Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ieſebedingungen. 8 . Oſtensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rüclabe der Bücher jeden ag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 2—————:— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 r— Pf. 23 8 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der der Leſer um Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Aus ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 5 8 24 5 5 S= ¹ . d ℳ Capt. Marryat's ſaͤmmtliche Werke. Dreizehnter Band. Japhet,. der einen Vater ſucht. 2 4 Aus dem Engliſchen von 3 H. Roberts. 3 Erſter Thei l. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1836. Japhet, der einen Vater ſucht. Von Capt. Marryat, Verfaſſer des»Paſcha«,»Peter Simpel«,»Jakob Ehrlich«,»Willy« ꝛc. Aus dem Engliſchen 8 von 3 H. Roberts.„ In drei Theilen. Erſter Theil. Braunſchweig, Druck und Verlag von Fr. Vieweg und Sohn. 1836. 2 Erſtes Kapitel. Der Mammon entſcheidet, wie bei den meiſten anderen Kindern, wer mein Taufpathe ſein ſoll— Bin früh reif genug, um Geräuſch in der Welt zu machen und ſchon ein paar Tage nach meiner Geburt aufgehangen zu wer⸗ den— Werde bei Zeiten abgeſchnitten und bringe Blut⸗ vergießen zuwege— Meine ſich früh zeigenden Anlagen werden durch die Wahl meines Berufs vollkommen ent⸗ wickelt. Ich werde Diejenigen, welche dieſen Blättern die Ehre, ſie zu leſen, erweiſen möchten, nicht durch eine lange einleitende Geſchichte meiner Geburt, Herkuuft und Erziehung aufhalten. Schon aus dem Titel iſt zu erſehen, daß mir die beiden erſteren unbekannt wa⸗ ren, und es iſt nothwendig, daß ſie jedenfalls einſtwei⸗ len unbekannt bleiben, wenn meine Erzählung in ange⸗ meſſener Entwickelung fortſchreiten ſoll; denn beim Le⸗ ſen einer Geſchichte kann man die Verborgenheit der Zukunft mit eben ſo großem Recht als die Quelle des ſchönſten Glückes betrachten, als bei der Pilgerſchaft des Lebens ſelbſt. Ich will jedoch das Wenige, was zu der Zeit, von welcher ich jetzt rede, von mir be⸗ kannt war, ſo genau und kurz berichten, als ich's vermag. Es war am— Ich habe wirklich das Datum ver⸗ geſſen, und muß aufſtehen, einen Schlüſſel ſuchen, ein Japhet I. 8 1— einen Haufen Papiere durchſehen— Es wird Euch zu lange aufhalten— genüge es, wenn ich ſage, daß es in einer Nacht war— aber ob dieſe Nacht finſter oder mondhell, regnigt oder neblig, oder eine ſchöne Sternennacht war, das kann ich wirklich nicht ſagen; doch es iſt auch von keiner ſehr großen Bedeutung. Gut alſo— es war in einer Nacht etwa um—— Da bin ich ſchon wieder in Verlegenheit. Es mochte um zehn oder elf oder zwölf Uhr ſein,— oder auch nach Mitternacht, oder gegen Morgen; mehr weiß ich nicht. Der Leſer wird ein Kind von— ja von— von einigen Tagen— entſchuldigen, das in Flanell eingehüllt, in einem bedeckten Korbe und feſt ſchlafend, nicht genau auf die Beſchaffenheit des Wetters und die Stunde achtete. Ich wußte obenein von jeher wenig von der großen Wichtigkeit der Zeitbeſtimmungen beim Geſchichten⸗Erzählen, und jetzt iſt es zu ſpät, Umſtände zu erforſchen, welche die Zeit in Vergeſſenheit begra⸗ ben hat. Ich muß mich daher darauf beſchränken, das Wenige, was mir bekannt, zu berichten, und mich auf die Nachſicht der Leſer und Gedankenſtriche ſtützen. Das Wenige iſt dieſes: 3 Etwa um— in einer Nacht— bei gutem oder ſchlechtem Wetter— wurde ich, ein Kind von einigen Tagen, durch Jemand an den Thürklopfer des Findel⸗ hauſes gehängt. Nachdem der Jemand mich feſtgebun⸗ den, zog er mit Heftigkeit die Glocke, ſo daß der alte Thürwärter aus dem Schlafe aufgeſchreckt wurde, und ſich mit ſolcher Eile aufraffte, daß er mit umgekehrter Hand ſeiner beſſern Hälfte einen Schlag auf die Naſe verſetzte, 5 der die Veranlaſſung wurde, daß dieſem Organ eine be⸗ trächtliche Menge Bluts, und dem unmittelbar darun⸗ Kabinet und danu eine eiſerne Kiſte aufſchließen und 8 3 ter befindlichen eine noch ſtärkere Fluth von Schmä⸗ hungen entſtrömte. 3 Nachdem das beſagte Geläut dieſe Wirkungen her⸗ vorgebracht, begab ſich der beſagte Jemand ſofort auf die Flucht, und war längſt verſchwunden, ehe der alte Pförtner ſeine Beine durch ſeine unteren Kleidungsſtücke 4 hatte ſtecken und hinabeilen können. Endlich riß er mit 5 einem Schwunge das Thor auf, ſo daß auch der Korb mit einem Schwunge an ſeiner Naſe vorüberfuhr. Er holte ein Meſſer und ſchnitt mich ab, denn es war grauſam, ein Kind von wenigen Tagen aufzuhängen, trug mich hinein, zündete Licht an und öffnete den Korb. Alſo kam ich wörtlich zuerſt an das Licht. 8* Als er den Korb öffnete, öffnete ich meine Augen, und an dem Tiſche, obgleich ich es nicht bemerkte, ſtand 4 die Alte, ſehr leicht gekleidet, und wuſch ſich uͤber ei⸗ 4 nem Becken mit einem Schwamme die Naſe. „» Wirklich ein ſehr hübſches Kind, mit ſchwarzen Augen!« rief der alte Mann mit bebender Stimme aus. »Ja wahrhaftig, ſchwarze Augen,« murmelte die Alte.»Meine Augen werden morgen ſchwarz genug ſein!« » Mirklich, ſchöne ſchwarze Augen!e fuhr der alte Mann fort.. »Schrecklich ſchwarz werden ſie ſein, das will ich 4 glauben,« ſagte die alte Frau, und ſetzte ihr Jammern und ihre Wäſche fort. »Das arme Geſchöpf muß frieren,« murmelte der . Thuͤrwärter. »Ich werde mich auf den Tod erkälten,⸗ murmelte, 4 ſeine Ehehälfte. 1* 4 „Alle Wetter, da iſt ein beſchriebnes Papier!“ rief der Alte aus. »Eſſig und Löſchpapier!« ſchrie die Alte. „Adreſſirt an den Findelhaus⸗Direktor!« fuhr der Thuͤrwärter fort.. „Ruf den Hausdoktor!« fiel die Thürwärterin ein. „ Und verſtegelt!“ ſagte er. 3 „»Daß er mir die Naſe flickt,« ſagte ſie. „Das Linnenzeug iſt gut;'s iſt kein Kind armer Leute. Wer weiß?⸗— ſprach der Alte vor ſich hin. „»Meine arme Naſe!« rief die alte Frau aus. »Ich muß es zu den Ammen bringen, den Brief will ich morgen abliefern,« ſchloß der alte Thorwärter ſein Selbſtgeſpräch, und wankte mit dem Korbe und Eurem ganz gehorſamſten Diener über den Hof. „So wird es gut ſein,« ſagte die Alte, wiſchte ihr Geſtcht mit einem Handtuche ab, und ſtieg wieder in ihr Bett, wohin der Alte ihr bald folgte, und ſie be⸗ endigten ihren Schlummer ohne weitere Störung wäh⸗ rend der Nacht. Am andern Morgen wurde ich gemeldet und un⸗ terſucht, und der Brief an den Direktor geöffnet und geleſen. Er war lakoniſch, allein wie die meiſten la⸗ koniſchen Dinge ſehr vielſagend. „Dieſes Kind iſt ehelich geboren, und ſoll den Na⸗ men Japhet führen. Es wird abgefordert werden, wenn die Umſtände es erlauben.⸗ Der Brief enthielt aber auch noch eine Nachſchrift von Abraham Newland Esquire, worin dem Vorzeiger die Summe von funfzig Pfund zugeſagt wurde. Deut⸗ licher geſprochen war eine Banknote zum Belauf dieſer Summe in den Brief eingeſchloſſen. Da gewöhnlich AX.— 5 die Leute, welche Kinder in Körben aufhängen, längſt alle Zahlungen eingeſtellt haben, oder doch jedenfalls zu vergeſſen pflegen, ſie mit den Körben aufzuhängen, ſo verurſachte meine Ankunft einen nicht geringen Lär⸗ men, zu welchem ich meinen Theil beitrug, bis ich An⸗ theil an der Bruſt eines jungen Weibes erhielt, das gleich der chriſtlichen Liebe zwei bis drei Kinder zugleich ſäugte. Wir haben im ganzen Königreiche Vorbereitungsſchu⸗ len; für Knaben von drei bis fünf Jahren, die von Frauen, und junge Gentlemen von vier bis ſieben Jahren, die von Frauen oder Mänuern geleitet werden, wie es ſich gerade trifft; allein die am früheſten beginnende aller Schulen dieſer Art iſt ohne Zweifel das Findel⸗ haus, das die ihm zugeſendeten Zöglinge, einen oder ein paar Tage, ja nur ein paar Stunden alt, aufnimmt, falls die Aeltern noch ſo große Sorge um ihre Erziehung tragen. Dieſe beginnt hier, wenn ſie entwöhnt und in dem Geheimniß unterrichtet werden, Milchmuß zu ſpeiſen; ſodann lehrt man ſie gehen, und wenn ſie gehen können, ſtillſitzen; dann ſpre⸗ chen, und ſobald ſie ſprechen können, den Mund halten. So werden ſie von einer Kenntniß zur andern geführt, und aus einer Abtheilung der Anſtalt in die andere verſetzt, bis ſie endlich vor die Thür geſetzt werden, um mit dem Vortheile einiger Erziehung, und dem noch größeren, weder Vater noch Mutter zu haben, für deren Bedürfniſſe ſie ſorgen müßten, oder Anver⸗ wandte, die ihnen auf der Taſche lägen, ihr Fortkommen in der Welt zu ſuchen. 3 So war es mit mir. Ich erreichte mein vierzehn⸗ tes Jahr, und trotz der Verheißung der mir mitgege⸗ benen Urkunde ſchien es, daß die Umſtände es nicht 6 erlaubten, mich zurückzufordern. Ich hatte jedoch einen großen Vortheil vor den anderen Findelkindern voraus. Die mit mir aufgehängten funfzig Pfund floſſen nicht in die Kaſſe der Anſtalt, ſondern wurden durch die Vorſtände, die mit meiner Aufführung zufrieden waren und meine Fähigkeiten für ſehr bedeutend. hielten, zu meinem Beſten verwendet. Statt mich bei irgend ei⸗ nem Handwerker in die Lehre zu thun, verſchafften ſie mir eine Lehrlingſtelle bei einem Apotheker. Und nun, da wir aus dem Findelhauſe heraus ſind, dürfen wir nicht mehr ſo raſch weitergehen. Der Apotheker, der mich unter ſeine Aegide nahm, war ein Herr Phineas Cophagus, deſſen Haus zu ſei⸗ nem Geſchäfte auf das trefflichſte gelegen war, indem die eine Seite der Apotheke auf Smithfield⸗Market, die andere auf die zu demſelben Markte führende Haupt⸗ ſtraße öffnete. Es war ein Eckhaus, das aber nicht in einem Winkel lag. Zu beiden Seiten der Apotheke befanden ſich Branntweinladen, neben dieſen Gaſthäuſer, und neben dieſen wiederum Speiſehäuſer, die von Vieh⸗ händlern, Schlächtern und Roßtäuſchern beſucht wur⸗ den. Tranken ſie ſo viel, daß ſie in Streit geriethen und ſich die Köpſe zerſchlugen, wer war ſo nahe bei der Hand, um ſie zu verbinden, als Mr. Cophagus?*) Aß ein dicker Fleiſcher ſo ſtark, daß ihn der Schlag rührte, ſo war nichts bequemer, als daß Mr. Copha⸗ gus zum Aderlaß ſo nahe wohnte. Wurde Jemand durch einen Stier verwundet, ſo erſchien augenblicklich Mr. Cophagus mit ſeinem Pflaſter und ſeiner Charpie. 4 *) Die Avotheker in England pflegen bekanntlich zugleich als Aerzte und Wundärzte zu praktifiren. Anm. d. Ueberſ. —— * 7 Wurde eine Dame durch ein ſolches wild gewordenes Thier in Schrecken geſetzt, ſo erholle ſie ſich in Mr. Cophagus Hinterzimmer von ihrer Ohnmacht. Markt⸗ tage waren ein gewiſſer Markt für meinen Herrn; und wenn ein Thier andere Leute zu Boden ſtieß, ſo half es ihm auf die Beine. Freilich litten unſere Fenſter bisweilen, allein für zerbrochene Köpfe, Glieder oder 2 Fenſter wurde gut bezahlt. Jedermann litt, Mr. Phi⸗ neas Cophagus ausgenommen, der es niemals litt, daß ihm ein Patient entging. Uuſere Apotheke war mit dem gewöhnlichen Vorrath von grünen, gelben und blauen Flaſchen verſehen; und an heißen Tagen hatten wir, Dank unſerer Nachbarſchaft, den zahlreichſten Zu⸗ ſpruch von blauen Schmeißfliegen. In unſerm einen Fenſter präſentirte ſich ein weißes, und im andern ein braunes Pferd, um den Viehhändlern zu verkünden, daß wir mit Pferde⸗Arznei verſehen wären. Wir führ⸗ ten ſämmtliche Patent⸗Arzneien der ganzen Welt, bis 4 zu der»allgenügenden für die ganze Menſchheit« Mr. 1 Enouy's; weßhalb ich mich anfangs wunderte, daß wir uns mit noch anderen befaßten. Die Apotheke war geräumig, und im hintern Theile derſelben ſtand ein großer eiſerner Mörſer, mit einem dem Umfange deſſelben angemeſſenen Stößel. Das Erdgeſchoß wurde von Mr. Cophagus, welcher Junggeſell war, bewohnt; das zweite Stockwerk war vermiethet, und das dritte für die Haushälterin, die Lehrlinge und die Diener⸗ ſchaft beſtimmt. In dieſer wohlgelegenen Behauſung machte Mr. Cophagus die trefflichſten Geſchäfte. Ich will deßhalb für den Augenblick die Apotheke fallen laſſen, damit mein Herr in der Achtung der Leſer ſteige, indem ich ihn und ſeine Denkweiſe ſchildere. Mr. Phineas Cophagus mochte etwa fünf und vier⸗ 8 zig Jahre alt ſein, als ich die Ehre hatte, im Beſuch⸗ Zimmer des Findelhauſes zum erſten Male ihm vorge⸗ ſtellt zu werden. Er war von mittlerer Größe, ſein Geſicht war ſchmal, ſeine Naſe ſehr gekrümmt, ſeine Augen klein und durchdringend, freundlich funkelnd, ſein Mund groß, und am einen Winkel herabhängend. Er war von kräftigem Körperbau, und führte eine be⸗ trächtliche vorſtehende Ründung, die er mit ſeiner Lin⸗ ken ſehr behaglich zu ſtreicheln pflegte; ſeine Beine waren jedoch ſpindeldünn, ſo daß ſein Anblick an irgend einen Vogel aus dem Kranich⸗Geſchlecht erinnerte. Ich kann in der That ſagen, daß er gerade wie eine Citrone ausſah, welcher ein paar Schwefelhölzer als Beine an⸗ geſetzt ſind. Er trug ein ſchwarzes Kleid und Weſte, eine weiße Halsbinde, und hohe Hemdekragen, blaue Strumpfhoſen und hohe Stiefeln, welche beide ſo eng anſchloſſen, daß man glauben mußte, er ſei ſtolz auf ſeine Spinnenfüße. Sein Hut war breiträndig und niedrig, und in der Rechten trug er ein ſtattliches ſchwarzes Rohr mit goldenem Knopfe, den er ſtets an ſeine Naſe emporhob, wenn er ſprach; gerade wie die zu einer Conſultation verſammelten Aerzte auf den Zerrbildern dargeſtellt werden. War ſeine Figur ſon⸗ derbar, ſo waren es ſeine Redeweiſe und ſeine Manie⸗ ren doch noch mehr. Er ſprach, wie einige Vögel flie⸗ gen, in Stößen, warf ewige»Hem— hems« zwiſchen ſeine Worte, denn er beendete niemals einen ganzen Satz, und ſchloß mit»ſo fort,« ſeinen Zuhörern es überlaſſend, aus dem Zuſammenhange zu errathen, was er ſagen wollte. Faſt fortwährend in Bewegung ver⸗ anderte er gewöhnlich ſeine Stellung, ſobald er aufge⸗ hört hatte zu reden, und ſtelzte im Storchengang, ſelbſt genügſam auf die Zehe tretend, ſein Rohr an der Naſe, 8 9 und den Kopf nach einer Seite aufgeworfen, in einen andern Theil des Gemaches. Als ich ihm vorgeführt wurde, ſtand er neben zweien von den Vorſtehern der Anſtalt.»Dies iſt der Knabe,« ſagte einer von ihnen, »ſein Name iſt Japhet.« „Japhet,« erwiederte Mr. Cophagus,»hem, Schrift⸗ name— Sem, Ham, hem— und ſo fort. Knabe liest?« „Sehr gut, und ſchreibt auch eine ſehr gute Hand. Er iſt ein ſehr guter Knabe, Mr. Cophagus.« »Leſen— ſchreiben— buchſtabiren— gut, und ſo fort. Ihn erziehen— Anfangsgründe— Mörſer — Spaten— Zettel ſchreiben— hem— Doctor der Medizin— Mann aus ihm machen— und ſo fort,« ſagte der ſonderbare Mann, ging, ſein Rohr an der Naſe, rund um mich herum, und beſchaute forſchend mich mit ſeinen freundlichen Augen. Ich wurde nach beſtandener Prüfung entlaſſen, und am folgenden Tage in einem einfachen Anzuge durch den Thürwärter nach Mr. Phineas Cophagus Apotheke gebracht, der nicht zu Hauſe war, als ich anlangte. Zweites Kapitel. Gleich allen Anfängern finde ich die Elemente des Wiſſens äu⸗ ßerſt ſchwierig und mühſam— Mache jedoch ſo raſche Fortſchritte, daß ich ohne meinen Herrn fertig werden kann. Hinter dem Ladentiſche ſtand ein großer, rothbäcki⸗ ger, aber ſchwindſüchtig ausſehender junger Menſch, * ⸗ 10 beſchäftigt mit Arzneiflaſchen, und neben ihm ſtand ein ſchmutziger, etwa dreizehn Jahr alter Knabe mit ſei⸗ nem Korbe, um die Arzneien auszutragen, ſobald ſie fertig waren. Dem jungen Manne hinter dem Laden⸗ tiſche— er hieß Brookes— fehlten bis zur Vollen⸗ dung ſeiner Lehrzeit nicht volle achtzehn Monate mehr, und ſeine Angehörigen beabſichtigten, ihn nach Ablauf derſelben ein eigenes Geſchäft beginnen zu laſſen. Die⸗ ſes war der Grund, der Mr. Cophagus bewogen, mich anzunehmen. Ich ſollte demnächſt in Brookes Stelle eintreten. Mr. Brookes war ein äußerſt ſanfter, lie⸗ benswürdiger Menſch, freundlich gegen mich und den andern die Arzneien austragenden Knaben, den Mr. Cophagus für Speiſe und Kleidung zu ſich genommen. Mein Begleiter vom Findelhauſe ſagte Mr. Brookes, wer ich ſei, und ging. „Meinſt Ou, daß das Apothekergeſchäft Dir gefal⸗ len wird?« fragte mich Mr. Brookes mit einem wohl⸗ wollenden Lächeln. „Gewiß; warum ſollte es nicht?« erwiederte ich. „»Das mußt Du erſt ſehen,« ſagte der mit ſeinem Korbe wartende Knabe, einen pfiffigen Blick mir zu⸗ werfend,»Du biſt noch nicht durch Deine Anfangs⸗ gründe.⸗ „» Schweig, Timotheus,« fiel Mr. Brookes ein. „Daß Dir die Anfangsgründe, wie Mr. Cophagus ſie heißt, nicht gar zu gut gefallen, iſt ſehr klar. Nun lauf, ſo ſchnell Du kannſt, mit dieſen Arzneien; Nr. 14. Springſtreet; Nr. 16. Cleaverſtreet, wo Du ſchon geweſen biſt; und dann nach Johnſtreet, Nr. 55 zu Mrs. Smith. Verſtanden?« »Nun freilich— kann ich etwa nicht leſen? Ich leſe alle Aufſchriften, und all' Ihr lateiniſches Zeug 11 dazu— alle Ihre Sumes, Doses, Hores, Dies und Cochlharia. Nächſtens werde ich mich ſelber be⸗ ſetzen.« 3 85 »Ich werde Dich nächſtens abprügeln, Maſter Thimoth, wenn Du Dich unterwegs ſo lange aufhältſt, wie Du's immer thuſt, um vor den Bilderladen zu gaffen; darauf kaunſt Du Dich verlaſſen.« 5 „Da erhalte ich eben all' meine Gelehrſamkeit,⸗ erwiederte Timotheus, im Hinausgehen den Kopf nach mir umdrehend und mir zulachend. Mr. Brookes lä⸗ chelte, ſagte indeſſen nichts. Als Timotheus hinausging, trat Mr. Cophagus herein. »„He! Japhet— ich ſehe,« ſagte er, ſein Rohr emporhebend,»nichts zu thun— taugt nichts— was zu thun haben müſſen— hem— und ſo fort. Mr⸗ Brookes— Knuabe die Anfangsgründe lernen— gut .— und ſo fort.« Als Mr. Cophagus alſo geſprochen, entfernte er ſein Rohr von der Naſe, wies nach dem großen eiſer⸗ nen Mörſer, und begab ſich in ſein Hinterzimmer. Mr. Brookes verſtand ſeinen Herrn, wenn dies auch bei mir nicht der Fall war. Er wiſchte den Mörſer aus, warf Arzueiſtoffe hinein, wies mir den Gebrauch des Stö⸗ ßels und ließ mich meine Arbeit beginnen. Nach einer halben Stunde wußte ich, warum Timotheus einen ſo großen Widerwillen gegen die Anfangsgruͤnde hegte. Es war eine entſetzlich ſchwere Arbeit für einen Kna⸗ ben; der Schweiß lief mir in Strömen von der Stirn, und endlich konnte ich kaum noch die Arme aufheben. Mr. Cophagus ging durch die Apotheke, und ſagte, als er mich mit dem ſchweren eiſernen Stößel fortwährend 12 beſchäftigt ſah:»Gut— nach und nach— Medi- cinae Doctor— und ſo fort.« 3 Ich dachte, der Weg iſt ſehr rauh und ſteil, der zu dieſer Würde führt, und hielt inne, um ein wenig Athem zu ſchöpfen. „Beiläufig— Japhet— Taufname— und ſo fort— Zuname— he!« „»Mr. Cophagus will Deinen andern Namen wiſ⸗ ſen,« ſagte Brookes erläuternd. Ich muß den Leſer hier damit bekannt machen, daß die Kinder in den Findelhäuſern ſtets ſowohl Zu⸗ als Taufnamen erhalten, und ich war nach der ausgezeich⸗ neten Perſon, welche die in meinem Korbe gefundene Banknote unterzeichnet hatte, benannt worden. „Ich heiße Newland,“ erwiederte ich. »Newland— he!— ſehr guter Name— alle Welt ſieht den Namen gern— hat auch gern viele davon in der Taſche— hem— ſehr angenehm— und ſo fort,« ſagte Mr. Cophagus, hinausgehend. Ich hatte wieder zu ſtoßen begonnen, als Timo⸗ theus mit ſeinem leeren Korbe zurückkehrte. Er lachte. „»Hem,“« ſagte er, Mr. Cophagus nachäffend,»wie ge⸗ fallen Dir die Anfangsgründe?— und ſo fort— he 2 α »Nicht zum Beſten,« erwiederte ich, mir den Schweiß abwiſchend. „»Das war meine Arbeit, ehe Du kamſt. Ich bin länger als ein Jahr bei dieſen Anfangsgründen gewe⸗ ſen, und werde wohl nie herauskommen.« Mr. Brookes bemerkte, daß ich ermüdet war, und hieß mich aufhören, ein Befehl, welchem ich freudig ge⸗ horchte. Ich ſetzte mich darauf in einen Winkel des Ladens. 13 „Da,« ſagte Timotheus, ſeinen Korb niederſetzend, „»'s iſt nichts mehr für mich zu thun hante prandium, nicht ſo, Mr. Brookes? Nein, Tim; wohl aber post prandium, wo Du wieder Poſt laufen wirſt. Das Mittagseſſen ſtand bereit, und Mr. Copha⸗ gus, der zurückgekehrt war, begab ſich mit Brookes in das Hinterzimmer. Timotheus und ich blieben im La⸗ den, um die Kunden anzumelden. Ich ergreife dieſe Gelegenheit, um Timotheus genauer zu ſchildern, da er in meiner Erzählung eine der vornehmſten Rollen ſpielen wird. Timotheus war klein für ſein Alter, aber von deſto ſtärkerem Körperbau. Er hatte ein ovales Geſicht, ſehr dunkle Hautfarbe, und graue unter langen Wim⸗ pern hervorblitzende Augen. Seine Brauen ſtießen faſt an einander. Er war von den Pocken gezeichnet, nicht ſo ſtark, um ihn zu entſtellen, aber doch merkbar ge⸗ nug, wenn man ihm nahe war. Sein. Geſicht glänzte fortwährend von Heiterkeit. Man las ſogleich ein „ Hol' der Teufel die Sorgen!«— es lag ſo viel Glückſeliges darin, daß man ihn lieben mußte, ſobald man ihn ſah. Ich war augenblicklich mit ihm ver⸗ traut. „Woher biſt Du, Japhet?« fragte er. »Aus dem Findelhauſe,« enkgegnete ich. „»Dann haſt Du keine Aeltern oder Anverwandte.⸗ »Wenn ich ſie auch habe, weiß ich ſie doch nicht zu finden,« erwiederte ich traurig. 4 „» Pah! gräme Dich darum nicht. Ich habe auch keine. Ich bin im Arbeitshauſe des Kirchſprengels er⸗ zogen; wurde vor der Thür eines Herrn gefunden, der mich an die Aufſeher ſchickte— ich war damals un⸗ 14 gefähr ein Jahr alt. Sie nennen mich einen Findling, aber was kümmert'’s mich, wie ſie mir nachrufen, wenn ſie mich nur nicht zu ſpät zu Tiſch rufen. Mein Vater und Mutter, wer ſie auch ſein mögen, haben ſie mich auch verlaſſen, haben mir doch meine Eßluſt ge⸗ laſſen. Soll mich doch wundern, wie lange ſich der Herr heute mit Meſſer und Gabel zu ſchaffen macht. Was Mr. Broobes ißt, davon würde kein Sperling ſatt werden. Wie iſt Dein anderer Name, Japhet?« „»Newland.« „»Alſo Newland. Nun ſollſt Du auch meinen Na⸗ men wiſſen:— Timotheus Oldmixon zu dienen! Sie tauften mich nach der Waſſerpumpe im Arbeitshauſe, anelcher zu leſen war:»Timotheus Oldmixon fecit,« und die Aufſeher meinten, der Name wäre ſo⸗ gut für mich als jeder andre. So wurde ich mit et⸗ was Waſſer aus der Pumpe nach dem Pumpenmacher getauft. Sobald ich ſtark genug war, mußte ich alles Waſſer pumpen, das im Arbeitshauſe gebraucht wurde. Ich arbeitete den ganzen Tag an meinem Papa, wie ich die Pumpe nannte. Wenige Söhne ſind ſo viel in der Geſellſchaft ihrer Väter geweſen, und haben ſie ſo ſehr gehaßt; und jetzt, Japhet, ſiehſt du,— das macht die Gewohnheit— pumpe ich Dich aus.« »Du wirſt mich bald trocken pumpen, denn ich kann Dir ſehr wenig erzählen,« erwiederte ich;»aber ſag' mir, was iſt Mr. Cophagus für eine Art Mann?⸗ „Er iſt gerade ſo, wie er anzuſehen iſt, nie anders, ſelten verdrießlich, und wenn er's einmal iſt, ſo wun⸗ derlich wie immer. Er drohet mir oft, hat mir aber noch nie einen Schlag gegeben, obgleich mich Mr. Brookes ein paar Mal verklagt hat.« „»Mr. Brookes iſt doch gewiß nicht böſe.⸗ 5 4 1 4 15 „Nein, er iſt ſehr gut; aber ich muß ſelbſt ſagen, zuweilen mache ich es ein wenig zu arg. Denn ich ſetze wohl meinen Korb hin und ſpiele, und dann kön⸗ nen die Patienten, wie Mr. Brookes ſagt, meinetwe⸗ gen aus Mangel an Arznei ſterben. Er hat ganz Recht, aber ich kann darum das Plock im Ringſpielen doch nicht laſſen. Aber Mr. Brookes giebt mir dann bloß eine Ohrfeige, und das acht' ich ſo gut wie gar nichts. Mr. Cophagus droht mit ſeinem Stocke, und ſagt:»»Böſer Junge— dicker Stock— hem— nicht vergeſſen—'s nächſte Mal— und ſo fort,«« ſagte Timotheus lachend;»und ſo geht es immer fort.« Inzwiſchen hatten Mr. Cophagus und ſein Ge⸗ hülfe ihr Mahl beendet, und kamen in den Laden. Der Erſtere ſah mich an, hielt ſein Rohr an ſeine Naſe und ſagte:»Kinder— ſtets hungrig— hem— eſſen gern gut— Roaſtbeef— Yorkſhire⸗Pudding— und ſo fort,« und er wies mit dem Rohre nach dem Hinter⸗ zimmer. Timotheus und ich verſtanden ihn diesmal ſehr gut; wir gingen und die Haushälterin ſetzte ſich zu uns und legte uns vor. Sie war eine entſetzlich mürriſche kleine alte Frau, allein eben ſo wacker als mürriſch, worin alles Gute beſteht, das ich von ihr ſagen werde. Timotheus war ihr Liebling nicht, weil er eine ſo ſtarke Eßluſt beſaß; und es ſchien, daß ich in ihrer guten Meinung gleichfalls nicht ſehr hoch ſtei⸗ gen würde, denn auch ich aß tapfer, und ſank mit je⸗ dem Biſſen in ihrer Achtung, bis ich faſt auf Null her⸗ untergeſunken war, was bei Timotheus deſſelben Uebel⸗ ſtandes wegen längſt der Fall geweſen; allein Mr. Co⸗ phagus geſtattete nicht, daß ſie ihn hungern ließ, und ſagte:»Kinder eſſen müſſen— ſonſt nicht wachſen— und ſo fort.« — 16 Ich fand bald, daß wir nicht allein gut zu eſſen bekamen, ſondern auch in jeder andern Beziehung gut behandelt wurden, ſo daß es mir bei Mr. Cophagus ſehr wohl gefiel. Mr. Brookes unterwies mich in der Kunſt, die Arznei⸗Flaſchen mit Zetteln zu verſehen und zuzubinden, und nach ſehr kurzer Zeit war ich darin wohl erfahren; und die Anfangsgründe, wie es Timo⸗ theus vorausgeſagt hatte, wurden abermals ihm über⸗ tragen. Mr. Cophagus verſah mich mit guten Klei⸗ dungsſtücken, gab mir aber niemals Taſchengeld, und Timotheus und ich jammerten nicht ſelten, daß wir auch nicht über einen Pfennig gebieten könnten. Ich war erſt einige Monate in der Lehre geweſen, als Mr. Brookes ſich bereits entfernen konnte, wenn er eine Anfforderung zu einem dringenden aͤrztlichen Beſuche erhielt. Ich bereitete die Pillen, er aber wog die Quantitäten nach den Recepten ab. Wenn daher Jemand Arznei verlangte, ſo ließ ich ihn warten, bis Mr. Brookes zurückkehrte, was immer ſehr bald der Fall war. Als er eines Tages ausgegangen war, und ich hinter dem Ladentiſche und Timotheus mit den Bei⸗ nen hin⸗ und herbaumelnd, oben darauf ſaß, und wir uns unſere Noth klagten, daß wir kein Taſchengeld haͤtten, ſagte Timotheus: »Japhet, ich habe darüber hin und her geſonnen, wie wir uns ein wenig Geld verſchaffen könnten, und endlich ein Mittel ausfindig gemacht. Laß uns Doctores ſein; wir wollen nicht alle Leute fortſchicken, wenn Mr. Brookes ausgegangen iſt, ſondern ihnen ſelbſt Arznei verordnen.⸗ 3 3 Ich ſtimmte freudig zu, und Timotheus hatte kaum ausgeſprochen, als eine alte Frau in den Laden kam, . 17 ſich an Tim wendete, und ſagte, er möge ihr etwas für ihres armen Großkindes ſchlimmen Hals geben. „„Ich verordne die Arzneien nicht, gute Frau,⸗ erwiederte Timotheus;»„Ihr müßt Euch an den jun⸗ gen Herrn da, Mr. Newland, hinter dem Ladentiſche wenden— er verſteht ſich darauf, was einem jeden Patienten gut iſt.“ „»Gottes Segen über ſein huͤbſches Geſicht— und iſt noch ſo jung! Seid Ihr ein Doctor, Sir?⸗ „Das ſollte ich meinen,« erwiederte ich;„was wünſcht Ihr zu haben— etwas zum Waſchen oder eine Einreibung?« „Darauf verſtehe ich mich nicht, ich weiß nur, daß ich vom Doktor was Gutes haben will.⸗ „»Sehr wohl, meine gute Frau; ich weiß was gut iſt,« erwiederte ich, eine wichtige Miene annehmend. Timorheus⸗ ſpüle dieſes Fläſchchen rein aus. ⸗ „»Ja, Sir,“« erwiederte Timotheus ſehr ehrerbietig. Ich nahm ein Medizinglas und goß ein wenig grün, ein wenig blau, und ein wenig weiß aus den Arznei⸗ flaſchen hinein, nach welchen Mr. Brookes gewöhnlich zeigte, füllte darauf Waſſer hinzu, verkorkte meine Mir⸗ tur, band einen Zettel daran, auf welchen ich ſchrieb: haustus statim sumendus,“« und reichte ſie der al⸗ ten Frau. »Soll das arme Kind es einnehmen, oder iſt es zum Einreiben?« fragte die Alte. „» Die Anweiſung ſteht auf dem Zettel;— aber Ihr verſteht wohl kein Latein?« »Ach Herr Je, nein! Latein! und Ihr verſteht „Ich würde kein guter Doktor ſein, wenn ich kein Latein verſtaͤnde,« erwiederte ich. Bei nochmaliger Japhet. I. 2 Latein? was Ihr für ein kluger junger Menſch ſeid!« ——— 18 Ueberlegung erachtete ich es für räthlicher und ſicherer, daß die Arznei äußerlich angewendet würde, und über⸗ ſetzte ihr daher den Zettel— Haustus, reibe es ein — statim, am Halſe— sumendus, mit der flachen Hand.« 3 „»Ach Herr Je! das bedeutet es Alles? Wie viel⸗ habe ich zu bezahlen, Sir?« „ Einreibungen ſind ſehr theuer, meine gute Frau; es ſollten achtzehn Pence ſein; da Ihr jedoch eine arme Frau ſeid, ſo ſollt Ihr nur neun Pence be⸗ zahlen.« 3 »Ich danke Euch beſtens,« erwiederte die Alte, zählte das Geld auf, wünſchte mir einen guten Mor⸗ gen, und ging. »Bravo!« rief Timotheus aus, ſich die Hände rei⸗ bend;»halb Part, Japhet, nicht wahr?«⸗ » Ja,« erwiederte ich;»aber wir müſſen ehrlich ſein, und dürfen Mr. Cophagus nicht betrügen. Solch ein Fläſchchen, wie Du weißt, koſtet einen Penny, und ich denke, das Zeug, das ich darin gethan, iſt kaum ei⸗ nen Penny werth. Wenn wir alſo für Mr. Cophagus zwei Pence von den neun zurücklegen, ſo betrügen wir ihn nicht; die anderen ſieben behalten wir natürlich für uns— als gebührendes ärztliches Honorar.⸗ »Aber was ſollen wir ſagen, woher wir die zwei Pence hätten?« entgegnete Timotheus. »Daß wir zwei Fläſchchen verkauft hätten; Du weißt ja, ſie werden niemals nachgezählt.⸗ »Ja, das geht,« rief Timotheus aus;»und nun las uns theilen.“ Dieſes konnte jedoch erſt geſchehen, nachdem Timo⸗ theus in einem andern Laden den Sir⸗Pence gewechſelt hatte. Wir theilten darauf, und konnten zum erſten 19 —C— Male in unſerm Leben ſagen, daß wir Geld in der Taſche hatten. Deittes Kapitel. Ich verrichte eine wunderbare Kur nach St. John Long's Principe, indem ich ſelbſt wenige oder gar keine Princi⸗ pien habe— Ich quäle mich mit einem Problem, das ſchwerer als alle anderen zu löſen iſt. Unſer Glück bei dieſem erſten Verſuche ermuthigte uns zu weiteren; da ich jedoch Unheil anzurichten be⸗ ſorgte, ſo fragte ich Mr. Brookes nach den Eigenſchaf⸗ ten und Wirkungen der Arzneiſtoffe, wenn er Mirtu⸗ ren bereitete, damit ich keine giftige nähme. Mr. Brookes gefiel meine Wißbegierde, er ertheilte mir jede Belehrung, die ich wünſchen konnte, und ſo gewann ich nicht bloß ſehr an Kenntniſſen, ſondern eben ſo ſehr an Achtung bei Mr. Cophagus, welchen Mr. Brookes von meinem Eifer und meiner Lernbegier in Kenntniß ſetzte. „»Gut, ſehr gut—« ſagte Mr. Cophagus;»wacke⸗ rer Junge— lernt ſein Geſchäft— Doctor Medi- cinae werden— in ſeiner Kutſche herumfahren— hem, und ſo fort.« Nichts deſto weniger machte ich bei meinem zwei⸗ ken Verſuche ein fatales Verſehen, das faſt zur Ent⸗ deckung geführt hätte. Eines Abends erſchien ein iri⸗ ſcher, mehr als halb betrunkener Arbeiter, und fragte: 2 2* * 20 ob wir ſo’n Ding häͤtten, was man'nes armen Mannes Pflaſter nenne.»Beim Henker,« ſagte er,»'s wird eines armen Mannes Pflſter ſein, wenn ich's bekomme; aber ſie ſagen mir,'s wär' ganz un⸗ fehlbar gegen's Rückenſchmerz, das mich daran hindert, die Leiter n'auf zu ſteigen; und da es Sonnabend Abend iſt, und ich juſt Geld hab', ſo will ich erſt den Pflaſter kaufen, und dann zuſehen, was ein Schluck Branntwein inwendig thun wird;'s müßte der Teufel d'rin ſitzen, wenn's zwiſchen den Beiden nicht'nausge⸗ trieben würde.« Wir hatten nicht, was er forderte, dagegen aber Zugpflaſter. Timotheus reichte es mir, und ich reichte es wieder dem Irländer. „Und was mögt Ihr dafür fordern?« fragte er. Die Zugpflaſter wurden für einen Schilling ver⸗ kauft, wenn ſie auf Papier geſtrichen waren; ich for⸗ derte ihm daher achtzehn Pence ab, damit ſechs Pence für uns übrig blieben. „»Mein' Seel', Einer ſollt' denken, daß Ihr Euch vergriffen hättet, und gebt mir des reichen ſtatt des armen Mann's Pflaſter. Werd' mir Branntwein ab⸗ ziehen müſſen; doch hier iſt das Geld, und's letzte Stück vöm guten Morgen für Ench, da ich ſeh', ˙s wird juſt Nacht.“ Ich theilte mit Timotheus lachend den Sir⸗Pence. Es zeigte ſich, daß der arme Kerl, nachdem er ſeine Portion Branntwein zu ſich genommen, das Pflaſter beim zu Bett gehen ſich auf den Rücken gelegt hatte; am andern Morgen befand er ſich in einem nicht be⸗ neidenswerthen Zuſtande. Wir ſahen ihn erſt nach ei⸗ ner Woche wieder, und er trat zu unſerm höchſten Schrecken in den Laden, waͤhrend Mr. Brookes anwe⸗ 21 ſend war. Timotheus ſah ihn, ehe er uns gewahrte, zog mich hinter den großen Mörſer, und es gelang uns, in das Hinterzimmer zu entſchlüpfen, deſſen Thür wir ein wenig offen hielten, um zu horchen. »Mord und Torf!« rief der Irländer aus, vaber das war den Teufel ſein Pflaſter, das Ihr mir hier auf meinen Rücken gegeben habt, und ich bin noch ſo roh davon wie eine Rübe, und's hat mir die ganze Haut abgeriſſen, daß ich die ganze Woch' im Bett' hab' liegen müſſen, und hab' mein Taglohn verloren.⸗ „»Ich entſinne mich wirklich nicht, Euch ein Pfla⸗ ſter gegeben zu haben, mein guter Mann,“« erwiederte Mr. Brookes. 8 »Nun beim Pfeifer, der vor Moſes herſpielte, wenn Ihr's Euch nicht erinnert, ſo hab' ich den Ge⸗ danken, daß ich's niemals vergeſſen werd'. Mein Sir, es hat mich kurirt, aber hat mich's nicht vorher ganz todt gemacht, eh's mich kurirt hat.« »Es muß in einem andern Laden geweſen ſein, und Ihr müßt Euch irren,« bemerkte Mr. Brookes. »Der Teufel mag ſich irren, aber Ihr mögt Euch mit dem Pflaſter geirrt haben. Gab's mir nicht ein Junge in dieſem ſelbigen Laden.⸗ »Niemand verkauft hier etwas ohne mein Vor⸗ wiſſen.« Der Irländer ſchien verwirrt— er ſchaute im Laden umher.„Nun gut, wenn dies der Laden nicht g'weſen iſt, ſo iſt es ſein leibhaftiger Bruder geweſen⸗ » Timotheus!« rief Mr. Brookes. 5 » Und gewißlich,'s war ein Timotheus in dem an⸗ dern Laden, denn ich hörte den Jungen von dem an⸗ dern bei Namen rufen; doch's iſt einerlei, hat's die Haut weggenommen , hat's auch den Rückenſchmerz weggenommen, alſo guten Morgen, Herr Apdeker.⸗ Als der Irländer fort war, gingen wir wieder in den Laden.— „Japhet, haſt Du ein Pflaſter an einen Irländer verkauft?« 1 „»Ja— wiſſen Sie es nicht mehr— vorigen Sonnabend? Und ich habe Ihnen den Schilling ge⸗ geben.⸗ »Ganz recht; aber was forderte er?« „Ein Pflaſter, er war aber ſehr betrunken. Ich wies ihm ein Zugpflaſter, und er nahm es.« Ich ſah Timotheus an und lachte. »Ihr dürft keine ſolche Streiche verüben,« ſagte Mr. Brookes.„»Ich ſehe, wie die Sachen ſtehen— es iſt ein Scherz geweſen für Euch, aber nicht für den armen Kerl.« 3 Mr. Brookes glaubte, wir hätten dem Irländer das Pflaſter zum Poſſen verkauft, er gab uns daher einen ſehr ſtrengen Verweis, und drohete, es Mr. Co⸗ phagus zu ſagen, wenn wir jemals wieder einen ſolchen Streich verübten. So kamen wir mit einem blauen Auge davon, die Geſchichte machte mich indeſſen vorſich⸗ tig, und da ich mit jedem Tage die Arzneien beſſer kennen lernte, ſo war ich bald im Stande, ſie zuzube⸗ reiten, und die Kunden zu bedienen. Ehe achtzehn Monate verfloſſen, war mir die Bereitung aller Re⸗ cepte anvertraut. Mr. Brookes verließ uns, ich er⸗ hielt ſeine Stelle, und verſah ſie zur großen Zufrieden⸗ heit meines Herrn. 4 Nachdem ich nunmehr bis zu meiner Beförderung gelangt bin, wird es Zeit ſein, dem Leſer mein Aeuße⸗ res zu ſchildern, wovon ich bisher geſchwiegen habe. —õÿ— —— 23 Ich war ſchmächtig, zwiſchen funfzehn und ſechszehn Jahr alt, ſehr groß für mein Alter, und hatte keinen Grund, mich meiner Figur zu ſchämen. Ich hatte große glänzende Augen, eine leicht gebogene Adlernaſe, eine hohe Stirn, und weiße Hautfarbe, aber ſehr dunk⸗ les Haar. Ich fiel immer wegen meiner Haut und Hautfarbe, weil ſie ſo äußerſt rein waren, auf; meine Zähne waren klein, aber durchſichtig, und mein Kinn zeigte ein ſehr tiefes Grübchen. Gleich allen angehen⸗ den Apothekern hatte ich Ausſehen und Miene, wenn nicht der Weisheit, doch deſto gewiſſer der Selbſtge⸗ nügſamkeit, was bei der Welt eben ſo viel zu thun pflegt. Meine Stirn war glänzend und ſehr weiß; meine dunkeln Locken kämmte ich ſyſtematiſch und mit einer Regelmäßigkeit zurück, welche ſo deutlich, als Haar vermochte, verkündete:»der Eigenthümer dieſer Locken thut Alles nach gemeſſener Vorſchrift und Regel.⸗ Ich faltete mit meinen langen Fingern die kleinen Packete mit einem ſo nachdenklichen und imponirenden Weſen, wie das eines Miniſters iſt, der ſo eben ein ſo unend⸗ liches als unverſtändliches Protokoll überreicht hat; und der Blick feierlicher Würde) womit ich den Inhalt der einen Flaſche in eine andere goß, würde dem Arzte des Königs, der den Geſalbten des Herrn in articulo mortis bewacht, ſehr wohl geſtanden haben. Ich pflegte ein offenes Buch auf dem Ladentiſche neben mir liegen zu haben; nicht einen beſchmutzten, abgegriffenen Band, eben ſo wenig ein elegantes Ma⸗ roquin⸗Büchelchen, ſondern ein gutes, ehrliches, 3hen ausſehendes, Weisheit gefülltes Buch, gewaltig vollge⸗ ſtopft mit Benennungen von Apotheker⸗Waaren und lateiniſchen Wörtern, neben welchen man hier und da auch die griechiſchen Krähenfüße bemerkte. Mit Einem 3 24 Worte, ich hatte bei meinem gewichtigen Buche und wichtigen Blicke ein ſo wahrhaftes Doktor⸗Ausſehen, daß auch der Vorſichtigſte nicht angeſtanden haben würde, mir die alleinige Behandlung eines Fingerwurms von der Entzündung bis zur Eiterung, und von der Eiterung bis zur Heilung, oder die völlige Zertheilung eines Zahngeſchwürs anzuvertrauen. Das waren meine perſönlichen Eigenſchaften zu der Zeit, als ich zu dem wichtigen Amte erhoben wurde, ich kann wohl ſagen, Leben und Tod zu»dispenſiren.⸗ Es wird dem Leſer nicht Wunder nehmen, wenn ich ihm ſage, daß ich von denen, die zu Mr. Cophagus kamen, um ihn in Rath zu nehmen, oder mit ihm zu ſprechen, ſehr bemerkt wurde.„Ein ſehr hübſcher jun⸗ ger Menſch, Mr. Cophagus,“« pflegten ſie zu ſagen. »Woher haben Sie ihn— wer iſt ſein Vater?« » Vater!« pflegte dann Mr. Cophagus zu erwie⸗ dern, wenn ſie in das Hinterzimmer gegangen waren, wo ich ſie indeſſen hören konnte;»Vater, hem— kann's nicht ſagen— Liebe— Geheimniß— Kind geboren— Findelhaus— ausgeſetzt— und ſo fort.⸗ Dergleichen ereignete ſich beſtändig, und führte mich darauf, häufig über meine Lage nachzudenken, was ich ſonſt wohl bei meinem glücklichen und ruhigen Le⸗ bensgange unterlaſſen haben würde. Wenn ich zu Bett ging, ſo pflegte ich alle Dem nachzuſinnen, was ich in Betreff meiner ſelbſt von den Vorſtänden des Findel⸗ hauſes gehört hatte. Das in dem Korbe gefundene Papter war mir übergeben. Ich war ehelich geboren — zum wenigſten beſagte dieſes das Papier. Die mir mitgegebene Summe bewies, daß meine Aeltern zur Zeit meiner Geburt nicht arm geweſen ſein konnten. Dieſe beſonderen Umſtände machten mich nur um ſo 9 25 begieriger, meine Herkunft zu erfahren. Ich war jetzt alt genug, um den Werth der Geburt zu kennen, und da ich auch gerade in das romantiſche Alter eintrat, ſo überließ ich mich vielen wunderlichen und abge⸗ ſchmackten Träumereien. Bald gab ich mich dem Ge⸗ danken hin, daß ich adeliger, wenn nicht fürſtlicher Ge⸗ burt ſei, und dachte mir Gründe des Geheimniſſes aus. Bald— doch es iſt nutzlos, die Abgeſchmacktheiten und Luftſchlöſſer⸗Bauten zu wiederholen, die das meine Herkuuft umhüllende Geheimniß in meinem Gehirn er⸗ zeugte. Meine luftigen Gebäude verſchwanden zuletzt, worauf ich mich denn allem Elende der Ungewißheit und vereitelter Hoffnung überlaſſen ſah. Mr. Copha⸗ gus, wenn, wie bisweilen geſchah, die Frage ihm vor⸗ gelegt wurde, pflegte zu ſagen:»Guter Junge— ſehr guter Junge— braucht keinen Vater.« Allein er hatte Unrecht, ich bedurfte eines Vaters; der Mangel deſſelben wurde mit jedem Tage drückender für mich, und ich wiederholte mir fortwährend die Frage:»Wer iſt mein Vater?« 4 Viertes Kapitel. nehme aber nichtsdeſtoweniger in meinem funfzehiten Jahre die mediziniſche Doktorwürde an;— und, was noch annehmlicher iſt, ſtecke die Honorare in die Taſche. Ich gerathe in große Verlegenheit bei einem neuen raifghen. Mr. Brookes Abgang ſetzte mich natürlich noch beſſer in Stand, mit Timotheus meine kleinen aͤrztli⸗ „ chen Verſuche fortzuſetzen, um uns Taſchengeld zu ver⸗ ſchaffen; allein abgeſehen von dieſen Einnahmen durch die Hülfe von Ausgaben, und abgeſehen davon, daß ein Theil von unſers Herrn rechtmäßigem Gewinn uns zufloß, dadurch, daß ich aus ſeinen Flaſchen ausgoß, befähigte mich bald darauf der Zufall, unſere Induſtrie noch weit höher zu ſteigern. Doch hiervon gleich nachher. Ich nahm während dieſer Zeit ſehr raſch an Kennt⸗ niſſen zu; Abends las ich mediziniſche und wundärzt⸗ liche Schriften, die mir Mr. Cophagus in die Hände gab, der mir auch ſtets meine Fragen beantwortete; und bald hatte ich ziemliche Fortſchritte in meiner Be⸗ rufs⸗Wiſſenſchaft gemacht. Mr. Cophagus unterwies mich auch im Aderlaſſen, indem er mich anfangs ganz nach der Wiſſenſchaft die größeren Adern eines Kohl⸗ blattes abſtechen ließ, bis er, von der Genauigkeit mei⸗ ues Blickes und der Feſtigkeit meiner Hand überzeugt, ſeine Unterweiſungen mit der Erlaubniß beendete, ihm . ſelbſt eine Ader zu öffnen. »Ich habe oft ſagen hören,« bemerkte Timotheus, zuſchauend,»daß kein Blut aus einer Rübe herauszu⸗ bekommen iſt; aber es ſcheint, daß man mehr Hoffnung bei einem Kohlkopfe hat. Ich will Dir was ſagen, Japhet, Du kannſt Deine Hand an mir für zwei Pence üben, ſo oft es Dir beliebt.«. Ich nahm den Vorſchlag an, und wurde in Folge meines Uebens an Timotheus ganz vollkommen. Ich muß hier bemerken, daß mein Verlangen, Gewißheit über meine Herkunft zu erhalten, mit jedem Tage zu⸗ nahm, und daß ich in einem der von Mr. Cophagus mir geliehenen Bücher eine Abhandlung über den menſch⸗ lichen Körper, Sympathien und Antipathien, und auch ———— die Züge und Eigenthümlichkeiten fand, die ſich am 2 leichteſten von einem Geſchlechte auf das andere verer⸗ ben. Dahin gehörte, wie ich las, namentlich die Nnfe. Die meinige war ein wenig eine Adlernaſe, wie ich im vorigen Kapitel geſagt, und nachdem ich das er⸗ wähnte Buch geleſen hatte, prüfte ich mit erſtaunlicher Forſchbegier jedes Geſicht, das mir vorkam; und ent⸗ deckte ich eine der meinigen ähnliche Naſe, ſo ſann ich augenblicklich über die Möglichkeit und Wahrſcheinlich⸗ keit nach, ob der Beſitzer jener Naſe nicht mein Vater ſein könnte. Meine fortwährende Beſchäftigung mit dieſem Gegenſtande erzeugte endlich eine Art von Mo⸗ nomanie, und ich murmelte hundert Mal während eines Tages vor mich hin:»Wer iſt mein Vater?« Ja ſelbſt die Glocken beim Geläute ſchienen mir, wie es bei Whittington der Fall war, meine Frage zu wieder⸗ holen, und ich ſprach endlich über die Sache ſo viel mit Timotheus, der mein Fidus Achates und Buſenfreund war, daß ich wirklich glaube, er wünſchte, ſo viel er auch von mir hielt, meinen Vater zum Teufel. Unſer Laden war wohl verſehen mit alle dem Glanz und Blendwerk, womit die Orte verziert zu werden pfle⸗ gen, zu welchen man, wenn Krankheit und Tod ängſti⸗ gen, Zuflucht nimmt. Da er in einer ſo belebten Ge⸗ gend gelegen war, ſtanden die Vorübergehenden häufig ſtill, um hineinzuſchauen, und oft genug wurde er von zerlumpten Kindern belagert, die die farbigen Gläſer und den»Herrn der Apotheke« begafften, der über ſo ſtattliche und zahlreiche Reihen von Flaſchen mit ver⸗ goldeten Aufſchriften gebot. Unter denen, die im Vorübergeßen immer ſtillſtan⸗ den und hereinblitkten, war auch ein gutgekleidetes Frauenzimmer. Wir ſahen ſie täglich drei bis vier Mal. 8 8* Sie ſchien etwa vierzig Jahr alt zu ſein, war ſchlank wie ein Pfeil, ihr Gang kräftig und beſtimmt, faſt männlich, obgleich in ihrer Geſtalt, trotz ihrer Größe, ſehr viel Weibliches, die größeſte Anmuth lag. Sie heftete bisweilen die Augen auf mich. Es lag etwas Unſtätes, einen peinlichen Eindruck Machendes darin; ich wurde jedoch dermaßen dadurch bezaubert, daß das Pa⸗ pier mit dem Pulver, wenn meine Blicke den ihrigen begegneten, ungeſtaltet blieb, oder daß ich regungslos innehielt, wenn ich etwa eben eine Flüſſigkeit aus ei⸗ ner Flaſche in eine andere goß. Timotheus gewahrte ſie eben ſo oft als ich ſelbſt; auch bemerkten wir, daß ihr Gang ſich nicht zu jeder Tageszeit gleich war. Gegen Abend pflegte er lebhaf⸗ ter, aber ein wenig wankend, und ihr Blick zugleich ſtierer zu ſein. Nachmittags um fünf Uhr ging ſie ge⸗ wöhnlich zum letzten Male vorüber. Eines Abends, als wir ſie, wie wir glaubten, zum letzten Male an dieſem Tage geſehen, um ſie erſt am andern Morgen wieder zu erblicken,— denn ihr Her⸗ einſchauen gehörte jetzt zu den regelmäͤßigen Tagesereig⸗ niſſen, und diente Timotheus, der ſie nur»das ver⸗ rückte Frauenzimmer« nannte, nicht wenig zur Beluſti⸗ gung,— trat ſie zu unſerer großen Ueberraſchung in den Laden. Timotheus ſprang erſchreckt über den Laden⸗ tiſch und ſtellte ſich hinter mich. Ihre Blicke waren unſtät, wie gewöhnlich, doch konnte ich darin keinen Wahnſinn entdecken. Ich faßte mich bald wieder, hieß Timotheus der Dame einen Stuhl zu reichen, und fragte nach ihren Befehlen. Timotheus ging um den Laden⸗ tiſch herum, ſchob einen Stuhl in ihre Nähe, und zog ſich ſodann eiligſt wieder hinter mich zurück. Sie lehnte den Stuhl mit einer Handbewegung ab, in welcher eben uns beiden aus, wenn Du ſie nicht abkaufen kannſt.⸗ 29 ſo viel Würde als Anmuth lag, legte ihre kleinen wei⸗ ßen Hände auf den Ladentiſch, beugte ſich nach mir vor, und ſagte mit einer lieblichen, leiſen Stimme, die durch ihren Wohlklang die Tiefen meines Herzens be⸗ wegte:—„»Ich befinde mich ſehr unwohl.⸗ Ich ſtaunte. Ich weiß nicht, warum es geſchieht, da der Ausnahmen ſo unendlich viele ſind, aber wir pflegen uns eine Vorſtellung von der Stimme eines Je⸗ den nach ſeinem Aeußeren zu bilden; und als ich ihr in das von der argandſchen Lampe beleuchtete Geſicht ſah, und den blaſſen, kreidigen Leichenausdruck deſſel⸗ ben, die Ringe unter den Augen, die Runzeln auf ih⸗ rer Stirn gewahrte, hätte ich eher erwartet, die Sym⸗ phonie einer Gewitterwolke, als ſolche Aeolslaute von. ihren Lippen zu vernehmen. »Gütiger Himmel, Madame!« ſagte ich beſtürzt und ehrerbietig,»erlauben Sie mir, daß ich Mr. Cophagus rufen laſſe.« 4 »Auf keine Weiſe,« erwiederte ſte.„ Ich komme zu Ihnen.— Ich weiß,« fuhr ſie mit leiſer Stimme fort, „daß Sie ſelbſt Arznei geben, Rath ertheilen und das Geld annehmen.« 33. Ich wurde ſehr beſtürzt, und erröthete, meine Ver⸗ gehungen entdeckt ſehend. Timotheus, der gehört hatte, was ſie geſagt, legte ſeine Unruhe auf vielfach wunder⸗ liche Weiſe an den Tag. Er zog abwechſelnd ein Bein nach dem andern in die Höhe, als wenn er auf einer glühenden Eiſenplatte tanzte, ſchlug an ſeine Taſchen, grinſete, ballte die Fäuſte, knirſchte mit den Zähnen, und biß ſich die Lippen blutig. Endlich drängte er ſich dicht an mich heran, und flüſterte mir zu:»Sie hat nicht umſonſt die Augen hier immer im Laden gehabt;'s iſt mit 30 „Madame,« ſagte ich endlich;»ich habe mich er⸗ kühnt, in einigen unbedeutenden Fällen Arznei zu ge⸗ ben, und nehme, wie Sie ſagen, das Geld ein, wenn mein Herr nicht zu Hauſe iſt; allein die Kaſſe iſt mir anvertraut.« »Ich weiß,— ich weiß— Sie brauchen ſich vor mir nicht zu fürchten. Sie ſind zu beſcheiden. Ich bitte nur, daß Sie mir etwas verordnen wollen, da ich von den Kenntniſſen Ihres Herrn keine große Meinung hege.« »Wenn Sie es wünſchen, Madame,“ ſagte ich, und verbeugte mich ehrerbietig. „»Haben Sie zubereiteten Kampher⸗Julep?« »O ja, Madame,“ erwiederte ich. »Dann haben Sie die Güte, mir eine Flaſche da⸗ von ſogleich nach meiner Wohnung zu ſchicken.« Ich reichte ihr die Flaſche, ſie bezahlte, übergab ſie Timotheus, und beſchrieb ihm, wo ſie wohnte. Timo⸗ theus ſetzte ſeinen Hut auf, blinzelte mir zu, und ließ uns allein. „»Wie iſt denn Ihr Name?« fragte ſie mit derſel⸗ ben wohltönenden Stimme. „»Japhet Newland, Madame,“ erwiederte ich. „»Japhet— ein guter, ein Schriftname,“« ſprach die Dame nachdenklich halb zu ſich ſelbſt.»Newland— erinnert an den Mammon.⸗ „»Das Geheimniß wäre alſo gelöſ't,« dachte ich, und meine Vermuthung war richtig.»Sie iſt eine zu ir⸗ gend einer Sekte gehörende Schwärmerin,“« ſprach ich weiter bei mir ſelbſt. Als ich ſie jedoch wieder anblickte, ſchien ihre Kleidung damit im Widerſpruch zu ſtehen, da dieſelbe modiſch und geſchmackvoll war. »Wer gab Ihnen jenen Namen?« ſagte ſie nach einer Pauſe. Die Frage war einfach genug, erregte jedoch eine Menge unangenehmer Erinnerungen; allein da, ich ſie zu meiner Vertrauten nicht zu machen wünſchte, ſo er⸗ wiederte ich beſcheiden, wie ich es Sonntags Morgens im Findelhauſe zu thun pflegte:—»Meine Taufpathen und Taufpathinnen, Madame?« „Mein beſter Herr, ich fühle mich ſehr unwohl,« be⸗ gann ſie nach einem Stillſchweigen wieder;»wollen Sie nicht meinen Puls fühlen?« Ich berührte ein Handgelenk, und erblickte eine Hand, die in der That Bewunderung werth war. Wie Schade iſt es,« dachte ich,»daß ſie alt, häßlich und halb ver⸗ rückt iſt!« „»Glauben Sie nicht, daß mein Puls eine beträcht⸗ liche Nervenerregung verkündet? Ich zählte heute Mor⸗ gen hundertundzwanzig in der Minute.« »Er geht allerdings raſch,« erwiederte ich,»doch vielleicht wird der Kampher⸗Julep wohlthätig wirken.⸗ „Ich danke Ihnen für Ihren Rath, Mr. Newland, ſagte ſie, und legte eine Guinee auf den Tiſch,» und wenn es ſich mit mir nicht beſſert, ſo werde ich wieder⸗ kommen oder zu Ihnen ſchicken. Gute Nacht.« Sie ging, und ich ſtand nicht wenig verwundert da. Was konnte ſie im Sinne hahen? Ich war in Träu⸗ mereien verloren, als Timotheus zurückkehrte. Die Guinee lag noch unangerührt da. »Ich bin ihr begegnet,« ſagte Timotheus,—„daß Dich— daß Dich— eine Guinee— was iſt das, Japhet?« Ich erzählte ihm, was ſich zugetragen hatte. — —— 32* „»Nun,“« ſagte er,»ſo iſt es fuͤr uns gut abgelau⸗ fen, ſtatt ſchlecht, wie ich erwartete.⸗ Das uns erinnerte mich, daß wir bei Vorfällen dieſer Art den Gewinn theilten, und ich bot Timo⸗ theus ſeine Hälfte. Allein Tim war trotz aller ſeiner Eulenſpiegelei nicht eigennützig, und wies ſtandhaft ſei⸗ nen Autheil zurück. Er kreirte mich zum doctor me- dicinae, und ſagte, ich hätte Mr. Cophagus, der noch nie das Honorar eines Arztes bekommen habe, bereits ausgeſtochen.« »Ich kann nicht klug daraus werden, Tim,« ſagte ich, nachdem ich einige Minuten nachgeſonnen. „»Ich aber kann es,« erwiederte Tim.»Sie hat ſo lauge durch das Fenſter geſehen, bis ſie ſich in Dein hübſches Geſicht verliebt hat; ſo iſt es, verlaß Dich darauf.« Da ich keinen andern Grund zu entdecken vermochte, und Tim's Meinung meiner Eitelkeit ſchmeichelte, ſo glaubte ich, daß er Recht haben müſſe. » Ja, es iſt ſo,« fuhr Timotheus fort:»Glück auf! wie der Bergmann ſagt; es wird Dir ſicher noch gut ergehen.« »Ich wollte jedenfalls nur, daß ſie keine ſo garſtige Perſon wäre, Tim,“« erwiederte ich;»ich kann ihre Neigung nicht erwiedern.«⸗ „Darum kümmere Dich nicht, wenn Du nur das Geld nicht zurückzugeben brauchſt.« Am folgenden Abende kam ſie wieder, kaufte aber⸗ mals eine Flaſche Kampher⸗Julep, ſchickte Timotheus damit fort, nahm mich in Rath, und zahlte abermals eine Guinee. „Wirklich, Madame,“ſagte ich, und wollte ihr die Guinee zurückgeben,»ich kann keinen Anſpruch darauf machen.« »Das können Sie allerdings,« erwiederte ſie.»Ich weiß, Sie haben keine Freunde, und weiß auch, daß Sie ſie zu haben verdienten. Sie müſſen ſludiren und Bücher kaufen, denn ſonſt können Sie nie ein bedeu⸗ tender Mann werden.« 2 Sie ſetzte ſich hierauf, begann ein Geſpräch, und ich war erſtaunt und entzückt über die gehaltvollen und tref⸗ fenden Bemerkungen, welche ſie mit ſo melodiſcher Stimme äußerte. Sie erſchien während eines Monats häufig, und drang mir jedes Mal eine Guinee auf. Obgleich ich mich nicht in ſie verliebte, ſo empfand ich doch nicht wenig Dankbarkeit gegen ſie, und außerdem ſetzte mich die Ueberlegenheit ihres Geiſtes in Entzücken. Wir ka⸗ men allmälig auf den freundſchaftlichſten und vertrau⸗ lichſten Fuß. Eines Abends ſagte ſie zu mir:»Japhet, wir ſind ſeit einiger Zeit Freunde geworden. Kann ich Ihnen vertrauen?« »Selbſt Ihr Leben, wenn es nöthig wäre, erwie⸗ derte ich. »Ich glaube Ihnen,« fuhr ſie fort.»Kommen Sie alſo Morgen Abend zu mir— wollen Sie?« 2 »Ja, wenn Sie Ihr Mädchen ſchicken, und ſagen laſſen, daß Sie ſich unwohl befanden.“. »Das werde ich thun, um acht Uhr. Leben Sie alſo wohl bis Morgen.« Japhet. I. 8 Fuͤnftes Kapttel. Meine Eitelkeit wird ſchwer verwundet, aber mein Herz bleibt unverletzt— Eine Anomalie beim weiblichen Geſchlechte, ein Franenzimmer, das Schönheit verachtet. Am folgenden Abend ließ ich Timotheus zur Obhut des Ladens zurück, und begab mich nach ihrem Hauſe. Das Haus ſowohl, als die innere Einrichtung waren von der beſſeren Art. Ich wurde jedoch nicht in das erſte Stockwerk, ſondern in ein Zimmer im Erdgeſchoß geführt. „»Miß Judd wird ſogleich hier ſein, Sir,« ſagte ein großes, hageres, puritaniſch ausſehendes Mädchen, die Thür hinter mir wieder ſchließend. Nach wenigen Mi⸗ nuten, während welcher mein Puls auf das lebhafteſte ſchlug, erſchien Miß Aramathea Judd, denn dieſes war ihr Name, ſetzte ſich auf das Sopha, und bat mich, ne⸗ ben ihr Platz zu nehmen. „»Mr. Newland,“ begann ſie,»ich denke Ihnen ein für mich höchſt wichtiges Geheimniß anvertrauen zu können. Was mich dazu nöthigt, wird Ihnen vollkom⸗ men klar ſein, wenn Sie meine Geſchichte angehört ha⸗ ben. Sagen Sie, ſind Sie mir zugethan?« Dies war eine Frage, die bei einem jungen Men⸗ ſchen von ſechszehn Jahren ihren Zweck nicht verfehlen konnte. Ich ergriff ihre Hand, und als ich auf die⸗ ſelbe niederſah, war es mir, als wenn ich ihr wirklich zugethan wäre. Ich blickte empor in ihr Geſicht, und 32 35 fühlte, daß ich es nicht ſei. Da ich ihr jetzt ſo nahe war, ſo bemerkte ich auch, daß ſie etwas aromatiſch Starkriechendes im Munde haben müſſe— was mich auf die Folgerung führte, daß der Ahem des Mundes, aus welchem ich ſo melodiſche Töne vernahm, minder ſüß wäre, und ich empfand einen beträchtlichen Grad von Widerwillen. »Ich bin Ihnen ſehr dankbar, Miß Judd,« er⸗ wiederte ich;»ich hoffe, Ihnen zu beweiſen, daß ich Ih⸗ nen zugethan bin, wenn Sie mir vertrauen.⸗ »So ſchwören Sie bei Allem, was Ihnen heilig iſt, was ich Ihnen anvertraue, nicht zu verrathen.« »Ich ſchwöre es, bei Allem, was mir heilig iſt,« erwiederte ich, ihre Hand mit mehr Gluth küſſend, als ich ſelbſt erwartet hatte. »So erlauben Sie mir, daß ich mich auf eine Mi⸗ nute entferne.« Sie ging hinaus und kehrte nach ſehr kurzer Zeit zurück, in demſelben Anzuge, und als dieſelbe Perſon, in jeder andern Beziehung, aber mit einem jungen und lebhaften Geſichte, das nicht älter, als zwei oder drei⸗ undzwanzig Jahr alt ſein konnte. Ich war beſtürzt, als wenn ich eine Erſcheinung ſähe. »Ja,“« ſagte ſte lächelnd,»Sie ſehen jetzt Aramathea Judd ohne Maske, und find der Erſte, der ſeit länger als zwei Jahren mein Geſicht geſehen hat. Doch Sie müſſen, ehe ich meine Geſchichte beginne, noch einmal ſchwören, daß ich Ihnen vertrauen kann.« »Ich ſchwöre,« erwiederte ich, und legte meine Hand auf die ihrige ſtatt auf das Buch, küßte ſie wiederholt, und dieſes Mal mit dem ungemiſchteſten Vergnügen. Wie ein junger Eſel, der ich war, ließ ich ihre Hand auch nicht wieder los, und legte ſo viel Gewinnendes 3* 36 in meine Blicke, als ich irgend vermochte. Ich that wirklich genug, um die Herzen dreier Putzmacherin⸗ nen zu rühren. Ich begann mich ſterblich in ſie ver⸗ liebt zu fühlen, und dachte daran, ſie zu heirathen und mein Glück zu machen, und ich weiß nicht an was Alles, allein dem Allen wurde durch ein paar Worte ein Ende gemacht, die ſie mit ihrer ſanften Stimme, aber in ſehr entſchiedenem Tone ſprach:»Japhet, ſein Sie nicht albern.“ Ich war ſammt allen meinen Hoffnungen vernichtet, ließ ihre Hand fahren und ſaß da wie ein Pinſel. „»Hören Sie mich jetzt an,« ſagte ſie:»Ich bin, wie Ihnen bereits klar geworden ſein muß, eine Be⸗ trügerin; das will ſagen, eine der Perſonen, die man religiöſe Glücksritter nennt,— ich geſtehe es, eine neue Benennung, die nur auf ſehr Wenige anwendbar ſein mag. Meine Tante ſtand bei einer gewiſſen Secte im Anſehen einer großen Prophetin, was lauter Unſinn war, wie ich Ihnen nicht zu ſagen brauche; nichtsdeſto⸗ weniger glaubten und glauben ietzt noch Hunderte an ſie. Da ich von ihr erzogen wurde, entdeckte ich bald, wie ſehr man die Menſchen zu Narren haben kann, wenn man ſich ihre Leichtgläubigkeit zu Nutz macht. Meine Tante hatte ihre übernatürlichen Eingebungen, Verzückungen und Krämpfe, und ich war ſtets hinter den Kuliſſen; ſie ſetzte Vertrauen in mich, ja ich kann ſagen, daß ich ihre einzige Vertraute war. Es kann „Sie daher nicht Wunder nehmen, daß ich einen Betrug fortſetzte, zu welchem ich faſt von Kindheit an erzogen war, dem Aeußern nach bin ich das vollkommne Eben⸗ bild meiner Tante, als ſie in meinem Alter war. Meine .Verkleidung macht mich ihr, wie ſie in ihren höheren Jahren ausſah, ähnlich. Ich hatte oft ihre Kleider an⸗ h 4 * 2 37 1 gelegt und ihre Haube aufgeſetzt, und dann Aehnlichkeit wirklich täuſchend. Sie wurde krank und ſtarb, verſprach aber ihren Anhängern, wieder zu ih⸗ nen zurückzukehren, und ſie ſchenkten ihr Glauben. Ich freilich nicht. Sie wurde begraben, und ihre Wieder⸗ erſcheinung ſehnlichſt erwartet. Etwa eine Woche nach ihrem Tode kam mir der Gedanke in den Sinn, daß ich ihre Anhänger vielleicht betrügen könnte. Ich legte die Kleider meiner Tante an, bemalte und entſtellte mein Geſicht, wie Sie es geſehen haben, und die Aehn⸗ lichkeit täuſchte ſogar mich ſelbſt, als ich mich im Spie⸗ gel beſchaute. Am Abend begab ich mich dreiſt in die Verſammlung— und getäuſcht durch meine plötzliche Er⸗ ſcheinung, noch mehr aber durch ihre eigene Leichtgläu⸗ bigkeit betrogen, fielen Alle vor mir nieder und erwie⸗ ſen mir die einer Prophetin gebührende Ehrfurcht. Seit zwei Jahren bin ich allmächtig unter ihnen geweſen; allein es iſt eine Schwierigkeit vorhanden, durch welche der Glaube der Neubekehrten erſchüttert wird, und Neu⸗ bekehrte muß ich haben, Japhet, da die alten ſterben, ich würde ſouſt außer Skande ſein, meinen Arzt zu honoriren. Sie beſteht in Folgendem: ich bin durch Uebung und Gewohnheit im Stande, mich ſelbſt in Be⸗ täubung oder in Zuckungen zu verſetzen; allein um dies wirkſam zu thun, um die Täuſchung immer fortzuſetzen, und die große, dazu erforderliche Anſtrengung und die darauf folgende Abſpannung zu ertragen, muß ich zu Reizmitteln meine Zuflucht nehmen— verſtehen Sie mich?«. „»Ich verſtehe,« erwiederte ich;»es iſt mir mehr als einmal ſo vorgekommen, als wäre gegen Abend die Wirkung ſtarker Getränke bei Ihnen ſichtbar. Ich war die fürchte, daß Sie mehr davon zu ſich nehmen, als für Ihre Geſundheit gut iſt.« 8 »Nicht mehr, als ich bedarf; um mich in den Zu⸗ ſtand zu verſetzen, in welchem meine Anhänger mich ſe⸗ hen müſſen, wenn ihr Glaube nicht wankend werden ſoll. Viele von ihnen beginnen Zweifel zu hegen, und ich bemerke, daß ich beobachtet werde. Ich kann hier im Hauſe Niemand vertrauen, und muß glauben, daß meine Aufwärterin eine abſichtlich in meine Nähe ge⸗ brachte Späherin iſt; ich kann ſie aber nicht entfernen, da dieſes Haus und Alles, was darin iſt, nicht mir, ſondern den Gläubigen gemeinſchaftlich angehört. Nicht weit von hier wohnt ein Frauenzimmer, das als meine Nebenbuhlerin aufgetreten iſt. Sie nennt mich eine Be⸗ trügerin, und behauptet, ihrerſeits die echte Prophetin zu ſein,— was ihr zu beweiſen ein wenig ſchwer wer⸗ den wird,« ſetzte Miß Judd mit ſpöttiſchem Lächeln hinzu. Gleich darauf fuhr ſie wieder fort:— »Sie kennen jetzt meine Verlegenheit, und ich bitte um Ihren Beiſtand; denn Sie müſſen einſehen, daß es dem Glauben an eine von den Todten auferſtandene Prophetin wenig förderlich ſein kann, wenn ſie tagtäg⸗ lich im Branntweinladen geſehen wird;— und doch kann ich ohne ſtarke Getränke nicht mehr leben.« *» Und welchen Beiſtand kann ich Ihnen leiſten?« »Den, daß Sie mir als Arznei ſchicken, was ich mir auf eine andere Weiſe zu verſchaffen nicht mehr wa⸗ gen darf, und geheim halten, was ich Ihnen anver⸗ traut habe.« „Ich werde Beides mit Vergnügen thun; aber iſt es nicht ein Jammer, daß eine ſo junge— und erlau⸗ ben Sie mir hinzuzufügen, ſo liebenswürdige Dame ſich dem Genuße berauſchender Getränke hingiebt? Warum,« „fuhr ich Wihre kleine, weiße Hand ergreifend, fork,— »warummwollen Sie die Täuſchung fortſetzen, warum Ihre Geſundheit, ihr Lebensglück aufopfern.«— Ich weiß nicht, was ich vielleicht noch geſagt, ob ich nicht mit einem Hetrathsantrage, was ſehr wahr⸗ ſcheinlich iſt, geſchloſſen, wenn ſie mich nicht mitten in meiner Anrede unterbrochen hätte. »Opfern nicht Alle ihre Geſundheit, ihr Lebensglück, ihr Alles dem Ehrgeiz und der Liebe zu Einfluß und Macht? Es iſt wahr, man würde mir vielleicht, ſo lange dies Bischen Schönheit dauert, als artigem Frauenzimmer ſchmeicheln, mich aber nimmermehr als — ich kann es ſagen— als Gottheit verehren. Nein, nein! es liegt etwas gar zu Entzückendes in dieſer Anbe, kung, es iſt gar zu ſüß, einen Haufen von Narren— und darunter Männer, drei Mal ſo alt als ich— vor mir niederfallen und den Saum meines Kleides kuſſen zu ſehen. Ja, es iſt Anbetung! und die Luſt, die ich daran empfinde, iſt ſo unbeſchreiblich groß, daß ſie jede andere Leidenſchaft überwältigt, alle anderen Gefühle zurückdrängt— und mein Herz ſelbſt gegen die Liebe verſchloſſen hat, Japhet. Ich kann und will mich nicht erniedrigen, ſo tief in meiner Eigenen Achtung ſinken, daß ich von einer ſo kleinlichen Leidenſchaft mich be⸗ herrſchen ließe, und obenein bin ich jetzt in dem Maaße an ſtarke Getränke gewöhnt, daß ich ihrer nicht würde entrathen können, und wenn ich auch aufhörte Prophe⸗ tin zu ſein.« »Aber iſt nicht Trunkenheit eine der erniedrigend⸗ ſten aller Gewohnheiten?« »An ſich ſelbſt allerdings, das will ich zugeſtehen; allein mit mir und meinem Falle iſt es ein Anderes. Ich ſinke nur, um mich wieder zu erheben und deſto höher zu ſteigen. Ich kann ohne ſtarke Getränke nicht ſein, was ich bin— nicht aufreizen ohne Reizmittel, die daher für mich nur die Mittel zur Befriedigung ei⸗ nes großartigen, mich mit Glanz umgebenden Ehrgei⸗ zes ſind.« 4 Ich ſprach noch lange mit ihr über den Gegenſtand ehe ich mich entfernte, allein ſie war unerſchütterlich, und ich verließ ſie, zweierlei ſchmerzlich beklagend; zum Erſten, daß ſie die Liebe abgeſchworen hatte; denn trotz dem Stück Veilchenwurz in ihrem Munde, das den Brannteweingeruch dämpfen ſollte, war ich doch von ihrer, mit ſo viel Seelenſtärke verbundenen Schönheit nicht wenig bezaubert;— und ſodann zum Andern, daß ein ſo junges Mädchen die Rolle einer Betrü⸗ gerin ſpielte, wobei ſie nothwendig zu Grunde gehen mußte. Als ich aufſtand, um Abſchied von ihr zu neh⸗ men, legte ſie mir fünf Guineen, zum Einkauf deſſen, was ſie begehrte, in die Hand.»Fügen Sie noch eine kleine Gunſt hinzu, Aramathea,« ſagte ich,—„gönnen Sie mir einen Kuß.« „»Einen Kuß!« erwiederte ſie verächtlich;»nein, Japhet, ſehen Sie mich an, denn Sie ſehen mich jetzt zum letzten Male jung; betrachten Sie mich als ein übertünchtes Grab, innerlich voll Fäulniß. Laſſen Sie mich etwas Beſſeres für Sie thun, Ihre ſchlummernde Kraft aufwecken, den Ehrgeiz in ihr Gemüth einpflan⸗ zen, der zu Allem führt, was gut und groß iſt— einen beſſeren Pfad, und der eines Mannes würdiger iſt, als der, den ich mir theils erkohren, und den mir andern⸗ theils das Schickſal beſtimmt hat. Betrachten Sie mich als Ihre Freundin, obgleich ich, wie Sie vielleicht mit Wahrheit ſagen, meine eigene Feindin bin. Leben Sie wohl, und vergeſſen Sie nicht, mir morgen die Arznei, deren ich bedarf, zu ſchicken.« Ich kehrte nach⸗Hauſe zurück. Es war ſpät gewor⸗ den. Ich begab mich zu Bette, und ſank, nachdem ich Timotheus ſo viel geſagt, als ich mit Sicherheit wa⸗ gen durfte, in einen feſten Schlaf; allein Aramatheg's Geſtalt und Stünme ſchwebte mir fortwährend in ein⸗ ander ſich folgenden Träumen vor. In dem einen er⸗ ſchien ſie mir mit ihrem bemalten Geſicht, ließ darauf die Maske fallen, und ich ſank in Bewunderung ihrer hohen Schönheit zu ihren Füßen; in einem andern ver⸗ 2 ſchwand ihre Schönheit, ſie ſtand in häßlich⸗ekelhafter Geſtalt vor mir da, und es war mir, als wenn der ih⸗ rem Munde entſtrömende Branntweingeruch mich er⸗ ſticken wollte. Ich erwachte, und war froh, von dem ſcheußlichen Traume befreit zu ſein; aber bald darauf erſchien ſie mir mit einem Schlangenleibe und Schweife wieder, wie die Sünde in Milton's verlorenem Para⸗ dieſe, umſchlang mich, und ihr ſchönes Geſicht verwan⸗ delte ſich allmälig in einen Todtenkopf. Ich ſchrie laut auf, und erwachte, um nicht wieder einzuſchlafen, und wirkſam trieb mir der Traum die Neigung aus, die ich gegen Miß Aramathea Judd empfand. Sechstes Kapitel. Die von mir verordneten Arzneien ſind eben ſo wohlſchmeckend als wirkſam, ich verliere aber meine Patientin— Die Fehde, welche der der Montegua's und Capulet's gleich⸗ kommt.— Ganz andere Erfolge.— Mercutio kommt mit heiler Haut davon. Am andern Tage ließ ich von Timotheus eine Quan⸗ tität weißen Doppel⸗Branntwein einkaufen, färbte den⸗ ſelben mit einer blauen Tinktur, und verſetzte ihn mit einigen Tropfen Zimmet⸗Eſſenz, um den Geruch zu verändern, verſah ein Dutzend große Flaſchen mit Zet⸗ teln, verſiegelte ſie, und ſchickte ſie Miß Judd. Sie er⸗ ſchien jetzt ſelten in unſerm Laden, und nur früh am Morgen; ich ging mehrere Male zu ihr, um Geld in Empfang zu nehmen, aber nicht mehr als Verliebter. Einſt bat ich um die Erlaubniß, einer Verſammlung ihrer Gläubigen beiwohnen zu dürfen, und ſie willigte ohne Umſtände ein. Wir ſtanden auf dem vertraute⸗ ſten Fuße, und als ſie ſich überzeugt hatte, daß ich der Gecken⸗Rolle entſagt habe, geſtattete ſie mir, mich Stundenlang mit ihr zu unterhalten. Sie hatte, wie ſie es mir vorausgeſagt, ihr Geſicht wieder entſtellt, hich empfand jedoch keinen Widerwillen mehr, da ich wußte, daß unter der Farbe Schönheit verborgen war. Timotheus war mit der Rolle, die ihm bei unſrer Anordnung zu Theil wurde, ſehr zufrieden, da er ihr —————— 43 4 43 ſelten die Flaſchen brachte, ohne eine halbe Krone zu erhalten.. Faſt drei Monate lang ging Alles vortrefflich; aber eines Abends kam Timotheus, den ich mit dem Korbe zu Miß Judd geſchickt hatte, in großer Beſtürzung zu⸗ 2 rück, und ſagte mir, daß das Haus leer ſtehe. Aus den widerſprechenden Berichten, die er von den Nachbarn 4 vernommen, ging hervor, daß Aramathea's Nebenbuh⸗ lerin am vorigen Abend ſich an die Spitze ihrer An⸗ hänger geſtellt hatte, daß ſie eingedrungen und ein ver⸗ zweifelter Kampf erfolgt war. Die Polizei war dazu gerufen worden, und ſämmtliche Streitende waren in das Wachthaus gebracht; die Behörden forſchten der Sache nach, und man ſagte, daß Miß Judd und alle ihre Helfers⸗Helfer in das Beſſerungshaus geſchickt wer⸗ den würden. Dieſes war genug, um zwei junge Bur⸗ ſchen, wie wir waren, in Schrecken zu ſetzen; wir zit⸗ terten noch mehrere Tage darauf, ſo oft Jemand in den Laden trat, indem wir vor Gericht gefordert oder beigeſteckt zu werden erwarteten. Unſere Furcht verlor ſich jedoch allmälig; ich habe aber nie wieder etwas von Miß Aramathea Judd gehört. Ich lag nach dieſem Abenteuer mit Eifer meinen Geſchäften ob, befolgte den Rath der jungen Dame, und machte raſche Fortſchritte in meiner Berufs⸗Wiſ⸗ ſenſchaft, ſo wie in Kenntniſſen überhaupt; allein meine Gedanken waren fortwährend hauptſächlich auf einen Gegenſtand gerichtet— meine Herkunft, und das die⸗ . ſelbe umgebende Geheimniß. Meine ewigen Träumereien wurden mir zuletzt ſelbſt ſo unerträglich, daß ich meine Zuflucht zum Leſen nahm, um ſie zu verdrängen; ich ſubſcribirte in einer Leihbibliothek, und ſelten ſah man mich ohne ein Buch in der Hand. 1 Ich war faſt zwei und ein halbes Jahr bei Mr. Cophagus geweſen, als ſich ein Vorfall ereignete, den ich mit aller ihm angemeſſenen Würde zu erzählen ver⸗ ſuchen muß. Dieſe Welt iſt eine Welt des Ehrgeizes, der Eifer⸗ ſucht und der Nebenbuhlerſchaft. Nationen rivaliſiren mit Nationen, greifen zu den Waffen, und ſchneiden auf beiden Seiten einigen Tauſenden die Kehlen ab, bis die eine oder die andere die Entdeckung macht, daß ſie den Kürzeren dabei zieht. Einer rivaliſirt mit dem Andern, woraus Streitigkeiten, Zweikämpfe, und Mord und Todtſchlag entſtehen. Frauen rivaliſiren mit Frauen, und daher Verluſte des guten Namens und Anfeindungen in den höheren, und Verluſt an Haaren und Kämpfe mit den Fingernägeln in den niederen Ständen. Können wir uns alſo wundern, daß dieſe allgemeine Leidenſchaft ſich durch den Geruch von Eſ⸗ ſenzen und Giften nicht abſchrecken läßt, ſondern auch in Apotheker⸗Läden eindringt? Nur zwei Straßen— zwei ſehr kurze Straßen von der unſrigen— lag Mr. Ebenezer Pleggit's Apotheke, die ſich in keinem Eckhauſe befand, und daher, dem Himmel ſei Dank! auch nur eine einzige Fronte hatte; denn nun hatten wir doch einen Vorzug beſtimmt vor⸗ aus. In anderen Beziehungen hielten ſich unſere Vor⸗ züge mehr das Gleichgewicht. Mr. Pleggit hatte in ſeinen Fenſtern zwei große gefärbte Flaſchen mehr ſte⸗ hen, als wir, wogegen indeß die unſrigen zwei Pferde zeigten, und die ſeinigen nur eins. Er band über die Körke ſeiner Flaſchen rothes Papier, wir ſchmückten die unſrigen mit einem ſchönen Blau. Ich leugne nicht — deun ich laſſe ihm, dem Feinde ſelbſt, Gerechtigkeit wederfaßren— daß Mr. Pleggit, nachdem Mr. Brookes abgegangen war, zwei Gehülfen im Laden hatte, und mein Herr nur einen einzigen; allein dieſer Eine war Japhet Newland; außerdem hatte der eine von Mr. Pleggit's Gehülfen nur ein Auge, und der andere ſchielte gräulich, ſo daß ich glaube, wenn nach den Augen geurtheilt wird, der Vortheil war wirklich auf unſerer Seite. In Betreff der Zierrathen war die⸗ ſes ganz ohne Frage der Fall; denn wer wuͤrde nicht eine ſchöne, elegante Vaſe auf dem Kamin zwei beſchä⸗ digten, plumpen, irdenen Gefäßen vorziehen? Es iſt wahr, Mr. Pleggit hatte einen vergoldeten Mörſer und Stößel über ſeiner Thür, woran Mr. Cophagus bei Einrichtung ſeines Ladens nicht gedacht hatte; al⸗ lein Mr. Pleggit's Mörſer war von oben bis unten geſprungen, und ſein Stößel hatte den Knopf verloren. Und laßt mich diejenigen fragen, die einen Stöͤßel zu handhaben pflegen, was ein Stößel ohne Knopf iſt? Im Ganzen glaube ich, da wir, wie Janus, nach zwei Seiten ſchauten, daß unſer Nebenbuhler den Vergleich mit uns nicht aushielt; doch ich überlaſſe die Entſchei⸗ dung den Unbetheiligten. Alles was ich ſagen kann, iſt, daß die Feindſchaft der rivaliſirenden Häuſer die bitterſte— der Haß furcht⸗ bar— die gegenſeitige Verachtung ohne Maaß war. Begegnete Mr. Ebenezer Pleggit meinem Herrn auf der Straße, ſo begann er augenblicklich auszuſpeien, als wenn er etwas von ſeinen eigenen, ſchlechten, verfälſch⸗ ten Apotheker⸗Waaren verſchlungen hätte: wogegen Mr. Cophagus ſein Rohr von ſeiner Naſe hoch über ſeine Stirn emporhob, eine ſo drohende Stellung an⸗ nahm, daß ſein Gegner dadurch faſt das Recht erhal⸗ ten hätte, zu fordern, daß Cophagus vor einem Frie⸗ densrichter Urphede ſchwöre, und vor ſich hinmurmelte: 8 8 »Ekelhafter Laffe— verſteht nichts— hem— Patien⸗ ten ſterben— und ſo fort.⸗ Man kann ſich leicht denken, daß dieſer Feindſelig⸗ keitsgeiſt ſich auch auf die unteren Zweige der rivali⸗ ſirenden Häuſer ausdehnte— Mr. Pleggit's Subjekte und ich hegten tödtlichen Groll gegen einander, und dieſer Groll war noch tödtlicher zwiſchen den Jungen, die die Arzneien austrugen, und deren Körbe gewiſſer⸗ maßen als die rivaliſirenden Feldzeichen der Parteien betrachtet werden konnten, indem die Jungen ſelbſt die gefahrvolle Würde der Fahnenträger bekleideten. Timotheus, obgleich der gutherzigſte Menſch von der Welt, war ein ſo guter Haſſer, als ihn ſich Doktor Johnſon ſelbſt nur hätte wünſchen können, und wenn ſein Korb einmal nicht ſo voll als gewöhnlich war, ſo legte er unten lieber leere Flaſchen hinein, als daß er den Kredit des Hauſes gefährdet, und gelitten hätte, daß die Leere ſeines Korbes ſeinen rothhaarigen Gegner, wenn ſie ſich zufällig begegneten, zu einem verächtlichen Lächeln veranlaßte. Bis jetzt hatte noch kein eigent⸗ lich feindliches Zuſammentreffen, weder zwiſchen den Führern noch den Trabanten der feindlichen Parteien Statt gefunden; allein im Buche des Schickſals ſtand geſchrieben, daß dieſer Zuſtand der Ruhe nicht inde dauern ſolle. 3 Homer hat die Schlachten der Götter, Halbg und Heroen, Milton den Kampf der Engel befungenn und Swift hat ſich durch ſeine Buͤcherſchlacht Ruhm erworben: ſo viel ich aber weiß, iſt noch keine Schlacht der Medizin⸗Gläſer gefeiert, und ihre Schilderung er⸗ fordert einen höhern Genius, als der iſt, den man bei den Sängern findet, welche die Kämpfe der Heroen, Bner Götter, Engel oder Bücher zum Gegen⸗ 47 ſtande ihrer Muſe machten, vorausgeſetzt, daß man dem tödtlichen Kampfe ſein volled Recht anthun will, der ſtattfand, zwiſchen den Waſchungen und Einreibungen, Eſſenzen und Purganzen, Pulvern und Pillen. Ich muß ihn erzählen, ſo gut ich es vermag, mich beſcheidend, daß ich nur die Grundzüge zu einem künftig zu erwar⸗ tenden Heldengedicht liefere. men hatte,— da ſich doch kein Anlaß zu einem wirklichen Kampfe dargeboten,— begegnete Timotheus Oldmixon— denn es hieße ſich verſündigen, bei einer n ſchwiegen plötzlich. Zwei Kater auf dem näch⸗ eben Blicke der Feindſchaft auf einan⸗ een, und im Begriff waren, einander mit den Klauen anzugreifen, ſchauten, ablaſſend vom Streit, herunter. Zwei politiſche Geguer, welche laut mit einander ſtritten, hielten inne. Zwei Gaſſenfeger hörten auf mit ihren Glocken zu läuten, und zwei kleine Buben, welche Kirſchen aus ihren Mützen aßen, ver⸗ 48 loren ihr Obſt aus dem Geſicht, und ſtanden entſetzt ſtill. Die beiden Merkure prallten mit ſolcher Heftigkeit egen einander, daß Beide weit zurückflogen; aber wie üchtige Kämpfer hielten Beide ihre Körbe feſt, und ſich ſelbſt auf den Füßen. Einige Augenblicke vergingen, in welchen ſie Athem ſchöpften, jechlicher beſchauend ſei⸗ nes Feindes verhaßte Geſtalt. Einen vernichtenden Blitze ſchießenden Blick Tim's gab Tim's Gegner zu⸗ rück, Beide gedachten plötzlich, daß ſie das Recht auf ihrer Seite hätten, und Timotheus brüllte:»Da haſt Du Eins!« und verſetzte Ebenezer's dienſtbarem Geiſte mit ſeiner rechten und rechtzictanden Hand einen furcht⸗ baren Schlag auf das linke und linkiſche Auge.»Da haſt Du Eins!« ſprach er noch einmal, als ſein Geg⸗ ner zurücktaumelte;»Da haſt Du Eins, und ſei ver⸗ dammt dafür, daß Du gegen einen Gentleman an⸗ rennſt.«. Der mit dem rothen Haar hatte ſich zurückgezogen, weil der Schlag ſo gewaktig war, daß er nicht anders konnte, und ein Jeder ſeir em Schickſal ſich unterwerfen muß. Aber mit nichten war es aus Furcht geſche⸗ hen. Einen ſcheußlichen Trank ergreifend, deſſen Zettel die Aufſchrift hatte:»Augenblicklich einzunehmen,« und denſelben mit dämoniſcher Gewalt nach dem Munde des tapfern Timotheus hinſchleudernd, rief er mit gifti⸗ gem Geſchrei aus:»Da haſt Du wieder Eins!« Das Wurfgeſchoß, trefflich gefuͤhrt, gleich den Speeren der homeriſchen Helden, traf gerade Timotheus Naſe, das zerbrochene Glas brach in tauſend Stücke, brachte ſeiner Phyſiognomie mehrere Wunden bei, und zugleich ſtrömte ein ſchwarzer Balſam⸗Strom zur Heilung der⸗ ſelben heraus, jedoch unausſprechlichen Schmerz verur⸗ 2 49 3 ſachend. Timotheus, der es unter ſeiner Wuͤrde hielt, darob zu wehklagen, folgte dem Beiſpiele ſeines Geg⸗ ners, ergriff eiligſt eine ähnliche, jedoch weit größere Flaſche, und ſchleuderte ſie mit ſolcher Gewalt, daß ſie zwiſchen den Augen des Feindes zerbrach. Alſo mit dieſen furchtbaren Waffen begannen ſie den Kampf auf Leben und Tod. 9—— Die Freunde der Ordnung oder doch ehrlichen Kam⸗ pfes ſammelten ſich um die Streitenden, und bildeten einen faſt undurchdringlichen, jedoch hinlänglich weiten Kreis, um vor den Wurfgeſchoſſen geſichert zu ſein. „Derauf und dran, Rothkopfl«—„Bravol Weißſchürzel“« erſch es von allen Seiten. Jetzt begegneten ſich Medi echan in der Luft, und platz⸗ ten gleich Bomben über einer belagerten Stadt. Arz⸗ neikugeln wurden entſendet, ſo wohl gerichtet, wie Ka⸗ nonenkugeln. Pillen⸗Schachteln wurden mit ſolcher Kraft geworfen, daß ſie ſich aufthaten in der Luft, und gleichſam einen Kartätſchen⸗Regen verbreiteten, während Säuren und Alkalis ziſchten wie ſterbende Schlangen, gegenſeitig ihre Kräfte neutraliſirend.„Bravo! Weiß⸗ ſchürze!«—»Rothkopf für immer!« wurde rund um⸗ her gerufen, während der Kampf mit nie nachlaſſender Wnth fortgeſetzt wurde. Raſch war von beiden Seiten die Ammunition verſchoſſen, als Mr. Ebenezer Pleggit, den Lärm hörend und vielleicht den Stank ſeiner ſchlechten Waaren riechend, vorwitziger und höchſt thö⸗ richter Weiſe den geheiligten Ring durchbrach, und ſich mit aufgehobenem Rohre dem Merkur ſeines Feindes näherte, um ihn niederzuſchlagen. In dieſem Augen⸗ blicke flog ihm eine ſeiner eigenen Mirturen, von ſeinem eigenen rothhaarigen Knappen, dem Timotheus zugedacht, in den offenen Mund, zerbrach an ſeinen beiden letzten Japhet. J.„ 4 Vorderzähnen, und ſtieß ihm dieſelben aus, indem die entfeſſelte Flüſſigkeit in ſeiner Kehle hinunterlief, und ihm zum Erbrechen übel machte. Er ſank zu Boden, wurde in einer Sänfte fortgetragen, und erſt nach ei⸗ nigen Tagen ſah man ihn in ſeinem Laden die Mirtu⸗ ren wieder diſpenſiren, von welchen er bei dieſer ver⸗ hängnißvollen Gelegenheit ſelbſt gar gern diſpenſirt ge⸗ weſen wäre. 5 Leſer, habt Ihr nicht ſchon von tödtlichen Kämpfen zwiſchen Rittern geleſen, wie ſie, wenn die Helme vom Kopfe geſchlagen, die Schilde verloren und die Schwer⸗ ter zerbrochen waren, einander in ſchrecklicher Nähe mit den Dolchen anzugreifen begannen? So war es mit Timotheus. Die Wurfgeſchoſſe begannen ihm zu fehlen; er verſchmähete es, noch länger den Streit aus der Ferne fortzuführen, rückte muthig gegen ſeinen keuchen⸗ den Feind dicht heran, überwältigte ihn im erſten An⸗ griff, und entnahm aus ſeinem Korbe die einzigen noch übrigen Waffen, ein Fläſchchen und eine Pillen⸗Schach⸗ tel. Auf der Bruſt ſeines darnieder geſtreckten Feindes knieend, zwang er ihm zuerſt die Pillenſchachtel in den keuchenden Mund, und trieb ſie darauf mit dem untern Ende der Arznei⸗Flaſche in ſeine Kehle hinunter, wie ein Konſtabler mit dem Ladeſtock die Patrone in einen Dreißig⸗Pfünder hineinſtampft. Halb erſtickt, hielt der überwundene Ritter, Gnade flehend, ſeine Hände em⸗ por; allein Timotheus ließ nicht eher ab, als bis er mit ſeiner Flaſche den Boden und den Deckel der Schachtel herausgeſtoßen, und achtundvierzig gallvertreibende Pil⸗ len in Rothkopfs Kehle hinunterrollten. Hierauf hob Timotheus ſeinen Korb auf, und ging unter Beifalls⸗ Geſchrei davon. Sein beſiegter Gegner huſtete die Schachtelſtücke heraus, die noch in ſeinem Munde zu⸗ 51 rückgeblieben waren, und wurde in troſtloſem Zuſtande zu einem Brunnen geführt, während Timotheus, mit Ruhm bedeckt, unſern Laden wieder gewann. Doch ich muß den heroiſchen Ton herunterſtimmen. Mr. Cophagus, der bei Timotheus Ruͤckkehr ſich zu Hauſe befand, war anfangs ſehr geneigt, über den Verluſt einer ſo großen Menge von Arznei erzürnt zu werden; allein als er die Geſchichte und deren Finale— vernahm, war er über Tim's doppelten Sieg über Mr. Pleggit und den Ausläufer deſſelben ſo erfreut, daß er ſeine Hand in die Taſche ſteckte, und mit einer halben Krone wieder herauszog. 3 Mr. Pleggit dagegen war ganz und gar nicht er⸗ freut. Er ging zu einem Advokaten, ſtellte eine Klage an, und die ganze Nachbarſchaft redete von nichts, als von dem Kampfe, der Statt gefunden hatte, und dem Rechtshandel, welcher Statt finden ſollte. Doch mit Ausnahme dieſer Zänkerei, die damit en⸗ dete, daß der Kläger abgewieſen, und hierdurch die— Feindſchaft noch vergrößert wurde, habe ich von der Zeit, während welcher ich noch bei Mr. Cophagus blieb, wenig zu erzählen. Ich war länger als drei Jahre bei ihm geweſen, als mir der Zwang, unter wel⸗ chem ich ſtand, unerträglich wurde. Ich hatte nur ei⸗ nen einzigen Gedanken, der mir fortwährend im Kopfe herumging— wer war mein Vater? Ich würde meinen Beruf aufgegeben haben, um, in der Hoffnung, meinen Erzeuger aufzufinden, die Welt zu durchſuchen, wenn mir nicht die Mittel gefehlt hätten. End⸗ lich raffte ich Alles zuſammen, was ich beſaß; allein die Summe war gering, viel zu gering zu dem erſehnten Zuge. Ich verſank in Trübſinn, wurde gleichgültig ge⸗ gen das Geſchäft, und nachläſſig in meinem Anzuge, 4* 52 3 als ein Umſtand eintrat, der meiner Apotheker⸗Lauf⸗ 2 bahn ein Ende, und mich zu meinem eigenen Herrn machte. Siebentes Kapitel. 4 In welchem Mr. Cophagus hofft, daß ſein Laden eine Grube für Andere werden ſoll, und ſelbſt hineinfällt.— Der Verluſt unſrer Wagſchaale verurſacht Tim und mir den 8 Verluſt unſrer Stellen, da wir, auf anderer Waage ge⸗ wogen, zu leicht erfunden werden.— Wir müſſen packen und packen nns. Es trug ſich an einem Marktage zu, daß ein wild⸗ 3 gewordenes Thier große Verwüſtung anrichtete. Ganze Haufen von Leuten liefen vor unſerer Apotheke vor⸗ üͤber, und überall hörte man ſchreien:»Ein wilder Ochſe!« Mr. Cophagus, der ſich im Laden befand, und 3 dem, wie ich oben geſagt habe, ein ſolches Thier große 1 Vortheile zu Wege brachte, ſah natürlich genug aus dem Laden, um zu erforſchen, ob der Stier in unſerer Nähe wäre. In den meiſten anderen Ländern pflegt das Volk der Gefahr aus dem Wege zu gehen, und ſich von ihr möglichſt weit zu entfernen, ſobald es ver⸗ nimmt, daß Gefahr vorhanden; allein in England iſt es nur zu oft der Fall, daß es ihr entgegenläuft, um ſeine Neugier zu befriedigen. Mr. Cophagus, als er die Leute vorüberlaufen ſah, die Nähe des Thiers nicht ahnte, obenein glaubte, daß die Leute liefen, um zu 31 53 ſehen, was vorginge, und ſeine Blicke nach jener Rich⸗ tung wendete, trat hinaus auf die Straße, um beſſer ſehen zu können. Er bemerkte eben:»Kann nicht ſa⸗ gen— ſich fürchten— hem— verdammter Pleggit— ganz nahe bei ihm— hat alle Kunden— Wunden— Kontuſionen— und ſo«— als das Thier plötzlich um die Ecke ſtürzte, und ihn, ehe er flüchten konnte, durch ſeine eigenen Ladenfenſter und anf den Ladentiſch ſchleu⸗ derte. Damit noch nicht zufrieden, folgte es ihm in den Laden nach. Timotheus und ich zogen unſern Herrn zu uns herüber, und verkrochen uns ſodann im tödtlichſten Schrecken. Der Stier machte mehrere Ver⸗ ſuche, in den inneren Theil des Ladeus einzudringen, ſtürmte jedoch, da es ihm nicht gelang, und er jetzt von den Hunden und Metzger⸗Knechten angegriffen wurde, wieder aus der Thür hinaus, wobei er unſere beſte Wagſchaale als Trophäe auf den Hörnern mit ſich fortnahm. Als das Geſchrei und der Lärmen ſich ein wenig entfernt hatten, ſteckten Timotheus und ich die Köpfe heraus, und ſchauten umher, und da wir ge⸗ wahrten, daß die Gefahr vorüber, eilten wir Mr. Co⸗ phagus zu Hülfe, der blutend und ohne Bewußtſein dalag. Wir trugen ihn in das Hinterzimmer, und leg⸗ ten ihn auf das Sopha. Ich befahl Timotheus, ſo ſchnell als möglich wundärztlichen Beiſtand herbeizu⸗ ſchaffen, während ich eine Ader öffnete, und nach we⸗ nigen Minuten kehrte Tim mit unſerm Widerſacher, Mr. Ebenezer Pleggit, zurück. Wir entkleideten Mr. Cophagus, und unterſuchten ihn. »Ein böſer Fall,“ ſagte Mr. Pleggit,»in der That ein ſehr böſer Fall, Mr. Newland— Ausſetzung des os humeri— ſtarke Kontuſion am os frontis— ich fürchte ſehr, daß eine Rippe zerbrochen. Sehr traurig, 4 in der That ſehr traurig für meinen Kollegen Copha⸗ gus.« Allein Mr. Pleggit ſchien nicht ſehr betrübt zu ſein, ſondern im Gegentheil ſein wundärztliches Ge⸗ ſchäft mit dem größeſten Vergnügen zu verrichten. Als Mr. Cophagus beſorgt war, brachten wir ihn zu Bett. Nach einer Stunde kam er wieder zum Be⸗ wußtſein, und Mr. Pleggit entfernte ſich, nachdem er Mr. Cophagus die Hand gereicht, und ihm zu ſeiner wunderbaren Errettung Glück gewünſcht hatte. »Ein böſes Ding, Japhet,« redete Mr. Cophagus mich an. »Allerdings, Sir; allein die Sache hätte einen noch weit ſchlimmeren Ausgang nehmen können.⸗ „Schlimmer— hem— nein, nicht ſchlimmer— unmöglich— und ſo fort.« »Ei, Sir, Sie hätten getödtet werden können.« »Pah! glaube es nicht— Pleggit glauben— Schelm Pleggit— hem— mich tödten, wenn er kann— ſoll's doch nicht— ihn bald los ſein— und ſo fort.« 4 »Sie werden ſeines Beiſtandes nicht mehr bedurfen, da Ihre Schulter wieder eingeſetzt iſt. Ich kann Sie ſehr gut behandeln.« „»Sehr wahr, Japhet:— aber— hem— wird nicht weg wollen— verlaß Dich— der Schurke— ſehr erfreut— ſah es— Augen funkelten— unter⸗ drücktes Lächeln— und ſo fort.« Wie es Mr. Cophagus vorausgeſagt, kam Mr. Pleggit am Abend wieder. Der Erſtere legte nicht wenig Ungeduld an den Tag, allein der Andere wieder⸗ holte immerfort ſeine Beſuche, und ich bemerkte, daß ſie Mr. Cophagus nicht mehr unangenehm waren, ſon⸗ — — 55 dern daß ihm im Gegentheil danach verlangte, und zwar um ſo mehr, als er wieder im Stande war, an ſeinem Tiſche zu ſitzen. Bald war das Räthſel gelöſ't. Mr. Cophagus freuete ſich allerdings ſehr, wenn An⸗ dere von wild gewordenen Thieren beſchädigt wurden, und ſeinen Beiſtand in Anſpruch nahmen; allein die Sache erſchien ihm in einem ganz anderen Lichte, als er ſelbſt von einem Stiere auf die Hörner genommen war; und da er ein beträchtliches Vermögen geſammelt hatte, beſchloß er, ſich aus ſeinem Geſchäfte zurückzu⸗ ziehen, und ein Haus zu verlaſſen, das an einer ſo ge⸗ fährlichen Ecke lag. Als Mr. Pleggit am dritten Tage nach ſeinem Unfalle ihn beſuchte, ließ er ein paar Worte von ſeiner Abſicht fallen, und Mr. Pleggit, dem die vortheilhafte Lage unſrer Apotheke ſehr wohl bekannt war, ließ auch ſeinerſeits ein paar Worte davon fallen, daß er zu einer Uebereinkunft ſehr geneigt ſei. Der Selbervortheil verwandelt in dieſer ſpitzbübiſchen Welt nicht bloß Freundſchaft in Feindſchaft, ſondern auch dieſe in jene. Beide vergaßen ihren Haß, ihre ge⸗ genſeitigen Beleidigungen. In weniger als zehn Mi⸗ nuten hieß es:»Mein theurer Mr. Pleggit und ſo fort,« und:»Mein theurer Kollege Co⸗ phagus.« Nach drei Wochen war die Angelegenheit geordnet, und die Apotheke ſammt allen Vorräthen, Zubehör und „gutem Willen«*) das Eigenthum unſers alten Wi⸗ derſachers. Allein obgleich nun Mr. Cophagus ſeinen Zubehör und guten Willen Mr. Pleggit überlaſſen konnte, ſo konnten Tim und ich doch weder in den *) Die Kunden. Anm. d. Ueberſ. guten Willen eingeſchloſſen, noch zum Zubehör gezählt werden, und Mr. Cophagus durfte ſich in Mr. Pleggit's Einrichtungen nicht einmiſchen. Er empfahl uns auf das Kräftigſte, allein Mr. Pleggit hatte weder meine bisweiligen ſcharfen Bemerkungen, noch die Fla⸗ ſchenſchlacht vergeſſen. Ich glaube wirklich, daß ſein übler Wille gegen Timotheus zu den Gründen ge⸗ hörte, die ihn bewogen, Mr. Cophagus guten Wil⸗ len zu kaufen. Mr. Pleggit ſagte uns ſehr höflich, daß er unſerer Dienſte nicht bedürfen werde. Mr. Cophagus erbot ſich, mir, ſobald er könne, eine andere Stelle zu verſchaffen, und ſchenkte mir zwanzig Guineen, zum Beweiſe, wie zufrieden er mit mir geweſen war— allein gerade dieſe Summe ent⸗ ſchied meinen Entſchluß. Ich drückte ihm meinen Dank aus, und ſagte ihm, daß ich jetzt freilich etwas Anderes vorhabe, jedoch hoffe, er werde mich wiſſen laſſen, wo ich ihn ſpäter aufſuchen könne, denn ich würde mich freuen, ihn wieder zu ſehen. Er erwiederte, daß er ſeine Adreſſe im Findelhauſe für mich zurücklaſſen wolle, und nachdem wir uns herzlich die Hände gedrückt, nah⸗ men wir Abſchied von einander. Hierauf wurde Timotheus gerufen. Mr. Cophagus gab ihm fuͤnf Guineen, und drückte den Wunſch aus, daß es ihm wohl gehen möge. »Nun ſag' mir, Japhet, was gedenkſt Du anzufan⸗ gen?« ſagte Timotheus, als er in den Laden zurück⸗ kam. 3 »Anzufangen,« erwiederte ich;»ich bin im Begriff, Dich zu verlaſſen, und das allein macht mir Kummer. Ich gehe, Tim, um meinen Vater zu ſuchen.“ „Es wird mir eben ſo ſchwer, als Dir, Japhet, mich von Dir zu trennen,“« erwiederte Timotheus; ich werde Dir getreulich dienen.« 57 » und dann liegt mir noch etwas auf der Seele— ich bin nämlich ſehr betrübt, daß der Stier(er wies nach dem eiſernen Mörſer und dem Stößel hin) die Anfangs⸗ gründe nicht zerbrochen hat. Hätte er nur die Hälfte meines Haſſes gegen ſie empfunden, ſo würde er nicht ein Stück wie einen Fingerhut groß daran heil gelaſſen ha⸗ ben. Ich habe große Luſt, bevor ich gehe, ihnen noch einen Denkzettel zu geben.« »Dadurch würdeſt Du nur Mr. Cophagus Scha⸗ den zufügen, denn der Mörſer würde dann nicht bezahlt werden.« »Das iſt wahr; und er hat mir eben erſt fünf Gui⸗ neen gegeben; ich will meinen gerechten Groll unter⸗ drücken. Doch nun laß mich offen zu Dir reden, Ja⸗ phet. Ich weiß nicht, wie Du darüber denkſt, aber mir iſt es, als wenn ich mich von Dir nicht trennen könnte. Mich verlangt freilich nicht beſonders danach, meinen Vater aufzuſuchen. Sie ſagen, das wäre ein weiſes Kind, das ſeinen Vater kennt— aber in Betreff meiner Mutter kann kein Zweifel ſein— und ſo bin ich ſehr geneigt, ſie aufzuſuchen, und wenn Dir meine „Geſellſchaft gefällt, ſo wollen wir mit einander gehen — und immer bei einander bleiben, mein lieber Japhet, und ich will es nie vergeſſen, welch ein großer Unter⸗ ſchied zwiſchen einer großen Perſon, die als Doctor Medicinae auftritt, und einem Burſchen Statt findet, der nur austrägt, was derſelbe verordnet hat. »Iſt es wirklich Dein Ernſt, Tim, daß Du mit mir gehen willſt?« »Ganz gewiß, bis an das Ende der Welt, Japhet, als Dein Begleiter, Dein Freund und Dein Diener, wenn Du es verlangſt. Ich liebe Dich, Japhet, und »Mein lieber Tim, ich bin vor Freude außer mir. Jetzt bin ich ganz glücklich. Wir wollen nur einen Geldbeutel und Alles in Gemeinſchaft haben; gelange ich zum Glüͤcke, ſo ſollſt Du es mit mir theilen.« »Und wenn Du Unglück haſt, ſo will ich es auch mit Dir theilen— die Sache iſt alſo abgemacht— und da eben Mr. Pleggit's Gehülfen mit nur einem Paar Augen kommen, ſo iſt es am Beſten, wir trollen uns je eher je lieber.«. Nach einer halben Stunde waren unſere Bündel geſchnürt. Wir gingen die Treppe hinunter, und ſchrit⸗ ten ſtolz durch den Laden, ohne eine Bemerkung zu machen, oder unſeré Nachfolger zu beachten. Nur Ti⸗ motheus wendete ſich zu ſeinen alten Feinden, dem ei⸗ ſernen Mörſer und Stößel, und ballte gegen ſie die Fäuſte. Gleich darauf ſtanden wir auf der Straße, die weite Welt vor uns, und vollkommen ungewiß, welche Richtung wir einſchlagen ſollten. »Wohin willſt Du?« fragte Timotheus.»Nach Oſten, Weſten, Norden oder Süden, Japhet?« »Die Weiſen kamen aus dem Morgenlande,“« er⸗ wiederte ich. »Dann müſſen ſie nach Weſten gereiſ't ſein,« ſagte Tim;»laß uns unſere Weisheit dadurch beweiſen, daß wir daſſelbe thun.« »Ich bin's zufrieden.« Als wir an einem kleinen Laden vorüber kamen, kauften wir zwei große Stöcke, ſowohl zur Vertheidi⸗ gung, als um unſere Bündel daran zu hängen— dann traten wir unſere Pilgerſchaft an. Achtes Kapitel. Wir nehmen einen Wagen, mißfallen aber dem Kutſcher, und er läßt Peitſchenhiebe auf uns fallen.— Wir verändern unſere Art zu reiſen, nach dem Grundſatze,»langſam, aber ſicher,« und treffen mit einem ſehr gelehrten Manne zuſammen. Ich glaube, es iſt ein ſehr gewöhnlicher Gebrauch, daß man, wenn man eine Reiſe beginnt, ſeine Mittel überſchlägt— das heißt, daß man das Geld zählt, was man in der Taſche hat. Jedenfalls thaten es Ti⸗ motheus und ich, und es fand ſich, daß ich ſelbſt zwei⸗ undzwanzig Pfund und achtzehn Schillinge, und Ti⸗ motheus fuͤnf Guineen und drei halbe Pence beſaß. Die Totalſumme belief ſich alſo auf achtundzwanzig Pfund, drei Schillinge und drei halbe Pence, und wir hielten ſonach unſere Kaſſe für ſehr wohl gefüllt zu ei⸗ ner Wanderung, wie wir ſie vorhatten, und mit einem Worte, wie ich Timotheus bemerkte, für hinreichend auf eine beträchtliche Zeit, wenn wir gut haushielten. »Ja,« erwiederte er,»aber wir müſſen auch mit unſeren Beinen haushalten, Japhet, ſonſt werden wir bald müde werden, und unſere Schuhſohlen ablaufen. Ich ſtimme dafür, daß wir einen Miethwagen neh⸗ men.« »Einen Miethwagen nehmen, Tim! daran dürfen wir nicht denken; ſolchen Aufwand können wir nicht beſtreiten; Du kannſt noch nicht ermüdet ſein; wir ha⸗ ben eben erſt Hyde Park Corner hinter uns.⸗ 8 60 „Und ich glaube doch, wir thäten am Beſten einen Wagen zu nehmen, Japhet, und da kommt einer. Ich nahm immer einen, wenn ich Arznei austrug, um die Zeit wieder einzubringen, die ich damit verlor, daß ich vor den Bilderladen ſtand und Pflock im Ring ſpielte.“« Ich verſtand jetzt Timotheus Meinung, welche da⸗ hin ging, daß wir uns hinten aufſetzen und umſonſt fah⸗ ren ſollten. Ich ſtimmte nunmehr bei, und wir klet⸗ terten auf einen Wagen, der inwendig bereits vollkom⸗ men angefüllt war. „Der einzige Unterſchied zwiſchen einem Paſſagier im Wagen und außer dem Wagen iſt der, daß der Eine bezahlt und der Andere nicht,« ſprach ich zu Timotheus⸗ während wir nach der Parlements⸗Akten⸗Schnelligkeit von vier Meilen die Stunde dahin rollten. „»Das kömmt auf Umſtände an,« erwiederte er. „Werden wir entdeckt, ſo werden wir wahrſcheinlich nicht bloß umſonſt fahren, ſondern ohne Zweifel oben⸗ ein bezahlt werden.“ „Mit der Peitſche des Kutſchers, nicht ſo?« „»Allerdings.« Und kaum hatte Timotheus das Wort geſprochen, als uns die Mrſche um die Ohren ſauſtte, denn ein bleiner neidiſcher Schlingel, dem das Hemde aus der Hoſe hing, hatte»Sitzt wer hinten auf!« geſchrien. Da uns wenig damit gedient war, uns die Geſichter zerhauen zu laſſen, ſo ſprangen wir eiligſt hinunter, nachdem wir etwa drei Meilen unentdeckt gefahren waren. „Das war keine ſchlechte Hülfe, Japhet, und was die Peitſche betrifft, ſo mache ich mir nichts daraus, beſonders wenn ich nicht getroffen werde. Und nun will ich Dir etwas ſagen, Japhet, wir müſſen uns, ſobald 61 ——— 8 es dunkel geworden iſt, auf einen Fuhrwagen ſetzen, wenn wir einen antreffen, der dieſe Straße fährt.« „»Das wird aber Geld koſten, Timotheus.« »Nicht doch, wir werden dabei Geld ſparen; wir können, wenn wir gut dingen, für einen Schilling die ganze Nacht fahren; kehren wir dagegen, um zu über⸗ nachten, in einem Gaſthauſe ein, ſo werden wir ſo⸗ wohl für die Betten bezahlen, als uns etwas zu Eſſen geben laſſen müſſen, und das wird uns mehr koſten, als wenn wir uns unſer Abendbrod in einer Garküche kaufen.« 8 »Was Du ſagſt, Timotheus, hat wirklich Grund, wir wollen uns nach einem Wagen umſehen.« »Ol das iſt jetzt noch gar nicht nöthig— Fuhrwa⸗ gen gleichen den ſchwarzen Roßkäfern, nicht bloß an Geſtalt, ſondern auch an Gewohnheiten, ſie bewegen ſich nur bei Nacht— zum wenigſten die meiſten von ihnen. Wir kommen jeßt in das lange, ſchmutzige Brent⸗ fort, und ich weiß nicht, wie es mit Dir ſteht, Ja⸗ phet, ich aber finde, daß das Gehen die Eßluſt gewal⸗ tig ſchärft— was ein neuer Grund iſt, weshalb man nicht gehen ſoll, wenn man umſonſt fahren kann.« »Ich bin wirklich ſelbſt etwas hungrig, und beim Himmel, wie lockend ſieht das Stück Schweinsbraten dort im Fenſter aus!« »Da bin ich Deiner Meinung— laß uns hingehen und einen Handel machen!« Wir kauften ein tüchtiges Stück für einen Schilling, und nachdem wir eine größere Portion Senf, als die Frau im Laden zu geſtatten geneigt war, und ein we⸗ nig Salz dazu genommen, wickelten wir es in ein Stück Papier, und ſetzten unſere Wanderſchaft fört, bis wir verſahen. Hierauf ſetzten wir uns auf eine Bank vor einem Gaſthauſe, ließen uns eine Flaſche Bier bringen, hielten ein herzerfreuendes Mahl, und zwar, was uns noch mehr erfreute, als unſere eigenen Herren. Als wir es beendigt und uns völlig geſtärkt hatten, mach⸗ ten wir uns wieder auf den Weg, und gingen bis es vollkommen dunkel geworden war, wo wir uns ſo er⸗ müdet fühlten, daß wir beſchloſſen uns auf unſre Bün⸗ del zu ſetzen und auf einen vorüberfahrenden Wagen zu warten. Wir hatten noch nicht lange da geſeſſen, als wir Schellengeklingel vernahmen, und bald darauf ge⸗ wahrten wir einen haushohen Frachtwagen. Wir tra⸗ ten zu dem Frachter heran, der auf einem kleinen Pony ſaß, und fragten ihn, ob er ein Paar arme Burſchen mitnehmen könne, und wie viel wir ihm bezahlen ſollten. „»Wie viel könnt Ihr anwenden? es giebt Andere, die eben ſo arm ſind, als Ihr.“« Wir erwiederten, daß wir einen Schilling geben könnten. „»Nun gut, ſo ſteigt in Gottes Namen hinten hinein, und fahrt ſo lange als Ihr wollt.« „Sind ſchon viele darin?« fragte ich, indem ich hinauf klimmte, und Timotheus mir die Bündel reichte. „»Na,“« erwiederte der Frachter,»'s iſt keiner nicht drin, als ein ſehr kundiger Apotheker oder Doktor, ich weiß nicht was er iſt. Aber er hat'nen kurioſen Hut auf, und ſpricht allerhand Zeug wie in Doktor— und dann iſt d'rinn ſein kurioſer Gehülfe und ſein kurioſer Junge, ſonſt Keiner,'s iſt Raum genug und reines Stroh genug.« . Wir ſuchten uns hinten im Wagen Plätze unter dem Leinen aus, fanden überflüſſigen Raum, und niſtelten uns in das Stroh, ohne mit den anderen Reiſenden 63 in Berührung zu kommen. Da wir nicht müde waren, begannen wir ein leiſes Grſpräch und hatten es, in der Meinung, daß unſere Reiſegefährten ſchliefen, länger als eine halbe Stunde fortgeſetzt, als wir durch eine helltönende, laute Stimme unterbrochen wurden. „ Es ſcheint, daß Ihr Ench umhertreibt, ohne zu wiſſen wohin. Die Vögel ſuchen ihre Neſter— die Thiere eilen ihren Hütten zu— und die Menſchen verſchließen ihre Thüren, wenn die Nacht anbricht.»»Propria quae maribus,«« wie Herodotus ſagt; was in der Ueberſe⸗ tzung ſo viel bedeutet als:»»Das iſt die Natur des Menſchengeſchlechts.«»» Tribuuntur, mascula dicas.«c »»Macht mich mit Eurer Verlegenheit bekannt, wie Homer ſagt.« Ich war über dieſe Anrede äußerſt erfreut, denn ich verſtand genug Lateiniſch, um ſogleich zu hören, daß die Citationen des Fragenden einer lateiniſchen Gramma⸗ tik entnommen waren, und daß ſeine Gelehrſamkeit nichts ſei als Schein; allein dieſe neue Art von Rede⸗ weiſe beluſtigte mich, und ich erſah zugleich daraus, daß unſer Reiſegefährte kein gewöhnlicher Menſch ſei. Ich ſtieß Timotheus an und erwiederte: »Ihr habt ſehr richtig vermuthet, ſehr gelahrter Herr; wir wandern umher, unſer Glück zu ſuchen, und hoffen es zu finden— freilich haben wir eine ſaure Reiſe vor uns.»„Haustus hora somni sumendus,«« wie 3weele ſagt, was ich einem ſo gelehrten Manne, Ihr ſeid, nicht zu überſetzen brauche.« »Nein, in der That, es iſt nicht nöthig, ich bin aber erfreut, mit einem Studirten zuſammen zu treffen,« erwiederte Jener.»Verſteht Ihr auch Griechiſch?« »Nein, ein Grieche zu ſein, maße ich mir nicht an.⸗ »Es iſt Schade, denn wenn Du Griechiſch verſtän⸗ — 8——— ———— ——. —— 64 deſt, ſo würdeſt Du die Luſt genießen können mit den Alten zu verkehren. Bei Aeſkulapius finden ſich dieſe Worte:»»Einae Hammelekoilae— einon Kapaun— unde Wilton Pastaeton,«« die ich Dir überſetzen will— „»Wir finden oft was wir ſuchen, wenn wir es am wenigſten erwarten.«« Möge dieſes bei Euch der Fall ſein. Wo ſeid Ihr erzogen? Und zu welchem Berufe?« Ich glaubte wenig Gefahr zu laufen, wenn ich es ihm ſagte, und erwiederte daher, daß ich als Wund⸗ arzt und Apotheker gelernt und im Findelhauſe er⸗ zogen ſei. „Das iſt ſchön,« verſetzte er;»Ihr habt Euch alſo meinem ruhmreichen Fache gewidmet, habt jedoch noch viel zu lernen; nur Jahre lange Mühe unter einem großen Lehrmeiſter können Euch in den Stand ſetzen, ein Wohlthäter der Menſchheit zu werden, wie ich es geweſen bin, und nur Jahre voll Gefahren und Be⸗ ſchwerden können Euch die Mittel dazu verſchaffen. Es giebt viele verborgene Geheimniſſe.»»Ut sunt Di- vorum, Mars, Bacchus, Apollo, Virorum,— Viele Länder der Erde ſind zu durchwandern,»„Ut Cato Vir- gilius, fluviorum ut Tibris, Orontes. ⁴ Dieſe Alle habe ich beſucht, und noch viele andere mehr. Auch in dieſem Augenblicke reiſe ich, um mir noch größere Vorräthe von meinem unſchätzbaren Arkanum zu ver⸗ ſchaffen; ich ſammele die Kräuter dazu auf den höch⸗ ſten Spitzen der Anden, wenn der Mond in der Erd⸗ nähe iſt. Dort werde ich nlitten in den Wolken Mo⸗ nate lang verweilen und herniederblicken auf die große Ebene von Merxico, die mir nicht größer als ein Na⸗ delknopf erſcheinen wird, und wo man keine menſchliche Rede vernimmt;»»Vocito, vocitas, vocitavi,« Mon⸗ den lang mich zu der Erde herunterbeugen,»» As in 65 praesenti,«.α Kälte leidend—»vfrico quod fricui dat«« wie Enſebius ſagt: Bald werde ich von den heulenden Stürmen nach der neuen Welt hinüber getragen wer⸗ den, wo ich mehr erlangen kann von der wunderbaren Arznei, die noch niemals unwirkſam geblieben iſt, und die unter ſolchen Mühen und Gefahren zu ſammeln, nur die Liebe zur Menſchheit mich bewegt.« »Wahrhaftig, Sir,“« erwiederte ich, durch ſeine Auf⸗ ſchneidereien beluſtigt,»ich möchte Euch wohl begleiten — denn wie Joſephus ſehr wahr ſagt:»»„Capiat pillu- las duas post prandium;«« Reiſen iſt in der That eine entzückende Beſchäftigung, und ich möchte wohl die ganze Welt durchwandern.“« » Und ich würde Dir gern folgen,« unterbrach Ti⸗ motheus.»Und im Grunde haben wir ja die große Reiſe ſchon begonnen— drei Meilen hinter einer Mieth⸗ kutſche— zehn zu Fuß— und ungefähr zwei in dieſem Wagen. Aber wie Cophagus ſagt:»»Cochlearija zer- malmere manu sumendus,«« was ſo viel bedeutet, als heut Sonnenſchein, morgen Regen, ſo geht es in dieſer Welt.« »Ha!« rief unſer Reiſegefährte aus;»hat der auch die Anfangsgründe los?« »Ganz und gar nicht, ich hoffe, daß ich nichts mehr damit zu ſchaffen habe,« erwiederte Timotheus. »Folgt er Euch?« fragte der Mann. »Das hängt ſehr davon ab, wer vorangeht,“« fiel Timotheus ein,»aber wie dem auch iſt— wir gehören zuſammen.⸗ »Ich verſtehe— Ihr ſeid Gefährten.»„„Concordat cum nominativo, numero et persona.«« Sagt mir, könnt Ihr Pillen drehen, verſteht Ihr Euch darauf, Japhet I. 5 2 66 den Stößel zu führen, den Spatel zu gebrauchen, und Mirturen zu bereiten?« Ich erwiederte, daß ich mich natürlich auf mein Geſchäͤft verſtände. „Nun gut, es bleibt noch einige Stunden Nacht, laßt uns jetzt ein wenig ruhen. Morgen früh, wenn die Sonne uns einander vorgeſtellt hat, werde ich nach Euren Geſichtern beurtheilen können, ob es wahrſchein⸗ lich iſt, daß wir näher mit einander bekannt werden. Die Nacht iſt die Zeit der Ruhe, wie Quintus Curtinus ſagt:»»Custos, bos, fur atque sacerdos.«« Der Schlaf iſt für Alle da— meine Freunde, gute Nacht.⸗ Neuntes Kapitel. In welchem die Abenteuer im Wagen fortgeſetzt, und wir von unſeren neuen Reiſegefährten noch mehr in Verwirrung geſetzt werden— Wir geben das Latein⸗Sprechen auf,⸗ und treffen eine Uebereinkunft. Timotheus und ich befolgten ſeinen Rath, und la⸗ gen bald im feſten Schlafe. Ich wurde am andern Morgen durch eine Hand aufgeweckt, die ich in meiner Hoſentaſche fühlte. Ich griff danach und hielt ſie feſt. „Laßt doch meine Hand los!« ertönte eine weiner⸗ liche Stimme. Ich raffte mich auf— es war heller Tag, und ich erblickte die menſchliche Geſtalt, deren Appendix die „Hand war. Es war ein ſehr ſchmächtiger, linkiſch aus⸗ —y 67 ſehender junger Menſch, etwa zwanzig Jahr alt, aber ohne alle Spuren der Mannheit am Kinn. Sein Ge⸗ ſicht war leichenfarbig, er hatte große ſtiere Augen, ſeine Backenknochen ſtanden hervor, ſein Haar war lang und ungekämmt, und erinnerte mich an ein Rat⸗ tenneſt, ſeine Lippen waren dünn und ſeine Ohren faſt ſo groß, wie die eines Elephanten. Nie hatte ich einen kläglicher ausſehenden Menſchen geſchaut, und blickte ihn mit Verwunderung an. Er wiederholte ſeine Worte mit dem Ausdruck eines Blödſinnigen—»Laßt doch meine Hand los!« »Was hat denn Eure Hand in meiner Taſche zu thun?« erwiederte ich zornig. »Ich ſuchte mein Taſchentuch,« ſagte der junge Menſch;»ich habe es immer in meiner Taſche.« »Aber nicht in Deines Nächſten Taſche, denke ich doch?« „»Meines Nächſten!« erwiederte er mit einem lee⸗ ren Starrblick.„Ja, ſo iſt es, jetzt ſehe ich— ich dachte, es wäre die meinige.⸗ 3 Ich ließ ſeine Hand los, er ſteckte ſie ſogleich in ſeine Taſche und zog ſein Schnupftuch heraus, wenn der Lumpen dieſe Benennung verdiente. »Seht Ihr?« ſagte er,»habe ich es Euch nicht geſagt, daß ich es in die Taſche geſteckt habe, das thue ich immer.⸗ » Und wer biſt Du denn?« fragte ich ihn, ſeinen Anzug muſternd, der aus weißen weiten türkiſchen Ho⸗ ſen und einer alten Jacke mit Flittern beſtand. »Ich! J, ich bin der Narr.« „» Magſt wohl mehr ein Schelm als ein Narr ſein, erwiederte ich, indem ſein ſonderbares Ausſehen und ſeine Kleidung mich fortwährend in Verwunderung ſetzte. 68 „Nein, da ſeid Ihr im Irrthum,« ertönte die vom vorigen Abend her bekannte Stimme.»Er iſt ein Narr, und zwar ſowohl ſeinem Geſchäfte nach als von Natur. ˙S iſt ein blödſinniges Geſchöpf, und dient nur dazu, das Volk herbeizuziehen. So wunderlich geht es in dieſer Welt. Der Ruf der Weisheit wird auf den Gaſſen nicht beachtet, während die Thorheit ſtets einen Haufen nm ſich verſammelt.⸗ Ich hatte inzwiſchen meine Blicke nach dem Spre⸗ chenden gerichtet. Er war ein ältlich ausſehender Mann, mit weißem Haar, ſchwarz gekleidet, und trug Manſchetten und Hemdekrauſen. Seine Augen waren glänzend, im Uebrigen aber war ſein Geſicht ſchwer zu entziffern, denn es war augenſcheinlich ge⸗ färbt, und die Malerei in Folge der nächtlichen Fahrt dermaßen in einander gelaufen, daß es faſt alle Farben des Regenbogens zeigte. Zu ſeiner Linken lag ein gro⸗ ßer dreieckiger Hut, und zu ſeiner Rechten ein feſt ſchlafender, wie ein Murmelthier im Stroh vergrabe⸗ ner Knabe. Timotheus heftete ſeine Blicke auf mich, und brach in ein lautes Gelächter aus. eEs ſcheint, Ihr lacht über mein Ausſehen,« ſagte der alte Mann ſanftmüthig. „Ja wirklich,« erwiederte Timotheus.„Ich habe in meinem Leben einen ſolchen Mann, wie Ihr ſeid, nicht geſehen, und werde auch wohl einen ähnlichen nie wieder zu Geſicht bekommen.« 3* „Das iſt möglich— und doch würdet Ihr mich wahrſcheinlich nicht wieder erkennen, wenn Ihr mich wieder ſähet.“ »Unter hunderttauſenden,« erwiederte Timotheus, noch immer fort lachend. „Wir werden vielleicht ſehen,« erwiederte der v 35 5 69 Quackſalber, denn das war er, wie der Leſer ſchon vermuthet haben muß;»doch der Wagen hält und der Fuhrmann will füttern. Wollt Ihr eſſen, ſo iſt es jetzt Zeit. Jumbo, ſteh' auf. Philotas, wecke ihn und folge mir.⸗ S Philotas, denn ſo wurde der Narr von ſeinem Herrn genannt, drehete ein wenig Stroh zuſammen, und ſtopfte das Ende des Wiſches Jumbo in den Mund.»Nun wird Jumbo denken, daß er etwas zu eſſen bekommt. Ich wecke ihn immer ſo,“« ſagte der Narr, uns zugrinſend. Wirklich erwachte Jumbo, wie ſich erwarten ließ, rollte ſich auseinander, rieb ſich die Augen, ſtarrte die Decke des Wagens und dann uns an, und kletterte hin⸗ ter dem Narren hinaus. Timotheus und ich folgten. Der Doktor feilſchte in dem Gaſthauſe um ein Stück Brot und Speck; ſein ſonderbares Ausſehen beluſtigte die Leute im Gaſthofe nicht wenig, und bewog ſie, ihm ſein Frühſtück billiger abzulaſſen, als ſie es ſonſt viel⸗ leicht gethan haben würden. Er theilte dem Knaben und dem Narren mit, und ging hinaus. Timotheus und ich begaben uns an den Brunnen, ſtellten eine er⸗ friſchende Wäſche an, und bekamen für einen Schilling ein tüchtiges Frühſtück. Nach einer Stunde kündigte der Fuhrmann uns an, daß er weiter zu fahren ge⸗ denke, allein unſer Doktor war nirgend zu finden. Nach einigem Warten trieb der Fuhrmann ſeine Pferde an, ſchalt ihn einen Betrüger, und gelobte, daß er nie wie⸗ der etwas mit einem„gelehrten Manne« zu thun ha⸗ ben wolle. 5 Timotheus und ich hatten inzwiſchen mit dein Nar⸗ ren und Maſter Jumbo unſere Plätze im Wagen wie⸗ der eingenommen. Wir fingen ein Geſpräch mit dem 70— erſteren au, und erkannten, daß er wirklich, und zwar in einem ſo hohen Grade blödſinnig ſei, daß es peinlich war, mit ihm zu reden. Der Knabe hatte ſich wieder zuſammeügeröllt, um fortzuſchlafen. Ich habe zu ſagen vergeſſen, daß er faſt eben ſo wie der Narr gekleidet war. Faſt eine Stunde lang unterhielt ich mich mit Ti⸗ motheus über das ſonderbare Verſchwinden des Doktors, beſonders da er uns Hoffnung zu einer Anſtellung ge⸗ macht hatte, obgleich wir noch ganz unentſchloſſen wa⸗ reu, was wir thun ſollten, wenn er uns eine ſolche an⸗ böte. Plötzlich unterbrach uns der Ruf:—»Heda, guter Freund, willſt Du Jemand für einen Schilling bis Reading mitnehmen?« »Ei ja, ſteigt'nauf, und ſeid willkommen,⸗ erwie⸗ derte der Fuhrmann. Der neue Paſſagier war in zwei Augenblicken im Wagen, ohne daß derſelbe angehalten hätte. Er trug einen reinlichen, vorn künſtlich genäheten weißen Kittel, lederne Gamaſchen und ſtayke Schuhe; in der Hand hatte er ein Bündel und einen Stock. Er lächelte, indem er die Geſellſchaft im Wagen betrachtete, und zeigte ein paar ſchöne Reihen Zähne. Sein Geſicht war dunkelfarbig und ſonnenverbrannt, aber ſehr ſchön; ſeine kohlſchwarzen Augen glänzten wie Gas.»He, ſeid Komödianten— nicht wahr?« ſagte er, als er ſich ſetzte, zu den Begleitern des Doktors gewendet und uns anlachend.»Kommt Ihr Herren weit her?« fuhr er fort.. „»Von London,« war die Antwort. „Wie ſtehen die Feldfrüchte da hinauf, denn hier unten ſcheinen die Rüben mißrathen zu ſein? Sie ver⸗ tragen keine trockene Sommer.⸗ 3 71 Ich erwiederte, daß ich darüber keine Kunde geben könne, da wir bei Nacht gereiſ't wären. »Ganz recht— ich dachte nicht darag,« verſetzte er.»Aber die Gerſte ſteht gut; doch⸗Ihr verſteht vielleicht nichts von der Landwirthſchaft.« Ich verneinte, und wir ſehten die Unterhaltung zwei bis drei Stunden fort. Im Laufe derſelben er⸗ wähnte ich des Quackſalbers und ſeines auffallenden Verſchwindens. »Das iſt der Kerl, der ſo viele Kranke in H— kurirte,« erwiederte er, und erzählte uns darauf viel von dem Treiben und der Lebensweiſe des Pſeudo⸗Dok⸗ tors, die äußerſt luſtig ſein mußte, wie Timotheus und ich zu geſtehen nicht umhin konnten.»Wir werden ſicher wieder mit ihm zuſammentreffen,« ſagte der Un⸗ bekannte.»Wuͤrdet Ihr ihn wohl wieder kennen 2 „» Das ſollte ich meinen,« erwiederte Timotheus lachend. »Dann meint Ihr auch wohl, Ihr würdet eine Guinee von einem Halbpenny unterſcheiden können, wenn ich ſie Euch in die Hände gäbe,« fuhr unſer Reiſegefährte fort.»Ich biete Euch keine Wette an, weil mich nicht danach gelüſtet, Euch Euer Geld ab⸗ zugewinnen; aber ich ſage Euch, ich will Euch eine Guinee oder einen Halbpenny in die Hände geben, und wenn Ihr ſie eine Minute darin behalten und Eure Augen ſo lange zudrücken wollt, ſo ſollt Ihr mir nicht ſagen können was Ihr in der Hand habt.« »Verlaßt Euch darauf, ich werde es doch wiſſen,« entgegnete Timotheus, und ich gab dieſelbe Verſiche⸗ rung. »Je nun, ich wurde dabei angeführt, wettete, und verlor zehn Schillinge.« Er nahm Geld aus der Taſche, ohne es zu beſehen, gab Jedem von uns ein Stück in die Hände, und drückte ſie zu.»Und nun,« ſagte er,„ſchließt Eure Augen auf eine Minute.« .„»Wir thaten es, und hörten gleich darauf eine Stimme, welche wir augenblicklich erkannten.»Das war nicht Recht von Euch, davonzufahren und mich ſitzen zu laſſen, nachdem ich Euch zu bezahlen verſpro⸗ chen, was Ihr fordertet. In meinen Jahren wird man müde beim Fußgehen.»»Excipiendae tamen quaedam sunt urbium,«« wie Philoſtratus bezeugt, das will ſagen: Daß alte Glieder ihre Kraft verlieren, und den Beiſtand einer Krücke ſuchen.« „Da iſt der Doktor,« rief Timotheus mit noch im⸗ mer geſchloſſenen Augen aus. „»Nun öffnet Eure Augen,« ſagte der Unbekannte, » und ſagt mir, ehe Ihr die Hände öffnet, was Ihr darin habt.⸗ „»Einen Halbpenny,“« ſagte Timotheus. „Eine Guinee,« ſagte ich. 3 Wir öffneten unſre Hände, und ſie waren leer. „Wo iſt ſie zum Teufel?« rief ich, Timotheus an⸗ ſehend, aus. „» Und wo zum Teufel iſt der Doktor?« ſagte Tim, forſchende Blicke rund umherwerfend. „Das Geld iſt in des Doktors Taſche,« erwiederte der Unbekannte lächelnd. „»Aber wo iſt des Doktors Taſche?«— »Hier!« ſagte er, an ſeine Taſche ſchlagend, und uns bedeutſam anſehend.»Ich dachte, Ihr würdet ihn beſtimmt wiederkennen? Es war eben ſo be⸗ ſtimmt, als Ihr mir geſagt habt, was Ihr in den . Händen hattet.⸗ 9 73 Zu unſerm Erſtaunen ahmte er darauf die Stimme des Doktors nach, und citirte Proſodie, Syntar und Latein. Wir hatten uns von unſerm Erſtaunen noch nicht wieder erholt, als er fortfuhr:— „»Hätte ich nicht die Entdeckung gemacht, daß es Euch an Beſchäftigung fehlt, und daß Eure Dienſte mir von Nutzen ſein können, ſo würde ich mich Euch auf dieſe Weiſe nicht offenbart haben. Glaubt Ihr genng zu wiſſen, um bei mir in Dienſt treten zu kön⸗ nen? Ihr bekommt leichte Arbeit und gute Bezahlung: nun mögt Ihr entſcheiden.⸗ »Ich hoffe,« ſagte ich,»daß uns nichts Unehren⸗ haftes angeſonnen wird.«⸗ „»Gewiß nicht, wenn Ihr ſo bedenklich ſeid; Eure Bedenklichkeiten werden aher ſchon ſchwinden. Ich bringe meine Waare ſo hoch aus als ich kann— jeder Kaufmann thut daſſelbe. Ich mache mir die Thorheit der Menſchen zu Nutz— ſie iſt es, von welcher der Weiſe lebt.« Timotheus ſtieß mich an, und nickte mir zu, daß ich einwilligen möchte. Ich beſann mich ein paar Au⸗ genblicke und hielt endlich dem Doktor die Hand hin. »Ich willige ein,« erwiederte ich,» doch mit dem er⸗ wähnten Vorbehalt.⸗ »Ihr werdet es nicht bereuen,« ſagte er;»und ich nehme auch Euren Gefährten an, nicht gerade weil ich ihn brauche, ſondern weil ich Eurer bedarf. Ich bin nämlich eines jungen Menſchen benöthigt, der feinen Anſtand und ein hübſches Aeußere hat, und damit die Kenntniſſe, die Ihr beſitzt, verbindet. Für jetzt wolle wir nicht weiter darüber reden. Beiläufig, ſprecht Ihr richtiges Latein?« „ Nein,“« erwiederte ich lachend;»Ihr citirtet aus der Grammatik, und meine Antworten beſtanden aus Recept⸗Redensarten. Das eine war ſo gut als das andere.. »Vollkommen ſo gut— oder vielmehr noch beſſer; denn die Schuljungen können mir auf die Schliche kom⸗ men, nicht aber Euch. Doch nun gebt Acht; am nächſten Kreuzweg müſſen wir ausſteigen— zum we⸗ nigſten glaube ich es; doch es wird ſich in ein paar Minuten zeigen.⸗ Gleich darauf ſchaute ein dunkelfarbiger, wie ein Zigeuner ausſehender Mann in den Wagen, und redete den Doktor in einer uns unbekannten Sprache an, in welcher derſelbe auch antwortete, worauf der Mann verſchwand. Wir ſetzten unſere Fahrt ungefaͤhr noch eine Viertelſtunde fort, und ſtiegen dann aus. Er hieß uns, ihm nachzufolgen, ſprach ein paar Worte, die ich nicht hörte, zu dem Narren, und ließ ihn und den Knaben im Wagen zurück. Wir bezahlten den Fuhr⸗ mann, nahmen unſere Buͤndel zu uns, und waren dem Doktor einige Minuten gefolgt, als er ſtillſtand und ſagte:—»Ich muß Euch jetzt verlaſſen, um Vorberei⸗ tungen zu Eurer Aufnahme in unſere Bruderſchaft zu treffen; haltet Euch immer auf dieſer Straße, bis Ihr zu einem Kalkofen gelangt, und erwartet mich dort.⸗ Er ſchlug einen Weg ein, der mit dem, auf wel⸗ chem wir uns befanden, einen Winkel bildete, und ver⸗ ſchwand hinter einer Hecke. 4 „»Auf mein Wort, Tim,« ſagte ich, vich weiß doch nicht, was ich dazu ſagen ſoll. Sollten wir es auch recht gemacht haben, daß wir uns dieſem Manne an⸗ vertraut, der, wie ich fuͤrchte, ein großer Schelm iſt? Ich verſpüre gar keine beſondere Neigung, mich dem 73 Zigeuner⸗Volk zuzugeſellen, denn dazu gehört er, das ſollſt Du ſehen.« » Ich ſehe wirklich nicht ein, was wir beſſeres thun köunnten,« erwiederte Timotheus.»Die ganze Welt ſteht uns offen, und wir müſſen uns durchſchlagen. Was das betrifft, daß er ein Quackſalber iſt, ſo ſehe ich kein großes Unglück dabei. Die Leute ſetzen nun einmal mehr Vertrauen in Marktſchreier als in ordentliche Aerzte; und es iſt wohl bekannt, daß die Arkana der Erſteren, aus demſelben Grunde, eben ſo oft helfen, als die Mixturen der Letzteren.« „»Sehr wahr, Timotheus, wenn das Gemüth er⸗ leichtert iſt, ſo beſſert es ſich auch bald mit der leibli⸗ chen Geſundheit; aber glaubſt Du, daß er die Leute nur auf dieſe Weiſe betrügt?« 3 „»Was weiß ich es? Jedenfalls brauchen wir nichts weiter zu thun, denke ich.« »Deſſen bin ich noch nicht ganz gewiß; doch wir werden ſehen. Er ſagt, wir könnten ihm nützlich ſein, und ich glaube es, denn er würde uns ſonſt keine An⸗ ſtellung gegeben haben— es wird ſich bald zeigen.⸗ Zehntes Kapitel. In welchem der Leſer mit mehreren neuen Perſonen und allen ihren Verhäͤltniſſen, Geburt und Herkunft ausgenommen, die einzigen Dinge, die in dieſem ganzen Werke zu man⸗ geln ſcheinen, bekannt gemacht wird. Wir waren inzwiſchen bei dem Kalkofen ange⸗ langt, wo wir zu warten, angewieſen waren, ſetzten 26— uns auf unſere Bündel, und hatten etwa fünf Minu⸗ ten geplaudert, als unſer Doktor erſchien. Er trug etwas in ein Taſchentuch Gebundenes in der Hand. »Es wird am beſten ſein, daß Ihr Eure Röcke in Eure Bündel packt, und dieſe Kittel anzieht,« ſagte er. »Ihr werdet eine beſſere Aufnahme finden, denn es iſt eben eine große Verſammlung, und es ſind wun⸗ derliche Gäͤſte darunter. Ihr habt indeſſen nichts zu fürchten; ſeid Ihr erſt bei meiner Frau und mir, ſo ſeid Ihr vollkommen ſicher; ihr kleiner Finger würde Euch gegen fünf Hunderte Schutz verleihen.« „Eure Frau! wer iſt ſie denn?« fragte ich, indem ich den Kittel überwarf. „Sie iſt eine bedeutende Perſon unter den Zigen⸗ nern. Sie leitet ihre Abkunft von einem der Hänpter ihres Stammes ab, und Niemand wagt es, ihr den Gehorſam zu verweigern.« » Und Ihr— ſeid Ihr auch ein Zigeuner?« »Ja und nein. Durch Geburt bin ich es nicht, jedoch durch meine Wahl und eheliche Verbindung zu⸗ gelaſſen. Ich bin nicht hinter einer Hecke geboren, das kann ich Euch verſichern, obgleich ich nicht ſelten eine Nacht hinter einer ſolchen zubringe, das heißt, wenn ich zu Hauſe bin. Aber denkt nicht, daß Ihr lange hier bleiben ſollt; wir werden die Bande in wenigen Tagen verlaſſen, und ſehen ſie wohl in mehreren Mo⸗ naten nicht wieder, nur daß wir vielleicht von Zeit zu Zeit mit den Meinigen zuſammentreffen. Es war nicht meine Abſicht, daß Ihr ein Zigeuner⸗Leben mit mir führen ſolltet— nein, nein, wir müſſen thätig ſein und uns rühren. Jetzt ſind wir ihnen ganz nahe. Schweigt, während Ihr an den Hütten vorübergeht, —— —— —— 77 bis Ihr in die meinige eingetreten ſeid, dann könnt Ihr plandern ſo viel Euch beliebt.« Wir wendeten uns ſeitwärts, gingen durch eine Oeffnung der Hecke, und befanden uns auf einem klei⸗ nen ablegenen Anger, auf welchem zwanzig bis dreißig niedrige Zigeuner⸗Hütten aufgeſchlagen waren. Es wa⸗ ren Feuer angazündet, an welchen gekocht wurde. Wir gingen an neun oder zehn vorüber, und beobachteten nach der Anweiſung unſers Führers Stillſchweigen. Endlich hielten wir an, und ſahen uns neben dem Nar⸗ ren, der, wie wir, einen Kittel übergeworfen hatte, und neben Jumbo, der ſehr eifrig beſchäftigt war, das Waſ⸗ ſer zum Sieden zu bringen, denn er blies in das Feuer unter dem Keſſel, daß er ſchwarz im Geſichte wurde. Mehrere von den Männern gingen an uns vorüber, und lugten nach uns mit forſchenden und nicht ſehr freundlichen Mienen. Wir waren nicht betrübt, unſern Führer wiederzuſehen, der in die Hütte gegangen war, und mit einer Frau zurückkehrte, mit welcher er in der Zigeuner⸗Sprache redete.» Nattih heißt Euch willkommen,“ ſagte er, als ſie vor uns ſtanden. In meinem ganzen Leben werde ich die Erinnerung meines erſten Erblickens Nattih's und die Wirkung nicht vergeſſen, die es bei mir hervorbrachte. Sie war groß, zu groß, doch hatte ihre Geſtalt das vollkom⸗ menſte Ebenmaaß. Ihr Geſicht war hell olivenfarbig und eirund; ihre Augen waren vom dunkelſten Schwarz, ihre Naſe geradlinigt und ſchön geformt, ihr Mund klein, ihre Lippen dünn und ein wenig ſpöttiſch aufge⸗ worfen, die Zähne wie Perlen weiß. Ich habe nie eine Fran von ſo gebietender Haltung geſehn. Ihre Füße waren nackt, aber gleich ihren Händen ſehr klein. An den Fingern trug ſie viele Ringe von ſonderbarer alt⸗ 78 modiger Faſſung, und vor ihrer Stirn, wo das Haar geſcheitelt war, hing ein Goldſtück. Sie ſah uns an, berührte mit den Fingerſpitzen ihre hohe Stirn, winkte würdevoll mit der Hand, und ſagte mit ſanfter Stimme: » Ihr ſeid willkommen!« worauf ſie ſich zu ihrem Manne wendete und in der Sprache ihres Stammes mit ihm redete. Sie entfernten ſich in lebhaftem Ge⸗ ſpräch. Nach kurzer Zeit kehrte ſie ohne ihren Gatten zu uns zurück, und ſagte mit einer Stimme, deren Töne ſo ſanft als ihre Worte waren:— »Ich habe Euch willkommen geheißen; ſetzt Euch alſo und ſeid die Unſeren— fürchtet nichts, Ihr braucht nichts zu fürchten. Seid getreu, ſo lange Ihr uns dient, und wenn Ihr uns verlaſſen wollt, ſo ſaget es und fordert die Erlaubniß; wenn Ihr jedoch verſucht, Euch ohne unſere Einwilligung zu entfernen, ſo wer⸗ den wir Euch als unſere Feinde betrachten und behan⸗ deln. Dort iſt Eure Wohnſtätte, ſo lange Ihr hier weilt,« fuhr ſie, nach einer andern Hütte hinzeigend, fort.»Es wohnt dort Niemand mit Euch als dieſer Knabe(ſie wies auf Jumbo), der zu Euren Füßen lie⸗ gen kann. Und nun bleibt bei uns als unſere Freunde. Fleta, wo biſt Du?2«. Aus Nattih's Zelte antwortete eine ſanfte Stimme, und bald darauf trat ein kleines Mädchen von etwa elf Jahren heraus. Das Kind zog uns auf das leb⸗ hafteſte an. Es war eine kleine Elfengeſtalt, mit einer Haut ſo weiß wie friſchgefallener Schnee, hellbraunem Haar und großen blauen Augen; ihre Kleidung war dürftig, und zeigte einen großen Theil ihrer Wachs⸗ füße. Sie eilte zu Nattih, kreuzte die Arme über der Bruſt, ſtand ſtill und ſagte demüthig:»Hier bin ich.⸗ 79 „Erkenne dieſe als unſere Freunde, Fleta. Laß von dem faulen Num(ſie meinte Philotas, den Narren), noch Holz holen, und ſieh danach, daß Jumbo das Feuer unterhält.«* Nattih lächelte und verließ uns. Ich bemerkte, daß ſie nach einer Hütte ging, vor welcher vierzig bis funfzig Zigeuner verſammelt, und in eifriger Unterhal⸗ tung begriffen waren. Sie ſetzte ſich zu ihnen, und offenbar wurde ihr große Achtung bewieſen. Jumbo hatte inzwiſchen ein luſtiges Feuer angefacht, und Fleta ließ uns Gemüſe reinigen, das ſie in den ſiedenden Keſſel warf. Num trug Holz herbei, und zuletzt war nichts mehr zu thun. Fleta ſetzte ſich zu uns, entfernte ihr langes Haar, das ihr über die Augen herabgefallen war, und ſchauete uns Beiden in das Geſicht. » Wer gab Dir den Namen Fleta?« „Sie gaben mir ihn,« erwiederte ſie. „ Und wer ſind ſie?« „Nattih, und Melchior, ihr Ehemann.⸗ „»Biſt Du denn ihre Tochter nicht?* „»Nein— wenigſtens glaube ich es nicht.«⸗ Sie hielt plötzlich inne, als wenn ſie ſich bewußt wurde, zu viel geſagt zu haben, warf ihre Blicke auf die Erde, und kreuzte ihre Arme, ſo daß ihre Hände auf den Schultern ruheten. »Sie iſt geſtohlen, verlaß Dich darauf,« Aſterte Timotheus mir zu. „Still,« ſagte ich. Fleta hatte ſeine Worte gehört, ſah in an, legte einen Finger auf den Mund, und blickte nach Num und Jumbo. Ich empfand die lebhafteſte Theilnahme für das Maͤdchen, noch ehe ich mich eine Stunde in ihrer Geſellſchaft befunden; ſie war ſo zart und hold, 80 und in ihrem Antlitz lag etwas unbeſchreiblich Schmerz⸗ liches. Man ſah ihr offenbar den Zwang an, doch ſchien ſie keine Furcht zu empfinden. Nattih war ſehr freundlich gegen ſie, und ſie ſchien gegen Nattih nicht zurückhaltender als gegen Andere zu ſein; ihr ſchmerz⸗ licher ſinniger Blick hing vielleicht mit ihrer Gefühls⸗ weiſe zuſammen. Erſt lauge nach unſerer erſten Be⸗ kanntſchaft ſah ich ſie einmal lächeln. Nicht lange nach unſerer kleinen Unterredung kehrte Nattih, einherſchreitend mit aller Anmuth und Würde einer Königin, zurück. Ihr Gatte, oder Melchior, wie ich ihn von jetzt an nennen werde, geſellte ſich gleich⸗ falls bald zu uns, und wir ſetzten uns zu einem treffli⸗ chen Mahle nieder. Es beſtand aus faſt allem Mög⸗ lichen; bald war ich mit der Keule eines Vogels, bald mit einem Kaninchen⸗Schenkel beſchäftigt— dann wie⸗ der hatte ich ein Stück Hammel⸗ oder anderes Fleiſch, das ich kaum zu unterſcheiden wußte. Dazu kamen alle Arten von Gemüſe, unter welchen die Kartoffeln vorherrſchten, wodurch ein Gericht gebildet wurde, das den Beifall des größeſten Feinſchmeckers erhalten haben würde. Am Abend hatte ich mit Melchior eine lange Unterredung, und um die Leſer nicht zu ermüden, will ich gleich Alles zuſammenſtellen, was ich ſowohl zu jener Zeit als in der Folge von ihm und Anderen über die Leute vernahm, in deren Geſellſchaft wir uns jetzt be⸗ fanden. Melchior wollte nicht ſagen, wer und was er ge⸗ weſen war, ehe er ſich den Zigeunern zugeſellt. Er ließ mich nur vermuthen, daß er nicht von niedriger Ab⸗ kunft ſei, und in ſeinen jüngeren Jahren aus Liebe zu Nattih oder irgend einem andern Grunde die Seinigen verlaſſen habe. Er hatte ſeit vielen Jahren unter den — 81 Zigeunern gelebt, und obgleich er, als ein in die Ge⸗ noſſenſchaft Aufgenommener, und nicht darin Geborener, hinſichtlich des Ranges und der Achtung nicht ſo hoch ſtand als ſeine Frau, ſo herrſchte er doch in Folge ſei⸗ ner Verbindung mit Nattih und ſeiner perſönlichen Fähigkeiten und Geſchicklichkeiten faſt eben ſo unbe⸗ dingt, als ſie ſelbſt. Melchior und Nattih wurden für die reichſten im ganzen Stamme gehalten, und waren zugleich die Frei⸗ gebigſten. Melchior gewann Geld als Quackſalber, als Taſchenſpieler, in welcher Kunſt er ſehr erfahren war, und endlich als Wahrſager oder weiſer Mann, wie die gemeinen Leute ſich ausdrücken. Nattih, wie ſchon geſagt, war von ſehr hohem Range. Als ſie Melchior zum Manne nahm, verlor ſie einen großen Theil ihres Einfluſſes, denn die Ver⸗ bindung wurde als eine Mißheirath angeſehen; doch ſie war damals ſehr jung, und mußte ſehr ſchön gewe⸗ ſen ſein. Melchior's Talente und ihre eigene Geiſtes⸗ kraft bewirkten jedoch bald, daß ſie ihren Einfluß und ihre Achtung unter dem Stamme nicht bloß wieder gewann, ſondern noch erhöhete, und zwar, bei den Mitteln, welche ſie beſaß, in einem unglaublichen Grade. Melchior hatte keine Kinder von ihr, und nach dem, was ich aus den wenigen Aeußerungen, die ich von Nattih darüber hörte, ſchließen konnte, wünſchte ſie auch keine zu haben, da ſie nicht als reinblütig be⸗ trachtet werden würden. Die Nattih folgende Abthei⸗ lung der Zigeuner beſtand aus ungefähr vierzig Perſo⸗ nen, Männern, Frauen und Kindern. Sie führte das Regiment während der Abweſenheit ihres Gatten, der abwechſelnd je nach ſeinen Zwecken in ſeinen verſchiede⸗ Japhet. I. 6 nen Rollen auftrat. In welcher Stadt ſich aber Mel⸗ chior auch aufhalten mochte, die Zigeuner waren ſtets in der Nähe, und blieben mit ihm in Verbindung. Ich wagte es, Melchior einige Fragen in Betreff Fleta's vorzulegen, und er ſagte mir, daß ſie das Kind einer Soldatenfrau ſei, die gleich nach ihrer Entbin⸗ dung geſtorben wäre. Sie ſei auf der Reiſe zu ihrem Gatten geweſen, Nattih und die anderen Zigeuner hät⸗ ten ihr nach Kräften Beiſtand geleiſtet, auch für ihre Beerdigung geſorgt, und das Kind wäre im Lager er⸗ zogen. Das kleine Maͤdchen wurde bald ſehr vertrant mit mir. Ich befragte ſie über ihre Herkunft, und theilte ihr mit, was Melchior mir darüber geſagt hatte. Sie wollte lange Zeit nicht daranf eingehen; das arme Kind hatte ſchon in ſeinem zarten Alter Vorſicht ge⸗ lernt; doch nachdem unſere Vertraulichkeit noch inniger geworden, ſagte ſie, daß das, was Melchior vorgege⸗ ben, unwahr ſei. Sie konnte ſich ſehr wohl erinnern, in einem großen Hauſe und unter glänzenden Umge⸗ bungen gelebt zu haben; allein es war ihr Alles wie ein Traum. Sie entſann ſich zweier kleiner weißer Pferde— einer Dame, welche ihre Mama geweſen— und eines Maulbeerbaums, an welchem ſie ihr Kleid beſchmutzt hatte; bisweilen entſann ſie ſich auch noch anderer Umſtände, die ihrem Gedächtniß dann wieder enkſchlüpften. Es ging hieraus klar hervor, daß ſie geſtohlen, und wahrſcheinlich von guter Herkunft war; und in der That, wenn eine ſolche durch Zartheit und Ebenmaaß der Geſtalt und Bildung bewieſen werden konnte, ſo offenbarte ſie ſich nie deutlicher, als bei die⸗ ſem anziehenden Kinde. Durch ihren Aufenthalt unter den Zigennern, und die Eigenthümlichkeit ihrer Lebens⸗ weiſe hatte ihr Geiſt eine für ihre Jahre erſtaunliche Reife erlangt, aber freilich fehlte ihr alle Erziehung, abgeſehen von dem Unterricht, der ihr von Melchior ertheilt wurde, deſſen ſtete Begleiterin ſie war, wenn er als Taſchenſpieler auftrat. Sie tanzte dann auf dem Seile, und zeigte ſich in Balancir⸗ und ähnlichen Künſten. Legte Melchior andere Verkleidungen an, ſo blieb ſie bei Nattih im Lager. Von Num, oder Philotas, wie Melchior ihn zu nennen beliebte, habe ich bereits geſprochen. Er war ein Blödſinniger. Melchior hatte ihn auf einem ſeiner Streifzüge»aufgeleſen,« und ich erſah in der Folge, daß Melchior's Angaben über ihn richtig waren; daß nämlich, wenn Num auftrat und auf der Bühne als Narr befragt wurde, ſeine natürliche Narrheit und ſeine blödſinnigen Mienen von den Zuſchauern, als künſtlich nachgeahmt, höchlich bewundert wurden. Sogar in den Schenk⸗ und Gaſthäuſern, in welchen wir einkehrten, glaubte Jeder, daß ſeine ganze Dummheit nur verſtellt ſei, und hielt ihn für einen ſehr geſcheidten Menſchen. Nie hat es vielleicht ein weinerlicheres Geſicht als das dieſes armen Burſchen gegeben, und es war gleichfalls eine Quelle der Beluſtigung für Andere, denn es wurde nicht minder als angenommene Maske betrachtet. Ste⸗ phan Kemble ſpielte den Fallſtaff, ohne ſich auszuſtop⸗ fen— Num ſpielte den Narren ohne alle Vorbereitung oder Anſtrengung. Auch Jumbo war„aufgeleſen,« jedoch nicht von Melchior, welcher behauptete, daß er ihn gern Jedem abtreten würde, der ihn haben wollte. Er ſchlug mit dem Narren auf der Bühne Burzelbäume, und aß Pudding mit ihm zur Beluſtigung der Zuſchauer— der einzige Theil ſeiner Kunſtübung, der Jumbo's Ge⸗ — 4 6* 84. ſchmack entſprach, denn er war ein entſetzlicher kleiner Freſſer, und ließ nie eine Gelegenheit zum Eſſen oder Schlafen vorübergehen. und nun, nachdem ich unſere ſämmtlichen neuen Gefährten geſchildert habe, muß ich erzählen, was ſich am Tage nach unſerer Ankunft im Lager zwiſchen Mel⸗ chior und mir zutrug. Er ging zuerſt ſeine verſchiedenen Künſte oder Ge⸗ werbe durch, und machte mir bemerklich, daß er als Gaukler eines Verbündeten bedürfe, in welcher Eigen⸗ ſchaft ich ihm ſehr nützlich ſein könnte, da er mich bald in allen ſeinen Kunſtſtücken unterrichten würde. Als Quackſalber war er Tim's wie meiner Dienſte benö⸗ thigt, ſowohl bei der Zubereitung der Pillen, Mirtu⸗ ren u. ſ. w., als auch bei dem Beſtreben, dem Publi⸗ kum eine hohe Meinung von ſeiner Geſchicklichkeit bei⸗ zubringen. Auch als Wahrſager ſollte ich ihm beträcht⸗ liche Dienſte leiſten, worüber er ſpäter mehr mit mir reden würde. Kurz, er bedurfte eines Menſchen von Bildung und gutem Aeußern, auf den er ſich in jeder Beziehung verlaſſen könnte. Tim, wenn er wollte, ſollte ſich auf mehrfache Weiſe nützlich machen. So zum Beiſpiel wünſchte Melchior, daß er den Narren ſpielen und Burzelbäume ſchlagen lerne, auch ſich ein⸗ übe, wenn es bisweilen erforderlich wäre, pfiffige oder witzige Antworten zu geben. Ich willigte ein, die mir zugedachte Rolle zu über⸗ nehmen, und beſprach mich mit Timotheus, der ſogleich verhieß, auch in der ſeinigen ſein Möglichſtes thun zu wollen. Auf dieſe Weiſe war Alles raſch geordnet, und Melchior bemerkte, daß er in Betreff deſſen, was er uns geben wolle, nichts geſagt habe, da wir finden wür⸗ den, daß wir uns weit beſſer dabei ſtänden, ihm zu vertrauen, als wenn wir uns einen beſtimmten Lohn ausbedingen wollten. Elftes Kapitel. Was auch die Meinung des Leſers ſein mag, er kann nicht behaupten, daß wir keine Hexenmeiſter waren.— Wir paſſen unſere Wagren unſeren Kunden an, und unſer Nutzen iſt beträchtlich. Wir hatten drei Tage im Lager verweilt, als daſ⸗ ſelbe abgebrochen wurde, und jeder Haufen ſeinen eige⸗ nen Weg einſchlug. Was die eigentliche Veranlaſſung zu der Verſammlung geweſen war, konnte ich nicht herausbringen; ſie verabredeten, in welchen Grafſchaften die einzelnen Abtheilungen während des folgenden Jah⸗ res ſich aufhalten ſollten, ſowohl um mit einander in Verbindung bleiben zu können, als auch, um nicht zu nahe zuſammen zu treffen: allein es wurden außerdem noch viele andere Punkte erörtert, wovon ich als ein Fremder keine Kenntniß erhielt. Melchior beantwor⸗ tete alle meine Fragen mit anſcheinender Aufrichtigkeit, allein die Verſtellung war ihm ſo zur andern Natur ge⸗ worden, daß es unmöglich war, aus ſeinen Mienen zu errathen, ob er die Wahrheit redete, oder nicht. Als die Verſammlung ſich zerſtreuete, brachen auch wir auf, und begaben uns etwa zwei Meilen von dem Anger, an den Saum eines Eichen⸗ und Eſchen⸗Wal⸗ 86 des. Unſere Nahrung beſtand hauptſächlich aus Wild⸗ prett, denn wir hatten einige treffliche Schützen unter uns, denen auch alle Fiſche der Umgegend zu Gebote zu ſtehen ſchienen. Es war kein Teich oder Weiher, ſie wußten ſogleich zu ſagen, ob er beſetzt ſei, und wenn es der Fall war, ſo ſchwammen nach einer halben Stunde ſämmtliche Fiſche, angeködert durch eine Art betäubender Beeren, oben auf. Von Zeit zu Zeit fan⸗ den ſich auch andere Speiſen im Keſſel; mit einem Worte, es war unmöglich, beſſer zu leben als wir, und dabei weniger Geld auszugeben. Unſere Zelte wurden gewöhnlich nicht weit von ei⸗ nem ſtehenden Waſſer aufgeſchlagen. Um die unange⸗ nehmen Nachſuchungen vergeblich zu machen, die bis⸗ weilen vorgenommen wurden, verſenkten ſie alle Gegen⸗ ſtände, deren Entdeckung unerwünſcht, ſo lange im Waſſer, bis ſie zum Kochen erfordert würden; was ein⸗ mal im Topfe war, wurde für ſicher gehalten. Doch Timotheus und ich hatten mit dem Fouragiren nichts zu thun, wir aßen mit, ohne zu fragen, woher die Speiſen kamen. 3 Ich brachte den größeſten Theil der Zeit bei Mel⸗ chior zu, der mich in alle Taſchenſpielerkünſte und Kar⸗ ten⸗Kunſtſtücke einweihete, und mich mit ſeinem ganzen Apparat bekannt machte. Viele Stunden laͤng war ich damit beſchäftigt, unter ſeiner Anleitung die Volte ſchlagen zu lernen, da das Gelingen faſt aller Karten⸗ Kunſtſtücke von der Geſchicklichkeit abhängt, die man ſich darin erworben hat. Nach etwa vier Wochen hatte ich es ſchon weit gebracht, und Timotheus ſeine gymnaſtiſchen Künſte geübt, in welchen er eine ziemliche Meiſterſchaft erreichte. Da er leicht und beweglich ——ää war, wurde er bald ein ſehr geſchickter Künſtler, und — kollnte vorwärts und rückwärts Burzelbäume in der Luft ſchlagen, auf den Händen gehen, Feuer eſſen, viele Ellen Band aus dem Munde ziehen, und mit funfzig anderen Stücken eine gaffende Menge beluſtigen. Auch Jumbo wurde täglich geübt, u bekam nie zu eſſen, ehe er nicht Melchior befriedigt hatte. Selbſt die kleine Fleta mußte bisweilen ſich üben, da wir uns zu einer Kunſtreiſe vorbereiteten. Melchior, der ein großes Auf⸗ ſehen erregen zu wollen ſchien, verließ uns auf drei Tage, und kehrte nicht bloß mit Kleidern für Timo⸗ theus und mich, ſondern auch mit neuen Anzügen für die Uebrigen zurück. Kurz darauf ſagten wir Nattih und den übrigen Zigeunern Lebewohl, und brachen auf— nämlich Mel⸗ chior, ich, Tim, Fleta, Num und Jumbo. Spät am Abend langten wir in der kleigen Stadt C— an, und kehrten in einem Gaſthauſe ein, mit deſſen Inhaber Melchior bereits eine Uebereinkunft getroffen hatte. „»Nun, Timothy,“« ſagte ich, als wir uns zu Bett gelegt hatten,»wie gefällt Dir unſer neues Leben, und wmas ſagſt Du zu unſeren Ausſichten?« »Es gefällt mir jedenfalls beſſer, als Mr. Cophagus Anfangsgründe und das Medicin⸗Austragen. Aber wie gefällt es Euer Würden, den Hanswurſt zu ſcbelen mein gelahrter Mr. Japhek?« „» Um Dir die Wahrheit zu ſagen, es mißfällt mir nicht. Es iſt ſo ein ungebundenes Leben, und erweckt ſo ein Gefühl von hol' der Teufel die Sorgen, das mir bis jetzt ſehr angenehm iſt. Wie lange dies dauern wird, kann ich nicht ſagen; aber ich glaube, daß wir ein paar Jahre ſehr glücklich leben werden. Auf jeden Fall werden wir die Welt ſehen, und mehr als eine 88 Kunſt lernen, womit wir im Nothfall uns helfen können.“ »Das iſt wahr; aber Eins druͤckt mich doch, Ja⸗ phet, nämlich, daß es uns ſchwer werden kann, dieſes Volk zu verlaſſen, wenn wir es wünſchen ſollten. Au⸗ ßerdem haſt Du vergeſſen, daß Du Deinen Haupt⸗ zweck aus dem Geſichte verlierſt, die Aufſuchung Dei⸗ nes Vaters.“⸗ 8 „Ich habe in der That nie daran gedacht, ihn un⸗ ter Zigeunern zu finden,“« erwiederte ich;»denn Kinder ſind ein werthvoller Artikel für ſie. Sie ſtehlen ſie eher, als daß ſie ſie in das Findelhaus bringen ſollten. Aber warum ſollte nicht eben ſo viel Wahrſcheinlichkeit ſein, daß ich, bei unſerer jetzigen Lebensweiſe, meinen Vater finde, als wenn ich irgend ein anderes Geſchäft triebe. Ich habe oft gedacht, daß wir als Wahrſager zur Kenntniß mancher ſonderbaren Geheimniſſe gelan⸗ gen können; doch wir werden ſehen. Melchior ſagt, daß er als weiſer Mann aufzutreten gedenke, ſobald er in ſeiner jetzigen Rolle einen guten Verdienſt gehabt hat.« „Was glaubſt Du jetzt von Melchior, nachdem wirr nun ſo lange bei ihm geweſen ſind?« „Ich glaube, daß er nicht die ſtrengſten Grundſätze, aber doch viele gute Eigenſchaften hat. Er ſcheint ſeine Luſt am Betruge zu finden, und der ganzen Welt den Krieg erklärt zu haben. Deßungeachtet iſt er edelſin⸗ nig, und bis zu einem gewiſſen Grade ehrlich; er iſt gutmüthig, und, wie es ſcheint, ein fehr guter Ehe⸗ mann. Es iſt etwas in ihm, das ihn bisweilen nieder⸗ drückt, oft mitten in ſeiner ausgelaſſenſten Fröhlich⸗ beit. Es überkommt ihn, wie eine ſchwarze Wolke plötz⸗ lich am ſonnigen Himmel aufſteigt, und dann iſt er auf 89 einige Minuten in der düſterſten Stimmung. Ich glaube nicht, daß er jetzt irgend ein bedeutendes Ver⸗ brechen begehen würde, vermuthe aber, daß er etwas verübt hat, worüber er noch fortwährend Gewiſſens⸗ biſſe empfindet.« »Du weißt Menſchen gut zu beurtheilen, Japhet. Aber was für ein liebes Kind die Fleta iſt! Sie kann mit Dir ausrufen:»Wer iſt mein Vater?« „Ja, wir ſind Beide in derſelben Lage, und ich glaube, das iſt es, was meine Zuneigung zu ihr ſo ſehr erhöhet hat. Wir ſind Unglücks⸗Geſchwiſter, und ſie wird mir immer eine Schweſter ſein, wenn es der Wille des Himmels iſt. Doch wir müſſen morgen früh auf⸗ ſtehen, Tim; alſo gute Nacht.« »Ja, morgen heißt es Kunſtſtücke machen— Feuer eſſen— hem— und ſo fort, wie Mr. Cophagus ſagen würde, alſo gute Nacht, Japhet.“« Am andern Morgen legten wir unſere neuen Klei⸗ der an. Die meinigen beſtanden in ſeidenen Strüm⸗ pfen, Schuhen, weißen Kaſimir⸗Knie⸗Hoſen, einer blauen, ſeidenen, reich mit Flittergold beſetzten Weſte, und einer dazu paſſenden kurzen Jacke von blauem Sammet, einem Leibgürtel und einem Federhut. Ti⸗ motheus verſicherte, ich ſähe allerliebſt aus, und da jeder Spiegel daſſelbe ſagte, ſo ſchenkte ich ihm Glau⸗ ben. Tim's Anzug beſtand in weiten, türkiſchen Hoſen, und einer rothen Jacke mit Schnüren. Die Anzüge der Anderen waren den unſrigen ſehr ähnlich. Fleta trug weite, türkiſche Atlas⸗Hoſen, ein blaues Muſſelin⸗Kleid mit Silber geſtickt, geſtickte Sandalen, und das Haar in langen Flechten; ſie ſah wie eine kleine Sylphe aus. Melchiors Anzug ſtimmte vollkommen mit dem meini⸗ gen überein, und ſelten war eine achtbarere Geſellſchaft 90 geſehen. Es waren einige Muſikanten gemiethet, und in der ganzen Stadt Ankündigungen vertheilt, aus wel⸗ ſchen zu erſehen war, daß»Signor Eugenio Velotti mit ſeiner Geſellſchaft die Ehre haben würde, vor dem Adel und den Honoratioren aufzutreten.“« Der Zettel enthielt die Speiſen, die den Zuſchauern vorgeſetzt wer⸗ den ſollten, die Preiſe der Plätze und die nöthige Zeitbeſtimmung. Die Vorſtellung ſollte in einem ſehr großen, zu dem Gaſthofe gehörigen Raume Statt fin⸗ den, der vor dem Verfall der Stadt zu einem Ver⸗ ſammlungsſaale gedient hatte. Außerhalb war eine Buͤhne erbaut, auf welche die Muſikanten poſtirt wur⸗ den, und wo wir uns Alle von Zeit zu Zeit in unſeren glänzenden Anzügen zeigten, um das Volk in Staunen zu ſetzen und anzuziehen. Wir ſtolzirten hin und wie⸗ der, die kleine Fleta ausgenommen, die zu verſchämt zu ſein ſchien, um es nicht äußerſt widrig zu finden, ſich den Blicken ſo Vieler zu zeigen. Als die Muſik ſchwieg, begann ein lebhaftes Geſpräch zwiſchen Mel⸗ chior und mir, und Philotas und Timothy, als den beiden Narren; und Melchior erklärte, nach beendigter Vorſtellung, daß wir uns bewundernswürdig benom⸗ men. „Mr. Philotas, ſeid ſo gut, mir zu ſagen, wie viele Leute Eurer Meinung nach hier anweſend ſind?« re⸗ dete Melchior Num in gebieteriſchem Tone an. »Ich weiß es nicht,« erwiederte Num, mit ſeinem weinerlichen, dummen Geſichte aufblickend. Es erſchallte lautes Gelächter über Num's einfäl⸗ tige Antwort. „Der Menſch iſt ein Narr!“ ſagte Melchior, zu den gaffenden Zuſchauern gewendet. »Heda, wenn er es nicht ſagen kann, ſo könnt Ihr es vielleicht, Mr. Dionyſius,« fuhr er, Tim anredend, fort. »Wie viel, Sir? Wollt Ihr es genau und auf der Stelle wiſſen?«. „Ja, Sir, augenblicklich.« »Ohne zu zählen, Sir?« »Ja, Sir, ohne zu zählen.« „»Nun gut, Sir, ſo will ich es Euch ganz genau ſagen; es ſind ihrer gerade ſo viele, als die Hälfte davon doppelt genommen.“ Abermaliges Gelächter. »Das geht ſo noch nicht, Sir. Wie viele mögen die Hälfte ausmachen?« „ Wie viele die Hälfte ausmachen? wißt Ihr es ſelbſt, Sir?« »Ja, Sir, ohne allen Zweifel.« »Dann iſt es nicht nöthig, daß ich es Euch ſage.⸗ »Ha! ha! ha!l« „»Mag ſein, Sir,« fuhr Melchior, zu Philotas ge⸗ wendet, fort;» vielleicht beliebt es Euch, mir zu ſagen, wie viele Damen und Herren uns heute Abend mit ih⸗ rem Beſuche beehren werden.« »Wie viele, Sir?« .»Ja, Sir, wie viele.« »Wahrhaftig, ich weiß es nicht,⸗ ſagte Num nach einer Pauſe. »Ihr ſeid in der That der größeſte Dummkopf, der mir in meinem Leben vorgekommen iſt,« ſagte Mel⸗ chior. r ſpielt den Narren ſo natürlich, als wenn er wirklich ein Narr wäre,« bemerkten die Umſtehenden. »Welch ein dummes Geſicht er anzunehmen weiß!« “ e**— „Vielleicht könnt Ihr die Frage beantworten, Mr. Dionyſius,« redete ich Tim an. »Ja, Sir, ich weiß es genau.⸗ „»Gut, Sir, ſo laßt hören.“ „Zum erſten werden alle hübſche Frauenzimmer kom⸗ men, und alle häßlichen ausbleiben; und was die Her⸗ ren betrifft, ſo werden alle diejenigen unfehlbar erſchei⸗ nen, welche Geld haben; und die keins haben, ſämmt⸗ liche arme Teufel, müſſen draußen bleiben.“ „Was meint Ihr, Sir, wollt Ihr nicht den Da⸗ men eine Verbengung machen?“ „Eine ſehr tiefe, Sir?« „Ja, eine ſehr tiefe.“« Tim beugte ſich bis auf den Boden, und ſchlug ſo⸗ dann einen Burzelbaum nach vorn. „Schaut, Sir; ich habe mich ſo tief verbeugt, daß ich auf der andern Seite wieder heraufgekommen bin.« »Ha! ha! ha! kapital!« wurde aus dem Haufen gerufen. 4 3 »Ich habe mir das Rückgrat ausgeſetzt, Sir,“« fuhr Tim, ſich reibend, fort.„Sollte es nicht gut ſein, wenn ich es wieder einſetzte?« »Ganz gewiß.“« Tim ſchlug einen Burzelbaum rückwärts.»Nun iſt Alles wieder in Ordnung. Jetzt will ich fort.« „»Wohin geht Ihr, Sir?« „»Wohin ich gehe? Ei, ich habe mein Boltje in der Zunderbüchſe liegen laſſen, und ich gehe, es zu ho⸗ len.« »Ha! ha! ha!« »Muſik!«— Jetzt fing Maſter Jumbo an, Burzel⸗ bäume zu ſchlagen. Dies war der feine Witz, durch welchen wir die Menge beluſtigten und anzogen. Wenn 93 er beſſer geweſen waͤre, ſo möchten wir weniger Glüͤck damit gemacht haben. Wir hatten an dieſem Abend ſo viele Zuſchauer, als der Raum faſſen konnte. Signor Velotti, alias Mel⸗ chior, ſetzte Alles in Staunen. Die Karten ſchienen ihm zu gehorchen— in Damen⸗Schuhen fanden ſich Ringe— Uhren wurden zerſtampft, und wieder herge⸗ ſtellt— Kanarien⸗Vögel flogen aus Eiern aus. Die Abend⸗Unterhaltung ſchloß mit Fleta's Künſten auf dem Seile; und, in der That, man konnte nichts Liebliche⸗ res und Anmuthvolleres ſehen. Während ſie in fort⸗ während ſchwankender Bewegung, die Augen auf einen beſtimmten Punkt gerichtet, um ſich in den Stand zu ſetzen, ihre Stellung zu behaupten, auf dem Seile ba⸗ lancirte, zeigte ſie mehrere Stücke, warf zum Beiſpiel mit fünf Apfelſinen, balancirte mit Degen, u. ſ. f. Ihre außerordentliche Schönheit— ihr maleriſcher An⸗ zug— der ſchmerzliche Ausdruck ihrer, auf den Boden gehefteten Blicke— ihr zartes Weſen— ſchien Aller Herzen zu gewinnen, und als Melchior und ich ihr herunter halfen, und ſie ihre zierliche Verbeugung machte, erſchallte von allen Seiten ſtürmiſcher Beifall. Als die Zuſchauer ſich entfernten, ging ich zu ihr, in der Abſicht, ihr ein paar lobende Worte zu ſagen, fand ſie aber in Thränen. »Was haſt Du, liebe Fleta? ⸗ »O, nichts! ſag' nicht, daß ich geweint habe— aber daß ſo viele Menſchen mich anſehen— ich kann es nicht ertragen. Sage, Melchior, kein Wort— ich will nicht wieder weinen.« Zwoͤlftes Kapitel. — Es iſt ſehr leicht, diejenigen zu betrügen, die ſo begierig ſind, betrogen zu werden, wie die Leute in dieſer Welt des Betrugs.— Wir zeigen uns äußerſt uneigennützig, was Jedermann mit Recht in Erſtaunen ſetzt. Ich küßte und tröſtete ſie; ſie ſchlang ihren Arm um meinen Nacken, und verbarg ihr Geſicht einige Zeit an meiner Bruſt, worauf wir zu den Anderen gingen, um mit ihnen zu Abend zu eſſen. Melchior war mit dem Erfolge ſehr zufrieden, und lobte Timo⸗ theus und mein erſtes Auftreten, das, wie er ſagte, alle ſeine Erwartungen übertroffen habe. Wir fuhren fort, die guten Leute von C— fünf Tage lang in Erſtaunen zu ſetzen, als wir die unzwei⸗ felhafte Entdeckung machten, daß ihnen kein Geld mehr aus den Taſchen zu locken ſei, worauf wir unſere ge⸗ wöhnlichen Kleider und Kittel wieder anlegten, und mit unſeren Bündeln in den Händen nach einer andern, etwa funfzehn Meilen entfernten Marktſtadt aufbra⸗ chen. Wir waren hier nicht weniger glüͤcklich, und Melchior war hoch erfreut, ſo treffliche Mitglieder ſei⸗ ner Geſellſchaft an uns gewonnen zu haben. Doch da⸗ mit ich nicht zu lange bei demſelben Gegenſtande ver⸗ weile, will ich den Leſern verkünden, daß wir, nach ei⸗ ner Reiſe von ſechs Wochen, während welcher wir über⸗ alt die günſtigſte Aufnahme fanden, wieder in das La⸗ ger zurückkehrten, das fünf Meilen von dem Orte, in welchem wir uns zuletzt hatten ſehn laſſen, aufgeſchla⸗ gen war. Jedermann war zufrieden— wir waren Alle froh, von unſeren Mühen ausruhen zu dürfen. Mel⸗ chior freuete ſich ſeines Gewinnes, die arme, kleine Fleta war überglücklich, ſich wieder in der Einſamkeit ihres Zeltes zu befinden, und Nattih äußerſt vergnügt, von unſerm Glücke zu hören und ihren Gatten wieder zu ſehen. Timotheus und ich hatten Beweiſe unſeres Werthes abgelegt, Melchior behandelte uns mit eben ſo viel Freundſchaft als Zutrauen, und machte uns ein beträchtliches Geſchenk. Er gab mir zehn, und Timo⸗ theus fünf Pfund. »Japhet, hättet Ihr Euch Bezahlung ausbedungen, ſo würdet Ihr nicht mehr als ſieben Schillinge wö⸗ chentlich, außer der Beköſtigung, erhalten haben; Ihr werdet nun aber geſtehen, daß ich für ſechs Wochen nicht ſchlecht bezahlt habe. Euer. Verdienſt wird indeß von unſerm Glücke abhängen, und ich hoffe, daß es noch viel beſſer gehen wird, wenn wir unſere zweite Reiſe antreten, was etwa in vierzehn Tagen der Fall ſein wird. Wir müſſen aber einige Vorkehrungen treffen. Hat Timothy ein gutes Gedächtniß?« »Ich ſollte denken.« »Das iſt ſchön. Ich habe Euch ſchon geſagt, daß wir einen Verſuch mit dem Wahrſagen machen wollen — wobei wir aber Nattih erſt heranziehen müſſen. Morgen wollen wir nach F—, der kleinen, ſtillen, etwa vier Meilen von hier gelegenen Stadt.« Wir brachen am andern Morgen fruͤh auf, kamen um Mittag an, und errichteten unſere Zelte auf dem Auger nicht weit von der Stadt; ließen aber dieſes Mal alle übrigen unſerm Haufen Angehörenden zurück. Die Eſel trugen nur Melchiors Geſellſchaft und ſeine beiden Zelte her 90 Melchior und ich gingen bei Dunkelwerden als Landleute verkleidet, in die Stadt, begaben uns in ein Gaſthaus beſſerer Art, nahmen an einem Tiſche in der Gaſtſtube Platz, und begannen, nachdem wir uns Bier bringen laſſen, wie wir es verabredet, eine Unterhal⸗ tung, die von den trinkenden und ſchwatzenden Gäſten gehört werden mußte.. „Und ich glaube es nicht—'s iſt alles Betrug und Larifari,« begann Melchior,»und nur darauf abgeſehen, uns die Taſchen zu leeren. Die Zukunft vorherſagen, meiner Treu! Verſprach ſie Euch nicht eine reiche Frau und ein halbes Dutzend Kinder?« „»Nein, das that ſie nicht,« erwiederte ich,»denn ich bin zu jung zum Heirathen; aber was ſie mir ſagte, i*ſt eingetroffen, das weiß ich,« »Nun, und was war denn das?« „Sie ſagte mir, daß meine Mutter wieder geheira⸗ thet, und mir die Thür gewieſen hätte, damit ich ſelbſt ſähe, wie ich durch die Welt käme.“ „Das konnte ſie aber gehört haben.« „Wie hätte ſie es denn hören ſollen? Es iſt ganz unmöglich. Aber ſie ſagte mir auch, daß ich ein Maal am Knie hätte, was ein Glückszeichen iſt. Wie konnte ſie denn das wiſſen?« »Ja, das war wunderbar— und was verhieß ſie Euch außerdem noch?« »Sie ſagte, daß ich heute Abend meinen liebſten Freund wiederſehen würde. Das macht mich nun frei⸗ lich irre, denn ich habe nur einen einzigen Freund, und der iſt gar weit von hier.« „Nun gut, wenn Ihr Euren Freund ſeht, ſo will ich ihr glauben; aber wo nicht, ſo iſt es Alles Betrug geweſen; und was habt Ihr denn bezahlt— 2 97 einen Schilling, oder hat ſie Euch die Taſchen ganz geleert?« »Das iſt es eben, was mich am meiſten in Ver⸗ wunderung ſetzt,— ſie wollte gar nichts annehmen. Ich bot ihr wiederholt Geld an, aber ſie ſagte, ſie nähme kein Geld, und ihre Gabe ſei nicht käuflich.⸗ »Das iſt freilich wunderbar. Habt Ihr gehört, was dieſer junge Menſch ſagt?« redete Melchior die in der Nähe Sitzenden an, die jedes Wort verſchlungen hatten. »Freilich,« erwiederte Einer von ihnen;»aber wer iſt denn die Perſon, von welcher Ihr ſprecht?« »Die Zigenner⸗Königin, wie ich höre. Ich habe in meinem ganzen Leben kein ſo wunderbares Weib geſe⸗ hen— ihr Auge blickt durch und durch. Ich begeg⸗ nete ihr auf dem Anger, und, indem ſie vorüberging, ließ ſie ein Taſchentuch fallen. Ich lief zurück, um es ihr zu bringen, ſie dankte mir und ſagte:»»Thut Eure Hand auf, und laßt ſie mich ſehen. Da ſind gewaltige Linien, und Ihr werdet viel Glück haben.«« Dann ſagte ſie mir noch viel Anderes, und wünſchte mir Got⸗ tes Segen.« „Wenn ſie ſo ſprach, ſo kann ſie ihre Kunſt nicht vom Teufel haben,« bemerkte Melchior. »Höchſt wunderbar— äußerſt ſeltſam— nimmt kein Geld— Zigeuner⸗Königin,« hörte man von allen Seiten rufen. Die Wirthin und das Schenkmädchen ſtanden mit Verwunderung horchend da, als Timotheus eintrat. Ich that, als ob ich ihn nicht ſähe, er trat jedoch zu mir, ergriff meine Hand, ſchüttelte ſie mit verſtelltem Entzücken, und rief aus:»Wilſon, kennſt Du denn Smith nicht mehr?« Faphet. I. 2 83 „Smith!“ rief ich, ihn forſchend anſehend, aus; „»wahrhaftig, Du biſt es. Wie kommſt Du hierher?« »Ich verließ Dublin vor drei Tagen,“« erwiederte er;»aber, wie ich in dieſes Haus gekommen bin, das geht ſo wunderbar zu, wie nur etwas in der Welt. Ich ging über den Anger, und da ſah eine große, ſchöne Frau mich an, und ſagte:»»Junger Menſch, wenn Ihr in das dritte Gaſthaus gehen wollt, an welchem Ihr vorüberkommt, ſo werdet Ihr einen alten Freund fin⸗ den, der Euch erwartet.«« Ich dachte, ſie hätte mich zum Beſten, doch da es mir ziemlich gleich viel ſchien, in welchem Gaſthauſe ich einkehrte, ſo dachte ich, ſollſt wegen der Wunderbarkeit der Sache ihren Rath doch einmal befolgen.« »Wie ſonderbar!« rief Melchior aus;»und ihm ſagte ſie daſſelbe— nämlich, daß er einen Freund fin⸗ den würde.“ »Sonderbar— ſehr ſonderbar— wunderbar— er⸗ ſtaunlich!« ertönte von allen Seiten, und der Ruf der Zigeunerin war begründet. Timotheus und ich ſetzten uns darauf zu einander, ſchwatzten wie alte Freunde, und Melchior ging bald zu Dieſem, bald zu Jenem, und erzählte bis nach Mitternacht den wunderbaren Vorfall. Hierauf ließen wir uns alle drei, als wenn wir Reiſende wären, Bet⸗ ten bereiten. Die Gerüchte, welche wir an dieſem Abend in um⸗ lauf geſetzt, bewogen Viele, hinauszugehen, um Nattih zu ſehen, welche ſie nicht zu beachten ſchien, und ihnen uwinkte, ſich zu entfernen, wenn ſie aufgefordert wurde, die Zukunft zu verkünden. Aber obgleich dieſer Plan Melchiors für die erſten zwei oder drei Tage ſehr nütz⸗. lich war, ſo ſollte es doch nicht ſo fortgehen. Timo⸗ 4 85 15 8 theus, der mit mir im Gaſthauſe blieb, machte ſich mit dem Schenkmädchen vertraut, und lockte von ihr die meiſten Umſtände ihres Lebens heraus. Durch wieder⸗ holte Unterredungen mit der Wirthin verſchaffte auch ich mir über ſie ſelbſt und viele Familien in der Stadt ſehr wichtige Nachrichten; da wir jedoch Nattih nur zur Vorbereitung bedurften, ſo begnügten wir uns damit, ſo viel als möglich zu erforſchen, ehe wir weiter vor⸗ ſchritten. Nachdem wir eine Woche in der Stadt verweilt hatten, und der Ruf der Zigeunerin erſtaunlich vergrö⸗ ßert war— indem unendlich Vieles von ihr behaup⸗ tet wurde, was in der That höchſt unwahrſcheinlich war — befahl Melchior, Timotheus ſolle das Schenkmäd⸗ chen überreden, den Verſuch zu machen, ob die Zigeu⸗ nerin ihr wahrſagen würde. Das Schenkmädchen ent⸗ ſchloß ſich nicht ganz ohne Furcht dazu, da auch ſie zu⸗ rückgewieſen zu werden erwartete. Timothens rieth ihr, zu thun, als wenn ſie einen Sir⸗Pence in Nattih's Nähe von der Erde aufhöbe, und dann die Zigeunerin zu fragen, ob er nicht ihr gehöre. Das Schenkmädchen befolgte Tim's Rath. »Habt Ihr einen Sir⸗Pence verloren? Ich habe einen gefunden,« ſagte es, vor Furcht zitternd, als es Nattih anredete. »Kind,« erwiederte Nattih, die darauf vorbereitet war,»ich habe weder einen Sir⸗Pence verloren, noch haſt Du einen gefunden— doch es thut nichts; ich weiß, was Du wünſchſt, und kenne Dich. Nun ſag' an, was willſt Du von mir? Willſt Du wiſſen, ob der Wirth und die Wirthin im goldenen Löwen Dich im Dienſt zu behalten gedenken?« .„Nein,«erwiederte das Mädchen beſtirzt,„das . 7* 100 wollte ich nicht wiſſen, ſondern fragen, was mein Loos in der Zukunft ſein wird?« Th Deine Hand auf, hübſches Mädchen, und ich es Dir ſagen. Ha! ich ſehe, daß Du im Weſten han dar geboren biſt— Dein Vater iſt todt— Deine Mutter dient— und laß mich ſehen— Du haſt einen Bruder auf der See— er iſt jetzt in Weſtindien.“« Das arme Mädchen wurde ſo beſtürzt, daß es in Ohnmacht ſank, und von Timotheus fortgetragen wer⸗ den mußte. Im Gaſthofe wieder angekommen, wurde es ſo krank, daß es irre redete, und das Erſtaunen der Wirthin und Anderer, als Timotheus nicht verfehlte, zu berichten, war ohne Grenzen. Ich bot Alles auf, die Wirthin zu bewegen, gleichfalls hinzugehen, aber ſie wollte nicht; und Nattih wurde jetzt von Leuten aus höheren Ständen belagert, die zu hören wünſchten, was ſie wohl ſagen möchte. Hier hatte Nattih Gelegenheit, ihre Talente zu übenn Sie wies ſie nicht zurück, ant⸗ wortete aber nicht eher, als bis ſie ſelbſt Fragen ge⸗ than, und da ſie von uns Vieles in Erfahrung ge⸗ bracht, ſo machte ſie die Neugierigen glauben, daß ſie noch mehr wiſſe, indem ſie von dieſer Kenntniß bei ih⸗ ren Fragen Gebrauch machte. Kam eine junge Perſon zu ihr, ſo fragte ſie ſogleich nach dem Namen derſelben — und kannte dann ſchon ihre Lebensumſtände, Fami⸗ lie und Verbindungen. Sie legte, in Beziehung dar⸗ auf, noch einige Fragen vor, und brach dann plötz⸗ lich ab. Man ließ ſich dieſes Benehmen von einer Frau ge⸗ fallen, die ein ſo gebietendes Aeußere beſaß, kein Geld nahm, und die zu ihr Kommenden behandelte, als wenn ſie ihr untergeordnet wären. Viele kamen öfter, ſagten ihr Alles, was ſie wußten, und machten ſie mit allen 4 gen zu bewegen, denn dieſes, wie ſie von ihr hörten, war das ſicherſte Mittel, den Geiſt auf ſie herabzu⸗ rufen. Auf dieſe Weiſe gelangten wir zu der geheimen Ge⸗ ſchichte der meiſten und wohlhabenderen Einwohner der Stadt; und ſagte Nattih auch etwas vorher, ſo geſchah es doch, wenn es geſchah, mit ſo vollkommener und au⸗ genſcheinlicher Kenntniß der Fragenden, daß die ganze Stadt, als Nattih etwa ſechs Wochen nach ihrer An⸗ kunft ſich entfernte, von Erzählungen ihrer wunderba⸗ ren Gaben erfüllt war. Es wird auffallend erſcheinen, daß Melchior Nattih nicht geſtattete, Geld anzunehmen, da der Gewinn doch wahrſcheinlich nicht unbedeutend geweſen ſein würde; allein er wollte nur den Saamen ausſtreuen laſſen, um ſpäter eine deſto reichlichere Ernte erwarten zu können. Nattih verſchwand, das Zelt war abgebrochen, und das niedergetretene Gras konnte die Halme wieder empor⸗ heben. Auch wir zogen ab, und begaben uns in das Lager zu Nattih, wo wir vierzehn Tage lang blieben, damit die Erinnerung an ſie ſich ein wenig verlöre. Wir wußten, daß der Appetit rege war, und nicht eher vergehen würde, als bis er geſtillt wäre. Nachdem die erwähnte Friſt verlaufen war, brachen Melchior, Timotheus und ich abermals nach der Stadt — auf, kehrten in einem beſſeren Gaſthofe in einem andern Theile der Stadt, gekleidet als Muſter⸗Reiſende, ein, und beſtellten Betten und Abendeſſen. Die Unter⸗ haltung im Gaſtzimmer wandte ſich bald auf die wun⸗ derbaren Gaben Nattih's, der Zigeunerin. »Albernheiten,« ſagte Melchior,»ſie weiß nichts. Ich habe von ihr gehört. Es wird aber ein Mann 102 durch dieſe Gegend reiſen, der, wenn er hier durch die Stadt kommen ſollte, Euch in grenzenloſes Erſtaunen ſetzen wird. Niemand weiß, wer er iſt. Er wird der große Ariſtodemus genannt. Er kennt das Vergan⸗ gene, das Gegenwärtige und das Zukünftige. Er be⸗ ſcheut Niemands Hände— er ſieht Euch nur in das Geſicht, und wehe denen, die ihm eine Lüge ſa⸗ gen. Im Uebrigen iſt er gutmüthig und gefällig, ſagt gern die Zukunft vorher, und es iſt kein Fall bekannt, daß ſeine Vorherſagungen nicht eingetroffen wären. Man ſagt, er ſei hundert Jahr alt, und ſein Haar iſt ſilberweiß.« Viele drückten Zweifel aus, und eben ſo viele An⸗ dere erhoben die Gaben der Zigeunerin. Melchior er⸗ wiederte, Alles, was er wiſſe, ſei dieſes, daß der große Ariſtodemus ihm von einem Legate von ſechshundert Pfund geſagt habe, von welchem er ſonſt niemals er⸗ fahren haben würde. Die ganze Stadt war voll von Weiſſagungen. Dieſes neue Gerücht verbreitete ſich, und nach einer Woche glaubte Melchior, daß der Ver⸗ ſuch gemacht werden könne. Dreizehntes Kapitel. Wir halten nach ſorgfältig ausgeſtreueter Saat eine goldene Ernte.— Wir ſagen allen Leuten, was ſie längſt gewußt haben, und die erſtaunlichſten Narren halten uns für die erſtaunlichſten Menſchen. Wir reiſ'ten demgemäß ab. Timotheus wurde in einen düſtepen, ſchwarzen Anzug geſteckt, mit einem 103 Pferde verſehen, und erhielt die Weiſung, bis auf eine halbe Meile von der Stadt F— langſam zu reiten, ſo⸗ dann geſtreckten Laufes hinein zu galoppiren, vor dem beſten Gaſthauſe zu halten, und Zimmer für den gro⸗ ßen Ariſtodemus zu beſtellen, der in einer halben Stunde eintreffen werde. In dieſer Welt kommt Alles auf den Schein an, wenn Ihr ſie nämlich zu hintergehen beabſichtigt; und da Jedermaun in der Stadt von dem großen Ariſtode⸗ mus gehört hatte, ſo war auch Jedermann begierig, et⸗ was über ihn zu erfahren, und Timotheus wurde mit Fragen aller Art beſtürmt. Er erklärte jedoch, daß er nur des großen Mannes Courier ſei, und weiter nichts ſagen könne, als was die Leute ſagten; was aber die Leute ſagten, war, nach Timotheus Bericht, in der That äußerſt wunderbar. Tim hatte kaum Zeit gehabt, die beſten Zimmer in Beſchlag zu nehmen, als wir,— nämlich Melchior, gekleidet in ein langes, herabwallen⸗ des, ſeidenes Gewand, mit einer großen, weißen Pe⸗ rücke, einem viereckigen Barett und einigen goldenen, von ſeinem Halſe herabhängenden Ketten, und ich in dem Anzuge eines deutſchen Studenten, mit einer Pe⸗ rücke, deren lange, braune Locken mir über die Schul⸗ tern herabhingen,— in einer von vier Pferden gezoge⸗ nen Poſt⸗Chaiſe erſchienen, und vor dem Gaſthofe in einem ſo raſchen Trabe, mit ſo vielem Geräuſch vor⸗ fuhren, daß Alles an die Fenſter ſtürzte; denn die Stadt war nicht ſehr groß, obgleich ſie vormals von Bedeutung geweſen. Die Fabrik⸗Inhaber waren fort⸗ gezogen, und ſie wurde von Leuten bewohnt, die durch ihren oder ihrer Vorfahren Fleiß reich und unabhangig geworden waren. Der Schlag wurde vom dienſtfertigen im, 84 die * 104 Kellner zur Seite ſtieß, als wenn ſie unwürdig wären ſeinem Herrn zu nahen, aufgeriſſen, und der große Ari⸗ ſtodemus ſtieg aus. Als er die Stufen hinaufging, ver⸗ trat ihm ein Mann, deſſen Geſchäft Melchior ſehr wohl kannte, auf einen Augenblick den Weg. »Zurück da, Acciſe⸗Aufſeher!« rief er mit gebieten⸗ der Stimme aus.»Niemand tritt mir ungeſtraft in den Weg.“ Erſtannt, ſeinen Stand erkannt zu ſehen, eilte der Acciſe⸗Aufſeher, der der größeſte Bramarbas in der Stadt war, beſtürzt zur Seite, und alle Umſtehenden hoben erſtaunt die Augen und Hände empor. Der große Ariſtodemus begab ſich in ſein Zimmer, und ich ging hinaus, um die Poſtillons zu bezahlen und das Abendeſſen zu beſtellen, während Tim und die Kellner mit unſerm ſehr beträchtlichen Gepäck beſchäftigt waren. » Mein Herr will Niemand ſehen,“« ſagte ich zu dem Wirthe;„er wird morgen abreiſen, wenn die Briefe, die er mit der Poſt erwartet, ankommen; befreien Sie ihn alſo von dieſem Gedränge, und ſchaffen Sie ihm Ruhe, denn er iſt ſehr ermüdet, da er heute ſchon hun⸗ dertundfunfzig Meilen gereiſ't iſt.« Tim und ich gingen hierauf zu Melchior in ſein Zimmer, und ließen die Neuigkeiten ſich verbreiten. »Es geht gut,« bemerkte Melchior;»wir haben bis jetzt viel Zeit und Geld verſchwendet; jetzt müſſen wir ſehen, ob wir nicht Alles zehnfach wieder einbringen können. Japhet, Du mußt nach dem Abendeſſen noch einmal hinunter, und den Wirth fragen, was ſie für Arme in der Stadt haben, denn ich bin äußerſt wohl⸗ thätig und freigebig. Du kannſt fallen laſſen, daß ich alles Geld, das ich durch Ausübung meiner Kunſt er⸗ werbe, au die Armen verſchenke, da ich es nicht gebrauche.. — — 1 4 5 4 4 Ich that, wie er ſagte, wir ſpeiſ'ten zu Abend, und begaben uns zu Bett, nachdem wir die Thür verſchloſ⸗ ſen, und den Schlüſſel ausgezogen hatten. Am andern Morgen waren wir vollkommen vorbe⸗ reitet, und da die erwarteten Briefe natürlich nicht an⸗ kamen, ſo waren wir genöthigt, zu bleiben, und der Wirth wagte es, gegen mich zu äußern, daß mehrere Leute begierig wären, meinen Herrn um Rath zu fra⸗ gen. Ich erwiederte, daß ich mit ihm reden wolle; es ſei jedoch nothwendig, diejenigen, welche zu ihm gingen, in Kenntniß zu ſetzen, daß ſie ihm entweder Gold— oder gar nichts anbieten müßten. Ich verkündete ſeine Einwilligung, eine oder zwei Perſonen, doch nicht meh⸗ rere vorlaſſen zu wollen. Wir führten mancherlei Apparat bei uns, um gele⸗ gentlich Gebrauch davon zu machen, hielten aber dafür, daß die Wirkung um ſo größer ſein würde, je einfacher wir im Anfang zu Werke gingen. Melchior blieb daher an dem Tiſche ſitzen, über den eine ſchwarze mit ge⸗ heimnißvollen Schriftzügen durchnähete Decke ansge⸗ breitet war. Vor ihm lag ein Buch mit Hierogly⸗ phen, und neben demſelben ein elfenbeinerner, mit Gold ausgelegter Stab. Timotheus ſtand, mit einem kurzen, römiſchen Schwerte umgürtet, an der Thür, und ich ſelbſt, in ehrerbietiger Stellung, hinter dem großen Ariſtodemus. 5 Die Dame, die zuerſt vorgelaſſen wurde, war die Frau des Mayors der Stadt; ein äußerſt glücklicher Umſtand, da wir über ſie und ihren Gatten uns jede wünſchenswerthe Kunde verſchafft; denn von Hochſte⸗ henden wird immer geſprochen. Ariſtodemus winkte mit der Hand, und ich ſetzte ihr ſchweigend einen Stuhl hin. Ariſtodemus ſchaute ihr in das Geſicht, 106 ſchlug mehrere Blätter um, fand die geſuchte Seite, und las aufmerkſam: „»Mayoreß von—, was begehrſt Du von mir?«⸗ Sie fuhr zuſammen und erblaßte. „»Ich wollte fragen—« „»Ich weiß; Du möchteſt mir wohl viele Fragen vorlegen, wenn ich Zeit hätte, ſie anzuhören. Unter Anderm willſt Du fragen, ob Du noch Ausſicht haſt, Deinem Gatten einen Erben zu geben. Iſt dem nicht ſo?2« „Ja,“« keuchte die Dame. »Ich erſehe es aus dieſem Buche; aber laß mich Dir ſelber eine Frage vorlegen. Du begehrſt mit Wohl⸗ thaten überhäuft zu werden, und willſt doch nicht Gu⸗ tes thun? Du biſt reich— aber welchen Gebrauch macht Ihr, Du und Dein Ehegemahl, von Eurem Reichthum? Seid Ihr freigebig? Nein. Gebet, ſo wird Euch gegeben. Ich habe geſprochen.« Ariſtodemus winkte, und die Dame ſtand auf, um ſich zu entfernen. Sie hatte eine Guinee in der Hand, nahm noch vier andere aus ihrem Geldbeutel dazu, und legte ſie auf den Tiſch. „»Das iſt gut, Frau; Mildthätigkeit ſoll für Dich reden. Artolph, laß das Geld unter die Armen ver⸗ theilen.⸗ Ich verbeugte mich ſchweigend, und die Dame ging. »Wer will nun ſagen, daß ich nicht Gutes thäte,⸗ bemerkte Melchior lächelnd, ſobald ſie fort war.»Ihr und ihres Mannes Geiz ſind ſo ſtadtkundig, als ihre Sehuſucht nach Kindern. Bringe ich ſie dahin, daß ſie freigebig werden, ſo leiſte ich dem gemeinen Beſten ei⸗ nen Dienſt.« „Aber Ihr habt ihr Hoffnung gemacht.⸗ 107 „Freilich, und ſchon allein die Hoffnung wird zur Erfüllung ihrer Wünſche mehr thun, als alles Andere. Sehr Viele bekommen bloß darum keine Kinder, weil ſie daran verzweifeln. Manches Ehepaar ergab ſich nach jahrelangem ängſtlichem Harren ruhig dem Willen der Vorſehung, und ſchon das Aufhören ſeiner Unruhe führte zur Erfüllung ſeiner Wünſche. Japhet, ich bin ein ſcharfer Beobachter der menſchlichen Natur.« »Ich glaube es,« erwiederte ich;»doch Eure letzte Bemerkung ſcheint mir nicht ganz richtig zu ſein— aber ſtill, Tim klopft.⸗« Die Thür ging auf, es trat eine andere Frau her⸗ ein, ſchreckte vor dem Anblick des großen Ariſtodemus zurück, und machte Miene, ſich wieder zu entfernen; allein Timotheus hatte die Thür verſchloſſen. Wir kannten ſie nicht, was uns in einige Verlegenheit ſetzte; doch Melchior blickte von ſeinem Buche auf, und winkte ihr, Platz zu nehmen. Sie ſagte mit einigem Zittern, daß ſie Wittwe und ihre alleinige Stütze ein einziger Sohn ſei, der ſich gegenwärtig auf der See befände; ſte habe ſeit langer Zeit keine Kunde von ihm erhalten, und fürchtete, daß ihm ein Unfall betroffen haben möchte; ſie ſei in der größeſten Noth— und, fuhr ſie unter Thränen fort,»ich habe nichts, das ich darbieten könnte, als dieſen Ring. Können Sie mir ſagen, ob mein Sohn noch am Leben iſt? Doch wenn Sie die Wiſſenſchaft nicht wirklich beſitzen, in deren Beſitz zu ſein, Sie vor⸗ geben, o ſo berauben Sie ein armes verlaſſenes Geſchöpf nicht, und entlaſſen Sie mich!⸗ „»Wann erhieltſt Du den letzten Brief vi von ihm?⸗ fragte Melchior. „»Vor ſleben Monaten— er war aus Bahia datirt,⸗ 108 eerwiederte ſie, zog ihn aus ihrem Arbeitsbentel hervor, und bedeckte ihr Geſicht mit dem Schnupftuche. Melchior warf einen Blick auf die Aufſchrift, nud drehete den vor ihm auf dem Tiſche liegenden Brief auf die andere Seite herum.»Mrs. Watſon,« ſagte er. „»O Himmel! Sie wiſſen meinen Namen?« rief die Frau aus. »Mrs. Watſon, ich brauche den Bericht Ihres Sohnes nicht zu leſen— ich kenne den Inhalt.⸗ Er las einige Augenblicke in ſeinem Buche, und ſetzte darauf hinzu:»Ihr Sohn lebt.⸗ »Gott ſei Dank!« rief ſie aus, ſchlug ihre Hände zuſammen, und ließ den Arbeitsbeutel fallen. „Sie dürfen jedoch ſeine Rückkehr nicht gar zu bald erwarten— er iſt in guter Beſchäftigung.« „»O! das mag ſein— genug daß er lebt— daß er lebt! Gott ſegne— Gott ſegne Sie!« Melchior gab mir ein Zeichen, auf die fünf Guineen und den Arbeiksbeutel hinweiſend, und ich praktiſirte dieſelben hinein, während ſie ſich ſchluchzend ihr Tuch vorhielt. „ Genug, Frau; Sie müſſen ſich entfernen, denn 3 bedürfen noch Andere meines Beiſtandes.« Sie erhob ſich und reichte ihm den Ring. „Nein, nein; ich bedarf Deines Geldes nicht; ich nehme nur von den Reichen, um den Armen geben zu können, nicht von der armen hülfloſen Wittwe. Oeffue Deinen Beutel.« Sie that, wie er ſagte; Melchior ließ den Ring hineinfallen, nahm ſeinen Stab vom Tiſche, ſchwenkte ihn und berährte den Beutel. „»Weil Du redlich biſt, ſoll Deiner Noth aöge⸗ * 109 holfen werden; ſuche, und Du wirſt ſinden!« ſprach er feierlich. 4 Die Wittwe entfernte ſich unter Thränen der Dank⸗ barkeit, und ich muß ſagen, daß ich ſelbſt gerührt war. Als ſie fort war, äußerte ich gegen Melchior, daß er bis jetzt umſonſt gearbeitet habe. »Sehr wahr, Japhet,« erwiederte er;»aber glaube mir, es wäre wohlgethan geweſen, wenn ich der armen Frau auch nur aus eigennützigen Beweggründen geholfen hätte; allein ich verſichere Dich, ich that es aus Mit⸗ leid. Wir ſind wunderlich aus Gut und Böſe ge⸗ miſcht. Ich führe Krieg gegen die Narren und Schelme, aber nicht gegen die ganze Menſchheit. Ich gab ihr das Geld lediglich, weil ich ſie in Noth ſah. Vielleicht wird mir die That als eine Sühnung meines gewöhn⸗ lichen Betrugſyſtems angerechnet,— vielleicht auch nicht; doch jedenfalls habe ich mir ſelber genug gethan. ⸗ „Aber Ihr ſagtet ihr, daß ihr Sohn am Leben ſei. ⸗ »Freilich, und es kann ſein, daß er todt iſt; aber iſt es nicht beſſer, daß ſie, wenn vielleicht auch nur für eine kurze Zeit getröſtet iſt, als wenn ſie in ihrer quä⸗ lenden Ungewißheit geblieben wäre, die noch ſchlimmer iſt, als es die Todesnachricht ſelbſt ſein würde? Es iſt genug, daß ein jeder Tag ſeine eigene Plage hat.⸗ Faſt gewann es den Anſchein, als ob der guten Handlung Melchior's der Lohn wirklich auf dem Fuße nachfolgte; denn das Erſtaunen der Wittwe, als ſie die Goldſtücke in ihrem Beutel fand, ihre Erzählung des Vorgangs und ihre Verſicherung(an deren Wahrheit ſie ſelbſt feſt glaubte) daß ſie ihren Beutel nicht aus den Händen gelaſſen, und daß Melchior ihn nur mit ſeinem Stabe berührt, erhöheten den Ruf Ariſtodem's 8 110 dermaßen, daß in der ganzen Stadt nur von ihm ge⸗ ſprochen wurde. Um das Ganze zu krönen, langte am nächſtfolgenden Tage ein Brief an die Wittwe von ih⸗ rem Sohne an. Die dankerfüllte Frau kam wieder, legte zehn Guineen auf das ſchwarze Tuch, rief tauſend⸗ mal Gottes Segen auf Melchior herab, und verehrte ihn faſt als ein übernatürliches Weſen. Wie es Mel⸗ chior vorausgeſagt, begann nach dieſem glücklichen Vor⸗ falle die Ernte. Nach vier Tagen hatten wir über zweihundert Pfund eingeſeckelt, und hielten es nunmehr für räthlich, an die Abreiſe zu denken. Die erwarteten Briefe kamen an, und als wir mit Vieren abfuhren, war das Gedränge der uns zu ſehen Begehrenden ſo groß, daß wir kaum zu unſerm Wagen gelangen konnten. Vierzehntes Kapitel. In welchem Melchior ſehr wie ein Sterndeuter redet, und Ti⸗ motheus und ich unſer altes Gewerbe wieder anfangen, un⸗ ſchuldige Arzneien zu bereiten. Wir hatten die Poſtpferde bis zur nächſten Stadt genommen; ſobald wir aber eine gute Strecke Weges gefahren waren, ließ ich halten, und ſagte dem Poſtillon, daß der große Ariſtodemus in der Nacht die Planeten und Firſterne zu beobachten beabſichtige; ſie möchte nach einem Anger fahren, den ich ihnen bezeichnete. Da ihnen ſeimn Ruf. ſehr wohl bekannt war, und ſie 111 ſelbſt eine eben ſo hohe Meinung von ihm hegten, als Jedermann, ſo thaten ſie, wie ich ihnen ſagte; wir ſtiegen aus, nahmen unſer Gepäck zu uns, und Melchior ertheilte in ihrer Gegenwart Befehle in Betreff der Inſtrumente. Sie hörten ihm mit offenem Munde zu. Ich bezahlte ſie gut und ſagte ihnen, daß ſie zurückkehren könnten, worüber ſie ſehr froh zu ſein ſchienen. Sie berichteten, was ſie geſehen und gehört hatten, und die einfache Weiſe, auf welche wir wieder zu unſerm Lager gelangten, trug bei, das Erſtaunen der guten Stadt— noch zu erhöhen. Als ſie uns aus dem Geſicht waren, legten wir unſere gewöhnlichen Kleider an, packten un⸗ ſere Sachen zuſammen, trugen die meiſten mit uns fort, und verſteckten die übrigen im Ginſt, um ſie am Abend holen zu laſſen. Wir waren nur zwei Meilen von un⸗ ſerm Lager entfernt, langten bald an, und wurden von Fleta und Nattih auf das freudigſte empfangen. Als wir über den Anger gingen, ſagte ich zu Mel⸗ chior:—„Ich möchte doch wiſſen, ob die Sterne, wie man vor Zeiten geglaubt hat, Einfluß auf uns Sterb⸗ liche haben.« »Ohne allen Zweifel,« entgegnete er.»Ich kann nicht leſen in ihnen, glaube aber feſt an ſie. ⸗ Ich hatte jene Bemerkung gemacht, weil ich aus mehrfachen Aeußerungen Melchior's geſchloſſen, daß die⸗ ſes ſeine Meinung ſei. »Ja,« fuhr er fort,»einem Jeden iſt ſein Schickſal vorausbeſtimmt— dem muß ſo ſein. Ein allwiſſendes Weſen weiß zuvor, was uns begegnen ſoll, und weil es dies weiß, iſt Alles, was uns begegnet, unabänderliche Beſtimmung.— Er blickte mit erhobener Hand empor zu den Sternen und fuhr fort,—»und dies Geſchick ſteht dort ſo gewiß geſchrieben⸗als uns die Sonne 112 beſcheint; das große Buch iſt aber verſiegelt, weil wir nicht glücklicher ſein würden, wenn es uns offen ſtände.« „Wenn denn Alles Schickung iſt, was ſoll uns denn bewegen, gut zu handeln,“ wendete ich ein.»Wir können dann die ſchlechteſten Handlungen aller Art be⸗ gehen, und uns damit entſchuldigen, daß wir nicht an⸗ ders gekonnt, wir wären dazu vorher beſtimmt. Außer⸗ dem, würde es gerecht ſein, daß der Allwiſſende uns für Verbrechen ſtraft, die wir begehen müſſen, zu welchen das Schickſal uns nöthigt?« „Eure Bemerkungen ſind ſcharfſinnig, Japhet; allein Ihr ſeid im Irrthum, weil Ihr, gleich den meiſten Anhängern der chriſtlichen Kirche, die heiligen Schriften nicht verſteht, wie auch ich ſie nicht verſtand, ehe ich meine Frau kennen lernte. Ich bin überzeugt, daß ihr Glaube auf Wahrheit beruhet, und was noch mehr iſt, er verſtärkt das Gewicht der bibliſchen Wahrheiten.⸗ »Ich dachte, die Ziegeuner hätten keine Religion.«⸗ »Ihr ſeid nicht der Einzige, der dieſe Meinung hegt. Es iſt wahr, daß die meiſten von ihnen von denen aus den höheren Kaſten wie Kuechte gehalten und nicht unterrichtet werden; allein mit ihrer Ariſto⸗ kratie— wenn ich ſo ſagen darf— deren Glaubensbe⸗ kenntniß ich zu dem meinigen gemacht, iſt es ein ganz Anderes.« 4 »„Ich möchte es kennen lernen,« erwiederte ich. „So hört. Die erſte Sünde ward im Himmel be⸗ gangen= als die Engel ſich gegen Gott empörten— nicht auf der Erde.⸗ „Ich will einmal zugeben, daß die Sünde ihren Urſprung im Himmel gehabt hat.⸗ „Glaubt Ihr, daß ein großer, ein eitier Gott 3 113 irgend ein Weſen— geſchweige denn Engel— zu ih⸗ rem Verderben, zu ewigem Elend erſchaffen haben könnte? Sah er nicht ihre Empörung vorher?⸗ „»Zugegeben.« »Dieſe Welt wurde durch die Ebenbilder Gottes erſt nach dem Fall der Engel bevölkert; ſie ernährte lebendige Geſchöpfe, Ungeheuer vielleicht, aber kein Menſchengeſchlecht mit unſterblichen Seelen. Sie wurde aber bevölkert, wie ſie es jetzt iſt, um es den Legionen gefallener Engel möglich zu machen, in ihren früheren ſeligen Zuſtand zurückzukehren— durch eine Bußfahrt gleichſam, nach welcher ſie Verzeihung erlangen und ihre himmliſchen Sitze wieder einnehmen könnten. Es wird kein Kind geboren, daß nicht die Seele eines ge⸗ fallenen Cherub in ſeinen Leib überginge, um ihre Er⸗ löſung zu bewirken. Manche erlangen ſie, Andere nicht, und müſſen dann die Pilgerſchaft von Neuem beginnen; denn jeder einmal erſchaffene Geiſt iſt unſterblich und kann nicht vernichtet werden; der Allmächtige aber iſt ganz Güte, und will immer verzeihen.«⸗ »Ihr nehmt alſo an, daß es keine ewige Verdamm⸗ niß giebt?«. »Eine ewige?— nein. Strafe findet Statt, doch keine ewige. Als die Engel fielen, waren nicht Alle gleich verkehrten Sinnes. Die minder Schuldigen er⸗ langen ihre Sitze wieder, wenn ſie auch ſchon als Kinder zum Himmel zurückgerufen werden, nachdem ſie nur eine leichte Prüfung beſtanden; Andere jedoch, die von Kindheit an zeigen, wie bös ſie waren, haben viele Pilgerſchaften zu vollbringen, ehe ſie rein werden können. Das iſt an ſich ſelbſt eine Strafe. Welche andere Stra⸗ een ſie zwiſchen ihren Pilgerſchaften zu eerleiden haben, Japhet. I. 8 114 iſt uns unbekannt; das aber iſt gewiß, daß Niemand zu ewiger Verdammniß erſchaffen iſt.⸗ „»Das Alles iſt aber lediglich Bardnsſezunde fiel ich ein;»wo ſind Eure Beweiſe?« »In der Bibel; ich werde ſie Euch gelegentlich zei⸗ gen. Doch wir ſind beim Lager angelangt, und mich verlangt danach, Nattih zu umarmen.⸗ Ich dachte einige Zeit über dieſen ſonderbaren Glau⸗ ben nach, der an ſich ſelbſt freilich nicht gegen die Reli⸗ gion ſtritt; indeſſen wußte ich mich doch keiner Stelle zu entſinnen, durch welche er beſtätigt wäre. Die ihm zu Grunde liegende Vorſtellung war jedoch ſchön, und ich weilte mit Luſt bei ihr. Ich habe oben bemerkt, und die Leſer müſſen es ſelbſt aus meiner Erzählung erſehen haben, daß Melchior kein gewöhnlicher Menſch war. Ich gewann ihn und unſer unſtätes Leben mit jedem Tage lieber. Meine Bedenklichkeiten ſchwanden nach und nach, die Zeit verging raſch, und obgleich ich bisweilen des urſprünglichen Zweckes meiner Wanderung gedachte, ſo beruhigte ich mich doch ſtets durch die Erwägung, daß es noch Zeit genug ſei, denſelben zu verfolgen. Die kleine Fleta war jetzt im Lager meine ſtete Gefährtin, und es machte mir nicht wenig Vergnügen, ſie leſen und ſchreiben zu lehren. »Japhet,« ſagte Timotheus eines Tages zu mir, als wir Haſelruthen im Walde ſchnitten,»ich ſehe nicht, daß Du im Aufſuchen Deines Vaters Furtſähritte machſt.“ Nein, Tim, Du haſt Recht,⸗ entgegnete ichs »aber ich gewinne Kenutniß der Welt, die mir ſehr nützlich ſein wird, wenn ich meine Nachforſchungen wieder anfange, und was noch mehr iſt, ich bringe viel 115 Geld zuſammen, das mich zur Verfolgung meines Zweckes in den Stand ſetzen wild.« „»Wie viel hat Dir Melchior nach unſrer letzten Reiſe gegeben?« „Zwanzig Guineen, und ich habe nun über funfzig.⸗ » Und mir hat er zehn gegeben, was mit denen, die ich ſchon vorher hatte, zwanzig macht. Siebenzig Pfund iſt eine große Summe.«⸗ »Ja, Tim, aber bald ausgegeben. Wir müſſen noch ein wenig länger arbeiten. Zudem kann ich das kleine Mädchen nicht verlaſſen.— Zur Seiltänzerin iſt ſie niemals beſtimmt geweſen.“ »Ich freue mich, Dich ſo ſprechen zu hören, Japhet; denn ich bin ganz Deiner Meinung— ſie ſoll unſer Schickſal theilen.⸗ G »In Wahrheit, eine herrliche Ausſicht,« erwiederte ich lachend,»doch mag ſein, es iſt immer beſſer, als wenn ſie hier bleibt. Aber wie iſt das anzufangen?⸗ »Ja, da liegt der Hund begraben; doch es iſt Zeit genug, darüber nachzudenken, wenn wir unſer gegen⸗ wärtiges Geſchäft aufzugeben beabſichtigen.⸗ »Ich höre von Melchior, daß wir in einigen Tagen abreiſen werden.« »Was mag er vorhaben, Japhet?⸗ »Wir werden nach Hauſe gehen— alle Krankheiten unter der Sonne kuriren. Morgen fangen wir an, Pil⸗ len zu drehen, und können uns denken, wir wären wie⸗ der bei Mr. Cophagus.« »Vortrefflich, es wird ohne Zweifel einigen Spaß dabei geben; ich hoffe jedoch, Melchior wird nicht ver⸗ langen, daß ich meine eigenen Pillen einnehme, um ihre guten Eigenſchaften zu beweiſen, das wäre kein Spaß.⸗ 3 8* 1 116 1 »O nein, das ſoll Num thun. Wozu wäre der Narr ſonſt gut?«— Unſere Beſchäftigungen in der nächſten Woche waren, ſo wie wir es vermuthet hatten. Es wurden Pillen gedreht, Schachteln von jeder Größe mit hübſchen Aufſchriften verſehen, Medizin⸗Gläſer mit man⸗ cherlei Stoffen, beſonders mit ſtimulirenden Sachen ge⸗ füllt, verkorkt, eingepackt, und Pulver aus allem Möglichen, worin jedoch nichts Schädliches war, in Papier gethan. Alles war bereit und begleitet von Num(Jumbo und Fleta wurden zu Hauſe gelaſſen) brachen wir auf, indem Melchior ſich ſo kleidete, wie er in dem Frachtwagen gekleidet geweſen war, und ſein Ausſehen ſo vollkommen veränderte, daß man ihn für einen Mann von wenigſtens ſechszig Jahren halten mußte. Wir reiſ'ten zu Fuß und jeder trug ſein Bündel, Num war wie ein Packpferd beladen, und jammerte erbärm⸗ lich:»Kannſt Du nicht etwas hiervon tragen?⸗ »Nein,« erwiederte ich,»es iſt Dein Gepäck; jeder muß das ſeinige tragen.«. »Ach mein Anzug mit Flittern iſt mir nie ſo ſchwer geworden; wohin gehen wir?« »„Nicht weit von hier, erwiederte Timotheus,»und dann wirſt Du nichts mehr zu thun haben.⸗ „Das iſt noch nicht ſo gewiß. Wenn der Herr ſich ſo kleidet, ſo muß ich kleine Dinger verſchlucken, bis mir übel wird.« »Sie ſind alle gut für Deine Geſundheit, Num.⸗ „Ich bin ſehr wohl, danke ſchön,« erwiederte der arme Menſch;»aber ich bin ſehr heiß und ſehr müde.⸗ Funfzehntes Kapitel. In welchem Timotheus eine prächtige Rede hält, in welcher eben ſo viel Wahrheit iſt, als in denen, die wir von den Huſting's hören.— Melchior ſetzt, gleich den Wahlkandi⸗ daten, ſeine Anſprüche auf die Volksgunſt auseinander, und das Volk beißt wie gewöhnlich an den Köder. Zum Glück für den armen Num waren wir nicht weit von dem Marktflecken, in welchem wir unſern Feldzug zu eröffnen gedachten, der am andern Morgen dadurch begonnen wurde, daß Num und Timotheus, der Erſtere mit einer großen Trompete in der Hand, und der Letztere auf einem Eſel reitend, auszogen. Bei ihrer Ankunft auf dem Marktplatze begann Num mit aller Macht zu blaſen, während Timotheus in ſeiner Silitterjacke, ſobald ſich ein Haufe um ſie her geſammelt hatte, ſich auf den Sattel ſtellte, und das Volk au⸗ redete, wie folgt: »Meine Herren und Damen— ich habe die Ehre, Ihnen anzukündigen, daß in dieſer Stadt der berühmte Doctor Appallachersmacomenetico angekommen iſt, wel⸗ cher weiter gereiſet iſt, als die Sonne, und ſchneller, als ein Komet. Er hat alle Länder der Erde beſucht. In Nordamerika hat er mit den Indianern die Friedens⸗ pfeife geraucht— im Süden mit den Araucas gejagt — iſt auf wilden Pferden über die Ebenen von Merxico galoppirt, und hat mit den Eskimo's ſich die Naſe ge⸗ rieben— er hat bei den Chineſen ſelbſt ſeinen Thee ge⸗ trunken— die Cherok Pooya mit dem Hindus geſchwun⸗ gen— und dem großen Khan der Tartarei eine neue Naſe angeſetzt. Er hat alle Höfe von Europa beſucht, au welchen allen er wohl aufgenommen worden iſt, hat auf dem Eiſe der Newa mit den Ruſſen— mit den Polen die Maſurka getanzt— mit den Deutſchen ge⸗ walzt— mit den Italienern tarantelt— mit den Spaniern fandanged— und mit den Franzoſen qua⸗ drillet. Er hat alle Bergwerke der Welt erforſcht, jede Stadt des Feſtlandes geſehen, alle Berge der Welt unterſucht, den Mont Blanc, die Anden und die Pyre⸗ näen beſtiegen. Er iſt in allen feuerſpeienden Bergen der Erdkugel geweſen, in den Veſuvius hinunterge⸗ ſtiegen und vom Stromboli wieder herausgeworfen. Er hat länger als tauſend Jahre gelebt, und ſteht noch immer in der Bluͤthe ſeiner Jugend. Er hat hundert und vierzig Mal die Zähne gewechſelt, und wird nächſte Weihnacht abermals neue bekommen. Sein ganzes Leben iſt dem Dienſte der Menſchheit und dem Beſtreben ge⸗ widmet geweſen, ſeinen Mitmenſchen Gutes zu thun, und da er eine mehr als tauſendjährige Erfahrung be⸗ ſittt, ſo iſt er im Stande mehr als tauſend Krankheiten zu heilen. Meine Herren, der wunderbare Doktor wird ſich heute Abend Ihnen ſelbſt präſentiren, und ih⸗ nen dann verkünden, wofür ſeine Mittel gut ſind, ſo daß ein Jeder nach ſeinem Leiden auswählen kann. Meine Damen, der wunderbare Doktor kann Ihnen den trefflichſten Beiſtand leiſten, er iſt im Beſitz von Geheimniſſen, durch welche Sie ſich Familie verſchaffen können, wenn Sie es wünſchen,— von Liebestränken, die Ehemänner beſtändig zu machen, und von Salben, dieſelben blind zu machen— von Schönheitsmitteln, die Finnen zu vertreiben, und Jugend und Schönheit zurückzuführen— von Pulvern endlich, die Kinder ruhig zu machen. Blaſe Deine Trompete, Philotas; blaſe und laß Jedermann wiſſen, daß der wunderbare Dockor —— Appallachersmacomenetico gewillt iſt, hier zu verweilen, und den Einwohnern dieſer Stadt ſeine Segnungen zu Theil werden zu laſſen. Num blies hierauf abermals in die Trompete, bis er ſchwarz im Geſichte war; und Timotheus ritt weiter und wiederholte auf anderen Straßen, wie man ſich den⸗ ken kann, von einem zahlreichen Haufen von Gaſſen⸗ buben gefolgt, ſeine großſprecheriſche Ankündigung. Ungefähr um vier Uhr Nachmittages erſchien Melchior auf dem Marktplatze, begleitet von mir, der ich wie ein deutſcher Student gekleidet war, ſo wie von Timotheus und Num in ihren beſchriebenen Anzügen. Es war ein Gerüſt errichtet, und die Menge hatte ſich um daſſelbe mehs in der Abſicht zu lachen, als zu kaufen verſammelt. Die Packete wurden geöffnet und ausgekramt, ich ſtand Melchior zur Rechten, Tim zur Linken, und Num mit ſeiner Trompete hielt ſich in einer Ecke des Gerüſtes. »Stoß in Deine Trompete, Philotas,« ſagte Mel⸗ chior, bei jedem Trompetenſtoß ſeinen dreieckigen Hut abnehmend, und eine tiefe Verbeugung machend.»Maſter Narr, wißt Ihr, warum Ihr die Trompete blaſet?«. „Nein, ich weiß es nicht,« erwiederte Num, ſeine dummen Augen weit aufreißend. „Wißt Ihr es, Mr. Dionyſius?⸗ »Ja, Sir, ich kann es mir denken.«⸗ „»So ſagt es den Herren und Damen, die uns mit ihrer Gegenwart beehren.« »Weil jederzeit Trompeten vor großen Siegern ge⸗ blaſen werden.⸗ »Sehr wahr, Sir; aber inwiefern bin ich ein großer Sieger?« 1 »Ihr habt den Tod beſiegt, Sir; und er iſt ein ſehr ſchlimmer Gaſt⸗ „Dionyſius, Ihr habt gut geantwortet, und ſollt zu Abend eine Ochſenleber haben— vergeßt nicht, mich daran zu erinnern, wenn ich nicht wieder daran denken ſollte.« „Nein, das werde ich nicht, Sir,“ erwiederte Timotheus, den Leib ſich reibend, als wenn er über die ihm eröffnete Ausſicht entzückt wäre. „Meine Damen und Herren,« redete Melchior die gaffende Menge an,»ich ſehe Sie ſämmtlich mit offe⸗ nem Munde daſtehen und auf die Pillen warten; aber ſein Sie nicht zu ungeduldig— ich kann mich nicht von meinen Arzneien trennen, wenn Sie an keinen Krank⸗ heiten leiden, gegen welche dieſelben gut ſind; und ich würde in der That ein elender Doktor ſein, wens ich Ihnen etwas vorordnete, ohne Ihre Leiden zu kennen. Est neutrale genus signans rem non animatam, ſagt Herodot, was auf Engliſch heißt: Was für den einen Arznei iſt, iſt für einen Andern Gift; und er fügt weiter hinzu: Ut jecur, ut caput, ut occiput, was ſo viel ſagen will, als: Was dem einen Temperamente angemeſſen iſt, wird bei einem anderen ſchädlich ſein Beim Arznei⸗Gebrauch iſt daher Vorſicht höchſt noth⸗ wendig, und mein Ruf würde leiden, wenn ich irgend Jemand etwas verabreichen wollte, was nicht gut für ihn iſt. Und jetzt, meine ſehr theuren Freunde, muß ich Sie vor allen Dingen bitten, die beſonderen Sigen⸗ ſchaften des Inhalts dieſes Fläſchchens zu bemerken. Sie ſehen, es ſind nicht mehr als ſechszig Tropfen darin, aber dieſe ſechszig Tropfen werden das Leben eines Menſchen um zehn Jahre verlängern— denn ſie werden ihn vor faſt eben ſo vielen Krankheiten ſchützen. Zum erſten, leidet Jemand von Ihnen am ascites, oder der Waſſer⸗ ſucht, die, wie der berühmte Galen erklärt hat, in drei Klaſſen eingetheilt werden kann, den ascites, den ana- sarca nnd den tympanites. Die Kennzeichen dieſer Krankheiten ſind Anſchwellung des Bauches oder des Magens, ſchweres Athmen, Mangel an Eßluſt und ein ſchmerzhafter Huſten. Nun meine Herrſchaften, leidet Jemand von Ihnen an dieſer Krankheit? Nein, Nie⸗ mand. Ich danke dem Himmel, daß Sie ſo unglücklich nicht ſind.« »Die zweite Krankheit, wogegen die Tropfen gut ſind, iſt die peripneumonia, oder Lungenentzündung, deren Kennzeichen oder Symptome ſind: Ein ſchwacher Puls, geſchwollene Augen und Geſichtsröthe. Hat Je⸗ mand von Ihnen dieſe Symptome?— Hat er ſie, ſo leidet er an dieſer Krankheit. Doch es hat ſie Keiner und ich danke dem Himmel, daß Sie nicht ſo geplagt ſind.«. »Die Tropfen ſind auch ein Radikal⸗Mittel gegen die diarrhaea, deren Kennzeichen ſind: Schwäche, häufiges Grimmen, Kollern in den Eingeweiden, kalter Schweiß und Krämpfe.⸗ Hier trat ein Mann vor, und klagte über häufige Leibſchmerzen— ein Anderer über Kollern in den Eingeweiden, und zwei oder drei Andere über kalten Schweiß. »Gut. O, ich danke dem Himmel, daß ich ſelbſt hier bin, um Euch Beiſtand leiſten zu können; denn was ſagt Hippokrates? Relativum cum antecedente 3 concordat, das heißt: Heilmittel ſchnell angewendet, tödten die Krankheit in der Geburt. Hier, meine Freunde nehmt— nehmt— zahlt mir nur einen ein⸗ zigen Schilling, und ſeid dankbar. Wenn Ihr Euch zur Ruhe begebt, ſo vergeßt Eure Gebete nicht. Es iſt auch ein treffliches Mittel gegen die ſchreckliche chiragra, oder Gicht. Ich machte in der vorigen Woche die ſämmtlichen Aldermen der City geſund, indem ich einen Jeden drei Flaſchen nehmen ließ, und ſie überreichten mir das Londoner Bürgerrecht in einer goldenen Kapſel, die ich leider mitzubringen vergeſſen habe. Die chira- gra kann in mehrere Species eingetheilt werden; gona⸗ gra, wenn ſie in den Knieen,— chiragra, wenn ſie in den Händen,— onagra, wenn ſie in den Ellen⸗ bogen,— amagra, wenn ſie in den Schultern, und lumbago, wenn ſie im Rücken ihren Sitz hat. Gegen dieſe ſämmtlichen Arten der Gicht iſt der Inhalt dieſer kleinen Flaſche ein Radicalmittel; und bemerkt wohl, es verdirbt nie. Nach zwanzig Jahren, wenn Ihr in Euren alten Tagen daran leidet,— und, meine Werthe⸗ ſten, die Zeit wird kommen— nehmt Ihr vielleicht das Fläſchchen von dem Sims, und ſegnet die Stunde, in welcher Ihr Euren Schilling daran wendetet; denn wie Euſebius ſagt: Verbum personale concordat cum nominativo, das will ſagen, der Rüſtige wird alt wer⸗ den, und an Gliederſchmerzen leiden. Alſo wohlan, wer hat Schmerzen in ſeinen Gliedern, oder Rückenweh? wer kann ſagen, daß er ſie nie bekommen wird?⸗ Die Zahl derer, welche Gliederſchmerzen hatten, oder ſich dagegen zu verwahren wünſchten, war ſo groß, daß wir unſere ſämmtlichen Flaſchen verkauften, und der Doctor ſich zu dem Verſprechen genöthigt ſah, bald möglichſt mehr von der unſchätzbaren Arznei herbeiſchaffen zu wollen. »Meine Damen und Herren, ich werde Sie jetzt auf ein koſtbares Pflaſter aufmerkſam machen, deſſen Wirkungen wunderbar ſind. Dionyſius, tritt vor, Du haſt die wohlthätige Kraft deſſelben empfunden, erzähle Deinen Fall, und weiche nicht von der Wahrheit ab.⸗ — 123 Timotheus trat hierauf vor. »Meine Damen und Herren, auf meine Ehre, vor ungefähr drei Wochen fiel ich vom Gerüſte, zerbrach mir den Rückenknochen dreimal, ward zu einem Wund⸗ arzte getragen, der Wundarzt unterſuchte mich und ſagte den Leuten, ſie möchten das Maaß zu meinem Sarge nehmen. Der große Doktor war zu der Zeit nicht anweſend, da er zu einer Konſultation mit des Königs Aerzten gerufen war; denn die Königin litt am Cophagus, das heißt am intermittirenden kalten Brande am großen Zeh. Aber glücklicherweiſe kehrte mein Herr gerade zurück, als ſie mich in den Sarg leg⸗ ten, legte augenblicklich ſein Radikalpflaſter auf meinen Rücken, nach fünf Tagen konnte ich aufrecht ſitzen, und nach zehn Tagen übernahm ich meinen Dienſt wieder.⸗ »Seid Ihr jetzt vollkommen wieder hergeſtellt, Dionyſius?« »Vollkommen, Sir, mein Rückenknochen iſt wie Fiſchbein.« »Verſucht es.« Dionyſius ſchlug hierauf ein Paar. Burzelbäume rückwärts und vorwärts, ging auf den Händen über die Bühne, und machte Luftſprünge aller Art. »Sie ſehen, meine Herren, daß ich vollkommen wohl bin, und was ich geſagt habe, ich ſchwöre es auf meine Ehre, iſt eine Thatſache.“ »Ich denke, Sie werden zugeben, daß dieſes eine ſehr hübſche Kur geweſen iſt,« ſagte der Doktor, zu den Umſtehenden ſich wendend;»ich brauche gewiß kaum zu verſichern, daß dieſes Pflaſter bei Verrenkungen, Quetſchungen, Kontuſionen und Ausſetzungen unfehlbar iſt; und ſie werden noch mehr erſtaunen, wenn ich Ih⸗ nen ſage, daß ich das Stück zu acht Pence verkaufe.”⸗ Das Pflaſter ging reißend ab, und bald war unſer ganzer Vorrath verkauft. Der Doktor beſchrieb hierauf ſeine übrigen werthvollen Artikel, und als er auf ſeine Schönheitsmittel u. ſ. w. für die Frauen kam, wuß⸗ ten wir uns vor Zundrang faſt nicht zu helfen.„»Doch jetzt,« ſagte der Doktor,»muß ich Ihnen für heute gute Nacht ſagen.“ „Das freut mich ſehr,« ſagte Timotheus,»denn uun denke ich meine Arznei zu verkaufen.“ „Eure Arznei, Mr. Dionyſius! Was wollt Ihr da⸗ mit ſagen?« „Damit will ich ſagen, Sir, daß ich ſelbſt ein Pul⸗ ver erfunden habe, welches ein Radikalmittel iſt.“ „»Wogegen, Sir?« „» Es iſt ein Mittel, die Fliegen zu tödten, und was noch mehr ſagen will, es iſt eben ſo unfehlbar als die Eurigen.⸗ „»Wahrhaftig! aber ſagt an, Sir, was hat Euch auf die Entdeckung geführt?« „Sir, ich habe ſie zufällig im Schlafe gemacht; habe aber mein Mittel erprobt, und kann ſagen, es iſt eben ſo unfehlbar⸗ als irgend eines von den Eurigen, wenn es richtig angewendet wird. Meine Damen und Herren, ich ſetze ihnen meine Ehre zum Pfande, daß mein Pulver die gewünſchte Wirkung haben wird, und ich fordere nicht mehr als einen Sir⸗Pence.-⸗ „Aber wie wird es angewendet, Sir?« „Gerade wie alle anderen Pulver; ich ſage es jedoch nicht eher, als bis ich einige verkauft haben werde, verſpreche aber, das Geld zurückzugeben, wenn es nicht hilft.« 4 „Das iſt recht und billig, Mr. Dionyſius; und 125 ich werde Sorge tragen, daß Ihr Wort haltet. Kauft Jemand das Narrenpulver zum Fliegentödten?« »Ich kaufe eins,« erwiederte ein Gaffer;»hier iſt mein Sir⸗Pence; jetzt aber, Narr, ſagt mir, wie ich es gebrauchen muß?« 8 » Das will ich Euch ſagen,« erwiederte Timotheus, den Six⸗Pence in die Taſche ſteckend;»Ihr fangt eine Fliege, haltet ſie zwiſchen dem Mittelfinger und dem Daumen ſo feſt, daß ſie das Maul aufſperren muß, wenn ſie das Maul offen hat, ſo thut Ihr eine Klei⸗ nigkeit von dem Pulver hinein, und es wird ſie auf der Stelle tödten.⸗ »Ja, wenn ich die Fliege erſt ſo habe, wie Ihr ſagt, ſo kann ich ſie eben ſo gut ſelbſt todt machen.« »Sehr wahr, das könnt Ihr, wenn Ihr es vor⸗ zieht; aber wenn Ihr es nicht thut, ſo macht nur von dieſem Pulver Gebrauch, das auf meine Ehre unfehl⸗ bar iſt.« Thimotheus erregte durch ſeinen Scherz allgemeines Gelächter. Er behielt ſeinen Sir⸗Pence, und unſer Geſchäft war für dieſen Tag zur großen Zufriedenheit Melchiors beendet, der erklärte, er habe mehr einge⸗ nommen, als je zuvor in einer ganzen Woche. Wirk⸗ lich belief ſich die Summe auf ſiebenzehn Pfund und zehn Schillinge, die in lauter kleiner Münze für Stoffe eingekommen waren, welche kaum den Werth von eini⸗ gen Schillingen hatten. Wir ſetzten uns demnach un⸗ ter Hoffnungen einer reichlichen Ernte zum Abendeſſen, und ſie gingen in Erfüllung. Wir verweilten vier Tage in dem Flecken, reiſ'ten ſodann weiter, und überall be⸗ gleitete uns daſſelbe Glück. Timotheus und ich muß⸗ ten faſt die ganze Nacht aufſitzen, um Pillen zu drehen und Mirturen zu bereiten, was wir auf ſehr kunſtge⸗ 126 rechte Weiſe thaten. Melchior war nicht einmal immer anweſend, er verkündete ſehr oft, daß ſeine Anweſen⸗ heit anderwärts erfordert werde, und daß er die Schil⸗ derung der Eigenſchaften ſeiner Arzneien ſeinem Ge⸗ hülfen übertragen habe, der große Fortſchritte in der Arzneiwiſſenſchaft gemacht. Ich machte durch mein gewinnendes Aeußere, beſonders bei den Damen, gro⸗ ßen Eindruck, und Timotheus that nicht minder was er vermochte, ſo daß wir jeden Abend eine beträchtliche Summe heimbrachten, und daß Melchior zuletzt ſich nur noch zeigte, um anzukündigen, daß er ſo ſehr mit Krankenbeſuchen beſchäftigt ſei, daß er nicht länger bleiben könne, und uns nach der erſten halben Stunde das Geſchäft allein überließ. Nach ſechs Wochen un⸗ unterbrochenen Erfolges kehrten wir in das Lager zu⸗ rück, das wie gewöhnlich nicht weit entfernt war. Sechzehntes Kapitel. Wichtige, aber nicht mitgetheilte Nachrichten.— Die Firma wird aufgelöſ't. 1 Melchior's Einnahme war reichlicher ausgefallen, als er es erwartet hatte, und er bewies ſich ſehr frei⸗ gebig gegen Timotheus und mich. Er ſah mich in der That als ſeine rechte Hand an, und unſer Verhältniß wurde täglich vertrauter und freundſchaftlicher. Unſer Geſchäft brachte es mit ſich, daß wir uns fortwährend gleichſam in einem Strudel befanden, ſo daß wir hoch 127 erfreut waren, nach dem Lager zurückzukehren und nach unſerm Streifzuge der Ruhe ein wenig pflegen zu kön⸗ nen. Nie fühlte ich mich glücklicher, als in dem Au⸗ genblicke, da ſich Fleta mir in die Arme warf, und Nattih mit ihrer gewohnten Würde und Anmuth, aber mit mehr als gewohnter Herablaſſung und Güte mir entgegen kam und mich daheim willkommen hieß. Daheim— ach! ſo wenig ich als die arme Fleta ſoll⸗ ten hier eine Heimath finden— und das fühlte ich ſchmerzlich. Das Lager war uns nur eine Stätte flüch⸗ tiger Raſt, nicht mehr. Wir hatten bereits über ein Jahr unſere Talente auf die beſchriebene, einträgliche Weiſe geübt. Eines Tages ſaß ich vor der Thür unſers Zeltes, mit einem Buche in der Hand, aus welchem mir Fleta vorlas, als ein fremder Zigeuner erſchien. Er war mit Staub bedeckt, und die auf ſeiner dunkeln Stirn perlenden Schweißtropfen verkündeten, daß er in großer Eile ge⸗ wandert war. Nattih ſtand in der Nähe. Er redete ſie in ihrer Stammesſprache an, die ich nicht verſtand, doch merkte ich, daß er ſich nach Melchior erkundigte. Nach einem kurzen Geſpräche legte Nattih Zeichen des Erſtaunens und der Beſorgniß an den Tag, bedeckte das Geſicht mit den Händen, die ſie aber eben ſo ſchuell wieder entfernte, als ob es ihrer unwürdig wäre, Ge⸗ müthsbewegung blicken zu laſſen, und blieb dann in Gedanken verſunken ſtehen. Melchior näherte ſich, der Zigeuner eilte auf ihn zu, und beide waren bald in ein lebhaftes Geſpräch vertieft. In zehn Minuten war es beendet; der Zigeuner ging an einen vorbeifließenden Bach, wuſch ſich das Geſicht, erfriſchte ſich duͤrch einen tüchtigen Trunk, eilte wieder davon und enkſchwand blald unſeren Blicken. Melchior, der ihn mit den Au⸗ 8 128 gen verfolgt, naͤherte ſich uns langſam. Ich beobachtete ihn und Nattih, und ihre Blicke überzeugten mich, daß etwas von Wichtigkeit vorgefallen ſei. Er ſah ſie feſt an, und ſie erwiederte traurig ſeinen Blick, legte die Arme kreuzweiſe über die Bruſt, verneigte ſich ein we⸗ nig wie zum Zeichen der Ergebung, und ſprach mit unterdrückter Stimme die Worte der heiligen Schrift: „Wohin Du gehſt, ich will mit Dir ſein— Dein Volk ſoll mein Volk und Dein Gott mein Gott ſein.“« Sodann entfernte er ſich mit ihr; ſie ſetzten ſich nieder, und unterredeten ſich über eine Stunde lang ſehr ernſt. „Japhet,“« ſagte Melchior zu mir, nachdem er ſeine Frau verlaſſen hatte;»ich bin im Begriff, Euch etwas zu entdecken, was Euch überraſchen wird. Ich habe Euch bisher zum Vertrauten alles deſſen gemacht, was ich überhaupt einem Andern anvertrauen darf; allein Jedermann hat Geheimniſſe, die nach dem Vernunft⸗ gebote in ſeiner eigenen Bruſt und in der ſeiner Trau⸗ ten, die durch die heiligſten Bande an ihn gekettet i*ſt, verſchloſſen bleiben müſſen. Wir müſſen uns tren⸗ nen. Ju wenigen Tagen wird das Lager abgebrochen ſein, und unſere Leute werden ſich einer andern Abthei⸗ lung des Stammes anſchließen. Mich werdet Ihr nie wiederſehen. Verlangt weiter keine Aufklaͤrung, denn ich kann ſie nicht geben.« „Und Nattih?« ſagte ich. „Wird mein Loos theilen, es ſei welches es wolle— Ihr werdet ſie nie wieder ſehen.⸗ „Um mich ſelber bin ich nicht beſorgt, Melchior. Die Welt ſteht mir offen; allein ohne Euch werde ich auf keinen Fall bei den Zigeunern bleiben. Doch be⸗ antwortet mir nur eine Frage— was ſoll aus der — ꝗMuo— . 129 kleinen Fleta werden? Bleibt ſte bei dem Stamme, dem ſie nicht angehört, oder begleitet ſie Euch?«* Melchior überlegte.»Kaum weiß ich Euch Beſcheid darauf zu geben. Doch welchen Antheil könnt Ihr am Wohl oder Wehe eines Soldatenkindes nehmen?« »Angenommen, daß ſie das, was Ihr ſagt, wirk⸗ lich iſt, Melchior, habe ich doch das Kind im höchſten Grade lieb gewonnen, und kann den Gedanken nicht ertragen, daß es hier bleiben ſoll. Ich bin feſt über⸗ zeugt, daß Ihr mich in Betreff ſeiner getäuſcht habt, denn es erinnert ſich mehrerer Umſtände ſeiner frühen Kindheit, aus welchen hervorgeht, daß es aus keinem geringen Stande, und daß es geſtohlen worden iſt.« „»Wirklich, iſt ſein Gedächtniß ſo tren?« antwor⸗ tete Melchior zähneknirſchend.»Gegen Nattih oder mich hat ſie nie auch nur von fern auf dieſe Umſtände hinge⸗ deutet.« »Das iſt ſehr wahrſcheinlich. Doch ein geſtohlnes Kind iſt es, Melchior, und ſoll nicht hier bleiben.« „»Soll nicht?« 3 »Wie ich ſage: ſoll nicht, Melchior. Sobald Ihr die Zigeuner verlaſſen haben werdet, wird auch Eure Gewalt ihre Endſchaft erreicht haben, und das Geſchick des Kindes muß Euch gleichgültig werden. Fleta ſoll alſo wählen— wenn ſie mir folgen will, ſo will ich ſie, Jedermann zum Trotze, mit mir nehmen; und darin mache ich mich weiter keines Unrechts gegen Euch ſchul⸗ dig, noch verletze ich meine Treue gegen Euch.«⸗ »Wie könnt Ihr das wiſſen? Ich kann geheime Gründe dagegen haben.« »Ihr könnt doch keinen Antheil an dem Wohl oder Wehe eines Soldatenkindes nehmen, Melchior?« Er ſchien verwirrt und verdrießlich zu werden.»Sie Japhet J. 9 130 iſt kein Soldatenkind; das Kind wurde geſtohlen, ich geſtehe es, Japhet. Doch Ihr dürft hieraus nicht ſchlie⸗ ßen, daß es von mir oder meinem Weibe geſtohlen wurde.«. »„Ich habe Euch deſſen nie beſchuldigt, noch für fä⸗ hig dazu gehalten; und dies iſt eben die Urſache, wes⸗ halb ich mich über den Antheil wundere, den Ihr an der Kleinen zu nehmen ſcheint. Wenn es Fleta vor⸗ zieht, mit Euch zu gehen, ſo habe ich weiter nichts dazu zu ſagen; im andern Falle aber nehme ich ſie un⸗ ter meinen Schutz. Willigt ſie ein, ſo werden wir uns Eurer Einmiſchung widerſetzen.« „Japhet,« verſetzte Melchior nach einer Pauſe, „wir müſſen uns im Augenblicke der Trennung nicht entzweien. In einer halben Stunde will ich Euch meine Antwort geben.⸗ Er begab ſich zu Nattih zurück und begann eine Un⸗ terredung mit ihr, während ich Fleta aufſuchte. »Fleta, weißt Du, daß das Lager aufgehoben wer⸗ den ſoll, und daß Melchior und Nattih die Bande ver⸗ laſſen werden?« „Wirklich!« ſprach ſie erſtaunt.»Was ſoll denn aus Dir und Thimothy werden?« „Wir müſſen natürlich unſer Glück anderwärts ver⸗ ſuchen.« „Und was wird aus mir?« fuhr ſie fort, indem ſie mit ihren großen blauen Augen mich ernſthaft anſah. „Soll ich vielleicht hier bleiben?« fragte ſie mit beſorg lichem Ausdruck weiter. „Nicht, wenn Du es nicht wünſcheſt, Fleta. So lange ich für Dich ſorgen kann, werde ich Dich nicht verlaſſen— das heißt, falls Du es vorziehen ſollteſt, mit mir zu gehen, ſtatt bei Melchior zu leben.⸗ ich es vorziehe— wer iſt ſo liebreich gegen mich gewe⸗ ſen, als Du? Verlaß mich nicht, Japhet!⸗ »Ich will Dich nicht verlaſſen; doch unter der Be⸗ dingung, daß Du verſprichſt, Dich von mir leiten zu laſſen und zu thun', was ich wünſche.“— »Zu thun, was Du wünſcheſt, Japhet, iſt meine größeſte Freude— dieſes Verſprechen kann ich Dir da⸗ her getroſt geben. Was iſt vorgefallen?« »Das iſt mir eben ſo unbekannt wie Dir; doch Mel⸗ ſchior ſagt mir, daß er und Nattih die Zigeunerzelte auf ewig verlaſſen müſſen.« Fleta ſchaute umher, um zu ſehen, ob Jemand in der Nähe wäre, und ſagte dann mit leiſem Tone:»Ich verſtehe ihre Sprache, Japhet, wenigſtens ſehr viel da⸗ von, obwohl ſie es nicht glauben, und habe einen Theil von dem, was der fremde Zigeuner ſagte, gehört. Er fragte nach Melchior, und als ſich Nattih erkundigte, was er wolle, antwortete er,»er ſei todt;« Nattih bedeckte darauf das Geſicht mit den Händen. Das Uebrige konnte ich nicht gut hören, doch kam etwas von einem Pferde darin vor.« Er war kodt. Hatte denn Melchior einen Mord begangen, und mußte er deshalb das Land meiden? Wenn ich mir die mir ſchon bekannten Umſtände in das Gedächtniß zurückrief, ſo kam mir dieſe Annahme ſehr wahrſcheinlich vor. Und doch konnte ich es nicht glauben, denn von dem bei ſeinem Gewerbe ſo unent⸗ behrlichen Betrugſyſteme abgeſehen, hatte ich in Mel⸗ chiors Benehmen nie etwas bemerkt, das einen Ver⸗ brecher in ihm zu vermuthen hätte berechtigen können. Im Gegentheil, er war freundlich, edelmüthig und im gewöhnlichen, geſelligen Leben rechtſchaffen, und hatte . 9* 34 in vielen Stücken bewieſen, daß er ein gutes Herz be⸗ ſaß. Seine Denkart war freilich ein räthſelhaftes Ge⸗ miſch, ſo viel war gewiß. Bei der Ausübung ſeines Gewerbes betrog er unbedenklich Jedermann, und ſetzte Wahrheit und Redlichkeit gäuzlich aus den Augen. Sonſt aber war er im höchſten Grade redlich, und hatte ſich, ſo viel ich entdecken konnte, mit Ausnahme ſeiner Be⸗ hauptung in Betreff der Geburt und Herkunft Fleta's nie einer Lüge gegen mich ſchuldig gemacht. Ich war in dieſe Betrachtungen vertieft, als ſich Melchior mir abermals näherte. Er ſchickte das kleine Mädchen fort und begann: „Ich habe beſchloſſen, Euch Eure Bitte in Bezie⸗ hung auf Fleta zu gewähren, Japhet; allein unter Be⸗ dingungen.« »Laßt ſie hören.« »Zuerſt möchte ich, da Ihr ſtets redlich und ver⸗ trauensvoll gegen mich geweſen ſeid, wiſſen, was Ihr zu beginnen beabſichtigt. Habt Ihr Euch vorgenom⸗ men, das Gewerbe, das Ihr von mir gelernt habt, fortzuſetzen, oder etwas anderes zu ergreifen?« „Nun denn, ehrlich geſagt, Melchior, das Gewerbe werde ich aufgeben, wenn mich die Noth nicht zwingt, es wieder zu treiben. Ich beabſichtige, meinen Vater aufzuſuchen.“ »Und wenn Euch die Noth dazu zwingt, ſoll Euch Fleta durch ihre Geſchicklichkeit Beiſtand leiſten? Mit einem Worte, iſt es Eure Abſicht, ſie aus Gewinnſucht mitzunehmen, ihre Talente auf das Beſte auszubeuten, und ſie dann, wenn ſie erwachſen iſt, in Elend und La⸗ ſter verſinken zu laſſen?«. „Mich wundert, daß Ihr ſo fragen könnt, Mel⸗ chior; es iſt das erſte Mal, daß Ihr ungerecht gegen 133 mich ſeid. Nein, wenn ich mich genöthigt ſehe, dieſes Gewerbe zu treiben, ſo werde ich doch Fleta nicht ge⸗ ſtatten, es zu thun. Lieber würde ich ſie ſterben ſehen. Gerade um ſie vor Laſter und Elend zu bewahren, ge⸗ denke ich ſie aus Umgebungen zu enbſernen⸗ in die ſie nie hätte eintreten ſollen.« „Gebt Ihr mir Euer Ehrenwort darauf⸗ „»Mein Ehrenwort darauf! Ich liebe ſie wie eine Schweſter, und kann mir das Vergnügen nicht verſa⸗ gen, mich der Hoffnung hinzugeben, daß ich, indem ich meinen Vater aufſuche, zufällig den ihrigen auffinden könnte.« Meichior biß ſich in die Lippen.»Ich muß Euch noch ein Verſprechen abnöthigen, Japhet,« begann er wieder; ves beſteht darin, daß Ihr an einem Orte, den ich Euch näher bezeichnen werde, alle ſechs Monate Nachricht geben wollt, wo Ihr zu finden ſeid, und wie es Fleta ergeht.« »Dazu bin ich mit Freuden erbötig. Doch es will mir vorkommen, als ob Ihr plötzlich ſehr großen An⸗ theil an dem kleinen Mädchen nehmt.« »Es iſt jetzt mein Wunſch, daß Ihr hiervon über⸗ zeugt ſeid, wofern Ihr das Warum nicht zu erforſchen ſucht. Wollt Ihr Mittel zu ihrem Unterhalte von mir annehmen?« »Nicht anders, als wenn die Noth mich dazu zwingt; dann aber würde es mich freuen, zu ſehen, daß Ihr, ſobald ich ihr nicht länger beiſtehen kann, fortwährend ihr Freund ſeid.« »Vergeßt nicht, daß Ihr das Nöthige ſtets unter der Adreſſe, die ich Euch, ehe wir uns trennen, geben werde, erhalten könnt. Dieſe Angelegenheit wäre alſo 134 abgemacht, und ich denke, die verabredeten Maßregeln ſind gut.« e 3 Timotheus war während der Ereigniſſe des Mor⸗ gens abweſend geweſen. Sobald er zurückkehrte, theilte ich ihm Alles, was vorgefallen und verabredet war, mit.— 3 »Nun, Japhet,“« gab er zur Antwort;»ich weiß nicht— unſere Lebensweiſe mißfällt mir nicht, aber ich gebe ſie auch nicht ungern auf. Doch was ſollen wir anfangen?« „Das muß noch überlegt werden. Wir beſitzen glücklicherweiſe eine ziemliche Geldſumme, und müſſen damit haushälteriſch ſein, bis wir wiſſen, was wir thun können.« Zum letzten Male aßen wir Alle mit einander zu Abend. Melchior hatte uns angekündigt,, daß er ent⸗ ſchloſſen ſei, ſchon am andern Tage abzureiſen. Nattih ſah ſehr betrübt, aber ergeben aus. Die kleine Fleta war dagegen ſo höchſt vergnügt, daß ihr ſonſt ſo trau⸗ riges Geſicht vor Freude ſtrahlte, wenn ſich unſere Blicke begegneten. Es war zum Entzücken, ſie ſo glücklich zu ſehen. Die anderen Zigeuner hatten ſich entfernt, und Melchior war emſig beſchäftigt, im Zelte Vorbereitun⸗ gen zu treffen. Ich empfand keine Neigung zum Schla⸗ fen. Ich hatte mich nicht weit von den Zelten auf die Erde niedergelaſſen, und überdachte meine Ausſichten in die Zukunft. Die Nacht war dunkel, aber am rei⸗ nen Himmel funkelten die Sterne. Ich hatte ſie be⸗ trachtet, dabei an Melchior's Vorſtellungen vom Ge⸗ ſchicke gedacht, und den nutzloſen Wunſch empfunden, das meinige leſen zu können, als ich Nattih auf mich zukommen ſah. 4 135 »Japhet, zegann ſie,»Ihr werdet das kleine Mäd⸗ chen mit Euch nehmen, höre ich— werdet Ihr über ſie wachen? Denn ich würde es ſchwer zu verantwor⸗ ten haben, wenn ſie der Gnade der Welt überlaſſen werden ſollte. Sie verläßt uns in Freude, ſorgt da⸗ für, daß ihre Freude nicht in Thränen ende. Ich gehe mit Kummer. Ich verlaſſe mein Volk, meine Ver⸗ wandten, meine Lebensweiſe, meine Kunſt, Alles— doch es muß ſein; es iſt mein Geſchick. Fleta iſt ein gutes Kind, Japhet— verſprecht es mir, ihr ein wahrhafter Freund zu ſein— und gebt ihr dieſes, ſte ſoll es zu meinem Andenken tragen, doch— noch nicht— nicht, bis wir fort ſind—« Sie ſtockte. »Japhet, ſorgt, daß Melchior es nicht bei Euch er⸗ blickt; er möchte es mißfällig aufnehmen, wenn er ſieht, daß ich es weggegeben habe.⸗ Ich nahm das in Papier gewickelte Geſchenk, und verſprach Alles, was ſie verlangt hatte. »Dies kann das letzte— ja— das allerlehte Mal ſein, daß ich dieſe Umgebungen ſchaue, fuhr ſie fort, die Blicke auf den Anger, die Zelte und unſere weidenden Thiere umherwerfend.»Es ſei. Gute Nacht, Japhet. Möge das Gluͤck Euch günſtig ſein!« Sie ging in ihr Zelt, und bald darauf folgte ich ihum Beiſpiele. Am andern Morgen hatte Melchior Alles zu ſeiner Abreiſe vorgekehrt. Was er eingepackt hatte, befand ſich in zwei kleinen Bündeln. Er redete die Zigeuner in ihrer eigenen Sprache an. Nattih that daſſelbe, und alle küßten ihr die Hand. Melchior theilte ſeine Zelte, Hausgeräth und den größeſten Theil ſeiner an⸗ dern ſonſtigen Habe unter ſie aus. Jumbo und Num wurden zwei angeſehenen Zigeunern übergeben. Ti⸗ mothy, Fleta und ich waren ebenfalls reiſefertig; wir beabſichtigten, zu gleicher Zeit mit Melchior und ſeinem Weibe fortzugehen. 5 „»Japhet,« redete mich Melchior an,»Ihr habt von unſerm letzten Zuge her noch einen Rückſtand zu fordern«—(dies hatte ſeine Richtigkeit)—» hier — ich weiß, daß Ihr und Timothy eine gemeinſchaft⸗ liche Kaſſe führt. Lebt wohl, und möge Euch das Glück günſtig ſein!« Wir drückten Melchior und Nattih die Hand. Fleta näherte ſich der Letztern, legte ihre Arme kreuz⸗ weiſe über die Bruſt und neigte den Kopf. Nattih küßte ſie und führte ſie zu Melchior. Er bückte ſich und küßte ſie auf die Stirn, wobei er, wie ich bemerkte, eine heftige innere Regung zu unterdrücken ſich be⸗ mühete. Die Richtungen, welche wir einſchlugen, führten uns auseinander, und ſobald wir an den Saum des Angers gelangt waren, winkten wir einander das letz⸗ te Lebewohl zu und ſetzten dann die Wanderſchaft wie⸗ der fort. Fleta brach in Thränen aus, als ihre frühe⸗ ren Beſchützer unſeren Blicken entſchwunden waren. * Siebenzehntes Kapitel. . 4 Eine Berathung.— Ich beſchließe, als Gentleman aufzutreten, da ich eben ſo rechtmäßige Anſprüche auf die Gentleman⸗ ſchaft beſitze, als viele Andere. 4 Ich führte das kleine weinende Mädchen an der Hand, und wir gingen eine geraume Weile ſchweigen neben einander her. Erſt als wir die Hauptſtraße er⸗ reicht hatten, unterbrach Timotheus meine Träumereien durch die Frage:—»Haſt Du über das, was wir thun ſollen, noch keinen Beſchluß gefaßt, Japhet?⸗ »Ich habe es ſo eben überlegt, Timothy. Wir haben viel Zeit verloren. Die Abſicht, in welcher ich London verließ, iſt faſt in Vergeſſenheit gerathen; es darf jedoch nicht ſo bleiben. Ich habe beſchloſſen, ſo⸗ bald ich dieſes kleine Weſen untergebracht haben werde, meine Nachforſchungen fortzuſetzen, und mich nie wieder davon abbringen zu laſſen.“ »Ich kann in Betreff des Zeitverluſtes nicht mit Dir übereinſtimmen, Japhet. Als wir unſere Wande⸗ rung antraten, hatten wir nur ſehr wenig Geld, jetzt aber wird uns unſere Kaſſe auf lange Zeit in den Stand ſetzen, Deinen Zweck zu verfolgen. Es fragt ſich nur, welche Richtung wir einſchlagen ſollen. Wir 2 verließen London und zogen, nach dem Beiſpiele der. Weiſen, wie wir glaubten, gen Weſten. Wir waren aber, meiner Meinung nach, mit aller Unterwürfigkeit ſei es geſagt, ein paar Narren.« »Das habe ich gleichfalls gedacht, Tim, und ſtimme Dir bei. Aus mehrfachen Gründen, die Dir hinläng⸗ lich bekannt ſind, hoffe ich, meinen Vater in den höhe⸗ ren Klaſſen der Geſellſchaft zu finden; und der Weg, den wir gleich aufangs einſchlugen, führte uns zu der allerniedrigſten. Mir ſcheint es das Klügſte zu ſein, wenn wir auf dem Wege, auf welchem wir gekommen ſind, wieder zurückgehen. Unſere Mittel ſetzen uns in den Stand, als Gentlemen aufzutreten und uns der gebildeten Geſellſchaft anzuſchließen; und London iſt der zweckdienlichſte Ort, den wir dazu wählen können.⸗ „»Dies iſt auch genau meine Meinung, Japhet, wenn ich einen einzigen Umſtand ausnehme, den ich Dir angeben will. Doch erſt ſag' mir, ob Du einen Ueberſchlag unſers Kaſſenbeſtandes gemacht haſt? Es muß eine ziemlich bedeutende Summe herauskommen.⸗ Ich hatte das Päckchen noch nicht geöffnet, in wel⸗ chem das Geld enthalten war, das mir Melchior ein⸗ gehändigt hatte. Ich öffnete es, und fand zu meinem Erſtaunen mehrere Banknoten zum Belauf von hundert Pfund. Ich erkannte, daß er mir dieſe große Summe gegeben, damit es mir leichter würde, die für Fleta nothwendigen Ausgaben zu decken.» Mit dieſer Summe,« ſagte ich,»kann ich nicht viel weniger als zweihundert und funfzig Pfund beſitzen.« „Und ich nenne über ſechszig Pfund mein eigen,⸗ ſagte Timotheus.»Wahrlich, das Gewerbe iſt einträg⸗ lich geweſen.« „Allerdings,« erwiederte ich mit Lachen.»Doch Du mußt Dich erinnern, daß wir keine Ausgaben hat⸗ ten. Das Publikum verſah uns mit Speiſe, und un⸗ ſere Wohnung hatten wir umſonſt. Wir hatten keine Abgaben zu bezahlen, während wir eine bedeutende Ab⸗ gabe auf die Thorheit und Leichtgläubigkeit Anderer⸗ legten.«. » Sehr wahr, Japhet; und wiewohl ich mich über das Geld freue, ſo bedauere ich doch nicht, das Ge⸗ werbe aufgegeben zu haben.« »Ich eben ſo wenig, Tim; und wenn es Dir be⸗ liebt, ſo wollen wir gar nicht mehr davon ſprechen. Doch ſag' an, was für eine Einwendung wollteſt Du machen?« „Nur dieſe. Obgleich dreihundert Pfund eine artige Summe ſind, ſo werden ſie doch nicht ewig ausreichen, wenn wir den äußern Anſtand von Gentlemen behaup⸗ * 139 ten wollen. Wir müſſen zum Beiſpiel unſere Kammer⸗ diener haben. Das wird eine drückende Ausgabe ſein! Und dann die Kleider— wir werden bald unſern Rang und Stand in der Geſellſchaft verlieren, wenn es uns nicht gelingt, eine Anſtellung zu erhalten.« „»Wir müſſen ſehen, daß das Geld ſo lange als möglich hinreicht, Timothy; und uns dann auf die Gunſt des Glücks verlaſſen.« »Das iſt alles recht gut, Japhet; allein ich möchte mich lieber auf meine eigene Klugheit verlaſſen. Nun höre, was ich vorzuſchlagen habe. In einem zuverläſ⸗ ſigen, vertrauten Kammerdiener wirſt Du die größeſte Stütze finden. Ich würde als Gentleman nur ein Hin⸗ derniß ſein und Koſten verurſachen. Als Kammerdiener aber könnte ich Dir in die Hand ſpielen, und zugleich würden wir dadurch die Hälfte der Ausgaben erſparen. Mit Deiner Erlaubniß werde ich daher den mir gezie⸗ menden Standpunkt einnehmen, Deine Livree anziehen und mich höchſt nützlich machen.« Ich konnte nicht umhin, die Vortheile einzuſehen, die aus Timothy's Vorſchlag erwachſen mußten, wollte ihn jedoch nicht gern annehmen. „»Du biſt ſehr gütig, Timothy,« antwortete ich; »aber ich kann Dich nur als Freund und meines Glei⸗ chen betrachten.« „»Darin haſt Du Recht und Unrecht. Recht, indem Du mich für Deinen Freund hältſt; und würdeſt noch mehr Recht haben, wenn Du mir geſtatten wollteſt, Dir meine Freundſchaft auf die angegebene Art zu be⸗ weiſen. Du haſt aber Unrecht, wenn Du mich als Deines Gleichen anſiehſt, denn ich bin es weder in Beziehung auf das Aeußere, noch auf Erziehung, noch rauf ſonſt Etwas. Wir ſind freilich beide Findlinge; ———— ——= 140 doch Du wurdeſt nach Abraham Newland, und ich nach der Pumpe des Armenhanſes getauft. Du warſt ein vornehmer Findling, indem Du mit funfzig Pfund und guten Kleidern erſchienſt; ich trat auf in Lumpen und Elend. Wenn Du Deine Aeltern ausfindig machſt, wirſt Du zu Anſehen gelangen; finde ich die meinigen, werde ich, aller Wahrſcheinlichkeit nach, keine Urſache haben, groß damit zu thun. Demnach muß ich darauf beſtehen, mir meine Rolle wählen zu dürfen, und ich will Dir beweiſen, daß ich ein Recht dazu habe. Du haſt den Umſtand vergeſſen, daß es, als wir London verließen, Deine Abſicht war, Deinen Vatker aufzuſu⸗ chen, und die meinige, meine Mutter ausfindig zu ma⸗ chen. Du haſt Dein Augenmerk auf die hohen Stände, als auf die gerichtet, in welchen er zu finden ſein ſoll, und ich erwähle die niedern Stände, als die Stufe der Geſellſchaft, auf welcher ich den Gegenſtand meiner Nachforſchung anzutreffen erwarten darf. Du ſiehſt daher ein,« fuhr er lachend fort,„»daß wir unſere Maßregeln ſo einrichten muͤſſen, daß ſie Deinen Zwe⸗ cken wie den meinigen entſprechen, ohne daß wir uns zu trennen brauchen. Du ſtellſt Deine Spür⸗Jagd un⸗ ter Haarbeuteln, Spazierſtöcken mit Bernſteinknöpfen, Seide und Atlas an— ich dagegen werde unter Lum⸗ pen und Schlumpen, Zitzkattun und Bandhauben her⸗ umſtöbern; und wahrſcheinlich wird uns Beiden unſere Nachforſchung gelingen. Du ſollſt im Geſellſchaftszim⸗ mer nachſpüren, während ich in der Küche herumſchno⸗ bere. Du kannſt Dich auf ein Sopha werfen und aus⸗ rufen:»Wer iſt mein Vater?« während ich der Kö⸗ chin im Schooße ſitze und ſie frage, ob ſie zufallig meine Mutter iſt.« Timothy's ſcherzhafte Rede brachte ſelbſt Fleta zum 141 Lachen. Ich machte noch einige Vorſtellungen, und willigte endlich ein, daß er als mein Kammerdiener auftreten ſolle. In Wahrheit, je länger ich darüber nachdachte, deſto einleuchtender wurden mir die Vor⸗ theile, welche aus dieſer Uebereinkunft hervorgehen mußten.. Mittlerweile hatten wir die Stadt, nach welcher wir unſere Schritte gerichtet hatten, erreicht, und kehr⸗ ten in einen Gaſthof der gewöhnlichern Art ein, der jedoch äußerſt reinlich zu ſein ſchien. Vor Allem wünſchte ich die kleine Fleta gut aufgehoben zu wiſſen, und da die Wirthin eine freundliche, junge Frau war, ſo gab ich das Kind in ihre Obhut, während Timothy und ich ausgingen, um uns in der Stadt umzuſehen. Ich hatte beſchloſſen, Fleta in eine gute, aber nicht ſehr theure Erziehungsanſtalt zu bringen, wenn eine ſolche in der Umgegend zu finden wäre. Es wäre mir lieber geweſen, ſie mit mir nach London zu nehmen, ich wußte abers wie viel koſtſpieliger ihr Unterhalt dort ſein würde; und da die Hauptſtadt nur zwanzig Mei⸗ len entfernt war, konnte ich ſie mit geringer Mühe häufig beſuchen. Ich hatte ſie angewieſen, mich Bruder zu nennen, der ich ihr künftig auch zu ſein verſprach, und nicht auf alle Fragen, die man an ſie richten möchte, zu ant⸗ worten. Dieſe Vorſicht war jedoch bei Fleta unnöthig; denn ſie war nicht, wie Kinder in der Regel zu ſein pflegen. Von Timothy begleitet, ging ich, einen Schneider aufzuſuchen, um uns Kleider zu beſtellen, da unſer An⸗ zug weder in Beziehung auf Geſchmack noch auf Neu⸗ heit ſehr in die Augen ſiel. Wir gingen die Haupt⸗ ſtraße hinauf und kamen bald an die Wohnung eines Schneiders. Ueber der Thüre war mit großen Buch⸗ ſtaben zu leſen:»Theodor Schneider, Hofſchneider Sr. königlichen Hoheit des Prinzen von Darmſtadt.« »Sind wir hier nicht an den Rechten gekommen, Japhet?« fragte Timothy, mit der Hand nach dem Schilde weiſend. „»O ja,« erwiederte ich.»Doch wie der Prinz von Darmſtadt dazu kommt, ſeinen Schueider in einem Landſtädtchen zu ſuchen, iſt mir unbegreiflich.« „»Vielleicht machte ihm der Schneider das Zeug, als er in Deutſchland auf der Wanderſchaft war,« be⸗ merkte Tim.— „Mag wohl ſein. Jetzt ſoll er aber die Ehre ha⸗ ben, meine Kleider zu machen.“« Wir traten hinein, und ich beſtellte einen vollſtän⸗ digen Anzug nach der neueſten Mode, indem ich mit großem Bedacht die Farbe wählte, und dem Schneider, während er mir das Maaß nahm, Alles auf das Ge⸗ naueſte vorſchrieb. Allein als ich im Begriff war, wie⸗ der fortzugehen, äußerte er beſcheiden, daß es bei Gent⸗ lemen, die man nicht die Ehre habe, zu kennen, ge⸗ bräuchlich ſei, eine Summe zu deponiren. Mein Aeu⸗ ßeres, das in der That dem eines Gentleman nicht entſprach, mochte ihn zu dieſer Bemerkung bewogen haben. Doch obgleich das Anſinnen des prinzlichen Schneiders einen Angriff auf meine Achtbarkeit in ſich ſchloß, hielt ich doch meine Entrüſtung zurück, zog eine Handvoll Guineen aus der Taſche, legte zwei davon auf den Tiſch und entfernte mich, um einen andern Schneider aufzuſuchen, bei welchem ich eine Livree für Timothy zu beſtellen gedachte. Ich wollte mich jedoch vorerſt nur orientiren, und beabſichtigte, ſeine Livree nicht eher zu beſtellen, als bis ich ſelbſt in meinem 143 neuen Anzuge würde erſcheinen können, der mir auf den folgenden Tag verſprochen worden war. Es fehl⸗ ten mir indeß noch mehrere Gegenſtände, als da waren ein Reiſekoffer, Mantelſack, Hut, Handſchuhe und der⸗ gleichen, die ſaͤmmtlich gekauft und in unſern Gaſthof geſchafft wurden. Als ich dieſes alles beſorgt hatte, kehrten wir zu⸗ rück und ich beſtellte das Mittagseſſen. Fleta hatte zwar ihr beſtes Kleid angezogen, aber auch das beſte war ſchlecht; und die Wirthin, die dem Kinde nichts hatte entlocken können, zerbrach ſich den Kopf darüber, wer wir ſein möchten. Ich hatte ſie indeß Geld genug ſehen laſſen, um ihr in Betreff unſerer Zeche alle Sorge zu benehmen; und ſo waren ihre Bedenklichkei⸗ ten gehoben, wenn auch ihre Neugierde nicht befriedigt war..„ Am Abend unterhielt ich mich lange mit Fleta. Ich kündigte ihr an, daß wir uns trennen müßten; daß ſie in eine Erziehnngsanſtalt aufgenommen werden, un daß ich ſie oft beſuchen würde. Anfangs war ſie un⸗ tröſtlich darüber. Allein ich ſtellte ihr die Nothwen⸗ digkeit dieſer Maßregel vor, und das ſanfte, verſtändige Kind erkannte die Zweckmäßigkeit derſelben an. Am folgenden Tage wurde mein Anzug gebracht, und ich kleidete mich an.»Ohne alle Schmeichelei, Japhet,« ſagte Timothy,»Du haſt wirklich einen ſehr vornehmen Anſtand.« Fleta lächelte und ich ebenfalls. Ich war ſeiner Meinung, ſagte aber nichts. Ich ſetzte meinen Hut auf, zog die Handſchuhe an, und verließ den Gaſthof mit Timothy, um eine Livree für ihn zu beſtellen, und das Nöthige für Fleta zu beſorgen. 3 Auf der Straße bemerkte ich erſt, daß ich mein Taſchentuch hatte liegen laſſen und ging in das Haus zurück, um es zu holen. Die Wirthin ſah einen Gent⸗ leman hereintreten, und machte eine tiefe Verbeugung. Auch erkannte ſie mich nicht eher, als bis ich ſie ſcharf angeſehen hatte, was mich zufrieden ſtellte, denn es war ein unwillkürlicher, meinem Aeußern gezollter, und die ſchmeichelhafteſten Reden überwiegender Tribut der Ehrfurcht. Wir begaben uns nach der Wohnung des Schnei⸗ ders in der Hauptſtraße. Ich trat mit einer vornehm⸗ wichtigen Miene hinein, und man empfing mich mit vielen Bücklingen. „»Ich wünſche eine Livree für dieſen jungen Men⸗ ſchen zu haben,« ſagte ich.»Er iſt im Begriff, in meinen Dienſt zu treten. In dieſem Aufzuge kann ich ihn nicht mit nach London nehmen.⸗ Ich gab die nö⸗ thigen Anweiſungen, und ſagte, es müßte Alles gegen den folgenden Abend fertig ſein, indem ich dann abrei⸗ ſen würde. Hierauf ging ich zu einer Putzmacherin und bat ſie, ſich nach dem Gaſthofe zu verfügen, um ein kleines Maͤdchen, deſſen Kleidungsſtücke aus Verſehen zurück⸗ gelaſſen worden wären, mit allem Nothwendigen zu verſorgen. Am vierten Tage war Alles fertig. Ich hatte Er⸗ kundigungen eingezogen, und eine ſehr gute Erziehungs⸗ anſtalt, der eine Wittwe vorſtand, ausgemittelt. Das Koſtgeld war mäßig, und betrug nur zwanzig Guineen. Ich bezahlte für das erſte halbe Jahr im Voraus, und deponirte außerdem noch funfzig Guineen bei einem Bankier mit der Anweiſung, das Koſtgeld, ſo wie es fällig würde, an die Wittwe auszuzahlen. Ich ge: brauchte dieſe Vorſicht, damit für Fleta, falls ich ſelbt — 145 von allen Mitteln entblößt werden ſollte, wenigſtens auf drei Jahre geſorgt wäre. Das arme Kind weinte bittere Thraͤnen, als ich Abſchied nahm, und nur mit Mühe konnte ich mich aus ſeinen kleinen Armen losmachen; und als ich es verließ, war es mir, als ob ich mich von dem einzigen mir theuren Gegenſtande auf Erden getrennt hätte. Wir waren jetzt zur Abreiſe bereit. Timothy legte jedoch ſeine neuen Kleider noch nicht an; denn es würde auffallend geweſen ſein, wenn er, der an meinem Tiſche geſpeiſ't hatte, in meiner Livree erſchienen wäre; und da es in einer kleinen Stadt nie an Klatſchereien fehlt, ſo wurde, um Fleta's Willen, beſchloſſen, es bis zu unſerer Ankunft in London zu verſchieben. Wir empfahlen uns der Wirthin, die, wie ich feſt überzeugt bin, uns die Zeche geſchenkt haben würde, wenn ſie hätte erforſchen können, wer wir wohl ſein möch⸗ ten, ſtiegen in die Poſtkutſche und langten Abends in London an. Ich habe dieſe unwichtigen Dinge etwas umſtaͤnd⸗ lich erzählt, weil ſie zum Beweiſe dienen, wie ſchwer es iſt, unbemerkt von einem Stande zu einem andern überzugehen. Zaphet I. 10 Achtzehntes Kapitel. Ich erhalte einen Brief von meinem Oheim, wodurch natürli⸗ cherweiſe die Erwartung in mir erregt wird, auch meinen Vater ausfindig zu machen.— Gleich anderen Verſtoßenen werde ich durch einen Traum gewarnt. Ich habe jedoch einen ſehr wichtigen Umſtand an⸗ zuführen vergeſſen, der ſich im Gaſthofe an dem Abend, ehe ich Fleta in die Erziehungsanſtalt brachte, zutrug. Als ich zufällig meinen Mantelſack durchſuchte, fand ich das Geſchenk, welches Nattih der kleinen Fleta be⸗ ſtimmt, und deſſen ich gar nicht wieder gedacht hatte. Ich brachte es Fleta, und erzählte ihr, von wem es herrührte. Wir öffneten das Papier und erblickten eine lange Schnur von wechſelsweiſe gereiheten Gold⸗ und Korallenperlen. Die Goldperlen waren kleiner als die anderen, allein wegen ihrer Anzahl und der Reinheit des Metalls doch von bedeutendem Werth. Fleta ließ die Schnur durch ihre Finger gleiten, legte ſte ſich um den Nacken, und blieb einige Minuten in Gedanken vertieft. „»Japhet,“« ſagte ſie endlich;»ich kenne dieſe Schnur — ich habe ſie ſchon einmal getragen. Sie kehrt wie das Bild eines längſt vermißten Freundes in mein Ge⸗ dächtniß zurück, und ich glaube, daß ſie noch vor mor⸗ gen früh Erinnerungen, die daran geknüpft ſind, in mir wecken wird.⸗ 3 4 »Beſinne Dich, Fleta, und laß mich morgen Alles wiſſen,« antwortete ich. 147 „Das Nachſinnen hilft mir nichts. Wenn ich es auch verſuche, ſo bleibt doch Alles dunkel. Ich muß die Schnur dieſe Nacht nicht ablegen, und dann wird mir von ſelbſt Alles einfallen, oder es könnte mir viel⸗ leicht etwas im Traume vorkommen. Gute Nacht.« Es fiel mir gleich ein, daß Fleta, als ſie geſtohlen wurde, die Perlenſchnur um den Hals gehabt haben konnte, und daß der Schmuck dazu dienen könne, zur Kenntniß ihrer Herkunft zu gelangen. Die Schnur war nicht gewöhnlicher Art, und ſchien, ihrer Arbeit nach, einem Halbkultur⸗Zuſtande anzugehören. Die Pracht und Wirkung derſelben entſprach ihrem inneren Werthe zu wenig, und ich zweifelte ſehr, daß ſo leicht eine ähn⸗ liche zu finden wäre. Am andern Morgen war Fleta beim Abſchiedneh⸗ men zu ſehr ergriffen, als daß ich lange mit ihr hätte reden können. Ich fragte ſie, ob ſie ſich einiger Um⸗ ſtände entſänne. Sie verneinte, denn ſie habe die ganze Nacht bei dem Gedanken an unſere bevorſtehende Tren⸗ nung geweint. Ich ermahnte ſie, die Perlenſchnur ſorgfältig zu verwahren, und bat die Vorſteherin eben⸗ falls darum. Als ich die Stadt verlaſſen hatte, be⸗ dauerte ich, ſie nicht zu mir genommen und an einem ſicheren Orte niedergelegt zu haben, was ich zu thun beſchloß, ſobald ich Fleta wiederſehen würde. Ich dachte, das Kind würde bis dahin durch Ideenverkettung viel⸗ leicht auf weitere Erinnerungen aus ſeiner früheren Kindheit geführt werden. Ich hatte mich bei einem neben mir Sitzenden nach dem für einen jungen Mann von Stande am beſten paſſenden Gaſthofe erkundigt. Er empfahl die Piazza in Covent⸗Garden. Demzufolge begab ich mich mit Timothy dahin. Ich ließ mir einige ſchöne Zimmer an⸗ 3 10* 148 ———— weiſen und beſtellte ein leichtes Abendeſſen. Sobald der Tiſch gedeckt war, erſchien Timothy in ſeiner Livree, in welcher er ſich ſehr ſtattlich ausnahm. Ich ließ den Kellner hinausgehen, und brach, ſobald wir allein wa⸗ ren, in ein lautes Gelächter aus. „Wahrlich, dies iſt eine köſtliche Poſſe, Timothy,⸗ ſagte ich.»Komm, laß Dich nieder, und hilf mir, dieſe Flaſche Wein leeren.« „Nein, Sir,“ enkgegnete er. Mit Ihrer Erlaub⸗ niß ziehe ich es vor, dem Beiſpiele meiner Kollegen zu 1 folgen. Laß Du nur die Flaſche auf dem Schenktiſche ſtehen, und ich werde ſchon ſo viel zu mir nehmen, als ich bedarf. Mich aber zu Dir zu ſetzen, würde ſich nicht ſchicken, und könnte, wenn man uns ertappte, ſehr üble Folgen haben. Wir dürfen nicht aus der Rolle fallen. Man hat mir in der Geſindeſtube mit allen möglichen Fragen zugeſetzt— wer Du wäreſt— wie Du hießeſt u. ſ. w. Ich beſchloß, eine große Meinung von Dir zu erregen, und Dir die Bahn in die Welt zu brechen, und gab an, daß Du eben von weiten Reiſen zurückge⸗ kehrt wäreſt— was am Ende auch keine Lüge iſt— und was Deinen Namen betrifft, ſo ſagte ich, daß Du incognito reiſteſt.“ „Was beabſichtigteſt Du aber dabei?« „Es könnte Dir anſtehen, incognito zu bleiben, und im Grunde iſt es die Wahrheit, denn Dein Name iſt Dir ſelbſt unbekaunt.“ Unſer Geſpräch wurde durch das Hereintreten des Kellners unterbrochen, der einen Brief auf einem Prä⸗ ſentirteller brachte. 8 „»Hier iſt ein Brief an J. oder J. N. bei ſeiner Rükkehr von ſeiner Reiſe abzugeben, Sir,« ſagte der Kellner.»Vermuthlich iſt er an Sie adreſſirt.“ . 149 „Ihr könnt ihn hier laſſen,« ſagte ich gleichgültig. Der Kellner legte den Brief auf den Tiſch und verließ das Zimmer. „Es iſt doch ſeltſam, Timothy,« begann ich.»Die⸗ ſer Brief kann nicht für mich beſtimmt ſein, und doch ſtehen hier die Anfangshuchſtaben meines Namens. Ver⸗ laß Dich darauf, er kommt von irgend einem Menſchen, der meinen Namen ausgeſpürt, und mir in der Voraus⸗ ſetzung, daß ich Geld vollauf habe und freigebig bin, ei⸗ nen Bettelbrief zuſchickt.« »Mag wohl ſein,« ſagte Timothy.»Es könnte in⸗ deß nicht ſchaden, hineinzuſehen, um zu wiſſen, was er ſagt.« „Wenn ich aber ſeinen Brief erbreche, ſo wird er ein Geſchenk erwarten. Es wäre beſſer, ihn ungeleſen wieder zurückzugeben.“ „»Durchaus nicht; das überlaß nur mir. Ich weiß⸗ wie man ſich ſolche Leute vom Halſe ſchafft.« »„Es iſt doch eine hübſche Sache, ein vornehmer Mann zu ſein, und Geſuche zu erhalten.“ Ich erbrach das Siegel, und fand noch ein an eine andere Perſon gerichtetes Schreiben in dem Briefe. Er lautete, wie folgt: „Theurer Neffe.—(»Bravo, Sir, rief Timothy aus. Sie haben ſchon einen Oheim gefunden— der Vater wird auch nicht lange ausbleiben.«) Ich habe wegen der großen Unſicherheit der Poſt nicht mehr als eine leiſe Andeutung von dem gewagt, was ſeit einem Jahre an den Tag gekommen iſt. Da es jedoch noth⸗ wendig iſt, daß Du von ſämmtlichen Umſtänden in Kenntuiß geſetzt wirſt, und da Du in Deinem letzten Briefe Deinen Entſchluß nicht zu erkennen gegeben, ob Du Deine dreimonatliche Ausflucht nach Sicilien an⸗ 150 zutreten, oder von Mailand zurückzukehren gewillet, ſo könnteſt Du möglicher Weiſe während meiner Abweſen⸗ heit hier eintreffen. Ich ſchließe daher einen Brief an Mr. Maſterton ein, durch welchen er angewieſen wird, Dir das in ſeinen Händen befindliche Packet auszulie⸗ fern. Es enthält die auf alle Umſtände bezüglichen Pa⸗ piere und die zur Vermeidung alles Aufſehens in Vor⸗ ſchlag gebrachten Maßregeln. Sollteſt Du noch vor weiner Rückkehr nach London ankommen, ſo kannſt Du dieſe Briefſchaften mit Muße durchleſen. Es leidet kei⸗ nen Zweifel, daß ſich die Sache unterdrücken läßt, und wir hoffen zuverſichtlich, daß Du die Zweckmäßigkeit dieſer Maßregel einſehen wirſt, da im andern Falle die Ehre der Familie unendlich leiden würde.(»Ich war immer der Meinung, daß Du von guter Familie wä⸗ reſt,« ſprach Timothy dazwiſchen.) Ich wünſchte, Du wäreſt meinem Rathe gefolgt, und ſtatt nach England zurückzukehren, noch auf dem Feſtlande geblieben. Da Du indeſſen darauf beſtandeſt, ſo hoffe ich, daß Du die Nothwendigkeit, unter einem andern Namen aufzutreten, anerkennen wirſt, indem ſchon Gerüchte im Umlaufe ſind, und Deine plötzliche Rückkunft zu vielen Vermu⸗ thungen Anlaß geben wird. Dein langer Aufenthalt auf der Göttinger Univerſität und Deine darauf unter⸗ nommene große Reiſe werden alle Erinnerungen an Dein Aeußeres verwiſcht haben, man wird Dich leicht für einen vertrauten Freund von mir ausgeben, und ich Dich als ſolchen überall einführen können. Nimm da⸗ her jeden beliebigen Namen an, wenn es nur kein ge⸗ meiner iſt, wie Smith oder Brown; und ſobald Du dieſes Schreiben empfängſt, ſchreib nur die paar Worte: Der und der iſt angekommen, und ſchicke das Billet nach meinem Hauſe in Portman⸗Square. Die Verſuche 1451 der neugierigen, gern hineinſchauenden Dienerſchaft wer⸗ den dadurch vereitelt werden, und da ich Befehl gegeben habe, alle an mich gerichteten Briefe nach meinem Gute in Worceſterſhire zu ſenden, ſo werde ich ſogleich nach dem Empfange Deines Billets nach London zurückkeh⸗ ren. Du wirſt es mit Deinem angenommenen Namen unterſchreiben, damit ich weiß, nach wem ich mich im Hotel zu erkundigen habe. Dein Dich liebender Oheim Windermear.« „Eins iſt wenigſtens klar, Timothy,“« ſagte ich, den Brief auf den Tiſch legend;»dies nämlich: daß dieſes Schreiben nicht in meine Hände kommen ſollte.“ „Wie können Sie wiſſen, Sir, ob dieſer Lord nicht Ihr Oheim iſt? Sie müſſen indeſſen jedenfalls thun, wie er befiehlt.« »Wie— mir die Papiere aushändigen laſſen? das werde ich auf keine Weiſe.⸗ 8 „Wie in aller Welt können Sie denn erwarten, Ih⸗ ren Vater zu finden, wenn Sie dieſe Gelegenheit nicht benutzen wollen, Zutritt in die erſten Zirkel zu erlan⸗ gen? Dadurch, daß Sie in die Geheimniſſe Anderer eindringen, werden Sie Ihre eigenen aufklären.“« »Allein es wäre unredlich, Timothy.« „Man bringt Dir einen Brief, deſſen Aufſchrift an Dich lautet, und in dem Du gewiſſe Verhaltungsbefehle lieſeſt. Mit Vertrauen erbrichſt Du das Siegel, und lieſeſt etwas, das möglicherweiſe nicht für Dich beſtimmt iſt. Doch darauf verlaß Dich, Japhet: der Beſitz eines Geheimniſſes iſt ein ſicheres Mittel zum Fortkommen in der Welt. Erwäge Deine Lage; von der Welt ab⸗ geſchnitten, brauchſt Du Dich ihr nur wieder anzuſchlie⸗ 152 ßen, Deinen Standpunkt wieder zu gewinnen und Theil⸗ nahme zu erwecken. Du haſt Niemand, der Dir liebe⸗ voll beiſteht— Du mußt Dich des Hebels der Furcht bedienen, um Deinen Zweck zu erreichen.« „Das iſt eine traurige Wahrheit, Timothy,« gab ich zur Antwort,»und ich fürchte ſehr, daß ich meine ſtrenge Rechtlichkeit in die Taſche ſtecken muß.“« »Thu' das ja, bis es Dir Deine Umſtäaͤnde erlauben, ſtreng rechtlich zu ſein. Die Rechtlichkeit iſt eine ſehr koſtſpielige Tugend. Deiner Aeltern Mangel daran haſt Du es zu verdanken, daß Du in der Welt verlaſſen da⸗ ſteheſt; Du darfſt kein Bedenken tragen, ſelber ein wenig auf ſie zu verzichten, wenn Du dadurch Deinen Standpunkt in der Geſellſchaft wieder einnehmen kannſt.“ Timothy entwickelte ſo viel Scharfſinn, ſo viel ſchlaue Klugheit bei ſeinem Beſtreben, mich zu überreden, daß es ihm bei meinem heißen Wunſche, meinen Vater zu finden, gelang, alle meine Bedenklichkeiten zu überwin⸗ den; ich beſchloß, die ſich mir darbietende günſtige Ge⸗ legenheit nicht unbenutzt vorübergehen zu laſſen. Ich zögerte jedoch noch immer, und begab mich hinauf in mein Schlafgemach, um über die zu ergreifenden Schritte nachzudenken. Ich ging zu Bette und überlegte die Sache, wälzte mich von einer Seite auf die andere, in⸗ dem ich bald den Entſchluß faßte, keinen Vortheil aus der Irrung zu ziehen, bald ebenſo eutſchloſſen war, die günſtige Wendung, welche die Dinge genommen, zur Verfolgung meines Zweckes mir zu Nutze zu machen. Endlich verfiel ich in einen unruhigen Schlaf und hatte einen ſeltſamen Traum. 4 Ich ſtand auf einem einzelnſtehenden, von Waſſer umgebenen Felſen, an welchen die Wogen mit Heftig⸗ keit ſchlugen. Die Fluth war im Steigen, und endlich⸗ 1³³ erreichten die donnernden Wogen meine Füße. Die entſetzlichſte Angſt bemächtigte ſich meiner, und ich er⸗ wartete, nach kurzer Friſt von der Tiefe verſchlungen zu werden. In geringer Entfernung lag das Land, und ich erblickte zahlreiche Gruppen wohlgekleideter Men⸗ ſchen, die ſich des Lebens freueten, ſchmauſiten, tanzten und fröhlich lachten. Ich ſtreckte ihnen die Arme ent gegen— rief ihnen laut zu— ſie ſahen und hörten mich, aber achteten nicht auf mich. Meine Furcht, von der Fluth fortgeriſſen zu werden, war ohne Grenzen. Endlich bemerkte ich, daß ſich etwas vom Lande los⸗ xollte, ſich dem Felſen allmälig näherte, und eine Brücke bildete, über welche ich an das Land gehen und mich retten konnte. Ich war im Begriff hinüberzueilen, als ich am Eingange der Brücke in feurigen Buchſtaben die Worte:»Kein Durchgang« las. Ich ſchreckte be⸗ ſtürzt zurück, und wagte nicht, daran vorbeizugehen- Plötzlich ſtand mir eine weiße Geſtalt zur Seite, wies mit der Hand auf die Brücke und ſagte:»Selbſter⸗ haltung iſt das erſte Naturgeſetz.«. Ich blickte die Erſcheinung an. Sie wurde allmälig dunkler, bis ſie Mr. Cophagus Geſtalt, mit dem Spa⸗ zierſtocke an der Naſe, annahm.»Japhet, lauter Un⸗⸗ ſinn— ſehr gute Brücke— hem— hinübergehen— Va⸗ ter finden— und ſo fort.« Ich ſtürzte über die Brücke hin, die auf dem Waſſer zu ſchwimmen und aus Papier zu beſtehen ſchien, erreichte das Ufer und wurde von der Menge mit lauten Glückwünſchen und Umarmun⸗ gen empfangen. Ein ältlicher Mann kam auf mich zu; ich wußte, er war mein Vater, und warf mich in ſeine Arme.— Ich erwachte. Ich lag auf dem Fußboden, und drückte ein Kopfkiſſen mit aller Macht an meine Bruſt. „ 8 1 — 154 Der Traum ließ einen ſo lebhaften Eindruck bei mir zurück, daß ich ihn nicht aus meinen Gedanken zu bannen vermochte; und zuletzt ſah ich ihn für einen göttlichen Fingerzeig an. Alle meine Bedenklichkeiten verſchwanden, und noch ehe der Morgen aufgedämmert war, beſchloß ich, dem Rathe Timothy's zu folgen. Ein Schwärmer iſt ſehr geneigt, das, was er wünſcht, zu glauben, und ſieht ſeine Gefühle als Warnungen von oben, den aus ſeinen täglichen Grübeleien enk⸗ ſpringenden Wahn als himmliſche Eingebung an. Er glaubt ſich durch übernatürlichen Beiſtand geſchützt, und von Gott ermächtigt, auf der betretenen Bahn zu wan⸗ deln, wenn ſie auch den göttlichen Geboten widerſtreitet. Ebenſo wurde auch ich durch meine Einbildungen irre geleitet, und meine Monomanie erlangte einen Grad von Heftigkeit, daß an eine Berückſichtigung des Rechts oder Unrechts nicht mehr zu denken war. Neunzehntes Kapitel. Ein wichtiges Kapitel.— Ich mache wichtige Bekanntſchaften und erhalte wichtige Papiere, deren Durchſicht mir von Wichtigkeit iſt. Am andern Morgen erzählte ich Timothy meinen Traum, und er lachte mich herzlich über den Fingerzeig der Vorſehung, den ich darin wahrnehmen wollte, aus⸗ Da er aber endlich bemerkte, daß ich erzürnt über ihn wurde, ſtellte er ſich, als wenn er überzeugt wäre. 155 Sobald ich gefrühſtückt hatte, erkundigte ich mich nach der Hausnummer des Lord Windermears, und ſchrieb ſodann folgendes kurze Billet an Se. Herrlichkeit: »Japhet Newland iſt von ſeiner Reiſe zurückgekehrt, und in der Piazza, Coventgarden, abgeſtiegen.« Es wurde Timothy zur Beſorgung gegeben, und ich machte mich mit dem andern Briefe nach Lincoln's Inn, zu Mr. Maſterton, auf den Weg. Bald entdeckte ich un⸗ ter den Schildern der dort wohnenden Rechtsgelehrten das Mr. Maſterton's. Er wohnte im Erdgeſchoß. Ich ſchellte; man öffuete; ich trat in ein Vorzimmer und von da in das Geſchäftszimmer Mr. Maſterton's. Er war ein kleiner, bejahrter Mann, und ſaß, die Brille auf der Naſe, an einem mit Papieren bedeckten Tiſche. Er nöthigte mich zum Sitzen, und ich übergab ihm den Brief.. „Dieſes Schreiben belehrt mich, daß ich Mr. Ne⸗ ville vor mir ſehe,« begann er, nachdem er den Brief geleſen hatte.»Ich wünſche Ihnen Glück zu Ihrer Rückkehr in das Vaterland. Sie erinnern ſich meiner vielleicht nicht mehr?« „In Wahrheit, ich wüßte mich Ihrer nicht zu ent⸗ ſinnen.« „Es ließ ſich auch in der That nicht erwarten; Sie ſind ſo lange abweſend geweſen. Das muß ich ſagen, Ihr Aeußeres hat erſtaunlich gewonnen; denn ich er⸗ innere mich Ihrer Züge, als Sie noch ein Knabe wa⸗ ren. Ohne alle⸗Schmeichelei, ich hätte mir nie vorge⸗ ſtellt, daß Sie ein ſo ſchöner junger Mann werden könnten.« Ich verbeugte mich zur Erwiederung dieſer Artigkeit.»Haben Sie Nachrichten von Ihrem Oheim?2« »Ich habe einige Zeilen und den an Sie gerichteten Brief von Lord Windermear empfangen.« — 156 »Er befindek ſich hoffentlich wohl?⸗ »Sehr wohl, glaube ich.« Mr. Maſterton erhob ſich, ſchloß eine eiſerne Truhe auf, holte ein Päckchen Papiere hervor und händigte es mir ein. »Sie werden dieſe Papiere mit großer Theilnahme leſen, Mr. Neville,« ſagte er. Mir ſind ſämmtliche Umſtände bekannt, und ich nehme mir daher die Frei⸗ heit, Ihnen den Rath zu ertheilen, nicht unter Ihrem eigenen Namen aufzutreten, bis Alles in Ordnung ge⸗ bracht ſein wird. Ihr Oheim hat Ihnen, wie ich aus ſeinem Briefe erſehe, daſſelbe angerathen.« » Und ich habe in ſeinen Wunſch eingewilligt, Sir, und bereits einen fremden Namen angenommen.« »Darf ich ihn wiſſen?« »Ich nenne mich Japhet Newland. 8 »Er iſt allerdings ſeltſam, aber vielleicht eben ſo gut, als jeder andere. Auf den Fall, daß ich an Sie ſchreiben müßte, will ich ihn doch notiren. Ihre Adreſſe iſt— 2 „»Piazza— Coventgarden.“ Mr. Maſterton bemerkte ſich die Adreſſe, worauf ich die Papiere zu mir ſteckte und mich empfahl, indem wir uns gegenſeitig unſerer wohlwollendſten Gefühle verſtcherten. Ich kehrte in das Hotel zurück, wo ich Timotheus vorfand, der mit der größten Ungeduld anf mich war⸗ tete.»Japhet,“« ſagte er,»Lord Windermear hat Lon⸗ don noch nicht verlaſſen. Ich habe ihn geſehen, denn ich wurde von dem Lakai, der hinter mir herlief, zu⸗ rückgerufen— er wird ſogleich hier ſein.« „»Wirklich? Was für ein Mann iſt er, und was bat er Dir geſagt?« fragte ich. 157 »Er ließ mich in das Zimmer kommen, wo er beim Frühſtück ſaß, und fragte, wann Du angekommen wäreſt, wie Du Dich befändeſt, und wie lange ich in Deinem Dienſte geweſen ſei. Ich erwiederte, ich wäre erſt vor zwei Tagen Kammerdiener bei Dir geworden, und hätte ſo eben die Livree angezogen. Er befahl mir dar⸗ auf, Mr. Newland zu melden, daß er ihn in zwei Stunden beſuchen würde.»Dann wird es gut ſein, Mylord,« ſagte ich,»wenn ich zurückgehe, um meinen Herrn zu wecken.“ »Der faule Menſch!“ rief er aus; ves iſt faſt Ein Uhr, und er liegt noch im Bette. Nun, ſo laufe, und laß ihn ſich ankleiden, ſo ſchnell es gehen will.“ Kurz darauf fuhr eine ſehr ſchöne, mit Schimmeln be⸗ ſpannte Equipage vor. Se. Herrlichkeit ſandte ſeinen Lakai, um ſich zu erkundigen, ob Mr. Newland zu Hauſe ſei. Der Kellner erwiederte, daß ſich ein junger Gentle⸗ man ſeit ein paar Tagen im Hotel befände, der von Reiſen zurückgekehrt, und daß N. allerdings der Anfangs⸗ buchſtabe ſeines Namens ſei. 4 „Er iſt es; öffne den Schlag, James,« ſagte Se. Herrlichkeit. Er ſtieg aus, wurde die Treppe hinauf und in mein Zimmer geführt. Wir ſtanden da und ſa⸗ hen einander forſchend an. „Lord Windermear, vermuthe ich,« begann ich, in⸗ dem ich ihm die Hand bot.— »Du haſt mich zuerſt erkannt, John,« ſagte er, indem er meine Hand ergriff und mir verwundert in das Geſicht ſah.»Gütiger Himmel! iſt es möglich, daß aus einem ſo tölpelhaften Knaben ein ſo hübſcher Menſch werden konnte? Ich werde ſtolz auf Dich ſein, Neffe. Erkannteſt Du mich ſogleich wieder, als ich in das Zimmer trat?⸗ V h „Die Wahrheit zu ſagen, Mylord, nein, ich erkannte Sie nicht. Da ich Sie aber erwartete, ſo glaubte ich⸗ Sie müßten es ſein.«. „Ein Zeitraum von neun Jahren bringt eine große Veränderung im Aeußeren hervor, John,— doch ich vergeſſe, daß ich Dich Japhet nennen muß. Haſt Du in der letzten Zeit in der Bibel geleſen, daß Du auf dieſen ſeltſamen Namen gefallen biſt?« „Nein, Mylord; aber dieſes Hotel iſt eine wahre Noah's⸗Arche, ſo daß es nicht zu verwundern iſt, wenn ich ihn gewählt habe.« „Du biſt ein unkindlicher Burſch, daß Du Dich noch nicht nach Deiner Mutter erkundigt haſt.“ „»Ich war eben im Begriff.« »Ich verſtehe— ich verſtehe,« fiel Sr. Herrlichkeit S.»Doch vergiß nicht, John, daß ſie immer Deine Kutter iſt. Doch haſt Du die Papiere ſchon gele⸗ ſen?« »Nein, Sir,“ erwiederte ich.» Dort liegen ſie. Ich muß geſtehen, ich erbreche das Siegel nur ungern.⸗ „Sie werden keine angenehme Nachrichten enthal⸗ ten, das gebe ich zu,“« bemerkte Se. Herrlichkeit. „Allein ich möchte nicht gern über den Gegenſtand mit Dir reden, biſt Du ſie durchgeſehen haſt. Ich muß da⸗ her darauf beſtehen, daß Du den Nachmittag zur Durch⸗ ſicht derſelben anwendeſt.« Bei dieſen Worten nahm er das Packet und brach es auf.»Du wirſt heute um ſie⸗ ben Uhr mein Gaſt ſein, und dann wollen wir die Sache beſprechen.“. „Wenn Sie es wünſchen, Sir, werde ich ſie ohne Zgweifel leſen.“ „Ich beſtehe darauf, John. Es nimmt mich doch 159 ein wenig Wunder, daß Du Einwendungen machſt, da ſie Dich ſo nahe angehen.“ „Ich werde Ihren Befehlen nachkommen, Sir.⸗ „Nun, mein Junge, ſo will ich Dir guten Morgen wünſchen, damit Du noch vor dem Mittagseſſen Zeit haſt Dein Geſchäft zu vollenden. Morgen kannſt Du, wenn es Dir anſteht, Dein Gepäck in mein Hans brin⸗ gen laſſen, es ſollen Dir Zimmer angewieſen werden. Doch thue, wie Dir beliebt, denn in dieſem Punkte pflege ich niemals in junge Leute zu dringen, da ſie ſich bisweilen nicht frei genug fühlen.— Beiläufig,⸗ fuhr der Lord fort, indem er meinen Arm faßte;»wer hat dieſen Rock gemacht?« »Der Hofſchneider Sr. Durchlaucht des Prinzen von Darmſtadt hatte die Ehre, Mylord,« antwortete ich. »Hm! Ich hätte geglaubt, man wäre geſchickter in Deutſchland. Er iſt nicht wie er ſein ſollte— wim müſſen Stulz zu Rathe ziehen; denn bei Deinem Ge⸗ ſichte und Deiner Figur muß Dein Rock untadelhaft ſein. Adieu, bis ſieben Uhr.“ Se. Herrlichkeit drückte meine Hand, und ich ſah mich allein. Sohbald der Wagen davongefahren war, trat Timo⸗ theus herein.»Nun, wie iſt es?« fragte er.»War Dein Oheim erfreut Dich zu ſehen?«. »Allerdings,« verſetzte ich;»und ſieh her, er hat das Siegel erbrochen und beſteht darauf, daß ich die Briefſchaften durchleſe.« »Du wäreſt in der That ein ſehr ungehorſamer Neffe, wenn Du Dich weigerteſt; und ich will Dich daher nicht länger ſtören,« ſagte Timotheus lächelnd, und ging hinaus. zwanzigſtes Kapitel. Ich trete in Verbindung mit meinem Bankier, ziehe große Sum⸗ men auf die Leichtgläubigkeit, und lebe vortrefflich ohne Wechſel. Ich ſetzte mich nieder und nahm die Papiere zur Hand. Alles, was ich las, zog mich ſogleich lebhaft an. Ein Geheimniß!— ja es war in der That ein Geheimniß, von welchem die Ehre und der Ruf der ausgezeichnetſten Familien abhing. Ein Geheimniß, das ein Mal enthüllt, vom böſen Leumund zur ſchmählichen Schande der Ariſtokratie auspoſaunt ſein würde. Es würde Vielen bittere Thränen abgepreßt, die kleinliche Bosheit Vieler befriedigt, und ſowohl Unſchuldige als Schuldige mit Schaamröthe bedeckt haben. Es würde unnütz ſein, noch mehr darüber zu ſagen, und nichts würde mich dazu vermögen. Ich durchlas das letzte Dokument und überließ mich dem Nachdenken. Dies iſt in der That ein Geheimniß, dachte ich, und ich wollte, daß ich nie damit bekannt geworden wäre. Unter einer despotiſchen Regierung würde ich einer ſo gefährlichen Mitwiſſenſchaft mein Leben zum Opfer bringen müſſen— in dieſem Lande iſt aber, Gott ſei Dank, ſo wohl mein Leben als meine Freiheit geſichert. Ich hatte aus den Papieren Alles erſehen, was mir nothwendig und dienlich war, um den von mir ange⸗ nommenen Charakter durchzuführen. Die Urſache, wes⸗ 161 halb man den Betheiligten, für welchen man mich hielt, mit dem Geheimniß bekannt gemacht hatte, war die, daß er nächſte Erb⸗Anrechte beſaß, und es handelte ſich darum, ob er nebſt den anderen Erben ſeinen Anſprüchen entſagen, und ein Verbrechen auf ewig in Vergeſ⸗ ſenheit begraben wolle. Ich fühlte, daß ich in ſeiner Lage ſo handeln würde,— und war daher auf die Sr. Herrlichkeit zu ertheilende Antwort vorbereitet. Ich ſtegelte die Papiere wieder zu, machte meine Toilette und begab mich zum Diner nach dem Hauſe des Lords. Nach beendigter Tafel erhob ſich Lord Win⸗ dermear, und verſchloß die Thür. Hierauf redete er mich mit leiſer Stimme an: »Du haſt die Papiere und das, was von den bei dieſer beklagenswerthen Angelegenheit faſt eben ſo ſehr als Du ſelbſt Betheiligten in Vorſchlag gebracht worden iſt, geleſen. Nun theile mir Deine Meinung daruͤber mit. „Meine Meinung geht erſtlich dahin, Mylord: daß ich von Herzen wünſche, ich hätte niemals erfahren, was mir heute kund geworden iſt; und zweitens, daß es das Rathſamſte ſein wird, den Gegenſtand nie wieder in Anregung zu bringen, daß die gemachten Vorſchläge ſehr verſtändig ſind und als Verhaltungsregeln betrach⸗ tet werden müſſen.⸗ „Wohl geſprochen,« ſagte Se. Herrlichkeit.»So⸗ mit ſtimmen Alle überein, und ich bin ſtolz darauf, daß Du ſo ehrenwerthe Geſinnungen hegſt. Wir wollen jetzt von dem Gegenſtande ſchweigen, um nie wieder darauf zurückzukommen. Biſt Du geneigt mit mir auf das Land zu gehen, oder was willſt Du thun?«⸗ „»Ich würde es vorziehen in der Stadt zu bleiben, wenn Ihre Herrlichkeit mich in einigen Ihnen bekann Japhet. I.— 11 3 —— 162 ten Familien einführen wollen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich jetzt Niemand kenne.⸗ „Sehr wahr. Ich werde Dich, der Verabredung gemäß, meinen Freunden als Mr. Newland vorſtellen. Es möchte nicht ſchaden, wenn Du mit unſeren Ver⸗ wandten, die ich glauben gemacht, daß Du noch auf dem Feſtlande ſeiſt, nicht bekaunt wirſt, weil es uns in Verlegenheit bringen könnte, ſobald Du Deinen eigenen Namen wieder annimmſt. Haſt Du die Abſicht Deine Mutter zu ſehen?« »In dieſem Augenblicke iſt es unmöglich, Mylord. Mit der Zeit hoffe ich es zu können.« „Es iſt ſo vielleicht am Beſten. Ich will Dir ein Billet an Major Carbonnell mitgeben, in welchem ich Dich ihm als meinen vertrauten Freund empfehlen, und ihn bitten werde, Dir den Aufenthalt in London ange⸗ nehm zu machen. Er kennt Jedermann und wird Dich überall einführen.« „Wann gedenkt Ihre Herrlichkeit abzureiſen?« „Morgen. Wir wollen uns alſo jetzt Lebewohl ſa⸗ gen. Apropos, der Bankier Drummond hat einen Kre⸗ ditbrief auf tauſend Pfund für Dich in den Händen. Je länger Du damit Haus hältſt, deſto beſſer.“« Se. Herrlichkeit gab mir das Empfehlungsſchreiben. Ich händigte ihm das verſiegelte Packet ein, wir drück⸗ ten uns die Hände und ich kehrte nach dem Hotel zu⸗ rück. „»Nun, wie lauten die Neuigkeiten?« fragte mich Timotheus, ſich die Hände reibend.»Denn ich ſterbe vor Neugier— und was iſt es für ein Geheimniß?« „Was das Geheimniß betrifft, Tim,« verſetzte ich; „ſo muß es ein Geheimniß bleiben. Ich darf es nicht einmal Dir enthüllen.« Timotheus ſah bei dieſen Wor⸗ ———ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ℳ—·—ᷣ— * 163 ten etwas betreten aus.»Nein, Timothy, als Mann von Ehre kann ich es nicht.“ Als ich mich dieſes Aus⸗ drucks bediente, regte ſich mein Gewiſſen, denn als Mann von Ehre wäre ich nicht in den Beſitz des Ge⸗ heimniſſes gelangt.»Ich habe ſchon unrecht gehandelt, mein lieber Timothy; verlange daher nicht von mir, daß ich noch ſchlimmer handele.“. »Nun, ich will es nicht, Japhet. Doch ſag mir nur, was vorgefallen iſt und was Du zu thun beabſich⸗ tigſt.« »Mit Vergnügen, Timothy.« Ich erzählte ihm hierauf Alles, was zwiſchen mir und Sr. Herrlichkeit vorgegangen war.»Du ſiehſt jetzt ein, Timothy, daß ich das, was ich zu erlangen wünſchte, gewonnen habe: Zutritt in die höchſten Cirkel.« »Und die Mittel, den äußeren Schein zu behaupten,⸗ bemerkte Timotheus, ſich vergnügt die Hände reibend. »Tauſend Pfund werden lange vorhalten.“« »Ja wohl, ſehr lange, Tim; denn ich werde das Geld niemals anrühren. Das hieße ja Betrügen.« »Ja, wahrhaftig,« erwiederte Tim mit einem langen Geſichte.»Daran habe ich doch gar nicht gedacht.« »Ich habe aber an noch viel mehr gedacht, Tim. Beſinne Dich, daß Lord Windermear mein wahrer Stand in ſehr kurzer Zeit bekannt werden muß, denn nächſtens wird der wahre Mr. Neville zurückkehren.“ »„Großer Gott! wie wird es uns da ergehen!« rief Timothy beſtürzt aus. „Du haſt nichts zu beſorgen, Tim; der Zorn Aller wird nur mich treffen. Doch ich bin darauf gefaßt, und würde, um einer ſehwachen Hoffnung willen, mei⸗ nen Vater zu finden, noch viel mehr über mich ergehen laſſen. Was auch Lady Windermear zu thun geneigt „. 11° —⅓ — —— — öy——.’ 164 ſein möchte, er darf es nicht wagen. Denn der Um⸗ ſtand, daß ich im Beſitz des Geheimniſſes bin, wird mir noch mehr als bloße Sicherheit gewähren; ich werde demſelben ſeinen Schutz verdanken, ſollte ich An⸗ ſpruch darauf machen.«„ „Gebe der Himmel, daß es ſo ausfallen möge,“« verſetzte Timothy.»Aber ein wenig ängſtlich bin ich doch.« „Ich nicht. Morgen werde ich das Empfehlungs⸗ ſchreiben abgeben, und dann meine Nachforſchung fort⸗ ſetzen. Alſo gute Nacht, lieber Tim.“« Am andern Morgen machte ich mich ohne Säumen nach der Wohnung des Majors Carbonnell auf den Weg. Er bewohnte die Bell⸗Etage eines Hauſes in der St. James⸗Straße. Ich traf ihn beim Frühſtück in einem ſeidnen Schlafrocke. Ich hatte mir vorgenom⸗ men, in meinem Benehmen ein wenig nonchalence blicken zu laſſen, da der Charakter der Vornehmheit ſie ſtets bedingt. Ich blickte daher den Major beim Hereintreten mit einer zuverſichtlichen Miene an; ließ das Billet auf den Tiſch fallen und ſagte:»Etwas zu leſen für Sie, Major. Ich will unterdeß auf dieſem Stuhle ausruhen;« und meine Worte durch die That bekräftigend, warf ich mich auf einen Stuhl, und ſchlug mit einem zarten Spazierſtöckchen an meine Stiefel. Major Carbonnell, auf den ich, während er den Brief las, mehr als einen verſtohlenen Blick warf, war in einem Alter von ungefähr fünf und dreißig Jahren; ſeine Geſichtszüge waren angenehm, wurden aber durch einen großen Backenbart, der ſich bis an ſeine Mundwinkel und unter ſeinem Kinne hinzog, entſtellt. Er war groß und wohlgebaut, und beſaß unſtreitig ein faſhionables Weſen. Seine Wäſche war vom glänzendſten Weiß und 165 ſorgfältig geordnet; er hatte ſeine Finger ſämmtlich mit Ringen geſchmückt, und behing ſich, wenn er an⸗ gekleidet war, mit eben ſo vielen Goldketten und Pett⸗ ſchaften, als von einer Dame jemals getragen wurden. „Sobald er den Brief geleſen hatte, ſtand er auf und bot mir die Hand mit den Worten:» Erlauben Sie mir, theurer Sir, die Ehre, Ihre vertrauteſte Bekannt⸗ ſchaft ohne weitern Eingang zu machen. Jeder Freund Windermears würde mir willkommen ſein, wenn er aber in ſeinem Aeußern eine ſo ungewöhnliche Empfehlung mitbringt, ſo iſt er doppelt angenehm.« »Ich habe erſt vor zwei Minuten Ihre Bekannt⸗ ſchaft gemacht, Major Carbonnell,“ erwiederte ich;» und bereits eine beſondere Freundſchaft für Sie gefaßt, wo⸗ durch ich ohne Zweifel von meinem richtigen Urtheile eine gute Probe abgelegt habe. Es wird Ihnen natür⸗ lich bekannt ſein, daß ich ſo eben von meinen Reiſen zurückgekehrt bin?⸗ „Das erſehe ich ſo eben aus Sr. Herrlichkeit Schrei⸗ ben. Mr. Newland, befehlen Sie über meine Zeit. In welchem Hotel ſind ſie abgeſtiegen?« „In der Piazza.⸗ »Gut; ich werde heute bei Ihnen zu Mittag ſpei⸗ ſen. Beſtellen Sie ein wenig Mulligatawny; die Piazza iſt dafür berühmt. Nach Tiſch wollen wir in das Thea⸗ ter gehen.“. Ich war ein wenig überraſcht, daß er ſich ohne Wei⸗ teres bei mir zum Eſſen einladete und die Gerichte be⸗ ſtellte, allein eine kurze Ueberlegung ließ mich erkennen, mit was für einer Art von Menſchen ich es zu thun hatte.. Ich betrachte das faſt als eine Beleidigung, Ma⸗ jor,« antwortete ich.»Sie wollen heute bei mir —— * 8 ſpeiſen! Ich nehme mir die Freiheit zu ſagen, daß Sie täglich bei mir eſſen müſſen, wenn wir nicht ander⸗ weit zugeſagt haben; und ich werde es in allem Ernſt übel nehmen, wenn Sie nicht ſtets die Gerichte ſelbſt beſtellen, und Jedermann einladen, den Sie für würdig halten, die Füße unter unſern Tiſch zu ſtecken. Laſſen Sie uns alle Zurückhaltung verbannen, Major. Ich kenne Sie jetzt eben ſo gut, als ob wir ſeit zehn Jah⸗ ren vertraut geweſen wären.« Der Major ergriff meine Hand.»Theuerer New⸗ land ſagte er,»ich wollte, wir hätten uns ſeit zehn Jahren gekannt, wie Sie ſagen— der Verluſt iſt auf meiner Seite. Doch Sie habei vermuthlich ſchon ge⸗ frühſtückt?« „Ja. Ich hatte nichts zu thun, und da ich nach meiner langen Abweſenheit keine menſchliche Seele kenne, ſo nahm ich das Frühſtück zwei Stunden früher als gewöhnlich ein, damit ich Sie zu Hauſe finden möchte. Jetzt ſtehe ich zu Ihren Dienſten.« »Sagen Sie lieber, daß ich zu Ihren Dienſten ſtehe. Sie haben wohl nichts dagegen, wenn wir ein wenig ausgehen? In zehn Minuten werde ich bereit ſein. Nehmen Sie eine Zeitung zur Hand, oder trällern Sie ein Liedchen, oder was Sie ſonſt wollen, nur um eine Zeit von zehn Minuten zu tödten— dann bin ich zu Ihrem Befehle.“ 167 Einundzwanzigſtes Kapitel. Ich debütire unter einem Chaperon erſten Ranges, und faſſe raſch in der faſhionabeln Welt Fuß.— Ich beweiſe, daß ich meine Standeserhöhung verdiene. 4 Der Major kehrte aus ſeinem Ankleidezimmer, von Gold, Ketten und Edelſteinen glänzend, zurück.»Sie werden mich entſchuldigen,« ſprach er;» ich muß aber Ihren Vornamen wiſſen.« .» Er klingt ein wenig ſeltſam,« verſetzte ich;»Ja⸗ phet.« »Japhet! Bei den himmliſchen Mächten, an Ihrer Stelle würde ich meine Pathen verklagen, es ſollte ih⸗ nen ein Erkleckliches koſten.“ „Sie würden alſo den Namen für zehntauſend Pfund jährlicher Einkünfte vermuthlich nicht führen wollen,« eutgegnete ich mit einem vielſagenden Blicke. „Eil das ändert die Sache— es iſt zum Erſtau⸗ nen, wie gut ſich jeder Name in großen goldenen Buchſtaben ausnimmt. Nun, da Ihnen der alte Gent⸗ leman, wer er auch geweſen ſein mag, eine Vergütung gegeben hat, ſo müſſen Sie vergeben und vergeſſen. Wohin ſollen wir gehen?⸗. „ Da ich in dieſen Kleidern, eines deutſchen Schnei⸗ ders— Darmſadt's Schneidek beiläufig— der, wie wohl er der Schneider eines Fürſten; doch kein Fürſt der Schueider iſt zurückgekommen bin, ſo. haben 8* 168 Sie vielleicht die Gefälligkeit, mich zu dem Ihrigen zu führen. Ihr Anzug ſcheint untadelhaft zu ſein.« „Sie beweiſen Ihr richtiges Urtheil, Newland, denn er iſt untadelhaft. Stulz wird entzückt ſein, Ihren Namen in ſein Buch einzutragen, und Ihrer Figur Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen. Allons donc. 4 Wir ſchlenderten die St. James⸗Straße hinauf, und noch ehe wir an Stulzs Haus gekommen waren, hatte mich der Major wenigſtens zwanzig jungen Män⸗ nern von Familie vorgeſtellt. Er ordnete meine ganze künftige Garderobe, und ſchrieb Alles auf das Genaueſte vor; und da ich mich auf ſeinen Geſchmack in dieſer Hinſicht gänzlich verlaſſen konnte, ſo gab ich ihm carte blanche. Als wir den Laden verließen, ſagte er mir:»Ich habe Ihnen, mein lieber Newland, von meiner Freund⸗ ſchaft einen Beweis gegeben, deſſen ſich noch kein Mann in England rühmen konnte. Ihr Anzug wird das non plus ultra ſein. Es giebt kleine Geheimniſſe, die nur den Eingeweihten bekannt ſind, und Stulz weiß, daß ich diesmal nicht ſcherze. Ich werde oft von Anderen um dieſelbe Gefälligkeit gebeten, und thue zum Scheine was ſie begehren. Allein ein Wink von mir genügt, und Stulz wagt es dann nicht, ſie anſtändig zü kleiden. Bedürfen Sie keiner Schmuckſachen, oder haben Sie ſie vielleicht zu Hauſe gelaſſen?« „Ich könnte mir wohl einige Kleinigkeiten der Art ausſuchen,“« antwortete ich. 4 Wir traten in den Laden eines berühmten Juweliers, und der Major wählte mir Geſchmeide zum Belaufe von vierzig Pfund aus.»Das wird hinreichend ſein— man muß nie auf ein Mal viel kaufen; denn ees iſt 8 169 nöthig, wenigſtens alle drei Monate zu wechſeln. Was iſt der Preis dieſer Goldkette?« »Nur funfzehn Guineen, Herr Major,“ antwortete der Juwelier. „Gut, ich will ſie nehmen. Doch ich ſage es auf⸗ richtig, ich werde nie dafür bezahlen,« ſprach der Major⸗ Der Juwelier verbeugte ſich und lachte. Der Major warf ſich die Kette um den Hals, und wir verließen den Laden. »Die Leute da ſcheinen Ihrem Worte doch nicht zu glauben, Major,« ſagte ich. „Das iſt ihre Schuld und nicht die meinige, beſter Freund. Ich ſage es ihnen jedes Mal offenherzig, daß ich ſie nie bezahlen werde; und Sie können ſich darauf verlaſſen, daß ich auf das gewiſſenhafteſte Wort halte. Ich bezahle Niemand, und zwar aus dem triftigſten Grunde; ich habe kein Geld. Allein ich leiſte den Leu⸗ ten einen Dienſt— ich bringe ihre Läden in die Mode, und das wiſſen ſie. »Welche Schulden bezahlen Sie denn, Major?« „Laſſen Sie mich einen Augenblick nachſinnen.— Ol ich bezahle meine Wäſcheriu.« »Bezahlen Sie Ihre Ehrenſchulden nicht?« »Ehrenſchulden! Gegen Sie will ich aufrichtig ſein, denn ich weiß, daß wir gute Kameradſchaft halten wer⸗ den. Wenn ich gewinne, ſo nehme ich das Geld. Ver⸗ liere ich aber,— ſo vergeſſe ich zu bezahlen; und ich bevorworte dies ſtets, ehe ich mich zum Spiele ſetze. Wenn man mir keinen Glauben ſchenken will, iſt es nicht meine Schuld. Doch wie viel Uhr iſt es? Kom⸗ men Sie, ich muß einige Beſuche abſtatten, und werde Sie vorſtellen.«„ 170 Wir ſchlenderten weiter bis nach Grosvenor⸗Square. Der Major klopfte an die Thüre eines großen Hauſes, ein Lakai ließ uns ein, meldete uns an, und führte uns in das Geſellſchaftszimmer. „»Theure Lady Maelſtrom,« nahm der Major das Wort,»erlauben Sie mir, Ihnen Mr. Newland, mei⸗ nen vertrauteſten Freund, vorzuſtellen. Mylord Win⸗ dermear hat ihn während ſeiner Abweſenheit meiner Obhut übergeben. Er iſt ſo eben von dem Feſtlande zurückgekehrt.« Ihre Herrlichkeit begruͤßte mich mit einem herab⸗ laſſenden Lächeln.»Apropos, Major, das erinnert mich an Etwas— bitte, kommen Sie mit mir an das Fenſter. Entſchuldigen Sie uns auf einen Augenblick, Mr. Newland.« Der Major und Lady Maelſtrom zogen ſich an das Fenſter zurück; ſprachen einige Worte und traten wie⸗ der vor. Die Dame hob ihren Finger empor und ſagte dem Major, indem ſie ſich mir naͤherten:»Verſprechen Sie mir, es nicht zu vergeſſen.« 4 »Ihrer Herrlichkeit geringſter Wunſch wird ſtets für mich ein Befehl ſein,« erwiederte er mit einer gra⸗ ziöſen Verbeugung. Nach einer Viertelſtunde, während welcher die Un⸗ terhaltung ſehr belebt war, erhoben wir uns, um uns zu empfehlen. Ihre Herrlichkeit hielt mir die Hand entgegen, und ſagte:»Mr. Newland, die Freundſchaft Lord Windermears und die Empfehlung des Majors Carbonnell ſind mehr als genügend, um mich zu bewe⸗ gen, Ihren Namen meinem Biſitenverzeichniſſe hinzu⸗ zufügen. Ich hoffe das Vergnügen zu haben, Sie recht oft zu ſehen, und daß wir vertraute Freunde ſein 171 werden.« Ich verbeugte mich bei dieſer ſchmeichelhaf⸗ ten Anrede, und wir verließen das Zimmer. Auf der Straße angekommen, bemerkte der Major: „Sie ſahen doch, wie ſie mich auf die Seite nahm— es geſchah, um mich auszuforſchen. Sie hat keine Töchter, aber ungefähr funfzig Nichten, und Eheſtiften iſt ihre Glückſeligkeit. Ich ſagte ihr, ich könnte meine Ehre zum Pfande geben, daß Ihre Einkünfte ſich auf zehntauſend Pfund jährlich beliefen; wie viel noch dar⸗ über könnte ich jedoch nicht mit Beſtimmtheit ſagen. Ich habe nicht gar zu ſehr fehl geſchoſſen, wie?« Ich lachte.»Wie hoch ſich mein Vermögen be⸗ läuft, kann ich in der That nicht angeben. Ich hoffe jedoch, daß die Folge beweiſen wird, wie richtig Sie gerathen haben. Doch nichts mehr hiervon, werther Freund.«⸗„ »Ich verſtehe— Sie ſind noch nicht majorenn — können natürlich noch nicht zum Beſitz Ihres Vermögens gelangen.« »So iſt es, Major, genau wie Sie ſagen. Ich bin jetzt erſt etwas über neunzehn Jahre alt.“« »Sie ſehen älter aus; aber Teſtamentsvollſtrecker ſind verzweifelt halsſtarrig in Betreff des Taufſcheins. Sie müſſen ſich ſchon noch zwei Jahre damit begnügen, die Rolle Moſis zu ſpielen, und in das Land der Ver⸗ heißung nur hinüberzuſchauen.« Wir machten noch einige Beſuche und kehrten ſo⸗ dann nach der St. James⸗Stkaße zurück.»Wohin ſollen wir jetzt gehen?« fragte der Major.»Apropos; wollten Sie nicht zu Ihrem Bankier?⸗ »Ich will mit Ihnen dahin ſchlendern und nach⸗ fragen, ob etwas für mich eingezahlt iſt, erwiederte ich in nachläſſigem Tone. Wir gingen bei Drummond vor, und ich erkundigte mich, ob nichts für Mr. Newland eingegangen wäre. „Ja, Sir,“« antwortete einer der Schreiber.»Ge⸗ ſtern ſind tanſend Pfund eingezahlt worden. ⸗ 3 »Sehr gut,“verſetzte ich. „Wie viel bedürfen Sie?« fragte der Major. „»In dieſem Augenblicke gar nichts,« erwiederte ich. „In meiner Schreibchatulle liegt mehr, als darin liegen ſollte.⸗. »Nun ſo laſſen Sie uns gehen und das Eſſen be⸗ ſtellen. Oder ziehen Sie es vielleicht vor, noch ein wenig umherzuſchlendern. In dieſem Falle will ich nach dem Hotel gehen und das Eſſen beſtellen. kommt Harcourt; das iſt ein glücklicher Zufall. Har⸗ court, mein Beſter, hier iſt Mr. Newland, mein ver⸗ trauter Freund. Ich muß Sie jetzt verlaſſen. Neh⸗ men Sie ſeinen Arm auf eine halbe Stunde, Harcourt, und dann eſſen Sie mit uns in der Piazza.« Mr. Harcourt war ein junger Mann von etwa fünf und zwanzig Jahren, und hatte ein gefälliges, vor⸗ nehmes Aeußere. Gegenſeitig von einander eingenom⸗ men, wurden wir bald vertraut. Er beſaß viel Witz und war ſarkaſtiſch und von feinen Manieren. Nach⸗ dem wir uns eine halbe Stunde nnterhalten hatten, fragte er mich, was ich von dem Major hielte. Ich ſah ihn an und lächelte.»Dieſer Blick ſagt mir, daß Sie ſich von ihm nicht hintergehen laſſen werden; ich würde Sie ſonſt gewarnt haben, fuhr er fort.»Er iſt ein ſeltſamer Menſch; wenn Sie aber reich genug ſind, um ihn zu unterhalten, ſo können Sie nichts Beſſeres thun, denn er kennt Jedermann und hat überall Zutritt. Er iſt von guter Familie, und beſaß früher ein bedeutendes Vermögen, das er indeſſen in kurzer Zeit vnncherachte, weßhalb er ſich genöthigt ſah, ſein Offi⸗ zierpatent zu verkaufen. Jetzt lebt er von der Welt, die, wie Shakſpeare ſagt, ſeine Auſter iſt; und er be⸗ ſitzt Verſtand und Schlauheit genug, ſie zu öffnen. Zudem hat er die entfernte Hoffnung, eine Pairie zu erben; dieſe Ausſicht und ſein angenehmer Umgang tra⸗ gen, im Vereine mit dem Umſtande, daß er den Ton anzugeben pflegt, dazu bei, ihn über dem Waſſer zu halten. Ich glaube, daß ihn ſein Vetter, Lord Win⸗ dermear, oft unterſtützt.« „»Lord Windermear war es, der mich ihm vor⸗ ſtellte,« bemerkte ich. „ Dann wird er es nicht wagen, auf ſeine Weiſe weiter gegen Sie zu gehen, als daß er auf Ihre Ko⸗ ſeen ſpeiſt, Ihnen Geld abborgt und es wieder zu be⸗ zchlen vergißt.« „Sie müſſen bekennen,« ſagte ich,» daß er ſtets im Voraus ſagt, daß er niemals bezahlt.« » Und dies iſt der einzige Punkt, in welchem er Wort hält,« erwiederte Harcourt mit Lachen.»Doch ſagen Sie mir, bin ich heute Ihr Gaſt?« „»Wenn Sie mir dieſe Ehre erweiſen wollen.« „»Ich nehme Ihre Einladung mit dem größeſten Vergnügen an, da ich die Gelegenheit haben werde, Ihre fernere Bekanntſchaft zu machen.⸗ »Laſſen Sie uns denn den Weg nach dem Hotel einſchlagen, denn es iſt ſchon ſpät,« erwiederte ich, und wir gingen nach der Piazza. Zwei und zwanzigſtes Kapitel. Der echte Simon Pure*) erweiſt ſich als der ſchlimmſte von beiden.— Ich werde ſchuldig befunden, aber nicht ver⸗ dammt; werde überwieſen, überführe aber; und beweiſe, daß ich ein Gentleman bin, nachdem ich gerade das Gegen⸗ theil bewieſen habe. Wir traten in mein Zimmer und fanden den Tiſch ſchon gedeckt; unter dem Schenktiſche ſtand Champagner in Eis, und alle Vorbereitungen ſchienen ein köſtliches Mahl zu verſprechen. Der Major ſaß auf dem Sopha und ertheilte dem Kellner Befehle. Timothy's Geſicht drückte die höchſte Verwunderung aus. »Ich kann Ihnen nicht ſagen, Major,« begann ich, „wie ſehr verpflichtet ich mich Ihnen für Ihre Güte fühle, daß Sie mich dieſer Mühe überhoben haben, um mir Gelegenheit zu verſchaffen, mich um die mir ſo angenehme Bekanntſchaft Mr. Harcourts zu be⸗ werben.« »Nichts mehr davon, beſter Newland; Sie werden mir gewiß einen gleichen Dienſt, ſollte ich ihn verlan⸗ gen, wenn ich ein Mittagseſſen gebe, erweiſen.(Hier traf Harcourt's Blick den meinigen, als ob er hätte ſa⸗ gen wollen:»Das können Sie ohne Gefahr verſpre⸗ 5——— i———— ——— *) Der der Liebhaberin von einem der vier Vormünder be⸗ ſtimmte Quäker⸗Liebhaber, für den ein Anderer ſich aus⸗ giebt, in dem Luſtſpiele: A bold stroke for a wife. Anm d. Ueberſ. ———,—yͤn 175 chen.“) Doch wiſſen Sie, Newland, daß Lord Win⸗ dermear's Neffe ſo eben angekommen iſt? Haben Sie ihn auf Reiſen kennen lernen?« »Nein,“ erwiederte ich ein wenig verwirrt, faßte mich jedoch bald wieder. Tim aber ſtürzte aus dem Zimmer.»Was für ein Menſch iſt er?« „»Darüber werden Sie bald ſelbſt urtheilen können, mein Lieber, denn ich habe ihn gebeten, mit uns zu ſpeiſen, ich muß ſagen, mehr aus Artigkeit gegen Lord Windermear, als aus einem andern Grunde; denn ich bezweifle ſehr, daß es ſelbſt mir jemals gelingen würde, einen Gentleman aus ihm zu machen. Doch führen Sie Harcourt in Ihr Ankleidezimmer, und wenn Sie mit Ihrer Toilette fertig ſein werden, ſoll das Eſſen auf dem Tiſche ſtehen. Ich nahm mir vor zehn Mi⸗ nuten die Freiheit, mich von Ihrem Kammerdiener her⸗ einführen zu laſſen. Er iſt ein gewandter Burſch— wie ſind Sie an ihn gekommen?« »Ganz durch Zufall,« erwiederte ich.»Kommen Sie, Mr. Harcourt.« Als wir in das Speiſezimmer zurückkehrten, war der wahre Simon Pure angelangt. Der Major ſtellte uns einander vor, und da die Speiſen aufgetragen wur⸗ den, ſo ſetzten wir uns zu Tiſche. Mr. Eſteourt war ein junger Mann in meinem Alter, aber um zwei bis drei Zoll kleiner. Er hatte ſtarke, unangenehme Geſichtszüge, und jetzt erklärte ich mir leicht, weßhalb Lord Windermear ſeine große Zu⸗ friedenheit zu erkennen gab, als er mich für ſeinen Nef⸗ fen hielt. Er hatte ein mürriſches, ſtörriſches Weſen, und ſprach nur wenig. Er ſchien auf Geburt einen ungeheuren Werth zu legen, und es nicht der Mühe werth zu halten, auf die Unterhaltung zu achten, aus⸗ genommen, wenn die Ariſtokratie den Gegenſtand der ſelben bildete. Ich behandelte ihn mit merklicher Ach⸗ tung, in der Abſicht, mit ihm bekannt zu werden, was mir auch gelang. Das Mahl war vortrefflich, und wir waren Alle, Mr. Eſtcourt ausgenommen, ſehr guter Dinge, und blieben ſo lange am Tiſche ſitzen, daß es zu ſpät wurde, in das Theater zu gehen. Harcourt und der Major empfahlen ſich, nachdem wir verabredet hatten, am au: dern Tage wieder zuſammen zu kommen. Mr. Eſtcourt hatte ſich am Wein ein wenig zu gütlich gethan, und wurde, als ſie fort waren, zutrau⸗ licher. Ich trank ihm wacker zu, und wir blieben noch über eine Stunde bei Tiſch ſitzen. Er ſprach von nichts, als von ſeiner Familie und ſeinen Ausſichten. Ich be⸗ uutzte die Gelegenheit, zu erforſchen, welcher Art ſeine Geſinnungen ſein möchten, ſobald ihm das Geheimniß, in deſſen Beſitz ich war, bekannt werden würde. Ich führte einen ähnlichen Fall an, und fragte ihn, ob er, um die Ehre ſeiner Familie zu retten, unter ſolchen Umſtänden ſeinen rechtmäßigen Anſprüchen ehtſagen würde. »Nein, niemals, bei Gott! erwiederte er.»Wie! Ich ſollte mich auch nur auf einen Tag meiner An⸗ ſprüche begeben— meiner Verwandten wegen meinen wahren Rang verhehlen? nimmermehr— nichts würde mich dazu vermögen!« Ich war befriedigt, und warf die Frage hin, ob er Lord Windermear von ſeiner Ankunft in Kenntniß ge⸗ ſetzt hätte. »Noch nicht,« antwortete er.»Morgen werde ich an ihn ſchreiben.« Bald darauf ging er auf ſein Bim⸗ mer, und ich ſchellte nach Timothy. „Himmel! was ſoll dies Alles bedeuten?« rief er aus.»Was fängſt Du an? Ich bin faſt außer mir⸗ vor Angſt. Unſere Kaſſe wird ja auf dieſe Weiſe kaum zwei Monate vorhalten.« 8 »Ich erwarte auch nicht, daß ſie viel länger vor⸗ hält, Tim; allein es läßt ſich nicht ändern. Ich muß nun einmal Zugang zu den erſten Cirkeln haben— und um dies zu bewerkſtelligen, darf ich die Koſten nicht ſcheuen.« „Doch, die Koſten bei Seite geſetzt, was ſollen wir in Betreff dieſes Mr. Eſtcourt beginnen? Alles wird an den Tag kommen.⸗. »Gerade das beabſichtige ich, Tim,« entgegnete ich, „aber noch nicht. Er wird morgen an ſeinen Onkel ſchreiben. Du mußt des Briefes habhaft zu werden ſuchen; denn er darf nicht abgehen. Ich muß erſt Zeit gewinnen, feſten Fuß zu faſſen, und dann ſteht es Lord Windermear frei, ſeinen Irrthum, wann es ihm beliebt, zu entdecken.« »Du ſcheinſt, bei meiner Ehre, gar nichts zu fürch⸗ ten, Japhet.« „Ich fürchte nichts, Tim, ſo lange ich meinen Zweck verfolgen kann. Ich achte keine Hinderniſſe auf dem Wege, den ich eingeſchlagen, um meinen Vater zu ſuchen.« »In dieſem Punkte ſcheinſt Du wahrhaftig ganz toll zu ſein, Japhet.« »Das mag wohl ſein, Tim,« erwiederte ich nach⸗ denklich.»Doch laß uns jetzt zu Bette gehen, und morgen früh ſollſt Du die heutigen Ereigniſſe erfahren.⸗ Mr. Eſtcourt ſchrieb den Brief, und Tim erbot ſich dienſtfertig, ihn auf die Poſt zu tragen; wer war⸗ fen ihn jedoch in das Feuer. 1 Japhet. I. 3 12 178 Ich muß jetzt einen Zeitraum von drei Wochen übergehen, während deſſen ich mit dem Major und Mr. Eſteourt eine enge Freundſchaft anknüpfte. Sie führ⸗ ten mich in die Klubs ein und ſtellten mich faſt allen Perſonen der faſhionablen Welt vor. Die hohe Vor⸗ ſtellung, die man ſich von meinem Reichthume machte, und meine vortheilhafte Geſtalt, ſicherten mir überall einen freundlichen Empfang, und bald wurde ich eine der glänzenden Erſcheinungen des Tages. Während dieſer Zeit hatte ich ebenfalls das gänzliche Vertrauen Mr. Eſtcourt's gewonnen, der Timotheus einen Brief nach dem andern in die Hände gab, der natürlich alle wiederum den Flammen übergab. So lange ich konnte, beſchwichtigte ich ihn durch die Vorſtellung, ſein Oheim müßte zum Beſuche bei einem Freunde ſein. Endlich aber war er nicht länger zu halten. Du kannſt jetzt gehen, dachte ich, denn ich fühle mich völlig ſicher. Ungefähr fünf Tage nach ſeiner Abreiſe ſchlenderte ich mit dem Major, der gewöhnlich fünf Mal wöchent⸗ lich mein Gaſt war, Arm in Arm, Straße auf Straße ab, als ich Lord Windermear in ſeinem Wagen daher⸗ rollen ſah. Er ließ halten, ſtieg aus und näherte ſich uns. Als er unſere Begrüßung erwiederte, trieb ihm ſeine innere Bewegung das Blut in das Geſicht. »Sie werden mich entſchuldigen, Major,« begann er;»ich möchte aber Mr. Newland unter vier Augen ſprechen.« Hierauf wendete er ſich zu mir, und ſagte: »Sie ſind vielleicht ſo gütig, einen Platz in meinem Wagen anzunehmen.« Völlig darauf vorbereitet, verlor ich keineswegs die Faſſung, machte ihm eine Verbeugung und ſtieg ein. Der Lord folgte mir, befahl dem Kutſcher, ſchnell nach Hauſe zu fahren, lehnte ſich im Wagen zurück und — 179 ſprach kein einziges Wort, bis wir vor ſeinem Hauſe anhielten und in ſein Zimmer getreten waren. Er ging einige Schritte auf und ab, und ſagte dann:»Mr. Newland, oder wie Ihr Name ſonſt ſein mag, ich ſehe, daß Sie Ihre Sicherheit in den Beſitz eines wichtigen Geheimniſſes ſetzen. Zu ſagen, was ich von Ihrem Benehmen halte, wäre unnütz. Wer und was Sie ſind, weiß ich nicht; allein,« fuhr er, ſeinen Zorn nicht länger unterdrückend, fort,»auf die Ehre eines Gentleman können Sie auf keine Weiſe länger Anſpruch machen.« „Ihre Herrlichkeit wird vielleicht die Güte haben, mir zu ſagen, worauf ſich dieſe Folgerung gründet,« entgegnete ich gelaſſen. »Haben Sie nicht, erſtlich, einen an eine andere Perſon gerichteten Brief erbrochen?« „»Mylord, ich öffnete einen mir überbrachten Brief, der mit den Anfangsbuchſtaben meines Namens verſe⸗ hen war; und glaubte, als ich ihn erbrach, wirklich, daß er für mich beſtimmt ſei-« »Und wenn ich das auch gelten laſſe, ſo müſſen Sie doch, nachdem Sie ihn erbrochen, erkannt haben, daß er an einen Andern gerichtet war.«⸗ „Das leugne ich nicht, Mylord.« „Deßungeachtet wenden Sie ſich an meinen An⸗ wald, und geben ſich für einen Andern aus, um ſich in den Beſitz von verſiegelten Papieren zu ſetzen.“⸗ „»Das habe ich gethan, Mylord. Doch es ſei mir zu ſagen geſtattet, daß ich es niemals gethan haben würde, wenn ich nicht durch einen Traum dazu bewo⸗ gen worden wäre.« »Durch einen Traum?« »Ja, Mylord. Ich hatke ſchon der Entſchluß ge⸗ faßt, die Papiere nicht zu holen, als ich in einem Traume den Befehl dazu erhielt.« »Erbärmliche Ausflucht!— und dann haben Sie ein fremdes Siegel erprochen.« » Entſchuldigen Sie, Mylord; obwohl ich die Pa⸗ piere abholte, ſo vermochte ich es, ſelbſt bei der Vor⸗ ſtellung übernatürlichen Schutzes, nicht über mich, die Siegel zu erbrechen. Ihre Herrlichkeit wird ſich ent⸗ ſinnen, daß Sie ſelbſt es waren, und darauf beſtanden, daß ich die Papiere durchleſen ſollte.« »Allerdings, Sir, unter Ihrem falſchen Namen.⸗ » Er iſt derſelbe Name, den ich jetzt führe, wiewohl er, ich bekenne es, falſch iſt; doch ohne meine Schuld — gegenwärtig habe ich keinen andern.⸗ »Es iſt wahr, Sir, daß die Geſetze, wegen des Allen, Sie nicht erreichen können. Doch beſinnen Sie ſich, daß die Annahme des Namens eines Dritten—« »Die ich mir nie habe zu Schulden kommen laſſen, Mylord,« ſiel ich ihm in das Wort.. »Gut: ſo kann ich denn behaupten, daß Sie ſich unter falſchen Vorwänden dadurch Geld verſchafft ha⸗ ben, daß Sie mich glauben zu machen wußten, Sie wären mein Neffe, wodurch ich Sie in meiner Gewalt habe.« »Ich habe Sie keineswegs um das Geld angeſprochen. Sie ſelbſt haben es bei dem Bankier für mich hinter⸗ legt. Und nun frage ich Sie, da Sie ſich ſelbſt ge⸗ täuſcht haben, ob ich den Geſetzen verfallen bin?« »Ich geſtehe, Mr. Newland, daß mir, ſo ſehr ich auch das Vorgefallene bedaure, nichts beklagenswerther erſcheint, als daß ein ſo junger, einnehmender und, dem Anſcheine nach, ſo wahrheitsliebender Mann ſo erfahren im Betruge iſt. In dem Wahne, meinen Neffen vor 18 mir zu ſehen, öffnete ſich mein Herz den wärmſten Ge⸗ fühlen, und ich muß bekennen, daß meine Enttäuſchung, ſeitdem ich meinen wahren Neffen geſehen, ſchmerzlich und bitter geweſen iſt.« »Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung, My⸗ lord; es ſei mir aber zu bemerken geſtattet, daß ich kein Betrüger bin. Sie werden Ihre tauſend Pfund in der Bank noch ſicher aufgehoben finden; denn ſelbſt die Noth würde mich nicht vermocht haben, ſie anzu⸗ rühren. Ihre Herrlichkeit ſcheint jetzt gelaſſener zu ſein, ich bitte deßhalb um gütiges Gehör. Erſt wenn Sie die Geſchichte meines Lebens bis zu dem gegen⸗ wärtigen Augenblicke, und die Gründe meines Beneh⸗ mens vernommen haben, werden Sie beurtheilen kön⸗ nen, inwiefern ich Tadel verdiene.« Lord Windermear ſetzte ſich und winkte mir mit der Hand, daſſelbe zu thun. Ich erzählte ihm hierauf, was ſich bei meiner Ausſetzung vor dem Findelhauſe zugetragen, und gab ihm eine treue Darſtellung meiner nachherigen Abenteuer. Mein Entſchluß, meinen Va⸗ ter aufzuſuchen— der Traum; durch welchen ich be⸗ wogen worden war, die Papiere abzuholen— mit Ei⸗ nem Worte, ich berichtete Alles, was dem Leſer ſchon bekannt iſt. Dem Lord war offenbar die mich beherr⸗ ſchende Monomanie nicht verborgen geblieben; er hörte mir mit großer Aufmerkſamkeit zu. DSie ſtehen allerdings nicht mehr ſo tief in meiner Meinung, Mr. Newland, als vor dieſer Aufklärung,“ begann er;» und ich muß auf die Gemüthsſtimmung, in der Sie ſich, in Beziehung auf einen gewiſſen Ge⸗ genſtand, befinden, billige Rückſicht nehmen. Erlauben Sie mir indeß eine Frage, die ich Sie mit Aufrichtig⸗ keit zu beantworten bitte. Welchen Preis ſetzen Sie 182 auf Ihre Verſchwiegenheit in dieſer wichtigen Sache?“ „»Mylord!« entgegnete ich, und erhob mich mit Würde von meinem Stuhle;»dies iſt die größeſte Be⸗ leidigung, die Sie mir bisher zugefügt haben. Ich will deßungeachtet den Preis beſtimmen, um den ich mich— bei allen meinen Hoffnungen, in dieſer Welt einen Vater, ſo wie in jener einen ewigen Vater zu finden, ſchwöre ich es— feierlichſt verpflichten will, und dieſer Preis iſt, Mylord: daß Sie mir Ihre Ach⸗ tung wieder ſchenken.«— Der Lord ſtand auf, und ging heftig bewegt im Zimmer auf und ab.»Was ſoll ich von Ihnen den⸗ ken, Mr. Newland?« fragte er endlich. »Wenn ich ein Betrüger wäre, Mylord, ſo würde ich Ihr Geld genommen haben. Hätte ich die Abſicht gehabt, aus dem Beſitze des Geheimniſſes Vortheil zu ziehen, ſo hätte ich nur mit allen Aktenſtücken davon⸗ gehen dürfen, um ſelbſt die Bedingungen vorzuſchreiben. Ich bin nichts weiter, als eine verlaſſene Waiſe, My⸗ lord, die den Vater ſucht.« Von der Heftigkeit mei⸗ ner Gefühle überwältigt, brach ich in Thränen aus. Sobald ich mich wieder gefaßt hatte, wendete ich mich wieder zu dem Lord, der mich ſtillſchweigend und nicht ohne Rührung betrachtet hatte.»Ich habe Ih⸗ neu nur noch Eins zu ſagen, Mylord,« und ich er⸗ wähnte der Unterredung, die ich mit Mr. Eſtcourt ge⸗ habt hatte, und machte ihn auf die Gefahr aufmerkſam, ihm das wichtige Geheimniß anzuvertrauen. Se. Herrlichkeit hörte mir, ohne mich zu unterbre⸗ chen, zu, und ſagte dann nach kurzem Nachdenken: »Ich glaube, daß Sie Recht haben, Mr. Newland, und fange an, dem Gedanken Raum zu geben, daß es beſſer geweſen iſt, Sie in das Geheimniß einzuweihen, — 188 als ihn. Sie haben mir jetzt eine e Verbindlichkeit auf⸗ erlegt, und dürfen über mich gebieten. Ich halte Sie für redlich, aber ein wenig toll, und bitte Sie, wegen der Kränkung, die ich Ihnen zugefügt, um Verzeihung.« „»Mylord, ich bin mehr als befriedigt.« „Kann ich Ihnen in etwas behülflich ſein, Mr. Newland?« „»Wenn Sie, Mylord, mir bei meiner Nachfor⸗ ſchung auf irgend eine Weiſe beiſtehen oder mir rathen könnten—« 1 „In dieſer Angelegenheit werde ich Ihunen, wie ich fürchte, wenig nützen können; ich will jedoch die zu Ihrem Zweck erforderlichen Mittel zu Ihrer Verfügung ſtellen, was von meiner Seite nur Pflicht der Billigkeit ſein wird, denn es iſt mir einleuchtend, daß Ihre Be⸗ kanntſchaft mit dem Major Carbonnell beigetragen ha⸗ ben muß, Ihre Ausgaben ſehr zu vermehren. Ich habe ein Verſehen wieder gut zu machen. Ich bitte Sie daher, das in der Bank liegende Geld als das Ihrige zu betrachten und zu Erreichung Ihres ſehnlichen Wun⸗ ſches zu verwenden.⸗ „Mylord—« »Ich nehme keine Weigerung an, Mr. Newland; und ſollte ſich ihr Zartgefühl dagegen ſträuben, ſo ſehen Sie die Summe als ein Darlehen an, das Sie zurück⸗ erſtatten können, ſobald es Ihre Verhältniſſe erlauben. Geben Sie jedoch nicht einen Augenblick dem Gedanken Raum, daß Sie das Geld erhalten, weil Sie im Beſitze eines wichtigen Geheimniſſes ſind, denn in Beziehung auf dieſen Punkt vertraue ich Ihrem Ehrgefühl voll⸗ kommen.⸗— »Ihre Güte drückt mich in der That zu Boden, Mylord,« erwiederte ich;»und es iſt mir faſt, als ob ich in Ihnen einen Vater gefunden hätte. Sie müſſen mich entſchuldigen, doch haben Sie nie— nie— 2 »Ich verſtehe ſchon, was Sie ſagen wollen, mein Guter; nein, niemals. Der Himmel hat mich nicht mit Kindern geſegnet. Hätte er es gethan, ſo würde ich mich nicht als beſchimpft betrachtet haben, wenn mein Kind Ihnen ähnlich geweſen wäre. Doch als Freund bitte ich Sie, laſſen Sie das Dunkel, welches Ihre Geburt umhüllt, nicht ſo ſchwer auf Ihrem Ge⸗ müthe laſten, und jetzt muß ich Ihnen guten Morgen wünſchen. Wenn Sie glauben, daß ich Ihnen von Nutzen ſein kann, ſo verfehlen Sie uicht, mich es wiſſen zu laſſen.« 4 » Möge der Himmel ſeine Segnungen auf Sie her⸗ abgießen,« erwiederte ich, ihm die Hand mit Ehrfurcht küſſend;»und möge mein Vater, ſollte ich ihn jemals finden, Ihnen ſo aͤhnlich ſein, als möglich. Km¶ Ichever⸗ beugte mich und verließ das Haus. 8 4 Der Major hindert den Wirth daran, mich zu übervortheilen, allein ich gewinne nichts durch ſeine Einmiſchung.— Aus ökonomiſchen Gründen willige ich ein, mit ihm zuſammen zu lében, damit er von mir leben könne. Ich kehrte in das Hotel zurück, denn ich war äußerſt aufgeregt, und ſehnte mich nach Ruhe und nach Timo⸗ 44 188 theus Freundesbruſt. Im Hotel angelangt, theilte ich ihm das Vorgefallene mit. » Unſere Angelegenheiten gewinnen in der That ein erfreuliches Ausſehen,« nahm Timothy darauf das Wort; »denn ich beſorge ſehr, daß wir uns ohne die tauſend Pfund keine vierzehn Tage mehr hätten halten können. Unſere Rechnung hier im Hauſe iſt ziemlich angewachſen, und ich bin überzeugt, daß der Wirth ſein Geld zu ha⸗ ben wünſcht.« »Wie viel mögen wir wohl noch in Kaſſe haben? Es iſt hohe Zeit, Timothy, daß wir unſere Rechnungen ins Reine bringen und unſere Pläne für die Zukunft beſprechen. Ich habe den Juwelier und den Schneider, auf den Rath des Majors, ſchon abgefunden. Carbonnell ſagt, man ſoll ſtets ſeine erſten Rechnungen ſobald als möglich, und die nachfolgenden ſo ſpät als möglich hezahlen; und das Allerbeſte ſei, das Bezahlen bis auf unbeſtimmte Zeit zu verſchieben. Mit Ausnahme der Rechnung hier im Hauſe, die ich dieſen Abend fordern werde, bin ich nur noch ſehr wenig ſchuldig.« 3 Wir wurden hier durch das Eintreten des Wirths geſtört. „O, Mr. Wallace, Sie ſind gerade der Mann, den ich zu ſprechen wünſchte;« redete ich ihn an.»Haben (Sie die Gefälligkeit, mir meine Rechnung heraufzu⸗ ſchicken.« »Es hat durchaus keine Eile, Sir,“« erwiederte er. »Wenn Sie ſie indeß zu haben wünſchen, ſo ſollen Sie ſogleich bedient werden; ich habe ſie bis geſtern aus⸗ gezogen,« und er verließ das Zimmer. »Ihr hattet wenigſtens Beide denſelben Gedanken,« ſagte Timotheus mit Lachen;»denn er hielt die Rech⸗ 186 nung in der Hand, und verſteckte ſie geſchwind, als Du ſie ihm abforderteſt.« Nach ungefähr zehn Minuten erſchien der Wirth wie⸗ der, hielt mir die auf einem Praſentirteller liegende Rechnung entgegen, machte eine Verbeugung und ent⸗ fernte ſich. Ich ſah ſie durch; ſie belief ſich auf hundert und vier Pfund; eine artige Summe für einen dreiwö⸗ chentlichen Aufenthalt. Timotheus zuckte die Achſeln, während ich die einzelnen Poſten durchlief. »Ich wüßte nicht, daß wir Urſache hätten, uns zu beklagen, Tim,“« ſagte ich, als ich mit der Durchſicht fertig war.»So viel ſehe ich aber, daß es nicht län⸗ ger angeht, hier zu wohnen und den Major auf meine Rechnung offene Tafel halten zu laſſen. Laß uns ſehen, wie viel Geld wir noch übrig haben.«. Tim holte das Käſtchen, das unſere Kaſſe enthielt, und wir fanden, daß ſich unſer ganzer Vorrath, nach Berichtigung der Trinkgelder und einiger kleinen Forde⸗ rungen, nur noch auf funfzig Schillinge belaufen würde. »Barmherziger Himmel! wie nahe waren wir ſchon dem Bettelſtabe,« rief Timotheus aus.»Wenn wir dieſen neuen Zuſchuß nicht bekommen hätten, was hät⸗ ten wir anfangen ſollen?« »Es ſtände allerdings ſchlimm um uns, Timothy. Das Geld iſt indeß am Ende gut angewendet. Ich habe jetzt freien Zutritt zu den höchſten Zirkeln, und kann Major Carbonnell entbehren; jedenfalls werde ich dieſes Hotel verlaſſen, meublirte Zimmer miethen und in einem Klubhauſe ſpeiſen. Ich weiß ſchon, wie ich mich von dem Major befreien will.«„ Ich legte das Geld auf den Präſentirteller und ließ Timothy nach dem Wirthe klingeln, als in demſelben 187 Augenblicke der Major und Harcourt in das Zimmer traten. »Was ſoll das? Was wollen Sie mit dem Gelde machen, Newland?« fragte der Major. »Ich bin im Begriff, meine Rechnung zu bezahlen, Major.« »Bah! Ihre Rechnung bezahlen. Laſſen Sie mich ſehen— hundert und vier Pfund. Dies iſt eine abſcheu⸗ liche Uebervortheilung; Sie dürfen nicht zahlen.« In dieſem Augenblicke trat der Wirth herein. »Herr Wallace,« redete ihn der Major an,»Mr. Newland wollte ſo eben Ihre ganze Rechnung berichti⸗ gen, wie Sie ſehen. Ich muß Ihnen jedoch, da dieſer Herr mein ſehr vertrauter Freund iſt, und da ich Ihr Haus überall ſehr empfohlen habe, bemerklich machen, daß mir Ihre Forderungen höchſt übertrieben vorkom⸗ men. Wenn Sie nicht mit mehr Billggkeit verfahren, werde ich Mr. Newland den Rath ertheilen, heute im Tage Ihr Hotel zu verlaſſen.“« „»Ich bitte, bemerken zu dürfen, Major,« nahm ich das Wort,»daß ich meine Rechnung gefordert habe, weil ich ſie vor meiner Abreiſe auf das Land bezahlen wollte.«⸗ »So werde ich denn Mr. Newland jedenfalls em⸗ pfehlen, bei ſeiner Rückkehr nicht bei Ihnen abzuſteigen, Herr Wallace, denn ich betrachte mich, nach den vielen Diners, die ich hier beſtellt, und an welchen ich Theil genommen, gleichſam als particeps criminis, oder mit andern Worten, als Theilnehmer an dieſer Erpreſſung. In der That, Herr Wallace, einen Abzug müſſen Sie ſich gefallen laſſen, ſonſt möchten Sie dem Rufe Ihres Hotels beträchtlich ſchaden.« Der Wirth erklärte, daß er ſeine gewöhnlichen For⸗ derungen nicht überſchritten habe; er wolle indeß die Rechnung noch einmal durchſehen und ſein Möglichſtes thun.. »Liebſter Newland,« ſagte der Major zu mir.»Ich habe Ihre Diners beſtellt, erlauben Sie mir auch, Ihre Rechnung zu berichtigen. Was ſagen Sie dazu, Herr Wirth, wenn wir ein Drittel abziehen?« »Ein Drittel, Herr Major! ich würde dabei ver⸗ lieren.« 8 »Ich bin nicht ganz Ihrer Meinung. Doch hören Sie— und wählen Sie. Ziehen Sie zwanzig Pfund ab, oder entſagen Sie meiner und meiner Freunde Em⸗ pfehlung. Ja oder Nein?« Nach einigen Gegenvorſtellungen willigte der Wirth endlich ein, quittirte die Rechnung, ließ zwanzig Pfund auf dem Teller liegen, und entfernte ſich mit einer Ver⸗ beugung. 3— »Es war ein Glück, daß ich dazu kam, lieber New⸗ land, Sie haben doch nun wenigſtens zwanzig Pfund erſpart. Beiläufig geſagt, ich bin nicht bei Kaſſe. Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich dieſe Banknote zu mir nehme? Sie wiſſen ſchon, ich werde Ihnen nie wiederbezahlen.« »Ich weiß es, Major; da ich aber das Geld dem Wirthe bezahlt haben würde, weun Sie nicht dazu ge⸗ kommen wären, ſo will ich es Ihnen leihen.«⸗ »Sie ſind ein herzensguter Menſch, Newland,« ſagte der Major, die Banknote einſteckend.»Hätte ich es Ihnen abgeborgt, und Sie es mir, in der Erwartung es wieder zu bekommen, geliehen, würde ich Ihnen nicht gedankt haben. Da Sie es mir aber mit offenen Augen leihen, ſo iſt dies von Ihrer Seite eine ſehr zart aufer⸗ legte Verbindlichkeit, und ich ſage Ihnen aufrichtig —— 189 daß ich dieſelbe nicht vergeſſen werde. Sie wollen mor⸗ 1 gen alſo wirklich abreiſen?« „»Ja,« antwortete ich.»Ich muß fort, denn ich ſehe ein, daß ich mit meinem Gelde haushalten muß, bis ich in den Beſitz meines Vermögens gelangt bin.« »Ich verſtehe, mein Beſter. Die Teſtamentsvoll⸗ ſtrecker ſind des Teufels; ſie haben kein Gefühl. Doch ſein Sie deshalb unbeſorgt; es giebt ein Mittel, ihnen den Wind abzugewinnen. Ich eſſe heute bei Harcourt, und er iſt gekommen, um Sie zu bitten, von der Partie zu ſein.« »Mit Vergnügen.« »Ich werde Sie um ſieben Uhr erwarten, Newland,« ſagte Wweonet. das Zimmer mit dem Major verlaſſend. »Mein Gott, wie konnteſt Du dem Major geſtat⸗ ten, mit Deinem Gelde davonzugehen?« rief Timothy aus.»Ich reibe mir vergnügt die Hände, daß wir um 3 zwanzig Pfund reicher ſind, als wir glaubten, und fort iſt es, wie Rauch.« »Und wird nie wieder zurückkehren, Tim. Doch mache Dir keine Sorgen darüber; es iſt mir von Wich, 4 tigkeit, daß ich ihn zum Freunde habe, und ſeine Freund⸗ 5 ſchaft läßt ſich nur erkaufen. Ich werde die Valuta 4* dafür erhalten. Doch wir müſſen jetzt einpacken, Tim, denn morgen früh fahre ich ab. Ich will nach—, um 8 die kleine Fleta zu beſuchen.« Ich ſpeiſ'te mit Harcourt. Der Major war neugie⸗ rig zu wiſſen, wodurch Lord Windermear aufgeregt wor⸗ den und was zwiſchen uns vorgefallen war. Ich ſagte ihm, daß der Lord über meine Geldangelegenheiten ver⸗ drießlich geweſen, daß aber Alles in Ordnung ſei; nur müſſe ich in Zukunft vorſichtiger ſein.»Ich habe mir faſt vorgenommen, Zimmer zu miethen, Major. Ich Japhet IJ. 13 werde mehr Bequemlichkeit finden, und beſſer im Stande ſein, meine Freunde bei mir zu ſehen.« Harcourt pflichtete mir in Betreff der Zweckmaͤßigkeit dieſes Planes bei, als der Major bemerkte:»Nun, Newland, eins meiner Zimmer ſteht zu Ihrem Dienſte; ziehen Sie zu mir. Was ſagen Sie dazu?« »Ich fürchte, daß ich dadurch nicht ſparen werde,⸗ erwiederte ich lachend;»denn Sie werden Ihren An⸗ theil zu den Unkoſten nicht beitragen.« »Nein, bei meiner Ehre, das thu' ich nicht; das ſage ich Ihnen ehrlich im Voraus. Da ich jedoch ſtets bei Ihnen ſpeiſe, wenn ich nicht bei Anderen verſagt bin, ſo wird es Ihnen dennoch ein Erſparniß ſein— denn Sie werden die Miethe erſparen, Newland; und Sie wiſſen, daß das Haus mir gehört, und daß ich die übrigen Zimmer vermiethe. Sie werden alſo in Betreff dieſer Ausgabe geſichert ſein.«⸗ »Schließen Sie den vortheilhafteſten Handel ab, Newland,“« ſprach Harcourt,»Nehmen Sie ſein Aner⸗ bieten an, denn am Ende wird es für Sie wirklich ein Erſparniß ſein, verlaſſen Sie ſich darauf.« » Es verdient allerdings in Erwägung gezogen zu werden,« gab ich zur Antwort;»und der Vortheil, den mir die Geſellſchaft des Majors gewähren wird, muß ebenfalls berückſichtigt werden. Wenn Carbonnell mir verſprechen will, ein wenig haushälteriſcher zu ſein—⸗ »Das will ich, mein Beſter— ich will Ihre Kaſſe verwalten, und ſie, ſowohl meinet⸗ als Ihretwegen ſo lange vorhalten laſſen, als ich kann. Iſt der Handel richtig? Ich habe hinreichenden Raum für Ihren Die ner, und wenn er mir ein wenig behülflich ſein will, ſo lohne ich meinen eigenen ab.« Ich nahm ſeinen Vor⸗ ſchlag an.. Vier und zwanzigſtes Kapitel. Der Major lehrt mich das Whiſtſpiel ſo ſpielen, daß wir nie⸗ mals verlieren, indem wir gegen einander und einander in die Hand ſpielen. Am folgenden Tage ging ich zu dem Bankier, ließ mir hundert und funfzig Pfund auszahlen, und fuhr mit Timothy nach—. Fleta warf ſich mir in die .Arme und weinte vor Freude. Als ich ihr ſagte, daß Timothy draußen wäre und ſie zu ſehen wünſche, fragte ſie, weshalb er nicht herein käme; und zum Beweiſe, wie ſehr ſie daran gewöhnt war, ihre Gedanken in ſich zu verſchließen, ließ ſie, als er in ſeiner Livree herein⸗ trat, weder das geringſte Zeichen von Verwunderung blicken, noch richtete ſie irgend eine Frage darüber an mich. Die Vorſteherin lobte ſie wegen ihrer Gelehrigkeit 1 und Aufmerkſamkeit, und verließ bald nachher das Zim⸗ mer. Fleta nahm darauf die Goldkette von ihrem Halſe, und ſagte mir, daß ſie durch dieſelbe an einen Umſtand erinnert ſei, den Umſtand nämlich, daß die Dame, deren ſie ſich entſinne, große Ohrringe von der⸗ ſelben Arbeit und demſelben Stoff getragen habe. Mehr hatte ihr nicht einfallen wollen. Ich blieb drei Stunden bei dem kleinen Geſchöpfe, und kehrte ſodann nach London zurück, ließ mein Gepäck aus dem Hotel abholen, und bezog die mir von Major Carbonnell angewieſenen Zimmer. 13* 192 Der Major hielt Wort; wir lebten wirklich ſehr gut, denn er konnte nicht anders leben; in jedem andern Punkte aber war er auf Einſchränkung bedacht. Die Saiſon war jetzt vorüber und die vornehme Welt ver⸗ ließ die Hauptſtadt. In London zu bleiben würde Aus⸗ ſtoßung aus der Kaſte nach ſich gezogen haben, und wir gingen mit einander darüber zu Rathe, wohin wir uns wenden ſollten. 3 „Sie haben in dieſer Saiſon ein Aufſehen gemacht, Newland,“ ſagte der Major,»das mir, als Ihrem Cha⸗ peron, große Ehre bringt. Allein ich hoffe, Sie künf⸗ tiges Frühjahr eine vortheilhafte eheliche Verbindung ſchließen zu ſehen; denn glauben Sie mir, es giebt un⸗ ter der Menge von herzloſen Geſchöpfen, mit welchen wir verkehrt haben, noch immer nicht allein Töchter, ſondern auch Mütter, die nicht durch niedrige und ſchmutzige Gefühle beherrſcht werden.«⸗.. »Was höre ich? Noch nie habe ich eine ſo lange moraliſche Rede aus Ihrem Munde vernommen, Car⸗ bonnell.“«. „»Sehr wahr, Newland, und es kann lange währen, bis Sie wieder eine zu hören bekommen. Die Welt iſt meine Auſter, die ich, um zu leben, öffnen muß. Ver⸗ geſſen Sie aber nicht, daß ich nur danach ſtrebe, das Meinige, um das mich die Welt betrogen hat, wieder zu erlangen. Es gab eine Zeit, in der ich freigebiger, vertrauensvoller und unſchuldiger war, als Sie, zu der Zeit, da ich mich Ihrer annahm. Meine guten Eigenſchaften waren mein Verderben, und jetzt lebe und gedeihe ich dadurch, daß ich ſie von mir gethan. Wir müſſen die Welt mit ihren eigenen Waffen bekämpfen; deßungeach⸗ tet iſt noch immer etwas Gutes darin, einiges lanteres Gold unter den Schlacken zu finden, und es iſt möglich, bei hohem Range und großem Reichthume ein reines Gemüth anzutreffen. Wenn Sie einmal heirathen, ſol⸗ len Sie, ſo viel an mir liegt, beides erlangen; freilich nicht etwa, daß Ihnen am Gelde viel gelegen ſein könnte.« „» Verlaſſen Sie ſich darauf, Carbonnell, daß ich nie ein Madchen ohne Vermögen heirathen werde.« Ich wußte in der That nicht, daß ich Sie ſchon 193 ſo gut geſchult. Doch es ſei— Sie haben die gerech⸗ teſten Anſprüche auf Reichthum; und wenn ich etwas mit der Sache zu ſchaffen habe, ſo ſoll er eine der Be⸗ dingungen ausmachen.«. »Doch weßhalb wünſchen Sie, daß ich mich verhei⸗ rathe, Carbonnell?« »Weil ich glaube, daß Sie höchſt wahrſcheinlich den⸗ Spieltiſch meiden werden, an den ich Sie, wären Sie, als ich Sie kennen lernte, ſchon in dem Beſitz ihres Vermögens geweſen, ſelbſt geführt haben würde, um Sie rupfen zu helfen. Doch da ich Sie jetzt beſſer kenne, bin ich Ihnen ſo gewogen, daß ich glaube, es wäre beſſer, daß Sie nicht Ihr Alles einbüßen; denn merken Sie wohl, Newland, mein Antheil an der Beute würde nicht mehr als das betragen haben, was ich von Ihnen ſchon empfangen habe und noch empfangen kann; und wenn Sie ſich verehelichen und häuslich einrichten, ſo werde ich ſtets ein gutes Haus und einen guten Tiſch bei Ihnen finden, ſo lange ich mich der Gunſt Ihrer Gemahlin erfreue;— jedenfalls einen Freund in der Noth, davon bin ich feſt uberzeugt. Da haben Sie meine Gründe, und zugleich eine kleine Probe meiner früheren Uneigennützigkeit und jetzigen weltlichen Ge⸗ ſinnung; halten Sie ſich, an welche Sie wollen,« ſagte der Major mit Lachen. „» Carbonnell,« erwiederte ich,»ich will glauben, daß das beſſere Gefühl den Sieg davonträgt— daß die Welt Sie zu dem, was Sie jetzt ſind, gemacht hat, und daß Sie, wären Sie nicht durch die Welt zu Grunde gerichtet worden, uneigennützig und edelgeſinnt ſein wür⸗ den. Noch gegenwärtig tritt Ihre natürliche Geſinnung oft ſiegend hervor, und ich bin überzeugt, daß bei Allem, was Sie gethan, und das ſich nicht rechtfertigen läßt, Ihre Armuth und nicht Ihr Wille die Haupttriehfeder geweſen iſt. Jetzt, da Ihr Gefuͤhl durch Gewohnheit und Zeit abgeſtumpft iſt, werden Sie ſelten durch die Stimme des Gewiſſens beunruhigt.« 1 »Sie haben ganz Recht, mein Beſter,« antwortete der Major;»und indem Sie eine beſſere Meinung, als die Welt von mir hegen, ſo laſſen Sie mir, hoffe ich, nur Gerechtigkeit wiederfahren. Ich werde Ihr Vermö⸗ gen, ſobald Sie es in die Hände bekommen, nicht ver⸗ praſſen, wenn ich es ändern kann; und Sie werden doch zugeben, daß dies meinerſeits ein ſehr redliches Ver⸗ ſprechen iſt.« 4 3 »Ich fordere Sie heraus, mein Vermögen zu ver⸗ geuden,“« erwiederte ich mit Lachen. „Laſſen Sie das bleiben, Newland, ich möchte mich ſonſt verſucht dazu fühlen. Vor Allem aber wetten Sie nicht mit mir darauf, denn das möchte noch gefährlicher ſein. Wir haben, ſeit wir zuſammen leben, von Ihren tauſend Pfunden erſt vierhundert ausgegeben, was mir als eine große Sparſamkeit erſcheint. Gehen wir nach Cheltenham, was ſagen Sie dazu? Sie werden dort eine Menge iriſche Mädchen finden, die ſich nach Männern umſehen und Ihnen freundlich entgegenkommen werden.⸗ »Fch haſſe dieſe Glücksjägerinnen,« erwiederte ich. „Ich gebe zu, daß ſie, wie alle Welt, vortheilhafte Partien zu machen wünſchen; doch muß man ihnen Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen. Obwohl ſie bereit ſind, wenn Sie Anträge machten, Ihnen nach drei Tagen das Jawort zu ertheilen, ſo werden ſie doch, einmal ver⸗ heiräthet, die allerbeſten Gattinnen von der Welt. Ir⸗ gend wohin müſſen wir doch gehen, und ich halte Chel⸗ tenham für einen ebenſo paſſenden Ort, als jeden andern. Ich will nicht ſagen, um eine Frau zu ſuchen,— allein er paßt in meine Abſichten.« 3 e Dieſer letzte Grund entſchied, und nach wenigen Ta⸗ gen befanden wir uns in Cheltenham und mitten in dem Strudel der Geſellſchaft. 1 „»Newland,“ ſagte Carbonnell zu mir,»Sie finden gewiß die Zeit ſehr lang an dieſem einförmigen Hrte.⸗ „»Nicht im Mindeſten,“« erwiederte ich.»Ich belu⸗ ſtige wich mit Gaſtereien, Tanzen und Umherwandeln ganz gut.⸗ „»Wir müſſen es indeß noch beſſer machen. Sagen Sie mir, ſind Sie ein fertiger Whiſtſpieler?« »Ganz und gar nicht. That faſt unbekannt.“ „Es iſt eine faſhionabie und unentbehrliche Kunſt. Ich muß Sie zum Meiſter darin machen, und wir wol⸗ en die Vormittage dazu verwenden.⸗ Das Spiel iſt mir in der 195 Ich ſtimmte bei, und wir ſchloſſen uns von dem Tage an nach dem Frühſtück bis vier Uhr ein, und ſpiel⸗ ten zweihändiges Whiſt. Der Major, als fertiger Spie⸗ ler, brachte mir bald alle Feinheiten des Spiels bei. »Jetzt können Sie auftreten, Newland,“ ſagte der Major eines Morgens, die Karten auf den Tiſch wer⸗ fend.»Wenn man Sie nun zum Spiele auffordert, und ich habe eingewilligt, ſo weigern Sie ſich nicht. Doch⸗ wir müſſen ſtets gegen einander ſpielen..“. »Ich ſehe nicht ein, was wir dadurch gewinnen wer⸗ den,« entgegnete ich;»denn habe ich Glück, ſo verlie⸗ ren Sie.“. „»Laſſen Sie das meine Sorge ſein; folgen Sie nur meiner Vorſchrift, und ſpielen Sie ſo hoch, wie es den Gegnern beliebt. Wir werden uns nur noch drei Wo⸗ chen hier aufhalten und müſſen unſere Zeit benutzen.« Ich geſtehe, daß ich in Betreff der Abſichten des Ma⸗ jors vollkommen im Dunkeln war; wir ſchlenderten in⸗ deß ſchon an demſelben Abend in den Klub. Da wir uns zum erſten Male dort blicken ließen, ſo hielten uns diejenigen, die den Major nicht kannten, für Neulinge, und. wir wurden ſogleich aufgefordert, einen Robber zu= pielen. „» Auf Ehre! ich bin erſtlich nur ein ſehr mittelmaͤ⸗ ßiger Spieler, meine Herren,« erwiederte der Major; »und zweitens, wenn ich verliere,« fuhr er lachend fort, „werde ich Ihnen niemals bezahlen, denn man hat mich ſchon rein ausgebeutelt.« Die Art, wie der Major dieſes ſagte, erregte nur ein Lächeln; man glaubte ihm nicht, und bat mich eben⸗ falls, eimn Robber mitzumachen.»Ich mag nicht mit dem Saior ſpielen,« gab ich zur Antwort,»denn er ſpielt ſchlecht und hat obenein kein Glück. Ich könnte dbeuſ gut mein Geld ohne Weiteres auf den Tiſch egen.« Die Herren willigten ein und wir ſetzten uns, Der Major und ſein Mitſpieler gewannen den erſten Rob⸗ ber, der ſich, nebſt den Parés, auf achtzehn Pfund be⸗ lief. Ich zog meine Börſe Heiür⸗ um den Major zu bezahlen, allein er ſagte:»Nein, Newland, bezahlen Sie meinem Mitſpieler; und Ihnen, Sir,« ſagte er, an 196 meinen Mitſpieler ſich wendend,„werde ich bis wir vom Tiſche aufſtehen, ſchuldig bleiben. Sie ſollen ſo nicht davonkommen, darauf verlaſſen Sie ſich, Newland.“ Ich bezahlte die achtzehn Pfund, und wir begannen das Spiel von Neuem. Jetzt ſpielte der Major ſehr ſchlecht, obwohl ſein Mitſpieler es nicht bemerkte, der nur ein mittelmäßiger Spieler war; und wenn er es auch bemerkte, ſo war er doch artig genug, ſich nicht darüber zu äußern. Der Major verlor drei Robber hin⸗ ter einander, und ſein Verluſt belief ſich, mit Einſchluß des Verluſtes bei den Wetten, auf hundert und vierzig Pfund. Am Ende des letzten Robbers warf er die Kar⸗ ten auf den Tiſch, verwünſchte ſein ſchlechtes Glück und erklärte, nicht länger ſpielen zu wollen.»Wie ſteht es jetzt zwiſchen uns, Sir?« fragte er meinen Mitſpieler. „ Ich war Ihnen, glaube ich, achtzehn Pfund ſchuldig.⸗ »Achtzehn von hundert und vierzig bleiben hundert zwei und zwanzig Pkund, die ich Ihnen jetzt ſchulde. Ich fürchte, Sie müſſen mir erlauben, Ihr Schuldner zu bleiben,« fuhr der Major mit der freundlichſten Miene fort.»Ich bin nicht in der Abſicht zu ſpielen hierher gekommen. Ich werde vermuthlich das Vergnügen ha⸗ ben, Sie morgen Abend hier wieder zu treffen. Der Andere verbeugte ſich, und ſchien ſehr zufrieden zu ſein. Major Carbonnell's Mitſpieler zahlte mir hun⸗ dert und vierzig Pfund aus, ich ſteckte ſie in die Taſche und wir verließen den Klubſaal. Ende des erſten Theils. h, re, ee, e e 6 & lͤrununwrrREx ſniſ 7 9 11 17