſſe eines ſicheren Glückes. Die Verlobte des Sir Edward Fortintower war eine Erbin von großer Schönheit. Sie hatte eine gute Erziehung genoſſen und war mit allen Talenten und Fertigkeiten verſehen, die einer Dame von Stand zur Zierde gereichen, obſchon wir eine Unwahrheit behaup⸗ ten würden, wenn wir ſagen wollten, ſie ſey im Tanz anmuthiger * als die Elsler, im Gefang begeiſterter als die Griſi, im Landſchaft⸗ malen beſſer als Stanfield oder im Portraitiren geſchickter als Sir Thomas Lawrence geweſen. Sogar in jener gewöhnlichen Fertigkeit, der Muſik, waren ihr viele Damen und Gentlemen von Fach über⸗ legen. Wir wiſſen nicht, ob ſie ſich in der Poeſie mit Miß Landon hätte gleichſtellen oder die Mrs. Hemans übertreffen können, wenn gleich wir auch nicht das Gegentheil behaupten wollen, da ſie nie einen Verſuch gemacht hatte. Einmal und nur ein einzigesmal begann ſie, vom Mondlichte und einem Gefühle des Uebermaßes ihres Glücks überwältigt, eine Ode— natürlich auf ihre Liebe und ihren Lieb⸗ haber. Sie verlangte ſehnlichſt, daß jede Stanze mit dem Worte Edward ſchließen ſollte; aber die Armuth der engliſchen Sprache nicht ihr eigener Mangel an Genius war ſchuld, daß das Gedicht nicht gelingen wollte. Den einzigen Reim, der ſich ihr darbot,*) wies ſie mit Erröthen zurück, und dann kam ſie eilig— vielleicht nur allzu⸗ eilig— zu der Entſcheidung, daß„die Götter ſie nicht zur Dichte⸗ rin gemacht hätten.“ Glücklich, dreimal glücklich würde unſere bis zum Ueberdruß und Ekel behelligte Welt ſeyn, wenn neunzehn Zwan⸗ zigſtel unſerer Dichter ihre Mühe in derſelben eremplariſchen Weiſe begonnen und beendigt hätten. In der That, wir wiſſen nicht, durch welchen beſonderen Vor⸗ zug dieſe Dame im Ruf ſtand. Sie hatte nicht einmal einen merk⸗ würdigen romantiſchen Namen, da ſie in der Taufe Anna geheißen wurde und von ihrem Vater den gewiß nicht ariſtokratiſchen Zuna⸗ men Truepenny erhalten hatte. Aber trotz dieſer ſchreienden Män⸗ gel im Einzelnen gab es doch, wenn man alle ihre Eigenſchaften zuſammenfaßte, keine vortrefflichere und feiner gebildete junge Dame in London, wenigſtens für eine Saiſon. Ihr Großvater, der alte Truepenny, war noch am Leben. Es hatte den Anſchein, als ſey er ſo gar alt, daß Niemand genau ſagen *) Bedward, zu Bette. 37 konnte, wann er zu leben begonnen hatte, und ebenſowenig unterfing ſich irgend Einer, die wahrſcheinliche Periode ſeines Todes feſtzuſetzen. Anna hatte nie die Liebe und Sorgfalt eines Vaters oder einer Mutter kennen gelernt, denn ſie konnte ſich nicht einmal ihrer Elteru erinnern, da dieſe für ſie eigentlich ſo gut wie nicht vorhanden geweſen waren. Niemand hatte je von ihnen mit ihr geſprochen, und ſie hatte in ihrer Kindheit den Großvater ſtets„Papa,“ in ihren vorgerückteren Jahren aber„Vater“ genannt. Truepenny war ihr Großvater väterlicher Seits und Anna das einzige noch lebende Kind ſowohl ſeiner Familie, als der ihrer Mutter. Wie nun Niemand das Al⸗ ter des ſehr alten Truepenny kannte, ſo wußte ebenſowenig Niemand wie reich der ſehr reiche alte Truepenny war. Er mußte nahezu an hundert Jahre zählen, und obgleich er den Eindruck der Zeit deutlich in ſeinem runzelichen Geſichte trug, ſo ſah er doch noch geſund und kräftig aus. Sein Geſicht war vortrefflich, obgleich ſein Gehörſinn bedeutend nothgelitten hatte, und wenn auch ſein Schritt etwas ſchwankend war, ſo beſaß er doch noch eine kräftige Stimme. Er hatte längſt aufgehört, ſich in ſeiner Kleidung um die Mode zu kümmern, denn er trug ſich eben, wie ſich dies am beſten mit ſeinem Alter und ſeiner Gebrechlichkeit vertrug. Er ließ ſich nur ſelten ra⸗ ſiren, und dennoch wurde dieſe Operation zu häufig an ihm vorgenommen, als daß ſein Bart, ſo weiß wie der Schnee im Schatten, den Charakter eines niederwallenden hätte gewinnen können. Sein Kopf war kahl⸗ einige lange, gebleichte Locken ausgenommen, die über ſeine Schultern herabfloßen. In ſeiner gewöhnlichen Umhüllung mit bequemen Rö⸗ cken und Halstüchern ſchien er mehr einem Einwohner von Conſtan⸗ nopel, als einem Londoner zu gleichen. Was die Diät betraf, ſo war er nicht nur mäßig, ſondern ſogar enthaltſam, und obgleich er den Tod nicht zu fürchten ſchien, traf er doch jede Vorſichtsmaßre⸗ gel, um ein Leben zu verlängern, das ihm doch nur ſo wenig Freude bieten konnte. 1 Zur Zeit des Beginns unſerer Erzählung bewohnte Mr. True⸗ penny das Haus, welches nach dem Green⸗Park hinausſieht und jetzt die Wohnung des Lords A.. iſt. Es war damals ein großartiger Tempel, dem Stillſchweigen und einem prunkvollen Anſtande geweiht. Dienerſchaft war reichlich vorhanden, obgleich nur wenige da waren, die bedient werden mußten. Mr. Truepenny ſuchte und empfing keine Geſellſchaften, und doch war der Prunk der alten Zeit bei der erſten und zweiten Tafel beibehalten. Die Bedienten mäſteten ſich in den Hallen, die Pferde wurden in den Ställen fett, und der Kutſcher, der nur ſelten mit Peitſche oder dem Kutſchbocke zu thun hatte, gedieh mit ihnen. Mr. Trucpenny ſchien von ſeiner großen Dienerſchaft weiter nichts zu verlangen, als daß ſie ſich ſtillſchweigend verhielt und ihm aus dem Geſicht blieb. Da er für einen ſo reichen Mann ſehr überlegt war, ſo wünſchte er nicht, daß ſeine Enkelin bei ihm wohnte, und übergab ſie deshalb einer entfernten weiblichen Verwandtin, die in Harley⸗Street wohnte und eine Erbin mit einem ſehr reichlichen Jahrgehalte, um ſo be⸗ reitwilliger in ihrem Hauſe aufnahm, da ihr Einkommen lange nicht der eigenen Werthſchätzung ihrer Verdienſte entſprach und ihr nicht den Lurus und die Auszeichnung bieten konnte, an welche ſie ein An⸗ recht zu haben wähnte. 8 Die Maſſe der Geſellſchaft beſteht aus gewöhnlichen Charakteren, und dennoch wird man bei einer näheren Unterſuchung finden, daß auch der gewöhnlichſte von dieſen gewöhnlichen Charakteren ſeine Eigen⸗ thuͤmlichkeiten hat. Die einzelnen Abſchattungen gehen in's Unendliche, während zugleich die Aehnlichkeit in der Geſammterſcheinung das wahre tedium vitae bildet. Dies mag parador erſcheinen, iſt aber doch völlig wahr und bekundete ſich namentlich an Anna Truepenny. Wenn man ſie unter der Maſſe betrachtete, ſo ſchien ſie ſich auch nicht in einem einzigen Punkte durch beſondere Vollkommenheiten auszu⸗ zeichnen; denn obgleich ſie ſehr ſchön war, gab es doch noch ſchönere, und ihr Witz ſowohl als ihre ſonſtigen Gaben wurden durch Andere übertroffen. Fragte man ſie, worin ſie ſich vor andern jungen 39 Damen ihres Alters und ihrer Stellung in der Geſellſchaft auszeich⸗ nen, ſo konnte ſie lachend erwiedern, daß ſie nicht im Stande ſey, Verſe zu machen, was doch ſonſt jede könne, und ſtellte man dieſelbe Frage an Sir Edward, ſo erwiederte er vielleicht mit einer Miene, in der unausſprechliche Dinge zu leſen waren, mit einer Thräne im Auge und mit dem Ausdrucke des größten Erſtaunens, ob der Fra⸗ ger denn nicht bemerke, daß ſie ihrem ganzen Geſchlechte überlegen ſey. Wollte man ſich aber mit der Allgemeinheit einer ſolchen Antwort nicht begnügen und eine Auseinanderſetzung der Einzelnheiten haben, ſo wurde er verlegen und erklärte nach einer Pauſe, daß ſie keine Feh⸗ ler, namentlich aber nicht den größten aller Mängel beſitze, in Allem ausgezeichnet zu ſeyn. Dennoch waren er und ſie im Irrthum. Ihr charakteriſtiſcher Zug war innige Hingebung ihres ganzen Ichs an einen einzigen geliebten Gegenſtand. Die Natur hatte ſie zu einem untergeordneten Weſen geſchafſen— aber dennoch welch ein herrliches Weſen! Sie war geboren zur Verehrung und durch ihr Weſen auf eine dienſtbare Abhängigkeit hingewieſen— aber wie würdig mußte der Gegenſtand ſeyn, dem ſie ſo treu dienen, für den ſie willig das Sklavenjoch auf ſich nehmen und den ſie begeiſtert verehren konnte. Bis jetzt war ſie ſich dieſer Idiofyncraſie noch nicht bewußt, obſchon ihr Herz bereits ſeinen Gegenſtand gefunden hatte. Es mag langweilig erſcheinen, daß wir unſere Charaktere alſo einführen und ſie nicht lieber ſogleich ſprechen und handeln laſſen. Mit aller Achtung vor den Einſichten des geneigten Leſers müſſen wir übrigens bemerken, daß wir unſer Verfahren für das beſte hal⸗ ten, indem wir hoffen, dadurch unſeren Helden das Intereſſe des Publikums in einem Grade zuzuwenden, daß es ihr Thun und Trei⸗ ben genau beobachte, namentlich aber mit Spannung der Art und Weiſe entgegenſehe, wie ſie ſich in den eigenthümlich ſchwierigen La⸗ gen benehmen werden, welche der Verlauf unſerer Geſchichte bieten dürfte. Dieſer Rechtfertigung des Curſes, den wir verfolgen, müſſen wir noch eine weitere Schilderung anfügen, und dann mögen„unſere Ma⸗ rionetten für ſich ſelbſt ſprechen.“ Die Gebieterin von Nummer—, Harley⸗Street, eine entfernte Verwandte der Miß Truepenny, hieß Miß Matilda Moriſon und war eine Dame von ſtolzer Schönheit. Wie groß auch eine Geſellſchaft ſeyn mochte, machte ſie doch ſtets Darin die augenfälligſte Figur, obſchon ſie bereits an die Fünfzig ſtreifte. Wenn ſie gut geſchminkt und gebührend ausſtaffirt war, ſo konnte ſie faſt für bezaubernd gelten, während ſie, in einer gewiſſen Entfernung betrachtet, eigentlich majeſtätiſch erſchien. Noch keine Nunzel hatte ſich Bahn gebrochen, und ihr Teint war rein und flecken⸗ los, ausgenommen da, wo der Carmin ſowohl in Zartheit als Tiefe mit der Glut der Geſundheit mehr als wetteiferte. Zum Schluſſe müſſen wir noch bemerken, daß ſie feſt aufzutreten wußte und die anmuthigſte Haltung behauptete. Wie mochte es wohl kommen, daß man trotz aller dieſer Zauber doch mit einemmale bemerkte, wie Miß Matilda Moriſon bereits ihren Meridian zurückgelegt hatte? Der Glanz ihrer lachenden blauen Augen verrieth nicht die Zahl der Jahre, und ihr runder, weißer Arm zeigte keine Spuren des Alters, während die elaſtiſche Feſtigkeit ihrer Büſte die ſchlaffe Figur vieler jungen Mädchen, denen noch Jahre zu ihrer weiblichen Entwicklung fehlten, beſchämte. Aber das Alter, dieſer unerträgliche Mahner, ſpricht ſich aus und läßt ſich nicht zum Schweigen bringen. Wer Miß Moriſon anſah, rief aus— wenig⸗ ſtens in Gedanken—„welch ein prächtiges Weſen!— Aber ſie muß nahezu Fünfzig ſeyn— iſt entſchieden passée.“ Auf alle Fälle wäre man aber ſehr in Verlegenheit gekommen, wenn man ſich den Grund, der zu dieſer Muthmaßung Anlaß gab, hätte klar machen wollen. Der Beſchauer fügte vielleicht bei:„wenn ſie in ihrer Lebens⸗ zeit ſo prachtvoll und bezaubernd iſt, wie überhimmliſch ſchön muß ſte nicht in ihrer Jugend geweſen ſeyn!“ Aber hierin wäre er dann jedenfalls im Irrthum, denn ihre Reize waren nie vollkom⸗ mener geweſen. Die Zeit, in welcher andere Frauen abzunehmen 41 pflegen, war die Glanzperiode ihrer Schönheit, da ſie ſich mit der Reife vervollkommnete. Zwar hatte ſie ſtets eine merkwürdige An⸗ ziehungskraft beſeſſen, aber nie mehr als dann, wo man eigentlich hätte erwarten können, daß ſte aufhören ſollte, durch ihre Außenſeite anzuziehen. Wenn wir noch beifügen, daß ſie eine Meiſterin war in allen Künſten des Putzes und der Verzierung, ſo haben wir ihren Cha⸗ rakter, ſoweit er in der Oeffentlichkeit erſchien, vervollſtändigt. Eine ſolche Frau mußte natürlich Bewunderung lieben, aber ſie buhlte noch mehr um Macht, als um Lob oder Schmeichelei. Sie war eine Tyrannin, die übrigens ihre Herrſchaft mit Anmuth übte, indem ſie lieber durch Feinheit, als durch das blos rohe Ge⸗ wicht der Autorität den Scepter ſchwingen wollte. Ihre Grundſätze waren die Kinder der Stunde und der Gelegenheit, und die Mutter zerſtörte ſie ohne Bedenken und Gewiſſensbiſſe, ſobald ſie ſich läſtig erwieſen. In ihrer Jugend hatte ſie manchen Roman durchgemacht, beſaß aber jetzt in ihrem Alter nicht mehr Empfindſamkeit genug, daß dieſelbe hätte in Leidenſchaft auflodern können— ein einziges Gefühl ausgenommen, nämlich das eines unvergänglichen und un⸗ verſöhnlichen Haſſes gegen Sir Edward Fortintower. Die Oſterferien hatten Sir Edward einige Erholung von den ſogenannten parlamentariſchen Pflichten geſtattet, obgleich unter dem ganzen Pflichtenkatalog des Mannes wohl keine kavaliermäßiger be⸗ handelt oder mit mehr insouciance abgeſchüttelt wird. Sir Ed⸗ ward war übrigens noch nicht ſo weit gekommen, die gedachten Obliegenheiten von dem Standpunkte eines alten Taktikers aus zu beurtheilen, und freute ſich deshalb von ganzem Herzen der Ruhe, welche ihm jene Ferien gaben. Um drei Uhr Nachmittags ſtand ein hübſches Kabriolet vor Miß Moriſons Thüre. Es war ein ſchöner ſonniger Tag zu Ende des Aprils. Der geſchniegelte Groom war einigemale in der ruhi⸗ gen Straße auf⸗ und abgefahren und hatte bereits angefangen, den ſchläfrig machenden Einfluß ſeiner Umgebung zu empfinden, als er wieder vor der Thüre des Hauſes Halt machte, welches ſeinen Herrn enthielt, und mit geſchloſſenen Augen eine philoſophiſche Be⸗ trachtung über die Ohren ſeiner Pferde begann. Warum dieſe Affen Tiger genannt werden, können nur die Paviane ſagen, deren ſie* dieſen Titel verdanken— und hat man die betreffende Auskunft erhalten, ſo findet man vielleicht, daß es nicht der Mühe werth war, ſich darnach zu erkundigen. Während dieſer Junge zwiſchen Träumen und Schlaf bald ſeinen Lohn für neun Monate zu berechnen bemüht war, buld mit dem Ende ſeiner Peitſche eine läſtige Fliege von dem rechten Ohre des Pferdes zu verſcheuchen ſuchte, ging die Thüre des Hauſes, vor welchem das Kabriolet ſtand, auf, und Sir Edward ſprang haſtig in das Gefährt, worauf er mit mehr als gewöhnlicher Eile von hinnen fuhr, bis er an einem großen, ſchwerfällig ausſehenden Eck⸗ hauſe anlangte, welches an eines der Square im nordöſtlichen Be⸗ reiche der Hauptſtadt grenzte. In dem vorderen Bezuchszimmer dieſes Hauſes ſaß eine junge Dame an dem Piano, welche wieder und wieder eine ſehr ſchwie⸗ rige Paſſage aus einer neuen Ouverture verſuchte. Neben ihr ſtand ein gentil, aber nicht gentlemäniſch ausſehender Mann von ſcharfem Geſichtsſchnitte und ungefähr Fünfzigen, welcher ihr mit einer Un⸗ geduld, die ſich bald zum Aerger ſteigerte, zuhörte. Die Taſten raſſel⸗ ten abermals, die Hände kreuzten und kreuzten ſich raſch, aber dennoch wollte aus dem Spiele nichts als eine laute Diſſonanz werden. Die junge Dame lehnte ſich in ihrem Stuhl zurück, ließ die Hände in den Schooß ſinken und blickte mit dem bittenden Rufe zu dem Manne an ihrer Seite auf: „Ich bringe es nicht zu Stande, Vater.“ „Verſuche es noch einmal, Elfrida— verſuche es noch ein⸗ mal, meine Liebe. Du biſt freilich noch nicht vollkommen, bringſt es aber ſchon weiter— ja, wahrhaftig.“ 43 Dieſe Worte waren wohl freundlich, aber erzwungen freund⸗ lich, denn der Ton derſelben verrieth mehr Vorwurf als Ermuthi⸗ gung. Das arme Mädchen fühlte dies und nahm die für ſie unüberwindliche Aufgabe wieder vor. Der letzte Verſuch war ſogar noch ſchlimmer, als alle frühern, und jetzt brach von den Lippen des zornigen Vaters ein lauter, rauher Fluch, welchem der Ausruf folgte: „Das Mädchen iſt eine Gans— eine abſolut unbeſſerliche Gans.“ Die Thränen der Tochter ſtrömten reichlich. „Bin ich wirklich eine Gans, Vater? Es thut mir zwar leid, wenn es ſo iſt, aber glaubt mir, daß es mir lieb iſt, wenn ich Euch dies anerkennen höre. Ihr werdet mich jetzt freundlicher be⸗ handeln und nur ein geiſtesſchwaches Geſchöpf in mir ſehen, das Ench liebt, nicht aber eine widerſpenſtige Tochter, die Euch eigen⸗ ſinnigerweiſe ungehorſam iſt. Ich habe oft meine Schwäche ge⸗ fühlt, nicht ſo faſt in dieſen Dingen, die eben mühſam zu erringende Fertigkeiten ſind, als vielmehr im Geſpräche mit andern. Ja, ich habe längſt gemuthmaßt, daß ich ein einfältiges Mädchen bin, aber braucht jenes harte Wort nicht ſo oft, mein lieber, theurer Vater, und ich will mich mit der Zeit ſchon daran gewöhnen.“ „Was hat das Mädchen im Sinn?“ ſagte der Vater ſehr überraſcht. „Ich meine blos, daß ja nur wir zwei auf dieſer Welt ſind, um einander zu lieben, und wenn Ihr auch meine Fehler ſchmält, ſo können wir doch glücklich ſeyn. Auch einfältige Menſchen können verſtändig lieben, wenn ſie mit Innigkeit an ihrem Vater hängen, und Ihr, Papa, habt Verſtand genug für uns Beide. Ich bin immer gehorſam— Ihr wißt das wohl. Kommt, ich will Euer liebes, kleines Gänschen ſeyn, und laßt mich dieſe ſo gar abſcheu⸗ liche Muſik bei Seite legen.“ „Elfride, Du quälſt mich. Du biſt ein ſehr gutes und ein ſehr verſtändiges Kind— in Deiner Art. Wenn ich Dich eine Gans nannte, ſo meinte ich nur, daß Du ſo langſam Dinge lernſt, welche Andere ſo ſchnell meiſtern zu können vorgeben— das iſt Alles, Elfrida— ich verſichere Dich, nichts weiter— obſchon es mir ſehr ärgerlich iſt.“ „Gut, Vater; Euch zu liebe will ich es noch einmal ver⸗ ſuchen. Aber gefällt Euch wirklich dieſe ſchwere Muſik? Als ſie mein Lehrer vor einer Stunde ſo vortrefflich ſpielte, thatet Ihr nichts als gähnen— o Vater, und wie habt Ihr gegähnt! Ich hätte laut hinauslachen mögen, wenn ich mich nicht gefürchtet hätte. Gefällt ſie Euch wirklich?“ „Ich verabſcheue ſie— das heißt, es würde mich über die Maßen entzücken, wenn ich Dich ſie vortrefflich ſpielen hörte; aber von allen Andern iſt ſie mir in den Tod zuwider.“ „Danke Euch, danke Euch, theuerſter Vater.“ „Ach! Elfride, Du verſtehſt mich nicht. Gott behüte, welch' ein Lärm— entweder iſt dies das Gebrüll eines Tigers an mei⸗ ner Thüre oder das Spektakuliren irgend eines angeblichen vor⸗ nehmen Herrn. Wie kannſt Du auch an das Fenſter gehen?— Es iſt ſo gemein!“ „Ah, Papa, es iſt der ſchöne Sir Edward Fortintower in ſei⸗ nem hübſchen Kabriolet— und da iſt ſein netter Tiger, der wieder an die Thüre klopft. Da geht er— Gott behüte ſeine kleinen Hände, obgleich ich ſie, was dies betrifft, vor den hübſchen weißen Handſchuhen nicht ſehen kann.“ 3 „Thörin, hinweg von dem Fenſter! Pfui, ſchäme Dich, El⸗ fride— wenn Sir Edward heraufſähe!“ „Er könnte mich ja doch nicht bemerken— da geht er und da ſtehe ich.“ „Ach Gott! Habe ich dafür das viele Geld auf Sie verwendet, Miß. Da ſtehe ich— gehe Sie auf Ihr Zimmer und komme Sie nicht wieder, bis ich Sie rufen laſſe.“ — 45 Und die junge Dame ging zu der einen Thüre hinaus, wäh⸗ rend Sir Edward zu der andern hereintrat. Fünftes Kapitel. Sir Edward ſpäht nach ſchlimmen Neuigkeiten und findet bei dieſer Ge⸗ legenheit, daß man nur nachzufragen braucht, um zu einem Weibe zu kommen. Er wechſelt Complimente mit einem Rechtsgelehrten, fährt dabei am ſchlimmſten und kommt zu ein Bischen Schrecken obendrein. Wenn man zu einem Diner mit dem Schwarzen einen langen Löffel braucht, wie muß man wohl vorgeſehen ſeyn, im Falle man mit einem At⸗ torney ſpeist?— Ein paar Geheimniſſe für Verfaſſer von Zeitungsartikeln. „Ach, Sir Edward! Freut mich, freut mich ungemein, Euch zu ſehen,“ ſagte Mr. Serivener mit jener frohen Haſt, mit welcher der Wolf ein Lamm willkommen heißen würde, das ſich arglos in ſeine Höhle verirrt hat. In dem Geſichte des Wirthes lag eine wilde Wonne, welche im Stande geweſen wäre, ſogar die Gaſt⸗ freundlichkeit häßlich zu machen. Mr. Scrivener bemerkte an der Kälte in Sir Edwards Benehmen, daß er ſich zu viel blos gegeben hatte, und wandelte deshalb das ſeinige in ein ſorgloſeres um, dem er den Anſtrich von hinreichender Herzlichkeit zu geben ſuchte. Nie ſchienen zwei Perſonen, denen wichtige Gegenſtände ſchwer auf dem Herz lagen, entſchloſſener zu ſeyn, ihr Geſpräch recht ſchaal und gewöhnlich kouverſationell zu halten. Sie ſcheuten ſich, an den Ab⸗ grund heranzukommen, in welchen Jeder zu ſtürzen ſo begierig war, um deſſen Schwierigkeiten und Gefahren zu erkunden. Aber wenn Mr. Serivener der Schlauere war, ſo erwies ſich Sir Edward als der Muthigere, denn er ſprang endlich von ſeinem Stuhle auf, kreuzte mit feſter, melancholiſcher Miene die Arme, ſah geſpannt in Mr. Scriveners glattes, aber zweideutiges Geſicht und begann: „Habt Ihr nichts Weiteres von dem höchſt ärgerlichen Gerüchte in Betreff des längſt für verloren gehaltenen nächſten Verwandten ge⸗ hört, den der alte Mortimer Fortintower von Fortintower⸗Hall zurückgelaſſen hat?“ „Höchſt ärgerlich— es iſt höchſt ärgerlich,“ lautete die un⸗ paſſende Antwort. „Ich frage, ob Ihr nichts davon gehört habt— von den Ein⸗ zelnheiten— und ob der Sache wirklich etwas Wahres zu Grund liege. Ich bin natürlich ſehr geſpannt und ungeduldig über dieſen Gegenſtand.“. „Geſpannt und ungeduldig— weiter nicht, Sir Edward? Seyd Ihr nicht ängſtlich— auf die Folter geſpannt— fühlt Ihr Euch nicht elend?“ „Das ſind ſehr dreiſte und ungebührliche Fragen, Sir, aber ich will ſie Euch offen beantworten. Was meine Perſon betrifft, ſo muß ich ſie geradezu in Abrede ziehen, während Ihr Recht habt, wenn ich dabei auf Andere blicke. Ihr wißt, Mr. Scrivener, daß ich Freundſchaften angeknüpft und Verbindungen eingegangen habe — unter letzteren ſogar eine, das zarteſte Band, an das ſich die edelſten Gefühle knüpfen, welche den beſten und reinſten Gedanken eines Mannes Farbe verleihen können. Um dieſer allein willen ſollte man mich weder der Schwäche noch der Selbſtſucht anklagen, wenn es mir erginge, wie Anderen in einer ähnlichen Lage. Miß Truepenny—“ W „Hi, hi, ho!l ich bitte tauſendmal um Verzeihung, Sir Ed⸗ ward, aber der Name— der kurioſe Name macht mich immer lächeln. Ich hege die tiefſte Achtung und Bewunderung gegen die Dame, Sir Edward— Ihr dürft mir dies glauben. Bitte, mein guter Sir, zieht Eure Stirne nicht in ſo finſtre Falten, denn Ihr wißt ja, was Chaucer in ſeiner Frau von Bath ſagt— ‚was liegt 47 an einem Namen? die Roſe würde unter einem andern ebenſoviel koſten.“ Ihr lächelt wieder. Ja, ſeht Ihr, obgleich ich mein ganzes Leben über Rechtsgelehrter geweſen bin, kann ich doch eine paſſende Citation geſchickt anbringen. Aber kehren wir zu jenem unange⸗ nehmen Gegenſtand zurück. Glaubt mir, Sir Edward, Miß True⸗ penny wird Miß Truepenny bleiben bis au's Ende ihrer Tage, wenn jenes Gerücht Grund hat. Ich kenne den ſtarrköpfigen alten Mann, ihren Großvater, wohl, und wenn er ausfindig macht, daß Ihr nur fünfhundert Pfund jährlich weniger einnimmt, als er Euch zugetraut hat, ſo wird er mit einemmale dieſer unpaſſenden Partie ein Ende machen.“ „Unpaſſend, Mr. Scrivener? Ihr werdet dieſen Morgen an⸗ ſtößiger, als Ihr mit aller Eurer Jurisprudenz verantworten könnt.“ „Ich ſetze ſtets voraus, Sir Edward, daß jenes Gerücht be⸗ gründet ſey.“ „Ihr ſcheint entſchloſſen zu ſeyn, von der Unverſchämtheit zur Anmaßung überzugehen. Bitte, was wißt Ihr von dieſer Sache?“ „Nicht weiter, als aller Welt bekannt ſeyn kann, wenn ſie Zeitungen leſen mag, obſchon vielleicht mich allein meine Vertraut⸗ heit mit Euren Familienangelegenheiten in die Lage ſetzt, die Publi⸗ kationen richtig zu deuten. Sir Edward Fortintower, ich habe eine hohe Meinung von Euch, und Alle, die Euch kennen— mit einem Worte, die ganze Welt theilt meine Anſicht. Gleichwohl muß ich ebenſoſehr mit Leidweſen als mit Stolz bemerken, daß eine Perſon in dieſem Hauſe iſt, welche, ſo hoch auch die Welt, Eure Freunde oder ſogar ich von Euch denken mögen, zum Untergang für ihren Seelenfrieden in ihrer Bewunderung und Liebe gegen Euch alle die vorgedachte Werthſchätzung zuſammengenommen überbietet. Ich erröthe nicht für ſie oder für mich ſelbſt, wenn ich dies geſtehe, denn Ihr ſeyd einer ſolchen Offenheit würdig. So wendet daher jenen Muth und jene Maͤnnlichkeit, welche Euch die Welt in ſo hohem Grade zutraut, an, und ertragt es mit Standhaftigkeit, wenn ich Euch ſage, daß ich es für ſehr, ja für ungemein wahrſcheinlich halte, jenem Gerüchte liege die Wahrheit zu Grund.“ „Wenn Jemand ſieht, daß ich mich niedrig benehmen werde, was immer Gottes Schickung über mich verhängen mag, ſo ſoll er mich ungeſtraft verhöhnen dürfen. Ich will nur Gerechtigkeit, und wenn ich unrechtmäßig im Beſitze meiner Güter bin, ſo fällt es mir nicht ein, ſie nur einen Augenblick länger zu behalten. Iſt Euch Jemand bekannt, der gegründetere Anſprüche an das Erbe hat, als ich, ſo leiſtet mir Beiſtand, es demſelben unverweilt zurück⸗ zugeben.“ „Gut, gut; das iſt ſehr edel geſprochen, aber Ihr müßt die Sache nicht alſo übereilen. Es mag recht für den rechtmäßigen Eigenthümer ſeyn, wenn ihm, wie Ihr ſagt, ſeine rechtmäßigen Beſitzungen zufallen. Rechtmäßig iſt ein gutes Wort, obſchon in dieſem Sinne kaum juriſtiſch. Ich liebe das Wort rechtmäßig und es würde daher— merkt wohl auf mich, Sir Edward— nicht recht von mir ſeyn, wenn ich Beihulfe leiſten wollte, meinen Freund zu einem vornehmen Bettler zu machen.“ Mr. Serivener, Ihr habt jetzt der Anmaßung und Unver⸗ ſchämtheit auch noch Beſchimpfung beigefügt.“ „Ich bitte um Verzeihung— bitte demüthig um Verzeihung, Sir Edward; ich hätte ſagen ſollen ‚arm,“ und will mich daher verbeſſern, indem ich ſtatt meines vorhin gebrauchten Wortes einen „armen Vornehmen’ ſetze. Glaubt mir, es müßten große, ſehr große Verlockungen da ſeyn, wenn ſie mich bewegen ſollten, Beihülfe zu leiſten, wo es gilt, meinen Freund und einen Mann, den Miß Scrivener ſo unbedingt bewundert, zu einem mit Armuth geſchlage⸗ nen gnädigen Herrn zu machen.“ „Aber es ſind Verlockungen vorhanden,“ ſagte Sir Edward mit einem geringſchätzigen Lächeln. „Nur gewerbsmäßige, Sir Edward, nur gewerbsmäßige, denn was könnte ich thun? Es hat Euch beliebt, vor ein paar Jahren 49 Eure Angelegenheiten unſerem Bureau zu entziehen, weshalb denn kein geſetzliches Band mehr zwiſchen uns beſteht, wie groß auch meine und meiner Tochter Freundſchaft zu Euch ſeyn mag. Ich bin bereit, Jedem Nath zu ertheilen, der ſich unter meine Klienten zählen will, ſage uͤbrigens nur ſo viel, Sir Edward— nehmt Euch in Acht! denn aus den Worten jener Zeitungsartikel kann ich mi Sicherheit entnehmen, daß Unheil dahinter ſteckt.“ „Ich will ebenſo wenig Unrecht thun, als ich mir Unrecht ge⸗ fallen zu laſſen geneigt bin. Es ſchwebt mir eine finſtere Ahnung vor. Mr. Scrivener. Ich beſitze mein Erbe ſowohl in Folge mei⸗ ner Herkunft, als durch das Teſtament meines verſtorbenen Ver⸗ wandten, weshalb es mir faſt unmöglich erſcheint, daß irgend ein Anſprucherheber nur mit einem Schatten von Recht zu meinem Schaden auftreten könnte; aber wohlgemerkt, Mr. Serivener, gegen das Recht will ich nicht ankämpfen.“ „Trefflich geſprochen, Sir— ganz trefflich.“ Dann ſuhr er mit ſeinem ſanfteſten und einſchmeichelndſten Lächeln fort:„aber, mein theurer Sir Edward, wenn Ihr mich nur als Euern Freund — als Euern treuen und liebevollen Freund betrachten wolltet— ſo glaube ich, Eure Sicherheit feſtſtellen zu können, wie gering Ihr auch meine Talente anſchlagen mögt. Oh! welch' eine geſegnete Glanzhöhe des Glückes würde es für uns Alle ſeyn, wenn ich Euch als ein Glied in den Kreis meiner Familie könnte eintreten ſehen, obſchon ich mit aller Demuth zugeſtehe, daß wir dieſer Ehre kaum würdig ſind.“ 3 „Ihr habt mir ſchon dreimal verſprochen, Mr. Serivener, nie mehr auf dieſen Gegenſtand zurückzukommen, und nun muß ich zum viertenmale—“ „Nur zufällig, mein guter Sir Edward— nur zufällig. Ich denke— ja, wäret Ihr wirklich einer von uns, ſo bin ich feſt überzeugt, daß ich die Machinationen Eures geheimen Feindes, wer Marryat's W. XX. Jack am Lande. 4 immer er ſeyn mag, vereiteln kann. Und ſollte ein Vater nicht für eine geliebte Tochter das Wort nehmen, wenn ihre raſch dahin ſchwindende Geſundheit—“ Als ich in meinem Kabriolet ſaß, bemerkte ich ein rothwan⸗ giges, ſehr wohlgenährtes und gutmüthig ausſehendes Geſicht, das durch die Vorhänge jenes Fenſters dort nach mir hinunterſah; und wäre beſagtes Geſicht nicht das leibhaftige Abbild einer kräſtigen Geſundheit geweſen, ſo würde ich mit Meinanithat behauptet haben, daß es Miß Scrivener zugehörte.“ „Ich bin nicht in der Lage, es in Abrede zu ziehen, daß es wirklich Miß Scrivener war, obſchon ich nicht zugeben kann, daß ſie ſich wirklich dieſer kräftigen Geſundheit erfreut. Wenn ſie Eurer Ankunft entgegenſah, ſo könnt Ihr zuverläſſig dies ihr nicht als ein Verbrechen deuten? Aber verzeiht mir— ich hoffe, daß wir beide zu viel gebührenden Stolz haben, daß wir uns um die Hand irgend eines Mannes bemühen ſollten, und ich will Euch die Sache jetzt blos vom weltlichen Geſichtspunkte aus vor Augen ſtellen. Auf der einen Seite ſteht Euch eine Verbindung mit meiner Familie in Ausſicht— eine einzige, mit reicher Mitgiſt begabte Tochter— all' mein Eigenthum nach meinem Tode und unſer Dank, ſowohl als meine eifrigen Dienſtleiſtungen während meines Lebens; anderer⸗ ſeits harrt Euer ein wahrſcheinlicher Verluſt ſogar der kärglichſten Subfiſtenzmittel und ein unvermeidlicher, ſich in die Länge ziehender ärgerlicher Proceß, deſſen Ende Ihr nie abſehen könnt und deſſen Reſultat im Dunkeln liegt. Mögt Ihr Miß Truepenny ein ſo unſicheres Eigenthum bieten, Sir Edward, oder wird ihr Groß⸗ vater, von dem ſie alle ihre Hoffnungen ableitet, eine derartige Werbung genehmigen? Ich habe offen geſprochen. Schenkt dieſem Gegenſtande Eure beſte und angelegentlichſte Berückſichtigung.“ „Ich bin ein Weltmann wie Ihr, Mr. Scrivener, und ziehe nicht in Abrede, daß ich in manchem Betracht ſo weltlich geſinnt bin, als Ihr, indem ich keine Donquixotiſche Tugend zur Schau tragen mag. Ich bin zu ſehr ein Schüler der Eigenhülfe, um je ein guter Chriſt zu werden; denn wer mir meine Weſte raubt, dem werde ich zuverläſſig nicht auch noch meinen Rock ſchenken, und wer mich auf die rechte Wange ſchlägt, ſoll meiner linken nicht die gleiche Unbill zufügen. Mr. Seriyener, ich bin wirklich ein welt⸗ licher Mann.“ „Gebt mir Eure Hand, mein theurer Sir Edward, gebt mir Eure Hand!“ „Noch nicht, Mr. Scrivener— noch nicht. Als ein weltlicher Mann habe ich die Auszeichnungen der Welt geſucht—“ Und ſie gewonnen, mein guter Sir— nobel gewonnen.“ „Ja, ich habe ſie gewonnen. Noch mehr, ich bin ſtolz auf ſie, bin ihnen mit Innigkeit zugethan. Meine Häuſer, meine Parke, meine Statuen, meine Gemälde, mein Silbergeſchirr, meine Equi⸗ pagen, all' der Anſtand, die Eleganz und der ruhige Prunk meiner Stellung ſcheinen mir zu integrirenden Beſtandtheilen meines Ichs geworden zu ſeyn, und wenn ich daran denke, daß ich mich davon trennen müßte, ſo kömmt es mir vor, als würden mir die Glie⸗ der meines Leibes abgelöst. Die zahlreichen Diener, die ich zu meinen Freunden gemacht habe, und die noch zahlreicheren Freunde, die mir in allen Dingen, ſoferne ſich's mit ihren Ste trägt, dienſtlich geworden, ſind mir ſammt un Sagt mir, könnt Ihr mir alles dies ehrlich bewahren— und nicht nur ehrlich, ſondern auch ehrenhaft? Gebt mir Auskunft hierüber, und Ihr ſollt meine unumwundene Antwort haben.“ „Wohlan denn, ich beantworte Eure wundenen Ja— vorausgeſetzt, daß Ihr in meine Familie eintreten und meine Elfrida Eugenia heirathen wollt.“ „Und wenn ich es nicht thue?“ „Dann, Sir Edward, wird das, was Euch ſo ſehr am Herzen liegt, außerordentlich problematiſch werden. Es dürſte ſich fügen, llungen ver⸗ d ſonders ſehr theuer. Frage mit einem unum⸗ 2 — daß Ihr auf die Vergangenheit zurückblicken müßt als auf einen angenehmen— ja, und wenn Ihr ſie mit Eurem künftigen Elend ver gleicht, einen peinlichen Traum.“ „Ihr ſetzt dies in ein ſtarkes Licht. Aber nun befehle ich Euch, Sir, mir zu ſagen, wißt Ihr nicht mehr von der Sache, als Ihr bereits zugeſtanden habt? Seyd nicht am Ende Ihr ſelbſt die Perſon, die um individueller Zwecke willen gegen mich arbeitet?“ „In der That, Sir Edward, Ihr thut mir Unrecht; wie könn⸗ tet Ihr mich auch für ſo tückiſch halten? Ich weiß nicht mehr, als was die Zeitungen angedeutet haben, und folgere blos daraus, daß die Einſender auf einer furchtbar gefährlichen Spur zu ſeyn ſcheinen.“ „Dann bin ich geborgen und an der ganzen Sache liegt gar nichts. Jene Artikel ſind blos unbeſtimmte, lächerliche Romane, die auf jeden andern Baronet faſt ebenſo anwendbar ſind, wie auf mich.“ „Es wird mir zu einer peinlichen Pflicht, Eure Zuverſicht niederzuſchlagen, Herr Edward. Habt Ihr die heutige Morgenpoſt ſchon zu Geſicht bekommen?“ „Nein.“ „Nun, der Artikel war ſo auffallend und ſo ſchlagend auf Euch anwendbar, daß meine liebe Elfrieda eine Abſchrift davon nahm. Ich ſende die Blätter, ſobald ich gefrühſtückt habe, regelmäßig nach meinem Bureau in der City. Es darf Euch nicht Wunder neh⸗ men, daß ſich Miß Scrivener etwas abſchrieb, was Euch ſo nahe angeht, denn alle Eure Angelegenheiten haben für ſie eine ſolche Wichtigkeit gewonnen, daß ihr Seelenfrieden darüber zu Grunde gegangen iſt. Ich habe meine Brille verlegt— aber dies iſt, glaube ich, das Blatt.“ 3 Mit dieſen Worten nahm Mr. Serivener ein paar Blätter Manuſkript auf und händigte ſie nachläſſig Sir Edward ein, welcher folgendermaßen laut zu leſen begann. 53 Ein Original⸗Impromptu an Sir Edmard Fortintower Baronet von Elfrida Eugenia. „Erwache, Seel', ſteh' mit der Sonne auf, Mit ihr beginnend deiner Pflichten Lauf, Wirf ab den trägen Schlaf, um früh zu ſaugen Neu Licht und Leben aus Sir Edwards Augen.“ „Ihr habt das unrechte Papier erwiſcht, Sir Edward,“ ſagte Mr. Scrivener mit ungekünſteltem Entzücken ſeine Hände reibend; vaber es ſchadet nichts. Ihr könnt daraus ihr Talent für Orginal⸗ compoſition und zugleich den Zuſtand ihres Herzens erkennen. Iſt vielleicht noch mehr da? Ich bitte lest es.“ „Nein, es iſt zu Ende— indeß denke ich, es iſt an dieſem ſchon völlig genug. Original neunt Ihr dies— es iſt eine Parodie.“ „Ach freilich, eine Parodie; das iſt die ſchwerſte Art von Origi⸗ nalpoeſie. Ja, ja, ich hatte vergeſſen, daß es eine Parodie iſt. Und meint Ihr nicht, ſie ſey ſehr ſchön? Ganz ihre eigene Erfindung.“ „Ich fürchte, Mr. Scrivener, Ihr beſucht keinen Frühgottesdienſt und bildet Euch etwas allzuviel auf dieſe Armſeligkeit ein.“ „Armſeligkeit?“ murmelte Mr. Scrivener.„Eine Originalpoeſie wie dieſe! Nun, nun, ich muß nach einem der Magazine gehen; das Mädchen iſt im Grunde nicht ſo einfältig. Ah! dies iſt, glaube ich, der Artikel. Iſt die Handſchrift nicht vortrefflich?“ Ohne dem Autograph viele Aufmerkſamkeit zu zollen, las Sir Edward wie folgt: „Wir vernehmen aus der beſten Quelle, daß die Andeu⸗ tungen in Betreff der unbeſtreitbaren Anſprüche auf das ganze reelle und perſönliche Eigenthum eines gewiſſen eleganten, neu⸗ geſchaffenen Baronets, welcher ſich als Parlamentsredner ſo großen Ruf verſchafft hat, aus ihrer kürzlichen Allgemeinheit hervorgetreten ſeyen und nun eine greifbarere Geſtalt gewonnen haben. Es könnte ſcheinen, daß Sir wm teſtamentariſch und kraft ſeiner Verwandtſchaft als älteſter männlicher Neffe des verſtorbenen reichen und kargen Mr.»eer erbte; aber Sir —*4.s Vater hatte einen älteren Bruder, und einem Abkömm⸗ linge des letzteren ſind jetzt erſt ſeine Anſprüche bekannt ge⸗ worden. Um das Romantiſche der ganzen Sache zu erhöhen, dient dieſer neue Anſprucherheber— mirabile dictu!— auf einem von Sr. Majeſtät Kriegsſchiffen als Fockmaſtmann. Es ſteht zu erwarten, daß der Stand der Dinge den Gent⸗ lemen im langen Mantel eine ſchöne Erndte bieten wird, und wenn ſie mit ihrer gewohnten Schlauheit handeln, ſo wird der Proceß ihren Händen vor zehn Jahren nicht entwiſchen können. Soviel iſt übrigens gewiß, daß die Gerüchte dem gegenwärtigen Beſitzer weder ſeinen Titel, noch ſeinen Sitz im Unterhaufe nehmen können, und da derſelbe mit einer ſehr eleganten Per⸗ ſönlichkeit ſehr ſchöne Talente und regelmäßige Gewohnheiten verbindet, ſo dürfte er wohl in der Lage ſeyn, ſich durch eine Heirath einigermaßen für die Launen des Glücks und die Beeinträchtigung der Rechtsverzögerung ſchadlos zu halten. Freilich iſt uns aus ſicherer Hand mitgetheilt, daß das Ver⸗ löbniß des unglücklichen Baronets⸗mit einer großen City⸗Erbin sine die verſchoben wurde; und mag nun die Börſe des Gent⸗ leman gut oder ſchlecht ausgekleidet ſeyn, ſo wird er ſich doch nie rühmen können, eine True Penny*) zu beſitzen.“ Sir Edward las dieſe peinliche Ankündigung zweimal durch und er fühlte von dem mirabile dictu an bis zu dem miſerabeln Wort⸗ ſpiele mit dem Namen ſeiner Geliebten die unumſtößliche Ueberzeugung, daß das Ganze ein Machwerk irgend eines ächten Pfenningſudlers *) Einen ächten Penny. 3 war, obgleich ihm die Materialien durch eine Perſon geliefert worden ſeyn mußten, die mit der Sache wohl vertraut war. „Was haltet Ihr nun von dieſem, Sir Edward 2“ fragte der Rechtsgelehrte halb triumphirend. „„Daß entweder eine Verſchwörung gegen mich angezettelt worden iß, odeer daß ich wirklich ein armer Adeliger bin, wie Ihr Euch rück⸗ ſchtsvyll ausgedrückt habt.“ „Aber Ihr wißt, welche Wahl Euch in Ausſicht ſteht, und wür⸗ det Euch eines moraliſchen Felo de se ſchuldig machen, wenn Ihr zögertet. Na, laßts Euch nicht zu Herzen gehen, mein guter Sir Edward; wir haben dieſen Morgen genug Geſchäfte verhandelt. Wollt Ihr mit uns ein Lunch einnehmen 24 Miß Scrivener kann uns Ge⸗ ſellſchaft leiſten. Das Mädchen iſt ein wahrer Schatz für mich, Sir Edward. Seht Ihr, daß irgend etwas in der Anordnung dieſes Zimmers fehlt? Sie beſorgt mein ganzes Hausweſen und war bis auf die letzte Zeit— bis ſie ſich aufs Verſe machen legte— doch warum eilt Ihr ſo? Was habt Ihr auf meinen Vorſchlag zu ſagen?“ „Könnt Ihr dieſen Verſuch auf mein Eigenthum vereiteln?“ „Zuverläßig.“ „Wollt Ihr?“ „Unter jenen höchſt vortheilhaften Bedingungen.“ „Iſt der Anſpruch, durch den ich bedroht bin, auf Gerechtigkeit gegründet?“ „Das hängt von der Entſcheidung des Gerichtshofs ab.“ „Und könnt Ihr über dieſe gebieten? „Ja.“ „Und wollt es?“ „Je nachdem Ihr Euch gegen mich und meine Tochter benehmt. Ihr kennt meine Bedingungen.“— „Und wer ſeyd denn Ihr eigentlich, daß Ihr fagt, Ihr könnet und wollet das Recht nach Euern eigenen Planen und eingebildeten Intereſſen lenken?" 56 „Euer beſter Frenud, der in der Hoffnung ſteht, ſich bald als den trefflichſten Schwiegervater zu erweiſen. Geht Ihr auf meine Be⸗ dingungen ein?“ „Gebt mir Bedenkzeit.“ „Meinetwegen, eine Woche.“ 1 Und ſie trennten ſich. Nachdem ſich die Thüre zwiſchen ihnen geſch Sir Edward vor ſich hin:„welch ein Schurke!“ „Habe ihn hübſch in die Schlinge gekriegt!“ murmelte Mr 4 Serivener. 4 4 Sechstes Kapitel. ſſen hatte 3 ſagte Zu unſerer großen Beruhigung kommen wir wieder auf's Waſſer.— Wir machen vertrautere Bekanntſchaſt mit Jack.— Er ſpielt den Liebens⸗ würdigen bei den Göttern und Göttinnen des Figurenkopfes.— Sie nehmen Reißaus und laſſen ihn in der Patſche.— Jack hütet zwar noch ſeine Hängematte, iſt aber in großer Gefahr. Kehren wir wieder nach der Glory und auf die gruͤnen Wellen bei Spithead zurück um nach dem unteren Deck des ehrwürdigen Dreideckers hinabzuſteigen und uns nach Jack, unſerem lieben an⸗ genehmen Jack Truepenny umzufehen. Es wird uns einige Mühe koſten, bis wir ihn auffinden, da es, wie bereits bemerkt wurde, geſtern ſein ſouveräner Wille geweſen, ſich ganz beſonders zu betrinken— eine viehiſche Luſt, an welcher er ein ſolches Wohlgefallen gefunden hatte, daß er auch im Zuſtande der Trunkenheit für deren nachhaltige Dauer ſorgte. Leute am Lande können jene Leidenſchaft kaum begreifen, welche hin und wieder die Matroſen eines Kriegsſchiffs befallt. Bei dem 4 57 Seemann findet ſich nicht jenes beharrliche Trachten nach Auf⸗ regung, in welchem die Krankheit eines Landtrunkenbolds beſteht, da bei ihm mehr der phyſiſche als der moraliſche Menſch in Unordnung gerathen iſt. Wir konnten es uns nie genügend erklären, wie es zu⸗ ging, daß Jack hin und wieder von einer ſo ſchlimmen Trunkſucht befallen wurde, wie denn auch die Art ſeiner Berauſchung am Lande nicht ihres Gleichen fand. Wir wiſſen ſehr gut, daß für dieſe Manie viele Gründe angegeben werden, die alle an ſich betrachtet gut genug ſind, obſchon keiner derſelben hinreichend iſt, zu erklären, wie man ſich den größten Gefahren, ſogar der des Daſeyns ausſetzen mag, um ſich fur ein paar Stunden über alle Sorgen des Lebens erheben und ſogar unter die Natur des vergänglichen Viehs zu erniedrigen. Die Vorwände zum Trinken ſind, für den Säufer wenigſtens, ebenſo vor⸗ trefflich als mannigfaltig. Zuviel oder zu wenig Glück, Freude oder Schmerz, gute oder ſchlimme Nachrichten, Geburts⸗ oder Todesfälle, Heirathen oder Eheſcheidungen— Alles dies ſind gleich unanfechtbare Motive. Der Hunger nimmt, wie der überfüllte Magen, ſeine Zu⸗ flucht zum Becher, und wenn der Menſch einmal dieſer Bethörung verfallen iſt, ſo mißt er ſein Leben nicht nach Stunden, Wochen und Jahren, eben ſo wenig nach guten oder böſen Gedanken und Thaten, ſondern ausſchließlich nach der Menge ſtarken Getränkes, das er in ſich gegoſſen, oder nach den Abwechslungen des betrunkenen und nüch⸗ ternen Zuſtandes. Doch Alles dies findet nur eine ſehr unbedeutende Anwendung auf den Matroſen. Gebe man ihm genug zu trinken, und er wird deſſen in einem Grade überdrüſſig, daß er ſich vor ſich ſelbſt ſchämt. Durch die vortrefflichſten Regulative ſieht er ſich gezwungen, ein der Geſundheit zuträgliches, geordnetes Leben zu führen und beziehungs⸗ weiſe müßig zu bleiben. Iſt ſein Thorheitsanfall vorüber— das heißt, wenn man ihn gehörig ablaufen läßt— ſo zieht er ſeine Fol⸗ gerungen und erklärt ſich für einen Eſel, der nur wenig beſſer ſey, als ein landläuferiſcher Tölpel. Er lebt dann fortan reinlich und 58 wie ein Gentteman, bis ihm das Bewußtſeyn des Verbotes auf's Neue wieder ſehr drückend und läſtig wird; er holt ſich dann einen neuen glorreichen Rauſch, nur um den Beweis zu liefern, daß er wirklich ein freies Weſen ſey. Nun hat die Trunkenheit eine ihr eigenthümliche Schlauheit und beſitzt, wie die thieriſche Schöpfung überhaupt, in einem merkwürdigen Grade den Inſtinkt der Selbſterhaltung, der ſich nirgends deutlicher zeigte, als in dem Falle des armen Jack. Obgleich er nicht im Stande war, ſein Geld gegen die Diebesfinger ſeines Mädchens und ſeines Juden zu ſchützen, hatte er doch Takt genng, an ſeinem Leibe eine Blaſe voll guten und feurigen Rumes zu verbergen; und dieſe Hel⸗ denthat verrichtete er ſchlauer Mii in demſelben Augenblicke, als er durchaus nicht weiter trinken konnte und deßhalb unmittelbar darauf in einen Zuſtand völliger Selbſtvergeſſenheit verfiel. Der Jude hatte ihm vollends den Reſt abgejagt, den ihm ſeine beiden Liebchen übrig gelaſſen; denn Poll und Sue hatten ihm alles Werthvolle, was er bei ſich trug, abgenommen, damit er nicht, wie ſie ſagten, geplündert werden möchte und ihn dann gleich einem werth⸗ loſen Gerümpel unter den Zweiundvierzigpfünder geſchoben, der ſeinen Tiſch von dem nächſten trennte. Juſt um Tagesanbruch träumte dem ehrlichen John Truepenny, der Oberkoch der Hölle habe ihn eben an einen Spieß geſteckt, um ihn zu braten, und er erwachte unter den Qualen unerträg⸗ licher Hitze, ſo daß er ſich ſelbſt wie eine Feuermaſſe vorkam. Alles um ihn her war in tiefe Finſterniß gehüllt. Zuerſt bemerkte er, daß er nicht in ſeiner Hängematte lag, und nachdem er ſich etlichemale den Kopf an der Kanone zerſtoßen hatte, gelang es ihm, unter der Lafette hervorzukommen. Aber jetzt wurde er auch theilweiſe ſich des Verſtands bewußt, daß er ganz beſtialiſch betrunken war und von Durſt und Fieber glühte. In dieſem Zuſtand taumelte er nach der Fockluckenleiter, kam auch glücklich hinan und ſtolperte über mehrere ſeiner Kameraden, 59 welche ſich gleichfalls zu ſehr angetrunken hatten, um nach ihren Hängematten gelangen zu können. Endlich hatte er die Schiffslüche erreicht. Er beſaß eben noch hinreichend Beſinnung, um von einer der Kupfergölten den Deckel abzunehmen und daraus tüchtige Züge köſtlichen kalten Waſſers zu thun. Dann begab er ſich vorwärts nach dem Schnabel und traf daſelbſt zureichend Licht an, um deutlich zu ſehen, was vorging, obgleich rings umher ein ſchwerer Sommernebel lag. Ueber das, was in dem Vorderſchiffe ſtattfand, konnte Jack True⸗ penny nie recht klar werden, obgleich ſoviel gewiß iſt, daß er an den Begebniſſen einen thätigen Antheil nahm. Sie ſchienen ihm zu⸗ mal wirklich und ideal zu ſeyn; indeß ſchwur er darauf, daß ſich die Gegenſtände ſeinem Geiſte in folgender Weiſe dargeſtellt hät⸗ ten. Er fand, wie gewöhnlich, die Schildwache an Ort und Stelle; aber die ganze Gruppe, welche den Figurenkopf bildete, war ins Schiff hereingekommen und hatte ihren Platz vertauſcht. Die Figuren ſchienen in einer oder der anderen Weiſe für eine halbe Stunde mit Leben begabt zu ſeyn, denn ſie gingen umher und ſprachen faſt ſo vernünf⸗ tig wie John Truepenny ſelbſt. Außerdem hatten ſie Geſellſchaft — Leute, welche Jack nie zuvor geſehen hatte, obſchon ſie recht fidele, angenehme Burſche waren. Madame Fama mir ihren langen Trompete brachte einen ſteinernen Krug mit altem Jamaica Rum zum Vorſchein und bot denſelben mit anmuthiger Freigebigkeit in kleinen Bechern umher. Jack nahm natürlich gleichfalls daran Theil und wurde überhaupt wie ein ausgezeichneter Gaſt behandelt. Er konnte nicht ſagen, wie es kam, fühlte ſich aber durchaus nicht über⸗ raſcht, daß er ſie ſprechen hörte oder daß ſie lächelte und trank. End⸗ lich ſchien ſie, wie Tom O'Shanters Wirthin „Stets gnädiger zu werden Mit Hulden, ſelten, ſchlau und köſtlich,“ bis der alte Mann mit dem Smyrna⸗Feigenkruge, welcher den Ocean darſtellen ſollte, unruhig zu werden und ſelbſt Britannia kräftig gegen ein ſo unanſtändiges Benehmen zu eifern begann. Dann ſchlugen 60 die kleinen Buben und Mägdlein ein ſo heilloſes Gekreiſch auf, daß Jack, wie er ſelbſt ſagte, nichts Anders glaubte, als das Schiff werde über Bord purzeln. Inmitten dieſes Lärmens und als der alte Mann eben aus Leibeskräften ſchimpfte, gab unſerem Jack Jemand eine Säge in die Hand, damit er den ſchnödmauligen Schuft los mache und in die See werfe. Unſer Freund, den die Scheltreden ärgerten, arbeitete luſtig drauf los. Einige Zeit nachher gab ihm Zemund ein Seil zu halten, und nun bemerkte er, daß die ganze Familie ſammt Buben und Mädchen ganz bedächtig in's Waſſer ſpazierten. Madame Fama wiſchte ſich dabei die Augen, als ob ihr das Herz brechen wolle; Britannia trug ihm jedoch auf, Ka⸗ pitän Firebraß ihr Kompliment zu ermelden, und ihm zu ſagen, ſein gottesläſterliches Fluchen und Schwören habe ſie ſo empört, daß ſie nicht im Stande geweſen, es länger an Bord auszuhalien, nament⸗ lich weil ſie eine junge heranwachſende Familie bei ſich habe, für deren gute Erziehung ſie Sorge tragen müſſe. Jack fuhr in ſeiner Erzählung fort, er ſey nicht wenig beſtürzt geweſen, als er ſich ſo allein auf dem Schnabel geſehen, denn auch die Schildwache habe mit den Uebrigen Reißaus genommen; da er nun nicht wünſchte, als Bei⸗ helfer zu dieſer großartigen Deſertion betrachtet zu werden, ſo ſey er⸗ wieder hinuntergehumpelt und unter den Zweiundvierziger gekrochen. Dieß ſey der ganze Bericht, den er über die Sache geben könne. 5 Als wahrhaftiger Geſchichtſchreiber ſehe ich mich genöthigt, einige Lücken auszufüllen, obſchon ich glaube, daß Jack einen treu⸗ lichen Bericht über die Eindrücke erſtattete, welche die Vorfälle jenes denkwürdigen Morgens auf ſeine Perſönlichkeit übte. In ſeinem Namen fügen wir bei, daß er, ſobald er wieder unter der Kanone Schutz gefunden, die an ſeinem Leibe verborgene Rumblaſe entdeckte und daran ſaugte, bis er in einem Zuſtand von ſo völliger Betänbung zurückſank, daß ſie ſich von einem Schlagfluſſe kaum unterſcheiden ließ. Als am Morgen die Decken aufgewaſchen wurden, fand man John Truepenny faſt erſtickt und in einer Lache von verſchüttetem 61 Rum ſchwimmend in ſeinem Bergewinkel. Der ſchwere und röchelnde Athem des beſinnungslos Daliegenden erſchreckte ſeine Kameraden ſo ſehr, daß ſie nach einem von den Chirurgengehülfen ſchickten, welcher ihm alsbald reichlich Blut abzapfte und ihn dann nach einer Hänge⸗ matte des Krankenzimmers ſchaffen ließ. Mittlerweile war die Kunde von dem Verſchwinden des Figuren⸗ kopfs ſammt ſeiner Schildwache durch das ganze Schiff ruchbar ge⸗ worden. Indeß ſtund es nicht lange an, bis ſich ſchlimme Merkmale von Argwohn kund gaben, daß der ehrliche, unſchuldige John True⸗ penny bei dem Raub der Unſterblichen betheiligt geweſen ſey. Sein Hemd und ſeine Leinwandhoſen waren mit den verſchiedenen Farben des ſich viel von der Vergoldung, in welcher die Figuren geprunkt hatten; auch war er über und über mit Sägmehl bedeckt, und um die Sache noch maßgebender zu machen, hatte man nicht nur ein anderthalb Fuß langes Stück von Famas Trompete unter derſelben Kanone, Prachtwerkes beſudelt. An dem Sitztheile ſeiner Inerpreſſibles befand e welche Jacks Schlaf beſchützt, ſondern auch das rechte Ohr eines der kleinen Kinder, das er in einem Augenblicke liebenswürdiger Neckerei abgezupft haben mußte, in ſeiner Steuerbordhoſentaſche aufgefunden. Noch ehe Jack die Wirkungen ſeiner Schlemmerei völlig ver⸗ dämmert hatte, kam er zum Bewußtſeyn ſeiner unangenehmen Lage nicht Stellung, denn er blieb den ganzen nächſten Tag als krank in ſeiner Hängematte liegen, während Kapitän Firebraß als ein gut⸗ müthiger Mann, der wohl wußte, welchen Unfug er in ſeinem Zorne anrichten konnte, ſeine Kajüte hütete und ſeiner Wuth in ſoweit Luft machte, daß er unterſchiedliche Gegenſtände ſeines eigenen Möbelwerks zerſchlug. Da Jack demnächſt ins Verhör genommen werden wird, ſo wol⸗ len wir, ehe dieſe wichtige Verhandlung ihren Anfang nimmt, unſe⸗ ren Freunden einen kleinen Begriff von ſeinem perſönlichen Aeußern geben. Er war ein ſchöner, gerader, breitſchulteriger Burſche, der juſt ſechs Fuß ohne ſeine Schuhe maß und ſo richtige Körperver⸗ 62 hältniſſe zeigte, daß man ihn zum Modell für einen belvederiſchen Apollo hätte brauchen können, wäre nicht ſeine Bruſt zu breit und die Muskulatur ſeiner Arme zu voll geweſen. Letztrer Mangel rührte jedoch einfach da her, weil ſeine Arme, die er weit mehr braucchte, als ſeine Beine, faſt unaufhörlich das ganze Gewicht ſeines Körpers zu tragen hatten, da er ſtets wie eine Katze in dem Takelwerk um⸗ — herkletterte. Seine Füße waren faſt ſo klein wie die eines Frauen⸗ zimmers, und Jack bildete ſich viel auf dieſelben ein; auch wußte er im Tanzen die ſcharfgeſpitzten Schuhe ſo raſch dahingleiten zu laſſen, daß man ihren Bewegungen kaum zu folgen vermochte. Seinen Hän⸗ den können wir freilich ein ſolches Lob nicht ſpenden, denn ſie waren ungeheuer groß, hornhart und hatten Finger wie Stümpchen von einem kleinen Ankertan. Wo er anpackte, mußte man es wohl furcht⸗ 8 bar empfinden. Alle Theile ſeines Körpers, welche nicht dem Wetter ausgeſetzt waren, zeigten das zarteſte Weiß, und ſein Haar, deſſen klares Nußbraun keinen Schatten der Gelbrübenfarbe blicken ließ, be⸗ deckte ſeinen Kopf in kurzen, dichten, kräftigen Locken. Sein Zopf— denn dieſe Zier wurde damals als ein Ehrenpunkt betrachtet— war ungemein dick, wollte aber nie, um der krauſen Eigenſchaft der Haare willen, ſich geradeaus den Rücken hinunter ſtrecken, ſondern machte eine ſehr unverſchämte Krümmung nach oben, ſo daß es den Anſchein hatte, als ſey an ſeinem Schopfe hinten ein Haken befeſtigt. 4 Sein breites Geſicht war männlich ſchön und zeigte in ſeinem Ausdrucke eine rückſichtslo e Gutmüthigkeit, durch welche er ſich un⸗ widerſtehlich die Herzen gewann. Wenn man ſeine großen, blauen Augen betrachtete, ſo hätte man glauben können, man habe ein Frauen⸗ zimmer oder doch einen Menſchen vor ſich, der mit der ganzen Zart⸗ heit und Milde der weiblichen Natur begabt ſey, obſchon hiezu der kühne Umriß der Naſe, die Entſchloſſenheit, welche im Zuſtande der Ruhe auf ſeinen Lippen zu lagern ſchien, und das Gepräge der That⸗ kraft auf dem gerundeten Kinne einen entſchiedenen Gegenſatz bildeten. Sein Lächeln war bezaubernd, und ſeine Zähne würden kaum ihres 63 Gleichen ge en haben, wenn ſie nicht durch die Spuren ſchnöden Tabackkauens entſtellt geweſen wären. So überſchwenglich waren ſeine körperlichen Begabungen, welche übrigens durch die Armuth an geiſtige Vervollkommnung faſt ganz wirkungslos gemacht wurden. Sogar als Matroſe eines Kriegsſchiffs war er nicht vollkommen, denn er hatte ſchon wiederholt ſeine zwei bis drei Dutzend an der Lauſplanke erhalten, und ſie waren in der Regel wohl verdient. Seine hauptſächlichſten Laſter entſprangen aus ſeiner üppigen animaliſchen Entwicklung, denn ſeine große Luſt an ſinnlichen Vergnügungen ließen ihn nur zu oft ſeine Menſchenwürde vergeſſen, und ſeine Heiterkeit artete bisweilen in Unverſchämtheit gegen die Vorgeſetzten aus, wäh⸗ rend ihn das Bewußtſeyn ſeiner großen körperlichen Kraft verleitete, gegen ſeines Gleichen den Unterdrücker und Tyrannen zu ſpielen. Hätte er die Tugend kennen gelernt, ſo würde er ſie geliebt haben, da er von Charakter anhänglich und ſehr dankbar war, nicht leicht aus ſeiner gutmüthigen Stimmung gebracht werden konnte und einen angebornen Adel des Herzens bewahrte, ſo daß er ſeine Freigebigkeit ſogar über Gebühr ausdehnte und nichts weniger leiden konnte als Filzigkeit. Er war arglos und einfach: wenn er aber einmal ent⸗ deckte, daß er hintergangen wurde, ſo durfte ſich der Betrüger wohl weit aus dem Wege machen, denn er zeigte ſich ebenſo übereilt in ſeiner Rache, als offen in ſeinem zutraulichen Weſen. Wenn er hin und wieder, ſeitwärts von ſeinen Kameraden mit verſchlun Armen auf einem der furchtbaren Ordonanzſtücke lehnte, mit welchen die Glory bewaffnet war, ſo hatte er ein mehr als ariſtokratiſches— ja ſogar ein entſchieden heldenartiges Ausſehen. Er ſchien dann zum Kommando geboren und ſich deſſen bewußt zu ſeyn, obſchon ihm dieſe Erhebung des Charakters nur in Augenblicken einſamen Nachdenkens eigen war; denn ein einziges Wort, ein Blick von einem Schiffskameraden reichte zu, ihn wieder zu dem lärmenden, fluchenden und ſich um keinen Teufel kummernden Kriegsſchiffmatroſen zu machen. 64 Er war durchaus Matroſe in allen Abſchattungen des Standes. Wenn das ungeheure Schiff vor dem Dämon des Sturmes durch die gepeitſchten Wellen dahin flog, hielt John Truepennys kräftiger Arm die Wetterſpeiche des Rades, und ſein ſtetiges Auge bewachte die heranraſende berghohe Welle, um gewandt mit dem Steuer das ſich abmühende Schiff zu unterſtützen. Er war der Kapitan ſeiner Ka⸗ none, und man konnte ſich in der Regel auf ſeinen Takt in Be⸗ nützung einer ſich hebenden Welle für die Sicherung des Zieles ver⸗ laſſen. Oft, wenn die Old Glory einem fremden Segel, das nicht zu einer Unterſuchung beilegen wollte, nachjagte und der vorſichtige Kanonier umſonſt verſucht hatte, es mit der Hetzkanone auf der Back, einem langen Lieblings Vierundzwanzigpfünder, zu Paaren zu treiben, pflegte er zu ſagen:„laßt Jack Truepenny ſeine Hand probiren;“ und ein zerriſſenes Segel oder eine niederfallende Spiere bewies in der Regel die Vortrefflichkeit des Raths, indem der ſchnöde Flücht⸗ ling ſeine unteren Segel aufzog und mit anſtändiger Emſigkeit das große Marsſegel zurückklappte. Was Jacks Büchergelehrſamkeit betraf, ſo hatte er den beſten Theil derſelben erſt noch zu erwerben. Zwar konnte er jedes eng⸗ liſch geſchriebene Werk leſen, aber ſein Geſchmack führte ihn vor⸗ zugsweiſe zum Wunderbaren hin. Er ſchrieb außerdem eine gute. runde Hand, die allerdings nicht ſonderlich gelaͤufig, aber doch ſehr leſerlich und ſorgfaͤltig war— letzteres ſogar in einem Grade, daß er den Buchſtaben, ehe er ihn niederſchrieb, jedesmal mit den Lip⸗ pen bildete, indem er dieſelben in die poſſierlichſten Geſtalten verzog. In Anbetracht der Orthographie war er ein ſtrenger Verfechter jener unbegrenzten Gewiſſensfreiheit, die einem angeborenen Engländer ſo theuer iſt. Er hatte das Recht, zu buchſtabiren, wie er wollte, und buchſtabirte deßhalb auch ganz nach ſeiner eigenen Methode, ohne ſich an die der Wörterbücher zu kehren. Wollte ſich Jemand auf Sheridan, Walker oder Johnſon als auf Autoritäten berufen, wie die Buchſtaben zu Worten gebildet werden müßten, ſo hatte Jack nichts dagegen einzuwenden, obſchon er meinte, daß ſich derartige Leute viele Mühe geben; er für ſeine Perſon berief ſich übrigens nur auf einen einzigen Gewährsmann, welcher ihm ſtets zu Gebote ſtand— nämlich auf John Truepenny. Er pflegte ſehr vernünftig zu bemerken, daß kein großes Verdienſt darin liege, etwas zu leſen, was gehörig buchſtabirt ſey, da dies dem Uebergange über einen Fluß vermittelſt einer ſchön gebauten Brücke gleiche; aber Handſchriften zu leſen— ſeine eigene zum Beiſpiel(meinte er, wenn er ſehr pathetiſch war)— dabei konnte man ſich Ehre erho⸗ len, denn eine derartige Aufgabe ließ ſich füglich mit dem Kreuzen eines wilden Stromes mit ein Paar zerbrochenen Stöcken in Paral⸗ lele bringen.. Dies iſt die Skizze unſers Jack vom phyſiſchen und moraliſchen Standpunkt. Wir müſſen ihn übrigens noch für eine kurze Weile in ſeiner Hängematte laſſen, damit er ſich von der Wirkung ſeines ungeordneten Schwelgens am Zahltage erhole. Siebentes Kapitel. Gedanken über das Trachten nach Reichthum.— Wie man aus ſeinen fer⸗ nen Nachkommen gnädige Herren machen kann.— Viel über Stamm⸗ bäume, Rabuliſtik und andere Dinge, die ſo trocken ſind, wie altes Pergament. Wenn ſich Familien während zweier oder dreier Generationen durch Heirathen mit einander vermiſcht haben, werden die verſchie⸗ denen Verwandtſchaftsgrade unter allen, die Hauptglieder ausgenom⸗ men, ſo verwickelt wie das Räthſel der Sphynxr, und ſo wirr, wie Marryat's W. XX. Jack am Lande. 5 66 das ungekämmte Haar eines Jungen in einer wohlfeilen Koſt⸗ ſchule— wir könnten auch ſagen, wie die Ideen eines Premier⸗ miniſters, der nicht recht über ſeine Abdankung mit ſich in's Reine kommen kann. Würde es nicht ſo gar auffallend ausſehen, ſo hät⸗ ten wir gute Luſt, in dieſe unſere wahrhaftige Erzählung einen Stammbaunr abdrucken zu laſſen, um zu zeigen, in welcher Ver⸗ wandtſchaft Sir Edward Fortintower zu Anna Truepenny und ihrem Großvater ſtand, ferner wo der Sprößling deſſelben Baums ſtack, der abhanden gekommen war und nun, wie Mr. Serivener deutlich genug angedeutet hatte, wieder aufgefunden und auf den elterlichen Stamm gepfropft werden ſollte, ſehr zum Nachtheil, wo nicht zum gänzlichen Verderben des Sir Edward. Wie aber ein⸗ mal die Sachen ſtehen, ſo müſſen wir eben verſuchen, den Thatbe⸗ ſtand in Worten abzufertigen. Wir wollen, glaube ich, mit der Linie der Truepennys anfangen. Sie gewannen zuerſt unter der Regierung Wilhelms und Marias in der Eigenſchaft von Kaufleuten Einfluß und Berückſichtigung. In jener Zeit war die Nationalſchuld bedeutend geworden und der damalige Truepenny ſah deutlich voraus, wohin ſie am Ende führen mußte. Nun bildete er ſich wie die meiſten andern Leute ein, daß er Vorfahren habe, eine Meinung, welche ſo natürlich war, daß ſie ihm Niemand abgeſtritten haben würde, wenn er nicht geradezu behauptet hätte, er ſtamme von der Familie Fortintower ab, die vordem England ſeine ſtolzeſten Peers gab. Die Leute lachten über ihn und hielten ihn für einen eiteln alten Narren; aber er beſtand auf ſeiner Behauptung und beſchloß, vermittelſt der Fonds ſeinen Zweck zu erreichen. Hatte doch manches weniger edle Unternehmen die Bewunderung der Welt auf ſich gezogen und ſeinen Vollbringer als einen Helden ausgerufen. Er wollte nämlich das Werkzeug werden, die frühere Größe dieſer Familie herzuſtellen, in⸗ dem er ſich vornahm, einer ſeiner unmittelbaren Abkömmlinge ſollte entweder Graf von Fertintower ſeyn oder doch der Welt einen 67 Edeln dieſes Namens geben, der noch obendrein an Reichthum mit dem höchſten Adel Englands wetteifern ſollte. Um dies zu bewerkſtelligen, legte er eine große Summe Geldes in die Stocks, in welchen dieſelbe ſich durch die Zinſen und Zinſes⸗ zinſen ſo lange vermehren ſollte, bis ſie ſich ſo weit geſteigert hätte, um den erſehnten Plan entweder durch Ankauf der Grafſchaft und des Titels für einen männlichen Nachkommen, oder wenn ein ſolcher nicht vorhanden wäre, durch Verheirathung eines weiblichen Spröß⸗ lings mit einem ächten Fortintower zu bewerkſtelligen, da dann in beiden Fällen der Reichthum das Uebrige leiſten konnte. Dieſer für ſeine Nachkommenſchaft ſo ehrgeizige Gentleman wußte wohl, daß ſein Teſtament nicht ganz geſetzlich war und daß bedürftige oder kluge Erben daſſelbe umſtoßen konnten. Um dieſem, ſoviel an ihm lag, zu begegnen, erließ er in ſeinem letzten Willen einen feierlichen Aufruf von Sohn zu Sohn, und da ſeine Familie nie ſehr zahlreich, auch außerdem durch ihr Vermögen unabhängig von dem gedachten Vorbehalte war, ſo hatte ſich das Geld in den Stocks, das bisher noch immer nicht angegriffen worden, zu einer ungeheuren Summe vergrößert. Die Sorge für dieſes Geld war den jeweiligen Repräſentanten der Familie Truepenny und zwei anderen Bevollmächtigten übertragen, welche ſelbſt ihre Nachfolger ernennen mußten, bis die Grafſchaft. erworben war; dann erſt ſollte das ungeheure Eigenthum den gewöhnlichen Erbſchaftsgeſetzen folgen. Für geraume Zeit zeugte regelmäßig jedesmal ein Truepenny wieder einen Truepenny, und Jeder fragte ſich, wenn er in den Beſitz ſeines Vermögens kam und die Vormundſchaft uler die vor⸗ genannte Summe antrat:„iſt es Zeit?“ Die Umſtände antworte⸗ ten jedoch ſtets mit einem entſchiedenen Nein darauf. So ent⸗ ſchwand die Zeit, und der ſehr alte Markus Truepenny, Esquire, war muthmaßlich der einzige, noch am Leben befindliche, männliche Repräſentant der Familie, natürlich auch als ſolcher der Haupt⸗ kurator des ungeheuren Vermögens in den Fonds. Er war der * 68 fünfte Abkömmling deſſen, welchen man mit Recht den Gründer des Truepenny⸗Reichthums nennen konnte. Sein Großvater hatte drei Frauen gehabt und in erſter Ehe einen einzigen Sohn ge⸗ zeugt, der gleichfalls heirathete und als einzigen Sprößling den noch jetzt lebenden alten Truepenny zurückließ, mit welchem der älteſte männliche Zweig dieſer Linie zu Ende ging. Der Groß⸗ vater Truepenny erzielte aus zweiter Ehe gleichfalls einen einzigen Sohn, der ohne Leibeserben verſtarb, und aus dritter und letzter CEhe einen dritten Sohn, Namens George, der ſehr früh auf lieder⸗ liche Wege gerieth und mit einer entfernten Verwandten derſelben Familie, welche die Truepenny⸗Dynaſtie mit ihrer eigenen zu amalgamiren ſuchte, in wilder oder geſetzlicher Ehe lebte. Was aus George Truepenny und ſeinem Weibe geworden war, ſchien Niemand zu wiſſen, und eben ſo wenig hatte ſich bis jetzt irgend Jemand darum gekümmert, ob ſie Kinder hinterlaſſen hatten, oder nicht. Jener Schritt des George Truepenny war der allerſchlimmſte und feindſeligſte, der das Truepenny'ſche Projekt nur je betreffen konnte, weil dadurch ſeine eigene Familie und zwar in einer Weiſe, welche deren Identität eigentlich vernichtete, mit einem bettelhaften Abkömmling deſſelben Hauſes verſchmolz, welches die Truepenny ſeit ſo vielen Generationen zu repräſentiren bemüht geweſen waren. Von dieſer dunkeln Quelle aus waren auch alle Gefahren zu beſorgen, welche unſerem Sir Edward drohten.— Kurz vor ſeinem Tod erweichte ſich das Herz des Vaters von George Truepenny, und er ſuchte vergeblich ſeinen Sohn auf, um ihm einen Theil des Familienreichthums zuzuwenden. In der Hoffnung, ſeinen Zweck bald zu erreichen, kaufte er von dem feilen Miniſterium jener Zeit für ihn und ſeine Erben den Titel eines Baronets, und das Patent wurde gebührend ausgefertigt; aber der alte Mann ſtarb bald nachher ſo plötzlich, daß er für ſeinen Sohn keine dem Titel entſprechende Geldvorſorge treffen konnte. Außer⸗ dem kam auch George nie wieder zum Vorſchein, ſondern ſtarb in 69 der Dunkelheit, ohne etwas von den wohlwollenden väterlichen Ab⸗ ſichten oder von der Ehre zu erfahren, die für ihn erkauft worden war. Wir müſſen jetzt einen Blick auf die unbezweifelt alte Familie der Fortintowers werfen. In den älteſten Zeiten waren ſie Herzoge, ſpäter Grafen, endlich Barone geweſen, bei ihrer Annäherung an die neuere Aera aber gar zu bloßen Baroneten heruntergeſunken. Ihr Geſchlecht ſchien gerade das Gegentheil von dem Prozeſſe ein⸗ ſchlagen zu wollen, den der soi-disant Truepenny'ſche Zweig beab⸗ ſichtigte. Sie hatten aus einer oder der andern Urſache allmählig alle ihre Ehren und Auszeichnungen verloren, dabei aber ſtets ihr Blut ſehr rein erhalten. Nun ſchienen ſie die Eitelkeit der Titel zu begreifen und den Wappenſtolz zu verſchmähen, indem ſie ſich mehr den ſubſtanziellen Vortheilen einer Vermehrung ihrer Habe zu⸗ wandten und durch dieſes Prinzip ſehr reich wurden, wie denn auch der letzte Baronet Sir Mortimer Fortintower ſo nahe an den Charakter eines Geizhalſes hinſtreifte, als es einem Manne von guter Geburt nur möglich war. Dieſer letzte Baronet, Sir Mortimer, war kinderlos geſtor⸗ ben, und da der Titel ſich nur in direkter männlicher Linie fort⸗ pflanzte, ſo hatte das Heroldenamt, als ſein ungeheurer Reichthum auf ſeinen Bruder überging, einen Baronet aus ſeiner Liſte zu ſtreichen. Mr. Fortintower von Fortintower hatte drei Söhne, Al⸗ fred, Benjamin und Charles, von denen der erſtere eine Neigungs⸗ heirath einging und in dieſer Ehe fünf Töchter zeugte. Da der Vater über dieſe Verbindung grollte, ſo lebte er in Dunkelheit und Armuth, wie er denn auch vor ſeinem Erzeuger ſtarb. Titel und Eigenthum vererbten ſich ſo lange auf männliche Nachkömmlinge, als deren vorhanden waren, weßhalb Alfreds Töchter in tiefer Ar⸗ muth leben mußten, obſchon ſie die Enkel eines ſo ungeheuer reichen Mannes waren. Mit der jüngſten und fünften Tochter Martha ging nun jener liederliche Truepenny eine Verbindung ein— ob —— 70 legal oder nicht, ſchien bis zur Zeit unſerer Geſchichte allen Fortin⸗ towers gleichguͤltig geweſen zu ſeyn. 4 Benjamin, der zweite Sohn und nach Alfreds Tod der muth⸗ maßliche Erbe des Mr. Fortintower, ſtarb als Junggeſelle; Charles aber, der dritte Sohn, heirathete und erzielte viele Kinder, die jedoch alle ſtarben bis auf eine einzige Tochter, welche, gegen die — Wünſche ihres Vaters und Großvaters, einen armen Gelehrten, Namens Abbot, heirathete und alle ihre Verwandten dadurch noch mehr gegen ſich aufbrachte, da ſie mit demſelben glücklich lebte. Um dieſen Ungehorſam, welcher der Familie ſo viel Schmach brachte, deſto wirkſamer zu züchtigen, hatten ſich Charles und ſein Vater vereinigt, die eigentliche Erbfolge zu umgehen, und es einzu⸗ leiten gewußt, daß ein kleines Privatdekret von dem Parlamente herausgeſchmuggelt wurde, welches den Vater oder den Sohn, je nachdem einer oder der andere der Ueberlebende war, ermächtigte, über alles Familieneigenthum frei und unbedingt zu verfügen. Nun * ſtarb Charles vor ſeinem Vater, welcher ſich übrigens nie mit ſeiner Enkelin Mrs. Abbot verſöhnte. Als Mr. Fortintower mehr in die Jahre kam, erwog er bei ſich, daß er ſeinen Reichthum doch nicht mitnehmen könne, weshalb er auf eine geeignete Verfügung über denſelben ſann und eifrige Nachforſchungen in Betreff der Töoͤchter ſeines Sohnes Alfred ein⸗ ziehen ließ. Da ſtellte ſich nun heraus, daß die vier älteſten im Elend gelebt hatten und unverehelicht in größtem Mangel geſtorben waren. Was aus der fünften und jüngſten Tochter Martha, welche eine Zeitlang entweder als Maitreſſe oder als Frau mit George Truepenny gelebt hatte, geworden war, ließ ſich nicht ermitteln, weshalb denn angenommen wurde, beide gedachte Perſonen ſeyen von dem Angeſicht der Erde verſchwunden, ohne eine Spur zurückzu⸗ laſſen. Dieſe Vorausſetzung fand um ſo mehr Bekräftigung in den unwirkſamen Verſuchen von George's Vater, das Pärchen aufzufinden. 71 So ſtanden die Dinge, als der alte Mr. Fortintower ſeine Blicke wieder auf Mrs. Abbot, das einzige überlebende Kind ſeines Lieblingsſohnes Charles, warf. Er fand, daß ſie und ihr Gatte todt waren und ein einziges Kind, Namens Edward, hinterlaſſen hatten, welches ſich zur Zeit auf einer Schule befand und der nicht ſehr vermöglichen Familie der Abbots zur Laſt fiel. Der Urgroßvater verfügte daher über ſein ganzes Vermögen zu Edwards Gunſten, indem er die gewöhnliche Bedingung beifügte, daß derſelbe den Familiennamen Fortintower annehme. Indeß befand ſich in dem wichtigen Dokumente und in jeder Klauſel deſſelben ein Rechtsvorbehalt für die männlichen oder weiblichen Abkömmlinge ſeines älteſten Sohnes Alfred; denn im Falle in dieſer Linie ein in legitimer Ehe erzeugter Haupterbe vorhanden wäre, ſo ſollte dieſer in alle durch das Teſtament genannten Berechtigungen Edwards eintreten und letzterer durch eine Summe von fünfhundert Pfunden jährlich abgefunden werden. Immerhin ſchloß jedoch der alte Mr. Fortintower ſein Teſta⸗ ment mit einer ſehr umſichtigen Klauſel. Er begann mit Ausein⸗ anderſetzung des ſchweren Schlages, der Edward betreffen müßte, wenn derſelbe ſeinen Reichthum viele Jahre beſeſſen und unter dem 3 Eindrucke, daß er unbedingt ſein Eigenthum ſey, eine Che oder andere darauf begründete Verbindlichkeiten eingegangen hätte, dann aber mit einemmale genöthigt wäre, Alles an einen plötzlich auf⸗ getretenen Anſprucherheber abzugeben oder darum zu prozeſſiren; deßhalb ſolle die Zeit, in welcher die etwaigen Erben ſeiner Enke⸗ lin ihre Rechte geltend machen könnten, nur auf zehn Jahre nach ſeinem Tode beſchränkt ſeyn; kämen ſie mit ihren erwieſenen An⸗ ſprüchen erſt nach dieſer Zeit, ſo ſollten ſie, wie Viele oder wie Wenige ihrer ſeyn möchten, jährlich mit je fünfhundert Pfunden abgefunden werden. Nun war Mr. Fortintower ſchon mehr als neun Jahre todt, und wenn in weiteren zwölf Monaten kein Anſprucherheber auftrat 72 (und bisher hatte man ſich nicht entfernt die Möglichkeit träumen laſſen), ſo war Sir Edward Fortintower vollkommen ſicher. Dies iſt eine lange und ermüdende Stammbaumggeſchichte, ob⸗ ſchon wir den Leſer nicht damit verſchonen konnten, weil uns daran gelegen ſeyn muß, daß er die Lage, in welcher ſich Sir Ed⸗ ward zur Zeit befand, völlig zu würdigen wiſſe. Es ſtand jetzt in Ausficht, daß ihm der Becher des Glücks noch in dieſer eilften Stunde von den Lippen weggeriſſen wurde. Niemand kannte alle dieſe beſonderen Verhaͤltniſſe genau, Mr. Skrivener und Sir Edward ausgenommen. Der ſchlaue Rechtsgelehrte hatte viele Jahre Sir Edwards Geſchäft geleitet und gewiſſermaßen in einem Verhältniß der Freundſchaſt und Ver⸗ traulichkeit zu ihm geſtanden. Während dieſer Zeit war Mr. Skri⸗ veners Tochter zur Jungfrau herangewachſen, und der Vater be⸗ gann die ehrgeizigſten Ausſichten auf ſte zu bauen. Sobald Sir Edward dies bemerkte, hob er allen vertraulichen Verkehr mit der Familie des Advokaten auf und nahm ihm auch die Beſorgung ſeiner Angelegenheiten ab. Mr. Skrivener that nicht dergleichen, als fühle er ſich daburch beleidigt, obſchon ihm die Sache ſehr ſchmerzlich fiel; aber Miß Skrivener brach beinahe das Herz, und ſie würde ſich vielleicht in ihrer unglücklichen Liebe bis zur Krank⸗ heit abgehärmt haben, wenn ſie nicht ihr Vater unaufhörlich mit Hoffnungen aufrecht gehalten hätte, die er, wie er glaubte, zu jeder Zeit verwirklichen konnte. Nun war Mr. Skrivener in Allem, was nicht ſeinen Beruf betraf, ein völlig unwiſſender Mann, obſchon dies in der gewöͤhn⸗ lichen Weiſe des geſelligen Verkehrs von Niemanden bemerkt wurde. Der bloße Nechtsgelehrte, wie er auf den Brettern dargeſtellt wird, exiſtirt nicht in der Geſellſchaft, und doch war Mr. Skrivener ein bloßer Rechtsgelehrter, welcher übrigens durch ſeinen Verkehr mit Leuten von Stande und mit Gliedern aus allen Klaſſen der Ge⸗ ſellſchaft eine gewiſſe Politur, eine Geläufigkeit in der Unterhal⸗ — 73 tung und ſogar eine gewiſſe Eleganz der Rede gewonnen hatte. Sein von Natur guter Verſtand machte es ihm möglich, ſich über die meiſten gewöhnlichen Konverſationsgegenſtände nachdrücklich und richtig auszuſprechen, obſchon er im Uebrigen ſogar noch un⸗ wiſſender war, als die Maſſe der Arbeiter. Sobald Literatur, Philoſophie oder ſchöne Künſte zur Sprache kamen, war die Leer⸗ heit ſeines Geiſtes eigentlich erſtaunlich. Seine Moral, ſeine Religion und ſeine Kenntniſſe beſchränkten ſich ausſchließlich auf die Jurisprudenz, und was ſich im Auge des Geſetzes ungeſtraft erreichen ließ, konnte er ohne Bedenken und Gewiſſensbiſſe verfolgen. Achtes Kapitel. Geht wieder auf die See.— Jack befindet ſich noch immer auf dem Waſſer und in der Klemme.— Er macht einen ungeſchickten Verſuch, ſeinen Rücken zu retten.— Die Angelegenheiten gewinnen eine ſchlimme Ge⸗ ſtalt.— Jack in Feſſeln, während der Kapitän ſeine Galle entfeſſelt.— Der Kapitän der Marine manövrirt mit einer langen Geſchichte. Wir müſſen uns wieder nach Spithead begeben, wo am zweiten Tage nach der Entführung aller Glorie von dem Schnabel der Old Glory Kapitän Firebraß, noch immer in großem Zorn, aus ſeiner Kajüte zum Vorſchein kam. Der Wundarzt hatte den armen John Truepenny, als wieder dienſttüchtig, das heißt, als wohl im Stande gemeldet, die drei oder vier Dutzend Hiebe mit der neunſchwänzigen Katze, welche der Kapitän zu verordnen für gut befinden mochte, auf ſeinem Rücken in Empfang zu nehmen. Es war juſt Glock ſieben— das heißt, halb eilf Uhr Vor⸗ mittags— als Jack nach dem Halbdeck gebracht wurde, um für für die mannichfaltigen ſchweren Verbrechen, die ihm da und dort zur Laſt gelegt wurden, Rede zu ſtehen. Er trat keck und gerade, wie ein unſchuldiger Mann, vor ſeinen Kommandeur hin, obſchon ein gewiſſer Anflug von Scham, der mit dem ehrlichen Ausdruck — des Unwillens zu kämpfen ſchien, ſeine ſchönen Züge überflog. Auf dem Kompaßhauschen lagen die Kriegsartikel, die Offiziere hatten ihre Seitengewehre beigeſteckt, und auf der Hütte war eine boshaftblickende Marinerſchildwache aufgezogen. Dies waren ärger⸗ liche Schauſtellungen, welche Jack nur zu gut verſtand, obſchon er wohl ſehen konnte, daß ihn Jedermann bemitleidete, ſelbſt der Kapitän nicht ausgenommen, der übrigens den feſten Entſchluß ge⸗ faßt hatte, den Uebelthäter ſcharf in die Mache zu nehmen, um ſeinem Zorne wenigſtens ein Opfer zu bringen. Um die üble Laune des Kapitäns ein wenig zu mildern und deſſen Aufmerkſamkeit auf etwas Anderes zu lenken, erſah der erſte Lieutenant die Gelegenheit, ihm zu melden, daß die Arbeiter des Dock Yard eben mit der Geigenſchnecke, welche die verlorne Gruppe erſetzen ſollte, fertig geworden ſeyen und das Ganze ſich merkwür⸗ dig gut ausnehme. Kapitän Firebraß antwortete hierauf nur mit einem finſteren Stirnrunzeln. Dann trat auch noch Mr. Treſt⸗ letree, der Meiſter auf, und erlaubte ſich, in aller Demuth zu bemerken, daß das Schiff nun einen Viertelpunkt näher an dem Winde liegen und ohne Zweifel viel leichter arbeiten werde. Dieſe freundliche Andeutung erwiederte Kapitän Firebraß nur mit der Erlaubniß, welche er dem Meiſter ertheilte, nach einem Orte zu gehen, den man höflicherweiſe nicht gerne nennen mag. Der alte Meiſter murmelte etwas entgegen, des Inhalts, um der Bequem⸗ lichkeiten willen, die er unter Seiner Ehren Kommando habe, könnte er recht wohl von dieſer gnädigen Konzeſſion Gebrauch machen; in⸗ deß wolle er ſich doch die Sache noch ein wenig überlegen. „John Truepenny,“ ſagte Kapitän Firebraß,„tretet vor.“ —7 40 Jack that, wie ihm geheißen wurde, und erwiederte den zor⸗ nigen Blick ſeines Kommandeurs mit ſanfter, aber furchtloſer Miene, denn es war kaum möglich, daß ſein volles blaues Auge einen wilden Ausdruck hätte annehmen können. „John Truepenny, Ihr ſeyd den ganzen Montag betrunken geweſen und den ganzen Dienſtag nicht nüchtern geworden. Beim tanzenden Jeſuiten, ich werde Euch peitſchen laſſen.“ „Zahltag, Euer Chren,“ verſetzte Jack unterwürfig. „Zahltag, Du rumſchluckender Sohn eines Seekochs— wie lange währt bei Dir der Zahltag?“ „Bis ein armer Teufel wieder nüchtern wird, Euer Ehren.“ Dieſe ſchlaue Antwort hatte ein faſt allgemeines Lächeln zur Folge, übte aber auf Firebraß keine andere Wirkung, als daß er einen kräftigen Ruck an ſeinem Hoſenpreis that und unmuthig entgegnete: „Bei Gott, ich werde ihn dennoch peitſchen laſſen.“ „Ja, Du eingeweichter Schwamm,“ fuhr er ſort,„wenn Du nur die Mittel hätteſt, ſo würde der Zahltag dauern bis zum jüngſten Tag, und wenn dann die Engel alle Hände zu den Lucken heraufpfiffen, ſo wäreſt Du ſo betrunken, daß Du nicht Rechen⸗ ſchaft von Dir ſelbſt abzulegen vermöchteſt und der Teufel Dich am Kragen packte, wie Du eben ein Glas Halb und Halb hin⸗ unterſchluckteſt. Aber was würde man im Hauptquartier von mir halten— von mir, Eurem Kapitän, wenn ich dies duldete? Nein, nein; mag der pſalmſingende Gambroon ſagen, was er will, ich habe zu viel Religion in mir, als daß ich mitanſehen könnte, wie meine Schiffsmannſchaft in dieſer Weiſe zum Teufel fährt— da liegen mir ihre koſtbaren Seelen zu ſehr am Herzen. Ich werde Euch peitſchen laſſen— nicht gerade dafür, daß Ihr Euch am Zahltage betrankt, ſondern weil Ihr ein Vieh aus Euch gemacht habt, das alle Vieherei eines ehrlichen Matroſenrauſches überbietet.“ „Ich hoffe, Euer Ehren wird mich wegen dieſes Ueberſehens 76 nicht peitſchen laſſen,“ erwiederte Jack bittend.„Ich ſchäme mich ſelbſt darüber, und ſogar das Haar auf meinem Kopfe ſcheint mich nicht anerkennen zu wollen. Habt diesmal Nachſicht, Kapitän Firebraß, und verzeiht mir um deſſen willen, was ich gelitten habe und noch immer leide. Denn die Augen ſind mir wahrhaftig über meine Schande aufgegangen. Wenn mich Euer Ehren diesmal peit⸗ ſchen läßt, ſo iſt ein guter Matroſe verdorben— obſchon ich dies nicht ſelbſt ſagen ſollte— aber ich bin verdorben für immer und immer, verloren für den König, für das Vaterland und für mich ſelbſt. Wenn ich jetzt die Katze kriege, werde ich nie mein Salz mehr werth ſeyn.“ „Ein guter— ein durchaus guter Mann,“ ſagte der erſte Lieutenant. „Ein tüchtiger Matroſe,“ fügte der Meiſter bei. „Ein beſſerer Burſche hat nie eine Fockſchoote eingezogen,“ erklärte der Hochbootsmann, der durch die allgemeine Verwendung zu Jacks Gunſt dreiſt geworden war. „Brav wie ein Löwe,“ ſagte der Geſchützmeiſter.„Euer Chren muß ſich erinnern, wie er jenen ſchurkiſchen Barlewuh niederhieb, der Euer Ehren ſo koſtbar am Kragen gepackt hatte, daß Ihr nicht einen einzigen ehrlichen„Gottverdamm“ heraufbringen konntet.“ „Er iſt ein ſehr höͤflicher Menſch,“ fügte der Kapitän der Mariner bei,„und hat ſich immer freiwillig erboten, mich auf dem Rücken durch die Brandung zu tragen, ſo oft wir bei hochgehender See irgendwo landeten.“ 4* „Er iſt ein vortrefflicher Mann,“ bemerkte der Wundarzt, denn er war nie zuvor auf der Krankenliſte und machte dem Arzt in keiner Weiſe Mühe. „Laßt Gnade für Recht ergehen, Kapitän Firebraß,“ riefen Alle in einem Chorus. 3 „Wohlan denn,“ verſetzte der Kapitän verdrießlich,„ſo will ich ihm ſeine Betrunkenheit überſehen, obſchon ich glaube, daß er den⸗ 7⁷ noch ſeine vier Dutzend abfangen wird. Mr. Boltſchot hat da etwas geſagt— möge er dafür verdammt ſeyn— wofür ich öffentlich Rede ſtehen muß. John Truepenny hat mir das Leben gerettet — was ſoll dies heißen? Ich gebe es zu— aber was weiter? Ich ſage Euch Allen, den Matroſen ſowohl, als den Offizieren, daß es ſeine Pflicht war— ich ſpreche als ſein Kommandeur und als der Eurige— ich ſehe kein beſonderes Verdienſt darin.“ „Ich gleichfalls nicht, Sir,“ verſetzte der Lieutenant der Ma⸗ riner, welcher das wilde Ungeheuer wieder verſöhnlich zu ſtim men wünſchte. „Ihr kammertänzelnder Schnipfel von einem Valleh de Scham“ (denn ſo ſprach er es aus),„wer zum Teufel hat je gemeint, daß Ihr überhaupt ein Verdienſt einſehen könnt oder überhaupt nur wißt, was es zu bedeuten hat? Pfui über Euch, Ihr pfeifenthon⸗ reibendes Gemiſch von Kleiſter und Pomade! Doch ich vergeſſe mich. Ich ſage, er kann ſich nichts darauf zu Gute thun, daß er mir mein Leben rettete, denn es liegt kein Verdienſt darin, meine Jungen, wenn Einer ſeine Pflicht thut; und ich würde zuverläſſig die meinige verabſäumen, wenn ich alle Dienſtvergehen überſehen wollte, die irgend ein Mann begeht, der zufälligerweiſe das Leben eines armen Poſtenkapitäns von Seiner Majeſtät Flotte rettete. Ich ſpreche jetzt als Offizier, kann aber wohl beifügen, daß ich als Menſch mit Stolz einräume, ſo lange ich einen Schilling habe, ſoll John Truepenny nie Mangel leiden, und wenn ich ſterbe, ſoll mein Teſtament beweiſen, daß ich nicht undankbar bin gegen den ſtarken Arm und das tapfere Herz, welches im Au⸗ genblicke der äußerſten Gefahr zwiſchen mich und den Tod trat. Aber als Offizier werde ich ihn dennoch peitſchen laſſen, wenn er es verdient— und ich fürchte, daß er es eben jetzt wohl ver⸗ ſchuldet hat. Ja, beim tanzenden Jeſuiten, ich will ihn peitſchen laſſen— das bleibt ausgemacht. Sprecht, John Truepenny, zieht 78 Ihr es in Abrede, daß Ihr Eure Hand geboten habt, als das Schiff ſeines herrlichen Figurenkopfs beraubt wurde?“ „Betrunken, Euex Ehren!“ lautete die unterwürſige Antwort. „Betrunken? Aber ich will Euch ſagen, daß vom geſetzlichen Standpunkt ſowohl, als vom moraliſchen, Trunkenheit ein Vergehen eher erhöht als mildert. Indeß könnt Ihr dem Zuſtande Eures Anzuges und anderen Nebenbelegen nach zu ſchließen nicht ſo be⸗ trunken geweſen ſeyn, daß Ihr nicht wußtet, was Ihr thatet. Sagt mir jetzt offen Alles, was vorgegangen iſt, und wenn ich einen Grund zur Milderung— wohl gemerkt, ich ſage Milderung— der Strafe finden kann, ſo will ich denſelben gerne, ja, recht gerne geltend machen. Ich glaube nicht, daß Ihr der Urheber oder nur einer von den Haupttheilhabern an der Beſchimpfung wart, die Eurem Kapitän und Eurem Schiffe zugefügt wurde, obſchon es mir über allen Zweifel erhoben ſcheint, daß Ihr bedeutend mitgewirkt habt.“. Aus Achtung für den öffentlichen Geſchmack haben wir die Flüche übergegangen, mit welchen der Kapitän ſeine Rede würzte— eine Rede, auf welche der arme Jack für einige Minuten keine Ant⸗ wort zu finden mußte. Er kratzte ſich im Kopfe, drehte die Dau⸗ men, blickte kläglich jedem der anwefenden Offtziere in's Geſicht, und ſchaute dann auf ſeinen Theerhut nieder, der mit nach unten ge⸗ kehrter Krone zu ſeinen Füßen auf dem Halbdecke lag. Aber nir⸗ gends wollte ihm Beiſtand herkommen. Endlich ſagte er: „Will Euer CEhren nicht ſo gut ſeyn, mir einige Zeit zum Nachdenken zu geſtatten? Ich bin ganz verwirrt.“ 1 „Eine halbe Stunde bri einem Eimer kalten Waſſers,“ ver⸗ ſetzte der Kapitän.„Da nehmt Euren Marſch auf die Backbord⸗ laufplanke, und möge Euch, wie die Richter ſagen,„Gott gnädig ſeyn.““ Jack Druepenny trat in größter Verwirrung ſeinen Spazier⸗ gang an, wies übrigens das Waſſer ab. Er wußte nichts aus dem Ganzen zu machen, war ſich aber doch halbweg bewußt, daß er in einer oder der andern Weiſe Beiſtand geleiſtet habe, um die Götter oder Göttinnen über Bord zu ſtoßen. Freilich erſchien ihm das Ganze nur wie ein nebeligter Traum, und er nahm ſich vor, das Geſchehene dem Kapitän auch in dieſer Weiſe vorzutragen. Nachdem die halbe Stunde Bedenkzeit abgelaufen war, begab er ſich mit einer Jammermiene nach dem Hinterſchiffe und erklärte dem Kapitän, er wolle ſein Beſtes thun, um ihn Alles wiſſen zu laſſen, was, ſo weit er ſich erinnern könne, vorgefallen ſey. Die Offiziere ſammelten ſich abermals mit angelegentlicher Neugierde um ihn, und dann berichtete er das, was wir dem Leſer bereits vorgelegt haben, als einen Traum. Er benahm ſich dabei nach ſeinem beſten Wiſſen und ſchilderte die ihm gebliebene Eindrücke mit der größten Genauigkeit; aber ſeine Wahrheitsliebe und Ehrlichkeit fanden keine entſprechende Aufnahme. Sogar ſeine Freunde fielen von ihm ab und meinten, daß er, wie ſie ſich ausdrückten, nur ein Mährlein erzählt habe. Der Kapitan, welcher der Anſicht war, man behandle ihn wie ein Kind, daß man ihm eine ſo handgreifliche Lüge aufbinden wolle, wurde ganz wuthend, ließ übrigens Jack ſeine Erzählung zu Ende bringen und begann dann mit Strenge: „John Truepenny zum erſtenmale in meinem Leben muß ich eine geringe Meinung von Euch erhalten. Noch vor einer kleinen Weile würde es mir faſt das Herz gebrochen haben, wenn ich Euch haͤtte peitſchen laſſen müſſen, aber dieſe Schwäche iſt jetzt vorüber. Ich kann Euch jetzt mit ebenſo wenig Bedenken greifen laſſen, als ich Befehl er⸗ theilen würde, einen tollen Hund zu hängen oder zu erſchießen. Meint Ihr, wir ſeyen Dummköpfe, daß Ihr uns dieſes alberne Mährlein glauben machen wolle?“ „s iſt ſo wahr, als ich auf meine Erlöſung hoffe!“ verſetzte Jack, ein krampfhaftes Schluchzen der Aufregung niederkämpfend, an welcher die Furcht vor der Katze keinen Theil hatte; denn ſein 80 Stolz war verletzt, weil man ihn für gemein genug hielt, eine Lüge zu ſagen. „Unverſchämter Lügner!“ rief Firebraß, der nun vor Wuth auf den Boden ſtampfte.„Daß Du gemein viehiſch und ſchändlich betrunken warſt, iſt über allen Zweifel erhoben, obſchon ebenſo wenig in Abrede gezogen werden kann, daß dieſer Zuſtand von Betrunken⸗ heit erſt nach der Entfernung des Figurenkopfs, nicht vorher eintrat. Als um zwei Uhr der Schiffskorporal ſeine Runde machte, ſchliefſt Du ganz reinlich und anſtändig unter der Kanone neben dem Tiſch, und warſt nicht ſtärker betrunken, als Du mit Recht ſeyn durfteſt; aber wie Du am Morgen von Deiner Lagerſtätte hervorgezogen wurdeſt, hatteſt Du ungemiſchten Rum geſoffen, bis Du Dich darin wälzteſt, wie ein unfläthiges Schwein. Der letzte Anfall von Trun⸗ kenheit fand ſtatt, nachdem der Figurenkopf fort war, und ich zweifle nicht im Geringſten, daß Du Dich durch jenen beſtialiſchen Rum zu Deinem meuteriſchen und ſchändlichen Benehmen beſtechen ließeſt.“ Auf all dies konnte Jack nur die Hände zuſammenſchlagen und Gott zum Zeugen anrufen, daß er unſchuldig an dem ſey, was ihm der Kapitan zur Laſt legte. Er habe ſich bloß einen Rauſch zu Schulden kommen laſſen und könne nur die Eindrücke deſſelben wiedergeben, denn er wiſſe durchaus nicht, ob er überhaupt wirklich in Vorderſchiffe geweſen ſey, oder nicht. Kapitän Firnbraß, welcher bemerkte, daß die Leidenſchaft bei ihm die Oberhand gewinnen könnte, mochte Truepenny nicht an demſelben Tage peitſchen laſſen, ſondern befahl, ihn in Ketten zu legen, indem er zugleich andeutete, daß dem Verbrecher am andern Tage eine ſtrenge Züchtigung angethan werden ſolle, welcher wahr⸗ ſcheinlich ſeine Abſetzung als Unteroffizier und die Enthebung von dem Dienſte eines zweiten Kapitäns in der Back folgen werde.„Und hörſt Du, Meiſter Lügenhund!“ rief der wüthende Firebraß,„ich möchte mir faſt den Hals abſchneiden, wenn ich daran denke, daß ein ſolcher Schuft, wie Du, mir das Leben rettete. Aber Gott ver⸗ 81 8 8 damme Dich, ich will billig ſeyn— will nicht meine guten Abſich⸗ ten ändern— die ich als Menſch gegen Dich hegte— und bei meinem Teſtamente ſoll's ſein Verbleiben haben. Du haſt mir eine ſchnöde Lüge geſagt— haſt verſucht, mich in's Angeſicht auszulachen — und biſt mit meinen Feinden verſchworen, um mich zu beleidigen. Oh, John Truepenny, Ihr habt Euren beſten Freund verloren— ich werde Euch nie mehr achten.“ „Ihr könnt mich gleich jetzt peitſchen laſſen, Kapitän,“ verſetzte der arme Jack, dem die Thränen über die Wangen niederliefen;„'s iſt jetzt von keinem Belang mehr. Gebe nur Gott, daß ich unter der Katze ſterben möge. Ihr habt mir ſchweres Unrecht gethan— und nie, nie, nimmermehr werde ich wieder eine Wohlthat von Eu⸗ ren Händen annehmen. Aber ich denke, es wird Euch eines Ta⸗ ges leid thun.“ „Nehmt ihn hinweg! Legt ihn in Ketten!“ brüllte der Kapitän. „Ihr habt einen guten Mann z zu Grunde gerichtet, Kapitän Firebraß— möge es Euch Gott vergeben— ich habe nur die Wahr⸗ heit geſprochen.“ 3 Mit finſterer Unempfindlichkeit ließ ſich Jack durch die Schiffs⸗ korporale abführen und unter dem Halbdeck in Eiſen legen. Die Schildwache erhielt gemeſſenen Befehl, Niemand ein Geſpräch mit dem Gefangenen zu geſtatten und nur zur geeigneten Zeit dem Ma⸗ troſen, der ihm ſeine trockene Reation brachte(denn Grog erhielt er nicht), in die Nähe zu laſſen. 3 Kapitän Firebraß ſchritt für eine Weile auf der Steuerbordſeite des Halbdecks hin und her, um die Wuth, welche in ihm tobte, ein wenig zum Schweigen zu bringen, denn er war bitterlich erbost über den Umſtand, daß er der Kränkung, welche ihm, ſeiner Ueber⸗ zeugung nach, Lord Gambroon zugefügt hatte, nicht auf die Spur kommen konnte. Da es ihm völlig erwieſen däuchte, Jack habe chenem Einverſtändniß 6 mit den Sendlingen Sr. Lordſchaft in beſto Marryat's W. XX. Jack am Lande. gehandelt, ſo hätte er denſelben in ſeiner Wuth verſchlingen können; wenn ihm aber je zuweilen die Möglichkeit zu Sinne kam, daß der arme Teufel dennoch ehrlich geweſen, ſo hätte er ſich ſelbſt mögen die Haare ausraufen. In dieſem Zuſtande ſeiner Verſtörtheit näherte ſich ihm der Kapitän der Mariner, redete ihn ſehr achtungsvoll an — und bat ihn um die Erlaubniß, ein paar Worte ſprechen zu dürfen. „Faßt Euch kurz— faßt Euch kurz, Kapitan Curtois,“ ver⸗ fetzte der Schiffer unarduldigs „Wohlan denn, ich glaube, daß Euch John Truepenny die Wahrheit geſagt, und der ganze Vorgang dieſen Eindruck auf ihn gemacht hat, obſchon das, was er zu ſehen glaubte, nicht wirklich ſtattfand.“ „ ‚Ihr wollt doch nicht damit andeuten, Kapitän Curtvis, daß ich ein tyranniſcher Schurke, und jeuer Kerl in Eiſen ein unſchul⸗ diger Märtyrer ſey?“ „Es wäre mir nicht lieb, wenn mir meine Worte in dieſer harten und reſpektswidrigen Weiſe gedeutet würden,“ verſetzte der Kapitän der Mariner, ohne ſich aus der Faſſung bringen zu laſſen; „aber wenn Ihr ſo viel Güte und Geduld haben mögt, etwas an⸗ zuhören, was mirr ſelbſt begegnet iſt— es handelt ſich dabei um einen Fall, ähnlich dem dieſes armen Menſchen, der mir zuſtieß, als ich halb bbetrunken war— ſo würdet Ihr vielleicht inne halten, ehe Ihr zu dem Schlußurtheil ſchreitet.“ „Iſt die Geſchichte lang, Kapitän Curtois?“ „Wenn ſie ganz rerſtanden werden ſoll, muß ich allerdings ein wenig weit ausholen; aber ich würde mir nichts daraus machen, für proſaiſch gehalten zu werden, wenn ich dadurch im Stande wäre, einem Mitmenſchen aus der Klemme zu helfen. 4“ „Das iſt ſehr ſchön geſprochen, Sir. Nun, da ich nicht denke, Euer Geſchichtlein werde mir leicht hinuntergehen, ſo könnt Ihr, um demſelben nachzuhelfen, meinen Claret verſuchen. Ich kann mir den⸗ ken, die Moral davon wird ſehr unſchmackhaft ſeyn, wenigſtens für A* 83 ₰ mich— Ihr mögt daher Cuern Vortrag beim Nachtiſche halten. Ich erwarte Euch Glock ſechs; ſeyd übrigens verſichert, Kapitän Curtois, daß es ein ſtarkes und langes Garn, in ächt ſeemänni⸗ niſcher Weiſe geſponnen, ſeyn muß, wenn es mich überzeugen ſoll, daß dieſer John Truepenny nicht den Heiligen— möge ſie der Teufel holen— im Stehlen meines Figurenkopfs Vorſchub gethan hat. Somit Gott befohlen bis zum Diner.“ Neuntes Kapitel. Ein Fuß auf der See, der andere auf dem Lande.— Viel über Liebe und Geſetz.— Das Geſetz von dem liebevollen und die Liebe vom grſetz⸗ lichen Standpunkte aus betrachtet.— Ein guter Rath, der üble Auf⸗ nahme findet, und eine ſehr intereſſante Unterhaltung über Heiraths⸗ angelegenheiten. Um die beiden Abtheilungen unſerer Erzählung pari passu vorwärts zu bringen, müſſen wir abwechſelnd bald die See, bald das Land aufſuchen und im gegenwaͤrtigen Augenblicke Sir Edward folgen. Wir haben, glaube ich, den geneigten Leſern bereits zu verſtehen gegeben, daß er zwar ein ſchöner, aber keineswegs vollkom⸗ mener Charakter war, letzterer Eigenſchaft aber um ſo näher ſtand, da er nie auf dieſelbe Anſpruch gemacht hatte. Die Gefahr, welche ſeinen Glücksverhältniſſen drohte, ging ihm ſehr nahe, da davon die Erhaltung ſeiner Güter und alles deſſen, was ihm im Leben theuer war, abhing. Zuverläſſig iſt es ein erhabener Anblick, wenn ein edler Menſch heldenmüthig gegen ein ſchlimmes Geſchick ankämpft, und er erkaunte die Schönheit deſſelben vollkommen an; aber den⸗ * 84 noch würde er weit lieber die Rolle des Zuſchauers als des Helden ſelbſt übernommen haben. Als er nach ſeiner peinlichen Unterredung mit Mr. Scrivener in ſein Kabriolet ſprang, kam ihm zuerſt der Gedanke, zu Miß Truepenny zu fahren und alle ſeine Sorgen vor ihr auszuſchütten; aber eine weitere Erwägung überzeugte ihn bald, daß dies ein ſehr ſelbſtſüchtiger Schritt wäre. Er liebte ſie zwar glühend, und ſeine Bewunderung gegen ſie ſteigerte ſich mehr und mehr, je weiter ſich alle ihre vortrefflichen Eigenſchaften vor ſeinem Geiſte entſchleierten; aber dennoch hatte er ſie bis jetzt noch nicht genau kennen gelernt. Sie war ihm ſtets ſo ſanft und ruhig vorgekommen, daß er ihr nie eine wirkliche geiſtige Größe oder kräftige Entſchloſſenheit zugetraut hatte, und obſchon er ihren hohen inneren Werth erkannte, ſo hielt er ſie doch nicht für ein Weſen, das eines großen Opfers fähig war, obſchon vielleicht ihr liebevolles Herz ſich zu einem Verſuche aufraffte und darunter erlag. Bis jetzt war ſie noch nicht gewöhnt geweſen, von ihm eine Richtſchnur für ihr Benehmen zu erhalten, und ſelbſt wenn ſie ſich dies bereitwillig gefallen ließ, wie ſollte er es angrei⸗ fen? O, wie bitter laſteten dieſe Gedanken auf ſeiner Seele! Waährend ſein Geiſt derartigen Betrachtungen nachhing und ſich das einemal für raſches Handeln, das anderemal für das gerade Gegentheil davon entſchied, ſetzte er ſeinen Diener nicht wenig in Erſtaunen, daß er durch alle nur erdenkliche Straßen und bisweilen ſogar in Sackgaſſen hineinfuhr, die ihn wieder zum Umkehren nö⸗ thigten. Endlich wußte er gar nicht mehr, wo er war, und als er ſeinen Tiger um Auskunft anging, erklärte dieſer, daß er es gleich⸗ falls nicht wiſſe. Sir Edward ſtieg daher in die erſte beſte Mieth⸗ kutſche, welche ihm in den Weg kam, trug dem jungen Menſchen auf, das Kabriolet auf die beſtmögliche Weiſe nach Hauſe zu brin⸗ gen, und befahl dem Kutſcher, ihn nach Clements⸗Inn zu fahren. London iſt gewiß der allerbeſte Platz in der Welt, um in alle nur erdenkliche Klemmen zu gerathen. Die Gelegenheiten, die ſich 85 darbieten, um ſich zu Grunde zu richten, ſind ebenſo zahlreich, als die Verlockungen dazu unerſchöpflich. Indeſſen bietet ſich doch auch wieder ein verſöhnender Punkt in dem Umſtande, daß jedenfalls dieſe gewaltige Stadt am eheſten die Heilmittel für ein Uebel oder Erleichte⸗ rungen im Unglück bietet. In ihr finden ſich die größten und ſel⸗ tenſten Merkwürdigkeiten, und obſchon wir den Glauben des Leſers nicht maßlos in Anſpruch nehmen möchten, können wir ihm doch die Verſicherung geben, daß in London das auffallende Phänomen von wenigſtens zwei oder ſehr warſcheinlich drei ehrlichen Rechts⸗ gelehrten aufgefunden werden kann. Wir müſſen bitten, daß man dies nicht als einen ſarkaſtiſchen Gemeinplatz betrachte, denn wir verſtehen das Wort„ehrlich“ in ſeiner vollen moraliſchen und chriſtlichen Bedeutung. So lange nicht eine große Umwandlung in der Geſellſchaft ſtattfindet, kann ein Advokat, wenn er allen Obliegenheiten ſeines Berufs im Intereſſe ſeiner Klienten nachkommen will, nicht im moraliſchen, wohl aber im juridiſchen Sinne ein ganz ehrenhafter Mann ſeyn. Die Schuld liegt nicht an ihm, ſondern in der Zuſammenſetzung der Bildungselemente, in welcher er lebt. Wenn die Advokaten ſtreng ehrlich wären und ihre Dienſte überall verweigerten, wo nur im Mindeſten vom Recht ab⸗ gegangen wird, ſo könnte natürlich kein Prozeß mehr ſtattfinden, und wenn das Prozeſſiren aufhörte, ſo brauchte man die Rechtsge⸗ lehrten nur noch als Verwalter und Bevollmächtigte. Wir wollen übrigens dieſen gehäſſigen Gegenſtand nicht weiter verfolgen, ſondern nur wiederholt anführen, daß es in London zwei oder drei durchaus ehrliche Rechtsgelehrte gibt— Leute, die ſich durch keine Rückſicht bewegen laſſen, eine ſchlimme Sache zu vertheidigen, oder eine gute 1 durch ſchlimme Mittel aufrecht zu erhalten. Natürlich ſind dieſe die Ausgeſtoßenen, die Parias ihres Standes. Man lächelt ihnen nicht zu bei den Berathungen, und ihre Namen werden von den Richtern nicht ſehr ſcharf als achtbar accentirt. Sie fahren nicht in Phaë⸗ tons vor ihren Geſchäftsbureaus an, beſitzen keine Landhäuſer in der 86 Vorſtadt, haben keine vornehmen Damen zu Weibern, und ebenſo wenig wohnen ihre anmaßenden Sprößlinge in den Squaren von Weſtend. Doch warum verſchleppen wir ſo viele Zeit mit ein paar Elenden, die weder den Verſtand haben, wie ihre Kollegen reich zu werden, noch einen Selbſtmord begehen mögen, um ihrem ehren⸗ werthen Stande eine Schmach abzunehmen? Wir haben es nur mit einem derſelben zu thun, mit welchem Sir Edward Fortintower eines Tags durch einen ſeltſamen Zufall zuſammentraf. Es bildete ſich alsbald eine innige Freundſchaft unter ihnen, und dieſes Gefühl hielt für's ganze ſpätere Leben Stand. Joſua Singleheart bewohnte den erſten Stock ſammt dem Dach⸗ geſcheſſe eines Käſekrämers in Gray's⸗Inn Lane. Das vordere Ge⸗ mach des erſten Stocks diente ihm den Tag über als Geſchäftslokal und nach den Arbeitsſtunden als Beſuchzimmer, da es dieſem dop⸗ pelten Zwecke ausnehmend gut entſprach. Wir wollen⸗ uns nicht über die übrige Einrichtung ſeines beſcheidenen Haushalts verbreiten und bloß andeuten, daß er ſich in dem Beſitze einer liebenswürdigen, ſehr hübſchen Frau und zweier jungen Töchter glücklich fühlte. Die Wenigen, welche ihn kannten, liebten ihn; und da man nie davon hörte, er hätte einem Klienten geſtattet, eine Klage einzubringen, ferner er ſelten in einer Vertheidigung zum Vorſchein kam, ſo war ſein Geſchäft vor den Gerichtshöfen faſt nur nominell. Seine Haupteinkommensquellen beſtanden darin, daß er die Geſchäfte aus⸗ wärts wohnender Gentlemen in der Stadt beſorgte, Streitſachen durch Vergleiche beilegte und ſo viel möglich juriſtiſche Selbſtmorde beging, indem er die Leute hinderte, Prozeſſe anzufangen. Das Zuſämmentreffen von Sir Edward Fortintower und Mr. Singleheart war der Vermiſchung zweier Sonnenſtrahlen zu vergleichen. Aber ſobald beiderſelks die freundlichſten Erkundigungen angeſtellt und beantwortet waren, verſchwand allmälig die Heiterkeit aus Sir Ed⸗ wards Geſichte. Sein Freund bemerkte dies alsbald, und Sir Ed⸗ ward ging nun auf eine rückhaltsloſe Mittheilung aller ſeiner Be⸗ 87 ſorgniſſe ein; indeß konnte er im Verlaufe aus dem Geſichte ſeines Zuhörers leicht entdecken, was der ſcharfſinnige Rechtsgelehrte von ſeiner Lage dachte. Nachdem er Mr. Singleheart Alles mitgetheilt hatte, forderte ihn dieſer auf, nichts zu hoffen, wohl aber Alles zu fürchten. Er rieth ihm, als ein ehrenhafter Mann ſelbſt Nachfor⸗ ſchungen anzuſtellen, ob wirklich eine Perſon am Leben ſey, welche an ſeine Güter beſſere Berechtigungen habe, und wenn ſich's wirk⸗ lich ſo verhalte, Alles ohne Widerrede abzugeben. „Freilich ſeyd Ihr dann auf Eure eigenen Hülfsquellen hinge⸗ wieſen, mein junger Freund,“ fuhr er fort;„aber Ihr ſeyd damit in einem reichen Maße ausgeſtattet. Ihr habt nun eine Gelegenheit zu beweiſen, ob Euer Inneres wirklich edel iſt, und obſchon ſich kaum erwarten läßt, daß Ihr je einen ſo großen Reichthum erwerbt, als derjenige iſt, den Ihr aufgeben müßt, ſo kennt Ihr Euch doch jedenfalls mit Leichtigkeit ſo viel erringen, als für einen löblichen Ehrgeiz zureicht. Wenn Ihr nichts dagegen habt, will ich mich augenblicklich in Eurem Intereſſe auf Kundſchaft legen, ob es mit den Anſprüchen auf Euer Eigenthum wirklich Grund hat. Wir greifen dadurch Mr. Scrivener vor, berauben ihn einiger tauſend Pfund unnöthiger Koſten, und liefern der ganzen Welt den Beweis, welcher für mich längſt unnöthig geworden iſt, daß Ihr wirklich ein biederherziger, ehrenhafter Mann ſeyd.“ Sir Edward lächelte matt über dieſes dreiſte und eifrige Kom⸗ pliment, das ſein Herz mit einem kalten Schander anerkannte. „Wenn ich Euch brieflich mittheile,“ fügte Singleheart bei,„daß Ihr Euch auf's Schlimmſte gefaßt machen ſollt, ſo werdet Ihr na⸗ türlich ſogleich Euer Hausweſen beſchränken, den Verkauf Eures Pri⸗ vateigenthums, Eurey Pferde, Equipagen, Möbel und dergleichen ausſchreiben und eine Miethwohnung beziehen. Mit welcher tugend⸗ haften Freude muß es Euch nicht erfüllen, dieſes Opfer zu bringen.“ Sein Freund gab eine ſehr wehmüthige Zuſtimmung. S.,. „Was den Rücktritt aus dem Parlament betrifft, ſo würde ich 88 kaum dazu rathen, obgleich die Sache ernſtliche Erwägung verdient. Ich dächte übrigens, Ihr ſolltet um des Vaterlandes willen Euern Sitz bis zu einer Auflöſung des Parlaments beibehalten, aus dem einfachen Grunde, weil ich nicht glaube, daß er durch keinen talent⸗ volleren und ehrenhafteren Mann ausgefüllt werden könnte. Ich bin daher geneigt, Euch die Behauptung deſſelben zu geſtatten“— der gute Mann hatte bereits angefangen, den Patron zu ſpielen—„und ſolang dies der Fall iſt, mögt Ihr auch Eure Titel beibehalten. Freilich weiß nur Gott in ſeiner Güte, was Ihr dann anfangen müßt, wenn Ihr nicht länger Parlamentsmitglied ſeyd. Der erſte Schritt muß dann natürlich in Niederlegung Eurer Titel beſtehen, denn ein Baronet mit nur fünfhundert Pfund jährlich wäre eine Lächerlichkeit. Vielleicht ließe ſich Euer glücklicher Vetter bewegen, Euch eine der Familienpfründen zu übertragen— Ihr könntet Euch allenfalls auch ſelbſt präſentiren, wenn Ihr Euch für einen Pfarrer aualifizirt habt, denn ich glaube, die Bedingungen Eures Großvaters werden Euch ausdrücklich gegen alle Verdrießlichkeiten, die aus einem Erſatz der Rückſtände und dergleichen fließen könnten, ſichern. Was haltet Ihr davon, wenn Ihr Euch ordiniren ließet?“ 3 .„Ich fühle mich nicht für den geiſtlichen Stand berufen,“ ver⸗ ſetzte der Getröſtete im untröſtlichſten Tone von der Welt. 4 „Gut; aber was ſagt Ihr zu dem Rechte? Ihr ſeyd noch ſehr jung. Ich möchte Euch gar gerne eine Beruhigung geben, und würde Euch wohl ohne Lehrgeld als immatrikulirten Schreiber annehmen. Nun, das iſt ein Erbieten, das Ihr nicht geradehin zurückweiſen ſolltet.“ „Nein gewiß nicht— Euer immatrikulirter Schreiber?“ „Ja. Nicht daß ich eben glaubte, Ihr würdet es weiter brin⸗ gen als ich, aber dennoch könnt Ihr Euch dadurch für andere Dinge qualifiziren. Außerdem könnt Ihr, wenn Ihr um die Güter kommt, doch ihre Verwaltung erhalten. Der Mann, der in Eure Rechte ein⸗ tritt, kann Euch dies nicht verweigern, wenn Ihr Euch alles Pro⸗ zeſſirens begebt.“ 89 „Eine ſehre belebende Ausſicht!“ ſagte Sir Edward.„Aber was ſoll aus Euch ſelbſt werden, wenn ich Euch aus dieſer Verwal⸗ tung verdränge, der Ihr ſo ehrenhaft und tüchtig vorgeſtanden ſeyd?2 „Oh, kümmert Euch nicht um mich; ich bin längſt daran ge⸗ wöhnt, mit der Welt zu kämpfen. Mein immatrikulirter Schreiber und die Anwartſchaft auf die Verwaltung! Nun, ich ſehe nicht ein, warum Ihr niedergeſchlagen ſeyn ſolltet. Geht alſo nach Hauſe, mein armer junger Freund und ſeyd guten Muthes.“ „Ihr ſeyd wohl der ehrlichſte Mann auf Erden und dabei jeden⸗ falls ſehr verſtändig, Joſuah,“ entgegnete Sir Edward lächelnd, „aber was Euern Troſt betrifft— nun, nun,'s iſt gut, daß Ihr nicht der Geiſtliche von Newgate ſeyd. So bietet denn jetzt aller Eurer Thätigkeit auf, um mich aus meinen Beſitzungen zu vertreiben.“ „Ich bedarf keines Spornes, Sir Edward, wenn es einer guten Handlung gilt.“ 1 „Ja, das weiß ich; und wenn ich Euer immatrikulirter Schrei⸗ ber hin,— 8 „So wollen wir ſo heiter und glücklich leben, wie— ℳ „Wie wer?“ „Wie Leute, die ehrlich und fleißig ſich durch's Leben bringen; und ſind dieſe nicht glücklicher, als diejenigen, welche ihre Schätze thörichterweiſe verthun oder ſie geizig zuſammenſcharren?“ Sie brachen jetzt ab, und die beiden Freunde ergingen ſich in himmelweit verſchiedenen Betrachtungen. Der ehrliche Sachwalter labte ſich in dem Vorgenuſſe des ſchönen Gemäldes von Heldenmuth und Größe, welches Sir Edward als ſein immatrikulirter Schreiber bieten mußte, während Letzterer, ſchaudernd über ſeine künftigen Aus⸗ ſichten und den Hut tief in die Stirne drückend, um nicht erkaunt zu werden, durch die Straßen ſchlich, zwar feſt entſchloſſen, recht zu handeln, aber doch mit ſchmerzlichem Gefühle des bitteren Opfers ſich bewußt. Um dieſelbe Zeit lauſchte Miß Scrivener mit ihrem runden, hebeartigen, aber doch einfachen Geſichte, das bald von dem Lä⸗ 90 cheln bloßer phyſiſcher Schönheit, bald von dem neidiſchen Aus⸗ drucke plötzlich erwachten Verſtändniſſes überflog, auf die milde Stimme in Miß Truepenny's Entſchuldigung, als dieſe, um ſich die Zeit zu fürzen, eine ſchöne weibliche Arbeit hervorzog. Bei der erſten Betrachtung der beiden Damen würde man den Vorzug der Schönheit entſchieden Miß Scrivener zugetheilt haben- Ihr Teint war weißer, die Glut ihrer Wangen leuchtender und der Umriß ihres Geſichtes abgerundeter; ebenſo konnte nichts den üppigen Reichthum ihrer weichen, bionden Haare übertreffen, den ſelbſt die Kunſt nicht in Methode zu zwingen vermochte, denn ihre Locken nahmen ſich nur um ſo ſchöner aus, je rebelliſcher ſie erſchienen. Ihr unfaſhionabler Ernſt, ihr nur zu bereitwilliges Erröthen, das oft grundloſe Lächeln und das plötzliche Schmollen, mit einer Miene ge⸗ miſcht, das ſie für beſonders gute Manier hielt, verlieh dieſer jungen Dame in den Augen derjenigen, welche nicht viele Erhebung des Geiſtes oder Schärfe des Verſtandes verlangten, einen Reiz, der wirk⸗ lich bezaubernd war. 1 Ihre Unterhaltung nahm ungefähr nachſtehenden Verlauf, wäh⸗ rend Miß Moriſon großartig in einiger Entfernung ſaß; denn ſie wußte wohl, daß ſie ſich in dieſer Weiſe am beſten ausnahm, und mochte auch nicht dergleichen thun, als ob ſie zu der Geſellſchaft gehöre, obſchon ſie ſorgſältig alle Worte, welche fielen, ſammelte und in ſich aufbewahrte. „Nein, theure Anna,“ fagte Miß Scrivener, ſich in die Bruſt werfend;„Sympathieen werden im Himmel geboren, damit män auf Erden Gebrauch davon mache und wie, meine Molly ſagt— ℳ „Ihre Molty?“ bemerkte Miß Moriſon aus ihrer Ecke in ge⸗ dämpftem, aber doch ſehr vernehmlichem Tone, während ſie im Uebri⸗ gen ſo leblos wie eine Statne ſitzen blieb. „Ja, Fräulein, meine Molly, meine Famm de Schamb, die mir Papa ſeit zwei Jahren zugegeben hat, ohne auf den Lohn zu ſehen, theure Anna. Doch was wollte ich ſagen?“ 91 „Daß Sympathieen nur zu oft im Himmel geboren würden, um auf Erden zu Grund zu gehen.“ „Habe ich wirklich ſo geſagt? Doch das war nicht gerade meine Meinung. Molly ſagt, das Küſſen gehe nach Gunſt und ein ver⸗ ſtändiger Geiſt hat daher hohe Unterſcheidungsfähigkeiten. Ihr ſeht dies ein, meine theure Anna?“ „Nicht ganz.“. „Da haben wir's,“ verſetzte Miß Scrivener ſchmollend.„So oft ich mein Beſtes ſpreche, ſo wollen mich die Leute nicht verſtehen, und rede ich, wie mir der Schnabel gewachſen iſt, ſo lachen ſie mich aus. Ich wollte weiter nichts ſagen, als daß der treuen Liebe Lauf nie eben iſt— und wahrhaftig, dies iſt keine Citation; denn ich möchte nicht, theure Anna, daß Ihr dächtet, ich ſey ſo unfaſhiona⸗ bel, um mit ſolchen einfältigen Erfindungen zu verkehren. Als ob ich das nicht wüßte! Aber es ärgert mich ſtets, wenn die Leute Fragen ſtellen.“ Dann ſchob ſie empfindlich ihren kleinen Fuß vor und entfaltete dabei einen ſehr zierlich gebildeten Knöchel, der ihr auf der Bühne ein Vermögen eingetragen haben würde.„Denn was ſind Fragen anders, liebe Anna, als Anzeichen von Neugierde vder Unwiſſenheit, die man nur zu oft blos ungenügend beantworten kann und die Einen in Verlegenheit bringen, wenn man ſie beantwortet hat.“ „Ihr wollt ſagen, die Einen in. Verlegenheit bringen, wenn man ſie beantworten ſoll, weil ſie oft nur ungenügend beantwortet werden können.“ 3 „Nun ja, Ihr müßt's nicht ſo ſcharf nehmen— im Grunde iſt's doch das Gleiche, oder nicht? Stellt keine Fragen an mich und ich komme Euch nicht mit ſolchen Geſchichten. Aber was werdet Ihr thun, nun Sir Edward zu Grunde gerichtet iſt?“ Bei dieſer plötzlichen Frage ſpitzte Miß Moriſon(um mich eines Ausdrucks zu bedienen, der auch für Miß Scrivener vollkommen verſtändlich geweſen wäre) ihre Ohren, that es aber in vollkommen anmuthiger und ladyartiger Weiſe, während Miß Truepenny trotz 1 92 ihrer gewohnten Selbſtbeherrſchung für einen Augenblick todtenblaß wurde und dann antwortete: „Ihr ſprecht von Fragen, Miß Serivener, richtet aber in der That eine furchtbare an mich. Indeß freut es mich, zu keiner Be⸗ antwortung derſelben Anlaß zu haben, denn ich glaube nicht, daß. Zer zu Grunde gerichtet iſt.“ „Freilich iſt er's, denn es hat ja ſchon ſeit drei Wochen in den Zeitungen geſtanden.“ „Gott verhüte dies!“ „Dazu iſt's zu ſpät,“ verſetzte Miß Scrivener mit kindiſcher Reizbarkeit.„Papa ſagt, es ſey Alles wahr, und die elterliche Akto⸗ rität muß ſtets der kindlichen Contumelioſität geopfert werden. Ich weiß, was meine Pflicht iſt— meinen Vater und meine Mutter zu ehren und dergleichen— Ihr findet dies in dem Katechismus; und wenn Papa ſagt, daß Sir Edward Fortintower ein titulirter Bettler iſt, ſo bin ich eine zu gute Chriſtin, um es nicht zu glauben... „Und es zu wünſchen?“ ließ ſich Miß Moriſon von ihrer Ecke her vernehmen. „O mein Gott, nein— Gott behüte, das nicht! Ach, da wäre mir ſchon die Spitze ſeines kleinen Fingers zu lieb dazu— hum!— ich will ſagen, daß in vertraulichen Herzen eine wechſelſeitige Liebe durch Umſtände verkümmert werden kann, aber die Zeit iſt nicht im Stande, zu— lit— litter— litigiren— nein, das iſt das Wort, welches Papa immer braucht— meine liebe Anna, wie nennt man das, was die Zeit nicht kann, wenn die Umſtaͤnde hemmend ein⸗ wirken?“ „Da bin ich in der That überfragt, wenn Ihr nicht obliteriren meint.“ „Ja, ia, das iſt das Wort. Freilich, ich hätte es wiſſen ſollen, denn es iſt ein Ausdruck, auf den mein Lehrer in der Beredtſamkeit große Stücke hält.“ 93 „Ihr Lehrer in der Beredtſamkeit?“ echoete die würdevolle und gezeitigte Schönheit, die man als Miß Moriſon anzureden pflegte. „Und warum nicht?“ verſetzte Miß Serivener, ihre Stimme dämpfend.„Eure Freundin— oder Eure Gouvernante?“ „Meine Freundin, Miß Serivener,“ entgegnete Miß Truepenny. „Wohlan denn, Eure Freundin erkältet mich durch und durch mit ihrer ſtattlichen Miene und mit ihren Ehrenjungfernhöflichkeiten. Ich kann nicht herkommen und ein gemächliches Geplapper mit Euch halten über den Ruin Eures Schätzchens und des meinigen— ℳ „Das Eurige— das Eurige? Miß Scrivener, habt Ihr von dem Eurigen geſprochen?“ „Natürlich; und warum nicht? Sir Edward kam, um mir den Hof zu machen, lange ehe man an den großen Handel dachte, der gegen das Fortintoweriſche Erbe in's Leben treten ſoll.“ „Sir Edward Fortintvwer kam, um Euch den Hof zu machen?“ „Ja, Miß; aber vielleicht ſind die Worte nicht faſhionabel ge⸗ nug. Er erwies mir jene zarten Aufmerkſamkeiten, welche nicht ſo entſchieden ſind, als ſie ſeyn ſollten, aber doch auch nicht ſo unbe⸗ ſtimmt, um nicht verſtanden zu werden. Vater ſagt, er ſey ſoweit gegangen, daß es ſchäbig von ihm wäre, wenn er wieder abziehen wollte.“— „Ich bitte, Miß Serivener, darf ich Euch erſuchen, mir zu ſa⸗ gen, wie weit er ging? Ich verlange es natürlich nicht von Euch, wenn es Euch ſchmerzlich fällt.“ 1 „Oh, er ging in der That ſehr weit; und was den Schmerz betrifft, je nun der Geiſt, der nicht Leid ertragen und lächeln kann über die herbſten Gefühle, wenn es einem geliebten Gegenſtand gilt, iſt— iſt— doch wir Beide verſtehen das wohl. Nun, Sir Edward ging in der That ſehr weit— ſo weit ſogar, daß ich mich ſchäme, es Ench zu ſagen— ſo weit, daß er ſich hin und wieder unſchuldige Freiheiten gegen mich herausnahm.“ 3 94 Bei dieſer Stelle der Unterhaltung ließ ſich das raſſelnde Ge⸗ räuſch vieler Seide vern ehmen; es rührte jedoch blos daher, daß Miß Moriſon ſich zu einer gebührenden und würdevollen Höhe auf⸗ pflanzte. „Das iſt außerordentlich wunderbar, Miß Scrivener, und ich weiß kaum, was ich darüber ſagen ſoll; auch verſtehe ich nicht, wie Jein Gentleman ſich gegen eine unverheirathete Dame irgend Frei⸗ heiten herausnehmen kann und dieſe für unſchuldig erklärt werden mögen.“ „Ich habe mehrere gute lange Sätze über dies, welche Eurem Irrthum beweiſen würden, liebe Anna, und namentlich fängt einer davon ſo an:„Der Kuß, der durch eine tugendhafte Liebe geweiht iſt, kommt wie der geſegnete Thau des Himmels. Aber ach, ich habe das Uebrige vergeſſen— und es kam nie zum Küſſen zwiſchen Sir Edward und mir.“ „Dafür hätte ich faſt ſtehen mögen,“ erwiederte Miß Truepenny, ſich wieder aufheiternd, denn obgleich ſie eine gleichgültige Miene anzunehmen bemüht war, ließ ſich doch das Leuchten ihrer Blicke nicht derbergene „Nicht ſo ſchuell, nicht ſo ſchuell⸗ Miß, wie das alte Weib zu den Schweinen ſagte; bitte um V nesftn. ich meinte, daß das Vor⸗ greiſen in einer Unterhaltung weder an ſich gerathen, noch höflich gegen den Sprecher iſt.“ 3 „Ich laſſe mich zurechtweiſen, Miß Strivener. Nehmt Euch Zeit und fahrt fort.“. „Obgleich es nie zum Küſſen kam, fand doch viel Schlimmeres ſtatt, das nicht halb, nicht viertel, nicht halbviertel ſo angenehm war. Was haltet Ihr davon, liebe Anna?“ Und endlich wagte ſie es, nach der ſtattlichen Moriſon hinzublicken,„was meint Ihr, Fräu⸗ lein? Er hat mich wahrhaftig hin und wieder unter das Kinn ge⸗ klopft.“ 1 „Das war in der That eine ſehr große Freiheit.“ A „Aber was folgte, war noch viel ſchlimmer. Papa machte ſich nicht ſoviel aus dem Klopfen unter's Kinn, als ich, ſondern ſchlug die Worte höher an; er ſagte, ſie würden vor jedem Gerichtshof Ge⸗ wicht haben— verba scripta— das heißt, geſprochene Worte, Miß Truepenny, zum Unterſchied von den geſchriebenen. Nachdem er mich unter's Kinn geklopft hatte, nannte er mich ein hübſches Närrchen— ein Liebkoſungswort, wie Papa ſagt, das zuverläßig Abſichten in ſich berge, von welchen ein ehrlicher Mann nicht ab⸗ ſchweifen dürfe.“ „Es war unrecht von Seiten Sir Edwards.“. Ueber dieſe unüberlegte Bemerkung wurde die verzogene Schön⸗ heit ſehr ärgerlich und beſtand in ſehr leidenſchaftlichem Tone, der Miß Moriſon faſt ganz aus der Faſſung brachte, darauf, daß hierin nichts Unrechtes ſey. Sie war noch in ihrem Eifer begriffen, als der Gegenſtand des Streits angelündigt wurde und unmittelhar darauf eintrat. Unterbrecht— Ein We in welchen letztere den Sieg davon tragen.— C. nach denen auffallender Weiſe gehandelt w gen ſich bisweilen in Romanen zu. „ folgen hohe C. Herartige Dinge tra⸗ Hätte Sir Edward einen Ruhm darin geſucht, durch ſein plötz⸗ liches Eintreten Aufſehen zu erregen, ſo würde er im gegenwärtigen Falle einen derartigen Zweck in höchſt befriedigender Weiſe erreicht haben. Erſtlich legte Miß Moriſon ihre kleinliche Beſchäftigung, Glasperlen aufzufaſſen, bei Seite und griff nach einem Bande von 96 achtbarem Umfange, der ſeinem Ausſehen nach unmöglich für einen Roman genommen werden konnte; auch war ſie bald angelegentlich damit befchäftigt, ſich von ihrer Lektüre Noten zu machen. Seine Verlobte empfing ihn mit übelgeſpieltem Gleichmuthe, und die andere Dame, welche nur gar zu gerne ſeine Verlobte geweſen wäre, gab ſich durchaus keine Mühe, überhaupt Gleichmuth zur Schau zu ſtellen. Die arme Miß Scrivener erröthete, lachte und kam faſt zum Weinen — Alles zur unrechten Zeit— und plauderte ſo unabläſſig, daß es den Liebenden kaum möglich wurde, ein Wort mit einander zu wechſeln. Sie war höchſt freigebig in der Redefigur des Andeutens und gab durch dieſelbe allen Anweſenden in voller Breite zu verſtehen, daß ſie Sir Edward ohne einen Heller nehmen würde und es ihr gar nicht leid thue, wenn ſich eine Gelegenheit finde, in dieſer Weiſe die Un⸗ eigennützigkeit ihre Liebe zu bethätigen. Trotz ihrer Aufregung hatte ſie doch hinreichend Verſtand, zu bemerken, daß ihre Gegenwart allen Anweſenden einen Zwang auf⸗ erlegte; ſie beſtellte daher ihren Wagen und entfernte ſich in ſolcher Verwirrung, daß ſie auf Miß Moriſons Schooßhündchen trat, einen kleinen Ormolu⸗Tiſch mit allerlei Siebenſachen umwarf und zuletzt mit einem geräuſchvollen Lachen den Weg zur Thüre hinaus fand, um hintendrein allein in ihrem Wagen zu weinen, als ob ihr Herz brechen wollte. 8 Nachdem die Dienerſchaft die Ordnung wieder hergeſtellt und Miß Moriſon den winſelnden Hund zu einem ſtörriſchen Schweigen beſchwichtigt hatte, ſchrieb Letztere auf einen Streifen Papier:„Wir müſſen allen Verkehr mit Miß Scrivener abbrechen,“ faltete denſelben zuſammen und reichte ihn mit einem zuckerſüßen Lächeln Miß True⸗ penny hin. Dann that ſie, als nehme ſie ihre Studieen wieder auf und überließ die beiden Liebenden einem tète à téte, das ſie laum zu henützen wußten. Indeß gewann Sir Edward bald viel von jener Faſſung, die er anfangs nur erkünſtelt hatte. Unſere Eigenliebe findet etwas Be⸗ 5 97 ſchwichtigendes darin, wenn ſie ſich erlittener Unglücksfälle rühmen und beredt über ein Elend verbreiten kann, an dem wir ſelbſt keine beſondere Schuld tragen— ja und ſelbſt wenn wir uns Vieles vorzuwerfen haben. Er berichtete zuerſt mit ſtockender, dann aber mit feſter Stimme alle die zahlreichen Wahrſcheinlichkeiten, die gegen ihn auftraten, und gab ſeiner ängſtlichen Zuhörerin voll zu verſtehen⸗ wie das Teſtament beſchaffen ſey und wie der neue Anſprucherheber ihrer beiderſeitigen Familie angehören müſſe. Die arme Anna Truepenny hielt waͤhrend dieſer Erzählung ihr Antlitz angelegentlich von Miß Moriſon abgewendet und weinte ſtille, aber mit den bitterſten Ge⸗ fühlen unabläſſig vor ſich hin. Dreimal erhob ſich Sir Edward und bot ihr den Arm an, um ſie wegzuführen, aber eben ſo oft wies Anna mit einem Starrſinn, den er zuvor nie an ihr bemerkt hatte, ſeinen Beiſtand zurück. Dennoch ſprach ſie nicht und nahm ebenſo⸗ wenig das Tuch, welches ihre Aufregung verbarg, von ihrem Geſichte, und ſo oft er ſie fragte, ob er fortfahren ſolle, nickte fie nur zur Bejahung leicht mit dem Kopfe. Nachdem er Alles erzählt hatte— und wir müſſen ihm einräu⸗ men, daß er ſeine Geſchichte ruhig und ohne Uebertreibung, wohl aber mit einer anſtändigen Kundgebung ſeines bitteren Schmerzes über dieſen Schlag vortrug, folgte eine lange, peinliche Pauſe. Bis jetzt hatte Anna Truepenny noch nicht geſprochen, denn ihre Auf⸗ regung war zu groß, als daß ſie hätte Worten Raum geben können. Noch immer theilweiſe ihr Geſicht verbergend, ſchrieb ſie auf die Hinterſeite einer Karte die Bitte an Miß Moriſon, daß dieſelbe ſie und Sir Edward allein laſſen möchte. Die Antwort der Dame folgte gleichfalls ſchriftlich und lautete: „Faßt Euch, meine Liebe, und tragt Sorge, daß Ihr Euch nicht blosſtellt oder ein Verſprechen gebt. Bis Ihr von Eurem Großvater ein Weiteres gehört habt, müßt Ihr auch den Verkehr mit Sir Edward abbrechen. Haltet das Geſpräch ſo kurz wie möglich.“ Die Liebenden ſind allein. Die Dame weint noch immer und Marryat's W. XX. Jack am Lande. 98 ihr Antlitz iſt verhüllt. In dieſem Zuſtande des Schweigens und der Spannung foltern zahlloſe graufame Vorſtellungen ſein Inneres; weint ſie um ihn oder um ſich ſelbſt? Er wagt es nicht länger, ſie ſeine Braut zu nennen, und doch iſt es die herbſte Pein für ihn, auf ſie zu verzichten. Vielleicht iſt ſogar ſie jetzt zu dem peinlichen Entſchluſſe gekommen. Weint ſie um die verlornen Adelsgüter? Sind ihre Thränen die eines vereitelten Ehrgeizes? Und dann geht er unwillkürlich auf die Betrachtung über, die ſo grauſam iſt und doch dem Unglücklichen ſo nahe liegt:„was iſt der Menſch?“ Sind nicht die Glücksgüter, obgleich ſie nur durch Zufall errungen wur⸗ den, ebenſogut ein Theil ſeines Ichs, wie ſein Charakter oder die Glieder ſeines Leibes? Dann bemächtigt ſich ſeiner das peinliche Be⸗ wußtſein ſeiner umgewandelten Identität. Er fühlt, daß er nicht länger der lebensfrohe, reiche, gefeierte Sir Edward Fortintower — der Bräutigam einer Erbin von Reichthümern iſt, die ſich durch ganze Generationen angehäuft haben. Er empfindet Alles dies bit⸗ ter und demüthigt ſich faſt bis zur Niedrigkeit. Sie, der Abgott ſeines Herzens, weint fort. Endlich wird er verzweifelt, und während eine Thräne, die ihm unmännlich dünkt, in ſeinem Auge zittert, ſtottert er in hoher Aufregung und mit beben⸗ den Lippen hervor: „Theure Anna— Anna— Miß Truepenny— ſo redet doch.“ Dreimal verſucht ſie, zu ſprechen, aber ihr Schluchzen wird nur convulſiviſcher. Dann ſtreckt ſie ihre linke Hand aus, während die Rechte noch immer das Antlitz mit dem thränenfeuchten Tuche bedeckt hält, und deutet nach Miß Moriſon's Karte auf dem Tiſche. Er widerſteht mannhaft dem Impulſe, die ausgeſtreckte Hand zu ergreifen und an ihr die Rolle des Liebhabers zu ſpielen; denn er erinnert ſich daran, daß ihr nächſtes Wort ſie vielleicht für immer trennt, und langt ſtatt der ſchönen, mit Juwelen geſchmückten Hand, die ſo einladend vor ihm liegt, nur nach der Karte, welche die ſtrenge Einſchärfung enthält, daß der Verkehr abgebrochen werden müſſe. 99 „Es iſt billig— es iſt nur billig,“ verſetzte Sir Edward weh⸗ müthig.„Und doch, Anna, hätte ich mich nicht ſo von Euch tren⸗ nen mögen. Warum ſollte ich Euch übrigens auffordern, zu ſprechen — bloß um Worte des Mitleids, des Bedauerns und der innigen Theilnahme zu hören? Gott der Gnade, wie ſoll dies enden? Ich danke Euch für dieſe Thränen. Aber laßt mich nicht von Euch ſchei⸗ den, ohne daß ich Euer Antlitz noch einmal geſehen— gönnt mir nur einen einzigen Blick des Abſchieds, und ich will meinen Schmerz tragen, ſo gut ich kann.“ Sie ſprach das Wort„Edward“ aus und enthüllte langſam ihr Geſicht. Dann lächelte ſie ihm ſo zart, ſo himmliſch, ſo voll Liebe, Treue und Vertrauen zu, daß er vor Erſtaunen wie feſtge⸗ gebannt ſtehen blieb und mit dem Rufe die Hände über ſeiner Bruſt faltete: „Wie ſchön! mein Gott wie ſo gar ſchön.“ So groß iſt der Triumph des Ausdrucks— jenes Ausdrucks eines tiefen und reinen Gefühls, das aus der Seele quillt und ver⸗ trauensvoll zum Herzen ſpricht. Sie hatte zwar nicht ungeſtraft geweint, aber dennoch wirkte ihr Liebelächeln verſöhnend, veredelnd und verſchönernd auf ihr Antlitz, welches, trotz den Thränenſpuren, einen Anflug von himmliſcher Schönheit gewonnen hatte. „Jetzt will ich ſprechen,“ rief er leidenſchaftlich;„ich kann nicht länger ſchweigen. Ich betrachtete Eure Thränen als einen Balſam fuͤr meine verletzte Eitelkeit— für mein erdrücktes Herz: ſie waren mir eben ſo viele Hymnen und Blüthen, welche das Opfer in den Untergang begleiten ſollten. Jetzt aber erſcheinen ſie mir als edlere Pfänder— als Pfänder einer Liebe, ſo treu und wandellos wie meine eigene. Darf ich dies mit Recht ſagen, meine geliebte Anna?“ Statt aller Antwort wurde ihr Lächeln wo möglich noch himm⸗ liſcher. Edward ließ ſich von ſeinem Entzücken hinreißen, ſo daß er nicht nur ſich ſelbſt, ſondern auch ſeine hohen Grundſätze vergaß und folgendermaßen fortfuhr: * „Nein, ich will Euch nicht verlieren— beim Himmel, ich will es nicht! Die Wünſche Eurer Vorfahren ſollen erfüllt werden. Ihr ſollt als die Schönſte glänzen unter den ſchönen Peerinnen des Reichs — ſollt alle in Schauſtellung einer Pracht überbieten, die nur Eurer würdig iſt. Soll ich Euch zu Ehren Tempel bauen und Eurer Schönheit Haine weihen? Wenn Euch dies glücklicher macht, ſo ſoll s geſchehen— denn was vermöchte nicht unſer vereinter Reichthum auszuführen? Glaubt Ihr, ich könne alle dieſe Triumphe, allen dieſen Rum irgend einem gemeinen, niedrigen Pilze, der ſeine Anſprüche gegen mich erhebt, abtreten? Ich will gegen ihn kämpfen, ſo lange ſich durch Gold eine Verdrehung des Rechts erkaufen läßt. Nein, nein, ich kann ſo viel Vollkommenheit— einem ſo großen Glücke nicht entſagen. Ich will die gewandteſten Rechtsgelehrten, die verſchmitzteſten Attorneys mit meiner Sache beauftragen. Ich wäre ein feiger Elender, wenn ich zugeben wollte— mein Gott! was habe ich geſprochen? Was habe ich gethan? Warum muß in dieſer Weiſe Euer Herz und das meinige brechen? Dieſer leiden⸗ ſchaftliche Schmerz wird Euch tödten. Laßt wieder Euer ſchönes Antlitz auf mir ruhen— ermuthigt mich mit Curem lieblichen Lächeln und beurtheilt mich nicht hart.“ „Ich wage es nicht, überhaupt ein Urtheil über Euch zu fällen.“ „Wenn Ihr ſo ſprecht, habt Ihr mich bereits beurtheilt und mangelhaft erfunden.“ „Vor einer kleinen Weile noch würde es mir den größten Schmerz bereitet haben, meine Verbindung mit Euch aufgelöst zu ſehen, und wäret Ihr feſt geblieben, ſo würde nichts auf Erden meine Treue erſchüttert haben. Ich weinte um Euch, nicht um mich. Ich habe es Euch nicht zum Vorwurf gemacht, aber Ihr ſeyd ein wenig zu viel dem blendenden Prunke einer hohen Stellung und des Reichthums zugethan. Ich weinte über das Elend, das Euch ein ſolcher Verluſt verurſachen mußte, und als Ihr mir mit⸗ theiltet, daß Alles verloren ſey, war ich bereits entſchloſſen, Euch 101 durch meine Perſon und mein Vermögen ſchadlos zu halten. Ja⸗ ich fühlte mich groß in dieſem Entſchluſſe, als Ihr erklaͤrtet, daß Ihr heldenmüthig entſchloſſen ſeyet, Euren Anſprüchen zu entſagen, ſobald ſich rechtmaͤßigere gegen Euch geltend machen wollten. Ed⸗ ward, wenn Ihr dieſe Streitſache gegen das Recht und gegen Euer eigenes Gewiſſen verfolgt,— ich will zwar nicht ſagen, daß ich Euch von mir ſtoße, denn ich bin noch immer Eure Braut und als ſolche vielleicht kräftig genug, das unvermeidliche und faſt unerträgliche Gefühl der Schuld, welches Euer Inneres foltern muß, zu er⸗ leichtern— aber wenn Ihr den Prozeß unrechtmäßig fortführt, oh, wie vielen Glückes werdet Ihr mich berauben! Ihr ſeht mein Elend und meine Seligkeit vor Euch. Ich ſagte, daß ich es nicht wage, Euch zu beurtheilen, wage es auch jetzt noch nicht— aber urtheilt für Euch ſelbſt. Wie unausſprechlich glücklich würde ich ſeyn, mit dem armen Sir Edward Fortintower an den Altar zu treten! Könntet Ihr aber meine Hand nehmen, wenn Ihr der ehrloſe Uſur⸗ pator fremden Gutes wäret?“ „Nein.“ „Das war edel geſprochen. Geht und zögert nicht. Handelt wie ein rechtlicher Mann und vergeßt nicht, daß Jemand da iſt, der Eurer Sorge bedarf— vielleicht auch Eure Liebe verdient.“ „Wer— wer, meine Geliebte?“ Euer neu entdeckter Verwandter. Schützt ihn gegen die Be⸗ trüger, die ihn umringen werden. Gebt ihn nicht als leichte Beute raubſüchtigen Menſchen preis. Verſichert Euch ſelbſt ſeines Rechtes und ſeyd dann in allen Dingen Sir Edward Fortintower— ſeyd mein Edward.“ „Beim Himmel, das will ich! Welch' ein Bube wäre ich bei⸗ nahe geworden!“ Nach dieſem Vorgange iſt es unnöthig, weiter zu berichten, wie die Liebenden ſchieden. Eilftes Kapitel. Wieder an Bord der Glory.— Das Garn des Marineofftziers.— Lie⸗ benswürdige Unterbrechungen.— Der Schiffer ſpielt den Ausleger.— Wie man auf ſeine Naſe Jagd machen und ſie wieder gewinnen muß. — Auch aus einem ſehr ſchlimmen und unangenehmen Traume läßt ſich eine vortreffliche und angenehme Lehre ziehen. „Jetzt Eure Geſchichte!“ ſagte Kapitän Firebraß mit jener pfiffig liebenswürdigen Miene, die einem Bullenbeißer eigen iſt, wenn er einen Knochen erwartet. Dieſe Anrede galt dem Kapitän Curtois von den königlichen Marinern, einem Gentleman, der wegen ſeiner Stärke in der Redefigur, welche unter dem Namen„Amplifikation“ bekannt iſt, ſehr im Rufe ſtand. Die Gäſte des Kapitäns waren glücklich, dreimal glücklich, wenn der amphybiſche Krieger eine von ſeinen Wundermähren begann. Natürlich konnte der Wirth aus Höflichkeitsrückſichten nicht ein⸗ ſchlafen, und die Geſchichte wollte nie ein Ende nehmen, weshalb der Wein nothwendige Beihülfe leiſten mußte, um die hinterliſtigen Annäherungen des Schlummers zu verſcheuchen. So verfehlten alſo ſeine Erzählungen nie, Aufregung zu veranlaſſen, und wie abgedro⸗ ſchen ſie auch ſeyn mochten, waren doch ſtets ſeine Zuhörer, ehe er fertig war, friſch geworden. Die Gewalt, durch Erzählungen Schlaf herbeizuführen, iſt eine Gabe, welche man nur allzuviel und unge⸗ rechterweiſe verlacht hat. Die Narcotica gehören unter die werth⸗ vollſten Mittel unſeres Arzneiſchatzes, und ein Medikament, welches auf den Geiſt wirkt, ohne den Gaumen ekelerregend anzuſprechen oder durch ſeine zerſtörliche Natur die Magenwandungen zu beſchä⸗ digen, kann nicht zu hoch erhoben werden. 1 Es iſt viel Kunſt nöthig, um einen Leſer recht bedächtig in Schlaf zu lullen. Wir glauben, daß die ſogenannten„Seeromane“ dieſe Eigen⸗ ſchaft vorzugsweiſe beſitzen und ſind eitel genug zu glauben, daß ſich 103³ auch der unſere hierin nicht mangelhaft finden laſſen wird. Freilich können wir nicht weiter ſagen, als daß wir unſer Beſtes gethan haben und, ungleich anderen Aerzten, welche mit Tränken und Pillen operiren, es uns recht wohl gefallen laſſen, unſere eigene Medizin einzunehmen. So oft der Schlaf nicht kommen will, nehmen wir unverweilt unſere Zuflucht zu jenen vortrefflichen Opiaten von eigener Produktion, die ihre Wirkung nie verfehlen. Können viele Doctores medicinae oder faſhionable Schriftſteller daſſelbe von üch ſagen? Wir glauben nicht. Sind wir doch ſelbſt beinahe eingeſchlafen, als wir dieſe Ab⸗ ſchweifung niederſchrieben— nicht ſo faſt in Folge ihrer Lang⸗ weiligkeit an ſich, ſondern weil wir an die langweilige Geſchichte dachten, durch welche der Kapitän der Mariner dem Flottenkapitän für ſich und ſeine Kameraden eine doppelte Weinportion abpreßte. Er wurde endlich ſo unerträglich proſaiſch, daß die dienſteifrige Hand kaum mehr im Stande war, die raſch kreiſenden Gläſer zu den ſehr bereitwilligen Lippen zu erheben, und es hätte einen Ge⸗ genſtand der ſubtilſten Spekulation abgeben können, ob die Zuhörer zuerſt betrunken ſeyn oder einſchlafen würden. Kapitän Firebraß konnte übrigens die Folter nicht länger ertragen und rief: „Bei allen Alpen, mit welchen Meiſter Urian je eine Indi⸗ geſtion heimgeſucht hat— Kapitän Curtois, wollt Ihr uns denn für alle Ewigkeit in den Schlaf ſingen? Stimmt eine lebhaftere Weiſe an, Mann— je mehr Iriſch, deſto beſſer; dies allein kann uns unter Beihülfe des Branntweins in unſerem Klaret ſo weit anſteifen, daß wir das Ende Eures Garns erleben.“ „Ohne ſich durch dieſen Zuruf des Kapitän Firebraß einſchüchtern zu laſſen, leerte der Offizier der Mariner ſein Glas und fuhr fol⸗ gendermaßen fort: „Ereifert euch nicht, Gentlemen— ihr müßt nicht argerlich werden, denn ich fange ſelbſt an, ſchläfrig zu werden. Wie zuvor geſagt, der Tag war ungemein ſchwül geweſen; wir hatten uns über⸗ — 4 B 104 mäßig abgemattet und das wilde Schwein und der Leguan, aus denen unſere einzige Abendlabung beſtand, waren nur ſehr mittel⸗ mäßig ausgebraten worden. Das Waſſer, das wir uns in jenen laubichten Einöden— in jenen ſchattigen Wildniſſen— in jenem Urwalde verſchaffen konnten— „Holla da— was ſind das für Schiffe? Habe nie zuvor da⸗ von gehört,“ ſagte der derbe Meiſter. „Ein wenig poetiſch oder ſo,“ verſetzte Kapitän Firebraß mit wohlwollender Patronenmiene.„Unſer guter Freund amplificirt. Die Marinerofftziere leſen Nomane und treffen darin auf Schiffe mit ſeltſamen Namen, welche nie auf Seiner Majeſtät Werften vom Stapel gelaſſen wurden. Er will bloß ſagen, daß das Waſſer in den Dſchungeln ſchlammig und ſumpfig war.“ „Gehorſaniſten Dank, Kapitän Firebraß,“ erwiederte der Meiſter, ſein Glas Halb und Halb in einem Zuge leerend(denn er zog den Grog allen Arten von Wein vor)—„meinen gehorſamſten Dank, Sir— ich bin Euch ſehr verbunden. Jetzt verſtehe ich's.“ Der Schiffer fühlte ſich dadurch ſehr geſchmeichelt, denn es iſt ſo angenehm, zu belehren und zu zeigen, daß man zu belehren ver⸗ ſteht. Er lächelte dem Meiſter gnädig zu und entſandte zum erſten⸗ mal während der Geſchichte auch gegen Kapitän Eurtois ein freund⸗ liches Nicken, indem er ihn bat, fortzufahren. Dabei hielt er übrigens ſcharfen Lugaus auf die oratoriſchen Schnörkel des Erzählers, um das Amt eines Beleuchters verſehen zu können. Das Waſſer war nicht nur mit Salzpartikelchen, ſondern auch mit Sumpfmiasma geſättigt.“ Hier flüſterte Kapitän Firebraß dem Meiſter, welchem dies ein bohmiſches Dorf. war, abermals in's Ohr: „Das Waſſer ſtank und war ſumpfig— nichts Anderes, kann ich Euch verſtchern.“. Der Kapitän fühlte ſich nicht länger ſchläfrig, ſondern nahm fortan das größte Intereſſe an der Geſchichte. 105 „Folglich, Gentlemen,“ fuhr der Erzähler fort,„dürft ihr euch nicht wundern, daß wir unſeren Grog ſtark tranken— ungemein ſtark, Mr. Treſtletree. Mr. Treſtletree ſchmatzte mit den Lippen und leerte ſein Glas. „Aber obgleich er nur aus jenem Teufelsdeſtillat, Aquadente, komponirt war—“ „Bitt; um Verzeihung, daß ich Euch vor die Klüſe komme, unterbrach ihn der Meiſter, aber ich habe nicht genug Grütze dies zu entziffern.“ Und er illuſtrirte ſeine Rede durch die That.„Den Grog macht man— ich berufe mich auf Kapitän Firebraß— und der Grog komponirt Einen, das heißt, wenn man genug davon hat.“ „Ah!“ ſagte der Zahlmeiſter mit einer wohlweiſen Miene,„dies i*ſt eine Sache, die nicht zu ſchnell abgefertigt werden darf. Nautiſch geſprochen, kann der Grog weder gemacht noch komponirt werden— denn man miſcht ihn. Wollte ich zu meinem Aufwärter und zu den Unteroffizieren ſagen, ſie ſollten ihren Grog machen, ſo iſt es ſehr die Frage, ob ſie dann den Plempel, den ſie ſelbſt gefertigt, trinken möchten; aber wenn ich ſage: ‚miſcht den Grogs, ſo ſpreche ich nautiſch, verſtändlich und in Gemäßheit der Weiſungen und Re⸗ gulative in Seiner Majeſtät Dienſt. Ich bitte daher, Kapitän Cur⸗ tois, fahrt fort und ſagt: ‚obgleich er nur mit jenem Teufelsdeſtillat Aquadente gemiſcht war.⸗ 3 „Obgleich er nur mit jenem Teufelsdeſtillat Aquadente gemiſcht war, ſo trugen wir doch Sorge dafür, daß der Alkohol über das wäſſrige Fluidum prädominiren ſollte.“ Kapitän Firebraß machte nun wieder in Gnaden den Ausleger. Er war in ſeinem Leben nie in einer beſſeren Laune geweſen. „Alſo das wilde Schwein war nur halb gebraten und die gruͤne Eidechſe nur halb geröſtet. Rechnen wir dazu, daß der Thermometer über neunzig ſtand und der Grog nicht mehr Waſſer enthielt, als nöthig war, ihn mit dieſem Namen zu taufen, ſo ergibt ſich daraus, daß wir Alle den Grund zu einer ſo vollſtändigen Indigeſtion legten—“ „Wie ſie nur je ein Alderman nach einem Bürgermahle erlitt,“ ſiel Kapitän Firebraß ein, indem er begierig den Faden der Ge⸗ ſchichte aufgriff. „Ich bitte um Verzeihung, Kapitän Firebraß, aber ich wollte nichts der Art ſagen. Ich hatte eine ſo vollſtändige Indigeſtion im Sinne, wie ſie etwa Einer erleidet, wenn ihm der Arm durch den Flugblock eines Marsſegelziehtaus eingeklemmt iſt, oder wenn einem armen Teufel der beſte Theil ſeiner Geſchichte vor dem Munde weg⸗ genommen wird.“ Kapitän Firebraß begann Gluthblicke zu ſchießen und goß in raſcher Reihenfolge drei Gläſer Klarxet hinunter, auf die er in purer Geiſtesabweſenheit auch noch den Becher ſetzte, welchen ſich der Meiſter mit Halb und Halb friſch gefüllt hatte. „Nun, Gentlemen, meine indianiſche Hängematte war zwiſchen zwei Bäumen ausgeſpannt; ich ſprang angekleidet hinein, ſchwenkte mich hin und her wie eine Citrone im Netze und ſchickte mich zum Schlafen an. Gentlemen, ich will Euch mit nichts Romantiſchem beläſtigen und meine und Eure Zeit nicht damit vergeuden, indem ich Euch die erhabene Stille des Waldes, den maleriſchen Anblick unſerer Indianer oder das Funkeln der Sterne, die über mir hingen, ſchil⸗ dere. Beſagte Sterne würde ich mit Wonne betrachtet haben; aber die Sandflöhe und Musquitoes arbeiteten ſo lobenswerth. in ihrem Berufe, daß ich mich genöthigt ſah, mein Geſicht zwar nicht dicht, aber doch völlig zu verhüllen. „Gut; in dieſer wilden Einöde ſchlief ich ein— denn Schlaf muß ich es doch vermuthlich nennen, weil ich mich für einige Zeit in jenem träumeriſchen Bewußtſeyn von Ruhe und Gemächlichkeit befand, das ſo gar entzückend iſt. Nachgerade wurde ich jedoch un⸗ ruhig, und es war mir, als ob alles Gezücht, von dem es in der Honduras⸗Bay wimmelt, über mich herzuklettern und mich in meiner Hängemaite niederzudrücken begänne. Dies angſtigte mich übrigens nicht ſonderlich, denn ich ſagte zu mir ſelbſt: zich weiß ja, daß ich ſchlafe und nur für eine ſehr verzeihliche Ausſchweifung in gebratenem Wildſchwein, halbgeröſteter Eidechſe und feurigem Groge die Strafe zahle.“ Aber meine Quälgeiſter ſchienen ſich zu multi⸗ pliziren und wurden eben ſo läſtig, als boshaft, obſchon ich mich noch immer mit der Vorſtellung tröſtete, daß ich in feſtem Schlafe liege. Endlich hockte ſich ein Kobold, der verwegener war, als alle übrigen, ſchwerfällig auf mein Bruſtbein, ſteckte ſeine Pfote in einen Beutel ſeiner ſchrecklichen Haut, zog eine Tabackbüchſe her⸗ aus und ſteckte ſich ein Röllchen in den Mund. Das Teufelchen kaute mit höchſt diaboliſchen Grimaſſen drauf los und ſpritzte mir dann in aller Ruhe den unflatigen Saft in's Geſicht, der mich wie geſchmolzenes Blei zu verſengen ſchien. Anfangs wurde ich zor⸗ nig, aber ich verſuchte, mich auf's Neue zu tröſten, indem ich mir, da ich nicht ſprechen konnte, zuflüſterte:„Thut nichts, es wird nicht lange währen; ich ſchlafe ja und habe es bloß mit einem Anfalle von Incubus zu thun““ „Er meint damit den Alp,“ flüſterte Kapitän Firebraß, der jetzt ſeine gute Laune wieder gewonnen hatte. „Du lügſt!“ ſagt der Freund auf meiner Bruſt;„Du ſchläfſt nicht, obſchon Du ſollteſt. Da her Cacofozo— daher Demo⸗ donderpate— wiegt dieſen Gentleman in Schlaf!e Hierauf be⸗ gannen die zwei häßlichſten und boshafteſten Paviane mich in meiner Hängematte hin⸗ und herzuſchwenken, während das Ungeheuer auf meiner Bruſt an ſeinem Ritte gewaltig Spaß zu finden ſchien. Die Bewegung machte mir ganz übel, und ich verſuchte, mich auf⸗ zuraffen. „„Verhalte Dich ruhig,— zum Henker, willſt Du nicht?“ rief der auf mir ſitzende Kobold, indem er mich in die Naſe zwickte, um mich zum Ruhigbleiben zu zwingen— aber denkt Euch mein Ent⸗ ſetzen, als mein Geſichtszierrath in ſeinen Fingern hängen blieb!— 108 „Ha, ſagte der boshafte Teufel,„da hat man's, wenn man ſich mit den Naſen der Marineroffiziere abgibt. Zum Geier mit ihnen, ſie ſind immer morſch!“ „„Wenn ich mir dies gefallen laſſe, verſetzte ich, ‚will ich nicht Kapitän Joſuah Curtois heißen. Her mit meiner Naſe, Du Vagabund. 8„Will Dich lieber vorher verdammt ſehen!“ „Gut, ich ſprang auf und der Dämon huſchte fort, gerade in den Baum hinauf. Ich faßte den Aſt, an welchem der obere Theil meiner Hängematte befeſtigt war, ſchwang mich mit einem Satze hinauf und jagte meiner Naſe nach. Natürlich ſtand für mich viel auf dem Spiel, und ich entfaltete dabei eine ſo übermenſch⸗ liche Thätigkeit, daß Alle, welche mich ſahen, ganz elektriſirt waren. Ich verfolgte meinen Feind, der ſich nun, um meinem gerechten Zorne auszuweichen, in ein Ebenbild des Hochbootsmanns umge⸗ wandelt hatte und in einer Gabel des Baumes feſt zu ſchlafen ſchien, den linken Arm mit dem Schnupftuch um einen der Zweige gebunden, damit er nicht herunterfalle. Aber ich ließ mich, durch die Metamorphoſe nicht täuſchen.“(Hier legte ſich der Schiffer wieder erklärend in's Mittel.) „„Meine Naſe, Du ſchuftiger Dieb, meine Naſe!“ brüllte ich, dem Dämon einen orthodoxren Fauſtſchlag in's Geſicht verſetzend. „„Hole Euch der Teufel— was habe ich mit Grer Naſe zu ſchaffen? verſetzte der Geiſt.. „„Ich ſah, wie Du ſie in Deine Rocktaſche ſteckteſt,“ entgegnete ich. „Und richtig, da war ſie auch. Ich langte ſie hurtig heraus, erreichte im Nu meine Häugematte wieder und paßte mir daſelbſt mit dem vollſtändigſten Erfolg meinen Geſichtsvorſprung wieder an. Dann ſchlief ich auf's Neue ein und erwachte nicht wieder, bis am andern Morgen die Sonne bereits heiß am Himmel ſtand. Da ſah ich dann, daß der erſte Lieutenant des Schiffs, welcher das Kommando hatte, und der Hochbootsmann neben meinem Lager 109 ſtanden. Letzterer erhob bittere Beſchwerde gegen mich— ich ſey Nachts in ſchwerer Betrunkenheit zu ſeinem Sitze hinangeklettert, habe ihn gewaltſam angegriffen und ihm einen Ball Spinngarn geraubt. Ich zog dies mit Eifer in Abrede und ſchwur darauf, daß ich mich nie aus meiner Hängematte gerührt und die ganze Nacht durch feſt geſchlafen habe; aber denkt Euch mein Erſtaunen, als ich mein Geſicht in naher Berührung mit dem abhanden ge⸗ kommenen Balle Spinngarn fand und zugleich bemerkte, daß ich über und über mit Theer beſchmiert war? Ich gerieth in noch grö⸗ ßere Verwirrung, als mehrere von den Matroſen Zeugniß ablegten, was ich in dem Baume für Sprünge gemacht habe, und es ſtand mehrere Stunden an, bis mir jener abſcheuliche Traum allmählig wieder in's Gedächtniß kam. „Ihr macht ungläubige Mienen, Gentlemen; aber was ich Euch erzählt habe, iſt gewißlich wahr. Und dennoch glaube ich nicht, Kapitän Firebraß, daß ich ſo betrunken war, wie der arme John Truepenny, den Ihr peitſchen laſſen wollt.“ „Aber wie erklärt Ihr Euer verrücktes Benehmen, Kapitän Curtois?“ fragte Firebraß in einer Stimmung, die den Hoff⸗ nungen des Erzählers in Betreff einer Begnadigung des armen Matroſen nicht völlig entſprach. „Blos als einen Anfall von Incubus, der mit einem zugäblichen Sonnambulismus ſchloß und durch Unmäßigkeit und Unverdaulichkeit veranlaßt wurde.“ 3 Kapitän Firebraß ließ ſich wieder gnädigſt zu einer Erklärung herab, und dieſer Akt führte ihn abermals in die Grenzen des guten Humors zurück. Es wurde Kaffee beſtellt, und als die Offiziere im Begriff waren, ſich zu entfernen, ließ ſich der Kommandeur in leid⸗ lich guter Laune vernehmen:„Kapitän Curtois, ich will mir Eure abenteuerliche Geſchichte ein wenig übexlegen und ſehen, was ſich Vortheilhaftes für jenen Burſchen, den Truepenny, daraus erholen läßt.“ 110 Soweit ſtand die Sache gut; aber die dickhirnige Unwiſſenheit des Meiſters verderbte wieder Alles. Eine Schmeichelei gut anzu⸗ bringen, iſt eine Aufgabe, au der ſich ein Dummkepf nicht verſuchen ſollte.* „Ich bitte um Verzeihung,“ ſagte dieſer Oſfſizier,„aber ich kann mich nicht entfernen, Sir, ohue Euch für Eure Güte zu danken, Kapitän Firebraß. Außer meiner Seemannswiſſenſchaft, Sir, verſtehe ich mich nur ſehr wenig auf Büchergelehrſamkeit, obſchon der Dienſt eines Matroſen zur See und am Lande— doch das gehört nicht hieher— und ich wollte nur ſage 4 daß ohne Euch, Kapitän Firebraß, die ganze Geſchichte ein unklares Kabel für mich geweſen ſeyn würde— weder Anfang, noch Mitte oder Ende, Alles durcheinander gemiſcht. Ohne Euch, Kapitän Firebraß, wäre mir das Garn ſo gut wie gar nichts geweſen— Ihr wart deßhalb ge⸗ wiſſermaßen die Blume und obendrein die Frucht des ganzen Mährleins.“ „Nicht doch,“ verſetzte Firebraß in der beſten Stimmung von der Welt;„nicht doch, Ihr ſeyd zu ſchmeichelhaft— ich bin blos der Kommentator geweſen.“., „Da haben wir's,“ ſagte der Meiſter, ſeine Hände erhebend und ſich an ſeine Kameraden wendend, worauf er bei Seite, aber mit einer Stimme fortfuhr, welche man durch das ganze Schiff hören konnte—„das nenne ich mir einmal ächte Beſcheidenheit! Kapitän Firebraß ſagt, es ſey nur ein Common Tatar.*) Ja wohl, ein Common Tatar— widerſprechen wäre freilich grob; aber ſo arg iſt's doch nicht, wenn ſchon einiges Wahre darin liegen mag.“ Die Gäſte machten, daß ſie ſo ſchnell wie möglich aus der Kajüte kamen, denn die Stirne des Schiffers hüllte ſich in Donnerwolken. Er war jetzt feſt entſchleſſen, John Truepenny am andern Tage peitſchen zu laſſen. *) Ein gemeiner Tartar oder Schiffstyrann. [—·OOQ—ᷓnynnn;ʒ 111 Zwölftes Kapitel. Die Geſetze der Galanterie in Beziehung auf unſere galanten Theerjacken. — Das Bumbootweib mit ihrer Tochter und eine Liebe in einem Marketenderſchiffe.— Romantik auf dem unteren Decke.— Jack in Noth zwiſchen zwei Tröſtern.— Pröbchen nautiſcher Beredtſamkeit, in welcher die Zartheit der Kraft ein wenig zum Opfer gebracht wird.— Alle Matroſen werden aufgeboten, um zu ſehen, wie der Kapitän die Blätter der Kriegsartikel aufſchlägt. Die Scene muß noch immer an Bord der Old Glory verlegt bleiben, obgleich auf derſelben nur wenig Glorreiches zu ſchauen iſt. Juſt vor Mittag wurden die Matroſen aufgeboten, um einer Züchti⸗ gung anzuwohnen. Stumm und traurig, obſchon nicht langſam, verſammelten ſich die Leute auf dem Hauptdecke; denn ſie müſſen ſogar eilen, wenn es gilt, Zeuge der Qual eines Schiffskameraden, Tiſchgenoſſen oder vielleicht eines Bruders zu ſeyn. Wir ſagten, müſſen— vielleicht iſt's jetzt anders, und wir hoffen es; aber damals übte der Hochbootsmann mit ſeinem Rohr und ſeine Maten mit ihren Tauenden eine ſehr ſummariſche Methode, die Bewegungen der Matroſen auf Seiner Majeſtät Schiffen zu beſchleunigen. Wir wiſſen, daß gedachte Vorgeſetzte ihre Macht im Allgemeinen mit Menſchlichkeit übten; aber die Matroſen, welche des Vorhandenſeyns einer ſolchen Ermächtigung und der Thatſache bewußt waren, daß ſie nöthigenfalls in Anwendung kommen konnte, waren auch ent⸗ ſprechend behende. Die Blaujacken ſchaarten ſich eifrig und in banger Erwartung um die aufgetakelten Gitter, denn der arme Jack war ein beſon⸗ derer Liebling der ganzen Mannſchaft. Wir haben kereits angedeutet, daß er ſchon früher einigemal gepeitſcht wurde und es, im nauti⸗ ſchen Sinne des Wortes, wohl verdient hatte, muſſen ihm aber zu⸗ gleich die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß er nie wegen eines Verbrechens oder wegen Dienſtvernach läſſigung, ſondern bloß für Ver⸗ gehungen Strafe erhielt, die aus Unmäßigkeit entſprangen. Er hatte ſtets ſeine Tracht mit ſpartaniſcher Standhaftigkeit hingenommen und jede Schmerzäußerung ſelbſt bis auf das Zucken ſeiner Muskeln mannhaft überwunden. Die Bewunderer dieſer Art von Züchtigung — wir meinen damit nicht die Leidenden, fondern die Vollſtrecker und die privilegirten Zeugen— ſahen einem derartigen Schauſpiel wie einer herrlichen Augenweide zu; denn Jacks Standesgenoſſen und Untergebene— er war nämlich ein Unteroffizier— waren mit Be⸗ gier Zeugen ſeiner Qual, da ſie ſein unbeugſames Benehmen als eine Art von Triumph über die Grauſamkeit des ſtraferkennenden Offi⸗ ziers betrachten und es um ſo mehr bewunderten, weil ſie einen Hel⸗ denmuth darin erkannten, deſſen ſich nur Wenige rühmen konnten. Es war indeß noch ein anderer Grund vorhanden, welcher die Aufregung der beabſichtigten Züchtigung noch mehr ſteigerte— ein Grund, der Jack weniger zur Ehre gereichte, als wir wünſchen kön⸗ nen. Es ging nämlich das Gerücht, er habe zum erſtenmal in ſeinem Leben einen kleinen Mangel an Muth gezeigt, und maan fürch⸗ tete, wenn er einmal angebunden ſey, werde ſich derſelbe noch ſtärker herausſtellen.. Dieſe Vorausſetzung war auch nicht ganz unbegründet, denn der Muth des armen Burſchen hatte wirklich zu weichen angefangen. Er lag nun ſchon faſt drei Tage in Ketten und hatte keinen Tropfen Grog erhalten. Die Aufregung ſeiner ſchweren und langen Trun⸗ kenheit am Zahltage hatte als Nachwirkung eine Erſchlaffung ſeines ganzen Syſtems zur Folge, und außerdem fühlte er zum erſtenmale, daß er ungerecht behandelt wurde; denn er hatte es nie über ſich gewinnen können, einzuräumen, daß er bei dem Raub des Figuren⸗ kepfes einen freiwilligen Beiſtand geleiſtet. Indeß hätte er gegen all dies mannhaft Stand halten können und würde es vielleicht auch gethan halen, wenn nicht ein Frauen⸗ 113 zimmer— ja— erſchrick nicht, ſchöne Leſerin— ſogar ihrer zwei mit in's Spiel gekommen wären. 4 Polygamie ſelbſt bei wilder Ehe iſt an Bord von Seiner Maje⸗ ſtät Kriegsſchiffen nicht geſtattet. Die jeweiligen Verbindungen des anderen Geſchlechts mit den Theeren werden mit allem Anſtand ge⸗ handhabt, und Treue gehört zur Tagesordnung. Wird übrigens die Zuneigung des einen oder des andern Theils unſtät(indeß finden égaremens de coeur nur ſelten ſtatt), ſo iſt die Scheidung leicht, ohne Aufwand und mit nur geringem Zeitverluſt zu erlangen. Es iſt nicht ganz recht, daß wir von John Truepennys Lieb⸗ ſchaften in demſelben Augenblicke ſprechen, in welchem er gepeitſcht werden ſoll; aber wir können's nicht ändern und wünſchen außerdem die Ceremonie ſo lange wie möglich zu verſchieben. Jacks Aeußeres brauchen wir nicht wiederholt zu ſchildern, denn wenn die geneigte Leſerin bereits vergeſſen hat, wie er ausſieht, ſo verdient ſie nicht, daß man ihrem geiſtigen Blicke abermals ein ſo prächtiges Stückchen Sterblichkeit vorführt. Unſere ganze Wiederholung ſoll ſich deshalb darauf beſchränken, daß Truepenny bloß um ſeiner ſelbſtwillen ge⸗ liebt werden konnte, und Mary Macanniſter war bereit, dies mit Zunge, That und Fäuſten zu bekräftigen. Mary war früher die hübſche Poll von dem Point, jetzt aber nur noch Jacks Poll, ohne daß ein Anderer auf ſie Anſpruch hätte machen können. Sie war ein ſchönes Eremplar weiblicher Schönheit — eine wahrhaft ji noniſche Geſtalt. Bei einer Fülle dunkelbrauner Haare, tiefblauer Augen und einem ausgeſuchten Teint fehlte ihr nur Bildung und Erziehung, um ſie unter allen Mädchen von Hamp⸗ ſhire obenan zu ſtellen. Obſchon ſie nach einem ſo kräftigen, groß⸗ artigen Maßſtabe gebaut war, hatte ſie doch eine ſo eigenthümlich weiche, weiße und zarte Haut, daß ſich Niemand unterfangen haben würde, ſie roh zu nennen, und wenn nicht eben ihr Geſicht von Leidenſchaft oder Branntwein glühete, ſprach ſich darin eine bezau⸗ bernde Anmuth aus. Der Ausdruck deſſelben war ſo klar, ſo froh⸗ Marxryat's W. XX. Jack am Lande. 3 ſinnig und unſchuldig, daß man für einen Moment hätte glauben mögen, man ſehe einem bloßen Kind in's Auge. Polls natürliche Anziehungskräfte waren ſo groß, daß viele Of⸗ fiziere und darunter einige von hohem Range den Verſuch gemacht hatten, ſie zu einer Dame umzuwandeln und ſich ſelbſt zuzu⸗ eignen; aber alle dieſe Bemühungen waren fehlgeſchlagen. Ohne laſterhafter oder überhaupt nur ſo laſterhaft zu ſeyn, wie ihre Sippſchaft, beſaß ſie eine unüberwindliche Vorliebe für ihre niedrige Lebensſtellung. Die Vergnügungen der guten Geſellſchaft waren für ſie viel zu zahm, da ſie in den Regeln des Anſtandes und in den Förmlichkeiten der Civiliſation nichts Anderes als Feſſeln für den Frohſinn ſah. Sie liebte Lärm, Geräuſch und rohe Aufregung — rothe Bänder und den Matroſentanz mit drei Geigern in einer Kutſche; auch war ſie nicht abgeneigt, liebenswürdige kleine Zwiſte mit andern Damen anzufangen, und wenn's dabei mit Fauſtſchlägen endete, ſo wurde die Sache nicht nur natürlicher, ſondern auch um ſo angenehmer. Ueberhaupt war ſie die einzige Frauensperſon, der je ein zerbläuetes Auge anmuthig ließ. Dies iſt das Bild von Jacks Poll. Jacks Sue war ein ganz anderes Weſen— ein ſchmächtiges, kränklich ausſehendes Mädchen von ſiebenzehn Jahren. Sie hatte ſich in Jack verliebt, und wenn je ein armes Geſchöpf einem Manne recht innig zugethan war, ſo ließ ſich dies von Suſanna Snowdrop behaupten. Sie war die ein⸗ zige Tochter einer Bumbootfrau, die als ungemein reich galt und dieſen Ruf wohl auch mit Recht behauptete. Die Mutter hatte Suſanna in Chicheſters beſter Keſtſchule erziehen laſſen. 8 Sobald Sufanna ungefähr ſechszehn Jahre alt war, ließ ſie die Mutter, welche mit ihrem ſchmächtigen aber damals völlig ge⸗ ſunden Aeußern gar nicht zufrieden war, wieder nach Hauſe kommen, um ihre überbildete Tochter— wir meinen überbildet in Beziehung auf ihre Beſchäftigung— auf die Wahrnehmung hin, daß die See⸗ luft ſtets ſo geſund auf ſie ſelbſt eingewirkt habe, auf ihren Aus⸗ 115 flügen nach den Kriegsſchiffen mitzunehmen, damit ſie ihr in ihrem umfaſſenden Marketendergeſchäfte Beiſtand leiſte. Bei einer dieſer Gelegenheiten hatte ſie ſich unvorſichtig benemmen— wir meinen nämlich die Tochter— und war aus dem Bumboote gefallen. Die Ebbe nahm ſich eben viele Freiheiten mit ihr und wollte ſie zu einer kleinen unwillkürlichen Erkurſion nach St. Helen hinausführen, als John Truepenny, welcher dies bemerkte, ſeine Schuhe und Jacke abwarf und das Mädchen flott erhielt, bis beide wieder aufgeleſen wurden. Anfangs war ihm Mrs. Snowdrop augenſcheinlich ſehr dankbar für dieſen Dienſt; als ſie jedoch fand, daß Suſanna ſo ſehr alles Gefühl einer gebührenden Würde verloren hatte, um ſich in einen gemeinen Matroſen zu verlieben, ſo behandelte ſie das arme, hin⸗ fällige Weſen mit einer wahrhaft unnatürlichen Härte und Grau⸗ ſamkeit. Nun begann das Romantiſche der Geſchichte. Im vor⸗ nehmen Leben oder unter der Feder eines faſhionablen Autors wäre die Aufopferung der armen Sue nicht nur heroiſch, ſondern ſogar erhaben geworden. Sie begann an Jack zu ſchreiben, und dieſer, welcher nicht ſonderlich verſtand, was ſie ſagen wollte, las ihre Briefe ſeiner Poll vor, die gar nicht leſen konnte. Dieſe hohe Dame, welche Jack aufrichtig liebte, wurde anfangs ſehr eiferſüchtig, ſtand aber bald davon ab, weil Suſannas ſchöne Phraſen von einer tugend⸗ haften Liebe ſprachen, alle Sinnlichkeit verſchmähten, und zuletzt durch ihre platoniſchen Salbadereien hinlänglich an den Tag leg⸗ ten— wenigſtens meinte Poll ſo— die Schreiberin ſey eine Närrin, von deren Nebenbuhlerſchaft ſie nichts zu fürchten habe. Mittlerweile wurde übrigens Sufannas Lage ſtündlich ſchlim⸗ mer, denn die harte Mutter nahm zu Schlägen und zur Einſper⸗ rung im Keller ihre Zuflucht. Das verfolgte Weſen entſchloß ſich nun zu einem Schritte, der früher ſchon oft eingeſchlagen wor⸗ den war— ſie wollte ſich nämlich in Matroſenkleider ſtecken, ihre mütterliche Heimath für immer verlaſſen und an Bord deſſelben 116 Schiffs gehen, an welchem Jack diente. Dies wurde unſerem Helden gebührend mitgetheilt, worauf er ſich mit Poll über die Sache eines Weiteren berieth. Um ihnen bei ihren Berathungen beizuſtehen, boten ſie noch einen gewiſſen Giles Grim auf, der wegen ſeines Alters und ſeiner übermäßigen Häßlichkeit gewöhnlich nur der grim⸗ mige Giles genannt wurde. Grim war der älteſte Schiemann im Schiff und für Jack eine Art Trockenamme geweſen, da er denſel⸗ ben an ſeinem Tiſche und unter ſeinen Schutz genommen, wie er als ein kleiner Knabe von der Marinegeſellſchaft dem Schiffe über⸗ geben wurde. Glücklicherweiſe waren Jack und ſeine Beſchützer bei den verſchiedenen Ueberpflanzungen von Schiff zu Schiff ſtets bei⸗ ſammen geblieben, und das Kleeblatt kam nun vereint zu der Ent⸗ ſcheidung, da Miß Snowdrop zu zart ſey, um die Rolle eines Ma⸗ troſenjungen übernehmen zu können. Dennoch kamen ſie zu einem auffallenden Entſchluſſe, der folgende Reſultate lieferte: Poll ging an’s Land und wußte es einzuleiten, daß ſie Miß Snowdrop abſeits von ihrer Mutter zu ſprechen bekam. Sie nahm ſie dann nach ihrer Wohnung und ließ das arme Mädchen über der Bibel und einem zerbrochenen Ringe, wobei noch viele andere Cere⸗ monien in Anwendung kamen, ſchwören, daß ſie ihrem Jack nie mehr ſeyn wolle, als was ſie ſich in ihren Briefen erbeten habe— nämRlich die Gelegenheit, ihm zu dienen, nur in ſeiner Nähe zu leben und ihn anzuſehen. Polly, welche nicht leſen konnte, hatte ihre Ausdrücke buchſtäblich genommen. Hätte ſie nur ein paar Romane geleſen, ſo würde ſie wohl mehr Einſicht in die Sache gewonnen haben. Sie ſtiegen dann am nächſten Tage mit vielen andern Mädchen in ein Fährboot und ließen ſich an die Glory rudern. Der alte Giles Grim begab ſich ſofort zum erſten Lieutenant nach dem Hinterſchiff, und bat um die Erlaubniß, ſein Mädchen an Bord nehmen zu dü fen. Wer dieſes Anliegen hörte, brach in ein Gelächter aus; aber da dies vollkommen in der Regel war, ſo wurde kein Einwurf erhoben, und Giles ging in das Boot hinunter, um ein — Frauenzimmerchen heraufzuholen, das ungemein zitterte und ſein Geſicht dicht in einen ſchwarzen Schleier gehüllte hatte. Grimm Giles benahm ſich wie ein Vater gegen ſie und trat ihr ſeine eigene Hängematte ausſchließlich ab. Poll lies ſich zwei Dinge ſehr angelegen ſeyn— einmal, daß nichts Ungebührliches zwiſchen dem liebeſiechen Mädchen und ihrem Jack ſtattfand, und dann, daß Sue verlangtermaßen ihm diene. Sie ließ Miß Snowdrop den Tiſch beſchicken und ſpielte die Beſchützerin und vornehme Dame mit gebührender Würde. Die Geſchichte wurde bald ruchbar, und Jedermann war ver⸗ wundert, obgleich Niemand an Bord auch nur den mindeſten Arg⸗ wohn gegen Miß Snowdrops Ruf laut werden ließ. Nicht ſo ver⸗ hielt ſich's am Lande, und namentlich ließ ſich Mrs. Snowdrop mit großer Heftigkeit vernehmen. Sie ſagte ſehr gefühlvoll,„es nehme ſie nicht Wunder und ärgere ſie auch nicht, daß Sue, wie ihre Mutter vor ihr, eine loſe Dirne geworden ſey(eine ſehr auf⸗ richtige Frau, dieſe Mrs. Snowdrop); was ihr aber am meiſten in's Herz ſchneide, ſey der Umſtand, daß ihre Tochter ſich an einen bettelhaftigen, theerhoſigen, gemeinen Matroſen hänge— ein Mäd⸗ chen mit dem Vermögen, das ſie hätte bekommen können, und mit der Edikation, die ſie ihr gegeben habe. Das Vermögen werde aber jetzt an die Armenſchulen gehen. Wenn ſich Sue mit einem Ad⸗ miral oder nur mit einem Poſtenkapitän eingelaſſen hätte, ſo würde ſie ein Tauſend oder zwei nicht angeſchlagen haben, um ſie in ge⸗ hörigem Style herauszuſtaffiren, aber nun ſolle ſie der Teufel holen — um ihretwillen könne ſie unter dem Grabenwaſſer ver.... en, denn von ihrem Gelde ſolle ſie nie auch nur einen falſchen Penny in die Hand kriegen.“ Alles dies kam bei der Flotte in Umlauf, und unterſchiedliche Offiziere machten Suſanna viele ehrenhafte Anträge. Sie blieb je⸗ doch ihren romantiſchem Sinne treu. Die kleine Angelegenheit hatte nun in dieſer Weiſe ungefähr drei Wochen beſtanden und war allen 118 Partieen nicht unangenehm geweſen. Trotz ihrer Liebe zu Jack fand doch Miß Suſanne das Intereſſe, das ſie erregte, ſehr ſchmeichel⸗ haft, und Jack ſammt Poll und ſeinen Tiſchgenoſſen hatte davon glorreiche Zeiten; denn mit Suſannas Gelde und den verſchiedenen Geſchenken, die von allen Seiten herbeiſtrömten, lebten ſie, um mich eines Matroſenausdrucks zu bedienen, wie ebenſo viele fechtende Hähne. Der erſte Schlag, den Miß Snowdrop erlitt, und ihre erſten Bedenken in Bet eff der hohen Vortrefflichkeit ihres Geliebten ſtammten aus ſeiner viehiſchen Betrunkenheit am Zahltage, obſchon ihre Liebe dadurch nicht im Geringſten vermindert wurde. Sie machte ſich nur den Vorwurf, daß ſie nicht beſſer auf ihn Acht gegeben habe, ob⸗ ſchon ſie eigentlich bloß durch das wüſte Treiben der betrunkenen Mann⸗ ſchaft fortgeſcheucht worden war, um ſich, betäubt über das, was ſie geſehen, nach einem Orte zurückzuziehen, wo ſie von Niemand be⸗ merkt wurde. 1 6 Am Morgen des zu ſeiner Züchtigung anberaumten Tages ſaß Tohn Truepenny zwiſchen dieſen beiden Schätzchen, und die Feſſeln an ſeinen Beinen gaben ihm Gelegenheit, mehr als Hiobs Geduld zu uͤben. Poll hatte eine Flaſche Herzſtärkung in ihren Kleidern verborgen, und lauerte auf den Augenblick, der es ihr möglich machte, die Aufmerkſamkeit der Schildwache zu umgehen und Jack davon etwas einzugießen. In der Zwiſchenzeit blieb übrigens ihre Zunge nicht müßig, denn ſie ermahnte ihn mit ungeſtümem Nachdruck, ſeine Streiche wie ein Mann hinzunehmen, ſeinen früheren Ruf nicht außer Acht zu laſſen, ſogar zu lächeln, wenn er könne, und dem Schuft von einem Schiffer zu zeigen, wie wenig er ſich um ihn kümmere. „Na, Jack, ſey nicht löffelig; zum Geier, ſieh, Menſch, es iſt nicht weiter als ein Flohſtich! Da iſt zum Beiſpiel der Tom Zäh geweſen, der kleine Fockmarsmatroſe— ein Mann, mit dem ich neun — — 119 Monate lang in Kompanie lebte. ‚Tom,⸗ ſage ich,„Du kleiner Racker, wenn Du dieſe Fliegenklatſche nicht hinnimmſt⸗— es waren nur ſechs Dutzend, Jack— ‚wie ein rechter Kerl, ſo hole mich die⸗ ſer und jener, wenn ich nicht um die Boje hinumrudere und mich an Jemmy halte.„Eh Du dies ſollteſt,⸗ ſagt er, ‚würde ich lieber das Doppelte auf mich nehmen.”„Würdeſt Du?“ ſage ich; ‚dann biſt Du ein Eichenherz bis auf's Wirbelbein.“ Und wahrhaftig, er hielt ſich wacker— mukirte ſich nicht während der ganzen zweiund⸗ ſiebenzig Hiebe; und als er ſie alle hatte, ſo ſteht er, ſo ruhig wie ein Kindlein an der Mutterbruſt, auf und bittet den Schiffer um noch ein Dutzend, nur um ſeine Liebe zu ſeiner Poll zu beweiſen. Was hältſt Du davon, Jack?“„Gnt,⸗ ſagt der Schiffer, als man ihm erklärt hatte, um was es ſich eigentlich handelte— ‚gut, ſagt er,„Thomas Zäh⸗— er gibt ſeinen Leuten ſtets ihre volle Namen, wenn Ihr das nächſtemal wieder hier ſeyd— und es wird nicht lange anſtehen— ſo will ich Euch dafür ein rundes Dutzend ab⸗ rechnen.“ Und ſo ſagt Tom:„Ener CEhren, dann thut's mir leid, daß ich Euch nicht um ſechs Dutzend gebeten habe. Das iſt's, was ich Kuraſch nenne. He, Jack, was wandelt Dich an?“ „Ich verdiene dieſe Züchtigung nicht, Poll,“ verſetzte Jack ver⸗ ſtimmt;„und außerdem, wie ich noch jünger war, machte ich mir nicht ſo viel daraus; aber als ein Mann glaub ich, iſt es nicht ge⸗ bührend und natürlich, wenn ich vor allen Matroſen in dieſer Weiſe entkleidet werden ſoll.“ Und er machte ein ſeltſames Geſicht, faſt als hätte er Luſt zu weinen, während Suschens Thränen über eine ſeiner Hände nieder⸗ rieſelten, die ſie feſt an ihre Lippen drückte. Beide Mädchen ſaßen auf dem Decke neben ihm, denn die Feſſeln am Borde eines Kriegs⸗ ſchiffs beſtehen aus Beinſchienen, die an einer langen Eiſenſtange auf⸗ und ablaufen und nur im Sitzen oder Liegen getragen werden können. Während der kurzen Zeit, welche Suſanna Snowdrop an Bord 120 geweſen, hatie ſich ihr Ausſehen wunderbar verkeſſert, da die Auf⸗ regung ihrer ſeltſamen romantiſchen Lage ihrer körperlichen und gei⸗ ſtigen Geſundheit ſehr zu Statten gekommen war. John Truepenny hatte allmälig eine Achtung gegen ſie gewonnen, die faſt an Ver⸗ ehrung grenzte, und obgleich er es ſich ſelbſt nicht eingeſtehen mochte, fühlte er doch die Hauptqual ſeiner Züchtigung in dem Umſtande, daß er in einem ſo ſchmählichen Lichte vor ihr erſcheinen mußte⸗ Er haͤtte mit Macheath ſagen können: „Wie glücklich könnt' ich ſeyn mit einer, Wär' nur dos andere Schätzchen fern;“ ſo aber fühlte er ſich in der Geſellſchaft der beiden Mädchen höchſt elend und hätte gewünſcht, daß ſie weit weg wären. Endlich, und nachdem Polly ſich völlig außer Athem geſprochen hatte, goß die arme Suſanna, ſo weit es ihre rinnenden Thränen geſtatten mochten, den Strom ihres Schmerzes aus. Es war ein troſtloſes und, da es aus einem gebrochenen Herzen zu kommen ſchien, auch ein herzbrechendes Weheklagen, welches zwar, wenn man es mit Buchſtaben in Worte faſſen wollte, wahrſcheinlich nur als eine liebeſieche Lamentation betrachtet werden würde— hörte man es aber aus dem Munde des zarten Weſeus tönen, welches jede Sylbe mit bebender Seelenangſt laut werden ließ, ſo ſchien es— nein, es war wirklich die Beredſamkeit des tiefſten Gefühles. „John, mein theurer John, ich kann es nicht ertragen— wahrhaftig nicht— die Bruſt will mir ſpringen. Es iſt beſſer zu ſterben, John— glaubt mir dies— und ich will mit Euch ſterben. Wenn ſie Euch zu dieſer ſchrecklichen Folter nehmen wollen, ſo ſpringt zu einer Stückpforte in die See hinaus; Eure Suſanna wird bei Euch ſeyn— John thut es— um Gotteswillen thut es! Ich werde in Euren Armen ſeyn. Baut auf mich— ich habe Muth. Oh, wie ruhmvoll müßte ein ſolcher Tod ſeyn!“ Sie ſprach Alles dies in einem energiſchen Flüſtern, damit die Schildwache ihren Rath zum Selbſtmord nicht hören möchte; aber Poll faßte jedes Wort davon auf. Anfangs war ſie faſt wie ver⸗ ſteinert; da ſie aber mehr als eine natürliche Weiberredegabe beſaß (der Himmel ſey Dir gnädig, John!), ſo richtete ſie ſich haſtig auf die Kniee auf, ſtemmte ihre Arme in die Hüften, wackelte mit dem Kopf von einer Seite zur andern und eröffnete ihre Batterien. „Ei, der Tauſend, und möge der Teufel Deine Häßlichkeit in die Mache nehmen, Miß Suſanna Snowdrop. Was willſt Du damit ſagen, Du halbgewachſenes, bleichſüchtiges Möpslein? Du magſt meinetwegen ſterben und zur Hölle fahren, aber weun ich Jack über einem ſolchen Verſuche erwiſche, ſo ſchwöre ich ihm bei allen Heiligen, er ſoll mir ein Leben führen, daß er nicht wiſſen ſoll, ob ſeine Seele ſein Eigenthum iſt, oder nicht. Pfui über Dich, Du rahmgeſichtige Dirne— willſt einem Manne, der ein rechter Mann iſt, Angſt einjagen, daß er ein paar lauſige Dutzende nicht hin⸗ nehme, wie ein Mann! Was bin ich, Mary Macanniſter, nicht für eine verwünſchte Gans geweſen, auf Dein romanhaftes Gefaſel von Tugend, Dewotion und andern verdammten Löffeleien zu hören. Geh' in Dein Berth hinunter, Du ſchnüffelndes Kälblein, und reinige meine Schuhe; Du brauchſt nicht hier zu bleiben und Deine Sta⸗ chelbeeraugen zu wiſchen, um aus meinem Jack einen Narren zu machen. Der Tauſend, ich will ehrlich werden, wenn Jack nicht das Maul hängt und ſeine Augenpumpen arbeiten läßt. Oh, Du Jeſebel! Du Abſchaum von einem ſchmutzigen Bumboot!“ In dieſem Augenblicke wurde vorſtehendes erhabene Pröbchen von Rüge plötzlich durch den Ruf unterbrechen, daß die Matroſen zur Beſtrafung antreten und ſämmtliche Weibsperſonen im Schiff nach dem Naum hinuntergehen ſollten. John Truepenny hatte nicht ein Wort erwiedert, und als die beiden Mädchen von ihm los ge⸗ riſſen wurden, verhielt er ſich völlig leidend. Poll konnte mit Ge⸗ walt und nicht ohne Fluchen und Schimpfen von ihrer Seite fort⸗ geſchafft werden; aber noch immer lag ihr vorzugsweiſe am Herzen, daß Jack ſeine Züchtigung mit der Miene von Gleichgültigkeit hin⸗ nehmen ſollte, um welcher willen er früher im Rufe geſtanden hatte. Was die arme Suſanna betrifft, ſo ſchlang ſie jetzt zum erſtenmal in ihrem Leben ihren Arm um Jacks Nacken und drückte ihm einen langen leidenſchaftlichen Kuß auf die Wange. Poll ſah dies eben noch, als die beiden Schiffskorporale ſie mit Gewalt die Lucke hin⸗ unterſtießen, und brach über bleſei Anblick in einen ſchrecklichen Fluch aus. „Gebt Euch zufrieden, 2 dar9,⸗ ſchluchzte Suſanna.„Es iſt das erſte und letztemal.“ Was Poll darauf antwortete, konnte nicht deutlich vernommen werden, denn ſie rang noch immer kreiſchend mit den Leuten, welche ſie nach dem unteren Decke hinabzwängten. Der Profoß nahm nun Truepenny aus ſeinen Feſſeln, und während dies geſchah, flüſterte ihm Suſanna abermals zu, er möchte ihr die Wonne gönnen, mit ihm zu ſterben, indem ſie beide durch die Geſchützpforte hinausſprängen. Jack ſprach jetzt zum erſtenmal und erwiederte mit einer Miene, in welcher ſich Drolligkeit mit Wehmuth miſchte. „Ich könnte dies ebenſo gut thun, aber was würde Poll ſagen? Um Ench einen Gefallen zu erweiſen, würde ich mir nichts daraus machen, mich zu ertränken, aber dann, Ihr wißt's ja— könnt ich nicht Poll zu Liebe gepeitſcht werden. Wenn's Euch daher eins iſt, Miß Snowdrop, ſo wollen wir die Streiche zuerſt in Empfang nehmen und dann nachher vom Inswaſſerſpringen reden.“ K„Vorher— vorher!“ Aber nun legte ſich der Profoß in's Mittel und deutete Suſanna achtungsvoll an, daß es einmal nicht länger angehe und ſie durchaus in den Raum herunter müſſe. Man hatte ſie nur aus Rückſicht auf ihr geordnetes Benehmen und auf ihre romantiſche Geſchichte ſo lange bleiben laſſen. Sie begab ſich im Geſpräch mit dem Profoß 123 nach dem Vorderſchiffe, während Jack, von zwei Marinern bewacht, nach der Laufplanke gebracht wurde. 3 Wie wir bereits angedeutet hatten, war mit gebührender Sorge fur John Truepenny's Bequemlichkeit Alles vorbereitet worden, um demſelben durch einen warmen Empfang Ehre zu erweiſen. Eine doppelte Zeile von Marinern ſtand mit aufgepflanzten Bajonetten auf der Laufplanke ſämmtliche Offiziere hatten ſich mit Ordonnanz⸗ hüten und Seitengewehren auf dem Halbdeck verſammelt und mitten unter denſelben befand ſich Kapitän Firebraß, die Kriegsartikel in der Hand und den Eckenhut höchſt ominös ganz quer über ſeinem glühenden Geſichte aufgeſchlagen. Sein Geiſt war nicht ganz zufrie⸗ den mit dem Akte, den er zu vollziehen im Begriff ſtand, weshalb er ſich, um alle Ueberlegung zu erſticken, ſehr klüglich in Leidenſchaft gehetzt hatte. Die letzte Fürſprache zu Gunſten des ehrlichen Jack war finſter zum Schweigen verwieſen worden. Firebraß trat an den Rand des Halbdecks vor und ſchaute von da aus wuthentbrannt anf John True⸗ penny nieder, der mit unbedecktem Haupte ergebungsvoll zu ſeinem Kapitän aufſah. Es herrſchte eine ſo tiefe Stille an Bord, daß man ſogar das leiſe Plätſchern der Wellen hörte, während die Elbe unter dem Bug anſchlug und an dem Schiffe vorbei gurgelte. Der Offi⸗ zier und der Matroſe ſahen ſich gegenſeitig eine Zeitlang an, bis endlich zwei große Thränen aus Jacks Augen brachen und langſam über fein ſchönes Geſicht niederträufelten. Der Kapitän lächelte mit dem Ausdrucke der Verachtung. Jack bürſtete die Merkzeichen deſſen⸗ was in ſeinem Innern vorging, unter einer heftigen Geberde des Unwillens mit dem Jackenärmel ab, blickte ſtolz auf und rief: „Ich habe nur an die Mädchen gedacht, Euer Ehren, nicht an mich; Ihr mögt nun drauf loshauen laſſen und Euer Schlimmſtes thun.“ Dann nahm John eine ſo kalte und ſtarre Haltung an, daß ihm ſelbſt eine Verſammlung von Spartanern ein Lächeln des Bei⸗ falls nicht hätte verſagen können. Es war, wenigſtens zu unſerer Zeit, bei jeder Züchtigung auf der Laufplanke üblich,„die Gelegenheit zu benützen,“ wie es die Me⸗ thodiſten nennen— das heißt, eine Rede zu halten, wenn anders die Kapitäne oder kommandirenden Offtziere mit der geeigneten Gabe verſehen waren. Derartige Ergüſſe mitanhören zu müſſen, war bis⸗ weilen eine faſt ebenſo ſchlimme Pein, als die Streiche ſelbſt, ſogar für den Delinquenten, während diejenigen, welche ſich keine Ueber⸗ tretung hatten zu Schulden kommen laſſen, darob ganz und gar hät⸗ ten vergehen mögen. Solche Reden hatten große Aehnlichkeit mit dem ſcherzhaften Spiele, das eine Katze mit einer Maus vornimmt, ehe ſie die Knochen des armen Thierleins zermalmt— eine Beluſti⸗ gung, bei welcher das Vergnügen ſo höchſt ungleich vertheilt iſt. Die meiſten dieſer Geißelreden begannen ſtets mit dem Satze: „Mein Mann“— oder bisweilen, wenn der Schiffer ganz beſonders höflich war,„mein guter Mann, wißt Ihr, warum Ihr hieherge⸗ bracht wurdet?“ In den Antworten traten dann Variationen ein. „Könnt's nicht ſagen,“ lautete John Trueenny's unbeſonnene Erwiederung. Kapitän Firebraß donnerte einen ſchrecklichen Fluch heraus, gab einem Midſhipman, der ſeinen Hals zu weit vorſtreckte, um zu ſehen, was vorging, eine Ohrfeige und ſchlug dann mit haſtiger Emſig⸗ keit, welche für unſern Helden nichts Gutes bedeutete, die Kriegs⸗ artikel auf. Dreizehntes Kapitel. Das Elend der Spannung in die Länge gezogen.— Ein kleiner Anflug von Claſſicität, veranlaßt durch die Betrachtung der Bumbootfrau.— Große Aufregung und Angſt.— Man fordert den Umwechſel für einen Penny.— Kapitän Firebraß iſt unhöflich. John iſt noch nicht gepeitſcht; indeß ſind doch ſtarke Anzeigen vorhanden, er werde ſich bald des glücklichen Bewußtſeyns erfreuen, daß Alles überſtanden ſey. Aber ach— „Zwiſchen Lipp' und Bechers Rand Steht noch manche Scheidewand.“ Ein vortreffliches Sprüchwort! Die Verlockung, darüber zu predigen, iſt faſt ſo groß, wie die zu einer Geißelungsrede. Doch wir beſitzen eine nicht gewöhnliche Selbſtbeherrſchung und wollen da⸗ her die proſaiſchen Leute nachahmen, indem wir den Schwung der⸗ artiger Gedanken unterdrücken. 4 Während alle dieſe drohende Vorbereitungen an Bord der Glory ſtattfanden, ſtand die Juniſonne herrlich am Himmel. Es wehte ein lieblicher Wind, der die Hitze des Tages kühlte, und durch die ganze Luft wehte ein ſo belebendes Element, daß Jeder, der ſich deſſelben be⸗ wußt wurde, die Ueberzeugung eines unſterblichen Prinzips in der menſchlichen Natur nicht von ſich abwehren konnte. Ja, der Tag war ſo, daß die Perſon, welche daran denken konnte, einem anderen Men⸗ ſchen den wohlwollenden und herrlichen Eindruck des Sonnenſcheins durch die Peitſche zu vergällen, ſelbſt die Peitſche verdient hätte. Es war daher kein Wunder, daß viele Boote, welche mit ver⸗ gnügungsluſtigen Perſonen angefüllt waren, ihre kleinen Segel aus⸗ breiteten und auch eine Meile oder zwei in die See hinausſtachen. Dennoch ſchien kein gewöhnlicher Anlaß die Leute von Portsmouth zu verlocken, ſich dieſen Morgen herauszuwagen. Drei lange ſechs⸗ 126 rudrige Galleys, die in gleicher Zeile, aber doch einige Schritte von einander einherfuhren, ruderten mit aller ihrer Kraft auf die Flotte bei Spithead zu, und nebenher holte eine Anzahl von Fährleuten aus, als ob es ebenſoviele Menſchenleben gälte. In einigen derſelben befanden ſich unterſchiedliche Arten von Muſik, und die meiſten bargen eine Anzahl Frauenzimmer in ihren Sternſchvoten, die in ihren prunk⸗ vollſten Anzügen herausgeputzt waren. Viele der Boote ließen kleine Flaggen wehen, und diejenigen, welche ſich keiner derartigen Schau⸗ ſtellung rühmen konnten, hatten farbigte Schnupftücher aufgehißt. Es ſchien, als habe der Portstown⸗Jahrmarkt eine Waſſerfahrt ange⸗ treten, und es fiel in die Augen, daß ein Jubelfeſt gefeiert wurde, an welchem die unteren Klaſſen vorzugsweiſe Theil nahmen.— Wir müſſen übrigens unſere Aufmerkſamkeit vorzugsweiſe auf die drei wohlbemannten und ſchnellrudernden Galleys richten, von denen das eine einen Vorſprung gewonnen hatte, während die andern wett⸗ eifernd nachſetzten. Das Geleite der weniger gut ausgeſtatteten Boote blieb bald um eine beträchtliche Strecke zurück. Während die verſchiedenen Boote der Reihe nach an den Schiffen der Flotte vorbeikamen, brachen die Inſaſſen der erſteren in laute Hurrahrufe aus, ohne daß man auf den letzteren denken konnte, was dies zu bedeuten haben mochte. Einige dachten an einen großen Sieg über Bonaparte, der damals eben ſeine ehrgeizige Laufbahn begonnen hatte, Andere an einen Miniſterwechſel— denn dem großen Haufen iſt jede Veränderung willkommen— und wieder Andere an die Wahl eines neuen Parlamentsmitglieds für Portsmouth. Es wurde nun augenfällig, daß ſich die drei Galleys die Old Glory zu ihrem Ziele auserſehen hatten, da dieſe am weiteſten au⸗ ßen und von allen übrigen Schiffen abgeſondert war. In dem vor⸗ derſten Fahrzeug ſaßen außer den ſechs Ruderern, welche in Weiß ge⸗ kleidet waren und blaue Schleifen um den rechten Arm trugen, zwei Geiger, ein Horniſt und ein Clarinetiſt, die aus Leibeskräften die Weiſe ſpielten:„Sieh, der Held, der Sieger kömmt.“ Das Merkwür⸗ 127 digſte darin war aber ein großes, neues, ſeidenes Banuer, welches in dem Buge aufgepflanzt war und über den Ruderern hinflatterte. Im Mittelpunkte dieſer Flagge war auf lichtblauen Grund folgendes Wappen geſtickt:— ein prachtvoller Schild mit drei Feldern, von denen das erſte drei ſilberne Pennys in azurblauem Grunde zeigte; das zweite enthielt drei Thürme, und das dritte, ein ſilbernes, drei Räder— Alles secundum artem eingefaßt. Statt des Helmes war die Büſte der Göttin Fortuna vorhanden, und das in großen Goldbuchſtaben ausgedrückte Motto lautete: VERUM DENARIUM MUOTATUR IN EQUITE vERO. DEN UMWECHSEL FOR EINEN PENNV. Auf den Sternbänken dieſes Bootes ſaß in der vollen Würde ſeiner Stellung der Oberkonſtabel von Portsmouth und Mr. Scri⸗ vener, zwiſchen beiden aber die blonde Tochter des letzteren, die in ihren prächtigen Gewändern wirklich ſehr ſchön ausſah. Mr. Seri⸗ veners Begeiſterung war wunderbar, denn er ſchien leibhaftige Kü⸗ gelchen glänzenden Lebens zu ſchwitzen. Er ließ ſeine Hurrahs er⸗ ſchallen, bis er völlig außer Athem kam. und wie er nicht mehr ſchreien konnte, legte er ſein Entzücken dadurch zur Schau, daß er mit der einen Hand ſeinen Hut und mit der andern eine dicke Pergamentrolle ſchwenkte. Das nächſte Boot in der Proceſſion konnte ſich weder einer Muſikbande, noch einer Dame rühmen. Es wurde gleichfalls von ſechs Männern gerudert, welche eben in der Weiſe kräftiger, nüchter⸗ ner Männer arbeiteten, da es ihnen augenſcheinlich an der weinſeli⸗ gen Aufregung fehlte, welche die Mannſchaft des erſten Galleys be⸗ geiſterte. In dem Sterne des Fahrzeugs befand ſich, mit Ausnahme des Beiſchiffsführers, nur eine einzige Perſon in einfacher Kleidung — augenſcheinlich ein Advokat, der ſich von den meiſten ſeiner Stan⸗ desgenoſſen nur durch das eigenthümlich ruhige und verſtändige An⸗ geſicht unterſchied. Sein Benehmen bildete eine auffallenden Gegenſatz gegen das des Mr. Scrivener. Er war augenſcheinlich in der beſten 128 Laune, aber wir müſſen ſeine Freude eher als ein ruhiges, inneres Glück bezeichnen. Wie geſagt, war er gleichfalls ein Rechtsgelehrter, aber die rarn avis ſeines Berufs, welche wir bereits unter dem Namen Joſuah Singleheart kennen gelernt haben. 1 Das dritte Fahrzeug war ein ſchwarzes Gig, augenſcheinlich zu einer modiſchen Yacht gehörig, und hatte eine ſtarke Bemannung, ſo daß es, wenn es alle ſeine Thätigkeit in Anwendung gebracht hätte, ſeine beiden Vorgänger leicht hätte ausſtechen können. Der einzeine Gentleman, welcher darin ſaß und mit Rudertauen ſteuerte, ſchien mehr die Bewegungen der beiden andern Fahrzeuge beobachten, als denſelben vorfahren zu wollen, denn man ſah wohl, daß es ihm nicht darum zu thun war, zuerſt die Old Glory zu er⸗ reichen— denn letztere war augenſcheinlich die Beſtimmung dieſer gemiſchten Flotte von Booten. Das Gig führte die Perſon und, wir dürfen wohl auch ſagen, das Glück des Sir Edward Fortintower. Mr. Scriveners Boot war kaum mit ſeiner klingenden Muſik und unter Schreien und Kreiſchen— denn Miß Scrivener hatte es für paſſend gefunden, ein Bischen hyſteriſch zu werden— in Ruf⸗ weite der Glory gekommen, als die Schildwachen auf den Bugen und auf der Laufplanke mit Feuergeben drohten, wenn Mr. Scrivener darauf beſtehe, an das Schiff heranzukommen. Dieſer ließ ſich jedoch nicht abſchrecken. „Zurück! zurück!“ brüllten die Schildwachen. „Seht Ihr nicht, daß das Strafſignal flattert?“ rief der Quar⸗ tiermeiſter. „Gebt auf die unverſchämten Schurlen Feuer!“ brüllte Kapitän Firebraß mit einem Fluche, indem er mit den Kriegsartikeln in der Hand nach der Laufplanke eilte. „Kehrt um— oh— oh!“ kreiſchte Miß Serivener. „Ti tarah— ti tarah!“ machte die Muſikbande mit mehr als gewöhnlichem Nachdrucke fort. „Sir John Truepenny!“ ſchrieen der Rechtsgelehrte und die 129 Bootsleute, während letztere ihre Ruder auflegten und ihre Hüte ſchwenkten. „Bei allen Teufeln!“ brüllte Kapitän Firebraß;„wenn ihr noch um einen Fuß näher kommt, laſſe ich Euch mit kalten Kugeln ver⸗ ſenken!“ „Das ſilberne Ruder! Das ſilberne Ruder!“ rief der Ober⸗ konſtabel von Portsmouth, indem er aufſtand und ſich, ſo gut es gehen wollte, mit ſeiner linken Hand feſthielt, während er zugleich das Symbol ſeiner bürgerlichen Gewalt in die Höhe hielt. „Verdoppelt die Schildwachen— ſetzt Leute mit kalten Kugeln in die Puttingen und auf die Laufplanken! Das erſte Boot, das die Seiten der Old Glory berührt, geht unter, und keiner Mutter Sohn unter Euch ſoll aufgeleſen werden— mögt ihr Alle zur Hölle fah⸗ ren!“ rief Firebraß. „Sir John Truepenny für immer!“ lautete die Antwort. Den Befehlen des Kapitän der Glory wurde pünktliche Folge geleiſtet; aber weder er noch ſeine Offiziere konnten dieſen Tumult begreifen, obſchon ſie ſich vorſtellten, es handle ſich um ein Kom⸗ plott, das Miß Snowdrop angszettelt habe, um zu verhindern, daß der Mann, in welchen ſie vernarrt war, nicht gepeitſcht werde. In den Rufen aus dem Boote wurde das„Sir“ nicht deutlich, ſo daß das Ganze nur wie ein einfaches„John Truepenny“ klang. Dies trug nur dazu bei, die Vorbereitungen zum Beginn der Exe⸗ kution zu beſchleunigen. Miittlerweile hatten ſich ſämmtliche Uſerboote um das Schiff ge⸗ drängt und boten einen merkwürdig bunten Anblick. Namentlich zeichnete ſich darunter das große, kräftig gebaute Marketenderfahr⸗ zeug der Mrs. Snowmdrop aus. Mrs. Snowdrop hatte ihren Namen nicht von einem ihrer fünfzehn Männer, von denen jedoch keiner ihr angetraut geweſen, ſondern von dem Publikum im Allgemeinen er⸗ halten; denn ihre Nachbarn und Kunden, die luſigen Theere der Marryat's W. XX. Jack am Lande. 9 Flotte begannen es nachgerade müde zu werden, ihr jedes Jahr, wenn ſie allemal unter dem Schutze eines friſchen Mannes erſchien, einen neuen Namen zu geben und nannten ſie deshalb, um ſich wei⸗ tere Mühe zu erſparen, Mrs. Snowdrop— das Wort„Snow“*) als Anſpielung auf ihren ſehr dunkeln und ſchwärzlichen Teint, das Wort Drop*) in Beziehung auf ihre unenelns Beleibtheit. Die gute Frau hatte ſich ſeit der letzten achtzehn Monate in einem Zu⸗ ſtand luſtiger Wittwenſchaft befunden. Es gibt einige ziemlich artige Schilderungen von Cleopatras Barke und ebenſo etwelche von Cleopatra ſelbſt. Wir maßen uns nun frei⸗ lich nicht an, Mrs. Snowdrop mit jener Königin Aegyptens zu ver⸗ gleichen, obſchon wir muthmaßen, daß im Punkte des Teints eine lieb⸗ liche Aehnlichkeit ſtattgefunden haben mußte; wenn wir aber auf die Barken dieſer beiden Schönheiten zu ſprechen kommen, ſo ſind wir keines⸗ wegs bereit, dem ägyptiſchen Luxus ſo leicht den Vorzug einzuräumen. Durch Mittel, welche allein dem Gelde zu Gebot ſtehen, war es Mrs. Snowdrop gelungen, das Truepenny⸗Banner auf ihrem Boote ebenſo groß anfertigen zu laſſen, als das, welches über dem Galley des Rechtsgelehrten Serivener flatterte. Aber ſie hatte ih⸗ rer gar zwei, ein großes in dem Bug und ein kleines, das an⸗ muthig über den Stern niederhing. Auch die Anzahl ihrer Muſt⸗ kanten war doppelt ſo groß, und letztere beſtanden aus den lauteſten Krakeelern, die nur aufgefunden werden konnten. Doch das Boot ſelbſt war das Glorreichſte vom Ganzen. In der Entfernung nahm es ſich wie eine ſchwimmende Roſenlaube aus, die über und über mit Flaggen und Bändern verziert war; denn erſtlich war es bis auf eine beträchtliche Hohe mit grünen Zweigen überwölbt worden— natürlich mit Ausnahme eines kleinen Raumes in dem Sternſchooten, wo ſich die erhabene Gewichtigkeit von Mrs. Snowdrops Perſon allein und in ihrer vollen Glorie zur Schau *) Schnee.**) Tröpflein. — 14 131 ſtellte. Ueber die grünen Laubbogen breiteten ſich alle Blumen, die der junge Sommer und das milde Klima von Hampfhire her⸗ vorbringen konnte. In der Ueberfülle ihres Geſchmacks hatte ſich jedoch Mrs. Snowdrop mit den natürlichen Schönheiten der Fel⸗ der und Gärten nicht begnügt, ſondern auch noch die Bandkrämer reichlich in Nahrung geſetzt, indem ſie allenthalben große Schleifen von blauen und weißen Bändern anbrachte, zwiſchen welchen die bunteren frei in den Wind hinausflatterten. Kleine ſeidene Banner fielen über die Seiten nieder, und um das Großartige der Wirkung zu erhoͤhen, waren in Mitte dieſer Herrlichkeit mehrere Zweige mit wirklichen Kirſchen, roth und weiß, angebracht. Der Muſiker⸗ trupp war unter der Band⸗ und Roſenlaube völlig verborgen und die Ruder ſtachen zwiſchen dem Blätterwerk hervor, das Boot luſtig weiter rudernd, ohne daß irgend eine menſchliche Thätigkeit ſicht⸗ bar wurde. Rach den zu Wapping gangbaren Ideen konnte es nichts Schöneres geben, als dieſes Boot, wie es unter der rauſchenden Muſik der Cymbeln in der Hand des ſchwarzen Mannes und dem Lärmen der Keſſelpauken majeſtätiſch auf dem Waſſer dahinglitt. Und dann erſt die prächtige Mrs. Snowdrop! Sie glich wahrhaftig nicht einer von den Lilien des Thals, ſondern eher Sa⸗ lomon in aller ſeiner Herrlichkeit. Die Oberfläche ihres Körpers war geräumig, ſehr geräumig, und doch fand ſie die Dame nur allzuknapp für die Entfaltung ihrer Zierrathen. Wir könuen nur ſagen, daß nirgends eine Schleife, ein Kleinod oder ein Stück Flitter fehlte, wo etwas dergleichen anzubringen war, und doch— ſo maßlos iſt die menſchliche Eitelkeit, war Mrs. Snowdrop nicht zufrieden. Da ſich in der ſtolzen Laube, mit welcher ſie ihr Boot bedeckt hatte, ein großer Theil der lieblichen Briſe, welche über die ſonn⸗ erhellte See hinhüpfte, verſieng, ſo war ihr Fahrzeug eines der letzten in dem Zuge, was von Rechtswegen eigentlich nicht hätte ſeyn ſollen. Endlich war es jedoch den anderen nachgekommen, * 13²2 und ſeine lärmende Muſik, die ſich an den Seiten der Old Glory — brach, tönte mit Macht über das Waſſer hin. Aber am Bord des Kriegsſchiffes herrſchte, obſchon eine ſolche Menge ven Leuten darin zuſammengepackt war, eine Todtenſtille. In Folge der unwillkürlichen Achtung, welche dem Glanze ge⸗ zollt wird, machte man augenblicklich Mrs. Snowdrop Platz, und ſie näherte ſich durch das Gedränge von Booten keck der Eingangs⸗ pforte zu der Old Glory, als ihr mit einemmale durch den Ruf: „Zurück!“ und durch die Schauſtellung einer Menge kalter Kugeln Halt geboten wurde. Sie ſtandi auf, ſchwenkte ihr Schnupftuch und rief: „Sir John Truepenny für immer! Den Umwechſel für einen Penny!“ Der Ruf wurde von der ſchwimmenden Menge mit Begeiſte⸗ rung aufgenommen und„Sir John Truepenny fuͤr immer! Den Umwechſel für einen Penny! hallte es längs der ganzen erſtaunten Flotte in demſelben Augenblicke hin, als der gedachte Sir John gepeitſcht werden ſollte. Wir dürfen übrigens Sir Edward Fortintower in ſeinem ſchnell⸗ rudernden Gig nicht aus dem Geſicht verlieren. Er hielt eine kurze Beſprechung mit Mr. Singleheart, erſah dann ſeine Gelegenheit, glitt ruhig unter die Buge das Dreideckers und erfuhr bald gegen das Geſchenk einer halben Guinee von einem Manne, der melan⸗ choliſch im Schnabel die Schwapper ausrang, den wahren Stand der Dinge an Bord. Kaum hatte er dies vernommen, als er ſein Gig mitten in das Geſchwader von Booten fahren ließ, mit voller Stimme Stillſchweigen gebot und folgendermaßen zu ſprechen be⸗ gann: „Männer, Bruder und Engländer! Man will in dieſem Augen⸗ blicke Sir John Truepenny peitſchen laſſen! Dies iſt ebenſo un⸗ geſetzlich als grauſam; er gehört nicht mehr zur Flotte und ſteht nicht länger unter den Kriegsgeſetzen, denn er iſt von den Lords — 133 der Admiralität aus dem Dienſt entlaſſen worden. Sein Abſchied iſt in den Händen des Oberkonſtabels mit dem ſilbernen Ruder— hier iſt eine Abſchrift davon. Erhebt Eure Stimme und legt lauten Widerſpruch ein!“ Nun folgte ein furchtbares Gezeter, untermengt mit lauten Flüchen. Eine bange Spannung lagerte ſich über die ganze Flo⸗ tille. Mrs. Snowdrop verſprach, ihre Anfälle zu kriegen— Mr. Scrivener drohte mit unzähligen Klagſchriften— Miß Serivener war wirklich ohnmächtig geworden— und der ehrliche Rechtsge⸗ lehrte Mr. Singleheart ſprach ſehr laut und ſehr gelehrt von Habeas corpus und perſönlichen Rechten. Aber alles dies nützte nichts— die Boote durften nicht herankommen.. Vierzehntes Kapitel. Der Schiffer iſt auf dem ſchönſten Wege, ſeinen Spaß verdorben zu ſehen. — Meuterei in den Uferbooten und eine Annäherung daran an Bord.— Die Old Glory wird geentert und genommen.— Der Umwechſel für einen Penny iſt endlich erzielt.— Ein Erbauungsverſuch.— Der Mann des Geſetzes trägt den Sieg davon über den Mann des Krieges— und viele Feindſeligkeiten enden mit einem freundlichen Geſpräch. Während dieſer Vorgänge fand an Bord der Glory eine auf⸗ fallende Scene Statt. Kapitän Firebraß, der vor Wuth ganz leichen⸗ blaß war, vermochte in ſeiner Leidenſchaft kaum einen verſtändlichen Ton hervorzubringen, während ſeine Offiziere in ihrem Innern theil⸗ weiſe ſeine Partei ergriffen, da ſie in dem vermeintlichen Verſuche des Pöbels, dem Fortgange des Dienſts einen Abtrag zu thun, eine Beſchimpfung ihres Standes und eine Mißachtung ihrer Würde ſahen. Man glaubte allgemein, Suſanna Snowdrop habe ihre Mutter be⸗ wogen, zu Jacks Gunſten dieſe Seeémeute⸗ anzuzetteln. Die Matro⸗ ſen verharrten in ängſtlichem Schweigen, obſchon in manchem Herzen meuteriſche Gedanken Wurzel faßten. Endlich hatte ſich Kapitän Firebraß ſoweit geſammelt, daß er die* Kriegsartikel gegen die Trunkenheit anfangen konnte; aber jeder Satz wurde durch den brüllenden Chor unterbrochen:„Sir John True⸗ penny für immer! Den Auswechſel ſür einen Penny!“ Sobald dieſe kurze Ceremonie vorüber war, brüllte Kapitän Firebraß: „Entkleidet Euch!“ „Sir John Truepenny für immer! Den Umwechſel für einen Penny!“ ſchallte es von den Booten. Der Profoß, ein verſchmitzter Alter, wußte es unter dem Vor⸗ wande, als wolle er ſeinem Gefangenen Beiſtand leiſten, einzuleiten, 3 daß er ihm unbemerkt in's Ohr flüſtern konnte,„er ſolle ſich mög⸗ lichſt lange wehren.“ Jack, der von alledem, was außen vorging, nichts verſtand, be⸗ ſchloß, dieſem Rath Folge zu geben. Er knitterte an ſeinem ſeidenen Halstuch und zog es zu einem unauflösbaren Knoten zuſammen. „Entkleidet Euch, Ihr meuteriſcher Schurke— entkleidet Euch!“ rief der Kapitän. „Sir John Truepenny für immer! Den Umwechſel für einen Penny! Oh, ho! Pfui der Schande! Zur Hölle mit dem alten Firebraß— ſchlagt ihn todt! Sir John Truepenny für immer! Mordio! Den Umwechſel für einen Penny!“ „Bei Gott, ich laſſe auf die Boote Feuer geben!” rief der Kapitän. „Bedenkt doch— die Frauensperſonen, Sir,“ verſetzte der erſte Lieutenant achtungsvoll, aber mit Feſtigkeit. Unter den dichten Haufen der Matroſen 84 dem großen Decke 135⁵ zeigte ſich eine gefährliche, unruhige Bewegung, obgleich kein Wort geſprochen wurde. 8 „Verſchiebt lieber die Züchtigung, Sir,“ ſagte der Kapitän der Mariner mit einer Amtsmiene, indem er den Hut abnahm. „Noch ein derartiges Wort, und Ihr ſeyd Arreſtant. Entkleidet Euch, Schurke entkleidet Euch!“ „Ich kann mein Halstuch nicht herunterbringen. Poll hat es in einen Liebesknoten geſchürzt,“ verſetzte Truepenny mit unbekümmer⸗ ter Nachläſſigkeit. „Recht ſo, Jack!“ riefen deutlich mehrere Stimmen unter den Matroſen, und Alle lächelten grimmig Beifall. „Profoß, nehmt dem Gefangenen das Halstuch ab!“ Der Profoß war ebenſo unglücklich; aber Kapitän Firebraß drohte ihm mit Verluſt ſeines Amtes und befahl ihm, dem Gefangenen die Halsbinde über dem Kopfe wegzuziehen. Jacks Kopf war jedoch un⸗ erklärlich groß geworden, oder das ſeidene Tuch gar zu eng um ſei⸗ nen Hals geſchlungen. „So nehmt ein Meſſer und ſchneidet es dem Halunken vom Halſe!“ rief der Kapitän. Dies geſchah, und nun hinderte Jack nichts mehr, ſein Hemde zurückzuſchlagen, was er ſehr bedächtig that, während von den Boo⸗ ten unabläſſig der Ruf herüberſchallte:„Sir John Truepenny für immer! Den Umyechſel für einen Penny!“ Die Bande wurden nun herbeigebracht, und endlich war, mit voll ausgeſtreckten Armen, Jacks ſchöner, breiter, blendend weißer Rücken der öffentlichen Beſichtigung blosgeſtellt. Seine Muskulatur war ſo ſym⸗ metriſch und klaſſiſch gebildet, daß der Anblick einem Bildhauer Ent⸗ zucken eingeflößt haben würde. Die ſchmähliche Züchtigung ſchien unvermeidlich. Kapitän Firebraß war unmännlich genug, in ſeinem Geſicht eine wilde Freude blicken zu laſſen. Indeß war der Fehler— das Verbrechen kein Impuls ſeines Herzens, ſondern nur ſeiner Lei⸗ denſchaftlichkeit, obſchon der Menſch hierin keinen Unterſchied machen 136 kann oder will, wenn das Uebel, das für ein Mitgeſchöpf dadurch erzielt wird, daſſelbe iſt;— indeß hoffen wir, daß Gott hierin an⸗ ders richten wird— hoffen es um der Tauſende willen, welche ihre Brüder unter dem Einfluſſe eines jähzornigen Temperamentes gequält haben. „Bootsmannsmate, thut Eure Pflicht!“ ſagte Firebraß mit ruhiger Stimme. Der genannte Unteroffizier trat aus der Gruppe hervor, zog bedächtig die neunknotigen Schwänze der Katze durch ſeine derben Finger, damit jede Fiber des Skorpions ihren gebührenden Dienſt thue, und ſchwang das Folterinſtrument um ſeinen Kopf. Aber noch ehe er es auf den Nacken des Gefangenen niederfallen laſſen konnte, legte ſich ein auffallend liebenswürdiges Hinderniß dazwiſchen und der Mann hielt mitten in der Luft ſeine Hand an. Ein Schrei, ein leichtes Gewühl unter der Menge— und Suſanne war an Jacks Schulter geſprungen, deſſen Nacken mit ihren Armen umſchlingend⸗ und daran mit wilder Gewalt ſich feſt⸗ haltend. Sie ſprach nicht— ſie war bleich wie der Tod— und ſchien ſogar dem Tode nahe zu ſeyn. „Hölle und Teufel!“ brüllte Kapitän Firebraß. „Sir John Truepenny für immer! Pfui der Schande! Mordio! Den Umwechſel für einen Penny!“ erſcholl es mit er⸗ neuertem Nachdruck von den Booten her. Der Ruf„Pfui der Schande!“ begann nun auch unter den Matroſen hörbar zu werden. Die Kriſis war gefährlich, denn die Matroſen konnten ſich durch ihr Mitgefuͤhl zu einem Akt der Meute⸗ rei hinreißen laſſen, die, wenn ſie auch unterdrückt wurde, um des edelmüthigen Beweggrundes willen keine harte Strafe finden konnte. Bereits drangen die Männer roh an den Kreis der Hochbootsmaten und Unteroffiziere heran, indem ſie zugleich ausriefen: „Pardon, Kapitän Firebraß! Pardon!“ Der arme Jack ſelbſt fühlte ſich im höchſten Grade ergriffen . 137 und begann wie ein Kind zu weinen. Mehrere tüchtige Männer ſagten:„Nein, das kann ich nicht aushalten,“— verhängnißvolle Worte, wenn ſie aus dem Munde ruhiger und erprobter Seeleute kommen. Aber Kapitän Firebraß war nicht der Mann, der ſich dadurch erſchüttern ließ. Seine Maaßregeln waren entſchieden. Er ließ eine ſtarke Abtheilung von Marinern auf dem Hauptdeck aufziehen und befahl ihnen, mit Gewalt die Matroſen zurückzudrängen, welche allzu ſehr nach dem Raum vorgedrungen waren, der für die Züch⸗ tigung beſtimmt war. Sobald dies geſchehen, bildete ſich ein Kreis von Seeſoldaten um Jack und Suſanne, und nun erhielten zwei der Schiffskorporale Befehl, das Mädchen loszureißen. Sie waren es nicht im Stande. Der Wundarzt und einer ſeiner Gehülfen lei⸗ ſteten ihnen zwar Beiſtand, aber ohne beſſeres Reſultat. Das ganze Verfahren war unmännlich, aber die ſtrenge Pflicht ſchien ge⸗ bieteriſch zu fordern, daß es fortgeſetzt werde. Der Wundarzt erklärte, er fürchte, das Mädchen werde in Krämpfe fallen, und empfahl deshalb einen Aufſchub der Strafe. Kapitän Firebraß erwiederte jedoch, er ſolle der jungen Metze Ader laſſen, wo ſie ſey, und er ſtehe dafür, man werde ſie wegbringen. Dieſe Rede entrüſtete ſogar die ſtarrſten Verfechter der Manns⸗ zucht, und da ſich Niemand Mühe gab, ſeinen Abſcheu zu verhehlen, ſo wurde der Kapitän nur noch wüthender. Suſanne ſelbſt erhöhete nun die Schwierigkeit. Sie war bisher vollkommen ſtill geweſen, fing aber nun auf einmal an, wie eine Wahnfſinnige zu ſchreien. Oh, und dieſes Geſchrei— wie laut, wie herzzerreißend! Wer konnte es mit anhören und nicht zornig in dem Wunſche erglühen, der Leidenden Beiſtand zu bringen? Seine Wirkung war elektriſch. Die Mutter hörte den Schmer⸗ zensruf ihres Kindes und erkannte ihn. Auch die Leute im Boote vernahmen das Geſchrei, ſchauderten anfangs und ſagten ſodann: „ſie peitſchen ein Frauenzimmer!“ Dann aber ſchauderten ſie nicht mehr, ſondern Alle ruderten vorwärts, ohne ſich vor der Schild⸗ wache oder den kalten eiſernen Kugeln zu fürchten. Zwar wurden einige Musketen abgefeuert und einige Kugeln in die See ge⸗ worfen; es folgte jedoch keine Beſchädigung, denn die Herzen derjenigen, welche innen waren, fühlten mit denen außen. Die tapfere Old Glory wurde wirklich geentert und genommen durch Uferboote, Fähren und Bumboote, welche, wenn wir uns dieſes Ausdrucks bedienen dürfen, von Weibern, Knaben, Geigern und Rechtsgelehrten bemannt waren. Die erſte Perſon übrigens, welche das Halbdeck erreichte, war der Kontreadmiral Lord Gambroon, welchen bei dieſer Kriſis Sir Edward an Bord ſeines eigenen Gigs herbeigebracht hatte. Zunächſt kamen Miß Scrivener und der Oberkonſtabel mit ſeinem ſilbernen Ruder, worauf Mrs. Snowdrop und der lange Zug ſtannender Zuſchauer nachfolgte. Lord Gambroon, welcher durch Sir Edward Fortintower von allen Einzelnheiten unterrichtet war, ließ augenblicklich John True⸗ penny losbinden, indem er erklärte, daß er alle Verantwortlichkeit dieſes Schrittes auf ſich nehme. Mrs. Snowdrop wußte nicht, was ſie zuerſt thun ſollte, ob auf Kapitän Firebraß losfliegen und ihm die Augen ausreißen, oder ihrer Tochter zu Hülfe eilen, welche ohn⸗ mächtig geworden war und ſich unter der Pflege des Wundarztes befand. Indeß gewann doch die Zärtlichkeit der Mutter die Ober⸗ hand über die Wuth des Weibes, und ſie richtete alle Sorgfalt auf Suſanna's Wiederbelebung.— Inzwiſchen redete Lord Gambroon die Eindringlinge in's Schiff mit einigen freundlichen Worten an und befahl ihnen, ſich wieder zu entfernen, indem er nur die beiden Rechtsgelehrten, Miß Scri⸗ vener, welche ihren Vater nicht verlaſſen wollte, den Konſtabel, Sir Edward und Mrs. Snowdrop ausnahm. Nachdem in dieſer Weiſe die gewöhnliche Ordnung des Kriegsſchiffs wieder hergeſtellt war, erklärte er gegen Kapitän Firebraß, der zornig auf dem Halb⸗ — 139 decke hin⸗ und herging, daß er ihm bereitwillig Aufklärung geben wolle, dagegen aber auch begierig ſey, zu hören, wie er ſelbſt dieſe ſeltſamen Vorgänge zu erklären habe. „Erklärung, mein Lord? Ich habe keine Erklärungen zu geben. Der gerade Kurs der Dienſtpflicht liegt einfach vor mir. Ihr habt mir das Kommando dieſes Schiffes aus den Händen geriſſen, und ich betrachte mich als einen Gefangenen, damit ein Kriegsgericht über mein Benehmen urtheile. Ich erlaube mir daher, meinen Degen Eurer Herrlichkeit Händen zu überantworten.“ „Uebereilt Euch nicht, guter Kapitän Firebraß ſo haſtig; denn was ſagt der weiſe Mann der heiligen Schrift? Wehe euch, die ihr zu wenig darauf achtet, was hier gefunden werden dürfte, euch noch koſtbarer als Silber, Gold oder aller welt⸗ liche Reichthum. Uebereilt Euch nicht.“ „Wie könnt Ihr von Uebereilung ſprechen? Im Namen alles Ehrenhaften, was habe ich gethan, um dieſe beſchimpfende Ein⸗ mengung zu verdienen? Ein Matroſe betrinkt ſich gegen die Manns⸗ zucht der Flotte und im geraden Widerſpruche mit einem Kriegs⸗ artikel, und ich will ihn züchtigen laſſen, um ein Laſter zu unter⸗ drücken, das nur zu ſehr im Dienſte überhand nimmt; aber nun erhebt der Gefangene vermittelſt ſeiner Bekanntſchaften am Ufer eine Art von Rebellion auf dem Ocean, um dem Arme der Ge⸗ rechtigkeit Einhalt zu thun. Muß ich mir,— oder darf ſich über⸗ haupt ein Offizier, der ſeine Beſtallung verdient, gefallen laſſen, daß ſeiner dienſtlichen Verpflichtung durch eine derartige meuteriſche Oſtentation, wie Ihr ſie eben mitangeſehen habt, gehemmt werde?“ „Gewiß nicht, Kapitän Firebraß; Ihr ſeyd in Eurem Rechte und habt auch, ſoweit Ihr unterrichtet wart, vollkommen recht ge⸗ handelt. Indeß glaube ich doch, daß Ihr den Abzeichen der bürger⸗ lichen Gewalt in dieſen Königreichen ein wenig Achtung hättet zollen ſollen. Wenn Ihr dies im gegenwärtigen Falle gethan hättet, ſo würde dieſer ganze unangenehme Auftritt vermieden worden ſeyn.“ 140 „Das ſilberne Ruder!“ ließ ſich der Oberkonſtabel vorlaut ver⸗ nehmen. „Möge es verdammt ſeyn— und Alle, die damit rudern!“ rief der erbitterte Kapitän, welcher ſich dann wieder an den Kontre⸗ admiral wandte und alſo fortfuhr:„Ich hoffe, Mylord, es iſt kein Dienſtvergehen, über einen Kerl zu fluchen, der in dieſer unberufenen Weiſe ſein Ruder einſchiebt.“ „Ihr ſollt gar nicht fluchen!“ verſetzte Seine Herrlichkeit feierlich. „Gut, mein Lord— Euch zu Gefallen will ich's unterlaſſen, obſchon ich Zeuge von Dingen ſeyn muß, welche Simon den Klei⸗ neren zum Fluchen bringen könnten! Dieſer Kerl, mein Lord, ſpricht von ſeinem ſilbernen Ruder; aber Eure Herrlichkeit können bemer⸗ ken, wie noch immer das Signal flattert, welches verkündet, daß an Bord dieſes Schiffes eine Züchtigung vorgeht.“ „Wohl,“ verſetzte Seine Herrlichkeit;„aber ich bitte, laßt die Flagge augenblicklich herunternehmen.“ „Mit Eurer Herrlichkeit Erlaubniß will ich ſie lieber flattern laſſen— wenigſtens ſo lange, als mir Eure Herrlichkeit die Ehre erweist, an Bord zu bleiben. Ich habe immer geglaubt, daß das Signal heilig gehalten werden müſſe.“ „Ich mache Euch keinen Vorwurf, Kapitän Firebraß, aber übereilt Euch nicht. Es würde eine koſtſpielige Sache für Euch geworden ſeyn, wenn Ihr dieſen Mann hättet peitſchen laſſen. Es ſind nun ſchon drei Tage, ſeit er der Verantwortlichkeit gegen das Kriegsgeſetz entnommen iſt— hier iſt das Original des Abſchiedes, der ihm von der Admiralität ausgefertigt wurde.“ Kapitän Firebraß las das Dokument und brach in ein ſchallen⸗ des Gelächter aus, als er zu den Worten kam:„Sir John True⸗ penny, Baronet, von Fortintower⸗Hall, jetzt in Eurem Schiffe un⸗ ter dem Namen John Truepenny dienend.“ 141 „Ihr wagt es doch nicht, dem Befehle Gehorſam zu verſagen?“ ſagte Seine Herrlichkeit. „Nein, nein, Mylord— aber ich wollte, ich hätte ihn zuvor peitſchen laſſen.“ „Das iſt ein häßlicher— ein unwürdiger Wunſch!“ verſetzte Lord Gambroon vorwurfsvoll. „Ich kann mir nicht helfen, mein Lord. Oh, es waͤre herrlich geweſen, einen Sir John peitſchen zu laſſen! Wollte Gott, ich hätte es durchführen können!“ fügte er mit einem tiefen Seußzer bei. „Oh, und auch ich hätte mich herzlich darüber gefreut,“ ſagte Mr. Scrivener.„Wie wollte ich Euch zu Leibe gegangen ſeyn— ja, wahrhaftig. Welch' ein glorreicher Klageproceß! Entſchädigung zehntauſend Pfund! Koſten fünfhundert! Ihr appellirt— wegen übermäßiger Entſchädigungsforderung— beſchwert Euch über den Richter, welcher die Jury irre geführt— die Appellation wird an⸗ genommen gegen Bezahlung der Koſten— gut— wohlgemerkt, ge⸗ gen Bezahlung der Koſten! Proceß weiter geführt— daſſelbe Verdikt— Ihr gerathet in Leidenſchaft, ſchimpft mich einen be⸗ trüglichen Advokaten et cetera und ſo ſort. Abermalige Klage— weitere Entſchädigung— noch mehr Koſten— Ja, wahrhaftig, ich wünſchte, Ihr hättet Sir John peitſchen laſſen. Iſt es jetzt zu ſpät?“ „Wer zum Teufel ſeyd Ihr, Ihr langgeſichtige Vogelſcheuche?“ rief Firebraß, der ſich nun wie ein verwundeter Tiger gegen Mr. Serivener wandte. „Nur fortgemacht, Kapitän Firebraß— nur fortgemacht. Die Worte ſind bis jetzt noch nicht klagbar, werden es aber bald wer⸗ den. Oh, ich bitte— habt die Güte, fortzufahren, mein ſanfter Kapitän Firebraß.“ „Wer iſt dieſer Schurke?“ „Sehr gut; Gentlemen, Ihr ſeyd meine Zeugen. Er hat mich einen Schurken genannt. Kapitän Firebraß, ich will Euch ſagen, wer ich bin. Ich bin Simon Serivener, Gentleman, einer von den Attorneys, welche für alle Gerichtshöfe Seiner Majeſtät certificirt ſind, videlicet—“ „Himmel und Hölle! Ihr betrügeriſcher, ſpibitbiſcher, blut⸗ ſangeuder Vampyr— Ihr jauneriſcher Vagabund—“ Nur fortgemacht, guter Kapitän Firebraß, das iſt ſehr ange⸗ nelmn, kann ich Euch verſichern,“ entgegnete Mr. Secrivener, welcher jedes Wort aufßzeichnete, das von dem leidenſchaftlichen Schiffer ausgeſtoßen wurde.„Gentlemen, Ihr Alle werdet mit sub poenas 3 geladen werden— ich gebe Euch mein Advokatenwort darauf.“ Ddie Gentlemen zogen ſich ſo weit wie möglich von Mr. Scri⸗ vener zurück. „Gebt Euch zufrieden, Kapitän Firebraß,“ ſagte Lord Gam⸗ broon beſchwichtigend. „In dieſer Sache kann ich mich nicht zufrieden geben, Mylord, denn für mich giebt es keinen Frieden, bis dieſer Blutſauger, dieſer Räuber an Wittwen und Waiſen mir aus den Angen iſt. Fort mit Ench! Augenblicklich aus meinem Geſichte! Hinweg, gemeiner Beutelſchneider!“ „Ganz vortrefflich,“ erwiederte Serivener, noch immer ſchrei⸗ bend.„Ich muß Euch bedeuten, Kapitän Firebraß, daß ich hier bin als der officielle Freund und juridiſche Rathgeber des Sir John Truepenny, Baronet. Ich habe amt tliche Autorität für mein Hierſeyn und will nicht gehen, bis mein Klient von allem Zwange befreit iſt. Bis dahin laſſe ich mich nicht abweiſen, Kapitän Fire⸗ braß— und ich gehe nicht, wenn er mich nicht begleitet.“ „Ihr wollt nicht gehen?“ „Gewiß nicht— es ſey denn, daß Gewalt angewendet würde.“ „He, komme ein Paar von Euch her, um dieſem Kerl Hals über Kopf hinunterzuzünden. Werſt ihn in's Boot wie einen Bal⸗ len ſchmutzigen Ballaſts.“ 3 „Laßt Euch was ſao ihr Herren Matroſen, Ihr braucht keine — 143 Gewalt anzuwenden; ſo— legt nur Eure Hand hieher— das wird zureichen. Ich gehe ietzt ſo ruhig wie ein Lamm. Ich habe da eine ſehr ſchöne Morgenarbeit gemacht. Laßt miich ſehen,“ fuhr er fort, indem er an ſeinen Fingern herzählte;„drei, vier, fünf Kla⸗ gen— eine wegen Angriffs von ſehr ſtrafbarer Natur. Außerdem ſollt Ihr, Kapitän Firebraß, Rede ſtehen wegen Verachtung des Gerichtshofs, indem Ihr Euch zwiſchen mich und meinen Klienten eingedrängt habt.“ „Wie, ſoll ich mich auf meinem eigenen Schiffe verhöhnen laſſen? Bei allen Götzen der Iviten— bei dem falſchen Feuer, das den Sadrach, Meſach und Abednego nicht verbrennen wollte—* „Ruhig, guter Kapitän Firebraß, hört mich an und vermeidet die Sünden zorniger Rede, ungeordneter Wuth und unheiligen Fluchens,“ ſagte Lord Gambroon. Der Kapitän ließ ſich endlich zu einem leidenden Inſtand be⸗ ſchwichtigen, und hörte dann die Auseinanderſetzung des Falles an. Sobald Lord Gambroon zu Ende eid uien war, wandte ſich Fire⸗ braß gegen Sir Edward Fortintower um, ergriff ihn ohne Umſtände bei der Hand, drückte ſie in der Weiſe, d daß es nur eine Athleten⸗ geſtalt ohne Schreien auszuhalten vermochte, und redete ihn ſol⸗ gendermaßen an: „Willkommen, dreimal willkommen auf der Old Glory, Sir Edward. Ihr ſeyd der echte Stoff, aus dem britiſche Seeleute ge⸗ macht werden ſollten! Ihr gedenkt alſo, dieſes ganze ungeheure Beſitzthum zu verabfolgen, ohne daß Ihr die Advokaten ihre Schnä⸗ bel dreinſtecken laſſen wollt?— beim Jnpiter, das iſt edel, ſehr edel Aber was wollt Ihr anfangen, mein Schatz— was wollt Ihr anfangen?'s iſt zu ſpät, um noch einen Seemann aus Euch zu machen. O Gott! oh Gott! Und doch, ich weiß nicht— kommt auf mein Schiff und ich will Euch unverweilt als Midſhipman einſchreiben.“ „Danfe Euch— danke Euch von Herzen,“ verſetzte Sir Ed⸗ ward.„Ich habe zwar hinſichtlich meines Berufes noch keine Wahl getroffen, allein mein guter Freund hier“— er wandte ſich dabei an Mr. Singleheart—„iſt mit dem erſten Antrage gekommen. Er iſt ein Attorney— nun, Ihr braucht nicht ſo zurückzufahren— und er hat ſich wohlwollend erboten, mich als immatrikulirten Schreiber bei ſich aufzunehmen.“ allnd Ihr habt ihn natürlich dafür zu Boden geſchlagen?“ „Ganz im Gegentheil; ich finde ſeinen Vorſchlag ſehr be⸗ rückſichtigungswürdig.“ „Na, das geſtehe ich, da wird wohl ganz London das Kreuz machen müſſen!“ entgegnete Firebraß verächtlich. Nach einigem weiteren Geſpräche folgten Sir Edward Fortin⸗ tower und Lord Gambroon der Einladung des Kapitän Firebraß nach der Kajüte. Der Contreadmiral meinte zwar, er möchte die Einladung auch auf die beiden Rechtsgelehrten ausdehnen, da auch Mr. Secrivener noch immer auf dem Halbdecke war; aber der Kapi⸗ tän wollte davon nichts wiſſen und hielt es, nachdem er Seiner Herrlichkeit Vorſtellungen angehört hatte, um ſo mehr für räthlich, den letzteren Attorney ſich ſo weit vom Leibe zu halten wie ein Stachelſchwein. Fünfzehntes Kapitel. Jack wird losgebunden und trifft auf eine ſehr angenehme Begegnung.— Viel Freude mit noch mehr Zubel und einer Erklärung, welche die Dinge noch verwirrter macht.— Jack putzt ſich heraus und gibt Poll einen Wiſcher— tritt ſehr beſcheiden den Gang nach der Kajüte an und ſpielt den großen Mann, ohne es zu wiſſen. Wir müſſen nun zu Jack zurückkehren, der eben losgemacht worden iſt, zum Glücke für ihn unbeſchädigt von der brennenden ———yÿy . i Bord gekommen und, als ſie Qual der knotigen Zungen. los und mit während ihr der Sinn war ganz verwirrt. Leb⸗ zerknüllten Kieider lag Suſanna zu ſeinen Füßen, Wundarzt die eine und die ſchön mit Bändern heraus⸗ ſtaffirte Mrs. Snowdrop die andere Han rieb. Aber obgleich die r in einem ſo kläglichen Zuſtande dalag, ſtrahlte doch das Geſicht der guten Frau heiterer als je, und leuchtete von einer wilden, Ainunheeraden Freude. Hin und wieder ſchaute ſie umher und rief den Unte croffizieren oder Matroſen, welche Zeugen der wun⸗ erſichen Srene waren, zu: „Haltet euch entfernt, ihr Burſche— 5 i int wiſſen, wer ihr ſeyd und was andere Leute ſind!— O Herr Jemine! Den Umwechf einen Penny! Ah, ha— vero demme rare rum!“ da Eugenia Serivener, die mit ihrem Papa an das Halödeck hinunterſteigen wollte, von der Bumbootfrau in den Dien iſt ihrer wiederauflebenden Tochter gepreßt worden war, ſtarrte jetzt in ſtummem Erſtaunen auf Alles hin, was um ſie vorging. Ihr ſchönes, einfaches Geſicht hatte ſich nie zuvor ſb ſchön und einfältig ausgenommen. Wider ihren Willen ſchien ſie an eine Stelle hingezaubert zu ſeyn, und ihre Augen hafteten auf den breiten, nackten, weißen Schultern Jacks, wel⸗ cher in der Haſt und Verwirrung nicht ſogleich ſeine Jacke finden konnte, überhaupt aber anfangs ſich gar nicht zu erinnern ſchien, daß er von dem Gürtel an ſo bloß war, wie die Statue des belve⸗ deriſchen Apolls. Da ſtand nun Elfrida Engenia in entzückter Betäubung, ohne auf die höflichen Erbiet tungen mehrerer! ſhipmen zu achten, welche ſich anheiſchig machten, ſie von einer Scene wegzubegleiten, welche, wenn ſie aus ihrem Anzuge und ihrem be Ausſehen urtheilen durften, für ſie ſehr p Suſanna Snoowdrop hatte fehrenden Lebens zu zeigen, als ihre Mutter ehungsweiſen vornehmen nlich ſeyn mußte. Miß * zi ei auffuhr und Marryat's W. X. Jack am Lande. kaum angefangen, Symptome wieder⸗ 146 John, welcher wo möglich noch betäubter ausſah, als die junge Dame, an der er eine ſo plötzliche Eroberung gemacht hatte, fol⸗ gendermaßen anredete: 4 „Mein Lord Baronneit, ich bitte Euer Gnaden um Verzeihung, aber Euer Gnaden Rücken iſt ſo bloß, wie meine Handfläche. O Jemine— wahrhaftig— darf ich die Beehrung haben, Euer Herr⸗ lichkeik das Hemd anzuziehen? Ihr ſchmutziger Schwapper, wo iſt Mylord Sir John Baronneits Jacke?“ Sie wurde alsbald aus dem Haufen der gaffenden und er⸗ ſtaunten Theere hervorgebracht.. „Nun, mein Lord Baronneit, mit Eurer Herrlichkeit Erlaubniß — den Umwechſel für einen Penny!“ Und ihren Worten das Handeln ſolgen laſſend, begann ſie, Jacks Armen in die wollene Weſte zu helfen.„Ich hoffe, Mylord, ich mache Eurer Lordſchaft baronneitlichem Rücken keine Schande, aber wie wir ſagen, verv deme rare rum ſür immer!“ 4 „Schnickſchnack!“ ſagte Jack— und dies waren die erſten Worte, die er ſprach, ſeit er von dem Gitter losgebunden war. „Oh, Euer Gnaden Lordſchaft hat die weißeſte Haut und die weichſte—“ „Sagt das zu den Marinern,“ verſetzte Jack. Aber während Mrs. Snowdrop alſo ihre fetten Hände weit mehr mit Zurechtmachung von Jacks Anzug labte, als abſolut nö⸗ thig war, gab es plötzlich ein Gewühl unter den Matroſen— der dichte Haufen theilte ſich, und mit einem Geſichte, das wie Feuer glühte, brach Poll auf den Schauplatz. Sie ſtemmte die Arme in die Seite, trat vor Mrs. Snowdrop hin, ſpie ihr zuerſt in's Ge⸗ ſicht und ziſchte dann zwiſchen ihren Zähnen hervor:„Du Kuh!“ „Du gemeiner Charakter!“ verſetzte Mrs. Snowdrop, indem ſie mit gleichem Nachdrucke einen Speichelerguß zurückgab. „Madam von vielen Männern,“ ſagte Poll, ſich vor Mrs. Snowdrop bis auf den Boden verneigend,„ſeyd nur ſo gut, Eure —,— — — Pfoten für Euch zu behalten, denn kein Menſch ſoll meines Liebſten Fleiſch berühren, als ich ſelbſt.“ „Sie Allerweltsjungfer,“ entgegnete Mrs. Snowdrop mit einem ähnlichen Knire,„erlaube Sie mir, ein Wörtlein in Ihr Sauohr zu flüſtern. Seiner Lordſchaft Fleiſch iſt kein Braten für eine ſolche gemeine Drulle, wie Sie iſt. Pah! wo iſt meine Riechflaſche?“ „Nimm ſtatt deſſen dies auf Deinen grogblumigen Schmecker,“ rief Polly, indem ſie ihrer Gegnerin einen tüchtigen Schlag auf die Naſe verſetzte. „Verſchlucke Deine falſchen Zähne als Queckſilberpillen,“ rief die Dame mit dem zarten Namen, indem ſie Polls ſehr ſchönem Munde einen wohlgezielten und gut ausgeführten Streich verſetzte. Jack war im Nu zwiſchen den beiden Kämpferinnen. Miß Scrivener begann zu kreiſchen und Suſanna kam plötzlich wieder zur vollen Beſinnung. Der Offizier der Wache trat vor, ſah in die Kuhl hinunter, befahl Stillſchweigen und Räumung des Decks und drohte den beiden ſtreitenden Frauensperſonen, ſie von dem Schiff fortſchaffen zu laſſen, wenn ſie ſich unterfingen, die Ruhe⸗ ſtörung zu erneuern. Dies brachte den Zwiſt für einen Augenblick zum Verſtummen. Miß Scrivener wurde zu ihrem Vater geführt, der noch immer auf dem Halbdecke war, während Jack Truepenny, von Poll und Sue begleitet, nach dem Unterdeck hinabging, um in ſeinem Berth ſeine beſten Kleider. anzulegen. Mrs. Snowdrop wurde zurückgelaſſen, um in ihrer eigenthümlichen Weiſe Jacks Kameraden über deſſen plötzliche Erhebung zu Rang und Vermögen Aufkflärung zu geben, wobei ſie unter andern Mirakeln auch beſon⸗ ders hervorhob, wenn er einmal heirathe, ſo ſey ſie überzeugt, daß ihre Tochter eine„Lady“ würde, obgleich ſie zugeſtand, daß ſie ſelbſt, weil ſie nur Jacks Schwiegermutter ſey, nicht mehr als eine Gräfin werden könne. 3 Die luſtigen Theere der Old Glory wußten ſich alle dieſe wunderbaren Neuigkeiten nicht zuſammenzureimen, obſchon kein Mann ** darunter war, der ſich nicht aus dem Grunde ſeines Herzens lber das gute Glück ſeines Kameraden freute. Dennoch beſaßen ſie viel Takt, ſich John Truepenny, während er an Bord ſeine ba lette machte, nicht aufzudrängen, wie denn auch derſelbe, ſoweit ſie in Sprache kamen, nie ſo ganz allein geblieben war. Sogar ſeine Kameraden behandelten ihn bereits mit einer gewiſſen abgemeſſenen Achtung, welche deutlich ausdrückte:„wir gedenken nicht, von der Vertraulichkeit, welche zwiſchen uns beſtand, Vortheil zu ziehen.“ Während ſich Sir John ankleidete, bot er allem ſeinem Mut⸗ terwitze— und er war darin durchaus nicht verkürzt— auf, um ſich ſeine neue Lage in allen ihren Beziehungen begreiflich zu machen. So viel war ihm wohl klar, daß er plötzlich zu Rang und Ver⸗ mögen gekommen ſeyn mußte, obſchon er durchaus keinen Begriff davon hatte, in welcher Ausdehnung ihm Beides zu Theil geworden; das größte Geheimniß war ihm jedoch, wie er ſich unter ſeinen neuen Verhältniſſen benehmen ſollte. Bis jetzt ſchien ihm Alles nur ein Traum zu ſeyn. Er erinnerte ſich, wie er in ſo zauber⸗ hafter Weiſe bei der Entführung des Figurenkopſes der Glory eine Blöße gegeben, und daß ſein Kapltän auf Indicien hin das für eine Thatſache annahm, was ihm nur ein Traum gedäucht hatte, wes⸗ halb er denn jetzt argwöhnte, daß Alles, was vor ſeinen Augen vorging, in eine ähnliche Kategorie gehören d dürfte. Indeß en er für ſich:„Nehmen wir auch an, daß es nur ein Traum iſt, will ich ihn wenigſtens wie ein verſtändiger Mann beſtens b denrg Möge er lange währen!“ Nachdem er hierüber mit ſich einig geworden, ging er ſchweigend, aber wohlgemuth an ſeine kleine Angelegenheiten. Nicht ſo Polly. Sie war voll Leben, Regſamkeit und Lärm. Bereits hatte ſie Jack geſagt, in welcher Kirche ſie getraut werden wollten, und für dieſen Fall den Wagen beſchrieben, die Gäſte geladen — kurz, wenigſtens für die nächſten zwei Jahre ihre Anſtalten ge⸗ troffen. Dennoch blieb John fortwährend ſtumm. Poll begann nun * ihre hübſche Naſe über ihre alten Freunde zu rümpfen, ihre Verach⸗ tung gegen Salzfleiſch, iriſchen Speck und Schiffszwieback auszu⸗ drücken— ja, ſie erklärte ſogar— zum erſtenmal in ihrem Leben — daß ihr der Geruch des Theers ein Gräuel ſey. Jack fuhr fort, ſich anzukleiden. Sie drehte ſich ſodann um und begann aus drei ſpeziellen Grün⸗ den über den alten Giles Grim zu ſchimpfen— erſtlich, weil er häßlich war, zweitens, weil er ihr nicht genug Grog aufgehoben hatte (denn während dieſer Vorgänge hatte man der Schiffsmannſchaſt zum Eſſen gepfiffen) und drittens, weil er ſie noch nicht„Lady“ genannt hatte. „Halt Dein Maul, Poll!“ Dies waren die erſten Worte, welche Jack ſprach, ſeit er unten angelangt war, und er ließ ſie in einem Tone laut werden, ſo daß ſogar Polly trotz aller ihrer Unerſchrockenheit betroffen daſtand. Aber wo war inzwiſchen Suſanna Snowdrop? Sie ſaß wei⸗ nend allein hinter der Leinwand, welche ſie von dem allgemeinen Berth abſchloß— in dem Heiligthume, welches nie verletzt worden war. Aus ihrem Romanenleſen hatte ſie wenigſtens gelernt, daß ihr heißgeliebter Matroſe John jetzt ebenſoweit über ihr ſtand, als ſie oder ihre Mutter ihn früher unter ſich vermuthet hatten. Sie fühlte die ganze Verlaſſenheit ihrer Lage, denn ſie hatte ihm nichts mehr zu bieten, nichts mehr für ihn zu opfern, als ein thörichtes, roman⸗ tiſches Herz. Nicht einmal einer ſonderlichen perſönlichen Schönheit konnte ſie ſich rühmen, um in ſeinen Augen annehmbar zu werden. Sie hatte früher zärtlich gehofft, mit der Zeit ſeine Neigung zu ge⸗ winnen, ihm ſeine frivolen Liebſchaften abzugewöhnen, ihn zu heira⸗ then und zuletzt ihre Mutter mit der Partie zu verſöhnen. Dann hatten ſie ein mehr als zureichendes Auskommen zu erwarten und konnten den Reſt ihres Lebens ſo glücklich verbringen, als es durch Jacks ehrliches Herz und ihre eigene aufopfernde Liebe nur immer möglich war. Aber nun— welches Opfer ſtand jetzt in der Macht der armen Unglücklichen?— Keines— ſie empfand es mit Bitter⸗ keit— keines. Sie hatte einen höchſt verwegenen, unmädchenhaften Schritt gethan— ſich ſelbſt in den Augen Aller, welche die That⸗ ſachen kannten, zum Gelächter gemacht und die gute Meinung aller Uebrigen verſcherzt, um am Ende mitanſehen zu müſſen, wie der Mann, den ſie mehr als anbetete, durch den Eigennutz oder die Ge⸗ meinheit im Triumphe davon getragen wurde, während er für ſie kein anderes Gefühl beſaß, als ein männliches Mitleid mit einem verrück⸗ ten, thörichten, zärtlichen Mädchen. O wie ſehnte ſich das arme, brechende Herz nach Rang, Reich⸗ thümern und vor Allem nach Schönheit. Der Schmerz ihres Elendes wurde immer wilder, ihr Schluchzen, das anfangs nur gedämpft und unterbrochen geweſen, häufiger und krampfhafter, ihr erſticktes Stöh⸗ nen lauter und lauter, bis endlich auch das empfindliche Ohr von Miß Mary Macanniſter daran Anſtoß nahm. „Komm heraus da, Du ſchnüffelnde, rotznaſige Drulle, und ver⸗ derbe nicht Jacks Glorie durch Dein hölliſches Gewinſel. Her da— willſt Du?“ „Halt Dein Maul, Poll, oder Du kriegſt meine Fauſt darauf!“ ſagte Jack, nun zum zweitenmale ſprechend. Poll borſtete ſich auf und wollte ſehr unverſchämt werden; als ſte aber bemerkte, wie Jack mit wilder Emſigkeit ſeine Jackenärmel zurückſchlug— ein ominöſes Zeichen, deſſen Bedeutung ſie wohl kannte, ſo wandelte ſie ſich augenblicklich von der Siedhitze des Weineſſigs zu kühlem Rahme um. Da war jetzt nichts mehr als Lächeln,„lieber Jack,“„Schätzchen,“ und was dergleichen Zärtlichkeitsausdrücke mehr waren, die von ihren ſchönen Lippen doppelt ſüß flangen. Wir ſehen jetzt Jack aufgetakelt in ſeinem allerbeſten Kriegs⸗ ſchiffmatroſenanzug— reinlich, ſauber und wirklich großartig anzu⸗ ſchauen. Die ekelſte Hofſchönheit würde ihn, mit Ausnahme der gro⸗ ßen, theerichten Hände für fehlerlos erklärt haben. Aber Jack theilte nicht die Freude ſeiner Umgebung; er wurde ſogar melancholiſcher, ₰ wies ſanft Polls Liebkoſungen zurück und ſetzte ſich mit der Miene tiefſter Schwermuth auf die Kanonenlafette nieder. Die Schmerzer⸗ güſſe der hinter dem Schirm verborgenen Suſanna waren noch immer hörbar, obgleich ſie dieſelbe nach Pollys ſanfter Ermahnung gewalt⸗ ſam zu unterdrücken ſuchte. Das Duſter auf Jacks Geſicht vertiefte ſich mehr und mehr und ſeine Unterlippe begann zu beben. Endlich ſchlug er mit der breiten Hand ungeſtümm auf ſein Schienbein und rief in ſeiner eigenthümlichen Phraſeologie: „Will ich doch zwiſchen die Hauptraa und die Langſahlingen geklemmt werden, wenn ich dies aushalten kann. Wahrhaftig, wenn ich nicht ganz flach an den Maſt gebraßt bin, und mein Herz nicht die acht Glockenzüge ſo ſchnell ſchlägt, als ein Advokat zur Hölle fährt, ſo ſoll mir jeder Athemzug meines Körpers mit einer Hand⸗ pumpe herausgeholt werden. Kommt her da, liebe Suſanna— kommt her, mein Schätzchen! Poll, halte jetzt Deine Entfernung und bleibe klar ab— belege Dein Zungentakel. Kommt, ſetzt Euch auf meine Kniee, Suſanne. Kein Wort, Poll— es iſt das erſte⸗ mal, und wenn Du nicht an Dich hältſt, ſo ſoll es auch nicht das letztemal ſeyn— Ihr ſeyd gegen mich ein ſüßes, liebevolles Närrchen geweſen, liebe Suſanna; ſagt mir aber nur, Schätzchen, was der arme Jack für Euch thun kann? Man ſagt, ich ſey reich und was dergleichen Unſinn mehr iſt— vielleicht iſt Alles nur Mondſchein, vielleicht aber auch nicht. Gleichviel übrigens, reich oder arm, Jack wird Eurer ſtets eingedenk ſeyn, Sue, und wenn ich Euch nur glück⸗ licher machen könnte, ſo wäre ich der Mann, dem es an dem Wil⸗ len nicht fehlen wird, mag es hoch oder nieder blaſen. Kommt, laßt mich Eure hübſchen Gucker abſchwappern. Alle Hagel! Iſt da nicht die Luſt von tauſend Gläſern Halbundhalb in jedem Auge, und ich habe es nie zuvor geſehen!“ Suſanna leiſtete anfangs, als ſie John auf ſeine Kniee ziehen wollte, ein wenig Widerſtand, ſchien ſich aber allmählig mit Wonne in dieſe Stellung zu finden, und ihr linker Arm ſchlang ſich inniger um ſeinen männlichen Nacken. Wenn er ſprach, ſo blickte ſie ihm angelegentlich in's Geſicht, während ihre Züge ruhig wurden; ſie nahmen endlich einen Ausdruck himmliſcher Ergebung an, und ein Lächeln, das Jack wie ein elektriſcher Strahl durchzuckte, ſagte ihm, wie ſelig ſich das Mädchen fühlte, ſo von ihm geherzt zu werden. Aber ſie ſprach nicht— ſie konnte nicht ſprechen. „So redet doch, Suſanna— ſprecht, was kann ich für Cuch thun? Wenn Euch Eunre Mutter nicht Mutter ſeyn und Euch nicht in ihr Haus aufnehmen will, ſo will ich Euch ein eigenes kaufen— und Ihr ſollt Dienerſchaft haben, die Euch aufwartet, und ſo viele Bücher zum Leſen, als durch Geld nur erkauft werden können. Ich will damit den Anfang machen, daß ich alle Leihbibliotheken in Portsmouth, Gosport, Portſea und in den Halfway⸗Houſes oben⸗ drein aufkaufe. Nun, was ſagt Ihr?“ „Geld und Narren ſind—“ begann Poll. „He, Vater Grim, wollt Ihr nicht ſo gut ſeyn, dieſe Metze für eine Weile zu knebeln? Bindet ihr dieſen Merlpfriem mit ein Bischen Spinngarn vor ihren hölliſchen Rachen.— So, Suſanna, wenn Ihr einmal das Haus habt und die Schiffslaſt mit Büchern und die Dienſtboten— und wenn Alles recht und dicht iſt, wie eine Königsyacht, ſo könnt Ihr ein Schätzchen kriegen— will des Ku⸗ kuks ſeyn, wenn's nicht wahr iſt— einen beſſeren Kerl, als Jack— das heißt, die Seemanunskunſt ausgenommen, denn da ſtehe ich Kei⸗ nem nach. Und dann, Ihr wißt ja, Suſanna(und Jack wurde eigentlich heiter), werdet Ihr allen dieſen Unſinn vergeſſen und mich auch— ein rohes, ungeſchultes, trunkliebendes, lärmendes, tauge⸗ nichtſiges Gewürm— natürlich ſtets die Seemannskunſt ausgenom⸗ men. Meint Ihr nicht, Suſanna?“ Aber Suſanna klammerte ſich nur um ſo inniger an Jack an und umarmte ihn mit krampfhaſfter Heftigkeit. „Aber warum denn auch ſo, mein Schätzchen? Meint Ihr, ich ſey Euch nicht dankbar, Sue? Könnte ich je vergeſſen, daß das „ 153 liebe, herzige Mädchen mit mir und für mich ſterben wollte? Soll mir der nächſte Beſte die Augen ausreißen, wenn ich's je thue! Könnte ich je das liebe, theure Mädchen vergeſſen, das mich mit ſeinem zarten, ſchmächtigen Leibe deckte, als man mir das Fleiſch aus dem Rücken hauen wollte, was auch ſchmählich ſo gekommen wäre ohne Euch? Mögen mir die Hunde das Herz lebendig aus der Bruſt freſſen, wenn ich's Euch nicht ſtets gedenke. Aber was kann ich für Euch thun, Sue? Verlangt Ihr, daß ich Euch heirathen ſoll? Sprecht, Suſanna, ſprecht!’“ Aber hier wurde Jacks leidenſchaftlicher Wortſtrom durch das Getöſe eines ernſtlichen Kampfes unterbrochen, der zwiſchen Giles Grim und Miß Mary Macanniſter begann, denn letztere Perſon lei⸗ ſtete ſehr undankbaren Widerſtand gegen alle Bemühungen Grims, ihrer Zunge eine kurze, heilſame Ruhe aufzulegen. „Nein, nein, Sue,“ fuhr Jack fort,„daran müßt Ihr nicht denken. Sucht Euch einen beſſeren Burſchen, als ich bin. Außerdem iſt da dieſes Muſter mit der ehernen Zunge zwiſchen ihren Zähnen — ſie erwartet, ich werde ein ehrliches Weib aus ihr machen— und ich habe ihr's auch verſprochen, ehe ich Euch kannte, Sue.“ Poll wurde mit einemmale liebenswürdig und wieder ganz ruhig. „Das Wort eines ordentlichen Matroſen iſt ſo gut, wie Brief und Siegel. Außerdem weiß ich nicht ganz genau, ob nicht alles dies eine Art Narrentheidung iſt; denn am Ende liegt mein ganzes Glück doch nur auf der andern Seite von Niemandsland.“ „Poll iſt Sonnenſchein und hat ihre Kinnladentakel belegt,“ rap⸗ portirte der alte Grim methodiſch. „So laßt los!“ verſetzte Jack— und Polly's Redefähigkeit war wieder hergeſtellt. „Nun, Sue, mein Schätzchen, ich kann mir nicht denken, daß Alles dies wirklich iſt—“ Aber jetzt wurde Jack durch den erſten Beweis von der Wirk⸗ lichkeit ſeiner veränderten Glucksverhäͤltniſſe unterbrochen, denn der 154 Steward des Kapitän Firebraß nahte mit dem Hute in der Hand— wozu er den Hut anders brauchte, als um zu zeigen, daß er ihn in der Hand trug, ließ ſich nicht erklären— machte eine ſehr tiefe Verbeugung und entledigte ſich im Tone der demüthigſten Ach⸗ tung, ohne daß auch nur die mindeſte Spur des Lächelns über ſein Geſicht flog, des Auftrags,„Kapitän Firebraß laſſe Sir John True⸗ penny ſein Kompliment vermelden und wenn Sir John ſeine Tollette beendigt habe, ſo werde er ſich glücklich ſchätzen, den gnädigen Herrn, bevor derſelbe an's Land gehe, in ſeiner Kajüte mit einem Lunch zu bewirthen.“ Jack war völlig verdutzt; er nahm vor dem Steward ſeinen Hut ab, drehte an einer ſeiner krauſen Vorderlocken, kratzte mit dem rechten Fuß hinten aus und brachte dann folgende Antwort hervor:. „Meinen unterthänigen, dienſtbefliſſenen Reſpekt an Kapitän Firebraß und obgleich meine Tutlett*) noch nicht fertig iſt, ſinte⸗ mal wir erſt ein Uhr Nachmittags haben, ſo will ich doch in we⸗ niger Zeit, als Ihr ein Laß⸗ und Anziehtau rund braſſen könnt, die Hinterlucken hinaufſtolpern und Seiner Ehren meine Aufwartung machen. Seht mir nach Sue, Poll und Grim. Das arme Ding — da iſt ſie ſchon wieder weg! Schickt nach dem Doktor und holt ihre Mutter herunter.“ Nachdem er ſo geſprochen, begab er ſich langſamen Schrittes und mit nicht ſehr leichtem Herzen nach der Kapitänskajüte. Der unterwürfige Steward, welcher ihm folgte, erſah dieſe Gelegenheit, ihm einen Brief in die Hand gleiten zu laſſen, in welchem er ſich beſcheidentlich als die paſſendſte Perſon von der Welt empfahl, um in Zukunſt Sir John Truepenny's Hausweſen in der Stadt ſowohl, als auf dem Lande in der Eigenſchaft eines Major domo vorzu⸗ *) Hier ein Wortſpiel, deſſen engliſcher Ausdruck im Deutſchen Zwielicht bedeutet. 4 — ſtehen. Jack ſchob das Papier mit der ächten Gleichgültigkeit eines großen Mannes, welcher Gnaden zu ertheilen hat, in ſeine Taſche und führte deshalb, ohne es zu ahnen, einen der erſten Akte ſeiner Erhebung ganz en regle durch. Sechszehntes Kapitel. Jack geht an's Land.— Viele Erörterungen, welche nur dazu dienen, um zu beweiſen, daß Jack ein guter Kerl iſt.— Die Damen kommen ihm in den Weg.— Eine Wegelagerung, während er ſeinen Weg nach dem Lande macht.— Unterwegs geräth er in kaltes Waſſer, das ihn in's heiße bringt.— Spekulationen eines Rechtsgelehrten. Wie ſich von der ſeltſamen Verkettung der Umſtände wohl er⸗ warten läßt, war das Zuſammentreffen in der Kajüte ſehr auffal⸗ lend. Jack zog ſich ſehr ſcheu und ein wenig verwirrt bei Seite, und ehe er diejenigen, vor welchen er ſo linkiſch ſtand, genau un⸗ terſcheiden konnte, trafen ſeine Augen auf Sir Edward Fortinto⸗ wer, weshalb er augenblicklich auszuſcharren, ſich zu verbeugen und mit gewaltigem Eifer an ſeiner Vorderlocke zu zerren begann. „Sir John Truepenny,“ begann Sir Edward, indem er ihn. bei der Hand nahm,„ich freue mich ungemein, der Erſte zu ſeyn, der Euch Glück wünſchen kann.“ Aber Jack zog ſeine Hand ſehr achtungsvoll aus der des Ba⸗ ronets zurück, fuhr fort, mit dem Fuße auszukratzen und erwiederte: „Eure Herrlichkeit Gnaden iſt allzugütig gegen mich. Ich habe ſchon tauſendmal an Euer Gnaden gedacht. Gott der Allmächtige ſegne Euer Gnaden für die Freundlichkeit, die Ihr einem mißhan⸗ delten Matroſen erweist. Ich werde Euer Gnaden bis zum letzten Tage meines Lebens dienſtbar ſeyn.“ —— —ꝗᷓ—— Jedermann zeigte Ueberraſchung, nur Sir Edward nicht, bis endlich Jack in ſeiner eigenen Weiſe berichtete, daß er eines Tages halb über See zu Liſſabon am Land geweſen und bei dieſer Ge⸗ legenheit auf einen Trupp meuchelmörderiſcher Portugieſen getroffen ſey, die ihn aller Wahrſcheinlichkeit nach umgebracht haben würden, wenn ſich nicht gerade zur rechten Zeit Sir Edward, welcher zu⸗ fällig auf einer Yachtexeurſion an demſelben Platze Venveſen, in's Mittel gelegt hätte. Nachdem dieſe kleine Epiſode vorüber war, ließ ſich Jack durch viel Zuſprechen bereden, auf der äußerſten Ecke eines der Stühle Platz zu nehmen, und Kapitän Firebraß ſetzte ihm nun ſeine gegen⸗ wärtigen Umſtände auseinander. „Sir John Truepenny— ich wollte Euch peitſchen laſſen, Sir John— doch dies gehört nicht hieher— laſſen wir das Ver⸗ gangene bewenden. Ihr werdet um deswillen nicht übler von mir denken, weil Ihr es, wie Ihr wohl wißt, Sir John, verdient habt. Aber meine ganze Familie, kleine Knaben, Mädchen und Alles,— der Ruhm der Old Glory— das iſt nun vermuthlich für immer in die Herrlichkeit eingegangen. Wie konntet Ihr auch mich in dieſer Weiſe behandeln, Sir John, mich, der ich Euch zum Kapitän der Back gemacht hatte?“ „Euer Ehren,“ verſetzte Sir John Truepenny, ſeine Hand mit Nachdruck auf ſein Herz legend,„ſo wahr ich ein treuer Ma⸗ troſe bin— obgleich ich bekenne, daß ich mich unklar erinnere, wie etwas auf dem Schnabel vorging, ſo bin ich doch an dem Raube jener Götter, Göttinnen und kleinen Gottheiten ſo unſchul⸗ dig, wie Seiner Gnaden Gnaden, der Lord Admiral, welcher hier ſitzt.“ „Da ſchenke ich Euch unbedingten Glauben, Sir Zohn True⸗ penny.“ „Ich kann Euch verſichern, Kapitän Firebraß,“ begann Lord Gambroon. —— „Kein Wort mehr, Mylord. Wie zuvor geſagt, ſie ſind in die Herrlichkeit eingegangen, und ich habe ſtatt einer Familie eine Geigenſchnecke. Nun, Sir John, hört mich an. Es hat ſich über alle Möglichkeit eines moraliſchen, oder was noch beſſer iſt, eines juridiſchen Zweifels herausgeſtellt, daß Ihr nicht nur der geſetzliche, ſondern auch der teſtamentariſche Erbe der ausgedehnten Beſitzungen Eures Großonkels Sir Mortimer Fortintower ſeyd. Gedachte Gü⸗ ter ſind bisher im Beſitze dieſes wackern, edlen Gentleman, des Sir Edward Fortintower, geweſen.“ „Mag er ſie immerhin fortbehalten.“ „Stille, Sir John— Ihr ſeyd noch immer unter Seiner Majeſtät Wimpel. Dieſer edle, wackere und biedere Gentleman hatte kaum von Eurem Vorhandenſeyn durch einen ſchuftigen At⸗ torney Kenntniß erhalten, welcher die ihm bewußte Thatſache in terrorem gegen ihn benützen wollte—“ „Hinter'm Ohrring, Euer Gnaden?“ „Ich meine, er wollte dieſe Thatſache benützen, um ihn da⸗ durch einzuſchüchtern, damit er auf alle ſeine ſchuftigen Wünſche eingehe. Dieſer edelmüthige Gentleman alſo, Euer Vetter, beauf⸗ tragte einen anderen Rechtsgelehrten— einen chrlichen, ſagt er— das einzige Thörichte, das ich je aus ſeinem Munde gehört habe — dieſer ehrliche Rechtsgelehrte— hum, ehrlich!— aber, wie eſagt, er beauftragte Phn, die eigentliche Wahrheit ausfindig zu m Acſten⸗ und es gelang demſelben. Da iſt nun jetzt Euer Vetter, daß es Euch einen Heller koſtet, im Augenblicke bereit, Alles an Euch abzutreten. Wie groß un erhaben dieſes Benehmen iſt, werdet Ihr eines Tages kennen lernen, wenn Ihr erfahrt, welch' ein unſicheres Ding es um das Recht ni. und was es in dem Auge dieſes unſicheren Rechtes mit dem B Veis für eine Bewandtniß hat.“ „Edel! ſehr edel!“ riefen mehrere von Jacks Offizieren, welche nach der Kajüte eingeladen worden waren, um Zeugen dieſer außer⸗ ordentlichen Scene zu ſeyn. 158 — „Es iſt ein chriſtliches, frommes Benehmen— der Herr wird es ihm tauſendfältig vergeben,“ rief der Contreadmiral. „Aber Euer Ehren, geſetzt ich wäre todt,“ entgegnete Sir John Truepenny, ſich den adeligen Kopf kratzend,„wem würden dann alle dieſe Güter gehören?“ „Ohne Frage Eurem Vetter, dem Sir Edward.“ ˙0 Herr Jemine!“ erwiederte Jack,„dann iſt Alles ſo klar, wie Schuhwichſe. Was braucht's da viel weiteres Geplapper, Euer Gnaden? Ich habe auf dieſen Gütern kein Recht an einen Schwein⸗ ſtall oder nur auf ſoviel Gras, um eine Fliege darauf zu mäſten, ſintemal, ſeht Ihr, Euer Gnaden— hätte mir dieſer brave Gent⸗ leman nicht das Leben gerettet, ſo würde ich auch nicht mehr am Leben ſeyn, das iſt Alles. Alſo mit Reſpekt zu melden, mein Le⸗ ben iſt ſein und da dies hier von meinem Leben abhängt und mein Leben mehr ſein Eigenthum iſt, als das meinige, ſo gehören auch die Beſitzungen mehr ihm als mir. Das iſt's, was ich Logik nenne, und ſie ſchlägt euch mit der hellen Binſenwahrheit nieder, wie ein Vierundzwanzigpfünder ſeine Scheibe. Wenn daher Euer Ehren mir nur ein Urlaubsbillet geben will für eine Woche, um Poll zu heirathen, nun, ſo iſt Jack zufrieden, und es braucht nicht weiter über die Sache geſprochen zu werden.“ Ueber dieſe kurze Abfertigung der Schwierigkeit erhob ſich ein ſchweigendes Lächeln des Beifalls über Jacks gerade und dankbare Gefühle. Endlich erhob ſich Sir Edward, kam auf Jack zu, faßte ſeine beiden Hände und begann nicht ohne Erregung: „Vetter John, ich bin ſtolz auf Euch— betrachtet mich fortan als Euren Verwandten und Freund. Aber mein lieber Vetter, Ihr ſprecht mit der Einfachheit und Unſchuld eines Kindes, wäh⸗ rend Ihr die edelſten Gefühle des Mannes beſitzt. Dieſe Worte ſind der treue Ausdruck meiner Gefühle, und obſchon ich glaube, daß es Euch mit Eurem Erbieten völlig Ernſt iſt, kann ich es doch nicht annehmen. Hört jetzt ſchweigend an, mein guter Vetter, 3 * 159 was Euch Cuer vortrefflicher Kapitän noch zu ſagen hat, denn Ihr müßt noch in dieſer Stunde einen ſehr wichtigen Akt erfüllen, der für Euren Rang und Eure neue Stellung im Leben unerläß⸗ lich iſt.“ Kapitän Firebraß fuhr ſodann fort, in gemiſchter Phraſeologie die Jack unverſtändlichen Rechtsausdrücke durch einfache nautiſche Illuſtrationen zu erklären und ihm zu ſagen, daß er unverweilt einen Attorney wählen müſſe, deren zur Zeit zwei an Bord wären. Er ſetzte ihm dann auseinander, wie ſich beide benommen und theilte ihm mit, wie er es nur Mr. Scrivener zu danken habe, daß er ſo lange in der beſcheidenen, aber doch ehrenvollen Stel⸗ lung eines tüchtigen Matroſen in Seiner Majeſtät Flotte geblie⸗ ben ſey. Jack zögerte nicht lange mit ſeinem Entſchluſſe, indem er Mr. Singleheart wählte und mit der Bitte ſchloß, daß der Admiral und ſein Kapitän Mr. Scrivener mochten kielholen oder doch wenigſtens mit einer Schlinge unter dem Arme an die große Raa hängen laſſen, damit man ihn auf⸗ und niederziehen und wenigſtens zwölf Fuß tief unter die Oberfläche des Waſſers eintauchen könne. Da es nicht möglich war, dieſem ſehr beſcheidenen Geſuche zu willfahren, ſo bemerkte Edward, daß es aus Billigkeitsrückſichten geeignet ſeyn dürfte, beide Rechtsgelehrte herein zu rufen und es jedem freizuſtellen, ſeine Anſprüche an die Leitung der Angelegen⸗ heiten des Baronets geltend zu machen. Man fand dieſen Vorſchlag zweckmäßig, weshalb man die Attorneys aufforderte, zu erſcheinen. Mr. Scrivener trat mit ſeiner Tochter ein. Mr. Scrivener führte ſeine Sache annehmbar genug durch, indem er der Wahrheit gemäß ſagte, ohne ſeine Thätigkeit würde Jack nie aus ſeiner mühevollen Dunkelheit hervorgegangen ſeyn, da die Zeit, welche ſeinen Anſprüchen ein Ziel ſteckte, beinahe abge⸗ laufen wäre. Er ſprach von ſeinem Eiſer und ſeinen nachdrücklichen Schritten, obſchon Jack nur wenig von ſeiner Beredtſamkeit hörte, denn Elfrida, welche um des Beiſtandes willen hatte mitgehen müſſen, war jetzt, ohne es zu wiſſen, ihres Baters ſchlimmſter Feind geworden. Sie betrachtete angelegentlich den ſchönen Ma⸗ troſen, und auch Jack meinte, er habe in ſeinem Leben nie etwas Herrlicheres geſehen, als dieſe Dame. Jack kriegte endlich Mr. Scrivener's Rede ſatt und ſchnitt ſie kurz-ab, indem er ihm in Anweſenheit der ganzen Geſellſchaft er⸗ klärte,„er möge zur Hölle gehen,“ ohne zur Zeit noch zu wiſſen, daß die Perſon, welcher er dieſen angenehmen Auftrag ertheilte, der Vater des Madchens war, welches ihm ſo wohl gefiel. Die nöthigen Papiere wurden hervorgebracht, und Jack unter⸗ zeichnete ſie gebührend, indem er Mr. Singleheart zu ſeinem ein⸗ zigen Attorney und geſetzlichen Berather, wie auch zum Rentbeam⸗ ten und Agenten ſeiner Beſitzungen ernannte. Darauf füllte die ganze Geſellſchaft ihre Gläſer, Toaſte auf Sir John Truepenny's Geſundheit, langes Leben und Gedeihen ausbringend. Von dieſer Theilnahmebekundung müſſen wir nur Mr. Serivener ausnehmen, obſchon er mit ſeiner Tochter eingeladen wurde, an dem fröhlichen Mahle Theil zu nehmen. Mr. Serivener flüſterte ſeiner blonden Tochter etwas in's Ohr, obgleich dieſelbe keines derartigen Spornes bedurfte, um ſich mehr als huldreich gegen Jack zu benehmen. Der neue Baronet war bald völlig verwirrt und gefangen. Elfrida Eugenia war ſchöner, zarter und unendlich gebildeter, als Poll, und dann trug ſie auch einen ſo bezaubernden Anzug. Außerdem war ihr einfacher und zutraulicher Blick ſo hinreißend, daß von einer Vergleichung mit Miß Macanniſter unverſchämter und tyranniſcher Schönheit keine Rede ſeyn konnte. Die Achtung, die augenſcheinlich unſerem Hel⸗ den erwieſen wurde, ließ ihn unverweilt bis über die Ohren in Liebe verſinken; freilich würde er wohl ein paar Reffe eingezogen haben, wenn er gewußt hätt wie viel er dabei ſeinen bloßen Schulter en verdankte. 161 Das Lunch iſt jetzt vorüber, die Matroſen ſind aufgeboten und Jack ſteht mit einem Schafsgeſichte zwiſchen dem Contreadmiral und ſeinem Kapitän an dem Rande des Halbdecks, um ſich von ſeinen Kameraden zu verabſchieden. Er wandte ſich zu Sir Edward um, und fragte ihn, ob er wohl glaube, daß er es wagen dürfe, der Schiffsmannſchaft hundert Pfund zu ſchenken. Nun, Jacks Freunde müſſen nicht lächeln über die Knauſerei des beantragten Geſchenkes, denn bis jetzt hatte Jack den Werth des Goldes nicht kennen lernen, und hundert Pfund waren in ſeinen Augen eine ungeheure Summe, obſchon ſie, wenn ſie unter mehr als ſiebenhundert Mann vertheilt wurden, nur eine armſelige Gabe waren. Sir Edward theilte Jacks Wunſch dem Lord Gambroon und Ka⸗ pitän Firebraß mit, welche ihre Zuſtimmung unverweilt ertheilten. „Aber was ſollen Eure alten Kameraden damit anfangen?“ fragte der Kapitän. „Sich Grog kaufen,“ lautete die ſchnellfertige Antwort. „Nicht doch,“ erwiederte Lord Gambroon,„es würde fündig ſeyn, das Geld ſo zu vergeuden. Sie ſollen ſich dafür gute Bucher und Traktätlein anſchaffen— eine chriſtliche Bibliothek zum Gebrauche der Schiffsmannſchaft.“ Kapitän Firebraß vetzog über dieſen ſehr verſtändigen Vorſchlag ſein Geſicht, als verſuche er, einen Brocken zu verſchlucken, der für ihn zu groß ſey, und erwiederte ſodann: „Vielleicht iſt es das Beſte, wenn man die Wahl den Leuten ſelbſt überläßt.“ 1 Dies wurde zugeſtanden. Der Kapitän machte in einigen kräf⸗ tigen Worten der Schiffsmannſchaft von dem Wechſel in Jacks Glücks⸗ verhältniſſen Mittheilung und that ihnen kund, daß der neue Baronet ihnen zum Abſchied hundert Pfund geſchenkt habe. Dann legte er ihnen die Frage vor, für was ſie ſich entſchieden, für hres oder für Traktätlein.„Wer ſür die g guten Bücher ſtimmt, halte ſeine Hand in die Höhe!“ Marryat's W. XX. Jack am Lande. 11 62 „Pfui— wie unehrerbietig,“ begann Se. Herrlichkeit. Keine einzige Hand wurde aus dem Hoſenbund hervorgezogen. „Grog?“ Alle Hände, rechts und links erhoben ſich über den Köpfen. „Es thut mir leid, mein Lord, ſagen zu müſſen, daß der Grog den Sieg davon getragen hat.“ Lord Gambroon machte nun einige ſehr paſſende und verſtändige Bemerkungen gegen die Matroſen, welche ſehr achtungsvoll und auf⸗ merkſam zuhörten, denn ſie fühlten ſich glücklich im Vorgenuſſe der Abendbeluſtigung. Der gnädige Herr fand gleichfalls Entſchädigung in ſeiner Rede, und ſo waren augenſcheinlich alle Partieen zufrieden geſtellt. Nachdem Jack mit Thränen in den Augen ein paar lurze Rede⸗ verſuche gemacht hatte, nahm er von ſeinen Kameraden, ſo gut er konnte, Abſchied und erklärte dann, daß er bereit ſey, ans Land zu gehen. Während er inmitten der Offiziere und de er übrigen Geſell⸗ ſchaft ſtand, drehte er mit einem drolligen Blick ſeine leeren Taſchen nach außen und ſagte: „Ei, Gentlemen, ſeht ihr, das iſt Alles recht gut für den armen Jack auf einem Landkreuzzuge, weil er bei Abraham Iſaakſon für dreißig Schillinge eine Jacke auf Borg ausnehmen und ſie beim Herrn Onkel gegen fünfzehn verpfänden kann; aber für Sir John True⸗ penny, Baronet— nein, pfui, das würde d ii nicht ſchicken.“ Ueber dieſen poſſierlichen Ausruf ſtreckte ſich jede Hand gegen ihn aus und nicht eine war darunter, welche nicht eine Summe Geldes enthielt. Aber der Beutel mit Guineen, welchen ihm Mr. Scrivener hinbot, war bei Weitem der größte. Jack beäugelte ihn ſehnſüchtig; aber der andere Rechtsgelehrte, Mr. Singleheart, legte ſich ins Mittel, worauf ein heftiger Wortwechſel zwiſchen den beiden Männern des Rechtes erfolgte. Inzwiſchen hatte Jack ſeine Zuflucht zu Sir Edward genommen, den er als ſeinen Schutzengel betrachtete. Sobald letzterer erfuhr, — — 163 daß Jack leidlich gut ſchreiben konnte, ſetzte er ihm das Weſen der Banken und den Gebrauch eines Notenbuchs auseinander, indem er ihm zugleich mittheilte, daß zweitauſend Pfund zu ſeiner Verfügung in der Portsmouther Bank, eine beträchtlich größere Summe aber bei dem Bankier in London lägen; er rieth ihm daher, ſich für den augenblicklichen Gebrauch ein paar Guineen von ſeinem Attorney geben zu laſſen. Jack nahm dieſen erſten Unterricht in der Kunſt, Geld auszuge⸗ ben, merkwürdig gut auf. Sein Vetter fuhr ſodann fort, ihm wei⸗ teren guten Rath zu ertheilen und ſchloß mit der Bemerkung, er wolle nicht mit ihm an's Land gehen, damit es nicht den Anſchein gewinne, als ſuche er Gewalt über ihn zu üben, denn Jack ſolle vollkommen frei handeln. Zugleich bedeutete er ihm, er werde noch kurze Zeit zu Portsmouth bleiben, um zu ſehen, wie es ihm gehe und wie er ſich benehme; letzteres ſolle ihm(Sir Edward) zur Richtſchnur dienen, ob er ſeinen Vetter beſuchen werde, oder nicht. Es wurde nun ausgemacht, daß Sir John Truepenny in dem ſechsruderigen Galley an's Land gehen ſolle; und nachdem der neue Baronet Allen, welche ſich auf dem Halbdecke befanden, die Hände gedrückt hatte, ſchickte er ſich zum Aufbruche an. Wir können ihn aber nicht ziehen laſſen, ohne Lord Gambroons Abſchiedsrede zu be⸗ rühren, um ſo mehr, da Sr. Gnaden Anweſenheit nicht länger in unſerem nautiſchen Drama vonnöthen ſeyn wird. „Kapitän Firebraß,“ ſagte er,„Ihr habt mir großen Groll nachgetragen, den ich um Deſſen willen, dem ich diene, nur mit guten Dienſten erwiederte. Ich habe aus Eurem Munde viel Höh⸗ nendes über mich hören müſſen; aber ich ſprach ſtets zu Eurem Lobe, da Ihr dies als braver und eifriger Offtzier verdient. Sagt mir nun, mein Freund, habt Ihr je gefunden, daß ich es an meinen Pflichten in dieſem Leben fehlen ließ, vögleich mir das jenſeitige ſtets als Richtſchnur vor Augen ſchwebt? Habe ich mich je mangelhaft benommen in der Hitze der Schlacht oder in der Muße des Friedens * 164 — im Sturme oder in der Windſtille? Wenn Ihr mir dies nicht vorwerfen könnt, warum laßt Ihr mir nicht die Gerechtigkeit wider⸗ fahren, welche ich ſo bereitwillig nicht nur Euch, ſondern allen Men⸗ ſchen zugeſtehe?“ „Es ſoll hinfort geſchehen, mein Lord,“ entgegnete Kapitän Firebraß feierlich. „Gut— wir ſind alſo Freunde. Und nun ein Wort an Euch, junger Mann“— er wandte ſich an Sir John Truepenny.„Ihr ſeyd wie ein Brand, der in einen feurigen Ofen geſchleudert wird. Ich rathe Euch, ſeyd wachſam und betet. Meidet die Geſellſchaft der Böſen und der Wüſtlinge. Leiht den Worten Eures ehrenwerthen Vetters, der ein rechtſchaffener Mann iſt, Gehör und leſet vor Allem in guten und gottſeligen Büchern.“ Ehe noch Jack recht darüber klar werden konnte, wo er war, fand er auf einmal unter ſeinem Arme ein großes Bündel religiöſer Traktätlein, die ihm Jemand,— ohne daß er wußte, wer— zuge⸗ ſteckt hatte.— Nachdem der Contreadmiral Jack die Hand gedrückt und Gottes Segen über ihn herabgewünſcht hatte, wurde die Ehrenwache aufge⸗ boten, und Seine Herrlichkeit brach in einer Barke der Glory nach ſeinem eigenen Schiffe auf. Statt nun in ruhiger, anſtändiger Weiſe mit ſeinem Rechtsge⸗ lehrten an's Land zu gehen, verweitte Sir John noch etwa eine halbe Stunde auf dem Mitteldecke; denn es war kein Mann, Weib oder Knabe in dem Schiffe, die nicht alle ihm die Hand drücken wollten, ehe er in ſeine Barke hinunterſtieg. Endlich trat ihm auch Mrs. Snowdrop in den Weg. Sie legte gewaltſam ihre Fäuſte an ihn; aber er leiſtete ſowohl der Ueberredung als der Gewalt Wider ſtand, bis der Vergleich mit ihr erwirkt wurde, daß Poll in do nämlichen Boote mit au's Land gehen ſollte. Das ſtämmige Bum⸗ bootweib mußte ſich darein fügen. Die blaſſe und im höchſten Grade angegriffene Suſanna war ſchon ſeit einiger Zeit in das Boot ge⸗ weit beſſerem Geſchmack verziert war, als ſchafft worden und hatte daſelbſt, von dem grünen Laube geſchirmt, die Ruhe geſunden, deren ſie ſo ſehr bedurfte. Endlich ruderten ſie ab. In den Booten ſchallte dröhnender Jubel, und an Bord der Glory wurde der Ruf zum Abſchied mit drei der lauteſten Hurrahs erwiedert, welche ein menſchliches Ohr je vernommen hatte. Die Kunde war ſchnell durch die ganze Flotte ruchbar geworden, und die Matroſen hatten die Erlaubniß erhalten, den Abziehenden, wenn er an ihrem Schiffe vorbeikomme, zu begrüßen. Es war ein Tag des Triumphes. Die verſchiedenen Muſikbanden in den Booten ſpielten in den ſchreiendſten Mißtönen luſtig drauf los, und allenthalben herrſchte Jubel und Heiterkeit. 3 Während Jack zwiſchen der Flotte hinunterfuhr, ſtand er, den Hut in der Hand, in ſeinem Galley und erwiederte die Begrüßungen. Dann ſetzte er ſich nieder— und, wehe Dir, armer Jack! Mrs. Snow⸗ drop zog eine große Flaſche geſchmuggelten Cogniac hervor, ſo kräf⸗ tig, ſo glatt eingehend und ſo verführeriſch— es war„juſt wie Liebe“ und unendlich mehr als„jene Roſe“ oder irgend eine Roſe nahe oder fern. Sir Edward ſah Alles dies und ſchüttelte traurig ſeinen Kopf. Dann ruderte er zu Mr. Singlehearts Boot heran, trug ihm auf, ſeinen Clienten nicht aus den Augen zu laſſen und befahl dann mit melancholiſcher Miene ſeinen Leuten, ſich zu beeilen, damit ſie aus dieſem lärmenden, ſchwimmenden Gedränge kämen. Sobald er das Land erreicht hatte, begab er ſich nach ſeinem Hotel, wo er den Abend über auf ſeinem Zimmer blieb. Aber unter dem Haufen der Lärmenden befand ſich Einer, der ſo ärgerlich und bekümmert war, als man es durch die fehlgeſchlage⸗ nen Hoffnungen des Geizes und die der Bosheit nur werden kann, obgleich ſeine mit Bannern verſehene Barke ſo prunkend und mit ſſ das prunkendſte Boot in dieſem plebejiſchen Triumphzuge. Wir meinen Mr. Serivener, der, 1 als er in ſeinem Galley ſaß, zuerſt Luſt hatte, die Truepenny⸗Flagge herunter zu reißen, dann aber auf ſeine Tochter zu ſchimpfen begann. „Eugenia, Du Närrin— Du dumme, einfältige Perſon— aber die Gans kann mich nicht verſtehen— herab mit dieſen ſeidenen Fetzen. Doch haltet! laßt ihn bleiben— ich will meine Farben noch nicht ſtreichen. Tochter, kannſt Du mich begreifen und zwei Ideen in Deinem blöden Kopf bewahren? Haſt Di jenen Matroſen geſehen — den ſchönen, herrlichen Matroſen?“ „Ja, Vater— o freilich.“ „Du haſt nach ihm hingeſehen— haſt ihn Dir gut betrachtet — ich meine, ganz genau— haſt Du ihn nicht mit Deinen Augen verzehrt?“ „Ja, Vater.“ „War er nicht ſchön? Schön, groß, gerade, prächtig, ſo be⸗ zaubernd, wie ein Mann nur ſeyn kann, Eugenie?“ „Herrlich— wie ein Engel!“ „Mehr werth als tauſend zieraffige Gecken— zehntauſend ſol⸗ cher ſuperfeiner Puppen werth, wie dieſer Sir Edward Fortintower — möge er zur Hölle fahren!“ „O Papal! er iſt gleichfalls ein hübſcher Mann.“ „Ja, ja, ein hübſcher Mann— ein hübſcher Mann— aber was will das heißen in Vergleichung mit dieſem herrlichen Matroſen? Außerdem hat dieſer ſchwachſinnige Tropf, dieſer Sir Edward nur kahle fünfhundert Pfund jährlich und iſt für einen Mann von ſeinen Gewohnheiten ärmer, als der ärmſte Bettler, der je um ein Almoſen winſelte. Denk nicht mehr an ihn, Mädchen, als wenn Du um ein Gleichniß für etwas recht Verächtliches verlegen biſt.“ „Er hat mich zurückgewieſen, Vater.“ „Ja— ich habe das nicht vergeſſen, Miß Serivener. Schwei⸗ gen wir davon und ſprechen wir lieber von dieſem ſchönen Matroſen, den Du ſo ſehr bewunderſt, Eugenia. Was hat Dir am meiſten an ihm gefallen?“ — ⸗ —, f „O Papa, Alles— ſeine großen, großen blauen Augen und ſeine krauſen Locken— ſo kraus; und dann die hübſchen Ringeln, die über ſeine rothen Wangen niederhingen— und ſein Mund und ſeine Zähne— habt Ihr je einen ſo lieblichen Mund geſehen— und Zähne, faſt ſo weiß, wie Schnee, wenn der garſtige Tabak nicht wäre?“ „Fahre fort— nie— fahre fort, ſage ich.“ „Und dann ſein Lächeln— o du meine Güte! Ich habe viele Romane geleſen und auch faſhionable darunter, aber nie fand ich ein ſolches Lächeln geſchildert. Dennoch, Papa, gefällt mir ſein gar⸗ ſtiger, ſteifer, langer Zopf gar nicht.“ „Eine Kleinigkeit! Den wollen wir fchon wegbringen.“ „O Jemine, wenn er ihn nur mir ſchenkte!“ „Soll gelegentlich ſchon geſchehen, Eugenia.“ „Danke Euch, Papa— ich bin ſo froh, ſo glücklich! Und dann iſt ſeine Haut ſo weiß— weißer als der weißeſte Alabaſter, reiner als der reinſte Schnee— und ich darf wohl ſagen, weicher als der weichſte Flaum, obſchon ich ſie nicht berührte— ich wollte, ich hätte es können.“ Dann erwiederte der Rechtsgelehrte im ſanfteſten Tone ſeiner Stimme: „Liebe Engenia, möchteſt Du ihn wohl zu Deinem Manne haben?“ „O Vater!“ rief die junge Dame, indem ſie ihren Kopf ſenkte und das Geſicht mit ihren Händen bedeckte,„ganz mit derſelben Stimme ſtelltet Ihr ſchon früher die nämliche Frage an mich wegen eines Andern, und Ihr wißt, wie unglücklich es uns Alle machte, als ich Ja ſagte.“ „Schon gut, Eugenia; Du brauchſt nicht Ja zu ſagen, bis Du angehört haſt, was ich Dir mitzutheilen wünſche. Dieſer ſchöne Ma⸗ troſe iſt plötzlich ein Baronet geworden und beſitzt einen Titel, viel älter als der des niedrig geſinnten Schurken, welcher uns beſchimpft hat. Dieſer Jack Theer iſt ein Sir John Truepenny und beſitzt all den ungeheuren Reichthum, der zuvor muthmaßlicherweiſe dem Andern gehörte. In weltlichen Angelegenheiten iſt er nur ein Kind— ich will ſein Vater ſeyn und Du ſollſt ſeine Frau werden. Wir wollen, Du und ich— wohlgemerkt, ich ſage Du ſowohl, als ich— wir wollen ihn am Gängelbande führen und ganz mit ihm umſpringen, wie es uns gut dünkt.“ „Ach du mein— wie ſchön und angenehm!“ „Ganz recht, Mädchen— aber Du mußt Deine Rolle ſpielen. Du darſſt Dich gegen ihn nicht benehmen, wie es dem ſtolzen Sir Edward gegenüber geeignet war. Keine italieniſche Muſik— kein Kauderwelſch über Botanik, Geologie und was dergleichen Dumm⸗ heiten mehr ſind. Du brauchſt weder zu zeichnen noch zu ſticken— auch nicht auf Sammet zu malen.“ „O, wie froh bin ich!“ „Du mußt Dich ganz in die Weiſe Deines Liebhabers fügen, darfſt nicht erſchrecken über ſeine Rohheit und magſt auch für eine kurze Zeit— nur für eine ſehr kurze Zeit— ein wenig trinken— und ein wenig fluchen.“ „O Papa!“ „Nur ganz kleine, damenartige Flüche— hübſch liſpelnde Flüche — blos eine Art von kindlichen ABC⸗Flüchen. Ich verſichere Dich, manche ſehr vornehme Damen thun's gleichfalls, und die Königin Elſabeth hat hübſch rund heraus geflucht.“ „Gut, Vater, ich will es verſuchen. Wie ſoll ich es anfangen?“ „Warte einmal. Wenn Dich Sir John mit irgend einem run⸗ den, flunkernden Fluche, ſo breit und ſchwarz wie der Boden einer Bratpfanne, anredet, ſo mußt Du— ja Du mußt antworten: nun Sir John, verflucht ſeyen meine Augen.⸗“ „O Vater, ſchrecklich, ſchrecklich!— das könnte ich nicht um Welten.“ „Du einfaͤltige Perſon, Du mußt es nicht in dieſer Weiſe „ 7 169 ſagen, ſondern lispelnd, ſo daß es klingt wie:„flugs küſſet meine Augen;“ und dann iſt zehn gegen eins zu wetten, daß Sir John in ein ſchallendes Gelächter ausbricht und nicht nur Deine Augen, ſondern auch Deinen Mund küßt.“ „Ha ha, wenn das nicht drollig iſt— flugs, küſſet meine Augen!“. „Recht ſo, Mädchen; aber Du mußt's noch beſſer machen. Vorderhand hat mich meine Einmengung in dieſe Angelegenheit nicht nur unendlich viele Mühe, Zeit und Aerger, ſondern auch obendrein verwünſcht viel Geld aus meiner Taſche gekoſtet. Als ich gegen jenen ehrlichen Dummkopf Singleheart von meinen Koſten ſprach, ſagte er mir, ich ſolle meine Rechnung einſchicken, und er wolle für Bezahlung beſorgt ſeyn, ſobald ſie taxirt wäre. Taxirt! Der Verräther an ſeinem Stande! Er weiß wohl, daß man mir nicht geſtatten wird, die Koſten für dieſes Boot, den vierſpännigen Wagen, dieſe ſeidenen Flaggen und unſere prunkvolle Reiſe nach Portsmouth anzurechnen, da der Taxator wahrſcheinlich glauben wird, weil ich als amicus non rogatus gehandelt habe, ſo ſeyen alle meine Bemühungen und Auslagen bloße Zudringlichkeiten, für die kein Heller Erſatz geleiſtet zu werden brauche, der widerlichen Fragen, die er vielleicht ſtellt, gar nicht zu gedenken. Aber Du hörſt ja nicht, Jungfer Scrivener?“ „Ihr habt ja nicht von dem entzückenden Sir John, dem Matroſenbaronet, geſprochen.“ 5 „Freilich habe ich, Jungfer, aber auf Dein nebeligtes Hirn läßt ſich nur durch die Sinne wirken. Uebrigens will ich ſprechen, ob Du mich begreifen magſt, oder nicht, denn es erſchafft mir doch wenigſtens Erleichterung.'s iſt mit Dir ebenſowenig auszu⸗ halten, als mit dieſem Eſel Singleheart, der Sir Edward rieth, den Prozeß zu unterlaſſen. Dieſer complete Dummkopf— was das für einen glorreichen, fetten Prozeß gegeben haben würde! Er und ich, wir beide haͤtten unſer ganzes Leben daran fortmachen 170 können. Nein, eine ſolche Geiſtesſchwäche iſt nie erhört worden. Wenn ich nur einen andern Erben auffinden könnte. Aber beim Himmel, ich will's verſuchen. Doch nein— er ſoll mir das Mäd⸗ chen heirathen; das iſt das Beſte. Ruderer, zieht mit dem Boote tüchtig aus— laßt es einen Seegalopp anſchlagen, und haltet dicht an jenes große unförmliche Ding mit der grünen Laube. Jetzt, liebe Engenia, verbeuge Dich gegen Sir John— Du mußt dazu lächeln. Bei Allem, was häßlich iſt, jenes fette Beeſt hat ihn bereits betrunken gemacht; und da iſt ſein ſchändliches Weibs⸗ bild, das die Königin ſpielt, wie Ihre Majeſtät von Saba. Aber macht nichts, Eugenia— wirf ihm ein Kußhändchen zu, denn Du ſiehſt, er bemerkt Dich. Bei allen Schrecken langer Gerichtsferien, er iſt im Begriffe, eine Rede zu halten, und kann nicht einmal ſtehen. Meine gute Frau, nehmt's nicht übel— wir kennen Euch nicht— wir ſind Leute von Stand und Freunde von Sir John— habt Acht auf Seine Gnaden und haltet ihn nieder oder er wird über Bord fallen. Himmel und Erde, da iſt er ſchon anſene Wie das Seethier ſchnaubt und ſchwimmt!“ Jack war wirklich zufällig oder abſichtlich über Bord gefallen und ſchwamm jetzt auf Miß Scrivener zu, welche in der Angſt für ſeine Sicherheit laut hinauskreiſchte. Aber Mrs. Snowdrop und Polly ließen ihre Beute nicht ſo leicht fahren, ſondern faßten den gnädigen Herrn an ſeinem Wamsskragen. Während er wieder in das Bumboot hineingeholt wurde, zerklopfte ihm Polly tüchtig die Ohren und höͤrte nicht auf, bis ſie ihn wieder auf ſeinem Platze hatte. Da ſaß er denn— ſtumpf, dumm, kalt, naß und beinahe weinend im trunkenen Elend. Ach, armer Jack! Siebenzehntes Kapitel. Jack am Lande.— Hoher Triumph.— Deputitaonen der Stämme kom⸗ men ihm entgegen.— Er wird aus lauter Liebe faſt umgebracht.— Das Geſetz iſt im Disconto und die Ehrlichkeit noch nicht al pari.— Selbſtgeſpräch eines Advokaten. Als ſich Jack an dem Point bei Portsmouth dem Landungs⸗ platze näherte, wurde das Gedränge der Boote ungeheuer. Was rudern konnte, kam heraus, um ihn einzuholen und triumphirend zurückzubringen. Armuth, Gemeinheit, Erpreſſung, Unverſchämtheit und Betrug vermengte ſich, um ihn willkommen zu heißen. Es war ein Saturnalienfeſt für Juden, Schelme und Weibsperſonen, deren Namen man vor gebildeten Ohren nicht gerne ausſpricht. Nur mit Schwierigkeit gelang es dem großen Bumboot, welches den unſterblichen Jack enthielt, ſich durch die Menge von Fahrzeugen zu drängen und das Ufer zu erreichen. Gegen Nachmittag vier Uhr war dies endlich bewerkſtelligt und die achtbareren Einwohner, welche gleichfalls herausgekommen, hielten ſich in einiger Entfernung von dem dichten Gedränge, um das Gewühl mit anzuſehen. Sir John Truepenny trat mit wankendem Gange, blinzelnden Augen und er⸗ ſtauntem Geſichte an's Land, auf der einen Seite von der Amazone Poll, auf der andern von dem ſtämmigen Bumbootweibe unterſtützt. Nun erhob ſich das betäubende Gebrüll des Portsmouther Pöbels und die Luft zitterte weithin nach von dem fürchterlichen Getümmel. Jack hatte kaum das Ufer betreten, als nicht weniger denn neun⸗ undvierzig hackennaſige Söhne Iſraels einen ganz wüthenden An⸗ griff auf unſeren Helden machten. Hungrige Wölfe hätten ſich in der Einöde nicht wilder auf das abgemattete Pferd ſtürzen können, als dieſe Harpyen der Habſucht auf unſern betäubten John, und es grenzt an ein Wunder, daß die Geſchichte des neuen Baronets nicht 172 ſchon damals zu einem verhängnißvollen Ende kam, ſintemalen ihm faſt das Geſchick des Orpheus blühte, welcher von den thraciſchen Weibern in Stücke zerriſſen wurde. Natürlich konnten von beſagten neunundvierzig Juden nur ein Dutzend Hand an Jack legen; die übrigen aber ſchloßen einen ſo engen Kreis um ihn, daß anfangs keine Rettung möglich war. Wie ſtämmig auch Mrs. Snowdrop und wie muthig und behend Poll ſeyn mochte, wurden doch beide mit ſo wenig Schwierigkeit beiſeite geſtoßen, wie ein Kind, das ein erwachſener Mann aus ſei⸗ nem Wege drängt. Indeß ſammelten ſich bald die Bootsleute, und nach einem kurzen, verzweifelten Kampfe wurden die Stämme ab⸗ geſchlagen, obſchon dieſelben mit allen Arten von Entſchädigungs⸗ klagen drohten, und Jack befand ſich wieder in der Haft derjenigen, welche ihn an's Land gebracht hatten. Aber er war an allen Glie⸗ dern zerbeult und ſeine Kleidung in Fetzen zerriſſen. Unter fortwährendem Geſchrei und Hurrahrufen ging es etliche Schritte auf dem Geſtade weiter; aber nun erhob ſich eine andere Schwierigkeit. Denjenigen, welche zu Erhöhung der Feſtlichkelt bei⸗ trugen, kam es nicht zu Sinne, gratis ihre Mitwirkung zu ver⸗ leihen, und die Inſaſſen der Boote, welche die Proeceſſion nach Spithead mitgemacht hatten, wurden lärmend in ihren Anſprüchen auf Remuneration. Jack war bereit, ſo großmüthig zu ſeyn, als es in ſeinen Kräften ſtand und zog die Guineen, welche bei ſeinem Sturze aus dem Boote nicht in's Waſſer gefallen waren, aus der Taſche; aber die beiden Damen legten gegen dieſe Maßregel ein gebieteriſches Veto ein. Mrs. Snowdrop erklärte den Lärmmachern, ſte müßten ſich an denjenigen wenden, von welchem ſie gedungen oder veranlaßt worden, eine ſolche Narrenfahrt, wie ſie es zu nennen beliebte, anzutreten. Nun ſtellte ſich's aber heraus, daß die ur⸗ ſprüngliche Triebfeder ihres Auszugs Niemand anders als Mr. Scrioener war, der in der Freude des Augenblicks durch die Leute ſeines Boots Zuſagen hatte ausſprengen laſſen, die faſt wie ein 2+ 1 — 173 Zahlungsverſprechen klangen.„Wo ſind die Advokaten?“ lautete nun der allgemeine Ruf, und es ging ſetzt auf dieſe beiden Herren los, welche, da ſie ſich nicht auf einen Vergleich einlaſſen mochten, ihr Heil in ſchleunigſter Flucht ſuchen mußten, obſchon es ihnen nicht gelang, ſich den Kothwürfen des nachſetzenden Pöbels völlig zu entziehen. Mr. Singleheart hatte ſich bemüht, ſo nahe als möglich bei ſeinem Klienten zu bleiben, um ihn aus den Klauen der Geyer zu retten, welche ſich vorgenommen hatten, ihn zu ihrer Beute zu machen. Mr. Scriveners Beweggründe ſind uns zur Genüge be⸗ kannt. Aber Beide wurden aus dem Felde geſchlagen, und die Tochter des Letzteren hatte es nur ihrer Schönheit und ihrem ele⸗ ganten Putze zu danken, daß ihr der Schutz eines höheren Flotten⸗ offiziers zu Theil wurde, nachdem ſie in dem Handgemenge von ihrem Vater getrennt worden war. Dieſer Gentleman begleitete ſie wohlbehalten nach ihrem Hotel. Inzwiſchen war das Gedränge immer größer und das Gewühl allgemeiner geworden, ein Zuſtand der Dinge, der in einer wohl⸗ geordneten Garniſonsſtadt nicht geduldet werden konnte. Es ſam⸗ melten ſich ein Haufen Konſtabler, der unter dem Beiſtande einer Marinergarde die Maſſen zerſtreute und Jack, oder vielmehr Jacks Hüter in Freiheit ſetzte. Mrs. Snowdrop wünſchte Sir John nach ihrem eigenen Hauſe in Portſea zu führen; aber Poll erhob dagegen entſchiedenen Ein⸗ ſpruch. Da jedoch letztere kein eigenes Haus hatte, ſo wurde ſchließ⸗ lich ausgemacht, daß ſie für ſelbige Nacht„nach der Taverne gehen wollten, wo die Midſhipmen ihre Truhen ließen, wenn ſie ihre Frühſtückreichung nicht bezahlen konnten—“ ſie meinte damit die blauen Pfoſten. Demgemäß ging es alſo nach den blauen Pfoſten, und auch Suſanna mußte mit, ebſchon das arme, troſtloſe Mädchen, welche ſich ihrer Stellung, ihrer Mutter und ihrer ſelbſt ſchämte, um die Erlaubniß bat, ſich nach der mütterlichen Wohnung zurückziehen zu dürfen. Zwei Konſtabeln wurden an die Thüre des Wirthshauſes geſtellt, um das zudringliche Volk zurückzuhalten. Sir John True⸗ penny fühlte ſich ſehr unwohl, hatte furchtbaren Kopfſchmerz, und war an allen Gliedmaßen zerbeult und gequetſcht. Mary Macan⸗ niſter kleidete ihn aus und brachte ihn am erſten Tage ſeiner Herr⸗ lichkeit gegen fünf Uhr Abends zu Bette. „Kehren wir wieder zu Sir Edward Fortintower zurück, welcher ſich in ſeinem Gaſthauſe in einſamem Brüten erging. Er war eben mit einem langen Briefe an Miß Anna Truepenny fertig gewor⸗ den, in welchem er ihr alle die merkwürdigen Ereigniſſe des Tages mittheilte; aber obgleich ihm ſein eigenes Gewiſſen über ſein gerech⸗ tes und edles Handeln Beifall zollte, war doch ſein Geiſt ſehr nie⸗ dergeſchlagen. Er fürchtete nicht ſo faſt die Armuth, ſondern miß⸗ traute vielmehr ſeiner Kraft, ſie mit Würde zu tragen. Wenn er 84 ſeine Einnahme zu Nath hielt, konnte er als ein unverheiratheter Mann noch immer anſtändig auftreten, aber die Lebensfrage beſtand jetzt darin, wie ſein Verlöbniß mit der Erbin betrachtet werden ſollte. Auf ſein Vermögen hatte er nicht ohne großen inneren Kampf ver⸗ zichtet; war er dem noch höheren Opfer, der edleren Großmuth fähig, ſich von der Geliebten loszureißen? Er fühlte, daß ihm dies un⸗ möglich war, und wenn das. Geſchick beſchloſſen hatte, daß er ſie verlieren ſollte, ſo wollte er zwar ſich darein fügen, ſo gut es ging, dagegen aber keinen Schritt thun, der auch nur das Mindeſte zu dieſer Vollendung ſeines Elends beigetragen hätte. Aber indem er ſich in dieſen Gedanken erging, betrachtete er ſtets ihr ungeheures Ver⸗ mögen als einen unablösbaren Theil ihres Ichs. Während er noch ſo peinlich vor ſich hinbrütete, erſchien der ehrliche Nechtsgelehrte in einem Zuſtande, wie ſich ein ehrlicher Mann nicht ſollte blicken laſſen, denn er trug an ſeiner Perſon alle Pröb⸗ chen des verſchiedenen Portsmouther⸗Kothes. Sein Hut war viel⸗ förmig, ſein Rock zerriſſen und über ſeinen Augen befanden ſich —— ☛ ſäuberlich aufgelegte Pflaſter von Unrath. Als Mr. Singleheart mit einem Gelächter über ſein beſchmutztes Geſicht eintrat, zögerte Sir Edward nicht, ſich der Heiterkeit hinzugeben, welche das poſſier⸗ liche Ausſehen ſeines Freundes wecken mußte. In der That gereichte ihm die Anweſenheit des letzteren zu großem Troſte— denn welcher Kummer auch ſein Herz belaſten mochte, ſo war er doch noch nie dem Pöbel unter die. Hände gefallen. „Na, Nechtsgelehrter, eröffnet Euren Fall— bringt Eure Klage vor.“ „Ich will nur zuerſt auf mein Zimmer gehen und mich in einen Zuſtand bringen, daß ich vor dem Gerichtshof erſcheinen kann. Haltet das Mittagseſſen und ein paar Flaſchen Claret bereit; wir ſchlagen dies zu den Unkoſten in Sachen von Sir John Truepennys Aus⸗ ſchiffung. Ich möchte mit reinen Händen im Gerichtshof auf⸗ treten.“ Er breitete dabei die ſeinigen aus, welche ſehr ſchmutzig waren, und verſchwand für eine Weile. Die Freunde trafen erſt ſpät wieder beim Diner zuſammen, und nun erſtattete Mr. Singleheart einen ſehr humoriſtiſchen Be⸗ richt über den ganzen Vorgang.„Ich mache mir übrigens nicht diel daraus,“ fuhr er fort,„denn der ſchlaue Spitzbube Serivener iſt viel ſchlimmer weggekommen, als ich. Trotz aller Eurer Weh⸗ muth hätte Euch das Herz im Leibe gehüpft, wenn Ihr mitangehört hättet, mit welcher Heftigkeit er ſein Gewerbe verläugnete. ‚Dies iſt der Rechtsgelehrte— auf meine Ehre, er iſt's, ſagte er, auf das beſcheidene Individuum deutend, das eben mit Euch zu ſpre⸗ chen die Ehre hat. Aber es wollte nicht gehen, denn er hatte in irgend einer Weiſe die Vagabunden zu dem Lärme ermuthigt, und ſie ſchworen darauf, er ſolle ihnen nicht ungerupft entkommen. Sie haben ihm ſeine beiden Augen auf lange Zeit geſchwärzt und die Naſe dermaßen zerhämmert, daß ſein Geſicht über und über mit Blut bedeckt iſt. Viele von den Spitzbuben ſchienen eigentlich er⸗ ſchrocken darüber zu ſeyn, daß das Blut eines Advokaten ſo roth ſeyn konnte, wie das eines ehrlichen Mannes— wenigſtens ſagten ſie ſo. Was ich übrigens mit meinem Klienten anfangen ſoll, weiß ich nicht. Er iſt gewaltig betrunken, und was er daher unterzeichnen mag, wird keine geſetzliche Wirkung haben. Außerdem hat er mir auf Matroſenehre verſprochen, er wolle nie ein Papier unterſchrei⸗ ben, ohne mich zuvor um Rath zu fragen. Ich denfe, er wird Wort halten.“ „Ich glaube es auch— zweifle nicht daran,“ verſetzte Sir Ed⸗ ward gedankenvoll. 1 „Aber ſein Benehmen— ich habe nie einen Fall geſehen, der ſich beſſer für einen Antrag um Einſperrung der betreffenden Perſon wegen Wahnſinns geeignet hätte. Ihr ſeyd ſein nächſter Verwand⸗ ter, Sir Edward— was haltet Ihr von der Sache?“ „Das kann Euch nicht Ernſt ſeyn. Die Freiheit eines Eng⸗ länders erſtreckt ſich auch auf das Privilegium, ſich zu berauſchen, und wir müſſen von dem betrunkenen Philipp an den nüchternen appelliren. Ich denke, morgen früh werden wir ſowohl, als Jack den Sir John Truepenny in einem neuen Lichte ſehen.“ „Ich hoffe dies— hoffe es aus dem Grunde meines Herzens. Keinem Sachwalter, und wäre er gerechter als Ariſtides, würde es möglich ſeyn, die Angelegenheiten eines ſolchen Klienten ohne Vor⸗ wurf zu verwalten, wenn er in einem derartigen Benehmen fortfah⸗ ren ſollte.“ „Das wird nicht— nein, gewiß, es wird nicht der Fall ſeyn. Wenn er einmal eine anſtändige Perſon geheirathet hat, ſo wird die gnädige Fran Gemahlin bald aus Sir John einen Gentleman ma⸗ chen. Er muß eheſtens in den Ehſtand treten.“ „Dazu ſage ich von ganzem Herzen Amen. Es handelt ſich da⸗ bei um die Partie, um deren willen ſich die Familie Truepenny durch ſo viele Generationen Enthaltſamkeit auferlegt hat.“ „Wie— verſtehe ich Euch?“ 177 „Ich hoffe ſo, denn am Ende wird es doch Euch zu Gute kommen. Wenn ſchon Ihr die Perſon wart, für welche durch Kauf die ſchlafende oder erloſchene Peerſchaft wieder in's Leben treten ſollte, um wie viel mehr iſt dies nicht bei dieſem Matroſenbaronet der Fall? Er ſteht dem Blute nach dieſen Truepennys näher, und hat obendrein die Baronialgüter.“ „Aber ſein früheres gemeines Leken—“ „Sechs Monate in London, ein Tanzmeiſter und ein Schueider werden Alles ausrichten; vielleicht auch der Schneider allein.“ „Sein faſt gänzlicher Mangel an Erziehung—“ „Er kann ſeinen Namen ſchreiben, und was braucht ein gnä⸗ diger Herr mehr?“ „Aber dann ſeine rauhen Salzwaſſermanieren— glaubt Ihr, die ſanſte, ruhige, milde Miß Anna könnte ſie je dulden?“ „Weiß nicht— ſie liebt ihn aber vielleicht um deswillen nur Noch mehr.“ „Sein ſchwankender Gang.“ „Seine prächtige Figur.“ „Seine Trunkliebe.“ „Sein ſchönes Geſicht.“ „Ich glaube wahrhaftig, daß er Tabak kaut.“ O — h, dies kann ſie ihm abgewöhnen, ſobald ſie nur will.“ „Oh, Ihr alter Kuppler— Ihr habt ſie alſo ſchon verhei⸗ rathet?“ „Nein, ich wahrhaftig nicht. ſtand bald genng zuſammen kommen alte Gentleman es wünſcht, und ich Edward, daß er es wünſchen wird. gewöhnliche Grenze des Lebens geleb Zeit in der ſchauerlichſten Art von Schweigen, in dem Schweigen der Taubheit zugebracht? Die wenigen Worte, die man ihn aus⸗ Marryat's W. XX. Jack am Lande. 12 Sie werden ohne meinen Bei⸗ — das heißt, wenn der taube fürchte faſt, mein theurer Sir Hat erj nicht weit über die t und den ſpateren Theil ſeiner 178 ſprechen hört, lauten bloß, daß er müde ſey und ruhen wolle— oder daß er nur noch für die Erfüllung des Wunſches ſeiner Vor⸗ fahren lebe. Es iſt ſchauerlich dieſen tauben alten Mann anzuſehen, und noch ſchauerlicher, Zeuge des einzigen, wandelloſen und un⸗ bezähmbaren Strebens zu ſeyn, das ihm Leben gibt und für das er ausſchließlich lebt. Er wird die Vermählung zu Stande bringen.“ „Nimmermehr— ich baue auf Annas Liebe. Sie hat mir Herz und Seele geweiht— dieſe kann ſie nimmermehr an den rau⸗ hen, ungebildeten Matroſen verſchenken.“ „Sagt nicht, was ſie thun kann, bis dieſer rauhe, ungebildete Matroſe ſechs Monate am Lande geweſen iſt. Mein lieber Freund, thut Euer Beſtes, um ſie zu gewinnen, macht Euch aber auf das Schlimmſte gefaßt. Stählt Euer edles Herz zur Fortdauer in Eurer Handlungsweiſe, und laßt Euern nächſten Schritt ſo ehrenhaft ſeyn, wie den, welchen Ihr eben gethan habt. Ihr müßt wiſſen, Sir Edward, daß ich Euer Opponent bin, denn ich muß meine Pflicht erfüllen, und wenn mich das Leidweſen darüber frühzeitig in's Grab bringen ſollte. Es liegt mir ob, meinem Klienten nicht nur zu dieſer Partie zu rathen, ſendern auch mein Beſtes zu thun, um die Ver⸗ einigung herbeizuführen. Ermuthigt Euch, mein Freund.“ „Dies von Euch?“ 3 „Wenn es Euch glücklich macht, ſo will ich meine Sachwal⸗ terſchaft augenblicklich abgeben; aber ſo lange ich in Sir Johns Dienſten bin, kenne ich meine Pflicht und muß ſie achten. Es kann Alles noch gut gehen.“ „Ich achte Euch— will Eurer Pflicht nicht in den Weg tre⸗ ten. Doch trinkt der Wein vollends allein aus. Gute Nacht.“ „Nein, nicht doch, zum Teufel— he, was ſoll das ſeyn? muß ich mich im Fluchen überraſchen? Wir wollen die Sache von uns abweiſen, Edward, he? Nein, mein lieber Sohn, wir geben die Sachwalterſchaft auf und gehen morgen mit der erſten Kutſche nach London; da, füllt Euer Glas— es bleibt dabei.“ —— „Nein, das ſoll nicht geſchehen; denn ich kann meinen neu⸗ gefundenen Verwandten nicht den Haifiſchen und dem übrigen Ge⸗ zücht dieſes Ortes preisgeben. Er würde alsbald in Scriveners Harpyenhände fallen. Ich will noch einige Tage hier bleiben, und Ihr müßt um meinetwillen ſein Freund ſeyn. Gute Nacht.“ Sir Edward drückte Mr. Singlehearts Hand und entfernte üich. um— wie er ſagte— zu ruhen. „Nun,“ ſprach der Rechtsgelehrte⸗ als er allein war,„'s iſt doch gut, wenn man mit ſich ſelbſt reden 9— s iſt eine nütz⸗ liche Gewohnheit. Aber ich muß ſehen, ob die Thüren auch gut verſchloſſen ſind, denn wenn die Leute ſich m heii ſelbſt unterhalten, ſollten ſie ſtets darauf Bedacht nehmen, daß ſie nicht behorcht wer⸗ den. Ueberlege ich mir die Sache recht, ſo geht es doch nicht, wie keck ich mich auch dabei anſtelle. Wollen ſehen, wie ſich die Sache in lebendigen Worten ausnimmt— in Worten etwa aus dem Munde eines Andern. Wie würden ſie mir da wohl gefallen? Habe ich recht gethan? Iſt mein Vorſchlag ein billiger? Ich denke ſo. Da ſind noch anderthalb Flaſchen Claret— wir wollen den Punkt beleuchten, und eine davon ſoll mein Gegner ſeyn. Nicht die halb⸗ leere— nein— ich will keine ſo ſchwache Oppoſition haben— die volle wird mich wahrſcheinlich am eheſten überwältigen. Nun, tritt auf und thue Dein Schlimmſtes; inzwiſchen will ich ein Glas aus Deiner Schweſter nehmen. Nun fahre fort, Gegner. Du ſagſt, oder würdeſt ſagen, wenn Du könnteſt:„Iſt es überhaupt gerecht oder edelmüthig, daß Du in dieſen wackern jungen Mann, der außer⸗ di dem Dein lieber Freund iſt, dringſt, zuerſt ein glänzendes Vermögen aufzugeben, das er unter Deinem Beiſtande noch viele Jahre hatte behaupten können? In der Zwiſchenzeit würde ſich der anſpruch⸗ erhebende Pilz aus reinem Aerger mit ſeinem Attorney zu todt ge⸗ trunken haben, wenn er nicht allenfalls in Folge der Rechtsverzöge⸗ rung an galoppirender Schwindſucht geſtorben ware. Beantwortet mir dies, Meiſter. „Ein guter Anfang, Mr. Langkork— Du haſt den Fall nicht übel eröffnet; aber jetzt will ich Dich ſelbſt öffnen, denn Deine Rede war ſo lang, daß ich, während Du ſprachſt, in aller Stille das, was Dein Kamierad Gutes enthielt, an mich genommen habe. Wahrhaftig, Du haſt mehr Kraft und Lebhaftigkeit in Dir, als Dein leerer Bruder, und ſollſt deshalb verdientermaßen die beſte Antwort erhalten, die ich Dir geben kann, obſchon ich mich dabei der Kürze befleißen will. Alle Liebenswürdigkeit, alle Tugenden, die irgend ein Menſch möglicherweiſe beſitzen kann, ſind nicht im Stande, einen Anderen ſeines guten Rechtes zu berauben. Es iſt hier von einem Falle die Rede, in welchem die Freundſchaft nichts thun kann; denn ſobald ſich dieſe zu einer ſchlechten Handlung hergibt, gälte es ſogar dem Freunde zu dienen, ſo iſt ſie keine Freundſchaft mehr, ſondern nur eine Verſchwörung zwiſchen zwei Schurken. Was hältſt Du davon, Meiſter Dünnhals? Dieſe Antwort verdfent ein Glas von Deinem Blute.— Was haſt Du mir ferner vorzuwerfen? denn ſiehſt Du, obgleich Du ſchnell dahinſchwindeſt, bin ich doch noch nicht überwältigt. Fahre fert— erhebe Deinen Kopf, wie ein Mann, und ſprich laut, denn die Iury iſt ſonſt nicht im Stande, etwas zu hören. Du ſagſt, das ſeyen ſehr ſchöne Geſin⸗ nungen und hätten ſo weit einen Schein von Recht für ſich; aber warum brauche ich aus meiner Weiſe zu fallen, um mich zwiſchen eine wechſelſeitige Liebe einzudrängen? Ein Advokat iſt kein Eh⸗ ſtandsmäkler. Was hat das Necht mit den zarteren Gefühlen zu thun? Der Ehſtand iſt ein heiliges Werk, ein moraliſcher Vertrag der höchſten Ordnung; wenn er aus bloßen ſelbſtſüchtigen Rückſichten eingegangen wird, ſo iſt er weiter nichts, als ein Entweihung.— Du haſt dieſen letzten Satz geſtohlen, Meiſter Grünrock, und ſollſt dafür die Strafe des Plagiats zahlen— je tiefer Du hinuntergehſt, deſto mehr ſagt mir Dein Geiſt zu. Zum Schluſſe frägſt Du mich, warum ich mich nicht ſtreng an meine Berufsobliegenheiten halte —— 181 und alle Heirathsangelegenheiten der Liebe, der Gelegenheit und den Pfarrer überlaſſe? „Nun meine Antwort— da ich ſehe, wie der Fall bald am Schluſſe iſt und Du darauf beſtehſt, daß ich bloß in den Grenzen meines Berufes bleibe, ſo will ich Dir dieſen Gefallen thun und Dir Alles, was Du noch haſt, in der Eigenſchaft geſetzlicher Spor⸗ teln abnehmen. So, jetzt biſt Du ſo leer, wie mein blauer Beutel ſonſt zu ſeyn pflegte, und Du haſt ſo wenig Solidität mehr, daß ich Dich durch und durch ſchauen kann. Da ſiehſt Du, was dabei herauskommt, wenn Du mit einem Advokaten zu ſtreiten anfängſt. Du biſt rein gefegt und ich könnte Dich ebenſo gut ohne Weiteres aus dem Gerichtshofe weiſen; aber dennoch ſollſt Du meine Ant⸗ wort auf Deine letzte Einrede haben. Der Ehſtand iſt allerdings eine feierliche Handlung; aber in allen derartigen Verbindungen dürfen die Erdendinge nicht außer Acht gelaſſen werden, und es iſt daher meine Pflicht, meinem Klienten zu ſagen, daß dieſe oder dieſe Heirath von ſolchen und ſolchen geſetzlichen oder ſonſtigen zeitlichen Wohlthaten begleitet ſeyn würde. Ich muß ihn darauf aufmerkſam machen, daß eine gewiſſe Verbindung beſſer für ſeine Güter paſſe, und mit ſolchen und ſolchen Vortheilen für ihn verknüpft ſey. Freilich, die Heirath zu betreiben, iſt etwas ganz Anderes— aber ich ſehe nicht ganz ſo klar, als gewöhnlich. Meine Sache iſt ge⸗ wonnen— wenn ich nur ebenſo geſcheidt auch mein Bette gewin⸗ nen kann.“ Und er gewann es unter dem Beiſtande des Kellners. Ach zehntes Kapitel. Polly iſt politiſch. Sie ſpielt die gnädige Frau und borgt Geld mit der ganzen Nonchalance einer Dame von Stand.— Jack wirft ſich in die Bruſt, zeigt ſich als Muſikkritiker und wird ein Bischen nüchterner und verſtändiger.— Ein Rechtsgelehrter in der Klemme— er macht eine Motion, ohne etwas dadurch zu gewinnen. 4 Während Sir John Truepenny ſeine Branntweindünſte aus⸗ ſchlief, hatten Poll und Mrs. Snowdrop einen ſcheinbaren Waffen⸗ ſtillſtand geſchloſſen. Die arme, troſtloſe Suſanna wurde genöthigt, ſich in bräutliches Weiß zu kleiden, und Polly that daſſelbe, indem ſie den nöthigen Putz aus den Modehandlungen dieſes durch ſein Erpreſſungſyſtem berufenen Platzes bringen ließ. Sie war nie zuvor ſo gut gekleidet geweſen und nahm ſich, trotz der Ueberladung mit Bändern und künſtlichen Blumen, wenigſtens für einen Matroſen ganz bezaubernd aus. Das erlauchte Paar hatte beſchloſſen, vor dem nächſten Tage nichts Wichtiges vorzunehmen, denſelben Abend, die Einladung ihrer wechſelſeitigen Freunde zu einem großartigen Souper ausgenom⸗ men, zu welchem jede Dame eine gleiche Anzahl von Gäſten gebeten hatte. Als jedoch der Wirth mit dem Auftrage beehrt wurde, das beſte Mahl herzuſtellen, welches der Ort bieten könne oder durch Geld beizuſchaffen ſey, nahm er Anſtand, ſich mit der Sache zu befaſſen, wenn ihm nicht zuvor für die Einkäufe baar Geld vorge⸗ ſtreckt würde.„Wenn er vor irgend einer lebenden Perſon mehr Achtung habe, als vor Mrs. Snowdrop(aber dies ſey unmöglich),“ ſagte er,„ſo ſey dieſe Perſon Miß Macanniſter, und er würde in der That unbedingt ſagen, daß er Niemand höher reſpektire, als Miß Macanniſter, wenn nicht Mrs. Snowdrop exiſtirte; und wenn es überhaupt Jemand gebe, den er noch höher ſchätze, als ſie Beide, — 1 1 ſo ſey dieſe Perſon, Sir John Truepenny. Aber dennoch habe man Beiſpiele von loſen Streichen. Er ſey beziehungsweiſe ein ar⸗ mer Mann— ſein Haus werde hauptſächlich von jungen Gentlemen beſucht— und er ſehe von ihrem Gelde viel weniger, als von ihren Geſichtern. Einiger baare Vorſchuß ſey daher unerläßlich.“ „Gemeiner Kerl!“ rief Mrs. Snowdrop geringſchätzig ihren Kopf aufwerfend.„He, Sue, geh' in Mylord Baronneits Schlaf⸗ zimmer hinauf und bring' eine Handvoll Guineen aus Seiner Herr⸗ lichkeit Taſche herunter.“ „Zurück da, Weibsbild! Niemand ſoll in das Gemach meines Jack gehen, als ich ſelbſt,“ verſetzte Poll. Es wäre nicht klug geweſen, dieſen höchſt wichtigen Punkt im Beiſeyn des Wirths zu beleuchten. Poll ging daber und kehrte nur mit zehn oder zwölf Guineen zurück, da ſie nicht weiter hatte finden können. Sie zählte das Geld in die ausgeſtreckte Hand des Wirthes, welcher bei Empfangnahme den Kopf ſchüttelte, dann aber das Geld mit aller Ruhe in die Taſche ſteckte und entgegnete: „Das wird nicht weit reichen; indeß zahlt es immerhin euer Nachteſſen und die Zimmermiethe. Für wie Viele, habt ihr geſagt, meine Damen?. „Für wenigſtens dreißig; und da wir's ſehr gentil halten möch⸗ ten, ſo laßt es an drei Geigen und an einer hübſch gefüllten Rum⸗ flaſche nicht fehlen,“ antwortete Mrs. Snowdrop. „Und hört Ihr, Wirth, nur keine Zwiebeln an den Salat— das iſt ſo ſchrecklich gemein,“ ſagte Polly, mit höchſt vornehmer Miene Mrs. Snowdrop anſehend.. „Was ſollen wir aber anfangen, Miß Macanniſter, um gehörig Numor zu machen?“ fragte die ältliche Dame. „Schießt Jack einige von Euren ſchmutzigen Hunderten vor.“ „Mit allem Vergnügen, meine Theure; aber außer mir weiß Niemand, wo ſie untergebracht ſind, und ich kann den lieben Menſchen nicht verlaſſen.“ 184 „Dann laßt ein paar Juden kommen— ſie werden ſchnell genug mit dem Geld ausrücken.“ 1 Nun war aber Mrs. Snowdrop ſelbſt eine chriſtliche Jüdin— ſo ſagten wenigſtens diejenigen, welche je Geldgeſchäfte mit ihr gemacht hatten— und wußte wohl, wie gefährlich es war, mit Juden zu verkehren. „Nein, Miß,“ verſetzte ſie;„erlaubt mir, zu bemerken, daß der Jude Einen bald aus dem Haus verdrängt, wenn man ihn einmal hereingelaſſen hat.“ „Gut,“ ſagte Poll;„um Euch zu zeigen, daß ich mich nicht ſcheue, meinen Jack zu verlaſſen, ſo will ich ſelbſt einen Verſuch machen, denn ich weiß wohl, wie ich's angreifen muß, um zu Monetten zu kommen. Gebt mir nur Eure Fauſt darauf, daß Ihr mich wieder hereinlaſſen wollt.“ „Aber wenn Ihr Jack und Euch ſelbſt liebt, ſo geht nur nicht zu ſeinem Advokaten.“ „O nein, Poll iſt kein ſo unerfahrener Löffel.“ Sie ſetzte mit allem Stolze einer Rorelane ihren neuen weißen Atlashut auf und begab ſich auf die Straße. Sie, die vor einigen Tagen froh geweſen, wenn ſie nur von einem gemeinen Matroſen angeredet wurde, rümpfte jetzt über die Midſhipmens hochmüthig die Naſe, ging geringſchätzig an den Lieutenants vorbei und ſtritt ſich mit den Poſtenkapitänen um die Trottoirs. Sie war übrigens ebenſo ſchlau, als eitel, und beſchloß, mit einemmale einen kecken Streich zu führen. In Kriegs⸗ zeiten, wenn es viel Priſengeld gibt, wimmelt es in den Seehäfen von Agenten, und ſie hatte bald einen derſelben aufgefunden, wel⸗ chem ſie die Weiſung gab, ihr augenblicklich eine Heirathslicenz für Sir John zu verſchaffen, möge es koſten, was es wolle.“ Von Mr. Scrivener hatte ſie genug gehört, um zu begreifen, daß er gar zu gerne die Verwaltung von Sir Johns Augelegenhei⸗ ten übernommen hätte, denn ſie wußte, daß er allein das ganze Gepränge des Nachmittags in Bewegung geſetzt hatte. Sie fand ſein — Gaſthaus leicht auf und wurde ohne Zögerung vorgelaſſen, obſchon er ſich kaum in einem Zuſtande befand, der für die Aufnahme von Beſuchen geeignet war. Der Wundarzt, welcher dem gelehrten Herrn Blutegel geſetzt hatte, um deſſen Augen bloß noch in Halb⸗ trauer gehen zu laſſen, war kaum zuvor abgetreten; und als Poll die Thüre öffnete, badete ſich Mr. Scrivener noch immer das Ge⸗ ſicht und die geſchwollene Naſe. Eugenia Elfrida hatte ihren Anzug gewechſelt und ließ ſich durch die Leiden ihres Vaters nur wenig anfechten, indem ſie ihre Aufmerkſamkeit zwiſchen den Fliegen, welche ihre einfältigen Köpfe an den Fenſterſcheiben verbeulten, und den müßigen Militärs oder Flottenoffizieren theilte, welche in Highſtreet auf⸗ und abſtolzirten. Ungeachtet dieſer nutzbringenden Beſchäftigung hätte ſie übri⸗ gens doch gar zu gerne wiſſen mögen— denn Eugenia war ſtets ſehr neugierig— ob Jack nüchtern geworden, was er treibe und wie er wohl ausſehe, wenn er die Tracht eines Mannes von Stande trage. Ferner quälte ſie der Gedanke, ob Jack ſie liebe— vor Allem aber, ob er ſie heirathen werde; denn nach ihren früheren getäuſchten Hoffnungen ſetzte ſie nicht allzu viel Vertrauen auf die väterlichen Verheißungen. „Ah. ich ſehe, Sir Johns Freundin,“ ſagte Scrivener, indem er fortfuhr, mit der feuchten Leinwand ſeine Augen zu betupfen, „was kann ich für Euch thun, Miß?“ „Mit Erlaubniß, Sir, wir nehmen an, daß Ihr meines Jacks Freund ſeyd. Jack ſchickt mich, Sir—(wenn's galt, konnte Polly lügen wie ein Diplomat), Jack ſchickt mich, Sir; ich ſoll Euch freundlich von ihm grüßen, und es wäre ihm lieb, wenn Ihr ihm eine Fauſt voll Guineen oder ſo borgen wolltet.“ „Iſt's wahr? Der würdige Sir John! Er kann über jede Summe gebieten, die er zu fordern belieben mag. Niemand wird ſich's mehr zum Stolze anrechnen, als ich, wenn ich ſo glücklich bin, Sir John Truepenny einen Dienſt zu leiſten. Ein Mann von unendlichem Verdienſt— und von großem Geſchmack obendrein, Miß— er weiß, wie er ſeine Freunde wählen muß. Seine Freunde müſſen natürlich auch die meinigen ſeyn. Darf ich Euch nichts an⸗ bieten— Xeres, Madame?“ 5 „Ihr ſeyd ſehr höflich, Sir— ein Gläschen Branntwein mit Bitterem. Nicht, daß ich's nöthig hätte, von einem Gentleman ein Traktament anzunehmen, nun Jack in ein Eigenthum gekommen iſt— es geſchieht nur aus Höoͤflichkeit, weil ich mich nicht unmanier⸗ lich finden laſſen möchte. Laßt's alſo kommen!“ „Kellner, etwas Branntwein mit Bitterem.“ „Wie viel, Sir?“ „Ein Glas voll, Du Löffel! Marſchir mit Deinem Fegelappen, Du fiedelgeſichtiger, hundeſtehlender Meſſeerſcheurer. Bitte um Verzeihung, Sir, aber Ihr ſeht, da ich bald ſelbſt Dienſtboten haben werde, ſo muß ich mich doch jetzt ein wenig üben.“ „Vollkommen recht, Miß. Die Uebung macht den Meiſter, wie's im Sprichwort heißt, obſchon ich nicht glaube, daß der Per⸗ ſon, mit welcher ich zu ſprechen die Ehre habe, irgend etwas an Vollkommenheit gebricht. Wie viel verlangt mein Freund Sir John?“ „Hundert werden vor der Hand zureichen,“ verſetzte Polly und ſtreckte ihre Hand aus. Aber Mr. Scrivener erklärte ihr, daß in derartigen Verhand⸗ lungen einige Formen nöthig ſeyen, und ſo groß auch ſeine Liebe zu Sir John ſey, ſo könne doch das Darlehen nicht vollzogen werden, ohne daß er ſich mit dem Empfänger ſelbſt benähme und von demſelben eine Quittung erhalte.„Wollte ihm wohl Sir John die unausſprechliche Ehre eines Beſuches erweiſen?“ Davon war nun natürlich keine Rede, und ebenſowenig wollte Polly haben, daß der Rechtsgelehrte zu Jack komme. Das Geld war jedoch abſolut nothwendig, namentlich wenn ſie daran dachte, was ſie für den anderen Morgen Großes im Sinne hatte. Sie ließ ſich daher Mr. Serivener's Verſprechen, daß er ſich im Laufe einer Stunde in ihrem Gaſthofe einfinden wolle, gefallen, und ver⸗ beugte ſich dreimal gegen Miß Scrivener, welche die Begrüßung mit einem kurzen Kopfnicken erwiederte, wie ſie es untergeordneten Perſonen gegenüber für fayhionabel hielt. Als ſich Poll entfernte, murmelte ſie auf der Treppe vor ſich hin:„gemalte Wachsfigur! Zieraffige Puppe!“ Aber Polly hatte noch andere ſehr wichtige Geſchäfte, deren Inhalt dem Leſer bald bekannt werden wird, zu beſorgen, und kehrte daher erſt Abends acht Uhr nach den blauen Pfoſten zurück. In der Zwiſchenzeit war Mr. Serivener zweimal da geweſen und hatte jedesmal ſeine Karte hinaufgeſchickt, ohne daß ihm jedoch das ſchlaue Bumbootweib Zutritt geſtattet hätte. Jack hatte ein paar Stündchen ſehr erfriſchend geſchlafen und war, als er erwachte, wieder vollkommen nüchtern, aber dabei ſo hungrig, wie ein gieriger Wolf. Allmählig begann er ſeine neue Lage zu begreifen und kam bald zu dem ſehr befriedigenden Schluſſe, daß er ein ungeheurer Eſel geweſen ſey. Ehe er jedoch ſich anklei⸗ den konnte, mußte er nach einem Kleiderhändler ſchicken, denn der Anzug, der am Nachmittage noch faſt ganz neu geweſen, war ſo zerriſſen und beſchmutzt, daß er ihn nicht mehr tragen konnte. Endlich kam er in das beſte Zimmer hinunter, wo er Noth hatte, den Schmeichelworten und dem Branntwein der Mrs. Seow⸗ drop— insbeſondere aber der ſchüchternen Empfindſamkeit und dem Erröthen ihrer bräutlich geſchmückten Tochter zu widerſtehen. An⸗ fangs betheuerte Jack mannhaft, daß er nicht mit ſich ſpielen laſſen wolle— er habe Polly ſein Wort gegeben, und es ſey ſeine ehr⸗ liche Matroſenpflicht, ſich mit ihr ſpliſſen zu laſſen. Aber ſogar während dieſer Verſicherungen hatte er ſich in Suſanna's Nähe gezogen, und als er mit den Worten ſchloß,„der Teufel ſolle mit ihm den Berg Strombolo hinunterfahren, wenn er nicht Polly hei⸗ rathe, ſobald ſie es verlange,“ war ſein Arm um Suschens Leib geſchlungen; zugleich ließ ſich ein Kuß vernehmen, ſo laut wie ein Nordoſter, wenn er durch den Block der Luvmarsſegelſchooten pfeift. In dieſem Augenblicke trat Polly ſelbſt mit gluthrothem Ge⸗ ſicht und blitzenden Augen in das Zimmer. Es folgte nun ein ge⸗ waltiger Lärm, und die Amazone würde ohne Weiteres auf die ſanfte, nicht widerſtehende Suſanna losgeſtürzt ſeyn, hätte ſich nicht die gewaltige Maſſe des Bumbootweibes und der ſtarke Arm Jacks in’s Mittel gelegt.„Polly,“ ſagte Sir John gebieteriſch,„ſo wahr ein Sumpf ein Sumpf iſt, ich wettre Dich zu einer Mumie zu⸗ ſammen, wenn Du Dich nicht zufrieden gibſt und wie eine anſtän⸗ dige Frauensperſon aufführſt.“ Da blieb nun Polly nichts übrig, als in Thränen auszubrechen und einige rührende Reden über Mrs. Snowdrops Verrath, die Argliſt ihres blaßgeſichtigen Däumlings von Tochter und Jacks Treuloſigkeit zu halten. Der neue Baronet erfreute ſich für den Antritt ſeines Nangs und Vermögens keines erbaulichen Einſtandes. Inmitten dieſes Ausbruchs von Zärtlichkeit und Wuth wurde Mr. Scrivener abermals angekündigt. Mrs. Snowdrop hatte be⸗ reits Befehl ertheilt, den Spitzbuben von einem Rechtsgelehrten hinauszuwerfen, als Polly, welche ſich wunderbar ſchnell wieder faßte, Gegenordre erließ, und nun folgte ein kurzes Geſpräch, in welchem ſie Jack von dem gegenwärtigen Zuſtande ſeiner Finanzen unterrichtete. Unſer Held begann einzuſehen, wie das Land lag, und beſchloß, ſich nicht ganz als Tölpel behandeln zu laſſen. Er hielt ſorgfältig vor Jedermann geheim, was ihm Sir Edward in Betreff der zweitauſend Pfund geſagt hatte, welche für ihn bei der Portsmouther Bank lägen, und wollte ſchlau beobachten, wie alle Partieen ihre Schiffe manövriren ließen. Endlich wurde Mr. Serivener eingelaſſen. Jack, der ihn mit ariſtokratiſcher Würde empfangen wollte, nahm in der Mitte des Zimmers auf einem Armſtuble Platz, drückte ſich ſeinen Strohhut weiſe auf die eine Seite, ſteckte eine ſehr lange Thonpfeife in ſei⸗ —— 189 nen Mund und hielt dieſelbe mit der einen Hand pomphaft in die Luft, während er die andere mit einem Glas kalt Waſſer auf der Lehne des Stuhles aufſtützte. Zwiſchen ſeinen Beinen ſtand auf dem Boden ein dreieckiger Spucknapf, und aus ſeiner Pfeife ent⸗ ſandte er den Rauch in langen, abgemeſſenen Wolken. Von dem Waſſer verlangte er nichts, als deſſen Anblick, und es drückte ſinn⸗ bildlich ſeinen Entſchluß aus, daß er nüchtern bleiben wolle. Zu ſeiner Rechten ſaß Mrs. Snowdrop, die den Stuhl mit ihren gewaltigen Proportionen mehr als ausfüllte und ihre Arme mit der ganzen Würde der kräftigen Mutter eines Baronets verſchlungen hielt. Polly war gleichfalls von dem Pompe der privilegirten Klaſſe ſchon dermaßen angeſteckt, daß ſie eine ganz großartige Rolle ſpielte, indem ſie bolzgerade in ihrem Stuhle ſaß und den Kopf ſoweit zurückneigte, daß von ihrem Geſichte nichts, als der untere Theil des Kinns zu ſehen war. Kein Mann, der in der Abſicht kam, hundert Pfund auszuborgen, wurde je mit ſo viel hauteur empfangen. Die eine Seite des Zimmers war der ganzen Länge nach mit Tiſchen beſetzt, welche für die Bequemlichkeit von dreißig Gäſten Raum bieten ſollten. Der armen Suſanna brauchen wir keine Erwähnung zu thun, weil ſie nicht ſichtbar war; denn da ſie be⸗ ſcheiden hinter Mrs. Snowdrop ſaß, ſo wurde ſie ganz durch die mütterliche Rundheit verdunkelt. Als die Thüre aufging, um Mr. Scrivener einzulaſſen, er⸗ ſahen zwei einbeinige Fiedler, die einen blinden Kollegen führten, die Gelegenheit, gleichfalls hereinzukommen. Ihnen folgte ein Vierter, der eine Baßgeige quälte, und ein Mann mit einer Dreh⸗ orgel, welcher übrigens, da er nicht beſtellt war, von den Kellnern wieder die Treppe hinuntergeworfen wurde. Die Muſiker, wie ſie Polly nannte, nahmen voll Nuhe und in aller Demuth auf den Schemeln Platz, die, wie ſie aus innerer Eingebung wußten, für ſie beſtimmt waren. Nachdem ſich dieſer kleine Lärm gelegt hatte, machte ſich Mr. 190 Scrivener, der einen grünen Schirm über den Augen hatte, mit einem bezaubernden Lächeln auf ſeinem Geſichte und der zum Drucke ausgeſtreckten Hand dem ehrfurchtgebietenden Kleeblatte. Jack hin⸗ derte jedoch ſein Herantreten mit einem wahrhaft zeusartigen Winken des mit der Pfeife bewaffneten Kopfes, befahl der Bande, 8 das„God save the king“ aufzuſpielen, und ſchickte ſich an, mit der ganzen würdevollen Haltung eines Kritikers und mit dem er⸗ habenen Selbſtgefühle des Feſtgebers auf die Muſik zu lauſchen. Ohne ſich mit der vergeblichen Mühe eines überflüſſigen Stimmens abzugeben, begannen gehorſam die vier Inſtrumente, welche die Nationalhymne abkratzten, einen Wettlauf, der durch den blinden — Geiger um einige Takte gewonnen wurde. Jack erklärte den Vortrag für gut, obſchon er ein wenig lauter hätte ſeyn dürfen, während Mrs. Snowdrop und Polly ſehr karg mit ihrem Beifall thaten; denn ſie erklärten unverhohlen, daß die 2 Muſiker ihre Sache hätten beſſer machen können. Der verblüffte Rechtsgelehrte durfte noch immer nicht ſprechen, und ſein Verſuch dazu wurde durch Jacks Verlangen nach dem „Nule Britannia“ kurz abgeſchnitten. Die gedachte Weiſe wurde demgemäß geſpielt und der Mangel, welcher in der letzten muſikali⸗ ſchen Leiſtung anſtößig erfunden worden, nach Kräften verbeſſert. Die Gläſer ſchienen auf dem Tiſche unter dem Lärm des ſchreck⸗ lichen Mißklangs zu tanzen, und nun erſt gaben Jack und die Damen ihre Zufriedenheit zu erkennen. Mr. Seriveuer verſuchte 3 nun näher zu kommen; aber Jack empfing ihn mit einem abſto⸗ ßenden Stirnerunzeln und befahl ihm durch eine Geberde, Halt zu machen. „Sir John Truepenny!“ begann der Rechtsgelehrte von der Mitte des Zimmers aus, indem er nur noch einen einzigen Schritt vorwärts that. „Halt da— beigelegt! Was für ein Schiff? Schätz wohl, ein Ruſſe, den grünen Farben nach, die Ihr zeigt.“ 191 „Ein Engländer, wie Ihr ſelbſt, Sir John.“ „Dann herunter mit Euern Todlichtern; zeigt Eure Papiere! Woher, wohin, welcher Name, welcher Tonnengehalt und welche Ladung?“ Da Jack alles dies mit rauher, grämlicher Stimme ausſprach und weder in ſeinen Blicken, noch in ſeinem Weſen eine Spur von Scherzhaftigkeit zu ſchauen war, ſo fühlte ſich Mr. Scrivener nicht wenig betroffen, um ſo mehr, da er von den vielen Fragen, welche über ihn hinſchauerten, faſt keine einzige verſtand. Er war weit verlegener, als wenn er in einem ſcharfen Kreuzverhör ob einer Lüge wäre betreten worden, und der boshafte Jack hatte die größte Freude an ſeiner Verwirrung. Aber eine milde, nicht unmuſikaliſche Stimme, die nach dem Fideln und Sir Johns barſchen Tönen wie eine himmliſche Muſik klang, ließ ſich von dem Stuhle hinter Mrs. Snowdrop vernehmen. „Ich bitte um Verzeihung, Sir, aber ich glaube, Sir John Truepenny kann den Schirm über Euern Augen nicht leiden und fragt nur in der ihm eigenthümlich ſcherzhaften Weiſe nach Euren Namen und Eurem Anliegen.“ Mr. Scrivener machte eine ſehr tiefe Verbeugung gegen Mrs⸗ Snowdrop, welche ſich demgemäß in die Bruſt warf. „Sir John's ſcherzhafte Weiſe— hum— Pranger— heißer Sommertag und Eier im Zuſtande des Uebergangs— hab's noch nie ſonderlich ſcherzhaft gefunden,“ ſagte der Rechtsgelehrte. „Sie ſchon verſucht?“ entgegnete Jack, ohne eine Muskel zu bewegen. „Ich? Gott behüte mich— was haltet Ihr von mir? Dieſen Schirm, Sir John, verdauke ich Eurem Dienſte. Ich heiße Simen Serivener, wenn Ihr meinen Namen vergeſſen habt, und mir habt Ihr’s zu danken, daß Ihr jetzt Sir John Truepenny ſeyd. Ich komme Curer Aufforderung gemäß hieher, um Euch hundert Pfund zu borgen, und ſtehe Euch bereitwillig mit meinem Gelde zu Dienſte, wenn Ihr mir dagegen nur eine kleine Höflichkeit erweiſen und einen geringen Antheil an Eurer Freundſchaft ſchenken wollt.“ „Sehr gut, Mr. Simon Seribler— nur Alles hübſch ehrlich und über Bord— hergus mit den Monetten,“ entgegnete Jack mit dem Ernſte eines Richters. „Aber mein theurer, ſcherzhafier Sir John,“ entgegnete Scrive⸗ ner, der jetzt kühner wurde;„es ſind doch einige Ceremonieen nöthig.“ Und dann wünſchte er wegen weiterer Beſchäftigung ſeine Be⸗ dingungen zu machen: aber Jack blieb unbeweglich und wellte für das Geld nicht einmal eine Quittung ausſtellen, da er ſich der Zu⸗ ſage erinnerte, welche er Mr. Singleheart gegeben hatte, und demge⸗ mäß feſt entſchloſſen war, ohne deſſen Genehmigung nichts mit ſeiner Namensunterſchrift zu verſehen. Die beiden Damen ſahen und hörten dies mit Entſetzen an; aber Jack blieb halsſtarrig. Es war daher kein anderer Ausweg vorhanden, als daß Mrs. Snowdrop für das Geld Bücgſchaft lei⸗ ſtete, welche der Rechtsgelehrte, der den Reichthum des Bumboot⸗ weibes kannte, bereitwillig annahm. Es wurde ſodann ein Lein⸗ wandbeutel, welcher neunzehn Guineen und achtzig Pfund in Bank⸗ noten euthielt, in die breite Hand unſeres Jack gegeben, der denſelben mit der Gleichgültigkeit eines großen Mannes in ſeine Taſche ſteckte. Für dieſes Darlehen von hundert Pfunden hatte Mrs. Snowdrop einen Wechſel im Betrage von hundert und dreißig Pfunden nach drei Monaten zahlbar, zu acceptiren, denn der Advokat berechnete, wie er ſagte, nur zehn Prozent Intereſſen und gab das Gold zu ſeinem marktbaren Preiſe, die Guinee zu dreißig Schillingen anſchlagend. Nach vielen vergebl ichen Verſuchen von Seiten des Mr. Scrivener, den Angenehmen zu ſpielen und ſich zu Gunſten zu empfehlen, befahl ihm Jack ohne Umſtände, er ſolle ſich rar machen, da er mehrere Damen und Gentlemen erwarte, welche gemeine Geſellſchaft nicht leiden könnten. Mr. Scrivener ſchickte ſich deshalb zum Aufbruche an, ohne durch ſeine Motion etwas Anderes, als ein Bischen Wucherzinſen gewonnen zu haben. 4 „Geigt ihn hinaus!“ rief Sir John mit einem Tone, der es nicht räthlich erſcheinen ließ, ungehorſam zu ſeyn Die Fiedler zitterten bis an ihre Ellenbogen, und die Baßgeige ſtöhnte entſetzt. „Was für'n Stück verlangt Eure Gnaden?“ fragte der blinde Muſikus, welcher, da er die Schrecken von Jacks Stirne⸗ runzeln nicht ſchauen konnte, das Vermögen der Sprache beibe⸗ halten hatte. 5 „Den Schelmenmarſch.“ Und Mr. Serivener entfernte ſich unter den ſchwunghaften Akkorden der gedachten Weiſe, ohne von ſeinem Empfange ſowohl, als von ſeiner Entlaſſung allzu ſehr erbaut zu ſeyn. Das Abſehennehmen herrſchte damals noch nicht, wenig⸗ ſteus nicht in dem hentigen klaſſiſchen Höckerſtyl. Jack legte in⸗ deß, ſobald ſich der Rechtsgelehrte entfernt hatte, ſeine Baro⸗ netenwürde ab und erging ſich in einer ſehr verſtändlichen Geberde der Verachtung, welche der modernen Art und Weiſe, den Spott anszudrücken, nicht nachſtand, ihr aber an Energie und Poſſterlich⸗ keit weit überlegen war, obſchon wir ſie mit der Lieblingsphraſe unſerer ſchriftſtelleriſchen Kollegen bezeichnen können,„daß ſie ſich nur denken, nicht aber ausdrücken ließ.“. Aus der Verſchiedenheit, welche Jack bei dem gedachten Anlaſſe an den Tag legte, ſtellte ſich klar heraus, daß er entſchloſſen war, ſich nicht gängeln zu laſſen. Er begann mit Vorwürfen gegen Mrs. Snowdrop, weil ſie ihn betrunken gemacht hatte— ſehr zu Polly's Freude, und brach dann gegen Polly los, weil ſie Mrs. Snowdrop erlaubt hatte, ihm ſoviel Branntwein zu geben, wor⸗ über dann ihrerſeits die Letztere vergnügt war. Dann kritiſirte er Polly's Anzug mit der Strenge eines Petrucchio, machte eine Marryat's W. XX. Jack am Lande. 13 finſtere Miene und fluchte ſo erſtaunlich, daß ſie ganz beſiegt war und zitternd vor ihm ſtand. Dann war ihm die Anordnung der Tiſche nicht recht. Er rief den Wirth mit deſſen männlicher und weiblicher Dienerſchaft herbei, verfluchte ſie ſammt und ſon⸗ ders als ein Tölpelpack, das immer ſeine gemeine Weiſe einem Manne von Stande außzudringen wünſche, und ſchickte ſich an, ihnen in ihrem eigenen Geſchäfte Unterricht zu ertheilen. Alles müßte weg, ſogar die Salzdoſen, und erſt nachdem Teller, Flaſchen und Weingläſer in alle nur erdenkliche Lagen gebracht waren, gab ſich Sir John zufrieden. Dann ſchimpfte er über ſeine Muſiker, beklagte ſich über ihr allzu ſchwaches Spiel und ließ noch Trom⸗ meln, Pfeifen, Klarinetten und Dudelſäcke herbeikommen. Nachdem er Alles durch Schrecken zum Schweigen gebracht hatte, ſtolzirte er ein paarmal in dem Zimmer auf und ab, zer⸗ ſchlug ſeine Pfeife an dem Kopfe des Wirthes, wie derſelbe eben eine tiefe Verbeugung gegen ihn machen wollte, ſchleuderte ſein volles Glas Waſſer mit guter Zielfertigkeit nach dem in Glas und Rahmen prunkenden kolorirten Kupferſtich eines Midshipman in voller Uniform und rief dann:„Bei den großen Kanonen des Old Glory, dieſe Tölpel ſollen nun erfahren, daß Jack am Lande iſt!“ Neunzehntes Kapitel. Iſt lang und wichtig, da es die vornehmlichſten Dinge enthält, für welche Mann und Weib exiſtiren— Liebe, Nahrung und Streit.— Berührt auch die ſieben Todſünden und enthält ſieben unſterbliche Sittenlehren, erſtere ſehr augenfällig, letztere nur dunkel angedeutet.— Mit der Sünde geht's viel leichter, als mit der Moral. „Halt da— ho, Jack! gib auf's Steuer Acht— laß es nie⸗ der— laß es nieder. Herein mit deiner ſtolzen Leinwand— Gott behüte Dich, Jack kürze Deine Vorderſegel. Du biſt dem Winde zu nah, mein Lieber— viere langſam— viere langſam— ich ſage Dir, die ſtehenden Seiten Deiner Luvſegel ſchüttern— Du haſt bereits drei Tücher im Winde. Nein, Jack, mein Schatz⸗ kind, ſo geht's nicht— ſiehſt Du jenen hölliſchen Kobold, der ſich Deines Steuers bemächtigt hat? Wie der Dämon grinst, plappert und diaboliſche Sprünge macht! Gib ihm ein's auf's Hirn, Jack— gib ihm ein’s auf's Hirn! Siehſt Du, wie er das gute Schiff zum Gieren bringt? Du kennſt ihn nicht— es iſt Schade. Aber in der Nähe ſteht ein alter Kauz, der wie ein Quartiermeiſter ausſieht und ſeinen Koyi hängen läßt— Niemand achtet auf ihn, weder Du, noch Deine Gefährten wollen etwas von ihm wiſſen. Um ſo ſchlimmer für euch Alle— ſein Name iſt der geſunde Menſcheuverſtand. Gib ihm das Steuer, Jack. Es iſt noch Zeit, aber auch die höchſte Zeit— bereits brechen die Wellen über Dir zuſammen! Dein Tuch iſt ſtramm—, Deine Buge gehen unter Waſſer— Deine Maſten beugen ſich— Deine Raagen knarren und Dein ſtehendes Tackelwerk iſt am Reißen. Wie wäre es auch anders möglich? Die Thorheit hat das Kommando des guten Schiffs übernommen, und der Dämon Wahnfinn ſitzt am Steuer. Der Sturm des Glückes iſt zu ſtark, zu plötzlich für Dich, mein 196 lieber John— nimm Dich in Acht; Du ſchlägſt um und biſt dann nichts, als ein elendes Wrack. Hüte Dich vor der Toll⸗ heit, mein lieber Junge— nimm Dich recht ſehr vor ihr in Acht. Fürchteſt Du nicht die dunklen Zellen und die Ketten des Irrenhauſes? Was nützen Dich dann alle Deine großen Be⸗ ſitzungen, Deine hochtönenden Titel? Du härmſt Dich ab auf dem eckeln Stroh, bis Deine fleiſchloſen Knochen unter Deiner ausge⸗ trockneten Haut raſſeln. Nie mehr ſchwingſt Du Dich wieder im leichten Matroſenkleide, von der heitern Sonne beleuchtet, auf der ſtolzen Naa— nie mehr holſt Du die flatternden Segel ein unter dem lauten Ruſe:„eins, zwei, drei!“ Dahin iſt die ſtolze Heiterkeit, mit der Du das Loth gegen die Sprietſegelraa zurückzuwerfen und die abnehmenden Tiefen auszurufen pflegteſt, während ſich das brave Schiff der theuren Küſte nahte, die Du liebteſt und gerne vertheidigteſt! Sollte dies vorbei ſeyn— vorbei für immer? Nein, das wäre ein betrübter„Umwechſel für einen Penny!“ Halt da, Jack— beſinne Dich! War denn Niemand in der Nähe, um ihm die Gefahr der Auf⸗ regung zu zeigen, auf deren Pfad er dahinſtürmte? Ja, es war Jemand da— aber leider ein Geſchöpf, das ſelbſt nur allzu ſehr auf die Leelüſte zuſchoß. Der Sturm übrigens, der es in's Ver⸗ derben trieb, waren nicht die wilden Windſtöße eines anmaßenden Wohlſtandes, nicht die wilde Wuth oder die Windsbraut unbe⸗ herrſchbarer Leidenſchaften, ſondern jener Impuls der Seele, welcher wohl ſanſter zu ſeyn ſcheint, aber doch kräſtiger iſt, als der Tod— wir meinen die unerwiederte Liebe. Suſanna hatte Jacks wilde Aufregung, den unſtäten Blitz ſeiner Augen und ein leichtes Zucken über ſeine breite, weiße Stirn bemerkt. Er war in der Rolle des Löwen begriſſen, die er mit allem Löwenungeſtüm abbrüllte, und Niemand ſchien geneigt zu ſeyn, ihn anzureden oder nur in ſeine Nähe zu kommen. Auch hatte er bereits angefangen, etwas unzuſammenhängend zu ſprechen. 2 197 „Mein theurer John,“ ſagte Sufanna, indem ſie mit ſanftem Lächeln auf ihn zuging und eine ſeiner breiten Hände erfaßte, „kommt und ſetzt Euch zu mir— ich möchte mit Euch ſprechen.“ „Was ſagt meine Lilie mit den beiden Veilchen ſtatt der Augen und den Roſenknospenlippen? Bei den blauen Wogen, Ihr werdet ſo ſüß, wie das Mondenlicht auf einer winzigen kleinen Welle— ja, Sue, blaß, blaß und weiß— aber ſehr hübſch! Wem ſeyd Ihr wohl zu vergleichen, arme Suſanna— wem ſeyd Ihr zu vergleichen, mein geſenkter Zweig voll weißer Blüthen?“ „Seyd ruhig, John, und ſprecht nicht— aber kommt, ſetzt Euch zu mir nieder und hört mich an.“ „Wie, ich ſoll nicht ſprechen? Nicht ſprechen? Und warum nicht ſprechen, wenn ich ein ſo zartes Weſen zum Gegenüber habe? Nicht ſprechen! ja wohl da— das könnte man zu dem armen Jack, dem Matroſen, ſagen, nicht aber zu Sir John Truepenny— das wäre zu abgeſchmackt— zu drollig!“ Und er brach in ein ſo ſchallendes Gelächter aus, daß auch die ſtumpfſinnige Mrs. Snowdrop etwas Unnatürliches darin zu finden glaubte. „Ihr ſollt freilich ſprechen— aber es iſt nicht ſchön von einem ſo großen Herrn, wenn er das Wort allein führen will; es ſieht ſo gar ſtolz aus.“ „Sehr wahr; wir wollen mit einander reden. Suſanna 3 Snowdrop und Sir John True Penny ſprechen miteinander und jede andere Perſon ſoll ſchweigen. Aber der Baronet muß reden vor der Tochter einer— o Suſanna, was bin ich nicht für ein Unthier!— laßt mich nur Euch ſagen, wem Ihr gleicht, und ich will Euch dann eine Stunde lang zuhören.“ „Zugeſtanden— es gilt, John! Fahrt fort— aber ſetzt Euch zu mir nieder und ſprecht leiſe— Herren von Stand ſprechen ſtets leiſe mit— mit— darf ich ſagen, mit einer Dame?“ „Dame, Suſanna? Was will ich von Damen? Aber wenn⸗ ſie nur halb ſo gut, ſo ſanft, ſo liebevoll und nachſichtig ſind, wie das mißhandelte— 3 4 „Mit was wollt Ihr mich vergleichen?“ „Mit allen guten und angenehmen Dingen— Ihr gleicht einem Oberbramſegel, gefertigt aus der weißeſten Leinwand— Euer Gang hat Aehnlichkeit mit einem Mudian⸗Schooner an einer Bolinie— wenn Ihr lächelt, ſo iſt es wie ein Sonnenſtrahl, der unter dem vollen Segelwerk eines Schiffes umhertanzt— Euer Athem gleicht der Seebriſe, der in den Hafen von Port Royal hereinfächelt und kühlend das Geſicht eines armen Teufels trifft, welcher mit dem gelben Jack ringt— Eure Stimme klingt wie das„Anker gelichtet“ auf einer fremden Station, wenn es der Heimath zugeht— Eure Worte und Eure kleinen Reden kommen ſo erfriſchend, wie große Regentropfen, wenn ein ungluͤcklicher Matroſe in einem offenen Boot vor Durſt ſterben will— Euer holdes Gemüth iſt wie ein ſanfter Wind— zwei Punkte bagſtags hintenaus— und wenn Ihr mit allen Euren guten Eigenſchaften in ein Schiff umgewandelt werden könntet, ſo wäre die See lange nicht gut genug für Euch. Kleine Cherubs würden als Mann⸗ ſchaft zu Euch niederſteigen— ein herrlicher Engel träte an's Steuer— und Ihr würdet geradeaus nach oben ſegeln, um im Himmel Eure Anker zu werfen.“ „Ach, Jack, das iſt ſehr ſchön geſprochen— aber Mary wird eiferſüchtig werden.“ „Warum ſollte ſie das, Sue? Halte ich nicht bei ihr aus wie ein Mann? Driſcht ſite mich nicht— und ich ſie, wie es eben kommen mag? Betrinke ich mich nicht mit ihr— und was kann das Weibsbild weiter verlangen? Nein, nein, ſie hat keine Urſache, eiferſüchtig zu ſeyn. Ich könnte Euch nicht aus Liebe prügeln und auch nicht aus Liebe zu Euch mich mit Euch betrinken— ſogar das Rauchen iſt mir zuwider, wenn ich bei Euch bin.“ „Nun kommt aber die Reihe des Sprechens an mich, John.“ 199 Dann bat ihn das arme Geſchöpf mit Thränen in den Augen um die Willfahrung eines einzigen Geſuchs— des letzten, das ſie, wie ſie ſagte, je an ihn ſtellen wollte— er möchte nämlich nur dieſe Nacht nichts als Waſſer zu ſich nehmen— einen Trank aus⸗ genommen, den ſie ihm ſchicke und den er vor Schlafengehen neh⸗ men ſolle. Es wurde ihr ſchwer, bis ſie es heraus hatte, aber Sir Zohn gab ſein Ehrenwort als Mann, und ſie wußte, daß ſie ſich auf dieſe Zuſage verlaſſen konnte. Alles dies ging in ſo leiſem Tone vor, daß die andern Weiber nichts davon hören konnten. Polly war zur Zeit viel zu eingeſchüch⸗ tert, um ihr Mißfallen zu zeigen, und Mrs. Snowdrop war mit unendlicher Zufriedenheit Zeuge des guten Einvernehmens, das zwi⸗ ſchen John und ihrer Tochter zu beſtehen ſchien. In der That glaubte ſie jetzt das Spiel in ihrer Hand zu haben, und ihre Toch⸗ ter kam ihr weit verſtändiger vor, als ſie ihr bisher zugetraut hatte. Als daher Suſanna aufſtand und ihrer Mutter ſagte, ſte habe mit Sir John eine ſehr erfreuliche Uebereinkunft getroffen und wünſche jetzt nach Hauſe zu gehen, um daſelbſt bis morgen zu bleiben, hatte die Mutter nicht nur nichts dagegen einzuwenden, ſondern gab ihr zum erſtenmal ſeit vielen Jahren einen zärtlichen Kuß und wünſchte ihr gute Nacht. Auch Polly benahm ſich bei ihrem Abgang leidlich höflich, da ſie ſich, wenn Suſanna fern war, ſicherer fühlte, obſchon ſie im Allgemeinen nicht ſonderlich daran zweifelte, daß ſie bald Lady Truepenny werden würde. Jack blieb nach Suſannas Entfernung noch einige Zeit in tiefen Gedanken ſitzen. Endlich fuhr er auf, ſchlug aus aller Macht mit der Fauſt auf den Tiſch und rief: „Das Mädchen iſt ein Engel— bei den drei Haaren auf Mutter Shiptons Kinn, ſie hatte Recht— toll! Nimm Dich in Acht, Jack— nimm Dich in Acht— wenn ſie mir all' den Un⸗ flath aus der Apothekerkiſte ſchicken ſollte, ſo würde ich ihn hinunter⸗ 200 ſtauen, ja wahrhaftig. Dieſen Morgen hat ſie mich gegen die Katze beſchützt— und heute Nacht rettet ſie mich vor—“ Er ſagte nicht vor was, ſchauderte aber, als hätte er plötzlich auf eine Kröte getreten. Sir John Truepenny trat nun vor, drückte mit erzwungener Faſſung den beiden Damen die Hand und ſprach einige ruhige, gnä⸗ dige Worte an die ſehr ſtarke Muſikbande, die ſich jetzt verſammelt halte. Er that dies, um ſeinem Geiſte Uebung zu verſchaffen. Es lief ein Brief ein, welcher Mrs. Snowdrop übergeben wurde, da ſie das Kommando übernommen und Befehl ertheilt hatte, daß jeder Auftrag an ſie abgeliefert werden ſolle. Sie erbrach ohne Bedenken das Siegel, machte aber mit einemmale eine ſehr ärger⸗ liche Miene. Jack fragte ſie nach dem Grunde ihrer Unruhe und fand nun mit unwilligem Erſtaunen, daß der Brief an ihn ſelbſt überſchrieben war. Er machte ſeinem Zorne durch einen furchtbaren Fluch Luft und war im Begriffe, demſelben durch eine tüchtige Ohr⸗ feige noch mehr Nachdruck zu geben, als er plötzlich inne hielt und die Bumbootfrau folgendermaßen anredete: „Um Eurer jungen Tochter willen bitte ich Euch mein Unge⸗ ſtüm ab— ja— ich will Allem, was in Beziehung zu ihr ſteht, ein weites Berth geben. Doch laßt Euch ein für allemal geſagt ſeyn, Marm, eine derartige Freiheit dürft Ihr Euch nicht wieder nehmen— denn das Erbrechen eines an mich überſchriebenen Brie⸗ fes iſt ebenſo ſchlimm, als wenn Ihr meinen Koffer aufreißt und mir meine beſten Kleider daraus ſtehlt. Alle Aufträge müſſen in Zukunft an mich ſelbſt ausgerichtet werden, Marm.“ „Haltet zu Gnaden, mein Lord,“ verſetzte das Bumbootweib mit einer ſeltſamen Miſchung von Stolz, Aerger und Demuth,„ich habe dieſe Zimmer hier gemiethet.“ „Oh, habt Ihr das wirklich gethan, als ich molum war? Sehr gut— komm, Polly, wir beide wollen uns trollen— ich denke 201 wohl, wir finden einen Platz, wo wir ein Unterkommen kriegen können.“ Polly wäre nichts lieber geweſen, als ein ſolcher Aufbruch, denn ſie fühlte, daß ſie in Mrs. Snowdrops Anweſenheit nur eine getheilte Herrſchaft übte. Aber die Bumbootfrau winſelte und de⸗ müthigte ſich bis in den Staub, bis ſte endlich Sir John und Miß Mary Macanniſter wieder zufrieden geſtellt hatte. Der Brief war von Mr. Singleheart, Jacks Sachwalter. Er enthielt einige behutſame Vorſtellungen in Betreff des Betragens, das ſich Jack erlaubt hatte, und die Bemerkung, daß er, Mr. Single⸗ heart, am andern Morgen früh ſeinen Beſuch machen wolle. Er machte Sir John den Vorſchlag, daß ſie im Laufe des nächſten Tags nach London aufbrechen wollten— je früher, deſto beſſer— da ſte daſelbſt viele nöthige Geſchäfte zu beſorgen hätten; auch fügte er bei, er habe ſich die Freiheit genommen, einen Schneider zu beſtellen, welcher ſich anheiſchig gemacht habe, ihn zu guter Zeit mit Kleidern zu verſehen, damit er im Stande ſey, als Gentleman zu reiſen. Dieſes Schreiben enthielt nachſtehenden Einſchluß von Sir Edward Fortintower: „Kronenhotel, High⸗Street, Mittwoch. „Mein theurer Sir John! Ihr werdet gegenwärtige Freiheit entſchuldigen, wenn Ihr bedenkt, daß ich damit einzig Euer Beſtes im Auge habe. Dieſen Morgen war ich ſtolz darauf, Euch als mei⸗ nen Verwandten anzuerkennen, aber die Ereigniſſe des Tages laſſen mich faſt meine Voreiligkeit bereuen. Ich möchte zwar nicht, daß Ihr je Eure frühere Freimüthigkeit und Ehrlich⸗ keit ablegtet, muß aber dennoch wünſchen, daß Ihr Rückſicht auf den Anſtand nehmt, den Eure neue Stellung fordert. In der Umgebung, in welcher Ihr Euch befindet, kann ich Euch nicht beſuchen und Euch daher nur als ein treuer 202 Freund warnen. Folgt in allen Dingen dem Rathe Eures Sachwalters und vermeidet namentlich Aufregung im Trin⸗ ken, im Handeln, im Sprechen und ſogar im Denken. Auf einen Mann, der durch plötzliches Unglück ſeinen Verſtand verloren hat, kommen tauſend, die durch Erringung eines unerwarteten Reichthums wahnſinnig geworden ſind. Ihr bedürft der gleichen Sorgfalt und Ruhe, wie eine Perſon, die von einem Hirnfieber befallen iſt. Laßt mich wenigſtens von Euch hören und erlaubt mir, Euch den Rath zu er⸗ theilen, daß Ihr einen Arzt rufen laßt. Euer wohlmeinender 4 Edward Fortintower.“ Dieſe beiden Briefe waren in einer einfachen, kräftigen Hand geſchrieben, weshalb ſie Jack leicht leſen konnte. Er ſtellte eine Weile Betrachtungen an und ſchickte dann nach dem Wirthe, welchen er fragte, ob nicht Jemand unten geweſen ſey, der nach ihm ge⸗ fragt habe. „Jemand?“ entgegnete der Wirth, ſeine Hände erſtaunt er⸗ hebend.„Alle Welt— wenigſtens alle Welt iſt da geweſen; es harren noch jetzt dreißig bis vierzig Perſonen auf die Ehre, Euer Gnaden ihre Aufwartung zu machen.“ „Leute von der Old Glory?“ „Es ſind ihrer viele da geweſen— keine Urlaubsmänner— lauter Offtziere.“. „Und ich wurde ihnen verläugnet? Mutter Snowdrop, Mut⸗ ter Snowdrop, wie konntet Ihr Euch unterſtehen?“ „O, Sir John,“ verſetzte der Wirth,„Niemand von ihnen nahm es übel, denn ſie ſagten Alle, es ſey gebührlich und ſehr verſtändig. Da iſt noch Mr. Slowberry, einer von den jungen Gentlemen, unten. Er ſitzt ſchon anderthalb Stunden im Gaſt⸗ zimmer bei ſeinem Glaſe Grog.“ „Vermeldet ihm meine unterthänige Empfehlung— nein, nein— meinen Reſpekt— pah— ſagt, Sir John Truepenny werde ſich glücklich ſchätzen, ihn zu ſehen, wenn es ihm anders ſeine Zeit geſtatte.“ „Oh, wer wird ſo höflich mit einem ſpitzbübiſchen Reffer um⸗ gehen,“ entgegnete Polly.„Sagt ihm, er ſolle herauffommen, da der Baronet ihm einige Aufträge zu ertheilen habe.“ „Halt's Maul, Polly. Thut, wie ich Euch heiße— doch halt — wer hat dieſe Briefe gebracht?“ 4 „Mr. Snitch, der große Kleidermacher, mit ſeinem Obergehül⸗ fen und ſeinem erſten Zuſchneider.“ „Laßt ſie heraufkommen.“ „Sehr wohl, Sir John Truepenny.“ Und der Wirth entfernte ſich. „Sollen wir die Schneider mit Mufik empfangen, Euer Gna⸗ den?“ fragte der Hauptmuſikus. 1 „Nein, wenn Ihr nicht den Teufel ſpielen könnt.“ „Wir können ‚der Teufel unter den Schneidern’ ſpielen, Sir John.“ „Nun, drauf los,“ entgegnete Sir John. Demgemäß trennte ſich die Bande in zwei gleiche Theile, von welchen der eine die Weiſe des„Teufels unter den Schneidern,“ der andere das„Nun, drauf los“ ſpielte, und da beide um die Oberhand rangen, ſo gab es einen wahrhaft betäubenden Lärm. Inmitten dieſes Getümmels trat der Midſhipman mit den Schnei⸗ dern ein, und aus dem Blicke des Aergers über ſeine Genoſſenſchaft ſchien zu erhellen, daß er gute Luſt hatte, gleichfalls den Teufel unter ihnen zu ſpielen. Die Juſtrumente waren jedoch allzu über⸗ wältigend für den Middy, weshalb er in jedes Ohr einen Finger ſteckte, auf Sir John zuging und die Begrüßung nur durch ein Grinſen ſeines Geſichtes ausdrückte. Nachdem endlich der Lärm der Blas⸗ und Saiteninſtrumente 204 nachgelaſſen hatte, trat natürlich eine kleine Gezwungenheit in dem gegenſeitigen Benehmen des dermaligen. Midſhipmans und des ge⸗ weſenen Backmatroſen ein; denn obgleich Mr. Slowberry ſich den Baronet zu vergegenwärtigen bemüht war, konnte er ſich doch des Gedankens an den Fockmaſtmann nicht entſchlagen, während Sir John in ſeinem Verſuche, den Midſhipman auf dem Fuße geſelliger Gleichheit willkommen zu heißen, nicht vergeſſen konnte, wie oft ihn derſelbe mit den Worten angeredet hatte:„hurtig, hieher, Ihr trä⸗ ger Tölpel, oder ich will Euch mit dem Seilſtumpen Beine machen.“ Sie ſahen einander an und lachten; aber Keiner wollte zuerſt ſprechen, um nicht allzu herablaſſend zu erſcheinen. Sir John deutete jedoch auf eine Flaſche Portwein, aus welcher ſich der Mid⸗ ſhipman ein Glas füllte und daſſelbe mit vieler innerlichen Beruhi⸗ gung austrank. Dieſes wirkte wie das„Seſam“ auf ihre Lippen — denn nun begann Jeder zu ſprechen, und es ſtand nicht lange an, bis ſie ſich in eine Ecke des Zimmers zurückzogen, wo ſie ſich in einer angelegentlichen Berathung ergingen. Das Reſultat davon war, daß bald nachher ſowohl Midſhipman als Baronet einen Brief ſchrieben— eine Aufgabe, die Erſterer mit leichter Hand ausführte, Jack aber mit ſo vielen Geſichtsverdrehungen begleitete, daß man hätte glauben mögen, er ſchneide über jeden Buchſtaben, ſobald er ihn gemacht habe, eine Grimaſſe. Die Schneider erhielten ihre Aufträge und nahmen das nöthige Maas, um Jack mit zwei Anzügen zu verſehen, der eine eine zier⸗ liche Seemannstracht, der andere die einfache Kleidung eines Pri⸗ vatgentleman. Sobald dies geſchehen war, wurden ſie im Groge faſt erſäuft und erhielten zum Schluſſe die Weiſe:„Reich mir den Schnaps“ auf den Weg.— Es hatte neun Uhr geſchlagen. Die Lichter waren angezündet, das warme Nachteſſen ſtand bereit— aber wo blieben die Gäſte? Es war außer Mr. Slowberry kein Fremder anweſend, und auch dieſer entfernte ſich bald, da er ſich wohl denken konnte, mit was für Perſonen er wahrſcheinlich zuſammentreffen dürfte, und deshalb lieber die Ehre einer Theilnahme an dem Feſtmahle ablehnen wollte. Nachdem ſich der Midſhipman beurlaubt hatte, befahl Mrs. Snowdrop das Souper hereinzubringen; die Gerichte waren aber ſo mannigfaltig, daß Jack ſeine Augen aufriß und rief: „Mutter Snowdrop, hole Euch der Henker— Poll, Du Metze, was iſt jetzt in dem Wind? Das heißt ja wahrhaftig, das Geld mit Gewalt zum Fenſter hinauswerfen.“ 3 Mit dieſen Worten ſpießte er eine Ente an eine Tranchirgabel und hielt ſie drohend in die Höhe. „Wenn Leute genug da wären, um alles dies zu eſſen, ſo wollte ich nicht darüber brummen; aber wir ſind unſerer Drei und da iſt ein Eſſen für Vierzig.“ „Pfeife nur einmal zum Diner, mein lieber Jack, und Du wirſt dann Deine Augen aufſperren,“ entgegnete die liebenswürdige Miß Mary Macanniſter. „Spielt das ‚Roast Beef von Altengland,“ rief Sir John, indem er ſein Tranchirmeſſer mit der daran harpunirten Ente durch die Luft ſchwang. Kanm waren einige Takte dieſer appetitreizenden Weiſe ge⸗ mordet worden, als der Wirth und vier Kellner, welche ausdrücklich für dieſem Anlaß gekleidet waren, auf der Schwelle erſchienen und die Elite der Portsmouther Gemeinheit einführten. Welche üppige Schauſtellung von Farben und welche verſchiedene Koſtüme! Die Gäſte hatten ſchon ſtundenlang unten g etet, durften aber nicht das Gemach des Baronets betreten, bis ſie aufgeboten wurden. Die meiſten Gäſte waren Jack fremd. Die Geſellſchaft beſtand aus mit ihren Reizen freigebigen Damen, Matroſenmäcklern, Kneipen⸗ jägern, Geſchöpfen, welche ſich dadurch einen kärglichen Unterhalt ſicherten, daß ſie in den Wirthshäuſern Lieder ſangen und den Thor⸗ heiten der Matroſen Vorſchub thaten, Höckern und drei oder vier ſtämmigen, achtbar ausſehenden Kauffahrermaten. 8 206 Wenn ſich Jack auch darüber ärgerte, daß er keinen ſeiner alten Schiffskameraden ſah, ſo freute er ſich doch, daß die Juden fern gehalten worden waren. Er machte die Honneurs merkwürdig gut und alle Geladenen hatten Urſache, mit ihrer Aufnahme zufrieden zu ſeyn— einen einzigen unbeſonnenen Matroſenmäckler ausgenom⸗ men, welcher eine höhniſche Geberde über Sir Johns neuerlangte Würde dadurch büßen mußte, daß ihm der gnädige Herr eine heiße Ente in'’s Geſicht ſtieß. Wollten wir eine ausführliche Schilderung dieſes Gelages ge⸗ ben und demſelben nur halbweg Gerechtigkeit widerfahren laſſen, ſo würden wir dafür einen ganzen Band brauchen. Wir müſſen uns deshalb kurz faſſen und wollen blos angeben, daß Jack auf einem erhöheten Seſſel oben an dem Tiſche ſaß, während Mrs. Snowdrop rechts, Mary Macanniſter links neben ihm Platz genom⸗ men hatten. Hinter Jacks Throne flatterte das ſeidene Banner mit dem geſtickten Wappen, welches einen ſehr großartigen Eindruck machte. Ehe das Werk der Zerſtörung begann, rief Jack dem Wirth und flüſterte ihm etwas in's Ohr. „Drei Flaſchen Wachholder, Sir John Truepenny? Hab Ihr drei geſagt?“ „Ja, drei, Ihr Tölpel— und vom Beſten, den Ihr im Hauſe habt.“ Sie wurden neben ihm aufgepflanzt und Sir John deutete an, daß er dieſe Zahl nicht überſchreiten werde, obſchon die übrige Ge⸗ ſellſchaft ſeine Mäßigkeit nicht zur Richtſchnur zu nehmen brauche. Dieſe Bemerkung wurde mit drei Hurrahs aufgenommen. Die Verſammelten entwickelten nun eine Gefräßigkeit, die wirk⸗ lich höchſt beunruhigend war. Das Geräuſch war anfangs von jener ſchlappenden, pfeifenden und grunzenden Art, welche das Ohr ſo ländlich romantiſch auf einem Meierhofe anſpricht, wenn eben die Schweine gefüttert werden. Sobald ſich männiglich nach Her⸗ 4 . 4 207 zensgelüſten mit ſubſtanzieller Koſt den Magen gefüllt hatte, ließ ſich aus Anzeichen, die jedenfalls zuverläſſiger waren, als alle im Kalender, entnehmen, daß die Nacht unter ſchwerem Trinken ein⸗ treten werde. Es begann nun ein lärmendes Geplander, und Jack wurde dermaßen mit Sir Johns und Mylords beworfen, daß ihm ſein neuer Ditel herzlich zum Eckel wurde. Mit einemmale ſchien ein gewiſſer Barbier, der gekrönte Poet der Matroſen, von welchem wir ſpäter noch mehr ſprechen werden, ſehr unruhig auf ſeinem Sitze zu werden, und es flogen ihm viele neugierige, ungeduldige Blicke zu. „Stille— hört auf den Bartſchaber!“ erſcholl es nun mit lauter Stimme, und dann erhob ſich das ſcheermeſſerführende Wunderthier mit aller Würde einer ſelbſtbewußten Rednergabe und Reimfertigkeit, dem edeln Jack andeutend, daß es zum Preis der Verdienſte des Feſtgebers ein Lied verfertigt habe, das zu fingen es ſich zur Ehre rechne. Sir John ertheilte mit allergnädigſter Her⸗ ablaſſung die nachgeſuchte Erlaubniß, und der Barbier begann mit einer Stimme, die wie eine Pennytrompete quikste, folgendes ſchöne Gedicht nach eigenthümlicher Weiſe abzuſingen: „Truepenny iſt ein Ritter, gar nicht ſchlecht, Truepenny iſt aus mächtigem Geſchlecht, Und Penny macht aus Unrecht Recht All überall und jeder Zeit; Sprich kecklich Gott und allen Menſchen Hohn, Vergreif' dich ſelbſtlich an des Königs Thron Die Pence bringen dich davon 3 Und helfen Dir durch Sündigkeit.“ „ Da unterbrach Jack plötzlich den Barden vom Seifenſchaum mit dem ungeſtümen Ruf: „Halt da, Du erbärmlicher Backengerber! Meinſt Du, ich ſey zu einem Halunken in die Welt geſetzt worden, daß Du mir ſo kömmſt?“— „Allergnädigſter Baronet, ich bitte de⸗ und wehmüthig ab,“ entgegnete der Barbier,„aber Ihr mißverſteht die Tendenz meines Liedes. Ich gebe nur eine allegoriſche Andeutung Eurer Macht, nicht eine Darlegung Eures Willens— ein bloßer lusus verborum auf Eurer Gnaden Titel.“ „Schon gut,“ ſagte John nachgebend.„Da wir bei einander ſind, um uns zu beluſtigen, ſo könnt Ihr meinetwegen ſchon ein Bischen frei ſeyn. Ein Scherz iſt ein Scherz und wenn ſich die Damen nichts aus Eurem horum machen, ſo könnt Ihr ſortfahren.“ Die Damen drückten in ihren Blicken unausſprechliche Dinge aus; da jedoch der Barbier ein allgemein anerkannter Liebling war, ſo erlaubte man ihm fortzufahren, was er denn auch in folgender Weiſe that— „Hab' ich zu wandern noch ſo nah' und weit., Und iſt der Penny ſtets in dem Geleit, So fürcht' ich keine Fern' und Zeit, Wenn von dem Penny ſtrotzt die Kaſſ'. Hab' ich nur immer Pence gut und ſchön, Bin überall zu Gaſt ich gern geſeh'n, Und Jeder ſagt, er woll'’ zu Dienſt mir ſteh'n Mit ſeiner Hab'; doch meint er's nur im Spaß.“ „Stille! jetzt ziehe einmal ein,“ rief Jack.„Ich verſtehe dies nicht und das Bischen, was ich davon begreife, will mir nicht ge⸗ fallen. Einen Beleg über Alles und damit Punktum.“ Der unglückliche Poet fertigte ſich eine kräftige Miſchung an, ſchaute wild umher, trank ſie in einem Zuge aus und ſchwieg. Es lag viel Heroismus in der Ruhe dieſes Mannes. Dann trat eine blonde, fette Dame als Freiwillige auf und ſang ein langes, ſchläfriges Lied über eine Taube, welches durch ungefähr vierzehn Verſe abwechſelnd auf„Laube“ und„Haube“ reimte. Man hört die Poeſie noch hin und wieder in Seven Dials, und ſie. verdient wohl, daß ein Alterthumsfreund darnach fahnde. — 209 Unter der gemiſchten Geſellſchaft befand ſich auch ein wunder⸗ licher alter Kauz, ein achteckiger Seemann, welcher der Sage nach ſehr reich war und ſich ſein Vermögen in früherer Zeit dadurch gewonnen hatte, daß er bei jener unheimlichſten von allen Prome⸗ naden, dem Gange auf der Planke, den Zuſchauer ſpielte. Er war ein merkwürdig verſchmitzter und mürriſcher Burſche, und trug die Tracht aus der Periode Georg des Erſten; auch ſchien er die Ma⸗ troſen der neueren Zeit mit einem Gefühle zu betrachten, das nahezu an Verachtung grenzte. Er war nur unter dem Namen„Noah“ bekannt, und ſein Ruf gründete ſich auf drei Eigenthümlichkeiten— auf das Geheimniß ſeines früheren Lebens, auf ſeine alten Seelieder und auf ſeinen wunderlichen Charakter. Während des Mahles hatte er ſich mit der liebenswürdigen Beſchäftigung getröſtet, verächtliche und höhniſche Blicke nach un⸗ ſerem Helden hinſchießen zu laſſen; ſein Ingrimm fand jedoch eine Ableitung in den Liedern, die er in ſeiner derben Weiſe als eckel⸗ erregend bezeichnete, und dann kündigte er ſeine Abſicht an, ſelbſt etwas zu ſingen. Seine Erklärung wurde mit Jubel bewillkommt; aber während Jedermann auf eine lange, glorreiche Seetirade zu Ehren Bembows, Drakes oder irgend eines kühnen Bulkaniers wartete, myſtifizirte er ſeine Zuhörerſchaft durch folgende Verſe, welche die Taube der Dame verhöhnen ſollten: „Ich hab''nen wackern Hahn, Der kräht für mich beim Tagen, Weckt mich in aller Früh, Mir ‚guten Morgen“ zu ſagen. Ich hab''nen wackern Hahn, Den liebe ich vor allen; Hat Flügel, ſchwarz wie Pech, Ein Kämmlein wie Korallen. Marryat's W. XX. Jack am Lande. 14 210 Und ſtreitbar iſt mein Hahn Und adelig geartet, Verſeh'n mit ſchöner Schlepp Und wie ein Baron bebartet. Wie Regenbogen glänzt Sein Schwanz; mit Silberſporen Bewaffnet iſt ſein Fuß— Sein Feind gibt ſich verloren. Sein Auge iſt Kryſtall, Drin Amberkugeln funkeln; Und ſtets ſucht meine Stub' Er, wie's beginnt zu dunkeln.“ Die Dame, welche ſich mit ihrem Liede verſpottet ſah, erklärte dem alten Noah glatt heraus, ſie glaube kein Wort von ſeinem Geſange, und die ganze Geſellſchaft gab mit großem Nachdrucke ihre Unzufriedenheit zu erkennen. Da erhob ſich nun der alte Mann leidenſchaftlich vom Tiſche, ſprach Einiges zum Lobe eines gewiſſen Henry Morgan, verdammte alle Emporkömmlinge, die er dem tiefſten Pfuhle der bodenloſen Hölle überantwortete und marſchirte in ſo übler Stimmung ab, wie man ſie nur an einem geduldigen und demüthigen Weibe aus⸗ laſſen kann. Dann folgte ein neues Lied, in welchem das Seeſalz vor⸗ herrſchte. „Wie geht es Eurer Alten?“ fragte eine von den Damen, die Gelegenheit einer augenblicklichen Ruhe benützend, um ſich mit einem tölpiſchen, jungen Burſchen zu unterhalten, der eben erſt den Schwei⸗ nen von Hampfhire entronnen war und in Seiner Majeſtät Dienſt zu treten gedachte, damit er ſich in demſelben zu einem Seeſoldaten humaniſire. Zum Erſtaunen Aller antwortete er darauf mit einem Geſange, den er folgenden Inhalts gar kläglich ableierte: „Laßt euch doch nie mit alten Weibern ein, Ich habe eins, iſt Bein von meinem Bein, Und darf nicht nennen meine Seele mein— Bin nicht ſo keck. Komm'’ hungrig ich und müd' von meinem Pdig Um Mittag heim, hab' ich nicht Muth g genug Den Teller zu verlangen, oder Krug— Bin nicht ſo keck. Bitt' ichdie Dame um ein Scheiblein Brod, Sie alsbald mit dem Stocke mich bedroht, Und vorzukriechen unter'm Bett?— o Gott! Bin nicht ſo keck. .— 1 Wünſch' ich ein Stücklein Braten mir zum Schmauß, 2 Kämmt ſie den Kopf mir mit dem Beſen aus.— Kann ich da eſſen, wenn ſie kömmt ſo kraus? Bin nicht ſo keck. Verlange ich zur Labung etwas Käs, Sagt ſie ganz ruhig:„ Maun⸗ er iſt zu rees; Da, nimm die Rind'.⸗ Doch abmweiſen es? Bin nicht ſo keck. Doch hab' ich mich der Flotte angetraut, Schlaf' ich allein, und ein Ge ichtlein Kraut Beglückt, wenn keine Alte d'rüber maut. Dann bin ich keck.“ Sobald er damit fertig war, te hat ſich Mrs. Snowdrop ſeh bedächtig, üäihte von ihrem Rechte Gebrauch und gab dem künf⸗ tigen Mariner e inige derbe Deee gen, indem ſie ihm bemerkte, er habe die Damen, mögen ſie nun alt od der jung ſeyn, mit der Ehr⸗ furcht und Achtung zu behandeln, zu denen ein ſolcher Einfalts⸗ pinſel verpflichtet ſey, und„ſolle ſich der Mutter erinnern, die ihm gebar.“ Die Muſtikanten begleiteten bisweilen di ger bei ihren Liedern, was eine höchſt liebl in der Regel der Geſang ſchlecht und die M e unterſchiedlichen Sän⸗ iche Wirkung übte, da uſik noch ſchlechter war. 4 212 Jetzt erhob ein bettelhaftiger Burſche, der in vielfarbige Lumpen gekleidet war, mit einer wahren Steutriſtimme nachſtehendes un⸗ verlangte und unerwartete Lied: Als meine Börſe voll, da konnt ich halten Mir Roſſ' und Wagen, Neuen oder Alten, Um luſt'ges Brüdervolk zu unterhalten Aus meinem Beutel, gut geſpickt. Doch als zuletzt die Gelder ausgegangen Und mir der Leib mit Lumpen war umhangen, Da hieß es:„Jack, leb' wohl⸗— wenn von den Rangen Nicht gar dem Hohlkopf wurden nachgeſchickt Verwünſchungen, weil er ſo ſehr verrückt. Jetzt heißt es nicht mehr Schmaußen oder Trinken: Grob ſind die Männer, keine Weiber winken, Und friſche Luft iſt nun mein Wein und Schinken, Seit ich des Beutels Boden ſeh'. Fahrt wohl, ihr ſchönen Roſſe, Wein und Wazen, Scheinfreunde ihr, mit den gefüllten Magen. Ich weiß von euch jetzt eine Mähr' zu ſagen Und kenn’ euch, ſeit zu meinem Weh Das Silber hinſchmolz gleich des Märzes Schnee. „Das iſt einmal ein ſinnreicher Geſang,“ ſagte Jack.„Ihr ſcheint mir in einer ſchlimmen Klemme zu ſtecken, mein Freund— vom Sturm geſchlagen— das laufende Tackelwerk fort und das ſtehende los. Ihr ſeht aus wie ein Wrack von einem Menſchen— aber warum klappt Ihr Eure Hand nicht an ein Tau oder an ſo etwas? Ihr könntet dann wieder beſſere Segel aufziehen und Kuſß Neue einen Schuß oder zwei in Eure Börſe kriegen.“ „Sir John Truepenny, ich bin ein geborner Gentleman— ja, ein Gentleman und der Sohn eines Gentlemans, der Abkömmling einer langen Reihe von Vorfahren, die ſich Alle gentilen Blutes rühmen konnten.“ „Oh!“ verſetzte Jack,„darüber läßt ſich nicht weiter ſagen. 213 Aber es iſt ein ungeheures Glück für die Welt, daß die erſten Söhne Adams keine gebornen Gentlemen waren; denn wenn ſie nicht zur Arbeit gegriffen hätten, wie Neger, ſo ſäßen wir wohl in einer ſauberen Patſche. Möchte wohl wiſſen, wer der erſte Gentle⸗ man war— vielleicht kann mir's Jemand von den anweſenden Da⸗⸗ men oder Gentlemen ſagen.“ Da dachte nun männiglich, der erſte Gentleman müſſe wohl der Gründer ſeiner oder ihrer eigenen Linie geweſen ſeyn; denn den Aeußerungen der Anweſenden zufolge, konnte ſich unmöglich je in einem einzigen Zimmer ein Häuflein Perſonen von beſſerer Abkunft verſammelt haben. Namentlich ſtellte der Bettler als unumſtöß⸗ lichen Grundſatz auf, daß„das Unglück gutes Blut nicht verderben könne“— eine Behauptung, welche unſerem Jack ungemein tröſt⸗ lich dünkte. Nach dieſer Erörterung, welche mit vielem Ungeſtüm durchge⸗ führt wurde, ſangen Männer und Weiber abwechſelnd oder gemein⸗ ſchaftlich ihre Lieder. Die Muſtkanten hatten inzwiſchen gegeſſen und getrunken, begannen aber jetzt eine ſo heilige Glut für die Göttin Harmonie zu empfinden, daß ſie ſich nicht zum Schweigen bringen laſſen wollten, obſchon ihnen von allen Seiten zugerufen wurde. Mrs. Snowdrop benahm ſich ſtolz, lant und wollte überall das Kom⸗ mando führen, waͤhrend Poll die Rolle der zarten Liebe ſpielte und mit eigentlichem Entſetzen erklärte, daß die Leute ſo gar pöbelhaft ſeyen. Moggy Blatherchops verletzte ihr Zartgefühl durch ihre Ge⸗ meinheit. Sie war überzeugt, daß Sal Dimity heute ihr Geſicht nicht gewaſchen habe, und obſchon einige Leute Peg von Portſea hüſch zu nennen beliebten, ſo war ſie doch überzeugt, daß ihre Wangen eitel Schweinſpeck und Ziegelmehl ſeyen. Ja, ſie wollte alle dieſe Bekanntſchaften abbrechen. Aber während die Orgien ihren Fortgang nahmen, bemerkte man, daß Jack immer ernſter und ernſter, ja zuletzt ſogar unwillig wurde, und Poll meinte, er habe nie zuvor ſo wild ausgeſehen, als wenn ſie eiwa liebevoll verſuchte, aus ſeinem Glaſe zu trinken. Er war ihr dieſen Abend ein völliges Räthſel. Seine Libationen ſchie⸗ nen keine andere Wirkung auf ihn zu üben, als daß er noch lang⸗ Das Bumbvotweib machte ſich gewaltig breit und was ſie für Jack gethan habe und noch immer e gedenke ihm und ihrer Sue mehr als weiliger wurde. ſtrich laut heraus, für ihn thun wolle, denn ſi eine Mutter zu ſeyn. „Auf dieſen Wink hin ſprach er“— nicht Othello, ſondern ein ehenſo ſchwarzer und viel häßlicherer Neger. Er war nicht nur ein geduldeter, ſondern auch ein geſuchter Buffon, welcher ſich viel auf ſein Geigenſpiel zu Gute that und eine volle Admiralsuniform mit vielen Zuthaten und Verbeſſerungen trug. Wenn er nicht eben im Stocke oder im Korrektionshauſe ſaß, war er ſtets bei der am be⸗ ſten bezahlten Klaſſe von Matroſen zu finden— ſie ſeine Rupfgänſe und er ihr Spielzeug. Die Beluſtigung des Abends würde ohne ihn nicht vollſtändig geweſen ſeyn. Er erhob ſich, drückte den gold⸗ bordirten Eckenhut auf ſeinen ſchwarz und weißen Wollenkopf, nahm ihn wieder mit Anſtand ab und verbeugte ſich gegen Sir John Truepenny. Dies zog die Aufmerkſamkeit der Tiſchgeſellſchaft auf ihn; aber die Fiedeln kratzten noch immer fort und die Dudelſäcke heulten in verwuünſchten Wiederholungen.— „He— he!“ rief der Neger, den Eckenhut über ſeinem Kopf wirbelnd und ihn dann unter die Mufiker werfend, worauf er fort⸗ fuhr:„Warum wollt ihr nicht laß mich, den Großadmiral, mach meine Red? Still, ihr Tippel— meint ja, ihr hab kein Ohr— Goramitti— warum macht ihr ehrliche Leut taub? Nun, hör! gib mir eine groß Toaſt— trinke dann viel, wenn ich trink ein Toaſt, ihr verdamm Fiedelkratz wie eine Höll— ah, ha! jetzt füllt euer Gläſer— jeder Bukra— hier die Geſundheit auf mein Lord, Herzog, Prinz, kleine König, Sir John Twopence— mög! er leb lang— hab lieblich Weib und viel Picaninnies. Eins, zwei, drei Umwechſel für ein Penny, Hurrah!“ Die Muſik ſiel mit großartigem Getöſe ein— die Gläſer wur⸗ den geleert und in der Luft geſchwenkt— Alles ſtand auf und brach mit Stentorlungen in den verlangten Toaſt aus. Endlich legte ſich der Lärm, und ſogar die ſtörriſchen Muſikanten verſtummten. Jack erhob ſich, kratzte ſich ſein adeliges Haupt, ſuchte vergeblich in ſeinen Taſchen nach der Tabaksbüchſe, blickte zornig nach Poll hin und trank ein ganzes Glas voll Branntwein aus— eine Heldenthat, welche einen matten Vivatruf zur Folge hatte. Aber weder der Wachholder, noch der Jubel der Gäſte entlockte Jack einen Ton. Er begann nun ſeine Arme auszuſtrecken, wie ein ſteigender Wap⸗ penlöwe, und ſeine Beine zu bewegen, als laufe er das Takelwerk hinan; dann machte er alle Bewegungen, als drehe er beim Steuern die Speichen des Rades, ſchwang ſeinen Arm im Kreiſe und ſang mit klarer melodiſcher Stimme:„Bei der tiefen Neune!“ Nachdem er alle dieſe Geberdungen durchgemacht hatte, fuhr er mit dem Rücken ſeiner breiten Hand haſtig über die Augen und ſchüttelte traurig den Kopf. Sodann ſtreckte er ſeine beiden Arme von ſich aus, ſchloß die Fäuſte und ſchüttelte ſie, als ob er einigen Perſonen in der lee⸗ ren Luft die Hand drücke. Endlich ſchwenkte er in ſeiner Rechten Polls weißes Taſchentuch, als ſagte er einem Schiffe in weiter Ferne, deſſen Rumpf ſich ſchon unter dem Horizont geſenkt hatte, Lebewohl. Es war ſehr rührend; und da Jack dabei ſo gar traurig und ernſt ausſah, ſo begannen einige von den Damen(namentlich diejenigen, welche am meiſten getrunken hatten), laut zu heulen, weil ſie ſich durchaus nicht vorſtellen konnten, was er meinte. Wie ein geübter Redner ließ Sir John den durch ihn hervor⸗ gerufenen zarten Erregungen Zeit, ſich wieder zu legen; dann nahm er ſeinen mit Bändern gezierten runden Strohhut auf, drückte ihn flach und ſteckte ihn wie einen chapeau-bas unter den Arm, dazu wie ein eben eingegefangener Pavian grinſend und vor der Geſellſchaft mehrere phantaſtiſche Verbeugungen machend. Dann erfaßte er den Glockenzug, ſchnitt den großen Meſſingring daran ſammt einer Elle des breiten Bandes ab, befeſtigte letzteres in ſeinem Halskragen, bediente ſich des Ringes als eines Spähglaſes, und muſterte dadurch jede Perſon am Tiſche mit der Miene der größten Geringſchätzung. Jedermann wollte vor Lachen faſt platzen, die jeweilige Perſon aus⸗ genommen, welche ſich dieſer Aufmerkſamkeit zu erfreuen hatte. Dann riß er einen Bratſpieß aus einer Kalbskeule, brach ihn in zwei Stücke, warf dieſelben weg und ſetzte ſich unter drei ſchallenden Hurrahs nieder. Sobald die Ordnung wieder ein wenig hergeſtellt war, erhob ſich ein gewiſſer Peter Sarney, ein verrufener Wirthshauskrakeler, welcher längſt die Entdeckung gemacht hatte, daß es unter der mo⸗ raliſchen Würde eines freigebornen Engländers ſey, Schuhe zu flicken, ſo lange die Konſtitution des Landes und die poli⸗ tiſche Lage ſeiner Einwohner in ſo hohem Grade der Ausbeſſerung bedurfte. „Meine Landsleute!“ begann er, „Das ſi ſind wir nicht!“ rief ein Dutzend Stimmen. „Meine Damen und Gentlemen! Warum ſollte ich euch die Schmach anthun, euch mit Namen zu nennen, welche die hydra⸗ köpfige Brut der gedunſenen und fetten Verweſung bezeichnet— einer Verweſung, die mit ihrer gierigen, ſkelettartigen Gefräſſigkeit den Tiſch ſchwelgender Ueberfüllung deckt und dieſes einſt ſo glückliche Land zu einem weiten Tummelplatze des Mangels und des Hungers macht— eines Mangels, der nur um ſo kläglicher iſt, weil man ihn nicht fühlt— eines Hungers, um ſo entſetzlicher, weil ſeine Schrecken von einer dummen und übermäſteten Bevölkerung nicht geſchaut werden können? Doch obſchon ſelbſt kein unſtäter Gegen⸗ ſtand, bin ich doch von dem meinigen abgekommen. Ihr ſeyd Zeuge geweſen von den reichen Strömen der Beredſamkeit, die ſich eben von den honigfließenden Lippen unſeres ehrenwerthen Wirthes ergoſ⸗ 217 ſen, wie die unbeweglichen Berge, die auf ihren diamantenen Win⸗ terlagern feſtſitzen. Ihr habt ſeinen Redefluß mitangehört, und in⸗ dem ihr dies thatet, ihm Beifall gezollt— ihr habt ihm Beifall gezollt, und eben dadurch eure Freude an den Tag gelegt.— vor Freude ſeyd ihr in einen Jubel ausgebrochen. Aber laßt euch ſagen — und ich ſage es mit aller gebührenden Achtung— daß weder euer Beifall, noch eure Freude oder euer Jubel der glänzenden Rednergabe würdig geweſen iſt, die aus dem beredten Munde des Sir John Truepenny entquollen. Ihr wurdet von einem ſchwarzen Sohne der Menſchheit angeredet—“ „Zum Deifel,“ ſagte der Neger. „Ja, ich meine Dich, mein Bruder in den ſchwarzen Banden — ich meine Dich, Du ſchmutziges Stück von Reinheit— biſt Du nicht, phyſikaliſch geſprochen, der Weißeſte in der ganzen Geſell⸗ ſchaft?2“ „Du ſelbſt viehiſch Kaliſch.“ „Stille doch— ich behaupte, daß Du am wenigſten farbig unter(uns biſt— und daß nicht Deinesgleichen, ſondern wir die farbigen Leute ſeyen. Lest, meine Freunde, lest! Weiß iſt die Vereinigung, die Miſchung und das Aggregat aller Farben— wie farbig müſſen alſo wir ſeyn, die wir uns Weiße nennen. Schwarz dagegen iſt Abweſenheit aller Farben— wie abgeſchmackt alſo, un⸗ ſern Freund einen farbigen Menſchen zu nennen, wenn er doch durch⸗ aus keine Farbe hat!“ 5 „Welch' eine Lüge! Er macht ſich über uns luſtig!“ lauteten nebſt anderen die Ausrufe, welche jetzt unſern Reder unterbrachen. Er war übrigens an dergleichen ſchon gewohnt und fuhr daher fort: „Was ſoll alles dies heißen, meine Freunde? Es, beweist auf's Haar hin, ohne einen Schatten oder eine Farbe von Zweifel— ich ſagte euch nur, wie die Abhandlung über die Farbe angewendet wer⸗ den könne— es beweist, daß wir verpflichtet ſind, die Geſundheit 218 der künftigen Lady Truepenny in neunmal neun Hurrahs auszu⸗ bringen.“ Der Schluß dieſer Anrede hielt die Geſellſchaft für die Länge und die erhabene Unverſtändlichkeit derſelben ſchadlos. Der Beifall war maßlos. Poll und Mrs. Snowdrop wurden ganz ſcharlachroth, während Jack einen unverwüſtlichen Ernſt behauptete. Die beiden Damen ſtunden zumal auf. Die Kriſis war gekommen und der Waffenſtillſtand nahete ſich ſeinem Ende. „Ich—“ begann Polly mit einer liebenswürdigen Ver⸗ wirrung. „Ich—“ ließ ſich die Bumbootfrau mit ſtolzer Anmaßung vernehmen. „Ihr?“ rief Poll mit unausſprechlicher Verachtung, ihre Naſe rümpfend. „Ihr?“ erwiederte Mrs. Snowdrop, in jedem Geſichtszug ihre Kampfluſt an den Tag legend. „Setze Dich nieder, Du fettes, ſchmutziges, altes Unthier!“ kreiſchte Poll. 8 „Setze Du Dich, Du gemeine Metze und laß eine anſtändige Frauensperſon reden.“ 5 Es fand nun eine ehrfurchtsgebietende Pauſe ſtatt, wie ſie ge⸗ wöhnlich vor unheilvollen Orkanen eintreten. Jack blieb ſo ernſt, wie ein Grabſtein, und trank zu männiglicher Bewunderung aber⸗ mals ein Glas Branntwein aus, ohne eine Miene zu verziehen. Die Muſikanten waren verſtummt und ſahen zitternd zu. Ein kleiner, krummbeiniger Pfeifer ließ eine ſchwache bebende Note er⸗ ſchallen, wurde aber für ſeine Vermeſſenheit am Ohre gezupft. „Los!“ riefen endlich mehrere ermuthigende Stimmen, und die beiden Damen ließen ſich nicht zweimal auffordern. Sie griffen nach Allem, was ſie erreichen konnten, und bombardirten ſich gegen⸗ ſeitig die Köpfe. Die Geſellſchaft theilte ſich in zwei Parteien, wofür anfangs bloß die beziehungsweiſen Oertlichkeiten die Richt⸗ 8 219 ſchnur angaben. Aber die Ordnung des Gefechts wurde bald unter⸗ brochen, und Alles gerieth in wunderbare Verwirrung. Jack allein blieb neutral und kicherte über den Strauß. Die Wurfgeräthſchaften hatten ſich jedoch bald erſchöpft, und es war recht angenehm und erbaulich, mitanzuſehen, wie jede ſtreitende Partie zuvor ſorgfältig das Glas oder die Flaſche leerte, ehe ſie das Geſchoß nach dem Haupte eines Gegners entſandte. Die Folge davon war, daß die Kämpfer mehr von dem Branntweine als von den körperlichen Ver⸗ letzungen überwältigt wurden. Mehrere fielen wie, von einer Kugel getroffen, nach einem tiefen Zuge unvermiſchten Branntweins leblos betrunken zu Boden. Auch die Muſtikanten wurden durch den herr⸗ ſchenden Wahnſinn angeſteckt und ließen donnernd die Weiſe:„Ihr Britten gebt es heim!“ erſchallen. Das Getümmel war furchtbar, ſteigerte ſich aber doch zuletzt zu einem ſolchen Ungeſtüm, daß noth⸗ wendig endlich ein dumpfes Einlullen erfolgen mußte. Aber die zornigen, rachſüchtigen Gefühle der beiden Hauptama⸗ zonen waren nicht anders zum Schweigen zu bringen, als durch einen wüthenden Fauſtkampf. Die Tiſche wurden gegen die Wand geſtoßen, die zerbrochenen Glaͤſer aus der Mitte des Zimmers entfernt, die in betäubter Trun⸗ kenheit Daliegenden in einer Ecke aufgeſchichtet und ein Ring gebil⸗ det. Die beiden Damen waren durchaus nicht unbewandert in der edlen Boxkunſt, und jede derſelben würde mit Verachtung die weib⸗ lichen oder rattenartigen Angriffe des Beißens, Kneipens oder Haar⸗ raufens verſchmäht haben. Sie holten mannhaft aus und waren ſich gegenſeitig im Kampfe gut gemeſſen. Was Mrs. Snowdrop an Behendigkeit abging, erſetzte ſie durch Kraft und Urſtoff. Jack hatte ſeine Poll ſchon früher boren ſehen und wußte, daß ſie wacker auszuhalten im Stande war; er wartete daher mit großer Ruhe das Reſultat ab, im Geheim den Wunſch bergend, daß das Bum⸗ bootweib eine hübſche Tracht Schläge kriegen möchte. Indem wir dieſen Fauſtkampf berichten, müſſen wir uns dem klaſſiſchen Style der Kunſtliebhaber anbequemen. Die beiden Weibs⸗ perſonen hatten in dem vorläufigen Scharmützel ſchon ziemlich ge⸗ litten, obſchon es unmöglich war, zu entdecken, wer am übelſten dabei gefahren, denn ſie waren von Kopf bis zu den Füßen mit Fleiſchbrüh, zerlaſſener Butter, Wein und Branntwein übergoſſen. Die Wahrſcheinlichkeiten ſtanden gleich— wer wollte, konnte auf Mrs. Snowdrop halten. „Erſter Gang. Vorſichtige Schläge. Poll verſuchte ein paar Lieblingsſtreiche, die aber gewandt durch die Bumbootfrau aufgefan⸗ gen wurden, welche ihrer Gegnerin noch obendrein den Brodkorb unter die Beine warf. Poll überholte ſich und ſtürzte. Zwei gegen eins auf Mrs. Snowdrop. Zweiter Gang. Poll half ſich keuchend wieder auf und ſtellte ſich kampffertig. Die Bumbootfrau wurde allzu dreiſt und erhielt beim Vorrücken einen furchtbaren Hieb in's Geſicht, ſo daß ihr der rothe Saft aus beiden Naſenlöchern niederrieſelte. Sie rangen mit⸗ einander und ſtürzten zugleich— Poll zu oberſt. Wahrſcheinlich⸗ keit gleich. Dritter Gang. Polly zu übereilt. Sie führte einige gute Hiebe und machte ſich gewandt los; aber Mrs. Snowdrop hatte es auf Unheil abgeſehen und bearbeitete Pollys beide Augen in einer Weiſe, daß ſie Funken gaben, wie neuer Stahl an einem guten Steine. Beide Theile ſuchten auf's Neue zu Athem zu kommen. Die Ver⸗ wirrung war ſehr groß und der Ning wurde aufgelöst. Doch genug von dieſer häßlichen Scene— wir wollen bloß angeben, daß noch mehrere Gänge ausgefochten wurden, und daß in den Zwiſchenräumen die Muſik luſtig einfiel. Bereits war Mary Macanniſter als Siegerin erklärt worden, als plötzlich die übelgehü⸗ tete Thüre aufgeriſſen wurde und ein Haufe von Konſtabeln und Wachmännern eintrat. Es folgte nun für eine kleine Weile ein furchtbares Getümmel, und Jack zeigte in dieſer Verwirrung die ächte Ruhe und Uner⸗ ſchrockenheit eines britiſchen Matroſen. Seine Poll kreiſchte, fluchte, 221 ſtampfte und ſuchtelte noch immer mit den Armen— der eigentliche Mittelpunkt der Verwüſtung, auf welchen es die Konſtablen haupt⸗ ſächlich abgeſehen zu haben ſchienen. Die Gefahr war dringend. Sir John riß die ungeheure Baßgeige aus der ſchwachen, zitternden Hand ihres Eigenthümers!, erhob ſie hoch über den Kopf ſeiner Ge⸗ liebten und ließ das breitere Ende mit aller Kraft auf ihren Schä⸗ del niederfallen, ſo daß Boden und Deckel durchbrachen, und Pollys Kopf, der nun verſtört ein paar Augenblicke umherſchaute, über dem Inſtrumente horvorragte. Sir John wußte jedoch, daß keine Zeit zu verlieren war, und ſchleppte ſie daher mit dieſem muſikaliſchen Halseiſen durch eine Seitenthüre, welche er hinter ſich abſchloß. So traf ſich's denn, daß Polly im Frieden hingeſchieden und nirgends mehr zu finden war, ehe noch die Friedensbeamten fragen konnten, wo ſie ſey. Einige Wenige hatten ſich bei dem Eintritt der Polizeidiener, durch die Hauptthüre flüchtig gemacht. Die vielen Betrunkenen wur⸗ den in Schubkarren nach dem Wachhauſe geſchafft, die Halbbetrun⸗ kenen aber in Feſſeln gelegt und derſelben wohlthätigen Kirchſpiel⸗ anſtalt überantwortet, während man die verſchiedenen Muſiker mit Fußtritten die Treppen hinunterjagte und entließ, da ſie viel zu arm waren, als daß etwas bei ihnen zu erholen geweſen wäre. Mrs. Snowdrop langte in einem ſowohl körperlich als geiſtig höchſt kläglichem Zuſtande auf dem Wachhauſe an, wo ſie auf ge⸗ leiſtete Bürgſchaft bald wieder frei gegeben wurde. Vergeblich ſahen ſich übrigens die Konſtabler nach der Haupt⸗ priſe um. Sie erbrachen die Thüre, die nach dem beſten Schlaf⸗ gemache führte, und durch welche Jack mit der in der Baß⸗ geige ſteckenden Poll ſeinen Rückzug angetreten hatte, fanden aber das Zimmer leer. Die Flüchtlinge waren nirgends zu erſpähen, denn ſie hatten für ihre Flucht eine Hinterthüre benützt, und die Polizeimannſchaft kam zu dem wohlweiſen Schluſſe, daß alle wei⸗ 222 tere Verfolgung vergeblich ſeyn würde. So endete der erſte Tag, den Jack am Lande verbrachte. 4 ——⸗-:-— 1 Zwanzigſtes Kapitel. Correſpondenzpröblein, das in einem eleganten Briefſteller aufgenommen zu werden verdient.— Ein Wirth mit einer hübſchen Rechnung, welche keine Zahlung findet.— Giles Grim fährt glücklicher, indem er aus⸗ bezahlt wird. Portsmouth mit ſeinen ſchmutzigen Vorſtädten und ſeinen rein⸗ lichen Feſtungswerken war am andern Tage voll von Jacks Ruhme; aber Jack und ſeine Dame ließen ſich nirgends blicken. Von beiden konnte keine Spur aufgefunden werden, und dieſes Geheimniß weckte für unſeren Helden ein noch angelegentlicheres Intereſſe. Die Be⸗ richte über die Abendpartie mit ihrem charakteriſtiſchen Schluſſe, deren Züge im Allgemeinen zwar richtig, aber doch ſehr übertrieben waren, bildeten das einzige Geſprächsthema; auch trug man ſich mit der wohlverbürgten Anekdote, daß nach Räumung der blauen Pfoſten der ehrliche Wirth mit ſeinem Weibe und einem vertrauten Kellner das ganze Haus durchmuſtert und mit ſchweren Hämmeru, Küchenſchü⸗ rern und dergleichen Werkzeugen alles alte und ſchadhafte Möbelwerk in Atome zerſchlagen habe, um nach abgemachtem Geſchäfte ein halb Dutzend achtbare Nachbarn herbeirufen und ſie zu Zeugen der Zer⸗ ſtörung aufrufen zu können, welche Sir Johns Geſellſchaft in dem ſonſt ſo ſchön möblirten und reſpektabel geleiteten Hauſe angerichtet habe. 5 5 Während Sir Edward Fortintower und Mr. Singleheart die erwähnten Neuigkeiten, welche ihnen der Wirth zur Krone gebüh⸗ rendermaßen mitgetheilt hatte, beſprachen, langten zwei Brieſe an, 223 von denen der eine an den Baronet, der andere an den Rechtsge⸗ lehrten überſchrieben war. Wir wollen unſern Leſern den letzteren zuerſt mittheilen. „Sir John Truepenny meldet ſeinem Attorney, Mr. Single⸗ 7 heart, daß es Sir Johns Bequemlichkeit nicht zuſage, die Begleitung ſeines Attorney nach London anzunehmen, denn im Falle Sir John die Reiſe antreten würde, müßte er ſei⸗ nen Sachwalter bitten, ſich mit einem eigenen Fuhrwerk zu verſehen, da es ſich weder mit Sir Johns Wünſchen, noch mit ſeiner beziehungsweiſen Stellung gegen den Attorney ver⸗ trägt, ihn als Reiſegefährten mit ſich zu nehmen. Es dürfte nicht unhöflich ſeyn, gedachtem Sachwalter zu wiſſen zu thun, daß Sir John bei allen Gelegenheiten Willens iſt, die Würde ſeiner Stellung aufrecht zu erhalten. r„Zugleich wünſcht Sir John Truepenny, ſeinem Rechts⸗ freunde zu bedeuten, daß er ſich wahrſcheinlich von einem Gentleman nach London begleiten laſſen wird, der in jedem Betrachte würdig iſt, der Geſellſchafter eines Mannes von Sir Johns Rang, Abkunft, Reichthum und hoher Stellung zu ſeyn. Dieſer Gentleman iſt Mr. Slowberry, Midſhipman von Seiner Majeſtät Schiff, der Glory, weshalb Sir John ſeinen Attorney erſucht, allem ſeinem Entſchluſſe bei dem Hafenadmiral, bei Kapitän Firebraß und bei Sir Edward Fortintower aufzubieten, um gedachtem Samuel Slowberry, Esquire, einen monatlichen Urlaub auszuwirken, damit Sir John Truepennys Plane durch nicht gekreuzt werden. Sir John theilt ſeinem Neihtsfreunde mit, daß deſſen Intereſſen weſentlich bei der Art und Weiſe betheiligt ſind, wie er Sir Johns und Mr. Slowberrys hieher bezüg⸗ lichen Wünſche verwirklicht. „Als Nachſchrift will Sir John noch beigefügt haben, daß es ſeine Abſicht iſt, unverweilt Unterricht in der Arith⸗ be 224 metik zu nehmen, damit er ſtrenge ſeine Rechnungen prüfen und dabei ganz dem Nathe ſeines lieben und einſichtsvollen Freundes, Mr. Slowberry, folgen könne.“ Mittwoch Abend im blauen Poſten⸗Hotel. Nachdem Mr. Singleheart dieſe Mittheilung, welche in kecker, freier Hand geſchrieben war, wenigſtens dreimal überleſen hatte, be⸗ gann er ſo laut zu pfeifen, daß Sir Esward von dem augenſchein⸗ lich ſehr ſchwierigen Geſchäfte, in welchem er begriffen war, aufſah. Er entzifferte nämlich eben nachſtehende Epiſtel, mit welcher der Leſer zu Stande kommen wird, wenn er ſich nur an den Ton hält, da dieſer Jacks Ortographie ausſchließlich zur Richtſchnur diente. „geöhrter Sir und ſeer deirer freind! „Eier ſchreiben an eiern geh horſamen und Dinſt wih⸗ ligen diner iſt erhalten erbrochen het ſetera. Ich wil nicht doll werden eier gnaden— hab dem grok vas den Boten 1 geſchlagen— woll ſchatte. Was mann hast kan mann nicht zu bald trif tig Kappen— von Weegen Weil 1 Säman nicht das alde Takel werg von ſeinen maſten ſtreicht bis ſ 1 neies gans bereit iſt. Ich habe Oft ged S wie ich Mich be nemen ſolte gegen eier gnaden— darum wil ich vers uchen m 1 bett ragen zu böſern. In Better 8 das der alte giles grim meer als 1 Fatt er gegen mich geweſen iſt und mich Herzog en hat und 1 en manchem 8 aus mir ſo Wirth ich eier gnaden ſech nen wenn eier gnaden in Loos Kriegen wolt weil er mir noch immer wi 1 Fatt er iſt. M 1 Komblement an den Hernaff Ikat und ſeit ſo Gut ihm zu ſagen Ich habe einen Mit ſchiffman von der Glory gebetten einen Rehſpeck dablen Brüf an ihn zu ſchreiben wie ich hab Meinen ſtecken geſchniten von den Blau enpfoſten weil ſie Meinen Sie dirfen mir nur auf rechnen in dem gem jnen wirds haus aber ich habenichts beſt ölt und nichts zer⸗ brochen undink auch nicht daran etwas zu zahlen. Aber ich —— —— ſchez woll das Bumbodweib Wirths ahlen mißen; geſchiter recht. Miß Terſloppery der Mitt Schiffman ſagt ich miß lernen Gallo Gravie und Porto Gravie mit bung du wation und Sünd Dachs mit haritänzen— gewies ſchreckliche ting wen manz lernen mus. Aber wenz ſein mus ſo mus es eben ſein und dann kan ich wen ich eier gnaden etwas zu ſagen hab es orden lichzuſa men flicken. Ich wil wenz eier Gna denrecht iſt 1 Tag oder 2 inn Obſtkur died bleiben— von weegen weil Polly 2 ſchlege auf ihre 2 augen geKriegt hat ſo das ſie aus ſieht wie ein Pie ratt hintem ſie ſchwarze Kull heers zeigt. Der wind geet recht von hinten und ich mus 4 eineweil dafor dreiben. Ich hab eier gnaden 1 gehe imniß zu ſagen oder 2 ſo bis tahin eier gnaden geh horſam⸗ ſter Diner 4 allezeit. Sir John Truepenny, Barren nit het ſetera.“ Die beiden Freunde wechſelten wie zwei wohlbezahlte angehende Diplomaten ihre Briefſchaften aus und ſtaunten nicht wenig über die Unverſchämtheit des Herrn Midſhipman Slowberry, welcher in ſo ſchnöder Weiſe von Jacks Unwiſſenheit Vortheil gezogen hatte; denn es war augenſcheinlich, daß Letzterer von dem köſtlichen Inhalte des unverſchämten Schreibens, welches in ſeinem Namen an Mr. Single⸗ heart geſchickt worden war, nichts wußie. 3 „Es führt zu nichts, über Jacks näͤchſtes Treiben Muthmaßungen aufzuſtellen,“ ſagte Sir Edward,„und ich fürchte in der That nicht viel für ihn. Er hat weder Euch noch die Bank um Geld angegangen und zeigt augenſcheinlich in der Art, wie er die Machinationen des Bumbootweibes vereiteln und ſie obendrein züchtigen will, viel Takt. und Verſchmitztheit.“ „So ſehr ich Rechtsgelehrter bin und als ſolcher die Geſetze achten ſollte, hätte ich doch Luſt, ſie ein wenig zu übertreten und dieſem unverſchämten Mr. Slowberry den Schädel einzuſchlagen. Ich bin Marrhat's W. XX. Jach ai Lande. 15 wäre mein Arm kraͤftig genng, 31 zwar nicht mehr jung, aber dennoch einen ſtarken Knittel zu ſchwingen— „Poſſen— überlaßt dies mir. Jacks Geſinnung gegen ſeine alten Schiffskameraden gefällt mir. Wir wollen miteinander nach der Admiralität gehen und ſehen, was wir in der Sache thun können.“ — Sie brachen dahin amf und trafen in dem Admiralitätsgebäude drei oder vier Admiräle, den Kapitän Firebraß und einige andere Offi⸗ ziere. Das Geſpräch drehte ſich natürlich um keinen anderen Gegen⸗ ſtand, als um unſern Sir John. „Oh, da kömmt Sir Edward Fortintower!“ ſagte Kapitän Firebraß.„Bringt Ihr Neuigkeiten von Eurem Vetter— von mei⸗ nem vormaligen Backkapitän? Er iſt verſchwunden wie eine Waſſer⸗ hoſe. Wir haben bereits ein Uhr, und noch iſt keine Kunde von ihm eingelaufen, ſeit er geſtern Nacht mit ſeinem Mädchen den Kon⸗ ſtabeln ſo gewandt durch die Latten ging.“ „Ich weiß nichts Weiteres von ihm, als Euch auch bekannt ſeyn wird, bin übrigens um ſeinetwillen nicht ſehr beſorgt.“ „Ich ſehe da jenen Schraubſtock, den Wirth von den blauen Pfoſten— wir wollen ihm hereinrnfen und ihn um einen getreuen Bericht über das Verſchwinden des neuen Baronets angehen,“ ſagte einer der Admiräle. Dies geſchah und alle Audeeſenden beluſtigten ſich ſehr an den unterſchiedlichen Poſſen, welche der Erzählung des Wirthes zufolge ſtattgehabt hatten. Dennoch wurden ſie mit einer plötzlichen Hoch⸗ achtung für Jack erfüllt, als ſie hörten, er habe ſich während des ganzen Abends völlig nüchtern gehalten und den Wirth drei Flaſchen Quellwaſſer bringen laſſen, die er für Wachholder ausgab. Der Wirth von den blauen Pfoſten erſah dieſe Gelegenheit, um ſich achtungsvoll zu erkundigen, ob nicht einer der anweſenden Gent⸗ lemen ihm mittheilen könne, wo Sir Johns Sachwalter aufzu⸗ iinnden ſey. 227 Mr. Singleheart trat augenblicklich vor, und der gewiſſenhafte Gaſtwirth überreichte ihm eine furchtbare Rechnung für das Nacht⸗ eſſen, für die Zimmermiethe, für die zerſchlagenen Gegenſtände und für Belohnung der Muſikanten, Dienſtboten und Konſtabeln, ohne die zerſchlagene Baßgeige zu vergeſſen, welche für Polls Kopf als Halseiſen gedient hatte. Der Attorney überblickte die Rechnung mit ungekünſteltem Er⸗ ſtaunen und theilte dann den Anweſenden die ungeheure Geſammt⸗ ſumme mit, welche ſich auf zweihundertdreiundfünfzig Pfund, ſteben⸗ zehn Schillinge, neun Pence und drei Farthings belief. Freilich, wo ſich's um zu Grunde gerichtete Gegenſtände handelt, darf man mit Zuverſicht auch auf Prellerei zählen. „Wie ich ſehe,“ bemerkte Mr. Singleheart,„müßte, angenommen, daß fünfzig Perſonen geladen waren, jede derſelben wenigſtens drei Flaſchen vom allertheuerſten Weine getrunken haben. Auch iſt hier zerbrochenes Glas und Porzellain genug aufgezeichnet, um jeden Laden in der Stadt reichlich damit auszuſtatten. Indeß wäre es thöricht von mir, wegen der einzelnen Poſten Streit anzufangen, da es mir nicht einfällt, auch nur einen Heller an der Geſammtſumme zu bezahlen. Mein Klient hat mir die betreffenden Weiſungen zu⸗ gehen laſſen.“ Es wurde nun Jacks Brief vorgeleſen, der allen Anweſenden unendliche Beluſtigung gewährte, nur unſerem ehrlichen Wirth nicht. Letzterer wurde blauer, als ſeine eigenen Pfoſten, und begann Vor⸗ ſtellungen herauszuwinſeln. „Wer hat die Zimmer gemiethet?“ fragte Mr. Singleheart. „Mrs. Snowdrop,“ antwortete der Wirth, mit einer Jammer⸗ miene. „Wer hat das Nachteſſen beſtellt?“ „Mrs. Snowdrop.“ „Wer hat die Gäſte eingeladen?“ „Mrs. Snowdrop.“ 228 „Wer hat die Muſtkanten, die Weine und die Erxtrakellner be⸗ ſtellt?“ „Mrs. Snowdrop.“. „Und wer anders hat alle dieſe Geräthſchaften zerſtört, als die von Mrs. Snowdrop geladenen Gäſte, welche in ihrer Trunkenheit eine derartige Verwüſtung anrichteten? Eurer eigenen Ausſage zu⸗ folge hat mein Klient nicht einmal einen Tropfen von den verſchie⸗ denen berauſchenden Branntweinen angerührt, die Ihr in Eurer ſehr ſeltſamen Rechnung aufführt. Ich muß Euch daher mit der Be⸗ zahlungsforderung ausſchließlich an Mrs. Snowdrop weiſen.“ „Es iſt aber doch Alles in Sir John Truepennys Namen geſchehen.“ „Und wenn auch— wärt Ihr beſſer daran, wenn Mrs. Snow⸗ drop Alles im Namen des Admiral Sir Joſuah Coffins beſtellt hätte? Ich höre aus Eurem eigenen Munde, daß Sir John völlig betrunken nach Eurem Hauſe gebracht wurde. Er konnte daher, ſelbſt wenn er geneigt geweſen wäre, Euch keinen verantwortlichen Auftrag für dieſe Verſchwendung geben; ſo aber hat er's nicht ein⸗ mal verſucht. Er zieht Alles in Abrede, ſagt, daß er weder etwas beſtellt, noch etwas zerbrochen habe und fügt billigerweiſe bei, daß er auch für nichts Zahlung leiſten wolle.“ „Aber die Baßgeige,“ entgegnete Kapitän Firebraß lachend; „ich werde Sir John nie mehr als einen Schiffskameraden betrach⸗ ten, wenn er dieſe nicht bezahlt. Wahrhaftig, ich wollte ein Dutzend Flaſchen zum Beſten geben, wenn ich Polls Kopf darin geſehen hätte und Zeuge geweſen wäre, wie ſie Jack in's Schlepptau nahm — ganz ſo, wie er es gehalken haben würde, wenn es gegolten hätte, ein zuſammengeſchoſſenes Schiff aus einem Gefecht zu ziehen.“ „Die Baßgeige mag in einer beſonderen Rechnung vorgelegt werden. Sie iſt unten mit zwanzig Guineen angemerkt— nun, das iſt ja über Gebühr mäßig. Laßt Mrs. Snowdrop dafür Zahlung 229 leiſten— ſie kann ſich ſpäter deshalb mit Sir John Truepenny benehmen.“ Der Wirth zu den blauen Pfoſten, welcher der Meinung ſeyn mochte, daß keine Zeit zu verlieren ſey, eilte von hinnen, verſah ſeine Rechnung mit einer friſchen Aufſchrift und legte dieſelbe der erſtaunten Bumbootfrau vor. Wie ſich Mrs. Snowdrop bei dieſem Anſinnen benahm, müſſen wir vorderhand unberührt laſſen. Sir Edward benützte die Gelegenheit, um die Entlaſſung des Quartiermeiſters Giles Grim auszuwirken. Sie wurde nicht nur augenblicklich, ſondern auch mit Zugeſtändniſſen ertheilt, welche ebenſo ehrenvoll, als einträglich für den alten Matroſen waren, indem man⸗ ihn unter die erſte Penſtonärsklaſſe des Greenwich⸗Hoſpitals einreihte, wohin er ſich nach Belieben zurückziehen konnte, um daſelbſt den Reſt ſeiner Tage in Ruhe und Gemächlichkeit zu verbringen. Mr. Slowberrys Urlaubsgeſuch traf ein ganz anderes Geſchick. Firebraß gerieth daruͤber in Wuth, und da der unglückliche Reffer den Kapitän in der Barke an's Land gebracht hatte, ſo wurde er augenblicklich vorbeſchieden. Mr. Slowberry, der ſich ganz in der Nähe des Admiralitäts⸗ hauſes befand, dachte bei dieſer Vorladung nicht anders, als daß ſein Geſuch vom günſtigſten Erfolge begleitet geweſen ſey, und freuete ſich bereits im Voraus auf den luſtigen Kreuzzug, den er auf Koſten des Baronets machen wollte, der übrigen Vortheile gar nicht zu gedenken, die aus einer ſo vornehmen Bekanntſchaft entſpringen mußten. Aber man denke ſich ſeinen Schrecken, als ihm Kapitän Firebraß mit wü⸗ thender Stimme die Frage entgegen donnerte: „Iſt dies Eure Handſchrift?“ Der Midſhipman bekannte ſich dazu. „Gut— keine Lüge, Sir. Weiß Sir John von dem Inhalte dieſes unverſchämten Schreibens?“ „Ich gab es ihm zu leſen, Sir.“ 230 „Aber hat er es geleſen? Iſt er voll von dem ſauberen In⸗ halte unterrichtet?“. „Das kann ich nicht mit Beſtimmtheit behaupten; indeß dachte ich, Sir, daß es nicht ſchaden könne, wenn ich ein gutes Wort für mich ſelbſt mit einfließen laſſe.“ „Eure eifrige Sorgfalt für Euer eigenes Intereſſe ſoll nach Ge⸗ bühr belohnt werden. Ich habe gute Luſt, Euch aus der Offtziers⸗ liſte zu ſtreichen und vor den Maſt zu ſchicken, damit Ihr die Stel⸗ lung einnehmt, welche früher der Mann ausfüllte, den Ihr zu Eurem Tölpel machen wolltet— freilich wäret Ihr nimmermehr im Stande, ſeinen Dienſt zu verſehen. Indeß befehle ich Euch jetzt, augenblicklich an Bord zu gehen und Euch als Gefangenen zu be⸗ trachten, bis ich mit mir einig geworden bin, welche Strafe ich über Euch erkennen will.“ „Ich wollte ſie lieber im Trinken aushalten,“ murmelte Mr. Slowberry vor ſich hin, aber in ſo gedämpftem Tone, daß die Worte den Ohren des Kapitäns entgingen; denn dieſer ſchien zu glauben, daß der Midſhipman ungemein zerknirſcht ausgeſehen habe, als der⸗ ſelbe an ſeinen Hut langte und mit niedergeſchlagener Miene ſich ent⸗ fernte. Mr. Singleheart und Sir Edward begannen zu lachen, da ſie ſich(namentlich der Rechtsgelehrte) durch die vorerwähnte Antwort fehr gekitzelt fühlten. Dies führte zu einer Erklärung, die aber erſt gegeben wurde, nachdem der Kapitän verſprochen hatte, er wolle das Vergehen mit Milde beurtheilen. So unbedeutend auch dieſer Umſtand war, wirkte er doch günſtig für Slowberry; denn dieſer ſehr beſonnene junge Offizier durfte eben ſo ſehr zu ſeiner Freude, als zu ſeinem Erſtaunen finden, daß die ganze Sache nicht weiter in Anxregung kam. hauptſächlich mit Muthmaßungen, wann und wie dieſe bedeutſame Perſon im Publikum wieder auftreten werde. Da übrigens zu Be⸗ Das Geſpräch kam nun wieder auf Sir John und trug ſich⸗ 2 — 2 231 kräftigung oder Widerlegung derſelben Jack ſelbſt unumgänglich noth⸗ wendig iſt, ſo müſſen wir darüber vorderhand im Dunkeln bleiben. 4 Einundzwanzigſtes Kapitel. Jack taucht glorreich aus ſeiner Obſeurität auf.— Winke für Prunkzüge und Proceſſionen.— Eine Barbiersode.— Der Pomp und die Eitelkeit dieſer gottloſen Welt entfaltet ſich— dazu auch noch etwas Anderes. Vier lange lange Tage bot die Geſchichte unſeres Jacks nichts als Geheimniß, Zweifel und Muthmaßungen. Man ſprach allenthal⸗ ben von ihm, und doch ließ er ſich nirgends blicken, ſo daß das Ge⸗ rücht ihn ſchon in unterſchiedlicher Weiſe durch eigene oder andere Hände hatte den Tod finden laſſen. Durch ſein Verſchwinden waren dreizehn gewiſſenhafte Juden faſt zum Selbſtmord getrieben und unter⸗ ſchiedliche Kneipenwirthe in einen ſo troſtloſen Zuſtand verſetzt wor⸗ den, daß man auch bei letzteren einen verhängnißvollen Ausgang be⸗ ſorgte. Am Sonnabend verbreitete ſich ſtatt der Kunde, daß Jack aus dem Leben geſchieden ſey, eine andere, welche faſt eben ſo betrübend 4 war. Man wollte nämlich wiſſen, daß er nur Portsmouth verlaſſen habe, obſchon die frommen Gewerbsleute des gedachten Platzes eben ſo gerne von ſeinem Tode, als von dem Umſtande gehört haben wür⸗ den, daß eine andere Stadt die Vergeudung ausbeuten werde, welche aller Wahrſcheinlichkeit nach in Ausſicht ſtand. Natürlich verſtehen wir hierunter bloß jene gemeine Klaſſe, welche in Seehäfen nur zu zahlreich iſt und ausſchließlich von den Prellereien lebt, welche ſie an den unvorſichtigen und unwiſſenden Matroſen begeht. Am Sonntag Morgen ließ ſich viel Leben, Rührigkeit und die Miene des Verſtändniſſes auf den Geſichtern vieler Seeleute und ihrer reſpektablen Schätzchen blicken; denn an mehreren Stellen der Feſtungs⸗ werke und in den weniger gentilen Stadttheilen, welche den Hafen von Portsmouth umgeben, waren kleine Zettel angeklebt, welche alle ächten britiſchen Theere einluden, der Hochzeit eines britiſchen Ma⸗ troſen anzuwohnen. Zugleich war angedeutet, daß nach dem Kirch⸗ gange zu Ehren des Anlaſſes ein Klettern um Schillinge und halbe Kronen ſtattfinden werde. Die Zeit war auf den nächſten Montag anberaumt und die Proceſſionsordnung feſtgeſtellt. Da außerdem na⸗ mentlich die Matroſen der Old⸗Glory aufgefordert waren, ſich in größt⸗ möglicher Anzahl einzuſtellen, ſo zweifelte Niemand, daß die Trauung des Sir John Truepenny ſtattfinden werde, abſchon man ſich noch immer in Betreff der Braut mit unterſchiedlichen Muthmaßungen trug. Dieſe Ankündigung wirkte auf drei verſchiedene Partieen nichts weniger als erfreulich. Sir Edward und Mr. Singleheart ärgerten ſich über die Maaßen, während Mr. Serivener und die ſchöne Eu⸗ genie in hellem Grimme aufloderten. Aber, was war der Aerger der einen und der Grimm der andern in Vergleichung mit Mrs Snowdrops Wuth? Sie war ganz außer ſich und gerieth in eine eigentliche Tob⸗ ſucht. Erſtlich hatte ſie ſich in große Koſten verſetzt, um dem künftigen Schwiegerſohn, wie ſie ſich ihn in ihrer Eitelkeit träumte, in ihrem prächtigen Boote willkommen zu heißen; zweitens war ſie für hundert und dreißig Pfund, welche Mr. Scrivener Jack vorgeſtreckt, Bürge geworden, und ſchließlich hatte man ihr alle Koſten, welche in den blauen Pfoſten aufgelaufen waren, aufgeſattelt. Der Satttel kam allerdings auf den rechten Rücken, aber dieſer war noch wund von den Verletzungen, welche ſie in dem Kampf mit der verabſcheuten Poll erlitten hatte— und ihr Herz blutete aus noch ſchwereren Wunden. Ueber die arme Suſanna Snowdrop wiſſen wir kaum etwas zu berichten. Sie härmte ſich ab und weinte in der Einſamkeit. Die ganze Welt ſchien für ſie mit Trauer behangen zu ſeyn, und ſie hatte allen Freuden Lebewohl geſagt. Die Hoffnung war in ihrem Inne⸗ 233 ren ertödtet, und vergeblich wünſchte ſie, mit ihr zu ſterben. Alles war jetzt dem armen Geſchöpfe zuwider, und ſogar ihre Romane flöß⸗ ten ihr Ekel ein. Sie verbarg ſich vor den Blicken ihrer Mutter und fühlte nur dann ihr Elend ein wenig erleichtert, wenn ſie völlig einſam und gegen jede Zudringlichkeit geſichert war. Die gedachten drei Partieen gaben ſich im Laufe des ganzen Sonntags vergebliche Mühe, Sir John Truepenny aufzufinden, und mußten ſich deshalb, aus dem guten Grunde der Nothwendigkeit, zu⸗ frieden geben, bis der hochwichtige Montag herankam. Der Morgen brach ſchön an und die Straßen waren ſchon in aller Frühe voll rührigen Gedränges. Die Rheden und der Hafen goßen ihre Myriaden blauer Jacken aus, unter welchen ſich die Ma⸗ troſen der Old Glory durch die weißen Bänder in ihren Knopflöchern und die Lorbeerzweige auf ihren Hüten beſonders auszeichneten. Die Offiziere der Flotte und der Armee thaten zwar ſammt und ſonders dergleichen, als verachteten ſie eine ſolche Thorheit, ſanden ſich aber doch an den Plätzen ein, von welchen ſie glaubten, daß Sir John daran vorbeifommen werde. Die Offiziere der höheren Grade drängten ſich in den Fenſtern der Gaſthäuſer, und die Woh⸗ nung des Hafenadmirals in High⸗Street bot Raum für eine Menge Zuſchauer, die ſich durch Rang, Tapferkeit oder Schönheit auszeich⸗ neten. Indeß war es beinahe ſchon neun Uhr, und noch ließ ſich nirgends eine Spur von Vorbereitungen blicken, ſo daß die Honora⸗ tiorenſchaft bereits einen Schwank zu fürchten und an das Frühſtück zu denken begann. Dieſe Beſorgniß wurde jedoch bald zerſtreut. Mit dem Glockenſchlag Neun erſchollen alle Glocken ſämmtlicher Stadtkirchen, und das betäubende Gebimmel hielt unausgeſetzt an bis zehn Uhr. Nun flogen mit einemmale die Thore eines alten, wenig beachteten Hofes auf, und die Glorie des Tages kam zum Vorſchein. Ehe wir übrigens das Programm von Jacks Proeeſſion geben, müſſen wir einige der Vorbereitungen namhaft machen, welche für ſeinen Empfang getroffen wurden. Mrs. Snowdrop war nicht 234 die Frau, welche ſich unter Urbilden ruhig verhielt und eine Beleidi⸗ gung demüthig hinnahm; wenn ſie daher nicht zu einer Entſchädigung kommen konnte, ſo wollte ſie doch wenigſtens Rache üben. Gerade an der Stelle, wo die Hauptſtraße gegen die Kirche hin eine Beu⸗ gung machte, mündete eine enge Gaſſe ein, und hier hatte ſich die beleidigte Bumbootfrau in Hinterhalt gelegt. Sie hatte viele Schuldner, folglich auch viele Parteigänger, und der kläglichen Erzählung, die ſie von der üblen Behandlung ihrer Tochter durch Jack gab, verdankte ſie viele Helfershelfer. Zugleich hatte ſie einen Haufen Soldaten der Garniſon beſtochen und alle Halunken, welche den Unfug aus Schadenfreude liebten, unter ihrem Banner verſammelt. Die ganze Zunft der Taſchendiebe, Männer und Buben, ſtanden auf ihrer Seite, und auch einige der Häßlichſten und Betrunkenſten aus dem Fiſcherpöbel hatten ſich ihr angeſchloſſen. Auf einem Wagen, der mit faulen Eiern und Unrath aller Art angefüllt war, erwartete ſie mit grimmiger Freude den Brautzug. Ein Karren mit Dünger ſtand auf der andern Seite der Straße und war von einer Unzahl Vagabunden umringt, die ſich gut auf den Wurfkrieg verſtanden. Wir müſſen jetzt zu dem Helden des Tages zurückkehren, der durchaus nichts von den Ehren ahnete, welche ihm bevorſtunden. Zuerſt zog unter Geſchrei, dem Gekapper von alten Pfannendeckeln und allen nur erdenklichen Werkzeugen, mit denen ſich Lärm machen ließ, das ſchmutzige, ungewaſchene und ſchlechtbehoſete Geſindel auf, das nicht von Mrs. Snowdrop gedungen war— alſo ein Haufen, der es mit ſeinem Zurufe ganz ehrlich meinte, weil er zu viele Köpfe zählte, als daß man hier mit Beſtechung hätte ankommen können. Dieſe Maſſe beſtand aus den wackeren Leuten, welche ſich mit dem Mauſen unbewachter Kleinigkeiten abgaben und unter dem Getümmel in ihrem Berufe arbeiten wollten, natürlich feſt entſchloſſen, die Un⸗ ordnung, welche ihr Geſchäft begünſtigen ſollte, im Nothfalle ſelbſt V v *½ 2 herbeizuführen. populi. Dann zeigten ſich die für die Feſtlichkeit nicht gedungenen Mu⸗ fikanten, welche ſich zu Nutz und Frommen der Einwohnerſchaft in Portsmouth angeſiedelt hatten, darunter der Lahme, die Krüppel und der Blinde. Auch ſie hoſſten andächtig, einige andere Krumen auf⸗ zuleſen, welche vom Tiſche des reichen Mannes fielen. Dann kam eine Abtheilung von Konſtabeln, welche Jack mit einer Klugheit, deren man ſich von ihm nicht verſehen hätte, für den Anlaß gemiethet hatte. Es waren ehrenwerthe, achtbare Männer, die es verſchmähten, ihren Lohn mit Nichtsthun zu verdienen, weshalb ſie daher ihre Knittel rechts, links und nach allen Seiten fliegen ließen, in ihrem bürgerlichen Eifer die vorübergehenden Muſikanten am Reich⸗ lichſten bedenkend. Ihnen folgte ein dichter Haufen reinlich gekleideter Seeſoldaten, welchen ihre geordnete anſtändige Haltung zu hoher Ehre gereichte, da ſie ſogar auf der Parade nicht mehr comme il faut hätten ſeyn können. Vielleicht waren ihre Hüte ſogar glatter als gewöhnlich ge⸗ bürſtet und ein Bischen mehr auf die Seite gedrückt, während ſich ihre Haarzöpfe recht ſtolz und ſteif ausnahmen. Dann kam der glorreichſte Theil der Schauſtellung— eine Ab⸗ theilung von Mädchen, denen nichts fehlte, um den Ruhm und den Stolz ihres Vaterlandes abzugeben, als Beſcheidenheit. Da ſie alle in Weiß gekleidet und völlig nüchtern waren, ſo nahmen ſie ſich mit ihren von Geſundheit glühenden Wangen wie ein Blumenbeet an einem Maimorgen aus. Sie trugen keine Hauben, und ihr einfach in Zöpfe geflochtenes Haar war mit weißen und rothen Roſen ge⸗ ſchmückt. Sie gingen zu vier Hand in Hand und ſchwenkten zierlich ihre Arme hin und her, während ſie nachſtehendes einfäl tiges Gereim⸗ ſel abſangen, das der bereits erwähnte Barde— der Barbier, abge⸗ faßt hatte. Der Wohnplatz eines ſo großen Dichters iſt wohl werth auf die Nachwelt zu kommen, weshalb wir berichten wollen, daß er Dies waren lauter ſtentoriſche Pröbchen der vox pflegte. 236 in Pigs Court, Little White Hart Alley, ſeine Kunden einzuſeifen Nicht länger ſoll unſer Matroſ' Beim Sturm hoch im Takelwerk ſtecken Und aus auf den Raaen ſich ſtrecken, 4 Einholend die Segel, die loos. S Geſtaut iſt ſein Sturmtuch für immer; Zum Henker die Mittelwach⸗Bande! Die Bootspfeife ärgert ihn nimmer, Seit keck unſer Jack auf dem Lande Umgeht mit dem Geld wie mit Sande— 4 Jack iſt am Lande! Der Jack iſt getreu ſeiner Poll, Obgleich er ein gnädiger Barone, Und ſie, die im Lieben die Krone, Weicht auch in dem Kampf keinen Zoll. Jack ſagt: ‚Soll am Lande ich legen„ Den Compaß beiſeit? Es wär' Schande, Da er mir zur See kam zum Segen.“ Jack alles dies edel erkannte, Führt die Braut zur Kirch' ganz galante— Jack iſt am Lande. Sir John iſt des Seemanns gedenk, Der arm und verkrüppelt im Hafen. Den muß als'nen Löffel ich ſtrafen, Der meint, daß Sir John nimmer ſchenk' Erinn'rung der Zeit, als er wachte Im Sturm auf des Maſtkorbes Rande, Und nicht der Vergangenheit achte. Nein, neu wird er knüpfen die Bande, Ihm reichen vom gleißenden Tande— Jack iſt am Lande. Sir John, trittſt zum König du vor, Und faßt er die ehrliche Hand dir Und wünſchet er Glück auf dem Land dir, So flüſtr' ihm ein Wörtlein in’s Ohr,. Wie man ſeinen treuen Matroſen, Den Grog kürzt, den Urlaub zum Lande,. 3 Und die Katz' thät' mit ihnen koſen. 237 Ja, thu dies— du biſt es im Stande— Dann Heil unſ'rem Pärlein am Strande!— Jack iſt am Lande. Nachdem dieſe Sirenen vorſtehendes Machwerk mit einer Deut⸗ lichkeit abgeleiert hatten, daß jedes Wort davon verſtanden werden konnte, fingen ſie wieder vorne an— natürlich nur, um in dem Zuge eine deſto bedeutſamere Rolle zu ſpielen. Den Mädchen folgten die gemietheten Muſikanten, welche zwi⸗ ſchen den Geſangverſen der Erſteren nur je ein paar Takte einfallen ließen. Wir können zum Preiſe der Gleichförmigkeit dieſer Bande nur wenig ſagen— ihre Kleider waren ebenſo verſchieden, als ihre Inſtrumente, der Anzug aber und der muſikaliſche Apparat gleich ihrer Außenſeite durch langen Gebrauch ſehr abgenützt. Hinter ihnen kam ein Haufen Fährleute. Inmitten derſelben wurde von zwanzig Männern ein neues, leichtes, aber doch ſtarkes Fährboot, welches John gekauft hatte und am andern Tage als Preis für den beſten Ruderer ausſetzen wollte, auf den Schultern getragen. Andere gingen mit den Rudern und Segeln daneben her. Dann erſchien eine ungeheuere Maſſe von Matroſen, die ihre Mädchen an den Armen hatten— alle mit weißen Schleifen verziert. Dieſe Abtheilung der Prozeſſion marſchirte in der allerſchlechteſten Ordnung; da aber Alle ſehr vergnügt und nur Wenige davon be⸗ trunken waren, ſo erhöheten ſie wenigſtens ſehr die Heiterkeit der Scene, wenn ſie auch nicht viel zu dem Prunke derſelben beitrugen. Zunächſt kam das wohlausgeführte Conterfey eines Juden, der auf einem alten Stuhle ſaß. Zwei poſſierliche Burſche in Matroſen⸗ tracht gingen an den Seiten dieſer ausgeſtopften und gemalten Figur, welche von vier ſtämmigen Kerlen an Stangen getragen wurde. Die zwei angeblichen Matroſen trieben mit der Puppe alle mögliche Pof⸗ ſen, zwickten ihr die Naſe, zupften ſie an dem Barte, thaten derglei⸗ chen, als ſchacherten ſte mit ihr und übten ſonſtige gemeine Späße. Dieſes Spektakel, welches ſo ganz im Einklange mit den Ideen der 238 meiſten Zuſchauer ſtand, verurſachte ungemeine Beluſtigung und weckte den rauſchendſten Beifall.— Dann kam ein Mann, der drei goldene Kugeln trug, und un⸗ mittelbar darauf eine Figur, welche einen Pfandleiher darſtellen ſollte und in derſelben Weiſe, wie der Jude, getragen wurde. Zwei keck⸗ ſtirnige Dirnen bildeten die Begleitung des verehrten Herrn Onkel und gingen mit demſelben um kein Haar beſſer um, als die Matro⸗ ſen it dem Juden. Sie warfen ihm vor, er habe ſein eigenes Weib für fünf Schillinge in Verſatz genommen, die er auf ſie an einen luſtigen Matroſen, welcher ſie betrunken gemacht, geborgt habe, ohne ſeinen Irrthum zu entdecken, bis ſie ſich dadurch wieder in einen nüchternen Zuſtand verhalf, daß ſie ihm eine tüchtige Tracht Schläge verſetzte. Ein paar herumziehende Gaukler und Marktſchreier folgten mit drei Leiermännern, zwei Drehorgeln, einem Pfeifer, der zugleich das Tambourin ſpielte, einem Tanzbären, einem Dutzend tanzender Hunde und einigen Affen. Dieſe Abtheilung gereichte dem Prunkzuge eini⸗ germaßen zum Schimpfe, da ſie unter großem Lärmen dn den wohl⸗ gefüllten Fenſtern zu beiden Seiten der Straßen Kupfermünzen ein⸗ forderten. Dann zeigten ſich mehrere achtbare Gewerbsleute mit weißen Schlei⸗ fen, welche Arm in Arm einhergingen. Ihr Anblick bot gerade nichts Beſonderes, obſchon ſie durch den ruhigen Anſtand ihres Benehmens einen ſchroffen Gegenſatz zu dem wilden Treiben der üßrigen Zugab⸗ theilungen bildeten. 3 Nun kam der intereſſantere Theil des Ganzen— eine große Anzahl von Matroſen der Old Glory, die alle gleich gekleidet waren und Glanzhüte trugen, auf welchen das Wort„Glory“ in goldenen Buchſtaben zu leſen war. Ihr Anzug beſtand aus fleckenloſen blauen Jacken, die mit weißen Schleifen verſehen waren, ſeidenen Halsbin⸗ den, mit dem Matroſenknoten geſchürzt— ſchneeweißen Weſten unter ihren Wämmſern, in deren Knopflöchern prächtige Blumenſträuße 239 leidern, dergleichen Strümpfen und ſehr zier⸗ Da ſie nicht gut wußten, was ſie mit ihren il kein Feind in Sicht war, ſo trugen ſo die Leibgarde des unſterb⸗ ſtacken, weißen Beink lichen kleinen Schuhen. Händen anfangen ſollten, we ſie darin furchtbare Stöcke und bildeten lichen Jack. Jack hatte einen leichten großen Federwagen gemiethet, wie ſie beim Transport von Möbeln verwendet werden. Dieſer gewöhnlich Leinwand und Malerei in das bewunderungs⸗ war unter Beihülfe von würdigſte Conterfei eines hübſchen Fregattenrumpfes umgewandelt worden. Auf dem Decke dieſer Nachahmung eines Kriegſchiffes be⸗ fand ſich eine Platform mit zwei hochlehnigen alterthümlichen Seſſeln, welche Sir John und Miß Mary Macanniſter zu Sitzen dienten. Vor ihnen ſtand ein mit grünem Tuche bedeckter Tiſch, mit zwei Flaſchen Portwein und Gläſer, zwiſchen welchen ein großer Haufen Silbermünzen lag. Ueber den Köpfen des Brautpaars wehte das Banner ſeines Hauſes mit dem Wappen der erloſchenen Peerie, welche durch ihn wieder in's Leben treten ſollte. Die Fahne, welche an einem hohen Stabe befeſtigt war und den merkwürdigſten Zug des Geprän⸗ ges bildete, flatterte breit und luſtig im Sommerwinde. Ein kleineres Banner mit einem ähnlichen Sinnbild war in dem Bug der Fregatte aufgepflanzt, während die Flagge Englands den Stern zierte. Auf dem Decke des nachgebildeten Schiſſes, weit unter der Plat⸗ form für das Brautpaar, befanden ſich die Brautjungfern und Braut⸗ führer, beſtehend aus ſechs luſtigen Theeren und eben ſo vielen zweifel⸗ haften Damen— zweifelhaft in Allem, nur nicht in ihrer Schön⸗ heit, welche keiner Beanſtandung unterlag. Sie bildeten eine höchſt anziehende Gruppe, und das einzige Aergerliche dabei waren die ewi⸗ gen Weingläſer, die natürlich nicht fehlen durften Der Schiffwagen wurde von vier ſchönen Braunen gezogen, die reichlich mit weißen Schleifen verziert waren. Auf dem vor⸗ deren Theile des Deckes befand ſich ein kleines Kiſſen, auf welchem Jacks alte, the te Hoſen, ſeine ſchmutzigſte Arbeitsjacke, ſein 240 Merlpfriem und ſein Dienſthammer lagen, während ſich über dem Ganzen zwei Tabackspfeifen kreuzten. Dieſe Regalia zogen große Aufmerkſamkeit auf ſich und erhielten viele Lobſpenden. Jack war einfach, aber zierlich, als Fockmaſtmann der Old Glory gekleidet und trug den Schiffshut. Sein ganzer Anzug war äußerſt reinlich; Jack ſelbſt übrigens ſah roth und aufgeregt aus, in ſeiner Miene bald allzu große Verſchämtheit, bald zu viel Keck⸗ heit an den Tag legend. Er trug in ſeiner Linken ein Glas mit rothem Weine, das er hin und wieder an ſeine Lippen führte, ob⸗ ſchon er nur daraus ſchlürfte; denn augenſcheinlich wünſchte er ſich bloß zu beſchäftigen, um ſeiner mauvaise honte zu entfliehen. Und ſeine Poll— ſie war glorreich, wie Apollo, und faſt ebenſo ſchön, wenn man die unangenehme Verkümmerung ihrer Reize durch ein paar grün gefäͤrbte Augen in Abrechnung brachte. Ihr Aus⸗ ſehen war mehr als zuverſichtlich— ja eigentlich großartig in Un⸗ verſchämtheit. Man fand bei ihr nicht den finſteren, feierlichen, gravitätiſchen Stolz ariſtokratiſcher Leerheit, ſondern nur den hei⸗ tern Triumph des Lebensmuthes, des Glückes, der Sorgloſigkeit und des Bewußtſeyns großer perſönlicher Reize. Sie hatte einen freundlichen Blick, ein Blinzeln oder ein Lächeln für Jedermann. Wenn der Pöbel, während ſie vorbeikam, mit den Händen klatſchte, ließ ſie ſich nicht herab, zur Dankſagung eine Verbeugung zu machen, ſondern klatſchte in der Wonne ihres Herzens mit. Von ihrem Anzuge brauchen wir wenig mehr zu ſagen, als daß er einer Braut würdig war und aus koſtbaren Stoffen beſtand. Sie trug ein tief ausgeſchnittenes Korſett, und die Aermel waren an den Schultern dermaßen durchbrochen, daß ſie einen großen Theil des wohlgerundeten Armes ſchauen ließen. Um ihren Leib ſchlang ſich ein breites weißes Band, das, nach Weiſe der Koſtſchülerinnen, hinten geknüpft war und die Enden weit hinausflattern ließ. Es war die Zeit der kurzen Gewänder, und Polls Kleid ging ſogar noch über die Grenzen der Mode hinaus; aber die Zuſchauer wur⸗ ——— 241 den für die Spärlichkeit der Draperie durch die Rundung des Beines und die Form des zierlich gedrehten Knöchels ſchadlos ge⸗ halten. Ihre ſeidenen Strümpfe errötheten über ihre eigene Bloß⸗ ſtellung in einem tieferen Roth, als es zuvor ein ſeidener Strumpf gethan hatte. So war das Auftreten der geſunden, lebensfrohen, reizenden Poll. Sie mußten an vielen Orten Halt machen und wurden allent⸗ halben mit lautem Hurrah und dem Rufe:„den Umwechſel für einen Penny“ bewillkommnet. Kein Feſtzug hatte je der Maſſe eine größere Wonne bereitet. Einige von den höheren Militär⸗ und Flottenoffizieren lächelten geringſchätzig; indeß wollte man bemerken, daß diejenigen, welche in ihren Geſichtern Spott zur Schau trugen, weder für die Beſten, noch für die Tapferſten ihrer Klaſſe galten. Es war ein großartiges, faſt rührendes Schauſpiel— dieſe Heiter⸗ keit der zu ſchwerer Arbeit verurtheilten Menge. Das Gepränge war allerdings thöricht, wenn man ſo will, indeß immerhin weder durch Blut gewonnen, noch durch drückende Auflagen von den Armen erpreßt. Es deutete weder auf Feudal⸗ tyrannei, noch auf Volksdruck und Monopole, trug ſich nicht mit Sinnbildern der Kunechtſchaft oder Sklavenketten und war einfach eine Huldigung, welche dem Glücke einer untergeordneten Klaſſe gebracht wurde. Ehre ſey Jacks Brautzuge! Unter denen, welche zu der Proceſſton Viele im Glücke, aber Keiner mehr., als welcher durch Sir Edwards Vermittelung ſeine Entlaſſung erhalten hatte und nun den Steuermann des mimiſchen Schiffes darſtellte, da ausdrücklich für ihn im Sterne ein Nad angefertigt worden war. Mit bewunderungswürdiger Gravität drehte der Veteran die Speichen deſſelben, obſchon ſeine ſelbſtzufriedenen Operationen nicht weiter mit dem Laufe des Karrens zu thun hatten, als der Herrſcher mancher mächtigen Staaten mit den Maaßregeln, durch welche ſie Marryat'’s W. XX. Jack am Lande. 16 gehörten, ſchwammen der alte Giles Grim, nur zu oft verſchlechtert werden.„Sehr wohl, ſo— ſo— luv gehalten! nicht näher, Junge! nicht näher!“ und ähnliche Steuer⸗ mannsrufe ſtrömten unabläſſig von ſeinen Lippen. Der alte Grim befand ſich in einer ſeltſamen, aber nicht ungewöhnlichen Selbſt⸗. täuſchung, denn wie viele feierliche Familienhäupter, welche ſich vorſtellen, daß ſte Alles lenken und beherrſchen, befinden ſich genau in der Lage dieſes alten Matroſen. Unſerem Helden gebrach es übrigens ſehr an einem heroiſchen Ausſehen; er war nicht ehernſtirnig genug, um es aufrecht zu erhalten, und mochte doch ebenſo wenig Schaam kundgeben. Seine Miene war daher ſtörriſch und finſter, wandelte ſich aber zu einem wilden Blicke um, wenn irgend ein goldbordirter Thor ſich in Hohnreden ausließ. Jack hätte ſeine Augen ohne Unterlaß auf die unter ihm richten ſollen, wo er nur ſtrahlende und glückliche Ge⸗ ſichter geſehen hätte; aber er konnte ſich's nicht verſagen, auch nach* den Fenſtern des erſten Stockes, die gerade in gleicher Höhe mit ihm waren, zu ſchauen, und von dorther erſchollen ausſchließlich die Aeußerungen der Geringſchätzung. Als ſie faſt das Admiralshaus erreicht hatten, fand eine Hem⸗ mung Statt, die gewiß nicht von Jack beabſichtigt wurde, und die Mädchen begannen nun die Ode, welche zu ſeiner Ehre gedichtet worden war, mit ganz beſonderem Nachdrucke abzuſingen. Sie fand keinen Beifall. Einige hochſtehende Ofſiziere riefen:„Welche Thor⸗ heit!“„Pfui!“„Hättet zu Hauſe bleiben können!“„Geht in ein 3 Tollhaus!“ oder ließen ähnliche Hochzeitskomplimente laut werden. Hierüber ſtand Jack auf, kreuzte ſeine Arme und erwiederte die Spottreden mit trotzigen Blicken. Der Pöbel jubelte begeiſtert und würde nicht gezögert haben, ſeinen beleidigten Helden mit einem Schauer von Steinen zu rächen, wenn nicht glücklicherweiſe das Hinderniß jetzt beſeitigt worden wäre, ſo daß ſich die Maſſe fort⸗ bewegen konnte. Aber Jack blieb noch immer in einer Haltung fin⸗ ſterer Herausforderung ſtehen. Wie er an Kapitän Firebraß vorbei⸗ 243 kam, wirkte die gewohnte Mannszucht ſo kräftig auf ihn, daß er ſeiner verletzten Würde ganz vergaß und vor ſeinem alten Befehls⸗ haber an den Hut langte. Der Kapitän erwiederte die Begrüßung mit einem lauten Hurrah, in welches der Pöbel augenblicklich zu Ehren der„Old⸗Glory“ in drei dröhnenden Wiederholungen ein⸗ ſtimmte. Jetzt hatte Jack ſeinen Gleichmuth wieder gewonnen und ſetzte ſich nieder. Als ſie in die Nähe des Balkons kamen, auf welchem ſich Mr. Scrivener und Eugenia Elfrida befanden, ſtierte Erſterer auf Jack nieder wie ein gefräßiges Raubthier, dem ſeine Beute entwiſcht iſt, während die junge Dame mit mehr Bosheit, als ſich von ihrem milden, hübſchen Geſichte erwarten ließ, blos ausrief:„Die garſtige, eiſenſtirnige Metze!“— Worte, die, zum Glücke für die Fortdauer der Ordnung, nicht von der Dame gehört wurden, welche ſo hoͤflich damit bezeichnet werden wollte. Nun mußte das glückliche Paar auch noch an Sir Edward und Mr. Singleheart vorbeikommen. Jack, welcher ſie augenblicklich bemerkte, ſtand auf, nahm ſeinen Hut ab und machte ihnen eine achtungsvolle Verbeugung. Sir Edward ſchüttelte bekümmert, aber doch mit der ſreundlichſten Miene ſeinen Kopf, während der Rechts⸗ gelehrte ſeinem halsſtarrigen Klienten eine Fauſt machte— eine Drohung, deren Nachdruck und Wirkſamkeit er übrigens durch das Gelächter, mit welchem er ſie begleitete, völlig vereitelte. Die Proceſſion ging weiter—— ihrer Auflöſung entgegen. 244 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Strotzt von großartigen Ereigniſſen.— Eine Schlacht, recht königlich, und recht königlich ausgefochten.— Vae victis!„Ich haſſe dich, du eitler Prunk der Welt!“— Eine Trauungsceremonie, die ſehr unceremoniös begangen wird.— Das Hochzeitmahl und andere wichtige Dinge. Oh, daß ich ein Gleichniß hätte! Ein Gleichniß! ein Gleich⸗ niß! Mein Königreich für ein Gleichniß! Aber ach, ſind mir nicht die beſten dieſer poetiſchen Amplifikationen ſchon vor der Naſe weggenommen und die ſchlechten durch den ſchlechten Gebrauch, der von ihnen gemacht wurde, noch unerträglicher geworden? Ich brauche ein Schlachtengleichniß und wo ſoll ich ein neues finden? Die ganze Thierwelt iſt erſchöpft von dem Löwenrudel an bis zu den Heuſchreckenſchaaren. Die rauſchenden Winde, der Sturm und die tobenden Wellen, die Alles niederreißende Lawine, der unwider⸗ ſtehliche Donnerkeil, die Vulkane mit ihren geſchmolzenen Metall⸗ ſtrömen, das Städte zertrümmernde Erdbeben— alles dies iſt bis⸗ weilen gut, ſehr oft gleichgültig und unzähligmal in abſcheulicher Weiſe aufgeboten worden, um das Getümmel einer ienſchlichen Schlacht zu beleuchten. Es bleibt mir nichts übrig, als die Dampfmaſchine. Soll ich einen Keſſel ſpringen laſſen? Nein, noch nicht. Ich kann dieſes großartige Bild nicht für eine Novelle verwenden, da ich es unter Dutzend Geſtalten für ein Epos in zwei Dutzend Büchern brauchen werde. Wir wollen uns daher vorderhand blos auf die Erzählung beſchränken. 1— Bereits war der Vortrab der Proceſſion an dem tückiſchen Hin⸗ terhalt vorbeigekommen und nunmehr an dem Wagen angelangt, der ſeinen Miſt gerade quer über die Straße entleert hatte. Dieſes. ärgerliche Hinderniß, welches anfangs als rein zufällig betrachtet N — 245 wurde, verdichtete die Reihen, da die Vorderen ſtehen blieben, wäh⸗ rend die Hinteren nachdrängten. Endlich machte die ganze Linie Halt und der Brautwagen ſtand Mrs. Sunowdrops Karren in der Straßenbengung gerade gegenüber. Von vorne und in den Flanken eingeengt, fand ſich Jack, um uns einer militäriſchen Phraſe zu bedienen, in einer falſchen Stellung, mußte aber bald die Entdeckung machen, daß er ſogar in einer noch ſchlimmeren Lage ſtack. „O, Du Gaſſendirne— Du bemalte Vogelſcheuche! Wie kannſt Du Dich unterſtehen, Du Metze— wie kannſt Du Dich unterſtehen! Nimm dies und dies und dies— drauf los, meine Jungen— jetzt iſt's Zeit— ſchont dieſen Tropf— dieſen Ein⸗ faltspinſel nicht— da ſind Hochzeitkuchen für euch Beide!“ So lautete die Amazonenrede des mehr als amazonenhaften Bumbootweibes. Sie gab das Signal zum Angriff— und zu welch' einem Angriff! Faule Eier und Unflath vom abſcheulichſten Geruche bedeckten mit mirakelhafter Schnelligkeit Braut, Bräutigam und das in dem Schiffe befindliche Hochzeitgeleite. Jack und Poll kriegten den übelſten Geſchmack, mit dem je zu gleicher Zeit die arme Menſchheit beläſtigt wurde, in den Mund, abgeſehen davon, daß ſie noch obendrein für einige Minuten geblendet wurden. Viele litten von der maskirten Batterie, welche die eigenthümliche Fähig⸗ keit beſaß, den Geſichtern ihrer Opfer ihre abſcheuliche Maske aufzukleben. Das war zu viel, und der löwenherzige Jack beugte ſich für eine kurze Weile davon. Das Ahnenbanner ſeines Hauſes ging nieder, und die Angreifer, welche ihres Sieges ſicher zu ſeyn vermeinten, feierten ihren Triumph unter lautem Jubel. Jetzt das Schlachtgeſchrei—„Verum damme raro rum! Den Umwechſel für einen Penny!“ „Grimmiger Giles, zum Beiſtande!“ Auch Giles hatte viel gelitten, denn er war über und über mit faulen Eiern bekleiſtert, und ſeine betagten Augen klebten unter einem Schmutze von ſehr zweifelhaftem Charakter zuſammen. Aber eine wohlgezielte todte Katze, die voll auf ſein wetterfeſtes Geſicht niederfiel, gab ſeinen Sehorganen die Freiheit wieder; er öffnete die Augen, und ſiehe— welch' ein Entſetzen! welche Schmach! welche Befleckung der wahren Glorie! Die ſchöne Königin des Feſtes lag ausgeſtreckt auf dem Decke, und Jack ſelbſt beugte ſich tief vor den abſcheulichen Geſchoſſen, während höhnendes Jubeln und Gelächter die Freude des tückiſchen Feindes bekundete. Der grimmige Giles trat vor und erhob aber⸗ mals das Banner, ohne auf die Stein⸗ und Kothſalven oder auf die gewichtigeren Würfe von todten oder lebendigen Hunden und Katzen zu achten. Aber er that noch mehr— er rief die„Ma⸗ troſen der Old⸗Glory“ auf, die Decken zu bemannen und ihre Pflicht zu thun— und ſie ließen es daran nicht fehlen. Zwar waren ſie ſchlimm in Nöthen, da ſie, in die enge Straßen⸗ beugung eingeklemmt, weder vorrücken noch ihre Kraft entfalten konnten. Das Feuer von dem umgeworfenen Wagen vorne wurde am Aergerlichſten. Die Pferde begannen Merkmale von Verſchüch⸗ terung zu zeigen und trampelten, nachdem ſie ausgeſchirrt waren, unter dem Gedränge umher. Vor Allem fehlte es aber den An⸗ gegriffenen an Munition. Sobald die Schiffskameraden den Schiffs⸗ karren beſtiegen hatten, faßten ſie Mutter Snowdrops Batterie mit drei lauten Hurrahs in's Auge und bedienten ſich zur Erwiederung der Feindesmunition, welche auf das Deck niedergefallen war. Dann ging es an die Flaſchen und Gläſer, endlich aber an das Silber, welches dem Klettern vorbehalten war. Dieſe letztere koſtſpielige Salve lenkte die Fluth des Sieges zu ihren Gunſten; denn das hungrige, bettelhafte Geſindel mochte, ſobald es ſilberne Kugeln an die Köpfe kriegte, trotz Mrs. Snow⸗ drops Verwünſchungen, ſein Feuer nicht fortführen, ſondern tölpelte nach dem Gelde über einander her. Der grimmige Giles benützte den Vortheil dieſes Einlullens, faßte mit der einen Hand das True⸗ 4 2 4 — 247 penny'ſche Banner, mit der andern das ungeheure Schienbein eines todten Eſels, an dem noch Fleiſch und Haare hingen, und lenkte den Angriff auf den Karren, in welchem der Amazonengeneral mit ſei⸗ ner unfläthigen Munition ſaß. Er war im Nu erobert. Mittlerweile hatte die Vorhut des Zuges den im Wege ſtehen⸗ den Wagen geſtürmt und Viele der Vertheidiger halb todt ge⸗ ſchlagen, oder in ihren eigenen Unrath getaucht. Das Getümmel war ungeheuer und Viele erlitten ſehr ernſtliche Beſchädigungen. Die Verſtändigeren in dem Gedränge riefen die Leute auf, ſich zu zerſtreuen— ein Rath, welchem durch das Erſcheinen einer Sol⸗ datenabtheilung aus der Garniſon noch mehr Nachdruck gegeben wurde. Wer nur halbweg auf ſeinen Ruf hielt, flüchtete ſich von dem Schauplatze, auf dem man Scherz und Heiterkeit zu finden hoffte, indem nur das lumpigſte Geſindel zurückblieb. Jack nahm keinen Theil an dem Angriff auf das Bumbootweib, ſondern ſagte ſeinen Schiffskameraden, ſie ſollten das übrig geblie⸗ bene Geld einſtecken, und ſchickte ſich an, Polly und den Braut⸗ jungfern aus dem Getümmel zu helfen. Poll war ernſtlich zer⸗ beult und über und über mit Koth beſudelt, aber dennoch blieb ihr Geiſt ſo ſtolz als nur je. Sie wollte keinen Augenblick auf Jacks Bitten hören, welcher den Vorſchlag machte, nach Hauſe zu gehen und die Ceremonie auf einen andern Tag zu verſchieben, denn es fiel ihr nicht ein, der waſſerſüchtigen alten Katze einen ſolchen Triumph zu gönnen. Sie ſuchten deshalb Schutz in einem benach⸗ barten Hauſe, wo ſie zu Seife und Waſſer ihre Zuflucht nahmen, eiligſt die Kleider wechſelten und ſich in die Lage verſetzten, daß ſie in Beiſeyn eines ſehr kleinen und übel zerſchlagenen Häufleins— des ganzen Ueberreſtes von ihrem Morgenpompe— getraut werdea konnten. Nach vollzogener Ceremonie begab ſich das glückliche Paar auf einem weiten Umweg nach einem kleinen Hauſe in Porcheſter, das, wie ſie hörten, zu vermiethen war; und ſo verbrachten fie ihren „Hochzeitstag— einen der unſeligſten, der wohl je vorgekommen— in beziehungsweiſer Abgeſchiedenheit. Es würde zu weitläufig ſeyn, wenn ich alle die Vorfälle und Begebenheiten aufzählen wollte, welche bei und nach Beendigung dieſes allgemeinen Tumults ſtattfanden. Es war eine gnädige Schickung der Vorſehung, daß keine Menſchenleben verloren gingen, obſchon viele Taſchen geleert und manche Köpfe ſchwer zerſchlagen wurden. Ehe ſich das Geſindel, das um das verſprochene Klettern. gekommen war, ganz zerſtreute, hielt es ſich noch mit ſchnellfertiger Volksjuſtiz dadurch ſchadlos, daß es den Schiffſwagen zuſammen⸗ ſchlug und alles vermeintlich Brauchbare ſich ſelbſt zueignete. Wir müſſen übrigens jetzt zu der Urheberin des garſtigen Un⸗ fugs, zu der rachſüchtigen Mrs. Snowdrop zuruͤckkehren. Da ſie ſelbſt ſo wenig Gnade erzeigt hatte, ſo durfte ſie auch nicht viel erwarten. Die Sieger erſtickten ſie beinahe, indem ſie die beleibte Dame in den Unflath ihres eigenen Karrens tauchten, und über⸗ lieferten ſie ſodann der Polizei, welche ſie wegen Tumults in's Ge⸗ fängniß führte. Da außerdem viele Perſonen gefährlich beſchädigt worden waren, ſo weigerte ſich die Obrigkeit, ſie gegen Bürgſchaft frei zu laſſen. Der Ausgang ihrer rachſüchtigen Plane bot ihr alſo nicht viel Stoff zur Freude. Giles Grim ſammelte die meiſten der zur Hochzeit geladenen Perſonen und ſpielte in dem Zimmer des abweſenden Jack den Wirth; auch ging es ſo luſtig und wohlgemuth her, als es in An⸗ betracht der Dinge nur möglich war. Giles beſaß übrigens Ver⸗ ſtand genug, um einzuſehen, und ſprach es auch ehrlich aus,„daß der arme Jack zur Hölle fahre wie eine Rakete; denn es ſey harte Arbeit und brauche eine lange Lehrzeit, vielleicht ſieben Jahre, um ein großer Herr zu werden— er hoffe nur, daß irgend ein ver⸗ ſtändiger Mann Jack in's Schlepptau nehme, ehe er geradezu an den Klippen ſcheitere. Er für ſeinen Theil ſey zwar jetzt für's ganze Leben geborgen, denn er habe ſeinen Lohn in der Taſche, — * 249 kriege ſeine Penſion ſo regelmäßig, als die Morgenwache komme, und könne, wenn er es auf einen geborgenen Hafen abgeſehen habe, jeden Augenblick in's Lee des Greenwicher Hoſpitals laufen; wenn er übrigens bedenke, welch' ein Narr ein ächter Matroſe ſey, wenn er ſich mit dem Lande abgebe, ſo habe er gute Luſt, wieder auf der Old Glory einzutreten— das heißt, ſoferne man ihn annehme. In⸗ deß wolle er doch noch eine Weile warten und ſehen, wie die Dinge ablaufen— er ſey für Jack ein Vater geweſen von der Zeit an, als derſelbe nur ſo groß war, wie ſein Ellenbogen, und wolle es aus Liebe zu ihm wohl noch eine Weile länger ſeyn— übrigens müſſe er ſich in Zukunft wohl vorſehen, wie er ſich zu benehmen habe.“ Die ganze Geſellſchaft zollte ſeinem Entſchluſſe Beifall, worauf er folgendermaßen fortfuhr: „Meine guten Freunde, Mann und Weib, wie ihr da ſeyd— nehmt jetzt einen Schaft aus meinem Garn. Wir haben eben ein luſtiges, gutes Diner unter die Lucken geſtaut und es dabei am Wein nicht fehlen laſſen, meine Jungen; das Alles wird Moos koſten— aber was macht's?— das Diner war beſtellt, und mochte es nun verzehrt werden oder nicht,— jedenfalls muß Jack mit den Monetten ausrücken.— Ja, Jack iſt ein guter Burſche; aber an⸗ genommen auch, daß er mehr Geld hätte, als die Königin von Saba, ſo könnte er doch nicht das Feuern aushalten, das jeden Tag auf ſeine Koſten losgeht. Wir wollen uns deshalb die Rechnung geben laſſen und alle die Mariner zählen, denn man ſoll ihm keinen Wein aufkreiden, den wir nicht gehabt haben. Glaubt ihr aber, ich wolle die Harmonie abbrechen?— Nein, nein — wir wollen den Reſt des Tages uns noch mit Trinken gütlich thun— mit Grog, wie ächte Matroſen und Matroſenmädchen, die wir ſind— und ich ſteh' ein für's Traktement— ſo alſo her da, Wirth— zeigt Euch und reicht Euern Zettel ein.“ Sehr zu ſeinem Verdruſſe ſah ſich der Wirth genöthigt, ſeine Rechnung vorzulegen, welche Giles Grim mit aller nur erdenk⸗ 250 4. lichen Gravität prüfte und nach angebrachten nöthigen Verbeſſe⸗ 4 rungen und Abzügen wohlbehalten in ſeine Tabacksbüchſe ſtaute. „So, Wirth, wir müſſen jetzt vieren und mein Kabel aufholen. Bringt uns eine Gallone ächten Jamaikas und dazu gutes Brunnen⸗ waſſer.“ 2 Dieſe Anordnung kam den Gäſten weit gelegener, als wenn ſie hätten in den koſtſpieligen Weinen fortmachen müſſen, die ihnen doch nicht ſo recht mundeten; ſie begannen daher, nach einiger Ziererei von Seiten der Damen, welche ihre gute Erziehung zeigen wollten, die Beluſtigung mit verdoppeltem Eifer. Es wurden See⸗ lieder geſungen, viel geſcherzt und hintendrein getanzt, bis ſich end⸗ lich ein Paar nach dem andern fortſtahl, völlig zufrieden mit dem Tage und ſeinen verſchiedenartigen Ergötzlichkeiten. Sogar Giles 4 Grim fand ſich leidlich in die Heiterkeit des Tages und rauchte noch, nachdem er den letzten ſeiner Gäſte(denn ſie waren ſeine Gäſte* geworden) mit einem herzlichen:„Gott behüt' Euch, Kamerad,“ entlaſſen hatte, noch drei behagliche Pfeifen, dabei ſehr weiſe Be⸗ trachtungen anſtellend, wie ſchwer es ſey, in einer Stellung glücklich zu ſeyn, für welche man nicht erzogen würde. Dies führte ihn auf ſo viele ungereimte Ideen, daß er anfangs zu kichern begann und end⸗ 1 lich einſchlief. Er hatte übrigens noch nicht lange ſeine Augen —,— geſchloſſen, als er in ein ſchallendes Gelächter ausbrach, denn es träumte ihm von den verſchiedenen Abenteuern eines Fiſches aus dem Waſſer mit Jacks Kopfe, welcher mit Seiner Majeſtät Hunden auf die Jagd zu reiten verſuchte, um einen Hirſch par force zu hetzen. Aber wo war Jack? Am Lande— und ſo elend, als wäre er ſchon ein ganzes Jahr verheirathet geweſen. — Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Das Bumbootweib und der Rechtsgelehrte.— Jacks Hochzeitstag.— Er bleibt bei dem kläglichen Ereigniſſe nicht ohne Tröſter.— Die zarte Braut ergeht ſich in einem zarten Vorſpiele.— Eine lange Vorleſung über Würde in Benehmen und Anſtand in der Haltung, nebſt vielem andern nützlichen Predigen. Gibt es wohl Jemand, der ein rachſüchtiges, gemeines Weib bemitleiden kann, welche ſich in den Schlingen ihrer eigenen Bos⸗ heit fing? Mrs. Snowdrop hatte ſich in ihren Planen auf Sir John ausſchließlich durch die ſchnödeſten Beweggründe, unter denen die Habſucht obenan ſtand, leiten laſſen. Aber trotz ihrer ſchimpf⸗ lichen Niederlage wußte ſte noch immer nichts von Schaam, denn Wuth und Rachſucht hatten in ihrer Bruſt jedes andere Ge⸗ fühl verdrängt. Während ſie ſich auf dem Boden der Zelle, welche ihr als Gefängniß angewieſen worden— denn ſie hatte in ihrer wilden Leidenſchaft den einzigen Stuhl zerſchlagen— umherwälzte konnte ihr der Gedanke, Jack und ſeine Braut zu ermorden, die einzige Beruhigung geben, derer ſie fähig war. 3 Sie ſchmiedete hundert Anſchläge, um die Gehaßten in ſchnö⸗ der, heimlicher Weiſe aus dem Leben zu ſchaffen, und ging endlich ſogar ſo weit, über die Mittel zur Ausführung ihres Planes zu ſinnen und ſich nach Werkzeugen umzuſehen. Sie erwog bei ſich die Wahrſcheinlichkeiten des Erfolgs und der Entdeckung— glaubte bereits das rechte gefunden zu haben— und freute ſich ihres Ge⸗ dankens, bis ihr endlich einſiel, daß ihre Rache nicht halb befriedigt ſeyn würde, wenn ihre Opfer nicht noch vor dem Tode erführen, daß ſie ihr frühes Ende nur ihr zu danken hätten. Sie wurde zu⸗ letzt ruhig und blieb in einem Zuſtande grimmiger Unempfindlich⸗ keit auf dem Boden ſitzen; denn es gibt eine Apathie, die nicht ſo empfindungslos iſt, daß ſie nicht über ſchrecklichen Gedanken brüten könnte. Während ſie ſich in dieſem Gemüthszuſtand befand, trat Mr. Scrivener in das Gemach und der Riegel wurde hinter ihm vorgeſchoben. Er ſchauderte vor dem Schauſpiel, das ſich ihm dar⸗ bot, und blickte ängſtlich nach der Thüre, ſchämte ſich aber bald ſeiner augenblicklichen Unruhe und nahm ſein gewohntes geſchäfts⸗ mäßiges Lächeln an, worauf er das Weib, die ihn auch nicht eines Blickes würdigte, folgendermaßen anredete: Mrs. Snowdrop— meine theure Mrs. Snowdrop— meine gute Mrs. Snowdrop— wahrhaftig— in der That— nehmt's Euch nicht ſo zu Herzen. Ich komme als Freund zu Euch— ich bin Euer Freund— ich wünſche, daß Euch Gerechtigkeit zu Theil werde— kennt Ihr mich nicht, Mrs. Snowdrop?“ „Ja, Advokat; Ihr habt einen Schuldſchein von hundertunddreißig Pfund von mir in Händen.“ „Eine bloße Kleinigkeit, Madame— nichts— eigentlich gar nichts für eine Frau von Eurem Vermögen— ich wollte, es wären dreitauſendunddreißig— ha, ha, ha, gute Mrs. Snowdrop— hundertunddreißig— pah! Wer wird einer ſolchen Kleinigkeit nur erwähnen.“ „Wie, Ihr lacht mich noch aus— Ihr verhöhnt mich? Hole Euch der Henker— Ihr ſollt mir nicht ſo kommen. Eine Kleinig⸗ keit— ja wohl da— eine Kleinigkeit für einen Blutſauger, der ſich ſo viel zahlen läßt für ein paar Linien, die er auf einen Fetzen Pergament ſchreibt— der ſein Geld durch Wucher und Erpreſſung gewinnt, indem er denen, welche nur wenig haben, ihr Alles raubt? — Aber für mich, die ſich um jeden Schilling dieſes Geldes ab⸗ rackern mußte, die ſich trotz Schloßen, Schnee und Sturm im offe⸗ nen Boote umherſtoßen läßt— und obendrein noch betrogen, ver⸗ höhnt und von dem gemeinſten Geſindel verunglimpft wird!— Oh Ihr Hayſiſch unter den Unvorſichtigen!— Fort aus meinen Augen —— 253 — Ihr ſeyd ein Fluch für die Blicke einer armen, verlaſſenen Frau, auf der bereits nur zu viel Fluch laſtet!“ „Gute Mrs. Snowdrop, ich fühle für Euch— ja wahrhaftig auf Ehre. Ich komme, um Euch als Freund beizuſtehen— Euch als Mann zu rathen, der für Euer Beſtes bemüht iſt.“ „Schone Worte! Aber ich denke, Advokat, daß Eure Freund⸗ ſchaft ſowohl, als Euer Haß ſtets nur darauf hinausläuft, dem armen Elenden, der in Eure Klauen geräth, das Geld abzuzwacken. Wieviel gedenkt Ihr mir für dieſen wohlwollenden Beſuch aufzu⸗ rechnen?— Aber ich zahle Euch nichts— ich habe Euch nicht kommen heißen— holt daher Euren Wind und packt Euch— möge der Fluch des letzten Mannes, den Ihr zu Grunde gerichtet habt, Euch begleiten!“ „Liebe Mrs. Snowdrop, wozu dieſe unnöthige Heftigkeit? Be⸗ trachtet mich für einen Schurken, wenn ich Euch—“ „Das geſchieht— Ihr dürft Euch vollkommen drauf ver⸗ laſſen, Advokat.“ „Ihr könnt das nicht gewiß wiſſen— weiß ich's ja ſelbſt nicht einmal. Ich hege ſehr warme Gefuhle gegen diejenigen, welche ich liebe.“ „Möge ihnen der Himmel gnädig ſeyn!“ „Das iſt der Fall, Madame. Sie gedeihen— Allen iſt es gut gegangen, die je mit mir in Verbindung geſtanden haben.“ „Euren Klienten?“ 4 „Auch ihnen. Warum nicht? Aber ich verlange nicht, daß Ihr auf meine Redlichkeit oder auf mein natürliches Wohlwollen bauen ſollt. Wir haben jetzt juſt daſſelbe Intereſſe zu verfolgen und an der nämlichen Perſon die gleiche Unbill zu rächen. Sir John Truepenny, dieſer theerbeſchmierte Glückspilz, dieſer Baronet aus meiner Fabrik iſt es, den ich auf ganz geſetzlichem Wege aus dem Grunde meines Herzens haſſe.“ 254 „Was hat der ſchweinsköpfige Tölpel gethan, um eine ſolche Auszeichnung zu verdienen?“ „Alles, was meine Intereſſen kreuzen und meinen Stolz ver⸗ letzen konnte. Wäre ich nicht geweſen, ſo würde er noch immer unter der Peitſche zittern und ſterben, wie er gelebt hat, als ein unbekannter, verachteter, gemeiner Matroſe. Ich will Euch erzäh⸗ len, Mrs. Snowdrop, was ich für ihn gethan habe.“ 38 Er berichtete nun in einer für ihn ſelbſt höchſt ſchmeichelhaf⸗ ten Weiſe, welche unſägliche Mühe er ſich gegeben habe, um ihn auszuſpüren, wobei er nicht verſäumte, ſein ganzes Verfahren in der Sache als die uneigennützigſte und lobenswertheſte Handlung, welche nur je durch eine angeborne Gerechtigkeitsliebe eingeflößt wurde, erſcheinen zu laſſen.„Und was iſt mein Lohn?“ fügte er bei.„Ich werde als ein abgenütztes Werkzeug mit Verachtung weggeworfen. Andere erndten den Lohn, den ich durch meine An⸗ ſtrengungen redlich verdient habe, und ſelbſt meine Auslagen werden bemäckelt und beſtritten. Abgeſehen von dem großen moraliſchen Unrecht, das mir geſchieht, habe ich nahezu hundert und zwanzig Pfund baaren Schaden.“ Mrs. Snowdrop ſtützte nun ihre Arme in die Seite, ahmte die gezierte Stimme des Advokaten nach und wiederholte ſeine eigenen Worte. „Eine bloße Kleinigkeit, mein theurer Sir. Nichts— wahr⸗ haftig gar nichts für einen Gentkeman von Eurem Vermögen. Guter Mr. Scrivener, nur hundert und zwanzig Pfund? Pah! wer wird ſolcher Kleinigkeit Erwähnung thun!“. „Ich wünſchte nicht, daß Ihr glaubt, es ſey mir um deßwillen zu thun— aber der ſchnöde Undank dieſes Schurken bringt mich auf. Unglücklicherweiſe kann ich ihm, da er nicht in meiner geſetz⸗ lichen Macht iſt, die verdiente Gerechtigkeit nicht widerfahren laſſen; aber er hat Euch beleidigt— hat Euch geſetzlich Unrecht gethan. Wie ich höre, ſind Schritte wegen einer Schuld gegen Euch ein⸗ A₰ 255 geleitet, die er und ſein ſchwelgeriſches Pack in den blauen Pfoſten contrahirt hat.“ Und jetzt öffnete das Bumbootweib die Schleußenthore ihrer Beredſamkeit, denn es gereichte ihr zu einiger Erleichterung, auch einem Advokaten gegenüber auf Jack ſchimpfen zu können. In die⸗ ſem Genuſſe erging ſie ſich nun ſchrankenlos. Mr. Secrivener hörte ihren Ergüſſen anderthalb Stunden geduldig, ja ſogar mit der ge⸗ ſpannteſten Aufmerkſamkeit zu. Als ſie zum Schluſſe gekommen war, rieb er in einer Entzückensanwandlung ſeine Hände und be⸗ gann das Amt des Tröſters. 3 „O, Mrs. Snowdrop, ſo wenig es auch den Anſchein hat, ſeyd Ihr doch eine ſehr glückliche Frau. Hört jetzt auf mich und laßt Euch überzeugen. Zahlt die Rechnung an Mr. Layton, den Wirth zu den blauen Pfoſten augenblicklich— zahlt ſie ohne Widerrede und es wird bei der einfachen Tilgung ſein Bewenden haben. Wie die Sachen ſtehen, können die Koſten noch nicht viel ausmachen, und ich fürchte, daß Ihr das, was Ihr an Mr. Layton bezahlen müßt, von Sir John nicht wieder gewinnen könnt; denn Ihr habt Alles beſtellt und ſeyd deßhalb geſetzlich verantwortlich. Zahlt übrigens die Rechnung, und ich will dieſen Verführer der Unſchuld, dieſen neugebackenen Sir John bald gefangen haben. Doch dies iſt nicht der großartige Streich, Madame— o nein. Bringt in dem Namen Eurer Tochter eine Entſchädigung wegen gebrochenen Ehe⸗ verſprechens ein und fordert zehntauſend Pfund— fünf müſſen Euch immerhin werden. Welch' eine Rede für einen Anwalt!“ Im Verlaufe wurde ſeine Zuhörerin unter den gleichen bos⸗ haften Gefühlen immer wärmer, und das Schlußreſultat war, daß ſie Mr. Serivener ermächtigte, völlig in ihrem Namen zu handeln und das Geld zu Befriedigung des Mr. Layton aus der Bank zu ziehen. Zugleich beſchwor ſie ihn, doch ſobald wie möglich ihre Befreiung auf Bürgſchaft zu Stande zu bringen, und ernannte ihn in der ganzen Ausdehnung des Wortes zu ihrem Sachwalter. Mr. Scrivener entfernte ſich, hocherfreut über den glücklichen Erfolg ſeines Beſuchs, und ſchickte ſich augenblicklich an, einen doppelten Prozeß gegen den armen Jack einzuleiten. Wir haben übrigens Letzteren ſchon allzulang vernachläſſigt— und obendrein an ſeinem Hochzeitabende. Die gnädige Frau Ge⸗ mahlin des Sir John Truepenny hatte in der ſchlechteſten von allen nur möglichen Launen ihren neuen, zeitweiligen Aufenthalt erreicht und, ehe ſie aus der Kutſche ſtieg, alle Inſaſſen derſelben mit Ohrfeigen regalirt, Seiner Liebden, den Herrn Baronet nicht ausgenommen, weil er ſie, wie vor Alters,„Poll“ genaunt hatte. Er fügte ſich jedoch ruhig und philoſophiſch darein, weil er die üble Behandlung in Erwägung zog, die ſie an ihrem Ehrentage erlitten hatte. Im Hauſe angelangt, wurde der Sturm, ſtatt ſich zu be⸗ ſchwichtigen, nur noch ſchlimmer, und es koſtete Jack große Mühe, die gnädige Frau ſoweit zu bringen, daß ſie ſich zu Bette legte, um zu einiger Ruhe zu kommen. Es wurden ſofort Boten nach ihrem früheren Quartiere abgeſchickt, um für Beide friſche Anzüge— namentlich aber für die Dame tröſtliche Putzartikel zu holen. Jack halte ſie mit zwei ſeiner alten Schiffskameraden und den beiden Brautjungfern nach Hauſe begleitet. Sobald die Mädchen die Braut zu Bette gebracht hatten, zogen ſie ſich nach einem Zimmer zurück, um ihre erlittenen Beſchädigungen auszubeſſern, und ließen die drei Männer allein. Nun war Jack ungemein ernſt, ſo daß er nichts weniger als wie ein Bräutigam ausſah, weshalb er denn auch mit einer AÄrt verzweifelten Unmuths einen Tiſch in den kleinen Garten hinter dem Hauſe bringen und Pfeifen fammt Taback und zwei Gallonen Bier herbeiſchaffen ließ. Brown und Jones beſchloſſen, als ein Paar ſympathiſirende Kameraden ſeine Melaucholie und ſein Getränk zu theilen. Sie ſetzten ſich demgemäß mit mehr als türkiſcher Gravität nieder und ruheten bald unter einem Baldachin von Rauchwolken, den ſie ſelbſt * * 25⁷ geſchaffen hatten. Eine Stunde lang ſprach keiner auch nur eine Syllbe, und der Geiſt des Schweigens ruhete ſo kräftig auf ihnen, daß ſie den braunen Krug ganz vorſichtig wieder auf den Tiſch niederſetzten, wenn ſie denſelben an den Mund erhoben hatten. Es war ein windſtiller Tag und der Rauch hüllte ſie voll⸗ ſtändig ein, ſo daß ſie drei Schiffen in ſcharfem Gefechte glichen, denn die Dunſtwolken, welche freigebig aus der weißen Nebelmaſſe aufſtiegen, waren denen nicht unähnlich, die den Geſchützen des großen Deckes entqualmen. „Tom Brown,“ ſagte endlich Jack. „Ja?“ lautete die kurze Erwiederung. Dann trat wieder für eine Viertelſtunde ein tiefes Schweigen ein. „Jim Jones!“ ließ ſich Jack abermals und noch feierlicher vernehmen. „Hier!“ verſetzte Jones in dem Tone, mit welchem er auf die Verleſung ſeines Namens vor dem Anzug der Wache zu antworten pflegte. Um der ſonſtigen Unterhaltung willen hätte er übrigens ebenſogut nicht hier, ſondern überall anders ſeyn können. Jack paffte nur um ſo wüthender fort. Nach einer aber⸗ maligen langen Pauſe öffnete Brown ſeine Kinnladen und ſprach. „Sir John!“ klang es aus dem einen Winkel ſeines Mundes, während dem andern eine große Rauchwolke entquoll. „Sey ſo gut, Jack zu ſagen, Tom— aber mach's kurz— ich bin ein verheiratheter Mann, und jeder ruhige Augenblick iſt mir werthvoll.“ „So kurz wie ein Schweinsgrunzen, Jack,“ entgegnete Tom in merkwürdig gedämpfter Stimme.„Du haſt vor ungefähr einer halben Stunde gebreit?“ „Ja— das alte Bumbootweib hat uns zu Paaren getrieben— uns Alle zum Stehen gebracht. Welch' eine Breitſeite! Schlug uns eflach zurück— nicht ein einziges Geſchütz bereit in unſern Marrhat's W. XX. Jack am Lande. 17 258 Pforten— keine Kugel in der Truhe— und dann ihr Kamerad, der Dungwagen, der uns von vorn und hinten beſtrich— beim Görge, ſie hat ſich wacker gehalten— uns zurückgeſchlagen! Meine Farben mußten herunter— wer weiß, was daraus geworden iſt? Das ärgert mich am meiſten!“ „Sir John Truepenny!“— begann Jones. „Bis morgen Jack, und wollte Gott, es hieße Jack für immer!“ „Was Deine Farben betrifft, Jack, ſo haben ſie im Grunde doch triumphirt. Der grimmige Giles hatte ſie fliegend in der Hand, als er Mutter Snowdrop enterte. Freilich kann ich nicht anders ſagen, ſie waren ein Bischen ſchmutzig— aber was macht's? Wir haben dennoch den Sieg gewonnen. Grim hat Mrs. Snowdrop's Fahrzeug erobert, und ſie ſitzt jetzt in der Vorhölle.“ „Das thut mir leid,“ entgegnete Jack. Der Muth des alten Weibsbilds gefällt mir. Hat in dem Scharmützel Niemand Suſanna geſehen?“ „Ich ſtehe dafür, daß ſie nicht dabei war,“ ſagte Tom.„Aber was würde Poll ſagen, wenn ſie Dich von ihr ſprechen hörte.“ „Wenn Poll ihre Manieren nicht ändert—— ℳ „Welche Folgen ſie übrigens in dieſem Falle bedrohten, dies ging in den Dunſtwolken verloren. Nach einer langen Pauſe nahm Jack wieder auf: „Jones Brnderherz. ich will Dir ſagen, wie das Land liegt. Wenn Du wieder an Bord kömmſt, ſo ſteure geradenwegs auf den erſten Lieutenant los, ſetze Deine beſten Kinntackeln ein und ver⸗ melde ihm meinen unterthänigſten Reſpekt, alſo Sir John True⸗ penny's unterthänigen Reſpekt, und ich laſſe ihn bitten, meinen Namen auf der Diviſionsliſte und auf den Wachzetteln ſtehen zu laſſen; auch möge er die Nummer an meinem Tiſche noch nicht löſchen— denn bei allen Fröſchen Pharao's,'s iſt mir bis auf das gegenwärtige Stündlein, wo wir gemächlich beiſammenſitzen, keinen Augenblick wohl geweſen, ſeit ſte mich zum Sir John gemacht 1 259 haben. Das gehört nun freilich nicht in's Log; aber dennoch iſt's gut, einen Hafen unter ſeinem Lee zu haben, wenn man’s einmal müde iſt, ein Baronet und ein Mann von Vermögen zu ſeyn.“ „Es liegt Grütze in dieſer Bemerkung,“ ſagte Brown. Jones pflichtete mit einem ſalomoniſchen Kopfnicken bei, und der Baronet füllte auf's Neue ſeine Pfeife. Das Matroſenkleeblatt rauchte und trank Porter bis fünf Uhr Nachmittag— ein ſehr niederſchlagender Prozeß für einen neuen Chemann, aber ſehr weislich, wenn man wie Jack verheirathet war. Um dieſe Zeit erwachte Lady Truepenny. Da ſie ihre beiden Brautjungfern und die Maſſe von Putz, aus welchem ſie nur wählen durfte, vor ſich ſah, ſo ſprang ſie in leidlich guter Stimmung aus ihrem Bette und begann ſich unter gebührendem Beiſtand anzu⸗ kleiden. Aber dieſe glückliche Laune währte nicht länger, als bis ſie ſich ſelbſt im Spiegel betrachtete. Ihre Augen, welche am Mor⸗ gen ſchon ſchwarz geweſen, ſahen noch dunkler aus, und ihr Geſicht war gleichfalls allenthalben zerkratzt und gequetſcht. Lady Truepenny gerieth in einen ſo grimmigen Aerger, daß ſie weder durch Worte beſchwichtigt, noch durch die ihr erwieſenen Aufmerkſamkeiten auch nur einigermaßen zur Ruhe gebracht werden konnte. Dennoch putzte ſie ſich nicht weniger prächtig heraus und ſegelte, nachdem ſie ihren Freundinnen befohlen, ſich in gebührender Entfernung zu halten, großartig die Treppe hinunter, um ſich bald nachher unter den Rauchwolken der drei luſtigen Matroſen zu zei⸗ gen, welche übrigens zur Zeit ſo traurig waren, wie Schmarotzer, die Niemand zur Tafel geladen hat. 3 Nun eröffnete Poll ihre Batterie, und keine Unterwerfung konnte ſie zum Schweigen bringen, weshalb denn auch bald jeder Verſuch dazu aufgegeben wurde. Das rauchende Kleeblatt ſetzte nur noch auf die Wirkungen eines guten Diners einige Hoffnung, zu welchem denn auch bald nachher geſchritten wurde. Als Mäd⸗ chen war Poll ziemlich leidlich geweſen; als Lady Truepenny 4 260 machte ſie ſich jedoch unerträglich und als betrunkene Lady True⸗ penny völlig abſcheulich. Die Geſellſchaft ließ ſich übrigens Alles mit beträchtlichem Phlegma gefallen und titulirte ſie mit großer Salbung als gnädige Frau. 2 „Meine liebe Poll—“ ſagte Jack. „Die Poll Dir in die Zähne, Du gemeines Düngerhaufen⸗ gewürm! Wer ſich in Zukunſt unterſteht, ſich ſo unverſchämt zu benehmen und mich wieder Poll zu nennen, dem will ich die gar⸗ ſtigen Kinnbacken zerklopfen. Wenn ihr nicht wißt, was ihr dem Rang und einer hohen Stellung ſchuldig ſeyd, ſo will ich euch's lehren, ihr Bettelhunde. Jack, Du Tropf— Sir John, wollte ich ſagen, und mögeſt Du verdammt ſeyn— ein gutes Beiſpiel iſt an Dir ſtets weggeworfen, Du Schwein! Kannſt ja nicht einmal gehen oder ſprechen, wie ein ächter Baronet— zum Henker mit Dir! Soll das auch Würde heißen? Wenn Du ſprichſt, ſo ſprudelſt Du wie ein Matroſe, und wenn Du Dich bewegſt, ſo rollſt Du einher, wie ein Lumpenhucker in einer Bö auf der Höhe von Kinſale Head—“ „Lady Truepenny!“ „Schön, Jack, Sir John Berrenit, was habt Ihr der Lady Truepenny zu ſagen?“ „Will Mylady ſo gut ſeyn, uns gefäͤlligſt wiſſen zu laſſen, was Eure Gnaden im Sinne haben?“ „Ei Jack— zum Teufel, Sir John, wollte ich ſagen— ſeitdem ich eine ächte Frau Baronitin bin, habe ich im Sinne, die Würde aufrecht zu halten, ſammt all dem andern Staat, zu dem ich in Bälde kommen werde. Ich verlange daher zuerſt, daß Ihr die Mutter Snowdrop an den Galgen und ihre talggeſichtige Tochter auf den Pranger bringt. Und dann will ich morgen einen ſechsſpännigen Wagen mit vier goldbordirten Laquaien hintenauf haben, um in Portsmouth wie eine Frau Baronitin aufziehen zu können. Wenn ich dann um die Stadt, an den Feſtungswerken r 261 und über den Paradeplatz gefahren bin, wollen wir nach London aufbrechen, müſſen aber zuerſt all das Geld aus der Bank holen. Da⸗ mit will ich den Anfang machen, Jack.— Oh— Ihr— Ihr verdient nicht, daß Ihr eine ſolche Lady zur Frau habt, Sir John Barrenit.“ „Potz Picken und Enterhaken! Poll, theile mir nicht ſo ſcharf aus, oder ich nehme Dich in die Mache. Ja wohl da— Mylady; eine Kothratte biſt Du. Du mußt—“ „Du— Du— ich laſſe mich nicht Du nennen— Eure Gnaden, wenn ich bitten darf, Sir John.“ „Hole Dich der Teufel und Deine Gnaden dazu!“ rief Jack, der jetzt in ernſtlichen Zorn gerieth.„Du mußt einen ſaubern Begriff von einem Baronet haben. Meinſt Du, ich ſey der Kaiſer von Marocco oder der große Banban von der Tartarei, die ihre Fäuſte in geſchmolzenem Silber waſchen, nachdem es geeist und parfumixt wurde, und ſich hintendrein mit Fünfpfundnoten abtrock⸗ nen? Es gibt viele Ritter, Baronete, Lords, Grafen, und noch obendrein Herzoge— wenn auch nicht gerade in Seiner Majeſtät Flotte, ſo doch genug in der Nähe der Seehäfen— aber Du Metze, wann haſt Du je geſehen, daß einer davon in einer Kutſche mit Sechſen und goldbordirten Laqugien gefahren wäre. Wenn ich meinen eigenen Guckern trauen darf, ſo ſehen ſie alle aus wie andere Leute, nur daß ſie oft viel häßlicher find.“ „Ah, ja, Du gemeiner Kerl!“ rief Lady. Truepenny mit unendlicher Verachtung.„Die, von denen Du ſprichſt, ſind bloße Seeungeheuer— ſo ordinär, wie Salzhäringe! Ein regelmäßig geborener Lord Barrenit wiegt eine ganze Tonne voll davon auf. Gehe nach London, Jack, und lerne, aus welchem Stoff Du eigent⸗ lich beſtehſt. Schätze Deine Würde, wie ich's thue, und laß nichts Gemeines über Deinen Mund kommen— möge ihn Dir der Teufel mit Krötenſtielen ſtopfen, wenn Du Dir nichts ſagen läß'ſt.“ Wir geben dies nur als ein kurzes Pröbchen von der Art und Weiſe, wie Poll zu denken und zu ſprechen pflegte, wenn ſie beduſelt war. Mittlerweile fand übrigens in Jacks ganzer geiſtiger Organiſation ein raſcher und großer Wechſel Statt. Er fühlte, daß er zu voreilig geweſen, hoffte aber, daß noch Alles recht wer⸗ den könne. Er bereute es keinen Augenblick, Poll ſein Verſprechen gehalten zu haben, ſing aber an, zu bemerken, daß er ſie ſcharf in den Zaum nehmen müſſe. Freilich war er für den Augenblick ſehr ermüdet, ſo daß er nichts ſehnlicher wünſchte, als ein Paar Stündchen völliger Ruhe. Er hatte beſchloſſen, am andern Morgen ſeine Seemannstracht abzulegen, ſich in einen einfachen Anzug zu kleiden und mit ſeiner Frau in allen Stücken den Anweiſungen des Sir Edward Fortintower und ſeines Rechtsfreundes Folge zu geben; denn da er einen ſo unglücklichen Anfang gemacht hatte, ſo glaubte er ſchon mehr als genug gethan zu haben, um das Ideal einer kecken, ſich um keinen Teufel kümmernden Theerjacke auszuarbeiten. Auch begann er zu bemerken, daß er den Narren nur ſehr wenig zur eigenen oder anderer Leute Befrie⸗ digung geſpielt hatte. Aber obſchon er alle dieſe Dinge erwog, ſo war es ihm vorderhand doch um nichts weiter, als um den lieben Frieden zu thun. 3 Polly's liebenswürdige Natur ſchien übrigens ganz umgewan⸗ delt zu ſeyn. Sie trug ſich mit ſo untergeordneten und hohlen Vorſtellungen von ihrer neugebornen Bedeutſamkeit, daß das Brüten ihres Hochmuthes und das faſt unausgeſetzte Trinken der letzten Paar Tage ihren Verſtand nicht wenig zum Wanken gebracht hatte. Niemand fühlte ſich wohl in ihrer Nähe, und ſie benahm ſich über⸗ haupt ſo ungebärdig, daß ſich Jack in einem geheimen Einver⸗ ſtändniſſe mit ſeinen Freunden vornahm, blos zu Herſtellung der Ruhe ſie bis zur Betäubtheit trunken zu machen. Aber ſie zeigte ſich auch hierin ſtörriſch und wollte nur ſo viel und ſo langſam trinken, als ihr gutdünkte. 2 Im Ganzen war es ein höchſt trübſeliger Abend, und obſchon den Matroſen und ihren Mädchen die Tafel unbedingt freiſtand, 263 ſo wurden ſie doch des anmaßenden Hochmuths der gnädigen Frau in einem Grade ſatt, daß ſie ſich mit Freuden entfernt haben würden, wenn ſie nicht das Mitleid mit dem armen Jack veran⸗ laßt hätte, zu bleiben.. Endlich kam die Sache zu einer Kriſis. Die verſchiedenen Getränke begannen Wirkung zu thun, und die zarte Poll wurde wüthend. Sie ſtand plötzlich von ihrem Stuhle auf, ſtürzte ſich auf Jack, ehe ſich derſelbe vorbereiten konnte, los und verſetzte ihm einige furchtbare Streiche über Kopf und Geſicht. Er verſuchte ſodann, ſte gegen die Wand zu drängen und dadurch unſchädlich zu machen, daß er ihr die Hände hielt; aber die Wuth und die Trunkenheit hatten ihre Kräfte geſteigert. Auch die Uebrigen mußten bei ihrer Bändigung Beiſtand leiſten, und nachdem man ihr Hände und Füße gebunden hatte, wurde ſie, unter lautem Kreiſchen und Fluchen von ihrer Seite, wie eine Mumie zu Bette gebracht. Aber auch hier mußte ſie mit Riemen angeſchnallt wer⸗ den, bis endlich ihre überreizte Natur erlag. Ihre Flüche und Schmähreden gingen allmählig in ein unbeſtimmtes Gemurmel, dann aber in unterdrücktes Schluchzen über, bis ſie ſich endlich in einen tiefen, todartigen Schlaf weinte. Jack begab ſich zu ſeiner Geſellſchaft, und da ſich bald nach⸗ her die Mädchen entfernten, ſo kehrte er mit ſeinen beiden Kameraden zu den Pfeifen und Porterkrügen im Garten zurück. Dort rauch⸗ ten und tranken ſie in faſt fortwaͤhrendem Schweigen, bis der Tag anbrach, während Jack jede Stunde ſich in's Haus hinaufbe⸗ gab, um nachzuſehen, wie es ſeiner Braut in ihrem apoplektiſchen Schlafe ergehe. Da ſeine Schiffskameraden früh Morgens an Bord ſeyn mußten, ſo brachen ſie auf, ohne die günſtigſten Ideen von dem Glück des neugeſchaffenen Baronets mit ſich zu nehmen. Um vier Uhr warf ſich Jack, angekleidet, wie er war, auf das Sopha ſeines kleinen Beſuchzimmers und verbrachte in dießer Weiſe ſeine Hochzeitnacht am Lande. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Jack zieht ein friſches Takelwerk über ſeinen Stengenkopf und hißt neue Farben auf.— Es gefällt ihm nicht.— Er trifft mit ſeltſamen Leuten zuſammen und hört einige unangenehme Wahrheiten.— Noch mehr Geheimniſſe.— Er wird wegen einer Schuld verhaftet und vernimmt die Anmeldung einer Klage, um die er ſich jedoch nicht viel kümmert.— Ein Teufelsſpiel mit Poll und doch kein heißes Pech!— Alles geht ſchlecht, ohne daß Abhülfe geleiſtet werden könnte. Um zehn Uhr lag Lady Truepenny noch immer in einem ſo tieſen Schlaf, daß ihr liebevoller Gatte, der muſterhafte Sir John, nachdem er zuvor die Bande entfernt, mit welcher ter ſie ſo zärtlich gefeſſelt hatte, es für räthlich hielt, einen Arzt zu Rathe zu ziehen, um den Grund zu erfahren, warum ſie ſich gar nicht wecken laſſen wollte. Als überlegender Mann erwog er übrigens bei ſich, daß man doch nicht gleich nöthig habe, zu einer unan⸗ ſtändigen Eile Zuflucht zu nehmen, weßhalb er ſich zuvor ſorg⸗ fältig wuſch, ſeine bürgerliche Kleidung in ein Bündel packte und zu dem nächſten beſten Haarkräusler ging. Der Künſtler erkannte ihn augeunblicklich— denn wo er ſich immer zeigen mochte, war ihm ſchon ſein Ruf vorausgegangen— und fragte mit unterwürſiger Rührigkeit, womit er Seiner Gnaden zu Dienſten ſeyn könne. „In nicht viel, Herr Barbier. Ich möchte nur, daß Ihr einen ehrlichen Theer in einen aufgeſtutzten Baronet umwandelt Bevor ihr übrigens anfangt, Schatz, wollen wir vorn und hinten Stillſchweigen kommandirt haben.“ „Ja allweg, mein Lord. Will Euer Guaden in mein Hinter⸗ zimmer treten? Vermuthlich Euer Herrlichkeit einfache Kleidung. Erlaubt mir, Mylord, hum! ein Edelmann trägt nie ein Bündel, Mylord.“ 5 . „Um ſo einfältiger von ihm!“ „Ohne Zweifel; aber es iſt ſo, mein Lord.“ Die Operation ging in dem Hinterſtübchen raſch von Statten; der Barbier verſicherte übrigens bei ſeiner Reputation und Zunft⸗ ehre, daß er Seine Gnaden unmöglich mit dem gebührenden Erlat bedienen könne, wenn ihm nicht zu ſprechen geſtattet werde. Die Erlaubniß dazu wurde in Gnaden verliehen, und nach einer halben Stunde ſchwor der Ritter aller Haarkünſtler, daß ihm ſeln Werk vortrefflich gelungen ſey. „Will Euer Gnaden nicht an den Spiegel treten? Seht ſelbſt, ob nicht jeder Zoll ein Baronet iſt!“ Jack that ſo und war vor Staunen wie aus den Wolken ge⸗ fallen, da er ganz und gar nicht mehr ausſah, wie zuvor. Er machte eine Fauſt und war im Begriffe, den Spiegel in Stücke zu ſchlagen, denn er kannte ſich ſelbſt nicht mehr. Er war in der allerneueſten Mode herausſtaffirt— gelbe, hirſchlederne Pantalons, deren Bund bis unter die Achſeln hinaufreichte; eine ſehr kurze, geſtickte Weſte, kaum halb ſo lang, als in unſern gebildeten Tagen; eine Halsbinde mit Maliner Spitzen; ein ungeheurer Buſenſtreif mit einer Nadel von der Größe einer halben Krone— Alles dies gab ihm das renommiſtiſche Ausſehen eines genttlen Wüſtlings, das in jener Zeit ſo ſehr bewundert wurde. Sein Frack war aus dem beſten blauen Tuche angefertigt und mit blanken, gelben Knöpfen verſehen— eine ſehr kurze Taille und ungeheuer lange Schöße. Er trug heſſiſche Stiefel, die über den Knöcheln ſyſtematiſch in Falten gelegt waren, und einen breitrandigen Hut mit hoher, oben zuſammengedrückter, kegelförmiger Krone. Seine Seitenlocken, welche ſonſt von ſeinen Kamteraden ſo ſehr beneidet und von den Mädchen bewundert wurden, nebſt dem dicken Zopfe hatten ſcho⸗ nungslos zum Opfer fallen müſſen. Sein ſchönes braunes Haar war gekräuſelt und mit Puder beſtreut, während eine ſchwere gol⸗ dene Panzerkette nebſt einem Bündel ungeheuer großer Pettſchafte 266 vor ſeiner Uhrentaſche niederbimmelte und ſeiner Außenſeite die ſchließliche Vollendung gab. In der Sprache des Tages war er „ein ſehr hübſcher Mann,“ aber nicht länger der kühne Jack. Seine Füße tappten ſo behutſam auf dem Boden fort, wie die einer Katze, welche in Wallnußſchaalen Schlittſchuh läuft; ſeine Stiefel knarrten abſcheulich bei jeder Bewegung, und er empfand ein peinliches Erſtickungsgefühl unter dem Drucke ſeiner unge⸗ heuren Halsbinde. Jack ſchritt fluchend und brummend auf und nieder. Um ſeine freie, geſchmeidige Bewegung war es gänzlich geſchehen; er fühlte ſich heiß und fieberiſch, und der erſte Akt, den er nach ſeiner In⸗ ſtallation in das Gewand eines Gentleman ausübte, beſtand darin, daß er ſich ein Quart Dünnbier bringen ließ. Nachdem er es in einem Zuge hinuntergegoſſen hatte, blickte er troſtlos umher und machte einen vergeblichen Verſuch, ſeine beiden Hände in die Taſchen der Jacke zu ſtecken, welche ſich in dem andern Zimmer befand. Dann taſtete er in ſeiner Geiſtesabweſenheit nach der Tabaksbüchſe, welcher er abgeſchworen hatte, drückte den Hut ſchräg auf den Kopf und begab ſich wieder nach ſeiner Wohnung, um zu ſehen, wie ſich die gnädige Frau befinde. Er fühlte ſich ſo beengt und eingeſchnürt, daß er wie ein ächter Petitmaitre einherging oder vielmehr hinkte. Er war noch nicht ſehr weit gegangen, als er auf drei ſonderbar ausſehende Perſonen traf, von denen die eine ein zu Grunde gerich⸗ teter Arbeiter, die andere ein ſchwerfälliger, betrunkener holländiſcher Schiffer, und die dritte ein wandernder Komödiant zu ſeyn ſchien, welch' letzterer ſchlimm unter den drei Bedrängniſſen des Hungers, des Durſtes und ſpärlicher Bekleidung litt. Sie nahmen vor dem prächtig herausgeputzten Jack ihre Hüte ab und machten ihm nach ihrer eigenthümlichen Weiſe ihre achtungs⸗ vollſten Verbeugungen. Da hatte nun unſer Held die ſchönſte Ge⸗ legenheit, den Baronet zu ſpielen; er w rf ſeinen Kopf zurück, ließ 267 ſeine maſſivgoldenenen Pettſchafte hin⸗ und herbimmeln, und ſtierte ſie mit erhabener Ueberlegenheit an. „Haltet zu Gnaden,“ ſagte der ſpärlich Gekleidete, könnt Ihr uns nicht ſagen, wo der neue Salzwaſſerbaronet ſeinen Palaſt auf⸗ geſchlagen hat?“ „Oh— he! wen meint Ihr, mein guter Mann?“ verſetzte Sir John, indem er anmuthig mit ſeinem Buſenſtreif ſpielte und ihn ermuthigend etlichemale vorwärts zupfte. Der alſo angeredete Schauſpieler blickte auf ſeine Begleiter und nickte den Kopf mit einer Miene, welche deutlich ſagte, dies müſſe eine ſehr große Perſon ſeyn. „Wenn Euer Gnaden erlauben, ſo will ich damit ſagen, daß die großen Perücken in einem ſchlechten Matroſen einen Baronet und einen Mann von großem Vermögen ausgeſunden haben— ˙ iſt Schade, ſage ich— ˙s iſt wahr,'s iſt Schade— und Schade, daß es wahr iſt— eine thörichte Rede.“ „Ja wohl, ſehr thöricht, aber was mag dieſer ſchlechte Ma⸗ troſe für ein Burſche ſeyn?“ „Ein gemein ausſehender, betrunkener Hund, der geſtern ſeine Trulle geheirathet hat. Er hat einen koſtbaren Eſel aus ſich ge⸗ macht— ‚ſchreibt ihn als Eſel nieder,“ wie's in Shakeſpeare heißt — Jedermann lacht über ihn. Er hat nicht die Anmuth eines Gentleman, wie Euer Gnaden, ſondern geht in Jacke und Matro⸗ ſenhoſen umher, ſo das Geſpötte von aller Welt erregend. ‚Ein Narr, ein Narr— ich traf im Wald'nen Narren— buntſcheckig einen Narren— einen armen Wicht.“ Dieſer Gänſerich und ſeine Gans machen Hüpfſteine aus ihrem Gelde. Eine abſcheulich frech⸗ ſtirnige Metze, ſeine Frau! Wir wiſſen das— oder nicht, ihr gu⸗ ten Freunde?“ Er blinzelte dabei den beiden Andern zu, welche dieſes Zeichen mit einem pfiffigen Schielen nach rechts und links erwiederten.„Nun, dieſe Poll, die er jetzt zur gnädigen Frau ge⸗ macht, hat ihn die ganze letzte Woche in ſteter Trunkenheit erhal⸗ 268 ten. Ihr zu Liebe mußte er vor ganz Partsm uth d den n Jieeehrzir und Hanswurſt ſpielen, und um ſich in geſunder Uebun, zu erhal⸗ ten, zerbläut ſie ihn alle halbe Stunden. Wenn ſie dem armen Poſſenreißer nur das Leben aus dem Leib ſchlüge, ſö wäre di eine Vollendung, wie man ſie ihm in aller. Anbäch wünſchen könnte.“ „Das iſt eine traurige Geſchichte, junger Mann.⸗ utgendte Jack.„Aber ſind alle achtbaren Leute dieſer Anſicht?“. „.Unſerer Bürger in den Straßen⸗— je nun, ˙s it die allge⸗ meine Stimme des Gerüchts. Achtbar, ſagt Euer Gnaden?— Ja wohl. Es heißt zwar, er en erträgliche Theerhoſe geweſen, obgleich er allzu gerne ſchlemulte und ſich bisweilen die Haut durch die Katze ſtriemen laſſen mußke; aber Geld und. Nang ſind ganz weg⸗ geworfen an einem ſolchen traurigen Tölpel und verächtlichen, Eſel.“ „Ah, ich begreife,“ ſagte Jack.„„Aber was habt ihr mit ihm zu ſchaffen? Möchtet ihr ihm vielleicht ein wenig über den Beutel kommen und ihn zuerſt betrunken machen, he?,. „Das wäre uns freilich nicht unlieb, aber der arme Narr iſt fo hölliſch dumm— es wäre zu piele Ehre, inhr leiſten. Wir könnten ihm ſein Geld abſchtee de haßliche Blicke nach ihm hin machten, vorausgefetz 7 daß der arme Tropf ſo keck wäre, welches bei ſich zu führen; aber ſeine Schwefel⸗ here läßt ihm nie mehr, als drei Halbpence über einmal in der Taſche. Daher möchten wir lieber an ſie kommen.“ „An wen?“ „An die vormalige Poll vom Point, welche jetzt Lady True⸗ venny iſt— wenigſtens ſo lang, als es einem von uns beliebt. Wir wollen hingehen und ſie hübſch blechen laſſen— ‚ſo ein him⸗ derttauſend Dukätchen, mehr oder weniger.⸗“ „Aber was wird Jack ſagen— Sir John Truepenny, meine ich?“ „„Seine ärmliche Anweſenheit kann man ſich vom Halſe ſchaf⸗ fen. Man gibt dem armen Tropf ein paar Pence und ſagt ihm, er 269 ſolle im nächſten Bierhauſe ein Vieh aus ſich machen; und ſollte er ‚icht ernſtlich gehen auf mein Wort,“ ſo werde ich allen Ernſtes geneigt ſeyn, ihn mit Fußtritten dahin zu treiben.“ „Wirklich? Nun, das iſt ſehr keck geſprochen, und Ihr gefallt mir darum. Potz Mars und Raaen, wenn er Nocke an Nocke mit Euch käme——“ 19 „Blitzen, da ſteht nicht Alles richtig. Wer mag dieſer Gentle⸗ man ſeyn?“ fragte der ausländiſche Seemann. Jack zog ſich übrigens augenblicklich wieder in ſeine Baronet⸗ ſchaale zurück, zupfte an ſeiner Halsbinde wie ein Affe vor einem Spiegel und ſagte: „Wundert Euch nicht, mein gutet Sir, daß ich hin und wieder in die Kriegsſchiffsmode komme. Ich habe die Ehre ein Landhaifiſch zu ſeyn— ſo nennen mich wenigſtens die Matroſen, Gott ſegne ſie — ein Advokat, der ſeine Kundſchaft unter den Seeleuten hat. Ich beſorge Alles für ſie, treibe ihren Lohn ein und führe Klage gegen die Schiffer der Kauffahrer, wenn ſie ihre Matroſen betrügen wollen. Ihr begreift mich? Habe mir ein hübſches Vermögen gemacht, kann ich Euch ſagen, und praktizire jetzt nur noch hin und wieder, bloß um der Freude willen, die man an einem guten Prozeſſe hat — ja, hole mich der Henker, wenn es nicht ſo iſt.“ Und Jack warf ſich in die Bruſt und blickte mit einer großar⸗ tigen Miene umher. 3 4 „Ei, da ſeyd Ihr gerade der Gentleman, den wir brauchen können. Ehre, Ehre, wißt Ihr, unter Dieben. Ich bitte um Ver⸗ zeihung, daß ich einen Rechtsgelehrten unter dieſe Klaſſe zähle; aber wie's im Schauſpiel heißt, ‚die Noth führt mit ſeltſamen Schlaf⸗ kameraden zuſammen. Alſo, Sir, mein Name iſt Horatio Hilde⸗ brand— eine Reiſebezeichnung.“ „Ein Zahlmeiſtersname?“ verſetzte Jack. „Nein, Sir, mit Zahlmeiſtern habe ich nichts zu ſchaffen. Indeß ſollt Ihr mir zu einem helfen. Ich bin nur der Freund dieſer bei⸗ den würdigen Gentlemen, Arcades ambo. Ihr verſteht natürlich juriſtiſches Latein?“ 4. „Wie ſollte ich nicht? Fahrt fort— laßt mich hören, wie Ihr es darſtellt— unrecht, kann ich mir denken,“ ſagte Jack. „Dann werdet Ihr mich verbeſſern, Sir. Doch nicht jetzt— ich überſetze ſtets am beſten beim Nachtiſchwein. Der Sinn im Allgemeinen iſt übrigens der, daß wir drei für einander zum Teufel gehen würden.“ „Ich bezweifle dies nicht, und ihr thut vollkommen recht daran. Aber was habt ihr mit Poll— mit der Lady Truepenny?“ „Ja, Sir, ſeht Ihr, das iſt das Eigentliche an der Sache. „‚Der treuen Liebe Lanf rann niemals glatt, und wir, haben ihn ſehr rauh gemacht. Für die künftige Zeit wollen wir übrigens beſſer leben und gar nichts mehr arbeiten. Wir drei, wir die glorreichen arcades ambo— gedenken vornehme Leute zu werden für den Reſt unſeres Daſeyns, und Lady Truepenny ſoll uns mit den Mitteln dazu verſehen. ‚Die Welt, nein, nein, jene Madame ‚iſt meine Auſter, die ich mit Einſchüchterung ‚öffnen will.““ „Ein gute Eröffnungsrede, wie wir vor den Schranken zu ſa⸗ gen pflegen,“ erwiederte Jack.„Nur vorwärts— ich werde in den Schlafftauen Eurer Giertakeln bleiben. Tragt dem Advokaten Euern Fall vor.“ „Er iſt einfach— ſo einfach, wie der Weg zur Stadtkirche. Erlaubt mir, Euch den einen meiner Ambos vorzuſtellen— Johan⸗ nes Dondertromp, Mary Macanniſters erſter Mann— ferner, Mr. Jeremias Dwindlebink, Puppenmacher und Holzſchneider, Mrs. Don⸗ dertromps zweiter Mann— beide noch geſund und am Leben. Nun ſeht Ihr— ‚des Geldes Klimpern iſt die Schlinge, in die den König ſein Gewiſſen bringe’— nein, ich meine die Königin.“ „Alle Donnerwetter— Gott ſteh mir bei! Wie, gar zwei? 271 Beim Himmel, das iſt ein ſcharfer Wurf, und möge ich wie Jack⸗ ſon verklammt werden, wenn mir nicht eine Katzenpfote vollends die Hauptſchooten wegnimmt. Die fluchwürdige Metze! Zwei— zum Henker!“ rief Jack in einer Art Marsſegelbriſenleidenſchaft. „Oh, ich ſehe, die Sache greift Euch an, Sir,“ ſagte Mr. Hildebrand. ‚Drei Männer ſind zu viel. Es iſt eine gottloſe Welt. Dieſe freche Bigamie erſchüttert Euch, Sir!“ „So war ich lebe, Bigamie! Schlimmer, viel ſchlimmer— zwei Männer ſind Bigamie, Sir, aber drei find eine noch größere Sünde und müſſen Biggeramy ſeyn,“ antwortete Jack.„Wenn man dabei noch obendrein in Betracht zieht, daß ein Baronet zwei oder drei gewöhnlichen Männern gleich zu achten iſt, ſo muß dieſe letzte Hei⸗ rath dir biggerſte Amie ſeyn.*) Möge ſie der Teufel in Rumfaß⸗ tauben ſchlitzen.“ „Vielleicht will Euer Gnaden Polygamie ſagen,“ ſagte Mr. Dwindlebink mit einer Dünnbierſtimme. 3 „Seyd bedankt dafür,“ erwiederte Jack, aus dem Mundwinkel ſeinen Speichel in die mageren Backen des Mr. Dwindlebink ſpritzend. „Beim Teufel, Polly hat mich zum Narren gehalten, und da mag's wohl Pollygamie ſeyn. Die hinterliſtige Schlutte!“ „Ah, Eure Entrüſtung iſt natürlich— aber wir wollen uns edelmüthig benehmen. Es fällt uns nicht ein, den Frieden einer hochgeſtellten Familie zerſtören und in das Chebett Dornen ſtreuen zu wollen. Wir haben zarte Gewiſſen, ſind barmherzig, und wenn Lady Truepenny Jedem von uns jährlich zweihundert Pfund anweist, ſo ſoll das Grab nicht ſtummer ſeyn, als wir. Nur ein geſetzliches Inſtrument, ohne der Leiſtungen zu erwähnen— man muß natür⸗ lich das Zartgefühl der Leute ſchonen. Seyd daher ſo gut, Sir, nach Hauſe zu gehen und etwas Ordentliches aufzuſetzen.“ „Ja, ja— ſoll geſchehen ſeyn, ſo ſchnell als man ein Mars⸗ —qqͤ *) big heißt im Deutſchen groß und bigger größer. 272 ſegel anfzieht. Aber zuerſt muß ich etwas ſehen— etwas greifen— es kann kurios gehen— geheime Dienſtgelder und dergleichen— zehn Guineen zum Anfange.“ „Welch' ein Landhaifiſch!“ ſagte Horatio im eleganteſten Büh⸗ nengeflüſter;„aber Ihr müßt warten, bis wir die erſte Zahlung kriegen. Fangt nur an und laßt Euern Federkiel laufen; wir brin⸗ gen Euch die Monetten in einer Stunde oder ſo. Lady Truepenny muß mit einem ſchönen Handgelde ausrücken.“ —„Alles das iſt wohl recht, Horace,“ ſagte der Puppenmacher „aber dieſer Gentleman muß uns auslachen, wenn er ein Rechts⸗ gelehrter iſt. Kein Inſtrument hat rechtsgültige Kraft, wenn man ſte durch Einſchüchterung zur Uuterzeichnung zwingt. Wir können nichts thun, als ihr ſo viel möglich Geld abzwacken und wie Zecken an ihr zu hängen, wo immer ſie gehen mag. Horace, Ihr ſeyd immer unklug und übereilt. Ich bin jedoch überzeugt, daß dieſer Gentleman ein Mann von Ehre iſt und uns nicht verrathen wird, namentlich da wir nach abgemachtem Geſchäft in ſeinem Bureau einſprechen und ihm einen Theil von dem Errungenen abtragen wollen. Vorderhand alſo, Sir, guten Morgen.“ „Halt da, mein Freund— Ihr werdet beſſer thun, mich mit⸗ zunehmen,“ erwiederte Jack.„Wenn ich euch begleite, ſo liefert ihr zugleich den Beweis, daß es euch Ernſt iſt, und da ich im ganzen Haufe, das einem Vetter von mir gehört, gut bekannt bin, ſo kann ich euch verſtohlen in Polls Schlafzimmer bringen, ohne daß dieſer Eſel von Jack Truepenny etwas davon merkt.“ „Aber wo iſt Sir John?“ „Ich weiß aus guten Gründen, daß er eben jetzt weit genug von ihrem Zimmer iſt. Kommt alſo mit, ihr wackern Männer— da habe ich den Thürſchlüſſel— Alles recht. Klappt mehr Lein⸗ wand auf und möge euch der Teufel holen.“ Sie langten bald vor dem Hauſe an. Jack öffnete die Thüre, forderte ſeine Begleiter zur Behutſamkeit auf und hatte mit den⸗ 273 ſelben bald Polls Schlafzimmer erreicht. Sie lag noch immer in tiefem Schlafe. Jack verſteckte ſich theilweiſe hinter den Bettvorhän⸗ gen, wandte dem Lichte den Rücken zu und begann ſeine Anweiſun⸗ gen zu ertheilen.. „Ihr ſeht, ſie will nicht aufwachen— hat geſtern Nacht einige Tropfen zu viel gehabt. Zwickt ſie an der Naſe— aber nicht ſo grob, Du Hund. So, ſie rührt ſich— wie noch nicht? Ei, dann müſſen wir dem Grampus blaſen.“ Er goß dann den Inhalt des Waſſerkruges über ihr Geſicht und ihren Hals, worauf ſie die Augen öffnete und laut hinausge⸗ ſchrieen haben würde, wenn ſich nicht Horatiès Hand raſch auf ihren Mund gelegt hätte. „Bst, meine Lady,“ ſagte er,„wir ſind nur liebe Freunde und einige von uns noch ein Bischen mehr. Da iſt der gute Myn⸗ heer Dondertromp— wie Hamlet ſagt, ‚was bringt Euch von El⸗ ſinore?:— Und da iſt der geſchickte Puppenmacher— wir Alle kommen, um Euer gutes Glüͤck zu theilen, meine Lady. Dieſer modiſche Gentleman mit der gepuderten Platte iſt ein ſehr gelehrter Advokat— wir wollen nicht hart mit Euch umgehen. Bedenkt, es iſt nur Hängearbeit, und ſo wollen wir uns vorderhand mit fünfzig Pfund begnügen, während wir mit einander ausmachen, was wir in Zukunft haben wollen. Die Sache läßt ſich zu gegenſeitiger Zu⸗ friedenheit bereinigen.“ „Um Gottes willen, was ſoll ich thun?“ rief die gnädige Frau, ihre Hände ringend.„Wo iſt Jack?“. „Sollen wir nach ihm ſchicken, meine Lady?“ fragte Hildebrand. „Barmherziger Himmel, nein. Ach, wie elend bin ich!“ Es genüge, zu ſagen, daß Poll die volle Gefahr ihrer Lage be⸗ griff. Sie zog deshalb hervor, was von Jacks Geld noch übrig war, nebſt ihren kleinen Koſtbarkeiten und ihren beſten Kleidern. Da ſie nicht weiter zu geben hatte, ſo beliebten die Gentlemen ſich Marryat's W. XX. Jack am Lande. 18 274 vorderhand zu begnügen, verſprachen übrigens, im Laufe der Woche einen abermaligen Beſuch zu machen. Polly blieb noch immer ſtöhnend in ihrem Bette und warf ſich in der bitterſten Seelenangſt hin und her. Sie hatte kaum nach ihrem Gatten hingeſehen und würde ihn auch aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach bei der aufmerkſamſten Betrachtung nicht erkannt haben. Jack hatte das Geld auf dem Tiſche in vier kleine Häufchen abgetheilt und mit den Kleidern auf dem Boden in derſelben gewiſ⸗ ſenhäften Weiſe verfahren. Die Unterhaltung wurde nur in Flüſter⸗ lauten geführt, und Jack ziſchte ſeine Worte in einer ſehr befremd⸗ lichen Weiſe durch die Zähne. „Wir müſſen uns beeilen, damit wir fortkommen,“ ſagte der Komödiant.„Zum Anfang iſt dies kein üble Morgenarbeit geweſen.“ „Ihr gebt Alles dies als ein freies Geſchenk?“ bemerkte Jack in der vorgedachten ziſchenden Weiſe.„Wir ſind keine Räuber.“ „Nalürlich, natürlich— und ich danke euch; aber was ſoll ich Jack ſagen, wenn er zurückkommt?“ verſetzte die weinende Polly. „Daß drei ſchmutzige Spitzbuben in Euer Zimmer gebrochen ſeyen und es geplündert haben,“ erwiederte Jack. „Vier,“ verbeſſerte Horatio Hildebrand. „Du lügſt,“ brüllte der gereizte Sir John, indem er alles Geld zuſammenſtrich und es in Polls Schooß warf. Im nächſten Augen⸗ blick hatte er einen tüchtigen Knittel erfaßt, den er auf den Köpfen der Eindringlinge ſpielen ließ. „Ich bin Jack am Lande, ihr gauneriſchen Halunken!“ Sie ergriffen mit der größten Behendigkeit den Rückzug, und Jack ſäumte nicht, ſie mit Schlägen und Fußtritten zu bearbeiten, bis ſie aus dem Hauſe waren. Bekümmerten Herzens und langſam kehrte er dann nach ſeinem Schlafgemach zurück. Seine Frau war genau noch in derſelben Lage, in welcher er ſie gelaſſen hatte— faſt gelähmt von betäubendem Elend. Jack wollte ſeinem Zorne Raum geben, aber ihr troſtloſer Anblick erſtickte jedes andere Gefühl, als 275 das des tiefſten Schmerzes. Er rückte deu Stuhl an ihr Bett und ſagte nach einer Pauſe. „Polly, biſt Du nüchtern?“ „O ja, mein lieber theurer Jack— welch' eine Elende bin ich! Kannſt Du mir vergeben?“ „Ach, Poll, wie viel Glück haſt Du mir zerſtört. Doch ich bin ein großer Thor geweſen; ich hätte mich als ein Kind betrachten und von jenem herrlichen Menſchen, dem Sir Edward Fortintower in's Schlepptau nehmen laſſen ſollen. Der geſtrige Tag ſollte der letzte meiner Thorheit ſeyn, und heute gedachte ich eine neue Giſſung an⸗ zufangen. Zum Einſtand wollte ich Dich dieſen Morgen tüchtig zerbläuen, denn Du haſt Dich in den letzten drei oder vier Tagen ganz abſcheulich benommen, Poll.“ „Ach, freilich, mein lieber Jack— ſchlage mich nur— ſchlage mich bis auf's Leben. Ich verdiene Alles und noch mehr— es wird mir gut thun und zur Erleichterung gereichen.“ „Ich kann Dir jetzt nicht mehr viel Gutes thun, liebe Poll, ſonſt ſollte es Dir von Herzen gegönnt ſeyn. Welche ſchöne Plane haſt Du mir nicht verderbt! Ich wollte Dich weit in's Land hin⸗ ein nehmen, wo uns Niemand kennt, und uns beiden eine Erzie⸗ hung geben laſſen, damit wir dann in anſtändiger und ſchiffsge⸗ rechter Weiſe unter den vornehmen Leuten auftreten könnten; aber jetzt kannſt Du mir nicht weiter ſeyn, als mein Weib. Warum haſt Du mich hintergangen— warum?“ „Ach Gott, ach Gott! Ich bin ein armes verlorenes Geſchöpf. Ich hatte ſehr Unrecht; aber der Glanz, der ſo plötzlich über Dich kam, ließ mir keine Zeit zu überlegen. Ich bin unſinnig— bin toll geweſen. Warum mußten wir durch dieſes heilloſe Vermögen zu Grunde gerichtet werden! Ach, wie froh, wie glücklich ſind wir vorher geweſen!“ „Ja wohl 12 „Habe ich Dir nicht alle Deine Sachen ſauber und reinlich 276 gehalten, Jack? Wie gemuthlich hatten wir's nicht bei unſerer Kanone auf dem Unterdeck? Wenn die See brüllte und der Wind heulte und Du kamſt naß und müde von der Nachtwache herunter, hatte ich nicht ſtets reines und trockenes Weißzeug für Dich bereit— ein Glas erſparten Grogs obendrein—? Damals waren wir glück⸗ lich! Wie pflegten wir ſo heiter zu ſcherzen, zu lachen und zu ſin⸗ gen! Und unſere Schiffsgenoſſen, wie fröhlich und freundlich! Ach Gott, ach Gott!“ „Wirf Dich eiligſt in Deine Kleider, Poll— lege Hand an und ſey eine liebe Seele. Obgleich ich nicht ſehen kann, was Deine Männer damit zu erholen vermöchten, ſo ſind ſie doch im Stande die Renner nach Dir zu ſchicken. Lege Hand an— lege Hand an.“ „Nein, mein guter Jack, ich will es nicht thun, ſondern hier ſitzen bleiben und von der glücklichen Vergangenheit ſprechen. Laß uns von unſeren Schiffsgenoſſen reden, Jack— von dem guten, verſtändigen alten Giles Grim mit ſeiner großen Bibel an Sonn⸗ tagsabenden.“ „Mein Vater— mein mehr als Vater! Wo iſt er?“ „Und ich ſelbſt, die am Schiffe ſo ordentlich geweſen, muß mich am Lande als eine betrunkene Elende aufführen. Was hat er geſagt— was würde er ſagen?— Ich werde bald ihn und ſeine Bibel brauchen. Erinnerſt Du Dich, lieber Jack, wie er uns den Text auszulegen pflegte:„Wachet und betet?: Er ſagte uns, er meine, die Matroſen brauchten nicht ſo viel zu beten, wie Andere, da ſie mehr wachen müßten und in der Regel eine Wache die an⸗ dere ſchlage— wenigſtens war dies ſeine Meinung, aber wenn ein Matroſe bete, ſo müſſe er es auch von Herzen thun. Der gute Giles!“ „Alles dies iſt ganz gut, Poll, gehört aber jetzt nicht hieher. Steh' auf, ſag' ich Dir, und da ich in den langen Frackflügeln aufgetakelt bin, ſo könnteſt Du in meine Jacke und in meine Hoſen kriechen, um darin durch die Hinterthüre hinauszuſchlüpfen. Thu' es mir zu liebe, Poll— ſey ein gutes Mädchen. Ich will dann zu Sir Edward und dem Rechtsgelehrten gehen— ſie ſollen mir ſagen, was in der Sache geſchehen kann. Geh zu Mutter She⸗ per— ſie ſoll Dich irgendwo verſtecken. Verlaß Dich darauf, ich ſchicke im Laufe des Tages, oder komme ſelbſt. Nimm alles dieſes Geld— Du könnteſt es brauchen. Während Du Dich anziehſt, will ich an der Thüre Wache halten, und wenn Du mich pfeifen hörſt, ſo nimm Reißaus wie der Blitz, magſt Du nun angezogen ſeyn oder nicht. Lebewohl, Poll, und möge der Herr Dich be⸗ hüten.“ Poll gehorchte mehr, um Jacks Wünſchen zu entſprechen, als weil ſie auf ihre eigene Sicherheit bedacht war. Dann ordnete Sir John ſeinen Anzug ein wenig, da derſelbe durch die kürzliche Bal⸗ gerei in Verwirrung gerathen war, und ſchlenderte dann mit ſchwe⸗ rem Herzen und ſchlechterkünſtelter Heiterkeit auf ſeinem Geſicht vor ſeiner eigenen Hausthüre auf und ab. Er hatte dies noch nicht lange getrieben, als ein geſchniegelter, langer junger Burſche auf ihn zutrat, und ihn,— alſo ſchon das zweitemal dieſen Morgen— nach ſeiner eigenen Wohnung fragte. „Ich bin Sir John Truepenny,“ verſetzte unſer Held— „freilich ein erbärmlicher Six John,“ fügte er in gedämpfterem Tone bei. „Sehr gut, Sir John! Ihr werdet alſo die Güte haben, nicht zu vergeſſen, daß ich Euch dieſe Anmeldung perſönlich überreicht habe. Es wird gut ſeyn, wenn Ihr Euch unverweilt mit Eurem Sachwalter benehmt. Sir John, ich habe die Ehre mich Euren unterthänigſten, gehorſamſten Diener zu nennen und Euch recht guten Morgen zu wünſchen.“ „Holla, heda! was ſoll dies— und wer Teufels ſeyd Ihr?“ „Ich habe die Ehre, Gehülfe zu ſeyn in dem Bureau der Herrn Todderelaw und Clubfoot, Attorney's, und im gegenwärtigen Falle Agenten des Solicitors Mr. Scrivener. Die Anmeldung be⸗ 278 trifft eine Entſchädigungsklage wegen gebrochenen Eheverſprechens gegen Miß Suſanna Snowdrop. In Anbetracht der Abſcheulichkeit des Falles müſſen wir auf zehntauſend Pfund Entſchädigung antra⸗ gen. Ich wünſche Euch recht guten Morgen.“ Sobald Jack allein war, nahm er das Dokument vor und drehte es um und um, ohne jedoch darans klug werden zu können. Er ſchüt⸗ telte den Kopf darüber, daß der Puder in allen Richtungen hinaus⸗ flog; da er jeduch angefangen hatte, vorſichtig zu werden, ſo legte er es ſorgfältig zuſammen und ſteckte es in ſeine Taſche, um es Sir Edward und ſeinem eigenen Rechtsfreunde vorlegen zu können. Noch immer ſetzte er unter einem Sturme unterſchiedlicher Auf⸗ regungen ſeine Wache fort und ging hin und wieder ins Haus hin⸗ ein, um Poll anzutreiben, damit ſie ihre Verkleidung beſchleunige; fie war jedoch dermaßen von Schmerz und Leid überwältigt, daß ſie nur langſam damit zu Stande kam. Sir John hatte wieder ſeine kurzen Spaziergänge angetreten, als der Attorneyſchreiber abermals auf ihn zukam, jetzt aber im Geleite von zwei Kerlen, die ſogar Jacks unerfahrene Augen augenblicklich als Schergen oder Diebshäſcher er⸗ kannten. Da er das Schlimmſte für die unglückliche Poll befürchtete, ſo begann er zu pfeifen; ſie aber ſteckte in ihrer Verwirrung, ſtatt ſich durch den Garten an der hinteren Seite des Hanſes zu flüchten, ihren Kopf durch das Vorderfenſter des erſten Stocks heraus, mehr auf Jack, als auf ihre eigene Sicherheit Bedacht nehmend. „Das iſt Sir John Truepenny,“ ſagte der wohlweiſe Advokaten⸗ ſchreiber mit einem anſtößigen Lächeln. Jacks Schulter wurde in der gewöhnlichen Weiſe angerührt und ihm ein langer Streifen Pergament in die Hand gegeben; aber den armen Mann ſetzte jetzt nichts mehr in Erſtaunen. Die Sheriffsge⸗ hülfen glotzten ihn an, als wäre er ihre beſte und natürliche Beute. Sir John verlangte blos Aufklärung, fühlte ſich aber ein wenig über⸗ raſcht, als ihm mitgetheilt wurde, daß er ein Gefangener ſey und mit in’s Gefängniß gehen oder Bürgſchaft leiſten müſſe, wenn er 8 279 nicht unverweilt an Mrs. Snowdrop dreihundert und etliche Pfunde bezahle. Auf dieſe Andeutung hin maß Jack kaltblütig den Häſcher vom Wirbel bis zur Zehe und dachte an einen fauſtfertigen Widerſtand; wie er uͤbrigens ſeine Augen erhob und Polly bemerkte, die in Thrä⸗ nenſtröme ausbrach, beſchloß er, Alles ruhig über ſich ergehen zu laſſen, bis er ſie in Sicherheit wußte. Wir brauchen kaum zu ſagen, daß ſich im Augenblicke eine Schaar geſchäftiger Perſonen geſammelt hatte, denn man wußte durch ganz Porcheſter, daß Sir John hier ſeinen jeweiligen Wohnſitz aufgeſchla⸗ gen hatte. Jack blickte in poſſierlicher, hülfloſer Weiſe umher und fragte einen der Umſtehenden, welcher am achtbarſten ausſah, was er wohl thun könne. Der Mann rieth ihm, die Diener der vollziehen⸗ den Gewalt in ſein Haus zu nehmen und entweder nach ſeinen Freun⸗ den zu ſchicken oder unverweilt einen Wagen zu miethen und zu den⸗ ſelben zu gehen. Unſer Held begab ſich demgemäß mit den Schergen in's Haus, ärgerte ſich aber ungemein, als er finden mußte, daß ſie ihn nicht aus den Augen laſſen wollten. Es war unmöglich, mit Poll Ruͤckſprache zu nehmen, die in ihrer Bethörung dem Schickſale, das ihr bevorſtand, nicht aus dem Wege gehen mochte. Sir John wollte jedoch nicht aus dem Hauſe weichen, bis er wußte, was aus ihr geworden ſey, und da die Häſcher nicht ſäumten, ihre Anſichten über die ihnen ge⸗ bührende Behandlung laut werden zu laſſen, ſo waren bald Erfriſchun⸗ gen aller Art beigeſchafft. 3 Eine Stunde ſieberhafter Angſt entſchwand, und der arme Jack entnahm aus den Schritten, die er über ſich hörte, daß das Opfer noch immer nicht entronnen war. Er zitterte bei jedem Geräuſch und ſchauderte, ſo oft die Hausthüre aufging. Endlich erſchien Giles Grim, über deſſen Ankunft er hoch erfreut war. Er hatte ihn je⸗ doch kaum in eine Ecke genommen, um ihm den Stand der Dinge aus einanderzuſetzen, als die Zimmerthüre ungeſtüm aufgeriſſen wurde 280 und der verhaßte Horatio Hildebrand mit drei Conſtabeln hereinſtürzte. Jack pfiff aus Leibeskräften, aber es war zu ſpät. Poll wurde er⸗ griffen, wie ſie eben die Treppe hinuntereilen wollte, und es folgte nun eine höchſt klägliche Scene. Sir John ſehnte ſich jetzt eben ſo ſehr, fortzukommen, als er früher beharrlich hatte bleiben wollen. Es wurde ihm eine Vorladung, um Zeugniß abzulegen, üͤbermacht und es erſchien nöthig, daß ſich alle betreffende Perſonen unverweilt in Ports⸗ mouth einfänden. In kurzer Zeit waren zwei Glaskutſchen herbei⸗ geſchafft. Sie langten in der Stadthalle vor dem Mayor an und die als Matroſe verkleidete Polly wurde in das Dock geſetzt, um gegen die Anklage einer erſchwerten Polygamie Rede zu ſtehen. Jedes Ereigniß aus den letzten paar Tagen von Jacks Leben war voll Intereſſe und böte Stoff, nicht nur einen, ſondern dreißig Bände zu fuͤllen, wenn man alle die Vorfallenheiten ſchildern wollte, die daraus entſprangen. Die Halle war überfuͤllt. Jack hatte ſich viel zu öffentlich lächerlich gemacht, um nicht Jedermann zu Benützung dieſer Gelegenheit, den Helden des Tages zu ſehen, zu veranlaſſen. Da ſtand er nun vor den Magiſtratsperſonen, einen Schergen zu jeder Seite— ein recht unglücklicher Baronet, wie ſogar diejenigen eingeſtehen mußten, denen bitteres Elend das tägliche Brod war. Das Zeugniß gegen Dondertromp war kurz und maaßgebend⸗ Bigamie galt damals noch für ein Halsverbrechen. Sie wurde dem Be⸗ zirksgefängniſſe überantwortet, damit ihr bei den nächſten Aſſiſen der Proceß gemacht werden könne. Mynheer Dondertromp und Mr. Dwind⸗ lebink, welche nicht im Stande waren, für ihr Erſcheinen als Zeugen genügende Bürgſchaft zu leiſten, wurden in daſſelbe Gefängniß geſetzt. Sir John fand bald Gewährsmänner, und Mr. Singleheart ſchaffte ihm die nöthige Bürgſchaft für Mrs. Snowdrops Klagen. Poll er⸗ litt, als ſie fortgeſchafft wurde, einen heftigen Krämpfeanfall, und Jack ſah ſich nun faſt ganz verlaſſen und allein. Sein Attorney war zwar höflich und aufmerkſam, aber doch ab⸗ gemeſſen geweſen, und Jack ſchämte ſich zu ſehr, um ihm ſeine Geſell⸗ ſchaft aufzudringen oder die des Sir Edward zu ſuchen. Als er den Gerichtshof verließ, mußte er den Schutz der Conſtabeln aufbieten, um ſich gegen die Zudringlichkeit des Pöbels zu ſichern. Endlich brachte ihn Giles Grim, der nie von ſeiner Seite wich, nach einem Privathauſe, und als Jack mit ſeinem Freunde allein war, gewannen die Gefühle ſeines Elends dermaßen die Oberhand über ihn, daß er die Hand des alten Mannes faßte und in Thränen ausbrach. 4 „Sey wohlgemuth, Kamerad, ſey wohlgemuth,“ ſagte der alte Quartiermeiſter.„Es iſt zwar jetzt ſchwarz und ſtürmiſch, aber mor⸗ gen wird's wieder friſche Briſe und ſchön Wetter geben. Laß uns etwas genießen, wie vernünftige Leute, und ein ruhiges Glas Grog darauf ſetzen— es wird dann ſchon beſſer gehen.“ 4 „Die arme Poll! Sie wird gehangen werden— und nur deß⸗ halb, weil man aus mir einen Baronet gemacht hat. Sie hätte ſich mit der ganzen Backbordwache der Glory können ſpliſſen laſſen, ohne daß ſich einer dieſer Bettler gemeldet haben würde— aber ſobald ſte meinten, ſie könnten Geld aus ihr herauspreſſen— ha, das Ge⸗ zücht! Und ich, Giles muß ſelbſt gegen ſie auftreten und dazu helfen, wenn ihr die Schlinge um den Hals gelegt wird.“ „Sie hat Dich hintergangen, Jack— das iſt ein Pflaſter für Dein wundes Herz.“ „Wohl— aber für eine Portsmouther Dirne war ſie ein gutes Mädchen. Du kannſt allein eſſen— ich will zu Bette gehen. Der Herr möge Erbarmen mit ihr haben!“ 9 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Jack zeigt über einer Hammelsſchulter Symptome wiederkehrender Beſin⸗ nung— gibt große Verſprechungen, ſich zu beſſern.— Ein Summa⸗ rium von Vorfällen, deren Geſammtſumme höchſt unangenehm ausfällt. Viel guter Rath zu ehrlichem Preiſe, der aber zu theuer erfunden und nicht befolgt wird.— Eine intereſſante Begegnung, welcher eine inte⸗ reſſante Uebereinkunft folgt. — Sir Edward hielt mit Mr. Singleheart mehrere lange und an⸗ gelegentliche Berathungen über die Richtung, welche Sir John True⸗ venny in der letzten Zeit eingeſchlagen, über ſeine dermalige Stellung und ſeine künftigen Ausſichten. Sir Edward ſah wohl ein, daß alle dieſe Thorheiten und der augenſcheinliche Erfolg derſelben nur ihm ſelbſt vortheilhaft waren; aber dies erhöhete nur ſein Bedauern. Der wohlmeinende, redliche Advokat war der Anſicht, Sir Edward habe bereits genug für den neuen Baronet gethan, um ſeiner eigenen Eh⸗ renhaftigkeit Anerkennung zu verſchaffen und zu zeigen, daß er ſeinen Verwandten wohl geneigt ſey; er rieth ihm daher, unverweilt nach London zurückzukehren, um daſelbſt ſein Haus in Ordnung zu brin⸗ gen und für ſeine perſönlichen Intereſſen Sorge zu tragen. Um ihn deſto nachdrücklicher zu dieſem Schritte zu veranlaſſen, verſprach er ihm, uüber Jack zu wachen, ihn womöglich vor weiterer Schande zu bewahren und ihm neue Bloßſtellung zu erſparen. Auf dieſen klugen Rath wollte übrigens Sir Edward keinen Augenblick hören. Er erklärte, daß er Willens ſey, ſeinen Vetter nicht zu verlaſſen, wenn derſelbe nicht irgend einen Anſtoß gebe, der den Kreis der Unbeſonnenheit oder bloßen Thorheit überſteige. Er fühlte, daß er nicht anders handeln konnte, wenn er dem feierlichen Verſprechen, das er Anna Truepenny gegeben, Ehre machen wollte. Mr. Singleheart konnte dieſer edelmüthigen Geſinnung ſeinen Beifall zwar nicht verſagen, rügte aber doch die aufopfernde Rück⸗ 283 ſichtsloſigkeit, welche daraus hervorging, allen Ernſtes, bis er endlich beſchloß, gegen eine Sache, die er nicht verdammen konnte, keinen weiteren Widerſpruch einzulegen und deshalb vorderhand ganz darüber zu ſchweigen. 3 Sir John hatte ſich an ſeinem neuen Wohnorte„eingethan“ und entdeckte, als er Abends gegen ſechs Uhr erwachte, daß er un⸗ geachtet ſeines Elends einige Stunden geſchlafen hatte und die Em⸗ pfindungen des Hungers und Leidweſens ſich die Waage hielten, ob⸗ gleich der Dame, welche er ſo kürzlich erſt zur Gattin ſeines Herzens gewählt hatte, in Bälde der Tod am Galgen bevorſtand. Was nützt es, zu wiederholen, daß der Menſch aus Widerſprüchen zuſammengeſetzt iſt? Die abgedroſchene Phraſe will nicht genug be⸗ ſagen, denn jedes Gefühl, jeder Impuls und jedes Princip, welche die Sporne des Handelns bilden, ſind, mögen ſie nun von der Allge⸗ meinheit als gut oder ſchlecht ausgeſchrieen werden, in dem Individuum, welchem ſie als Triebfeder dienen, weder ganz gut noch ganz ſchlimm. Der Beweis läßt ſich leicht herſtellen. Welche gute Eigenſchaft des Menſchen wäre nicht fähig, in eine gemeine, ſchmutzige und laſterhafte überzugehen? Das Regiſter der Tugenden iſt ſehr umfaſſend, und man hat eine Reihe von ſehr anſprechenden Titeln für faſt alle Be⸗ weggründe erfunden. Wollen wir einige der gerühmteſten auswählen, um daran die Maſſe der unächten Beimiſchung nachzuweiſen? Nein;z denn die Aufgabe iſt ebenſo leicht, als gehäſſig. Der Grund, warum auch die beſten Eigenſchaften der Natur herabgewürdigt werden kön⸗ nen, liegt darin, daß der Menſch ſich ſeines Ichs nicht entkleiden kann. Alle ſeine Handlungen, welche Beziehung auf ſeine Individnalität haben, ſind ſo tief mit ſchnöder Selbſtſucht befleckt, daß er zu allen Arten falſcher Moral ſeine Zuflucht nehmen muß, um ſie zu recht⸗ fertigen, und ſo die Gefühle der Eigenliebe mit Pflichten gegen die Geſellſchaft verwechſelt. Der ſtrenge Beurtheiler möge dies wohl zu Gemüth ziehen und ſich nicht allzuhart gegen den armen Jack ausſprechen, wenn ſich 284 derſelbe getröſtet fühlt, ſobald er ſieht, daß ſein treuer Giles Grim das Eſſen für ihn aufbehalten hat, und ſogar eine Freude darüber em⸗ pfindet, daß ihn ſeine Poll bei dieſem friedlichen appetitlichen Mahle weder durch ihre eitlen Abgeſchmacktheiten ärgern, noch durch ihre Vorliebe für den Branntwein Ekel einflößen kann, obſchon er recht wohl weiß, daß ſie in demſelben Augenblicke der Gefängnißzucht unter⸗ worfen, auf Gefängnißkoſt geſetzt und zugleich mit dem Tod durch den Strang bedroht iſt. Eine Schöpſenſchulter nebſt einem Auflauf, Erbſen, neuen Kar⸗ toffeln und zwei ſchäumenden Porterkrügen bildete das Mahl des rei⸗ chen Baronets. Der Nachtiſch beſtand aus zwei Flaſchen Portwein, einigen vortrefflichen amerikaniſchen Crackers und einem paar Pick⸗ lingen, welchen Sir John und Giles Grim reichliche Gerechtigkeit widerfahren ließen. Der Anzug des Baronets nahm ſich bei dieſem Diner ziemlich grotesk aus. Er hatte faſt allen Puder aus ſeinen Haaren geſchüttelt und Rock ſowohl, als Hoſen, an manchen Stellen zerriſſen. Seine Halsbinde war in alle Arten ſeltſamer Geſtalten ge⸗ drückt und die Pracht ſeines Spitzenjabots dahin. Giles Grim erhielt die Weiſung, Jack nicht mit Sir John anzureden, und ſie unterhielten ſich wie alte Schiffskameraden über ihrem Grog, obſchon ſich der Quartiermeiſter noch immer nicht dar⸗ ein finden konnte, einen ſo wackeren Matroſen im Mufti zu ſehen, was er ſeinem Freunde auch deutlich zu verſtehen gab.„Nun„ was dies betrifft, Vater, ſo ſiehſt Du wohl, man fann ſchiffsgerecht ſeyn und doch die Briſtoler Mode mitmachen. Ein getauntes Segel kann wohl mit alter und neuer Leinwand geflickt ſeyn und vortrefflich für eine holländiſche Galliote taugen; aber Seiner Majeſtät Yacht muß ſo geputzt ſeyn, wie ein Mädchen am Zahltag. Nicht daß ich mir allzuviel einbildete auf dieſe Auftakelung, Alter; aber ich habe ſie einmal anprobirt, nur um zu ſehen, welchen Weg ich darunter machen kann. Bei allen Heiligen,'s geht freitich nicht recht, denn meine Wände ſind viel zu ſtraff geſetzt— auch hat mein ſtehendes Takelwerk in einer oder der andern Weiſe den ganzen Tag gekracht. Es iſt mir wie einem Schiff in Eiſen, und ich kann kaum meine Füße auf den Boden ſetzen, ſo ſcharf bin ich aufgebraßt. Aber was macht's? Ich habe wohl das Herz, mich wieder ſo ſauber herauszuſtutzen, wenn es meine Pflicht iſt, und will mich nicht mukiren. Jeder Mann auf ſeinen Poſten— der Quartiermeiſter an den Schlag und der Schwabb⸗ waſcher in den Schnabel. Wenn ich mich auf meinem neuen Poſten wie ein Lordmayor tragen muß, ſo will ich mich eben auch darein finden.“ „Ganz recht, mein Junge; ich habe nie an Deinem Muthe ge⸗ zweifelt, und Du wirſt Dich wie ein Mann durchſchlagen. Du haſt mich mit viel Grüͤtz erbaut, aber im Grund iſt doch die Bibel der einzige Platz, wo man Weisheit holen kann, denn was Du ſagteſt, iſt nur ein anderes Röcklein für die Parabel von dem Hochzeitkleide. Du haſt mich erbaut, mein Sohn!“ „Nicht doch, Vater; man müßte früh aufſtehen, um das bei Dir zu können, denn was die Hauptſache betrifft, ſo ſchieß'ſt Du dem ſchnellſegelndſten Klipper vor, der je den Wind aufgefangen hat.“ „Wahrhaftig, Du willſt mich gar eitel machen! Nun mein Sohn, auf welchen Kurs willſt Du zunächſt abheben?“ „Schätz wohl nach London; aber das hängt noch von anderen Umſtänden ab. Ich bin ein verwünſchter Eſel geweſen und habe nicht im Sinne, irgend etwas zu thun, ohne zuvor Ordre eingeholt zu haben von jenem prächtigen Herrn, dem Sir Edward Fortintower. Der iſt, was ich einen ächten Baronet nenne— iſt kein ſo bettelhafter, nothmaſtiger Tropf, wie ich. Du ſſiehſt, ich habe den Grog aufgege⸗ ben; aber ich bin ſehr melzucholiſch— meinſt Du, es könne meinem Titel etwas ſchaden, wenn ich eine Pfeife anſteckte? Rauchen die Ba⸗ ronete? Darin liegt der Punkt. Ich bin bereit, große Opfer zu bringen— aber eine Pfeife—— „Mit mildem Oronoev, mein Junge—'s iſt freilich ein litz⸗ 286 licher Punkt. Aber ich bin kein Baronet und werde auch wahrſchein⸗ lich keiner werden— ſo will ich denn für mich ſtopfen.“ „Du willſt rauchen, Vater?“ „Ja,“ verſetzte der alte Monn mit löblicher Feſtigkeit. „Dann hole mich Gott, wenn ich's nicht auch thue, denn mein Kopf iſt ungeheuer eingenommen. Es geht mit mir ſo ſchwer vor⸗ wärts wie mit einem ſchlecht ſegelnden Weſtindierfahrer, der durch ein Feld voll Seegras ſteuert. Mein Geiſt iſt mit Sorgen erfüllt und es iſt eine Unterſtrömung vorhanden, die mir Alles gegen das Herz zurückdrängt. Dies macht mich nun denken, daß Alles Eitelkeit und Verdruß ſey— und warum? Wenn ein Burſch ſich der Eitelkeit ergibt, wie der Eſel, den Du vor Dir ſiehſt, ſo folgt Verdruß noth⸗ wendig in Kielwaſſer. Ich fühle mich eben jetzt ganz elend, und deß⸗ halb will ich rauchen.“ Und das ehrliche Paar rauchte ſchweigend eine Weile fort, bis endlich Jack, von der Bitterkeit ſeiner Gefühle überwältigt, ſeine Pfeife niederlegte, ſeinem Freunde voll in's Geſicht ſah und in folgende Lamentation ausbrach: 4 „Du biſt mir ein Vater geweſen, als ich keinen anderen Freund hatte wie Dich— dazu noch ein guter Vater, und wenn ich als Kind, Knabe und Mann Dir nicht die Liebe und Anhänglichkeit eines Soh⸗ nes zeigte, ſo war es nicht, weil es mir an Liebe und Pllichtgefühl gebrach, ſondern weil ich ein ſolcher Narr war, daß ich nicht wußte, wie ich die eine oder das andere zeigen ſollte. Mein Herz iſt voll, Giles, und deßhalb laß mich lichten Raum machen; komme mir nicht vor die Klüſe, bis ich mein ganzes Sprüchlein hergeſagt habe. Wenn die Schiffskanonen unklar ſind, erklettern wir ſie— wir ſchlagen für den Augenblick einen kleinen Rumpus auf, aber hintendrein wird Alles wieder nett und ſauber. So will ich denn jetzt auch meine unklaren Gedanken abklappen laſſen und probiren, ob ich nicht wie ein Mann, der von der Nocke aus himmelwärts baumeln ſoll, meine Bruſt davon ſäubern kann. — — 287 „Wozu der Menſch geboren iſt, weiß nur der liebe Gott, der ihm das Leben gab; aber ich hoffe, es iſt nicht anmaßend, wenn ich meine Abſicht dahin ausſpreche, daß ich in die Welt kam, um dem Ma⸗ troſenſtand Ruhm und Ehre zu machen. Daß ich dazu regelrecht auf⸗ erzogen wurde, iſt gewiß, und Niemand weiß dies ſo gut, als Du, der ſich am meiſten mit meiner Erziehung abgegeben hat. Ich war ein guter Matroſe und bin es noch, obgleich ich mich zu einem Zwit⸗ tertakelwerk bethören ließ, halb Seemann, halb Baronet. Als ein Theer war ich ein glücklicher Hund— hatte zwar wohl auch meine Verdrießlichkeiten, aber was machte dies? denn ohne ſie wäre ich nur zu ſtolz und unverſchämt geworden. In dieſer Welt der Truͤbſal kriegens die Leute nicht ſo gut, britiſche Matroſen und zugleich ganz ſorgenlos zu ſeyn. Wenn dies wäre, wer würde auch am Lande bleiben? Den möchte ich doch kennen. *„Nun bin ich am heutigen Mittwoch juſt ſieben Tage Baronet — ein Baronet, Vater, mit einem Sir, das vor meinem Namen ſteckt, wie die engliche Flagge an dem Bugſpriet. In dieſen fieben Tagen bin ich ein Mann von großen Neichthümern geweſen, obſchon ich nur wenig davon geſehen habe, hundert Pfund ausgenommen, die ich von Jemand borgte— denn ob ich ſie dem advokatiſchen Hayfiſch oder dem hölliſchen Bumbootweib— ja, ob ich ſie überhaupt ſchul⸗ dig bin, weiß der Teufel beſſer als ich, und von dem Gelde iſt mir nur wenig zu gut gekommen. Laß uns die Rechnungen vergleichen, Vater Grim— halten wir die todte Giſſung mit der beobachteten Breite zuſammen; um den Kurs und die Diſtanz, die ich als Baronet abgelaufen habe, ausfindig zu machen und ſo zu ſehen, wo wir ſind. „Am Mittwoch vor acht Tagen ſagte man mir, ich ſey aus den Schiffsbüchern geſtrichen— man ließ mich wie einen Narren ans Land gehen, und ich machte ſelbſt ein Vieh aus mir, noch ehe ich es erreichte. In meiner Trunkenheit beſchimpfte ich ein Frauenzimmer, purzelte über Bord, kriegte von Poll verdientermaßen eine tüchtige Zerzauſung, und als ich an's Land trat, wurde ich von den jüdiſchen 288 Vampyren faſt in Stücke geriſſen. Ich, ein kecker britiſcher Theer und Baronet, ſah mich genöthigt, am hellen lichten Tag ins Bett zu ſchleichen, und mußte mir dann, wie ein Menſch, der an Händen und Füßen gebunden iſt, gefallen laſſen, daß ich durch eine hinterliſtige Wölfin und ein eitles, eingebildetes Mädel geplündert wurde. O Poll? Poll!— Allein die Schuld lag ganz auf meiner Seite. „Doch das iſt noch nicht das Schlimmſte, Vater. Ich wurde toll. Ich zittere, ſchaudere und der Herzſchlag ſteht mir ſtille, wenn ich daran denke. Mit knapper Noth bin ich entronnen, mein guter alter Freund— ja, ganz mit knapper Noth. Das Luvtakelwerk meiner Sinne ſchütterte in dem Winde— in dem Winde des Wahn⸗ ſinns, Vater— die dunkeln Felſen lagen dicht unter meinem Lee— der Sturm der Tollheit brauste friſcher und friſcher einher— ich ſpottete über mich ſelbſt und ſprach unſinniges Zeug— ich meinte, beſſer als die ganze übrige Welt zu ſeyn und weit über allen Sterb⸗ lichen zu ſtehen. Nur noch ein Stoß und ich wäre ein Wrack geweſen— ein maſtenloſer Rumpf auf einem unbekannten Geſtade, dem das geſegnete Licht für immer entſchwunden. Aber ein Engel ergriff das Steuer, brachte mich wohlbehalten durch den ſchrecklichen Sturm und half mir nach einem ſicheren Hafen, den ich ſo wenig verdiente. O liebe Suſanna, mogeſt Du ſchlafend oder wachend, zu Hauſe oder auswärts, allein oder in Geſellſchaft— ja mögeſt Du in allen Dingen und in jeder Weiſe geſegnet ſeyn! Ich möchte mein Vermögen mit ihr theilen, mein Leben zu ihren Füßen nie⸗ derlegen, wenn ihr ein Dienſt damit geſchähe. Wie ſeltſam iſt es, Vater, daß ich mich nie in ſie verliebte. Möge ſie Gott der All⸗ mächtige für immer ſegnen.“ „Amen!“ ſagte Giles in Rührung ſeine Pfeife niederlegend und ſtch mit dem Kopf verneigend. „Ja, ihrer Zärtlichkeit verdanke ich's, daß ich nicht der tüchtig gepeitſchte Sir John bin, obſchon mir dieſe Abkühlung gut gethan hätte. Ich wäre genöthigt geweſen, mich ruhig zu verhalten, bis 289 die Kur überſtanden geweſen, und alle dieſe Thorheiten und ſchlimmen Streiche wären unterblieben. Ich habe jene gute, brave Schönheit, die Poll, geliebt, vielleicht ſogar um einiger ihrer Fehler willen: aber die theure Suſanna! ich dachte an ſie nur als an ein Töchterlein — ſie iſt ſo jung, ſo ſchmächtig und ſo blaß. Hat ſie wohl irgend Jemand ſchon für hübſch gehalten?“ „Hunderte, Jack— Hunderte. Man hielt ſte für romantiſch und in einem einzigen Punkte, aber auch nur in dieſem Punkte, für ein Bischen beſonder. Ach, mein Sohn, was für ehrenvolle Anträge haben ihr nicht die Offtziere der Glory gemacht. Der zweite Lieu⸗ tenant, ein verſtändiger Mann, der ſich ſelbſt und den Matroſen⸗ dienſt gut kennt, fiel mit Thränen in den Augen vor ihr auf die Kniee nieder. Ich glaube, ſie iſt das unſchuldigſte Mädchen, das es je gegeben hat; ſie erinnerte mich oft an die Geſchichte Suſan⸗ na's und der Aelteſten— freilich trug ich ſtets Sorge, daß ſie nicht verunglimpft wurde. Aber ſie iſt noch ſehr jung und wird Dich in einem Jahre vergeſſen haben, Jack— Du kannſt Dich alſo völlig beruhigen. Ihr Vieh von einer Mutter— verzeih mir's Gott, daß ich eine Weibsperſon ein Vieh nenne— wird ſich dem armen Kinde am Ende doch wieder zuwenden, denn ſo viel Milde und Lieblichkeit muß ja ſogar einen Ankerſtock rühren. Aber mag kom⸗ men, was will, ſie ſoll die paar Pence erhalten, die ich erſpart habe, wenn ich die Nummer meines Tiſches verliere— ja und noch vor⸗ her die Hälfte davon, wenn ſie's brauchen ſollte. Beruhige Dich, Jack; in einem Monat hat ſie den Baronet vergeſſen, obſchon ſie vielleicht den ſchmucken Backkapitän ein wenig länger im Gedächt⸗ niß getragen haben würde.“ „Aber ſie— ich werde ſie nicht ſo bald vergeſſen. Ich will mit Sir Edward ſprechen und Sorge tragen, daß ſie von der elen⸗ den Alten, die ihre Mutter iſt, wegkömmt. Soll ich in meinem Bekenntniß fortfahren? In jener Nacht fand eine Schlemmerei Marryat's W. XX. Jack am Lande. 19 ——— 290 ſtatt; meine Braut wurde tüchtig zerdroſchen und ich ſelbſt ſchnitt, eine ganz verächtliche Figur. Ich mußte mich für ſie und für mich ſelbſt in's Herz hinein ſchämen und ſah mich genöthigt, in einen Verſteck zu kriechen, bis die Sache ein wenig verrauſcht war und Polly ſich wieder ein Bischen ſehen laſſen konnte. Dann ſpielte ich, wie Du weißt, den flunkernden Marktſchreier, ſehr zum Aerger meiner guten Freunde— wurde zerſchlagen und mit Koth bewor⸗ fen, und dann heirathete ich— wir wollen nicht ſagen was, Vater, denn ich that es aus Grundſatz, weil ich ſie beſſern oder zu einer. Mumie zuſammenprügeln wollte. Jetzt ſitze ich da als ein ſaube⸗ res Muſter von einem Baronet. Meinem Weibe ſteht der Galgen in Ausſicht— mich wollte man wegen Schulden einſtecken— und nun ſoll ich gar gegen Poll vor den Aſſiſen erſcheinen, um ihr ſo ſelbſt auch in die Höhe zu helfen. Man hat mich verklagt wegen eines gebrochenen Eheverſprechens, und ſeit ich den alten Hucker verlaſſen, bis auf den gegenwärtigen Augenblick, iſt mir auch nicht eine Krume Troſtes geworden. Jetzt hab' ich's freilich gemäch⸗ lich; aber dennoch könnte ich mich hinſetzen und mir aus Herzens⸗ luſt eine Stunde in einem fort die Augen wiſchen.“ „Deine ſchwarze Leidensliſte iſt übervoll, mein Sohn; aber der Menſch iſt ebenſo gewiß zum Leiden geboren, als die Funken auf⸗ wärts fliegen. Höre mich übrigens an, Junge, und ich will Dich beſſer tröſten, als Hiob von ſeinen Frunden getröſtet wurde. Nimm Deine Pfeife wieder auf— dies iſt der Rath, mit dem ſie bei Hiob den Anfang hätten machen ſollen— denn ohne Zweifel hatte er Pfeifen, da er im Morgenlande lebte. Wir wollen die kleinſte Sorge zuerſt vornehmen— Du kannſt die Schuld bezahlen, oder darum prozeſſiren und nicht zahlen— wie es nun eben gehen mag— auf alle Fälle wird's Dich Dein Geld koſten, an dem Dir übrigens nicht viel liegen kann— dies wäre alſo in aller Ordnung abge⸗ macht Daß Du einen Eſel aus Dir gemacht haſt, iſt ſchlimm; da es aber ſo viele Leute gibt, die ſich jeden Tag weit eſelhafter be⸗ 85 291 nehmen, als Du, ohne einen ſolchen Entſchuldigungsgrund zu haben, ſo wird man Dich bald darüber vergeſſen. Den Bruch des Ehever⸗ ſprechens kannſt Du wieder flicken, indem Du entweder Mrs. Snow⸗ drop oder ihre Tochter heiratheſt— die Tochter wäre mir lieber. Andernfalls mußt Du dem Feuer Stand halten.“ „Aber ich habe keiner von Beiden je ein Verſprechen gegeben. Suſanna darf ich nicht heirathen— ich getraue mir's nicht, denn ich bin nicht halb gut genug für ſie, und außerdem war ich nie in ſie verliebt. Ihre Mutter dagegen iſt zu ſchlecht für Jedermann und auch viel zu häßlich, als daß ſie irgend wer lieben könnte.“ „Beſinne Dich noch einmal wegen Suſanna,“ ſagte Grim. „Zwar wünſche ich nicht, einen Mann von Deinen ſchönen Aus⸗ ſichten und Mitteln zu irgend einer Heirath zu veranlaſſen, denn die Verantwortlichkeit wäre zu groß für den alten Quartiermeiſter; aber dennoch— beſinne Dich noch einmal über Suſanna, um Deines eigenen und ihres armen Herzens willen. Ich will ein paar Züge thun, während Du mit Dir zu Rathe gehſt.“ 5 „Ich habe mich beſonnen, Vater, aber es geht nicht. Poll hat ihre Enterhacken zu feſt an den armen Jack angeſchlagen. Giles Grim, glaubſt Du an Geiſter? Nun, ich glaube daran, obſchon ich nie einen geſehen habe; und es gibt nur einen einzigen, vor dem ich mich fürchten würde. Dieſer aber wäre, wenn Polly in meiner. Hochzeitsnacht genan um zwölf Uhr käme ſchwarz und geſpenſtig ausſehend und den Strick um ihren Hals. Es muß ein braver Mann ſeyn, wer dies aushalten kann; und ſie würde kommen— ich weiß dies, denn ſie iſt ſo gar ſtörriſch— das heißt, wenn ich mich mit Suſanna ſpliſſen ließe.“ „Aber warum wäre dies mehr zu beſorgen, wenn Du die liebe arme Suſanna nähmeſt, als bei irgend einer Andern, mein Sohn? Ich will damit nicht ſagen, daß mir Deine Bedenken nicht ganz natürlich vorkommen.“ „Weil Poll ſtets eiferſüchtig auf Suſanna war, obſchon ſie 292 dergleichen that, als verachte ſie das Mädchen; und ich habe ihr verſprochen, wenn eine Uateroffiziersſtelle oder etwas der Art für mich auskäme, nur ſie zu nehmen.“ „Gut; Du haſt Dein Verſprechen gehalten, und weil Du's tha⸗ teſt, iſt ſie in ihre ſchlimme Lage gekommen. Sobald Meiſter Knüpf⸗ auf ſie herunterſchneidet, biſt Du wieder frei— aber das iſt eine Sache, die blos Dich angeht. Auf den Geiſt hin würde ich's wa⸗ gen; das heißt, wenn Du Dich in Suſanna verlieben könnteſt. Dennoch will ich mich nicht in Heirathsangelegenheiten miſchen; man verbrennt ſich leicht die Finger daran, da ſo viel Schwefel darin iſt. Ich habe Dir jetzt meine Meinung geſagt.“ „Arme Poll! Ob ſie wohl richt durch menſchliche Bemühun⸗ gen gerettet werden kann? Eine ſo ſchöne Weibsperſon zu hängen— es iſt barbariſch— die ſchnödeſte Heilloſigkeit. Ich will Dir was ſagen, Vater, wir können ſie am Ende noch bergen. Wenn ich ein⸗ mal allen Ernſtes ein Baronet bin, ſo will ich mit dem König über die Sache ſprechen. Einem Matroſenmädel muß man erlau⸗ ben, einige Männer zu heirathen, ob einer mehr oder weniger, dar⸗ auf kömmt's nicht an. Ein Matroſenliebchen hat genug drrchzu⸗ machen von des Königs Dienſt. Sie hängen— es wäre ſchrecklich!“ „Ja wohl,“ entgegnete Giles, indem er die Aſche aus ſeiner Pfeife klopfte. 3 b — 293 Sechsundzwanzilgſtes Kapitel. Ein redſeliges Kapitel, das aber viel erklärt und deshalb Beachtung ver⸗ dient.— Einige Winke über Bigamie und gelegentliche Andentungen über den Nutzen des Galgens.— Väterlicher Rath(an eine Tochter in Betreff ihrer Verehelichung.— Wie man füglicherweiſe einen Rath annehmen kann, das heißt, wenn er annehmlich iſt. Giles Grim hatte mit der Klugheit eines alten Kriegsſchiff⸗ mannes Embargo auf das Haus gelegt und es für ſtreng blokirt erklärt— eine ſehr nöthige Maßregel, da Jedermann in der Nach⸗ barſchaft, der nicht mit allzu viel Gewiſſenhaftigkeit geplagt war, den Zwitterbaronet für eine leichte, rechtmäßige Beute hielt. Im Laufe des Tages wurde von Vielen erfolglos an die Thüre gepocht, und während Jack ſich in ſeinen Lamentationen erging, war ſein Geſellſchafter nicht wenig erfreut über die unglücklichen Verſuche, Eingang zu gewinnen, die er von der anſtoßenden Flur aus deutlich hören konnte. Als übrigens Giles Grim die Aſche aus ſeiner letzten Pfeife geſchüttelt hatte— trauriges Symbol der Sterblichkeit— und eben eine ſalbungsvolle Rede beginnen wollte, für die er ſich bereits ein Bibeleitat ausgeleſen hatte, gab mit einemmale eine ſehr nachdrückliche Begrüßung der Thüre ſeinen Gedanken eine andere Wendung. „Wieder ein bettelhafter Jude, Jack. Wir müſſen Reißaus neh⸗ men und dieſen Platz ſobald wie moͤglich verlaſſen. Es ſcheint, ſie wollen ſich nicht abweiſen laſſen. Gib mir jenen Stock herüber und ich will die Decken räumen.“ Die Thüre ging auf und das Dienſtmädchen des Hauſes legte nicht ohne einiges Zögern zwei Karten auf den Tiſch. Giles las ſie, und nun erhoben ſich er und John augenblicklich, um mit allen gebührenden Ehrenbezeugungen Sir Edward Fortintower und Mr. Singleheart in das Zimmer zu führen. 294 Jack fühlte die Ueberlegenheit ſeines Vetters ſo ſehr, daß er es nie uͤber ſich gewinnen konnte, ihn als Seinesgleichen zu betrachten oder zu behandeln. Er begann jeden Satz mit„Euer Gnaden“ und konnte es nicht vermeiden, von Zeit zu Zeit nach ſeinen Vorderlocken zu langen oder, wenn er plötzlich von ihm angeredet wurde, mit dem Kopf zu nicken. Bei Giles Grim war es der gleiche Fall; da aber dieſer noch immer in reinliche Matroſentracht gekleidet war, ſo erſchien ſein Benehmen nicht ſo unnatürlich und lächerlich. Anfangs verhielten ſich Sir Edward und der Rechtsgelehrte ein wenig abgemeſſen, denn obgleich ſie Mitleid mit Jack hatten, konn⸗ tten ſie doch nicht umhin, über ſeine vergangenen Thorheiten unwil⸗ lig zu ſeyn. Seine Selbſtdemüthigung war außerordentlich; er er⸗ ging ſich in zahlloſen Entſchuldigungen und gelobte in oftmaliger Wiederholung aus aufrichtigem Herzen Beſſerung. Dieſelben Lamen⸗ tationen, welche er kurz zuvor Grim zum Beſten gegeben hatte, wurden faſt Wort für Wort auf's Neue vorgetragen; er geſtand ein, daß er ein Kind und zwar ein ſchlimmes Kind ſey, bat mit vieler Zerknirſchung um die verdiente Strafe und flehete die Beiden demü⸗ thig um ihren Rath an. „Zu unſerem Leidweſen habt Ihr ſelbſt Euch uns entfremdet,“ verſetzte Sir Edward.„Eurem Benehmen iſt die Strafe auf dem Fuße nachgefolgt, und ich freue mich, Euch ſo reuig zu ſehen. Ich ſpreche offen mit Euch, Vetter, und ſage Euch freimüthig, daß ich nicht glaube, dieſe Veränderung in Eurer Lebenslage werde für Euch ein glücklicher Wechſel ſeyn. Nie bedurfte wohl eine Perſon mehr der Aufmerkſamkeit auf ſich ſelbſt, als Ihr, und glaubt mir, Ihr habt noch von ganz beſonderem Glück zu ſagen, daß Ihr ſo gut aus den Schwierigkeiten gekommen ſeyd, in die Euch Eure Thorheit ſtürzte. Ihr ſeht indeß ſogar jetzt noch die Folgen Eurer Regelwidrigkeiten.“ Sir Edward reichte ihm ſodann die Grafſchaftszeitung hin. Jack war darin noch ſehr mild behandelt. Sie gab einen ziemlich genauen Bericht über ſeine Abgeſchmacktheiten, ſchrieb ſie aber ſchonend -—— -— 295 auf Rechnung des überwallenden Lebensmuthes, ſeiner veränder⸗ ten Lage und des Wunſches, von ſeinem alten Leben mit einer Kriegsſchiffsbeluſtigung Abſchied zu nehmen. Aehnliche und noch ungereimtere Schauſtellungen hätten ſchon früher unter den Matro⸗ ſen ſtattgefunden, wenn ſie viel Priſengeld eingenommen hätten. Der Abſchnitt des Artikels, welcher Poll galt, war am ſchärfſten gehal⸗ ten, denn der Verfaſſer fragte:„Hatte dieſer arme, verblendete und unaufhörlich betrunkene junge Mann keinen Freund, der ſich in's Mittel legte und ihn hinderte, ſeine Ausſichten im Leben für immer zu zerſtören, indem er ſich mit einer gemeinen Hafendirne verband? Wo war ſein Rechtsfreund— wo jener edelmüthige und aufopfernde Sir Edward Fortintower, von dem wir ſo viel gehört haben?“ Als Jack dieſen Theil des Artikels las, traten ihm die Thrä⸗ nen in's Auge, und dann gerieth er in ein heilſames Nachdenken. Er erwog bei ſich, daß die vermeintlich ehrenhafte Handlung, Poll ſein Verſprechen zu halten, von Leuten, die beſſer unterrichtet waren, als er ſelbſt, in einem ganz anderen Lichte betrachtet wurde. Stol⸗ zere Vorſtellungen begannen ſich in ſeinem Herzen einzuſchleichen, und er empfand ein Gefühl des Dankes über die Auflöſung ſeines Bundes mit Polly. Dies war kein ſo romantiſcher Gemüthszuſtand, als die Liebchen melodramatiſcher Matroſen wohl wünſchen mögen; indeß fühlen wir uns immerhin verpflichtet, die Wahrheit zu berich⸗ ten, wie nachtheilig ſie auch unſerem Helden werden mag. „Ich bin gedemüthigt, Euer Gnaden,“ ſagte Jack mit dem ge⸗ wohnten Zerren an ſeinem Haare,„und was ich ſagen oder thun kann, weiß Euer Gnaden am beſten.“ 3 „Laßt Euch zuvörderſt belehren, mein Freund, was Ihr nicht zu ſagen und was Ihr zu unterlaſſen habt. Ihr ſollt mich nicht Euer Gnaden“ nennen, und ebenſo wenig Euch all Euer vorderes Haar ausraufen, namentlich da Ihr jetzt, ganz dem Anſtande gemäß, Puder tragt. Und nun wollen wir Eure dermalige Lage in's Auge faſ⸗ ſen. Wir rathen Euch, augenblicklich die von Mrs. Snowdrop gegen 296 Euch eingeklagte Schuld mit allen aufgelaufenen Koſten zu tilgen, denn obgleich argliſtige Motive dabei zu Grunde lagen, ſo wurde ſie doch für Euch contrahirt. Auch müßt Ihr unverweilt den Wechſel einlöſen, den Mr. Scrivener für hundert Pfund, die Euch vorge⸗ ſtreckt wurden, von dieſer Weibsperſon in Händen hat. Was die Klage wegen gebrochenen Eheverſprechens betrifft, ſo macht Euch keine Gedanken darüber, denn wir dürfen mit Zuverſicht annehmen, daß das Ganze eine bloße Drohung iſt. Außerdem können wir, im Falle Ihr Cuch klug benehmt, die Einleitung treffen, daß Ihr nicht nöthig habt, in Perſon gegen jene trunkſüchtige Polly als Zeuge aufzutreten. Der Beweis ihrer Schuld iſt hinreichend hergeſtellt, ohne daß es Eurer weiteren Ausſage bedarf.“ .„Aber wird ſie wohl gehangen werden, Euer Gnaden— Sir Edward wollte ich ſagen?“ „Es iſt möglich, obſchon wir es nicht hoffen wollen; denn ich zweifle nicht, daß die Richter die loſe Moral in Betracht ziehen werden, welche in einer Hafenſtadt wie Portsmonth herrſcht. Wir wollen uns für ſie verwenden— aber die Deportation iſt ihr nicht zu erſparen, obſchon Ihr in dieſem Falle der armen Perſon ihre Verbannung nicht nur erträglich, ſondern ſogar vortheilhaft und angenehm machen könnt.“— „Möge mich Gott verlaſſen, wenn ich es nicht thue!“ „Und jetzt, Sir John, gebt Mr. Singleheart ein Verzeichniß aller Eurer Schulden, denn noch heute Abend muß Alles bezahlt ſeyn. Kommt morgen früh in Eurem Seemannsanzug nach mei⸗ nem Hotel, aber noch vor ſieben; wir wollen dann mit einander nach London gehen— Ihr und Mr. Grim auf der Außenſeite der Portsmouther Kutſche, damit wir die Beobachtung vermeiden. So⸗ bald wir in London angelangt ſind, könnt Ihr in einer Weiſe auf⸗ ziehen, die mehr für Euren Rang und Eure Stellung taugt.“ „Gott behüte Euer Gnaden— Vater Grim, warum dankſt Du nicht Seiner Gnaden gleichfalls? Jetzt wäre es Zeit für eine von — 297 Deinen Kinnbacken brechenden Reden, und Du haſt nicht eine ein⸗ zige Kugel in Deiner Truhe.“ „Sir Edward Fortentower, wir ſind Euch ſehr verbunden; aber welchen Titel ſoll ich führen in Sir John Truepennys Büchern? denn ich kann mir nicht denken, daß ich in London ſein guter Ka⸗ merad ſeyn kann. Und dennoch wäre mir's lieb, noch eine Weile um den Jungen zu ſeyn, nur um nach ihm zu ſehen, bis er im Stande iſt, das Schlepptau abzuwerfen.“ „Wohl geſprochen, ehrlicher Grim, Ihr ſollt ſein mattre d'hôtel ſeyn.“ „Mate dotel— was iſt das für eine Art Mate, Sir— Hauptmate oder wie— und worin beſteht der Dienſt?“ „Der Dienſt beſteht in Nichtsthun, und Ihr könnt Sir John helfen, wenn er zu demſelben Geſchäfte geneigt iſt; nur würde ich an Eurer Stelle den Uebrigen im Haushalte nicht das gleiche Pri⸗ vilegium zugeſtehen.“ „Verſteh' alle Wort. Mit Erlaubniß, Sir, ſeyd ſo gut, mir den Namen meiner Bedienſtung aufzuſchreiben, damit ich ihn aus⸗ wendig lernen kann.“ Wie Giles in ſeiner Taſche nach einem Fetzen Papier ſuchte, erwiſchte er aus Verſehen eine lange Wirthshausrechnung, deren weiße Seite er Sir Edward zu dem beabſichtigten Zwecke hinbot. Er bemerkte jedoch augenblicklich ſein Verſehen und erbat ſich angele⸗ gentlich das Dokument wieder zurück. Es war die Rechnung für Sir Johns Hochzeitsdiner, welches derſelbe nicht hatte mitmachen ſol⸗ len und daher, weil er nicht dabei geweſen, von ihm vergeſſen wor⸗ den war. Jedermann war erſtaunt über Giles' Wunſch, den er durch die nachdrücklichſten Bitten bekräftigte, es bei der Bezahlung, die er aus eigener Taſche geleiſtet hatte, bewenden zu laſſen. Natürlich wurde übrigens dies nicht genehmigt, obſchon Alle dadurch eine ſehr gute Meinung von der Uneigennützigkeit des alten Seemannes gewannen. 298 Der Rechtsgelehrte erſtattete ihm das Geld zurück mit vielen Aeuße⸗ rungen freundlichen Beifalls. Nachdem Alles ſo vollſtändig und genügend bereinigt war, er⸗ hoben ſich die Gentlemen(wir haben uns bisher noch nicht erlaubt, Jack darunter zu zählen), um. Abſchied zu nehmen, und alle Theile trennten ſich viel glücklicher und vergnügter, als ſie zuſammenge⸗ troffen waren. Zuvor übrigens hatte John noch gefragt, ob es den Baronets geſtattet ſey, zu rauchen, wobei er ſeinem Vetter zugleich erklärte, er ſey entſchloſſen, ſeine neue Lebensweiſe ganz in der Ordnung anzu⸗ fangen. Die Antwort lautete: dies ſey ein verfänglicher Punkt, welcher übrigens vorderhand noch nicht gelöst zu werden brauche; ſo lange er jedoch ſeinen neuen Charakter noch nicht voll aufge⸗ nommen habe, möge er immerhin ſeiner Liebhaberei folgen. „Wir müſſen jetzt ſobald wie möglich nach London reiſen, Sir John,“ ſagte Mr. Singleheart.„Ich will nicht verſuchen, ſchon jetzt gegen Euch auf alle Einzelnheiten einzugehen, kann Euch aber mittheilen, daß Euer künftiges Einkommen im Durchſchnitt ungefähr vierzigtauſend Pfund jährlich betragen wird— nie weni⸗ ger, oft aber auch mehr. Sobald Ihr in London anlangt, habt Ihr viel zu thun, allerlei Dokumente zu unterzeichnen und wegen gewiſ⸗ ſer Güter, die Ihr zum Lehen habt, vor Seiner Majeſtät oder vor dem Repräſentanten des Königs einige wunderliche Dienſte zu leiſten. Mögt Ihr nun wollen oder nicht, ſo müßt Ihr ein thätiger und großer Mann werden. Dies darf Euch übrigens nicht erſchrecken, denn mit Euern Mitteln iſt es viel leichter, groß als thaͤtig zu wer⸗ den— das heißt thätig zu einem guten Zwecke. Ich will jetzt ge⸗ hen und Mrs. Snowdrops Forderungen bereinigen. Morgen früh erwarten wir euch beide in unſerem Hotel, wo ihr euch hoffentlich gefund und wohl und für die Reiſe vorbereitet einfinden werdet. Wohl gemerkt, es muß ohne Aufſehen geſchehen; Ihr kommt als Jack, und bis auf Weiteres kein Wort mehr von dem Sir John.“ — 299 „Ich werde Folge leiſten, Sir. Aber ich möchte noch, wenn Ihr nichts dagegen habt, mir eine kleine Gunſt erbitten. Es wäre mir lnicht lieb, wenn ich von Mrs. Snowdrop mit böſem Blute ſcheiden ſollte; laßt mich daher hingehen und ihr das Geld ſelbſt bringen. Auch meine ich, man ſollte ihr alle die thörichten Unko⸗ ſten erſetzen, die ſie aufgewendet hat, um mich an's Land zu holen.“ „Dieſes Gefühl macht Euch Ehre, Sir John,“ entgegnete der Rechtsgelehrte.„Uebrigens ſollte ich Euch nicht erſt erinnern müſſen, daß Ihr mit Eurem eigenen Gelde ſtets anfangen könnt, was Ihr wollt. Seyd jetzt ſo gut, ein wenig aufzumerken.”“ Er ſetzte ſich dann mit Papier, Feder und Dinte nieder, ſchrieb Alles in runder, kräftiger Hand, faſt wie geſtochen, nieder, und zeichnete die verſchiedenen Poſten auf, die er ihr bezahlen ſollte; dann ließ er diel nöthigen Quittungsformularien holen, füllte dieſelben aus und ließ nur den Raum für Mrs. Snowdrops Unterſchrift frei. Nachdem dies geſchehen war, wies er Sir John an, jeden Poſten geſondert zu bezahlen, um die Möglichkeit eines Irrthums zu ver⸗ meiden, zu welchem Ende er die Quittungen einzeln aufgeſetzt hatte. Jack, der nur der Belehrung bedurfte, faßte Alles ganz vortrefflich. Sir Edward hatte während dieſer Zeit wieder Platz genommen und benützte die Gelegenheit, ſich mit Giles zu unterhalten. Der alte Mann geſiel ihm außerordentlich wohl, und er beſchloß, ihn ſo lange als möglich in Sir Johns Nähe zu halten. Nachdem Alles bereinigt war, wünſchten Sir Edward und der Rechtsgelehrte unter vielen herzlichen Händedrücken den Matroſen guten Abend und kehr⸗ ten nach ihrem Gaſthofe zurück. 3 Unterdeſſen hatte Mr. Serivener die Bewegungen unſeres Jacks und Alles, was mit ihm in Verbindung ſtand, auf's Sorgfältigſte beobachtet. Bis jetzt war er noch nicht augenfällig als ein Feind des Baronets aufgetreten, worüber er ſehr erfreut war. Ein ſo gewandter und pfiffiger Mann ließ es natürlich nicht fehlen, ſich im Gerichtshofe einzuſtellen, obgleich er ſich während des Einleitungs⸗ 300 verhörs der unglücklichen Polly ganz im Hintergrunde hielt. So⸗ bald er entdeckt hatte, daß Sir Johns Vermählung null und nich⸗ tig ſey, nahm der Gang ſeiner Operationen plötzlich eine ganz an⸗ dere Wendung. Er begab ſich nach dem Verhör mit gutem Appetit und hoher Freude nach ſeiner Wohnung zurück— ein Wechſel in ſeinem Benehmen, welcher ſeiner Tochter Eugenia Elfrida nicht er⸗ wünſchter hätte kommen können. Dieſe junge Dame hatte viel zu leiden gehabt; denn da ſie ihre ganze Neigung dem ſchönen Matroſen zugewandt, ſo mußte ihr nach den ermuthigenden Hoffnungen, welche ihr Mr. Serivener vor⸗ gehalten hatte, ſeine abgeſchmackte Heirath ſehr ſchmerzlich werden. Trotz ihrer ſelbſtſüchtigen Einfalt hatte ſie doch ein Herz, obſchon daſſelbe bei den ſchlauen Berechnungen ihres Vaters nie in Frage kam. Die Beweggründe des Eigennutzes, welche das Vorrücken im Leben bot— ja, auch die gemeinen Impulſe der Leidenſchaft konnte er begreifen; aber an das Vorhandenſeyn einer edleren, der Aus⸗ dauer fähigen Liebe glaubte er nur ſelten, am wenigſten aber bei ſeiner Tochter. Nachdem Mr. Scrivener ſeine angenehme Stimmung durch ein gutes Diner und den dazu gehörigen Wein noch mehr geſteigert hatte, begann er ſich, in der ſcherzhafteſten Weiſe, die ihm nur mög⸗ lich war, mit ſeiner Tochter zu unterhalten. „Nun, Eugie, mein Mädchen, nimm ein Glas Claret— randvoll— gut— und jetzt gib Deinem Papa einen Kuß.“ „Ihr ſeyd ja ſehr vergnügt, Papa.“ „Ja; ſie wird zuverläßig gehangen.“ „Wer, Papa? Und da ſoll ich auch vergnügt ſeyn? Aber ich will nicht.“ „Du wirſt wohl, Du Dirne, wenn Du weißt, wen ich meine. Dein kleines Herz wird ſo leicht tanzen, wie ſie, wenn ſie auf nichts tanzt.“ „Wie ſchrecklich! Vater, Leute von unſerem Stand ſollten nie aus dem Hängen einen Spaß machen. Ich höre nicht gerne da⸗ von ſprechen; aber ſagt mir, ob wirklich Jemand gehangen werden ſoll.“ „Na, rathe einmal, Eugie— ich gebe Dir eine Fünfpfundnote, wenn Du's auf dreimal triffſt.“ „Aber wie kann ich's errathen, wenn ich die Perſon vielleicht nicht kenne?“ 4 „Du kennſt ſie freilich. Beſinne Dich einmal auf alle Leute, die Du am liebſten gehangen ſehen möchteſt.“ „Ach du mein, welch' ein Compliment für unſere Bekannt⸗ ſchaft!— hi, hi, hi! Wahrhaftig, es kann doch nicht— nein, der iſt zu ſchlau dazu. Nun ich rathe zuerſt auf Mr. Zachariah Snitch.“ „Gott behüte mich, Mädchen— was ſagſt Du?— Du haſt mir eigentlich den Athem verſetzt. Mein vertrauter erſter Schreiber! Nein, nein, das iſt kein Spaß— und die vielen Geſchäfte, die er und ich zuſammen abgemacht haben! Das iſt ein Bischen zu nahe am Ziel!“ „Wirklich, Papa? Dann wird er wahrſcheinlich doch noch ge⸗ hangen. Ich verdiene wenigſtens eine Guinee für mein Rathen.“ „Sie verdient die Ruthe, Miß. Wenn ich ſagte: ‚zu nahe am Ziel,“ ſo meinte ich damit, daß Du mit Deinem einfältigen Rathen mir zu nahe kommſt— nicht aber der Wahrheit, Du einfältige Kreatur. Haſt Du mich verſtanden— Du ſollſt mir übrigens nicht weiter rathen, damit Du mir nicht noch dummere Mißgriffe ma⸗ cheſt. Der Galgenkandidat iſt jene flitterhafte, unverſchämte, gemeine Weibsperſon, die Poll vom Point, welche geſtern den Matroſenkor⸗ poral geheirathet hat. Und es ſtellt ſich jetzt heraus, daß er gar nicht verheirathet iſt, weil ſeinem Weibe, der ſo betitelten Lady, bewieſen wurde, daß ſie zur Zeit ſchon zwei andere Männer hat, die noch am Leben ſind. Wie viele noch im Hintergrunde ſtecken mögen, kann ich nicht ſagen.“ 302 „Und dafür will man die arme Perſon hängen? das iſt ja ganz ſchrecklich, Vater.“ „Da höre man nur die ſentimentale Miß Eugenia Elfrida Scrivener. Soll ein gemeines Weibsbild, wie dieſe Poll, die friedli⸗ chen, geheiligten Einrichtungen, welche uns von unſeren herrlichen Vorfahren unantaſtbar überliefert wurden, ungeſtraft verletzen, ver⸗ höhnen und geringſchätzen dürfen? Das wolle der Himmel verhü⸗ ten! Das Herz ſchwillt mir in tugendhafter Entrüſtung ob ſolcher Schändlichkeit. Vor den Geſetzen gibt es keinen Unterſchied und ſie ſind Allen zugänglich. Wenn ſie ihres erſten Mannes müde war, warum wirkte ſie ſich nicht eine legale Scheidung aus?“ „Aber ſie hat zwei weitere geheirathet— und vielleicht konnte ſie nicht.“ „Ich ſehe kein geſetzliches Hinderniß. Aber eine ſolche Verrucht⸗ heit verdient den Tod, und ſie wird den Tod auch erleiden. Jetzt meine Liebe, iſt Dein Schätzchen wieder ein freier Mann.“ „Mein Schätzchen, Pa— wie könnt Ihr ſo reden?“ „Iſt er nicht Dir zu Liebe in die See geſprungen? Du haſt es geſehen— hunderte ſind Zeugen geweſen. Ja, er that dies ſo⸗ gar, als er noch von der Perſon gegängelt wurde, die jetzt den Galgen zieren wird. Welch' eine herrliche Partie ſteht Dir in Ausſicht!“ b „Ach, Vater, eine andere Poll wird dazwiſchentreten und ihn an ſich reißen. Man kann ſie nicht alle nach einander hängen. Außerdem habt Ihr mir erſt vor ein paar Tagen gefagt, daß er ein gemeiner Wicht ſey und daß eine Verbindung mit ihm mich elend und unſerer Familie Schande machen würde.“ „Das iſt Alles geſtern noch vollkommen wahr geweſen, aber heute nicht mehr. Der Mann iſt an ſich ſchön und wird ſich in guten Händen trefflich machen. Die Vorſehung hat es in ihrer grundloſen Barmherzigkeit ſo gefügt, daß dieſe heilloſe Weibsperſon gehangen werden muß. Sir John Truepennys Tugenden haben nun 303 freien Spielraum, um ſich zu entfalten. Unter Deiner und meiner ſorgfältigen Pflege, Eugenia, werden ſeine liebenswürdigen Eigen⸗ ſchaften in Schönheit aufblühen und zuletzt glorreiche Früchte tragen. Haſt Du ihn nur erſt ſechs Monate zum Manne, ſo wird er ein ganz anderer Menſch ſeyn.“ „Ja, wenn!“ verſetzte die Dame mit einem tiefen Seufzer. „Das wird bald, ſehr bald der Fall ſeyn! Die Hauptwiderſa⸗ cherin iſt jetzt entfernt und ich ſehe kein Hinderniß mehr. Wenn ich mir einmal ein Ziel in den Kopf geſetzt habe, ſo müſſen ſich mir, ehe ich es aufgebe, größere Schwierigkeiten in den Weg legen, als diejenigen ſind, auf welche wir wahrſcheinlich in Herbeiführung Dei⸗ ner Heirath mit Sir John Truepenny ſtoßen werden. Nimm noch ein Gläschen Wein, mein Kind. Sey wohlgemuth; ich müßte mich ſehr täuſchen, wenn er nicht morgen um dieſe Zeit ganz ge⸗ müthlich an Deiner Seite ſäße. Du kannſt gar ſchön ausſehen, wenn Du willſt.“ „Ach Himmel! und wie ſchön ich ausſehen will— darf ich ihm wohl zuerſt in ſeine hübſchen Augen blicken?“ „Wie magſt Du ſo thörichte Fragen ſtellen. Blicke ſo viel— und ſprich ſo wenig, als Du willſt. Doch ich muß meine Schritte wieder aufnehmen. Klingle nach Schreibmaterialien. Du brauchſt den Wein nicht wegzuräumen.“ Kurz darauf wählte Miß Scrivener in ihrem Geiſt das Kleid aus, in welchem ſie morgen auftreten wollte, und ihr Vater ſchrieb zwei Briefe, von denen er nicht zweifelte, daß ſie ſeine lang gehegten Plane beträchtlich fördern würden. 304 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Klingt juſt wie Liebe, iſt aber nicht dieſes zarte Gefühl.— Jack verſucht ſeine Beredtſamkeit über das Thema der Hände.— Weitere moraliſche Betrachtungen und einige Gefängnißdisciplin.— Mrs. Snowdrop beim Herannahen des Abends viel im Dunkeln.— Ein Brief, ob aber ein Liebesbrief oder ein Advokatenſchrieiben, muß der Verlauf zeigen.— Das Ganze ſchließt mit einem Blicke in ein Gefängniß. Mrs. Snowdrops Wohnung lag in einer ruhigen, anſtändigen Seitenſtraße von Portſea. Sie hatte daſelbſt ein Wäßig großes Haus, welches alle Bequemlichkeit enthielt, die eine Perſon von ihrer Stellung nur wünſchen konnte— ja, ſogar noch etwas mehr. Alles um und in der Wohnung war gewiſſenhaft reinlich gehalten, und allenthalben hatten Suſannas Geſchmack und Thätigkeit ſo ſorgfältig gewaltet⸗ daß ſich nirgends etwas Unſauberes blicken ließ, als Mrs. Snowdrop ſelbſt. Obſchon das Haus ſehr bequem und geräumig war, hatte doch die Eigenthümerin längſt aufgehört, Miethleute zu nehmen; es wurde deshalb ſeit dem Tode ihres letzten pro tempore Gatten, der fünf Jahre vor dem Beginn unſerer Erzählung das Zeitliche ſegnete, nur von der Bumbootfrau, ihrer Tochter und einem k äftigen, rein⸗ lichen und fleißigen Dienſtmädchen bewohnt. Das Wachſchiff von Spithead hatte ſeine Abendkanone abgefeuert, und das Echo derſelben war längſt an den ſteinernen Querſchanzen der Feſtungswerke verhallt. Das Zwielicht begann ſchon die Hitze des Sommertages zu mildern, als Sir John Truepenny ſchüchtern an die Thüre von Mrs. Snowdrops Haus klopfte. Sein Herz pochte achtungsvoll bei dem Gedanken an das leidende Mädchen innen„ und die tiefe Ruhe des Platzes bildete einen ſo ſchroffen Gegenſatz zu dem geräuſchvollen Leben, welches er bisher geführt hatte, daß ſein Geiſt für einen Augenblick keinen höhern Ehrgeiz kannte, als der Beſitzer einer ſolchen Wohnung und ihrer zarten Inſaſſin zu ſeyn. —— 305 Nachdem er eine beträchtliche Zeit an der Thüre gewartet hatte, wurde ſie vorſichtig durch das Dienſtmädchen geöffnet, die ihm für eine Weile den Eingang ſtreitig machte, denn„Mißis ſey auf's Land gegangen, und obſchon ſich Miß drinnen befinde, ſey ſie doch nicht zu ſehen.“ Aus dieſer Antwort erhellt, das Betſey einige Krumen der Li⸗ teratur aufgeleſen hatte, welche von dem wohlbeſtellten literariſchen Tiſche ihrer jungen Gebieterin gefallen waren. Sir John fühlte ſich gekränkt, brachte aber doch durch ſeine vielen Fragen heraus, daß Suſanna nicht ernſtlich unwohl, ſondern für den Augenblick eben abwechslungsweiſe im Leſen und Weinen be⸗ griffen ſey und deshalb keine Beſuche annehmen könne. Jack blieb übrigens beharrlich und war außerdem zu bezaubernd und zu ſchön, um lange vergeblich zu bitten, obſchon er dem Mädchen weder ſeinen Namen, noch ſein Anliegen nennen mochte; dagegen gab er ihr etwas nicht minder Zweckdienliches— eine Krone und einen Kuß. Das Reſultat davon war, daß er ſich auf einmal mit Suſanna allein in dem kleinen Beſuchszimmer befand. Seines Anzuges wegen erkannte ſie ihn anfangs nicht, indem ſie ihn eben für einen Mann hielt, der ihr in Betreff der Gefangenſchaft ihrer Mutter etwas mit⸗ zutheilen habe. Sie ſtand zitternd auf, wobei das Buch auf das Sopha niederfiel, trocknete haſtig ihre Thränen ab und trat dem Fremden entgegen. Endlich aber erkannte ſie ihn; ſie blieb einen Augenblick, wie von einem Todesſchmerze feſtgebannt, ſtehen und ſank dann mit einem matten Ausrufe in ſeine Arme. Indeß erholte ſie ſich bald wieder von ihrer Schwäche, machte ſich ſanft von der unterſtützenden Bruſt los, die ihr nur allzu theuer war, und ſetzte ſich, noch immer ſehr matt, auf das Sopha nieder. Jack blieb ſchweigend vor ihr ſtehen, denn ihre Anweſenheit hatte ihn mit ſcheuer Ehrfurcht erfüllt. Als ſie ihn Platz zu nehmen bat, ſetzte er ſich nicht an ihre Seite, ſondern auf den Rand eines in Mitte des Zimmers ſtehenden Stuhls, worauf er zum erſtenmal ganz Marryat's W. XX. Jack am Lande. 306 angelegentlich die Beſchaffenheit ſeines Hutfutters zu unterſuchen be⸗ gann. Durch ſeine Schüchternheit wieder ermuthigt, redete ihn Su⸗ ſanna an: „Oh Sir John,“ rief ſie,„es iſt nicht freundlich von Euch, in dieſer Weiſe zu kommen, um ein armes, verlaſſenes Mädchen zu beſuchen.“ „Auf meine Ehre, Suſanna, möge ich nie wieder einen Hafen erblicken(Jack vergaß, daß er nicht zur See war), wenn ich nicht Eure Mutter hier zu ſehen erwartete. Allerdings hörte ich an der Thüre, daß ſie auf dem Lande ſey, aber ich hatte nicht das Herz, wieder umzukehren. Ich komme, um Frieden mit ihr zu machen und Euch Lebewohl zu ſagen, denn ich breche morgen früh nach London auf.“ „So bald ſchon!“ rief ſie mit einem leichten Zuſammenfahren. „Aber es iſt das Beſte, was Ihr thun könnt. Habt Ihr nicht ge⸗ hört, daß meine Mutter im Gefängniß iſt?“ „Im Gefängniß, Suſanne?— Das iſt eine ſaubere Geſchichte! Aber freilich, ich bin von meinen eigenen Narrenſtreichen und ihren Folgen ſo in Anſpruch genommen worden, daß ich auf Ehre nur hörte, ſie ſey nach dem Wachhauſe gebracht worden. Erzählt mir⸗ wie dies zuging.“ Sufanna theilte ihm in möglichſt wenigen Worten mit, daß ihrer Mutter nicht erlaubt worden ſey, Bürgſchaft zu leiſten, weil es heiße, daß zwei von den Perſonen, welche in dem von ihr angezet⸗ telten Aufſtande beſchädigt worden, noch immer nicht außer Gefahr ſeyen, obſchon ſie in Folge angeſtellter Erkundigungen in Erfahrung gebracht habe, daß dieſelben geſund und wohl umhergingen. Sie er⸗ zählte ihm ferner, ihre Mutter habe unvorſichtigerweiſe ihre Ange⸗ legenheiten in Mr. Scriveners Hände gegeben; ſie vermuthe indeß, daß er nicht ſein Beſtes gethan habe, um ihre Befreiung zu erwirken, und ſey außerdem überzeugt, daß er ihrer Mutter zu ſehr ſchlechten Schritten rathe. Worauf ſie letztere Annahme gründete, wollte ſie nicht näher erklären. 307 „Aber ich muß Euch jetzt verlaſſen, Sir John, und zu meiner Mutter gehen, ehe ſie für die Nacht über eingeſchloſſen wird. Sie iſt in einem traurigen Zuſtand und bedarf meines ganzen Mitleids. In Anbetracht ihrer Lage wird ſie freilich gut genug behandelt, aber ihre Geiſtesſtimmung iſt ſchrecklich. Ich trete ſtets mit Aengſten den Weg zu ihr an.“ „So geht lieber gar nicht, Suſanna. Ihr ſeyd ein zu zart ge⸗ bautes Fahrzeug, um ſolch' eine Briſe auszuhalten, und ich will ſtatt Eurer ſie auf mich nehmen. Auf mich wirken ihre Breitſeiten ſo wenig, als auf den Fels von Gibraltar, und wenn alle ihre Munition verſchoſſen iſt, werde ich wohl im Stande ſeyn, ſie mit etwas Tröſt⸗ lichem zu victualiſiren. Bleibt zu Hauſe; ich werde in einer Stunde wieder zurück ſeyn.“ „Aber ich bin ihre Tochter, John, und obwohl das Band der Verwandtſchaft, ſo lange ſie ſich im Wohlſtande befand, nicht ſehr zart oder kräftig war, ſo ſehnt ſich doch mein Herz zu Der, die mich geboren hat und nun ſo freundlos und halb wahnſinnig im Gefängniß fitzt. Ja, ich liebe ſie dennoch— oh, meine Mutter!“ „Nun, nun, Ihr müßt nicht weinen— ſeyd ein gutes Mädchen und ſchwabbert Eure zarten Augen trocken, meine Liebe. Geht mei⸗ netwegen, wenn Ihr es für Eure Pflicht haltet; aber nennt mir nur die Namen der Perſonen, welche Bürgſchaft für ſie leiſten würden.“ „Oh, es gibt deren Viele, Sir John— hier ſind die Adreſſen von Vier, und ich könnte Euch noch mehr nennen. In der That, die Leute ſagen, daß ſie ſehr hart behandelt werde und daß Ihr— ich bitte um Verzeihung, Sir John— an Allem Schuld ſeyd, durch die Vermittlung Eurer vornehmen Freunde und Eurer Rechtsgelehrten. Ich glaube übrigens kein Wort davon.“ „Gott ſegne Euch dafür, mein liebes Mädchen! Geht jetzt zu Eurer Mutter. Ich würde mit Euch gehen— ja und ſogar ſtolz ſeyn auf Eure Begleitung— aber nach Allem, was vorgefallen iſt — Ihr wißt ja, Sue, Euer Ruf könnte darunter nothleiden.“ 4 4 308 „Gut, Sir John; aber mein Ruf iſt durch die Lebensweiſe mei⸗ ner Mutter ſchon allzu ſehr beeinträchtigt worden.— Wahrhaftig, mein kurzes und junges Leben iſt nur ein fortgeſetzter Strom des Elends geweſen, ſeit ich die Schule verlaſſen habe. Aber meine Un⸗ ſchuld muß mich aufrecht erhalten, John— und es gibt Einen, der die Unſchuldigen liebt und hegt mit einer Liebe, die über alle Schran⸗ ken geht.“ „Ihr habt Recht, Suſanna, und mögt Ihr immer wie Pech daran haften. Sagt Eurer Mutter, ich wolle ſie heute Abend noch beſuchen, wenn ich's möglich machen kann. Ich will dann verſuchen, die Raaen mit ihr in's Kreuz zu braſſen und um ihrer Tochter wil⸗ len in Freundſchaft von ihr zu ſcheiden.“ „Wißt Ihr auch Alles, John, was ſie Euch angethan hat und was ſie Euch noch anzuthun wünſcht?“ „Wie ſollt ich's nicht wiſſen? Und ſo, ſeht Ihr, will ich mich nur deſto mehr beſtreben, ihr alles Gute zu erweiſen, was in meinen Kräften ſteht. Der Teufel wird nie ihr Herz umwandeln, aber Ihr werdet's im Stande ſeyn, Suſanna— ich wollte, Ihr wäret meine Tochter und nicht die ihrige.“ „Ein ſehr freundlicher Wunſch von Euch, John, obſchon er nicht der meinige iſt. Ihr könnt mir jetzt nichts mehr ſeyn— nicht ein⸗ mal ein Freund. Ich bin ſehr thöricht geweſen, aber kann, was noch ſchlimmer iſt, meine Thorheit nicht einmal bereuen. Ich war nicht ſo gut, als ich hätte ſeyn ſollen— und doch wie viel beſſer, als mich meine Mutter gerne hätte machen wollen!“ „Ich will Euch ſagen, wie mir's iſt, Sue; und ſo hört denn auf die einfache Rede eines einfachen Matroſen. Es geht mir ver⸗ teufelt zu Herzen, daß Ihr ſagt, wir können nicht mehr Freunde ſeyn; aber das iſt ſo etwas von Euren romanſtiſchen Poſſen, denn 's ſoll Alles in einem blauen Donnerwetter auffliegen, wenn ich weiß, ob ich auf meinem Kopf oder auf meinen Ellenbogen ſtehe. Ich will Euch mehr als Vater ſeyn. Doch laſſen wir das vorderhand. Aber 309 merkt auf mich— wenn Jemand ſagt, Ihr ſeyet nicht gut und nicht tugendhaft, ſo will ich dem Lügner den Kopf zerwalken, bis ich keinen Arm mehr rühren kann, gleichviel, ob ich auch zwanzigmal ein Baronet wäre. Nun, Sue, macht Euch jetzt mit Euren hübſchen Trippelfüßchen auf— und wenn Ihr ein Bischen mehr Farbe in Euer rahmweißes Geſicht kriegen könntet, ſo würde ſich Jack von Herzen darüber freuen. Ich will nicht mit Euch gehen— Ihr wißt warum; und aus demſelbigen Darum will ich Euch auch nicht küſſen. Wenn wir aber einander die Hände drücken, Sue, Ihr wißt wohl, Sue, dies hat durchaus nichts zu ſagen. Gott behüte mich, und ſo heißt Ihr denn dieſes winzige kleine Stück von Wachsarbeit eine Hand? Ich könnte ihrer ein ganzes Dutzend in meine Pfoten ſtauen — und wie weich! Nun, nun, ich will zwiſchen Raa und Maſt ge⸗ klemmt werden, wenn ich je etwas Aehnliches fühlte— aber ſie iſt gewiß wunderbar herzig. Nehmt ſie weg, Ihr Herlein, denn es jückt mich durch den ganzen Arm hinauf— nicht nur bis zur Schulter, ſondern auch ganz quer über die Bruſt herüber. Jetzt geht, und ſo Gott will, bin ich wieder bei Euch und bei Eurer maikäferſtirnigen Mutter, ehe noch eine Stunde um iſt.“ Suſanna entfernte ſich und ließ John im Brüten über die Na⸗ tur ihrer Hände zurück, denn er wußte durchaus nicht, in wie naher Beziehung dieſelben zu dem Herzen ſtehen.„Dieſe Hand iſt wahr⸗ haftig ein bezauberndes Stück göttlicher Arbeit; und ich habe es nie zuvor bemerkt. Meine Fauſt und meine Fünf machen eine wunder⸗ bare Spanne; auch ſind die Enden meiner Finger ſo ſtumpig und ſo hart wie alte Tauſtücke. In der That, ich kann nicht ſagen, daß ſie ſchön ſind, und glaube, ich werde wohl einige Knoten unter Segel rennen müſſen, ehe ich im Stande bin, ein paar Lederhandſchuhe zu finden, die dafür paſſen. Suſannas Hand hat gemacht, daß ich mich meiner Pfoten Tag meines Lebens ſchämen muß. Schätz wohl, die ihrigen ſind wie die der Engel, welche nur dazu gemacht ſind, um die Federn ihrer Flügel und den Sonnenſchein ihrer lichten Haare 310 niederzuſtreichen. Aber Poll— die arme Poll! Sie hat eine Hand, die drei ſolcher werth iſt— das heißt, was ihren Umfang, das Hemd⸗ waſchen und die Kopfnüſſe betrifft, obſchon ein verheiratheter Mann ebenſogut ohne die letzteren ſeyn kann; denn jedenfalls weiß ich auch ein Liedchen davon zu ſingen. Doch Sues winziges Händchen iſt juſt dazu geeignet, ein ſpinngewebdünnes Schnupftuch zu nehmen und eines Mannes Stirne abzuwiſchen, wenn er müde iſt, oder ihm die Wange zu pätſcheln, wenn er ſich glücklich fühlt. Es wäre mir lieb, ihre ſammetige Weichheit nur für eine Minute über meinem Herzen zu haben, damit das Mädel fühlen möchte, wie es darunter ſchlägt. Aber ſie iſt jetzt weit genug weg und ich ſchätze wohl, ich kann meine Segel für meinen eigenen Curs aufklappen, ohne daß die giftträufeln⸗ den Plapperzungen ſagen, ich habe ihr am Abend Geſellſchaft geleiſtet.“ Nachdem Jack dieſes Selbſtgeſpräch, in welchem er ſich beim Auf⸗ und Abſpazieren im Zimmer ergangen, beendigt hatte, brach er auf, um ſeine eigenen Angelegenheiten zu beſorgen. 3 Kehren wir nun um ein paar Stunden zuruck, um Mrs. Snow⸗ drop in ihrer Haſt einen Beſuch abzuſtatten. Da ſie ſich in der letzten Zeit ein Bischen weniger ungeberdig benommen hatte, ſo war ihr ein bequemeres Zimmer angewieſen worden, das übrigens noch immer den trübſeligen Anblick eines Gefängniſſes bot. Es war ſchlecht ge⸗ lüftet und das Licht, jene erſte aller Segnungen, ihr faſt verhaßt ge⸗ worden, weil es ſich durch die Eiſenſtangen eines einzigen Fenſters kämpfen mußte. Der Boden hatte ein Steinpflaſter und die ſpärlichen Möbel waren höchſt unſauber, obſchon das Bumbootweib hieran nicht ſonderlichen Anſtoß genommen haben würde, wenn ſich nicht die Idee der Einſperrung daran geknüpft hätte. Von Jugend auf war ſie an Mühſeligkeiten gewöhnt, und es gab nicht viele Perſonen, die ſich we⸗ niger aus körperlichen Leiden machten, als ſie; aber dennoch wirkte die Beraubung ihrer Freiheit wie Galle und Wermuth auf ihr In⸗ neres. Trotz des ſchrecklichſten Wetters in die Nacht auf der See in ihrem o pflegte ſie vom Morgen bis ffenen Boote zu ſitzen, ohne 311 darüber Beſchwerde zu führen; aber obſchon ſie jetzt mehr Raum zur Bewegung hatte, war ſie doch in Haft, und ſogar die bitterſten Ver⸗ wünſchungen konnten ihrem Herzeleide keine Erleichterung verſchaffen. Das Düſter in ihrem Gemache war wieder ſo tief, wie das eines gewöhnlichen Zimmers im Zwielicht, und ſie begann ungeduldig zu werden. Verzweifelt warf fie ihren ſchwerfälligen Körper auf die eiſerne Bettſtelle, ohne Ruhe zu finden, und dann begann ſie fluchend nach einem der Schließer zu rufen. Dieſer erſchien ſogleich, denn er wußte wohl, daß ſie in der Lage war, ihn gut zu belohnen, und erwies ihr daher ſtets ſeine ſauertöpfiſche Höflichkeit. „Iſt die elende Perſon, meine Tochter, noch immer nicht ge⸗ kommen?“ „Nein, Mrs. Snowdrop; es wird noch immer eine halbe Stunde anſtehen.“ „Eine halbe Stunde? Ihr— Ihr— Ihr ſchlüſſeldrehender Schurke! Warum ſagt Ihr, es werde noch eine halbe Stunde an⸗ ſtehen? Möge bald das Gras auf Eurem Grabe wachſen!“ „Nur nicht ſo grob, wenn ich bitten darf, gute Mrs. Snow⸗ drop. Ihr habt ja ſelbſt zu der jungen Dame geſagt, als ſie Euch unter Thränen in den Augen bat, bei Euch bleiben zu dürfen, ſie ſolle nicht vor acht Uhr kommen. Verlangt Ihr, daß ich Euch die nämlichen Worte, welche Ihr dabei brauchtet, wiederhole 20 „Unterſteht Euch!“ 3 „Sie waren ſehr grauſam— ja, das waren ſie, Mißis.“ „Grauſam? Ich möchte wiſſen, wer in dieſer Schandenwelt freundlich iſt. Kein Menſch auf dem ganzen Erdenrund, als etwa ich ſelbſt. Bin ich nicht immer ſehr wohlwollend gegen Suſanna geweſen? Habe ich ihr nicht die beſte Erziehung gegeben und ſtets im Sinne gehabt, daß ſie, ſo lange ſie lebe, nie eine Hand an's Ge⸗ ſchäft legen ſolle? Und ſie hat's auch nicht gethan, als wenn ſie etwa ſelbſt wollte. Und wie ſie dem Mann nachlief, an dem ſie einen Affen gefreſſen hatte, kümmerte ich mich auch nicht viel auum ob⸗ 312 ſchon mich ihr romanhafter Unſinn anwiderte. Der Mann war gut genug, und als er zuletzt gar Barrenit wurde, da hätte ich mich⸗ mit Freuden für Beide abgerackert, denn habe ich je Mühe, Sorge und Geld an ihnen geſpart? Aber ſie ſind undankbare Beſtieen— beſonders er, der dumme Tropf, der es mit einer geſchminkten Trulle aufgenommen hat— pfui über ſie! Und das Mädel kreuzt dann ruhig ihre Arme und ſagt:„'s iſt ſo am beſten, Mutter. Ja, ich will ihrs zum Beſten machen.“ „Ich könnte Euch etwas ſagen, Mrs. Snowdrop, worüber Euch das Herz vor Freuden tanzen würde; aber ich laſſe es wohl bleiben, wenn Ihr mir nicht verſprecht, Euch freundlich gegen die Miß zu benehmen, wenn ſie wieder kömmt.“ „Pfui über Euch, Ihr Krokodill! Wer hat Euch die Erlaubniß gegeben, Leuten, die beſſer ſind, als Ihr, Bedingungen zu machen? Muß ich Euch nicht für die klägliche Bequemlichkeit einen wahren Wucherpreis zahlen, Ihr Jude, und ſoll ich obendrein noch be⸗ ſchimpft werden? Mir aus den Augen! Gott ſey Dank', daß ich doch noch einen einzigen Freund habe!“ Der getadelte Schließer entfernte ſich, indem er vor ſich hin ſprach: „Ein halsſtarriges Weib— je nun, ſie iſt verrückt, und das iſt das Beſte, was ſich von ihr ſagen läßt.“ 3 „Ja,“ fuhr Mrs. Snowdrop fort, ſobald ſte wieder allein war, „ich habe noch einen Freund— einen wahren Freund. Mr. Seri⸗ vener iſt ein geſcheidter, verſtändiger, geſchmeidiger Mann; aber er iſt nicht mein Freund um ſeiner Geſcheidtheit, ſeines Verſtandes und ſeiner freundlichen Worte willen— obſchon Gott weiß, daß ich jetzt freundliche Worte recht gut brauchen kann— ſondern weil er mir beiſtehen will in meinen Racheplanen gegen jenen Unflath, der mich und meine Tochter verachtet. O daß dieſe Tochter nur ein Bischen von meinem Geiſte hätte! Der gute Herr Serivener, welcher Mitge⸗ fühl mit mir hat, ſagt, ſie müſſe ſchwören, daß er ihr die Ehe ver⸗ 313 ſprochen oder daß er ſie zu Grunde gerichtet habe; und dieſe hart⸗ herzige Elende, die aller ihrer Pflichten gegen mich vergeſſen hat, will weder auf das Eine, noch auf das Andere einen Eid ablegen. Aber bei Gott, ich will ſie ſchon noch dazu zwingen, denn das Eine oder das Andere muß er gethan haben. Warum hat ſie ihre glückliche Heimath, wo ſie Alles im Ueberfluß beſaß, ſammt ihrer liebevollen, nachſichtigen Mutter verlaſſen und ſich allen Beſchwerlichkeiten eines Unterdeckes unterzogen, wenn er ihr nicht etwas verſprach? Ich kann das nicht begreifen. Haben ihr wohl die Bücher etwas dergleichen in den Kopf geſetzt?— Das Mädel iſt zwar blaß und ſchmächtig, aber doch anſehlich genug. Ich habe ihr nie Vorwurfe gemacht und würde fie nie getadelt haben, wenn ſie ſich an die Mannsleute hing— denn mit ihren Ausſichten hat ſie ein Recht, gerade ſo nach Belieben zu handeln, wie ihre Mutter vor ihr; aber dann am Ende doch ſich auf ihre Unſchuld und Tugend zu ſteifen— es iſt zu ſchlimm— und noch viel ſchlimmer, viel tauſendmal ſchlimmer iſt's, daß ſie mir nicht helfen will, wenn ich meinen Groll an dieſem Jack Barrenit auszu⸗ laſſen gedenke. Es gibt kein Pflichtgefühl mehr in der Welt. Alles geht jetzt zu Sechs und Sieben. Ich wette, wenn ſie ſogar ein Kind von dieſem Spitzbuben trüge, was wahrſcheinlich genug iſt, ſo würde ſie es ihm nicht zuſchwören, weil ſie ihre Unſchuld nicht verloren ha⸗ ben will. Fil welch' ein Recht hat ſie, tugendhafter ſeyn zu wollen⸗ als ihre Mutter?— Nicht daß Jemand ſagen könnte, daß ich nicht ein ehrliches Weib ſey. Ich war ſtets meinem Manne treu, ſo lange es dauerte, und gegen einen Mann beſtändig ſeyn, ſo lang man zu ihm hält, iſt Alles, was von einer Frauensperſon erwartet werden kann — wenigſtens in einer Hafenſtadt.“ So fuhr das unglückliche Weib in ihren umnachteten moraliſchen Anſichten fort, ihr Elend zu vermehren, indem ſie ihren Zorn nährte und warm erhielt. Als ihr jedoch am Ende das Uebermaaß ihres Grimmes ſelbſt unbequem wurde, ſuchte ſie Troſt zu holen in dem Gedanken an ihren neugewonnenen Freund Mr. Serivener. 314 „Ja,“ rief ſie,„er wird mir zu meiner Nache helfen— wird nicht dulden, daß einer verlaſſenen Wittwe fortwährend Unrecht und Kränkung widerfährt— aber er hätte mich inzwiſchen doch gegen Bürgſchaft auf freien Fuß bringen können. Aber nein, ich thue ihm Unrecht und das ſoll nicht geſchehen. Iſt es nicht eine Spottſchande, mich hier einzuſperren, weil ſich einige Narren gegenſeitig die Schädel zerſchlagen haben? Ich warf nur mit faulen Eiern, Miſt, todten Katzen und andern unſchädlichen Dingen. Da ſoll man mir von Un⸗ terthanenfreiheit ſprechen! Worin beſtehen die Rechte einer freigebor⸗ nen Engländerin, wenn ſie nicht todtes Fleiſch nach einem Stück auf⸗ geflickten und gemalten Aaſes, wie Lady Truepenny iſt, werfen darf, ſobald man dieſelbe gratis und umſonſt an ihrem eigenen Pranger ſtehen ſteht! Eine ſaubere Lady dies! Mr. Scrivener, mein Freund, wo ſeyd Ihr? Eurem Verſprechen gemäß ſolltet Ihr ſchon eine Stunde hier ſeyn; aber ich zweifle nicht, daß Ihr bemüht ſeyd, Ener Beſtes fuͤr mich zu thun!“ Die Thüre ging auf und der Schließer brachte mit einem grin⸗ fenden Geſichte einen Brief herein. In demſelben Augenblicke glitt eine Geſtalt an ihm vorbei und ſetzte ſich in der dunkelſten Ecke des Zimmers auf das Bette. Mrs. Snowdrop bemerkte dies in der Haſt, mit welcher ſie auf den Brief losfuhr, nicht. Nachdem ſie denſelben in Empfang genommen, ſchob ſie den Mann wieder hinaus, trat an das ſchnell entſchwindende Licht des Fenſters und begann zu leſen. Ihr breites, ſchwärzliches Geſicht, auf deſſen Wangen das Roth der Geſundheit glühte, ihre ſchwerfällige, aber doch rührige Ge⸗ ſtalt und ihre volle ſchlecht unterſtützte Bruſt ließen ſie mit einem⸗ male kräftig und ſchlumpig erſcheinen. Ihre Augen und ihre Haare waren ſo ſchwarz, wie die einer Zigeunerin, und ihre ſchmutzige Haube war gegen die eine Seite ihres Kopſes gedrückt. Aber dennoch lag eine gewiſſe Regelmäßigkeit in ihren Zügen und in dem verein⸗ ten Ausdruck derſelben große Verſchmitztheit. Ihr Geſicht konnte mit einem rauchbraunen, aber doch inhaltsvollen Buche verglichen 4. 315 werden, in welchem alle Leidenſchaften in den grellſten Farben ent⸗ wickelt ſind, und ſie ſuchte kein Blatt deſſelben zu verbergen, da ſte ſich allein glaubte. Der Uebergang von Neugierde durch verſchie⸗ dene widerſtreitende Aufregungen, bis ſie endlich in wahnſinnige Wuth gerieth, fand allmählig, ergreifend und faſt großartig ſtatt. Die tragiſche Miene einer Prieſterin des Fluches war vorhanden, obgleich die Sprache der tragiſchen Muſe fehlte. Mit einem Blicke des Vergnügens entfaltete ſie das Papier und begann deſſen Inhalt mit jener gemüthlichen Selbſtzufrieden⸗ heit, mit welcher ein Epikuräer ſich zu einem Lieblingsgerichte nie⸗ derſetzen würde, zu verſchlingen. Sie las laut und machte im Le⸗ ſen ihre Bemerkungen. „„Meine theure Madame!“(Der vortreffliche Mann! ja, nur ein ächter Gentleman weiß, wie man eine achtbare Perſon behan⸗ deln muß, die ein Haus und Kapitalien beſitzt.)„Ich würde mir ſchon früher die Ehre genommen haben, Euch die Hand zu küſſen,“ —(mir die Hand zu küſſen?“ fügte ſie bei, indem ſie ihre Mon⸗ ſtroſitäten betrachtete, die nur wenig kleiner, aber viel ſchwärzer waren, als die Hände Jacks, unſers wackeren Helden.„Mir die Hand zu küſſen? Nun, das iſt höflich; freilich kann man ſie nicht wohl immer ſo rein halten, als man gerne wünſchte. Ich bin überzeugt, er möchte meine Lippen küſſen, und es follte ihm von Herzen gegönnt ſeyn. Ja der Tauſond, wir find noch nicht ſo alt — ſo wahr ich ehrlich bin, noch nicht fünfunddreißig— und er iſt ein Wittwer, wahrſcheinlich auch noch nicht fünfzig. Vielleicht hörte er von meinen Dreiprocentern und meinem Kapital in der Bank. Möchte mich doch einmal hübſch herausgeputzt ſehen— und ſchätz wohl, er würde ſich auch darüber freuen. Wenn ich aufgeſchnürt wäre, wie Suſanne, oder gemalt, wie jene ſchändliche Poll, ſo glaube ich, ich würde mich ſelbſt nicht kennen. Aber freilich, wenn man ſeine zwölf Stunden in einem fort unter Hammelsſchlegeln, weichem Brod, Kohl, Rüben und Kartoffeln im Boot ſitzen muß, — 316 ſo kömmt das dem unteren Geſtelle nicht ſonderlich zu Statten und man kriegt ein etwas quatſcheliges Ausſehen. Das Marketendern kann ich übrigens aufgeben, ſobald es mir beliebt, und wenn ich's thue, ſo wachſe ich vielleicht wieder ein Bischen zurück. Nun, will ſehen, was der liebe Mann außer dem noch ſagt; es iſt eine wahre Labung, ſeine Billiduh zu leſen— dazu noch eine ſo ſchöne ein⸗ fache Handſchrift!)—„Euch die Hand zu küſſen; aber eine reif⸗ liche Berückſichtigung Eurer Intereſſen hat allein meinen allzube⸗ reitwilligen Dienſten Halt geboten.“(Die freundliche Seele! Aber er brauchte nicht ſo viele Umſtände zu machen.)„Dieſe Berück⸗ ſichtigung hat mich zu einer ernſtlichen Erwägung der Verhältniſſe ge⸗ führt, in welcher wir uns gegenſeitig, was die Eigenſchaft des Rechtsfreunds und der Clientin betrifft, befinden.“(Clientin?— was iſt eine Clientin? Ich glaube, es zu wiſſen, bin's aber doch nicht ganz überzeugt— wenn nur Suſanne hier wäre— Clientin muß etwas ſehr Gutes bedeuten, ſonſt würde er mich nicht ſo nennen.) „Es wird mir eine ſchmerzliche Pflicht, meine theure Madame, Euch mittheilen zu müſſen, daß ich genöthigt bin, dieſes Band für immer zu trennen.(Nun, hat nichts zu ſagen— ich ſehe keinen Grund ein, etwas Schmerzliches darin zu finden— mag das Band auch hin ſeyn— es gibt noch viele beſſere— Suſanna hat ſchon ſtun⸗ denlang von Bändern geſprochen— Bande der Liebe, Bande der Freundſchaft— Bande der Ehe— die letzteren gefallen mir im Grunde am beſten. Und der luſtige Matros hat auch ſeine Bande — ſeine langen Bande, ſeine kurzen Bande, ſeine Marsſegelbande; aber alle dieſe Bande können brechen und es gibt nur ein einziges, das Männer und Weiber überlebt, ich meine das des Meiſters Knüpfauf.'s iſt übrigens kurios, daß mir dies in dem nämlichen Augenblick zu Sinne kommt, wenn ich an den lieben Mr. Scrivener denke— freilich leichte Herzen kommen auf allerlei leichte Vorſtellungen. Wir wollen fortleſen.) ‚Meine Chre, mein Gewiſſen und die Reinheit meiner Abſichten⸗(Reinheit der Abſichten iſt gut— das gefällt 317 mir)—, haben mich bewogen, unſere verwickelten Stellungen ruhig zu überblicken— erſtlich, ſofern Ihr und ich dabei in Frage kom⸗ men; zweitens, was meinen alten, geachteten Freund, den Sir John Truepenny und mich betrifft; drittens, inwieweit dieſer vor⸗ treffliche Baronet und Ihr ſelbſt dabei betheiligt ſeyd, und viertens, ſoferne die gegenſeitigen Beziehungen von uns Allen einzeln und zuſammengenommen in Betracht gezogen werden müſſen.“ Sobald Mrs. Snowdrop dieſen Satz zweimal ganz überleſen hatte, wurden ihre Züge ſtarr und ihre Stirne umwölkte ſich. „Er ſpricht da von einem alten geachteten und vortrefflichen Freund. Kann er damit jenen ſchmutzigen Jack meinen? Ja,'s iſt wahrhaftig ſo! Wie, lebe ich wirklich noch— und wenn es der Fall iſt, bin ich nicht etwa toll geworden? Erſt dieſen Morgen noch war keine Schimpfrede ſchlimm genug für ihn. Und was dieſe erſtlich, zweitens und andere Schnurrpfeifereien heißen mögen, ſo iſt all dies hebräiſch griechiſch für mich. In der That, ich glaube, daß er am Ende doch ein Spitzbube iſt. O, ich unglückliche ver⸗ laſſene Frau! Was weiß denn der Herr Beutelſchneider noch weiter?— Wenn Ihr alle dieſe Rückſichten ſo reiflich erwägen wollt, wie ich es gethan habe, ſo werdet Ihr Euch freuen, wenn ich Euch mit⸗ theile, daß ich zu dem Schluſſe gekommen bin, es ſey höchſt un⸗ ehrenhaft von meiner Seite, feindſelig gegen einen Mann zu han⸗ deln, der mich als ſeinen beſten und erſten Freund betrachten muß, ſintemalen ich die Kette von Beweiſen veranlaßte und zur Reife brachte, welche damit ſchloſſen, daß er als der unbezweifelte Erbe in den rechtmäßigen Beſitz ſeines Ranges und Vermögens eingeſetzt wurde.“(Da iſt Verrath! Der Spitzbube hat alles dieſes ſchon heute Morgen gewußt. Doch was kommt weiter.) ‚„Deßhalb muß ich achtungsvoll jeden weiteren Verkehr mit Euch ablehnen, um dadurch nicht Sir John Anſtoß zu geben.-(O, iſt es ſchon ſo weit— iſt es ſchon ſo weit gekommen!)„Ich möchte zwar nicht gerade ſo weit gehen, um Euch zu rathen, daß Ihr alles Prozeſſtren 318 gegen dieſe hochgeſtellte Perſon aufgeben ſollt— denn mit gutem Gewiſſen kann ich Niemand empfehlen, einen Prozeß zu vermeiden— aber dennoch muß ich Euch auf's Beſtimmteſte erklären, daß ich aus Achtung gegen Sir John in der Sache nichts Weiteres thun kann. Ich zweifle nicht, daß die hieſigen Attorneys Meſſers Totter⸗ claw und Klubfoot die nämlichen Klagen zu Eurer völligen Zufrie⸗ denheit durchführen werden. Und nun, Madame, da wir fortan allen gegenſeitigen Verkehr abbrechen, wird es Euch obliegen, meine kleine Rechnung, laut beifolgender Specification im Betrage von neunzehn Pfunden und einem Bruchtheile, unterſchiedliche legale Dienſte betreffend, zu tilgen. Ich muß Euch deßhalb erſuchen, mir unver⸗ weilt zwanzig Pfund einzuhändigen— denn ſo viel macht die Summe genau aus, wenn ich Euch für gegenwärtigen Brief dreizehn Schil⸗ linge und vier Pence anrechne. Im Uebrigen verbleibe ich Euer gehorſamer Diener Simon Scrivener. Nachſchrift. Was Eure Befreiung gegen Bürgſchaft betrifft, ſo würde es höchſt un⸗ paſſend ſeyn, wenn ich darin irgend einen Schritt thun wollte, da Eure fernere Gefangenſchaft Sir John Truepenny angenehm ſeyn könnte, indem ſie ihn gegen alle rohen Angriffe auf ſeine Perſon und gegen die Widerlichkeit gemeiner Schimpfreden ſichern wird.“ Mrs. Snowdrop las den letztern Theil dieſes Briefs ſehr ſchnell und brach dann in eine ſchreckliche Wuth aus. Sie liebte ihr Geld ſehr, und aus dem gegenwärtigen Dokumente glaubte ſie erſehen zu müſſen, daß nicht nur einige hundert Pfund für ſie verloren ſeyen, ſondern auch der Mann, den ſie ſo ungerechterweiſe für ihren Feind hielt, den vollkommenſten Triumph über ſie davon getragen habe. Der Zorn der Großen des Reiches gilt für inte⸗ reſſant, wenigſtens in einem Buche— der eines Prinzen von Ge⸗ blüt wird mit Gier beobachtet, und man lauſcht mit Aufmerkſam⸗ keit auf ſeine Ausbrüche— aber wenn die Majeſtät in Leidenſchaft zu gerathen beginnt, wie erhaben iſt dann nicht die Betrachtung ihrer Ueberſpanntheiten! Doch in dem Ange eines wahrhaft philo⸗ 319 ſophiſchen Beobachters ſind Menſchenſeelen und Menſchenzorn ganz gleich; jedenfalls zeigt der kurze Wahnſinn des letzteren in ſeiner äußern Erſcheinung bei allen Perſonen eine wunderbare Aehnlichkeit, und was die Kraft des Ausdruckes oder natürliche Energie betrifft, ſo möchte ich wohl die Wuth der Bumbootfrau dem mehr geregelten Grimm eines Premierminiſters vorziehen. Wir wiſſen wohl, welche von dieſen Leidenſchaften die gemeinſte iſt. Das Bumbootweib kann ſich in dem Ausdrucke ihrer gereizten Seele bis zum Erhabenen heben; aber die Großen der Erde ſind verächtlich klein und gemein, wenn ſie den Banden des Zornes verfallen und aufhören, ſich mit den Künſteleien ihrer Stellung zu umgeben. Mrs. Snowdrop zerraufte ihr Haar— König David konnte nicht mehr thun. Sie goß in ſchlagender und bilderreicher Sprache bittere Fluche über das Haupt ihres Feindes aus— Flüche, wie ſie dem Grolle jüdiſcher Herrſcher entſprudeln mochten, ohne übri⸗ gens großartiger zu ſeyn. Die Verwünſchungen geben gewiß dem Elend eine große Erleickterung und ſind von dieſem Standpunkte aus nicht zu verachten, um ſo weniger, da ſie von Anbeginn an den Menſchen begleitet haben. Sie ſind übrigens gottlos, da fie mit der Sünde in die Welt kamen, und noch obendrein in der Regel für Zeugen ſehr anſtößig, weßhalb wir die wilderen Aus⸗ brüche von Mrs. Snowdrops Wuth mit Stillſchweigen übergehen und die arme Frau nur in den Augenblicken betrachten wollen, als das Gefühl der Verlaſſenheit ſchwarz und ſchrecklich ſich ihrer Seele bemächtigte. Sobald auch das ſteinharteſte Herz nach Mitleid umherblickt, fängt es an, ſich zu erweichen, und moͤchte gerne ein wenig Scho⸗ nung üben, damit ihm ſelbſt Schonung zu Theil werde. Es iſt dann nicht mehr abſolut ſelbſtfüchtig, denn es hat unwillkührlich die Entdeckung gemacht, daß es außer ſeinem Ich noch etwas Ande⸗ res nöthig hat. 8 „Oh, dieſe Folter— ich vermag ſie nicht zu tragen— der 320 Druck laſtet zu ſchwer auf mir. Sie haben die eiſerne Hand und das bereitwillige Herz— ſie ſind oben und, ach! um wie viel kräf⸗ tiger, als ich, das unglückliche arme Weib! Ich habe keinen Be⸗ ſchützer— Niemand, der mir an die Seite träte— ja, wohl bin ich einſam— einſam— recht einſam und verlaſſen. Todtſchlagen ſollte man dieſen ſpitzbübiſchen Advokaten— ihn ganz und gar von der lieben Erde vertilgen— er macht die Leute elend und verhöhnt ſte hintendrein. Kann der Teufel etwas Schlimmeres thun? Ich habe Leib und Seele mit rauher Koſt genährt; aber dennoch kann ich die Beſchimpfung fühlen, und ſie ſchneidet mir bis auf's Gebein. Ich weiß— ich weiß, ich bin eine arme, verlaſſene Elende. Ich kenne keinen großartigen Namen für ein ſchmutziges Treiben und weiß nicht, wie ich einer ſchnöden Handlung durch hochtönende Titel einen Firniß geben ſoll. Ein Gentleman ſchneidet ſeinem Feinde die Kehle ab oder ſchießt ihn mit einer Piſtolenkugel zu Tode— ich gehe dem meinigen mit ein paar Eiern zu Leibe. Die Ermordung des Einen iſt eine ehrenhafte Genugthuung, meine Handlung aber ein gemeiner Angriff. Doch ich bin ganz verlaſſen— ganz— keine Freunde— keine Stützen. Einmal hatte ich eine Tochter, aber ſie iſt hinübergegangen zu dem Feinde. Ich möchte niederknieen und auch ihr fluchen; wenn ich aber daran denke, wie ſie als ein kleines winziges Ding war, ſo kann ich's nicht.“. „Der Himmel ſegne Euch für dieſes Wort, meine liebe theure Mutter!“ rief jetzt Suſanna, die aus der Dunkelheit hervorkam und ihre Arme um Mrs. Snowdrops Nacken ſchlang. „Hinweg von mir, Du Viper!“ „Keine Viper, theure Mutter, ſondern eine liebende Tochter. Euer Herz iſt noch immer bei mir— Ihr könnt es nicht läugnen.“ „Auch eine pflichtliche?“ „Ja, auch eine pflichtliche Tochter. Lehrt mich Euer gefährli⸗ ches Gewerbe, Mutter— kein ſtürmiſches Wetter, keine Kälte ſoll mich je von der See zurückhalten— und ebenſo wenig wird mich — — 321 die roheſte Behandlung bewegen, Eure Intereſſen zu vernachläſſigen. Bleibt zu Hauſe— erfreut Euch Eurer Ruhe. Ich will ja gern jedes Opfer, das Ihr fordern könnt, jedes Geſchäft, jede Anſtrengung auf mich nehmen— ja ich will Alles, Alles mit Freuden thun; nur fordert nicht, daß ich ſchwören ſoll, John Truepenny habe mir die Ehe verſprochen oder ſich irgend eine ungebührliche Freiheit gegen mich erlaubt.“ „Das ſind ja ganz ſchöne Worte, Jungfer! Was die Arbeit betrifft, die Du ſo freundlich meinen Händen abnehmen willſt, ſo kann ich Dir nur ſagen, daß ich Dir für dieſes Gefühl danke; aber wenn es auch nicht immer ein Vergnügen für mich iſt, ſo würde ich doch ohne daſſelbe nicht glücklich ſeyn können, denn ich bin dar⸗ an gewöhnt. Doch dieſe Alfanzerei mit Dir und dem Jack da— wer hat je gehört, daß ein Mädchen einem jungen Kerl an Bord eines Kriegsſchiffs nachgelaufen wäre, bloß um ihre Tugend zu be⸗ wahren und lange Garne aus den Buͤchern darüber zu ſpinnen? Un⸗ ſinn, Unſinn! Wenn Du auch ein paar Fehltritte gethan haſt, ſo bin ich juſt die Mutter, die Dir an die Seite treten kann, denn ich weiß, was es iſt, ein Weib zu ſeyn, und welche Verſuchungen man zu befahren hat. Benimm Dich gegen mich, wie ich mich gegen Dich— ſey ehrlich und aufrichtig— hilf mir, meinen Groll gegen dieſen Pilz von einem Matroſen, der uns beide ſo ſchäbig behan⸗ delt hat, zu verfolgen.“ „Wißt Ihr auch, theure Mutter, daß in dem, was Ihr mir geſagt habt, viel, ſehr viel Liebe und Wohlwollen iſt, obſchon Ihr Euch einreden möchtet, daß ich meine Ehre verſcherzt habe? Gott weiß, daß ich nach dem unklugen und ſündigen Schritte, den ich gethan, kein Recht habe, auf meinen Ruf zu pochen. Er iſt dahin, und ich habe dieſe ſchreckliche Strafe reichlich verdient; aber dennoch liegt für mich ein Troſt darin, daß ich weder der Handlung ſelbſt, noch der Abſicht eine Schuld zum Vorwurf machen kann. Ich habe Marryat's W. XX. Jack am Lande. 21 —— 322 von Prinzeſſinnen geleſen, die ihren Liebhabern als Pagen verkleidet folgten— mein Urtheil war damals noch nicht durch das Elend geſchärft, und wenn je in einem weiblichen Herzen Wahrheit war, ſo dürft Ihr mir glauben, Mutter, daß ich nicht zu John an Bord ging, um ſeine Geliebte, ſondern nur um ſeine Magd und Sklavin zu ſeyn. Erhatte mir das Leben gerettet und erſchien mir in einem ſo großartigen herrlichen Lichte! Wie wacker warf er die ſprudeln⸗ den Wellen bei Seite, als ich in die See hinausſchwamm— ſie trugen ihn dahin, wie ein wildes Roß ſeinen Reiter! Wie maje⸗ ſtätiſch ſchüttelte er das Naß aus ſeinen krauſen Locken, und werde ich je den Blick der Hoffnung und Ermuthigung vergeſſen, als er ſeinen linken Arm um mich ſchlang und ſagte— ‚fürchtet Euch nicht, hübſches Mädchen! Nichts als eine kleine Tunke; haltet nur den Kopf in die Höhe und ſeht mich an. So iſt's recht, Mädchen — Ihr ſeyd die einzige gut ausſehende Meerjungfer, auf die ich je meine Gucker geklappt habe. Es waren zwar nur gemeine Worte, Mutter, aber werde ich ſie je vergeſſen? Nie— nie— nie! Sie tauchen in meiner Erinnerung auf, ſo oft ich allein bin, und ich meine, ſie mitten durch das Gelächter eines frohen Gedränges zu hören. Wie oft wurden meine Träͤume dadurch geſegnet! In ge⸗ ſunden Tagen ſind ſie meine Wonne— in der Stunde der Krank⸗ heit werden ſie mein Troſt ſeyn; und wenn ſie, während mich be⸗ reits der Todesengel erfaßt hat, mir noch auf den Lippen ſchweben, ſo werde ich glücklich ſterben!“ „Tochter, mit Dir iſt's weit gekommen. Du liebſt dieſen Jack Barroneit.“ „Freilich, Mutter, und mit einer Innigkeit, mit einer Anbetung, die ebenſo ſehr der Religion, als der Liebe angehört. Er iſt ein edler Mann, Mutter— eine ſehr edle Seele, und doch weiß er es bis jetzt ſelbſt noch nicht. Soll ich an den Anſchlägen theilnehmen, welche geſchmiedet werden, um ihm zu ſchaden? Ich habe Euch nur wenig zu bieten, Mutter— mein Leben iſt nicht viel werth und 323 meine Seele kann ich Euch nicht geben— aber ich würde mit Freu⸗ den das eine aufgeben und faſt auch die andere daran ſetzen, wenn ich ihm Euer Herz zuwenden und Euch bewegen könnte, ihn mit mehr Liebe zu behandeln.“ „Er will mich um ſo viel Geld betrügen. Er ſoll mir nur Gerechtigkeit widerfahren laſſen, und ich will ihm vergeben.“ „Euch betrügen, Mutter? Wie wenig kenn Ihr ihn! Er iſt bei mir geweſen— ja, dieſer herrliche Mann iſt bei mir geweſen— er kam nach unſerem Hauſe, um mit Euch Frieden zu ſchließen, denn er wußte nichts von Eurer Gefangenſchaft! Oh, und wie freundlich redete er von Euch!“ „Iſt dies wahr? Nun, vielleicht— aber ich ſage nur viel⸗ leicht— habe ich ihn doch zu hart behandelt, obſchon dieſer Drache, die bemalte Poll am meiſten daran Schuld iſt. Wie iſt denn der arme Tropf ſobald von ſeinem züchtigen und erröthenden Weibe losgeworden?“— „O Mutter, Poll iſt nicht ſeine Frau. Das arme Geſchöpf i*ſt jetzt in dem Grafſchaftsgefängniß eingeſperrt, wo ihr der Prozeß auf Leben und Tod gemacht werden ſoll, weil ſie ſchon zwei Män⸗ ner geheirathet hatte, ehe ſie mit John an den Altar trat. Sie ſieht einem ſchimpflichen Tode entgegen.“ Bis auf dieſen Augenblick hatte Mrs. Snowdrop die Liebko⸗ ſungen ihrer Tochter nur halb und mit Widerſtreben geduldet; aber als ſie dieſe Mittheilung vernahm, ſprang ſie von ihrem Stuhle auf, faßte Suſanna mit ihren ſchweren, ſtarken Händen an der Schulter, rüttelte ſie mit einem triumphirenden Blicke und rief in einem ſeltſamen Tone, der zwiſchen Brüllen und Lachen mitten inne ſtand:. „Tochter, iſt dies wahr? Sage es noch einmal und gib mir die Verſicherung, daß es wahr iſt, ſo will ich Dir vergeben und Dich ſegnen!“ * 324 „Ach Mutter!“ entgegnete das arme Mädchen mit reichlich ent⸗ ſtrömenden Thränen,„es iſt nur zu wahr.“ „Gott, ich danke Dir! Jetzt bin ich gerächt! Aber ich will noch einen ſüßeren Biſſen koſten— ja und wenn ich hundert Gui⸗ neen daran rücken müßte— ich will mich in ihrem letzten Augen⸗ blicke an ihre Seite drängen und ihrer Todesangſt Hohn ſprechen.“ „Mutter, das iſt ſchrecklich— das iſt gottlos! Sie iſt in den Händen des Geſetzes und wird bald vor dem Richterſtuhle ihres Got⸗ tes ſtehen. Das Geſetz ihrer Mitmenſchen verhängt wahrſcheinlich über ſie den Tod einer Verbrecherin, und doch läßt ihr vielleicht Gott Verzeihung zu Theil werden. Knicke nicht das gebeugte Rohr — ſetze Deinen Fuß nicht auf das Haupt Deſſen, der in den Staub gedrückt iſt. Sie kann Euch fortan nur ein Gegenſtand des Mit⸗ leids ſeyn— laßt ihr aber auch Eure Vergebung zu Theil werden. Mutter, liebe Mutter, ein ſchönes Licht würde in Eurem Herzen aufgehen und die dunkle Wolke aus Eurem Gehirne verſcheuchen, wenn Ihr niederknieen und für ſie beten wolltet. Verſucht es— ja, verſucht es jetzt.“ „Du kleine Drängerin, willſt Du aus Deiner alten Mutter eine Närrin machen?“ entgegnete Mrs. Snowdrop ſehr beſänftigt. „Ich habe in vielen Jahren nicht gebetet— die Worte würden mir im Halſe ſtecken bleiben und mich erſticken. Wenn ich wieder ein⸗ mal anfangen will, wird es einen ſchweren Kampf koſten; aber Dir zu Liebe will ich es thun, Tochter.“ „Möge Euch Gott ebenſoſehr dafür ſegnen, wie ich! Aber gebt mir jetzt die Verſicherung, daß Ihr der Aermſten verziehen habt, und wünſcht ihr im Angeſichte des göttlichen Richterſtuhls hienieden und jenſeits Errettung.“ „Ich vergebe dieſer Perſon aus dem Grunde meines Herzens und möge ſie jetzt vor den Menſchen, wie auch jenſeits vor Gott Gnade finden.“ „O meine Mutter!“ rief Suſanna, ſich abermals in ihre Arme 325 werfend und ſie entzückt küſſend,„jetzt bin ich ſo glücklich, wie ich es in Jahren nicht geweſen bin; aber ich fühle mich ſeltſam ermat⸗ tet. Laßt mich hier ſchlafen— nur eine kleine Weile— wie ich ſonſt zu thun pflegte, als ich noch ein kleines Kind war. Darf ich, Mutter? Es iſt ſo köſtlich!“ 4 Mrs. Snowdrop antwortete nur durch eine zärtliche Umar⸗ mung und drückte das bleiche Antlitz ihrer ſchmächtigen Tochter an ihre Bruſt, wo Suſanna unbeweglich ruhen blieb. Die Thränen traten ihr in's Auge, anfangs freilich nur widerſtrebend— aber die Liebe hatte ihr Herz geöffnet, und bald fand ſie Frieden und Glück in einem reichlichen Weinen, während ihre Tochter, in ihren Armen eingewiegt, ſchlummerte. Aber dieſe Scenen waren nicht ohne Zeugen geweſen; der Schließer hatte Sir Edward und Sir John eingelaſſen. Sie blieben im Zwielicht unbemerkt, und da ſie im Augenblicke die Mutter und Tochter nicht unterbrechen wollten, ſo zogen ſie ſich ſtumm wieder zurück. Beide waren ſehr ergriffen und Jack empfand Gefühle in ſeinem Innern, die er nicht recht begreifen konnte. Als ſie in dem Zimmer des Schließers ſaßen, fragte Sir Edward ſeinen Vetter, wie alt Suſanna ſey. „Noch nicht ſiebenzehn, und doch hat das ſchmuck aufgebaute kleine Fahrzeug Verſtand genug für Siebenzig.“ „Sie beſitzt Tugend und Herzensgüte genug, um für die Laſter⸗ haftigkeit dieſes zügelloſen Seehafens mehr als zur Hälfte Sühne zu leiſten. Erzählt mir ihre ganze Geſchichte, lieber Vetter.“ Jack entſprach dieſem Anſinnen in ſeiner einfachen ungebunde⸗ nen Weiſe und war eben damit fertig geworden, als Mrs. Snow⸗ drop nach Licht rief. Wie ſie dies vernahmen, folgerten ſie daraus, daß Mutter und Tochter ſich hinreichend gefaßt haben müßten, um einen Beſuch ertragen zu können, weshalb ſie mit dem Lichte eintraten. 326 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Beginnt mit freundlichem Benehmen— bereinigt allerlei Rechnungen und gibt Allem eine angenehme Geſtaltung.— Eine Kutſchenfahrt.— Lauſcher hören ſelten viel Gutes von ſich, obſchon ſie oft Dinge hören, die ihnen gut thun.— Jack ſpeist unterwegs und wirft nachher ein Mitglied der Geſellſchaft zum Fenſter hinaus. „Nun Mutter,“ ſagte Jack nach vielem anderweitigen Geſpräch, „ſo haben wir alſo unſere Raaen in's Kreuz gebraßt. Wir können wieder neben einander Anker werfen und uns für den Nothfall eine freundliche Hand bieten.“ „John Truepenny,“ verſetzte das Bumbootweib,„wir Beide haben uns gewaltig dumm benommen. Allees iſt in der letzten Zeit auf eine Weiſe gegangen, daß ich es nicht begreifen kann, und je weniger man davon ſpricht, deſto beſſer iſts. Eine Kuh nimmt ſich übel genug aus bei'm Tanzen, von wegen ihrer geſpaltenen Füße, und, ich kann nicht gut bergauf gehen,“ ſagt der Schleifſtein. Aus Allem ſehe ich aber, daß ich meine Finger in eine Paſtete geſteckt habe, die mich nichts augeht, und ſo muß ich wohl den Bäckerlohn bezahlen, der mich auf einige Hunderte zu ſtehen kömmt.“ „Auf keinen Heller, Mutter— auf keinen Heller. Wir wollen die Sache ſchon in's Reine bringen.“ 8 „Ihr ſeyd ſehr gütig, Sir John, und ſeht recht luſtig und gut aus, was mich ſehr freut; aber das Geſetz und die Advokaten ſind alle auf Eurer Seite, und ich ſchätze wohl, ich werde hier im Gefängniſſe verfaulen müſſen, bis ein oder der andere Narrenkopf geheilt iſt, an deſſen Zerbrechen ich ebenſo wenig Schuld bin als Ihr.“ „Nein, Euer Anker iſt aufgezogen, und Ihr könnt ihn anholen und nach Hauſe ſteuern, ſobald Ihr wollt. Dieſer Gentleman hier, 8 327 der mir erlaubt, ihn als Vetter anzureden, iſt Sir Edward For⸗ tintower, und da er die Gabe der Rede hat, ſo wird er Euch die Artikel vorleſen.“ Das Bumbootweib machte vor Sir Edward einen ſehr tiefen Knix, kreuzte die Arme vor ſich und harrte mit der Miene tiefer Ehrerbietung, bis er ſpräche. „Mrs. Snowdrop,“ begann Sir Edward,„ich mache Eure Bekanntſchaft in einem glücklichen Augenblick. Es ſteht Euch frei, unverweilt nach Hauſe zu gehen. Der Befehl zu Eurer Entlaſſung iſt bereits in den Händen dos Kerkermeiſters. Ich habe gegen das Gericht die Verantwortlichkeit übernommen, daß Ihr morgen die Bürgſchaft leiſten wollt, die man Euch wegen Erſcheinens vor den nächſten Aſſiſen, im Falle Ihr wegen Tumults und Friedensbruches angeklagt werden ſolltet, abfordern wird. Indeß iſt es nicht wahr⸗ ſcheinlich, daß irgend Jemand Klage erhebt, denn wir haben unter⸗ ſchiedliche kleine Angelegenheiten, welche aus der durch Euch veran⸗ laßten Störung von meines Vetters Proceſſion hervorgingen, bereits beigelegt. Es ſcheint, Ihr ſeyd hauptſächlich durch Euern eigenen Rechtsgelehrten hier feſtgehalten worden, der wohl beſondere Zwecke dabei im Auge haben mochte.“ „Der Spitzbube! Lest dies, Sir Edward,“ erwiederte Mrs, Snowdrop, indem ſie ihm Mr. Scriveners Schreiben aushändigte. „Ich kann da weiter nicht ſagen, Mrs. Snowdrop, als daß Ihr Eure Erlöſung von ihm mit zwanzig Pfunden ſehr wohlfeil erkauft habt, wenn anders Sir John Truepenny Euch hier im Scha⸗ den laſſen will.“ „Nein, um meinetwillen ſoll Mutter Snowdrop keinen Schuß ausblechen; dabei hat's ſein unabänderliches Verbleiben.“ „Mein Vetter betrachtet die Sache ganz vom billigen und ehrenhaften Geſichtspunkte, Mrs. Snowdrop. Hier iſt Dinte und Feder— wir müſſen jetzt an Geſchäftsangelegenheiten gehen.“ Zum großen Erſtaunen des Bumbootsweibs und zur grenzen⸗ — . 328 loſen Bewunderung ihrer Tochter wurden nun Anweiſungen auf die Portsmouther Bank ausgeſtellt, die Mrs. Snowdrop für alle Koſten entſchädigten, denen ſie ſich während Jacks toller Woche unterzogen hatte. Das Ganze belief ſich mit Einſchluß der Gerichtskoſten faſt auf fünfhundert Pfund; denn außer der betrüglichen Rechnung des Wirths zu den blauen Pfoſten und den hundertunddreißig Pfunden, welche Mr. Scrivener zu fordern hatte, zahlte ſie auch Jack reich⸗ lich für die Auslagen, welchen ſie ſich unterzogen, als ſie ihn an's Land holte, und fügte noch zwanzig Pfund für Mr. Seriveners letzte Anrechnung bei. Mrs. Snowdrops Freude und Dankbarkeit konnte keine Worte finden; aber die gewaltige Aufregung kam ihr ungemein zu Statten und übte eine dauernde, höchſt wohlthätige Nachwirkung. Nachdem alles dies bereinigt und quittirt war, begann Jack, ohne Rückſicht auf den Puder, den er ſich vor ſeinem Beſuche bei Sir Edward haſtig auf's Neue hatte in's Haar ſtreuen laſſen, ſei⸗ nen Kopf ſo heftig zu kratzen, daß der weiße Staub in Schauern umherflog. Derartige Heimſuchungen ſeiner Schädelſchwarte waren ein unfehlbares Merkzeichen, daß ſich Jack in Verlegenheit befand — nicht ſo faſt wegen Gedanken, denn Niemand war wohl in die⸗ ſem Augenblicke reichlicher damit heimgeſucht, als er, ſondern weil es ihm an Worten fehlte, um dieſelben in einer geeigneten Weiſe auszudrücken. „Nun,“ ſagte er,„ich kann's nicht vom Stapel laſſen— das iſt klar; und doch muß ich's verſuchen. Mrs. Snowdrop, ich möchte Euch zu wiſſen thun, daß Ihr mir hauptſächlich um einer Sache willen gefallt— nämlich wegen Eures Muthes.“ „Danke Euch, Sir John; ich habe meiner Zeit wohl ein Bischen zu viel gehabt. Ein gutes Feuer iſt ſchon recht, aber wenn es Einem das Haus niederbrennt—— „Ganz richtig, Mutter; aber doch gefällt mir Muth vor allen Dingen. Das war ein köſtlich gutes Schermützel, das Ihr an der — 329 Ecke von High⸗Street aufſchlugt— ganz ſchön und ſeemänniſch ausgeführt— meiner Seele, ich hatte meine Freude daran. Uns in die Breitſeite genommen und uns vorne und hinten beſtrichen, während wir nicht eines halben Penny Werths Sternweg hatten und keinen Raum zum Laviren— das war ein glorreiches Ma⸗ növer. Wie geſagt, ich hatte meine Freude daran, Mutter.“ „Das iſt mehr, als ich ſagen könnte— Pelzwerk iſt nicht an⸗ genehm im warmen Wetter, und die Katze wollte ſich in den Hunds⸗ tagen nicht abziehen laſſen, weil ſie ſich zu erkälten fürchtete. Müllchen war geſcheidter, als ich, und ich bin in jeder Weiſe am ſchlechteſten dabei gefahren, Sir John.“ „Will's wohl glauben; aber ich ſage Euch, es hat mir Spaß gemacht. Wie viel mag's Euch gekoſtet haben, Mutter? Schätz' wohl, einen hübſchen Penny. Na, ſeyd manierlich— ich möchte Euch recht auslachen können— und je mehr's Euch gekoſtet hat, deſto beſſer iſt der Jur. Suſanna, thut mir den Gefallen und ver⸗ anlaßt Eure Mutter, uns zu ſagen, was ſie hat blechen müſſen— es iſt die einzige Satisfaktion, die ich verlange.“ „Je nun,“ verſetzte das Bumbootweib,„ich war damals juſt ganz wüthend; aber Ihr werdet, ſchätz wohl, nicht ſo viel zu lachen kriegen, als Ihr glaubt, denn das Lumpenpack war bereit genug zum Unfug, ohne daß man es viel zu beſtechen brauchte. Die Miethe für die beiden Karren, eine Ladung von Boden, ſiebenzig Dutzend faule Eier, zwölf Mann nur zu ordinärem Taglohn— in der That, das war Alles. Die Freiwilligen brachten ihre eigene Munition mit und machten ſich von der Beute bezahlt. In der That, mit ſechs Pfunden ließen ſich alle Koſten reichlich decken.“ „Ihr müßt mehr aufgewendet haben, Mutter— wahrhaftig, es muß mehr geweſen ſeyn. Solch' ein herrliches Scharmützel und der vortreffliche Jur— das ſollte nur ſechs Pfund koſten? Un⸗ möglich?“ 330 „Ihr dürft's wohl glauben, Sir John, denn ich rechne ja dem. Feind keine Entſchädigung auf.“ „Gut geſprochen, Mutter— in der That, ganz gut. Nun⸗ dere Spaß hat mich über die Maaßen erfreut und ich möchte die Perſon ſehen, welche mir nachſagte, daß ich nicht dafür bezahlen wolle— ich würde es für einen Schimpf nehmen. Aber das muß wahr ſeyn, ich habe das Vergnügen zu einem Spottpreis. Da— jetzt wären wir ganz im Reinen.“ „Ein kurioſes Vergnügen, wenn man Einem alſo zu Leib geht und der Bräutigam auf dem Kirchgange zur Trauung mit faulen Eiern beworfen wird! Nun, Jedermann hat ſeinen eigenen Geſchmack, Sir John, und je ſchmutziger das Loch, deſto behaglicher fühlt ſich die Kröte. Wenn Ihr wieder heirathet und den doppelten Preis bezahlen wollt, ſo kann ich den Spektakel verdoppeln und gebe Euch allenfalls auch einige Dutzend Cier in den Kauf.“ „Nicht doch, Mutter, wir wollen's in Zukunft lieber bleiben laſſen,“ verſetzte Jack lachend;„denn aus Eurer letzten Eierbrut iſt doch nichts als Unheil hervorgegangen. Wenn ich übrigens meinen nächſten Kirchgang halte, will ich es Euch ſagen laſſen.“ „Es gilt— die Hand darauf.“ „Top!“ entgegnete Jack, indem er Mrs. Snowdrop die Hand reichte. 1 Und welche Begegnung zweier Hände, wenn man ihren be⸗ ziehungsweiſen Umfang in Betracht zog! Während dieſer ganzen Unterhaltung hatte ſich Mrs. Snow⸗ drop ſehr verſtändig benommen, denn obgleich ſie ſehnlichſt zu er⸗ fahren wünſchte, in welchem Licht Jack ihre Tochter betrachtete, enthielt ſie ſich doch jeder Anſpielung auf die gegenſeitige Beziehung der beiden jungen Leute. Obgleich ſie nun augenblicklich das Gefängniß hätte verlaſſen können, ſchien ſie doch nicht allzuſehr zu eilen, um ſich den Genuß dieſes Segens zu verſchaffen, und das Geſpräch wurde nun allge⸗ 331 mein. Auch Suſanna ließ ſich durch Sir Edwards zarte Auf⸗ munterung bewegen, daran Theil zu nehmen. Dies gab dem wohl⸗ wollenden Baronet Gelegenheit, ein Thema zur Sprache zu bringen, über das er ſich bereits vorläufig mit Jack benommen hatte, und die Mutter ging, ohne Schwierigkeiten zu erheben, auf die Vor⸗ ſchläge ein, welche Suſanna eine ſchöne Hoffnung in Ausſicht ſtell⸗ ten. Letztere ſollte nämlich auf zwei oder drei Jahre als Privat⸗ zögling in einer der erſten Erziehungsanſtalten für junge Damen untergebracht werden und Sir John Truepenny den Aufwand aus⸗ ſchließlich beſtreiten. Dagegen machte ſich dann Mrs. Snowdroy anheiſchig, unverweilt eine Urkunde auszuſtellen, vermöge deren ſie ſich allen Rechtes begab, ſpäter ihrer Tochter in einem Anfalle von übler Laune, Leidenſchaftlichkeit, oder unter dem Einfluſſe irgend eines gewiſſenloſen Abenteurers das Erbe ihres ſehr beträchtlichen Vermögens zu entziehen. Mrs. Snowdrop hatte Verſtand genug, einzuſehen, daß dieſe Maaßregel am eheſten dazu dienen konnte, ſie zur Schwiegermutter eines Baronets zu machen, und ging daher, nachdem man ihr die betreffenden Vorſtellungen gemacht hatte, mit Freuden darauf ein, obſchon ſie ſich anfangs anſtellte, als möge ſie ſich ungerne für ſo. lange Zeit der Geſellſchaft einer Tochter berauben, um die ſie ſich bisher augenſcheinlich ſo wenig bekümmert hatte. Schließlich wurde das Abfinden getroffen, daß ſich Mrs. und Miß Snowdrop acht Tage ſpäter bei Sir Truepenny einfinden ſoll⸗ ten, damit dieſer verſtändige Plan in Ausführung gebracht werden könne. Auch verſprach Mrs. Snowdrop, die nothigen Papiere in London zu unterzeichnen, und erklärte ſodann, daß ſie zu ihrem ein⸗ träglichen, obſchon ſehr unangenehmen alten Geſchäft zurückkehren wolle; denn da ihr jetzt eine beſtimmte und ſogar großartige Aus⸗ ſicht bevorſtand, ſo war ſie— wohl ſehr zum Leidweſen aller lu⸗ ſtigen Theere, entſchloſſen, ihren Reichthum durch alle möglichen Mittel zu vergrößern. 4 332 Suſanna fühlte ſich von Dank erfüllt; aber je weiter das Drama der Abenteuer fortſchritt, deſto klarere Einſicht gewann ſie nachgerade in ihre und Jacks Stellung, ſo daß ſich in demſelben Verhältniſſe ihre Hoffnungen minderten, als die ihrer Mutter zu⸗ nahmen. Sie lebte der Ueberzeugung, daß Jack noch unentwickelte große Talente und Fähigkeiten beſitze, weshalb er bald die Vor⸗ theile derſelben einſehen und in demſelben Grade ehrgeizig werden müſſe; auch ſah ſie wohl ein, daß er nie eine Leidenſchaft für ſie gefühlt hatte. Von ihren eigenen perſönlichen Reizen hatte ſie eine nur allzu beſcheidene Meinung und war in dieſer Beziehung das gerade Widerſpiel von Poll mit ihrer dreiſten, kecken Schönheit. Am andern Morgen früh ſaß Jack gemächlich in ſeiner Ma⸗ troſentracht auf einem Außenplatze der Portsmouther Kutſche, rechts ſeinen Giles Grim und links eine Soldatenfrau zu Nachbarn ha⸗ bend, während er nur ſeine glänzenden Ausſichten und ſeine lange Theepfeife vor ſich hatte. Kein Menſch haätte ſich glücklicher fühlen können. Eine noch unverſuchte, aber herrliche Zukunft that ſich ihm auf; er erfreute ſich einer guten Geſundheit, eines warmen Herzens und hatte Gegenſtände in der Nähe, auf die er die Innig⸗ keit ſeiner Gefühle ausdehnen konnte. Zugleich war er ſich einer Ueberlegenheit bewußt, die er noch nicht völlig begreifen konnte, und wer möchte ihn tadeln, wenn er in dieſen Augenblicken des Glückes ſeine Polly ganz vergaß und nur an Sue, das hübſche, anziehende Mädchen dachte? Sir Edward und Mr. Singleheart ſaßen im Innern des Wagens. Auf dem Wege trug ſich nichts Beſonderes zu, bis die Kutſche Halt machte, um den Paſſagieren Zeit zum Mittagsmahle zu geben; denn in jenen rohen Zeiten machte man wirklich auf dem Wege zwiſchen Portsmouth und Lon⸗ don Mittag. Um alles Aufſehen zu vermeiden, waren die beiden Matroſen unter dem Namen Brown, Vater und Sohn, eingetragen worden, während ſich der Baronet und der Rechtsgelehrte den Na⸗ men Smith beigelegt hatten. 333 Jack hörte auf ſeinem Außenplatz unterſchiedliche Dinge, die nicht ſonderlich zu ſeinem Vortheile lauteten, und konnte aus dem allgemeinen Gerüchte entnehmen, daß man ihn eben für einen Trunkenbold hielt, der ſeine Schätze in der unehrenhafteſten Weiſe vergeude und ſeine Laufbahn entweder in einem Gefängniß oder in einem Armenhauſe enden werde. Seine Stimmung war übrigens zu glücklich, als daß er ſich hierüber beleidigt gezeigt hätte, da er ſich im Gegentheil vornahm, vorgedachte Prophezeihung nicht durch Worte, ſondern durch ſein Benehmen Lügen zu ſtrafen— gewiß ein vortrefflicher Entſchluß, der ſich übrigens leichter faſſen, als ausführen ließ. Sir Edwards Einladung zufolge ſetzten ſich Jack und Giles mit den Paſſagieren der inneren Plätze an denſelben Tiſch— ſehr zum Entſetzen eines geckenhaften, geſchniegelten Männleins und einer redſeligen, wittwenartig ausſehenden Frauensperſon, welche unverweilt den Wirth vorforderten und ihn um dieſer Entweihung willen tüchtig ausſchalten. Die beiden Smiths mußten ſich's in's Geſicht ſagen laſſen, ſie ſeyen gemeine Perſonen, weil ſie ein Paar ſchlechte Matroſen zu ſich an den Tiſch ſitzen ließen, und die alte Dame nahm keinen Anſtand, beſagten Herren Smith perom⸗ toriſch zu befehlen, ſie ſollten aufſtehen und das Seevolk mit Fuß⸗ tritten aus dem Zimmer jagen. Die Herren Smith nahmen jedoch keine Rückſicht auf dieſen allergnädigſten Befehl, ſondern begannen ſo ſorglos zu eſſen und zu trinken, als ob es nie eine zurnende, fette Alte oder einen auf⸗ geblaſenen Einfaltspinſel von mittlerem Alter gegeben hätte. Un⸗ glücklicherweiſe mußte noch obendrein Letzterer ihr Stillſchweigen für Scheu und ihre Verachtung für Feigheit nehmen. Er verfügte über einen ſeynſollenden ſchrecklichen Blick und fragte die Kauenden mit einem Fluche, ob ſie wüßten, wer er ſey. Bei dieſer höflichen Frage blickten unſere Wanderer nur von ihren Tellern auf, als 334 wollten ſie ſagen:„Nun, wer biſt Du?“ und fuhren dann ganz ruhig in ihrem angenehmen Geſchäfte fort. „Beim Henker, wenn ich es nicht verſchmähte, meine Hände an ſo gemeinem Volke zu beſudeln, ſo wollte ich euch Allen Eins auf die Naſe geben. He, Kellner, gibt es kein anderes Zimmer, in welchem dieſe Dame und ich ſpeiſen können?“ „Nur das Schenkzimmer und die Küche, Sir.“ „Nun, ſo deckt uns in dieſem Zimmer— und hört Ihr, bringt mir eine halbe Pinte Portwein. Wohlgemerkt, Kellner, ich ver⸗ lange, daß alle Gerichte uns zuerſt vorgelegt werden, ehe Ihr ſie nach dem anderen Tiſch bringt— in meinem Leben iſt mir keine ſolche Beſchimpfung angethan worden. Was ſagt Ihr, Marm?“ „' iſt wahrhaftig abſcheulich— gemeine Kreaturen! Ich kann die Matroſen nirgends anders leiden, als auf der Bühne zu Sad⸗ lers Wells— das ſind doch auch Matroſen— keine ſolche gemeine Geſchöpfe, wie dieſe hier. Findet Ihr nicht, Sir, daß ſie ganz unausſtehlich nach Pech und Taback riechen?“ „Ein unfläthiges Volk, dieſe Blaujacken, Marm.“ Ddies ſprach ſo gut an, daß die Dame ſich verſucht fühlte, noch ein wenig weiter zu gehen, denn ſie erklärte jetzt, ſie ſpüre einen andern ſtarken Geruch, als ob ſchlechte Seife zu Schaum geſchlagen würde. „Ganz recht, Marm— einen Haarſchneider kennt man gleich an ſeiner Witterung. Verlaßt Euch darauf, zwei Barbiere— der alte der Meiſter und der junge der Lehrling. Es iſt mir unmög⸗ lich, zu begreifen, wie ſie's erſchwingen konnten, innen im Wagen zu reiſen und ein Diner zu beſtellen, wie anſtändige Leute.“ „' iſt wirklich ein Geheimniß, Sir— wenn ſie nicht etwa die Matroſen rupfen, die vielleicht eben ausgezahlt worden ſind oder einiges Priſengeld eingenommen haben. Fragt doch dieſe Seeochſen.“ „He, ihr Matroſen— habt ihr vielleicht kürzlich euern Lohn eingenommen?“. 335 „Ja,“ verſetzte Jack,„und Ihr ſollt demnächſt auch den Euern erhalten.“ „Ein unverſchämter Kerl!“ bemerkte die Dame. „Oh, es ſind arme Teufel. Wenn ſie ein Bischen Geld ein⸗ nehmen, betrinken ſie ſich, ſo lange es währt, ſtets wie das liebe Vieh und erlauben ſich Rohheiten gegen beſſere Leute, Die paar Barbiere ſind die ſchlimmſten— erbärmliche Wichte!“ Während des ganzen Mahles erging ſich der Fremde in dem gleichen Zuge. Indeß riß er doch die Augen ein wenig auf, als er hörte, daß Sir Edward Jack empfahl, ſtets Bordeaux zu trinken und ſich an denſelben zu gewöhnen. Noch mehr aber ſtaunte er, als er fand, daß ſte Alle die Flaſche zu vierzehn Schillingen tranken. „Lauter Geld von armen Matroſen, Marm.“ Dies war die letzte Bemerkung, die er über einen ſo intereſſan⸗ ten Gegenſtand machen konnte, denn jetzt kam der Kutſcher voll Höflichkeit und Unterwürfigkeit herein, um anzukündigen, daß die Kutſche bereit ſey. Er hatte unſern Helden nebſt ſeinen Freunden erkannt und allen Leuten im Wirthshauſe augenblicklich mitgetheilt, welche vornehme Leute da drinnen an der Tafel ſäßen. „Kutſcher,“ ſagte Jack,„gib dieſe halbe Krone dem Stallknecht und ſage ihm, er ſolle ein paar Lagen Dünger unter das Fenſter ſtreuen.“. „Ja, Euer Gnaden,“ verſetzte der Geißelſchwinger und ver⸗ ſchwand augenblicklich. „Euer Gnaden?“ ſagte der Fremde.„Wirft man denn dies jedem Gaſſenkehrer nach?“ Jetzt ſtand Jack auf, faßte— da er, wie wir bereits bemerk⸗ ten, ein ſehr kräftiger Mann war— den Fremden mit der Rechten am Rockkragen, mit der Linken aber am Hoſenbande und lüpfte ihn kaltblütig vom Boden auf. Der kleine Mann zappelte und keuchte, ohne jedoch Worte hervorzubringen. „Marm,“ ſagte Jack mit eigenthümlich ſüßer Stimme,„wollt Ihr ſo gut ſeyn, das Fenſter zu öffnen? denn Euer guter Freund da muß mir hinaus. Nur nicht erſchrecken, Marm— ˙s iſt bloß Parterre und ich habe draußen ein Bett ſtreuen laſſen, auf das er fallen kann. Aber in der That, ich rathe Euch, das Fenſter zu öffnen, Marm, denn wenn Ihr's nicht thut, ſo fliegt er durch die Scheiben und das könnte ihm doch ſein zartes Geſicht ein wenig zerreißen. Recht ſo, Marm, ich und dieſer Gentleman ſind Euch ſehr dafür verbunden. Sir, Ihr habt Euch eine halbe Stunde auf unſere Koſten beluſtigt, und deshalb will ich mir für eine halbe Mi⸗ nute ein kleines Vergnügen mit Euch machen. Du läſterſüchtiger Halunke, ich rathe Dir, in Zukunft keinen Matroſen mehr zu be⸗ ſchimpfen— und nimm Dich wohl in Acht, Du Laffe, das Schwei⸗ gen der Verachtung für Furcht zu nehmen. Merke Dir übrigens für alle Zeiten, daß es etwas gefährlich iſt, übel von einem Ma⸗ troſen zu reden, und daß einer ein wahrer Narr ſeyn muß, wenn er die Freunde eines Seemanns in deſſen Beiſeyn beſchimpft. Hörſt Du dies?— Gib Antwort, Du klapverndes Gerippe, oder ich rüttle Dir die Seele aus dem Leibe.“ Und Jack ſchüttelte den ſchwebenden Knirps hin und her, daß ihm die Gliedmaſſen aus dem Leibe fahren zu wollen ſchienen. „Ich hö— hoͤre, Sir,“ verſetzte das Männlein, nach Luft haſchend.— „Euer Gnaden, wenn ich bitten darf. 4⁴ Du nicht eben den Kutſcher mich Euer Gnaden nennen hören, ungezogener Balg?“ 8 „Ich höre— Euer— Cuer— Gna— Gna— den!“ „Gut; und nun— wie der Pfarrer ſagt— Aſche zu Aſche und Dünger zu Dünger.“ 3 Und der kleine Mann flog durch das offene Fenſter, unter dem ſchallenden Gelächter nicht nur der Paſſagiere, ſondern des ganzen Wirthshausperſonales. 337 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Jack in London.— Vortrefflicher Rath.— Wie man ſich den Lord Cheſter⸗ field leicht macht.— Das Kapitel ſollte von Land⸗ und See⸗Gentle⸗ men, kurz von Allen, welchen der Roſt der Ruſticität anklebt, fleißig ſtudirt werden.— Das Ende der Unterweiſung iſt eine Fidel, ein Hornpipe und ein luſtiger Abend.. Die Reiſegeſellſchaft verfügte ſich nach einem ruhigen Gaſthaus in dem Adelphi, wo ſie wahrſchein icherweiſe keine Aufmerkſamkeit erregte, und am ſelbigen Abend mußte ſich Jack dem Zwang unter⸗ ziehen, zwei Stunden lang vortreffliche Rathſchläge anzuhören. Jack verſprach Alles und ging ſogar ſo weit, zu ſagen, er wolle, ſeinem Vetter zu Gefallen, täglich ein Dutzend Flaſchen Bordeaur trinken, erbat ſich aber dabei angelegentlich die Erlaubniß, ihn nach der Weiſe des Grog trinken und ſeine Säure mit einem einzigen Drit⸗ theil Rum verbeſſern zu dürfen. Dies wurde jedoch nicht zuge⸗ ſtanden.„Das viele Trinken, Sir John, iſt die Lieblingsſünde der Zeit und der Vorwurf, der von allen Seiten unſerem Lande gemacht wird— ein Laſter, mein theurer Vetter, zu dem wir nur allzu große Neigung zeigen. Flieht davor, wie vor der Peſt,“ fügte Sir Edward mit aller Gravität eines Meiſters bei. Sir John m t über dieſe Vorſtellung große Augen und ver⸗ ſchluckte, um ſeinen gewaltigen Reſpekt davor zu zeigen, ſein näch⸗ ſtes Glas Wein, ohne die gewöhnliche Grimaſſe der Verachtung zu machen. Sir Edward fuhr in ſeiner Rede fort, und Mr. Single⸗ heart klopfte hin und wieder mit ſeinem Glaſe auf den Tiſch, um Sir Johns Aufmerkſamkeit zu wecken, wenn er glaubte, daß die⸗ ſelbe flau zu werden beginne. „Es ſollte mir leid thun, Sir John, Euch von Eurem wahr⸗ Marryat's W. XX. Jack am Lande. 22 338 haft väterlichen Freunde Giles Grim zu trennen; aber da er ſich durchaus nicht bewegen laſſen will, bürgerliche Kleider anzulegen, ſo müſſen wir eine Beſchäftigung für ihn ausſindig machen, die er in Matroſenkleidung verrichten kann, ohne daß er dabei nöthig hätte, ſtets mit Eurer Perſon in Berührung zu kommen. In's Beſuch⸗ zimmer taugt er nicht, und ebenſo wenig könnt Ihr mit ihm auf der Promenade ſpazieren gehen; desgleichen vermöchte er weder in der Stadt noch auf dem Lande Eurem Hausweſen mit Ehren vorzu⸗ ſtehen, wenn er nicht den Matroſen ſowohl in Tracht als Manieren fahren läßt. Indeß fällt mir ein, Better, daß ich bis jetzt noch nicht über meine unnöthige Habe verfügt habe— ich meine die⸗ jenige Habe, die eine Perſon unſeres Standes für unerläßlich hält, obſchon ſie für mich, bei meinen gegenwärtigen Vermögensverhält⸗ niſſen, in der That ſehr überflüſſig iſt. Ich habe vor Greenwich eine kutterartig aufgetackelte Yacht liegen— ein ſchönes Fahrzeug, Sir John, das auch Euch, der Ihr Euch auf's Seeweſen verſteht, gefallen wird. Ich will ſie zu einer billigen Schätzung an Euch ablaſſen, und Ihr könnt Grim als Befehlshaber darüber ſetzen: ein gar artiges Kommando für einen ſorgſamen, alten Matroſen.“ „Es gilt!“ rief J ack und ſeine Augen funkelten vor Vergnügen „Wir wollen dies als abgemacht betrachten. Ferner möchte ich Euch rathen, Euch bis morgen ruhig zu verhalten; übermorgen werdet Ihr dann von den paſſenden Appertinenzien eines Gentleman umgeben ſeyn.“ „Impertinenzien eines Gentleman? Ihr man ſolle nicht impertinent ſeyn.“. „Unter Appertinenzien, Sir John, verſtehe ich den Anzug, die Equipage und Alles, was andere Leute für einen beſorgen können, während das Indispenſable nur durch ihn ſelbſt geſchehen kann. Letzteres, mein lieber Vetter, iſt die Hauptſache und am ſchwie⸗ rigſten zu erlernen; wir wollen übrigens ſehen, was Studium und Unterricht für Euch thun können.“ 8 ja ſchon geſagt * 339 „Ich bin ſehr bereitwillig zu lernen, Vetter.“ „Sehr gut, Sir Edward— ich will alles dies auf mein Log⸗ brett kreiden.“ „Nein, das duͤrft Ihr nicht ihun, lieber BVetter; Ihr müßt es os in Eurem Gedächtniſſe behalten. Ferner— wenn wir zu Fuß on einem Ort nach dem andern zu kommen wünſchen, ſo gehen wir— man nennt dies nicht rollen; auch kommt Ihr nicht zu einem Halt, ſondern bleibt ſtehen.“ „Ich begreife.“ „Merkt ferner auf. Wenn man Euch anredet, ſo müßt Ihr nicht an Euern Hut langen, ſondern wenn Ihr einer Dame gegen⸗ über ſteht, ihn ehrerbietig lüpfen, während Ihr Euch vor einem Gentleman verbeugt. Auch müßt Ihr nicht aller Welt die Hand len— wenigſtens für eine Weile nicht. Verzeiht mir, Vetter, aber wenn Ihr Einen mit Eurer Fauſt zu faſſen kriegt, s gerade, als brächte man ſeine Hand in eine Fuchsfalle. Tragt bei Tag und Nacht Handſchuhe und braucht Eure Hände ſo wenig als möglich— namentlich iſt das Nudern abſolut verboten. Auch duͤrft Ihr keinen ſchweren Spazierſtock führen. Eure Zähne ſind ſchön, aber doch ein Bischen beſchmutzt von dem garſtigen Ta⸗ back. Ihr müßt zu einem Zahnarzt gehen und ſeinen Rath gewiſſen⸗ haft befolgen. Lächeln mögt Ihr, ſo viel Ihr wollt, denn Euer Lächeln iſt in der That angenehm; wenn Ihr aber lacht, ſo klingt dies ſo geräuſchvoll, wie das Geraſſel eines Geſchützparks, der über 4 3 340 einen gepflaſterten Weg fährt. Ihr werdet mich ſelten lachen ſehen, Vetter.“ „Schade.“. „Wir lachen auf unſerem Lebensgange nicht— kichern mögt Ihr meinetwegen— ja ein Kichern geht an— aber der Himmel behüte mich vor Eurem Gelächter.“ „Aber ich bin doch ſelbſt ſchon Zeuge geweſen, wie Ihr lach⸗ tet gleich einem Affen, der eben eine Kokosnuß geſtohlen hat.“ „Das geſchah, als wir unter uns waren; jetzt aber ſpreche ich von Eurem Benehmen in einer gemiſchten Geſellſchaft. Auch muß ich Euch bemerken, Vetter, daß Ihr Euch höchſtens gegen mich und Perſonen, die Euch ſo achten, wie ich es thue, anſtößige Verglei⸗ chungen oder ungeſchickte Späſſe erlaubt.“ „Nichts für ungut, Sir Edward— es war nicht bös gemeint; aber Ihr habt nie auf einen luſtigeren kleinen Burſchen Eure Augen geklappt, wenn Ihr je einen Affen mit einer Nuß in ſeiner Fauſt auf einem Baum hocken ſaht— nichts für ungut, Veiter.“) „Nicht im Geringſten, mein lieber Vetter; aber bis Ihr ein Bischen mehr von der Welt geſehen habt, möchte ich Euch rathen, Euch allen Spaßmachens zu enthalten. Einer der beſten Scherze, von dem ich je gehört habe, koſtete den witzigen Urheber das Leben.“ „Das moͤchte ich doch auch hören, Vetter; denn wenn ich es weiß, werde ich mich wohl hüten, ein Gleiches zu thun.“ „Es iſt eine alte Geſchichte. Als Tiberius nach Auguſtus römiſcher Kaiſer geworden war, behielt er ein ſehr werthvolles Le⸗ gat für ſich, welches Letzterer dem Volke vermacht hatte. Der un⸗ glückliche Spaßmacher, von dem ich ſprach, wußte es einzuleiten, daß der Kaiſer Zeuge war, wie er eines Tages einem Verſtorbenen etwas in's Ohr flüſterte. Der Kaiſer fragte natürlich, was dieſes Ver⸗ fahren zu bedeuten habe, und der dreiſte Witzling erwiederte, er habe die Seele des Hingeſchiedenen erſucht, Auguſtus mitzutheilen, daß die armen Leute von Rom ihr Geld noch nicht erhalten haͤrten. Für die⸗ 341 ſen bittern Scherz ließ ihn der Kaiſer augenblicklich tödten, damit er die Kunde ſelbſt überbringen möge.“ „Mögen alle ſolche verdammte Kaiſer in einen Zweiundreißig⸗ zoll⸗Mörſer geſtampft und ſo weit in's Blaue hinaufgeblaſen wer⸗ den, als es reichen will— das iſt Jacks Verdift. Aber fahrt fort, mir Eure Schnurralien einzutrichtern.“ „Schnurralien? O, ihr Geiſter unſerer großen Sprachgelehr⸗ ten, beugt euch in den Staub und hört! Ich denke, Mr. Single⸗ heart, wir werden gut thun, wenn wir vorderhand ſeine Kakologie unangetaſtet laſſen.“ „Schätz ſelber auch,'s iſt am beſten, von wegen weil— „Kein Wort mehr darüber, Sir John. Um Eure Haltung zu veredeln und Euch vorſtellbar zu machen, müßt Ihr unverweilt Unterricht bei einem Tanz⸗ und Fechtmeiſter nehmen. Desgleichen braucht Ihr den Beiſtand eines engliſchen Sprach⸗ und Schreibleh⸗ rers. Lehrer im Franzöſtſchen und Italieniſchen ſind gleichfalls un⸗ erläßlich. Auch die klaſſiſchen Sprachen durft Ihr nicht vernach⸗ läſſigen— vorderhand etwa zwei Stunden täglich Latein; nach einem Jahr etwa könnt Ihr dann das Griechiſche anfangen.“ Sir Jack machte über dieſe Aufzählung eine bitterlich betrübte Miene, und als man ihm gar mit dem Griechiſchen kam, ſing er an, auf's Kläglichſte zu pfeifen. „Nur nicht muthlos, mein vortrefflicher junger Freund, Ihr ſeyd noch in der beſten Jugend und man kann große Dinge von Euch erwarten. Die Geſchichte bietet viele Beiſpiele von hoher Ver⸗ vollkommnung, die erſt in einer ſpäten Lebensperiode gewonnen wurde. Es iſt wohl verbürgt, daß Galgerandus, ein reicher Mann von Mantua, der, weil er nichts zu thun hatte, von der Milzſucht geplagt wurde, in einem Alter von fünfzig Jahren Griechiſch, He⸗ bräiſch und Syriſch zu lernen anfing— Sprachen, in denen er es zu ſo hoher Vollkommenheit brachte, daß er darin dreiundvierzig Bände 6* 342 über Aſtrologie, Alchymie und Magie ſchrieb, die aber leider der Nachwelt verloren gingen.“— Jack machte ein ſehr verdutztes Geſtcht und fragte ganz un⸗ ſchuldig, ob all dies ſchon vor langer Zeit geſchehen ſey? „Im dreizehnten Jahrhunderte.“ „Jetzt kann ich mir's wohl erklären— der arme Gentleman, er dauert mich— denn vormuthlich waren damals Tabak und Grog noch nicht erfunden.“ „Ich glanbe, Sir Edward,“ bemerkte der Rechtsgelehrte,„daß Ihr mit meinem Klienten etwas gar zu ſchnell vorwärts wollt.“ „Sehr möglich, aber wir müſſen unſer Beſtes thun. Ihr wißt wohl, welche wichtige Beweggründe mich leiten, wenn ich das viele Gute, das meiner Ueberzeugung nach in ihm ſteckt, zu einer wür⸗ digen Entwickelung zu bringen wünſche. Wir wollen indeß unſere gegenwärtigen Unterweifungen zu einem Schluſſe bringen und ihn nur noch fragen, ob er Geſchmack fuͤr Muſtk hat.“ „Will's doch meinen; es wird manche langweilige Stunde an Bord dor Glory geben, ſeit Jack ein Barronneit geworden iſt.“ „Baronet, lieber Sir John— wie oft habe ich Euch nicht ſchon wegen dieſes oinzigen Wortes tadeln müſſen!“ „Nun, es ſoll bald beſſer gehen. Muſik? Gebt mirr eine Fidet und ſchickt den alten Grim herauf; wenn er's aushalten kann, ohne zu tanzen, ſo will ich ein Stümper ſeyn.“ Es wurde eine Violine herbeigeſchafft und Jack ſtimmte mit ſo viel Wahrheit und Geiſt eine Weiſe an, daß die beiden Gentle⸗ men einander erſtaunt anſahen und ſich entzückt in die Ohren ftuͤ⸗ ſterten:„Das iſt wahres Genie.“ Die Wirkung der Muſik auf den alten Grim war merkwür⸗ dig. Er zog ſeine Hofen auf, ſchob dann das eine Bein vor und ſchüttelte es zu dem Takte; dann kam das andere nach, und endlich ſprang er auf, um den Matroſenhornpipe mit allen ſeinen Schwen⸗ 343 kungen durchzuführen, ſehr zu ſeiner eigenen Beluſtigung und zum unausſprechlichen Entzücken der Zuſchauer. Der Reſt des Abends wurde in einer Weiſe verbracht, als be⸗ ſänden ſie ſich nicht in einem ruhigen Hotel unfern des Strandes, ſondern auf dem Unterdeck eines Kriegsſchiffes. Jack machte Sir Edward und den Rechtsgelehrten, trotz ihres Ernſts und ihrer Gen⸗ kilität ſo heiter, als er ſelbſt war, und ſtie geſtanden ein, daß er nach ſeiner rauhen Art ein Meiſtergeiſt ſey. Dreißigſtes Kapitel. Sehr kurz, aber entſchieden ſachgemaͤß.— Jack beſucht ſeine Stadtwohnung incognito— geht an Bord ſeiner Yacht, wo er und der alte Grim wie ein paar traͤge Jungen die Schule ſchwanzen. Am andern Morgen ſaß Jack furchtbar gähnend über Maſſen von Papier und Pergamenten, während Sir Edward und der Rechts⸗ gelehrte vergeblich bemüht waren, ſeine Aufmerkſamkeit zu feſſeln. Endlich erklärte ſich Sir John für völlig erſchöpft, und erbat ſich's von ſeinem Better als Gunſt, er möchte ihn doch mit Grim in⸗ kognito ſein Haus in Cavendiſh⸗Square und nachher die Yacht bei Greenwich beſuchen laſſen; denn er hatte beides von Sir Edward übernommen. Er wuänſchte dies als Fremder zu thun, und gab da⸗ für viele Gründe an. 6 Sir Edward, der ſeinen Einfluß nicht beläſtigend machen wollte, fertigte deshalb die nöthigen Schreiben an ſeinen Hausmeiſter, der auch nachher, im Falle er zur Zufriedenheit diente, in Sir Johns Dienſte bleiben ſollte, und an den Mann aus, welchem die Auſſcht über der Yacht anvertraut war. 344 In Cavendiſh⸗Square wurden die beiden Matroſen mit viel Unverſchämtheit behandelt, denn das Geſinde daſelbſt benahm ſich gegen ſie, ungeachtet Sir Edwards gemeſſener Befehle, ihnen alle Achtung zu bezeugen, mit ſchroffer, hochmüthiger Verachtung. Die von uns berichteten Vorfälle hatten nämlich ſo raſch nach einander ſtattgefunden und waren noch ſo Wenigen bekannt, daß Sir Edwards Diener nichts ahneten von den großen Veränderungen, welche bereits Platz gegriffen hatten und noch weiter bevorſtanden. Es würden wenigſtens drei Kapitel nöthig ſeyn, um die ver⸗ ſchiedenen poſſierlichen Vorfälle zu ſchildern, welche dieſer Beſuch des unbekannten Gebieters zur Folge hatte; da wir jedoch nicht ge⸗ nug Raum haben, um ſo ſehr in's Einzelne zu gehen, ſo begnügen wir uns, zu ſagen, daß Sir John den Rath ſeines Vetters befolgte und maßlos kicherte. Nachdem man ihm faſt vor ſeinem ganzen Haushalt die eigene Thüre vor der Naſe zugeſchlagen, weil man ihn noch nicht als den Brodherrn kannte, eilte er mit Grim auf dem nächſten Wege nach dem Themſeufer hinunter, ſtieg in ein Boot und befand ſich bald an Bord der„Anna.“ Was waren dies für herrliche Augenblicke, als Jack zum er⸗ ſtenmale ihre Planken betrat. Er krähte vor Jubel laut hinaus, wie ein Hahn, und konnte vor Entzücken ſeiner Worte kein Ende finden. Grims Freude ſtand der ſeinigen wenig nach. Jeder Theil des Fahrzeugs wurde unterſucht und zum Gegenſtand der Beſpre⸗ chung gemacht. Alles fand ihren Beifall. Natürlich ſollte da eine Wand, dort etwas Anderes beſſer geſetzt ſeyn, während ein oder das andere Tau nicht ſtraff genug angeholt war; aber es bereitete ihnen Luſt, derartige kleine Fehler zu ſinden. An Bord befanden ſich ſechs Männer und zwei Knaben, welche ſämmtlich gute und reinliche Kleidung trugen. Es waren zwei Stellen ledig, die eine für den Kommandeur, die andere für den Koch, und Grim wußte damals noch nicht, daß ihm das Glück vorbehalten war, die erſtere auszufüllen. 345 Sie gingen dann hinunter und fanden die Kajüte bewunderns⸗ würdig. Sobald ſie nicht länger den gaffenden Blicken der Yacht⸗ mannſchaft ausgeſetzt waren, drückten ſie ſich wohl fünf Minuten die Hände, ohne für ihre Freude Worte finden zu können. Sie unterſuchten ſodann die Vorräthe, mit denen das Fahrzeug reichlich verſehen war, und da es auch an geiſtigen Getränken und auser⸗ leſenen Weinen nicht fehlte, ſo zogen ſie die Klingel, um ein köſt⸗ liches Lauch zu halten. Sir Edward hatte dem Aufſeher der Yacht zu wiſſen gethan, er ſolle die Gäſte hehandeln, wie ihn ſelbſt, und ſo fanden Jacks Wünſche keinen Widerſpruch. Aber plötzlich wurde unſer Held mürriſch, launiſch und mur⸗ melte vor ſich hin, er wolle verdammt ſeyn, wenn er's thue— er gebe ſie nicht ab— wolle ſich lieber kielholen laſſen; der alte Grim könne das Haus in dem Square haben, wenn es ihm Freude mache— er werde ebenſogut einen Barroneit ſpielen, als er ſelbſt, beſſer ſogar— aber was das Manéoriren dieſes Fahr⸗ zeugs anbelange, nein, daraus werde nichts. Endlich ſprach er ſich laut aus.. „Ich will Dir ſagen, wie es ſteht, Vater; Du ſollſt mir dieſe Schönheit nicht kommandiren.“ „Iſt mir nie im Schlaf eingefallen, mein Sohn.“ „Ah, wirklich nicht? Um ſo beſſer. Aber Du ſollſt mein er⸗ ſter Lieutenant ſeyn. Mache Deinem Grog den Garaus, laß die Leute antreten und zieh den Anker auf.“ „Sehr wohl, Sir,“ verſetzte Giles mit einer Amtsmiene;„aber Ihr wißt, Sir John, daß Ihr verſprochen habt, Euch Punkt ſechs Uhr zu Haus bei dem Diner einzufinden, und es iſt nun beinahe vier.“ „Wohl geſprochen, Vater; aber wir wollen nur einen Strecker abwärts thun und ein Stündchen oder anderthalb ein paar Kurſe verſuchen. Wir nehmen dann einen vierſpännigen Wagen und ga⸗ loppiren nach der Stadt zurück. Ich muß das Schatzkind unter 8 346 — Tuch ſehen— wir haben da eine hübſche Briſe— alſo drauf und dran.“ 1 Der Anker wurde gelichtet: Jack ſetzte ſich ſelbſt aun das Steuer, und ſie jagten im höchſten Glücke dahin. Wer hätte da auch denken mögen an die dunkeln Gemächer des Gaſthauſes? Selbſt der kluge Giles vergaß ſich, und alle anderen Rückſichten verſchwanden in der Aufregung der augenblicklichen Freude. Sie waren bald um den Nore⸗ leuchthurm herumgekommen. Einer der Matroſen hatte ein paar Hühner geſchlachtet und ſie geröſtet, und Jack begab ſich um die⸗ ſelbe Zeit, als ſein Vetter und der Rechtsgelehrte ihn beim Diner erwarteten, mit Grim in die Staatskajüte, um ſich daſelbſt an dem wohlſchmeckendſten Mahle zu vergnügen, das ihm je über die Lippen gekommen war.— Nachdem der Wein und der Grog ihre Rollen geſpielt hatten, dachte Niemand mehr au's Umkehren. Das Wetter war entzückend und der Wind wie ihn ein Seemann nur wünſchen konnte. Sie fuhren in's Meer hinaus, ſtellten die Wache auf und traäumten ſich ein Elyſium. Am andern Morgen zogen ſie an der eugliſchen Küſte hin und ließen gegen Abend die Anna mit fliegendem Banner in der Nähe der Spitheader Flotte manövriren, von welcher Jack und Giles ſo kürzlich entlaſſen worden waren. Sie gaben ſich nicht zu erkennen und erhöhten dadurch vielleicht ihre Luſt, obſchon ſie ſich's nicht verſagen konnten, mehreremale unter dem Stern der Old Glory hin⸗ und herzufahren— ſehr zur Verwunderung ihrer alten Kameraden, die ſich dies nicht er⸗ klären konnten. Es ſtund drei volle Tage an, ehe ſie wieder nach dem Anker⸗ grund vor Greenwich zurückkehrten. Sie hatten ſich dieſe ganze Zeit über als die Glücklichſten der Glücklichen gefühlt; aber als Jack im Begriffe war, die Yacht zu verlaſſen, wurde es ihm doch etwas unheimlich zu Muth, und es bangte ihm vor dem Zuſammentreffen mit ſeinem guten Freunde. Er hatte gute Luſt, ganz und gar an —— 85 . 347 Bord zu bleiben und Giles als ſeinen Vertreter nach London zu ſchicken; als er jedoch an die Freundlichkeit ſeines Vetters dachte, beſann er ſich eines Beſſeren und beſchloß, ſich demüthig deſſen Un⸗ willen und Vorwürfen zu unterziehen. Am Abende des vierten Tags nach ihrem Aufbruche von Lon⸗ don ſah man Sir John mit dem alten Grim hinter ſich in das Hotel hineinſchleichen, gleich einem Paar fremder Hunde, die ſich vor den Schlägen fürchten. Einunddreißigſtes Kapitel. Gereicht in einem Sinne unſerem Helden nicht ſehr zur Ehre, deſto mehr aber in den meiſten andern Beziehungen.— Da er jetzt ſein eigener Meiſter iſt, ſo thut er ſich viele Meiſter ein, die ſchlechter ſind als er ſelbſt, und zieht daraus beträchtlichen Vortheil.— Er generaliſirt in ſeinen Studien und wird Gentleman Jack. Die poſſierlichen Vorfälle und lächerlichen Abgeſchmackheiten, in welche Sir John ſich ſtürzte oder gezogen wurde, laſſen ſich un⸗ möglich in publicirbaren Grenzen ausführen, weßhalb wir uns auf Auszüge beſchränken und mit der Angabe begnügen müſſen, daß Sir Edward in ſeiner Nachſicht unermüdlich war und Mr. Singleheart Allem aufbot, um dem Intereſſe unſeres Helden zu dienen. Auch ge⸗ lang es ihnen, ihn an ein Geſchäftsleben zu gewöhnen und ihn mit der Ausdehnung ſeines Vermögens, mit ſeinen Hilfsquellen und mit den vielen Vortheilen ſeiner Stellung leidlich gut bekannt zu machen. Sir John hatte ſich vorgenommen, ſich in ſein neues Leben zu finden und ein Jahr lang allen ſeinen Kräften aufzubieten, um ſich diejenigen Kenntniſſe anzueignen, welche einer hohen Stellung Schmuck und Würd verleihen. Freilich koſtete es ihn manchen Seufzer 348— und viel Herzeleid, als er das Kommando der Anna, ſeiner ſchönen Yacht, ſeinem väterlichen Freunde Giles Grim abtrat, denn er lebte der feſten Ueberzeugung, daß dem alten Seemann das beſſere Loos gefallen ſey. Er ſuchte ſich einigermaßen dadurch zu tröſten, daß er die Mannſchaft vergrößerte und dem Kommandeur gemeſſenen Befehl ertheilte, keine Koſten zu ſparen, um das Boot zu dem wacker⸗ ſten Fahrzeuge auf dem Fluſſe zu machen. Wir brauchen kaum zu ſagen, daß er an allen Wettrennen unter der Brücke theilnahm und viele Preiſe gewann, bei welchen Gelegenheiten er ſtets ſelbſt das Steuer führte. Sir John nahm Beſitz von ſeinem Hauſe in Cavendiſh⸗Square, ſehr zum Erſtaunen und Grauen des Hausmeiſters und des edlen Perſonales, welches die Bedientenhalle verherrlichte. Jack hielt ihnen in trefflicher Halbdeckſprache eine Standrede, und ſie machten bald die Entdeckung, daß ſie beſſer thun würden, ihre Namen in die Bücher eines andern Schiffes eintragen zu laſſen, wenn ſie allen⸗ falls nicht geneigt waren, eifrig im Dienſt gegen ihn ſelbſt und feine Freunde zu ſeyn, oder Fremden Höflichkeit zu erweiſen. Unſer Held ließ vorläufig erklären, daß er nicht beabſichtige, Geſellſchaft zu empfangen oder Beſuche zu machen— eine Abgeſchie⸗ denheit, welche ihn nur um ſo mehr zum Gegenſtande der Neugierde machte. Seine Einrichtung verurſachte ihm nur wenig Mühe, denn er hatte ſämmtliches Möbelwerk, das nicht zum Fideicommiß gehörte, ſammt Equipagen und Pferden Sir Edward abgekauft. Der einzige Vorfall, der während der Periode ſeiner Zurückge⸗ zogenheit beſonderer Erwähnung verdient, trug ſich zu, als der Stultz jener Zeit ihn mit einigen Prachtſtücken ſeiner Kunſt beſuchte, um ſte ihm anzuprobiren. Die Perſon, welche ihm das Bündel brachte, war Niemand anders, als der kleine Gentleman, welchen Jack auf dem Wege von Portsmouth nach London zum Fenſter hinausgewor⸗ fen hatte. Dieſes Wiederſehen machte den Mann höflich für Lebens⸗ zeit, ungeachtet er von„Profeſſion ein Schneider“ war. Der Leſer „ 349 muß nämlich nicht vergeſſen, daß kein Menſch je zu einer ſolchen Stufe von Herabwürdigung herunter ſinkt, um einzuräͤumen, er ſey einfach und naturgemäß ein Schneider. Ein Schneider iſt er, das fehlt nicht— aber nur von Profeſſion. Mrs. Snowdrop und Suſanne hatten ſich in London eingefun⸗ den und erſtere ihr Vermögen unwiderruflich der Tochter zugeſichert, während letztere in einer Anſtalt untergebracht wurde, wo ſie alles Nützliche lernen konnte, das Zierende aber lernen mußte. Sie machte in beidem treffliche Fortſchritte. Dieſe Vorkehrungen wurden bereinigt, ohne daß die junge Dame Gelegenheit hatte, Sir John, der die Koſten beſtritt, oder Sir Edward, welcher die betreffenden Ein⸗ leitungen traf, perſönlich ihren Dank abzuſtatten. Wir müſſen uns jetzt für mehr als ein Jahr von ihr verabſchieden, dürfen aber der Ueberzeugung leben, daß ſie die herrliche Gelegenheit nicht vernach⸗ läſſigen wird, eine ſo gebildete junge Dame zu werden, als London unter ihren Altersgenoſſinnen nur zu bieten vermag. Sir John war an Ordnung gewöhnt und beſaß von Natur aus große Ausdauer, die er denn auch in ſeinen Beſtrebungen an den Tag legte. Ein Lehrer folgte auf den andern, bis er endlich jeden derſelben(es waren ihrer fünfzehn an der Zahl) an ſeinem Thürklopfen kennen gelernt hatte. Die ärgerlichen Perſonen! Unge⸗ achtet ſie das beſaßen, was ſich Jack theilweiſe ſo angelegentlich zuzu⸗ eignen ſehnte, verachtete er ſie doch aus dem Grunde ſeines Herzens. Er konnte ihre Pedanterie nicht leiden, verabſcheute ihre Gemeinheit und fühlte ſich völlig angeekelt durch ihre Speichelleckerei. Natürlich hatte Sir Edward alle beſorgt, und einige von ihnen behelligten denſelben mit ihren bitterlichen Klagen. Den erſten Fechtmeiſter hatte Jack ſo zerdroſchen und mit erfolgreichen Terzen und Quarten heimgeſucht, daß der Mann nichts mehr mit ihm zu thun haben mochte und durch einen Andern erſetzt werden mußte, der für einen tüchtigen Treffer galt. Dieſer fuhr übrigens nur noch ſchlimmer. Er war ein Normann und ziemlich anmaßend, weshalb er Jack da⸗ * 350 * durch in Harniſch jagte, daß er ihm ein Bischen wild zuſetzte— vielleicht um ſeinen Zögling gleich im Anfang zu zähmen, vielleicht aber auch, um ihm eine günſtige Meinung von ſeiner Kraft und Wiſſen⸗ ſchaft einzuprägen, wenn er nicht etwa außerdem noch die Abſicht hatte, ihn zu überzengen, daß er es doch nicht ſo weit gebracht habe, als er glaube. Sir John hatte nämlich vie Handhabung des Degens in allen Theilen der Welt geübt und eine Vorliebe für dieſe Waffe gewonnen, obſchon er unter Vernachläſſigung der Anmuth bloß die Wirkſamkeit ſtudirte. Sein Arm war ſehr lang und un⸗ gefähr zehnmal muskelkräftiger als der ſeines Lehrers, welcher ihm weit nachdrücklicher zuſetzte, als gerade nöthig war; und obſchon ihm der Fechtmeiſter nicht beikommen konnte, ſo erlaubte ſich der⸗ ſelbe doch manche boshafte Spottreden über ſeine ungeſchlachten Paraden. Endlich wurde Monſieur Leserimant ganz wüthend über die Wirkungsloſigkeit ſeiner wiſſenſchaftlichen und nachdrücklichen Aus⸗ fälle, ſo daß er endlich ſeiner ganzen Kraft aufbot und ſie in einem einzigen rachfüchtigen Stoße erſchöpfte, welchen Jack kaltblütig mit einem halbzirkelförmigen Rucke bei Seite ſtieß, wobei er ſeinem Lehrer faſt den Arm aus der Schulter zerrte. „Sacré nom de Dieu, que vous êtes béte.“ „Was ſoll dies, Monſieur Krappo? Bät? Ihr ſeyd das Bät. Seht Euch vor, mein feiner Burſche!“ rief Jack ausholend und einen furchtbaren Stoß führend. 4 Die Parade des Lehrers war vollkommen wiſſenſchaftlich, aber ſein Arm hatte nicht Kraft genug, den Stoß abzuwehren, weshalb nur die Richtung deſſelben geändert wurde. Die Waffe traf daher die Drahtmaske, der Knopf ſprang ab und die Klinge drang auf der einen Seite in die Pergamentwange des Franzoſen hinein, um auf der andern wieder zum Vorſchein zu kommen. Sir John mußte ihn kuriren laſſen und zahlte ihm nachher eine Geldentſchädigung; K 351 aber Monſieur lehnte es ab, ihm für die Zukunft Unterricht zu er⸗ theilen. Sir Edward beſuchte nun ſeinen Vetter, um ihm über dieſe Gewaltthätigkeit Vorwurfe zu machen, und nun hörte unſer Held zum erſtenmal zu ſeinem großen Erſtaunen, daß er nicht fechten lernen ſolle, um einen Angriff zu machen oder abzuwehren, da der ganze Zweck derartiger Uebungen bloß darin beſtehe, eine anmuthige, elegante Haltung zu gewinnen. Der dritte Fechtmeiſter fand ihn ſo geſchmeidig, wie den Ehmann einer böſen Sieben. „Das hätte man mir anfangs ſagen können,“ meinte Jack; „es wären mir dadurch viele Klingen erſpart worden. Indeß hat mein Stoß dem Monſteur Lescrimant nicht geſchadet, da er ihm auf jede ſeiner Pergamentbacken ein Grübchen gab. Er war vorher ſo häßlich wie ein toller Hund und hat ſich jetzt zu einem Pavian mit breitem Grinſen veredelt. Der Säbel war in jener Zeit Mode; weil aber Jack wußte, daß er die Führung deſſelben zu wirklichen kriegeriſchen Zwecken er⸗ lernen ſollte, ſo zerſchlug er pünktlich allen ſeinen Lehrern ſchon in der erſten Unterrichtsſtunde die Köpfe. Es war daher bald Niemand mehr aufzufinden, der die Mühe übernehmen wollte, ihn in dieſem Zweige der Selbſtvertheidigungskunſt völlig auszubilden. Indeß war es erbaulich, dieſe Leute mit ihren gequetſchten Gliedern und ver⸗ bundenen Köpfen verſichern zu hören, daß Jack von der edlen Kunſt ſelbſt ſo wenig verſtehe, als ein Wickelkind. Das größte Lob, das Sir John ſeinem engliſchen Lehrer ab: zwingen konnte, beſtand darin, daß ihm derſelbe den beſten Willen von der Welt beilegte. Indeß war unſerem Jack ſchon der Anblick dieſes Schulmeiſters verhaßt. Dennoch brütete er über ſeinen Auf⸗ gaben bei leerem und vollem Magen, wachend und halb ſchlafend, in guter oder ſchlimmer Stimmung, und zwar mit einem Fleiß und Cifer, die einen beſſern Erfolg verdient hätten. Die Orthographie rachte ſowohl Schüler als Lehrer zu heller Verzweiflung, denn da 35² letzterer keinen Grund angeben konnte, warum manche Worte mit ähn⸗ lichen Lauten verſchieden buchſtabirt würden, ſo meinte Sir John, die Regeln der Rechtſchreibekunſt ſeyen ſo willkürlich, wie die ruſ⸗ ſiſchen Kriegsartikel. Er hatte nämlich keine anderen Leitpunkte, als ſein Gedächtniß und den Ton, da ihm die Abſtammung der Wörter böhmiſche Dorf waren, und ſo waren denn ſeine Fortſchritte im Buchſtabiren ſo begrenzt, als nur etwas in der Welt, das ſich der Grenzen rühmen kann. Und welche Krämpfe erzeugte nicht die Verbeſſerung ſeiner Handſchrift in ſeinen Fäuſten! Doch überwand er mit der Zeit dieſes Hinderniß, das ſeiner Vervollkommnung im Wege ſtand, und er begann eine leidlichere Schrift zu ſchreiben. Mit der Rechenkunſt ging es recht ordentlich, und auch im Zeichnen machte er beträchtliche Fortſchritte. Freilich blieben die Früchte ſeiner franzöſiſchen Studien auf Null beſchränkt, und das Lateiniſche entlockte ihm nur die ſchrecklichſten, nagelneueſten Flüche, welche je der Unmuth abgefeuert oder der Scharfſinn erfunden hat. Aber ſein guter Vetter wünſchte es, und ſo blätterte er fluchend in ſeiner Eton⸗Grammatik fort. Er nahm regelmäßigen Unterricht im Schachſpiel, das ihm viel Unterhaltung bot, und wurde ein vortrefflicher Schüler; auch hatte ſein mathematiſcher Lehrer keinen Grund, Beſchwerde über ihn zu führen. Ein Profeſſor der Chemie ertheilte ihm wöchentlich dreimal Unterricht, um ihm einen Allgemeinbegriff von dieſer Wiſſenſchaft beizubringen, welche damals ein wichtiges Geſprächsthema für die faſhionable Unterhaltung war. Doch hatte Jack unter allen ſeinen Widerwärtigkeiten auch einige Vergnügungen. Sein Muſiklehrer war ganz entzückt über ſeine großen Talente, und obſchon es ihm anfangs ſchwer wurde, Sir Johns Genius in die nöthigen Leitbande der Kunſt zu zwängen, erkannte er doch, nachdem dies einmal gelungen war, daß ſein Zög⸗ ling nicht nur ein Virtuoſe erſten Ranges, ſondern auch ein begabter Kompoſiteur werden würde. 353 Jacks eigenem Ausdruck zufolge hatte er bei jeder Unterrichts⸗ ſtunde mit ſeinem Tanzmeiſter um die Wachen zu kämpfen. Indeß müſſen wir doch annehmen, daß der Lehrer endlich die Oberhand gewann; denn Sir John konnte zuletzt ſeine natürliche Rührigkeit ſo weit mäßigen, um eine Menuette mit Genauigkeit und Anmuth abzumarſchiren. Zu allen dieſen Studien kam auch noch der Unter⸗ richt im Fahren und Reiten; und da eben damals das Neich des Mendoza war und der Prinz von Wales das Boxen ſehr begün⸗ ſtigte, ſo hätte Sir John ſich gar zu gerne auch in der„edlen Kunſt der Selbſtvertheidigung,“ wie ſie von ihren Verehrern ge⸗ nannt wurde, unterweiſen laſſen. Die Lehrer kriegten jedoch regel⸗ mäßig ſchon in ihrer erſten Unterrichtsſtunde genug, denn ſie wurden ungeachtet der Handſchuhe von Jack ſo zerklopft und zerwettert, daß ſie mit verbundenen Köpfen und blauen Augen die Erklärung ab⸗ gaben, der Schüler ſey völlig ungelehrig und beſitze auch nicht di mindeſte Anlage, ein Pugiliſt zu werden. 3 Auch die kleineren zierenden Fertigkeiten blieben nicht vergeſſen, denn unſer Held nahm dreinndvierzig Unterrichtsſtunden in der Kunſt, anmuthig die Zähne auszuſtochern, die noch obendrein von einem einleitenden Vortrage begleitet wurden. Die Jugend der gegen⸗ wärtigen verfeinerten Generation bezweifelt vielleicht dieſe Thatſache, aber ihre Väter waren der Anſicht, das Alles, was man thue, auch mit Anſtand geſchehen müſſe. Oft und vielmal im Laufe der Unterrichtsſtunden und wohl auch ſtundenlang hintereinander ſehnte ſich Sir John nach dem Fächeln einer friſchen Briſe in ſeiner natürlichen Domäne, der Back. Wenn er erſchöpft und angewidert war von ſeinen eifrigen Bemü⸗ hungen, ſich zu einem Gentleman zu bilden, würde er freudig mit einem Matroſen getauſcht haben, der in einer ungeſtümen Nacht die Mittelwache hielt, wenn das Schiff unter Sturmſtagſegeln dahin⸗ ſchoß. Das Loth und die Leehauptputtingen wären ihm weit lieber geweſen, als ſeine Etongrammatik und ſein Gradus, gleichviel ob Marryat's W. XX. Jack am Lande. 23 354 auch die Leine mit Eis überzogen, das Schanddeck unter Waſſer und der Kapitän in übler Laune geweſen wäre. Aber er hatte ſich vorgenommen, wenigſtens alle ſeine Kräften für den Verſuch auf⸗ zubieten, und pflegte ſich mit der Vorſtellung zu beruhigen:„wenn ich nicht die Baronetſpitze umluven kann, ſo ziehe ich eben das Steuer auf, ſchüttle die Hinterſegel und halte wieder ab auf die Blaujacke und die Theerhoſen.“ Nun traf es ſich zufällig, daß dieſer Satz von ſeinem Lehrer in der Beredtſamkeit gehört wurde, worauf es dieſer nicht an einem ſtrengen Verweiſe fehlen ließ. Jack fügte ſich voll Demuth darein, meinte aber, man übe an ihm eine weit ſchlimmere Tyrannei, als ſich je der tyranniſchſte Poſtenkapitän, der ſich durch die bedrückende Vereinigung des Müſſiggangs und übler Launen unerträglich machte, erlaubt haben würde. Wie heroiſch das Märtyrerthum unſeres Helden war, laͤßt ſich einigermaßen begreifen, wenn man weiß, daß er ſich des Rauchens ſowohl, als des Tabackkauens völlig enthielt und nichts Stärkeres trank, als die leichteſten franzöſiſchen Weine. Wenn er nicht um der Bewegung willen einen Ritt oder Spaziergang machte, ſo kam er nie aus dem Hauſe, welches er ſtets gegen alle Beſuche ver⸗ ſchloſſen hielt, Sir Edward und Mr. Singleheart ausgenommen. In ſeinen vier Mauern war ihm übrigens Alles ſo behaglich als nur möglich gemacht worden. Er hatte zum Ammannuenſis einen verſtändigen, beſcheidenen, jungen Mann, der ſo ruhig und liebens⸗ würdig in ſeinem Benehmen war, daß Sir John, trotz der war⸗ nenden Beredtſamkeit Sir Edwards, aller ſeiner inneren Kraft auf⸗ bieten mußte, um beſagten Jüngling nicht zu ſeinem vertrauten Freunde zu machen. Während dieſer Periode gebrach es ihm ganz an weiblicher Geſellſchaft, und der Rechtsgelehrte ſowohl, als Sir Edward hatten ihre ſchlimmen Ahnungen, Jack möchte ihnen an einem ſchönen Tage entweder ſeine Köchin oder ſein Stubenmädchen als Lady Truepenny vorſtellen.* 355 Es wurden manche höchſt ſcharfſinnige Verſuche angeſtellt, die Bekanntſchaft unſeres Helden zu machen, ohne daß übrigens einer derſelben von Erfolg begleitet geweſen wäre. Alle Briefe wurden von Mr. Hawkins, dem Ammanuenſis, dahin beantwortet, daß es vorderhand Sir John Truepennys Wunſch ſey, vollkommen abge⸗ ſchieden zu bleiben, und diejenigen, welche perſönlich vorſprachen, erhielten eine aͤhnliche Weiſung. Jack war allerdings ſtets zu Hauſe, aber für Niemand ſichtbar, als für die vorerwähnten Aus⸗ nahmen. Viele wollten ſich durch Beſtechung des gewiſſenhaften Ammanuenſts nur die Unterredung einer kleinen halben Stunde mit dem ercentriſchen Baronet erkaufen, und Niemand war darunter unermüdlicher, als Mr. Scrivener, der ſich unabläſſig in Briefen und Perſon vergeblich abmühte, ja zuletzt ſogar ſo aufdringlich wurde, daß man ihm die Thüre vor der Naſe zuſchlagen und ſeine Briefe uneröffnet zurückſchicken mußte. Drei Monate verharrte Sir John unter ſolcher Disciplin. Alles, was faſhionabel war oder es zu ſeyn vermeinte, hatte Lon⸗ don verlaſſen; aber unſer Held beſuchte keine von ſeinen Beſitzungen, ſondern blieb um ſeiner verſchiedenen Lehrer willen in der Haupt⸗ ſtadt, denn er mochte nicht vor ſeinen Grundholden erſcheinen, bis er den Roſt, welcher ihm durch das Salzwaſſer ſo bedeutend ange⸗ flogen war, einigermaßen abgerieben hatte. Wenn irgend eine Verfahrungsweiſe beſonders berechnet war, aus unſerem Baronet einen Löwen erſten Ranges zu machen, ſo war es diejenige, welche er auf das angelegentliche Drängen ſeines hochſinnigen und uneigennützigen Vetters eingeſchlagen hatte. Alle ſprachen ſich eben ſo ſehr, als ſie zahlreich waren. Die Einen be⸗ haupteten, er ſey ein bloßer Seecanibal und ein betrunkener Schwamm 4 wie Stefano, während Andere erklärten, er ſey ein wahres Modell von Seeheldenthum, vollkommen von Geſtalt und fein in ſeinen Sitten— er habe als Offizier Dienſte geleiſtet, ſey ein ächter * 356 Gentleman und meide die Welt bloß, weil ihn ſein hochgebildeter, philoſophiſcher Charakter dieſelbe verachten gelehrt habe. Ein ſehr ſtarkes Häuflein weiblicher Heiliger trat zu einem Conclave zuſammen und kam zu der einmüthigen Entſcheidung, daß er ein Heide ſeyn müſſe— aber ach, dazu ſo reich und obendrein — unverheirathet! Ihrer Meinung nach ächzten die Himmelsthore in ihren Angeln vor Schmerz, daß er bis jetzt noch keinen Verſuch gemacht hatte, durch dieſelben einzugehen. Sie trugen ſich mit Gedanken, in Proceſſton einen Bekehrungskreuzzug gegen ihn zu unternehmen— wenigſtens waren die Jungen und Hübſchen ſtark für dieſe Maßregel, und wenn es nicht einige Zwiſtigkeiten wegen des Vorrangs gegeben hätte, ſo würden ſie ihn ohne Frage— in der einen Hand das„Ganze der Menſchenpflichten,“ in der andern das„Liederbuch für Solche, die der Welt abgeſtorben ſind“— ge⸗ entert haben. Endlich aber vereinigten ſie ſich zu dem vorläufigen Schritte, ihn zu einem Liebesmahl einzuladen, wobei ſie nicht ver⸗ ſäumten, eine ſanfte Ermahnung beizuſchließen, welche auf den ſchmalen und geraden Pfad anſpielte. Jack ließ den Köchinnen des Liebesmahles ſeinen Gruß und die Erklärung vermelden, daß er vorderhand keine Zeit für Mahl⸗ zeiten oder Liebe habe, und was den engen Pfad betreffe, ſo hoffe er, daß Ellenbogenraum in dem ſey, welcher zum Paͤradies führe, da es ihm ſonſt ſchlecht ergehen würde, weil er noch nicht im Stande geweſen, ſeinem Gange ein ſchreckliches Rollen abzugewöhnen. Dieſe Antwort, in Mr. Hawkins beſter Hand geſchrieben, wurde in ernſtliche Erwägung gezogen. Die ältlichen Heiligen erklärten ſie für ſehr gottlos und roh, die jüngeren jedoch fur ſündhaft, aber doch launig. Letztere meinten, daß der auf dem Waſſer erzogene Baronet dennoch gerettet werden und dem Feuer entrinnen könne, welches für alle diejenigen Sünder, die nicht genau in ihrer eigenen Erlöſungsweiſe Heil ſuchen wollten, ziſche und brülle. Die Roués ſammt allen voll⸗ und halbblütigen adelichen Wüſt⸗ 3 357 lingen wetzten ihre Hauer und lauerten eifrig auf ihren Raub, wobei ſie unabläſſig zu einander ſprachen:„Wann wird er herauskommen?“ „Wann wird er ſich zeigen?“ Ja, einige von den Haupthähnen hatten ſogar ſchon untereinander gewürfelt, wer zuerſt eine ſo gut mit Federn verſehene Taube rupfen dürfe. Mittlerweile murrte Sir John, der keine Ahnung von dem durch ihn erregten Aufſehen hatte, vor ſich hin und gedieh dabei. 1 Was nun uns betrifft, ſo ſind wir nicht der Anſicht, daß der Plan, der zur plöͤtzlichen Umwandelung unſeres Matroſen in einen Gentleman eingeſchlagen wurde, ſehr verſtändig war— jedenfalls zeigte er ſich nicht als ſonderlich erfolgreich. Man überlud ihn mit den Elementen allzuvieler Dinge, ſo daß er über nichts Herr werden und ſich nur ſehr wenig vervollkommnen konnte, denn er lernte nur die Ausdehnung ſeiner Mängel kennen. Dies machte ihn abwech⸗ ſelnd ſcheu und unverſchämt, raubte ihm aber zugleich in hohem Grade die derbe Ehrlichkeit und liebenswürdige Naivetät des Ma⸗ troſen, ohne ihm einen anderen Erſatz zu bieten, als eine Maſſe von unnatürlichen Dingen, welche die ganze Einfachheit ſeines Charakters zerſtörten und nur wenig zu ſeiner Verfeinerung bei⸗ trugen, ihres Zweckes in Betreff der Eleganz aber faſt völlig ver⸗ fehlten. Dieſe dreimonatliche Probezeit hatte an unſerem Jack auffallende phyſiſche Veränderungen hervorgebracht. Er hatte an Maſſe be⸗ deutend zugelegt und konnte ſich auch nicht des früheren guten Athems rühmen. Seine Hände waren ſehr weich und ungemein weiß geworden, ſahen aber größer als je aus, da ſte vielleicht an der allgemeinen Fettbildung theilnahmen und durch ihre blendende Farbe noch umfangreicher erſchienen. Seine ſchönen, nußbraunen Locken mußten ſich in die abſcheuliche Mode fügen, und auf ſeinem Geſichte, auf welchem ſich nur das reinſte Roth und zarteſte Weiß zeigte, blieb auch nicht die mindeſte Sommerſproſſe zurück. Seine Zähne glänzten wie Perlen, und man konnte ihn im Ganzen ſchöner 358 nennen, obgleich durch dieſe Veränderungen dem männlichen Cha⸗ rakter ſeiner Schönheit Abtrag gethan worden war. Einfältige Mädchen und üppige Weiber mochten die Umwandelung allenfalls für herrlich halten, aber die Männer und Jack ſelbſt fanden keinen Gefallen daran. Wenn der Kammerdiener unſern Helden am Morgen raſtrt, frifirt und gepudert hatte, ſo pflegte er mit kläglicher Miene ſeinen Kopf wie eine Streubüchſe vor dem Spiegel zu ſchütteln und etwas über affenhaft gemachte Köpfe zu murmeln, die man mit des Schiffskochs Mehlbeutel bearbeite.— Aber dennoch war Jack ein Gentleman. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Jack gerechtfertig’t.— Sir Edward gibt einer ſchlimmen Sache die beſte Wendung.— Jack macht ſein Debut vor ſeiner reichen Muhme und wird daſelbſt ſehr angenehm erfunden, obſchon er guten Rath ertheilt. Er zeigt, wie ein Anfall übler Laune erfolgreich behandelt werden muß, und verrichtet andere große Dinge außer dem Fidelſpiel. Jack iſt ein Gentleman. Und welch' ein Gentleman! Höhne nicht, Du Baſtardzucht, die Du die Handwerksleute zu Grunde richteſt und auch Dich ſelbſt zu Grunde richten würdeſt, wenn Du etwas beſäßeſt, was ſich dieſer Mühe verlohnte. In allen rein weſent⸗ lichen Theilen war Jack wirklich ein Gentleman— war es aber noch weit mehr, eh' er es verſuchte, ſich in die ärmlichen Künſte zu klei⸗ den, welche den gewöhnlichen Gentleman des Tages bilden. In ſei⸗ nem rauhen Anzuge auf der Back des Kriegsſchiffs waltete der Geiſt des Gentleman kräftig in ihm. Er verachtete eine ſchmutzige Handlung aus dem einfachen Grunde, weil ſie ſchmutzig war, und obſchon er unter den 359 Matroſen vorne anſtand, zeigte er ſich doch nie anmaßend. In ſeiner eigenen Weiſe war er ſtets bereit, den Schwachen zu beſchützen, den Angreifer zurückzuweiſen und mannhaft gegen Unterdrückung aufzu⸗ treten. Er war freigebig in einer Stellung, in welcher dieſe Tugend unabweigslich mit eigener Entbehrung begleitet iſt, denn wenn er gab, ſo verſchenkte er faſt ſeine ganze Habe— und er ließ ſich ſtets mit offener Hand finden. Wohlwollende Peers— Almoſen ſpendende Biſchöfe— freigebige Millionäre— haben euch eure Wohlthaten je auch nur eines halben Diners beraubt? Wenn euch eure Barmherzigkeit je einmal ohne Nachteſſen zu Bett ſchickte, dann— aber nur dann mögt ihr euch rühmen, daß ihr ſo edel⸗ müthig waret, wie Jack. Und der Matroſe Jack war auch ſehr höflich— aufmerkſam auf die Bedürfniſſe und rückſichtsvoll für die Eigenliebe Anderer. Seine Beſcheidenheit war nicht bloße Schauſtellung, denn er freute ſich darüber, wenn Jedermann an ſeinem Platze ſtand, und wollte für ſich ſelbſt nur den niedrigſten einnehmen— gewiß eine ſchöne Selbſtverläugnung. Unter fünfhundert Mann war ſein Geſang zu⸗ geſtandenermaßen der beſte, und er gab ihn bereitwillig preis, wenn er darum gebeten wurde, obſchon er mit weit mehr Vergnügen ſtumm zuhörte, wenn Andere ſangen. Sagte er, daß Bill Bobſtay das Lied:„Schön iſt's, wenn die Segel ſchwellen,“ beſſer ſinge, als er, ſo fand er Glauben, denn Niemand ließ ſich's je einfallen, daß er ſich ſelbſt herabſetzen könnte, um dadurch nach Lob zu ködern. Man wußte, daß Jack nie log, und obſchon er ſich hin und wieder betrank, Taback kaute und wohl auch die Katze kriegte, ſo müſſen wir doch ſagen, daß er in der Back ein Gentleman war. Und auch am Lande iſt Jack jetzt ein Gentleman, obſchon nicht in ſo hohem Grade, weil er ſich nicht in ſeinem natürlichen Ele⸗ mente bewegt. Mit der neuen Hülle der Gentilität hatte er auch einige nichtige Zierereien angenommen, die von ſeiner damaligen Umgebung als ſehr löblich erfunden wurden—— doch gleichviel, 360 ſeine dreimonatliche Probezeit iſt vorüber, und Sir Edward erklärte jetzt, daß er nun ein Bischen mehr von einem Gentleman ſey. Es iſt übrigens unſere Pflicht, jetzt zu Sir Edward Fortin⸗ tower zurückzukehren. Er war ein kräftiger, aber keineswegs voll⸗ kommener Charakter, und wir müſſen ſehr zweifeln, ob er nicht Jacks Erbe auf Jahre hinaus Zoll um Zoll beſtritten haben würde, wenn nicht der Einfluß ſeiner Geliebten über ihn gewaltet hätte. Nun er ſich aber einmal entſchloſſen hatte, dieſe edle Rolle zu ſpielen, ſo war er verſtändig genug, um zu bemerken, daß er nicht halb handeln durfte, wenn es erfolgreich geſchehen ſollte. Die wirkliche Großmuth duldet kein Unterhandeln und geſtattet kein Mittelding. Das Opfer lag jedoch ſchwer und peinlich auf ſeinem Herzen. Er hatte ſich an den Beſitz eines großen Vermögens und eines um⸗ faſſenden Einfluſſes gewöhnt, weshalb es unablaͤßig an ſeinem Herzen fraß, daß er in Armuth und verhältnißmäßige Unbedeut⸗ ſamkeit verſinken ſollte. Vielleicht war ſeine Tugend um ſo größer, weil ſie ihn ſo bittere Kämpfe koſtete, aber nach der gewöhnlichen Betrachtungsweiſe war er zuverläßig kein Held. Er übte allerdings eine edle Handlung der Gerechtigkeit und führte ſte mannhaft durch, aber es geſchah nicht mit freudigem Herzen. Er bedurfte aller der Tröſtungen und der ganzen Zärtlichkeit ſeiner Geliebten, um dieſe Prüfung beſtehen und auch nachher ſich wie ein Mann benehmen zu können. Anfangs ging es Anna True⸗ penny ſehr zu Herzen, als ſie fand, daß die Entfagung ihren Ver⸗ lobten einen ſo herben Kampf koſtete; indeß ſah ſie ſpäter wohl ein, daß die Handlung ſelbſt weit edler war, wenn der Vollbringer durch das Feuer wandelte, während Muskel und Nerve unter der Flamme zuckten, als wenn er ſich dermaßen mit dem Harniſch der Gerechtigkeit und mit dem Schilde des Edelfinns gedeckt hätte, daß er die verzehrende Glut gar nicht empfand. In ſeiner gegenwärtigen bedrängten Lage handelte Sir Edward mit vollendeter Klugheit, denn er ließ ſich's angelegen ſeyn, ſeine 361 fünfhundert Pfund jährlicher Renten gut zu ſichern und verkaufte Alles, was nicht zu dem Fideicommiß gehörte, an ſeinen glückliche⸗ ren Vetter in vollem Werthe. Zugleich ſäumte er nicht, ſich unter die Jünger der Rechte einzeichnen zu laſſen, miethete ſich eine Woh⸗ nung in einem zweiten Stocke und verſchaffte ſich von dem Mini⸗ ſterium eine Sinecure von jährlichen ſiebenhundert Pfunden, woge⸗ gen er demſelben, nach einigem liebenswürdigen Kokettiren, für das nächſte Parlament, in welches er als der Vertreter eines verrotteten Wahlfleckens einzutreten beſchloſſen hatte, ſeine Unterſtützung zuſagte. Dies konnte nun nicht gerade ein Verrath genannt werden, da er in den Tagen ſeines Einſluſſes ebenſo oft für, als gegen die Miniſter geſtimmt hatte. Jedenfalls begab er ſich übrigens dadurch ſeiner Unabhängigkeit, und da man im Hauſe auf einen armen Peer ohnehin nicht länger hörte, ſo glaubte er ſich auch nicht weitere Mühe geben zu müſſen, um für ſich ſelbſt zu ſehen, zu hören und zu urtheilen.— Um die Zeit, als er im Begriffe war, Jack ſeines Zwanges entledigen und ihn in die Welt einzuführen, damit er fortan für ſich ſelbſt ſorge, betrug ſein Einkommen ungefähr fünfzehnhun⸗ dert Pfund jährlich, die ſeine Ausgaben mehr als deckten. Indeß verdankte er doch ſiebenhundert Pfund davon nur der Gunſt des Miniſteriums, und ſie mußten fallen, ſobald eine andere Partei an's Ruder kam. Dies war eine ſehr bedenkliche Stellung, da ſich in der letzten Zeit eine kräftige Oppoſition entwickelt hatte. Aber auch im ſchlimmſten Falle konnte ſich Sir Edward noch immer als einen nicht mittelloſen Mann betrachten. Zu ſeiner ebenſo großen Freude als Verwunderung hatte er unter ſeinen Freunden und Bekannten nichts verloren; denn letztere bemerkten, wie klug er ſich benahm und welchen unbegrenzten Ein⸗ fluß er über ſeinen Vetter übte, weshalb ſie ſeine Privathülfsquellen im Geiſte verdreifachten und ihn entſchieden als einen ſich hebenden * . 362 jungen Mann betrachteten. Niemand zweifelte daran, daß er eines Tages die reiche Erbin heirathen werde, und da er noch immer Parlamentsmitglied und Baronet war, ſo galt er allenthalben als ein gefeierter Gaſt und als eine Bekanntſchaft, auf die man ſtolz ſeyn durfte. Da er nun alle Bedingungen ſeines Vertrags nicht nur dem Geiſte, ſondern auch dem Buchſtaben nach erfüllt hatte, beſuchte er Miß Truepenny, um ſie jetzt zu Erfüllung ihres Antheils aufzu⸗ fordern, welcher darin beſtehen ſollte, daß ſie es über ihren Groß⸗ vater gewann, ſich mit ihr zu einer Petition an den Lordkanzler zu vereinigen, damit derſelbe die ſehr ungereimten Stipulationen in dem Teſtamente ihres Ahnherrn(denn ſo erſchienen ſie ihnen nun⸗ mehr) aufhebe. Dies war nun die verfänglichſte und ſchwierigſte Aufgabe, die ſich je ein Paar junger Liebenden auferlegt hatte. Aber Anna bebte nicht vor einem Schritte zurück, den ſie jetzt als eine heilige Pflicht betrachtete. In Anbetracht des hohen Alters und der Gebrechlich⸗ keit des Großvaters hatte ſie beſchloſſen, ihn unverweilt mit allem Nachdruck um ſeine Zuſtimmung anzugehen, um ſo die Ermüdung eines langſamen Manövrirens zu vermeiden. Der alte Herr hatte bereits erfahren, daß ein Mann aufge⸗ funden worden ſey, welcher nähere Anſprüche an die Ehren des Hauſes beſitze, die wieder in aller Größe aufleben ſollten, folglich durch Sir Edwards Perſon die Abſicht des berufenen Teſtamentes nicht erfüllt werden könne. Die Mittheilung war von ihm mit der gewöhnlichen Ruhe ſeines Charakters aufgenommen worden. Er hatte keine Bemerkung darüber gemacht, ſchien aber doch für einen Mann, der ſo lange aufgehört hatte, irgend einer Erregung Raum zu geben, ſehr traurig zu werden, obſchon man nachher nie einen Laut des Bedauerns oder der Klage von ſeinen Lippen vernahm. „Am erſten Tage des Oktobers ſollte die wichtige Frage zwiſchen Alter und Jugend, Vorurtheil und Leidenſchaft zur Entſcheidung 363 gebracht werden. Sir Edward war unter Mr. Singlehearts Be⸗ gleitung Morgens früh um neun Uhr bei Sir John geweſen. Der erſte Theil der Unterhaltung betraf eine Prüfung von Jacks Fort⸗ ſchritten in ſeiner Erziehung und wurde mit der größten Zartheit, aber auch nachdrücklich ausgeführt. Sie hatten dabei guten Anlaß, in allen Stücken ſeine Beharrlichkeit, theilweiſe aber auch die Früchte ſeines Eifers zu loben. Zugleich bemerkten ſie eine unverkennbare Veränderung in ſeinen Manieren, wagten aber doch nicht, ſich darüber auszuſprechen, ob dieſelbe erfreulich war oder nicht. Was übrigens auch ihre Anſicht ſeyn mochte, ſo waltete doch zwiſchen dem Kleeblatt die größte und aufrichtigſte Herzlichkeit. Dann gingen ſie weiter und ſetzten Jack völlig in Kenntniß von den gegenſeitigen Beziehungen, in welchen Sir Edward, Anna und er ſelbſt ſtanden, ſchließlich das große Ziel berührend, das die beiden Liebenden im Auge hatten und noch am nämlichen Tage in Ausführung zu bringen gedachten. Sie bemerkten Sir John, daß ſeine Anweſenheit dabei weſentlich nothwendig ſeyn würde. Jack hörte ihnen mit der größten Aufmerkſamkeit zu und fühlte ſich zuletzt, als er alle Verhältniſſe des Falles begriff, auf's Tiefſte ergriffen.„Vetter,“ ſagte er,„Ihr habt Euer Beſtes gethan, um mich zu einem Gentleman zu machen. Gott weiß es, es iſt eine mühſame Aufgabe für mich geweſen— eine Arbeit gegen Wind und Fluth— nebeligtes Wetter— und alle Hände beſtändig auf dem Deck. Ob ich weit vorwärts gekommen bin, müßt Ihr am beſten zu beurtheilen wiſſen, obſchon ich der Anſicht bin, daß ich auf dem anderen Gange verloren habe, was ich auf dem einen ge⸗ wann. Ich komme mir vor wie ein überladener langer Neunpfünder. Man hat Watte und Kugeln hineingerammt, bis alles Pulver her⸗ ausgedrückt war, und ich zweifle, ob ich je im Stande ſeyn werde, loszugehen. Gleichwohl bin ich Euch dankbar, Vetter— doppelt und dreifach dankbar, denn ein ehrlicherer Burſche iſt mir nie vor meine Klüſen gekommen. Ihr ſeht, ich kann Euch jetzt durch mei⸗ 34 nen Händedruck nicht mehr wehe thun— meine Fäuſte ſind ſo zart, wie der Rumpf eines friſch abgezogenen Ferkels, aber mein Herz iſt noch ſo ſtramm und treu, als nur je, und Ihr ſollt das Mädchen haben, wenn es mit den Wachen und dem Manöyriren abgethan iſt. Laßt uns daher zu dem alten Commodore gehen und ihm eine Breitſeite geben.“ b „Ich habe Eure Ehrenhaftigkeit und Herzensgüte nie bezwei⸗ felt, John, aber wir müſſen dabei ſehr gemach verfahren. Der alte Mr. Truepenny ſteht unter dem Einſluſſe von Gefühlen, von denen Ihr Euch keine Vorſtellung machen könnt. Ihr ſeyd die Perſon, auf welche es dieſes abgeſchmackte Teſtament abgeſehen hat — wollt Ihr die Dame und das Vermögen an Euch bringen? Man wird Euch Beides anbieten.“ 4 „Möge ich auf immer und ewig verdammt ſeyn, wenn ich dies thue! Ich meine damit keine Beleidigung gegen Euer Liebchen, Vetter. Warum wollt Ihr nicht allen dieſen verwünſchten Reich⸗ thum, den Ihr mir gabt, zurücknehmen? Laßt mir nur jene Schoͤn⸗ heit von einer Yacht mit Mannſchaft und Verköſtigung, und Jack iſt zufrieden.“. „Das ginge nicht, John. Ihr repräͤſentirt den älteren Zweig der Familie, und in Euch müſſen ihre Ehren wieder aufleben. Eine Verheirathung mit jeder andern Perſon, als mit dem Haupte der Fortintower'ſchen Familie, würde alle Wohlthaten des Teſtamentes aufheben, und obgleich wir beide von weiblicher Linie abſtammen, leitet Ihr Eure Berechtigungen doch von dem älteren Zweige her. Ich denke, ich habe Euch dies mehr als einmal aus unſerem genea⸗ logiſchen Baume klar gemacht.“ „Nun ja, Vetter; aber dieſer kinnilogiſche Baum ſcheint mir doch nur todtes Holz zu ſeyn. Er ſteht aus wie neuangeſtrichene und gefirnißte Blöcke, die man an Leinen unter einander aufhängt, um zu trocknen; und wenn ich auch das Haupt der Familie bin, warum ſollte von mehr als einem Blocke die Rede ſeyn? Denn ich glaube wahrhaftig, trotz allem meinem Lernen bin ich doch zum Blockkopf geboren und werde wohl als ein Blockkopf ſterben müſſen. Laßt uns übrigens zu dem Point kommen; wir wollen dann auf⸗ luven, und ihn umſchiffen, wenn wir können. Es ſcheint alſo, daß ich ein Zweig von dieſem kinnilogiſchen Baume bin?“ „Genealogiſch.“ „Nun, nun, ſo ſey's meinetwegen kennehalogiſch. Aber ſeht Ihr, Vetter, da ich ein junger Mann bin, ſo könnt Ihr nicht er⸗ warten, daß ich einen Selbſtmord begehe und mich an meinen eigenen Zweig von dieſem Baum da aufhänge. Indeß will ich Alles für Euch thun, nur nicht gerade dies, denn ich bemerke wohl, daß ich Euch ganz abſcheulich im Wege bin.“ „Nein, Sir John, ich verlange gewiß nicht, daß Ihr irgend einen halsbrechenden Sprung thut— aber jetzt müſſen wir in Euern Wagen ſpringen, zu Miß Truepenny fahren und dann ſehen, wie das Land liegt. Iſt dies der rechte Ausdruck, John?“ „Das kommt darauf an. Wenn ſich's um niedriges Land han⸗ delt und Ihr lugt darnach aus, ſo könnt Ihr fragen, wie es liege; aber wenn das Land hoch liegt, wie Beachy Head zum Beiſpiel, ſo ſagt man ſtehen. Ich glaube übrigens, daß es ebenſo ſchwer iſt, aus einem Landmanne, ſo ſehr ich ihn auch um ſeiner Unwiſſenheit willen beklagen muß, einen Matroſen zu machen, der in alle purfeſſionellen Subtutitäten eingeweiht iſt, als es bei mir eine ſaure Arbeit iſt, mich in einen Gentleman umzumoduliren.“ Die Drei begaben ſich ſodann nach Harley⸗Street, und Sir John wurde in gebührender Form Miß Truepenny vorgeſtellt. Der Baronet warf ſich in die fünfte Poſition, ſchob dann ſein rechtes Bein in die zweite, zog ſich ſelbſt in die erſte und machte vor der Dame eine der tiefſten und langſamſten Verbeugungen, mit denen je ein Tabernakel der Schönheit beehrt wurde. Alle Anweſenden hielten ihre Geſichter in wunderbarer Faſſung. Es war augenſchein⸗ lich, daß der Tanzmeiſter auf Reiſen geweſen und der Zögling in der Menuett⸗Verbeugung vollkommen zu Hauſe war. Obſchon Miß Truepenny darauf vorbereitet war, einen ſchönen jungen Mann zu ſehen, ſo konnte ſie doch nicht genug ſtaunen, als ſie eines ſo vollkommenen, blühenden Exemplares der menſchlichen Species anſichtig wurde. Indeß vergaß auch Jack, als er ſie be⸗ trachtete, für einen Augenblick ſowohl Poll als Sue, erinnerte ſich aber bald wieder an dieſelben und murmelte vor ſich hin: „Hol' mich Gott, wenn ſie nicht mehr ein Engel iſt, als Sue, und ein ſchöneres Frauenzimmer, als Poll.“ „Was hat Euch zu bemerken beliebt, Sir John Truepenny?“ ſagte die junge Dame in einem Tone, der, obſchon er ihn lebhaft an den der armen Suſanna erinnerte, doch weit fehlerloſer in ſei⸗ ner Modulation war und ihm die Nerven bis in die Fingerſpitzen prickeln machte; denn Jack war ein begeiſterter Verehrer der Muſik. „Fräulein— Miß Truepenny— Madame— ich dachte nur an eine Sache, die auszuſprechen vielleicht roh von meiner Seite wäre, obſchon nicht gerade etwas Schlimmes darin liegt.“ „Dann werdet Ihr mich jedenfalls verbinden, wenn Ihr Euch frei ausſprecht,“ verſetzte die Dame. „Ja, Fräulein, es iſt leicht geſagt, ich ſolle mich ausſprechen, aber wie ſoll ich dies angreifen? Ich bin wie ein Schornſteinfeger am Maitag— habe ein Bischen Flitter, Goldlaub und ein paar Bandſchleifen über mein natürliches Ich— und bin daher weder das Eine, noch das Andere. Wenn Ihr mich als einen Gentleman von dreimonatlicher Schule fragt, ſo ſtolpere ich bei jedem dritten Worte; ſoll ich übrigens als Matroſe reden, ſo könnte ich wohl meine Antwort wie eine gut gezielte Breitſeite abfeuern, aber dann wäre Alles zu roh und ungeſchlacht für Cure zarten Ohren, und ich kann deshalb nicht in geziemender Weiſe mein Herz vor Euch erleichtern.“ „Redet immerhin als ein Matroſe, Sir John, denn Ihr könn⸗ * 367 tet anders gewiß nicht mit mehr Anmuth und Gebühr ſprechen. Ich liebe die Matroſen aus dem Grunde meines Herzens.“ „Wirklich, Miß? Dann ſegne Euch Goitt für dieſes freund⸗ liche Wort und möge Euer Liebhaber Euch mit aller Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit eines Matroſen lieben; die Glorie des Gentleman wird dann etwas beſſer ſeyn, als bloßer Mondſchein. Aber ich ſetze keinen Zweifel in ihn, Fräulein— ich bezweifle ihn durchaus nicht. Was ich jedoch ſagen wollte, beſteht darin, daß ich es auf einen ganz anderen Gang abheben wollte, als der Vetter Edward, wenn ein ſolcher ſüßer kleiner Cherub, wie Ihr ſeyd, auf das Leben des armen Jack niederlächeln wollte, wie'’s in dem Liede heißt. Wenn ich wie Ihr waͤre, Ned— ich nenne Euch zum erſtenmal Ned, da ich Euch gerne in dem Lichte eines Bruder Theer betrach⸗ ten möchte— wenn ich wie Ihr wäre, Ned, ſo würde ich nicht herſtehen und viele Flauſen machen um des einen oser des anderen Teſtaments willen, ſondern mich an keinen andern Willen kehren, als an meinen eigenen und an den dieſer theuren Dame— ja, ich würde mich mit einemmale ſpliſſen laſſen, und wenn Ihr nicht ge⸗ nug habt, um ſte aufzutakeln, zu verdocken und zu victualiſiren— und ſtie verdient ein Takelwerk wie eine Königin, ihr Dock in einem Pallaſt und jeden Tag die Bictualiſtrung eines Feſtmahls— wenn ich nicht Alles dies für ſie ohne Mühe thun könnte, ſo würde ich mir die Hände abarbeiten, und ſte wurde Euch nur um ſo mehr dafür ſchätzen. Aber Gott behüte, was ihr fur unſchuldige Kinder ſeyd— habt ihr nicht eine Heimath, in die ihr gehen, oder Geld, das ihr verbrauchen könnt? Da iſt mein Stadthaus und meine zwei Landſitze, die ich nie geſehen habe; und mein Einkommen, von dem ich nicht weiß, wie ich es verbrauchen ſoll. Laßt euch ſpliſſen, ſage ich, und es iſt mir völlig Ernſt damit— ich weiß, was ich biete und auf was ich ſelbſt es abhebe— ich biete euch, was euh zu eurem Glucke nöthig ſcheint und habe dabei mein eigenes im Auge. Ich glaube, es wird mir mit der Profeſſion eines Gentle⸗ 4 368 man nie gelingen, und würde mich überglücklich ſchätzen in meiner Yacht und in meiner guten kleinen Hütte bei Greenwich oder Gra⸗ veſend. Es würde nicht angehen, mich an einem regelmäßigen Seehafen niederzulaſſen, da die Verſuchung zu ſtark wäre— denn ich ginge wahrſcheinlich wieder an Bord eines Kriegsſchiffes, ſey es um eines alten Kameraden willen, oder wegen der ſtattlichen Auf⸗ takelung des Fahrzeugs— vielleicht auch blos um mir einen Spaß zu machen, weil mir die Sache gefiele. Und nun ein Wörtchen von euren Grillen und Bedenklichkeiten. Im Grunde bin ich doch nur ein Zwiſchenläufer, und wäre jener Spitzbube von einem Ad⸗ vokaten nicht geweſen, ſo würde ich noch immer auf der Back der Old Glory Taue hinunterringeln. Laſſen wir das— aber was eure Skrupel betrifft— ich will euch nicht geradezu mein Vermö⸗ gen ſchenken, ſondern verlange blos, daß ihr den größten Theil meines Einkommens verbraucht, um die Ehre der Familie aufrecht zu erhalten. Seine Majeſtät— Gott ſegne ſie!— hätte können zur Admiralität ſagen, ſie ſolle einen Subalternoffizier aus mir machen, würde aber nie im Stande geweſen ſeyn, mich zu einem Lord umzuwandeln. Da iſt übrigens Ned— er iſt ein gewitzter Kunde, ſcharf, wie ein Nordoſter im Janiwar, und weiß, auf wel⸗ cher Seite ſein Zwieback gebuttert iſt, wenn ich alle dem, was ich höre, Glauben ſchenken darf.“ 1 Miß Moriſon, Miß Truepenny und der Rechtsgelehrte fingen hierüber herzlich an zu lachen, und auch Sir Edward ſtimmte ein wenig in die Heiterkeit ein, obſchon es ihm däuchte, als halte ſie ein wenig allzu lange an. „Nun Vetter, Ihr ſeyd bereits ein Parlamentsmann, und der König hat Euch vor einiger Zeit um Eurer eigenen Verdienſte willen zu einem Baronet gemacht. Was nun das Zeug betrifft, daß man augenblicklich abſtimmen ſolle, ſo muß das lauter Wind⸗ beutelei ſeyn. Ihr habt ein Gewiſſen, Edward, und wenn irgend 369 ein Tölpel ſagen will, Ihr hättet gegen Eure Ueberzeugung votirt, ſo ſoll er Kopfnüſſe von mir erhalten— das iſt Alles.“ „Aber ich glaubte,“ entgegnete Sir Edward,„Ihr hättet ein ſo abgeſchiedenes Leben geführt, daß derartige Schmähungen nicht an Euch gelangen könnten.“ „Pah! Während der drei Monate, die ich am Lande bin, habe ich in einem einzigen kleinen Zimmer— und das iſt mein Studier⸗ zimmer— mehr Verrath erlebt, als Einem in einer Flotte von zwan⸗ zig Linienſchiffen waͤhrend zwölf Jahren vorkommt. Ich will keine Namen nennen, denn die armen Teufel können ſich ihrer Natur nicht entkleiden. Die meiſten von den Lehrern, die Ihr mir ſchiek⸗ tet, kamen wie die Wachtelhündchen und leckten mir anfangs den Staub von den Schuhen; dann begannen ſie, ſich an Euch zu ver⸗ ſuchen und fingen ſtets damit an, Euch mit Lob zu überkleiſtern, bis ſie endlich an ihre Aber kamen. Ich machte mir übrigens zuletzt eine Regel daraus, ſolchen Kunden, wenn ſie an ihre hoͤlli⸗ ſchen Abers kamen, einen Klaps auf den Dickkopf zu geben. Es hat um Euretwillen manches Scharmützel geſetzt und ich hoffe nur, daß dieſe Gewohnheit nicht mit mir in die Geſellſch wird.“ „Das hoffe ich gleichfalls von Herzen— die Schurken!“ rief Sir Edward mit einem gebührenden Grad von tugendhafter Ent⸗ rüſtung. „Doch jetzt zu dem Reſte meines Plans. Ihr ſeyd geſplißt und dann nehmt Ihr Eure hübſche Frau zu dem König hinauf, gegen den Ihr Euch keck ausſprecht, indem Ihr zugleich von ihm verlangt, er ſolle einen Lord aus Euch machen. Er ſagt vielleicht: „Ihr ſeyd nicht reich genug.„Da hab' ich Euch an der Hüft, ſagt Ihr zu ihm.„Es iſt wahr, daß ein zwiſchenläuferiſcher Ka⸗ nonenſohn von einem Vetter zwiſchen mich und mein Beſitzthum getreten iſt— aber Jack iſt ein guter Kerl⸗— ja, Ihr mögt wohl Marryat's W. XX. Jack am Lande. 24 3 aft übergehen . unſeres Hauſes zugänglich iſt— und dieſer Repräſentant ſeyd Ihr 370 ſo weit gehen um dies zu ſagen; und dann flickt ein Wörtlein wegen der anen Poll ein und bittet ihn, er möge ſie nicht hängen laſſen. Dann ſpannt Ihr alle Segel auf und geht voran, indem Ihr ſagt:„Jack und ich ſind mit einander eins geworden, daß Jacks Habe mir gehören ſolle, und was mein iſt, iſt mein.““ „Wie, in den nämlichen Worten?“ „So nahezu, als möglich— ich glaube nicht, daß Ihr ſie verbeſſern könnt— denn wenn man verſtanden werden ſoll, ſo geht nichts über ebenes Segeln. Gut alſo; der König wird dann ganz natürlich ſagen:„aber was ſoll aus Jack werden?⸗ Dann geht Ihr drauf los und ſagt ihm: ‚für den iſt leicht zu ſorgen— tau⸗ ſend Pfund jährlich iſt das Aeußerſte, was er verbrauchen kann— ja ſogar viel mehr, als er mit Ehren auf ſeiner Yacht zu verthun im Stande iſt— denn das Viktualien⸗Departement und den Sold beſorge ich ſelbſt. Aber ich möchte Eurer Majeſtät recommandiren, ihn zu einem Zollhausbeamten zu machen; das würde dem Burſchen ein Bischen zu thun geben und böte einen ſehr guten Vorwand, daß er ſein Fahrzeug in alle Arten von Löchern und Ecken ſchieben könnte, abgeſehen davon, daß hiedurch ſeine kleine Schönheit und ihre Mannſchaft Schutz gewännen.“ „Sehr wohl eingeleitet, Freund Jack.“ „Seine Majeſtät kann natürlich nichts dagegen einzuwenden haben. Dann geht Ihr ihn wieder an, er ſolle einen Lord aus Euch machen, und begreiflich ſagt er abermals:, gut, da habt Ihr das Vermögen des Fräuleins“— denn zuverläßig iſt alles Erfor⸗ derliche erreicht, wenn Ihr ein Lord ſeyd. Ich denke nun, die ganze Sache in einer aufrichtigen, geraden, achtbaren und ſchiffs⸗ gerechten Weiſe für Euch eingeleitet zu haben. Probirt's nun und ſucht es beſſer zu machen.“ „Ich kann Euch nicht begreiflich machen, Freund John, daß Miß Truepenny's Vermögen nur dem Repräſentanten, dem Haupt ſelbſt. Wir wollen uns übrigens Zeit nehmen, die Sache weiter zu überlegen, denn wir ſind nicht ſo thöricht und übereilt, um die Uebertragung von vierzigtauſend Pfunden jährlich ſchon durch die erſte Anfrage gewinnen zu wollen. Dies hieße ſich die Sache in unverantwortlicher Weiſe leicht machen. Nein, nein, ſo dürfen wir uns nicht erwiſchen laſſen. Inzwiſchen aber wollen wir zu dem alten Squire Truepenny gehen, um zu hören, was er über den Gegenſtand zu ſagen hat.“ „Noch nicht, mein theurer Edward,“ verſetzte Miß Truepenny. „Mein Großvater iſt nie vor ein Uhr ſichtbar. Mittlerweile kön⸗ nen wir uns noch hier unterhalten, denn ich verſichere Euch, daß mir Sir John's Geſellſchaft ungemein wohl gefällt. Wollt Ihr die Güte haben, mein theurer Sir, noch einige weitere Einleitun⸗ gen für Sir Edward und mich zu treffen? Sir Edward braucht namentlich eine kluge Perſon, die für ihn denken und ihm ra⸗ then kann.“ „Kein Zweifel daran, Miß— nicht der mindeſte Zweifel von der Welt. Iſt auch durchaus keine Schande für ihn. Freilich, was Parlamentsreden, den Einkauf von Kutſchen und Pferden, das Handhaben einer Kaffeetaſſe und die Art, wie man in einem Zim⸗ mer ein⸗ und ausgeht, betrifft, da bin ich in Vergleichung mit ihm nicht mehr als ein Jollenboot einem Linienſchiff gegenüber; aber was die Klugheit betrifft— wenn ſich's davon handelt, was im Leben geſchehen muß— in Anbetracht der Welt und des Durch⸗ ſchauens der Leute— da iſt wohl Jack ihm überlegen. Nicht daß ich die Grütze meiſtes Vetters unter ihrem Werthe anſchlüge⸗— aber er hat nicht die geeignete Eddicazion genoſſen, weil er nie an Bord eines Kriegsſchiffes gedient hat.„In Geſchäftsſachen nach großartigem Maßſtab geht nichts über einen ächten befah⸗ renen Matroſen.“ 3 „Sir John, Sir John, wie könnt Ihr nur ſo ſprechen?“ entgegnete ſein Vetter lachend.„Wie oft habt Ihr mir nicht zu⸗ 372 geſtanden, dieſe Welt ſey Euch ſo neu, daß es Euch erginge, wie einem Kinde, das ſich im Walde verirrt hat? Soll ich mich von Kindern belehren laſſen, gleichviel, ob ſie auch ſechs Fuß hoch ſind und an Bord eines Kriegsſchiffes erzogen wurden?“ „Vetter— Fräulein— Mr. Singleheart— ihr verſteht mich nicht recht. Es handelt ſich dabei um das Thun deſſen, was recht iſt, und um die Art, es auszuführen. Nehmen wir ein Beiſpiel an. Dieſe hübſche Dame— Gott ſegne ihre Taubenaugen!— wünſcht von meinem ſchönen Vetter Edward, er ſolle ihr jenes Mu⸗ ſikbuch von dem anderen Ende des Zimmers holen. Nichts für ungut, Ned— aber zehn gegen Eins, was wird er thun? Je nun, zuvörderſt grinst er und zeigt ſeine ſchönen Zähne: dann legt er den breiten Theil ſeiner Hand flach auf ſeinen Frackſchoß und macht Euch eine Verbeugung, die mit dem Ducken und Sichwiederauf⸗ richten eine volle Minute des Stundenglaſes hinwegnimmt. Iſt dies geſchehen, ſo grinst er Euch wieder an, hält eine Rede, ſchwingt ſich rund auf der Ferſe und ſegelt dann fort; er hält dann drei⸗ oder viermal an, um eine ſchöne Dame zu bekomplimentiren und macht einen Bückling auf den andern— Alles gar ſchön anzuſehen — aber Miß verlangt das Buch.“ „Vortrefflich, mein würdiger Sir John— ich verlange das Buch— aber bitte beeilt Euch nicht— ich könnte Euch ſtunden⸗ lang zuhören. Gut, er hat das Buch heruntergeholt.“ „Noch nicht, Fräulein. Zuerſt ſieht er es an; er hält es für ein Bischen ſtaubig und das bringt ihn in Verlegenheit. Er möchte ſeine weißen Glaçéhandſchuhe nicht verderben und ſtäubt es daher nicht ſelbſt ab— nicht um eine Guinee für den Wiſcher. Er zieht vielmehr die Klingel, und wenn der Bediente hereinkömmt, ſteht der Kerl in der Stube herum wie ein Hund, der auf dem Jahr⸗ markt ſeinen Herrn verloren hat. Dieſe ganze Zeit über möchte Miß das Buch haben— und doch benimmt ſich der Vetter in der gebührendſten Weiſe von der Welt. Endlich ſagt Sir Edward, ſagt 373 er— denn er hat ſich mit einer großen Perücke in's Geſpräch ein⸗ gelaſſen— ſagt er: ‚ah, richtig, Thomas— ja— ganz recht— dieſes Buch da— iſt ein Bischen ſtaubig— nicht in einem Zu⸗ ſtand, um angerührt werden zu können— he?⸗ So wandert denn der Menſch die Treppe hinunter, um etwas zu holen, und das Buch wird polirt. Und wenn in der Zwiſchenzeit Ned nicht das Ganze vergeſſen hat, ſo ſagt er in aller Ruhe:„bring dies Buch Deiner Gebieterin.““ „Nein, nein— dagegen verwahre ich mich,“ erwiederte Sir Edward, ein wenig ärgerlich über Jacks erfolgreichen Verſuch ihn nachzuäffen. „Ja, ja— es iſt mir oft ſo begegnet,“ ſagte Anna, ungemein beluſtigt.„Aber laßt mich nun auch hören, mein vortrefflicher Sir John, wie ein Kriegsſchiffmann ſich dabei benehmen würde?“ „Wie er ſich benehmen würde, Miß? Ehe Ihr ſagen könntet, zthu es', wäre es ſchon geſchehen. Fort wie die Kugel aus dem Rohr und ſo ſchnell und gerade wieder zurück, als ein Pfeil.“ 1 „Aber Ihr wißt, das Buch iſt ſchmutzig.“ „Was dann? Und würe es ſo ſchmutzig wie das Gewiſſen eines Rechtsgelehrten— nichts für ungut, Mr. Singleheart— er würde es mit ſeinem Rockflügel ſo rein poliren, wie einen Knochen, wenn die Schiffsmannſchaft zu Sechs die Nation von Vieren hat, ehe es in die ſchönen Hände der Damen gelangte.“ „Und nun die Nutzanwendung, Sir John— das heißt, welche Beziehung hat Euer Gleichniß zu den übrigen Geſchaͤften des Le⸗ bens?“ fragte die Dame. „Welche Beziehung es hat? daß man immer gerade in's Schwarze zielen muß. Das eigentliche, ächte und gerechte Geſchäft des Lebens iſt nicht ſo umſtändlich, wie Ihr glauben mögt— es beſteht aus ein paar Haupthandlungen— man hat weiter nichts zu thun, als die Sachen recht und ſchnell auszuführen. Man geht auf das Ziel los, das man für paſſend trächte⸗ und hält ſih nicht auf 374 mit dem Plaudern, den Verbeugungen, dem Grinſen und dem Fi⸗ guriren, damit die Leute die Augen aufſperren. Nun will ich Euch aber auch ſagen, warum ich mit all meiner Kenntniß von der Welt wie ein Kind im Walde bin— weil dieſe langufrige Welt eine Welt voll Kleinigkeiten iſt, wo Alles darauf ankömmt, wie man auch das Unbedeutende ausführt— nichts als Schein, Fräulein, nichts als Schein. Da habe ich nun drei ewig lange Monate lernen müſſen, wie man ißt, trinkt, ſpricht und geht, und doch meine ich, ich habe viel beſſer eſſen, trinken, reden und gehen können, ehe ich dieſen Unterricht nahm— wenigſtens weit ſachgemäßer.“ „Er gefällt mir außerordentlich, Edward; auf mein Wort, ich glaube er wird an mir noch eine Proſelytin gewinnen,“ ſagte Anna. „Mein theurer Sir John, fahrt fort.“ „Nein, Mißz; ſchätz' wohl Ihr wollt Euch nicht über mich lu⸗ ſtig machen, denn das wäre nicht großmüthig. Aber ich glaube, es nimmt Euch ein Bischen Wunder, daß ich ſo dreiſt bin, Euch zu verſtehen zu geben, wie ein Geiſt, der ſo zu ſagen immer in Flaum gewiegt wurde, aller Wahrſcheinlichkeit nach auch ein Bischen ſchwäch⸗ lich und weich ſeyn muß. Ihr würdet übrigens irren, wenn Ihr annehmen wolltet, daß ich alle dieſe kleinen Zierlichkeiten, das Schnitzen und Vergolden, das Filigranlebkuchenwerk verachte— nur muß man es nicht übertreiben, daß es nicht das Gebäͤlk ſchwächt, wie das von dem Figurenkopf der Old Glory— möge er verdammt ſeyn!— Bitt' um Verzeihung, Fräulein— aber dieſe hölliſche Fa⸗ lienpartie hat mir nahezu ſechs Dutzend eingetragen— haltet zu Gunſten— aber Ihr habt mir die Erlaubniß gegeben, wie ein Ma⸗ troſe zu ſprechen, und da geht es köſtlich geſchwind durch das Waſſer.“ 5„Ich muß wahrhaftig ſagen, daß ich ſtundenlang mit Euch in dieſer Geſchwindigkeit ſegeln könnte, obſchon man Euch nicht ganz ſo gehen loſſen darf. Jede Geſellſchaft, Sir John, und jeder Kreis in was immer für einer Klaſſe— ja ſogar jede Familie irgend 375 eines Cirkels hat ihre eigenthümlichen Manieren. Ich weiß, daß Ihr nicht nur unſerer Geſellſchaftsklaſſe, ſondern auch unſerem beſonde⸗ ren Kreiſe und unſerer Familie Ehre machen werdet. Ein Bischen mehr Politur habt Ihr bald angenommen, und ich wünſchte nur, wir könnten uns ebenſo ſicher ein wenig von Eurer Geradheit zu⸗ eignen. Aber ich ſpiele die Rednerin und bin doch überzeugt, daß ich eben jetzt mehr von Sir John lernen kann, als ich ihn zu be⸗ lehren im Stande bin. Sagt uns nun, was Ihr von unſerer Le⸗ bensweiſe haltet, und ob dieſelbe wohl auch geeignet iſt, Euer Glück zu fördern?“ „Nicht doch— mit Erlaubniß, Miß, ich möchte jetzt nicht mehr reden, ſondern lieber ruhig ſitzen und zuhören. Ich bilde mir in der That etwas darauf ein, Eurem Cirkel anzugehören, und da ich gedenke, durch und durch ein Baronet zu werden, ſo will ich allen meinen Kräften aufbieten, um mich auch zu einem Elegant zu machen— das bleibt ausgemacht.“ „Gut; Ihr gefallt mir außerordentlich— aber laßt mich nun auch ſehen, wie Ihr Eure Verſuche angreift. Kehrt Cuch nicht an Sir Edward und unſern guten Freund, den Mr. Seripener. Geſetzt, Ihr und ich, wir beide wären allein und eben nicht in der beſten Laune, ſo daß ich wünſchte, etwas Zierliches zu meiner Unterhal⸗ tung zu hören, damit ich ein Bischen weniger widerwärtig würde. Denkt Euch, Ihr ſeyd bloß zufällig hergekommen und hätttet mich ſo getroffen— was würdet Ihr wohl thun?“ Anna warf ſich auf ein Sopha, erkünſtelte eine ſchmollende Miene und begann mit anmuthigem Eigenſinn einen ſchönen Strauß in Stücke zu reißen. „Darf ich ſagen, was mir gerade in den Sinn kömmt, ohne daß es mir übel gedeutet wird?“ verſetzte Jack mit einer ſehr ſchalk⸗ haften Miene.— „Meinetwegen,“ entgegnete die Dame nach einigem Stocken, 376 „denn ich bin überzeugt, daß ich mich in Euch nicht täuſche. Ihr werdet nichts thun oder ſagen, was Anſtoß geben könnte.“ „Ich weiß nicht— wenigſtens liegt es nicht in meiner Abſicht. Wann ſoll ich anfangen?“ „Sogleich.“ Und die Dame ließ eine ſchlimmere Laune blicken als nur je. Jack kehrte ihr den Rücken zu und ging um einige Schritte zu⸗ rück; als er ſich aber wieder umwandte, ſchien ſein ganzes Weſen verändert zu ſeyn. Die Anweſenden waren erſtaunt und geſtan⸗ den ſich, daß, wenn er eine Rolle ſpielte, ſein Spiel unnachahmlich war— hatte er aber jetzt zum erſtenmal ſeinen naturlichen Charak⸗ ter angenommen, ſo erſchienen ſeine früheren Handlungen als ein eigentliches Wunder. Er trat leicht und anmuthig heran und nä⸗ herte ſich der jungen Dame mit zierlicher Ehrfurcht, während Miß Truepenny in ihrer Verwunderung und Heiterkeit kaum ihr Schmol⸗ len zu bewahren vermochte. Sir Edwards Stimme und Manieren, nachäffend begann er: „Meine theure, junge Dame, hat Euch Jemand Verdruß ge⸗ macht? Ach Himmel, dieſe hübſchen, allerliebſten Blumen! Glück⸗ liche Blumen, die ihr einen ſammtweichen Tod von dieſer kleinen weißen Hand ſterben dürft. Iſt es nicht beffer, ſchnell, wie dieſe Zluüthen dahinzuſterben unter einem ſchönen Auge, als alt, welk und zu dürren Stengeln zu werden, die man endlich bei Seite wirft, weil ſie häßlich und abſcheulich geworden ſind? Nein, laßt mich ſterben gleich dem Delphin, der am herrlichſten iſt in der Stunde ſeines Todes. Dieſe Roſe, Ihr habt ſie in Stücke zerriſſen— und doch iſt jede Trümmer noch ſchön. Ich fordere Euch auf, Miß Anna, Euch dieſer Blume und ihrer Schönheit zu erinnern— denn ob⸗ gleich Ihr ſie zerſtört habt, iſt doch etwas Süßes und— und etwas daran, ähnlich einem Schiff, das unter Segel iſt, trotz ihrer Zer⸗ ſtörung— ſie ſtarb nicht vor Alter—“ 377 „Sir John, wer hat Euch dies gelehrt?“ rief die Dame in hoher Ueberraſchung. „Wer mich's gelehrt hat, theure Miß Anna? Die Natur— aber es ging nicht von mir aus, denn ich habe in Euer himmliſches Antlitz geblickt und Alles darin geſchaut. Die Natur lehrte mich bloß leſen, was ich ſah, juſt wie der Meiſter von ſeinem Sextanten die Grade und Minuten abliest, wenn er eine Mondsbeobachtung macht. Aber es iſt noch viel mehr in dieſem lieblichen Buche zu finden, obſchon noch keine Worte dafür geſchaffen wurden, oder je geſchaffen werden können, bis wir einmal hinaufſteigen zu einem beſſeren Lichte, welches das Leſen eines ſo ſchönen Buches unter⸗ ſtützt. Mein Lehrer in der Beredſamkeit ſagt mir immer, ich ſey roh in meiner Sprache, aber ich rede eben gerade heraus und ſage Euch als derber einfacher Mann, was Ihr ohnehin ſchon ſelbſt wißt. Wäre ich übrigens ein Redner, wie der— der— Kaplan iſt.— Das war ein Kaplan, der ſelbſt dieſen Lippen ein Lächeln entlocken würde—— doch alle meine goldenen Worte ſind vergeb⸗ lich und Ihr ſeyd noch immer verſtimmt. Die Muſik beſitzt den Zauber der Beſchwichtigung— oh, wir ſollten nie etwas erwähnen, was roh iſt. Ihr wollt nicht ſprechen— wollt nicht auf mich hören? Nein, ich weiß wahrhaftig nicht mehr fortzumachen— wenn Ihr nur eine Geige in dem Hauſe hättet!“ „Eine Geige?“ entgegnete die Dame, voll Lebhaftigkeit auf⸗ ſpringend und ihre Rolle ganz vergeſſend;„die ſollt Ihr augenblick⸗ lich haben, mein theurer Sir John— aber Ihr ſetzt mich ganz in Verwirrung— Ihr habt Worte und Sätze gebraucht, die mich ſtau⸗ nen machen— und dann Euer Benehmen— ſo ganz und gar anders— ſo ſanft und doch ſo natürlich!“ „Nun,“ entgegnete Jack,„ich weiß nicht, ob Ihr einen Ge⸗ fallen daran habt— bei mir wenigſtens iſt's nicht der Fall. Weng wir Komödie ſpielten, ſo pflegte ich die Frauenzimmerrollen zu übernehmen, und da lernte ich denn die Kunſt, weich wie ein Frauen⸗ 378 zimmer zu reden. Und was die Worte betrifft— je nun, wenn ich mir Mühe gebe und ſcharf darüber nachdenke, ſo bringe ich bis⸗ weilen wohl etwas zuſammen, aber nur nicht für lange.“ „Ich finde, daß Ihr zum Dichter geboren ſeyd,“ ſagte Sir Edward. Es wurde nun eine ſchöne Cremoneſerin herbeigebracht und Sir John übergeben. Er ſpielte mehrere Volks⸗ und Seeweiſen mit Variationen und Phantaſieen nach ſeinem eigenen ungekünſtelten Style, wobei er oft ſo weich und rührend wurde, daß Anna True⸗ pennys Augen Thränen ſtummen Entzückens und tiefer Bewegung entquollen, während ſich ſogar die kräftigeren Nerven der Gentlemen einiger Ergriffenheit nicht erwehren konnten. Als Sir John auf⸗ hörte, ſagte er zu der Dame: „Wenn es mir je beſchieden ſeyn ſollte, mich um die Liebe eines Frauenzimmers, wie Ihr ſeyd, zu bemühen, ſo würde ich ſorgfäl⸗ tig meine Zungentackeln belegen und den Verſuch machen, mich durch mein Kratzen in ihre Gunſt einzuſchleichen.“ „Glaubt mir, Sir John, mit ſehr wenig Anſtrengung von Eurer Seite werdet Ihr im Stande ſeyn, es in Allem zur Voll⸗ kommenheit zu bringen. Nehmt Euch in Acht, Sir Edward— ich kenne Niemand, der Euch als Nebenbuhler gefährlich werden könnte, denn ich liebe ihn bereits ungemein. Laßt uns jetzt zu meinem Großvater gehen.“. Sie begaben ſich dahin; aber von dieſem Morgen an faßte ein unbeſtimmtes Gefühl von Eiferſucht und Widerwillen gegen Jack in Sir Edwards Bruſt Wurzel. Er mochte ſich's zwar ſelbſt nicht ge⸗ ſtehen und würde wohl mit Jedem Streit angefangen haben, der es ihm zur Laſt gelegt hätte; aber dennoch nahm es täglich, ja ſogar ſtündlich zu. Es iſt Schade und recht zu beklagen, daß unſere gllücklichſten Geſchicke nicht immer aus unſern beſten Gefühlen ent⸗ ſpringen, denn die vorgedachte ungerechte Abneigung hatte für Sir Edward nicht nur keine Strafe zur Folge, ſondern beförderte und erfüllte ſogar mit der Zeit ſeine hüchſten Wünſche, ohne daß er 379 gegen Sir John eine Handlung der Schuld oder eine augenfällige Ungerechtigkeit beging, die Ungerechtigkeit des Widerwillens an ſich abgerechnet. Dagegen wurde der Matroſenbaronet dadurch einer Maſſe von Elend ausgeſetzt, die ſein edles Herz ſchiffbrüchig werden und faſt für immer ſcheitern ließ. Wie traurig iſt es, daß die ſchön⸗ ſten moraliſchen Sätze oft ſo wenig im Einklange mit der Wahrheit ſtehen. Die Menſchen machen, das Geſchick aber widerlegt ſte. Es iſt daher wahrhaftig gut, daß die Tugend ihren eigenen Lohn in ſich trägt, denn in dieſer Welt wenigſtens gewinnt ſie ſelten einen andern. Ohne über ſeine Beweggründe vollig klar zu ſeyn, beſchloß Sir Edward, fortan unſern Jack ſeinen eigenen Hülfsquellen zu überlaſſen— ein Vornehmen, für das er ſich viele vortreffliche Gründe anzugeben wußte. So ſollte zum Beiſpiel die Welt nicht ſagen, er führe ihn bloß aus Eigennutz am Gängelbande; er beſitze Talent genug, um ſeines Rathes nicht zu bedürfen; und wenn er finde, daß er auf ſich ſelbſt bauen müſſe, ſo werde er bald klug werden. Mit ſolchen und ähnlichen Scheingründen beruhigte er ſich ſelbſt, ohne ſich die wahre Urſache, warum er ihn zu verlaſſen be⸗ ſchloſſen, vorzuhalten— den Umſtand nämlich, daß er auf ihn eiferſüchtig war. Auf dem Wege zu dem alten Gentleman verhielt ſich Sir Ed⸗ ward ernſt, faſt bis zur Traurigkeit; dies nahm jedoch Niemand Wunder, weil die bevorſtehende Zuſammenkunft die Sache mehr als hinreichend erklärte. Miß Truepenny beſchäftigte ſich mit Ord⸗ nung der beſten Unterſtützungspunkte für ihre gemeinſchaftlichen Wün⸗ ſche, und der Rechtsgelehrte erwog in ſeinem Geiſte die verſchiede⸗ nen Schritte, welche mit dem Geſuch an den Lordkanzler in Ver⸗ bindung ſtanden, während Jack mit ſeinen Gedanken bei der gefangenen Poll war, und über dem Ergebniß der Gerichtsverhandlung brütete, welche durch Anwendung ſeines Einfluſſes um eine Sitzung verſcho⸗ ben worden war. Es lag ihm nichts mehr am Herzen, als ſein Auſtreten gegen ſie zu vermeiden, da das Zeugniß auch ohne ihn 380 vollſtändig war, und daß er dies einleiten könne, durfte er aus guten Gründen glauben. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Das wichtige Truepenny⸗Leſtament kömmt zur Verhandlung.— Starrſinn des Alters und Gier der Jugend.— Pro's und Contrais!— Jack gibt vortrefflichen Rath und erhält ſeinerſeits einen Rath, der ihn bewegen möchte, ſeinem Vetter die ſchöne Naſe aus dem Geſicht zu ſchlagen.— Platte Weigerung unſeres Helden, ſeinem Verwandten die Maſ⸗ zu plätten. Mr. Truepenny hatte bereits die Jahre hinter ſich, in welchen man den Menſchen ſehr alt zu nennen pflegt, denn er ſtand ſogar im Greiſenthum ſo hoch, daß man ihn nur mit Ehrfurcht und Verwunderung betrachten konnte. Er ſchien nicht der Oberfläche, ſondern den Eingeweiden der Erde anzugehören, da bereits der Mo⸗ der des Grabes auf ſeinen Zügen lag. Wir haben ſchon früher bemerkt, daß er ſehr ſchwerhörig war; dennoch ſah er noch leidlich gut, und ſeine unſichere Stimme klang noch laut genug für den Zweck der Converſation. In Allem, was er that, ſchien er eher wie eine Maſchine, als nach dem rührigen Impulſe einer unſterbli⸗ chen Seele zu handeln. Er wachte, ſchlief und aß mit der Pünkt⸗ lichkeit einer Sonnenuhr, welche man in der Regel für das pünkt⸗ lichſte Ding auf der Welt zu halten pflegt. Er lebte nur in der Vergangenheit, athmete in der Gegenwart, unnd ſtand ſo nahe an der Schwelle einer künftigen Ewigkeit, daß Alles, was um ihn vorging, nur wenig Intereſſe für ihn hatte— einen einzigen Gegenſtand ausgenommen, der in Verwirklichung des Teſtamentes ſeines Ahndernn beſtamd. Es ſchien faſt, als habe ihm — 381 die Vorſehung ausſchließlich zu dieſem Zweck ein Alter verliehen, das die Grenzen der nachſündfluthlichen Zeit foweit überſtieg. Er befand ſich in ſeinem Hauptbeſuchszimmer und ſaß in einem Lehnſtuhle mit hohem Rücken, der mit Kiſſen aufgepolſtert war. Durch das ganze Gemach war ein düſteres, feierliches Licht verbrei⸗ tet. Rechts und links vor ihm befanden ſich zwei alte Männer, der eine der Sachwalter der Familie und der andere ein ehrwürdiger Mann, welcher, mit Ausnahme Mr. Truepennys, der einzige noch lebende Teſtamentsvollſtrecker war— ein Amt, welches er von ſei⸗ nem Vater geerbt und bereits teſtamentariſch auf ſeinen Sohn über⸗ tragen hatte. Von Sir Edward Fontintowers Arm unterſtützt, näherte ſich Anna Truepenny dem Stuhle ihres Großvaters, beugte ſich gegen den alten Mann nieder und küßte ihn auf die Stirne. Ein matter Strahl, das Geſpenſt eines Lächeln glitt über ſeine ſtarren Züge, die jedoch bald wieder den Ausdruck einer marmorartigen Unempfind⸗ lichkeit annahmen; denn ſeit vielen Ihren war ihr Kuß der einzige Talisman geweſen, welchem es möglich wurde, auch nur dieſen Schatten von Freude wie einen irren Geiſt auf ſein Geſicht herauf⸗ zubeſchwören. Sir Edward unterfing ſich nicht einmal der Vertraulichkeit, ihm die Hand zu reichen, ſondern machte bloß eine ehrerbietige Verbeu⸗ gung, während Sir John Truepenny, als er näher trat und den Greis bemerkte, nicht wenig über den Anblick eines lebendigen We⸗ ſens von ſo hohem Alter ſtutzte. Er verbeugte ſich gleichfalls und blieb mit Mr. Singleheart unten an dem Tiſche ſtehen. Anna ſetzte ſich an die Seite ihres Großvaters auf einen niedrigen Seſſel, nahm ſeine kalte welke Hand zwiſchen die ihrigen und blickte ihm mit an⸗ gelegentlicher Innigkeit in die Augen, welche noch immer den Aus⸗ druck menſchlicher Berechnung bewahrten. Sie ſahen aus wie zwei glänzende Stücke Pech, in Moos eingebettet. Auf einen ernſten Wink des Mr. Truepenny hatte Sir Edward an der Seite des Familienſachwalters Mr. Winterton Platz genom⸗ men. Es ſtand einige Zeit an, ehe eine Sylbe geſprochen wurde; dann aber las auf einen Wink des alten Mannes Mr. Winterton in lauter, trockener und ſo leidenſchaftloſer Stimme, als wiſſe er gar nicht, daß die Verwendung eines ungeheuren Vermögens und das Glück zweier junger Geſchöpfe von der Entſcheidung abhing, von einem Papiere Folgendes vor: „Wir haben uns auf das Geſuch des Sir Edward Fon⸗ tintower und der Anna Truepenny verſammelt, um uns zu berathen, ob es zweckmäßig ſey, den Lordkanzler um Annul⸗ lirung der Vollmachten anzugehen, welche durch das Teſta⸗ ment des Stephan Truepenny ertheilt ſind, damit die durch beſagtes Teſtament berührten Geldmittel auf den hier gegen⸗ wärtigen Erben Mortimer Truepenny Esquire und ſeine En⸗ kelin Anna, deſſen einzige am Leben befindliche Erbin, über⸗ gehen und ſo mit weitern Anhäufungen der erwähnten Sum⸗ men, welche die Erreichung verſchiedener in beſagtem Teſta⸗ mente angedeuteten Zwecke beabſichtigen, vermieden werden könnten.“ „Seyd Ihr damit einverſtanden, Miß Anna Truepenny, daß eine Petition dieſes Inhalts an den Lordkanzler ergehe?“ „Ja— es iſt ſogar mein ſehnlicher Wunſch,“ verſetzte die * Dame nachdrücklich. „Sprecht Ihr, Mr. David Dropandie, als Bevollmächtigter— ſeyd Ihr damit zufrieden?“ „Ich möchte zuerſt hören, was der alte Mr. Truepenny ſagt. Mögen meine Jahre den ſeinigen gleich kommen!“ entgegnete der alte Mann. „Was ſagt er?“ ließ ſich Mr. Truepenny vernehmen.„Freund Dropandie iſt ein würdiger Mann, hat aber einen einzigen Fehler — eine ſchwache Stimme.— Ich habe ihn als ein Kind auf mei⸗ d nen Knieen gewiegt— damals konnte er gut ſprechen— aber er wird alt und verliert ſeine Stimme. Was hat er geſagt?“ „Er ſagt,“ ſchrie ihm Mr. Winterton in's Ohr,„daß er nicht ſprechen wolle, bis er Eure Anſicht gehört habe, und daß es ſein Wunſch ſey, die Anzahl Eurer Jahre zu leben.“ „Hat er geſagt— he?— Hat er wirklich ſo geſagt? Er iſt nicht mehr ſo klug, wie ehedem, aber dennoch ein ſehr würdiger Mann— der Mr. Dropandie. Ein Leichentuch und ein gemächli⸗ cher Sarg— das ſind Prunkgeräthe, vor denen ſich thörichte alte Leute immer fürchten. David Dropandie, Ihr ſeyd noch ein geſun⸗ der, kräſtiger Mann— aber Ihr müßt weder zu leben noch zu ſter⸗ ben wünſchen. Bemühet Euch nicht damit, denn für Euer Leben und für Euren Tod iſt geſorgt. Fürchtet Gott, David, und ſprecht immer laut.“ „Ich will es, würdiger Mr. Tru penny— ich will mir Eure unſchätzbaren Worte aufzeichnen,“ kreiſchte Mr. Dropandie, indem er zugleich ſeine Schreibtafel herauszog. „Seyd Ihr zufrieden mit der Petition an den Lordkanzler?“ nahm Mr. Winterton in ſeiner gewöhnlichen lauten Stimme wie⸗ der auf. „Bis jetzt, Gevatter Winterton, bin ich nicht zufrieden— im Gegentheil ich bin unzufrieden. Ich verlange Ruhe, ſehne mich nach Ruhe— man ſtöort mich und ich bin unzufrieden. Aber dennoch will ich auf vernünftige Vorſtellungen hören— laßt mich Vernunft hören. Generationen haben dieſes Teſtament heilig gehalten— wer ees anders haben will, möge deſſen eingedenk ſeyn und ſich vernünf⸗ tig faſſen— ich will Vernunft hören.“ 1 „Mr. Truepenny,“ begann Sir Edward ſo laut, als hätte er den Sprecher im Hauſe der Gemeinen anzureden,„ich erhebe mich mit der vollen Abſicht, keinen Theil dieſer ſehr zarten Frage in ein mattes Licht zu ſtellen— einer Frage, Mr. Truepenny, welche die Verſügung über ein ungeheures Eigenthum und zugleich das Glück, ja ich darf wohl ſagen, die Eriſtenz ſehr naker Verwandter betrifft, welche Euch ſehr theuer ſeyn ſollten und Euch auch, wie ich wohl ſagen darf, ſehr theuer ſind.“ „Erhebet Eure Stimme, junger Mann und ſprecht langſam,“ lautete die ermuthigende Unterbrechung. „Ich will meine Stimme erheben und in abgemeſſenen Worten ſprechen. Ich habe nur noch beizufügen, wie ſehr ich bedaure, daß dieſes wichtige Geſchäft einer Perſon zu Theil wurde, die ſo ganz unwürdig und unbefähigt iſt wie ich; wäre aber ein anderes ehren⸗ werthes Mitglied,— eine andere ehrenwerthe Perſon wollte ich ſa⸗ gen— aufgetreten, um mir dieſe große Verantwortlichkeit abzu⸗ nehmen, ſo würde ich nicht nur mit Freuden dieſen wichtigen An⸗ trag ſeiner Leitung übergeben haben, ſondern auch gerne und demüthig ſeinen Schritten gefolgt ſeyn.“ „Kleine Anna, kleine Anna— von was ſpricht der junge Mann?— Ich höre ihn wohl, verſtehe ihn aber nicht. Hat er nicht geſagt, er ſey unwürdig und unbefähigt? Eine ſo feierliche Urkunde ſoll alſo bei Seite geſetzt werden für einen Unwürdigen und— „Für mich, theurer Großvater— für Eure kleine, Euch lie⸗ bende Anna.“. „Gut, gut; ich will auf vernünftige Vorſtellungen hören— aber der Jüngling muß zur Sache kommen oder ich ſchlafe ein.“ „Derartige Teſtamente,“ nahm Sir Edward wieder auf,„wi⸗ derſtreiten ſchnurſtracks einer ächten ſocialen Politik. Der Reichthum iſt nur werthvoll durch ſeine Cirkulation, und man nimmt an, oder ſollte doch wenigſtens annehmen, daß die Geſellſchaft im Allgemei⸗ nen bloß deshalb ſehr große Summen in den Händen Weniger ſich anhäufen läßt, damit ſie am Ende zum Beſten der Geſammtheit dienen, indem ſie durch große Maſſen Kapitals die Unternehmung wichtiger Werke, weit verbreiteter Beſchäftigung und in dieſer Weiſe Schaffung neuen Kapitals möglich machen.“ ——— 385. 88 „Das iſt ſehr verſtaͤndig— aber Jeder mag für ſich ſelbſt ſor⸗ gen. Es handelt ſich jetzt um das Intereſſe der Truepenny, nicht um das der Geſellſchaft im Allgemeinen,“ ſagte der alte Mann mit mehr Nachdruck, als man von ihm hätte erwarten ſollen. „Gut; betrachten wir das Teſtament nur in Beziehung auf ſeinen eigenen Inhalt und auf die Erhebung der Familie Truepenny. Ehe man von Sir Johns Vorhandenſeyn wußte, ſchien meine ge⸗ ringe Perſon das Organ zu ſeyn, durch welches die höchſt ſanguiniſchen Wünſche des Erblaſſers in Erfüllung gehen ſollten. Ich war da⸗ mals das anerkannte Haupt der Fortintower. Mein vermeintliches Eigenthum allein war zureichend, die Würde der Peerie nicht nur paſſend, ſondern ſogar mit Glanz aufrecht zu erhalten, wäh⸗ rend die Anhäufung des Truepenny'ſchen Vermächtniſſes ſo unge⸗ heuer geworden iſt, daß Fürſtenthümer ſeine Einkünfte zu erſchöpfen nicht im Stande ſind. Der Teſtator war der Anſicht, daß zu ſei⸗ ner Zeit ein nicht unbeträchtlicher Theil deſſelben auf den Ankauf der Chren verwendet werden ſollte, die ich, wie ich glaube, ohne Aufwand zu erringen im Stande bin. Ich beſitze das Vertrauen der Miniſter und ſtehe bei dem König ſelbſt in Gunſten. Aber ob⸗ gleich mein gegenwärtiges Einkommen zu klein iſt, um überhaupt die Stellung eines Gentleman zu behaupten, ſo ſolltet Ihr doch erwägen, daß ich, als ich einflußreich genug war, um von meinen eigenen Fähigkeiten eine Peerie erwarten zu können, dennoch An⸗ ſtand nahm, ſie mir zu verſchaffen, bis ich mein Geſchick mit dem dieſer theuren Dame verbunden hätte! Wir haben deshalb ganz nach dem Inhalte dieſes abgeſchmackten Teſtaments gehandelt.“ Aber nun ergriff Mr. Winterton das Wort. „Sir Edward Fortintower, ich habe dieſes Teſtament ſeit fünf⸗ zig Jahren nach allen Kräften geſchützt, aufrecht erhalten und mit aller meiner juridiſchen Erfahrung bewacht. In meiner Gegen⸗ wart ſoll es nicht abgeſchmackt genannt werden— es iſt ein herr⸗ Marryat's W. XX. Jack am Lande. 25 4 2 liches, ein glorreiches Teſtament— wir haben da eine Klauſel, welche die Vorſorge trifft, daß der Attorney, deſſen Schutz es an⸗ vertraut iſt, ſo lange ſeine Bedingungen unerfüllt bleiben, jährlich fünfhundert Pfund erhalten ſoll. Mein Vater und der Vater mei⸗ nes Vaters waren ſeine Wächter— es wird ein trüber Tag ſeyn, wenn die Bevollmächtigten ſich vereinigen, es bei Seite zu ſetzen— und laßt Euch ſagen, Sir Edward Fortintower, Ihr könnt'’s Euch wenig zum Verdienſte anrechnen, daß Ihr Euer Vermögen nicht zu Ausführung gewiſſer Abſichten benütztet, als Ihr noch im Be⸗ ſitze deſſeben wart— denn gerade dieſes Vermögen war nie Euer rechtmäßiges Eigenthum.“ „Mr. Winterton, macht mich nicht zu Eurem Feinde. Ich wußte nicht, daß die Fortintowerſchen Veſitzungen nicht mein recht⸗ mäßiges Eigenthum ſeyen, und die Bereitwilligkeit, mit welcher ich dieſelben abtrat, ſollte mich gegen jede derartige Kränkung ſchützen.“ „Recht ſo, recht ſo,“ ſagte der alte Truepenny.„Er iſt ein guter Junge— bring' ihn hieher, Kind, ich will ihm die Hand geben. Ich will—“ Es war das erſtemal, daß Sir Edward ſo geehrt wurde, und er fuhr deshalb getroſter fort: „Ich bitte, Mr. Winterton, betrachtet mich nicht als Euern Feind, denn ich bin überzeugt, daß Ihr durch dieſes Teſtament nicht für Euch und Euere Nachkommen ein Freilehen ſchaffen wollt. Kein Lordkanzler würde dies dulden. Ihr und Eure Vorfahren hatten nur wenig Mühe und Sorge für ſo vielmal fünfhundert Pfund, die ihr aus der von Euch genannten Klauſel zogt, und ich glaube wahrhaftig, daß das Statut der„todten Hand“ darauf in Anwen⸗ dung gebracht werden könnte. Ich will übrigens wie ein Geſchäfts⸗ mann ſprechen, Mr. Winterton. Wenn die Bevollmächtigten und die Erbin ſich zu der Beſeitigungspetition vereinen und Ihr kein Hinderniß in den Weg werft, ſo will ich es für den Fall, daß das Dookument für null und nichtig erklärt wird, auf mich nehmen, * ——— 387 4 Euch eine von Euch felbſt namhaft zu machende Entſchädigung zugehen zu laſſen.“ 3 „Der junge Menſch iſt vernünftig— das ſind Gründe— er kommt zur Sache,“ ſagte Mr. Truepenny.„Er hat Mr. Winterton viele Gründe gezeigt, aber mir keine.“ Mr. Winterton machte ein verſchmitztes Geſicht und blickte zuerſt Sir Edward, dann aber Mr. Singleheart an. Jack mur⸗ melte etwas vor ſich hin— denn man ſah, wie ſich ſeine Lippen bewegten und einige Töne hervorkamen, die faſt wie„Erzſpitzbuben“ lauteten. Der Sachwalter der Familie verhielt ſich übrigens wäh⸗ rend der ganzen weiteren Verhandlung ſtumm. 8 „Laßt dieſes Teſtament aufheben,“ fuhr Sir Edward fort,„und mich die Dame heirathen, mit welcher ich ſchon ſo lange verlobt bin. Obgleich mein Vermögen dahin iſt, ſind mir doch meine Ta⸗ lente, meine Stellung im Parlament und mein politiſcher Einfluß noch immer geblieben. Miß Truepennys Reichthum iſt ſo groß, daß der Verluſt des meinigen wohl verſchmerzt werden kann, und die Vereinigung der beiden Familien mit der Erringung der Peer⸗ ſchaft wird voll und gewiſſenhaft die Abſichten Eures Vorfahren erfüllen, obſchon es nicht gerade dem Wortlaute nach geſchieht. Ich ſtelle Euch nun Sir John ſelbſt vor, Mr. Truepenny, welcher, ſo⸗ weit er betheiligt iſt, ſich ganz mit mir einverſtanden erklärt. Ich habe nichts von unſeren Herzen, von unſerer Liebe und von unſerem ſeit zwei Jahren beſtehenden Verlöbniß geſprochen. Redet, Sir John Truepenny, und ſagt Mr. Truepenny, daß Ihr mit der Aufhebung dieſes Teſtaments, welches zwiſchen mir und meinem Glücke, wie auch zwiſchen dem Glücke dieſer jungen Dame ſteht, einverſtanden ſeyd.“ 4 Zum erſtenmale betrachtete der alte Mr. Truepenny unſern Jack aufmerkſamer, während dieſer ſeinerſeits das ehrwürdige Alter⸗ thum mit großen Augen anſtierte. Unſer Hend war ſo überraſcht,. 4 * 85* . daß er ſeinen Tanzmeiſter, ſeinen Lehrer in der Beredſamkeit und alle übrigen Lehrer völlig vergaß; er langte ſich ins Haar, duckte ſeinen Kopf und kratzte ſich die Hinterſeite ſeines rechten Beines, worauf er zu breien anhub, als ſey er ſelbſt in der Back, der alte Mann aber auf dem Fockmarſe. „ Mit Erlaubniß, Euer Ehren, ſoweit ich mir inmachiniren kann,— das heißt, ſoweit ich dieſes unklare Kabel da begreife, meine ich, Ihr ſollt das Teſtament trifftig kappen und zum Teufel ſchwimmen laſſen. Von wegen weil——* „Sir John, Sir John,“ ſagte Anna vorwurfsvoll;„warum ſprecht Ihr jetzt nicht, wie Ihr vor zwei Stunden in meinem Be⸗ ſuchzimmer geſprochen habt? Theurer Großvater, er kann ein Gent⸗ leman ſeyn, wenn er will, und noch etwas Beſſeres— ja, wahr⸗ haftig!“ 3 „Damals ſpielte ich Komödie, Miß; aber dies iſt eine zu ernſt⸗ liche Sache, als daß man darüber ſcherzen dürfte. Mr. Truepenny, wenn die beiden jungen Leute einander gern haben, ſo laßt ſie hei⸗ rathen unb möge Gott ſie behüten. Ich habe ihnen bereits mein ganzes Vermögen angeboten, die Yacht und ſo viel ausgenommen, als erforderlich iſt, um ſie und mich flott zu erhalten— es iſt da mehr als genug für ſie beide und die Peerie obendrein. Bringt daher das Teſtament unter Euch ins Reine, denn es liegt ganz außer meinem Ankergrunde. Ich wollte nichts Achtungswidriges gegen Euch ſagen, alter Herr, aber da dieſe hübſche junge Dame von Eurem Fleiſch und Blut iſt—“ „Der einzige Ueberreſt unſres Hauſes,“ ſagte der alte Mann mit Nachdruck. „Da haben wir's wieder,“ entgegnete Jack.„Dieſes Ufervolk ſpricht nie vom Herzen, ſondern immer nur vom Hauſe— und während ein Matroſe an warme freundliche Gefühle denken würde, prunkt ihr alle mit Ziegeln und Mörteln— oder mit Namen auf eingefallenen Grabſteinen. Ei pfui doch! Laßt ſie heirathen, 389 alter Herr; es iſt noch Pudding genug in Euch, daß Ihr's erleben könnt, wie ein paar oder vielleicht drei Jungen ihr ‚Urgroßpapa⸗ in Euer taubes Ohr ſchreien. Und Euch, Vetter Edward, ſage ich, heirathet mit oder ohne das, was Euch das Teſtament gibt, und vertraut auf Gott! Laßt ſie heirathen, alter Herr und gebt ihnen, wenn Ihr die Nummer Eures Tiſches verliert, das ganze Eigenthum, vorderhand aber ſo viel, als Ihr erübri⸗ gen könnt. Macht ſie glücklich— das iſt die Art und Weiſe, wie Ihr Euch ſelbſt Gottes Segen verſchaffen könnt. An mich braucht Ihr gar nicht zu denken— denn ich bin nur ein Zwiſchen⸗ läufer und möchte lieber auf Alles verzichten, als es für mich ein⸗ thun— ſtets die Nacht und das Nöthige zu ihrer ſchiffsgerechten Unterhaltung ausgenommen. Wenn ich eine ganze Hundewache lang fortſpräche, ſo konnte ich nicht mehr Sachgemäßes ſagen. Nichts für ungut, alter Herr— ich würde Euch mit juſt ſo viel Achtung behandeln, wenn Ihr vor meine Thüre kämt, um von mir ein paar Krücken zu erbetteln.“ „Er meint es gut, lieber Großvater— gewiß, er meint es gut,“ ſagte die junge Dame. „Laßt mich ihn ſehen— er ſoll ein wenig näher kommen,“ entgegnete der alte Mann.„Ein hübſcher Junge— ja, er iſt über die Maaßen ſchön— ein recht anſtändiger junger Mann— rauh— ein wenig rauh— dazu der Aelteſte— der Repräſentant aller der ſtolzen Fortintowers— und das Truepenny⸗Blut viel ſtärker in ihm, als das adelige. Enkelin, ich ſehe dieſen Mann in einem Lichte, geborgt von einer jenſeitigen Welt; er eignet ſich für Deinen Gatten— und iſt ein beſſerer, ein hübſcherer Mann, als ſein Vetter mit den vielen ſchönen Worten. Heirathe ihn Toch⸗ ter— und nicht nur mein Segen, ſondern auch der Segen Deines ganzen Geſchlechts, das jetzt im Himmel iſt, wird auf Dich nieder⸗ ſteigen— auch auf ihn— auf die Deinigen und auf die Seinigen. Ich weiß es— ich ſehe es— ich prophezeihe es.— Er ſteht ſo 390 herrlich da in ſeiner Jugend.— Tochter ich ſage Dir, heirathe ihn— den kecken, ehrlichen Sohn des Meeres!“ „Mein armer Edward!“ lautete die einzige, kaum vernehmliche Antwort Annas. „Stöͤhne nicht, aͤchze nicht,“ fuhr ihr Großvater fort, der den Inhalt ihres Ausrufes nicht verſtanden hatte.„Dein Geſchick wird ſich herrlich geſtalten an der Seite dieſes Mannes. Was fehlt ihm? In was iſt er mangelhaft? Stelle ihn an die Seite des Anderen— vergleiche ſte. Haſt Du keine Augen, Anna Truepenny? Deine Vor⸗ fahren ſchauen auf Dich nieder und erwarten Deine Entſcheidung.“ „Ich habe mich bereits entſchieden,“ lautete Annas kurze, ſtolze Antwort, indem ſie ſich von der Seite ihres Großvaters erhob und ihre Hand in Edwards legte. „Aber dieſe Entſcheidung muß widerrufen werden— der An⸗ gehörige des älteren Zweiges iſt der beſſere. Iſt er nicht edel ge⸗ weſen? Nimmſt Du an ſeiner ehrlichen Rauheit Anſtoß? In wie kurzer Zeit wird ſie ſich abſchleifen! Ich verlange nicht, daß dies plötzlich geſchehen ſolle— aber es muß geſchehen, denn es ſcheint ein Gebot des Geſchickes zu ſeyn. Laß Dir Zeit und gib mir dann Antwort.“ „Ich habe nur eine einzige zu geben. Ich kann nicht falſch ſeyn. Unter ſolchen Umſtänden iſt es vielleicht beſſer, aufzuhören, eine Erbin zu ſeyn— was meint Ihr, mein Edward?“ 4 Aber Sir Edward war gänzlich verwirrt. Der Altar, den er ſeiner Eigenliebe geweiht und ſo gewiſſenhaft unverletzlich gehalten hatte, war mit einem einzigen Schlage über den Haufen geworfen und ſeine Trümmer wurden mit Verachtung unter die Füße ge⸗ treten. Es fehlte ihm nicht an edlen Gefühlen: aber dennoch konnte er nichts ertragen, was wie Geringſchätzung ausſah, und wie war es ihm möglich, Rache zu nehmen für die Gleichgültigkeit, mit welcher er von dem alten Mr. Truepenny behandelt wurde? Ein ſchweres, furchtbares Düſter, das geraume Zeit anhielt, 8 b b 391 lagerte ſich nun über der Verſammlung. Niemand ſchien zum Sprechen geneigt zu ſeyn, und der alte Mann ſchloß die Augen, ſo daß es den Anſchein gewann, als ob er ſchlafe. Endlich begann er zu reden, und obſchon er mit dem Ausdrucke„Gentlemen“ anfing, waren ſeine Worte doch hauptſächlich an Jack gerichtet. Sie waren zänkiſch, gereizt und machten ihm nur wenig Ehre. Ohne gerade irgend Jemand einen Vorwurf zu machen, ſuchte er doch ausein⸗ ander zugſetzen, daß er ſchrecklich mißhandelt worden ſey und die ungeheuern Opfer, die er gebracht habe, nur durch Widerwärtigkeit und Geringſchätzung belohnt würden. „Ermuthigt Ench! ermuthigt Euch!“ entgegnete Jack.„Was iſt's, Kamerad— der Wind wird ſchon wieder um ein paar Punkte vieren. Der alte Gentleman, der dahier ſo gemächlich ſchlummert, wird ſich wohl eines Beſſeren beſinnen. Vielleicht erwartet er, ich werde die Dame am Ende doch noch nehmen, und rechnet dabei auf die Zeit— er auf die Zeit, da doch der Zeiger ſeiner Lebensuhr auf Punkt zwölf ſteht und er mit dem nächſten Schlage den der Ewigkeit hören muß. Was Miß Truepenny betrifft, ſo würde ich ſie nicht nehmen, Vetter, ſo lange ſie in Euch verliebt iſt, und wenn alle die Generationen der beiden Familien, ſeit Adam ein Werg⸗ junge im Deptford Dockyard war, nicht Anderes gethan hätten, als Teſtamente gemacht, daß es geſchehen müſſe. Das mag Jemand dem alten Gentleman in's Ohr raunen, wenn er wieder aufwacht. Die Dame darf mir's nicht übel nehmen, denn auf ein ſüßeres Geſchöpf hat nie eine Sommerbriſe geblaſen. Nehmt ſie aber, wie ich ſchon vorhin geſagt habe, und haltet Euch für den glück⸗ lichſten Hund, der nur je geknurrt hat. Wenn es übrigens möglich wäre, ſte Euch wegzuſchnappen— nun das iſt nicht der Fall— ſo wollte ich Euch das beiderſeitige Vermögen laſſen— natürlich ſtets die Yacht ausgenommen, und ſie müßte darin die Dame ſeyn.“ Hätte Jemand anders dies geſprochen, ſo würde wahrſcheinli Mr. Truepenny nichts davon gehört haben; aber Jack war, wen 3 er in Eifer gerieth, lärmend genug. Der alte Gentleman hatte in ſeinem ganzen Leben nie heller gewacht; er öffnete daher ſeine Augen, winkte mit der Hand und ſagte: „Ich ſchätze dieſen ehrenwerthen Seemann. Er hat mich ganz paſſend daran erinnert, wie koſtbar die wenigen Augenblicke ſind, auf die ich noch zu zählen habe. Wir dürfen und wollen daher keine Zeit verlieren. Antwortet mir, Edward Fortintower— ant⸗ wortet mir feierlich; aber beſinnt Euch zuvor, denn Eure Erwiede⸗ rung wird maaßgebend ſeyn. Wollt Ihr dieſe Jungfrau vermögens⸗ los und arm zu Eurem Weibe nehmen? Denn wahrhaftig, wenn ſte nicht den Matroſen heirathet, muß das Teſtament in Kraft bleiben.“ „Zuverläſſig!“ bemerkte Mr. Dropandie. „Mr. Truepenny, Mr. Dropandie, Miß Truepenny, ehe ich antworte, möchte ich auch euch allen eine feierliche Frage vorlegen,“ begann der aufgeregte Sir Edward.„Wollt ihr euch vereinigen, auf die Aufhebung dieſes höchſt ungerechten Teſtaments anzutragen?“ „ mit Freuden, mein theurer Edward,“ ſagte die Dame. Die Gentlemen aber ſchüttelten ſchweigend ihre Köpfe. „Dann muß ich ſprechen. Erſtlich erkläre ich dieſe beiden Greiſe für höchſt ungerechte— auf's Sündhafteſte ungerechte Männer, und möge ihre Häupter die Verantwortlichkeit für all' das Elend treffen, das ſie durch ihren unſeligen Starrſinn veranlaſſen. Ich will es auf jede Gefahr hin wagen und mit freudiger Bereitwilligkeit Miß Truepenny morgen heirathen, wenn Ihr mir nur verſprecht, für die Annullirung des Teſtaments einen Verſuch zu machen. Gerne will ich mich allen Zufällen der Rechtsunſicherheit unterziehen und mich geduldig in die langwierigſte Zögerung finden. Aber ich ſchätze das Glück dieſer theuren Dame viel zu hoch, als daß ich durch eine unkluge und aller Hoffnung baare Heirath das ſtolze Elend gentle⸗ maniſcher Armuth auf ſie häͤufen möchte. Gebt uns nur Hoffnung und ich will allem Mangel, allen Schwierigkeiten Trotz bieten; * 393 wenn ihr euch aber weigert, ſo ſoll euer Starrſinn nicht zwei Per⸗ ſonen für Lebenszeit zu vornehmen Bettlern machen. Dies iſt meine Antwort. Habt ihr ſie gehört?“ Sie war gehört— nur zu gut gehört worden. Anna erblaßte und hatte Mühe, einen lauten Aufſchrei zu unterdrücken. Dennoch bewahrte ſie ein Grabesſchweigen. Jack ballte ſeine ungeheuren Fäuſte und ſchoß Merlpfrieme aus ſeinen Augen; aber ſein Zorn legte ſich plötzlich wieder und er murmelte:„Alles recht.— Ned will nur die Alten ärgern.“ Mr. Singleheart blickte überraſcht und mißvergnügt auf Sir Edwards Geſicht. Nur die beiden greiſen Bevollmächtigten ſchienen unbewegt zu ſeyn. Dann erhob der Aelteſte davon ſeine Stimme und ſprach: „„Er iſt gewogen und zu leicht erfunden worden; aber es ziemt weder mir, noch Einem, der unſern Namen trägt, dieſen jungen Mann wegen ſeiner Liebe zum Beſitz, oder wegen einer ſfünd⸗ haftigen Hingabe an den Prunk und die Eitelkeiten dieſer gottloſen Welt anzuklagen, denn haben wir nicht von Generation zu Genera⸗ tion dieſer fündhaften Schwäche Vorſchub geleiſtet? Ich bin müde und moͤchte gerne bald zur Ruhe kommen. Ich habe mit meinem Geſchlecht geſündigt und durch dieſen Jüngling Tadel darüber er⸗ fahren müſſen. Ich habe es erlebt, daß die Letzte, die Schönſte und Beſte unſeres Hauſes zurückgewieſen wurde. Habe ich lange genug gelebt? Mich dünkt, ja. Aber dieſe Welt hat jetzt kein Intereſſe mehr für mich; ſie iſt mir nur wie ein Gemach in einem Wirthshauſe an der Landſtraße, und ich brauche mich nicht weiter darum zu kümmern, wer es nach mir einnehmen ſoll. Ich bin fer⸗ tig damit und bereit, meine lange Reiſe anzutreten— wollte Gott, ich könnte ſagen, in Frieden! Anna iſt verworfen worden— es geht mich nichts an— und doch, warum pocht dieſes Herz noch immer— verworfen? Anna, höre auf den Rath eines Mannes, * * deſſen Stimme bald verſtummt ſeyn wird. Schmiege Dich an den Matroſenjüngling an— er iſt das würdigere Gefäß.“ „O Ihr, die Ihr mir mehr als Vater ſeyd, ich kann nicht. Ich habe nur einmal geliebt und für immer. Edward kann mir das Herz brechen, aber wer wäre im Stande, es zur Untreue zu verleiten? Im Innerſten meiner Seele bin ich bereits mit ihm verbunden, und wenn ich nicht als ſeine Gattin leben darf, ſo will ich als ſeine Wittwe ſterben.“ „So höre meinen Entſchluß. Der Erfüllung des Teſtamentes — dieſer Urkunde, welche unſerer Familie ſtets ſo heilig geweſen— ſteht nichts im Wege, als Deine Beziehung zu dieſem jungen, welt⸗ lich geſinnten Baronet. Ich möchte Dein Rechtsgefühl nicht krän⸗ ken, aber die Strafe muß über Dich und ihn kommen. Für Dich wird ſie keine Beſchwerde ſeyn, denn Du, Anna, haſt den Troſt eines edlen Herzens; aber ſo lange Sir John unvermählt bleibt— ſo lange noch eine Ausſicht vorhanden iſt, daß der Inhalt des Teſta⸗ ments durch ſeine Perſon in Erfüllung kommen könnte— verweigere ich meine Zuſtimmung zu Annullirung des Dokumentes. Iſt durch die Verheirathung des Sir John jede Hoffnung abgeſchnitten, ſo wird der überlebende Bevollmächtigte unter Gottes Beiſtand das Weitere beſchließen; denn ich bin dann abgerufen. Ich fange an, zu glauben, daß dies ein Gericht iſt, welches über uns. ergehen muß. Laßt mich im Frieden hinſcheiden. Ich mache Niemand Vorwürfe. Laßt mich die kleine Weile, die ich noch zu leben habe, im Frieden fortträumen. Ihr Alle, der Feſte und der Wankende, nehmt den Segen eines Mannes, der mehr als hundert Jahre gelebt hat— nehmt ihn und möge er euch gute Früchte tragen! Gott behüte euch! Und nun geht— Alle, bis auf dieſen geknickten Sprößling unſerer Familie— ſie ſoll noch eine Weile bei mir bleiben, denn ſie darf nicht ſchon vergeſſen, daß ſie zurückgewieſen worden iſt.⸗ Nachdem der alte Gentleman alſo geſprochen, ſchloß er ſeine Augen und verſank in einen unruhigen Schlummer. —————————— 395 Und Alle, Anna ausgenommen, entfernten ſich, ohne übrigens zu gehen, wie ſie gekommen waren. Sir Edward lehnte mit viel Höflichkeit einen Sitz in Jacks Wagen ab, nahm Mr. Singlehearts Arm und begab ſich nach ſeiner Wohnung. Zum erſtenmal fühlte ſich unſer Held in ſeiner fashionabeln Equipage allein und recht verlaſſen. Als er zu Cavendiſh Square anlangte, traf er mehrere ſeiner Lehrer, die auf ihn warteten. Es wandelte ihn gewaltig die Luſt an, ſie mit Fußtritten aus dem Hauſe zu jagen; er gewann es aber doch über ſich, ſie höflich zu entlaſſen, indem er ihnen an⸗ deutete, daß er für die nächſte Zeit ihrer Dienſte nicht benöthigt ſey. Er ging in ſeinen ſtattlichen Gemächern auf und ab, rief ſei⸗ nen Ammannuenſis herbei und verſuchte, ſich mit ihm zu unterhalten. Doch es wollte nicht gehen. Jack war unruhig und verdrieß⸗ lich; er griff zu ſeiner Violine, aber der Auftritt, deſſen Zeuge er eben geweſen, vereitelte jeden Verſuch, den Saiten Harmonie zu entlocken, oder ihm die ſeinige zurückzugeben. Auf dem Herwege hatte er mehrere Wirthsſchilde geſehen und ſich dabei gedacht, wie gemüthlich es bei einer ruhigen Pfeife und kaltem Groge in einem dunkeln Hinterſtübchen derſelben ſeyn müßte. Das Bild bot ihm viel Tröſtliches; aber er leiſtete dem Wunſche, es zu verwirklichen mannhaften Widerſtand. Obgleich er bis jetzt in völliger Abgeſchiedenheit gelebt, hatte er doch, dem Nathe ſeines Vetters zufolge, um ſich an die Formen ſeiner neuen Lebensweiſe zu gewöhnen, ſtets in allem Prunke dinirt, und die drei Gänge wurden ihm mit ſo viel Förmlichkeit ſervirt, als ob er ſeinen ganzen Speiſeſaal voll mit Gäſten gehabt hätte. Dann folgte der Nachtiſch und endlich die ſchwere Aufgabe, ſich an den franzöſiſchen Wein zu gewöhnen. Alles dies beluſtigte ihn zuweilen, wurde ihm aber ebenſo oft widerlich; wie denn übrigens ſeyn mochte, er fügte ſich, um Sir Edwards willen, mit wandelloſer Regelmäßigkeit darein. Heute ſchien ihm jedoch das mönchiſche Mahl nichts als Unangenehmes zu * 396 bieten. Er klingelte ſeinem Hausmeiſter, deutete ihm an, daß er die Stadt verlaſſen wolle und beſtellte ſeinen vierſpännigen Wagen. In ſeinem vortrefflich geleiteten Haushalte geſchah Alles ſchnell und ſchweigend.„Nach Greenwich,“ ſagte Jack, und befand ſich in weniger als einer halben Stunde an dem gewünſchten Orte.„Nach Hauſe,“ und der leere Wagen verſchwand. Dies war faſt der erſte entſchiedene Schritt, in welchem er ſich als Herrn zeigte. Er fand ein Gefühl von Wohlbehagen darin, das übrigens nicht kräftig genug war, um ſeinen Geiſt der Be⸗ engung zu entheben. Er befand ſich bald am Borde ſeiner Yacht, vertauſchte ſeine Civilkleidung gegen eine blaue Jacke ſammt Zu⸗ gehör, brachte die Anna unter Segel und ſteuerte nach dem Nore. Da Jack ſich vorgenommen hatte, auf dem Waſſer zu thun, was ihm beliebte, ſo fehlte es weder an Taback, noch an Grog; und als er gemächlich mit Giles Grim in der Kajüte ſaß, vertraute er ihm alle ſeine Nöthen und Angſten. „Ich beneide Dich, Vater, denn mein Leben iſt in der letzten Zeit nichts als Plackerei geweſen. Von meinen Lehrern habe ich weiter nichts gelernt, als daß ich ein großes Kind bin, wie ſie ſelbſt auch, wenn ſich's nicht gerade um ihr Fach handelt; denn in allem andern, das, was ſie lehren, ausgenommen, ſind ſie die ärgſten Dummköpfe, während ich meinerſeits abwechslungsweiſe ihnen gegen⸗ über den Tölpel ſpiele. Indeß will ich ſie wohl noch überbieten, wenn's nicht anders noch irgend ein verdammtes Gieren gibt. Bis⸗ weilen fühle ich, es ſey etwas Gutes in mir— ich meine nicht als Matroſe, Vater, ſondern in ihrer eigenen flüchtigen Weiſe. Ich lerne Worte, die mir ebenſo viele Schlüſſel erſcheinen, um meinen Verſtand und mein Herz zugleich zu öffnen, und während der Lehrer in der Beredſamkeit, der Lehrer in der Grammatik und das andere derartige Bootsvolk ſich einbilden, ich übe ihren Wuſt ein, lerne ich etwas Beſſeres— nämlich denken und meinen Gedanken Worte leihen. Aber ich kann's nicht feſthalten, Vater,'s iſt unmöglich. * 397 G Es kommt und geht wie leichte Luftzüge in den Windſtillenbreiten, und mit dem Vieren des Verklickers bin ich wieder von meinen Stelzen herunter und abermals zu Hauſe in dem nautiſchen Wälſch des Unterdecks. Doch öffne jetzt die Lucken Deines Verſtandes und hole mir ein Bischen guten Rath aus Deinem beſten Vorraths⸗ raume herauf.“ 3 4 Jack ſetzte ihm dann die Stellung der verſchiedenen Perſonen ſeiner Familie auseinander und verbreitete ſich in ſeiner eigenen Weiſe über die denkwürdige Zuſammenkunft, welche ſo viele wichtige Reſultate in Ausſicht zu ſtellen ſchien. Giles hörte Alles in tiefem Schweigen an und erklärte darauf, daß dies ſeinen Horizont überbiete. Er begab ſich ſodann auf das Deck, um zu ſehen, wie des Kutters Schnabel ſtand, ließ dann alle Segel friſch ſtellen und kam wieder herunter, um Jack mitzutheilen⸗ er müſſe zuerſt ein paar Kapitel in der Bibel leſen und wolle ihm dann ſeine Antwort geben. Unſer Held hatte nichts dagegen ein⸗ zuwenden; aber mochte nun entweder der Rath nicht angenehm ſeyn oder es allzu lange dauern, bis er in's Leben trat— die Yacht machte einen kühnen Ausflug in das atlantiſche Meer, und es ſtand juſt zehn Tage an, ehe ſie wieder wohlbehalten bei Greenwich vor Anker lag. Der Rath befand ſich aber noch immer im Aus⸗ ſtande. Mittlerwe ile wußte Niemand von ſeinen Freunden in London, was aus ihm geworden war, und ſeine Bürgſchaftsſumme wurde für verwirkt erklärt; denn er konnte nicht wohl erſcheinen, um gegen ſeine Poll Zeugniß abzulegen, da ſie vor dem Richter und der Jury zu N.. ſtand, er aber einige hundert Meilen weit davon auf dem Ocean ſich herumtummelte. Zum Unglück für ſie war der Beweis ihres Verbrechens auch ohne Jacks Abhör hinreichend hergeſtellt, um ihre Verurtheilung herbeizuführen. Der Spruch lautete auf Tod am Galgen, der übrigens zu lebenslänglicher Deportation gemil⸗ dert wurde. Ihr vormaliger Liebhaber hatte ſeinem Rechtsgelehrten 4½ 398 die entſchiedenſte Weiſung gegeben, Allem aufzubieten, was in ihrer bedauerlichen Lage für ſie geſchehen konnte— und es geſchah. Sie verließ England für immer. Jack erfuhr alles dies erſt einige Zeit ſpäter. Während Jacks Abweſenheit war Sir Edward nichts weniger als glücklich geweſen. Anna wollte und konnte keine Beſuche von ihm annehmen, wenn er nicht zuvor mit ihr vermählt wäre, und er benahm ſich in Betreff der Erfüllung oder Nichterfüllung ſeiner Zuſage gegen die Dame ſo geheimnißvoll, daß ſelbſt ſein erprobter Freund und beſtändiger Rathgeber, Mr. Singleheart, nicht begreifen konnte, was er im Sinne hatte. Er wollte Sir John mehreremale beſuchen und ertheilte die Weiſung, ihm augenblicklich mitzutheilen, ſobald ſein Vetter wieder anlange. Da dies ſpät in der Nacht ge⸗ ſchah, ſo erhielt er erſt am andern Morgen Kunde davon. Als er erſchien, war ſeine Miene ſehr verſtimmt und ſein Benehmen kalt und fremd. Jack hatte ſich nun ſoweit an ſeine neue Stellung gewöhnt, daß er ſich ein wenig in ſeinen Rang finden konnte, weshalb er ſich nicht mehr ſo demüthig gegen ſeinen Vetter benahm wie früher, und ebenſo wenig ſich ganz in die Anſichten deſſelben fügte. Den⸗ noch hatte er ſeine alte Freimüthigkeit beibehalten und erfreute ſich über Sir Edwards Beſuch ſo ſehr, als dies nur bei dem Benehmen des Gentlemans möglich war. Jack hatte bereits entdeckt, daß ſein Vetter ein Freund von langen Reden war und nickte daher blos bejahend oder mißfällig, während Sir Edward ſich folgendermaßen vernehmen ließ: „Sir John, Ihr müßt bekennen, und die ganze Welt muß es mir zugeſtehen, daß ich an Euch als Verwandter, als Chriſt und als Gentleman meine Pflicht geübt habe. Aber eben dieſe Pflicht⸗ erfüllung iſt faſt zu meinem völligen Untergange ausgeſchlagen. Ich bereue meine Handlungsweiſe nicht, Sir John— aber dennoch habe ich auch eine Pflicht gegen mich ſelbſt, und ich muß dafür 8 399 ſorgen, daß meine bedauerliche Lage mir ſo wenig als möglich nach⸗ theilig werde. Ich habe den Großmüthigen geſpielt und dafür theuer zahlen müſſen; ich handelte gegen Euch als Freund, habe mich ſtets ſo erwieſen und werde es auch hoffentlich für die Folge thun. In⸗ deß verbieten es die Umſtände, Sir John, fortan mich viel— oder nur überhaupt Eurer Geſellſchaft zu erfreuen. Man hat dem ſehr wohlthätigen Einfluß, den ich über Euch übte, die ſchlimmſten Be⸗ weggründe unterſtellt. Lest dies, Sir John— und dies— und dies.“ Er händigte ihm mehrere Zeitungsblätter ein, welche gemeine Andeutungen über die Motive enthielten, die Sir Edward veran⸗ laſſen ſollten, ſeinen Veiter unter Vormundſchaft zu erhalten. „Ihr wißt, Sir John, daß mir, außer meinem guten Namen, nur wenig geblieben iſt. Ich mache Euch um deswillen keinen Vor⸗ wurf, muß aber fortan auf mich ſelbſt Bedacht nehmen. Zu guter Letzt will ich Euch noch einen Nath ertheilen und mich dann von Euch für einige Zeit verabſchieden. Eure pekuniären Angelegenheiten könn⸗ ten nicht in beſſeren Händen ſeyn, als in denen des Mr. Singleheart. In dieſer Hinſicht könnt Ihr jeder Sorge und Mühe überhoben ſeyn. Ich möchte Euch empfehlen, den Studienkurs fortzuſetzen, den Ihr begonnen habt, da er Euch bereits ſchon ſehr zu Frommen gekommen iſt. Auch thut Ihr gut, nicht länger ſo abgeſchieden zu bleiben. Geht in Geſellſchaft, aber achtet auf das, was ich Euch jetzt ſage, wie auf ein Orakel. Trinkt nicht— raucht nicht— ſpielt nicht. Gebt mir Euer Ehrenwort, daß Ihr in vierundzwanzig Stunden nie mehr als fünf Pfund verlieren wollt.“ Jack leiſtete dieſe Zuſage feierlich. „Ich habe Euch eine Einladung zu Mrs. Cackletops Abend⸗ geſellſchaft mitgebracht— ſie ſchafft Euch Eintritt zu der Geſell⸗ ſchaft im Allgemeinen. Glücklicherweiſe ſind nicht viele Perſonen von Stand in der Stadt. Da Ihr gewiſſermaßen unter meiner Leitung geſtanden habt, ſo liegt mir viel daran, daß Ihr ein gün⸗ 400 ſtiges Debut macht. Ich ſelbſt werde mich nicht einfinden, da ich allzu beſorgt ſeyn würde; indeß will ich Euch einige allgemeine Verhaltungsregeln geben. Behaltet ſtets Eure Handſchuhe an— ich glaube, daß Eure Hände rauher werden, als je.“ Er wußte nicht, daß Jack während der letzten zehn Tage am Bord ſeiner Yacht tüchtig im Matroſengewerke gearbeitet hatte. „Sprecht nicht viel, und wenn Ihr nichts Sachgemäßes zu ſagen habt, ſo zeigt allenfalls durch ein Lächeln Eure Zähne oder ſtochert ſte aus. Letzteres iſt allerdings kein ſehr erbaulicher Aus⸗ weg, aber eben jetzt ſehr in der Mode. Ihr habt ſehr ſchöne Beine und eher den Unterfuß einer vornehmen Dame, als den eines Mannes. Bleibt ſtets mit gekreuzten Beinen in Eurem Stuhle ſitzen— etwa in dieſer Weiſe— und ſtreichelt und pätſchelt hin und wieder Eure Waden. Die Unterhaltung wird Euch wenig zu ſchaffen machen. Wenn Ihr ſprechen müßt— und die thörichten Männer und Weiber werden Euch wohl dazu zwingen— ſo vermeidet jede Anſpielung auf Euer vormaliges Leben und ſcheut die Seeausdrücke wie die Peſt. Letztere ſind eine gar ſchlimme Untugend von Euch. Wenn Ihr zum Beiſpiel von etwas Langem ſprechen wollt, ſo ſagt nicht, nach Eurer abſcheulichen Gewohnheit, es ſey ſo lang, wie die große Marsboolinie— denn wer, Sir John, weiß oder küm⸗ mert ſich darum, was eine große Marsboolinie iſt?“ V„s iſt wahr, Vetter Edward; die Unwiſſenheit und Achtloſig⸗ keit der Uferleute iſt höchſt bedauerlich.“ „Sondern ſagt, ſie ſey ſo lang, ſo lang, ſo lang⸗ wie eine— eine— eine—“ „Langweilige Rede.“ „Ja, das geht; aber Ihr dürft nicht ſo ſagen, wenn Euch eine Perſon wirklich langweilt. Nicht Jedermann hat das Talent, an⸗ genehm zu ſprechen— Ihr werdet dies bald genug ſinden.“ „Ich habe es bereits gefunden, Vetter.“ „Aber wenn Euch dies vorkömmt, ſo dürft Ihr's Euch nicht 401 merken laſſen, denn Ihr würdet dadurch gewaltig anſtoßen. Höch⸗ ſtens ergeht Euch in einer kleinen, ruhigen Ironie darüber. Solche proſaiſchen Leute ſind in der Regel zu einfältig und zu ſehr für ſich ſelbſt eingenommen, um einen Scherz zu faſſen.“ „Auch dies begreife ich vollkommen—“ „Vor Allem aber— und dies iſt das Nothwendigſte— dürft Ihr nie Erſtaunen blicken laſſen. Ueberraſchung iſt mit einem faſhionabeln Manne durchaus unverträglich. Behandelt Alles mit der größten Gleichgültigkeit. Ihr ſteht zu hoch, als daß die Zu⸗ fälligkeiten des Lebens auch nur die mindeſte Wirkung auf Euch üben ſollten. Schlagt Alles unter ſeinem Werthe an. Wenn Euch Jemand etwas erzählt, ſo gebt Euch die Miene, als ob Ihr es ſchon zuvor gehört hättet. Wenn Jemand etwas Geiſtreiches ſagt, obſchon ich zugeſtehe, daß die Wahrſcheinlichkeit dafür ſehr gering iſt, ſo geht verächtlich darüber hin und thut dergleichen, als wäre es Euch eine Kleinigkeit, ebenſo viel Witz zu zeigen. Für einen Mann von Rang und Vermögen wäre es eine zu große Mühe, ge⸗ ſcheidt oder auch nur halbweg verſtändig zu ſeyn. Laßt Euch nie auf Diſpute ein, denn ſie begreifen die Idee einer geiſtigen An⸗ ſtrengung in ſich, und Alles, was nur entfernt wie Mühe ausſieht, ſteht tief unter der Beachtung eines Gentleman.“ „Zum Henker, Vetter, und da mühe ich mich täglich vierzehn Stunden wie ein Eſel unter einem Doppelkorbe ab. Kann ich denn all' dies thun, um ein Gentleman erſten Ranges zu werden, und doch der größte Eſel und Dummkopf bleiben, der nur je an ſeinem Daumen geſaugt hat?“ „Verzeiht mir, Sir John; ich kann Euch ſagen, daß Ihr be⸗ reits in dem Rufe ſteht, dieſe Lehrer gehabt zu haben. Der ele⸗ gante Lord Landidand zum Beiſpiel iſt ein Univerſitätsmann. Ver⸗ ſteht er Griechiſch oder Lateiniſch? Kein Wort davon. Mathematik? — Er kann Euch die Eigenſchaften einer geraden Linie nicht einmal Marryat's W. XX. Jack am Lande. 26 402 4 2 Wäſcherin, die ihre Linnen aufhängt. ſo gut definiren, als eine Jeder Junge aus der nächſten, beſten Armenſchule übertrifft ihn im engliſchen Styl und ſeine Arithmetik befähigt ihn kaum, die Num⸗ mer ſeines eigenen Hauſes aufzufinden. Dennoch iſt Lord Landidand ebenſo gut ein gelehrter Mann, weil man ihn dafür anzuſehen be⸗ liebt, als er durch ſeine Geburt unter die Geſetzgeber des Landes gehört. Er hat den Ruf einer Univerſitätserziehung, und von Euch weiß man, daß Ihr eine Schaar Privatlehrer habt. Ihr wißt, was ihr Beide ſeyd.“ 4 „Na, na, Sir Edward, wenn ich keinen beſſeren Mann von Stande aus mir machen kann, als dieſer Beſenſtiel von einem Lord iſt, ſo will ich hingehen und wieder Backkapitän werden. Dennoch danke ich Euch für Euren Rath. Iſt dies Alles?“ „Ja. Seyd ſo unverſchämt, als Euch erkünſtelte Gleichgültig⸗ keit nur geſtatten mag; ſpielt mit der Kälte feiner Verachtung den Eiſenfreſſer gegen die Männer und ſcherwenzelt die Weiber in den Glauben hinein, daß ſie nichts brauchen, als den Verluſt jeder Tugend, um Göttinnen zu ſeyn. Es iſt dann nicht unmöglich, daß „Ihr eines Tages ſelbſt zum Tonangeber der Mode werdet. Mögen Euch die Grazien beiſtehen— Ihr ſeyd ihrer Hülfe ſehr benöthigt.“ Sir Edward entfernte ſich, und Jack pfiff ihm die ganze Treppe hinunter und noch zum Hauſe hinaus den„Schelmenmarſch“ nach. ⁸△ 403 Vierunddreißigſtes Kapitel. Jack verſucht ſich zum zweitenmal im Briefſchreiben, mit glücklicherem Er⸗ folg.— Sein Vetter wird eiferſüchtig, was ſchlimm— und zeigt ſie was noch ſchlimmer iſt.— Jack lernt, wie er ſich in Geſellſchaft zu benehmen hat.— Unerträgliche Aufführung; zuletzt aber pfeift er ſich allgemein in Gunſt und ſchließt mit einer Liebesangelegenheit und zwei Duellen. Sir John Truepenny kehrte, Mrs. Cackletop's Einladungs⸗ karte in der Hand, nach ſeinem Beſuchzimmer zurück und blieb da⸗ ſelbſt geraume Zeit in ſchwermüthigem Brüten ſtehen. Sir Ed⸗ wards verändertes Benehmen that ihm ſchmerzlich leid, und er wurde unruhig über das Gefühl der Einſamkeit und Verödung, die ihn beſchlich. Auch des Unmuths konnte er ſich nicht erwehren, denn er war ſtets bereit geweſen und noch immer dazu erbötig, auf Alles zu Gunſten ſeines Vetters zu verzichten, deſſen Glück und Intereſſen er in jeder Weiſe zu fördern wünſchte; er fühlte ſich da⸗ her nicht wenig gekränkt durch den kürzlichen Auftritt, und begann Sir Edwards Benehmen etwas zu ſtrenge zu beurtheilen. In dieſer Stimmung ſetzte er ſich nieder, um ſeinen erſten Brief an eine Dame zu ſchreiben. Bis jetzt hatte ihm ſeine natürliche Beſcheidenheit nie geſtattet, ſich ſeines Titels zu bedieneen. Sein Billet, das leidlich buchſtabirt und nicht ſchlecht, aber doch ſteif ge⸗ ſchrieben war, lautete folgendermaßen:— „Carendiſh⸗Saquare. Heute Morgen. „John Truepenny vermeldet der Miß des gleichen Namens“ (er erinnerte ſich nämlich, daß ihm ſein engliſcher Sprach⸗ meiſter die Wiederholungen unterſagt hatte)„ſeine gehor⸗ ſamſte Empfehlung und erbittet ſich's als große Gunſt, daß Miß Ditto ihm vertraulich mittheilen wolle, ob Sir Edward „ Fortintower in allem Ernſt den Außreißer geſpielt habe; das heißt, ob er Euch wirklich die Treue gebrochen und Ihr die Weide tragen wollt. Ich hoffe, daß Ihr mit allen Verſtößen Nachſicht haben werdet, da ich mich nicht getraute, dieſe Zeilen meinem Man⸗ju⸗Henn⸗ſis in die Feder zu diktiren. Somit nicht weiter von. Eurem gehorſamſten Diener John Truepenny.“ Wenn der nachſichtige Leſer dieſen Erguß mit einem früheren Schreiben, das Jack an Sir Edward ergehen ließ, vergleichen will, ſo wird er finden, daß der ihm ertheilte Unterricht nicht weggeworfen war. Das einzige Wort darin, welches er in derſelben Weiſe buch⸗ ſtabirt hatte, wie er ſeine Geige ſpielte— das heißt, nach dem Ohr — hatte er nie zuvor geſchrieben geſehen. In dieſer Periode war viel Hoffnung für Jack vorhanden. Das Billet wurde Anna Truepenny mit aller gebührenden Förmlichkeit ausgehändigt, und der Lakai überbrachte unſerem Jack folgende Rückantwort der Dame: Harley⸗Street. Heute Morgen. Anna Truepenny vermeldet dem Baronet desgleichen Na⸗ mens ihre beſten Wünſche und erbittet ſich's von dem Baronet Ditto als große Gunſt, Sir Edward nicht hart zu beur⸗ theilen, da Letzterer ſich zwar zurückgezogen, aber nicht den Ausreißer geſpielt hat und Miß Ditto ſehr wohl zufrieden iſt, vorderhand die Weide zu tragen, da ſie dieſelbe für eine ſehr anſtändige Zierde hält. Miß Ditto bittet zugleich zu beachten, daß die Abweſenheit des einen Baronets das Er⸗ ſcheinen des anderen nicht ausſchließen ſollte. Ihr mögt mich daher beſuchen, ſobald es Euch beliebt. Und ſomit nicht weit weiter von Eurer gehorſamſten Dienerin Anna Truepenny.“ 40⁵ Ob dieſem kleinen Dokument erging ſich Jack in angelegent⸗ lichen Betrachtungen. Sein ehrliches Herz wollte durchaus kein Ge⸗ fühl aufkommen laſſen, welches ihm ſeinen Vetter in einem herab⸗ würdigenden Lichte darſtellte, denn er erinnerte ſich des großmüthi⸗ gen Opfers, das er zu ſeinen Gunſten gebracht und des Wohlwollens, mit welchem er ihn ſtets behandelt hatte. Am Ende hatte vielleicht Sir Edward doch Recht. Dann kam ihm um ſo nachdrücklicher zu Sinne, daß er ſelbſt der Hemmeblock— die Grube war, welche zwiſchen ſeinem Wohlthäter und der edlen, hochbegabten Anna den Weg kreuzte. Er beſchloß daher den Rath von Giles Grim zu befolgen und zu heirathen. Aber wen? Sein geſundes Urtheil und ſeine Dankbarkeit riefen ihm laut den Namen Suſanna Snow⸗ drop zu, aber ſein Herz hatte noch keine Antwort für dieſe Auffor⸗ derung. So nahm er ſich dann vor, die Geſellſchaft, welche ihm zu⸗ gänglich war zu, beſuchen und für ſich ſelbſt zu wählen. In einem ſo vollſtändig eingerichteten Haushalte, wie der von Sir John Truepenny war, ſtand nicht zu beſorgen, daß dem Aeußeren des Matroſenbaronets etwas abging, und als er am ſelbigen Abende ſich zu Mrs. Cackletop begab, war er nicht nur faſhionabel, ſondern ganz ohne Tadel herausgeputzt. Da der Seelöwe erwartet wurde, ſo drängte ſich Alles, was Geiſtesgegenwart genug hatte, um ſeine Anweſenheit zu London im Monat Oktober einzugeſtehen, nach den Gemächern der gedachten Dame. Man zählte auf ein Ungeheuer— auf eine geräuſchvolle, fluchende, rohe Theernatur. Sir John Truepenny wurde angekündigt. Alles ſprang auf, und plötzlich legte ſich das Geſumme der vielen Stimmen. Die Thüre öffnete ſich und ein Gentleman, mit faſt frauenhaft ſchönem Geſicht von hoher majeſtätiſcher Haltung und in die volle Eleganz eines Höflings ge⸗ kleidet, trat in den Salon. Die Wirthin war um einige Schritte vorgetreten, um ihn zu empfangen, machte aber, als ihr eine ſo unerwartete, imponirende Erſcheinung entgegenkam, plötzlich Halt, 406 zögerte, verbeugte ſich mit vieler Achtung gegen den ausgezeichneten Unbekannten und begann: „Wollt Ihr mir die Ehre erweiſen, mich mit Eurem Titel be⸗ kannt zu machen?— Ich erwartete, einen gewiſſen Sir John True⸗ penny— ſo lautete, glaube ich, der angekündigte Name— ohne Zweifel irgend ein Mißverſtändniß.“ Nun war Jack noch randvoll von dem Unterricht in kalter Gleichgültigkeit und unverſchämter Apathie. Er verzog daher die Lippe zu einem hochmüthigen Lächeln und lispelte langſam die Worte:„Geht— lieber— hin und überzeugt— Euch ſelber,“ worauf er, ohne weitere Notiz von der Wirthin zu nehmen, unbe⸗ kümmert nach dem oberen Ende des Salons hinaufſchlenderte und ſich zwiſchen zwei der ſchönſten Damen ſetzte. Der Weiſung ſeines Vetters gemäß legte er nun das eine Bein über das andere und be⸗ gann ſeine ſehr ſchöne, muskelige Wade zu hätſcheln. Mittlerweile hatte ſich die Dame im Hauſe überzeugt, daß ihr Gaſt der wirklich erwartete Sir John war. Sobald daher die übrige Geſellſchaft den Fremden für entſchieden, elegant und voll⸗ kommen an die beſte Geſellſchaft gewöhnt erklärt hatte, bot ſie ihm die Hand und redete ihn mit nachdrücklich lautem Tone an. „Sir John Truepenny, ich ſchätze mich höchſt glücklich, Eure Bekanntſchaft zu machen.“ Sir John blieb übrigens ſitzen, ohne auf die angebotene Hand zu achten, und begnügte ſich, ein Gähnen zu erkünſteln, worauf er erwiederte: „Ich habe dies gehört.“ Männiglich machte große Augen; die Wirthin aber wurde ver⸗ wirrt und fühlte ſich gekränkt. Dies ſah faſt beleidigend aus, und doch war es ſchwer zu glauben, daß ein ſo ſchöner und wohlgeklei⸗ deter Mann ſich eine Rohheit erlauben konnte. Sie ſammelte ſich wieder und entgegnete:„Sie zweifle nicht daran und er habe nur die Wahrheit gehört. Alle Anweſenden verlangen ſehnlichſt die Be⸗ * 407 kanntſchaft eines Gentlemans zu machen, der ſich nicht nur durch die romantiſche Geſchichte ſeines früheren Lebens, ſondern auch durch ſeine elegante Perſönlichkeit und ſeine Manieren in ſo hohem Grade auszeichne. Sie ſey berechtigt, dies auszudrücken und erdreiſte ſich, ſogar auf die Gefahr hin, als ſehr naiv zu erſcheinen, es ihm in's Geſicht zu ſagen. „Nun, Madame, das iſt ſchön; ich würde das Kompliment erwiedern, wenn ich könnte; inzwiſchen bin ich, Madame, Euer be⸗ reitwilliger und— ganz— gehorſamſter Diener. Glaubt Ihr nicht, Miß—“(er wandte ſich gegen die Dame an ſeiner Seite)—„ah — das heißt, wenn Ihr eine Miß ſeyd—“ Die Dame verbeugte ſich und lächelte anmuthig. „Das heißt— ah— ich habe ganz vergeſſen, was ich ſagen wollte! Oh, Mrs. Cackletop, Ihr wolltet ſprechen.“ Er nahm dann ganz bedächtig ſeinen Zahnſtocher heraus und begann im be⸗ liebteſten Style ſeine Zähne zu bearbeiten.„Fahrt fort— ich habe Zeit.“ „Nun, in dieſen ſchweren Zeiten iſt es ſchon etwas, wenn man Zuhörer findet,“ entgegnete die Dame in guter Laune.„Beliebt Euch vielleicht Muſik, Sir John?“ „Ci, ja, wenn ſie gut iſt— anders nicht.“ „Sir John Truepenny,“ begann ein junger Stutzer,„in die⸗ ſem Hauſe werdet Ihr nichts hören, als was gut iſt.“ „Und Ihr erlaubt Euch zu ſprechen? Pah! Wer hat Euch angeredet?— Ich ſoll gegen die Männer den Eiſenfreſſer ſpielen,“ dachte Jack.„Nun, ich bin ſchon im Zuge.“ „Ich muß mir dieſe Sprache verbitten, Sir John True⸗ penny—— „Was wollt Ihr, junger Menſch?“ entgegnete Jack, mit einem Geſichte auffahrend, das grimmig genug war, um den Löwen dieſer oder jeder andern Geſellſchaft einzuſchchtern.„In dieſer achtbaren Geſellſchaft iſt von keinem Verbitten die Rede. Wie könnt Ihr Euch erdreiſten, junges Herrlein, von Verbitten zu ſprechen? Ihr mögt bitten, wen Ihr wollt— aber nur nicht bei mir. Verbitten! Ihr gewiſſenloſer junger Suͤnder, wenn Ihr Euch unterſteht, etwas zu verbitten—— „Was dann, Sir John?“ verſetzte der junge Gentleman ein wenig erblaſſend. 5 „So will ich Euch mit Fußtritten die Treppe hinunterſtoßen — Ihr ſeyd juſt dafür gebaut.“ Jetzt begannen die Männer ſich dazwiſchen zu legen und zu laͤrmen. Die Damen geberdeten ſich ängſtlich, und Jack nahm mit einem wohlgefälligen Lächeln wieder Platz, augenſcheinlich hoch er⸗ freut über das Getümmel, welches er hervorgerufen hatte. Der beleidigte junge Gentleman, ein Mr. Dawſon, verließ den Salon, aber nicht ohne einen Freund beauftragt zu haben, ſeine Karte zu überreichen. Dieſer that, wie ihm geheißen wurde, und bat Jack um die Erlaubniß, ihm morgen mit dem Früheſten ſeine Aufwartung machen zu dürfen. Jack that dergleichen, als verſtünde er ihn nicht, und geruhete gnädigſt, ſein Geſuch zu genehmigen, wenn er verſprechen wolle, ſich gut zu benehmen und nicht in die Area hinunterzublicken, denn er könne das Wilddieben auf ſeinen Grün⸗ den nicht leiden. Vielleicht über das Exeentriſche dieſer Antwort, möglich aber auch, weil Kapitän Brew wegen ſeiner Galanterie gegen die Dienſt⸗ boten im Rufe ſtand und Jack dieſe ſeine Eigenſchaft ſo auf's Gera⸗ thewohl hin getroffen hatte, begannen alle Damen zu kichern. Dies verſetzte den Kriegsmann in eine höchſt leidenſchaftliche und ſtreit⸗ ſüchtige Stimmung. Mit vielen Flüchen ſagte er allerlei Schönes und Edles von Ehre, Tod und— wie wir mit Bedauern beifügen müſſen— Verdammniß. „Pah, pah!“ ſagte Jack;„ereifert Euch nicht— gemach— gemach— da ſehe man— der Mann iſt in's Feuer gerathen.— Seht mich an— beruhigt Euch, 1 beruhigt Euch— ein feiner 409 Kapitän, der ſich ſelbſt nicht kommandiren kann— muß da Händel anfangen vor Damen! Pfui, was würde die gute Frau, Eure Tante, ſagen?“ „Bei Gott, das iſt unerträglich!“ „Sprudelt nicht ſo auf, kleiner Mann. Ich möchte Euch ra⸗ then, zu einem Zahnſtocher zu greifen, wenn Ihr uüberhaupt Zähne habt. Man fucht nie, ſo lange man ein derartiges Inſtrument gebraucht.“ „So überholt und niedergerannt zu werden von einem derar⸗ tigen Seevieh.“ „Schrecklich gemein, Kapitän Brew— zu gemein, als daß ich mich weiter mit Euch einlaſſen könnte. Meine Damen, der ungebildete Menſch macht Gebrauch von Seeausdrücken— ſteht weit unter meiner Berückſichtigung.“ „Nur die Geſellſchaft hindert mich, dieſem Ungeheuer eine per⸗ ſönliche Züchtigung angedeihen zu laſſen.“ „Hat er keine alte Amme, die ihn in ihre Obhut nehmen könnte?“ ſagte Jack mit ſorgloſer Verachtung. Kapitän Brew verbeugte ſich ſchweigend gegen die Wirthin und hatte beinahe die Thüre erreicht, als ihm Sir John nachging, ihn mit einer Gewalt am Arme faßte, daß er hätte ſchreien mögen, nach einer Ecke des Salons führte und folgendermaßen anredete: „Ich begreife vollkommen, was Ihr und Euer Freund meint. Ihn halte ich für nichts Beſſeres, als für einen unverſchämten Laffen und Euch für einen verächtlichen Raufbold. Beſtimmt Zeit, Ort und Waffen, laßt mich morgen früh Euren Entſchluß wiſſen, und ich will dann euch beide bedienen, denn mein Streit geht Euch ſo gut an, wie ihn. Ich werde heut noch über Euern Charakter Erkundigung einziehen und danach gegen Euch verfahren. Jetzt packt Euch von hinnen.“ „Schändlicher Wicht— Ihr ſollt mir dies bereuen!“ entgeg⸗ nete der Kapitän leichenblaß vor Wuth, als er ſich entfernte. Jack kehrte mit der ſchaalſten und unbekümmertſten Miene, die er nurs annehmen konnte, wieder nach ſeinem Sitze zurück. Auf dem Wege dahin beäugelte ihn ein großer ſtolz ausſehender Mann aufmerkſam durch ſeine Lorgnette, und da Jack dies für eine Un⸗ verſchämtheit hielt, ſo trat er ihn abſichtlich ſo ſchwer, als er nur eonnte, auf den Fuß. Der Leidende zog ſein Bein mit ſchmerz⸗ hafter Geſichtsverzerrung an ſich und Jack ſtierte ihn mit dem aus⸗ drucksloſen Blicke nichts ahnender Unſchuld an. „Berdammt, Sir! Wißt Ihr, daß Ihr mich auf die Zehen getreten habt?“ „Gott behüte— habe ich wirklich? Da thätet Ihr gut, ſie lein zuſammenzupacken und in Eure Weſtentaſche zu ſtecken.“ „Unausſtehlich! Warum habt Ihr mich auf meine Zehen ge⸗ treten, Sir?“ „Na, Ihr gefallt mir— warum habt Ihr Eure ſchmutzigen Stücke Knorpel unter meine Ferſe geſteckt?'s iſt ſchrecklich, auf wie viel Unterdrückung und übermüthige Grauſamkeit man in guter Geſell⸗ ſchaft trifft— zu viel für meine zarten Nerven— ich muß ausruhen.“ „Mein Kleid iſt Euer Schutz, Sir.“ 4 „Ich wäre verdammt ſchlecht beſchützt, wenn ich mich darauf, verlaſſen wollte.“ Nachdem er ſeinen Sitz wieder eingenommen hatte, erhielt er von einer mittheilſamen Dame die Kunde, daß er eben erſt den Bi⸗ ſchof von—— beleidigt habe. 3 Die Muſik begann, und einige ausländiſche Muſiker ſpielten ein auserleſenes Konzertſtück, in deſſen Vortrage Sir John viel gähnte. Sobald es vorüber war, fragte ihn Mrs. Cackletop, wie er ſich unterhalten habe. 4 „Nicht im Geringſten.“ „Aber Ihr ſagtet mir doch, daß Ihr ein Freund von Muſtk ſeyd?? „Wohl— wenn ſie gut iſt.“— 4 „War dieſes Stück nicht gut?“ 411 „Wenn es wirklich geſpielt worden wäre— aber es wurde nicht geſpielt, ſondern bloß verderbt.“ Die Dame entgegnete mit einem verächtlichen Lachen: „Vielleicht wißt Ihr, wie es hätte geſpielt werden ſollen?“ „Allerdings.“ 1 „Wollt Ihr uns zeigen, wie?“ entgegnete ſie höhnend. „Wenn Ihr ſo wollt.“ „Wir würden nichts für eine größere Gunſt betrachten.“ „Die Weiſe hätte ſo gegeben werden ſollen,“ erwiederte Jack, und pfiff dann das ganze Stück von Anfang bis zu Ende. Die Geſellſchaft war überraſcht, bezaubert und ſammelte ſich mit verhaltenem Athem um ihn her. Kein anderer Laut ließ ſich vernehmen, bis er fertig war, und nun folgte ſtürmiſcher Beifall. Von den Anweſenden hätte Niemand geglaubt, daß geſpitzte Lippen ein ſo kräftiges muſikaliſches Inſtrument abgeben könnten. Aber Jack beſaß hierin eine natürliche Gabe, und zwar in ſo hoher Vollkom⸗ menheit, daß er von Niemand übertroffen wurde. Jack nahm alle Komplimente und Lobſprüche, mit denen er überhäuft wurde, mit der Miene eines höchlich ermüdeten Menſchen hin. Bereits hatte er ſich ungemein in der Achtung aller Anweſen⸗ den gehoben, und ſogar der Biſchof vergaß ſeiner zerquetſchten Zehen, lächelte ihm zu und erklärte ihn für eine begabte Perſon. Hätte Jack in dieſer Geſellſchaft mit der Weisheit eines Bacon, mit der Frömmigkeit eines Féenélon oder mit der Begeiſterung eines Shake⸗ ſpeare geſprochen, ſo würde er ſich nicht den zehnten Theil der Be⸗ rückſichtigung verſchafft haben, die ihm ſein Pfeifen erwarb. Er war mit einemmal ein anerkannter Löwe geworden. Sir John war nun der Mittelpunkt aller Anziehung und machte die ganze Geſellſchaft, ſich ſelbſt nicht ausgenommen, zu Narren. Er ſpielte fortwährend den Eiſenfreſſer und benahm ſich abwechſelnd, unausſprechlich hochmüthig oder gleichgültig gegen die Männer, ge⸗ gen die Damen aber unverſchämt oder ereentriſch. Alles wurde jetzt gut aufgenommen. Enthielten ſeine Worte nur eine einzige Idee, ſo glaubten ſeine Zuhörer wenigſtens zehn darin zu finden, und wenn gar kein Sinn darin war, ſo mühte man ſich, etwas Dunkles und Wunderbares darin zu entdecken. Jack kannte ſeinen Werth, und keine Ueberredung vermochte ihn zu veranlaſſen, wieder zu pfeifen, obgleich er von ſehr ſchönen Lip⸗ pen und in ſehr muſikaliſchen Lauten darum gebeten wurde. Mrs. Cackletop hätſchelte ihn über die Maßen. Wenn er ſeinen Mund nur zu einem:„Brüllt ſanft als wie ein ſäugend Täublein“ öffnete, ſo winkte ſie warnend mit ihrem Fächer gegen die Unaufmerkſamen hin und gebot Stillſchweigen. Eilf ſehr hoffnungsvolle Jünglinge waren zu dem Schluſſe gekommen, daß Jacks Benehmen Mode ſeyn müſſe, und ſtudirten ihn mit mehr Eifer, als ſie je auf ihre Auf⸗ gaben verwendet hatten. Man ſah, wie ſie alle zu gleicher Zeit ihre Zähne ausſtocherten, gleich Jack mit gekreuzten Beinen neben einander ſaßen und vergeblich nach Waden fühlten, die nicht vor⸗ handen waren. Gelegentlich zog Sir John auch Erkundigung über den Cha⸗ rakter des Kapitän Brew ein. Er war eines jener Raubthiere, die in der Stadt umherſtreiften— ein Spieler und ein Mann von Ehre. Er beſaß kein Vermögen und lebte doch jeden Tag auf's Ueppigſte; auch fand er in der beſten Geſellſchaft Aufnahme, obſchon er der ſchlechteſten Schande gemacht haben würde. Als ein ſehr guter Fechter hatte er ſchon viele Duelle erfolgreich ausgekämpft und ſuchte dieſelben namentlich auch bei Anderen zu fördern— kurz er war ein Mann, dergleichen man in allen üppigen Geſellſchaften häufig genug findet. Die Vorſehung hat es ſo eingeleitet, daß jedes Thier einem andern zur Beute dienen ſoll, und wo es an Thoren wimmelt, finden ſich auch die Betrüger reichlich ein. Aber dennoch gehörte Kapitän Brew einer höheren Klaſſe an. Er war wirklich von guter Geburk, behauptete noch immer ſeinen Poſten in der Ar⸗ mee, hatte tapfer gedient und viele militäriſche Auszeichnung gewonnen. — 413 Er war ein kühner, aber ſchlimmer Mann. Jack erfuhr genug, was ihn veranlaßte, um des Kapitäns willen nicht ſehr bedenklich zu ſeyn. Als die Geſellſchaft eben im Begriffe war, nach der Souper⸗ tafel hinunterzugehen, fand ein kleiner Vorfall ſtatt, welcher einen merkwürdigen— ja, einen maßgebenden Einfluß auf Sir Johns künftiges Geſchick übte. Eine ſehr hübſche Plaudrerin mit einer ſehr rührigen Weiberzunge fragte ihn, wie er ſich unterhalten habe. „Langweilig— langweilig— in den Tod langweilig.“ „Aber warum ſeyd Ihr dann überhaupt gekommen? Bin ich keiner Antwort werth? Hattet Ihr bei Eurem Erſcheinen keinen Zweck?“ „Allerdings, Miß,“ verſetzte Jack in ſeiner natürlichen, abge⸗ brochenen Weiſe. „Um'’s Himmels willen, ſo theilt ihn mir mit! Wie habt Ihr Euch verändert! Was iſt's, Sir John?“ „Ich kam her, um mich ſelbſt zu verlieren und eine Frau zu finden.“ Es ließ ſich nun von allen Hoffnungsvollen, die in Hörweite geſtanden hatten— und darunter gehörten ſämmtliche unverheirathete Damen— ein Gelicher vernehmen, namentlich aber ein eigenthüm⸗ liches kindliches Lachen, das Jack ſchon früher gehört zu haben vermeinte. „Aufrichtig und nüchtern geſprochen, iſt's Euch Ernſt?“ „Aufrichtig und nüchtern— es iſt mir Ernſt.“ „Wohlan denn, ſo braucht Ihr Euch nur umzuſehen.“ „„O, pfeif nur, Knabe, und ich komm zu Dir!““ ſang leiſe eine ſehr liebliche Stimme aus dem Munde eines Weſens, das unter der Gruppe von Damen verſteckt war, welche nicht aufgehört hatten, unſere Jack ſeit ſeiner kunſtreichen Leiſtung ohne Unterlaß zu umringen. Jack pfiff die Strophe!„Willſt's verſuchen mit dem luſtigen Matroſen?“ worauf ſich ein Kichern vernehmen ließ, und für einen Angenblick das einfache Hebegeſichtvon Miß Scrivener zwi⸗ ſchen denen von zwei hageren, in den Jahren vorgerückten Jungfern zum Vorſchein kam und ſich dann ſchnell wieder zurückzog. Bald nach⸗ her ſaß ſie erröthend an Sir Johns Seite, der ſie nach der Sonper⸗ tafel geleitete. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Jacks Doppelduell und ſeine einfachen Vorbereitungen.— Er ſchlägt ſeine beiden Gegner aus dem Felde und zieht mit fliegende? Farben ab.— Jacks Fechtſchule erweist ſich als die beſte.— Er macht ſich verſchiedene Freunde, die ſich namentlich auf ſeine Koſten ſehr frei benehmen. Obſchon Mr. Serivener in Betracht des Hauptzwecks, den er im Auge hatte, vergeblich nach Portsmouth gereist war, ſeine Aus⸗ lagen für Flaggen und Bänder unbezahlt blieben und auch ſein Ko⸗ ſtenzettel auf's Strengſte taxirt wurde, ſo war es ihm doch gelungen, ſich für alle ſeine Koſten bezahlt zu machen und— wie er es nannte — einen hübſchen überſchüſſigen Penny für ſeine Taſche zu erobern. Aber ſeine theilweiſe Niederlage machte ihn nicht muthlos, und er betrachtete unſeren Helden, als die ihn vorbehaltene Beute— was dieſen Punkt betraf, konnte er mit den frömmſten Türken im Prã⸗ deſtinationsglauben wetteifern. Er verlor unſeren Jack deshalb nie aus ſeinem Geſichte, zog über alle ſeine Bewegungen Erkundigung ein und beſchloß, trotz ſo vieler Zurückweiſungen, doch noch deſſen Bekanntſchaft zu erzwingen und ſich wo möglich in ſein Vertrauen einzuſchleichen. Die Hauptmaſchine, durch welche er dies zu erzielen hoffte, war ſeine ſchöne und einfache Tochter, Eugenia Elfrieda. Jene är⸗ gerlichen Winke, welche in den Zeitungen erſchienen, hatte Sir Ed⸗ ward nur Mr. Scrivener zu verdanken und ſie nebſt dem Laufe der üͤbrigen Ereigniſſe zur Richtſchnur ſeines Benehmens genommen. Mr. Scrivener hatte kaum in Erfahrung gebracht, daß Jack zum erſtenmal in der Geſellſchaft aufzutreten gedenke, als er es noch eine Stunde vor der erforderlichen Zeit einzuleiten wußte, ſich und ſeiner Tochter eine Einladungskarte zu verſchaffen. Um nun das Beneh⸗ men unſeres Helden deſto beſſer beobachten und danach ſeinen Kuͤrs einſchlagen zu können, hatte er ſich und Eugenia außer Sicht ge⸗ halten, bis ihm der geeignete Augenblick zum Auftreten gekommen zu ſeyn ſchien. Wir haben von dieſem folgenreichen Abend nur noch den letzten Theil des Zwiegeſprächs zu berichten, welches nach dem Nachteſſen und vielem Champagnergenuſſe zwiſchen Jack und Miß Serivener ſtattfand. „Einen Kuß, Eugie— nur einen einzigen Kuß für den armen Jack.“ „Pfui— wie könnt Ihr nur etwas der Art verlangen, Sir John?“ „Oh, meine hübſche, köſtliche Eugie— nur ein einziges, kleines Küßchen.“ „So machen's die Seeleute— wollt Ihr mich gar in dieſem Gewühle küſſen, Ihr garſtiger Mann? Nein, nicht für eine Schiffs⸗ laſt Gold.“ „So laßt mich nur Euer zartes, kleines Händchen drücken— als ein Aufgeld, daß Ihr mir auch das andere bei erſter Gelegen⸗ heit geſtatten wollt. Hole mich Dieſer und Jener, wenn ich Euch nicht zärtlich liebe.“ 3 „So ſey es denn, Sir John, wenn Ihr nicht übel von mir denken wollt— aber nur unter einer einzigen Bedingung.“ „Oh, Ihr Engel— ich bete Bedingungen an und Euch dazu; macht ſie nur namhaft.“. „Mein theurer Sir John, ich wünſche nur, daß Ihr zu dem Papa hinaufgeht und ihm die Hand reicht. Wollt Ihr dies thun?“ Jack blickte nach Mr. Serivener hin, der aus angemeſſener Ent⸗ fernung den beiden Leutchen zuſah, und pfiff die erſten drei Noten der alten Weiſe; dann wandte er ſeine Augen auf das ſtrahlend ſchöne Geſicht⸗Eugenia's und war überwunden. Er ging zu Mr. Scrivener hinauf, ergriff ſeine nur allzu bereitwillige Hand und drückte ſte mit dem Rufe: „Wie geht's Euch, Advokat— was macht Ihr?“— Mr. Scrivener hatte ſeinen Zweck erreicht und glaubte nun, alle ſeine übrigen Wünſche leicht zu erringen. Sir John begleitete die junge Dame nach dem Wagen ihres Vaters, und unter dem Getöſe und der Verwirrung vieler abfah⸗ render Wagen hörte man deutlich einen wiederhallenden Klatſch, welchen ein träumender Wächter in der nächſten Straße irrthüm⸗ licherweiſe für das Anſchlagen ſeiner Klapper hielt, die ein Träumercollege ihm zum Poſſen gerührt habe. Das„So habt Ihr ihn jetzt“ von Miß Serivener gab eine Erklärung zu dieſem Laute, der ihrem Vater ungemein angenehm war. Mr. Scrivener fuhr nicht augenblicklich nach Hauſe, ſondern ver⸗ fügte ſich zuerſt nach Bow⸗Street, wo er übrigens ſehr zu ſeinem Aerger das Polizeibureau geſchloſſen fand. Er hatte jetzt ein wach⸗ ſames— ja ſogar väterliches Auge auf Sir John und ſah es nicht gerne, daß ihm die Kehle abgeſchnitten wurde— wenigſtens vorder⸗ hand noch nicht, weil er der Anſicht war, er habe unbezweifelt das erſte Recht, ihm zur Ader zu laſſen. Jack begab ſich in einem Delirium ſtürmiſcher Gefühle, die meiſtens glücklich und angenehm waren, zur Ruhe, auf ſeinem Daunenpfühle die Back der Old Glory ganz vergeſſend und auch Giles Grim nicht länger um das Kommando ſeiner Nacht be⸗ neidend. Morgens um ſechs Uhr wurde er aus einem glücklichen Traume — 417 von Champagner, Miß Serivener und einem Gekoſe in den Feldern bei Portſea zu einer Einladung auf Stoßdegen und der Ausſicht geweckt, dem Ebenbilde Gottes ein wenig am Zeuge zu flicken. Der kalte, nebeligte Oktobermorgen kam unſerem Helden un⸗ gelegen und er ſtand murrend und fluchend a f. Er begriff wohl, daß er ſich in dem Schritte, welchen er zu lhu hatte, nicht nur mannhaft benehmen, ſondern auch alle diejenige Aufmerkſamkeit auf die Etikette zeigen mußte, welche ſeine gegenwärtige Stellung und der neue Charakter, mit welchem er ſich zu bekleiden wünſchte, forderte. Er fand in dem Beſuchszimmer einen hageren, kriegeriſch ausſehenden Mann, der mit wilder Selbſtzufriedenheit grinste und ein grimmiges Entzücken über den Auftrag an den Tag legte, den er zu erfüllen gekommen war. Er ſollte das Maas der Degen bringen und Ort und Zeit der Zuſammenkunft feſtſetzen. In jener Periode wurden Duelle ſelten mit Piſtolen ausge⸗ fochten und der Degen galt als ein nothwendiges Anhängſel zu der Tracht eines Gentlemans. Es traf ſich nun, daß Jacks Waffe un⸗ gefähr um einen Zoll kürzer war, als die ſeiner beiden Gegner— ein Vortheil, den er denſelben bereitwillig geſtattete. Der kriege⸗ riſche Geſandte beſchrieb nun mit pünktlicher Genauigkeit ein ge⸗ wiſſes Feld an der Hinterſeite der Islingtoner Kirche, machte die Stunde acht Uhr namhaft und verabſchiedete ſich mit viel Förmlichkeit. Sir John Truepenny berief nun ſeinen Ammanuenſis vor ſich und hielt mit demſelben eine Berathung. Er hatte dieſen Jung⸗ ling ſehr liebgewonnen und würde ihm bereits das Recht der Freund⸗ ſchaft eingeräumt haben, wenn er ſich deſſen nicht aus Rückſicht auf den Rath Sir Edwards enthalten hätte. Es war nöthig, daß ſich unſer Held nach einem Sekundanten umſah; aber ſeine Abgeſchieden⸗ heit hatte es ihm nicht möglich gemacht, Perſonen kennen zu lernen, an die er ſich mit einem derartigen Geſuche hätte wenden können. Das Amt der Sekundanten war damals nicht mit ſo wenig perſön⸗ Marryat's W. XX. Jack am Lande. 27 418 licher Gefahr verbunden, wie in unſeren Tagen, denn ſie pflegten unter den geringfügigſten Vorwänden, die ſie aufſuchten oder ſelbſt hervorriefen, ſich ſelbſt auch in dem Strauße zu betheiligen. Die Duellanten waren vielleicht zu langſam in ihren Terzen und Quar⸗ ten, das Wetter zu kalt, um ein müßiges Zuſehen angenehm zu machen, oder der Anblick des Nachbarkampfes zu einladend, um ſich nicht ſelbſt zu etwas Aehnlichem verſucht zu fühlen— derartige Scheingründe galten oft als hinreichende Veranlaſſungen, um gleich⸗ falls den Stahl zu ziehen und gegenſeitig ein paar Gänge zu machen nur pour passer le temps. Mr. Hawkins theilte unſerem Helden Alles dies mit. Jack wollte deshalb ſeinen Vetter nicht derartigen Fährlichkeiten ausſetzen und kannte auch den Charakter ſeines Rechtsgelehrten gut genug, ſo daß es ihm nicht zu Sinne kam, ihn zu einem Frühſtücke ein⸗ laden zu wollen, in welchem die Verdauungskräfte ſehr wahrſchein⸗ lich an kaltem Eiſen auf die Probe geſetzt werden ſollten. Sein Ammanuenſis würde ihm bereitwillig ſeine Dienſte angeboten haben, aber einmal konnte er nicht ſechten, und zweitens wußte er zwar wohl, was auf dem Wahlplatze vorzugehen pflegte, beſaß aber nicht die gehörige Erfahrung, um mit dem Wie vertraut zu ſeyn. End⸗ lich erinnerte er ſich jedoch eines alten feuerfreſſenden Mariner⸗ lieutenants auf halbem Solde, den man nicht mit in Betheiligung ziehen konnte, weil ihm ein Bein fehlte und der eine Arm ver⸗ ſtümmelt war. Der Mann wurde unverweilt herbei gebracht und nahm, nach kurz abgefertigter Einleitungsbekanntſchaft, bereitwillig die Einladung an, Sir John nach dem Wahlplatze zu begleiten. Die Vorbereitungen waren bald abgethan; aber auch dieſe kurze Zeit, reichte ſchon zu, zwiſchen beiden Männern eine ſchnelle Freund⸗ ſchaft zu pflanzen und zur Reife zu bringen. Sie fuhren in Sir Johns Wagen nach Islington, und der Sekundant benützte die Ge⸗ legenheit, unſerem Helden vortreffliche Rathſchläge zu ertheilen. Jack hörte mit bewunderungswürdiger Kaltblütigkeit zu und ſetzte ſeinen * 2 N 419 Freund in nicht geringes Erſtaunen, als er ihm ſagte, daß er nicht entfernt daran gedacht habe, ſein Teſtament zu machen. „Nun,“ ſagte der Marineoffizier,„ich will für Euch alle Sorge tragen und mich unverweilt ins Mittel legen, ſobald Ihr eine Be⸗ ſchädigung erlitten habt. Wenn Euch der erſte Gentleman nur einen Ritz beibringt, ſo ſoll der Andere nicht zum Degenziehen kommen. Sir John Truepenny, ich muß auf Euer werthvolles Leben Bedacht nehmen.“ Sir John war ſehr verbunden. „Aber,“ fuhr ſein Freund fort,„habt Ihr keinen Auftrag zu ertheilen— im Falle eines Unglücks keinen Brief zu beſorgen? Denn in der That, dieſer Kapitän Brew iſt ein verzweifelter Stoß⸗ fechter und ein ſehr gefährlicher Menſch. Es würde mir nicht zie⸗ men, Euch zu ſagen, wie Viele er ſchon getödtet und verwundet hat— nicht daß ich auch nur ein Viertheil von dem glaubte, was ihm das Gerücht beilegt; aber der Menſch beſitzt einen Ruf, der ihn ſehr verwegen auf dem Wahlplatze macht.“ „Laßt Euch ſagen, Freund Lieutenant Franks von den könig⸗ lichen Marinern.“ „Kapitän, wenn ich bitten darf, Sir John, obſchon ich, ſtreng genommen nur Lieutenant bin. Ich bin mit dem Halbſold eines Kapitäns auf die Invalidenliſte gekommen und man geſteht mir in der Regel Höflichkeits halber dieſen Rang zu.“ „Oh, ich will Euch Obriſt oder ſogar General nennen, wenn 4 es Euch Freude macht, denn ich zweifle nicht, Ihr würdet das Eine oder das Andere ſeyn, wenn Ihr die Euch gebührende Stellung hättet. Nun, man muß darüber nicht murren, denn obgleich ich Seiner Majeſtät ebenſo wie Ihr faſt zwanzig Jahre gedient habe, hat man mich doch nur zu einem Kapitän gemacht.“ 8 „Wirklich, Sir John?— hum— ha! ich hörte eine kurioſe Geſchichte, Ihr ſeyet vor dem Maſt geweſen. Wenn ich nicht irre, wart Ihr zuletzt an Bord der Glory?⸗ * 420 „Ja, ganz recht— Ihr legt Euern Kurs pünktlich aff.“ „Und war nicht Kapitän Firebraß, ein alter Schiffskamerad von mir, der Kapitän?“ „Ja, ja— aber ihr Mariner begreift ſo ſchwer. Er war der Kapitän des ganzen Schiffs, während ich ihm nur die Obhut über die Back abnahm. Dort war ich Kapitän— aber ich bemühte mich nicht mit Aufſtecken der Schwapper, ſondern ließ ſie im Schnabel. Ich hoffe, Ihr ſchämt Euch doch meiner nicht, Kapitän Franks?“ „Durchaus nicht. Ihr wart zum Gentleman geboren und konn⸗ tet dieſer Würde nicht dadurch verluſtig werden, daß Ihr Euch in was immer für einer niedrigen Eigenſchaft ehrenwerth benahmt. Doch da ſind wir und haben wahrhaftig nicht einmal einen Doktor.“ „Thut nichts,“ verſetzte Jack;„vielleicht iſt der Feind damit verſehen, denn es ſcheinen mir dort ihrer genug zu ſeyn. Wo nicht — je nun, wenn ein Degen die Lebenstheile trifft, ſo kann kein Wundarzt helfen, und iſt dies nicht der Fall, ſo bin ich ein zu alter Kriegsſchiffmann, um nicht zu wiſſen, wie man mit einem Schnupftuch ein Tourniquet anfertigt. Nun, Kapitän Franks, jetzt muß ich großartig auftreten und die Back fallen laſſen.“ So und in ähnlicher Weiſe lautete die kurze Unterhaltung der Beiden, als ſie von Islington aus zu Fuß nach der zum Wahl⸗ platze beſtimmten Wieſe gingen. Sie war für die kleine Ceremonie gut gewählt, ſehr abgelegen, von einem hohen Haag umzogen und wohl mit herbſtlich belaubten Bäumen verſehen. Kapitän Brew hatte mehrere ſeiner Freunde eingeladen, ſich gleichſam zufällig ein⸗ zufinden, indem er ihnen einen Spaß verſprach und ſie großmüthigſt verſicherte, daß er den unwiſſenden Matroſen nur zu entwaffnen oder leicht zu verwunden beabſichtige. Der junge Gentleman, Mr. Dawſon, fand den Scherz nicht ſo angenehm; er war blaß und gewiß nicht ſehr auf das Abenteuer erpicht, obſchon er ſich ruhig und gefaßt benahm. 3 421 Als die Anweſenden die unpolirte, aber doch kecke und edle Haltung Jacks ſahen, meinten Einige, daß es doch Schade ſey, wenn ein ſo ſchöner Mann den Tod erleiden und ſein Körper ein Stecknadelkiſſen für den gewandten alten Fechter abgeben ſollte, während Andere der Muthmaßung Raum gaben, daß Letzterer ſein Geſchäft doch nicht ſehr leicht oder angenehm finden dürfte. Nachdem ſich Kapitän Franks gebührend beglaubigt und Sir Johns Rechtsbenachtheiligung in Betreff der Degenlänge in das ge⸗ eignete Licht geſetzt hatte, bereiteten ſie ſich für das ſchlimme Spiel vor, indem die Duellanten den oberen Theil ihres Körpers bis auf's Hemd entblößten. Sowohl Kapitän Brew als Mr. Dawſon ſchickte ſich für den Kampf an; dann trat aber der Kapitan vor und nahm den erſten Verſuch für ſich in Anſpruch. Dies geſchah in Folge beträchtlicher Zahlungsleiſtung von Mr. Dawſon, und der junge Mann vernahm es mit Grauen, als er hörte, daß Jack ihn auffor⸗ derte, ſich als ſein erſter Gegner zu ſtellen.. 4 Es folgten nun von Seiten der Sekundanten viele Für⸗ und Widerreden, an welchen ſich auch die Duellanten betheiligten. Aber Kapitän Franks blieb feſt. Die Ausforderung von Mr. Dawſon war die frühere und der Marineoffizier entſchloſſen, daß auch der Kampf in der gleichen Reihenfolge ausgefochten wer⸗ den ſollte. Die Begründung war ſo zwingend, daß Brew wider Willen nachgeben mußte, obſchon er ſich damit tröſten konnte, daß er das Honorar bereits in der Taſche habe und um ſo leichter an einem Manne, der durch vorläufige Anſtrengung geſchwächt oder er⸗ ſchöpft ſey, zum Ritter werden könne. Jack hatte ſich's zum Grundſatze gemacht, von dem er nie ab⸗ wich, in allen ſchwierigen Lagen ſo wenig als möglich zu ſprechen. Che ſie die Waffen kreuzten, wurde er gefragt, ob er ſich nicht allen⸗ falls zu einer Abbitte in den Zeitungen bequemen wolle. Er ſchüt⸗ telte den Kopf und deutete auf ſeinen Sekundanten, worauf letzterer 5 * * 422 erwiederte, da ſich's um Sir Johns erſte Ehrenſache handle, müſſe die Angelegenheit ihren Fortgang nehmen. Als das Gefecht begann, bemerkte man bald, daß Jacks Hal⸗ tung ziemlich linkiſch war und er ſeine Waffe ohne Rückſicht auf die Regeln der Kunſt handhabte. In der That benahm er ſich ſo„ ungeſchickt und ſchien ſo unerfahren, daß zwei von den Gentlemen, welche als Liebhaber anweſend waren, ſich in's Mittel zu legen wünſchten, weil ſie nicht zugeben könnten, daß eine ſo unwiſſende Perſon geopfert werde. Aber John ſchleuderte in ſeinen finſteren Blicken Donnerkeile gegen ſie, und Kapitän Franks verbat ſich auf's Entſchiedenſte jede Unterbrechung. Alles dies ermuthigte den jungen Gentleman, welcher nun secundum artem zu operiren begann— ſehr zu ſeiner eigenen Zu⸗ friedenheit und zur Bewunderung der Umſtehenden. Jack lächelte unbekümmert über dieſe Schauſtellung, hielt aber/ doch ein ſcharfes Auge auf die Bewegungen ſeines Feindes, der, durch die Ungeſtraftheit ermuthigt, behender und kräftiger als je ein⸗ drang. Dennoch blieb Jack zum Erſtaunen Aller unverletzt, obſchon jede ſeiner Paraden ketzeriſch, folglich nach allen Regeln verdamm⸗ lich war. Er ſchien nur jene Art natürliche Vertheidigung zu ken⸗ nen, die etwa ein altes Weib anwendet, wenn ſie ſich mit einem Beſenſtiele eines langhalſigen Gänſerichs erwehrt. Der junge Gentleman erhitzte ſich mehr und mehr, als er plötzlich zu ſeinem unbeſchreiblichen Erſtaunen ſeinen eigenen Degen durch die Luft fliegen und die Waffe Jacks nur einen Zoll von ſei⸗ ner Kehle ſah. Er hatte juſt noch Zeit, die Entdeckung zu machen, daß ſein rechter Arm faſt aus der Achſelgrube gerenkt war, und die Spittze des gegneriſchen Schwerts kitzelnd an der unteren Seite ſeines Halſes zu fühlen; aber noch ehe er ſich von ſeinem Blicke ſtarren Entſetzens erholen konnte, ſenkte Jack ſeine Waffe, machte eine Ver⸗ beugung, die ſeinem Tanzlehrer zur Ehre gereichte, und ſagte laut— „Meine Herren, ich war augenfällig im Unrecht und habe mich —‿ —‿ geſtern Abend ſehr beleidigend gegen dieſen Gentleman benommen. Ich bitte ihn deshalb um Verzeihung und hoffe, er wird mir ſeine Hand geben und mir keinen Groll nachtragen.“ G 8 Mr. Dawſon ergriff haſtig Jacks Hand und wir glauben wahr⸗ haftig, daß ihm, als er dieſelbe herzlich drückte, die Thränen im Auge ſtanden. Freilich wiſſen wir dies nicht gewiß; aber er ſprach kein Wort, und während er Weſte und Nock anlegte, wandte er den Anweſenden ſorgfältig den Rücken zu. Auch hielt er unter dem Vor⸗ wande des Schweißabwiſchens ſein Taſchentuch unnöthig lang vor ſeine Stirne. Dieſe Heldenthat ſicherte Sir John großen Beifall und ſein Sekundant wurde vor Freuden ungemein redſelig. Der Er⸗ folg iſt im Grunde doch das geeignetſte Mittel, um die Lorbeern für ſich zu gewinnen; es iſt nicht genug, ihn zu verdienen, ſondern man muß ihn auch erringen oder Verachtung über ſich ergehen zu laſſen. Nachdem man ſich eine Weile hin und her beſprochen hatte, ließ Kapitän Brew Jacks Sekundanten durch ſeinen eigenen bedeuten, daß er ſich mit einer Abbitte oder ſogar mit der einfachen Erklä⸗ rung, der Gegenpart habe ihn Abends zuvor nicht zu beleidigen be⸗ abſichtigt, zufrieden geben wolle. Aber nun ließ ſich Jack gegen alle Duellregeln und ganz der gebildeten Rolle vergeſſend, durch die er ſich in Anſehen zu ſetzen gedachte, mit dem Rufe vernehmen:„er wolle ihn lieber verdammt ſehen,“ und brüllte ihm dann ein don⸗ nerndes„heran!“ zu. Kapitän Brew fing nun an, ſeine Lage in einem nicht ſo ganz wünſchenswerthen Lichte zu betrachten und einige Bedenken über den wahrſcheinlichen Ausgang des Kampfes zu unterhalten. Aller⸗ dings glaubte er überzeugt ſeyn zu dürfen, er könne ſeinen unerfah⸗ renen Gegner entweder tödten oder verwunden; aber zugleich wurde ihm gerade dieſer Mangel an Kunſtfertigkeit ſchrecklich. Er fürchtete, Jack könne, ohne auf die Parade Rückſicht zu nehmen, gleichzeitig mit ihm ſtoßen und ſo, ohne ſein eigenes Leben zu decken, das ſei⸗ nige in Gefahr ſetzen. Er war übrigens ſehr im Irrthum befangen, 424 denn Sir John übertraf ihn ebenſo ſehr an Viſſenſchaftlichkeit als an phyſiſcher Kraft, da ſeine Kunſt die praktiſche und tödtliche war. Wie ſchon oben angedeutet wurde, kannte er jeden Zweig der Selbſt⸗ vertheidigung in allen Waffengattungen. Er hatte ſie ſtundenlang mit allen Nationen geübt— mit dem verſchmitzten Italiener, mit dem gewandten, geſchickten Franzoſen— und nach einer Methode, die im Auslande wohl bekannt iſt, mit kleinen geſchärften Holzpfäh⸗ len jeden Stoß und jede Finte praktiſch kennen gelernt. In einigen Augenblicken zeigte ſich, auf welcher Seite das Ueber⸗ gewicht war. Kapitän Brew verlor ſeine Geiſtesgegenwart und be⸗ gann zurückzuweichen. Das Intereſſe und die Spannung der Zu⸗ ſchauer ſteigerte ſich ungemein, denn es ſah augenſcheinlich aus, als ob der Bobadill umkehren und davon laufen wolle. Als ihm end⸗ lich Sir John ſcharf zuſetzte, that er hinterliſtig, als ob er ſtürze, indem er auf das linke Knie und die ausgeſtreckte linke Handfläche niederftel, ſeinen Kopf in der Weiſe eines zum Kampf ausholenden Widders beugte und einen gewaltigen Stoß führte. Er hoffte ſo ganz unter Jacks Parade zu ſeyn und in ſeiner Lage ihm eine zödtliche Wunde iverſetzen zu können. Aber unſer Held hatte jede ſeiner Bewegungen auf's Genaueſte beobachtet, denn er zog ſich plötz⸗ lich zurück, faßte den rechten Arm ſeines Gegners, riß ihm die Waffe aus der Hand, zerbrach ſie uͤber ſeinem Kopf und verſetzte 8 ihm obendrein einen tuchtigen Fußtritt. Wir brauchen dem Leſer nicht zu bemerken, daß Kapitän Brews Verſuch gegen alles Duellreglement und im höchſten Grade unehren⸗ haft war. Auch ſein Sekundant ſagte ſich los von ihm und dankte Sir John, daß er ihm die Mühe abgenommen habe, ſeinen Freund mit Fußtritten zu behandeln. Der Freund ſelbſt aber ſchlich ſich von dem Wahlplatze fort und durfte ſich nie wieder in Geſellſchaft blicken laſſen, die nur halbwegs auf Achtbarkeit oder Chrenhaftigkeit Anſpruch machen konnten. 3 3 Jack war nun in der That ein Held geworden. Die Anweſen⸗ — 8 — 425 den drängten ſich um ihn her, begierig, ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, während er ſelbſt Arm in Arm mit ſeinem erſten Gegner und von den meiſten der anweſenden Gentlemen begleitet, im Triumph den Wahlplatz verließ. Nun hätte Sir John zwar ſeine Zweikämpfe humoriſtiſcher oder wenigſtens beluſtigender ausfechten können, um das Feld mit Ge⸗ lächter über ſeine Poſſierlichkeiten zu erfüllen, aber zum Unglück für die Freunde des Scherzes war er ein natürlicher Charakter, der mit leidlich gutem Menſchenverſtande begabt war, weshalb denjenigen, welche des Spaſſes halber hergekommen waren, nichts übrig blieb, als ihn zu bewundern. Von dieſem Morgen an begann für Jack ein neuer Aufſchwung von Ueberſpanntheit. Er beging mit einigen der erſten Wüſtlinge Londons ein Frühſtück, bei welcher Gelegenheit ihn Letztere ſehr lieb⸗ gewannen und ſich völlig in ſeine Launen ſchmiegten. Er kam unter den faſhionabelſten Geſellſchaften entſchieden in die Mode, und ſeine Duelle, wie auch ſeine übrigen Thaten wurden in den Zeitungen beſprochen. Weniger ſtarkgeiſtige Thoren, als er ſelbſt war, ahmten ſeinen wankenden Schiffsgang nach oder karrikirten ihn vielmehr, ſpickten ihr leeres Geſchwätze mit Seephraſen und ſchienen ſich's außerordentlich angelegen ſeyn zu laſſen, Alles das zu ſtudiren, was unſer Held ſo eifrig zu verlernen bemüht war. Jack pfiff, fiedelte und yachtete ſich ganz angenehm in die Geſellſchaft hinein. Er wurde ein junger Lebemann— nannte ſich ſelbſt ein Geblüt— und ſpielte ein wenig den Bruder Liederlich. So ſorgfältig auch Mr. Singleheart ſein Einkommen zu Rathe hielt, wußte er doch völlig damit fertig zu werden— er ſtürzte ſich in den Strudel der Zer⸗ ſtreuung, ohne ſelbſt zu wiſſen, wohin ihn derſelbe noch reißen ſollte. Seeine Thorheiten im Laufe der nächſten paar Monate müſſen üͤbergangen werden, bis wir ſie geſondert als eine faſhionable No⸗ velle in drei Bänden unter dem Titel:„Schwänke Jacks am Lande⸗ veröffentlichen. Jetzt in unſerer Geſchichte weiter. — Sechsunddreiſigſtes Kapitel. Jack heirathet in Eile, um deſto mehr Muße zur Reue zu haben.— Die Muße findet er nicht, obſchon die Reue nicht ausbleibt.— Sir Edward heirathet gleichfalls und murrt über die Maßen.— Familienzwiſtig⸗ keiten.* Aus falſchem Zartgefühle, wie wir es nennen müſſen, hatte ſich Sir Edward jeden Verkehrs mit unſerem wankelmüthigen Helden entſchlagen. Er machte den Ehrgeiz zu ſeiner Gottheit, und ob⸗ gleich er der Liebe nicht abgeſagt hatte, vernachläͤßigte er doch ihre Gewalt und überwies ſie ganz der Einſamkeit ihres eigenen Altars in Annas Wohnung. Er ſchrieb zwar an Miß Truepenny, beſuchte ſie aber nie. Der Inhalt ſeiner Briefe ſprach ſtets von Liebe— fühlte er aber wirklich das, was er ſchrieb? Wenn wir ſein Herz prüfen an der reinen wandelloſen Flamme in dem Buſen Derjeni⸗ gen, die ihm ihr Herz geweiht hatte, ſo müſſen wir entſchieden mit nein antworten; nehmen wir übrigens Rückſicht auf die ſelbſtſüchtige Natur des Menſchen und Sir Edwards Fähigkeiten, ſo können wir nicht anders als ja ſagen. Werfen wir unſere Blicke auf Anna— was waren Zeit, Ort oder die bloßen Zufälligkeiten des Lebens gegen die Innigkeit und Treue ihrer Hingebung? Sie verlangte nicht nach Opfern, würde ſie aber freudig willkommen geheißen haben, um dadurch die Wärme ihres Vertrauens zu beweiſen. Er hatte ſich erboten, ihr alle Verpflichtungen gegen ihn zurückzugeben, und brüſtete ſich ſei⸗ ner Hochherzigkeit. Hochherzigkeit! Ihre Antwort war beſcheiden. Sie entgegnete ihm, daß ſie ihn zu nichts verpflichte, wolle aber ihrerſeits nie die Hoffnung aufgeben; ſie ſuche nur ſein Heil und fordere ihn auf, ſich daſſelbe in beſtmöglicher Weiſe zu ſichern. Was ſie ſelbſt betreffe, ſo kenne ſie in dieſer Welt nur ein einziges Glück, und die Idee deſſelben wolle ſie nicht aufgeben— wenn ihr übrigens 1 —— — * 427 F auch die Erreichung deſſelben verſagt ſey, ſo ſolle ſie doch nichts desjenigen berauben, was zunächſt darauf folge— nämlich des uuts Haltens an ihrem Geliebten. Alles dies drückte ſie in der ruhigen Sprache der Entſchiedenheit gegen ihn aus, und Sir Edward fühlte ſich zu gleicher Zeit dadurch geſchmeichelt und unangenehm berührt. Mittlerweile bot er allen ſeinen Kräften auf, um ſeine Mittel zu erweitern. Er wurde knauſerig in ſeinen Ausgaben, ein Höfling in ſeinem Benehmen und harrte auf die Vorſehung, wobei er es nicht verſäumte, auch dem Werkzeuge, welches die Wohlthaten der Vorſehung ſpendete, dem Premierminiſter häufig ſeine unterthänige Aufwartung zu machen. Hiefür fand er reichliche Belohnung in der Zulaſſung zu mehreren artigen Aemtchen, die in jenen Tagen des Aemterweſens üblich waren, und man trug ſich ſogar mit dem Ge⸗ rüchte, er habe ſich namentlich mit jenem Akkordanten aſſocirt, über deſſen Lieferungen ſich Armee und Flotte am meiſten beſchwerten, weil ſie meiſtens keinem anderen Menſchen, als dem Lieferanten ſelbſt Vortheile brächten. Mr. Scriveners Stern leuchtete triumphirend. Sir John hatte nun Geſchmack an Schmeichelei und— wie wir mit herzli⸗ chem Bedauern berichten müſſen— auch eine Vorliebe für manche gemeine Laſter gewonnen. Wir ſind um deswillen ſo böſe auf ihn, daß wir ihn für geraume Zeit nicht mehr mit dem vertraulichen Ausdrucke Jack bezeichnen mögen, denn es ſteht jetzt lange an, ehe wir ihn wieder mit dieſem freundlichen und ehrenwerthen Namen begrüßen können. Er iſt fortan Sir John Truepenny. Nun war Mr. Scrivener ein gewandter, wohlgeübter Speichel⸗ lecker, und Sir John fand, obſchon er ihn als einen Schelm kannte, Gefallen an ihm oder wenigſtens an denjenigen Eigenſchaften deſſel⸗ ben, welche ſeiner Eitelkeit ſchmeichelten. So war der Stand der Dinge, als ſich unſer Baronet in Miß Serivener verliebte. Sie ſchüchterte ihn nicht durch ihren überlege⸗ nen Verſtand oder ihren beſſer kultivirten Geiſt ein, ſondern war ein 428 ſo einfaches zärtliches Närrchen— mild und doch anſtändig— kurz ein vollſtändiges Muſterbild bloßer ſinnlicher, üppiger Schönheit. Sir John kam zwar mit vielen ſchönen und wirklich edlen Damen in Berührung, die er zum Theil zwar bewunderte, zugleich aber auch fürchtete. So begnügte er ſich denn, in ſeiner Wahl von ihrer geiſtigen Ueberlegenheit an Eugenia Scriveners körperliche zu appelli⸗ ren. Bei keiner hochgeborenen Dame konnte er den ſchönen Teint, die ebenmäßigen, ſchön gerundeten Formen, die großen, ſanften, blauen Augen, die ſchöne Glut der Wange finden, wie bei ihr, und weſſen Lächeln hätte erfreuender ſeyn können, als das ſeiner Gelieb⸗ ten? Welcher kunſtloſe Zauber— er ſchrieb mit leuchtenden Buch⸗ ſtaben in Sir Johns Herz:„ich bin froh.“ 1 „Ich will ſie als ein Weib lieben und wie ein Kind lenken,“ ſagte der thörichte Mann. Und ſo heirathete er ſie. Da die Freierszeit nur einen einzigen Monat währte, ſo konnte nicht einmal Mrs. Snowdrop davon Kunde erhalten. 4 Der einzige gute Geiſt, welcher bis jetzt Sir John noch nicht verlaſſen hatte, war Mr. Singleheart, der ehrliche Rechtsgelehrte. Dieſer wackere Mann hatte allen ſeinen Kräften aufgeboten, um ſeinen Klienten wieder in den rechten Pfad zu leiten, und ſich ſtand⸗ haft dieſer Vermählung widerſetzt— ſehr zum Verdruſſe des ſonſt ſo demüthigen Matroſen, welcher jetzt ſtolz die Einmengung des un⸗ berufenen Advokaten für unverſchämt erklärte. Mr. Singleheart fühlte ſich dadurch beleidigt und reichte ſeine Entlaſſung ein. Dieſe Maßregel brachte Sir John wieder einigermaßen zur Beſinnung; er entſchuldigte ſich und ſchwor einen theuren Eid, daß ihn nichts ver⸗ aanlaſſen ſolle, ihn der Sorge für ſeine Angelegenheiten zu entheben; auch ſchloß er mit dem Verſprechen, daß er in allen wichtigen Punkten, ſeine bevorſtehende Verheirathung ausgenommen, unbe⸗ dingt dem Rathe ſeines Rechtsfreundes folgen wolle. Mr. Single⸗ heart zuckte die Achſeln und entfernte ſich. 429 Wegen des Ehevertrages kam es täglich zu langen bittern Kämpfen unter den beiden Nechtsgelehrten, wobei natürlich Eugenia Elfrida auf die Seite ihres Vaters trat und von demſelben unter⸗ richtet wurde, wie ſte Sir John für ſeine Vorſchläge gewinnen ſollte Man kann ſich denken, daß letztere ausſchließlich ihren Vortheil im Auge hatten. Aber in Betreff dieſes Punktes wollte all ihr kindi⸗ ſches Schäckern nichts nützen. Wenn ihr Liebhaber zufällig in guͤter Laune war, ſo erſtickte er gewöhnlich ihre Vorſtellungen mit Küſſen und nannte ſie ein kleines Närrchen— befand er ſich nur in leid⸗ licher Stimmung, ſo pfiff er und ging weg— war er aber unmu⸗ thig, ſo nahm er ſich die Freiheit, jede Arten von Juriſterei ſammt und ſonders nebſt Allen, die ſich damit abgaben, ohne Rückſicht auf den ehrenwerthen Schwiegerpapa, in die tiefſte Hölle zu verfluchen. Ueberhaupt war ihm das rechtsgelehrte Kauderwelſch in Betreff der Chepakten ſchrecklich zuwider. Endlich gab Mr. Scrivener den Kampf auf und begnügte ſich, den ehrlichen Mann zu ſpielen, weil er nicht anders konnte. Miß Scriveners Witthum wurde in einer Weiſe beſtimmt, wie es dem ſchönen Vermögen, das ſie ihrem Gatten zubrachte, angemeſſen war. Indeß hatte der verſchmitzte Rechtsgelehrte ſeine Plane noch nicht aufgegeben, ſondern bloß den Entſchluß gefaßt, ſeine Operationen bis nach der Hochzeit zu verſchieben; denn er zweifelte nicht, daß dann die ganze Habe ſeines Schwiegerſohns ſo vollſtändig unter ſei⸗ ner Leitung ſeyn werde, als hätte ſie ſtets ihm ſelbſt angehört. Die Vermählung wurde mit all dem Prunke gefeiert, welcher dem Range und dem Vermögen des Brautpaares angemeſſen war. Dieſer Schritt verſetzte allen Hoffnungen der Familie Truepenny, ſoweit die Verbindung ihrer Repräſentantin mit dem alteren Zweige der Fortintower in Sprache kam, den Todesſtoß. Der alte Mr. Truepenny und ſein Mitbevollmächtigter widerſetzten ſich nicht länger einem Geſuche an den Lordkanzler— freilich ſehr zum Leidweſen des Familienſachwalters. Sir Edward Fortintower kehrte zu ſeiner 8* Pflicht zurück und heirathete bald nachher Miß Truepenny, zuver⸗ ſichtlich der Hoffnung lebend, daß das Geſuch vor dem Kanzleihofe zuletzt die entſprechende Folge haben und ihm einen Reichthum zu⸗ weiſen müſſe, der ſeinem Ehrgeize Vorſchub leiſten konnte. Freilich ſagte er, ſeine Maßregeln erzielten bloß das Glück ſeiner liebens⸗ würdigen Gattin; indeß ſteht doch ſehr zu vermuthen, daß ſeine Wünſche von etwas weniger romantiſcher Natur waren. Sir Edward fuhr umher, um Glückwünſche anzunehmen, und machte eine ſehr beſcheiden ſtolze Miene über die Komplimente, die man ihm machte, weil er ſo uneigennützig ſey, unter ſeinen eigen⸗ thümlichen Umſtänden zu heirathen. Er that dergleichen, als glaube er, das Truepennyſche Teſtament laſſe ſich nicht umſtoßen, und er⸗ klärte, obgleich er ſich der Petition angeſchloſſen hatte, eine Aufhe⸗ bung deſſelben würde ein Vorgang ſeyn, der alles Eigenthum ge⸗ fährden könnte. Alles dies trug viel dazu bei, ſeiner Gattin das Gefühl von Dankbarkeit gegen ihn faſt unerträglich zu machen, und ihr Kummer wurde noch vermehrt, weil ſie bemerken mußte, daß Sir Edward bisweilen ſorgenvoll und unglücklich ausſah— eine Stimmung, welche er der Beſorgniß für ſeine künftige pekuniäre Lage zuzuſchreiben beliebte. Man muß übrigens nicht glauben, daß Anna völlig als Bett⸗ lerin zu ihrem Gatten kam, denn die Truepennyſche Familie hatte ein großes Privatvermögen, welches unabhängig von dem angefoch⸗ tenen Teſtament war. Miß Truepenny beſaß fünfzehntauſend Pfund perſönliches Eigenthum, deſſen Intereſſen übrigens ſammt Sir Ed⸗ wards Einkommen nicht zureichte, um die Würde eines verheirathe⸗ ten Baronets, der ein angemeſſenes Haus machen wollte, aufrecht zu erhalten. Dennoch nahmen ſie eine prachtvolle Wohnung in Portland⸗Place, und es hatte durchaus nicht den Anſchein, als ob es Sir Edward überhaupt an Geld fehle. Dennoch murrte er fort⸗ während. 3 „Mein theurer Edward,“ ſagte Lady Fortintower eines Morgens 2* 431 zu ihrem Gatten,„erlaube mir eine Bemerkung— aber verſprich mir, ſie ebenſo liebevoll aufzunehmen, als ſie gemeint iſt.). „Zuverläſſig, mein Herz,“ verſetzte Sir Edward, indem er die Zeitung, welche er eben geleſen hatte, auf den Tiſch niederlegte und eine ſehr aufmerkſame Miene annahm, zugleich aber hin und wieder einen Blick nach dem Artikel hingleiten ließ, welcher ihn eben zuvor ſo ausſchließlich in Anſpruch genommen hatte. 8 „Ich möchte gegen Dich mein Bedauern ausdrücken, daß unſere Mittel“— die Thränen traten ihr dabei unwillkührlich in's Auge —„und ich ſelbſt ſo wenig zureichen, um Dich glücklich zu machen.“ „Wie kömmſt Du darauf, meine Liebe? Ich bin ſehr glücklich — wie wäre es auch anders möglich, da ich Dich beſitze?“ Dann lächelte er ihr liebevoll zu, drückte ihre Hand, die er in der ſeinigen behielt, las einige Zeilen in der Zeitung weiter und preßte endlich ihre Hand noch heftiger, indem er ausrief: „Der erbärmliche Schreier!“ „Was iſt Dir denn, Edward?“ fragte die Dame, da ſie be⸗ merkie, daß ſie nicht zu dem energiſchen Händedrucke Anlaß gegeben hatte. „Dieſer demokratiſche Schurke da, der Wrongſide, erlaubt ſich auf die Grundlage einer höchſt verläumderiſchen und rebelliſchen Petition Hohnreden über die Beſchaffenheit des Mehls und des Zwie⸗ backs, die in der letzten Zeit an die Truppen geliefert wurden.“ „Aber theurer, Edward, iſt nicht vielleicht das Mehl und das Brod wirklich ſchlecht geweſen?“ „Das hat durchaus nichts mit der Frage zu ſchaffen, mein Herzchen. Mehl und Zwieback waren nur für den gemeinen Mann beſtimmt und diejenigen, welche ſich im Dienſte unſerer Flotte und Armee Nuhm erkämpfen wollen, ſollten ſich zum Beſten ihres Va⸗ terlandes wohl in einige Entbehrungen finden können. Außerdem iſt es gut, ſie an Mühſeligkeiten zu gewöhnen. Aber das Aergerliche an der Sache iſt, daß man dieſe Beſchwerde zu einem Nagel machen 4* 432 will, an welchen man Aufſtand gegen den Staat und Schmähung gegen mich ſelbſt heftet.“ „Gott im Himmel, Edward, wie ſollteſt denn Du dabei be⸗ theiligt ſeyn?“ „ZJe nun, ich verſchaffte dem Alderman Grabandall dieſe Liefe⸗ rung, und der demokratiſche Wrongſide gibt deutlich genug zu ver⸗ ſtehen, daß unſere Nahrung, meine Liebe,— die Deinige und die meinige, Anna— in demſelben Verhältniſſe beſſer und reichlicher werde, als ſich die tapferen Vertheidiger unſeres Vaterlandes ver⸗ kürzt ſehen.“ „Das iſt ſchrecklich, Edward— in der That ſehr ſchrecklich. Ich glaube nicht, daß ich je wieder im Stande ſeyn werde, gegen dieſen Alderman höflich zu ſeyn. Warum iſt er denn ſo häufig hier?“ „In Geſchäftsſachen, meine Liebe. Ich wünſche, daß Du dem Manne ganz beſondere Aufmerkſamkeit erweiſeſt. Nicht glücklich! Wie magſt Du nur auch glauben, daß ich in Deiner Nähe unglück⸗ 3 lich ſeyn könne? Aber ich muß die Zeitungen durchſtören, da ich in der letzten Zeit meinen Poſten im Parlamente ein wenig verab⸗ 3 ſäumt habe. Nicht glücklich! Wenn ſich bisweilen ein Schatten über meine Stirne ſchleicht, ſo geſchieht es nur deshalb, weil ich Dich, meine Liebe, nicht von dem Glanze umgeben ſehe, deſſen Du würdig biſt, der Dich ſo wohl zieren würde und den nur Reichthum zu erkaufen vermag.“ 4 4 3 Sir Edward las weiter, bis er auf eine Stelle traf, die ihn bewog, von ſeinem Stuhle aufzuſpringen und auszurufen: „Anna, hätteſt Du Dir je dieſe unerträgliche Unverſchämtheit gedacht? Unſer würdiger, unſchuldiger, hinterliſtiger, geradherziger Matroſe— unſer vielgeliebter Vetter— hat bei dem Lordkanzler eine Petition eingebracht, in Folge welcher er wegen des Truepenny⸗ ſchen Teſtaments ſelbſt auch abgehört werden will. Iſt Dir je ein ſchnöderer Undank zu Ohren gekommen? Derſelbe Mann, Anna, von 433 dem Du ſo vortheilhaft zu denken geneigt biſt, würde vielleicht jetzt auf der Armenliſte ſtehen und von allem Elend des Mangels um⸗ geben ſeyn, wenn ich nicht geweſen wäre.“ „Aber wäre das recht, mein Lieber, und hätteſt Du es anders machen können?“ „Dein edler Geiſt, meine theure Anna, beſitzt nur den einzigen Fehler, daß Du ſtets die verwickelten Intereſſen und Handlungen des Lebens auf abſtrakte Wahrheiten und Rechte beziehſt, und dies iſt von ſchlechter Wirkung. Die Geſellſchaft fordert eine Menge von Opfern. Ich hätte ſagen und doch in der Oeffentlichkeit als hin⸗ reichend tugendhafter Mann erſcheinen können: wenn dieſer John Truepenny ein Recht an meine Beſitzungen hat, ſo kann ihm dies nur durch die Geſetze zuerkannt werden, und ſeine unbedingte Beſitz⸗ nahme ſoll erſt ſtattfinden, wenn dies geſchehen iſt.«“ „Aber dann, mein Edward, wäreſt Du nicht tugendhaft genug für mich geweſen. Du warſt es übrigens und bewieſeſt es durch die edle Weiſe, in welcher Du Dich durch die ganze Angelegenheit benommen haſt. Verkümmere das Verdienſt dieſer Handlung nicht dadurch, daß Du ſie bereuſt.“ „Ich thue das nicht, mußte mich aber doch darauf beziehen, um Sir Johns Undank in das geeignete Licht zu ſtellen. Denn obgleich er keinen Schatten von Recht an irgend eine Einmengung haben kann und zuletzt von dem Hofe abgewieſen werden muß, ſo wird doch dadurch eine Zögerung veranlaßt, die mir eben jetzt ſehr unangenehm iſt. Anna, wir brauchen Geld.“ „Es thut mir ſehr leid, dies von Dir zu hören; aber warum, mein Theuerſter, nehmen wir eine ſo koſtſpielige Wohnung? Auch das Möbelwerk kannſt Du nicht ohne großen Aufwand erſtanden haben.“ 1 „Das geſchieht Alles um Deinetwillen, meine Liebe. Auch muß ich meine Verbindungen aufrecht erhalten.“ Marryat's W. XX. Jack am Lande. 28 434 „Und doch beſucht uns faſt Niemand als Cityvolk— Liefe⸗ ranten, Stockmäckler und Kaufleute. Sie mögen wohl ehrenwerthe Leute ſeyn, aber für ſie iſt doch wohl kein ſo prunkvolles Haus⸗ weſen nöthig?“ „Ah, mein liebes Weibchen, Du biſt doch ſonſt ſo verſtändig — ſey verſichert, ſte ſind die beſte Bekanntſchaft für einen armen Baronet. Aber glaube ja nicht, daß ich mich unglücklich fühle oder daß der Aufwand, den wir machen, unſere Mittel überſteige. Ich wünſche nur, daß wir reicher wären und Sir John ſich nicht ſo undankbar erwieſen hätte.“ „Ich lebe der Ueberzeugung, Du wirſt bei weiterer Nachfrage die Entdeckung machen, daß er von der ganzen Sache nicht das Mindeſte weiß.“ „Auf alle Faͤlle habe ich mich ſehr in ihm getäuſcht. Die Lebensweiſe, welche er in der letzten Zeit eingeſchlagen, ſteht durch⸗ aus nicht im Einklang mit dem, was ich früher ſeinem Herzen und ſeinem Verſtande zutraute— lebe wohl, meine Liebe.“ „Wie?— willſt Du Dich auf ſo lange verabſchieden? Vergiß nicht, daß ich nur glücklich bin, wenn ich glauben kann, daß Du es gleichfalls biſt. Ach, Du haſt mich ſchlimm verderbt, Edward, denn ich fehnte mich nie zuvor ſo ſehr nach Reichthum.“ Sir Edward ging ſeinem mannigfaltigen Geſchäft nach und ſprach bei wenigſtens zwanzig Perſonen ein, ehe er wieder zum Diner nach Hauſe kam. Dann beſuchte er noch unſern ſehr herab⸗ gekommenen Helden, von dem aus er ſich nach ſeinem Klubbe begab. 2 435 Siebenunddreißigſtes Kapitel. Eine Unterhaltung zwiſchen zwei Damen, in welcher Eheſtandsangelegen⸗ heiten verhandelt werden und die gebieteriſche Nothwendigkeit an das Licht tritt, daß eine Frau auf Schauſtellung eines gebührenden Geiſtes dringe. Aber Lady Fortintowers Zeit wurde gleichfalls in Anſpruch ge⸗ nommen. Lady Truepenny war ihr ſeit langer Zeit fremd geworden, da weder Sir Edward noch ſeine Gattin die Hand zu Herſtellung eines vertraulichen Familienverhältniſſes geboten hatte. Es wurden deshalb anſtandshalber blos Karten gewechſelt, ohne daß man gegenſeitig von einander weitere Notiz nahm. Aus dieſem Grunde fühlte ſich Lady Fortintower nicht wenig überraſcht, als ſie den Namen von Lady Truepenny melden hörte und zu gleicher Zeit ein dringendes Billet erhielt, in welchem ſie die Letztere bat, für ſie zu Hauſe zu ſeyn. Die Begegnung zeigte keine Spur von Steifheit, denn Lady Truepenny war zu einfach, um ſich befangen zu fühlen und Lady Fortintower zu gebildet, um ihr Befremden merken zu laſſen. Er⸗ ſtere war ſehr aufgeregt und hatte der Dame des Hauſes augen⸗ ſcheinlich etwas Wichtiges mitzutheilen. „Erlaubt mir, Euch in Perſon meinen Glückwunſch zu bringen. Ich hoffe, daß Ihr glücklich ſeyd—— „Nicht ſo glücklich, als der Tag lang iſt, wie es im Sprich⸗ wort heißt, meine Lady, und das iſt wirklich zu verwundern, denn Jack iſt in der That ein guter Burſche.“ „Ihr meint Sir John Truepenny?“ „Natürlich. Ich nenne ihn Jack und er nennt mich Gin,*) obſchon Euer Gnaden recht gut weiß, daß Eugenia Elfrida mein » Wachholderbranntwein. 436 Taufname iſt. Gin iſt eine abſcheuliche Abkürzung, aber Jack thut es nicht anders— er ſagte, er wolle ſein Gin haben— und in der That, ich glaube, daß er ihm bisweilen nur allzu reichlich zuſetzt.“ „Das wird doch hoffentlich nicht der Fall ſeyn, Lady True⸗ penny? Meint Ihr damit Euch oder den gemeinen Branntwein?“ „Beides— ach Gott, Beides. Als er noch unverheirathet war, mochte er keinen Branntwein anrühren, aber jetzt kommt ihm nichts gelegener. Vorgeſtern Nacht wettete er mit Sir Bilberry Blink, wer am meiſten puren Branntwein trinken könne, und trug den Sieg davon. Er kam fluchend und betrunken nach Hauſe— ja er wollte mich ſogar ſchlagen.“ „Wie ſchrecklich!“ 2 „Oh, das wäre noch nicht das Schlimmſte. So hat er Num Beiſpiel eigenhändig mein neues Kleid aus Brüſſeler Spitzen ver⸗ brannt, weil es ihm zu tief ausgeſchnitten war. Das iſt's, was ich wahrhaft ſchrecklich nenne— das fluchende Seeungeheuer!“ „Ihr habt da allerdings Recht und ich bedaure ſehr, verneh⸗ men zu müſſen, daß ſich Sir John ſolchen Gewaltthätigkeiten hin⸗ gibt. Ich glaubte ſtets, daß er ein ſehr gutmüthiger Mann ſey.“ „Gutmüthig? Du mein Himmel, liebe Lady Fortintower— erſt dieſen Morgen jagte er meinen geachteten Vater mit Fußtritten die Stiege hinunter und warf ihm ſeinen Hut nach, als er ihn über die Hausthürtreppe in die Straße hinaustanzen ließ!— hi— — hi— hi!— ich muß lachen— es war ſo poſſierlich. Iſt das nicht ganz abſcheulich?— hi— hi— hi! Ich verſichere Euch, in meinem Leben fühlte ich mich nicht ſo beleidigt— ich kreiſchte — und doch kam mir das Ganze über die Maßen ſpaßhaft vor. Ich wünſchte, Ihr hättet es geſehen.“ „Es iſt mir in der That recht lieb, daß ich's nicht geſehen 1 habe. Aber Mr. Scrivener muß Sir John wohl zu einem ſo un⸗ geſtümen Betragen Anlaß gegeben haben.“ „Micht den geringſten von der Welt, ann ich Euch mit Be⸗ 4 ſtimmtheit verſichern— ich glaube übrigens, daß Alles von Eurem guten Herrn und Meiſter herrührte.“ „Von meinem guten Herrn und Meiſter? Ihr könnt doch nicht Sir Edward meinen?“ „Niemand anders, Madame. Er kam heute zum erſtenmal zu uns und war ſehr höflich gegen mich— aber ſein Beſuch hatte eine Geſchäftsſache zum Zwecke. Er ſchmälte meinen guten Herrn und Meiſter, weil er mit ihm prozeſſiren wolle; und dann gerieth mein guter Gatte— hum— was geben wir unſern Männern nicht für ſeltſame Namen!— mein guter Gatte in ſchlimme Lei⸗ denſchaft, aber nicht über Euern guten Gatten, ſondern über meinen lieben, ſorgfältigen, klugen Papa. Da nun mein Papa eben um den Weg war, ſo jagte ihn mein guter Gatte mit Fußtritten hin⸗ aus, und was da zu thun iſt, weiß nur der Herr im Himmel— das heißt, wenn er ſich je damit bemühen mag.“ „Meine gute Lady Truepenny, ich liebe es nicht, wenn Ihr den letzterwähnten Namen in dieſer Weiſe eitel nennt. Aber wie kann ich Euch überhaupt in dieſer Sache dienen?“ „Ich ſehe nicht ein, wie mir Jemand helfen könnte. Ich werde ſehr übel behandelt— und zwar einfach deshalb, weil ich eine pflichtgetreue Tochter geweſen bin.“ „Aber wie iſt dies möglich?“ „Je nun, Jack und ich würden uns wohl an einander abge⸗ rieben haben, wenn Papa uns hätte gehen laſſen— denn Jack iſt in der That eine gute Seele und nicht der Thor, für den ihn Papa und alle die vornehmen Leute gerne ausgeben möchten. Anfangs hatte ich Alles, was mein Herz nur wünſchen konnte, und der liebe Jack ſchien geneigt zu ſeyn,, geſetzt zu werden und ſich's ſo gemäch⸗ lich zu machen, wie's in der Welt nur möglich iſt. In der at. er ſehnte ſich, auf's Land hinauszugehen und von ſeinen ſ h, 1 Blgungen Einſicht zu nehmen; auch ſprach er von Studiren und as dergleichen Unſinn mehr iſt.“ „Ich bitte um Verzeihung, es dünkt mich, als habe er da ſehr verſtändig geſprochen.“) „Vielleicht, denn er muß am beſten wiſſen, wo es ihm fehlt; aber ich meine, trotz aller ſeiner Zärtlichkeit war es doch ein we⸗ nig unverſchämt, wenn er ſich herausnahm, von m einen Mängeln zu ſprechen— Mängel— ja wohl!— als ob ich noch des Unter⸗ richts bedürfte! So etwas läßt ſich meinetwegen ſagen in Ver⸗ gleichung mit Euch und anderen ſchnell faſſenden Damen, Madame; aber einem ungeſchlachten Matroſen gegenüber, wie er iſt, wird die Sache, wie mein Vater richtig bemerkt, in hohem Grade be⸗ ſchimpfend.“ „Und hat Euer Vater dies geſagt?“ „Ja; und ich glaube, er hatte auch vollkommen Recht.“ „Das thut mir leid— bitter leid. Erlaubt mir, Euch zu be⸗ merken, meine theure Madame, daß es nicht nur weit pflichtmäßi⸗ ger, ſondern auch viel angenehmer ſeyn würde, wenn Ihr mehr auf Euern Gatten und weniger auf Euern Vater hören würdet.“ „So dachte ich auch einmal, aber jetzt iſt es zu ſpät. Ich habe die Entdeckung gemacht, daß Sir John Truepenny trotz ſei⸗ ner Derbheit und ſeiner anſcheinenden Freimüthigkeit ein ſchlechtes Herz hat.“ „Ihr ſetzt mich in Erſtaunen, denn ich würde gerade das Ge⸗ gentheil geglaubt haben. Habt Ihr wirklich gewichtige Gründe, um zu dieſem bedauerlichen Schluſſe zu kommen 2 Sie müſſen wirklich ſehr gewichtig ſeyn.“ „O Jemine, die allergewichtigſten. Er nimmt keine Rückſicht auf meine Intereſſen— hat keine Achtung vor meinem Vater. Wie uheebenn— ja ſogar kniefällig— habe ich ihn nicht gebeten, eer ſolle nichts weiter mit dem abſcheulichen Mr. Singleheart zu ſchaffen haben, der ſich bei dem Ehevertrag ſo filzig ber, und 439 meinen Vater zu ſeinem einzigen Agenten annehmen. Aber, wür⸗ det Ihr es wohl glauben? So nachſichtig er auch in allem Andern war, blieb er doch hierin taub und weigerte ſich ſo hartnäckig, daß mir das Herz darüber brechen möchte— denn die Sache muß mir doch gewiß ſehr am Herzen liegen. Nennt Ihr dies eine Liebe? Und mein Vater hatte doch ſo wichtige Gründe dafür angegeben.“ „Nun, und was folgte weiter?“. „Ich nahm mir vor, nicht von ihm abzulaſſen, bis er's müde wäre. Es iſt ja nur eine Kleinigkeit, und dazu noch der Schimpf gegen meinen armen Vater, daß ſein Schwiegerſohn ihm einen armſeligen Winkeladvokaten vorzieht, der nicht einmal einen Wagen hält, wie es der Papa thut und ſtets gethan hat, ſo lange ich mich erinnern kann. Mr. Singleheart hat nicht einmal ein Pferd oder einen Bedienten. Solche Rückſicht nimmt Sir John auf die Fa⸗ milienwürde.“ 1 „Bitte, fahrt fort.“ „Ich liebe es nicht, wenn ich Geiſt zeigen ſoll— es iſt ſo mühſam; aber dennoch wurde es nöthig und ich kann Euch ver⸗ ſichern, daß ich ihm einen ganz gebührenden Geiſt zeigte, denn Papa meinte, es ſey unerläßlich, weil ich ſo geringe Fortſchritte mache.“ „Ich zweifle nicht daran— aber was war das Ergebniß? „Ach, wer kann gebührenden Geiſt zeigen, ohne ſeinen Gleich⸗ muth zu verlieren?— Ich wenigſtens bin's nicht im Stande— ſeyd Ihr's vielleicht? So gerieth ich denn in Leidenſchaft und drehte es Jack hübſch unter die Naſe— ich ertheilte ihm einige harte Namen— ja, das that ich, kann ich Euch verſichern. Ihr moͤgt vielleicht glauben, ich ſey ſehr zahm, aber ich that es dennoch.“ „Und wie benahm ſich Sir John?“— „Oh, ſo ſchlecht, als nur immer möglich! Statt die Sache in paſſendem Licht zu betrachten und die Ehre der Familie zu be⸗ rückſichtigen, wünſchte er mich und meinen Papa in die Hölle und 7 440„ fagte mir, wenn ich den Kampf in Billingsgate Reach ausfechte wolle, ſo ſtehe mir eine Breitſeite von doppelt gekugelten Kanone zu Dienſte. Was konnte der Elende damit meinen?“ „Ich muß bitten, daß Ihr ihn keinen Elenden nennt!“, „Oh, ich habe ihn noch ſchlimmere Dinge geheißen, und ſeit⸗ dem wandelte er unſer ſchönes Haus in eine Zechſtube um. Solche Geſellſchaft!— Solche Scenen!— Und dann kömmt er auch be⸗ trunken, mit zerbeultem Körper, zerkratztem Geſichte und geſchwärz⸗ ten Augen nach Hauſe. Er iſt oft viele Tage in ſeinem Boote fort und ſagt mir dann höhnend, icheſey ein recht glückliches Weib, da er mir ganz die Erlaubniß gebe, auf meinem eigenen Wege zum Teufel zu gehen, wenn ich ihm nur den ſeinigen nicht kreuze.“ „Das iſt in der That eine ſehr traurige Schilderung. Ich vermag Euch keinen Rath zu geben, ohne vielleicht dermaßen bei Euch anzuſtoßen, daß Ihr aus bloßer Empfindlichkeit in Eurer gegenwärtigen Weiſe ſortfahrt. Soviel iſt mir übrigens klar, daß Ihr unverweilt eine Wahl treffen müßt zwiſchen Eurem Gatten und Eurem Vater, und ich hoffe, daß Gott Euer Herz richtig urtheilen laſſen werde.“ „Oh, damit iſt's vorbei und abgethan. Außerdem iſt da Obriſt Chaſehell und mehrere ſehr anſtändige Herren— auch ein Lord dar⸗ unter— die verſichern mich, daß Sir John durchaus keine Rück⸗ ſicht nehme auf ſeine ehelichen Gelübde und mich unter ſchlechten Weibsperſonen zum Geſpötte mache. Ich erwiſchté einmal einen Brief, der von einem Frauenzimmer an ihn gerichtet war. Jetzt habe ich Dich, Meiſter Jack,“ ſagte ich und erbrach das Siegel, um ihn zu leſen; aber ich kriegte nichts für meine Mühe. Es war niches als eine Predigt an ihn über ſein ſchreckliches Leben, von einer Suſanna Snowdrop unterzeichnet— ohne Zweifel ein erdichteter Name, denn zuverläßig konnte der Brief doch nicht von der Tochter des Bumbootweibes herrühren.“ / 7 8 2 4 441 ſch„Ich glaube nicht, daß der Name erdichtet war. Erinnert hc Ihr Euch noch des Inhalts.“ „Oh, es ging Alles im puren, guten Predigerſtyle— unſterb⸗ liche Wohlfahrt und was dergleichen Zeug mehr iſt; auch war die Rede davon, daß mein Glück in ſeinen Händen liege und daß Jack hier und jenſeits dafür verantwortlich ſey. Es iſt gewiß, ich habe faſt darüber geweint und würde den Brief herzlich gern Jack ge⸗ geben haben, denn er hätte ihm gut thun mögen; aber Ihr wißt, ich konnte nicht, weil ich das Siegel erbrochen hatte, und ſo ver⸗ brannte ich ihn.“ 3 2 „Das iſt wahrhaftig ſehr betrübend,“ ſagte Lady Fortintower mit der Miene ſchmerzlicher Theilnahme;„aber was kann ich mög⸗ licherweiſe für Euch und Euren Gatten thun?“ „Oh, recht viel könnt Ihr thun— und Ihr werdet Euch ge⸗ wiß erbitten laſſen, denn Ihr ſeyd eine gute Lady. Ihr und Ed⸗ ward habt einen großen Einfluß über meinen ſtörriſchen Mann. Ueberredet ihn nur, daß er ſich in alle Wünſche meines Vaters füge und den Ehevertrag ändere— weiter iſt nicht nöthig. Oh, und ich will euch Beide dafür lieben, ſo lang— ſo lang— als ich lebe— und mehr kann ich doch nicht ſagen.“ Achtunddreißigſtes Kapitel. Die Parabel von dem fetten Ochſen⸗ und den ſchwarzen Vögeln.— Jack geht auf ſchlechten Wegen fort, wirft ſich in gemeine Laſter und ge⸗ meine Geſellſchaft und macht ſich deshalb oft ſelbſt Vorwürſe.— Er geht auf's Land und ſpricht über Wahlangelegenheiten— zeigt ſeine Unwiſſenheit, indem er ſeinen Patriotismus blicken läßt, und bildet ſich einen eigenen Entſchluß. Das vorige Kapitel hat dem Leſer ein ziemlich genaues Bild von Sir Johns häuslichem Leben gegeben— ein Leben, das ihm nicht gerade zuſagte, weshalb es ihm durch einen rohen Kunſtgriff gelungen war, ſich ſo wenig als nur möglich häuslich zu machen. 2 Er hatte gehofft, mit dem Schwiegervater alle Verdrießlichkeiten aus dem Hauſe geſtoßen zu haben, mußte aber finden, daß er im Irrthume war, weil die Tochter zurückblieb. Unſer Held war zum Denken über die Zukunft verdorben, denn er kümmerte ſich nicht darum, in welcher Weiſe ſich Mr. Scrivener nach der öffentlichen Verunglimpfung, die er ihm angethan hatte, verhalten würde. Letzterer ſchien keine ſonderliche Notiz davon zu nehmen, denn er hielt ſich eben von dem Hauſe ſeines Schwiegerſohnes fern, ohne in einer andern Weiſe ſeine Empfindlichkeit zu zeigen. Einige Zeit nach dem gedachten Vorgange wurde der noch immer viel murrende Edward kraft ſeines Titels als Baron Fortin⸗ tower in das Oberhaus verpflanzt, und ſo ging denn eine von den weſentlichen Bedingungen des bekannten Truepenny'ſchen Teſtaments in Erfüllung. Aber die Hauptſache, welcher der neue Lord Fortin⸗ tower die größte Wichtigkeit beilegte, fehlte ihm noch immer— das Truepenny'ſche Vermächtniß ſelbſt, und zwar in Maßgabe der daran gehefteten Bedingungen.— Nun hatte ſich der Lord vergeblich geſchmeichelt, der Kanzler werde auf ein paar gelegentliche Bitten der Petition Folge geben, 443³ da er durch ſeine Rückſprache mit Sir John jede Einrede beſeitigt zu haben glaubte. Demgemäß blieb er mit ſeiner jungen Frau in England, obgleich ihn der Miniſter an einem kleinen deutſchen Hofe zum Geſandten ernannt hatte, und zwar mit einem Gehalte, welcher mehr der Würde der repräſentirten großen Nation, als dem erbärm⸗ lichen Fürſtenthume, welchem die Repräſentation zukommen ſollte, entſprach. Aber wie ſehr mußte er ſich getäuſcht ſehen!. Es kam jetzt zum Prozeſſe. Denke man fich einen edlen, fetten Ochſen, der plötzlich im freien Felde getödtet wurde, und nennen wir ihn die Truepenny'ſche Frage. Zuerſt kommt da ein gravitä⸗ tiſcher, alter Rabe mit ungeheurer Verdauungskraft und einem Schnabel, der durch den Gebrauch nichts weniger als abgenützt iſt. Er ſetzt ſich nieder auf den höͤchſten Theil des Ochſen, der von Fette ſtrotzt, ſtößt ſeinen Schnabel hinein, läßt ſeine Kinnladen etlichemale ſchmatzen, ſtößt ſte dann behaglich aufwärts gegen die Wolken und beginnt mit dem triumphirenden Rufe:„Frag'! Frag'! Frag'!“ Dieſer Rabe, der ſich zuerſt an dem Fette waidet, iſt der Lordkanzler.— Auf den Sammelruf:„Frag'! Frag'! Frag'!“ kommen vier oder fünf andere Raben, lauter ſchwarze Vögel, gierig nach dem Ge⸗ rippe gehüpft, fangen an mit wunderbarer Behendigkeit ihre Schnä⸗ bel arbeiten zu laſſen, reißen ſich die ſaftigſten Biſſen ab und erheben zwiſchen jeder Mundladung den Chor:„Frag'! Frag'!! Frag'!!!“ — ein Ruf, der dann wieder nicht unbeantwortet bleibt. Ein wei⸗ terer Vogelſchwarm, gleichfalls ſchwarz und hungrig, ſchließt ſich der reichen Waide an; aber die beiden Haufen machen, während ſie ſich bis zum Erſticken vollſtopfen, ſeltſame Grimaſſen gegen einander und ſtoßen wunderliche Töne aus, als hätten ſie Händel mit einander, obſchon dies durchaus nicht der Fall iſt. Wir haben hier die Advokaten für und wider die Truepenny'ſche Frage. Außer⸗ dem iſt noch eine andere Schaar von Raubvögeln vorhanden— weit garſtiger und unfläthiger, aber ebenſo gefräßig. Dieſe erdrei⸗ 444 ſten ſich nicht, auf den Körper zu ſteigen, ſondern echoen nur das gemeinſchaftliche Geſchrei:„Frag'!“, hüpfen um das Aas her, ſpio⸗ niren und rapportiren den Schwarzen, welche oben über den lecker⸗ ſten Biſſen ſitzen. Als Erwiederung wird ihnen das Meiſte von der Haut und hin und wieder auch ein ſaftiger Biſſen zugewor⸗ fen— dies ſind die Attorneys der Truepenny'ſchen Frage. Wehe dem armen fetten Ochſen und dem rechtmäßigen Eigenthümer deſ⸗ ſelben! Sobald es ruchbar wurde, daß die beiden Bevollmächtigten und Lord Fortintower im Namen ſeiner Gattin Anna, als einziger Erbin, den Antrag geſtellt hätten, das Teſtament zu beſeitigen, weil die meiſten ſeiner Bedingungen erfüllt ſeyen, und unmittelbar, nachdem dieſes ſehr natürliche und billige Geſuch geſetzlich gemacht worden war, hüpften aus ihrem Verſteck der Reihe nach einer, zwei, drei, vier ſchwarze Raubvögel hervor, um zu belegen, wie Mr. Scrivener berechtigt ſey, ſich in der Sache wegen eines wahr⸗ ſcheinlichen Abkömmlings ſeiner Tochter zu betheiligen, da gedachter muthmaßliche Sprößling, als dem älteren Zweige der Fortintower⸗ ſchen Familie angehörig, Anſprüche beſitze, ob nun das Teſtament unberührt bleibe oder aufgehoben werde; außerdem ſey, ungeach⸗ tet u. ſ. w. 3 Der Wortkrieg dauerte während des ganzen Gerichtstermins und behandelte die Entſcheidung, ob Mr. Scrivener überhaupt durch ſeine Rechtsfreunde vernommen werden ſolle, während doch der Ge⸗ richtshof ihm bei jeder Gelegenheit Gehör lieh— Gelegenheiten, welche ſehr häufig vorkamen, weil von allen Seiten her eingeräumt wurde, daß der Fall ſehr dringend— das heißt, ſehr ergiebig ſey. Zu Anfang des nächſten Gerichtstermins kam es zu der Ent⸗ ſcheidung, daß Mr. Scrivener allerdings im Namen des noch nicht exiſtirenden Geſchöpfes abgehört werden könne. Nun zeigte Mr. Scriveners Advokat väterliche Sorgfalt für die Intereſſen des nicht exiſtirenden Weſens und ſtellte ſehr nachdrücklich die Bitte, daß der 445 Kanzleihof die gegenwärtigen Bevollmächtigten des Truepenny'ſchen Vermächtniſſes ihres gehäſſigen und läſtigen Amtes entbinden möchte, um einen neuen Hüter deſſelben zu ernennen— und wer hätte dazu geeigneter ſeyn können, als Mr. Scrivener ſelbſt, der Großvater des noch nicht Geborenen? Nun kam ein anderer Rabenſchwarm hervor und hüpfte auf das Gerippe des fetten Ochſens. Letzterer wehrte ſich für die In⸗ tereſſen des Mr. Winterton, welcher der Anwalt der Familie True⸗ penny und, ihrer Ausſage nach, für die geſetzliche Dauer des Teſtamentes fideicommiſſariſch mit demſelben betraut ſey. Bei dieſer Kriſis verlor Lord Fortintower ſeine Geduld und verließ das Land, um ſich an dem Hofe des fremden Fürſten da⸗ durch ſchadlos zu halten, daß er ihn an Pracht überbot, obſchon den Truepenny'ſchen Rechtsſtreit und Mr. Serivener anathemifirte. Bei dieſer Gelegenheit gerieth unſer jetzt nicht ſehr würdiger Sir John in eine unentſchuldbare Leidenſchaft und konnte kaum zurückgehalten werden, an ſeinen Schwiegervater, dieſen wohlwollen⸗ den Gentleman, der ſich ſo vorſorglich für ſeine ungeborenen Kin⸗ der benahm, gewaltſame Hand zu legen. Wir bedauern, berichten zu müſſen, daß er anfing, ſein Weib zu verabſcheuen und ſeine Gefühle in offener Gewaltthätigkeit an den Tag zu legen. Zwei⸗ mal wöchentlich hörte man Morgens im Wachhauſe von ihm und er mußte nicht nur für ſeine eigenen Ausgelaſſenheiten einſtehen⸗ ſondern auch für alle übrigen, die in der Hauptſtadt geübt wurden, den Sündenbock machen. Der einzige verſöhnende Umſtand, der in dieſen herabwürdigenden Handlungen lag, beſtand in ſeiner Poſſier⸗ lichkeit und in dem vollſtändigen Mangel einer ſchädigenden Abſicht. Bedauerlich war übrigens dabei, daß ſeine Konſtitution zu erliegen begann— er wurde gedunſen und verlor ſowohl ſeinen Appetit als ſeine Kräfte. 3 1 4⁴6 Er war nun ſchon eine Reihe von Monaten Jack am Lande geweſen, glich aber dem Jack zur See jetzt ebenſowenig, als ein Jack im Bureau Jack dim Rieſentödter. Er konnte keine Rieſen tödten, ſondern hatte nun drei Rieſen gegen ſich, die ihm raſch den Garaus machten— der Rieſe Schlemmerei, der Rieſe Unflätherei und der Rieſe Trunkenheit. Unter ſeinen Spießgeſellen war er der einzige Souverän und Erdengott, aber er hatte keine Freunde unter ihnen— nein, nicht einen einzigen. Die Freunde, die noch Zu⸗ tritt zu ihm fanden, waren blos ſein Rechtsfreund und ſein Arzt. „Geht auf's Land,“ ſagte der Rechtsgelehrte,„denn Ihr lebt jetzt über Eure Mittel und Euer Weib richiet Euch zu Grunde.“ „Geht auf's Land,“ bemerkte der Doktor;„denn Eure Lebens⸗ weiſe richtet Euren Urſtoff zu Grund, und Eure Ausſchweifungen bringen Euch in die Grube.“ „Möge mein Weib der Deufel holen,“ entgegnete der Baronet dem Rechtsgeleyrten.„Verwünſcht ſey mein Urſtoff,“ antwortete er dem Arzte. Aber die Ereigniſſe, dieſe maßgebenden Töchter der Noth⸗ wendigkeit, entſchieden gegen Sir Johns Entſcheidung. Der viel berufene Obriſt Chacehell hatte geſagt, daß unſer Held nicht reiten könne— einem Seemanne ſey dies ohnehin nie möglich, und aller Unterricht der Welt werde ihn nie zu einem Reiter maͤchen; ein Matroſe könne allenfalls im Sattel bleiben, aber was das Reiten ſelbſt betreffe, ſo würde eine Ente weit anmuthiger den Sattel zie⸗ ren, als Sir John. Obriſt Chacehell war der rüſtigſte Reiter und Jäger im Königreich und ein eitler Mann, ſo daß er kaum Sir Johns Ueberlegenheit im Pachten anerkennen mochte. Sie haßten einander und kamen in aller Stille mit einander überein, ein Pferdeduell auszufechten— das heißt, zu entſcheiden, wer dem An⸗ dern durch tolles Reiten den Hals brechen könne. Dies war eines der Ereigniſſe— ein anderes beſtand darin, daß die Stadt leer zu werden begann und Sir John, welcher ſich für einen Modemann 447 hielt, ebenſo gut wandern zu müſſen glaubte, wie die Uebrigen. Dazu kam noch der Tod des Parlamentsmitglieds fuͤr das kleine ſchmutzige Wahlſtädtchen Fortintower, das Sir Johns ausſchließliches Eigenthum war. Da ihn nun Einige herausgefordert hatten, ſich auch als Parlamentsmitglied zu zeigen, ſo reichte dies für unſern Baronet zu, den Entſchluß in ihm zur Reife zu bringen, daß er Parlamentsmitglied werden müſſe. 6 Einzeln betrachtet würden dieſe Ereigniſſe keinen genügenden Einfluß geübt haben, um unſern Helden ſeinen Lieblingsſchlupf⸗ winkeln abzuziehen, aber in ihrer Vereinigung brachten ſie ihn zu dem Entſchluſſe, unverweilt nach ſeinem Hauptbeſitzthume Fortin⸗ towerhall zu gehen, daſelbſt den Wirth zu ſpielen, ſich für ſeinen eigenen Bezirk wählen zu laſſen, zu jagen, zu ſchießen und wo mög⸗ lichſt dem Obriſten Chacehell den Hals zu brechen. Demgemäß brachen Sir John, ſeine Gattin, Obriſt Chacehell und ein be⸗ rühmter Hundezüchter und Rattenfänger, Namens Groggy Forhead, in des Baronets Reiſewagen auf. Die Fahrt geſchah ganz ſtyl⸗ gemäß. Andere Wagen dienten als Weiterförderungsmittel der Kammerdiener, femmes de chambre und der gewöhnlichen An⸗ hängſel des Reichthums, unter denen ſich auch der treue, obſchon vernachläſſigte Freund und Rechtsgelehrte Mr. Singleheart befand. Wir müſſen bemerken, daß der Obriſt ein ſehr ſchöner, ariſto⸗ kratiſch ausſehender Mann von mittlerem Alter und geringem Ver⸗ mögen war; dagegen aber beſaß er viel Verſchmitztheit, eine öl⸗ glatte Zunge und zwei alles Andere ausſchließliche Liebhabereien— die eine für ſich ſelbſt und die andere für das ſchöne Geſchlecht. Sir John hätte deshalb nicht nöthig gehabt, über die Huldigungen des Obriſten, welche derſelbe Lady Truepenny zollte, überraſcht zu ſeyn, wie es denn außer ihm auch kein Menſch war. Die Dame ſelbſt hatte Gefallen daran, aber Sir John nicht, obgleich er längſt auf⸗ gehört hatte, an ihr Gefallen zu finden. Da er jedoch den barm⸗ herzigen Entſchluß gefaßt hatte, dem Obriſten den Hals zu brechen, 448 ſo glaubte er, er könne dieſe anſtößige Hofmacherei für eine kleine Weile wohl noch dulden, da man ja doch den Obriſten bald ſchwarz im Geſichte auf einer Schleife nach Hauſe bringen werde. Groggy Forhead war ein unbeſſerlicher Halunke, der längſt zuvor den Galgen verdient hätte. Da er aber zugleich auch ein ſehr dreiſter Spitzbube war, ſo wurde er ſehr patroniſirt, und Sir John nahm ihn ausdrücklich zu dem Zwecke mit, daß er die Wahl leite. Er ließ ſich zu Allem brauchen und unſer Held wurde von der ganzen Sippſchaft adeligen Geblüts wegen der Erwerbung dieſes Ehrenmannes ſehr beneidet. Wir müſſen unſern Freund wieder einmal„Jack“ nennen, denn wir können in der That nicht umhin, ihn zu lieben. Als er ſich durch die majeſtätiſchen Wälder und durch die liebliche Stille einer ruhigen Landſchaft dem Stammſitze ſeiner Ahnen näherte, fühlte er ſchmerzlich ſeine eigene Herabwürdigung. Die Glocken des Städt⸗ leins wurden geläutet; die benachbarte Honoratiorenſchaft hatte ſich zu einer Kavalkade verſammelt, um ihm drei Meilen entgegenzu⸗ kommen, und in dem Hofe ſeiner ſtattlichen Halle ſtand die Schaar ſeiner glücklichen Grundſaſſen, um ihren Herrn zu begrüßen. Er war ſchweigſam und von Scham erfüllt. Als er ausſtieg, faßte ihn ein wahrer Abſcheu vor ſeinen Begleitern, da ihn ſowohl der einfältige Vorwitz ſeiner Gattin, als die Stattlichkeit des Obri⸗ ſten und der Anblick des blauſtrumpfigen Rattenfängers im höchſten Grade anwiderte... Sein erſtes Erſcheinen machte keinen günſtigen Eindruck auf ſeine Nachbarn, denn er benahm ſich linkiſch und ſcheu. Von der ehrlichen Freimüthigkeit des Matroſen war nichts an ihm zu be⸗ merken, und er ſpielte den Modemann ganz abſcheulich. Der Obriſt nahm ihm übrigens alle Mühe ab und entband ihn der Obliegenheit, die Honneurs des Wirths zu machen. Den achtbaren Häuptern der alten Familien in der Nachbarſchaft woll⸗ ten die neuen Ankömmlinge nicht gefallen, und ſie bedauerten — 4 449 ſehr, daßzauf dem Eigenthum ein ſo ſeltſamer Wechſel der Be⸗ ſitzer ſtattgefunden halte. Mit Ausnahme derjenigen, welchen ihr Intereſſe zu bleiben gebot, brachen die Gentlemen frühzeitig wie⸗ der auf, und bei dem Diner, welches Sir John zum erſtenmale in der Halle ſeiner Ahnen feierte, waren nur fünfzehn Perſonen an⸗ weſend. Es folgte eine ſchwelgeriſche Nacht, und Sir John wurde ganz ariſtokratiſch betrunken. Er fühlte übrigens den Einfluß der gei⸗ ſtigen Getränke weit früher, als die Uebrigen, und wie ſich alle ſeine Gäͤſte entfernt hatten, war er ſchon wieder nüchtern genug, um zu bemerken, daßszwiſchen dem Obriſten und ſeiner Gattin Dinge vor⸗ fielen, welche ihn ſehr elend machten. Es war zwar nicht viel— bloße Galanterie, durch beginnende Trunkenheit ein wenig geſteigert und von der Damexnicht hinreichend zurückgewieſen; da jedoch Jack nicht nüchtern genug war, um Vorſtellungen zu machen, oder zu handeln, ſo trank er auf's Neue darauf los, bis er in völliger Be⸗ täubtheit unter der Leitung ſeines zärtlichen Weibes und ihres liebevollen Freundes nach ſeinem Schlafgemache geſchafft werden mußte. Sir John und ſeine Dame ſchliefen ſchon ſeit einiger Zeit in geſonderten Zimmern. Dieſe Maaßregel hatte in der einfachen Thatſache ihren Urſprung, daß der Gentleman ſelten zu Hauſe und, wenn es je geſchah, nie nüchtern zu Bette ging. Jack ſtand am andern Morgen früh ſieberiſch und elend auf, um unbeachtet in dem Gebüſche des Parkes ſich zu ergehen und das bittere Brod der Reue bis zum Ueberdruſſe zu kauen. Die balſamiſche Luft, der friſche Herbſtwind, die prachtvolle Schönheit der Waldungen und die Ruhe der Landſchaft wirkten mildernd auf ſeine körperlichen und geiſtigen Leiden. Er ging weiter und kam in das Städtchen, das in dem Wald unter der Halle eingebettet lag. Allenthalben traf er auf achtungs⸗ Marryat's W. XX. Jack am Lande 299 450 volle, freundliche Begrüßungen, vernahm hin und wieder ein Stimme des Mitleids, die nicht für ſein Ohr berechnet war, wegen ſeines leidenden Ausſehens— und obſchon er ſich an Leib und Seele ge⸗ ſund fühlte, wurde er doch immer trauriger. Ein ſehr alter Mann ſegnete ihn und ſeine ſchoöne Gattin, zu⸗ gleich den Wunſch beifügend, daß er vor ſeinem Tode auch noch die Kinder des gnädigen Herrn ſehen möchte, um ſie ebenfalls ſeg⸗ nen zu können. Es war lange— ſehr lange her, ſeit Jack nicht mehr die Stimme der Natur gehört hatte. Er fühlte ſich faſt zu Thränen bewegt und ergriff die von ehrenvoller Arbeit hornharte Hand, um ſie zwiſchen ſeinen weichen, ſchwammigen zu drücken. „Ich danke Euch herzlich für Euren Segenswunſch, Kamerad,“ ſagte Sir John,„und wünſche nur, daß Ihr mir zeigen möchtet, wie ich ihn verdienen ſoll.“ „Wenn Ihr ihn zu verdienen wünſcht, Sir John, ſo verdient Ihr ihn zuverläſſig. Ihr ſeht freundlich aus und ſeyd auch nicht ein Bischen ſtolz. Ich bin nur ein armer, alter Mann und kann nichts thun, als für Euch beten.“ „Ja, thut dies— thut dies— es iſt mehr, als ich für mich ſelbſt thue. Ich glaube, Ihr werdet auf der ganzen Welt das ein⸗ zige Weſen ſeyn, welches mir dieſen Liebesdienſt erweist. Doch wie komme ich auf ſolche Löffelei!“ Sir John wandte ſich ſofort mit falſcher Scham, aber auch mit einer irrigen Vorſtellung von dem alten Manne ab— denn es gab wirklich ein Weſen, das ohne Unterlaß innig und glühend für ihn betete— ein Weſen, welches er ſo ganz vergeſſen, als hätte er deſſen Antlitz nur einmal gelegentlich unter Tauſenden auf einem Jahrmarkte geſehen. Er kehrte nicht vor Mittag nach Hauſe zurück, und man glaubte, er verträume die Wirkungen ſeiner Schlemmerei in ſeinem Schlaf⸗ gemach. Er war übrigens beſſer beſchäftigt geweſen, indem er ſich bemhie, ſeine üblen Gewohnheiten los zu werden, und gute Ent⸗ 451 ſchließungen faßte. Als er mit ſeiner Gattin und dem Obriſten zuſammentraf, zeigte er viel Ernſt, wie er denn auch ſein Frühſtück mehr in der Weiſe eines ſtolzen, argwöhniſchen Matroſen, als in der eines unbekümmerten Lebemanns zu ſich nahm. Aber dieſen Morgen benahm ſich der Obriſt ſehr verführeriſch und die Lady ungemein liebenswürdig; auch vernahm Sir John, noch ehe das Mahl vorüber war, die aufregende Kunde, daß er wohl auf keine einſtimmige Wahl zu hoffen, ſondern mit einer Op⸗ poſttion zu kämpfen habe. Nun hatte Jack, ehe er von dieſer er⸗ ſtaunlichen Thatſache Kunde erhalten, einen großen Widerwillen empfunden, überhaupt als Kandidat aufzutreten, und in der Ein⸗ ſamkeit deſſelbigen Morgens ſich viele Gründe angegeben, durch die er ſeinen Rücktritt von ſeinen Freunden entſchuldigen könnte, denn er wünſchte nicht, das lange Regiſter ſeiner Thorheiten durch eine neue zu vergrößern. Aber nun— „Auf die Poſten getrommelt!“ rief Jack und pfiff, nach langer Weile wieder zum erſtenmale, mit ächtem Matroſengeiſte laut hin⸗ aus:„Eichenherz ſind unſre Schiffe!⸗ Da ſchien ſich nun Allen neues Leben mitzutheilen und ringsum zeigte ſich rührige Thätigkeit. „Ich bin Willens zu kämpfen, ſo lange noch eine Kugel in der Truhe iſt,“ fuhr unſer Held fort.„Aber was ſoll ich anfangen?“ „In derartige Dinge bin ich wohl eingeweiht,“ verſetzte der Obriſt.„Ihr habt nicht viel zu thun, denn Mr. Singleheart ſagt mir, daß alle die ſchuftigen Wähler Eure Grundholden ſind. Schickt nur Groggy Forhead zu dem Fleckenſchinder, oder wie der blauſtrumpfige Krämer heißen mag, hinunter, und laßt ihm bedeuten, er ſoll ſeine Wahlmänner in Maſſe heraufbringen. Gebt den malz⸗ liebenden Schweinen eine gute Portion Brod, Käſe und Ale, und befehlt ihnen ſodann, ohne Umſtände zu den Beſenſtielen zu greifen und den neuen Kandidaten aus dem Platze zu jagen, ſobald er ſein unverſchämtes Geſicht zu zeigen wagt. Wir⸗leben in einem freien * 452 Lande, Sir John, wo Jeder das Recht hat, mit ſeinem Eigenthum nach Belieben zu ſchalten.“ „Aber, Obriſt, wäre dies ein ehrliches Ueberbordgefecht?“ „Ehrlich— warum nicht? Für was glaubt Ihr denn, daß ſie ihre Wahlprivilegieen haben?“ „Schätz wohl, um den beſten Parlamentsmann zu wählen.“ „Pah! Dieſe Vorſtellung riecht nach der Back. Um die Un⸗U abhängigkeit des engliſchen Charakters und das Gedeihen des Lan⸗ des aufrecht zu erhalten. Sie müſſen ihrem Grundherrn gehorchen.“ „Was meint Ihr von der Sache, Mr. Singleheart?“ fragte Sir John. Nun gehöorte Singleheart zwar allerdings zu der Zunft der ſchwarzen Vögel, war aber, wie wir ſchon oben angedeutet haben, in Wahrheit ein ſeltener Vogel(dies liest ſich wohl ebenſo gut, als eine rara avis), da er ſich in allen Dingen wie ein Ehrenmann benahm; auch ließ ſich von ihm behaupten, daß ſich ſeine Ehrlichkeit — wenn anders die Chrlichkeit(was ich übrigens ſchwer bezweifle) Abſtufungen hat— um ſo reiner entfaltete, je mehr Weſen dabei in Frage kamen. Wenn er ſchon die Ehrenhaftigkeit zwiſchen Mann und Mann hochſchätzte, ſo betete er ſie eigentlich an, wenn ſich's um einen Mann gegenüber von Millionen handelte. Sein redliches Herz erwarmte unter dieſem Gefühle; er wurde beredt und ließ eine ſolche Maſſe erleuchteten Patriotismus vom Stapel, daß der Obriſt nicht wußte, wo ihm der Kopf ſtand, während Jack auf ihn zuging und ihn umarmte, die gnädige Frau aber ſo übermäßig gähnte, daß ſie volle anderthalb Stunden zu ihrem Spiegel ihre Zuflucht neh⸗ men mußte, ehe es ihr gelang, ihren hübſchen Zügen wieder das gewöhnliche Lächeln zu geben. Sir John bildete ſich ſeinen Entſchluß und handelte augen⸗ blicklich danach. Ehe er ſich von dem Tiſche erhob, ſchickte er nach ſeinem Hausmeiſter und ertheilte ihm den gemeſſenen Befehl, auf heute über acht Tage für ſiebenzig Perſonen ein prachtvolles Diner —— 453 zu beſchicken; und als er ſich endlich die Mühe nahm, außzuſtehen, zeigte ſich in ſeiner Miene ein Ausdruck, der nicht nur jeden Un⸗ gehorſam gebieteriſch abwies, ſondern auch alle Beanſtandung als unräthlich erſcheinen ließ. Der Obriſt lächelte, zuckte die Achſel und bot Lady Truepenny ſeinen Arm an, während dieſe ausrief:„Ach Himmel— ſiebenzig!“ und mit ihrem Verehrer nach dem Gewächs⸗ hauſe trippelte. „Ich muß ſagen, Advokat,“ ſprach unſer Held zu dem zurück⸗ bleibenden Mr. Singleheart,„Ihr ſeyd ein Eichenherz, geſund— geſund bis in's Mark. Ich ehre Euch, obſchon ich Euch nicht liebe — das heißt nicht beſonders. Ich verabſcheue dieſen Obriſten— er weiß es; und doch, wenn ich nach dem Eſſen daran denke, ſo möchte ich dem Bettler doch nicht den Laufpaß geben. Aber mein Kopf geht bisweilen traurig in der Irre. An Bord konnte ich mich Abends ſchlimmer betrinken, als Davids Sau, ohne am andern Morgen mehr Kopfweh zu haben, als ein wildes Ferkel. Nun, Advokat, ſeht zu, daß dieſe Sache beſorgt wird— und zwar gut beſorgt wird. Laßt in meinem Namen an jeden Wähler im Flecken ein Einladungsſchreiben ergehen und ihn bitten, er ſolle mich näch⸗ ſten Samſtag beim Diner mit ſeiner Geſellſchaft beehren. Die Ausſchreiben müſſen achtungsvoll ſeyn— ungefähr ſo, wie es ein Middy halten würde, der ſich an einen Poſtkapitän wendet. Ich will dem Wahlakte Achtung bezeugen, denn der Menſch, Advokat, der ſeine Landsleute aus ihren Rechten herauspoltronirt, verdient etwas Schlimmeres, als daß ihn die Enten zu todt treten. Na, ſeyd ein luſtiger Kauz und predigt mir nicht dieſen Morgen. Ich will ma⸗ nierlich ſeyn. Ihr habt mich wegen dieſer Wahl heute auf din rechten Gang gebracht, und ſo laßt mich denn jetzt wiſſen, wie man derartige Dinge zu behandeln pflegt.“ Mit ein Bischen Mühe und einigen Wiederholungen konnte ihm Mr. Singleheart begreiflich machen, daß die freien Waͤhler des Bezirks ſeit unfürdenklichen Zeiten entweder auf ihren Grundherrn, 454 oder einen Vorgeſchlagenen deſſelben geſtimmt hätten. Unter dieſem Einfluſſe ſey bald ein Whig, bald ein Tory gewählt— namentlich auch das letzte Mitglied, dem Vernehmen nach, durch ſeinen Vetter Lord Fortintower gegen eine ſchöne Berückſichtigung für die Tory⸗ partie durchgeſetzt worden. Ferner erwarte man, daß Sir John nach ſeiner Erwählung für die Intereſſen der letzteren eintrete, oder einen Kandidaten mit ähnlichen Grundſätzen vorſchiebe. „Aber wer erwartet dies?“ „Zuverläſſig Lord Fortintower. Wäre nicht Mr. Veerall ſo plötzlich geſtorben und Seine Herrlichkeit in England, ſo würde Euch Mylord bereits darum angegangen haben. Der Miniſter er⸗ wartet das Gleiche, da er die Begünſtigungen, die er Eurem Vetter erwieſen, als Verpflichtungen betrachtet, welche er Euch auferlegt hat, und Lord Fortintower iſt in der That ſehr begünſtigt worden.“ Jack pfiff ſchrill die erſten Takte einer ſehr häßlichen Weiſe. „Ich zweifle nicht, daß der Miniſter ſelbſt ſich bald mittelbar oder unmittelbar mit Euch über die Sache benehmen wird. Da jedoch das Parlament nicht vor dem Januar wieder zuſammentritt, ſo iſt noch hinreichend Zeit vorhanden, um Eure Plane zu ordnen, ehe der Sprecher das Wahlausſchreiben ergehen läßt.“ „Und Ihr glaubt, daß alles dieſes Halbdeckkommando un⸗ recht iſt?“ „Entſchieden. Ich habe mich nicht nur darüber ausgeſprochen, ſondern auch den Beweis geliefert.“ „Dann überlaßt die Sache mir.“ Sirr John ließ nun ſeinen Tauſendkünſtler rufen, der übrigens ir den Augenblick in einem Zuſtande war, daß er zu Allem oder zu gar nichts taugte⸗ „Groggy, Ihr blinzelndes Gewürm, Ihr habt ja bereits drei Schooten in dem Winde. Wie könnt Ihr Euch unterſtehen, Euern Branntwein ſchon vor Eurem Gebieter wegzuſtauen? Da, nehmt dies“— und er verſetzte ihm eine ganz orthodoxe Ohrſeige— nzur 45⁵ Befeſtigung Eures Windfangs. Ich bin heillos bedient, Mr. Singleheart.“ 4 „Was könnt Ihr auch Anderes von heilloſen Bedienten er⸗ warten?“ „Ihr habt Recht— aber das iſt wieder gepredigt. Was habt Ihr zu ſagen, Ihr Blauſtrumpf?“ fuhr Sir John gegen den Nat⸗ tenfänger fort. „Ich bin in keinem Zuſtande, um etwas beſonders Geſcheidtes herauszubringen— aber was dies betrifft— der Herr Hausmeiſter hat mir auf Euer Gnaden fettes, beſtialiſch— di— ickes Ale einen Galgenzug von etwas Kurzem— gegeben; ich will mich im — Augenblick wieder nü— nü— nüchtern gemacht haben. Nur eiin Bischen kalt Waſſer in's Genick gepumpt— und ich bin wie⸗ der nüchterner— als ein Richter— und um ein Köſtliches— ſcharffichtiger.“ Nach ſehr kurzer Zeit war der Kerl wieder ganz ſo aufgelegt zu Spitzbübereien, als ihn die Natur befähigt hatte— was für Groggys Anlagen und die Kräfte der Natur recht viel heißen will. Er erhielt ſodann Auftrag, in das Städtchen zu gehen und, ſoweit es ohne Blosſtellung ſeines Gebieters anginge, die Wähler durch alle mögliche Mittel über ihre Geſinnungen auszuholen, dann aber getreulichen Bericht zu erſtatten. 456 Neununddreißigſtes Kavitel. Jack ſpielt ſchlimme Streiche— erſchreckt ſeine Geſellſchaft, beraubt den Rektor, ſetzt den Doktor in Erſtaunen und erlaubt ſich eine tödtliche Beleidigung gegen den Lordlieutenant;— mit einem Worte, er wird ein ſehr ſchlimmer Junge, vernachläſſigt ſein Weib und kultivirt die Flaſche. — Weitere Verhandlungen in Wahlangelegenheiten.— Wie man im Fluge ſchießen und ſein Ziel feſtnehmen muß Sir John beſtellte nun Pferde und verbrachte den Reſt des Tages mit einem Ritt über die Guter, bei welcher Gelegenheit er den Beſuch der benachbarten Gentry erwiederte. Die Partie be⸗ ſtand anfangs nur aus dem Obriſten, Sir John und ſeiner Gattin. Während des Ausflugs verſiel unſer Held in tauſend Ungereimt⸗ heiten, und ſeine Laune war ſo wandelnd, wie die leichten Windzüge auf dem tropiſchen Ocean; denn bald erfüllte ihn Verachtung, bald Mitleid gegen ſeine Frau— das einemal zürnte er auf den Obri⸗ ſten, weil er nicht beluſtigend genug war, und das anderemal war er noch mehr erbost, weil er ſeine Unterhaltungsgabe in gar zu hohem Grade anſpornte— aber ſtets lag dieſem Gefühle Sir Johns Haß zu Grund. In der That behandelte der ehrenwerthe Obriſt unſern Jack ganz wie einen an der Angel hängenden Hayfiſch— er ſpielte mit ihm, quälte ihn, nahm ſich aber behutſam in Acht, daß er ihm nicht nahe kam. Beide waren gut beritten und unſer Held verſuchte vergeblich, ihn zu den gefährlichſten Sprüngen und zu einem Wettrennen über den unebenen Grund zu veranlaſſen. Während ſie weiter zogen, ſchloßen ſich ihnen mehrere Gentle⸗ men an, darunter der wohlbeleibte Rektor und ſein beſcheidener ge⸗ bauter Helfer— beide gewaltige Jäͤger. Endlich vergrößerte auch noch der Hauptdoktor des Ortes die Geſellſchaft. Sir John erhielt ſein ganzes Geleite durch ſeine ſonderbare Sprache, ſeine tollen 457 Herausforderungen gegen Obriſt Chacehell und ſeine poſſierlichen Reiterkunſtſtücke unabläſſig in ſchallendem Gelächter. Denſelben Morgen beliebte der Obriſt in hohem Grade leutſelig und fein zu — ſeyn; auch erwies er ſich ſehr aufmerkſam gegen Lady Truepenny, als wolle er den Gegenſatz zwiſchen ihm und dem Wirth nur um ſo größer machen. So oft ſie an der Straße Jemand begegneten, der vor dem Baronet ſeinen Hut abzog, ſo hackte ihn unſer Held mit der Reitpeitſche hinweg und ließ ihn in der Luft wirbeln, wie er denn auch nicht ſäumte, dergleichen zu thun, als wolle er vor jedem hübſchen Mädchen, das des Weges kam, abſteigen und ihr einen Kuß geben. Er forderte ſodann den Obriſten Chacehell heraus, ihm das Spiel:„folgt Eurem Führer“ nachzuſpielen, erhielt aber eine höf⸗ liche Ablehnung, weshalb er anfing, auf ſeinem Pferde alle mögliche Poſſen zu treiben, indem er bald mit beiden Beinen auf der einen Seite des Sattels ritt, bald das Geſicht dem Schwanze ſeines Thieres zudrehte. In allen dieſen Abgeſchmacktheiten lag ſo viel gutmüthige Poſſierlichkeit, daß ſte ſtets ſchallendes Gelächter zur Folge hatten. Es iſt ſo leicht, mit ſeinem Wirthe oder Beſchützer zu lachen. Der Obriſt jedoch ſetzte ſich mit dem Doktor auf den freundſchaftlichſten Fuß und lenkte in der natürlichſten Weiſe von der Welt deſſen Aufmerkſamkeit auf Jacks Schwänke. Ja, dieſer Obriſt war ein traurig hinterliſtiger Menſch. Endlich kam die Ge⸗ ſellſchaft zu einer am Wege liegenden Schlammpfütze, und Jack for⸗ derte den Obriſten auf, mit ihm über dieſelbe wegzuſetzen. Er weigerte ſich natürlich und Sir John verhöhnte ihn nun bitter we⸗ gen Mangels an Muth, indem er zugleich ſeinen Entſchluß aus⸗ drückte, den Sprung allein zu machen. Jeder der Anweſenden ſuchte ihm dies aus dem ſehr vernünftigen Grunde auszureden, weil noch nie ein Pferd nur die Hälfte einer ſolchen Entfernung in einem * Satze hatte zurücklegen können; aber eben dies diente unſerem Jack um ſo mehr zum Sporne. Er machte drei oder vier Verſuche, * 4 458 ohne daß das verſtändigere Thier darauf eingehen wollte, bis es endlich, durch Peitſche und Sporn wüthend gemacht, ſeinen äußerſten Kräften aufbot und nebſt ſeinem Reiter mitten in die abſcheuliche Pfütze hineinſprang. Alle Anweſenden wurden dermaßen, von dem flüſſigen Kothe überſpritzt, daß ſogar ihre Lachluſt überwältigt wurde. Das edle Thier ſtack bis über den Sattel in Schlamm und Waſſer. Sir John mußte abſteigen und, bis an den Hals im Waſſer, wieder herauswaten. Dies war ihm jedoch nur ein Spaß, denn er liebte das Waſſer überall, nur nicht in ſeiner Kehle— namentlich klares Salzwaſſer; wenn übrigens dies nicht zu haben war, ſo nahm er auch mit dem ſüßen vorlieb, das ja ſelbſt in ſeinem ſchmutzigen Zu⸗ ſtande beſſer war, als gar keines. Zunächſt mußte nun das Pferd aus der Pfütze geholt werden, was denn endlich, unter Beihülfe einiger Bauern, nicht ohne große Schwierigkeit bewerkſtelligt wurde. Dann ſtieg Jack, naß und ſchmutzig, wie er war, trotz aller Gegenvorſtellungen, wieder auf ſein Pferd, um, wie er ſagte, von ſich ſelbſt und ſeinem Thiere eine Erkältung abzuhalten; aber Alles hielt ſich jetzt möglichſt ferne von ihm. Er hatte ſeinen Hut verloren, und ſeine kürzlich noch ge⸗ kräuſelten und gepuderten Locken hingen in verſchiedenfarbigen Streifen ſchlaff auf den Kragen ſeines blauen, mit Gold geſtickten Nockes nieder. Sein Haar war nicht nur durch eine beträchtliche Maſſe Schlamms geſteift, ſondern auch dicht mit Waſſerlinſen beſäet, während ein gan⸗ zer äußerer Menſch von jener dunkelgrünen Materie überzogen war, welche man zur Herbſtzeit gewöhnlich in ſtehenden Waſſern findet. Der Obriſt wandte ſein Pferd um und rief: „Nach Hauſe! nach Hauſe!“ Aber auch Jack drehte ſich plötzlich, ritt gerade auf ihn zu, theilte dem ohnehin ſchon ſehr beſpritzten Gentleman ein wenig von ſeinem Ueberzuge mit, verlegte ihm ſammt allen Uebrigen den Weg und brüllte laut hinaus: 459 „Nein! nein!“ Es entſtand ein Stocken. „Sollen meine Marsſegel in Fetzen fahren— nennt Ihr das auch ein männliches Reiten, Tölpel, der Ihr ſeyd? In London ging es wohl an, den vergoldeten Lebkuchen auf einem Jahrmarkt zu ſpielen, aber— hole Euch der Teufel, ſoll das männlich ſeyn, wenn Ihr auf dem Lande wegen ein Bischen Schlamm und Waſſer ſchon den Schwanz zeigt? Ich will euch was ſagen, Kameraden— ihr ſeyd lauter Freiwillige— Deſertiren iſt freche Meuterei, und der ſoll Kopfnüſſe von mir kriegen, welcher nicht in der gleichen Rich⸗ tung mit mir fortſegelt.“ Da Jacks Miene ſehr wild und entſchloſſen war, ſo wurden die Pferde wieder umgewandt und Sir John ſpornte ſein Thier durch die Gruppe, um auf's Neue den Zug anzuführen. „Sir John Truepenny iſt ſehr aufgeregt,“ ſagte Doktor Kil⸗ cumpil. „Das iſt bei ihm nichts Außerordentliches,“ verſetzte der Obriſt mit einem Lächeln voll diaboliſcher Bedeutſamkeit. „Oh— hum! ah! ha!“ Jack ritt eine Weile ſchweigend weiter und ſchüttelte ſeine ſchil⸗ figen Locken wie ein Meergott, der auf einem Nilpferde reitet. Endlich zügelte er ſein Thür, machte ſich an die Seite des Rectors, blickte angelegentlich in deſſen rundes, rothes Geſicht, verzog dann den Mund zu dem gewinnendſten Lächeln und bat Seine Ehrwür⸗ den, ihm Hut und Perücke zu borgen. „Meinen Hut und meine Perücke, Sir John Truepenuy? Un⸗ möglich.“„* „In der That, mein lieber Doktor Canticle, ich muß ſie ha⸗ ben und habe dafür die allerchriſtlichſten Gründe.“ 3 „Sir John, Sir John!“ ſchrien nun Alle zuſammen. „Mein Haupt iſt ganz kahl,“ ſagte der Rektor, eun Miene des Verfechters chriſtlicher Grundſätze durchaus nicht een wollte. 460 Meine Perücke und mein Hut ſind geiſtlich, würden alſo durchaus nicht harmoniren mit dem weltlichen Prunke Eures Anzuges.“ „Nennt Ihr dies— und dies— und dies Prunk? Ja, ſchaut nur— mein äußerer Menſch iſt zur Demuth geſchwärzt. Ich gleiche wahrhaftig einem Schiffe, das über und über getheert iſt, 1 und bitte daher Barmherzigkeits halber um Eure Perücke— und in der That, wenn Ihr chriſtliche Grundſätze im Leibe habt, ſo⸗ könnt Ihr mir auch den Hut nicht verſagen.“ 5 „Aber ich will nicht,“ ſchnüffelte der Pfarrer, der jetzt in gr Aengſten gerieth.„Du machſt von der Schrift eine falſche Anwen⸗ dung und biſt ſelbſt ein Uebelthäter; ich will nicht länger in Deiner Geſellſchaft bleiben. Was will denn eigentlich der wahnwitzige Ma⸗ troſe?“— Der letztere Satz wurde löblicherweiſe nur ganz unvernehmlich ausgeſprochen. Jetzt anderte Jack ſeinen Ton und ſang nach Kriegsſchiffweiſe hinaus: „He da, belegt Alles dies— herunter mit dem Kopfkardeele— und zwar ſo ſchnell, als ein Stern nur blinzeln kann. Soll ich hier, in der Mitte meines eigenen Grund und Bodens, die Platte ſo kahl tragen, wie das Bodenſtück einer Kanone mit abgenommener Eu während Ihr fettköpfiger, wortſpinnender, Bibel verdre⸗ hender, pſalmenſingender, tertzerzauſender Sohn eines Schwein⸗ trogs gemächlich weiter trottet, beperückt wie ein Midſhipman mit einer gefertigten Tagrechnung und behutet wie ein Kohlenträger? Herunter damit, ſage ich.“ Aber der würdige Gottesmann hatte ſich vorwärts gemacht, ſetzte ſeinem Pferde die Sporen in die Rippen und ſchlug einen vollen Galopp an. Sir John war jedoch im Nu hinter ihm her, und die übrige Geſellſchaft jagte den Beiden ſchreiend und lärmend nach. Unſer Held hatte ſeinen Vordermann bald eingeholt, welcher ſich ſofort auf Gnade und Ungnade ergab, zugleich aber mit allen mög⸗ 461 lichen geſetzlichen Klagen und ungeſetzlichen Züchtigungen drohte. Sir John ſetzte mit der Miene großer Selbſtzufriedenheit die Perücke auf ſeinen eigenen Kopf und den Hut auf die Perücke, worauf er in ſehr andächtiger Haltung weiter ritt, während der Rektor, das ſeidene Schnupftuch um Kinn und Schädel gebunden, mit ſehr wenig Hei⸗ ligkeit von dannen zog.“ Alle Anweſenden fanden in dieſer Heldenthat zwar ein Bischen Tollheit, aber doch viel Humor; ja, der Helfer erklärte ſogar, daß der Scherz ganz attiſch ſey. Freilich war auch dieſer Ehrenmann beſonders geeignet, Jacks Späße zu würdigen, denn der Rector hatte ſeine Sechszig paſſirt, war ein rüſtiger Trinker und Jäger, und unſer Held hatte die Pfründe zu vergeben. Man glaubte, Sir John könnte nun an ſeinen Thorheiten ge⸗ nug haben und nach Hauſe zurückkehren; aber er wollte durchaus nichts davon wiſſen. Er erklärte, er gefalle ſich ungemein in ſeinem neuen Kopfputze und ſein Höflichkeitsgefühl geſtatte ihm nicht, einen Beſuch bei Lord Loftiput, dem Lordlieutenant der Graſfſchaft, deſſen Wohnung ſie ſich jetzt näherten, zu übergehen. Da er ſich nicht bereden ließ, von ſeinem Entſchluſſe abzu⸗ gehen, ſo lehnte es männiglich ab, ihn zu begleiten, nur der Oberſt nicht. Lady Truepenny ritt daher mit ziemlich ſtarkem Geleite nach Hauſe, während Sir John und der Oberſt dem Grafen ihre Auf⸗ wartung machten. 8 Oberſt Chacehell war nicht ſo ſehr beſchmutzt worden, wie die übrige Geſellſchaft, und hatte aller ſeiner Kunſt und Sorgfalt auf⸗ geboten, um den Schlamm, ſobald er getrocknet war, auszureiben; er ſah daher nicht ganz wie eine Vogelſcheuche aus, obſchon er ſich in einem ſehr unpaſſenden Zuſtande befand, um ſich im Be⸗ ſuchszimmer einer Dame zu zeigen. Aber Jack war über und über mit Koth bekleidet und that noch obendrein groß damit.* Wir wiſſen, daß unſer Held von zwei Dingen nur eines thun konnte— entweder nach ſeinem eigenen Charakter handeln Eber einen 462 andern nachzuahmen, und in letzterem Punkte war er unübertreff⸗ lich. Indeß hatte er bereits die Thüre des Beſuchszimmers erreicht, ehe er mit ſich einig geworden, welche Rolle er annehmen ſollte. Sir John wurde angekündigt, und da man ſeine ſeltſame Ge⸗ ſchichte mit den in ahnlichen Fällen üblichen Uebertreibungen bereits kannte, ſo war die Familie des Grafen nicht wenig geſpannt, den Mann ſelbſt kennen zu lernen. Die Gräfin befand ſich mit ihren fünf ſchönen Töchtern, ihren vier Söhnen und einigen Beſuchen in dem beſten Beſuchszimmer. Auch der Graf war zugegen, um Jack einen gebührenden Begriff von ihrer eigenen Bedeutſamkeit beizubringen. In demſelben Augenblicke, als die Thuͤre aufging, beſchloß Sir John, nicht er ſelbſt zu ſeyn, ſondern da er den Hut und die Pe⸗ rücke des Doktor Cantiele auf hatte, ſo viel von deſſen kleriſchem Charakter anzunehmen, als er an dem würdigen Rektor entdeckt hatte, wenn derſelbe den Jäger mit ſeinem Kirchenornate zu ver⸗ hüllen ſuchte. Da ihm jedoch dieſe Rolle zu wenig Spielraum bot, ſo beſchloß er, ſie außerdem mit einem methodiſtiſchen Anfluge zu verzieren. Er ließ deshalb ſein Kinn ſinken, ſchlug die Augen gegen die Zimmerdecke auf und trat in das Gemach, während ihm Oberſt Chacehell auf dem Fuße folgte. Jack ſprach nicht, ſondern ſchritt langſam in die Mitte des Zimmers und blieb daſelbſt mit einwärts gedrehten Zehen bolzgerade ſtehen. Er hatte die Hände über der Bruſt gefaltet, drehte lang⸗ ſam ſeine Daumen umeinander und trug ein eigentlich verſteinertes Geſicht zur Schau, da nur in den Winkeln ſeiner halbgeſchloſſenen Augen ganze Schaaren lachender kleiner Kobolde niſteten. So ſehr auch der Oberſt an Jacks Schwänke gewohnt war, gerieth er doch über dieſe neue Umwandlung in großes Erſtaunen. Der Graf kannte den Oberſten ſchon von früher. „Es iſt uns dieſen Morgen ein Unfall zugeſtoßen, der unſer Ausſehen entſchuldigen muß; aber Sir John Truepenny war ſo be⸗ gierig, Eurer Herrlichkeit ſeine Aufwartung zu machen, daß wir be⸗ 463 ſchloſſen, nicht damit zu zögern, in der Hoffnung, Eure Herrlichkeit werde unſerem Mißgeſchicke etwas zu Gute halten.“ „Redet nicht davon, Oberſt Chacehell— redet nichts davon; und dies iſt alſo der berühmte Sir John Truepenny?“ „Der berühmte Sir John Truepenny,“ verſetzte der Oberſt mit einem zweideutigen Grinſen. Der Graf verbeugte ſich tief— Jack nahm gemächlich ſeinen Schaufelhut ab und verbeugte ſich noch tiefer— ſo tief ſogar, daß ihm ſeine oder vielmehr Doktor Canticles Perücke vom Kopf fiel und ſeine eigenen mit Puder, Schlamm und Waſſerlinſen verklebten Haare zur Schau ſtellte. Die Damen, ſelbſt die ſtattliche Gräfin nicht ausgenommen, gaben ſich alle Mühe, ihr Gelächter zu unter⸗ drücken, während die Gentlemen ihrer Heiterkeit freien Spielraum ließen. Jack verzog keine Muskel, ſondern ſetzte ſeine Zehen in die Perücke, hob ſte mit ſeinem Fuße nach der linken Hand herauf und begann dan, ſte mit ſeiner rechten zu bearbeiten, als könne ſie die Züchtigung empfinden. Nach dieſen poſſenhaften Ceremonien ſetzte er ſie beträchtlich ſchief wieder auf ſeinen Kopf und rief dann in langgedehnten Worten: „Ich bin nun unter dem Schutze der Kirche— ja, ich bin wie ein Lamm in ſeinem Pferche, befinde mich in dem Schafſtalle des Tempels und will mich wohlbehalten niederſetzen unter den Spöttern.“ 8 Nachdem er alſo ausgerufen, warf er ſeinen beſchmutzten Leich⸗ nam auf ein reiches Damaſtſopha— zum großen Entſetzen der Gräfin und zur unendlichen Beluſtigung ihrer Töchter. Der Graf und der Oberſt flüſterten bei Seite mit einander. „Toll oder betrunken?“ fragte der Erſtere. „Weder das Eine, noch das Andere ganz, aber dich ziemlich viel von beiden,“ lautete bi⸗ Antwort. 464 wieſen nur, daß unſer Kraftgenie ungemein ſchüchtern war. So oft er über eine Seemannsphraſe ſtolperte, hielt er plötzlich inne und beging mit einer ſehr geweihten Miene irgend eine Konventikel⸗ ſünde. Er ſprach von den Blicken des neuen Lichtes, die er in letzter Zeit erhalten; er habe erſt kürzlich noch tief in dem Pfuhle der Verzweiflung geſteckt und ſey durch ſein Ringen nach Gnade daraus gerettet worden, während die Verkörperung derſelben in der Perſon des Doctors Canticle vor ihm Reißaus genommen habe. Dennoch ſey es ihm gelungen, ſie einzuholen, und er habe dann alle die menſchliche und göttliche Gnade, die der Rektor je in ſeiner Individualität beſeſſen, auf ſich übergetragen, indem er ſich deſſen Hut und Perücke zueignete. 3 Sir John machte ſodann dem Grafen Komplimente wegen ſeiner großen chriſtlichen Demuth, der Gräfin wegen ihres Mangels an weltlichem Prunk und den jungen Ladies wegen der beſcheidenen Einfachheit ihres Anzugs, worauf er ſich in einem rührenden Erguſſe über die ehrenhafte Männlichkeit der jungen Ehrenwerthen erging und ganz pathetiſch wurde über den hohen moraliſchen Charakter und das züchtige, makelloſe Benehmen des Oberſten. Alles dies brachte er mit einer ſtarren Gravität vor, die keine Gegenrede zu erſchuttern vermochte, und die Anweſenden wußten nicht, ob ſie's hier bloß mit einer Anwandelung von Thorheit oder mit einer Maske zu thun hatten, welche die bitterſten Sarkasmen bemänteln ſollte. Er beſchränkte übrigens ſeine Ungereimtheiten nicht bloß auf Worte, ſondern richtete allen nur möglichen Schaden an, indem er jeden Stuhl, dem er nahe kommen konnte, beſudelte, die Vaſen herunterwarf und die Arbritstiſche umſtürzte. Endlich verließ die Gräfin, welche die gänzliche Zerſtörung ihres beſten Möbelwerks beſorgte, mit ihren Söhnen und Töchtern plötzlich das Zimmer, und der Graf erinnerte ſich mit einemmale, daß er wegen einer ſehr wichtigen Angelegenheit das Haus verlaſſen müſſe. te Jack,„ſo will ich Euch ein andermal erbauen. Ich 465 gedachte heute ein ſpärliches Mahl mit Euch einzunehmen, wie Chriſten mit einander thun ſollten— ohne Lärm, ohne Heuchelei — in Demuth des Geiſtes— in Nüchternheit und Mäßigkeit— heiter im Glauben und im Geſpräche von guten Werken. Wir hätten nach Doctor Cantiele ſchicken können— er wäre in einer neuen Perücke gekommen— und hätte neues Licht mit ſich gebracht — ja, es iſt unmöglich zu ſagen, wie weit wir's dann in der Gott⸗ ſeligkeit gebracht hätten. Doch dazu iſt auch ein andermal Zeit, chriſtlicher Bruder— denn ich weiß, es würde Eure Beſcheidenheit rletzen, wenn ich Euch mit den eiteln Titeln des weltlichen Stol⸗ zes anreden wollte. So lebt denn wohl, chriſtlicher Bruder.“ Wir brauchen nicht zu ſagen, daß der gemeſſenſte Befehl er⸗ theilt wurde, Sir John Truepenny unter keinen Umſtänden mehr Zutritt zu geſtatten. Jack und der Oberſt ritten eine Weile ſchweigend neben einan⸗ dey und ſahen ſich gegenſeitig etwas argwöhniſch an. Endlich be⸗ gann der Oberſt: „Truepenny, Ihr ſpielt Euer Spiel nicht gut.“ „Meint Ihr, mein Bachſtelzchen?— Aber Ihr wißt, ich ſpiele nie.“— 3 „Wohlan denn— offen geſprochen, dann ſeyd Ihr nur um ſo mehr zu beklagen. Ihr bedürft einer edlen Aufregung— einer gentlemaniſchen Beſchäftigung— in der That, Eure Unthätigkeit be⸗ 65 einträchtigt Euren Geiſt. Ihr habt vor dem Grafen ſeltſam ge⸗ ſprochen und Euch auf's Abgeſchmackteſte benommen. Er hat für immer mit Euch gebrochen.“ „Meint Ihr?“ „Und da wir eben daran ſind, ſo will ich Euch als Freund— auf Ehre als Freund— ſagen, daß Ihr Euch den ganzen Tag über einer Menge von Ungereimtheiten ſchuldig gemacht habt, die jeden Anderen, von deſſen gutem Verſtande man weniger über eugt Marryat's W. XX. Jack am Lande. 1 1 * 466 wäre, in ein Tollhaus gebracht haben würden. Ich wiederhole, True⸗ penny, Ihr ſpielt Euer Spiel nicht gut.“ „Oberſt, ſpiele ich etwa mit Euch?“ Er ſprach dies mit ſo barſcher, befremdlicher Stimme, daß der Oberſt für einen Augenblick zuſammenfuhr, er erholte ſich jedoch ſchnell wieder und entgegnete mit ruhiger Unverſchämtheit: „Wahrſcheinlich doch.“ „So möchte ich wenigſtens wiſſen, um welchen Einſatz es geht,“ erwiederte Jack, wieder in ſein gewöhnliches ſorgloſes Weſen zurückverfallend.„Obgleich ich nicht mit Euch ſpielen will, und ob⸗ gleich Ihr glaubt, Ihr könnet mich gegen meinen Willen zu Eurem Spielballe machen, ſo will ich doch, unter Beſeitigung von Karten und Würfeln, die Wette für die Kirchthurmjagd verdoppeln, die wir mit einander abgemacht haben.“ „Nicht doch; hundert Guineen ſind mehr als ich verlieren kann, und juſt ſo viel, als ich von Euch gewinnen möchte und gewiß auch gewinnen würde.“ „So ſetze ich zweihundert gegen eines, wenn Ihr mich den Grund wählen laſſen wollt.“ „Das laſſe ich wohl bleiben, niein Salzwaſſerwagehals. Ich gehe auf Alles ein, was Noß und Neiter auszuführen im Stande ſind— aber Ihr wißt die Kraft eines Pferdes nicht zu ermeſſen und habt keine Augen für Diſtanzen— der ſchmutzige Sumpf des heutigen Morgens liefert einen hinreichenden Beweis dafür. Außer⸗ dem bin ich nicht unglücklich verheirathet und möchte das Wettren⸗ nen erfolgreich durchführen— ein gebrochener Hals wäre kein Troſt für mich. Ein Gentleman aus der Nachbarſchaft ſoll den Grund auswählen, 8sd ich will den Ritt mit Euch thun, ſobald es Euch anſteht.“. „Gut; ſo ſey's denn übermorgen, da wir morgen die Wild⸗ par e unterſuchen müſſen.“ 8„Zugeſtanden. Aber es muß geritten oder bezahlt werden. Wohl⸗ * . 467 gemerkt, Sir John, die Einſätze müſſen bezahlt werden, ob der Verlie runde nun reite oder nicht, und Zufälligkeiten, Krankheit und derglich en machen keinen Unterſchied. Eine Wette iſt immer ein San hen bei dem man ſich auf alle Fälle gefaßt halten muß.“ Ich finde dies ſo ziemlich natürlich, obgleich ich meine Zeit nicht auf Rennplätzen verbrachte, wie Ihr— es iſt ſt gut ſo.“ „Und ich habe die Wahl zwiſchen den Pferden?“ 2 „Verſteht ſich.“ Es fiel nichts Merkwürdiges vor, bis Sir John, ſeine Gattin und dneic Gäſte ſich zum Diner niederſetzten. Als wolle unſer Held für die Ungereimtheiten, in denen er ſich am Morgen ergangen, Er⸗ ſatz bbeiem verhielt er ſich beſonders ruhig und zeigte in ſeinem Be⸗ nehmen den wohlerzogenen, wenn ſchon nicht fein gebildeten Gentle⸗ man. Die Gäſte, welche von den Tollheiten des Morgens gehört hatten, fühlten ſich durch ſeine anſtändige Haltung auf's Ange⸗ nehmſte überraſcht; aber dem Oberſten waren d derartige Ord dungsanfälle ſtets zuwider, und er verſuchte unabläſſig, ihn zu einer Ueberſpannt⸗ heit zu reizen, was ihm übrigens im Laufe des Abends nicht gelang. Das hl war eben in vollem Gange, als der hochgeborene Mr. Erasmus Muscrat in einer vierſpännigen Poſtchaiſe anlangte. Er war unſerem Helden wildfremd, zweifelte aber nicht, als Unter⸗ ſtaatsſelretär und Vertrauter des Miniſters eine günſtige Aufnahme zu finden. Seine Erwartungen wurden nicht getäuſcht. Jack wollte vor Abfertigung des Mahls nichts von Geſchäften hören. Dann kam der Wein, und unſer Held verſchob jede ernſte Angelegenheit, bis die Gentlemen aufgebrochen wären. Erſt dann war, wie Jack zu ſagen pflegte, die Grogzeit des Tages, und er war nun hinrei⸗ chend geeignet für dieſe oder jede andere Aufgabe, welche Urtheil und Ueberlegung forderte. 2 Hätten wir hinreichend Raum, ſo würden wir gerne die ganze Unterhaltung zwiſchen dem Matroſenbaronet und dem in Kanzleien erzogenen Staatsmanns⸗Embryo geben— denn die überzuckerte xX . nichtsſagende Geſchmeidigkeit des Letzteren ſtach allerliebſt ab gegen die ehrenhafte, männliche Derbheit des Andern. Er brachte einen Brief von dem Miniſter, welchem ein zweiter von ſeinem Vetter Lord Fortintower beigeſchloſſen war— beide des Inhalts, daß Jack ſeinen ganzen Einfluß aufbieten ſollte, um die Wahl des Torykandidaten Mr. Mar durchzuſetzen. Sir John er⸗ wiederte, daß er ſelbſt als Bewerber auftreten werde. Der Geſandte geruhtegzu erklären, daß er hocherfreut ſey, dies zu hören, denn ohne Zweifel ſehe er in Sir John eine Stütze aller gerechten und guten Maßregeln, wie auch einen Anhänger der Männer, welche die Bollwerke des Throns, die Pfeiler der Konſtitution, die Stützen der Freiheit, und ſo weiter, ſeyen. Um ihn zu quälen, entgegnete Jack, daß er ſich bereitwillig der Zahl dieſer Pfeiler anſchließen wolle, akber entſchieden Willens ſey, durch dick und dünn für Mr. Fox zu ſtimmen. Erasmus Muscrat ließ voll Beſtürzung ſein Glas fallen— das war ein falſcher Schritt; er erholte ſich jedoch wieder und fuhr fort zu ſprechen. „Nun,“ ſagte Jack,„Ihr ſcheint mir ein aufgeweckter, rühriger junger Burſche zu ſeyn“— denn unſer Held war Willens, in einer ſo wichtigen Angelegenheit Er ſelbſt zu ſeyn—„und ich zweifle nicht, daß in Euch ein guter Beſahnmarsmann verdorben iſt; das will mehr heißen, als ich Hunderten von den jungen Stutzern, de⸗ nen ich in der Stadt begegnete, nachſagen möchte. Ihr ſollt da⸗ her wenigſtens bis zum nächſten Sonnabend hier bleiben— es werden dann alle Wähler bei mir ſpeiſen. Ihr könnt dann ſehen, welche Ausſicht Euer Freund hat, denn ich will, daß es zu einem ehrlichen Gefechte zwiſchen uns komme. Morgen gehen wir auf die Jagd, übermorgen gibt es ein Kirchthurmrennen mit dem Obriſten — es wird Euch daher nicht an Unterhaltung fehlen. Es gibt viele hübſche Mädchen in der Umgegend und ihrer eine ganze Kom⸗ pagnie bei dem Grafen von Loftiput. Die Leute halten mich für einen kurioſen Menſchen, aber ich bin noch nicht mit mir einig 8 469 geworden, was ich ſeyn will— Ihr müßt daher an nichts Anſtoß nehmen. Ich möchte gerne den Gentleman machen, wenn ich nicht fände, daß ſie ſammt und ſonders in Wirklichkeit entweder Narren oder Schelme ſind— wenigſtens alle die feinen Gentlemen, welche mir je vor die Klüſe kamen. Morgen geht's, wie geſagt, auf die Jagd— da ich nun junge Leute nicht zum Grogtrinken ermuthigen möchte, ſo könnt Ihr entweder zu den Damen hinaufgehen oder Euch einthun. Ihr werdet gutes Quartier finden, und die einzige Weiſe, in welcher Ihr das Werk Eures Herrn ausführen könnt, beſteht darin, daß Ihr hier bleibt und zuſeht, wie das Land liegt.“ „Mein Herr, Sir John Truepenny? Doch, das iſt von keinem Belang— ich ſehe, daß Ihr ein Humoriſt ſeyd, und ſo wünſche ich Euch gute Nacht.“ Jack ließ nun ſeinen Feind in der Geſtalt von kaltem Rum und Waſſer herein kommen, deßgleichen auch Groggy Forhead her⸗ beibeſcheiden, im Falle dieſes würdige Individuum ſich in einem Zuſtand befand, daß man ſich mit ihm unterhalten konnte. Da Letzterer heute ſchon zum Drittenmale wieder nüchtern geworden war, ſo präſentirte er ſich und füllte ſein Glas, worauf die beiden ihre unterſchiedlichen Angelegenheiten zu beſprechen begannen. Groggy Forheads Bericht über die Hunde lautete ſehr günſtig, obgleich er, um ſeine Kenntniſſe zu zeigen und ſeine Bedeutſamkeit zu erhöhen, einige tiefgelehrte Bemerkungen fallen ließ und davon ſprach, daß er ein paar Hunde, die er bereits zu ſeinen Patienten ausgeleſen, eine regelmäßige Kur durchmachen laſſen wolle. Zunächſt wurden die Pferde gelobt, und Mr. Forhead beliebte, Sir John über ſein vortreffliches Geſtüt Komplimente zu machen— die Thiere brauch⸗ ten nur ein Bischen Arbeit, waren ſonſt aber in ganz vortrefflicher Ordnung. Viel von dieſem Geſpräche, das zwei Stunden währte, war für unſern Jack, wie er ſich ausdrückte, heidniſches Griechiſch, weshalb er einen Becher Halbundhalb um den andern trank und das Herz des Spitzöuben durch die unbedingte Achtung, die er ſei⸗ nem Urtheile zollte, unbedingt gewann. Auch die Wahlangelegenheit kam zur Sprache. Er hatte mit dem größten Theil der Wähler getrunken und die Entdeckung ge⸗ macht, wie nicht daran zu denken ſey, daß irgend ein Candidat als Sir John oder derjenige, den er vorſchlügs, gewählt werden würde; wenn Jemand auftrete, um ihm zu opponiren, ſo ſey kein Haus im ganzen Orte, das ihn aufnehmen wolle, und der Mann habe von Glück zu ſagen, wenn er der Ehre des Theerens und Federns entrinne.. Jack hatte ſich Groggys. Anhänglichkeit durchaus geſichert— nicht ſo faſt durch ſeise Güte als vielmehr durch ſein edles Beneh⸗ men, wie es der Ehrenmann nannte, daß er ihm das Departement der Hunde und Pferde ausſchließlich überließ. Der Hundezüchter pflegte, wo es nur immer anging und mög⸗ lich gemacht werden konnte, ſich jeden Tag ſo oft zu betrinken, als er nur vermochte. Sein erſter Trunkenheitsanfall war ſtets fidel, der zweite händelſüchtig und der letzte weinerlich. Als daher die beiden erleuchteten— Beginn fortmachten, wurde Groggy ganz ſentimentalud thränenreich— er ſchwor, Sir John ſey ein regelmäßiger Trumpf, den er wie eines von ſeinen eigenen Kindlein liebe, und was dergleichen Gefaſel mehr war. Dabei gab er Jack zu verſtehen, der Obriſt habe ihm fünf Guineen gegeben, um unſern Helden morgen Abend ſo furchtbar betrunken zu machen, daß er völlig unfähig ſey, am darauf folgenden Tag das Kirch⸗ thurmrennen zu beſtehen. Wie Jack von dieſem kleinen hinterliſtigen Schelmenſtücklein hörte, wurde er wieder ein bischen nüchtern. Er danfte dem Be⸗ richterſtatter und erklärte ihm bei Strafe ſeiner Ungnade, in ſeinem Hauſe von Niemand Geld anzunehmen, als von ihm ſelbſt; dann nahm er einen tiefen Zug kalten Waſſers, wünſchte ſeinem ver⸗ ſchmitzten Freunde gute Nacht und begab ſich zur Ruhe. Groggy 471 trank noch fort, bis er eben noch im Stande war, nach dem Glocken⸗ zuge hinzutaumeln, den er um ſeinen linken Arm wickelte. Dann führte er mit der Rechten ein gewaltiges Glas nur wenig mit Waſ⸗ ſer gemiſchten Rums an ſeine Lippen, goß die Flüffigkeit hinunter und hatte dann juſt noch Beſinnung genug, um das Glas weit wegzuwer⸗ fen, damit ex ntcht darauf falle. Als er unmittelbar darauf bewußtlos niederſtürzke, ſchellte ſeiner umſichtigen Maßregel zufolge die Klin⸗ gel ſo wüthend, daß die Bedienten erſchienen und ihn ſeiner vor⸗ läufig ertheilten ſſung gentaß zu Bette brachten; denn in der Küͤnſt, ſich gemächlich und ſyſtematiſch zu betrinken, konnte ſich iemand mit dem berufenen Grou Dorhead Roßdoktor, Hunde⸗ Der Nann wee 26 einen ſchönen Morgen eingeführt. Sir John Truepdnand f ſich gebührend in einen Jagdanzug und brach, den Obriſten, Mr. Erasmus Muscrat, zwei benachbarte Squire und eine Schaar von Wildhütern und ſonſtigen Jagdanhängſeln in ſeinem Gefolge, gegen zehn Uhr auf, um den Jagdbezirk von For⸗ tintower zu durchſtöbern. Groggy Forhead war gleichfalls dabei, wurde aber nicht mit der Hut eines Gewehres betraut. Alles war augenſcheinlich in beſter Laune und der Obriſt be⸗ gann zuerſt zu necken, indem er Jack bedeutete, er möchte ſich um des wichtigen Wettrennens willen, das am andern Tage ſtattfinden 472 ſollte, doch ja nicht ermüden; denn er wiſſe ja, daß entweder ge⸗ ritten oder bezahlt werden müſſe. Jack ſpaßte mit, trug aber ſein doppelläufiges Gewehr ſo ungeſchickt, daß Jedermann Sorge trug, aus ſeinem Wege zu bleiben. Sie trafen bald auf Wild, und unſer Held mußte als Wirth zuerſt feuern, zeigte ſich aber durchaus als einen kläglichen Schützen, da er Alles verſehlte. Statt auf die Haſen zu feuern, rannte er ihnen mit dem Gewehre in der Hand nach: er ſprang unter die Hunde hinein, jauchzte nach Weiſe der Matroſen, blieb an den Hecken hängen, verſchwand in den Gräben und purzelte köpflings in Austiefungen hinunter; auch ging, wäh⸗ rend er rollend und ſtolpernd weiter wanderte, ſein Gewehr nach rechts und links los, ſo daß männiglich ſehen konnte, er werde al⸗ ler Wahrſcheinlichkeit nach etwas ſchießen, aber nur keine Vögel oder ſonſtiges Wild. Der hochwohlgeborne Mr. Erasmus Muscrat gerieth darüber frühzeitig dermaß en in Schrecken, daß er ſich mit ſchlimmem Kopf⸗ weh entſchuldigte und nach der Halle zurückkehrte; bei den Uebrigen war jedoch der Nimrodgeiſt zu kräſtis⸗als daß ſie ſich durch eine ſolche Kleinigkeit hätten ei ſchtern laſſen. Sie begnügten ſich damit über Sir John uchen und ſtellzen ihn da, dort und überall hin, wo er ihnen aus dem Wege⸗war. Jack feuerte fort, aber ſtets mit dem gleichen ſchlimmen Erfolge. Endlich wurde er unmuthig oder that wenigſtens dergleichen, redete ſehr verächtlich von Vergeudung des Pulvers und Bleis au ſo unbedeutende Thiere, als Faſanen oder Rebhühner ſeyen, und ſprach heroiſch vom Nieder⸗ ſchießen der Franzoſen. Die Jäger lachten bloß über ihn und zogen weiter, während Jack ärgerlich in der Nachhut blieb. Groggy war ſtets in ſeiner Näͤhe. Unſer Held war kaum von den Uebrigen ab⸗ gekommen, als ihm Oberſt Chacehell zurief, er möchte ſeine Kunſt auf zwanzig Schritte an einem Heuſchober verſuchen, ſich aber ja nicht allzuſehr ermüden, damit er ſich für das morgige Rennen nicht erſchöpfe. 473 Die Jagdgeſellſchaft war nun in eine ſehr dichte Anpflanzung gekommen, wo die Räume zwiſchen den Bäumen mehr als bruſthoch mit Unterholz ausgefüllt waren, ſo daß kaum ein Faſan durchſchlüpfen konnte. Hier wimmelte es von Vögeln, und das Feuern machte faſt unaufhörlich fort. Da die Uebrigen nun beträchtlich voraus waren, bemerkte Groggy gegen Sir John, daß es eben gar nicht gehen wolle. 5 „Und doch,“ verſetzte Jack,„ſtach ich mit Muskete und Kugeln jeden Mann an Bord aus. Ich ſtand oft mit den Kleingewehr⸗ männern auf der Hütte und habe auf den erſten Schuß eine Flaſche getroffen, die am Ende der Focknocke aufgehangen war. Es kommt wohl Alles nur auf die Uebung an— wenn ich nur ein Ziel hätte.“ „Nicht doch— feuert auf etwas Lebendiges, Herr— oder we⸗ nigſtens auf etwas in Bewegung. Borgt mir Euren Knaller und bleibt ſtehen, wo Ihr ſeyd.“ Groggy verſchwand nun mit Sir Johns Büchſe, kehrte aber nach einigen Minuten mit einem Faſane zurück, den er damit her⸗ unter geholt hatte. Beide Läufe wurden wieder geladen und das Gewehr unſerem Helden zurückgegeben. „Nun, Sir John, Ihr ſollt Euch jetzt an dieſem Vogel ver⸗ ſuchen— aber wir müſſen es ſo natürlich machen, als ob er noch lebte. Ihr feuert zu bald— wenn ich Feuer rufe, ſo laßt knallen — aber kommt in den Schlag— wenn Ihr etwas Lebendiges ſeht, ſo geht darauf los, aber feuert nicht höher, als eine Mannshüft. In dieſem dichten Gebüſch können ein paar Schrote von Nummer ſechs ihren Weg wohl durch einen ſehr weichen Schädel finden. Nur ſicher gezielt und haltet Euch wacker, Sir John. Ich will ungefähr zwanzig Schritte voraus— erinnert Euch an die Flaſche an der Nocke.“. Und der Hundezüchter machte eine Miene, die faſt zu ſchlau war für einen Sterblichen. Er ging in den Schlag voran und Jack folgte ihm mit ſeinem Gewehr, um die Uebung vorzunehmen. △ Sobald ſie einen Ort erreicht hatten, der Groggy paſſend zu ſeyn ſchien, ſchleuderte er den Faſan in die Luft. Jack ſchlug an und ſobald der Vogel im Herunterfallen faſt wieder den Boden erreicht hatte, rief der Hundezüchter:„Feuer!“ worauf unſer Held ſein Gewehr knallen lies. Ein dreifacher Ruf wurde gleichzeitig gehört. „Endlich getroffen!“ brüllte Jack. „Bravo! Hurrah!“ rief Groggy. „Hölle und Tod! ich bin für Lebenszeit zu Schanden gerichtet — einen Wundarzt! einen Wundarzt!“ kreiſchte der Oberſt. Alle ſammelten ſich nun um den verwundeten Jäger, wobei Jack nicht vergaß, großthueriſch den Faſan hoch in ſeiner Hand zu tragen. „Wo habt Ihr Schaden genommen— wo, wo?“ lautete all⸗ gemein die theilnahmvolle Frage. Die zahlreichen Löcher und die Blutſtrömchen, welche an jenem Theile des Anzugs hervorſickerten, welcher die menſchliche Geſtalt juſt unter dem Rücken und über den Dickbeinen bedeckt, ließen die Sache nicht lange zweifelhaft. Die nächſte Frage lautete:„Wer hat es gethan 2“ Jack zeigte ſeinen Vogel, und Groggy betheuerte, daß es unmöglich unſer Held geweſen ſeyn könne. Man dachte nicht weiter an die Jagd, ſondern fertigte eine Tragbahre an, auf welcher der Oberſt in ſehr unruhi⸗ gem Zuſtande nach dem Herrenhaus zurückgetragen wurde. Während dieſer Proceſſion ging Jack an der Seite des Patienten her und ſpielte die Rolle des theilnehmenden Freundes. Er bemerkte, daß keine eigentliche Gefahr vorhanden ſeyn könne— bloße Fleiſchwun⸗ den— die Schrote müßten ſorgfältig herausgeholt werden, und er ſelbſt wolle, wenn es ſeyn müſſe, dabei ſeyn und zuſehen— ja, er wolle dies thun aus Freundſchaft zu dem Leidenden. Frellich wenn nur ein einziger der Schrote zurückbleibe, ſo köͤnne es ge⸗ fährlich werden— ſehr verhängnißvoll— in Anbetracht des Lebens, das er geführt habe, denn ſein körperlicher Zuſtand ſey erbärmlich — 475 ſchlimm. Er habe Wunden von Kartätſchenſchrot geſehen— der Wundarzt ſey zu nachläßig geweſen, um alle die kleinen Stücke heraus zu langen— und überall, wo dies geſchehen, ſey Brand eingetreten. Ja, er wolle dabei ſtehen und ſehen, wie auch das letzte Korn heraus geholt werde— und das Gleiche ſolle auch der gute ſorgfältige Groggy Forhead thun. Dies werde ein Troſt für ſte Alle ſeyn. Wahrſcheinlich werde der Oberſt morgen nicht reiten können, und es thue ihm leid, daß der Ritt oder die Bezahlung ausbedungen ſey— aber es ſey des Oberſten eigene Stipulation und was liege im Grunde an hundert Guineen?— Nichts. In dieſem liebenswürdigen Zuge machte unſer Freund fort; aber der Oberſt war undankbar und antwortete auf die freundliche Theilnahme nur mit Stöhnen, Fluchen, halb erſtickten Rachedrohun⸗ gen und Verwünſchungen über ſeine eigene Thorheit, daß er mit einem tollen Seethiere auf die Jagd ausgezogen ſey. Jack ließ ſich übrigens durch dieſes undankbare Benehmen nicht aufbringen, ſondern verhielt ſich ſanfter als je und gab dem Patienten die Ver⸗ ſicherung, der eben geſchoſſene Vogel ſolle ausdrücklich für ihn auf⸗ bewahrt werden, damit er ihn verſpeiſe, ſobald es ihm der Arz zt erlaube. 8 Einundvierzigſtes Kapitel. Enthält bloß den Bericht über ein Wahl⸗Diner, kann daher als ein Ge⸗ meinplatz übergangen werden. 8 Am anderen Tage ging Jack inmitten einer Menge von Zuſchauern zu Fuß über den Grund und gewann ſeine Wette, während ſich der Oberſt voll Wuth auf ſeinem Schmerzenslager umherwarf. Sir John hatte, ohne es zu ahnen, in ſeiner Vorausſage vollkommen — 1 1 — —— 476 Recht gehabt, denn die zahlreichen Wunden eiterten reichlich und der Oberſt gerieth in große Gefahr. Keine Jagden und Wettrennen, wohl aber Unthätigkeit, lange Weile und eine verhaßte Mäßigkeit waren jetzt das Loos dieſes faſhionablen Mannes. Fortan wollte Niemand mehr mit Sir John die Wildlager beſuchen, Groggy und ſeine Waldſchützen ausgenommen; aber unſer Held lernte bald im Fluge treffen und wurde ein tüchtiger Jäger. Auch ſäumte er nie, am Abende ſich an dem Lager des Verwundeten einzufinden, wobei er ſtets, eitel prunkend, ſeine Trophäen zur Schau trug. Oberſt Chacehell hätte vor Zorn vergehen mögen. Der hochwohlgeborene Erasmus Muserat hatte einen ausführ⸗ lichen Bericht über den Stand der Sache und eine getreue Schil⸗ derung unſeres Helden an den Miniſter eingeſchickt, weshalb ihm der Letztere die Weiſung gab, bis nach dem Wahldiner in der Halle zu bleiben, da ſich außerdem Tags zuvor Mr. Max zu Fortintower einfinden werde. Auf einem oder dem anderen Wege hatte Sir John genau er⸗ fahren, was vorgefallen war und noch ſtatthaben ſollte; er ſteckte daher um die Zeit, in welcher die Ankunſt des Mr. Marx erwartet wurde, ſich und ſeinen getreuen Groggy in Bauernkleider und fuhr in einem geborgten Wägelchen in das Städtlein hinuntar Sie wurden nicht erkannt. Pünktlich um die anberaumte Zeit langte Mr. Mar in einer vierſpännigen Chaiſe an; ſein Bedienter und die Poſtillone waren mit orangefarbigen Schleifen verziert. Wohl nie hatte ein Wahl⸗ kandidat eine ſchlechtere Aufnahme gefunden, denn jedes Wirtshaus weigerte ſich, ihn einzulaſſen, ſo daß er nnter dem höhnenden Ge⸗ lächter des Pobels von einem zu dem andern fahren mußte. End⸗ lich kam es von den Spottreden zum Schimpfen und vom Schim⸗ pfen zu kleinen Thätlichkeiten. Auch fehlte es nicht an einigen Muthigeren, die ihn einer noch ſchlimmeren Behandlung unterwarfen. Endlich wurden die Pferde angehalten und Mr. Mar ergriffen, 477 wobei die ehrenwerthen Wähler die Abſicht ausdrückten, ihn wohl⸗ bedächtig durch eine ſehr ſchmutzige Roßſchwemme zu ziehen. Bei dieſer Wendung legten ſich Jack und Groggy ins Mittel und ihren fertigen Fäuſten gelang es, den Kandidaten zu retten. Sie ſetzten ihn auf ihr Wägelchen und riefen den Poſtillonen zu, ihnen zu folgen, worauf ſie ſich in aller Eile davonmachten. Mr. Mar erſchöpfte ſich in Dankſagungen und bot den ver⸗ meintlichen Landleuten Geld an, war aber doch ein wenig überraſcht, als ſie daſſelbe lachend zurückwieſen. Sobald ſie das Städtchen ziemlich weit im Rücken hatten, forderte Sir John Groggy auf, das Wägelchen nach Hauſe zu bringen und deutete Mr. Mar ſeine Abſicht an, zu ihm in die Chaiſe zu ſteigen. Der Gentleman äußerte darüber einige Bedenklichkeiten, die unſern Jack ſehr ergötzten, aber noch weit mehr ärgerten. „Nun, was iſt denn in dem Winde?“ fragte er. „Ja, ſeht Ihr, mein guter Freund— es iſt zwar wahr, daß Ihr mir einen großen Dienſt geleiſtet habt, und ich bin nicht nur bereitwillig, ſondern wünſche auch ſehnlichſt, Euch dafür zu bezah⸗ len, um ſo mehr, da Ihr mir verſprochen habt, mich nach einem Platze zu bringen, wo ich eine gaſtfreundliche Aufnahme und meine Leute Verpflegung ſinden würden—⸗ „Sorgt nicht— das ſoll geſchehen.“ „Um nun meine Verpflichtung gegen Euch vollſtändig zu machen, mein guter Freund— ſeht, da iſt Raum für Euch in dem Hinter⸗ ſitze neben meinem Kammerdiener— eine ganz vorzügliche Perſon, kann ich Euch verſichern. Ihr braucht Euch nicht vor ihm zu ſcheuen — er iſt durchaus nicht ſtolz, und ich bin überzeugt, daß er ſich ganz herablaſſend gegen Euch benehmen wird.“ „Je nun; wenn Ihr es ausdrücklich wünſcht, ſo will ich es thun; aber Ihr ſeyd ſeelenfroh geweſen, noch vor einer halben Stunde Eure zarten Gliedmaßen in meinem Wägelchen rütteln laſſen zu können.“ 478 „Wohl mein lieber Mann— doch wir dürfen die Ordnung in der Geſellſchaft nicht verkehren.“ „Gut alſo— he da— fahrt auf dem Wege links fort, bis Ihr an eine lange Bauernhütte kommt und dann lenkt ſchnurſtracks gegen die Halle ein.“ 1 „Florimel, wollt Ihr ſo gut ſeyn, Euch höflich gegen dieſen Ehrenmann zu benehmen?“ ſagte Mr. Max, als er in den Wagen ſtieg, welcher unmittelbar darauf abfuhr. Florimel, der dem Auftrage ſeines Gebieters nach Weiſe der Kammerdiener gehorchte, benahm ſich ſehr dünkelvoll und unverſchämt gegen Sir John, ſo daß ihm dieſer, wenn ſte abſtiegen, mit einer tüchtigen Tracht Schläge drohte, während Florimel ſeinerſeits ihm erklärte, er wolle ihn bei ſeinem Herrn verklagen. Als die Equipage an der Thüre der ſchönen Pförtnerhütte vor⸗ beikam, machte der Portier nicht nur große Augen nach der Perſon im Wagen, ſondern nahm auch ſeinen Hut ab und verbeugte ſich tief gegen den Hinterſitz, worüber ſich der Kammerdiener ungemein brüſtete und ganz unleidlich dünkelhaft wurde. An der Hallenthüre angelangt, beeilten ſich die Lakaien und der Hausmeiſter, den Hintenſitzenden herunterzuhelfen, ohne nur im geringſten auf den Herrn im Wagen zu achten. Mr. Florimel blähte ſich hierüber in neuem Bedeutſamkeitsgefühle auf, aͤrgerte ſich aber dafür um ſo mehr, als ihn die Bedienten ohne Umſtände bei Seite ſtießen und den erſehnten Beiſtand nur ſeinem verachteten Begleiter leiſteten. Mr. Mar hätte vergehen mögen, als er entdecken mußte, daß der Mann, den er für kaum würdig gehalten hatte, ſeinem Bedienten Geſellſchaft zu leiſten, ihn als ſeinen Gaſt in Fortin⸗ towerhall willkommen hieß. Wir haben übrigens keine Zeit, um uns weiter über dieſe Dinge zu verbreiten— keine Zeit, zu ſagen, wie ſich Mr. Max ſo ſehr ſchämte, daß er nur mit Schwierigkeit beredet werden 479. konnte, Sir Johns Gaſtfreundſchaft anzunehmen— wie es noch weit mehr Mühe koſtete, ihn zu vermögen, deſſen Opponent zu werden— wie Mr. Erasmus Muscrat hocherfreut war, Mr. Max zu ſehen— und welche vortreffliche politiſche Plane ſie mit ein⸗ ander ſchmiedeten. Ueber Alles dies müſſen wir raſch hingehen, um jetzt einen kleinen Umriß von dem berühmten Wahldiner zu geben,. Alle Stimmberechtigten entſprachen der Au forderung— nicht ein Einziger blieb aus. Lahmheit war kein Hinderniß, das Alter diente nicht als Entſchuldigung und auch die Kranken ließen ſich nicht abhalten. Männiglich war verſammelt— es war ein Tag der Ueberraſchung für ſie Alle. Jack ſpielte an dieſem Tage ſeine Rolle vortrefflich und ahmte die höfiſche, geſchmeidige Weiſe der Grafen von Loftiput auf's Treffendſte nach. Er war ganz ſo leer und hohl, wenn nicht etwa hin und wieder unwillkürlich ſein natürlicher Cha⸗ rakter ſich Luft machte. Die Gäſte hatten von ihrem Wirthe noch nichts geſehen, wohl aber viel von ihm gehört. Seine Schwänke waren durch das Gerücht noch überſpannter geworden, und man trug ſich über ihn mit ſo ſeltſamen Geſchichten, daß die Anweſen⸗ den ſich nicht gewundert hätten, wenn er ſie auf dem Kopfe ſtehend empfangen hätte— ja ſie hatten ſogar etwas der Art halb und halb erwartet. Sie waren erſtaunt, in ihm einen ſo vollkommenen Genkle⸗ man zu ſehen, denn ſie vermochten die Nachahmung nicht von der Wirklichkeit zu unterſcheiden. Alles überraſchte ſie— der ariſto⸗ kratiſche Prunk des Feſtmahles, die üppige Schönheit der Lady Truepenny, ihr finſteres, ungnädiges Benehmen gegen den Ba⸗ ronet und ihre leutſelige Freundlichkeit gegen Jedermann anders, namentlich aber der Umſtand, daß ſie den Mann, welchen ſie von ihren Thüren gewieſen und dem ſie die Ehre der Roßſchwemme zu⸗ gedacht hatten, als geſchätzten und von der Lady mit huldreichem Lächeln behandelten Gaſt an dem Tiſche ihres Grundherrn ſahen. 480 Die Ueberraſchung minderte jedoch ihren Appetit nicht, bis dieſer endlich die leckeren Speiſen, und letztere ihrerſeits den Appetit ge⸗ mindert hatten, ſo daß ſie jetzt wieder Muße zu neuem Erſtau⸗ nen fanden, wofür ſich dann auch bald reichliche Gelegenheit bot. Sobald das Tafeltuch entfernt war, erhob ſich der Bürger⸗ meiſter, welcher zugleich der Mälzer und Bräuer des Städtchens war, und brachte in einer Rede, die wir trotz aller unſerer Nach⸗ ſicht nicht zierlich nennen können, die Geſundheit des Sir John Truepenny, ihres künftigen Repräſentanten, in Vorſchlag. Brau⸗ chen wir etwas von dem jubelnden Beifall, von dem Trampeln der Füße und von dem Raſſeln der Gläſer, welches nun folgte, zu ſagen? Waren doch die Einſtimmenden lauter Grundholden, auf deren Beifall man ſtets mit Sicherheit zählen konnte. Sodann ſtand Jack auf, entledigte ſich der konventionellen Zie⸗ rerei, welche er angenommen hatte, und redete ſie in dem ein⸗ fachen Charakter eines Mitmenſchen folgendermaßen an: „Landsleute und Mitbuͤrger— als ein in England geborner und erzogener Seemann verſchmähe ich es, mich unter falſchen Farben zu zeigen. Mein würdiger und nur zu viel vernachläſſigter Freund hier, Mr. Singleheart— ſeht ihn an, dieſen freundlich aus⸗ ſehenden, biederherzigen Gentleman, der bis über die Augen er⸗ röthet— hat mir einige Dinge namhaft gemacht, die mir und euch zu thun gebühren— ich will daher meiner Obliegenheit nach⸗ kommen und dafür Sorge tragen, daß es von euch in gleicher Weiſe geſchehe. Nun, meine Schätzchen, die erſte Breitſeite, die ich euch zu geben habe, ſoll darin beſtehen, daß ich euch ſage, wie ihr euch in einem gewiſſen Falle ſammt und ſonders, von dem Schiffer bis auf den Schwappwaſcher herunter, als eine Bande ſchnüffelnder, ſchmutziger, ſpeichelleckender Söhne eurer Väter und Mütter, die hoffentlich beſſer geweſen ſind, als ihr, erwieſen habt, ſintemal ihr dieſen Gentleman mit einer Ungaſtfreundlichkeit und auf eine Weiſe behandeltet, die einem Hottentottenhaufen Schande 1 481 bringen würde. Als ob das die Weiſe wäre, ſich bei mir in Gunſt 3u ſetzen— mögt ihr dafür verdammt ſeyn— bei mir, der unter einer Flagge gefochten hat, deren Stock der Beſte unter euch nicht anzurühren würdig iſt. Nun, ich ſehe, daß ihr verwünſcht verdutzte Affengeſichter macht, und zwar mit Recht, wenn eine ſolche Sache zur Sprache kommt. Doch wohlgemerkt, ihr Leute, ich habe nichts gegen euch aus, als gerade wegen dieſes Scharmützels— will glauben, daß ihr lauter vortreffliche Männer in eurer Weiſe ſeyd— gute Haushälter— gute Väter— emſige Gewerbsleute, die regelmäßig zur Kirche oder in die Verſammlung gehen, gegen den Engel Gabriel Bilanz führen und ſo ihre Bücher ſauber halten für die nächſte Welt, obſchon ſie in der jetzigen ein Bischen beſudelt ſeyn mögen— ohne Zweifel würdige Männer, die pflichtgetreu ihren Weibern anhangen. Erſtlich vermuthe ich alſo, daß ihr Mr. Max um Verzeihung bitten werdet, und dann wollen wir in möglichſt freundlicher Weiſe unſer Geſchäft fortſetzen.“ Die achtbare Wählerſchaft des Bezirks Fortintower wurde nun einſtimmig laut und druckte ihr Leidweſen über das Vorgefallene aus, wobei Jeder einzeln für ſeine Perſon in Abrede ziehen wollte, daß er ſich bei der Beſchimpfung betheiligt habe. Aber Mr. Mer erhob ſeine Stimme und ſagte, man habe ihn durchans nicht be⸗ leidigt, und er betrachte das Ganze nur als einen angenehmen Scherz. Nun ließ Jack ſeine Fauſt donnernd auf den Tiſch fallen und gebot Stillſchweigen. „Gentlemen,“ ſagte er,„ich liebe die Aufrichtigkeit. Mr. Marx hat erklärt, ihr hättet ihn nicht beleidigt und es ſey nur ein angenehmer Scherz geweſen, daß ihr ihm mit Schmutz und Un⸗ flath zu Leibe gingt, weshalb ihr nichts zu bedauern habt. Es thut mir nur hölliſch leid, daß ich mich ſelbſt auch einmiſchte; aber ihr wißt für die Folge, Gentlemen, wie ihr ihn angenehm zu em⸗ hene habt, wenn er wieder unter euch kömmt. Ich wußte aht, daß der Kandidat und die Waͤhlerſchaft ſo gut zuſammen⸗ Marxryat’s W. XX. Jact am Lande. 31 482 paßten wie der Splißblock und die Höhlung der Stenge. Meine x guten Leute, ich habe euch nur noch zu ſagen— ſtimmt nach dem Bischen Gewiſſen, welches euch die Tyrannei eurer früheren Grund⸗ herren und eure Schachergewohnheiten gelaſſen haben. Ich will kein ſolcher Eſel ſeyn, um den Großmüthigen zu ſpielen und euch zu beſtechen, daß ihr gegen mich ſtimmt; finde ich aber einen Mann unter euch, der ſeine Stimme nur um deswillen gibt, um ſich bei mir in Gunſt zu ſetzen, ſo will ich nicht Jack Truepenny heißen, wenn ich ihm, ſo lange genug Kraft in mir iſt, nicht waidlich das Fell gerbe.“ Dieſer Ankündigung folgte lärmender Beifall und das Ein⸗ faugen vielen Weines zu dem Toaſte:„Unſer Grundherr und Un⸗ abhängigkeit!“ Jack entgegnete darauf, Mr. Marx wolle ihnen ſagen, warum er womöglich ihr Vertreter zu werden wünſche, um ſich die Mühe einer künftigen Einzelnbewerbung zu erſparen. Mr. Marx erhob ſich ſofort recht anmuthig und hielt eine Rede erſten Ranges. Nachdem er den Anweſenden zuerſt erklärt hatte, daß ſie die hochſinnigſten, unabhängigſten und würdigſten Wähler von der Welt ſeyen, ſo daß er ſich völlig unwürdig fühle, ſo viel Tugend und Edelſinn zu vertreten, forderte er ſie ſehr dreiſt und folgerecht auf, ihn zu ihrem Repräſentanten zu machen. Wir wür⸗ den ſeine begabte Rede der vollen Länge nach geben, wäre ſie nicht in allen Journalen, die nur je eine Wahlrede veröffentlich⸗ ten, tauſendmal abgedruckt worden. Der Inhalt lief darauf hihaus, daß, wenn ſie ihn zu ihrem Mitgliede kührten, ein Segen auf die Erde niederſteigen würde, der dem des tauſendjährigen Reichs nur wenig nachſtehe. Der Kandidat ließ ſich unter einſtimmigem Hur⸗ rahrufen wieder nieder, worauf ſich Sir John Truepenny erhob und folgendermaßen ſprach: „Ihr habt das Garn des Mr. Marx gehört— es war gut ge⸗ ſponnen und wohl geeignet, Allem, nur nicht einem Bugſpriet oder einem alten Matroſen einen blauen Dunſt vorzumachen. —QOꝰ—Xÿ Nehmt es für juſt ſo viel, als es werth iſt, und wenn ihr findet, daß ihr einen zu wohlfeilen Kauf geſchloſſen habt, ſo gebt ihm das aufgedrehte Ende wieder zurück. Was mich betrifft, ſo bin ich ganz anderer Meinung— in toto coelo von ihm verſchieden, wie mein lateiniſcher Lehrer zu ſagen pflegte; ich will damit ſagen daß in ſeiner Rede ſo viele Wahrheiten ſind, als die Seehunde Zehen haben. Warum ich mit meiner Gelehrſamkeit über euch komme, geſchieht deshalb, weil euch Mr. Max einige lateiniſche Brocken hinwarf, von denen er wohl weiß, daß ihr ſie nicht ver⸗ ſteht, und ich bin gleichfalls mit einem ſolchen ausgerückt, nur um euch zu zeigen, daß ich und Mr. Max, was das Latein betirfft, ſo ziemlich gleich ſtehen. Ihr Leute, ich habe Lehrer gehabt und Gott möge ſie ſegnen. Mein Gegner ſagte euch, was ihr für wichtige Perſonen ſeyd, und ich bin der Anſicht, daß es damit nicht ſo weit her iſt. Er ſprach von Aufrechterhaltung eurer glorreichen Konſtitution— nun, ich denke, ihr wißt nicht mehr davon, als ich, und das iſt ungefähr ſo viel, als der Katzenkopf von dem Kompaß verſteht. Ihr wißt nichts von der Ausgleichung der Ge⸗ walt, von Staatshaushalt, cirkulirendem Medium und der Eman⸗ eipation der Katholiken— ich auch nicht, und unter uns geſagt, es wäre für uns Alle gut, wenn andere Leute, die großen Pe⸗ rücken zum Beiſpiel, gleich ht mehr zu verſtehen meinten— das iſt Jacks Anſicht. Ich nichts von Geſetzgebung oder überhaupt von den Dingen, über welche man in dem Parlament Reden hält, um ſie nachher in den Zeitungen abdrucken zu laſſen, und will euch deshalb meine runde Meinung ſagen. Es iſt bereits zuviel Gelehrſamkeit dort— zuviel Redefertigkeit; dagegen fehlt es an ein bischen einfacher Chrl it nur um die Schreier daran zu er⸗ innern, daß es noch elwas der Art gibt, und wenn ihr mich zu eurem Vertreter macht, ſo will ich, ſo werde ich auf Abhülfe die⸗ ſes Mangels Bedacht nehmen. Ich will nur hingehen als des armen Mannes Freund, und wenn ich auch keine Reden für ihn 484 halten kann, ſo will ich doch einen Schrei hineinthun, daß die Stolzeſten und Trägſten darunter erſchrecken ſollen. Ueber Dinge, die ich nicht verſtehe, werde ich nicht abſtimmen, und wo ich weiß, wo Barthel Moſt halt, ſoll mein Votum der gerechten Sache gel⸗ ten, ohne mich mit Laviren und halbem Laviren zu bemühen, ſo lange ich meinen Hafen durch einfaches Geradſegeln erreichen kann Wenn alſo die Zeit kommt, meine guten Leute, ſo ſtimmt nach eurem Gewiſſen, und wenn ihr dann nicht den beſten Parlamentsmann hinaufſchickt, ſo möge euch der Herr eure Unwiſſenheit vergeben. Laßt ihr's euch aber einfallen, aus gemeinen und ſchäbigen Be⸗ weggründen zu ſtimmen, ſo ſoll euch der Teufel Huckepack mit ſei⸗ nen beſten Sporen zur Hölle reiten. Doch für jetzt nichts mehr darüber. Wir wollen uns nun ſo gütlich thun, wie Schmutzigel bei dem Grogfaß, und unter dem Beiſtand der Vorſehung einen glorreichen Duſel einthun.“ Und ſo geſchah es auch. Der hochwohlgeborne Mr. Erasmus Muserat brach mit ſeinem Freunde am nächſten Morgen nach London auf, ohne auch nur das mindeſte Fünkchen von Hoffnung in Be⸗ treff der bevorſtehenden Wahl mit ſich zu nehmen. Zweiundvierzigſtes Kapitel. Zeigt, wie man es mi Deputationen halten muß und wie man denſelben 4 gut antworten kann.— Ein Mittel, den Wind günſtig zu machen.— Geſunde Kirchthurmdoktrin.— Aufnahme einer Deputation und ein Diner am Banyontage. . Für das herannahende Chriſtfeſt fah man zu Fontintower einem ſehr rührigen Treiben entgegen. Der gewöhnliche Subſeriptionsball follte ſtatthaben, bei welcher Gelegenheit die beiden ſich gegenüber ſtehenden politiſchen Parteien ihre Kräfte entfalten ſollten; auch hoffte man, in Folge dieſes Anlaſſes Sir John, Lady Truepenny und ihre Gäſte zum erſtenmale in aller ihrer Glorie aufziehen zu ſehen. Demgemäß wurde der große Saal im Fortintowerwappen her⸗ geſtellt, herausgeputzt und ländlich verziert. Die Billete gingen rei⸗ ßend ab und man glaubte feſt, daß die ſtolze, ſormenſteife Familie des Grafen von Loftiput ſich herablaſſen werde, wenigſtens als Zu⸗ ſchauer zu erſcheinen, wenn ſich die Mitglieder derſelben auch nicht ſo weit wegwarfen, um an dem Tanze Theil zu nehmen. Die bloße Ladenariſtokratie fand bei ſolchen Gelegenheiten nie Zutritt, wenn nicht diejenigen, welche nach der Ehre trachteten, das Vorrecht, von den Squiren über die Achſel angeſehen zu werden, mit halben Gui⸗ neen zu bezahlen, einige verſoͤhnende Eigenſchaften hatten. Der da⸗ malige Zuſtand des Landes machte übrigens derartige Ausnahmen ſehr zahlreich, denn England wurde von einem Einfall bedroht und die Loyalität ſtand in der Höhe der Blutwärme. Die ganze Yeomanry des Bezirks wurde kraft ihrer Pferde und ihrer militäriſchen Aus⸗ rüſtung zugelaſſen, und die vereinigten Fortintower⸗, Furſebuſhton⸗ und Miredoun⸗Freiwilligen hatten gleichfalls, ſofern ſie als Soldaten Gentlemen waren, das Recht des Eintritts. In wie weit dieſer letztere Grund ſtichhaltig war, wollen wir nicht allzubedenklich un⸗ terſuchen. Der Barbier und ſeine Frau Gemahlin gehörten gewiß nicht kraft der Reſpektabilität des Scheermeſſers und Seifenbeckens zu dem geweihten Cirkel, obſchon ſie der Hellebarde eine ſo hohe Berechti⸗ gung verdankten, denn Mr. Nicholas Needleham beſaß jedenfalls, wenn er in Uniform war, einen bedeutenden Einfluß, obſchon er ſich herabließ, die Geſichter des ganzen Städtchens großmüthig gegen eine nur ſehr geringe Belohnung von ihren Stoppeln zu befreien. An Paradetagen nahm er ſich ganz aus wie der Hauptmann von Capernaum, nur war ſeine Haltung noch viel ſtolzer; denn konnte⸗ * * 486 er nicht zu einem von ſeinen Zehnen und Zwanzigen ſagen:„geh'“ und er ging—„thu' dies“ und er that es, wenn er's im Stande war. Sehr Viele von Mr. Needlehams Klaſſe befanden ſich in einer ähnlichen Lage, und in der That war die halbe Guinee augenſcheinlich die einzige Schranke; hatte man dieſe einmal überſprungen, ſo war der Ballſaal des Fortintowerwappens ſo zugänglich wie die See — eine Vergleichung, deren Tiefe nur Wenige zu faſſen im Stande ſeyn werden. Deputationen ſind recht artige kleine Schnabelwaiden für kleine Leute und ſtehen bei allen Anbetern des Nangs hoch in Gunſten, da ſich dabei eine angenehme Gelegenheit bietet, einen Nimbus zwei⸗ ten Ranges zu zeigen. Die beiden Advokaten des Platzes ſetzten mit einemmale ihre politiſche und Privatfeindſchaft bei Seite, vereinigten ſich mit dem Bürgermeiſter und boten die vornehmſten Einwohner von Fortintower zu einer Verſammlung auf, um in Erwägung zu ziehen, ob es nicht räthlich ſeyn dürfte, Sir John Truepenny in gebührender Form die Aufwartung zu machen und ihn zu bitten, daß er ihnen und der Honoratiorenſchaft des Städtchens, welche ſie zu repräſentiren verſicherten, die Ehre erweiſe, ſich bei der wichtigen und feierlichen Gelegenheit des nächſten Balles unter die Feſtbeamte zählen zu laſſen. Der Vorſchlag wurde unter 2 Beweisgründen, welche eben ſo kräf⸗ iig waren, als das dabei getrunkene Bier, von allen Seiten beleuch⸗ tet, und da die Argumentationen immer nur für die eine Seite lau⸗ teten, ſo kam der Präſident ohne viel Schwierigkeit zu dem ſehr folgerichtigen Schluſſe, daß es die Verſammlung für angemeſſen halte, aus ſämmtlichen Anweſenden, aus der Mehrzahl oder aus einem Theile derſelben, eine Deputation zu bilden, welche ſich nach Fortintower⸗Hall begeben und die ſo einſtimmig erlaſſene Entſchlie⸗ ßung dem Buchſtaben und dem Geiſte nach mannhaft ausrichten ſollte. Sofort wurde der Antrag geſtellt, ein achtungsvolles Send⸗ ſchreiben an Sir John zu erlaſſen und denſelben um die Angabe 487 zu bitten, an welchem beſonderen Tag und zu welcher beſonderen Stunde des gedachten Tages der gnädige Herr geneigt wäre, die Mitglieder der Deputation zu empfangen. Dieſer Vorſchlag fand Beifall und wurde in Vollzug geſetzt, ſobald man nach einigem Zwiſte darüber einig geworden war, wer das gedachte demüthige Schreiben abfaſſen ſollte. Den beiden Rechtsgelehrten war es ſchon um ihrer amtlichen Stellung willen rein unmöglich, die kleine An⸗ gelegenheit zu bereinigen, da ſie für das Geſchäft nicht ihre ſechs Schillinge und acht Pence anrechnen konnten, und dieſe würden ſo ſchwer auf ihren Kreislauf gewirkt haben, daß ein Schlagfluß zu beſorgen geweſen ware. Dennoch wollte ſich keine andere Perſon damit befaſſen, und das Schreiben ſelbſt würde demnach wahrſchein⸗ lich unabgefaßt geblieben ſeyn, wenn nicht der Acciseinnehmer einen gewandten Ausweg gefunden hätte, um die gewerblichen Bedenken der beiden Rechtsgelehrten zu überwinden. Dieſer Mann erwog die Sache reiflich und forderte ſodann den Whigadvokaten auf, den Brief zu concipiren; dafür ſollte ihm nun der Toryadvokat im Namen der Verſammlung die üblichen ſechs Schillinge und acht Pence einhändigen. Sobald dies geſchehen war, wies er den Toryadvokaten an, eine Reinſchrift des Conceptes zu beſorgen, worauf er den Whigrechtsgelehrten bedeutete, in gleicher Weiſe den Tory mit denſelben ſechs Schillingen und acht Pencen zu bezahlen. Welch' eine treffliche Methode, zwei ſtreitende Advokaten zufrieden zu ſtellen— wollte Gott, ſie würde in der juridiſchen Praxis überhaupt eingeführt. Der Brief erreichte ſeinen Beſtimmungsort, und da derſelbe nicht weit entlegen war, ſo zog beinahe die ganze Verſammlung gemeinſchaftlich aus, ſchlenderte in der Nähe umher und erwartete die Antwort. Sie hatten kaum Zeit gehabt, einige Maas Malz⸗ aufguß zu ſich zu nehmen und ein wenig ungeduldig zu werden, als der Boote ſehr erhitzt und in hohem Grade erſtaunt wieder erſchien. Er theilte den Gentlemen mit, man habe ihn Sir John vorgeſtellt, 488 den er in angelegentlichem Geſpräche mit ſeinem blauſtrumpfigen Achates Groggy Foxhead unter den Schweinſtällen getroffen habe; ſte wären daſelbſt in phyſtologiſchen Experimenten über die Trunken⸗ heit der Schweinezunft begriffen geweſen, da ſie dem grunzenden Volke eine reichliche Menge ſtarken Grogs in die Tröge gegoſſen hätten. Der Ausſage des Boten gemäß hatten die Thiere einen furchtbaren Lärm und die tollſten Sprünge gemacht— zur großen Beluſtigung des gnä⸗ digen Herrn und ſeines Freundes. So ſchlimm auch dieſes Benehmen war, kann man es in Vergleichung mit den hochbelobten Experimenten, welche die erſten Naturforſcher Europas an lebendigen Thieren mach⸗ ten, doch nur eine ſehr menſchliche Studie nennen. Der Mann mit dem Brieſe wurde höflich erſucht, auf dem Troge Platz zu nehmen, lehnte aber dieſe Ehre unter der ſehr maß⸗ gebenden Entſchuldigung ab, daß ja kaum für Sir John und ſeinen Gefahrten Naum genug darauf vorhanden ſey. Sobald er ſein Schreiben ausgeliefert hatte, erhielt er die Antwort, er möge der Deputation ſagen, Sir John wolle ſie zur Grogtageszeit empfangen, ſobald der erſte ſchwere Regen falle und der Wind aus Süden komme. Jacks Witz war, wie Hamlet von ſich ſelbſt ſagte, eben ein Bischen erkrankt, und da der Bote keine geſundere Antwort heraus⸗ kriegen konnte, ſo entfernte er ſich wieder, nicht ohne die bange Be⸗ ſorgniß, er könnte gezwungen werden, eine große Portion von dem unflaͤthigen Gemiſche zu ſchlucken, welches die Schweine berauſchte. Er entkam jedoch glücklich, um ſeine Mähr erzählen zu können. Die Verſammlung erging ſich darauf wieder in einer ungeſtümen Debatte, wann wohl der Wind wahrſcheinlich aus Süden kommen werde; denn wegen des Regens hegten ſie wenig Beſorgniſſe, da es November war und ſie ſich in England befanden. In Betreff der Grogzeit des Tages kamen ſie weislich zu der Entſcheidung, daß ſie juſt auf die Stunde fallen müſſe, in welcher ſich Sir John zum Diner niederzuſetzen pflege. 489 . So brachen ſie denn auf und gingen ihres Weges, ſehnſüchtig nach Südwind ſeußzend. Am andern Morgen hatte es kaum ſo viel getagt, um die Gegenſtände unterſcheiden zu können, als ſich die mit Schlafmützen verſehenen Köpfe der beiden Rechtsgelehrten, des Wirthes, des Acciſers und faſt aller Theilhaber an der geſtrigen Verſammlung in die rauhe Luft hinausſtreckten und die Augen andächtig nach dem Wetterhahn des Kirchthurmes richteten. Der Wind hatte um einen Strich in die erwünſchte Richtung umgeſchlagen und ſäͤmmtliche Gentlemen kleideten ſich hurtig an, um ſich in ſo wohlwollender Stimmung zum Frühſtück zu begeben, als dünke ſie die Ankunft des tauſendjährigen Reiches nicht ganz ſo apokryphiſch wie ge⸗ wöͤhnlich. Ohne es zu beabſichtigen, hatte Jack ſeinen Nachbarn eine große Plage bereitet. Gegen Mittag ſchlug zwar der Wind ganz nach Süden um, aber es wollte nicht regnen; die Hoffnungen der Deputation ſanken und mit der Ausſicht auf ein Feſtmahl in der Halle verſchwand auch ihre gute Laune. Die Weiber und Kinder konnten gar nicht begreifen, was die ehrenwerthen Hausherren an⸗ gewandelt hatte. Alle ſprachen geheimnißvoll von Wind und Regen und die Nachbarn begannen die Dreizehn, welche der Verſammlung angewohnt hatten, mit Argwohn zu betrachten. Sie waren jedoch verſtändige Männer, die ihr Geheimniß zu bewahren wußten, weil ſie ſich nicht lächerlich machen mochten; denn ſie vermutheten, Jack mache ſich bloß ein wenig über ſie luſtig, und thaten deshalb gar klug und geheimnißvoll, ohne jedoch aufzuhören über Wind und 8 Regen zu deliriren. In der That geſtalteten ſich die Ausſichten immer ungünſtiger, denn es trat für drei Tage ſtrenger Froſt mit Nordweſtwind ein, und die für den Ball anberaumte Friſt nahete ſchnell heran. Die Bewohner des Städtchens begannen allen Ernſtes zu fragen, was denn die berühmte Verſammlung beſchloſſen oder nicht beſchloſſen 490 habe, und wann ſie als Deputation hinaufgehen würde.„Sagt mir wie der Wind ſteht und ich will Euch die Antwort geben,“ lautete die gewöhnliche Erwiederung. Nach ſolchen Vorgängen kamen die Bürger zu dem Schluſſe, ſie hätten mit Behandlung die⸗ ſer hochwichtigen Angelegenheit nicht eben die Weiſeſten betraut. Den Baronet, ihren Grundherrn, nicht einzuladen, wäre faſt ſo ſchlimm geweſen, als der Verluſt ihres Freibriefs, der ihnen von Nichard dem Erſten in einem Jargon von Normanniſch⸗Franzöſiſch, Hundelatein und ſcheckigtem Sächſiſch verliehen worden war, folglich auch von Niemand verſtanden wurde, weshalb ihn Jeder eben ſo deutete, wie es ihm am beſten zuſagte. Endlich wich die Kälte einem windigen Regentage. Es war in der That genug Wind, um das Waſſer zu zerſtreuen und eine hinreichende Waſſermenge vorhanden, um den Wind zu ertränken, ſo daß wohl nur ein ganz geſcheidter Naturforſcher zu erklären ver⸗ mochte, wie beide neben einander exiſtiren konnten. Jedenfalls war mehr Wind da, als irgend einer von den guten Bürgern brauchte, leider aber nicht aus der rechten Richtung. Was war da anzufan⸗ gen? Der Acciſer wußte abermals Rath. Der Wetterhahn auf der Kirchthurmſpitze verkuüͤndigte eine un⸗ geheure Elementallüge. Es war ſchrecklich, daß ein ſo hochſtehen⸗ des Inſtrument ſich einer derartigen keckſtirnigen Falſchheit ſchuldig machen konnte, namentlich, wenn man in Betracht zog, daß die ganze Stadt in die Kirche ging; aber es waltete dabei ein ſo gut angebrachter geheimer Einfluß in der Form eines Keils, daß der Wind als vollkommener Boreasorkan hätte blaſen können, ohne daß der unverſchämte Wetterhahn von ſeinem Entſchluß abzubringen geweſen wäre, feſt und ruhig vor den Augen aller Welt keinen anderen Namen, als den des Auſter zu verkünden. Eine löbliche Beharrlichkeit, ſowohl für Wetterhähne als für Politiker— fuͤr Letztere namentlich dann, wenn ſie ihre Schäſlein bereits im gebor⸗ genen Stalle eingekeilt haben. * 491 Der Aceiſer beſuchte ſofort, wohl in Ueberrock und Mantel eingehüllt und den Schirm glorreich entfaltend, die ſchaudernden Mitglieder der Deputation und gab ihnen unter Berufung auf die höchſte kirchliche Autorität die Verſicherung, daß der Wind recht aus Süden komme, während doch die Windſtöße aus Norden ihn ſo ſchneidend Lügen ſtraften, daß in der That viel Heroismus dazu gehörte, ihnen Stand zu halten. Allerdings zögerten einige von den Dreizehn; aber ihre Be⸗ denken wurden ſchleunigſt beſeitigt, als man ihnen ſagte, jede Be⸗ anſtandung des Zeugniſſes der Kirche bringe die Sünde der Ketze⸗ rei auf ihr Haupt. Dies wäre ſchrecklich geweſen und mußte unter allen Umſtänden vermieden werden. Die Zweifler erſtickten daher ihre Bedenklichkeiten, indem ſie ſich dicht in ihre Mäntel hüllten, blickten nach dem Kirchthurm hinauf, ſchauderten und machten ſich auf den Weg nach der Halle, feſt entſchloſſen gegen alle Widerſa⸗ cher zu behaupten, daß der Wind aus Süden komme. Nun war Fortintower⸗Hall ein großes, anſehnliches Schlöß⸗ lein mit vier Thürmen an den Ecken, von denen jeder mit einem Giebel und zur Zeit, als Sir John von der Halle Beſitz nahm, mit einem eigenen Wetterhahn verſehen war. Mit ſehr wenigen Aus⸗ nahmen harmonirten dieſe Wetterhähne wunderbar unter einander und zeigten namentlich die größte Uebereinſtimmung mit ihrem Bru⸗ der auf dem Kirchthurme. Keine Meinungsverſchiedenheit, keine Heterodoxie. Aber Sir John fand kein Wohlgefallen an dieſen Hähnen; ſie ſchwangen nur ſehr ſchwerfällig, ſtöhnten und kreiſchten kläglich in den ſtärkeren Windſtößen und waren bisweilen ſo ſtörriſch, ſich unter den leichten Brieſen gar nicht zu drehen. Jack ließ ſie deshalb her⸗ unterwerfen und pflanzte ſtatt ihrer vier Verklicker auf, die nun luſtig und hurtig umhervierten und ſehr oft den ganzen Compaß abliefen, ehe der alte Hahn auf der Kirchthurmſpitze nur zu Nord und bei Weſt halb Oſt kommen konnte. . Der Regen ſchoß in Strömen nieder, als die dreizehn Exſpek⸗ tanten auf ein köſtliches Mahl und ihnen unbekannte Weine weiter trabten, auf der naſſen Straße der Halle zuplätſchernd. Die bei⸗ den Advokaten führten die Prozeſſion an, und der Reſt der Depu⸗ tation drängte ſich ſo dicht zuſammen, wie eine Heerde erſchreckter Schaafe. Sie kamen ſchaudernd an der Pförtnerhütte vorbei, konn⸗ ten es aber nicht vermeiden auf dem Geſichte des alten Portiers ein ominöſes Lächeln zu bemerken. Dieſes bewog Amos Ames, den verſchmitzten Aceiſer; drohend ſeine Fauſt in die Höhe zu halten; er erzielte jedoch nichts Anderes damit, als daß das breite Grinſen des Mannes in ein helles Lachen überging. „Ihr ſeyd in luſtiger Laune, Freund Thomas,“ ſagte Iſaſchar Chargeit, der Whigadvokat. „Freilich Sir— und das will viel heißen bei einem alten Manne, wie ich bin, wenn Einen ein ſo grauſamer Nordoſtwind faſt entzwei ſchneidet.“ „Voller Südwind— ſchaut nach dem Wetterhahn,“ ſagte Adolphus Stilts, der Toryjuriſt. „Ich will der Kirche nichts Uebles nachreden, Gentlemen, aber ſchaut nur auf Seiner Gnaden Verklicker— indeß geht nur zu, Gentlemen.“ 4 „Beſſer, mit der Kirche irren, als mit einem audern Wegwei⸗ ſer recht gehen,“ bemerkte der Tory... „Das heißt,“ ſagte der Whig,„wenn die Kirche unter unſe⸗ rer Leitung iſt.“ 1 „Hat Sir John bsreits dinirt?“ fragten drei Stimmen zumal. „Iſt eben am Fertigwerden— beeilt euch,“ antwortete der alte Mann mit einem neuen Kichern. Die Deputation wartete nicht auf weitere Auskuuft, ſondern begann unter Auflöſung aller Proceſſionsordnung eine Art Wett⸗ rennen, als gälte es, welcher von ihnen zuerſt den weiten Porticus von Fortintower⸗Hall erreichen ſollte. Als ſie daſelbſt anlangten, fanden ſie viele Diener in der Halle, welche zu ihrem Empfange bereit waren und in der That recht lieb⸗ lich ausſahen. Dies war ein ſehr günſtiges Vorzeichen, und den erleuchteten Dreizehnern wäſſerte bereits der Mund von ſaftigen Vor⸗ ahnungen. Sie wurden mit großer Förmlichkeit in einen weiten, marmorgepflaſterten Saal geführt, in welchem ſich nicht eine Spux von Möbelwerk blicken ließ. Keine Sitze, um auszuruhen— kein Feuer, um die ſchaudernden Gliedmaßen zu wärmen. Da blieben ſie nun wohl eine Viertelſtunde unbeachtet, und zu ihrem Entſetzen machten ſie noch obendrein die Entdeckung, daß die hohen Flügelthüren hinter ihnen abgeſchloſſen worden waren. Sie konnten nirgends eine Klingel ſehen und kamen nachgerade auf den Gedanken, daß ſie als Gefangene betrachtet würden. Sie riefen— probirten die Fenſter— und Einige davon fin⸗ gen an, ſich von den Wirkungen der ſtrengen Kälte ganz dumm zu fühlen. Als jedoch endlich ihr Elend faſt unerträglich geworden war, ging die Thuͤre auf, und Sir John trat plötzlich ein, das ge⸗ ſchmeidigſte Lächeln auf ſeinem Geſichte. Aber welch' eine Figur! Er war ganz nach Kriegsſchiffweiſe gekleidet; ſeine Jacke war keine von den beſten, ſein Hut flach und zerbeult, ſeine Beinbedeckung geflickt und theericht. Das Auffal⸗ lendſte war jedoch eine ungeheure nicht ſehr ſäuberlich gehaltene Serviette, die er ſich mit einer Stecknadel vor der Bruſt befeſtigt hatte. In der einen Hand hielt er einen großen ſilbernen Löffel, in der andern ſeinen Theerleinwandhut. Sir John machte eine tiefe Verbeugung und begann mit der höflichen Frage: „Gentlemen, welchem Anliegen habe ich dieſe Ehre zu danken?“ Hierauf trat Iſaſchar Chargeit dreiſt hervor und entgegnete: „Sir John Truepenny, Ihr ſeht hier vor Euch dreizehn demü⸗ thige und unwürdige Individuen—“ 2 „Glaube Euch auf's Wort,“ entgegnete Jack, ſich faſt bis auf den Boden verbeugend. „Unwürdige Individuen, beſtehend aus einer Deputation der achtbarſten Einwohner Eurer wahlberechtigten Stadt Fortintower— das heißt, der whigiſch geſinnte Theil derſelben—“ „Das ziehe ich entſchieden in Abrede,“ ſiel ihm Auguſtus Stilts iws Wort;„die achtbare Einwohnerſchaft des Ortes wird bloß durch diejenigen gebildet, welche ſich zu den entgegengeſetzten Grundſaͤtzen bekennen.“ „Sklaviſcher Gecke!“ ſagte Iſaſchar verächtlich. „Erbärmlicher Gleichmacher!“ verſetzte Auguſtus mit ächt ari⸗ ſtokratiſchem Pathos. „Es iſt ſehr kalt, Gentlemen,“ bemerkte Jack.„Wollt ihr die Sache hier ausſechten?“ Aber Amos Ames legte ſich in's Mittel und ſagte, ſie wären die Deputation, welche Sir John ihre Aufwartung machen wolle, um ihn zu bitten, der erſte Beamte ihres jährlichen Subſeriptions⸗ balls zu werden, und kämen ausdrücklich auf ſeine Einladung. Mit gut geſpielter Ueberraſchung rief Sir John: „Gott behüte euch, gute Freunde, da ſeyd ihr wahrhaftig im Irrthume— unmöglich kann ich den heutigen Tag gemeint haben. Hätte ich von eurer Ankunft gewußt, ſo würde ich mich beſſer auf euern Empfang vorbereitet haben. Ich erinnere mich wohl, ein Schreiben von euch erhalten zu haben, aber wie verſtandet ihr meine Antwort?“ G. „Ihr ludet uns ein, ohne Zweifel aus ſehr weiſen und zureichen⸗ den Gründen, Sir John, am erſten Tage zu erſcheinen, an welchem es ſtark regne und winde.“ „Wohl, Mr. Wieiſtdername. Meine Gründe dafür waren ganz vortrefflich und Ihr werdet ſie in guter Zeit kennen lernen.“ Wir zweifeln nicht daran, Sir John,“ verſetzte der Whigadvo⸗ „ 495 * kat;„und mit aller Demuth glauben wir der Anſicht ſeyn zu dürfen, daß es hinreichend regne.“ Ein zuſtimmendes Schaudern lief durch die ganze Deputation. „Das will ich nicht in Abrede ziehen,“ ſagte Sir John, mit wohlweiſer Miene zu den Wolken aufblickend. „ Und was den Wind betrifft,“ entgegnete ein dürrer Schneider, indem er ſeine Fingerſpitzen anhauchte,„ſo glaube ich, er hätte mich aus Eurer Gnaden Park hinausgeblaſen, wenn ich mich nicht an dem Mantel des Mr. Ames feſtgehalten hätte.“ „Ja, ich geſtehe, es iſt eine hübſche Kappe voll Wind,“ ſagte Jack. „Und ſchnurſtracks aus Süden,“ ließ ſich die ganze Deputation im Chore vernehmen. „Nein,“ verſetzte Jack nach den fliegenden Wolken aufſehend. „O ja; es iſt noch hell genug, um den Wetterhahn auf dem Kirchthurm unterſcheiden zu können— ganz aus Süden— ſo wahr ich ein ehrlicher Aceiſer bin.“ „Was ſagen meine Verklicker?— Doch gleichviel, wir wollen uns darüber nicht ſtreiten,“ fuhr Sir John fort.„Wie es auch immer draußen ausſehen mag, ſo ſoll doch hier in dieſem Hauſe Südwind ſeyn— das heißt, Gentlemen für heute ein ſüdlicher Wind in dem Brodſack, wie wir's zur See nennen. Auf alle Fälle freut es mich, euch Alle zu ſehen— ſchätze mich glücklich— nur habt ihr einen etwas unglücklichen Tag gewählt, obſchon ihr in der Zeit deſſelben glücklicher wart. Es iſt die Grogzeit.“ Die Deputation blickte wohlgemuth auf und begann erwar⸗ tungsvoll ſich die Hände zu reiben. „Habt ihr ſchon dinirt, Gentlemen?“ Die Dreizehn legten einſtimmig das wahre Bekenntniß ab, daß es noch nicht geſchehen ſey. „Was mich betrifft, ſo bin ich eben damit fertig geworden,“ ſagte Jack;„aber die Tafel iſt noch gedeckt— die Gerichte ſind noch 496 warm— laßt uns eilen, ehe ſie kalt werden. Wir wollen beim Eſſen von dem Geſchäft reden. Kommt, Schätzchen— hurrah, wer iſt zuerſt dort?“ Und es ging weidlich drauf los. Die Dienſtboten hatten kaum Zeit, die Thüre eines großen Speiſezimmers aufzureißen, und im Nu hatten ſich die Dreizehn um den Tiſch verſammelt. Aber eben dieſer Tiſch und ſeine Ausſtattung gereichten ihnen jetzt zu neuem Erſtaunen. Da waren fünf Schüſſeln, auf jeder Seite der Tafel zehn Sup⸗ penteller, und bei jedem Teller ein ſilberner Löffel nebſt drei harten Schiffszwiebacken. Als die Deputation eintrat, fand ſie an dem un⸗ tern Ende des Tiſches den Helfer, der ſeine Serviette unter dem Kinn feſtgemacht und den Teller, auf welchem quer der Löffel lag, bereits abgeleert hatte. Seine Augen blinzelten mit einem ſeltſamen Ausdrucke, während doch ſonſt ſein Benehmen merkwürdig ernſt war. Sir John winkte ſeinen Gäſten nach ihren Stühlen und ſetzte ſich ſehr anſtändig oben an den Tiſch. Hinter jeden Stuhl trat ein Bedienter in der prachtvollen Fortintower⸗Livree, die Serviette ge⸗ bührend unter dem Arme; aber wir erröthen, berichten zu müſſen, daß ſie ſehr ſchlecht gezogen zu ſeyn ſchienen, denn ſie hielten unab⸗ läſſig gedachte Servietten vor das Geſicht und ſteckten dieſelben bis⸗ weilen ſehr ungebührlich in den Mund. Nachdem Jack mit ſeinen Gäſten Platz genommen hatte, ſagte er zu dem Geiſtlichen: „Mein geſchätzter Freund, obgleich Ihr und ich bereits unſern Brodraum viktualiſirt— das heißt dinirt haben, ſo wird es doch nicht am unrechten Orte ſeyn, daß Ihr vor dem Eſſen ein Gebet ſprecht, ſintemal dieſe Gentlemen im Begriffe ſind, ein leckeres Mahl zu halten. Sie ſind allerdings ſehr hungrig und von der Kälte faſt erfroren, weßhalb Ihr Euch vielleicht kurz faſſen könnt, obſchon ich Eurem Sinn für das Schickliche nicht zu nahe treten möchte, ſo⸗ ferne es ſich bloß darum handelt, einen körperlichen Genuß zu be⸗ ſchleunigen. Wollt Ihr die Güͤte haben, zu Tiſch zu beten?“ 497 Dann ſtand Mr. Polygat auf, und mit ihm erhoben ſich die Hungrigen. Nie zuvor hatten ſie ein ſo frommes, ſalbungsvolles Tiſchgebet gehört— dazu noch ſo lang und ſo reich an beredten Schmähungen gegen die fündigen Lüſte des Fleiſches. Die armen Teufel ſtampften fortwährend mit ihren unempfindlichen Füßen gegen den Boden und blickten kläglich auf den Redner. Endlich war er fertig, und die hungrige Schaar durfte ſich wieder ſetzen. Auf Sir Johns Geheiß lüpften die Diener die Deckel von den fünf Schüſſeln, und die Deputation wurde mit viel Gaſtfreundlichkeit aufgefordert, zuzulangen. Aber welche ſchiefe Geſichter und poſſierliche Grimaſſen von Seiten der Gaͤſte, als ſie den erſten Löffel vom Gerichte nach ihrem Munde führten. Der zweite Akt beſtand darin, daß ſie um Erklärung auf ihren Wirth blickten, welcher ihnen nun in folgenden Worten Aufſchluß ertheilte: „Kameraden, ihr ſeht hier euer Diner. Greift zu, greift zu, und möge es euch wohl bekommen. Zuverläſſig ſeyd ihr nicht ſo lecker, um eine Koſt zu verſchmähen, mit der ſich euer Wirth— euer Grundherr begnügt. Ihr Alle wißt, daß ich den größten Theil meines Lebens auf Schiffsration angewieſen war, und damit mein plötzlicher Glückswechſel und meine Reichthümer mich nicht veran⸗ laſſen, mein großes Stag zu ſtolz aufzubauſen, ſo begehe ich in jedem Monat einen Tag als Banyantag. Gentlemen, heute iſt zu Fortintowerhall Banyantag, und ich kann euch nur mit einem kärg⸗ lichen Mahle bedienen— aber eßt, ſage ich, und nehmt euch in Acht, daß ihr mich nicht durch eine lächerliche Sprödigkeit beleidigt.“ Aber was hatten ſie zu eſſen? Nichts als harte, graue Erb⸗ ſen, in weichem Waſſer gekocht, und ſo ſteinharten Seezwieback, daß er ſich recht gut geeignet haben würde, die Straßen zu pflaſtern oder die Häuſer des Städtchens Fortintower zu diehlen. „Gentlemen,“ fuhr Jack fort,„obgleich ihr ſo unglücklich ge⸗ Marryat'’s W. XX. Jack am Lande. 32 498 weſen ſeyd, an einem Banyantag hieher zu kommen, ſo ſoll es doch nicht an Grog fehlen— verlangt davon ſo viel ihr wollt— er wird euch die Kälte vertreiben und eurer Verdauung weſentlich beiſtehen.“ Sie riefen danach, und er wurde ihnen bereits gemiſcht gereicht. Aber die Flüſſigkeit war ſo ſtark und aus ſo neuem, fuſeligem Rum angefertigt, daß ſie aller ihrer Achtung gegen den Wirth und ihrer Rückſicht auf die eigenen Intereſſen aufbieten mußten, um das erſte Glas hinunterzubringen. Das zweite fanden ſie ſchon nicht ganz ſo abſchreckend, das dritte wurde ohne Klage getrunken und das vierte ſchmeckte ihnen ſogar. „Ich traktire euch ebenſo, wie mich ſelbſt,“ ſagte Jack.„Wäret ihr an jedem andern Tag gekommen, ſo würdet ihr ein himmelweit verſchiedenes Mahl gefunden haben— ja, hättet ihr nur gewartet, bis der Wind überall ſüdlich geweſen wäre, nur nicht in dem Brod⸗ korbe. Ich bin ein Bischen grillenhaft— ich weiß es— und ſo habe ich mir vorgenommen, den monatlichen Tag meiner Kaſteiung zu übergehen, wenn im ganzen Laufe der vier Wochen ſtets ein ſüd⸗ licher Wind weht. Doch ihr eßt nicht— ich verſtchere euch, daß die Erbſen, wenn auch hart, doch ſehr geſund ſind— und das Brod iſt ſehr nahrhaft, ſobald man es einmal gekaut hat— bei⸗ des kommt unmittelbar aus den Viktualienmagazinen von Seiner Majeſtat Dockyard. Der Rum iſt ſo, wie er kontraktmäßig in der Flotte ausgetheilt wird— ein ſehr gutes Getränk in ſeiner Art. Gentlemen, ich ſehe, daß ihr euch mit dem Brechen des Zwiebacks nicht recht zu helfen wißt. Legt ihn in eure Handfläche und ſchlagt mit eurem Ellenbogen darauf— wenn es ſo nicht gehen will, ſo kann euch der Bediente mit einem Hammer in dem Geſchäfte be⸗ hülflich ſeyn; denn ich bin zu ſehr euer Freund, um euch nicht zu warnen, die Zähne daran zu verſuchen. Aber ihr eßt nicht. Wer am meiſten ißt, erweist mir die größte Ehre und ſoll mir als Freund am nächſten ſtehen. Mr. Amos Ames, wir werden wahrhaftig Hän⸗ 499 del kriegen, wenn Ihr nicht Euern Grog trinkt und Eure Erbſen⸗ ſuppe eßt. Seyd Ihr ein beſſerer Mann, Sir, als ich? Hole Euch der Teufel, Sir— eßt und trinkt, ſage ich— Ihr wollt nicht? Sehr gut, wenn Ihr noch einen Monat länger hier Aeciſer ſeyd, ſo will ich nicht Jack heißen— mein Hausmeiſter ſoll Euch mor⸗ gen ſchriftlich die Aufkündigung zugehen laſſen. Potz Bomben und Granaten!/ Ihr leckermäuliger Schuft— laßt mich ſehen, wer nicht eſſen will. Kartätſchen und Stückkugeln! bin ich nicht Herr hier, und darf ich mit dem Meinigen nicht nach Gutdünken ver⸗ fahren?“ Die übrigen Zwoͤlf blickten erſtaunt auf den Dreizehnten, den Verächter der Erbſenſuppe, und betrachteten ihn als einen Narren und einen zu Grunde gerichteten Mann. Mit Macht handhabten ſte die Löffel und tranken, um den Appetit zu ſpornen, eifrig von dem flüſſigen Feuer. Amos Ames jedoch ſchien ſich nicht ſtoͤren zu laſſen, denn nachdem er den erſten Löffel voll Suppe gekoſtet und ein wenig von dem Grog geſchlürft hatte, legte er, nach Jacks Ausdrucksweiſe, ganz kaltblütig ſeine Ruder bei. Wir wollen nicht ſagen, daß dieſe gekochten Erbſen ganz ſo un⸗ 3 ſchmackhaft oder überhaupt ſo hart waren, als jene unſterblichen ge⸗ trockneten, welche der luſtige Mönch Richard dem Erſten anbot, wie gar erbaulich in der anmuthigen Geſchichte von Ivanhoe zu leſen — aber der Zwieback war härter und blieb faſt unberührt. Halb im Schrecken und bereits halb betrunken aß die Deputation, den Acciſer ausgenommen, mit einer Verzweiflung, die ſehr poſſierlich anzuſehen war, wie toll darauf los. Die beiden Rechtsgelehrten ſuchten ſich gegenſeitig in ihrem Feuereifer auszuſtechen und begannen endlich dem Mahle, das recht gut für die Schweine gepaßt haͤtte, ein Loblied zu ſingen. Sir John ſtand von dem Tiſche auf und flüſterte Jedem ſeiner Gäſte etwas von Minderung der Rente, Erneuung der Pachtver⸗ träge oder ähnlichen Dingen in's Ohr, indem er ſie zum Eſſen * 500 drängte, bis ſie ganz aufgedunſen waren und unmöglich mehr konn⸗ ten. Sobald ſich der Schelm hievon überzeugt hatte, nahm er ſeinen Platz oben am Tiſche wieder ein und ſah ſich nach dem Geiſtlichen um, damit er das Dankgebet ſpreche; dieſer aber, welchen die Scene anwiderte, hatte ſich bereits vorläufig weggeſtohlen, um eine heilige Handlung nicht durch ſeine Perſon entweihen zu müſſen. Der Acciſer erbot ſich, ſtatt ſeiner zu ſunktioniren, und begann mit: „Herr, Gott, ſegne dieſe Speis“— ein Irrthum, der übrigens von den betrunkenen Gäſten nicht bemerkt wurde. „Nun, Gentlemen,“ rief Jack aus voller Kehle,„der Banyan⸗ tag iſt jetzt vorüber— wir wollen nunmehr Alle zu der Lady hin⸗ aufgehen und wegen des Balls weitere Rückſprache nehmen.“ Von den Bedienten begleitet und geführt ſtolperten die Gaäͤſte nach dem Speiſeſaale, wo ſie Lady Truepenny, den Kapitän Nitre⸗ gas, Obriſt Chacehells vertrauten Freund, und drei angeſehene Gentlemen trafen, welche dem Aufdecken eines köſtlichen Diners entgegenſahen. Der Seitentiſch zeigte ebenſo lockende Vorbereitun⸗ gen. Die Deputation wurde Lady Truepenny in aller Form vor⸗ geſtellt und fand gnädige Aufnahme, indem ſie eingeladen wurde, beim Diner zu bleiben.— Alle, mit Ausnahme des Acciſers, der in das Geheimniß ein⸗ geweiht und Jacks Helfershelfer geweſen war, hatten nur noch das Vermögen, einen Verſuch zum Niederſitzen zu machen. Als Sir John ihren kläglichen Zuſtand ſah, bemerkte er ihnen mit einem boshaften Grinſen, ſie ſollten in Zukunſt eingedenk ſeyn, wie der Wind blaſe. Dann überantwortete er ſie der Sorgfalt ſeines ge⸗ treuen Groggy Forhead und gab ihm den Auftrag, ihnen vollends mit Grog den Garaus zu machen, dann aber ſie auf einen bedeckten Wagen zu legen und nach Hauſe zu ſchicken, damit ihre Weiber ſie pflegen und ihre Nachbarn ſich über ſie luſtig machen könnten. Der Acciſer würde ſich auch entfernt haben; als jedoch Sir John fand, daß die übrige Geſellſchaft nichts gegen ihn einzuwenden 501 hatte, ſo wurde er mit einem Platze an der Tafel beehrt, und der Abend ſchloß mit der gewoͤhnlichen lärmenden Heiterkeit. Dreiundvierzigſtes Kapitel. 4 Vorbereitungen für einen Ball und einige Betrachtungen darüber.— Es iſt auf einen Spaß abgeſehen, wobei die Anſtifter in Verlegenheit ge⸗ rathen.— Jack und der Leinwandhändler.— Sie nehmen gemein⸗ ſchaftlich das Maß.— Die Comödie verſpricht gute Ausſicht. Die mit grauen Erbſen geſaͤttigten Banyantaggäſte mußten durch das ganze Städtchen Spießruthen laufen und ſahen ſich un⸗ abläſſig den grobſten Spottreden ausgeſetzt. Dem Erbſenbankette folgten übrigens auch noch andere Unbequemlichkeiten, die man ſich wohl ſelbſt denken kann, weshalb wir uns mit dieſer flüchtigen An⸗ deutung begnügen wollen. Die Deputation hatte jedoch immerhin ihren Zweck erreicht, und Sir John Truepenny wurde als erſter Ballbeamter mit einemGeſchenke von fünfzig Pfunden angekündigt, die ausdrücklich zu dem Zwecke beſtimmt waren, das Diner mit Weinen zu verſehen. Die Leiden und Freuden, welchen das ſchöne Geſchlecht bei den Vorbereitungen zu einem derartigen Provinzialfeſte ausgeſetzt iſt, wurden ſchon ſo oft und ſo angenehm geſchildert, daß wir keine Luſt haben, einen ſo wohlbetretenen Pfad einzuſchlagen. Das ehrgeizige Streben, ſich durch Putz auszuzeichnen, iſt, an ſich betrachtet, in einem abgelegenen Landſtädtchen nicht lächerlicher, als das Ningen nach Effekt unter denen, welche die Salone von Almacs beſuchen. Das eigentlich Lächerliche liegt nur in der Vergleichung, denn der philoſophiſche Beobachter würde die Entſcheidung ſchwer finden, ob 50² er den gewöhnlichen Beſuchern eines ländlichen Balls oder denen einer großſtädtiſchen Aſſemblée den Vorrang zutheilen ſolle. Nehmen wir beziehungsweiſe aus beiden Lebensſtellungen paar⸗ weiſe Pröblein von Wittwen, Matronen und Mädchen— je eine ſchlimme und eine guͤte, um eine Parallele zu ziehen, und wenn wir dies, ſo gut wir es im Stande ſind, ausgeführt haben, wollen wir das Urtheil dem Leſer überlaſſen. Die gute Wittwe im fashio⸗ nablen Leben iſt eine ſtille, zufrieden ausſehende Perſon, deren Augen mit den Fuͤßen der Jüngeren tanzen und Takt halten, den ſie viel⸗ leicht noch obendrein mit dem Fächer andeutet. Sie hat für Jeder⸗ mann freundliche Worte und ein gefälliges Lächeln, iſt reich und gut aber nicht prunkhaft gekleidet, und wenn ſie irgend etwas im Uebermaaße zur Schau trägt, ſo iſt dies wohl in dem Werthe ihres Juwelenſchmuckes zu finden. Man huldigt ihr, ohne ſie augenfällig zu ſuchen, und ſie iſt ſtets bereit, die Schüchternen zu ermuthigen und die Verlegenheit des jüngeren Theiles ihres Geſchlechtes zu bannen. Auf dem Lande benimmt ſich die gute Wittwe ſo ziemlich in ähnlicher Weiſe, iſt aber rühriger und redſeliger, wofür ſie übrigens durch ihr Wohlwollen und durch die unverkennbare Wärme ihres Herzens reichlichen Erſatz bietet. Ihre Manieren ſind zwar nicht ſo ſanft, ſo gebildet und ſo würdevoll; aber ſie benimmt ſich mit frei⸗ müthiger Herzlichkeit und iſt ſtets bereit, das allgemeine Vergnügen nach Kräften zu fördern, ſo daß ſie alſo ihrem Seitenſtücke gegen⸗ über nicht in Nachtheil kömmt. Sie iſt weder ſo reich, noch ſo fashionabel gekleidet, als das letztere, ſondern erſcheint in einem geſetzten, anſtändigen, nicht überladenen Putze, welcher nicht eben der neueſten Mode angehört. Wie charakteriſirt ſich aber die ſchlimme, fashionable Wittwe? Wir ſcheuen uns faſt, ſie zu zeichnen— können uns überhaupt nicht dazu entſchließen, denn wir achten auch das welke und zer⸗ freſſene Blatt, weil es dem Roſenſtrauche angehört. Man ſagt 503 vielleicht:„denkt ſie auch ſo ſchlimm, als ihr nur wollt, und fügt der Landwittwe noch Gemeinheit bei!A Ganz recht, aber was iſt denn das Schlimmere— die Gemeinheit eines zügelloſen Alters und der vornehmen Verderbtheit, oder die der rohen, bäuriſchen An⸗ maßung? Der Streich einer ſchartigen Senſe iſt vielleicht ſchwerer und heftiger, als der Stoß des blanken, vergifteten Dolches— aber wir wollen nicht entſcheiden, welchem von beiden der Vorrang gebührt. Die Matronen von London und auf dem Lande— leider kennt ſte unſer Zeitalter nicht in dem ernſten Sinne des römiſchen Wortes. Wir haben verheirathete Damen, die elegant, ſchön und gut ſind, aber keine Matronen. Je weiter wir fortfahren, deſto mehr entleidet uns die Vergleichung, und wir wollen lieber den Gegen⸗ ſtand mit einemmale durch die Erklärung abfertigen, daß es faſt unmöglich iſt, ſich daruͤber auszuſprechen. Jede Lebensſtellung hat ihre Gemeinheiten, die in Wirklichkeit ſo identiſch find, daß ſie ſich im Schlechten allenthalben gleich zeigen; dagegen findet in Zu⸗ fälligkeiten und Außendingen ein ſo großer Unterſchied Statt, daß auch die ländliche Bildung in höfiſchen Cirkeln ſchon für Gemein⸗ heit gilt. Welche Bildung oder Gemeinheit übrigens die Bewohner von Fortintower beſitzen mochten, ſo waren doch Alle angelegentlich mit Vorbereitungen beſchäftigt, ſie im vortheilhafteſten Lichte zu zeigen. Sobald bekannt wurde, daß Sir John fünfzig Pfund beigeſteuert hatte, beeilten ſich Viele, welche zuvor an dem Aufwande einer halben Guinee Anſtand genommen hatten, Billete zu kaufen. Sir Edward Fortintower war ſtets ein großer Freund dieſer Jahresbälle geweſen, obgleich man ſich jetzt erinnerte, daß er nicht nur keine fünfzig Guineen darauf zu verwenden pflegte, ſondern nebſt ſeinen Freunden, welche zufällig bei ihm waren, nicht einmal die Billete bezahlte; aber die Bewohner des Städtchens ſchätzten die Ehre, die ihnen erwieſen wurde, höher, als das Geld. Und dann pflegte Sir Edward die Rolle des Patrons ſo vortrefflich zu 504 ſpielen. Die alten Damen nannten ihn einen wahren Engel auf Erden; bei den Männern galt er Alles, und bei den Weibern hatte er faſt daſſelbe Glück. Jack wußte dies und ſcheute ſich vor einer BVergleichung, weshalb er angelegentlich Erkundigungen einziehen ließ, wer ſich wahrſcheinlich bei dem Balle einfinden dürfte. Es gereichte ihm zu großem Troſte, zwei Tage vor dem be⸗ abſichtigten Feſte in Erfahrung zu bringen, daß weder der Graf von Luftiput, noch irgend ein Glied ſeiner Familie den Ball mit ſeiner Anweſenheit beehren werde. Eine Deputation, aus den mei⸗ ſten der Erbſeneſſer beſtehend, hatte den Lordlieutenant ihre Auf⸗ wartung gemacht, aber durch dieſen Schritt nichts gewonnen, als eine höfliche, verneinende Abfertigung. Jacks fünfzig Pfunde hat⸗ ten ihnen die Thüren geſchloſſen und den alten Edelmann bewogen, ſeinen Einfluß und ſeine Popularität in der Gegend auß's Spiel zu ſetzen. Der Leſer muß ſchon laͤngſt bemerkt haben, daß der arme Jack ein verlorner armer Jack war— der Kopf war ihm verdreht, und nichts als ein Wunder konnte ihn vom völligen Schiffbruch retten. Man wußte jetzt allenthalben, daß er um ein Drittel ſchlimmer als blos excentriſch war, und doch hatten ſeine Ueberſpanntheiten ſo viel Poſſterliches an ſich, wurden ſo launiſch ausgeführt oder boten ſo großmüthigen Erſatz für allenfallſige Beſchädigungen, daß unſer Held ganz populär wurde. Niemand beklagte ſich über ihn, als diejenigen, welche ſeinen drolligen Streichen zum Gegenſtande dienen mußten. Demzufolge erwarteten die Einwohner von Fortintower nicht nur, ſondern wünſchten es ſogar, daß Sir John den Ball mit einem recht luſtigen Schwanke eröffne. Der gleiche Gedanke beſchäftigte auch unſern Helden und ſeinen nicht allzu würdigen Gehülfen Groggy Forhead, obſchon ihnen nichts einfallen wollte, als was ihnen zu alt oder zu derb däuchte. Jack fuͤhlte, daß er durch einen bloßen Tu⸗ mult oder durch offene Rohheit gegen die Geſellſchaft ſich ſelbſt 505 beſchimpfen würde, weshalb er nichts von den gemeinen Vorſchlägen ſeines Freundes wiſſen wollte, welcher der Anſicht war, man könne Schweine in den Saal treiben, einen Tanzbären unter die Damen loslaſſen, durch Feuerwerk die Lichter auslöſchen oder eine Abthei⸗ lung Schornſteinfeger durch den Kamin herunterfahren laſſen. „Deine Blöcke brauchen Schmiere, Du Dummkopf! Haſt Du denn gar keine Grütze im Kopfe? Du gehſt ſchlechter los, als eine feuchte Patrone und wirſt außerdem ſo verwünſcht gemein. Ich denke, ich muß wohl als ein großer Herr zu der Komödie gehen und mich mannhaft halten,“ ſagte Sir John verſtimmt. „Ci, Sir John, ein Spaß jiſt ein Spaß, und ich ſehe nicht, was im Grunde viel daran liegt, wenn es Euch nur heiter ſtimmt. Ich könnte einen Eſel in den Saal führen, hübſch in einer Morgen⸗ haube herausſtaffirt— genau wie die von Mrs. Stilto.“ „Du und Deine Morgenhaube paſſen für nichts weiter, als für Dein eigenes gemeines Gelichter. Ich muß Dich wohl wieder zu Deinen Hunden ſchicken. Oder glaubſt Du vielleicht, Deine Er⸗ findungsgabe könnte ſich verbeſſern, wenn Du Dich in Deine heu⸗ lende Trunkenheit verpflanzteſt?“ „Weiß nicht, Sir John— aber es wäre möglich. Soll ich nach dem Nöthigen klingeln?“ „Wohl— aber es iſt erſt eilf Uhr— nun, gleichviel, ſo klingle.“ 4 „Und Pfeifen?“ „Warum nicht?“ So wurden denn Grog und Pfeifen herbeigebracht; aber ehe ſie in dem Geſchäfte weit gekommen waren, meldete ein Bedienter, daß ein gewiſſer Mr. Simpkins, ein kleiner Leinwandhändler des Städtchens, bei Sir John um Audienz bitte. Sir John war zu allen Zeiten zugänglich, und da die Gegenwart des Leinwandhändlers Unterhaltung verſprach, ſo wurde Auftrag ertheilt, ihn ohne Ver⸗ zug einzuführen. Leute, welche ſich auf Phyſiognomie verſtehen und das menſch⸗ liche Antlitz zu ihrem Studium gemacht haben, werden bereitwillig zugeben, daß der himmelgeborene Miniſter William Pitt ein Ge⸗ ſicht beſaß, das mit vielen anderen große Aehnlichkeit hatte oder noch hat. In der That können wir keinen geſelligen Cirkel von nur leidlichem Umfange, der nicht eines von dieſen Ebenbildern unter ſich hätte, und unſer eigener Kreis, der nicht eben ſehr groß iſt, be⸗ ſitzt ſogar deren zwei. Auch die Stadt Fortintower erfreute ſich eines derartigen Doppelgängers von höchſt auffallender Aehnlichkeit in der Perſon des vorerwähnten Leinwandhändlers Mr. Simpkin. Wir wollen nicht gerade ſagen, daß er auch mit den unendlichen Talenten dieſes„trefflichen Lootſen im Sturme“ begabt war, können ihm aber doch finanzielle Fähigkeiten nicht ganz abſprechen, wie man aus der Thatſache entnehmen mag, daß er dreimal Bankerut gemacht hatte und ſich hintendrein jedesmal in gedeihlicheren Um⸗ ſtänden befand. Der Mann vom Ellenmaaß trat ein, machte ſeine Verbeugung und war augenſcheinlich randvoll von Entrüſtung. „Was können wir für Euch thun, Billy Pitt?— Kommt— ſetzt Euch daher, Mann, und netzt Euern Schnabel an. Ihr habt wegen Eures Figurenkopfs ein Recht, an jedem Tiſche des Landes Platz zu nehmen.“ 1 „Ach, wenn nur Alle ſo dächten, wie Ihr, Sir John; aber nicht Jedermann hat Euren Gnaden ſcharfen Geiſt. Ich komme, um mich bei Euren Gnaden als dem Patron des nächſten Sub⸗ ſkriptionsballs zu beſchweren und mich auf Euren Ladiden Aus⸗ ſpruch zu berufen.“ „Das iſt wohlgeſprochen für einen Ellenhelden— nun, was kann meine Gnade für Euch thun? Ihr wißt, daß ich das Flanell⸗ und Barchetdepartement der gnädigen Frau und der Haushälterin überlaſſe. Indeß bin ich Euch wohl geneigt, denn Ihr wißt Euern Grog mannhaft zu fahren.“ A p & — 507 „Ach, Sir John, man weigert mir ein Billet für den Ball.“ „Euch?“ „Ja, mir— mir, mir.“ „Ganz unmöglich!— Euch— dem Manne mit dem einzigen verſtändigen Geſicht in der Stadt— Euch, der ſo ganz den großen Vertreter des Volkswohlſtandes repräſentirt? Ei, Mr. Simpkin, der Ball kann ebenſo wenig ohne Euch vor ſich gehen, als die Regie⸗ rung ohne Pitts Naſe auszukommen vermag.“ „Aber das ganze Komité denkt anders. Da iſt Ames, und Blowfitle, und die zwei ſpitzbübiſchen Advokaten— Alle weiſen mich zurück, wegen Mangels an Achtbarkeit— zum erſtenmal ſeit zwanzig Jahren— Was wird meine Frau ſagen?“ „Ja, freilich!“ entgegnete Jack mit der Miene der Theilnahme. „Und da ſind die jungen Meſſteurs Simpkin und die drei jun⸗ gen Damen. Welch' eine Schmach für ſte!“ „Ja, mein guter Pitt, die Sache geht mir wie einem Vater an's Herz.“ 4 „Nicht möglich, Sir John,“ ließ ſich Foxhead vernehmen— „Ihr ſeyd noch nicht lange genug auf der Herrſchaft.“ „Halt, beleg da— ich kann ihnen noch jetzt ein Stiefvater ſeyn.“ „Das iſt mehr, als wir von Euch erwarten können, Sir John. Zur Zeit Eures vortrefflichen Verwandten wurde Mrs. Simpkin viel mit Sir Edward Fortintowers Aufmerkſamkeit beehrt.“ „Kein Zweifel. Ein ſchlauer Hund, dieſer Ned.“ „Und wenn er hier wäre, ſo würde er es nicht dulden— er war ein großer Freund unſerer Familie, Sir John.“ *„Gut, gut— aber zwiſchen uns und der Grogflaſche, welche Gründe bringt man jetzt gegen Euch vor? Na, ehrlich Segeln. Wenn man mich zum Freunde haben will, darf man nicht auf dem Steuergange gieren. Heraus damit, Mann. Ei, Ihr ein⸗ fältiger Menſch, ſoll ich's etwa gar von Jemand anders erfahren, wo dann immerhin ein paar Striche von der Theerbürſte in den Kauf gegeben werden?“ „Ja, ja, Ihr habt Recht. Ihr begreift wohl, Sir John, daß dieſer lange und unheilvolle Krieg nothwendigerweiſe ſgroße Fluk⸗ tuationen im Geſchäftsleben zur Folge haben mußte, ſo daß auch die beſten Rechner ſich verrechnen konnten. Sie haben gegen mich und meins liebenswürdige Familie nichts einzuwenden, als daß nach meinem letzten Bankerut mein Certifikat noch nicht unterzeichnet ſey.“ „Seit Eurem letzten? Und wie oft habt Ihr denn ſchon Bankerut gemacht?“ „Erſt dreimal. Es gibt wenige Gewerbsleute in der Stadt, denen nicht ein derartiges Unglück zugeſtoßen wäre, denn wie könnte ſonſt der Ort zwei Advokaten ernähren?“ „Dann habt Ihr alſo einen ſogenannten uncertifizirten Banke⸗ rut gemacht, Mr. Simpkin? Ihr bemerkt, ich ſehe ziemlich klar in Eurem Falle.“ „Einen ganz ehrlichen,“ verſetzte der Leinwandhändler, ſich verwahrend. „Dann will ich als Euer Grundherr dafür ſorgen, daß Euch Recht widerfahre. Wann verſammelt ſich das Comité?“ „Es hält eben jetzt ſeine Sitzung.“ 4 „Gut,“ entgegnete Sir John;„bleibt da und benebelt Euch mit Foxhead. Ich will gehen und ſehen, was ich für Euch thun kann— Ihr könnt warten, bis ich wieder zurückkomme.“ Er brach auf und befand ſich bald in der Mitte der Ver⸗ ſammlung, wo er ohne Weiteres die Tonangeber des Platzes fragte, warum ſie Mr. Simpkin ein Billet verweigerten. Die Antwort lautete, daß ſie ſeine Geſellſchaft nicht brauchen könnten; ſte müß⸗ ten irgendwo eine Grenzlinie ziehen, und obgleich ſein Laden noch offen ſey, habe er doch nicht Jedermann zuſrieden geſtellt u. ſ. w. 5⁰9 u. ſ. w., denn der böſe Wille iſt ſinnreich, wenn es gilt, Steine auſfzuleſen, um ſie nach den Unglücklichen zu werfen. „Aber hat alles dies Beziehung auf ſeine Frau, ſeine Söhne und ſeine Töchter? Sie ſind in den uncertiſtzirten Bankerut nicht eingeſchloſſen und wurden zur Zeit des Sir Edward Fortintower ſtets zugelaſſen.“ Sie konnten hierauf keine beſſere Antwort geben, als daß ſie erklärten, in Anbetracht des Leumunds, in welchem der Leinwand⸗ händler ſtehe, zieme es ihnen beſſer, zu Hauſe zu bleiben; denn wenn ein Mann ſeine Gläubiger nicht befriedigen könne, ſo gelte vornweg die Annahme, daß er auch nicht in der Lage ſey, für ſeine Familie Ballbillete zu kaufen. Dem letzteren Einwurf begegnete Sir John dadurch, daß er die ſechs Billete für die Familie ſelbſt zahlte und ſie in ſeine Taſche ſteckte, ohne ſich jedoch auszuſprechen, wie er darüber zu verfügen gedachte; indeß ſchien er es gleichfalls paſſend zu finden, daß der Bankerutirer ausgeſchloſſen wurde. Weitere Nachfragen belehrten ihn üͤbrigens, daß der Leinwandhändler nicht ſchlimmer war, als die Meiſten, welchen Zutritt geſtattet worden; auch machte er die Entdeckung, daß ſich unter der Zahl der Erwarteten auch die Kuttel⸗ händler und drei von den Bäckern des Ortes befanden. Jack kehrte nach nicht ganz einer Stunde wieder zurück und fand, daß während ſeiner Abweſenheit ſein Geheimerrath Forhead und der Leinwandhändler beträchtliche Fortſchritte zum Glücke ge⸗ macht hatten. „Es iſt mir nicht möglich geworden,“ begann Sir John,„den Beſchluß, den das Komité über Euch gefaßt hat, abzuändern. Alle bleiben feſt auf ihrer Achtbarkeit ſtehen.“ „Dann,“ verſetzte Mr. Simpkin ſehr boshaft,„ſind ſie wie die Seiltänzer, die gleichfalls auf ſehr wenig ſtehen können.“ „Auf gerade ſo viel, als auf was Einige davon mit der Zeit tanzen werden— nämlich auf nichts. Um Euch jedoch für die ge⸗ 510 täuſchte Erwartung ſchadlos zu halten, bringe ich Euch hier drei Doppelbillete, welche Mrs. Simpkin, den drei jungen Damen und den beiden jungen Gentlemen Eintritt verſchaffen werden.“ „Ihr ſeyd wahrhaft edelmüthig, und in ihrem Glücke will ich die eigene Kränkung vergeſſen.“ Der Ellenritter legte dabei ſeine Hand auf's Herz und machte eine ſentimentale Werthermiene. Zugleich aber faßte er den ruhm⸗ würdigen Entſchluß, daß lieber ſein Laden darüber zu Grunde gehen ſollte, wenn ſeine Familie nicht die hellſten Sterne der Fortintower⸗ ſnarls an Glanz überböte. „Gebt mir den Krug herüber und hoͤrt, was ich Euch ſagen will, Simpkin,“ fuhr Jack fort.„Es ſoll nur an Euch liegen, wenn Ihr bei dieſem Tanze nicht der geehrteſte und geſchmeicheltſte Gaſt werdet.“ „Ich bin ganz Ohr— in unterthänigſter Ergebung ſtets der Eurige.“ „Ich will Euch ſagen, was ich meine. Mag ſeyn, daß ich nur rohes Kabelwerg bin, aber doch liebe ich keine Meuterei in meinem Schiffe und will keine Händel unter meinen Grundholden dulden. So viel ich ſehen kann, ſeyd ihr alle ſo ziemlich von gleichem Ge⸗ lichter, und ich kann's nicht leiden, wenn ihr euch auf Koſten An⸗ derer ein Anſehen gebt. Dieſes Laffenkomité da ſteckt die Köpfe zuſammen, als wüßten ſie, was eigentliche Gentilität iſt, und doch hat keiner von den Hundeſöhnen je an Bord eines Kriegsſchiffs ge⸗ dient. Es iſt unverſchämtes Volk, und ich wette, ſie haben ſogar unter vier Augen die Vermeſſenheit, zu ſagen, daß nicht einmal ich ſelbſt ein Gentleman ſey.“ „Ja, ſo iſt's wahrhaftig, Sir John,“ ſagte der Leinwand⸗ händler. „Dacht' ich mir's ja— doch ſie beweiſen damit nur ihre Un⸗ wiſſenheit. Aber jetzt hört auf mich, Meiſter Simpkin, und parirt 511 Ordre; Ihr ſollt für eine Nacht faſt der größte Mann in den drei Königreichen ſeyn, Seine Majeſtät und mich ſelbſt ausgenommen.“ „Natürlich,“ verſetzte Mr. Simpkin mit einer tiefen Verbeugung. „Ihr ſeyd ein ſcharfgebauter, pfiffiger Kerl, oder Euer Geſicht müßte der größte Lügner von der Welt ſeyn. Wenn Ihr nicht im Stande ſeyd, eine Rolle zu ſpielen, ſo habe ich mich in meinem Leben nie mehr getäuſcht.“ 8 „Ihr ſollt Euch in mir nicht getäuſcht haben, Sir John; ich kann wirklich eine Rolle ſpielen.“ „Forhead, mach' Dich rar und ſage James, er ſolle mir das Portefeuille mit Kupferſtichen bringen, das Du hinter dem Sopha des rothen Beſuchzimmers finden wirſt. Du brauchſt Dich nicht wieder zu zeigen, bis Deine Wache aufgeboten wird.“ Das Portefeuille wurde gebracht und Jack langte, ſobald er mit dem Leinwandhändler allein war, einen damals ſehr viel ver⸗ breiteten kolorirten Kupferſtich heraus, welcher den unſterblichen Miniſter in vollem Hofeoſtüm darſtellte. „Ihr ſeht dies,“ ſagte Jack.„Jetzt merkt auf meine Befehle. Ihr gebt vor, daß Ihr Geſchäfte halber nach dem Norden reiſen müßt und thut dies in einer Weiſe, daß Eure Mitbürger auf den Glauben kommen, Ihr wollet dadurch nur Euren Aerger verbergen.“ „Ich verſtehe Euch vollkommen.“ „Eure Familie ſoll ſich pünktlich bei dieſer Hüpferei einfinden. Ich will ſie unter meine Obhut nehmen.“ „Ich bin Euch ſehr dankbar dafür, Sir John.“ „Ihr habt auch alle Urſache dazu, wenn Ihr Alles wißt. Fahrt hurtig mit der Poſt nach London und laßt Euch auftackeln, wie dieſer Kupferſtich da. Nichts darf dabei vergeſſen werden. Die Koſten will ich auf mich nehmen und Euch eine Zeile an meinen Bankier mitgeben. Geht zu dem erſten Haarkräusler und laßt Euren Kopf ganz ſo herausſtaffiren, wie es auf dem Bilde hier iſt— nicht eine einzige Locke darf wegbleiben. Ihr habt noch 512 drei Tage Zeit, um Alles dies zu bewerkſtelligen. Am vierten, als am Tage des Balls, nehmt Ihr einen vierſpännigen Wagen mit zwei Vorreitern; in vier Stunden ſeyd Ihr hier. Ihr fahrt, ſobald der Ball angefangen hat, vor der Halle hier an, macht eine ſehr bedeutſame Miene und fragt nach mir. Natürlich bin ich auf dem Balle. Ihr folgt mir dahin und erwartet dann das Reſultat. Beim Henker, das ſoll einen Spaß geben.“ „Vortrefflich, Sir John— ſchön! Soll ich mich ſelbſt als William Pitt vorſtellen, oder wäre dies vielleicht Hochverrath?“ „Euch ſelbſt als William Pitt vorſtellen? Nein. Wenn Euch Andere nicht dafür nehmen, ſeyd Ihr für den Spaß verdorben. Ihr ſpielt den Geheimnißvollen, ſprecht von Regimenteraushebungen— von einem Einfalle— von Commiſſtonsernennungen— kurz, Ihr müßt Eure Reden zweideutig halten; dadurch verdreht Ihr Allen die Köpfe, haltet ſte zum Narren und wir ſchließen mit einer groß⸗ artigen Scene. „Ja, das wollen wir— herrlich! vortrefflich. Ich überlaſſe mich Eurer Leitung, Sir John.“ „Gut— aber reinen Mund gehalten. Da iſt ein Billet an meinen Bankier. Geht jetzt zu Eurem Weibe nach Hauſe und verabſchiedet Euch von ihr. Wohlgemerkt, Ihr geht nach dem Norden. Nach dem nächſten Städtchen könnt Ihr eine Fußpartie machen und von dort aus hurtig fort nach London.“ Der Leinwandhändler eilte fort und Jack blieb in der aufge⸗ räumteſten Laune zurück. 513 Vierundvierzigſtes Kapitel. Der Ball.— Alles in ſchönſter Ordnung.— Ankunft eines großen Herrn. — Die Leute fallen in die Grube, welche ihnen Jack gegraben hat.— Alles wandelt ſich zu Höflingen um.— Die den Fuchs hetzen, gerathen in die Irre.— Nachtiſchreden.— Beſtürzung, Aufklärung und Schluß. Der hochwichtige Abend kam heran und eine höchſt prachtvolle Verſammlung drängte ſich durch die geräumigen Gemächer des Fortintowerwappens. In ihren Uniformen als Yeomen und Frei⸗ willige folgten Pächter auf Gewerbsleute und Gewerbsleute auf Pächter; aber ſo glorreich ſie ſich auch ausnahmen, waren ſie doch nichts in Vergleichung mit dem bunten Glanze, den ihre Weiber und Toͤchter zur Schau ſtellten. Die benachbarten Squire und die Leute vom Fach waren gleichfalls aus einem Umkreiſe von zwanzig Meilen herbeigeſtrömt, um auf die Ladenariſtokratie herunterzuſehen, die Gönner zu ſpielen und in tauſend gemeinen, hinterliſtigen Weiſen ihre Ueberlegenheit blicken zu laſſen oder ihre Verachtung gegen andere Leute zur Schau zu tragen. Sir John hatte ſich, von Mr. Singleheart begleitet, ſehr früh eingefunden. Da unſer Held einer der Feſtbeamten war, ſo däuchte es ihm nicht unter ſeiner Würde, die Anordnungen zu überwachen und für die Bequemlichkeit der Leute zu ſorgen„ die in ſeinem Namen geladen waren. Er trug die einfache, ſaubere Kleidung eines Privatgentleman und war weder betrunken, noch mit Tabak parfümirt; auch benahm er ſich ſo rückſichtsvoll, ſo freundlich gegen Alle und war ſo angelegentlich beſorgt, allen Zwang zu beſeitigen, daß die Leute kaum glauben wollten, dieſe umgängliche Perſon ſey der lärmende, betrunkene, durch das Glück verdorbene Matroſe, von deſſen rohen Sitten und praktiſchen Späßen ſie ſchon ſo viel gehört hatten. Maxryat's W. XX. Jack am Lande.. 33 2 514 Als ſich die Zimmer zu füllen begannen, erſchien auch Lady Truepenny in Begleitung des Kapitän Nitregas, eines vertrauten Freundes des verwundeten Obriſten, welcher noch immer das Bett hüten mußte. Sie war ſehr ſchön und ſchwamm den Saal hinauf, ſich beifällig lächelnd auf den Arm des Kapitäns lehnend, welch letzteren die Damen für einen ſehr hübſchen Menſchen erklärten, obſchon er ſelbſt noch ein Bischen mehr zu ſeyn glaubte. Lady Truepenny hatte ſich vorgenommen, Jack ein wenig hoch zu be⸗ handeln und ihren Herrn und Meiſter unter Vermittlung des ſchönen Soldaten ihre Ueberlegenheit fühlen zu laſſen; aber wie ſehr fühlte ſte ſich überraſcht, als ſte bemerkte, daß ihr verachteter Gatte ihr entgegenkam und ſie mit aller Anmuth eines Gentlemans, aber doch mit der abgemeſſenen Höflichkeit eines Fremden von guter Erziehung empfing. Da er nüchtern und gut gekleidet war, ſo er⸗ ſchien er bei Weitem als der ſchönſte Mann in dem Saale. Das unwirkſame Feuer des Kapitän Nitregas erblaßte neben ihm und ſchwand zu gänzlicher Unbedeutſamkeit zuſammen. Selt⸗ ſame Gewiſſensmahnungen machten die Lady zittern, weshalb ſie plötzlich ihren E er verließ, ihren Arm zärtlich in den ihres Gatten legte, ihr an ihre Seite zog und ihm in's Ohr flüſterte: „Mein theur John, wenn Ihr nur immer ſo wäret!“ Aber dieſer Erguß war ſehr übelzeitig angebracht. Jack ant⸗ wortete weder auf die Geberde, noch auf die Worte, ſondern führte ſeine Gattin achtungsvoll nach einem Sitze an dem oberen Ende des Zimmers, wo er ſich gegen ſie verbeugte und weiter ging, um unter der übrigen Geſellſchaft den Angenehmen zu ſpielen. Jack gewann an jenem Abend alle Herzen, das eine ausge⸗ nommen, welches ihm hätte am theuerſten ſeyn ſollen und deſſen wiederkehrende Neigung er ſo geringſchätzig verſchmähte. Sir Ed⸗ ward Fortintower wurde nicht länger vermißt. In ſeiner Leutſelig⸗ keit drückte ſich eine Wärme aus, welche alle Anweſenden über⸗ zeugte, daß ihm ſein Benehmen vom Herzen ging und nicht bloße Manier war. Die Männer betrachteten ihn ſtaunend und die 51⁵ Frauen mit Bewunderung. Die Deputation der Dreizehn glaubte kaum an die Identität des höflichen, aufmerkſamen Ballpatrons mit dem halbbetrunkenen Schalke, der ſie durch Drohungen vermocht hatte, ſich viehiſch mit gekochten Schweinserbſen anzufuͤllen und dem Ganzen durch einen tüchtigen Rauſch die Krone aufzuſetzen. Unſer Jack glitt von einem der Anweſenden zum andern und hatte für Jeden ein freundliches Wort oder eine gefällige Rede; er war aufgeraͤumt mit den Dreiſten, lachte mit den Heiteren, er⸗ muthigte die Schüchternen und ſchuf eine anmuthige Gleichheit der allgemeinen Stimmung, indem er ſich nicht gerade augenfällig zu den Demüthigen und Niedrigen herabgab, ſondern ſie zu einem geſelligen Frohſtnne heranhob. Dabei ließ er jede Perſon, welche zur allgemeinen Erheiterung ihr Beſtes beitrug, empfinden, daß ſie für dieſen Abend keinen Vorrang über ſich zu erkennen nöthig habe, ſofern ſie ſich nicht über Andere erheben wollte. Allerdings kam viel Lächerliches, Gemeines und Groteskes in dieſer gemiſchten Ge⸗ ſellſchaft vor. Viele der Männer waren linkiſch, einfältig und eitel, die Weiber flitterh und h wierigkeit konnte in der Mitte des Hauptſaals ein kleiner Kreis ausgehöhlt werden, in welchem man den Menuett der guten alten Zeiten verſuchte. Wir haben übrigens mit der Geſchichte dieſes Balles nur in foweit zu ſchaffen, als unſer Held dabei betheiligt war.— Der Comitébeſchluß der Dreizehn fand allgemeinen Beifall. Die drei Leinwandhändler, welche mehr Kunden hatten, als Mr. Simpkin, und gewandte Perſonen waren, die ihr Geſchäft weit noh⸗ ler betrieben— Alle, welche nie Bankerut gemacht hatten(deren übrigens nur ſehr Wenige waren)— ſänmtliche einfache Banke⸗ rutirer— Diejenigen, welche nur zweimal ihre Zahlungen ein⸗ 8.* 516 geſtellt hatten— alle dreifachen Bankeruttleute, die jedoch ihre Certifikate erhalten hatten— waren hoch erfreut, daß die Ball⸗ beamten der Achtbarkeit der Verſammlung durch Ausſchluß des Mr. Simpkin ihr Recht hatten angedeihen laſſen. Wie waren fie ſo froh, unter ſich zu ſeyn. Die beiden Advokaten waren gegenſeitig ſehr komplimenten⸗ reich über dieſen Anlaß; der Metzgerzunftmeiſter gratulirte dem Vorſtand der Käſeverkäufer⸗Innung; der Stadtrath pries den Aus⸗ ſpruch der Dreizehn; der Steuereinnehmer athmete ſteier; die Luft wurde nicht durch den Athem eines armſeligen, bankerutten Ellen⸗ ritters verpeſtet— ja, ſie waren die Auserleſenen! Mit großem Bedauern müſſen wir bemerken, daß an dieſen phariſäiſchen Ergüſſen die Damen mehr als theilnahmen, obſchon die guten Seelen ihre Geſinnung in der Form des Mitleids aus⸗ drückten. Sie bedauerten tief, ſchmerzlich tief, die arme Mrs. Simpkin— freilich hatte ſie auch den Kopf ein Bischen hoch ge⸗ tragen— und die drei jungen Mädchen— dieſe waren die Be⸗ dauernswürdigſten und mußten jetzt wahrſcheinlich zum Dienen gehen; aber die Lektion war heilſam— fortan konnten ſie ſich nicht mehr unter den Leuten zeigen. Nach dem erſten Menuett gab es auf einmal ein Gewühl unter den Gentlemen mit den weißen Stäben und Atlasſchleifen, denn man hatte ihnen gemeldet, daß die zurückgewieſene Familie mit Ausnahme ihres nicht certificirten Hauptes an der Thüre ſey— ja, ſie hatten ſogar ſchon die Schwelle überſtiegen und, was noch ſchlimmer war, ſtritten ſich nun in der Vorhalle mit den Thür⸗ hütern, welche ihnen den Eintritt verweigerten. Welche Frechheit! welche Unverſchämtheit! Ein paar Worte von Jack legten aber mit einem Male alles Murren. „Ich habe Ihnen die Billete gegeben— ſte kommen auf meine Einladung! In Betreff des Mannes habe ich euch nachgegeben, Gentlemen, aber ſeine Frau und ſeine Kinder find keine unecertifi⸗ — — 517 eirte Bankeruttirer. Das Unglück des Hausvaters kann ſte nicht herabwürdigen.“ Sir John ging nach der Thüre, reichte der ſtämmigen, glü⸗ henden Mrs. Simpkin ſeinen Arm und führte ſie nach dem oberen Theile des Saals, während ihr die liebe Jugend auf dem Fuße folgte. Er unterhielt ſich eine Weile mit ihr, richtete dann einige ermuthigende Worte an jedes einzelne ihrer Kinder, wies der Ma⸗ dame ihren Platz zwiſchen den erlauchten Gemahlinnen der beiden Advokaten an und empfahl ſte denſelben ausdrücklich zu freund⸗ licher Aufmerkſamkeit. 3 Und ſie ſäumten nicht, dieſer Empfehlung in ihrer Weiſe Folge zu geben. Sie bedauerten die Abweſenheit ihres Gatten, fraͤgten, wie lang er im Norden ſeyn werde— wer wohl während ſeiner. erzwungenen Amtsniederlegung den Laden verſorge— und ob ſie nicht bei dem ſehr verwickelten Zuſtand, in welchem ſich die An⸗ gelegenheiten des Leinwandhändlers befänden, über gewiſſe Seiden⸗ und Leinwandſtoffe einen Kauf abſchließen könnten. Dieſe Aufmerkſamkeiten waren zu viel für die arme Mrs. Simp⸗ kin. Das Herz hätte ihr ſpringen mögen; aber ſie unterdrückte heldenmüthig ihre Thränen und begab ſich zu anderen Tröſterinnen, welche in derſelben theilnehmenden Weiſe anhuben und ſo die arme Frau eigentlich Spießruthen laufen ließen. Die jüͤngeren Zweige der Familie kamen nicht beſſer weg. Die Söhne fanden alle Da⸗ men bereits verſagt, und für die Töchter wollte ſich nirgends ein Tänzer finden. Der ehrliche, gutmüthige Jack bemerkte alles dies und blickte von Zeit zu Zeit angelegentlich auf ſeine Uhr. Er hatte ſich faſt entſchloſſen, von ſeinem Entſchluſſe, nicht zu tanzen, abzuſtehen und mit Mrs. Simpkin eine Tour anzutreten, als ſich endlich das Geräuſch, welchem er ſo ſehnlich entgegenharrte, vernehmen ließ. Wir müſſen übrigens vorausſchicken, daß ſich trotz aller Bemühun⸗ gen von Seiten unſeres Jack die gemiſchte Geſellſchaft doch nicht amalgamiren wollte. Die Gentry und die begüterten Eigenthümer 518 mit ihren Frauen nahmen ausſchließlich die rechte Ecke des Saales ein, und darum ſchaarten ſich die Herren vom Fach mit ihren Gattinnen in geſelliger Berührung, ohne ſich jedoch damit zu ver⸗ miſchen. Die reichen Pächter und ihre rothbackigen, fröhlichen Frauen ſcharmützelten zwiſchen den Fachherren durch, drangen bis⸗ weilen durch den Kreis und ſtreiften an die Ariſtokratie an, während ſie andererſeits in die Herrlichkeit des Krämerreiches ein⸗ drangen. Letzteres hatte einen furchtbaren Hang, ſich in kleine Klum⸗ pen zuſammenzuballen, wurde aber von Zeit zu Zeit durch die Stäbe der verſchiedenen Feſtordner aufgeſtört und in einem leid⸗ lich⸗flüſſigen Zuſtand erhalten. Die Geſellſchaft hatte eben ange⸗ fangen, ſich wieder in Gruppen zu bilden, als ſich das gedachte Getümmel vernehmen ließ.. Es beſtand in einem Geſchrei auf der Straße, welchem ein lautes Hurrahrufen, das Getrampel von vielen Pferden und ein gebieteriſches:„Platz gemacht!“ folgte. Die Thüren ſlogen angen⸗ blicklich auf, und zwei der gepuderten und bordirten Lakaien des Sir John, ihre Eckenhüte in der Linken und die ungeheuren Rohr⸗ ſtöcke mit goldenen Knöpfen in der Rechten, ſtürzten in den Saal, zu gleicher Zeit ausrufend:„Sir John Truepenny!“ „Nun,“ entgegnete Sir John,„laßt euch Zeit, um zu Athem zu kommen! Was gibt's?“ „Wir— wir— ich— ich— welch' ein Wunder⸗ fagie der eine Lakai. „Steht die Halle in Brand?“ „Noch wunderbarer, als dies,“ entgegnete der Eine. .„Er iſt es ſelbſt, Euer Gnaden,“ fügte der Andere bei. „Wer?“ „Der große William Pitt!“ ſagte Thomas, nach Luft ſchnappend. „Der Premierminiſter!“ ergänzte der Andere mit einer Miene des Entſetzens. „Unmöglich!“ ſagte Jack. 519 Die Neugierde ſteigerte ſich ungemein. „Hat ganz ſeine Richtigkeit, Sir John.“ „Ein vierſpänniger Wagen.“ „Vorreiter.“ „An der Halle angefahren.“ „Wünſcht augenblicklich Sir John zu ſehen.“ „Seine Majeſtät!“ „Einfall!“ So nahm Jeder in ſeiner Haſt dem Andern das Wort vor dem Munde weg. Die Spannung erreichte den höchſten Grad. Es herrſchte ein ſo tiefes Schweigen, daß Jeder ſeinen Nachbar ath⸗ men hören konnte. 3 „Nun, was weiter?“ „Wir ſprangen hinten auf den Wagen des großen Mannes“, ſagte der ſchnellere Sprecher:„er iſt jetzt an der Thüre und erwar⸗ tet Euer Gnaden.“ Dieſe Kunde wirkte wie ein elektriſcher Schlag und Alles ſtürzte der Thüre zu. „Um's Himmels willen, Gentlemen,“ brüllte Jack,„was treiben wir? Bildet ſchleunigſt eine Proceſſton, um den großen Mann zu empfangen. He da, Feſtordner— drei Mann hoch. Die Gentry ſoll den Zug anführen! Jetzt die Geiſtlichkeit— die Herren vom Fach— die Landbeſitzer— ſtille— kein Wort— Ordnung! Jetzt iſt's Zeit, Eure Loyalität zu zeigen. Ihr Damen, ſtellt euch in Reihen— natürlich werdet ihr dem Pfeiler des Staats die gebührende Ehre erweiſen.“ Die Damen machten in ſchönſter Ordnung Spaliere; die De⸗ putation aber zog hinaus und kehrte bald nachher unter Verbeu⸗ gungen und lärmendem Hurrahrufen mit dem Fremden zurück. „Er iſt es!— er iſt es!“ Während der uncertificirte Leinwandhändler lächelnd und lang⸗ ſam zwiſchen den beiden Reihen durchſpazierte, knirten die Damen faſt bis auf den Boden, ſchwenkten ihre Schrupftücher und bewar⸗ 520 fen ihn mit dicken Sträußen kunſtlicher Vlumen. Sobald er das obere Ende des Saales erreicht hatte, wurde der Lärm und das Zuſammenſchlagen der Hände furchtbar. Simpkin legte die Hand auf ſeine Bruſt und ſah mit einer Miene triumphirender Selbſt⸗ zufriedenheit umher; dann machte er eine ſo tiefe Verbeugung, daß die Damen ganz entzückt waren und der letzte Tropfen von Whig⸗ thum aus den Herzen der Männer herauseiterte. Dann erhob der unvergleichliche Schalk, unſer theure Jack, mit der ehrfurchtsvollen Miene eines Schiffsküchenjungen, wenn er vor ſeinem Kapitäne ſteht, ſeine Stimme und ſprach: „Habe ich die Ehre, den treuen Piloten im Sturme anzu⸗ breien, den himmelbgebornen Miniſter— die Hauptſtütze des Staa⸗ tes, den unvergleichlichen, unverglichenen, unvergleichbaren, be⸗ wunderungswürdigen und hochgeborenen William Pitt?“ „Bst, Sir John Truepenny,“ verſetzte der Leinwandhändler mit lispelnder, ſüßmelodiſcher Stimme.„Seyd klug, mein guter Sir John. Der Pilote im Sturm muß höchſt wichtige Gründe haben, wenn er zu einer ſolchen Zeit der Nacht durch das Land ſprengt.“ Dann fügte er mit ernſter Stimme bei:„Vergeßt nicht, Sir John, daß ich in ſtrengem Incognito reiſe.“ Obgleich alles dies ſo hörbar geſprochen wurde, daß jede an⸗ weſende Perſon ihn verſtehen konnte, ſo erhob er doch jetzt ſeine Stimme noch mehr und rief:— „Ich bin nicht William Pitt— am wenigſten in dieſem Saale!“ „Welch' ein herrlicher Miniſter! Wie ſchön er ſeine Lüge vor⸗ bringt!“ ſagte ein halbes Dutzend Stimmen. „Er gleicht meinem Sam wie eine Elle Band der andern, wenn ſie von derſelben Rolle abgeſchnitten ſind,“ bemerkte die gute Mrs. Simpkin. „Auf und nieder wie der Pa,“ ſagten ſeine zwei Töchter;„nur iſt Pa nicht ganz ſo häßlich.“ „Das leibhaftige Ebenbild des Vaters,“ ließen ſich die Söhne vernehmen;„nur ein wenig größer.“ 521 „Da höre man die Unverſchämtheit dieſer niedrig gebornen Elenden,“ ſagten oder dachten Alle, welche in derk Nähe der letzten Sprecher ſtanden.„Der glorreiche Miniſter gleicht dem ſchmutzigen, kratzfußenden, ſchleichenden Ellenritter eben ſo wenig, als eine gol⸗ dene Guinee einem falſchen Heller.“ „Ich will nie wieder an Gerüchte von Aehnlichkeit glauben!“ „Auch ich nicht— dieſe Würde!“ „Ich gleichfalls nicht— ſolche Herablaſſung.“ „Ich eben ſo wenig— ſo viel Anmuth!”“ „Stille! der große Mann ſpricht.“ „Nur einige Minuten unter vier Augen, Sir John, da Ihr der erſte Landbeſitzer in dieſem Theile der Grafſchaft ſeyd, und dann ſeyd mir für friſche Pferde beſorgt. Mein Aufenthalt muß kurz ſeyn— Seine Majeſtät— doch ich vergeſſe mich.“. Sir John war lauter Unterwürfigkeit. Das kleine Zimmer, das letzte von den dreien, welche der Ballgeſellſchaft angewieſen waren, wo die ältlichen Damen ſich bereits in läſterzüngiger Unterhaltung und Kartenſpiel ergingen, wurde nun ohne Umſtände geräumt und die Thüre hinter dem argliſtigen Paare geſchloſſen. Wir ſchämen uns nun, einen garſtigen Makel in dem guten Ton und dem Ehr⸗ gefühle der Bewohner von Fortintower berühren zu müſſen; aber ſie konnten ſich nicht helfen— die Verlockung war zu groß, als daß ein Sterblicher hätte Widerſtand leiſten können. Der Whighavokat brachte ſein Ohr an das Schlüſſelloch und der Toryrechtsgelehrte ſein Auge an einen Spalt in der Thüre— die Geſellſchaft aber ſtieß keinen derſelben mit entrüſteten Fußtritten zurück. Keine Sylbe der Vorſtellung fiel und— oh, daß wir es bekennen müſſen— ſie billigte und ermuthigte ſogar die Lauſcher, welche fortwährend mit den Fra⸗ gen beſtürmt wurden:„Was hört Ihr? Was ſeht Ihr?“ „Sie drücken ſich die Hände,“ ſagte das Toryauge der Ge⸗ ſellſchaft. „Sie ſprechen von Narren, Dummköpfen, Eſeln,“ antwortete das Whigohr. 522 „Sie tanzen wie toll in dem Zimmer umher,“ verkündete das Auge.. „Sie lachen, als ob ſie ſich zu Tode lachen wollten,“ notiſtzirte das Ohr. „Sie haben an dem andern Ende des Zimmers Platz genommen.“ „Sie reden flüſternd.“ Endlich wurde der bangen Spannung dadurch ein Ende ge⸗ macht, daß die Thüren plötzlich aufgeriſſen und die rechtskundigen Spione über den Haufen geworſen wurden, worauf das luſtige Paar wieder zum Vorſchein kam. Sir John kündigte nun der Geſellſchaft an, daß der ausge⸗ zeichnete Fremde eingewilligt habe, zu bleiben und mit ihnen zu ſoupiren. Sofort wurde Befehl ertheilt, daß vorderhand keine fri⸗ ſchen Pferde eingeſpannt werden ſollten. Jetzt begann die Poſſe erſt recht. An den Tanz wurde nicht länger gedacht und die Kar⸗ ten erſchienen als ein Gräuel. Die Muſtkanten hatten für dieſen Abend eine Sinekure. Das Ballzimmer wurde in einen Hof um⸗ gewandelt, die ganze Maſſe der Gäſte in Höflinge und der uncerti⸗ ficirte Bankeruttirer in den Potentaten, zu deſſen Füßen der Weih⸗ rauch der Schmeichelei qualmte. Dann begannen die Vorſtellungen, obſchon der ſchlaue Bankerut⸗ tirer vorderhand durchaus nicht als William Pitt genannt ſeyn wollte; er fühlte ſich verpflichtet, ſein Incognito zu bewahren, ſchätzte ſich aber glücklich— überglücklich, hohen Orts von den Gefühlen der Loyalität und Anhänglichkeit an die Regierung ſprechen zu koͤn⸗ nen, die er bei dieſer Gelegenheit kennen zu lernen das Vergnügen hatte. Jeder betheuerte ſeine Anhänglichkeit an die gegenwärtige Verwaltung. Iſaſchar Chargeit ſchwor auf dem Platze ſeinen Whig⸗ thum ab und ſteckte eine Karte in Mr. Simplins Hand. Die Squire und ihre Frauen umwedelten ihn; aber Niemand ſpielte in ſo hohem Grade den Speichellecker, als der ſette, ſtolze Rektor Doktor Can⸗ tiele, der bis auf dieſen Augenblick der anmaßendſte Whig geweſen war. Nachdem er dem Leinwandhändler faſt den Staub von den ——— 523 Füßen geleckt hatte, entfernte er ſich für eine Viertelſtunde und ließ dann mit einem demüthigen Lächeln eine Bittſchrift in die Hand ſeines neuerkieſenen Patrons gleiten. Viele Andere folgten dieſem Beiſpiel, bis endlich der Leinwandhändler ſeine Rocktaſchen leidlich vollgeſtopft hatte. Dann ſprach er von drei oder vier Requirirungs⸗ kommiſſionen, die in Fortintower errichtet und deren Bedienſtete mit einem Gehalt von je tauſend Pfunden jährlich begabt werden ſollten. Der Haufen beugte ſich bis faſt auf den Boden und betete an. Inzwiſchen hatte ſich unſer ſpitzbübiſcher Jack in eine Ecke des Saals verkrochen und wollte dort faſt erſticken vor unterdrücktem Gelächter; er war ganz ſchwarz im Geſichte, die Thränen rollten über ſeine Wangen nieder und es fehlten nur noch ſiebenzehn Puls⸗ ſchläge bis zu einem förmlichen Schlaganfalle. Nachdem Simpkin den Namen faſt jeder anweſenden Perſon— denn Alle zeigten ſich als Bittſteller entweder für ſich ſelbſt oder für ihre Verwandten, aufgezeichnet hatte, trat er mit einer imponi⸗ renden Haltung in die Mitte des Gemaches und lies die Bemerkung fallen, wie er gehört habe, daß an dieſem abgelegenen Orte ſich ein gewiſſer Simpkin aufhalte, ein ſehr ehrlicher, aber unglücklicher Mann, der dem Vernehmen nach große Aehnlichkeit mit ihm ſelbſt habe. Wo er ſey und warum er ihn nicht hier ſehe. Es wurde ihm ſodann der Genuß zu Theil, maßlos über ſich ſelbſt ſchimpfen zu hören. Man theilte ihm mit, daß Simpkin ein ſchäbiger, ſchleichender Spitzbube ſey, ohne die anſtändigen Manieren eines Gewerbsmannes— ein Betrüger, ein Halunke und dem hoch⸗ geborenen Herrn eben ſo unähnlich, wie ein giftiger Pilz einer Roſe — mit einem Worte ein Kerl, den man mit Fußtritten aus dem Stocke nach dem Düngerhaufen jagen ſollte, damit er daſelbſt ſterbe und vermodere. Sam Simpkin ergrimmte in ſeinem Innern und wechſelte die Farbe, wußte aber doch gewandt von dem Gegenſtande abzugehen. Jack kam ihm dabei zu Hülfe und ſtellte ihm ſeine eigene Familie vor, welche er ſo leutſelig und höflich empfing, daß Mrs. Simpkin, 524 die jungen Frauenzimmer und die Meſſieurs Simpkin augenblicklich um dreihundert Procent in der allgemeinen Achtung ſtiegen. Die⸗ jenigen, welche über den Leinwandhändler geläſtert hatten, fingen nun an, zu glauben, daß ſte doch zu weit gegangen ſeyen. Endlich langte die Meldung an, daß das Souper in den untern Gemächern bereit ſey. Das Mahl war trefflich und der köſtliche Wein ſtrömte in Fülle, da Jacks fünfzig Pfunde und der Erlös für die Subſcriptionsbillet den Aufwand mehr als deckten. Die Tiſche ſtanden in der Form eines Hufeiſens und boten Raum für Alle. Samuel Simpkin wurde mit allen Ehren in das Speiſezimmer ein⸗ geführt und erhielt ſeinen Sitz zu Jacks Rechten, worauf ein Gebet geſprochen wurde und das Bankett ſeinen Anfang nahm. Die Ehrenplätze wurden durch die Deputation der Dreizehn und die Hauptgentry der Grafſchaft eingenommen. Der Champagner ſprudelte— ein Wein, den Simpkin und viele von der Deputation nie zuvor gekoſtet hatten— und der arme Leinwandhändler ſah ſich hart bedrängt; denn wer hätte nicht nach der hohen Ehre getrach⸗ tet, mit ihm Wein zu trinken? Er begann ſich für einen Augen⸗ blick zu vergeſſen und Jack zwickte ihn braun und blau, um ihn wieder zur Beſinnung zu bringen. Niemand wunderte ſich jedoch über ſein maßloſes Trinken, denn es war ja männiglich bekannt, wie gewaltig Englands Hauptſtütze in dieſem Punkte war.. Dann begannen die Toaſte— die königliche Majeſtät— die königliche Familie— die glorreiche Verwaltung. Keine von dieſen loyalen Ergüſſen enthüllte den Fuchs oder öffnete Pitts Mund. Dann erhob ſich Doktor Canticle zu einer widerlich ſchwülſtigen Rede, vergötterte den König ſammt deſſen Premierminiſter und ſchloß in folgender Weiſe: „Wenn je ein unſterblicher Geiſt unmittelbar von dem Himmel niederſtieg, ſo wohnt er in dem Buſen dieſes großen Mannes. Die Greiſe ſollen Segenswünſche über ihn n urmeln in ihren Gebeten — die Männer ſollen nur athmen, um ihm Beifall zu zollen, und die Kinder ſollen ſeinen Namen ſtets in Verbindung mit dem ihres 525 Königs und ihres Gottes liſpeln!— Er— er iſt unſer Erlöſer! Unſer Leben und unſer Eigenthum— Alles, was wir ſind und haben, iſt ſein, denn hat er es nicht uns Alle gerettet? Und ſo ſey ihm auch Alles angeboten.“(Laute Rufe—„ja, ja!“)„Er hat zu befehlen und wir gehorchen.(Rauſchender Beifall.) Wenn ich nun auf die Geſundheit dieſer Verkörperung einer Engelsnatur unter dem allgeheiligten Namen William Pitt trinke, ſo möge es unter neun mal neun Hurrahs geſchehen— ich bringe die Geſundheit unſeres ausgezeichneten Gaſts, unſeres Freundes, unſeres Gönners und un⸗ ſeres Beſchützers aus! Dies iſt ein großer Tag für Fortintower.“ Wir brauchen nicht zu ſchildern, welches dröhnende Beifalls⸗ geſchrei dieſem Beredfamkeitsausbruche folgte. Endlich legte ſich daſſelbe, und von Jack auf der einen, und von Squire von Booby⸗ hatch auf der andern Seite unterſtützt, erhob ſich der unſterbliche Simpkin, um ſeine Zuhörer durch folgende herrliche Rede zu elektriſiren. 3„Meine Damen und Herrn— ich erfreue mich— hupp— macht nichts— ich ſchluchze immer— dieſer Sitiwation— dieſer Siti⸗ wation von Ehre und Ruhm— zum Henker die Whigs!— zum Henker mit der Oppoſttion—(hurrah!)— einer Oppoſition— ſo unmanierlich, ſo unedelmüthig und ſo unnachbarlich— eine beſtialiſche Oppoſition!—(dröhnender Beifallsruf). Wäre dieſe boshafte Oppoſition nicht geweſen, ihr Damen und Herrn, ſo hätte ich ſchon vor zwei Monaten mein Certificat erhalten.“ „Recht ſo!“ jauchzte Jack—„nur fortgemacht!“ „Ich ſehe da den Spitzbuben Iſaſchar Chorgeit; nähme ich nicht Rückſicht auf die hier anweſende Geſellſchaft, ſo würde ich ihm mit dieſer leeren Flaſche da die Augen aus dem Geſicht ſchlagen— er war es, der die ſchuftige Oppoſition anführte— er ſträubte ſich gegen mein Certificat— hi, hi— Bob Simpkin, ich hoffe, Du haſt in meiner Abweſenheit den Laden gut beſorgt. Mrs. Simpkin, 1) muß mich wundern über Dich— haſt Du die ſchlumpigte Dolly fortgejagt? Ihr habt meine Geſundheit getrunken— ich habe neue Karten drucken laſſen und juſt meinen Wintervorrath eingelegt— 526 große Auswahl— Fabrikpreiſe— das Geſchäft geht wie gewöhn⸗ lich in meines Sohnes Namen fort— hipp, hipp, hurrah!— ladet eure Gläſer! Gut Glück dem faſhionablen Etabliſſement Numero acht Bogbury Street, und möge die Oppoſition verdammt ſeyn!“ Mit dieſen Worten riß er ſeine gekräuſelte Perücke vom Kopfe, ſchleuderte ſie gewandt nach den Armen des Kronleuchters in der Mitte des Zimmers, wo ſie glorreich in Flammen aufloderte, und ſtand nun offenkundig in ſeinem ſchwarzen, kurzen, ſtruppigen Haare als der bankerutte Leinwandhändler da. Die Verwirrung war furchtbar. Die Hälfte der Gäſte eilte augenblicklich fort, um ihre Scham zu verbergen, die andere aber erging ſich in jubelndem Gelächter. Jack ſtieg auf den Tiſch und machte in wildem Entzücken die tollſten Sprünge, während der Held des Abends heulend betrunken in die Arme ſeiner zärtlichen Familie ſank. Diejenigen, welche dem Spaſſe Geſchmack abgewannen, blieben. Die widerſpenſtigen Gläubiger ließen ſich beſchwichtigen, das Cer⸗ tificat wurde verſprochen und die Orgien der Nacht begannen. Was nun noch folgte, war ein Gemiſch von Unmäßigkeit und Tollheit. Der Scherz kam Simplin ſehr zu Statten, denn man betrach⸗ tete ihn fortan wohl für einen Spitzbuben, aber doch für einen ſehr geſcheidten Kerl, und Sir John Truepenny blieb nachher ſtets ſein Freund. 3 Fünfundvierzigſtes Kapitel. Jack geht vom Schlimmen zum Schlimmeren über— verſpricht Beſſerung und läßt ſogar die Hoffnung darauf hinter ſich.— Hört ſchreckliche Neuigkeiten und fühlt ſich furchtbar ergriffen.— Bereitet ſich zum Handeln vor und ſtellt einige ſehr vortreffliche Betrachtungen an, die aber zu ſpät kommen. Unſere Aufgabe wird jetzt traurig, denn Sir John Truepennys Kopf iſt nun ganz verdreht geworden. Hin und wieder erging er ſich in den tollſten Handlungen „ und es entſchwand kein Tag, ohne daß er ſich betrank. Hierin fand er nun nur allzu Viele, die ihm Vorſchub thaten, und er beging jede mögliche Thorheit, obſchon er ſich nie überreden ließ, dem ehrlichen Rechtsgelehrten Mr. Single⸗ heart die ausſchließliche Verwaltung ſeiner Angelegenheiten abzuneh⸗ men. In dieſer Beziehung blieb er ſo ſtandhaft wie ein Schiff in einem Sturme, das an einer Leeküſte vor ſeinem beſten Pflicht⸗ und Buganker reitet. Auch der Ammannenſis blieb ſein treuer demüthi⸗ ger Freund.* Wir müſſen nun einen Rückblick auf die Hauptperſonen thun, die um jene Zeit in ihren verſchiedenen Stellungen Einfluß auf Jacks Schickſal übten. Lord Fortinkower ſpielte noch immer an dem kleinen Hofe, wo er die Würde ſeines Souveräns aufrecht erhielt, den großen Mamn, obſchon ihn der eitle Prunk bald anwiderte und er ſich nach Thätigkeit, Auszeichnung und zeitlichem Gewinn ſehnte. Er war ein hätig g 3) unzufriedener, in ſeinen Hoffnungen getäuſchter Mann.. Seine ſanfte, edle Gattin blieb ſtets dieſelbe, obſchon ſie ſich nicht glücklich fühlen konnte. Sie härmte ſich ab über das ſtäte Klagen ihres Eheherrn, entfaltete aber in ihrer wandelloſen Liebe die Voll⸗ kommenheit ihres Charakters. Der Gott ihres jungfräulichen Herzens hatte ſich in einen bloßen, dem Irrthum ausgeſetzten Sterblichen um⸗ gewandelt, obſchon ihre Anhänglichkeit keine Minderung erhielt. Viel⸗ leicht liebte ſie ihn nur um ſo inniger, weil ſich ihr unwillkürlich das Bewußtſeyn ſeiner Fehler aufdrang. Sie ſehnte ſich wieder nach England und wünſchte glühend, ihren Großvater noch am Leben zu finden und ſeinen Segen zu empfangen, ehe er in's Grab ſtieg. Die wohlbeleibte Bumbootfrau Mrs. Snowdrop ſammelte in ihrem mühſamen, unruhigen Berufe bald Pence zu Schillingen, Schillinge zu Pfunden und vermehrte mit letzteren ihren bereits ſchon beträchtlichen Reichthum, während ihre Tochter, die ſich noch immer in ihrer Erziehungsanſtalt befand, in gleicher Weiſe, oder vielleicht ſogar noch emſiger geiſtige Schätze ſammelte. Mr. Scrivener, der ſchlaue Rechtsgelehrte, ließ ſich zwar nie 528 vor Jack blicken, übte aber doch einen bedeutſamen Einfluß auf deſſen ganze Umgebung und fand ſich ſogar bisweilen unter dem Dache ſeines Schwiegerſohns ein, ohne daß dieſer davon wußte. Er verfolgte noch immer ſeine hartnäckige Oppoſiton gegen die Auf⸗ hebung des Truepenny'ſchen Teſtaments und bot allen ſeinen Kräf⸗ ten auf, um das ganze Vermögen unſeres Jacks ſowohl, als der Truepennys, in ſeinem Beſitz zu bekommen. Wenn man ihn nach dem Grunde fragte, ſo konnte er gewiß keine beſſere Antwort geben, als daß er es eben zu haben wünſche. Der alte Truepenny ſchlummerte in einem Zuſtand zwiſchen Leben und Tod dahin, beſaß aber doch noch, wenn er geweckt wurde, die volle Kraft ſeines Geiſtes und exiſtirte nur noch für die Entſcheidung der wichtigen Teſtamentsfrage, welche er zu erle⸗ ben wünſchte. Giles Grim fühlte ſich überglücklich, daß er Sir Johns Yacht kommandiren durfte. In dieſem Stande der Dinge entſchwand der Winter, und die Zeit des Parlamentszuſammentritts, folglich auch die Epoche, in welcher für Fortintower ein Repräſentant gewählt werden ſollte, nahete raſch heran. Mittlerweile hatte ſich das Regiſter von Jacks Abgeſchmacktheiten furchtbar vergrößert, und der Arme wußte nicht, daß jede ſeiner Handlungen genau beobachtet und treulich berichtet wurde. Allerdings fühlte er in den wenigen Zwiſchenräumen voll⸗ kommener Nüchternheit ſchmerzliche Gewiſſensbiſſe und faßte die aufrichtigſten Beſſerungsvorſätze, die aber ſchnell wieder entſchwan⸗ den; denn der ſchmerzende Kopf, der öde Magen, die zitternde Hand und das Sehnen nach Aufregung, forderten ein kleines Reiz⸗ mittel, weshalb jeder Tag die Ausſchweifung des vorangehenden ſogar noch überbot. Wir dürfen dabei nicht bergen, daß ſeine Ver⸗ nunft auf ihrem Throne zu wanken begann. Seine Schwänke wurden allmählig immer geiſtesarmer und ungereimter, und ſein Rechtsfreund ſchauderte für ihn, als er ihn von der Erbauung eines Zweihunderttonnenſchiffes für einen kleinen Teich auf ſeiiur — ᷣᷣᷣY0 Gütern ſprechen höͤrte, der kaum hinreichend Tiefe hatte, um eine Luſtbarke ſchwimmend zu erhalten. Aber die Kriſis nahte ſchnell heran; ſie zog einher wie eine Donnerwolke, ſchwarz, raſch und verderberſchwanger. Jack fühlte ſelbſt ihre Nähe, grinste aber nur wie ein Blödſinniger. Man darf nicht vergeſſen, daß ſich Oberſt Chacehel Zeit über in Fortintower⸗Hall befand— ein kranker, bekümmerter und verwundeter Gaſt, aber doch höchſt gefährlich. Er konnte ſich nie des Gedankens entſchlagen, daß kein anderer Menſch als Jack an den Beſchädigungen Schuld trage, deren Nachwehen ihn ſo lang auf's Krankenlager feſſelten, und hatte daher viel auf dem Kerb⸗ holze, wofür er mit unſerem Helden Abrechnung halten wollte. Vom Oktober bis zum Januar hatte er ſein Zimmer hüten müſſen, ohne jedoch des Troſtes ganz zu entbehren. Lady Truepenny war beharrlich bei ihm. Da er die Leichtigkeit ihres Charakters, die rs, Wandelbarkeit ihrer Neigung und ihren gänzlichen Mangel an Herz kannte, ſo brauchen wir nicht zu ſagen, daß ſie bald das Opfer ihres Gaſtes wurde. Von dieſem Augenblicke an hatte ſich ihr Benehmen gegen ihren Gatten ganz umgewandelt. Sie that nicht länger gleichgültig gegen ihn, ſondern behandelte ihn ſehr zärtlich, ſo daß Jack beſchloß, wenn er einmal mit ſeiner Beſſerung den Anfang mache, der beſte, nachſichtigſte und liebevollſte Ehemann zu werden. In der That bedurfte es nur einer freündlichen Behandlung, um ſein Herz wei⸗ cher, als das eines Kindes, und inniger, als das einer Jungfrau in der Periode ihrer erſter Liebe zu machen. Seine beharrliche Unmäßigkeit hatte ihn jedoch ganz geblendet, denn wäre er bei Be⸗ ſinnung geweſen, ſo hätte ihm nicht entgehen können, daß ſie ſeine verſchiedenen Ausſchweifungen eher ermuthigte und augenſcheinlich ſtets ſehr erfreut war, wenn er von ſeinen tollen Schwanken ſprach. Dies diente ihm zu einer Verlockung, ſich ſtets in größere Ver⸗ irrungen zu ſtürzen. Marryat's W. XX. Jack am Lande. 34 ll dieſe ganze 530 Der arme Verblendete wußte nicht, daß ſeine Gattin und ihr Vater in dem Zimmer des Oberſten oft geheime Zuſammenkünfte hielten und ſich mit Letzterem über die Frage beriethen, ob es Zeit ſey. War das Eiſen hinreichend heiß, um geſchmiedet, die Birne reif genug, um gebrochen werden zu können? In der Zwiſchenzeit begann Jack ſein huͤbſches Weibchen ſehr lieb zu gewinnen, und mochte er nun betrunken oder nüchtern ſeyn, ſo hatte er ſte ſtets im Sinne und ihren Namen auf den Lippen, ohne daß er je des Oberſten erwähnte. In der That ſchien er ganz vergeſſen zu haben, daß eine ſo wichtige Perſon exiſtirte, und ſeine Gattin trug Sorge, ihn nie daran zu erinnern. Dieſe wiederkehrende Liebe unſeres Helden zu ſeiner Gattin hätte ſehr wohlthätige Folgen haben können, wenn nicht die Ereigniſſe zu raſch über ihm hereingebrochen wären, um ihm überhaupt nur Zeit zum Nachdenken, geſchweige denn zur Beſſerung zu laſſen. Er hatte in der letzten Zeit eine entſchiedene Vorliebe für gemeine Ka⸗ meradſchaften gewonnen. Wie bereits oben angedeutet, lag zwiſchen der Halle und dem Städtchen Fortintower ein kleines Dorf, Sand⸗ burn genannt, welches ein leidlich anſtändiges Bierhaus beſaß, und hier hatte Groggy Forhead einen lockeren Klub gebildet, der aus den verrufenſten Perſonen der Umgegend und den tüchtigſten Zechern, welche in dem Wahlbezirke Fortintower aufzufinden waren, beſtand. In dieſem Klub war nun unſer Jack der Kaiſer und beharrlicher Praſident. Er warf hier allen Zwang des Nanges, der Stellung und des Anſtandes ab und zeichnete ſich aus in der ganzen zuͤgel⸗ loſen Glorie der Betrunkenheit. Gewöhnlich beſuchte er di t⸗ ſammenkünfte in der Tracht eines gemeinen Matroſen und dun dann nicht, daß er mit ſeinem Titel angeredet wurde. Er ſpielte die Geige, pfiff ſeine auserleſenſten Stückchen, tanzte den Haupt⸗ deckhornpipe und ſang die ſchönſten Seelieder, die ihm einſtelen. 3e . verwildeter Geiſt fand einen Hochgenuß in den Schmeicheleien ſe 8 gemeinen Zechbrüder, und er fühlte hier all das Glück, deſſen er in ſeinem dermaligen Zuſtande intellektueller Verkümmerung fähig war. Die Orgien ſchloffen gewöhnlich damit, daß Jack und der Ratten⸗ fänger alle Uebrigen unter den Tiſch tranken, und dann wurden die Helden des Wahlplatzes in einer Chaiſe, welche ein geordneter Diener kutſchirte, nach der Halle gebracht, um die Wirkungen ihrer Trun⸗ kenheit auszuſchlafen. Es lag Methode in Jacks Tollheit. Der arme Mr. Singleheart betrachtete unſern Helden oft mit Blicken des tiefſten Bedauerns, und die Thränen traten ihm inſs Auge, wenn er verſuchte, ihn von ſeinem Treiben abzuziehen und zu veranlaſſen, daß er mehr auf das achte, was in ſeinem Hauſe vorgehe, und namentlich auf das Benehmen ſeiner Gattin ein wach⸗ fames Auge habe. Sein beſcheidener Ammanuenſis, Mr. Hawkins, ließ gleichfalls ſo deutliche Winke fallen, daß ſie wenigſtens ſeine Aufmerkſamkeit hätten erregen ſollen— aber Alles vergeblich. Jede Andeutung, daß er mehr zu Hauſe bleiben und ſich ſeiner Gattin nicht ſo ſehr entfremden ſolle, war ihm nicht nur zuwider, ſondern wurde ſogar mit Bitterkeit geahndet. Er war entſchloſſen, auf dem ſelbſtgewählten Wege in's Verderben zu rennen. Es war der letzte Montag im Januar— eine helle, kalte Nacht, und der Schnee bedeckte in beträchtlicher Höhe die Felder. Sir John hatte ſich in ſeinem Klub ungewöhnlich luſtig gemacht und gegen Mit⸗ ternacht unter Beihülfe des Hundezüchters alle ſeine Zechgenoſſen unter den Tiſch getrunken. Diejenigen, welche nicht mehr im Stande geweſen waren, nach Haus zu wanken, lagen in einem Zuſtand von Betäubung um das Wirthshaus her. In der Bowle befand ſich noch einiger Punſch, und die beiden Helden ſaßen einander gegen⸗ über die Rolle des Democritus und Heraelitus ſpielend. Jack war lauter Scherz und Gelächter, während der Hunde⸗ und Roßdoktor die Augen voll Thränen hatte und ſich in Lamentationen erging. Letzterer hatte heute bereits ſeinen dritten Rauſch eingethan. „Höre, Kamerad,“ ſagte Jack, vich verlange, daß Du augen⸗ blicklich Deine Augen ausſchwapperſt und Dein Geflcht zu einem breiten Grinſen verziehſt, oder ich will einen Merlpfriem verſchlucken, * wenn ich Dir nicht über die Kappe komme und Dir Anlaß zum Heulen gebe.“ „Nein, Ihr muͤßt das nicht thun,“ verſetzte ſein Freund.„Ich ehre Euch, und dieſe Thränen da fließen nur um Euretwillen. Ihr werdet hintergangen, gehänſelt, für den Narren gehalten— er lacht über Euch, ſie lacht uͤber Euch. und Alles lacht über Euch— Alles nur nicht Euer lieber, vernachläſſigter Freund, der ehrliche Forhead, den man von der einen Ecke in die andere ſtößt, und bloß deshalb, weil er ein empfindſames Herz hat— oh, oh, oh!“ Und er fing auf's Neue zu heulen an. „Ei, Du ſchlechtaufgetakelter Dummkopf— Du läufſt ja über wie ein Topf mit Lümmelklöſen, wenn der Kochsmate betrunken iſt. Wer lacht über mich, Du rattenfangendes Gewürm?“ „Ich nicht— ich weine— und noch obendrein ein ſolcher Mann— he, einen Krug Halbundhalb und ſo ſteif wie ein Beſen⸗ ſtiel— ja, einen ſolchen Mann zu kränken! Oh, wie weit iſt's doch in dieſer Welt gekommen? Du grundgütiger Himmel, oh, oh!“ „Wer unterſteht ſich, über mich zu lachen?“ „Der Oberſt.“ „Der Oberſt?— Hole ihn der Teufel— iſt er nicht irgendwo unter dem Dache in einer Krankenſtube aufgelegt?— Mag er im⸗ merhin lachen—'s iſt lange her, ſeit ich ſeinen Namen nicht mehr gehört habe, und ſoll auch lange anſtehen, bis ich ihn wieder höre — meinetwegen dann, wenn ich erfahren ſoll, daß er die Nummer ſeines Tiſches verloren hat. Es müßte ſchlimm zugehen, wenn ich's nicht einzuleiten wüßte, daß eine lebendige Kröte in ſeinem Sarge mitbegraben wird— die giftige Beſtie— möge ihn der Teufel nur hübſch warm in ſeine Fänge nehmen!“ Während dieſes zierlichen Dialogs ſtotterten die beiden Sprecher beträchtlich, und ihre Körper pendelten, obgleich ſie auf Stühlen ſaßen, hin und her, wie die Viktualien, die an dem großen Stagen eines Yankee⸗Droghers aufgehangen ſind. 4 „Es thut meinem armen, gebrochenen Herzen wohl, Euch dieſen 533 Soldaten verfluchen zu hören— macht nur darin fort, mein Lilien⸗ ſtengel, und legt hübſch dick auf— weil ſich's da um eine Sache handelt— Jack, um eine Sache— ich ſollte freilich keine Augen dafür haben— aber's iſt eine Sache— eine Sache.“ „Ich will noch quitt mit dem Geſchöpfe werden; er iſt herge⸗ kommen, um mich über den Löffel zu barbiren— mir den Beutel zu fegen— mich für den Narren zu halten. Ja wohl da, reiten oder zahlen! Oh, ich denke, ich habe ihn geritten— und er hat hübſch bezahlt. Ich könne nicht im Fluge ſchießen, könne nicht rei⸗ ten— aber mein Schuß hat's ihm geſagt, und es wird noch man⸗ cher windige Tag kommen, ehe er wieder auf einem Sattel ſitzt.“ „Er reitet in Eurem Satt— att— attel, kann ich Euch ſagen— oh, oh!“ „Du biſt betrunken, Groggy, und ich muß mich wahrhaftig an Dir ſchämen. Du haſt nur ein Glas oder zwei mehr, als dieſe einge⸗ weichten Schwämme unter dem Tiſche. Ermanne Dich und ſey ver⸗ dammt— nimm ein anderes Glas, um Dich aufzuſteifen, und höre mich an.“ „Ich will Euch anhören und um Euch weinen. Der Oberſt wächst Euch über den Kopf.“— „Du lügſt, Du Abſchaum der Erde! Wie könnte er mir über den Kopf wachſen?“ „Weil er Eunren beſten Hut trägt— er ſpaziert in Eurem Blu⸗ mengarten und tritt da die Tulipanen nieder— er ſchlägt Zehn⸗ pennynägel in Euern Wappenmantel— beſchmeißt Eure beſten Bar⸗ chetüberzüge mit Dreck— und Ihr merkt's nicht einmal. Zwickt Euch das nicht, mein Hähnlein?“ 4 „Du unverſchämtes, triefäugiges Stück Londoner Unflath, haſt Du etwa die Vermeſſenheit, zu ſagen oder zu glauben, daß er ſich gegen Lady Truepenny Freiheit herausnehme?“ „Rechne, nicht mehr Freiheiten, als gerne geſehen ſind— ich möchte mir um Euretwillen die Augen zu Salzbüchſen weinen— oh, oh!“ „Na, na, Meiſter Forhead, ſtaue Alles dies hinunter und klappe die Lucken der Klugheit darüber— Du magſt Dir einen Spaß gegen mich erlauben, wenn Alles ehrlich und über Bord zu⸗ geht— aber taſte mir mein Weib nicht an— über ſie kann ich keinen derartigen Unſinn leiden, Kamerad— Du erbärmlicher Gelb⸗ ſchnabel. Sie ſagt mir, ſie verabſcheue den Oberſten, und ich weiß, wenn ſie nach ihrem Sinne handeln wollte, ſo würde ſie ihn heute Nacht noch, ſo krank und elend er iſt, in den drei Fuß tiefen Schnee hinauswerfen. Groggy, ſo mußt Du mir nicht anſteigen— wir kommen vortrefflich mit einander aus. Erſt dieſen Morgen habe ich ihr in einem Anfall von Zärtlichkeit verſprochen, den Klub zu verlaſſen, den Grog aufzugeben, den Wilddieben auf die Finger zu ſehen, Dich auf Deine Geſchäfte zu verweiſen und ein anſtändiges Mitglied der Ariſtokratie zu werden. Hörſt Du dies, Du alter Windſchnupfer?“ „Hat ſie das wirklich gethan— und iſt ſie ſo grauſam gewe⸗ ſen, Euch ein ſolches Verſprechen abzunehmen? Sagt mir, Sir John Trueyvenny, iſt's wirklich ſo?“ Und der achtbare Sprecher weinte mit einemmale viel weniger als zuvor. „Den Sir John Truepenny Dir in die Kehle, Du faulgewordene Porterhefe! Sie hat mir nicht nur dieſes Verſprechen abgenommen, ſondern ich will es auch treulich halten, wenn anders noch Ehrlich⸗ keit in mir oder Kraft im Schießpulver iſt. Regulir Dich alſo da⸗ nach, Du piepſender Gimpel, und je öfter Du mir mit Deinem Sir John kommſt, deſto bälder wirſt Du erleben, daß es geſchieht. Kreide Dir dies immerhin auf Dein Logbrett.“ „Nun die Gottloſigkeit dieſer Welt iſt wunderbar— es würde mich nicht einmal Wunder nehmen, wenn ſchon in dieſer Nacht Schwefel und Feuer herunterregnete, um ſie zu zerſtören. Und das hat ſie im Betreff meiner geſagt, da ich doch der einzige Freund von euch beiden bin? Nein, das halte ich nimmer aus— ich bin zu tugendhaft dafür. Ich kann nicht mitanſchauen, daß meinem * 535* Freunde laͤnger Unrecht geſchieht. Jack, ehe Ihr dieſes Glas Punſch in Eure Windpfeife heruntergießt, hört auf die Stimme der Freund⸗ ſchaft und werdet nicht ungehalten, wenn ich Euch ſage, daß ſich's Euer Weib in dieſem geſegneten Augenblicke ganz koſig mit dem Oberſten macht.“ Jack warf das aufgehobene Glas zu Boden, ſtürzte auf den Rattenfänger los, faßte ihn an der Kehle und ſchleuderte ihn mit ſolcher Macht von ſeinem Stuhle, daß der arme Tropf beinahe den Weg in die andere Welt gefunden hätte. Endlich ließ er ihn los, verzog das Geſicht zu einem grimmigen Laͤcheln und rief: „Ich bin ein Narr— er iſt ein verwünſchter Lügner und noch obendrein ein jämmerlicher Halunke. Ich will ihm morgen zehn Pfund auszahlen und dann mit der Hetzpeitſche von meinen Gütern fortjagen laſſen. Aber ſieh auf, Du ſchnödzüngiger Schuft— wenn Du Dich je wieder unterſtehſt, eine ſolche Läſterung laut wer⸗ den zu laſſen, ſo ſoll Dich eine furchtbare Züchtigung ereilen. Sieh mich an, Du Hund— Du bemerfſſt, daß ich nüchtern bin— von Stund an ſollſt Du nur noch den Sir John Truepenny in mir erblicken.“ „Sir John Truepenny,“ entgegnete der Mann mit einer ach⸗ tungsvoller Miene, ich bin jetzt ebenſo nüchtern, als Ihr. Ihr werdet diefes Ungeſtüm bereuen. Ich kenne meine Stellung und waͤre nicht von ihr abgegangen, wenn Ihr mich nicht mit Gewalt dazu gezwungen hättet; aber auf alle Fälle bedaure ich Euch, denn, ſo wahr mir Gott helfe, jedes Wort, das ich ſprach, iſt die reine Wahrheit. Zurück, Sir John— Ihr ſeyd zwar ein beſſerer Mann, als ich— aber dieſes Meſſer da würde ſeinen Weg auch in die Eingeweide eines Mannes finden, der noch beſſer iſt, als wir Beide. Hört mich an— wenn Ihr nach Hanſe kommt, könnt Ihr Euch mit Euren eigenen Augen überzeugen; wenn ich dann gelogen habe, könnt Ihr nach Gutdünken mit mir verfahren, ohne daß ich mich mukiren will— aber ich ſage bloß, was Jedermann weiß, nur Ihr nicht. Nun, Sir John Truepenny, was wollt Ihr thun?“ * 536 „Toll werden— aber vor Allem will ich Beweiſe— und dann — moge der Himmel thun, was er will. Ich bin ein armer, un⸗ glücklicher Wurm— aber werft dieſes Meſſer weg— ſo, ſeyd ein guter Burſche— Gott ſey Dank, ich habe keine Waffe bei mir— kommt mit. Iſt die Chaiſe draußen?— Wir wollen klug handeln. Sollte ich etwas der Art entdecken— aber ich bin jetzt ſehr ſchwach — nicht halb mehr der Mann, der ich zur See war. Und etwas Gefährliches mag ich auch nicht zu mir ſtecken. Der Himmel ſey ihnen gnädig und habe Erbarmen mit mir!“ Der Bediente wurde geweckt und Jack trat mit ſeinem Begleiter in den Wagen. Erſterer, welcher ſich nie betrank und ebendes⸗ wegen für das Amt des Kutſchers auserleſen worden war, fühlte ſich nicht wenig überraſcht, als er bemerkte, wie ſein Herr und der Rattenfänger augenſcheinlich ſo nüchtern waren. Sir John wußte in ſeinem Schmerze nicht, was er ſagen ſollte, und konnte doch nicht ganz ſchweigen; er fragte daher in der ruhig⸗ ſten Miene, die er nur annehmen konnte, den Kutſcher, ob die Die⸗ nerſchaft von ſeiner Gattin ſpräche. Der Mann verſetzte ſorglos, die Leute ſagten, daß ein gutes Einvernehmen zwiſchen Sir John, ſeiner Dame und dem Oberſten ſtattfände. Dies ſchürte wo möglich noch die Gluth in ſeinem Innern und ſügte der Bitterkeit ſeines Schhmerzes neuen Wermuth bei. Er entnahm daraus, daß man ver⸗ muthe, er habe in ſeine eigene Schmach gewilligt und leiſte ſeiner Schande Vorſchub.. Als ſte in der Halle anlangten, bemerkte Sir John mit erkün⸗ ſtelter Gleichgültigkeit, daß weder er, noch ſein Freund das zurei⸗ chende Deputätlein zu ſich genommen habe; der Bediente ſolle daher Branntwein, Waſſer und Gläſer in eines der Zimmer brin⸗ gen, dann aber zu Bette gehen und Niemand ſtören. Der Mann gehorchte, und bald nachher waren Jack und der Rattenfänger mit einander allein— wie es ſchien, die beiden einzigen wachen Perſonen in dem großen Hauſe. 537 Sechsundvierzigſtes Kapitel. Die Kriſis und die Entladung.— Obriſt Chacchell thut einen furchtbaren Sturz und Jack beendigt vorderhand ſein Rennen zum Verderben mit Wahnſinn.— Alles ſieht ſchwarz und verödet aus und nichts iſt übrig, als die Hoffnung. „Uebereilt Euch nicht!“ war Alles, was der erſchreckte Forhéad hervorzubringen vermochte. Jack antwortete nicht, ſondern trank ein Glas Waſſer um's andere. Endlich ſchlich er ſich mit furchtbar blaſſem Geſichte in der Dunkelheit nach dem Gemache ſeiner Gattin. Kur langſam that er einen Schritt um den andern und erging ſich dabei in Betrachtungen. „Es iſt immer noch Hoffnung vorhanden, und neues Leben wird ſich in meine Adern gießen, wenn ich ſie friedlich ſchlafend finde. Ich will ein neuer Mann werden, denn ſie iſt ſehr lieblich und wohl auch recht gut, wenn ſie geeignet behandelt wird. Man hat mich ſehr erſchreckt, aber dennoch will ich Niemand züchtigen. Oh, es wird Alles recht werden, und welch' ein glückliches Leben wollen wir dann führen! Ich will wieder zum Claret und zu meinen Büchern greifen— und laſſe die Lehrer herunterkommen und der Forhead ſoll mir morgen fort— ja morgen. Wie ruhig Alles iſt! Kann in dieſem ſtillen Frieden auch die Schuld athmen? Da iſt ihre Thüre? Der Mond ſcheint ſehr hell, aber es iſt grimmig kalt. Wie ich zittre! Ich will zurückgehen— warum ſoll ich mich ſelbſt quälen. Aber— aber— dieſer Rattenfänger wird mich auslachen. Ihre Thüre iſt angelehnt. Sie erwartet mich! Gott ſegne ſie— tauſendfacher Segen auf ihr einfaches gutes Herz! Dieſe ſtumme Einladung an ein betrunkenes Vieh von einem Gatten iſt ſo liebevoll — ich will ihr's mein ganzes Leben über Dank wiſſen. Bst! ich glaube, ich höre ſie athmen. Ich will ſie nicht wecken. Ich bin gewiß nicht beduſelt, habe aber doch zu viel getrunken; ſo will ich nur ihre Schönheit im Schlafe betrachten— mich zu ihr nieder⸗ 538 beugeu und ihr einen einzigen Kuß geben— mein nur zu viel ver⸗ nachläßigtes Gebet über ſie zu ſprechen— und als ein geänderter beſſerer Mann nach meinem einſamen Gemache gehen.“ Der Mond ſchien hinreichend hell, um Alles deutlich unter⸗ ſcheiden zu laſſen. Sein Herz klopfte hoch auf, als er die verſchiedenen Gegenſtände ihres Anzugs nachläßig im Zimmer umher liegen ſah. Er fühlte ſich glücklich. Das Blut rauſchte in Freude durch ſeine Adern und goß für einen Augenblick eine ſelige Glut über ſeine Wangen— dann aber ſtand er plötzlich entſetzt da, wie vom Don⸗ ner gerührt— blaß, ſtarr und mit einer ſchrecklichen Unſtätigkeit des Blickes. Das Bett war leer und gar nicht berührt worden. John Truepenny warf ſich im Uebermaße ſeines Schmerzes darauf hin und blieb eine Weile in völliger Hülfloſigkeit liegen. Endlich verließ er mit brechendem Herzen und wankenden Trit⸗ ten das Gemach wieder und kehrte zu ſeinem Gefährten zurück. Der Mann ſtutzte und ſchauderte, als er des blaſſen Geſichtes ſeines Gebieters und des convulſtviſchen Zuckens ſeiner Züge anſichtig wurde. In Jacks Auge lag eine wilde Unruhe, die furchtbar an⸗ zuſehen war, und Forhead betrachtete ihn mit Entſetzen, das Unheil, das er angeſtiftet hatte, bitter bereuend. „Wir wollen für eine Weile Platz nehmen,“ ſagte der gekränkte Mann,„und von dem Bischen Verſtand Gebrauch machen, den mir das Elend noch gelaſſen hat. Meine nächſten Schritte werden, wie ich fürchte, die des Wahnſinns ſeyn. Die ſchwarze Wolke erhebt ſich über die Fläche des Meeres, aber ich habe weder das Herz, noch die Kraft, Alles für den Sturm geborgen zu machen— nein, nicht einmal ſo viel Mannheit, um nur ein einziges Segel herein⸗ zunehmen. Es lagert dunkle Nacht über mir, und ich bin rings von ihm umgeben. Ich ſelbſt bin die Nacht. Die ſchwarze Stille um mich hier iſt drückend— ſchwer und erſtickend, als ſollte ich in einem Meer von Dinte ertrinken. Auch iſt's ſogar kalt und eiſig hier.“ „Sprecht nicht ſo, Sir John Truepenny— ich bitte, ſprecht nicht ſo!“ ſagte der erſchreckte Rattenfänger. 539 „Laß mich immerhin reden— ich muß bald handeln und mein Handeln wird ſchlimmer ſeyn, als meine Worte. Ich ſage Dir, ich bin in Dunkelheit— Alles iſt kalt und ſchwarz um mich her— ſchwarz und kalt— ſchwarz und kalt— ſchwarz und kalt!“ Der Rattenfänger erhob ſich ſehr behutſam, ſchneuzte die Lich⸗ ter, ſchürte das Feuer nach und füllte für den Trauernden ein Glas halb mit Branntwein.— „Nie hat ſich eine arme, erſchöpfte Matroſenſchaar, deren Fahr⸗ zeug ſich um Mitternacht an einem Leegeſtade abarbeitet, mehr nach Licht geſehnt, als ich— Licht— Licht!“ Groggy zündete die zwei Wachskerzen in dem Schlafgemache und dann die große argantiſche Lampe an, wobel er vor ſich hin murmelte: „Er ruft nach Licht— und ſein Kopf hat deſſen bereits genug.“ „O kehrte es wieder, das Licht vergangener Tage— der er⸗ friſchende Seewind— die frohe Heiterkeit des Herzens— der le⸗ bensfrohe Tritt der Geſundheit— das ſorgloſe Jubeln des Glückes— oh, und die ehrlichen Geſichter meiner luſtigen Schiffskameraden— war nicht der gemeinſte darunter ein Herr, ein Fürſt in Verglel⸗ chung mit dem ſchleichenden Gewürm, das mich hier umgibt? Alles hier iſt Betrug, Hinterliſt und Büberei. Oh, daß mich die ehrlichen Geſichter meiner alten Schiffsgenoſſen wieder umgäben! Wo— wo an dieſem verabſcheuten Platze iſt ein liebliches Antlitz — das freimüthige, ehrenhafte Geſicht, das ich liebe? Ich ſehe hier nichts, als verächtliche Geſichter, noch häßlicher durch ihren ſchnöden, ſchurkiſchen Ausdruck.“. „Sehr höflich— unendlich höflich!“ murmelte ſein Gefährte. „Ich habe mein Geſicht nicht ſelbſt gemacht, ſonſt würde ich es wohl in einen beſſeren Model gegoſſen haben.“ Dann fuhr er laut genug fort, daß der verwirrte Unglückliche ihn hören konnte:„Bitt' um Verzeihung, Sir John, aber man meint, die gnädige Frau ſey gewaltig häbſch.“ 540 „Zur Hölle mit ihr— wie konnte ich je ſelbſt auch dies glauben?— Verblendeter Narr, der ich war!— Sie hübſch?— Die widerlichſte Here, die je an dem Gifte ihres eigenen Herzens zehrte, iſt lieblicher, als dieſes— dieſes— Geſchöpf ohne einen Namen. Ihre Augen ſind ſanft und blau, wie die tiefe, tiefe See — aber was ſoll dies? Ihre Wangen ſind rund und ſchön— die Glut darauf iſt ſo reich, wie der erſte Streifen des Morgen⸗ roths im Sommer— aber was ſoll dies?— Du Narr! was ſoll dies? Und dann ihr Haar— es iſt wie das Gold ſelbſt, mit einem Anfluge von Silber— glänzend und weich!— Und ihre Lippen— ſie ſind nur wie zwei kleine Roſenknoſpen, auf denen Treue und Liebe zumal ruhen ſollten— ja, das ſind in der That Lippen. Wenn Du ſie geſehen haſt, ſo kommen Dir alle anderen nur wie fleiſchige Fallthüren vor, um die Nahrung hinein und Lü⸗ gen heraus zu laſſen— aber ihrer Lippen Lächeln— nimm Dich in Acht oder Du biſt ein vernichteter Elender, wie ich.“ „Nun,“ murmelte der Hundezüchter,„für ein garſtiges Weibs⸗ bild iſt dies eine recht ſchöne Schilderung.“ „Dann die Umriſſe ihrer vollkommenen Geſtalt! Ein wohlge⸗ ſchnittenes Marsſegel, gebührend geſetzt— oder eine weiße Wolke, hinter welcher der Mond gerne Verſtecken ſpielt— oder ein Schwan — oder eine Fregatte, die auf dem Waſſer ruht— Alles dies ſind recht anmuthige Dinge, aber was ſind ſie in Vergleichung gegen ihre bezaubernde Geſtalt, wenn ſie dahinſchwebt wie eine leichte Briſe über der See oder wenn ſie daliegt in der ſanften Lieblichkeit ihrer Ruhe! Doch ſiehſt Du nicht, daß ſie trotz alledem ſo häß⸗ lich iſt, wie das Weib von Endor?“ 3 „Könnt's nicht gerade ſagen.“ „Siehſt Du nicht etwas Teufliſches hinter aller dieſer Schön⸗ heit— einen Dämon in Weiberhülle— einen Teufel, der durch ihre Augen blickt, das Lächeln ihrer Lippen verderbt, die Glut ihrer Wangen zu einem Krebſe umwandelt, und allen ihren Zauber zu einer Peſt verkehrt, die ihre Schönheit nur um ſo häßlicher macht? Das Weib iſt falſch und durchſcheinend— ich durchſchaue ſie; aber der Teufel unter ihr iſt wirklich— ſie iſt häßlicher, als die Sünde — iſt die Sünde ſelbſt.“ „Ja, ja, ich ſehe jetzt Alles,“ verſetzte ſein Gefährte, der ihn zu beſchwichtigen wünſchte;„ſie iſt köſtlich häßlich.“ „Du lügſt, Du ſchnöder Fuchsſchwänzer— Du lügſt und das iſt abſcheulich— ſie iſt ſchön, wie der junge Tag“— dann brach er in Thränen aus und fuhr ſchluchzend fort:„und weil ſie ſo ſchön iſt, wie iſt es möglich, daß ſie ſo ſchlecht ſeyn kann?“ Nach einer Weile legte ſich das Strömen ſeiner Thränen und er fügte bei: „Doch ich bin nicht da, um mir die Augen zu wiſchen, wie ein junges Mädchen, das eben ſeinen Hänfling verloren hat. Die„blu⸗ tige Hand“ iſt das Sinnbild meines Ordens— ich muß handeln— aber noch iſt es nicht Zeit. Ich würde raſend werden, wenn ich ſie wach und ſchäckernd fände. Nein, nein— wir wollen ſanft fahren mit ihr, mit dem armen Ding— wenn ſie das bittere Brod der Schande ißt, wird es eine hinreichende Züchtigung für ſie ſeyn, denn in der That, ich habe nicht recht an ihr gehandelt. Vielleicht brau⸗ chen wir ſie gar nicht zu wecken— wollte der Himmel, daß wir es ohne dies ausführen könnten.“ „Was ausführen, Sir John?“ „Oh nichts Schreckliches— nichts Blutiges. Sie ſchlafen bei⸗ ſammen— mein Weib und mein Freund— und das Geſetz ſagt, wenn ich nicht unrecht gehört habe— ich könne ſie mit einander er⸗ ſchlagen— ihr Blut vermiſchen, da ſie das meinige geſchändet haben. Dies iſt das Geſetz Gottes, wie es von Moſes verkündet wurde. Aber ich will dies nicht thun— denn ich bin ſelbſt nicht gut gewe⸗ ſen; dennoch will ich nicht der Vater zu den Kindern einer Hure und eines Verräthers ſeyn. Ich will mich daher ganz ruhig verhal⸗ ten und weit mehr Gnade, als Gerechtigkeit üben. Ich bin ein ar⸗ mer, elender Bethörter, aber Du ſiehſt, ich bin dennoch aufgeräumt. Wir haben an hun Stunde Zeit— ſo wollen wir's uns denn ge⸗ mächlich machen. Noch mehr Grog— aber wir dürfen uns nicht wieder betrinken, mein dreifach würdiger Vertrauter— nur ein we⸗ nig, um dieſe Todeskälte abzuwehren; und— außerdem— hörſt Du — um dieſe Zeit witd der Mond ſo ziemlich hinunter ſeyn— ich möchte nicht zu viel Licht haben für unſere Schande— ich habe ſie geliebt, Du Teufel— und möchte ihr dieſe Blosſtellung erſparen, wenn's möglich iſt.“ „Warum ſie überhaupt blosſtellen? Ich ſtehe für hinreichendes Zeugniß, um eine Scheidung zu erwirken— nehmt es ruhig, Sir John.“ „Ich thue dies, Mann— ich thue dies, aber—“ und er grinste wie ein Dämon—„wo träumt ſie wohl jetzt? Wo— wo?“ Sie ſchlürften ihren Grog, aber er wurde ihnen bitter. Der Hundezüchter zitterte ungemein und bereute aus dem Grunde ſeines Herzens die Rolle, die er übernommen hatte. Das ganze Ausſehen unſeres Helden beunruhigte ihn ſehr, und er ſagte nachher, er habe ihn nur während der kurzen Zeit, in welcher er die verhängnißvolle Entdeckung machte, aus dem Geſicht verloren; in zwei Stunden ſey aber eine ſolche Veränderung mit ihm vorgegangen, daß er ihn nicht mehr gekannt haben würde. Die Zeit ſchleppte ſich ſchwerfällig da⸗ hin, denn Sir John hatte das Handeln bis um zwei Uhr verſchoben. „Na,“ ſagte unſer Held,„Du kritzelſt zwar nicht zum Beſten, aber man kann's doch leſen— ich muß etwas thun, wenn ich nicht wie ein Toller zu tanzen anfangen ſoll. Kleckſe Alles nieder, was ich dadurch gewonnen habe, daß ich zum Baronet wurde— ich möchte Abrechnung mit mir halten, denn was in der nächſten Stunde ge⸗ ſchehen mag, iſt nur dem Allmächtigen bekannt. Schreibe— ich habe am erſten Tage einen Narren aus mir gemacht— meinen be⸗ ſten Freund mit Abſcheu gegen mich erfüllt— mich bis an den Rand des Wahnſinns betrunken— vor ganz Portsmouth den kindiſchen Poſſenreißer geſpielt, während die ganze Kanalflotte zuſah und mich verlachte— die Zuneigung eines Mädchens, we lches mich treulich liebte, verachtet und gekränkt— ihre Mutter betrog bin ange⸗ fallen und beſchimpft, wegen Schulden wataftt h wegen ge⸗ K brochenen Eheverſprechens verklagt worden— habe eine gemeine Dirne geheirathet— war die Urſache, daß ſie für Lebenszeit deportirt wurde — mußte von Portsmouth wie ein jämmerlicher Eſel wegſchleichen— der Narr im Seehafen war ein dreifacher Narr in London— ich zerſtörte die Hoffnung meines Wohlthäters— gab Anlaß, daß das Eigenthum ſeiner Frau den Harpyen des Kanzleihofs preisgegeben wurde, wo ſie ſich darum zerren werden in alle Ewigkeit— trieb Un⸗ fug, wohin ich kam— verwickelte mich in zwei Duelle— ſuchte, ſtatt von meinen Lehrern Vortheil zu ziehen, ſchlimme Geſellſchaft auf— gerieth auf gemeine Abwege— ſoff und vergendete meine Habe an ſchleichende Tölpel, wie Du einer biſt.“ „Mit Erlaubniß, Sir John, es iſt gegen mein Gewiſſen, eine ſo grobe Unwahrheit niederzuſchreiben.“ „Gut; ſſo ſage, ich vergeudete mein Eigenthum an ſo vortreff⸗ liche achtbare und tugendhafte Perſonen, wie Obriſt Chacehell und Groggy Forhead. Dann, die ſchlimmſte Thorheit von allen— be⸗ rieth ich mich nur mit meinen Angen, nicht mit meinem Herzen, als ich heirathele— o Himmel!— und als ich endlich wirklich zu lieben begann— na, laß dies nur. Seit ich auf's Land kam— wie habe ich gehandelt? Wer ſchätzt— wer achtet mich? Welch' ein treff⸗ licher Matroſe iſt verdorben worden, als man einen erbärmlichen Mann von Stande aus ihm machte! Ich bin noch nicht zwölf Mo⸗ nate am Lande, und gibt es unter allen Sterblichen ein elenderes Geſchöpf, als mich? Oh, daß ich wieder auf der Wachliſte der Old Glory ſtünde und Alles, was vorgefallen iſt, nie ſtattgefunden hätte!“ „Ich könnte auch etwas auf die andere Seite ſchreiben, wenn Ihr mir's erlauben wolltet.“ 3 „Thu dies meinetwegen morgen— horch! es hat zwei geſchla⸗ gen. Das klingt wie das Läuten der Glocke über den Todten. Wie ſtill— wie furchtbar, wie traurig ſtill es iſt! Warum ſprichſt Du nicht, Du Hund?— Bst— da nimm dieſe Piſtole— zittre nicht, Menſch— Du ſiehſt, ich bin ganz unbewaffnet. Geh ſachte hinauf und ſtelle Dich vor ſeine Thüre— Du weißt, Du weißt— ſein Name würde mich erſticken. Laß Niemand heraus— nicht einmal ſie. Dies iſt Deine ganze Aufgabe— beſorge ſie gut, und Deine Belohnung ſoll groß ſeyn.“. Der Rattenfänger ſchauderte und entfernte ſich. Sir John begab ſich ſodann nach Mr. Singlehearts Schlafge⸗ mach, trat an ſein Bette und ſprach durch die Zähne: „Lady Truepenny iſt nicht in ihrem Zimmer. Steht auf.“ „Ich fürchtete dies,“ verſetzte der gute Rechtsgelehrte, während er in ſeine Pantoffeln ſchlüpfte und ſeinen Schlafrock um ſich warf. „Aber übereilt Euch nicht, Sir John.“ „Seyd ohne Sorge— es iſt mir nur um Zeugen zu thun. Wir wollen kein Haar ihres Kopfes beſchädigen, müſſen aber auch hinreichende Beweiſe haben.“ Sie begaben ſich ſodann gemeinſchaftlich zu dem jungen Mr. Haw⸗ kins, den ſie weckten, und dann nach dem Schlafgemache des Obriſten, an deſſen Thüre der ſchaudernde Forhead als unfreiwillige Schildwache ſtand. Sie fanden das Zimmer feſt verſchloſſen. Es war ein unheimlicher Augenblick, und Mr. Singleheart, der Zeit zu gewinnen wünſchte, ertheilte flüſternd den Rath, man ſolle bis zum Morgen eine Wache ſtehen laſſen. Aber auch der junge Ammannenſis wollte von dieſem Vorſchlag, der Sir John in Zorn verſetzte, nichts wiſſen. Er und Jack vereinigten ihre Krafte, und mit plötzlichem Krachen ſprang die Thüre auf. Die Scene war furchtbar— der Schrei der Ertappten ſchrecklich. Sir John würdigte ſein Weib keines Blickes, ſondern ergriff unter Aufbietung ſeiner vollen Muskelkraft den Obriſten, hob den ſchmächtigen Mann in die Höhe, als wäre er nur ein Kind geweſen, trug ihn durch das Zimmer und ließ ihn klirrend durch das Fenſter fliegen. Stöhnend lag der ſchnöde Verführer mit verſtünmelten Gliedmaßen und zer⸗ brochenen Knochen unten— es war ein Glück für ihn, daß ſo tiefer Schnee lag, da er ſonſt in Folge des hohen Sturzes augen⸗ blicklich den Tod hätte ſinden müſſen. Er blieb für den kurzen Reſt ſeines elenden Lebens ein verabſcheuter und hilfloſer Krüppel. In das Schmettern der Scheiben und in das Geächze des ver⸗ 545 ſtümmelten Obriſten miſchte ſich noch das wilde Geſchrei der Lady Truepenny; aber nun ließ ſich mit einemmale eine Geſtalt im Nacht⸗ kleide unter der Thüre des Zimmers blicken. Sir Johns Auge wurde derſelben anſichtig— er übertönte den Lärm mit dem Ge⸗ brülle:„mein Erzfeind!“ und ſtürzte ihr nach. Der Verfolgte flüch⸗ tete ſich, ſo ſchnell er konnte, um ſein Leben zu retten. Es war Mr. Scrivener, der ſich ſeit einiger Zeit ohne Sir Johns Vorwiſſen in dem Hauſe aufhielt. Jack ſtrauchelte in ſeiner Haſt über die Schildwache an der Thüre, und als er wieder aufſtand, war ſein Opfer nirgends mehr zu ſehen; da er aber die Hallenthüre öffnen und ſchließen hörte, ſo meinte er, der Advokat habe das Haus ver⸗ laſſen und ſtürzte ihm nach. Lange jagte er wüthend einem Nichts nach. Der Wind hob ſich und die Schneewellen, die vor ſeinen wirren Augen tanzten, führten den nun wirklich Tollen während der ganzen Nacht durch das Land und die traurigen Wälder. Erſt am andern Mittag fand man ihn in einem erbärmlichen Loche, wo er mit Zähnen und Nägeln die halbverweste Leiche eines Räubers, der in Ketten aufgehangen worden war, in Stücke riß, da er dieſelbe für ſeinen Schwiegervater hielt. Er war in wildem Raſen begriffen. Siebenundvierzigſtes Kapitel. Strahlen von Hofſnung und Troſt.— Alte und treue d treten wie⸗ der auf.— Jack entwiſcht— und geht auf die See.— Schluß. Ein ganzes Jahr iſt verfloſſen und wir zählen denſelben Tag des Juni, an welchem Jack in voller Geſundheit und Manneskraft zu Portsmouth als Baronet au's Land ſtieg, alle Ausſichten vor Marryat's W. XX. Sack am Lande. —, ———— — 54⁴6 ſich habend, die Reichthum, hohe Stellung und ein faſt ungebundener freier Wille bieten konnten. Sehen wir nun, was er jetzt iſt! Wir müſſen vorerſt bemerken, daß Mr. Scrivener das Haus nicht verlaſſen hatte. Als man Jack als einen Wahnſinnigen zurück⸗ brachte, nahm er von deſſen ganzem Eigenthum Beſitz und leitete das geſammte Hausweſen. Lady Truepenny faßte ſich überraſchend ſchnell wieder. Um des Scheines willen wurde der faſt ſterbende Obriſt unverweilt aus der Halle entfernt, und ſie that nicht nur der⸗ gleichen, als hätte ſte ſich nie um ihn bekümmert, ſondern ſprach oft mit Verachtung von ihm. Mr Singleheart und der junge Ammannuenſis wußten nicht, wie ſie ſich zu benehmen hatten. Lord Fortintower befand ſich in einem fernen Lande und Mr. Scrivener war ſchlau und thätig. Er wirkte unverweilt ein Writ de lunatico inquirendo aus, und da Sir John Truepennys Wahnſinn augenfällig war, ſo nahm die Jury keinen Anſtand, das Verdikt gegen ihn auszuſprechen. Die Obhut über ſeine Perſon und die Verwaltung ſeines Vermögens fielen nun ganz natürlich ſeiner Gattin und ſeinem Schwiegervater zu. Das unwürdige Paar verließ Fortintower⸗Hall, zog nach Lon⸗ don, lebte dort in großem Prunk und wurde ſehr faſhionabel. Da Mr. Scrivener jedes zu ihrem Nachtheil ſprechende Gerücht mit Verläumdungsklagen verfolgte und die Dienſtboten, welche Zeu⸗ gen der ſchmählichen Enthüllung geweſen, gut bezahlt und verſorgt worden waren, ſo erfreute ſich Lady Trnepenny eines ſo guten Ru⸗ fes, wie die meiſten Damen von London. In der That wurde die herzloſe Schönheit nicht nur geduldet, ſondern man machte ihr auch den Hof, ſchmeichelte ihr, und ſie und ihr Vater ſonnten ſich nun in der Mittagshöhe ihres Glückes. Irrenhäuſer ſind auch jetzt noch keine Orte der Freude, waren aber in früherer Zeit eigentliche Höllen. Der arme Jack wurde in eines der allerſchlechteſten eingeſchloſſen— aber wo? dies war ein Geheimniß, welches nur ſeiner Frau und ſeinem Schwiegervater 547* befkannt war, obſchon es die innige, wandelloſe Liebe eines treuen Weſens zu durchdringen wußte. An einem ſchönen Junitage ſaß der arme Jack zwiſchen zwei Perſonen in ſeiner öden Zelle; ſein Lager beſtand aus Stroh und ſein mit Feſſeln beladener Leib war an die Mauer argeſchloſſen. Seine ſonſt ſo kräftige Geſtalt war nun hager und ſeine Sehnen glichen bloßen Stricken, die über ſein gewaltiges Gerippe geſpannt waren. Er hatte viel gerast und ſein Rücken war in Folge der Schläge, die man zu ſeiner Bändigung angewendet hatte, voll Strie⸗ men. Gott hatte ihn in ſeiner Noth weislich des Verſtandes be⸗ raubt, während ihm ſein eigenes Weib und ſein Schwiegervater in böslicher Abſicht ſogar den Namen entriſſen— er hieß nämlich hier John Jones— und von einem Irrenhauſe in's andere ſchleppen ließen. Das, in welchem er ſich zur Zeit anfhielt, war bereits das dritte und befand ſich in einem abgelegenen Theile des Landes, wo man ihn muthmaßlicherweiſe nie ausſpüren konnte. Ohne Zweifel würde man ihn ſyſtematiſch gemordet haben, wenn nicht ſein Beſitz⸗ thum an ſeine Perſon geknüpft geweſen wäre, und mit dem Tode des Gatten Lady Truepenny Alles hätte verlieren müſſen bis auf ihr mäßiges Leibgeding. Jacks Zuſtand hatte in letzter Zeit einige günſtige Symptome gezeigt, wie denn überhaupt die Aerzte ſeine Krankheit für nicht con⸗ ſtitutionell, ſondern nur für die Folge einer übermäßigen Aufregung . durch beharrliche Unmäßigkeit erklärt hatten. Der mißhandelte Lei⸗ 7 dende wurde übrigens eben jetzt ſehr wenig mit Aerzten oder ihren Meinungen behelligt, denn er befand ſich in den Händen eines fei⸗ len Schuftes, der nicht ſeine Kur, ſondern nur ſeine ſichere Haft im Auge hatte. An dieſem denkwürdigen Tage ſaß Jack in ſeiner Zelle. Die 4 Perſon zu ſeiner Rechten war ein wetterfeſter, grauköpfiger Mann, der etwas von einem Matroſen in ſeinem Ausſehen hatte. Er ſaß auf dem Boden und hatte eine große in Eiſen gefaßte Brille auf 548 ſeiner Naſe, während eine Bibel auf ſeinen Knieen lag, aus wel⸗ cher er in feierlichem aber etwas einförmigem Tone die Erzählung von Jonas unglücklicher Reiſe nach Nineve vorlas. Die andere Perſon war ein junges Frauenzimmer in einer Kleidung, welche einen Widerwillen gegen die weltlichen Eitelkeiten bekundete, aber doch nicht ganz quäkeriſch genannt werden konnte. Ihr Antlitz war ſehr bleich, aber ungemein ſchön. Sie hielt die abgezehrte Hand des Patienten zärtlich in der ihrigen und ſah ihm mit liebevoller In⸗ nigkeit in die großen blauen Augen. Als der ältliche Mann zu den Worten kam:„aber Jona war binunter in die Schiffsſeiten geſtiegen,“ ſagte Jack: „Halt da, Kamerad, Ihr meint in den Raum.““ Das Mädchen erglühte über und über und zitterte ungemein. Dies waren die erſten Worte, die er in einem verſtändigen Zuſam⸗ menhang mit dem, was um ihn vorging, gebracht hatte. „Bst!“ ſagte ſie.„Seyd ſtille und wartet.“ Jack rieb ſich die Augen aus, ſchaute umher und blickte dann auf die beiden Perſonen neben ſich; er rieb wieder und ſah ſich aber⸗ mals um— aber was er entdecken konnte, ſchien ihn nicht zu befrie⸗ digen, denn er ſchüttelte troſtlos den Kopf. Der alte Mann ſchloß ſachte ſeine Bibel; er konnte nicht mehr ſehen, denn ſeine Augen überflutheten von Thränen. Das Mädchen verſuchte dann durch leichte Anſpielungen in Jack die Erinnerung an die Vergangenheit zu wecken und ſie in eine zweckmäßige Verbindung mit der Gegenwart zu bringen. Sie ent⸗ ſann ſich eines alten Liedes, welches ſie ſehr liebgewonnen hatte, weil ſie ihre eigene Lage darin ausgedrückt glaubte, und da es ſehr einfach war, ſo hatte ſie früher den Mann, den ſie anbetete, bald ver⸗ mocht, es gleichfalls zu lieben. 8 7 Die Worte, welche ſie jetzt mit gedämpfter Stimme zu einer langſamen und etwas wehmüthigen Weiſe ſang, lauteten folgen⸗ dermaßen: 4 Ich hatt' eine kleine Schweſter, Die wohnte überm Meer; Pi-; Gar viele Liebesgaben 9o S1 Schickt' ſie mir drüber her. B Sie ſchickt’ mir eine Kirſche, Die hatte keinen Stein; 4 „4 Sie ſchickte mir ein Täubchen,“„& „ I, Das hatte kein Gebein; M2 Sie ſchickt' mir eine Orange,. Die hatte keine Schal', „ Hieß mich ohne Leidenſchaft lieben N„ „ 4 Den Theuren meiner Wahl. 1 2 1 r Wie läßt ſich eine Kirſche Wohl finden ohne Stein? Wo trifft man wohl das Täublein,/ 4 1„ Das lebet ohne Gebein? Ml 1 Wo iſt wohl die Orange, † Die ihrer Schal' entbehrt, 7, Und wo der Jungfrau Liebe,“* ℳ Die Leidenſchaft nicht nährt?2 Die Kirſch' als weißes Blüthlein Beſitzt noch keinen Stein; o Das Täublein in dem Eie, Mo9 „„ Das hat noch kein Gebein!( 9 Die Schal' fehlt der Orange, Wenn ſie am Baume blüht; „„ Der Jungfrau erſte Lieb' nur„„ „„ Ohn' Leidenſchaft erglüht.& Dieſer Geſang machte Jack unruhig und ſchien ihm bisweilen einiges Bewußiſeyn von dem, was wirklich um ihn vorging, zu geben; dies war jedoch nur augenblicklich, und er verſank wieder in Geiſtesabweſenheit. Das Mädchen begann dann in gedämpftem, wehmüthigem Tone das Lied:„Fern, fern zur See,“ welches Jack früher ſehr geliebt ——— 550 hatte, zu ſingen. Die erſten Noten ſchienen ihn mit Erſtaunen zu erfuüllen; dann aber lehnte er ſich gegen die Wand ſeiner Zelle zu⸗ rück und ſchloß ſeine Augen, während ſeine Hände ſich zu den Mo⸗ dulationen der Arie bewegten. Bei dem zweiten Verſe entſtrömten ihm reichliche Thränen, und als ſie ihr Lied ſchloß, ſaß er aufrecht da und blickte die beiden mit dem Ausdrucke des wiedererwachten Verſtandes an. Endlich ſagte er: „Wo bin ich?— Kann dies der ehrliche alte Giles Grim und dies meine liebe kleine Suſanna ſeyn?“ Im Uebermaß der Aufregung konnten die Zwei geraume Zeit kein Wort ſprechen. Endlich aber ſagte Suſanna: „Ihr ſeyd ſehr krank geweſen, John, und dürft noch nicht ſpre⸗ chen; verſucht zu ſchlafen— Ihr werdet es jetzt gut haben— aber nur noch ein wenig Schlaf.“ „Suſanna, Ihr habt dem armen Jack nie anders als zu ſei⸗ nem Beſten gerathen; ich will ſchlafen, wenn mich Jedes von euch an der Hand hält— ich habe euch für viele Jahre verloren, und wir dürfen uns nie wieder trennen— nie— nie— nie!“ Und während er dieſe Worte murmelte, verſank er in einen glücklichen ruhigen Schlummer. Nach einer Weile erwachte er wieder. Seine Erinnerungen waren allerdings ziemlich verwirrt, aber im Uebrigen benahm er ſich ganz vernünftig. Er meinte anfangs, daß er ſ ſich am Bord der Glory befinde und wegen irgend eines Vergehens in Eiſen gelegt worden ſey, weshalb er fragte, ob er vielleicht die Küche unter ſich gehabt habe und ob⸗ Kapitän Firebraß ſehr böſe ſey; allmählig brachte ihn aber Suſanna mit bewunderungswürdigem Takt und Zartgefühl zu dem Bewußtſeyn ſeiner wirklichen Lage. Jacks Geiſt war gebrochen und ungemein geſchwächt; wir dür⸗ fen es deshalb dem Manne nicht verargen, daß er wie ein Kind weinte und ſich gleich einem Kinde geraume Zeit nicht wollte tröſten laſſen. Er betrachtete die um ſeinen Leib geſchlungene Kette, und das Eiſen drang in ſeine Seele. — ——„——ää— 551 Als er um ſeine Freiheit und um einen paſſenden Anzug bat, theilten ihm ſeine Freunde mit, es ſey unbedingt nöthig, daß vorder⸗ hand ſeine Hüter nichts von ſeiner Wiedergeneſung erführen; wenn er ſich aber in allen Dingen gehorſam zeige, ſo ſtehe für ihn als⸗ baldige Befreiung zu hoffen. Namentlich riethen ſie ihm, wenn der Aufſeher demnächſt ſeine Runde mache, ſich recht ſtöckiſch anzuſtellen und um keinen Preis zu ſprechen. Freiheit!— dieſes Wort drang wie ein friſch hervorſprudelnder 1 Quell in ſeine ſieberige Seele. Er verſprach Alles, worauf Su⸗ ſanna ſeine Hand küßte und von dannen ging. Der unglückliche Mann verfolgte ſie mit ſeinen Blicken und ſchauderte in banger Ahnung, als ſie verſchwunden war. Endlich wandte er ſich an Grim und ſagte: „Lieber Vater, darf ich ein wenig ſprechen?“ „Nein, Ihr müßt an Euch halten— ich bin einer der Wärter und habe die Weiſung, Euch ſchlimm in die Mache zu nehmen, wenn Ihr Euch nicht ruhig verhaltet.“ * „O ewiger Gott! Iſt es ſo weit gekommen? Aber ich will reden, und wenn Ihr— Ihr— mein treuſter Freund— mein alter Vater— mir dafür das Herz aus der Bruſt reißen wolltet — ja, ich will reden. Wohin iſt Suſanna gegangen?“ „Der Engel ſieht nach den übrigen Patienten. Jack, haltet Euer Maul und hole Euch der Teufel; wenn Jemand kommt, ſo merkt wohl, Ihr müßt eine boshafte Miene machen oder ſo etwas. Gott ſegne Euch, mein lieber Junge, glaubt Ihr, daß ich je hätte Hand an Euch legen können? Nein, mein Herz— wenn Ihr am wildeſten rastet, ſo hielt ich Euch nur in meinen Armen und ver⸗ ſuchte Euer Geſchrei durch meine eigene Stimme zu erſticken. Dieſer Riemen hat Euch noch nie berührt, obſchon ich genöthigt bin, ihn ſtets bei mir zu führen. Nein, ſeyd ſtill— ich kann wohl reden— aber wahrhaftig, ich würde nichts davon erfahren haben, daß Ihr das Kommando Eures Steuers verlort, wenn nicht Su⸗ ſanna geweſen wäre.“ — — — —— „Gott, Allmächtiger, ſegne ſie mit all Deiner Güte und laſſe es ihr wohl ergehen— Vater, ich kann nicht anders!“ „Amen! Aber ſie hat Mühe genug gehabt, um Euch von einer Höhle der Finſterniß bis zur andern auszuſpüren; und da iſt ſie jetzt und hat ſich als Wärterin gegen geringen Lohn eingemiethet. Sie heißt hier Suſanna Smith und ich bin ihr Vater— ich darf ſtolz ſeyn auf dieſen Titel, Jack. Sie hat mich als Unterwärter hier untergebracht— und außerdem das Herz des Galgenhundes ge⸗ wonnen, der ſich den Kapitän dieſes Fahrzeugs voll Elend nennt. Obgleich ich ſchon ſo lange gelebt habe, iſt ſie doch ſtebenmal klü⸗ ger, als ich, und nichts ſoll geſchehen, als was ſie anrath— Bst!“ In dieſem Augenblicke trat der wild ausſehende Eigenthümer des Irrenhauſes ein; ſeine Miene war zornig, und er ließ, was noch ſchlimmer war, Argwohn blicken. Jack verzerrte ſein Geſicht zu einer diaboliſchen Grimaſſe, der alte Grim aber ſchlug hurtig ſeine Bibel auf und guckte durch ſeine Brillen in das Buch. „Was habe ich da für ein Reden gehört?“ „Reden, Euer Ehren?“ verſetzte der alte Mann.„Ich habe blos laut in der Bibel geleſen— es ſcheint den Patienten zu be⸗ ſchwichtigen, denn er iſt immer am ruhigſten, wenn ich ihm ein Kapitel vorleſe.“ „Die Peitſche, Mann! die Peitſche iſt das beſte Beruhigungs⸗ mittel.“ Mit dieſen Worten ging er weiter. Wenn der außzeichnende Engel Onkel Tobys Eid mit einer Thräne verwiſchte, muß er nicht die Lüge des alten Matroſen mit einem beifälligen Lächeln ausgelöſcht haben, obgleich er die Sünde über der Bibel beging— namentlich da der ehrliche Alte unmittel⸗ bar nachher ausrief:„Möge mir Gott die Lüge vergeben, während ich ſein köſtliches Wort auf meinen Knieen habe!“* Bald nachher kehrte Sufanna zurück und fand Jack ſo geſaßt und vernünftig, daß ſie es wagte, ihm einige nährende Köſt zu geben, die er mit einem wahren Heißhunger verſchlang. Dann 5⁵³ ſchickte ſie ſich an, ihn von ſeiner Kette loszumachen. Oh, wie glühend ſegnete ſte der verfolgte Unglückliche in ſeinem Herzen! Den ganzen Tag ging ſie ſtets in der Halle aus und ein, den Armen mit ihrem friedebringenden Lächeln und ihrer heiteren Unter⸗ haltung erquickend. Sie vermied Alles, was ihn peinlich berühren konnte, auf's Sorgfältigſte und antwortete auf jede Frage, die ihr Jack über die Vergangenheit vorlegte, mit den Worten:„Harrt bis morgen, wir werden dann in Freiheit ſeyn.“ So milderte ſie lieb⸗ lich die getäuſchte Erwartung mit der ſüßeſten Hoffnung, damit ſich der Frager zufrieden gebe. Am nämlichen Abend berichtete Suſanna dem Aufſeher und dem Arzte gleichfalls ein Mährchen, und wir hoffen, daß der ſie hütende Engel nicht minder wohlwollende Nach⸗ ſicht mit ihr hatte— denn ihre Meldung lautete:„Keine Verände⸗ rung bei John Jones.“ 3 Am nächſten Morgen war Jack nicht nur ganz geſammelt, ſon⸗ dern fühlte ſich wieder neu belebt. Um die Leute in der Anſtalt zu täuſchen, ließ er ſich's bereitwillig gefallen, daß er wieder an⸗ geſchloſſen wurde; aber er ging, ſoweit es die Länge ſeiner Kette geſtattete, in ſeiner Zelle umher und fragte angelegentlich nach der Zeit ihrer gemeinſamen Flucht, indem er erklärte, er fühle ſich im Stande, wenigſtens fünſzehn Meilen weit zu Fuße zu gehen. Man bedeutete ihm, daß er noch bis zum Einbruche der Nacht warten müſſe; bis dahin ſolle er aber Allem aufbieten, um ſich Kräfte zu ſammeln. Im Laufe des Tages erfuhr er allmählig, daß ſein ganzes Vermögen unter der Adminiſtration ſeiner Frau und ſeines Schwieger⸗ vaters ſtehe, weshalb von ſeiner Seite große Sorgfalt und Auf⸗ merkſamkeit nöthig ſey, um ſeine Geſundheit zu beweiſen und ſo die Leitung ſeiner Angelegenheiten wieder zu gewinnen. „Und nun, mein theurer John,“ ſagte Suſanna,„da ich Eini⸗ ges für Euch gethan habe, ſo müßt Ihr mir zum Dank gleichfalls etwas thun— gebt mir ein Verſprechen.“ „Alles, was ich habe, iſt Euer Eigenthum— mein Leben jetzt 554 und mein Vermögen, wenn ich es wieder errungen habe. Fortan will ich keine Kruſte Brod brechen— kein Glas Waſſer trinken, ohne daß Ihr mir es geſtattet.“ 3 „Nicht doch; ich verlange von Euch blos, daß Ihr der Un⸗ mäßigkeit abſchwört.“ „Ich ſchwöͤre feierlich,“ ſagte er, auf ſeine Kniee niederſinkend, „kein Tropfen Branntwein, kein Schluck Wein— ja nicht das min⸗ deſte ſtarke Getränk ſoll je wieder über meine Lippen kommen, und wenn ich mein Leben—“ „Halt— haltet inne!“ verſetzte ſie.„Ich will keinen ſolchen Eid, der ſich von ſelbſt brechen würde. Schwört mir nur, Euch nie wieder zu betrinken.“ „Ich ſchwöre es! Möge mir der Himmel beiſtehen, meinen Eid zu halten.“ „Die Gaben des Schöpfers dürft Ihr wohl brauchen, aber mit Behutſamkeit. Die Traube darf nicht am Rebſtocke blühen, um zur Reife zu zeitigen und dann zu verfaulen. Verſprecht mir nur, John, ſobald Ihr Euch im Mindeſten erhitzt fühlt, das Wort „Wahnſinn“ auszuſprechen; und ſollte dann der Böſe Euch dennoch verlocken, zu einem weiteren Becher zu greifen, ſo ruft Euch meinen Namen in'’s Gedächtniß— dann, theurer John, mögt Ihr Euern Eid brechen, wenn Ihr könnt.“ „Nein, ich wäre es nimmermehr im Stande. Alles dies ge⸗ lobe ich feierlich.“ „Ich bin zufrieden— auch wird es gut ſeyn, wenn Ihr in den nächſten ſechs Monaten Eure Diät ganz nach dem Rathe eines Arztes ordnet.“ „Soll gewiſſenhaft geſchehen.“ Sir John verſank dann in ein melancholiſches Bruten und ſagte endlich bekümmert: „So iſt alſo Alles dahin. Der Advokat mit ſeinen Geierklauen hat Alles. Meine YNacht, meine ſchöne Yacht— ich hoffe, ſie iſt nicht abgebrochen worden?“ 5⁵⁵ Der alte Giles pflanzte ſich nun kerzengerade auf, nahm ſeine Brille ab und ſteckte ſie ſtolz in die Taſche, als ob er ſie nicht mehr brauche; dann gab er dem Bunde ſeiner Hoſen einen Ruck, klopfte den Sitz derſelben mit ſeiner rechten Hand, ſtemmte den linken Arm in die Seite und machte einen luſtigen Sprung in die Höhe. Er war mit einemmale um zwanzig Jahre jünger geworden. Dann grinste er— das Grinſen wurde zu einem Kichern— das Kichern zu einem Lachen und das Gelächter zu einem ſo triumphirenden Jauchzen, daß ihm Suſanna ihr Taſchentuch halb in die Kehle herunterſtecken mußte, um ihn zu hindern, daß er nicht die übrigen Wärter auſſtörte. „Mein Sohn,“ ſagte er,„die luſtige Anna iſt vollkommen ge⸗ borgen. Ich habe in Zeiten Nachricht über das Treiben der Geſetz⸗ hayfiſche erhalten— Alles aus Veranlaſſung dieſes Engels, glaube ich. Ich gleich auf und fort. ‚Seht Ihr,“ ſage ich zu meinen prächtigen Jungen, ‚ſte haben unſern Herrn toll gemacht, dieſe Landhayfiſche— ja, das haben ſie— aber er wird wieder zu ſich kommen— und wenn er findet, daß ſein Fahrzeng in die Krallen der Advokaten gefallen iſt, ſo wird's bei ihm ſchlimmer, als je. Unter ſolchen Umſtänden ſoll den Lohn der Henker holen, ſage ich. ‚Der Henker ſoll den Lohn holen,“ ſagten ſie Alle, Männer und Buben. Gut, wir wurden eins, das Schifflein ſchlecht und recht für Euch zu behalten— ſo gingen wir denn fort, recht den Kanal hinunter, und wie ich nach Truro kam, ſchrieb ich dem wackern Mann, Mr. Singleheart, und ſagte ihm, was wir gethan hätten. Er ſchreibt mir zurück und ſagt, wir hätten etwas Ungeſetzliches gethan— er wolle nichts von der Geſchichte wiſſen— es ſey eine ſchlimme Sache und es ſolle ihn nicht wundern, wenn er höre, daß das Fahr⸗ zeug von einem franzöſiſchen Kaper genommen worden ſey. In den Hebriden gebe es einige geborgene kleine Buchten— er ſey faſt der Anſicht, Sir John habe die Verpflichtung, für die Mannſchaft Sold und Mundvorrath zu bezahlen, und ſo ſchicke er da eine Banknote von zweihundertundfünfzig Pfunden. Er rathe uns, das Eigenthum 556 an Eure Stellvertreter zu übergeben, vorausgeſetzt, daß es nicht genommen würde— aber er glaube wahrhaftig, im Fall Ihr wie⸗ der zurecht kämt, würde es Ench das Herz brechen, wenn Ihr fän⸗ det, daß das Schiff fort ſey. Er könne übrigens nicht weiter über die Sache ſagen und verlange, daß man ihn nicht wieder ſchriftlich damit behellige— wenn ich nach drei Monaten bei dem Bankier zu Truro vorſpreche und ſage, wer ich ſey, ſo könne ich vielleicht etwas hören. Und ſo empfahl er mich Gottes Schutz und hieß mich für Eure Wiedergeneſung beten.“ „Der vortreffliche, mißhandelte Mann! Und was weiter?“ 4 „Ich klaube mir die Enden von dem und dieſem zuſammen— und ſo viktualiſire ich die Schönheit, biete den Leuten ihren Lohn zum Voraus— die wackeren Blaujacken wollten nicht einen Heller nehmen— laſſe den Anker aufziehen und mache mich auf und da⸗ von. Juſt wie ich in die Chops des Kanals komme, breit mich ein heimwärts ziehender Weſtindienfahrer an. ‚Was iſt das für ein Fahrzeug?“ fragt er. ‚Die Twitchem Nacht, ſage ich. ‚Was Neues?“ ſagt er.„Nichts Gutes,“ ſage ich. ‚Unſere Kamerädin, die luſtige Anna, Sir John Truepennys Nacht, wurde dieſen Mor⸗ gen von zwei franzöſiſchen Kaperluggern genommen. Seht Euch vor— warum habt Ihr Euer Konvoy verlaſſen?„Vorausgelaufen, 4 um zuerſt auf dem Markte zu ſeyn,“ ſagt er. ‚Dumm genng,“ ſage ich.„Haltet mir Companie,“ ſagt er, ‚bis ich auf ein Kriegsſchiff treffe; ich gebe Euch ein paar Schildkröten und ein Faß Rum, denn Euer Fahrzeug ſieht verwegen genug aus.⸗ Gut, wir ſchließen den Handel, thun die Schildkröten und den Stoff ein und ich geleite ihn wohlbehalten unter die Kanalflotte. Da erſpähe ich die Old Glory, hole meinen Wind, laufe davon wie die Kugel aus dem Rohr und in achtundvierzig Stunden habe ich das Fahrzeug ge⸗ borgen an einer der Orkney Inſeln eingebuchtet, die, wie ich glaube, keinen Namen hat, weil's nichts Lebendiges darauf gibt, als See⸗ möven. Dort ſind nun die Jungen und haben den ganzen lieben— Tag nichts zu thun, als Wurfſtein zu ſpielen und Kegel zu ſchieben. 557 Das Mährlein von der Yacht wurde geglaubt und lief durch alle Zeitungen.“ „Wollte Gott, ich wäre wieder an ihrem Bord. Aber wie kam's, daß Ihr mich auffandet, Vater?“ „Konnte nicht raſten und ruhen, bis ich von Euch hörte— fuhr nach Plymouth hinüber— ſetzte mich an's Land— ging nach Portsmouth und ſah dort Mutter Snowdrop und unſern Engel Sue. Dann ſuchten wir Euch von Platz zu Platz und da ſind wir endlich.“ „Oh, daß wir an Bord der luſtigen Anna wären!“ 8₰ In derſelbigen Nacht verließen alle drei ruhig dieſe Schauder⸗ höhle, denn Suſanna beſaß einen Hauptſchlüſſel und hatte Jack mit einem vollſtändigen Matroſenanzuge verſehen. Die frohlockende Wonne unſeres Helden war unbeſchreiblich; aber dennoch zügelte er ſein Entzücken bewunderungswürdig. Da ſie mit viel Geld ver⸗ ſehen waren, ſo machten ſie einige Umwege und wanderten gemächlich, ohne ſich an der nöthigen Stärkung etwas abgehen zu laſſen. Im Laufe einer Woche hatten ſie Portsmouth erreicht, wo Suſanna bei⸗ 7 5 4 ihrer Muttter blieb. Die beiden Freunde gelangten durch Vermitt⸗ lung eines Küſtenſchiffs nach Liverpool, wo fie ein Deckbot mietheten und nach den Orkneys ſteuerten. In weniger als vierzehn Tagen fühlte ſich Jack überglücklich im vollen Beſitze ſeiner Geſundheit, ſeiner Geiſtesfähigkeiten und des Commandos auf der luſtigen Anna. Dieſe ganze Zeit über lebten Mr. Scrivener Lady Truepenny in der ſchwelgeriſchſten Sicherheit, denn der Irrenhausmeiſter wagte es nicht, ihnen Jacks Entkommen kund zu thun. Jack ſelbſt würde ihnen nur wenig Ungelegenheit bereitet haben. Er fühlte ſich im höchſten Grade ſelig, daß er wieder zur See war, und wollte nichts vom Lande oder dem Treiben auf dem Lande hören. Er war kaum an Bord der Yacht angelangt, als er in die See ſtach und ſich ſorgfaltig außer Sicht der Küſte hielt. In dieſer Weiſe verbrachte er zwei Monate als der Glücklichſte der Glücklichen, und es wurde ihm erſt wieder unwohl, als er ſich wegen Mundvor⸗ N„ 6 6 1 558— raths dem Lande nähern mußte. Er fürchtete ſchon den Anblick deſſelben und hatte gute Luſt, ſeinen Namen zu ändern und an Bord eines Kriegsſchiffs zu gehen, das fürs Ausland beſtimmt wäre. Als endlich all ſein Waſſer verbraucht war, landete er zu Plymouth und ließ ſich daſelbſt bewegen, an Mr. Singleheart zu ſchreiben. Dieſer kam augenblicklich zu ihm, und der gute Mann war über die Maßen erfreut, ſeinen Patienten ſo vollkommen herge⸗ ſtellt und in ſo guter Geſundheit zu finden, denn die Reiſe hatte ihm vortreffliche Dienſte gethan. Aber jetzt war es Zeit zum Handeln. Jack bat angelegentlichſt, zuvor noch einen Kreuzzug machen zu dürfen, aber der Rechtsgelehrte blieb feſt. Mit Thränen in den Augen ſah Jack die Yacht ohne ihn abſegeln und begab ſich mit Mr. Singleheart nach der Stadt. Lord und Lady Fortintower waren erſt kürzlich angelangt. Sir John begab ſich zu ihnen und blieb incognito in ihrer Wohnung. Wir haben übrigens jetzt keine Zeit, die Freude dieſes Wiederſehens zu ſchildern oder uns auf Erklärungen einzulaſſen. Die erſte Kunde, welche Mr. Scrivener davon erhielt, daß die Dinge doch nicht einen ſo ganz ruhigen Verlauf nähmen, beſtand in einem habes conpus Writ, welches ihm übermacht wurde, den Leib des Sir John Truepenny zum Vorſchein zu bringen. Dieß geſchah auf Anordnung des Lord Fortintower. Jetzt erſt verbreitete ſich das Gerücht, daß Sir John entkommen ſey. Die nächſte Maßregel war die Zuſammenberufung einer Jury, welche Jacks geiſtigen Zuſtand unterſuchen ſollte. Die Ordalie war ſtreng, aber unſer Held benahm ſich mannhaft und gelaſſen. Sie fand in Lord Fortintowers Wohnung ſtatt. Serivener hatte die Dreiſtigkeit, ihr mit einem Advokaten anzuwohnen. Dies wurde verhängnißvoll für ihn. Bei dem Verſuche, Lord Fortintowers oder vielmehr Jacks Rechtsfreunde in dem Verhör eines Zeugen Einhalt zu thun, welcher den Beweis herſtellte, daß Mr. Scrivener dem Ehebruche ſeiner eigenen Tochter Vorſchub gethan habe und dieſes Vergehen die nächſte Urſache zu Sir Johns zeitweiligem Wahnſinn geweſen ſey, wurde er von einem Scchlaganfall betroffen und mußte in einem Zuſtand von Beſinnungs⸗ loſigkeit, die nach vierundzwanzig Stunden mit ſeinem Tode endigte, aus dem Gerichtsſaale geſchafft werden. Die Geſchworenen ſprachen ſich einmüthig dahin aus, daß Sir Johns geiſtige Geſundheit wieder völlig hergeſtellt ſey, und der Stern ſeines Glückes kam abermals zum Steigen. Er war jetzt weiſe geworden und benahm ſich ge⸗ mäßigt in allen Dingen. Gegen Obriſt Chacehell wurde eine Klage wegen Chebruchs anhängig gemacht. Der elende Krüppel ſtarb bald nachher in dem Gefängniſſe, in welches er zur Privatſatisſaction geworfen worden war, während Lady Truepenny, die nun in den Beſitz ihres väter⸗ lichen Vermögens gekommen war, nicht nur mit ihrem Schick⸗ ſale ſehr zufrieden zu ſeyn, ſondern auch ganz glücklich zu leben ſchien. Im Laufe der Zeit folgte die Eheſcheidung, und endlich that Sir John, was er gleich anfangs hätte thun ſollen— er heirathete Suſanna Snowdrop, ſtellte ſich ganz unter ihre Leitung und wurde ein ſehr achtbarer Landgentleman. Unter ihrer Zucht befähigte er ſich auch nach zwei Jahren, ſeinen eigenen Wahlbezirk im Parlamente zu vertreten. Es iſt zwar wahr, daß er ein bischen allzu viel Vorliebe für das Nächteln zeigte; da übrigens ſeine Gattin keinen Anſtoß daran nahm, ſo ſteht es uns nicht zu, dieſen ſeinen Hang allzuſtrenge zu rügen. Mit Mr. Scrivener war auch alle Schwierigkeit beſeitigt, welche ſich dem Truepenny'ſchen Teſtament in den Weg legte. Das Eigen⸗ thum wurde auf Lord Fortintower übertragen. Der alte Großvater Truepenny verbrachte den Reſt ſeines Lebens ſehr glücklich und hatte noch die Freude, zwei männliche Urenkel zu ſegnen. Lord Fortinto⸗ wer ſtieg bald zum Marquis und kann es noch, obſchon er ſehr alt iſt, zum Herzoge bringen. Er wurde ein höͤchſt liebenswürdiger Mann, ein ſehr zärtlicher Gatte, der beſte der Väter und einer der loyalſten Unterthanen. Der alte Grim wurde, ehe er das Zeitliche ſegnete, ungemein 560 beleibt, und ſtarb mit dem ruhigen Bewußtſeyn, daß er in dem Elemente begraben werden würde, welches ihm im Leben ſo theuer geweſen war, weil ſein Tod auf dem Meere ſtattgefunden hatte. * Sir John und Lord Fortintower vermehrten viele Jahre lang ihre Familien à l'envie l'un de l'autre— aber Jack ſtach am Ende ſeinen Vetter doch um zwei Köpfe aus, was für ihn zur Ouelle großen Jubels wurde. Er könnte, wenn er wollte, mit jedem Tag ein Lord werden, will aber dieſe Thorheit ſeinem älteſten Sohn Jack überlaſſen, der jetzt ein Poſtenkapitän iſt. Er fühlt ſich glück⸗ lich, beneidet aber doch den alten Grim um den Platz ſeines Todes und um die Art ſeiner Beiſetzung, denn das Ausſehen der Familien⸗ gruft will ihm nicht halb gefallen. Obgleich Suſanna nur von geringer Herkunft war und anfangs eine klägliche Erziehung genoſſen hatte, ſo gereichte ſie doch ihrer Stellung zur Zierde und ſchuf nicht nur das Glück ihres Gatten, ſondern auch aller derer, auf welche ſich ihr Einfluß erſtreckte. Sie hat ſich ſtets bemüht, ihren Kindern an's Herz zu legen, daß es weit leichter ſey, gegen das Unglück Stand zu halten, als das Glück zu ertragen, indem durch das erſtere blos die Klugheit und die Kraft, durch letzteres aber die ganze Seele des Menſchen geprüft werde, weßhalb man bei einem plößlichen und unerwarteten Reichthum weit mehr auf Weh und Elend gefaßt ſeyn müſſe, als bei einer ganzen Reihe vorhergeſehener Uebel. Sie hatte Recht, denn Widerwärtigkeiten ſtählen den Menſchen, während ihn der Wohlſtand verderbt. Wir müſſen daher Pope völlig beiſtimmen, wenn er ſchreibt: „Sogar der Teufel ward viel klüger durch die Zeit, als Lockung Gold, nicht mehr d die Armuth beut.“ * * ununmunnuum Guuaaunauuunuunaununuunuunu 9 11 13 14 15 16 18 19