“ 8 — „ Leihbibliothek 3 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Okftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seiß- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruückgabe von mir zurückerſtattet ſe wird. 4 3 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und heträgt: 4. für aichentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. N8 „3„„„„=.„—„ 5. Auswörtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, erriſtane, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt z der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das 2 eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ . *†h ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— —— —— ————— Capt. Marryat's ſaͤmmtliche Werke. Funkzehnter Band. Japhet, der einen Vater ſucht. — 5 — Aus dem Engliſchen 8 von H. Roberts. 8 Oritter Theil. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. — 1836. Japhel, der einen Vater ſucht. Vo ———= —— ᷣ— Capt. Marryat, Verfaſſer des»Paſcha«,»Peter Simpel«,»Jakob. Ehrlich«,»Willy« ꝛc. Aus dem Engliſchen von 2 H. Roberts. Dritter Theil. Braunſchweig, Druck und Verlag von Fr. Vieweg und Sohn. 1836. Erſtes Kapitel. Ich verleugne meinen neuen Freund, allein unſere, wiewohl kurze Bekanntſchaft wird mir verderblich. Obgleich ich mein ganzes Vermögen verliere, behalte ich doch meine Rechtſchaffenheit. 8H Mittlerweile hatten die öffentlichen Blätter einen Be richt von allen das Duell begleitenden Umſtänden, nebſt verſchiedenartigen, für mich nicht ſehr ſchmeichelhaften Randgloſſen geliefert. Ich erhielt ein Billet von Mr. Maſterton, der ſich, getäuſcht von der Klaſſe von Menſchen, die für die Zeitungen Nachrichten ſammeln, und nur zu ſehr geneigt ſind, Jeden, wenn es ihnen ge⸗ lingen will, zu ſich herabzuziehen, in ſtarken Ausdrücken über das Tadelnswerthe und Thörichte meines Beneh⸗ mens ausließ— und hinzufügte, daß Lord Winder⸗ mear völlig mit ihm übereinſtimme und ihn erſucht habe, mir ſein Mißfallen darüber zu erkennen zu geben. Er ſchloß ſeinen Brief mit den nachſtehenden Worten: „Ich betrachte dieſen Schritt als den fehlerhafteſten, welchen Sie bisher gethan haben. Weil Sie die Welt getäuſcht haben, und weil ein Mann, der nicht abge⸗ neigt war, mit einem jungen Manne von Stande und Reichthum auf vertrautem Fuße zu leben, den Umgang 5 einem unbemittelten Unbekannten abzubrechen 6 wünſcht, halten Sie ſich für berechtigt, ihm das Leben zu nehmen. Solche Anſichten würden allen geſellſchaft⸗ chen Verhältniſſen ein Ende machen, alle Rangordnung zerſtören, und die Herrſchaft des Gladiatoren würde nur dem Dolche des Meuchelmörders Platz machen.“ Schon beim Empfange dieſes Schreibens war ich in ei⸗ ner üblen Gemüthsſtimmung. Ich hatte ernſtlich über die gütigen Anerbietungen Lord Windermears nachge⸗ dacht, und gefühlt, daß ſie dem primum mobile meines Daſeins hinderlich ſein würden. Als das Billet gebracht wurde, überlegte ich, wie ich es anfangen müſſe, mich den in demſelben enthaltenen gütigen Abſichten zu ent⸗ ziehen, und meinen eigenen Neigungen nach Belieben folgen könne. Mir ſchien der Inhalt den höchſten Grad von Ungerechtigkeit anzudeuten. Man hatte mich auf einſeitige Angaben angeklagt und ſchuldig befunden. Ich vergaß in dem Augenblicke, daß ich pflichtmäßig zu Mr. Maſterton gehen, und ihm über die Angelegenheit völ⸗ lige Aufklärung hätte geben ſollen; und daß ich ihn durch dieſe Unterlaſſung in der vorgefaßten Meinung, daß ich mich nicht rechtfertigen könne, beſtärkte. Dieſes Alles entging mir, und doch verdiente ich Tadel; ich hatte nur den kränkenden, ungerechten Inhalt des Brie⸗ fes im Auge, und meine Bruſt gab keiner andern Em⸗ pfindung, als dem. Unwillen, Raum. Wer giebt Lord Windermear und Mr. Maſterton ein Recht, mich zu⸗ rechtzuweiſen und zu beleidigen? Auferlegte Verbind⸗ lichkeiten? Aber iſt mir denn Lord Windermear etwa keine Verbindlichkeiten ſchuldig? Habe ich ſein Geheim⸗ niß nicht bewahrt? Allerdings, allein auf welche Weiſe gelangte ich in den Beſitz deſſelben? Indem ich es nicht verrieth, machte ich nur eine Treuloſigkeit wieder gut. Nun wohl; ſo habe ich wenigſtens das Recht, von 2 ihnen unrabhängig zu ſein, ſobald ich will— es ſteht Jedermann frei, ſeine Unabhängigkeit zu behaupten, wenn es ihm beliebt. Dienſtfertige Anerbietungen wür⸗ den mir nur Feſſeln anlegen, wenn ich den dargebote⸗ nen Beiſtand annähme. Ich mag ſie nicht.— So wa⸗ ren meine Betrachtungen; und der Leſer wird bemer⸗ ken, daß ſich ein Zuſtand krankhafter Reizbarkeit, ein Gefühl der Verlaſſenheit, das mich zu Boden drückte, meiner bemächtigt hatte. Ich fühlte, daß ich ein iſolir⸗ tes Weſen, ohne ein Band ſei, das mich an die Welt kettete. Ich beſchloß, die Welt von mir zu ſtoßen, ſo wie ſie mich ausgeſtoßen hatte. Timotheus konnte mir kaum ein Wort entlocken. Ich lag da, meine heftige innere Bewegung trieb mir das kochende Blut in den Kopf und verurſachte mir betäubendes Kopfweh. Ich war faſt wahnſinnig. Ich öffnete ein Käſtchen, in welchem meine Piſtolen lagen, und dachte an Selbſtmord— nur die Ueberlegung hielt mich davon zurück: ich ver⸗ mochte die Nachforſchung nach meinem Vater nicht aufzugeben⸗ Ungeduldig und fieberhaft wünſchte ich in die Luft zu gehen, wagte es aber nicht, mich den Blicken der 2 — Neugierde auszuſetzen. Ich wartete bis zum Dunkel⸗ werden, und verließ ſodann das Haus, ohne zu wiſſen, wohin mich meine Schritte führten. Ich ging vor dem Spielhauſe vorüber— wirklich vorüber; kehrte aber 4 ½ zurück, ging hinein, und verſpielte Alles, was ich bei mir hatte; wobei ich mich jedoch überzengte, daß ich, wwenn ich mehr Geld in der Taſche gehabt, gewonnen haben würde. 1 Ich ging zu Bette, konnte aber nicht ſchlafen. Ich dachte an die Zeit zurück, in welcher man mir, in der 8 Vorausſetzung, ich ſei reich, mit freundlicher Artigkeit entgegenkam. Von welchem Nutzen war mir denn das Geld, das ich noch beſaß? Von wenigem oder gar kei⸗ nem. Ich kam zu dem Entſchluß, mir entweder ein be⸗ trächtliches Vermögen zu gewinnen, oder das mir noch übriggebliebene Geld ganz zu verſpielen. Am folgenden Morgen ging ich in die City und verkaufte meine letz⸗ ten Papiere. Ich hatte gegen Timothy von meinem Vorhaben nichts laut werden laſſen: ſorgfältig vermied ich jedes Geſpräch mit ihm. Ich wurde gewahr, daß ihn mein Betragen kränkte, allein ich fürchtete mich vor ſeinen Rathſchlägen und Gegenvorſtellungen. Gegen Dunkelwerden begab ich mich nach der Spiel⸗ bank und ſpielte mit abwechſelndem Glücke. Ein Mal hatte ich mein Kapital verdreifacht, und verlor endlich den letzten Heller. Als Alles fort war, blieb ich gleich⸗ gültig, obgleich ich mich während der Wechſel des Spiels in einem Zuſtande der geſpannteſten Aufregung befunden hatte. Am folgenden Tage begab ich mich zu einem Mäk⸗ ler und machte ihn mit meinem Wunſche, mein Haus zu veräußern, bekannt, denn ich war entſchloſſen, mein Glück bis auf das Aeußerſte zu verſuchen. Der Mäk⸗ ler nahm es auf ſich, einen Käufer zu ſtellen. Ich bat ihn um Vorſchuß, den er mir auch gewährte, und mir ſo lange Geld vorſtreckte, bis ich faſt die Hälfte des Werths meines Hauſes von ihm empfangen hatte.— Hiernach fand er einen Käufer(in ſeiner eigenen Per⸗ ſon, wie ich vermuthe), der es für zwei Drittel des Werthes annahm. Ich bedachte mich nicht; ich hatte ſchon jede mir vorgeſchoſſene Summe eine nach der an⸗ dern verſpielt, und trug das lebhafteſte Verlangen, mein Glück zu machen, oder ein Bettler zu werden. Ich unterzeichnete den Kaufkontrakt, nahm den Reſt— des Kaufgeldes zum Belaufe von funfzehn hundert und funfzig Pfund in Empfang und kehrte nach einer Stunde in das mir nicht länger zugehörige Haus zu⸗ rück. Ich rief Timothy, ließ mir von ihm den Betrag der noch unbezahlten Rechnungen angeben, und hän⸗ digte ihm funfzig Pfund zu dieſem Zwecke ein, von wel⸗ chen er ungefähr funfzehn Pfund übrig behalten würde. Ich ſetzte mich ſodann zu meinem einſamen Mahle nie⸗ der, allein, als ich eben anfangen wollte, vernahm ich unten einen Wortſtreit. 8 „Was giebt es, Timothy?« rief ich, denn meine Nerven waren in einem Zuſtande der äußerſten Reiz⸗ barkeit. „»Es iſt der Wicht, der Emanuel, der darauf beſteht, heraufkommen zu wollen.« „Ja, ich will kommen herauf, Sir.« Ich befahl Timotheus, ihn zu mir zu laſſen. »Nun, Emanuel, was wollen Sie von mir?« ſagte ich, dem Elenden, der, wie immer, gekrümmt und die eine Hand auf dem Rücken eintrat, einen verächtlichen Blick zuwerfend. „Ich war ein wenig außer Athem; Mr. Newland — ich komme, um Ihnen zu ſagen, daß das Geld iſt ſehr rar— daß ich will annehmen Ihr Anerbieten und die hundert Pfund zu den tauſend, die ich Ihnen gelie⸗ hen. Sie ſind ein Gentleman zu ſehr, um nicht zu helfen einem armen alten Manne, wenn er iſt in Noth.“« 4 »Sagen Sie lieber, Mr. Emanuel, Sie hätten ge⸗ hört, daß ich keine zehntauſend Pfund jährlich beſitze, und daß Sie Ihr Geld zu verlieren fürchten.« . Verlieren mein Geld!— nein— verlieren meine 5 2 ——j———— wr 19 tauſend Pfund! Sagten Sie nicht, daß Sie ſie woll⸗ ten mir zurückſahlen, und mir geben hundert Pfund für meine Mühe; das war die letzte Verabredung.⸗ »Ganz recht, aber Sie wollten das Geld nicht an⸗ nehmen, und ſo bin ich außer Schuld. Wir müſſen uns jetzt an die erſte Verabredung halten, Sie bekom⸗ men funfzehnhundert Pfund, wenn ich in den Beſitz meines Vermögens gelange.“« »Aber Sie haben kein Vermögen!« „Ich fürchte allerdings, daß ich keins habe; aber erinnern Sie ſich, Mr. Emanuel, daß ich Ihnen nie⸗ mals geſagt, daß ich Vermögen beſäße.« »„Wollen Sie beſahlen mir mein Geld, Mr. New⸗ land, oder wandern in das Gefängniß?« »Sie können mich wegen einer Uebereinkunft nicht gefangen ſetzen laſſen.« »Nein; aber ich kann Sie gerichtlich wegen Betrug verfolgen.« „»Nein, Du verwünſchter alter Schurke, das kannſt Du nicht; aber verſuche es, und verfahre ſo ſchlimm, als Du willſt, mit mir,« rief ich, wuͤthend darüber, daß er ſich des Wortes Betrug bedient, aus. »Gut, Mr. Newland, wenn Sie nicht haben jähr⸗ lich zehntauſend Pfund, haben Sie das Haus und das Geld; Sie werden nicht wollen betrügen einen armen Mann wie ich bin.« »Ich habe mein Haus verkauft.« »„Sie haben verkauft das Haus— dann haben Sie weder Haus noch Geld. O! mein Geld, mein Geld! Mr. Newland, Sie ſind ein verfluchter Schurke.« Der Elende bebte vom Kopf bis zu Füßen vor Wuth, ſeine Hand auf dem Rücken zitterte nicht weni⸗ ger, als die andere, die er drohend mir vorhielt. 4 11 Da ich ſelbſt in Wuth gerathen war, ſo öffnete ich die Thür, drehete ihn herum, ſetzte meinen Fuß an ei⸗ nen nicht zu nennenden Theil ſeines Körpers, er flog hinaus, ſtürzte die Treppe hinunter, und lag unten, ſtöhnend vor Schmerz. „»O, mein Gott, mein Gott, ich bin gemordet!« ſchrie er,»Vater Abraham nimm mich auf in Deinen Schooß.« Meine Wuth hatte ſich gelegt, und ich erblaßte bei dem Gedanken, den armen Menſchen getödtet zu haben. Ich rief Timotheus, und trug mit ſeinem Beiſtande den Alten wieder herauf, wir ſetzten ihn auf einen Stuhl, und fanden, daß er nur wenig Schaden genommen. Ich ließ ihm ein Glas Wein reichen, und ſobald er reden konnte, kam es auch wieder zu einem Ausbruch ſeiner herrſchenden Leidenſchaft. »Mr. Newland— ah, Mr. Newland, konnen Sie nicht geben mir mein Geld— können Sie nicht geben mir die tauſend Pfund ohne die Zinſen? Auf die Zin⸗ ſen will ich verzichten gern; ich habe Ihnen geliehen nur das Geld, um Ihnen zu erweiſen eine Gefäl⸗ ligkeit.«. „Wie können Sie ſo etwas von einem verfluchten Schurken erwarten?« 1 »Verfluchten Schurken! ach! ich war ſelbſt ein Schurke und war ein Narr, daß ich ſagte das Wort. Mr. Newland, Sie ſein ein Gentleman, Sie werden mir beſahlen mein Geld. Sie werden mir beſahlen et⸗ was von meinem Gelde. Ich habe die Verſchreibung in meiner Taſche, und bin gern bereit ſie zu geben her.« »Wie kann ich Sie bezahlen, wenn ich das Geld nicht habe?« „Vater Abraham, wenn Sie nicht haben das Geld — Sie müſſen doch haben etwas Geld, und werden mir alſo beſahlen einen Theil der Summe. Wie viel wollen Sie mir beſahlen?« „»Wollen Sie fünfhundert Pfund nehmen, und da⸗ gegen die Verſchreibung zurückgeben?« »Fünfhundert Pfund— verlieren die Hälfte— o! Mr. Newland— es war alles baar vorgeſtreckt. Sie werden nicht wollen, daß ich verliere ſo viel.« »Ich weiß noch nicht einmal, ob ich Ihnen fünf⸗ hundert Pfund geben ſoll. Ihr Papier iſt keine zwei Pence werth, und Sie wiſſen es.«“, „»Mr. Newland, Ihre Ehre iſt werth mehr als zehn⸗ tauſend Pfund; aber wenn Sie nicht haben das Geld, ſo beſahlen Sie mir die fünfhundert Pfund, die Sie haben angeboten, und ich will Ihnen zurückgeben das Papier.« »Ich habe Ihnen nie fünfhundert Pfund ange⸗ boten.« »Nicht angeboten; aber Sie nannten die Summe, das iſt vollkommen genug.« „Sie wollen alſo gegen fünfhundert Pfund die Ver⸗ ſchreibung zurückgeben?« »Ja; ich war zufrieden zu verlieren all' das lebrige, um Ihnen zu ſein gefällig.« Ich ging zu meinem Schreibtiſche, und naßm fünf⸗ hundert Pfund in Banknoten heraus. »Da iſt das Geld, und Sie können es hinnehmen, ſobald Sie mir die Verſchreibung geben.“ Der Alte zog ſie hervor, legte ſie auf den Tiſch, und nahm die Banknoten zu ſich. Ich warf einen Blick auf das Papier, riß es entzwei, Emanuel ſteckte die Banknoten mit einem ſchweren Seufzer ein, und ſchickte ſich zum Fortgehen an. „»Mr. Emannuel, ich will Ihnen zeigen, daß ich ein wenig mehr Ehre habe, als Sie glauben. Dies iſt al⸗ les Geld, was ich beſitze,« fuhr ich, aus meinem Schreibtiſche die noch übrigen tauſend Pfund heraus⸗ nehmend, fort; und ich gebe Ihnen die Hälfte davon, um Ihnen die ganze Summe zu bezahlen, die Sie mir geliehen. Hier ſind noch fünfhundert Pfund; und jetzt ſind wir mit einander wett.« Der Alte heftete erſtaunt ſeine Blicke erſt auf mich, und dann auf die Banknoten; er trauete ſo zu ſagen ſeinen eigenen Augen nicht. Endlich nahm er die Bank⸗ noten und ſteckte ſie mit zitternden Händen ein. „Sie ſind ein ſehr ſonderbarer Herr, Mr. Newland,« ſagte er, verſt werfen Sie mich die Treppe hinunter, und— doch das will nichts ſagen.« „Leben Sie wohl, Mr. Emanuel,“ ſagte ich,»und laſſen Sie mich zu meinem Mittagseſſen niederſetzen.“« Zweites Kapitel. Ich faſſe den Entſchluß, meine Laufbahn in der Welt wieder von vorn zu beginnen und mein Glück auf dem näch⸗ ſten Wege zu ſuchen.— Ich nehme Abſchied von allen . meinen Freunden. Der Jude ging, und ich begann mein Mahl, als die Thür langſam geöffnet wurde und Emannuel ſich mir kriechend näherte.. »Mr. Newland, ich bitte um Verſeihung, aber wollen Sie mir nicht beſahlen die Zinſen vom Ca⸗ pital?« Ich ſprang vom Stuhle auf, griff nach meinem Stocke und rief ergrimmt aus:»Packe Dich fort, Du alter Gauner!« Ich hatte dieſe Worte kaum geſpro⸗ chen, als Emanuel die Thür ſuchte, und ich habe ihn nie wieder geſehen. Ich war zufrieden mit mir, dieſe ehrliche Handlung gethan zu haben, und zum erſten Male ſeit langer Zeit ſchmeckte mir das Eſſen vor⸗ trefflich. Als ich abgeſpeiſt hatte, legte ich eine Banknote von zwanzig Pfund in meinen Schreibpult, und ſteckte was von den fünfhundert Pfund noch übrig war, in der Abſicht zu mir, mein Glück zum letzten Male zu verſuchen. In Zeit von einer Stunde verließ ich den Spieltiſch ohne einen Heller in der Taſche. Als ich wieder in das Haus trat, hatte ſich die ſchreckliche Auf⸗ regung, in der ich mich befunden, ein wenig gelegt; ich war gelaſſen und fühlte mich bis zu einem gewiſſen 15 Grade glücklich. Ich kannte mein Schickſal— alle Zweifel waren zerſtreut. Ich ſetzte mich nieder und überlegte, was zu thun ſei. Ich ſollte meine Laufbahn von Neuem beginnen— mit Einem Male in das Dun⸗ kel— in Dürftigkeit verſinken— und dennoch fühlte ich mich glücklich. Ich hatte mich gewaltſam aus mei⸗ ner frühern glänzenden Lage geriſſen— ich war wieder ein Bettler, aber auch unabhängig— und ich beſchloß es zu bleiben. Ich richtete freundliche Worte an Ti⸗ motheus, ging zu Bette, und verfiel, nachdem ich mein ferneres Verhalten überlegt hatte, in einen feſten Schlaf. Nie erwachte ich mehr erquickt, als am anderen Morgen; ich packte nur die unentbehrlichſten Gegen⸗ ſtände in meinen Mantelſack, und entſagte allem Toi⸗ letten⸗Luxus. Als Timothy zu mir kam, ſagte ich ihm, daß ich Lady de Clare beſuchen wollte, was auch wirk⸗ lich meine Abſicht war. Mein verändertes Weſen er⸗ füllte ihn mit Freude; er ahnete nicht, daß er auf dem Punkte ſtand, mich zu verlieren— denn ich hatte den Entſchluß gefaßt, allein mein Glück zu ſuchen; und war, ſo ſchmerzlich auch die Trennung von einem ſo hochgeſchätzten Freunde ſein mußte, feſt entſchloſſen, ſo⸗ wohl ſeiner Geſellſchaft als ſeinem Beiſtande zu entſa⸗ gen, entſchloſſen, alles Vergangene zu vergeſſen und meine Laufbahn von vorn zu beginnen. Ich ſetzte mich nieder, während Timothy nach der Poſt ging, um mich nach Richmond eintchöriben zu laſſen, und faßte folgen⸗ den Brief an ihn ab: „»Theurer Timothy, »Glaube nicht, daß ich Deine Freundſchaft gering⸗ ſchätze, oder Deine Anhänglichkeit an mich jemals ver⸗ 16 geſſen werde, wenn ich Dir ſage, daß wir uns aller Wahrſcheinlichkeit nach nie wieder ſehen werden. Sollte mich das Glück begünſtigen, ſo hoffe ich, daß es den⸗ noch der Fall ſein wird— doch es iſt wenig Ausſicht dazu vorhanden. Ich habe faſt Alles verloren: mein Geld iſt fort, mein Haus verkauft, und Alles iſt ver⸗ ſpielt. Ich verlaſſe Dich und nehme nur meine in mei⸗ nem Mantelſack enthaltenen Kleidungsſtücke und zwau⸗ zig Pfund mit. Für Dich bleiben die Mobilien, die Du, nebſt Allem, was ich znrücklaſſe, verkaufen mußt. Alles gehört Dir, und ich hoffe, Du wirſt Mittel fin⸗ den, Dir auf eine andere Weiſe fortzuhelfen. Gott ſegne Dich. Dein ſtets dankbarer Japhet Newland. 8 Dieſen Brief ſteckte ich in der Abſicht zu mir, ihn, wenn ich Richmond verließe, auf die Poſt zu geben. Ein zweiter, an Mr. Maſterton, lautete wie folgt: »Sir,— Ich habe Ihr Schreiben erhalten, und muß fürchten, daß Sie, ohne es zu ahnen, die Veran⸗ laſſung gegeben haben, daß ich in meine gegenwärtige Lage verſetzt worden bin. Mr. Harcourt wird Ihnen ſagen können, daß ich die Sprache, deren Sie ſich gegen mich bedient, nicht verdient habe. Zur Verzweiflung getrieben, habe ich mein Alles verloren, indem ich mich zu meinen anderen Thorheiten, dem Spiele ergeben. Ich bin jetzt im Begriff, mein Glück zu ſuchen und meine Nachforſchungen nach meinem Vater fortzuſetzen. Haben Sie daher die Güte, Lord Windermear meiner aufrichtigen Dankbarkeit für ſeine freundlichen Aner⸗ bietungen zu verſichern, und ihm zu ſagen, daß mein Herz ſtets die Gefühle der Dankbarkeit und Ehrfurcht 17 für ihn hegen wird. Nehmen Sie ſelbſt, Mylord, mei⸗ nen wärmſten Dank fuͤr die mir gütigſt ertheilten Rath⸗ ſchläge und für Ihre wohlwollende Theilnahme an mei⸗ nem Schickſale, und ſchenken Sie mir Glauben, wenn ich ſage, daß mein inbrünſtiges Gebet den Himmel um Ihr Wohl anflehen wird. Wenn es Ihnen auf ir⸗ gend eine Weiſe möglich iſt, meinem armen Freunde, Timothy, der Sie, ich zweifle nicht, in ſeiner Noth auf⸗ ſuchen wird, beiſtehen zu können, ſo werden Sie ſich 1 noch mehr verpflichten Ihrem ewig dankbaren 2 Japhet Newland.«⸗ Ich verſtegelte dieſen Brief, und ſagte Timotheus, als er zurückkam, es ſei mein Wunſch, daß er ihn nach 4 meiner Abreiſe zu Mr. Maſterton bringe und nicht auf Antwort warte. Da ich vor Abgang des Poſtwa⸗ gens noch eine Stunde zu meiner Verfügung hatte, ſo ließ ich mich mit Timotheus in ein Geſpräch ein, und machte ihn mit meiner traurigen Lage und mit meinem 4 Entſchluſſe, die Hauptſtadt zu verlaſſen, bekannt. Timotheus gab ſeine Zuſtimmung zu erkennen.»Ich 4 habe Dich in der letzten Zeit ſo bekümmert, ich kann ſagen, ſo unglücklich geſehen, daß ich vor Betrübniß weder eſſen noch ſchlafen mochte,« ſagte er.» Glaube mir, Japhet, ich habe im Bette gelegen und geweint, denn mein Glück hängt ganz von dem Deinigen ab. 9——— ——————— Geh', wohin Du immer willſt, ich bin bereit, Dir zu folgen und Dir zu dienen; wenn ich nur Dich zufrie⸗ den ſehe, drückt mich keine Sorge.« Timothy's Worte hätten meinen Entſchluß faſt zum Wanken gebracht, und ich ſtand auf dem Punkte, ihm Alles zu entdecken; allein ich beſann mich und un⸗ terließ es.»In dieſer Welt, mein lieber Timotheus,« Japhet III. 2„ 8 faſt eben ſo gerechte Anſprüche hatte, als ich ſelber. weil ich in dieſem Falle wichtiger und nützlicher ſein 18 erwiederte ich,»muß man ſich auf einen ſteten Wechſel gefaßt machen; zu Einer Zeit mögen wir lachen, abr zur andern müſſen wir weinen. Ich verdanke Dir mein 1 Leben, und ich werde Deiner, wohin mich mein Schick⸗ ſal auch führen mag, niemals vergeſſen.“ „Nein,“« ſagte Timothy,»Du wirſt ſchwerlich eines Freundes vergeſſen, der Dir ſeit ſo langer Zeit kaum eine Stunde aus den Augen gekommen iſt.⸗„ »Sehr wahr, Timotheus; allein es können Um⸗ ſtände eintreten, dieunſere Trennung herbeiführen.⸗ »Ich kann mir nicht vorſtellen, welche Umſtände das ſein ſollten, und glaube auch nicht, daß die Dinge, ſo ſchlimm ſie auch ſein mögen, jemals eine ſo üble Wendung nehmen werden. Du haſt Dein Geld und Dein Haus; wenn Du von London wegzieheſt, kannſt Du durch die Vermiethung des letzteren Deine Ein⸗ nahme erhöhen, und dann werden wir nie Mangel lei⸗ den, und könnten froh und glücklich die Welt durchſtrei⸗ 5 fen, und den Gegenſtand unſerer Wünſche ſuchen.⸗ Timotheus Worte ſielen mir ſchwer auf das Herz, denn ich erkannte, daß er, durch ſeine mir bewieſeen Anhänglichkeit und Treue, an Allem, was ich beſeſſen, In ſeiner untergeordneten Stellung hatte er zu unſerm gemeinſchaftlichen Beſten das Seinige beigetragen. „Allein die Zeit kann kommen, Timothy, in der wir uns von Gelde entblößt ſehen werden, wie damals, als wir unſere Laufbahn zuerſt antraten, und die ſieben Pence theilten, die wir für die an die alte Frau ver⸗ kaufte Einreibung erhalten hatten.⸗ „Nun, Japhet, laß dieſe Zeit kommen. Ich würde mehr Deinet⸗ als meinetwegen betrübt darüber ſein, 19 wuͤrde, denn als Kammerdiener, wobei man wenig oder nichts zu thun hat.⸗ „Ich bin doch ein großer Thor geweſen,« dachte ich;»allein der Würfel iſt geworfen. Ich will in Be⸗ trübniß ſäen, und werde vielleicht in Freude ernten. Ich empfinde die entzückende Ueberzeugung, daß wir uns wieder ſehen werden, und daß der Kummer des Scheidens künftig nur ein Gegenſtand ſüßer Erinnerung ſein wird. Ja, Tim,« ſagte ich laut,„es iſt Alles wie es ſein ſollte.⸗ »Alles wie es ſein ſollte, Japhet; und ich habe nie gedacht, daß irgend etwas fehlte, außer wenn Du Dich gekränkt fühlteſt, wenn Dir die Menſchen die Achtung nicht zollten, wie ſie zu thun pflegten, als ſie Dich für einen reichen Mann hielten.« »Sehr wahr; und höre, Tim; wenn Mr. Maſter⸗ ton meiner erwähnt, was er nach meiner Abreiſe nach Richmond thun könnte, ſo ſag' ihm, daß ich, noch ehe ich London verlaſſen, dem alten Schuft Emanuel die Summe, die er mir geliehen, bei Heller und Pfennig zurückgezahlt habe. Du weißt, und auch Mr. Maſter⸗ ton iſt es bekannt, unter welchen Bedingungen ſie ge⸗ borgt wurde.« 8— »Sehr wohl; wenn er mit mir ſpricht; aber er pflegt gegen mich ziemlich wortkarg zu ſein.« „Er könnte es indeß, Tim; und es wäre mir lieb, der erführe, daß ich meine ſaͤmmtlichen Schulden berich⸗ tigt habe.⸗ » Nach Deinen Reden zu urtheilen, ſollte man mei⸗ nen, Du hätteſt eine Reiſe nach Oſtindien, ſtatt nach Richmond, vor.⸗« „»Nein, Tim; man bot mir eine Stelle in Oſtindien an, und ich ſchlug ſie aus; aber in der letzten Zeit habe 2* 3 * - 20 ich mit Mr. Maſterton nicht auf ſo kreundſchaftlichem Fuße gelebt, wie fruͤher, und ich wünſche, ihn davon in Kenntniß zu ſetzen, daß ich ſchuldenfrei bin. Es iſt Dir bekannt, denn ich habe Dir Alles, was zwiſchen mir und Emanuel vorgefallen, erzählt, daß der Jude fünfhundert Pfund annahm, und daß ich ihm das ganze Tauſend bezahlte. Es liegt mir daran, daß Mr. Ma⸗ ſterton es ebenfalls erfahre, er wird dann mit mir zu⸗ friedener ſein.⸗ »Sei ohne Sorge,« erwiederte Tim;»ich werde die ganze Geſchichte ſchon zuzuſtutzen wiſſen.“ „Nein, Tim, ich will nichts als Wahrheit. Doch es iſt Zeit zu gehen. Leb' wohl, liebſter Freund. Gott ſegne und erhalte Dich.« Von meinen Gefühlen über⸗ wältigt, drückte ich mein Geſicht auf Timotheus Schul⸗ ter und weinte. „»Was fehlt Dir? Was ſoll das heißen, Japhet? Sag' mir, ich bitte Dich, was iſt Dir?⸗ » Es iſt nichts, Timothy,« erwiederte ich, mich er⸗ mannend;»ich bin nnpäßlich geweſen— Du weißt wohl, meine Nerven ſind angegriffen, und die Tren⸗ nung von meinem letzten und einzigen Freunde, wenn auch nur auf wenige Tage, verſtimmt mich gar ſehr.« ⸗ Ach, Japhet! verkaufe Deine Mobilien und laß uuns fortziehen.« „Das iſt auch meine Abſicht, Tim. Gott ſegne Dich; leb' wohl!« Ich ging die Treppe hinunter; der Miethswagen ſtand vor der Thür. Timotheus legte meinen Mantelſack hinein, und ſtieg auf den Bock. Ich weinte bittere Thränen. Meine Leſer werden mich vielleicht verachten; allein ſie ſollten es nicht; ſie mögen ſich in meine Lage hinein denken, und werden, wenn ſie das Gefühl kennen, einen einzigen aufrichtigen 1 3 21 Freund zu beſitzen, die Bitterkeit des Scheidens zu würdigen wiſſen. Noch ehe wir auf der Poſt ange⸗ kommen waren, gewann ich meine Faſſung wieder; ich drückte Timotheus die Hand, der Poſtwagen fuhr ab, und ich verlor meinen treuen Gefährten aus den Au⸗ gen: auf wie lange Zeit, wird der Leſer im Verlaufe meiner Abenteuer erfahren. Ich langte bei Lady de Clare an, und brauche kaum zu ſagen, daß ich gütig empfangen wurde. Die Lady und Fleta äußerten große Freude über meine ſchnelle Wiederkehr, und richteten hundert Fragen an mich. Allein ich war traurig geſtimmt,— nicht über meine Ausſichten, denn in meiner Verblendung frohlockte ich über die Dürftigkeit, in die ich zurückzuſinken im Be⸗ griff ſtand,— ich ſehnte mich aber danach, mich Fleta, denn ſo nenne ich ſie noch immer— mitzutheilen. Fleta war mit meiner Geſchichte bekannt; ſie war ge⸗ genwärtig geweſen, als ich dieſelbe ihrer Mutter, bis zur Zeit meiner Ankunft in London, erzählt hatte; viel mehr wußte ſie aber freilich nicht davon. Ich hatte beſchloſſen, daß ſie noch vor meiner Abreiſe mit Allem bekannt werden ſollte. Ich wagte es indeß nicht, ihr den letzten Abſchnitt mündlich vorzutragen, und nahm mir vor, ihr die Mittheilung ſchriftlich zu machen. Lady de Clare ließ mich ohne Bedenken mit Fleta al⸗ lein. Die letztere war jetzt ein reizendes Geſchöpf von funfzehn bis ſechszehn Jahren, und glich einer lieblich aufblühenden Roſenknospe; und ihr Verſtand war ih⸗ ren Jahren zuvorgeeilt. Ich blieb drei Tage, und hatte häufig Gelegenheit, mich mit ihr zu unterhalten. Ich ſagte ihr, ich wünſche ihr meine ganze Lebensge⸗ ſchichte mitzutheilen, befragte ſie über die ihr bekann⸗ ten Umſtände, und ergänzte die Lücken bis zu der Zeit, X 22 in welcher ich Fleta den Armen ihrer Mutter überge⸗ ben hatte. 4 „Es bleibt Dir noch mehr zu erfahren übrig, Fleta,⸗ fuhr ich fort;»doch das ſoll erſt nach meiner Abreiſe geſchehen. Ich habe allnächtlich mehrere Stunden ver⸗ wendet, es niederzuſchreiben, und, wie Du erſehen wirſt, meine Gefühle zergliedert, und Dich auf meine Fehler aufmerkſam gemacht. Es hat mir Unterhaltung gewährt, und könnte auch einem Frauenzimmer von Nutzen ſein.« Am dritten Tage empfahl ich mich Lady de Clare, nachdem ich ſie erſucht, mich nach— fahren zu laſſen, damit ich die erſte nach Weſten abgehende Poſtkutſche benutzen könne. Ich händigte Fleta das verſprochene, die Erzählung meiner ferneren Lebensumſtände enthal⸗ tende Packet ein, und ſagte ihr Lebewohl. „Mögen Sie glücklich ſein, Lady de Clare,« ſagte ich,»Fleta— Cecilie, ſollte ich ſagen, Gott ſegne und erhalte Dich; gedenke bisweilen Deines aufrichtigen Freundes Japhet.⸗ „ Man ſollte in der That faſt glauben, wir ſähen Sie zum letzten Male,« erwiederte Lady de Clare. „Hoffentlich wird das nicht der Fall ſein, Lady de Clare, denn ich kenne keine Frau, für die ich größere Ergebenheit hegte, als für Sie.“ „Nun, ſo vergeſſen Sie nicht, daß wir Sie ſehr bald wieder zu ſehen wünſchen.«⸗ Ich drückte ihre Hand an meine Lippen und ver⸗ ließ das Haus. So begann ich meine zweite Pilger⸗ fahrt. —— Drittes Kapitel. A Auf meiner neuen Laufbahn blüht mir anfangs kein Glück.— Ich werde beraubt, und des Raubes beſchuldigt.— Ich verbinde Wunden, und werde beſchuldigt, ſie beigebracht zu haben.— Ich gerathe in eine Pferdeſchwemme, und, wieder herausgekommen, in ein Gefängniß. Sobald ich Richmond eine halbe Meile hinter mir zurückgelaſſen hatte, befahl ich dem Kutſcher, einen Feldweg einzuſchlagen, um Brentford zu erreichen. Nach einer Fahrt von vier Meilen langten wir dort an, und ich ließ vor einem Wirthshauſe anhalten, indem ich ſagte, daß ich auf eine Poſtkutſche warten wollte. Ich ſchenkte dem Kutſcher eine halbe Krone, und befahl ihm, zurückzukehren, worauf ich in das Wirthshaus trat. Man wies mir ein Hinterſtübchen an, in welchem ich mich ungefähr eine halbe Stunde aufhielt, und über meine ferneren Maßregeln mit mir zu Rathe ging. Ich bezahlte das von mir beſtellte, aber nicht ange: rührte Bier, verließ das Wirthshaus mit meinem Man⸗ telſack auf der Schulter, und ging weiter, bis ich an den Laden eines Kleiderhändlers kam. Ich ſagte dem Juden, ich bedürfe einiger Kleidungsſtücke, und wünſche meinen Mantelſack und alle meine Habſeligkeiten zu verkaufen. Ich wurde bald gewahr, welch einen Schelm ich vor mir hatte. Nach vielem Feilſchen indeß, denn jetzt erkannte ich den Werth des Geldes, erhandelte ich zwei Paar mancheſterne Beinkleider, zwei Weſten, 24 vier Hemden von grober Leinwand, vier Paar Strümpfe, einen weißen Kittel, ein Paar Stiefel, und einen wohl⸗ feilen Hut. Für dieſe Gegenſtände gab ich meinen Mantelſack nebſt ſeinem ganzen Inhalt hin, mit Aus⸗ nahme von ſechs ſeidenen Schnupftüchern, und bekam noch funfzig Schillinge heraus, da ich wenigſtens zehn Pfund hätte erhalten müuͤſſen; allein ich konnte mir nicht helfen, und unterwarf mich daher der Erpreſſung. Ich legte meine beſcheidenere Kleidung ſogleich an, und ſteckte mein Geld, von dem Juden unbemerkt, in die Taſche meines Beinkleids, packte meine übrigen Klei⸗ dungsſtücke in ein Bündel zuſammen, und erhielt von dem Inden noch einen Stock, jedoch nicht, ohne drei Pence dafür zu bezahlen, indem der Inde bemerkte, daß der Stock in den Handel nicht mit einbedungen ſei. So ausgerüſtet, hatte ich das Anſehen eines ge⸗ deihlichen Landmannes, und ging die lange ſchmutzige Hauptſtraße von Brentford entlang, völlig gleichgültig in Betreff der einzuſchlagenden Richtung. Ich hatte ungefähr eine Meile zurückgelegt, als es mir einfiel, daß es beſſer ſei, ehe ich weiter ginge, irgend einen 3 entſchluß zu faſſen. Ich befand mich in der Naͤhe ei⸗ nes Wirthshauſes, vor welchem ich eine Bank erblickte, auf der ich mich niederließ. Ich ſchaute umher, und ſogleich erinnerte ich mich, daß ich auf eben der Bank ſaß, auf welcher Timothy und ich im Anfange unſerer Wanderung unſer Mahl gehalten hatten. Ja, es war die nämliche Bank! Hier hatte ich, da Timothy ge⸗ ſeſſen; zwei unbeſonnene Knaben, zwiſchen uns das Papier mit dem Fleiſche, ein Brot und eine Kanne Bier. Der arme Timotheus! Ich malte mir ſeinen Schmerz aus, wenn er mein Schreiben, in welchem ich 25 ihm unſere Trennung angekündigt hatte, erbrochen ha⸗ ben würde. Ich gedachte ſeiner Treue, ſeines Muthes, als er mir in Irland das Leben rettete, und eine Thräne ſtahl ſich über meine Wange. 1 Ich blieb eine Weile in Nachdenken verſunken ſitzen; die wechſelreichen Ereigniſſe und Abenteuer meines Le⸗ bens gingen ſchnell vor meinem Innern vorüber. Ich geſtand mir, daß ich zu meiner Entſchuldigung wenig anzuführen habe und Vieles verdammen müſſe— daß mein Leben ein Gewebe voll Trug und Liſt geweſen ſei. Doch konnte ich auch nicht vergeſſen, daß mich, als ich zur Redlichkeit zurückgekehrt war, die Welt von ſich geſtoßen hatte.»Und hier ſitze ich nun,⸗ dachte ich weiter,»um meine Laufbahn abermals zu beginnen; und es iſt gerecht, daß ich ſie von vorn an⸗ treten muß, denn ich ſchlug einen unrechten Weg ein. Jetzt kann ich wenigſtens mit Beruhigung behaupten, daß ich Niemand täuſche, und verdiene daher keine Geringſchätzung. Ich bin Japhet Newland, und zwar kein verkappter.« Bei dieſer Betrachtung fühlte ich mich glücklich, und faßte den Entſchluß, was auch mein künftiges Loos ſein möchte, wenigſtens von dem Pfade der Ehrlichkeit nicht abweichen zu wollen. Sodann zog ich in Erwägung, wohin ich meine Schritte richten ſollte, und welche Maßregeln ich in Betreff meines Unterhalts zu ergreifen habe. Dieſer Gegenſtand war aber leider mit nicht gerin⸗ gen Schwierigkeiten für mich verknüpft. Wer ein Ge⸗ werbe gelernt hat, wendet natürlich ſeine Blicke auf dieſes Gewerbe— aber zu welchem war ich erzogen worden? Freilich zu dem eines Apothekers; allein ich wußte, wie ſchwer es war, ohne Fürſprache in einem Fache dieſer Art Beſchäftigung zu finden; auch war 26 ich der damit verbundenen perſönlichen Beſchränkung ſehr abgeneigt. Ein Luftſpringer, Taſchenſpieler, ein Marktſchreier zu werden— mit Unwillen verwarf ich den Gedanken; ich hätte mich dem Truge wieder in die Arme werfen müſſen. Was ſollte ich aber begin⸗ nen? Graben konnte ich nicht, und ich ſchämte mich, zu betteln. Ich mußte auf den Zufall vertrauen, und dies Vertrauen war, in Betracht meiner hülfloſen Lage, nur einem Strohhalme zu vergleichen. Ich beſaß je⸗ doch jedenfalls eine hinreichende Geldſumme, über zwan⸗-⸗ zig Pfund, um mit Sparſamkeit während einiger Zeit leben zu können. Meine Betrachtungen wurden durch einen Ausruf unterbrochen:»He da, Freund! komm her und halte mir mein Pferd einen Augenblick.« Ich ſchaute auf, und erblickte einen zu Pferde ſitzenden Mann, der mich anſah.»Hörſt Du nicht, oder biſt Du ein Tölpel?⸗ rief er. Mein erſter Gedanke war, ihn für ſeine Un⸗* verſchämtheit zu züchtigen, aber mein Bündel erinnerte mich, als ich es auf die Bank legte, an mein Ausſehen und meine Lage; ich erhob mich daher und ging auf ihn zu. Der Gentleman, denn daß er ein ſolcher ſei, 1 verkündigte ſein Aeußeres, ſtieg ab, warf dem Pferde die Zügel über den Hals, und hieß mich, einen Augene: blick dabei ſtehen zu bleiben. Er ging in ein dem.. Wirthshauſe gegenüberſtehendes Haus, und blieb faſt eine halbe Stunde aus, während welcher ich meine Ungeduld kaum zügeln konnte; ich wendete kein Auge. von meinem auf der Bank liegenden Bündel. Endlich kam er wieder heraus, und ſah mich, als er ſein Pferd beſtieg, verwundert an.»Wer biſt Du denn?« fragte 1 er, indem er einen halben Schilling hervorholte und mir gab. 5 — 27 Ich war ſchon wieder im Begriff, mich zu vergeſ⸗ ſen, und mich über die Gabe gekränkt zu fühlen; ich beſann mich indeß und ſagte, das Geldſtück annehmend: „ein armer Tagelöhner, Sir.« „Wie, mit ſolchen Händen?« ſprach er, ſie betrach⸗ tend, als ich das Geld nahm. Dann ſah er mir in das Geſicht und fuhr fort:»Ich glaube, wir haben uns ſchon einmal geſehen, mein Freund— ich kann mich irren; Du mußt es am beſten wiſſen— ich bin ein Friedensrichter.« Sogleich entſaun ich mich, daß ich denſelben Frie⸗ densrichter vor mir ſah, vor welchem ich ſchon zwei Mal erſchienen war. All' mein Blut ſtieg mir in das Geſicht, und ich ſchwieg verlegen. »Nun, Freund, ich ſitze jetzt nicht zu Gericht, und Du haſt dieſen halben Schilling ehrlich verdient. Ich hoffe, daß Du von dem rechten Wege nicht abweichen wirſt. Sei vorſichtig— ich habe ſcharfe Augen.“ Mit dieſen Worten ritt er davon. 1 Nie fühlte ich mich ſo gedemüthigt. Er hatte mich offenbar für einen Verkleideten gehalten, der mit un⸗ würdigen Abſichten umginge: vielleicht für einen der vornehmeren Gauner, der es für zweckdienlich gehalten, ſich unkenutlich zu machen.»Ja, ja,“« dachte ich, et⸗ was Schmutz von der Straße aufnehmend, um meine weißen Hände damit zu reiben;»es iſt nun einmal mein Loos, Glauben zu finden, wenn ich täuſchen, und Mißtrauen zu erregen, wenn ich redlich handeln will. ⸗ Ich kehrte nach der Bank zurück, um mein Bündel aufzunehmen, welches— fort war. Erſtaunt ſtarrke ich nach der leeren Stelle hin.»Iſt es möglich?⸗ dachte ich.»Wie unredlich ſind doch die Menſchen! Nun, für das Erſte werde ich keines wieder tragen. 28 Sie haͤtten mir wenigſtens meinen Stock zuruͤcklaſſen können.« So denkend, und ohne mich durch den Ver⸗ luſt gar zu betrübt zu fühlen, wendete ich der Bank den Rücken, und ſetzte meine Wanderung fort, ich wußte nicht wohin. Die Nacht brach an, allein ich vergaß die Noth⸗ wendigkeit, mich nach einem Nachtquartier umzuſehen; die Aeußerungen des Friedensrichters und der an mir begangene Diebſtahl hatten mich aller Faſſung beraubt, und ich wanderte, in Gedanken vertieft, weiter, aus welchen ich nur dann und wann durch die Unebenheiten des Weges geweckt wurde. Eine Meile dieſſeits Houns⸗ low traf nahes Geſtöhn mein Ohr, und da ich wegen der Dunkelheit nichts erſpähen konnte, ſo ſuchte ich durch das Gehör die Richtung zu entdecken, um dem Leidenden meinen Beiſtand anzubieten. Das Stöhnen ſchallte von der andern Seite eines Zauns her; ich dräͤngte mich durch denſelben hindurch, und fand einen auf dem Boden liegenden Menſchen; er athmete ſchwer, und ſein Kopf war mit Blut bedeckt. Ich band ſein Halstuch los, und unterſuchte ſeine Verletzungen, ſo gut ich es vermochte. Ich wickelte ihm ſodann das Tuch um den Kopf, und da ich bemerkte, daß er in ei⸗ ner ſehr ungünſtigen Stellung, Kopf und Schultern niedriger als ſein Körper, lag, ſo bemühete ich mich, ihn in eine beſſere Lage zu bringen, als ich Fußtritte und Stimmen vernahm. Gleich darauf brachen vier Männer durch den Zaun und umringten mich. »Das iſt er, darauf will ich ſchwören,« rief ein großer, kräftiger Mann, mich anpackend,»dies iſt der andere Kerl, der mir zu Leibe ging und dann fortlief. Er iſt zurückgekommen, um ſeinen Kameraden fortzu⸗ ſchleppen, und jetzt haben wir ſie Beide erwiſcht.« — —— 29 „Ihr irrt Euch ſehr,« entgegnete ich;„und es iſt gar nicht nöthig, mich ſo mörderiſch zu packen. Ich hörte den Menſchen ſtöhnen, und wollte ihm beiſtehen.⸗ „Flauſen! damit kommſt Du nicht durch,« ſprach der Eine, der ein Häſcher war;»Du mußt mit uns gehen, und es würde nicht ſchaden, wenn wir Dir die Handſchellen anlegten.« Mit dieſen Worten holte er ein Paar Handfeſſeln hervor. Empört über dieſe Beleidigung, riß ich mich von dem mich haltenden Manne los, ſprang auf den Hä⸗ ſcher ein, ſchlug ihn mit Einem Fauſtſtoße zu Boden, und lief ſodann querfeldein. Alle Vier verfolgten mich, allein ich ließ ſie immer weiter hinter mir zuruͤck, und hoffte zu entkommen. Ich lief auf eine Lücke zu, die ich im Zaune bemerkte, und ſtürzte mich hindurch, ohne mich an das alte Sprüchwort:»Schau erſt zu, ehe Du ſpringſt,« zu kehren; denn auf der andern Seite ſtürzte ich in eine tiefe, mit ſchlammigem Waſſer angefüllte Grube. Ich verſank bis über den Kopf, und konnte mich nur mit großer Anſtrengung aus dem Schlamme herausarbeiten, und als ich wieder auf⸗ tauchte, waren mir die Waſſerpflanzen, in welchen ich mich verſtrickte, eben ſo beſchwerlich. Mittlerweile hatten meine Verfolger den Zaun er⸗ reicht; ſie waren durch das gewaltige Plätſchern ge⸗ warnt worden, und blieben, meine Lage gewahrend, am Rande der Grube ſtehen, um mich in Empfang zu neh⸗ men. Aller Widerſtand war nutzlos. Ich war vor Kälte faſt erſtarrt, und durch meine Auſtrengungen er⸗ mattet, und als ich mich herausgearbeitet hatte, ergab ich mich auf Gnade und Ungnade. Viertes Kapitel. Schlimmer und immer ſchlimmer.— Wenn ich aus dem Gefängniß komme, ſo geſchieht es nur, um aus der Welt zu gehen.— Ich bin entſchloſſen, mein Geheimniß mitzunehmen. Die Handſchellen wurden mir jetzt, ohne daß ich Widerſtand geleiſtet hätte, angelegt, und zwei Häſcher führten mich nach Hounslow ab, während die Anderen zurückkehrten, um den Verwundeten in Gewahrſam zu nehmen. Sobald wir anlangteu, wurde ich in das Ge⸗ fängniß gebracht, weil die Richter vor dem andern Mor⸗ gen ſich nicht verſammeln würden, und man überließ mich meinen Betrachtungen. Vorher jedoch wurden meine Taſchen von den Häſchern durchſucht, die mir meine ganze Baarſchaft und einen Brillantring abnah⸗ men, den ich nebſt meinen anderen Koſtbarkeiten für Ty⸗ motheus hatte zurücklaſſen wollen, aber in der Eile, mit der ich London verließ, auf meinem Finger hattẽ ſtecken laſſen. Mein Gefängniß war ein vierecktes Gebäude, von zwei, mit dicken eiſernen Stäben verwahrten Fenſtern ohne Glasſcheiben erhellt; und da der Regen hineinge⸗ drungen war, ſo glich es mehr einem Pfandſtalle für Vieh, als einem Gefängniſſe, denn es war nicht einmal gepflaſtert, und auf dem Boden ſtand der Schlamm drei bis vier Zoll hoch. Es befand ſich kein Sitz darin, und ich war genöthigt, die ganze Nacht in meinen durch⸗ näßten Kleidern, vor Kälte zitternd, und in einem See⸗ —— — ſo beſudelt. Ich hatte meinen Hut im 31 lenzuſtande, der an Wahnſinn grenzte, hin und her zu gehen. Es war mir nicht möglich, über das, was mir⸗ wahrſcheinlich bevorſtaud, nachzudenken. Nur die Ver⸗ gangenheit ging ſchnell an meinem Geiſte vorüber. Ich rief mir mein früheres Glück in das Gedächtniß zurück, und empfand um ſo lebhafter das Grauſende meiner Lage. Hatte ich ſie verdient? Ich glaubte nicht.»O, Vater!— mein Vater!“« dachte ich unter den bitter⸗ 88 ſten Gefuͤhlen,»ſieh, wozu Dein Sohn gebracht worden iſt— gefeſſelt, gleich einem Verbrecher! Gott, erbarme dich meines Verſtandes, denn ich fühle, daß er irre zu werden beginnt, Vater, Vater,— ach, ich habe keinen Vater!— Hätteſt du mich im Findelhauſe ohne die Hoffnung gelaſſen, daß ſich meine Angehörigen nach mir erkundigen würden, es wäre eine Wohlthat geweſen; dann würde ich in irgend einer verborgenen Lage glück: lich und zufrieden ſein; aber du haſt Hoffnungen in mir erweckt, nur, um ſie wieder zu vernichten— Einbildun⸗ gen, die mein Verderben herbeigeführt haben. Heilig ſind die Pflichten der Aeltern, und eine ſchwere Ver⸗ antwortlichkeit laden diejenigen auf ſich, die ihre Kin⸗ der verſtoßen, und dem Himmel über die ihnen Anver⸗ trauten Rechenſchaft ablegen müſſen. O, Vater! Könn⸗ teſt du jetzt deinen Sohn ſehen! Allmächtiger Gott! — Doch ich will dir nicht fluchen, Vater! nein, nein.⸗ — Ich lehnte mich an die feuchte Mauer des Gefäng⸗ niſſes und brach in Thränen aus. Endlich dämmerte der Morgen auf; die Sonne ſtieg am Himmel empor, und ergoß ihre Strahlen durch das vergitterte Fenſter. Ich betrachtete mich und war ent⸗ ſetzt über mein Ausſehen. Mein Kitte n zem Schlamme bedeckt, und meine übrig ren und mein Geſicht war mit einer Kruſte von ge⸗ trocknetem Schlamme bedeckt. Ich fuhr mit der Hand nach dem Kopfe und befreiete mein zuſammengeklebtes und verworrenes Haar von einer Menge von Waſſer⸗ linſen. Ich gedachte mit Mißmuth meiner Erſcheinung in dieſem Aufzuge vor den Richtern.„Allmächtiger Gott!« rief ich aus,»wer, von der ganzen faſhiona⸗ blen Welt— wer, von allen Denen, die ſich einſt ängſt⸗ lich um meine Begrüßung bewarben— wer, von allen jenen weltlich geſinnten Mädchen, die mir vor nur zwölf Monaten freundlich zulächelten, könnte ſich vor⸗ ſtellen oder glauben, daß Japhet Newland jemals ſo tief hätte ſinken können?— und wodurch iſt er geſun⸗ ken? Ach dadurch, daß er redlich ſein wollte, und ſitt⸗ liche Kraft genug beſaß, um ſeinem Entſchluſſe treu zu bleiben. Nun, nun, Gottes Wille geſchehe; das Leben iſt mir gleichgültig; aber ein ſchimpflicher Tod— die Welt wie ein verworfenes Weſen zu verlaſſen, und noch dazu, ohne zu wiſſen, wer mein Vater iſt!«— Ich hob meine gefeſſelten Hände empor, drückte ſie an meine brennende Stirn und verſank in ein dumpfes Hinbrü⸗ ten, bis ich durch das Oeffnen der Thür und das Er⸗ ſcheinen der Häſcher aufgeſchreckt wurde. Sie führten mich hinaus, wo wir in ein Menſchengedränge gerie⸗ then, durch welches ſie ſich mit Mühe Bahn machten. Der größeſte Theil der Einwohner von Hounslow folgte hinterdrein und machte ſeine Gloſſen über den Strauch⸗ dieb. Man führte mich in den Gerichtsſaal, in wel⸗ chem die Richter ſchon verſammelt waren. Der große, kräftige Mann abzulegen, und ſeine Ausſage lautete, wie folgt: »Auf dem Wege von Brentford nach Hounslow, wo er Kleidungsſtücke habe erſtehen wollen, ſei er von wurde zuerſt aufgefordert, ſein Zeugniß — 33 zwei mit Kitteln bekleideten Männern, von welchen ei⸗ ner ein Bündel bei ſich geführt habe, angeredet worden. Sie hätten ihn gefragt, wie viel Uhr es ſei; er habe ſeine Sackuhr herausgezogen, um es ihnen zu ſagen, als er von dem Manne mit dem Bündel(dieſem, Sir, ſagte er, auf mich weiſend) am Hinterkopfe einen Schlag erhalten; in demſelben Augenblicke habe der Andere (der Verwundete) nach der Uhr gegriffen;— daß er ferner, als er in Brentford die Kleidungsſtücke erſtan⸗ den, einen Beutel mit Schrot, vierzehn Pfund an Ge⸗ wicht, gekauft, den er, um ihn bequemer zu tragen, mit den Kleidungsſtücken in ein Bündel zuſammengeſchnürt, das er bei dem räuberiſchen Anfalle um ſeinen Kopf ge⸗ ſchwungen habe, wodurch der Menſch, der nach ſeiner Uhr gegriffen, zu Boden geſchlagen worden ſei. Sodann habe er ſich gegen den Andern(mich) gewendet, der ſich zurückgezogen, und mit ſeinem Stocke nach ihm geſchla⸗ gen hätte.(Hier wurde der Stock vorgezeigt, und als ich die Blicke darauf warf, erkannte ich mit Entſetzen denſelben Stock, den ich von dem Juden erhandelt hatte). Er ſei auf mich eingedrungen, und auf dem Punkte geweſen, mir den Stock zu entreißen, als ihn der Andere, der wieder auf die Füße gekommen, eben⸗ falls mit einem Stocke angegriffen habe. In dem Kam⸗ pfe habe er ſich meines Stockes bemächtigt, wogegen ich ihm das Bündel entriſſen, mit dem ich, ſobald er meinen Spießgeſellen zu Boden geſchlagen, davon gelau⸗ fen ſei;— daß er den letztern ſo lange geſchlagen, bis er die Beſinnung verloren, und ſodann habe er die Ent⸗ deckung gemacht, daß ich mein eigenes Bündel, welches ich im Strauße auf die Seite geworfen, zurückgelaſſen habe. Er ſei hierauf geradeswegs nach Hounslow gegangen, um Anzeige zu machen. Seine Rückkehr, und daß er Japhet⸗ III. 3 34 mich neben dem Verwundeten antraf, iſt dem Leſer ſchon wekaunt.. 3 Der zweite Zeuge, der aufgerufen wurde, war der Jude, von dem ich die Kleidungsſtücke gekauft hatte. Er erzählte Alles, was zwiſchen uns vorgefallen war, und erhärtete eidlich, daß er mir die in dem, von dem Straßenräuber zurückgelaſſenen Bündel befindlichen Klei⸗ dungsſtücke und den Stock verhandelt. Sodann zeigte der Häſcher das bei mir vorgefundene Geld und den Brillantring vor, und gab an, daß ich, als ich ergriffen worden, zu entkommen geſucht habe. Der Richter fragte mich hierauf, ob ich zum Beweis meiner Unſchuld et⸗ was vorzubringen habe. Ich erwiederte, daß ich unſchuldig ſei; ich hätte frei⸗ lich meine eigenen Kleider verkauft, und andere nebſt einem Stocke von dem Juden erſtanden;— als ich vor einem Wirthshauſe geſeſſen, ſei ich von einem Manne aufgefordert worden, ſein Pferd zu halten, und während ich dieſes gethan, habe mir Jemand mein Bündel und meinen Stock geſtohlen;— ich ſei nach Hounslow zu⸗ gegangen, und indem ich einem Mitmenſchen Beiſtand geleiſtet, der, wie ich allerdings glaubte, von Anderen mißhandelt worden wäre, nur den Gefühlen der gewöhn⸗ lichen Menſchenliebe gefolgt;— bei der Erfüllung die⸗ ſer Pflicht hätten mich die Häſcher ergriffen, und ich würde mich gern von ihnen vor den Richter haben füh⸗ ren laſſen, wenn ſie nicht den Verſuch gemacht, mir Handſchellen anzulegen, gegen welches Anſinnen ſich mein Stolz empört habe; ich hätte daher den Häſcher zu Boden geſchlagen und zu entkommen geſucht. »Eine ſehr ſcharffinnige Vertheidigung, das muß ich geſtehen,« bemerkte einer der Friedensrichter. Wo—« In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thuͤr und eben der Gentleman, dem ich das Pferd gehalten hatte, trat, herein.»Guten Morgen, Mr. Norman, Sie ſind gerade zur rechten Zeit gekommen, um uns Ihren Bei⸗ ſtand zu leiſten. Wir haben hier einen ſchlauen Gaſt oder einen tiefgekränkten Unſchuldigen vor uns; welches Pon beiden, kann ich nicht ſagen. Erweiſen Sie uns die Gefälligkeit, dieſe Zeugenausſagen und die Verthei⸗ digung des Angeklagten, bevor wir ihn weiter verhö⸗ ren, durchzuſehen.« Deer Herr erfüllte die Bitte des Friedensrichters, und warf ſodann ſeine Blicke auf mich; allein ich war durch den Schlamm ſo entſtellt, daß er mich nicht wie⸗ dererkannte. »Sie ſind der Gentleman, Sir, der mich anrief, um ſein Pferd zu halten,« nahm ich das Wort.»Ich for⸗ dere Sie auf, mir zu bezeugen, daß dieſer Theil meiner Ausſage der Wahrheit gemäß iſt.« »Ja, jetzt entſinne ich mich, daß Ihr es ſeid,« er⸗ wiederte er;»„und Ihr werdet Euch der Worte erin⸗ nern, die ich in Betreff Eurer Hände ſagte, als Ihr angabet, ein armer Tagelöhner zu ſein.« »Allerdings; vollkommen, Siv,« antwortete ich. »So werdet Ihr uns vielleicht wiſſen laſſen, durch welche Mittel ein Brillantring und eine Summe von zwanzig Pfund in Eure Hände gekommen ſind.« „Durch redliche Mittel, Sir,« ſagte ich. »Da Ihr ein Tagelöhner ſeid, ſo müßt Ihr doch aangeben können, bei wem Ihr zuletzt gearbeitet— zu welchem Kirchſpiel Ihr gehört— und wer Ench Zeug⸗ niſſe über Euer gutes Verhalten zu geben bereit ſein möchte.⸗ »Auf dieſe Frage werde ich auf keine Weiſe ant⸗ 3* — 36 worten,“« entgegnete ich; wollte ich es aber, ſo könnte 4 ich es auch, und zwar auf die befriedigendſte Weiſe.«. „»Wie iſt Euer Name?« »Auch dieſe Frage kann ich nicht beantworten, Silis erwiederte ich. „Schon geſtern ſagte ich Euch, daß wir uns fru⸗ her geſehen; war es nicht auf dem Polizeiamte in London?« 4 »Ich muß darüber erſtaunen, Sir, daß Sie von dem Richterſtuhle herab eine Frage an mich richten, deren Beantwortung üble Folgen für mich haben könnte. Ich befinde mich in einer verwickelten Lage, und weiß mir nicht zu rathen. Ich habe keine Freunde, auf die ich mich berufen möchte, denn ich müßte ſchaamroth werden, wenn ſie mich in einer ſolchen Lage, und einer ſo ſchimpflichen Anklage unterworfen, ſähen.“« 3 „Eure Angehörigen würden gewiß nicht zaudern, Euch beizuſtehen, junger Mann. Wer iſt Euer Vater?«.. „Mein Vater!“« rief ich, die Blicke und Hände em⸗ porhebend, aus.»Mein Vater! Barmherziger Gott! — wenn er mich nur hier ſehen könnte— ſehen, wozu er ſeinen unglücklichen Sohn gebracht hat.« Ich be⸗ deckte das Geſicht mit den Händen und kaauolzaſte Schluchzen erſtickte meine Stimme. * Fuͤnftes Kapitel. Ich gerathe durch richterliche Mißgriffe in Leibes⸗ und Lebens⸗ Gefahr— bereite mich dadurch auf meinen Proceß vor, daß ich den Schneider und Parfümeur zu meinem Bei⸗ ſtande rufe— und beſchließe als Gentleman zu ſterben. „Es iſt in der That Schade, ſehr Schade um ihn,« ſprach einer der Friedensrichter.»Ein ſo einnehmen⸗ der junger Mann, und, nach ſeinem Benehmen und ſeinen Reden zu urtheilen, offenbar gut erzogen. Aber es bleibt uns, glaube ich, nur Eins übrig,« fuhr er, ſich an ſeine Kollegen wendend, fort.»Was ſagen Sie dazu, Mr. Norman?« »Meine Meinung ſtimmt leider mit der Ihrigen überein; die große Jury wird, wie die Sache jetzt ſteht, ihr Schuldig gewiß ohne Bedenken ausſprechen. Legen wir indeß dem Zeugen Armſtrong noch eine Frage vor. Wollt Ihr eidlich erhärten, daß dieſer junge Mann einer von denen war, die Euch anfielen?« „Es war ſchon etwas dunkel geworden, Sir, und beide Männer hatten ſich das Geſicht geſchwärzt; er hatte aber genau ſeine Größe, und war, ſo viel ich mich erinnere, eben ſo gekleidet.« »Ihr könnt die Idendität der Perſon alſo nicht be⸗ ſchwören?« »Nein, Sir; aber nach meinem beſten Wiſſen war es dieſer Menſch.«⸗ »Man nehme dieſes Zeugniß, als ein wichtiges, zu Protokoll,« ſagte Mr. Norman;»es wird ihm bei dem Verhöre von Nutzen ſein.« * ESs geſchah, worauf ein Gerichtsbefehl ausgefertigt wurde, mich in das Gefängniß der Grafſchaft abzufüh⸗ ren. Ich mußte einen Wagen beſteigen; zwei Konſtabler nahmen mich zwiſchen ſich, und wir fuhren ab. Im Gefängniß angelangt, führte man mich in ein vergit⸗ tertes Gemach; ich erhielt mein Geld wieder, aber der Ring wurde zurückbehalten, damit ihn der rechtmäßige 4 Eigenthümer nach vorhergegangener Anzeige reklamiren könnte. Endlich wurde ich von den Handſchellen be⸗ freiet, und als ich mich entkleiden mußte, um den De⸗ linquenten⸗Anzug anzulegen, bat ich den Gefangenwärter um Erlaubniß, mich waſchen zu dürfen, was mir auch geſtattet wurde. Und ſonderbar, ſo ungewohnt war mir 4 der ſchmutzige Zuſtand, in dem ich mich befand, daß ich mich, als ich von dem auf dem Hofe des Gefängniſſes ſtehenden Brunnen zurückkehrte, einigermaßen glücklich fühlte, und mit Vergnügen den Gefangenen⸗Anzug anea legte, denn ſo ſchimpflich er auch ſein mochte, war er 4 doch neu und ſauber. Ich wurde in meinen Kerker zu⸗ rückgeführt und meinen Betrachtungen überlaſſen. Da ich mein vorläufiges Verhör überſtanden hatte, wurde ich viel ruhiger, und ſah mich im Stande, mit Gelaſſenheit zu überlegen. Ich erkannte das Gefähr⸗ liche meiner Lage, wie gewichtig die Ausſagen der Zeu⸗ gen waren, und wie wenig Hoffnung mir blieb, mit dem Leben davon zu kommen. Lord Windermear, Mr. Maſterton, oder diejenigen, mit welchen ich früher Um⸗ gang gehabt hatte, von meiner Lage in Kenntniß zu ſetzen, erlaubte mein Stolz nicht— ich würde lieber mein Leben auf dem Schaffott geendet haben. Ueber⸗ dies würde ihre Ausſage in Betreff meiner ehemaligen Lebensverhaltniſſe, wiewohl ſie hinſichtlich meines Gel⸗ des und Ringes, und der Veräußerung meines Man⸗ ———-: 9 telſacks genügende Aufklärung gewährt haben würde, doch die Zeugniſſe, die den Friedensrichtern ſo entſchei⸗ dend ſchienen, nicht entkräftet haben. Ich ſetzte meine einzige Hoffnung darin, daß der Strauchdieb bekennen würde, ich ſei kein Theilnehmer geweſen, und ich er⸗ kannte, wie wichtig ſeine Geneſung und Aufrichtigkeit 4 für mich war. Ich wußte, daß die Aſſiſen vor der Thur 2 waren, und harrte ungeduldig auf das Erſcheinen des Gefangenwärters, um Erkundigungen von ihm einzu⸗ ziehen.. Als es Nacht geworden war, ſchaute er durch eine, oben in der Thuͤr angebrachte kleine Oeffnung, denn es lag ihm ob, die Runde zu machen, um ſich zu über⸗ zeugen, daß Alles in Ordnung ſei. Ich fragte ihn, ob ich mir einige Gegenſtände, wie Federn, Dinte, Schreib⸗ papier u. ſ. w. kaufen dürfe. Da ich nicht als Sträf⸗ ling, ſondern nur als Verdächtiger eingeſperrt worden 4 war, wurde es mir geſtattet, wiewohl es den Verbre⸗ chern, die man zum Gefängniß und zu harter Arbeit verurtheilt, verweigert worden wäre. Der Gefangen⸗ wärter erbot ſich, am folgenden Morgen, was ich ge⸗ wünſcht, herbeizuſchaſſen. Ich ſagte ihm gute Nacht und warf mich auf mein Lager. Erſchöpft durch kör⸗ perliche Anſtrengung und geiſtige Leiden, ſchlief ich ohne zu träumen und ununterbrochen bis zum andern Morgen. Als ich erwachte, und meine Gedanken zu 53 ſammeln mich bemühete, hatte ich eine verworrene Vor⸗ 8 ſtellung, daß mein Gemüth durch etwas, das der Schlaf 4 nicht hatte vertreiben können, niedergedrückt werde. „Was iſt es?« dachte ich; und als ich die Augen auf⸗ ſchlug, entſann ich mich, daß ich, Japhet Newland, der erſt zwei Nächte vorher in dem Hauſe Lady de Clare's auf den ſchwellenden Dunen des vom Glücke Begünſtig⸗ - —:—ZOQO—— —xi ten geruhet, jetzt auf hartem Bette in einem Kerker lag, unter einer Anklage, die mir einen ſchimpflichen Tod verhieß. Ich richtete mich auf und blieb auf dem Lager ſitzen, denn ich hatte meine Kleider nicht abgelegt. Mein erſter Gedanke war Timotheus. Sollte ich an ihn ſchreiben? Nein, nein! weshalb ihn unglücklich machen? Wenn ich ſterben mußte, ſo ſollte es unter einem angenommenen Namen ſein. Doch unter welchem? Hier wurden meine Betrachtungen von dem Gefangen⸗ wärter unterbrochen, der hereintrat, und mir befahl, meine Matratze zuſammenzurollen, damit ſie, wie es gebräuchlich war, während des Tages aus dem Kerker geſchafft werden könne. Meine erſte Frage war, ob der Verwundete ſich im Gefängniß befände. „Du meinſt Deinen Kameraden,« erwiederte der Gefangenwärter.»Ja, er iſt hier, und hat ſeine Be⸗ ſinnung wieder. Der Doktor ſagt, daß es gut mit ihm ſteht.« 3 »Hat er etwas bekannt?« fragte ich. Der Gefangenwärter gab keine Antwort. „Ich frage deshalb,« fuhr ich fort;»weil ich, ſobald er ſeinen Mitſchuldigen angiebt, in Freiheit geſetzt werde.“ „Sehr wahrſcheinlich,« ſagte der Menſch höhniſch. „Das Wahre an der Sache iſt daß es Dir in dieſem Falle nichts helfen kann, Angeber zu werden, ſonſt könnteſt Du davonkommen, und deportirt werden; mußt Dich alſo auf Dein Glück verlaſſen. Die große Jury kommt heute zuſammen, und ich werde Dich wiſſen laſſen, ob Du in Anklageſtand verſetzt wirſt oder nicht.« „Wie heißt denn der Andere?« fragte ich. »Das muß ich ſagen, Du verſtehſt es, den Leuten Sand in die Augen zu ſtreuen. Sollteſt mich mit Dei⸗ ner unſchuldigen Miene wahrhaftig faſt glauben machen, daß Du von der ganzen Geſchichte nichts weißt.⸗ „»Dem iſt wirklich ſo,« entgegnete ich. „S wird ein Glück für Dich ſein, wenn Du es be⸗ weiſen kannſt, mehr ſage ich nicht.“« »Ihr habt mir auf meine Frage noch immer nicht geantwortet; wie iſt der Name des Anderen? „Gut denn,« erwiederte der Gefangenwärter;» da Du ihn durchaus wiſſen willſt, ſo will ich ihn Dir ſagen. Es wird Dir meiner Seel' was Neues ſein. Er heißt Bill⸗Ogle, oder wie ſie ihn auch nennen, Swamping⸗Bill. Haſt den Namen wohl noch nie ge⸗ hört?« »Nein,“« gab ich zur Antwort. „Kennſt wohl nicht einmal Deinen eigenen Namen? Ich aber kann ihn Dir ſagen; denn ſo weit hat Dich Bill⸗Ogle verrathen.« »Wirklich, und welchen Namen hat er mir gege⸗ ben?« »Ja, ſieh', das muß man ihm nachſagen, er hat ihn erſt dann angegeben, als er eine Abſchrift von den Zeugenausſagen zu Geſichte bekam, und gehört hatte, daß man Dich beim Schopfe gefaßt, als Du ihn fort⸗ ſchleppen wollteſt.»»Ja, ja,«« ſagte er;»» Phill Maddor war von jeher'ne treue Seele, und es geht mir recht nahe, daß er ſo angekommen iſt, als er für mich ſorgen wollte.«« Weißt Du jetzt Deinen eigenen Namen.“« „»Nein, in der That nicht,“« erwiederte ich. „Haſt Du niemals von einem Menſchen gehört, der den Namen Phill Maddor führte?« »Nein,“« antwortete ich;»und ich freue mich, daß Bill Ogle ſo viel geſtanden hat.“« » S iſt mir doch noch nie ein Menſch vorgekommen, der ſeinen eigenen Namen nicht wußte, oder ſo unver⸗ ſchämt war, es zu behaupten, und obendrein auf Glau⸗ ben zu pochen. Doch es macht nichts aus; Du haſt Recht, auf Deiner Hut zu ſein, da Dir doch der Strick ſchon ſo gut wie um den Hals liegt.« »O Gott! o Gott!« rief ich ſchaudernd aus, warf mich auf die Bettſtelle und bedeckte das Geſicht mit den& Händen;„»gieb mir Kraft auch das zu ertragen, wenn es denn ſein muß!« Der Gefangenwärter ſah mich eine Weile an, und ſagte darauf mit Kopfſchütteln:»Ich kann nicht klug aus ihm werden— er macht mir ganz wirr im Kopf. Und's iſt doch kein Mißverſtändniß.“ —»Doch, doch, es iſt ein Mißverſtändniß,“« ſagte ich⸗ mich aufrichtend;»ob aber das Mißverſtändniß vielleicht erſt dann aufgeklärt werden wird, wenn es zu ſpät iſt, das iſt eine andere Frage. Es macht indeß wenig aus.* Wozu ſoll ich leben,— es wäre denn, meinen Vater. ausfindig zu machen?« „Deinen Vater ausfindig zu machen! Was ſpukt Dir jetzt im Kopfe? Nu, wahrhaftig,'s geht über mei⸗ nen Verſtand ganz und gar. Doch haſt Du nicht ge⸗ ſagt, ich ſollte Dir was anſchaffen?« 3 „Ja,“« erwiederte ich, und gab ihm Geld, um mir 4 Schreibzeug, Siegellack, eine Zahnburſt und Zahnpulver, Eau de Cologne, Haarbürſten und Kamm, Raſirmeſſer, 4 und einen kleinen Spiegel nebſt anderen, zur Toilette gehörenden Gegenſtänden einzukaufen. „‧S iſt doch ne poſſirliche Welt,« ſagte der Gefan⸗ genwaͤrter, die Namen der angeführten Dinge nachſpre⸗ chend, als ich ihm die zwei Guineen in die Hand legte. Ich habe ſchon Manches für'nen Gefangenen einge⸗ kauft, aber noch nie von ſo ſchnackſchen Dingen gehört. Nu,'s iſt mir Alles gleich. Du ſollſt ſie haben, was aber Ho de Colonn iſt, weiß ich nicht, werd's auch wohl meiner Seel' vergeſſen—'s iſt doch kein Gift? denn das darf nicht ins Gefängniß paſſiren.“« „»Nein, nein,« ſagte ich, über den Gedanken einen Augenblick lächeind;»Ihr könnt Euch erkundigen, und werdet finden, daß es nur von Damen gebraucht wird, die an Vapeurs leiden.« »Ich hätte gegläubt, Du würdeſt Dein Geld nach der Garküche geſchickt haben;'s wäre viel natürlicher. Doch ein Jeder weiß am Beſten, was ihm dient.“ Mit dieſen Worten verließ er das Gemach, und ſchloß die Thür hinter ſich zu. Sechstes Kapitel. Ich werde verurtheilt, aufgehenkt zu werden, und aus der Welt zu gehen, ohne zu entdecken, wer mein Vater iſt.— Meine Unſchuld wird darauf offenbart, und man giebt mir als einem Wahnſinnigen die Freiheit. Es wird vielleicht dem Leſer ſeltſam erſcheinen, daß ich mir die oben erwähnten Gegenſtände kommen ließ, allein die Gewohnheit iſt eine zweite Nakur, und wie⸗ wohl ich erſt zwei Tage vor dem Beginn meiner Wan⸗ derung beſchloſſen hatte, mich von ſo entbehrlichen Ge⸗ nüſſen loszuſagen, war es mir doch in meiner Noth, als ob ſie mir Troſt gewähren würden. Noch an dem⸗ ſelben Abend erhielt ich Alles, was ich verlangt hatte, 44 nachdem ich einige durch den gutmüthigen Gefangen⸗ wärter verſchuldete Mißverſtändniſſe, durch Niederſchrei⸗ ben meiner Bedürfniſſe, beſeitigt hatte. Am andern Morgen benachrichtigte er mich, daß die große Jury mich in Anklageſtand verſetzt habe, und daß die Aſſiſen am folgenden Sonnabend ſtattfinden würden. Er brachte mir auch ein Verzeichniß der zu haltenden Verhöre, aus welchem ich erſah, daß das meinige erſt am Montage oder Dienstage vor ſich ge⸗ hen würde. Ich bat ihn hierauf, einen geſchickten Schnei⸗ der kommen zu laſſen, damit ich mich in den Stand ſe⸗ ten könnte, in ſchicklicher Kleidung vor Gericht zu er⸗ ſcheinen. Da es dem Angeklagten bei dieſer Gelegen⸗ heit geſtattet wird, ſich nach Belieben zu kleiden, machte man keine Schwierigkeiten, und als der Schneider er⸗ ſchien, gab ich ihm die genaueſten Vorſchriften, ſo daß er ſeine Verwunderung nicht unterdrücken konnte. Er verſchaffte mir auch die anderen Gegenſtände, deren ich bedurfte, um meinen Anzug vollſtändig zu machen, und am Sonnabend Abend hatte ich Alles in Bereitſchaft, denn ich war entſchloſſen, als Gentleman zu ſterben. Der Sonntag verging; ich verlebte ihn zwar nicht, wie ich hätte ſollen. Ich wohnte dem Gottesdienſte bei, allein meine Gedanken waren mit anderen Dingen beſchäftigt. Und wie konnte es anders ſein? Wer ver⸗ mag ſeine Gedanken zu beherrſchen? Man kann den Verſuch machen, allein bei dem Verſuche bleibt es auch. Ich hörte nichts von dem, was vorging; mein Geiſt war wie in einem Strudel, und drehte ſich im Kreiſe von einem Gegenſtande zum andern, bis mir von der überwältigenden Heftigkeit meiner Gefühle ſchwindelte. Am Montag Morgen trat der Gefangenwärter zu mir in den Kerker, und fragte mich, ob ich einen An⸗ 3 45 wald zu haben beabſichtigte. Ich verneinte.»Du wirſt. um zwölf Uhr vorgefordert werden, wie ich höre,« fuhr er fort.»Es iſt jetzt zehn Uhr, und die Richter haben nur noch eine Sache abzumachen, den Diebſtahl von vier Gänſen und einem halben Dutzend Hühnern.“ „Gütiger Himmel!« dachte ich;»ſoll ich denn mit elenden Verbrechern, wie Gänſedieben, in eine Klaſſe geworfen werden!« Ich kleidete mich mit der äußerſten Sorgfalt an, und nie nahm ich mich vortheil⸗ hafter aus. Mein Anzug war ſchwarz und ſaß mir vortrefflich. Um etwa Ein Uhr holten mich der Gefan⸗ genwärter und ein Gehulfe ab; ſie führten mich auf den für die Angeklagten beſtimmten Platz. Anfangs wir⸗ belte mir Alles vor den Augen, und ich konnte nichts unterſcheiden; ich faßte mich aber allmälig. Ich blickte umher, und nahm allen meinen Muth zuſammen. Meine Blicke ſchweiften von dem Richter zu der Reihe von Rechtsanwälden, die vor ihnen ſaßen, und von dieſen wieder zu den auf der Tribüne ſitzenden, geputzten Da⸗ men; ich wagte es aber nicht, hinter mich zu ſchauen. Ich hatte genug geſehen, und Schaamröthe bedeckte mein Geſicht. Endlich warf ich einen Blick auf meinen Mit⸗ angeklagten, der neben mir ſtand; unſere Blicke begeg⸗ neten ſich. Er war in die Gefangenentracht von gro⸗ bem, grauem Zeuge gekleidet, und hatte ein gemeines und rohes Ausſehen, ein feuriges Auge, eine dunkele Geſichtsfarbe und einen ſtarken Backenbart.»Großer Gott!« dachte ich,»wer hätte ſich jemals einbilden ſollen, daß wir Spießgeſellen geweſen wären.« Der Menſch ſtierte mich an, biß ſich in die Lippen und lächelte verächtlich; machte aber weiter keine Be⸗ merkung. Nachdem die Klage laut vorgeleſen war, rief der Protokollführer aus:»Benjamin Ogle, da Ihr die 46 Auklage vernommen, ſo ſagt, ſeid Ihr ſchuldig oder nicht ſchuldig?« „»Nicht ſchuldig,« antwortete der Menſch zu meinem Erſtaunen. 3 »Ihr, Philipp Maddor, ſchuldig oder nicht ſchul⸗ dig?« Ich gab keine Antwort. »Gefangener,« ſprach der Richter in mildem Tone, »Ihr müßt antworten, ſchuldig oder nicht ſchuldig, es iſt eine bloße Form.« »Mein Name iſt nicht Philipp Maddox, Mylord,« entgegnete ich. »Er iſt aber der Name, der laut der Anklage von Eurem Mitangeklagten angegeben worden iſt,« bemerkte der Richter;»Euren wahren Namen können wir nicht wiſſen. Es wird genügend ſein, Angeklagter, wenn Ihr auf die Frage, ob Ihr ſchuldig oder nicht ſchuldig ſeid, Antwort gebt.“«— »Nicht ſchuldig, Mylord, auf das Beſtimmteſte ver⸗ ſichere ich es,« erwiederte ich, die Hand auf das Herz legend, und mich gegen ihn verneigend. Das Verhör begann; Armſtrong war der Haupt, zeuge; aber er konnte die Jentität meiner Perſon nicht beſchwören. Der Jude bewies, daß ich ihm meine Klei⸗ der verkauft, und die in dem Bündel vorgefundenen, nebſt dem Stocke, deren ſich Armſtrong bemächtigt hatte, eingehandelt. Die Kleidungsſtücke, die ich getragen, als man mich ergriffen hatte, wurden vorgezeigt. Die Schuld Ogle's war erwieſen. Wir wurden hierauf aufgefordert, unſere Verthei⸗ digung vorzubringen. Ogle ſagte nur wenig.»Er ſei ſeit ſeiner Geburt epileptiſchen Zufällen unterworfen geweſen; und auf dem Wege nach Hounslow habe er einen Zufall dieſer Art bekommen. Eine andere Per⸗ —— — 47 ſon müſſe den Ranb begangen und ſich aus dem Staube gemacht haben, und man habe ſich irrigerweiſe ſeiner bemächtigt.« Dieſe Vertheidigung ſchien keinen andern Eindruck, als Unwillen über die ſchamloſe, lächerlich er⸗ ſcheinende Behauptung bei den Richtern hervorzubrin⸗ gen. Sodann wurde ich aufgerufen, mich zu verthei⸗ digen.»Mylord,“ begann ich;»ich habe nichts wei⸗ ter zu meiner Vertheidigung anzuführen, als das, was ich dem Friedensrichter ſagte, vor welchen ich geführt wurde, dieſes nämlich, daß ich bei einer, einem Mit⸗ menſchen erwieſenen Handlung der Menſchenliebe er⸗ griffen, und ſo als ein Mitſchuldiger angeſehen wurde⸗ Vor einer ſo zahlreichen Verſammlung eines Verbre⸗ chens beſchuldigt, deſſen bloßer Verdacht ſchon mein ganzes Weſen empört, kann ich und will ich nicht zu⸗ geben, daß Diejenigen, die über meine früheren Lebens⸗ verhältniſſe, und über die Umſtände, die mich bewogen haben, die Verkleidung, in welcher ich ergriffen wurde, anzulegen, genügende Aufklärung zu geben im Stande ſind, zu meinen Gunſten auftreten. Ich bin unglücklich, aber ſchuldlos. Nur Eine Hoffnung bleibt mir noch; ſie ſtützt ſich auf die Aufrichtigkeit des Mannes, der an meiner Seite ſteht. Wenn er erklärt, daß er mich je zuvor geſehen, dann bin ich bereit, mich ohne Klage dem Todesurtheile zu unterwerfen.« »Es khut mir leid, daß Du dieſe Frage an mich gethan haſt, mein Burſch,« erwiederte der Mann, »denn ich habe Dich früher ſchon einmal geſehen.« Bei dieſen Worten ſuchte der Elende ein boshaftes Lachen zu unterdrücken. Ich war über dieſe Behauptung ſo erſtaunt, ſo wie vom Donner gerührt, daß ich den Kopf auf die Bruſt linken ließ, und nicht zu antworten vermochte. Der 48 Richter wiederholte darauf die Ausſagen der Zeugen, und machte die Geſchworenen auf die unzweifelhafte Schuld Ogle's aufmerkſam, in Betreff der meinigen könne er leider nur wenig ſagen. Sie möchten jedoch den Umſtand, daß der Zeuge, Armſtrong, auf meine Perſon nicht ſchwören könne, nicht außer Acht laſſen. Die Geſchworenen beriethen ſich eine kurze Weile, ohne den Gerichtsſaal zu verlaſſen, und ſprachen dann ihr Schuldig über Benjamin Ogle und Philipp Maddor aus. Ich hörte nichts mehr— der Richter verurtheilte uns Beide zum Tode. Er drückte ſein Bedauern aus, daß ein ſo jugendlicher und einnehmender Menſch, als ich ſei, eines ſolchen Verbrechens wegen, den Tod lei⸗ den müſſe; er machte uns aufmerkſam darauf, wie noth⸗ wendig es ſei, daß wir die verdiente Strafe erlitten, und ſprach uns alle Hoffnung der Begnadigung und Strafmilderung ab. Allein ich hörte ihn nicht— ich ſtürzte nicht zu Boden, ich war in einem Zuſtande dumpfer Betäubung. Er ſchloß ſeine Rede mit der Bitte, wir möchten uns auf den furchtbaren Wechſel durch ruhiges Gebet zu dem himmliſchen Vater vorbe⸗ reiten.—»Vater!« rief ich mit einem Tone aus, der alle Auweſenden mit Entſetzen durchſchauerte,»ſagten Sie, mein Vater? O Gott! wo iſt er?« und mit die ſen Worten ſtürzte ich beſinnungslos zu Boden. Die Damen bedeckten ſich das Geſicht mit ihren Taſchentü⸗ chern; tiefe Rührung bemächtigte ſich Aller, denn ich hatte durch mein Aeußeres bedeutende Theilnahme er⸗ regt, und der Richter befahl mit bewegter, unſicherer Stimme, die Verurtheilten abzuführen. „»Halt einen Augenblick, lieber Mann,« ſprach Ogle zu dem Gefangenwärter, während mich Andere aus dem Gerichtsſaal brachten.»Mylord, ich habe etwas ziem⸗ 49 lich Wichtiges zu ſagen. Weshalb ich es nicht früher ſagte, ſollen Sie jetzt erfahren. Sie ſitzen hier als Richter, um die Schuldigen zu verdammen, und die Schuldloſen freizuſprechen. Man ſagt uns, daß kein Gericht einem engliſchen Geſchworenengerichte an die Seite geſetzt werden darf; dieſes aber kann ich ſagen, daß ſchon Mancher wegen Verbrechen, die er nie be⸗ gangen hat, gehenkt worden iſt. Sie haben jenen un⸗ glücklichen jungen Mann zum Tode verurtheilt. Ich hätte es verhindern können, wenn ich vorhin hätte mit der Sprache herauswollen; ich wollte es aber nicht, damit ich beweiſen könnte, wie wenig Gerechtigkeit man von Ihnen zu erwarten hat. Er hatte mit dem Raube nichts zu ſchaffen— Phill Maddor war der Mann, und er iſt nicht Phill Maddox. Er ſagte, er hätte mich nie zuvor geſehen, und ich glaube es auch. Er iſt unſchuldig, ſo wahr ich werde hängen müſſen.« „»Erſt vor wenigen Augenblicken ſagteſt Du, als er ſich auf Dich berief, daß Du ihn ſchon früher geſehen.⸗ »Das ſagte ich auch, und ich ſagte die Wahrheit— ich hatte ihn ſchon einmal geſehen. Ich ſah, wie er hinging, um dem Herrn das Pferd zu halten, aber mich ſah er nicht. Ich ſtahl ſein Bündel und ſeinen Stock, die er auf der Bank hatte liegen laſſen, und daraus erklärt ſich, wie ſie bei mir gefunden wurden. Da haben Sie die Wahrheit, und es ſteht Ihnen jetzt frei, entweder zu bekennen, daß es wenig Gerechtigkeit giebt, dadurch, daß Sie Ihre eigenen Worte wieder zurücknehmen, und ihn in Freiheit ſetzen, oder Sie mögen es vorziehen, ihn lieber aufhängen zu laſſen, als zu geſtehen, daß Sie Unrecht haben. Jedenfalls wird ſein Blut an Ihren Händen kleben, nicht an den meini⸗ gen. Waͤre Phill Maddox nicht wie ein Haſeufuß Japhet. III. 4 davongelaufen, ſo würde ich jetzt nicht hier ſein; daher ſage ich die Wahrheit, um Den zu retten, der mir Gutes thun wollte, und um Den an den Galgen zu bringen, der mich in der Noth im Stich ließ.⸗ Der Richter befahl, dieſe Ausſage zu Protokoll zu nehmen, damit weitere Nachforſchungen angeſtellt wer⸗ den könnten, und deutete den Geſchwornen an, daß die Vollziehung meiner Verurtheilung verſchoben werden müſſe. Von dieſem Allen wußte ich aber nichts. Da die Ausſagen eines Menſchen, wie Ogle, kein Ver⸗ trauen verdienten, ſo hielt man es für nothwendig, daß er ſie noch in ſeiner letzten Stunde wiederholen müſſe, und der Gefangenwärter wurde angewieſen, von dem, was vorgefallen war, nichts gegen mich laut werden zu laſſen, da es vergebliche Hoffnungen in mir erwecken könnte.— Als ich wieder zum Bewußtſein zurückgekehrt war, ſah ich mich in dem Wohnzimmer des Gefangenwärters, und ſobald ich zu gehen vermochte, führte man mich in einen für Verurtheilte beſtimmten Kerker. Die Hin⸗ richtung ſollte am Donnerſtag vor ſich gehen, es blieben mir daher zwei Tage, um mich darauf vorzubereiten. Allgemeine Theilnahme hatte ſich für mich gezeigt; mein Aeußeres und mein ganzes Benehmen ſtrafte die gegen mich vorgebrachte Anklage ſo offenbar Lügen, daß ich die Herzen Aller gewann. Ogle wurde nochmals verhört, und verrieth ſogleich den Verſteck ſeines Spießgeſellen Maddor, der, wie er hoffe, an ſeiner Seite baumeln ſollte. Am folgenden Tage trat der Gefangenwärter in meinen Kerker, und benachrichtigte mich, daß mich ein Friedensrichter zu ſprechen wünſche; da ich jedoch den Beſchluß gefaßt hatte, von meinen früͤheren Lebensver⸗ 4 51 haͤltniſſen nichts zu enthüllen, ſo gab ich nur zur Ant⸗ wort:»Ich wünſche nicht in meinen letzten Lebensſtun⸗ den geſtört zu werden.- Melchiors Vorſtellung von der Vorherbeſtimmung kam mir in den Sinn, und ich bildete mir ein, daß er Recht habe.»Es iſt mein Schickſal,« dachte ich, und blieb in einem Zuſtande ſtumpfſinniger Betäubung. Ich war wirklich ſehr krank; mein Kopf war ſchwer, mein Gehirn brannte, und man hätte das ungeſtüme Klopfen meines Herzens ſehen können. Ich blieb den ganzen Tag und die ganze folgende Nacht auf meinem Lager ausgeſtreckt liegen und begrub mein Geſicht in die Kiſſen; ich war zu krank, um den Kopf aufrichten zu können. Am Mittwoch Morgen fühlte ich, daß Jemand meine Schulter leiſe berührte; ich öffnete die Augen; es war ein Geiſtlicher. Ich wendete den Kopf weg, und beharrte in meinem vorigen Schweigen. Ein heftiges Fieber hatte mich ergriffen. Der Geiſtliche ſprach eine Weile; dann und wann hörte ich ein Wort von dem, was er ſagte, und verfiel von Neuem in meine geiſtige Ohnmacht. Der Geiſtliche ſeufzte und entfernte ſich. Donnerſtag und die Todesſtunde kamen heran, allein ich blieb gleichgültig gegen Zeit und Ewigkeit. Mittler⸗ weile war Maddor eingezogen, und der Inhalt von Armſtrongs Bündel bei ihm gefunden worden; und als er erfuhr, daß Ogle gegen ihn ausgeſagt, bekannte er ſeine Theilnahme an dem räͤuberiſchen Anfall. Ob es am Donnerſtag oder am Freitag war, wußte ich damals nicht, aber man hob mich von meinem Lager auf, und führte mich vor Jemand— es ging Etwas vor, allein das Fieber hatte meinen Kopf ergriffen, und ich war in einem Zuſtande dumpfen Wahnſinns. * Seltſamerweiſe wurde Niemand meines Zuſtandes ge⸗ wahr, und ſchrieb ihn allein der Todesfurcht zu. Man führte mich hinweg— ich hatte nichts geantwortet— allein ich war frei. Siebentes Kapitel. . Wenn man ſich auf der niedrigſten Speiche des Glücksrades befindet, ſteigt man gewiß, ſobald es ſich dreht.— SIch erlange mein Bewußtſein wieder, und ſehe mich unter Freunden, Ich habe eine dunkle Erinnerung, daß mir einige Menſchen die Hand ſchuͤttelten, und andere mich, als ſich ins Freie trat, mit frohem Ausrufe begrüßten; doch ich weiß nichts Deutliches mehr davon. Man erzählte mir in der Folge, daß ich begnadigt worden ſei, man habe mich kommen laſſen, und mir eine lange Ermah⸗ nung gehalten, indem man vorausgeſetzt, daß mein Lebenswandel laſterhaft geweſen ſein müſſe, da ich mich ſonſt an meine Angehörigen gewendet und meinen Namen angegeben haben würde. Daß ich im Schweigen be⸗ harrte, ſchrieb man der Schaam und Verwirrung zu; meinen matten, todten Blick hatte man nicht beachtet, meinen wankenden Gang, als ich von den Gefangen⸗ wärtern hereingeführt wurde, anderen Urſachen zuge⸗ ſchrieben; und die Richter hatten mich kopfſchüttelnd betrachtet, als ich hinweggehracht wurde. Der Gefangenwärter fragte mich verſchiedene Male, wohin ich zu gehen beabſichtige. Endlich ant wortete — 53 ich ihm: meinen Vater zu ſuchen, ſtürzte von ihm fort, und lief, wie ein Raſender, die Straße hin⸗ unter. Er hatte natürlich keine Gewalt mehr über mich; aber als ich von ihm floh, murmelte er:»Der arme Schelm wird bald wieder eingeſperrt werden, glaub' ich. Er hat gewiß den Verſtand verloren.⸗ Als ich weiter wankte, zog mein unſicherer Gang die Aufmerkſamkeit der Vorübergehenden auf mich; ſie ſchrieben ihn der Betrunkenheit zu. So wanderte ich in einem Zuſtande des Wahnſinns fort, und noch vor Dunkelwerden hatte ich die Stadt weit hinter mir ge⸗ laſſen. Was mit mir weiter vorging, und wohin mich meine Schritte führten, weiß ich nicht anzugeben. Nur ſo viel kann ich ſagen, daß ich, gleich einem Toll⸗ häusler, Jeden, dem ich begegnete, am Arm faßte, und ihn mit wilden, funkelnden Blicken anſtierend, bald mit feierlicher Stimme, bald mit drohendem, anfahren⸗ dem Tone fragte:»Seid Ihr mein Vater?« und dann in wildem Laufe davoneilte, oder wie ein Kind weinte, und querfeldein lief. Drei Tage darauf wurde ich vor der Thür eines Hauſes in der Stadt Reading, von Anſtrengung und Ungemach gänzlich erſchöpft und halb todt, gefunden. Zum Bewußtſein wieder zurückgekehrt, ſah ich mich in einem Bette, mein Kopf war geſchoren, mein Arm verbunden, und eine weibliche Geſtalt ſaß an meinem Lager. »Gott im Himmel! wo bin ich!« rief ich mit ſchwacher Stimme. »Du haſt während Deiner Krankheit Deinen irdi⸗ ſchen Vater oft gerufen, Freund,« ſprach eine ſanfte Stimme.»Es freuet mich ſehr, Dich Deinen Vater, der im Himmel iſt, anrufen zu hören. Sei gutes Muths, denn Du beſindeſt Dich in den Händen von 54 Freunden, die Dich nicht verlaſſen werden. Drücke Deinen Dank für Deine Rückkehr zum Bewußtſein in einem kurzen Gebete aus, und pflege dann der Ruhe wieder, denn Du bedarfſt ihrer ſehr.⸗ Ich riß die Augen auf, und wurde gewahr, daß eine junge Perſon in Quäker⸗Tracht, mit weiblicher Arbeit beſchäftigt, an meinem Bette ſaß; auf einem vor ihr ſtehenden Tiſchchen lag eine aufgeſchlagene Bibel. Ich erblickte auch eine Schale, und da mich ein brennen⸗ der Durſt quälte, ſo ſagte ich:»Gebt mir zu trinken.⸗ Meine jugendliche Wärterin ſtand auf, und führte einen Theelöffel an meinen Mund; aber ich nahm ihr die Schale aus der Hand und leerte ſie auf Einen Zug. O wie köſtlich war der Trank! Ich ſank auf das Kiſſen zurück, denn ſelbſt dieſe geringe Anſtrengung hatte meine Kräfte erſchöpft, und ich murmelte ſchwach:»Gott, ich danke Dir!« Ich verſiel ſogleich in einen geſunden Schlaf, aus dem ich erſt nach vielen Stunden wieder aufwachte. Der Tag war noch nicht angebrochen. Auf dem Tiſche brannte eine Nachtlampe, und ein, wie ein Quäker gekleideter, alter Mann ſchnarchte behaglich in einem Seſſel. Ich fühlte mich nach dem langen Schlum⸗ mer ſehr erquickt, und ſah mich jetzt im Stande, mir das Vorgefallene zum Theil in das Gedächtniß zurückzurufen. Das Bild meines Kerkers und des Lagers, auf dem ich geruht hatte, trat mir wieder vor die Seele, allein alles Andere blieb ein verworrenes Chaos; nur einige einzelne Vorfälle oder Vorſtellungen hatten ſich meinem Gedächtniſſe ſtark eingeprägt. Ich war jedoch wenig⸗ ſtens frei, deſſen war ich gewiß, und daß ich mich in den Händen von Menſchen befände, die ſich Quäker nennen. Doch wo war ich? und wie war ich hierher — — 55 gekommen? Ich blieb ruhig liegen, und dachte mit Verwunderung über mein Schickſal nach, bis der Tag dämmerte, und mit dem Anbruch des Tages ſchüttelte mein Krankenwärter den Schlaf ab. Er gähnte, dehnte die Glieder, erhob ſich von ſeinem Seſſel und näherte ſich meinem Bette. Ich ſchaute ihm in die Augen. »Haſt Du gut geſchlafen, Freund?“« fragte er. »Ich habe ſo lange geſchlafen, als ich es wünſchte, und wollte Euch nicht ſtören, denn ich bedurfte nichts,⸗ erwiederte ich. »Ich mag geſchlafen haben,« verſetzte er;»denn langes Wachen widerſteht dem Fleiſche, wiewohl der Geiſt willig iſt. Bedarfſt Du etwas?« »Ich möchte gern wiſſen, wo ich bin,« antwortete ich. „»Du biſt in der Stadt Reading, in der Grafſchaft Berks, und in dem Hauſe Phineas Cophagus.« »Cophagus!« rief ich aus;»Mr. Cophagus, des Wundarztes und Apothekers?« „Phineas Cophagus iſt ſein Name; er iſt in unſere Genoſſenſchaft aufgenommen worden, und hat eine Tochter unſeres Glaubenus zum Weibe genommen. Er hat Deiner während Deines Fiebers und Deiner Raſerei gepflegt und gewartet, ohne den Beiſtand des Arztes, woraus ich ſchließe, daß er der Mann iſt, deſſen Du gedenkeſt. Doch übt er die Kunſt des Heilens nicht um des Mammons Willen.« »Und iſt die junge Perſon, die an meinem Bette ſaß, ſeine Gattin?« »Nein, Freund, ſie iſt die Halbſchweſter der Ehe⸗ frau unſeres Freundes Phineas Cophagus, und eine Jungfrau, Suſanne Temple mit Namen. Doch ich will Phineas Cophagus melden, daß Du erwacht ſeieſt, denn dies war ſein Gebot.« Mit dieſen Worten entfernte er ſich, und ließ mich, erſtaunt über die Nachrichten, die er mir mitgetheilt⸗ hatte, zurück. Cophagus ein Quäker geworden! und pflegt mich in der Stadt Reading! Kurz darauf trat Mr. Cophagus in ſeinem Schlaf⸗ rock in das Zimmer.»Japhet!“ rief er, meine Hand mit Wärme ergreifend, aus; dann hielt er inne, als 3 ob er ſich beſänne, und fuhr mit bedächtigem Tone* fort.»Japhet Newland— freue mich herzlich— gern — wahrlich, ich frohlocke— Du, Ephraim— mach daß Du fortkommſt— und ſo fort.« »Ja, wahrlich, ich will mich entfernen, ſintemal es Dein Gebot iſt,« erwiederte Ephraim, das Zimmer verlaſſend. 4. Mr. Cophagus bewillkommte mich hierauf nach ſeiner gewöhnlichen Weiſe, und ſagte mir, daß er mich vor der Thür eines benachbarten Hauſes gefunden und ſogleich wieder erkannt habe. Er hätte mich in ſein eigenes Haus bringen laſſen, ohne jedoch meine Gene⸗ ſung zu hoffen. Er bat mich ſodann, ihm zu erzählen, durch welchen ſeltſamen Zufall ich in dieſe traurige Lage gerathen ſei. Ich erwiederte:»daß ich mir, wiewohl ich zuzuhoͤren im Stande ſei, doch die Kraft nicht zutraue, eine ſo lange Geſchichte zu erzählen, und daß es mir bei Weitem angenehmer ſein würde, wenn er mich von dem, was ſich ſeit unſerer Trennung in Dublin zuge⸗ tragen, und was ihn bewogen habe, in die Sekte der Quäker einzutreten, in Kenntniß zu ſetzen.« 8 »Von ungefähr— langes Wort, das— hem— ſeltſame Leute— ſehr gut— und ſo fort,« begann Mr. Cophagus; da aber ſeine Redeweiſe dem Leſer nicht ſo verſtändlich ſein wird, als ſie es für mich war, ſo werde ich ſeine Erzählung auf meine Weiſe vortragen. 57 Mr. Cophagus war nnch der kleinen Stadt, in welcher er wohnte, zurückgekehrt, und bei ſeiner Ankunft hatte ihn ein, zu der Geſellſchaft der Freunde gehörender, Mann aufgefordert, ſeiner krank gewordenen Nichte, die ſich bei ihm zum Beſuch aufhielt, ärztlichen Beiſtand zu leiſten. Mit ſeiner gewöhnlichen Menſchenfreundlich⸗ keit hatte ihm Cophagus ſogleich ſeine Bitte gewährt, und fand die Nichte Mr. Temple's in einem bedenklichen Zuſtande. Während ſechs Wochen behandelte er die junge Quäkerin, die von ihrem gefahrvollen und ſchmerz⸗, haften Uebel genas, bei welchem ſie ſo viel Geiſtesſtärke und Ergebung und eine ſo unbeſiegbare gute Laune an den Tag legte, daß Mr. Cophagus, als er an ſeinen einſamen Heerd zurückkehrte, den Gedanken nicht los⸗ werden konnte, welch' eine vortreffliche Gattin ſie ab⸗ geben, und wie viel heiterer ſein Haus ſein würde, wenn ſie ſeine Lebensgefährtin werden wollte. Mit Einem Worte, Mr. Cophagus verlor ſein Herz, und wurde, wie alle ältliche Menſchen, die ihre zärtlichen Gefühle ſo lange zurückgedrängt haben, bis zum äußerſten Grade verliebt; und wenn er für Miß Judith Temple eutbrannte, als er Zeuge ihrer Geduld und Ergebung in ihren Leiden war, um wie viel heißer liebte er ſie, als er nach ihrer Geneſung die Entdeckung machte, daß ſie den heitern Scherz liebte, und eine fröhliche Laune beſaß. Seine zärtliche Aufmerkſamkeit konnte nicht mißdeutet werden. Er ſagte ihrem Oheim, daß er ſchon an Hochzeitkuchen— Brautgeſchenke— Eheſtand— Familie— und ſo fort, denke; und vor der jungen Dame hielt er den Stock an die Naſe, und verſchrieb ihr»Eine Doſis Eheſtand— ſogleich einzu⸗ nehmnen⸗ 3 Weder die Danne die ſchon uͤber die Zehner hinaus 2. 58 war, noch ihr Oheim, der ihn ſtets als einen achtungs⸗ würdigen Mann und guten Chriſten geſchätzt, hatte gegen Mr. Cophagus etwas einzuwenden; allein ſich mit einem Manne zu verbinden, der nicht zu ihrem Glauben gehörte— daran war nicht zu denken. Mr. Cophagus wurde daher mit der Verſicherung abgewieſen, daß das einzige Hinderniß darin beſtehe, daß er nicht zu ihrer Brüderſchaft gehöre. Mr. Cophagus begab ſich niedergeſchlagen nach Hauſe, und ließ ſich in ſeinen bequemen Seſſel, den er aber jetzt äußerſt unbequem fand, nieder— er ſetzte ſich zu ſeinem einſamen Mahle, und fand ſeine eigene Geſell⸗ ſchaft unerträglich— er ging zu Bette, erkannte aber die Unmöglichkeit, einzuſchlafen. Am andern Morgen begab er ſich daher zu Mr. Temple, und gab ſeinen Wunſch zu erkennen, in Erfahrung zu bringen, wodurch die Glaubensſätze der Quäker ſich von denen der herr⸗ ſchenden Kirche unterſcheiden. Mr. Temple gab ihm einen allgemeinen Umriß davon, der Cophagus ſehr be⸗ friedigend zu ſein ſchien, und wies ihn ſodann, um nähere Auskunft darüber zu erhalten, an ſeine Nichte. Wenn ſich Jemand mit dem herzlichen Verlangen, überzeugt zu werden, und indem ſein künftiges Glück von dieſer Ueberzeugung abhängt, in eine Erörterung einläßt; wenn ferner die Gründe von einer der lieb⸗ lichſten Stimmen vorgebracht, und von dem reizendſten Lächeln unterſtützt werden: ſo iſt es nicht zu verwun⸗ dern, daß er bald bekehrt wird. Dies war der Fall mit Mr. Cophagus, der binnen einer Woche die Ent⸗ deckung machte, daß der Geiſt des Friedens, der Demuth und der Menſchenliebe, auf welchen ſich die Glaubenslehren der Quäker ſtützen, dem wahren Geiſte der chriſtlichen Offenbarung verwandter iſt, als das 59 athauaſiſche Glaubeusbekenntniß, wie es in der engliſchen Kirche geſungen, oder geſprochen wird. Mit dieſer Ueberzeugung bat Mr. Cophagus um ſeine Aufnahme in die Brüderſchaft, und nach ſeiner Aufnahme hielten es die Freunde für rathſam, ſeinen Glauben durch ſeine eheliche Verbindung mit Miß Judith Temple beſtätigen und bekräftigen zu laſſen, mit welcher letzteren er auf ihre Bitte— denn er konnte ihr nichts abſchlagen— nach Reading zog, wo ihre Angehörigen wohnten; und Phineas Cophagus, als Mitglied der Geſellſchaft der Freunde, erklärte ſich für ſo glücklich, als ein Menſch nur ſein kann.»Gute Menſchen, Japhet— hem— ehrliche Leute, Japhet— kein Gezänk— ein wenig ſteif— Geiſt ſteigt auf ſie herab— und ſo fort,« ſchloß Mr. Cophagus ſeine Erzählung. Er drückte mir darauf die Hand, und entfernte ſich, um ſich anzu⸗ kleiden. Achtes Kapitel. Ich verliebe mich in die Religion, die von einem Frauenzimmer in Engelsgeſtalt gepredigt wird. Nach einer halben Stunde trat Ephraim mit einem Tranke herein, den mir Mr. Cophagus zu nehmen em⸗ pfehlen ließ. Ich ſollte dann verſuchen, zu ſchlafen. Der Rath war gut, und ich befolgte ihn. Ich erwachte nach einem langen, erquickenden Schlummer. Mr. Cophagus und ſeine Gattin ſaßen im Zimmer; ſie mit 60 weiblicher Arbeit, er mit Leſen beſchäftigt. Als ich b die Augen öffnete und ein Frauenzimmer erblickte, ſuchte ich zu entdecken, ob es die junge Perſou ſei, die mir Ephraim als Suſanne Temple bezeichnet hatte. Ich — entſann mich freilich ihrer Züge nicht genau, aber die Umriſſe ihrer Geſtalt waren mir im Gedächtniß ge⸗ blieben. Ich hatte eine gute Gelegenheit, Mrs. Co⸗ phagus zu betrachten, ehe ſie bemerkte, daß ich erwacht war. Sie war größer, als ihre Halbſchweſter, und 3 hatte ſehr angenehme Züge, ihr Geſicht war regelmäßig und klein. Sie ſchien ungefähr dreißig Jahre alt zu 1 ſein, und die äußerſte und geſuchteſte Reinlichkeit und Sauberkeit war an ihr bemerkbar. Ihr Quäkeranzug 3 wich zwar um ein Weniges von der ſtrengen Form ab, aber ohne der Einfachheit deſſelben Abbruch zu thun. Er ließ einen geringen Grad von Kohetterie blicken, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, und be⸗ kundete, daß Frau Cophagus, hätte ſie der Sekte der Freunde nicht angehört, in Ausſchmückung ihrer Perſon viel Geſchmack an den Tag gelegt haben würde. Mr. Cophagus Aeußeres hatte durch ſein neues Koſtüm offenbar ſehr gewonnen, wiewohl er es, wie ich in der Folge erfuhr, ſelbſt nicht zugeben wollte. Seine dürren Beine, die, wie ich ſchon⸗ früher bemerkt habe, gegen ſeinen kleinen, runden Bauch übel ab⸗ ſtachen, hüllte jetzt ein weites Beinkleid ein, welches das Vorſtehen des Letzteren verdeckte, und den erſteren Würde verlieh, indem es beide mehr mit einander aus⸗ glich, ſo daß ſeine Ründung allmälig und nach Unten zu mit Anmuth abnahm. Im Ganzen trug die Qnäker⸗ tracht, beſonders wenn er den breit gekrempten Hut trug, offenbar dazu bei, ſeinem ganzen Weſen das Ge⸗ präge der Geſundheit und Kraft zu verleihen. 8 Nachdem ich meine Neugierde befriedigt hatte, bewegte ich den Bettvorhang, um Aufmerkſamkeit zu erregen. Cophagus näherte ſich meinem Bette, und fühlte mir den Puls.»Gut— ſehr gut— Alles in Ordnung— ein wenig Fleiſchbrühe— China darin— auf die Beine kommen— ſſo geſund wie je— und ſo fort.« »„Ich befinde mich in der That viel beſſer,« ſagte ich; „»ſo wohl, daß ich glaube, aufſtehen zu können.« „»Bah!— hinfallen— geht nicht— im Bette blei⸗ ben— ſtark werden— Frau— Mrs. Cophagus— Japhet— alter Freund.“ Mrs. Cophagus war aufgeſtanden und an mein Bett gekommen, als mich ihr Gatte auf ſeine Art ihr vor⸗ ſtellte.»Ich befürchte, Ihnen viele Mühe verurſacht zu haben,“ redete ich ſie an. »Japhet Newland, wir haben nur unſere Pflicht erfüllt, und wenn Du auch nicht der Freund meines Gatten wäreſt, was Du, wie ich höre, biſt. Sieh mich daher als Deine Schweſter an, und ich will Dich als meinen Bruder achten; und wenn Du es willſt, ſo ſollſt Du bei uns bleiben, denn mein Gatte hat mir geſagt, daß dieſes ſein Wunſch ſei.« Ich dankte ihr für ihre freundlichen Worte, und nahm die weiße Hand, die mir mit viel Wohlwollen darge⸗ boten wurde. Cophagus fragte mich hierauf, ob ich mich ſtark genug fühlte, ihm zu erzählen, was ſich ſeit unſerer letzten Begegnung zugetragen; er ſagte mir, daß ſeiner Gattin meine ganze Geſchichte bekannt ſei, und damit ich ohne Scheu vor ihr ſprechen könne, ſetzte er ſich an mein Bett, und auch ſie rückte mit dem Stuhle näher, worauf ich meine Erzählung anfing. Als ich damit fertig war, begann Mr. Cophagus auf ſeine Weiſe:»Hem— ſehr ſeltſam— verliert das 62 Geld— ſchlimm— ehrlich werden— gut— entläuft ſeinen Freunden— ſchlimm— nicht gehangen— gut — Gehirnentzündung— ſchlimm— hierher gekommen — gut— bei uns bleiben— ganz comfortabel— und ſo fort.« »Du haſt viel gelitten, Freund Japhet,« ſprach Mrs. Cophagus, ſich die Augen trocknend,»und ich möchte faſt behaupten, daß Du eine zu herbe Züchtigung er⸗ fahren, wenn nicht geſchrieben ſtände, daß Er Diejenigen liebt, die Er züchtigt. Doch Du biſt gerettet und au⸗ ßer Gefahr. Vielleicht biſt Du gewillet, eine eitle Welt zu verlaſſen, und Dir an unſerm Umgange genügen zu laſſen; ja, da Du auch das Beiſpiel Deines ehema⸗ ligen Prinzipals vor Augen haſt, ſo könnte es dem Herrn gefallen, Dich zu leiten, der Unſrigen Einer zu werden, und Dich uns als Freund anzuſchließen. Mein Gatte wurde durch mich beredet, den rechten Pfad ein⸗ zuſchlagen,« fuhr ſie, ihn mit Zaärtlichkeit anblickend, fort;»wer weiß, ob es nicht einer unſerer Jungfrauen gelingt, auch Dich zu vermögen, eine eitle, gottloſe Welt zu fliehen, und Deinem Erlöſer in Demuth zu folgen?« »Sehr wahr— hem— ſehr wahr,« bemerkte Co⸗ phagus, ſeine Worte, nach Art der Quäker, im näſeln⸗ den Tone ausſprechend, und ſeine Hems noch dreimal länger, als gewöhnlich ziehend.»Glückliches Leben, Japhet— hem— Alles friedfertig— ſtille Freuden — in Ueberlegung ziehen— hem— keine Eile— flu⸗ chen niemals— in der Folge, he?— Geiſt ſteigt viel⸗ eicht herab— hem— noch nicht— wollen drüber ſpre, chen— geſund werden— ſich beſetzen— und ſo fort.« Das anhaltende Sprechen hatte mich ermattet; nach⸗ dem ich daher eine Erquickung zu mir genommen, ſchlief —— 63 ich wieder ein. Als ich am Abend erwachte, befanden ſich mein Freund Cophagus und ſeine Gattin nicht mehr im Zimmer; aber Suſanne Temple war gegen⸗ wärtig. Sie ſaß vor einem Lichte und las, und lange weilten meine Blicke auf ihrer Geſtalt; ich fürchtete, ſie zu ſtören. Sie hatte die reinſte, durchſichtigſte Haut, die ich jemals geſehen; ihre Augen waren groß, ich konnte jedoch die Farbe derſelben nicht unterſcheiden, da ſie auf das Buch geſenkt und durch die langen Wimpern verhüllt waren. Ihre Brauen hatten das vollkommenſte Ebenmaß, und zeichneten ſich in klaren Umriſſen auf ihrer ſchneeigen Stirn. Ihr zum größeſten Theil durch eine Haube verdecktes Haar war von kaſtanienbrauner Farbe; ihre Naſeltkegelmäßig, aber †lein, und ihr Mund der Inbegriff der Lieblichkeit. In ihrer Geſtalt war das vollendetſte Ebenmaß ſichtbar, und ſie ſchien, ſo weit ich urtheilen konnte, ſiebenzehn oder achtzehn Jahr alt zu ſein. In die beſcheidene, einfache, bei dem weibli⸗ chen Theile der Geſellſchaft der Freunde gebräuchliche Tracht gekleidet, ſtellte ſte ein Bild der Sauberkeit, Reinlichkeit und Anſtändigkeit dar, das ich eine Ewig⸗ keit hätte anſchauen können. Sie war in der That im höchſten Grade reizend. Ihre Schönheit und Reinheit machte den tiefſten Eindruck auf mich, und ich hätte ſie als einen Engel anbeten mögen. Während ich meine Blicke noch auf ſie geheftet, ſchloß ſie das Buch, erhob ſich von ihrem Sitze, und näherte ſich meinem Bette. Damit ſie nicht vor dem Gedanken, ich hätte ſie beobachtet, erſchrecken möchte, ſchloß ich die Augen, und ſtellte mich, als ob ich ſchliefe. Sie ſetzte ſich abermals, worauf ich mich auf die andere Seite warf, und fragte:»Iſt Jemand da?« »Ja, Freund Newland; was bedarfſt Du?« ſagte ſie, vortretend.»Wünſcheſt Du Cophagus oder Ephraim zu ſprechen? Ich will ſie rufen.“« »O nein,« verſetzte ich;»weshalb ſollte ich ſie bei ihren Geſchäften ſtören? Ich habe lange geſchlafen, und möchte wohl ein wenig leſen, wenn meine Augen nicht zu ſchwach ſind.«. »Du darfſt nicht leſen, ich aber darf Dir vorleſen,« erwiederte Suſanne.»Sag mir, was ich Dir vorleſen ſoll. Ich beſitze keine eitlen Bücher; und Du würdeſt, nachdem Du ſo eben dem Tode entgangen biſt, ſchwer⸗ lich an ſie denken.« „ Es gilt mir gleich, was geleſen wird, wenn Sie mir nur vorleſen,« erwiederte ich. »Allein, es ſollte Dir nicht gleich ſein; und erzuͤrne Dich nicht, wenn ich ſage, daß es nur Ein Buch giebt, für das Du ein Ohr haben mußt. Du biſt aus drohen⸗ der Gefahr, aus dem Rachen des Todes gerettet wor⸗ den. Biſt Du nicht dankbar? Und wem ſonſt wäreſt Du Dankhbarkeit ſchuldig, als Deinem himmliſchen Va⸗ ter, dem es gefallen hat, Deines Lebens zu ſchonen?« »Sie haben Recht,« gab ich zur Antwort;„und ich bitte Sie daher, mir aus der heiligen Schrift vor⸗ zuleſen.«⸗ Suſanne ſetzte ſich nieder, ohne etwas zu erwiedern, ſchlug Kapitel auf, die für meine Lage am geeignetſten waren, und trug ſie mit ihrer wohlklingenden Stimme auf eine herzergreifende Art vor. * Neuntes Kapitel. Stolz und Liebe im Streit.— Die letztere trägt den Sieg davon.— Ich werde Quäker und ergreife mein altes Gewerbe wieder. Wenn ſich der Leſer meine Erzählung wieder in das Gedächtniß zurückruft, ſo wird er bemerken, daße die Religion bisher nur ſelten meine Gedanken beſchäftigt hat. Ich hatte wie die Mehrzahl der Weltkinder ge⸗ lebt; vielleicht nicht ſo ſtreng ſittlich, als manche Men⸗ ſchen, denn meine Grundſätze richteten ſich nach den Verhäͤltniſſen; und was Religion anbetrifft, ſo hatte ich keine. Ich hatte in der. Welt und für ſie gelebt. Als ich noch in dem Findelhauſe war, hatte man mich in unſeren Glaubensartikeln ſorgfältig unterrichtet; doch dort, wie in faſt allen Schulen, wird der Religionsun⸗ terricht zu einer mühſamen Arbeit gemacht, wodurch ſich in den Gemüthern der Kinder eine große Abneigung dagegen erzeugt. Echt religiöſe Gefühle laſſen ſich nicht bei einer großen Anzahl von Schülern erwecken; nur den Aeltern iſt es durch gute Lehren und durch Beiſpiel möglich, in ihren Kindern eine wahrhaft religiöſe Ge⸗ ſinnung hervorzurufen, die auf der Lebensbahn als Füh⸗ rerin dienen kann.. Seit meinem Abgange aus dem Findelhauſe hatte ich die Bibel nicht in die Hand genommen. Sie war mir neu, und als ich jetzt von dem ſchönen Geſchöpf eben ſo ſchöne Stellen, und die für mich, den durch Japhet. III. 5 —— Krankheit Entkräfteten und durch Unglück Gedemüthig ten, ſo paſſend waren, vortragen hörte, fühlte ich mich bis zu Thränen gerührt. Suſanne legte das Buch nieder und trat an mein Bett. Ich dankte ihr; ſie gewahrte meine Rührung, und als ich ihr meine Hand entgegen hielt, verweigerte ſie mir die ihrige nicht. Ich drückte einen Kuß darauf; augenblicklich zog ſie ſie zurück und verließ das Zimmer. Einige Zeit nachher erſchien Ephraim, und am Abend ſtellte ſich Cophagus mit ſeiner Gattin ein; aber Su⸗ ſanne bekam ich erſt am andern Tage wieder zu ſehen, wo ich ſie erſuchte, mir nochmals vorzuleſen. Ich will die Geduld des Leſers durch die Schilde⸗ rung meiner Geneſung nicht ermüden. Nach drei Wo⸗ chen ſah ich mich im Stande, das Zimmer zu verlaſſen. Während dieſer Zeit war ich mit der ganzen Familie ſehr vertraut geworden, und wurde als ein Mitglied derſelben betrachtet. In meiner Krankheit hatte ich mehr Religioſität, als je zuvor, an den Tag gelegt, doch will ich damit nicht ſagen, daß ich wirklich religiös ge⸗ worden war. Ich hörte Suſanne aus der heiligen Schrift gern vorleſen, und unterhielt mich gern mit ihr über religiöſe Gegenſtände. Wäre aber Suſanne eine garſtige alte Perſon geweſen, ſo zweifle ich ſehr, ob ich ihr ſo viel Aufmerkſamkeit bewieſen haben würde. Es war ihre bewundernswürdige Schönheit, ihre ſie ſo rei⸗ zend kleidende Sittſamkeit und Gefühlswärme, die mich bezauberten. Ich empfand das Schöne der Religion, jedoch vermittelſt eines irdiſchen Gegenſtandes; in ihm erſchien ſie mir ſchön. Suſanne war einem Engel gleich, und ich horchte auf ihre Lehren, als ob ſie von einem Engel vorgetragen würden. Bei dem Allen ſind die Vortheile dieſelben, mag unſere Aufmerkſamkeit 4 67 durch Todesfurcht oder durch Liebe für ein irdiſches Weſen, oder wodurch ſonſt auf einen ſo wichtigen, ſo allgemein vernachläſſigten Gegenſtand gelenkt werden; und obwohl ich weit davon entfernt war, das zu ſein, was ich hätte ſein ſollen, ſo war ich doch durch meine Bewunderung Suſannens ein beſſerer Menſch geworden. Mr. Cophagus hatte mir einen Schlafrock geliehen, indem', wie er mir ſagte, meine Kleider ganz zerriſſen geweſen waren. Er fragte mich, ob ich mir andere nach dem gewöhnlichen Schnitte, oder denen ähnlich, die ſeine Glaubensgenoſſen trügen, zu beſtellen beabſich⸗ tige; denn er hege die Hoffnung, daß ich meinen künf⸗ tigen Wohnſitz in ihrer Mitte aufſchlagen würde. Ich war über dieſen Gegenſtand ſchon mit mir zu Rathe ge⸗ gangen, und hatte den Entſchluß gefaßt, nicht wieder in die große Welt zurückzukehren. Bei meiner Nachfor⸗ ſchung zu beharren, ſchien nur dazu zu dienen, mich in immer neue Schwierigkeiten zu verwickeln; aber welche Abſichten Cophagus hinſichtlich meiner hegte, war mir unbekannt. Ich zögerte, denn ich wußte nicht, was ich erwiedern ſollte, als ich bemerkte, daß Suſannens ſeelen⸗ volles Auge auf mir ruhte; ſie lauſchte aufmerkſam, wenn nicht geſpannt, auf meine Antwort. Dies entſchied die Frage.»Wenn Sie glauben, daß ich Ihnen keine Unehre machen werde,« erwiederte ich, „ſo möchte ich die Kleidung der Geſellſchaft der Freunde anlegen, ohne jedoch zu der Brüderſchaft zu gehören.⸗ »Aber um bald in dieſelbe einzutreten, hoffe ich, ſprach Mrs. Cophagus. »Ach! ich bin ein Verſtoßener,«⸗ ſagte ich, Suſanne anblickend. „» Nicht ſo, Japhet Newland,“ erwiederte ſte mit ſanftem Tone.»Ich freue mich, daß Du aus freiem 8 5* 68 Antriebe allem eitlen Prunke entſagt haſt, und hoffe, daß Du keine Urſache ſinden wirſt, Dich für unbefreun⸗ det zu halten.“ „»So lange ich bei Ihnen weilen werde,« verſetzte ich, mich an Alle wendend,„halte ich es für meine Pflicht, mich in jeder Beziehung Ihren Gebräuchen zu fügen; ſobald ich aber in der Folge meine Nachforſchuugen wieder—« „Und weshalb willſt Du eine Nachforſchung wieder aufnehmen, die doch vergeblich ſein muß, und Dich nur in Irrthümer und Unheil führt? Ich bin zwar jung, Japhet Newland, und vielleicht nicht im Stande, Rath⸗ ſchläge zu ertheilen; doch ſcheint es mir, daß die Nach⸗ forſchung nur für diejenigen, die Dich verlaſſen haben, erfolgreich ſein kann. Wenn ſie ſich nach Dir ſehnen, ſo werden ſie Dich aufſuchen; daß aber Du ſie aufſu⸗ chen willſt, iſt eitel und fruchtlos.“« bereits Erkundigungen angeſtellt hat,« entgegnete ich; „und daß die Perſonen, die nachgefragt, ſich getäuſcht geſe⸗ hen habem— ſie werden ſich dort nicht wieder erkundigen.“ „»Wäre die Liebe eines Vaters ſo ſchwach, daß er ſich durch eine getäuſchte Hoffnung abhalten ließe, ſein Kind zu ſuchen? Nein, nein, Japhet; wenn ſich das Vaterherz liebevoll nach Dir ſehnt, ſo werden neue Er⸗ kundigungen eingezogen, und Du wirſt gefunden wer⸗ den. Deine Nachforſchungen aber führen zu nichts, und Du haſt ſchon viel Zeit verloren.“« „Sehr richtig, Suſanne, Dein Rath iſt gut,« fiel Mrs. Cophagus ein.»Indem Japhet einem Schatten nachgejagt, hat er das Weſentliche hintangeſetzt. Es iſt Zeit, daß Du ein Geſchäft ergreifeſt, Japhet, und Deinen Lebeusunterhalt durch Deiner Hände Arbeit verdieneſt.« „Doch erinnern Sie ſich, daß man im Findelhauſe „Und Deine Pflicht in dem Gewerbe erfüllſt, zu wel⸗ 69 chem es Gott gefallen hat, Dich zu berufen,« ſetzte Su⸗ ſanne hinzu, die mit Mrs. Cophagus das Zimmer verließ. Cophagus nahm hierauf das Wort; zeigte mir, wie nutzlos es ſei, mich in der Welt umherzutreiben, und wies auf die Nothwendigkeit hin, einen beſtimmten Le⸗ bensplan zu entwerfen. Er ſchlug mir vor, eine Apo⸗ theke anzulegen, wozu er mir die Mittel und die Kund⸗ ſchaft der ganzen Geſellſchaft der Freunde in Reading, die ſehr ausgebreitet war, da ſich Niemand von der Sekte dieſem Geſchäfte widmete, verſchaffen wollte. »Werde der Unſrigen Einer, Japhet— gutes Ge⸗ ſchäft— mit der Zeit heirathen— glückliches Leben führen— Kinderchen— und ſo fort.« Ich dachte an Suſanne und ſchwieg. Cophagus bat mich, ſeinen Vorſchlag in Ueberlegung zu nehmen, und dann einen Entſchluß zu faſſen. Wenn derſelbe mit ſei⸗ nen Anſichten nicht übereinſtimme, wolle er mir dennoch mit all' ſeinen Kräften unter die Arme greifen. Ich überlegte lange, ehe ich mit mir einig werden konnte. Ich war noch immer weltlich geſinnt; noch im⸗ mer ſchwelgte meine Einbildungskraft in der Vorſtel⸗ lung, daß ich meinen Vater unter den Großen des Landes auffinden, daß ich noch einmal in den vornehmen Cirkeln glänzen, die Verachtung, die ich erfahren, mit Wucher zurückgeben, und die Stellung in der Geſell⸗ ſchaft als ein Recht wieder einnehmen könne, die ich unter falſchem Scheine behauptet hatte. Der Gedanke, mit Einem Male auf eine ſo niedrige Lebensſtufe, wie die eines Handelsmannes herunter zu ſinken, und mein Leben wahrſcheinlich in Verborgenheit zu beſchließen, war mir unerträglich. Der Stolz war noch immer meine vorherrſchende Leidenſchaft. Dieſe Betrachtungen drängten ſich mir zuerſt auf: 3 dann beſchaute ich die andere Seite des Gemäldes. Die nöthigen Mittel zu meinem Unterhalte fehlten mir gänzlich. Der Rückweg zu meinem vorigen Glanze war mir verſperrt, wenn ich zum erſten meine Aeltern nicht ausfindig zu machen vermochte, und zweitens, wenn ich ſie nicht ſo fand, wie meine glühende Einbildungskraft ſie mir ausgemalt hatte. Es blieb mir keine Ausſicht, ſie zu finden. Ich hatte ſie ſchon ſo lange vergeblich geſucht. Zweimal ſchon war ich auf das Polizeiamt ge⸗ ſchleppt worden— hatte in Irland mein Leben beinahe eingebüßt— war zum Tode verurtheilt worden— war wahnſinnig geworden und faſt nur durch ein Wunder wieder geneſen, und dies Alles hatte ich in der Verfol⸗ gung einer nutzloſen Nachforſchung erleiden müſſen. Es hatte ſehr viel dazu beigetragen, mich von meiner Mo⸗ nomanie zu heilen. Ich ſtimmte mit Suſanne darin überein, daß die Nachforſchung von den anderen Bethei⸗ ligten, nicht von mir angeſtellt werden müſſe. Ich rief mir die Behandlung, die ich von der Welt erfahren,— die Geringſchätzung, die man mich empfinden laſſen— die kalte Herzloſigkeit der vornehmen Stände, und die geringe Ausſicht, die mir blieb, jemals in die faſhionable Geſellſchaft wieder aufgenommen zu werden, in das Ge⸗ dächtniß zurück. Alle dieſe Umſtände wog ich gegen das freundliche Wohlwollen derjenigen, unter welchen ich weilte, gegen das ab, was ſie ſchon für mich gethan, und was ſie mir jetzt anboten, wodurch ich, vermöge meiner eigenen An⸗ ſtrengungen, zu einer unabhängigen Lage gelangen ſollte. Ich berückſichtigte Alles, und kam doch zu keinem Ent⸗ ſchluſſe, als mir das Bild der reinen, liebreizenden Suſanne vor die Seele trat, und— mein Entſchluß war gefaßt. Ich wollte das Weſen leeren Schatten nicht aufopfern. An demſelben Abend nahm ich Mr. Cophagus güti⸗ ges Anerbieten mit vielem Danke an, und machte ihn mit meiner Abſicht bekannt, in die Geſellſchaft der Freunde einzutreten. »Du haſt eine geſcheite Wahl getroffen,« ſagte Mrs. Cophagus, mir die Hand reichend,»und wir wer⸗ den Dich mit Freude aufnehmen.« »Ich heiße Dich willkommen, Japhet Newland,“« begann Suſanne, indem ſie ebenfalls mir die Hand reichte;»und ich vertraue, daß Du unter denjenigen, bei welchen Du zu wohnen Dich entſchloſſen haſt, mehr Glück finden wirſt, als in der Welt voll Eitelkeit und Trug, in welcher Du bisher gelebt haſt. Suche nicht länger einen irdiſchen Vater, der die Hand von Dir ab⸗ gezogen hat, ſondern einen himmliſchen Vater, der Dich in Deinen Trübſalen nicht verlaſſen wird.“« „Sie ſollen mich auf den rechten Weg bringen, Su⸗ ſanne,« erwiederte ich. »Ich bin zu jung, um Dich leiten zu können, Ja⸗ phet,« antwortete ſie lächelnd;»aber nicht zu jung, hoffe ich, Deine Freundin zu ſein.« Am folgenden Tage wurden meine Kleider gebracht, und ich legte ſie an. Ich beſah mich im Spiegel, und war nichts weniger, als mit mir zufrieden; da man je⸗ doch mein Haar während meiner Krankheit abgeſchnit⸗ ten hatte, ſo machte es wenig aus, wie ich gekleidet war, und damit tröſtete ich mich. Mr. Cophagus beſtellte mir eine Perrücke, die in wenigen Tagen fertig ſein ſollte, und als ſie gebracht wurde, ſetzte ich ſie auf und war im Ganzen mit meinem Aeußern zufrie⸗ den. Ich ſchmeichelte mir, daß ich, wenn auch ein Quaker, doch auf jeden Fall ein ſehr hubſcher, ſchmucker Quäker war; und als ein paar Tage darauf eine Ver⸗ ſammlung von Freunden in Mr. Cophagus Hauſe Statt fand, damit ich ihnen vorgeſtellt würde, bemerkte ich mit großem Behagen, daß ſich unter den jüngeren Män⸗ nern mir Niemand an die Seite ſtellen durfte. Dieſes trug ſehr dazu bei, mich mit meiner Verwandlung aus⸗ zuſöhnen. Zehntes Kapitel. Das Glück will mir in Allem wohl, und ich werde mit neit Lage zufrieden. Mr. Cophagus blieb nicht müſſig. Binnen wenigen Wochen hatte er mir ein Haus gemiethet, und meine Apotheke weit beſſer ausgeſtattet, als ſeine eigene ge⸗ weſen war. Da ich im Schooße ſeiner Familie leben ſollte, ſo wurde der obere Theil des Hauſes vermiethet. Sobald Alles eingerichtet war, beſah ich es mit ihm, und hatte Urſache, zufrieden zu ſein. Ich hatte jetzt nur noch einen Wunſch, den nämlich, Timotheus als Gehülfen bei mir zu ſehen; allein es war ein vergebli⸗ cher Wunſch, da ich nicht wußte, wo Timothy zu ſin⸗ den war. An demſelben Abend bemerkte ich gegen Mr. Co⸗ phagus, daß ich meinen Namen nicht gern vor der Apo⸗ theke angebracht ſehen würde. Das Wahre an der Sache war: mein Stolz empörte ſich dagegen, und ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß der Name⸗ Japhet Newland, vor deſſen Beſitzer ſich alle ariſtokra⸗ tiſche Thüren geöffnet hatten, in goldenen Buchſtaben auf einem Schilde prangen ſollte.»Es giebt viele Gründe dawider,« fuhr ich fort.„Einer davon iſt der, daß es nicht mein wahrer Name iſt— ich möchte lie⸗ ber den Namen Cophagus führen;— ein anderer, daß der Name, da er ſo bekannt iſt, Menſchen, die mich fruͤher gekannt haben, auffallen könnte, und es wäre mir unangenehm, wenn ſie hereinträten und mich ver⸗ höhnten. Ein anderer iſt—« „»Japhet Newland,« unterbrach mich Suſanne, mit mehr Strenge in ihrem reizenden Antlitz, als ich je zuvor bei ihr bemerkt hatte;»bemühe Dich nicht wei⸗ ter, Deine Gründe anzuführen, in Betracht, daß Du Jeden, nur nicht den wahren, angegeben haſt, den näm⸗ lich, daß ſich Dein Stolz dagegen auflehnt.⸗ „Ich war im Begriff, die Bemerkung zu machen,⸗ entgegnete ich,»daß der Name nach dem Mammon klingt, und für ein Mitglied unſerer Genoſſenſchaft unpaſſend iſt. Allein Sie haben mich des Hochmuths beſchuldigt, Suſanne; ich will daher keine Einwendun⸗ gen weiter dagegen machen. Der Name ſoll Japhet Newland ſein, und nun laſſen wir den Gegenſtand auf ſich beruhen.« »Wenn ich Dir Unrecht gethan habe, Japhet, ſo bitte ich herzlich um Verzeihung, erwiederte Suſanne. »Aber Gott allein kennt unſer Herz. Ich war vor⸗ laut, und Du mußt mir vergeben.« »Mir kommt es zu, Suſanne, um Vergebung zu bitten; Sie kennen mich beſſer, als ich ſelber. Es war Stolz, nichts als Stolz— doch Sie haben mich da⸗ von geheilt. ⸗ „»Wahrlich, Du giebſt mir jetzt Hoffnung, daß Du zur rechten Einſicht gekommen biſt, Japhet,« ſagte Suſanne lächelnd.»Wer ſeine Schwächen eingeſteht, wird ſie bald überwinden. Doch iſt das, was Du ſagſt, nicht ohne allen Grund, glaube ich; denn wer weiß, ob Du nicht, ſobald Du Perſonen Deiner Bekannt⸗ ſchaft begegneſt, verſucht werden könnteſt, vom rechten Wege wieder abzufallen? Du kannſt Deinen Namen ſchreiben, wie es Dir beliebt, und vielleicht wäre es beſſer, ihn zu verſtellen.« Mr. Cophagus und ſeine Gattin ſtimmten ihr zu, ich ließ daher Gnowland auf das Schild malen, und nachdem ich einen Mann aus unſerer Genoſſenſchaft, der mit den beſten Zeugniſſen verſehen war, zum Ge⸗ hülfen angenommen hatte, nahm ich von meiner Apo⸗ theke Beſitz, war bald in voller Thätigkeit, und ſendete meine Arzneien in alle Gtialzen der guten Stadt Reading. Ich fühlte mich gläcklich Meine Tage wurden angenehm ausgefüllt; mein Geſchäft war verſchieden von dem eines gewöhnlichen Krämers und beſchäftigte auch den Geiſt. Ich war anſtändig gekleidet und lebte aͤauf eine anſtändige Weiſe. Ich erwarb mir meinen Lebensunterhalt, und war ein nütlliches Mitglied der Geſellſchaft. Wenn ich zum Eſſen, und ſpät Abends nach Hauſe ging, pflegte Suſanne, wenn ſich Cophagus und ſeine Gattin zur Ruhe begeben hatten, auf mich zu warten, und ſich einige Minuten mit mir zu unter⸗ halten. Bis ich dieſes vollkommene Geſchöpf geſehen, war die Liebe noch nie in meine Bruſt eingekehrt; aber das Gefühl, das ſie mir einflößte, war nicht die Liebe eines weltlich Geſinnten; ſo tief vermochte ich ſie nicht her⸗ wie ich, zu rein, zu heilig, zu gut war. Es war mir, als ob mein Schickſal von ihrem Ausſpruche abhinge, meine Glückſeligkeit, wenn ſie mir ihr Wohlwollen ſchenk⸗ te, in dieſer und in jener Welt geſichert wäre, als ob ich ewig verloren ſei, wenn ſie mich von ſich ſtieße. Von dieſer Art waren meine Gefühle für Suſanne, die bei all' ihrer Vollkommenheit ein Frauenzimmer war, und der Macht, die ſie über mich gewann, gewahr wurde, aber, der Mehrzahl ihres Geſchlechts unähnlich, ſich derſelben nur zum Guten bediente. Mein Hoch⸗ muth ſchwand allmälig, und Demuth und Frömmigkeit traten an ſeine Stelle. Ich gewöhnte mich ſogar an die Eigenthümlichkeiten der Verbrüderung, an ihre gottesdienſtlichen Verſammlungen, an ihre näſelnde und gezierte Redeweiſe. Ich entdeckte haltbare Gründe für Alles, was mir zuvor ſeltſam erſchienen war— „»Predigten im Geſtein, und Gutes in Allem*).« Mo⸗ nate vergingen— mein Geſchäft blühete— ich hatte das von Mr. Cophagus mir vorgeſtreckte Kapital faſt ganz wieder zurückbezahlt. Ich war mit Leib und Seele ein Quäker, und ſchloß mich der Sekte mit der Ueberzeugung an, daß ich dem, was ich verſprochen, nachzukommen im Stande ſei. Ich war glücklich, ganz glücklich, und doch hatte ich von Suſanne weiter nichts, als Beweiſe einer aufrichtigen Freundſchaft erhalten. Allein ich genoß häufig ihres Umgangs, und wir waren *) Siehe Shakeſpeare's: Wie es Euch gefällt. 2. Akt 1. Seenc. Anm. d. Ueberſ. 76 ſehr vertraut geworden. Ich wurde gewahr, welch eine Tiefe und Wärme des Gefühls unter der ſittſa⸗ men, ſtillen Hülle verborgen lag, und mit welchen Vor⸗ zügen ihr tugendhaftes Gemüth ausgeſtattet ſei. Oft, wenn ich von früheren Ereigniſſen ſprach, horchte ich auf ihre Bemerkungen, die alle nur Tugend und Sitt⸗ lichkeit zum Richtpunkte hatten; oft erhielt ich, anfangs einen ſtrengen, in der Folge aber einen ſanften Ver⸗ weis, wenn meine Rede leichtfertig war; wenn ich aber von ſcherzhaften, unſchuldigen Gegenſtänden ſprach, wer hätte fröhlicher lachen können, als ſie— was konnte bezaubernder ſein, als ihr liebreizendes Lächeln, wenn ſie meine Gefühle billigte! und wenn ſie durch den Gegenſtand belebt war, was kam dann dem Wohl⸗ klange, der Innigkeit und dem Feuer ihrer Worte gleich, auf welche ſtets glühendes Erröthen folgte, ſo⸗ bald ſie erkannte, wie ſehr ſie ſich durch ihre Wärme hatte hinreißen laſſen! Es gab Einen Umſtand, wegen deſſen ich mir Glück wünſchte, den nämlich, daß ihr während der ſechs Mo⸗ nate, die ich im Hauſe zugebracht, einige vortheilhafte Heirathsanträge gemacht worden waren, die ſie aber abgelehnt hatte. Am Schluſſe dieſes Zeitraums gab ich, Dank dem Beiſtande, den ich von den Freunden erfahren, die ganze Summe, die mir Mr. Cophagus geliehen, ihm wieder zurück, und ſah mich im Beſitze eines blühenden Geſchäfts und in einer unabhängigen* Lage. Ich bat ihn, mir zu erlauben, alljährlich fur Koſt und Wohnung, von dem erſten Tage meines Auf⸗ enthalts an, ein Beſtimmtes bezahlen zu dürfen. Mr. Cophagus bemerkte, daß mein Wunſch zu billigen ſei; ₰ 7 keit überein, und ich war nunmehr vollkommen unab⸗ hängig. Noch immer rückte ich in Suſannens Gunſt lang⸗ ſam, aber ſicher vor. Eines Tages ſagte ich ihr, wie glücklich Mr. Cophagus als Ehemann zu ſein ſchiene. Sie erwiederte:„Das iſt er, Japhet; er hat es ſich ſauer werden laſſen, und jetzt genießt er die Früchte ſeines Fleißes.« Dies heißt, ich ſoll das Nämliche thun, dachte ich, und daß es mir nicht zukommt, mich um eine Frau zu bewerben, bis ich die Mittel habe, ſie zu ernähren. Bis jetzt habe ich nichts erübrigt, und eine Einnahme iſt kein Kapital. Ich erkannte, mochte ſie nun dabei betheiligt ſein oder nicht, daß ſie Recht habe, und ver⸗ doppelte meinen Fleiß. Elftes Kapitel. Eine Abart der Quäkerſekte— die eine ſeltſame geiſtige und körperliche Beſchaffenheit bekundet. Ich war der Welt noch nicht entwöhnt, näherte mich aber dieſem Ziele zuſehends, als ein ſehr ſchmucker junger Quäker zum Beſuche nach Reading kam. Er wurde Mr. Cophagus und ſeiner Gattin vorgeſtellt, und legte bald, wie zu erwarten ſtand, ſeine Bewun⸗ derung für Suſanne an den Tag, ohne ſich jedoch der geringſten Aufmunterung von ihrer Seite zu erfreuen. Er war ein Faullenzer, und hielt ſich viel in meiner 78 .Apotheke auf; und da er weit weniger zurückhaltend und ſchweigſam war, als die jungen Männer der Ver⸗ . brüderung zu ſein pflegen, ſo wurde ich allmälig mit ihm vertrauter. Eines Tages, als mein Gehülfe abweſend war, re⸗ dete er mich folgendermaßen an:— »Sage mir aufrichtig, Freund Gnowland, haſt Du mein Geſicht jemals früher geſehen?« 3 »Ich wüßte mich nicht zu erinnern, Freund Tal⸗ bot.« » So iſt denn mein Gedächtniß beſſer als Deins, und da ich nunmehr Deine Freundſchaft als Glaubens⸗ genoſſe erworben habe, will ich⸗Dir unſere frühere Be⸗ kanntſchaft in das Gedächtniß zurückrufen. Als Du Nr. N⸗e⸗wland warſt, und mit Major Carbonnell Straße auf Straße ab zu wandeln pflegteſt, war ich Lieutenant Talbot von der Dragoner⸗Garde.⸗ Erſtaunen feſſelte mir die Zunge; ich blickte ihm ſtarr in das Geſicht. 1 „ Ja,“« fuhr er, in lautes Lachen ausbrechend, fort, „ſo iſt es. Sie hielten ſich vielleicht für den einzigen, den faſhionablen Eirkeln Angehörenden, der jemals in einen Quaͤker verwandelt worden; jetzt ſehen Sie einen zweiten vor ſich, betrachten Sie ſich daher nicht länger als den Phönix Ihrer Sekte.⸗ „Allerdings entſinne ich mich des Namens,« er⸗ wiederte ich;»da Ihnen indeſſen meine Geſchichte be⸗ kannt iſt, ſo iſt es leicht zu begreifen, weßhalb ich mich der Verbrüderung angeſchloſſen habe; doch aus welchen Gründen Sie dieſen Schritt gethan, iſt mir völlig un⸗ erklaͤrbar.« »Der Umſtand bedarf allerdings einer Erklärung, Newland. Es war mein Unglück, nicht meine Schuld; „ 79 dies darf ich dreiſt behaupten. Nicht, daß ich mich nicht glücklich fühlte; im Gegentheile, ich fühle, daß ich jetzt an meinem Platze bin. Ich hätte von Quä⸗ ker⸗Aeltern geboren werden ſollen— jedenfalls bin ich meiner Denkart nach ein geborner Quäker. Doch ich will Sie morgen früh beſuchen, und Ihnen dann, wenn Sie Ihren Gehülfen entfernen wollen, meine Geſchichte erzählen. Ich weiß, daß Sie mein Geheimniß nicht verrathen werden.« Am andern Morgen ſtellte er ſich ein, und theilte mir, ſobald wir allein waren, Folgendes mit: »Es iſt mir noch ſehr erinnerlich, Newland, daß Sie zu den Angebern des guten Tons gehörten; da⸗ mals ſtand ich bei der Dragoner⸗Garde, und obwoht ich mich nicht auf vertrautem Fuße mit Ihnen befand, ſo wurde mir doch von Ihnen die Ehre einer Begrü⸗ ßung zu Theil, wenn wir in Geſellſchaften zuſammen⸗ trafen. Ich kann wahrhaftig das Lachen nicht unter⸗ drücken, wenn ich jetzt uns Beide betrachte; doch es iſt nicht zu ändern. Ich ging natürlich viel mit mei⸗ nen Kameraden um, und beſuchte den Offizier⸗Klub. Es wird Ihnen vielleicht nicht bekannt ſein, daß mein⸗ Vater vornehme Verbindungen hatte; alle männliche Glieder unſerer Familie wurden für den Militärdienſt beſtimmt. Die Wahl des Berufs wurde bei uns nie in Frage geſtellt, denn jeder junge Talbot iſt von jeher Krieger geworden, wie die aus dem Ei gekrochene Ente nach dem Waſſer läuft. Demzufolge trat ich in den Militärdienſt, ſtolzierte in meiner Uniform und wurde von den Damen bewundert. Noch ehe ich mein Lieu⸗ tenantspatent erhalten hatte, ſtarb mein Vater, und hinterließ mir die Einkünfte eines jüngern Bruders, vierhundert Pfund jäͤhrlich; aber, wie mein Oheim * ſagte:»es war hinreichend für einen Talbot, der ſich durch Tapferkeit emporſchwingen wollte, wie es die Talbots von jeher gethan.« »Ich machte bald die Entdeckung, daß meine Ein⸗ nahme mir nicht geſtattete, bei der Garde zu bleiben, und mein Oheim wünſchte lebhaft, daß ich in ein im Felde ſich befindendes Regiment verſetzt würde. Ich kaufte mir daher eine Compagnie bei dem drei und zwanzigſten Infanterie⸗Regimente, welches den Befehl erhalten hatte, ſich nach Weſtindien einzuſchiffen, um die dortigen franzöſiſchen Colonien unter engliſche Bot⸗ mäßigkeit zu bringen. Wir ſegelten ab, und ich hegte die lebhafteſte Erwartung, mich eben ſo ſehr mit Ruhm zu bedecken, als es die Talbots ſeit undenklichen Zei⸗ ten zu thun gewohnt waren. Wir landeten, und in kurzer Zeit ſauſ'ten Kugeln und Kartätſchen in allen Richtungen, und da erſt wurde ich gewahr, daß ich, woran ich wirklich früher nie, auch nur von fern ge⸗ dacht— mich in meinem Berufe geirrt hatte.⸗ „Was meinen Sie damit, Talbot?« „Was ich meine! nun, daß mir eine gewiſſe Eigen⸗ ſchaft mangelte, die nie zuvor einem Talbot fehlte— der Muth.« „ Und das haben Sie früher nicht gewußt?⸗ „»Durchaus nicht, auf meine Ehre; mein Geiſt war ſtets muthvoll. Im Geiſte hatte ich mir Luftſchlöſſer von Heldenthaten gebaut, die ſämmtliche Talbots, von dem an, der die Jungfrau von Orleans verbrennen ließ, bis zu den Jetztlebenden herunter, verdunkeln ſollten. Ich kann Sie verſichern, ſo erſtaunt Andere darüber ſein mochten, daß ich es noch mehr war. Unſer Re⸗ giment erhielt den Befehl, vorzurücken, und ich führte meine Compagnie in das Feuer; die Kugeln flogen ſo 81 dicht wie Hagel. Ich verſuchte, vorwärts zu gehen, vermochte es aber nicht. Endlich nahm ich, ſo ſehr ich in meinem Innern dagegen ankämpfte, Reißaus. Ich begegnete dem Oberſten— ja, ich rannte gegen ihn au. Er befahl mir, zurückzukehren, und ich ging wie⸗ der zu meinem Regimente, ohne die mindeſte Furcht zu ſpüren. Abermals ſah ich mich im Feuer, und aber⸗ mals ſuchte ich dem Antriebe zu widerſtehen; allein es war umſonſt, und gerade, ehe der letzte Angriff gemacht wurde, lief ich davon, als ob mir der Teufel auf den Ferſen geſeſſen hätte. War es nicht ſeltſam?« »Aeußerſt ſeltſam, in der That,« erwiederte ich mit Lachen. „Ja, aber Sie ſehen das Seltſame nicht recht ein. Sie wiſſen, was uns die Philoſophen über das Wollen ſagen; daß der Körper von dem Geiſte beherrſcht wird, und ihm folglich gehorcht. Nun ſehen Sie, in meinem Falle fand gerade das Gegentheil Statt. Es iſt That⸗ ſache, ich verſichere Sie, daß ich im Geiſte eben ſo tapfer war, als irgend ein Menſch; allein ich hatte ei⸗ nen feigen Körper, der, zum noch. größern Unglücke, meinen Geiſt bemeiſterte, und mit ihm davonlief. Es war durchaus nicht mein Wille, wegzulaufen, im Ge⸗ gentheile, ich wünſchte an dem erſten Angriffe gegen die feindlichen Batterien Theil zu nehmen, und war vorgetreten, als es»Freiwillige vor!« hieß, allein man ſchlug es mir ab. Wenn ich nun keinen Muth gehabt hätte, ſo würde ich doch einen ſo gefahrvollen Dieuſt gemieden haben. Habe ich nicht Recht?« »Es erſcheint allerdings ſeltſam, daß Sie mit den Freiwilligen vortraten, und dann wegliefen.⸗ „Das ſage ich eben. Ich habe die Seele eines Japhet III. 6 Talbots, aber einen Körper, der nicht zur Familie ge⸗ hört, und für die Seele zu mächtig iſt.« „ So ſcheint es; doch weiter.⸗ „Nicht weiter, ſondern zurück ging es. Ich ver⸗ ſuchte es, abermals die Breſche zu beſteigen, und da das Feuern eingeſtellt war, ſo gelang es mir. Allein mein Ruf hatte einen Makel bekommen; und man gab mir zu verſtehen, daß ich eine Gelegenheit erhalten„ ſolle, denſelben abzuwiſchen.“⸗ »Nun?«⸗ „Am andern Tage ſollte ein Fort erſtürmt werden, und ich bat, meine Compagnie zum Sturme anführen zu dürfen. Das war doch kein Beweis von Mangel an Muth? Meine Bitte wurde gewährt. Wir fan⸗ den einen warmen Empfang, und ich fühlte, daß meine Beine vorzurücken ſich weigerten; was that ich alſo?2 Ich band meine Schärpe um das Bein, ſagte meinen Leuten, ich ſei verwundet, und befahl, mich zum Stuͤr⸗„ men zu tragen. Das war doch Muth?2« „Ohne allen Zweifel. Es ſah einem Talbot ähn⸗ lich.⸗ „Wir erreichten den Fuß der Breſche, und als mich die Kugeln umſauſ'ten, ſchlug ich mit Händen und Fü⸗ ßen dergeſtalt um mich, daß die Leute, die mich tru⸗ gen, mich fahren laſſen mußten, und mein ſchurkiſcher Leib war zum Unglück in Freiheit. Zum Unglück, ſage ich, denn ſtellen Sie ſich vor, für welch eine Hel⸗ 3 denthat man es mir angerechnet haben würde, wenn man mich verwundet die Breſche hinaufgetragen hätte; allein das Schickſal wollte es anders. Wenn ich ruhigz liegen geblieben wäre, als mich meine Leute fallen lie⸗ ßen, ſo hätte ich klug gehandelt, ich wünſchte aber ſehnlichſt, die Breſche hinanzuklimmen, das heißt, mein 5 ,, ͤͤääe“ p 83 Geiſt wollte es. Sobald ich aber auf die Füße kam, ſo liefen ſie, hol' ſie der Henker! mit mir davon, und ich befand mich plötzlich eine halbe Meile von dem Fort mit einer angeblichen Wunde. Mehr bedurfte es nicht; man gab mir zu verſtehen, ich möchte je früher je beſſer nach England zurückkehren. Aus Rüͤckſicht für die Familie geſtattete man mir, meine Stelle zu verkaufen. Ich beſuchte jetzt als unabhäugiger Gent⸗ leman die öffentlichen Oerter, allein Jedermann mied mich. Ich ſtritt mit Vielen über den Gegenſtand, ſie waren jedoch halsſtarrig, ließen ſich nicht überzeugen, und fragten, was es nütze, brav zu ſein, wenn man fortliefe?« „Die Leute waren keine Philoſophen, Talbot.« „Nein; ſie begriffen nicht, wie Geiſt und Körper im Widerſtreite ſein können. Alle Vernunftgründe wa⸗ ren vergeblich— ſie beſtanden darauf, daß die Bewe⸗ gungen des Körpers von dem Geiſte abhingen, daß ich mich geirrt hätte— und daß ich mit Leib und Seele ein Haſenfuß ſei.«⸗ »Nun, und was thaten Sie da?« 4 »O gar nichts! Ich hatte große Luſt, ſie durchzu⸗ prügeln, da ich aber wußte, daß mir mein Körper nicht beiſtehen würde, ſo hielt ich es für gerathen, es zu un⸗ terlaſſen. Sie gaben mir den Spottnamen: Tom Hau⸗ degen, und verhöhnten mich dergeſtalt durch Stichelre⸗ den, daß mir mein Oheim, als einem Schandflecken der Familie, ſeine Thüren verſchloß und ſagte, er wollte, die erſte Kugel hätte mich zu Boden geſtreckt— ſehr gütig von ihm. Endlich riß mir die Geduld, und ich forſchte nach, ob es nicht Menſchen gäbe, die den Muth nicht als eine Bedingung sine qua non anſähen. Ich hörte, daß die Glaubenslehren der Quaker das Käm⸗ 4 6* pfen verpönten, und dadurch den Muth unnöthig mach⸗ ten. Ich ließ mich daher in die Verbrüderung aufneh⸗ men, und weiß, daß ich, wenn auch kein guter Soldat, doch ein ſehr achtbarer Quäker bin. Jetzt wiſſen Sie meine ganze Geſchichte— nun ſagen Sie mir, ob Sie meiner Meinung ſind.« „Es läßt ſich in der That über dieſen Punkt nicht leicht eine Entſcheidung abgeben. Mir iſt nie ein ähn⸗ licher Fall vorgekommen. Ich muß die Sache über⸗ legen.⸗ „Sie laſſen natürlich gegen Niemand ein Wort darüber fallen, Newland.⸗ 3 „Sein Sie unbeſorgt, Talbot, ich werde Ihr Ge⸗ heimniß bewahren. Wie lange ſind Sie ſchon Quä⸗ ker?«. „O, ſchon über ein Jahr. Beiläufig; jene Suſanne Temple iſt ein allerliebſtes Mädchen. Ich habe große Luſt, mich um ſie zu bewerben.⸗ „Sie müſſen aber erſt Gewißheit darüber haben, was Ihr Körper dazu ſagt, Talbot,“ verſetzte ich be⸗ deutungsvoll.»Ich geſtatte Niemandem, er ſei Quäker oder nicht, mir in den Weg zu treten.“ „Ich bitte tauſend Mal um Entſchuldigung, mein Beſter; ich werde nicht mehr an ſie denken,« erwie⸗ derte Talbot, als er meinen grimmigen Blick bemerkte, ſich von ſeinem Sitze erhebend.»Ich wünſche Ihnen einen guten Morgen. Morgen früh verlaſſe ich Rea⸗ ding; wenn ich Zeit habe, ſo werde ich noch einmal vorkommen und Ihnen Lebewohl ſagen.⸗ Allein ich bekam Freund Talbot, deſſen Geiſt lauter Muth, und deſſen Körper ſo widerſpenſtig war, nie wieder zu ſehen. —— Zwoͤlftes Kapitel. Ich finde Timotheus wieder. Ungefähr einen Monat darauf hörte ich einen Ma⸗ troſen, mit einem hölzernen Beine, der Lieder zum Ver⸗ kaufe ausbot, Folgendes in einem höchſt kläglichen Tone ſingen. Geht's Einen was an, wenn die Augen ich wiſche! Ich ſage mich nicht von der Zähre los— „Gott ſegne Euer Edlen, werfen Sie dem armen Jack, der im Dienſte des Vaterlandes. ſein Bein verlo⸗ ren hat, ein paar Pfennige zu. Großen Dank, Euer Edlen,« und er fuhr fort: Und ob mich auch Einer gar ſpöttiſch verziſche, Wenn's Herz fehlt, bedauert's ein alter Matroſ', Thu' nimmer vergeſſen des Kapitäns Rede: Habt Ihr, Jungen, das Herz auf dem rechten Fleck— »Ach, Euer Gnaden, legens'nen Augenblick bei, und greifen's'nem armen abgetakelten Fahrzeuge, das im Kriege zerſchoſſen worden iſt,'ä Biſſel unter die Arme.—»»In der Schlacht ſei's ein Löwe.«— Lan⸗ ges Leben, Eurer Gnaden—„„blutdürſtig und keck—⸗ Habt Ihr, Jungen, das Herz auf dem rechten Fleck; In der Schlacht ſei's ein Löwe, blutdürſtig und keck. Doch wenn Alles vollbracht, wenn die Arbeit gethan— „Kaufen's'n Liedchen, Frauenzimmerchen: können's dem Schätzchen vorſingen, wenn Sie ihm aufm Schooß ſitzen— 3 3 ——yy————jy 86 Dann ſei's wie ein Lämmlein, ſo mild und ſo blöde!« Es giebt, glaube ich, wenig Menſchen, die nicht warme Theilnahme für einen engliſchen Matroſen em⸗ pfänden, beſonders für einen in der Vertheidigung des Vaterlandes verſtümmelten. Bei mir war ſie ſtets rege— geworden. Als ich daher den armen Burſchen ſein Lied, zwar nicht mit beſonders wohlklingender Stimme und ohne angenehmen Vortrag ableiern hörte, öffnete ich„ den Geldladen und nahm einige kleine Münzen für ihn heraus. Ich winkte ihm mit der Hand, und er trat in die Apotheke.»Hier, mein guter Burſch,« ſagte ich.»Wiewohl ich ein Mann des Friedens bin, ſo habe ich doch ein Herz fuͤr diejenigen, die im Kriege gelitten haben;« und ich gab ihm das Geld in die Hand. „»Möge Euex Edlen nie einen Banyantag*) erle⸗ ben,« dankte der Matroſe;»und ich wünſche Euer Ed⸗ len eine Seuche obendrein.« „Nein, Freund, das iſt kein freundlicher Wunſch für* Andere,“ erwiederte ich. Der Matroſe faßte mich ſcharf in die Augen, als ob er erſtaunt ſei; denn bis ich geantwortet, hatte er mich nur flüchtig angeſehen. „Was blickſt Du ſo?« fragte ich. 3»Gütiger Himmel!« rief er aus.»Es iſt— und doch, es kann nicht ſein!« „Kann nicht ſein! was denn, Freund?« Er lief vor die Thür, las den Namen auf meinem Schilde, kam wieder herein und ſank auf einen Stuhl. 3 *) Banyantage nennen die Matroſen(nach den Banyanen in Oſtindien, die überhaupt kein Fleiſch eſſen) die beiden Tage in der Woche, an welchen ſie lein Fleiſch belom⸗ men. Anm. d. Ueberſ. 87 »Japhet— ich habe Dich endlich gefunden!« ſprach er mit ſchwacher Stimme. »Großer Gott! wer biſt Du?« Er riß ſich den Hut, an deſſen innere Seite falſche Locken angeheftet waren, vom Kopfe, und ich erkannte Timotheus. Mit Einem Sprunge ſetzte ich über den Laden und lag in ſeinen Armen. d »Iſt es möglich?« rief ich nach ein r Paufe tiefer Rührung aus;»ſehe ich Dich als verſtü 1 troſen wieder?« 2 »Iſt es möglich,« entgegnete⸗inothy,„»daß ich Dich als Quäker wiederfinde?« » So iſt es, Timothy. Ich bin wahr und wahrhaf⸗ tig ein Quäker.« »So biſt Du weniger gut verkleidet, als ich,« er⸗ wiederte er, indem er ſein hölzernes Bein von ſich ſchlenkerte und ſein natürliches, das in die Höhe gebun⸗ den und durch ſein weites blaues Beinkleid verſteckt ge⸗ weſen war, wieder gerade machte.»Ich bin nicht mehr ein Matroſe als Du, Japhet, und habe, ſeitdem Du da⸗ voongingſt, das Meer, von dem ich ſo viel rede und ſinge, nicht einmal geſehen,« »Du haſt alſo Betrug geſpielt, was mir ſehr Leid thut, Timotheus.« »Ja, jetzt ſehe ich, daß Du ein Quäker biſt,« ver⸗ ſetzte Tim;»doch ſchilt nicht mit mir, bis Du meine Geſchichte gehört haſt. Ich habe Dich, Gott ſei Dank! endlich gefunden. Doch ſag mir, Japhet, T u wirſt mich doch nicht wieder fortſchicken? Wenn Dein Kleid auch verändert iſt, ſo iſt doch ſicher Dein Herz daſſelbe ge⸗ blieben. Bitte, antworte mir, bevor ich noch ein Wort ſage. Du weißt, daß ich mich hier nützlich machen kann. ⸗ 88 „In Wahrheit, Timothy, ich habe mich oft ſeitdem ich hier bin, nach Dir geſehnt, und ſollte ich mich von. Dir trennen, ſo wird es Deine eigene Schuld ſein. Du ſollſt mir in meinem Geſchäfte beiſtehen; Du mußt Dich — aber kleiden wie ich mich kleide.« »„Mich kleiden wie Du? habe ich es denn nicht im⸗ mer gethan? Waren wir nicht ziemlich ähnlich geklei⸗ det, als wir Cophagus Haus verließen? Trugen wir 3 nicht Beide Flittern⸗beſetzte Jacken? Habe ich icht Deine Livrée getragen, als ich in Deinem Dienſte war? — Ich will Alles was Du willſt anziehen, Japhet— nur keine Trennung wieder.« „»Es wird auch keine wieder eintreten, hoffe ich, mein guter Timothy. Doch mein Gehülfe wird bald wieder zurück ſein, und ich möchte nicht, daß er Dich in dieſem Aufzuge ſähe. Geh' alſo nach dem Wirths⸗ hauſe am Ende der Straße, und ſobald Du mich vor⸗ über gehen ſiehſt, folge mir nach. Wir wollen vor das 3 Thor gehen und Alles beſprechen.⸗— »Erſt will ich nach meiner Herberge, wo ich andere Kleidungsſtücke habe, mich umkleiden und dann auf Dich 3 warten. Gott ſegne Dich, Japhet.⸗ Timotheus raffte ſeine auf den Boden gefa enen/ Lieder zuſammen, band ſein geſundes Bein in die Höht. und das hölzerne daran, drückte mir ſchweigend die Hand, und eilte hinaus. Nach einer halben Stunde kehrte mein Gehülfe zu⸗ rück; ich hl ihm, die Apotheke nicht zu verlaſſen, da mich ein Geſchäft aus dem Hauſe riefe, und begab mich nach dem beſtimmten Orte, an welchem ſich auch* Timotheus bald einfand. Er hatte ſeine Matroſentracht 4 abgelegt, und war ſchäbig⸗gentil gekleidet, wie man es— nennt. Nach einer abermaligen herzlichen Begrüßung her die Mobilien, nebſt Deinen zurü — dungsſtücken und anderen werthvollen E nem Worte Alles, mit Ausnahme des T chens und der Piſtolen, die dem Major Carbonnell ge⸗ hört hatten; denn ich dachte, Du könnteſt ſie dereinſt noch gebrauchen.«. 89 bat ich ihn, mir zu erzählen, was für Schickſale er ſeit unſerer Trennung erlebt hätte. »Du kannſt Dir von meinem Schmerz keine Vor⸗ ſtellung machen, Japhet,« hob er an,»als ich aus Dei⸗ nem Briefe erſah, daß Du mich verlaſſen hätteſt. Es war mir nicht entgangen, daß Du Dich lange unglück⸗ lich gefühlt hatteſt, und ich war darüber eben ſo ſehr bekümmert, wiewohl mir der Grund verborgen war. Bis ich Deinen Brief erhielt, wußte ich durchaus nicht, daß Du all' Dein Geld verſpielt hatteſt; und Du kränk⸗ teſt mich mehr dadurch, daß Du mich unter ſolchen Um⸗ ſtänden verließeſt, als wenn Du im Ueberfluſſe und in unabhängiger Lage geweſen wäreſt. Dich aufſuchen zu wollen, wäre nutzlos geweſen, das wußte ich, und ging daher augenblicklich zu Mr. Maſterton, um ſeinen Rath zu hören. Er hatte Deinen Brief erhalten und der Inhalt ſchien ihn ſehr verdroſſen zu haben.»Der thö⸗ richte Menſch,« ſagte er; allein es läßt ſich in der Sache nichts thun. Er iſt toll, und das iſt Alles, was ſich zu ſeiner Entſchuldigung ſagen läßt. Du wirſt wohl thun müſſen, was er Dir befohlen hat, und magſt Dich durchſchlagen, ſo gut Du kannſt. Ich will Dir ſo viel es in meinen Kräften ſteht behülflich ſein, ar⸗ mer Schelm,« ſagte er,»alſo trockne Deine Thränen.⸗ Ich ging nach Hauſe zurück, packte Deine Papiere zu⸗ ſammen und verſiegelte ſie. Ich wußte, daß das Haus lletten⸗Käſt⸗ H „Es war äußerſt gütig von Dir, Timothy, eine Rückſicht dieſer Art auf mich zu nehmen! Ich werde mich in der That freuen— doch nein, was habe ich jetzt mit Toilettenkäſtchen oder Piſtolen zu ſchaffen? Ich bedarf ihrer nicht, aber nichts deſto weniger danke ich Dir.“« „»Nachdem ich Alles verhandelt und ſämmtliche For⸗ derungen berichtigt hatte, blieben mir noch vierhundert und dreißig Pfund übrig.«. Das freut mich Deinetwegen, Timothy; doch be⸗ daure ich, daß Dir das Geld, nach Deinem Aufzuge zu urtheilen, von ſo geringem Nutzen geweſen zu ſein ſcheint.« „Weil ich keinen Gebrauch davon machte, Japhet. Was hätte ich mit all' dem Gelde anfangen ſollen? Ich brachte es nebſt Deinen Papieren, dem Toiletten⸗ Käſtchen und den Piſtolen Mr. Maſterton; er hat noch Alles in Händen, und es liegt bereit für Dich. Er war ſehr gütig gegen mich, und bot mir ſeinen Beiſtand an; aber ich hatte beſchloſſen, Dich auf uchen. Als Du fortgingſt hatte ich mehr Geld in Taſche als gewöhnlich, und mit Dem, was von der Summe, die Du zur Berichtigung Deiner letzten Schulden zurück⸗ gelaſſen hatteſt, übrig blieb, belief ſich meine Baarſchaft auf zwölf bis vierzehn Pfund. Ich ſagte alſo Mr. Ma⸗ ſterton Lebewohl, und bin ſeitdem um meinen Herrn zu ſuchen au teuer ausgezogen geweſen.« „Ni⸗ e Herrn, Timothy, ſag lieber: Deinen Freund.« »Nun, Eine wie das Andere, wenn Du es willſt, Japhet; und ich habe hühſche Abenteuer gehabt, und bin einigen ſchweren Gefahren mit genauer Noth entgangen, das kann ich Dich verſichern.« 4 A 2 91 »Wenn wir unſere Abenteuer gegen einander hal⸗ ten, ſo werden die meinigen, glaube ich, als die ſelt⸗ ſamſten erſcheinen, Timothy; doch wir können das bis zu einer gelegeneren Zeit verſchieben. Kannſt Du er⸗ rathen, bei wem ich jetzt wohne?« »Bei einem Quäker vermuthlich.« »So weit haſt Du es getroffen; aber was meing Du, wer dieſer Quäker iſt?« »Ich bin ſchon am Ende.« „»Mr. Cophagus.« Bei dieſer Nachricht machte Timotheus einen Luft⸗ ſprung, drehete ſich auf Einem Beine rund herum um, und warf ſich, in ein unmäßiges Gelächter ausbrechend, auf das Gras. » Cophagus!— ein Quäker geworden!« rief er end⸗ lich aus.»O, wenn ich ihn nur erſt ſähe. Stock an der Naſe— breite Krempen— weite Schöße— und ſo fort. Herrlich!« »Was ich Dir ſage, Timothy; doch Du darfſt die Sekte nicht zum Beſten haben.« »Das iſt auch meine Abſicht nicht, allein der Ge⸗ danke hat gar zu viel Lächerliches für mich. Iſt es aber nicht noch ſeltſamer,« fuhr Timotheus fort,» daß wir nach einer ſo langen Trennung Alle wieder zuſam⸗ menkommen— daß ich Mr. Cophagus wiederfinde— und eine Apotheke— daß Du Arzneien bereiteſt— und ich, wie ich hoffe, werde ſie wie frü den Kunden zutragen. Ich will in demſelben Schiffe n und ein Quäker werden, wie Ihr Beide es geworden ſeid.« »Gut. Laß uns jetzt zurückkehren. Ich will Dich zu Mr. Cophagus führen, der ſich, ich weiß es, freuen wird, Dich wiederzuſehen. 3 t ich möchte es lieber.⸗ „Doch laß mich erſt die Quaͤker⸗Tracht anlegen— „Du ſollſt von mir einen Anzug haben, Timothy, da Du es nun einmal wünſcheſt. Laß Dir aber ſagen, daß es ganz und gar nicht nothwendig iſt; auch wirſt Du ohne eine vorhergegangene Prüfung in die Verbrü⸗ derung nicht aufgenommen werden.«— Ich begab mich hierauf nach der Apotheke, ſchickte den Gehülfen fort, ging nach Hauſe, nahm einen abge⸗ legten Anzug aus dem Schranke, und eilte damit zu Timotheus. Er legte ihn in der Apotheke an, trat hierauf hinter den Ladentiſch und ſagte:»Dies iſt mein Poſten und ich werde ihn nicht eher verlaſſen, als bis Du ſelbſt fortgehſt.« „Das hoffe ich, Timotheus. Ich kann meinem jetzi⸗ gen Gehülfen leicht eine andere Kondition ausmachen, und da er verheirathet iſt, ſo wird er nicht ungern abgehen.“—. „Ich habe etwas Geld,« ſagte Timothy, aus ſeinem abgelegten Rocke einen Lappen hervorholend, in welchem ſich zwanzig Pfund befanden.»Ich erſcheine in blü⸗ henden Vermögensumſtänden, wie Du ſiehſt. ⸗ „Das muß ich geſtehen,“ erwiederte ich. »Ja, es kommt Dem nichts gleich, ein Matroſe mit Einem Beine zu ſein und Lieder dabei zu ſingen. Glaubſt Du wohl, daß ich bisweilen mehr als ein Pfund des Tags aufgenommen, ſeitdem ich mich als Matroſe verkleidet habe?« »Nich eine ſehr redliche Art, Tim.“ »Vielleicht nicht, Japhet; aber es iſt ſonderbar und doch ſehr wahr, daß ich als ehrlicher Mann nichts vor mich bringen konnte, und ſobald ich auf Betrug aus⸗ ging, iſt es mir gut gegangen.“ 93 Dreizehntes Kapitel. Timotheus beginnt die Geſchichte ſeines Suchens nach Japhet. Lebhaft drängte ſich mir der Gedanke auf, daß ich im Laufe meines abenteuerlichen Lebens dieſelben Erfah⸗ rungen wie Timotheus gemacht hatte. Allein ich war ſchon längſt einig darüber mit mir geworden, daß ſich die Unredlichkeit nicht entſchuldigen läßt, und daß zu⸗ letzt doch nur Schande ihr Lohn wird. Ich ging früh am Abend nach Hauſe, um Timotheus Mr. Cophagus vorzuſtellen, der ihn mit freundlicher Güte empfing, und ſogleich ſeine Zuſtimmung gab, daß er mir in der Apotheke Hülfe leiſten ſollte. Timotheus machte den Frauenzimmern ſeine Aufwartung, und ging ſodann mit Ephraim, der ihn in ſeinen Schutz nahm, hinunter in die Geſindeſtube. Nach wenigen Tagen fühlte er ſich ſo zu Hauſe, als ob er ſchon Monate un⸗ ter uns gelebt hätte. Anfangs hatte ich einige Mühe, ſeiner Lebhaftigkeit und Neigung zum Spötteln Zaum und Zügel anzulegen; es gelang mir indeß allmälig, und ich fand in ihm nicht allein einen bedeutenden Bei⸗ ſtand, ſondern auch, was er ſtets geweſen war, einen aufgeräumten, liebevollen Geſellſchafter. In den erſten Tagen unſerer Wiedervereinigung hatte ich ihm meine Abenteuer erzählt, und viele Fra⸗ gen in Beziehung auf meine wenigen Freunde an ihn gerichtet. Er ſagte mir, er habe von Mr. Maſterton erfahren, daß Lady de Clare und„Fleta ihn beſucht hät⸗ ten und über den Inhalt meines Briefes tief betrübt geweſen wären; daß Lord Windermear ebenfalls ſeinen Verdruß darüber geäußert, daß ihm endlich Mr. Ma⸗ ſterton den Rath gegeben, als Kammerdiener ſein Un⸗ terkommen zu ſuchen, deſſen er ſich jedoch geweigert, und ihn mit ſeiner Abſicht, mich aufzuſuchen, bekannt gemacht habe. Er habe ferner Mr. Maſterton verſpro⸗ chen, ſobald er mich gefunden haben würde, ihn in Kenntniß davon zu ſetzen, und ſich dann empfohlen. »Wenn ich im Bette lag,« fuhr Timotheus fort, „ſann ich oft darüber nach, welche Maßregeln ich er⸗ greifen ſollte. Endlich wurde ich mit mir einig, daß es eine vergebliche Mühe ſein würde, dich auf die Art aufſuchen zu wollen, wie du deinen Vater geſucht hat⸗ teſt, und daß mein Geld dabei bald auf die Neige gehen würde. Es fiel mir daher ein, ob es nicht beſſer wäre, irgend ein Hauſirergewerbe zu ergreifen, das mir Unter⸗ halt gewähren und mich zugleich in den Stand ſetzen würde, von Ort zu Ort wandern zu können. Und nun rathe ein Mal, worin meine erſte Spekulation beſtand. Ich erblickte einen Mann, der einen Hund vor einen kleinen Wagen geſpannt hatte, und Hunde⸗ und Katzen⸗ futter feil bot. Da dachte ich:»Das paßt für Dich auf ein Haar— es iſt ein Gewerbe— Du kannſt da⸗ bei reiſen und Deinen Unterhalt verdienen.«Ich knüpfte mit dem Manne ein Geſpräch an, ging mit ihm in ein Wirthshaus und ließ ihm eine Kanne Bier geben; und nachdem ich ihn über alle Geheimniſſe des Geſchäfts ausgeforſcht hatte, ließ ich noch eine Kanne Bier kom⸗ men, und machte ihm den Vorſchlag, ihm ſeine ſaͤmmt⸗ lichen Geräthſchaften, Meſſer und Schürze eingeſchloſ⸗ ſen, abzukaufen. Der Menſch ging darauf ein, und nach vielem Feilſchen zahlte ich ihm drei Guineen für 95 das Ganze. Er fragte mich, ob es meine Abſicht ſei, in London hauſiren zu gehen; ich verneinte, und fügte hinzu, daß ich das Land durchziehen wolle. Er rieth mir, die nach Weſten führende Heerſtraße einzuſchlagen, da ich auf derſelben viele volkreiche Städte finden würde. Um den Handel zu bekräftigen, leerten wir noch eine Kanne Bier, ich bezahlte die Zeche und nahm, entzückt über mein neues Geſchäft, von meinen Geräthſchaften Beſitz. Ich ſchlug den Weg nach Brentford ein, ver⸗ kaufte bald hier bald da ein Stück Fleiſch, und langte endlich auf derſelben Bank an, auf welcher wir früher unſere Mahlzeit verzehrt hatten.“ „ Es iſt ſonderbar, daß es mir eben ſo ging, und die Bank war für mich obendrein eine ſehr unheilvolle.« »Für mich ebenfalls, wie Du gleich hören ſollſt. Ich herbergte in dem Wirthshauſe und machte drei Tage in Brentford gute Geſchäfte. Am Abend des dritten Tages war ich in der Dämmerung in mein Quartier zurückgekommen, und ſetzte mich auf die Bank, um an Dich zu denken. Mein Hund war ein wenig müde und hatte ſich vor dem kleinen Wagen niedergeſtreckt, als ich auf ein Mal ein durchdringendes Pfeifen vernahm. Augenblicklich ſprang der Hund in die Höhe und lief eine Strecke fort, ehe ich ihn daran hindern konnte. Das Pfeifen wurde wiederholt, und mit Blitzeseile rannte der Hund mit dem Wagen davon. Ich lief, ſo ſchnell ich vermochte, hinter ihm drein, war aber nicht im Stande, ihn einzuholen, und erblickte endlich ſeinen ehemaligen Herrn, der mit der größeſten Eile vor ihm her lief, weshalb ich den Hund nicht zum Stehem brin⸗ gen konnte. Desungeachtet würde ich ihn. wieder ein⸗ geholt haben, wenn nicht eine alte Frau mit einem Kochtopfe aus einem Hauſe getreten wäre, um das heiße Waſſer darin auf die Straße zu gießen; ich rannte ſie zu Boden und ſtürzte in eine Kellerluke hinunter. Da lag ich und ehe ich mich wieder herausarbeiten konnte, waren Mann, Hund, Wagen, Hundefutter und Katzenfutter ſammt und ſonders verſchwunden, und ich habe ſie nie wieder geſehen. Der Schuft entkam glück⸗ lich und ich war geprellt. So erging es mir bei mei⸗ nem erſten Geſchäfte.« »Nachdem mich die Alte derb ausgeſcholten, und mir ein Gericht heißen Kohl in das Geſicht geſchleudert hatte— denn ſie wollte lieber hungrig zu Bette gehn, als ihre Rache unbefriedigt laſſen— kehrte ich nach dem Wirthshauſe zurück und ſetzte mich in die Trink⸗ ſtube. Die beiden mir zunächſt ſitzenden Männer wa⸗ ren Hauſirer; der eine trug einen großen Packen Baum⸗ wollenzeuge und der andere einen Kaſten mit Kämmen, Nadeln, Band, Scheeren, Meſſern und ſcheingoldenen Schmuckſachen von Ort zu Ort. Ich knüpfte mit ih⸗ nen ein Geſpräch an, und da ich ſie frei hielt, wurden wir bald gute Freunde. Sie erzählten mir, wie hoch ſich ihr täglicher Verdienſt beliefe und wie ſie ſich durch⸗ zuhelfen wüßten, und ihre Lebensweiſe kam mir für eine unſtete ganz angenehm vor. Nachdem ich mir nun jede nöthige Auskunft verſchafft hatte, kehrte ich nach Lon⸗ don zurück, löſ'te mir für zwei Guineen einen Hauſirer⸗ ſchein, kaufte eine ziemliche Menge Waaren, und begab mich abermals auf die Wanderſchaft. Dieſes Mal ſchlug ich die nach Norden führende Heerſtraße ein, ſetzte meine Waaren an die Landleute bei Kleinigkeiten ab, und hatte mein gutes Auskommen. Ich machte aber bald die Bemerkung, daß ich ohne eine Zeitung kein rechter Hauſirer ſei, und daß das Zeitungsblatt, je radikaler, meinen Kunden deſto angenehmer ſein würde. Wenn 97 ein Hauſirer nur’leſen kann, ſo deckt ihm ein Zeitungs⸗ blatt die Hälfte ſeiner Ausgaben. In jedem Hauſe, be. ſonders in jeder kleinen Schenke, wird er freundlich aufgenommen, man überläßt ihm den wärmſten Sitz am Kaminfeuer, und er erhält freie Wohnung und Koſt, mit Ausnahme der Getränke, ſobald er das Zeitungs⸗ blatt hervorholt und es den Umſtehenden, die nicht le⸗ ſen können, vorlieſ't, beſonders wenn er das ihnen Un⸗ verſtändliche zu erläutern verſteht. Ich wurde ein gro⸗ ßer Politiker, und überdies ein eifriger Radikaler, denn dieſe politiſche Geſinnung war bei der ärmern Klaſſe vorherzſchend. Ich lebte gut, ſchlief gut, und meine Waaren fanden ſchnellen Abſatz. Ich nahm zwar ſelten mehr als drei Schillinge täglich ein, da jedoch zwei davon reiner Gewinn waren, ſo machte ich deßunge⸗ achtet gute Geſchäfte. Es trug ſich indeſſen ein kleiner Unfall zu, der mich nöthigte, mein Gewerbe gegen ein anderes zu vertauſchen, oder wenigſtens die Beſchaffeu⸗ heit meiner Waaren zu ändern.« „» Und was war das für ein Unfall? ⸗ »O, eine bloße Kleinigkeit. Ich war ſpät am Abend in einer Dorfſchenke eingekehrt, hatte meine Waaren, die ſich in einem bemalten Kaſten befanden, auf dem Tiſche der Trinkſtube wieder eingepackt, und hielt, nachdem ich einen Artikel aus dem Zeitungsblatte vor⸗ geleſen, eine ſchöne Rede, die, wie ich ſtets zu bemer⸗ ken Gelegenheit hatte, mit großem Beifall aufgenom⸗ men wurde. Die Rede handelte von der Gleichheit der Rechte, und der. Zweckmäßigkeit einer gleichmäßigen Gütervertheilung, und bewies, da alle Menſchen gleich wären, daß Niemand das Recht ube mehr Eigenthum zu beſitzen, als ſein Nachbar. Die Zuhörer hatten ſich alle um mich verſammelt, und gaben ihren Beifall auf Japhet III. 7 98 eine lärmende Weiſe zu erkennen, als es mir einfiel, nach meinem Kaſten zu ſehen, der mir durch das Hin⸗ zudrängen der Zuhörer aus den Augen gekommen war, wo ich deun zu meinem höchſten Verdruſſe gewahr wurde, daß meine eindringlichen Worte über die Billigkeit der Gütergemeinſchaft auf meine Zuhörer ſo mächtig gewirkt hatte, daß Einer von ihnen ſich meines Kaſtens be⸗ mächtigt und damit fortgegangen war. Unglücklicher⸗ weiſe hatte ich faſt meine ganze Baarſchaft zu größerer Sicherheit in denſelben hineingelegt, und nur das ſeit den letzten drei Tagen aufgenommene Geld, ungefähr ſiebenzehn Schillinge, in der Taſche. Jedermann be⸗ dauerte meinen Verluſt, wollte aber nichts davon wiſ⸗ ſen, wo der Kaſten geblieben wäre; und als ich den Gaſtwirth verantwortlich machen und an ihn mich hal⸗ ten wollte, ſchalt er mich einen radikalen Schurken, und warf mich zur Thür hinaus.« »Wenn Du Dich etwas mehr um Deine eigenen Güter, und weniger um die anderer Leute bekümmert häͤtteſt, wäre es Dir beſſer ergangen, Tim,« bemerkte ich mit Lachen. »Sehr richtig, ich bin indeß ſeitdem nie wieder als Radikaler aufgetreten,« erwiederte Tim.»Doch ich fahre in meiner Erzählung fort. Ich begab mich nach der nächſten Stadt, und ergriff ein noch armſeligeres Geſchaͤft. Ich kaufte einen Korb und füllte ihn für mein übriggebliebenes Geld mit dem gewöhnlichſten Steingut, Näpfen, Krügen und Töpfen an, hob ihn auf meinen Kopf, und durchzog mit ihm das Land. Allein es war ein beſchwerliches Geſchäft, und brachte mir weniger Gewinn, als mein früheres. Ich nahm indeſſen ſieben bis neun Schillinge die Woche ein, was zu meinem Unterhalte ziemlich hinreichte, und beſuchte genommen, daß die meinige eine Köchin iſt, ohne jedoch eine einzige zu treffen, die mir auch nur im entfernte⸗ ſten ähnlich geſehen hätte. Bisweilen erſetzte eine Kö⸗ chin zerbrochenes Geſchirr dadurch, daß ſie von meinen Waaren das Fehlende nahm, und mir eine Mahkzeit, die ihrer Herrſchaft fünf Schillinge gekoſtet haben mußte, mittheilte, und ſo eines Gegenſtandes Willen, der nur zwei Pence an Werth war, einer Rüge entging. Bisweilen gab mir ein Landmann eine Nachtherberge, und glaubte ſich hinlänglich belohnt, wenn ich ihm ein Töpfchen, das mir nur einen Penny gekoſtet hatte, zur Erkenntlichkeit anbot. Ich ſehte dieſes Geſchäft über drei Monate fort, und während dieſer ganzen Zeit zer⸗ brach ich kein einziges Stück, bis eines Tages, als ich durch Eaton ging, mein ganzer Vorrath in Scherben verwandelt wurde.⸗ » Wie ging denn das zu?« »Ich begegnete einem Dutzend Knaben von der dor⸗ tigen hohen Schule, die mir den Vorſchlag machten, ich ſollte meine Waaren, ein Stück nach dem andern, auf einen Pfahl ſtellen, und ſie wollten mit Steinen danach werfen, und mir für jeden Wurf einen Penny bezahlen. Der Handel kam mir ganz annehmlich vor und ich ſtellte einen Topf, einen Penny an Werth, auf den Pfahl. Schon bei dem zweiten Steinwurfe zerbrach der Topf in tauſend Stücke; ich hatte alſo recht gehabt, 7 den vollen Werth darauf zu ſetzen, denn die Schuler warfen mit erſtaunlicher Sicherheit. Jeder hatte einen Stock, den ich bei jedem Wurfe kerhte, ſo daß ich, wenn Alles vorüber war, wiſſen konnte, was er zu bezahlen hatte. Ein Stück nach dem andern wurde auf den Pfahl geſtellt, bis mein Korb leer war, worauf ich mit den 782 8 * 100 Schülern abrechnen wollte; ſobald ich aber davon zau reden anfiug, ſchlugen ſie ein lautes Gelächter auf und liefen davon. Ich rannte hinter ihnen drein, hätte aber eben ſo gut Aale verfolgen mögen. Wenn ich den Ei⸗ nen gepackt hatte, riſſen und zerrten die Anderen an meinen Rockſchößen, bis er entwiſchte; endlich kamen ſte alle davon, und ich behielt von meinem ganzen Ei⸗ genthume nichts übrig.“« 3 „Nicht einmal Deinen Korb?« »Nein, auch nicht einmal den; denn während ich binker Einigen herlief, ſtießen ihn die Anderen mit den Füßen vor ſich her, bis ich ihn aus den Augen verlor. Es blieben mir nur noch acht Pence in der Taſche; Du ſiehſt alſo, Japhet, wie ich nach und nach in der Welt herunterkam.« »Ja, wahrlich, das thateſt Du, Tim. ⸗ Vierzehntes Kapitel. Timothu ſchließt ſeine Erzählung. »Ich ging von dannen, indem ich ſämmtliche Schü⸗ ter und alle ihre Lehrer verwünſchte, die ihnen außer Latein und Griechiſch nicht auch Redlichkeit beigebracht hatten, und kehrte in einer elenden Schenke ein, in wel⸗ cher man für zwei Pence ein Nachtlager und Flöhe in ganzen Schaaren obendrein haben konnte. Ich traf in derſelben einige Bänkelſänger und Bettler an; ſie zech⸗ ken und waren guter Dinge, und fragten mich, was 101 mir fehle. Ich erzählte ihnen, was mir begegnet ſei; ſie lachten mich aus, gaben mir jedoch zu eſſen, und ich verzieh ihnen. Ein alter Mann, der Vorſtand der Geſellſchaft, fragte mich ſodann, ob ich Geld hätte, worauf ich mein großes Kapital von acht Pence zum Vorſcheine brachte.„S' iſt über genug, wenn Du nur geſcheit biſt,« ſagte er;„ mehr als genug Mancher, der mit der Haͤlfte der Summe. angefangen, hat ſich am Ende Equipage gehalten. Ein Mann, der Tanu⸗ ſende beſitzt, iſt gegen Dich nur um einige Jahre im Vortheil. Du magſt für Dein Nachtlager bezahlen, und Dein übriges Geld in Schwefelhölzern anlegen, mit welchen Du denn in der Welt hauſiren gehen kannſt. Wenn Du Glück haſt, ſo wirſt Du Morgen Abend ei⸗ nen Schilling verdient haben. Ueberdies gehſt Du ja in die Häuſer und Küchen, wenn die Köchin nicht da iſt. Da läßt ſich dann Manches aufleſen.»„Aber ich bin nicht unredlich,«« entgegnete ich.»»Meinetwe⸗ gen; Jedermann hat ſeinen eigenen Geſchmack. Wenn Du es aber wäreſt, ſo würdeſt Du um ſogfrüher in Deiner eigenen Kutſche fahren.»»Nehmen wir aber an, daß Niemand meine Schwefelhölzer wollte, was dann?«« fragte ich.»»Ich werde Hungers ſterben müſſen.&᳄ Hungers ſterben!— nein, nein— in dieſem Lande ſtirbt Niemand Hungers, Du haſt weiter nichts zu thun, als Dich in das Gefängniß bringen zu laſſen, und wirſt dort vielleicht beſſer leben, als je zu⸗ vor. Ich habe in allen⸗Gefängniſſen Alt⸗Englands ge⸗ ſeſſen, und kenne die guten, denn auch zwiſchen den Gefängniſſen giebt es einen Unterſchied. Das hieſige zum Beiſpiel iſt eins der beſten in ganz England, und ich pflege es im Winter zu beziehen.“« Dieſe Rede. dde Bettlers ergötzte mich höchlich; er ſchien einer der .102 luſtigſten alten Landſtreicher im ganzen Lande zu ſein. Ich folgte ſeinem Rathe, kaufte Schwefelhölzer fuͤr ſechs Pence, und trat meine neue Spekulationswande⸗ rung an.“ 3 „»Am erſten Tage löſ'te ich drei Pence für ein Vier⸗ tel meines Waarenvorrathes, und kehrte nach der Her⸗ berge zurück, allein die Bande war auf einen Streif⸗ zug ausgezogen. Ich gab für Käſe und Brot zwei Pence und für das Nachtlager einen Penny aus, und begann am andern Morgen von Neuem meine Wande⸗ rung, allein mit ſchlechtem Erfolge. An dieſem Tage ſchien es, als ob Niemand Schwefelhölzer bedürfe, und nachdem ich von ſieben Uhr des Morgens bis nach ſieben Uhr Abends von Haus zu Haus gewandert war, ohne auch nur für einen Heller zu verkaufen, ſetzte ich mich völlig erſchöpft im Portale eines Bethauſes nieder. End⸗ lich ſchlief ich ein, und was meinſt Du, wie ich geweckt wurde?— durch eine ſtarke Empfindung des Erſtickens. Ich fuhr in die Höhe, huſtend, faſt erſtickt und in 1 Rauch gehüllt. Einige ſchadenfrohe Knaben hatten mich ſchlafend gefunden, und meine Schwefelhölzer, die ich in der Hand zwiſchen den Beinen hielt, angezündet, und ich wachte nicht eher auf, als bis meine Finger ſtark verbrannt waren. Damit hatte meine Spekula⸗ tion mit Schwefelhölzern ein Ende, weil mein Kapital zu Ende war. a »Armer Timothy, Du dauerſt mich wirklich.« »Thut ganz und gar nicht noth, lieber Japhet, denn 3 bei allen meinen Leiden wurde ich doch nie zum Tode ver⸗ urtheilt, mein Elend war eine Kleinigkeit, zum Lachen nur⸗ Ich war damals freilich ſehr unglücklich, ſchlich davon und überlegte ſchon die Zweckmäßigkeit, mich ſo bald als 4 möglich einſtecken zu laſſen, da dies der Bettler ſo Me empfohlen hatte. Ich befand mich am Ausgange der Stadt, als ich zwei Menſchen, die mit einander ran⸗ gen, erblickte, und auf ſie zuging.»„»Hör,« ſagte der Eine, der ein Konſtabler zu ſein ſchien;„»Du mußt mit mir gehen. Siehſt Du jene Tafel nicht? Alle Landſtreicher ſollen aufgegriffen und dem Geſetze gemäß beſtraft werden.««»„Daß Dich der Taufel in ſeinen Klauen halten thäte, Du alter pſalmſingender Schuft. Du— bin ich nicht'n Matroſe?— und bin ich nicht'n Vagabunde von Profeſſion und den Geſetzen gemäß?«⸗ „„S' hilft Dir nichts,«« entgegnete der Andere; „»»Kund und zu wiſſen, ich befehle Dir im Namen des Königs, Dich ins Gefängniß abführen zu laſſen, und befehle auch Euch, junger Mann,«« fuhr er, zu mir ſich wendend, fork;»„ ich befehle Euch, als ein ge⸗ treuer Unterthan mir beizuſtehen!««»„Was willſt Du dem armen Schelm für ſeine Mühe geben?« fragte der Matroſe.»„»S' iſt ſeine Pflicht, als getreuer Un⸗ terthan; nichts kriegt er. Wenn er's aber nicht thun will, ſo ſoll er auch ins Gefängniß wandernse«»„Nun denn, Du altes Nashorn, ſo will ich ihm fünf Schil⸗ linge geben, wenn er mir beiſteht; nun mag er wählen.«s Der Ausgang mag ſein, welcher er will, dachte ich, glücklich muß die Sache jedenfalls enden; allein ich will dem beiſtehen, der am freigebigſten iſt. Ich näherte mich daher dem Konſtabler, der ein großer, ſchwerfäl⸗ liger Menſch war, und ſtellte ihm ein Bein; er ſtürzte rücklings zu Boden, und ſchlug mit dem Kopfe auf die Erde. Du kennſt meinen alten Kniff, Japhet.« »O ja; ich wüßte nicht, daß er Dir jemals miß⸗ glückt wäre.« 4 „»»Du wirſt ihm ſein Gallion⸗ Bild ganz eingeſchla⸗ genahaben,⸗« ſagte der Matroſe zu mir;„»»laß uns 104 alſo alle Segel beiſetzen und die näͤchſte Stadt zu errei⸗ chen ſuchen. Ich weiß einen ſichern Ankerplatz. Komm nur mit mir, und ſo lange ich noch'nen Schuß im Pulverkaſten habe, will ich verdammt ſein, wenn ich ihn nicht mit Dir theile, denn Du biſt mir ein Freund in der Noth geweſen.«« Der Konſtabler lag noch immer ohne Bewußtſein da; wir löſ'ten ihm indeß das Hals⸗ tuch, ließen ihn liegen, und eilten, ſo ſchnell wir konn⸗ ten, davon. Mein neuer Gefährte, der ein hölzernes Bein hatte, lief auf einen Zaun zu und kletterte hinüber. »»Wir haben keine Zeit zu verlieren,«« ſagte er, „„und es kann nicht ſchaden, wenn ich von beiden Beinen Gebrauch mache.«« Mit dieſen Worten ſchnallte er das hölzerne Bein los und befreite ſein natürliches, das eben ſo wie das meinige befeſtigt war. Ich machte keine Bemerkungen darüber, denn wir begaben uns ſo⸗ gleich wieder auf die Flucht, und nachdem wir in kur⸗ zex Zeit fünf Meilen zurückgelegt hatten, erreichten wir ein Dorf.»„»Hier wollen wir Nachtqnartier ma⸗ chen,«« ſagte mein Gefährte.»» Aber wir müſſen Mor⸗ gen bei Zeiten auf ſein, denn man wird uns mit Ta⸗ gesanbruch, oder doch gleich darauf nachſetzen. Ich kenne die Spürhunde wohl, vor Sonnenaufgang kriechen ſie nicht aus den Federn.«« Wir gingen in eine elende Schenke, und ſetzten uns zu einem viel beſſern Abend⸗ eſſen, als ich es in einer ſo erbärmlichen Wirthſchaft hätte erwarten können. Allein mein neuer Freund er⸗ ließ ſeine Befehle mit dem Tone eines Gebieters, und die ſämmtlichen Hausbewohner gehorchten ſeinem ge⸗ ringſten Winke. Als wir ein paar Glas Grog geleert hatten, legten wir uns zu Bette.“ ⸗ Am andern Morgen begaben wir uns vor Tages⸗ anbruch wieder auf den Weg nach einer andern Stadt, 105 wohin ihm, ſagte mir mein Gefährte, die Konſtabler nicht folgen würden. Unterwegs fragte er mich, wo⸗ durch ich meinen Unterhalt erwürbe. Ich gab ihm eine Schilderung von meinen Unglücksfällen.»»Ein Dienſt iſt des andern werth,«« ſprach der Matroſe,»vund ich will Dir jetzt ein gutes Handwerk vorſchlagen. Kannſt Du ſingen? Haſt Du Stimme?»»Das kann ich gerade nicht ſagen,«« erwiederte ich.»»Ich meine nicht, ob Du rein ſingen kannſt, oder eine gute Stimme haſt; denn dies thut nichts zur Sache. Ich will nur wiſſen, ob Du eine tüchtige, ſtarke Stimme haſt.«»„O ſtark geung, wenn weiter nichts nöthig iſt.„„Mehr bedarf es nicht; wenn Dich die Leute nur hören, magſt Du heulen wie ein Schackal, oder brüllen, wie ein Büffel; es beſchenken uns eben ſo Viele, um uns nur los zu werden, als derer ſind, die es aus Mitleid thun, und wenn wir nur Geld bekom⸗ men, ſo iſt's gleichviel. Ich kannte'nen alten Patron, der auf ſeiner Klarinette nur Ein Lied ſpielen konnte, und obenein ganz abſcheulich ſpielte. Er trieb ſich nur auf ſechs oder ſieben Straßen herum, und machte doch ſein Glück, denn Jedermann gab ihm Geld und ſagte, er ſolle ſich packen. Sobald er dahinter kam, ſtellte er ſich jeden Morgen zur ſelbigen Stunde ein. Eine dieſer Straßen wurde beſonders von Muſikalienhändlern und italieniſchen Opernſängern bewohnt— denn jene Aus⸗ länder halten ſich immer zuſammen— und das Lied, »»an dem die alte Kuh ſtarb,«« wie man zu ſagen pflegt, war ihnen ein Gräuel. Um nun den Alten los zu wer⸗ den, warf man ihm von allen Seiten Geld zu. In der Straße war auch eine Art von Klub, der von jun⸗ gen Leuten, die einen Spaß liebten, beſucht wurde; und obald ſieſa ſhen, daß die Anderen dem Alten Geld ga⸗ 196 ben, damit er fortginge, ließen ſie ihm auch was her⸗ ausbringen, damit er ihnen was vorſpielte. Nun ſchick⸗ ten ihm die Anderen noch mehr, damit er ſich trollen möchte, und auf dieſe Art nahm der Alte mehr ein, als . alle anderen Bänkelſänger im ganzen Stadtviertel. Wenn Du nun nur eine laute Stimme haſt, ſo will ich für's Uebrige ſorgen.—„„Gewinnſt Du Deinen Unter⸗ halt auf dieſe Weiſe?«« fragte ich.„»Verſteht ſich,«⸗ erwiederte er;»»nnd glaub' mir nur, von allen Ge⸗ ſchäften iſt es das allerbeſte. Schau, mein Junge; ich bin auf einem Kriegsſchiffe geweſen— nicht daß ich ein Matroſe, oder auch nur für den Seedienſt erzogen ge⸗ weſen ware— ich wurde gepreſſt und that nur Haud⸗ langerdienſte. Von den Schiffsmannövers wußte ich we⸗ nig oder gar nichts, es wurde aber auch in meiner Stel⸗ lung nicht von mir verlangt; ich lernte daher nichts, ob⸗ gleich ich vier Jahre auf dem Schiffe war. Nur die Redeweiſe der Matroſen machte ich mir zu eigen, und die mußt Du von mir lernen. Ich lief davon, und ſchlug mich durch nach London; aber man hätte mich wieder aufgegriffen und auf ein Schiff gebracht, hätte ich mir dies hölzerne Bein nicht machen laſſen. Ich zwußte viele Lieder und begann mein Gewerbe; es giebt in der Welt kein beſſeres, das verſichere ich Dich. Willſt Du wohl glauben, daß ich nach einer gewonne⸗ nen Seeſchlacht wochenlang an zwei Pfund täglich auf⸗ genommen habe? und in gewöhnlichen Zeiten bringe ich's auf funfzehn bis zwanzig Schillinge des Tages. Da Du mir nun von jenem Landhai geholfen haſt, der bald dahinter gekommen wäre, daß ich zwei Beine habe, und mich als einen Betrüger eingeſteckt haben würde, ſo will ich Dich lehren, wie ich mir meinen Unterhalt verdiene. Du ſollſt gemeinſchaftlich mit mir arbeiten, 3 3 — 1 O 107 bis Du ſo weit biſt, für Dich ſelbſt ſorgen zu koͤnnen, und England wird dann Raum genug für uns Beide haben. Doch merke Dir's, Du mußt Niemand ſagen, wie viel Du aufnimmſt, ſonſt legt jeder Landſtreicher auf der Juſel Matroſenzeug an, und die Sachs kommt an den Tag.«« »Dieſes Anerbieten war natürlich z1 vortheilhaft für mich, als daß ich es hätte ausſchlagen ſollen, ich willigte daher mit Freuden ein. Anfangs arbeitete ich mit ihm, und hatte nur einen Arm, der andere war mir an den Leib gebunden, und der Aermel meiner Matroſenjacke hing los herunter. Wir hrüllten nach rechts und links, und wo wir uns ſehen ließen, regnete es Kupferſtücke von allen Seiten. In ungefähr drei Wochen glaubte mein Freund, daß ich allein beſtehen könnte; er gab mir daher die Hälfte der Lieder, nebſt fünf Schillingen zum Aufange, und ich ſchied von dem beſten Freunde, den ich, Dich ausgenommen, jemals gehabt habe. Seitdem habe ich das Land in allen Rich⸗ tungen durchzogen, immer Geld vollauf, und ſtets auf Alles ein wachſames Auge gehabt, ob ich vielleicht Dich entdecken möchte. Glücklicherweiſe zog Dich meine liebliche Stimme an, und nun bin ich da, und am Ende meiner Erzählung. Sollte ich mich aber jemals von Dir trennen müſſen, und mich im Elende befinden, ſo werde ich, verlaß Dich darauf, wieder zu meinem höl⸗ zernen Beine greifen.« So lautete Timothy's Erzählung ſeiner Abenteuer. »Der Gedanke, daß Du— mag ſein, in welchem Falle es wolle— zum Betruge zurückkehren möchteſt, ge⸗ fällt mir nicht, Timothy. Es könnte ſich ereignen— denn wer weiß, was ſich zutragen kann?— daß Du dereinſt auf Deine eigenen Hülſan l beſchränkt wäreſt. Sollte 108 es darum nicht beſſer ſein, wenn Du Dich bemüheteſt Dich mit unſerem einträglichen Geſchäfte bekannter zu machen? Durch Aufmerkſamkeit und Studium wirſt Du Dich in den Stand ſetzen, Mirturen eben ſo gut, wie ich, zu präpariren, und wer weiß, ob Du nicht eines Tages Beſitzer einer Apotheke, wie dieſe iſt, wirſt?⸗ »Wahrlich, wahrlich, Deine Worte ſind Worte der— Weisheit,« ſagte Tim gravitätiſch,»und ich werde Dei⸗ nem Rathe folgen.⸗ Funfzehntes Kapitel.— Eine unerwartete Nachricht ſtört meine Gemüthsruhe, und ich ſehne mich nach dem Glanze der großen Welt zurück. Ich wußte, daß mich Timothy bei ſeiner Antwort zum Beſten hatte, kehrte mich jedoch nicht daran, zu⸗ frieden damit, daß er eingewilligt. Er mußte mir jetzt helfen, und unter meiner Anleitung die Mirturen prä⸗ pariren. Ich ſetzte ihm die Eigenſchacten der Medika⸗ mente auseinander, und ließ ihn mediziniſche Werke le⸗ ſen. Mit Einem Worte, er machte ſo befriedigende Fortſchritte, daß ich ihm in kurzer Zeit Alles anver⸗ 3 trauen konnte; und da ich einen Knaben zum Herum⸗ 6 kragen der Arzneien angenommen, ſo hatte ich mehr Muße, und überließ nach Tiſche Timothy die Beſor⸗. gung der Geſchäfte. Die letzteren hatten guten Fort⸗ gang, und ich ſah mich im Sfton Geld zurückzulegen. — die dazu führen könnten, ſo war kein Erröthen, keine allein, und er brachte die Sache zur Sprache. Er be⸗ menſchaft Verzicht geleiſtet, und wünſche ſeine Schwä⸗ 109 Ich brauche dem Leſer wohl nicht zu verſichern, daß* ich alle meine Mußeſtunden in dem Cophagusſchen Hauſe zubrachte, und daß meine Liebe zu Suſanne täglich wuchs. In der That nahmen es Mr. Cophagus und ſeine Gattin als ausgemacht an, daß wir ein Paar wer⸗ den würden, und zogen mich oft damit auf, wenn Su⸗ ſanne nicht gegenwärtig war. Was aber Suſanne be⸗ traf, ſo bemerkte ich nicht, daß ihre Neigung für mich ſonderlich zunähme. Sie blieb ſtets freundlich und rück⸗ ſichtsvoll gegen mich; nahm offenbar Antheil an meinem Wohle; that dem geringſten Grade von Leichtſinn, den ſie bei mir bemerkte, fortwährend Einhalt; äußerte ihre Meinung mit Offenheit und Zutrauen, und war nach⸗ ſichtig gegen Jedermann, mich, wie ich glaubte, ausge⸗ nommen. Allein ich rückte nicht weiter in ihrer Nei⸗ gung. Die Wahrheit zu ſagen, ich wagte es nicht, ge⸗ 4 gen ſie ſo offen zu ſein, wie ich es gegen ein weuiger vollkommenes Mädchen geweſen ſein würde. Und doch 8 ſchien ſie freundlicher als gewöhnlich zu lächeln, wenn ich in das Haus trat, und meiner Geſellſchaft nie müde zu werden. Wenn ich bisweilen von bevorſtehenden Verbindungen Anderer, oder von Verhältniſſen ſprach, Verwirrung an ihr zu bemerken; ſie redete von dieſen Gegenſtänden ebenſo gelaſſen, als von allen anderen. Ich wußte nicht, wie ich mich verhalten ſollte, und war ſieben Vierkeljahre mit ihr fortwährend umgegangen, ohne das Geſtändniß meiner Liebe zu wagen. Eines Tages befand ich mich mit Mr. Cophagus gann mit der Aeußerung, wie glücklich er ſich in ſeinen ehelichen Verhältniſſen fühle; er habe auf Nachkom⸗ 110 gerin Suſanne Temple, glücklich verheirathet zu ſehen, damit er ihren Kindern ſein Vermögen hinterlaſſen könnte. Sodann legte er mir die Sache ohne Weiteres nahe genug, indem er ſagte:—»Japhet— wahrlich — biſt im Gedeihen— gutes Geſchäft— Geld kommt ſchnell ein— Dich häuslich niederlaſſen, Japhet— heirathen— Kinder haben— und ſo fort. Suſanne — herrliches Mädchen— gute Frau machen— d'rum anhalten— Alles in Ordnung— ſchlaue kleine Hexe — nicht Nein ſagen— hem— was dazu ſagſt?— und ſo fort.« Ich erwiederte, daß Suſanne mein ganzes Herz be⸗ ſitze, daß ich aber beſorge, die Neigung möchte nicht gegenſeitig ſein, und es daher nicht wagte, mich um ihre Hand zu bewerben. Hierauf ſagte Cophagus, ſeine Gattin ſolle ſeine Schwägerin ausforſchen, und mich mit dem Erfolge bekannt machen. Dieſe Unterredung fand Vormittags Statt, gerade als ich mich nach der Apotheke begeben wollte, und ich verließ das Haus in banger Erwartung. In der Apo⸗ theke fand ich Timotheus wie gewöhnlich; mit leuchten⸗ den Blicken reichte er mir den»Merkur von Reading“ und ſagte:»lies dieſe Aufforderung, Japhet.« Ich las, wie folgt: »Wenn ſich Japhet Newland, der im Findelhauſe, aufgenommen wurde, and ſich nachher einige Zeit in London aufhielt, im Hauſe Nr. 16, Throgmorton Court, einfinden will, ſo wird er angenehme Nachrichten erfah⸗ ren, und, was er ſo lange geſucht hat, finden. Sollte ihm dieſe Aufforderung zu Geſicht kommen, ſo bittet man ihn, ſogleich unter obiger Adreſſe umſtändliche Nachrichten von ſich zu geben. Jedem, der über beſag⸗ 4 2 111 ten Japhet Newland irgend Auskunft zu geben vermgg. wird hiemit eine gute Belohnung zugeſichert.“« 8 Ich ſank auf einen Stuhl.»Barmherziger Him⸗ mel! dies kann kein Mißverſtändniß ſein—»ver wird finden, was er ſo lange geſucht hat.«« Timotheus, lieber Timotheus, ich habe endlich meinen Vater ge⸗ funden.« »Freilich, lieber Japhet,« erwiederte Timothy;»ich hoffe, daß es keine Täuſchung ſein wird.« »Sie könnten unmöglich ſo grauſam ſein, Timothy,⸗ verſetzte ich. „Es iſt jedoch klar, daß Mr. Maſterton die Hand im Spiele hat,« bemerkte Timotheus. »Wie ſo?« fragte ich. »Wie ſollte ſonſt die Aufforderung im Readinger Zeitungsblatte ſtehen? Er muß ſich das Poſtzeichen auf meinem Briefe gemerkt haben.« Um dieſes zu erklären, muß ich dem Leſer in das Gedächtniß zurückrufen, daß Timotheus Mr. Maſter⸗ ton das Verſprechen gegeben hatte, ſobald er mich auf⸗ gefunden haben würde, an ihn zu ſchreiben; und er hatte mich, kurz nach unſerm Zuſammentreffen, um Er⸗ laubniß dazu gebeten. Ich geſtattete ihm, ſein Verſpre⸗ chen zu halten, ſchärfte ihm jedoch zugleich ein, nichts weiter zu ſagen, als daß er mich wohl und in glückli⸗ chen Verhältniſſen gefunden. Der Brief enthielt jedoch keinen Aufſchluß über meinen Aufenthaltsort; Maſter⸗ ton konnte daher denſelben nur aus dem Poſtzeichen ge⸗ muthmaßt haben. Timothys Vermuthung hatte dennoch ſehr viel Wahrſcheinlichkeit für ſich; und ich konnte mir nicht vorſtellen, daß Mr. Maſterton den Theil der Auf⸗ forderung, der mein Inneres ſo heftig aufregte, in das Nitungsblatt ohne guten Grund hätte einrücken laſſen. 86 112 G„Was willſt Du thun, Japhet?« fragte Timotheus. »Thun!“« erwiederte ich, aus tiefem Nachdenken em⸗ porfahrend, denn die Nachricht hatte alle meine ſchlum⸗ mernden Gefühle wieder aufgeweckt.»Thun? Ich werde 3 noch dieſen Morgen nach London abreiſen.« —. »In dieſem Anzuge, Japhet?« 1»Ich werde wohl müſſen,“« verſetzte ich;»denn ich habe keine Zeit, einen andern herbeizuſchaffen;« und die Erwähnung dieſes Gegenſtandes regte meine ganze frühere Vorliebe für das faſhionable Leben und den äu⸗ ßeren Glanz wieder auf— mein Stolz gewann von Neuem die Oberhand. „»Nun,« ſprach Timotheus,»ich hoffe, daß Du in Deinem Vater Alles, was Du wünſcheſt, finden mögeſt.« »Das werde ich gewiß— ganz gewiß, Tim,“ erwie⸗ derte ich.»Doch Du mußt nach der Poſt laufen und mich einſchreiben laſſen.« 4—»Du wirſt aber doch nicht fort wollen, ohne Mr. und Mrs. Cophagus und— Miß Temple zu ſehen,« 3 ſagte Tim, den letzten Namen ſtark betonend. »Natürlich nicht,« erwiederte ich erröthend.»Ich will ſogleich zu ihnen gehen. Gieb mir das Zeitungs⸗ blatt, Tim.« Ich eilte mit dem Zeitungsblatte nach dem Copha⸗ gusſchen Hauſe. Ich fand alle Drei im Wohnzimmer; Mr. Cophagus las, wie gewöhnlich, die Brille auf der Naſe; 8 die Frauenzimmer waren mit weiblichen Arbeiten beſchäftigt. 1„»Was giebt's, Freund Japhet?« rief Mr. Copha⸗ gus aus, als ich in großer Aufregung in das Zimmer hineinſtürzte. »Leſen Sie dies, Sir!« ſagte ich ihm Er las es. „»Hem— böſe Nachrichten— Japhet verlieren— voruehmer Mann werden und ſo fort,« ſagte Co⸗ 1 113 phagus, und wies mit dem Finger auf die Stelle, in⸗ dem er ſeiner Gattin das Zeitungsblatt reichte. Ich hatte Suſannens Geſicht beobachtet; Mr. Co⸗ phagus Worte brachten auf demſelben eine flüchtige Regung, die aber ſogleich unterdrückt wurde, hervor. Sie blieb ruhig ſitzen, bis ihre Schweſter ihr das Zei⸗ tungsblatt in die Hand gab.»Ich wünſche Dir zu der Ausſicht Glück, Deinen Vater kennen zu lernen,« ſagte Mrs. Cophagus.»Du wirſt hoſſentlich einen Vater in ihm finden, der auch als Menſch Ehrfurcht verdient. Wann reiſeſt Du ab?« 3 »Sogleich,« erwiederte ich. »Ich verdenke es Dir nicht— die Bande der Na⸗ tur ſind ſtets mächtig. Ich hoffe, daß Du an uns ſchreiben wirſt, und daß wir Deine baldige Rückkehr er⸗ leben mögen.« »Ja, ja,« ſagte Cophagus,»Vater ſehen— in die Arme drücken— zurückkehren— he?— ſich hier nie⸗ derlaſſen— und ſo fort.⸗ 1 „»Das wird vielleicht nicht ganz von mir abhängen,“ bemerkte ich.»Wenn mich mein Vater bei ſich zu be⸗ halten wünſcht, muß ich ihm nicht gehorchen? Doch für jetzt kann ich nichts beſtimmen. Sie ſollen von mir hören. Timotheus kann meine Geſchäfte in der— ⸗ der Gedanke: Apotheke, war mir unerträglich, und ich hielt inne. Suſanne blickte mich ernſt an, ſchwieg je⸗ doch. Mr. Cophagus und ſeine Gattin, die wahrſchein⸗ lich den Gegenſtand meiner Unterredung beſprochen hat⸗ ten, und den Augenblick für günſtig hielten, daß ich mit Suſanne zu einer Erklärung käme, verließen das Zim⸗ mer unter dem Vorwande, mein Gepäck in Ordnung bringen zu laſſen. 3 Japhet III. 8 8 „Suſanne, hob ich an,»es ſcheint, als ob Du Dich nicht mit mir freueſt.« »Glaube mir, Japhet Newland, ich freue mich über Alles, was zu Deinem Glücke beiträgt; allein ich be⸗ ſorge faſt, daß Du dieſe Prüfung nicht beſtehen, und zum Abfall verleitet werden wirſt. Ja, in dieſem Au⸗ ganblicke ſehe ich, daß Dein Gemüth von neuen Vor⸗ ſtellungen und Einbildungen des Hochmuths erfüllt iſt.« „Wenn ich fehle, ſo vergieb mir. Es kann Dir nicht unbekannt ſein, Suſanne, daß der einzige Zweck meines Daſeins darin beſteht, meinen Vater zu finden; und kannſt Du Dich wundern, oder mich tadeln, daß ich mich jetzt, wo ich alle Urſache habe, zu glauben, daß mein Wunſch verwirklicht iſt, danach ſehne, mich an die väterliche Bruſt zu werfen?« „Nein, Japhet, Deine kindlichen Gefühle kann ich nur loben. Doch frage Dein eigenes Herz: ſind ſie die einzigen, welche Dich erfüllen? Erwarteſt Du nicht, in Deinem Vater einen Mann zu finden, der Rang und Einfluß beſitzt? Freueſt Du Dich nicht darauf, noch ein⸗ mal in die große Welt, die Du verlaſſen, und nach der Du Dich ſtets zurückgeſehnt haſt, einzutreten? Hegſt Du nicht ſchon Verachtung gegen Dein ehrliches Ge⸗ werbe?— ja, noch mehr, ſehnſt Du Dich nicht danach, Deine beſcheidene Kleidung, und nicht Deine Kleidung allein, ſondern auch die Glaubensſätze, die Du in Dei⸗ ner Bedrängniß annahmeſt, von Dir zu werfen? Frage Dein eigenes Herz, und antworte, wenn Du willſt; je⸗ doch ich dringe nicht darauf; denn die Wahrheit möchte wehe thun, und eine Lüge, Du weißt es, flößt mir den tiefſten Abſcheu ein.“ — Ich fuͤhlte die Wahrheit ihrer Worte, und leugnete ſie auch nicht. Ich ſetzte mich zu ihr.»Es iſt nicht 115 leicht, ſich mit einem Male umzuändern, Suſanne,⸗ ſagte ich.»Ich habe Jahre lang in der großen Welt gelebt; bei Dir habe ich noch nicht zwei Jahre zuge⸗ bracht. Ich leugne nicht, daß die Gefühle, deren Du erwähnt haſt, in meiner Bruſt aufgeſtiegen ſind; allein ich werde ſie zu unterdrücken ſuchen; Deinetwegen we⸗ nigſtens, Suſanne, möchte ich ſie zu unterdrücken ſu⸗ chen; denn an Deiner guten Meinung liegt mir mehr, als an der der ganzen Welt. Es ſteht in Deiner Macht, aus mir zu machen, was Du willſt: willſt Du dieſe Macht gebrauchen?« »Japhet,« entgegnete Suſanne;„der Glaube, der ſich auf keinen feſteren Grund ſtützt, als auf die Erlan⸗ gung der Gunſt eines irrenden Weſens, wie ich bin, iſt nur ſchwach. Jene Macht über Dich, die Dich auf den rechten Pfad führen ſoll, kann bald verloren gehen, und was ſoll Dich dann leiten? Wenn Dir keine reinere Beweggründe, als irdiſche Neigungen, zur Stütze dienen, ſo wirſt Du ſicherlich fallen. Doch nichts mehr hier⸗ von; Du ſollſt eine Pflicht erfüllen: Du ſollſt zu Dei⸗ nem irdiſchen Vater gehen und Dir ſeinen Segen er⸗ bitten. Ja, noch mehr; ich wünſche, daß Du noch ein⸗ mal in die Welt zurückkehreſt; dort magſt Du dann entſcheiden. Kommſt Du in unſere Mitte zurück, ſo werden ſich Deine Freunde freuen, und Niemand mehr, als Suſanne Temple. Nun lebe wohl, Japhet; mögeſt Du die Verſuchung ſiegreich beſtehen. Ich werde für Dich beten— inbrünſtig für Dich beten, Japhet!« ſprach ſie mit zitternden Lippen und bewegter Stimme, und verließ das Zimmer. Sechszehntes Kapitel. Ich kehre nach London zurück, und beſuche Mr. Maſterton. Ich ging auf mein Zimmer, fand mein Gepäck in Ordnung, und nahm ſodann Abſchied von Mr. und Mrs. Cophagus, die ihre Hoffnung ausdrückten, daß ich nicht auf immer von ihnen ſcheiden würde.»Ach, nein,⸗ verſetzte ich;„das würde in der That niederträchtig von mir gehandelt ſein.« Ich verließ ſie; Ephraim folgte mit meinem Mantelſack. Ich hatte mich kaum zwanzig Schritte von dem Hauſe entfernt, als es mir einfiel, daß ich das Zeitungsblatt mit der Aufforderung „hatte liegen laſſen; ich befahl Ephraim, vorauszugehen, und kehrte zurück. Als ich in das Wohnzimmer trat, erblickte ich Suſanne; ſie hatte das Geſicht mit den Händen bedeckt, und vergoß Thränen. Beim Oeffnen der Thür ſchreckte ſie empor; ſie ſah, daß ich es war, und wendete ſich ab.„ Entſchuldige,« ſtammelte ich;»ich habe das Zeitungsblatt vergeſſen.«“ Ich war im Be⸗ griff, mich ihr zu Füßen zu werfen, ihr meine heiße Liebe zu erklären, und den Gedanken, meinen Vater aufzuſuchen, bis ſie mir ihr Herz geſchenkt, zu entſagen, als ſie, ohne ein Wort zu ſagen, ſchnell an mir vorüber ging und das Zimmer verließ.»So liebt ſie mich denn,“« dachte ich.»Gott ſei Dank;— ich will noch nicht fort; erſt muß ich ſie ſprechen.« Von widerſtrei⸗ tenden Gefühlen überwältigt, ſetzte ich mich nieder. Ich hielt das Zeitungsblatt in der Hand— durchlas die — — Aufforderung— der Gedanke an meinen Vater ver⸗ drängte jede andere Empfindung aus meiner Bruſt, und ich eilte aus dem Hauſe. Nach einer halben Stunde hatte ich Timotheus die Hand gedrückt, und die Stadt hinter mir gelaſſen. Was ſich während der Fahrt ereignete, weiß ich nicht zu ſagen, ſo heftig war meine Bewegung, und ich ſah mich mit einem Male in London, ohne zu wiſſen, wie. Es iſt mir nicht möglich, den Zuſtand zu beſchreiben, in welchem ich mich befand. Es war gleichſam ein gei⸗ ſtiger Strudel, der mich für alles Andere unempfanglich machte— mich in ſeinem betäubenden Wirbel fortriß, von meinem Vater und dem erwarteten Zuſammentref⸗ fen, zu Suſannen, meiner Abreiſe, ihren Thränen— Luftſchlöſſer aller Art thürmten ſich in meinem Ge⸗ hirne auf. Als der Wagen anhielt, blieb ich, nicht ahnend, daß wir in London angekommen wären, unbeweglich ſitzen, bis mich der Kutſcher fragte, ob mich der hei⸗ lige Geiſt nicht bewege, auszuſteigen. Ich beſann mich, ließ einen Miethwagen kommen, und befahl, mich nach der Piazza in Covent⸗Garden zu fahren, »Piazza in Covent⸗Garden?« ſagte der Kutſcher. »Das iſt ja kein Gaſthaus für Leute von Ihrer Art, Sir. Die jungen Burſchen da werden Sie ja bis auf's Blut necken.« Ich hatte vergeſſen, daß ich noch immer in Quäker⸗ Kleidern war.»Nun, ſo halte bei dem erſten beſten Laden an, wo man fertige Mäntel haben kann,« befahl ich. Der Kutſcher gehorchte; ich ſtieg aus und kaufte mir einen Mantel, der mich von Kopf bis zu Fuß ein⸗ hüllte. Sodann fuhr ich nach einem Hutmacher, und kaufte mir einen Hut nach der neueſten Mode.»Nun 118 fahre nach der Piazza,“ ſagte ich, wieder einſteigend, zu dem Kutſcher. Ich war entſchloſſen, in jenem Hotel abzuſteigen; weshalb, kann ich nicht ſagen. Bei meiner erſten Ankunft in London hatte ich dort gewohnt, und wünſchte es wiederzuſehen. Als der Wagen anhielt, kragte ich den Aufwärter, ob ich Zimmer bekommen könne; er antwortete bejahend; ich folgte ihm, und er wies mir die Zimmer an, die ich früher im Beſitz gehabt 7 hatte.»Dieſe Zimmer gefallen mir,« ſagte ich;»und 3 nun bringen Sie mir zu eſſen, und laſſen Sie einen Schneider kommen.« Der Aufwärter erbot ſich, mir den Mantel abzunehmen; ich verbat mir jedoch ſeinen Bei⸗ ſtand unter dem Vorwande, daß mich friere. Er ent⸗ fernte ſich, ich warf mich auf das Sopha und rief mir alle Scenen, die ich mik C Carbonnell, Harcourt und An⸗ deren in dieſem Zimmer erlebt hatte, in das Gedächtniß zurück. Meine Träumereien wurden durch die Ankunft des Schneiders unterbrochen.»Laſſen Sie ihn einen„ Augenblick warten,⸗ ſagte ich zu dem Aufwärter;»er ſoll hereinkommen, wenn ich klingele.« Ich ſchämte mich meiner Quäkertracht ſo ſehr, daß ich Rock und Weſte ablegte und den Mantel wieder umhing, bevor ich den Schneider eintreten ließ. »Mr.—,“ ſagte ich,»ich muß morgen fruͤh um zehn Uhr einen fertigen Anzug haben.« „»Es iſt unmöglich, Sir.“« .» Unmöglich!« rief ich;»und Sie wollen ein faſhio⸗ nabler Schneider ſein? Verlaſſen Sie das Zimmer.“« 8 Dieſes gebieteriſche Benehmen mochte dem Schnei⸗ der die Meinung beibringen, daß ich ein Vornehmer 3 ſei. »Ich werde mein Möglichſtes thun, Sir, und wenn* ich nur zeitig genug nach Hauſe zurückkehre, daß die — 119 Gehuͤlfen keine andere Arbeit annehmen, ſo wird es ſich, glaube ich, machen laſſen. Es wird Ihnen ohne Zwei⸗ fel bekannt ſein, daß eine Nachtarbeit die Koſten ver⸗ mehrt.« »Ich weiß nur dieſes: daß ich gewohnt bin, meine Beſtellungen mit Pünktlichkeit ausführen zu ſehen. Das habe ich von meinem unglücklichen Freunde, dem ſeligen Major Carbonnell gelernt.« Der Schneider machte eine tiefe Verbeugung; in dieſem Namen lag ein Zauber, obwohl der Mann todt war. »Da habe ich einer frömmelnden jungen Dame zu Gefallen mich in dieſe Quäkerkleidung vermummen, und mich, ohne andere Kleidungsſtücke in meinem Mantel⸗ ſacke zu haben, entfernen müſſen; nehmen Sie mir da⸗ her das Maaß. Ich erwarte, Sie Punkt zehn Uhr hier wieder zu ſehen.« Mit dieſen Worten legte ich meinen Mantel ab, der Schneider that, wie ihm befoh⸗ len war, und beurlaubte ſich ſodann. Kurz darauf tra⸗ ten der Wirth und zwei Aufwärter, als ich, in meinem Mantel gehüllt, auf dem Sopha lag, mit meinem Abend⸗ eſſen herein. Ich wünſchte ſie zum Teufel; wie ſtaunte ich aber, als der Wirth mit einer tiefen Verbeugung ſagte:»Ich freue mich, Sie wiederzuſehen, Mr. New⸗ land. Sie ſind lange fort geweſen. Auf der großen europäiſchen Reiſe vermuthlich.⸗ »Ja, Mr. Wallace; ich habe ſeit meinem letzten Hierſein einige Abenteuer erlebt,« erwiederte ich gleich⸗ gültig;»ich befinde mich aber etwas unwohl. Decken Sie nur den Tiſch; vielleicht werde ich nachher ein we⸗ nig eſſen,— ich bedarf keiner Aufwartung.« Der Wirth verbeugte ſich und verließ das Zimmer mit dem⸗Aufwärter. Ich ſchloß ab, zog meinen Quäker⸗ 581 120 rock an, und aß mit großem Appetit, denn ich hatte ſeit dem Morgen nichts genoſſen. 3 Als ich abgeſpeiſ't hatte, legte ich mich wieder auf das Sopha; mir ſelbſt zum Trotze drängte ſich mir ein Gedanke an die Tadeluswürdigkeit meines Benehmens auf.»Ach! Suſanne,“« dachte ich,„wie richtig haſt Du mich beurtheilt! Kaum bin ich einige Stunden von Dir entfernt, und ſchon ſchäme ich mich des Anzugs, den ich ſo lange und in Deiner Nähe mit Selbſtzufrie⸗ denheit getragen habe. Mit Recht ſagteſt Du, ich ſei voll Hochmuth, und daß ich mit Frenden mich wieder in die Eitelkeiten der Welt ſtürzen würde.“ Meine Ge⸗ danken weilten bei Suſanne und ihren Thränen, als ich von ihr ſchied, und mißmüthig haderte ich mit mir ſelbſt über meine kleinlichen, ſelbſtfüchtigen Geſinnungen. Ich begab mich früh zu Bette, und wachte erſt ſpät am andern Morgen auf. Ich ſchellte, und meine neuen Kleider wurden mir gebracht; ich kleidete mich an, und war, ich geſtehe es, mit der Umwandlung zufrieden. Nach dem Frühſtücke beſtellte ich einen Wagen, und fuhr nach Nr. 16. Throgmorton Court. Das Haus ſah von außen unſauber aus, und die Fenſten waren dem Anſcheine nach ſeit Jahren nicht geputzt worden. Hineingelaſſen konnte ich nur mit Mühe einen großen, hagern, an einem Schreibpulte ſitzenden Mann unter⸗ ſcheiden.. „»Was ſteht zu Dienſt, Sir?« fragte er. »Habe ich das Vergnügen mit dem Principal zu ſprechen?⸗ „Ja, Sir, mein Name iſt Chatfield.⸗ »Ich komme zu Ihnen in Folge einer Aufforderung in dem Readinger Zeitungsblatte. Ich beziehe mich — 121 hierauf,« ſagte ich, das Blatt auf den Pult legend und mit dem Finger auf die Stelle weiſend. „Ganz recht; können Sie uns Auskunft darüber geben?« „Das kann ich, Sir, und zwar die befriedigendſte.⸗ »Dann bedaure ich, daß Sie ſich hierher bemühet haben; denn es wird nöthig ſein, daß Sie ſich nach Lincoln's Inn begeben, und einen Anwalt Namens Maſterton aufſuchen; ihm iſt die Beſorgung der ganzen Sache übertragen.« »Können Sie mich belehren, Sir, wer es iſt, der nach dieſem jungen Manne forſcht?« »Allerdings, es iſt ein gewiſſer General De Benyon, der ſo eben aus Oſtindien zurückgekehrt iſt.« »Allmächtiger Gott! iſt es möglich!« dachte ich. M ſeltſam, daß meine ausſchweifende Phantaſie ge⸗ . rade ihn als meinen Vater bezeichnen mußte!« Ich eilte fort; ſtieg in den Wagen und befahl, nach Lincoln's Inn zu fahren. Angekommen, ſtürzte licch in Mr. Maſtertons Zimmer; er war glücklicherweiſe zu Hauſe, obwohl er ſchon ſeinen Oberrock angezogen 4 hatte, um auszugehen.. »Theurer Sir, kennen Sie mich nicht mehr?⸗ fragte ich mit bewegter Stimme, indem ich ſeine Hand ergriff und ſie mit Entzücken drückte. „»Beim Himmel! Sie machen es danach, daß ich Sie zum wenigſten auf einige Minuten nicht vergeſſen 1 werde,« rief er, die Hand vor Schmerz ſchlenkernd, aus.»Wer zum Teufel ſind Sie denn?« Maſterton war ſehr kurzſichtig und hatte meine unterdrückte Stimme nicht erkannt. Er zog ſeine Brille hervor, da ich keine Antwort gab, und ſetzte ſie auf— „»Wie! Doch ja— es iſt Japhet, nicht wahr?⸗ 122 „Ich bin es in der That, Sir,⸗ erwiederte ich, ihm die Hand noch einmal hinhaltend; er drückte ſie mit freundlicher Wärme. »Nicht ganz ſo feſt dies Mal, mein Guter,« ſagte der alte Anwalt;»ich erkenne Ihre Kraft, und das iſt genug. Ich freue mich herzlich, Sie zu ſehen, Japhet — recht herzlich— Sie Wildfang, Sie— Sie un⸗ dankbarer Menſch. Setzen Sie ſich— ſetzen Sie ſich — doch erſt helfen Sie mir meinen Oberrock ausziehen. Die Aufforderung hat Sie vermuthlich wieder ins Leben gebracht. Nun, es hat ſeine Richtigkeit, und Sie haben Ihren Vater endlich gefunden, oder er hat Sie vielmehr gefunden. Und was noch ſeltſamer iſt, Sie haben den Rechten getroffen; es iſt ſonderbar— ſehr ſonderbar in der That.« „Wo iſt er, Sir?« fiel ich ihm in das Wort„wo iſt er?— führen Sie mich zu ihm.« „Damit verſchonen Sie mich,« erwiederte Maſter⸗ ton;« denn er iſt nach Irland gereiſ't; Sie müſſen ſich daher gedulden.⸗ »Mich gedulden, Sir! das geht nicht— ich muß ihm nachreiſen.⸗ „Dadurch würde nur Unheil angerichtet werden, denn er iſt ein wunderlicher alter Herr, und wiewohl er zugeſteht, daß er Ihnen den Namen Japhet gegeben, und Ihnen nachgeforſcht hat, iſt er doch ſo äußerſt be⸗ ſorgt, daß ihm ein fremdes Kind angehängt wird, daß er auf die unumſtößlichſten Beweiſe Ihrer Sohns⸗Eigen⸗ ſchaft beſteht. Sie müſſen aber wiſſen, daß es unmög⸗ lich iſt, Ihre Spur von dem Findelhanſe aus zu ver⸗ folgen, bis es uns gelingt, jenen Cophagus ausfindig zu machen. Wir haben überall Nachforſchungen angeſtellt, allein Niemand keunt ſeinen Aufenthaltsort.⸗ 123 »Ich aber habe ihn erſt geſtern Morgen verlaſſen, Sir,« ſagte ich. „»Herrlich— herrlich; wir müſſen ihn kommen laſſen, oder ihn aufſuchen. Zudem befindet ſich in ſeinen Händen das Miß Maitland's Obhut anver⸗ traute Packet, in welchem die Beweiſe der Verheirathung Ihres Vaters enthalten ſind. Sonderbar— höchſt ſonderbar, daß Sie gerade den Rechten getroffen— es iſt faſt ein wirkliches Wunder. Doch es iſt jetzt Alles in Ordnung, Freundchen, und ich wünſche Ihnen Glück dazu. Ihr Vater iſt ein Mann eigener Art; er hat ſein Lebenlang wie ein Despot unter Sklaven gelebt, und duldet keinen Widerſpruch, das ſage ich Ihnen. Wenn Sie ſich die geringſte Widerrede erlauben, ſo wird er Sie enterben;— ein fürchterlicher Wüthrich, das können Sie glauben. Wäre es nicht Ihretwegen, ſo hätte ich ſchon längſt alle Verbindung mit ihm abge⸗ brochen. Er glaubt, wie es ſcheinen möchte, daß die Welt ihm zu Füßen liegen müſſe. Ihn ſehen zu wollen, hat ganz und gar keine Eile, Japhet;— auch ſollen Sie ihn nicht ſehen, bis wir im Stande ſind, ihm alle Beweiſe der Identität Ihrer Perſon vorzulegen. Ich will hoffen, daß das Ehrfurchtsorgan an Ihrem Schädel ſehr hervorſtehend iſt, und daß Sie ein reichliches Maß kindlichen Pflichtgefühls beſitzen, ſonſt werden Sie binnen acht Tagen aus dem Hauſe geworfen werden. Ich will verdammt ſein, wenn er mich nicht einen alten Spitz⸗ buben von Advokaten geſcholten hat.« „»Wirklich: Sir,« rief ich mit Lachen;„dann muß ich Sie wegen des Benehmens meines Vaters um Ver⸗ zeihung bitten.« „Es thut nichts, Japhet; ich frage nicht viel nach 124 einer Kleinigkeit. Doch weshalb erkundigen Sie ſich nicht nach Ihren Freunden?« „Es iſt ſchon lange mein Wuͤnſch geweſen, Sir,⸗ verſetzte ich.»Lord Windermear—« „Befindet ſich wohl, und wird erfreut ſein, Sie zu ſehen. ⸗ „Lady de Clare und ihre Tochter—.⸗ „ Lady de Clare iſt in die Geſellſchaft zurückgekehrt, und ihre Tochter, wie Sie ſie nennen— Ihre Fleta, alias Cecilie de Clare— iſt die gefeierte Schönheit der Hauptſtadt. Nun aber, da ich alle Ihre Fragen beant⸗ wortete, und Ihre Neugierde in den wichtigſten Punkten befriedigt iſt, will ich gebeten haben, daß Sie mir die Gunſt erzeigen, mir Ihre Abenteuer(denn Abenteuer werden Sie ohne allen Zweifel erlebt haben), ſeit Sie uns auf eine ſo gottloſe Weiſe davonliefen, zu erzählen.⸗ „»Mit dem größeſten Vergnügen, Sir; und, wie Sie richtig ſagen, ich habe in der That Abenteuer erlebt. Die Geſchichte wird aber etwas lang ausfallen.⸗ »So ſollen Sie denn bei mir zu Mittag ſpeiſen, und den Abend bei mir zubringen— das wäre alſo abgemacht.⸗ Siebenzehntes Kapitel. In welchem ich mehrere, auf die Geſchichte meines Vaters be⸗ zügliche Umſtände erfahre. Ich entließ den Miethwagen, während Mr. Maſter⸗ ton wegen des Mittagsmahles Befehle ertheilte; wir ſchloſſen ſodann die Thüre ab, um uns vor Unterbrechung zu ſichern, und ich begann meine Erzählung. Als ich ſie zu Ende gebracht hatte, war die Eſſenszeit faſt herangerückt. „»Wahrhaftig, es ſcheint Ihre Beſtimmung zu ſein, von Zeit zu Zeit in eine arge Klemme zu gerathen, und auf eine wunderbare Weiſe daraus erlöſ't zu werden,⸗ bemerkte Mr. Maſterton.„»Die Geſchichte Ihres Lebens würde einen Roman abgeben.« »Sie haben Recht, Sir,« erwiederte ich.»Gott gebe nur, daß ſie, wie die meiſten Romane, eine glück⸗ liche Entwicklung haben möge.⸗. „Das will auch ich wünſchen. Doch es iſt ange⸗ richtet, Japhet. Wir wollen die Sache nach dem Eſſen noch einmal beſprechen, denn ich möchte über einige Punkte genauere Auskunft haben.« Wir ſetzten uns zu Tiſch, rückten, als wir abge⸗ ſpeiſ't hatten, näher an den Kamin, und ließen eine Flaſche Wein auf den Tiſch ſetzen. Mr. Maſterton ſchürte das Feuer an, ließ ſich ſeine Pantoffeln bringen, ſchlug das eine Bein über das andere, und nahm das Geſpräch wieder auf. »Ich halte es für ein beſonderes Glück, Japhet, 126 daß wir uns geſprochen, ehe Sie Ihren Vater geſehen haben. Sie haben Urſache, ſich wenigſtens dazu Glück zu wünſchen, daß Ihre Familie nnſtreitig gut iſt, indem ſte, wie Sie wiſſen, eine iriſche Pairſchaft beſitzt, zu welcher Sie jedoch keine Ausſicht haben, da der jetzt lebende Pair eine zahlreiche Nachkommenſchaft hat. Auch in Betreff des Geldes ſind Sie glücklich, da ich triftige Gründe habe, Ihren Vater für ſehr reich zu halten, und Sie ſind natürlich ſein einziges Kind. Allein es iſt nöthig, Sie auf das Zuſammentreffen mit einem Manne vorzubereiten, der von dem Bilde, das durch das ſchwärmeriſche Vorgefühl der Ingend in Ihrem Innern gebildet worden, ſehr verſchieden iſt. Ihr Bater iſt, ſo viel ich habe bemerken können, für väterliche Gefühle abgeſtumpft; er beſitzt große Reichthümer und wünſcht ſich einen Erben— deshalb hat er Sie aufge⸗ ſucht. Allein er iſt herriſch, gewaltthätig und ſein Be⸗ nehmen abgeſchmackt; der geringſte Widerſtand bringt ihn in Wuth, und er iſt, mit Leidweſen muß ich es hinzufügen, von einem niedrigen Geiz beſeſſen. Er hat ſeine Jugend in der drückendſten Armuth verlebt, und ſein Vater war faſt ebenſo despotiſch und unnachſichtig, als er ſelbſt. Und jetzt will ich Ihnen erzählen, wie es zuging, daß Sie als neugebornes Kind vor dem Findelhauſe ausgeſetzt wurden. Ihr Großvater hatte Ihrem Vater eine Anſtellung bei dem Heere verſchafft, und wußte ihm bald darauf ein Lieutenantspatent aus⸗ zuwirken. Er befahl ihm, ein junges, ſehr reiches Mädchen zu ehelichen, das Ihr Vater noch nie geſehen hatte, und ließ ihn zu dieſem Zwecke nach Hauſe kommen. Die Dame ſoll ſehr reizend geweſen ſein, und hätte Ihr Vater ſie geſehen, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß er keine Einwendung gemacht haben würde; allein * 127 thörichterweiſe weigerte er ſich, den Befehlen ſeines Vaters zu gehorſamen, aus welchem Grunde ihn derſelbe verſtieß. Kurze Zeit darauf verliebte ſich Ihr Vater in eine, mit großen perſönlichen Vorzügen begabte, junge Dame, welche, wie man allgemein glaubte, mit ihrer Hand ein großes Vermögen zu verſchenken haben würde. Um ſie zu täuſchen, gab er ſich für den Erben der Titel und Güter der Familie aus, und nachdem ein zärtliches Verhältniß zwiſchen den Beiden eine kurze Zeit gedauert, verließen ſie den Ort und ließen ſich ehe⸗ lich verbinden. Als ſie ſich gegenſeitig verſtändigten, was ſehr bald geſchah, fand es ſich, daß er ſeinerſeits nur den Sold eines Subalternoffiziers, und ſie keinen Heller beſaß. Ihr Herr Papa wüthete, und ſchalt ſeine Gattin eine Betruͤgerin; ſie gab ihm die Beſchuldigung zurück, und der zweite Morgen nach der Trauung wurde von ihr unter Thränengüſſen, und von ihm unter Ver⸗ wünſchungen, Flüchen und Schmähungen hingebracht. Die Dame ſchien indeß größere Klugheit zu beſitzen. Die Verbindung war vollkommen unbekannt geblieben. Ihre Mutter hatte ihre Angehörigen unter dem Vor⸗ wande verlaſſen, einen Verwandten zu. beſuchen, und in der Stadt, welche ſte bewohnte, lebte man wirklich in dieſer Meinung.»Weshalb ſollten wir auf dieſe Weiſe zanken?« bemerkte ſie.»Du, Edmund, wünſch⸗ teſt Vermögen, nicht mich zu heirathen— ich muß mich derſelben Verſtellung ſchuldig bekennen. Wir haben uns geirrt; allein es iſt noch nicht zu ſpät. Man glaubt, daß ich bei— zum Beſuche bin, und daß Du auf einige Tage Urlaub genommen. Haſt Du Dein Geheimniß einem Offizier bei dem Regimente anver⸗ traut?«„Keinem einzigen,« murmelte Ihr Vater. „Nun wohl, ſo laß uns ſcheiden, als ob nichts vorge⸗ * — — * 128 fallen wäre, und es braucht Niemand etwas davon zu erfahren. Es liegt uns Beiden gleich ſehr daran, das Geheimniß geheim zu halten. Sind wir einverſtanden?⸗ Ihr Vater willigte ſogleich ein. Er begleitete Ihre Mutter nach—, wo ſie erwartet wurde, und ſie er⸗ zählte eine Geſchichte, wodurch ſie ihr Zuſammentreffen mit ihrem artigen Begleiter und ihre verzögerte Ankunft genügend zu erklären wußte. Ihr Vater begab ſich wieder zu ſeinem Regimente, und ſo trennten ſie ſich gleich zwei Kapern, die im Gefechte ihres Irrthums gewahr werdend, die Flaggen aufhiſſen und davonſegeln.« „Es läßt ſich zum Lobe der Zärtlichkeit und des Zartſinns meiner Mutter nicht viel ſagen,« bemerkte ich. »Je weniger Sie darüber ſagen, deſto beſſer, Japhet — ſo erzählt indeß Ihr Vater die Geſchichte. Doch ich fahre fort. Nach Verlauf von zwei Monaten erhielt Ihr Vater von Ihrer Mutter einen Brief, in welchem ſie ihn benachrichtigte, daß ihr kurzer Umgang gewiſſe Folgen herbeigeführt habe, und ihn bat, um dem Eclat vorzubeugen, die nöthigen Maßregeln zur Unterbringung des Kindes zu treffen, widrigenfalls ſie ſich gezwungen ſehen würde, ihre Verbindung einzugeſtehen. Durch welche Mittel es ihr gelang, bis zur Niederkunft die Aufmerkſamkeit ihrer Umgebungen zu täuſchen, iſt mir unbekannt, Ihr Vater giebt indeß an, daß das Kind in London zur Welt gekommen, und ihm ſogleich über⸗ geben worden ſei; er habe Sie nebſt dem Papiere und der Banknote, nach welcher Sie den Namen Newland erhielten, mit der Bewilligung ſeiner Gattin an der Thür des Findelhauſes ausſetzen laſſen. Er dachte da⸗ mals nicht daran, Sie zurückzufordern, wohl aber Ihre Mutter; denn ſo herzlos ſie geweſen zu ſein 129 ſcheint, verleugnet doch ſelten eine Mutter alles Gefühl für ihr Kind. Zu dieſer Zeit erhielt Ihres Vaters Regiment den Befehl, ſich nach Oſtindien einzuſchiffen, und er wurde während des Krieges in Myſore wegen ſeiner Tapferkeit und guten Aufführung ſchnell befördert. Nur ein einziges Mal kehrte er auf Urlaub nach Eng⸗ land zurück, bei welcher Gelegenheit er Erkundigungen über Sie einzog: nicht aus eigenem Antriebe, wie es ſcheint, ſondern weil er es Ihrer Mutter verſprochen hatte.“ »Meiner Mutter! wie, haben ſie ſich denn nachher wieder geſehen?« „»Ja; Ihre Mutter reiſ'te auf Heirathsſpekulation nach Oſtindien; gab ſich für ein lediges Mädchen aus, und machte dort eine ſehr vortheilhafte Parthie, was ich Ihnen zu erzählen im Begriff ſtand. So glänzend indeß ihre Verbindung auch war, ſo machte ſich doch die Dame der Bigamie ſchuldig.⸗ »Gütiger Himmel! welch gänzliche Verleugnung aller ehrenhaften Geſinnung!« »Ihr Vater behauptet, daß Ihre Mutter eine Frei⸗ denkerin geweſen ſei; er ſelbſt hatte ſie dazu gemacht; ohne Religion hat ein Frauenzimmer keine Stütze. Zu der Zeit, als Ihre Mutter in Oſtindien ankam, und ein Mitglied des Regierungsraths zu Calcutta heira⸗ thete, befand ſich Ihr Vater weit im Innern des Lan⸗ des. Er ſagt, daß ſie ſich auf einem Balle zum erſten Male wiedergeſehen. Sie war noch immer eine ſchöne Frau, und wurde ſehr bewundert. Als Ihr Vater ſie erkannte und erfuhr, daß ſie ſich kürzlich mit dem acht⸗ baren Mr.— vermählt habe, war er vor Erſtaunen außer ſich, und im Begriff, den Saal zu verlaſſen. Sie gewahrte ihn jedoch, ging mit dem größeſten Gleich⸗ Japhet III. 9 13⁰0 muth auf ihn zu, und redete ihn als einen alten Be⸗ kannten an. In der Folge ſahen ſie ſich häufig, allein Ihre Mutter berührte nie ihre früheren Verhältniſſe mit ihm, bis er auf Urlaub nach England reiſen wollte, wo ſie ihn bat, Erkundigungen über Sie einzuziehen. Er erfüllte ihren Wunſch und der Erfolg iſt Ihnen be⸗ kannt. Bei ſeiner Rückkehr nach Oſtindien hörte er, daß Ihre Mutter von dem klimatiſchen Uebel hingerafft ſei. Damals war er nicht reich; jetzt wurde er aber zum Oberbefehlshaber in Karnatic ernannt, und erntete goldene Früchte von ſeinen Dienſtleiſtungen und ſeiner Tapferkeit. So viel ich von ihm habe in Erfahrung bringen können, blieb er, ſo lange Ihre Mutter lebte, gegen Ihr Schickſal gleichguͤltig, ihr Tod aber, und die Reichthümer, die auf ihn herabſtrömten, haben ihn bewo⸗ gen, ſich einen Erben zu ſuchen, dem er ſie hinterlaſſen könne.— Dies, Japhet, ſind die Hauptzüge der Ge⸗ ſchichte Ihres Vaters, und ich muß Sie aufmerkſam dar⸗ auf machen, daß er für Sie bis jetzt keine Vaterliebe em⸗ pfindet. Das Benehmen Ihrer Mutter ſchwebt ihm beſtändig vor Augen, und wenn er ſich nicht einen Er⸗ ben wünſchte, ſo möchte ich faſt ſagen, daß ſeine Ge⸗ fühle gegen Sie die des Haſſes ſind. Es mag Ihnen vielleicht gelingen, ihn für ſich einzunehmen, und Ihr Aeußeres mag ihm gefallen; allein Sie werden eine ſchwierige Aufgabe zu löſen haben, da Sie ſich ſeinen Launen und Wunderlichkeiten werden unterwerfen müſ⸗ ſen, und ich befürchte, daß Sie dieſelben bei Ihrem ſtolzen Sinne unerträglich finden werden.“⸗ »In der That, Sir, ich fange ſchon an einzuſehen, daß die ſüßeſten Hoffnungen ſelten verwirklicht werden, und faſt den Wunſch zu hegen, daß mich mein Vater nicht aufgeſucht hätte. Ich war glücklich und zufrie den, und werde noch nicht gewahr, daß ich Urſache habe, mich über die Aenderung der Dinge zu freuen.« »Ich wünſche über noch ein paar Punkte Auskunft zu erhalten. Es ſcheint, daß Sie in die Geſellſchaft der Quäker eingetreten ſind. Nun ſagen Sie mir ohne Hehl, bekennen Sie ſich aufrichtig und herzlich zu den Glaubensſätzen der Sekte? und iſt es ferner Ihre Ab⸗ ſicht, bei derſelben zu verbleiben? Dieſes Verhältniß wird uns noch viel zu ſchaffen machen.« »Ich leugne nicht, daß die Glaubenslehren der Sekte, meiner Meinung nach, mit der chriſtlichen Re⸗ ligion genauer übereinſtimmen, als die jeder andern; und ich nehme keinen Anſtand, bei meiner Bekanntſchaft mit mehreren der Sekte angehörenden Perſonen, zu be⸗ haupten, daß die Freunde im Allgemeinen einen beſſern Lebenswandel führen, als andere Chriſten. Es giebt einige Punkte in Beziehung auf ihren Gottesdienſt, die mir anfangs lächerlich vorkamen; allein dieſes Gefühl hat ſich mit der Zeit verloren. Was ihre geziert⸗ſteife Redeweiſe betrifft, ſo hat das Gerücht ſie höchſt über⸗ trieben. Ihr Koſtüm macht einen Theil ihrer Reli⸗ gion aus.« „»Wie ſo, Japhet?« »Ich kann Ihnen mit den Worten Suſanne Tem⸗ ple's antworten, als ich dieſelbe Frage an ſie richtete. „» Sie halten den eigenthümlichen Charakter unſers Ko⸗ ſtüms für eine überflüſſige äußere Form. Es wurde, um uns von Anderen abzuſondern, und zum Beweiſe un⸗ ſerer Aufrichtigkeit gewählt. Alle Bewunderung der Perſon gilt uns für eitel, und unſer Glaube iſt De⸗ muth. Es iſt daher ein äußeres und ſichtbares Wahr⸗ zeichen, daß wir den Glaubenslehren, zu welchen wir 3 9* uns bekennen, gern nachleben wollen. Nicht Alle, die das Koſtüm tragen, ſind Freunde im Herzen und im Wandel; wir wiſſen aber, wenn es abgelegt wird, daß unſere Glaubensſätze ebenfalls verleugnet werden, wes⸗ halb wir es für weſentlich halten. Ich will damit nicht geſagt haben, daß das Herz nicht eben ſo rein und der Glaube eben ſo unerſchütterlich ohne dergleichen äußere Wahrzeichen ſein können, allein das in Rede ſte⸗ hende macht einen Theil unſerer Glaubensſätze aus, und wir müſſen alle annehmen oder verwerfen.« »Die kleine Quäkerin hat ihren Satz ganz gut durchgeführt. Nun aber möchte ich Ihnen noch eine Frage vorlegen, Japhet. Empfinden Sie eine ſtarke Neigung zu der jungen Perſon?« »Ich kann es nicht leuguen; ich liebe ſie auf⸗ richtig.« »Iſt Ihre Liebe von der Beſchaffenheit, daß Sie ih⸗ retwegen ein Quaker zu bleiben und ſie zu heirathen gewillt ſind?« „Dieſe Frage habe ich mir ſeit den leßten vierund⸗ zwanzig Stunden wenigſtens hundert Mal vorgelegt, kann aber zu keiner Entſcheidung kommen. Wenn ſie ſich wie Andere kleiden, und mir geſtatten wollte, daſ⸗ ſelbe zu thun, ſo würde ich ſie morgen im Tage heira⸗ then; ob ich mich aber jemals dazu entſchließen könnte, ihretwegen als Quäker zu leben und zu ſterben, iſt eine andere Frage— ich glaube es nicht— ich bin zu welt⸗ lich geſinnt. Die Wahrheit zu ſagen, ich befinde mich ihr gegenüber in einer mißlichen Lage. Ich habe ihr 3 noch nie meine Liebe geſtanden oder mich um die ihrige beworben, ſie weiß aber, daß ich ſie Niebe und ich weiß, daß ſie mich liebt. ⸗ * 133 »Ja, gleich allen eitlen jungen Leuten ſchmeicheln Sie ſich damit.« »Nun, ſo ſollen Sie ſelbſt urtheilen, Sir,« erwie⸗ derte ich, und ſchilderte ihm unſer Zwiegeſpräch in der Stunde des Scheidens, und wie ich zurückgekehrt ſei und Suſanne in Thränen gefunden. »Dieſe Umſtände ſind allerdings ſehr bekräftigend,⸗ ſprach Mr. Maſterton;»doch ſagen Sie mir, Japhet, glauben Sie, daß ihre Liebe ſo heftig iſt, daß ſie Ih⸗ retwegen Alles zu verlaſſen bereit ſein würde?« »Nein, das wird ſie niemals thun; dazu beſitzt ſie zu viel Selbſtachtung, eine zu edle Denkungsweiſe. Ihr Herz könnte bluten, aber ſie würde nie von Dem, was ſie für Recht erkannt, abweichen.« »Sie muß einen herrlichen Charakter beſitzen; allein Sie werden in das Gedränge kommen; und es ſcheint nir faſt, als ob Ihre Sorgen erſt beginnen, ſtatt zu enden, und daß Sie viel glücklicher in Reading waren, als Sie es in der großen Welt werden können. Ihre Ausſichten ſind nicht erfreulich. Sie ſollen mit einem Vater von der heftigſten Sinnesart fertig werden; Sie werden ſich, glaube ich, unter einem drückenden Zwange befinden, und, trotz dem, daß Sie noch einmal in die Geſellſchaft aufgenommen werden, zu der Er⸗ kenntniß gelangen, daß Alles in derſelben eitel, und noch mehr, Gemüthsquälerei iſt.« „Sie werden, fürchte ich, Recht behalten, Sir,« er⸗ wiederte ich;»es wird indeß noch immer ein Gewinn ſein, vor der Welt von einem Vater von hohen Ver⸗ bindungen anerkannt zu werden, was ich auch ſonſt zu ertragen haben mag. Ich bin mein ganzes Leben hin⸗ durch der Spielball der Glücksgöttin geweſen, und ſie wird mich wahrſcheinlich noch länger hin und herwer⸗ fen. Doch es iſt ſchon ſpät geworden! ich will Ihnen daher gute Nacht wünſchen.« 4 „Gute Nacht, Japhet. Sollte ich noch weitere Nachrichten erhalten, ſo werde ich Sie davon in Kennt⸗ niß ſetzen. Lady de Clare's Wohnung iſt Nr. 13. Park Street. Sie werden ſie natürlich, ſobald Sie können, beſuchen.« »„Jedenfalls, Sir, ſobald ich an meine Freunde in Reading geſchrieben haben werde.« 4 Achtzehntes Kapitel. Ich bin ein wenig ceiferſüchtig, und gleich dem unſterblichen William Bottom geneigt, mehr als eine Rolle zu ſpielen. — Der gedoppelten Anſtrengungen Mr. Maſtertons und meines geſunden Verſtandes gelingt es, meine Begierde nach einer Doppelche zu bemeiſtern. Ich kehrte nach Hauſe zurück, um über das, was Mr. Maſterton mir geſagt hatte, nachzudenken, und muß ſagen, daß ich über ſeine Mittheilungen nicht gar zu erfreut war. Seine Angaben in Betreff meiner Mutter ſchmerzten mich, obgleich ſie nicht mehr unter den Lebenden weilte, und die Auskunft, die er mir über den Charakter meines Vaters gegeben, überzeugte mich, ich würde nicht glücklicher dadurch werden, daß ich endlich das Ziel meiner Wünſche erreicht. Sonderbar genug hatte ich kaum meinen Vater entdeckt, als auch ſchon der Wunſch in mir aufſtieg, daß er mir für im⸗ 3 „ 4 mer unbekannt geblieben ſein möchte; und als ich das ruhige und zufriedene Leben, deſſen ich in der letzten Zeit genoſſen, mit den Ausſichten verglich, die ſich mir jetzt eröffnet hatten, empfand ich den bitterſten Kummer darüber, daß Timotheus das Zeitungsblatt mit der Aufforderung in die Hände gefallen war. Ein Gegenſtand machte mir ganz beſondere Noth — nämlich Cecilie de Clare und was Mr. Maſterton im Laufe unſerer Unterredung erwähnt hatte. Ich wagte es freilich nicht, meine Gefühle genauer zu un⸗ terſuchen. Am folgenden Morgen ſchrieb ich an Ti⸗ motb und Mr. Cophagus, machte ſie in der Kürze mit dem bekannt, was Maſterton mir mitgetheilt, und ſprach einen Wunſch aus, den ich in jener Zeit wirk⸗ lich hegte— den Wunſch, daß ich nie eine Aufforde⸗ rung erhalten haben möchte, ſie zu verlaſſen. Nachdem ich die Briefe geſiegelt, begab ich mich nach Park Street, um Lady de Clare und Cecilie zu beſu⸗ chen. Es war noch ein wenig früh, doch der mich einlaſ⸗ ſende Bediente erkannte mich und führte mich auf ſeine Verantwortlichkeit in das Geſellſchaftszimmer. Ich hatte die Lady und ihre Tochter zum letzten Male vor achtzehn Monaten in Richmond geſehen, und war ſehr geſpannt zu erfahren, welch eine Aufnahme ich ſinden würde. 4 Ich ſtand mit meinem Führer im Zimmer, als er mich anmeldete. Lady de Clare, Cecilie und noch eine dritte Perſon, welche zuſi den ich nicht geahnt— Har⸗ court nämlich— erhoben ſich in Haſt.»Mr. New⸗ land,« rief Lady de Clare aus,»dies iſt in der That unerwartet.« Auch Cecilie trat vor, bis an die Stirn erröthend. Harcourt blieb an ſeinem Stuhle ſtehen, als wenn er meine Annäherung erwarten wollte. Mit A6* Einem Worte, ich bin nie verlegener geweſen, und glaube, daß es allen Uebrigen nicht beſſer erging. Ich war offenbar de trop. „»Kennen Sie Mr. Harcourt?« ſagte endlich Lady de Clare. 3 »Wenn ich den Mr. Harcourt vor mir ſehe, den ich einſt kannte, ohne allen Zweifel,« erwiederte ich. „Glauben Sie mir, Sie ſehen denſelben vor ſich, Newland,“« nahm Harcourt das Wort, näherte ſich mir und reichte mir ſeine Hand, die ich mit Vergnügen ergriff. »Wir haben uns lange nicht geſehen,« bemerkte Cecilie, die die Nothwendigkeit, etwas zu ſagen, er⸗ kannte, aber abgeneigt war, in Harcourts Gegenwart auf meine Angelegenheiten einzugehen. „Allerdings, Miß de Clare,« erwiederte ich, mit der Aufnahme nicht ganz zufrieden;»allein ich bin glück⸗ lich geweſen, ſeit ich zum letzten Male das Vergnü⸗ gen hatte, Sie zu ſehen.« 3 Cecilie und ihre Mutter warfen ſich einander fra⸗ gende Blicke zu, ſchienen jedoch nicht gern fragen zu wollen, in welcher Beziehung? »Meine Geſchichte iſt allen hier Anweſenden ſehr wohl bekannt,« bemerkte ich,»nämlich bis zu der Zeit, da ich Sie und Lady de Clare verließ, und ich hege den Wunſch nicht, das Uebrige zu verheimlichen. Ich habe endlich meinen Vater gefunden.“ „Ich hoffe, wir dürfen Jhpan. Glück wuͤnſchen, Mr. Newland,“« ſagte Lady de Clare. »Was meines Vaters Familie betrifft, ſo habe ich keinen Grund, mich derſelben zu ſchämen,« entgegnete ich.»Er iſt Bruder eines Grafen und ſelbſt General im königlichen Heere. Seinen Namen muß ich für mich 137 behalten, bis ich ihn ſelbſt geſehen habe, und offen und förmlich anerkannt bin. Ich habe auch den Vortheil, ein einziger Sohn, und wenn ich nicht enterbt werde, Erbe bedeutender Güter zu ſein,« fuhr ich ſarkaſtiſch lächelnd fort.»Vielleicht finde ich jetzt beſſere Auf⸗ nahme, denn als Japhet Newland, der Findling; doch, Lady de Clare, ich fürchte, mich Ihnen zu ungelegener Zeit aufgedrungen zu haben, und will mich empfehlen. Guten Morgen.« Ohne eine Erwiederung zu erwarten, eilte ich nach dieſen Worten entrüſtet hinaus, und war bereits unten auf der Treppe, als ich leichte Fußtritte hinter mir vernahm und Cecilie meinen Arm faßte. Ich wendete mich um, ſie ſah mir mit einem Blicke des Vorwurfs in das Geſicht, und Thränen ſtanden in ihren Augen. »Was haben wir gethan, Japhet, daß Du uns ſo behandelſt?« ſagte ſie in großer Bewegung. »Miß de Clare,“ verſetzte ich,»ich habe keine Vor⸗ würfe zu machen. Ich bemerkte, daß meine Gegenwart nicht willkommen war, und wollte nicht länger beläſtigen.⸗ »Biſt Du denn ſo ſtolz geworden, ſeit Du die Entdeckung gemacht, daß Du von vornehmen Aeltern abſtammſt, Japhet?« 4 »Ich bin zu ſtolz, mich aufzudrängen, wo meine Anweſenheit unerwünſcht iſt, Miß de Clare. Ich kam als Japhet Newland in dieſes Haus, die Fleta früherer Zeiten zu ſehen. Sobald ich meinen wahren Namen angenommen, werde ich mich ſtets ſehr glücklich ſchätzen, Lady de Clare's Tochter aufwarten zu dürfen.“. »O wie verändert!« rief ſie, ihre großen blauen Augen auf mich heftend, aus. »Glückswechſel verändern uns Alle, Miß de Clare. Ich wünſche Ihnen einen guten Morgen.⸗ 3 138 Mit dieſen Worten machte ich mich von ihr los und ging nach der Thür. Im Hinausgehen konnte ich es mir nicht verſagen, zurückzublicken; Cecilie hielt ihr Tuch vor die Augen, während ſie langſam die Treppe hinaufging.*. Ich begab mich nicht in der beſten Laune nach Hauſe. Ich war über die kalte Aufnahme, die ich gefunden, äu⸗ ßerſt erbittert. Ich glaubte ſchlecht und mit Undank behandelt zu ſein.»So iſt die Welt,“« dachte ich, als ich in meinem Zimmer mich ſetzte und meinen Hut auf den Tiſch warf.»Nach zwei Saiſons iſt ſie nicht die⸗ ſelbe mehr. Aber wie lieblich ſie geworden iſt? Woher aber dieſe Veränderung— und warum war Harcourt dort? Sollte er ſie gegen mich eingenommen haben? Sehr möglich!« Während ich mich mit Gedanken dieſer Art beſchäf⸗ tigte, Vergleichungen zwiſchen Cecilie de Clare und Su⸗ ſanne Temple anſtellte, die für die erſtere nicht ſehr günſtig waren, an die bevorſtehende Zuſammenkunft mit meinem Vater dachte, und meine Zweifel, wie ich in der Geſellſchaft aufgenommen werden würde, mir Alles im düſterſten Licht erſcheinen ließen, ging die Thür auf, und hereintrat, von dem Diener ieründigt— Har⸗ court. »Einen Stuhl für Mr. Harcourt, rief ich dem Diener in förmlichem Tone zu. »Newland,« ſagte Harcourt,»ich komme aus zwei Gründen: zuerſt bin ich von den Damen abgeſchickt, Sie zu verſichern—« „»Ich bitte um Vergebung, Mr. Harcourt, daß ich Sie unterbreche; bedarf jedoch keines Abgeſandten von den in Rede ſtehenden Damen. Sie können Sie zu ihrem Vertrauten machen, wenn es ihnen beliebt, ich 139 bin jedoch nicht geneigt, daſſelbe zu thun. Eine Erklaͤ⸗ rung iſt nach dem, was ich heute Morgen geſehen und empfunden, vollkommen unnöthig. Ich entſage allen Anſprüchen ſowohl an Lady de Clare als ihre Tochter, ſofern ich ſo thöricht geweſen bin zu glauben, daß ich dergleichen hätte. Von der erſten Veranlaſſung Ihres Beſuchs kann daher nicht mehr die Rede ſein. Darf ich nach der zweiten fragen, die mir dieſe Ehre ver⸗ ſchafft?« »Mr. Newland,« erwiederte Harcourt, ſich ſtark verfärbend,»ich weiß nach dem, was ich von Ihnen gehört, kaum, ob ich zu derſelben übergehen darfß;— ſte bezieht ſich auf mich ſelber.«⸗ „Ich bin ganz Ohr, Mr. Harcourk,« erwiederte ich mit einer höflichen Verbeugung. »Ich wollte ſagen, Mr. Newland, daß ich ſofort nach meiner Wiederherſtellung, wenn Sie nicht auf eine ſo ſonderbare Weiſe verſchwunden wären, zu Ihnen ge⸗ eilt ſein würde, um Ihnen mein Bedauern über mein Benehmen gegen Sie auszudrücken, und anzuerkennen, daß ich verdienkermaßen beſtraft wurde— und zwar vielleicht noch mehr durch meine Selbſtvorwürfe, als die gefährliche Wunde, welche Sie mir beigebracht. Ich ergreife ſelbſt dieſe, wie es mir ſcheint, nicht eben gün⸗ ſtige Gelegenheit, auszuſprechen, was ich zu ſagen für Pflicht halte, wenn ein Gentleman einem andern Un⸗ recht zugefügt. Es war allerdings meine Abſicht, noch mehr hinzuzufügen, allein da ich ſo wenig hoffen darf, daß es wohl aufgenommen wird, ſo wird es am beſten ſein, wenn ich es bis auf eine gelegenere Zeit verſchiebe. Die Zeit kann und wird, wie ich vertraue, unfehlbar kommen, wo ich Ihnen zu beweiſen im Stande ſein werde, daß ich Ihren kalten Empfang nicht verdiene. 140 Mr. Newland, ich nehme jetzt Abſchied von Ihnen mit den wärmſten Wünſchen für Ihr Wohlergehen, muß aber bekennen, zugleich mit den peinlichſten Gefüh⸗ len, da ich weiß, daß der Erfolg meines Beſuchs bei Ihnen den Damen den lebhafteſten Kummer einflößen wird, die Ihnen nicht blos durch Dankbarkeit verpflich⸗ tet ſind, ſondern auch die aufrichtigſte Hochachtung ge⸗ gen Sie hegen.« Harcourt verbeugte ſich und ging. »Alles recht ſchön,« dachte ich,»aber ich kenne die Welt, und laſſe mich durch ein paar ſüßklingende Worte nicht bethören. Ich denke, ihr Benehmen wird ſie ge⸗ reuen, aber ſie ſollen mich in ihrem Hanſe nicht wie⸗ derſehen.« Ich empfand Unzufriedenheit mit mir ſelbſt, und bekämpfte ſie vergeblich. Ich fühlte, daß mein Beneh⸗ men, um nicht mehr zu ſagen, barſch geweſen war. Ich hätte die Erklärung, wozu Harcourt abgeſchickt war, um ſo mehr anhören ſollen, da ſchon Cecilie mich nicht ohne eine ſolche hatte gehen laſſen wollen. Sie hatten große Verpflichtungen gegen mich, deren Gewicht ich durch meinen Groll noch drückender machte. Ich war unfreundlich geweſen— und wünſchte, daß Harcourt noch nicht fort ſein möchte. Vergeblich bemühete ich mich, ſein Benehmen tadelnswerth zu finden. Mit Einem Worte, ich war ſehr übel gelaunt, und vermochte in dem Augenblicke den Grund davon nicht zu entde⸗ cken, der kein anderer war, als der, daß ich noch grö⸗ ßere Eiferſucht bei Harcourts vertraulichem Zugange in Lady de Clare's Hauſe, als Verdruß über die kühle Aufnahme empfand, die mir zu Theil geworden. Meine Träumereien wurden endlich durch den Be⸗ 141 dienten unterbrochen, der mir ein Billet von Mr. Ma⸗ ſterton brachte. »Ich habe heute Morgen von Ihrem Vater eine Einladung erhalten. Er iſt vor zwei Ta⸗ gen zurückgekehrt, und wohnt im Adelphi⸗Hotel. Es thut mir leid, Ihnen ſagen zu müſſen, daß er ſich auf ſeiner Reiſe beim Ausſteigen aus dem Wagen die Ferſenflechſe beſchädigt hat. Er liegt auf dem Sopha, und Sie können leicht denken, daß ſeine Liebenswürdigkeit durch den Vorfall und ſeine Schmerzen nicht vergrößert iſt. Da er mich aufgefordert, ihm ſofort die Beweiſe der Identität Ihrer Perſon zu verſchaffen, und Mr. Cophagus Gegenwart dabei nothwendig iſt, ſo ſchlage ich vor, daß wir Morgen früh um neun Uhr nach Reading abreiſen. Ich bin ſehr begie⸗ rig, dorthin zu gehen, und da ich ein paar Mu⸗ ßetage habe, ſo wird mir der Ausflug zur Erho⸗ lung dienen. Ich möchte gern meinen alten Be⸗ kannten, Tim, und Ihre Apotheke ſehen. Ant⸗ worten Sie durch den Ueberbringer. J. Maſterkon.«⸗ Ich ſchrieb ein paar Zeilen, in welchen ich Maſter⸗ ton benachrichtigte, daß ich zur beſtimmten Stunde bei ihm ſein würde, und ſetzte mich darauf zu meinem ein⸗ ſamen Mahle nieder. Wie verſchieden war es von de⸗ nen, die ich früherhin in dieſem Gaſthofe gehalten! Ich kannte jetzt Niemand, war ausgeſchloſſen von der Ge⸗ ſellſchaft, und konnte nur dadurch wieder Zugang zu derſelben erlangen, daß ich von meinem Vater aner⸗ kannt wurde. War das geſchehen, ſo war es meine Ab⸗ ſicht, mich zu Lord Windermear zu begeben, der bald zu bewirken vermochte, was ich wünſchte. Am audern 142 Morgen um neun Uhr ſtieg ich mit Mr. Maſterton in deſſen Wagen. Wir fuhren mit Poſtpferden. Ich er⸗ zählte dem alten Herrn, was ſich am vorigen Tage zu⸗ getragen, und wie empört ich über die mir gewordene Aufnahme geweſen war. „»Auf mein Wort, Japhet, ich glaube, daß⸗Sie Un⸗ recht haben,« erwiederte er;» und wenn Sie mir nicht von Ihrer Neigung zu Miß Temple geſagt hätten,— die zu ſehen, beiläufig geſagt, einer der vornehmſten Beweggründe meiner Reiſe mit Ihnen iſt— ſo möchte ich annehmen, daß Eiferſucht Sie irre geleitet. Se⸗ hen Sie denn nicht, daß die Damen Harcourt begün⸗ ſtigen, da ſie ihm zu einer ſo frühen Stunde Zutritt gewährten? Und ich entſinne mich jetzt, daß ich davon ſchon früher gehört habe. Harcourts älterer Bruder iſt geſtorben, und er ſelbſt zum Beſitz der Güter ſeiner Familie gelangt. Ich habe ſagen hören, daß ihm wahr⸗ ſcheinlich das ſchönſte Mädchen in London mit einem bekrächtlichen Vermögen die Hand reichen werde— es ſei eine abgemachte Sache. Wenn dies nun der Fall iſt, und da Sie faſt unangemeldet, nachdem Sie ſo lange verſchwunden geweſen, eine Zuſammenkunft der zungen Leute ſtörend unterbrachen, ſo kann es Sie nicht Wunder nehmen, daß eine gewiſſe Verlegenheit und Zurückhaltung ſtattfand,— beſonders nach dem, was zwiſchen Harcourt und Ihnen vorgefallen. Verlaſſen Sie ſich darauf, daß die Sache ſo zuſammenhängtt. Waͤre Lady de Clare mit ihrer Tochter allein geweſen, ſo würden Sie ohne Zweifel einen ganz andern Em⸗ pfang gefunden haben. Daß Cecilie Ihnen nachfolgte, iſt ein hinlängliche Beweis, daß nicht Käͤlte gegen Sie obgewaltet, und Harcourks Beſuch bei Ihnen und was 143 er geſagt, iſt ein weiterer Beweis, daß Sie im Irr⸗ thum ſind.“«— „In dieſem Lichte habe ich den Vorfall freilich noch nicht aungeſehen,« erwiederte ich.»Ich bemerkte nur, daß mein Erſcheinen unwillkommen war, und da ich ei⸗ nen Mann vorfand, der mich ſchlecht behandelt und ei⸗ nen Zweikampf mit mir gehabt hatte, glaubte ich na⸗ türlich, daß er Lady de Clare und ihre Tochter gegen mich eingenommen. Ich will wünſchen, daß ich Unrecht habe, allein wie jung ich ſein mag, ich habe ſo viel von der Welt geſehen, daß ich ſehr argwöhniſch geworden bin.« »Dann entfernen Sie den Argwohn ſo ſchnell Sie können; er würde Sie nur unglücklich machen, ohne zu verhüten, daß Sie betrogen werden. Sind Sie arg⸗ wöhniſch, ſo werden Sie fortwährend fürchten, daß Ih⸗ nen Betrug drohe, wodurch Sie ſich Ihr ganzes Leben verbittern.« 1 3 Ich ſchwieg nach dieſen Bemerkungen eine Zeit lang, unterwarf meine Gefühle einer genauen Prüfung, und überzeugte mich, daß ich mich ſehr abgeſchmackt benom⸗ men. Der Grund davon war, mir ſelbſt unbewußt, der geweſen, daß es zu meinen Luftſchlöſſern gehört hatte, Fleta zu heirathen, ſobald ich meinen Vater ge⸗ funden. Ich war auf Harcourt eiferſüchtig, ohne in Miß de Clare verliebt zu ſein, und noch mehr, während ich eine Andre leidenſchaftlich liebte. Es war mir, als könnte ich Cecilie heirathen, ohne ſie zu lieben, und eher Suͤſanne Temple, die ich liebte, aufgeben, als daß ein Mädchen, das ich faſt als mein Geſchöpf betrachtete, ſich herausnehmen ſollte, ſich in einen Andern zu ver⸗ lieben, oder ein Anderer es wagen, ſie zu lieben, ehe ich mich entſchloſſen, ſie nicht ſelbſt nehmen zu wollen, 144 — und das Alles nach einer ſo langen Abweſenheit, und nachdem ſie alle Hoffnung aufgegeben, mich jemals wiederzuſehen. Der Leſer wird über meine Albernheit und noch mehr über meine Selbſtſüchtelei lächeln. Ich that es nicht minder, als ich darüber nachgedacht, und — ceerrachtete mich ſelbſt wegen meiner Eitelkeit und Thor⸗ heit. „Woran denken Sie, Japhet?« fragte mein Reiſee gefährte, den mein langes Schweigen endlich langweilte. „Daran, daß ich ein ausgemachter Narr geweſen bin, Sir,« erwiederte ich. „Das habe ich nicht geſagt, Japhet; doch um Ih⸗ nen die Wahrheit nicht vorzuenthalten, ich dachte al⸗ lerdings etwas ſehr Aehnliches. Aufrichtig, waren Sie nicht eiferſüchtig, als Sie Harcourt in Ceciliens Geſellſchaft fanden?⸗ 4 „»Sie haben vollkommen Recht, Sir. ⸗ „»Das werde ich Suſanne Temple ſagen, wenn ich ſie ſehe, damit ſie eine Vorſtellung von Ihrer Beſtän- digkeit bekommt,« erwiederte Maſterton lächelnd.»Wie groß muß der blaſſe Neid bei Ihnen ſein— aber Sie können ſie doch nicht Beide heirathen. Ich kann mir jedoch unter den obwaltenden Umſtänden Ihre Gefühle ſehr wohl erklären— Ihre Eiferſucht iſt uatürlich ge⸗ nug, allein nicht alles Natürliche macht der meuſchli⸗ chen Natur Ehre. Laſſen Sie uns ein wenig von Su⸗ ſanne plaudern, dann werden Ihnen alle dieſe Grillen vergehen. Wie alt iſt ſie?« 3 Maſterton legte mir in Betreff Suſannens ſo viele Fragen vor, daß bald ihr Bild mein ganzes Innere ausfüllte und meine gute Laune zurückkehrte. „ Ich weiß nicht, was ſie ſagen wird, wenn ſie mich in dieſem Anzuge ſieht,« bemerkte ich.»Wär' es nicht — —————— 3 J beſſer, ihn nach unſrer Ankunft mit einem andern zu vertauſchen?« »Auf keinen Fall; ich fechte Ihre Sache aus— kenne jetzt, Dank Ihren verzückten Reden über ſie, ihre Denkart genau genug.⸗ Neunzehntes Kapitel. Welches viele gelehrte Erörterungen über breiträndige Hüte und graue Kleider enthält.— Ich habe den Vortheil davon.— Der eine große Wunſch meines Lebens wird erfüllt.— Ich finde meinen Vater und einen kalten Empfang, der auf große nachfolgende Hitze deutet. Wir langten bei guter Zeit in Reading an, ſtiegen im Gaſthofe ab, beſtellten, das Mittagseſſen, und bega⸗ ben uns ſodann nach der Apotheke, wo wir Timotheus eifrig beſchäftigt fanden. Er war hocherfreut, Mr. Maſterton zu ſehen, und als er bemerkte, daß ich meine Quäkerkleider abgelegt, ließ er ſeiner Laune freien Lauf, machte ein langes Geſicht, und dutzte Maſterton auf eine höchſt lächerliche Weiſe. Wir ſchickten ihn zu Mr. Cophagus, und ließen denſelben um die Erlaubniß bitten, daß ich mit meinem alten Freunde zum Thee zu ihm kommen dürfe. Hierauf kehrten wir nach dem Gaſthofe zurück, wohin uns Timotheus die Antwort bringen ſollte. 4 »Ich zweifle ſehr, Japhet,« bemerkte Maſterton auf dem Rückwege,»ob es den Leuten jemals gelingen Japhet. III. 10 146 wird, einen Quäker aus Ihnen zu machen; daß aber Tim beiner wird, darauf können Sie ſich verlaſſen.« »Er lacht über Alles,« erwiederte ich;»Alles er⸗ ſcheint ihm in einem lächerlichen Lichte— jedenfalls werden ſie es nicht dahin bringen, daß er ernſthaft wird. ⸗ Mr. Cophagus ließ nun ſagen, daß wir willkom⸗ men ſein würden. Wir begaben uns nach dem Eſſen zu ihm. Ich trat zuerſt in das Zimmer. Suſanne kam mir entgegen, um mich zu begrüßen, zog ſich aber tief erröthend zurück, als ſie die in meinem Aeußern vorgegangene Veränderung gewahrte. Ich ging an ihr vorüber, um Mrs. Cophagus und ihrem Gatten die Hand zu reichen, und ſtellte ſodann Mr. Maſterton vor. » Wir erkennen Dich kaum wieder, Japhet,« be⸗ merkte Mrs. Cophagus mit Milde. »Ich glaubte nicht, daß ein ungewöhnliches Kleid mich meinen Freunden unkenntlich machen würde,« ver⸗ ſetzte ich;»aber dennoch ſcheint es ſo, denn Deine Schweſter hat mich nicht einmal willkommen geheißen.⸗ »Ich heiße Dich von ganzem, aufrichtigſtem Herzen willkommen, Japhet Newland,« ſagte Suſanne, die Hand mir reichend;»ich hätte mir indeſſen nicht ge⸗ dacht, daß Du in ſo kurzer Zeit unſer Bruderkleid ab⸗ legen würdeſt, und finde dies auch nicht wohlanſtändig.« »Miß Temple,« nahm Mr. Maſterton das Wort, »Mr. Newland hat, ſeinen aufrichtigen Freunden zu gefallen, die Kleidung Ihrer Brüderſchaft abgelegt. Ich ſtreite gegen keinerlei Glauben— Jedermann hat das Recht, ſich ſelbſt den ſeinigen zu wählen, und Mr. Newland hat nielleicht nicht ſchlecht gewählt, indem er den Ihrigen annahm. Möge er beharrlich dabei blei⸗ ben; allein, meine ſchöne junge Dame, es giebt keinen 147 vollkommenen Glauben, und auch in dem Ihrigen fin⸗ den ſich Mängel. Unſere Religion predigt Demuth, und wir mißbilligen es daher, daß er das Kleid des Hochmuths trägt.« »Des Hochmuths, ſagſt Du? Hat er nicht vielmehr das Kleid der Demuth abgelegt, und erſcheint jetzt in dem des Stolzes?«⸗ »Mit nichten, junge Dame. Wenn man ſich klei⸗ det wie die Welt, ſo trägt man keineswegs das Kleid des Hochmuths; wenn wir aber eine Kleidung wählen, die uns von Anderen unterſcheidet, ſo zeigen wir Stolz, und zwar Stolz der allerſchlimmſten Art, denn es iſt der heuchleriſche, der ſich in den Mantel der Demuth hüllt. Es iſt der Phariſäer der Schrift, der ſeine Tugenden und Vorzüge zur Schau trägt, nicht der de⸗ müthige Zöllner, der da ſpricht:»»Herr, ſei mir Sün⸗ der gnädig!«« Ihre vorgeblich demüthige Kleidung iſt die des Stolzes, und aus dieſem Grunde beſtanden wir darauf, daß er ſie, während er unter uns ſich auf⸗ hielt, mit der der Welt vertauſchte. Seinen Glauben beſtreiten wir nicht. Die Religion beſteht in äußerli⸗ chen Dingen dieſer Art nicht, und die Religion, die dergleichen zu ihrer Stütze bedürfte, müßte ſehr ſchwach ſein.« Suſanne war überraſcht. Der alte Rechtsgelehrte hatte die Sache in einem ihr neuen Lichte dargeſtellt. Mrs. Cophagus ſah ihren Gatten an, der, offenbar zu⸗ ſtimmend, mich am Arme zwickte. Suſanne, als Ma⸗ ſterton zu ſprechen aufgehört, ſchwieg einige Angen⸗ blicke, und erwiederte dann: »Es ziemt einer ſo jungen und ſchwachen Perſon, wie ich bin, nicht, mit Dir zu ſtreiten, der Du ſo viel älter biſt als ich. Ich bin außer Stande, mich in ei⸗ 10* 148 nen Streit uͤber Meinungen einzulaſſen, die, wenn ſie nicht richtig ſein ſollten, zum wenigſten in der heiligen Schrift gegründet ſind; ich bin jedoch anders belehrt.⸗ »Dann wollen wir die Sache fallen laſſen, Miß Temple, und laſſen Sie mich Ihnen ſagen, daß Japhet ſeine Quäker⸗Kleidung wieder anlegen wollte; ich aber ließ es nicht zu. Iſt Jemand zu tadeln, ſo bin ich es, und es iſt unnütz, auf einen alten Mann, wie ich bin, böſe zu ſein.⸗ „Ich habe kein Recht, auf irgend Jemand böſe zu ſein,“ erwiederte Suſanne.— »Aber Du warſt böſe auf mich, Suſanne,« fiel ich ein. 2 »Nein, Japhet Newland, ich war nicht böſe auf Dich. Ich weiß nicht, wie ich mein Gefühl benennen ſoll, hatte aber Unrecht, und bitte Dich um Verge⸗ bung. a Sie reichte mir ihre Hand. »Und auch mir müſſen Sie vergeben, Miß Temple,⸗ ſagte der alte Maſterton, und Suſanne lachte wider ihren Willen. Die Unterhaltung wurde darauf allgemein. Ma⸗ ſterton eröffnete Cophagus, was er von ihm begehre, und der Letztere willigte ſogleich ein. Es wurde ver⸗ abredet, daß er am folgenden Tage mit der Poſt nach London kommen ſolle. Maſterton ſprach viel über mei⸗ nen Vater, und ſtellte ſeine Denkart in ihrem wahren Lichte dar, weil er glaubte, daß es nützlich für mich ſein würde. Er brachte ſodann eine Menge von Ge⸗ ſprächsgegenſtänden auf die Bahn, und war äußerſt un⸗ terhaltend. Suſanne lachte am Ende recht herzlich, mein Reiſegefäͤhrte begab ſich nach dem Gaſthofe, und ich zog es vor, in meinem eigenen Bette zu ſchlafen. 149 Nachdem ich Maſterton nach dem Gaſthofe beglei⸗ tet, kehrte ich nach Mr. Cophagus Hauſe zurück, und fand die Familie im Wohnzimmer verſammelt. Mrs. Cophagus ſprach von ihrem Entzücken über Maſter⸗ tons Unterhaltung, als ich mit einem ernſten Geſichte eintrat. 4 »Ich wollte, daß ich Euch gar nicht verlaſſen hätte,⸗ redete ich ſie an;»ich fürchte mich vor der Zuſammen⸗ kunft mit meinem Vater. Er wird den unbedingteſten Gehorſam von mir fordern. Was ſoll ich thun? Muß ich ihm nicht gehorchen?« »In allen erlaubten Dingen ohne den mindeſten Zweifel, Japhet,« ſagte Suſanne. »In allen erlaubten Dingen, Suſanne! Wie ſteht es nun aber eben mit dem Falle der Kleidung? Mr. Maſterton ſagt, mein Vater würde mir nie erlauben, die unſrer Bruderſchaft zu tragen. Wie habe ich mich da nun zu verhalten?«. „»Du haſt Deine Religion und Deine Bibel zu Führern, Japhet.«. »So iſt es; und in der Bibel finde ich, geſchrie⸗ ben vom göttlichen Propheten, das Gebot:»»Du ſollſt Deinen Vater und Deine Mutter ehren!« Dieſes Gebot iſt beſtimmt; aber ich finde kein Gebot in der Schrift, dieſe oder jene Kleidung zu tragen. Was iſt Eure Meinung?« fuhr ich, zu Allen mich wendend, fort. »Ich würde Dir ſagen, ehre Deinen Vater, Ja⸗ phet,« erwiederte Mrs. Cophagus,»und Du, Su⸗ lanne—«— „Ich werde Dir gute Nacht ſagen, Japhet..— Wir lachten über dieſe Antwort, und ich bemerkte, daß Suſanne im Hinausgehen lächelte. Mrs. Copha⸗ 8. 150 gus folgte ihr lachend, und ich war mit ihrem Manne allein. „Japhet— alten Herrn ſehen— küſſen— Hände drücken— väterlicher Segen— und ſo fort. ⸗ »Allerdings,« erwiederte ich;»aber wenn er mich ſchlecht behandelt, ſo werde ich wahrſcheinlich wieder hierherkommen. Ich fürchte, daß Suſanne nicht gar zu wohl mit mir zufrieden iſt.⸗ » Pah, Unſinn— Frau weiß Alles— ſtirbt für Dich, Japhet— thu was Dir beliebt— kleide Dich — kleide ſie— jedes Kleid— nur nicht wie Eya— ſchlaue Herxe— Dich nicht aufgeben— Alles in Ord⸗ nung— und ſo fort.⸗ Ich drang in Cophagus, mb Alles zu ſagen, was er wußte, und hörte von ihm, daß ſeine Frau bald nach meiner Abreiſe Suſanne befragt hatte, da ſie ſie weinend gefunden. Suſanne hatte ihr ihre heiße Liebe zu mir bekannt. Das war Alles, was ich wiſſen wollte, ich ſagte ihm gute Nacht, und ging überglücklich zu Bett. Miß Temple noch, und obgleich ich kein Wort von Liebe ſprach, hatte ich doch allen Grund, zufrieden zu ſein. Sie war gütig und liebevoll, ſprach mit mir auf ihre gewöhnliche ernſte Weiſe, warnte mich vor der Welt, anerkannte, daß ich große Schwierigkeiten zu überwinden haben würde, und zog meine eigenthümliche Lage, ſo viel ich es nur wünſchen konnte, in Betracht. Mir zu fothe wagte ſie nicht, wollte aber für mich beten. bewies mir mehr Theilnahme und Ver⸗ 5 trauen al i Beim Abſchiede ſagte ich zu ihr:; » Thent e Saſanne, welche Veränderung in meinen Guhasnugnen oder in meiner Kleidung auch vorge⸗ Ehe ich am folgenden Morgen abreiſ'te, ſah ich — — 151 hen mag, glaube mir, mein Herz wird unverändert, und ſtets werde ich den Grundſätzen treu bleiben, die Du mir eingeprägt haſt, ſeit ich Dich kennen lernte.⸗ Dieſe Worte ließen eine doppelte Auslegung zu, und Suſanne erwiederte: »„Ich ſähe Dich gern vollkommen, Japhet; allein es giebt nichts Vollkommenes auf Erden; ſei daher ſo vollkommen als Du kannſt.⸗ »Gott ſegne Dich, Suſanne.«⸗ „»Möge der Segen des Herrn ſtets auf Dir ruhen, 4 Japhet,“ erwiederte ſie. 8. Ich ſchlang meinen Arm um ihren Leib, und drückte ſte leicht an meine Bruſt. Sie machte ſich ſanft los, und Thränen glänzten in ihren großen Augen, als ſie das Zimmer verließ. Nach einer Viertelſtunde ſaß ich mit Mr. Maſterton im Wagen. 5 »Japhet,« ſagte der alte Herr,»ich will Ihnen ſagen, daß Sie ſehr weiſe gewählt haben, und daß Ihre kleine Quäkerin ein äußerſt liebliches Geſchöpf iſt. Ich bin ſelbſt in ſie verliebt, und es ſcheint mir, daß ſie Cecilie de Clare an Schönheit weit übertrifft.⸗ »In der That, Sir!« „Ja, in der That. Ihr Geſicht iſt regelmäßiger, und ihre Haut unübertrefflich weiß. So weit ich ſie bis jetzt kenne und beurtheilen kann, iſt ſie ein Bild der Unſchuld ſelbſt.« »Ihre Blicke trügen nicht, Sir; ihr Herz iſt ſo rein, als jene verkünden.«— »Ich glaube es. Sie beſitzt eine ſtarke Seele, und wird ſelbſt denken.⸗ 3 8 »Ich fürchte, Sir, daß da gerade die Schwierigkeit liegt. Sie wird in einem Punkte nicht aachgeben, in 8 * welchem ſie Recht zu haben glaubt— nicht einmal aus Liebe zu mir.« „»Ich bin Ihrer Meinung, und bewundere ſie eben aus dieſem Grunde; aber, Japhet, ſie wird der Ueber⸗ zeugung nachgeben und, verlaſſen Sie ſich darauf, die außeren Gebräuche ihrer Sekte fahren laſſen. Be⸗ merkten Sie wohl, wie ich Ihnen geſtern Abend zu Hülfe kam, indem ich ſagte, daß die äußeren Formen Stolz wären? Laſſen Sie das wirken, und ich ſtehe für die Folgen; ſie wird das Quäker⸗Kleid ablegen. Wie ſchön ſie ſein würde, wenn ſie ſich wie andere Leute kleidete! Ich ſehe ſie ſchon in einen Ballſaal eintreten.« „Aber was veranlaßt Sie zu der Annahme, daß ſie ihren Glauben aufgeben wird?« »Ich ſage nicht, daß ſie ihn aufgeben wird, und wünſche es nicht, wünſche auch nicht, daß Sie es thun, Japhet. Es iſt viel Schönes und Wahres in dem quäkeriſchen Glauben. Aufgegeben ſollten nur die Klei⸗ dung und die Gebräuche bei den Zuſammenkünften werden, die beide nichts mehr und nichts minder als Abgeſchmacktheiten ſind. Bedenken Sie, daß Miß Temple als Quäkerin erzogen iſt. Weil ihre Sekte ſich ſo gänzlich abſondert, kennt ſie keine andere Art der Gottesverehrung, und hat nie den ihr eingeprägten Meinungen widerſprechen gehört; aber laſſen Sie ſie nur ein paar Mal in der engliſchen Kirche die ſchöne Liturgie und einen verſtändigen Prediger hören. Be⸗ reden Sie ſie dazu, wogegen ſie nichts wird einwenden können, und laſſen Sie ſie dann ſelbſt denken und han⸗ deln, und ich gebe Ihnen mein Wort darauf, wenn ſie vergleicht, was ſie dort hört, mit dem Unſinn, den ſie von Zeit zu Zeit in den quäkeriſchen Verſammlungen von vermeintlich Inſpirirten vernimmt, ſo wird ſie, wenn auch ihre Glanbensſätze mit dem wahren Chri⸗ ſtenthume mehr übereinſtimmen, als die vieler anderen Sekten, ſelbſt einſehen, daß die äußeren Formen und Gebräuche unvollkommen ſind. Ich ſetze mein Ver⸗ trauen auf ihren eigenen geſunden Verſtand. ⸗ »Ich bin hoch erfreut, Sie ſo reden zu hören. ⸗ »Nun, das iſt meine Meinung von ihr, und wenn ſie dieſelbe rechtfertigt, ſo ſollen Sie mich hängen, wenn ich ſie nicht adoptire.« »Was halten Sie von Mrs. Cophagus, Sir?⸗ „Ich glaube, daß ſie im Herzen ihrem Glauben nicht mehr zugethan iſt, als ich. Sie iſt lebhaft, hei⸗ ter, gutherzig, und würde nichts dagegen haben, morgen im Tage mit Federn und Diamanten zu erſcheinen.⸗ »Ich kann Ihnen auch ſagen, Sir, daß Mr. Co⸗ phagus noch immer nach ſeinen blauen Strumpfhoſen und hohen Stiefeln ſeufzt.«. »Ein deſto größerer Narr iſt er! Allein es iſt mir doch lieb, denn es bringt mich auf einen Gedanken, den ich verfolgen werde; für den Augenblick beſchäftigt uns Ihre folgenreiche Zuſammenkunft mit Ihrem Vater.« 3 Wir kamen in London zur Zeit des Mittagseſſens an, das Mr. Maſterton in ſeinem Hauſe bereit zu hal⸗ ten befohlen hatte. Da der alte Herr von ſeiner zwei⸗ tägigen Reiſe ein wenig ermüdet war, ſo ſagte ich ihm frühzeitig gute Nacht.* »Vergeſſen Sie nicht, Japhet, daß wir morgen um ein Uhr im Adelphi⸗Hotel ſein müſſen— verſpäten Sie ſich nicht.«. Ich verfehlte nicht, am andern Tage mich bei ihm zur beſtimmten Stunde einzuſtellen, und wir fuhren 154 nach dem Hotel, in welchem mein Vater ſeinen Wohn⸗ ſit aufgeſchlagen hatte. Man führte uns in ein Zim⸗ mer im Erdgeſchoß, wo wir Mr. Cophagus und zwei von den Direktoren des Findelhauſes vorfanden. „Wirklich, Mr. Maſterton,« ſagte einer von den Letztern,»man ſollte denken, wir wären im Begriff, die Gnade einer Audienz bei einem regierenden Fürſten zu haben, und Gunſt zu empfangen, ſtatt gute Dienſte zu leiſten. Meine Zeit iſt koſtbar; ich müßte jetzt ſchon in der City ſein, und da läßt uns der alte Na⸗ bob warten, als wenn wir Bettler wären.« Maſterton lachte und ſagte:»Laſſen Sie uns ſammt und ſonders hinaufgehen, und nicht darauf war⸗ ten, daß wir gerufen werden.⸗ Er rief einen Kellner, und befahl ihm, ſie General De Benyon zu melden. Sie folgten ihm und ließen mich allein. Ich muß ſagen, daß ich ein wenig aufgeregt war; ich hörte, wie oben die Thür aufging, und dann ein zorniges Geheul, gleich dem eines wilden Thieres; die Thür wurde geſchloſſen, und Alles war ſtill. »Und dieſes,« dachte ich,»viſt alſo der Erfolg aller meiner ſüßen Hoffnungen, meiner glühenden Wünſche, meiner leidenſchaftlichen Nachforſchungen. Statt ein Verlangen auszudrücken, ſeinen Sohn zu empfangen, kordert er Beweiſe, und noch mehr Beweiſe, nachdem er bereits die genügendſten erhalten. Man ſagt, er ſei leidenſchaftlich und könne ſich nicht beherrſcheng und Nachgiebigkeit reize ihn, ſtatt ihn zu beſänftigen. Wie dann, wenn ich meinen Unwillen an den Tag lege? Ich habe gehört, daß man Leuten dieſer Art am beſten mit ihren eigenen Waffen begegnet:— wie wäre es, wenn ich den Verſuch machte?— Doch nein, ich habe kein Recht dazu— ich werde jedoch feſt bleiben, und —.— 155 mich unter allen Umſtänden beherrſchen. Ich will ihm zum wenigſten zeigen, daß ſein Sohn die Geſinnungen eines Gentleman beſitzt.⸗ Während alſo meine Gedanken waren, wurde die Thür geöffnet, und Maſterton forderte mich auf, ihm zu folgen. Mit klopfendem Herzen gehorchte ich, und als ich die Treppe hinaufgeſtiegen war, nahm er mich bei der Hand, und führte mich zu meinem lange ge⸗ ſuchten und ſehr gefürchteten Vater hinein. Ich will ihn und den ganzen ſich mir darbietenden Anblick ſchildern. Das Zimmer war lang und ſchmal, und im Hinter⸗ grunde ſtand ein großes Sopha, auf welchem mein Va⸗ ter ſo ſaß, daß ſein verletztes Bein darauf ruhete; ſeine Krücken lehnten gegen die Wand. An ſeinen bei⸗ den Seiten erblickte man große Vogelbauer, ein jedes mit einem prächtigen Macao; neben dieſen ſtanden zwei oſtindiſche Diener, in Muſſelin gekleidet, und die Arme über der Bruſt gekreuzt. Vor dem Tiſche, der vor dem Sopha ſtand, ſah man eine oſtindiſche Pfeife; ſie war prachtvoll mit Silber ausgelegt, und das gewun⸗ dene Rohr ging unter dem Tiſche durch, ſo daß es von meinem geehrten Papa erreicht werden konnte, Auf der einen Seite des Zimmers ſaßen die beiden Direktoren des Findelhauſes, auf der andern Mr. Cophagus in ſeinem Quäker⸗Anzuge; auf dem Stuhle neben ihm hatte Maſtenton geſeſſen. Ich warf einen Blick auf meinen Vaker. Er war ein ſehr langer Mann, wie es ſchien, über ſechs Fuß groß, kräftig gebaut, ohne zu fett zu ſein. Er war breitſchulterig und muskulös, und muͤßte, glaͤube ich, ein paar hundert Pfund wiegen. Auch ſein Kopf war ſehr groß, und ſtand mit ſeinem Körperban im Ver⸗ häͤltniß; ſeine Züge waren nach demſelben großen Maß⸗ ſtabe gebildet. Seine Geſichtsfarbe war braungelb, und ſein Haar ſchneeweiß. Sein Backenbart war ſehr ſtark, und ſtieß unter dem Kinn zuſammen, und da er gleich⸗ falls weiß war, ſo glich mein Papa, indem der Bart ſein ganzes Geſicht umgab, und mit ſeiner Hautfarbe 3 ſtark kontraſtirte, mehr einem bengaliſchen Tiger, als einem Gentleman. General De Benyon ließ Maſterton mich bis auf ein paar Schritt von dem Tiſche vorführen. »Ich habe das Vergnügen,« ſagte Maſterton,„Ih⸗ nen, General, Ihren Sohn Japhet vorzuſtellen.⸗ Keine Hand wurde mir zum Willkommen entgegen gehalten. Mein Vater heftete ſeine ſtolz blickenden grauen Augen einen Augenblick auf mich, und wendete 5 ſch darauf zu den Findelhaus⸗Direktoren. Iſt dieſes die Perſon, meine Herren, welche Sie als Kind in Empfang nahmen, und unter dem Namen Japhet Newland aufzogen?« Die Direktoren gaben ihre bejahende Erklärung ab, und fügten hinzu, daß ſie mich Mr. Cophagus überge⸗ 1 ben, und mich nur ein einziges Mal wiedergeſehen hätten, ſeit ich das Findelhaus verlaſſen. »Iſt dieſes der Japhet Newland, der Ihnen von dieſen Herren übergeben wurde, und den Sie zu Ih⸗ rem Geſchäfte bildeten?« 4 f»Ja, wirklich— ich bekräftige— tüͤchtiger Burſch — guter Junge— und ſo fort.« „ Die Verſicherung eines Quäkers genügt mir nicht — wollen Sie Ihre Ausſage beſchwören, Sir?« »Ja,« erwiederte Cophagus, ſeine Quäkerſchaft ſen— und ſo fort.⸗ vergeſſend,»ſchwören— Bibel herholen— Buch küſ⸗ „ Sie weigern ſich alſo als Quäker nicht, die Iden⸗ tität dieſer Perſon zu beſchwören? »Schwören,“« rief Cophagus aus,⸗»ja, ſchwören— gleich ſchwören— nicht Japhet ſein— verdammt werden— zur Hölle fahren— und ſo fort. ⸗ Die übrigen Anweſenden konnten ſich nicht enthal⸗ ten, über dieſes Losbrechen des Apothekers zu lachen, und auch ich vermochte es nicht. Maſterton fragte darauf den General, ob er noch weitere Beweiſe ver⸗ lange. 3 »Nein,“« erwiederte der General barſch, ſagte ſei⸗ nen Dienern ein paar Worte in hindoſtaniſcher Sprache, ſie gingen nach der Thür und öffneten ſie. Der Wink wurde verſtanden, und Maſterton ſagte zu den Uebrigen in ironiſchem Tone: „Meine Herren, es iſt ſehr natürlich, daß der Ge⸗ neral nach einer ſo langen Trennung mit ſeinem Sohne allein zu ſein wünſcht, um ſeinen väterlichen Gefühlen freien Lauf zu laſſen.⸗ Zwanzigſtes Kapitel Mein Vater und ich werden warm.— Ich werde genöthtgt, ihm ein wenig den Kopf zu waſchen, um ihm meine Zu⸗ neigung zu zeigen— er nimmt es zuletzt ſehr freundlich auf, und bekennt ſehr pflichtmäßig, ein Narr zu ſein. 8 Ich blieb unterdeß mitten im Zimmer ſtehen; die Herren entfernten ſich, und die beiden oſtindiſchen Die⸗ ner ſtellten ſich wieder zu beiden Seiten des Sophas auf. Ich fühlte mich erniedrigt, und war entrüſtet, wartete jedoch ſchweigend; endlich begann mein geehr⸗ ter Vater, nachdem er mich einige Zeit betrachtet: „Junger Menſch, wenn Ihr glaubt, durch Euer einnehmendes Aeußere meine Gunſt zu gewinnen, ſo — ſeid Ihr gewaltig im Irrthum: Ihr ſeht Eurer Mut⸗ ter zu ähnlich, deren Andenken mir nichts weniger als angenehm iſt.« Bei dieſer grauſamen Bemerkung ſtieg mir das Blut in das Geſicht; ich kreuzte meine Arme, und ſah meinem Vater feſt in das Geſicht, gab jedoch keine Antwort. Seine Galle war erregt.— „Es ſcheint, daß ich einen höchſt pflichtmäßig ge⸗ ſinnten Sohn gefunden habe.« Ich war im Begriff, eine zornige Erwiederung zu geben, faßte mich jedoch und ſagte in höflichem Tone: „Mein theurer General, verlaſſen Sie ſich darauf, daß Ihr Sohn ſtets ſeine Pflichten gegen Jeden erfül⸗ len wird, dem er Pflichten ſchuldet; aber entſchuldigen Sie mich, Sie haben in der Aufregung dieſer Zuſam⸗ menkunft jene kleinen Aufmerkſamkeiten, welche die Höflichkeit erfordert, vergeſſen; ich werde mit Ihrer Erlaubniß einen Stuhl nehmen, und wir werden dann bequemer mit einander reden können. Ich hoffe, daß es ſich mit Ihrem Beine beſſert.« Ich ſagte dieſes im einſchmeichelndſten Tone und mit der ausgeſuchteſten Höflichkeit, zog einen Stuhl an den Tiſch, und ſetzte mich. Wie ich es erwartet hatte, gerieth mein geehrter Papa in die ſchrecklichſte Wuth. „Sir, wenn dieſes eine Probe Ihres Gehorſams und Ihrer Hochachtung iſt, ſo hoffe ich, Sie werden mich nicht mehr davon ſehen laſſen. Wem ſchulden Sie Gehorſam, Sir, weun nicht dem Urheber Ihres 159 Daſeins?« wüthete der General, und ſchlug dabei mit ſeiner ungeheuern Fauſt dermaßen auf den vor ihm ſte⸗ henden Tiſch, daß die Dinte aus dem Dintefaße mehrere Zoll hoch empor flog, und die Papiere umher beſpritzte. »Mein theurer Vater, Sie haben vollkommen Recht, wir ſind den Urhebern unſers Daſeins Gehorſam ſchul⸗ dig. Wenn ich mich recht entſinne, ſo beſagt das gött⸗ liche Gebot: Ehre Deinen Vater und Deine Mutter, aber zugleich giebt es, wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf, gewiſſe Dinge, welche man gegenſeitige Pflichten nennt— Pflichten, die für einen Vater noch wichtiger ſind, als die bloße Erzeugung eines Sohnes.“ »Was wollt Ihr mit dieſen unverſchämten Bemer⸗ kungen ſagen, Sir?« unterbrach mein Vater. „ Entſchuldigen Sie mich, mein theurer Vater; wenn ich Unrecht habe, ſo unterwerfe ich mich gern Ihrem reiferen Urtheile; allein es ſcheint mir, daß die einem Vater obliegenden Pflichten dadurch nicht vollkommen erfüllt waren, daß ich am Thore des Findelhauſes in einem Korbe aufgehangen wurde, und zur ganzen Mit⸗ gift bis zu meinem vierundzwanzigſten Jahre eine Bank⸗ note von funfzig Pfund erhielt. Sind Sie anderer Mei⸗ nung, ſo fürchte ich, daß dieſelbe ſo wenig von der Welt als mir ſelbſt getheilt werden wird. Ich gedenke freilich keineswegs Klage zu führen, da ich überzeugt bin, daß es jetzt in Ihrer Gewalt ſteht, und Ihre Abſicht iſt, es mir zu vergüten, daß Sie mich ſo lange in Dürf⸗ tigkeit Aießen, ſo daß ich allein für mich ſelbſt ſorgen mußte.. »So, ſo, Sir? Nun gut, ich werde Euch jetzt mei⸗ nen Entſchluß verkünden— da iſt die Thür— hinaus mit Euch, und daß ich Euch nie wieder zu ſehen be⸗ kommel«⸗ 160 „»Mein theurer Vater, ich weiß, daß Sie nur ein wenig zu ſcherzen belieben, oder mich bloß auf die Probe ſtellen wollen, ob ich den Muth und die Entſchloſſen⸗ heit eines De Benyon beſitze. Ich werde mich natürlich Ihres Beifalls erfreuen, indem ich Ihrer launigen Auf⸗ forderung nicht Folge leiſte.⸗ »Nicht Folge leiſten— nun bei Gott,« wüthete mein Vater, wendete ſich zu ſeinen Dienern, und rief ihnen einige hindoſtaniſche Worte zu. Sie gingen au⸗ genblicklich nach der Thür, riſſen ſie weit auf, traten an mich heran, und machten Miene, mich bei den Ar⸗ men zu faſſen. Mein Blut kochte, ich blieb mir jedoch bewußt, wie nothwendig es war, gleichgültig zu blei⸗ ben. Ich ſtand auf, trat dicht vor das Sopha, und ſagte: „»Mein theurer Vater, ich ſehe, daß Sie dieſe Krü⸗ cken in dieſem Augeublicke nicht bedürfen; Sie werden daher nichts dagegen haben, daß ich mich einer derſel⸗ ben bediene. Sie dürfen von dieſen indiſchen Schurken in der Perſon Ihres Sohns nicht beleidigt werden.“ „Werft ihn hinaus,« brüllte mein Papa. Sie rückten heran, ich ſchwang jedoch die Krücke rund um mich herum, und nach zwei Augenblicken wa⸗ ren ſie Beide zu Boden geſtreckt. Sobald ſie wieder auf den Füßen waren, ging ich meinerſeits zum Angriff über, und trieb ſte aus dem Zimmer hinaus, worauf ich die Thür verſchloß. 5 „Ich danke Ihnen, mein theurer Sir,⸗ ſagte ich, die Krücke wieder an ihren Ort ſtellend.»Ich danke Ihnen vielmals, daß Sie mir erlaubt haben, die Un⸗ verſchämtheit der ſchwarzen Schurken zu beſtrafen, die Sie ohne Zweifel ſofort entlaſſen werden. 4 161 Ich zog den Stuhl, anf welchem ich geſeſſen, näher zu ihm, und ſetzte mich wieder. Die Wuth des Generals war jetzt ohne Grenzen, er beſtrebte ſich vergeblich, zu reden, und der Schaum ſtand ihm vor dem Munde. Er erhob ſich von dem Sopha, um ſelbſt über mich herzufallen, beſchädigte da⸗ bei ſein Bein, und ſank vor Schmerz und Wuth wieder zurück. „Mein theurer Vater, ich fürchte, daß Sie bei Ihrer Begierde mir beizuſtehen, Ihr Bein wieder verletzt ha⸗ ben,« ſagte ich in beſchwichtigendem Tone. „Burſche,« brach er endlich los;»wenn Ihr damit durchzukommen meint, ſo ſeid Ihr in einem gewaltigen Irrthum. Ihr kennt mich nicht; Ihr könnt ein paar feige Schwarze aus der Thür werfen, jetzt will ich Euch aber zeigen, daß ich keinen Scherz mit mir trei⸗ ben laſſe. Ich heiße Euch gehen— enterbe Euch für immer— erkenne Euch nicht an. Ihr mögt wählen, ob Ihr lieber in aller Stille dieſes Zimmer verlaſſen, oder den Händen der Polizei überliefert werden wollt.⸗ »Der Pelizei, mein theurer Sir! Was kann die Polizei thun? Ich kann ſie meinerſeits wegen des An⸗ griffs Ihrer Diener auf mich herbeirufen, und die Kerle nach Bow Street bringen laſſen; Sie aber können mich wegen eines Angriffs nicht anklagen.“ „Das will ich aber, bei Gott, Sir, meine Anklage mag gegründet oder ungegründet ſein.“« „Sie werden es ſicher nicht wollen, mein theurer BVater. Ein De Benyon wird ſich nie einer Lüge ſchul⸗ dig machen. Ich möchte die Sache gern ruhig mit Ih⸗ nen überlegen, weil ich Ihren kleinen Ausbruch übler Laune auf Ihre Schmerzen und Ihr Uebelbefinden ſchiebe. Nehmen wir nun einmal an, daß Sie die Polizei her⸗ Japhet II. 11 162 beiriefen, und mich eines Angriffs anklagten, ſo würden Sie mich dadurch in die Nothwendigkeit verſetzen, Sie gleichfalls anzuklagen, und wir würden dann Beide nach Bow Street wandern müſſen. Waren Sie jemals in Bow Street, General?« Der General gab keine Antwort, und ich fuhr fort: „Bedenken Sie doch ferner, mein theurer Sir, wie ſchlimm es ſein würde, wenn der Friedensrichter Ihnen einen Eid abforderte, und Ihre Anklage zu hören ver⸗ langte. Was würden Sie erklären müſſen? Daß Sie ſich als junger Mann verheirathet, und den zweiten Tag nach der Hochzeit Ihre Frau verlaſſen hätten, weil Sie die Entdeckung gemacht, daß ſie vermögens⸗ los ſei;— daß Sie, ein königlicher Offizier, der acht⸗ bare Kapitän De Benyon, Ihr Kind am Thore eines Findelhauſes aufgehangen, mit Ihrer Frau, als dieſelbe Gattin eines Andern geweſen, wieder zuſammengetrof⸗ fen, Hehler ihres Verbrechens, der Bigamie geworden, Zuſammenkünfte mit ihr gehabt, während ſie mit einem Andern verheirathet war. Ich ſage, Zuſammenkünfte mit ihr gehabt, denn Sie ſahen ſie, um ſich mit ihr über mich zu beſprechen. Ich urtheile nicht argwöhniſch und lieblos— was aber Andere nicht unterlaſſen wer⸗ den. Nach ihrem Tode kehren Sie in die Heimath zu⸗ rück, und ſtellen Nachforſchungen nach Ihrem Sohne an. Die Identität ſeiner Perſon wird bewieſen, und was nun?— Sie erweiſen ihm nicht bloß nicht einmal die gewöhnliche Höflichkeit, ſondern verſuchen es, ihn aus der Thür werfen zu laſſen, und übergeben ihn der Po⸗ lizei,— und dann endlich werden Sie anzugeben haben, weshalb? Vielleicht gefällt es Ihnen, mir dieſe Frage zu beantworken, denn ich weiß wirklich keine Antwort darauf.⸗ 163 Wäͤhrend dieſer Zeit hatte ſich meines geehrten Va⸗ ters Zorn einigermaßen gelegt. Er hörte mich bis zu Ende an, und fühlte, wie äußerſt lächerlich er ſich gemacht haben würde, wenn er ſeine Abſicht ausgeführt hätte⸗ In dem Maße aber, wie ſein Zorn ſich legte, nahmen ſeine Schmerzen zu. Er hatte ſein Bein ſchwer verletzt, es ſchwoll raſch an, der Verband drückte natürlich im⸗ mer miehr und mehr, und er litt unter der bitterſten Pein.»O, o!« ſtöhnte er. »Mein theurer Vater, kann ich Ihnen Beiſtand lei⸗ ſten?« „Schellt, Sir.« „»Es iſt unnöthig, Beiſtand gerberzurnfen, während ich hier bin, mein theurer General. Ich kann⸗Ihre Wunde kunſtgerecht verbinden, und werde, wenn Sie mich nach derſelben ſehen laſſen wollen, Ihren Schmerz bald lindern. Ihr Bein iſt angeſchwollen, und der Verband muß gelöſ't werden.« Er erwiederte nichts, aber ſein Geſicht war vor Schmerz verzerrt. Ich trat zu ihm, und löſſte den Ver⸗ band, was ihm beträchtliche Erleichterung verſchaffte. Ich legte den Verband wieder an, ging an den Schenk⸗ tiſch, nahm die Waſchung, welche dort neben anderen Flaſchen ſtand, und benetzte die Bandagen mit großer Sorgfalt. Nach wenigen Minuten hatten ſeine Schmer⸗ zen vollkommen aufgehört.»Vielleicht, Sir,« ſagte ich,»thäten Sie am Beſten, wenn Sie den Verſuch machten, ein wenig zu ſchlafen. Ich will ein Buch neh⸗ men, und es wird mir großes Vergnügen gewähren, an Ihrem Lager zu wachen.« Der General war erſchöpft, und ſank auf das So⸗ pha zurück, ohne etwas zu erwiedern, und bald darauf ſchnarchte er auf das behaglichſte.»Ich habe Dich 3 3 412 164 überwunden,“« dachte ich,»und ſollte es noch nicht der Fall ſein, ſo will ich den Sieg davon tragen, dazu bin ich feſt entſchloſſen.⸗ Ich ging leiſe nach der Thür, ſchloß ſie wieder auf, und öffnete ſie, ohne ihn aufzuwecken, befahl ſogleich etwas Fleiſchbrühe zu bringen, und ſagte, daß ich drau⸗ ßen darauf warten wollte, da der General ſchliefe. Mein kleiner Kunſtgriff gelang mir, ich verſchloß die Thür wieder, ohne ihn aufzuwecken, ſetzte mich und nahm mein Buch wieder zur Hand, nachdem ich die„ Fleiſchbrühe ſeitwärts auf den Kaminroſt geſtellt hatte, um ſie warm zu halten. Ungefähr nach einer Stunde erwachte er, und blickte umher. „Bedürfen Sie etwas, mein theuerſter Vater?« fragte ich. Er ſchien unentſchloſſen, ob er die Feindſeligkeiten wieder aufangen ſollte, ſagte aber endlich:»Ich wün⸗ ſche, daß meine Diener kommen, Sir« »Die Wartung eines Dieners kann niemals der Ih⸗ res eigenen Sohnes gleich kommen, General,“« erwie⸗ derte ich, ging nach dem Kamin, holte das Gefäß mit der Fleiſchbrühe, und ſtellte es vor ihn hin. »Ich erwartete, daß Sie Ihres Trankes bedürfen würden, und hielt ihn bereit für Sie.«⸗ „Das war es allerdings, was ich bedurfte, Sir,« erwiederte mein Vater, und frank ohne weitere Bemer⸗ kung die Schaale aus. Ich ſetzte das Gefäß zur Seite, holte die Waſchung, und benetzte abermals den Verband ſeines Beines. „Kann ich ſonſt etwas für Sie thun, Sir?« ſagke ich. „Nein— ich fühle mich ſehr behaglich.« „Dann will ich Abſchied nehmen, Sir,“« erwiederte ich.»Sie hießen mich für immer Ihre Gegenmart; mei⸗ den, und wollten ſogar Gewalt gebrauchen. Ich lei⸗ ſtete Widerſtand dagegen, weil ich nicht leiden wollte, daß Sie die ſchmerzliche Erinnerung hätten, einem jungen Manne Unrecht gethan zu haben, der ſtarke An⸗ ſprüche an Sie, und Ihnen niemals Leides gethan hat. Ich ließ Sie auch meinen Unwillen ſehen, weil ich Ih⸗ nen zu beweiſen wünſchte, daß ich ein De Benyon ſeie * und Muth genug beſitze, eine Beleidigung zurückzuwei⸗ ſen. Wenn Sie aber glauben, General, daß ich in der Abſicht hierher gekommen, mich Ihnen aufzudrän⸗ gen, ſo irren Sie ſich gewaltig. Ich bin zu ſtolz, und glücklicherweiſe durch meine eigenen Anſtrengungen zu unabhängig, um Ihres Beiſtandes zu bedürfen. Hätten Sie mich mit Güte anfgenommen, ſo glauben Sie mir, Sie würden ein dankbares und zärtliches Herz in mir gefunden, einen Sohn gefunden haben, deſſen einziges Beſtreben während ſeines ganzen Lebens kein anderes 6 geweſen iſt, als das, einen Vater zu finden, nach wel⸗ chem er ſich geſehnt hat, und deſſen Bedürfniſſen abzu⸗ helfen, deſſen Wünſchen entgegen zu kommen, deſſen Schmerzen zu lindern, und bei dem in den Tagen der Krankheit zu wachen, ſeine höchſte Luſt geweſen ſein würde. Verlaſſen, wie ich es von Kindheit an gewe⸗ ſen bin, hoffe ich Ihnen keine Schande gemacht zu ha⸗ ben, General De Benyon; und habe ich Unrecht gethan, ſo geſchah es nur in Folge meines Wunſches, Sie auf⸗ zufinden. Ich kann mich auf Lord Windermear berufen, er wird die Wahrheit dieſer Verſicherung bezengen. Er⸗ lauben Sie mir zu ſagen, daß es eine ſehr harte Probe — eine wahre Feuerprobe, die von wenigen beſtanden 4 wird, iſt— ohne Freund, ohne Vater, der mir bei⸗ ſtehen oder rathen können, in die Welt hinausgeſtoßen zu werden, und die Schmach zu ertragen, von unbe⸗ * 4 ———ꝛ—ꝛ——— kannter und vielleicht ſchimpflicher Geburt zu ſein. Es iſt noch härter, zurückgewieſen zu werden in dem Au⸗ genblicke, in welchem ich meine ſüßeſten Wünſche ver⸗ wirklicht zu ſehen hoffte, und zwar aus keinem andern ner Mutter gleichen. Eine Bitte habe ich, General De Benyon, und ich hege das Vertrauen, daß Sie ſie mir nicht verweigern werden, die Bitte nämlich, daß Sie mir erlauben, den Namen anzunehmen, den ich zu führen berechtigt bin. Ich verſpreche Ihnen, ihm nie⸗ mals Unehre zu machen. Und nun gehe ich, Sir, nichts weiter bittend, noch erwartend, und Sie können verſi⸗ chert ſein, daß weder Armuth noch Entbehrung oder Unglücksfälle irgend einer Art mich jemals bewegen wer⸗ den, Sie wieder aufzuſuchen. General De Benyon, le⸗ ben Sie wohl für immer.“« Ich machte meinem Vater eine tiefe Verbeugung, und war im Begriff, das Zimmer zu verlaſſen. „Halt, Sir,“« ſagte der General.»Ich bitte, war⸗ ten Sie einen Augenblick.« Ich gehorchte. „Warum brachten Sie mich in Zorn. Beantwor⸗ ten Sie mir dieſe Frage.⸗ „Erlauben Sie mir zu bemerken, Sir, daß ich Sie keineswegs in Zorn gebracht, und was noch mehr iſt, Ihnen keineswegs Zorn gezeigt habe, obgleich Sie mich ſo unverdienter und unerwarteter Weiſe beleidigten und beſchimpften.« „Aber das machte mich eben zornig, daß Sie ſo ruhig blieben, Sir.“« „Das iſt ſehr möglich, mein Beuehmen jedoch ſicher nicht zu tadeln. Der größeſte Beweis, daß Jemand ein vollkommner Gentleman iſt, beſteht darin, daß er ſeine Leidenſchaften zu beherrſchen weiß, und ich wünſchte, 4 167 Sie möchten anerkennen, daß mir dieſe Eigenſchaft nicht abgeht.⸗ „Das iſt eben ſo viel, als wenn Sie ſagten, Ihr Vater ſei kein Gentleman, und damit wollen Sie, ſcheint es, eine Probe Ihres kindlichen Pflichtgefühls ablegen,« erwiederte der General mit Lebhaftigkeit. „Nichts weniger als das, Sir: es giebt viele Gent⸗ lemen, die unglücklicherweiſe ihren Launen nicht gebie⸗ ten können, und deshalb mehr Mitleid als Tadel ver⸗ dienen; wenn dieſes jedoch der Fall bei ihnen iſt, ſo machen ſie ihren Irrthum ſtets wieder gut, indem ſie ihr Bedauern zu erkennen geben, und ſich entſchul⸗ digen.« „Das heißt ſo viel, als daß Sie erwarten, daß ich mich bei Ihnen entſchuldige.«„. „Erlauben Sie mir, Sie zu fragen, Sir, ob Sie . je einen De Benyon gekannt haben, der ſich eine Belei⸗ digung gefallen ließ?« „Nein, Sir, ich hoffe nicht.« „Dann ſollten die, deren Stolz ihnen nicht erlaubt, ſich eine Beleidigung gefallen zu laſſen, auch niemals Andere beleidigen. Haben Sie es in der Hitze des Au⸗ genblicks gethan, ſo ſollte Ihr Stolz Sie augenblicklich bewegen, ſich deshalb zu entſchuldigen, was Sie nicht bloß dem Beleidigten, ſondern auch ſich ſelbſt ſchuldig ſind. Es iſt kein Schimpf, ſich zu entſchuldigen, wenn man im Irrthum geweſen iſt, wogegen es aber nicht „ weuig ſchimpflich iſt, ſich zu weigern, zu thun, was die Gerechtigkeit und Billigkeit fordert.« 3 3 „Es ſcheint, daß ich aus dem Allen ſchließen ſoll, daß Sie eine Entſchuldigung von mir erwarten?« „»General De Benyon, ſo weit ich für meine Perſon betheiligt bin, iſt das jetzt von geringer Bedeutung; ——————————— * 168 wir ſcheiden von einander, und werden uns wahrſchein⸗ lich nie wieder ſehen; ich bin jedoch bereit eine Ent⸗ ſchuldigung entgegen zu nehmen, wenn Sie glauben, ſich danach zufriedener zu fühlen.“ „Ich muß aus dieſer Bemerkung ſchließen, daß Sie eine Entſchuldigung mit Gewißheit erwarten, und nicht bleiben werden, wenn keine erfolgt.« »Ich denke überhaupt nicht daran, zu bleiben, Ge⸗ neral. Sie haben mir geſagt, daß Sie mich für immer verbannten und enterbten; einem Manne von männli⸗ cher Geſinnung wird es nie einfallen, nach einer ſol⸗ chen Erklärung noch bleiben zu wollen.« »Unter welchen Bedingungen würden Sie denn bei mir bleiben, Sir, und das Geſchehene vergeſſen?« »Meine Bedingungen ſind einfach, General; Sie müſſen, was Sie geſagt, zurücknehmen, und erklären, es thue Ihnen leid, daß Sie mich beleidigt.« „ Und wenn ich das nicht thue, werden Sie nie wie⸗ der zu mir kommen?« „Ganz beſtimmt nicht, Sir. Ich werde Ihnen ſtets alles Gute wünſchen, für Ihr Wohlergehen beten, über Ihren Tod betrübt ſein, und Ihnen als erſter Leidtra⸗ gen zu Grabe folgen, obgleich Sie mich enterben. ieſes iſt meine Schuldigkeit dafür, daß ich Ihren Na⸗ men führen darf, daß Sie mich als Ihren Sohn aner⸗ kannt haben; aber bei Ihnen leben, oder Sie auch nur von Zeit zu Zeit ſehen, will ich nach dem, was ſich heute zugetragen, nicht, es müßte denn ſein, daß Sie ſich entſchuldigten.« „„Es war mir bis jetzt unbekannt, daß ſich ein Va⸗ ter bei ſeinem Sohne zu entſchuldigen brauchte.« „»Sie entſchuldigen ſich, wenn Sie einem Fremden — 8 — 8 169 44* Unrecht thun, wie viel mehr ſind Sie es einem nahen* Angehörigen ſchuldig.“«. „Aber ein Vater hat Rechte über ſeinen Sohn, Sir, die er billiger Weiſe ausüben darf.“« »Im gewöhnlichen Gange der Dinge, ja, das gebe ich zu; aber General De Benyon, welche väterliche An⸗ ſprüche haben Sie auf mich? Ein Sohn iſt in den mei⸗ ſten Fällen ſeinen Aeltern für ihre Mühe und Sorge um ihn in ſeiner Kindheit verpflichtet— für ſeine Er⸗ ziehung— ſeine religiöſe Unterweiſung— ſein Fortkom⸗ men in der Welt; und wenn ſie von der Erde ſchei⸗ den, ſo kann er mit Grund erwarten, daß ſie ihm ei⸗ nen Theil ihres Vermögens hinterlaſſen. Sie haben ſelbſt eine ſchwere Dankbarkeits⸗Schuld abzutragen, und von ihrem Benehmen gegen ihre Kinder hängt auch die Erfüllung ihrer jenſeitigen Hoffnungen ab. Sie haben bis jetzt nichts für mich gethan, und erklären mir, daß Sie auch nichts für mich thun wollen. Erlanben Sie mir die Frage, General De Benyon, auf welche Gründe Sie Ihren Anſpruch auf meine kindlichen Pllichten ſtützen? doch ſicher nicht auf empfangene oder zu erwar⸗ tende Wohlthaten. Doch ich fühle, daß ich Ihnen lä⸗ ſtig bin, und daher noch ein Mal, Sir, mit den beſten Wünſchen für Ihr Glück, leben Sie wohl!« Ich ging hinaus, und hatte die Thür faſt ſchonehin⸗ ter mir geſchloſſen, als der General mir nachrief:»Halt — geh nicht fort— Japhet— mein Sohn— ich war in Hitze— bitte Dich um Verzeihung— denk nicht mehr an das, was ich ſagte— ich bin ein hitzköpfiger alter Narr.« Ich kehrte zu ihm zurück. Er hielt mir ſeine Hand entgegen. 3 3 „» Vergieb mir, Junge, vergieb Deinem Vater!⸗ 8 170 Ich knieete nieder und küßte ſeine Hand; er zog mich an ſeine Bruſt, und die Thräuen ſtrömten ihm über die Wangen. Einundzwanzigſtes Kapitel. Zu Hauſe iſt mein Vater fortwährend gebührend unterwürſig— außer Hauſe dreſche ich mit Suſanne leeres Stroh über das Kapitel der Strohhüte.— Am Schluſſe iſt die Rede von Liebelei, Hofmachen und Trachten. 6 Es währte einige Zeit, ehe wir ruhig genug wur⸗ den, um eine Unterredung beginnen zu können, und ich bot daun Alles auf, ihm zu gefallen. Natürlicher Weiſe fand auf beiden Seiten noch immer einiger Zwang ſtatt, allein ich bemühete mich ſo ſorgfältig ihm die zarteſten Aufmerkſamkeiten zu erweiſen, und Alles, was ihn hätte 4 reizen können, zu vermeiden, daß ich ihm, als er über Müdigkeit klagte, und den Wunſch äußerte, zu Bette zu gehen, verſprechen mußte, am andern Morgen wie⸗ der zu ihm zu kommen. So ſpät es war, eilte ich doch noch zu Mr. Ma⸗ ſterton, ihm Alles mitzutheilen, was vorgegangen war. Er hörte mir mit großer Theilnahme zu.. „Japhek,« ſagte er;»Sie haben Ihre Sachen gut gemacht, dieſer Tag iſt der ſtolzeſte Ihres Lebens. Sie haben den vollſtändigſten Sieg über ihn davon getragen. Der bengaliſche Tiger iſt gezähmt, ich wünſche Ihnen Glück, mein Lieber, ich hege die gewiſſe Hoffnung, daß 171 jetzt Alles gut gehen wird. Aber halten Sie reinen Mund, und plaudern Sie nicht in Reading. Laſſen Sie ſie dort in dem Glauben, daß Ihr Vater noch im⸗ mer ſo leidenſchaftlich als je iſt, was er auch, beiläufig geſagt, gegen Jedermann, Sie ausgenommen, ſein wird. Sie wüſſen Ihr Glück noch weiter verfolgen, und laſ⸗ ſen Sie es mir über, Ihnen in anderen Dingen bei⸗ zuſtehen.« Ich kehrte nach der Piazza zurück, daukte dem Him⸗ mel für die Vorgänge des Tages, ſchlief bald ein, und träumte von Suſanne Temple. Am andern Morgen begab ich mich zeitig nach dem Adelphi⸗Hotel. Mein Vater war noch nicht aufgeſtanden, aber die bei ihm aus und eingehenden oſtindiſchen Diener, die ſich ſehr in Acht nahmen, mir zu nahe zu kommen, hatten ihm geſagt, daß Burra Saibs Sohn gekommen ſei, und er ließ mich hereinrufen. Sein Bein ſchmerzte ihn ſehr⸗ und der Wundarzt war noch nicht da geweſen. Ich verband es zum zweiten Male, er kleidete ſich an, und erſchien zum Frühſtück. Ich hatte in Gegenwart der Diener nichts geſagt, nahm aber, ſobald er behaglich auf dem Sopha lag, ſeine Hand, küßte ſie und ſagte: „Guten Morgen, mein theurer Vater; ich hoffe, daß die Güte, die Sie mir geſtern erwieſen, Sie nicht gereuet iſt.« „Nein, nein; Gott ſegne Dich, Junge. Ich habe die ganze Nacht an Dich gedacht.« »Dann iſt Alles gut,« dachte ich:„und ich hoffe im Stande zu ſein, zu bewirken, daß es ſb bleibt.“ Ich übergehe jetzt die nächſten vierzehn Tage, wäh⸗ rend welcher ich fortwährend bei meinem Vater war. Zuweilen hatte ich einen Ausbruch ſeiner Leidenſchaft zu beſtehen, blieb aber immer ruhig, lachte ihn hinterher V I ans und pflegte das, was er in ſeinen Parorpsmen geſagt und gethan hatke, zu wiederholen und nachzumaet chen. Ich fand anfangs, daß de ich mich befand, ein wenig gefährlich en, auf welchem allein mein Herr Vater gewöhnte ſich allmälig an meine Weiſe, die eine wunderbare Wirkung bei ihm hatte. Anfänglich⸗ glaubte er, daß ich übertriebe, wenn ich ihm ſein eigenes Bild vorhielt. Er war von Natur keineswegs zum Zorne geneigt, hatte aber, weil er unter einem ſklavi⸗ ſchen Volke gelebt, und einen hohen Poſten im könig⸗ lichen Heere bekleidet, ſich altatig an ein gebieteriſches Auftreten und eine Ungeduld, wenn er Widerſpruch er⸗ fuhr, gewöhnt, welche ſeinen Umgebungen unertraͤglich war. Wer Selbſt⸗ und Zartgefühl beſaß, vermied ihn; die knechtiſch Geſinnten und Niederträchtigen hielten bei ſeinem 3 Shene Eigeunng bei ihm 8 Böltterten her Rie— 4 Ich hatte ihm während diere Zeit die Geſchichte meines Lebens erzählt, und durch Aufmerkſamkeit und Zärtlichkeit, verbunden mit Feſtigkeit und guter Laune, die Herrſchaft über ihn gewonnen. Ich war auf ſeine „Bitte zu ihm gezogen. Sein Bein heilte raſch, und er Pum dayon zu ſprechen, daß er ein Haus tniethen, a ſch in London einrichten wolle. Mr. Maſterton hatte ich während dieſer Zeit wenig eſehen da ich beſtaͤndig zu Haufe um den General war. Einmal hatte ich Cophagus geſchrieben, und ihn in Kenntniß geſetzt, wie ich bei meinem Vater beſchäftigt wäre, ohne von meiner Verſöhnung mit ihm etwas zu ſagen. Eines Morgens erſchien Mr. Maſterton bei uns, und ſagte mir, nachdem er einige Zeit mit dem General geſprochen, daß er Mr. Cophagus und deſſen Frau überredet habe, Reading zu verlaſſen und nach .8 173 4 3 3 ¾ London zu kommen, und daß Suſanne Temple ſie be⸗ gleiten werde. Zum Beſuch?« fragte ich. „Nein, nicht zum Beſuch. Ich habe Cophagus ge⸗ ehen, und er iſt entſchloſſen, ſich von den Quäkern zu trennen, und ſeinen Wohnſitz wieder in London aufzu⸗ ſchlagen.« 3 „Wie! gedenkt er zu dem falſchen Glanze und den itelkeiten dieſer böſen Welt zurückzukehren?« „ Ich glaube, ja, und ſeine Frau wird bei ihm blei⸗ Sie hat nichts dagegen, ihre hübſche Perſon zu ſchmücken.« 3„Ich habe nie geglaubt, daß es ihr zuwider ſei— aber Suſanue Temple—⸗ „ Wenn Suſanne von ihren Freunden getrennt iſt, wenn ſie ſieht, daß ihre Schweſter und ihr Schwager ſich nicht mehr quäkeriſch kleiden, und beſtändig in ihrer Geſellſchaft iſt, zu welchem Allen Sie die Wirkung mei⸗ ner ernſthaften Ermahnungen hinzunehmen mögen, ſo wird ſie bald thun, was Andere thun, oder ſie iſt kein Frauenzimmer. Dieſes iſt mein ganzer Plan, und über⸗ laſſen Sie mir die Ausführung— Sie haben nichts dabei zu thun, als ſie ſo viel als möglich zu ſehen.«⸗ „Sie brauchen deshalb keine Sorge zu tragen,“« er⸗ wiederte ich. „»Weiß Ihr Vater von Ihrer Neigung?“ fragte mein alter Freund. .»Nein, ich habe Suſannens nicht erwähnt,« enk⸗ gegnete ich.»Es iſt noch zu früh, ihm davon zu 8 S 3 ſagen, daß ich mich zu verheirathen wünſche, und der Vorſchlag muß wo möglich von ihm ſelber ausgehen. Könnten Sie das nicht bewerkſtelligen?« 3 „Ich will ſehen; doch Sie haben Recht, warten 174 Sie noch eine Zeitlang. Hier iſt Cophagus Adreſſe— Sie müſſen Morgen zu ihm, wenn Sie können, und glauben Sie, daß Sie Donnerſtag bei mir werden ſpeiſen können?« »Ja, wenn es ſich mit dem General fortwährend beſſert; ſollte es nicht der Fall ſein, ſo werde ich Sie benachrichtigen.« Am andern Tage klagte ich über Kopfſchmerzen, und erklärte bis zum Mittagseſſen ausgehen zu wollen. Ich eilte nach Mr. Cophagus Wohnung, er und ſeine Fran waren ausgegangen, ich fand jedoch Suſanne zu Hauſe. Nach den erſten Begrüßungen fragte ich ſie, wie ihr London gefiele. »Ich fürchte mich faſt, es zu ſagen, zum wenigſten Dir, Japhet; Du würdeſt mich nur auslachen. ⸗ »Nein, Suſanne; ich lache über Niemand, wenn ich weiß, daß er aufrichtig iſt.« „»Nun, es erſcheint mir als ein Eitelkeits⸗„Markt.⸗ „»Daß in London mehr Eitelkeit iſt, als in jeder andern Stadt, gebe ich zu,« erwiederte ich;„aber ver⸗ geſſen wir nicht, daß es hier auch mehr Menſchen und größeren Reichthum giebt. Ich glaube nicht, daß in London verhältnißmäßig mehr Eitelkeit iſt, als in anderen Städten in England, und iſt hier mehr Eitelkeit, Su⸗ 3 ſanne, ſo iſt hier auch mehr Induſtrie, mehr Talent, und verhältnißmäßig eine größere Menge von rechtlichen Leuten; unglückticherweiſe giebt es in der großen Stadt auch mehr Elend und mehr Verbrechen.« »Ich glaube, Du haſt Recht, Japhet. Weißt Du, daß Cophagus ſeinen einfachen Anzug abgelegt hat?⸗ »Thut es Dir leid, Suſanne, ſo thut es auch mir leid; ich glaube aber, er findet es nothwendig, nicht ſo auffallend n erſcheinen.« ¹ 1 175 „Für ihn kann ich einige Entſchuldigung finden, aber was wirſt Du ſagen, Japhet, wenn Du hörſt, daß meine eigene, in unſerm Glauben erzogene Schweſter gleichfalls bereits nicht wenig von der Kleidung der weiblichen Mitglieder unſerer Genoſſenſchaft abgelegt at? ⸗. 5»Worin hat ſie denn eine Aenderung getroffen?« „Sie trägt einen Strohhut mit Bändern.⸗ 2 „Von welcher Farbe ſind die Bänder?⸗ „Nun grau— wie ihr Kleid.“« „»Dein Hut, Suſanne, iſt von grauer Seide; ich ſehe nicht ein, daß es Eitelkeit iſt, ſich zu Stroh herab⸗ zulaſſen, was eine noch vaterländiſchere Waare iſt. Aber welchen Grund giebt ſie an?« „Daß es ihr Mann ſo haben will, der mit ihr nicht ausgehen mag, wenn ſie ihre Quäkerkleidung nicht ab⸗ legt.⸗ „Iſt es nicht ihre Pflicht, ihrem Manne zu ge⸗ horchen, wie ich meinem Vater gehorſam bin, Suſanne? Doch ich ſchäme mich nicht, mit Dir auszugehen, wenn Du auch quäkeriſch gekleidet biſt; haſt Du alſo nichts dagegen, ſo erlaube mir, Dir einen Theil der großen Stadt zu zeigen.« Suſanne willigte ein. Wir waren in Reading oft mit einander gegangen; ſie war augenſcheinlich über meinen Vorſchlag erfreut. Ich führte ſie durch Oxford Streek, Bondſtreet und alle anderen beſuchteſten Theile der Hauytſtadt. Natürlich zog ihre Kleidung nicht ſelten die Blicke der Vorübergehenden auf ſie; noch mehr Auf⸗ merkſamkeit erregte ſie aber durch ihre Schönheit; und wir waren noch lange nicht an das Ende unſrer beab⸗ ſichtigten Wanderſchaft gelangt, als ſie mich bat, mit ihr nach Hauſe zurückzukehren. Das Angaffen, dem ſie 176 ausgeſetzt war, verdroß ſie nicht bloß, ſondern beun⸗ ruhigte ſie auch, da ſie die Urſache lediglich in ihrer auffallenden Kleidung ſuchte. Als wir wieder zu Hauſe angekommen waren, ſetzte ich mich zu ihr. „»Ich höre, daß Mr. Cophagus ganz nach London zu überſiedeln gedenkt?« »Davon iſt mir nichts bekannt; ich glaubte, daß ihn Geſchäfte nur auf ein paar Wochen hergerufen, und hoffe, daß er nicht für immer bleiben will, denn ich würde mich hier ſehr unglücklich fühlen.« »Darf ich fragen, warum?« „Die Leute ſind unhöflich— es iſt nicht angenehm auszugehen.« 8 »Erinnere Dich, liebe Suſanne, daß es in London nicht ſo viele Mitglieder Deiner Sekte giebt, als ander⸗ wärts, und wenn Du Dich ſo auffallend trägſt, ſo kannſt Du nichts Anderes erwarten, als daß die Neugier er⸗ regt wird. Du kannſt die Leute nicht tadeln— Du machſt Dich ſelbſt bemerklich, indem Deine Kleidung gleichſam ruft:»Kommt und ſchaut mich an.«Ich habe über das nachgedacht, was Maſterton Dir in Reading ſagte, und weiß nicht, ob er nicht Recht hatte, Deine Kleidung eine Kleidung des Stolzes und nicht der De⸗ muth zu nennen.⸗ „»Wenn ich eben ſo dächte, Japhet, ſo würde ich ſie ſelbſt ablegen,« erwiederte Suſanne. 3 »Es iſt ohne Zweifel nicht angenehm, daß Jeder⸗ mann denkt, Du gingeſt aus, um Dich angaffen zu laſſen, und doch iſt die böſe Welt nicht anders, und wird ſich davon nicht abbringen laſſen, es zu glauben. Ich ſollte denken, es wäre möglich, ſich mit gleicher Einfachheit und Sauberkeit und mit Vermeidung gar 177 zu lebhafter Farbe und doch ſo zu kleiden, daß man nicht auffällt.« »Ich weiß kaum, was ich dazu ſagen ſoll, als daß Ihr Alle gegen mich verbündet ſcheint, und daß es mir bisweilen vorkommt, als wenn ich zu aumaßend wäre, daß ich meinem eigenen Urtheil allein vertraue.⸗ »„Ich bin nicht gegen Dich verbündet, Suſanne. Ich weiß, Du wirſt thun, was Du für Recht hältſt, und achte Dich deshalb, wenn ich auch nicht Deiner Meinung ſein kann; aber ich muß ſagen, wenn meine Gattin ſich ſo kleidete, daß ſie Aller Augen auf ſich zöge, ſo würde ich zu eiferſüchtig ſein, um es billigen zu können. Ich tadle daher Mr. Cophagus nicht, daß a er ſeine hübſche Frau bewogen hat, ihren Anzug einiger⸗ maßen zu verändern, und tadle auch ſie nicht, ſondern lobe ſie, daß ſie den Wünſchen ihres Gatten Folge leiſtet. Ihre Schönheit iſt ſein, und nicht allgemeines Eigenthum.«⸗ Suſanne gab keine Antwort, und ſchien ſehr nach⸗ denkend zu ſein. „»Wir ſind verſchiedener Meinung, Suſanne,« ſagte ich nach kurzem Stillſchweigen;»es thut mir in der That leid.⸗ »Ich könnte nicht ſagen, daß unſere Meinungen ſehr verſchieden wären, Japhet; ich habe heute etwas ge⸗ lernt, und muß in Zukunft beſcheidener von mir ſelbſt denken, und mich von den Meinungen und durch das urtheil Anderer mehr leiten laſſen.« Gleich darauf kam Cophagus mit ſeiner Fran zu Hauſe. Er hatte ſeinen Apotheker⸗Rock und Weſte, nicht aber ſeine engen Beinkleider und Stiefel wieder angelegt; ſeine Frau, die einen ſehr guten Geſchmack beſaß, hatte es nicht zugeben wollen. Sie trug ihr Zaphet. III. 12 — 178 graues ſeidenes Kleid, darüber jedoch einen ſchönen, großen Shawl, der es faſt ganz bedeckte; dazu hatte ſie einen italieniſchen Strohhut aufgeſetzt, und ſah wirk⸗ lich allerliebſt aus. Wie gewöhnlich war ſie in der beſten Laune. Ich erzählte, daß wir ausgeweſen wären, und daß Suſanne das Angaffen der Leute nicht wenig verdroſſen hätte. »Immer ſo,« ſagte Cophagus,»will nichts ſagen — Mäͤdchen lieben es— geſch meichelt fühlen— und ſo fort.« »Du thuſt mir ſehr Unrecht, Bruder Gophagus, 8 ſiel Suſanne ein,»es war mir entſetzlich unangenehm.« „»Gut ſagen— beſſer wiſſen— ſchlaue Hexe— ſich putzen— Leute ſagen, hübſche Quäkerin— und ſo fort.⸗ Suſanne verließ nach dieſem Angriff eiligſt das Zimmer, und ich fuhr in meinem Berichte fort. »Schweſter Cophagus,« ſagte ich,»beſorge einen Hut und einen Shawl gleich dem Deinigen für ſie, ohne ihr davon zu ſagen, und es gelingt Dir vielleicht, ſie zu bereden, Deinem Beiſpiele zu folgen.⸗ Mrs. Cophagus erklärte den Einfall für vortrefflich, und da Suſanne nicht wieder erſchien, ſo empfahl ich mich, und kam um die Zeit des Mittagseſſens im Hotel wieder an. »Japhet,« ſagte der General zu mir, als wir bei Tiſch ſaßen,»Du haſt ſehr oft Lord Windermears er⸗ wähnt; biſt Du kürzlich bei ihm geweſen?« „»Nein, Sir, ich habe ihn ſeit länger als zwei Jah⸗ ren nicht geſehen. Als ich nach London gerufen wurde, um vor Ihnen zu erſcheinen, war ich zu aufgeregt, um an irgend etwas Anderes zu denken, und ſeitdem hat mir Ihre Geſellſchaft zu großes Vergnügen gewährt.« 179 „ Sag lieber, mein guter Junge, daß Du mich ſo ſorgſam gepflegt, und darüber Deine Freunde und Deine Geſundheit vernachläßigt haſt. Nimm Morgen meinen Wagen, mach' ihm Deinen Beſuch, und fahre dann noch ein wenig umher, denn Du haſt ſeit ein paar Tage recht blaß ausgeſehen. Ich hoffe in kurzer Zeit ſelbſt ausgehen zu können; es wird uns dann viel Vergnügen machen, die Anordnungen zu unſrer Einrichtung zu treffen. Zwei und zwanzigſtes Kapitel. Ich erneue alte Freundſchaftsbande, und ſuche neue Bande der Liebe auf— werde genöthigt, meinem Vater abermals die Leviten zu leſen,— er nimmt ſeine Lection mit ge⸗ bührender Folgſamkeit hin. Am audern Tag nahm ich den angebotenen Wagen,— und fuhr zu Lord Windermear. Er war zu Hauſe, und ich ließ mich ihm als Mr. De Benyon melden. Es war das erſte Mal, daß ich von meinem wahren Namen Gebrauch machte. Der Lord war allein, als ich ein⸗ trat. Er verbeugte ſich, weil er mich nicht erkannte, und winkte mir, Platz zu nehmen. »Mylord, ich habe meinen wahren Namen ange⸗ geben, und Sie behandeln mich als einen vollkommnen Fremden. Wenn ich Ihnen meinen frühern Namen nenne, ſo hoffe ich, werden Sie ſich meiner erinnern. Ich war Japhet Newland.« 2 »Mein theurer Mr. Newland, ich muß Sie bitten, mich zu entſchuldigen; allein wir haben uns ſo lange 12* 180 nicht geſehen, und ich glaubte, daß ich Sie niemals wieder ſehen würde.⸗ »Ich dachte, Mylord, daß Mr. Maſterton Sie von den neueſten Vorgängen in Kenntniß geſetzt hätte.⸗ »Nein; ich bin eben erſt von einem Beſuche bei meinen Schweſtern in Weſtmoreland zurückgekehrt, und habe keine Briefe von ihm erhalten.« »Mylord, es iſt mir endlich gelungen, den Gegen⸗ ſtand meines wahnſinnigen Suchens, wie Sie es ſehr richtig zu nennen beliebten, in dem vor kurzen aus Oſt⸗ indien zurückgekehrten General De Benyon zu finden.« „Aus Oſtindien— die Dienſte, die er dort geleiſtet, ſind wohl bekannt,« bemerkte Seine Herrlichkeit.»Mr. De Benyon, ich wünſche Ihnen von ganzem Herzen Glück. Als Sie meine Anerbietungen, Ihnen beizuſtehen, zurück⸗ wieſen und uns Alle auf Ihre tolle Weiſe verließen, verzweifelte ich allerdings, Sie jemals wieder zu ſehen. Ich freue mich, daß Sie unter ſo glücklichen Auſpicien wieder zum Vorſchein kommen. Hat Ihr Vater Familie?«. »Ich bin ſein einziger Sohn, Mylord; meine Mutter ſtarb in Oſtindien.⸗ »„Dann kann man Sie, ſo viel ich weiß, jetzt ſicher als einen jungen Mann von großem Vermögen einfüh⸗ ren. Erlauben Sie mir zum wenigſten, Ihrem Vater beizuſtehen, Sie in den Kreis der Geſellſchaft zu ver⸗ ſetzen, in welcher zu erſcheinen Sie ein Recht haben. Wo wohnt Ihr Vater?« „»Gegenwärtig noch im Adelphi⸗Hotel. Er muß in dieſem Augenblick das Zimmer hüten, wird aber, wie ich hoffe, in wenigen Tagen im Stande ſein, es 3 ver⸗ laſſen.« » Haben Sie die Güts, ihm in meinem Namen 181 Glück zu wüuſchen, und ſagen Sie ihm, ich würde mit ſeiner Erlaubniß die Ehre haben, ihm meine Hochachtung zu bezeigen. Wollen Sie am nächſten Montag bei mir zu Mittag eſſen?« Ich drückte dem Lord meinen Dank aus, nahm die Einladung an, und empfahl mich. Seine Herrlichkeit reichte mir die Hand und ſagte zum Abſchiede:»Sie glauben nicht, wie glücklich dieſe Neuigkeit mich ge⸗ macht hat. Ich hoffe, Ihr Vater und ich werden gute Freunde werden.« Mein Vater hatte gewünſcht, daß ich ein wenig friſche Luft ſchöpfen möchte, und ich meinte, die Spazier⸗ fahrt würde mir nicht ſchlechter bekommen, wenn ich eine Begleiterin hätte, weshalb ich bei Mr. Cophagus vorfahren ließ. Ich fand Suſanne und ihre Schweſter im Wohnzimmer. „Suſanne,« ſagte ich,»ich weiß, daß Du nicht gern ausgehſt, und dachte daher, es würde Dir viel⸗ leicht nicht unangenehm ſein, ein wenig mit mir auszu⸗ fahren; mein Vater hat mir ſeinen Wagen gegeben. Willſt Du?— es wird Dir gut ſein.« „Es iſt ſehr gütig von Dir, Japhet, daß Du an mich denkſt; aber—«— „Aber was?« fiel Mrs. Cophagus ein.»Du wirſt ſicher nicht nein ſagen, Suſanne; es wäre ja undankbar von Dir.⸗. „Nun, undankbar will ich nicht ſein,« erwiederte Suſanne, verließ das Zimmer, und kehrte nach kurzer Zeit mit Hut und Shawl, wie die ihrer Schweſter, zurück. „Beweiſe ich nicht meine Dankbarkeit, Japhet, da ich, um Deinem Wagen keine Unehre zu machen, mich 182 bereit zeige, von den Vorſchriften unſeres Glaubens abzuweichen?« ſagte ſie lächelnd. »Ich erkenne Deine Güte und welch ein großes Opfer Du bringſt, um mir gefällig zu ſein, Suſanne,⸗ erwiederte ich;»doch laß uns keine Zeit verlieren.⸗ Ich führte ſie an den Wagen, und wir fuhren ab nach dem Park. Es war ein ſchöner Tag, und der Park voll von Fußgängern und Wagen. Suſanne war über das für ſie neue Schauſpiel nicht minder erſtaunt, als es ſie ergötzte. »Suſanne,« ſagte ich,„wenn Du dies nun einen Eitelkeitsmarkt neunen wollteſt, ſo würdeſt Du nicht ganz Unrecht haben; aber es iſt auch zu bedenken, daß viel Gutes daraus hervorgeht. Eine beträchtliche An⸗ zahl fleißiger Menſchen findet durch den Bau und die Verzierung dieſer glänzenden Wagen, durch die An⸗ fertigung dieſer prachtvollen Kleider Beſchäftigung und Brot für ihre Familien! Die Eitelkeit bewirkt, daß das Geld nicht aufgehäuft wird, ſondern durch mannichfachen Umlauf Tanſenden ihren Unterhalt, oder edlere Lebens⸗ genüſſe zuführt.« „»Die Bemerkungen ſind richtig, Jaͤphet, aber Du haſt in der Welt gelebt und viel davon geſehen; ich komme nur eben aus der Eiſchale hervor, und bin ganz Verwunderung. Ich habe in einer kleinen eigenen Ge⸗ dankenwelt gelebt, war vom Nebel der Unwiſſenheit um⸗ geben, und weil ich ihn nicht zu durchdringen vermochte, hielt ich mich für weiſe, ohne es zu ſein.⸗ „» Meine theure Suſanne, es geht bunt her in dieſer Welt, die nicht eben ſchlecht iſt— es iſt ſo viel Gutes als Böſes darin. Die Sekte, welcher Du angehörſt, meidet ſie— kennt ſie nicht— iſt ungerecht gegen ſie. In Reading, wie ich Dir ſagen will, habe ich Viele, *.. —-— 183 die zu Deiner Genoſſenſchaft ſich hielten und derſelben vollkommen unwürdig waren, kennen gelernt; ſie ſuchten durch äußeren Schein und Heuchelei zu erſetzen, was ihnen an Liebe und Gerechtigkeit gegen ihre Mitmeuſchen abging. Glaub' mir, Suſanne, es giebt gute und fromme, menſchlich und liebevoll geſinnte, gewiſſenhafte und ſtreng rechtliche Leute in dem bunten Haufen um uns her. Es iſt nothwendig für die Geſellſchaft, daß die Reichen ihr Geld für Ueberflüſſigkeiten hingeben, damit es den Armen nicht an Lebensunterhalt gebricht. Laß Dich deshalb künftig durch äußerliche, nichts be⸗ deutende Dinge nicht täuſchen.⸗ »Du haſt mich ſchon zu einer großen Aenderung meiner Meinungen bewogen, Japhet, und eben daſſelbe hat Dein unterhaltender Freund, Mr. Maſterton, ge⸗ than, der uns zwei Mal beſucht hat, ſeit wir in Lon⸗ don ſind; aber iſt es nicht Zeit, nach Hauſe zurückzu⸗ kehren?«. „Es iſt wirklich ſpäter, als ich dachte, Suſanne,⸗ erwiederte ich, nachdem ich auf meine Uhr geſehen,»und ich fürchte, daß mein Vater wegen meines langen Aus⸗ bleibens ungeduldig ſein wird. Wir wollen nach Hauſe fahren.⸗«. Wir lehnten uns in dem Wagen zurück, und zufällig berührte meine Hand Suſannens Hand, die auf dem Kiſſen neben ihr ruhete; ſie wurde nicht zurückgezogen. Der Leſer kann ſich leicht denken, was ich dachte, die Gedanken Suſannens kann ich ihm nicht offeubaren; aber genug, wir ſaßen ſchweigend Hand in Hand, bis der Wagen vor Cophagus Wohnung hielt. Ich führte Suſaune in das Haus, und ging auf ein paar Augen⸗ blicke mit hinauf. Mrs. Cophagus und ihr Gatte waren ausgegangen. 184 »„Ich danke Dir, Suſanne, es war ſehr gütig von Dir, daß Du meine Bitte erfüllteſt. Ich habe mich nie glücklicher gefühlt, als ſo lange ich mit Dir im Wagen ſaß.« „Ich habe ſowohl Unterhaltung, als Belehrung ge⸗ habt, Japhet, und bin Dir Dauk ſchuldig. Willſt Du wiſſen, was ein Mal in meinem Innern vorging?⸗ »Nun?— ſag' es mir.“ »Als Du zu uns kamſt und ich Dich kennen lernte, war ich ſo zu ſagen Deine Fuͤhrerin, und vielleicht eine anmaßliche, und Du hörteſt auf mich— jetzt iſt es umgekehrt— wir ſind in die Welt verſetzt, und nun biſt Du Führer, und ich höre Dir zu, und gehorche Dir.⸗ »Weil ich, Suſanne, als wir uns kennen lernten, gar ſehr im Irrthum war, zu wenig an ernſte Dinge gedacht hatte, und Du geeignet warſt, meine Führerin zu ſein; jetzt dagegen befinden wir uns mitten in der Welt, die ich beſſer kenne, als Du. Damals wieſeſt Du mich zurecht, wenn ich Unrecht hatte, und jetzt ergänze ich, wo Dein Unterricht mangelhaft geweſen iſt. Doch, was Du von mir gelernſt haſt, Suſanne, iſt mit den koſtbaren Lehren nicht zu vergleichen, die ich aus Deinem Munde vernahm— Lehren, die, hoffe ich, keine Be⸗ rührung mit der Welt jemals aus meinem Gedächtniß verwiſchen wird? »O, das freut mich, Dich ſo reden zu hören. Ich färchtete, daß die Welt Dich verderben würde, Japhet, — aber ſie wird es nicht— wird es gewiß nicht?⸗ »Nein, ſo lange ich Dich in meiner Nähe habe, gewiß nicht. Aber Suſanne, wenn ich wieder in der Welt leben muß, ſag mir, wirſt Du mich dann zuruͤck⸗ weiſen?— mich verlaſſen?— zu Deinen Glaubens⸗ 185 genoſſen zurückkehren, ſo daß ich allen Verſuchungen ausgeſetzt bleibe? Theuerſte Suſanne, Du mußt es wiſ⸗ ſeu, wie lange, wie innig ich Dich geliebt habe,— Du weißt es, daß ich zufrieden mit Dir gelebt haben und geſtorben ſein würde, wenn ich nicht genöthigt geweſen wäre, dem Rufe hierher zu folgen. Willſt Du mich jetzt erhören, oder weiſeſt Du mich von Dir?« Ich ſchlang meinen Arm um ihren Leib, ſie ließ ihren Kopf auf meine Schulter ſinken, und brach in Thränen aus. „Sprich, Theuerſte, ich kann dieſe Ungewißheit nicht länger ertragen.“ »Ich liebe Dich, Japhet,«⸗ erwiederte ſie endlich, mich zärtlich durch ihre Thränen anblickend,»aber ich weiß nicht, ob dieſe irdiſche Liebe nicht vielleicht meine Neigung für den Himmel geſchwächt hat. Iſt es der Fall, ſo wolle Gott mir verzeihen, denn ich kann es nicht ändern.« Nach dieſem Bekenntniß lagen wir einige Minuten, die uns Augenblicke zu ſein ſchienen, einander in den Armen. Suſanne machte ſich zuerſt los. »Theuerſter Japhet, Dein Vater wird ſehr unzu⸗ frieden ſein.« „Ich kann es nicht ändern, a erwiederte ich, ⸗ich werde mich ſeinem Unwillen unterwerfen.⸗ „»Aber, Japhet, warum willſt Du Dich dem Zorne Deines Vaters ausſetzen?« „Wohlan,“« erwiederte ich, und ſuchte ihre Lippen zu erreichen,»ſo will ich gehen.« »Nein, nein— wirklich, Japhet, Du forderſt zu viel— es iſt nicht ziemlich.⸗ „Dann gehe ich nicht.⸗ Denk' an Deinen Vater.⸗ 844 „»Du hältſt mich zurück, Suſanne.⸗ »Ich darf Dich mit Deinem Vater nicht entzweien, Japhet, es wäre kein Beweis meiner Liebe— aber 1 wirklich, Du biſt eigenſinnig.⸗ 6„»Gott ſegne Dich, Suſanne,« ſagte ich, als ich in dem ſtreitigen Punkte den Sieg errungen hatte, und eilte in den Wagen. Mein Vater war ein wenig uͤbellaunig, als ich in ſein Zimmer eintrat, und forſchte etwas ſcharf nach, b wo ich geweſen wäre. Ich beſchwichtigte ihn halb und halb dadurch, daß ich ihm Lord Windermears höfliche Beſtellung mittheilte; er ſetzte jedoch ſeine Fragen fort, und obgleich ich ihm bewieſen hatte, daß ſich ein De Be⸗ nyon nie einer Unwahrheit ſchuldig machen könne, ſo fürchte ich doch, daß ich ihm bei dieſer Gelegenheit ein halbes Dutzend Lügen aufheftete. Ich tröſtete mich in⸗ deſſen mit der Erwägung, daß das Ehren⸗Geſetzbuch der faſhionablen Welt verlangt, daß ein Mann nöthigen⸗ falls, wo eine Dame betheiligt iſt, die Unwahrheit redet; weshalb ich denn meinem Vater ſagte, ich wäre durch die Straßen gefahren, hätte mir die Häuſer ange⸗ ſehen, und vor einigen angehalten, um ſie im Inneren genauer zu beſchauen. Mein Vater glaubte, daß ich mich nach einem Haufe für ihn umgeſehen, und war zu⸗ frieden geſtellt. Glücklicherweiſe war ich mit Mieth⸗ pferden gefahren; wären es ſeine eigenen geweſen, ſo würde ich in eine böſe Klemme gerathen ſein. Pferde ſind die einzigen Gegenſtände einer häuslichen Einrich⸗ tung, gegen welche die Mänuner Rückſichten nehmen, und mit welchen die Damen kein Erbarmen haben. Ich hatte Maſterton verſprochen, am nächſtfolgenden Tage bei ihm zu Mittag zu eſſen. Mein Vater hatte eine große Abneigung gegen den alten Herrn gefaßt, 8 1 ——— 6 —— 187 ich ihm meine Lebensgeſchichte erzählt, in welcher er eine ſo wichtige und freundſchaftliche Rolle geſpielt hatte, wonach mein Vater, daß ich ihm Gerechtigkeit wieder⸗ fahren laſſe, ihm ſehr geneigt wurde. „»Mein theurer Sir,« ich habe verſprochen, heute außer Hauſe zu ſpeiſen.« „Bei wem, Japhet?« „Um Ihnen die Wahrheit zu ſagen, Sir, bei dem alten Spitzbuben von Advokaten, Mr. Maſterton.« „Es nimmt mich ſehr Wunder, und mißfällt mir ſehr, daß Du Dich eines ſolchen Ausdrucks von einem Manne bedienſt, der ſich Dir als ein ſo wahrhafter Freund bewieſen hat, Japhet; und Du wirſt mir einen Gefallen thun, wenn Du Dich künftig deſſen in meiner Gegenwart enthältſt.«* „Ich bitte wirklich um Verzeihung, General, aber ich glaubte, etwas Ihnen Wohlgefälliges zu ſagen.« „Etwas mir Wohlgefälliges! Indem Du Dich als einen Undankbaren darſtellſt. Was denkſt Du von mir? — Ich ſchäme mich Deiner.“« „Mein theurer Vater, ich borgte den Ausdruck von Ihnen. Sie ſagten Mr. Maſterton ins Geſicht, er wäre ein alter Spitzbube von Advokaten. Er klagte es mir, ehe ich das Vergnügen, Sie zu ſehen, hatte. Ich hege und werde ſtets die höchſte Hochachtung, Liebe und Dankbarkeit gegen ihn hegen. Erlauben Sie, daß ich gehe?« „Ja, mein Sohn,“« erwiederte er, und ſah ſehr ernſt aus,»und thu mir den Gefallen, mich bei Mr. Maſterton zu entſchuldigen, daß ich mich eines ſolchen Ausdrucks in meiner unglücklichen Hitze bedient— ich ſchäme mich ſelbſt deshalb.⸗. „Mein theuerſter Vater, es braucht ſich Niemand — — 188 zu ſchämen, der ſo bereit iſt, wieder gut zu machen— wir leiden Alle bisweilen ein wenig an übler Laune.⸗ „»Japhet,« erwiederte mein Vater mit inniger Be⸗ wegung,»Du haſt Dich ſowohl wie ein gütiger Freund als wie ein guter Sohn gegen mich erwieſen. Vergiß mir ja die Entſchuldigung nicht; ich werde unglücklich ſein, bis ſie gemacht iſt.⸗ X Drei und zwanzigſtes Kapitel. Handelt von Entſchuldigungen und Liebe in der Kirche.— Wir intriguiren gegen den Nabob, um mir eine Frau zu ge⸗ winnnen.— Ich bin glücklich in meiner Bewerbung, der Rechtsgelehrte muß jedoch noch für mich die Karten neh⸗ men, damit ich das Spiel gewinne. Als ich in Maſtertons Zimmer eintrat, fand ich bei ihm keinen andern, als— Harcourt. „Japhet, ich freue mich, Sie zu ſehen. Erlauben Sie mir, Ihnen Mr. Harcourt vorzuſtellen— Mr. De Benyon.« Deer alte Herr lächelte ein wenig boshaft, ich ließ mich jedoch nicht aus der Faſſung bringen. „»Harcourt,«⸗ſagte ich, die Hand ihm reichend,»ich muß mich bei Ihnen eines unhöflichen Empfangs und ungerechten Verdachtes wegen entſchuldigen; doch ich war verdrießlich— wenn Sie das als eine Enkſchudi. gung gelten laſſen wollen.« 3 „»Mein theurer Japhet,« erwiederte Harcourt, meine Hand ergreifend und mit Wärme drückend,»„ich muß mich bei Ihnen wegen eines weit unwürdigeren Beneh⸗ 189 mens entſchuldigen, und es würde mir eine drückende Laſt von der Seele nehmen, wenn Sie mich dem Ver⸗ zeichniß Ihrer Freunde wieder hinzufügen wollten.⸗ Jetzt nahm ich das Wort. „Mr. Maſterton, da Entſchuldigungen an der Tages⸗ ordnung ſind, ſo bringe ich Ihnen auch eine ſolche von dem General, der mich darum gebeten hat, und zwar deshalb, daß er Sie einen alten Spitzbuben von Advo⸗ katen geſcholten, wovon er ſelbſt nichts gewußt hat, bis ich es ihm heute ſagte.“«. Harcourt brach in ein lautes Gelächter aus. »Japhet, Sie können Ihrem alten Tiger ſagen, daß ich mich nicht beſonders beleidigt gefühlt, denn ich hätte ſeinen Ausdruck nicht auf meine Perſon, ſondern auf meinen Stand bezogen, und er habe nicht ganz Un⸗ recht, wenn er ihn ſo gemeint. Japhet, Morgen iſt Sonntag, gehen Sie in die Quäker⸗Verſammlung, oder in die Kirche?« „Ich glaube, Sir, daß ich in die Kirche gehen werde.⸗ 3 „So laſſen Sie uns zuſammengehen— holen Sie mich um halb drei Uhr ab— wir wollen dem Nach⸗ mittagsgottesdienſt in der St. Jameskirche beiwohnen.⸗ „Ich habe in meinem Leben viele Einladungen er⸗ halten, aber nie eine Einladung, in die Kirche zu gehen,⸗ erwiederte ich. „Sie werden noch einen beſonderen Text,— etwas von Suſanne und den Aelteſten höreu.⸗ Ich verſtand den geheimen Sinn ſeiner Worte, der Harcourt entging. Ich brauche kaum zu ſagen, daß ich mit dem Letzteren auf dem freundſchaftlichſten Fuße ſtand. Als wir uns treunten, bat mich Harcourt, am andern Morgen mich beſuchen zu dürfen, und Maſterton 190 ſagte auch, er gedenke dem Tiger, wie er meinen ſehr geehrten Herrn Vater fortwährend nannte, aufzuwarten. Harcourt war bald nach dem Frühſtück bei mir, und nachdem ich ihn dem General vorgeſtellt, zogen wir uns zurück, um uns ungeſtört unterreden zu können. „Ich habe Ihnen viel zu ſagen, De Beuyon,« begann Harcourt.„Als ich geneſen war, und die Entdeckung machte, daß Sie verſchwunden waren, beſchloß ich, wo möglich Ihren Aufenthaltsort auszuforſchen, und Sie zur Rückkehr zu bewegen. Timotheus, der mich mit ſehr pfiffiger Miene anſahh wollte mir weiter nichts ſagen, als daß man bei Lady de Clare in Richmond zuletzt von Ihnen gehört. Da mir weiter nichts übrig blieb, begab ich mich zu der Lady, und geſtand auf⸗ richtig, wie ſie Ihnen ſagen wird, daß ich Sie ſchlecht behandelt hätte. Ich bat ſie darauf, mir auf jede Weiſe behülflich zu ſein, Sie aufzuſinden, da ich eine Gelegenheit habe, Ihnen eine Stelle anzubieten, über welche mein Vater verfügen konnte, und welche jeder Gentleman, wenn ſie auch nicht ſehr einträglich war, hätte annehmen können.« „»Das war ſehr freundſchaftlich von Ihnen, Har⸗ court.« 4 »Ich bitte, nichts davon. So kam es, daß ich mit Lady de Clare und ihrer Tochter bekannt wurde, deren fruͤhere Geſchichte Sie mir erzählt hatten, von der ich jedoch nicht ahnte, daß ſie das von Ihnen ſo großmüthig beſchützte kleine Mädchen ſei; denn erſt nachdem ich Sie verlaſſen hatte, entdeckte ſie ihre Herkunft. Die große Theilnahme, welche die Mutter und die Tochter für Sie an den Tag legten, ſetzte mich in Verwunderung. Sie hatten meinen Namen von Ihnen erwähnen, jedoch nichts von unſerm Streite gehört. Sie drangen in — 191 mich, Alles aufzubieten, Sie auszuforſchen, dankten mir für meine Bemühungen, und ich bot alles Mögliche auf. Ich begab mich nach Breatford, fragte in allen Gaſt⸗ häuſern und bei allen Kutſchern nach, konnte jedoch nichts in Erfahrnng bringen, ausgenommen in einem Gaſthauſe, daß ein Herr mit einem Mantelſack einge⸗ kehrt, und bald darauf mit demſelben auf dem Rücken wieder fortgegangen ſei. Ich kehrte mit der Nachricht der Vergeblichkeit meiner Nachforſchungen etwa acht Tage nachdem ich zum erſten Male dort geweſen, nach Richmond zurück. Cecilie mar äußerſt ergriffen, und weinte auf das bitterlichſte. Ich konnte nicht umhin, Lady de Clare zu fragen, wedhalb ſie einen ſo lebhaften Antheil an Ihrem Schickſale nähme.« „»Wer ſollte es,« erwiederte Cecilie,»wenn es ſeine arme Fleta nicht thäte?«⸗ „Gütiger Himmel! Miß de Clare, ſind Sie die kleine Fleta, die er bei den Zigeunern fand, und von der er mir ſo viel geſagt hat?«« »Wußten Sie denn das nicht?⸗ fragte Lady de Clare.« »Ich erzählte ihr darauf Alles, was in der letzten Zeit zwiſchen uns vorgegangen war, und ſie theilte mir dagegen Ihre Schickſale und Abenteuer in Irland mit. So entſtand eine vertraute Bekanntſchaft zwiſchen mir und der Lady und ihrer Tochter, und ich bin ſeitdem in ihrem Hauſe ſtets willkommen geweſen. Ich ſetzte indeſſen mehrere Monate lang meine Nachforſchungen fort, mußte ſie aber endlich für nutzlos halten und hatte nun die arme Cecilie zu tröſten, die fortwährend um Sie trauerte. Doch ich muß mich jetzt kurz faſſen, Ja⸗ phet. Ich konnte mich der Bewunderung einer jungen Dame nicht erwehren, die von ſo viel Gefühl und Dank⸗ —y— 192 barkeit beſeelt und daneben ſo reizend war;— doch ſie war eine Erbin und ich ein jüngerer Bruder. Lady de Clare beſtand indeſſen fortwährend darauf„ daß ich meine Beſuche in ihrem Hauſe nicht einſtellte, und ich war unentſchloſſen, was ich thun ſollte, als der Tod meines ältern Bruders mich in die Lage verſetzte, mich um Ceciliens Hand bewerben zu können. Meine Be⸗ ſuche wurden häufiger, Lady de Clare duldete meine Bewerbung, und ich hatte keinen Grund, mich über Ceciliens Benehmen gegen mich zu beklagen. So ſtan⸗ den die Sachen bis zu dem Tage, an welchem Sie ſo unverhofft erſchienen, und gerade in dem Augenblicke, als Sie eintraten, hatte ich, mit der Mutter Bewilli⸗ gung, Cecilien meinen Antrag gemacht, und erwartete unter Hoffnung und Furcht ihre Erwiederung. Kann es Sie daher Wunder nehmen, Japhet, daß wir durch die plötzliche Rückkehr des längſt verloren Geglaubten Alle in eine gewiſſe peinliche Spannung verſetzt wur⸗ den? oder daß ein junges Frauenzimmer, eben im Be⸗ griff, über den wichtigſten Schritt ihres Lebens zu ent⸗ ſcheiden, ſich beim Eintritt eines Dritten verwirrt und aufgeregt fühlte, mochte derſelbe ihr auch noch ſo theuer als Bruder und Wohlthäter ſein?« „Ich bin vollkommen zufriedengeſtellt, Harcourt,⸗ erwiederte ich,»ich will hin, und ſo bald als mög⸗ lich meinen Frieden machen.⸗ 4 »Ach, Japhet, wenn Sie wüßten, wie bekümmert Cecilie iſt, Sie würden ſie bemitleiden und ſie noch mehr lieben. Auch ihre Mutter iſt ſehr betrübt. So⸗ bald Sie fort waren, bat ſie mich, Ihnen nachzueilen und Sie zurückzubringen. Ceeilie hatte ſich noch nicht erklaͤrt; ich bat, bevor ich ging, um ihr Jawort, allein ſie weigerte ſich, ich glaube, um meinen Eifer zu bele⸗ 193 ben, es zu geben, ehe ich mit Ihnen zurückkäme. Seit⸗ dem ſind nun drei Wochen verlaufen, und ich habe es noch nicht wieder gewagt, Lady de Clare's Haus zu be⸗ treten. Ich habe alle mögliche Verſuche gemacht, Sie wieder zu ſehen, ſeit Sie mich in der Piazza zurück⸗ wieſen, doch vergeblich, bis ich zu Maſterton ging und ihn bat, mir zu einer Zuſammenkunft mit Ihnen zu verhelfen. Ich danke Gott, daß es ihm gelungen iſt.⸗ „»Harcourt, Sie ſollen Cecilien Morgen früh ſehen, wenn Sie wollen.«. „Japhet, wie ſehr bin ich Ihnen verpflichtet! Wä⸗ ren Sie nicht geweſen, ſo hätte ich Cecilien nie kennen gelernt, und ohne Ihre Freundſchaft, was noch mehr iſt, ſie vielleicht für immer verloren.“⸗ „»Nicht doch, Harcourt; Ihre Freundſchaft bewog Sie, mir nachzuforſchen, und allein dadurch wurden Sie mit Cecilien bekannt, und ich wünſche Ihnen von ganzem Herzen Glück dazu. Wir leben in einer ſon⸗ derbaren Welt— wer hätte es ſich denken ſollen, daß ich in der kleinen Fleta eine Frau für einen Mann fand, dem ich faſt das Leben geraubt hätte? Ich will Morgen meinen Vater um ſeinen Wagen bitten, und hole Sie um zwölf Uhr ab, wenn Ihnen dieſe Stunde beliebt. Wenn wir bei Lady de Clare ſind, ſollen Sie alles wiſſen, was ſeit meinem Verſchwinden ſich zuge⸗ tragen hat; es genügt, daß ich es einmal erzähle.«⸗ Harcourt ging, und ich kehrte zu meinem Vater zurück, bei welchem ich Lord Windermear fand. „De Benyon, ich freue mich, Sie wieder zu ſehen,⸗ ſagte der Lord.»Ich habe Sie dem General ſo eben von der vortheilhafteſten Seite geſchildert, und hoffe, daß Sie mein Lob zu verdienen fortfahren werden.⸗ ⸗ Auch ich hoffe es, Mylord; ich würde ſonſt in der Japhet⸗ III. 13 That, nach meines Vaters Güte gegen mich, nicht we⸗ fromm geſtimmt gefühlt, denn ich war glücklich und dem nig undankbar ſein.⸗ 1 Jetzt trat Mr. Maſterton ein, und Lord Winder⸗ mear entfernte ſich, nachdem er ſich eine kurze Zeit mit ihm unterhalten hatte. „Japhet,« ſagte Maſterton leiſe zu mir,»ich habe ein kleines Geſchäft mit Ihrem Vater; denken Sie auf Mittel und Wege, hinausgehen zu können.«⸗ „Es giebt nur zwei Wege, mein theurer Sir,« er⸗ wiederte ich, den durch die Thür und den durch die Fenſter. Mit Ihrer Erlaubniß werde ich den durch die erſtere als den angenehmern wählen.⸗ Mit dieſen Worten entfernte ich mich, und ging in mein Zimmer. Was zwiſchen dem General und Ma⸗ ſterton vorging, erfuhr ich erſt ſpäter, ſie waren aber länger als eine Stunde bei einander geweſen, als Ma⸗ ſterton mich rufen ließ. „Japhet, Sie ſagten, daß Sie mit mir gehen woll⸗ ten, um den neuen Prediger zu hören; wir haben keine Zeit zu verlieren; General, ich muß mich daher em⸗ pfehlen, und Ihnen Ihren Sohn entführen.⸗ Ich ſtieg mit ihm in ſeinen Wagen, und wir fuhren nach Mr. Cophagus Wohnung. Suſanne war bereit, Maſtertou ging hinauf und führte ſie herunter. Ein Erröthen und ein ſüßes Lächeln belebte ihr Antlitz, als ſie mich in der Wagen⸗Ecke verborgen ſah. Wir fuhren ab, und wie es nun auch kam, unſere Hände fanden ſich abermals, und trennten ſich erſt, als wir vor der Kirchenthür anlangten. Suſanne war eben ſo gekleidet, als an dem Tage, an welchem ſie mich in meines Vaters Wagen begleitete. Ich las die Litur⸗ gie mit ihr aus demſelben Buche, und hatte mich nie ſo Himmel für mein Glück dankbar. Als der Gottesdienſt vorüber war, und wir wieder in den Wagen ſteigen wollten, trat Harcourt zu uns. „Sie wundern ſich, mich hier zu ſehen,« redete er Maſterton an,„allein ich glaubte, daß hier etwas ſehr Anziehendes vorgehen müſſe, da Sie mit Japhet verab: redet hatten, in die Kirche zu gehen, und weil ich au⸗ ßerdem eine gute Predigt äußerſt gern höre, ſo beſchloß ich, mich gleichfalls hierher zu verfügen.“ Harcourts ironiſche Blicke verkündeten mir Alles, was er ſagen wollte. „Gut,“« erwiederte Maſterton,»ich hoffe, daß Sie ſich erbaut haben— aber jetzt machen Sie uns Platz, und laſſen Sie uns in den Wagen ſteigen.“ „»Morgen um zwölf Uhr, De Benyon,“ ſagte Har⸗ court, abermals verſtohlen nach Suſanne hinblickend. „Punkt zwölf Uhr,« rief ich ihm zu, indem wir abfuhren. „ Und nun ſagen Sie mir, mein liebes Kind,« re⸗ dete Maſterton Suſanne an, während der Wagen da⸗ hinrollte,»ſind Ihre Erwartungen getäuſcht, oder ſtim⸗ men Sie mir bei? Sie haben heute Morgen einer Zu⸗ ſammenkunft Ihrer Freunde beigewohnt— und jetzt zum erſten Male das Ritual der Landeskirche gehört. Was ziehen Sie vor?« „Ich will nicht leugnen, daß meiner Meinung nach die Unſrigen nicht weiſe handelten, indem ſie von den Formen des Gottesdienſtes, wie er in Eurer Kirche ge⸗ halten wird, abwichen. Ich würde mir nicht heraus⸗ nehmen, ſo viel zu ſagen, wenn Du mein Urtheil nicht unterſtützteſt.⸗ ℳ Sie hben wie ein gutes, verſtändiges Mäd⸗ 4 13* —————— — 196 chen geantwortet, und mir bewieſen, daß Sie ſelbſt den⸗ ken können; aber merken Sie, mein Kind, ich habe Sie nur für dies eine Mal beredet, eine unſerer Kirchen zu betreten, damit Sie vergleichen und ſelbſt urtheilen können. Nunmehr bleibt es Ihnen ſelbſt überlaſſen, nach Ihrem Gutdünken zu entſcheiden.« „Ich wollte, daß Jemand, der beſſer dazu befähigt wäre, für mich entſchiede,« erwiederte Suſanne ernſt. „Suſanne,« flüſterte ich,»Dein Gatte muß dieſe Verantwortlichkeit auf ſich nehmen. Iſt er nicht die geeignete Perſon?⸗ 1 Suſanne drückte mir leiſe die Hand, und ſchwieg⸗ Sobald wir ſie zu Hauſe gebracht hatten, erbot ſich Mr. Maſterton, mir dieſelbe Gefälligkeit zu erweiſen, und ich nahm ſie an. „Japhet, Sie werden ohne Zweifel zu wiſſen wün⸗ ſchen, was ich dem alten General heute Morgen ſo be⸗ ſonderes zu ſagen hatte.« 3 »Ganz gewiß, Sir, wenn es ſich auf mich bezog.⸗ „Das war allerdings der Fall, denn das Geſpräch wendete ſich ſogleich auf Sie. Er ſprach von Ihnen mit Thränen in den Augen— welche⸗ Stütze Sie für ihn geweſen wären, und wie glücklich Sie ihn gemacht hätten, und daß es ihm kaum möglich wäre, ſich auch nur auf eine halbe Stunde von Ihnen zu trennen. Ich griff dieſes auf, und bemerkte, er dürfe nicht erwarten, daß Sie noch lange ſo eingezogen leben würden, und Sie auch nicht tadeln, wenn er ſich erſt häuslich einge⸗ richtet, wenn Sie ein ſo großer Liebling der Geſell⸗ ſchaft als früher und außer Stande ſein würden, ohne Ihre Freunde zu beleidigen, die zahlreichen Einladun⸗ gen abzulehnen, welche Sie erhalten würden. Kurzum, es ſei nicht mehr als recht und billig, daß Sie Ihre 5 3 197 Stellung in der Geſellſchaft wieder einnähmen, und ſeine Pflicht ſei es, ſich darein zu fügen. Meine Be⸗ merkungen ſchienen dem alten Herrn ſchlecht zu beha⸗ gen, und er äußerte, daß er andere Erwartungen von Ihnen hege. Ich erwiederte, es ſei unmöglich, daß wir unſere Natur verwandelten, und das andere Ge⸗ ſchlecht würde Reize haben, denen Sie nicht im Stande ſein würden, zu widerſtehen, es würde daher auch ei⸗ nen großen Theil Ihrer Zeit in Anſpruch nehmen. Das einzige Mittel, ſagte ich, ſich ſeiner Geſellſchaft zu ver⸗ ſichern, iſt, mein theurer Sir, daß Sie ihn mit einem verſtändigen, liebenswürdigen jungen Frauenzimmer ver⸗ heirathen, das fern von dem Strudel der vornehmen Welt gelebt hat, und an einem häuslichen Leben Ver⸗ gnügen findet. Der Gatte einer ſolchen Frau wird denn ebenfalls häuslich werden, und Sie werden ſämmt⸗ lich ſehr glücklich ſein. Ihr Vater pflichtete mir bei, und ſchien ſehr begierig, den Plan auszuführen. Ich lenkte darauf das Geſpräch auf Miß Temple, ließ fallen, es wäre mir bekannt, daß Sie einige Zuneigung zu derſelben hätten, rühmte ihre Schönheit, Klugheit u. ſ. w., ſagte, daß ich aus Theilnahme an Ihnen mich an ihren Wohnort begeben, ihre Bekanntſchaft gemacht, und daß ſie mir ausnehmend gefallen hätte; ſeitdem ſie ſich mit ihren Verwandten in London aufgehalten, hätte ich ſie häufig geſehen, eine hohe Meinung von ihr be⸗ kommen, eine ſo große Zuneigung zu ihr gefaßt, und mich ſo ſehr überzeugt, daß ſie gerade die Perſon ſei, welche Sie glücklich und häuslich machen würde, daß ich, da ich ſelbſt keine Familie hätte, nicht abgeneigt wäre, ſie zu adoptiren. Jedenfalls ſei ich entſchloſſen, wenn Sie ſie heiratheten, ihr an ihrem Hochzeitstage ein nicht Unbeträchtliches mitzugeben.⸗ 198 „Aber, mein theurer Sir, warum ſagten Sie ihm nicht, daß Suſanne Temple mit ihrem ſiebenten Jahre Waiſe geworden, und daß ihr Vermögen ſeit der Zeit beſtändig angrwachſen ſei? Es iſt nichts weniger als unbedeutend, wie ich von Mr. Cophagus höre, und au⸗ ßerdem gedenkt Cophagus ihr ſein ganzes Vermögen zu vermachen.“ „Ich freue mich ſehr, dies zu hören, Japhet, und werde nicht verfehlen, es Ihrem Vater mitzutheilen; ich ſehe aber keinen Grund, warum ich mit dem Mei⸗ nigen nicht thun ſollte, wie mir beliebt— und ich liebe das Mädchen auf das innigſte. Beiläufig, haben Sie ihr ſchon etwas geſagt?“ „Ja, Sir, wir ſind mit einander verlobt.⸗ „Vortrefflich; ich dachte es wohl, als ich im Wa⸗ gen Eure Hände in einander geſchlungen ſah; allein, Japhet, ich würde nun ein wenig Gleichgültigkeit,— nicht gerade Widerſetzlichkeit empfehlen, wenn Ihr Va⸗ ter Ihnen den Vorſchlag macht. Er wird dadurch noch begieriger, und wenn Sie am Ende einwilligen, Ihnen noch geneigter werden. Ich habe ihm auf Morgen die⸗ ſes und anderer Geſchäfte halber einen abermaligen Be⸗ ſuch verſprochen, und es wird am beſten ſein, wenn Sie nicht zu Hauſe ſind.« „Ich werde nicht zu Hauſe ſein, Sir; ich gedenke mit Harcourt zu Lady de Clare zu gehen. Ich werde meinen Vater um ſeinen Wagen bitten.« „Den er Ihnen ſehr gern geben wird, da er Sie los zu ſein wünſcht; doch wir ſind zur Stelle. Gott be⸗ fohlen.⸗ 1 3. Vier und zwanzigſtes Kapitel. Der bengaliſche Tiger fällt in die Schlinge, wodurch ich raſch aus all' meiner Noth komme— ich erlaube meinem Va⸗ ter ſehr gütig, auf meiner Verheirathung zu beſtehen⸗ auf welche ich meinen ganzen Sinn gerichtet habe. Ich fand meinen Vater, der jetzt vollkommen wieder hergeſtellt war, in tiefen Gedanken auf und ab gehend. Erſt nach dem Eſſen ſprach er mit mir. Er machte mit einigen Fragen in Beziehung auf Cecilie de Clare den Anfang. Ich erwiederte, daß ich ſie mit Harcourt am andern Tage zu beſuchen dächte, und bat ihn um ſeinen Wagen. „Iſt ſie ſehr hübſch?« fragte er. »Allerdings, Sir. Ich glaube nicht, daß ich jemals eine hübſchere junge Dame geſehen habe; doch ja, einer entſinne ich mich.« „»Was für eine Dame war es?« „Eine junge Dame, mit welcher ich eine oberfläch⸗ liche Bekanntſchaft hatte, als ich in Reading wohnte.. „Ich habe gedacht, mein lieber Junge, da ich Dir ein Jahrgeld ausſetzen werde, daß Du Dich früh ver⸗ heirathen ſollteſt. Thuſt Du es, ſo wirſt Du Deinen Vater verpflichten, der begierig iſt, vor ſeinem Tode noch Großkinder zu ſehen. Meine„Selundhet iſt nicht die beſte.⸗. Ich konnte nicht umhin, über dieſe pathetiſche Rede des alten Herrn zu lächeln, der, nach ſeinem Ausſehen zu urtheilen, ſo ſtark wie ein Löwe war, und alle mög⸗ liche Ausſicht hatte, faſt ſo lange als ſein gehorſamer Sohn zu leben; zudem war ſeine Eßluſt ungeheuer, und er trank täglich ſeine Flaſche Wein. Ich fühlte mich daher in Betreff ſeiner Geſundheit keineswegs benuri⸗ higt, erwiederte aber nichts deſto weniger:— „Die Ehe iſt ein Gegenſtand, an welchen ich noch nie gedacht habe(ein De Benyon ſagt niemals eine Un⸗ wahrheit!) ich bin noch ſehr jung, und füͤhle mich jetzt zu glücklich, als daß ich es nicht vorzöge, bei Ihnen zu bleiben.« „»Aber, mein lieber Junge, ich denke auch, daß Du bei mir bleiben ſollſt— wir wollen Alle bei einander wohnen. Meine Abſicht geht durchaus nicht dahin, daß wir uns trennen ſollen. Ich wünſchte wirklich, Ja⸗ phet, daß Du die Sache ernſtlich überlegteſt. 1 „»Mein theurer Vater, erlanben Sie mir zu bemer⸗ ken, daß ich gegenwärtig nicht in der Lage bin, eine Familie unterhalten zu können, und es würde mich ſehr bekümmern, wenn ich Ihnen in Ihrem Alter zur Laſt würde; Sie bedürfen mancherlei Bequemlichkeiten und Genüſſe, und ich denke, Sie gebrauchen Ihr jährliches Einkommen ſelbſt.« 1 dDa biſt Du in einem großen Irrthum, mein Lie⸗ ber. Ich bin im Stande, Dir hundert tauſend Pfund auszuſetzen, ſobald Du Dich mit einer Dame, die meine Billigung hat, verheiratheſt, und behalte doch noch mehr als die Hälfte meiner Einkünfte übrig.« „Dadurch, Sir, wird allerdings eine Schwierigkeit aus dem Wege geräumt, und ich erhalte zugleich einen neuen Beweis, mit welch einem liebevollen und groß. 201 müthigen Vater der Himmel mich geſegnet hat; allein bei ſolch' einem Vermögen bin ich zu erwarten berech⸗ tigt, daß mir auch die Dame eine artige Summe zu⸗ bringt. Miß de Clare iſt, wie ich glaube, mit Mr. Harcourt verlobt; ich würde mir ſonſt in der That Hoffnung bei ihr machen können.“ „Mag wohl ſein, mein lieber Junge; aber ein mä⸗ ßiges Vermögen iſt heutzutage Alles, was man von ſeiner Frau erwartet, und die beſten Frauen ſind dieje⸗ nigen, die nicht gar zu reiche Erbinnen ſind. Freilich ſollte die Deinige Dir wohl etwas zubringen; doch ſag' mir, Japhet, wer iſt die junge Dame, die Du für hüb⸗ ſcher als Miß de Clare hielteſt.⸗ „Eine Miß Temple, Sir.« Temple— ein ſehr guter Name. Ich glaube, Maäͤdchen, die fern von London erzogen ſind, werden die beſten Gattinnen.« „Das leidet keinen Zweifel, Sir; ſie ſind häuslicher, und machen ihre Mäͤnner zu Hauſe zufriedener und glücklicher.« „Mein lieber Junge, ich habe den Gegenſtand auf die Bahn gebracht, und wünſche, daß Du ihn in Ueber⸗ legung nimmſt. Es würde mir ein großes Gefallen da⸗ mit geſchehen.“« »Mein theurer Vater, es wird mich immer äußerſt glücklich machen, Ihre Wünſche in jeder anderen Be⸗ ziehung zu erfüllen; aber bei einer ſo ernſten Sache, wie dieſe iſt, muß, glaube ich, einem Sohn ein wenig Freiheit eingeräumt werden. Ich kann nur dieſes ſa⸗ gen,— zeigen Sie mir eine junge Dame, welche Sie der Wahl werth halten, und wenn ich dann finde, daß ich ſie lieben kann, ſo werde ich ihren Wuͤnſchen mit Vergnügen Folge leiſten.«** — 202 „Wie es Dir beliebt,« erwiederte mein Vater höchſt aufgebracht;»aber mir däucht, wenn ich Dir befehle, Dich zu verlieben, ſo iſt es Deine Schuldigkeit, zu ge⸗ horchen.« »Geſetzt, daß ich mich in eine Dame verliebte, die Ihnen nicht gefiele, würden Sie es mir erlauben, ſie zu heirathen?«⸗ »Nein, ganz beſtimmt nicht.⸗ »Iſt es denn aber vernünftig, zu erwarten, daß ich heirathe, ohne meine Zukünftige zu lieben?« »Ich habe auch nicht aus Liebe geheirathet.« „Freilich,“ erwiederte ich, mich ein wenig vergeſſend: » und es iſt eine ſaubere Geſchichte daraus geworden.“ »Ja,“« rief mein Vater in Wuth aus,»indem ich einen ungehorſamen, undankbaren, unverſchämten Tau⸗ genichts von Sohn bekam.“ »Mein theurer Vater, ich wüßte nicht, daß ich ei⸗ nen Bruder hätte.« 4 »„Ich meine Dich, Menſch.« „Sir, um Ihnen zu beweiſen, wie ungerecht Sie ſind, und wie wenig ich Ihre Vorwürfe verdiene, ver⸗ ſpreche ich Ihnen, mich zu verheirathen, ſobald Sie es wünſchen.“ »„Habe Dank, mein Junge, das iſt gut von Dir; Du biſt meine Stütze und mein Schatz, und ich ſegne den Tag, der Dich in meine Arme geführt hat. Wohl⸗ an, ſieh Dich unter den jungen Damen nach einer Ehe⸗ genoſſin um.“ »Nein, Sir, ich will es Ihnen überlaſſen⸗ wäͤhlen Sie für mich, und ich werde Ihnen Folge leiſten.« »Nun gut, mein lieber Junge! Ich werde morgen mit Mr. Maſterton über die Sache reden.« 3 Der General drückte mir mit Rührung die Hand 203 Am andern Tage holte ich Harcourt ab, und begab mich mit ihm nach Parkſtreet. Ein Billet von ihm hatte Lady de Clare von unſerer Abſicht, zu kommen, benach⸗ richtigt, und ſie war nur für uns zu Hauſe. „Wir haben uns vollkommen gegen einander erklärt, Cecilie,« ſagte ich nach der erſten Begrüßung.„ Ich hatte ſehr Unrecht und war ein großer Thor.“ „Und haſt mich ſehr unglücklich gemacht. Ich hätte es mir nicht gedacht, Japhet, daß Du mir ſo viele Thränen auspreſſen würdeſt; doch ich vergebe es Dir, und würde Dir noch tauſendmal mehr vergeben. Setz Dich, und erzähle uns Alles, was ſich zugetragen hat, ſeitdem Du uns verließeſt.“« „Noch nicht, meine theure Cecilie. Wir Beide ſind dem armen Harcourt ſchuldig, wieder gut zu machen, was wir gegen ihn gefehlt, denn ich glaube, auch Du haſt ihn grauſam behandelt. Du warſt im Begriff, ihm auf eine unendlich wichtige Frage Antwort zu ge⸗ ben, als ich Euch ſtörte, und Du haſt ihn ſeitdem län⸗ ger als drei Wochen in einem Zuſtande quälender Un⸗ gewißheit gelaſſen, indem Du ihm Deine Erklärung verweigerteſt, bis er mich zu Dir zurückbrächte. Schon eine Stunde ſolcher Ungewißheit muß ſchrecklich ſein, und ehe wir uns ſetzen, wünſche ich, daß wir uns Alle behaglich und glücklich fühlen.« „Mr. Harcourt's Eifer zu beleben, Dich zurückzu⸗ bringen, Japhet, war es nicht allein, was mich bewog, meine Erklärung zurückzuhalten; ich hielt dafür, daß Deine Rückkehr den Aufſchub nothwendig mache, bis ich Dich geſehen hätte. Ich habe es nicht vergeſſen, Ja⸗ phet, und werde es nie vergeſſen, was ich war, als Du mich retteteſt; und wenn ich daran denke, was ich ohne Dich hätte werden können, ſo überläuft mich ein kalter 204 Schauder. Mutter und ich haben es nicht vergeſſen, wie Du in Irland um meinetwillen Dein Leben gewagt haſt, und faſt eingebüßt hätteſt. Wir verdanken Dir unſer ganzes gegenwärtiges Glück, und ich bin Dir ewi⸗ gen Dank dafür ſchuldig, daß Du mich von Unwiſſen⸗ heit und Armuth, vielleicht vom Laſter errettet haſt. Du haſt mehr, weit mehr als ein Bruder oder Vater an mir gethan. Ich bin ſo zu ſagen Dein Geſchöpf, und in ſo großer Schuld bei Dir, daß ich Dir nie ver⸗ gelten kann. Als Du daher ſo unerwartet zurückkehr⸗ teſt, fühlte ich, daß Dir das Recht gebühre, zuerſt über mich zu verfügen, und ich freute mich, Mr. Harcourt mein Jawort noch nicht gegeben zu haben, da ich vor⸗ her Deine Genehmigung und Billigung zu erhalten wünſchte. Mir iſt Alles, was zwiſchen Euch vorge⸗ gangen iſt, bekannt, aber ich kenne Deine wahren Ge⸗ ſinnungen gegen Mr. Harcourt nicht. Er geſtand, Dich ſehr übel behandelt zu haben, und ſeine aufrichtige Reue darüber, und das Lob, das er Dir ertheilte, gewann ihm zuerſt meine Gunſt. Wenn Du alſo noch Erbitte⸗ rung gegen Mr. Harcourt hegſt, Japhet— wenn Du—⸗ „»Halt ein, meine theure Fleta, ich werde Dir alle Deine Fragen ſogleich beantworten.«. Ich ergriff Harcourts Hand, legte ſie in die ihrige, und fuhr fort: »Möge Gott Euch Beide ſegnen, und möget Ihr glücklich ſein!« Cecilie umarmte mich und weinte; und ich glaube, auch ihre Mutter und Harcourt thaten es. Es war ein Glück für unſern Freund, daß ich Suſanne Temple liebte. Sobald Cecilie ein wenig ruhiger geworden war, küßte ich ſie, und übergab ſie ihrem rechten Ei⸗ genthümer, der ſie zum Sopha führte. Lady de Clare 205 und ich gingen wichtiger Geſchäfte halber hinaus, und kehrten erſt nach einer Viertelſtunde zurück. Als wir wieder hineinkamen, eilte Cecilie ihrer Mutter entge⸗ gen, und umarmte ſie, während Harcourt mir ſchwei⸗ gend die Hand drückte. Wir ſetzten uns hierauf, und ich erzählte ihnen die Geſchichte meiner zweiten Wan⸗ derſchaft— wie ich faſt gehangen worden— wie ich in Wahnſinn verfallen— wie ich Quäker und Apo⸗ theker geworden— was mit meinen früheren Lebens⸗ ereigniſſen eine gar abenteuerliche Geſchichte ausmachte. „»Aber, Japhet, wenn es erlaubt iſt, zu fragen, war die Dame, mit welcher ich Sie geſtern in der Kirche ſah, Miß Temple?« „Sie war es.⸗ „»Cecilie, dann wird Ihre Sthüöndeit in Gefahr ſein, ausgenommen in meinen Augen, verdunkelt zu werden, wenn ſie in Ihrer Geſellſchaft erſcheint.« „»Wie können Sie ſagen, ausgenommen in Ihren Augen, Mr. Harcourt,« erwiederte Cecilie;»denn Ihre Bemerkung beweiſ't, daß ſie auch in Ihren Augen be⸗ reits verdunkelt iſt. Ich bin nicht wenig geneigt, Sie zur Strafe abermals zu verbannen, bis Sie ſie zu mir bringen, damit ich ſelbſt urtheilen kann.« »Wenn ich abermals verbaunt werde,« erwiederte Harcourt,»ſo muß ich zum zweiten Male mich an De Benyon wenden, um mir die Rückkehr möglich zu ma⸗ chen. Ich zweifle nicht, daß er ſie Ihnen zuführen kann.⸗ »Und es vielleicht in dieſen Tagen thun wird, Ce⸗ cilie,« fiel ich ein. „»O thu' es, Japhet. Ich werde ſie ſo innig lieben.⸗ „»Du mußt noch ein wenig Geduld haben; ich bin noch nicht ſo weit mit ihr, als Du es mit Harcourt biſt. Bei mir fehlt noch die Einwilligung der ſämmt⸗ 2⁰06 lichen Betheiligten, welche Dir heute geworden iſt. Doch ich muß jetzt fort, und Sie, Harcourt, werden ohne Zweifel zu Mittag hier bleiben. Ich muß mit meinem Vater eſſen.⸗ Als ich nach dem Hotel zurückkehrte, ſah ich, daß für drei Perſonen gedeckt war. Der General hatte Mr. Maſterton eingeladen, was mir als eine gute Vor⸗ bedeutung galt. Maſterton fand keine Gelegenheit, mir etwas zu ſagen, gab mir aber einen Wink und lächelte mir zu; ich war zufrieden. »Japhet,« ſagte mein Vater,»ich hoffe, daß Du Dich auf morgen nicht verſagt haſt, weil ich bei Mr. Maſterton Geſchäfte habe, und wünſche, daß Du mich begleiteſt. Ich erwiederte, daß es mir ſehr angenehm ſein würde, ihn zu begleiten, worauf die Unterhaltung all⸗ gemein wurde. Am andern Tage fuhr ich mit meinem Vater nach Lincolns Inn, und als wir bei Mr. Maſterton eintra⸗ ten, ſaß derſelbe an einem Tiſche, und Mr. Cophagus und Suſanne unweit des Fenſters. »Die Sache nähert ſich immer mehr der Entwicke⸗ lung,« dachte ich. Später hörte ich von Maſterton, daß er Cophagus, unter dem Vorwande einer Geſchäfts⸗ ſache, zu kommen und Suſannen mitzubringen, bewogen habe. Er hatte ihnen eine etwas frühere Zeit als uns beſtimmt. Seine Abſicht dabei war geweſen, daß der General Miß Temple wie durch Zufall ſehen ſollte, und mir, der ich, wie mein Vater glaubte, nicht wußte, daß Miß Temple in der Stadt war, eine Zuſammenkunft mit ihr zu verſchaffen. Wie viel Lug und Trug es in der Welt giebt! da giebt es nichts als Minen und Gegenminen! Cophagus und ich drückten uns die Hände, und ich bemerkte, daß er, trotz dem Veto ſeiner Frau, ſeine blauen Strumpfbeinkleider und hohen Stiefel angezogen hatte; er ſchien ſo ſteif darin zu ſein, daß er ſich kaum bewegen konnte. So weit ich zu urtheilen im Stande war, waren ſeine Beine, ſeit ich ihn zum letzten Male in ſeinem Lieblingsanzuge geſehen, nicht ſtärker ge⸗ worden. ⸗ 1 8 207 »Mr. De Benyon, ich denke, Sie haben Miß Temple ſchon geſehen,« ſagte Maſterton, mir zuwinkend.„War es nicht in Berkſhire? Miß Temple, erlauben Sie mir, Ihnen General De Beuyon vorzuſtellen.“ 3. Ich ging zu Miß Temple, die beim Erblicken mei⸗ nes Vaters erröthete und zitterte, und ſprach meine Hoffnung aus, daß ſie ſich, ſeit wir uns zuletzt geſehen, wohl befunden habe. Sie gewahrte, daß irgend ein Plan im Werke ſei, und war ſo verwirrt, daß ſie gar nichts erwiederte. Mein Vater redete ſie an, und ſetzte ſich nach einiger Zeit dicht neben ſie. Ich hatte ſie noch nie ſich ſo liebenswürdig benehmen ſehen. Er fragte nach ihrer Wohnung, und ſagte, nachdem er gehört, daß ſie mit ihrem Schwager zur Stadt gekommen ſei, er würde ſich die Freiheit nehmen, Mr. Cophagus zu be⸗ ſuchen, und ihm für alle Güte, die er mir erwieſen, zu danken. Bald darauf empfahl ſich Cophagus, Suſanne ſtand auf, um ihn zu begleiten; und als mein Vater hörte, daß ſie zu Fuße gekommen wären, beſtand er darauf, Miß Temple in ſeinem Wagen nach Hauſe zu bringen, ſo daß Cophagus und ich zu Fuße nachfolgen mußten. 0 Fuͤnf und zwanzigſtes Kapitel. Ein wildgewordener Stier macht den Abenteuern des armen Cophagus, den meinigen der Eheſtand ein Ende.— Mein Vater wird artig und meine Quäkerfrau eine der elegan⸗ teſten Frauen in der Stadt— wahrlich! hem! Ach, wie weit war Mr. Cophagus davon entfernt zu ahnen, daß ihm ſein helles gewebtes Beinkleid an dem Tage, an welchem er es anzog, ſo verderblich wer⸗ den ſollte. Er hatte etwa zwei Drittel des Weges nach . 208 ſeinem Hauſe zurückgelegt, als er eine Menge Menſchen aus einer Nebenſtraße in größeſter Eile hervorſtürzen ſah. Er ſchaute hin, um die Urſache zu entdecken, als er— was für ihn der allerentſetzlichſte Anblick war— einen wüthend gewordenen Stier gewahrte. Wenn es irgend etwas gab, das ihn zum Laufen bringen konnte, ſo war es ein ſolches Thier, und er machte ſich demzu⸗ folge ohne Weiteres auf die Beine; allein ſein knapp anliegendes Beinkleid und ſeine hohen Stiefel lähmten ihn völlig. Wie aus vorſätzlicher Bosheit nahm ihn der Stier auf das Korn, und ſchleuderte den unglücklichen Mr. Cophagus hoch in die Luft; er fiel zum Glück auf einen großen Fleiſcherhund, der den Stier verfolgte, wodurch die Heftigkeit ſeines Sturzes ſehr gemäßigt wurde. Der Hund, außer Stande, ſich von der auf ihm liegenden Laſt zu befreien, konnte jedoch von ſeinem Gebiſſe Gebrauch machen, was er auch mit äußerſter Wuth that; und ſobald der Fleiſcher, der ſeinen Hund ſehr lieb hatte, der Lage deſſelben gewahr wurde, ließ er ebenfalls ſeine Wuth an dem unglücklichen Cophagus aus, indem er ihm mit ſeinem Knittel mehrere Schläge auf den Kopf verſetzte, ſo daß der arme, von dem Stier, dem Hunde und dem Fleiſcher auf das Unbarmherzigſte mitgenommen, in einem beklagenswerthen Zuſtande in den nächſten Laden gebracht wurde. Als er ſich nach einiger Zeit erholt hatte, und im Stande war, ſeine Wohnung anzugeben, brachte man ihn nach Hauſe. Es war ſpät am Abend, als ich von Suſanne ein Billet erhielt, in welchem ſie mich von dem unglückli⸗ chen Vorfalle benachrichtigte. Mein Vater hatte ſo eben eine lange Rede über kindliche Pflichten, Land⸗ mädchen, gute Ehefrauen u. ſ. w., gehalten, und mit der Bemerknng geſchloſſen, daß ſowohl er, als Mr. Maſterton, Miß Temple als eine gute Partie für mich betrachteten, und da ich ihn gebeten hätte, eine Wahl für mich zu treffen, daß er ſie auserkoren habe. Ich hatte ſo eben von meinem kindlichen Gehorſam durch das Verſprechen einen Beweis an den Tag gelegt, mir die größeſte Mühe zu geben, ſie zu lieben und ſeine Wünſche zu erfüllen, als mir das Billet eingehändigt wurde. Ich las es, machte meinen Vater mit dem In⸗ 209 halte deſſelben bekannt, ließ ſogleich einen Wagen kommen und fuhr nach dem Hauſe meines leidenden Freundes. Bet meiner Ankunft fand ich Mrs. Cophagus in Ohnmacht, und Suſanne leiſtete ihr Beiſtand. Man hatte Cophagus durch einen Wundarzt bereits verbinden laſſen. Ich ging hinauf in das Zimmer, in welchem der Patient lag. Er befand ſich beſſer, als ich er⸗ wartet hatte— war ruhig und ſeiner Sinne vollkom⸗ men mächtig; allein mit der Beſchaffenheit ſeiner be⸗ denklichen Verletzungen ſchien er nicht bekannt zu ſein. Der Wundarzt trat herein, und ich fragte ihn um ſeine Meinung. Er ſagte mir, daß er, wiewohl Mr. Cophagus ſtark verletzt worden wäre, nicht glaube, daß Gefahr vorhanden ſei; es hätte keine Knochenverletzung Statt gefunden, und ſeine einzige Befürchtung wäre, daß ein innerer Schaden Statt finde, den man jedoch für jetzt noch nicht ausmitteln könne. Ich ſuchte Mrs. Copha⸗ gus durch dieſe Auskunft Troſt einzuflößen, und kehrte ſodann zu ihrem Manne zurück, der mit dem Kopfe ſchüt⸗ telte, und als ich mich niederbeugte, um ihn zu hören, mit ſchwacher Stimme ſagte:»Dacht' es wohl— nach London gekommen— voll wüthender Stiere— in die Luft geſchleudert— ſterben— und ſo fort.«„ »Ach nein,« ſagte ich;»der Wundarzt meint, es ſei keine Gefahr. Sie werden in acht Tagen ſchon wie⸗ der das Bett verlaſſen können, jetzt aber müſſen Sie ſich ganz ruhig verhalten. Ich werde Mrs. Cophagus zu Ihnen ſchicken.« 4 Ich ging hinunter, und da ich ſie ruhiger fand, bat ich ſie, zu ihrem Gatten zu gehen, der ſie zu ſohen wünſche, und ich ſah mich mit Suſannen allein. Ich erzählte ihr Alles, was vorgefallen war, und nachdem ich zwei himmliſche Stunden bei ihr zugebracht hatte, kehrte ich nach dem Hotel zurück. Mein Vater war einige Zeit aufgeblieben, um meine Rückkehr zu erwarten, da ihm dieſe jedoch zu lange gedauert, hatte er ſich zu Bett begeben. Als ich ihn am andern Morgen ſah, erzählte ich ihm, was der Wundarzt geſagt hatte, gab aber meine Meinung da⸗ hin ab, es ſei für Mr. Cophagus bei ſeinem vorgerück⸗ Japhet. III. 14 210 tem Alter das Schlimmſte zu beſorgen. Mein Vater pflich⸗ tete mir bei, konnte aber nicht unterlaſſen, mich darauf aufmerkſam zu machen, welch' eine günſtige Gelegenheit mir der Vorfall böte, mich um die Neigung Miß Temple's zu bewerben, da es natürlich ſei, daß ich mich für einen langjährigen Freund, wie Mr. Cophagus, auf das Wärmſte intereſſire. Mein kindliches Pflichtgefühl flößte mir die Antwort ein: ich würde nicht verfehlen, eine ſo gute Gelegenheit zu benutzen. Meine Abenteuer nähern ſich jetzt ihrem Ende. Ich muß einen Zeitraum von drei Monaten übergehen, während deſſen mein Vater ein Haus in Grosvenor⸗ Sanare gemiethet hatte, und ich, unter dem Schutze Lord Windermears, als Mr. De Benyon abermals in die große Welt eingeführt worden war. Ich bemerkte, daß man meinen neuen Namen für ſehr achtbar hielt, und meines Vaters Tiſch war mit Beſuchkarten bedeckt; ich erhielt ſogar zwei Einladungen von Lady Maelſtrom, die mir ſagte, daß ihre lieben Nichten gar nicht hätten begreifen können, was aus mir geworden ſei, und daß man die Beſorgniß gehegt habe, Loniſe würde die Aus⸗ zehrung bekommen. Im Verlauf dieſer drei Mo⸗ nate hatten ſich Cecilie und Suſanne kennen gelernt, und waren ſo unzertrennliche Freundinnen geworden, wie es die meiſten jungen Damen werden, die ſchon verlobt ſind und keine Urſache zur Eiferſucht haben. Mr. Cophagus hatte ſich in ſo fern wieder erholt, daß er im Stande war, auf das Land zu gehen; er ſchwur, zum großen Verdruß ſeiner Gattin, nie wieder einen Fuß in die Stadt zu ſetzen. Er fragte mich, ob ich nicht einen Ort wüßte, wo es keine wüthenden Stiere gäbe; ich gab mir Mühe, einen ſolchen ausfin⸗ dig zu machen, aber vergebens; denn wenn er ſich auch am Nordpole niedergelaſſen hätte, ſo würde er Auer⸗ ochſen angetroffen haben, die noch wilder ſind, als un⸗ ſere wildgewordenen Stiere. Er erklärte hierauf, daß man in einer ſolchen Welt nicht leben könne; und um die Aufrichtigkeit ſeiner Meinung zu beweiſen, ſtarb der gute Mann, drei Monate nach ſeiner Ankunft in Rea ding, an Entkräftung, in Folge der geiſtigen und kör 18 211 perlichen Erſchütterung, die ſeine Konſtitution bei ſei⸗ nem Unfalle erlitten. Noch vor Ablauf dieſer drei Monate aber war es endlich entſchieden, daß Harcourts und meine Trauung an einem und demſelben Tage vollzogen werden ſollten; und nachdem ich meine Bekauntſchaft mit dem ehrwür⸗ digen Biſchof, dem ich die Vaterſchaft zugemuthet, er⸗ neuert hatte, verrichtete er die heilige Handlung. Mein Vater übergab mir die Summe, die er mir verſprochen hatte. Maſterton ſchenkte Suſannen zehntauſend Pfund; ihr eigenes Vermögen war ebenſo bedeutend, und ſie hatte daneben die Anwartſchaft auf Cophagus Vermö⸗ gen, nach dem Tode ſeiner Wittwe. Timothy kam nach London, um der Trauung beizuwohnen; ich übergab ihm meine Apotheke nebſt dem Waareuvorrathe, und er iſt jetzt im Beſitze eines ausgebreiteten Geſchäfts. Wie⸗ wohl er ſeine Mutter nicht hat auffinden können, hat er dafür eine hübſche Frau gefunden, die, wie er ſagt, eben ſo gut, wo nicht beſſer iſt. Man glaube nicht, daß ich Kathleens freundlichen Beiſtandes vergeſſen hätte; ſie wurde bald nachher mit Corny getraut. Es wurde ihnen auf Fleta's Gute eine kleine Meierei zu einer ſo mäßigen Pacht überlaſſen, daß ſie ſich in wenigen Jahren im Stande ſahen, die⸗ ſelbe anzuranfen, und Corny, ſobald er eine behagliche Exiſtenz errungen, wurde aus einem Leveller ein ent⸗ ſchiedener Regierungsanhänger. Ich bewohne jetzt Ein Haus mit meinem Vater⸗ der ſich ſehr glücklich fuͤhlt, und ſich ziemlich gut beträgt. Er geräth ſelten mehr als zweimal in der Woche in Wuth, was wir faſt als ein Wunder auſehen. Wäh⸗ rend ich dieſes ſchreibe, wiegt er zwei Enkel auf ſeinen Knien. Mrs. Cophagus hat einen Gardehauptmann geheirathet, und macht in Beziehung auf Faſhion und Putz Alles mit, wie man zu ſagen pflegt. Und da meine Leſer ohne allen Zweifel begierig ſein werden, zu wiſſen, ob meine reizende Gattin ihrem beſcheidenen Koſtüm treu geblieben iſt, will ich nur ein kurzes Ge⸗ ſpräch wiederholen, welches zwiſchen uns Statt fand, als ſie geputzt herunterkam, um auf einen von Mrs. Harcourt de Clare gegebenen glänzenden Ball zu fahren. 212 „Sag' mir, De Benyon, iſt dies nicht ein allerlieb⸗ ſter Anzug?« »Ja, meine Liebe,« erwiederte ich, ihr reizendes Antlitz und ihre entzückende Geſtalt mit der in den Flitterwochen gewöhnlichen Bewunderung muſternd;»das iſt er in der That. Glaubſt Du aber nicht, geliebte Suſanne,“« fuhr ich fort, mit der Fingerſpitze ihre ſchneeige Schulter berührend;„daß dieſes Kleid ein klein wenig zu tief ausgeſchnitten iſt⸗« »Zu tief, Japhet! es iſt ja nicht halb ſo tief, als Mrs. Harcourt de Clare, oder Lady C— ihre Kleider ausſchneiden zu laſſen pflegen.“ »Nun, meine Liebe, ich habe es auch nicht behaup⸗ tet; ich fragte nur.«. 4 »Gut; wenn Du Dich denn nur belehren laſſen wollteſt, ſo will ich Dir ſagen, daß es nicht zu tief aus⸗ geſchnitten iſt, und Du wirſt hoffentlich zugeben, daß mein Urtheil in dieſer Sache entſcheidend ſein muß; denn wenn ich auch weiter keinen Vorzug habe, ſo habe ich wenigſtens den, von allen Frauen in London mich am geſchmackvollſten zu kleiden.“ »Wahrlich, Du überzeugſt mich, Suſanne gab ich 5 zur Antwort. 8 »Ach! halte Deinen loſen Mund, De Benyon.« Wie es einem gut gezogenen Ehemann geziemt, machte ich eine Verbeugung und ſchwieg. Und da ich jetzt nichts mehr zu ſagen habe, will ich mich auch vor meinen Le⸗ ſern verbeugen und ihnen Lebewohl wünſchen.