deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 — von—. Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. V eiß- und Jeſebedingungen. 4 6 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. L 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines ages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet do wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— 4 auf 1 Monat: 4 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. „ 8„.„ 3„=„,„ 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zuruͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt liu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ f lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet 8 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen; welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Capt. Marryat's faͤmmtliche Werke. Vierzehnter Band. IJaphet⸗ der einen Vater ſucht. Aus dem Engliſchen von §. Roberts. 8 Zweiter Theil. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1836 8.— Japhet, der einen Vater ſucht. Von Capt. Marryat, Verfaſſer des»Paſcha«,»Peter Simpel“,„Jakob Ehrlich«,»Willy« ꝛc. Aus dem Engliſchen von H. Roberts. Zweiter Theil. — Braunſchweig, Druck und Verlag von Fr. Vieweg und Sohn. 1836. Erſtes Kapitel. Wir ziehen unſern Gewinn ein, und die Berichtigung unſers Verluſtes erſcheint uns als zu den überfluſſigen gu⸗ ten Werken gehörig.— Ich verfahre beim Aufſuchen meines Vaters nach dem alten Sprüchworte:»Folg dei⸗ ner Naſe.« 1 Sobald wir auf der Straße waren, begann ich nach den Beweggründen des Majors zu forſchen.»Kein Wort, mein Beſter, als bis wir zu Hauſe ſind,“« erwiederte er. Als wir angelangt waren, warf er ſich auf einen Stuhl, ſchlug die Beine übereinander, und ſagte: „Sie müſſen bemerken, Newland, wie ſehr ich Sorge trage, daß Sie nichts than, wodurch Ihr Ruf leiden könnte. Was den meinigen betrifft, ſo wird alle Ehr⸗ lichkeit der Welt ihm nicht wieder aufhelfen; nur eine Pairie kaun mich wieder zu Ehren bringen, und eine Grafenkrone wird eine Menge von Sünden bedecken. Ich habe es für meine Pflicht gehalten, unſere Finanzen ein wenig zu verbeſſern, und denke in dieſer Beziehung noch weit mehr zu thun, ehe wir Cheltenham verlaſſen. Sie haben hundert achtundzwanzig Pfund gewonnen.“« „Ja,« erwiederte ich;»aber Sie haben eben ſo viel verloren.« „Richtig; aber ich denke, wie in den meiſten Fällen, nicht zu bezahlen, und Sie ſehen daher, daß die Spe⸗ 6 kulation Gewinn bringend ſein muß, ſo lange wir ge⸗ 4 gen einander ſpielen.« »Jetzt geht mir ein Licht auf,« erwiederte ich;»aber bin ich dann nicht ein Verbündeter?« »Nein, Sie bezahlten, als Sie verloren, und nah⸗ men Ihr Geld, als Sie gewannen. Ueberlaſſen Sie es mir, meine Ehrenſchulden zu berichtigen.« »Aber Sie denken Morgen Abend wieder mit ihm zuſammenzutreffen.“« »Ja, und ich will Ihnen ſagen, warum. Ich hätte es niemals für möglich gehalten, daß wir zwei ſo ſchlechte Spieler im Klub getroffen hätten. Wir müſſen jetzt gegen ſie ſpielen und müſſen am Ende gewinnen, und ich werde dadurch in den Stand geſetzt werden, zu be⸗ zahlen, was ich ihm ſchulde, und Sie werden gewin⸗ nen und Geld einſäckeln.« »Ah,“« erwiederte ich,»wenn Sie es ihm möglich zu machen gedenken, wieder zu ſeinem Gelde zu kom⸗ men, ſo habe ich nichts mehr einzuwenden— es iſt ja dann Alles der Billigkeit gemäß.« „Verlaſſen Sie ſich darauf, Newland, wenn ich weiß, daß Jemand ſo ſchlecht ſpielt, wie jene Herren, ſo werde ich ihnen die Gelegenheit nicht verweigern; wenn wir uns aber mit Anderen zum Spiele nieder⸗ ſetzen, ſo müſſen wir es halten wie geſtern— müſſen ge⸗ geneinander ſpielen, und ich werde das Geld ſchuldig 3 bleiben. Ich habe es dem Menſchen geſagt, daß ich 4 niemals bezahlen würde.“ 4 „Freilich, allein er ſetzte voraus, daß Sie nur ſcherzten.« »Das iſt ſeine Schuld— ich meinte es im Ernſt. Es würde mir nicht gelungen ſein, wenn man Sie — 7 nicht für einen jungen Mann mit zehntauſend Pfund Einkünften gehalten und geglaubt hätte, daß ich Sie benutze. Ich ſage Ihnen dies aufrichtig; und nun gute Nacht.« Ich überlegte die Sache während des Auskleidens— es war nicht ehrlich— doch ich hatte bezahlt als ich verlor, und nahm nur mein Geld als ich gewann— es gefiel mir aber dennoch nicht; doch die Banknoten fielen mir in die Augen und— ich beruhigte mich. Ach! wie leicht ſind Gewiſſensbedenken beſeitigt, wenn wir Geld bedürfen! Wie Viele würden im Glück und Wohl⸗ ſtande und keiner Verſuchung ausgeſett, ſchon bei dem Gedanken einer unredlichen Handlung erröthet ſein, und haben ſchaudernd die Hände emporgehalten, wenn ſie hörten, daß Andere ſchuldig erfunden wurden, und begehen doch, wenn ſie in Noth gerathen, dieſelben Handlungen, welche ſie vorher ſo laut verdammten. Wie viele Frauen, die ihre Entrüſtung und Verachtung über Gefallene ausſprachen, ſind, wenn ſie in Verſuchung geriethen, ſelbſt gefallen. Laßt uns daher Nachſicht üben, Keiner von uns kann ſagen, wohin Umſtände ihn bringen könnten; und wenn wir nicht umhin können zu geſtehen, daß ein Vergehen groß iſt, ſo laßt uns lie⸗ ber Kummer und Mitleid als Entrüſtung empfinden, und beten: führe uns nicht in Verſuchung! Wir begaben uns verabredeter Maßen am andern Abend in den Klub, und fanden die beiden Herren zum Spiele mit uns bereit. Dieſes Mal weigerte ſich der Major mit einem Andern als mir zu ſpielen, da ich ſo gutes Glück habe, und unſere Gegner erhoben keine Schwierigkeiten. Wir ſetzten uns, und ſpielten bis vier Uhr Morgens. Anfangs begünſtigte das Glück trotz unſers guten Spiels unſere Gegner; allein es wechſelte 8 ——— — ——— 8 bald, und am Ende hatte der Major vierzig, und ich hundert und ein und ſiebenzig Pfund gewonnen, ſo daßdie ganze Summe unſers Gewinnſtes von dieſem und dem vorigen Abend ſich auf drei hundert und zwei und vier⸗ zig Pfund belief. So ging es faſt drei Wochen fort, der Major bezahlte nicht, wenn er es nicht angemeſſen fand, und wir verließen Cheltenham mit ungefähr acht hundert Pfund in den Taſchen. Der Major hatte etwa hundert und zwanzig Pfund an verſchiedene Klubbeſucher bezahlt, allein es waren Irländer, mit denen nicht zu ſpaßen war. Ich ſchlug dem Major vor, die übrigen Schul⸗ den zu bezahlen, da uns doch noch immer eine beträcht⸗ liche Summe übrig bleiben würde; er erwiederte:»Ge⸗ ben Sie mir das Geld?« Ich that es.»Jetzt,« fuhr er fort,»ſind Ihre Bedenklichkeiten beſeitigt, da Sie vollkommen ehrlich geweſen ſind; allein, mein Beſter, wenn Sie wüßten, wie viele Schulden dieſer Art ich zu fordern habe, von welchen ich nie einen Heller zu ſehen bekommen werde, ſo würden Sie mit mir der Mei⸗ nung ſein— daß es unendlich thöricht iſt, ſich vom Gelde zu trennen. Ich habe hier alle Schuldpoſten ein⸗ gezeichnet, und bezahle vielleicht in der Zukunft— wenn es angemeſſen iſt; gegenwärtig aber iſt dies nicht der Fall.« Der Major ſteckte die Banknoten ein, und wir ließen den Gegenſtand fallen. Wir hatten am andern Morgen die Pferde zur Ab⸗ reiſe beſtellt, und ſaßen beim Frühſtück, als Timotheus hereinkam und mir einen Wink gab hinaus zu kommen. Ich folgte ihm. »O! Sir, ich kann nicht umhin, es Ihnen zu agen, aber es iſt da ein Herr mit—« » Mit was,“ erwiederte ich begierig. »Mit Ihrer Naſe, Sir, ganz Ihrer Naſe— und 9 ſieht Ihnen auch ſonſt ſehr ähnlich— und ſcheint auch gerade ſo alt zu ſein, als Ihr Vater ſein muß.« »Wo iſt er, Timothy?« erwiederte ich, und mein ganzes heißes Verlangen, meinen Vater aufzufinden, wurde in mir lebendig. »Unten, Sir, im Begriff in einer Poſtchaiſe mit Vieren, die vor der Thür hält, abzureiſen.« 3 Ich lief mit meiner Serviette in der Hand hinunter, und eilte vor die Thür des Hotels— er ſaß bereits im Wagen, und der Portier machte den Wagenſchlag zu.“ Ich ſah ihn an. Er war mir, wie Timotheus geſagt hatte, in der That ſehr ähnlich, und die Naſe war ganz die meinige. Ich ſtand athemlos da, und fuhr fort ihn anzugaffen. 3 »Alles in Ordnung!“ rief der Schirrmeiſter. »Ich bitte um Vergebung, Sir—« ſagte ich, den Herrn im Wagen anredend, der mich wahrſcheinlich für einen Kellner hielt, da er in meiner Hand eine Ser⸗ viette ſah, denn er erwiederte ſehr kurz:»Ich habe Euch ſchon etwas gegeben.« Er ſchloß hierauf das Fenſter, der Wagen rollte davon, die Nabe des Hinter⸗ rades traf mich am Schenkel, ſo daß ich kaum im Stande war wieder hinaufzuhinken, und in einem Zu⸗ ſtande wahnſinniger Verzweiflung warf ich mich in un⸗ ſerm Zimmer auf das Sopha. „»Gütiger Himmel, Newland, was haben Sie?« rief der Major aus. „Was ich habe,« erwiederte ich mit matter Stimme, wich habe meinen Vater geſehen.« »Ihren Vater, Newland? Sie müſſen toll ſein. Er iſt ſo lange todt, daß Sie ſich ſeiner nicht mehr ent⸗ ſinnen können— ſo haben Sie mir wenigſtens geſagt. 5 10 Wie konnten Sie ihn denn nun erkennen, ſelbſt wenn es ſein Geiſt geweſen wäre?« Des Majors Bemerkungen brachten mir die Unklug⸗ heit, die ich begangen, zum Bewußtſein. »Major,“ erwiederte ich,»es ſcheint mir, daß ich abgeſchmackt bin, allein er ſah mir ſo ähnlich, und mich hat ſo ſehnlichſt nach meinem Vater verlangt, ich habe ſeit ſo langer Zeit den Wunſch, ihn von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen, gehegt— daß— daß— ach, ich bin ein großer Thor.« „»Mein lieber Newland, Sie müſſen ſich auf die an⸗ dere Welt vertröſten, um ihn von Angeſicht zu Ange⸗ ſicht zu ſehen, das iſt klar; und ich denke, wenn Sie die Sache ein wenig in Ueberlegung nehmen, daß Sie geneigt ſein werden, die Reiſe aufzuſchieben. Ich habe Sie ſehr oft im Schlafe von Ihrem Vater reden hö⸗ ren, und wußte nicht, was ich davon denken ſollte, daß Sie ſo viel an ihn dachten.« „Ich kann nicht anders,« erwiederte ich.»Von meiner früheſten Kindheit an hat mir beſtändig mein Vater in Sinn gelegen.« »Ich kann nur ſagen, daß ſehr wenige Söhne auch nur halb ſo pflichtmäßig ihrer Väter Gedächtniß bewah⸗ ren— doch beendigen Sie Ihr Frühſtück, dann wollen wir nach London abreiſen.« Ich leiſtete ſeiner Aufforderung, ſo gut ich es ver⸗ mochte, Genüge, und bald befanden wir uns auf der Reiſe. Ich verfiel in ein tiefes Nachſinnen— meine Abſicht war, jenen Mann außuſuchen, und ich befahl Timotheus, von den Poſtillons auf der nächſten Sta⸗ tion zu erfragen, welchen Weg er eingeſchlagen habe. Der Major bemerkte, daß ich nicht geneigt war, mich mit ihm zu unterhalten, und ſprach daher nur wenig. 11 Eine ſeiner Bemerkungen fiel mir jedoch auf.»Win⸗ dermear,“« ſagte er,»warf, wie ich mich entſinne, eines Tages, als ich Sie lobte, hin, Sie wären ein wackerer, junger Mann, doch in Betreff eines Punktes ein wenig téte montée. Ich ſehe jetzt, daß es dieſer ſein muß.« Ich erwiederke nichts, obgleich es ohne Zweifel ſehr ſonderbar war, daß der Major in Betreff dieſes Punk⸗ tes, was beſtimmt der Fall war, ganz und gar nichts ahnte. Wir hatten ein paar Mal meine Angelegenhei⸗ ten beſprochen. Ich hatte ihn darauf hingeleitet zu glauben, daß meine Eltern nicht lange nach meiner Geburt geſtorben wären, und daß ich in den Beſitz ei⸗ nes großen Vermögens gelangen würde, ſobald ich die Jahre der Mündigkeit erreichte. Allein es war nur durch halbe Antworten, nicht aber durch beſtimmte An⸗ gaben geſchehen. Die Urſache davon, daß der Major nichts merkte, lag darin, daß er, der alles Betruges Meiſter war, gar keine Ahnung hatte, daß er durch einen ſo jungen, einnehmenden und anſcheinend ſo auf⸗ richtigen Menſchen, wie ich, hintergangen werden könne, Er hatte ſich in der That ſelbſt betrogen. Seine hohe Meinung von meinem Vermögen gründete ſich lediglich darauf, daß ich ihn gefragt hatte, ob er den Namen Ja⸗ phet trotz zehntauſend Pfund jährlich ablegen würde. Lord Windermear hielt es, nachdem er mich mit ihm bekannt gemacht, keineswegs für nothwendig, ihm eine Ge⸗ ſchichte mitzutheilen, zu deren Kenntniß er ſelbſt nur auf vertraulichem Wege gelangt war. Er ließ die Dinge ihren Gang gehen, und wollte es mir ſelbſt überlaſſen, wie ich durch die Welt käme. So hintergehen die Ver⸗ ſchlagenſten ſich ſelbſt, und werden, indem ihre Augen für jeden Betrug von Seiten Anderer offen ſind, voll⸗ kommen blind, wenn ſie ſelbſt betrügen. 8 5 * 12 Timotheus hatte auf der letzten Station nichts wei⸗ ter in Erfahrung bringen können, als daß der Wagen nach London gegangen ſei. Wir langten erſt ſpät in der Nacht an, und da ich ſehr angegriffen war, eilte ich ſobald als möglich zu Bett. Zweites Kapitel. Meiner Naſe folgend, erhalte ich eine Naſe von einem Frie⸗ densrichter. Als ich im Bekte lag, und bedachte, daß ich faſt zwanzig Jahre alt und noch immer ohne Licht in meiner großen Angelegenheit ſei, wurde mir unendlich wehe um das Herz. Meine Monomanie kehrte mit doppelter Gewalt zurück, und ich beſchloß, mein Suchen mit Ei⸗ fer zu erneuen. Als ich am andern Morgen in mein Zimmer trat, theilte ich Timothy meinen Entſchluß mit; allein er gab mir wenig Troſt, rieth mir, mich nach einer reichen Frau umzuſehen, die Enthüllung des Ge⸗ heimniſſes meiner Geburt der Zeit zu überlaſſen, und machte mich aufmerkſam darauf, wie unwahrſcheinlich es von Anfang an geweſen, daß meine Nachforſch hungen gelingen würden. Da die Saiſon kaum ihren Anfang genbmmen, war die Stadt noch leer, und wir bekamen wenig Einladun⸗ gen, und konnten nur wenige Beſuche abſtatten, wo⸗ durch meine Gedanken von ihrem gewöhnlichen Gegen⸗ ſtande hätten abgezogen werden mögen. Mit meiner — 13 Hüfte wurde es ſo ſchlimm, daß ich eine Woche lang auf dem Sopha liegen mußte. Timotheus ging täglich aus, um wo möglich den mir ſo ähnlich ſehenden Mann auſzufinden, aber immer vergeblich. Ich wurde immer verſtimmter und leidender. Carbonnell war mein Zuſtand unerklärlich. Endlich konnte ich meine Füße wieder gebrauchen; ich ging aus, durchwanderte oder durchlief vielmehr eine Straße nach der andern, und ſchaute, zur Verwunderung der darin Sitzenden, die mich für ver⸗ rückt hielten, in jeden Wagen. Ich vernachläſſigte mei⸗ nen Anzug und mein ganzes Aeußere, denn ich war gleichgültig dagegen geworden, und Tim glaubte ſelbſt, daß ich nahe daran wäre den Verſtand zu verlieren. Endlich, nach etwa fünf Wochen, erblickte ich den Gegenſtand meiner Nachforſchungen in einem Wagen. Dieſer war dunkelbraun, und das Wappen gleichfalls mit düſteren Farben gemalt, ſo daß es nur ganz in der Nähe erkannt werden konnte. Der Herr im Wagen ſaß da, mit bloßem Kopfe, aufrecht und ſteif.»Er iſt es!« ſchrie ich, und lief hinter dem Wagen her; ves iſt die Naſe!« So rufend ſtürzte ich hinter drein, und rannte links und rechts zu Boden, wer mir im Wege war. Ich ver⸗ lor meinen Hut, eilte aber, aus Furcht, den Wagen aus dem Geſicht zu verlieren, weiter. Plötzlich hörte ich hinter mir den Schrei:»Haltet ihn auf, haltet ihn auf!«—„»Haltet ihn auf!“« ſchrie auch ich. Ich meinte den ſchwarzgekleideten Herrn im Wagen. »Damit kommt Ihr nicht durch!« ſchrie ein Mann, und hielt mich beim Kragen;»ich kenne Schliche, die noch zwei Mal ſo fein ſind.« »Laßt mich!« ſchrie ich, mich ſträubend; aber er hielt mich nur um ſo feſter. Ich ſuchte mich von ihm los zu machen, bis mein Rock und Hemde zerriſſen waren⸗ 8* 14 aber vergeblich; es hatte ſich ein Haufen um uns ge⸗ ſammelt, und ich war feſt. Die Sache hing ſo zuſam⸗ men, daß ein Taſchendieb, gerade als ich vorüberlief, in ſeinem Berufe gearbeitet hatte; aus meiner Haſt und dem Verluſt meines Hutes ſchloß man, daß ich der Schuldige ſei. Die Polizei bemächtigte ſich meiner, ich behauptete vergeblich meine Unſchuld, und wurde nach Malborough⸗Street vor den Friedensrichter ge⸗ führt. Mein ganzes Ausſehen, meine zerriſſenen Klei⸗ der, mein Kopf ohne Hut waren Dinge, welche keines⸗ wegs zu meinen Gunſten ſprachen, als ich in der Be⸗ gleitung zweier Conſtabler vorgeführt wurde. »Wen haben wir hier?« fragte der Friedensrichter. „»Einen Taſchendieb, Sir,« erwiederten ſie. »Ah! einen von der vornehmen Gannerzunft,“« er⸗ wiederte er.»Sind Zeugen da?« »Ja, Sir,“« ſagte ein junger Mann, und trat vor. „»Ich ging Bond⸗Street hinauf, als ich ein Zerren an meiner Taſche fühlte, und als ich mich umwandte, ſah ich dieſen Wicht fortlaufen.« „»Können Sie Ihre Ausſage beſchwören?« Es fanden ſich ſehr Viele, die ſich ſämmtlich zu be⸗ ſchwören erboten, daß ich der Fortgelaufene ſei. »Sir, haben Sie etwas zu Ihrer Vertheidigung anzuführen?« fragte der Richter. » Allerdings, Sir,« erwiederte ichzz„»es iſt wahr, ich lief die Straße hinunter, und es kann ſein, daß dieſer Herr beſtohlen iſt— allein ich war es nicht, der ihn beſtahl. Ich bin ein Gentleman.“ »Das will Ihre ganze Brüderſchaft ſein,« erwiederte der Richter;»beliebt es Ihnen anzugeben, warum Sie die Straße hinunterliefen?«— A ——— ———— »„Ich lief hinter einem Wagen her, Sir, um den darin ſitzenden Herrn zu ſprechen.⸗ „»Wer war der Herr?« »Ich weiß es nicht, Sir.« »Warum liefen Sie hinter Jemand her, den Sie nicht kennen?« »Es geſchah um ſeiner Naſe willen.“ »Um ſeiner Naſe willen?« erwiederte der Richter ärgerlich.»Wollen Sie Ihren Scherz mit mir treiben, Sir? Sie werden jetzt Ihrer Naſe in das Gefängniß folgen. Daß ſein Haftbefehl ausgeſtellt wird!« »Wie es Ihnen gefällt, Sir,“« ſagte ich;»allein ich habe Ihnen die Wahrheit geſagt, und wenn Sie mir geſtatten wollen, Jemand mit einem Billet fortzu⸗ ſchicken, ſo werde ich bald meine Achtbarkeit beweiſen. Ich habe ein Recht es zu fordern.« 4 „Es ſei,« erwiederte der Richter;»ſetzen Sie ſich innerhalb der Gerichtsſchranken, bis Sie Antwort er⸗ halten.« Nach kaum einer halben Stunde wurde mein Billet durch Major Carbonnells perſönliches Erſcheinen be⸗ antwortet; Timothy folgte ihm, Carbonnell ging zu dem Friedensrichter hinauf, während Tim die Gerichts⸗ diener im zornigen Tone fragte, was ſie ſeinem Herrn gethan hätten. Dieſes machte ſie ſtutzig, aber noch mehr überraſchte ſie und den Friedensrichter des Majors Erklärung, daß zich ſein genaueſter Freund, Mr. New⸗ land ſei, der zehntauſend Pfund Einkünfte beſäße, und als ein junger, vermögender Mann in den höchſten Cir⸗ keln der Stadt wohl bekannt wäre. Der Friedensrich⸗ ter erzählte was ſich zugetragen, und fragte den Major, ob ich nicht ein wenig ſinnverwirrt ſei; allein der Major, der die Urſache meines ſonderbaren Benehmens errieth, 16 ſagte ihm, daß ich von Jemand beleidigt, und äußerſt begierig ſei des Individuums habhaft zu werden, das mich vermiede und in dem Wagen geſeſſen haben müſſe. »Es thut mir leid, Major Carbonnell, aber es iſt — nach Ihrer Erklärung meine Pflicht als Friedensrichter, Ihren Freund, Mr. Newland, den Frieden beſchwören zu laſſen.« Ich willigte ein, der Major und Timotheus wurden zu Zeugen genommen, und ich durfte mich entfernen. Der Major ließ einen Wagen kommen, und machte mir beim Nachhauſefahren die Thorheit meines Beneh⸗ mens bemerklich. Ich verſprach ihm in Zukunft vor⸗ ſichtiger zu ſein. Dies war das Ende der Sache, und während einer kurzen Zeit war ich aufmerkſamer auf mein Aeußeres, und minder begierig in Wagen hinein⸗ zuſchauen; allein ich blieb doch fortwährend unruhig, und war oft ſehr trübe geſtimmt. Etwa vier Wochen ſpäter ſchlenderte ich mit dem Major umher, der mich jetzt im erwähnten Punkte für toll hielt, und mich ſelten ohne ſeine Begleitung aus⸗ 1 gehen ließ, als ich wiederum denſelben Wagen bemerkte, 3 und denſelben Herrn darin. 2 † »Da iſt er, Major,« rief ich aus. „»Wer?« erwiederte er. »Der Mann, der meinem Vater ſo ähnlich ſtehtt.. »Wie, in jenem Wagen? Das iſt der Biſchof von † E-—, mein Guter. Was Sie für eine ſonderbare Grille im Kopfe haben, Newland, es ſtreift an Tollheit. Se⸗ hen Sie nicht ſo ſtarr— laſſen Sie uns weiter gehen.« Aber ich ſah mich fortwährend um, und ſchaute dem Wagen nach bis er uns aus dem Geſichte war; doch ich wußte, wer der Herr war, und war für den Augen blick zufrieden, da ich beſchloſſen hatte, ſeine Adreſſe — 7 zu erforſchen und zu ihm zu gehen. Ich erzählte Ti⸗ mothy den Vorfall, nahm meine Zuflucht zum Adreß⸗ kalender, und machte mich, am andern Morgen nach dem Frühſtück auf das ſorgfältigſte angekleidet, nach Portland Place auf den Weg. Drittes Kapitel. Ein Kapitel voll Mißverſtändniſſe.— Keine geiſtliche Immu⸗ nität.— Ich greife einen Biſchof an, und werde zu⸗ rückgeſchlagen.— Der Major macht eine Wette, wobei er gewinnen muß.. Meine Hand zitterte, als ich anklopfte. Die Thür wurde geöffnet. Ich ſchickte meine Karte hinein, und ließ um die Ehre bitten, bei Seiner Herrlichkeit vor⸗ gelaſſen zu werden. Nachdem ich einige Minuten in einem Vorzimmer gewartet, wurde ich hineingeführt. »Mylord,«begann ich, nicht wenig verlegen,»wol⸗ Sie mir eine Unterredung von einigen Minuten unter vier Augen geſtatten?« »Der Herr iſt mein Sekretär und mein Vertrauter, Sir; aber wenn Sie es wünſchen,— ich habe kein Recht zu fordern, daß Sie ihn auch zu dem Ihrigen machen. Mr. Temple, wollen Sie die Güte haben, auf kurze Zeit uns allein zu laſſen?« Der Sekretär ging hinaus, Der Biſchof nöthigte mich zum Sitzen, und ich nahm Platz. Ich ſah ihn 4 forſchend i in das Geſicht— es war die Naſe ollrommen, Faphet. II. 2 und auch in den anderen Zügen glaubte ich eine Aehn⸗ 1 lichkeit zu entdecken. Ich war entzückt, endlich den Gegenſtand meines Suchens gefunden zu haben. „»Ich glaube, Mylord,« begann ich,»Sie werden an⸗ erkennen, daß man ſich im jugendlichen Ungeſtüm und Uebermuth nicht ſelten in unüberlegte Verbindungen einläßt.« Ich hielt, die Augen auf ihn geheftet, inne. „Sehr wahr, mein junger Herr; und wenn man es gethan hat, ſo fühlt man ſich beſchämt, und bereuet es,« erwiederte der Biſchof ein wenig verwundert. » Das gebe ich zu, Sir,“« erwiederte ich;»man muß dann aber auch zugleich fühlen, daß man für die Folgen verantwortlich iſt, ſo unangenehm ſie ſein mögen.« »Wenn wir Unrecht gethan haben, Mr. Newland,« erwiederte der Biſchof, erſt auf meine Karte und darauf mich anblickend,»ſo finden wir, daß wir nicht dloß in jener Welt geſtraft werden, ſondern auch ſchon in dieſer dafür zu leiden haben; ich hoffe, daß Sie keine Beran⸗ laſſung zu ſolchen Leiden gegeben haben?« »Unglücklicher Weiſe werden die Sünden der Väter an den Kindern heimgeſucht, und ich kann ſagen, daß ich in dieſer Beziehung gelitten habe.« „»Mein werther Herr,“« erwiederte der Biſchof,„ich 8 hoffe, Sie wollen mich entſchuldigen, wenn ich ſage, daß mir meine Zeit einigermaßen koſtbar iſt; haben Sie mir etwas von Wichtigkeit mitzutheilen, etwas, worüber Sie meinen Rath wünſchen— denn eine Unterſtühung ſcheinen Sie nicht zu begehren— ſo haben Sie die Güte ſogleich zur Sache zu kommen.« 4»Ich werde ſo kurz ſein, Mylord, als es die Sache erlaubt. Geſtatten Sie mir dann, daß ich Ihnen einige Fragen vorlege, und ich hege das Vertrauen zu Ihrer . —444—— * 19 Ehrenhaftigkeit und der Würde Ihres Standes, das Sie mir eine aufrichtige Antwort ertheilen werden. Verheiratheten Sie ſich nicht früh mit einem jungen Frauenzimmer, und befanden Sie ſich nicht damals in ſehr bedrängten Umſtänden?« Der Biſchof ſtarrte mich an.»Wirklich, Mr. New⸗ land, das iſt eine ſeltſame Frage, und ich kann nicht begreifen, wohin ſie führen ſoll, will ſie aber dennoch beantworten. Ich verheirathete mich allerdings früh, und war zu jener Zeit nicht ſehr bemittelt.« „»Sie hatten aus jener Verbindung ein Kind— Ih⸗ ren Erſtgebornen— einen Knaben?« »Das iſt gleichfalls richtig, Mr. Newland,« erwie⸗ derte der Biſchof ernſt. »Seit wie lange haben Sie ihn nicht geſehen?« »Seit vielen Jahren nicht,« erwiederte der Biſchof, und hielt ſein Tuch vor die Augen. »Antworten Sie mir jetzt, Mylord;— zogen Sie nicht Ihre Hand von ihm ab?« »Nein, nein!“« rief der Biſchof aus.„Es iſt ſon⸗ derbar, Mr. Newland, daß Sie viel. von der Sache zu wiſſen ſcheinen, da Sie zu jener Zeit kaum geboren ſein konnten. Ich war damals arm— ſehr arm; aber dennoch, obgleich es mir ſchwer wurde, ſie herbei zu ſchaffen, erhielt er funfzig Pfund von mir.« »Aber, Sir,« entgegnete ich in der größeſten Be⸗ wegung, warum haben Sie ihn nicht zurückgefordert?«⸗ »Ich würde es gethan haben, Mr. Newland— aber was konnte ich thun— er war nicht mehr zudüͤckzu⸗ fordern, und jetzt— iſt er mir für immer verloren.“« »Wahrlich, Sir, bei Ihrer gegenwartigen günſtigen Lage müſſen Sie wünſchen, ihn wieder zu ſehen.« » Er iſt todt, und ich hoffe, daß der Himmel ihn 2* 20— aufgenommen,“« erwiederte der Biſchof, ſein Geſicht boedeckend. Nein, Mylord,“ rief ich, mich vor ihm auf die Kniee werfend, aus; ver iſt nicht todt, er liegt hier zu Ihren Füßen, und bittet um Ihren Segen.«⸗ Der Biſchof ſprang von ſeinem Stuhle auf.»Was ſoll das bedeuten, Sir?« ſagte er erſtaunt.»Sie, mein Sohn!« „Ja, mein verehrungswürdiger Vater— Ihr Sohn, den Sie mit funfzig Pfund—« »Auf die Poſtkutſche nach Portsmouth—« »Nein, Sir, in den Korb legten.“ „»Meinen Sohn? Sir— Pach! er ſtarb im Hospi⸗ tale.« »Nein, Mylord, er kam aus demſelben heraus, dem Findlinghospitale,« erwiederte ich,»und wie Sie ſehen, geſund und wohl.« „»Sir, hier muß entweder ein ſonderbarer Irrthum obwalten, oder Sie treiben Ihren Scherz mit mir,⸗ ſagte der Biſchof;»denn, Sir, ich war an ſeinem Ster⸗ bebette, und bin ihm zu Grabe gefolgt.« „Sind Sie deſſen gewiß, Mylord,“ fragte ich beſtürzt. »Ich wollte, daß ich es nicht wäre, Sir;— denn ich bin nun kinderlos; aber, Sir, wer und was ſind Sie denn, daß Sie ſo viel von meinem frühern Leben wiſſen, und mir einen ſolchen Betrug ſpielen wollen?« „Ihnen einen Betrug ſpielen, Mylord!« erwiederte ich, einſehend, daß ich im Irrthum ſei.„»Ach! eine ſolche Abſicht hegte ich nicht. Wer ich bin? Ich bin ein jun⸗ ger Menſch, der ſeinen Vater ſucht. Ihr Geſicht, und beſonders Ihre Naſe, gleichen der meinigen ſo ſehr, daß ich mich überzeugt hielt, in meinen Nachforſchungen glücklich geweſen zu ſein. Haben Sie Mitleid mit mir, 21 Mylord,— haben Sie Mitleid mit mir,“ fuhr ich, mein Geſicht mit den Händen bedeckend, fort. Der Biſchof, dem in meinem Aeußern nichts, was auf einen Betrüger hingedeutet hätte, vorhanden zu ſein ſchien, und der bemerkte, wie ſehr ich ergriffen war, ließ mir Zeit, mich einigermaßen zu faſſen, und gab mir darauf eine Erklärung. Er hatte noch als Pfarrer ei⸗ nen einzigen ungerathenen Sohn gehabt, der ſich nicht zurückhalten ließ, zur See zu gehen. Er hatte ihn auf der Poſt abreiſen ſehen, und ihm die erwähnte Summe mitgegeben. Sein Sohn war in einem Ge⸗ fecht ſchwer verwundet worden, und nach dem Hospi⸗ tale in Plymouth geſchickt, wo er ſtarb. Ich gab darauf auch meine Erklärung, und entfernte mich mit einem über meine Täuſchung ſchmerzlich bewegten Herzen. Der Biſchof drückte mir zum Abſchiede die Hand, und wünſchte mir für die Zukunft beſſern Erfolg. Ich begab mich faſt in Verzweiflung zu Hauſe. Ti⸗ motheus tröſtete mich ſo gut er konnte, und rieth mir⸗ ſo viel als möglich in Geſellſchaft zu gehen, was am wahrſcheinlichſten zur Erreichung meines Zweckes führen würde. Er glaubte freilich keineswegs, daß ich Hoff⸗ nung hätte, meinen Wunſch in Erfüllung gehen zu ſehen, meinte aber, daß Zerſtreuungen wenigſtens meine gute Lanne wieder herſtellen würden. »Ich will die kleine Fleta auf ein paar Tage be⸗ ſuchen,« erwiederte ich;„die wird mir mehr wohlthun, als irgend etwas anderes.« Ich reiſ'te am folgenden Tage ab, und fand, daß die liebe Kleine viel größer geworden war, und ſich überhaupt ſehr zu ihrem Vortheil verändert hatte. Ich blieb eine ganze Woche bei ihr, machte mit ihr täglich Spaziergänge, und unterhielt ſie und mich ſelbſt auf 22 das Angenehmſte. Nach Ablauf der Woche ſagte ich ihr Lebewohl, und kehrte nach dem Hauſe des Majors zurück. 5 Ich war erſtaunt, ihn in tiefer Trauer zu finden »Mein theurer Carbonnell,« redete ich ihn mit for⸗ ſchender Miene an,»ich hoffe, doch kein ſchwerer Ver⸗ luſt?« 1* »Nein, liebſter Newland, ich würde ein Heuchler ſein, wenn ich dies ſagte; denn es hat nie einen luſti⸗ geren Trauernden gegeben, als mich. Mr. M—, der, wie Sie wiſſen, zwiſchen mir und der Pairie ſtand, iſt in dem Rhone ertrunken, und jetzt habe ich einige Aus⸗ ſicht. Seine Frau hat eine einzige Tochter, und iſt guter Hoffnung. Sollte das Kind ein Knabe werden, ſo habe ich das Nachſehen, wird es aber ein Mädchen, ſo ſind die Baronie und funfzehn tauſend Pfund jährlich mein. Ich habe mich indeß ganz gut vorgeſehen.« »Was wollen Sie damit ſagen?« »Nun, man ſagt, wenn eine Frau mit Mädchen anfängt, ſo bleibt es gewöhnlich dabei, und es iſt zwei gegen eins zu wetten, daß Mrs. M— mit einem Mäd⸗ chen niederkommen wird. Ich habe darauf im Klub um funfzehn tauſend Pfund gewettet; wird es nun ein Mäd⸗ chen, ſo bezahle ich die Summe von meinen Einkünf⸗ ten, ſobald ich in den Beſitz der Baronie gelangt bin, und wird es ein Knabe, ſo werde ich dreißig tauſend Pfund in die Taſche ſtecken. Es ſind lauter ſolvente Leute.« »Ja, aber ſie wiſſen, daß Sie niemals bezahlen.⸗ »Weil ich kein Geld habe; aber ſie wiſſen, daß ich bezahlen werde, wenn ich zu Vermögen gelange, und ich werde wirklich bezahlen, dieſe Schuld und jede au⸗ dere, ſo ehrenhaft als möglich.« 5 * t 1 23 »Major, ich wünſche Ihnen von ganzen Herzen Glück. Wie alt iſt der jetzige Lord B— 2 »Ich habe ſo eben nachgeſehen— zwei und ſechzig Jahr; allein er iſt ſehr rüſtig und geſund, und kann noch lange leben. Beiläufig, Newland, ich habe ge⸗ ſtern im Klub einen ſehr großen Fehler begangen. Ich ſpielte ziemlich hoch und habe viel Geld verloren.« »Das iſt ſchlimm.« »Darin beſtand der Fehler nicht; ich bezahlte, was ich verlor, Newland, und ſo iſt unſer Vorrath gewaltig zuſammengeſchmolzen. Ich verlor ſieben hundert und funfzig Pfund. Ich weiß, daß ich Ihr Geld nicht hätte hingeben ſollen, allein, da ich nun einmal wetten wollte, ſo ging es nicht an, daß ich das Zahlen unterließ, denn ich hätte dann keine Wette zu Stande gebracht. Doch wir dürfen uns nur einige Wochen gedulden, bis Mrs. M— mein Schickſal entſcheidet, und dann werde ich jedenfalls Geld genug haben. Wollen Ihre Angehöri⸗ gen Ihnen nicht mehr geben, bis Sie mündig gewor⸗ den ſind, ſo ſchicken wir zu meinem kleinen Freunde, Sie macheu ein Anlehen für uns beide, und damit gut.« »Ein Anlehen,« erwiederte ich. Der Vorſchlag ge⸗ fiel mir nicht beſonders.»Er wird mir ſicher bein Geld vorſtrecken.« »O, ſein. Sie ohne Sorgen,“« ſagte der Major. »Ihre Handſchrift und meine Empfehlung werden voll⸗ kommen genügen.« »Wir thäten am beſten, uns zu bemühen, ohne An⸗ lehen fertig zu werden; ich möchte mich nicht gern darauf einlaſſen, Major. ⸗ »Nun gut, wir wollen es verſuchen; allein ich habe keine funfzig Pfund mehr in meinem Schreibtiſche. Wie viel haben Sie?« —-’—— 24 »Ungefähr zwanzig,« erwiederte ich verzweiflungs⸗ voll;»doch ich glaube, daß der Banquier noch eine kleine Summe in Händen hat, ich will gehen, und mich erkundigen.« Ich nahm meinen Hut und ging, um zu erforſchen wie groß unſer Vorrath noch ſein möchte. Viertes Kapitel. Ich ſtecke durch die Ohrringe einer Dame bis über die Ohren in Noth— und werde faſt eingeſteckt. Ich muß ſagen, daß ich über die Mittheilungen des Majors außerordentlich verdrießlich war. Die Wuche⸗ rer liehen gewiß kein Geld, ehe ſie wußten, wo meine Güter waren, und ſich das Teſtament hatten vorzeigen laſſen, und dann wurde dem Major Alles offenbar, und ich von ihm als ein Betrüger betrachtet. Ich ging äußerſt betrübt Pall Mall hinunter, ſo tief in Ge⸗ danken, daß ich eine Dame faſt umrannte, die vor ei⸗ nem Modeladen aus ihrem Wagen ſtieg. Sie wendete ſich um, und ich entſchuldigte mich auf das beſte bei einer ſehr ſchönen Frau, als ihre Ohrringe mir in die Augen fielen. Sie beſtanden aus Korallen und Gold⸗ perlen, und glichen der Arbeit nach ganz genau der Schnur, die mir Nattih für Fleta gegeben. Ich hatte während meines letzten Beſuches die Kette oft in der Hand gehabt, und die Arbeit ſehr aufmerkſam betrachtet. Um meiner Sache noch gewiſſer zu werden, folgte ich 8 25 der Dame in den Laden, ſtellte mich hinter ſie, und betrachtete auf das ſorgfältigſte ihre Ohrringe, während ſie ſich Spitzen vorlegen ließ. Es konnte kein Zweifel ſein. Ich wartete, bis ſie Miene machte ſich zu ent⸗ fernen, und fragte dann den Ladendiener nach ihrem Namen. Er konnte ihn mir nicht ſagen— ſie war eine Fremde; vielleicht aber wußte ihn Mr. H—, ſein Principal, und er ging zu ihm, um ihn zu fragen. Mr. H. war in dem Augenblicke beſchäftigt, und ließ ihn ſo lange warten, daß ich den Wagen abfahren hörte. Fürchtend, die Dame aus dem Geſichte zu verlieren, ſtürzte ich aus dem Laden auf die Straße. Da der Ladentiſch mit Spitzen bedeckt war, ſo glaubte man, daß ich ein oder ein paar Stück geſtohlen habe; ich hörte hinter mir ſchreien:»Haltet den Dieb!« und wurde verfolgt, wie ich meinerſeits den Wagen ver⸗ folgte, der im raſchen Trabe davonfuhr. Ein Mann, der mich laufen, und Andere ohne Hüte mir nachfolgen ſah, und den Ruf:»Haltet den Dieb!⸗ vernahm, ſtellte mir ein Bein, ich ſtürzte nieder und das Blut lief mir in Strömen aus der Naſe. Ich wurde ergriffen, rauh genug behandelt, und der Poli⸗ zei uͤbergeben, die mich vor denſelben Friedensrichter in Marlborough⸗Street führte. »Wer iſt der Menſch?« fragte der Friedensrichter. »Ein Ladendieb, Euer Edeln.« »Das bin ich nicht, Sir,« erwiederte ich;»Sie kennen mich ſehr gut, ich bin Mr. Newland.« »Mr. Newland!« erwiederte der Richter argwöh⸗ niſch;»es iſt auffallend, daß Sie zum zweiten Male unter einer ſolchen Anklage vor mich geführt werden.« „»Und eben ſo unſchuldig, als das erſte Mal, Sir.“ 25 Sie werden mich entſchuldigen, Sir, aber ich kann nicht umhin, dieſes Mal Verdacht zu ſchöpfen. Wer legt Zeugniß ab?« Die Ladendiener traten hierauf vor, und erzählten den Vorfall. Der Friedensrichter ertheilte Befehl, mich zu durchſuchen; es geſchah, und es wurde nichts gefunden. „Sind Sie jetzt befriedigt, Sir?« fragte ich. »Keineswegs. Die Herren mögen zurückgehen, und nachſehen, ob ſie nichts vermiſſen; ich muß Sie bis dahin hier zurückhalten, denn es iſt ſehr leicht, wenn man verfolgt wird, ein oder ein paar Stück Spi⸗ tzen wegzuwerfen.« Die Ladendiener entfernten ſich, und ich ſchrieb ein Billet an Major Carbonnell. Er langte zugleich mit den Erſteren an, und ich erzählte ihm, was ſich zuge⸗ tragen. Die Ladendiener erklärten, daß allerdings et⸗ was fehle; ſo viel ſie hätten erſehen können, würden zwei Stück Spitzen vermißt. „Wenn ſich dieſes ſo verhälk, ſo habe ich ſie doch nicht genommen,« erwiederte ich. »Auf meine Ehre, Mr. B—,“ redete der Major den Friedensrichter an, ves iſt ſehr hart für einen Gentleman, eine ſolche Behandlung zu erfahren. Dies iſt nun das zweite Mal, daß ich erſcheinen muß, um ſeine Achtbarkeit zu verbürgen.⸗ »Sehr wahr, Sir,“«z erwiederte der Friedensrichter, „aber erlauben Sie mir, Mr Newland, wie er ſich ſelbſt nennt, zu fragen, was ihn bewog, einer Dame in den Laden zu folgen.⸗ „Ihre Ohrringe.« »Ihre Ohrringe! Wahrhaftig, Sir, das vorige Mal, als Sie vorgeführt wurden, ſagten Sie, es ſei 27 die Naſe eines Herrn, und jetzt ſcheint es, es ſind die Ohren einer Dame geweſen, wodurch Sie angezogen wurden; und haben Sie doch die Güte zu ſagen, Sir, weßhalb Sie aus dem Laden liefen?⸗ »Weil mir ſehr viel daran lag, nach ihren Ohrrin⸗ gen zu forſchen, Sir.« »Ich begreife dieſe erbärmlichen Entſch uldigungen nicht, es werden zwei Stück Spitzen vermißt. Ich muß Sie zur weitern Unterſuchung wieder vorladen, Sir; und auch Sie, Sir,« ſagte der Richter zum Major Carbonnell,»denn wenn er ein Betrüger iſt, ſo müſſen Sie ſein Mithelfer ſein.« »Sir,« erwiederte der Major mit ſpöttiſchem Lä⸗ cheln,»Sie ſind in der That ein ſehr guter Beurthei⸗ ler eines Gentleman, wenn Sie zufällig mit einem ſol⸗ chen zuſammentreffen. Mit Ihrer Erlaubniß werde ich ein Billet an noch einen andern Verbündeten ſchreiben.⸗ Der Major ſchrieb ein Billet an Lord Winder⸗ maear, und ſchickte Timotheus, der ihn begleitet hatte, damit fort. Wir ſetzten uns, während wir auf ſeine Zurückkunft warteten, und der Major legte ſeine Ge⸗ ringſchätzung auf alle Weiſe an den Tag, zum großen Verdruſſe des Richters, der endlich drohete, ihn augen⸗ blicklich zu verhaften.»Sie werden dies bereuen,⸗ erwiedete der Major, der Lord Windermear kommen ſah.— »Sie ſollen es ſelbſt bereuen, Sir, bei Gott,« rief der Richter in großem Zorne aus. „»Sie werden fünf Schillinge wegen Fluchens in die Büchſe legen, Mr. B—. Sie nehmen Andere deßhalb in Strafe. Und hier iſt mein anderer Ver⸗ bündeter, Lord Windermear. ⸗ 8 — 28 »Carbonnell,« ſagte Lord Windermear,»was be⸗ deutet dieſes Alles?⸗ „Nichts, Mylord, ausgenommen, daß unſer Freund Newland eines Ladendiebſtahls angeklagt iſt, weil es ihm beliebte, hinter dem Wagen einer hübſchen Frau herzulaufen; und ich werde durch Seine Edeln beſchul⸗ digt, ſein Verbündeter zu ſein. Ich könnte den Ver⸗ dacht des Herrn, was Mr. Newland betrifft, verzeihen, da unſer Freund in dieſem Aufzuge erſcheint; daß er aber mich für einen Gauner hält, beweiſ't einen großen Mangel an Urtheil. Freilich verhaftet er Euer Herr⸗ lichkeit vielleicht gleichfalls, indem es wohl ſein kann, daß ihm Ihrer Herrlichkeit Vorrechte unbekannt ſind.⸗ »Ich kann Sie verſichern, Sir,« nahm Lord Win⸗ dermear ſtolz das Wort,»daß dieſer Herr mein Ver⸗ wandter, Major Carbonnell, und jener Herr mein Freund, Mr. Newland, iſt. Ich werde mit jeder Ih⸗ nen beliebigen Summe Bürgſchaft für ſie leiſten.“ Der Friedensrichter war eben ſo erſtaunt als ärger⸗ lich, denn er hatte am Ende nur ſeine Schuldigkeit. gethan. Ehe er noch Zeit zu einer Erwiederung hatte, erſchien einer von den Ladendienern, um die Anzeige zu machen, es habe ſich gefunden, daß Alles in Ord⸗ nung ſei. Lord Windermear zog mich auf die Seite, und ich erzählte ihm den ganzen Vorfall. Er entſann ſich aus meinen Mittheilungen über mein Leben der kleinen Fleta, und ſah ein, daß ich Recht gehabt, mir Mühe zu geben, zu erforſchen, wer die Dame geweſen. Der Richter entſchuldigte ſich, erzählte aber dem Lord, wie ich wegen einer ähnlichen Beſchuldigung früher ſchon einmal vor ihn geführt worden ſei, und entließ uns mit einer tiefen Verbeugung. „Mein! theurer Mr. Newland,« ſagte Seine Herr⸗ * 4 29 lichkeit,»ich hoffe, dieſes wird eine Warnung für Sie ſein, nicht hinter anderer Leute Naſen und Ohrringen herzulaufen; ich verſpreche Ihnen jedoch ſelbſt, ein Auge auf dieſe Ohrringe zu haben. Major, ich wünſche Ihnen guten Morgen.«. Der Lord reichte uns Beiden die Hände, ſagte, daß er ſich freuen würde, mich öfter, als in der letzten Zeit, 8 bei ſich zu ſehen, und fuhr ab. »Was zum Teufel wollte er mit den Ohrringen ſa gen, Newland?« fragte der Major. Ich ſagte ihm, daß ich die Ohrringe der Dame als ſehr bemerkenswerth unterſucht hätte, erwiederte ich. »Es ſcheint, Sie ſind im Stande, Jedermann zu täuſchen, mich ausgenommen, mein Beſter. Ich weiß, daß die Dame ſelbſt der Gegenſtand Ihrer Nachfor⸗ ſchung war.« Ich erwiederte nichts darauf, und ließ dadurch den Major in ſeinem Irrthume. 1 Fuͤnftes Kapitel. 4 Ich leihe Gelber auf meine Güter, und unter ſehr gunſtigen Bedingungen. Als ich am andern Morgen zum Frühſtück hinun⸗ ter kam, ſagte der Major:—»Mein lieber Newland, ich habe mir die Freiheit genommen, einen ſehr alten Freund von mir zu bitten, heute Morgen zu Ihnen zu kommen. Ich will Ihnen nicht verhehlen, es iſt Ema⸗ X 4 30 nuel, der Geld⸗Verleiher. Sie müſſen Geld haben, bis meine Angelegenheiten auf die eine oder die andere Weiſe entſchieden ſind, und ich werde in dieſem Falle die geborgte Summe wieder bezahlen, ſobald ich den Belauf meiner Wette erhalte, oder zum Beſitze der 2 Barone gelange, was eins und daſſelbe iſt.« Ich biß mich auf die Lippen, denn ich war nicht wenig verdrießlich; was war aber zu thun? Ich hätte entweder dem Maj or meine wahre Lage entdecken, oder Schwierigkeiten erheben müſſen, von denen der Major ohne Zweifel geglaubt haben würde, daß ſie abgeſchmackt wären, da er mich h einmal für einen reichen Erben hielt. Ich hielt es für das Beſte, der Sache ihren Lauf zu laſſen, und erwiederte daher:»Nun gut, wenn es ſein muß, ſo muß es ſein: aber ich werde das Aulehen nur auf meine eigenen Bedingungen machen.« »Ei,« bemerkte der Major,»es iſt ganz und gar nicht zu fürchten, daß er nicht einwilligen wird, und zwar ohne Umſtände.« Nach einigem Achdenken ging ich hinauf und ſchellte nach Timotheus.. »Tim,“« ſagte ich,»höre mich an; ich gebe Dir jetzt auf meine Ehre als Gentleman das Verſprechen, niemals Geld auf Zinſen zu borgen, und werde meinem Worte treu bleiben, bis Du mich davon entbindeſt.⸗ „»Sehr wohl, Sir, erwiederte Vmmo„ich ver⸗ muthe, weßhalb Sie es thun, un rwärte, daß Sie Wort halten werden. Iſt das A 3 »Ja; Du magſt nun den Thee euar a Wir waren mit unſerm Frühſtück fertig, als Ti⸗ mothy Emanuel meldete, der ihm ſogleich nach⸗ ſgte 2 i wie geht es, alter Hundert⸗ Procent?⸗ 31 rief ihm der Major entgegen.»Laßt mich Euch meinen vertrauteſten Freund, Mr. Newland, vorſtellen.⸗ »Nun! Hörr Major,« erwiederte das Kind Ifraels, ein winziges, zuſammengedrücktes Männchen. Er hielt die eine Hand hinter ſich auf dem Rücken, als ob ſie den vorgebeugten Schultern und Kopfe zum Gegenge⸗ wicht dienen ſollte.»Sie haben mich gerufen, Hun⸗ dert⸗Percent. Nu, ich möcht's, daß ich ſo viel machen könnte aus dem Gelde. Mr. Newland, kann ich lei⸗ ſten Ihnen einen geringen Dienſt?« »Nehmen Sie Platz, Emanuel. Sie haben meine Bürgſchaft für Mr. Newland's Achtbarkeit, und je eher wir mit der Sache fertig werden, deſto beſſer.« »Nun, Hörr Major,'s iſcht wahr, Sie haben mir zugerekommandirt viel gute Kunden,— doch nein, nicht immer gute Kunden— und ich bin Ihnen ſehr verbunden. Waſch kann ich thun für den ſchönen jun⸗ gen Herrn? Brauchen allzeit Geld, die junge Herrn, und iſcht doch die Jugend die Zeit zum luſchtigen Leben. ⸗ ³½ »Er bedarf tauſend Pfund, Emanuel.⸗ „ Das iſcht viel Geld— tauſend Pfund!— und mehr braucht er nichthy⸗« »Nein,« erwiederte ich,»die Summe wird hin⸗ reichen.«* »Nun, ſo iſcht's gut, ich habe das Geld in meiner Taſch'. Ich muſch den jungen Herrn nur bitten, zu unterzeichnen ein Papierche, daß ich ſeiner Zeit wieder⸗ bekomme mein Geld.„ 4* „»Was meinen Sie für ein Papier?« unterbrach ich ihn. 5 » Ein Verſprechen, mir zu beſahlen das Geld und fünfzehn Percent, wenn Sie kommen in Beſitz.⸗ 32 „Darauf kann ich mich nicht einlaſſen,⸗ entgegnete ich;»ich habe mein Ehrenwort verpfändet, niemals Geld auf Zinſen zu borgen.« „»Und Sie haben gegeben Ihr Ehrenwort, aber nicht geſchworen auf das Buch?« 1 »Nein, aber mein Wort genügt; bräche ich es ge⸗ 1 gen Die, denen ich es gegeben, ſo würde ich es auch Ihnen nicht halten. Daß ich meinem Verſprechen treu bleibe, muß Ihnen als eine Bürgſchaft gelten, daß ich auch meih Ihnen zu gebenden Verſprechen treu bleibe.⸗ »Das iſcht geredet gut— ſehr gut; aber denn müſchen wir einſchlagen einen andern Weg. Wie wärſch's— aſcht mich einmal ſehen— wie alt ſein Sie, mein junger Herr?⸗ »Im ein und zwanzigſten Jahre.⸗ »Nu, das ſein ein ſehr angenehmes Alter. Wohlan, ſo werden Sie unterzeichnen ein Stückche Papier, daß Sie mir wollen beſahlen zweitauſend Pfund, wenn Sie kommen in Beſitz Ihrer Güter, und ich ſahle Ihnen aus ein tanſend. Das iſcht billig— iſcht's nicht, Herr Major?« „Etwas zu hart, Emanuel.⸗ „Aber der Riſiko— der Riſiko, Herr Major. 3 „Ich gehe nicht ein auf dieſe Bedingung,« erwie⸗ derte ich;»Sie müſſen Ihr Geld wieder mitnehmen, Mr. Emanuel. K „»Nun— wie viel wol Sie ſahlen?« »Ich will ein Verſprechen unterzeichnen, Ihnen funfzehnhundert Pfund für tauſenn zu zahlen; wollen Sie das nicht, ſo verſuche ich mein Heil bei einem Andern.« „Das iſcht ein ſehr ſchlechtes Geſchäft. Wie alt haben Sie geſagt?« F »Im ein und zwanzigſten.« »Nun, ich denke, ich muß Ihnen ſein gefällig, Ihnen und meinem ſehr guten Freund, dem Major. ⸗ Der Jude zog ſeine Brille, Feder und Dinte her⸗ vor, ſchrieb, und reichte mir das Papier zum Unter⸗ zeichnen. Ich überlas ſorgfältig, was er geſchrieben hatte, und unterſchrieb; er zählte die Banknoten auf, und entfernte ſich. Es fällt dem Leſer vielleicht auf, daß ich das Geld ſo leicht erhielt; allein er muß ſich erinnern, daß der Major allgemein in dem Rufe ſtand, junge Leute von bedeutendem Vermögen an ſich zu ziehen. Er hatte Emanuel, der ihm unbedingt vertrauete, häuſig Gele⸗ genheit zu gewinnbringenden Spekulationen gegeben. Die Geld⸗Verleiher richten ſtets ihr Augenmerk auf reiche Erben, und halten ein Namen⸗Verzeichniß der⸗ ſelben. Emauuel hatte längſt erwartet, daß ich meine Zuflucht zu ihm nehmen würde, und obgleich es ſeine Abſicht geweſen war, eine genauere Prüfung anzuſtel⸗ len, ſo täuſchte ihn doch meine Weigerung, Geld auf Zinſen zu nehmen, oder auf den zweiten Vorſchlag ein⸗ zugehen, ſo vollkommen, daß er ſeiney gewöhnlichen Vorſicht vergaß. »Auf mein Wort, Newland, Sie haben beſſere Bedingungen erhalten, als ich's von dem alten Filz erwartet hätte.⸗ „ Und auch als ich ſie erwartet, Major,« erwie⸗ derte ich;»wie viel wünſchen Sie von dem Gelde zu haben?«⸗ »Das iſt ſehr wacker von Ihnen, mein Lieber; doch, dem Himmel ſei Dank, ich werde bald im Stande ſein, Ihnen Alles zurückzuzahlen. Was mir am mei⸗ ſten gefällt, Newland, iſt das vollkommene Vertrauen, Japhet II. 3 „ 34 das Sie in mich ſetzen, der ich von keinem Menſchen auch nur einen Schilling geborgt erhalten würde. Ich nehme Ihr Anerbieten eben ſo offen an, wie Sie es ge⸗ macht haben, und bitte um fünfhundert Pfund, um im Stande zu ſein, die paar Wochen meiner Ungewißheit mit einigem Glanz aufzutreten; nach Verlauf derſel⸗ ben werden Sie erfahren, daß ich trotz aller meiner Fehler nicht undankbar bin.« Ich theilte das Geld mit dem Major, und kurz darauf ging er aus. »Nun, Sir,“ ſagte Timotheus eintretend, und ſehr neugierig,»was haben Sie gethan?« »Ich habe kauſend Pfund geborgt, und zahle funf⸗ zehnhundert zurück, wenn ich zum Beſitz meiner Güter gelange.« „Dann ſind Sie ſicher genug; vortrefflich, und der Jude wird angeführt werden.⸗ „»Nein, Timothy, ich gedenke die Summe zurickzu zahlen, ſobald ich kann.⸗ »Ich möchte wohl wiſſen, wann das der Fall ſein wird.« »Ich ſelbſt nicht weniger, Tim, denn es hängt da⸗ von ab, daß ich meinen Vater finde.⸗ Aber ach, dachte ich bei mir ſelbſt, wann werde ich entdecken, wer mein Erzeuger iſt? — Sechstes Kapitel. Der Major iſt ſehr glücklich und ſehr unglücklich;— er be⸗ kommt viel Geld und ein Loth Blei. Ich kleidete mich an und ging aus, begegnete Har⸗ 4 court, aß mit ihm, und als ich zurückkehrte, war der Major noch nicht wieder zu Hauſe gekommen. Es war nach Mitternacht, und da ich keine Müdigkeit empfand, ſo blieb ich auf und wartete auf ſeine Ankunft. Unge⸗ fähr um drei Uhr erſchien er mit geröthetem Geſicht, und anſcheinend ſehr aufgeräumt. „»Newland,“« ſagte er, ſeine Brieftafel auf den Tiſch werfend, vöffnen Sie das Portefeuille, und Sie werden die Augen aufſperren.« Ich that es, und fand zu meiner Verwunderung eine bedeutende Anzahl Banknoten. Ich rechnete ſie zuſammen, und ihr Werth belief ſich auf drei tauſend fünf hundert Pfund. »Das muß wahr ſein, Sie ſind glücklich geweſen.⸗ „» Allerdings,« erwiederte der Major;»da ich mit Beſtimmtheit wußte, daß meine Kaſſe binnen kurzer Zeit auf die eine oder andere Weiſe gefüllt werden würde, ſo beſchloß ich, mein Glück mit den fünf hun⸗ dert zu verſuchen. Ich ging in ein Spielhaus, ſetzte ſiebenzehn Mal, und— voilà! Sie werden mich dort ſobald nicht wieder ſehen— ſolch Glück kommt Einem nur einmal im Leben; aber, Japhet, es iſt eine kleine 3 Unannehmlichkeit damit verknüpft. Ich werde in zwei — 36 oder drei Stunden Ihren gütigen Beiſtand in Anſpruch nehmen.⸗ „»Wie, was haben Sie?«— »Nur eine Ehrenſache. Ich wurde von einem Lump beleidigt, und wir treffen uns um ſechs Uhr.⸗ »Einem Lump, Carbonnell; ich bin überzeugt, daß Sie ſich nicht herablaſſen werden—« „Liebſter Newland, obgleich er ein ſo erbärmlicher Lump iſt, als einer auf dem Erdenrund, ſo iſt er doch ein Pair des Reichs, und dieſe Würde rechtfertigt die Begegnung— doch was will das Alles ſagen?k« »„Ich hoffe, daß die Sache nicht von Bedeutung werden wird, Carbonnell; allein es könnte doch auch ſchlimm ablaufen. 3 »Zugegeben; und was dann, mein theurer New⸗ land? Wir ſchulden Alle dem Himmel einen Tod, und wenn ich mein Leben einbüße, nun, ſo werden mir Titel und Güter keine Sorgen mehr machen.⸗ „Es iſt ein ſchlechtes Mittel, einen Strelt abzn⸗ machen,“ erwiederte ich ernſt. „Es giebt kein anderes, Newland. Die Geſellſchaft wird allein durch das Duell, ohne das wir einem Ru⸗ del Bären in einem Bärengarten gleichen würden, in Ordnung gehalten. Sie haben noch nie einem Zwei⸗ kampfe beigewohnt?«⸗ »Nein,“« erwiederte ich,»und ich hatte gehofft, daß es niemals der Fall ſein würde.⸗ „Dann müſſen Sie beſſeres Glück oder mehr Gleich⸗ muth beſitzen, als die meiſten Anderen, wenn Sie, ohne in eine Sache dieſer Art verwickelt zu werden, durch die Welt kommen; ich meine als Duellant, nicht als Sekundant. Aber, Newland, ich muß Ihnen in Betreff Ihres Benehmens als Sekundant einigen Unterricht —,— 37 ertheilen; denn ich bin ſehr eigen bei dieſen Dingen, und habe es gern, daß Alles auf das Pünktlichſte zu⸗ geht. Das wäre zum Beiſpiel nichts, lieber Newland, wenn Sie mit Ihrem jetzigen traurigen Geſichte auf der Wahlſtatt erſcheinen wollten. Ich will damit nicht ſagen, daß Sie lachen ſollen, oder auch nur lächeln, was gleicherweiſe unangemeſſen ſein würde. Sie müſ⸗ ſen vollkommene Ruhe und Gleichgültigkeit zeigen. In Ihrem Benehmen gegen den andern Sekundanten müſſen Sie die größeſte Höflichkeit beobachten, dürfen aber zugleich durchaus in keinem Streitpunkte nachge⸗ ben, bei welchem mein Vortheil im Spiele iſt. Selbſt Ihr Schritt muß langſag ſein, und bewegen Sie ſich, ſo viel es das Terrain erlaubt, als wenn Sie ſich in einem Geſellſchaftszimmer befänden. Vermeiden Sie es, ſtill zu ſchweigen; werfen Sie lieber Bemerkungen ganz gewöhnlicher Art hin, ehe Sie zerſtreut erſchei⸗ nen, Ein Punkt iſt von großer Wichtigkeit— ich meine die Wahl der Stellung, wobei Sie vielleicht meines unbemerkten Beiſtandes bedürfen werden. Jede ſcharf bezeichnete Linie hinter mir würde ein großer Vortheil für meinen Gegner ſein, wie zum Beiſpiel ein Baumſtamm, ein Pfahl u. ſ. w.; ſelbſt ein heller⸗ leuchteter oder beſchatteter Himmel hinter mir iſt un⸗ räthlich. Wählen Sie, wenn es angeht, ein gebroche⸗ nes Licht, wodurch die Genauigkeit des Zielens verhin⸗ dert wird. Doch da Sie wahrſcheinlich nicht im Stande ſein werden, dieſe Aufgabe genügend zu löſen, ſo werde ich Ihnen beiſtehen. Wenn wir auf dem Kampfplatze angelangt ſind, und Sie die Sonne ordent⸗ lich unter uns getheilt haben, ſo werde ich gleichgültig umhergehen, und, wenn ich eine günſtige Stelle bemerke, eine Priſe nehmen, mein Taſchentuch herausziehen, und 38 mich nach der Richtung hinwenden, in welcher ich mei⸗ nen Gegner geſtellt wünſche. Richten Sie ſich danach, und beſtehen Sie mit ſo viel Artigkeit, als Sie können, darauf, daß wir ſo aufgeſtellt werden. Dieſes muß Ihrer Ueberredungsgabe überlaſſen bleiben. Ich glaube, Ihnen jetzt alles Nöthige geſagt zu haben, und muß nun meine Waffen in Stand ſetzen.« Der Major begab ſich in ſein Zimmer, und nie war mir erbärmlicher zu Sinne geweſen, als nach die⸗ ſer Unterredung. Ich hatte eine düſtere Ahnung— von der aber, glaube ich, Niemand frei iſt, wenn er zum erſten Male bei einem Kampfe auf Leben und Tod ſekundiren ſoll. Ich war in tiefes Nachſinnen verſun⸗ ken, als der Major mit ſeinen Piſtolen und dem gan⸗ zen ſonſt erforderlichen Zubehör zurückkehrte; und als er mir das zu den Pflichten des Sekundanten gehö⸗ rende Stechen des Drückers zeigte und es mich ein paar Mal verſuchen ließ, überlief mich ein unwillkürli⸗ cher Schauder. „»Was haben Sie, Newland? Ich hätte Sie für ſtärker gehalten.⸗ „Ich würde wahrſcheinlich mehr Stärke heweiſen, Carbonnell, wenn ich den Zweikampf ſelbſt zu beſtehen hätte, kann aber den Gedanken nicht ertragen, daß Ih⸗ nen ein Unglück begegnete. Sie ſind der Einzige, mit dem ich auf freundſchaftlichem Fuße ſtehe, und der Ge⸗ danke, Sie zu verlieren, iſt ſehr, ſehr ſchmerzlich.« »Newland, Sie ſtecken mich an, und können jetzt ein Wunder ſehen,« ſagte Carbonnell, mit der Hand über die Augen fahrend,»eine Thräne auf der Wange eines Londoner rous, eines Weltmenſchen, der lange für ſich und nur für dieſe Welt gelebt hat. Niemand 13 wiürde es glauben, wenn es erzählt würde. Newland, 39 es gab eine Zeit, wo ich wie Sie war— die Welt zog aus meiner Offenheit und Unerfahrenheit Vortheil, meine beſſeren Gefühle waren die Urſache meines Ver⸗ derbens, und ich wurde allmälig ſo gefühllos und ver⸗ härtet, als die Welt ſelbſt. Ach, ich glaubte, daß alle Gefühle in mir erſtarrt wären, aber es iſt nicht der Fall. Sie haben bewirkt, daß ich fühle, daß ich noch ein Herz habe, und Sie lieben kann. Doch das iſt lauter Empfindelei, und paßt nicht für dieſe Stunde. Es iſt fünf Uhr, laſſen Sie uns bei Zeiten auf der Wahlſtatt ſein— wir werden dadurch einen Vortheil gewinnen.⸗« „Ich ſpreche nicht eben gern mit Ihnen über den Gegenſtand, Carbonnell; aber haben Sie keinen Wunſch für den Fall, daß Ihnen ein Unglück begegnete?« »Nein— doch ja. Es möchte nicht ſchaden. Ge⸗ ben Sie mir einen Bogen Papier.« Der Major ſetzte ſich und ſchrieb einige Minuten. „» Nun laſſen Sie,« begann er wieder,»Timotheus und noch Jemand kommen. Tim und Sie, Sir, wer⸗ den mich dieſes Papier unterzeichnen und unterſiegeln ſehen. Es iſt meine letztwillige Verfügung. Sie ſetzen Ihre Namen als Zeugen darunter.« Als Alles geſchehen war, was der Major begehrt, befahl er Timothy, einen Wagen zu holen.»New⸗ land,« ſagte er, das Papier zuſammenfaltend, und nebſt den Banknoten in meine Taſche ſteckend,»bewahren Sie dies auf, bis wir zurückkommen.«⸗ »Der Wagen ſteht vor der Thür, Sir,« ſagte Ti⸗ motheus, und ſah mich dabei an, als wenn er ſagen wwoollte, was kann dies Alles bedeuten? ⸗ Der Major bemerkte Tims fragende Miene, und ſagte: Ihr mögt mit uns gehen und ſehen, und das 40 —OC——— Käſtchen in den Wagen tragen. Tim, der es wußte, daß die Piſtolen des Majors darin waren, wurde be⸗ ſtüͤrzt, und ſtand da, ohne dem Befehle Folge zu lei⸗ ſten.»Sei ohne Sorgen, Tim, Dein Herr iſt es nicht, 4 der Gebrauch davon machen wird.« Timothy fühlte ſich durch dieſe Kunde erleichtert, trug die Piſtolen hinunter, wir folgten ihm, er ſtieg auf den Bock, und wir fuhren ab nach Chalk Farm. „Soll der Wagen warten?« fragte Timothy. 3 „ Auf alle Fälle, ja,« erwiederte ich mit leiſer Stimme. Wir langten auf der gewöhnlichen Wahlſtatt an, auf welcher Streitigkeiten dieſer Art abgemacht zu werden pflegen, und der Major nahm ſie mit großer Ruhe in Angenſchein. „»Nun merken Sie, Japhet,« ſagte er,»wenn Sie es machen können—; doch da ſind ſie. Ich werde Ihnen das verabredete Zeichen geben.⸗ Der Pair, deſſen Titel Lord Tineholme war, nä⸗ herte ſich jetzt mit ſeinem Sekundanten, den er mir als Mr. Osborn vorſtellte.»Mr. Newland,« ſagte der Major, ſeinerſeits Mr. Osborn mich vorſtellend. Wir lüfteten beide unſere Hüte, verbeugten uns, und began⸗ nen ſodann unſer Geſchäft. Ich muß dem Sekundan⸗ ten des Gegners die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, zu ſagen, daß ſeine Höflichkeit der meinigen vollkommen gleich war. Von keiner Seite wurde auf Erklärungen, Widerruf oder dergleichen auch nur hingedeutet— die Beleidigung war zu gröblich geweſen, und der Charak⸗ ter ſowohl des Lords als Major Carbonnells nur zu wohl bekannt. Mr. Osborn ſchlug zwölf Schritte vor, und ich erklärte mich damit einverſtanden— durch das Loos wurden des Majors Piſtolen gewählt— und es blieb uns nur noch übrig, die Plätze für die Duellan⸗ 41 ten zu beſtimmen. Der Major zog ſeine Doſe heraus, nahm eine Priſe, ſchneuzte ſich, und wendete ſich nach einem Gebüſch. »Ich bezeichne mit Ihrer Erlaubniß die Schuß⸗ weite, Mr. Osborn,« ſagte ich, ging auf den Major zu, und ſchickte mich an, zwölf Schritt in der Rich⸗ tung, nach welcher er hinſah, abzumeſſen. „ Erlauben Sie mir, zu bemerken,« nahm Mr. Os⸗ born das Wort,»daß es für beide Theile billiger ſein möchte, wenn die Richtung ein wenig weiter nach die⸗ ſer Seite genommen würde.«⸗ „Ich würde gern damit zufrieden ſein, mein theu⸗ rer Sir,« erwiederte ich,»und will Ihrem beſſern Ur⸗ theil nicht vorgreifen; allein Sie haben vielleicht nicht beachtet, daß dann mein Duellant ein wenig zu viel Sonne haben möchte. Es verſteht ſich, daß ich keinen unbilligen Vortheil begehre, würde aber meine Pflicht aus den Augen ſetzen, wenn ich nicht dafür ſorgte, daß dem Major ſein volles Recht widerfährt, der mich bei dieſer unangenehmen Sache mit ſeinem Vertrauen be⸗ ehrt hat. Ich überlaſſe es Ihnen, als Gentleman und Mann von Ehre, zu urtheilen, ob ich zu große An⸗ ſprüche erhebe.« Es begann ein kleiner freundſchaftlicher Streit über den Punkt, und Mr. Osborn gab endlich nach, da er ſah, daß ich nicht nachgeben würde, und ſtets eine noch immer feinere und ſchmeichelhaftere Erwiederung in Bereitſchaft hatte. Ich maß die zwölf Schritt ab, und Mr. Osborn ſtellte ſeinen Duellanten auf. Lord Tine⸗ holme ſchien unzufrieden zu ſein; er machte ſeinem Se⸗ kundanten Vorwürfe, allein es war zu ſpät. Die Pi⸗. ſtolen waren geladen, die Wahl wurde dem Lord über⸗ laſſen, und ich reichte dem Major die andere. Meine 42 Hand zitterte, die ſeinige war feſt. Ich bat Mr. Os⸗ born, das Tuch fallen zu laſſen, da ich es nicht über mich zu gewinnen vermochte, ein Signal zu geben, das für den Major verderblich werden konnte. Sie drück⸗ ten ab— Lord Tineholme ſiel ſogleich— der Major blieb noch ein paar Augenblicke auf den Füßen, und ſank ſodann gleichfalls zur Erde. Ich eilte zu ihm. „Wo ſind Sie verwundet?« Er legte ſeine Hand an die Hüfte—»Ich bin ſchwer verwundet, Newland, doch nicht ſo ſchwer als er. Laufen Sie hin und ſehen Sie danach. ⸗ 55 »Ich näherte mich der Stelle, wo Lord Tineholme lag, den Kopf auf dem Knie ſeines Sekundanten. „Es iſt vorbei mit ihm, Mr. Newland, die Kugel iſt ihm durch das Gehirn gefahren.⸗ Siebentes Kapitel. Der Maior berichtigt die einzige bedeutende Schuld, die er jemals berichtigt hat, und ich werde vermögend. Ich eilte zu dem Major zurück, um ſeine Wunde zu unterſuchen, und es gelang mir mit Timothy's Hülfe, mich zu vergewiſſern, daß die Kugel in ſeine Hüfte ein⸗ gedrungen war. Ich ſondirte die Wunde mit dem Fin⸗ 3 ger; es ſchien, daß die Kugel die Richtung nach den Eingeweiden genommen, und das Blut floß faſt gar nicht, was mich noch mehr henruhlgte.— 43 „Werden Sie es ertragen können, Major, wenn wir Sie im Wagen nach Hauſe ſchaffen?« „Ich kann es nicht ſagen, wir müſſen jedoch den Verſuch machen; je eher ich zu Hauſe ſein werde, deſto beſſer, Japhet,« erwiederte er matt. Wir trugen ihn in den Wagen, und fuhren ab, nachdem ich Mr. Osborn meine Verbeugung gemacht, eine Höflichkeitserweiſung, an die ich ohne Zweifel nicht gedacht haben würde, wenn der Major mich nicht daran erinnert hätte. Er hielt die Fahrt ſehr gut aus, und ich hörte nicht eine einzige Klage von ihm, aber beim Herausheben aus dem Wagen wurde er ohnmäch⸗ tig. Sobald wir ihn zu Bett gebracht, ſchickte ich Timotheus nach einem Wundarzt. Der Wundarzt kam, unterſuchte die Wunde, und ſchüttelte den Kopf. Er rief mich in das anſtoßende Zimmer und ſagte mir, daß die Kugel, ſeiner Meinung nach, die Eingeweide ver⸗ letzt habe, und daß keine Hoffnung ſei. Ich ſetzte mich nieder und verhüllte mein Geſicht— die Thränen träufelten durch meine Finger— es war der erſte ſchwere Schlag, der mich traf. Ich fühlte, daß ich, der ich weder Verwandte, noch Verbindungen beſaß, in Begriff ſei, einen mir theuren Freund zu verlieren. Wer nicht in meiner Lage geweſen wäre, hätte viel⸗ leicht nur einen vorübergehenden Kummer empfunden; mir aber, der ich faſt allein in der Welt daſtand, er⸗ ſchien der Verluſt nnendlich groß. Zu wem konnte ich meine Zuflucht jetzt noch nehmen, wenn ich Troſt be⸗ durfte?— Zu Timotheus oder Fleta?— Tim war mein Diener und Fleta ein Kind. Ich empfand ein grenzenloſes Wehe; denn ich fühlte, daß Beide mir nicht genügen konnten. Der Wundarzt war inzwiſchen zu dem Major zurück⸗ 44 gekehrt, und verband die Wunde. Carbonnell hatte ſich wieder erholt, und befragte ihn um ſeine aufrichtige Meinung.»Wir müſſen das Beſte hoffen, Sir,“ er⸗ wiederte der Wundarzt. »Das will ſagen, es iſt keine Hoffnung,« ſprach der Major;» und ich fühle, daß Sie Recht haben. Wie lange kann ich Ihrer Anſicht nach noch leben?«⸗ »Wenn nicht eine günſtige Kriſis eintritt, etwa acht und vierzig Stunden, Sir,« erwiederte der Wund⸗ arzt.»Doch wir müſſen einen glücklicheren Ausgang hoffen.« »An Sterbebetten ſeid Ihr Mediziner doch gerade wie die Juriſten,« entgegnete der Major,»es iſt keine beſtimmte Antwort aus Euch herauszubringen. Wo iſt Mr. Newland.« »Hier bin ich, Carbonnell,“ ſagte ich, ſeine Hand ergreifend. „Liebſter Newland, ich weiß, daß es mit mir vorbei iſt, und Sie wiſſen es natürlich eben ſo gut, als ich Glauben Sie nicht, daß ich mich ſehr darüber gräme, 8 dieſe ſchurkiſche Welt zu verlaſſen— es iſt in der That nicht der Fall; aber Kummer, vielen Kummer macht es mir, daß ich Sie verlaſſen muß. Der Wundarzt ſagt mir, ich würde noch acht und vierzig Stunden leben, mein Gefühl ſagt mir aber, daß ich nicht ſo viele Mi⸗ nuten mehr übrig habe. Ich fühle es, daß meine Kräfte allmälig ſchwinden. Verlaſſen Sie ſich darauf, mein lieber Newland, es findet eine innerliche Verblutung Statt. Ich werde bald nicht mehr ſprechen können. Ich habe Sie zu meinem einzigen Erben eingeſetzt. Ich 8 wollte, daß ich Ihnen mehr hinterlaſſen könnte— doch auch das Wenige wird bis zu Ihrer Mündigkeit füur Sie hinreichen. Es war ein glücklicher Treffer geſtera 45 Abend, aber ein ſehr unglücklicher dieſen Morgen. Laſſen Sie mich wie einen Gentleman begraben.⸗ „»Mein theurer Carbonnell,« ſagte ich,„wünſchen Sie nicht Jemand zu ſehen— einen Geiſtlichen?« „Newland, entſchuldigen Sie mich. Ich lehne Ihren Vorſchlag nicht aus Mißachtung ab, oder weil ich an die Lehrſätze des Chriſtenthums nicht glaubte, aber ich kann nicht der Meinung ſein, daß eine ſo ſpäte Reue von Nutzen ſein könnte. Wenn ich über das Leben, das ich geführt habe, keine Betrübniß empfunden — wenn ich nicht meine Augenblicke der Reue gehabt — wenn ich nicht Beſſerung verſprochen, und Vorſätze derſelben gefaßt hätte, und ich denke, ich habe ſie ge⸗ habt— was würde mir jetzt die Reue nützen? Nein, nein, Japhet, ich muß ernten, was ich geſäet habe, und verlaſſe mich auf die Barmherzigkeit des Himmels. Gott allein kennt unſer Aller Herzen, und gern überlaſſe ich mich dem Glauben, mehr Gnade vor den Augen des Allmächtigen zu finden, als ich ſie in dieſer Welt bei denjenigen gefunden habe, die— doch wir dürfen nicht richten. Geben Sie mir zu trinken, Japhet— mein Stündlein nahet raſch. Gott ſegne Sie, mein guter Newland.«⸗ Der Major ſank auf ſein Kiſſen zurück, nachdem er ſeine Lippen angefeuchtet, und ſprach nicht mehr. Ich hielt ſeine Hand, ſein Athem wurde allmälig immer ſchwächer, und nach einer Viertelſtunde war er todt. Er hatte in ſeiner Vermuthung Recht geha er verblutete. Wenige Augenblicke vor ſeinem Tode er⸗ ſchien der Wundarzt wieder, zu welchem ich geſchickt hatte.„Es iſt ſo am Beſten,» ſagte er zu mir.»Wenn er ſich nicht verblutet hätte, ſo würde er acht und vierzig Stunden lang die heftigſten Schmerzen erduldet haben; 46 denn es war unvermeidlich, daß der kalte Brand ein⸗ trat.« Er drückte dem Major die Augen zu, und ent⸗ kernte ſich; ich eilte in das Geſellſchaftszimmer und ließ Timotheus kommen, mit welchem ich mich lange über den unglücklichen Vorfall und meine Ausſichten in die Zukunft unterhielt. Mein Schmerz über den Tod des Majors war auf⸗ richtig. Zum großen Theil mochte er auf Rechnung der Gewohnheit unſers langen Zuſammenwohnens und Umgangs kommen; allein mehr noch rührte er doch da⸗ von her, daß ich wußte, daß der Major bei allen ſeinen Fehlern gute, mit denſelben verſöhnende, Eigenſchaften gehabt, und daß die Welt ihn zu dem Manne gemacht hatte, der er geworden war. Ich war ferner überzeugt, daß er Zuneigung gegen mich hegte, was mir in meiner Lage unſchätzbar ſein mußte. Sein Begräbniß war anſtändig, ohne daß Prunk dabei an den Tag gelegt wurde, und ich bezahlte alle ſeine Schulden— von denen freilich viele nicht einge⸗ fordert wurden, weil man vorausſetzte, daß es nutzlos wäre. Sie beliefen ſich nicht über zwei hundert Pfund, und die Gläubiger hatten nie erwartet, daß ſie Bezah⸗ lung erhalten würden. Das Papier, das Timotheus und ich hatten unterſchreiben müſſen, enthielt eine kurze letztwillige Verfügung, durch welche er mich zum einzi⸗ gen Erben und Teſtaments⸗Vollſtrecker ernannte. Seine ganze Hinterlaſſenſchaft beſtand aus ſeinem Hauſe, dem Inhalte ſeiner Brieftafel, die er mir zur Aufbewahrung übergeben, und ſeiner fahrenden Habe, worunter ſich werthvolle Juwelen befanden. Das Haus war, wie er mir geſagt hatte, etwa vier tauſend Pfund werth. In ſeiner Brieftafel fanden ſich Banknoten zum Belauf von drei tauſend fünf hundert, und ſeine ſonſtigen Sachen 47 mochten vier hundert Pfund werth ſein. Als alle ſeine Schulden berichtigt und die Begräbniß⸗Koſten beſtritten waren, ſah ich mich, mit Hinzurechnung meines eigenen Geldes, im Beſitz von etwa acht tauſend Pfund— während allgemein geglaubt wurde, daß der Major auch nicht das Mindeſte hinterlaſſen, und lange von einem Kapital ähnlichen Werthes gelebt habe. »Ich muß wirklich ſagen,« bemerkte Timothy,»daß die Umſtände ſich äußerſt glücklich geſtaltet haben. Hätte Dich der Major nicht überredet, Geld zu borgen, ſo würde er nicht eine ſo große Summe gewonnen haben. Wäre er am Leben geblieben, ſo hätte er das Geld ver⸗ ſchwendet, und da wurde er nun gerade zur rechten Zeit todt geſchoſſen, und ſetzt Dich zum Erben ein.« „Es iſt Wahrheit in Deinen Bemerkungen, Timothy; Du mußt aber jetzt zu Emanuel gehen, den ich ſogleich bezahlen will. Ich werde die tauſend Pfund, die mir Lord Windermear geliehen, zurückerſtatten, und dann muß ich noch einer Beſtimmung im Teſtamente des Majors Genüge leiſten. Er hat dem Lord ſeinen Dia⸗ mant⸗Ring als ein Andenken vermacht. Hole ihn mir, ich will gehen, und ihn dem Lord überbringen.⸗ Achtes Kapitel. Ein an Moralität reiches Kapitel, das damit endet, daß ein Jude tauſend Pfund zurückweiſt, und dadurch den Beweis liefert, daß das tauſendjährige Reich in kürzeſter Friſt ſei⸗ nen Anfang nehmen wird. Dieſe Unterredung fand am Tage nach dem Begräb⸗ niſſe Statt, ich begab mich in tiefer Trauer zu Seiner Herrlichkeit, und wurde vorgelaſſen. Der Lord hatte ſeinen Wagen zur Begleitung des Begräbniß⸗Gefolges geſchickt, und war ſelbſt in Trauer, als er mich em⸗ pfing. Ich leiſtete meinem Auftrage Genüge, und nach⸗ dem ich mit dem Lord eine lange Unterredung gehabt, in welcher ich ihm den Inhalt des Teſtaments und den Belauf der Hinterlaſſenſchaft des Majors vertraut hatte, erhob ich mich, um mich zu beurlauben. „Entſchuldigen Sie mich, Mr. Newland,« ſagte er,»aber was gedenken Sie zu thun? Ich bekenne, daß ich den lebhafteſten Theil an Ihnen nehme, und Sie ohne Einladung öfter bei mir zu ſehen gewünſcht hätte; doch ich ſehe, Sie wollen nicht zu mir kommen. Haben Sie nicht die Abſicht, ſich irgend einem Geſchaͤft zu widmen?« 3 „»Ja, Mylord, ich beabſichtige meinen Vater zu ſuchen, und hoffe, wenn ich meine unerwarteten Hülfs⸗ quellen zu Rath halte, jetzt im Stand dazu zu ſein.⸗ „Man hält Sie in der faſhionablen Welt für ſchwach.⸗ „Das iſt nicht meine Schuld, Mylord; die Welt hat ſich durch Major Carbonnells Irrthum täuſchen 49 laſſen. Aber ich muß freilich geſtehen, daß ich an dem Betruge Theil genommen, ſofern ich dem Gerüchte nicht widerſprochen habe.⸗ „Weil Sie beabſichtigen, durch eine gute Parthie Nutzen aus dem falſchen Glauben zu ziehen?« »Keineswegs, Mylord, auf mein Wort. Die Leute können ſich ſelbſt täuſchen, ich aber werde es nicht thun.⸗ 1 » Und ſie auch nicht enttaͤuſchen, Mr. Newland?⸗ „Enttäuſchen werde ich ſie nicht; und wenn ich auch den Verſuch machen wollte, ſo würde man mir nicht einmal glauben. Sie würden es ſich niemals möglich denken, daß ich ſo lange mit Ihrem Verwandten hätte leben können, ohne mich beträchtlicher Geldzuflüſſe zu erfreuen. Sie würden vielleicht glauben, daß ich mein Geld durchgebracht, nicht aber, daß ich nie Geld be⸗ ſeſſen.« »Die Bemerkung zeugt von Weltkenntniß,« erwie⸗ derte der Lord;»doch ich unterbrach Sie, fahren Sie fort.⸗ „Ich wollte ſagen, Mylord, und Sie ſelbſt, bei Ihrer Kenntniß meiner früheren Lebensgeſchichte, können am Beſten beurtheilen, ob ich Recht darin habe— daß ich bis jetzt in der Mitte zwiſchen Redlichkeit und Un⸗ redlichkeit hinſteuerte. Wenn die Welt ſich ſelbſt täuſcht, ſo ſollte ich ſie nach dem Gebot ſtrenger Rechtlichkeit enttäuſchen, wollten Sie ſagen. Ich würde es auch thun, Mylord, wenn ich mich nicht in einer ſo eigen⸗ thümlichen Lage befände. Allein ich werde mich gleicher Weiſe von jeder Schuld abſichtlicher Täuſchung wo möglich frei erhalten, das will ſagen, ich werde die falſche Meinung von meinem Reichthum niemals be⸗ nutzen, um die Hand einer jungen Dame von großem Japhei. II. 4 50 Vermögen zu erlangen. Wenn ich liebte, ſo würde ich offen ſagen, daß ich ein Bettler ſei, und als ſolcher Liebe zu gewinnen ſuchen. Eine Frau kann wenig Ver⸗ trauen zu einem Manne hegen, der ſie ſchon vor der Verheirathung täuſcht. ⸗ »„Ich werde nie von Ihrem Geheimniß Gebrauch machen, Mr. Newland; Sie haben ein Recht auf meine Verſchwiegenheit. Ich freue mich, zu hören, daß Sie 3 von ſolchen Geſinnungen beſeelt ſind. Sie gründen ſich vielleicht nicht auf die ſtrengſten Vorſchriften der Moral; doch zu dieſen bekennen ſich Viele, und handeln weniger danach, als Sie. Bei dem Allen wünſchte„ ich, daß Sie darüber nachdenken möchten, auf welche Weiſe ich Ihnen dienen könnte; denn Ihr jetziges Leben iſt zwecklos und ohne Gewinn, und könnte dazu führen, Sie in Grundſätzen zu befeſtigen, die nicht ganz ſo ſtreng ſind, als ſie ſein ſollten.« „»Mylord, wenn ich die Welt in ihrem, meine Mit. tel betreffenden, Irrthume laſſe, ſo habe ich dabei nur den Zweck, mir den Zutritt in die Geſellſchaft zu ſichern, in welcher ich meinen Vater zu finden, überzeugt bin. Ich habe nur einen Gedanken, nur ein Augenmerk— in meinen Nachforſchungen glücklich zu ſein. Ich ſage Ihnen tauſend Dank für alle Ihre Güte und Ihre wohlwollenden Anerbietungen, kann jedoch für jetzt keinen Gebrauch davon machen. Ich bitte Euer Herr⸗ lichkeit um Vergebung, darf ich fragen, ob Sie die Dame mit den Ohrringen wieder geſehen?« 2 Lord Windermear lächelte. „» Wirklich, Mr. Newland, Sie ſind ein äußerſt ſonderbarer Mann. Nicht zufrieden damit, Ihre eige⸗ nen Aeltern aufzuſuchen, befaſſen Sie ſich auch mit Nachforſchungen nach den Aeltern Anderer. Ich ge⸗ 51 denke Ihr Benehmen in dieſer Beziehung nicht zu tadeln, allein ich fürchte, daß Sie zu gleichgültig gegen das Weſen werden, indem Sie Schatten nachjagen.⸗ „»Mylord! Sie haben ſehr gut reden; denn Sie be⸗ ſitzen Vater und Mutter, und haben nie den Mangel derſelben empfunden; wenn Sie aber wüßten, wie mein Herz nach meinen Aeltern ſich ſehnt, Sie würden über meine Hartnäckigkeit ſich nicht wundern.⸗ »Ich wundere mich über nichts in dieſer Welt, Mr. Newland; Jeder ſucht ſein Glück auf ſeine eigene Weiſe; das Ihrige ſcheint ſich in einem einzigen Gefühle zu concentriren, und Ihr Thun iſt kein anderes, als das der Meiſten; doch erinnern Sie ſich, daß das Jagen nach Glück in Täuſchung endet.« »Ich gebe zu, daß dieſes nur zu oft der Fall iſt, Mylord; allein die Jagd gewährt Vergnügen,« erwie⸗ derte ich. »Nun wohl, ſo gehen Sie und mögen Sie das Glück finden. Alles, was ich ſagen kann, iſt dies, Mr. Newland: entfernen Sie den falſchen Stolz, ſich nicht an mich wenden zu wollen, wenn Sie Beiſtand bedürfen. Vergeſſen Sie nicht, daß es viel beſſer iſt, gegen Jemand Verpflichtungen zu haben, wenn Sie es ſo anſehen wollen, als zu thun, was nicht Recht iſt; und daß es eein ſehr falſcher Stolz wäre, ſich zu ſchämen, eine Gunſt anzunehmen, und doch nicht über Dinge zu er⸗ röthen, deren man ſich wirklich zu ſchämen hat. Ver⸗ ſprechen Sie mir, Mr. Newland, daß Sie ſich an mich wenden wollen, wenn ein Unglück Sie treffen, oder wenn Sie in Noth gerathen ſollten.⸗ Ich bekenne Ihnen aufrichtig, Mylord, daß ich lieber Ihnen, als irgend ſonſt Jemand verpflichtet ſein 4 mächte und ich hoffe, daß Sie meine Gefühle würdigen 4 Ihnen, wenn Sie damit zufrieden ſind, elf hundert werden. Ich habe mir die Freiheit genommen, die tauſend Pfund, die Sie ſo gütig waren, zu meiner Verfügung zu ſtellen, bei dem Banquier wieder nieder⸗ zulegen; verſpreche Ihnen jedoch, daß ich zu jeder Zeit, wo ich Ihres Beiſtandes wieder bedürfen ſollte, abermals um Erlaubniß bitten wilt, Ihr Schuldner werden zu duͤrfen.⸗. Ich ſtand zum zweiten Mal auf, um Abſchied zu nehmen. „Leben Sie wohl, Newland; als ich glaubte, daß Sie ſich ungeziemend benommen, und Ihnen anbot, Ihre Lage zu verbeſſern, forderten Sie nur meine gute Meinung; Sie beſitzen dieſelbe, und ſie iſt ſo feſt ge⸗ gründet, daß ſie nicht ſo leicht erſchüttert werden wird.⸗ Lord Windermear drückte mir die Hand, und ich ging. Als ich nach Hauſe zurückkam, fand ich Emanuel vor, der Timotheus auf dem Fuße gefolgt war, weil er glaubte, daß ich noch weiteren Beiſtandes bedürfte, und nur zu bereit war, denſelhen zu leiſten. Seine Ueberraſchung war ſehr groß, als ich ihm ſagte, daß ich ihm ſein Geld zuruckzuzahlen wünſche. »Nun, das iſcht ſehr wunderlich! Ich habe mein Geld hergeliehen tauſend Mal, und niemals haben ſie mir geben wollen es zurück. Nun, ich will es nehmen, lieber Herr.ͤ.“. „Aber, Mr. Emanuel, wie viel muß ich Ihnen für die zehn Tage des Darlehens geben?« „Wie viel— nun, Sie wiſſen, was Sie haber verſprochen, fünfzehnhundert.“« 4 „Wie! füͤnfhundert Pfund Zinſen für zehn Tage, Mr. Emanuel; nein, nein, das iſt zu arg. Ich will 53 Pfund zahlen, und ich denke, Sie haben dann einen recht artigen Gewinn.⸗ »Ich brauche nicht mein Geld, mein beſter Herr. Ich habe Ihnen vorgeſtreckt tauſend Pfund, mit der Bedingung, daß Sie mir ſahlen ſollten fünfzehnhundert, wenn Sie gelangten in den Beſitz Ihres Vermögens, waſch ſein wird der Fall in ſehr kurzer Zeit. Sie laſſen mich holen und ſogen mir, Sie wünſchen das Geld zuzückzuſahlen ſogleich. Ich weiſe niemals von der Hand Geld— wenn Sie wollen beſahlen, ſo will ich es nehmen, aber ich nehme nicht weniger einen Heller, als die fünfzehnhundert, wie's verſchrieben iſt.« „Sehr gut, Mr. Emanuel, wie es Ihnen beliebt; ich biete Ihnen in Gegenwart meines Dieners die dar⸗ gebotene Summe nebſt hundert Pfund Aufgeld für zehn Tage. Weiſen Sie mein Anerbieten zurück, wenn es Ihnen beliebt, aber ich rathe Ihnen ernſtlich, es anzu⸗ nehmen.« »Ich will nicht haben das Geld, Sir; das iſcht Kinderſpiel,« erwiderte der Jude.»Ich muß haben meine fünfzehnhundert— Alles zu ſeiner Zeit, Sir— ich habe keine Eile— ich wünſche Ihnen einen ſehr guten Morgen, Mr. Newland. Wenn Sie wünſchen, zu borgen mehr Geld, ſo werde ich mich glücklich ſchätzen, Ihnen zu machen meine Aufwartung.⸗ Mit dieſen Worten ging der Jude hinaus, mit dem Arme auf dem Rücken, wie gewöhnlich. Neuntes Kapitel. Ich entſcheide mich für den Grundſatz: Ehrlichkeit iſt die beſte Klugheit, und was noch ſonderbarer iſt, auf den Rath eines Advokaten. Timothy und ich brachen in ein Gelächter aus. »Wirklich, Tim,« ſagte ich,„es ſcheint, daß ſehr wenig Kunſt dazu gehört, die Welt zu betrügen; denn ſie betrügt ſich bei allen Gelegenheiten ſelbſt. Den Inden habe ich auf keine Weiſe mehr auf dem Gewiſſen, und er wird ſein Geld nun nicht eher bekommen, als bis—« ‧Nun, Japhet?« „» Bis ich meinen Vater finde,« ſagte ich. „Ich merke,« ſagte Timotheus,»„daß Alles bis zu der Zeit aufgeſchoben wird. Andere Leute werden bei Deinen Nachforſchungen bald eben ſo betheiligt ſein, als Du ſelbſt.« »Ich wollte, ſie wären es; unglücklicherweiſe iſt die Sache ein Geheimniß, und muß es bleiben.«⸗ Die Glocke wurde gezogen, Timothy mußte hinunter, und kehrte mit einem Briefe von Lord Windermear zurück, der folgendermaßen lautete: 4 »Mein theurer Newland! »Ich habe fortwährend an Sie gedacht, ſeitdem Sie heute Morgen von mir gingen, und da Sie entſchloſſen ſcheinen, Ihre Nachforſchungen fortzuſetzen, ſo habe ich gedacht, Sie ſollten doch ſyſtematiſcher dabei zu Werke gehen. Ich will nicht ſagen, daß mein Ihnen ſogleich mitzutheilender Vorſchlag unfehlbar zum Ziele führen müſſe, er könnte doch aber von Nutzen ſein, da Sie ſich dabei des Rathes eines eben ſo alten, als weiſen Kopfes erfreuen werden. Ich meine, Mr. Maſterton, meinen Rechts⸗Conſulenten, von welchem Sie die Papiere erhielten, die die Veranlaſſung unſerer erſten Bekannt⸗ ſchaft waren. Er weiß, daß Sie— verzeihen Sie mir— ein Betrüger waren; denn er hat ſeit jener Zeit Mr. Eſteourt geſehen. Uebergeben Sie ihm das inliegende Schreiben; Sie können ihm damit dreiſt unter die Augen treten, und ich zweifle nicht, daß er Ihnen, und zwar ohne Ihnen Koſten zu verurſachen, allen ihm möglichen Beiſtand leiſten wird. Erzählen Sie ihm Ihre ganze Geſchichte, Sie werden dann hören, wozu er räth. Er iſt im Beſitz vieler noch weit wichtigerer Geheimniſſe, als das Ihrige iſt. Ich wünſche Ihnen all' das Glück, das Ihre Beharrlichkeit verdient. Glauben Sie mir, Ihrem ſehr aufrichtigen Windermear.« »Ich glaube, der Rath iſt gut,« ſagte ich, nach⸗ dem ich den Brief geleſen;»denn ich weiß meinerſeits nicht, was ich thun ſoll. Ich denke, es iſt am Beſten, daß ich ſogleich zu dem alten Herrn gehe, Timothy.« »Hilft's nicht, ſo ſchadt's nicht; vier Augen ſehen mehr als zwei,« erwiederte Tim.„Manche Geheimniſſe werden nur zu gut bewahrt, und das Ausſetzen eines Kindes gehört zu denjenigen, die nur Wenigen anver⸗ traut werden.«. Dabei fällt mir ein, Timothy, daß ich ſo viele Jahre ſchon aus dem Findelhauſe entlaſſen bin, und niemals nachgefragt habe, ob mich nicht Jemand zurück⸗ gefordert.⸗ »Sehr wahr; und ich denke, ich begebe mich ſelbſt nach dem St. Bridget⸗Arbeitshauſe, und frage, ob Niemand nach mir gefragt hat, erwiederte Tim ſchalk⸗ haft lächelnd. „Und ich habe noch etwas verſäumt,“« fuhr ich fort; „nämlich in Coleman⸗Street mich zu erkundigen, ob nicht ein Brief von Melchior abgegeben iſt.« »Ich habe oft an ihn gedacht,« ſagte Timotheus. „Ich möchte wohl wiſſen, wo er ſteckt— es iſt noch ein Geheimniß. Es ſoll mich wundern, ob wir ihn und Nattih jemals wieder ſehen?« 3 „»Man kann es nicht wiſſen, Tim. Ich möchte aber wirklich wiſſen, wo der arme Narr iſt, der Philo⸗ tas und unſer Freund Jumbo?«. Die Erinnerung an die letzteren Beiden veranlaßte uns zu einem herzlichen Gelächter. „»Timothy, ich habe gedacht, meine Bekanntſchaft mit dem armen Carbonnell iſt meiner Nachforſchung mehr hinderlich, als förderlich geweſen. Ich ſah nicht übel aus, als er mich kennen lernte, und er hat, was das Aeußere und die Manieren betrifft, einen Gentleman aus mir gemacht; aber der Strudel, in welchem ich 4 mich in ſeiner Geſellſchaft fortwährend befunden habe, hat mich abgehalten, auch nur das mindeſte zu thun. 3 Sein trauriger Tod iſt vielleicht ein Glück für mich ge⸗ weſen. Ich bin jetzt weit unabhängiger, und muß nunmehr wirklich Ernſt machen. 3 „Nimm's mir nicht übel, Japhet, aber ſprachſt Du nicht ebenſo, als wir uns auf unſere erſte Wanderſchaft begaben, und doch länger als ein Jahr bei den Zigennern blieben? Faßteſt Du nicht denſelben Entſchluß, als wir in London ankamen, die Taſchen voll Geld, und haſt doch nur ſelten und fluͤchtig wieder daran gedacht, ſo⸗ bald Du in die fashionablen Geſellſchaften aufgenommen 1 warſt. Jetzt erneuerſt Du Deinen Vorſaß aber wie lange wird's damit währen?« „Nein, Timothy, Du thuſt mir doch wohl ein wenig Unrecht; Du weißt, daß mir die Sache beſtändig im Sinne liegt.⸗ „»O ja, im Sinne oft genug; aber Du haſt Dich doch immer von dem Suchen ablenken laſſen.« »Zugegeben; aber ich meine, das kommt davon, daß ich nicht wußte, welche Schritte ich ergreifen ſollte. 8 Ich habe ein Knäuel abzuwickeln, und weiß keinen End⸗ faden zu finden.⸗ »Ich habe immer gedacht, die Leute fingen mit dem 3 Anfang an,« erwiederte Timothy lachend. »Ich will jetzt auf jeden Fall wieder von vorn an⸗ fangen, und dem alten Rechtsgelehrten meinen Beſuch machen. Geh Du nach Coleman⸗Street, Tim, und auch nach dem Arbeitshauſe, wenn Du willſt⸗ 1.„Was das Arbeitshaus betrifft, ſo habe ich wegen meiner Mutter keine beſondere Eile. Falle ich über ſie auf meinem Wege, ſo nehme ich ſie mit, werde aber nicht mit Fleiß aufſuchen, was aller Wahrſcheinlichkeit 1 nach des Findens nicht werth iſt. ⸗. 53 Wir gingen. Ich begab mich nach dem Hauſe in Lincoln's Inn, das ich bei bekannter denkwürdiger Ver⸗ anlaſſung ſchon einmal betreten. Ich klopfte, wurde eingelaſſen, und ſtand zum zweiten Male vor Mr. 6 Maſterton. 3»Ich bringe einen Brief, Sir,« ſagte ich, mich 3 verbeugend, und überreichte ihm Lord Windermears Schreiben. 3 58. Der alte Herr ſah mich forſchend durch ſeine Brille an. „»Holla! wir haben uns ſchon geſehen,« rief er aus, „ich will verdammt ſein, wenn Ihr nicht der Schuft ſeid, der— ⸗ „Sie haben vollkommen Recht, Sir,« unterbrach ich ihn;»ich bin der Schuft, der Ihnen den Brief von Lord Windermear brachte, und Ihnen jetzt ein Schreiben von demſelben Herrn überreicht. Haben Sie die Güte zu leſen, ich werde mich unterdeſſen ſetzen.« „»Bei meiner Seele— Ihr unverſchämter Wicht — aber ſtattlich ſeht Ihr aus, das muß ich ſagen— ſehr ſchade um Euch— wollt ſicher Geld holen. Ach, 's iſt eine böſe Welt,« murmelte der Alte vor ſich hin, während er Lord Windermears Brief erbrach. Ich erwiederte nichts, beobachtete aber ſeine Mienen, die den Ausdruck des Erſtaunens annahmen. »Hatte Lord Windermear mir die Aufforderung ge⸗ ſcchickt, Sie wo möglich hängen zu laſſen,« ſagte er endlich,»ich würde nicht mehr überraſcht worden ſein, als durch dieſen Brief, worin er Sie lobt und mich bittet, Ihnen alle mir mögliche Dienſte zu leiſten. Ich begreife es nicht.«. 3 „Sehr natürlich, Sir; aber wenn Sie Muße haben, mich anzuhören, ſo werden Sie finden, daß in dieſer Welt der Schein trügt.« „Freilich, er betrog mich auch, als ich Sie zum erſten Male ſah; ich hätte nimmermehr geglaubt, daß Sie ſo ein— doch gleichviel!« »Vielleicht werden Sie in ein paar Stunden Ihre Meinung abermals ändern, Sir. Sind Sie unbe⸗ ſchäftigt, oder wollen Sie mir einen anderen Tag be⸗ ſtimmen?⸗ 59 „Mr. Newland, ich bin beſchäftigt,— bin es nie mehr geweſen, und wenn Sie wegen einer Rechtsſache gekommen wären, ſo würde ich ſie erſucht haben, nach einigen Tagen wiederzukommen; doch meine Neugierde iſt ſo ſehr erregt, daß ich entſchloſſen bin, ſie ſelbſt zu meinem Schaden zu befriedigen. Ich werde die Thür verſchließen, und Sie werden mich verpflichten, wenn Sie mir dann mittheilen wollen, was mir vollkommen unbegreiflich iſt.«— Zehntes Kapitel. Ich mache den Verſuch, Vortheil aus einer erhaltenen Kunde zu ziehen, und verurſache einer Dame Krämpfe. Nach ungefähr drei Stunden hatte ich Mr. Maſter⸗ ton die Geſchichte meines Lebens faſt ſo ausführlich, als dem Leſer erzählt.»Und wie nun, Mr. Maſterton,“ ſchloß ich,»glauben Sie noch, daß ich den Namen ei⸗ nes Schufts verdiene, womit Sie mich noch bei meinem Eintreten beehrten?« „Auf mein Wort, Mr. Newland, ich weiß kaum, was ich ſagen ſoll, liebe aber die Offenheit. Zu ſagen, daß Sie vollkommen ehrlich geweſen, würde der Wahr⸗ beit nicht angemeſſen ſein— ein Schuft waren Sie bis zu einem gewiſſen Grade, allein Sie wurden es durch die Umſtände. Ich kann nur dieſes ſagen, daß es grö⸗ ßere Schurken, als Sie giebt, deren Ruf vor der Welt 60 ohne Flecken iſt— daß die Meiſten in Ihrer Stelle noch wiel größere Schelme geweſen ſein würden; und endlich mögen Sie ſein, was Sie wollen, daß ich Sie mit Frenden unter meinen Schutz nehme, und Alles aufbie⸗ ten will, was ich nur kann, um Ihnen zu dienen— und zwar um Ihrer ſelbſt willen. Ihr Suchen nach Ih⸗ ren Aeltern erſcheint mir faſt als eine Donquixoterie; da jedovch Ihre Zufriedenheit davon abhängt, ſo muß es freilich fortgeſetzt werden; nur müſſen Sie mir Zeit laſ⸗ ſen zum Ueberlegen. Ich werde darüber nachdenken, welches Verfahren das förderlichſte ſein möchte. Wenn Sie auf den nächſten Freitag bei mir ſpeiſen können, ſo werden wir weiter über die Sache reden.« »Es thut mir leid, Sir, ich bin auf den Freitag bei Lady Maelſtrom verſagt; doch es thut nichts— ich werde mich bei Ihrer Herrlichkeit entſchuldigen.⸗ „»Lady Maelſtrom! wie äußerſt ſeltſam, daß Sie nach unſerer Unterredung gerade dieſen Namen nennen.« Wie ſo, mein werther Herr?« „»Ei!« erwiederte Mr. Maſterton kichernd;»weil — aber merken Sie, es iſt ein Geheimniß, Mr. New⸗ land— weil mir dabei einfällt, daß dieſe Dame vor ei⸗ nigen zwanzig Jahren, als ſie noch ein achtzehnjähriges Maͤdchen war, einen kleinen faux pas machte. Ich wurde gerufen, um eine Uebereinkunft in Betreff des Unterhalts des Kindes zu vermitteln.«— »Iſt es möglich, Sir?« rief ich in höchſter Aufre⸗ gung aus. „»Ja, ſie hatte ſich ſterblich in einen jungen Offizier verliebt, der kein Geld hatte, aber von guter Familie war. Einige ſagen, daß er ſie heimlich geehelicht, An⸗ dere, daß er ein Schurke geweſen. Es wurde Alles vertuſcht, er aber von den Angehörigen genöthigt, ehe 61 er nach Weſtindien abging, eine Urkunde über den Un⸗ terhalt des Kindes zu unterſchreiben, die ich ausfertigte. Ich habe nie wieder von der Sache gehört; der Offizier hieß Warrender; ich glaube, er ſtarb am gelben Fieber, und ſie verheirathete ſich nach ſeinem Tode mit Lord Maelſtrom?« „Er iſt alſo todt,« erwiederte ich traurig. »Nun, das kann Ihnen ‚ja gleichgültig ſein, mein Guter. Alſo Freitag um ſechs Uhr. Ihr Diener, Mr. Newland.« Ich kehrte nach Hauſe zurück, aber mein Kopf brannte von Begierde, beſtätigt zu wiſſen, was Mr. Maſterton mir ſo gleichgültig mitgetheilt hatte. In meiner Einbildung wurde jede Möglichkeit ſogleich zur Gewißheit, ſo überſpannt und verblendet war ich in Betreff des einzigen Gegenſtandes meiner Gedanken; und ſobald ich mich wieder in meinem Zimmer befand, warf ich mich auf das Sopha und verſank in tiefes Nachſinnen. Ich verglich Lady Maelſtroms Geſichtszüge mit den meinigen; aber obgleich ich meinen ganzen Scharfſinn aufbot, war es mir dennoch nicht möglich, eine Aehnlichkeit aufzufinden. Ich konnte freilich mei⸗ nem Vater ähnlich ſehen— aber mein Vater war todt — und dieſer Umſtand hüllte das glänzende Bild, das ich mir wie gewöhnlich entworfen, in düſtere Nacht ein. Zudem ſollte ich ehelich geboren ſein, und die Verheira⸗ thung Ihrer Herrlichkeit war ein zweifelhafter Punkt. Nachdem ich lange überlegt, ſprang ich auf und nahm meinen Hut, in der Abſicht, mich nach Grosvenor⸗ Square zu begeben, Ihre Herrlichkeit um eine Unterre⸗ dung unter vier Augen zu erſuchen, und meiner quälen⸗ den Zweifel und Ungewißheit mit einem Male los zu werden. Ich glaube, daß es keinen größeren Beweis 62 meiner Tollheit geben konnte, als das Wagniß, eine Dame von vierzig Jahren an die Fehltritte ihrer Ju⸗ gend zu erinnern, und ſie über eine Sache zu befragen, die nur zwei oder drei Perſonen anvertraut, und, wie ſie glaubte, längſt vergeſſen war. Doch daran dachte ich durchaus nicht; mein brennendes Verlangen hinderte mich, auch nur im Mindeſten zu überlegen. Ich eilte ſo raſch durch die Straßen, daß die Menſchen mir wie Schatten vorkamen, und daß ich ſie kaum ſah, geſchweige denn erkannte. Ich war in tiefes Nachſinnen darüber verſunken, wie ich die Sache am beſten bei Ihrer Herr⸗ lichkeit einleiten könnte; denn trotz meiner Monomanie entging es mir nicht, daß der Punkt ein äußerſt zarter ſei. Nachdem ich zehn oder zwanzig Leute umgerannt, langte ich vor dem Hauſe an, und klopfte. Mein Herz ſchlug faſt eben ſo ſtark gegen meine Rippen. „»Iſt Ihre Herrlichkeit zu Hauſe?« „»Ja, Sir.“« Ich wurde in das Geſellſchaftszimmer geführt, wo ich Lady Maelſtrom mit zwei Nichten, Miſſes Fairfar, vorfand. „»Mr. Newland, Sie ſind in meinem Hauſe faſt ein Fremder geworden,“« ſagte die Lady, als ich eintrat und meine Verbeugung machte.»Es war meine Ab⸗ ſicht, Sie tüchtig auszuſchmälen; doch der Tod Major Carbonnells entſchuldigt Sie, denn er iſt ein ſchwerer Schlag für Sie geweſen— Sie waren ſo vertraute Freunde— wohnten ſogar bei einander, wenn ich nicht irre. Doch Sie haben nicht gar zu große Urſache zum Kummer, denn er war für einen jungen Mann, wie Sie, ein nicht gar zu gut paſſender Gefährte. Um Ih⸗ nen die Wahrheit zu ſagen, ich halte es für ein glückli⸗ ches Ereigniß, daß er Ihnen entriſſen iſt, denn er würde b V 63 Sie allmälig zu Unbeſonnenheiten aller Art und zur Verſchwendung Ihres Vermögens verführt haben. Ich dachte ſchon einmal daran, Ihnen einen Wink zu geben, allein es war ein kitzlicher Punkt. Jetzt, da er todt iſt, will ich Ihnen ganz offen ſagen, daß Sie einer großen Gefahr entronnen ſind. Ein junger Mann, wie Sie, Mr. Newland, der auf eine Verbindung mit den aller⸗ höchſten Familien Anſpruch machen kann— und laſſen Sie mich Ihnen ſagen, Mr. Newland, daß nichts über Verbindungen geht, Geld iſt ein Gegenſtand, der keine Bedeutung für Sie hat— ein Mann, wie Sie, ſollte ſich nach einer Verbindung mit einer vornehmen Fami⸗ lie umſehen; dann wird Ihnen nichts mehr zu wünſchen übrig bleiben. Ich würde mich freuen, Sie verheirathet — gut verheirathet zu ſehen, Mr. Newland, und ich hoffe, daß Sie jetzt ernſtlich daran denken werden, da Sie von dem Major befreit ſind, der nicht wenige junge Leute in das Verderben geſtürzt hat. Cecilie, zeige doch Mr. Newland Deine Stickerei, und frag' um ſeine Meinung. Iſt die Arbeit nicht ſchön, Mr. Newland?“⸗ »In der That, außerordentlich ſchön,« erwiederte ich, außerordentlich froh, daß Ihre Herrlichkeit mich endlich auch zu ein paar Worten kommen ließ. »Liebe Emma, Du ſiehſt blaß, Du mußt in die Luft gehen. Geht, Kinder, ſetzt Eure Hüte auf, und macht einen Gang durch den Garten; wenn der Wagen vor⸗ fährt, will ich Euch rufen laſſen. 4 Die jungen Damen verließen das Zimmer. »Allerliebſte unſchuldige Mädchen, Mr. Newland; doch ich glaube, die Blondinen ſind nicht Ihr Ge⸗ ſchmack.« „»In der That, Lady Maelſtrom, ich ziehe ſie den Brünetten unendlich vor.«⸗ 64 „Sie legen einen Beweis Ihres guten Geſchmackes ab, Mr. Newland. Die Fairfar ſind eine ſehr alte Fa⸗ milie— ſächſiſchen Urſprungs, Mr. Newland. Fair— far bedeutet im Sächſiſchen helles Haar. Iſt es nicht bemerkenswerth, daß die weiblichen Glieder der Fami⸗ lie bis auf dieſen Tag Blondinen ſind? Reines Blut, Mr. Newland. Sie haben natürlich vom General Fairfar zu Cromwells Zeiten gehört, er war in gerader Linie ihr Urahn— eine höchſt angeſehene Familie und mit den höchſten Perſonen liirt. Mr. Newland, Sie wiſſen, Cecilie und Emma ſind meine Nichten. Meine Schweſter heirathete ihren Vater, Mr. Fairfax.⸗ Ich zollte den Miſſes Fairfax alles Lob, das ſie meiner Meinung nach wirklich verdienten; denn ſie wa⸗ ren ſehr hübſche, liebenswürdige Mäaͤdchen, und bedurf⸗ ten des Herausſtreichens Ihrer Herrlichkeit nicht. So⸗ dann begann ich: „»Ihre Herrlichkeit hat ſo wohlwollende Wünſche gegen mich ausgedrückt, daß ich nicht dankbar genug ſein kann; doch vielleicht hält mich Ihre Herrlichkeit für ſchwärmeriſch— ich bin entſchloſſen, nux aus Liebe zu heirathen.«. „Ein ganz vortrefflicher Entſchluß, Mr. Newland; nur wenige junge Männer kümmern ſich beutzutage um Liebe, ich halte aber dafuͤr, daß die Liebe ein ſicheres Pfand des ehelichen Glückes iſt.⸗ 4 „Sie haben Recht, Mylady, und was kann entzuͤ⸗ kender ſein, als eine erſte Zuneigung? Ich berufe mich auf Euer Herrlichkeit ſelbſt; war Ihre erſte Liebe nicht die ſüßeſte— ſind die Erinnerungen daran nicht die dauerndſten— rufen Sie ſich nicht noch jetzt mit inni- ger Luſt die ſchönen Tage in das Gedächtniß zurück, als Ihnen die Liebe Alles war?« 65 „Meine romantiſchen Tage ſind längſt vorüber, Mr. Newland,“« erwiederte die Lady;» und ehrlich geſagt, es hat nie viel Romantik in meiner Natur gelegen. Ich heirathete Lord Maelſtrom der Verbindung wegen, und liebte ihn hinlänglich, das heißt ohne Leidenſchaft, Mr. Newland. Ich denke, ich liebte ihn genug, um ihm meine Hand zu reichen und meinen Aeltern zu gehorchen.«⸗ „Aber, meine theure Lady Maelſtrom, ich dachte an Ihre Verbindung mit dem Lord keineswegs; ich hatte Ihre erſte Liebe im Sinn.« »Meine erſte Liebe, Mr. Newland; was wollen Sie damit ſagen?« erwiederte die Dame, und faßte mich ſcharf in das Auge. »Ihre Herrlichkeit dürfen ſich derſelben nicht ſchä⸗ men. Ueber unſere Herzen können wir ja nicht gebie⸗ ten, und ſind nicht im Stande, unſere Leidenſchaften zu beherrſchen. Ich darf nur den Namen Warrender nennen.⸗ „»Warrender!« kreiſchte die Dame.»Ich muß mir erlauben, Sie zu fragen, Mr. Newland,“« fuhr ſie, ſich wieder faſſend, fort,»„von wem haben Sie dieſe Mit⸗ theilungen?«— » Meine theure Lady Maelſtrom, ich bitte, daß Sie mir nicht zürnen wollen, aber ich bin bei der Sache nicht wenig betheiligt. Ihr Liebesverhältniß zu Mr. Warrender, lange vor Ihrer Verheirathung, iſt mir ſehr wohl bekannt, und auf dieſe Liebe deutete ich hin, als ich Sie fragte, ob ſie nicht die entzückendſte gewe⸗ ſen wäre.⸗ „»Mr. Newland,“ erwiederte Lady Maelſtrom,»ich weiß nicht, wie Sie zu dieſer Kenntniß gelangt ſind, indeß geſtehe ich, daß zwiſchen mir und Eduard Warrender ein Japhet. II. 5 66 unbedentendes, vorübergehendes Verhältniß Statt fand, — allein ich war damals jung, ſehr jung.« „Ich glaube es wohl, und ich bitte, entfernen Sie jeden Gedanken, daß es meine Abſicht wäre, einen Fle⸗ cken auf Ihren Ruf zu werfen; aber, wie ſchon geſagt, ich bin bei der Sache ſehr nahe betheiligt.« „Wie können Sie bei einer Jugendbekanntſchaft be⸗ theiligt ſein, die ich hatte, ehe Sie geboren waren? Ich muß geſtehen, daß ich dies ganz und gar nicht be⸗ greife, Mr. Newland.“« „Eben weil ſie vor meiner Geburt Statt fand, bin ich ſo ſehr dabei betheiligt.⸗ »„Ich verſtehe Sie nicht, Mr. Nepland, und ich glaube, es wird am beſten ſein, wenn wir zu einem an⸗ dern Geſprächsgegenſtande übergehen.« „Entſchuldigen Sie mich, Madame, aber ich muß bitten, mir noch ein paar Worte erlauben zu dürfen. Iſt Mr. Warrender todt, oder nicht? Starb er in Weſtindien?« „Sie ſcheinen ſehr neugierig in Bekreff dieſer Sache zu ſein, Mr. Newland; ich kann es kaum ſagen. Doch ja, ich entſinne mich, er ſtarb, wenn ich nicht irre, am elben Fieber— doch alle übrigen Umſtände ſind mir gänzlich entfallen— und ich werde keine Fragen mehr beantworten. Ständen Sie in meiner Gunſt nicht ſo hoch, Mr. Newland, ſo würde ich Sie ſehr unverſchämt nennen.“« „Dann werde ich Ihnen nur noch eine Frage vorle⸗ gen, und muß ſie Ihnen mit Ihrer Erlaubniß vorle⸗ gen.« „Ich ſollte denken, Mr. Newland, daß Sie, nach dem was ich geſagt habe, den Gegenſtand fallen laſſen könnten.⸗ 67 »Das ſoll im Augenblick geſchehen, aber verzeihen Sie mir, die Frage—⸗ „»Nun, Mr. Newland?« »Zürnen Sie mir nicht.—« »Nun?« rief Ihre Herrlichkeit aus, und ſchien in Unruhe zu gerathen. »Nur die wichtigſten und gebieteriſcheſten Gründe können mich bewegen, die Frage an Sie zu richten— (die Dame war faſt athemlos, und außer Stande, zu reden; endlich brachte ich es ſtotternd heraus:)— Was iſt aus— aus— aus dem ſüßen Pfande Ihrer Liebe geworden, Lady⸗Maelſtrom?2„ Ihre Herrlichkeit wurde hochroth vor Wuth, hob die geballten Hände empor, und ſank darauf in ſchreck⸗ lichen Krämpfen auf das Sopha zurück. Elftes Kapitel Ich verbeſſere meinen Fehler und verſchlimmere die Sache.— Eine Mine und eine Gegenmine.— Timotheus kömmt dadurch zu einer Uhr, daß er hübſch darauf achtet, was die Glocke geſchlagen hat. Ich wußte nicht, was ich thun ſollte. Wenn ich die Dienerſchaft herbeirief, ſo konnte ich meine Unterredung nicht fortſetzen, und war doch entſchloſſen, hinter die Wahrheit zu kommen— aus demſelben Grunde war ich nicht geneigt, zu ſchellen und Waſſer bringen zu laſſen. Anf dem Tiſche ſtanden einige Blumen⸗Vaſen; ich nahm 5* 3 9— 8— 4 68 die Blumen heraus, und ſpritzte das Waſſer in der Dame Antlitz; ſie hatten aber ſchon lange darin geſtan⸗ den und es grün gefärbt. Ihre Herrlichkeit trug ein hellfarbiges ſeidenes Kleid, das augenblicklich verdorben war; doch es war jetzt keine Zeit, ſich um Kleinigkeiten zu kümmern. Ich griff nach einem Glasfläſchchen, das, wie ich glaubte, kölniſches oder ein ähnliches Waſſer ent⸗ hielt, und goß ihr ein wenig in den Mund; unglückli⸗ cher Weiſe aber enthielt die Flaſche Zeichendinte, die Ihre ſehr haushälteriſche Herrlichkeit in einem Riech⸗ fläſchchen auf dem Tiſche ſtehen hatte. Ich gewahrte meinen Irrthum, und nahm meine Zuflucht zu einer zweiten Blumen⸗Vaſe, und goß der Dame eine große Menge grünes Waſſer in den Mund. Ob die unge⸗ wöhnlichen Mittel wirkten, oder nicht, kann ich nicht ſagen, aber Ihre Herrlichkeit kam allmälig wieder zu ſich, und als ſie ſich, dann und wann krampfhaft ſchluch⸗ zend, auf das Sopha zurücklehnte, beſtürmte ich ihr Ohr mit tauſend Entſchuldigungen, bis ich ſie wieder für ge⸗ faßt genug hielt, mich anzuhören. „Ihrer Herrlichkeit mütterliche Gefühle,« ſagte ich. „Es iſt nichts als Verleumdung! Eine ſchändliche Lüge, Sir,“« kreiſchte ſie. „Nein, nein, warum wollten Sie ſich einer jugendlichen Leidenſchaft ſchämen, warum leugnen, was bei Ihrer Argloſigkeit ſo natürlich war? Sehnt ſich denn Ihr Herz ſelbſt in dieſem Augenblicke nicht, Ihren Sohn zu umarmen— werden Sie mich nicht ſegnen, wenn ich ihn herführe, daß er ſich Ihnen zu Füßen wirft. Wer⸗ den Sie Ihren Sohn nicht ſegnen und ihn mit Entzü⸗ cken in Ihre Arme ſchließen.«⸗ „Es war ein Mädchen,«kreiſchte Ihre Herrlichkeit ſich vergeſſend, und abermals einem Krampfanfall unkerliegend. —— —,— 69 »Ein Maͤdchen!“ entgegnete ich,»dann habe ich⸗ freilich meine Zeit verloren, und es nützt zu nichts, daß ich noch länger hier bleibe.“« Vollkommen zu Boden geſchmettert durch eine Kunde, die meinen Hoffnungen und Luftſchlöſſern ein Ende machte, griff ich nach meinem Hut, und entfernte mich. In meiner Eile und Verwirrung hatte ich es ganz vergeſſen, die Dienerſchaft zu Ihrer Herrlichkeit Bei⸗ ſtand zu rufen. Glücklicher Weiſe gewahrte ich beim Fortgehen die Miſſes Fairfax, ganz in meiner Nähe im Garten. Ich ging über die Straße, und ſagte ihnen, Lady Maelſtrom ſähe ſehr unwohl aus, und es würde gut ſein, wenn ſie zu ihr hinaufgingen. Ich warf mich hierauf in einen Fiacre, und fuhr nach Hauſe. Ti⸗ mothy war vor mir angelangt, und ich erzählte ihm Al⸗ les, was mir begegnet war. „»èDu wirſt nie wieder zur Lady Maelſtrom gehen können,« bemerkte er,»und verlaß Dich darauf, ſie wird ihr Leben lang Deine Feindin ſein. Ich wollte, Du hätteſt gar nicht mit ihr geſprochen.« »Geſchehene Dinge ſind nicht zu ändern; aber be⸗ denke, wenn ſie reden kann, ſo kann ich’s auch.« »Sollte ſie ſich nicht davor fürchten?« »Ja, das kann ſein, aber offenen Angriffen kann man begegnen.« »Sehr wahr.« »Doch es wird immer das Beſte ſein, ſie wo mög⸗ lich zum Frieden zu ſtimmen. Ich will ihr ſchreiben.⸗ Ich ſetzte mich, und ſchrieb, wie folgt:— »Geehrte Lady Maelſtrom Die Lage, in welche ich Sie durch meine Zudring⸗ lichkeit und Thorheit verſetzt habe, beunruhigt mich ſo unendlich, daß ich kaum weiß, wie ich mich entſchuldi⸗ gen ſoll. Ich ſah einige alte Papiere meines Vaters durch, und fand darunter mehrere Briefe von Warren⸗ der, in welchen er von einem Liebesverhältniß mit einer jungen Dame ſpricht; ich las aus dem Namen der letz⸗ teren Ihren Familiennamen heraus, und erſah auch, wo der Sprößling zu finden ſei. Bei nochmaliger Prüfung ſinde ich— denn Ihre Unſchuld wurde bei unſerer Zu⸗ ſammenkunft zu offenbar, als daß noch ein Zweifel dar⸗ an Statt finden könnte— daß der Name, obgleich dem Ihrigen ähnlich, ein ganz anderer iſt, und daß ich mich zu einem unverzeihlichen Irrthum habe verleiten laſſen. Was kann ich ſagen, ausgenommen, daß ich mich Ihrer Güte in die Arme werfe? Ich wage nicht, wieder vor Ihnen zu erſcheinen. Morgen verlaſſe ich die Stadt, aber wenn Sie mir verzeihen, und mir geſtatten, Ihnen meine Hochachtung zu begeigen, nachdem die Saiſon wieder begonnen, und die Zeit Ihren gerechten Zorn gemildert, ſo laſſen Sie mich es durch eine einzige Zeile wiſſen, und Sie werden das überbürdete Gewiſſen er⸗ leichtern Ihres vollkommen getreuen J. Newland.“ 4 3 Da, Tim,“ ſagke ich, als ich geſchrieben hatte, ebring das dem alten Cerberus als einen Beſchwichti⸗ gungs⸗Biſſen. Sie hält es, da ich von Briefen geſpro⸗ chen, vielleicht für klug, mir zu glauben und Frieden zu machen. Nichtsdeſtoweniger werde ich ihr aber nicht trauen.“ 1 Tim ging und kehrte bald mit einer Antwort zuruͤck. — tiſch, und ich las das Poſtzeichen Dublin.⸗ 71 »Sie ſind ein Tollhäusler, und ich ſollte Ihnen meine Thür verſchließen. Sie haben mich faſt getödtet — mein Kleid verdorben, und ich muß das Bett hüten. Leſen Sie künftig die Namen richtig, ehe Sie eine Be⸗ hauptung aufſtellen. Was meine erbetene Verzeihung betrifft, ſo werde ich mich darauf bedenken, und Sie mögen kommen und mein Urtheil hören, wenn Sie nach London zurückgekehrt ſind. Die arme Cecilie war auf den Tod erſchreckt,— welch ein liebes, zärtliches Kind ſie iſt!— Sie iſt ein Schatz für mich, und ich glaube, daß ich mich nie von ihr würde trennen können. Sie empfiehlt ſich Ihnen. 1 Die Ihrige L. Maelſtrom.⸗ »Timothy, das lautet auf jeden Fall beſſer, als ich erwartete— nun will ich Dir aber ſagen, was ich zu thun denke. Harcourt war geſtern bei mir, und wünſchte, daß ich mit ihm nach— gehe. Es werden dort die Aſſiſen gehalten, der Grafſchafts⸗Ball wird gegeben, mancherlei Luſtbarkeiten werden Statt finden, und ich denke, man muß nicht bloß die Stadt, ſondern auch das Land durchſuchen. Freitag ſpeiſe ich bei Mr. Ma⸗ ſterton, Sonnabend will ich die kleine Fleta ſehen und Dienſtag oder Mittwoch mit Harcourt zu ſeinen Aeltern, bei denen er mir eine freundliche Aufnahme verheißen hat. Was gab es in Coleman⸗Street?« »Mr. Jving ſagte, es wäre gerade ein Brief von Deinem Correspondenten angekommen, der zu wiſſen wünſchte, ob ſich das kleine Mädchen wohl befände. Ich bejahete. Mr. Jving legte den Brief auf den Schreib⸗ „Dublin?« erwiederte ich.»Ich moͤchte doch wiſ⸗ ſen, wo ſich Melchior aufhält, und will es ſobald als möglich zu erfahren ſuchen.« »Sehr gut, aber ich bin noch nicht fertig. Mr. Jving ſagte:»»Mein Correſpondent wünſcht zu wiſſen, ob für die Erziehung des kleinen Mädchens geſorgt wird?««—„ Allerdings,«« erwiederte ich.—»» Iſt ſie in einer Erziehungsanſtalt?««—»»Ja, ſie war in einer ſolchen, ſo lange wir in London geweſen ſind.««— Er erkundigte ſich hierauf nach der Erziehungsanſtalt. Da er nun aber noch nie danach gefragt hatte, ſo wußte ich nicht, ob ich es ihm ſagen ſollte, und erwiederte, daß ich es nicht wüßte. Er meinte, ich würde doch aber wiſſen, ob ſie in London wäre, oder nicht. Ich ſagte aber, das könnte ich nicht, denn mein Herr hätte ſie in eine Erziehungsanſtalt gebracht, ehe ich ſeine Livree an⸗ gezogen»„Sieht er ſie nicht bisweilen?«« fragte er. —„„Ich glaube wohl,«« entgegnete ich.—»»Ihr wißt alſo wirklich nichts davon?— Es iſt mir ſehr daran gelegen, zu wiſſen, wo ſie ſich aufhält, und wenn Ihr es mir hinterbringen wollt, ſo ſoll Eure Taſche mit Geld geſpickt werden.««—»„Hm,«« erwiederte ich,»»wie viel wird's aber geben?««—„»»Mehr, als Ihr Euch wohl träumt, mein Beſter, eine Zehnpfund⸗ Note,«« ſagte er.—»„Das ändert die Sache,«« ent⸗ gegnete ich;»»ich glaube mich jetzt zu entſinnen, daß ich auf meines Herrn Tiſche einen Brief an ſie mit ihrer Adreſſe habe liegen ſehen.««—»„»Ja,“«« fiel Iving ein,»v»'s iſt erſtaunlich, wie Geld das Gedächtniß ſchärft. Ich ſehe den Handel als abgemacht an; gebt ir die Adreſſe, und hier iſt die Zehnpfund⸗Note.««— „»Ich fürchte nur, mein Herr wird zornig werden,«« ſagte ich bedenklich.—»»Euer Herr wird nichts davon erfahren, und Ihr könnt ihm lange dienen, ehe er Euch zu Eurem Lohn noch eine Zehnpfund⸗Note giebt.««— »„Das iſt ſehr wahr,«« erwiederte ich,»»Dienſt iſt kein Erbgut. Alſo gebt mir das Geld, und ich ſchreibe Euch die Adreſſe auf.«« »Und gabſt Du ſie ihm?« unterbrach ich Timothy. »Einen Augenblick Geduld, und Du ſollſt es hören. Ich ſchrieb die Adreſſe der großen Erziehungsanſtalt zu Kenſington auf, an welcher wir vorüberkommen, wenn wir zu Aubry Whites gehen.« »Ah, in dem Gebäude mit dem Rieſenſchilde mit gelben Buchſtaben:— Mrs.—« »»Mrs. Lipscombe's Erziehungsanſtalt;«« ich leſe die Ueberſchrift jedes Mal, wenn ich vorübergehe. Ich gab ihm die Adreſſe: Miß Johnſon in Mr. Lipscombei’s Erziehungsanſtalt in Kenſigton;— und hier iſt die Zehnpfund⸗Note, die ich ehrlich verdient habe.« „Ehrlich verdient, Tim?« »Ja, ehrlich verdient; denn es iſt ganz in der Ord⸗ nung, die zu betruͤgen, die uns betrügen wollen.« »Darin kann ich nicht ganz Deiner Meinung ſein, Tim, obgleich ſie allerdings nichts Beſſeres verdienen; doch das kann noch überlegt werden. Weshalb mag aber Melchior ohne mein Wiſſen nach Fleta's Adreſſe forſchen?— verlaß Dich darauf, die Sache iſt nicht richtig.« »Das habe ich gerade auch beim Nachhauſegehen ge⸗ dacht; und ich glaube ganz gewiß, er will ſich ihrer aus einem oder dem anderen Grunde wieder bemäͤche tigen. 8 » Mir kommt es ebenſo vor, Timothy, und ich freue mich, daß Du ihn auf eine falſche Spur gebracht haſt. 74 Ich bin jetzt auf meiner Hut, und werde Sorge tragen, daß er ſie nicht ausſpionirt.“ „»Aus dem Allen iſt nun aber eine gute Lehre zu ziehen: hätteſt Du einen gewöhnlichen Bedienten gehabt, ſo würde Dein Vortheil aller Wahrſcheinlichkeit nach der Zehnpfund⸗Note aufgeopfert ſein; und wegen dieſes, ſo wie vieler anderen Fälle wegen, iſt es ſehr weiſe von mir geweſen, daß ich meine jetzige Stellung eingenommen habe.⸗—. 4 „Ich weiß das ſehr wohl, mein guter Tim,“ ſagte ich, die Hand ihm reichend,»und ſei gewiß, geht es mir gut, ſoll es Dir auch gut gehen. Du haſt mich dafür kennen gelernt.« 8 »Allerdings, Japhet, und ich diene lieber Dir, als dem erſten Edelmann im Lande. Ich gehe nun, mir eine Uhr für dieſe Zehnpfund⸗Note zu kaufen, und werde ſie nie in die Hand nehmen, ohne daran zu denken, wie gut es iſt, allezeit darauf zu achten, was die Glocke ge⸗ ſchlagen hat.« „ Zwoͤlftes Kapitel. * 5 Ich faſſe eine heftige Liebe zur Ehrlichkeit, weil ich ſehe, daß ſie in der Welt ſo wohl gelitten iſt,— und um meine Ehrlichkeit zu beweiſen, ſetze ich die ganze Welt in Kennt⸗ niß, daß ich niemals ehrlich geweſen bin. 14 Ich that dar, was mir nicht ſchwer wurße, daß ich Major Carbonnell's rechtmäßiger Erbe ſei zund über⸗ legte ſodann, auf welche Weiſe ich mein Vermögen am: —— 1— 3 4 s 75 beſten benutzen könnte. Das Haus war in gutem Stande, und eben ſo gut mit Mobilien verſehen. Der Major hatte den erſten Stock, und ich den zweiten bewohnt. Im Erdgeſchoß befand ſich ein Laden, der für hundert Pfund jährlich vermiethet war. Wir hatten indeß un⸗ ſere beſondere Eingangsthür, Küche und Bodenkammern für uns. Ich beſchloß, nur den erſten Stock zu behal⸗ ten, Alles Uebrige zu vermiethen, und fand bald einen guten Miethsmann, der ſechzig Pfund jährlich gab. Nachdem ich weggegeben, was für mich nicht von Nutzen war, fand ich, daß ich nach Abzug der tauſend Pfund, die ich für Lord Windermear bei dem Banquier wieder eingezahlt, etwas über drei tauſend Pfund baar beſaß, und war in Verlegenheit, wie ich darüber ver⸗ fügen ſollte. Ich ſetzte Mr. Maſterton, als ich bei ihm aß, von meinem Vermögenszuſtande in Kennt⸗ niß, und nahm ſeinen Rath in Anſpruch. »Sie haben zwei gute Miethsleute,“ erwiederte er, „die Ihnen jährlich hundert und ſechzig Pfund geben. Wenn Sie Ihr Geld auf Hypothek ausleihen wollen, ſo kann ich Ihnen fünf Procent dafür verſchaffen, was hundert und funfzig Pfund jährlich betragen wird. Nun frägt es ſich, ob Sie von jährlichen drei hundert und zehn Pfund leben können? Sie haben keine Miethe zu bezahlen, und ſollte ich denken, daß Sie bei ſparſa⸗ men Haushalten recht gut damit fertig werden könn⸗ ten, zumal Ihnen auch die Bedienung nicht viel koſtet. Vergeſſen Sie jedoch nicht, daß Sie über Ihr Geld, wenn Sie meinen Vorſchlag annnehmen, nicht jeden Augenblick verfügen können. Ueberlegen Sie alſo, ehe Sie ſich enkſtheiden.⸗ 8 Ich beriath mich mit Timothy, und beſchloß, das Geld auszuleihen, und nur zwei hundert Pfund zurück H zu behalten, um damit meine Ausgaben zu beſtreiten, bis ich Miethe und Zinſen erhalten würde. Am Frei⸗ tag ging ich zu Mr. Maſterton, und erzählte ihm, was zwiſchen mir und Lady Maelſtrom vorgegangen war. Es beluſtigte ihn unendlich, und er wollte ſich ausſchütten vor Lachen. „Auf mein Wort, Mr. Newland, Sie leiden an einer beſondern Art von Tollheit. Sie machen zuerſt einen Angriff auf Lord Windermear, dann⸗ einen zwei⸗ ten auf einen Biſchof, und endlich, um dem Dinge die Krone aufzuſetzen, einen dritten auf die Wittwe eines Pairs. Ich muß bekennen, daß Nachläſſigkeit im Su⸗ chen nicht Schuld daran ſein wird, wenn Sie Ihre Aeltern nicht ausfindig machen. Mit einem Worte, Sie ſind ein höchſt ſonderbarer Charakter; Ihre Geſchichte iſt merkwürdig genug, und Ihr gutes Glück nicht minder. Sie haben ſich mehr Freunde gemacht, ehe Sie mündig geworden ſind, als den Meiſten in ihrem ganzen Leben gelingt. Sie treten mit Nichts in die Welt, und ſind bereits zu einem Vermögen gelangt, von welchem Sie leben können— haben ein Darlehen von tauſend Pfund zurückgezahlt, das nicht zurückgefordert wurde— und floriren in der beſten Geſellſchaft. Das Schlimme, was ich bei dem Allen ſehe, beſteht darin, daß Sie ſich unter falſchem Schein in der Geſellſchaft befinden, indem Sie dieſelbe glauben gemacht, daß Sie ein beträͤchtli⸗ ches Vermögen beſäßen.« „Das habe ich niemals behauptet, Sir?« „Das will ich zugeben; aber Sie haben zu der Be⸗ hauptung geſchwiegen, und dies macht meiner Mei⸗ nung nach keinen Unterſchied. Gedenken Sie dem fal⸗ ſchen Glauben auch jetzt nicht zu widerſprechen?« „Ich weiß kaum was ich ſagen ſoll, Sir. Wenn 77 ich ſagte, daß ich Nichts hätte, als ein Haus und ei⸗ nige tauſend Pfund, ſo würde ich nur dem guten Na⸗ men des Majors ſchaden. Alle Welt würde glauben, daß er mich zu Grunde gerichtet, und ich verdanke ihm doch meine jetzige günſtige Lage.« »Das mag ſehr wahr ſein, Mr. Newland; allein wenn ich Sie als meinen, und, wie ich hinzufügen kann, Lord Windermears Schützling betrachten ſoll, ſo müſſen Sie vollkommen ehrlich werden— ich mag auf keine Weiſe Theilnehmer an einem Betruge ſein. Kön⸗ nen Sie ſich entſchließen, auf Ihre erborgten Federn zu verzichten, und ſich der Welt zu zeigen, wie Sie wirklich ſind?«. »Es iſt nur ein Bewegrund vorhanden, Sir, der mich wünſchen läßt, daß die Welt ſich noch länger täu⸗ ſchen möchte. Ich kann aus der Geſellſchaft ausgeſto⸗ ßen werden, und verliere dann die Gelegenheit, meine Aeltern zu entdecken.“« »Aber, Mr. Newland, was muß Ihrer Meinung nach wohl mit mehr Wahrſcheinlichkeit zu dieſer Ent⸗ deckung führen, daß man allgemein weiß, daß Sie ein Findling ſind, der ſeine Aeltern ſucht, oder Ihr jetziges Verfahren, Jedermann auf bloße Vermuͤthung die Va⸗ terſchaft auf den Kopf zuzuſagen? Sind Ihre Aeltern geneigt, ſich Ihnen zu erkennen zu geben, ſo werden ſie im erſteren Falle ihre Blicke auf Sie richten, und ich füge hinzu, daß es wenige Aeltern geben wird, die auf einen ſolchen Sohn nicht ſtolz ſein würden. Sie werden den Schutz Lord Windermears genießen, der Ihnen ſtets eine Stellung in der Geſellſchaft und Je⸗ dermanns Gunſt ſichern wird, obgleich ich zuͤgeben will, daß Leute, wie Lady Maelſtrom, vielleicht Ihren Na⸗ men aus dem Verzeichniß ihres Portiers ausſtreichen. — 28 Sie wuͤrden außerdem die Genugthuung haben, zu wiſ⸗ ſen, daß die Freunde, die Sie ſich machen, nicht durch einen falſchen Schein gewonnen ſind, und die noch größere Genugthuung, die ans einem guten Ge⸗ wiſſen entſpringt.« »Sie haben mich überzeugt, Sir, und ich danke Ihnen für Ihren Rath. Ich werde von jetzt an in allen Dingen Ihrer Leitung folgen.“« „Geben Sie mir Ihre Hand, mein wackerer, junger Mann, ich werde mich Ihnen nunmehr als ein Freund erweiſen, der Alles für Sie thut, was nur in ſeinen Kräften ſteht.« „Ach, Sir,« erwiederte ich;» ich wünſche nur, daß Sie auch mein Vater wären.“ »„Ich danke Ihnen für den Wunſch, da er mir be⸗ weiſt, daß Sie eine gute Meinung von mir hegen. Was denken Sie zu thun?« »Ich habe meinem Freunde Harcourt verſprochen, ſeine Aeltern mit ihm zu beſuchen.“ „»Nun?«. 1 „Und ehe ich es thue, werde ich ihn enttäuſchen.⸗ „Sie werden wohl daran thun; es wird ſich dann zeigen, ob er Ihr, oder Ihres vermeinten Reichthums Freund iſt. Ich habe darüber nachgedacht, und wüßte nicht, daß jetzt etwas Anderes geſchehen könnte, als aller Welt zu offenbaren, wer Sie in Wahrheit ſind, was wahrſcheinlich mehr, als jedes andere Mittel zur Eutdeckung Ihrer Aeltern führen wird; ich werde jedoch deshalb nicht müßig ſein. Wir Rechtsmänner ſind ſämmtlich im Beſitz ſonderbarer Geheimniſſe; ich werde zu meinen Kollegen ganz offen reden, und halte es für möglich, daß ſich ein Faden auffindet, der ſich wei⸗ ter verfolgen läßt. Grämen Sie ſich nicht darüber, 79 wenn Mancher Sie nicht mehr kennen will, ſobald Ihre Geſchichte bekannt iſt; die ſich ſo benehmen wer⸗ den, ſind Menſchen, deren Umgang und Freundſchaft keinen Werth hat. Sie werden Ihre Schmeichler von Ihren Freunden unterſcheiden lernen, und es nicht be⸗ reuen, ehrlich geweſen zu ſein. Am Ende iſt und bleibt, ſelbſt aus dem weltlichen Geſichtspunkte, Ehrlichkeit die beſte Klugheit. Kommen Sie zu mir, ſo oft es Ih⸗ nen beliebt; ich werde ſtets zu Hauſe für Sie und ſtets Ihr Freund ſein.« Dieſes war der Erfolg meines Beſuches bei Mr. Maſterton, und ich erzählte Timothy Alles, ſobald ich wieder zu Hauſe war. Er ſagte: »Ich denke, Japhet, Du haſt in Mr. Maſterton ei⸗ nen wahrhaften Freund gefunden, und ich freue mich, daß Du den Entſchluß faßteſt ſeinem Rathe zu folgen. Was mich betrifft, ſo ſcheine ich nicht, was ich nicht bin, ſondern befinde mich in meiner richtigen Stellung, und wünſche mir nichts mehr.« das Maſterton gegebene Verſprechen zu erfüllen ging ich am andern Morgen zu Harcourt, und nachdem 8 ich ihn von meiner Abſicht in Kenntniß geſetzt, eine kleine Reiſe von ein paar Tagen zu machen, um ein kleines Mädchen zu ſehen, das unter meiner Obhut ſei, ſagte ich zu ihm:—— »Harcourt, ſo lange wir nur Stadtbekannte waren, in der Geſellſchaft zuſammentrafen, und keine beſondere Verpflichtungen gegen einander hatten, hielt ich es nicht der Mühe werth, Sie in Betreff eines Punktes zu enttäuſchen, in Beziehung, auf welchen Major Car⸗ bonnell ſich ſelbſt und Andere getäuſcht hat; allein jetzt⸗ da Sie mir angeboten haben, mich bei Ihrer Familie einzuführen, darf ich Sie nicht länger im Irrthum laſſen. 80 Es wird allgemein geglaubt, daß ich, ſobald ich mün⸗ dig geworden, in den Beſitz eines großen Vermögens gelangen würde; dieſes iſt jedoch durchaus nicht der Fall; ich habe nichts in der Welt, als eine geringe Jahreseinnahme, und die Freundſchaft Lord Winder⸗ mears. Ich bin ein von ſeinen Aeltern verlaſſenes Kind. Ich kenne ſie nicht, und bin ſehr begierig, ſie ausfindig zu machen, da ich allen Grund habe zu glauben, nicht von niedriger Herkunft zu ſein. Ich ſage Ihnen dies ganz aufrichtig, und werde Ihre Einladung als unge⸗ ſchehen betrachten, wenn ſie von Ihnen nicht wieder⸗ holt wird.« Harcourt ſchwieg einige Zeit, endlich erwiederte er: »Sie haben mich wirklich in Erſtaunen geſetzt, New⸗ land; aber,« fuhr er fort, indem er mir die Hand reichte,»ich bewundere Sie, und weiß, daß Sie mir von jetzt an um ſo werther ſein werden. Mit zehn tauſend Pfund jährlicher Einnahme ſtanden Sie über mir— jetzt ſind wir einander gleich. Als ein jüngerer Bruder habe auch ich nur eine bloße Abfindung, und was meine Aeltern betrifft, ſo iſt es, ange die Vortheile, deren ich von ihrer Seite mich erfreue, eben ſo gut, als wenn ich keine hätte. Mein Vater iſt al⸗ lerdings ein wackerer, ehrenwerther, alter Herr allein ſeine Güter ſind Majorat; er iſt genöthigt ſeine Stel⸗ lung in der Geſellſchaft zu behaupten, hat eine große Familie zu verſorgen, und kann nicht mehr für mich thun. Sie haben in der That durch Ihr Geſtändniß einen ungewöhnlichen moraliſchen Muth bewieſen. Wün⸗ ſchen Sie, daß Ihre Mittheilung ein Geheimniß bleibt?« „»Im Gegentheil, mein Wunſch iſt, daß die Wahr⸗ heit allgemein bekannt wird.« „Ich freue mich, dieſes von Ihnen zu hören, da ich * I 81 gegen meinen Vater von Ihnen als von einem ſehr rei⸗ chen, jungen Manne geſprochen, bin aber überzeugt, daß er, wenn ich ihm den Inhalt unſerer Unterredung mittheile, Sie mit größerem Vergnügen aufnehmen wird, als wenn Sie erſchienen wären, um einer meiner Schweſtern einen Heirathsantrag zu machen. Ich wie⸗ derhole jetzt meine Einladung mit doppelter Freude.⸗ »Ich danke Ihnen, Harcourt,« erwiederte ich;»ich gedenke Ihnen ſeinerZeit noch mehr zu ſagen. Freilich werde ich nicht erwarten dürfen, überall ſo edlen Ge⸗ ſinnungen zu begegnen, als bei Ihnen.« »Mag ſein, aber kümmern Sie ſich darum nicht. Am nächſten Freitag reiſen wir ab.« Ich ſagte noch einmal zu, wir gaben uns die Hände, und ich ging. 8 Dreizehntes Kapitel. Ich ſuche die verlorne Spur wieder auf, und mache zu mei⸗ nem Erſtaunen die Entdeckung, daß ich wegen Fälſchung deportirt bin. Harcourts Benehmen war äußerſt ermuthigend, und würde mich in meinem Vorſatze beſtärkt haben, wenn ich geſchwankt hätte. Ich kehrte mit einem leichten Herzen, und jenem erfreulichen, aus der Ueberzeugung, recht gethan zu haben, entſpringenden Gefühle nach Hauſe zurück. Am nächſten Morgen fuhr ich nach— ab, und da Fleta und ich uns lange nicht geſehen hat⸗ Iaphet. II. 6 7 1 82 ten, ſo war unſer Zuſammenſein für uns Beide eine Quelle der ſüßeſten Freude. Sie war größer geworden, und hatte ſich ſehr zu ihrem Vortheil verändert. Sie näherte ſich, nach ihrer Berechnung— denn ihr wahres Alter war ein Geheimniß— ihrem funfzehnten Jahre. Sie hatte nicht weniger an Kenntniſſen, als an Alter zugenommen. Ihre Lehrerin lobte ihre Lernbegier und ihren Fleiß, und fragte mich, ob ich beabſichtige, daß ſie Muſik⸗ und Zeichnenunterricht erhalten ſolle; denn zu Beiden hatte ſie entſchiedene Neigung gezeigt. Ich willigte augenblicklich ein, und Fleta umarmte mich für mein Entgegenkommen. Sie entwickelte ſich raſch, und meine Gefühle gegen ſie waren inniger, als je. Ich ließ mir das mehrfach erwähnte Halsband von ihr ge⸗ ben, indem ich ihr ſagte, daß es an einem ſichern Orte aufbewahrt werden müſſe, da ſehr viel davon abhinge. Sie war begierig, Genaueres zu erfahren, doch ich wollte diesmal auf die Sache nicht näher eingehen. Auf den Fall, daß ihr Aufenthaltsort von Melchiors Agenten durch irgend einen Zufall entdeckt werden ſollte, ertheilte ich ihr die Warnung, daß ſie unter keiner Be⸗ dingung, wenn ich nicht ſelbſt käme, die Erziehungsan⸗ ſtalt verlaſſen ſolle, auch dann nicht, wenn man ihr einen Brief von mir, der eine Aufforderung enthielte, vorwieſe, es müßte denn ſein, daß derſelbe von Timo⸗ thy überbracht würde. Der Lehrerin gab ich dieſelbe Weiſung, bezahlte das Koſtgeld und allen übrigen Auf⸗ wand, und nahm mik dem Verſprechen Abſchied, auf meinen Beſuch nicht wieder ſo lange warken zu laſſen. Nach London zurückgekehrt, übergab ich Mr. Maſter⸗ ton das Halsband, und er verſchloß es ſorgfältig in ſeiner eiſernen Truhe. Am Freitag reiſ'te ich mit Harcourt, von Timo⸗ * 83 thy und Harcourts Bedienten begleitet, nach ſeines Vaters Landſitz in— ſhire ab; wir langten zur Zeit des Mittageſſens an. Ich wurde von dem alten Mr. Karcourt und ſeiner, aus ſeiner Gattin und drei lie⸗ benswürdigen und ſchönen Töchtern beſtehenden Fa⸗ milie ſehr freundlich aufgenommen. Am Tage nach unſerer Ankunft, war ich hoch erfreut, zu gewahren, daß das Benehmen des alten Herrn gegen mich noch zuvorkommender wurde, denn ich ſetzte voraus, daß ihm von Harcourt meine Eröffnungen mitgetheilt waren. Ich blieb vierzehn Tage, und habe nie eine gluͤcklichere Zeit verlebt. Ich war bald mit der ganzen Familie auf dem vertraulichſten Fuße, und wurde behandelt, als ob ich ihr angehört hätte. Bei dem Allen aber wurde ich trauriger, und immer trauriger, wenn ich Abends zu Bette ging. Ich fühlte, welch eine Wonne es ſein müſſe, Aeltern, Schweſtern und Anverwandte zu haben— ſich in den Schooß einer Familie zurückziehen, und Freude und Leid mit ihr theilen zu können, und oft liefen mir Thränen über die Wangen, lund feuchteten meine Kiſſen, nachdem ich noch vor kaum einer Stunde der Glücklichſte der Glück⸗ lichen, und der Fröhlichſte der Fröhlichen geweſen war. In einem Familienkreiſe iſt nichts ſo unterhaltend, als irgend ein kleines ungewöhnliches Talent, und meine Karten⸗ und ähnlichen Kunſtſtücke, worin Melchior mich zum Meiſter gemacht, waren Veranlaſſung zu viel un⸗ ſchuldiger Beluſtigung. Als ich abreißte, ſagten die Aeltern mir das herzlichſte Lebewohl, und die Augen ſowohl der lieben Mädchen, als meine eigenen, blieben beim Abſchiede nicht ganz trocken. „»Sie haben Ihrem Vater Alles geſagt, Harcourt, nicht ſo?« 84 »Allerdings, Japhet; und Sie müſſen bekennen, daß Sie in ſeiner Meinung dadurch nicht gelitten haben. Unſere Freundſchaft hat meines Vaters Beifall, und er rieth mir, ſie fortzuſetzen. Um Ihnen zu beweiſen, daß dieſes auch mein Wunſch iſt, will ich Ihnen einen Vor⸗ ſchlag machen. Ich kenne Ihr Haus ſo gut, als Sie ſelbſt, und weiß, daß Sie nur das erſte Stockwerk be⸗ nutzen, das aber zwei gute Zimmer enthält, und Sie können das eine entbehren. Was meinen Sie dazu, wenn wir zuſammenzögen und eine Wirthſchaft mach⸗ ten? Es würde, wie der arme Carbonnell ſagte, als er Sie in ſein Haus nahm, ein Erſparniß für uns Beide ſein. »Ich willige von ganzem Herzen ein, und bin über Ihren Vorſchlag hoch erfreut.⸗ Harcourt ſagte darauf, wie viel er zu ſeinem An⸗ theil für das Zimmer zu bieten gedenke; die übrigen Ausgaben ſollten gemeinſchaftlich beſtritten, und ſein Bedienter entlaſſen werden. Ich brauche kaum zu ſa⸗ gen, daß wir uns bald einigten, und ehe ich eine Woche wieder in London geweſen war, wohnten wir bei ein⸗ ander. Ueber meinen Beſuchen bei Mr. Maſterton und ſpäͤ⸗ teren Vorfällen hatte ich es vergeſſen, mich in das Fin⸗ delhaus zu begeben, um mich zu erkundigen, ob Nach⸗ forſchungen nach mir angeſtellt worden wären. Nach meiner Rückkehr ging ich hin, und hörte, daß am fol⸗ genden Tage eine Verſammlung der Vorſtände gehalten werden ſolle. Ich ließ mich melden, und wurde in das Verſammlungszimmer eingeführt. »Ich höre, daß Sie mit den Direktoren zu ſprechen wünſchen,“« ſagte der Vorſitzende. »Ja, Sir,“« erweederte ich;»ich komme, um mich — — 85 zu erkundigen, ob hier Nachftage nach einem der dieſer Anſtalt anvertrauten Kinder, mit Namen Japhet New⸗ land, angeſtellt iſt.« ₰ »Japhet Newland!⸗ »Sie werden ſich erinnern, Sir, daß er bei einem Apotheker, Namens Cophagus, in die Lehre gegeben wurde. Man hatte mit ihm eine Summe Geldes überſchickt, und ein Billet beſagte, daß er zurückgefor⸗ dert werden würde, wenn es die Umſtände erlaubten.⸗ »Ich entſinne mich ſehr wohl— es war vor ein paar Jahren, und mir deucht, daß Nachfrage geweſen iſt— nicht wahr, Mr. G— 2 »Ich glaube vor etwa anderthalb Jahren; doch wir wollen den Schreiber kommen und in den Büchern nachſehen laſſen.« Mein Herz klopfte mächtig, und der Schweiß be⸗ thauete meine Stirn, als ich vernahm, was die Herren ſagten. Meine Bewegung wurde endlich ſo groß, daß ich nahe daran war, in Ohnmacht zu fallen.»Ihnen wird unwohl, Sir,« ſagte einer der Direktoren,— „ſchnell— ein Glas Waſſer.“« Der Aufwärter eilte hinaus, brachte ein Glas Waſſer, und ich erholte mich, nachdem ich es ge⸗ trunken. »Sie ſcheinen an dem Wohle dieſes jungen Mannes ſehr lebhaften Antheil zu nehmen.“« »Ja, Sir,“« erwiederte ich.»Niemand kann größern Antheil daran nehmen, als ich.« Der Schreiber erſchien mit den Büchern, ſuchte, und las, wie folgt: »Am 16. Auguſt meldete ſich ein Herr, um nach ei⸗ nem Kinde, Namens Japhet, zu fragen, dem eine Summe Geldes mitgegeben worden— Japhet, auf * — 86 Befehl der Direktoren Japhet Newland getauft— zu Mr. Cophagus an Smithfield Market gebracht. Er kehrte am andern Tage zurück, und ſagte, daß Mr. Cophagus ſich aus ſeinem Geſchäfte zurückgezogen— daß die Ladendiener von dem beſagten Japhet Newland nichts Gewiſſes hätten ſagen können, aber gehört zu haben glaubten, daß er wegen Fälſchung vor etwa einem Jahre auf Zeitlebens deportirt ſei.« »Gütiger Himmel! welch eine ſchändliche Behaup⸗ tung!“« rief ich, meine Hände faltend, aus. »Als wir die Verbrecher⸗ Verzeichntſſe zu Rathe zo⸗ gen, fanden wir, daß ein gewiſſer J. Newland wegen Fälſchung deportirt ſei. Es ſteht daßin ob der J und Japhet Newland dieſelbe Perſon iſt.« „»Keineswegs; aber es kommt Alles von der Rach⸗ ſucht der beiden ſchurkiſchen Gehülfen Pleggit's,« rief ich aus. »Wie können Sie das ſo beſtimmt behaupten, Sir,⸗ bemerkte einer der Direktoren. 6 »Wie ich es behaupten kann, Sir!« erwiederte ich, von meinem Stuhle aufſpringend.»Ich ſelbſt bin Ja⸗ phet Newland, Sir.“« „»Sie, Sir!“« erwiederte der Direktor, und maß mich und meine Ketten und Juwelen mit verwunderten Blicken. »Ja, Sir, ich bin der Japhet Newland, der als Kind in dieſes Haus, und bei Mr. Cophagus in die Lehre gebracht wurde.“ »Dann ſind Sie wahrſcheinlich,« erwiederte der Vorſitzende,»der Mr. Newland, deſſen Name in allen vornehmen Zirkeln genannt wird?«. „Ich denke derſelbe, Sir.“ »Ich wünſche Ihnen Glück zu Ihrem Emporkom⸗ 87 men in der Welt, Sir. Es hat nicht den Auſchein, als wenn es Ihnen ſehr wichtig ſein könnte, Ihre Ael⸗ tern ausfindig zu machen.« »Sir,« erwiederte ich,„Sie wiſſen nicht, was es heißt, ohne Aeltern und Anverwandte zu ſein. Für wie glücklich Sie mich auch halten mögen— und ich geſtehe alle Urſache zu haben, für mein unerwartetes Emporkommen dankbar zu ſein— ſo würde ich doch in dieſem Augenblicke Alles hingeben, was ich beſitze, mei⸗ nen Findelkind⸗Anzug wieder anlegen, und mich als einen Bettler hinausweiſen laſſen, wenn ich die Urhe⸗ ber meines Daſeins entdecken könnte.« Ich machte den Direktoren eine tiefe Verbeugung, und verließ das Zimmer. Vierzehntes Kapitel. Es wird Unheil gebrauet.— Timotheus und ich halten Rath, und Tim geht wieder zu ſeinem alten Zigeuner⸗Handwerk über. Ich eilte mit über alle Beſch mibung ſchmerzlichen Gefühlen nach Hauſe. Mein Herz war ſo voll von Wehe, und ich fühlte mich ſo verſtimmt, daß ich voll⸗ kommen niedergebeugt war. Ich empfand nur einen Wunſch— daß ich todt ſein möchte. Ich hatte Har⸗ court meine Lebensgeſchichte mitgetheilt, warf mich ver⸗ zweiflungsvoll auf das Sopha, und erleichterte mein ſchweres Herz durch eine Thränenfluth. Sobald ich mich einigermaßen wieder gefaßt hatte, berichtete ich, was ich im Findelhauſe gehört. 4 „Mein lieber Newland, der Vorfall iſt an ſich ſelbſt freilich unangenehm, aber meiner Meinung nach haben Sie doch nicht gar zu große Urſache, ſich zu grämen, denn Sie wiſſen wenigſtens, daß man Sie bat zurück⸗ fordern wollen.“ „Das gebe ich zu,“« erwiederte ich;»aber hat man den Nachforſchenden nicht geſagt, und ſtehen ſie nicht in dem Glauben, daß ich wegen eines todeswürdigen Verbrechens zu einer ſchimpflichen Strafe verurtheilt bin? Werden ſie je wieder Nachfrage nach mir an⸗ ſtellen?« „»Wahrſcheinlich nicht; Sie müſſen ſie jetzt Ihrer⸗ ſeits ſuchen. Ich würde Ihnen rathen, daß Sie ſich morgen in den Apothekerladen begäben, und ſich erkun⸗ digten, wer es geweſen, der nach Ihnen geforſcht. Wenn Sie es mir erlauben, ſo gehe ich mit Ihnen.“⸗ »Um mich von den boshaften Schurken verhöhnen zu laſſen?« »„Sie werden es nicht wagen, Sie zu beleidigen. Sie würden es vielleicht thun, wenn Sie Apotheker⸗ Gehülfe wären, werden aber Scheu tragen, wenn Sie als Gentleman auftreten, und ſollte es nicht der Fall ſein, ſo wird ihr Prinzipal höflich ſein, und Ihnen alle Auskunft geben, die er geben kann. Vielleicht iſt es indeß gut, wenn wir mit ſo vielem Glanze als möglich erſcheinen. Ich will meine Tante um ihren Wagen bitten. ⸗ „ Und ich will heute Abend zu Mr. Maſterton ge⸗ hen, und ihn um Rath fragen.⸗ »Bitten Sie ihn, uns zu begleiten, Newland; er ſchreckt ſie vielleicht durch die Drohung mit einer 35 jurien⸗Klage.⸗ Ich begab mich Abends zu Mr. Maſterton, und er⸗ zählte ihm den Vorfall. 1 „ Sie haben allerdings Urſache, verdrießlich zu ſein, Newland; aber laſſen Sie den Muth nicht ſinken, ich will Sie morgen begleiten, und wir wollen ſehen, was ſich thun läßt. Zu welcher Zeit denken Sie hinzu⸗ gehen?“ »Wenn es Ihnen beliebt, Sir, um ein Uhr.⸗ »Recht gern; und ſo gute Nacht, mein Lieber, denn ich habe hier eine Arbeit vor, mit der ich bis dahin noch fertig werden muß.“« Harcourt hatte ſich den Wagen erbeten, wir holten zur beſtimmten Stunde Mr. Maſterton ab, und fuhren nach Smithfield. Als wir vor Mr. Pleggit's Laden hielten, glaubten die Gehülfen anfangs, daß ein Irr⸗ thum ſtattfände, da in dieſem Theile der Hauptſtadt ſelten eine adelige Carroſſe ſtill hält. Wir ſtiegen aus, gingen in den Laden, und Maſterton fragte, vb Mr. Pleggit zu Hauſe ſei. Die Gehülfen, welche mich nicht erkannten, machten tölpiſche Verbeugungen bis auf die Erde, und einer von ihnen eilte, Mr. Pleggit herun⸗ terzurufen. Mr. Pleggit erſchien, und wir begaben uns in das Hinterzimmer, Maſterton machte ihn mit dem Zwecke unſers Beſuchs bekannt, und ſagte, er wünſche zu wiſſen, weshalb der Herr, der nach mir ge⸗ fragt habe, mit der ſchändlichen Erdichtung fortgeſchickt ſei, daß ich wegen Fälſchung deportirt wäre. Der Apo⸗ theker betheuerte ſeine Unſchuld— entſann ſich jedoch, daß Jemand dageweſen ſei— wollte ſeine Gehülfen auf das Genaueſte befragen. Der erſte Gehülfe wurde her⸗ eingerufen und examinirt. Anfangs ſchien er die Sache ſcherzhaft nehmen zu wollen, wurde jedoch demüthig, als Mr. Maſterton ihn bedrohete— geſtand, daß ſie 90 geſagt hätten, ich ſei deportirt, denn ſie haͤtten es in den öffentlichen Blättern geleſen— der Irrthum thue ihm leid— der Herr ſei ein ſehr großer, ſehr gut ge⸗ kleideter Mann geweſen, und habe das Ausſehen eines ſehr vornehmen Mannes gehabt— ſeiner Kleidung konnte er ſich nicht genau entſinnen— der Herr ſei ſtark gebaut, und von ſtrengem Geſicht geweſen— und habe ſehr bewegt geſchienen, als er gehört, daß ich de⸗ portirt wäre. Er ſei zweimal gekommen. Das erſte Mal wäre Mr. Pleggit nicht zu Hauſe geweſen— er habe ſeine Adreſſe zurückgelaſeen— der Name müſſe notirt ſei. Als er zum zweiten Male erſchienen, habe er Mr. Pleggit zu Hauſe getroffen, der ihn an ſie ge⸗ wieſen, da er ſelbſt nicht gewußt, was aus mir gewor⸗ den. Der zweite Gehülfe wurde befragt, und aus ſei⸗ naen Ausſagen ging ſo ziemlich daſſelbe hervor. Das Buch wurde geholt, und es fand ſich beim— Auguſt, ſeitwärts auf dem Blatte ein Name, der, wie der Ge⸗ hülfe ſagte, und faſt beſchwören zu können meinte, der Name des Herrn ſei, da an dieſem Tage kein anderer Name eingezeichnet war. Der Name lautete, wie er daſtand, Derbennon. Dieſes war Alles, was wir in Erfahrung bringen konnten. Wir entfernten uns, ohne daß Mr. Pleggit oder ſeine Gehülfen mich erkannt hätten. „»Ich habe den Namen noch nie nennen hören,⸗ ſagte Harcoürt zu Maſterton. »Aller Wahrſcheinlichkeit nach ſoll es De Benyon ſein,« erwiederte der Rechtsmann;»bei ihrer Unwiſſen⸗ heit konnten ſie ihn leicht verwechſeln. Jedenfalls ha⸗ ben wir jetzt einen Faden, den wir verfolgen können. Die De Benyon's ſind eine Priſche Fennile a — 91 »Dann will ich morgen früh mit Tagesanbruch nach Irland abreiſen, Sir,“« ſagte ich. „»Das werden Sie gefälligſt bleiben laſſen,« erwiederte Maſterton;»Sie werden vielmehr morgen Abend zu mir kommen, und vielleicht kann ich Ihnen dann etwas mittheilen.« Ich verfehlte nicht, zu ihm zu gehen, und er ſagte mir, daß er ſich ſorgfältig nach den De Benyon's er⸗ kundigt habe. Sie gehörten, wie er geſtern ſchon ge⸗ ſagt, zu den vornehmſten iriſchen Familien, und Einer von ihnen beſäße die erbliche Pairie De Beauvoir. Maſterton hatte außerdem an ſeinen Agenten in Dublin geſchrieben, und demſelben aufgegeben, alle mögliche Er⸗ kundigungen über ſämmtliche Glieder der Familie einzu⸗ ziehen. Bis dieſes geſchehen, blieb mir nichts übrig, als mich ganz ruhig zu halten. Ich erzählte Maſter⸗ ton, was zwiſchen Iving und Timotheus vorgegangen war.„Dahinter ſteckt ohne allen Zweifel irgend ein Geheimniß,« bemerkte er;»wann gehen Sie wieder nach— 2 Ich erwiederte, daß ich vorerſt nicht wieder hinzu⸗ reiſen gedächte, es müßte denn ſein, daß er Fleta zu ſehen wünſchte. 1 »Das iſt in der That mein Wunſch, Newland. Mir däucht, ich muß das Mädchen nicht minder als Sie un⸗ ter meinen Schutz nehmen. Wir wollen morgen hin. Der Sonntag iſt mein einziger Muße⸗Tag; es muß als ein Liebeswerk angerechnet werden.“ Wir fuhren am andern Tage ab nach—. Fleta war überraſcht, mich ſo bald wiederzuſehen, und Ma⸗ ſterton nicht minder über die Schönheit und das Eben⸗ maaß der Züge meiner kleinen Schützlingin. Er legte ihr eine Menge Fragen vor, und bei ſeiner berufsmaͤ⸗ 4 92 ßigen Gewandtheit in dergleichen Dingen gelang es ihm, ihr viele kleine auf ihre Kinderjahre ſich beziehen⸗ den Umſtände zu entlocken, die ihrem Gedächtniß bis zu dieſem Augenblick gänzlich entfallen geweſen waren. Als wir zurückfuhren, bemerkte er: »Sie haben Recht, Japhet, Fleta iſt nicht von nie⸗ driger Herkunft. Ihr ganzes Aeußere widerſpricht dem ſchon; ich glaube aber, wir haben Hoffnung, herauszu⸗ bringen, wer ſie iſt,— ich fürchte mehr Hoffnung bis jetzt, als Ihre Aeltern ausfindig zu machen. Doch ver⸗ lieren Sie den Muth nicht, und laſſen Sie uns der Beharrlichkeit vertrauen.“ Ich lebte hiernach drei Wochen mit Harcourt, ging aber nicht viel aus. Eines Morgens kam Timotheus in mein Zimmer, und ſagte: »Ich weiß nicht, ob Du es ſchon bemerkt haſt, Ja⸗ phet; es ſchleicht da fortwährend ein Menſch herum, und bewacht, glaube ich, unſer Haus. Es iſt mir, ob⸗ gleich ich meiner Sache noch nicht vollkommen gewiß bin, als wenn ich ſein Geſicht früher ſchon irgendwo geſehen hätte; ich kann mich aber nicht darauf beſin⸗ nen, wo.“ »Was für eine Art von Menſchen mag er denn ſein 2 »Er iſt ein Mann von ſehr dunkler Geſichtsfarbe, kräftig und gut gebaut; trägt ſich halb wie ein Ma⸗ troſe, halb wie ein Gentleman, ſo wie die Mitglieder der Funny⸗Klubs am Strome; er iſt indeſſen nichts weniger als ein Gentleman, ſondern gerade das Gegen⸗ theil. Vor etwa einer Woche habe ich ihn alle Tage geſehen; ich beobachtete ihn und habe bemerkt, daß er Dir nachfolgt, ſobald Du ausgehſt.« ⸗Wohlan,« erwiederte ich,»ſo müſſen wir wo mög⸗ —— lich herausbringen, was er im Schilde führt. Zeig' ihn mir; ich will bald ſehen, ob er mir nachgeht.« Timotheus zeigte ihn mir nach dem Frühſtück; ich konnte mich des Geſichts nicht genau entſinnen, und doch kam es auch mir ſo vor, als ob ich ihn ſchon ge⸗ ſehen hätte. Ich ging aus, und nachdem ich mehrere Straßen durchwandert haͤtte und mich umdrehete, über⸗ zeugte ich mich, daß er mir auf dem Fuße nachgefolgt war. Ich that, als ob ich ihn nicht bemerkte, und be⸗ ſchloß, ihn auf eine weitere Probe zu ſtellen, ging da⸗ her nach dem White⸗Horſe⸗Keller, und nahm einen Platz in einer Poſtkutſche, die eben nach Brentford ab⸗ fahren ſollte. Als ich in Brentford ausſtieg, erblickte ich den Menſchen oben auf dem Wagen, und plötlich entſann ich mich ſeiner— es war der Zigeuner, der Melchior die Nachrichten gebracht hatte, die denſelben veranlaßten, das Lager zu verlaſſen. Ich erinnerte mich ſeiner und des Umſtandes, wie er am Fluſſe niederge⸗ knieet war, und ſich das Geſicht gewaſchen hatte, ganz genau. Das Geheimniß war alſo offenbar— Melchior hatte ihn abgeſchickt, um Fleta's Aufenthaltsort auszuforſchen. Sie hatten wahrſcheinlich die Entdeckung gemacht, daß ihnen Timoth' eine falſche Adreſſe gegeben, und ſuchten nun durch Beobachtung aller meiner Schritte und Tritte die rechte ausfindig zu machen.»Ihr ſollt je⸗ denfalls angeführt werden,« dachte ich, und ging durch mehrere Straßen von Brentford, bis ich an eine Mäd⸗ chen⸗Schule kam. Ich ſchellte, wurde eingelaſſen, und erkundigte mich nach dem Betrage des Koſtgeldes für ein junges Mädchen. Ich hielt mich dabei ſo lange auf, als ich konnte, und verſprach wiederzukommen, wenn die Angehörigen des letzteren mit den Bedingun⸗ gen ſo zufrieden wären, als ich es zu ſein vorgab. Als ich das Haus verließ, war auch mein zigeuneriſcher Wächter nicht weit. Ich kehrte gleich darauf nach London zurück. Als ich Timotheus mein Abenteuer erzählt hatte, ſagte er. „Ich glaube, daß ich gute Dienſte leiſten könnte, wenn Du mich auf ein paar Wochen entbehren magſt. Er kennt mich nicht, und wenn ich mein Geſicht dunkel färbe und mich geſchickt verkleide, ſo wird es mir nicht ſchwer werden, mich als einen Zigeuner geltend zu ma⸗ chen, denn ich kenne ihr Kauderwälſch, und habe ja ſo lange unter ihnen gelebt.« »Was ſoll denn aber Deiner Meinung nach Gutes dabei herauskommen, Tim?« »Meine Abſicht iſt, zu erforſchen, wo er ſich auf⸗ hält, und dann mein Quartier in demſelben Hauſe auf⸗ zuſchlagen; ſeine Bekanntſchaft zu ſuchen und ausfin⸗ dig zu machen, wer Melchior eigentlich iſt und wo er ſteckt. Daß ich ihn und Nattih kenne, kommt mir vielleicht zu Hülfe.« »Du mußt aber ſehr vorſichtig dabei zu Werke ge⸗ hen, Tim; denn es kann ſein, daß er genug von uns weiß, um Argwohn gegen Dich zu ſchöpfen.“ „»Laß mich nur machen. Gefällt Dir mein Plan?« „Recht ſehr; Du magſt augenblicklich Deine Vor⸗ kehrungen treffen.⸗ 3 Funfzehntes Kapitel Ich begebe mich auf eine Phantomen⸗Jagd— und treffe mit einem alten Freunde zuſammen. Am folgenden Morgen hatte mir Timotheus einen andern Bedienten verſchafft, legte ſeine Livree ab, er⸗ ſchien Abends, und ließ heraufſagen, es wünſche mich Jemand zu ſprechen. Er trug Halbſtiefel, wollene Strümpfe, fettige, kurze Lederbeinkleider, eine Plüſch⸗ Weſte, und einen blauen Kittel. Sein Geſicht war dunkel olivenfarbig, und als er eintrat, hatte Harcourt, der neben mir ſaß, auch nicht eine Ahnung, daß er es wäre. Da Harcourt alle meine Geheimniſſe kannte, hatte ich ihm auch dieſes anvertraut, ihm jedoch nichts von Timothy's Abſichten geſagt, weil ich mich zu über⸗ zeugen wünſchte, ob die Verkleidung täuſchend genug wäre. Ich hatte ihm nur geſagt, daß ich Tim auf ei⸗ nige Tage Urlaub gegeben.. »Vielleicht wünſchen Sie, daß ich auf ein paar Au⸗ genblicke hinausgehe,« ſagte Harcourt, nach Timotheus blickend. »Keineswegs, liebſter Harcourt, ich wüßte nicht, warum? Es iſt ja Niemand hier, als Sie und Ti⸗ mothy.« „»Timothy! Vortrefflich— auf mein Wort, ich hätte ihn nicht wiedergekannt.“« „Er iſt im Begriff, ſeine Abenteuer zu beginnen.⸗ „»Und wenn Sie erlauben, Sir, ſo will ich keine — 96 Zeit verlieren. Es iſt ſchon dunkel, und ich weiß, wo der Zigeuner herbergt.“« 3 »Mögeſt Du glücklich ſein; aber ſei vorſichtig, Tim. Du wirſt beſſer thun, mir zu ſchreiben, ſtatt ſelbſt zu kommen.“ »Ich habe denſelben Gedanken gehabt; und jetzt wünſche ich Ihnen einen guten Abend.“ Als Timotheus fort war, machte ich Harcourt mit unſeren Planen bekannt. 3 1 »Ihr Leben iſt ſo abenteuerlich, als möglich, New⸗ land,« ſagte er;»Sie ſind fortwährend Intriguen aus⸗ geſetzt, und intrigniren Ihrerſeits— Minen und Ge⸗ genminen. Ich habe eine Ahnung, daß etwas Großes in Ihnen ſtecken muß; denn wenn dies nicht der Fall wäre, warum Ihretwegen all dieſes Aufhebens?« „Im jetzt vorliegenden Falle iſt all das Treiben um Fleta, in der nach Ihrer Folgerung etwas Großes ſtecken muß.« „Mag auch wohl ſein. Ich möchte das Mädchen gar gern ein Mal ſehen, Newland.“. „Das kann jetzt aus Gruͤnden, die Ihnen wohl be⸗ kannt ſind, nicht ſein; aber zu einer andern Zeit wird es mir großes Vergnügen machen, Sie zu ihr zu führen.« 5* Am zweiten Tage, nachdem ſich Timotheus entfernt hatte, erhielt ich einen Brief von ihm durch die Stadt⸗ poſt. Er hatte mit dem Zigeuner Bekanntſchaft ge⸗ macht, aber noch nichts von ihm herausgebracht, da er ſich fürchtete, Fragen an ihn zu richten. Er ſchrieb ferner, daß ſein treuer Gefährte keinen Widerwillen gegen ein paar Gläſer habe, und er zweifle nicht, daß er mir in wenigen Tagen, wenn es ihm gelänge, ihn 97 trunken zu machen, wichtige Dinge werde mittheilen können. Ich war während dieſer Zeit in großer Spannung. Ich ging zu Mr. Maſterton, und erzählte ihm Alles. Die Sache ſetzte ihn in Verwunderung und beluſtigte ihn zugleich, und er bat mich, daß ich nicht verfehlen möchte, ihm ſogleich Nachricht zu geben, wenn etwas an das Licht käme. Sein Geſchäftsführer in Dublin hatte noch nicht geantwortet. Es währte acht Tage, ehe ich von Timotheus wieder hörte; und ich war eben ſo ungeduldlg als beſorgt, daß ihm ein Unglück widerfahren ſein möchte. Seine Mit⸗ theilung war von Wichtigkeit. Er hatte ſich auf den vertrauteſten Fuß mit dem Menſchen geſetzt, der ihm den Vorſchlag gemacht hatte, daß er ihm bei der Ent⸗ führung eines kleinen Mädchens, das ſich in Brentford in einer Erziehungs⸗Anſtalt befände, Beiſtand leiſten ſolle. Sie hatten mit einander überlegt, wie dieſelbe bewerkſtelligt werden könne, und Timotheus hatte vor⸗ geſchlagen, daß er einen Brief, in welchem ihr befohlen würde, nach London zu kommen, auſſetzen und denſel⸗ ben, in der Verkleidung eines Livree⸗Bedienten, über⸗ bringen wolle. Der Zigeuner hatte noch andere Plane, deren einer darin beſtand, ſich durch Vermittelung der Dienerſchaft Zugang in das Haus zu verſchaffen. Ein anderer beſtand darin, ſich der Hülfe einiger Zigeune⸗ rinnen zu bedienen, die als Wahrſagerinnen auftreten ſollten. Es war jedoch noch nichts entſchieden, ausge⸗ nommen der Beſchluß, ſich Fleta's, wenn es ſein müßte, ſelbſt durch Gewalt zu bemächtigen; in jedem Falle ſollte Timotheus Beiſtand leiſten. Als ich dieſes las, war ich hoch erfreut, daß der Menſch auf einer falſchen Spur war, und daß Timo⸗ Japhet. II. 7 98 theus ſeinen Plan herausgebracht. Timotheus fuhr fort:— Sie hätten in der vorigen Nacht tüchtig ge⸗ trunken, und der Zigeuner nicht angeſtanden, zu ſagen, daß er im Auftrage eines ſehr reichen Herrn handle, der gut bezahle und dem ſeine Dienſte zu verweigern nicht räthlich ſei, da er große Macht beſitze. Nach ei⸗ nigem Bedenken hatte er Timotheus gefragt, ob Tim unter den Zigeunern den Namen Melchior jemals ge⸗ hört habe. Timotheus hatte bejahet, und hinzugefügt, daß er Melchior und deſſen Frau bei Gelegenheit der Verſammlung geſehen habe. Timotheus hatte einmal geglaubt, daß der Zigeuner in Begriff ſei, ihm Alles zu offenbaren; er hatte jedoch kurz abgebrochen, und aus⸗ weichende Antworten gegeben. Auf eine ihm vorgelegte Frage, wohin ſie das Kind bringen ſollten, wenn ſie ſich ſeiner bemäͤchtigt haben würden, hatte er erwiedert, daß ſie mit ihm über das Waſſer gehen würden. Die⸗ ſes war der Inhalt des Briefs, und ich wartete mit Begierde auf weitere Mittheilungen. Am folgenden Tage ſtattete ich in Longs Hotel ei⸗ nem Herrn meinen Beſuch ab, mit welchem ich auf ver⸗ trautem Fuße ſtand. Nachdem ich eine kurze Zeit bei ihm verweilt hatte entfernte ich mich, und als ich aus dem Hauſe ging, wurde meine Aufmerkſamkeit durch einige im Vorfaume liegende Koffer erregt. Ich ſtutzte, als ich die dreſſe las:»A. De Benyon, Esg. Abzugeben in F—s Hotel zu Dublin.« Ich fragte ei⸗ nen Kellner, ob Mr. De Benyon das Hotel verlaſſen habe. Er erwiezerte, der Herr ſei am Vormittage in ſeinem eigenen Wagen abgefahren, und da er mehr Ge⸗ päck bei ſich gehabt, als er habe mitnehmen können, ſo habe er befohlen, daß ihm dieſe Koffer durch die Poſt nachgeſchickt würden. Ich hatte inzwiſchen meine 3 99 Faſſung wieder gewonnen, ſchrieb mir die Adreſſe auf, und ſagte, daß es mir Leid thäte, Mr. De Benyon nicht geſehen zu haben, und daß ich ihm ſchreiben würde. Wenn es mir aber auch gelang, vor dem Kellner ruhig zu erſcheinen, wie klopfte mein Herz, als ich nach Hauſe eilte! Ich hielt mich überzeugt— durch wie ſchwache Gründe iſt dem Leſer bekannt— daß dieſer Mr. De Benyon entweder mein Vater ſein, oder, wo nicht, im Stande ſein müſſe, mir Auskunft über denſel⸗ ben zu geben. Hatte Mr. Maſterton nicht geſagt, wir hätten jetzt einen Faden in der Hand— hatte er nicht nach Dublin geſchrieben? Bei meiner aufgeregten Ein⸗ bildungskraft erſchien mir Alles ſo klar wie die Sonne, und noch ehe ich zu Hauſe ankam, hatte ich mir einen Plan entworfen. Es war etwa vier Uhr. Ich packte eiligſt meinen Mantelſack, ſteckte all' mein baares Geld, ungefähr ſechszig Pfund, zu mir, und ſchickte den Be⸗ dienten fort, einen Platz für mich in der Poſtkutſche nach Holyhead zu beſtellen. Ich wartete bis nach halb ſechs auf Harcourt, der aber nicht zu Hauſe kam. Ich ſchrieb daher ein kurzes Billet an ihn, worin ich ihm ſagte, wohin ich ginge, und ihm verſprach, zu ſchreiben, ſobald ich an dem Orte meiner Beſtimmung angelangt wäre. »Irland wird der Schauplatz meiner künfti⸗ gen Abenteuer werden, mein theurer Harconrt. Gehen Sie zu Mr. Maſterton, und ſetzen Sie ihn von dem, was ich gethan habe, in Kenntniß; er wird es ohne Zweifel billigen. Oeffnen Sie Timothy's Briefe, und theilen Sie mir den In⸗ halt mit. Ich überlaſſe es Ihnen, in jeder Be⸗ 7 * 100 ziehung bis zu meiner Rückkehr für mich zu han⸗ deln. Bis dahin bin ich 3 immer der Ihrige, Japhet Newland.⸗ Ich übergab dieſen Brief dem Bedienten, fuhr nach dem Poſthauſe, und rollte fünf Minuten darauf gen Holyhead, mir ſelbſt wegen meiner raſchen Entſchloſſen⸗ heit Glück wüͤnſchend, und wenig ahnend, wozu mein Schritt führen würde. 4. Es war eine ſehr finſtere November⸗Nacht, in wel⸗ cher ich abreiſ'te. In der Poſtkutſche ſaßen außer mir noch drei andere Paſſagiere, von denen noch keiner ein Wort geſprochen, nachdem wir ſchon mehrere Meilen zurückgelegt hatten. Eingehüllt in meinen Mantel, überließ ich mich, wie gewöhnlich, meinen Träumereien, und bauete ein Luftſchloß nach dem andern. Endlich räusperte ſich einer von meinen Reiſegefährten, als ob er ein Zeichen geben wolle, daß er im Begriff ſei, zu reden; gleich darauf fragte er ſeinen Nachbar, ob er die letzten Zeitungen geleſen. Jener verneinte.„Es ſcheint, daß Irland in einem nicht ſehr ruhigen Zuſtande iſt, Sir,« bemerkte Der, der zuerſt geſprochen. „Kennen Sie die Geſchichte von Irland?« fragte der Andere. „Nicht ſehr genau.⸗ »Wenn Sie ſich die Mühe geben wollen, ſich da⸗ mit bekannt zu machen, Sir, ſo werden Sie finden, daß Irland, ſeitdem es bevölkert iſt, niemals in einem ruhigen Zuſtande war, und auch vielleicht niemals ſein wird. Es iſt eine Art menſchlichen Vulkans— fort: während entweder rauchend, brennend oder feuer⸗ ſpeiend. ⸗ 3 „Sehr wahr, Sir,⸗ erwiederte der Andere.„Ich habe gehört, daß die White Boys ſich in großer Anzahl verſammeln, und daß einige Bezirke gar nicht zu paſſi⸗ ren ſind.« »Sir, wenn Sie öfter in Irland gereiſ't wären, ſo würden Sie wiſſen, daß auch ohne die White Boys viele Diſtrikte nicht zu paſſiren ſind.«⸗ 3 „» Sie haben alſo längere Zeit in Irland gelebt, Sir,« erwiederte Jener. »Ja, Sir,« ſagte der Andere mit wichtig thueri⸗ ſchem Ton;»ich meine, ſagen zu können, daß ich Ge⸗ ſchäftsführer für eins der beträchtlichſten Güter in Ir⸗ land bin.« »Advocat— Geſchäftsführer— fünf Procent— und ſo fort,« murmelte der neben mir Sitzende, der noch nicht geſprochen hatte. Es war unmöglich, zu irren— Mr. Cophagus, mein ehemaliger Principal, ſaß neben mir; und ich kann nicht ſagen, daß ich über ſeine Anweſenheit ſehr erfreut war, da ich es für ausgemacht hielt, daß er mich bei Tagesanbruch ſogleich erkennen würde. Die Unterhaltung wurde fortgeſetzt, ohne daß die Unterbrechung Mr. Cophagus beachtet worden wäre. Es ergab ſich, daß der Agent in Geſchäften zu London geweſen war, und jetzt zuruͤckkehrte. Der andere Herr war ein Muſiklehrer, der nach Dublin ging. Was Mr. Cophagus zu dieſer Reiſe bewogen hatte, war mir un⸗ erklärlich; ich nahm mir jedoch vor, zu verſuchen, ob ich es nicht ausforſchen könnte. Während die beiden Anderen ihr Geſpräch fortſetzten, redete ich ihn daher mit leiſer Stimme an:— „Können Sie mir ſagen, Sir, ob man die Univer⸗ ſität zu Dublin für Mediziner ſehr paßlich hält?⸗ „Land zut— jedenfalls viel Praris— blutige Köpfe— und ſo fort.« „Sind Sie ſchon früher in Irland geweſen, Sir?⸗ »Irland!— niemals— wünſche nicht, es zu ſe⸗ hen— muß hin— altes Frauenzimmer ſterben will — Teſtaments⸗Executor— Plackerei— und ſo fort.⸗ »Ich hoffe, daß ſie Ihnen ein gutes Legat vermacht hat, Sir,“« erwiederte ich. » Legat— hem— kann's nicht ſagen— ſilbernen Theetopf— ſchwarzen Anzug— und ſo fort. Lange Reiſe— ſich nicht bezahlt machen— geht nicht an⸗ ders— alte Weiber immer viel zu ſchaffen machen— mögen leben oder todt ſein— ſie beerdigen— zurück⸗ reiſen— und ſo fort.«⸗ Sechszehntes Kapitel. Ich verleugne meinen Lehrherrn. Ob Mr. Cophagus auf ſeine Weiſe ſehr mit⸗ a war, ſo war er doch in Beziehung auf Andere weniger als neugierig, und die Unterhaltung wurde abgebrochen. Die anderen Beiden hatten gleich⸗ afalls nach Allem gefragt, was ſie zu wiſſen wünſchten, wir lehnten uns ſämmtlich wie in ſtillſchweigendem Einverſtändniß zurück, und ſchloſſen die Augen, um bis Tagesanbruch zu ſchlafen. Ich war der Einzige, dem es nicht gelang. Der Tag brach an, meine Reiſege⸗ fährten ſchliefen Allle, und ich unterbrach meine Trän⸗ 103 mereien, und beſchaute mir die Geſichter der Herreu. Mr. Cophagus war der Erſte, auf den ich meine Auf⸗ merkſamkeit richtete. Sein Geſicht hatte ſich wenig verändert, ſonſt aber war er beträchtlich magerer ge⸗ worden. Er trug eine weiße Nachtmütze und ſchnarchte tüchtig. Der Muſiklehrer war ein ſehr kleiner Mann mit einem Knebelbart; ſein Mund ſtand weit offen, und man hätte glauben ſollen, daß er mitten in einer Bravour⸗Arie ſtecken geblieben wäre. Der dritte Herr, der ſich ſelbſt als Agenten bezeichnet, war ein plumper, gemein ausſehender Menſch mit einem vollen Geſichte; er hatte den Hut in die Augen gedrückt, ſein Kopf war auf ſeine Bruſt niedergeſunken, und ich bemerkte, daß er in der einen Hand ein kleines Packet trug, ſo daß er den Vorderfinger um die Schnur gewickelt hatte. Ich würde nicht weiter darauf geachtet haben, wenn nicht der Name T. Jving meine Aufmerkſamkeit er⸗ regt hätte. Es war der Name des londoner Korres⸗ pondenten Melchiors, der den Verſuch gemacht hatte, Timotheus zu beſtechen. Ich wurde dadurch bewogen, die ganze Aufſchrift des Packets zu leſen, und die Adreſſe lautete:»Sir Henry De Clare, Baronet, Mount Caſtle, Connemara.« Ich zog meine Schreib⸗ tafel heraus, und ſchrieb ſie mir auf. A ehat es nur, um nichts zu vernachläſſigen, was vielleicht zu einer Entdeckung führen könnte. Kaum hatte h meine Schreibtafel wieder eingeſteckt, als Mr. Jving er⸗ wachte, nach dem Packete griff, und es betrachtete, wie 3 um ſich zu überzeugen, daß es noch unverſehrt wäre, ſeinen Hut abnahm, das Fenſter niederließ, und dann die Anderen der Reihe nach anblickte. »Ein ſchöner Morgen, Sir,« redete er mich an, da er bemerkte, daß ich allein wach war. 104 „Sehr ſchön,« erwiederte ich;»allein ich möchte lieber über die Berge von Connemara dahin wandern, als hier eingeſchloſſen im dumpfigen Wagen ſitzen.⸗ »Ah! Sie ſind alſo in Counemara bekannt? Ich gehe dorthin; iſt Ihre Beſtimmung vielleicht auch jener Theil des Landes? Aber Sie ſind kein Irländer.⸗ »Allerdings bin ich in Irland weder geboren noch erzogen,« erwiederte ich. »Das dachte ich wohl. ˙S iſt iriſches Blut in Ihren Adern, denk' ich.« „Ich glaube, daß es der Fall iſt,« erwiederte ich mit einem Lächeln, das Bejahung andeutete. »Kennen Sie Sir Henry De Clare?« »Sir Henry De Clare— von Mount Caſtle— den meinen Sie doch?« »„Denſelben; ich gehe zu ihm. Ich bin unter An⸗ deren für ſeine Güter Agent. Ein ſehr merkwürdiger Maun. Haben Sie ſeine Frau wohl geſehen?«⸗ »Das kann ich wirklich nicht ſagen,« erwiederte ich;»doch laſſen Sie mich einmal nachſinnen.⸗ Ich weiß nicht warum, aber ich bildete mir ein, daß Sir Henry De Clare und Melchior eine und die⸗ ſelbe Perſon ſein könnten. Meiner Phantaſie war nichts zu abgeſchmackt oder zu unwahrſcheinlich, und ich beſaß jetzt Mittel, zu erforſchen, ob meine Vermuthung gegründet wäre. „»Mir daͤucht,« fuhr ich fort,»daß ich mich ihrer 3 entſinne— daß ſie eine ſehr große hübſche Frau mit ſchwarzen Augen und von dunkler Hautfarbe iſt.⸗ 4 „»Gauz recht, ganz recht,« erwiederte er. Mein Herz klopfte, als ich dies hörte. Es konnte feeilich nicht zur Entdeckung meiner Herkunft führen, 4 gehoͤrte aber zu den Gegenſtänden meiner Sorgniſſe, und hing mit Fleta's Wohl zuſammen. „»Wenn ich mich recht entſinne,« bemerkte ich,»ſo kommen in dem Leben Sir Henry's manche ſonderbare Umſtände vor?« » Das wüßte ich gerade nicht,« ſagte der Agent, aus dem Fenſter hinausſchauend. »Ich glaubte, daß er eine Zeit lang verſchwunden geweſen wäre.« „»Verſchwunden! ja, er hielt ſich nicht in Irland auf, weil er Streit mit ſeinem Bruder gehabt hatte, und lebte bis zu ſeines Bruders Tode in England.⸗ „»Wie ſtarb ſein Bruder, Sir?2« »In Folge eines Sturzes auf der Jagd,« erwie⸗ derte der Agent.»Er wollte über eine ſteinerne Mauer ſetzen, wurde vom Pferde geſchleudert, und zerbrach ſich das Rückgrat. Ich ſelbſt war bei dem Unglück zugegen.⸗ Ich erinnerte mich hierbei deſſen, was mir Fleta mitgetheilt, wie ſie den Zigeuner hatte ſagen hören: „Er ſei todt;« und da er ſich auch des Wortes Pferd bedient, ſo hielt ich mich nunmehr vollkommen über⸗ zeugt, Melchior ausfindig gemacht zu haben. „»Sir Heury, wenn ich mich recht entſinne, hat keine Familie,« bemerkte ich. „Nein, und ich fürchte auch, daß nur wenig Hoff⸗ nung dazu vorhanden iſt.« » Hatte der verſtorbene Baronet, ſein alterer Bru⸗ der, keine Kinder?« »Sir William? Nein; denn ſonſt würde Sir Heenry nicht in den Beſitz der Baronie gelangt ſein.« »Er hätte Töchter haben können,« erwiederte ich. »Sie haben Recht, und jetzt fällt es mir bei, er hatte ein Mädchen, das ſehr jung ſtarb.⸗* 106 „Iſt Sir William's Witwe noch am Leben?⸗ „Ja, und ſie iſt eine ſehr ſchöne Frau, hat aber ſeit ihres Mannes Tode Irland verlaſſen.⸗ Ich wagte nicht, weiter zu fragen. Unſere Unter⸗ redung hatte Cophagus und die anderen Reiſenden auf⸗ geweckt; und da ich mich darauf bedacht hatte, wie ich mich, wenn ich erkannt würde, benehmen ſollte, ſo wünſchte ich mich gegen ihn in Poſitur zu ſetzen. „Sie haben ein tüchtiges Schläfchen gemacht, Sir,⸗ ſagte ich, mich zu ihm wendend. „Schläfchen— ja— Schlafen im Wagen ſchlecht — Kopfſchmerz— und ſo fort. Wie— meiner Seel' — Japhet— Japhet New— ja— ſo iſt es.« .„»Meinen Sie mich, Sir?« fragte ich mit ruhiger Miene. „»Sie meinen— ja— ſchlechtes Gedächtniß— hem— gauz vergeſſen— alten Lehrherrn— Laden in Smithfield— wilder Stier— und ſo fort.« „Wirklich, Sir,« erwiederte ich,»es ſcheint, daß Sie mich für einen Andern halten.« Cophagus faßte mich ſehr ſcharf in das Auge, und rief, da er keine Veränderung in meinen Mienen be⸗ merkte, aus:„Sehr ſonderbar— dieſelbe Naſe— daſſelbe Geſicht— auch daſſelbe Alter— höchſt ſon⸗ derbar— ähnlich wie ein paar Pillen— bitt' um Vergebung— mich geirrt— und ſo fort.« Zufrieden, daß ich Mr. Cophagus zurückgeſchlagen, wendete ich mich nach der andern Seite, und bemerkte, daß der iriſche Agent mich ſehr aufmerkſam anſah. Er war, wie ich ſchon geſagt, ein Mann von groben Ge⸗ ſichtszügen, und heftete jetzt ſeine kleinen grauen Augen anf mich, als häkte er in meinem Innerſten leſen wol⸗ len. Einen Augenblick war ich verwirrt, da die For-⸗ .— 107 ſchung von dieſer Seite unerwartet kam, allein ein kur⸗ zes Nachdenken ſagte mir, wenn Sir Henry De Clare und Melchior dieſelbe Perſon, und dieſer Mann ſein Agent war, ſo war derſelbe ohne Zweifel nicht um nichts und wieder nichts nach England geſchickt, und mußte, wenn er Fleta aufgeſucht hatte, meinen Namen und vielleicht etwas von meiner Geſchichte gehört haben.. »Es ſcheint,« ſagte ich lächelnd zu dem Agenten, „daß ich vielen Leuten ſehr ähnlich ſehe. Erſt vor ein paar Tagen wurde ich in Bond Street als ein Mr. Rawlinſon angeredet.« „Ihr Geſicht iſt kein ſehr gewöhnliches, Sir,“s be⸗ merkte der Agent;„man vergißt oder verwechſelt es gewiß nicht leicht mit einem andern, wenn man es ein⸗ mal geſehen hat.« 4 „Und dennoch ſcheint dieß der Fall zu ſein,« warf ich nachläſſig hin. Wir hielken jetzt an, um einen Mor⸗ gen⸗Imbiß einzunehmen. Ich war vom Tiſche aufge⸗ ſtanden, und trat auf die Hausflur hinaus, als ich ge⸗ wahrte, daß der Agent mit dem Schirrmeiſter in den Paſſagierzettel ſah. Sobald er mich erblickte, ging er aus dem Gaſthanſe. Ich bat den Schirrmeiſter, mich auch in den Zettel hineinſehen zu laſſen, um zu erfor⸗ ſchen, ob mein rechter Name in denſelben eingetragen wäre. Es war der Fall. Die vier Namen waren: Newland, Cophagus, Baltzi und MeDermott. Ich war über dieſen Umſtand ſehr verdrießlich. M⸗Dermott war natürlich der Name des Agenten, und hierin beſtand jede Kunde, die ich erhielt, während von mir ſelbſt be⸗ kannt geworden, wer ich war, was ich jetzt für gewiß hielt. Ich beſchloß jedoch, gute Miene zum böſen Spiel zu machen, und knüpfte, nachdem wir wieder eingeſtie⸗ gen waren, abermals ein Geſpräch mit Mr. M'Dermott an; fand ihn aber in ſeinen Antworten, wenn ich von Sir Henry oder deſſen Familie ſprach, äußerſt zurück⸗ haltend, und konnte nichts mehr aus ihm herausbrin⸗ gen. Mr. Cophagus konnte ſeine Blicke nicht von mir wegwenden— er ſah mir forſchend in das Geſicht, und lehnte ſich dann wieder im Wagen zurück.»Selt⸗ ſam— ſehr ſeltſam— muß ſein— nein— ſagt nein— hem.« Nach einer halben Stunde wiederholte er ſeine Prüfung und ſein Gemurmel. Endlich rief er, als wenn er die Qual der Ungewißheit nicht länger ertragen könne, aus:»Bitte um Vergebung— aber — Sie haben einen Namen?k« »Ja,« erwiederte ich,»ich habe einen Namen.⸗ „Nun gut— ſchämen Sie ſich nicht. Wie lautet Ihr Name?⸗ 3 „Mein Name, Sir, iſt Newland,“ erwiederte ich; denn ich hatte beſchloſſen, meinen Namen auzuerkennen, und eine neue Art der Vertheidigung zu verſuchen. »Dacht' es— kennt mich nicht— erinnert ſich des Ladens nicht, Mr. Brookes— Tim— Anfangs⸗ gründe— und ſo fort.« „Ich habe nicht das Mindeſte dagegen, Ihnen mei⸗ nen Namen zu ſagen; allein ich fürchte, Ihr Gedächt⸗ niß iſt beſſer, als das meinige. Wo habe ich vielleicht die Ehre gehabt, Sie ſchon zu ſehen?« »Sehen— wie— ganz vergeſſen— Smith⸗ ſield? ⸗ „Wenn ich fragen darf, Sir, wo liegt Smith⸗ ſield?« * „»Sehr ſonderbar— unbegreiflich— derſelbe Name — daſſelbe Geſicht— weiß nicht mehr— Smith⸗ ſield— und ſo fort.⸗ 109 „Es mag ſehr ſeltſam ſein, Sir; allein da ich in London im Weſtende ſehr wohl bekannt bin, ſo haben wir uns vielleicht dort ſchon geſehen— vielleicht bei Lord Windermear— oder Lady Maelſtrom?« Ich nannte noch ein Dutzend der hochadeligſten Namen. „»Ihr Gedächtniß iſt jedenfalls beſſer als das meinige, ich hoffe jedoch, daß Sie meine Vergeßlichkeit entſchul⸗ digen werden, da meine Bekanntſchaft ſehr ausge⸗ dehnt iſt.« »Ich ſehe— Irrthum— derſelbe Name— an⸗ dere Perſon— bitt' um Vergebung, Sir— entſchul⸗ digen— und ſo fort,« erwiederte der Apotheker mit einem tiefen Seufzer. Siebenzehntes Kapitel. Ich werde ein Rechtsgelehrter. Ich bewachte die Mienen des Agenten, der endlich zu glauben ſchien, daß ein Irrthum ſtattfände; er wurde zum wenigſten geſprächiger, und unterhielt ſich kange mit mir, da ich ihm keine auf Sir Heury bezüg⸗ liche Fragen mehr vorlegte. Ich ſprach mit ihm uͤber die De Benyons, und zog alle mögliche Erkundigungen ein. Er ſagte mir, daß der verſtorbene Graf, der Va⸗ ter des jetzigen, viele Söhne gehabt habe, die zum Theil verheirathet wären, und daß die Familie ſehr groß ſei. Er ſchien alle ihre Glieder, die Berufsarten, zu wel⸗ chhen ſie erzogen waren, und ihre Lebens⸗Schickſale zu * — kennen. Ich prägte ſeine Mittheilungen meinem Ge⸗ dächtniß ein, und ſchrieb mir Alles, was er mir geſagt hatte, ſobald ich Gelegenheit dazu fand, auf. Bei un⸗ ſerer Ankunft zu Holyhead war das Wetter ſehr ſtür⸗ miſch, und das Packet⸗Boot im Begriff, abzuſegeln. Mr. M'Dermott gab ſeine Abſicht zu erkennen, hin⸗ überzugehen. Cophagus aber und der Muſiklehrer woll⸗ ten zurückbleiben; und ſo begierig ich war, nach Irland zu kommen, ſo wünſchte ich doch nicht länger mit dem Agenten in Geſellſchaft zu ſein, und erklärte daher gleichfalls, nicht an Bord gehen zu wollen. M'Der⸗ mott trank in Eile ein Glas Brauntwein mit Waſſer, und entfernte ſich mit einem Menſchen, der ſein Ge⸗ päck trug, um zu Schiff zu gehen.) Sobald er fort war, brach ich in ein lautes Ge⸗ lächter aus. „» Wahrhaftig, Mr. Cophagus,« rief ich aus,»Sie müſſen jetzt geſtehen, daß es möglich iſt, Jemand zu überreden, Mißtrauen in ſeine Sinne zu ſetzen. Sie kannten mich, und hatten vollkommen Recht, zu be⸗ haupten, daß ich Japhet ſei, und dennoch habe ich Sie endlich dahin gebracht, zu glauben, daß Sie im Irr⸗ thum wären. Ich will Ihnen aber ſagen, warum ich es that.« »Alles in Ordnung,« ſagte der Apotheker, meine dargebotene Hand ergreifend;»„dacht' es— kein Irr⸗ thum— hübſcher Menſch— ſind es— Japhet New⸗ land— mein Lehrling— und ſo fort.« „»Ja, Sir,« erwiederte ich lachend,»ich bin Ja⸗ phet Newland. ⸗ Ich drehete mich um, da ich ein Geräuſch hörte, und daß die Thür geöffnet war. Mr. M⸗Dermott war eben eingetreten. Er war zurückgekehrt, um einen Re⸗ 111 genſchirm zu holen, den er vergeſſen hatte. Er ſah mich und dann Mr. Cophagus an, der noch meine Hand in der ſeinigen hielt, wendete ſich kurz um, und ging, ohne etwas zu ſagen, wieder hinaus. „Dies iſt ein unglücklicher Zufall,« bemerkte ich. „Mein Grund, daß ich mich nicht zu erkennen geben wollte, war kein anderer, als der, daß ich gerade jenen Menſchen zu täuſchen beabſichtigte; doch es läßt ſich nicht mehr ändern.« Ich ſetzte mich zu meinem alten Lehrherrn, und da ich wußte, daß ich ihm vertrauen konnte, erzählte ich ihm all' meine Schickſale, und machte ihn mit meinen gegenwärtigen Plauen bekannt. »Ich ſehe— Unheil angerichtet— Leid thun— nicht ändern— alles thun, was ich kann— hem— was zu thun?— Ihr Freund ſein— immer gut ſein — allen Beiſtand leiſten— und ſo fort.⸗ „Und was würden Sie mir rathen, Sir?⸗ »Rath— ſchlecht wie Arznei— Niemand mag's — Irland— wildes Land— kein Geſetz— beſſer zurückkehren— Alles mir überlaſſen— ausfindig ma⸗ chen— und ſo fort.« Ich konnte mich indeß natürlich nicht entſchließen, dieſem Rathe zu folgen. Wir ſprachen einige Zeit über die Sache hin und her, und kamen endlich überein, unſre Reiſe in Geſell⸗ ſchaft fortſetzen zu wollen. Cophagus ſagte mir, daß er ſich mit einem ſehr artigen Vermögen zurückgezogen habe, und etwa zehn Meilen von der Hauptſtadt auf dem Lande lebe; er habe die Aufforderung erhalten, dem Begräbniß einer unverheiratheten Tante in Dub⸗ lin beizuwohnen, die ihn zum Teſtaments⸗Vollſtrecker und Haupterben ernannt habe; ihre Vermögens⸗Um⸗ * ſtaͤnde waͤren ihm jedoch gänzlich unbekannt. Er war noch Hageſtolz, und vertrieb ſich die Zeit damit, den Armen in ſeinem Dorfe unentgeltlich mit Rath und Arznei beizuſtehen. Er hatte das Landleben ſehr lieb gewonnen, und nur eins war ihm zuwider— das Vieh. Er hatte den wildgewordenen Stier nicht vergeſſen. Wir begaben uns erſt ſehr ſpät zu Bette. Am andern Morgen war das Wetter günſtiger, wir ſchifften uns ein, und hatten eine ſehr gute Ueberfahrt. In Dublin angekommen, begab ich mich in F— s Hotel, als den geeignetſten Gaſthof, Erkundigungen nach Mr. De Benyon anzuſtellen. Auch Mr. Cophagus waͤhlte dieſes Hotel, und wir verabredeten, gemeinſchaftlich ein Zimmer zu nehmen. „Kellner,« ſagte ich,»kennen Sie einen gewiſſen De Benyon ze „Ja, Sir,« erwiederte er;„es hält ſich ein De Benyon in dieſem Augenblick bei uns auf.“« „Iſt er verheirathet?⸗ „Ja— und hat viele Kinder.⸗ »Was führt er für einen Taufnamen?⸗ „Das kann ich wirklich nicht ſagen, Sir; ich will mich aber erkundigen, und Sie morgen früh benachrich⸗ tigen.« „Wann wird er abreiſen?d⸗— »„Ich glaube, morgen.⸗ „Wiſſen Sie, wohin er reiſ't?« „Ja, Sir, auf ſeinen Landſitz.⸗ in Der Kellner ging hinaus. „Noch nicht klüger,⸗ ſagte Cophagus.»Viele Kin der— braucht keine mehr— ſchlechte Zeiten— und ſo fort.⸗ — — „Freilich,« erwiederte ich,»viel weiter bin ich hier⸗ nach nicht; allein ich kann weitere Kunde von ihm er⸗ halten.« „»Führt zu nichts, Japhet— andern Weg einſchla⸗ gen— viele Kinder— brauchen alle Oheims Geld— hem— gute Nacht.« 3 Dieſe Bemerkung meines alten Lehrherrn brachte mich auf einen Gedanken, den ich am andern Morgen ausführte. Ich ſchickte meine Karte hinein, und bat um die Ehre, mit Mr. De Benyon ein paar Worte re⸗ den zu dürfen, indem ich wichtiger Geſchäfte halber nach Irland gekommen ſei, und mir vielleicht viel Ko⸗ ſten und Mühe durch eine Unterredung mit ihm ſparen könne, da ich wo möglich zur Zeit der Gerichtsſitzungen wieder daheim ſein müſſe. »Daheim zur Zeit der Gerichtsſitzungen? Der Herr muß ein Rechtsgelehrter ſein. Führen Sie ihn herauf,« ſagte Mr. De Benyon. Ich trat mit einer Geſchäftsmiene ein. »Mr. De Benyon, wenn ich nicht irre?⸗ „Ja, Sir; haben Sie die Güte, Platz zu nehmen.⸗ Ich ſetzte mich und zog meine Brieftafel aus der Taſche. »Mein Zweck, indem ich Sie beläͤſtige, Mr. De Benyon, iſt der, einige Auskunft über Ihre Familie zu erhalten, zu der wir in England nicht ohne Schwierig⸗ keit gelangen können. Es befindet ſich dort ein Beſitz⸗ thum, worauf, wie wir glauben, Anſprüche von einem *. De Benyon gemacht werden könnten. Um jedoch un⸗ ſerer Sache gewiß zu werden, müſſen wir eine kleine Unterſuchung des Stammbaums anſtellen.« »Iſt das Beſitzthum bedeutend?« fragte Mr. De Benyon. Japhet. II. 8 „»Nicht ſehr bedeutend,« erwiederte ich;»aber doch ein recht hübſches Beſitzthum, wie ich höre.“. Der Leſer kann ſich leicht denken, daß das Beſitz⸗ thum, von welchem ich ſprach, meine eigene hübſche Perſon war. „Darf ich mir erlauben, Ihnen einige Fragen in Be⸗ ziehung auf den jetzigen Grafen und ſeine Brüder vor⸗ zulegen?⸗ »Ich werde Ihnen mit Vergnügen jede Auskunft geben, die ich zu geben im Stande bin. Der Graf hat vier Brüder. Der älteſte heißt Moriz.⸗ „Iſt er verheirathet?« »Ja, und hat zwei Kinder. Der zweite heißt William.« „Iſt er auch verheirathet?« „»Nein; er war es nie. Er iſt General im könig⸗ lichen Heer. Der Dritte, Henry, bin ich ſelbſt.«. „»Wenn ich nicht irre, ſind Sie verheirathet?⸗ „Ja, und ich habe eine zahlreiche Familie.« „»Darf ich Sie bitten, fortzufahren, Sir?2« »Der vierte Bruder iſt Arthur. Er iſt noch nicht lange verheirathet, und hat zwei Kinder.⸗ *»Ich bin Ihnen ſehr verbunden, Sir; die Sache iſt ſonderbar und verwickelt. Da ich einmal hier bin, erlauben Sie mir wohl noch eine Frage, die freilich nicht von großer Bedeutung iſt. Ich erſehe aus dem Pairie⸗Kalender, daß der Graf verheirathet iſt, aber nicht, daß er Kinder hat. „» Im Gegentheil, er hat deren zwei— und Aus⸗ ſicht, noch mehre zu bekommen. Darf ich jetzt nach den näheren Umſtänden in Betreff des Beſitzthums fragen?« »„Ich kann Sie nicht wohl genau damit bekannt machen, Sir, da ich ſie ſelbſt nicht genau kenne; allein 115 ſo viel ich weiß, kommt es bei dem fraglichen Beſitz⸗ thum auf einen Namen an. Hätten Sie wohl die Güte, mir die Namen aller Ihrer Kinder anzugeben?⸗ Mr. De Benyon nannte ſie mir nach der Reihe, und ich ſchrieb ſie mit großem Ernſt nieder. »Natürlich iſt es außer Zweifel, daß Ihr zweiter Bruder ſich nicht verheirathet hat. Ich glaube, daß wir einer Beſcheinigung darüber bedürfen. Iſt Ihnen ſeine Adreſſe bekannt?« »Er hat ſich viele Jahre in Oſtindien aufgehalten, kehrte auf Urlaub zurück, und iſt vor Kurzem wieder nach Calcutta abgeſegelt.«⸗ »Das iſt ſchlimm; wir müſſen einen Brief durch die oſtindiſche Compagnie an ihn abſenden. Darf ich mir auch Ihre Adreſſe ausbitten; es wird räthlich ſein, daß Sie ſie mir geben.«⸗ Er gab ſie mir. Ich ſtand auf, verſprach, ihn von allen Umſtänden in Kenntniß zu ſetzen, ſobald dieſelben mir ſelbſt bekannt geworden wären, verbeugte mich und ging. Wäre ich bei geſunden Sinnen geweſen, ſo würde ich ohne Zweifel in den Beſitz bedeutender Auf⸗ ſchlüſſe irgend einer Art gelangt zu ſein nicht geglaubt haben; allein es war mir vollkommen klar, daß der General De Benyon befragt werden müſſe, und ich war faſt ſchon entſchloſſen, ſtehenden Fußes nach. Cal⸗ cutta zu reiſen. —— 116 Achtzehntes Kapitel. Ich beleidige einen iriſchen Gentleman, und meine ſehr wohl⸗ klingende Entſchuldigung wird angenommen. Mr. Cophagus war ſo eben aus dem Hauſe ſeiner Tante zurückgekehrt, und ich theilte ihm ſogleich mit, was ich in Erfahrung gebracht hatte. »Macht um nichts klüger. Japhet— Schatten⸗ Jagd— wer ſagte Ihnen?— o! Pleggit's Ladendie⸗ ner— ſchändliche Lügner— De Benyon der Name nicht— ſich darauf verlaſſen— lauter Unſinn, und ſo fort.« Bei ruhigem Nachdenken konnte ich nicht umhin, zu geſtehen, daß der würdige Apotheker Recht haben konnte und daß ich wirklich Schatten nachjagte; allein dies war immer nur in Augenblicken der Niedergeſchla⸗ genheit meine Meinung. Kehrte mir der Muth zurück, ſo war ich ſo hoffnungsluſtig, als je. Unentſchloſſen was ich thun ſollte, und verdrießlich über das, was Cophagus geſagt hatte, ging ich nicht in der beſten Laune aus. Als ich auf die Hausflur trat, ſah ich den Agenten M'Dermott mit den Leuten im Schenkladen reden, und ſein Anblick erinnerte mich an den Vorſatz, den ich für einen Augenblick vergeſſen hatte, nämlich zu erforſchen, ob Melchior und Sir Henry de Clare eine und dieſelbe Perſon wären. Als ich auer über eine Straße ging, bat mich ein Menſch in zerriſſenen Kleidern, der die Gaſſe kehrte, um ein Almoſen; ich achtete jedoch nicht auf ihn, da ich nicht bei mildthätiger Laune war. Er folgte mir nach, und quälte mich ſo unabläſſig, daß 117— ich ihm mit meinem Rohre einen kleinen Schlag gab, und ihm zurief:„Packt Euch, Schurke!⸗ »O! ſehr brav. Packt Euch haben Sie geſagt? Bei dem Blute der O'Rourkes ſollen Sie dafür büßen, es komme, wie es wolle. ⸗ Ich ging weiter und kehrte, nachdem ich einige Zeit umher gewandert war, in den Gaſthof zurück. Einige Minuten darauf ſagte mir der Kellner, daß ein Mr. O'Donaghan mich zu ſprechen wünſche.»Ich habe nicht die Ehre, ihn zu kennen,« erwiederte ich,„Sie können ihn indeß heraufführen.« Mr. O'Donaghan trat ein. Er war ein großer Mann mit einem ſtarken Knebelbart, ſeine Kleidungs⸗ ſtücke waren ſchäbig⸗gentil, und augenſcheinlich für ihn nicht gemacht, er trug weiße baumwollene Handſchuhe und hatte einen kleinen Stock in der Hand. »Ich glaube, daß ich die Oehre habe, zu dem Herrn zu röden, der vor etwa zwei Stunden über die Straße güng?« »Auf mein Wort, Sir, das iſt eine ſo unbeſtimmte Beſchreibung, daß ich kaum zu ſagen wage, ob ich der bin, den Sie meinen; und da ich das Vergnügen nicht habe, in Dublin irgend Jemand zu kennen, ſo muß ich annehmen, daß ein Irrthum Statt findet.“ »Den Toifel mag ein Uerrthum Statt finden; denn hier iſt das Rohr, womit Sie meinen Froind, Mr. O’'Rourke das Compliment auf dem Ruͤcken bezahlt haben.« „»Wirklich, Sir, ich begreife Sie gar nicht; wollen Sie nicht die Güte haben, ſich näher zu erklären?« »Mit dem allergrößten Vergnügen, denn wir wer⸗ den dann zu einem rechten Verſtöndniß kommen. Sie güngen über die Stroße, und ein Gentleman, ein ge⸗ 118 nauer Froind von mir, mit einem Böſen, den er zu ſeinem Vergnügen führt, beöhrte ſich, Sie anzuröden, worauf Sie ihm die Oehre erzeugten, ihm Ihren kleinen Stock ſchmöcken zu laſſen.« „»Wie meinen Sie? ſprechen Sie von dem Gaſſen⸗ kehrer, der ſo zudringlich war, als ich über die Straße ging?« »Bei den ſämmtlichen Möchten, Sie haben's juſt getroffen, Sir, wie Sie ihn trafen. Er iſt mein be⸗ ſonderer Froind, Thaddäus O'Rourke, Gentleman.⸗ »Gentleman!« » Und von ſo gutem und echtem mülöſiſchen Blute als einer in Uerland. Wenn Sie meinen, Sir, daß Sie meinen Froind, weil er zu ſeinem Vergnügen ſeine ſchlöchteſten Kleider anlegt und einen Böſen führt, um Bewägung zu hoben, wie einen Hund ſchlagen können, ſo iſt das ein kloiner Uerthum, und hier, Sir, iſt ſeine Karte, und Sie werden mich verpflichten, wenn Sie mir einen Ihrer Froinde nennen wollen, mit dem ich die kloinen Punkte beſpröchen kann, die vor der Begögnung zweier Gentlemen auf's Roine gebracht werden müſſen.« Ich konnte mich kaum des Lachens über dieſen iriſchen Gentleman und ſeinen Freund enthalten, er⸗ achteke es jedoch für räthlich, ernſthaft zu bleiben. Mein werther Sir,« erwiederte ich, es thut mir unendlich leid, daß ich das Verſehen begangen, in Ihrem Freunde den Gentleman nicht zu entdecken; wäre ich nicht ſo unaufmerkſam geweſen, ſo würde ich ihn ganz beſtimmt gebeten haben, mir die Ehre zu er⸗ zeigen, einen Schilling anzunehmen, ſtatt ihn zu belei⸗ digen. Ich hoffe jedoch, daß es noch nicht zu ſpät ſein wird.«⸗ 119 „Bei den Möchten, ich gehöre nicht zu den Hitz⸗ köpfen, die ohne Noth einen Zwoikampf zu Stande bringen, und da Uehr Benähmen das eines Gentleman iſt, ſo denk ich, es wird am Beſten ſein, daß wir uns die Hände reichen, und die ganze Geſchichte vergößen. Wie wör' es alſo, wenn wir das Ganze als ein Müß⸗ verſtöndnüß betrachteten? Sie geben den Schülling, wie Sie zu thun gedachten, ich ſchwöre darauf, daß Sie nur ſöhr in Eule waren— und dann haben Sie viel⸗ leicht nichts dawüder, noch einen Schülling für den Schlag mit dem Rohre hinzuzufügen, gleichſam um die Beleidigung abzuwüſchen, wie wir es mit unſern Sün⸗ den machen, wenn wir unſern Beutel ziehen, und Ab⸗ ſolution von dem Pader erhalten; und dann wird es Uehnen vielleicht nicht zuviel dünken, wenn ich Sie gleichfalls um einen Schülling wegen der Zeit und MMühe erſuche, die mir das Kartelltragen zwiſchen Gentlemen verurſacht hat.« »Im Gegentheil, Mr. O⸗Donaghan, mir ſcheinen alle Ihre Forderungen vernünftig zu ſein. Hier iſt das Geld.⸗ Mr. O'Donaghan nahm die drei Schillinge.»Sir, ich ſage Uehnen vülen Dank, und wünſche Uehnen einen guten Abend, und Mr. O'Rourke würd von mir hören, daß Sie von mir wegen des Ganzen Abſolution erhal⸗ ten, und jede Satisfaction angeboten haben, die ein Gentleman von einem andern erwarten konnte.⸗ Mit dieſen Worten drückte ſich Mr. O'Donaghon ſtolz den Hut auf den Kopf, zog ſeine Handſchuhe an, machte eine Bewegung mit ſeinem Stocke, und entfernte ſich mit einer Verbeugung. 3 5 Er war kaum fort, und ich lachte innerlich über den lächerlichen Vorfall, als Mr. Cophagus zurückkehrte, mit einem ſchalkhaften Blicke ſein Rohr an die Naſe emporhob, es ſodann auf den Tiſch legte, ſich die Hände rieb und ſagte:»Gut,— alte Dame— warm in der Wolle. Nein— todt und kalt— aber hinterließ einige Tauſend— nur ein Legat— alter Kater— Morgen was eingeben— bald ſterben und ſo fort.⸗ Aus einer genauen Erklärung, die Cophagus mir gab, ging hervor, daß die alte Dame etwa neuntauſend Pfund hinterlaſſen, und alles mit Ausnahme eines Legates von jährlichen zwanzig Pfund für eine Lieblings⸗ katze dem Apotheker vermacht hatte. Ich wünſchte ihm zu dieſem Zuwachſe ſeines Vermögens Glück. Er ſagte, daß noch Anordnungen in Betreff des Hauſes und Haus⸗ rathes zu treffen wären, und daß er dann nichts mehr zu thun haben würde; er wünſche aber ſehr, daß ich ihm beim Durchſuchen der Schränke der alten Dame, in welchen ſich viele geheime Schiebladen befänden, be⸗ hülflich ſein möchte; ſchon in dem einen Schranke habe er verſchiedene Geldmünzen zum Werthe von mehr als funfzig Pfund entdeckt, und wenn man ſie nicht genau unterſuchte, ſo würden wahrſcheinlich manche werthvolle, in ihnen verborgene Sachen mit ihnen verkauft werden. Da der einzige Zweck meines Aufenthalts in Irland nur der war, Sir Henry de Clare ausfindig zu machen, und mir über ſeine Perſon Gewißheit zu verſchaffen, (obgleich ich freilich nicht hätte ſagen können, warum, denn es würde am Ende nichts dadurch bewieſen ſein) ſo erklärte ich mich gern bereit, Cophagus bei ſeiner Durchſuchung einen Tag behülflich zu ſein. Am anderen Morgen, nach dem Frühſtück, begaben wir uns in das Haus der alten Dame, deren Name Maitland geweſen war, wie Cophagus mir ſagte. Ihr Hausrath war äußerſt altmodig, und in allen Zimmern befanden ſich 121 lackirte Schraͤnke; einige derſelben waren ſehr ſchön, und mit Säulen und eingelegter Silberarbeit verziert. Einer Menge der Sachen kann ich mich kaum noch ent⸗ ſinnen, die, wie es ſchien, von der alten Dame während ihres ganzen Lebens von Kindheit an bis zu ihrem Tode geſammelt waren. Da fanden ſich altmodige Schmuck⸗ ſachen, einige von beträchtlichem Werthe, Miniatur⸗ Bilder, Fächer, Etuis, Billets, deren Schrift vergelbt war, Buͤndel von Briefen, von ihren Correſpondenten aus ihren Jugendjahren, wie aus der Zeit ihres Alters. Wir ſahen einige derſelben durch, ſie erſchienen uns beiden als Heiligthümer, und wurden nach einer flüch⸗ tigen Prüfung den Flammen übergeben. Nachdem wir die Schränke ſorgfältig durchſucht hatten, begannen wir daran zu rütteln, und fanden in den meiſten noch mehrere geheime Auszüge, die noch andere Schätze enthielten. In einem dieſer Auszüge fand ſich ein Packet Briefe, das meine Aufmerkſamkeit erregte; ſie waren von einer Miß De Benyon. Ich griff ſogleich danach, und zeigte Mr. Cophagus den Namen.»Pah— bedeutet nichts— ihre Mutter war eine De Benyon.« »Haben Sie etwas dawider, daß ich die Briefe durchſuche?« 3 „»Nein— leſen— nichts darin.« Ich legte ſie zur Seite und wir ſetzten unſere Nach⸗ forſchungen fort, als Cophagus ein verſiegeltes Packet in die Augen ſiel.»He! Was iſt das— abermals De Benyon. Japhet, ſieh— und ſo fort.« Ich nahm das Packet, es war verſiegelt und mit einem rothen Faden zugebunden.»Papiere, dem Lieutenant William De Benyon angehörend, nud ihm nach meinem Ableben zurückzuſtellen.— Alice Maitland, ſorg⸗ * —— 4 6 122 fältig in Acht zu nehmen,⸗ war auf dem um⸗ ſchlag zu leſen. »Das ſind ſie, mein theurer Sir,«⸗ rief ich aus, und umarmte Mr. Cophagus;»dieſes ſind die Papiere, deren ich bedarf. Kann ich ſie behalten?« „Toll— ganz toll— nach Bedlam— Zwangs⸗ weſte— Kopf geſchoren und ſo fort.« Neunzehntes Kapitel. Ich begnuge mich nicht damit, meine eigenen Angelegenheiten zu beſorgen, ſondern kümmere mich auch um die Ange⸗ legenheiten Anderer, wodurch ich mir Kummer bereite. Er ſagte mir darauf in ſeiner Manier, daß er als Teſtamentsvollſtrecker dieſe Papiere behalten müſſe; machte mich aufmerkſam darauf, wie unwahrſcheinlich es ſei, daß ſie Nachrichten enthielten, die ſich auf meine Geburt bezögen, ſelbſt wenn ein De Benyon im Findel⸗ hanſe ſich nach mir erkundigt hätte, was noch keines⸗ wegs ausgemacht ſei; und endlich gelang es ihm, alle meine Hoffunngen, die meinen Muth während ſo vieler Tage aufrecht erhalten hatten, über den Haufen zu werfen. Als er geendigt hatte, warf ich mich in Verzweiflung auf das Sopha, und wünſchte in dem Augenblick, daß ich nie geboren ſein möchte. Doch die Hoffnung ge⸗ wann wieder die Oberhand in mir, und ich würde alles, was ich beſaß, darum gegeben haben, hätte ich das Packet erbrechen und die Briefe leſen dürfen. Ich war dermaßen außer mir, daß ich bei mir ſelbſt ſchon über⸗ legte, ob ich ſie Mr. Cophagus nicht mit Gewalt ent⸗ reißen und damit fortlaufen ſollte. Endlich ſtand ich auf, und begann die Briefe zu leſen, die ich zur Seite gelegt hatte; fand jedoch nichts als die unbedeutenden Mittheilungen zweier junger Frauenzimmer, die ſich einander ſchrieben, was für ſie ſelbſt allein anziehend ſein konnte. Als wir mit unſrer Durchſuchung fertig waren, legte Mr. Cophagus ſämmtliche Briefſchaften in eine Schachtel, und wir kehrten in einem Wagen nach dem Gaſthofe zurück. Am folgenden Tage beendete er alle ſeine Anordnungen, und hatte beſchloſſen, am andern Morgen wieder nach England abzureiſen. Ich begleitete ihn nach dem Schiffe, welchem ich noch eine Stunde nachſah; denn es trug Papiere mit ſich fort, die, wie ich feſt glaubte, das Geheimniß hätten entſchleiern können, auf deſſen Enthüllung all' mein Tichten und Trachten gerichtet war. Ein geſunder Schlaf in der folgenden Nacht machte mich vernünftiger, und ich be⸗ ſchloß nunmehr auszuforſchen, wo Sir Henry de Clare, oder Melchior,— denn ich hielt mich überzeugt, daß er kein Anderer wäre— zu finden ſein möchte.* Ich ließ den Kellner kommen und fragte ihn, ob er mir Auskunft geben könne. Er bejahete augenblicklich, gab mir Sir Henry's Adreſſe, Mount Caſtle, Conne⸗ mara, und fragte mich, wann ich abzureiſen gedächte. Erſt ſpäterhin fiel es mir auf, wie ſonderbar es war, daß er die Adreſſe ſo genau anzugeben wußte, und mir eine Karte mit derſelben gab, und noch mehr, daß ihm meine Abſicht bekannt war, nach Mount Caſtle zu gehen. Ich nahm die Karte, ſagte ihm, daß er Pferde für mich auf den andern Morgen bei guter Zeit be⸗ 124 ſtellen möge, und ſchrieb darauf einen Brief an Har⸗ court, worin ich denſelben von dem, was ich vorhätte, unterrichtete, einen zweiten ausführlicheren an Mr. Maſterton, und einen dritten an Timotheus, den ich Harcourt zur Beſorgung mitſchickte, und worin ich Tim bat, mich wiſſen zu laſſen, was zwiſchen ihm und dem Zigenner vorgegangen ſei. Nach dem Abendeſſen traf ich die Vorbereitungen zur Abreiſe, und ging, nachdem ich meine Rechnung berichtigt, nicht ungern zu Bett. Mit Tagesanbruch weckte mich, wie ich begehrt hatte, der Kellner, eine Poſtkaleſche ſtand vor der Thür, ich ließ von allen meinen Sachen nur einen kleinen Mantelſack hineintragen, und zog auf mein Abenteuer aus. Bald hatte ich die Stadt hinter mir, rollte auf einer trefflichen Straße dahin, und mußte mir, in eine Wagenecke mich drückend, die Frage vorlegen— was der Zweck meiner Reiſe ſei? Es kann dem Leſer nicht entgangen ſein, daß ich mich gänzlich plötzlichen An⸗ trieben überließ, und meine Gefühle weder durch Ueber⸗ legung, noch geſunde Vernunft zügelte.»Was willſt Du thun?« fragte ich mich ſelber.»Ausfindig machen, ob Sir Henry de Clare und Melchior eine und dieſelbe Perſon ſind.— Und was dann?— Du könnteſt eine Eutdeckung in Beziehung auf Fleta's Aeltern machen. — Aber iſt das wahrſcheinlich?— Angenommen, daß Sir Henry kein Anderer als Melchior iſt— daß er es iſt, der ſich bemühet, Fleta's Aufenthaltsort zu er⸗ forſchen, und der ſie entfuͤhren will— iſt es wahrſchein⸗ lich, daß Du von ihm Licht erlangen wirſt?— Du meinſt, daß Fleta vielleicht das kleine todtgeſagte Mäd⸗ chen ſei, das Kind ſeines älteren Bruders. Aber warum? Was hätte Melchior bewegen können, ſeine eigene Nichte zu ſtehlen? Warum gab Dir Nattih das 125 Halsband? Das Eine iſt ſo unbegreiflich, als das⸗Andere. Schwerlich wollte ſie ihren Mann hintergehen. Doch — jedenfalls waltet hier ein Geheimniß ob, das nicht von ſelbſt an den Tag kommt, und Du kannſt eine Ent⸗ deckung machen, wenn Du Melchior anffindeſt, wogegen Du nichts erforſchen wirſt, wenn Du die Hände in den Schvoß legſt.«. Dies war mir genug, und ich ſann und träumte Stundenlang fort, worin ich mich nur dann ſtören ließ wenn ich auf den Stationen die Pferde bezahlen mußte. Es war zwölf Uhr vorüber, und ich mußte uun⸗ mehr auf jeder Station den Wagen wechſeln. Auch das Land und die Wege wurden trauriger und ſchlechter. Jenes war minder gut angebauet, dieſe waren uneben, die Gegenden öde. Es war faſt dunkel, als ich auf der letzten Station vor Mount Caſtle anlangte. Wie ge⸗ wöhnlich wurde auch hier der Wagen gewechſelt, die, wie das Pferdegeſchirr, immer ſchlechter wurden. Ich war indeß ganz gut von der Stelle gekommen, denn die iriſchen Poſtillons wiſſen iriſche Pferde in einen ziemlichen Schritt zu bringen. Ich ſtieg aus, und befahl ſogleich einen anderen Wagen in Bereit⸗ ſchaft zu ſetzen. Ich erhielt darauf nur die Antwort: »Warten's, Eur' Gnaden; treten's'nein einen Au⸗ genblick, und ruhen's aus ein wenig.« Ich glaubte daß nur die nöthige Zeit begehrt würde, einen Wagen in Stand zu ſetzen, und begab mich daher in die Gaſt⸗ ſtube. Das Poſthaus war wenig beſſer als eine Hütte. Ich ſetzte mich an das Torffeuer zu einigen Anderen, die ich vor Rauch kaum erkennen konnte. Ich bezahlte den Poſtillon, der mich hergebracht, und hörte ihn bald darauf wieder abfahren. Nach einigen Minuten fragte ich, ob der Wagen bereit ſei. — 126 „»Den Wagen meinen Eur' Gnaden?⸗ erwiederte die Wirthin. »Ja, einen Wagen nach Mount Caſtle.⸗ „Dann iſt mir's leid, daß Eur' Gnaden ein wenig warten müſſe; denn unſer einziger Wagen iſt fort nach dem Schloß, und wird erſt zurückkommen, wenn lange der Mond aufgangen iſt. Was befehlen Eur' Gnaden?⸗ »Nicht zurück bis der Mond aufgegangen iſt? Warum habt Ihr das nicht gleich geſagt? Ich würde dann mit dem anderen weiter gefahren ſein.« »Mit dem andern meinen's, Ihr Gnaden? Ich will nit ſelig werden, wenn Teddy Driscoll ſeine Pferd' onen Schritt weiter bringe kann, als bis vor unſre Thür. Beliebt's Eur' Gnaden, in das kleine Zimmer zu gehen? Kathleen ſoll'n Feu'r anmache.« So verdrießlich ich darüber war, an dieſem ſchauder⸗ haften Orte übernachten zu müſſen, war es doch nicht zu ändern; ich nahm alſo meinen Mantelſack und folgte der Wirthin in ein kleines elendes Gemach, das hinten an die Hütte angebaut war. Ich ſetzte mich auf den einzigen vorhandenen Stuhl, und ſtützte in keineswegs roſiger Laune den Ellbogen auf den Tiſch, als ich das Mädchen ſagen hörte:— „»Und warum laßt Ihr ihn nit nach'm Schloß? Steht doch der Wagen im Hof, und ſind doch die Rößle im Stall?« »S' iſt Befehl, daß es nit ſein ſoll, Kathleen,⸗ erwiederte die Wirthin.»Mr. M'Dermott war an dieſem geſegneten Tag' hier, und wer könnt' ihm zu⸗ wider handle?« » Und wer iſt er d „ Ne Gerichtopenen Mnit einem Haftbefehl gegen Sir Henry; und dann ſagen ſie auch, er kommt, um *½ 127 auf Jerry O'Toole's Vieh wegen der Zehnten Beſchlag zu lege.« 4 »Auf alle Fäͤll' iſt er'n verwegener junger Wicht, daß er ſich ganz allein hierher wagt.« »O! das iſt nur verwegen von ihm bis Morgen früh, dann werden wir die Soldaten hier haben, daß ſie ihm beiſtehen.« „» Und weiß Jerry O'Toole darum?⸗ »Das will ich meinen, und ich will hoffe, daß kein Mord g'ſchieht in meinem Hauſe dieſe geſeegnete Nacht. Was kann aber'ne arme Witwe thun, wenn Mr. MDermott nur den Finger aufhebt. Nun geh, Kath⸗ leen, mach's Feuer an, und ſieh zu, ob der arme junge Menſch was bedarf;'s iſt ein Jammer zum Gotterbarm, daß er nichts hat zu ſeinem Troſt, eh' ſein Wehe über ihn kommt.⸗ 3 Kathleen erwiederte nichts darauf. Man kann ſich leicht vorſtellen, welchen Schauder ich bei Anhörung des Geſprächs empfand. Daß man Böſes gegen mich im Schilde führte, war klar, und ich wußte ſehr wohl, daß der Mord eines unbekannten Menſchen in dieſem ablegenen Theile des Landes kaum beachtet werden würde. Daß ich den Leuten im Ort als Zehntner und Gerichtsperſon mit einem Haftbefehl bezeichnet war, um ihren Ingrimm gegen mich aufzuregen, reichte ohne Zweifel vollkommen hin, ſie zu veranlaſſen, mich aus dem Wege zu räumen. Wie ſollte ich ſie enttäu⸗ ſchen? Das war die Schwierigkeit. Zwanzigſtes Kapitel. Ich darf nicht hoffen, am andern Morgen lebendig aufzuſtehen⸗ und Rettung bleibt nur noch dadurch möglich, daß ich — mich zu Bett lege. Kathleen kam herein, um Feuer anzuzünden, faßte mich ſcharf in das Auge, ging an mir vorüber, und war bald beſchäftigt, den Torf anzublaſen. Sie war ein ſehr huͤbſches, ſchwarzäugiges Mädchen, ungefähr neunzehn Jahre alt, kräftig und wohlgebaut. „»Wie iſt Dein Name?« ſagte ich. „Kathleen, Ihne zu dienen, Sir. ⸗ »Höre mich an, Kathleen,« fuhr ich mit leiſer Stimme fort.»Du biſt ein Frauenzimmer, und alle Frauen ſind gutherzig. Ich habe gehört, was Du mit der Wirthin geſprochen. Ich bin weder ein Zehntner, noch ein Gerichtsbeamter, ſondern bloß ein Reiſender, der mit Sir Heury de Elare über eine Sache zu reden wünſcht, worüber Sir Henry nicht gern ſpricht; und um Dir zu beweiſen, daß ich die Wahrheit ſage, ſollſt Du wiſſen, daß es ſich um die Tochter ſeines älteren Bruders, der ſeinen Tod auf der Jagd fand, und die für todt gehalten wird, handelt. Ich bin der einzige Zeuge für das Gegentheil, und deshalb hat er und M⸗Dermott das Gerücht ausgeſprengt, damit ich ins Unglück komme.« „Sie iſt alſo am Leben?« erwiederte Kathleen, mich mit Verwunderung anblickend. „Ja, und ich will Henry nicht ſagen, wo ſie iſt, daher rührt ſeine Feindſchaft.⸗ 4 129 „Aber ich hab' ihre Leich' geſehen,« erwiederte das Mädchen mit leiſer Stimme, und dicht zu mir tretend. »Sie war es nicht, verlaß Dich darauf,« ſagte ich, kaum wiſſend, was ich auf ihre Erwiederung ent⸗ gegnen ſollte. »Auf alle Fäll' hatte ſie ihre Kleider an; aber es währte ſo lang', eh ſie gefunden wurd', daß man vom Geſicht nichts mehr erkennen konnt'. Ach, ich hab's kleine Ding wohl gekannt, denn meine Mutter war ihre Amm'. Ich bin ſelbſt groß g'worden im Schloß und bin drin g'weſe, bis nach William's Tod'; da wurden wir Alle fortg'ſchickt.« „»Kathleen! Kathleen!« rief die Wirthin. »Rufen's mich nach All'm, was Sie wünſchen, und fordern's eins nach dem andern,« flüſterte Kathleen im Hinausgehen. „»Der Torf will nit brenne,« ſagte ſie draußen zu der Wirthin;»und der Herr fordert Whiskey.⸗ „So geh'naus, und hol' welchen mitten aus'm Haufen, Kathleen, und mach g'ſchwind; wir haben andre Leut' zu bediene, als den Zehntmann. Alle O'Toole's ſind g'komme, und auch Dein Corny iſt dabei.« „»Mein Corny, ſo!« erwiederte Kathleen;„das iſt noch nit ſo ausg'macht.⸗ Nach kurzer Zeit kehrte ſie zurück, und brachte trocknen Torf und ein Maaß Whiskey. 4 „»Wenn's wahr iſt, was Sie g'ſagt,⸗ begann ſie, und ich ſeh' wohl, daß Sie kein Irländer und ſehr jung für'n Zehutner und Gerichtsbeamten ſind, denn der muß alt werden, eh' er ſo'n Schurke werde kann, — ſo ſteht Ihn'n nit viel Gutes bevor. Die O'Toole's ind hier, und mein Sinn trägt mir's zu, ſie ſinne auf Japhet. II. 9 130 Böſes; denn ſie ſitze da und ſtecke die Köpf' z'ſamme, und habe All' ihre Schillelaghs bei ſich.« »Sag' mir, Kathleen, war die Tochter von Sir William nicht ein blauäugiges Kind mit ſchönem Haar?⸗ „»Das ſollt' ich meine,« erwiederte Kathleen,»und ſie war wie'ne kleine Berg⸗Elf'.« —„ Entſinnſt Du Dich nicht, Kathleen, ob die Kleine oder ihre Mutter ein Halsband von rothen Korallen und Goldperlen trug?« »Ja, das that Mylady, und das Kind hat's umge⸗ habt, da's verlore ging, und's iſt fort g'weſe, da die Leich' gefunde wurd'. Ich weiß es noch ſehr gut, denn meine Mutter ſagt', das Kind müßte ertränkt oder er⸗ mordet ſein um der Goldperle willen.“« „Dann bin ich meiner Sache ganz gewiß, Kathleen; und ich ſage Dir, das kleine Mädchen iſt am Leben, das Halsband iſt in meinem Beſitz, und ich kann be⸗ weiſen, daß es Sir Henry ſelbſt geweſen iſt, der das Kind entführt hat.“ „Barmherziger Jeſus!« rief Kathleen aus;» das liebe Kind, darüber wir ſo viel geweint habe.“« »Ich habe Dir dies geſagt, Kathleen, um Dir zu beweiſen, daß ich nicht bin, wofür M Dermott mich ausgiebt, ohne Zweifel in der Abſicht, daß ich dieſe Nacht ermordet werden ſoll.« 3 „Ja, todtſchlage werde ſie Sie, das iſt g'wiß, wenn Sie nit flüchte.«. „Aber wie ſoll ich das anfangen? Willſt Du mir beiſtehen?« Ich legte bei dieſen Worten zehn Guineen anf den Tiſch.»Nimm das, Kathleen, es wird Dir und Corny gut thun. Willſt Du mir nun beiſtehen?⸗ „Corny g'rad' wird der Erſte ſein, der Sie todtſchlägt, wenn ich ihn nit wehren kann. Ich will gehe und ſehe, was ſich thun läßt.« S ie wollte ſich entfernen, ohne das Gold anzurüh⸗ ren; ich faßte aber ihre Hand und gab es ihr. »Das ſieht auf alle Fäll''nem Zehntner nit ahn⸗ lich,« ſagte Kathleen;»aber's Herz thut mir weh, und's ſchwimmt mir vor'n Auge, und ich weiß nit, was zu thun iſt.« Mit dieſen Worten ging ſie hinaus. »Jedenfalls,« dachte ich,»bin ich dieſes Mal auf keiner falſchen Spur geweſen. Kathleen hat es mir be⸗ wieſen, daß Fleta die Tochter Sir Williams iſt, und entrinn' ich aus meiner jetzigen Gefahr, ſo ſoll Mel⸗ chior ihr ihr Recht widerfahren laſſen.« Vergnügt darüber, daß ich über Melchior und Fleta gewiß geworden, verſank ich in Träumereien, und ver⸗ gaß auf eine Zeitlang meine gefahrvolle Lage gänzlich. Mein Nachſinnen wurde durch Kathleens Stimme un⸗ terbrochen. »Nein, nein, Corny, keiner von Euch— jetzo nit — und vor der Mutter und meinen Augen— es ſoll nit g'ſchehe. Corny, hör' mich an: wenn Blut fließt, und wir ſind auf und ſchaun es, ſo rührt Corny O'Toole ſein Lebtags dieſe Hand nit an.« 1 Es folgte eine Pauſe und ein Geflüſter, und Alles war wieder ſtill. Ich öffnete meinen Mantelſack, nahm meine geladenen Piſtolen heraus, ſchüttete friſches Pul⸗ ver auf die Pfanne, und hielt mich ſodann ruhig, ent⸗ ſchloſſen, mein Leben ſo theuer als möglich zu ver⸗ kaufen.* Es währte länger als eine halbe Stunde, ehe Kath⸗ leen wieder hereinkam; ſie ſah blaß und unruhig aus. »Halten's ſich ruhig, Sir, und denken's nit an Wi⸗ 9* 132 derſtand,“« ſagte ſie;„'s hilft nichts. Ich hab' meiner Mutter Alles wiedererzählt, und ſie glaubt Ihn'n, und will Ihr Lebe dran wage, den Herrn zu rette, der über das kleine Mädche gwacht hat, das an ihrer Bruſt ge⸗ lege; aber halten's ſich ruhig, wir werden ſie bald Alle los ſein aus'm Hauſe. Corny wagt's nit, mir unge⸗ Horſam zu ſein, und er wird die Andere beſchwatze.“ Sie ging wieder hinaus, und kehrte erſt nach einer Stunde mit ihrer Mutter zurück. „Kathleen hat mir Alles gemeldt, junger Herr,“ ſagte die Wirthin,»und wir wolle Alles thun, was wir könne: wiſſe aber kaum, was wir thun ſolle. Nach dem Schloſſe zu gehe würde Tollheit ſein.«— „»Ja,“« entgegnete ich;»aber könnt Ihr mir nicht eins von Euren Pferden geben, daß ich den Weg wie⸗ der zurückreite, auf dem ich gekommen bin.« „Das meinte wir zu thun; aber die O'Toole's habe ſie all' aus'm Stall g'nomme, daß ich's nit thun ſoll, und ſie bewache das Haus. Sie werde wiederkomme um Mitternacht, und uns angreife, das weiß ich g'wiß, aber ich zerbrech mir mein' armen Kopf, wie ich Sie verſtecke ſoll.« „Wann Sie komme, müſſe wir ihn' ſage, er wär' entflohen,« fiel Kathleen ein;»ſie werde dann das Haus nit länger mehr bewache, und's iſt Hoffnung für ihn.“« „S iſt nur eine Hoffnung für ihn,« verſetzte die Mutter, zog Kathleen zur Seite, und flüſterte ihr ei⸗ nige Worte in das Ohr Kathleen erröthete bis unrer die Stirn und gab keine Antwort.»Wenn Dir's Deine Mutter befiehlt, kann nichts Unrechtes dabei ſein.« »Ja: aber wenn Corny—« „Das wagt er nit,« fiel die Mutter ein;»und unn 133 löſchen's dies Licht aus und legen's in Ihren Kleidern zu Bett.« 1 S ie führte mich in ein kleines, elendes Schlafge⸗ mach, das in dieſem Lande jedoch für gut genug gelten mochte.. »Legen's da nein,« ſagte die Wirthin,»und warten's, bis wir komme.«. Sie nahmen das Licht mit fort, und überließen mich mir ſelbſt und meinen Betrachtungen, die nichts weni⸗ ger als angenehm waren. Ich mochte etwa zwei Stun⸗ den fortwährend wach da gelegen haben, als ich Fuß⸗ tritte und dann ein Flüſtern unter dem Fenſter, und kurz darauf ein lautes Klopfen an der Hausthür ver⸗ nahm, die die Klopfenden einzuſchlagen verſuchten. Mit jedem Augenblick erwartete ich, daß ſie den Angriffen nachgeben würde, als die Wirthin halb angekleidet und mit einem Licht in der Hand hereinkam, an das Bett eilte und mich ihr folgen hieß. Ich that es, und ſie riß, ehe ſie hinausging, das Fenſter auf. Sie führte mich eine leiterartige Treppe hinauf, und in ein kleines Gemach, wo ich Kathleen halvangekleidet in ihrem Bette aufrecht ſitzend erblickte.»O, Mutter! Mutter!« rief Kathleen aus.. »Ich befehl' es Dir, Kind,« erwiederte die Wirthin, gebot mir, in ihrer Tochter Bett hineinzukriechen, und mich an der Wandſeite zuzudecken. »Mutter, laßt mich mehr Kleider anziehe.⸗ » Nein, nein, wenn Du das thuſt, werde ſie Verdacht ſchöpfe, und ſich nit bedenke, zu ſuche. Deine Mutter befiehlt Dir's.« Das arme Mädchen glühete vor Verwirrung und Scham. 3 „»Nein,« ſagte ich,„»wenn es Kathleen nicht will, ſo 134 werde ich meine Rettung durch Berlebzung ihrer Ge⸗ fühle nicht erkaufen.« »Ja, ja,« ſagte Kathleen,»ich frage jetzt nit mehr danach; Ihre Worte ſind g'nug, die Sie ſpreche. Kom⸗ men's'nein; g'ſchwind.⸗ - *⸗ Ein und zwanzigſtes Kapitel. Der Unterrocks⸗Einfluß iſt überwiegend, und ich entkomme— falle aber in die Löwengrube. Es war keine Zeit zu Entſchuldigungen; ich ſchritt über Kathleen hinüber, und begrub mich unter der Bett⸗ decke an ihrer Seite. Die Mutter eilte die Treppe hin⸗ unter, und langte gerade auf der Hausflur an, als die Thür erbrochen war, und ein Dutzend Bewaffnete mit geſchwärzten Geſichtern hereinſtürzten. „»Heiliger Jeſus! was wollt Ihr?« ſchrie die Wirthin. „»Das Blut des Zehntners, und wir wollen es ha⸗ ben,« erwiederten die O'Toole's. »Nicht in meinem Hauſe— nicht in meinem Hauſe!⸗ rief Kathleens Mutter.»Auf alle Fäll' nehmt ihn fort mit Euch; verſprecht mir's, daß Ihr ihn mit Euch ſortnehmne wollt!« »Ja, das wollen wir, ſüße Seel', ſollſt nichts von ihm ſehe und auch nichts von ihm höm; zeig uns nur, wo er iſt.« „Er ſchläft,« erwiederte ſie, und wies nach der — —— Thuͤr des Schlafzimmers, in welchem ich zuerſt gelegen hatte. Sie nahmen ihr das Licht aus der Hand, gingen hin⸗ ein und erblickten das leere Bett und das offene Fenſter. »Hier iſt kein Zehntner zu ſehen,« ſagte Einer von ihnen,»und's Fenſter ſteht offen. Er iſt fort— hur⸗ rah! Jungen, er kann nit weit ſein.« »Bei den himmliſchen Mächten! Frau M'Shane,« ſagte der älteſte der O'Tooles;»'s iſt juſt meine Mei⸗ nung, daß er nicht ſo gar weit ſein kann; alſo mit Eu⸗ rem Verlaub, oder bei Eurem Verlaub, oder ohne Eu⸗ ren Verlaub, wolle wir eben das Neſt durchſuche.« »O! recht gern, Maſter Jerry O'Toole; wenn Ihr mich für'ne Frau haltet, die'nen Zehntner hehlt, ſo ſucht nur allerwegen juſt wie's Euch beliebk.« Angeführt von Jerry O'Toole, der der Wirthin das Licht aus der Hand genommen, ſtieg die Rotte die Lei⸗ ter herauf, und ich fühlte, daß Kathleen vor Furcht zitterte. Nachdem ſie alle Gemächer und Winkel durch⸗ ſucht, gingen ſie in das Zimmer der Wirthin. »O! nur nein, nur nein, und ſtöbert Alles durch, Mr. O'Toole;'s iſt ſehr leicht zu denke, daß ich'nen Zehntner in meinem Bett hab'. Ich bitt Euch, ſucht doch, ſucht —«und Frau M'Shane führte die Rotte ſelbſt hinein. Jetzt war nur noch Kathleens Schlafgemach übrig, und ſie ſtanden vor der Töür ſtill. 3 »Wir müſſe hinein,“« ſagte der Führer ſtörriſch. »In mein' Mädels Kämmerche! Sehr wohl, geht ⸗ enein, wenn's Euch beliebt; Ihr werd't'ne ſchöne G'ſchicht zu erzählen habe, wie ſechs große Kerl ein ar⸗ mes Mädel aus dem Bett geriſſen habe, um'nen Zehnt⸗ ner zu ſuche.'s wird Euch auf alle Fäll' viel Ehre mache, und Ihr, Corny O'Toole, Ihr werd't ein freund⸗ 136 lich G'ſicht ſchaue, wenn Ihr kommt, um vom Hoch⸗ zeittag zu rede, wenn Ihr die, die Eur' Weib werde ſoll, von'nem Dutzend Männer aus'm Bett reiße laßt. Was wollt Ihr zu Kathleen ſage, wenn Ihr den Schimpf ihr anthut, daß Ihr meint, die Jungfrau hat nen Zehntner im Bett. Meint Ihr, Ihr werdet je der Mutter Einwilligung oder Segen habe?« »Keiner unterſteht ſich,'nen Fuß in Kathleen's Kammer zu ſetze,“ rief Eorny O'Toole aus, denn Frau M'Shane's Spottreden hatten ihre Wirkung nicht ver⸗ fehlt. »So iſt's Recht, Corny,« begann Kathleen's Mut⸗ ter wieder,»aber'ner Frau, wie mir, ſteht's nicht an, in Berdacht zu ſein, auf alle Fäll' nit; und darum ſollt Ihr, und Ihr allein l'neingehe, wenn Euch das g'nug iſt, Mr. Jerry O'Toole.« »Ja!« ſchrie die ganze Rotte, und Frau M'Shane öffnete die Thür. Kathleen ſtützte ſich auf den Ellenbogen, zog ſich die Bettdecke bis unter das Kinn, ſah Beide an, wie ſie eintraten, und rief aus:»O, Corny, Corny! das thuſt Du mir!« Corny kam es nicht in den Sinn, ſich nach irgend Jemand umzuſehen, ſeine Blicke waren einzig auf ſeine Traute geheftet. „Mord und Torf! Kathleen,“ rief er aus,„ 8 iſt meine Schuld nit; Jerry will's habe.⸗ »„Seid Ihr befriedigt, Corny?« fragte Frau M' Shane. „Das wußt' ich gwiß g'nug, ehe ich'nein kam, daß Kathleen Niemand in ihrer Kammer habe würd',“« er⸗ wiederte Cornv. 137 »So ſchlaf wohl, Corny, und ich werde morgen mit Dir rede,« ſagte Kathleen. Frau M'Shane ging hinaus, erwartend, daß Corny ihr folgen würde; allein er konnte es ſich nicht verſa⸗ gen, an das Bett zu treten. Aus Furcht, daß er mich fühlen würde, wenn er die Arme um ihren Leib ſchlänge, richtete ſich Kathleen empor, und geſtattete ihm eine Umarmung. Zum Glück hatte die Mutter das Licht mit hinausgenommen, denn ich würde ſonſt entdeckt ſein, da das Mädchen beim Emporrichten mir die Bettdecke von Kopf und Schultern gehoben. Nach ein paar Au⸗ genblicken ſtieß ſie Corny von ſich, und er entfernte ſich. Die Rotte ſtieg die Leiter hinunter, und ſobald Kath⸗ leen hörte, daß ſie ſämmtlich unten waren, ſprang ſie aus dem Bette und lief in die Kammer ihrer Mutter. Gleich darauf hörte ich meine Verfolger abziehen. Frau M'Shane verriegelte die Thür, kam herauf, und ging zuerſt in ihre eigene Kammer, wo die arme Kathleen vor Scham und Aerger bitterlich weinte. Ich war aufgeſtanden, als ſie in Kathleens Schlafzimmer, um die Kleider derſelben zu holen, eintrat. Nach etwa fünf Minuten kehrte ſie mit der Tochter zurück. Ich ſaß auf dem Bett, das arme Mädchen verfärbte ſich, als unſere Blicke ſich begegneten. Ich redete ſie an. 3»Kathleen, Du haſt mir nach aller Wahrſcheinlich⸗ keit das Leben gerettet, und ich finde keine Worte, Dir meinen Dank auszudrücken. Es thut mir nur leid, daß Deine Schamhaftigkeit auf eine ſo harte Probe geſtellt wurde.— »Ach, wenn's Corny offenbar g'worden wär'!“« er⸗ wiederte Kathleen, abermals in Thränen ausbrechend. »Wie hab' ich ſo was thun könne!« „Deine Mutter befahl Dir's,« ſagte Fran M' Shane,»und das iſt g'nug.« »Aber was müſſe Sie von mir denke, Sir,« fuhr Kathleen fort. „Ich denke, daß Du Dich höchſt edel benommen haſt. Du haſt unter Gefahr Deines guten Rufes und des Verluſtes Deines Liebhabers einen Unſchuldigen ge⸗ rettet. Ich bin leider jetzt außer Stande, Dir meine Dankbarkeit zu beweiſen.« „»O freilich,— verſpreche Sie mir bei All'n, was Ihne heilig iſt, daß Sie all'zeit davon ſchweige wolle. Sie werde mein Verderbe nicht wolle, die Ihne diene wollt.⸗ 3 »„Ich verſpreche es Dir, und denke noch viel mehr zu thun,« entgegnete ich.»Aber was fangen wir nun an, Frau M'Shaue? Hier bleiben kann ich nicht.« »Nein, Sir, Sie müſſe fort, und das ſehr bald. Warten's nur noch zehn Minuten; ſie werde dann ab⸗ laſſe zu ſuche und nach Hauſe gehe. S iſt am beſten, Sie gehe nach E— zurück(E— war dir nächſte Station), und Sie müſſe reiſe, ſo g'ſchwind Sie könne, denn's iſt hier keine Sicherheit für Sie.⸗ »Ich bin überzeugt, daß der ſchurkiſche M'Dermott nicht eher von mir ablaſſen wird, als bis er mich aus dem Wege geräumt,“« ſagte ich, und zog meinen Geld⸗ beutel heraus, in welchem ich noch faſt zwanzig Gnineen hatte. Ich nahm zehn derſelben in die Hand.»Frau M'Shane, ich muß mein Felleiſen bei Euch zurücklaſ⸗ ſen; Ihr mögt es mir nachſchicken, ſobald Ihr hört, daß ich in Sicherheit bin. Sollte mir ein Unglück wider⸗ fahren, ſo iſt das Geld beſſer in Euren Händen, als in denen meiner Mörder. Kathleen, Gott ſegne Dich! Du biſt ein gutes Mädchen, und Corny O'Toole wied „* 139 ein glücklicher Mann ſein, wenn er Deinen Werth er⸗ kennt. ⸗ Ich ſagte Kathleen Lebewohl, und ſie ließ mich ohne Sträuben ſie küſſen; die Thränen liefen ihr über die Wangen, als ſie mit ihrer Mutter hinausging. Frau M'Shane ſah vorſichtig aus dem Fenſter, hielt das Licht hinaus, um ſich zu überzeugen, daß Niemand in der Nähe ſei, öffnete die Hausthür, rief die Heiligen an, mich zu beſchützen, drückte mir die Hand, und ich ging. Es war eine finſtere, wolkige Nacht, und bei den er⸗ ſten Schritten mußte ich mich weiterfühlen, und konnte nichts unterſcheiden. Ich ging, in jeder Hand eine ge⸗ ladene Piſtole, vorwärts, und gewann meiner Meinung nach die Straße nach E—, verfehlte ſie aber, und ſchlug den nach Mount⸗Caſtle führenden Weg ein. Als ich die Häuſer und Orts⸗Umgebungen hinter mir hatte, war ich im Stande, den Weg zu untkerſchei⸗ den. Ich mochte vier bis fünf Meilen gewandert ſein, als ich den Schall von Roßhufen vernahm, und bald darauf ritten zwei Männer vorüber. Ich fragte, ob dies die Straße nach E— ſei. Es erfolgte eine Pauſe und ein Geflüſter.»Seid ganz recht!« erwiederte end⸗ lich eine tiefe Stimme. Ich ging weiter, erfreut, daß ich nicht irre gegangen, und darüber nachſinnend, wes⸗ halb die Beiden wohl noch ſo ſpät durch die Nacht rei⸗ ten möchten. Nach etwa zehn Minuten glaubte ich abermals das Geräuſch von Roßhufen zu vernehmen, und nun fuhr mir der Gedanke durch den Sinn, die Reiter könnten Straßenräuber ſein, und zurückkehren, um mich zu berauben. Ich ſetzte meine Piſtolen in Bereitſchaft, entſchloſſen, mein Leben ſo theuer als mög⸗ lich zu verkaufen, und erwartete angſtvoll ihr Heran⸗ 140 kommen; ſie ſchienen ſich jedoch in einiger Eutfernung zu halten, da ſich der Schall nicht verſtärkte. Nach einer halben Stunde theilte ſich der Weg, und ich wußte nicht, welchen von beiden ich wählen ſollte. Ich ſtand ſtill und horchte— die Hufſchläge waren nicht mehr zu hören. Ich blickte rund um mich herum, ob ich nicht irgend einen Gegenſtand erſpähen könnte, der meine Wahl beſtimmen möchte; aber vergebens. Ich ſchlug den Weg zur Linken ein, und ging darauf fort, bis ich an einen Bach kam, der ihn durchſchnitt. Eine Brücke war nicht vorhanden, und es war zu finſter, als daß ich die Steine im Waſſer hätte unterſcheiden kön⸗ nen. Ich war halb hindurch gewatet, als ich von hin⸗ ten einen Schlag auf den Kopf erhielt, der mich tau⸗ meln machte. Ich drehete mich um, aber ehe ich den Augreifer erblickte, ſtuͤrzte ich, von einem zweiten Streiche getroffen, ſinnlos in das Waſſer. Zwei und zwanzigſtes Kapitel. Ich komme unter die Erde, ohne doch todt oder begraben zu ſein.— Die Ausſichten ſind nichts weniger, als erfreulich. Als ich wieder zur Beſiunung kam, ſah ich mich im Finſtern, ohne zu wiſſen, wo ich mich befand. Ich rich⸗ tete mich auf einen Augenblick in die Höhe, um mich zu ſammeln; allein die Anſtrengung war zu ſchmerzlich, ich ſank wieder zurück, und blieb in einem Zuſtande halber Betäubung. Allmälig wurde es heller in mei⸗ 441 nem Kopfe, und ich richtete mich abermals empor. Ich bemerkte, daß ich auf einem Strohbette lag. Ich ſtreckte meine Arme aus, und fühlte nach beiden Seiten um⸗ her, berührte jedoch nichts. Ich öffnete meine Augen, die ich geſchloſſen hatte, und bemühete mich vergeb⸗ lich, die Finſterniß zu durchdringen— es blieb Alles ſchwarz, wie der Erebus. Nach einiger Zeit ſtand ich auf, und ging fünf oder ſechs Schritte mit vorgeſtreckten Händen ſeitwärts, bis ich an eine Mauer kam. Ich fühlte mich an ihr etwa zwanzig Fuß weiter, und fand eine Thür. Hierauf ging ich an den Wänden rings herum, und machte die Ent⸗ deckung, daß ſich an der andern Seite leere Weinlager befanden; dann gelangte ich wieder an das Strohbett, auf welchem ich gelegen hatte. Ich befand mich alſo in einem Keller, der nicht mehr benutzt wurde— aber wo? Ich legte mich wieder auf das Stroh, und leicht kann man ſich vorſtellen, daß meine Betrachtungen nichts weniger als angenehm waren. War ich in M'Der⸗ motts oder Melchiors Gewalt? Ich hielt mich davon überzeugt; allein mein Kopf ſchmerzte mich zu ſehr, als daß ich zu langem Nachdenken im Stande geweſen wäre, und nach einer halben Stunde verſank ich in ei⸗ nen dumpfen Zuſtand halber Träumerei und halber Be⸗ täubung, worin nach einander die Geſtalten M'Der⸗ motts, Kathleens, Melchiors und Fleta's mir vor⸗ ſchwebten. Wie lange er währte, kann ich nicht ſagen, ich wurde durch ein Licht daraus erweckt, deſſen Glanz meine Augen traf. Ich ſchreckte empor, und ſah Mel⸗ chior als Zigeuner gekleidet, wie ich ihn zum letzten Male geſehen hatte. »Alſo Ihr ſeid es, dem ich dieſe Behandlung ver⸗ danke?« rief ich ihm entgegen. 5 „Keineswegs,« erwiederte Melchior.»Ich befehle hier nicht, erkannte Euch aber, als ſie Euch bewußtlos brachten, und da ich auf dem Schloſſe diene, ſo habe ich das Amt Eures Kerkermeiſters übernommen, um Euch wo möglich nützlich zu ſein.« Ich fühlte, ich wußte, das dies eine Lüge war, allein ein kurzes Nachdenken ſagte mir, daß es beſſer ſei, meine Gedanken für jetzt nicht laut werden zu laſſen. »Wem gehört denn aber dieſes Schloß, Melchior?⸗ fragte ich. „»Sir Henry de Clare?« „Und was kann er damit beabſichtigen, daß er mich auf dieſe Weiſe behandelt?« „Das kann ich Euch ſagen, weil ich dabei betheiligt bin. Ihr erinnert Euch des kleinen Mädchens, der Fleta, die das Zigeunerlager mit Euch verließ— ſie befindet ſich jetzt irgendwo unter Eurem Schutz?« „Das iſt richtig; aber ich war ihretwegen Euch al⸗ lein verantwortlich.“ »Sehr wahr, aber ich war Sir Henry verantwort⸗ lich, und es befriedigte ihn nicht, wenn ich ihm blos ſagen konnte, daß es ihr wohl ergehe; denn Familien⸗ Rückſichten laſſen ihn jetzt ſehnlichſt wünſchen, daß ſie zu ihm zurückkehrt, was in der That ihr Vortheil ſein würde, da ſie aller Wahrſcheinlichkeit nach ſeine Erbin ſein wird, denn er hat ſich genügende Beweiſe verſchafft, daß ſie eine nahe Anyverwandte von ihm iſt.⸗ „Das mag Alles ſein, Melchior; aber warum hat Sir Henry de Clare mir nicht geſchrieben, ſeine Wün⸗ ſche zu erkennen gegeben, und ſein Recht dargethan, ſeine Anverwandte zurückzufordern, und warum behandelt er mich auf dieſe Weiſe? Und noch eine Frage— wie kommt es, daß er mich als den ausfindig gemacht, un⸗ 143 ter deſſen Schutze Fleta ſteht? Beantwortet mir dieſe Fragen, Melchior, und dann kann ich weiter mit Euch über die Sache reden.« »Ich will die letzte Frage zuerſt beantworten. Eu⸗ ren Namen erfuhr er von mir, und es fügte ſich, daß 4 ein Freund von ihm mit Euch auf Eurer Reiſe nach Irland zuſammentraf! eben derſelbe ſah Euch auch in dem Poſthauſe, und ſagte es dem Schloßherrn. Sir Henry, der ein heftiger Mann iſt, und hier faſt könig⸗ liche Gewalt beſitzt, beſchloß, Euch gefangen zu halten, 1 bis Ihr das Kind ausliefern würdet. Ihr erinnert Euch, daß Ihr Euch weigertet, ſeinem Agenten, dem Manne, deſſen Adreſſe ich Euch gab, zu ſagen, wo ſie zu finden wäre, und erzürnt darüber, hat er die Hand⸗ habung des Geſetzes ſelbſt übernommen.« „»Was ihm übel bekommen ſoll,« fiel ich ein,»„wenn es in dieſem Lande Geſetze giebt. »Deren giebt es in England, aber kaum eine Spur davon in dieſem Theile des Landes, und Sir Henry we⸗ nigſtens hat nichts davon zu fürchten. Kein Gerichts⸗ beamter würde ſich bis auf fünf Meilen an das Schloß heranwagen, das kann ich Euch verſichern, ſehr wohl wiſſend, daß es ihm das Leben koſten würde; und Sir Henry verläßt das Schloß nie. Ihr ſeid in ſeiner Ge⸗ walt, und er fordert nur von Euch, daß Ihr den Auf⸗ enthaltsort des Kindes angebt, und Anweiſung ertheilt, daß es ihm überliefert wird. Ihr könnt Euch dieſem Verlangen nicht widerſetzen, da er Fleta's nächſter An⸗ verwandter iſt; wenn Ihr Euch fügt; ſo zweifle ich nicht, daß Sir Henry ſeine rauhe Behandlung vollkommen wieder gut machen, und Euer aufrichtiger Freund wer⸗ den wird.⸗ 144 „ Das bedarf der Ueberlegung,« entgegnete ich;„ge⸗ genwärtig bin ich zu leidend zum Reden.« »Ich habe es gefürchtet,« erwiederte Melchior; „und das war ein Grund mehr für mich, weßhalb ich um die Erlaubniß bat, zu Euch gehen zu dürfen. War⸗ tet einen Augenblick.« Melchior ſetzte das Licht auf die Erde, ging hinaus und ſchloß die Thür ab. Als ich um mich her ſchauete erſah ich, daß meine Vermuthungen richtig geweſen wa⸗ ren. Ich befand mich in einem Keller, der dem Auſchein nach ſeit langer Zeit unbenutzt geweſen war. Melchior kehrte bald zurück, gefolgt von einer alten Frau, die einen Korb und einen Krug mit Waſſer trug. Sie wuſch mir das Blut vom Kopfe ab, legte ein Pflaſter auf die Wunden und verband ſie, worauf ſie ſich ent⸗ fernte und den Korb zurückließ. »Da iſt etwas zu eſſen und zu trinken,« ſagte Mel⸗ chior;»aber ich glaube, Japhet, Ihr werdet mit mir darin uͤbereinſtimmen, daß es beſſer ſein würde, Ihr gä⸗ bet den Wünſchen Sir Henry's nach, um nicht in die⸗ ſem ſchauderhaften Loche zu bleiben.« »Ihr habt Recht, Melchior,« verſetzte ich;„aber erlaubt mir, daß ich Euch noch ein paar Fragen vor⸗ lege. Wie ſeid Ihr hierher gekommen— wo iſt Nattih — und wie kommt es, daß Ihr, nachdem Ihr das La⸗ ger verließet, in Euren Umſtänden ſo zurückgekommen ſeid, daß Ihr einem Manne, wie Sir Henry de Clare, dient?« »Darüber will ich Euch in wenigen Worten Licht geben,« ſagte er.»In meinen Jugendjahren führte ich ein unbeſonnenes Leben, und bin, um Euch die Wahrheit zu ſagen, in der Gewalt dieſes Mannes; noch mehr, denn ich will ganz aufrichtig gegen Euch ſein, ſogar 145 — mein Leben ſteht in ſeiner Gewalt. Er befahl mir, zu kommen, ich wagte es nicht, ungehorſam zu ſein— und er hält mich hier feſt.« „»Und Nattih?« »Befindet ſich vollkommen wohl, und iſt bei mir; fühlt ſich jedoch in ihrer jetzigen Lage nicht ſehr glück⸗ lich. Allein er iſt ein gefährlicher, jähzorniger, unver⸗ ſöhnlicher Mann, und ich wage es nicht, ihm den Ge⸗ horſam zu verweigern. Ich rathe Euch als Freund, nachgiebig gegen ihn zu ſein.« „Es bedarf einiger Ueberlegung,«⸗ erwiederte ich, »und ich gehöre nicht zu denen, die ſich einſchüchtern laſſen. Meine Gefühle gegen Sir Henry ſind nach die⸗ ſer Behandlung nicht die freundlichſten; und zudem, wie kann ich wiſſen, ob Fleta wirklich ſeine Anver⸗ wandte iſt?2« 5 4 »Ich kann nichts weiter ſagen, Japhet. Ich wünſchte, daß Ihr ſeinen Händen glücklich entronnen ſein möchtet.« »Euch ſtehen die Mittel zu Gebot, mir zu helfen, wenn das der Fall iſt,« ſagte ich. »Ich wage es nicht.« „Dann ſeid Ihr der Melchior nicht mehr, der Ihr ehemals waret,«⸗ verſetzte ich. „Wir müſſen uns dem Geſchick unterwerfen. Ich darf nicht länger bleiben. Ihr werdet Alles, was Ihr bedürft, in dem Korbe finden, auch noch Lichter, wenn Ihr nicht gern im Dunkeln ſein möget Ich glaube nicht, daß ich Erlaubniß erhalten werde, her als mor⸗ gen wieder zu Euch zu kommen.« Melchior ging hierauf hinaus, verſchloß die Thür, und ich war meinen Betrachtungen uͤberlaſſen. Zaphet. II. 1 1446 Drei und zwanzigſtes Kapitel. In der Noth lernt man ſeine Freunde kennen.— Das Blatt wendet ſich, wie der Schlüſſel umgedreht wird.— Das Stück endet vollkommen tragiſch. War es denkbar, daß Melchior die Wahrheit gere⸗ det hatte? Ein wenig Nachdenken überzeugte mich, daß Alles Lüge, und daß er Sir Henry de Clare ſelbſt ſei. Ich war in ſeiner Gewalt, und was konnte der Aus⸗ gang ſein? Er konnte mich gefangen halten, durfte es aber nicht wagen, mich zu ermorden. Nicht wagen? der Muth entſiel mir, als ich bedachte, wo ich mich be⸗ fand, und wie leicht es ihm ſein würde, mich, wenn er geneigt dazu wäre, aus der Welt zu ſchaffen, ohne daß eine menſchliche Seele mein Schickſal erfahren hätte. Ich zündete ein ganzes Licht an, um mich nicht im Fin⸗ ſtern zu ſehen, wenn ich wieder aufwachte, und bald lag ich, an Geiſt und Leib erſchöpft, in tiefem Schlafe. Ich mußte lange geſchlafen haben, denn als ich er⸗ wachte, befand ich mich im Finſtern— das Licht war ganz heruntergebrannt. Ich fühlte nach dem Korbe, ſuchte darin, und fand ein Feuerzeng. Ich ſchlug Licht an, und da ich mich ermattet und hungrig fühlte, er⸗ guickte ich mich durch die Speiſe und den Wein, der ſo vortrefflich als jene war. Ich hatte das Uebrige wieder in den Korb gelegt, als abermals der Schlüſſel in der Thür umgedreht wurde, und Melchior hereintrat. „Wie geht es Euch heute, Japhet?« * . 147 »Heute!« erwiederte ich.»Tag und Nacht ſind gleich für mich.« „Das iſt Eure eigene Schuld,« entgegnete er.„»Habt Ihr überlegt, was ich Euch geſtern vorſchlug?« »Ja,“« fagte ich;» und ich will mich dieſen Bedin⸗ gungen unterwerfen. Sir Henry gebe mir die Freiheit, komme nach England herüber, beweiſe ſeine Verwandt⸗ ſchaft mit Fleta, und ich will ſie ihm ausliefern. Was kann er mehr föordern?⸗ „Ich glaube kaum, daß er ſeine Einwilligung hierzu geben wird, denn iſt er erſt einmal in England, ſo wer⸗ det Ihr Euch einen Haftsbefehl gegen ihn verſchaffen.⸗ „»Nein, Melchior, auf meine Ehre! das will ich nicht.« »Er wird Euch nicht trauen.« „»Dann wird er Andere nach ſich ſelbſt beurtheilen,⸗ enkgegnete ich.. »Habt Ihr keine andere Bedingungen vorzuſchla⸗ gen?« ſagte Melchior. „»Nein.« »Dann will ich ihm ſagen, wie Ihr Euch ausge⸗ ſprochen, und Euch morgen ſeine Antwort bringen.«⸗ Melchior vertauſchte den Korb mit einem andern, und erſchien erſt am folgenden Tage wieder. Ich war jetzt wieder zu Kräften gelangt, und beſchloß, ernſthafte Maßregeln zu nehmen, wußte aber freilich noch nicht, was ich thun ſollte. Ich ſann die ganze Nacht darüber nach, und machte mich den andern Morgen(das heißt, nach meiner Rechnung) an den Korb. Ob lange Weile oder Schwäche die Urſache war, kann ich nicht ſagen, aber ich trank zu diel Wein, und war auf jede verwegene That vorberei⸗ tet, als Melchior abermals hereintrat. 1 „Sir Henry will Eure Bedingungen nicht anneh⸗ 4 10* 1 3 3 — 1 148 men. Ich dachte es wohl,« ſagte Melchior,„und es thut mir leid— ſehr leid.« „Melchior,“ erwiederte ich aufſpringend,»laßt uns offen gegen einander ſein. Ich bin nicht ganz ſo unwiſ⸗ ſend, als Ihr meint. Ich kenne Fleta's Herkunft, und weiß eben ſo gut, wer Ihr ſeid.“ „Wirklich,« ſagte Melchior;»beliebt es Euch viel⸗ leicht, Euch näher zu erklären?« „Das will ich. Ihr, Melchior, ſeid Sir Henry de Clare; Ihr gelangtet durch den Tod Eures älteren Bru⸗ ders, der auf der Jagd umkam, zu Euren Gütern.« Melchior ſchien erſtaunt. »In der That!“ erwiederte er;»fahrt doch fort. Ihr habt einen Gentleman aus mir gemacht.« „Nein! vielmehr einen Schurken.“« „Wie es Euch beliebt; wollt Ihr jetzt nicht aus Fleta eine Lady machen?« „Ja, das will ich. Sie iſt Eure Nichte.“⸗— Mel⸗ chior fuhr entſetzt zurück.—»Ich traf mit Eurem Agenten, M'Dermott, den Ihr nach England geſchickt hattet, um Fleta's Aufenthaltsort auszuforſchen, in dem Poſtwagen zuſammen; er hat mir bis hierher nachge⸗ geſpürt, und mein Leben dadurch in Gefahr gebracht daß er den Leuten ſagte, ich ſei ein Zehntner.“ „Was Ihr da ſagt, iſt von großer Wichtigkeit,⸗ er⸗ wiederte Melchior.»Ihr werdet es jedoch nicht leicht beweiſen können.«. „Nichts leichter als das,« verſetzte ich, von Zorn und Wein geröthet.»Ich habe beſtimmte Beweiſe. Ich habe ihre Mutter geſehen, und bin im Stande, die Herkunft des Kindes durch das Halsband darzuthun, das es trug, als Ihr es ſtahlet.“ »Halsband!« rief Melchior aus. — 2 8—— ——— — »Ja, das Halsband, das mir Eure eigene Frau gab, als wir uns trennten.“⸗ 3 »Sie ſei verdammt!« murmelte Melchior durch die Zäͤhne. »Flucht ihr nicht; verdammt Euch ſelbſt wegen En⸗ rer Schändlichkeit, die nun an das Licht gekommen iſt. Habe ich geunng geſagt, oder wollt Ihr noch mehr hören?« 4 »Sagt mir noch mehr.⸗ »Nein, ich will es nicht, denn ich müßte Andere bloßſtellen, und das geht nicht an,« erwiederte ich; denn ich fühlte, daß ich ſchon zu viel geſagt hatte. »Jedenfalls habt Ihr Euch ſelbſt bloßgeſtellt,« ent⸗ gegnete Melchior;»und jetzt ſollt Ihr wiſſen, ehe Ihr nicht— doch gleich viel,« und Melchior eilte hinaus. Die Thür wurde abermals verſchloſſen, und ich war wieder allein. Ich hatte Zeit, uͤber meine Unklugheit nachzuden⸗ ken. Melchiors Geſicht, als er mich verließ, war das eines Teufels. Eine innere Stimme ſagte mir, daß ich mich zum Tode bereiten müſſe, und ich irrte nicht. Am folgenden Tage kam Melchior nicht, auch am zweiten Tage blieb er aus; mein ganzer Mundvorrath war auf⸗ gezehrt. Ich hatte nur noch ein wenig Wein und Waſ⸗ ſer. Es fuhr mir der Gedanke durch den Sinn, daß ich Hungers ſterben ſollte. War kein Mittel, zu entflie⸗ hen? Nein; ich hatte weder Waffen, noch Werkzeuge, nicht einmal ein Meſſer. Auch die Lichter waren ſämmtlich verbraucht. Endlich kam ich auf den Gedan⸗ ken, daß meine Stimme vielleicht gehört werden könnte, obgleich ich mich in einen Keller befand, und ich be⸗ ſchloß, als einen letzten Verſuch, mich ihrer zu bedienen. Ich tappte nach der Kellerthür, und ſchrie ſo ſtark 150 ich konnte:»Mord!— Mord!“« und ſchrie immerfort, bis ich erſchöpft war. Späterhin erfuhr ich, daß mein Schreien meinen Hungertod verhindert hatte, der wirk⸗ lich Melchiors ſchändlicher Plan geweſen war. Nach einer Stunde wiederholte ich mein Schreien, das von der Dienerſchaft gehört wurde, die Melchior meldete, daß unten in den Gewölben Mord gerufen würde. Ich wiederholte während der Nacht und am ganzen nächſt⸗ folgenden Tage von Zeit zu Zeit mein Schreien. Ich war jetzt vollkommen erſchöpft, war faſt zwei Tage ohne Nahrung geweſen, und mein Wein und Waſſer waren aufgezehrt. Ich ſetzte mich mit trockenem Munde und erhitztem Gehirn nieder, und gedachte Kräfte zu ſam⸗ meln, um mein Rufen zu erneuen, als ich Fußtritte vernahm. Die Thür wurde aufgeſchloſſen, und ich er⸗ blickte eine Laterne, welche einer von zwei Männern trug, die mit großen Schmiedehämmern bewaffnet waren. »So iſt es denn alſo mit mir vorbei,« rief ich aus; » und ich werde nie erfahren, wer mein Vater iſt. Kommt nur heran, Mörder, und vollbringt Euer Werk; vollbringt es ſchnell.« Die beiden Männer näherten ſich ohne ein Wort zu reden; der Vorderſte, der die Laterne trug, ſetzte ſie vor ſich nieder, und hob mit beiden Händen ſeinen Ham⸗ mer auf, als auch der Andere hinter ihm den ſeinigen empor hob— und der Vorderſte zu ſeinen Füßen todt niederſank. — — —m— 151 Vier und zwanzigſtes Kapitel. Iſt voll von gefährlichen Abenteuern, und, wie ich dem Leſer verſichern kann, es iſt viel mehr darin, als der Leſer mit Augen ſieht. »Still,« ließ ſich eine wohlbekannte Stimme ver⸗ nehmen, obgleich das Geſicht des Redenden vollkommen entſtellt war. Es war Timotheus!„»Still Japhet,« flüſterte Timothy abermals,»die Gefahr iſt noch kei⸗ neswegs vorüber; doch ich werde Dich retten oder ſter⸗ ben. Nimm den Hammer; Melchior wartet draußen.« Timotheus ſtellte die Laterne in ein Weinlager, um es noch dunkler zu machen, führte mich nach der Thür, und flüſterte mir zu:»Wenn er hereinkommt, ſo wollen wir ihn einſchließen.« Gleich darauf erſchien Melchior, und fragte im Her⸗ eintreten:»Alles gut?« und ging darauf an mir vor⸗ über zu Timotheus. Ich verſetzte ihm einen Schlag, daß er zu Boden ſtürzte, und bewußtlos dalag. »So iſt's gut,« ſagte Timotheus;„nun müſſen wir uns aber davon machen.“« »Nicht eher, als bis er meine Stelle einnimmt,“ erwiederte ich, indem ich die Thür verſchloß.»Jetzt mag er ſelbſt erfahren, was Hungers ſterben heißt.“« Ich folgte darauf Timotheus durch eine Pforte, die aus dem Schloſſe führte, und durch welche er und ein 3 Begleiter eingelaſſen waren. 152 »Unſere Pferde ſind ganz in der Nähe,⸗ ſagte Ti⸗ motheus;„denn wir hatten uns ausbedungen, nach vollbrachter That das Land zu verlaſſen.« Es war gerade dunkel geworden, als wir glücklich aus dem Schloſſe waren. Wir beſtiegen die Pferde, und ritten auf das Schnellſte davon. Wir folgten der nach der Poſtſtadt, nach welcher ich gefahren war, füh⸗ renden Straße, und ich beſchloß, bei Mrs. M⸗Shane anzuhalten, denn ich war ſo erſchöpft, daß ich nicht weiter konnte. Hierbei mußte Vorſicht beobachtet wer⸗ den, und da der Mond ſchien, ſo lenkte ich vor der Stadt, oder vielmehr vor dem Dorfe, vom Wege ab, ſo daß wir hinter Mrs. M'Shane's Hauſe anlangten. Ich ging an das Fenſter des Schlafzimmers, in wel⸗ chem ich verborgen geweſen war, und klopfte leiſe meh⸗ rere Male vergeblich an. Endlich erſchien Kathleen. Darf ich herein kommen,« ſagte ich; vich bin vor 3 Müdigkeit und Hunger faſt todt.«. »Ja,“ erwiederte ſie,„ich will die Hinterthür öff⸗ nen;'s iſt Niemand hier heut' Abend—'s iſt noch zu früh für ſie.« Ich ging, von Timotheus gefolgt, hinein, und ſank, als ich über die Thuͤrſchwelle war, in Ohnmacht. So⸗ bald ich mich ein wenig erholt, führte mich Frau M'Shane, der Sicherheit wegen, in ihr Zimmer hin⸗ auf, und bald war ich im Stande, die Erfriſchungen zu mir zu nehmen, deren ich ſo ſehr bedurfte. Ich er⸗ zählte Frau M'Shane und Kathleen, was ſich zugetra⸗ gen hatte, worüber ſie äußerſt erſchrocken waren. »Sie werde wohlthun, zu warte, bis es ſpät g'worde iſt, ehe Sie weiterreite,« ſagte die Wirthin; ves wird ſich'rer ſein. Jetzt iſt's neun Uhr, und die Leut' werde bis elf in Bewegung ſein. Ich will Euren ——— 153 Rößle etwas Korn gebe, und wenn Ihr fünf Meilen von hier ſeid, könnt Ihr denke, daß Ihr nichts mehr zu fürchte habt. Heiliger Patrick! welch' eine Ret⸗ tung!“ Der Rath war zu gut, um nicht befolgt zu werden, und ich war ſo erſchöpft, daß ich mit großer Freude die Klugheit auf Seiten der Ruhe gewahrte. Ich leg). mich auf der Wirthin Bett, und Timotheus wachke— bei mir. Nachdem ich eine kurze Zeit geſchlafen, weckte. mich die gute Wirthin, und kündigte mir an, es ſei ⸗7. Zeit, daß wir fortritten. Kathleen erſchien gleichfalls, und ſagte: A »Ich möcht' Sie wohl um'ne Gunſt bitte, Sir, und hoff', daß Ihr ſie mir nit abſchlage.«„ »Kathleen, Du kannſt von mir Alles fordern, und verlaß Dich darauf, daß ich Dir keine Bitte abſchlage, deren Erfüllung in meiner Macht ſteht.« »Wenn das iſt, Sir,“« erwiederte das gute Mäd⸗ chen,»Sie wiſſe, wie ich meine Gefühle zwang, um 7 Ihne zu diene, wolle Sie die Ihrigen bezwinge, um meinetwillen? Ich kann den Gedanken nit ertrage, daß einer von der Familie, in deren Hauſ' ich groß g'worden bin, ſo ſchlecht er iſt, auf'ne ſo klägliche Weiſe umkomme ſoll, und daß ein Menſch, ſo bös er ſein mag, und wenn ich ihm auch nichts verdankte, ſo ſchuldbeladen und ohne Abſolution ſterbe ſoll. Wolle⸗ Sie mir den Schlüſſel gebe, daß Sir Henry de Clare erlöſ't werden kann, wenn Sie fort und in Sicherheit ſind? Ich weiß, daß er keine Güte von Ihne verdient, aber's iſt ein gräulicher Tod, und ſchauderhaft, ſo be⸗ laden mit Sünde zu ſterbe.« »Kathleen,« erwiederte ich,»ich will Dir mein Wort halten. Hier iſt der Schlüſſel; bring' ihn mor⸗ 154 gen früh Lady de Clare, und ſag' ihr, daß Japhet Newland ihn ſchickte.« 1 „ Das will ich, und Gott ſegne Sie, Sir.⸗ „»Leben Sie wohl, Sir,« ſagte Frau M'Shane, „Sie haben keine Zeit zu verlieren.« S »Gott ſegne Sie, Sir,« ſagte Kathleen, indem ſie mich umarmte und mich küßte; wir beſtiegen unſere Pferde und ritten fort. Wir trieben die Pferde oder vielmehr Ponies, denn ſie waren ſehr klein, fortwährend an, bis wir etwa ſechs Meilen zurückgelegt hatten, worauf wir ſie an⸗ hielten und verſchnaufen ließen, da wir uns nunmehr ziemlich ſicher glaubten. Ich war ſehr erſchöpft, und ſprach kaum ein Wort, bis wir auf der nächſten Sta⸗ tion anlangten, wo Alles zu Bette lag. Wir klopften jedoch ſo lange, bis Jemand aufgeweckt wurde, und nachdem Timotheus danach geſehen, daß die Pferde be⸗ ſorgt würden, legten wir uns bis zum andern Morgen in ein, glücklicherweiſe leerſtehendes Bett. So elend auch der Gaſthof war, ich ſchlief nie beſſer, und er⸗ wachte vollkommen geſtärkt. Ich erklärte, mit Poſt⸗ pferden nach Dublin gehen zu wollen, und fragte Ti⸗ motheus, was wir mit den Pferden anfangen ſollten.* „Sie gehören Sir Henry de Clare,“ erwiederte er. „»Dann mag er ſie in Gottes Namen wiedererhal⸗ ten, denn ich begehre von dem Schändlichen nichts.« Wir wieſen den Wirth an, die Pferde zurückzuſchi⸗ cken, und es ſiel mir ein, daß dies eine gute Gelegen⸗ heit wäre, an Melchior, alias Sir Henry, zu ſchreiben. Ich weiß nicht, wie es kam, aber meine Erbitterung gegen ihn hatte ſich gelegt, und ich dachte nicht daran, geſetzliche Maßregeln gegen ihn zu ergreifen. Ich hielt —— 155 jedoch für angemeſſen, ihm Furcht einzujagen, und ſchrieb ihm daher, wie folgt: »Sir Henry! Ich ſchicke Ihnen hier Ihre Pferde mit Dank zurück, da ſie Timothy und mich in Stand geſetzt, Ihren Klauen zu entrinnen. Ihr guter Ruf und Ihr Leben ſind jetzt in meiner Gewalt, und ich⸗ werde vollkommene Rache nehmen. Daß Sie mich zu ermorden beabſichtigt, wird durch meinen Freund Tim bewieſen werden, der unerkannt mit dem Zigeuner bei Ihnen war, und von Ihnen ge⸗ dungen wurde. Bereiten Sie ſich alſo auf das Schlimmſte vor, denn Sie ſollen der ſchimpflichen Strafe nicht entrinnen, die Ihnen für Ihre Ver⸗ brechen gebührt. Japhet Newland.⸗ Nachdem ich das Schreiben verſiegelt und dem Menſchen übergeben hatte, der die Pferde zurückbringen ſollte, beendigten wir unſer Frühſtück, und fuhren nach Dublin ab, wo wir ſpät am Abend anlangten. Wäh⸗ rend der Reiſe mußte mir Timotheus erzählen, was ſich mit ihm zugetragen, und durch welch einen glückli⸗ chen Zufall er im Stande geweſen war, ſo unverhofft zu meiner Rettung zu erſcheinen. »Du mußt Dich erinnern, Japhet,« begann Timo⸗ theus,»daß Du ein paar Briefe von mir erhielteſt, die ſich auf das Treiben des Zigeuners bezogen, und worin ich Dir ſeine Abſicht, Fleta zu entführen, meldete. Mein letzter Brief, in welchem ich Dir ſchrieb, daß es mir gelungen wäre, mir Zutritt in der Erziehungs⸗ Anſtalt zu Brentford zu verſchaffen, hat nicht in Deine Hände gelangen können, denn ich erſah aus Deinem 136 Billet, daß Du an demſelben Abend abgereiſ't warſt. Der Zigeuner, den ich unter den Namen Will kannte, fragte mich, welchen Namen das kleine Mädchen in der Anſtalt führte, und ich ſagte ihm, Smith, da ich als gewiß vorausſetzte, daß unter ſo vielen Koſtgängerinnen eine oder mehrere dieſes Namens ſein würden. Er fragte hierauf eins der Hausmädchen, mit dem er ein Liebesverhälkniß anſpann, und dem er werthvolle Ge⸗ ſchenke machte, ob unter den Koſtgängerinnen eine Miß Smith ſei; ſie erwiederte, es wären zwei dieſes Na⸗ mens im Hauſe, eine von ſechszehn, und eine andere von ungefähr zwölf Jahren. Natürlich glaubte er, daß die jüngere Fleta ſei.« »Will hatte mich in meiner Livree geſehen, und ſein Plan beſtand darin, ſich eine ähnliche zu verſchaffen, ei⸗ nen Wagen zu miethen, nach Brentford zu fahren, und eine Aufforderung zu überbringen, daß Miß Smith ſo⸗ gleich ſeiner Obhut üͤbergeben würde, indem Du ſo krank wäreſt, daß man keine Wiederherſtellung mehr er⸗ wartete. Ehe er jedoch dieſen Anſchlag ausführte, ſchrieb er an Melchior, und bat denſelben, ihm zu mel⸗ den, wohin er ſich wenden ſollte, wenn er das Kind entführt haben würde. Melchiors Antwort langte an. Er hatte während dieſer Zeit erfahren, daß Du Dich in Irland befändeſt, und ihn aufzuſuchen beabſichtigteſt. Vielleicht hatte er ſich Deiner auch ſchon bemächtigt, denn ich weiß nicht, wie lange er Dich gefangen gehal⸗ ten hat. Genug, er ſchrieb Will, augenblicklich zu ihm zu kommen, da ſich wahrſcheinlich eine Arbeit für ihn finden würde, durch welche er eine gute Bezahlung ver⸗ dienen könne.« »Der Zigeuner und ich waren jetzt ſo vertraut ge⸗ worden, daß er mir nichts verhehlte. Er zeigte mir 157 den Brief, und ich fragte ihn nach dem Sinne deſſel⸗ ben. Er erwiederte, es ſei klar, daß Jemand aus der Welt geſchafft werden ſolle. Sogleich fiel es mir ein, daß Du es ſein müßteſt, deſſen Leben bedrohet wäre; ich erbot mich, ihn zu begleiten, er machte einige Schwierigkeiten, willigte jedoch endlich ein. Wir nah⸗ men einen Außenſitz auf der Poſtkutſche, und langten nach vier Tagen auf dem Schloſſe an.« „Will ging zu Melchior hinauf, der ihm ſagte, was er von ihm begehre. Der Zigeuner willigte ein, und ſagte darauf, daß er noch einen Geſellen bei ſich habe, deſſen er benöthigt ſein könnte; er verbürgte ſich dafür, daß ich Alles thun würde, was Melchior forderte. Melchior ließ mich kommen, und ich fürchtete, von ihm erkannt zu werden, allein meine Verkleidung war zu gut. Ich hatte mich noch mehr auf die Zuſammenkunft vorbereitet, indem ich eine Perrücke von hellem Haar trug. Er legte mir einige Fragen vor, und ich beant⸗ wortete ſie in einem mürriſchen Tone, der ihn zufrieden ſtellte. Der Lohn beſtand in zweihundert Pfund, die wir unter uns theilen ſollten; und da es für räthlich erachtet wurde, daß wir uns nach ausgeführter That vor Niemand blicken ließen, ſo bewilligte uns Melchior Pferde. Das Uebrige weißt Du. Ich wollte mich gern uͤberzeugen, daß Du es wäreſt, ehe ich den Schurken niederſchlug, und erkannte Dich ſogleich an Deiner Stimme. Gott ſei Dank, Japhet, denn auf jeden Fall bin ich Dir einigermaßen nützlich geweſen.« »Mein lieber Tim, Du haſt mir in der That einen großen Dienſt geleiſtet, und kennſt mich gut genug, um zu wiſſen, daß ich ihn nie vergeſſen werde; jetzt muß ich aber vor allen Dingen erforſchen, wo das Teſtament des verſtorbenen Sir William zu finden iſt. Wir kön⸗ * 158 nen es für einen Schilling leſen, und entdecken dann vielleicht Melchiors Beweggründe zu ſeinem Beneh⸗ men, die mir noch immer vollkommen unerklärlich ſind.⸗ 3 »Werden Teſtamente, die in Irland gemacht ſind, hier oder in London aufbewahrt?« »Ich ſollte denken in Dublin.« Bei meiner Ankunft in Dublin war ich jedoch ſo leidend, daß ich mich zu Bett legen mußte, und in der Nacht verfiel ich in ein heftiges Fieber. Es wurde ein Arzt gerufen, und Timotheus pflegte mich mit der grö⸗ ßeſten Sorgfalt. Es währte jedoch zehn Tage, ehe ich das Bett verlaſſen konnte. Ich ſaß zum erſten Male wieder in einem Seſſel am Kamin, als Timotheus mit dem kleinen Mantelſack, den ich bei Frau M'Shane zurückgelaſſen hatte, hereintrat. »Oeffne ihn, Timothy,« ſagte ich,»und ſieh zu, ob nicht vielleicht ein Brief oder Billet an mich darin iſt.⸗ Timotheus öffnete den Mantelſack, und fand wirk⸗ lich ein ſolches. Es war von Kathleen, oder nach ih⸗ rer Angabe geſchrieben, und lautete wie folgt: »Lieber Herr! Sie ſagen,'s ginge ſchauderhaft her im Schloſſe, und Sir Henry hätt' ſich todt geſchoſſen oder die Kehle abgeſchnitten; ich weiß nit, was wahr iſt. Mr. MDermott reiſ'te in großer Eile durch, ſagte aber hier Niemand nichts. Ich will Ihnen, ſobald ich kann, zmelden, was ſich zugetragen hat Den Morgen, nachdem Sie fortgeritten waren, ging ich nach dem Schloſſe, und gab der Lady den Schlüſ⸗ ſel. Sie ſchien in großer Angſt darüber zu ſein, 159 daß Sir Henry ſeit ſo langer Zeit verſchwunden war. Sie wollten mich zurückhalten, nachdem ſie ihn mit dem todten Manne im Keller gefunden; ließen mich aber nach zwei Stunden gehen, und befahlen mir, zu ſchweigen. Es heißt, Sir Henry hätte ſich todt gemacht, nachdem die Pferde zurück⸗ gekommen wären. Ich ging nach dem Schloſſe hinauf, aber Mr. M'Dermott hat Befehl gegeben, daß Niemand hineingelaſſen wird. 8 Ihre Kathleen M'Shane.⸗ „»Das ſind in der That Neuigkeiten,“« ſagte ich, den Brief Timotheus reichend.»Es muß mein drohendes Schreiben geweſen ſein, das ihn zu der wahnſinnigen That bewogen hat.« »Sehr wahrſcheinlich,« erwiederte Timotheus;»es war aber am Ende das Beſte, was der Böſewicht thun konnte.“ »Ich hatte den Brief indeſſen in dieſer Abſicht nicht geſchrieben. Ich wünſchte ihm Furcht einzujagen, und daß der kleinen Fleta ihr Recht widerführe. Das arme Kind! wie freue ich mich, ſie wiederzuſehen.⸗ — —————— —————— — Fuͤnf und zwanzigſtes Kapitel. Eine abermalige Nachforſchung nach einem Kinde, welche eben ſo wie eine frühere damit endet, daß eine Dame in Ohnmacht ſinkt.. 8 Am andern Tage enthielten die öffentlichen Blätter die Nachricht, daß Sir Henry de Clare einen Selbſt⸗ mord begangen habe. Es wurde hinzugefügt, daß man keinen Grund dafür wiſſe. Ich erhielt von Kathleen einen zweiten Brief, der den Inhalt des erſtern beſtä⸗ tigte. Ihre Mutter war auf das Schloß geholt wor⸗ den, um den Todten anzukleiden. Es konnte demnach kein Zweifel mehr obwalten, und ich eilte, ſobald ich ausgehen durfte, mir das Teſtament des verſtorbenen Sir William vorlegen zu laſſen. Es war ſehr kurz, und enthielt lediglich Verfügungen über perſönliches Eigenthum, das er ſeiner Frau vermachte, die nur ei⸗ nige Legate davon auszahlen ſollte. Ich erſah, daß nur ein kleiner Theil der Güter als Majorat mit dem Titel verknüpft waren; das übrige Vermögen gehörte den männlichen, oder auch der älteſten der weiblichen Erben, wenn es an männlichen Nachkommen mangeln ſollte. In dem Falle, daß die Ehefrau Erbin wäre und ſich wieder verheirathete, mußte ihr Gatte den Namen de Clare annehmen. Das Geheimniß war denn alſo gelöſ't, und ich wußte, warum Melchior ſeis nes Bruders Kind geſtohlen hatte. Ich beſchloß daher, augenblicklich nach England abzureiſen, die verwittwete 1461 Lady de Clare aufzuſuchen, und die weitere Leitung der Sache den Händen Mr. Maſtertons zu übergeben. Timotheus war glücklicherweiſe hinreichend mit Geld verſehen, um ſämmtliche Ausgaben beſtreiten zu können, denn ich würde ſonſt genöthigt geweſen ſein, auf Bar⸗ ſchaften zu warten, da ich, ſchon ehe ich nach Dublin gelangte, all mein Geld ausgegeben hatte. Wir kamen. glücklich in London an, ich eilte nach Hauſe, und fand Harcourt daheim, der meinetwegen in großer Beſorgniß geweſen war. Am andern Morgen ging ich zu meinem alten Rechtsfreunde, welchem ich ausführlichen Bericht erſtattete. „» Brav gemacht, Newland,« ſagte er, nachdem ich geendigt hatte.»Ich will zehn gegen eins wetten, daß Sie Ihren Vater noch finden. Ihre Lebensgeſchichte könnte ein artiger Roman werden. Geht es mit Ihren gefährlichen Abenteuern ſo fort, wird er äußerſt anziehend werden.« Obgleich ich für meine Perſon vollkommen überzeugt war, Fleta's Herkunft entdeckt zu haben, und ſo begie⸗ rig ich war, ihr die erfreuliche Nachricht mitzutheilen, beſchloß ich, doch nicht eher zu ihr zu gehen, als bis die ganze Sache vollkommen in Richtigkeit gebracht wäre. Mr. Maſterton brachte bald in Erfahrung, daß die verwittwete Lady de Clare zu Richmond wohne, und dorthin begab ich mich mit ihm. Wir wurden zu ihr geführt, und ich erkannte in ihr zu meinem Ent⸗ zücken ſogleich die ſchöne Dame, deren Ohrringen ich⸗ ſchon einmal nachgelaufen war. Ich hielt es für das Beſte, Mr. Maſterton das Wort zu laſſen. »Mylady, Sie ſind die Wittwe des verſtorbenen Sir William de Clare?«. Die Lady verbeugte ſich bejahend. Saphet. II. 4 11 162 „Sie werden mich entſchuldigen, Mylady, aber ich habe die gewichtigſten Gründe, Ihnen einige Fragen vorzulegen, die ſonſt freilich als zudringlich erſcheinen möchten. Iſt es Ihnen bekannt, daß ſein Bruder Sir Henry de Clare todt iſt?« „In der That, nein,“« erwiederte ſie.»Ich leſe die öffentlichen Blätter in der Regel nicht, und habe ſeit langer Zeit mit Niemand in Irland Briefe gewechſelt. Darf ich nach der Urſache ſeines Todes fragen?« „Er hat ſich ſelbſt den Tod gegeben, Mylady.“ Lady de Clare verhüllte ihr Geſicht.»Gott wolle ihm vergeben!« ſagte ſie mit leiſer Stimme. »Lady de Clare, auf welchem Fuße ſtand Ihr Gatte mit dem verſtorbenen Sir Henry? Ich frage nicht ohne wichtigen Grund.« »Nicht auf dem beſten, Sir. In den letzten Jahren ſahen ſie ſich gar nicht mehr; wir wußten nicht einmal, was aus ihm geworden war.“«. „Waren Gründe zur Erbitterung vorhanden?⸗ „Viele, Sir, auf Seiten des aͤltern Bruders, keiner auf Seiten Sir Henry's, der ſo gütig als möglich be⸗ handelt wurde, bis er— bis er ſich ſehr ſchlecht gegen Sir William benahm.«. Späterhin brachten wir in Erfahrung, daß Henry de Clare das Seinige durchgebracht hatte, und von ſei⸗ nem älteſten Bruder immer ſehr freigebig unterſtützt war, bis er den Verſuch gemacht, Lady de Clare zu verführen, worauf er für immer verbannt wurde. „Es thut mir leid, Mylady, aber ich muß jetzt ei⸗ nen ſchmerzlichen Punkt berühren. Sie hatten eine Tochter von Ihrem Gatten?« „»Ja,« erwiederte Lady de Clare mit einem tiefen Seufzer. 3 4 4 4 8 5 163 »Wie verloren Sie ſie? Glauben Sie nicht, daß ich Ihnen ohne dringende Gründe eine ſo peinliche Frage vorlege.« 14 „Sie ſpielte als Kind im Garten, und die Wärte⸗ rin, fürchtend, daß ſie ſich erkälten möchte, begab ſich auf ein paar Minuten in das Haus, um ein Halstuch für ſie zu holen. Als die Wärterin zurückkehrte, war das Kind verſchwunden.« Lady de Clare hielt ihr Tuch vor die Augen. »Wo fanden Sie ſie wieder?« »Erſt nach drei Wochen wurde ihr Leichnam in ei⸗ nem etwa eine Viertel⸗Meile entfernten Teiche gefunden.« »Suchte die Wärterin ſie nicht, als ſie ſie im Gar⸗ ten nicht fand?« »Allerdings; und ſie lief augenblicklich in der Rich⸗ tung nach dem Teiche hin. Es war vollkommen uner⸗ klärlich, daß das Kind, ohne von der Wärterin bemerkt zu werden, ſo weit hatte kommen können.« »Wann geſchah dieſes Alles?« »Vor neun Jahren.« »Wie alt war das Kind damals 2« » Ungefähr ſechs Jahr.« »Ich denke, Newland, jetzt können Sie zu Lady de Clare reden.« 3 »Mylady, beſitzen Sie nicht ein paar Ohrringe von Korallen und Goldperlen, und ſehr ungewöhnlicher Ar⸗ beit?« »Allerdings, Sir,« erwiederte ſie verwundert. »Hatten Sie nicht ein dazu paſſendes Halsband? Und wenn es der Fall iſt, wollen Sie nicht die Güte haben, dieſes hier anzuſehen.“ »Barmherziger Himmel!« rief Lady de Clare aus, als ich ihr das Halsband reichte,»es iſt daſſelbe!— 6 11* 164 meine arme Cecilie trug es, als ſie ertrank, und es wurde mit dem Leichnam nicht gefunden. Wie kam es in Ihren Beſitz, Sir? Ich war zu glauben geneigt, es wäre möglich, daß das Halsband, weil es nicht ohne Werth war und nicht wiedergefunden wurde, die in der Umgegend ſich aufhaltenden Zigeuner in Verſuchung ge⸗ b führt, das Kind in das Waſſer zu ſtürzen; allein Sir William wollte dies nicht glauben, und nahm an, daß es zerriſſen ſei, als das Kind in das Waſſer fiel. Iſt die Zurückgabe dieſes unglücklichen Halsbandes der Grund Ihres Beſuchs?« „Nicht der alleinige, Mylady. Hatten Sie nicht zu jener Zeit ein paar weiße Ponies?«. „»Ja, Sir.« „Befand ſich ein Manlbeerbaum im Garten?« »Ja, Sir,« erwiederte Lady de Clare in immer größerer Verwunderung. 2 „Wären Sie nicht ſo gütig, mir Ihr Kind zu be⸗ ſchreiben, wie es zu der Zeit ausſah, als Sie es ver⸗ loren?« „Es war— doch alle Mütter haben eine Vorliebe für ihre Kinder, und es mag auch bei mir ſo ſein— es war ein ſehr ſchönes, liebliches, kleines Mädchen.“« »Mit blondem Haar?« „Ja, Sir. Aber wozu dieſe Fragen? Doch Sie müſſen Ihre Gründe dazu haben— ich bitte Sie, Sir, wozu alle dieſe Fragen?« 6 4 Mr. Maſterton erwiederte:„Weil wir einige Hoff⸗ nung haben, daß Sie getäuſcht wurden, und daß Ihre Tochter doch vielleicht nicht ertrank.« Lady de Clare heftete athemlos die Augen auf Ma⸗ ſterton, und rief aus:»Nicht ertrank! O mein Gott! mein Kopf!« worauf ſie ohnmächtig niederſank. 4 165 »Ich war zu raſch,« ſagte Maſterton, ihr zu Hülfe eilend;»aber die Freude tödtet nicht. Schellen Sie nach ein wenig Waſſer, Japhet.« Sechs und zwanzigſtes Kapitel. Bei welchem der Leſer am beſten thut, das Buch aus der Hand zu legen, wenn er mit den handelnden Perſonen nicht ſympathiſirt. Nach wenigen Minuten hatte ſich Lady de Clare hinreichend erholt, um unſere Geſchichte anhören zu können, und ſobald wir mit derſelben zu Ende waren, beſtand ſie darauf, ſich augenblicklich mit uns nach der Erziehungsanſtalt zu begeben, in welcher ſich Fleta be⸗ fand, da ſie aus mehreren nur einer Wärterin oder Mutter bekannten Merkmalen ſich zum Ueberfluß zu vergewiſſern im Stande war, ob Fleta ihr Kind ſei oder nicht. Sie in einem ſolchen Zuſtande der Angſt und Ungewißheit zu laſſen, war unmöglich. Mr. Ma⸗ ſterton willigte ein, wir fuhren mit Poſtpferden nach— ab, und langten am Abend an. »Und nun, meine Herren, laſſen Sie mich nur ein paar Minuten mit dem Kinde allein, ich werde Sie ſo⸗ gleich rufen laſſenͤ... Lady de Clare war ſo aufgeregt, daß ſie nicht ohne Beiſtand in das Geſellſchaftszimmer hineinzugehen ver⸗ mochte. Wir führten ſie zu einem Stuhle, und Fleta wurde gerufen. Als ſie mich auf der Hausflur er⸗ blickte, lief ſie mir entgegen.»Einen Augenblick Ge⸗ duld, meine liebe Fleta, es iſt eine Dame dort im Zim⸗ mer, die Dich zu ſehen wünſcht.“« „»Eine Dame, Japhet?« 5 »Ja, Liebe, geh' hinein.“« Fleta gehorchte, nach einer Minute vernahmen wir einen Schrei, und Fleta öffnete haſtig die Thür.. »Schnell, ſchnell! die Dame iſt in Ohnmacht ge⸗ fallen.« 3 Wir eilten hinein, ſahen Lady de Clare bewußtlos daliegen, und es währte einige Zeit, ehe ſie wieder zu ſich ſelbſt kam. Sobald ſie ſich erholt hatte, ſank ſie auf die Knie, hielt die Hände wie zum Gebet empor, und ſtreckte dann ihre Arme nach Fleta aus.»Mein Kind! mein lange verlorenes Kind! Sie iſt es— ja wahrlich, ſie iſt es!« Sie beugte ſich über Fleta, eine Thränenfluth ſchaffte ihr Erleichterung, und wir ließen ſie mit ihrer Tochter allein. Der alte Herr bemerkte, 3 indem wir uns in ein anderes Zimmer begaben:»Bei Gott, Japhet, Sie verdienen es, Ihren Vater zu finden!«— Nach einer Stunde verlangte Lady de Clare uns zu ſehen. Fleta warf ſich ſchluchzend in meine Arme,. während ihre Mutter ſich bei Maſterton entſchuldigte, uns ſo lange vernachläſſigt zu haben. »Mylady,“« ſagte er,»Mr. Newland iſt es, dem Sie das Ihnen widerfahrene Glück verdanken. Ich werde mich jetzt mit Ihrer Erlaubniß entfernen, und Ihnen morgen meinen Beſuch abſtatten.“«. „Ich darf Sie nicht zurückhalten, Mr. Maſterton; aber iſt hoffe, daß Mr. Newland Cecilie und mich nach Hauſe begleiten wird; ich habe ihn noch um ſo Vieles zu fragen.«— Ich willigte ein, Maſterton ging nach London zurück, 167 und ich beſtellte die Pferde, während Fleta ihre Sachen einpackte. Nach einer halben Stunde fuhren wir ab, und es war Mitternacht, als wir in Richmond ankamen. Noch im Wagen erzählte ich Lady de Clare, wie ich Fleta kennen gelernt. Wir gingen zu Bett, und der gütige Ton, in welchem Lady de Clare mir gute Nacht wünſchte,— mir noch»Gott ſegne Sie, Mr. Newland!“ nachrief, brachte mir Thränen in die Augen. Ich fruͤhſtückte am andern Morgen allein, und es war faſt zwölf Uhr geworden, als Lady de Clare mit ihrer Tochter erſchien, beide offenbar ſo ſelig, daß ich mich des Gedankens nicht erwehren konnte:»Wann werde ich eine ſolche Freude haben— wann werde ich entdecken, wer mein Vater iſt?« Meine Stirn umwölkte ſich bei dieſem Gedanken. Lady de Clare bat mich, ihr zu ſagen, wer es ſei, dem ſie und Ihre Tochter ſo unendliche Verpflichtungen hät⸗ ten. Ich mußte meine eigene abenteuerliche Geſchichte erzählen. Die meiſten Umſtände derſelben waren Ce⸗ cilien— wie ich ſie jetzt nennen muß— eben ſo neu als ihrer Mutter. Ich hatte eben meine Flucht aus dem Schloſſe erzählt, als Maſterton vorfuhr. Sobald er Lady de Clare begrüßt, ſagte er zu mir:„Japhet, hier iſt ein Brief an Sie aus Irland. Er war an mich adreſſirt.«. 1 4 »Er iſt von Kathleen M'Shane, Sir,« erwiederte ich, und bat um Erlaubniß, ihn erbrechen zu dürfen. Ein zweiter war eingeſchloſſen. Ich las den erſten, und öffnete darauf haſtig den andern. Er war von Natkih oder Lady H. de Clare, und folgenden Inhalts: „»Japhet Newland,.. Fleta iſt Sir William de Clare's Tochter. Mein Gatte hat theuer für ſeine Handlung der Thor⸗ heit und Gottloſigkeit bezahlt, woran ich, müſſen Sie wiſſen, nicht den mindeſten Theil genommen. Ihre Nattih.« Kathleen's Brief enthielt noch wunderbarere Nachrich⸗ ten. Lady de Clare hatte nach dem Begräbniß ihres Gatten den Haushofmeiſter kommen laſſen, alle nöthi⸗ gen Auordnungen getroffen, die Dienerſchaft verabſchie⸗ det, und war darauf ſelbſt verſchwunden. Es ging das Gerücht, daß eine ihr ſehr ähnlich ſehende Frau in Geſellſchaft einer ſüdlich ziehenden Zigeuner⸗Bande ge⸗ ſehen worden ſei. Ich reichte beide Briefe Lady de Clare und Mr. Maſterton. z „»Arme Lady de Clare,« rief Ceciliens Mutter aus. »Nattih wird niemals ihren Stamm verlaſſen,« be⸗ merkte Cecilie ruhig. »Du haſt Recht, Liebe,« ſagte ich.»Sie wird glücklicher in der Mitte ihres Stammes ſein, wo ſie als Königin gebietet, als ſie es jemals im Schloſſe war.« Maſterton begann darauf, ſich mit Lady de Clare über die augenblicklich zu ergreifenden Maßregeln zu beſprechen, da man ſonſt einige Umſtände mit den ge⸗ ſetzlichen Erben haben würde; und nachdem er das Nö⸗ thige mit ihr verabredet, war es Zeit zur Abreiſe⸗ »Mr. Newland,“« ſagte Lady de Clare,»ich hoffe, daß Sie uns als Ihre wärmſten Freundinnen betrgch⸗ ten werden. Ich kann meine Schuld gegen Sie nie 169 abtragen; Sie haben aber auch Auslagen gehabt, und dieſe müſſen Sie zum wenigſten mir erlauben, Ihnen zurück zu erſtatten.“ »Wenn ich des Geldes bedarf, Lady de Clare, ſo will ich es annehmen. Ich bitte, kränken Sie mich nicht durch dieſen Antrag. Ich bin ohnehin nicht ſehr glücklich, obgleich ich mich über Ihr und Ihrer Tochter Glück mit freue.« »Lady de Clare,« bemerkte Maſterton,»ich darf nicht zugeben, daß Sie meinen Schützling quälen, Sie wiſſen nicht, wie empfindlich er iſt. Wir empfehlen uns Ihnen.« »Du kömmſt doch bald wieder,« ſagte Cecilie, mich angſtvoll anblickend. »Du haſt Deine Mutter, Cecilie,« erwiederte ich; »was kannſt Du mehr wünſchen? Ich bin ein— Nie⸗ mand— bin vaterlos.« Cecilie brach in Thränen aus, ich umarmte ſie, und wir entfernten uns. Sieben und zwanzigſtes Kapitel. Ich kehre in die vornehme Welt zurück, finde aber einen ſchlechten Empfang bei ihr;— ſie und die Ehrlichkeit und alles Andere ekelt mich an. Wie ſonderbar, daß ich mich jetzt ſo elend fühlte, da ich hinſichtlich des theuerſten Gegenſtandes meiner Wünſche nächſt der Entdeckung meiner eigenen Her⸗ kunft ſo glücklich geweſen war! Doch es verhielt ſich 170 ſo, und ich kann es nicht leugnen. Ich konnte kaum Mr. Maſterton während unſerer Fahrt nach London auf ſeine Anreden antworten, und als ich mich, zu Hauſe angelangt, auf mein Sopha warf, war es mir, als wenn ich ganz einſam und verlaſſen wäre. Ich be⸗ neidete Cecilien ihr Glück nicht, würde ihr vielmehr mit Freuden mein Leben zum Opfer gebracht haben: aber ſie war mein Geſchöpf— ein mir unendlich theu⸗ rer Gegenſtand— ſie war abhängig von mir geweſen, und hatte mich geliebt. Jetzt, da ſie ihre Mutter wie⸗ dergefunden, ſtand ſie höher als ich, und ich war noch verlaſſener. Nie hatte ich eine ſo traurige Woche hin⸗ gebracht, als die, die auf ein dénouement folgte, das für Andere ſo reich an Freude geweſen war, und wo⸗ nach ich ſelbſt ſo begierig und unter ſo vielen Gefahren getrachtet hatte. Gott weiß es, mein Gefühl war kein Neid; aber es war mir, als wenn die ganze Welt, ich allein ausgenommen, glücklich wäre. Doch ich ſollte noch mehr erdulden. Bei meiner Abreiſe nach Irland wurde ich noch im⸗ mer für einen jungen Mann von großem Vermögen ge⸗ halten— die Wahrheit war noch nicht bekannt gewor⸗ den. Ich hatte Maſtertons Rath befolgt, dem falſchen Scheine zu entſagen, Harcourt meine wahre Lage ent⸗ deckt, und ihn gebeten, überall das Wahre an der Sache zu ſagen. Neuigkeiten, wie dieſe, verbreiten ſich wie ein Lauffeuer, auch gab es Viele, die ich, als ich mich unter Major Carbonnells Schutze befand, und allge⸗ mein wegen meines vermeinten Reichthums gefeiert wurde, über die Achſel angeſehen hatte, die ſich der neuen Kunde freueten, und ſie weit und breit verkün⸗ deten. Mein Betrug, wie es ihnen beliebte, ſich auszudrücken, war der Geſprächs⸗ Gegenſtand aller Ge⸗ 171„ ſellſchaften, und die älteren Damen, die mir ſo oft ihre Töchter indirekt angetragen hatten, ließen es an den ſchärfſten Bemerkungen nicht fehlen; und wenn eine von ihnen giftiger als die Uebrigen war, ſo brauche ich kaum Lady Maelſtrom zu neunen, die ihre Miethpferde faſt todt jagte, indem ſie von einer ihrer Bekanntinnen zur andern fuhr, um ſich über meine unerhörte Ruchlo⸗ ſigkeit zu ergehen, daß ich mir angemaßt, die mir an Range Ueberlegenen zu täuſchen. 3 Harcourt, der mit mir zuſammen lebte— Harcourt, der meine Großherzigkeit geprieſen hatte, als ich ihm meine Eröffnung machte— ſelbſt Harcourt fiel von mir ab, und ſagte mir, etwa vierzehn Tage, nachdem ich in Löndon wieder angekommen war, daß ihm ſeine jetzige Wohnung minder gefalle, als die frühere, die er wieder zu beziehen gedächte. Er nahm freundſchaftli⸗ chen Abſchied von mir, allein ich bemerkte, daß er, wenn wir uns zufällig begegneten, that, als ob er mich nicht ſähe, und zuletzt begnügte er ſich mit einer flüch⸗ tigen Begrüßung. Ich war überzeugt, daß ſeinem Be⸗ nehmen Abſichtlichkeit zum Grunde lag, und beachtete daher auch ihn nicht mehr. Er ſolgte nur Anderer Beiſpiel. Das Geſchrei Derer, die mich als eine gute Parthie an ſich zu ziehen gehofft hatten, war ſo gewal⸗ tig, daß jeder junge Mann, der in meiner Geſellſchaft geſehen wurde, erwarten mußte, daß ſein Name auf den Beſuch⸗Verzeichniſſen durchſtrichen würde. Dies entſchied mein Schickſal, und ich war allein. Eine Zeit lang ertrug ich es mit Stolz, und nahm die Miene des Trotzes an; dies konnte jedoch nicht im⸗ mer dauern. Der Behandlung, die ich erfuhr, ge⸗ ſchah ein geringer Einhalt durch Lord Windermears Güte, der mich wiederholt an ſeine Tafel zog; allein 1722 4 ich mußte bemerken, daß man ſelbſt dort, obgleich ich als ein Schützling des Lords geduldet wurde, ſorgfältig Alles vermied, was über die gewöhnliche Höflichkeit hinausging, damit keine Vertraulichkeit daraus ent⸗ ſtände. 4 Maſterton, den ich bisweilen beſuchte, ſah, daß ich unwohl und verſtimmt war. Er ſprach mir Muth ein, doch ach! wer, mit Zartgefühl begabt, die Verachtung der Welt ertragen kann, muß mehr als ein ſchwacher Menſch ſein. Der arme Timotheus, der mehr, als ir⸗ . gend ſonſt Jemand, Gelegenheit hatte, meinen trauri⸗ gen Gemüthszuſtand zu beobachten, tröſtete vergeblich. „Das iſt nun,“ dachte ich,»der Lohn der Tugend und Ehrlichkeit! In Wahrheit, die Tugend muß ihren Lohn in ſich ſelber tragen, denn einen andern empfängt ſie nicht. So lauge ein falſcher Schein mich umgab, und ich die Welt ſich ſelber täuſchen ließ, wurde ich gefeiert und auf den Händen getragen. Jetzt, da ich die Maske von mir geworfen und das Gewand der Wahrheit angelegt habe, wird mir Verachtung und Hohn zu Theil. Doch iſt nicht Alles meine eigene Schuld? Gleichviel, ob ich ſelber die Maske abge⸗ nommen habe oder ob ſie mir abgeriſſen iſt, es bleibt doch wahr, daß ich ein falſches Spiel geſpielt, und jetzt werde ich dafür geſtraft. Was kümmert es die Welt, daß ich ihr endlich die Wahrheit enthüllt! Ich habe ſie getäuſcht, und das iſt eine Beleidigung, die durch keine Reue verringert wird.« Es war nur zu wahr, daß ich mir Alles ſelbſt zu⸗ gezogen, und dieſer Gedanke vergrößerte mein Elend. Ich erhielt eine ſtrenge und gerechte Züchtigung für meine Unredlichkeit, und es ſtand dahin, ob ich für meine ſpätere Ehrlichkeit belohnt werden würde; ich — 173 wußte indeſſen ſehr wohl, daß die Meiſten dieſen Lohn in ihren Büchern als einen ſchlechten Schuldpoſten ſtreichen würden. 1 Eines Tages ſprach ich mit Maſterton darüber, ob wohl Licht in Betreff meiner Geburt zu hoffen ſein möchte, wenn das Packet geöffnet würde, das in Co⸗ phagus Haͤnden geblieben war. 3 »Ich habe bereits darüber nachgedacht, mein beſter Newland;,“ ſagte er,»und wünſchte Ihnen Hoffnung machen zu können, kann es aber nicht. Die Entdeckung der Aeltern ihrer kleinen Schützlingin iſt Ihnen ge⸗ glückt, und nun iſt Ihr Glaube, daß Sie auch die Ih⸗ rigen finden würden, ſo lebhaft geworden, daß Sie in dem matteſten Lichtſtrahl ſogleich das hellſte Tageslicht zu ſehen wähnen. Aber bedenken Sie einmal:— es erkundigt ſich Jemand nach Ihnen im Findelhauſe— ich geſtehe, allerdings ein Hoffnung erweckender Um⸗ ſtand— ſein Name wird von einem Menſchen, der kaum ein paar Buchſtaben kritzeln kann, angeſchrieben, ſo daß er Derbennon lautet,— wie Sie danach nun mit ſolcher Beſtimmtheit annehmen können, daß De Benyon der rechte Name ſei, iſt mir in der That un⸗ begreiflich, und wenn ich dem Spiel der Einbildungs⸗ kraft auch noch ſo große Rechte einräume. Der nach Ihnen ſich Erkundigende konnte eine Menge andere Namen angeben; ja es iſt kaum wahrſcheinlich, daß Jemand, der in einem ſolchen Falle war, den richtigen angegeben hat. Aber nehmen wir einmal an, daß es wirklich ein De Benyon war, der nach Ihnen gefragt; da machen Sie nun did Entdeckung, daß ein De Be⸗ nyon nicht verheirathet geweſen iſt, und daß einige ihm angehörende Papiere im Beſitz einer alten Dame wa⸗ ren,— und was wollen Sie nun daraus folgern? — ——— 1 — 174 Daß der Herr verheirathet war, weil Sie wiſſen, daß er es nicht geweſen(denn Sie ſollen der Angabe nach ehelich geboren ſein); und daß gewiſſe ihm angehörende Papiere ſich auf Sie beziehen müſſen, weil ſie im Beſitz einer dritten Perſon ſind. Sehen Sie nicht ein, wie Ihre aufgeregten Gefühle Sie in das Blaue hinein fortreißen?«. Ich konnte nicht leugnen, daß ſeine Gründe mein ganzes luftiges Gebäude über den Haufen geworfen hätten.— „»Sie haben Recht, Sir,“ erwiederte ich traurig. »Ich wollt', ich wäre todt!« 5 »So müſſen Sie zu mir nicht reden, Mr. New⸗ laud,« erwiederte der alte Rechtsmann in unwilligem Tone,»wenn Sie meine gute Meinung nicht verlieren wollen.«— »Verzeihen Sie mir, Sir; aber ich bin ſehr un⸗ glücklich. Alle meine Bekannten meiden mich— ich bin ausgeſtoßen aus jeder Geſellſchaft— ich habe we⸗ der Aeltern noch Verwandte. Einſam, wie ich daſtehe, für wen ſollte ich leben?« „»Lieber Mann, Sie ſind noch nicht drei und zwan⸗ zig Jahr alt, und haben ſich zwei aufrichtige Freunde — beide von Einfluß, ein Jeder auf ſeine Weiſe— erworben. Ich meine Lord Windermear und mich ſelbſt; dazu iſt Ihnen die Freude zu Theil geworden, Andere glücklich zu machen. Glauben Sie mir, das iſt bei ſo jungen Jahren nicht wenig. Sie können und ſollen für Vieles leben leben, um ſich noch mehre Freunde zu erwerben eben, um guten Ruf zu gewinnen— leben, um „um Gkes zu thun, um Dank zu erweiſen für die Wohlthaten, die Sie empfangen haben, Demnuth bei den Züchtigungen der Vorſehung. Sie haben noch 175 zu lernen, wo das wahre Glück, und wo es allein zu finden iſt. Da Sie ſich ſo gar verſtimmt und nieder⸗ geſchlagen fühlen: gehen Sie zu Lady de Clare, machen Sie ſich zum Zeugen ihres Glücks, des Glücks ihrer Tochter; und wenn Sie dann erwägen, daß daſſelbe Ihr Werk iſt, ſo werden Sie ſicher nicht lagen, daß Sie vergeblich gelebt haben.« Ich war zu ſehr von meinen Gefühlen überwältigt, um reden zu können. Nach kurzem Stillſchweigen fuhr der alte Herr fort:—»Wann haben Sie ſie zu⸗ letzt geſehen?« 1 »Ich ſah ſie ein einziges Mal, Sir, ſeit ich mit Ihnen Zeuge ihres Wiederfindens war.« »Wie— Sie ſind ſeit faſt zwei Monaten nicht dort geweſen? Japhet, das iſt Unrecht; Sie kränken ſie durch Ihre unfreundliche Vernachläſſigung. Haben Sie ihnen geſchrieben oder von ihnen gehört?⸗ »Ich habe ein paar dringende Einladungen von ihnen erhalten, Sir; bin aber nicht in der Stimmung geweſen, von ihrer Artigkeit Gebrauch zu machen.« »Artigkeit! Sie haben Unrecht— ganz und gar Unrecht, Japhet. Sie ſehen Alles im ſchlimmſten Licht, ſonſt würden Sie ſich dieſes Ausdrucks nicht bedient haben. Ich hätte Sie aus beſſeren Stoffen zuſammen⸗ geſetzt geglaubt; aber es ſcheint, daß Sie wohl mit günſtigem Winde ſegeln können, aber keinem widrigen gewachſen ſind. Weil Ihnen die Eigenſüchtigen nicht mehr ſchmeicheln, überwerfen Sie ſich, gleich vielen An⸗ deren, mit der ganzen Welt. Hab' ich nicht Recht?⸗ „»Mag ſein, Sir.« »Ich weiß es, und eben ſo beſtimmt weiß ich, daß Sie Unrecht haben; und ich werde Ihnen ernſtlich böſe —y— —————— werden, wenn Sie nicht, ſobald Sie können, zu Lady de Clare und ihrer Tochter gehen.« 3 »Ich werde Ihren Befehlen Folge leiſten, Sir.« »Meinen Wünſchen, Japhet, nicht meinen Befeh⸗ len. Laſſen Sie ſich bei mir ſehen, wenn Sie zurück⸗ gekehrt ſind. Sie dürfen nicht länger müſſig bleiben. Bedenken Sie, daß Sie Ihre Laufbahn im Leben jetzt wieder von vorn beginnen, nachdem Sie den falſchen Weg wandelten, den Sie edelmüthiger Weiſe verlaſſen haben. Sie müſſen ſich auf Mühen und Anſtrengungen gefaßt machen, und auf Gott und ein gutes Gewiſſen vertrauen lernen. Ich habe geſtern Abend eine lange Unterredung mit Lord Windermear in Betreff Ihrer gehabt; und wenn Sie wieder hier ſind, ſollen Sie unſere Anſichten über Ihr zukünftiges Beſtes wiſſen.«⸗ Acht und zwanzigſtes Kapitel. In welchem ein neuer, aber nicht ſehr liebenswürdiger Charak⸗ ter auftritt, an welchen ich mich jedoch anſchließe, wie der Ertrinkende ſich an einem Strohhalme zu halten ſucht. Ich verließ Maſterton ruhiger, und begab mich am folgenden Tage zu Lady de Clare. Ich wurde gütig, mehr als gütig, wurde mütterlich und zärtlich empfan⸗ gen von der Mutter, und als ein geliebter Bruder von Cecilie. Sie bemerkten indeß meine Traurigkeit, und fragten nach der Urſache, nachdem ſie mir wegen meines langen Ausbleibens Vorwürfe gemacht hatten. Da ich 177 Lady de Clare meine frühere Geſchichte bereits erzählt, ſo war kein Grund vorhanden, ihr etwas zu verſchwei⸗ gen, ja es war ein Troſt für mich, ihr meinen Kummer anzuvertrauen. Lord Windermear ſtand zu hoch über 1 mir— Maſterton war zu ſehr Geſchäftsmann— Ti⸗ motheus war ich wieder zu ſehr überlegen— und ſie 4 Alle waren Männer; der gütige Zuſpruch einer Frau dagegen war bei weitem wohlthuender, und nach drei Tagen nahm ich viel leichtern Herzens Abſchied, als ich gekommen war.“ Gleich nach meiner Rückkehr begab ich mich zu Maſterton, der mir ſagte, daß Lord Windermear gar ſehr wünſche, mir nützlich zu ſein, und daß er ſeinen (E(Eiinfluß auf jede Weiſe geltend machen werde, wie es 8 mir am angenehmſten ſein möchte; er wolle mir ein Offizier⸗Patent, oder eine Anſtellung in Oſtindien ver⸗ ſchaffen; oder ich möchte, wenn ich es vorzöge, unter 5 Mr. Maſtertons Auſpicien die Rechte ſtudiren. Wenn mir keiner von dieſen Vorſchlägen geſiele, ſo möchte ich meine Wünſche zu erkennen geben, und könne mich auf den Lord verlaſſen, ſo weit ſein Einfluß und ſeine Geld⸗ mittel reichten.„Und nun gehen Sie nach Hauſe, Ja⸗ phet, und nehmen Sie dieſe Anerbietungen in ernſtliche Ueberlegung; und wenn Sie einen Entſchluß über die Richtung, in der Sie ſteuern wollen, gefaßt haben, ſo dürfen Sie es mich nur wiſſen laſſen.⸗* Ich drückte Mr. Maſterton meinen Dank aus, und bat ihn, daß er mich dem Lord daukbarlichſt empfehlen 5 möge. Als ich nach Hauſe ging, begegnete ich Kapitän Atkinſon, einem Manne von ſehr zweidentigem Rufe, von dem ich mich auf Carbonnells Rath ſtets fern ge⸗ halten. Er hatte ein bedeutendes Vermögen im Spiele 1 verloren, und nachdem er ſich rupfen laſſen, hatte er Japhet. II. 3. 12 178 wie gewöhnlich damit geendet, ſelbſt zu rupfen. Er war ein fashionabler, gut ausſehender Mann von guter Familie, und in der Geſellſchaft geduldet; denn er hatte die Entdeckung gemacht, daß es nothwendig ſei, ſeine Stellung mit Gewalt zu behaupten. Er war ein be⸗ rüchtigter Duellant, hatte drei oder vier Gegner ge⸗ tödtet, und die mindeſte ihm bewieſene Geringſchätzung war ein hinlänglicher Grund für ihn, einen Freund zu ſchicken. Jedermann behandelte ihn mit Höflichkeit, weil Niemand Streit mit ihm zu haben wünſchte. „»Mein theurer Mr. Newland,« ſagte er, die Hand mir reichend,»ich bin entzückt, Sie zu ſehen; ich habe in den Klubs von Ihrem Unglück gehört, und Einige erlaubten ſich etwas ſcharfe Bemerkungen. Es gewährtn mir großes Vergnügen, zu ſagen, daß ich ihnen augen⸗ blicklich den Mund geſtopft, indem ich den Leutchen erklärte, daß ich es als eine perſönliche Beleidigung betrachten würde, wenn ſie ihre Bemerkungen in mei⸗ ner Gegenwart wiederholten.“ Wäre ich vor drei Monaten Kapitän Atkinſon be⸗ gegnet, ſo würde ich ſeine Begrüßung mit der größe⸗ ſten Höflichkeit erwiedert, und mich von ihm losgemacht haben; wie ganz anders waren aber jetzt meine Ge⸗ fühle! Ich nahm ſeine Hand, und drückte ſie mit Waͤrme. 3 „»Mein theurer Sir,“« erwiederte ich,» ich bin Ih⸗ nen für Ihr gütiges und rückſichtsvolles Benehmen äu⸗ ßerſt verbunden; die Meiſten ſind geneigter, zu ver⸗ leumden, als in Schutz zu nehmen.⸗ „Und werden es ſtets ſein in dieſer Welt, Mr. Newland; allein was mich betrifft, ich weiß Ihre Lage zu erkennen. Ich denke daran, welch' einen ſchmeichel⸗ haften Empfang ich fand, da ich als ein junger ver⸗ —— 179 2 mögender Mann eingeführt wurde, und wie man mich verließ und vernachläſſigte, ſobald ich ausgezogen war. Ich weiß nicht, warum ſie ſo höflich gegen mich ſind, und lege auf ihre Höflichkeit den gebührenden Werth. Wollen Sie meinen Arm annehmen:— wir haben denſelben Weg.« Ich konnte ſein Anerbieten nicht ablehnen, errö⸗ thete jedoch, als ich es annahm, denn ich füͤhlte, daß ich meinen Ruf dadurch nicht verbeſſern würde, wenn man mich in ſeiner Geſellſchaft ſähe; allein zugleich ſagte ich mir auch, daß ich, wenn auch mein Ruf durch ſeine Begleitung nicht beſſer würde, vor Beleidigungen ſicherer wäre, da derſelbe Grund, der ſie zur Höflichkeit ugegen ihn bewog, wahrſcheinlich auch wirkſam war, wenn ſie mich mit ihm verbündet ſahen.»Es mag ſein,« dachte ich,»ich will wo möglich Höflichkeit er⸗ zwingen.⸗ Wir ſchlenderten Bondſtreet hinunter, als wir einem jungen, in den vornehmen Zirkeln wohlbekannten Manne begegneten, der von meiner Bekanntſchaft nichts mehr wiſſen wollte, nachdem er ſich früher um dieſelbe eifrigſt bemühet hatte. Atkinſon faßte ihn in das Auge. .„» Guten Morgen, Mr. Orberry.« „»Guten Morgen, Kapitän Atkinſon,« erwiederte Mr. Orberry. 3 Ich glaubte, Sie hätten meinen Freund, Mr. New⸗ land, gekannt?« bemerkte Atkinſon ein wenig drohend. 3»O! in der That— ſehr wohl— ich bitte um Vergebung. Guten Morgen, Mr. Newland; Sie wa⸗ 6 ren lange abweſend. Ich ſah Sie geſtern bei Lady Maelſtrom nicht.« »Nein,“« entgegnete ich nachläſſig,„und es wird auch niemals der Fall ſein. Wenn Sie Ihre Herrlich⸗ . 12* —,— — —,—— * 180 keit wiederſehen, ſo empfehlen Sie mich, und fragen Sie ſle, ob ſie noch keine Ohnmacht wieder gehabt.« »„Ich werde mit großem Vergnügen Ihre Beſtellung ansrichten, Mr. Newland— guten Morgen.“ „»Der Geck,« bemerkte Atkinſon,»wird jetzt die Runde durch die ganze Stadt machen, und Sie werden die Folgen ſehen.“ Wir begegneten ein paar Anderen, und auch ihnen legte Atkinſon die Frage vor:»Ich glaubte, Sie hät⸗ ten meinen Freund, Mr. Newland, gekannt?« Endlich, als wir eben vor meinem Hauſe in St. James Street aulangten, begegneten wir Harcourt. Er gewahrte mich augenblicklich, und verbeugte ſich beim Vorüber⸗ gehen tief, ſo daß ſeine Verbeugung uns Beiden geltenn ſollte; allein Atkinſon ſtand ſtill. „»Ich muß um Ihre Verzeihung bitten, Harrourt, wenn ich Sie einen Augenblick aufhalte; aber was iſt auf die Veſtris beim Rennen gewettet?« „Auf mein Wort, Kapitän Atkinſon, ich habe es gewußt, aber wieder vergeſſen.«⸗ „Ihr Gedaͤchtniß ſcheint ſchlecht zu ſein, denn Sie haben auch Ihren alten Freund, Mr. Newland, vergeſſen.⸗ „Ich bitte um Verzeihung, Mr. Newland.- „Sie haben gar keine Urſache dazu, Mr. Harcourt,« unterbrach ich;» denn ich ſage Ihnen offen, daß ich Sie zu ſehr verachte, um Ihre Bekanntſchaft zu wün⸗ ſchen. Sie werden mich verpflichten, Sir, wenn Sie ſich niemals unterſtehen wollen, durch Hutabnehmen oder ſonſt zu erkennen zu geben, daß Sie mich kennen.⸗ Harcourt verfärbte ſich und fuhr zurück. „Solche Sprache, Mr. Newland—« „Iſt ganz die, welche Sie verdienen; fragen Sie Ihr eigenes Gewiſſen. Verlaſſen Sie uns, Sir.«⸗ Nach dieſen Worten ging ich mit Kapitän Akkinſon weiter. Das haben Sie recht gemacht, Rewland,. be⸗ merkte Atkinſon;»er kann ſich, was Sie ihm ſagten, nicht gefallen laſſen, da ich es gehört habe. Sie wer⸗ den natürlich einer Begegnung nicht abgeneigt ſein. Sie wird Ihnen zum unermeßlichen Vortheil gereichen.⸗ „»Zu ganz und gar keinem,« erwiederte ich;„denn wenn irgend Jemand wegen ſeines Benehmens gegen mich beſtraft zu werden verdient, ſo iſt es Harcourt. Wollen Sie bei mir eintreten, Kapitän Atkinſon, und wenn Sie nichts Beſſeres wiſſen, mein Gaſt auf ein einfaches Mahl und eine Flaſche Wein ſein?« Wir unterhielten uns während des Eſſens über al⸗ lerlei, allein nach der erſten Flaſche wurde Atkinſon zutraulich, und ſeine Geſchichte erweckte in mir nicht bloß eine beſſere Meinung von ihm, ſondern bot mir ein zweites Beiſpiel dar, wie oft es vorkommt, daß Menſchen, welche gut geworden ſein würden, zuerſt ausgeplündert, und dann durch die Herzloſigkeit der Welt zur Verzweiflung getrieben werden. Zwiſchen Atkinſons und Carbonnells Fällen fand jedoch der Un⸗ terſchied ſtatt, daß der Letztere ſeinen guten Ruf fort⸗ während aufrecht zu erhalten gewußt, Atkinſon den ſei⸗ nigen dagegen unwiederbringlich zerſtört hatte. Wir waren eben im Begriff, aufzuſtehen, als ein Billet von Harcourt gebracht wurde, worin er mir an⸗ kündigte, daß er am andern Morgen einen Freund ſchicken würde, um ſich eine Erklärung über mein Be⸗ nehmen zu erbitten. Ich reichte es Atkinſon. »Mein theurer Sir,“« ſagte er,»ich bin zu Ihren Dienſten, wenn Sie nicht einen andern von Ihren Be⸗ kannten vorziehen.⸗ „ 8 Jch danke Ihnen, Kapitän Atkinſon,« erwiederte ich;»die Sache kann nicht in beſſeren Händen ſein.⸗ »Das wäre alſo abgemacht; und nun, moßim ſollen wir gehen?« „Wohin es Ihnen beliebk.⸗ »Dann will ich verſuchen, ob ich heute Abend ein wenig Geld gewinnen kann; Sie brauchen nicht zu ſpielen, wenn Sie mitgehen— Sie können zuſehen. Es wird jedenfalls dazu dienen, Sie zu zerſtreuen.⸗ Ich fühlte ein ſo großes Bedürfniß, alles Nachden⸗ ken zu vermeiden, daß ich augeublicklich ſeinen Vor⸗ ſchlag annahm, und nach wenigen Minnten befanden wir uns in einem glänzend erleuchteten Zimmer, vor dem mit Geld und Banknoten bedeckten Rouge et noir Tiſche. Atkinſon ſpielte nicht gleich, ſondern ſtach ſich auf einer Karte die Chancen ab. Nach einer halben Stunde begann er zu ſetzen, und war glücklich. Ich konnte der Verſuchung nicht länger widerſtehen, und begann gleichfalls zu ſpielen; in weniger als einer hal⸗ ben Stunde hatten wir beide beträchtlich gewonnen. »Jetzt iſt es genug,« ſagte er zu mir, ſein Geld einſteckend;»wir dürfen die unzuverläſſige Dame uicht zu lange auf die Probe ſtellen.« Ich folgte ſeinem Beiſpiele, und bald werau ent⸗ fernten wir uns. „»Ich will Sie nach Hauſe begleiten, Newland, wenn Sie es ändern können, ſo verlaſſen Sie, beſon⸗ ders wenn Sie gewonnen haben, niemals ein Spiel⸗ haus allein. ⸗ Als wir vor meinem Hauſe angelangt waren, la⸗ dete ich Atkinſon ein, mit hinauf zu kommen; er folgte mir, und wir zählten unſern Gewinnſt nach, „ Ich kenne den meinigen,« ſagte er,»bis auf * — 183 zwanzig Pfund mehr oder weniger, denn ich höre im⸗ mer bei einem gewiſſen Punkte auf. Ich habe etwas über dreihundert Pfund.« Er hatte dreihundert fünf und zwanzig und ich neun⸗ zig Pfund gewonnen. Während wir bei einem Glaſe Branntwein mit Waſſer ſaßen, fragte ich ihn, ob er immer Glück habe. »Das habe ich natürlich nicht,« erwiederte er;»al⸗ lein ich gewinne doch Jahr aus Jahr ein ſo viel, um davon leben zu können.« »Giebt es eine Regel, von welcher die Spieler ſich leiten laſſen? Ich bemerkte, daß viele der Daſitzenden die Chancen ſehr ſorgfältig aufzeichneten, und dann von Zeit zu Zeit ihr Geld ſetzten.“« »Ich glaube, daß man ſich von allen Spielen bei rouge et noir am beſten ſteht,« ſagte Atkinſon;» allein wo ohne Ausnahme zu Gunſten der Bank Procente berechnet ſind, muß dieſelbe zuletzt gewinnen, ſo viel auch von dem Einen und Andern gewonten wird. Wenn Jemand während des ganzen Jahres fortwährend ſpielte, ſo würde er am Ende die National⸗Schuld verlieren. Alle jene Berechnungen, womit Sie Viele ſo eifrig beſchäf⸗ tigt geſehen haben, ſind unnütz. Ich habe Alles ver⸗ ſncht, und gefunden, daß es nur eine Chance des Glü⸗ ckes giebt, aber dann darf man kein Spieler ſein.« „Kein Spieler?« „Nein; Sie dürfen ſich durch die Leidenſchaft des Spiels nicht fortreißen laſſen, ſonſt werden ſie unfehlbar verlieren; Sie müſſen eine Stärke der Seele beſitzen, wie ſich ihrer nur Wenige rühmen können, oder Sie werden bald ausgezogen ſein.« »Sie ſagen aber, daß Sie im Ganzen zawinnen; haben Sie keine Regel, von welcher Sie ſich leiten laſſen?« „Ja, ich habe eine folche; wie ſonderbar das Glück wechſelt, ich bin ſo daran gewöhnt, daß ich faſt immer richtig ſetze. Iſt mir das Glück einmal günſtig, ſo habe ich eine eigene Methode, kann aber nicht ſagen, worin ſie beſteht. Ich weiß nur das, daß ich mein Geld ver⸗ liere, wenn ich von ihr abgehe. Sie mögen ſie gutes Glück nennen, oder wie Sie ſonſt wollen— eine Regel iſt ſie eigentlich nicht.« „»Welches ſind denn Ihre Regeln oder Nicht⸗Regeln?“ »Ganz einfach dieſe beiden. Die erſte iſt leicht zu befolgen. Ich mache es mir zur Regel, niemals über eine gewiſſe Summe zu verlieren, wenn ich beim An⸗ fange Unglück habe— laſſen Sie uns zwanzig Einſätze annehmen, wie hoch Sie auch ſpielen mögen. Sie kön⸗ nen dieſe Regel leicht befolgen, wenn Sie nur eine ge⸗ wiſſe Summe mitnehmen, und was mich betrifft, ſo ge⸗ höre ich nicht zu den Begünſtigken, denen der Cronpier oder die Aufwärter Geld darleihen. Die zweite Regel iſt um ſo ſchwerer, und entſcheidet darüber, ob Sie ein Spieler ſind, oder nicht. Ich höre ſtets auf, wenn ich eine gewiſſe Summe gewonnen habe,— oder auch noch früher, wenn die Chancen meines Spiels zu ſehr ſchwan⸗ ken. Da liegt die Schwierigkeit. Es ſcheint ſehr thö⸗ richt zu ſein, das Glück nicht zu verfolgen; allein For⸗ tuna iſt ſo launenhaft, daß ſie Jeden verläßt, der ihr länger als eine Stunde traut. Dies iſt meine Sbiel⸗ weiſe, und ich ſtehe mich gut dabei, woraus jedoch nicht folgt, daß dieſes auch bei Anderen der Fall ſein würde. Aber es iſt ſchon ſehr ſpät, oder vielmehr ſehr krii ich wünſche Ihnen eine gute Nacht 8 4 Neun und zwanzigſtes Kapitel. Ich werde Duellant, ſtatt Sekundant, und bringe mein und eines Andern Leben, mein und eines Andern Glück und Seelenfrieden in Gefahr, weil ich nach Verdienſt beſtraft worden bin. 1 Nachdem Kapitaͤn Atkinſon mich verlaſſen hatte, er⸗ zählte ich Timotheus, was ſich zugetragen. „»Und Du willſt wirklich einen Zweikampf beſtehen!⸗ rief Timotheus beſtürzt aus. „»Ohne Zweifel,« erwiederte ich. „»Wenn Du es ſo machſt, ſo wirſt Du niemals Dei⸗ nen Vater finden,« fuhr er fort, in der Abſicht, mich von meinem Vorhaben abzulenken. »In dieſer Welt vielleicht nicht, Tim, aber vielleicht bringt mich eine Kugel auf den rechten Weg, und ich finde ihn in jener.« »Angenommen, daß Dein Vater todt iſt, glaubſt Du, daß er in den Himmel gekommen iſt?« »Ich hoffe es, Timothy.« »Aber welche Hoffnung haſt Du denn, mit ihm zu⸗ ſammenzutreffen, wenn Du aus der Welt gehſt, indem Du einem alten Freunde nach dem Leben trachteſt?« »Mein lieber Timotheus, dagegen läßt ſich freilich nichts ſagen, allein ich kann es nicht ändern. Nur dies kann ich mit Gewißheit ſagen, daß ich keinen Haß ge⸗ gen Harcourt hege— zum wenigſten keinen ſo großen, daß ich ihm das Leben zu rauben wünſchte.“« »Nun, das iſt wenigſtens etwas; aber ich muß Dir 186 ſagen, Japhet, ich kann gerade nicht glauben, daß es ganz recht von Dir war, daß Du Dich für einen Gentle⸗ man ausgabeſt.« 4 »Nein, Tim, es iſt niemals recht, wenn man auf Taͤuſchung ausgeht. Mein ganzes Thun war unrecht, und ich fürchte, daß ich noch immer mehr in das Un⸗ recht hineingerathe; doch ich kann jetzt nicht morali⸗ ſiren, ich muß ſchlafen gehen, und Alles zu vergeſſen ſuchen.«— Am andern Morgen um elf Uhr erſchien Harcourts Abgeſandter, ein Mr. Cotgrave. Ich wies ihn an Ka⸗ pitän Atkinſon, er verbeugte ſich und ging. Bald dar⸗ auf kam der Kapitän. Er hatte mit meines Gegners Sekundanten die erforderlichen Verabredungen getrof⸗ fen. Er blieb den ganzen Tag bei mir; des Majors Piſtolen wurden unterſucht und für gut befunden; wir ſpeiſten, tranken ziemlich ſtark, und nach dem Eſſen ſchlug er mir vor, ihn in eine der Höllen, wie ſie ge⸗ nannt werden, zu begleiten. Ich lehnte ſeinen Vorſchlag ab, und ſobald er fort war, rief ich Timotheus. »Tim,“« begann ich,»wenn mir morgen ein Unglück widerfahren ſollke, ſo biſt Du mein Erbe und Teſta⸗ ments⸗Vollſtrecker. Ich habe meine letztwilligen Ver⸗ fügungen zu Dublin aufgeſetzt, ſie ſind in Mr. Copha⸗ gus Gewahrſam.« „Japhet, ich hoffe, daß Du mir eine Bitte gewäh⸗ ren wirſt, nämlich, daß ich Dich begleiten darf. Ich möchte lieber mit dort ſein, als in Ungewißheit und Angſt hier bleiben.« „»Wenn Du es wünſcheſt, lieber Tim, ſo verſteht es ſich von ſelbſt; aber ich will zu Bette gehen, da ich um vier Uhr auf der Wahlſtatt erſcheinen muß— alſo kein Predigen, kein Empfindeln. Gute Nacht, Gott ſegne Dich.⸗ * —: 187 Ich war in einem Seelenzuſtande, der mich gleich⸗ gültig gegen mein Leben oder die Folgen machte. Tödt⸗ lich gekränkt durch die Behandlung, welche ich erfuhr, in wahnſinniger Wuth über die Verachtung der Welt war ich in Verzweiflung. Es verhielt ſich ſo, wie Mr. Maſterton geſagt hatte: ich beſaß nicht den Muth, ei⸗ nem ſo widrigen Winde Trotz zu bieten. Timotheus war nicht zu Bette gegangen, und weckte mich gegen vier Uhr. Ich ſtand auf, kleidete mich mit der größe⸗ ſten Sorgfalt an, und bald darauf erſchien Kapitän Atkinſon. Wir begaben uns in einem Wagen nach dem⸗ ſelben Orte, wohin ich vor ein paar Monaten mit dem armen Carbonnell gefahren war. Der Gedanke an ihn und ſeinen Tod lagerte ſich gleich einer Wolke über mein Gemüth; allein es währte nicht lange. Ich machte mir aus dem Leben nichts. Harcourt und ſein Sekundant waren einige Minn⸗ ten vor uns angelangk. Wir begrüßten uns höflich, und die Sekundanten begannen ihr Geſchäft. Wir ſchoſ⸗ ſen, und Harcourt ſtürzte zu Boden. Die Kugel hatte ihn über dem Knie getroffen. Ich ging zu ihm, und er ſtreckte mir ſeine Hand entgegen.»Newland,« ſagte er,»ich habe mein Schickſal verdient. Ich war ein Feeigling, daß ich Sie verließ— ein Feigling, daß ich nach einem Manne ſchoß, den ich gekränkt hatte. Meine Herren,« fuhr er an die Sekundanten ſich wendend fort, vich ſpreche hiermit vor Ihnen Mr. Newland von allem Tadel frei, und wenn mir noch weiteres Unglück widerfahren ſollte, ſo ſagen Sie meinen Angehörigen, daß ſie ſich aller Schritte gegen ihn enthalten.⸗ Harcourt war ſehr blaß, und blutete ſtark. Ich un⸗ terſuchte, ohne etwas zu erwiedern, die Wunde, und er⸗ ſah aus der Farbe und dem Hervorſtrömen des Blutes, 188 daß eine Arterie verletzt war. Meine wundärztliche Geſchicklichkeit rettete ihm das Leben. Ich drückte die Arterie zuſammen, während ich den Anderen weitere Anweiſungen gab. Es gelang, eine Art Aderpreſſe zu Stande zu bringen, und dem Bluterguß Einhalt zu thun, worauf ich befahl, den Verwundeten auf einer Tragbahre nach Hauſe zu bringen, und augenblicklich ei⸗ nen Wundarzt kommen zu laſſen. 84 „Sie ſcheinen ſich auf dieſe Dinge zu verſtehen, Sir,⸗ ſagte Mr. Cotgrave.»Sagen Sie mir, iſt Gefahr vorhanden?“ »Er muß ſich das Bein abnehmen laſſen,« erwie⸗ derte ich ſo leiſe, daß Harcourt mich nicht hören konnte. »Ich bitte, ſehen Sie, wenn er nach Hauſe gebracht wird, nach der Aderpreſſe, denn wenn ſie losgehen ſollte iſt das Schlimmſte zu fürchten.« Ich verbeugte mich darauf gegen Mr. Cotgrave, und 4 fuhr mit Atkinſon nach Hauſe. 4 „ Ich verlaſſe Sie jetzt, Newland,« ſagte er; ves iſt eenenn daß ich den wahren Hergang der Sache im Publikum bekannt mache, damit ſie nicht falſch dar⸗ geſtellt wird.« Ich dankte ihm für ſeine Dienſtleiſtungen, und ah mich allein; denn ich hatte Timotheus fortgeſchickt, um mir Nachricht zu bringen, ob Harcourt glücklich in ſei⸗ ner Wohnung angelangt wäre. Ich hatte nie tieferen Kummer gefühlt; meine Angſt um Harcourt war unbe⸗ ſchreiblich. Er hatte mich allerdings nicht gut behan⸗* delt, allein ich gedachte ſeines ehrwürdigen Vaters, der 4* mir ſo warm die Hand gedrückt, als ich ſein gaſtliches DHaus verließ— an ſeine liebenswürdigen Schweſtern, und die Güte und Zuneigung, die ſie mir bewieſen hat⸗ ten;— an den Schmerz, den die Nachricht ihnen ver⸗ — 189 urſachen würde, und an ihre Entrüſtung gegen mich, wenn ihr Bruder zum erſten Male wieder verſtümmelt im väterlichen Hauſe erſchien; und ſollte er ſterben— gütiger Gott! der Gedanke machte mich faſt wahnſin⸗ nig. Ich hatte jetzt das wenige Gute, das ich zu thun im Stande geweſen, wieder vernichtet. Ich hatte Fleta und ihre Mutter glücklich gemacht, aber eine andere Familie in Noth und Jammer geſtürzt.. Dreißigſtes Kapitel. Wir leben in einer ſonderbaren Welt.— Ein Menſch ohne guten Namen will mich nicht mehr kennen, weil er fürch⸗ tet, daß meine Bekanntſchaft ſeinem guten Namen ſchaden möchte. 6 Timotheus brachte Troſi. Das Bluten hatses nicht wieder angefangen, und Harcourt befand ſich leidlich. Ein ausgezeichneter Wundarzt behandelte ihn. »Geh noch einmal hin, liebſter Tim, und da Du Harcourts Bedienten ſo genau kennſt, wirſt Du leicht erfahren können, wie es ſteht.⸗ Timotheus ging und blieb etwa eine Stunde aus; ich lag unterdeß auf dem Sopha und ächzte vor Her⸗ zeusangſt. Als er zurückkehrte, erſah ich ſchon aus ſei⸗ nen Mienen, daß er erfreuliche Kunde brächte. „'S iſt Alles gut,« rief er mir zu;„das Bein bleibt ſitzen; es war nur eine von den kleineren Arterien, und ſie haben ſie unterbunden.“« 3 190 Ich ſprang auf und umarmte Timotheus in meiner Freude, ſetzte mich darauf wieder, und weinte wie ein Kind. Allmälig wurde ich ruhiger. Ich hatte Atkin⸗ ſon zum Eſſen eingeladen, und freute mich„als er er⸗ ſchien. Er beſtätigte Timothy's Bericht, und ich war ſo überglücklich, daß ich ſtark genug trank, und als mein Gaſt mir abermals vorſchlug, ihn an den Spieltiſch zu begleiten, willigte ich mit Frenden ein, und ſteckte all' mein Geld zu mir. Atkinſon begann zu ſpielen, hörte aber ſehr bald wieder auf, da er fand, daß das Glück ihm nicht günſtig war. Da ich gerade ſo geſetzt hatte, wie er, hatte ich gleichfalls beträchtlich verloren, und er bat mich, abzu⸗ laſſen,— allein es zeigte ſich, daß ich ein Spieler war; ich hörte nicht auf ihn, und trat erſt von dem Tiſche zurück, als ich meinen letzten Schilling verloren. Ich verließ das Haus nicht in der beſten Laune, und Atkinſon, der auf mich gewartet hatte, begleitete mich in meine Wohnung. »Newland,“ ſagte er,»ich weiß nicht, was Sie von mir denken mögen. Sie haben mich vielleicht einen Roué u. ſ. w. u. ſ. w. nennen hören; allein ich warne ſtets diejenigen, die Spieler von Natur ſind. Ich habe Sie heute beobachtet, und ſage es Ihnen vorher, daß Sie ſich zu Grunde richten werden, wenn Sie fortfah⸗ ren, zu ſpielen. Es fehlt Ihnen an Selbſtbeherrſchung. Ich kenne Ihre Mittel nicht, aber das weiß ich, daß Sie ein Bettler werden würden, und wenn Sie ein Kröſus wären. Ich kümmerte mich nicht um Sie, ſo kange Sie der bewunderte, vor Allen glänzende Newland waren; empfand aber Theilnahme gegen Sie, als ich hörte, daß die Geſellſchaft Sie ausſtieß, bloß weil es ſich zeigte, daß Sie nicht ſo reich waren, als man ge⸗ . —A— 191 glanbt hatte. Ich ſuchte Ihre Bekanntſchaft nicht, um Ihnen Ihr Geld abzugewinnen— ich kann, ſo viel ich wünſche, von dem ſchurkiſchen Bankhalter gewinnen, oder von Denen, die ſich kein Gewiſſen daraus machen, Andere auszuplündern. Ich bitte Sie, gehen Sie in kein Spielhaus mehr— es thut mir leid, ſehr leid, daß ich Sie zum Spiel mitgenommen. Mich regt es nicht auf— Sie werden durch die Leidenſchaft überwältigt. Sie ſind ein Spieler, oder vielmehr, es ſteckt ein ſolcher in Ihnen Folgen Sie daher dem Rathe eines Freun⸗ des, wenn ich mich ſo nennen darf, und meiden Sie jene Oerter. Ich hoffe, daß Ihnen Ihr heutiger Berluſt nicht gar zu empfindlich iſt.« »Nicht im mindeſten,« erwiederte ich.»Es war vorräthiges Geld. Ich danke Ihnen für Ihren Rath, und werde ihn befolgen. Ich war hente einmal ein Narr, und an einer Narrheit iſt's genug.« Atkinſon ging. Ich hatte mit Einſchluß meines Gewinnſtes vom vorigen Abend ungefähr zweihundert und funfzig Pfund verloren. Ich war verdrießlich dar⸗ über, beruhigte mich aber leicht genug, denn ich dachte an Harcourts Rettung. Der Leſer wird ſich erinnern, daß ich dreitauſend Pfund beſaß, die Mr. Maſterton ſich er⸗ boten hatte, für mich unterzubringen, wofür ich aber einſtweilen dreiprocentige Papiere gekauft hatte. Meine Miethen waren noch nicht fällig, und ich war daher ge⸗ nöthigt, zu dieſem Gelde meine Zuflucht zu nehmen. Ich verkaufte daher zweihundert Pfund davon, die ich ſo bald als möglich wieder zu den übrigen zu legen dachte— denn es würde mir unangenehm geweſen ſein, wenn Maſterton es erfahren hätte, daß ich mein Geld im Spiel verloren. Als ich von dem Banquier zurück⸗ kehrte, fand ich Kapitän Atkinſon in meinem Wohnzimmer. * 192— „Ich habe Sie hier erwartet, um Ihnen zu ſagen, daß es mit Harcourt gut, und mit Ihnen nicht ſchlecht. ſteht. Ich habe alle Welt wiſſen laſſen, daß Sie Je⸗ den zu fordern gedächten, der ſich unterſtände, Sie mit Gleichgültigkeit zu behandeln.“ „»Den Teufel haben Sie! das iſt eine Drohung, die leichter ausgeſprochen, als ausgeführt iſt.“« „Schießen Sie noch zwei oder drei todt,« erwiederte Atkinſon kaltblütig,»und verlaſſen Sie ſich darauf, Sie werden dann gewonnenes Spiel haben. Ich ge⸗ ſtehe, daß ſie ſich anſtellen, als ob ſie Widerſtand lei⸗ ſten wollten, und von einer Verabredung ſprachen, keine Herausforderung anzunehmen, weil Sie ein Betrüger wären.« 3 „Ein Grund, der ſich in der That auch ſehr wohl hören läßt,« verſetzte ich;» und ich glaube auch nicht, ein Recht zu haben— und hege ſicher die Abſicht nicht, auf Ihren Vorſchlag einzugehen. Jedermann hat ohne Zweifel das Recht, ſeinen Umgang zu wählen, und mich nicht kennen zu wollen, wenn die Meinung iſt, daß ich Unrecht gehabt habe. Ich fürchte, Kapitän Atkinſon, Sie haben mich nicht verſtanden. Ich habe Harcourt für ſein Benehmen gegen mich verdientermaßen beſtraft. Er hatte Rückſichten gegen mich zu nehmen, was aber bei den Hunderten nicht der Fall iſt, die ich ſelbſt viel⸗ leicht nicht gar zu höflich behandelte, als ich im Zenith der Gunſt ſtand. Ich kann auf Ihren Vorſchlag nicht eingehen, und glaube auch nicht, daß ich meinem Rufe dadurch aufhelfen würde. Ich würde berüchtigt werden, aber nicht zu einem Namen gelangen, wie er mir wahr⸗ haft von Nutzen ſein würde. Nein, nein; ich kann ſa⸗ gen, daß ich bereits zu viel gethan habe; und wenn auch nicht ſo viel Tadelnswerthes, als die Welt meint, 193 ſo ſagt mir doch mein Gewiſſen, daß ich, indem ich da⸗ zu ſchwieg, als ich für etwas ausgegeben wurde, was ich nicht war, mindeſtens an dem Betruge Theil ge⸗ nommen habe, und den Folgen mich unterwerfen muß. Meine gegenwärtige Lage iſt höchſt unangenehm; ich ſollte mich zurückziehen, und wo möglich mit gegründe⸗ ten Anſprüchen auf die Gunſt der Geſellſchaft zurück⸗ kehren. Ich habe, Gott ſei Dank! noch Freunde, ein⸗ flußreiche Freunde. Man hat mir eine Anſtellung in Oſtindien— ein Offizier⸗Patent— oder die Mittel zum Studium der Rechte angeboten,— hätten Sie vielleicht die Güte, mir Ihre Meinung zu ſagen?« „Ich erachte es als ſehr ſchmeichelhaft für mich, daß Sie mich um Rath fragen. Eine Anſtellung in Oſtin⸗ dien heißt ſich auf vierzehn Jahr deportiren laſſen, um mit vielem Gelde nur zu leben, aber ohne Geſundheit, um das Leben genießen zu können, zurückzukehren. Of⸗ fizier zu werden, möchte für Sie paſſen, und außerdem darf ſich Niemand weigern, ſich mit Ihnen zu ſchlagen, wenn Sie im königlichen Heere dienen. Allein in Ih⸗ rer beſonderen Lage würden Sie, glaube ich, wenn Sie zu einem Regimente kämen, deſſen Offiziere auf die un⸗ tadelhafteſte Reputation halten, ſich mit der halben Tiſchgenoſſenſchaft ſchlagen müſſen, und von der andern Hälfte in Verruf gethan werden. Dann würden Sie genöthigt ſein, ſich auf halben Sold ſetzen zu laſſen, und Ihr Patent würde ihnen eine große Beihülfe ſein. Was die Rechte betrifft— ſo möchte ich meinen Bru⸗ der lieber im Sarge liegen ſehen. Da haben Sie meine Meinung.⸗ „Sie iſt jedenfalls nicht ſehr ermuthigend,« erwie⸗ derte ich lachend;»allein es iſt viel Wahrheit in Ihren Bemerkungen. Nach Oſtindien will ich nicht, da dies Saphet. II. 13 194 mit dem großen Zwecke meines Daſeins unvereinbar wäre.« »Darf ich fragen, wenn es kein Geheimniß iſt, worin dieſer Zweck beſteht?« »Ausfindig zu machen, wer mein Vater iſt.⸗ Der Kapitän blickte mich verwundert an. »„Ich habe mehr als einmal geglaubt, daß Sie ein wenig irre wären, jetzt aber ſehe ich, daß Sie toll— rein toll ſind. Sein Sie nicht böſe, ich konnte mich nicht enthalten, dies zu ſagen, und wenn Sie wünſchen, daß ich Ihnen Satisfaction gebe, ſo werde ich mich⸗ ſehr gegen meinen Willen, dazu genöthigt ſehen.⸗ »Nein, nein, Atkinſon, ich glaube, daß Sie nicht ſehr fern von der Wahrheit ſind, und vergebe Ihnen— doch laſſen Sie uns auf den beſprochenen Gegenſtand zurückkommen. Eine Anſtellung im königlichen Heere wird mir, wie Sie ſagen, eine Stellung in der Geſell⸗ ſchaft ſichern, weil ich als Offizier Gentleman ſein würde. Allein ich wünſche den Vortheil, der Ihrer Meinung nach aus dieſer Stellung für mich herflöſſe, mir nicht zu eigen zu machen, denn ſie könnte auch zu großen Demüthigungen führen. Auch die Rechte ſtehen mir nicht an, obgleich ich Ihren Abſcheu dagegen nicht ganz theile. Mein bisheriges Leben hat mich unge⸗ ſchickt zu dieſem Studium gemacht, es iſt mir aber frei⸗ geſtellt, irgend einen andern Stand zu wählen?« »Ich möchte nicht gern zudringlich erſcheinen, aber haben Sie hinlänglich zu leben?« er „Ja, wenn auch nicht überflüſſig; etwa ſo viel, als ein jüngerer Bruder zu haben pflegt. Es reicht eben hin für Handſchuhe, Cigarren und Eau de Cologne.« „»Dann rathe ich Ihnen, werden Sie nichts. Der einzige Unterſchied, den ich zwiſchen einem Gentleman und irgend ſonſt Jemand entdecken kann, iſt der, daß der Eine nichts zu thun, und der Andere ſaure Arbeit hat. Der Eine iſt ein unnützes, der Andere ein nützli⸗ ches Glied der Geſellſchaft. So groß iſt die Abge⸗ ſchmacktheit der Meinungen der Welt.« »Die meinige ſtimmt mit der Ihrigen überein, und ich würde es vorziehen, in beſagter Beziehung ein Gentle⸗ man zu ſein und nichts zu thun, wenn man mich in jeder andern zulaſſen wollte, was man aber nicht will. Ich bin in einer unglücklichen Lage.-« » Und Sie werden es ſein, bis Ihr Gefühl wie das meinige abgeſtumpft iſt. Sie würden beſſer gethan ha⸗ ben, wenn Sie in meinen Vorſchlag eingegangen wären. So wie die Sachen jetzt ſtehen, kann ich Ihnen nicht nützlich ſein;— ja, ohne eine Beleidigung zu beabſich⸗ tigen— ich weiß nicht, ob wir uns mit einander ſehen laſſen dürfen; denn daß Sie ſich nicht durchſchlagen wollen, iſt ein ziemlich mißlicher Umſtand, und ich kann einem Manne meine Unterſtützung nicht gewähren, der kein Vertrauen darauf ſetzt. Erzürnen Sie ſich über das, was ich ſage, nicht; Sie ſind Ihr eigener Herr, und haben das Recht, nach Ihrem Belieben zu handeln. Meinen Sie, noch nicht ſo ganz verloren zu ſein, um im Stande zu ſein, durch Andere wieder em⸗ porzukommen, ſo tadle ich Sie darum nicht, da ich weiß, daß der Grund nur in einem Irrthum, und nicht in Mangel an Muth zu ſuchen iſt.⸗ „»Ich geſtehe, daß ich für den Augenblick verloren bin, Kapitän Atkinſon; wenn es mir aber gelingt, mei⸗ nen Vater zu finden—« »Guten Morgen, Newland, guten Morgen,« unter⸗ brach er mich haſtig.„Ich ſehe, wie die Sachen ſtehen. Wir werden natürlich die Vorſchriften der Höflichkeit ⁸ 196* beobachten, wenn wir uns begegnen, denn ich wünſche Ihnen Alles Gute; müſſen es aber vermeiden, mit ein ander geſehen zu werden; Sie könnten ſonſt meinem Rufe ſchaden.« „Ihrem Rufe ſchaden, Kapitän Atkinſon?« »Ja, Mr. Newland, meinem Rufe ſchaden. Ich will damit nicht ſagen, daß es nicht Andere gäbe, die in beſſerem Rufe ſtehen, allein ich beſitze einen Ruf, der mir angemeſſen iſt, und das Verdienſt der Conſequenz hat. Da Sie nicht darauf vorbereitet ſind, auch B zu ſagen, nachdem Sie A geſagt, ſo laſſen Sie uns als gute Freunde Abſchied von einander nehmen, und wenn ich etwas geſagt habe, wodurch Sie ſich verletzt fühlen könnten, ſo bitte ich um Verzeihung.“ „So leben Sie denn wohl, Kapitän Atkinſon; ich bin Ihnen für die Güte, die Sie mir erwieſen haben, dankbar.«. Er reichte mir die Hand, und ging. »Und noch dankbarer dafür, daß Sie unſere Verbin⸗ ung abgebrochen haben,“ dachte ich, als er fort war. — 4 A. Ende des zweiten Theils. d, e, — eee 3 3 A, Tſſnſnnſfſſſnſſnſſnſſſſnſſnſſſn 7 8 9 10 11 12 14 15 16