— 5 6 5 8 iothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur on 1 V Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens * 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 3 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ f den angenommen. 3 1 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und* eträgt: für uöpehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: fe auf Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 M. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben füͤr Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 3 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben.. — —— Kapitän Marryat's ſämmtliche Werke, in zorgkältigen und rollstindigen Kebertragungen. — Behnter Band. Der fliegende Holländer. Zweite Auflage. Stuttgart. 3 Hoffmann'ſche Verlags⸗Buchhandlung. 1857. 4 Der fliegende Volländer. Von Kapitän Marryat. e Neu aus dem Engliſchen Dr. Carl Kolb. Zweite Auflage. Stuttgart. Hoffmann'ſche Verlags⸗Buchhandlu 1857. —— Erſtes Kapitel. Am rechten Ufer der Schelde und faſt der Inſel Walcheren gegenüber liegt die kleine, befeſtigte Stadt Terneuſe, an deren äußerſtem Rande um die Mitte des ſiebenzehnten Jahrhunderts, neben ein paar anderen, noch beſcheideneren Wohnungen, ein nettes, nach dem vorherrſchenden Geſchmacke der Zeit erbautes Häuschen ſtand. Die Vorderſeite deſſelben war vor einigen Jahren tief orangegelb angeſtrichen worden, während die Fenſterrahmen und Läden eine lebhaft grüne Farbe zeigten. Etwa drei Fuß über der Erdfläche war es abwechſelnd mit blauen und weißen Ziegeln bekleidet. Die Hütte umgab ein zwei Ruthen großer Garten, der von einer niedrigen Hartriegelhecke und einem ziemlich preiten Waſſergraben umfaßt wurde, über welchen man nicht ſo leicht hinüberſpringen konnte. Zu dem Eingange der Pohnung führte zeine ſchmale, kleine Brücke, die zur Sicherheit Derjenigen, welche darüber gingen, mit einem eiſernen Geländer geziert war. Die Farben der Hütte waren jedoch, ſo hell ſie auch urſprünglich ſein mochten, verblichen; an den Fenſterſimſen, den Thürpfoſten und andern hölzernen Theilen des Häuschens ließen ſich Merkmale eines ſchnellen Verkommens unterſcheiden, und viele der heruntergefallenen Ziegel waren nicht wieder erſetzt worden. Es war klar, daß in früherer Zeit viel Sorgfalt auf die kleine Wohnu b det hatte, obſchon ſie in der letzten Zeit ſehr vernachläſſigt wurde. Im Innern war das Erdgeſchoß ſowohl, als der erſte Stock in zwei größere Vorderzimmer und in zwei kleinere Hintergemächer abgetheilt= die vorderen natürlich nur in Vergleichung mit den beiden anderen groß zu nennen, da jedes nur ein einziges Fenſter beſaß und wenig mehr als zwölf Fuß in'’s Geviert maß. Der obere Boden wurde, wie gewöhnlich, zum Schlafen benützt, während die zwei kleineren Gemächer des Erdgeſchoſſes als Waſchküche und Rumpelkammer dienten. Eines der größeren functionirte in der Eigenſchaft einer Küche und war mit Tiſchen und Simſen ver⸗ ſehen, auf welchen di metallenen Kochgeräthe ſo ſchön wie Silber blinkten. Der Raum ſelbſt war höchſt reinlich gehalten, aber nur ſpärlich möblirt. Die Dielen des Bodens erſchienen ſo weiß, daß man Alles hätte darauf niederlegen können, ohne befürchten zu müſſen, es zu beſudeln. Ein ſtarker Tannentiſch, zwei hölzerne Stühle und ein kleines Kanapee, das aus einem der oberen Schlaf⸗ gemächer heruntergeholt worden, waren das ganze Ameublement. Das andere Vordergemach hatte man zum Beſuchszimmer ausge⸗ ſtattet; über die Art der Einrichtung wußte aber Niemand Aus⸗ kunft zu geben, da es ſeit faſt ſiebenzehn Jahren hermetiſch ver⸗ ſchloſſen geweſen und nicht einmal von den Einwohnern der Hütte beſucht worden war. In der vorgenannten Küche befanden ſich zwei Perſonen. Die eine war eine Frau von etwa Vierzig, aber durch Gram und Leiden ganz abgezehrt. Wie man aus ihren regelmäßigen Umriſſen, aus der edlen Stirne und dem großen, dunkeln Auge entnehmen konnte, mußte ſie früher ſehr ſchön geweſen ſein; jetzt aber war ihr Ge⸗ ſicht ſo ſchmächtig, daß das Fleiſch beinahe durchſichtig erſchien. Wenn ſie finnend daſaß, überzog ſich ihre Stirne mit tiefen Run⸗ zeln, und bei dem gelegentlichen Aufblitzen ihrer Augen konnte man ſich des Gedankens, daß hier ein irrer Geiſt brüte, nicht er⸗ wehren. Es ſchien eine tiefe, nicht entfernbare, hoffnungsloſe —1 Leidensurſache vorhanden zu ſein, die keinen Augenblick aus ihrem Gedächtniß wich— ein bleibender Druck, feſt in's Innere gegraben, 6 der bloß im Tode Erleichterung fand. Sie trug die Wittwentracht ihrer Zeit, die zwar nett und reinlich, aber doch vom langen Ge⸗ 8 brauche ſehr verſchoſſen war, und ſaß auf dem kleinen Kanapee, das augenſcheinlich um ihres leidenden Zuſtandes willen herunter⸗ gebracht worden war. Auf dem Tannentiſche in der Mitte des Gemachs ſaß die an⸗ dere Perſon, ein kräftiger, blondhaariger, blühender Jüngling von neunzehn oder zwanzig Jahren. Seine Züge waren ſchön und keck, ſein Körperbau faſt zum Uebermaße muskulös und ſein Auge 5 voll muthiger Entſchloſſenheit. Während er ſo daſaß, ſorglos ſeine Beine ſchlenkernd und laut ein Liedchen vor ſich hinpfeifend, konnte man ſich unmöglich des Gedankens erwehren, daß er ein kühner, wagehalſiger Menſch ſei. *„Geh' nicht zur See, Philipp. Oh, verſprich mir dies, mein liebes, theures Kind,“ ſagte die Frau, ihre Hände zuſammen⸗ ſchlagend. „Und warum ſoll ich nicht zur See gehen, Mutter?“ verſetzte Philipp.„Was nützt mich's, wenn ich hier bleibe und ver⸗ hungere?— denn beim Himmel, wir haben wenig Beſſeres in Ausſicht. Ich muß für mich und für Euch etwas thun— und mit was ſonſt könnte ich mich abgeben? Der Onkel Van Bren⸗ nen hat mir angeboten, er wolle mich mitnehmen und mir guten Lohn zahlen. An Bord iſt dann für mich geſorgt, und mein f Verdienſt wird wohl zureichen, auch Euch zu Hauſe zu ernähren.“ „Philipp— Philipp, höre mich. Ich ſterbe, wenn du mich verläſſeſt. Wen habe ich auch in der Welt, außer dir? Oh, mein h Kind— wenn du mich liebſt— und ich weiß, du liebſt mich, Philipy— ſo verlaß mich nicht; oder wenn du in ſor ußr, ſo geh' in keinem Falle auf die See.“ Philipp pfiff eine Weile fort, während ſeine Mutter in Thränen ausbrach. „Dringt Ihr deßhalb ſo in mich,“ ſagte der Sohn endlich, „weil mein Vater auf dem Meere ertrank?“ „Oh, nein— nein!“ rief die ſchluchzende Frau.„Wollte Gott— ¹ „Was ſollte Gott wollen, Mutter?“ „Nichts— nichts. Sei barmherzig— ſei barmherzig! Oh Gott!“ entgegnete die Mutter, von ihrem Sitze heruntergleitend, und an der Seite des Kanapee's niederknieend— eine Haltung, welche ſie einige Zeit in brünſtigem Gebete beibehielt. Endlich nahm ſie ihren Platz wieder ein und ihr Antlitz zeigte einen gefaß⸗ teren Ausdruck. Philipp, der inzwiſchen ſtill und gedankenvoll geblieben war, redete ſeine Mutter an.. „Ja, ſeht Mutter— Ihr verlangt, ich ſolle bei Euch am Lande bleiben und hungern; das iſt eine etwas harte Aufgabe. Doch hört, was ich euch ſagen will. Seit ich mich erinnern kann, iſt das Zimmer nebenan immer verſchloſſen— warum dies geſchieht, wollt Ihr mir nie mittheilen; aber ich habe Euch einmal ſagen hören, als wir ohne Brod waren und nicht auf die baldige Rück⸗ kehr des Onkels rechnen durften— Ihr wart damals etwas ver⸗ wirrt, Mutter, und Ihr wißt, daß dies öfters bei Euch vor⸗ kömmt—“ 8* „Nun, Philipp, was hörteſt Du mich ſagen?“ fragte die Mutter in bebender Angſt. „Ihr ſagtet, Mutter, daß in jenem Zimmer Geld ſei, das uns helfen könnte, und dann ſchrie't Ihr und rastet und ſagtet, daß Ihr lieber ſterben wolltet, als es angreifen. Nun, Mutter, was iſt in jenem Gemach, und warum baltet Ihr es ſo lange ver⸗ ſchloſſen? Entweder gebt Ihr mir Auskunft oder ich gehe zur See.“ Bei dem Beginne dieſer Anrede ſchien die Frau ganz ver⸗ ——I —— —— ſteinert zu ſein, denn ſie war ſo regungslos wie eine Statue; all⸗ mählig aber trennten ſich ihre Lippen und ihre Augen funkelten. Sie ſchien das Vermögen, zu antworten, verloren zu haben, und drückte ihre Hände in die rechte Seite, als wolle ſie ſich Erleich⸗ terung gegen eine quälende Folter verſchaffen, bis ſie endlich, mit dem Kopfe voran niederſank. Aus ihrem Munde ſtrömte Blut. Philipp ſprang von dem Tiſche auf, um ihr Beiſtand zu leiſten, und legte ſich noch zu gelegener Zeit in's Mittel, daß ſie nicht zu Boden ſtürzte. Er brachte ſie auf das Kanapee und ſah mit ſtummer Angſt dem fortwährenden Bluterguſſe z. „Oh! Mutter— Mutter, was iſt das?“ rief er endlich ver⸗ zweifelt. Eine Zeitlang vermochte die Frau nicht zu antworten. Sie legte ſich mehr auf die Seite, um durch die Entleerung des ge⸗ borſtenen Blutgefäſſes nicht erſtickt zu werden, und die ſchneeigen Planken des Bodens waren bald purpurroth gefleckt.— „So redet doch, theuerſte Mutter, wenn Ihr könnt,“ verſetzte Philipp in Todesangſt;„was ſoll ich thun? Was kann ich Euch geben? Allmächtiger Gott! was iſt das?“ „Der Tod, mein Kind, der Tod!“ verſetzte endlich die arme Frau, und verſank dann in einen Zuſtand von Beſinnungsloſigkeit. Philipp eilte in ſeinem Schrecken aus der Hütte und rief die Nachbarinnen zum Beiſtande ſeiner Mutter herbei. Einige kamen herzu, und ſobald ſie Philipp um ſeine Mutter beſchäftigt ſah, jagte er aus Leibeskräften nach dem Hauſe eines Arztes, der eine Meile entfernt wohnte— eines Mynheer Poots, der eben ſo gut wegen ſeiner Geſchicklichkeit, als wegen ſeines erbärmlichen Geizes bekannt war. Philipp fand Poots zu Hauſe, und bat ihn, augen⸗ blicklich mitzukommen. „Ich will kommen— ja, ganz gewiß,“ verſetzte Poots, der das Holländiſche nur unvollkommen ſprach; aber, Mynheer Banderdeüon, wer wird mich bezahlen?“ „Wer Euch bezahlen wird? Nun, mein Onkel, ſobald er nach Hauſe kömmt.“ „Euer Onkel, der Schiffer Van Brennen? Nein, der ſchuldet mir ſelbſt ſchon ſeit langer Zeit vier Gülden. Außerdem kann ſein Schiff ſinken. „Er wird Euch Eure vier Gülden und auch dieſen Beſuch be⸗ zahlen,“ verſetzte Philipp in Wuth.„Kommt augenblicklich— während Ihr hier disputirt, iſt meine Mutter vielleicht todt.“ Nein, Herr Philipp, ich erinnere mich jetzt, daß es nicht angeht. Ich habe das Kind des Bürgermeiſters von terneuſe zu beſuchen,“ verſetzte Mynheer Poots. „Laßt Euch was ſagen, Mynheer Poots, 4 rief Philipp mit zornglühendem Geſichte;„Ihr habt die Wahl— wollt Ihr gutwillig mit mir gehen, oder muß ich Euch hinbringen? Ich laſſe nicht mit mir ſpielen.“ Mynheer Poots gerieth jetzt in beträchtliche Unruhe, denn Phi⸗ lipp Vanderdeckens Charakter war bekannt. „Ich will gelegentlich kommen, Mynheer Philipp, wenn ich kann.“ „Ihr geht jetzt, Ihr verwünſchter alter Geizhals!“ rief Phi⸗ lipp, indem er den kleinen Mann am Kragen packte und zur Thüre hinauszerrte. „Mordio! Mordio!“ rief Poots, der den Gebrauch ſeiner Beine ganz erluen jatte während ihn der ungeſtüme junge Mann weiter ſchleppte.. Philipp machte Halt, denn er bemerkte, daß Poots ganz ſchwarz im Geſichte war. „Muß ich Euch erdroſſeln, oder wollt Ihr ruhig mitgehen?— Denn mit müßt Ihr— hört Ihr?— lebendig oder todt!“ „Wohlan denn,“ verſetzte Poots, ſich ſammelnd,„ich will gehen; aber Ihr ſollt mir heute Nacht noch in's Gefängniß wandern. Und was Eure Mutter betrifft— ich will nicht— nein, ich will nicht— verlaßt Euch darauf, Mynheer Philipp.“ 11 „Merkt auf meine Worte, Mynheer Poots,“ erwiederte Philipp. „So wahr ein Gott im Himmel iſt— wenn Ihr nicht mitkommt, er⸗ droßle ich Euch auf der Stelle. Und wenn Ihr in unſrem Hauſe anlangt und nicht Euer Beſtes thut, um meine arme Mutter zu retten, ſo iſt's auch dort um Euer Leben geſchehen. Ihr wißt, daß ich ſtets Wort halte; laßt Euch daher rathen und kommt ruhig mit. Ihr ſollt gewiß bezahlt werden— und noch obendrein gut bezahlt— ſogar, wenn ich den Rock vom Leibe verkaufen müßte.“ Dieſe letztere Bemerkung that vielleicht beſſere Wirkung, als ſogar die Drohungen. Poots war ein erbärmliches kleines Wichtlein und in der gewaltigen Fauſt des jungen Mannes wie ein Kind. Seine Wohnung ſtand einſam und er konnte erſt etwa hundert Schritte von Vanderdeckens Hütte Beiſtand erhalten. Mynheer Poots beſchloß da⸗ her, zu gehen, einmal weil ihm Philipp Bezahlung verſprochen hatte und dann, weil er mußte. Sobald dieſer Punkt bereinigt war, eilten Philipp und Mynheer Poots der Hütte zu. Dort angelangt, fanden ſie die Kranke noch immer in den Armen zweier Nachbarinnen, welche ihr die Schläfen mit Weineſſig rieben. Sie war wieder zu ſich gekommen, konnte aber nicht ſprechen. Poots ließ ſie nach ihrem Schlafgemach hinauf und zu Bette bringen, reichte ihr einen ſäuerlichen Trank und begab ſich mit Philipp fort, um die nöthigen Arzneien zu beſorgen. „Ihr müßt dies Eurer Mutter ſogleich geben, Mynheer Philipp,“ ſagte Poots, indem er ſeinem Begleiter ein Fläſchchen reichte.„Ich will jetzt zu dem Kind des Bürgermeiſters gehen und nachher wieder in Eure Hütte kommen.“ „Aber täuſcht mich nicht,“ verſetzte Philipp mit einem drohen⸗ den Blicke. „‚Nein, nein, Mynheer Philipp. Eurem Onkel Van Brennen möchte ich nicht trauen, aber Ihr habt mir verſprochen, mich zu be⸗ zahlen, und ich weiß, daß Ihr ſtets Euer Wort haltet. In einer Stunde bin ich wieder bei Eurer Mutter— aber jetzt ſputet Euch.“ Philipp eilte nach Hauſe. Nach Anwendung des Trankes hörte die Blutung völlig auf, und eine halbe Stunde ſpäter konnte ſeine Mutter flüſternd ihre Wünſche ausdrücken. Als der Doktor anlangte, unterſuchte er ſorgfältig die Kranke und ging dann mit ihrem Sohne in die Küche hinunter. „Mynheer Philipp,“ begann Poots;„beim Allah, ich habe mein Beſtes gethan, muß Euch aber ſagen, daß ich nur wenig Hoffnung habe, Eure Mutter wieder aufſtehen zu ſehen. Sie kann vielleicht noch einen Tag oder zwei leben, aber weiter nicht.'s iſt nicht meine Schuld, Mynheer Philipp,“ fügte Poots in entſchuldigendem Tone bei. „Nein, nein, es iſt der Wille des Himmels,“ verſetzte Philipp in wehmüthigem Tone. „Und Ihr wollt mich bezahlen, Mynheer Vanderdecken?“ fuhr der Doktor nach einer kurzen Pauſe fort. „Ja,“ entgegnete Philipp mit einer Donnerſtimme, jetzt aus einer Träumerei erwachend. Nach einer kurzen Pauſe nahm der Doktor wieder auf. „Soll ich morgen wieder kommen, Mynheer Phillipp? Ihr wißt, das macht abermals einen Gülden. Es führt übrigens zu Nichts, ſein Geld oder ſeine Zeit wegzuwerfen.“ „Kommt morgen— kommt alle Stunden— und rechnet mir an, was Ihr wollt. Ihr ſollt zuverläſſig bezahlt werden,“ verſetzte Philipp, verächtlich ſeine Lippe aufwerfend. „Gut; wie Ihr wollt. Sobald ſie todt iſt, gehören Hütte und Möbelwerk Euch; ihr werdet das Letztere natürlich verkaufen. Ja, ich will kommen. Ihr werdet Geld in Fülle haben. Mynheer Philipp, ich würde das erſte Angebot auf das Häuschen thun, wenn es zu ver⸗ miethen iſt.“ 3 Philipp erhob ſeinen Arm, als wolle er Herrn Poots nieder⸗ ſchmettern, der ſich ſofort in eine Ecke zurückzog. „Ich meine, erſt wenn eure Mutter begraben iſt,“ ſagte Poots in einſchmeichelndem Tone. 13 „Geht! elender Wicht, geht!“ ſagte Philipp, ſein Geſicht mit den Händen bedeckend, während er auf das blutbefleckte Kanapee niederſank. Nach einer Weile kehrte Philipp Vanderdecken an das Bett ſeiner Mutter zurück, die er viel beſſer fand. Die Nachbarinnen, welche durch ihre eigenen Haushaltungsgeſchäfte abgerufen worden, hatten ſie allein gelaſſen. Von dem Blutverluſt erſchöpft, ſchlummerte die arme Frau viele Stunden, ohne die Hand ihres Sohnes loszulaſſen, der in wehmüthigen Gedanken auf ihre Athemzüge lauſchte. Gegen Morgen um ein Uhr erwachte die Wittwe. Sie hatte ſo ziemlich den Gebrauch ihrer Stimme wieder gewonnen und redete Philipp folgendermaßen an: „Mein lieber, mein wilder Knabe, und ich habe dich ſo lange als einen Gefangenen hier behalten.“ „Meine eigene Neigung hielt mich zurück, Mutter. Ich will Euch nicht Anderen überlaſſen, bis Ihr wieder auf und wohl ſeid.“. „Das wird nie geſchehen, Philipp. Ich fühle, daß der Tod ſeine Anſprüche an mich geltend macht, und würde auch mit Freuden dieſe Welt verlaſſen, wäre es nicht um deinetwillen, mein Sohn! Ich trage ſchon längſt den Tod im Herzen, Philipp— und habe lange, lange um meine Auflöſung gebetet.“ „Aber warum das, Mutter?“ verſetzte Philipp mit Derbheit. „Ich habe doch mein beſtes gethan.“ „Ja, mein Kind, das haſt du— und möge Gott dich dafür ſegnen. Wie oft war ich nicht Zeuge, daß du dein ungeſtümes Temperament zügelteſt und Deinen gerechten Unwillen niederkämpfteſt, um die Gefühle deiner Mutter zu ſchonen. Erſt vor einigen Tagen ließ dich nicht einmal der Hunger deiner Mutter ungehorſam wer⸗ den. Und, Philipp, du mußt mich für wahnſinnig gehalten haben, daß ich ſo lange darauf beſtand, dich hier zu behalten, ohne dir einen Grund anzugeben. Ich will dir bald das Weitere ſagen.“ Die Wittwe drehte den Kopf auf dem Kiſſen und blieb einige Minuten ruhig. Nachdem ſie auf's Neue ihre Kräfte geſammelt hatte, nahm ſie wieder auf: „Ich glaube, ich bin zu Zeiten verwirrt geweſen— iſt's nicht ſo, Philipp? Ach, Gott weiß, ich trage ein Geheimniß in meinem Herzen, das wohl im Stande iſt, ein Weib in Wahnſinn zu hetzen. Es hat mir weder bei Tag noch bei Nacht Ruhe gelaſſen, meine Vernunft verſtört und jetzt endlich, dem Himmel ſei Dank! dieſe ſterbliche Hülle zuſammen gebrochen. Der Schlag iſt gefallen, Phi⸗ lipp— ich weiß es gewiß. Du ſollſt jetzt Alles erfahren— und doch möchte ich lieber ſchweigen— es wird dir das Gehirn verkehren, wie es das meinige verkehrt hat, Philipp.“ „Mutter,“ verſetzte Philipp angelegentlich,„ich beſchwöre Euch, laßt mich dieſes todbringende Geheimniß vernehmen. Mag Himmel oder Hölle dabei betheiligt ſein, ich fürchte es nicht. Der Himmel kann mir nicht ſchaden, und dem Böſen biete ich Trotz.“ „Ich kenne deine kühne, ſtolze Seele, Philipp— und deine Geiſteskraft. Wenn Jemand im Stande iſt, die Laſt einer ſo ſchreck⸗ lichen Kunde zu tragen, ſo biſt du's. Mein Gehirn war leider zu ſchwach dafür; aber ich ſehe, es iſt meine Pflicht, dich davon zu unterrichten.“. 6 Die Wittwe hielt für eine Weile inne, um ihre Gedanken für das, was ſie zu eröffnen hatte, zu ſammeln. Einige Minuten rannen Thränen über ihre eingeſunkenen Wangen nieder; dann aber ſchien ſie die erforderliche Kraft und Entſchloſſenheit gewonnen zu haben. „Philipp, ich will von deinem Vater mit dir ſprechen. Man glaubt— er ſei— auf der See ertrunken.“ „Wie— und das wäre nicht ſo, Mutter?“ verſetzte Philipp mit der Miene der Ueberraſchung. „Oh nein!“ „Aber er iſt doch ſchon lange todt, Mutter?“ „MNein— ja— und doch— nein,“ ſagte die Wittwe, ihre Augen bedeckend. 15 „Sie redet irre,“ dachte Philipp, nahm aber wieder auf: „Wohlan denn, Mutter, wo iſt er?“ Die Wittwe erhob ſich und ein Zittern lief über ihren ganzen Körper, als ſie entgegnete: „Er erleidet im Leben das Gericht.“ Ddie arme Frau ſank dann wieder auf das Kiſſen zurück und barg ihren Kopf unter den Bettüchern, als ſuche ſie Schutz gegen den Stachel ihrer eigenen Erinnerungen. Philipp war ſo verwirrt und erſtaunt, daß er nicht antworten konnte. Einige Minuten ſchwieg er; dann aber konnte er die Qual der Ungewißheit nicht länger ertragen und flüſterte leiſe: „Das Geheimniß, Mutter, das Geheimniß! Geſchwind, laßt mich's hören.“ „Ich kann dir jetzt Alles ſagen,“ verſetzte die Mutter mit feier⸗ licher Stimme.„Höre mich, mein Sohn. Der Charakter deines Vaters war dem deinigen nur zu ähnlich— ach, möge ſein ſchreck⸗ liches Loos eine Lehre für dich ſein, mein theures Kind! Er war kühn, wagehalſig und, wie man ſagt, ein Seemann erſten Rangs. Er iſt nicht von hier, ſondern von Amſterdam gebürtig, wo er übri⸗ gens nicht leben mochte, weil er noch der katholiſchen Religion an⸗ hing. Du weißt, Philipp, daß, unſerem Glaubensbekenntniß zufolge, die Holländer Ketzer ſind. Es ſind jetzt ſiebenzehn Jahre oder mehr, daß er in ſeinem ſchönen Schiffe, dem Amſterdamer, mit einer werth⸗ vollen Ladung nach Indien ausfuhr. Es war ſeine dritte Indienreiſe, Philipp, und hätte, wenn es Gottes Wille geweſen wäre, auch ſeine letzte ſein ſollen, denn er hatte auf den Ankauf jenes guten Schiffs nur einen Theil ſeiner Erſparniſſe verwendet und bedurfte nur noch einer einzigen Fahrt, um ſich ein ſchönes Vermögen zu machen. Ach! wie oft ſprachen wir mit einander über das, was wir thun wollten nach ſeiner Rückkehr; und wie tröſteten mich dieſe Plane für die Zu⸗ kunft über ſeine Abweſenheit— denn ich liebte ihn zärtlich, Philipp. da er ſtets gütig und freundlich gegen mich geweſen war. Oh, wie 16 zählte ich die Stunden bis zu ſeiner Heimkehr! Das Weib eines See⸗ manns hat kein beneidenswerthes Loos. Wie viele Monate ſitzt ſie ein⸗ ſam und allein, in den langen Docht der Kerze ſchauend und auf das Heulen des Windes lauſchend, der ihr ſchlimme Ahnungen über Schiff⸗ bruch und Wittwenſchaft zuflüſtert. Er war bereits ſechs Monate fort, Phillipp, und ich ſollte noch ein langes, trauriges Jahr harren, ehe er wieder zurückkehrte. Eines Abends, mein Kind, warſt du feſt eingeſchlafen— du, der einzige Troſt in meiner Verlaſſenheit. Ich hatte gewacht, während du ſchlummerteſt. Du lächelteſt und ſpracheſt halb den Namen der Mutter aus. Endlich küßte ich deine nichts ahnenden Lippen, kniete nieder und betete um Gottes Segen für dich, mein Kind, und auch für ihn— mir damals noch nicht träumen laſſend, daß ein ſo ſchrecklicher, ſo fürchterlicher Fluch über ihn ergangen war.“ Die Wittwe haſchte nach Luft und nahm dann wieder auf. Philipp konnte nicht ſprechen. Seine Lippen öffneten ſich und ſeine Augen hafteten an der Mutter, als wollte er ihre Worte verſchlingen. „Ich verließ dich und ging die Treppe hinunter in das Zimmer, welches ſeit jener ſchrecklichen Nacht nicht wieder geöffnet wurde. Ich ſetzte mich nieder und las, denn der Wind heulte, und wenn ein Sturm weht, kann das Weib eines Seemanns ſelten ſchlafen. Mit⸗ ternacht war vorüber und der Regen ſchoß in Strömen nieder. Eine ungewöhnliche Furcht wandelte mich an, ohne daß ich mir den Grund zu erklären vermochte. Ich ſtand von dem Kanapee auf, tauchte meine Finger in das Weihwaſſer und bekreuzte mich. Ein heftiger Windſtoß brauste um das Haus und beunruhigte mich noch mehr. Ich hatte eine ſchmerzliche, furchtbare Ahnung. Da wurden plötzlich Fenſter und Fenſterläden hereingeweht. Das Licht erloſch und ich war in völliger Finſterniß. Im Schrecken ſchrie ich laut hinaus, erholte nicc aber endlich wieder und war eben im Begriff, an das Fenſter au gehen, um es wieder zu ſchließen— da ſah ich langſam— deinen ——— * Vater— zum Fenſterrahmen ſerintomman— Ja, Philipp— es war dein Vater?“ „Barmherziger Gott!“ murmelte Philipp in dumpfem, fin er⸗ ſiicktem Flüſtertone. „Ich wußte nicht, was ich denken ſollte— er war im Zimmer und trotz der dichten Finſterniß ſtand doch ſeine Geſtalt ſo klar und deutlich vor mir, wie am hellen Mittage. Die Furcht ſchreckte mich zurück— ſeine theure Gegenwart zog mich zu ihm hin. Ich blieb an der Stelle, wo ich war, vor Angſt faſt erſtickt. Sobald er ſich im Zimmer befand, ſchloſſen ſich Fenſter und Läden von ſelbſt und die Kerze entzündete ſich wieder. Jetzt dachte ich, daß es eine Er⸗ ſcheinung ſei, und ſank ohnmächtig zu Boden. „Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Kanapee, und eine eiſig kalte, feuchte Hand hielt die meinige umfaßt. Dies ermuthigte mich wieder und ich vergaß die übernatürlichen Zeichen, welche ſeine Erſcheinung begleiteten. Ich meinte er ſei verunglückt und wieder nach Hauſe zurückgekehrt. Ich öffnete meine Augen und erblickte meinen theuren Gatten, dem ich mich in die Arme warf. Seine Kleider waren vom Regen durchnäßt, und es dünkte mich, als ob ich einen Eiskorper umfaßt hätte— aber nichts iſt im Stande, die glühende Liebe einer Frau zu zügeln, Philipp. Er nahm meine Liebkoſungen hin, ohne ſie jedoch zu erwiedern, oder auch nur zu ſprechen; dabei ſah er gedankenvoll und traurig aus. „„William— William,“ rief ich,„„rede Vanderdecken; ſprich mit deiner armen Catharine.““ „⸗Ich will,““ verſetzte er feierlich,„„denn meine Zeit iſt kurz.““ „„Nein, nein, du darfſt nicht wieder auf die See gehen. Du haſt zwar dein Schiff verloren, biſt aber doch gerettet. Willſt du nicht wieder bei mir bleiben 2“ „„Ach, nein— doch erſchrick nicht, ſondern höre, denn meine Zeit ſſt kurz. Mein Schiff iſt nicht zu Grunde gegangen, Sathanins aber MNaxrryat. Der fliegende Holländer. 1 18 ich habe verloren—= 1 Antworte mir nicht, ſondern höre; ich bin nicht todt, aber auch nicht am Leben. Ich ſchwebe zwiſchen dieſer Welt und der Welt der Geiſter. Merke auf, was ich dir ſage.⸗“ liche Gottesläſterungen aus. Dennoch blieb ich bewahrt; die Schiffs⸗ mannſchaft, von den langen Anſtrengungen erſchöpft, verlangte, daß ich nach der Tafelbay zurückkehre, aber ich weigerte mich; ja, ich wurde ſogar ein Mörder,— unabſichtlich zwar, aber doch ein Mörder.— Der Pilot ſtand gegen mich auf und überredete die Leute, mich zu binden. Im Uebermaße meiner Wuth faßte ich ihn am Kragen und ſchlug ihn. Er taumelte und bei einem plötz⸗ lichen Schwanken des Schiffs fiel er über Bord, um nicht wieder zum Vorſchein zu kommen. Selbſt dieſer ſchreckliche Tod zügelte mich nicht, und ich ſchwor bei der Reliquie des heiligen Kreuzes, die jetzt um deinen Hals hängt, daß ich vorwärts dringen wolle trotz Ungewittern und wilder See, trotz Blitz und Donner, trotz Himmel oder Hölle, und wenn ich bis zum Tage des Gerichts mich 0 abmühen müßte. „„Mein Fluch wurde unter Donnerſchlägen und in Strömen ſchwefeligen Feuers aufgezeichnet. Der Orkan tobte auf das Schiff los und die Segel flogen in Fetzen davon. Berge von Wogen fegten über uns hin, und in der Mitte einer tief niederhängenden Wolke, welche Alles in äußerſte Finſterniß hüllte, ſtanden mit blauen Flammen die Worte geſchrieben— bis zum Tage des Gerichts. „Höre mich nun, Catharine, denn meine Zeit iſt kurz. Nur Eine Hoffnung bleibt mir noch, und um dieſer willen iſt es mir ge⸗ ſtattet, hieher zu kommen. Nimm dieſen Brief. Er legte ein ver⸗ 19 ſiegeltes Papier auf den Tiſch.„Lies ihn, theuerſte Catharine und verſuche, ob du mir beiſtehen kannſt— lies ihn, und nun lebe wohl, meine Zeit iſt gekommen.“ „Abermals flog das Fenſter und der Fenſterladen auf— das Licht erloſch auf's Neue und die Geſtalt meines Gatten ſchien in das Dunkel hinaus zu ſchwimmen. Ich ſprang auf und folgte ihm mit ausgebreiteten Armen. Ein Ruf des Wahnſinns rang ſich aus meiner Bruſt, während er durch das Fenſter ſegelte— meine ſtarren Augen erblickten die Umriſſe, wie ſie, dem Blitze gleich, auf den Schwingen des wilden Sturmes dahin getragen wurden, bis ſie ſich in einen einzigen lichten Punkt zuſammendrängten und dann ver⸗ ſchwanden. Abermals ſchloſſen ſich die Fenſter, das Licht brannte, und ich war allein!“ 3 „Himmel habe Erbarmen! mein Gehirn!— mein Gehirn!— Philipp!— Philipp!“ ſchrie die arme Frau;„verlaß mich nicht— bitte— bitte— verlaß mich nicht.“— Während dieſer Ausrufungen hatte ſich die Wittwe ungeſtüm von ihrem Bette aufgerichtet, bis ſie zuletzt in die Arme ihres Sohnes ſank. Da blieb ſte einige Minuten regungslos liegen. Nach einer Weile ängſtigte ſich Philipp über ihre lange Ruhe; er legte ſie ſanft auf das Bette nieder, und während er dies that, ſank ihr Kopf zurück. Ihre Augen hatten ſich verdreht— die Wittwe Vanderdecken war nicht mehr. — 20 Zweites Kapitel. —— Philipp Vanderdecken fühlte ſich trotz ſeiner Seelenſtärke doch faſt gelähmt, als er entdeckte, daß der Geiſt ſeiner Mutter entwi⸗ chen war. Eine Weile blieb er an der Seite des Bettes, keines Gedankens fähig und das Auge nur auf die Leiche geheftet. Aber allmählig faßte er ſich wieder. Er ſtand auf, legte das Kiſſen zu⸗ recht, ſchloß der Verſchiedenen die Augenlider und faltete dann ſeine Hände, während die Thränen über ſeine Wangen niederträufelten. Er drückte einen feierlichen Kuß auf die blaſſe, weiße Stirne der Todten und zog die Vorhänge um das Bette. „Arme Mutter!“ ſagte er bekümmert, als er ſein Geſchäft be⸗ endigt hatte;„endlich iſt dir Ruhe geworden— aber deinem Sohne haſt du ein bitteres Vermächtniß hinterlaſſen.“ Und als Philipps Gedanken zu dem, was vorgegangen war, zu⸗ rückkehrten, bemächtigte ſich die furchtbare Erzählung ſeiner Einbil⸗ dungskraft und verwirrte ihm beinahe das Gehirn. Er erhob die Hände zu ſeinen Schläfen und drückte ſie mit Macht zuſammen, dabei über den Maßregeln brütend, die er einſchlagen ſollte. Er fühlte, daß er keine Zeit hatte, ſeinem Grame nachzuhängen. Seine Mutter war im Frieden— aber ſein Vater— wo war dieſer? Er rief ſich die Worte ſeiner Mutter in's Gedächtniß. ‚Nur Eine Hoffnung bleibt mir noch.“ Hoffnung war alſo vorhanden. Sein Vater hatte ein Papier auf den Tiſch gelegt— war es wohl noch zu finden? Ja, es mußte ſo ſein; ſeine Mutter hatte nicht den Muth beſeſſen, es aufzunehmen. Der Brief, der mehr als ſtebenzehn Jahre unerbrochen da gelegen hatte, gab eine Ausſicht an die Hand. Philipp Vanderdecken beſchloß, das verhängnißvolle Gemach zu unterſuchen, um mit einem Male das Schlimmſte zu erfahren. 21 Sollte er es unverweilt thun, oder bis zum Morgen warten— aber, wo war der Schlüſſel? Seine Augen ruhten auf einem alten, lackirten Schreine in dem Zimmer; ſeine Mutter hatte ihn nie in ſeiner Gegenwart geöffnet— er war alſo der einzige Ort, wo das, was er ſuchte, wahrſcheinlicherweiſe verborgen ſein konnte. Raſch in allen ſeinen Entſchließungen, griff er nach der Kerze und ſchickte ſich an, ſeine Unterſuchung vorzunehmen. Der Schrein war nicht verſchloſſen; die Thüren gingen leicht auf und Philipp durchſpähete alle Schubladen, ohne den Gegenſtand ſeiner Nachforſchung zu fin⸗ den; wieder und wieder öffnete er die Laden, aber ſie waren leer. Da kam Philipp auf den Gedanken, daß vielleicht geheime Schub⸗ fächer vorhanden wären, und unterſuchte das Geräthe geraume Zeit ohne Erfolg. Endlich nahm er ſämmtliche Laden heraus, legte ſie auf den Boden, erhob dann den Schrank und rüttelte ihn. Ein raſſelndes Getöſe in einer Ecke ſagte ihm, daß der Schlüſſel wahr⸗ ſcheinlich hier verborgen war. Er erneuerte ſeine Verſuche, um zu entdecken, wie er ihn herauskriegen könne, aber vergeblich. Das Tageslicht ſtrömte jetzt zum Fenſter herein und Philipp hatte ſeine Bemühungen noch immer nicht eingeſtellt. Ermattet beſchloß er endlich, die hintere Platte des Schreins herauszunehmen; er ſtieg nach der Küche hinunter, kehrte mit einem kleinen Stemmeiſen und einem Hammer zurück, und lag eben auf ſeinen Knieen, emſig da⸗ mit beſchäftigt, das Hinderbrett auszubrechen, als ſich eine Hand auf ſeine Schulter legte. Philipp ſuhr zuſammen. Sein Spähen und ſeine wild jagen⸗ den Gedanken hatten ihn dermaßen in Anſpruch genommen, daß er den Schall nahender Fußtritte nicht vernahm. Er ſah auf und erblickte den Pater Seyſen, den Geiſtlichen des kleinen Sprengels, deſſen Augen ernſt auf ihm hafteten. Der gute Mann hatte Kunde erhalten von dem gefährlichen Zuſtande der Wittwe Vanderdecken und war mit dem Grauen des Tages aufgebrochen, um ſie zu be⸗ ſuchen und ihr geiſtigen Troſt zu bringnn. 22 „Was ſoll das, mein Sohn?“ fragte der Prieſter.„Fürchteſt du nicht, die Ruhe deiner Mutter zu ſtören, und willſt du mauſen und ſtipitzen, noch ehe ſie unter dem Boden liegt?“ „Die Ruhe meiner Mutter fürchte ich nicht zu ſtören, guter Vater,“ verſetzte Philipp ſich aufrichtend,„denn ſie iſt bereits unter den Seligen. Auch iſt es nicht meine Abſicht, etwas zu mauſen, denn ich ſpähe nicht nach Gold, obgleich ich mir es mit Recht zu⸗ eignen könnte, wenn welches vorhanden wäre. Mein Suchen gilt bloß einem Schlüſſel, welcher, wie ich glaube, ſeit lange in dieſem geheimen Schubfache verborgen liegt, das ich nicht zu öffnen verſtehe.“ „Deine Mutter iſt nicht mehr, ſagſt du, mein Sohn? Und todt, ohne die heiligen Sterbſakramente empfangen zu haben? Warum haſt du nicht nach mir geſchickt?“ „Sie ſtarb plötzlich guter Pater— ganz plötzlich— erſt vor ein paar Stunden in dieſen meinen Armen. Für ihre Seele bin ich unbekümmert, obgleich es mir ſehr leid thut, daß Ihr nicht an ihrer Seite wart.“ Der Prieſter öffnete ſachte die Vorhänge und blickte auf die Leiche hin. Dann ſprengte er etwas Weihwaſſer auf das Bette und verharrte eine geraume Zeit in ſtummem Gebete. Endlich wandte er ſich gegen Philipp um. „Warum ſehe ich dich aber ſo beſchäftigt, und was iſt der Grund, daß du ſo ängſtlich nach dieſem Schlüſſel ſuchſt? Der Tod einer Mutter ſollte doch wohl geeignet ſein, kindliche Thränen und Gebete für ihre ewige Ruhe hervorzurufen. Und doch ſind deine Augen trocken. Du bemühſt dich, einen gleichgültigen Gegenſtand aufzuſuchen, während die Hülle noch warm iſt, aus der vor Kurzem der Geiſt entwich. Das iſt durchaus nicht ſchicklich, Philipp. Was iſt's mit dem Schlüſſel, den du ſuchſt?“ „Vater, ich habe keine Zeit zu Thränen— keine Zeit für Schmerz oder Weheklagen. Es bleibt mir viel zu thun, und ich 5 23 habe mehr zu denken, als vielleicht mein Gehirn zu faſſen vermag. Daß ich meine Mutter liebte, iſt Euch nicht unbekannt.“ „Aber der Schlüſſel, den du ſuchſt, Philipp?“ „Vater, es iſt der Schlüſſel zu dem Gemach, das ſeit Jahren verſchloſſen blieb— und das ich— öffnen will— ſelbſtwenn—— 4 „Wenn was, mein Sohn?“ „Ich wollte etwas ſagen, was ich verſchweigen muß. Ver⸗ gebt mir, Vater: ich meinte, daß ich jenes Gemach unterſuchen müſſe.“ „Ich habe längſt auch von jener verſchloſſenen Stube gehört 4 und weiß wohl, daß deine Mutter keine Auskunft darüber geben mochte, denn ſie wollte ſogar auf meine Fragen nie Rede ſtehen. Meine Pflicht veranlaßte mich, in ſie zu dringen, aber als ich fand, daß mein Eifer ihr Gefahr drohte, gab ich jeden weiteren Verſuch auf. Auf das Herz deiner Mutter muß eine ſchwere Laſt gedrückt 3 haben, mein Sohn, obgleich ſie mir nie darüber beichten oder dieſelbe vertrauen mochte. Sage mir, hat ſie dir vor ihrem Tode das Geheimniß mitgetheilt?“ „Ja, mein frommer Vater.“ 8 „Würde es dir nicht zum Troſte gereichen, wenn du es mir an⸗ vertrauteſt? Ich könnte dir mit meinem Rathe, mit meinem Bei⸗ ſtande „Gewiß würde das der Fall ſein, Vater, denn ich könnte auf Euren Beiſtand bauen und weiß recht wohl, daß Euch nicht bloße Neugierde, ſondern ein beſſerer Beweggrund leitet. Aber aus dem, 4 was meine arme Mutter ſagte, iſt mir noch nicht klar, ob ſie die Wahrheit ſprach, oder ob ihr nur irgend ein Phantom das Gehirn verwirrt hatte. Hat es mit der Sache ſeine Richtigkeit, ſo will ich gerne die Laſt mit Euch theilen— wie wenig Ihr mir es auch Dank wiſſen werdet; vorderhand aber muß ſchweigen und mein Werk erfüllen— ich muß allein das verhaßte Zimmer be⸗ „Fürchteſt du dich nicht?“ 9 24 3 „Vater, ich fürchte nichts. Ich habe eine Pflicht zu erfüllen — eine ſchreckliche zwar, aber ich bitte, fragt mich nicht weiter, denn gleich meiner Mutter, iſt's mir, als ob eine Unterſuchung der Wunde faſt meine Vernunft über den Haufen werfen könnte.“ „Ich will nicht weiter in dich dringen. Vielleicht kommt die Zeit, in der ich dir Dienſte leiſten kann. Lebewohl, mein Kind; aber ich bitte dich, von dieſer unziemenden Arbeit abzulaſſen, denn ich muß zu den Nachbarn ſchicken, damit ſie deiner hingeſchiedenen Mutter, deren Seele hoffentlich bei Gott iſt, den letzten Dienſt er⸗ weiſen.“ Der Prieſter ſah Philipp an und bemerkte aus der ſtarren und betrübten Miene deſſelben, daß ſeine Gedanken anderswo wa⸗ ren; er entfernte ſich mit Kopfſchütteln. „Er hat Recht,“ ſagte Philipp zu ſich ſelbſt, als er wieder allein war, indem er den Schrein aufnahm und ihn wieder an ſei⸗ nen vorigen Platz rückte.„Ein paar Stunden mehr oder weniger können keinen Uunterſchied ausmachen. Ich will mich niederlegen, denn mein Kopf iſt ſchwindelig.“ Er begab ſich in das anſtoßende Gemach, warf ſich auf ſein Bette und lag nach ein paar Minuten in einem ſo tiefen Schlafe, als derjenige iſt, der ein paar Stunden vor der Hinrichtung die Augen eines Verurtheilten zudrückt. Während ſeines Schlummers kamen die Nachbarn herbei und trafen alle Vorkehrungen für die Beerdigung der Wittwe, ohne jedoch den Sohn zu wecken, weil ſie es für eine heilige Pflicht hielten, den Schlaf zu ſchonen, dem nur ein ſchmerzliches Erwa⸗ chen folgen konnte. Bald nach Mittag langte unter Anderen auch Mynheer Poots an. Er hatte zwar bereits Kunde von dem Tode der Wittwe erhalten, konnte aber über ein freies Stündchen ver⸗ fügen und meinte, er könne recht wohl einen Beſuch machen, da derſelbe ſeine Rechnung um einen weitern Gülden erhöhen würde. Zuerſt begab er ſich nach dem Gemache, wo die Leiche lag, dann 25 aber nach der Kammer Philipps, welchen er an der Schulter rüttelte. Philipp erwachte, richtete ſich auf und ſah den Doktor neben ſeinem Lager ſtehen.. „Nun, Mynheer Vanderdecken,“ begann der gefühlloſe kleine Mann,„ſo iſt alſo Alles vorüber. Ich wußte wohl daß es ſo kommen würde; aber wohlgemerkt, ihr ſchuldet mir jetzt einen weitern Gülden und Ihr habt mir verſprochen, Alles redlich zu bezahlen. Mit dem Trank macht Alles zuſammen vierthalb Gül⸗ den, vorausgeſetzt, daß Ihr mir das Fläſchchen zurückgebt.“ Philipp erholte ſich während dieſer Anrede aus ſeiner Schlaf⸗ trunkenheit, ſtand von ſeinem Bette auf und erwiederte: „Ihr ſollt Eure vierthalb Gülden und die Flaſche obendrein haben, Herr Poots.“ „Ja, ja; ich weiß, Ihr habt die Abſicht, mich zu bezahlen — wenn Ihr könnt. Aber ſchaut, Mynheer Philipp, es wird vielleicht einige Zeit anſtehen, ehe Ihr die Hütte verkaufen könnt. Ihr werdet nicht viele Liebhaber finden. Nun, ich möchte nie gerne hart mit Leuten umgehen, die kein Geld haben, und will Euch daher ſagen, was meine Anſicht. iſt. Eure Mutter hat da etwas um den Hals. Es beſitzt für Niemand einen Werth, als — für einen guten Katholiken. Um Euch aus Eurer Noth zu helfen, will ich dieſes Ding nehmen, und dann mit Euch quitt ſein. Ich bin dann bezahlt und die Sache hat ein Ende.“ Philipp hörte ruhig zu; er wußte, was der kleine Geizhals meinte— die Reliquie am Halſe ſeiner Mutter— dieſelbe Reliquie, auf welche ſein Vater den verhängnißvollen Eid geſchworen hatte. Er fühlte, daß eine Million Gülden ihn nicht veranlaſſen konnte, ſich davon zu trennen. „Verlaßt das Haus,“ antwortete er;„verlaßt es augenblick⸗ lich. Euer Geld ſoll bezahlt werden.“ 8 Nun wußte Mynheer Poots für's erſte, daß die Faſſung der 26. Reliquie, eine viereckige Kapſel von reinem Golde, mehr werth war, als die ihm ſchuldige Summe. Deßgleichen war ihm nicht unbekannt, daß für das eiligthum ſelbſt ein großer Preis bezahlt worden war, und da in jener Zeit derartige Reliquien ſehr werth gehalten wurden, ſo zweifelte er nicht, etwas Erkleckliches daraus zu löſen. Als er in die Leichenkammer trat, hatte der Anblick ſo verführeriſch auf ihn gewirkt, daß er die Kapſel wegnahm und ſie in ſeiner Rocktaſche verbarg; er entgegnete daher— „Mein Anerbieten iſt nicht unrecht, Mynheer Philipp, und Ihr würdet gut thun, es anzunehmen. Wozu iſt auch ein ſolcher Tand nütze?“ „Ich ſage Euch nochmal, nein,“ rief Philipp ergrimmt. „Wohlan denn, ſo laßt mir es wenigſtens, bis ich bezahlt bin, Mynheer Vanderdecken— das iſt nicht mehr wie billig. Ich mag mein Geld nicht verlieren. Wenn Ihr mir die vierthalb Gülden und die Flaſche bringt, ſo will ich es Euch zurückgeben.“ Philipps Entrüſtung kannte jetzt keine Grenzen mehr. Er er⸗ griff Mynheer Poots am Kragen und warf ihn zur Thüre hinaus. „Hinweg mit Euch, augenblicklich,“ rief er,„oder bei——* Philipp hatte keine Gelegenheit, ſeine Verwünſchung zu be⸗ endigen. Der Doktor war ſo erſchrocken fortgeeilt, daß er die Hälfte der Treppen hinunterſtürzte und hinkend ſich über die Brücke hinüberhelfen mußte. Er wünſchte faſt, die Reliquie nicht an ſich genommen zu haben; aber ſeine plötzliche Flucht hinderte ihn, ſie der Leiche wieder anzulegen, ſelbſt wenn er gewollt hätte. Das Ergebniß dieſes Geſprächs lenkte natürlich Philipps Gedanken auf die Reliquie; er begab ſich in das Zimmer ſeiner Mutter, um ſie zu holen. Wie er die Vorhänge öffnete, lag die Leiche ausgeſtreckt — er wollte das ſchwarze Band losknüpfen, aber es war nicht mehr zugegen. „Es iſt fort!“ rief Philipp.„Die Nachbarn werden es wohl nicht entfernt haben— nein, nimmermehr.—— Es muß jener 4 K —— —- 27 Schurke, der Poots geweſen ſein. Aber ich will es wieder haben, ſelbſt wenn er es verſchluckt hätte— oder wenn ich ihm Glied für Glied vom Leibe reißen müßte.. „Philipy ſtürzte die Treppe hinunter, eilte aus dem Hauſe, ſetzte mit Einem Sprunge über den Graben und eilte ohne Rock oder Hut in der Richtung, wo des Doctors einſame Wohnung ſtand. Die Nachbarn ſahen ihn mit der Schnelligkeit des Windes vorbeieilen, blickten ihm verwundert nach und ſ ſchüttelten die Köpfe. Mynheer Poots hatte den Weg noch nicht zur Hälfte zurückgelegt, da ſein Knöchel verrenkt war. Aus Furcht vor den Folgen, wenn ſein Diebſtahl entdeckt werden ſollte, ſah er hin und wieder zurück, bis er endlich zu ſeinem Entſetzen Philipp Vanderdecken aus der Entfernung ihm nachſtürzen ſah. Vor Schrecken ganz außer ſich, wußte der armſelige Dieb kaum, was er thun ſollte. Halt zu machen und das geſtohlene Eigenthum wieder zurückzugeben, war ſein erſter Gedanke; aber die Furcht vor Vanderdeckens Ungeſtüm that Einſprache, weshalb er beſchloß, nach Kräften zu eilen, um ſein Haus zu erreichen. Dort konnte er ſich verſchanzen und ſo das entwendete Gut bergen oder wenigſtens ſeine Bedingungen machen, ehe er es herausgab. Mynheer Poots hatte wohl nöthig, ſchnell zu laufen, und that es auch nach Kräften; ſeine welke Geſtalt huſchte raſch au den Spindelbeinen über den Boden hin. Sobald jedoch Philipp bemerkte, daß der Doktor zu entfliehen verſuchte, fühlte er ſich völlig überzeugt, daß dieſer der Schuldige war und verdoppelte deshalb ſeine Anſtrengungen. Hundert ſchritte von ſeiner Thüre hörte Mynheer Poots Philipps raſchen Tritt immer näher kommen, und die Todesangſt beſchleunigte ſeine Eile. Näher und näher vernahm er ſeinen Verfolger, bis er zuletzt deſſen Athemzüge unter⸗ ſcheiden konnte; er ſchrie deshalb in ſeiner Furcht laut auf, wie der Haſe im Rachen des Windſpiels. Philipp befand ſich nur noch eine Elle hinter ihm: ſein Arm war bereits ausgeſtreckt, als der 28 Doctor, vor Schrecken völlig gelähmt, zuſammenſank. Vanderdecken ſchoß in ſeinem Ungeſtüm über ihn weg, that einen Fehltritt und ſank, während er ſein Gleichgewicht zu erhalten bemüht war, rollend auf den Boden. Dieß rettete den Geizhals— er war ganz das Seitenſtück eines Haſen. Im Nu befand er ſich wieder auf den Beinen, und noch ehe ſich Philipp erheben konnte, hatte Poots bereits ſeine Thüre erreicht und ſie von innen verriegelt. Der junge Mann war jedoch entſchloſſen, ſeinen wichtigen Schatz nicht aufzu⸗ geben, und warf keuchend ſeine Blicke umher, um zu ſehen, welche Mittel ſich darböten, um einen Eingang in das Haus zu erzwingen. Da jedoch die Wohnung des Doctors abgelegen ſtand, war jede Vorſichtsmaßregel getroffen worden, um den Eigenthümer gegen Beraubung zu ſichern; die untern Fenſter hatten ſtarke Gitter und die des obern Stocks waren zu hoch, als daß ſie hätten er⸗ klommen werden können. Wir müſſen hier bemerken, daß Mynheer Poots, der ſeiner an⸗ erkannten Tüchtigkeit eine gute Praxis verdankte, doch allgemein im Rufe eines hartherzigen, gefühlloſen Geizhalſes ſtand. Niemand durfte je über ſeine Schwelle kommen, oder hatte überhaupt nur Luſt dazu. Er war ſo abgeſchieden von ſeinen Nebenmenſchen, wie ſeine Wohnung, und ließ ſich überhaupt nur in Kranken⸗ und Leichenſtu⸗ ben blicken. Wie es in ſeinem Hausweſen ausſah, wußte Niemand zu ſagen. Als er ſich in der Gegend niederließ, zeigte ſich hin und wieder auf das Klopfen Derjenigen, welche die Dienſte des Doctors verlangten, ein altes, abgelebtes Weib; aber ſie war bereits ſeit einiger Zeit begraben, und ſeitdem antwortete Mynheer Poots in Perſon, während die zudringlichen Hülfsbedürftigen in ſeiner Ab⸗ weſenheit gar keinen Beſcheid erhielten. Daraus folgerte man, daß der alte Mann ganz allein lebe, denn er war zu filzig, um einen Dienſtbo⸗ ten zu bezahlen. Auch Philipp war dieſer Anſicht, und ſobald er wie⸗ der zu Athem gekommen war, ſann er auf einen Plan, durch den er ſich in den Stand ſetzen konnte, nicht nur das geſtohlene 3 —— griff er zu Stein, Stahl un 29 Eigenthum wieder an ſich zu bringen, ſondern auch derbe Rache zu üben.— 4 Die Thüre war ſtark und ließ ſich durch die Hülfsmittel, welche ſich Vanderdeckens Augen darboten, nicht erbrechen. Einige Minuten hielt er inne, um zu überlegen, und da ſich in dieſer Zeit ſein Zorn kühlte, beſchloß er, ſich mit Zurückgabe der Reliquie zu begnügen, ohne Gewaltthat anzuwenden. Er rief daher mit lauter Stimme:— „Mynheer Poots, ich weiß, daß Ihr mich hören könnt. Gebt mir zurück, was Ihr mir genommen habt, und ich will Euch kein Leides zufügen. Habt Ihr übrigens keine Luſt dazu, ſo müßt Ihr die Folgen auf Euch nehmen, denn Ihr ſollt mir den Diebſtahl mit Eurem Leben bezahlen, ehe ich von der Stelle weiche.“ Dieſe Worte waren in der That vernehmlich genug, um von Myn⸗ heer Poots gehört zu werden; der kleine Geizhals hatte ſich jedoch von ſeinem Schrecken wieder erholt, und da er jetzt ſicher zu ſein wähnte, konnte er ſich nicht entſchließen, die Reliquie ſo leichten Kauf's aufzugeben. Er antwortete deßhalb nicht, in der Hoffnung, Philipps Geduld werde ſich erſchöpfen, und ſann auf ein Abfinden, etwa auf das Opfer einiger Gülden, die für einen armen Teufel wie Philipp keine Kleinigkeit waren, um ſich ſo die Reliquie zu ſichern, die ihm einen hohen Preis einzubringen verſprach. Als Vanderdecken bemerkte, daß keine Antwort folgte, brach er in heftige Schimpfreden aus und entſchied ſich für Maßregeln, die ihrer Natur nach keineswegs unentſchieden genannt werden konnten. Nicht weit von dem Hauſe ſtand ein kleiner Schober dürren Futters und unter der Hauswand ein Haufen Brennholz. Mit der⸗ artigen Hülfsmitteln gedachte Vanderdecken das Haus in Brand zu ſtecken und ſo, wenn er auch ſeine Reliquie nicht erhielt, wenigſtens volle Rache zu nehmen. Er brachte mehrere Arme voll Heu herbei, legte ſie an die Thüre des Hauſes und ſchichtete Reißbündel und Holzſcheite auf, bis von der Thüre nichts mehr zu ſehen war. Dann d Zunder, die jeder Holländer ſtets bei 30 ſich führt und hatte bald den Stoß zur Flamme angefacht. Der Rauch ſtieg in dichten Wolken zu den Dachſparren empor, während das Feuer unten wüthete. Auch die Thüre entzündete ſich und ver⸗ mehrte die Wuth der Flamme. Philipp jubelte in wilder Freude über den glücklichen Erfolg ſeines Verſuches. „Ha, du erbärmlicher Leichenberauber— du armſeliger Dieb, jetzt ſollſt du meine Rache fühlen,“ rief Philipp mit lauter Stimme. „Wenn du drinnen bleibſt, wirſt du von den Flammen verzehrt, und verſuchſt du herauszukommen, ſo ſollſt du von meinen Händen ſterben. — Hört Ihr's, Mynheer Poots— hört Ihr's?“ Philipp hatte ſeine Anrede kaum beendigt, als das Fenſter des B oberen Stocks, das von der brennenden Thüre am weiteſten entfernt war, aufgeriſſen wurde. „Ha— jetzt kommſt du, um zu bitten und zu betteln: aber 3 da wird nichts daraus,“rief Philipp, machte aber plötzlich Halt, da ſich an dem Fenſter etwas zeigte, was ihm wie eine überirdiſche Er⸗ ſcheinung vorkam, denn ſtatt der Jammerfigur des Geizhalſes erblickte er eine der lieblichſten Geſtalten, welche die Natur je zu ſchaffen beliebt hatte, ein wahres Engelweſen von ungefähr ſechszehn oder ſiebenzehn Jahren, das in der Mitte der Gefahr, von welcher es bedroht war, die größte Ruhe und Entſchloſſenheit behauptete. 4 Das lange Haar des Mädchens war in Flechten gelegt und zweimal-. um den ſ ſchöngebildeten Kopf geſchlungen; aus ihren großen dunkeln Augen leuchtete eine ſanfte Gluth, und ihre hohe weiße Stirne, ihr 3 Grübchen⸗Kinn, die feingeſchnittenen und gewölbten rubinrothen 4 Lippen ſtachen allerliebſt, bezaubernd gegen die kleine, gerade Naſe ab. Ein lieblicheres Antlitz kann man ſich nicht leicht denken; es erinnerte an das, was die beſten Maler in ihren glücklicheren Augen⸗ blicken bisweilen zu verkörpern vermögen, wenn ſie eine ſchöne Heilige 6 darzuſtellen wünſchen. Dazu noch die leckende Flamme und der Rauch, der an dem Fenſter vorbeiqualmte— man hätte ſie in ihrer 4 31 ruhigen Haltung für eine Märtyrerin auf dem Scheiterhaufen neh⸗ men mögen. „Was beginnſt du, ungeſtümer junger Mann? Warunm ſollen die Bewohner dieſes Hauſes durch dich den Tod erleiden?“ rief die Jungfrau mit Faſſung. 4 Philipp ſtarrte die Geſtalt einen Augenblick an und vermochte nicht zu antworten; dann erfaßte ihn der Gedanke, daß er im Be⸗ griffe ſei, ſeiner Rache ein ſo liebliches Weſen zum Opfer zu brin⸗ gen. In ihrer Gefahr alles Andere vergeſſend, ergriff er einen der großen Pfähle, die er zur Nahrung für die Flamme herbeigebracht hatte, und warf die brennende Maſſe nach allen Richtungen aus⸗ einander, bis nichts mehr zurückblieb, was das Gebäude hätte be⸗ ſchädigen können, als die lodernde Thüre, welche gleichfalls noch keine ſehr weſentliche Beeinträchtigung erlitten hatte, da ſie aus einer dicken, eichenen Bohle beſtand. Aber auch hier wurde die Flamme bald gelöſcht, indem Philipp dem verzehrenden Element durch Erdklöſe ein Ziel ſetzte. Während dieſer thätigen Maßregeln von Seiten des jungen Mannes ſah die Jungfrau ſchweigend zu. „Alles iſt jetzt ſicher, junge Dame,“ ſagte Philipp.„Gott ver⸗ zeih mir, daß ich ein ſo koſtbares Leben in Gefahr ſetzen konnte. Ich hatte jedoch nur die Abſicht, an Mynheer Poots meine Rache zu kühlen.“ „Und welchen Grund kann Mynheer Paots zu einer ſo ſchreck⸗ lichen Rache gegeben haben?“ verſetzte das Mädchen ruhig. „Welchen Grund, junge Dame? Er kam in mein Haus und beraubte die Todten, indem er der Leiche meiner Mutter eine un⸗ ſchätzbare Reliquie abnahm. 4 „Er beraubte die Todten?— Nein, gewiß, das kann nicht ſein— Ihr thut ihm Unrecht, junger Mann.“ „Nein, nein. Es iſt Thatſache, meine Dame— und dieſe Rrliquie— verzeiht mir— aber dieſe Reliquie muß ich haben. Ihr wißt nicht, was davon abhängt.“ 4— 32 „Geduldet Euch, junger Mann,“ erwiederte die Jungfrau. „Ich werde bald wieder zurückkehren.“ Philipp wartete mehrere Minuten in Gedanken und Bewun⸗ derung verloren. Ein ſo ſchönes Weſen im Hauſe von Mynheer Poots! Wer mochte ſie ſein? Während er ſeine Betrachtungen über dieſe Frage anſtellte, wurde er durch eine Silberſtimme aus ſeinen Träumen geweckt. Der Gegenſtand derſelben lehnte im Fenſter und hielt in der Hand das ſchwarze Band, an welchem der ſo ſehnlich verlangte Gegenſtand befeſtigt war. „Hier iſt Eure Reliquie, Herr,“ ſagte das Mädchen.„Ich bedaure recht ſehr, daß mein Vater eine That beging, welche wohl geeignet war, Euren Zorn zu rechtfertigen. Aber hier iſt Euer Eigenthum,“ fuhr ſie fort, die Kapſel auf den Boden nieder⸗ fallen laſſend,„und jetzt könnt Ihr Euch entfernen.“ „Euer Vater, Jungfrau? Kann dieſer Menſch Euer Vater ſein?“ entgegnete Philipp mit einer Angelegentlichkeit, daß er ſogar die Reliquie aufzunehmen vergaß, welche zu ſeinen Füßen lag. Sie würde ſich ohne Antwort von dem Fenſter zurückgezogen haben, aber Philipp fuhr fort: 4 „Haltet, Jungfrau! haltet einen Augenblick, bis ich Euch um Vergebung gebeten habe für meine wilde, thörichte Handlung. Ich ſchwöre Euch's bei dieſer geheiligten Reliquie,“ fügte er bei, indem er ſie vom Boden aufhob und an ſeine Lippen führte,„daß ich nicht ſo gehandelt haben würde, wenn ich gewußt hätte, daß ſich eine harmloſe Perſon in dieſem Hauſe befinde; um ſo mehr freut mich's aber jetzt, daß kein Schaden geſchehen iſt. Dennoch iſt die Gefahr noch nicht vorüber, Jungfrau. Die Thüre muß aufgeriegelt und die Pfoſten, welche noch immer glimmen, müſſen mit Waſſer begoſ⸗ ſen werden, da das Haus ſonſt doch noch in Brand gerathen könnte. Fürchtet nichts für Euren Vater, Jungfrau, denn hätte er mir auch tauſendmal mehr Unrecht gethan, ſo wäret Ihr doch im Stande, jedes Haar auf ſeinem Haupte zu ſchützen. Er kennt mich 33 gut genug, um zu wiſſen, daß ich mein Wort halte. Erlaubt mir, das Unrecht, das ich verübt habe, wieder gut zu machen, und dann will ich mich entfernen.“ 8 „Nein, nein; traue ihm nicht,“ ſagte Mynheer Poots aus dem Inneren des Gemachs. „Ja, ich will ihm trauen,“ verſetzte die Tochter.„Seine Dienſte ſind ſehr von Nöthen, denn was könnte ein armes, ſchwaches Mäd⸗ chen, wie ich, und ein noch ſchwächerer Vater, in einer ſo beängſti⸗ genden Lage ausrichten? Oeffnet die Thüre, damit wir das Haus in Sicherheit bringen können.“ Die Jungfrau redete ſodann Philipp an:„Er wird die Thüre öffnen. Ich danke Euch für den zugeſagten freundlichen Dienſt und baue unbedingt auf Euer Verſprechen.“ „Niemand kann mir nachſagen, daß ich je mein Wort gebrochen hätte,“ erwiederte Philipp;„aber er muß ſich beeilen, denn die Flammen brechen bereits wieder los.“ Mynherr Poots öffnete nun die Thüre mit zitternden Händen und flüchtete ſich haſtig wieder die Treppen hinauf. Die Wahrheit deſſen, was Philipp geſagt hatte, war augenſcheinlich. Es bedurfte vieler Eimer Waſſer, bis das Feuer ganz gedämpft war; aber wäh⸗ rend des Löſchgeſchäftes ließen ſich weder Tochter noch Vater blicken. Sobald alle Gefahr beſeitigt war, ſchloß Philipp die Thüre und blickte wieder nach dem Fenſter hinauf. Das ſchöne Mädchen trat vor, und Philipp verſicherte ihr mit einer tiefen Verbeugung, daß jetzt nichts mehr zu fürchten ſei. „Ich danke Euch,“ verſetzte ſie—„ich danke Euch recht ſehr. Ihr habt Euch anfangs zwar übereilt, aber doch zuletzt noch mit großer Umſicht benommen.“. „Bemerkt Eurem Vater, Jungfrau, daß ich keinen Groll mehr gegen ihn hege und daß ich nach einigen Tagen kommen werde, um ſeine Forderung zu befriedigen.“ Maxryatt. Der fliegende Holländer. 3 34 Das Fenſter ſchloß ſich. Philipp ſah in großer Aufregung, aber mit ganz anderen Gefühlen, als bei ſeiner Ankunft, eine Minute Jang darnach hinauf und lenkte dann ſeine Schritte nach der eigenen Wohnung. Drittes Kapitel. Die Erſcheinung von Mynheer Poots ſchöner Tochter hatte einen lebhaften Eindruck auf Philipp Vanderdecken gemacht, deſſen Bruſt jetzt außer der früheren Laſt eine neue Aufregung bedrückte. Zu Hauſe angelangt, ging er die Treppe hinauf und warf ſich auf das Bett, aus welchem ihn Mynheer Poots geweckt hatte. An⸗ fangs rief er ſich die im vorigen Kapitel geſchilderten Scenen wie⸗ der in's Gedächtniß und führte ſeiner Einbildungskraft die Züge des holden Mädchens, ihre Augen, den Ausdruck ihres Antlitzes, ihrer Silberſtimme und die Worte, welche ſie geſprochen hatte, vor; aber die liebliche Geſtalt wurde bald durch den Gedanken verſcheucht, daß die Leiche ſeiner Mutter im anſtoßenden Gemache liege und ſeines Vaters Geheimniß im unteren Gemache verborgen ſei.. Die Beerdigung ſollte am andern Morgen ſtattfinden, und Philipp, der ſeit ſeinem Zuſammentreffen mit der Tochter von Mynheer Soshe nicht mehr ſo dringend verlangte, das Zimmer alsbald zu öffnen, beſchloß, dieſes Werk erſt nach Vollziehung der Beſtattung vorzunehmen. Mit dieſem Entſchluſſe ſchlief er, körper⸗ lich und geiſtig ſehr erſchöpft, ein und erwachte erſt am andern Morgen, als er von dem Prieſter geweckt wurde, um dem Leichen⸗ gottesdienſte anzuwohnen. Nach einer Stunde war Alles vorüber; 35 das Leichengefolge zerſtreute ſich, und Philipp kehrte nach der Hütte zurück; er verriegelte die Thüre, um ſich gegen alle Störung zu ſchützen, und fühlte ſich glücklich, daß er allein ſein konnte. In unſerem Weſen liegt ein Gefühl, das ſich ſtets zeigt, wenn wir uns wieder in der Behauſung finden, wo der Tod geweilt hat, nachdem alle ſeine Spuren entfernt ſind. Es iſt ein Gefühl der Beruhigung und der Erleichterung, daß wir die Erinnerungszeichen der Sterblichkeit fortgeſchafft haben— das ſtumme Zeugniß von der Flüchtigkeit unſeres Treibens und unſerer Entwürfe. Wir wiſſen, daß wir eines Tages ſterben müſſen, mögen aber nie daran denken. Die fortwährende Erinnerung daran würde ein zu großer Zügel für unſere Erdenwünſche ſein, und obgleich man uns predigt, wir ſollen ſtets die Zukunft im Auge haben, ſo finden wir doch, daß das Leben kein ſonderlich heiteres ſein könnte, wenn es uns nicht hin und wieder geſtattet wäre, zu vergeſſen; denn wer würde Plane entwerfen, die der Menſch nur ſelten in Ausführung bringen könnte, wenn er jeden Augenblick des Tages an den Tod dächte? Wir hoffen entweder, daß wir länger leben werden, als Andere oder vergeſſen wenigſtens, daß das Gegentheil ſo leicht mög⸗ lich iſt. 4 Wäre dieſe Spannkraft nicht unſerer Natur eingepflanzt, wie wenig hätte die Welt ſogar durch die Sündfluth verbeſſert werden können! Philipp ging in das Zimmer, wo ſeine Mutter noch vor einer kurzen Stunde gelegen hatte, und fühlte ſich unwillkürlich er⸗ leichtert. Er nahm den Schrein wieder vor und begann abermals ſein Geſchäft, Das Hinterbrett war jetzt bald beſeitigt und er ent⸗ deckte ein geheimes Schubfach, das er herauszog. Wie er ver⸗ muthet hatte, enthielt es den Gegenſtand ſeines Suchens— einen großen Schlüſſel mit einem leichten Roſtüberzuge, der ſich durch die Berührung abwiſchte. Unter demſelben lag ein Papier, deſſen Schrift etwas verblichen war. Der Inhalt war von der Hand ſeiner Mutter geſchrieben und lautete folgendermaßen: . 3* — — W 36 „Es ſind nun zwei Nächte, ſeit ein ſchreckliches Ereig⸗ niß ſtattfand, das mich veranlaßte, die untere Stube zu ſchließen, und doch verfolgt mich der Schrecken noch immer in einem Grade, daß mir bei dem Gedanken daran der Kopf ſpringen möchte. Sollte ich während meiner Lebzeiten nicht enthüllen, was vorgefallen iſt, ſo wird doch dieſer Schlüſſel nöthig ſein, um nach meinem Tode das Zimmer zu öffnen. Als ich aus demſelben fortſtürzte, eilte ich die Treppe hinauf und blieb jene Nacht bei meinem Kinde. Am andern Morgen nahm ich allen meinen Muth zuſammen, um hinunterzugehen, den Schlüſſel umzudrehen und ihn nach meinem Gemache zu bringen. Jene Stube ſoll verſchloſſen bleiben, bis ich meine Augen im Tode ſchließe. Keine Noth, keine Entbeh⸗ rung ſoll mich veranlaſſen, ſie je wieder zu öffnen, obgleich in der Eiſenkiſte unten im Schranke, der am weiteſten vom Fenſter abſteht, Geld genug für alle meine Bedürfniſſe liegt. Jenes Geld ſoll dort bleiben für mein Kind, dem ich vielleicht das verhängnißvolle Geheimniß nicht mittheilen kann; es wird jedoch hieraus die Ueberzeugung gewinnen, daß es ein Ge⸗ heimniß iſt, welches beſſer verborgen bleibt, da es ſchrecklich genug war, mich zu derartigen Schritten zu veranlaſſen. Die Schlüſſel zu der Kiſte und zu den Schränken lagen, glaube ich, auf dem Tiſche oder in meinem Arbeitskörbchen, als ich das Zimmer verließ. Auch befindet ſich auf dem Tiſch ein Brief— wenigſtens meine ich ſo. Er iſt verſiegelt. Niemand ſoll das Siegel erbrechen, als mein Sohn, und auch dieſer nicht, wenn er nicht bereits von dem Geheimniſſe Kunde hat. Der Prieſter möge ihn verbrennen— denn er iſt verflucht;— und ſelbſt wenn mein Sohn Alles wiſſen ſollte— was mir be⸗ kannt iſt— ohl ſo möge er inne halten und ſich wohl be⸗ denken, ehe er das Siegel öffnet, denn es wäre beſſer, daß er nichts Weiteres erführe!“ 37 „Nichts Weiteres?“ dachte Philipp, während ſeine Augen immer noch auf dem Papiere hafteten.„Ja, aber ich muß und will mehr erfahren! Verzeih' mir daher, theuerſte Mutter, wenn ich keine Zeit mit Erwägungen verſchwende; es wäre doch nur vergeblich, wenn man ſo entſchloſſen iſt, wie ich.“ Philipp preßte die Unterſchrift ſeiner Mutter an die Lippen, legte das Papier zuſammen und ſteckte es in ſeine Taſche; dann ergriff er den Schlüſſel und begab ſich die Treppe hinunter. Es war gegen Mittag, als Philipp ſich anſchickte, das Gemach zu öffnen. Die Sonne ſchien hell, der Himmel war klar und Alles in der Natur draußen athmete Frohſinn und Leben. Die Hausthüre war verſchloſſen, folglich nicht viel Licht in der Flur, als Philipp den Schlüſſel in das Schloß ſteckte und ihn mit einiger Mühe um⸗ drehte. Es wäre unrichtig, wenn ich ſagen wollte, daß er nicht Un⸗ ruhe fühlte, als er die Thüre öffnete. Sein Herz klopfte, aber ſeine Entſchloſſenheit war kräftig genug, um das Bangen ſeines Innern zu überwältigen und auch weitere Bewegungen zu beſiegen, die aus dem, was ihm bevorſtand, entſpringen mochten. Er trat nicht augen⸗ blicklich in das Gemach, ſondern blieb eine Weile auf der Schwelle ſtehen, denn es war ihm, als dränge er in den Aufenthaltsort eines körperlichen Geiſtes, deſſen Schattengeſtalt mit jedem Momente vor ſeinen Blicken auftauchen könnte. Nachdem er eine Minute gewartet hatte, um ſich zu ſammeln, da ihm das Oeffnen der Thüre den Athem benommen hatte, blickte er hinein. Er konnte die Gegenſtände in dem Gemach nur unvollkommen unterſcheiden; durch die Ladenritzen drangen jedoch drei helle Sonnen⸗ ſtrahlen herein, die ihn anfangs veranlaßten, wie vor etwas Ueber⸗ natürlichem zurückzubeben. Nach kurzer Erwägung ermannte er ſich jedoch wieder. Er verweilte eine Minute, ging dann in die Küche, zündete ein Licht an, ſeufzte einigemal ſchwer, um ſein Herz zu er⸗ leichtern, und kehrte dann entſchloſſener nach der verhängnißvollen Stube zurück. Auf der Schwelle ſtehen bleibend, muſterte er zuerſt 38 beim Scheine des Lichtes das Innere. Alles war ſtill. Den Tiſch, auf welchem der Brief liegen ſollte, konnte er nicht ſehen, da er hinter der Thüre ſtand.„Es muß geſchehen,“ dachte Philipp:„und warum dann nicht ſchnell?“ fuhr er fort, indem er, allen ſeinen Muth zuſammennehmend, in's Zimmer trat und auf das Fenſter zu⸗ ging, um die Läden zu öffnen. Daß ſeine Hand dabei ein wenig zitterte, wenn er ſich in's Gedächtniß rief, wie übernatürlich ſie ſich früher aufgethan hatten, darf wohl nicht überraſchen. Wir ſind nur ſterbliche Geſchöpfe und ſchrecken zurück vor einem Zuſammentreffen mit Allem, was einem anderen Leben angehört. Nachdem die Riegel zurückgeſchoben und die Läden aufgeworfen waren, ſtrömte ein ſo leb⸗ haftes Licht in das Gemach; daß Philipps Augen geblendet wurden. Seltſamerweiſe erſchütterte der Anblick des hellen Tages ſeine Ent⸗ ſchloſſenheit mehr, als das frühere Dunkel, und, die Kerze in der Hand kehrte er haſtig wieder in die Küche zurück, um ſeinen Muth zu ſammeln. Dort weilte er einige Minuten in tiefen Gedanken, das Geſicht mit ſeinen Händen bedeckend. Es iſt ſeltſam, daß ſeine Träumereien zuletzt zu Mynheer Poot s ſchöner Tochter und ihrem erſten Erſcheinen an dem Fenſter zurüuͤck⸗ kehrten; es war ihm, als ob der Lichtſtrom, der ihn eben erſt ver⸗ ſcheucht hatte, nicht nachdrücklicher und ergreifender ſei, als jene bezaubernde Geſtalt. Die Vergegenwärtigung jenes Geſichtes ſchien Philipps Entſchloſſenheit wiederherzuſtellen. Er erhob ſich und ſchritt keck in das Gemach. Wir wollen nicht die Gegenſtände ſchildern, wie ſie Philipps Augen entgegentraten, ſondern ſie dem Leſer in klarer Ordnung vorzuführen verſuchen. Die Stube hatte etwa zwölf oder vierzehn Fuß im Geviert und nur ein einziges Fenſter. Der Thüre gegenüber ſtand der Kamin und zu jeder Seite deſſelben ein hoher Glasſchrank von dunkelm Holze. Der Boden des Gemaches war nicht ſchmutzig, obgleich an den Decken die Spinnen allenthalben ihre Gewebe ausgebreitet hatten. In der Mitte hing eine Queckſilberkugel herunter, eine Fewöhnliche P 39 Zierde in jenen Tagen; ſie hatte jedoch ihren Glanz großentheils verloren, und Spinnengewebe hüllten ſie wie ein Leichentuch ein. Ueber dem Kaminmantel hingen einige Zeichnungen in Glas und Rahmen, aber ein ſtaubiger Mehlthau befleckte das Glas, ſo daß ſich die Gegenſtände nicht gut unterſcheiden ließen. In der Mitte des Kaminſimſes ſtand ein Bild der Maria von reinem Silber in einem Tabernakel von dem gleichen Metalle, das aber eine Bronze⸗ oder Eiſenfarbe angenommen hatte; zu beiden Seiten befanden ſich einige indianiſche Figuren. Die Glasthüren der Schränke neben dem Kamin waren gleichfalls getrübt, ſo daß ſich das Innere nicht er⸗ kennen ließ; das Licht und die Hitze, welche nur erſt ſeit ſo kurzer Zeit in das Gemach ſtrömten, hatten bereits die Dünſte vieler Jahre aufgejagt und bildeten mit dem Staube auf den Glasſcheiben einen matten Duft, der nur hin und wieder das Blinken ſilberner Gefäße unterſcheiden ließ. Letztere waren durch den Verſchluß der Schreine gegen Schwärzung geſchützt worden, obgleich auch ſie viel von ihrem Glanze verloren hatten. An der Wand, welche dem Fenſter gegenüber lag, befanden ſich andere eingerahmte Bilder, welche ebenfalls von Dunſt und Spinnge⸗ weben verſchleiert waren; desgleichen auch zwei Vogelkäſichte. Philipp näherte ſich den Letzteren und ſah hinein. Ihre Bewohner waren na⸗ türlich längſt todt, aber auf dem Boden der Käſichte befand ſich ein Häuflein gelber Federn, durch welche die kleinen, weißen Knochen der Skelette ſichtbar wurden— alſo die Ueberreſte von Kanarienvögeln, die in jener Periode ſehr theuer bezahlt wurden. Philipp ſchien ge⸗ neigt zu ſein, vorerſt alles andere zu unterſuchen, ehe er nach dem ſpähte, was er am meiſten zu finden fürchtete und doch zugleich wünſchte. Es ſtanden mehrere Stühle umher, auf deren einem etwas Leinwand lag. Er nahm ſie auf— es war ein Kleidungsſtück, das ihm angehört haben mußte, als er noch ein Kind war. Endlich rich⸗ tete er ſeine Blicke auf die noch nicht unterſuchte Wand dem Kamine gegenüber, in welcher ſich die Thüre befand. Hinter der Thüre mußte — — — —x 1 40 er den Tiſch, das Arbeitskörbchen und den verhängnißvollen Brief finden. Sein Puls hatte allmählig den regelmäßigen Schlag wieder gewonnen, aber als er ſich umwandte, begann er heftiger zu pochen;?s mußte jedoch geſchehen und war ſchnell vorüber. Anfangs muſterte er denjenigen Theil der Wand, an welcher verſchiedenartige Schwerter und Piſtolen, hauptſächlich aber aſiatiſche Bogen und Pfeile nebſt anderen Zerſtörungswerkzeugen hingen. Dann ſenkten ſich ſeine Augen allmählig gegen den Tiſch und das kleine Kanapee hinter dem⸗ ſelben, wo ſeine Mutter, ihrer Angabe zufolge, geſeſſen hatte, als der Gatte ihr ſeinen ſchrecklichen Beſuch gemacht. Das Arbeits⸗ körbchen ſammt ſeinem Inhalte ſtand auf dem Tiſch, wie ſie es ver⸗ laſſen hatte; auch die erwähnten Schlüſſel lagen dabei, aber Philipp ſah und ſah— ein Brief war nicht vorhanden. Er trat nun näher und unterſuchte. genauer, ob er ihn nicht auf dem Kanapee, auf dem Tiſch oder auf dem Boden entdecke.— Er erhob das Arbeitskörb⸗ chen, um ſich zu überzeugen, ob er nicht unter demſelben liege— aber nein. Ein Muſtern des Arbeitsgeräthes, wie auch ein Umdrehen der Kanapeekiſſen blieb gleichfalls erfolglos. Philipp fühlte eine ſchwere Laſt ſeiner beklemmten Bruſt entnommen. „In der That,“ dachte er, während er ſich an die Wand lehnte, „das Ganze war nichts, als das Geſicht einer erhitzten Einbildungs⸗ kraft. Meine arme Mutter iſt wohl eingeſchlummert und träumte die ſchreckliche Geſchichte. Dachte mir's doch, daß es unmöglich ſei, oder hoffte es wenigſtens. Es muß ſich wohl ſo verhalten haben; der Traum war zu gewaltig, zu ſehr einer fürchterlichen Wirklichkeit ähnlich, daß er zum Theil die Vernunft meiner armen Mutter ver⸗ wirrte.“. Philipp ſtellte abermals Erwägungen an und gewann dann die Ueberzeugung, daß ſeine Annahme richtig ſei. »Ja, es iſt nicht anders möglich. Gute, theure Mutter! wie viel haſt du gelitten— aber der Lohn iſt dir geworden im Ange⸗ ſicht deines Gottes!“ . 41 Noch einige Minuten muſterte er das Gemach mit größerer Ruhe und vielleicht einiger Gleichgültigkeit, da er jetzt die überna⸗ türliche Geſchichte für unwahr hielt. Endlich nahm er das geſchriebene Blatt, das er bei den Schlüſſeln gefunden, aus ſeiner Taſche und überlas es. „Die eiſerne Kiſte unten im Schrank, welcher vom Fenſter am weiteſten abſteht— gut ſo.“ Er nahm die Schlüſſel von dem Tiſche und fand bald denjeni⸗ gen, welcher in die Glasthüre des Schrankes paßte, der die eiſerne Truhe verbarg. Ein zweiter Schlüſſel öffnete den Deckel, und Philipp ſah ſich nun im Beſitze einer beträchtlichen Geldſumme, die in kleinen gelben Säcken daſtand und ſeiner Schätzung nach gegen zehntauſend Gülden betragen mochte. „Meine arme Mutter!“ dachte er.„So mußte denn ein bloßer Traum dich in Mangel und Armuth hetzen, während dir dieſer ganze Reichthum zu Gebote ſtand!“ Er legte die Säcke wieder zurück und ſchloß die Kiſte, nachdem er aus einem bereits halbgeleerten nur einige Münzſtücke für ſeine nächſten Bedürfniſſe genommen hatte. Seine Aufmerkſamkeit lenkte ſich nun zunächſt nach dem oberen Schranke, den er mit einem an⸗ deren Schlüſſel öffnete, und fand darin Porcellän, ſilberne Flaſchen und Taſſen von beträchtlichem Werthe. Nachdem er Alles verwahrt hatte, warf er den Schlüſſelbund auf den Tiſch. 3 Der plötzliche Beſitz eines ſo großen Reichthums nebſt der Ueber⸗ zeugung, daß keine übernatürliche Erſcheinung ſtattgefunden, wie die Hingeſchiedene geglaubt hatte, belebte und beruhigte natürlich Philipps Geiſt; er fühlte jetzt eine Gegenwirkung, die ſich faſt bis zur Heiter⸗ keit ſteigerte. Er ſetzte ſich auf das Kanapee, verlor ſich in Träu⸗ mereien und kehrte, wie zuvor, zu Mynheer Poots liebenswürdiger Tochter zurück, allerlei Luftſchlöſſer bauend, die, wie es bei ſolchen Ge⸗ legenheiten zu gehen pflegt, ſtets mit Glück und Wohlſtand endigten. In dieſer angenehmen Beſchäftigung verbrachte er mehr als zwei 42 Stunden, biſt ſich endlich ſeine Gedanken wieder mit ſeiner armen Mutter und ihrem furchtbaren Tode beſchäftigten. „Theuerſte, Gütigſte der Mütter!“ rief Philipp laut, indem er ſich aus ſeiner zurückgelehnten Lage erhob;„hier weilteſt du, ermüdet vom Wachen bei dem ſchlummernden Kinde, gedachteſt des abweſenden Vaters und ſeiner Gefahren, und quälteſt deinen Geiſt mit ſchlimmen Vorahnungen; bis dein ſieberiſcher Schlaf jene Er⸗ ſcheinung heraufbeſchwor. Ja, ſo muß es geweſen ſein, denn hier liegt noch die Stickerei auf dem Boden, wie ſie deinen ermatteten Händen entſank, und mit dieſer Arbeit ſchwand das Glück deines Lebens dahin. Liebe, theure Mutter!“ fuhr er fort, und eine Thräne rollte über ſeine Wangen nieder, als er ſich niederbeugte, um das Stück Mouſſelin aufzuleſen,„wieviel haſt du gelitten, als—— Gütiger Himmel!“ rief Philipp, plötzlich mit Ungeſtüm zurückfahrend und den Tiſch umſtürzend—„gerechter Gott— da iſt— da iſt wirklich,“ und Philipp ſchlug die Hände zuſammen, voll Angſt und Entſetzen das Haupt niederbeugend, als er in ganz verändertem und ſchrecklichem Tone murmelnd beifügte—„der Brief!“. Es war nur zu wahr— unter der Stickerei am Boden hatte Vanderdeckens verhängnißvolles Schreiben gelegen. Hätte ihn Philipp beim Eintritt in das Zimmer, als er vorbereitet war, auf dem Tiſche bemerkt, ſo würde er ihn mit einem gewiſſen Grad von Faſſung aufgenommen haben— aber ihn ſo zu finden, nach⸗ dem er ſich ſchon überredet hatte, das Ganze ſei nur eine Selbſt⸗ täuſchung von Seite ſeiner Mutter, ohne daß irgend eine überna⸗ türliche Einwirkung ſtattgefunden hätte— nachdem er bereis ge⸗ ſchwelgt in Träumen künftigen Glückes und künftiger Ruhe! Die Erſchütterung hielt ihn geraume Zeit voll Schrecken und Erſtaunen an ſeine Stelle gebannt. Mit einemmale waren alle Luftſchlöſſer der letzten zwei Stunden dahin, und wie er ſich allmählig von ſeiner Beſtürzung erholte, füllte ſich ſein Herz mit traurigen 43 Ahnungen. Endlich trat er vor, nahm den Brief auf und verließ in voller Haſt das verhängnißvolle Gemach. „Ich bin außer Stande— wage es nicht, ihn hier zu leſen!“ rief er.„Nein, nein, ich muß die Kunde unter dem Gewölbe des freien, beleidigten Himmels empfangen.“ Philipp nahm ſeinen Hut, verließ die Hütte, ſchloß mit der Ruhe der Verzweiflung die Thüre, ſteckte den Schlüſſel ein und ging fort, ohne zu wiſſen, wohin. Viertes Kapitel. . Wenn ein Menſch, der zum Tode verurtheilt war, und ſich bereits in ſein Schickſal ergeben hatte, unerwartet Begnadigung erhält— wenn er ſich erholt hat von der Aufregung, die aus einem Wiederaufleben aller verlorenen Hoffnungen erwuchs, und abermals ſchwelgt im Hinblicke auf eine frohe Zukunft— dann aber plötzlich finden muß, der Begnadigungsbrief ſei widerrufen worden, und er habe dennoch den Tod zu erleiden; falls ſich der Leſer die Gefühle eines ſolchen Menſchen zu vergegenwärtigen ver⸗ mag, ſo iſt er etwa im Stande, ſich eine Vorſtellung von den Empfindungen zu machen, in welchen Philipp die Hütte verließ. Gleichgültig gegen den Weg, den er einſchlug, ging er lange Zeit fort, den Brief in der zuſammengeballten Hand und die Zähne feſt geſchloſſen. Nachgerade wurde er ruhiger und ſetzte ſich athemlos von der Haſt ſeiner Bewegungen, auf eine Bank, wo er ſitzen blieb, die Augen auf das gefürchtete Papier geheftet, das er mit beiden Händen auf ſeinen Knieen hielt. 44 Mechaniſch drehte er den Brief um. Das Siegel war ſchwarz. Philipp ſeufzte. „Ich kann ihn jetzt nicht leſen,“ dachte er, indem er aufſtand, um ſeine unſtäte Wanderung wieder aufzunehmen. Nach einer halben Stunde weiterer Bewegung machte Philipp Halt und blickte nach der niedergehenden Sonne, bis ihm ſein Ge⸗ ſicht verging. „Ich könnte mir vorſtellen, ſie ſei das Auge Gottes,“ dachte Pphilipp,„und vielleicht iſts ſo. Aber warum, barmherziger Schöpfer, bin ich unter ſo vielen Millionen auserleſen, eine ſo furchtbare Aufgabe zu erfüllen?“ Er ſah ſich nach einer Stelle um, wo er gegen Beobachtung geſichert war, wo er das Siegel erbrechen und die Botſchaft aus der Geiſterwelt leſen konnte. Nicht weit von der Stelle, wo er ſtand, befand ſich ein kleines Gebüſch am Saume eines Waldes. Er ging darauf zu und ſetzte ſich nieder, um von keinem Vorüber⸗ gehenden bemerkt zu werden. Abermals blickte er nach der nieder⸗ gehenden Scheibe des Tages und wurde ruhiger. „Es iſt dein Wille!“ rief er:„es iſt mein Geſchick, und Beides muß erfüllt werden.“ Philipp legte die Hand an das Siegel— das Blut zuckte ihm eiskalt durch die Adern, wenn er ſeinem Geiſte vergegenwärtigte, daß der Brief von keinen ſterblichen Händen überliefert wurde, und daß er das Geheimniß eines Gerichteten enthielt. Aber dieſer Ge⸗ richtete war ſein Vater, der nur in dieſem Schreiben noch Hoff⸗ nung hatte! Es war die einzige Hoffnung ſeines armen Vaters— deſſen Andenken er lieben gelernt hatt,— der ihn um Hülfe anflehte. „Memme, die ich bin, daß ich ſo viele Stunden verliere!“ rief Philipp.„Jene Sonne dort ſcheint über dem Berge zu zögern, um mir beim Leſen zu leuchten.“ Für eine kurze Weile verſank er in Gedanken und nahm dann ſeinen ganzen Muth zuſammen. Ruhig erbrach er das Siegel, das . 45 die Anfangsbuchſtaben von dem Namen ſeines Vaters trug, und las, wie folgt: An Catharine. „Einem jener mitleidigen Geiſter, deren Thränen ſtrömen für die Verbrechen der Sterblichen, iſt es geſtattet worden, mir zu eröffnen, durch welches Mittel einzig mein fürchter⸗ liches Urtheil abgewendet werden kann. Würde es mir nur möglich, an Bord meines Schiffes die heilige Reliquie zu empfangen, auf welche ich den ver⸗ hängnißvollen Eid ſchwor, um ſie in Demuth zu küſſen und über dem geheiligten Holze eine Thräne tiefer Zerknir⸗ ſchung zu vergießen, ſo würde ich Ruhe finden. „Wie dieß bewerkſtelligt werden kann, oder wer eine ſo verhängnißvolle Aufgabe vollziehen wird, weiß ich nicht. Oh Catharine, wir haben einen Sohn— doch nein— nein, laß ihn nichts von mir hören, bete für mich— und nun, lebe wohl. J. Vanderdecken.“ „Dann iſt's alſo Wahrheit, fürchterliche Wahrheit,“ dachte. Philipp,„und über meinem Vater iſt im Leben das Gericht er⸗ gangen. Und er deutet auf mich hin— auf wen anders ſollte er auch? Bin ich nicht ſein Sohn und iſt es nicht meine Pflicht?? „Ja, Vater,“ rief Philipp laut, indem er auf ſeine Kniee niederfiel;„Du ſollſt dieſe Zeilen nicht vergeblich geſchrieben haben. Ich will ſte noch einmal leſen.“ Philipp erhob ſeine Hand; aber obgleich es ihn dünkte, als halte er den Brief noch immer feſt, war er doch nicht mehr vor⸗ handen— er hielt ein Nichts umfaßt. Er blickte auf das Gras, um zu ſehen, ob er ihn habe fallen laſſen— aber nein: der Brief war verſchwunden. War es ein Geſicht?— Nein, nein; er hatte jedes Wort geleſen. 5 46 „Dann galt die Botſchaft mir, und Niemand anders, als mir. Ich nehme dieß als ein Zeichen an.“ „Höre mich, theurer Vater— wenn es dir geſtattet iſt— und du, barmherziger Himmel, vernimm gnädig mein Gelübde— höre den Sohn auf die heilige Reliquie ſchwören, daß er das Ur⸗ theil abwenden will, und wenn er darüber in den Tod gehen müßte. Dieſer heiligen Pflicht will er ſeine Tag weihen, und wenn er ſie erfüllt hat, voll Hoffnung und im Frieden hinfahren. Oh Himmel, der du den übereilten Eid meines Vaters aufgezeichnet haſt, thue nun ein Gleiches mit dem Angelöbniß, das der Sohn auf daſſelbe geheiligte Kreuz leiſtet, und möge mein Meineid mit einer grau⸗ ſameren Strafe heimgeſucht werden, als die ſeinige iſt! Höre meinen Schwur, o Himmel, der du in deinem Erbarmen zuletzt noch den Vater und den Sohn aufnehmen wirſt— und wenn ich zu kühn bin, oh ſo vergib meiner Anmaßung!“ Philipp warf ſich auf ſein Antlitz nieder und berührte mit ſeinen Lippen das geheiligte Symbol. Die Sonne ging unter, und auch die Dämmerung wich der Nacht, die Alles in ihr Leichentuch hüllte; aber immer noch verharrte Philipp abwechſelnd in Ge⸗ beten und Betrachtungen! Da wurde er plötzlich durch die Stimmen einiger Menſchen aufgeſchreckt, welche ſich einige Schritte von ſeinem Verſtecke auf den Raſen niederließen. Er achtete wenig auf ihr Geſpräch; aber dennoch hatte es ihn geſtört, und ſein erſter Gedanke war, nach der Hütte zurückzukehren, um ſeine Plane weiter zu überlegen. Die Männer ſprachen in gedämpftem Tone, feſſelten übrigens den⸗ noch bald ſeine Aufmerkſamkeit durch den Gegenſtand ihrer Unter⸗ haltung, denn ſie berührten Mynheer Poots Namen. Er lauſchte angelegentlich und entdeckte, daß die Sprecher vier entlaſſene Soldaten waren, welche noch in der nämlichen Nacht das Haus des kleinen Doctors anzugreifen gedachten, da ſie wußten, es dürfte viel Geld bei ihm zu erholen ſein. 47 „Mein Vorſchlag iſt der beſte,“ ſagte der Eine.„Er hat Niemand bei ſich, als ſeine Tochter.“ „Die iſt mir lieber, als ſein Geld, ¹ verſetzte der Andere; „alſo wohl gemerkt, ehe wir gehen, muß es vollkommen ausge⸗ macht ſein, daß ſie mir zufallen ſoll.“ „Ja, wenn du ſie kaufen willſt, ſo haben wir nichts dagegen,“ entgegnete ein Dritter. „Es gilt! wie viel könnt ihr auch mit gutem Gewiſſen für ein quiekſendes Mädel verlangen?“ „Ich dächte fünfhundert Gülden,“ erwiederte der Andere. „Gut; ſei's drum— aber nur unter der Bedingung, daß ſie, im Falle mein Antheil an der Beute ſich nicht ſo hoch beläuft, dennoch mir gehört und ich ſie für meinen Part behalten darf, wie viel er auch immer ausmachen mag.“ „Das iſt nicht mehr wie billig,“ ſagte der Andere. „Aber ich müßte mich ſehr täuſchen, wenn wir aus den Truhen des Alten nicht mehr als zweitauſend Gülden fegten.“ „Was meint ihr beiden Anderen— bleibt es dabei, daß Baetens das Mädel haben ſoll?“ „Ja,“ verſetzten die Andern. „Wohlan denn,“ erwiederte derjenige, welcher ſich Mynheer Poots Tochter ausbedungen hatte,„jetzt bin ich mit euch— Herz und Seele. Ich liebte das Mädchen und verſuchte, ſie für mich zu gewinnen— ja, ich machte ihr ſogar einen Heirathsantrag, aber der alte Filz hat mich zurückgewieſen,— mich einen Fähnd⸗ rich und Offtzier; aber jetzt will ich Rache haben. Wir ſchonen ihn nicht.“ „Nein, nein,“ entgegneten die Andern. „Wollen wir gleich jetzt aufbrechen, oder noch eine Weile war⸗ ten, bis es ſpäter iſt? Ungefähr in einer Stunde geht der Mond auf und wir können geſehen werden.“ „Wer ſollte uns auch ſehen, wenn es nicht etwa Jemand i8. der ihn zu einem Patienten holen will? Ich bin der Anſicht, je ſpäter, deſto beſſer.” „Wie lange werden wir brauchen, um an Ort und Stelle zu gelangen?“ „Seine Wohnung iſt keine halbe Stunde entlegen. Geſetzt, wir brechen nach einer halben Stunde auf, ſo langen wir gerade in rechter Zeit an, um die Gülden beim Mondſcheine zählen zu können.“ „Recht ſo. Inzwiſchen ſetze ich einen neuen Stein in mein Schloß und lade meine Büchſe. Das kann ich auch im Dunkeln verrichten.“ „Du biſt daran gewöhnt, Jahn.“ „Allerdings— und ich denke, dieſe Kugel ſoll dem alten Spitz⸗ buben durch den Kopf fliegen.“ „Gut;'s iſt mir lieber, wenn du ihn todtſchießeſt, als wenn ich's thun ſollte,“ verſetzte ein Anderer.„Er hat mir zu Mittel⸗ burg des Leben gerettet, als mich Jedermann ſchon aufgegeben hatte.“ Philipp wartete nicht weiter ab. Er kroch hinter dem Gebüſche weiter, bis er den Wald erreicht hatte und machte nun einen Um⸗ weg, um von dem Raubgefindel nicht entdeckt zu werden. Er wußte, daß es entlaſſene Soldaten waren, die in Maſſen das Land unſicher machten. Alle ſeine Gedanken gingen nur darauf hin, den alten Doctor und deſſen Tochter gegen die ihnen bevorſtehende Ge⸗ fahr zu ſchützen, ſo daß er für eine Weile ſogar ſeinen Vater und die aufregenden Enthüllungen des Tages vergaß. Obgleich er beim Aufbruche von ſeiner Wohnung nicht gewußt hatte, in welcher Rich⸗ tung er ging, ſo kannte er doch die Gegend genau, und nun es Noth that, zu handeln, erinnerte er ſich ſchnell, wo er Mynheer Poots' einſame Behauſung aufzuſuchen hatte. In größter Haſt eilte er nach derſelben hin und lämgte in weniger als zwanzig Minuten an der Thüre an. 5 49 Wie gewöhnlich war Alles ſtumm und die Thüre verſchloſſen. Philipp klopfte, erhielt aber keine Antwort. Nach mehrmaligem vergeblichem Pochen wurde er ungeduldig. Mynheer Poots mußte zu einem Kranken gerufen worden ſein und war nicht zu Hauſe. Philipp rief daher ſo laut, daß er im Innern gehört werden konnte: „Jungfrau, wenn Euer Vater ausgegangen iſt, wie ich ver⸗ muthe, ſo hört, was ich Euch zu ſagen habe. Ich bin Philipp Vanderdecken und habe eben erſt vier Schurken belauſcht, welche einen Anſchlag ſchmiedeten, Euren Vater zu ermorden und ihn ſei⸗ nes Goldes zu berauben. In weniger als einer Stunde werden ſie hier ſein, und ich eilte zu Euch, um Euch zu warnen und zu be⸗ ſchützen, wenn es in meiner Kraft liegt. Ich ſchwöre bei der Re⸗ liquie, die Ihr mir dieſen Morgen ausgeliefert habt, daß meine Angabe wahr iſt.“ Philipp harrte eine Weile, ohne daß eine Erwiederung erfolgte. „Jungfrau,“ nahm er wieder auf,„antwortet mir, wenn Ihr das werthſchätzt, was Euch noch theurer ſein muß, als ſogar Eurem Vater das Geld iſt. Oeffnet das Fenſter und hört, was ich zu ſagen habe. Ihr lauft keine Gefahr dabei, und ſelbſt wenn es nicht dunkel wäre, ſo habe ich Euch ja bereits geſehen.“ Kurze Zeit nach dieſer zweiten Anrede wurde das obere Fenſter geöffnet, und Philipp konnte die leichte Geſtalt von Mynheer Poots' ſchöner Tochter durch die Dunkelheit unterſcheiden. „Was willſt Du, junger Mann, zu dieſer ungebührlichen Stunde, und was haſt du mir mitzutheilen? Ich verſtand dich nur unvollkommen, als du an der Thüre ſprachſt.“ Philipp theilte nun umſtändlich mit, was er gehört hatte, 1 ſchloß mit der Bitte, ihn einzulaſſen, damit er ſie vertheidigen könne.. 3 eeberlegt wohl, Jungfrau, was ich Euch geſagt habe. Ihr ſeid an einen dieſer Böſewichte verkauft, deſſen Name, wie ich Marryat. Der fliegende Holländer. 4 — —— 50 vernahm, Baetens iſt. Ich weiß, daß Ihr auf das Geld keinen Werth legt, aber denkt an Eure eigene, theure Perſon— laßt mich in das Haus und glaubt ja nicht, daß meine Geſchichte er⸗ dichtet ſei. Ich ſchwöre Euch dei der Seele meiner theuren armen Mutter, die, wie ich hoffe, jetzt im Himmel iſt, daß ich Euch mit keiner Sylbe belogen habe.“ „Baetens habt Ihr geſagt, Herr?“ „Wenn ich nicht irre, ſo war dies der Name; er ſagte, er hätte Euch einmal geliebt.“ „Der Name iſt mir nicht unbekannt, und ich weiß nicht, was ich thun oder ſagen ſoll. Mein Vater iſt zu einer Gebärenden gerufen worden und bleibt vielleicht noch viele Stunden aus. Aber wie kann ich Euch die Thüre öffnen— zur Nachtzeit— während mein Vater abweſend iſt— und ich allein bin? Ich kann und darf nicht, ob⸗ gleich ich Euren Worten Glauben ſchenke. Gewiß, es iſt unmög⸗ lich, daß Ihr ſo ſchändlich ſein könntet, eine derartige Erzählung zu erdichten.“ „Nein— bei meiner Hoffnung auf künftige Seligkeit! ich wäre es nicht im Stande! Aber ſetzt nicht Euer Leben und Eure Ehre auf's Spiel, ſondern gebt mir Einlaß.“ „Und wenn ich's auch thäte, was könntet Ihr anfangen gegen ſo Viele? Die Vier würden Euch als einen einzelnen Mann bald überwältigen, und es ginge nur ein Leben weiter verloren.“ „Nicht, wenn Ihr Waffen habt, und Euer Vater wird ſich wohl damit vorgeſehen haben. Ich fürchte die Strauchdiebe nicht — und Ihr wißt, daß ich Entſchloſſenheit beſitze. „Allerdings— und nun wollt Ihr Euer Leben für Leute wagen, die Ihr früher ſelbſt mit einem Angriffe bedrohtet? Ich danke Euch— danke Euch von Herzen, Herr— aber ich wage es nicht, die Thüre zu öffnen.“ Wenn Ihr das nicht wollt, Jungfrau, ſo bleibe ich hier, obe: gleich ohne Wehr und nur ſchlecht im Stande, mit vier gut be⸗ 4 5* 5 51 waffneten Räubern zu kämpfen. Aber dennoch will ich Stand halten und Euch meine Aufrichtigkeit dadurch beweiſen, daß ich Euch gegen alle Angriffe vertheidige— ja, ſogar hier unter freiem Himmel.“ „Dann werde ich Eure Mörderin ſein! Nein, das kann ich nicht zugeben. Oh!— ſchwört, ſchwört mir, Herr, bei Allem was heilig und rein iſt, daß Ihr mich nicht täuſchen wollt.“ „Ich ſchwöre bei Euch ſelbſt, Jungfrau, die Ihr mir heiliger ſeid, als Alles!“ Das Fenſter ſchloß ſich und bald nachher wurde oben ein Licht ſichtbar. Eine Minute ſpäter öffnete Mynheer Poots' Tochter die Thüre. Sie ſtand mit dem Lichte in der rechten Hand da, und die Farbe ihrer Wangen wechſelte vom tiefſten Roth bis zur Leichen⸗ bläſſe. Ihre Linke, in der ſie eine Piſtole halb verborgen hielt, hing an ihrer Seite nieder. Philipp bemerkte dieſe Vorſichtsmaß⸗ regel, achtete aber nicht darauf und ſuchte ſie zu beruhigen. „Jungfrau,“ ſagte er, ohne einzutreten,„wenn Ihr noch immer Bedenken tragt— wenn Ihr es nicht für geheuer haltet, mich ein⸗ zulaſſen, ſo iſt es noch Zeit, die Thüre wieder zu ſchließen; aber um Eurer ſelbſt willen bitte ich Euch, es nicht zu thun. Noch ehe der Mond aufgeht, werden die Räuber hier ſein, und wenn Ihr mir nur Vertrauen ſchenkt, will ich Euch mit meinem Leben be⸗ ſchützen. Wer könnte auch einem Weſen, wie Ihr ſeid, etwas zu Leide kehu 24 Wie ſie ſo daſtand, unſchlüſſig und verwirrt durch die Eigen⸗ thümlichkeit ihrer Lage, obgleich es ihr für den Fall der Noth nicht an Muth gebrach— erſchien ſie wirklich als ein Gegenſtand, wel⸗ cher einer ſtaunenden Bewunderung würdig war, und dieſen Ein⸗ druck übte ſie auch auf Philipp, als ihre Züge, von dem im Winde flackernden Lichte beleuchtet, bald mit Beſtimmtheit, balb mehr ſſchattenhaft hervortraten und lieblich gegen die Anmuth ihrer F Form und gegen das Auffallende ihrer Tracht abſtachen. Ihr Kopf n war 3 4* 52 unbedeckt und ihr langes Haar fiel in reichen Flechten über die Schulter nieder. Ihre Figur war nicht ganz von Mittelgröße, verrieth aber das vollkommenſte Ebenmaß, und ihre einfache, aber anſtändige Kleidung war ganz verſchieden von der, welche die Mäd⸗ chen der Umgegend zu tragen pflegten. Nicht nur der Schnitt ihres Geſichtes, ſondern auch ihr Anzug würde jeden Fremden mit einemmale belehrt haben, daß ſie aus arabiſchem Blute ſtammte. Während Philipp ſprach, ſah ſie ihm ängſtlich in's Antlitz, als wolle ſie in ſeiner tiefſten Seele leſen; aber die offene Freimüthigkeit in ſeiner Haltung und die Biederkeit in ſeinem männlichen Geſichte beruhigte ſie. „Kommt herein, Herr,“ entgegnete ſie nach einem kurzen Stok⸗ een;„ich fühle, daß ich Euch trauen kann.“ Philipp entſprach der Aufforderung. Die Thüre wurde ſodann verſchloſſen und verriegelt.— „Wir haben keine Zeit zu verlieren, Jungfrau,“ ſagte Philipp; „aber nennt mir Euren Namen, damit ich Euch gebührend an⸗ reden kann.“ „Ich heiße Amine,“ verſetzte ſie ein wenig zurückweichend. „Ich danke Euch für dieſes kleine Vertrauen. Doch wir haben keine Zeit zu verlieren. Was für Waffen habt Ihr im Hauſe, und ſeid Ihr mit Munition verſehen?“ 3 „Beides iſt vorhanden. Ach, wenn doch mein Vater zu Hauſe wäre.“ „Ich wünſchte es gleichfalls,“ entgegnete Philipp. Hätten wir ihn doch hier, ehe dieſe Mörder kommen. Hoffentlich zeigt er ſich— aber nicht während des Angriffs, denn eine Büchſe iſt ausdrücklich für ſeinen Kopf geladen, und wenn ſie ihn zum Gefangenen machen, werden ſie ſein Leben nicht ſchonen, es ſei denn, daß er ſein Gold und Eure Perſon als Löſegeld zahle. Doch die Waffen, Jungfrau — wo ſind ſie?“ „Folgt mir,“ entgegnete Amine, Philipp nach einem innern - 53 Zimmer im oberen Stocke führend. Es war das Heiligthum ihres Vaters und auf den Simſen ſtanden gefüllte Flaſchen und Arznei⸗ kapſeln umher. In einer Ecke befand ſich eine eiſerne Kiſte, und über dem Kaminmantel hingen ein paar Büchſen neben drei Piſtolen. „Sie ſind alle geladen,“ bemerkte Amine darauf hindeutend, indem ſie zugleich die Piſtole auf den Tiſch legte, die ſie in der Hand gehalten hatte. Philipp nahm die Waffen herunter und unterſuchte ſämmtliche Zündpfannen. Dann ergriff er auch die auf dem Tiſche liegende Piſtole und fand, daß ſie ſich gleichfalls in kampffähigem Stande be⸗ fand. Als er die Pfanne wieder ſchloß, bemerkte er mit einem Lächeln: „Dieſe ſollte alſo mir gelten, Amine?“ „Nein— nicht Euch— ſondern einem Verräther, der ſich mög⸗ licherweiſe Eingang verſchaffen konnte.“ „Wohlan, Jungfrau!“ entgegnete Philipp,„ich will meinen Poſten an dem Fenſter einnehmen, das Ihr geöffnet habt; aber im Zimmer darf kein Licht brennen. Ihr mögt hier bleiben und könnt zu Eurer Sicherheit den Schlüſſel umdrehen.“ „Ihr kennt mich wenig,“ verſetzte Amine,„und mißdeutet meine Furcht; ich muß neben Euch bleiben und die Waffen wieder laden— ein Geſchäft in dem ich wohl geübt bin.“ „Nicht och, erwiederte Philipp,„Ihr könntet Schaden nehmen.“ „Und! enn auch, glaubt Ihr, ich werde hier müßig bleiben, wenn ich einem Manne eiſtand leiſten kann, der ſein Leben für mich einſetzt. Ich teine Pflicht und werde ſie erfüllen.“ „Ihr dür cht blosſtellen, Amine,“ ſagte Philipp; „mein Ziel wir ſicher ſein, wenn ich weiß, daß Ihr in Ge⸗ fahr ſeid. Do⸗ ch jetzt muß ich die Waffen in das andere Gemach nehmen, denn die Zeit iſt gekommen.“ Philipp brachte die Büchſen und Piſtolen unter Amine’s Bei⸗ ſtand in das anſtoßende Zimmer; dann entfernte ſich Letztere das Lgen mit ü 1 forinemen. Sobald Philipy allein war, öffnete er 54 das Fenſter und ſah hinaus, ohne daß ſich etwas blicken ließ; dann horchte er, aber Alles war ſtumm. Der Mond erhob ſich eben mit — gedämpftem Lichte über einen fernen Berg, während flockige Wolken den Horizont überzogen. Philipp ſpähete einige Minuten und ver⸗ nahm endlich unten ein Geflüſter. Er blickte hinaus und konnte jetzt im Dunkeln die vier Räuber unterſcheiden, die dicht an der Thüre des Hauſes ſtanden. Leiſe von dem Fenſter wegtretend, be⸗ gab er ſich in das Nebengemach zu Amine, die er mit Zurichtung der Munition beſchäftigt fand. „Amine, ſie berathen ſich unten an der Thüre. Ihr könnt ſie jetzt ohne Gefahr ſehen und Euch überzeugen, daß ich Euch die Wahrheit geſagt habe.“ Amine erwiederte nichts, ſondern ging in das Vorderzimmer und ſah zum Fenſter hinaus. Dann kehrte ſie zurück, legte ihre Hand auf Philipp's Arm und ſagte: „Vergebt mir meine Zweifel. Ich fürchte jetzt nur noch, mein 1 Vater möchte zu bald zurückkehren und von den Räubern ergriffen werden.“ „Philipp verließ das Zimmer abermals, um ſich auf Kundſchaft zu legen. Es gewann den Anſchein, als könnten die Räuber zu kei⸗ nem Entſchluſſe kommen— die Stärke der Thüre bot allen ihren Bemühungen Trotz, weßhalb ſie jetzt eine Liſt verſuchten. Sie klopf⸗ † ten und als keine Antwort erfolgte, ſetzten ſie den Lärn n noch lauter fort. Da auch dies zu keinem Reſultate führte, hielten ſie abermals eine Berathung, worauf ſie die Müͤndung chſe an das Schlüſ⸗ ſelloch legten und das Gewehr abfeuerten. Das Schloß der Thüre wich, aber die eiſernen Riegel, die an der Inne angebracht waren, leiſteten noch immer Wider Obgleich Philipp berechtigt geweſen wäre, ſchon während d der erſten Conſultation an der Thüre auf die Räuber Feuer zu geber vermeidet es doch ein edler Sinn ſtets, ein Menſchenleben anders, im äußerſten Nothfalle zu zerſtören; dieſes Geich ehrte ihm, 1 3 ſeinen Waffen Gebrauch zu machen, bis die Feindſeligkeiten wirklich begannen. Jetzt aber legte er eine Büchſe gegen den Kopf des am nächſten bei der Thüre ſtehenden Räubers an, welcher eben eifrig die Wirkung ſeines Schuſſes und die Natur der weiteren Hinderniſſe unterſuchte. Das Ziel war gut genommen und der Mann ſiel todt zuſammen, während die Andern von dieſer unerwarteten Vergeltung überraſcht, zurückfuhrhen. Dann aber wurde auf Philipp, der noch immer unter dem Fenſter lehnte, eine Piſtole abgefeuert, ohne jedoch zu treffen, und im nächſten Augenblicke fühlte ſich unſer Held zurück und aus dem Bereich der feindlichen Kugeln gezogen, eine Auf⸗ merkſamkeit, die ihm von Amine erwieſen wurde, welche, ohne daß er darum wußte, an ſeine Seite getreten war. „Ihr dürft Euch nicht in dieſer Weiſe ausſetzen, Philipp, ſagte ſie in gedämpftem Tone. „Sie hat mich Philipp genannt,“ dachte er, ohne jedoch eine Antwort zu geben. „Sie werden Euch jetzt wieder am Fenſter erwarten,“ fuhr Amine fort.„Nehmt die andere Büchſe und geht in die Hausflur hinunter. Wenn das Schloß der Thüre abgeflogen iſt, ſo langen ſie vielleicht mit ihren Armen herein, um den Riegel zurückzuſchieben. Ich glaube zwar nicht, daß es ihnen gelingen wird, kann's aber doch nicht mit Sicherheit behaupten. Jedenfalls iſt es beſſer, wenn Ihr unten ſeid, weil man Euch dort am wenigſten erwartet.“ „Ihr habt Recht,“ verſetzte Philipp, indem er hinunterging. „Ihr müßt übrigens nicht mehr, als einmal Feuer geben. Wenn noch einer fällt, haben wir's nur noch mit Zweien zu thun, welche nicht zugleich auf das Fenſter Acht geben und ſich Eingang verſchaf⸗ fen können. Geht, ich will inzwiſchen die Büchſen wieder laden.“ Phitipp ſchlich leiſe und ohne Licht hinunter. An der Thüre bemerkte er, daß einer der Elenden durch die Schloßöffnung ſeinen Arm hereinſtreckte und bemüht war, den obern eiſernen Riegel zurück⸗ zuſchieben, welchen er eben erreichen konnte. Philipp legte an und 1 war eben im Begriffe, ſeine ganze Ladung dem Räuber unter den erhobenen Arm zu geben, als er die Andern draußen ſchießen hörte. „Amine hat ſich am Fenſter blicken laſſen,“ dachte Philipp, „und iſt vielleicht verwundet.“ Das Verlangen nach Nache veranlaßte ihn, zuerſt ſeine Kugel in den Leib des Mannes zu jagen; dann aber flog er die Treppen hinauf, um ſich von Aminen's Zuſtande zu überzeugen. Sie war nicht am Fenſter. Er ſtürzte in das innere Zimmer und fand, daß ſie bedächtig die Büchſen lud. „Mein Gott! wie Ihr mich erſchreckt habt, Amine! Ich glaubte, das Feuern draußen rühre von dem Umſtande her, daß Ihr Euch am Fenſter gezeigt hättet.“ „Nein das war gewiß nicht der Fall; aber ich meinte, wenn Ihr durch die Thüre ſchöſſet, könnten ſie Euer Feuer erwiedern und Euch beſchädigen. Ich ging daher an die Seite des Fenſters, ſtreckte an einem Stock etliche Kleider meines Vaters vor, und da die Räuber auf der Lauer lagen, ſo machten ſie augenblicklich von ihren Waffen Gebrauch.“ 1 „Wahrhaftig, Amine, wer hätte auch ſo viel Muth und Be⸗ ſonnenheit bei einem ſo jungen und ſchönen Weſen erwartet!“ rief Philipp überraſcht. „So ſind alſo nur die von der Natur vernachläſſigten Leute tapfer?“ entgegnete Amine lächelnd. d „Das wollte ich nicht ſagen, Amine— aber ich verliere Zeit und muß wieder nach der Thüre hinunter. Gebt mir die andere Büchſe und ladet dieſe aufs Neue.“— Philipp ſchlich abermals die Treppe hinunter, um zu recog⸗ nosciren; ehe er jedoch die Thüre erreicht hatte, hörte er in der Ferne die Stimme von Mynheer Poots. Amine, der die Annähe⸗ rung ihres Vaters gleichfalls nicht entgangen war, befand ſich im Nu an der Seite unſres Helden und hielt in jeder Hand eine ge⸗ ladene Piſtole. 3 4 57 „Fürchtet nichts, Amine,“ ſagte Philipp, während er die Thüre entriegelte;„es find nur ihrer zwei, und Euer Vater ſoll gerettet werden.“. Die Thüre ging auf und Philipp ſtürzte mit ſeiner Büchſe hinaus; er fand Mynheer Poots zwiſchen den beiden Räubern auf dem Boden liegend. Einer davon hatte eben ſein Meſſer erhoben, um es ſeinem Opfer in den Leib zu bohren, als eine Kugel durch ſeinen Schädel ſauste. Der letzte Räuber wurde nun mit Philipp handgemein und es folgte ein verzweifelter Kampf, der jedoch bald dadurch entſchieden wurde, daß Amine vortrat und dem Strauch⸗ dieb eine Piſtolenkugel in den Leib jagte. Wir müſſen hier un⸗ ſeren Leſern bemerken, daß Mynheer Poots auf dem Heimwege den Knall von Feuerwaffen vernahm, der aus der Richtung ſeiner ei⸗ genen Hütte herkam. Die Erinnerung an ſein Geld und ſeine Tochter— denn wir müſſen ihm die Gerechtigkeit widerfahren laſ⸗ ſen, daß er ſie zärtlich liebte— liehen ihm Schwingen; er ver⸗ gaß, daß er ein waffenloſer, ſchwacher, alter Mann war und dachte an nichts, als ſeine Wohnung zu erreichen. Rückſichtslos und wie ein Wahnſinniger brüllend, eilte er her⸗ ü ie Arme der beiden Räuber, welche ihn ergriffen aben würden, wäre nicht Philipp ſo gelegen zu ſtand herbeigekommen. etzte Räuber gefallen war, machte er ſich los, um Mynheer Poots zu unterſtützen, den er auf ſeine Arme nahm, und einem Kinde gleich in's Haus trug. Der alte Mann befand ſich in Folge der Angſt und der vorausgehenden Aufregung noch immer in einem Zuſtande von Delirium. Es ſtund einige Minuten an, ehe Mynheer Poots zuſammenhängend ſprechen konnte.„Meine Tochter!“— rief er—„meine Tochter! wo iſt ſie?“ „ Hier, Vater,“ entgegnete Amine.„Gott ſei Dank, ich habe keinen Schaden genommen.“ „Ach! mein Kind iſt unbeſchädigt, ſagte er, ſeine Augen weit 58 aufreißend.„Ja, es iſt ganz recht,— und mein Geld— mein Geld— wo iſt mein Geld?“— fügte er auffahrend bei. „Ganz geborgen, Vater.“ „Ganz geborgen— du ſagſt ganz geborgen— weißt du es auch gewiß?— Laß mich ſehen.“ „Hier iſt es, Vater, wie Ihr bemerken werdet— unange⸗ taſtet. Dankt es einem Manne, den Ihr nicht ſo gut behan⸗ delt habt.“ „Wem?— Was meinſt du damit?— Ach ja, ich ſehe ihn jetzt— es iſt Philipp Vanderdecken— er iſt mir vierthalb Gül⸗ den ſchuldig, und dann iſt auch noch die Flaſche— hat er dich gerettet und mein Geld?“ „Allerdings, und zwar mit Gefährdung ſeines eigenen Lebens.“ „Gut, gut; ich will ihm die ganze Schuld erlaſſen— ja, † die ganze Schuld; aber das Fläſchchen— es iſt ihm doch nichts nütz — das muß er mir wieder zurückgeben. Bring mir ein wenig Waſſer.“ Es ſtund einige Zeit an, ehe der alte Mann wieder völlig zur Beſinnung kam. Philipp ließ ihn mit ſeiner Tochter allein geladene Piſtolen, um über den Zuſtand der wißheit einzuholen. Der Mond hatte ſich i en über den Wolkenſaum erhoben und ſtrahlte in lichter Klar Himmel, ſo daß ſich in ſeinem Scheine Alles unterſcheiden Die beiden mein paar tuber Ge⸗ 4 Männer an der Thürſchwelle waren todt, die Andern aber, welche Mynheer Poots ergriffen hatten, noch am Leben, obſchon der Eine im Sterben lag, der Andere aber aus einer ſchweren Wunde blu⸗ tete. Philipp ſtellte an Letzteren einige Fragen, die jedoch derſelbe entweder nicht beantworten mochte, oder konnte. Unſer Held nahm daher die Waffen der Räuber an ſich und kehrte nach dem Hauſe zurück, wo er den alten Mann, der von ſeiner Tochter gepflegt wurde, in einer verhältnißmäßigen Faſſung antraf. 2 4 59 „Ich danke Euch, Philipp Vanderdecken— ich danke Euch ſehr. Ihr habt mein liebes Kind gerettet— und mein Geld— zs iſt freilich nur wenig,— ſehr wenig— denn ich bin arm. Mögt Ihr lange und glücklich leben.“ Philipp verſank in ein Brüten. Der Brief und ſein Gelübde tauchten jetzt zum erſtenmale, ſeit er mit den Räubern zuſammen getroffen, in ſeiner Erinnerung auf und ein düſterer Schatten über⸗ flog ſeine Züge. „Lange und glücklich?— Nein, nein,“ murmelte er mit einem unwillkührlichen Kopfſchütteln. „Und ich muß Euch gleichfalls danken,“ ſagte Amine, for⸗ ſchend in Philipps Geſicht blickend.„Oh, wie tief bin ich Euch verpflichtet! In der That, ich werde es nie vergeſſen. „Ja, ja, ſie wird es Euch ihr Leben lang Dank wiſſen,“ fiel ihr der alte Mann in's Wort;„aber wir ſind arm,— ſehr arm. Ich habe von meinem Geld geſprochen, weil ich ſo wenig beſitze und einen Verluſt nicht verſchmerzen könnte. Die vierthalb Gülden braucht Ihr mir jedoch nicht zu bezahlen— dieſe will ich gerne verlieren, Herr Philipp.“ „Und warum auch nur dieſe verlieren, Mynheer Poots? Ich verſprach, Euch zu bezahlen, und werde mein Wort halten. Ich habe Geld genug— Tauſende von Gülden und weiß nicht, was ich damit anfangen ſoll.“. 1 „Ihr— Ihr— Tauſende von Gülden?“ rief Poots.„Bah, Unſinn! Das macht Ihr mir nicht weiß.“ „Ich wiederhole es Euch, Amine,“ ſagte Philipp,„daß ich Tauſende von Gülden beſitze. Ihr wißt, daß ich Euch keine Lüge ſagen würde.“ Hsluubte Euch ſchon, als Ihr es meinem Vater ſagtet,“ 60 Amine legte jedoch die Hand auf ihres Vaters Lippen und der Satz wurde nicht beendigt. A „Vater,“ ſagte das Mädchen.„Es iſt Zeit, daß wir uns 4 uriczlehen Ihr müßt uns für dieſe Nacht verlaſſen, Philipp.“ „Nein, das will ich nicht,“ verſetzte Philipp,„und ebenſo we⸗ nig gedenke ich mich dem Schlafe hinzugeben. Ihr beide mögt ruhig zu Bette gehen, denn es iſt in der That hohe Zeit. Gute Nacht, Mynheer Poots. Ich will nur um eine Lampe bitten und dann Euch allein laſſen.— Gute Nacht, Amine.“ „Gute Nacht,“ erwiederte Amine ihre Hand ausſtreckend,„und tauſend, tauſend Dank.“. „Tauſende von Gülden!“ murmelte der alte Mann, während Philipp das Zimmer verließ und hinunterging. Fünftes Kapitel. PVhitiop Vanderdecken ſetzte ſih unter die Vorhalle der Thüre und ſtrich ſich das Haar aus der Stirne, welche er dem Fächeln des Windes preisgab, denn die fortgeſetzte Aufregung der letzten drei Tage hatte in ſeinem Gehirne ein Fieber erzeugt, das ihn unruhig und verwirrt machte. Er ſehnte ſich nach Ruhe, wußte aber wohl, daß dieſe für ihn nicht vorhanden war. Finſtere Ah⸗ nungen bedrängten ihn, und in der Zukunft ſah er blos eine lang fortgeſetzte Kette von Unglück und Gefahr ſelbſt bis zum aber ſeine Seele blieb frei von Furcht. Es war ihm, als erſt ſeit drei Tagen ſein Daſein begonnen, das zwar traurig, nicht unglücklich war. Ohne Unterlaß kehrten ſeine Gedanken zu X△ 61 dem verhängnißvollen Briefe zurück, deſſen ſeltſames Verſchwinden entſchieden auf einen übernatürlichen Urſprung und auf den Umſtand hinzudeuten ſchien, daß die Botſchaft nur ihm allein zugedacht ge⸗ weſen ſei. Die Reliquie in ſeinem Beſitze beſtätigte dieſe That⸗ ſache nur noch mehr. 2 8 „Es iſt mein Geſchick, meine Pflicht,“ dachte Philipp. Nachdem er zu dieſem genügenden Entſchluſſe gekommen war, kehrten ſeine Gedanken wieder zu der Schönheit, dem Muthe und der Geiſtesgegenwart zurück, welche Amine an den Tag gelegt hatte. „Iſt wohl das Geſchick dieſes ſchönen Weſens beſtimmt, ſich mit dem meinigen zu verflechten?“ ſagte er zu ſich ſelber, als er dem Monde nachblickte, der hoch am Himmel dahin ſchwebte. .„Die Ereigniſſe der letzten drei Tage könnten faſt dieſe Vermuthung reechtfertigen, doch dies liegt in der Hand des Allmächtigen, und Sein Wille geſchehe. Ich habe feierlich gelobt, und mein Gelübde ſſ aufgezeichnet worden, daß ich mein Leben der Erlöſung meines unglücklichen Vaters weihen will— aber hindert mich dies, Aminen 3 zu lieben? Nein, nein; der Matroſe der indiſchen Meere kann Monate lang am Lande zubringen, eh' es ihm möglich wird, zu ſeinem Dienſte zurückzukehren. Ich habe mein Ziel auf dem weiten Weltmeere aufzuſuchen, aber wie oft muß ich nicht vielleicht wieder zurück, und warum ſollte ich mir den Troſt einer lächelnden Hei⸗ 2 math verſagen?— Und doch— handle ich recht, wenn ich um die Neigung eines Weſens werbe, dien wie ich überzeugt bin, in 3 ihrer Liebe ſo innig, treu und zärtlich ſein würde?— Darf ich ſie überreden, ſich einem Menſchen zuzugeſellen, deſſen Leben ſo un⸗ gewiß iſt?— Aber iſt nicht das Leben eines jeden Seemanns un⸗ gewiß— muß er nicht den erzürnten Wogen Trotz bieten, während nur eine zolldicke Planke zwiſchen ihm und dem Tode liegt? Zudem bin ich erleſen, eine Aufgabe zu erfüllen— und wenn dem ſo iſt, was kann mich beſchädigen, bis ich ſie vollſtreckt habe in der vom 62 Himmel dafür beſtimmten Zeit? Aber wann, und wie wird dieſe enden?— Im Tode? Ich wollte, mein Blut wäre ruhiger, damit ich beſſer erwägen könnte.“ 6 Mit derartigen Betrachtungen trug ſich Philipp Vanderdecken geraume Zeit. Endlich grauete der Tag, und weniger achtſam, ſobald er das Glühen des Horizonts entdeckte, ſchlummerte Philipp auf ſeinem Poſten ein. Ein leichter Druck auf die Schulter ſchreckte ihn wieder auf und er zog die Piſtole aus ſeiner Bruſt. Als er ſich umwandte, bemerkte er Amine. „Dieſe Piſtole ſollte alſo mir gelten?“ ſagte Amine lächelnd, indem ſie Philipps Worte vom vorigen Abend wiederholte. „Euch, Amine? Ja— Euch, zu Eurem abermaligen Schutze nämlich, falls es nöthig wäre.“ „Ich bin davon überzeugt D wie freundlich iſt es von Euch, nach ſo viel Anſtrengung und Erſchöpfung die lange Nacht durch zu wachen! Aber es iſt jetzt heller Tag.“ Bis ich die Morgenröthe aufdämmern ſah, Amine, war ich ein treuer Hüter.“ „Aber jetzt müßt Ihr heraufkommen und Euch ein wenig aus⸗ ruhen. Mein Vater iſt bereits aufgeſtanden— Ihr könnt Euch auf ſein Bett niederlegen.“ „Ich danke Euch, fühle mich aber nicht ſchläfrig. Es gibt noch viel zu thun. Wir müſſen zu dem Bürgermeiſter gehen und den Vorfall anzeigen. Auch dürfen dieſe Leichname nicht entfernt werden, bis das Ganze bekannt gemacht iſt. Will Euer Vater gehen Amine, oder ſoll ichs thun?“ „Mein Vater iſt, als der Eigenthümer des Hauſes, unſtreitig die paſſendere Perſon. Ihr müßt bleiben und, wenn Ihr nicht ſchlafen wollt, einige Erfriſchung zu Euch nehmen. Ich will hinein⸗ gehen und meinen Vater davon in Kenntniß ſetzen; er hat bereits gefrühſtückt.“ 1. 4 8 „ ——— — — —-— nicht ſich 63 Amine begab ſich in's Haus und kehrte bald mit ihrem Vater zurück, der ſich bereitwillig zeigte, zu dem Bürgermeiſter zu gehen. Er grüßte Philipp freundlich, ſchauderte aber, als er an den Leichen vorbeikam, und verfügte ſich raſchen Schritts nach der nahe gele⸗ genen Stadt, wo der Bürgermeiſter wohnte. Amine forderte Philipp auf, ihr zu folgen; ſie begaben ſich in das Zimmer des Arztes, wo der junge Mann zu ſeiner Ueberra⸗ ſchung etwas Kaffee für ſich bereit fand; ein derartiges Frühſtück war nämlich in jener Zeit eine Seltenheit, die Philipp in dem Hauſe des filzigen Mynheer Poots nicht zu finden erwartete— indeß hatte ſich der alte Mann in ſeinem früheren Leben ſo ſehr an dieſen Genuß gewöhnt, daß er deſſelben nicht gut entrathen konnte. 4 Philipp, der in den letzten vierundzwanzig Stunden faſt Nichts zu ſich genommen hatte, ſprach ohne Bedenken dem ihm vorgeſetzten Frühmahle zu. Amine ſetzte ſich ſtumm ihm gegenüber. „Amine,“ begann Philipp endlich,„während meiner Nacht⸗ wache habe ich reichlich Zeit zu Erwägungen gehabt. Darf ich mich offen ausſprechen?“ „Warum nicht?“ verſetzte Amine.„Ich fühle mich überzeugt. daß Ihr Nichts reden werdet oder überhaupt nur reden könnt, was 8 das Ohr einer Jungfrau nicht hören dürfte.“ „Ihr laßt mir nur Gerechtigkeit widerfahren, Amine. Meine Gedanken haben ſich mit Euch und Eurem Vater beſchäftigt. Ihr könnt nicht länger in dieſem innen auſt weilen.“ „Ach, es iſt freilich zu einſam— das heißt für ſeine Sicher⸗ heit— vielleicht auch für die meinige— aber Ihr kenn’t meinen Vater— gerade dieſe Abgeſchiedenheit ſagt ihm zu, der Miethzins iſt nur gering und er ſcheut größere Ausgaben.“ „Wen ſein Geld ſo ſehr am Herzen liegt, der ſollte es auch an einem ſichern Orte unterbringen— und der gegenwärtige iſt der. Hört mich an, Amine. Wie Ihr wahrſcheinlich wißt, 64 habe ich ein Wohnhäuschen, das von vielen andern umgeben iſt, welche ſich gegenſeitig ſchützen. Ich verlaſſe es— vielleicht für immer, denn ich gedenke mit dem erſten Schiffe in die indiſchen Meere auszufahren.“ „In die indiſchen Meere? und warum dies? Habt Ihr nicht erſt in der letzten Nacht geſagt, daß Ihr im Beſitze von mehreren tauſend Gülden ſeid?“ „Das hat ganz ſeine Richtigkeit; aber Amine, ich muß fort — meine Pllicht ruft mich. Fragt mich nicht weiter, ſondern hört, was ich Euch jetzt vorſchlage. Euer Vater muß meine Wohnung beziehen und in meiner Abweſenheit für ſie Sorge tragen; er er⸗ 4 weist mir durch ſeine Einwilligung einen Gefallen und Ihr werdet ihm zureden. Ihr ſeid dort ſicher. Er mag auch mein Geld in ſeine Obhut nehmen— ich brauche es vorderhand nicht und kann es auch nicht mit mir nehmen.“ „Meinem Vater iſt nicht gut fremdes Geld anvertrauen.“ „Aber warum ſcharrt er auch zuſammen? Er kann ſein Geld doch nicht mitnehmen, wenn er abgerufen wird. Es iſt alſo für Euch— und ſollte in dieſem Falle mein Geld nicht in ſicherer Hand ſein?“ „So überlaßt es meiner Sorge, und es ſoll gut aufbewahrt bleiben. Aber wozu habt Ihr nöthig, Euer Leben auf dem Waſſer in Gefahr zu ſetzen, wenn Euch ſo reichliche Mittel zu Gebote ſtehen?“. „Amine, fragt mihh i rüber nicht, denn ich kann Euch— wenigſtens vorderhand nicht weiter ſagen, als daß ich die Pflicht eines⸗ Sohnes zu erfüllen habe?“ Wenn von einer Verpflichtung die Rede iſt, ſo will ich nicht weiter in Euch dringen. Es war nicht blos weibliche Neugierde, nein, nein— ſondern ein beſſeres Gefühl, glaubt mir, was mich veranlaßte, die Frage zu ſtellen.“ „Und welcher Art wäre dieſes Gefühl, Amine?“ 4 — 65 ,3) weiß es ſelbſt kaum— vielleicht eine Miſchung vieler guten Gefühle— Dankbarkeit, Achtung, Vertrauen, Zuneigung. Sind dieſe nicht hinreichend?“ „Allerdings, Amine— und jedenfalls ſind ſie ein reicher Ge⸗ winn nach einer ſo kurzen Bekanntſchaft; aber auch ich empfinde ſie für Euch und noch viel mehr. Wie dem übrigens ſein mag, wenn Ihr alles dies für mich fühlt, ſo erweist mir den Gefallen, Euren Vater zu bereden, daß er heute noch dieſes einſame Haus verlaſſe und das meinige beziehe.“ „Und wohin wolltet dann Ihr gehen?“ „Wenn mich Euer Vater für die kurze Zeit meines Hierblei⸗ bens nicht als Hausgenoſſen haben will, kann ich irgendwo anders ein Obdach ſuchen; läßt er ſich aber geneigt ſinden, ſo will ich ihn gut entſchädigen,— das heißt, falls Ihr nichts dagegen habt, daß ich noch einige Tage in dem Hauſe bleibe.“ „Warum ſollte ich auch? Unſere Wohnung iſt nicht länger ſicher und Ihr bietet uns Schutz an. Es wäre in der That höchſt unrecht und undankbar, Euch von Eurem Herde zu vertreiben.“ „So redet ihm zu, Amine. Ich verlange keinen Miethzins, ſondern betrachte es als eine Gunſt, da ich nur mit Bekümmerniß ſcheiden könnte, wenn ich Euch nicht in Sicherheit wüßte.— Wollt Ihr mir's verſprechen? 2 „Ich will mir alle Mühe geben— ja— ich kann Euch ſchon jetzt ſagen, daß es geſchehen wird, denn ich kenne meinen Einfluß. Hier meine Hand darauf. Wird Euch dies zufrieden ſtellen?“ Philipp nahm die ihm dargebotene kleine Hand. Seine Ge⸗ fühle überwältigten ſeine Klugheit; er führte ſie nach ſeinen Lip⸗ pen. Um ſich zu überzeugen, ob Amine nicht unwillig ſei, blickte er zu ihr auf und fand ihr dunkles Auge auf ſich geheftet; wie früher, als ſie ihn einließ, ſchien ſie in ſeiner Seele leſen zu wollen — die Hand aber wurde nicht zurückgezogen. Marryat. Der fliegende Holländer. 5 5 5 „In der That, Amine,“ ſagte Philipp, die Hand des Mäd⸗ chens abermals küſſend,„Ihr dürft auf mich bauen.“ .„Ich hoffe,— ich glaube— ja, ich bin überzeugt davon,“ entgesnete ſie endlich. Philipp ließ ihre Hand los. Amine kehrte nach ihrem Sitze zurück und ſchwieg eine Weile in ernſtem Nachſinnen. Auch Philipp hatte ſeine Gedanken und blieb ſtumm. Endlich begann Amine— „Ich glaube von meinem Vater gehört zu haben, daß Eure Mutter ſehr arm war— ein wenig heruntergekommen— und daß ſich in Eurem Hauſe eine Stube befinde, welche viele Jahre ver⸗ ſchloſſen gehalten wurde.“ „Sie war verſchloſſen bis geſtern.“ „Und dort habt Ihr Euer Geld gefunden? War denn Eurer Mutter nichts davon bekannt?“ „Allerdings, denn ſie machte mir auf ihrem Sterbebette die betreffende Mittheilung.“ „So muß ſie wohl gewichtige Gründe gehabt haben, das Ge⸗ mach nicht zu öffnen?“ „Und welcher Art waren dieſelben, Philipp?“ fragte Amine in weichem und gedämpftem Tone.. „ Ich darf nicht davon ſprechen— ſollte wenigſtens nicht. Es genüge Euch übrigens, wenn i ſage, daß es die Furcht vor einer Erſcheinung war.“ „Vor einer Erſcheinung?“ „Sie ſagte, mein Vater ſei ihr erſchienen.“ „Und glaubt Ihr, daß es wirklich der Fall war, Philipp?“ „Ich zweifle nicht im Mindeſten daran. Aber jetzt kann ich auf Eure Fragen nicht weiter antworten, Amine. Das Gemach iſt wieder geöffnet, und es ſteht nicht zu beſorgen, daß ſich aber⸗ mals eine Spuckgeſtalt zeige.“ „Ich fürchte mich nicht davor,“ verſetzte Amine nachfnnende — 67 „Aber,“ fuhr ſie nach einer Weile fort,„hängt dies vielleicht mit Eurem Entſchluſſe, auf die See zu gehen, zuſammen?“ „Ich will Euch ſo weit antworten, daß jener Vorfall der Beweggrund iſt, der mich veranlaßt, zur See zu gehen; jetzt aber bitte ich, nicht mehr in mich zu dringen. Es iſt ſchmerzlich, Euch etwas abzuſchlagen, und meine Pflicht verbietet mir, mich weiter darüber auszulaſſen.“ Einige Minuten blieben Beide ſtumm, bis endlich Amine wieder anhub: 1 8 „Ihr wart gar ſo ängſtlich, Euch bieder zu dem Beſitz jener Reliquie zu verhelfen, daß ich mich des Gedankens nicht erwehren kann, ſie ſtehe in einer Beziehung zu Eurem Geheimniſſe. Iſt es nicht ſo?“ „Ich will Euch auch dieſe letzte Frage noch beantworten, Amine — ja, ſie hängt mit meinem Geheimniſſe zuſammen; aber jetzt verſchont mich.“ Pphilipps derbe und faſt rohe Weiſe in Beendigung ſeiner Rede ging an Amine nicht verloren, welche erwiederte: „Ihr ſeid ſo ſehr von anderen Gedanken in Anſpruch genom⸗ men, daß Ihr das Compliment nicht zu fühlen ſcheint, welches in dem Umſtande liegt, daß ich ſoviel Intereſſe an Euch nehme.“ „Doch— ja— ich fühle es, und bin Euch auch dankbar dafür, Amine. Vergebt mir meine Barſchheit, aber vergeßt nicht, daß das Geheimniß nicht mein Eigenthum iſt— wenigſtens ſcheint es mir ſo. Gott iſt mein Zeuge, wie ſehr ich wünſchte, es ſelbſt auch nicht zu kennen, denn es hat alle meine Lebenshoffnungen vernichtet.“ Philipp ſchwieg, und als er ſeine Augen wieder erhob, fand er/ daß Aminens Blicke auf ihm hafteten. „Wollt Ihr meine Gedanken leſen, Amine, oder mein Ge⸗ heimniß?“ „Eure Gedanken vielleicht, nicht aber Euer Geheimniß. Den⸗ 68 noch thut es mir leid, daß es Euch augenſcheinlich ſo ſchwer be⸗ drückt. Es muß in der That furchtbar ſein, daß es einen Geiſt wie den Eurigen alſo niederzudrücken im Stande iſt.“ „Wo habt Ihr gelernt, ſo muthig zu ſein, Amine?“ fragte Philipp, um den Gegenſtand des Geſprächs zu wechſeln. „Die Umſtände machen den Menſchen muthig oder verzagt. Wer an Schwierigkeiten und Gefahren gewöhnt iſt, fürchtet ſie nicht mehr.“ „Und wo ſind Euch Gefahren begegnet, Amine?“ „In dem Lande, in welchem ich geboren bin, nicht an dieſem meinem ſpäteren, feuchten und ſumpfigen Aufenthaltsorte.“ „Wollt Ihr mir die Geſchichte Eures früheren Lebens anver⸗ trauen, Amine? Ich kann verſchwiegen ſein, wenn Ihr es wünſcht.“ „Daß Ihr verſchwiegen ſein könnt, vielleicht auch gegen meinen Wunſch, habt Ihr mir bereits bewieſen,“ verſetzte Amine lächelnd;„indeß ſeid Ihr immerhin berechtigt, Etwas von dem Leben zu erfahren, das Ihr gerettet habt. Ich kann Euch nicht viel ſagen, aber auch dieſes Wenige wird zureichend ſein. Mein Vater wurde, als er noch ein Knabe war, am Borde eines Handels⸗ ſchiffes von den Mauren genommen und von Letzteren in ihrem Lande an einen Hakim oder Arzt als Sklave verkauft. Der Maure, dem die Talente meines Vaters gefielen, bildete ihn zu ſeinem Ge⸗ hülfen heran, und dieſem Manne verdankt mein Vater ſeine Kennt⸗ niſſe. Im Laufe einiger Jahre ſtand er ſeinem Meiſter nicht mehr nach, durfte aber als Sklave nicht für ſich ſelbſt arbeiten. Ihr kennt die Habſucht meines Vaters, die ſich leider nicht verheimlichen läßt. Er ſeufzte darnach, ſo reich zu werden, wie ſein Herr, und ſeine Freiheit zu erhalten. Sein Uebergang zum muhamedaniſchen Glau⸗ ben verſchaffte ihm die Freiheit, und er practizirte nun für ſich ſelbſt. Die Tochter eines arabiſchen Häuptlings, deſſen Geſundheit er wien der hergeſtellt hatte, wurde ſein Weib, und er ließ ſich im Lande nieder. Ich wurde geboren; mein Vater ſammelte ſich Schätze —— —— und wurde ſehr berühmt. Aber der Sohn eines Bey's, der unter ſeinen Händen ſtarb, gab einen Grund an die Hand, ihn zu ver⸗ folgen. Man ſtellte ihm nach dem Leben; aber er entkam, freilich mit dem Verluſte ſeines ganzen geliebten Reichthums. Meine Mutter und ich begleiteten ihn; er flüchtete ſich zu den Beduinen, unter denen er einige Jahre weilte. Dort gewöhnte ich mich an raſche Märſche, an wilde und grimmige Angriffe, an Niederlage und Flucht, oft auch an grauſames Gemetzel. Die Beduinen be⸗ zahlten jedoch die Dienſte meines Vaters ſchlecht, und Gold war ſein Idol. Als er hörte, daß der Bey todt ſei, kehrte er nach Cairo zurück, zu practiziren. Auf's Neue häufte er ſich einen Reichthum zuſammen, bis dieſer groß genug war, die Gier des neuen Bey's zu erregen; aber glücklicherweiſe erhielt er Kunde von den Abſichten des Gewalthabers. Er flüchtete ſich wieder mit einen großen Theil ſeiner Habe, und erreichte in einem kleinen Schiffe die ſpaniſche Küſte, durfte aber ſein Geld nicht lange behalten. Ehe er dieſes Land erreichte, wurde er beinahe ſeiner ganzen Habe beraubt, und nun hat er ſeit drei Jahren wieder zuſammengeſpart. Wir waren nur ein Jahr in Mittelburg und zogen dann hieher. Dies iſt die Geſchichte meines Lebens, Philipp.“ „Und hält Euer Vater noch immer an dem muhamedaniſchen Glauben, Amine?“ 1„Ich weiß es nicht, möchte aber eher vermuthen, daß er es mit gar keinem Glauben hält; wenigſtens hat er mich keinen ge⸗ lehrt. Das Gold iſt ſein Gott.“ „Und der Eurige?“ „Iſt der Gott, der dieſe ſchöne Welt, ſammt allem ihrem Inhalt geſchaffen hat— der Gott der Natur— nennt ihn, wie Ihr wollt. Ich fühle ihn, Philipp, möchte ihn aber wohl noch näher kennen lernen. 70 ehriſtliche, Philipp— iſt er der wahre? Doch Jeder nennt den ſeinigen ſo, welcher Art derſelbe auch ſein mag.“ „Er iſt der wahre und der einzig wahre, Amine. Dürfte ich nur ſprechen— ich habe die furchtbarſten Beweiſe zur Hand—“ „Daß Euer Glaube der wahre iſt? Seid Ihr dann nicht ver⸗ pflichtet, fie zu offenbaren? Sagt mir, ſeid Ihr durch eine feier⸗ liche Zuſage gebunden, ſie nie zu enthüllen?“ „Nein, das nicht— aber doch iſt mir's, als ob's der Fall wäre. Ich höre übrigens Stimmen— es muß Euer Vater ſein mit den obrigkeitlichen Perſonen— ich will ihnen entgegen gehen.“ Philipp ſtand auf und begab ſich die Treppe hinunter. Amine folgte ihm mit den Augen und ließ ihre Blicke auf der Thüre haften. „ Iſt's möglich? 2 ſagte ſi ſie, ſich das Haar aus der Stirne ſtrei⸗ fend.„Sobald ſchon? Ja, ja,— und doch iſt's ſo. Ich fühle, daß ich lieber ſein eheinen Weh— ſeine Gefahren— ja ſogar den Tod mit ihm theilen möchte, als Ruhe und Glück mit einem Andern. Und es wäre in der That ſonderbar, wenn es nicht ſo kommen ſollte. Dieſen Abend noch ſoll mein Vater in ſeine Woh⸗ nung ziehen— ich will ihn unverweilt darauf vorbereiten.“ Die Magiſtratsperſonen nahmen die Angaben von Philipp und Mynheer Poots zu Protocoll und unterſuchten die Leichname, von denen ein paar als berüchtigte Räuber erkannt wurden. Der Bür⸗ germeiſter ließ ſie fortſchaffen. Dann hoben die Magiſtratsperſonen ihre Berathung auf, und Philipp konnte mit Mynheer Poots wieder zu Amine zurückkehren. Es wird nicht nöthig ſein, über die nun folgende Unterhaltung Bericht zu erſtatten; wir begnügen uns da⸗ her mit der Angabe, daß ſich Poots in die Gründe, welche Amine und Philipp vorbrachten, fügte, um ſo mehr, da er keinen Mieth⸗ zins bezahlen ſollte. Die Möbel und Arzneien wurden auf einen Wagen geladen, und gegen Abend war faſt das ganze Haus ge: räumt. Des Doctors Geldkiſte ſollte jedoch erſt in der Dunkelheit ——— 71 auf den Karren geladen werden, und Philipp ging als Beſchützer mit. Amine mit ihrem Vater begleiteten das Fuhrwerk auf der andern Seite. Wie man ſich denken kann, wurde es ſpät, bis alle Einrichtungen getroffen waren, und die neuen Hausbewohner zur Ruhe gehen konnten.— Sechstes Kapitel. „Dies iſt alſo das Gemach, das ſo lange verſchloſſen blieb,“ ſagte Amine, die am andern Morgen eintrat, als Philipp noch lange, in Folge der letzten Nachtwache, in tiefem Schlafe lag.„Ja, ſchon die dumpfe Luft bekundet es.“ Amine blickte umher und muſterte das Möbelwerk. Ihre Augen wurden durch die Vogelkäſichte gefeſſelt; ſie ſah hinein. „Arme kleine Geſchöpfe!“ fuhr ſie fort;„und hier iſt alſo ſeiner Mutter der Gatte erſchienen. Wohl, das mag ſo ſein— Philipp ſagt, er habe Beweiſe— und warum hätte er nicht ſollen erſcheinen können. Wäre Philipp todt, ſo würde es mich freuen, ſeinen Geiſt zu ſehen— es wäre wenigſtens Etwas! Doch was ſage ich— falſche Lippen, wie mögt ihr ſo mein Geheimniß verrathen?— Der Tiſch iſt umgeworfen— das ſieht aus wie ein Werk der Furcht; ein Ar⸗ beitskörbchen, deſſen Inhalt umhergeſtreut iſt— nur der Schrecken eines Weibes! Eine Maus hätte dazu Anlaß geben können— und doch liegt etwas Feierliches in der einfachen Thatſache, daß ſo viele Jahre kein lebendes Weſen dieſe Schwelle überſchritten hat! Daß ſogar ein Tiſch viele Jahre ſo umgeſtürzt bleiben kann, ſcheint kaum natürlich— wirkt deßhalb um ſo gewaltiger auf den Geiſt. Es wundert mich nicht, daß Philipp der Meinung iſt, ein ſo ſchweres 72 Geheimniß gehöre nur dieſem Gemache an— aber es darf nicht ſo bleiben— es muß einmal wieder bewohnt werden.“ Amine, welche von lange her gewohnt war, ihrem Vater abzu⸗ warten und die Obliegenheiten des Hausweſens zu beſorgen, begann nun ihr Geſchäft. Jeder Theil des Zimmers und jedes darin befindliche Möbel wurde gereinigt. Der Staub und die Spinnengewebe verſchwanden. Das Sopha und der Tiſch wurden aus der Ecke in die Mitte gerückt und die melancholiſchen kleinen Gefängniſſe entfernt. Als Amine mit ihrer Arbeit zu Stande gekommen war, leuchtete die Sonne hell durch die geöffneten Fenſter, und das Gemach gewann einen heiteren Anblick. Amine war der verſtändigen Anſicht, ſtürmiſche Eindrücke dürften ihre rauhen Flächen verlieren, wenn die Gegenſtände, die daran erin⸗ nerten, entfernt würden. Sie beſchloß daher, Philipp Beruhigung zu bringen, denn ſie hatte mit allem Feuer und aller Warmblütigkeit ihrer mütterlichen Vorfahren ſein Bild in ihr Herz aufgenommen und war entſchloſſen, ihn für ſich zu gewinnen. Wieder und wieder nahm ſie ihr Geſchäft auf, bis die Gemälde im Zimmer umher und alle übrigen Gegenſtände friſch und rein ausſahen. Nicht nur die Vogelkäfichte, ſondern auch das Arbeitskörbchen ſammt deſſen Inhalt und die Stickerei, bei deren Aufnehmen Phi⸗ lipp wie vor der Berührung einer Natter zurückgefahren war, wur⸗ den weggeſchafft. Unſer Held hatte die Schlüſſel auf dem Boden liegen laſſen. Amine öffnete die Schränke, reinigte die Glasthüren und war eben im Begriff, die ſilbernen Flaſchen blank zu reiben, als ihr Vater in's Zimmer trat. „Barmherziger Himmel!“ rief Mynheer Poots,„ iſt Silber? Dann muß es wahr ſein, und er hat wirklich Tauſende von Gülden; aber wo ſind ſie?“ „Kümmert Euch nicht darum, Vater; Euer Eigenthum iſt ja geborgen, und daß Ihr es nicht verlort, habt Ihr bloß Philipp Vanderdecken zu danken.“.. und alles dies 73 „Ja, ganz richtig; aber da er hier leben will— er wird wohl viel eſſen— und was wird er mir bezahlen? Er ſollte wohl gut ausrücken, da er ſo viel Geld hat.“ Aminens Lippen kräuſelten ſich zu einem verächtlichen Lächeln, ohne daß ſie jedoch eine Antwort gab. „Ich möchte nur wiſſen, wo er ſein Geld aufbewahrt; und er will zur See gehen, ſobald er ein Schiff kriegen kann? Wer wird dann auf ſein Eigenthum Acht haben, wenn er fort iſt?“ „Das will ich thun, Vater,“ verſetzte Amine. „Ach— ja— gut— wir wollen Sorge dafür tragen. Das Schiff könnte zu Grunde gehen.“ „Nein, Vater, nicht wir werden Sorge dafür tragen. Ihr habt nichts damit zu ſchaffen; kümmert Euch um Eure eigne Habe.“ Amine ſtellte das Silber in die Schränke, verſchloß die Thüren und nahm, als ſie hinaus ging, um das Frühſtück zu bereiten— die Schlüſſel mit ſich, während der alte Mann zurückblieb und durch die Glasſcheiben das koſtbare Metall im Innern betrachtete. Seine Augen waren feſt darauf geheftet, ohne daß er ſie abzuwen⸗ den vermochte, und von Zeit zu Zeit murmelte er vor ſich hin: „Ja, es iſt Alles Silber.“ Philipp kam die Treppe herunter; als er auf ſeinem Wege nach der Küche an dem Zimmer vorbeiging und Mynheer Poots vor dem Schranke bemerkte, trat er gleichfalls ein. Er war nicht überraſcht über die angenehme Veränderung, fühlte aber mit tief⸗ gerührtem Danke, warum, und durch wen es geſchehen war. Amine kam mit dem Frühſtück, und ihre Augen drückten mehr aus, als es ihren Lippen möglich geweſen wäre; unſer Held ſetzte ſich mit weniger Kunnner und einer entwölkteren Stirne zu ſeinem Mahle nieder. „Mynheer Poots,“ ¹ begann Philipp, ſobald er ſein Frühſtück beendigt hatte,„ich gedenke, Euch im Beſitze meines Häuschens zu laſſen, und boff, Ihr werdet Euch wohl darin befinden. Die 4½ 74 kleinen Anordnungen, die etwa nöthig ſein dürften, will ich vor meiner Abreiſe Eurer Tochter anvertrauen.“ „Ihr verlaßt uns alſo, Herr Philipp, und wollt zur See gehen? Es muß allerdings angenehm ſein, fremde Länder zu ſehen— weit beſſer, als ein ewiges Zühauſebleiben. Wann gedenkt Ihr abzureiſen?“— „Ich werde dieſen Abend nach Amſterdam aufbrechen,“ verſetzte Philipp,„um wegen eines Schiffs meine Vorkehrungen einzuleiten, komme aber wahrſcheinlich vor meiner Ausfahrt noch zurück.“ „ Ah! Ihr wollt wieder kommen? Ja— Ihr müßt nach Eurem „ Geld und Eurer Habe ſehen— müßt das Geld zählen— wir wollen es gut in Acht nehmen. Wo habt Ihr Euer Geld, Herr Vanderdecken?“ „Das ſoll Eure Tochter erfahren— dieſen Morgen, noch vor 5 meinem Aufbruche. Späteſtens in drei Wochen könnt Ihr mich wieder zurückerwarten.“ „Vater,“ ſagte Amine,„Ihr habt dem Bürgermeiſter ver⸗ Mochen ſein Kind zu beſuchen; es iſt Zeit, daß Ihr geht.“. 3„Sa, ja— beiläufig— Alles zu ſeiner Zeit; aber ich muß . zuerſt Heryn Philipps Willensmeinung hören— er hat mir vor 5 ſeiner Abreiſe noch viel zu ſagen.“ 5 Philipp konnte ſich eines Lächelns nicht erwehren, wenn er ſich erinnerte, was vorgefallen war, als er Mynheer Poots zuerſt nach ſeiner Wohnung berief; aber der Rückblick endete mit Kummer und einer verdüſterten Stirne. 5 Amine, welche wohl wußte, was in den Gemüthern ihres Va⸗ ters und Philipps vorging, brachte jetzt Erſterem den Hut und führte ihn nach der Thüre. Mynheer Poots war zwar nicht ſon⸗ derlich geneigt, ſich entfernen zu laſſen, zugleich aber auch gewöhnt, den Willen ſeiner Tochter nie zu beſtreiten, weßhalb er ſeinen Weg⸗ zum Kinde des Bürgermeiſters antrat. „Sobald ſchon, Philipp?“ fragte Amine, nach dem Zinmer zurickkehrend. 3 5 „Ja, Amine; ich muß unverweilt aufbrechen, hoffe aber, vor 75 meiner Ausfahrt wieder zurückzukommen. Sollte dies nicht der Fall ſein, ſo will ich Euch gleich jetzt die betreffenden Weiſungen ertheilen. Gebt mir die Schlüſſel.“ Philipp öffnete das untere Fach des Schrankes und den Deckel der eiſernen Truhe. „Hier, Amine, iſt mein Geld; wir brauchen es nicht zu zählen, wie mir Euer Vater vorſchlug. Ihr ſeht, daß ich recht hatte, als ich behauptete, daß ich Tauſende von Gülden beſitze. Vorderhand ſind ſie mir nichts nütze, da ich mein Gewerbe zu erlernen habe. Sollte ich eines Tages zurückkehren, ſo können ſie mir zu einem eigenen Schiffe verhelfen; aber mein künftiges Geſchick iſt ungewiß.“ „Und wenn Ihr nicht wieder zurückkehren ſolltet?“ entgegnete Amine mit Ernſt. „Dann ſoll Alles, was das Häuschen enthält, wie auch das Häuschen ſelbſt, Euer Eigenthum ſein.“ „Ihr habt Verwandte— oder nicht?“ .„Nur Einen— einen reichen Onkel, der uns nur wenig in unſerer Noth unterſtützte und kinderlos iſt. Ich habe ihm nicht viel zu verdauken und er braucht nichts. Auf der ganzen Welt be⸗ findet ſich nur ein einziges Weſen, das in meinem Herzen Intereſſe geweckt hat, und dieſes Weſen ſeid Ihr, Amine. Ich wünſche, daß Ihr in mir einen Bruder ſeht— und ebenſo werde ich Euch ſtets wie eine theuere Schweſter lieben.“. Amine gab keine Antwort. Philipp nahm noch einiges Geld aus dem bereits angebrochenen Beutel, um damit ſeine Reiſekoſten zu beſtreiten, verſchloß dann Truhe und Fach und übergab die Schlüſſel an Amine. Er wollte ſie eben anreden, als ſich ein leichtes Pochen an der Thüre vernehmen ließ und Pater Seyſen, der Prieſter, eintrat. „Gott ſei mit dir, mein Sohn und auch mit Euch, mein Kind, das ich noch nie geſehen habe. Vermuthlich ſeid Ihr die Tochter von Mynheer Poots?“ 1 Anmine antwortete mit einer Verbeugung des Kopfes. . 76 1 „Ich bemerke, Philipp, daß das Zimmer jetzt geöffnet iſt, und habe von allem Vergangenen Kunde erhalten. Der Wunſch, mit dir zu⸗ſprechen, führt mich hieher; ich muß daher dieſe Jungfrau bitten, uns für eine Weile allein zu laſſen.“ Amine verließ das Zimmer, worauf der Prieſter ſich auf das Kanapee ſetzte und Philipp an ſeine Seite winkte. Eine Wieder⸗ holung ihres Geſpräches würde zu lange ſein. Der Prieſter befragte Philipp zuerſt über ſein Geheimniß, konnte aber nicht die gewünſchte Auskunft erhalten, da ihm Letzterer nur ſo viel anvertraute, als er bereits Amine mitgetheilt hatte. Unſer Held erklärte ihm ſogleich ſeine Abſicht, zur See zu gehen, mit dem Bemerken, daß er, im Falle er nicht wieder zurückkehren ſollte, ſein Eigenthum— deſſen Betrag er nicht berührte, dem Doctor und ſeiner Tochter vermacht habe. Der Prieſter erkundigte ſich ſodann über Mynheer Poots und fragte Philipp, zu welchem Glauben er ſich bekenne, da er den MNann noch nie in einer Kirche geſehen habe und die Welt ſich mit dem rüchte trage, daß er ein Heide ſei. Philipp gab hierauf, wie gewöhnlich, eine freimüthige Antwort und erklärte, daß die Tochter wenigſtens gerne erleuchtet zu werden wünſche, weshalb er den Prieſter bitte, ein Geſchäft zu übernehmen, dem er ſelbſt nicht ge⸗ wachſen ſei. Pater Seyſen, der Philipps Gefühle gegen das Mäd⸗ ——— chen bald zu würdigen wußte, erwies ſich bereitwillig dieſem Geſuch zu entſprechen. Nach etwa zwei Stunden wurde ihre Unterhaltung durch die Rückkehr des Herrn Poots geſtört, der, ſobald er Pater Seyſen bemerkte, augenblicklich das Zimmer wieder verließ. Phi⸗ lipp rief Amine, ſtellte ſie dem Prieſter vor und bat ſie, ſeine Be⸗ ſuche anzunehmen, worauf der gute alte Mann das Pärchen ſegnete und ſich entfernte. .„Ihr habt ihm doch kein Geld gegeben, Herr Philipp?“ fragete Mynheer Poots, ſobald Pater Seyſen das Gemach verlaſſen hatte. „Nein,“ antwortete Philipp;„aber ich wollte, ich hätte darauf gedacht.“ „Nicht doch— es iſt beſſer ſo— denn das Geld iſt mehr werth, als das, was er Euch geben kann. Er ſollte aber nicht wieder herkommen.“ „Warum nicht, Vater, wenn Herr Philipp es wünſcht?“ ent⸗ gegnete Amine.„Er iſt in ſeinem eigenen Hauſe.“ „O ja, wenn Herr Philipp es wünſcht; aber du weißt, er geht ja.“ „Gut, und wenn auch— warun ſollte der Pater nicht hie⸗ herkommen? Er kann ja mich beſuchen.“ „Dich beſuchen, mein Kind? Was kann er von dir wollen? Ei, meinetwegen— aber wenn er kommt, ſo erhält er von mir keinen Stüber— und dann wird er bald ſelber wegbleiben.“ Philipp hatte keine Gelegenheit, ſich weiter mit Amine zu be⸗ ſprechen— wußte ihr überhaupt auch nichts mehr zu ſagen. Nach einer Stunde verabſchiedete er ſich von ihr in Gegenwart ihres Va⸗ ters, der ſie nicht allein laſſen wollte, weil er von Philipp Auskunft über das Geld zu erhalten hoffte, welches im Hauſe zurückbleiben ſollte. Zwei Tage nachher langte Philipp zu Amſterdam an, er⸗ kundigte ſich und fand, daß es wohl noch einige Monate anſtehen konnte, ehe ein Schiff nach Oſtindien ausſegelte. Die holländiſch⸗ oſtindiſche Compagnie hatte ſich ſchon längſt gebildet und dem Pri⸗ vatverkehre ein Ende gemacht; auch ſegelten ihre Schiffe nur zu einer Zeit aus, in welcher man das Cap der Stürme— wie die früheren Abenteurer das Cap der guten Hoffnung nannten— am beſten umfahren zu können glaubte. Eines der Schiffe, welches mit der nächſten Flotte ausſegeln ſollte, war der Schilling, ein dreimaſtiges Fahrzeug, das jetzt abgetakelt im Hafen lag. Philipp ſuchte den Kapitän auf und gab ihm ſeinen Wunſch zu erkennen, daß er mit ihm ausfahren und das Gewerbe eines See⸗ manns erlernen möchte. Der Kapitän war nicht unzufrieden dar⸗ über, und da Philipp während der Fahrt nicht nur keinen Lohn ver⸗ langte, ſondern auch noch ein Lehrgeld zahlen wollte, ſo verſprach er 4 78 ihm einen Platz an Bord, mit dem Tiſch in der Kajüte; auch ſagte er ihm, er ſolle gehalten ſein, wie der zweite Mate, und Kunde er⸗ halten, wenn das Schiff abſegle. Da nun Philipp Alles gethan hatte, was ſein Gelübde von ihm forderte, ſo beſchloß er, nach Hauſe und in Amiens Geſellſchaft zurückzutehren. Wir müſſen nun zwei Monate überſpringen, während welcher Zeit Mynheer Poots ſeinem Berufe lebte und, da er nur ſelten zu Hauſe war, unſer junges Pärchen oft ſtundenlang allein ließ. Philipps Liebe zu Aminen wurde in vollem Maße erwiedert— ja, es war mehr als Liebe, eine aufopfernde Hingebung von beiden Seiten, die ſich mit jedem Tage ſteigerte. Wo hätte man auch ein bezaubern⸗ deres und anziehenderes Weſen finden können, als in der muthigen und doch ſo zarten Amine? Wohl umwölkte ſich Philipps Stirne oft, wenn er der dunkeln Zukunft gedachte; aber das Lächeln des Mädchens verſcheuchte das Düſter, und wenn ſie ihm in's Auge blickte, war Alles vergeſſen. Amine machte kein Geheimniß aus ihrer Nei⸗ gung, ſondern zeigte ſie in jedem Worte, in jedem Blicke und in jeder Geberde. Sie that nicht blöde, wenn⸗Philipp ihre Hand faßte, ſeinen Arm um ihren Leib ſchlang oder ſogar ihre Korallenlippen zu küſſen wagte. Voll edlen Vertrauens fühlte ſie, daß ihr Glück nur in ſeiner Liebe beruhte und ſie eigentlich nur in ſeiner Gegen⸗ wart lebte. So entſchwanden zwei Monate, als eines Tages Pater Seyſen, der oft einſprach und Aminen in den Lehren ſeines heiligen Glaubens unterwies, erſchien, wie Philipp eben das Mädchen mit ſeinen Armen umſchlungen hielt. „Meine Kinder,“ ſagte er,„ich habe euch ſchon ſeit einiger Zeit beobachtet— dies iſt nicht gut und auf alle Fälle gefährlich, ſelbſt wenn du ſie zu heirathen gedenkſt, Philipp, was ich von dir vorausſetze. Ich muß Eure Hände vereinigen.“ Philipp fuhr auf. „Ich habe mich hoffentlich nicht in dir getäuſcht, mein Sohn!“ fuhr der Prieſter in ſtrengem Tone fort.. V 79 „Nein, nein, guter Vater; aber ich muß Euch bitten, mich jetzt zu verlaſſen. Kommt morgen wieder her und dann wird Alles ent⸗ ſchieden ſein; zuvor aber will ich mit Amine ſprechen.“ Der Prieſter verließ das Gemach, und Philipp war wieder mit Amine allein. Die Farbe der Letzteren wechſelte und ihr Herz pochte in ſchnelleren Schlägen, denn ſie fühlte, wie ſehr ihre ganze Seligkeit auf dem Spiele ſtand. „Der Prieſter hat recht, Amine,“ ſagte Philipp, ſich an ihrer Seite niederlaſſend.„So kann es nicht fortgehen. Wollte Gott, daß ich ſtets bei Euch bleiben könnte und nicht ein grauſames Schickſal mich verfolgte! Ihr wißt, daß ich ſogar den Boden ver⸗ ehre, den Ihr betretet, und doch wage ich es nicht, Euch zu bitten, mit mir einen Bund des Elends einzugehen.“ „Ein Bund mit Euch wird kein Bund des Elendes ſein, Phi⸗ lipp,“ verſetzte Amine mit niedergeſchlagenen Augen. „Es wäre nicht freundlich von meiner Seite, Amine. Ich würde ſehr ſelbſtſüchtig handeln.“ „Ich will offen mit Euch reden, Philipp,“ entgegnete Amine. „Ihr behauptet, mich zu lieben— ich weiß nicht, wie Männer lieben — wohl aber, wie ich lieben kann. Wenn Ihr mich jetzt verließet, ſo fühle ich, daß es in der That unfreundlich und ſelbſtſüchtig von Eurer Seite wäre, denn ich— ich würde ſterben, Philipp. Ihr ſagt, daß Ihr fort müßt— daß das Schickſal dies von Euch fordere — und ſprecht von Eurem geheimnißvollen Verhängniſſe. Sei es drum— aber kann ich nicht mit t Euch gehen?“ „Mit mir gehen, Amine? In den Tod?“ „Ja, auch in den Tod, denn was iſt der Tod anders, als eine Erlöſung? Den Tod fürchte ich nicht, Philipp, wohl aber Euren Verluſt. Und außerdem— iſt Euer Leben nicht in der Hand deſſen, der Alles geſchaffen hat? Woher wißt Ihr denn ſo gewiß, daß es in den Tod geht? Ihr habt mir angegrute Ihr ſeid Rrkoln— 8 1 80 auserwählt für eine Aufgabe. Wenn dies der Fall iſt, ſo habt Ihr den Tod nicht zu fürchten, denn der Erkorene muß bis zu Erfüllung ſeines Werkes leben. Ich wünſchte, Euer Geheimniß zu kennen, Philipp: der Verſtand eines Weibes könnte Euch wohl nützlich wer⸗ den, und wenn auch nicht, würde es Euch nicht zum Troſte, zur Freude gereichen, ſowohl Wonne als Leid mit einem Weſen zu theilen, das Euch theuer iſt?“ „Amine, theuerſte Amine— nur meine Liebe, meine heiße, innige Liebe tritt mir hemmend in den Weg, denn welche Selig⸗ reit wäre es nicht für mich, wenn wir in dieſer Stunde ſchon ver⸗ einigt werden könnten. Ich weiß kaum, was ich ſagen oder thun ſoll. Wenn Ihr mein Weib wäret, könnt ich mein Geheimniß nicht vor Euch verbergen, und ebenſowenig dürfte ich Euch hei⸗ rathen, bis Ihr es erfahren hättet. Nun, wohlan, Amine, ich will mein Alles auf einen Wurf ſetzen. Ihr ſollt das Geheimniß kennen lernen und erfahren, welch' ein unglücklicher Elender ich bin, obgleich nicht durch meine Schuld. Dann mögt Ihr ſelbſt entſcheiden, dürft aber dabei nicht vergeſſen, daß mein Eid im Himmel vernommen wurde und daher von einem Abrathen keine Rede ſein kann. Behaltet dies im Gedächtniß und hört meine Geſchichte.— Entſchließt Ihr Euch dann, einen Mann zu hei⸗ rathen, deſſen Ausſichten ſo bitter ſind, ſo möge es darum ſein. Mir wird ein kurzes Glück blühen— aber für Euch Amine——“ „Zögert nicht länger mit Eurem Geheimniß, Philipp,“ rief Amine ungeduldig. Philipp erzählte nun ausführlich, was wir dem Leſer bereits mitgetheilt haben. Amine hörte ſchweigend zu, ohne im Laufe der ganzen Geſchichte auch nur in einem Zuge ihres Antlitzes eine Veränderung blicken zu laſſen. Philipp ſchloß mit einer Berührung des Eides, den er geleiſtet hatte.„Es iſt geſchehen,“ fügte er mit wehmüthiger Stimme „Doch hört mich an und gebt mir zuerſt jene Reliquie, damit ich ſie betrachte.— Kann denn wirklich ſo viel Kraft— ich hätte beinahe geſagt, ſo viel Unheil— in dieſem kleinen Ding liegen? Seltſam! verzeiht mir, Philipp— aber ich habe doch meine Bedenken über dieſe Mähr von Eblis. Ihr wißt, ich bin noch nicht ſtark in dem neuen Glauben, den Ihr und der gute Prieſter mich in der letzten Zeit gelehrt habt. Ich will die Wahrheit deſſelben nicht in Abrede ziehen, muß aber doch mit Nachſicht behandelt werden, wenn ich noch nicht ſo feſten Fuß gefaßt habe, um nicht zu wanken. Neh⸗ men wir übrigens an, Philipp, daß Alles wahr iſt— in dieſem Falle würdet Ihr auch ohne Eid nur Eure Pflicht thun. Denkt nicht ſo niedrig von Aminen, um von ihr zu vermuthen, daß ſie Euch von dem Rechten abwendig machen wolle. Nein, Philipp, ſucht Euren Vater und rettet ihn, wenn Ihr könnt und er Eurer Hülfe bedarf. Aber glaubt Ihr, eine ſo hohe Aufgabe laſſe ſich in einem einzigen Verſuche vollführen? O nein. Seid Ihr wirk⸗ lich erkohren, ſie zu erfüllen, ſo werdet Ihr durch alle Schwierig⸗ keiten und Gefahren bewahrt bleiben, bis Ihr das Ziel errungen habt. Ihr werdet nicht ſterben, ſondern wieder und wieder zurück⸗ kehren— werdet Troſt, Beruhigung und Liebe in den Armen Eu⸗ res Weibes finden. Und wenn es dem Himmel gefällt, Euch aus dieſer Welt abzurufen, ſo wird ſie, falls ſie Euch überleben ſollte, Euer Andenken eben ſo theuer in ihrem Buſen bewahren. Philipp, Ihr habt mir die Entſcheidung anheim gegeben— theuerſter Phi⸗ lipp, ich bin die Deinige.“ Amine ſtreckte ihre Arme aus und Philipp drückte ſie an ſeine Bruſt. Noch am nämlichen Abende warb er um ſie bei dem Vater; und Mynheer Poots gab ſeine Einwilligung, ſobald der Freier ſeine Eiſentruhe geöffnet und die Gülden vorgezeigt hatte. Pater Seyſer erſchien am andern Morgen wieder und erhielt Marryat. Der fliegende Holländer. 6 „Das iſt eine wunderbare Geſchichte, Philipp,“ verſetzte Amine. die entſprechende Antwort. Drei Tage nachher läuteten die kleinen Glocken der Kirche von Terneuſe luſtig zu der Hochzeitsfeier von Amine Poots und Philipp Vanderdecken. Siebentes Kapitel. Erſ im Spätherbſt wurde Philipp durch eine Aufforderung von Seiten des Kapitäns, auf deſſen Schiffe er ſich hatte anwer⸗ ben laſſen, aus ſeinem Liebestraume geweckt— denn was ſind leider alle Freuden dieſes Lebens anders, als ein Traum? So ſeltſam es auch erſcheinen mag— von dem Tage an, der Phi⸗ lipp in Aminens Beſitz ſetzte, hatte er nicht länger über ſein zu⸗ künftiges Geſchick gebrütet, das zwar hin und wieder in ſeiner Er⸗ innerung auftauchte, aber eben ſo ſchnell wieder daraus entweichen mußte, um vorderhand vergeſſen zu bleiben. Philipp meinte, es ſei hinreichend, ſeine Verbindlichkeiten zu erfüllen, wenn die Zeit käme, und obgleich die Stunden im Fluge entſchwanden, und Tage, Wochen und Monate mit der einem wandellos ruhigen Glücke ei⸗ genthümlichen Schnelligkeit auf einander folgten, ſo mochte er doch in Aminens Armen nie an ſein Gelübde zurückdenken, während na⸗ türlich ſeine junge Gattin ſorgfältig bemüht war, einen Gegen⸗ ſtand zu vermeiden, der nur die Stirne ihres angebeteten Gemahls mit düſteren Wolken umziehen konnte. Ein paarmal hatte der alte Poots allerdings von Philipps Abreiſe zu ſprechen angefangen, aber Aminens unwilliges Stirnrunzeln und ihr gebieteriſcher Befehl — denn ſie kannte nur zu gut die ſchmutzigen Beweggründe ihres Vaters, und konnte ihn zu ſolchen Zeiten nicht ohne Abſcheu an⸗ ſehen— machten ihn verſtummen. Der alte Mann pflegte dann 2— 83 ganze Stunden damit zu verbringen, daß er in dem Beſuchszimmer auf und abging und ſeine Augen auf die Schränke heftete, wo die ſilbernen Gefäße jetzt in ihrem ganzen früheren Glanze ſtrahlten. Eines Morgens, im Monat October, ließ ſich ein Pochen mit den Fauſtknöcheln an der Hausthüre vernehmen. Da dieſe Einlei⸗ tung auf einen Fremden hindeutete, ſo ging Amine hinaus, um zu öffnen. „Ich möchte mit Herrn Philip Vanderdecken ſprechen, u ſagte der Fremde mit halbflüſternder Stimme. 3 Der Mann, der Amine alſo anredete, war eine kleine, ma⸗ gere Perſon, in dem Anzuge der holländiſchen Matroſen jener Zeit, und hatte eine Dachsmütze tief in den Kopf gedrückt. Die Züge ſeines leichenblaſſen, kleinen Geſichtes waren ſcharf geſchnitten, ſeine Lippen bleich und ſeine Haare ein Gemiſch von Roth und Weiß. Er hatte nur ſehr wenig Bart, und der ganze Mann bot eine Außenſeite, die nur ſchwer über ſein Alter ein Urtheil fällen ließ. Vielleicht war er ein ſiecher Jüngling, der früh zum Greiſe heranreifte, vielleicht auch ein alter Mann von friſcher Conſtitu⸗ tion, aber wenig Fleiſch. Der wichtigſte Zug in dem Aeußern dieſes Menſchen, der auch ſogleich Aminen's Aufmerkſamkeit feſſelte, war das Auge— denn er hatte nur ein einziges, das rechte Lid war geſchloſſen und der Augapfel im Innern ſichtlich ge⸗ ſchwunden; das linke Auge beſaß aber in Vergleichung mit der Größe des Geſichtes und des Kopfes ganz ungewöhnliche Dimen⸗ ſionen— es ſtand weit hervor, war durchſcheinend, wäſſerig und bot einen ſehr unangenehmen Anblick, da es weder oben noch unten mit Wimpern verſehen war. Ueberhaupt war dieſer Ge⸗ ſichtstheil ſo merkwürdig, daß man, wenn man den Mann anſah, den Blick nicht davon verwenden konnte. Es war hier nicht von einem Menſchen mit einem einzigen Auge die Rede, ſondern man ſah ein einziges Auge, mit einem Menſchen daran. Der Körper war nur das Gemäuer des Leuchtthurms und erregte ebenſowenig 6* 84 Aufmerkſamkeit, als dieſes in Vergleichung mit der Flamme, welche dem kühnen Matroſen zur Richtſchnur dienen ſoll. Bei näherer Betrachtung fand man übrigens, daß der Mann, obgleich klein, doch zierlich gebaut war; ſeine Hände hatten weder die Derbheit, noch die Färbung, welche man ſonſt bei den Seeleuten trifft; ſeine Züge waren im Allgemeinen trotz ihres ſcharfen Schnittes regel⸗ mäßig, und auch in ſeinem unterwürfigen Weſen lag ein Ausdruck von Ueberlegenheit, ein gewiſſes unbeſchreibliches Etwas, das faſt Grauen einzuflößen vermochte. Anminens dunkle Augen hafteten für einen Moment auf dem Beſuche, und als ſie ihn eintreten hieß, drang es ihr eiskalt durch's Herz, ohne daß ſie ſich hätte einen Grund dafür angeben können. Philipp war nicht wenig überraſcht über die Erſcheinung des Fremden, der ſich, ſobald er eingetreten war, ohne ein Wort zu ſagen, neben Philipp auf den Sophaplatz ſetzte, welchen Amine eben erſt verlaſſen hatte. Philipp ſah etwas Ominöſes in dem Umſtande, daß dieſe Perſon Aminens Sitz eingenommen hatte. Die ganze Vergangenheit tauchte in ſeiner Erinnerung wieder auf, und er fühlte, daß er jetzt abberufen werden ſollte von ſeinem kur⸗ zen Glücke, zu einem Leben voll Thätigkeit, Gefahr und Leiden. Als eigenthümlich fiel ihm noch weiter auf, daß ihm ein Gefühl von plötzlicher Kälte durch den ganzen Körper gedrungen war, als ſich der kleine Mann neben ihn ſetzte. Die Farbe wich von den Wangen unſeres Helden, aber er ſprach nicht. Einige Minuten herrſchte tiefes Schweigen. Der einäugige Gaſt blickte umher und ließ ſein Auge von den Schränken weg auf Aminens Geſtalt glei⸗ ten, die vor ihm ſtand; endlich unterbrach er die Stille durch eine Art von Kichern, dem er die Worte folgen ließ— „Philipp Vanderdecken— hi! hi!— Philipp Vanderdecken, Ihr kennt mich nicht?“ „Nein,“ verſetzte Philipp in halb zornigem Tone. Die Stimme des Kleinen war ſehr eigenthümlich— eine Art 8 3 . 85 gedämpften Kreiſchens, und die Laute tönten noch in den Ohren, nachdem der Mann längſt zu ſprechen aufgehört hatte. „Ich bin Schriften, einer der Piloten des Schilling,“ fuhr er fort,„und komme nun— hi! hi!“— ein ſcharfer Blick auf Ami⸗ nen—„um Euch hinwegzuholen aus den Armen der Liebe—“ ein weiterer Blick nach dem Schranke—„hi! hi! von aller Bequemlichkeit, und auch von dieſem!“ rief er, während des Auf⸗ ſtehens vom Sopha mit dem Fuß auf den Boden ſtampfend— „von der Terra firma!— hil hi!— vielleicht zu einem naſſen Grabe. Angenehm!“ fuhr Schriften kichernd fort, während er ſein einziges Auge mit einer bedeutſamen Miene auf Philipps Geſicht heftete. Philipps erſter Gedanke war, den Beſuch zur Thüre hinaus⸗ zuwerfen; Amine jedoch, welche ſeine Gedanken las, trat mit ver⸗ ſchlungenen Armen vor den kleinen Mann, blickte ihn mit Verach⸗ tung an und bemerkte: 3 „Wir alle müſſen unſer Schickſal über uns ergehen laſſen, guter Freund, und der Tod will das Seinige haben, ſei es auf dem Lande, oder auf der See. Aber ſelbſt wenn ihm der Tod in's Auge ſchaut, wird Philipp Vanderdecken's Wange nie ſo weiß ſein, wie die Eurige jetzt.“ „Meint Ihr?“ entgegnete Schriften, augenſcheinlich ärgerlich über dieſe ruhige Entſchiedenheit von Seiten eines ſo jungen und ſchönen Weſens; dann heftete er ſein Auge auf den ſilbernen Taber⸗ nakel der heiligen Jungfrau, der auf dem Kaminmantel ſtand. „Ihr ſeid ein Katholik, wie ich bemerke— he?“ „Ich bin Katholik,“ verſetzte Philipp,„aber was geht das Euch an? Wann ſegelt das Schiff aus?“ „In einer Woche— hi! hi!— nur eine Woche zur Vorbe⸗ itnn— nur ſieben Tage, um dann Alles zu verlaſſen— kurze riſt!“ „Mehr als zureichend,“ entgegnete Philipp, ſich vom Sopha 86 erhebend.„Ihr mögt Eurem Kapitän ſagen, daß ich nicht fehlen werde. Komm, Amine, wir dürfen keine Zeit verlieren.“ „Nein, in der That nicht,“ erwiederte Amine;„aber unſere erſte Pflicht iſt Gaſtfreundlichkeit. Mynheer, dürfen wir Euch Er⸗ friſchung anbieten nach Eurer Wanderung?“ 1 „Heute über acht Tage,“ ſagte Schriften zu Philipp, ohne Aminen eine Antwort zu geben.— Philipp nickte mit dem Kopfe. Der Kleine wandte ſich um, verließ das Zimmer und war in kurzer Zeit nicht mehr zu ſehen. Amine ſank auf das Sopha nieder. Das Ende ihrer kurzen Glücksſtunde war dem zértlich liebenden, obgleich heroiſchen Weibe doch zu plötzlich und zu grauſam beigebracht worden. In den Wor⸗ ten und in dem Weſen des einäugigen Boten lag eine gewiſſe Bos⸗ heit und ein Ausdruck, wie wenn er mehr wiſſe als Andere, ſo daß ſowohl Philipp, als ſie ſelbſt ſcheu und verwirrt wurden. Amine weinte nicht, bedeckte aber ihr Antlitz mit den Händen, während Philipp mit unſtäten Schritten in dem kleinen Gemache auf⸗ und abging. Die halbvergeſſenen Scenen tauchten wieder auf's Lebhaf⸗ teſte in ſeiner Erinnerung auf. Abermals trat er in die verhäng⸗ nißvolle dunkle Stube. Die Stickerei lag zu ſeinen Füßen, und wieder fuhr er zurück, als er den Brief auf dem Boden bemerkte. Sie waren beide aus dem Traume ihres gegenwärtigen Glücks 8 erwacht und ſchauderten vor der furchtbaren Zukunft, die ihnen jetzt mit ihren düſteren Ahnungen nahe trat. Indeß reichten einige Minuten zu, um Philipp ſeine natürliche Selbſtbeherrſchung wieder gewinnen zu laſſen. Er ſetzte ſich an Aminens Seite und ſchlang ſie in ſeine Arme. Sie blieben ſtumm— kannten ſie ja doch gegen⸗ ſeitig ihre Gedanken zu gut, und es koſtete ſie eine peinliche An⸗ ſtrengung, ihren Muth und ihre Herzen gegen die Ueberzeugung zu ſtählen, daß ſie ſich für eine Zeitlang trennen müßten— vielleicht für immer! Amine ergriff zuerſt das Wort; die Arme ſinken laſſend, die —— 87 ſie um ihren Gatten geſchlungen hatte, drückte ſie ſeine Hand an ihr Herz, als wollte ſie das peinliche Klopfen deſſelben beſchwich⸗ tigen und bemerkte ſodann— „Gewiß war das kein irdiſcher Bote, Philipp! Fühlteſt du dich nicht in den Tod erkältet, als er an deiner Seite ſaß? Wenigſtens ging es mir ſo, als er hereinkam.“ Philipp hatte wohl den gleichen Gedanken, wünſchte aber nicht, Aminen zu beunruhigen, weßhalb er verwirrt antwortete: „Nein, Amine, du bildeſt dir's nur ein— das heißt, ſein plötz⸗ liches Erſcheinen und ſein ſeltſames Benehmen haben eine derartige Vorſtellung in dir geweckt. Was mich betrifft, ſo ſah ich in ihm nur einen Mann, der durch ſeine Mißgeſtalt zu einem neidiſchen Auswürfling der Geſellſchaft wurde— einen Menſchen, dem das häusliche Glück und das Lächeln des andern Geſchlechtes verſagt iſt, denn welches weibliche Weſen könnte freundlich auf eine ſolche Crea⸗ tur blicken? Seine Galle wurde rege, als er ſo viel Schönheit in den Armen eines Andern ſah, und es machte ihm eine boshafte Freude, eine Nachricht überbringen zu dürfen, von der er wußte, ſie werde eine Wonne verkürzen, die ihm unzugänglich iſt. Sei ver⸗ ſichert, meine Liebe, das iſt das Ganze.” „ und ſelbſt wenn meine Vermuthung richtig wäre, was läge daran?“ verſetzte Amine.„Es gibt Nichts mehr— Nichts, was deine Lage furchtbarer und verzweifelter machen könnte. Als deine Gattin, Philipp„fühle ich weniger den Muth, den ich beſaß, als ich dir meine Hand reichte. Damals kannte ich den Umfang meines Verluſtes noch nicht— doch fürchte nichts; wie tief ich auch hier fühle,“ fügte Amine bei, indem ſie ihre Hände an's Herz drückte—„ſo bin ich doch gefaßt und ſtolz darauf, daß mein Gatte für ein ſolches Werk erkohren wurde.“ Amine hielt inne. „Du kannſt dich doch nicht geirrt haben, Philipp?“ „Nein, Amine; ich habe mich weder in der Aufforderung, die an mich ergangen, noch in meinem eigenen Muthe„oder in der Wahl meiner Gattin geirrt,“ entgegnete Philipp traurig, indem er ſie mit ſeinen Armen umſchlang.„Es iſt der Wille des Himmels“ „So möge er denn geſchehen!“ erwiederte Amine, von ihrem Sitze aufſtehend.„Der erſte Schmerz iſt vorüber. Ich fühle mich jetzt beſſer, Philipp. Deine Amine kennt ihre Pflicht.“ Philipp antwortete nicht und Amine fuhr nach einer kleinen Weile fort: Aber nur eine kurze Woche, Philipp——¹ „Ich wollte, es wäre nur ein Tag geweſen,“ verſetzte er; „auch dieſer wäre ſchon lange genug. Das einäugige Ungeheuer iſt zu bald gekommen.“. „Nicht doch, rede nicht ſo, Philipp. Ich danke ihm für dieſe Woche— es iſt doch eine kurze Friſt, um mich meines Glückes zu entwöhnen. Freilich, würde ich dich nach Weiſe ſo vieler anderer Weiber durch meine Thränen quälen, ärgern und entmuthigen— würde ich dir mit Bitten oder Vorwürfen zuſetzen, Philipp, ſo wäre ſchon ein Tag mehr als hinreichend, um dich durch meine Schwäche elend zu machen. Doch nein, Philipp, deine Amine kennt ihre Pflicht beſſer. Du mußt wie ein Ritter des Alterthums zu einem gefährlichen Abenteuer ausziehen, in dem du vielleicht den Tod findeſt; aber Amine wird dich bewaffnen und dir ihre Liebe zeigen, indem ſie ſorgfältig jede Niete deines Harniſches ſchließt und dich ziehen läßt, voll zuverſichtlicher Hoffnung deiner Rückkehr entgegenblickend. Eine Woche iſt nicht zu lang, Philipp, wenn ich ſie, wie ich hoffe, zweckmäßig benütze— eine Woche des Austauſches unſerer Gefühle, in der ich auf deine Stimme und deine Worte lauſche, jedes derſelben in mein Herz eingrabe, bei ihnen verweile und meine Liebe damit nähre, wenn du abweſend biſt und ich mich einſam fühle.— Nein, nein, Philipp; ich danke Gott, daß es doch noch eine Woche iſt.“ „Und auch ich, Amine. Im Grunde wußten wir ja, daß es ſo kommen mußte.“ —;;;—— 89 „Ja! aber meine Liebe war ſo übermächtig, daß ſie die Er⸗ innerung daran ganz verbannte.“ „Und doch muß während unſerer Trennung deine Liebe aus der Erinnerung Nahrung ſchöpfen, Amine.“ Amine ſeufzte. Ihr Geſpräch wurde jetzt durch den Eintritt von Mynnheer Poots unterbrochen, der bei dem Anblicke der Ver⸗ änderung, welche ſich in Aminens ſonſt ſo ſtrahlenden Zügen zu erkennen gab, ausrief: „Heiliger Prophet! was gibt es denn?“ „Nichts, als was wir Alle ſchon zuvor wußten,“ verſetzte Philipp;„ich bin im Begriffe, euch zu verlaſſen— das Schiff wird in einer Woche ausfahren.“ „Ohl alſo in einer Woche gedenkt Ihr abzuſegeln?“ In dem Geſichte des alten Mannes lag ein wunderlicher Aus⸗ druck von Freude, den er jedoch vor Amine und ihrem Gatten zu verbergen bemüht war. Seine Züge gingen allmählig in eine gewiſſe Gravität über und er ſagte:— „Das iſt in der That eine ſchlimme Kunde.“ Amine und Philipp gaben keine Antwort darauf, ſondern ver⸗ ließen mit einander das Gemach.. . Wir müſſen dieſe Woche übergehen, da ſie eben mit Vorbe⸗ reitungen zu Philipps Abreiſe ausgefüllt wurde, während Aminens Heldenmuth ihre Gefühle beherrſchte, wie ſehr auch der Schmerz über die Trennung von ihrem angebeteten Gatten ihr Innerſtes zerriß. Auch können wir nicht bei dem Widerſtreite in der Bruſt unſeres Helden verweilen, der Wohlſtand, Glück und Liebe verlaſſen ſollte, um Gefahren, Entbehrungen und dem Tode entgegen zu gehen. Das einemal war er feſt entſchloſſen, zu bleiben, das anderemal nahm er wieder die Reliquie von ſeiner Bruſt, rief ſich ſein Ge⸗ lübde in's Gedächtniß und wünſchte ſich faſt den Tag der Abreiſe früher herbei. Auch Amine pflegte in den Armen ihres Gatten die wenigen Stunden zu zählen, die ihnen noch übrig waren, oder 90 konnte ſchaudernd zuſammenfahren, wenn ſie wachend dalag, und über Philipps Zukunft Betrachtungen anſtellte, während der Wind draußen heulte. Es war für Beide eine lange Woche; aber ob⸗ gleich ſte wähnten, daß die Zeit mit Flügeln dahineile, fühlten ſie doch faſt eine Erleichterung, als der Morgen des Abſchieds heran⸗ kam, denn dann konnten ſie doch ihren ängſtlich verhaltenen ge⸗ preßten Gefühlen Luft machen. Die ungewiſſe Spannung war dann verſchwunden und die Hoffnung blieb zurück, um den dunkeln Horizont der Zukunft aufzuhellen. „Philipp,“ ſagte Amine, als ſie mit verſchlungenen Händen neben einander ſaßen,„ich werde weniger erſchüttert ſein, wenn du fort biſt. Ich will mir in's Gedächtniß rufen, daß du mir Alles vor unſerer Vermählung vorausgeſagt haſt, und daß ich aus Liebe zu dir das Wagniß übernahm. Die Stimme der Zärtlichkeit in meinem Innern flüſtert mir oft zu, daß du zurückkehren wirſt; aber ſie könnte mich täuſchen.— Du kehrſt vielleicht zurück, aber nicht im Leben. In dieſem Zimmer werde ich dich erwarten: auf dieſem Sopha, das ſeine alte Stelle wieder einnehmen ſoll, will ich ſitzen, und wenn ich dich auch im Leben nicht mehr ſehen ſollte, ſo verſage mir's nicht, wo möglich doch nach deinem Tode zu er⸗ ſcheinen. Ich werde mich vor keinem Sturme, vor keinem Aufflie⸗ gen des Fenſters fürchten. O nein! Auch die Anweſenheit deines Geiſtes ſoll mir willkommen ſein. Noch einmal— laß dich nur ſehen— laß mich überzeugt ſein, daß du todt biſt, damit ich wiſſe, ich habe hienieden für Nichts mehr zu leben und könne freudig einer Wiedervereinigung in einer beſſern Welt entgegeneilen. Verſprich mir das, Philipp.“ „Ich verſpreche dir Alles, was du wünſcheſt, vorausgeſetzt, daß es mir vom Himmel geſtattet wird; aber Amine“— und Philipps Lippen zitterten—„ich kann nicht— barmherziger Gott! dieſe Prüfungsſtunde iſt zu ſchwer— Amine, ich kann nicht länger weilen.“ 91 Aminens dunkle Augen hafteten auf ihrem Gatten— ſie ver⸗ mochte nicht zu ſprechen— ihre Züge waren krampfhaft verzerrt — die Natur konnte nicht länger gegen das Uebermaß der Gefühle Stand halten— ſie ſank in ſeine Arme und blieb regungslos liegen. Als ihr Philipp einen letzten Kuß auf die blaſſen Lippen drückte, bemerkte er daß ſie ohnmächtig geworden war. „Sie fühlt es jetzt nicht,“ ſagte er, als er ſie auf das Sopha niederlegte;„es iſt beſſer, daß es ſo kam— ach, nur zu bald wird ſie zum Elend erwachen!“ Er rief aus dem anſtoßenden Zimmer Mynheer Poots herbei, damit er ſeiner Tochter Hülfe leiſte, griff nach ſeinem Hute, drückte noch einen glühenden Kuß auf ihre Stirne, ſtürzte aus dem Hauſe und war ſchon ferne, ehe ſich Amine aus ihrer Ohnmacht erholte. Achtes Kapitel. Ehe wir Philipp Vanderdecken auf ſeiner unſichern Bahn folgen, wird es nöthig ſein, unſern Leſern die Umſtände in's Ge⸗ dächtniß zu rufen, welche den Unternehmungsgeiſt der Holländer nach den öſtlichen Welttheilen lenkten, um daſelbſt eine unerſchöpf⸗ liche Quelle des Reichthums für ſich aufzuſchließen. Nachdem Karl V. den größeren Theil von Europa ſeiner Herr⸗ ſchaft unterworfen hatte, zog er ſich aus Gründen, die wohl ihm ſelbſt am beſten bekannt waren, aus der Welt zurück, und theilte ſeine Königreiche zwiſchen Ferdinand und Philipp. Erſterem gab er Oeſtreich ſammt deſſen Zugehör, Letzterem aber Spanien ſammt den Niidderlanden mit ein paar Millionen Seelen, die darauf vegetirten, um die Theilung gleicher und für den Gaumen des Erben ſchmack⸗ —xuxuuu 92 hafter zu machen. Nachdem er alſo über ſeine Mitmenſchen ver⸗ fügt hatte, begab er ſich zufrieden in ein Kloſter, indem er ſich nur ein kleines Einkommen, zwölf Diener und ein Pferd vorbehielt. Ob er je nachher ſeine Mummerei bereute oder ſeinen Pony be⸗ ſtieg, iſt nicht berichtet worden; ſoviel aber bleibt gewiß, daß er zwei Jahre nachher ſtarb. Philipp dachte(wie ſo Viele vor und nach ihm), daß er ein Recht habe, über ſein Eigenthum nach Belieben zu verfügen. Er nahm daher den Holländern den größten Theil ihrer Privilegien und gab ihnen zum Erſatz die Inquiſition; aber die Holländer brummten, und Philipp, dem dies nicht anſtund, ließ Einige davon verbrennen. Hierauf proteſtirten die Holländer, die etwas wäſſeri⸗ ger Konſtitution waren, gegen eine Religion die ihnen ſo gar heiß machte. Kurz, die Ketzerei griff gewaltig um ſich, und der Herzog von Alba wurde mit einer großen Armee ausgeſchickt, um ihnen zu beweiſen, daß die Inquiſition die allerbeſte Einrichtung und es 3 unendlich zweckmäßiger ſei, ein Menſch brenne eine halbe Stunde in dieſer Welt, als eine ganze Ewigkeit in der nächſten. 3 Dieſe kleine Meinungsverſchiedenheit gab Anlaß zu einem Kriege, der ungefähr achtzig Jahre währte und, nachdem er einige 3 Hunderttauſend Menſchen der Mühe überhoben hatte, im Bette zu ſterben— damit endigte, daß die ſieben vereinigten Provinzen für unabhängig erklärt wurden.— Wir müſſen nun ein wenig zurück⸗ kehren. 3 3 Schon in dem erſten Jahrhundert nach Umſchiffung der Südſpitze Afrika's wurde der Verkehr der Portugieſen mit Oſtindien durch an⸗ dere Völker beeinträchtigt. Endlich erwachte aber auch der abenteuer⸗ liche Geiſt der Engländer. Die Portugieſen ſprachen die Indienfahrt um den Kap als ihr ausſchließliches Recht an, und vertheidigten es mit aller Macht. Geraume Zeit wagte es keine Privat⸗Compagnie, ihnen entgegenzutreten, und der Verkehr ſchien nicht bedeutend genug zu ſein, um irgend eine Regierung zu veranlaſſen, daß ſfie 93 die Frage durch einen Krieg zu entſcheiden ſuchte. Die engliſchen Abenteurer lenkten daher ihre Aufmerkſamkeit auf die Entdeckung eines nordweſtlichen Wegs nach Indien, den ihnen die Portugieſen nicht wehren konnten, und der beſte Theil des fünfzehnten Jahrhun⸗ derts wurde auf derartige vergebliche Verſuche verwendet. Endlich ſtand man von dieſen Bemühungen ab und beſchloß, ſich nicht länger durch die Anmaßung der Portugieſen einſchüchtern zu laſſen. Nach einigen erfolgloſen Expeditionen wurde eine Kriegsflotte ausgeſtattet und unter Drakes Befehl geſtellt. Dieſer muthige und glückliche Seemann leiſtete mehr, als die ſanguiniſchſten Hoffnungen in Ausſicht geſtellt hatten. Er kehrte im Mai 1580 nach einer faſt dreijährigen Reiſe in die Heimath zurück und brachte große Schätze mit ſich, hatte aber zugleich einen ſehr günſtigen Vertrag mit dem Könige der Molukken abgeſchloſſen. Nach einem ſo glücklichen Vorgange brachen im Jahre 1600 Cavendish und Andere auf. Inzwiſchen hatte die engliſch⸗oſtin⸗ diſche Compagnie von der Regierung ihren erſten Freibrief erhalten und nun bereits mehr als fünfzig Jahre mit wechſelndem Erfolg den Verkehr fortgeführt. So lange die Holländer Vaſallen der ſpaniſchen Krone waren, pflegten ſie die Produkte des Oſtens in Liſſabon zu holen und nach⸗ her durch Europa zu vertheilen; als ſie aber mit Philipp Streit anfingen, wurde es ihnen nicht länger geſtattet, den Verkauf ſeiner indiſchen Güter zu betreiben. Die Folge davon war, daß ſie während ihres Unabhängigkeitskampfes auch Geſchwader nach Indien ausſchickten. 3 Ihre Bemühungen waren erfolgreich, und im Jahre 1602 er⸗ hielten die verſchiedenen Spekulanten, welche ſich zu einer Compag⸗ nie gebildet hatten, von ihrer Regierung dieſelben Privilegien, welche bereits früher das engliſche Gouvernement an eine nach denſelben Grundſätzen conſtituirte Geſellſchaft ertheilt hatte. Zur Zeit unſerer Geſchichte hatten alſo die indiſchen und hol⸗ 94 lindiſchen Schiffe ſchon ſeit mehr als fünfzig Jahren die indiſchen Meere befahren, die Portugieſen aber faſt alle ihre Macht verloren, da die Potentaten des Oſtens, welche durch den Geiz und die Grauſamkeit der Portugieſen ſehr beſchädigt worden waren, mit den Rivalen Bündniſſe und Freundſchaftsverträge ſchloſſen. Wie ſehr nun auch die Holländer den Engländern für ihren Beiſtand in dem Unabhängigkeitskriege verpflichtet waren, ſchien es doch nicht, als habe ſich ihre Dankbarkeit über das Kap hinaus erſtreckt, da ſich im Gegentheile die portugieſiſchen, engliſchen und holländiſchen Schiffe gegenſeitig bekämpften, einander ohne Cere⸗ monie kaperten und nur das Recht der Gewalt gelten ließen. Die Mutterlande wurden zwar hin und wieder aufgefordert, ſich in's 3 Mittel zu legen; aber ihre Einmengung hatte zu der gedachten Zeit nichts erwirkt, als einen Papierkrieg, und es war augenfällig, daß alle Partieen Unrecht hatten. Im Jahre 1 650 uſurpirte Cromwell die Herrſchaft von England. 3 Dieſer hatte unter anderen Punkten für den Mord ſeines königs⸗ mörderiſchen Geſandten und wegen den Grauſamkeiten, die etwa dreißig Jahre früher zu Amboyna an den Engländern verübt wor⸗ den waren, vergeblich von den Holländern Genugthuung verlangt, 3 und erklärte deßhalb Letzteren 1651 den Krieg. Um zu beweiſen, daß es ihm ernſt ſei, nahm er mehr als zweihundert holländiſche Schiffe weg, was die Holländer(ſehr gegen ihre Neigung) zu Rüſtungen zwang. Blake und Van Tromp trafen zuſammen und führten ſehr hartnäckige Seekriege. Die„engliſche Geſchichte“ ver⸗ leiht faſt unabänderlich den Engländern den Sieg, während ihn die ſ Holländer ſich ſelbſt zuſchreiben. Jedenfalls waren jene Schlachten ſo verzweifelt, daß man wohl ſagen darf, beide Theile ſeien tüchtig zerklopft worden. Im Jahr 1654 wurde jedoch der Frieden unter⸗ zeichnet, und der Holländer verſprach, ſeinen Hut abzunehmen, ſo oft er einem Engländer auf hoher See begegne— ein bloßer Akt der Höflichkeit, gegen den Mynheer nichts einzuwenden hatte, weil ½ ——jy 95 er nichts koſtete. Da wir nun den Stand der Dinge bis zur 1 Zeit von Philipps Einſchiffung aus einander geſetzt haben, wollen wir in unſerer Geſchichte fortfahren. Sobald Philipp die Schwelle ſeines Hauſes im Rücken hatte, eilte er fort, als verſuche er ſeinen eigenen, ſchmerzlichen Gedan⸗ ken zu entrinnen. Nach zwei Tagen langte er in Amſterdam an, wo er zuerſt darauf dachte, ſich eine kleine, aber ſtarke Stahl⸗ kette zu verſchaffen, um damit das Band zu erſetzen, an welchem er bisher ſeine Reliquie um den Hals befeſtigt hatte. Nachdem dieß geſchehen war, eilte er mit ſeinen Effekten an Bord des Schillings. Philipy hatte nicht vergeſſen, das Geld mitzubringen, das er dem Kapitän verſprochen hatte, denn er ſollte als Lehrling, nicht als ein gedungener Matroſe auf dem Schiffe eintreten. Auch mit der nöthigen Summe für ſeine eigenen Bedürfniſſe hatte er ſich vorgeſehen. Es war ſchon ſpät, als er an Bord des Schil⸗ 5 lings anlangte, der in Mitte der übrigen, zur indiſchen Flotte gehörigen Schiffe vor einem einzigen Anker lag. Der Kapitän, welcher Kloots hieß, nahm ihn ſehr freundlich auf, zeigte ihm ſein Berth und ging dann in den Raum hinunter, um eine Frage in Betreff des Cargo zu entſcheiden, während Philipp auf dem Decke ſeinen eigenen Betrachtungen überlaſſen blieb. „ Und dies,“ dachte Philipp, während er ſich an den Hack⸗ ord lehnte und nach vorn ſchaute—„dies iſt alſo das Schiff, . auf dem ich meinen erſten Verſuch machen ſoll— den erſten und vielleicht auch den letzten!— Wie wenig ahnen diejenigen, mit 4 welchen ich auszuſegeln im Begriffe bin, den Zweck meiner Ein⸗ I ſchiffung? Wie verſchieden ſind meine Ausſichten von denen der Uebrigen? Jage ich etwa Glücksgütern nach? Nein! Will ich die Neugierde eines unſtäten Geiſtes befriedigen? Nein! Ich ſuche ei⸗ nen Verkehr mit den Todten. Kann ich dieſen finden, ohne mich ſſelbſt und diejenigen zu gefährden, welche mit mir ſegeln? IJ˙h ſglaube nicht,: denn iij kann mein Ziel wohl nur im Tode erreigen. ö 96 Hätten ſie eine Ahnung von meinen Wünſchen und Abſichten, wür⸗ den ſie mir wohl geſtatten, auch nur eine Stunde bei ihnen an Bord zu bleiben? Die Matroſen ſollen abergläubiſch ſein und hätten, wenn ſie von meiner Sendung unterrichtet wären, einen guten Grund, ſich eines Menſchen zu entledigen, der in einer ſo ſchreck⸗ lichen Abſicht ausfährt. Ja wohl ſchrecklich— und wie kann ich ſie erfüllen? Nur der Himmel und meine Beharrlichkeit vermögen das Geimniß zu löſen.. 2 Dann kehrten ſeine Gedanken zu Aminen zurück. Er ſchlug ſeine Arme zuſammen, erhob ſeine Augen zum Firmament und ſchien in verzückten Betrachtnngen dem Flug der Wolken zu folgen. „Wär's nicht beſſer, Ihr gingt in den Raum hinunter?“ ſprach eine milde Stimme, welche Philipp aus ſeinen Träumereien weckte. Es war die des erſten Maten, der Hillebrant hieß, eines kleinen, gutgebauten Mannes von ungefähr dreißig Jahren. Das flachs⸗ gelbe Haar fiel ihm in langen Wiſchen über die Schulter nieder; 8. ſein Teint war hell, ſein Auge von ſanftem Blau, und ohgleich er nur 3 wenig einem Seemann gleich ſah, wußten doch Wenige il Dienſt beſſer zu erfüllen.“ Ich danke Euch,“ verſetzte Philipp.„In der That, ich habe mich ſelbſt und den Ort, wo ich bin, ganz vergeſſen. Meine Ge⸗ danken waren weit weg. Gute Nacht, und vielen Dank.“ Der Schilling unterſchied ſich, wie die meiſten Schi Periode, in Bau und Ausſtattung weſentlich von denen der heutigen Zeit und mochte etwa vierhundert Tonnen führen. Sein Boden war faſt flach und die Seiten neigten ſich über dem Waſſer einwärts, ſo daß die oberen Decken kaum die halbe Raumbreite einnahmen. Da alle Schiffe der Compagnie zugleich auch für den Krieg ge⸗ rüſtet waren, ſo führte er keine Güter auf dem Hauptdeck, wohl abe ſechs Neunpfünder auf jeder Breitſeite, mit kleinen ovalen Stückpfor⸗ ten. Sämmtliche Decken liefen in einer Curve nach vorn und hin ten. Auf dem Vordereaſtell befand ſich vor den Bugſtücken des Vor⸗ „ —-—— — 97 ſtephens ein anderes kleines Deck, das die Obenbramback genannt wurde. Das Halbdeck trug eine Campanje, die ſich hoch über das Waſſer erhob. Das Bugſpriet war ſehr weit hinausgeſchoben und gewann faſt das Anſehen eines vierten Maſtes, um ſo mehr, da es ein viereckiges Sprietſegel und ein Sprietmarsſegel führte. Auf dem Halbdecke und den Hüttenbollwerken ſtacken in Geſtellen Kriegs⸗ werkzeuge, die jetzt lang außer Brauch gekommen ſind, damals aber unter den Namen von Cohorns und Patteraroes bekannt waren, ſich auf Warlen drehten und vermittelſt einer eiſernen Handhabe an dem Bodenſtücke gerichtet wurden. Das Segel hinter dem Beſahnmaſt, das dem heutigen Treiber oder Brodwinner entſpricht, war auf einer lateiniſchen Raa befeſtigt. Nach dieſer Beſchreibung iſt es kaum nöthig, beizufügen, daß die Gefahren einer langen Fahrt durch die eigenthümliche Conſtruction der Schiffe nicht wenig erhöht wurde, denn der Windfang und das viele Holz über Waſſer waren zwar wohl vor einer günſtigen Briſe gut, konnten aber doch nicht Wind halten, und hatten vor einem Legerwall nur wenig Ausſicht. Die Mannſchaft des Schilling beſtand aus dem Kapitän, zwei Maten, zwei Piloten und fünfundvierzig Matroſen. Der Supercargo war noch nicht an Bord gekommen. Dem Letzteren gehörte die Kajüte unter der Campanje, die Hauptdeckkajüte aber dem Kapitän und den Maten an, aus denen der ganze Kajütentiſch beſtand. Als Philipp am andern Morgen erwachte, fand er, daß die Marsſegel aufgehißt waren und der Anker ſich vor dem kurzen Stage befand. Einige der übrigen Schiffe waren ſchon unter Segel und ſteuerten auswärts. Das Wetter war ſchön, das Waſſer glatt, und das rührige Gewühl, wie auch die Neuheit der Scene wirkte belebend auf den Geiſt unſeres Helden. Der Kapitän Mynheer Kloots ſtand auf der Hütte und blickte durch ein kleines Pappendeckel⸗Teleskop angelegentlich nach der Stadt hin. Wie gewöhnlich hatte er ſeine Pfeife in dem Munde, deren Rauch von Zeit zu Zei inſen ſei⸗ Marryat. Der ſtiegende Holländer. 98 ness Fernglaſes verdunkelte. Philipp ſtieg die Hüttentreppe hinauf und grüßte ihn. Mynheer Kloots war ein Mann von keineswegs mittelmäßigem Umfange, und die Menge von Kleidern, die er trug, vermehrte ſeine maſſenhafte Geſtalt nicht wenig. Der dem Auge zugängliche Anzug beſtand aus einer neuen Fuchsmütze, unter der die Enden einer roth⸗ wollenen Nachtmütze hervorſahen, einer rothen Plüſchweſte mit großen Metallknöpfen, einer grünen Tuchjacke und einer anderen von grobem blauem Tuch, die nur ſo weit niederging, daß man ſie füglich einen Spenſer nennen konnte. Seine untere Bekleidung wurde durch ſchwarze Plüſchhoſen, hellblaue Baumwollenſtrümpfe und Schuhe mit großen ſilbernen Schnallen gebildet. Um den Leib hatte er einen breiten Gürtel und eine Segeltuchſchärpe, welche in dichten Falten faſt bis auf die Knie niederfiel. In ſeinem Gürtel ſtak ein großes, breites Meſſer, mit einer Scheide von Haifiſchhaut verſehen. Dies war der Anzug von Mynheer Kloots, dem Kapitän des Schillings. Seine Größe entſprach ganz ſeiner Beleibtheit. Sein Geſichi war oval und, in Vergleichung mit ſeinem übrigen Bau, klein zu nennen. Seein graulichtes Haar flatterte im Winde, und ſeine gerade Naſe zeigte an der Spitze ein glühendes Roth, zum Theil eine Folge häu⸗ figen Zuſpruchs zu der Schnapsflaſche, zum Theil aber auch der Hitze einer kleinen Pfeife zuzuſchreiben, die nur ſelten von ſeinen Lip⸗ pen kam— etwa wenn er Befehle ertheilte, oder wenn er ſein Rauchinſtrument wieder füllen wollte. „Guten Morgen, mein Sohn,“ ſagte der Kapitän, die Pfeife einen Augenblick aus dem Mund nehmend.„Wir werden noch durch den Supercargo aufgehalten, dem's nie ſehr preſſirt, an Bord zu kommen. Das Boot wartet ſchon eine Stunde auf ihn am Ufer, und wir werden wohl erſt zuletzt ausfahren können. Ich wollte, die ppagnie ließe uns ohne dieſe Herren ſegeln, die meiner An⸗ — 99 ſicht nach, nur ein Hinderniß für das Geſchäft ſind. Freilich,« am Lande hat man eine andere Meinung von der Sache.“ „Was haben ſie denn an Bord zu thun?“ fragte Philipp. 3„Sie müſſen nach der Ladung ſehen und den Verkehr überwachen. Wenn ſie ſich darauf beſchränkten, ſo wäre es ſo übel nicht; ſo aber miſchen ſie ſich in Alles und ſtudiren auf Nichts, als auf ihre eigene Bequemlichkeit. In der That, ſie ſpielen den König an Bord, denn ſie wiſſen wohl, daß wir uns nicht getrauen, ſie zu beleidigen, da ein Wort von ihnen zureicht, Vorurtheile gegen ein Schiff zu erregen, wenn es wieder um ſein Privilegium einkömmt. Die Compagnie ver⸗ langt, daß man ihnen alle Ehren erweist, und wenn ſie an Bord kommen, ſalutiren wir mit fünf Schüſſen.“ „Seid Ihr mit dem Manne, den Ihr erwartet, bereits bekannt?“ „Nein— ich kenne ihn blos vom Hörenſagen. Ein Kollege von mir, mit dem er bereits ſegelte, theilte mir mit, er fürchte ſich ſehr vor den Gefahren der See und ſei ungemein von ſeiner eigenen Be⸗ deutſamkeit eingenommen.“. „Ich wollte er käme,“ entgegnete Philipp;„denn es verlangt mich ſehr, daß wir einmal in die See ſtechen.“ „Ihr müßt wohl gewaltig von der Wanderluſt beſeſſen ſein, mein Sohn. Ich höre, Ihr verlaßt eine gemächliche Heimath und ein hübſches Weib obendrein.“. „Ich bin ſehr begierig, die Welt zu ſehen,“ verſetzte Philipp. „Auch muß ich ein Schiff kennen lernen, ehe ich mir ein eigenes kaufe und damit mein Glück zu machen verſuche.“(Ach wie ganz anders verhält ſich's mit meinen wahren Wünſchen, dachte Philipp, als er dieſe Antwort gab.) „Man kann auf dem Ocean Geld verdienen; er iſt aber auch gefräßig und verſchluckt es,“ entgegnete der Kapitän.„Könnte ich nur dieſes gute Schiff in ein gutes Haus umwandeln, und beſäße ich genug Gülden, das Letztere warm zu erhalten, ſo würdet Ihr mich icht auf dieſer Hütte ſtehen ſehen. Ich haht d 100 mal umſchifft, was oft genug iſt für einen Mann; ein drittesmal dürfte es wohl nicht ſo glücklich ablaufen.“ „ Iſt's denn da ſo gefährlich?“ fragte Philipp. „So gefährlich, als es Fluth und Strömungen, Riffe und Sandbänke, ſchwere Böen und hohe Wogen nur machen können— weiter nicht! Selbſt wenn man dieſſeits von dem Kap in der Bay ankert, kann man nur mit Furcht und Zittern daliegen, denn man hat zu gewärtigen, daß man vom Anker weg in die See hin⸗ ausgeblaſen oder an's Ufer unter die Wilden geworfen wird, ehe die Leute im Stand ſind, ihre Kleider anzulegen. Hat man jedoch einmal die andere Seite erreicht, ſo tanzen die Waſſer ſo heiter im Sonnenſtrahle, und man kann wochenlang unter einem wolkenloſen Himmel beim beſten Winde ſegeln, ohne ſich mit Halſen oder Schoten zu bemühen, oder auch nur ſeine Pfeife aus dem Munde nehmen zu müſſen” „In welche Häfen werden wir einlaufen, Mynheer?“ „Darüber kann ich nur wenig Auskunft geben. Gambrun im Golf von Perſien wird wahrſcheinlich der erſte Sammelplatz der ganzen Flotte ſeyn. Dann trennen wir uns. Einige gehen nach Bantam auf der Inſel Java, Andere werden Auftrag erhalten, die Straße hinunterzuſegeln, um Kampfer, Gummi, Benzoë und Wachs einzuhandeln. Auch Gold und Elephantenzähne bilden einen Tauſchgegenſtand, doch müſſen wir, wenn wir je auf dieſes Ge⸗ ſchäft ausgeſchickt werden ſollten, vorſichtig mit den Eingebornen umgehen, Mynheer Vanderdecken. Sie ſind ein ſtolzes, verrätheriſches Volk, und führen ſcharfe, gekrümmte Meſſer(oder Kriſen, wie ſte's nennen), die ſie in tödtliches Gift getaucht haben. Auch mit den Portugieſen und Engländern habe ich mich in jenen Straßen ſcharf herumſchlagen müſſen.“ „Nun jetzt iſt's doch Friede.“ „Ganz richtig mein Sohn; aber wenn wir um das Kap düͤrfen wir uns nicht ſonderüih auf die Papiere 101 verlaſſen, die in der Heimath unterzeichnet werden. Die Engländer ſetzen uns ſcharf zu und folgen unſerem Kielwaſſer, wohin wir immer gehen. Sie müſſen im Zaume gehalten werden, und ich vermuthe, unſere Flotte iſt nur deßhalb ſo groß und mit ſtrenger Ordre verſehen, weil man Feindſeligkeiten erwartet.“ „Wie lange mag uns wohl unſere Reiſe in Anſpruch nehmen?“ „Je nachdem's kömmt— vielleicht zwei Jahre— kann ſein, auch weniger, wenn wir nicht in den Faktoreien aufgehalten und zum Dienſt gegen den Feind benützt werden, was übrigens wahr⸗ ſcheinlich der Fall ſein wird.“ „Zwei Jahre!“ dachte Pilipp;„zwei Jahre fern von Amine!“ Und er ſeufzte tief, denn er fühlte, daß die Trennung vielleicht für immer war. „Nun, mein Sohn, zwei Jährchen ſind ſo lange nicht,“ ſagte Mynheer Kloots, als er die Wolke auf Philipps Stirne bemerkte. „Ich war einmal fünf Jahre aus und hatte dabei Unglück, denn ich brachte Nichts nach Hauſe, nicht einmal mein Schiff. Ich wurde nach Chittagong, an der Oſtſeite des großen bengaliſchen Meer⸗ buſens, geſandt und lag da drei Monate im Fluß. Die Häupt⸗ linge des Landes hielten mich mit Gewalt zurück; ſie wollten meine Ladung nicht umtauſchen und ebenſo wenig mir geſtatten, einen andern Markt zu ſuchen. Mein Pulver war an's Land gebracht, und ich konnte daher keinen Wiederſtand leiſten. Die Würmer zer⸗ fraßen den Boden meines Schiffes ſo ſehr, daß es von ſeinen Ankern verſank. Sie wußten, daß es ſo kommen würde, und nahmen dann die Ladung zu ihren eigenen beliebigen Preiſen an ſich. Ein anderes Schiff brachte uns nach Hauſe. Wäre ich nicht ſo verrätheriſch be⸗ handelt worden, ſo hätte ich nicht nöthig, dieſe Fahrt mitzumachen, und noch obendrein mit ſo geringem Erwerb, da die Compagnie allen Privathandel verbietet. Doch da kommt er endlich; ſie haben das Wimpel an dem Bootsmaſt aufgehißt— da— jetzt ſind ſie abgeſtoßen. Mynheer Hillebrant, ſorgt dafür, daß die Kanoniere mit ihren Leuten bereit ſind, den Supercargo zu begrüßen.“ „Welchen Dienſt weist Ihr mir an?“ fragte Philipp.„Worin kann ich mich nützlich machen?“ „Vorderhand nicht viel, die ſchweren Böen etwa ausgenom⸗ men, in welchen jedes Paar Hände von großem Werth iſt. Seht einſtweilen zu und lernt in dieſer Weiſe den Dienſt. Auch könnt Ihr das Journal, das für die Compagnie geführt wird, hübſch abſchreiben und mir in anderer Weiſe an die Hand gehen, ſobald die unangenehme Ueblichkeit vorüber iſt, welche alle Diejenigen empfinden, welche zum erſtenmal an Bord gehen. Als Gegen⸗ mittel möchte ich Euch rathen, ein Schnupftuch dicht um den Leib zu gürten und ſo den Magen zuſammen zu preſſen; auch empfehle ich Euch den fleißigen Gebrauch einer Schnapsflaſche, die ſtets zu Euren Dienſten ſteht. Aber nun müſſen wir den Faktor der hochmögenden Compagnie unpfangen. Mynheer Hillebrant, laßt die Kanonen abfeuern.“ Das Geſchütz wurde gelöst, und ſobald ſich der Rauch ver⸗ theilt hatte, kam das Boot, deſſen langes Wimpel im Waſſer nach⸗ ſchleppte, an die Seite des Schillings. Philipp betrachtete den Supercargo, der erſt an Bord ſtieg, nachdem er mehrere Truhen mit den Anfangsbuchſtaben und dem Wappen der Compagnie hatte auf das Deck ſchaffen laſſen. Der Beamte war ein mageres Männchen mit einem welken Ge⸗ ſichte und einem goldbetreßten, dreieckigen Hute auf dem Kopfe, unter welchem eine gewaltige Perücke ſaß, deren Locken tief über die Schultern niederfielen. Sein Rock beſtand aus ſcharlachrothem Sammt und hatte breite Taſchenklappen; ſeine weißſeidene Weſte war mit farbigen Blumen geſtickt und fiel faſt bis zu den Knieen hinunter. Seine Dickbeine waren in ſchwarzen Atlas gehullt, und der untere Theil ſeines Pedals ſteckte in weißſeidenen Strümpfen. Füge man hiezu noch goldene Kniee⸗ und Schuhſchnallen, Spitzen⸗ derlich darum zu thun, auf e zu bleiben, denn er ließ ſich 103 manchetten und einen Stock mit filbernem Knopf, ſo hat der Leſer den ganzen Anzug von Mynheer Jakob Janz von Stroom, dem Supercargo der hochpreislichen Compagnie auf dem guten Schiffe „der Schilling.“ 4 Als er umherblickte, in achtungsvoller Entfernung von dem Kapitän, den Offizieren und den Matroſen des Schiffes umgeben, die ſämmtlich ihre Mützen in der Hand hielten, hätte der Be⸗ ſchauer wohl an das Bild des„Affen, der die Welt geſehen hat,“ im Kreiſe ſeiner Stammgenoſſen, erinnert werden können. Man bemerkte übrigens von Seite der Matroſen nicht die mindeſte Nei⸗ gung zum Lachen, nicht einmal über die gewaltige Perücke, denn man zollte in jener Periode dem Anzuge einen tiefen Reſpekt, und obgleich man Mynheer von Stroom nicht für einen Seemann halten konnte, wußte man doch, daß er der Supercargo der Compagnie und ein ſehr großer Mann war. Er genoß daher alle Achtung, die einer ſo bedeutſamen Perſon gebührte. Es war jedoch Mynheer von Stroom augenſcheinlich nicht ſon⸗ alsbald in ſeine Kajüte weiſen, wohin ihm der Kapitän, der ſich unter den hindernd umherliegenden Taurollen einen Weg ſuchte, voranging. Die Thüre wurde geöffnet und der Supercargo ver⸗ ſchwand. Das Schiff wurde jetzt gelichtet und die Segel geſetzt; ſobald aber die Matroſen den Haſpel verlaſſen hatten und nun eben die Anker an Bord befeſtigten, wurde die Glocke der Hüttenkajüte (die dem Supercargo angehörte) mit großem Ungeſtüm geläutet. „Was mag das zu bedeuten haben?“ ſagte Mynheer Kloots, der im Vorderſchiffe ſtand, ſeine Pfeife aus dem Mund nehmend. wnhnhs Vanderdecken, wollt Ihr ein wenig nachſehen, was es gi 25 Philipp ging, während die Glocke noch immer forttönte, nach hinten, öffnete die Kajütenthüre und entdeckte, wie der Supercargo auf dem Tiſche ſaß und mit allen Merkmalen der Furcht in ſeinem 1⁰4 Geſichte noch immer an der Glockenſchnur zerrte; die in der Mitte des Gemachs herunterhing. Er hatte die Perücke nicht auf, und der kahle Schädel gab ihm ein eigenthümlich lächerliches Ausſehen. „Was gibt'’s, Herr?“ fragte Philipp. „Was es gibt?“ ſprudelte Mynheer von Stroom.„Ruft die Truppen mit ihren Gewehren herbei. Hurtig, Sir! Soll ich er⸗ mordet, in Stücke zeriſſen und verzehrt werden? Um Gotteswillen, Herr, reißt nicht Eure Augen auf, ſondern thut Etwas. Seht Ihr ihn nicht gegen den Tiſch herkommen? Oh Jemine! Oh Jemine!“ fuhr der Supercargo fort, dem der Schrecken augenſcheinlich den Verſtand verrückt hatte. Philipp wandte nun ſeine Augen von Mynheer von Stroom ab und in die angedeutete Richtung; da bemerkte er denn zu ſeinem großen Erſtaunen einen kleinen Bären auf dem Deck, der ſich mit der Perücke des Supercargo amüfirte, indem er ſie mit den Tatzen hin⸗ und herſtieß und bisweilen ſeine Schnauze darin begrub. Phi⸗ lipp war zuerſt über den Anblick des Thieres betroffen; ein kurzes Nachdenken überzeugte ihn jedoch, daß das Thier harmlos ſein müſſe, weil man ihm ſonſt nicht geſtatten würde, frei in dem Schiffe umherzugehen. Demungeachtet mochte ſich Philipp doch dem Thiere nicht nä⸗ hern, da er deſſen Neigung nicht kannte, und endlich erſchien Myn⸗ heer Kloots, welcher der ganzen Geſchichte ein Ende machte. „Was gibt'’s, Mynheer?“ fragte der Kapitän.„Oh! ich ſehe, es iſt Johannes,“ fuhr er fort, indem er auf den Bären zuging, ihn mit einem Fußtritt begrüßte und die Perücke des Supercargo wieder zurücknahm. „Hinaus aus der Kajüte, Johannes— hinaus, Bürſchlein!“ rief Mynheer Kloots, das Hintertheil des Bären mit Fußtritten be⸗ arbeitend, bis ſich die Beſtie durch die Thüre ſalvirt hatte.„Myn⸗ heer von Strom, ich bedaure recht ſehr— hier iſt Eure Perücke. — 10⁵5 Schließt die Thüre Mynheer Vanderdecken, damit der Bär nicht wieder zurückkomme, denn er iſt mir ſehr zugethan. 4 Sobald die Thüre zwiſchen Mynheer von Stroom und dem Gegenſtande ſeines Schreckens geſchloſſen war, glitt der kleine Mann von dem Tiſche in den nebenſtehenden, hochlehnigen Stuhl herunter, ſchüttelte die beleidigten Locken ſeiner Perücke und ſetzte ſie wieder auf den Kopf; dann zupfte er an ſeinen Manchetten, nahm eine gebieteriſche Miene an, ſchlug mit ſeinem Stocke auf das Verdeck und begann: „Mynheer Kloots, was ſoll dieſe Achtungswidrigkeit gegen den Supercargo der mächtigen Compagnie bedeuten?“ „Gott im Himmel, keine Achtungswidrigkeit, Mynheer. Das Thier iſt ein Bär, wie Ihr ſeht, und ſogar gegen Fremde ſehr zahm. Er gehört mir und war nur drei Monate alt, als er in meinen Beſitz kam.'s iſt nicht weiter, als ein Verſehen. Der Mate, Myn⸗ heer Hillebrannt, ſperrte ihn in die Kajüte, um ihn während der Dienſtverrichtung aus dem Wege zu ſchaffen, und hat ganz darauf vergeſſen, daß er noch hier war. Es thut mir ſehr leid, Mynheer von Stroom, aber er wird nicht wieder kommen, wenn Ihr nicht mit ihm zu ſpielen wünſcht.“ 3 „Mit ihm ſpielen— ich, der Supercargo der Compagnie ſollte mit einem Bären ſpielen? Mynheer Kloots, das Thier muß augenblicklich über Bord geworfen werden!“ „Nein, nein; ich kann ein Thier nicht über Bord werfen, das ich lieb gewonnen habe, Mynheer von Stroom; aber es ſoll Euch nicht wieder beläſtigen.“ „Dann, Kapitän Kloots, werdet Ihr es mit der Compagnie zu thun haben, wenn ich ihr die Sache vorſtelle. Man wird Euer Privilegium annulliren und Euer Fahrtgeld für verwirkt erklären.“ Wie die meiſten Holländer war Kloots nicht wenig hartnäckig, 3 und dieſes gebieteriſche Benehmen von Seite des Supercargo regte 4 ſeine Galle auf. 106 „Es ſteht nichts in meinen Briefen, was mich hinderte, einen Bären an Bord zu haben,“ verſetzte Kloots. „Nach dem Regulativ der Compagnie,“ entgegnete von Stroom, indem er ſich mit bedeutſamer Miene in ſeinem Stuhl zurücklehnte und die dünnen Beine kreuzte,„ſeid Ihr verpflichtet, diejenigen fremden und merkwürdigen Thiere an Bord zu nehmen, welche die Gouverneure und Faktoren gekrönten Häuptern zum Geſchenke ma⸗ chen wollen— als da ſind: Löwen, Tiger, Elephanten und andere Produkte des Oſtens; aber in keinem Falle iſt es den Komman⸗ deuren verbriefter Schiffe geſtattet, auf eigene Rechnung Thiere was immer für einer Art einzuladen, da dieß unter die Artikel des verbotenen Privathandels gehört.“ „Mein Bär iſt nicht zum Verkauf, Mynheer von Stroom.“ 6„Er muß augenblicklich aus dem Schiffe entfernt werden, Myn⸗ heer Kloots. Ich befehle es, und weigert Ihr Euch, ſo geſchieht es auf Eure eigene Gefahr.“ „Dann will ich die Anker wieder fallen laſſen, Mynheer von Stroom, und an's Land ſchicken, damit im Hauptquartier darüber entſchieden werde. Beſteht die Compagnie darauf, daß das Thier an's Land geſchickt werde, ſo ſei’s drum; aber merkt Euch wohl, Myn⸗ heer von Stroom, wir werden dann den Schutz der Flotte verlieren und haben allein auszufahren. Soll ich die Anker auswerfen, Mynheer?“ Dieſe Bemerkung beſchwichtigts die Hartnäckigkeit des Super⸗ cargo. Das Alleinausfahren wollte ihm nicht zuſagen, und die Furcht vor dieſer ſchlimmen Rothwendigkeit überwog ſogar die vor dem Bären. „Mynheer Kloots, ich will nicht allzuſtrenge ſein; wenn das Thier an die Kette gelegt wird und mir nicht nahe kommen kann, ſo will ich mir's gefallen laſſen, daß es an Bord bleibe.“ 1 „Ich will es ſoviel möglich Euch aus dem Wege halten; aber wenn ich das arme Thier ankette, wird es Tag und Nacht heulen, 7 ———Q—QQ—HQCQQꝑ—˖—O—CQꝑ—Q—Q—ꝑ—ÿ—ÿ—;p.&ÿ–ß 107 daß Ihr nicht ſchlafen könnt, Mynheer von Stroom,“ erwiederte Kloots. 1 Als der Supercargo bemerkte, daß der Kapitän ſeinen Willen mit Entſchiedenheit behauptete und ſich nicht an Drohungen kehrte, that er Alles, was ein Mann thun kann, der eine Sache nicht zu ändern vermag. Er gelobte in ſeinem Innern Rache und bemerkte dann mit herablaſſender Miene: „Unter dieſer Bedingung, Mynheer Kloots, mag Euer Thier an Bord bleiben.“ Mynheer Kloots und Philipp verließen nun die Kajüte. Er⸗ ſterer, der nicht in der beſten Stimmung war, murmelte im Fort⸗ gehen vor ſich hin:„wenn die Compagnie ihre Affen an Bord ſchickt, werde ich, ſchätz wohl, auch meinen Bären halten dürfen.“ Und dieſer Witz erfreute Mynheer Kloots ſo ſehr, daß er ſeinen Aerger wieder vergaß. Neuntes Kapitel. A8 Wir müſſen nun die indianiſche Flotte ihren Weg unter wech⸗ ſelndem Wind und Wetter nach dem Cap verfolgen laſſen. Sie zerſtreute ſich theilweiſe, ſollte aber in der Tafelbay wieder zuſam⸗ mentreffen. Philipp Vanderdecken war bald im Stande, ſich eini⸗ germaßen an Bord nützlich zu machen. Er ſtudirte ſeinen Dienſt fleißig, denn Beſchäftigung hinderte ihn, zuviel über die Urſache . ſeiner Einſchiffung zu brüten, und verſah mit Eifer die ſchwerſten Verrichtungen, da ihm eine derartige Anſtrengung den Schlaf ſicherte, der ihm ſonſt verſagt geblieben wäre. Er war bald ein Liebling des Kapitäns und ſtand auf ſehr freundſchaftlichem Fuße mit Hillebrant, dem erſten Maten. Struys, 108 der zweite Mate, war jedoch ein mürriſcher junger Menſch, mit dem er nur wenig Verkehr hatte. Was den Supercargo Mynheer Jakob Janz von Stroom betraf, ſo wagte ſich dieſer nur ſelten aus ſeiner Kajüte. Da der Bär Johannes nicht eingeſperrt wurde, ſo hielt ſich Mynheer von Stoom ſelbſt hinter Verſchluß und ließ kaum einen Tag vergehen, ohne einen Brief zu überleſen, den er zur Beleuchtung des anſtößigen Gegenſtandes an die Compagnie ausgefertigt hatte; auch fand er es jedesmal für paſſend, eine Aen⸗ derung anzubringen, von der er glaubte, ſie dürfte ſeiner Beſchwerde noch mehr Kraft verleihen und die Intereſſen des Kapitän Kloots feindſeliger beeinträchtigen. Inzwiſchen rauchte Mynheer Kloots in glücklicher Unwiſſenheit über das, was in der Hüttenkajüte vorging, ſeine Pfeife, trank ſei⸗ nen Schnaps und ſpielte mit Johannes. Das Thier hatte auch eine große Zuneigung zu Philipp gewonnen und pflegte mit ihm auf und abzuſpazieren, wenn dieſer die Wache hatte. Auf dem Schiffe befand ſich noch eine weitere Perſon, die wir nicht aus dem Geſichte verlieren dürfen— nämlich der einäugige Pilot Schriften, der einen großen Widerwillen ſowohl gegen unſern Helden, als gegen deſſen ſtummen Liebling, den Bären, zu hegen ſchien. Da Philipp den Rang eines Offtziers hatte, ſo wagte es Schriften nicht, ihn öffentlich zu beleidigen, erſah aber alle Gele⸗ genheiten, ihn zu ärgern, und nahm keinen Anſtand, vor der Schiffsmannſchaft unaufhörlich über ihn zu ſchmähen. Gegen den Bären zeigte er ſeine Feindſeligkeit offener, indem er ſelten an ihm vorbeiging, ohne ihm unter einem furchtbaren Fluche einen derben Tritt zu verſetzen. Obgleich Niemand an Bord den Menſchen zu lieben, wohl aber Alles ihn zu fürchten ſchien, ſo hatte er doch über die Matroſen eine Herrſchaft gewonnen, die kaum erklärlich war. So war der Stand der Dinge des guten Schiffes„der Schilling,“ als es in Gemeinſchaft mit einigen andern, zwei Tagfahrten von dem Cap entfernt, von einer Windſtille befallen wurde. Das 109 Wetter war ungemein heiß, denn die ſüdlichen Breiten hatten ihren Sommer, und Philipp, der unter dem Hüttenzelte lag, war in Folge der ſchwülen Luft eingeſchlafen. Da erwachte er auf einmal mit einer fröſtelnden Empfindung über den ganzen Körper, nament⸗ lich aber auf der Bruſt, und als er die Augen halb öffnete, be⸗ M merkte er, daß der Pilot Schriften über ihn lehnte und einen Theil der Kette, an welcher die heilige Reliquie befeſtigt war, zwiſchen Finger und Daumen hielt. Philipp ſchloß ſeine Lider wider, um 1 ſich zu überzeugen, was der Mann beabſichtige, und fand, daß er allmählig die Kette ſammt der Reliquie weiter und weiter heraus⸗ zog, zuletzt aber— augenſcheinlich in der Abſicht, ſich des Kleinodes zu bemächtigen, über dem Kopf des muthmaßlichen Schläfers wegzu⸗ . ziehen ſuchte. Jetzt fuhr Philipp auf und faßte den Dieb um den Leib. „Darauf war's alſo abgeſehen?“ rief Philipp mit entrüſteten 4 Blicken, indem er die Kette aus der Hand des Piloten riß. 4 3 Schriften ſchien jedoch nicht im Mindeſten über die Entdeckung ſeines Verſuchs betroffen zu ſein; er warf mit ſeinem einen Auge Pßhilipp einen boshaften Blick zu und bemerkte ſpöttiſch: „Iſt ihr Bild an dieſer Kette?— hi! hi!“— Vanderdecken ſtand auf, ſtieß ihn zurück und kreuzte ſeine Arme. 1 „Ich rathe Euch, nicht ſo gar neugierig zu ſein, Meiſter Pilot, oder Ihr dürftet es bereuen.“ „Oder iſt's vielleicht“— fuhr der Pilot ohne Rückſicht auf Philipps Grollen fort—„eine Glückshaube, ein unfehlbares Mit⸗ 18 1 tel gegen das Erkrinken?“. „Kümmert Euch um Eure Pflicht,“ rief Philipp. 1„Doch, Ihr ſeid Katholik— vielleicht habt Ihr Euch den . Fingernagel eines Heiligen beigeſteckt— oder— ja ich habe es— 4 ein Stück vom heiligen Kreuze.“ 5 PVPhvhilipp ſtutzte. 4 6 Ja, das iſt's, das iſt's!“ rief Schriften, der jetzt nach vorne ging, wo die Matroſen um die Laufplanke ſtanden. 110 „Gute Neuigkeiten für Euch, meine Jungen!“ rief er.„Wir haben ein Stück vom heiligen Kreuze an Bord und können jetzt dem Teufel Trotz bieten.“. Philipp war, ohne ſich ſelbſt einen Grund dafür angeben zu können, Schriften die Hüttentreppe hinunter gefolgt und ſtand eben vorn auf dem Halbdecke, als der Pilot gedachte Bemerkung gegen die Matroſen laut werden ließ. „Das iſt ſchön!“ erwiederte ein alter Matroſe;„und zwar nicht nur dem Teufel, ſondern dem fliegenden Holländer obendrein.“ „Dem fliegenden Holländer?“ dachte Philipp;„ſollte ſich dies auf—— 4 Er trat ein paar Schritte vor, um ſich hinter dem Haupt⸗ maſte zu verbergen, und hoffte aus einer Fortſetzung des Geſprächs weitere Auskunft zu erhalten; auch täuſchte er ſich hierin nicht. „Man ſagt, es ſei weit ſchlimmer, ihm zu begegnen, als ſogar dem Teufel ſelber,“ bemerkte ein Anderer aus dem Haufen. „Wer hat ihn je geſehen?“ fragte ein Dritter. „Geſehen hat man ihn, das iſt gewiß; aber eben ſo gewiß iſt auch, daß es einem Schiff übel ergeht, das mit ihm zuſam⸗ mentrifft.“ „Und wo kann man denn auf ihn ſtoßen?“ „Oh, hierüber iſt man nicht ſo ganz im Reinen— er kreuzt eben in der Höhe des Kaps.“ „Ich möchte wohl einmal das Lange und Kurze von der Ge⸗ ſchichte zu hören kriegen,“ bemerkte Einer. Ich will dir ſagen, was ich davon weiß. Es iſt ein verfluch⸗ tes Schiff— waren, glaube ich, Piraten, die ihrem Kapitän die Kehle abſchnitten.“ „Nein, nein,“ rief Schriften;„der Kapitän iſt noch darauf — und war ein Schurke. Dem Vernehmen nach hat er wie ein Anderer, der jetzt mit uns an Bord iſt, ein ſehr hübſches Weib verlaſſen, das er zärtlich liebte.“ 111 „Wie wißt Ihr das, Pilot?“ „Weil er ſtets Briefe nach Hauſe ſchicken will, wenn er mit Schiffen zuſammentrifft. Aber wehe demjenigen, das einen Auftrag von ihm annimmt— es darf darauf zählen, daß es zu Grunde geht— mit Mann und Maus!“ „Woher nehmt Ihr denn alle dieſe Kunde?“ fragte Einer von den Matroſen.„Habt Ihr je das Schiff geſehen?“ „Ja, freilich habe ich!“ kreiſchte Schriften, ließ aber, als faßte er ſich wieder, ſeinen Ruf in ſein gewöhnliches Kichern über⸗ gehen und fügte bei:„doch wir haben Nichts von ihm zu fürchten, Jungen, da wir ein Stückchen vom wahren Kreuz an Bord führen.“ Schriften begab ſich ſodann nach dem Hinterſchiffe, um weitere Fragen zu vermeiden, bei welcher Gelegenheit er Philipp neben dem Hauptmaſte bemerkte. „Ah, ſo— ich bin nicht der einzige Neugierige— hi! hi! Sagt mir doch, habt Ihr das Ding mit an Bord gebracht, im Falle wir mit dem fliegenden Holländer zuſammentreffen ſollten 20 „Ich fürchte mich nicht vor dem fliegenden Holländer,“ ent⸗ gegnete Philipp verwirrt. „Nun, da fällt mir eben bei, Ihr traget ja den gleichen Na⸗ men; wenigſtens ſagt man ſich, er heiße Vanderdecken— he?“ „Es gibt außer mir noch viele Vanderdecken in der Welt,“ verſetzte Philipp, der nun ſeine Faſſung wieder gewonnen hatte. Nach dieſer Antwort ging er hinweg und begab ſich nach der Hütte. „Man könnte faſt glauben, dieſer boshafte einäugige Wicht kenne den Grund meiner Einſchiffung,“ dachte Philipp.„Doch nein, das iſt unmöglich. Aber warum muß ich ſtets einen ſolchen Schauder fühlen, ſo oft er mir nahe kommt? Ob's wohl Andern auch ſo ergeht? Oder iſt's vielleicht nur eine bloße Einbildung von meiner und Aminens Seite? Zu fragen getraue ich mich nicht.— Indeß iſt's doch ſeltſam, daß der Menſch einen ſo boshaften Groll gegen mich hegt. Ich habe ihn doch nicht beleidigt. Was ich eben 112 mit angehört habe, beſtätigt Alles, wenn es überhaupt einer Beſtäti⸗ gung bedürfte. O Amine! Amine! wäreſt du nicht, ſo würde ich mit Freuden mein Leben in die Schanze ſchlagen, um dieſes Räthſel⸗ zu löſen. O Gott, zügle in deinem Erbarmen den Gluthſtrom meiner Gedanken,“ murmelte Philipp,„damit mein Verſtand nicht irre werde!“ Drei Tage nachher langte der Schilling mit ſeinen Kameraden in der Tafelbai an, wo ſie den Reſt der Flotte bereits vor Anker trafen. Um dieſelbe Zeit hatten die Holländer an dem Kap der guten Hoffnung eine Niederlaſſung gegründet, wo die Indienflotten Waſſer einzunehmen und von den Küſten⸗Hottentotten Vieh einzu⸗ handeln pflegten— ein um ſo einträglicherer Verkehr, da Letztere für einen Meſſingknopf oder einen großen eiſernen Nagel bereitwillig einen fetten Stier entgegengaben. Ein paar Tage war das Ge⸗ ſchwader damit beſchäftigt, ſeine Waſſervorräthe zu ergänzen, wor⸗ auf die Schiffe, denen für den Fall einer Trennung von dem Ad⸗ miral der Sammelplatz bezeichnet worden war, alle Vorbereitungen für das vorausſichtliche ſchlechte Wetter trafen und dann zur Wieder⸗ aufnahme ihrer Reiſe die Anker lichteten. Drei Tage lang hatten ſie nur leichte und täuſchende Winde, weshalb geringe Fortſchritte erzielt wurden; am dritten ſprang aber von Süden eine ſtarke Briſe auf, die ſich bis zur Bö ſteigerte und die Flotte nordwärts von der Bai hinunterwehte. Nach ſieben Tagen war der Schilling allein, das Wetter aber gemäßigt. Es wurden ſofort Segel ausgeſetzt, und der Schnabel oſtwärts gedreht, um gegen die Küſte einzulaufen. „Es iſt ein unglücklicher Umſtand, daß wir von allen unſern Gefährten getrennt wurden,“ bemerkte Mynheer Kloots gegen Phi⸗ lipp, während ſte Beide an der Laufplanke ſtanden.„Wir haben jetzt ungefähr Mittag und die Sonne wird mich in den Stand ſetzen, unſere Breite zu unterſcheiden. Freilich iſt s ſchwer, zu ſagen, wie weit uns die Bö und die Strömungen nordwärts gefegt haben. —— 113 Junge, bring mir meinen Jakobsſtab herauf, gib aber Acht, daß du ihn nirgends anſtößt.“ Der Jakobsſtab war das einfache Werkzeug, das in jener Zeit zu Entdeckung der Bteite benützt wurde und einem ſorgfältigen Beobachter ſeinen Standort auf etwa fünf oder zehn Meilen angab. Quadranten und Sertanten ſind die Erfindung einer viel ſpätern Periode. Wenn man bedenkt, wie gering damals die Seemanns⸗ kunde war, ferner die Abweichungen der Magnetnadel in Anſchlag bringt und in Erwägung zieht, daß die Länge nur durch die Giſ⸗ ſung gefunden werden konnte, ſo iſt es eigentlich wunderbar, wie unſere Vorfahren mit verhältnißmäßig ſo wenig Unglück ihre Reiſen über den Ocean machten. „Wir ſind volle drei Grade nördlich vom Kap,“ bemerkte Myn⸗ heer Kloots, nachdem er ſeine Breite berechnet hatte.„Die Strö⸗ mungen müſſen ſtark laufen; der Wind legt ſich ſchnell, und ich. müßte ſehr irren, wenn wir nicht ander Wetter bekämen.“ Gegen Abend trat Windſtille ein, und eine ſtarke Strömung fegte gegen das Ufer zu. Schaaren von Seehunden zeigten ſich auf der Oberfläche und folgten dem vor der Strömung hertreiben⸗ den Schiffe. Die Fiſche ſprangen und hüpften in allen Richtungen, und rings umher ſchien der Ocean voll Leben zu ſein, während die Sonne langſam am Horizont niederging. „Was hören wir für ein Geräuſch?“ bemerkte Philipp.„Es tönt wie ferner Donner.“ 8 „Hab's auch vernommen,“ verſetzte Mynheer Kloots.„Ihr oben auf dem Maſt, ſeht Ihr das Land?? „Ja,“ verſetzte der Marsgaſte nach einer Pauſe, indem er an der Stengewand hinaufſtieg.„Ganz nach vorne,— niedrige Sandhügel und hochbrechende See.“ „Dann muß das Geräuſch hievon herrühren. Wir fegen mit Marryat. Der fliegende Holländer. 8 ——m!— — 115 pagnie zu überleſen, als Mynheer Kloots erſchien und ihm in we⸗ nigen Worten mitheilte, daß ſie ſich in einer ſehr gefährlichen Lage befänden und das Schiff wahrſcheinlich in weniger als einer halben Stunde zerſchellen würde. Bei dieſer beunruhigenden Kunde ſprang Mynheer von Stroom von ſeinem Stuhle auf und ſtieß in ſeiner furchtſamen Haſt das Licht um, das er eben ange⸗ zündet hatte. „In Gefahr, Mynheer Kloots?— Ei, das Waſſer iſt ja glatt und der Wind hat ſich gelegt! Mein Hut— wo iſt mein Hut und mein Stock! Ich will auf das Deck gehen. Hurtig! ein Licht— Mynheer Kloots, laſſen Sie doch Licht bringen; ich kann in der Dunkelheit nichts finden. Mynheer Kloots, warum geben Sie keine Antwort? Barmherziger Himmel! er iſt fort und hat mich allein gelaſſen.“ Mynheer Kloots hatte ſich entfernt, um ein Licht zu holen, und kehrte jetzt wieder zurück. Mynheer von Stroom ſetzte ſeinen Hut auf und verließ die Kajüte. Die Boote wurden niedergelaſſen und der Schiffsſchnabel vom Lande abgedreht; aber es herrſchte nun finſtere Nacht, und man vermochte Nichts zu unterſcheiden, als die weiße Schaumlinie der Brandung, welche ſich mit furchtbarem Ge⸗ töſe an der Küſte brach. „Mynheer Kloots, wenn's Euch gefällig iſt, will ich das Schiff augenblicklich verlaſſen. Laßt mein Boot an das Schiff kommen— ich muß das größte Boot haben für den Dienſt der hochpreislichen Compagnie— für die Papiere und mich ſelbſt.“ „Ich fürchte, daß ich Euch nicht dienen kann, Mynheer von Stroom,“ verſetzte Kloots;„unſere Boote werden kaum die ganze Mannſchaft faſſen, und Jedem iſt ſein Leben ſo theuer, als Euch das Eurige.“ „Aber, Mynheer, ich bin der Supercargo der Compagnie. Ich befehle Euch— ich will ein Boot haben— unterſteht Euch, es zu verweigern!“ 114 dieſer Grundſtrömung ſchnell einwärts. Ich wollte, wir bekä⸗ men Wind.“ Die Sonne hatte ſich nun unter den Horizont geſenkt und die Windſtille-hielt noch immer an. Der Schilling war durch die Strömung ſo raſch dem Ufer zugetrieben worden, daß man jetzt die Brandung ſehen konnte, die ſich mit Donnergetöſe am Ge⸗ ſtade brach. „Kennt Ihr die Küſte, Pilot?“ ſagte der Kapitän zu Schrif⸗ ten, der in der Nähe ſtand. „Kenne ſie wohl,“ verſetzte Schriften;„die See bricht ſich hier wenigſtens zwölf Faden tief. In einer halben Stunde iſt das gute Schiff zu Zahnſtochern zerſchellt, wenn uns nicht eine Briſe Abhülfe bringt.“ Und der kleine Mann kicherte, als finde er nichts beluſtigender, als dieſen Gedanken. Mynheer Kloots vermochte ſeine Beſorgniß nicht zu verhehlen; ſeine Pfeife war in ewiger Wanderung nach und aus dem Munde. Die Mannſchaft ſammelte ſich in Gruppen auf dem Vorderkaſtell und auf der Laufplanke, mit Entſetzen auf das fürchterliche Brauſen der Brandung lauſchend. Der letzte Wiederſtrahl der Sonne war nach und nach verglommen, und das Düſter der Nacht vermehrte die Unruhe der Matroſen. „Wir müſſen die Boote niederlaſſen,“ ſagte Mynheer Kloots zum erſten Maten,„und verſuchen, ob wir das Schiff nicht hinaus⸗ ſchleppen können. Freilich fürchte ich, daß wir nicht viel thun können, aber für alle Fälle ſind dann doch die Boote bereit, um die Mannſchaft aufzunehmen, ehe der Schilling auf den Strand läuft. Schafft die Schlepptaue heraus und laßt die Boote nieder, während ich dem Suppercargo Meldung mache.“ Mynheer von Stroom ſaß in der ganzen Würde ſeines Amtes da, und hatte, da es Sonntag war, ſeine beſte Perücke aufgeſetzt. Er war eben im Begriffe, abermals ſeinen Bärenbrief an die Com⸗ 116 „Ich unterſtehe mich, es zu verweigern,“ erwiederte der Ka⸗ pitän, ſeine Pfeife aus dem Munde nehmend. „Gut, gut,“ verſetzte Mynheer von Stroom, der nun alle ſeine Geiſtesgegenwart verloren hatte—„wir wollen ſehen, Herr—— ſobald wir wieder nach—— Gott ſteh uns bei!—— Wir ſind verloren—— Oh Herr! oh Herr!“ Und mit dieſen Worten eilte Mynheer von Stroom, ohne ſich ſelbſt einen Grund angeben zu können, nach der Kajüte hinunter, ſtolperte aber in ſeiner Haſt über den Bären Johannes, der ihm in den Weg kam, und während ſeinem Sturze flogen ihm Hut und Perücke vom Kozf. „Ach, barmherziger Himmel, wo bin ich? Hülfe! Hülfe! für den hochpreislichen Supercargo der Compagnie!“ „Laßt los da in den Booten und kommt an Bord,“ rief Myn⸗ heer Kloots,„wir haben keine Zeit übrig; hurtig jetzt, Philipp; ſchafft den Compaß hinunter, das Waſſ eer und den Zwiebach wir dürfen in fünf Minuten nicht mehr im Schilling ſein.“ Das Brauſen der Brandung war nun ſo wüthend geworden, daß man nur mit Mühe die Befehle des Kapitäns vernehmen konnte. Mynheer von Stroom lag mittlerweile auf dem Deck, zap⸗ pelte, ſtampfte und ſchrie nach Hülfe. „Es weht eine leichte Briſe vom Ufer her,“ rief Philipp, ſeine Hand ausſtreckend. „Ihr habt recht, aber ich fürchte, es iſt zu ſpät. Schafft das Nöthige in die Boote und benehmt Euch beſonnen, ihr Leute. Wir haben noch eine Ausſicht, das Schiff zu retten, wenn der Wind auffriſcht.“ Sie waren nun der Brandung ſo nahe, daß ſie fühlten, wie die Strömung, in welcher das Schiff windlos lag, da und dort an der langen Linie überſchlug; aber die Briſe friſchte auf und das Schiff wurde ſtetig. Sämmtliche Mannſchaft befand ſich 117 in den Booten, Mynheer Kloots, die Maten und Mynheer von Stroom ausgenommen. „Wir gehen jetzt wieder durch's Waſſer,“ ſagte Philipp. „Ja; ich denke, wir können das Schiff retten,“ verſetzte der Kapitän.„Nur ſtetig fortgemacht, Hillebrant,“ fuhr er gegen den erſten Maten am Steuerruder fort.„Wir kommen jetzt von der Brandung ab— wenn nur die Briſe noch zehn Minuten anhält.“ Die Briſe hielt an und der Schilling, der vom Lande ab⸗ ſteuerte, gerieth wieder in windſtillen Strich; dann wurde er aber⸗ mals gegen die Brandung gefegt, bis endlich die Briſe ſich ver⸗ ſtärkte, und das Schiff durch das Waſſer ſchnitt. Die Mannſchaft wurde aus den Booten gerufen. Man las Mynheer von Stroom mit ſeinem Hut und ſeiner Perücke auf, führte ihn in die Kajüte und in weniger als einer Stunde war der Schilling außer Gefahr. ir können jetzt die Boote heraufhiſſen,“ ſagte Mynheer Kloots;„ehe wir aber zu Bette gehen, wollen wir Alle Gott für unſere Rettung danken.“ Während der Nacht gewann der Schilling zwanzig Meilen hohe See und ſteuerte dann ſüdwärts. Gegen Morgen legte ſich die Briſe wieder und es fiel faſt völlige Windſtille ein. Mynheer Kloots war ungefähr eine Stunde auf dem Decke ge⸗ weſen und hatte ſich mit Hillebrant ſowohl über die Gefahr des vorigen Abends, als über Mynheer von Strooms engherzige Selbſt⸗ ſucht unterhalten, als ſich mit einemmale ein lautes Getöſe von der Hüttenkajüte her vernehmen ließ. „Was mag das zu bedeuten haben. Hat der gute Mann vor Schrecken ſeinen Verſtand verloren? Ei, er ſchlägt ja die Kajüte in Stücke.“ In dieſem Augenblicke kam der Diener des Supercargos aus der Kajüte geeilt. „Mynheer Kloots, geſchwinde— helft meinem Gebieter— er wird umgebracht— der Bär— der Bär!l 4 118 Der Bär? Wie, Johannes“ rief Mynheer Kloots.„Ei, das Thier iſt ja ſo zahm, wie ein Hund. Ich will gehen und nachſehen.“ Aber ehe Mynheer Kloots nach der Kajüte gehen konnte, flog der erſchreckte Supercargo im Hemde heraus. „Mein Gott! mein Gott! Soll ich denn ermordet— lebendig gefreſſen werden?“ rief er, nach dem Vorderſchiffe rennend, wo er das Focktakelwerk hinanzuklimmen verſuchte. Mynheer Kloots folgte Mynheer von Strooms Bewegungen mit Erſtaunen, und als er fand, daß derſelbe in das Takelwerk ſteigen wollte, wandte er ſich nach hinten und ging in die Kajüte, wo er zu ſeiner Ueberraſchung fand, daß Johannes in der That Unfug anrichtete. Das Getäfel der Staatskajüte war niedergeſchlagen, die Perücken⸗ ſchachteln lagen zertrümmert auf dem Boden und auf den Perücken ſelbſt befanden ſich die Bruchſtücke zerbrochener Honigtöpfe, ſammt deren Inhalt, welchen Johannes mit beſonderem Wohlbehagen auf⸗ leckte. Mynheer Stroom hatte ſich nämlich, als das Schiff in der Tafelbai vor Anker lag, von den Hottentotten einigen Honig, von dem er ein großer Freund war, verſchafft, und denſelben durch ſei⸗ nen Diener in Töpfen aufbewahren laſſen. Dieſe ſtanden nun unter den zwei langen Schachteln, um von dem Supercargo wäh⸗ rend des Reſtes der Reiſe nach Belieben benützt werden zu können. Dieſen Morgen hatte der Diener in der Meinung, die Perücke habe Abends zuvor durch den Sturz ſeines Gebieters gelitten, eine der Schachteln geöffnet, um die verderbte Kopfbedeckung durch eine andere zu erſetzen. Johannes war nun zufälligerweiſe in die Nähe der Thüre gekommen und witterte den Honig. Die Bären ſind durchweg noch größere Freunde dieſer Leckerei, als es Mynheer von Stroom war, und wagen Alles, ſich dieſelbe zu verſchaffen. Jo⸗ hannes gab daher der Liebhaberei ſeines Geſchlechtes nach, folgte ſeiner Naſe, kam in die Kajüte und war eben im Begriffe, in 119— Mynheer von Stroms Schlafbarth zu ſpazieren, als der Diener vor ihm die Thüre zuſchlug. Johannes ſchlug nun das Getäfel zuſammen und erzwang ſich Zutritt. Dann griff er die Perückenſchachteln an und bewies dem Diener, der ihn fortzujagen verſuchte, durch das Blöcken einer furchtbaren Reihe von Zähnen, daß er nicht mit ſich ſpielen laſſe. Mynheer von Stroom gerieth darüber in den äußerſten Schreck und kam, da er die Abſicht des Bären nicht kannte, auf die Meinung, die Beſtie wolle ihn ſelbſt angreifen. Der Bediente gab nach einigen vergeblichen Bemühungen, die letzte Schachtel zu retten, Ferſengeld, und Mynheer von Strom, der ſich jetzt allein fand, ſprang endlich von ſeiner Bettſtelle herunter und entwiſchte in dem bereits erwähnten Zuſtand nach dem Vorderkaſtell, Johannes als Sieger auf dem Wahlplatze zurücklaſſend, der ſich ſofort über die spolia opima hermachte. Mynheer Kloots bemerkte augenblicklich, wie die Sachen ſtanden; er ging auf den Bären zu, redete ihn an und ver⸗ ſetzte ihm einige Fußſtöße, aber Meiſter Petz wollte von ſeinem Honig nicht ablaſſen und knurrte wüthend über dieſe Unterbrechung. „Du haſt ſchlimme Arbeit gemacht, Johannes,“ bemerkte Myn⸗ heer Kloots.„Du mußt jetzt das Schiff verlaſſen, denn der Super⸗ cargo hat gerechte Gründe zur Beſchwerde. Nun, wenn du denn einmal Honig freſſen mußt, ſo ſey's drum.“ Mit dieſen Worten verließ Mynheer Kloots die Kajüte, um nach dem Supercargo zu ſehen, der ſich noch immer auf dem Vorderkaſtell befand und mit in dem Winde flatterndem Hemde, ſeinen magern Leichnam und den kahlen Schädel zur Schau ſtellend, die Matroſen anredete. 4„Ich bedaure dieſen unfall recht ſehr, Mynheer von Stroom,“ 3 ſagte Kloots;„aber der Bär ſoll aus dem Schiffe geſchafft werden. 4 „Ja, ja, Mynheer Kloots, aber das iſt eine Geſchichte für die 1 hochpreisliche Compagnie— das Leben ihrer Diener darf nicht der 3 Thorheit eines Seekapitäns geopfert werden. Ich bin beinahe in Stücke zerriſſen worden.“ *„Das Thier wollte nichts von Euch, ſondern hatte nur einen 120 Zahn auf den Honig,“ verſetzte Kloots.„Es iſt jetzt darüber her⸗ gefallen und ich ſelbſt bin nicht im Stande, ihm ſeine Beute ab⸗ zunehmen. An der Natur eines unvernünftigen Geſchöpfs iſt nichts zu ändern. Wollt Ihr ſo gut ſein, in meine Kajüte hinunterzu⸗ gehen, bis die Beſtie wieder angelegt werden kann? Sie ſoll nicht wieder frei herumgehen.“ Mynheer von Stroom hielt es für räthlich, dieſes Erbieten an⸗ zunehmen, denn einmal ſtand ſeine Würde nicht ganz im Einklang mit ſeinem Aeußeren und vielleicht machte er auch die Bemerkung, daß die Majeſtät nur zu einer Poſſe wird, wenn ſie ihrer äußeren Abzeichen beraubt iſt. Mit einiger Mühe und unter dem Beiſtand der Matroſen wurde der Bär gefeſſelt und aus der Kajüte fortge⸗ ſchafft, freilich ſehr gegen ſeinen Willen, denn es gab an den Pe⸗ rückenlocken noch einigen Honig abzulecken. Der Umſtand, daß er aauf hoher See über dem Verbrechen des Einbruchs ertappt worden war, trug ihm ſtrenge Haft ein, und das neue Abenteuer bildete nun den Gegenſtand des Tagsgeſpräches, denn es war wieder Wind⸗ ſtille und das Schiff lag regungslos auf der ſpiegelglatten Fläche des Meeres. „Die Sonne geht roth unter,“ bemerkte Hillebrant gegen den Kapitän, der mit Philipp auf der Hütte ſtand.„Ich müßte ſehr irren, wenn wir nicht noch vor morgen Wind erhielten.“ „Bin auch der Meinung,“ verſetzte Mynheer Kloots.„Es iſt ſonderbar, daß wir mit keinem Schiffe der Flotte zuſammentreffen. Sie müſſen doch alle hier herabgetrieben worden ſein.“ „Vielleicht halten ſie mehr hohe See.“ „Gut für uns, wenn wir das Gleiche gethan hätten,“ ſagte Kloots.„Geſtern Abend iſt's uns ſehr auf die Nähte gegangen. Zu wenig oder zu viel Wind, keines von Beiden will etwas taugen.“ Ein wirres Getöſe ließ ſich nun von der Stelle her vernehmen, wo ſich die Matroſen auf einem Haufen verſammelt hatten und über die Windvierung des Fahrzeugs hinblickten.. zehn Grade über dem Horizont erhob, — 121 „Ein Schiff! Nein— ja, es iſt eines!“ ſchallte aus mehr als einem Munde. 3 „Sie meinen, ein Schiff zu ſehen,“ ſagte Schriften, auf die Hütte kommend,„hi! hi! wo?“ „Dort, in der Nacht draußen!“ verſetzte der Pilot, auf den dunkelſten Theil am Horizonte deutend, denn die Sonne war be⸗ reits niedergegangen.“ Der Kapitän, Hillebrant und Philipp richteten ihre Augen nach der angedeuteten Stelle und meinten gleichfabs Etwas wie ein Schiff unterſcheiden zu können. Allmählig ſchien ſich das Dunkel zu zerſtreuen und ein blaſſer, leckender Blitz jenen Theil des Kimmes zu erhellen. Kein Lüftchen ließ ſich auf dem Waſſer verſpüren— die See war wie ein Spiegel, das Schiff trat mit immer mehr Beſtimmtheit hervor, bis ſich endlich ſein Rumpf, ſeine Maſten und Raaen deutlich unterſcheiden ließen. Die drei Männer ſahen hin und rieben ſich die Augen, denn ſie konnten kaum ihren Sinnen trauen. Im Mittelpunke des blaſſen Lichtes, das ſich etwa fünf⸗ etwa drei Meilen entfernt, befand ſich in der That ein großes Schiff, das aber trotz der voll⸗ kommenen Windſtille mit einer gewaltigen Bö zu kämpfen ſchien, indem es ſich bald über die ſpiegelglatte Fläche erhob, dann wieder niederſtürzte und ſich auf's Neue aufrichtete. Mars⸗ und Haupt⸗ ſegel waren beſchlagen und die Ragen zum Winde gerichtet; es hatte kein weiteres Segel geſetzt, als das dicht gereffte Fockſegel, ein Sturmſtagſegel und im Hinterſchiffe ein Schnauſegel. Es kam nur wenig im Waſſer vorwärts, obgleich es von der Gewalt der Bö getrieben, raſch näher zu rücken ſchien und mit jeder Minute dem Auge deutlicher wurde. Endlich ſah man es vieren, und wäh⸗ rend dies geſchah, noch ehe der Wind für einen anderen Gang ge⸗ fangen war, kam es ſo nahe an den Schilling heran, daß man die Leute an Bord unterſcheiden konnte. Das Waſſer ſchäumte vor den Bugen her; man hörte den ſchrillen Ton der Bootsmannspfeifen, 7 2„ 122 das Krachen des Schiffsgebälks, das Aechzen der Maſten; dann aber ſteigerte ſich allmählig das Dunkel und in wenigen Sekunden war das Schiff völlig verſchwunden. 4 „Gott im Himmel!“ rief Mynheer Kloots. Philipp fühlte eine Hand auf ſeiner Schulter, und eine Eiſes⸗ kälte durchzuckte ſeinen ganzen Körper. Er wandte ſich um, und begegnete dem einzigen Auge Schriftens, der ihm in's Ohr kreiſchte— „Philipp Vanderdecken, das iſt der fliegende Holländer.“ Zehntes Kapitel. Die plötzliche Dunkelheit, welche dem blaſſen Lichte gefolgt war, übte die Wirkung, daß alle Gegenſtände der erſtaunten Mann⸗ ſchaft des Schilling nur noch unbeſtimmter erſchienen. Für eine Weile wurde kein Laut an Bord gehört. Einige hielten ihre Blicke auf die Stelle geheftet, wo die Erſcheinung verſchwunden war, Andere wandten ſich voll düſterer, ahnungsvoller Gedanken ab. Hillebrant unterbrach zuerſt das Schweigen; er drehte ſich gen Oſten und fuhr, da er dort ein Licht bemerkte, zuſammen. Zu gleicher Zeit ergriff er Philipp beim Arme und rief:„Was iſt dies?“ „Nur der Mond, der ſich über die Wolken erhebt,“ verſetzte Philipp wehmüthig. „Das geſteh' ich!“ bemerkte Mynheer Kloots, die von Schweiß feuchte Stirne abwiſchend.„Ich habe früher oft von dieſer Ge⸗ ſchichte gehört, aber ſtets nur darüber gelacht.“ 8 Philipp blieb ſtumm. Von der Wirklichkeit der Erſcheinun ——y —y— 123 überzeugt und wohl fühlend, wie tief er dabei betheilgt war, kam er ſich ſelbſt wie ein Verbrecher vor. Der Mond hatte ſich jetzt über die Wolken erhoben und goß ſein mildes, blaſſes Licht über den ſchlummernden Ocean. Wie in Folge eines gemeinſchaftlichen Antriebes richtete männiglich die Augen nach der Stelle, wo die fremdartige Erſcheinung zuletzt ge⸗ ſehen worden war. Alles verhielt ſich ruhig— eine todte Wind⸗ ſtille. Seit dem Auftauchen des Schiffes war der Pilot Schriften ohne Unterlaß auf der Hütte geblieben; er näherte ſich jetzt allmählig Mynheer Kloots, blickte umher und ſagte:„Mynheer Kloots, als Pilot dieſes Fahrzeugs will ich Euch ſagen, daß Ihr Euch auf ſehr ſchlimm Wetter gefaßt halten müßt.“ „Schlimm Wetter?“ entgegnete Kloots, ſich aus einer tiefen Träumerei aufraffend. „Ja, ſchlimm Wetter, Mynheer Kloots. Nie iſt ein Schiff mit— mit dem, was wir eben geſehen haben, zuſammengetroffen, ohne bald nachher ein Unheil zu erfahren. Schon der Name Van⸗ derdecken bringt keinen Segen— hi! hi!“ Phitipp wollte auf dieſen Hohn antworten, fühlte ſich aber außer Stand; ſeine Zunge war gefeſſelt. „Was hat der Name Vanderdecken damit zu ſchaffen?“ fragte Kloots.— „Habt Ihr denn nie von der Geſchichte gehört? Der Kapitän des Schiffes, das uns eben zu Geſichte kam, iſt ein gewiſſer Myn⸗ heer Vanderdecken— er iſt der fliegende Holländer. 4 „Wie könnt Ihr dies wiſſen, Pilot?“ fragte Hillebrant. „Nun, ich weiß es einmal, und noch viel mehr, wenn ich es ſagen möchte,“ antwortete Schriften.„Doch gleichviel— ich habe 8 vor ſchlimmem Wetter gewarnt und damit meine Pflicht er⸗ üllt.“ Mit dieſen Worten ſtieg Schriften die Hüttentreppe hinunter. / — 124 „Gott im Himmel! hat mich doch in meinem Leben nie Etwas ſo verwirrt und erſchreckt,“ bemerkte Kloots.„Ich weiß nicht, was ich davon denken oder ſagen ſoll.— Was haltet Ihr davon, Phi⸗ lipp? War es nicht übernatürlich?“ „Ja,“ verſetzte Philipp traurig.„Ich zweifle nicht daran.“ „Ich glaubte, die Tage der Wunder ſeien vorbei,“ ſagte der Kapitän,„und war der Meinung, wir ſeien in jetziger Zeit unſe⸗ rer eigenen Anſtrengung überlaſſen, ohne andere Warnungszeichen zu erhalten, als die uns das Ausſehen des Himmels gibt.“ „Und auch dieſer warnt uns jetzt,“ bemerkte Hillebrant.„Seht, wie ſich jene Wolkenſchichte in den letzten fünf Minuten gehoben hat. Der Mond iſt ihr zwar entwiſcht, wird aber bald wieder ein⸗ geholt ſein— und ſeht, da zuckt im Nordweſten ein Blitz auf.“ „Wohlan, meine Kinder, ich kann ſo gut als irgend Einer dem Elemente Trotz bieten und mein Beſtes thun, habe mich von jeher wenig um Böen und ſtürmiſches Wetter bekümmert, aber doch ge⸗ fällt mir die Warnung, die wir heute Abend erhalten haben, ganz und gar nicht. In Wahrheit, das Herz liegt mir mit einem Blei⸗ gewicht in der Bruſt. Philipp, laßt die Schnapsflaſche herauf⸗ holen, wär's auch nur, um mir das Gehirn ein Bischen zu klären.“ Philipp erfaßte mit Freuden die Gelegenheit, die Hütte zu verlaſſen; er wünſchte ſich nur wenige Minuten, um ſeine Gedanken zu ſammeln. Die Erſcheinung des Geiſterſchiffs hatte ihn furchtbar erſchüttert— nicht, daß er je an der wirklichen Exiſtenz deſſelben gezweifelt hätte, ſondern ſein Geiſt wirbelte bei dem Gedanken, das Fahrzeug geſehen zu haben und demſelben ſo nahe geweſen zu ſein, in welchem ſein Vater unter einem ſo ſchrecklichen Banne lag— daſſelbe Fahrzeug, an deſſen Bord, wie er in tiefſter Seele empfand, ſein eigenes Geſchick in Erfüllung gehen mußte. Als er den Ton der Hochbootsmannspfeife vernahm, lauſchte er begierig, um das Ertheilen der Befehle zu vernehmen, die— er wußte es wohl— von ſeinem Vater gegeben wurden. Auch ſeine Augen ſtrengte er —— — —— — 125 an zu dem Verſuche, die Züge und den Anzug derjenigen zu unter⸗ ſcheiden, die ſich auf den Decken bewegten. Sobald er den Knaben zu Mynheer Kloots hinaufgeſchickt hatte, eilte er nach ſeiner Kajüte und begrub ſein Antlitz in die Decke ſeines Bettes: dann betete er — betete, bis er ſeinen gewöhnlichen Muth wieder gewonnen uud ſich ſoweit gefaßt hatte, um mit der Ruhe und dem Heroismus eines Märtyrers der Gefahr entgegen zu ſehen. Philipp blieb nicht länger als eine halbe Stunde unten. Aber welche Veränderung hatte nicht ſtattgefunden, als er wieder auf dem Deck erſchien! Vor kurzer Friſt noch ſchwamm das Schiff regungs⸗ los auf dem ſtillen Waſſer, und die hohen Segel hingen ſchlaff von den Ragen nieder. Der Mond ſchwebte in milder Schönheit am Himmelszelte dahin, den Wiederſtrahl der Maſten und Segel in der glatten See erkennen laſſend. Jetzt war Alles dunkel. Das Waſſer brach in kurzen ſchäumenden Wellen; die kleineren und oberen Segel waren eingenommen worden und das Schiff ſchnitt raſch durch das Waſſer. Der Wind verkündete durch ſeine krampf⸗ haften Stöße und ſein zorniges Geheul nur zu deutlich, daß ſein Grimm geweckt worden war und er jetzt alle ſeine Kräfte ſammelte, um ein Werk der Zerſtörung auszuführen. Die Matroſen waren noch immer mit Kürzung der Segel beſchäftigt, betrieben aber ihr Geſchäft düſter und mißvergnügt. Was der Pilot Schriften zu ihnen geſagt hatte, wußte Philipp nicht; er bemerkte jedoch, daß ſie ihn vermieden und augenſcheinlich mit grollenden Gefühlen betrach⸗ teten. Die Bö ſteigerte ſich mit jeder Minute. „Der Wind iſt nicht ſtätig,“ bemerkte Hillebrant.„Es läßt ſich nicht ausfindig machen, aus welcher Richtung der Sturm blaſen mag, denn er hat bereits um fünf Striche gewechſelt. Philipp, das Ausſehen der Dinge will mir gar nicht gefallen, und ich kann wohl mit dem Kapitän ſagen, daß auch mir das Herz ſchwer iſt.“ „Mir ergeht es gleichfalls nicht beſſer,“ verſetzte Philipp;„aber wir ſind in den Händen einer barmherzigen Vorſehung. 4 126 „Hart Backbord! Vorn eingelegt! Das Schnauſegel aufgegeit, meine Leute! Tummelt Euch!“ rief Kloots, als das Schiff durch das Schlagen des Windes nach Norden und Weſten rückwärts ge⸗ worfen wurde und ſich tief auf die Seite legte. Der Regen ſchoß nun in Strömen nieder und es war ſo dunkel, daß kaum Einer den Andern auf dem Decke ſehen konnte. „Wir müſſen die Marsſegel aufgeien, während die Mannſchaft auf die Raaen ſteigt. Beſorgt dieſes Geſchäft im Vorderſchiff, Herr Hillebrant. 4 Der Blitz durchzuckte nun quer das Firmament und der Donner rollte mit Macht. „Hurtig! hurtig, Ihr Leute, laßt Alles beſchlagen!“ Die Matroſen ſchüttelten das Waſſer aus ihren triefenden Kleidern und gingen zum Theil an's Geſchäft, während Andere den Vortheil der Nacht erſahen, um ſich zu verbergen und mit ihrer eigenen Furcht zu Rathe zu gehen. Alle Leinwand des Schiffes, mit Ausnahme des Fockſtagſegels, war nun eingezogen und der Schilling flog, den Wind in ſeiner Vierung, gegen Süden. Die See brüllte in ſchäumenden Wogen; der Regen goß in Strömen durch die pechfinſtere Nacht und die durchnäßten, erſchrockenen Matroſen ſchützten ſich unter den Boll⸗ werken. Obgleich Viele ihren Dienſt verabſäumt hatten, wagte ſich doch nicht ein Einziger in den Raum hinunter. Sie ſammelten ſich nicht wie gewöhnlich, ſondern Jeder zog es vor, ſich einſam mit ſeinen Gedanken zu benehmen. Das geſpenſtiſche Schiff erhitzte ihre Einbildungskraft und bedrückte ihr Gehirn. Es war eine endlos lange— eine ſchreckliche Nacht— der Tag ſchien gar nicht wieder kommen zu wollen. Endlich ging die Dunkelheit allmählig in ein trübes, düſteres Grau über— dieß war der Tag. Die Leute ſahen ſich gegenſeitig an, fanden aber in ihren Blicken keinen Troſt. Nicht ein einziges Geſicht war vor⸗ handen, in welchem ein Strahl der Hoffnung gelauſcht hätte. Ihr 127 Loos war geworfen— ſie blieben an den Orten gekauert, wo ſie in der Nacht Schutz geſucht hatten, und verhielten ſich ſtumm. Die See warf jetzt berghohe Wogen auf und ſchleuderte das Schiff mehr als einmal nach hinten. Kloots befand ſich eben in dem Compaßhäuschen und Hillebrant ſtand mit Philipp am Steuer, als eine hohe Welle über die Schanze hereinſchlug und ſich mit unwiderſtehlicher Gewalt auf das Deck Bahn brach. Der Kapitän und ſeine zwei Maten wurden weggeſchwemmt und faſt beſinnungs⸗ los gegen die Bollwerke geworfen— das Binnackel und der Com⸗ paß brachen in Stücke— Niemand eilte nach dem Steuer— das Schiff drehte bei, und unter den hereinbrechenden Wogen ſtürzte der Hauptmaſt auf den Bord. Alles befand ſich in größter Verwirrung. Kapitän Kloots lag beſinnungslos da, und nur mit Mühe konnte Philipp zwei Ma⸗ troſen bereden, daß ſie ihm den Kapitän hinuntertragen halfen. Hillebrant war noch unglücklicher geweſen— er hatte den rechten Arm gebrochen und war auch ſonſt noch ſchwer beſchädigt. Phi⸗ lipp brachte ihn nach ſeinem Lager und ging dann wieder auf's Deck, um zu verſuchen, ob er die Ordnung nicht wieder herſtellen könne. Philipp Vanderdecken war noch kein geübter Seemann, übte aber doch jenen moraliſchen Einfluß über die Matroſen, welcher dem Muthe und der Entſchloſſenheit nie entſtehen kann. Von einem bereitwilligen Gehorſam war zwar keine Rede, aber ſie gehorchten doch, und in einer halben Stunde war das Schiff von dem zertrümmerten Maſte befreit. Nach dieſer Erleichterung übernahmen zwei der beſten Matroſen das Steuer und abermals flog der Schilling vor dem Sturme dahin. 3 Aber wo befand ſich während dieſer Zeit der Zerſtörung Myn⸗ heer von Strom? Er ſteckte tief in den Laken ſeines Bettes, zitterte an allen Gliedern und gelobte hoch und theuer, wenn er je ſeinen Fuß wieder an's Land ſetze, ſollten ihn alle Compagnien der Welt 8 128 nicht mehr veranlaſſen, ſeinen theuern Leichnam abermals dem Salzwaſſer anzuvertrauen. Es war zuverläſſig das Beſte, was ſich der arme Mann vornehmen konnte. Obgleich übrigens die Matroſen für eine Weile Philipps Befehlen gehorchten, ſah man ſie doch bald angelegentlich mit dem einäugigen Piloten reden; ſie hielten augenſcheinlich eine viertelſtündige Be⸗ rathung und verließen ſodann ſammt und ſonders, die zwei Männer am Steuer ausgenommen, das Deck. Der Grund, warum ſie dieß thaten, ſtellte ſich bald heraus— mehrere kehrten mit Krügen voll Branntwein zurück, den ſie ſich durch Erbrechen der Luke über dem Branntweinſtübchen verſchafft hatten. Philipp blieb ungefähr eine Stunde auf dem Deck und redete den Leuten zu, ſie möchten ſich nicht betrinken, aber vergeblich; auch die am Steuer Befindlichen wieſen das ihnen angebotene Getränk nicht zurück, und es ſtand nicht lange an, bis das Gieren des Schiffes bekundete, welche Wirkung der Brannt⸗ wein geübt hatte. Philipp eilte nun hinunter, um nachzuſehen, ob Mynheer Kloots ſich hinreichend erholt habe, um auf das Verdeck zu kommen. Er fand ihn in tiefem Schlaf, aus dem er ihn nur mit Mühe wecken konnte, um ihm die unglückſelige Kunde mitzu⸗ theilen. Mynheer Kloots folgte Philipp auf das Deck, ſpürte aber noch immer die Wirkung ſeines Falles, denn ſein Kopf war ver⸗ wirrt und er taumelte im Gehen, als ob er gleichfalls dem Brannt⸗ wein gehörig zugeſprochen hätte. Er war noch nicht lange auf dem Verdeck, als er in einem Zuſtande vollkommener Hülfloſigkeit auf eine der Kanonen niederſank, denn er hatte eine ſchwere Hirn⸗ erſchütterung erlitten. Hillebrant war zu ernſtlich beſchädigt worden, um ſich von ſeinem Bette aufrichten zu können und Philipp ſah jetzt, wie hoffnungslos ihre Lage war. Das graue Licht des Tages machte der Dunkelheit Platz und die Scene wurde nur erſchüttern⸗ der. Das Schiff lief zwar noch vor der Bö, aber die Leute am Ruder hatten augenſcheinlich ihren Kurs gewechſelt, denn der Wind, der früher Steuerbord geweſen, kam jetzt aus der Backbordrichtung. — muß ſo ſein. Ich fühle, dieſer Schiffbruch gilt nicht mi 129 Es war jedoch kein Compaß auf dem Decke, und ſelbſt dann würde die Mannſchaft in ihrem trunkenen Zuſtande ſich geweigert haben, auf Philipps Befehl oder Vorſtellungen zu hören.„Er ſei kein Matroſe,“ ſagten ſie,„und ſolle ſie nicht lehren wollen, wie ſie ein Schiff ſteuern müßten.“ Die Bö hatte jetzt ihre Höhe erreicht. Der Regen ließ nach, aber der Wind tobte furchtbar und das Schiff wurde von den Betrunkenen ſo weit geſteuert, daß über beide Schand⸗ decke die Wogen hereinbrachen. Die Matroſen aber lachten, ſangen, und miſchten ihren Chor in das Heulen der Bö. Der Pilot Schriften ſchien der Führer des meuteriſchen Hau⸗ fens zu ſein. Die Branntweinkanne in ſeiner Hand, tanzte, ſang und ſchnippte er mit den Fingern, während er, wie ein Dämon, ſein einziges Auge auf Philipp heftete; zuweilen auch wälzte er ſich mit ſchallendem Gelächter in den Speigaten. Weiterer Brannt⸗ wein wurde ſo ſchnell, als man danach rief, heraufgeboten. Flüche, Geſchrei und Gelächter miſchten ſich; die Matroſen am Steuer vanden die Speichen feſt und eilten, ſich ihren Gefährten anzu⸗ ſchließen, während der Schilling vor der Bö dahinflog und beim Gieren nach dem Back⸗ oder Steuerborde nur durch das Fockſtag⸗ ſegel— das einzige, welches geſetzt war— gehalten wurde. Philipp blieb bei der Hüttentreppe auf dem Decke.„Sonderbar,“ dachte er,„daß ich allein noch zu handeln fähig bin und die Be⸗ ſtimmung zu tragen ſcheine, auf dieſe Scene des Schreckens und Abſcheus niederzublicken— daß ich Zeuge ſein ſoll, wie ſich das Gebälk dieſes Schiffes trennt und alles Leben meiner Begleiter ver⸗ loren geht— ich, der einzige Ruhige und Gefaßte, der ein Auge hat für das, was bald vorgehen muß. Gott vergebe mir, aber wie nutzlos und unmächtig ich auch bin, ſtehe ich doch augen⸗ ſcheinlich hier als der Herr des Sturmes— ausgeſchieden von meinen Mitmenſchen durch meine eigenthümliche Beſtimmung. Es r.— ich Marryat. Der fliegende Holländer. 130 habe ein gefeietes— oder vielmehr ein auf länger erſtrecktes Leben, damit ich den Eid vollbringen möge, der im Himmel aufgezeichnet iſt. Doch der Wind tönt nicht mehr ſo laut und das Waſſer iſt weniger wild bewegt. Meine Vorahnungen ſind vielleicht unrichtig und es kann noch Alles gut gehen. Gebe es der Himmel, denn es iſt traurig und kläglich, Menſchen, die nach Gottes Ebenbilde geſchaffen ſind, in einem Zuſtand aus der Welt ſcheiden zu ſehen, der ſie unter das Vieh herab erniedrigt!“ Philipp hatte Recht, wenn er glaubte, daß der Wind nicht mehr ſo ſcharf und die See weniger hoch ging. Das Schiff war ſüdwärts an der Tafelbai vorbeigekommen und durch die Verän⸗ derung des Curſes in die falſche Bai gerathen, wo es gewiſſer⸗ maßen gegen die Gewalt des Windes und der Wellen geſchützt war. Aber trotz des glatteren Waſſers reichten die Wogen dennoch mehr als zu, um jedes Schiff zu zerſchellen, das an die Küſte im Grunde der Bai an die Küſte lief— ein Punkt, auf welchen der Schil⸗ ling jetzt losgetrieben wurde. Die Bai bot indeß ſoweit eine ſchöne Ausſicht zum Entkommen, daß das Ufer ſtatt des Felsgeſtades an der Außenſeite, an dem das Schiff in ein paar Sekunden in Trüm⸗ mer gegangen wäre, ſanft anſtieg und aus loſem Sand beſtand. Hievon konnte Philipp freilich keine Kenntniß haben, denn ſie wa⸗ ren in der Dunkelheit der Nacht an dem Lande des Buchteinganges vorbeigekommen, ohne daſſelbe zu bemerken. Nach etwa zwanzig Minuten bemerkte Philipp, daß die ganze See rund umher ſich in einen Schaumkeſſel umwandelte, und noch ehe er ſich Gedanken darüber machen konnte, ſtieß das Schiff ſo ſchwer auf den Sand, daß die noch übrigen Maſten auf den Bord fielen. Das Krachen der ſtürzenden Maſten und das ſchwere Schlagen des Schiffs auf dem Sande, in deſſen Folge vieles von dem Ge⸗ bälke auseinander wich, und endlich das Meer von Wellen, welches unglücklichen Schiffe hinfegte, zügelte das Geſchrei und kenen Lärm der Bande. Noch eine Minute und das ——— 131 Schiff wurde mit ſeiner Breitſeite ſeewärts geworfen. Philipp, der ſich auf der Luvſeite befand, klammerte ſich an das Bollwerk an, während die betrunkenen Matroſen leewärts im Waſſer klatſchten und die andere Seite des Schiffes zu gewinnen bemüht waren. Mit großem Entſetzen bemerkte unſer Held, wie Mynheer Kloots in's Waſſer hinunterſank, das jetzt mehrere Fuß über die Leewand des Verdecks ging, ohne daß der Kapitän auch nur den geringſten Ver⸗ ſuch machte, ſich Hülfe zu geben. Er war alſo dahin und für ihn alle Hoffnung vorbei. Philipp dachte an Hillebrant und eilte hin⸗ unter; der Mate lag noch, an die Seite gedrückt, in ſeinem Bette. Unſer Held hob ihn heraus, ſchaffte ihn mit Mühe auf des Deck und legte ihn in das Langboot an den Spieren, weil hier am ehe⸗ ſten Ausſicht fuür Rettung ſeines Lebens zu gewärtigen ſtand. Zu dem gleichen Boote hatten auch die Matroſen ihre Zuflucht genommen, weil es das einzige war, deſſen Benützung möglich wurde. Auch 4 Philipp wollte einſteigen, wurde aber von der Bande zurückgewie⸗ ſen, welche unter der anſpülenden Brandung die Bindſeile loshieb. Eine andere ſchwere Welle hob das Boot von ſeinen Schoren und ſpülte es leewärts über das Schanddeck in das verhältnißmäßig glatte Waſſer, aber nicht ohne es faſt bis an die Doſten zu füllen. Darum kümmerten ſich übrigens die betrunkenen Matroſen nicht ſonderlich, denn ſobald ſie wieder flott waren, begannen ſie auf's Neue zu ſchreien und zu ſingen, während Wind und Wellen ſie dem Ufer zutrieben. Philipp, der ſich an dem Stumpfe des Hauptmaſtes hielt, ſah ihnen mit ängſtlichen Blicken nach und bemerkte, wie das Boot ſich auf der ſchäumenden Brandung hob und dann in dem Wellentroge verſchwand. Ferner und ferner wurde der Lärm der tollen Stimmen, bis er zuletzt nichts mehr hören konnte; endlich entdeckte er das kleine Fahrzeug auf der Höhe einer ungeheuren Nollwoge und dann entſchwand es ſeinen Blicken für immer. Philipp wußte, ſeine einzige Ausſicht beſtehe nun darin, daß er bei dem Schiffe blieb und ſich auf einem Trümmerſtücke des 9. * Wracks zu retten verſuchte. Das Gebälk konnte unmöglich mehr lange zuſammenhalten, denn die oberen Decken hatten ſich bereits getrennt und jeder neue Wellenſtoß richtete größere Verheerungen an. Endlich vernahm er von dem Hinterſchiffe her ein Geräuſch, welches ihn daran erinnerte, daß Mynheer von Stroom noch in ſeiner Kajüte war. Philipp kletterte von ſeinem Maſtſtumpf aus nach hinten und fand, daß die Hüttentreppe gegen die Kajütenthüre geworfen worden war und ſo die Oeffnung der letzteren unmöglich machte. Nach Beſeitigung des Hinderniſſes gelangte er in die Ka⸗ jüte, wo er Mynheer von Stroom fand, der ſich mit der Gewalt der Todesangſt an die Luvſeite anklammerte. Philipp redete ihn an, konnte aber keine Antwort erhalten; dann verſuchte er, ihn von der Stelle zu rücken, aber es war unmöglich, ihn von dem Theile der Scheidewand, den er umfaßt hatte, los zu machen. Ein lautes Geräuſch und das Rauſchen einer Waſſermaſſe belehrte Philivp, daß das Schiff jetzt in der Mitte geborſten war. Nur mit Widerwillen überließ er den armen Supercargo ſeinem Schick⸗ ſale und ging wieder zur Kajüte hinaus. An der Hinterluke be⸗ merkte er ein Zappeln— es war Johannes, der Bär, welcher im Waſſer ſchwamm, aber noch immer an ſeinem Stricke befeſtigt war, der ihn zu entkommen hinderte. Philipp nahm ſein Meſſer heraus und befreite das arme Thier; aber kaum hatte er dieſen Akt des Wohlwollens erfüllt, als eine ſchwere Woge über den hintern Theil des Schiffes rollte, denſelben in viele Stücke zertrümmerte und auch unſeren Helden in's Waſſer ſtürzte. Er griff nach einem Balken des Decks und wurde von der Brandung dem Ufer zugetragen. Nach einigen Minuten befand er ſich in der Nähe des Landes; aber nun ſtieß ſeine Stütze auf den Sand, und eine Welle, die ihn von derſelben trennte, zwang ihn, ſein Heil in der eigenen Anſtrengung zu ſuchen. Er kämpfte ſich lange ab, konnte aber doch, trotz der Ufernähe, keinen feſten Grund gewinnen; der Anprall einer Welle warf ihn wieder zurück, und nun wurde er hin⸗ und⸗ 133 hergeworfen, bis ſeine Kräfte völlig erſchöpft waren. Eben ſank er unter eine Woge, um ſich nicht wieder zu erheben, als ſeine Hand gegen Etwas ſtreifte, das er mit der Gewalt des Todeskampfes erfaßte. Es war das zottige Fell des Bären Johannes, der dem Ufer zuſteuerte und ihn bald aus der Brandung herausſchleppte, ſo daß er feſten Fuß faſſen konnte. Philipp kletterte aus dem Bereich der Wellen an das Geſtade hinauf und ſank dann, von Anſtrengung erſchöpft, ohnmächtig zuſammen. Als er wieder aus ſeinem Zuſtande von Betäubung erwachte, fühlte er bei noch immer geſchloſſenen Augen einen ungeheuren Schmerz, welcher von dem Umſtande herrührte, daß er viele Stun⸗ den, den Strahlen einer glühenden Sonne ausgeſetzt, dagelegen hatte. Er öffnete die Lider, mußte ſie aber augenblicklich wieder ſchließen; denn das Licht wirkte auf ſeine Sehorgane mit der Schärfe einer Meſſerſpitze. Er wandte ſich auf die Seite, bedeckte die Augen mit der Hand und blieb eine Weile in dieſer Lage, bis 4 er allmälig fand, daß ſein Geſichtsſinn wieder hergeſtellt war. Dann erhob er ſich, und nach wenigen Sekunden vermochte er die Scene um ſich her zu unterſcheiden. Die See war noch immer wild be⸗ wegt und warf in der Brandung die Schiffstrümmer umher; der ganze Sand war mit Gegenſtänden, die zu der Ladung gehörten, beſäet. In ſeiner Nähe befand ſich die Leiche Hillebrants, und die übrigen Todten, welche am Geſtade hin zerſtreut lagen, belehrten unſeren Helden, daß diejenigen, welche zum Boote ihre Zuflucht genommen hatten, ſammt und ſonders zu Grunde gegangen waren. Der Sonnenhöhe nach mochte es Philipps Schätzung gemäß ungefähr drei Uhr Nachmittags ſein; ſein Geiſt fühlte ſich jedoch ſoo ſchwer gedrückt, und außer der Erſchöpfung empfand unſer Held ſo große Schmerzen, daß er ſich nur leichthin umſah. Sein Ge⸗ hirn ſchwindelte und er bedurfte der Ruhe. Von dem Schauplatz der Zerſtörung ſich entfernend, fand er bald einen Sandhügel, hinter welchem er ſich gegen die ſengenden Strahlen der Sonne ſchützen 134 konnte. Er legte ſich nieder und verſank in tiefen Schlaf, aus welchem er erſt am andern Morgen erwachte. Auch diesmal wurde Philipp durch ein drückendes Gefühl ge⸗ weckt; er fuhr auf und erblickte über ſich eine Geſtalt. Seine Augen waren noch ſchwach, weshalb er ſie eine Weile rieb, denn anfangs däuchte es ihn, daß der Bär Johannes und dann, daß der Supercargo von Stroom an ſeiner Seite ſtehe. Ein weiterer Blick belehrte ihn, daß er ſich in beidem getäuſcht hatte, obſchon ſein Irr⸗ thum wohl zu rechtfertigen war, denn die Geſtalt war ein langer Hottentotte mit einem Haſſagay in der Hand, der die friſch abge⸗ zogene Haut des armen Bären über die Schulter geworfen und eine von den Perücken des Supercargo von Stroom, deren Locken ihm bis zu den Lenden niederfielen, auf den Kopf geſetzt hatte. Der Wilde nahm ſich in dieſem ſonderbaren Koſtüme, denn er war in jeder andern Beziehung vollkommen nackt, ſo komiſch gravitätiſch aus, daß Philipp laut aufgelacht haben würde, wären ſeine Em⸗ pfindungen nicht gar zu peinlich geweſen. Er richtete ſich auf und trat an die Seite des Hottentotten, der noch immer unbeweglich, aber augenſcheinlich ohne das mindeſte Anzeichen einer feindſeligen Abſicht daſtand. Philipp empfand einen verzehrenden Durſt, weshalb er dem Wilden durch Zeichen andeutete, daß er zu trinken wünſchte. Der Hottentotte winkte ihm zu folgen, und führte ihn über die Sand⸗ hügel nach dem Geſtade, wo unſer Held gegen fünfzig Menſchen entdeckte, welche emſig beſchäftigt waren, ſich aus den umherge⸗ ſtreuten Vorräthen des Schiffs unterſchiedliche Gegenſtände aus⸗ zuleſen. Die Achtung, welche Philipps Führer erwieſen wurde, bekundete augenſcheinlich, daß er der Häuptling des Kraals war. Ein paar feierlich ausgeſprochene Worte reichten zu, Philipps Wünſche wenigſtens zum Theile zu erfüllen, denn man bot ihm in einer Calabaſche ein wenig ſchmutziges Waſſer an, das ihm jedoch . 135 gleichwohl ganz köſtlich vorkam. Sein Führer winkte ihm ſodann, auf dem Sande Platz zu nehmen. Es war ine furchtbare, aber doch zugleich lächerliche Scene. Hier der weiße Sand, der im hellen Lichte der Sonne noch weißer erſchien und allenthalben mit Schiffstrümmern, Fäſſern und Waa⸗ renballen beſtreut war,— dort die ſchäumende Brandung, welche Bruchſtücke des Wraks umherwarf; hier die Knochen von Wall⸗ fiſchen, die durch einen frühern Sturm an die Küſte geworfen wur⸗ den und nun, halb im Sand begraben, rieſige Skelette blicken ließen — dort die verſtümmelten Leichen von Philipps Gefährten, deren Kleider von den Wilden unberührt geblieben waren, da Letztere nur nach den Knöpfen Jagd machten; dazu noch die nackten Hot⸗ tentotten(denn es war Sommer, weshalb ſie ihre Schaffelle nicht trugen) gravitätiſch am Geſtade hin⸗ und hergehend und werthloſe Dinge zuſammen ſuchend, ohne dasjenige zu berühren, was von civili⸗ ſirten Menſchen am Meiſten begehrtwird— vor Allem aber der Häupt⸗ ling, der in der noch blutigen Bärenhaut und in Mynheer Strooms gewaltiger Perücke mit aller Gravität eines Vicekanzlers da ſaß, ohne auch nur entfernt eine Ahnung zu haben, wie lächerlich er ſich ausnahm. Das Ganze bot vielleicht eines der ſeltſamſten und wirrſten Tableau's, die je ein menſchliches Auge ſchaute. Obgleich ſich die Holländer damals noch nicht ſehr lange an dem Kap niedergelaſſen hatten, wurde doch ſeit vielen Jahren mit den Eingeborenen ein beträchtlicher Verkehr in Häuten und andern afrikaniſchen Produkten unterhalten. Schiffe waren daher den Hot⸗ tentotten nichts Neues, und da letztere bisher freundlich behandelt worden waren, ſo zeigten ſie ſich auch ſehr dienſtfertig gegen die Europäer. Nach einer Weile begannen die Wilden alles Holz zu ſammeln, das Eiſen zu enthalten ſchien, bildeten damit mehrere Haufen und ſteckten dieſelben in Brand. Der Häuptling fragte nun Philipp durch Beiähe ob er hungrig ſei, ſteckte auf die be⸗ jahende Antwort ſeine nd in einen Beutel aus Ziegenhaut und brachte eine Handvoll ſehr großer Käfer heraus, die er unſerem Helden anbot. Philipp wies ſie mit Abſcheu zurück, worauf der Häuptling ſeine Leckerbiſſen mit vieler Würde ſelbſt verzehrte. Nach⸗ dem er damit fertig geworden war, ſtand er auf und gab Philipp zu verſtehen, daß er ihm folgen ſolle. Beim Aufſtehen bemerkte Letzterer ſeinen eigenen Koffer an der Brandung; er eilte darnach hin, bedeutete durch Zeichen, daß es ſein Eigenthum ſei, nahm den Schlüſſel aus der Taſche, öffnete die Truhe und knüpfte das Nütz⸗ lichſte in einen Bündel zuſammen, ohne dabei einen Beutel mit Gülden zu vergeſſen. Sein Führer machte keine Einwendungen, rief aber einen der naheſtehenden Wilden herbei, machte ihn auf das Schloß und die Klampen aufmerkſam, und trat dann mit Phi⸗ lipp den Weg über die Sandberge an. Nach einer Stunde lang⸗ ten ſie an dem Kraal an, der aus niedrigen, mit Häuten bedeckten Hütten beſtand. Die Weiber und Kinder ſchienen den neuen Anzug ihres Häuptlings höchlich zu bewundern und erwieſen ſich ſehr zu⸗ vorkommend gegen Philipp, indem ſie ihm zur Stillung ſeines Durſtes Milch herbeibrachten. Unſer Held betrachtete dieſe Evas⸗ töchter und dachte, während er ſich von ihrem anſtößigen, ſchmie⸗ rigen Anzug und von den wunderlichen, häßlichen Geſtalten ab⸗ wandte, mit einem Seufzer an ſeine liebliche Amine. Die Sonne ging jetzt unter und Philipp fühlte ſich noch immer ſehr erſchöpft. Er deutete durch ein Zeichen an, daß er zu ruhen wün⸗ ſche. Man führte ihn in eine Hütte voll Schmutz, und obgleich ſeine Naſe von üblen Dünſten aller Art, desgleichen auch ſeine Haut durch Inſekten beläſtigt wurde, ſo legte er doch den Kopf auf ſein Bündel, ſprach ein kurzes Dankgebet und lag bald in tiefem Schlafe. Am andern Morgen weckte ihn der Häuptling des Kraals; er hatte einen andern Mann mitgebracht, der ein wenig holländiſch ſprach. Philipp gab ſeinen Wunſch zu erkennen, daß er nach der Niederlaſſung gebracht zu werden wünſche, wo die Schiffe ankerten, und wurde vollkommen verſtanden; der Dolmetſcher entgegnete je⸗ 137 doch, daß zur Zeit keine Schiffe in der Bucht lägen. Demungeach⸗ tet bat Philipp, man möchte ihn nach der Anſiedelung bringen, denn er hoffte dort am eheſten an Bord eines Schiffes zu gelangen, und befand ſich doch jedenfalls in der Zwiſchenzeit unter Europäern. Die Entfernung betrug, wie er erfuhr, nicht ganz eine Tagreiſe. Nach einem kurzen Geſpräche mit dem Häuptling forderte der Dol⸗ metſcher unſern Helden auf, ihm zu folgen, da er ihn nach der Niederlaſſung bringen wolle. Philipp labte ſich reichlich an einem Topf mit Milch, den ihm eines der Weiber gebracht hatte, wies abermals eine Handvoll Käfer zurück, die ihm der Häuptling an⸗ bot, nahm ſein Bündel auf und folgte ſeinem neuen Bekannten. Gegen Abend langten ſie an den Bergen an, von welchen aus Phi⸗ lipp die Tafelbai und die wenigen von den Holländern errichteten Häuſer zu Geſichte kamen. Mit Entzücken bemerkte er noch außer⸗ dem ein Schiff in der See, das, wie er bei ſeiner Ankunft am Ufer bemerkte, ein Boot an's Land geſchickt hatte, um friſchen Mund⸗ vorrath einzunehmen. Er redete die Leute an, ſagte ihnen, wer er ſei, theilte ihnen den Schiffbruch des Schillings mit und äußerte ſeinen Wunſch, an Bord zu gehen. Der Offizier, welcher das Boot kommandirte, erwies ſich bereit⸗ willig, unſern Helden einzunehmen, und theilte ihm mit, daß ſie der Heimath zuſegelten. Philipps Herz pochte laut bei dieſer Nachricht. Er wäre auch andernfalls an Bord gegangen, hatte aber nun eine Ausſicht, ſeine theure Amine wiederzuſehen, ehe er ſich abermals ein⸗ ſchiffte, um ſeiner ſeltſamen Beſtimmung zu folgen. Er fühlte, daß ihm noch einiges Glück vorbehaͤlten war, daß ſein Leben in Entbeh⸗ rung und Ruhe wechſeln ſollte, und daß ſeine künftigen Ausſichten in einer fortlaufenden Kette voll Leiden beſtänden bis zum Tode. Der Kapitän des Schiffes nahm ihn freundlich auf, geſtattete ihm bereitwillig die Ueberfahrt nach Holland, und in drei Monaten erreichte Philipp Vanderdecken, ohne irgend einen erzählenswerthen Vorfall befahren zu müſſen, die Rhede von Amſterdam. 6. 3 Eilftes Kapitel. — Es braucht kaum bemerkt zu werden, das Philipp mit aller möglichen Haſt nach ſeinem Häuschen eilte, das für ihn den werth⸗ vollſten Erdenſchatz barg. Nachdem er ſeine Pflicht zu erfüllen ge⸗ ſucht, verſprach er ſich einige Monate glücklicher Ruhe, denn wie ſehnlich er auch wünſchen mochte, ſeinem Gelübde nachzukommen, ſo fühlte er wohl, daß er erſt im Herbſte mit der nächſten Flotte wieder ausſegeln konnte, und jetzt hatte kaum der April begonnen. So ſehr er übrigens den Verluſt von Mynheer Kloots und Hille⸗ brant, wie auch den Tod der unglücklichen Matroſen beklagte, ſo fand er doch einigen Troſt in der Erinnerung, daß er des elenden Schrif⸗ ten, der das Loos ſeiner Gefährten gleichfalls getheilt hatte, für immer losgeworden war; ja, er ſegnete ſogar faſt den Schiffbruch, weil er ihn in den Stand ſetzte, ſo bald wieder in Aminens Arme zurückzukehren. Es war ſpät am Abend, als Philipp in Vließingen ein Boot nahm und nach ſeiner Wohnung bei Terneuſe überſetzte. Ein rauher Abend für die Jahreszeit— der Wind blies friſch und der Himmel war ſchichtenweiſe mit Wolken bedeckt, welche das Licht des hoch am Himmel ſtehenden vollen Mondes da und dort mit breiten, weißen Säumen bekränzten. Bisweilen wurde die ſilberne Scheibe von einer dunkeln Wolke faſt verdunkelt und trat dann wieder in ihrem vollen Glanze hervor. Philipp ſprang an's Land, hüllte ſich in ſeinen Mantel und eilte nach der Hütte. Als er mit klopfendem Herzen näher kam, bemerkte er, daß das Fenſter der Wohnſtube offen ſtand und eine Frauengeſtalt herauslehnte. Dies konnte Niemand anders, als ſeine Amine ſein, weßhalb er, nachdem er die kleine Brücke überſetzt hatte, nicht der Thüre, ſon⸗ dern dem Fenſter zuging. Amine war jedoch ſo ſehr in die Be⸗ 139 trachtung des Himmels über ihr und in ihre eigenen Gedanken vertieft, um die Annäherung ihres Gatten zu bemerken. Philipp gewahrte dies und blieb deßhalb, als er noch vier oder fünf Schritte von ihr entfernt war, ſtehen. Um ſie durch ſeine plötzliche Erſcheinung nicht zu erſchrecken, wünſchte er, unbemerkt die Thüre gewinnen zu können, denn er er⸗ innerte ſich, daß er ihr verſprochen hatte, er wolle ſie, falls es ihm geſtattet werde, beſuchen, wie ſein Vater einſt ſeine Mutter beſucht hatte. Während er übrigens noch zweifelnd daſtand, wandten ſich Aminens Blicke gegen ihn hin; ſie gewahrte ihn, aber eine dicke Wolke, die jetzt die Mondſcheibe verhüllt hatte, verlieh ſeiner Ge⸗ ſtalt ein ſchattenhaftes, überirdiſches Ausſehen. Da außerdem Amine keinen Grund hatte, ſeine Rückkehr jetzt ſchon zu erwarten, ſo hielt ſie ihn für einen Bewohner der Geiſterwelt, fuhr zurück, ſtrich ſich mit beiden Händen das Haar aus der Stirne und ſchaute abermals angelegentlich nach ihm hin. 4 „Ich bin's, Amine, fürchte dich nicht,“ rief Philipp haſtig. „Ich fürchte mich nicht,“ verſetzte Amine, ihre Hand an's Herz drückend;„es iſt jetzt vorüber. Geiſt meines theuren Gatten,— denn das mußt du wohl ſein— ich danke dir. Sei willkommen, Philipp— auch im Tode willkommen!“ Und Amine winkte, als ſie vom Fenſter zurücktrat, wehmüthig mit ihrer Hand, Philipp zum Eintreten auffordernd. „Mein Gott! ſie hält mich fuͤr todt!“ dachte Philipp und ſprang, kaum wiſſend, was er thun ſollte, durch das Fenſter hinein, wo er ſie auf dem Sopha fand. Er wollte ſprechen, aber Amine, deren Augen feſt auf ihn ge⸗ heftet waren, rief in der vollen Ueberzeugung, daß ſie nur eine übernatürliche Erſcheinung vor ſich habe— „So bald— ſo bald ſchon! O Gott! Dein Wille geſchehe! Und doch iſt es ſchwer zu ertragen. Philipp, theurer, Philipp, ich empfinde es, daß ich dir bald folgen werde.“ 3 140 Philipp wurde jetzt noch unruhiger, denn er fürchtete eine plötz⸗ liche Reaktion, wenn Amine entdecken ſollte, daß er noch lebe. „Theure Amine, höre mich. Ich erſcheine unerwartet und zu einer ungewöhnlichen Stunde. Doch wirf dich in meine Arme und du wirſt finden, daß dein Philipp nicht todt iſt.“ „Nicht todt?“ rief Amine aufſpringend. „Nein, nein, noch warm in Fleiſch und Blut, Amine— noch immer dein dich zärtlich liebender Gatte,“ rief Philipp, ſie mit ſeinen Armen umfaſſend und an ſein Herz drückend. Amine ſank auf das Sopha nieder und konnte ſich glücklicher⸗ weiſe durch einen Strom von Thränen Erleichterung verſchaffen, während Philipp, an ihrer Seite knieend, ſie unterſtützte. „O Gott! o Gott! Ich danke dir,“ entgegnete Amine nach einer Weile.„Ich glaubte, es ſei dein Geiſt, Philipp. O, es machte mich glücklich, auch ſo dich zu ſehen,“ fuhr ſie fort, an ſeinem Halſe weinend. „Kannſt du jetzt hören, Theuerſte, was ich dir mitzutheilen wünſche?“ ſagte Philipp nach einem kurzen Schweigen. „O ſprich, ſprich, Lieber; ich könnte dir eine ganze Ewigkeit zuhören.“ Philipp berichtete nun in kurzen Worten, was ſich zugetragen und Anlaß zu einer unerwarteten Rückkehr gegeben hatte. Die zärt⸗ lichen Liebkoſungen ſeiner noch immer aufgeregten Gattin leiſteten ihm vollen Erſatz für alle ſeine Leiden.„Und dein Vater, Amine?“ „Er iſt wohl— doch wir können morgen von ihm ſprechen.“ „Ja,“ dachte Philipp, als er am andern Morgen erwachte und die lieblichen Züge ſeiner noch immer ſchlummernden Gattin betrachtete.„Ja, Gott iſt barmherzig. Ich fühle, daß mir noch ein Glück vorbehalten iſt— ja noch mehr, daß dieſes Glück von der treuen Erfüllung meiner Aufgabe abhängt und Strafe mich ereilt, wenn ich mein feierliches Gelübde vergeſſe. Doch ſei es ſo — ſogar durch Todesgefahren will ich meine Pflicht verfolgen und 9 141 auf Gottes Erbarmen hoffen, daß er mich hier unten und im Him⸗ mel oben belohnen werde. Habe ich nicht jetzt ſchon reichlichen Erſatz für alle meine Leiden? Oh ja, mehr als Erſatz,“ dachte er weiter, als er mit einem Kuſſe den Schlummer ſeiner Gattin ſtörte, deren dunkle Augen jetzt mit dem vollen Strahle der Liebe und Freude auf ihm hafteten. Ehe Philipp die Treppe hinunterging, erkundigte er ſich nach Mynheer Poots.—— „Mein Vater hat mir in der That viel Ungelegenheit gemacht,“ verſetzte Amine.„Ich mußte, wenn ich ausging, das Wohnzimmer abſchließen, denn ich traf ihn mehr als einmal, wie er verſuchte, die Schrankſchlöſſer zu erbrechen. Sein Durſt nach Geld iſt unerſättlich; er träumt von nichts Anderem. Er hat mir viel Kummer gemacht, indem er behauptete, ich werde dich nie wieder ſehen, und deßhalb von mir verlangte, ich ſolle ihm dein ganzes Vermögen übergeben. Doch er fürchtet mich— noch mehr aber deine Rückkehr.“ „Mit ſeiner Geſundheit geht es übrigens gut?“ „Er iſt nicht krank, welkt aber augenſcheinlich mehr und mehr dahin— gleich einer Kerze, die in den Leuchter hinuntergebrannt iſt, und abwechſelnd verblindet, um wieder aufzuflackern; das einemal iſt er faſt kindiſch, das anderemal ſchmiedet er Plane, als fühlte er noch die Kraft ſeine Jugend. Oh, welch ein ſchlimmer Fluch muß nicht dieſer Golddurſt ſein! Ich glaube— ach, Philipp, nur mit Ent⸗ ſetzen kann ich es ſagen— daß der arme, alte Mann— trotz ſeiner Nähe am Grabe, in welches er doch Nichts mitnehmen kann— dein Leben und das meinige zum Opfer bringen könnte, um ſich in den Beſitz jener Gülden zu verſetzen, die ich bereitwillig gegen einen Kuß von deinen Lippen austauſchen würde.“ „So hat er wirklich in meiner Abweſenheit Verſuche gemacht, Amine?“. „Ich wage es nicht, meine Gedanken auszuſprechen, und will ebenſo wenig? tthmaßungen laut werden laſſen, die ſchwer zu er⸗ * weiſen ſein dürften. Sprechen wir nicht mehr von ihm, ſondern laß dir's genügen, wenn ich ſage, daß ich ein ſorgfältiges Auge auf ihn habe. Du wirſt ihn bald ſehen; erwarte übrigens keinen herz⸗ lichen Willkomm, und wenn es auch der Fall wäre, ſo glaube nicht, daß er ehrlich gemeint iſt. Ich will ihm nichts von deiner Rückkehr ſagen, um mich zu überzeugen, welche Wirkung ſie auf ihn übt.“ Amine ging nun hinunter, um das Frühſtück zu bereiten, und Philipp machte einen kleinen Spaziergang. Als er wieder zurückkehrte, fand er Mynheer Poots neben ſeiner Tochter am Tiſche ſitzend. „Barmherziger Allah! darf ich meinen Augen trauen?“ rief der alte Mann.„Seid Ihr's wirklich, Mynheer Vanderdecken?“ „Ei freilich,“ verſetzte Philipp;„ich kehrte geſtern Abend zurück.“ „Und du ſagteſt mir nichts davon, Amine?“ „Ich wünſchte, Euch zu überraſchen,“ entgegnete Amine. „Mich zu überraſchen? Wann ſegelt Ihr wieder aus, Mynheer Philipp. Doch hoffentlich recht bald? Vielleicht morgen?“ ſagte Mynheer Poots. „Hoffentlich vor vielen Monaten noch nicht,“ antwortete Philipp. „Vor vielen Monaten noch nicht? Das iſt lange für ein müßiges Leben. Ihr ſolltet Geld erwerben. Sagt mir, bringt Ihr diesmal ein hübſches Häufchen mit?“— „Nein,“ verſetzte Philipp;„ich habe Schiffbruch gelitten und faſt mein Leben verloren.“ „Ihr geht aber doch wieder?“ „Ja, ſeiner Zeit wird's geſchehen.“ „Sehr gut; wir wollen auf Euer Haus und auf Eure Gülden Acht haben.“ „Mit der Mühe, mein Geld zu hüten, werde ich Euch wahr⸗ ſcheinlich verſchonen,“ entgegnete Philipp, um den alten Mann zu ärgern,„denn ich habe im Sinne, es mit mir zu nehmen.“ „Es mit Euch zu nehmen? Und warum denn, wenn ich fragen darf?“ entgegnete Poots unruhig. 143 „Um vor meiner Ausfahrt Güter einzukaufen und noch mehr Geld zu erwerben.“ „Aber Ihr könnt wieder Schiffbruch leiden und all Euer Geld verlieren. Nein, nein; Ihr könnt gehen, Mynheer Philipp, aber Eure Gülden müßt Ihr nicht mitnehmen.“ „Ich will's aber einmal,“ entgegnete Philipp.„Wenn ich meine Wohnung wieder verlaſſe, werde ich all mein Geld mitnehmen.“ Philipp war nämlich im Verlaufe dieſes Geſprächs beigefallen, wenn Mynheer Poots nur auf den Glauben gebracht werden könne, daß er ſein Geld mitgenommen habe, ſo dürfte Amine ein ruhigeres Leben haben und nicht mehr genöthigt ſein, fortwährend die Hü⸗ terin zu machen. Er beſchloß daher, bei ſeiner nächſten Abreiſe nach dieſem Plane zu verfahren. Mynheer Poots erneuerte das Geſpräch nicht wieder, ſondern verſank in düſtere Gedanken. Einige Minuten ſpäter verließ er das Wohnzimmer und begab ſich nach ſeinem eigenen. Philipp theilte nun ſeiner Gattin mit, aus welchem Grunde er dem alten Manne den Glauben beizubringen wünſchte, daß er ſein Eigenthum mit aauf die See nehmen wolle. „Das war ſehr rückſichtsvoll von dir, Philipp, und ich danke dir für deine wohlwollende Abſicht, obſchon ich wünſchte, daß du nichts über den Gegenſtand hätteſt verlauten laſſen. Du kennſt mei⸗ nen Vater nicht; ich muß ihn jetzt als einen Feind bewachen.“ „Nun, wer wird auch viel von einem gebrechlichen alten Manne fürchten! ¹¹ verſetzte Philipp lachend. Amine war jedoch anderer Anſicht, und ließ keinen Augenblick von ihrer Vorſicht ab. Der Frühling und der Sommer ſchwanden raſch dahin, denn unſer Pärchen fühlte ſich glücklich. Philipp beſprach ſich viel mit ſeiner Gattin über das Vorgefallene— namentlich über die geſpen⸗ ſtiſche Huihyuad jenes. Schiffes und über den vehanglihdollen Schiffbruch. 144 Amine fühlte, daß ihrem Gatten noch viele Gefahren und Schwierigkeiten bevorſtanden, verſuchte aber auch nicht ein einziges⸗ mal, ihm die Wiederaufnahme der Erfüllung ſeines Gelübdes aus⸗ zureden. Gleich ihm blickte ſie mit hoffendem Vertrauen in die Zukunft; denn obwohl ſie wußte, daß ſich ſein Glück zu irgend einer Zeit erfüllen mußte, ſo beredete ſie ſich doch gerne, daß die Stunde lange verzögert werden dürfte. Zu Ende des Sommers begab ſich Philipp wieder nach Am⸗ ſterdam, um ſich einen Platz auf einem der Schiffe zu nehmen, welche mit dem Beginne des Winters ausfahren ſollten. Der Schiffbruch des Schilling war wohl bekannt, denn Philipp hatte während ſeiner Heimfahrt alle Umſtände, mit Ausnahme der Erſcheinung des geſpenſtiſchen Schiffes, aufgezeichnet und dem Direk⸗ torium mitgetheilt. Die Compagnie hatte ihm nicht nur wegen ſeines trefflichen Berichtes, ſondern auch in Berückſichtigung ſeiner eigenthümlichen Leiden und ſeiner wunderbaren Rettung die Stelle eines zweiten Maten verſprochen, im Falle er geneigt ſein ſollte, wieder nach Oſtindien zu ſegeln.— Als er den Direktoren ſeinen Beſuch machte, erhielt er ſeine Ernennung auf die Batavia, ein ſchönes Schiff von ungefähr vier⸗ hundert Tonnen Laſt. Nachdem dies eingeleitet war, eilte er nach Terneuſe zurück und theilte ſeiner Gattin im Beiſein des Mynheer Poots mit, was er gethan hatte.. „Ihr geht alſo wieder zur See?“ bemerkte Mynheer Poots. „Ja, aber wahrſcheinlich nicht vor 2 Monaten,“ verſetzte Philipp. „Ah!“ entgegnete Poots;„in zwei Monaten!“ Und der alte Mann murmelte vor ſich hin. Wie wahr iſt es, daß wir weit leichter ein wirkliches Uebel, als die Ungewißheit ertragen können! Wir dürfen nicht glauben, daß Amine ſich über den Gedanken einer nahen Trennung von ihrem Gatten abhärmte; freilich fühlte ſie dieſelbe ſchmerzlich, aber das Scheiden war eine gebieteriſche Pflicht, die ihr immer vorſchwebte, — 145 weshalb ſie gegen ihre Empfiudungen ankämpfte und ſich ohne Klage in das fügte, was ſich nicht vermeiden ließ. Nur ein Umſtand verurſachte ihr viel Unruhe— nämlich die Stimmung und das Be⸗ nehmen ihres Vaters. Amine kannte ſeinen Charakter gut und bemerkte, daß er bereits in Geheim Philipp haßte, da er in demſelben das einzige Hinderniß ſah, ſich das im Hauſe befindliche Geld zuzu⸗ eignen; denn der alte Mann wußte wohl, daß ſeine Tochter nach Philipps Tode ſich wenig darum kümmern würde, wer davon Beſitz nehme oder was daraus werde. Der Gedanke, daß ſein Schwieger⸗ ſohn das Geld mit ſich nehmen wolle, hatte das Gehirn des alten Geizhalſes beinahe völlig verdreht. Amine, die ihn ſcharf bewachte, ſah ihn oft ſtundenlang umhergehen und vor ſich hinmurmeln, ohne daß er ſeinem Berufe den früheren Eifer weihte. Ein paar Abende nach der Rückkehr von Amſterdam klagte Philipp über Unwohlbefinden. „Ihr ſeid nicht wohl?“ rief der alte Mann aufſpringend.„ Laßt mich ſehen— ja, Euer Puls iſt ſehr ſchnell. Amine, dein armer Gatte iſt ſehr. krank. Er muß zu Bette gehen, und ich will ihm Etwas geben, was ihm gut thun wird. Ihr braucht mir nichts dafür zu bezahlen, Philipp— ganz und gar nicht.“ „So gar unwohl fühle ich mich denn doch nicht, Mynheer Poots,“ verſetzte Philipp,„obſchon ich argen Kopfſchmerz verſpüre.“ „Ja, und Ihr habt auch Fieber, Philipp; und Vorſorge iſt beſſer, als eine Cur. Geht zu Bette und nehmet, was ich Euch ſende; Ihr werdet dann morgen wieder wohl ſein.“ Philipp ging mit Amine die Treppe hinauf, während ſich Mynheer Poots nach ſeinem eigenen Gemache begab, um die Arznei zu bereiten. Sobald Philivp im Bette lag, ging Amine wieder hinunter und traf auf ihren Vater, der ihr ein Pulver mit der Weiſung einhändigte, es ihrem Gatten zu geben, und dann die Wohnſtube verließ. „Gott verzeih mir, wenn ich meinem Vater Unrecht thue,“ Maxryat. Der fliegende Holländer. 10 “ 2 11““ ,„—· dachte Amine,„aber ich habe meine Bedenken. Philipp iſt krank — kränker, als er zugeſtehen will, und wenn er nicht Arznei nimmt, ſo könnte es noch ſchlimmer werden; aber mein Herz flͤſtert mir zu, daß ich nicht trauen darf. Und doch— wahrhaftig, er kann nicht ſo teufliſch verrucht ſein.“ 3 Sie unterſuchte den Inhalt des Papiers; es war eine ſehr geringe Quantität dunkelbraunen Pulvers, welches, der Weiſung des Doctors zufolge, in einem Becher warmen Weins gereicht werden ſollte. Mynheer Poots hatte ſich erboten, den Wein ſelbſt heiß zu machen. Seine Rückkehr aus der Küche unterbrach Ami⸗ nens Betrachtungen. „Hier iſt der Wein, mein Kind; gib ihm den ganzen Becher mit dem Pulver und decke ihn warm zu; es wird bald Schweiß erfolgen, der nicht unterbrochen werden darf. Wache bei ihm, Amine— du mußt nicht zu Bette gehen; morgen wird er dann wieder gut ſein.“ Mynheer Poots verließ nun das Gemach, in⸗ dem er noch beifügte:„gute Nacht, mein Kind.“ Amine ſchüttete das Pulver in einen der ſilbernen Becher auf dem Tiſch und miſchte es mit dem Weine. Der freundliche Ton in der Stimme ihres Vaters hatte für einen Augenblick ihren Argwohn beſchwichtigt; auch mußte man ihm die Gerechtigkeit wi⸗ derfahren laſſen, daß er als Arzt ſtets ſehr beſorgt für ſeine Pa⸗ tienten war. Als Amine das Pulver miſchte, bemerkte ſie, daß kein Bodenſatz zurückblieb und der Wein nichts an ſeiner Klarheit verlor. Dies war ungewöhnlich und ihr Argwohn wachte wie⸗ der auf. „Das gefällt mir nicht,“ ſagte ſie;„ich fürchte meinen Va⸗ ter— Gott ſteh' mir bei!— Ich weiß kaum, was ich thun ſoll. Nein, ich will es Philipp nicht geben. Der warme Wein allein wird zureichen, um Schweiß herbeizuführen. Sie hielt inne und dachte wieder nach. Das Pulver hatte ſie mit ſo wenig Wein gemiſcht, daß es nicht den vierten Theil 147 des Bechers füllte; ſie ſtellte ihn bei Seite, goß einen andern bis an den Rand voll und begab ſich ſodann nach dem Schlafgemach. Auf dem Treppenabſatze begegnete ſie ihrem Vater, der ihrer Meinung nach bereits zu Bette gegangen war. „Gib Acht, daß du nichts verſchütteſt, Amine. Das iſt recht, — gib ihm nur einen ganzen Becher voll. Halt, gib es mir; ich will es ihm ſelbſt bringen.“ Mynheer Poots nahm den Becher aus Aminens Händen und begab ſich in Philipps Gemach. „Hier mein Sohn, trinkt dies auf einmal aus und es wird Euch gut thun,“ ſagte Mynheer Poots, und ſeine Hände zitterten, ſo daß der Wein auf die Bettdecke niederträufelte. Amine, welche ihrem Vater zuſah, war mehr als je erfreut, daß ſie das Pulver nicht in den Becher gethan hatte. Philipp ſtützte ſich auf ſeine Ellenbogen, trank den Wein, und Mynheer Poots wünſchte ihm gute Nacht. „Verlaß ihn nicht, Amine— es muß Alles recht geſchehen,“ ſagte Mynheer Poots, ehe er das Zimmer verließ. Amine hatte zwar beabſichtigt, hinunterzugehen und das in der Wohnſtube ſtehende Licht zu holen; der gedachten Weiſung zu⸗ folge blieb ſie jedoch bei ihrem Gatten, gegen den ſie ihre Ge⸗ fühle ausſprach, indem ſie ihm zugleich mittheilte, daß ſie ihm das Pulver nicht gegeben habe. 4„Ich hoffe, daß du im Irrthum biſt, Amine,“ verſetzte Phi⸗ lipp;„gewiß, du kannſt unmöglich Recht haben. Wie wäre es auch möglich, daß ein Menſch die ſchlimmen Vermuthungen recht⸗ fertigen könnte, die du gegen deinen Vater hegſt!“ „Du haſt nicht ſo lange mit ihm gelebt, wie ich, und auch nicht geſehen, was ich geſehen habe,“ entgegnete Amine.„Mög⸗ lich, daß ich Unrecht habe— aber du weißt nicht, zu welchen Unthaten das Gold die Menſchen zu verlocken im Stande iſt. Wie dem übrigens ſein mag, jedenfalls mußt du jetzt ſchlafen und — 1410 ich will bei dir wachen, mein Theuerſter. Ich bitte, ſprich nicht — ich fühle, daß ich jetzt doch nicht ſchlafen kann, und wünſche ein wenig zu leſen— ich will mich dann gelegentlich gleichfalls niederlegen.“ Philipp machte keine weiteren Einwendungen und ſchlief bald ein. Amine wachte ſchweigend an ſeiner Seite, bis Mitternacht längſt vorüber war. „Er athmet ſchwer,“ dachte Amine,„aber hätte ich ihm das Pulver gegeben— wer weiß, ob er je wieder erwachen würde! Mein Vater iſt ſo tief eingeweiht in die Kunſt des Oſtens, daß ich mich vor ihm fürchte. Ach, ich weiß ja, wie er nur zu oft für einen mit Gold gefüllten Beutel den Schlaf des Todes bereitete. Ein Anderer würde bei dem Gedanken ſchaudern, aber ein Menſch, der ſich dazu brauchen läßt, für gute Bezahlung den Tod zu ſpen⸗ den, wird wenig Bedenken tragen, auch dem Gatten ſeiner eigenen Tochter das Gift zu reichen. Ich habe ihn ſorgfältig beobachtet — kenne ſeine Gedanken und Wünſche. Welche ſchlimme Vor⸗ ahnung hat mich doch dieſen Abend befallen— welche unabwend⸗ bare Furcht vor einem Uebel! Philipp iſt allerdings krank, aber doch nicht gefährlich— nein, nein! Und außerdem iſt ſeine Zeit noch nicht gekommen; er hat das furchtbare Werk, dem er ſich unterzog, noch zu beendigen. Ich wollte, es wäre Morgen. Wie ſüß er ſchläft— und der Schweiß ſteht ihm in Tropfen auf der Stirne. Ich muß ihn warm zudecken und Acht haben, daß er in dieſer Lage bleibt. Horch, da klopft Jemand unten. Ach, wenn er nur nicht erwacht— das Pochen gilt meinem Vater.“ Amine verließ das Gemach und eilte die Treppe hinunter. Wie ſie vermuthet hatte, wollte man Mynheer Poots zu einer Kreiſenden rufen. wecken.“ Sie ging die Treppe hinauf nach dem Zimmer, wo ihr Va⸗ . 4 8 „Er wird unverweilt kommen,“ ſagte Amine;„ich will ihn 149 ter ſchlief und klopfte; da ſie keine Antwort erhielt, ſo pochte ſie abermals. „Mein Vater ſchläft doch ſonſt nicht ſo tief,“ dachte Amine, als auch auf ihr zweites Klopfen keine Antwort erfolgte. „Sie öffnete die Thüre, ging hinein und bemerkte zu ihrem Erſtaunen, daß ihr Vater nicht im Bette lag. „Seltſam,“ dachte ſie;„aber ich erinnere mich jetzt, daß ich ihn nicht heraufkommen hörte, nachdem er hinuntergegangen war, um das Licht wegzunehmen.“ Amine eilte in die Wohnſtube hinunter, wo ſie ihren Vater ſcheinbar in tiefem Schlafe auf dem Sopha liegen ſah. Sie rief ihm zu, erhielt aber keine Antwort. „Barmherziger Himmel! Iſt er todt?“ dachte ſie, als ſie mit dem Lichte herantrat, um das Geſicht ihres Vaters zu beleuchten. Ja, es war ſo— ſeine Augen waren ſtarr und gläſern— ſeine unſere Kinnlade niedergeſunken. Eiine Weile lehnte ſich Amine in einem Zuſtande von Betäu⸗ bung gegen die Wand; ihr Gehirn ſchwindelte. Endlich gewann ſie ihre Faſſung wieder. „Es muß ſich bald zeigen,“ dachte ſie, während ſie auf den Tiſch zuging und in den ſilbernen Becher blickte, in welchem ſie das Pulver gemiſcht hatte. Er war leer! „Der Gott der Gerechten hat ihn zur Strafe gezogen!“ rief Amine.„Aber ach! daß dieſer Menſch mein Vater ſein mußte! Ja, es iſt klar. Durch ſeine eigenen verruchten und verdammungs⸗ würdigen Anſchläge eingeſchüchtert, goß er ſich Wein ein, um ſeine Gewiſſensbiſſe zu betäuben. Er wußte nicht, daß das Pulver noch in dem Becher war, füllte ihn auf und trank ſelbſt— den Tod, den er einem Andern zugedacht hatte! Einem Andern!— Und wem? Einem Manne, der der Gatte ſeiner gigenen Tochter it— Wärſt du nicht mein Vater,“ fuhr Amine fort, während ſie die — Leiche betrachtete,„ſo würde ich dich anſpeien und dir fluchen!— Doch du biſt geſtraft und möge Gott dir vergeben— du armes, ſchwaches/ gottloſes Geſchöpf!“ Amine verließ ſodann das Gemach und ging die Treppe hin⸗ auf, wo ſie Philipp noch immer ſchlafend und in reichlichem Schweiße fand. Die meiſten Weiber würden unter derartigen Umſtänden ihre Gatten geweckt haben, aber Amine dachte nicht an ſich ſelbſt. Philipp war krank, und ſie mochte zu keiner Aufregung Anlaß ge⸗ ben, die ihm gefährlich werden konnte. Sie ſetzte ſich neben dem Bette nieder, drückte die Hände an ihre Stirne und ſtützte die Ellenbogen auf ihre Kniee; ſo verblieb ſie in tiefen Gedan⸗ ken, bis die Sonne ſich erhob und ihre hellen Strahlen durch das Fenſter goß. 4 Ein abermaliges Klopfen weckte ſie aus ihren Betrachtungen. Sie eilte in die Hausflur hinunter, ohne jedoch die Thüre zu öffnen. „Mynheer Poots möchte doch augenblicklich kommen,“ ſagte das Mädchen, das den Auftrag zu beſorgen hatte. „Meine gute Thereſe,“ verſetzte Amine,„mein Vater hat mehr des Beiſtandes nöthig, als Eure arme Frau, denn ich fürchte, ſeine Erdenwanderung iſt vorüber. Ich fand ihn ſehr krank, als ich ihn rufen wollte, und er iſt nicht im Stande, ſein Bette zu verlaſſen. Ich muß Euch ſelbſt um einen Gefallen bitten; erſucht doch den Pater Seyſen, er möchte hierher kommen, denn ich fürchte, mein armer Vater liegt in den letzten Zügen.“ „Ach, du mein Himmel!“ erwiederte Thereſe.„Iſt s wirklich ſo weit? Seid unbeſorgt ich will Euer Geheiß erfüllen, Miſtreß Amine.“ Das zweite Klopfen hatte Philipp geweckt, welcher ſich jetzt viel beſſer und ganz vom Kopfweh befreit fühlte. Er bemerkte, daß ſich Amine die ganze Nacht über nicht zur Ruhe begeben hatte ⸗ 151 und war eben im Begriffe, ihr einen Verweis zu geben, als ſte ihn mit einemmale von dem ganzen Vorfalle unterrichtete. „Du mußt dich ankleiden, Philipp,“ fuhr ſie fort,„und mir Beiſtand leiſten, damit wir die Leiche zu Bette bringen können, ehe der Prieſter kömmt. Barmherziger Gott! hätte ich dir das Pulver gegeben, mein theuerſter Philipp—— doch ſprechen wir nicht mehr davon. Beeile dich, denn Pater Seyſen wird bald hier ſein.“ Philipp kleidete ſich an und folgte Amine nach dem Wohn⸗ zimmer hinunter. Die Sonne ſchien hell und goß ihre Strahlen auf das abgezehrte Geſicht des alten Mannes, der mit geballten Fäuſten dalag, während ſeine Zunge zwiſchen die Zähne der einen Mundſeite eingeklemmt war. „Ach! dieſes Zimmer ſcheint verhängnißvoll zu werden. Wie viele Schreckensſcenen müſſen wohl noch darin vorgehen?“ „Hoffentlich keine mehr,“ verſetzte Amine.„Auch erſcheint mir die gegenwärtige nicht als eine Schreckensſcene. Aber als dieſer alte Mann, der jetzt als ein Opfer ſeines eigenen Verraths abge⸗ rufen wurde, an deinem Bette ſtand— jeder Zug ſeines Geſichtes Theilnahme und Wohlwollen— und dir den Becher anbot— das war ein Auftritt des Entſetzens“— fügte Amine ſchaudernd bei,—„der mich lange umſpuken wird.“— „ Gott vergebe ihm, wie ich ihm vergebe,“ verſetzte Philipp, indem er den Leichnam aufhob und die Treppe hinauf nach dem Gemache brachte, in welchem Mynheer Poots zu ſchlafen pflegte. „Wir wollen die Leute wenigſtens glauben laſſen, daß er in ſeinem Bette und eines natürlichen Todes ſtarb,“ ſagte Amine.„Mein Stolz vermöchte es nicht zu ertragen, daß die Unthat bekannt und ich als die Tochter eines Mörders angeſehen würde! Oh, Philipp!“ Amine ſetzte ſich nieder und brach in Thränen aus. Ihr Gatte war noch bemüht, ſie zu tröſten, als Pater Seyſen an die Thüre klopfte; Philipp eilte hinunter, um zu öffnen. 152 „Guten Morgen, mein Sohn. Wie geht es dem Leidenden?“ „Er hat aufgehört zu leiden, Vater.“ „Wikklich?“ verſetzte der gute Prieſter mit bekümmerter Miene. „So komme ich alſo zu ſpät? Und doch habe ich keinen Augen⸗ blick gezögert.“ „Er verſchied plötzlich unter Convulſionen, Vater,“ verſetzte Philipp, den Geiſtlichen die Treppe hinaufführend. Pater Seyſen betrachtete die Leiche und bemerkte wohl, daß ſeine Dienſte hier zu ſpät kamen. Er wandte ſich an Amine, welche ihren Thränen noch immer freien Lauf ließ. „Weine, mein Kind, weine immerhin, denn du haſt alle Ur⸗ ſache dazu,“ ſagte der Prieſter.„Der Verluſt der Liebe eines Vaters muß eine ſchwere Heimſuchung ſein für ein dankbares und zärtliches Kind. Doch gib dich nicht zu ſehr dem Schmerze hin, Amine; du haſt andere Pflichten, andere Bande, mein Kind— du haſt einen Gatten.“ „Ich weiß es, Vater,“ verſetzte Amine,„aber doch muß ich weinen, denn ich bin ſeine Tochter.“ „Iſt er denn geſtern Abend nicht zu Bette gegangen, daß er noch immer die Kleider anhat? Wann beklagte er ſich zum erſten⸗ male?“ „Ich ſah ihn zum letztenmale, Vater,“ antwortete Philipp, „als er in mein Zimmer kam und mir Arznei reichte; dann wünſchte er mir gute Nacht. Jemand wollte ihn zu einem Kranken rufen, weßhalb meine Gattin hinging, um ihn zu wecken; ſie fand ihn aber bereits ſprachlos. „Das iſt ſehr ſchnell gegangen,“ verſetzte der Prieſter;„ aber er war ein alter Mann und mit alten Leuten nimmt es oft plötzlich ein Ende. Wart Ihr bei ſeinem Sterben?“ „Ich nicht, Sir,“ entgegnete Philipp.„Meine Frau weckte mich, und ehe ich mich ankleiden konnte, war er bereits aus dieſer Welt geſchieden.“ * 153 „Wir wollen hoffen, um in eine beſſere einzugehen, meine Kinder.“ Amine ſchauderte. „Sage mir, Amine,“ fuhr der Prieſter fort;„zeigte er Spuren der Begnadigung, bevor er ſtarb? Denn du weißt wohl, daß ſein Glaube als ſehr zweifelhaft erſchien, und er nicht viel nach dem Ritus unſerer heiligen Kirche fragte.“. „Es gibt Zeiten heiliger Vater,“ verſetzte Amine,„in welchen ſich ſogar bei einem wahren Chriſten keine Zeichen, wie Ihr ſie meint, erwartet werden können. Betrachtet nur ſeine geballten Hände und die Spuren des herben Todeskampfes in ſeinem Ge⸗ ſichte!“. „s iſt leider nur zu wahr, meine Tochter; ſo müſſen wir eben das Beſte hoffen. Knieet mit mir nieder, meine Kinder, damit wir für die Seele des Hingeſchiedenen beten.“ Philipp und Amine ließen ſich mit dem Prieſter auf die Kniee nieder, der ein brünſtiges Gebet gen Himmel ſchickte. Als ſie ſich wieder erhoben, wechſelten ſie einen Blick, der vollkom men enthüllte, was gegenſeitig in ihrem Innern vorging. „Ich will Leute ſchicken, welche dem Todten den letzten Dienſt erweiſen und die Leiche für die Beerdigung vorbereiten,“ ſagte Pater Seyſen.„Uebrigens wird es gut ſein, wenn Ihr nicht ſagt, er ſei ſchon vor meiner Ankunft geſtorben. Man braucht nicht zu muthmaßen, daß er abgerufen wurde, ohne die heiligen Sterb⸗ ſakramente zu empfangen.“— Philipp, der zu den Füßen des Bettes ſtand, nickte bejahend mit dem Kopfe, und der Prieſter entfernte ſich. Man hatte in der Stadt ſtets große Abneigung gegen Mynheer Poots gehegt. Seine Vernachläſſigung aller religiöſen Pflichten— der Zweifel, ob er überhaupt nur ein Mitglied der Kirche ſei— ſein Geiz und ſeine Erpreſſungen— Alles dies hatte ihm eine Schaar von Feinden zugezogen; gleichwohl war er aber durch ſeine große medieiniſche . 154 Geſchicklichkeit, die allenthalben volle Anerkennung fand, zu einem Manne von Bedeutung geworden. Hätte man in Erfahrung gebracht, daß er ein Moslem, wo nicht gar ein völlig Ungläubiger war, ferner, daß er in dem Verſuche geſtorben ſei, ſeinen Schwiegerſohn zu ver⸗ giften, ſo würde ihm zuverläſſig ein chriſtliches Begräbniß verſagt worden ſein, und die Finger der Verachtung hätten ſich auch auf die Tochter gerichtet. Da jedoch Pater Seyſen auf jede Frage mit milder Stimme antwortete, er ſei„im Frieden hingefahren,“ ſo nahm man an, Mynheer Poots ſei als guter Chriſt geſtorben, obgleich er im Leben nur wenig Chriſtenthum gezeigt habe. Am andern Tage wurden die Ueberreſte des alten Mannes mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten der Erde anheim gegeben, und Philipp mit ſeiner Gattin fühlte ſich nicht wenig beruhigt, daß Alles ſo ruhig abgelaufen war. Erſt nach der Beerdigung unterſuchten die Hinterbliebenen das Gemach des Todten. Der Schlüſſel zu der eiſernen Truhe war in deſſen Taſche gefunden worden, und Philipp hatte noch nie von dem Lieblingsverſchluſſe des alten Mannes Einſicht genommen. Das Zimmer war mit Flaſchen und Büchſen angefüllt. Was Amine als brauchbar kannte, wurde in eine Kammer geſchafft, das Uebrige aber weggeworfen. Der Tiſch enthielt viele Schubladen, die unter anderen Gegenſtänden viele Papiere mit arabiſchen Schriftzügen bargen,— wahrſcheinlich Recepte. Auch fanden ſich Büchſen mit arabiſchen Charakteren vor, und die erſte, welche ſie aufnahmen, enthielt ein ähnliches Pulver, wie das war, welches Heer Poots Aminen gegeben hatte. Aus vielen Gegenſtänden, welche außerdem noch vorhanden waren, ließ ſich entnehmen, daß der alte Mann auch in die geheimen Wiſſenſchaften welche in jener Zeit im Schwunge waren, gepfuſcht hatte. Sie wurden unverweilt den Flammen übergeben. „Hätte Pater Seyſen all dies geſehen! 1“ bemerkte Amine in weh⸗ müthigem Tone.„Doch da ſind einige gedruckte Papiere, Philip p.“ * 155 Philipp unterſuchte ſie und fand, daß es Aktienſcheine der hol⸗ ländiſch⸗oſtindiſchen Compagnie waren. „Nein, Amine, das iſt Geld oder doch Geldeswerth— acht Aktien des Compagnie⸗Kapitals, die uns ein ſchönes Jahreseinkom⸗ men abwerfen werden. Ich ließ mir nicht träumen, daß der alte Mann einen ſolchen Gebrauch von ſeinem Gelde machte. Ich hatte im Sinne, vor meiner Abreiſe einen Theil meiner Habe in ähnlicher Weiſe anzulegen, damit es nicht müſſig liegen bliebe.“ Nun wurde die eiſerne Truhe unterſucht. Sie ſchien nur wenig zu enthalten, denn ſie war groß und tief und ſah faſt leer aus; als jedoch Philipp auf den Boden hinuntergriff, traf er auf dreißig oder vierzig kleine Beutel, die ſtatt ſilberner Gülden lauter Goldmünzen enthielten; nur ein einziger großer Sack mit Silbergeld war vor⸗ handen. Nun wurden aber noch mehrere kleine Schachteln und Pakete entdeckt, in denen man beim Oeffnen Diamanten und andere koſtbare Steine fand. Als Alles beiſammen lag, erwies ſich der Schatz von hohem Werthe. „Meine liebe Amine, du haſt mir eine in der That ſehr uner⸗ wartete Mitgift gebracht,“ ſagte Philipp. „Du darfſt wohl ſagen, unerwartet,“ verſetzte Amine;„dieſe Diamanten und Kleinodien muß mein Vater aus Aegypten mitge⸗ bracht haben; und doch wie armſelig lebten wir, bis wir in dieſe Wohnung kamen! Gott verzeih ihm! und bei all dieſem Reichthum wollte er meinen Philipp vergiften, um noch mehr zuſammen zu ſcharren!“ Sie zählten das Geld, das ſich faſt auf fünfzig tauſend Gülden belief, legten dann Alles wieder zurück und verließen das Zimmer. „Ich bin ein reicher Mann,“ dachte Philipp, als er allein war, „aber was nützen mich alle dieſe Schätze? Ich könnte mir ein Schiff kaufen und ſelbſt der Kapitän deſſelben ſein,— aber würde es nicht zu Grunde gehen? Freilich iſt das keine nothwendige Folge, aber doch eer kein eigenes ſpricht die Wahrſcheinlichkeit dafür. Ich will da — 156 Schiff haben. Iſt's aber auch recht, mit einem ſolchen Gefühle in den Schiffen Anderer zu ſegeln? Ich weiß es nicht; ſoviel iſt übri⸗ gens gewiß⸗ daß ich eine Pflicht zu erfüllen habe, und daß unſer Aller Leben in der Hand einer gütigen Vorſehung iſt, die uns abruft, wenn ſie es für paſſend hält. Ich will das Meiſte meines Geldes in Combagnie⸗„Aktien anlegen; wenn ich dann in den Schiffen derſelben ſegle und aus einer Begegnung mit meinem armen Vater Unglück erwächst, ſo leide ich wenigſtens gemeinſchaftlich mit den Uebrigen. Nun will ich's aber auch meiner Amine gemächlich machen.“ Philipp traf unverweilt eine große Veränderung in der Art des Hausweſens. Er miethete zwei weibliche Dienſtboten, ließ die Zim⸗ mer gemächlicher einrichten und ſparte, ſoweit die Bequemlichkeit ſeiner Gattin in Betracht kam, keine Unkoſten. Von Amſterdam her verſchrieb er ſich mehrere Aktien der oſtindiſchen Geſellſchaft, ließ übrigens ſein eignes Geld und die Diamanten noch immer in Aminens Händen. Unter derartigen Vorkehrungen entſchwanden die zwei Monate raſch und als Alles bereinigt war, erhielt Philipp abermals eine Aufforderung(diesmal ſchriftlich), auf ſeinem Schiffe einzutreffen. Es wäre Aminen wohl lieber geweſen, wenn Philipp als Paſſagier, nicht als Offizier mitgegangen wäre; unſer Held zog jedoch das Letztere vor, da er ſonſt für ſeine Indienfahrt keinen Grund hätte angeben können. „Ich weiß nicht, wie es kömmt,“ bemerkte Philipp den Abend vor ſeiner Abreiſe;„aber es iſt mir nicht, wie das letztemal, denn ich fühle mich durch gar keine ſchlimme Vorahnung beklommen.“ „Auch ich nicht,“ verſetzte Amine;„dennoch iſt's mir, als ob du lange fortbleiben würdeſt, Philipp, und iſt das nuht ſchlimm genug für ein zärtliches, bekümmertes Weib?“ „Wohl, Liebe, du haſt ganz Recht, aber—— „9 ja, ich weiß, es iſt deine Pflicht und du ung gehen,“ ent⸗ gegnete Amine, ihr Antlitz an ſeiner Bruſt verbergend. Am andern Tage trennte er ſich von ſeiner Gattin, die ſich jetzt 157 weit ſtandhafter benahm, als bei ihrer erſten Trennung.„Alles 1 ging verloren, nur er wurde gerettet,“ dachte Amine.„Mein Inneres ſagt mir, er wird zu mir zurückkehren. Gott im Himmel, dein Wille geſchehe!“ 5. Philipp langte bald in Amſterdam an. Nachdem er ſich viele Gegenſtände gekauft hatte, die er im Falle eines faſt mit Sicherheit vorauszuſehenden Unglücks für vortheilhaft hielt, ſchiffte er ſich an Bord der Batavia ein, die ſeefertig vor einem einzelnen Anker lag. Zwölftes Kapitel. Philipp befand ſich noch nicht lange an Bord, als er ausfindig machte, daß die Fahrt wahrſcheinlich nicht ſehr gemächlich ausfallen dürfte, denn die Batavia war beauftragt, eine große Abtheilung Truppen nach Ceylon und Java zu bringen, um die Streitkräfte der Compagnie an den gedachten Orten zu rekrutiren. Das Schiff ſollte auf der Höhe von Madagascar die Flotte verlaſſen und un⸗ mittelbar nach Java laufen, denn die Zahl der an Bord befindlichen Soldaten wurde für hinreichend erachtet, jeden Angriff von Seite der Piraten oder feindlichen Kreuzer abzuſchlagen. Die Batavia war außerdem mit dreißig Kanonen bewaffnet und hatte fünfund⸗ ſiebenzig Matroſen. Außer den Vorräthen zum Dienſte des Militärs, welche die Hauptladung bildeten, führte ſie auch eine große Quan⸗ tität baaren Geldes für den indianiſchen Markt an Bord. Die Sol⸗ datenabtheilung wurde eben eingeſchifft, als ſich Philipp an Bord meldete, und einige Minuten waren die Decken ſo gedrängt voll, daß man ſich kaum zu rühren vermochte. Unſer Held, der den Kapitän noch nicht geſprochen hatte, fand den erſten Maten auf und trat 158 augenblicklich ſeinen Dienſt an, mit dem er in Folge ſeines Eifers während ſeiner früheren Aus⸗ und Heimfahrt weit beſſer vertraut war, als man wohl hätte glauben ſollen. In kurzer Zeit begannen alle Spuren von Eile und Verwir⸗ rung zu verſchwinden. Das Gepäcke der Truppen wurde wegge⸗ ſtaut, und die Soldaten, die man in Rotten abgetheilt hatte, er⸗ hielten ihre Quartiere zwiſchen den Kanonen des Hauptdecks, damit für die Handhabung des Schiffes Raum frei bleibe. Philipp ent⸗ wickelte große Thätigkeit und Methodik in ſeinen Maßregeln, weß⸗ halb der Kapitän während einer Pauſe in dem anſtrengenden Dienſte zu ihm ſagte: „Ich meinte, Ihr nähmet die Sache ſehr leicht, daß Ihr nicht früher eintraft; aber nun Ihr an Bord ſeid, bemerke ich wohl, daß Ihr die verlorene Zeit einzubringen ſucht. Ihr habt im Laufe dieſes Vormittags mehr gethan, als ich erwarten konnte, und ich freue mich, daß Ihr gekommen ſeid, obgleich es mir ſehr leid thut, daß Ihr nicht hier wart, als wir den untern Raum füllten, denn ich fürchte, da iſt nicht Alles geſchehen, wie es ſollte. Mynheer Struys, der erſte Mate, hatte zu viel auf ſich, um dem Einſtauen gehörige Aufmerkſamkeit ſchenken zu können.“ „Ich bedaure, mich verſpätet zu haben, Sir,“ verſetzte Philipp, „muß übrigens bemerken, daß ich aufbrach, ſobald mich die Com⸗ pagnie berief.“ „Ja, und weil man weiß, daß Ihr ein verheiratheter Mann und namentlich ſelbſt auch mit bedeutenden Aktien betheiligt ſeid, ſo wollte man Euch nicht zu bald bemühen. Ich vermuthe, bei der nächſten Fahrt werdet Ihr das Kommando eines Schiffes er⸗ halten, denn mit einem ſo bedeutenden Kapital in den Fonds kann Euch ein derartiger Poſten nicht entgehen. Ich habe erſt dieſen Morgen mit einem der älteren Rechnungsführer über die Sache geſprochen.“ öilipy bedauerte nicht ſonderlich, ſein Geld gegen ſo gut: 4 159 Intereſſen angelegt zu haben, da es ſein ſehnlichſter Wunſch war, der Kapitän eines Schiffes zu werden. Er verſetzte daher, daß er allerdings hoffe, nach der nächſten Fahrt ſelbſt ein Schiff zu kom⸗ mandiren, da er dann wahrſcheinlich der Aufgabe völlig gewachſen ſein werde. „Zweifle nicht, zweifle nicht, Herr Vanderdecken. Kann das klar vorausſehen. Ihr müßt übrigens ein großer Freund vom See⸗ leben ſein.“ „Ihr habt Recht,“ verſetzte Philipp,„denn ich zweifle, ob ich es je aufgeben werde.“ „Wie, Ihr wolltet's gar nicht wieder aufgeben? Ach, ſo meint Ihr eben jetzt. Ihr ſeid ein junger, thätiger Mann, dem der Himmel voller Hoffnungen hängt— werdet's aber auch mit der Zeit müde, und ich ſtehe dafür, Ihr ſeid einmal froh, für den Reſt Eurer Tage beilegen zu können.“ „Wie ſtark iſt die Truppenzahl, die wir fortzuſchaffen haben?“ fragte Philipp. „Wir haben zweihundertundfünfundvierzig Gemeine, dazu ſechs Offiziere. Die armen Teufel! nur Wenige davon werden je wieder zurückkehren, und vielleicht mehr als die Hälfte keinen weiteren Ge⸗ burtstag erleben. Es iſt ein ſchreckliches Klima. Habe ſelbſt ein⸗ mal dreihundert Mann an dieſem ſchrecklichen Loch abgeſetzt und im Laufe von ſechs Monaten, noch ehe ich wieder ausſegelte, waren nicht hundert mehr davon übrig.“ 3 „Dann iſt es ja faſt ein Mord, ſie dahin zu ſchicken,“ bemerkte Philipp. „Bah! ſie müſſen irgendwo ſterben; was liegt daran, wenn's auch ein wenig früher geſchieht? Das Leben iſt eine Waare, die ſich, wie andere, kaufen und verkaufen läßt. Wir ſenden Manu⸗ fakturgüter und Geld aus, um indiſche Produkte dafür einzuhandeln; ebenſo treiben wir's mit dem Leben, und es gibt der Compagnie einen guten Gewinn.“ 8 160 „Aber nicht den armen Soldaten, fürchte ich.“ „Nein; die Compagnie kauft ſie wohlfeil und verkauft ſie theuer,“ verſetzte der Kapitän, worauf er ſich nach dem Vorderſchiff begab. „'s iſt wahr,“ dachte Philipp;„ſie kaufen Menſchenleben wohl⸗ feil und ziehen einen großen Gewinn daraus, denn wie könnten ſie ohne dieſe armen Tröpfe ihre Beſitzungen gegen die Eingebornen und die fremden Feinde behaupten. Für welchen ärmlichen Jahr⸗ gehalt verkaufen nicht dieſe Leute ihr Leben; gegen eine wahre Ba⸗ gatelle ſetzen ſie ſich allen Schrecken des tödtlichſten Klima's aus, ohne auf eine Rückkehr in die Heimath hoffen zu dürfen, wo ſie ihre erſchöpften Kräfte wieder herſtellen und ihr Leben auf's Neue verkaufen könnten! Gütiger Gott! wenn dieſe Menſchen ſo herzlos dem Mammon geopfert werden können, warun ſollte ich Gewiſſens⸗ biſſe fühlen, falls in der Erfüllung einer heiligen Pflicht, die mir von dem Lenker unſerer Schickſale aufgelegt iſt, einige Erdenge⸗ ſchöpfe zu Grunde gehen? Kein Sperling fällt vom Dache ohne Sein Vorwiſſen, und in Seiner Hand liegt es, zu opfern oder zu retten. Ich bin nur ein Geſchöpf Seines Willens und folge mei⸗ ner Pflicht, wenn ich den Befehlen Deſſen gehorche, deſſen Wege unerforſchlich ſind. Sollte übrigens dieſes Schiff um meinetwillen gleichfalls dem Fluche erliegen, ſo kann ich nur wünſchen, ich möchte auf einem andern angeſtellt ſein, das weniger Menſchenleben birgt.“ Erſt eine Woche nach Philipps Ankunft waren die Batavia und die übrigen Schiffe der Flotte zur Abfahrt gerüſtet. Es würde ſchwer ſein, Philipp Vanderdeckens Gefühle bei dieſer ſeiner zweiten Einſchiffung zu zergliedern. Sein Geiſt war ſo ohne Unterlaß dem Zwecke ſeiner Reiſe zugekehrt, daß ihm das übrige Leben, obgleich er die religiöſen Pflichten treulich erfüllte, nur wie ein Traum entſchwand. In der Ueberzeugung, er werde wieder mit dem geſpenſtiſchen Schiffe zuſammentreffen, die Batavia aber wahrſcheinlich widerliche Zufälle erfahren, wo nicht gar mit ihrer ganzen Mannſchaft zu Grunde gehen, wußte er ſich der drücken⸗ —V— —— 161 den Gedanken nicht zu entſchlagen, die ihn zu einem Schatten abhärmten. Er ſprach faſt nie anders, als wenn es ſein Dienſt erforderte, und kam ſich ſelbſt wie ein Verbrecher vor, der ſeine ganze Umgebung in Gefahr, Unglück und Tod führte. Wenn dann Einer von ſeinem Weibe, ein Anderer von ſeinen Kindern erzählte, wenn ſie in ſüßen Hoffnungen ſchwelgten und Entwürfe für ihr künftiges Glück ſchmiedeten, ſo hätte Philipp faſt vergehen mögen; er ſtand vom Tiſche auf und eilte nach einer einſamen Stelle des Deckes. Das Einemal ſuchte er ſich zu überreden, daß ſein Geiſt nur der Spielball einer augenblicklichen Aufregung, er ſelbſt aber das Opfer einer Sinnentäuſchung ſei; dann aber rief er ſich die ganze Vergangenheit in's Gedächtniß— er fühlte die ſchreckliche Wirklichkeit— und ſtellte ſich oftmals vor, die ganze übernatürliche Erſcheinung habe mit dem Himmel nichts zu ſchaffen, ſondern ſei nur das Werk eines höhnenden Teufels. Aber dann wieder die Reliquie— durch ſolche Mittel konnte doch der Teufel nicht wirken! Ein paar Tage nach ſeiner Ausfahrt bereute er bitter, daß er den ganzen Thatbeſtand nicht dem Pater Seyſen vertraut und ihn um Rath gefragt hatte, ob es nicht etwa ſündlich ſei, daß er auf ein derartiges Unternehmen ausziehe. Es war jedoch zu ſpät, denn das gute Schiff Batavia befand ſich ſchon mehr als tauſend Meilen von dem Amſterdamer Hafen entfernt, und ſeine Pflicht, wie ſie auch immer ſein mochte, mußte erfüllt werden. Als ſich die Flotte dem Kap näherte, ſteigerte ſich ſeine Angſt in einem ſolchen Grade, daß ſie Niemand an Bord entgehen konnte. Der Kapitän und die Offiziere der eingeſchifften Truppen, welche ſich ſehr für ihn intereſſirten, bemühten ſich vergeblich, die Urſache ſeiner Beklommenheit zu erfahren. Philipp ſchützte Krankheit vor — eine Angabe, mit dem ſein abgezehrtes Geſicht und ſeine ein⸗ geſunkenen Augen nicht im Widerſpruche ſtanden. Den größeren Theil der Nacht verbrachte er auf dem Deck, blickte nach allen Rich⸗ Marryat. Der fliegende Holländer. 11 162 tungen aus, bewachte jede Veränderung am Horizont, wo er alle Augenblicke das Auftauchen des geſpenſtiſchen Schiffes erwartete, und zog ſich erſt mit dem Grauen des Tages nach ſeiner Kajüte zurück, um ſich einer kurzen vielgeſtörten Ruhe hinzugeben. Nach einer günſtigen Fahrt ankerte die Flotte an der Tafelbai, um friſche Vorräthe einzunehmen, und Philipp fühlte eine kleine Erleichte⸗ rung, weil ſich bis jetzt die übernatürliche Erſcheinung nicht hatte blicken laſſen. Scohald ſich die Flotte mit friſchem Waſſer verſehen hatte, fuhr ſie wieder aus, und Philipps Aufregung ſteigerte ſich abermals. Sie umſchifften übrigens mit günſtigem Winde das Kap, kamen an Madagascar vorbei und gelangten in das indiſche Meer, wo ſich die Batavia von der übrigen Flotte, die nach Cambrun und Ceylon beſtimmt war, trennte. „Und nun,“ dachte Philipp,„wird wohl das geſpenſtiſche Schiff ſich zeigen. Es hat nur gewartet, bis alle unſere Gefährten uns verlaſſen hatten, damit wir keinen Beiſtand hätten, in unſerem Unglück.“ Aber die Batavia ſegelte in glattem Waſſer und unter einem wolkenloſen Himmel fort, ohne daß ſich Etwas blicken ließ. Nach einigen Wochen erreichten ſte die Höhe von Java, auf der ſie für die Nacht beilegten, ehe ſie in die prächtige Rhede von Batavia einfuhren. Es war die letzte Nacht, die ſie unter Segel zubringen ſollten, und Philipp ging ohne Unterlaß auf dem Decke hin und her, ängſtlich dem Tage entgegenſehend. Der Morgen brach an- die Sonne erhob ſich in aller Pracht und die Batavia ſteuerte in die Rhede ein. Vor Mittag hatte ſie geankert und Philipp eilte mit erleichtertem Herzen in die Kajüte hinunter, um die Ruhe, die er ſo ſehr bedurfte, zu genießen. Er erwachte ſehr erfriſcht, denn eine Centnerlaſt war ſeiner Seele entnommen. „Es iſt alſo keine nothwendige Folge,“ dachte er,„daß die 163 Mannſchaft des Schiffes umkommen muß, weil ich mich an Bord be⸗ finde; auch muß das geſpenſtiſche Schiff nicht erſcheinen, weil ich es ſuche. Ich habe daher keine weitere Laſt auf meinem Gewiſſen. Allerdings wünſche ich mit ihm zuſammenzutreffen, habe aber dabei dieſelbe Ausſicht, wie Andere, und es iſt keineswegs nothwendig, daß ich das finde, was ich ſuche. Daß das geheimnißvolle Schiff denen, welchen es begegnet, Unheil bringt, mag wohl wahr ſein, nicht aber, daß die Begegnung ſelbſt von mir abhängt. O Gott, ich danke dir! Jetzt kann ich mein Spähen ohne Gewiſſensbiſſe verfolgen.“ Durch dieſe Betrachtungen ruhiger geſtimmt, begab ſich Philipp wieder auf's Deck. Die Ausſchiffung der Truppen hatte bereits ſtattgefunden, denn die Soldaten verlangten ebenſo ſehnlich, ihrer langen Haft zu entkommen, als die Matroſen, mehr Raum und Gemächlichkeit zu gewinnen. Unſer Held betrachtete die Landſchaft. Die Stadt Batavia lag ungefähr eine Meile entfernt, tief auf dem Ufer; hinten erhob ſich eine hohe Bergkette von glänzendem Grün, da und dort mit Landhäuſern beſät, die anmuthig aus den Wäldern hervorſahen. Das Panorama war wunderſchön, die Vegetation üppig und das lebhafte Grün übte einen ſehr erfriſchenden Eindruck auf das Auge. In der Nähe der Stadt lagen große und kleine Schiffe, ein ganzer Wald von Maſten. Das Waſſer in der Bai war von dem klarſten Blau und kräuſelte ſich unter einer friſchen Briſe. Da und dort unterbrachen kleine Inſelchen, gleich grünen Büſchen, die Eintönigkeit der Waſſerfläche, und auch die Stadt ſelbſt bot einen lieblichen Anblick, indem die weißen Häuſer angenehm abſtachen gegen das dunkle Blätterwerk der Bäume, welche in den Gärten wuchſen und die Straßen ſäumten. „Iſt es möglich,“ bemerkte Philipp gegen den Kapitän der Batavia, welcher neben ihm ſtand,„daß dieſer ſchöne Ort ſo unge⸗ ſund ſein kann? Dem Aeußeren nach zu ſchließen, würde ich gerade das Gegentheil glauben.“ ,Wie die giftigen Schlangen des Landes unter den Blumen 41* 164 hervorbrechen,“ verſetzte der Kapitän,„ſo wandelt der Tod an dieſer ſchönen und üppigen Landſchaft umher. Fühlt Ihr Euch beſſer, Mynheer Vanderdecken?“ „Viel beſſer,“ entgegnete Philipp. „Um Eures geſchwächten Zuſtandes willen, würde ich Euch doch rathen, an's Land zu gehen.“ „Ich werde dankbar von Eurer Erlaubniß Gebrauch machen. Wie lange bleiben wir hier?“ „Nicht lange; wir haben Auftrag, bald wieder zurückzukehren. Unſer Cargo liegt ſchon bereit und wird an Bord gebracht werden, ſobald wir ausgeladen haben.“ Philipp befolgte den Rath des Kapitäns und fand ohne Schwie⸗ rigkeit ein Unterkommen bei einem gaſtfreundlichen Kaufmanne, der an einer von der Stadt etwas abgelegenen, geſunden Stelle ein Wohnhaus beſaß. Hier blieb er zwei Monate, während welcher Zeit er ſich wieder erholte und dann wenige Tage vor Abfahrt des Schiffs wieder an Bord ging. Die Rückreiſe lief glücklich ab, und vier Monate, nachdem ſie Batavia verlaſſen, langten ſie vor He⸗ lena an; denn die Schiffe machten in jener Zeit gewöhnlich die ſogenannte öſtliche Paſſage, indem ſie an der afrikaniſchen Küſte hinunterliefen und ſich nicht an die amerikaniſchen Ufer hielten. Abermals hatten ſie das Kap paſſirt, ohne dem Geiſterſchiff zu be⸗ gegnen und Philipp fühlte ſich nicht nur ſehr geſund, ſondern auch wohlgemuth. Vor St. Helena befiel ſie eine Windſtille; auch bemerk⸗ ten ſie endlich ein Boot, das auf ſie zuruderte und im Laufe von drei Stunden an der Seite der Batavia anlangte. Die Mannſchaft war ſehr erſchöpft, denn ſie hatte ſich ſchon ſeit zwei Tagen in ihrem Boote abgemüht und ohne Unterlaß gerudert, um die Inſel zu gewinnen. Die Leute gaben ſich als die Bemannung eines klei⸗ nen holländiſchen Indienfahrers zu erkennen, der zwei Tage zuvor geſcheitert war; eine der Planken war in Trümmer gegangen und das Schiff hatte ſich ſo raſch gefüllt, daß die Menſchen kaum Zeit 165 gewannen, ſich zu retten. Sie beſtanden aus dem Kapitän, dem Maten, zwanzig Matroſen und einem alten portugieſiſchen Prieſter, der von dem holländiſchen Gouverneur nach Hauſe geſchickt worden war, weil er ſich den holländiſchen Intereſſen auf der Inſel Japan widerſetzt hatte. Er war lange Zeit von den Eingebornen verbor⸗ gen worden, da die Japaniſche Regierung ſich gleichfalls bemühte, ſeiner habhaft zu werden, um ihn hinrichten zu laſſen. Endlich ſah er ſich jedoch genöthigt, ſich an die Holländer, als an ſeine weniger grauſamen Feinde, zu ergeben. Das holländiſche Gouvernement beſchloß, ihn aus dem Lande zu ſchicken, weshalb er an Bord des Indienfahrers gebracht wurde, der ihn mit nach Hauſe nehmen ſollte. Dem Berichte des Kapitäns und der Matroſen zufolge war nur eine einzige Perſon verloren gegangen, dieſe aber ein Mann von Bedeutung geweſen, der viele Jahre die Stelle eines Präſidenten in der holländiſchen Faktorie zu Japan behauptet hatte. Er wollte mit den Reichthümern, die er ſich geſammelt, nach Holland zurückkehren und hatte, dem Zeugniſſe des Kapi⸗ täns und der Mannſchaft zufolge, ſein Unglück dem Umſtande zu danken, daß er, nachdem er bereits in's Boot gebracht worden war, ſich wieder auf das Schiff begab, um noch eine Tonne von unermeßlichem Werthe, welche Diamanten und andere koſtbare Steine enthielt, zu retten. Während das Boot auf ihn wartete, tauchte das Bugſpriet plötzlich unter und der Schiffsſchnabel folgte ſo ſchnell nach, daß die Matroſen ſich nur mit Mühe zu retten vermochten. Sie harrten noch eine Zeitlang, um ſich zu überzeugen, ob der unglückliche Mann nicht wieder an die Oberfläche auftauchen würde; er kam jedoch nicht wieder zum Vorſchein. „Ich dachte mir's wohl, daß uns Etwas zuſtoßen mußte,“ bemerkte der Kapitän des verſunkenen Schiffes, nachdem er ſich in der Kajüte eine Weile mit Philipp und dem Kapitän der Batavia unterhalten hatte;„denn nur drei Tage vorher ſahen w wir den Teufel oder das Teufelsſchiff, wie man's nennt. 6 „Wie? den ſogenannten fliegenden Holländer?“ fragte Philipp. „Ja, das iſt, glaube ich, der Name, den man dem Geſpenſt gibt,“ verſetzte der Kapitän.„Ich habe oft davon ſprechen hören, bin aber nie zuvor mit ihm zuſammengetroffen, und hoffe, Gott wird mich auch für die Zukunft in Gnaden davor bewahren. Ich bin jetzt ein zu Grunde gerichteter Mann und muß wieder von vorne anfangen.“ „Habe auch ſchon von dem Schiffe gehört,“ bemerkte der Ka⸗ pitän der Batavia;„ſeid doch ſo gut, uns mitzutheilen, wie ſich's gezeigt hat.“ „Je nun, die Sache verhält ſich ſo: ich ſah Nichts, als die Nebelgeſtalt des Rumpfes,“ verſetzte der Andere.„Es war ſehr ſonderbar; die Nacht war ſchön und der Himmel klar; wir ſtanden unter Bramſegeln, denn bei Nacht mag ich nicht eilen, da wir ſonſt auch die Oberbramſegel hätten ausſetzen können und ſo in der Briſe hübſch vorwärts gekommen wären. Ich hatte mich zu Bette gelegt, als gegen zwei Uhr Morgens der Mate mich auf das Deck berief. Ich fragte, was es gebe, und erhielt die Antwort, das könne man mir kaum ſagen; die Leute ſeien indeß ſehr eingeſchüch⸗ tert, denn man ſehe ein Schiff, das die Matroſen für ein geſpen⸗ ſtiſches erklärten. Ich begab mich auf das Deck; der ganze Hori⸗ zont war klar, aber an unſerer Windvierung befand ſich eine Art von Nebel, rund, wie eine Kugel, und nicht weiter als zwei Ka⸗ bellängen entfernt. Wir liefen ungefähr fünfthalb Knoten frei, konnten aber dennoch dem Nebel nicht entrinnen.„Schaut dort⸗ hin,“ ſagte der Mate. Ei, was zum Teufel mag das ſein?⸗ entgegnete ich, meine Augen reibend. ‚Keine Sandbänke im Luv, und doch ein Nebel, mitten unter einem klaren Himmel, dazu eine friſche Kühlte, und rings umher Waſſer.: Ihr müßt nämlich wiſſen, daß der Nebel nicht mehr als ein halb Dutzend Kabellängen bedeckte, wie wir wohl zu beiden Seiten an dem Horizonte bemerken konnten.„Hört, Sir, ſagte der Mate— 167 ‚ſie ſprechen wieder.“ ‚Wer ſpricht?“ entgegnete ich und horchte; und aus dem Nebelball heraus vernahm ich Stimmen. Endlich rief Eine: ‚Haltet ſcharfen Lug aus da vorne, hört Ihr?„Ja, ja, Herr!“ verſetzte eine andere Stimme. ‚Schiff auf dem Steuer⸗ bordbug! ‚Sehr wohl; ihr im Vorderſchiff, ſchlagt die Glocke. Und nun hörten wir die Glocke tönen. ‚Es muß ein Schiff ſein,“ ſagte ich zu dem Maten. ‚Keines von dieſer Welt, Sir, verſetzte er.„Horcht! ‚„Eine Kanone bereit gehalten, da vorne!“„Ja, ja, Herr,“ lautete es jetzt aus dem Nebel heraus, der uns augenſchein⸗ lich näher kam. ‚Alles bereit, Herr!“„Feuer!“ Der Knall der Kanone tönte wie ein Donnerſchlag in unſerem Ohr und dann-—“ „Nun, und dann?“ entgegnete der Kapitän der Batavia in athemloſer Spannung. „Und dann,“ erwiederte der andere Kapitän mit feierlicher Stimme,„verſchwand Nebel und Alles wie durch Zauberei. Der ganze Horizont war klar und überall hin Nichts mehr zu ſehen.“ „Iſt's möglich?“ „Es ſind zwanzig Perſonen an Bord, die Ihr alle darüber ver⸗ nehmen könnt, verſetzte der Kapitän.„Auch haben wir da den alten katholiſchen Prieſter, der die ganze Zeit über neben mir auf dem Decke ſtand. Die Matroſen ſagten, es werde uns ein Unfall begegnen, und als wir in der Morgenwache den Pumpenſod unterſuchten, fanden wir vier Fuß Waſſer; wir griffen zu den Pumpen, aber das Waſſer gewann bald die Oberhand und wir gingen unter, wie ich bereits mitgetheilt habe. Der Mate ſagte, das Schiff ſei wohlbekannt, man nenne es nur den fliegenden Holländer.“ Philipp ſchwieg, war aber ſehr erfreut über das, was er ver⸗ nommen hatte. „Wenn dies der Fall iſt,“ dachte er,„ſo erſcheint das geſpen⸗ ſtiſche Schiff meines armen Vaters Anderen ebenſo gut, als mir, und der Umſtand, daß ich an Bord bin, kann für die Unglücklichen keinen Unterſchied machen. Ich benütze nur den Zufall, der mich 168 mit ihm zuſammenführt, und ſetze nicht das Leben derjenigen auf's Spiel, welche in demſelben Schiffe mit mir ſegeln. Ls Herz iſt mir jetzt erleichtert und ich kann meinen Spähzug mit ruhigem Ge⸗ wiſſen verfölgen.“ Am andern Tage erſah Philipp die Gelegenheit, mit dem ka⸗ tholiſchen Prieſter bekannt zu werden, der das Heuändiſche und noch andere Sprachen ſo gut verſtand, als die portugieſiſche. Er war ein ehrwürdiger Mann von ungefähr ſechszig Jahren mit weißem wal⸗ lendem Bart, ſehr mild in ſeinem Benehmen und angenehm in der Unterhaltung. Als in der folgenden Nacht Philipp ſeine Wache hielt, ging der Greis mit ihm auf dem Decke umher, und nachdem ſie ſich lange Zeit mit einander unterhalten, vertraute ihm unſer Held, daß er der katholiſchen Kirche zugethan ſei. „In der That, mein Sohn, das iſt ſehr ungewöhnlich bei einem Holländer.“ „Allerdings,“ verſetzte Philipp;„auch iſt es an Bord nicht be⸗ kannt— nicht daß ich mich meines Glaubens ſchämte, ſondern nur, weil ich Controverſen zu vermeiden wünſche.“ „Ihr ſeid verſtändig, mein Sohn. Ach! wenn die reformirte Religion keine beſſeren Früchte trägt, als die, deren Zeuge ich im Oſten war, ſo iſt ſie wenig beſſer, als Götzendienſt.“ „Sagt mir, Vater,“ entgegnete Philipp—„Eure Begleiter ſprechen von einem wunderbaren Geſtchte— von einem Schiffe, das nicht von Sterblichen bemannt ſei. Habt Ihr es gleichfalls geſehen?“ „Ich ſah, was die Uebrigen auch,“ erwiederte der Prieſter; „und in der That, ſo weit meine Sinne urtheilsfähig ſind, dünkte mich die Erſcheinung ſehr ungewöhnlich— ich möchte wohl ſagen übernatürlich. Ich habe indeß ſchon früher von dieſem Geiſterſchiffe gehört und außerdem vernommen, daß es ſtets der Vorläufer eints Unglücks ſei. Auch bei uns hat ſich dies erwahrheitet, obgleich Japans bekannt, und ſieben Jahre ſpäter landete unſer heiliger und wir— freilich jetzt nicht mehr— einen Menſchen an Bord hat⸗ ten, deſſen Sündenlaſt mehr als hinreichend geweſen wäre, jedes 3 Schiff zu verſenken. Ich ſpreche da von einem Manne, welcher ſammt ſeinen Schätzen, von denen er in ſeiner Heimath alle Freuden der Welt erwartete, durch die Wogen verſchlungen wurde— ein Geſchick, welches augenfällig zeigt, daß der Allmächtige oft ſchon in dieſer Welt eine gerechte und ſchreckliche Vergeltung an denen übt, welche ſeinen Zorn auf ſich geladen haben.“ „Ihr ſprecht von dem holländiſchen Präſidenten, der mit Eu⸗ rem verſunkenen Schiffe unterging?“ „Ja; aber die Geſchichte der Verbrechen dieſes Menſchen iſt lang. Morgen Nacht will ich wieder mit Euch zuſammentreffen und Euch das Ganze erzählen. Der Friede ſei mit Euch, mein Sohn— und gute Nacht.“ Das Wetter blieb fortwährend ſchön und die Batavia legte gegen Abend bei, um am nächſten Morgen in der Rhede von Sanct Helena Anker zu werfen. Als Philipp auf dem Decke erſchien, um die Mittelwache anzutreten, fand er den alten Prieſter, der an den Laufplanken ſeiner harrte. Im Schiffe war Alles ruhig. Die Ma⸗ troſen ſchlummerten zwiſchen den Kanonen und Philipp begab ſich mit ſeinem neuen Bekannten nach hinten, wo ſie auf dem Geflü⸗ gelſtalle Platz nahmen. Der Prieſter begann, wie folgt: „Ihr wißt vielleicht nicht, daß die Portugieſen zwar ängſtlich bemüht ſind, ſich ein Land zu ſichern, das durch ihren Muth und ihren Unternehmungsgeiſt entdeckt wurde und deſſen Beſitz, wie ich fürchte, ſie viele Verbrechen gekoſtet hat— aber dennoch einen Punkt, der allen guten Katholiken theuer iſt, nie aus den Augen verloren haben: ich meine nämlich die Verbreitung des wahren Glaubens und die Aufpflanzung von Chriſti Banner im Bereiche des Götzendienſtes. Durch einen Schiffbruch, der Einige von un⸗ ſern Landsleuten an die Küſte warf, wurden wir mit den Inſeln 170 gebenedeiter Franziseus, der jetzt bei Gott iſt, auf der Inſel Kimo, wo er zwei Jahre und fünf Monate blieb, unſern Glauben verkün⸗ digte und viele Heiden bekehrte. Dann ſciffte er ſich nach ſeinem urſprünglichen Beſtimmungsorte China ein, ſollte aber nicht daſelbſt anlangen, denn er ſtarb auf der Ueberfahrt und ſchloß ſein reines, heiliges Leben. Nach ſeinem Tode vergrößerte ſich auf den japa⸗ niſchen Inſeln die Anzahl der Bekehrten mehr und mehr, trotz der vielen Hinderniſſe und Verfolgungen, die uns die Götzenprieſter in den Weg legten, und der Verfolgungen, mit welchem die Angehöri⸗ gen unſeres Glaubens von Zeit zu Zeit heimgeſucht wurden. Die chriſtliche Neligion verbreitete ſich ſchnell und viele Tauſende bete⸗ ten den wahren Gott an. „Nach einer Weile gründeten die Holländer zu Japan eine An⸗ ſiedelung, und als ſie fanden, daß die japaniſchen Chriſten in der Umgebung der Faktorien nur mit den Portugieſen, zu welchen ſie Vertrauen hatten, verkehren wollten, ſo wurden ſie unſere Feinde; auch beſchloß der Mann, von dem wir geſprochen haben, und der in jener Periode an der Spitze der holländiſchen Faktorie ſtand, in ſeinem Durſte nach Gold, den Kaiſer des Landes gegen die chriſt⸗ liche Religion argwöhniſch zu machen, und ſo die Portugieſen ſammt ihren Anhängern zu Grunde zu richten. So, mein Sohn, benahm ſich ein Menſch, welcher ſich zur reformirten Religion bekannte, die er für reiner, als die unſrige erklärte. „In unſerer Nähe wohnte auch ein reicher, einflußvoller Ja⸗ paneſe, der ſich mit zwei von ſeinen Söhnen zum Chriſtenthum be⸗ kehrte und die Weihe der heiligen Taufe erhielt. Er hatte noch zwei andere Söhne, die am Hofe des Kaiſers lebten. Dieſer reiche Mann hatte uns zum Zwecke eines Colleges und einer Schule mit einem Hauſe beſchenkt; nach ſeinem Tode aber verlangten die beiden am Hofe befindlichen Söhne, welche noch Götzendiener waren, wir ſollten dieſes Eigenthum wieder abtreten. Wir weigerten uns deß, und der holländiſche Präſident erſah die Gelegenheit, die jungen — —— 171 Männer gegen uns aufzureizen und durch ihre Vermittlung den japaneſiſchen Kaiſer zu bereden, daß die Portugieſen und Chriſten ſich gegen ſeinen Thron und ſein Leben verſchworen hätten; denn ich⸗ muß hier bemerken, daß ein Holländer, wenn er gefragt wird, ob er ein Chriſt ſei, zu antworten pflegt: ‚nein, ich bin ein Holländer.“ „Der Kaiſer, der an dieſes Verſchwörungsmärchen glaubte, erließ augenblicklich Befehl, die Portugieſen und alle Japaneſen, welche ſich zum Chriſtenthume bekehrt hatten, zu vertilgen. Er ſtellte zu dieſem Zwecke eine Armee auf die Beine und übergab das Kommando den gedachten jungen Männern, deren Vater uns das College geſchenkt hatte. Die Chriſten, welche ſahen, daß ihre ein⸗ zige Ausſicht im Widerſtande liege, griffen zu den Waffen und wähl⸗ ten zu ihren Führern die beiden andern Söhne des japaneſiſchen Herrn, welche in Gemeinſchaft mit dieſem zum Chriſtenthume über⸗ gegangen waren. So ſtanden ſich nun zwei Armeen gegenüber, die von vier Brüdern befehligt wurden, zwei auf der einen und zwei auf der andern Seite. „Das chriſtliche Heer belief ſich auf mehr denn vierzigtauſend Mann, was übrigens der Kaiſer nicht wußte, denn er ſchickte nur eine Streitmacht von fünfundzwanzigtauſend aus, um ſie anzugrei⸗ fen und zu vertilgen. Die Armeen trafen zuſammen, und nach einem hartnäckigen Kampfe(denn die Japaneſen ſind ſehr tapfer) blieb der Sieg auf Seite der Chriſten, welche— mit Ausnahme der Wenigen, welche ſich in den Booten retteten— das ganze kai⸗ ſerliche Heer zuſammenhieben. „Dieſer Sieg gab Anlaß zu neuen Bekehrungen und unſere Armee ſteigerte ſich bald bis auf fünfzigtauſend Mann. Der Kaiſer aber, als er erfuhr, daß ſeine Truppen vernichtet waren, ordnete eine neue Aushebung an, ſtellte hundertundfünfzigtauſend Mann in's Feld und ertheilte ſeinen Generalen Befehl, den Chriſten keinen Pardon zu geben, die beiden Führer des feindlichen Heeres ausge⸗ nommen, die er lebendig greifen laſſen wollte, um ſie unter langümen 172 Folterqualen tödten zu können. Alle Anerbietungen zu Beilegung des Zwiſtes wurden zurückgewieſen, und der Kaiſer erſchien in Per⸗ ſon unter ſeiner Armee. Die beiden Heere trafen wieder zuſammen, und am erſten Schlachttage blieb der Sieg auf Seite der Chriſten; aber dennoch hatten ſie den Verluſt eines ihrer Generale zu bekla⸗ gen, der verwundet und gefangen wurde; auch war ihr Verluſt be⸗ deutend, da die Feinde ohne Erbarmen gewürgt hatten. „Der zweite Schlachttag fiel verhängnißvoll für die Chriſten aus. Ihr General fiel, ſte ſelbſt wurden von dem weit überlegenen Feinde bis auf den letzten Streiter erſchlagen. Der Kaiſer griff ſodann das Lager im Rücken der Schlachtlinie an und ließ Greiſe, Weiber und Kinder ſchlachten. Auf dem Wahlplatze, im Lager und durch ſpätere Folter, kamen mehr als ſechszigtauſend Chriſten um. Dies war jedoch nicht Alles. Man ſpähte eifrig viele Jahre lang durch die Inſeln nach Chriſten, und marterte Alle, welche aufgefunden wurden, auf's Grauſamſte zu Tode. Seit fünfzehn Jahren nun iſt im japaneſiſchen Reiche das Chriſtenthum gänzlich ausgerottet, und während einer mehr als ſechzehnjährigen Verfolgung wurden mehr als viermal hunderttauſend Chriſten ge⸗ tödtet. Und dieſes blutige Schlachten, mein Sohn, wurde ver⸗ anlaßt durch die Falſchheit und den Geiz jenes Mannes, der vor einigen Tagen ſeine gerechte Strafe erhielt. Die holländiſche Compagnie war zufrieden mit ſeinem Benehmen, das ihr ſo große Vortheile ſicherte, und überließ ihm viele Jahre lang die Stelle eines Präſidenten auf ihrer Faktorie zu Japan. Als er nach Indien kam, war er noch ein junger Mann, und erſt als ſeine Haare bleichten, dachte er an die Rückkehr in's Vaterland. Er hatte ſich ungeheure Schätze zuſammengeſcharrt— ſie mußten's auch ſein, um einen Geiz, wie der ſeinige war, zufrieden ſtellen zu kön⸗ nen! Alles iſt mit ihm zu Grunde gegangen; er ſelbſt aber ſteht jetzt vor ſeinem Richter. „Führt Euch dies ein wenig zu Gemüthe, mein Sohn; iſt es 173 nicht beſſer, dem Pfad der Pflicht zu folgen und die Freuden der Welt ſammt ihrem Mammon zu meiden, um ſich die Hoffnung zu retten, daß uns nach unſerem Hingang ein ewiges Glück vorbe⸗ halten iſt?“ „Sehr wahr, heiliger Vater,“ verſetzte Philipp nachdenkend. „Ich habe nur noch wenige Jahre zu leben,“ fuhr der alte Mann fort,„und Gott weiß, daß ich ohne Widerſtreben aus dieſer Welt ſcheiden werde.“ „Auch ich könnte es,“ verſetzte Philipp. „Ihr, mein Sohn?— Nein. Ihr ſeid jung und ſolltet voll Hoffnung ſein. Es bleibt Euch noch die Erfüllung Eurer Pflicht in der Stellung vorbehalten, zu der Euch Gottes Gnade berufen wird.“ „Ich weiß, daß ich eine Pflicht zu erfüllen habe,“ entgegnete Philipp.„Vater, die Nachtluft iſt zu ſcharf für Eure Jahre. Geht zu Bette und überlaßt mich meiner Wache und meinen Gedanken.“ „Du haſt Recht, mein Sohn; möge der Himmel dich behüten. Nimm den Segen eines alten Mannes— gute Nacht.“ „Gute Nacht,“ entgegnete Philipp, der erfreut war, jetzt allein zu ſein.„Soll ich ihm alles bekennen?“ dachte er.„Ich fühle, daß ich ihm vertrauen könnte.— Doch nein. Ich mochte Pater Seyſen mein Geheimniß nicht enthüllen— warum ihm? Ich würde mich in ſeine Gewalt geben und er könnte mir auferlegen—— Nein, nein! das Geheimiß iſt nicht mein Eigenthum. Ich brauche keine Rathgeber.“. Und Philipp zog die Reliquie aus ſeinem Buſen, um ſie ehr⸗ furchtsvoll an ſeine Lippen zu drücken. Die Batavia lag einige Tage vor St. Helena und ſetzte dann ihre Reiſe wieder fort. Sechs Wcochen ſpäter lag Philipp wieder in dem Zuyder See vor Anker. Der Kapitän ertheilte ihm Urlaub, und er brach alsbald nach ſei⸗ ner Heimath auf, den alten portugieſiſchen Prieſter Matthias mit ſich nehmend, den er ſehr lieb gewonnen hatte, und dem er ſeinen 174 Schutz anbot, ſo lange es dem Greiſe belieben ſollte, in den Nie⸗ derlanden zu weilen.. — Dreizehntes Kapitel. „Es iſt nicht entfernt meine Abſicht, Euch etwas Unangeneh⸗ mes zu ſagen, mein Sohn,“ ſprach Pater Matthias, der kaum mit Philipp gleichen Schritt halten konnte, als ſie noch etwa eine Vier⸗ telmeile von der Wohnung unſeres Helden entfernt waren;„aber doch muß ich Euch erinnern, daß wir in einer vergänglichen Welt leben, und daß viele Zeit entſchwunden iſt, ſeit Ihr dieſen Ort ver⸗ ließet. Aus dieſem Grunde möchte ich wo möglich den Schwung Eurer Hoffnungen und die freudigen Vorahnungen dämpfen, in denen Ihr Euch ergingt, ſeit wir das Schiff verlaſſen haben. Ich hoffe und traue auf die Gnade Gottes, daß Alles recht ſteht und Ihr nach wenigen Minuten in den Armen Eurer vielgeliebten Gattin liegt; aber in demſelben Grade, in welchem Ihr die Wonne der Erwartung ſteigert, werdet Ihr Euch auch niedergedrückt fühlen, wenn Ihr Euch in Eurem Vorgenuſſe getäuſcht findet. In Vließingen ging die Rede, daß eine furchtbare Heimſuchung dieſes Land betroffen habe, und der Tod hat vielleicht auch Jugend und Schönheit nicht geſchont.“ „Laßt uns eilen, Vater,“ verſetzte Philipp.„Was Ihr ſagt iſt wahr, und die Ungewißheit wird zur fürchterlichſten Qual.“ Philipp beſchleunigte ſeine Eile, es dem Greiſe überlaſſend, nach Gemächlichkeit nachzukommen, und langte an der Brücke mit ihrem hölzernen Thürchen an. Es war ungefähr ſieben Uhr Morgens, denn ſie hatten ſchon mit dem Grauen des Tages die Schelde überſetzt. Philipp bemerkte, daß die unteren Läden noch geſchloſſen waren. 175 „Sie hätte können früher auf ſein,“ dachte er, als er die Hand auf die Klinke legte. Die Thüre war nicht verſchloſſen. Philipp trat ein. In der Küche brannte Licht, und als er die Thüre öffnete, erblickte erl ein Dienſtmädchen, das ſchlafend in einem Stuhle lehnte. Eh' er noch Zeit hatte, hineinzugehen und ſie zu wecken, hörte er eine Stimm von oben.. „Marie, iſt dieß der Doctor?“ Philipp wartete nicht länger. Mit drei Sprüngen befand er ſich auf der oberen Flur, huſchte an der Perſon, welche geſprochen hatte, vorbei, und öffnete die Thüre zu Aminens Gemach. Ein ſchwimmender Docht in einem mit Oel gefüllten Glaſe verbreitete nur ein mattes Dämmerlicht; die Vorhänge des Bettes waren zu, und nebenan kniete eine Geſtalt, in welcher Philipp augen⸗ blicklich den Pater Seyſen erkannte. Er fuhr zurück; das Blut ſchoß ihm zum Herzen und ohne ſprechen zu können, ſtützte er ſich, nach Luft haſchend, an die Wand, bis endlich ein tiefes Stöhnen ſeinem furchtbaren innern Kampfe Luft machte. Dieß weckte den Prieſter, der jetzt den Kopf umwande, ſich, ſobald er den Ankömm⸗ ling bemerkte, von ſeinen Knieen erhob und ihm ſtumm die Hand entgegen ſtreckte. „So iſt ſte alſo todt?“ rief endlich Philipp. „Nein, mein Sohn, nicht todt— es iſt noch Hoffnung vor⸗ handen. Sie befindet ſich in einem Zuſtand der Kriſe, und eine Stunde wird ihr Schickſal entſcheiden. Dann iſt ſie entweder für Euch gerettet, oder folgt den vielen Hunderten, welche dieſe verhäng⸗ nißvolle Epidemie dem Grabe überantwortet hat.“ Pater Seyſen führte ſodann Philipp an die Seite des Bettes und zog die Vorhänge zurück. Amine lag bewußtlos und ſchwer aufathmend da; ihre Augen waren geſchloſſen. Philipp faßte ihre glühende Hand, kniete nieder, preßte ſie an ſeine Lippen und brach in einen Strom von Thränen aus. Sobald er ſich einigermaßen ge⸗ faßt hatte, redete ihm Pater Seyſen zu, er möchte aufſtehen und ſich neben ihm an's Bett ſetzen. „Das iſt ein trauriger Willkomm, Philipp,“ ſagte er,„und muß für einen ſo glühenden, ungeſtümen Charakter, wie der deinige iſt, doppelt peinlich ſein; aber Gottes Wille geſchehe. Vergiß übri⸗ gens nicht, daß noch Hoffnung vorhanden iſt— keine große zwar, aber doch noch Hoffnung, denn ſo ſagte mir der Arzt, der ſie be⸗ handelt und den ich in wenigen Minuten erwarte. Ihre Krankheit iſt ein typhöſes Fieber, das im Laufe der letzten zwei Monate ganze Familien hingerafft hat und noch mit aller Heftigkeit fortwüthet. Das Haus kann ſich in der That glücklich nennen, das nur Ein Opfer zu beklagen hat. Ich wollte, Ihr wäret nicht eben jetzt an⸗ gekommen, denn die Krankheit iſt ſehr anſteckend. Viele ſind ihrer Sicherheit wegen aus dem Lande gezogen. Um unſer Unglück zu erhöhen, mußten wir noch der ärztlichen Hülfe entbehren, denn der Doctor wurde mit den Kranken ein Opfer.“ Ddiie Thüre öffnete ſich nun langſam und ein großer, ſchwärz⸗ liicchter Mann in braunem Mantel, der ſich einen mit Weineſſig ge⸗ tränkten Schwamm unter die Naſe hielt, trat in's Zimmer. Er ver⸗ beugte ſich gegen Philipp und den Prieſter, worauf er ſich an das Bett begab. Eine Minute lang befühlten ſeine Finger den Puls der Kranken; dann legte er ihren Arm nieder, brachte ſeine Hand an ihre Stirne und bedeckte ſie mit ihren Betttüchern. Nachdem er Phi⸗ lipp den Schwamm mit Weineſſig hingeboten und ihm durch Zeichen bedeutet hatte, daß er davon Gebrauch machen ſollte, winkte er dem Pater Seyſen aus dem Zimmer. Eine Minute ſpäter kehrte der Prieſter wieder zurück. „Er hat mir ſeine Anweiſungen ertheilt, mein Sohn, und glaubt, daß ſie wieder aufkommen könne. Man muß ſie gut bedeckt halten; aber Alles hängt davon ab, daß ſie ruhig bleibt, wenn ihre Beſinnung wieder zurückgekehrt iſt.“ „Das können wir ihr wohl verſprechen,“ verſetzte Philipp. “ 177 „Ich fürchte nicht ſo faſt, daß ſie deine Rückkehr erfährt oder ſogar dich ſieht, denn die Freude tödtet ſelten, wenn auch die Er⸗ ſchütterung noch ſo groß iſt; indeß ſind noch andere Urſachen zur Unruhe vorhanden.“ „Und die wären, heiliger Vater?“ „Philipp, es ſind jetzt dreizehn Tage, daß Amine gerast hat, und während dieſer Periode kam ich ſelten anders von ihrer Seite, als wenn mich mein Amt zu den übrigen Kranken rief. Ich ſcheute mich, ſie zu verlaſſen, Philipp, denn in ihrem Irrereden hat ſie eine Geſchichte erzählt, die, wie unzuſammenhängend ſie auch ſein mochte, doch meine Seele mit Entſetzen erfüllte. Augenſcheinlich hat ſie lange ſchwer auf ihrem Geiſte gelaſtet und muß ihre Geneſung ver⸗ zögern. Philipp Vanderdecken, du erinnerſt dich, daß ich dich ein⸗ mal aufforderte, mir dein Geheimniß anzuvertrauen— das Ge⸗ heimniß, welches deine Mutter in's Grab ſtürzte und ihr vielleicht jetzt dein junges Weib nachſendet, denn ſie ſcheint von Allem unter⸗ richtet zu ſein. Iſt's nicht ſo?“ „Sie weiß Alles,“ verſetzte Philipp traurig. „Und hat es in ihrem Delirium ausgeſagt. Ja, ich hoffe, ſie hat ſogar mehr geſagt, als wirklich iſt. Doch wir ſprechen ſpäter davon— bleibe bei ihr, Philipp. Ich werde nach einer halben Stunde zurückkehren, denn der Doctor ſagt, die Symptome würden dann entſcheiden, ob ſie wieder zur Vernunft zurückkehren werde, oder auf immer für dich verloren ſei.“ Philipp flüſterte nun dem Prieſter zu, daß er einen Gaſt mit⸗ gebracht habe, den Pater Matthias, und bat ihn, demſelben ſeine gegenwärtigen Verhältniſſe mitzutheilen und dafür Sorge zu tra⸗ gen, daß er gebührende Pflege erhalte. Pater Seyſen verließ ſodann das Gemach und Philipp ſetzte ſich, nachdem er den Vorhang ge⸗ ſchloſſen hatte, an dem Bette nieder. Vielleicht gibt es keine ſchmerzlichere Lebenslage, als diejenige, Marryat. Der fliegende Holländer. 12 178 in welcher ſich jetzt Philipp befand. Seine freudige Erwartung, den Gegenſtand ſeiner wärmſten Zuneigung und ſeiner unabläſſigen Gedanken nach einer langen Abweſenheit in der Fülle der Geſund⸗ heit und Jugend zu umarmen, wurde plötzlich durch den herben Kummer gedämpft, daß er ſie daliegen ſehen mußte, abgezehrt, durch Krankheit ganz verändert, irren Sinns, ohne Ahnung von ſeiner Gegenwart, ihr Leben an einem Haare hängend, ihre Geſtalt hingeſtreckt vor dem Könige der Schrecken, der ſie mit angelegter Hippe umſchwebte und nur der Erlaubniß harrte, ſein nichts ahnen⸗ des Opfer abzumähen. „Ach!“ dachte Philipp;„müſſen wir ſo uns wiederſehen, Amine? Oh, wie weiſe hat mir Vater Matthias gerathen, nicht ſo ungeſtüm meinem Glücke— wie ich meinte— entgegenzueilen, da es ſich leicht in Elend umwandeln könne. Gott im Himmel, ſei barmherzig und vergib mir, wenn ich dieſes Engelsgeſchöpf ſogar mehr, als dich geliebt habe. Schone ſie— ſchone ſie— oder ich bin für immer verloren!“ Philipp verhüllte ſich das Antlitz und verharrte eine Weile in ſtummem Gebet. Dann beugte er ſich über Amine und drückte einen glühenden Kuß auf ihre Lippen. Sie glühten allerdings, zeigten aber doch einige Feuchtigkeit, und Philipp bemerkte, daß ein Gleiches auch bei ihrer Stirn der Fall war. Er befühlte ihre Hand; ſie zeigte Spuren von Schweiß. Nun deckte er ſie ſorgfältig mit den Tüchern zu und blieb voll hoffender Angſt an ihrer Seite ſitzen. Nach einer Viertelſtunde entdeckte er mit Wonne, daß Amine in reichlichem Schweiße lag. Ihr Athem wurde etwas leichter, und ſtatt des betäubten Zuſtands, in dem ſie bisher gelegen hatte, rückte ſie jetzt unruhig hin und her. Philipp war ein ſorgfältiger Hüter und deckte ſeine Gattin ſtets mit den abgeworfenen Tüchern wieder zu, bis ſie endlich in einen tiefen, ſüßen Schlaf verfiel. Bald nach⸗ her erſchienen Pater Seyſen und der Arzt. Philipp berichtete in —— 179 wenigen Worten, was vorgefallen war. Der Doctor trat an's Bette und kehrte nach einer halben Minute wieder zurück. „Eure Gattin bleibt Euch erhalten, aber es iſt nicht räthlich, daß ſie Euch ſo unerwartet ſieht, da die Erſchütterung zu heftig auf ihren geſchwächten Zuſtand wirken könnte. Wir müſſen ſie ſo lang als möglich ſchlafen laſſen; wenn ſie wieder erwacht, wird ihre Beſinnung zurückgekehrt ſein. Es iſt dann gut, wenn ſie nur den Pater Seyſen an ihrer Seite findet.“ „Darf ich nicht in dem Gemache bleiben, bis ſie erwacht? Ich will mich dann unbemerkt wegſtehlen.“ „Das führt zu Nichts; die Krankheit iſt anſteckend und Ihr ſeid bereits zu lange hier geweſen. Bleibt unten; Ihr müßt Eure Kleider wechſeln und für die Kranke in einem andern Zimmer ein Bett aufſchlagen laſſen, nach dem ſie gebracht werden kann, ſobald es ihre Kräfte geſtatten. Laßt dann dieſe Fenſter öffnen, damit das Gemach gehörige Lüftung erhalte. Was nützt es auch, eine Frau eben dem Rachen des Todes entriſſen zu haben, um ſie dann der Gefahr auszuſetzen, der Pflege eines kranken Gatten zum Opfer zu fallen.“ 1. Philipp ſah die Klugheit dieſes Rathes ein, verließ mit dem Arzte das Zimmer, um ſeine Kleider zu wechſeln, und begab ſich ſodann in die untere Wohnſtube, wo er Pater Matthias fand. „Ihr hattet Recht, Vater,“ ſagte Philipp, ſich auf das Sopha werfend. „Ich bin alt und vorſichtig, Ihr aber jung und lebensmuthig, Philipp; indeß will ich hoffen, daß noch Alles gut gehen wird.“ „Ich gleichfalls,“ verſetzte Philipp. Er blieb nun ſtumm und vertiefte ſich in Betrachtungen, denn nachdem die dringendſte Gefahr überſtanden war, dachte er über das nach, was im Pater Seyſen in Betreff des Geheimniſſes mitgetheilt hatte, welches von Aminen während ihrem Irrereden enthüllt worden war. Der Prieſter mochte ihn nicht in dieſer Be⸗ . 12* ſchäftigung ſtören, und nach einer Stunde trat Pater Seyſen in das Gemach. „Danke dem Himmel, mein Sohn— Amine iſt erwacht und vollkommen bei Beſinnung. Ich zweifle nun nicht mehr an ihrer Wiederherſtellung. Sie hat die belebende Arznei des Doctors ein⸗ genommen, obgleich ſie ſich ſo ſehr nach weiterer Ruhe ſehnte, daß ich ſie kaum dazu bewegen konnte. Jetzt liegt ſie wieder im Schlafe, aus dem ſie nicht ſobald erwachen wird, und hat eines der Mädchen zur Hüterin; ſie darf nicht geſtört werden, denn unter ſolchen Um⸗ ſtänden iſt jeder Augenblick der Ruhe koſtbar. Ich will mich nun nach einiger Erfriſchung umſehen, deren wir Alle bedürfen. Philipp, du haſt mich deinem Begleiter noch nicht vorgeſtellt, der, wie ich be⸗ merke, meinem eigenen Stande angehört.“. „Vergebt mir,“ verſetzte Philipp;„Ihr werdet viele Freude an der Bekanntſchaft des Vater Matthias erleben, der mir verſprochen hat, einige Zeit bei mir zu wohnen. Ich will euch allein laſſen und für ein Frühſtück Sorge tragen, wegen deſſen Verzögerung mich hoffentlich Vater Matthias entſchuldigen wird.“ Philipp entfernte ſich ſodann aus dem Gemach und ging in die Küche. Nachdem er das Nöthige angeordnet und Befehl ertheilt hatte, das Frühſtuͤck in die Wohnſtube zu bringen, ſetzte er ſeinen Hut auf und verließ das Haus. Er konnte nicht eſſen, denn ſein Geiſt war zu verwirrt; die Ereigniſſe des Morgens hatten zu auf⸗ regend auf ihn gewirkt, und er fühlte, daß ihm friſche Luft ein Bedürfniß ſei. Gleichgültig gegen die Richtung ging er fort und traf auf viele Bekannte, die ihr Bedauern über ſeinen vermeintlichen Ver⸗ luſt ausdrückten und ihm Glück wünſchten, als ſie aus ſeinem Munde erfuhren, daß die Gefahr vorüber ſei. Auch theilten ſie ihm mit, wie furchtbar die Peſt allenthalben gewüthet hatte. Kein Drittheil der Bewohner von Terneuſe und der Umgegend war übrig geblieben, und die Wiedergeneſenen befanden ſich in einem Zuſtande von Erſchöpfung, der ſie hinderte, zu ihrer gewohn⸗ ten Beſchäftigung zurückzukehren. Nachdem ſie ſich alſo durch die Krankheit durchgekämpft hatten, fielen ſte dem Elend und Mangel anheim, und Philipp gelobte in ſeinem Innern, alle ſeine Erſpar⸗ niſſe auf Milderung der Noth ſeiner Nachbarn zu verwenden. Nach zwei Stunden kehrte er wieder zu der Hütte zurück. Zu Hauſe angelangt, fand er Amine noch immer ſchlummernd; die beiden Prieſter ſaßen in dem untern Zimmer bei einander im Geſpräche. „Mein Sohn,“ ſagte Pater Seyſen,„gib uns jetzt einige Auf⸗ klärung. Ich habe mich lange mit dieſem guten Vater beſprochen, der mir viel Intereſſantes über die Verbreitung unſerer heiligen Religion unter den Heiden mittheilte. Seine Nachrichten lauten tröſtlich und ſchmerzlich zumal; unter andern Fragen legte ich ihm jedoch auch eine vor über den Punkt einer übernatürlichen Schiffs⸗ erſcheinung in den öſtlichen Meeren, wozu ich durch das veranlaßt wurde, was ich aus den Delirien deiner Gattin vernommen habe. Du ſiehſt, Philipp, daß mir dein Geheimniß bekannt iſt, da ich ſonſt nicht eine ſolche Frage geſtellt hätte. Zu meinem Erſtaunen berichtet er mir nun, daß er eine ſolche Hei ſuchung mit Augen angeſehen habe und daß ſie ſich nur aus übernatürlichen Wirkungen erklären laſſe. Gewiß eine ſeltſame und ſchreckliche Heimſuchung! Philipp, würde es nicht beſſer ſein, du machteſt meinem Bedenken ein Ende und vertrauteſt uns Beiden alle Thatſachen, die mit dieſer wunderbaren Geſchichte zuſammenhängen, damit wir darüber nach⸗ denken und dir die Wohlthat eines erfahrenen Rathes ertheilen können? denn wir ſind älter als du, und ſchon durch unſern Beruf in die Lage geſetzt, mit ſicherem Blicke zu beurtheilen, ob dieſe übernatürliche Macht von guten oder ſchlimmen Einflüſſen herrührt.“ „Der hochwürdige Vater ſpricht ganz meine Anſicht aus, Phi⸗ lipp Vanderdecken,“ bemerkte Pater Matthias. „Waltet hier ein Werk des Allmächtigen— wem uteſ du dich mehr vertrauen, und wer kann dir ein beſſerer Führer ſein, als diejenigen, welche ſich hier auf Erden Seinem Dienſte geweiht haben? Treibt aber der Böſe ſein Spiel, wer wird dich beſſer berathen, als Männer, deren Wunſch und Pflicht es iſt, ſeinem verderblichen Einfluſſe entgegen zu arbeiten? Bedenke überdies, Phi⸗ lipp, daß das Geheimniß ſchwer auf dem Geiſte deines theuren Weibes laſten und ſie in's Grab bringen könnte, wie es bei deiner — wie ich hoffe— ſeligen Mutter der Fall war. An deiner Seite und von dir unterſtützt wird ſie es wohl tragen; aber vergiß nicht, wie viele Tage und Nächte ſie in der Abweſenheit einſam verbringen muß— wie ſehr ſie dann des Troſtes und der Hülfe Anderer be⸗ darf. Ein derartiges Geheimniß iſt ein nagender Wurm, der ihr, trotz ihres Muthes, das Daſein verkürzen muß, wenn ihr nicht die Diener unſerer heiligen Kirche tröſtenden Balſam in's Herz gießen. Es war grauſam und ſelbſtſüchtig von dir, Philipp, ſie unter dem Drucke einer ſo ſchrecklichen Kunde mit ihrem Elende allein zu laſſen.“ „Ihr habt mich überzeugt, heiliger Vater,“ verſetzte Philipp. „Ich fühle, daß ich Euch ſchon früher mit dieſer wunderbaren Ge⸗ ſchichte hätte bekannt machen ſollen, will aber jetzt alle Umſtände angeben, obſchon ich nur geringe Hoffnung habe, daß mir Euer Rath in einem ſo ſchwierigen Falle, in einer ſo gebieteriſchen und ſinnverwirrenden Pflicht huͤlfreich werden kann.“ Philipp erzählte nun ausführlich, was vorgegangen war, von den paar Tagen vor dem Tode ſeiner Mutter an bis auf den ge⸗ genwärtigen Augenblick— und ſchloß dann mit der Bemerkung: „Ihr ſeht, Vater, daß ich mich durch ein feierliches Gelübde gebunden habe und daß dieſes Gelübde angenommen wurde. Es iſt mir klar, daß mir jetzt kein anderer Weg offen bleibt, als meine traurige Beſtimmung zu verfolgen.“ „Mein Sohn, du haſt uns ſeltſame, ſchreckliche Dinge mitge⸗ theilt Dinge, die, wenn du nicht in einer Täuſchung befangen nämlich die des Teufels— des Erzfeindes der Menſchheit! 183 biſt, nicht dieſer Welt angehören. Verlaß uns jetzt. Vater Mat⸗ thias und ich, wir beide wollen uns über dieſe ernſte Angelegen⸗ heit berathen und dich unſere Entſcheidung wiſſen laſſen, ſobald vir zu einem Entſchluſſe gekommen ſind.“ Philipp ging die Treppe hinauf, um nach Aminen zu ſehen. Sie lag noch in tiefem Schlafe, weßhalb er das Dienſtmädchen entließ und an ihrem Bette Platz nahm. Nach zwei Stunden wurde er zu den Prieſtern hinunter beſchieden. „Wir haben dieſen ſeltſamen und vielleicht übernatürlichen Vorfall lange beſprochen, mein Sohn,“ begann Pater Seyſen. „Ich ſage vielleicht, denn die verwirrten Mittheilungen deiner Mutter laſſen ſich recht wohl als Vorſtellungen eines erhitzten Ge⸗ hirns betrachten, und ebenſogut kann mal annehmen, daß die ge⸗ waltige Aufregung, in welcher du zur Zeit ihres Todes befangen warſt, ſtörend auf deinen Verſtand einwirkte. Da jedoch Vater Matthias mit Beſtimmtheit behauptet, er ſei auf ſeinem Heimwege ſelbſt Zeuge einer wunderſamen, wo nicht übernatürlichen Schiffs⸗ erſcheinung geweſen, die mit der von dir vorgebrachten Erzählung vollkommen zuſammenſtimmt und ſie bekräftigt, ſo will ich in dem gegenwärtigen Falle die Möglichkeit eines übernatürlichen Wal⸗ tens nicht in Abrede ziehen.“ „Vergeßt nicht, daß daſſelbe geſpenſtiſche Schiff außer mir auch noch vielen Andern begegnet iſt,“ verſetzte Philipp. „Ja,“ entgegnete Pater Seyſen; aber welcher Lebende kann außer dir die Thatſache beſtätigen? Doch das iſt jetzt von gerin⸗ ger Bedeutung. Wir wollen zugeben, daß das Ganze nicht das Werk der Menſchen, ſondern eines höhern Einfluſſes iſt. „Oh gewiß eines höheren Einfluſſes!“ erwiederte Philipp. „Es iſt das Werk des Himmels!“ „Das iſt ein Punkt, der nicht ſo leicht zugeſtanden werden kann, denn es gibt noch eine andere Macht außer der göttlichen 184 Da jedoch letztere der göttlichen Gewalt untergeordnet iſt und nicht ohne höhere Zulaſſung ſich geltend machen kann, ſo wollen wir mittelbar zugeben, es ſei der Wille des Himmels, daß bei gewiſſen Anläſſen derartige Zeichen ſtatthaben können.“ „Dann find alſo unſere Anſichten die gleichen, guter Vater.“ „Nein, nicht ganz mein Sohn. Der Zauberer Elimas durfte ſeine vom Teufel geſchöpften Künſte üben, um durch ſeinen Sturz und ſeine Blindheit den Beweis zu liefern, wie untergeordnet ſein Herr dem göttlichen Meiſter ſei; daraus folgt aber nicht, daß Zau⸗ berei im Allgemeinen zugelaſſen wird. Im gegenwärtigen Falle hat es vielleicht ſeine Richtigkeit, daß es dem Böſen geſtattet wurde, ſeine Macht über den Kapitän und die Mannſchaft jenes Schiffes zu üben, und das übernatürliche Schiff mag wohl als Warnungs⸗ zeichen gegen ſo ſchwere Vergehungen erſcheinen. Soweit wäre unſere Annahme gerechtfertigt. Doch erheben ſich nun zwei große Fragen— erſtlich, ob wirklich dein Vater jener Mann des Fluches iſt, und dann, in wie weit du die Verpflichtung haſt, dieſes wahn⸗ ſinnige Spähen zu verfolgen, das meiner Anſicht nach wohl mile deinem Untergang endigen, aber nicht wohl das Mittel ſein kann, deinen Vater aus ſeinem unheiligen Zuſtande zu befreien. Ver⸗ ſtehſt du mich, Philipp?“ 3 „Ich verſtehe allerdings, was Ihr mir bedeuten wollt, Vater; indeß—— 4 „Antworte mir jetzt nicht. Es iſt die Anſicht dieſes hoch⸗ würdigen Vaters ſowohl, als meine eigene, daß die Thatſachen, die du angabſt, ſich ſo verhalten mögen, wie du meinſt— daß übrigens die Offenbarung nicht von oben kam, ſondern eben eine Einflüſterung des Teufels iſt, der dich in Gefahr und zuletzt in den Tod führen will; denn hätteſt du wirklich eine derartige Auf⸗ gabe— warum erſchien dir das Schiff nicht auf dieſer letzten Reiſe— und wie könnteſt du, ſelbſt daß du ihm fünfzigmal be⸗ gegneteſt, einen Verkehr mit demſelben oder mit den darauf befind⸗ 1 185 lichen Schatten herſtellen, die nicht dieſer Welt angehören? Wir machen dir daher den Vorſchlag, daß du einen Theil des von deinem Vater hinterlaſſenen Geldes auf Seelenmeſſen verwendeſt, da deine Mutter unter andern Verhältniſſen zuverläſſig ein Glei⸗ ches gethan haben würde. Iſt dies geſchehen, ſo magſt du ruhig am Lande bleiben, bis dir ein neues Zeichen gegeben wird, welches dich zu der Annahme rechtfertigt, du ſeieſt wirklich zu dieſer ſelt⸗ ſamen Aufgabe auserwählt.“ „Aber mein Eid, Vater— mein im Himmel angenommenes Gelübde?“ „Mein Sohn, die heilige Kirche hat die Macht dich davon zu abſolviren und dieſe Abſolution ſollſt du erhalten. Du haſt dich in unſere Hände gegeben und mußt dich durch unſere Entſcheidung leiten laſſen. Geſchieht hier ein Unrecht, ſo ſind wir verantwort⸗ lich, nicht du. Vorderhand alſo kein Wort davon. Jetzt will ich hinaufgehen, und ſobald dein Weib erwacht, magſt du dich auf die Zuſammenkunft mit ihr vorbereiten.“ Pater Seyſen verließ nun das Gemach, und Pater Matthias beſprach die Sache eines Weiteren mit Philipp. Sie beleuchteten den Gegenſtand geraume Zeit, und der Prieſter führte ähnliche Be⸗ weisgründe auf, welche zwar Philipp nicht überzeugten, aber doch zuletzt zweifelhaft machten. Nach dem Schluſſe der Erörterung verließ unſer Held die Hütte. „Ein neues Zeichen— ein bekräftigendes Zeichen!“ dachte Philipp;„wahrhaftig, wir haben der Zeichen und Wunder genug. Indeß mag es doch wahr ſein, daß Seelenmeſſen meinen Vater aus ſeinem Zuſtande der Qual befreien können. Jedenfalls trifft mich kein Vorwurf, wenn ſie die Entſcheidung übernehmen. Wohlan denn, ſo will ich ein neues Zeichen des göttlichen Willens abwar⸗ ten, wenn es einmal ſo ſein ſoll.“ Und Philipp ging weiter, hin und wieder an Pater Seyſens Beweisgründe, noch öfter aber an Aminen denkend. — — 186 Es war jetzt Abend und die Sonne dem Untergange nahe. Philipp wanderte noch immer fort, bis er endlich an derſelben Stelle anlangte, wo er knieend ſein feierliches Gelübde ausgeſpro⸗ chen hatte. Er erkannte den Ort und blickte nach den fernen Ber⸗ gen. Die Sonne ſtand gerade in derſelben Höhe— die Land⸗ ſchaft, der Platz, die Zeit, Alles das Gleiche. Abermals knieete Philipp nieder, nahm die Reliquie aus ſeinem Buſen und küßte ſie. Er ſah der Sonne nach und beugte ſich bis zur Erde, eines Zei⸗ chens harrend; aber das Geſtirn des Tages ſenkte ſich hinter das Gebirge und der Schleier der Nacht breitete ſich über die Land⸗ ſchaft. Kein Zeichen hatte ſich kund gegeben; Philipp erhob ſich daher und ging der Deimah zu, mehr als je geneigt, Pater Sey⸗ ſens Rathe zu Dort an„ging Philipp leiſe die Treppe hinan und trat in das Gem kadtr welche jetzt erwacht und mit dem Prieſter in einem Geſpräche begriffen war. Der geſchloſſene Vorhang hin⸗ derte, daß er bemerkt wurde. Mit klopfendem Herzin blieb er an der Wand zu den Häupten des Bettes ſtehen. „Ihr habt Grund zu glauben, daß nnen Gatte angelangt ſei?“ fragte Amine mit matter Stimme.„Oh, ſo redet— wel⸗ chen Grund?“ „Wir wiſſen, daß ſein Schiff eingetroffen iſt, und haben aus dem Munde eines Augenzeugen vernommen, daß ſich Alles an Bord wohl befindet.“ „Aber warum iſt er nicht hier? Wer ſollte die Kunde von ſeiner Rückkehr früher bringen, als er ſelbſt? Vater Seyſen, er iſt entweder nicht angekommen, oder befindet ſich hier— ich weiß, er muß hier ſein, wenn er geſund und wohl iſt. Ich kenne meinen Philipp zu gut. Sagt mir— iſt er nicht hier? Fürchtet nichts, wenn Ihr ‚ja“ ſagt; aber das Gegentheil wird mir den Tod bringen. „Ja, Amine, er befindet ſich hier,“ verſetzte Pater Seyſen— „und befindet ſich wohl.“ „O Gott! ich danke dir! aber wo iſt er? Er muß in dieſem Zimmer ſein, oder Ihr täuſcht mich. Oh, dieſe Ungewißheit iſt bitterer als der Tod!“ „Ich bin hier,“ rief Philipp, die Vorhänge öffnend. Amine erhob ſich mit einem Schrei, breitete ihre Arme aus und ſank dann beſinnungslos zurück. Nach einer kurzen Weile er⸗ holte ſie ſich jedoch wieder und bewies damit die Wahrheit von Pater Seyſens Behauptung, daß die Freude nicht tödtet. Wir müſſen nun die paar Tage übergehen, in deren Verlauf Philipp faſt kaum das Krankenlager ſeiner Amine verließ. Sie er⸗ holte ſich ſchnell und ſobald ſie ſich kräftig genug fühlte, um den Gegenſtand zur Sprache bringen zu können, mußte ihr Philipp Alles erzählen, was ſeit ſeiner Abreiſe vorgefallen war; er ver⸗ ſäumte auch nicht, das Bekenntniß zu berühren, das er gegen Pater Seyſen abgelegt hatte. Amine fühlte ſich überglücklich, daß Phi⸗ lipp bei ihr bleiben wollte, und vereinigte ihre Ueberredungskunſt mit den Rathſchlägen der Prieſter, ſo daß Philipp eine Zeitlang nicht mehr von ſeiner Abſicht, auf die See zu gehen, ſprach. Vierzehntes Kapitel. Sechs Wochen waren entſchwunden und die wiederhergeſtellte Amine ging an dem Arme ihres innig geliebten Philipp ſpazieren oder ſchmiegte ſich in der traulichen Wohnung an ſeine Seite. Vater Matthias war noch immer ihr Gaſt. Die Meſſen für Van⸗ derdeckens Seele waren bezahlt und Pater Seyſen noch w eitere —,—ÿxx— 4 durch einen Traum? 2, 188 Summen anvertraut worden, um die Leiden der bedrängten Armen zu mildern. Mann kann ſich leicht denken, daß die Entſcheidung der beiden Prieſter, Philipps Benehmen betreffend, einen Hauptgegen⸗ ſtand der Geſpräche zwiſchen unſerem Helden und Aminen bildete. Er war zwar ſeines Eides entbunden worden, aber obgleich er ſich in die Weiſungen ſeiner geiſtlichen Rathgeber fügte, fuhlte er ſich doch keineswegs zufrieden geſtellt. Seine Liebe zu Amine und ihr Wunſch, daß er zu Hauſe bleiben möchte, verliehen allerdings Pater Seyſens Machtſpruch großes Gewicht, und Philipp gehorchte bereit⸗ willig, obgleich er ſeine Zweifel über die Zweckmäßigkeit eines der⸗ artigen Benehmens nicht zu unterdrücken vermochte. Aminens Beweisgründe, die jetzt in der Anſicht der Prieſter ihre Stütze fan⸗ den, hinderten ſeine Abreiſe, aber die Liebkoſungen, womit ſie ihrer Ueberredungskunſt Nachdruck gab, blieben doch nur für den Augen⸗ blick wirkſam; denn ſobald unſer Held allein war, kehrte die Frage mit neuer Kraft in ſeine Seele zurück, und eine innere Stimme klagte ihn an, daß er eine heilige Pflicht verabſäume. Amine be⸗ merkte oft die düſtere Wolke auf ſeiner Stirne; da ſie jedoch die Urſache zu gut kannte, ſo begann ſie unabläſſig mit ihren Gründen und Liebkoſungen, bis Philipp vergeſſen hatte, es gebe außer Amine noch etwas Anderes auf der Welt. Eines Morgens ſaßen ſie auf einem grünen Raſen und pflück⸗ ten die rings umher blühenden Blumen, welche ſie achtlos wieder wegwarfen; da erſah denn Amine die langerſehnte Gelegenheit, um einen bisher unberührten Gegenſtand zur Sprache zu bringen. „Philipp,“ ſagte ſie,„glaubſt du an Träume, und hältſt du es für moöglich, daß wir durch ſolche Mittel übernatürliche Offenbarungen erhalten können?“ „Allerdings,“ verſetzte Philipp;„wir haben hinreichende Be⸗ weiſe davon in der heiligen Schrift.“ „Wohlan denn, warum befriedigſt du deine Bedenken nicht 189 „Meine theuerſte Amine, Träume kommen ungeheißen; wir können nicht über ſie gebieten, oder ſte verhindern——* „Wir können über ſie gebieten, Philipp. Sprich nur, daß du über den Gegenſtand zu träumen wuͤnſcheſt, der deinem Herzen ſo nahe liegt, und du ſollſt es.“ „Ich ſoll es?“. „Ja, ich habe dieſe Macht, Philipp, obgleich ich dir nie etwas davon mittheilte. Das Geheimniß wurde mir von meiner Mutter anvertraut, obgleich ich bis auf die letzte Zeit nie mehr daran dachte. Du weißt, Philipp, daß ich nie eine Unwahrheit ſpreche; wenn du willſt, ſo ſollſt du von der Sache träumen.“ „Aber wozu ſoll das führen, Amine? Wenn du die Macht Vuſ. mich träumen zu laſſen, ſo mußt du ſie irgend woher be⸗ tzen.. „Allerdings; es gibt Mittel, von denen du keine Ahnung haſt, obſchon ſie in meinem Geburtslande noch immer in Gebrauch ſind. Ich bin im Beſitze eines Zaubers, Philipp, der nie trügt.“ „Eines Zaubers, Amine? So gibſt. du dich alſo mit der ſchwarzen Kunſt ab, denn ſolche Kräfte ſtammen nicht vom Himmel.“ „Ihren Urſprung kenne ich nicht und kann nur ſoviel ſagen, daß die Thatſache in meiner Gewalt liegt.“ „Das muß ein Werk des Teufels ſein, Amine.“ „Und warum dies, Philipp? Kann ich mich hier nicht auf die Erwiederung der eigenen Prieſter berufen, welche ſagen, die Macht des Teufels könne ſich nur unter göttlichem Einfluß geltend machen und dürfe nur unter Zulaſſung von oben ſtatthaben? Nenne da⸗ her meine Gewalt Zauberei oder wie du willſt— ſie muß fehl ſchlagen, wenn der Himmel nicht ſeine Genehmigung dazu gibt. Gleichwohl ſehe ich nicht ein, warum wir vermuthen ſollten, daß ſie aus einer ſchlimmen Quelle fließen. Wir fragen im Traume um Warnungszeichen, die unter zweifelhaften Umſtänden unſer Beneh⸗ * 190 men leiten ſollen. Sicher würde uns der Böſe lieber irre führen, als den rechten Pfad zeigen.“ „Amine, wir können im Traume gewarnt werden, wie die Patriarchem des Alterthums; aber geheimnißvolle oder unheimliche Zauber anzuwenden, um ein Geſicht herbeizuführen, heißt nichts Anderes, als einen Bund mit dem Teufel ſchließen.“ „Den der Teufel aber nicht auszubeuten im Stande iſt, wenn es ihm nicht von einer höheren Macht geſtattet wird. Philipp, deine Folgerungen ſind falſch. Wir wiſſen, daß durch gebührende Beobachtung beſtimmter Mittel die Träume, die wir wünſchen, hervorgerufen werden können. Es iſt nur eine Ceremonie, die un⸗ ſeren rechtlichen Sinn nicht beeinträchtigen kann— und vergib mir, Philipp, iſt nicht die Beobachtung von Ceremonien auch in deiner eigenen Religion nöthig, die jetzt auch die meinige iſt? Sagt man uns nicht, daß die Unterlaſſung des Beſprengens mit Waſſer an einem Kinde alle Ausſicht auf zukünftiges Glück in ewigen Jammer umwandle?“ Philipp ſchwieg eine Weile. „Ich fürchte, Amine,“ ſagte er endlich in gedämpftem Tone, „daß ich——* „Ich fürchte nichts, Philipp, ſo lange die Abſicht gut iſt,“ verſetzte Amine.„Die Anwendung gewiſſer Mittel läßt mich mein Ziel erreichen, und dieſes iſt im gegenwärtigen Falle nichts Anderes, als wo möglich ausfindig zu machen, was in dieſer zweifelhaften Sache der Wille des Himmels ſein mag. Sollte uns dieſer auch durch den Teufel kund gethan werden— was dann? Er wird zu meinem Knechte und nicht zu meinem Herrn; der Himmel geſtattet ihm nur, gegen ſich ſelbſt zu handeln.“ Und Aminens Augen funkelten, während ſie ſich in dieſer küh⸗⸗ nen Weiſe ausſprach. „Hat deine Mutter ihre Kunſt oft ausgeübt?“ fragte Philipp nach ei einer Pauſe. 191 „Ich habe hierüber keine Kunde, ſondern weiß nur, daß ſie in dieſer Kunſt ſehr erfahren war. Es iſt dir bekannt, daß ſie ſehr jung ſtarb, denn ſonſt würde ich wahrſcheinlich viel mehr erfahren haben. Glaubſt du, Philipp, daß dieſe Welt bloß von vergäng⸗ lichen, aus Thon gebildeten Geſchöpfen, wie wir ſind, bevölkert ſei — von bloßen Herren über die Thierwelt, die ſelbſt nicht viel beſſer ſind? Findeſt du nicht in deiner eigenen heiligen Schrift wieder⸗ holte Zugeſtändniſſe und Beweiſe, daß ein höheres Walten auch. hienieden unter den Menſchen thätig iſt? Warum ſollte das, was vor Zeiten geſchah, nicht mehr ſtattfinden— und welcher größere Nachtheil könnte jetzt aus einem Berufen an einen überirdiſchen Beiſtand erwachſen, als vor einigen tauſend Jahren? Warum ſollte den Geiſtern jetzt nicht mehr zugelaſſen werden, was ihnen doch damals geſtattet wurde? Was iſt aus ihnen geworden? Sind ſie zu Grunde gegangen, oder wurden ſie zurückberufen?— Wohin? — nach dem Himmel? Wenn nach dem Himmel, ſo müßte die Welt und die Menſchheit ganz der Willkür des Teufels und ſeiner Rotten preisgegeben ſein. Glaubſt du, wir armen Sterblichen ſeien ſo ganz verlaſſen? Ich ſage dir offen, daß ich nicht dieſer Anſicht bin. Wir unterhalten nicht länger einen Verkehr mit den guten Geiſtern der Vorzeit, weil wir mit unſerer wachſenden Einſicht auch zu ſtolz geworden ſind, um ſie aufzuſuchen— aber ich bin überzeugt, daß ſie immer noch vorhanden ſind— eine Schaar gu⸗ ter Geiſter gegen eine Schaar von Böſen, die unſichtbar mit ein⸗ ander kämpfen. Oder ſage mir auf dein Gewiſſen, Philipp, glaubſt du, daß Alles, was dir geoffenbart wurde, ein bloßes Hirngeſpenſt — ein Geſchöpf deiner Einbildungskraft ſei?“ „Nein, gewiß nicht, Amine; wollte Gott, ich könnte es glauben.“ „Dann iſt meine Beweisführung vollſtändig, denn wenn derartige Mittheilungen dir gemacht werden konnten, warum ſollte dies nicht auch bei Andern möglich ſein? Welch ein Einfluß dabei gewaltet, 192 weißt du nicht zu ſagen. Deine Prieſter behaupten, der Böſe ſei dabei im Spiele, während du das Ganze für eine Offenbarung von Oben hältſt. Nehmen wir dies zum Maßſtabe— wer iſt wohl dann im Stande zu entſcheiden, woher der Traum kommen wird?“ „Das iſt wahr, Amine, biſt du aber deiner Kraft gewiß?“ „Allerdings; und wenn es einem höhern Weſen beliebt, mit dir in Verkehr zu treten, ſo kannſt du dich auf ſeine Mittheilung verlaſſen. Du wirſt entweder gar nicht träumen und die Stunden in tiefem Schlaf verbringen, oder dein Traum ſteht in Verbindung mit der Frage, die du gelöst wünſcheſt.“ „Wohlan, Amine, ich bin entſchloſſen. Ich will träumen, denn mein Geiſt wird ohne Unterlaß von widerſtrebenden Zweifeln ge⸗ foltert. Ich muß wiſſen, ob ich recht oder unrecht thue. Dieſe Nacht noch magſt du deine Kunſt bei mir in Anwendung bringen.“ „Nicht in dieſer Nacht und auch nicht in der morgigen. Kommt es dir keinen Augenblick zu Sinne, daß ich dir in meinem Vor⸗ ſchlage ganz gegen die eigenen Wünſche diene? Es iſt mir, als ob dein Traum gegen mich entſcheiden werde und daß du Befehl er⸗ hältſt, zu deiner Pflicht zurückzukehren, denn ehrlich geſprochen, ich theile die Anſicht der Prieſter nicht. Ich bin übrigens deine Gattin, Philipp, und es iſt meine Pflicht, zu verhüten, daß du getäuſcht werdeſt. Deßhalb biete ich dir die Mittel, welche, wie ich glaube, deinem Beginnen eine Richtſchnur vorſchreiben werden. Aber Eines mußt du mir dafür verſprechen— eine Gunſt, die ich als meine Belohnung fordern werde. 4 „Zugeſagt, Amine, auch ohne daß ich deinen Wunſch kenne,“ verſetzte Philipp, ſich vom Raſen erhebend;„aber jetzt wollen wir nach Hauſe gehen.“ Wir haben oben bemerkt, daß Philipp vor ſeiner Ausfahrt in der Batavia einen großen Theil ſeines Vermögens bei der hollän⸗ diſch⸗oſtindiſchen Compagnie angelegt hatte. Die Intereſſen reichten für Aminens Bedürfniſſe mehr als zu, und bei ſeiner Rückkehr fand 225 aber erboten ſich viele der Soldaten zum Dienſt an den Pumpen, was bereitwillig angenommen wurde. Ihre Bemühungen waren übrigens vergeblich. Nach einer weitern halben Stunde barſten die Luken mit lautem Getöſe und eine Flammenſäule ſchoß ſenkrecht aus dem Raume auf, die bis zu dem untern Stengenkopfe hinan⸗ leckte. Jetzt hörte man das laute Geſchrei der Weiber, die in ihrer Todesangſt ihre Kinder an die Bruſt drückten, während die Matro⸗ ſen und Soldaten, die an den Pumpen gearbeitet hatten, in ihrer raſchen Flucht vor dem verzehrenden Feuer in buntem Gewirre nach dem Hinterſchiffe ſtürzten. „Seid ruhig, meine Jungen— ruhig, meine guten Burſche,“ rief Philipp;„es hat noch keine Gefahr. Vergeßt nicht, wir haben unſere Boote und den Floß, und wenn wir auch nicht das Feuer zu überwältigen und das Schiff zu retten vermögen, ſo können wir doch, wenn ihr nur die Beſonnenheit nicht verliert, nicht blos uns ſelbſt, ſondern auch die armen Kinder in Sicherheit bringen, die euch jetzt anflehen, um ihretwillen dem Aeußerſten aufzubieten. Kommt, kommt, meine Jungen; laßt uns unſere Pflicht thun. Wenn wir keine Zeit verlieren, ſind wir im Beſitze der Mittel, uns zu retten. Zimmermann, holt Eure Aexte und haut die Spieren⸗ bindſel durch. Wir wollen jetzt unſere Boote hinaushiſſen und einen Floß für dieſe armen Weiber und Kinder machen; das Land iſt keine zehn Meilen mehr⸗ entfernt. Krantz, ſeht mit der Steuerbord⸗ wache nach den Booten; die Backbordwache läßt mit mir die Spie⸗ ren über Bord. Kanoniere, rafft ſo viel Tauwerk zuſammen, als ihr könnt, um es zu Bindſeilen benützen zu können. So, ihr Jun⸗ gen— an Licht fehlt's uns nicht, wir können ohne Laterne arbeiten.“ Ein Scherz iſt oft ſogar noch am Orte, wenn man ſchon an der Pforte der Ewigkeit zu ſtehen vermeint, und die launige Be⸗ merkung Philipps, daß es nicht an Licht fehle, ermuthigte die Matroſen zum Gehorſam. Die Flammenſäule ſtieg nun über das Marryat. Der fliegende Holländer.. 15 226 große Mars hinauf, leckte mit ihren geſpaltenen Zungen an dem Stengentakelwerk und ſchloß den Hauptmaſt in ihre Falten ein. Das laute Brauſen, mit welchem das Feuer aufſchoß, bekundete die Schnelligkeit, mit welcher der ungeſtüme Brand unten um ſich griff, und wie wenig Zeit zu verlieren war. Die unteren und Haupt⸗ decke wurden nun ſo mit Rauch erfüllt, daß Niemand mehr zu bleiben vermochte. Einige arme Tropfe, die krank in ihren Hän⸗ gematten lagen, waren längſt erſtickt, denn man hatte ſie vergeſſen. Kein Windlein rührte ſich, und die Wellen gingen niedrig; der Rauch der aus den Luken hervordrang, ſtieg gerade in die Luft, was ein Glück war, da das Schiff allen Steuergang verloren hatte. Die Boote waren bald im Waſſer und mit zuverläſſigen Männern beſetzt; die Spieren wurden über Bord gelaſſen und von den Ma⸗ troſen der Boote zuſammengebunden. Dann ſammelte man alle Abtropftröge, um ſie als Sitze auf den Spieren zu befeſtigen, und Philipps Herz war hoch erfreut über die Ausſicht, die vielen Men⸗ ſchen, welche ſich mit ihm eingeſchifft hatten, retten zu können. 2 Siebenzehntes Kapitel. Ihre Schwierigkeiten waren jedoch noch nicht zu Ende. Das Feuer hatte ſich jetzt dem Hauptdecke mitgetheilt und brach in der Mitte des Schiffs aus den Geſchützpforten heraus. Der Floß, der neben Bord angefertigt wurde, mußte daher ſternwärts abtriften, wo er den Schwellen der See mehr ausgeſetzt war. Dieß verzögerte die Arbeit und in der Zwiſchenzeit nahmen die Flammen einen 227 raſchen Fortgang. Der Hauptmaſt, welcher ſchon lange brannte, fiel unter einem Schlingern des Schiffes über die Seite, und das Feuer aus den Hauptdeckpforten zeigte bald ſeine Zungen über den Boll⸗ werken, während dicke Rauchwolken das obere Deck erfüllten und die Menſchen, welche hier in Schaaren zuſammengedrängt waren, faſt erſtickten; denn da ſeit einiger Zeit ſchon aller Verkehr mit dem Vorderſchiff durch die Flammen abgeſchnitten war, ſo hatte ſich Al⸗ les nach hinten zurückgezogen. Die Weiber und Kinder wurden nun auf die Hütte geführt, um ſie mehr aus dem erſtickenden Qualm zu bringen; auch konnten ſie von dort aus leichter über den Stern nach dem Floß niedergelaſſen werden. Gegen vier Uhr Morgens war alles bereit, und es gelang den Anſtrengungen Philipps und der Seeleute, ungeachtet der ſchwellenden See, Weiber und Kinder wohlbehalten auf dem Floße unterzubrin⸗ gen, wo ſie weniger im Weg waren und die Männer ſich gegenſeitig ablöſen konnten, wenn ſie müde waren. Nach den Weibern und Kindern mußten die Truppen die Leitern hinunterſteigen. Einige gingen bei dem Verſuche zu Grunde, indem ſie unter den Bootsbo⸗ den fielen und nicht wieder zum Vorſchein kamen; aber dennoch langten zwei Dritttheile derſelben wohlbehalten an den Orten an, die ihnen von Krantz angewieſen wurden, denn Letzterer war mit hinuntergegangen, um die wichtige Maßregel zu überwachen. Phi⸗ lipp hatte auch die Vorſicht beobachtet, daß er Käpitän Barentz bat, ſich mit Piſtolen an die Luke über dem Branntweinraum zu ſtellen, bis der Rauch des Hauptdecks dieſe Vorkehrung unnöthig machte; ſo blieben alle nüchtern— ein Umſtand, welchem man die Ordnung und Regelmäßigkeit, die bei der ganzen ſchrecklichen Scene herrſchte, zuzuſchreiben hatte. Noch ehe ein Dritttheil der Soldaten an der Hinterleiter hin⸗ untergeſtiegen war, brachen die Flammen mit unwiderſtehlicher Ge⸗ walt aus den Sternfenſtern; Brunnen lebendigen Feuers ſchoſſen mehrere Fuß aus dem Schiffe heraus und brausten wie eine Eſſe. 15* 228 Zu gleicher Zeit ſchoß die Lohe durch alle Hinterpforten des Haupt⸗ decks, ſo daß diejenigen, welche ſich noch an Bord fanden, von Feuer umgeben und von Rauch und Hitze faſt erſtickt wurden. Die Stern⸗ leitern waren in einer Minute verzehrt und ſanken in die See nieder, und wegen der ungeheuren Hitze mußten auch die Boote, welche die Mannſchaft aufgenommen hatten, hinter dem Spiegel zurück⸗ bleiben. Die Weiber auf dem Floß ſchrien laut auf, als ſie von den brennenden Bruchſtücken geſengt wurden, die auf ſie niederfielen, während ſie in eine dunkle Rauchwolke gehüllt waren, vor welcher ſte die auf dem Deck des Schiffs Befindlichen nicht ſehen konnten. Philipp verſuchte, die Mannſchaft an Bord anzureden, wurde aber nicht gehört. Die Scene der Verwirrung endete mit dem Verluſte vieler Menſchenleben. Jeder hatte nur ſein Entkommen im Auge, obgleich kein anderer Ausweg vorhanden war, als ein Sprung über Bord. Hiütten ſie übrigens noch gewartet und Philipps Weiſung zu Folge ſich nur nach einander in die See geworfen, ſo wären die Leute in den Booten völlig bereit geweſen, ſie aufzuleſen; auch hät⸗ ten ſie bis an's Ende der niedergelaſſenen lateiniſchen Beſahnraa hinausklettern und dort ſich wohlbehalten an einem Tau niederlaſſen können— aber die ſengenden Flammen und der erſtickende Rauch veranlaßte die Soldaten haufenweiſe über den Hackebord zu ſpringen. Die Folge davom war eine herzzerreißende und ſchreckliche Scene. Die Matroſen in den Booten ſuchten allerdings die dreißig bis vier⸗ zig Schwimmer möglichſt ſchnell zu retten, und die Weiber auf dem Floß warfen ihnen Gewänder zu, um ſie daran heraufzuholen; bald hörte man eine Frau laut aufſchreien, die ihren Gatten vergeblich ankämpfen und in die Emigkeit verſinken ſah, bald ließen ſich Flüche und Verwünſchungen von Seiten der Schwimmer hören, die von irgend einem Ertrinkenden gefaßt und mit ihm unter die Oberfläche gezogen wurden. Von den achtzig Soldaten, welche ſich zur Zeit, als die Flammen aus dem Sternfenſter brachen, noch an Bord be⸗ fanden, wurden nur fünfundzwanzig gerettet. Mit Nthiipm waren — 229 auch noch einige Matroſen auf dem Schiffe; den Uebrigen war die Verfertigung des Floßes und die Bemannung der drei Boote auf⸗ getragen worden. Was ſich noch an Bord befand, richtete ſeine Bewegungen nach denen unſeres Helden. Nachdem man den Booten volle Zeit gelaſſen hatte, um die Soldaten aufzuleſen, hieß Philipp die Leute nach dem Ende der lateiniſchen Raa, welche über den Hacke⸗ bord hing, hinausklettern und ſich entweder auf das unten befindliche Rafft niederlaſſen, oder den Booten ein Zeichen geben, daß ſie auf⸗ genommen würden. Der Floß war jedoch weiter zurückgeblieben, damit ſeine Bemannung nicht allzuſehr von dem Rauch und der Hitze leide, weshalb die ſich niederlaſſenden Matroſen nacheinander von den Booten an Bord genommen wurden. Philipp forderte Kapitän Barentz auf, er ſolle vorausgehen, aber dieſer weigerte ſich. Der Rauch erſtickte ihm die Stimme, ſonſt würde er gewiß noch Etwas zum Preiſe der Vrow Katharina geſagt haben. Phi⸗ lipp kletterte nun hinaus; der Kapitän folgte ihm und Beide wur⸗ den in eines der Boote aufgenommen. 4 Das Tau, welches bisher den Floß am Schiffe feſtgehalten hatte, wurde nun losgemacht und den Booten zugeworfen. In kurzer Zeit befand ſich die Vrow Katharina im Lee und Philipp traf jetzt mit Krantz Maßregeln, um die Leute beſſer unterzubringen. Die Mehrzahl der Matroſen mußte die Boote einnehmen, damit ſie ſich gegenſeitig im Rudern ablöſen könnten; die übrigen aber erhielten ihren Platz bei den Soldaten, Weibern und Kindern des Floßes. Obgleich die Boote ſo voll geladen waren, als es nur möglich war, barg doch der Floß eine ſo große Anzahl, daß er faſt fußtief untertauchte, wenn eine Seeſchwelle heranbrach. Indeß hatte man Stieper und Taue feſtgemacht, um ein Wegſchwemmen der Men⸗ ſchen zu verhindern; auch befanden ſich die Männer an den Seiten, während die Weiber und die Kinder in die Mitte zuſammenge⸗ drängt waren. Nach Bereinigung dieſer Maßregeln nahmen die Boote den 230 Floß in's Tau und ruderten mit dem Grauen des Tages dem Lande zu.. Mittlerweiie war die Vrow Katharina nur eine einzige Flam⸗ menmaſſeé geworden. Sie hatte ungefähr eine halbe Meile in's Lee abgetriftet, und Kapitän Barentz, der neben Philipp im Boote ſaß, brach, während er dem Brande zuſah, in die Worte aus: „Nun, da geht ein liebliches Schiff dahin— ein Schiff, das Alles konnte, nur nicht ſprechen. Ich bin überzeugt, daß kein Fahrzeug in der Flotte ein ſolches Freudenfeuer abgegeben hätte, wie ſie— brennt ſie nicht ſchön, edel? Meine arme Vrow Ka⸗ tharina— vollkommen bis auf den letzten Augenblick! Wir werden nie wieder ein ſolches Schiff ſehen! Ich bin nur froh, daß mein Vater dieſen Anblick nicht erlebt hat, denn er würde dem armen Manne das Herz gebrochen haben.“ Philipp erwiederte nichts darauf, denn er reſpektirte ſogar die übel angebrachte Achtung, die Kapitän Barentz gegen ſein Schiff hegte. Sie kamen nur langſam vorwärts, denn das Schwellen des Meeres war ziemlich gegen ſie, und der Floß ging tief im Waſſer. Der Tag war angebrochen und der Stand des Wetters ſchien mit einem neuen Sturme zu drohen. Bereits kräuſelte eine Briſe die Oberfläche, und die Schwellen ſchienen ſich eher zu vermehren, als niederzugehen. Der Himmel überzog ſich mit dichtem Gewölk. Philipp ſah nach Land aus, konnte aber nichts bemerken, denn der Horizont war in einen Nebel gehüllt, der ihn nicht weiter, als etwa fünf Meilen ſchauen ließ. Er fühlte, daß es nöthig war, noch vor Abend die Küſte zu gewinnen, wenn nicht die vielen Perſonen, die ohne Nahrung auf einem gebrechlichen, tief im Waſſer gehenden Floße ſaßen und mehr als ſechszig Weiber und Kinder unter ſich hatten— zu Grunde gehen ſollten. Aber nirgends war Land zu ſehen— mit großer Wahr⸗ ſcheinlichkeit auch ein Sturm nebſt ſchwerer See und dunkler Nacht im Anzuge. In der That eine verzweifelte Ausſicht, und Philipp fühlte ſich ſehr unglücklich, wenn er bedachte, daß ſo viele unſchul⸗ 231 dige Weſen noch vor dem nächſten Morgen einem feuchten Grabe überantwortet werden ſollten. Und warum?— Ja, das war ein Gefühl, welches Philipp trotz aller Gegenraiſonnements nicht über⸗ winden konnte. Um ſein eigenes Leben kümmerte er ſich nichts, und in ſolchen Augenblicken fiel auch der Gedanke an ſeine geliebte Amine nicht in die Wagſchaale. Der einzige Punkt, der ihn aufrecht erhielt, war das Bewußtſein, daß er ſeine Pflicht zu erfüllen habe, und in Uebung derſelben faßte er ſich wieder. „Land vorne!“ rief jetzt Krantz, der ſich in dem vorderſten Boote befand— eine Freudenpoſt, die von dem Floß und den Boo⸗ ten mit lautem Jubel aufgenommen wurde. Die dadurch geweckten Hoffnungen waren wie Manna in der Wüſte und die armen Weiber auf dem Floße, die bisweilen von den Schwellen bis an den Gürtel unter Waſſer getaucht wurden, drückten ihre Kinder an die Bruſt, dabei ausrufend:„mein Herzchen, du wirſt gerettet werden.“ Philipp trat auf die Sternbänke, um das Land zu beaugen⸗ ſcheinigen. Er machte die freudige Entdeckung, daß es keine fünf Meilen entlegen war, und ein Hoffnungsſtrahl erwärmte ſein Herz. Die Briſe hatte ſich mehr und mehr geſteigert und kräuſelte das Waſſer. Die Richtung des Windes war weder günſtig noch widrig, da er von der Seite herkam. Hätten ſie Segel gehabt, ſo wäre es freilich anders geweſen; ſo aber waren dieſe weggeſtaut worden und hatten nicht herausgeholt werden können. Der Anblick des Landes erregte natürlich große Freude; die Matroſen des Bootes jubelten laut und verdoppelten die Rudermannſchaft, um ihre Fahrt zu beſchleunigen; aber das Schleppen eines großen, unter's Waſſer geſunkenen Floßes war keine leichte Aufgabe, weßhalb ſie trotz aller Mühe nicht weiter als eine halbe Meile in der Stunde vorwärts kommen konnten. Sie ſetzten ihre Anſtrengungen bis Mittag fort, und nicht ohne Erfolg, denn ſie befanden ſich jetzt auf nicht ganz drei Meilen in der Landnähe. Als jedoch die Sonne den Meridian paſſirte, trat eine Verränderung ein. Die Briſe wehte ſtark, die See ſchwoll ſchnell an und der Floß tauchte oft ſo tief in die Wellen unter, daß die darauf Befindlichen große Gefahr liefen. In gleichem Verhältniſſe minderte ſich auch die Geſchwindigkeit ihrer Fahrt, und um drei Uhr waren ſie kaum eine weitere halbe Meile vorgerückt. Die Matroſen, die während der ſchweren Arbeit ſo vieler Stunden nichts genoſſen hatten, begannen zu erſchlaffen, und allerſeits hörte man den Wunſch nach Waſſer ausdrücken— vom Kinde an, das zur Mutter ſeine Zuflucht nahm, bis zu dem Matroſen, der ſich am Ruder abmühete. Phi⸗ lipp bot Allem auf, um ſeine Leute zu ermuthigen, da ſie ja jetzt dem Lande ſo nahe wären; dieſe aber waren erſchöpft, murrten über den Floß, der ſie hinderte, in ihren Hafen einzulaufen, und ſprachen von der Nothwendigkeit, ihre Schlepplaſt zu kappen, da ſie für ſich ſelbſt ſorgen müßten. Der Geiſt der Meuterei erhob ſein Haupt; aber Philipp machte ihnen Vorſtellungen, und aus Achtung gegen ihn arbeiteten ſie noch eine Stunde länger. Jetzt aber trat ein Um⸗ ſtand ein, der die Frage, über welche ſie zu debattiren angefangen hatten, zur Entſcheidung brachte. Die hohe See und die friſche Briſe hatten den Floß ſo umher⸗ geſtoßen, daß es den Leuten oft ſchwierig wurde, ſich auf demſelben zu erhalten. Ein lauter Schrei, mit Wehklagen gemiſcht, weckte die Aufmerkſamkeit der Mannſchaft in den Booten, und als Philipp zu⸗ rückſchaute, bemerkte er, daß die Bande des Floßes der Gewalt der Wogen nachgegeben hatten und das gebrechliche Fahrzeug in der Mitte auseinander gegangen war. Es war ein herzzereißender Auftritt— Gatten von ihren Weibern und Kindern getrennt und von einander fportſchwimmend, denn der Theil des Floßes, welcher mit den Booten durch das Schlepptau zuſammenhing, hatte die andere Hälfte bereits weit hinter ſich zurückgelaſſen. Die Weiber erhoben ſich mit wildem Geſchrei, hielten ihre Kinder in die Höhe, und einige ſtürzten ſich verzweifelnd in's Waſſer; ſie wollten das ſchwimmende Wrack errei⸗ chen, auf dem ihre Männer ſtanden, verſanken aber, ehe man ihnen Beiſtand leiſten konnte. Das Entſetzliche ſteigerte ſich jedoch mehr —⸗ꝛB ——— —2— — Barentz, Philipp und Krantz eine kurze Berathung, folgten aber 233. und mehr— denn nachdem eines der Bänder gewichen war, folgten die übrigen bald, und ehe die Boote zur Hülfe umwenden konnten, war die See mit den loſen Spieren des Floßes beſtreut, an denen ſich Männer, Weiber und Kinder anklammerten. Wilde Verzweif⸗ lungsrufe zerriſſen die Luft, und viele der Weiber gingen zu Grunde, während ſie ihre Kleinen zu retten bemüht waren. Die noch zuſam⸗ menhaltenden Balken wurden von den Wellen gegen einander ge⸗ ſchleudert und erdrückten viele der Unglücklichen, die ſich an den Seiten anklammerten. Obgleich alle Boote zum Beiſtand herzueil⸗ ten, war es doch ſo ſchwierig und gefährlich, ſich zwiſchen den Spie⸗ ren durchzudrängen, daß nur Wenige gerettet werden konnten, und ſo⸗ gar dieſe Wenigen waren mehr, als die Boote einzunehmen vermoch⸗ ten. Die Matroſen und einige Soldaten wurden aufgeleſen, aber ſämmtliche Weiber und Kinder fanden ihren Tod in den Wellen. Die Wirkung dieſer Kataſtrophe kann man ſich wohl geiſtig ver⸗ gegenwärtigen, aber kaum auf dem Papiere ſchildern. Die Matroſen, welche das Schlepptau kappen und die Leute auf dem Floße dem Untergang preisgeben wollten, weinten, als ſie dem Ufer zuruder⸗ ten.— Philipp ſelbſt fühlte ſich auf's Tiefſte ergriffen; er verhüllte ſein Geſicht und ertheilte— völlig achtlos gegen das, was um ihn vorging— geraume Zeit keine Befehle. Es war fünf Uhr Abends; die Boote hatten die Schlepp⸗ taue eingezogen und wetteiferten jetzt mit einander in gewaltiger Anſtrengung. Ehe die Sonne niederging, hatten ſie das Geſtade erreicht, und die Mannſchaft ging in einer kleinen Sandbucht an's Land, welche keine Brandung hatte, da der Wind von der Küſte abwehte. Die Boote wurden aufgeholt und die erſchöpften Matro⸗ ſen legten ſich, ohne an Eſſen oder Trinken zu denken, auf dem von der Sonne noch erwärmten Sande nieder, um alsbald einzuſchlafen. Sobald die Boote in Sicherheit gebracht waren, hielten Kapitän dann dem Beiſpiele ihrer Leute, um nach der Erſchöpfung der letzten vierundzwanzig Stunden im Schlummer Vergeſſenheit zu finden. Viele Stunden lagen ſie in tiefem Schlafe, träumten von Waſſer ünd erwachten zu der traurigen Wirklichkeit, daß ſie von heftigem Durſt gequält wurden und ſich auf einer Sandküſte be⸗ fanden, wo die Salzwellen ihnen Hohn ſprachen. Sie bedachten jedoch, wie Viele ihrer Begleiter von dem feuchten Elemente ver⸗ ſchlungen worden waren, und dankten dem Himmel für ihre Rettung. Es war Morgen, als ſie ſich aus den Furchen, welche ihre Körper dem nachgiebigen Sande eingedrückt hatten, erhoben, und Philipps Weiſung gemäß zertheilten ſie ſich nach allen Richtungen, um die Mittel zum Löſchen ihres verzehrenden Durſtes aufzuſuchen. Wäh⸗ rend ſie über den ſandigen Hügel gingen, fanden ſie ein niedriges Geſträuch mit fleiſchigen Blättern, ähnlich dem ſogenannten Eis⸗ kraut unſerer Gewächshäuſer, deſſen dickes Laub mit großen Thau⸗ tropfen bedeckt war. Sie ſanken auf die Knie nieder und leckten die Feuchtigkeit ab, die ihnen bald eine jeweilige Erleichterung ge⸗ währte. Nachdem ſie bis Mittag ihre Nachforſchungen ohne Erfolg fortgeſetzt hatten, geſellte ſich zu ihrem Durſte auch der Hunger. Sie kehrten nach der Küſte zurück, um ſich zu überzeugen, ob ihre Gefährten nicht glücklicher geweſen ſeien. Aber auch dieſe hatten ihren Durſt mit dem Thau des Himmels löſchen müſſen und weder Waſſer noch Lebensmittel gefunden. Einige davon aßen die Blätter der gedachten Pflanze und hatten gefunden, daß ſie zwar ſauer ſchmeckten, aber einen wäſſerigen Saft enthielten, der dem Gaumen ſehr angenehm war. Dieſes Kraut iſt von der wohlwollenden Vor⸗ ſehung dazu beſtimmt, das Kameel und andere Thiere der Wüſte zu nähren; es findet ſich nur in ſandigen Strichen und wird von allen Wiederkäuern mit Gier verzehrt. Auf Philipps Rath ſam⸗ melten die Matroſen die Pflanze in Menge ein, brachten ſie in die Boote und liefen dann wieder vom Stapel. Sie waren nicht mehr als fünfzig Meilen von der Tafelbai —— 235 entfernt, und obgleich es ihnen an Segeln gebrach, hatte ſich doch jetzt der Wind zu ihren Gunſten gedreht. Philipp machte die Ma⸗ troſen darauf aufmerkſam, wie nutzlos es ſein würde, an dieſer öden Stelle zu bleiben, da ſie aller Wahrſcheinlichkeit nach vor Morgen einen Ort erreichen würden, wo ſie alle ihre Bedürfniſſe befriedigen könnten. Der Rath fand Beifall und Gehorſam. Die Boote fuhren ab und die Ruder wurden wieder aufgenommen. Indeß fühlte ſich die Mannſchaft doch ſo erſchöpft, daß die Ruder nur mechaniſch in's Waſſer tauchten, da es an der Kraft zu nach⸗ drücklicher Führung völlig gebrach. Mit dem nächſten Morgen langten ſie erſt vor der falſchen Bai an und hatten noch viele Mei⸗ len zu rudern; aber auch dies verdankten ſie blos dem günſtigen Winde, da die Matroſen ſelbſt wenig oder gar nichts thun konnten. Der Anblick eines bekannten Landes wirkte übrigens ermuthi⸗ gend, und gegen Mittag erreichten ſie die Küſte im Grunde der Tafelbai, wo die Häuſer nebſt dem Forte ſtanden, das die ſeit einigen Jahren hier wohnenden Anſiedler beſchützen ſollte. Sie landeten an einer Stelle, wo ein breites Flüͤßlein, das ſich im Winter zu einem reißenden Strome umwandelt, in die Bai ein⸗ mündet. Bei dem Anblick des ſüßen Waſſers ließen Einige der Ma⸗ troſen ihre Ruder fallen und warfen ſich in die ſeichte See, wo ihnen das Waſſer bis über die Lenden ging, langten aber doch nicht ſo bald an, als diejenigen, welche warteten, bis die Boote auf die Küſte aufſtießen, um ſodann auf das trockene Land zu ſpringen. Nun aber ging es auf das Flüßlein los, welches etwa fünf oder ſechs Zoll tief über das Kies ſtrömte; ſie tranken, bis ſie nicht mehr konnten, tauchten ihre heißen Hände ein und wälzten ſich entzückt in dem kühlen Waſſer. Deſpoten und Fanatiker haben allen ihren Scharfſinn aufge⸗ boten, um Qualen für ihre Opfer zu erfinden. Vergebliche Mühe! — die Folter, der ſpaniſche Stiefel, das Feuer— Alles dies läßt ſich nicht vergleichen mit der Pein eines heftigen Durſtes. Im 236 Uebermaße ihres Schmerzens rufen die Leidenden nach Waſſer, und es wird ihnen gewährt: die Peiniger hätten ſich all' ihren raffi⸗ nirten Scharfſinn und die widerliche Schauſtellung von Qualen ſparen künnen, wenn ſie nur den Gefangenen in ſeine Zelle einge⸗ ſchloſſen und ihm das W aſſer verweigert haben würden. Sobald die Matroſen das dringendſte aller Bedürfniſſe befrie⸗ digt hatten, erhoben ſie ſich triefend aus dem Strome und gingen auf die Häuſer der Faktorie zu. Die Bewohner derſelben bemerkten Boote am Lande, ohne daß ein Schiff in der Bai lag, und zogen daraus natürlich den Schluß, daß ein Unglück vorgefallen ſei, weshalb ſie den Ankömmlingen entgegen gingen.— Die traurige Geſchichte war bald erzählt. Von beinahe dreihundert eingeſchifften Menſchen hatten ſich nur ſechsunddreißig gerettet, und auch dieſe waren mehr als zwei Tage ohne Nahrung geblieben. Die men⸗ ſchenfreundlichen Anſiedler ſtellten auf dieſe Kunde hin keine weitere Nachfragen an, bis die Leidenden ihren Hunger geſtillt hatten, und nun erſtattete Philipp und Krantz ihren umſtändlichen Bericht. „Ich meine, Euch ſchon einmal geſehen zu haben,“ bemerkte einer der Anſiedler.„Kamt Ihr nicht an's Land, als die Flotte vor Anker lag.“ „Nein,“ verſetzte Philipp,„aber ich bin dennoch ſchon hier ge⸗ weſen.“ 4 „Ah, ich erinnere mich jetzt,“ entgegnete der Mann.„Ihr wart der Einzige, der mit dem Leben davon kam, als der Schilling in der falſchen Bai zu Grunde ging.“ „Nicht der Einzige,“ erwiederte Philipp.„Ich glaubte es da⸗ mals ſelbſt auch, traf aber nachher mit dem Piloten Schriften, einem einäugigen Manne, zuſammen, der mein Schiffsgefährte war— er muß nach mir hier angelangt ſein. Ihr werdet ihn natürlich ge⸗ ſehen haben?“ „Nein,“ ſagte der Mann.„Von der Mannſchaft des Schillings iſt nach Euch Niemand mehr angekommen, denn da ich mich ſeitdem 237 immer hier aufhielt, ſo hätte ich einen derartigen Umſtand nicht wohl vergeſſen können.“ „So muß er wohl durch andere Mittel Gelegenheit gefunden haben, nach Holland zurückzukehren.“ „Wüßte nicht, wie er das hätte angreifen ſollen. Wenn unſere Schiffe die Bai verlaſſen haben, nähern ſie ſich nie der Küſte, da es zu gefährlich iſt.“ „Und doch habe ich ihn geſehen,“ verſetzte Philipp nachdenkend. „Nun, wenn Ihr ihn ſaht, ſo iſt das hinreichend. Vielleicht wurde ein Schiff nach der Oſtſeite hinunter geblaſen und hat ihn aufgenommen, denn die Eingeborenen in jenem Theile hätten wahr⸗ ſcheinlich das Leben eines Europäers nicht geſchont. Die Kaffern ſind grauſame Leute.“ 3 Die Nachricht, daß Schriften ſich nicht auf dem Kap gezeigt hatte, bot Philipp einen neuen Gegenſtand zum Nachdenken. Der Leſer weiß, daß unſer Held ſtets etwas Uebernatürliches an dem Manne zu finden glaubte, und ſeine Muthmaßung fand in dem Berichte des Anſiedlers eine neue Bekräftigung. Wir müſſen nun die Friſt von zwei Monaten überſpringen, während welcher Zeit die Matroſen von den Anſiedlern ſehr wohl⸗ wollend behandelt wurden. Endlich langte eine kleine Brigg in der Bai an, um Erfriſchungen einzunehmen; ſie war mit voller Ladung auf dem Heimweg begriffen, und da ſie im Dienſte der Compagnie ſtand, ſo durfte ſie ſich nicht weigern, die Mannſchaft der Vrow Katharina an Bord zu nehmen. Philipp, Krantz und die Matroſen ſchifften ſich ein; aber Kapitän Barentz blieb zurück, um ſich am Kap einen Herd zu gründen. „Warun ſollte ich auch nach Hauſe gehen?“ ſagte er zu Phi⸗ lipp, welcher ihm Vorſtellungen machte,„da ich dort nichts mehr zu ſuchen habe? Ich bin ohne Weib und Kinder— hatte nur einen einzigen theuren Gegenſtand, meine Vrow Katharina, die mir Weib, Kind und Alles war— ſie iſt dahin, und ich werde nie ein anderes 238 Schiff finden, das ihr gleicht. Und wenn auch, ſo könnte ich es doch nicht ſo lieben, wie ich ſie liebte. Nein, alle meine Neigungen ſind mit ihr begraben— liegen eingebettet in der Tiefe des Meeres. Wie ſchön ſie brannte! Wie ein Phönix ging ſie aus der Welt— ein Name, den ſie eigentlich hätte tragen ſollen, da ſie ihn verdient. Nein, nein, ich will ihr treu ſein, will mir mein kleines Vermögen nachbringen laſſen und ihrem Grabe ſo nahe als möglich bleiben. So lange ich lebe, werde ich ſie nie vergeſſen; ich will trauern über ſie, und wenn ich ſterbe, wird man den Namen„Brow Katharina’ in meinem Herzen eingegraben finden.“ Philipp konnte ſich im Geheim des Wunſches nicht erwehren, er möchte ſeine Neigung einem verdienſtvolleren Gegenſtand zuge⸗ wendet haben, da in dieſem Falle der tragiſche Verluſt wahrſcheinlich nicht ſtattgehabt haben würde; er änderte jedoch den Gegenſtand, da Kapitän Barentz kein Seemann war und deßhalb weit beſſer am Lande blieb, als wenn er abermals den Befehl eines Schiffes über⸗ nahm. Sie drückten ſich die Hände und ſchieden— Philipp mit dem Verſprechen, das Geld des Kapitäns in Güter umzuwandeln, die für einen Anſiedler nützlich wären, und ſie mit der erſten Flotte nachzuſchicken, welche aus dem Zuyder Zee ausfahren würde. Unſer Held war jedoch nicht ſo glücklich, dieſen Auftrag vollziehen zu können. Die Brigg, welche Wilhelmina hieß, fuhr aus und langte bald zu St. Helena an. Nachdem ſie Waſſer eingenommen, ſetzte ſie ihre Fahrt fort. An den weſtlichen Inſeln landeten ſie wieder, und Philipp tröſtete ſich bereits mit der ſüßen Hoffnung, bald ſeine Amine in die Arme zu ſchließen, als im Norden von den Azoren ein wüthender Sturm ausbrach, vor welchem ſie viele Tage, den Schiffs⸗ ſchnabel nach Südoſt gedreht, lenßen mußten. Als der Wind nach⸗ ließ und ſie umzuholen vermochten, trafen ſie mit einer aus fünf Schiffen beſtehenden holländiſchen Flotte zuſammen, die von einem Admirale befehligt wurde. Letzterer hatte Amſterdam vor mehr als zwei Monaten verlaſſen und war während dieſer Zeit faſt 239 ununterbrochen vom widrigen Winde hin⸗ und hergeworfen worden. Kälte, Anſtrengung und ſchlechter Mundvorrath hatten den Scorbut erzeugt, und die Schiffe waren ſo ſchwach bemannt, daß ſie kaum fortzukommen vermochten. Als der Kapitän der Wilhelmina dem Admiral berichtete, er habe einen Theil von der Mannſchaft der Brow Katharina an Bord, ertheilte Letzterer Befehl, dieſelbe unver⸗ weilt zu Lenkung ſeiner verkümmerten Fahrzeuge abzuliefern. Alle Vorſtellungen waren vergeblich. Philipp hatte nur noch Zeit, an Amine zu ſchreiben und ihr ſein Mißgeſchick, wie auch ſeine ge⸗ täuſchten Hoffnungen mitzutheilen. Mit dem Brief an ſeine Gattin übergab er auch dem Kapitän der Wilhelmina einen Bericht an die Direktoren, den Verluſt der Vrow Katharina betreffend, packte dann ſeine Effekten und begab ſich mit Krantz und ſeinen Matroſen an Bord des Admiralſchiffes. Dazu kamen noch ſechs Mann, welche der Admiral von der Wilhelmina preßte, worauf die Brigg, nach⸗ dem ſie die Depeſchen des Admirals in Empfang genommen, ihre Fahrt fortſetzen durfte. Nichts iſt einem Matroſen ärgerlicher, als wenn er ſich uner⸗ wartet gezwungen ſieht, nach vielen Gefahren wieder vorne anzu⸗ fangen, und zwar zu einer Zeit, in welcher er ſich bereits dem ſüßen Vorgefühle hingibt, von den erſtandenen auszuruhen— und doch, wie oft kömmt dieß nicht vor! Philipp war ſehr niedergeſchlagen. „'s iſt übrigens meine Beſtimmung,“ dachte er mit den Worten ſeiner Amine,„und warum ſollte ich mich ihr nicht unterwerfen? Krantz wüthete und die Matroſen zeigten meuteriſche Geſinnungen — aber vergeblich. Auf dem weiten Meere, wo keine Appellation ſtattfindet, geht Gewalt vor dem Recht— an welchen Richterſtuhl könnte man ſich auch wenden?“. So hart übrigens auch die Maßregel erſchien, handelte der Ad⸗ miral doch ganz nach ſeiner Befugniß. Die wenigen Matroſen, die ihren Dienſt noch zu beſorgen im Stande waren, vermochten die Schiffe kaum zu lenken, und der kleine Zuwachs phyſiſcher Kräfte 240 konnte das Mittel werden, Hunderte zu retten, die jetzt hülflos in ihren Hängematten lagen. Von den zweihundertundfünfzig Mann, welche in dem Admiralſchiff„der Löwe“ von Amſterdam ausgeſegelt waren, konnten kaum ſiebenzig Dienſt thun und die übrigen Schiffe hatten in gleichem Grade gelitten. Der erſte Kapitän„des Löwen“ war todt, der zweite Kapitän lag in ſeiner Hängematte, und der Admiral hatte keinen andern Beiſtand, als die Maten des Schiffes, von denen einige gleichfalls mehr todt als lebendig herumkrochen. Das zweite Schiff„der Dort“ befand ſich in einem noch kläglicheren Zuſtande. Der Kommodore war todt und der erſte Kapitän, der noch immer ſeinen Dienſt verſah, hatte nur noch einen einzigen verfügbaren Offizier auf dem Decke. Der Admiral berief Philipp nach ſeiner Kajüte, ließ ſich von ihm die Geſchicht des Untergangs der Vrow Katharina erzählen und be⸗ orderte ihn, in der Eigenſchaft eines Kapitäns auf das Kommodore⸗ ſchiff zu gehen, indem er dem andern Kapitän den Rang eines Kommo⸗ dore verlieh. Krantz wurde als zweiter Kapitän auf dem Admiralſchiff zurückbehalten, denn der Befehlshaber entnahm aus Philipps Erzäh⸗ lung, daß ſowohl er als ſein Mate tüchtige Offiziere waren. Achtzehntes Kapitel. Die Flotte unter Admiral Rymelandt's Kommando hatte den Auftrag, vermittelſt einer weſtlichen Fahrt durch die Magelhaens⸗ Straße nach Oſtindien zu ziehen, denn trotz der früheren fehlge⸗ ſchlagenen Verſuche glaubte man, daß dieſe Route mit weniger Hinderniſſen verbunden ſei und die Reiſe nach den Gewürzinſeln in kürzerer Friſt möglich mache. Ddie Fahrzeuge, aus denen die Flotte beſtand, waren das mit vierundvierzig Kanonen verſehene Admiralſchiff,„der Löwe,“ das 241 Schiff des Kommodore, der„Dort“ geheißen, mit ſechsunddreißig Kanonen, auf welchem Philipp angeſtellt war, die„Zuyder Zee“ mit zwanzig, die„junge Frau“ mit zwölf und der„Schevelling“, eine Kedſch, mit vier Geſchützſtücken. Die Mannſchaft der Vrow Katharine wurde zwiſchen die bei⸗ den größeren Schiffe getheilt, da ſich die kleineren mit weni⸗ ger Händen lenken ließen. Nachdem alle Vorbereitungen getrof⸗ fen waren, wurden die Boote aufgehißt und die Schiffe begannen auf's Neue ihre Fahrt. Zehn Tage lang wurden ſie durch leichte Winde geneckt, und die Opfer des Scharbocks erhielten an Bord des Dort einen beträchtlichen Zuwachs. Viele ſtarben und wurden über Bord geworfen, während wieder Andere nach den Hängemat⸗ ten gebracht werden mußten. 3 Der neuernannte Kommodore, der Avenhorn hieß, ging an Bord des Admiralſchiffs, um die Sachlage zu berichten und, Phi⸗ lipps Weiſung gemäß, den Vorſchlag zu machen, daß ſie an der Küſte von Südamerika landen und verſuchen ſollten, ob es ihnen nicht durch Beſtechung oder Gewalt gelänge, von den Spaniern oder den Eingeborenen friſchen Mundvorrath zu erhalten. Hievon wollte jedoch der Admiral nichts hören. Er war ein befehlshaberiſcher, kühner und ſarrköpfiger Mann, der ſich durch keine Gründe über⸗ zeugen laſſen wollte und kein Mitgefühl für die Leiden Anderer beſaß. Jedem Rathe feind, verwarf er augenblicklich einen Vor⸗ ſchlag, der, wenn er in ihm ſelbſt ſeinen Urſprung genommen hätte, wahrſcheinlich auf der Stelle befolgt worden wäre, und der Kom⸗ modore kehrte nicht nur mit getäuſchten Hoffnungen, ſondern auch höchlich entrüſtet über die gegen ihn gebrauchte Sprache an den Bord ſeines Schiffes zurück. „Was können wir thun, Kapitän Vanderdecken? Ihr kennt un⸗ ſere Lage zu gut— es iſt unmöglich, noch lange die See zu halten, und wenn wir's thun, müſſen wir das Schiff auf Gnade und Ungnade Marryat. Der fliegende Holländer. 4 16G 242 den Wellen überlaſſen, während die Mannſchaft einen elenden Tod in ihren Hängematten ſtirbt. Wir haben jetzt nur noch vierzig Mann, die in zehn Tagen wahrſcheinlich auf zwanzig verkürzt ſind, denn je ſtrenger die Arbeit wird, deſto ſchneller ſchwinden uns die Leute dahin. Wäre es nicht beſſer, unſer Leben in einem Kampfe mit den Spa⸗ 8 niern zu wagen, als daß wir hier wie kranke Schafe dahinſterben?“ „Ich bin vollkommen Eurer Anſicht, Kommodore, antwortete Philipp; aber wir müſſen der Ordre Gehorſam leiſten. Der Ad⸗ miral iſt ein unbeugſamer Mann.“ 3 „Und ein Grauſamer obendrein. Ich habe gute Luſt, ihn dieſe Nacht noch zu verlaſſen, und wenn er mir eine Schuld aufbürdet, werde ich mich nach meiner Rückkehr wohl vor den Direktoren zu rechtfertigen wiſſen.“ 3 „Handelt nicht übereilt— vielleicht wird er doch die Noth⸗ wendigkeit einſehen, Eurem Rathe zu folgen, wenn er findet, daß ſeine eigene Mannſchaft mit jedem Tage mehr und mehr geſchwächt wird.“ Eine weitere Woche entſchwand und die Flotte war nur wenig vorwärts gekommen. Die Krankheit hatte in jedem Schiffe ernſt⸗ lichere Verheerungen angerichtet, und auf dem Dort befanden ſich, wie der Kommodore vorausgeſagt hatte, nur noch zwanzig dienſtfähige Matroſen. Aber auch das Admiralsſchiff und die übrigen Fahrzeuge hatten in gleichem Grade gelitten. Der Kommodore begab ſich deß⸗ halb auf’s Neue an Bord, um ſeinen Vorſchlag zu wiederholen. Admiral Rymelandt war nicht nur ein finſterer, ſondern auch ein tückiſcher Mann. Er ſah wohl die Zweckmäßigkeit des vom zwei⸗ ten Befehlshaber angedeuteten Rathes ein, mochte ihm aber keine Folge geben, da er ihn ſchon einmal zurückgewieſen hatte. Zugleich faßte er einen Groll gegen den Kommodore, deſſen Vorſchlag er ent⸗ weder annehmen, oder auf die Schritte verzichten mußte, die doch ſo nothwendig für die Erhaltung ſeiner Mannſchaft und für den Er⸗ folg der Reiſe waren. Zu ſtolz, um ſeinen Irrthum einzugeſtehen, gab 1 4 243 er abermals eine entſchieden abſchlägige Antwort, und der Kommodore ging nach ſeinem Schiffe zurück. Die Flotte war damals etwa drei Tagereiſen von der Küſte entfernt und ſteuerte ſüdlich nach der Straße von Magelhae. In derſelbigen Nacht aber, ſobald ſich Philipp nach ſeiner Hängematte begeben hatte, erſchien der Kommodore auf dem Verdeck und befahl, daß der Kurs des Schiffes um einige Striche weſtwärts geändert werden ſolle. Die Nacht war ſehr dunkel, und da nur der Löwe eine Laterne auf der Hütte führte, ſo wurde das Entweichen des Dorts weder von dem Admirale noch von den übri⸗ gen Schiffen der Flotte bemerkt. Als Philipp am andern Morgen auf dem Decke erſchien, fand er, daß die Geleitsſchiffe außer Sicht waren. Er blickte auf den Kompaß, bemerkte die Aenderung des Kurſes und fragte, wann und auf weſſen Geheiß dies geſchehen ſei. Gegen die Maßregel ſeines vorgeſetzten Offiziers konnte er natürlich nichts ein⸗ wenden, und als der Kommodore auf dem Decke erſchien, theilte dieſer unſerem Helden mit, er habe ſich für befugt gehalten, den Befehlen des Admirals nicht zu entſprechen, da er dadurch nur die ganze Schiffsmannſchaft geopfert haben würde— ein Grund, mit dem es allerdings ſeine volle Richtigkeit hatte. 3 Nach zwei Tagen trafen ſie Land an, und als ſie auf die Küſte zulie⸗ fen, bemerkten ſie eine große Stadt und Spanier an dem Geſtade. Sie ankerten an der Mündung eines Fluſſes und entfalteten die engliſche Flagge, worauf ein Boot heran kam, um zu fragen, wer ſie wären und was ſie verlangten. Der Kommodore kannte den Haß der Spanier ge⸗ gen die Holländer und wußte wohl, daß er, wenn der Charakter ſeines Schiffes bekannt würde, nur durch Gewalt Mundvorrath zu erlangen hoffen durfte; er bezeichnete daher ſein Fahrzeug als ein engliſches Schiff, das mit einem geſtrandeten Spanier zuſammengetroffen ſei und die vom Scharbock behaftete Mannſchaft deſſelben an Bord ge⸗ nommen habo, weil er es für grauſam gehalten, ſo Viele ſeiner Mitmen⸗ ſchen zu Grunde gehen zu laſſen; die Kranken lägen in der Hängematte, und er ſelbſt ſei von ſeinem Kurſe ſo weit abgewichen, um ſie an dem 16* 244 erſten ſpaniſchen Fort an's Land zu ſetzen. Dann bat er, man möchte doch unverweilt Gemüſe und friſchen Mundvorrath für die Patienten an Bord ſchicken, da dieſelben nur unter Lebensgefahr gelandet wer⸗ den könnten, wenn ſie nicht zuvor einige Tage durch kräftige Nah⸗ rung geſtärkt wären; auch hoffe er, der Gouverneur werde zum Dank für die Beihülfe, welche man ſeinen Landsleuten geleiſtet habe, die Mannſchaft des Schiffes nicht vergeſſen. Dieſes wohlerſonnene Mährlein wurde durch den Offizier, den der ſpaniſche Gouverneur an Bord geſchickt hatte, beſtätigt. Man forderte ihn nämlich auf, hinunterzugehen und die Kranken zu be⸗ ſichtigen; der Anblick ſo vieler armen Teufel im entwickeltſten Sta⸗ dium dieſer furchtbaren Krankheit.— die Zähne ausgefallen, das Zahnfleiſch geſchwürig, die Körper voll Beulen und Schwären— Alles dies reichte zu; er eilte von dem unteren Decke herauf, als * wäre es ein Beinhaus, begab ſich haſtig an's Ufer und erſtattete ſeinen Bericht. In zwei Stunden langte ein großes Boot mit friſchem Rind⸗ fleiſch und grünen Gemüſen an, welche die Bedürfniſſe der Schiffs⸗ mannſchaft für drei Tage befriedigen konnten und alsbald unter die Leute vertheilt wurden. Der Kommodore ſchrieb einen Dankſa⸗ gungsbrief, indem er das Unterlaſſen eines perſönlichen Beſuches mit Unpäßlichkeit entſchuldigte, und fügte eine Liſte der angeblich an Bord befindlichen Spanier bei, unter denen er einige Offiziere und angeſehene Leute namhaft machte, die, wie er glaubte, mit der Familie des Gouverneurs verwandt ſein konnten, denn er hatte den Namen und den Titel des Letzteren von den an Bord geſchickten Boten erfahren. Der Holländer kannte nämlich die Mehrzahl der ſpaniſchen Adelsfamlien gut und wußte wohl, daß vor der Unab⸗ hängigkeitserklärung der transatlantiſchen Provinzen häufige Hei⸗ rathsverbindungen zwiſchen den Granden der alten und neuen Welt ſtattfanden. Der Kommodore ſchloß ſeinen Brief mit der Hoffnung, er werde in ein paar Tagen im Stande ſein, dem Gouverneur 245 perſönlich ſeine Hochachtung zu bezeugen und die Kranken an's Land zu ſchicken, da er ſehnlichſt verlange, ſeine Entdeckungsreiſe fortzuſetzen. 3 Am dritten Tage wurde friſcher Mundvorrath an Bord ge⸗ ſchafft, und bald darauf begab ſich der Kommodore in engliſcher Uniform an's Ufer, um dem Gouverneur ſeine Aufwartung zu machen; er erſtattete ihm einen ausführlichen Bericht über die an⸗ geblichen Leiden der Geretteten und wurde mit ihm einig, daß ſie nach zwei Tagen an's Land gebracht werden ſollten, da ſie nach dieſer Zeit wohl genug ſein dürften, um fortgeſchafft werden zu können. Nach vielen Komplimenten kehrte er wieder an Bord zu⸗ rück. Der Gouverneur gab ihm ſeine Abſicht zu erkennen, am an⸗ dern Tage, falls das Wetter nicht zu ungünſtig ſei, ſeinen Beſuch zu erwiedern— ein Verſprechen, das er jedoch erſt am dritte Tage einhielt. Dies war es übrigens gerade, was der Kommo⸗ dore wünſchte.. Wohl keine Krankheit iſt ſo furchtbar oder ſo raſch in ihren Wirkungen auf den menſchlichen Körper, zugleich aber auch ſo ſchnell wieder gezügelt, als der Scharbock, im Falle das Gegenmit⸗ tel beigeſchafft werden kann. Wenige Tage waren hinreichend, um diejenigen, welche ſich nicht einmal in ihren Hängematten umdrehen konnten, zu ihrer früheren Kraft wieder herzuſtellen. Im Laufe der genannten ſechs Tage war faſt ſämmtliche Mannſchaft des Dort convalescent und im Stande, auf dem Decke umherzugehen, obgleich von einer völligen Kur noch keine Rede war. Der Kommodore erwartete die Ankunft des Gouverneurs und empfing ihn mit allen gebührenden Ehren, erklärte ihm aber, ſobald er ſeinen Gaſt in der Kajüte hatte, mit großer Höflichkeit, daß er und alle ſeine Offiziere Gefangene ſeien; denn das Fahrzeug ſei ein holländiſches Kriegs⸗ ſchiff und nicht Spanier, ſondern ſeine eigenen Leute hätten an Skorbut faſt auf den Tod krank gelegen. Dieſer Erklärung fügte er jedoch die tröſtliche Bemerkung bei, er habe es für paſſender ge⸗ 246 halten, ſich durch dieſe Kriegsliſt, als durch Gewalt, die auf beiden Seiten viele Leben gekoſtet haben würde, den nöthigen Mundvorrath zu verſchaffen. Seiner Excellenz Gefangenſchaft werde daher nicht länger dauern, als bis er eine hinreichende Zahl lebendiger Ochſen und friſcher Pflanzenſtoffe an Bord habe, um die Wiederherſtellung ſeiner Leute zu vervollſtändigen— in der Zwiſchenzeit aber ſolle ihm nicht die mindeſte Unbill zu Theil werden. Der ſpaniſche Gouverneur blickte zuerſt auf den Kommodore, dann auf die Reihe gewaffneter Männer an der Kajütenthüre und endlich auf die ziemlich entfernte Stadt; dabei mochte er auch die Möglichkeit in's Auge faſſen, daß er mit in die See hinausgenommen werden könnte. In Erwägung aller dieſer Punkte und in Anbetracht des mäßigen Löſegeldes, welches verlangt wurde, da in jener Gegend ein Ochſe los mit einem Dollar bezahlt wird, beſchloß er, aus der Noth eine Tugend zu machen und ſich in die Bedingung des Kommodore zu fügen. Er ließ ſich Feder und Tinte reichen und ſchrieb einen Be⸗ fehl, daß man unverweilt das Geforderte an Bord bringe. Noch vor Sonnenuntergang wurden die Stiere und Gemüſe herbeigeſchafft. Sobald die belaſteten Boote neben dem Dort lagen, geleitete der Kommodore ſeinen vornehmen Gefangenen unter vielen Verbeugun⸗ gen und Dankesergüſſen nach der Laufplanke und bekomplimentirte ihn noch, wie bei ſeiner Ankunft, mit einem Salvo des großen Geſchützes. Die Leute an der Küſte meinten, Sr. Excellenz habe einen langen Beſuch gemacht; da er aber nicht zugeſtehen mochte, daß er ſich hatte hinter's Licht führen laſſen, ſo durfte, wenigſtens in ſeinem Beiſein, die Sache nicht zur Sprache gebracht werden, obgleich ſie bald allgemein ruchbar wurde. Nachdem die Boote geleert waren, lichtete der Kommodore die Anker und ſtach in die See, wohl zufrieden, daß er auf dieſe Weiſe die Rettung ſeiner Schiffsmannſchaft hatte bewerkſtelligen können. Für den Fall einer Trennung der Flotte waren die Falk⸗ landsinſeln zum Sammelplatze beſtimmt worden. Nach vierzehn —— — Tagen langte er daſelbſt an, ohne jedoch den Admiral vorzufinden. Seine Mannſchaft war jetzt wieder völlig geneſen und ſein friſches Fleiſch noch nicht ganz verbraucht, als ſich endlich der Löwe und die drei anderen Schiffe in offener See blicken ließen. Es ſchien, daß der Admiral unmittelbar nach der Entweichung des Dort von dem Rathe des Kommodore Gebrauch gemacht hatte und auf die Küſte zugelaufen war, ohne jedoch ſo glücklich zu ſein, wie ſein unterge⸗ ordneter Offizier. Er hatte nämlich von allen vier Fahrzeugen eine gewaffnete Macht an's Land geworfen und zwar einige Stücke Vieh erbeutet, dabei aber ebenſo viele Leute verloren. Zugleich ſammel⸗ ten ſie eine große Menge unterſchiedlicher Vegetabilien, die ſie an Bord brachten und mit gutem Nutzen unter die Kranken vertheilten, welche allmälig wiedergenaſen. Sobald der Admiral Anker geworfen hatte, beſchied er durch ein Signal den Kommodore an Bord und nahm ihn wegen ſeines Ungehorſams in's Verhör. Der Kommo⸗ dore zog nicht in Abrede, daß er die Flotte abſichtlich verlaſſen habe, entſchuldigte ſich aber mit der Nothwendigkeit und erbot ſich, nach der Rückkehr die ganze Sache dem Direktorenhofe vorzulegen. Der Admirat war jedoch mit der ausgedehnteſten Gewalt bekleidet und hatte das Recht, nicht nur jede Perſon, die ſich der Meuterei und Inſubordination ſchuldig machte, vor Gericht zu ſtellen, ſon⸗ dern auch zu verurtheilen und zu ſtrafen. Er ließ daher den Kommodore in Eiſen legen und unter das Halbdeck bringen. Sodann wurden ſämmtliche Kapitäne zuſammenberufen, unter denen ſich natürlich auch Philipp befand. Nachdem ſie an Bord des Löwen eingetroffen waren, hielt der Admiral ein ſummariſches Kriegsgericht und bewies durch ſeine Inſtruktionen, daß er zu einem derartigen Schritte ermächtigt ſei. Das Ergebniß des Gerichtes konnte nur ein einziges ſein— Verurtheilung wegen Ungehorſams, welche Philipp, ſehr gegen ſeinen Willen, mit Unterzeichnung ſei⸗ nes Namens bekräftigen mußte. Der Admiral ernannte ſodann unſern Helden zum Zweiten im Kommando, mit dem Wimpe 248 Kommodore— ſehr zum Verdruſſe der Kapitäne auf den übrigen Schiffen— obſchon er in dieſem Schritte ſein geſundes Urtheil erwies, da keiner der Letzteren der Aufgabe ſo gewachſen war, wie Philipp. Nachdem dies geſchehen war, wurden die Offiziere ent⸗ laſſen. Philipp hätte gerne den vormaligen Kommodore geſprochen, wurde aber durch die Schildwache daran gehindert, weil ihr dies durch die Ordre verboten war; unſer Held ſah ſich daher genöthigt, den Gefangenen zu verlaſſen, indem er ihn nur mit einem freund⸗ lichen Kopfnicken begrüßen durfte. Die Flotte blieb drei Wochen an den Falklandsinſeln, um die Mannſchaft ſich erholen zu laſſen. Friſches Ochſenfleiſch war nicht zu haben, dagegen aber ein reich⸗ licher Vorrath von Skorbutkraut und Penguinen. Letztere Vögel fanden ſich an einzelnen Stellen der Inſel myriadenweiſe, und die Stellen, wo ſie aus Schlamm ihre Neſter bauten, wurden Städte genannt. Sie ſaßen da dicht bei einander auf einer grasloſen Fläche, bebrüteten ihre Eier und zogen ihre Jungen auf. Die Matroſen konnten ſich hier Eier und Vögel auswählen, ſo viel ſie nur wollten, denn die Zahl war ſo ungeheurer, daß nach einer ſehr ergiebigen Jagd auch nicht die geringſte Verminderung bemerklich wurde. Dieſe Nahrung wollte zwar den Gaumen der Seeleute auf die Dauer nicht ſonderlich behagen, hatte aber doch die Wirkung, ihre Geſundheit wieder herzuſtellen, und ehe die Flotte wieder aus⸗ ſegelte, war auch nicht ein einziger Skorbutkranker mehr an Bord. In der Zwiſchenzeit verblieb der Kommodore fortwährend in Feſſeln, und man trug ſich mit unterſchiedlichen Muthmaßungen über ſein endliches Schickſal. Es war zwar bekannt, daß der Ad⸗ miral Gewalt über Leben und Tod hatte, aber dennoch glaubte Niemand, daß er ſeine Vollmacht gegen einen Delinquenten von ſo hohem Range ausüben könnte. Die übrigen Kapitäne hielten ſich von Philipp fern, weßhalb derſelbe die allgemeine Stimmung nur penig kannte. An Bord des Admiralſchiffes wagte er es hin und Frage zur Sprache zu bringen, wurde aber augenblick⸗ — 249 lich zum Schweigen verwieſen; auch mochte er nicht durch Zudring⸗ lichkeit dem vormaligen Kommodore, gegen den er eine hohe Ach⸗ tung hegte, ſchaden. Endlich ſegelte die Flotte nach der Magelhaens⸗ ſtraße ab, ohne daß Jemand eine Ahnung hatte, auf was es mit dem Kriegsgerichte hinauslaufen möchte. Vierzehn Tage nach dem Aufbruche von den Falklandsinſeln langten ſie in der Meerenge an. Der Wind war anfangs günſtig und ſie legten die Hälfte der Straße zurück; dann aber hatten ſie nicht nur mit Gegenwind, ſon⸗ dern auch mit einer widrigen Strömung zu kämpfen, und ſie ver⸗ loren mit jedem Tage mehr von ihrem Grunde. In Folge der An⸗ ſtrengung und der Kälte begannen auch die Matroſen zu erkranken. Ob nun der Admiral ſchon früher ſeinen Entſchluß gefaßt hatte, oder ob ihn die fruchtloſen Bemühungen zur Fortſetzung der Reiſe aufbrachten, wiſſen wir nicht zu ſagen; wir beſchränken uns daher auf die Angabe, daß er nach einem dreiwöchentlichen vergeblichen Kampfe gegen Wind und Strömungen beilegte, ſämmtliche Kapitäne an Bord beſchied und nun die Beſtrafung des Gefangenen zur Sprache brachte: derſelbe ſollte nämlich maronirt, das heißt mit eintägigem Mundvorrathe an einem Lande ausgeſetzt werden, wo ihm alle Mittel benommen waren, ſeinen Unterhalt zu friſten, er alſo eines elendiglichen Hungertodes ſterben mußte. Dies war eine Beſtrafung, welche in jener Periode, ſo viel aus den damaligen Reiſeberichten erhellt, von den Holländern häufig in Anwendung gebracht wurde, obgleich ſie wohl ſelten oder nie an einem Manne vollſtreckt wurde, der den hohen Rang eines Kommodore bekleidete. Philipp proteſtirte augenblicklich dagegen, und Krant folgte ſei⸗ nem Beiſpiele, obgleich beide recht wohl wußten, daß ſie ſich da⸗ durch den Admiral zum Feinde machten; die übrigen Kapitäne je⸗ doch, welche die beiden Fremdlinge mit eiferſüchtigem Auge und als Hemmſteine für ihr eigenes Avancement betrachteten, ſchlugen ſich auf die Seite des Oberbefehlshabers. Aber trotz dieſer Majorität hielt es Philipp für ſeine Pflicht, Vorſtellungen zu machen. „ 250 „Ihr wißt wohl, Admiral,“ ſagte er,„daß ich die Verurthei⸗ lung wegen Ungehorſams mitunterzeichnete; demungeachtet aber ſind wichtige Milderungsgründe vorhanden. Er wich von ſeiner Ordre ab, um ſeine Schiffsmannſchaft zu retten, und hat dabei richtig geurtheilt, wie Ihr ſelbſt bewieſen habt, indem Ihr die gleiche Maßregel im Intereſſe Eurer Leute in Anwendung brachtet. Straft daher ein Vergehen, das jedenfalls zweifelhaft erſcheint, nicht mit ſolcher Grauſamkeit, und überlaßt die Entſcheidung der Compagnie, indem Ihr den Gefangenen alsbald nach Eurer Ankunft in Indien nach Hauſe ſchickt. Durch den Verluſt ſeines Commando's iſt er hinreichend geſtraft, und was Ihr ihm weiter auferlegt, wird man mehr dem Gefühle der Rachſucht, als dem Gerechtigkeitsſinne zu⸗ ſchreiben. Außerdem, welches Glück können wir hoffen, wenn wir keeinen derartigen barbariſchen Akt begehen, und wie dürfen wir er⸗ warten, die Vorſehung werde uns gegen Wind und Wellen ſchützen, wenn wir alſo gegen uns ſelber wüthen?“ Philipps Gründe fruchteten jedoch nichts. Der Admiral be⸗ fahl ihm, an Bord ſeines Schiffes zurückzukehren, und würde ihn wohl auch ſeines Commando's beraubt haben, wenn er dafür einen beſchönigenden Vorwand hätte auffinden können. Dies ging übri⸗ gens nicht wohl an, obſchon Philipp bald entdeckte, daß der Ad⸗ miral von Stunde an ſein Todfeind war. Der Kommodore wurde ſeiner Feſſeln entledigt und nach der Kajüte gebracht, wo man ihm ſein Urtheil verkündete. „Sei es drum, Admiral,“ verſetzte Avenhorn,„denn ich weiß wohl, daß es Nichts nützen würde, Euch von Eurem vorgefaßten Entſchluſſe abbringen zu wollen. Nicht wegen Ungehorſams gegen die Befehle werde ich geſtraft, ſondern weil ich durch mein Abwei⸗ chen von der Ordre Euch auf Eure Pflicht aufmerkſam machte— auf eine Pflicht, zu der Euch ſpäter die Nothwendigkeit zwang. Wie dem übrigens ſein mag, laßt immerhin mich auf dieſem ſchwarzen Felſen ohne Rettung zu Grunde gehen und meine Gebeine —— ——— — 251 bleichen in dem kalten Sturmwinde, der über die Oede hinſaust; aber hört auf meine Worte, grauſamer und rachſüchtiger Mann! Ich werde nicht der Einzige ſein, der hier vermodert, und ich pro⸗ phezeie Euch, daß viele Andere mein Geſchick theilen werden. Ja, wenn ich nicht ſehr irre, Admiral, ſo werdet Ihr auch unter die Zahl derjenigen gehören, die an meiner Seite liegen.“ Der Admiral antwortete nicht, ſondern deutete nur durch ein Zeichen an, daß der Gefangene entfernt werden ſolle. Er hielt dann eine Berathung mit den Kapitänen der drei kleineren Schiffe, und da Letztere durch das ſchwere Segeln des Löwen aufgehalten worden wa⸗ ren, desgleichen der Dort von Philipp kommandirt wurde, ſo entſchied er, daß die Schiffe ſich trennen und ſo ſchnell als möglich nach Indien vorrücken, zuvor aber allen ihren entbehrlichen Mundvorrath an die größeren Schiffe abtreten ſollten, die bereits Noth zu leiden begannen. Nach Entfernung des Gefangenen hatte Philipp mit Krantz die Kajüte verlaſſen. Unſer Held ſchrieb nun ein paar Zeilen auf einen Papierſtreifen, des Inhalts:„Wenn ihr an's Land geſetzt ſeid, ſo verlaßt die Küſte nicht, bis Ihr die Schiffe aus dem Geſicht verloren habt,“ bat ſodann Krantz, die Gelegenheit zu erſehen, um das Billet dem Kommodore zuzuſtecken, und kehrte an Bord ſeines Schiffes zurück. Als die Matroſen des Dort von der Strafe hörten, welche ihrem alten Befehlshaber zuerkannt worden war, geriethen ſie ganz außer ſich. Sie fühlten, daß er ſich ſelbſt zum Opfer gebracht hatte, um ſie zu retten, und murrten über die Grauſamkeit des Admirals. Etwa eine Stunde nach Philipps Rückkehr zu ſeinem Schiffe wurde der Gefangene an's Land geſchickt und mit einem Mundvorrath für zwei Tage an der öden Felſenküſte ausgeſetzt. Kein Kleidungsſtück außer ſeinem gewöhnlichen Anzuge, und ebenſowenig die Werkzeuge, um ſich Licht zu ſchlagen, wurden ihm zugeſtanden. Das Boot fuhr wieder ab, und die Leute durften ihm nicht einmal Lebewohl ſagen. Wie Philipp erwartet hatte, blieb die Flotte liegen; der über⸗ flüſſige Mundvorrath der kleineren Schiffe wurde an die größeren N 252 geſchafft, und die Verkehrungen nahmen erſt mit Einbruch der Nacht ihr Ende. Dieſe Gelegenheit durfte man nicht verlieren. Philipp wußte zwar wohl, daß er geſetzwidrig handelte, kehrte ſich jedoch nicht daran, denn er glaubte, ſeine Schritte würden nicht zum Ohr des Admirals gelangen, da die Mannſchaft des Dorts ſowohl ihm als dem Kommodore ſehr zugethan war. Er trug einem Seemann, auf den er bauen konnte, auf, ein paar Musketen, eine Quantität Muni⸗ tion, mehrere Decken und unterſchiedliche andere Gegenſtände, desglei⸗ chen auch Mundvorrath für zwei oder drei Monate in eines der Boote zu ſchaffen, dann aber im Schutze der Nacht an's Ufer zu rudern. Die Männer, welchen dieſe Sendung übertragen wurde, trafen den Kommo⸗ dore an der Küſte und verſahen ihn mit dem Nothwendigſten, worauf ſie nach ihrem Schiffe zurückkehrten, ohne daß der Admiral auch nur die mindeſte Ahnung von dem Geſchehenen gehabt hätte. Bald nach⸗ her brach die Flotte bei einem Winde auf, die Schnäbel von der Küſte abgekehrt. Am anderen Tage trennten ſich die kleineren Schiffe von ihren Begleitern, hatten mit Sonnenuntergang ſchon viele Meilen windwärts gewonnen und wurden daun nicht mehr geſehen. Der Admiral hatte Philipp rufen laſſen, um ihm ſeine Inſtruk⸗ tionen zu ertheilen; ſie waren ſehr ſtreng und augenſcheinlich darauf berechnet, dem Oberbefehlshaber mit der Zeit einen beſchönigenden Grund zu bieten, unſern Helden ſeines Kommandos zu berauben. Unter anderem lautete die Ordre, der Dort ſolle, da er viel weniger Waſſertracht habe, als das Admiralſchiff, im Laufe der Nacht voraus⸗ ſegeln, damit er dem Admirale in Zeiten Nachricht ertheilen könne, wenn ſie auf der Durchfahrt in zu ſeichtes Waſſer geriethen. Dieſe Auflage gab Anlaß, daß Philipp ſtets auf dem Decke war, ſobald ſie ſich auf irgend einer Seite zu weit dem Lande näherten. In der zweiten Nacht nach der Trennung der Flotte wurde Philipp auf's Deck berufen, weil ſie ſich der Küſte von Feuerland näherten. Er ſah eben zu, wie der Mann in den Puttingen das Loth auswarf, als ihm der Offtzier der Wache meldete, daß das Admiralſchiff vorn und —— ꝑ nicht in ihrem Sterne ſei. Philipp fragte, wann es an ihnen vorbei gekommen ſei, konnte aber keine Auskunft darüber erhalten, weß⸗ halb er ſich nach dem Vorderſchiffe begab und daſelbſt das Admiral⸗ ſchiff mit ſeinem Hüttenlichte entdeckte, das, wenn ſich der Löwe im Stern befand, nicht ſichtbar war. „Was mag das zu bedeuten haben?“ dachte Philipp.„Iſt der Admiral vielleicht vorausgeſchoſſen, um mir eine Vernachläſſigung meines Dienſtes zur Laſt legen zu können? Es muß wohl ſo ſein. Je nun, thue er, was ihm beliebt; er muß jetzt warten, bis wir in Indien anlangen, denn ich werde nicht zugeben, daß er mich gleich⸗ falls maronirt; auch möchte ich faſt glauben, daß ich mit meinen bedeutenden Aktien einen größeren Einfluß auf die Compagnie habe, als er. Gut; da er es für paſſend gehalten hat, voraus zu fahren, ſo habe ich Nichts zu thun, als zu folgen— ihr könnt aus den Puttingen wieder heraufkommen,“ rief er dem Mann mit dem Lothe zu. Philipp ſegelte vorwärts. Der Löwe war jetzt, dem Anſcheine nach, in großer Landnähe, obſchon ſich in der Dunkelheit nicht viel unterſcheiden ließ, und ſetzte zu Philipps großem Erſtaunen ſeinen Kurs fort, denn Letzterer glaubte bereits die Küſte durch die Finſter⸗ niß zu unterſcheiden. Seine Augen waren ohne Unterlaß auf das vorne ſegelnde Schiff gerichtet, und er erwartete jeden Augenblick, daß es umwenden würde; dies geſchah übrigens nicht, denn das Admiralſchiff ſetzte ſeinen Kurs fort und Philipp folgte ihm mit ſeinem eigenen Fahrzeuge. „Wir ſind ſehr nahe am Lande, Herr,“ bemerkte der Lieutenant Van der Hagen, welcher die Wache hatte. „So ſcheint mir's, der Admiral aber noch mehr, obſchon er tiefer im Waſſer geht, als wir,“ verſetzte Philipp. Ich meine die Felſen neben den Leeſpieren zu ſehen, Herr.“ „Ihr habt, glaube ich, Recht,“ entgegnete Philipp.„Ich kann ddies nicht begreifen., Hurtig um und eine Kanone in Bereit⸗ *** 3 254 ſchaft gehalten. Verlaßt Euch darauf, ſie glauben, wir ſeien ihnen voraus.“ Philißp hatte kaum dieſen Befehl ertheilt, als das Schiff ſchwer auf den Klippen aufſtieß. Unſer Held lief nach hinten und fand, daß das Steuer losgebrochen war, während der Dort unbeweglich aufſaß. Seine Gedanken kehrten ſodann zu dem Admiralſchiffe zu⸗ rück. War es vielleicht am Lande? Er eilte nach vorne; aber der Admiral ſegelte noch immer mit ſeinem Hüttenlichte in der Ent⸗ fernung von ungefähr zwei Kabellängen voraus. „Feuert die Kanone ab,“ rief Philipp über die Maaßen ver⸗ wirrt.— Das Gechütz wurde gelöst und alsbald folgte das Blitzen und der Knall einer andern Kanone dicht im Stern des Dort. Philipp 8 ſah erſtaunt über die Windvierung und bemerkte das Admiralsſchiff ddiicht hinter ſich, augenſcheinlich gleichfalls an der Küſte. „Barmherziger Himmel!“ rief Philipp, nach dem Vorderſchiffe ſtürzend,„was kann dies ſein?“ Er ſchaute nach dem andern Schiffe, das noch immer mit ſei⸗ nem Lichte voraus ſegelte und immer weiter abkam. Der Tag däm⸗ merte, und es war nun zureichend Licht vorhanden, um das Land zu unterſcheiden. Der Dort befand ſich auf fünfzig Ellen in Küſten⸗ nähe und war rings von hohen, zackigen Felſen umgeben; und doch ſegelte das vordere Schiff immer weiter, ſcheinbar über das Land hin. Die Matroſen ſammelten ſich in der Back und ſahen dem wun⸗ derbaren Phänomen nach, das ſich weiter und weiter aus ihrem Geſichtskreiſe zog. „Bei Allem, was heilig iſt, das iſt der fliegende Holländer!“ rief Einer von den Matroſen, von der Kanone herunterſpringend. 3 Kaum hatte der Mann dieſe Worte ausgeſprochen, als das Schhiff mit einemmale verſchwand. Philipp fühlte ſich von der Wahrheit dieſes Ausrufs überzeugt und begab ſich in einem ſehr verſtörten Zuſtande nach dem Hinter⸗ ☚ ——j 255 decke. Seines Vaters verhängnißvolles Schiff hatte ſie alſo in den wahrſcheinlichen Untergang gelockt. Er wußte kaum, wie er handeln ſollte. Dem Zorn des Admirals wollte er nicht augenblicklich ent⸗ gegentreten, weßhalb er den Offizier der Wache beauftragte, das Boot mit Leuten zu bemannen, welche ſeine Behauptung bekräfti⸗ gen könnten, und auf das Admiralſchiff zu gehen, um daſelbſt über das Vorgefallene Bericht zu erſtatten. Sobald das Boot abgefahren war, verwandte Philipp ſeine Aufmerkſamkeit auf den Zuſtand ſeines eigenen Schiffes. Es war heller geworden, und Philipp bemerkte jetzt, daß ſie zwiſchen zwei Riffen, die ſich eine halbe Meile weit in die See herein erſtreckten, auf den Strand gelaufen waren. Durch Sondiren entdeckte er, daß der Dort von vorn nach hin⸗ ten aufgeſeſſen war und nicht zu erwarten ſtand, daß er los kommen könne, wenn er nicht erleichtert würde. Als ſich unſer Held um⸗ wandte, entdeckte er, daß ſich das Admiralſchiff in einer eben ſo trau⸗ rigen, wo nicht ſchlimmeren Klemme befinde, da die Felſen im Lee über das Waſſer hervorragten und den Löwen in eine viel ſchlimmere Lage verſetzten, im Falle ungeſtüm Wetter eintrat. Vielleicht gab es nie einen traurigeren und ertödtenderen Anblick— eine dunkle, winterliche See— ein mit ſchweren Wolken behangener Himmel— der Wind kalt und ſchneidend— die ganze Küſtenlinie eine einzige Maſſe kahler Felſen ohne die geringſte Spur einer Vegetation! Das Binnenland bot einen eben ſo trübſeligen Anblick, und die höheren Punkte waren mit Schneekappen bedeckt, obgleich es nicht Winter war. Als Philipp das Auge an der Küſte hingleiten ließ, bemerkte er nicht vier Meilen leewärts die Stelle, wo der Kommodore aus⸗ geſetzt worden war; ſo geringe Fortſchritte hatten ſie im Laufe der Nacht gemacht. 8 Zuverläſſig iſt dies eine Strafe ſeiner Grauſamkeit! dachte Phi⸗ lipp, und die Prophezeihung des armen Avenhorn wird ſich erwah⸗ ren—„mehr Gebeine, als die ſeinigen ſollen auf dieſen Felſen blei⸗ ——— 256 chen.“ Er wandte ſich wieder nach der Stelle um, wo das Admi⸗ ralſchiff am Ufer lag und fuhr plötzlich zuſammen, denn er gewahrte jetzt einen Anblick, grauenhafter, als Alles, was ihm je vorgekom⸗ men— den Körper Van der Hagens, des Offtziers, welchen er auf das Admiralſchiff geſchickt hatte, der an der großen Nocke baumelte. „Mein Gott, iſt es möglich!“ rief Philipp voll Entrüſtung und Schmerz auf den Boden ſtampfend. Das Boot kehrte an Bord zurück, und unſer Held ſah ſeiner Ankunft mit Ungeduld entgegen. Die Matroſen eilten herauf und meldeten Philipp athemlos, der Admiral habe, ſobald er den Rapport des Lieutenants gehört, und von ihm vernommen, daß er der wach⸗ habende Offizier geweſen ſei, Befehl ertheilt, ihn zu hängen; ſie ſeien beauftragt, dem Kommandeur des Dort zu melden, daß er augen⸗ blicklich an Bord zu erſcheinen habe; auch hätten ſie geſehen, wie ein weiteres Tau an der anderen Nocke befeſtigt worden ſei. „Aber nicht für Euch, Herr,“ riefen die Matroſen;„das darf nicht geſchehen. Ihr ſollt nicht auf das Admiralſchiff, und wir wollen Euch mit unſerem Leben vertheidigen.“ Die ganze Schiffsmannſchaft äußerte ſich in derſelben Weiſe und erklärte, daß ſie entſchloſſen ſei, dem Admiral Widerſtand zu leiſten. Philipp dankte ihnen freundlich und verſicherte ihnen, daß er gar nicht daran denke, an Bord zu gehen, erſuchte ſie aber zu⸗ gleich, ſie möchten ſich ruhig verhalten, bis man gewiß wiſſe, welche Schritte der Admiral einzuſchlagen beabſichtige. Dann ging er nach ſeiner Kajüte hinunter, um zu überlegen, was weiter zu thun ſei. Während er zu dem Sternfenſter hinausſchaute und die Leiche des jungen Mannes noch immer im Winde ſchwingen ſah, wünſchte er faſt, an der Stelle des Todten zu ſein, damit doch ſein widriges Geſchick einmal zu Ende wäre; dann aber dachte er an Amine und fühlte, daß er um ihretwillen noch zu leben wünſchte. Daß das Geiſterſchiff ihn in den Untergang gelockt hatte, wurde ihm gleichfalls zu einer Quelle tiefen Schmerzens. Mit an die Schläfen gedrückten 4 — daß ich nach dem Morde dieſes un 257 Händen ſtellte er Betrachtungen an.„Doch es iſt meine Beſtim⸗ mung,“ dachte er endlich,„und der Wille des Himmels muß ge⸗ ſchehen; denn ohne deſſen Zulaſſung hätten wir nicht alſo getäuſcht werden können.“ Dann faßte er wieder ſeine gegenwärtige Lage in's Auge. Es war unläugbar, daß der Admiral durch das Bluturtheil über den jungen Mann ſeine Vollmacht überſchritten hatte, denn ob⸗ gleich ihm ſeine Inſtruktionen Macht über Leben und Tod ertheilten, ſollte eine Hinrichtung doch nur in Folge des vereinten Spruches der Flottenkäpitäne vollſtreckt werden können. Unſer Held fühlte ſich daher zum Widerſtande berechtigt, ohgleich ihn der Gedanke ſchwer beunruhigte, daß er hiedurch vielleicht zu vielem Blutvergießen An⸗ laß gab. Während er noch über ſeine weiteren Schritte mit ſich zu Rathe ging, wurde ihm gemeldet, daß ein Boot von dem Admiral⸗ ſchiffe abgeſtoßen ſei. Unſer Held begab ſich auf das Deck, um den Offizier zu empfangen, der die Befehle des Admirals überbrachte: ſie lauteten dahin, daß der Kommandeur des Dort ſich unverweilt an Bord des Löwen zu begeben, ſich als Gefangenen zu betrachten und ſeinen Degen abzuliefern habe.. „Nein! nein!“ rief die Mannſchaft des Kommodoreſchiffs.„Er geht nicht! wir wollen unſerem Kapitän Beiſtand leiſten bis auf's Aeußerſte.“ „Stille, ihr Männer! ſtille!“ rief Philipp. „Ihr werdet einſehen, Herr,“ fuhr er gegen den Offizier fort, „daß der Admiral in der grauſamen Strafe gegen jenen unſchuldi⸗ gen jungen Mann ſeine Vollmacht überſchritten hat, und ſo ſehr ich auch bedaure, wenn ſich hier Merkmale von Meuterei und Ungehor⸗ ſam zeigen, darf doch nicht vergeſſen werden, daß ein Befehlshaber, der ſeine Aufträge überſchreitet, ein ſchlimmes Beiſpiel und einen Entſchuldigungsgrund für diejenigen gibt, welche unter anderen Um⸗ ſtänden ihrer Pflicht getreu geblieben wären. Sagt dem Admiral, ſchuldigen Mannes entſchloſſen Marvyat. Der fliegende Holländer. 17 — 258 bin, mich nicht länger unter ſeine Befehle zu fügen, und daß ich mich ebenſo gut, als er, für mein Benehmen nur vor der Compagnie verantworten werde, der wir gemeinſchaftlich dienen. Ich habe nicht im Sinne, an Bord zu gehen und mich in ſeine Macht zu geben, damit er allenfalls durch meinen ſchimpflichen Tod ſeine Rachſucht befriedige. Es iſt eine Pflicht gegen meine Untergebenen, mein Le⸗ ben zu erhalten und Allem aufzubieten, um in dieſer Klemme wo möglich auch das ihrige zu retten; zugleich mögt Ihr beifügen, daß ein wenig Nachdenken ihn belehren müſſe, wie jetzt keine Zeit ſei zu einem gegenſeitigen Kriege, indem wir jetzt die ernſte Verpflichtung haben, uns mit allen unſern Kräften wechſelſeitig beizuſpringen. Wir find an einer öden Küſte geſtrandet, ohne für lange mit Mundvorrath verſehen zu ſein, und haben keine Ausſicht auf fremden Beſtand, des⸗ gleichen nur wenig Hoffnung, mit dem Leben davon zu kommen. Wie der Kommodore prophezeit hat, werden wohl Viele ſein trauriges Ende theilen— und ſogar der Admiral wird wahrſcheinlich unter die Zahl dieſer Unglücklichen gehören. Ich will hier ſeine Antwort erwarten. Iſt er geneigt, alle Feindſeligkeit bei Seite zu ſetzen und unſer Be⸗ nehmen einem höheren Tribunal zu überlaſſen, ſo bin ich bereit, ihm denjenigen Beiſtand zu leiſten, den unſere gegenſeitige Lage fordert — wo nicht, ſo könnt Ihr ihm aus dem, was Ihr ſelbſt geſehen, bedeuten, daß ich Leute um mich habe, welche bereit ſind, mich ge⸗ gen jede Gewaltthat zu vertheidigen. Ihr habt meine Antwort, Herr, und könnt an Bord zurückkehren.“ Der Offizier begab ſich nach der Laufplanke, fand aber keinen ſeiner Matroſen, mit Ausnahme des Bugmanns, im Boote. Sie waren heraufgekommen, um von der Mannſchaft des Dorts die wahre Ge⸗ ſchichte deſſen, was ſie nur unvollkommen vernommen hatten, zu hören, und ſtimmten mit den Leuten des Dorts überein, daß die Erſcheinung des Geiſterſchiffs, durch welche ihr gegenwärtiges Unglück veranlaßt wurde, ein Gottesgericht ſei, das der Admiral durch ſeine grauſame Behandlung des armen Kommodore über ſie herabgerufen habe. 7 —.,— 259 Nachdem der Offizier Philipps Antwort gemeldet hatte, kannte 4 die Wuth des Admirals keine Gränzen mehr. Er befahl den Kano⸗ nieren des Hinterſchiffes, welche den Dort beſtreichen konnten, doppelt zu laden und Feuer zu geben. Krantz machte ihn jedoch darauf auf⸗ merkſam, daß ſie in ihrer Lage nicht mehr Kanonen gegen den Dort⸗ aufbringen könnten, als der Dort gegen ſie in Thätigkeit zu ſetzen vermöge— die Ueberlegenheit des Admiralſchiffs werde dadurch auf⸗ gehoben und der ganze Schritt könne zu keinem vortheilhaften Reſul⸗ tate führen. Der Admiral ließ hierauf Krantz gefangen ſetzen und ſchickte ſich an, ſeine wahnſinnige Abſicht zu vollziehen, wurde aber hieran von den Matroſen des Löwen gehindert, welche weder auf ihre Kameraden feuern, noch die Kugeln derſelben entgegennehmen wollten. Der Bericht der Bootsmannſchaft hatte ſich ſchnell durch das ganze Schiff verbreitet, und die Leute, welche dem Admiral ohnehin nicht geneigt waren, erkannten zu ſehr das Gefährliche ihrer Lage, um ſie noch ſchlimmer machen zu wollen. Ohne gerade in offene Meuterei auszubrechen, begaben ſie ſich in den Raum hinunter, und als die Offiziere ſie heraufbeorderten, weigerten ſie ſich auf dem Deck zu erſchei⸗ nen. Die Offtziere, welche das Benehmen des Admirals gleichfalls verabſcheuten, meldeten nur einfach den Stand der Dinge unter der Mannſchaft, ohne jedoch einzelne Individuen nahmhaft zu machen, ge⸗ gen die ſich die Rache ihres Tyrannen hätte geltend machen können. So verhielt ſich die Sachlage, als die Sonne unterging. Auf dem Admiralſchiffe war Nichts geſchehen, denn Krantz befand ſich im Arreſte, und der Admiral hatte ſich in einem Zuſtand der höchſten Wuth nach ſeiner Kajüte begeben. Inzwiſchen war Philipp mit ſeinen Leuten nicht müßig gewe⸗ ſen— ſie hatten einen Anker am Stern ausgelegt und ſtraff an⸗ geholt; auch waren ſie eben eifrig im Auspumpen des Waſſers be⸗ griffen, als ein Boot neben der Schiffsſeite anlangte und Krantz aauf dem Decke erſchien. „Kapitän Vanderdecken, ich komme, um mich unter Eure Befehle 417* 260 au ſtellen, wenn Ihr mich annehmen wollt— wo nicht, ſo verleiht mir doch Euren Schutz, denn ich wäre unausbleiblich morgen früh gehangen worden, wenn ich auf meinem eigenen Schiffe geblieben wäre. Die Mannſchaft im Boote kommt in derſelben Abſicht— ſie will ſich Euch anſchließen, wenn Ihr nichts dagegen habt.“ DOpbaleich Philipp gerne mit einem derartigen Anſinnen ver⸗ ſchont geblieben wäre, konnte er ſich unter ſo geſtalteten Unſtänden doch nicht wohl weigern, Krantz aufzunehmen, um ſo mehr, da er, 8 etzteren lieb gewonnen hatte und zu Rettung ſeines Lebens, das oohne Frage in großer Gefahr ſchwebte, ſogar noch viel mehr gethan haben würde; die Matroſen forderte er jedoch zur Rückkehr auf. Als ihm aber Krantz mittheilte, was an Bord des Löwen vorgefallen war, und die Matroſen dringend baten, man möchte ſie nicht zu einem faſt gewiſſen Tode zurückſchicken, der ihnen bevorſtünde, weil ſie Krantz in ſeiner Flucht unterſtützt hätten, ſo erlaubte ihnen Philipp, obgleich nur mit Widerſtreben, zu bleiben. Die Nacht war ſtürmiſch, das Waſſer aber nicht wild, da der Wind vom Ufer abging. Es gelang der Mannſchaft des Dorts im Laufe der Nacht unter den Anweiſungen von Philipp und Krantz das Schiff ſoweit zu erleichtern, daß ſie am andern Morgen im Stande waren, es umzuholen, denn ſie fanden, daß der Boden keinen ernſtlichen Schaden genommen hatte. Es war ein Glück für ſie, daß ſie in ihren Anſtrengungen nicht abgelaſſen hatten; denn einige Stunden vor Sonnenaufgang ſchlug der Wind um und ſie hatten kaum ihr Steuer wieder befeſtigt, als die Kühlte ſteif die Meer⸗ enge herunterkam und einen ſchweren Wellenſchlag mit ſich führte. Das Admiralſchiff lag noch immer auf dem Grund, und augen⸗ ſcheinlich hatte ſich Niemand Mühe gegeben, es wieder flott zu machen. Philipp fühlte ſich in großer Verlegenheit, denn er mochte die Mannſchft des Löwen nicht zurücklaſſen und konnte doch auch dem Admirale die Aufnahme nicht abſchlagen, wenn dieſer an Bord kommen wollte; indeß entſchloß er ſich, Letzteren in dieſem Falle bloß — —— — behaupten. Vorderhand begnügte er ſich, außerhalb des Riffs kehrten jedoch zurück, ohne etwas von ihm geſehen zu haben, ob⸗ 261 als einen Paſſagier zu betrachten und ſich ſelbſt im Kommando zu unter einem hohen Vorſprunge Anker zu werfen, unter welchem das Waſſer glatt war. Das Admiralſchiff lag ungefähr eine Meile ein⸗ wärts am Ufer. Mittlerweile ließ er ſeine Mannſchaft aus einem Fluſſe, der in unmittelbarer Nähe des Schiffs in die Straße ein⸗ mündete, die Waſſerfäſſer füllen und wartete ab, ob das Admiralſe chiff nicht etwa wieder loskäme, da er im entgegengeſetzten Falle noth⸗ wendig eine baldige Mittheilung zu gewärtigen hatte. Nachdem der Waſſervorrath eingenommen war, ſchickte er eines ſeiner Boote nach der Stelle, wo der Kommodore gelandet hatte, um denſelben an Bord zu nehmen, wenn man ihn finden könnte; die Matroſen gleich ſie über die Berge und ziemlich weit in's Innere des Landes gedrungen waren.. Am zweiten Morgen, nachdem Philipp ſein Schiff umgeholt hatte, bemerkten ſie, daß die Boote des Admiralſchiffs an der Küſte hin⸗ und hergingen und ſämmtliche Vorräthe an’s Land brachten. Tags darauf waren Zelte am Ufer aufgeſchlagen, woraus man entnehmen konnte, daß die Mannſchaft den Löwen verlaſſen hatte, obgleich die Boote noch immer beſchäftigt waren, Ladung herauszuholen. In der Nacht wehte ſteifer Wind und die See ging hoch; am andern Morgen waren die Maſten fort und das Admiral⸗ ſchiff auf die Seite gelegt— alſo augenſcheinlich ein Wrack, und Philipp berieth ſich jetzt mit Krantz über die weiteren Schritte. Die Mannſchaft des Löwen an der Küſte zu laſſen, war unmöglich, da ſie an einem ſo öden Orte im Winter nothwendig zu Grunde gehen mußte. Indeß wurde es doch als räthlich erachtet, die erſte Anfrage von der andern Partei ausgehen zu laſſen, weshalb Phi⸗ lipp beſchloß, ruhig vor Anker zu bleiben. 8 Es war augenſcheinlich, daß unter den Matroſen des Löwen keine Mannszucht mehr herrſchte, denn man ſah ſie im Laufe des Tags in 7 8 262 jeder Richtung über die Felſen klettern, während ſie des Nachts ein großes Feuer anzündeten und dabei ſchwelgeriſche Trinkgelage hielten. Dieſe Verſchwendung des Mundvorraths verdroß Philipp ſehr. Er beſaß ſelbſt nicht mehr, als gerade für den Unterhalt ſeiner eigenen Mannſchaft zureichend war, und mußte jetzt darauf zählen, daß die Matroſen des Löwen bitten würden, an Bord ſeines eigenen Schiffs aufgenommen zu werden, ſobald ſie das, was ſie an's Land ge⸗ nommen, verbraucht hatten. Bei dieſem Zuſtand verblieb er eine Woche lang, bis endlich eines Morgens ein Boot herausruderte, in deſſen Sternſchooten Pphilipp den Offizier erkannte, der ſchon früher zu ihm an Bord ge⸗ ſchickt worden war, um ihm ſeinen Arreſt anzukündigen. Als der Offizier auf dem Decke erſchien, nahm er vor unſerem Helden den Hut ab. „Ihr erkennt mich demnach als kommandirenden Offizier an?“ bemerkte Philipp. „Ja, Herr, zuverläſſig; Ihr wart der Zweite im Kommando, ſeid aber jetzt der Erſte— der Admiral iſt todt.“ „Todt?“ rief Philipp.„Wie ging das zu?“ „Er fand ſein Ende am Geſtade unter einer hohen Klippe. Die Leiche des Kommodore war in ſeinen Armen— in der That, ſie hatten ſich feſt aneinander angeklammert. Der Admiral pflegte jeden Tag nach der Höhe des Gebirgs zu gehen, um nachzuſehen, ob nicht Schiffe durch die Straße herunterkämen; vermuthlich traf er bei dieſer Gelegenheit auf den Kommodore, kriegte Zwiſt mit ihm, und ſo mögen wohl beide mit einander über den Abſturz hin⸗ untergefallen ſein. Niemand ſah ihre Begegnung; aber ſie müſſen über die Felſen geſtürzt ſein, da die Leichen furchtbar verſtümmelt waren.“ Bei weiterer Erkundigung erfuhr Philipp, daß ſchon nach der zweiten Nacht alle Ausſicht, den Löwen zu retten, verloren geweſen, denn ſein Backbordgang war eingeſtoßen worden und das Schiff hatte 263 ſchnell ſechs Fuß tief Waſſer im Raum gefaßt. Die Mannſchaft brach nun in offene Meuterei aus und verzehrte faſt allen Brannt⸗ wein. Die Kranken waren bereits ſämmtlich zu Grunde gegangen, desgleichen auch viele Andere, welche in trunkenem Zuſtande über die Felſen hinunterſtürzten oder in Folge von nächtlicher Erkältung todt gefunden wurden. „Die Prophezeihung des alten Kommodore iſt alſo eingetroffen,“ bemerkte Philipp gegen Krantz.„Viele Andere und ſogar der Ad⸗ miral ſelbſt ſind mit ihm zu Grund gegangen.— Friede ſei mit ihnen! Doch jetzt wollen wir ſobald als möglich dieſem ſchrecklichen Orte den Rücken kehren.“ Unſer Held beauftragte ſofort den Offizier, ſeine Matroſen und die noch übrig gebliebenen Vorräthe zu augenblicklicher Einſchiffung zu ſammeln. Krantz folgte bald nachher mit ſämmtlichen Booten und noch vor Einbruch der Nacht befand ſich Alles an Bord. Die Leichen des Admirals und des Kommodore's wurden an der Stelle, wo ſie lagen, begraben, und am andern Morgen lichtete der Dort unter ſchrägem Winde die Anker, einen ſchönen Kurs durch die Meerenge anlegend. Neunzehntes Kapitel. — Es gewann den Anſchein, als ob ihr Mißgeſchick nach dem tragiſchen Tode der beiden Befehlshaber ein Ende nehmen ſollte. Nach wenigen Tagen hatte der Dort die Straße von Magelhaen zurückgelegt und ſegelte mit blauem Himmel und ruhiger See in das ſtille Weltmeer hinaus. Die Schiffsmannſchaft gewann ihre Geſundheit und ihren Lebensmuth wieder, und da es jetzt nicht an Händen fehlte, ſo verſah Alles ſeinen Dienſt mit Freudigkeit. 264 Nach ungefähr vierzehn Tagen waren ſie weit an der ſpaniſchen Küſte hinaufgekommen und hatten in dieſer Zeit zwar viele Einwoh⸗ ner an der Küſte geſehen, waren aber nie mit einem ſpaniſchen Schiffe zuſammengetroffen. Philipp, welcher wohl wußte, daß ein Angriff zu erwarten ſtand, wenn ſie einem derartigen Fahrzeuge von überlegener Kraft begegneten, hatte übrigens alle nöthigen Vorbereitungen getrof⸗ fen, desgleichen auch ſeine Leute gut an dem Geſchütze eingeübt. Der Dort, der jetzt die Matroſen zweier Schiffe an Bord führte, war ein gut 4 bemanntes Schiff, und die Ausſicht auf Priſengeld ließ die Leute nichts ſehnlicher, als die Zuſammenkunft mit einem Spanier wün⸗ ſchen, welchen, wie ſie wohl wußten, Philipp wo möglich nehmen würde. Leichte Briſen und völlige Windſtille hielten ſie einen vollen Monat lang an der Küſte auf, und nun beſchloß Philipp auf die ſpaniſche Inſel Santa Maria loszuſteuern, wo ſie hofften, entweder durch gute Worte, oder durch Gewalt friſche Mundvorräthe erhalten zu können. Der Dort war ihrer Schätzung nach etwa dreißig Mei⸗ len von der Inſel entfernt, und nachdem ſie fortgeſteuert hatten bis es dunkel war, legten ſie bis zum andern Morgen bei. Krantz war auf dem Verdecke; er lehnte ſich über die Seite, und als die Segel an die Maſten klappten, ſuchte er die Linie des Horizonts zu unter⸗ ſcheiden. Es war ſehr dunkel; aber nach einem aufmerkſamen Spä⸗ hen glaubte er für einen Augenblick, ein Licht zu bemerken, welches dann wieder verſchwand. Die Stelle ſcharf in's Auge faſſend, erkannte er bald, daß keine zwei Kabellängen entfernt ein Schiff beilegte. Er eilte hinunter, um Philipp Kunde davon zu geben und ein Glas heraufzuholen; und als unſer Held auf dem Decke erſchien, wurde das Fahrzeug deutlich als eine ſehr tief im Waſſer gehende dreimaſtige Schebecke erkannt. Nach kurzer Berathung kam man überein, daß die Schanzboote niedergelaſſen und ohne Geräuſch bewaffnet werden ſoll⸗ ten, um ſich ſodann ſachte neben die Schebecke hinzuſtehlen und die⸗ ſelbe durch Ueberraſchung zu nehmen. Den damit beauftragten Ma⸗ troſen wurde Stillſchweigen eingeſchärft, und in wenigen Minuten hatte — — 265 die Bootsmannſchaft das Schiff in Beſitz genommen, indem ſie an Bord ſtiegen und die Luken verſchloſſen, ehe noch die Wenigen, welche auf dem Decke waren, Lärm machen konnten. Krantz warf ſodann noch mehr Mannſchaft auf das Schiff und legte es unter dem Lee des Dorts bei, bis das Tageslicht anbrach. Nun wurden die Luken geöffnet und die Gefangenen nach dem Dort gebracht. Sie beſtanden aus ſechszig Mann— eine große Zahl für ein derartiges Schiff. Auf die Erkundigung über den Namen und die Verhältniſſe des Schiffes traten zwei gutgekleidete, anſtändig ausſehende Perſonen vor und gaben an, daſſelbe ſei von Santa Maria ausgefahren, um mit einer Ladung von Mehl und Reiſenden nach Lima zu gehen; die Be⸗ mannung beſtehe mit Einſchluß des Kapitäns aus fünfundzwanzig Köpfen, während die übrigen an Bord Befindlichen die Gelegenheit benützt hätten, um nach Lima zu kommen. Sie ſelbſt gehörten gleich⸗ falls zu den Reiſenden und hofften, daß Schiff und Ladung alsbald wieder freigegeben werde, da ſich die beiden Nationen nicht im Kriege mit einander befänden.. In Europa allerdings nicht,“ verſetzte Philipp,„aber in dieſen Meeren zwingen mich die beharrlichen Angriffe Eurer bewaffneten Schiffe zur Vergeltung. Euer Schiff und Eure Ladung erkläre ich daher als Priſe. Gleichwohl will ich, da ich Privatperſonen nicht zu beläſtigen wünſche, ſämmtliche Paſſagiere und Matroſen in Santa Maria an's Land ſetzen, denn ich ſegle ſelbſt nach dieſer Inſel, um Erfriſchungen einzunehmen, die ihr mir wohl bereitwillig als Löſe⸗ geld verabfolgen werdet, um mich aller gewaltſamen Maßregeln zu entheben.“ Die Gefangenen legten zwar lauten Proteſt ein, aber ohne Er⸗ folg. Sie baten ſodann, auch das Schiff, und die Ladung auslöſen zu dürfen, und boten eine weit größere Summe, als Beides werth zu ſein ſchien; Philipp aber, deſſen Mundvorräthe auf die Neige gingen, wollte ſich nicht von dem Cargo trennen, und die Spanier ſchienen ſich den unglücklichen Erfolg ihres Geſuchs ſehr zu Herzen zu * 266 nehmen. Als ſie fanden, daß nichts unſern Helden veranlaſſen könne, den Mundvorrath wieder herauszugeben, ſo baten ſie angelegentlichſt, wenigſteñs das Schiff wieder auslöſen zu dürfen, wozu Philipp nach Schiffe fuhren nun weiter, und ſteuerten nach der nur noch vier Stunden entfernten Inſel. Obgleich Philipp zugeſagt hatte, daß er die Schebecke wieder abtreten wolle, ſo fand er jetzt doch, daß ſie vor⸗ trefflich ſegelte, und bereute faſt, ihre Auslöſung genehmigt zu haben. Um Mittag ankerte der Dort außer Schußweite in der Rhede und ein Theil der Reiſenden erhielt Erlaubniß, an's Land zu gehen um die Vorbereitungen zu Auslöſung der Uebrigen zu treffen, wäh⸗ rend die Priſe an die Seite geholt und ihr Cargo in das Schiff ge⸗ hißt wurde. Gegen Abend kamen drei große Boote mit lebendigem Vieh, einem Vorrath von Vegetabilien und der Summe an, welche als Löſegeld für die Schebecke beſtimmt worden war. Sobald eines der Boote geleert war, wurde den Gefangenen geſtattet, in denſelben an’s Land zu gehen, indem auf Krantz's Rath nur der ſpaniſche Pilot zurückgehalten wurde, welcher übrigens das Verſprechen gleich⸗ fallſiger Befreiung erhielt, ſobald der Dort außerhalb der ſpaniſchen See ſei. Auf ſein eigenes Geſuch durfte auch ein Neger an Bord bleiben, ſehr zum Verdruſſe der beiden oben erwähnten Paſſagiere, welche den Sklaven als ihr Eigenthum anſprachen, und in einer der⸗ artigen Maßregel einen Bruch des geſchloſſenen Vertrages ſehen wollten. „Ihr beweis't mein Recht durch Eure eigenen Worte,“ verſetzte das Eigenthum. Der Sklave wird an Bord bleiben.“ Als die Spanier fanden, daß alle ihre Bemühungen fruchtlos waren, nahmen ſie mit einer ſtolzen Miene Abſchied. Den Dort ließ man denſelben Abend vor Anker liegen, um ſein Takelwerk unter⸗ ſuchen zu können; am andern Morgen entdeckten jedoch die Matroſen, einer Berathung mit Krantz ſeine Zuſtimmung gab. Die beiden Philipp,„denn ich verſprach, alle Paſſagiere freizugeben, nicht aber — —— 267 daß die Schebecke verſchwunden und im Laufe der Nacht unbemerkt an ihnen vorbeigeſegelt war. Sobald die Anker gelichtet und die Segel geſpannt waren, begab ſich Philipp mit Krantz nach der Kajüte hinunter, um ſich über den beſten Kurs zu berathen. Der Negerſklave folgte ihnen, blickte, nach⸗ dem er die Thüre geſchloſſen hatte, ſorgfältig umher und ſagte, daß er mit ihnen zu ſprechen wünſche. Seine Mittheilung war ſehr wich⸗ tig, kam aber ein wenig zu ſpät. Die freigegebene Schebecke war ein Poſtſchiff der Regierung und der ſchnellſte Segler, den die Spa⸗ nier beſaßen. Die angeblichen zwei Paſſagiere gehörten als Offiziere zur ſpaniſchen Marine und die Andern waren die Mannſchaft des Schiffes. Das Poſtſchiff war mit dem Auftrage ausgeſegelt, die Steuer an ungemünztem Golde zu ſammeln und nach Lima zu bringen, zu gleicher Zeit aber der holländiſchen Flotte aufzulauern, von welcher man ſchon vor einiger Zeit auf dem Landwege Kunde erhalten hatte. Wenn Letztere eintreffen ſollte, hatte die Schebecke Kunde nach Lima zu bringen, damit ſpaniſche Kriegsſchiffe gegen die⸗ ſelbe ausgeſchickt werden könnten. Es ſtellte ſich ferner heraus, daß einige der angeblichen Mehlfä ſſer je zweitauſend Golddublonen, an⸗ dere aber Silberbarren enthielten— eine Vorſichtsmaßregel, die auf den Fall des Gekapertwerdens berechnet war. Daß das Schiff jetzt nach Lima abgegangen war, unterlag keinem Zweifel, und der Grund, warum die Spanier den Neger nicht auf dem Dorte laſſen wollten, beſtand einfach in dem Umſtande, daß ſie wußten, er werde die betreffenden Enthüllungen machen. Was den Piloten betraf, ſo kannten ihn die Spanier als einen zuverläſſigen Mann, und der Neger warnte vor ihm, da er leicht den Dort in Schwierigkeiten bringen könnte. Philipp bereute jetzt ſehr, das Schiff freigegeben zu haben, da ihm nunmehr mit aller Wahrſcheinlichkeit ein Kampf mit einer über⸗ legenen Streitkraft bevorſtand, noch ehe er dieſen Theil des Meeres verlaſſen konnte; doch da war nicht zu helfen. Er berieth ſich mit 3 . Krantz und wurde mit ihm einig, daß die Schiffsmannſchaft ver⸗ ſammelt werden und von der mitgetheilten Thatſache Kunde erhalten ſolle, weil ſie annahmen, das Bewußtſein, einen ſo werthvollen Fang gethan zu haben, werde die Matroſen zu tapferem Widerſtand ſpor⸗ nen und die Hoffnung zu weiterem guten Erfolg anfachen. Die Leute vernahmen dieſe Nachricht mit Entzücken und betheuerten, ſte wollten es mit einer doppelt ſo ſtarken ſpaniſchen Macht aufnehmen. Dann ließ Philipp die Fäſſer auf das Halbdeck bringen und das Geld aufſchütten. Das Ganze belief ſich auf ungefähr eine halbe Million Dollars; unſer Held ließ das gemünzte Geld gleich am an⸗ dern Tag vor der Gangſpill vertheilen, die Barren aber zurücklegen, bis ſie verkauft und ihr Werth demgemäß angeſchlagen werden konnte. Weitere ſechs Wochen arbeitete ſich Philipp an der Küſte hin⸗ auf, ohne mit einem Schiff unter Segel zuſammenzutreffen. Die Poſtſchebecke hatte augenſcheinlich bereits Kunde ertheilt und ſämmt⸗ liche Fahrzeuge, groß oder klein, lagen unter den Batterien vor An⸗ ker. Der Dort war faſt die ganze Küſte hinauf gelaufen, und Philipp hatte ſich vorgenommen, am nächſten Tage gegen Batavia umzuholen, als er in Küſtennähe ein Schiff unter ſtarkem Segel⸗ druck Lima zueilen ſah. Die Jagd wurde alsbald begonnen; da jedoch das Waſſer ſeicht ward, ſo fragte man den Piloten, ob man einwärts ſteuern könne. Er antwortete bejahend und gab an, ſie ſeien jetzt im ſeichteſten Waſſer, da es weiter innen wieder tiefer werde. Der Lothmatroſe erhielt Auftrag, in die Puttingen zu gehen und zu ſondiren, aber beim erſten Wurf riß die Lothlinke. Man ſchaffte eine andere bei, und der Dort verfolgte ſeine Fahrt noch immer unter ſchwerem Segeldruck. Jetzt kam der Negerſklave zu Philipp herauf und berich⸗ tete, er habe den ſpaniſchen Piloten mit dem Meſſer in den Puttingen 1 Peſehen und glaube, derſelbe müſſe die Lothlinie ſo weit durchgeſchnit⸗ tenhaben, daß ſie beim Sondiren riß; man ſolle dem Menſchen doch 269 ja kein Vertrauen ſchenken. Das Steuer wurde augenblicklich nie⸗ dergelaſſen; aber wie das Schiff rundete, berührte es mit dem Hinterkiele den Grund, obſchon es nach einigem Schleppen wieder klar wurde.. „Schurke!“ rief Philipp.„Du haſt alſo die Lothlinie durch⸗ geſchnitten? Der Neger ſah dich und hat uns gerettet.“ Der Spanier ſprang von der Kanone herunter und ſtieß, ehe er verhindert werden konnte, dem Neger ſein Meſſer in’s Herz. „Maldetto! Nimm dieß für deine Mühe!“ rief er mit wüthen⸗ dem Zähneknirſchen, während er ſein Meſſer ſchwang. Der Neger ſtürzte todt zuſammen. Der Pilot wurde von der Mannſchaft des Dorts, welche dem Neger ſehr zugethan war, da ſie ſeiner Nachricht den Reichthum verdankte, ergriffen und entwaffnet. „Erlaubt, daß die Matroſen nach Gutdünken mit ihm verfah⸗ ren,“ ſagte Krantz zu Philipp. „Es ſei drum,“ verſetzte Philipp;„ſummariſche Juſtiz!“ Die Matroſen beriethen ſich einige Minuten, banden dann den Piloten mit dem Neger zuſammen und warfen beide über den Ha⸗ ckebord. Ein ſchweres Klatſchen in's Waſſer, und der Gerichtete verſchwand mit ſeinem Opfer unter den wirbelnden Wellen im Kiel⸗ waſſer des Schiffes. Philipp beſchloß nun, den Kurs nach Batavia aufzunehmen. Er war ein paar Tagereiſen von Lima entfernt und hatte allen Grund für die Annahme, daß Schiffe ausgeſchickt worden ſeien, um ihn aufzufangen. Mit günſtigem Winde ſteuerte er nun von der Küſte ab und legte im Laufe von drei Tagen eine ſchöne Strecke zurück. Am vierten Morgen ließen ſich windwärts zwei Schiffe blicken, welche auf den Dort abhielten. Es waren augenſcheinlich große bewaffnete Fahrzeuge, und die Entfaltung ſpaniſcher Flaggen und Wimpel, welche ſichthar wurden, als ſie eine Meile wind⸗ wärts rundeten, zeigte bald, daß man es hier mit Feinden zu thun 270 habe. Das eine davon war eine Fregatte, größer, als der Dort, das andere eine Korvette von zweiundzwanzig Kanonen. Die Mannſchaft des Dorts zeigte keine Unruhe über dieſe Un⸗ gleichheit der Streitkräfte, ſondern klimperte mit den Dublonen in der Taſche, gelobte, ſie nicht an die urſprünglichen Eigenthümer zurückzugeben, wenn ſie es ändern könnten, und flogen eifrig an ihr Geſchütze. Herausfordernd wurde nun die holländiſche Flagge ent⸗ faltet, und die beiden ſpaniſchen Schiffe, die wieder ihre Schnäbel dem Dort zuwandten, um nichts von ihrer Entfernung zu verlieren, erhielten einige Scharfe Lagen, durch die ſie etwas aus der Faſſung gebracht wurden; ſie holten aber auf eine Kabelslänge um, und begannen das Gefecht mit großer Lebaftigkeit— die Fregatte vor dem Schaft, die Korvette vor dem Bug von Philipps Schiff liegend. Nachdem eine halbe Stunde von beiden Seiten ſcharfe Lagen ge⸗ wechſelt worden waren, ſtürzte der Fockmaſt der ſpaniſchen Fregatte und riß die große Stenge mit ſich. Dieſer Unfall that ihrem Feuer Einhalt. Der Dort breitete alsbald ſeine Segel aus und ſteuerte auf die Korvette zu, welche er mit drei oder vier vollen Lagen zu⸗ ſammenſchoß; dann lav irte er und machte ſich neben die Fregatte, deren Leekanonen immer durch das Wrack des Fockmaſtes be⸗ hindert waren. Die zwei Schiffe legten ſich nun in zehn Fuß weiter Entfernung chnabel an Stern, und der Kampf begann auf’s Neue unter ſehr ungünſtigen Verhältniſſen für die Spanier. In einer Viertelſtunde fing das über Bord hängende Tuch durch den Blitz der Kanonen Feuer, das ſich ſehr bald dem Schiffe inchei während der Dort ſeine zerſtörenden Lagen fortſetzte, ohne daß ſie von Seiten des Gegners wirkſam erwiedert werden konnten. Rach vielen vergeblichen Verſuchen, die Flammen zu löſchen, beſchloß der Kapitän des ſpaniſchen Schiffes, daß beide Fahrzeuge das gleiche Loos theilen ſollten. Er zog das Steuer auf, ſchoß auf den Dort zu und bot Allem auf, um die beiden Fahrzeuge an einander eſt zu machen. Nun kam es zu einem wilden Handgemenge. 271 Die Spanier verſuchten ihre Enterketten ſo durchzuſchlingen, daß der Feind nicht entkommen könne, während ſich die Holländer alle Mühe gaben, dieſes Vorhaben zu vereiteln. Die Puttingen und Seiten der beiden Schiffe füllten ſich mit verzweifelt kämpfenden Männern und die Getödteten fielen zwiſchen den beiden Fahrzeugen nieder; welche das Wrack des Fockmaſts noch immer hinderte, einem eigentlichen Handgemenge Raum zu geben. Inzwiſchen blieben Philipp und Krantz nicht unthätig. Durch Braſſen der Hinterraaen unter rechten Winken und Auſſetzen aller Segel im Vorderſchiffe gelang es ihnen, den Dort vor den Wind zu bringen. Durch dieſe Schwenkung kamen ſie aus dem Rauche, der ſehr unbequem war, und da ſie an den beiden Schiffen gute Fahrt hatten, ſo vierten ſie, um auf einen andern Gang zu kom⸗ men und den Spanier in's Lee zu bringen. Dieß gewährte ihnen einen augenſcheinlichen Vortheil und gab bald der Sache den Aus⸗ ſchlag. Der Rauch und die Flammen wurden auf das ſpaniſche Schiff zurückgeſchlagen, diejenigen, welche ſich bereits dem Dort mitgetheilt hatten, gelöſcht, und die Spanier, welche nun nicht länger im Stande waren, ihre Verſuche, die beiden Schiffe anein⸗ ander zu feſſeln, fortzuſetzen, zogen ſich hinter die Bollwerke ihres eigenen Schiffes zurück. Nach einer gewaltigen Anſtrengung gelang es dem Dort, ſich loszumachen und ſeinem Gegner vorauszuſchießen, der jetzt ganz in Flammen eingehüllt war. Die Korvette lag einige Kabellängen windwärts und feuerte hin und wieder eine Kanone ab. Philipp gab ihr eine volle Lage und ſie holte ihre Flagge herunter. Der Kampf konnte nun als beendigt betrachtet werden, und es galt jetzt nur noch, die Mannſchaft der brennenden Fregatte zu retten. Die Boote des Dorts wurden herausgehißt, aber nur zwei derſelben konnten ſchwimmen. Eines davon wurde alsbald an die Korvette abgeſchickt, um den Befehl zu überbringen, daß ſie alle ihre Boote heraushiſſe und der Fregatte Beiſtand leiſte. Dieß geſchah und der größere Theil der überlebenden Mannſchaft wurde 272 gerettet. Noch zwei Stunden lang entluden ſich die erhitzten Ka⸗ nonen der Fregatte von ſelbſt; und als endlich das Feuer die Pulverkammer erreichte, flog der obere Theil auf, während der Reſt des Rumpfes langſam ſank und verſchwand. Unter den Gefangenen, welche die Uniform der ſpaniſchen Ma⸗ rine trugen, bemerkte Philipp auch die beiden angeblichen Paſſagiere, was ihm die Richtigkeit der von dem Neger gemachten Angaben bewies. Die zwei Kriegsſchiffe, welche von Lima ausgeſchickt wurden, um ihn aufzufangen, mochten ſich wohl mit ihrer überlegenen Streitkraft eines leichten Sieges verſehen haben. Nach einer kurzen Berathung vereinigten ſich Krantz und Philipp dahin, daß es räth⸗ lich ſein dürfte, die verkrüppelte Korvette ſammt den Gefangenen frei zu geben, da die beiden Nationen nicht in einem eigentlichen Kriege befangen waren. Nachdem dieß geſchehen war, nahm der Dort ſeine Fahrt nach Batavia wieder auf und ankerte drei Wochen nach dem Gefechte in der Rhede dieſes Platzes. Er fand daſelbſt den Reſt der Flotte, welcher vorausgeſchickt worden und ſchon vor einigen Wochen angelangt war; die Schiffe hatten bereits ihre La⸗ dung eingenommen und waren bereit, nach Holland abzuſegeln. Philipp ſchrieb ſeine Depeſchen, in welchen er den Direktoren die Ereigniſſe der Fahrt mittheilte, und ging dann an's Land, um wie⸗ der in dem Hauſe des Kaufmanns, der ihn früher aufgenommen hatte, Wohnung zu machen, bis der Dort ſür die Heimfahrt be⸗ frachtet werden konnte. 273 Zwanzigſtes Kapitel. Wir müſſen jetzt zu Amine zurückkehren, die wir auf der S⸗ bank finden, wo ſie ſich mit Philipp beſprochen hatte, als ſie von dem Piloten Schriften unterbrochen wurde. Sie iſt in tiefen Gedanken— die Augen niedergeſchlagen, als ſuche ſie die Vergangenheit ſich iws Gedächtniß zu rufen.„Ach, beſäße ich die Kraft meiner Mutter,“ rief ſie;„aber ſie iſt dahin— dahin für immer! ich kann die Qual der Ungewißheit nicht ertragen— und dazu kommen noch dieſe thörichten Prieſter!“ Dann erhob ſie ſich von der Bank und kehrte nach ihrer Woh⸗ nung zurück. 3 Pater Matthias war noch immer nicht nach Liſſabon abgereist; denn anfangs hatte er keine Gelegenheit gefunden und ſpäter ver⸗ anlaßten ihn die Gefühle des Dankes gegen Philipp, bei Aminen zu bleiben, weil dieſe den Lehren des chriſtlichen Glaubens mit jedem Tage abgeneigter zu werden ſchien. Oft und vielmal berieth er ſich mit dem Pater Seyſen, und die guten alten Leute ließen es an Ermahnungen nicht fehlen, auf die Amine bisweilen hörte, ohne etwas zu antworten, obſchon ſie zu andern Zeiten auch kühn ihre Gegengründe vorbrachte. Es ſchien ihnen, als weiſe ſie die chriſt⸗ liche Religion mit einer Hartnäckigkeit zurück, die ihnen ebenſo unver⸗ zeihlich, als unbegreiflich dünkte, obſchon ihre Einwendung einfach genug war:„Sie könne eben nicht glauben,“ ſagte ſie,„was ſie nicht zu verſtehen vermöge.“ Sie ging zwar ſo weit, daß ſie die ſchönen Grundſätze und die Reinheit der Lehre anerkannte; aber wenn die guten Prieſter auf ihre Dogmen eingingen, ſchüttelte Amine entweder den Kopf oder verſuchte dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben. Dies vermehrte übrigens nur den Eifer des Marryat. Der fliegende Holländer. 18 274 guten Pater Matthias, die Seele eines ſo jungen und ſchönen Weſens zu retten. Er dachte nicht länger an die Rückkehr nach Liſſabon, ſondern weihte ſeine ganze Zeit Aminens Belehrung, ob⸗ gleich dieſe zuletzt ſeiner unabläſſigen Zudringlichkeit in einem Grade ſatt war, daß ihr faſt ſeine Anweſenheit zuwider wurde. enn man ein wenig nachdenkt, wird man es nicht überra⸗ ſchend finden, daß Amine einem Glaubensbekenntniß abgeneigt war, das ſo gar nicht mit ihren Wünſchen und Abſichten im Einklange ſtand. Der menſchliche Geiſt iſt ſtolz, und muß aller ſeiner De⸗ muth aufbieten, ehe er ſich ſogar vor der Gottheit beugen mag. Amine wußte, daß ihre Mutter ausgezeichnete Kenntniſſe in. übernatürlichen Künſten beſeſſen hatte, und war Zeuge geweſen, wie dieſelbe ihr Wiſſen mit Erfolg anwandte, obgleich ſie damals noch ſo jung geweſen war, daß ſie ſich jetzt nicht mehr die geheimnißvollen Vorbereitungen in's Gedächtniß zu rufen vermochte, durch welche es ihrer Mutter gelungen war, ihre Wünſche zu erreichen. Alle ihre Gedanken trugen ſich nun mit dem Beſtreben, das Vergeſſene wieder in die Erinnerung zu rufen, und Pater Matthias wollte ihr einen Glauben aufdringen, der ſchon den leiſeſten Verſuch dazu mit Entſchie⸗ denheit verbot. Die eigenthümliche und geheimnißvolle Sendung ihres Gatten beſtärkte ſie in ihrer Anſicht, daß es kein Unrecht ſei, zu übernatürlichen Einflüſſen Zuflucht zu nehmen, und die Beweisgründe, welche ihr die zwei würdigen, aber nicht ſehr talentvollen Lehrer des Chriſtenthums vorhielten, übten nur geringen Eindruck auf Aminens kräftigen und entſchiedenen Geiſt, der, nur einen einzigen Gegenſtand in's Auge faſſend, mit Geringſchätzung Lehren zurück⸗ wies, welche man ihr nicht anſchaulich machen konnte, indem man ſie einfach dazu aufforderte, blindlings Dinge zu glauben, die, ihrer Anſicht nach, mit dem geſunden Menſchenverſtande in Wider⸗ ſpruch ſtanden. Daß die Kunſt ihrer Mutter Zeugniß ablegen konnte von ihrer Wahrhaftigkeit, hatte ſie bereits gezeigt, und ſie begnügte ſich mit der Wirkung des Traumes, den ſie in Philipp hervor⸗ 275 gerufen. Aber welche Beweiſe konnten die Prieſter ihr bieten?— Schriften— welche ſienicht einmal leſen ſollte! „Ohl daß ich die Kunſt meiner Mutter beſäße!“ wiederholte Amine noch einmal, als ſie in ihre Wohnung trat;„dann würde ich doch wiſſen, wo ſich mein Philipp in dieſem Augenblick befindet. Wie oft blickte ich nicht auf dein Geheiß in den ſchwarzen Spiegel und ſagte dir, was ich darin vorgehen ſah. Ich erinnere mich noch gut jener Zeit— der Zeit, als mein Vater abweſend war— ich ſchaute in die Flüſſigkeit auf meiner Handfläche und erzählte ihr von dem Beduinenlager— von dem Gefecht— von dem Roſſe ohne Reiter— von dem Turbane auf dem Sande.“ Und abermals verſank Amine in tiefe Gedanken. „Ja,“ rief ſie nach einer Weile,„du kannſt mir beiſtehen, Mutter! Theile mir dein Wiſſen in einem Traume mit, deine Tochter erbittet ſich's als eine theure Gabe. Wie iſt's doch— das Wort— wie lautete das Wort— der Name des Geiſtes— Turſchun? Ja, ich glaube, es war Turſchun. Mutter! Mutter! Hilf deiner Tochter!“ „Rufſt du die gebenedeite Jungfrau an, mein Kind?“ fragte Pater Matthias, der, als Amine die letzten Worte ſprach, in's Zimmer getreten war.„Wenn dies der Fall iſt, ſo thuſt du wohl, denn ſie kann dir erſcheinen in deinen Träumen und dich im wahren Glauben bekräftigen.“ „Ich habe meine Mutter angerufen, die im Lande der Geiſter weilt, guter Vater,“ verſetzte Amine. „Ja, aber als eine Ungläubige. Ich fürchte, ſie iſt nicht im Lande der ſeligen Geiſter, mein Kind.“ „Sie wird doch wohl nicht an einem Orte der Strafe ſein, weil ſie dem Glaubensbekenntniſſe ihrer Väter folgte, da an dem Orte, wo ſie lebte, kein anderes bekannt war?“ entgegnete Amine unwillig.„Wenn das Gute auf Erden in einer andern Welt be⸗ kohnt wird, wenn ſie, wie Ihr behauptet, eine Seele hatte, die 18* 276 gerettet werden konnte— einen unſterblichen Geiſt— ſo wird ihn der Schopfer nicht vernichten, weil ſie ihn in der Weiſe ihrer Väter angebetet hat.— Ihr Leben war gut; warum ſollte ſie für ihre Unbekanntſchaft mit einem Glauben beſtraft werden, den ſie nie zurückzuweiſen Gelegenheit hatte.“ „Wer kann mit dem Willen des Himmels rechten, mein Kind? Danke Gott, daß du Belehrung erhalten haſt und in den Schoos der heiligen Kirche aufgenommen wurdeſt.“ „Ich muß für Vieles dankbar ſein, Vater; aber ich bin müde — und wünſche Euch gute Nacht.“ Amine zog ſich nach ihrem Gemache zurück, aber nicht um zu ſchlafen. Wieder verſuchte ſie die Ceremonie, welche ihre Mutter anzuwenden pflegte, und änderte ſie etlichemal, als zweifle ſie an dem Erfolge. Das Rauchfaß wurde angezündet und die Zauber⸗ formel verſucht; das Zimmer füllte ſich abermals mit Rauch, nach⸗ dem ſie die verſchiedenen Kräuter auf die Pfanne geworfen, von denen ſie Kenntniß beſaß; denn ſie hatte alle Papiere, die nach dem Tode ihres Vaters bei Seite geworfen worden waren, ſorgfältig geſam⸗ melt und auf vielen die Anweifungen zum Gebrauche der gedachten Kräuter gefunden. 8* „Das Wort! das Wort! ich habe das erſte— das zweite Wort! Hilf mir, Mutter!“ rief Amine neben dem Bette ſitzend, während das Zimmer ſo von Rauch angefüllt war, daß ſich Nichts unterſcheiden ließ. 1 „Es nützt Nichts“, dachte ſie endlich, die Hände an den Seiten niederfallen laſſend;„ich habe die Kunſt vergeſſen. Mutter! Mutter! hilf mir dieſe Nacht in meinen Träumen!“. Der Rauch verzog ſich allmählig und als Amine ihre Augen erhob, bemerkte ſie eine vor ihr ſtehende Geſtalt. Anfangs glaubte ſie, ihr Zauber ſei erfolgreich geweſen; aber als die Geſtalt beſtimm⸗ ter hervortrat, erkannte ſie den Pater Matthias, der ſie mit ver⸗ ſchlungenen Armen und finſterem Stirnrunzeln anſah. 277 „Gottloſes Kind! Was thuſt du?“— Amine hatte nicht nur durch ihr Geſpräch, ſondern auch durch verſchiedene Verſuche, welche ſie früher angeſtellt hatte, um ihre ver⸗ lorene Kunſt wieder zu gewinnen, den Argwohn des Prieſters ge⸗ weckt und war auch bei einer der letztern Gelegenheiten, als ſie ihr Treiben vertheidigte, von Pater Matthias und Pater Seyſen als eine Perſon, die zu derartigen Künſten ihre Zuflucht nehme, mit den bitterſten Anathemen überſchüttet worden. Der Duft der gewürzigen Kräuter und der Rauch, welcher das ganze Haus erfüllte, war Pater Matthias verdächtig vorgekommen, weßhalb er leiſe hinaufſchlich und unbemerkt in das Gemach trat. Amine bemerkte mit einemmale ihre Gefahr. Wäre ſie für ſich ge⸗ weſen, ſo hätte ſie dem Prieſter Trotz geboten; aber um Philipps willen beſchloß ſie, ihn auf eine falſche Spur zu leiten. „Ich thue nichts Unrechtes, Vater,“ verſetzte ſie ruhig;„aber es ſcheint mir nicht ziemlich, daß Ihr in das Gemach einer jungen Frau eintretet, während ihr Gatte abweſend iſt. Ich hätte ſchon im Bette liegen können. Das iſt eine ſeltſame Aufdringlichkeit.“ „Das iſt nicht dein Ernſt, Weib! Mein Alter— mein Be⸗ ruf— beides iſt eine hinreichende Gewährleiſtung,“ verſetzte Pater Matthias etwas verwirrt über dieſen unerwarteten Vorwurf. „Nicht immer, Vater, wenn das wahr iſt, was ich mir von Mönchen und Prieſtern erzählen ließ,“ verſetzte Amine.„Ich frage Euch noch einmal, warum kommt Ihr in das Gemach eines unbe⸗ ſchützten Weibes?“ „Weil ich die Ueberzeugung in Kir trage, daß ſie unheilige Künſte übt.“ „Unheilige Künſte? Was meint Ihr damit? Iſt die Geſchick⸗ lichkeit des Arztes unheilig? Iſt es unheilig, dem Leidenden Er⸗ leichterung zu bringen— das Fieber zu bannen, das den Leib derjenigen martert, welche in dieſem ungeſunden Klima wohnen?“ „Jeder Bann iſt ſehr unheilig.“ 278 „Wenn ich vom Bannen ſprach, Vater, ſo nehme ich dieß in einem ganz andern Sinne, als Ihr, indem ich damit einfach ein Heilmittel bezeichnen will. Wenn die Kenntniß gewiſſer Kräuter, deren paſſende Verbindung eine treffliche Arznei für Leidende abgibt— eine Kunſt, die meine Mutter gut verſtand und die ich mir jetzt vergeblich zurück⸗ zurufen bemüht bin— wenn dieſe Kenntniß oder der Wunſch, dieſe Kenntniß wieder zu erlangen, unheilig iſt, dann habt Ihr Recht.“ „Ich hörte dich aber den Beiſtand deiner Mutter anrufen?“ „Ja, denn ſie kannte die Beſtandtheile genau, obgleich ich fürchte, daß mir ein ähnliches Wiſſen abgeht. Iſt das ſündig, guter Vater?“ „Du wollteſt alſo ein Arzneimittel auffinden?“ entgegnete der Prieſter.„Ich meinte, du trügeſt dich mit Dingen, die nicht er⸗ laubt ſind.“ „Kann es unerlaubt ſein, einige Kräuter zu verbrennen? Was erwartet Ihr zu finden? Betrachtet immerhin dieſe Aſche, Vater — mit Oel in die Haut eingerieben, kann ſie Kranken Erleichterung bringen— aber zu was Weiter vermöchte ſie zu dienen? Was ver⸗ langt Ihr von ihr— einen Geiſt— ein Geſpenſt— wie das, wel⸗ ches die Prophetin vor dem Könige Israel erſcheinen ließ?“ Und Amine lachte laut. „Ich bin verwirrt, aber nicht überzeugt,“ erwiederte der Prieſter. „Ich bin auch verwirrt und nicht überzeugt,“ antwortete Amine geringſchätzig. Ich kann nicht begreifen, wie ein Mann von Eurem Verſtande wirklich zu glauben vermag, daß im Verbrennen von Kräu⸗ tern etwas Unrechtes liege; auch bin ich nicht überzeugt, daß dieß der Grund iſt, welcher Euch in nächtlicher Stunde nach dem Gemach eines einſamen Weibes führt. Es gibt vielleicht natürliche Zauber, die weit gewaltiger ſind, als Eure ſogenannten übernatürlichen. Ich bitte Euch, Vater, verlaßt dieſes Zimmer. Es iſt nicht ziemlich. Solltet Ihr Euch abermals ſoweit erdreiſten, ſo verlaßt Ihr das Haus. Ich hatte eine beſſere Meinung von Euch. In Zukunft werde ich mich nie wieder allein finden laſſen.“ 279 Dieſer Angriff Aminens auf den Ruf des alten Prieſters war zu ſtrenge. Pater Matthias verließ augenblicklich das Gemach und ſprach beim hinausgehen: „Möge dir Gott deinen falſchen Argwohn und dein großes Un⸗ recht verzeihen! Ich kam aus keinem andern, als aus dem angege⸗ benen Grunde hieher.“ „Ja,“ ſagte Amine zu ſich ſelber, nachdem ſie die Thüre ge⸗ ſchloſſen hatte;„ich weiß das, aber ich wollte mich deiner unwill⸗ kommenen Geſellſchaft entledigen. Ich brauche keine Spionen für meine Handlungen— keine Leute, die mir in den Weg treten und meinen Willen zu vereiteln bemüht ſind. In deinem Eifer haſt du dich ſelbſt bloß geſtellt, und ich will den Vortheil benützen, den du mir an die Hand gegeben haſt. Iſt euch heiligen Männern nicht einmal die Abgeſchiedenheit des Frauengemachs heilig? Zum Danke für den Beiſtand im Unglück— für Nahrung und Obdach, willſt du zum Späher werden?— wie würdig iſt dieß des Glaubens, zu dem du dich bekennſt!“ Sobald Amine das Rauchfaß weggeräumt hatte, öffnete ſie die Thüre und rief eines der Mädchen herbei, daß es die Nacht über im Zimmer bleibe, weil der Prieſter in ihr Gemach eingedrungen ſei und ſie keine Freude an derartigen Aufdringlichkeiten habe. „Der hochwürdige Vater— iſt's möglich?“ rief das Mädchen. Amine gab keine Antwort, ſondern ging zu Bette. Pater Mat⸗ thias, der in dem Zimmer unten auf und abging, hörte jedoch Alles, was oben vorfiel. Er beſuchte am andern Tage den Pater Seyſen und theilte ihm mit, was ſich zugetragen hatte, und wie er Aminen in einem falſchen Verdacht gehabt habe. „Ihr habt voreilig gehandelt,“ verſetzte Pater Seyſen,„daß Ihr zu einer ſolchen Stunde der Nacht ein Frauengemach beſuchtet.“ „Ich hatte Argwohn geſchöpft, guter Vater Seyſen.“ fhs„Und auch ſie wird den ihrigen haben. Sie iſt jung und ön. 2 . 280 „Ach, bei der gebenedeiten Jungfrau!—“ „ Ich glaube Euch gerne, guter Matthias,“ entgegnete Pater Seyſen,„aber doch könnte die Sache, wenn ſie ruchbar würde, viel Aergerniß unter unſerer Gemeinde verbreiten.“ Und ſie wurde ruchbar— denn das Mädchen, welche Amine heraufbeſchieden hatte, ermangelte nicht, die Läſtergeſchichte weiter zu tragen. Pater Matthias, wurde jetzt allenthalben ſo kalt auf⸗ genommen, und fühlte ſich ſelbſt ſo unbehaglich, daß er bald nach⸗ her das Land verließ, und nach Liſſabon zurückkehrte, ärgerlich über ſeine eigene Unklugheit, noch ärgerlicher aber über Aminens unge⸗ rechten Verdacht. Einundzwanzigſtes Kapitel. Die Ladung des Dort war bald bereit und Philipp langte ohne weiteres Abenteuer in Amſterdam an. Daß ihn Amine in der Heimath mit Entzücken empfing, brauche ich kaum zu ſagen. Sie hatte ihn erwartet, denn den beiden Schiffen des Geſchwaders, welche nach ſeiner Ankunft in Batavia ausgeſegelt waren, hatte Philipp außer ſeinen Depeſchen auch Briefe übergeben, die erſten, welche Amine je während der Reiſen ihres Gatten erhielt. Sechs Wochen nach dem anmeldenden Schreiben traf unſer Held ſelbſt ein, und Anmine fühlte ſich überglücklich. Die Direktoren waren natürlich mit Philipps Benehmen ſehr zufrieden und ertheilten ihm das Kom⸗ mando eines großen bewaffneten Schiffs, welches im Frühling nach Indien ausfahren und der früheren Uebereinkunft gemäß zum drit⸗ ten Theil durch die Fonds angekauft werden ſollte, welche unſer Held in den Händen der Compagnie ſtehen hatte. Es blieben ihm 281 nun fünf Monate der Ruhe, ehe er ſich wieder den Elementen an⸗ vertraute, und dießmal wurde ausgemacht, daß. Vorkehrungen ge⸗ troffen werden ſollten, um auch Amine an Bord zu nehmen. Amine erzählte Philipp, was zwiſchen ihr und dem Prieſter Matthias vorgefallen war, deßgleichen, durch welche Mittel ſie ſich ſeiner unerwünſchten Aufſicht entledigt hatte. 1 1 „Du gabſt dich alſo wirklich mit den Künſten deiner Mutter ab, Amine?“ fragte ihr Gatte. „Nein, denn ich konnte mich derſelben nicht mehr erinnern, obſchon ich bemüht war, mir dieſelben in's Gedächtniß zu rufen.“ „Warum dieß, Amine? das darf nicht ſein, und der gute Vater hatte ganz Recht, wenn er ein derartiges Werk für ‚unheilig“ er⸗ klärte. Verſprich mir ein für allemal, ſolche Gedanken aufzu⸗ geben.“. „Wenn dieſe Handlung unheilig iſt, Philipp, ſo iſts auch deine Sendung. Du verkehrſt mit Geiſtern der andern Welt, und auch ich will nicht weiter thun. Gib dein ſchreckliches Vorhaben auf— laſſe ab, nach körperloſen Geiſtern zu ſpähen— bleibe zu Hauſe bei deiner Amine, und ſie wird mit Freuden deinem Wunſche entſprechen.“ 3. „Meine Sendung kommt von dem Höchſten.“ „Dann geſtattet dir alſo der Höchſte eine Gemeinſchaft mit Weſen, die nicht der Welt angehören?“ „Ja, du weißt, daß ſogar die Prieſter nichts dagegen einwen⸗ den können, obgleich ſie ſchon bei dem Gedanken ſchaudern.“ „Was Er dem Einen geſtattet, wird Er cuch Andern zulaſſen; und außerdem kann ja nichts ohne Seine Genehmigung geſchehen.“ „Wohl, Amine; aber Er geſtattet auch dem Böſen, auf der Erde umherzuwandeln, obgleich es nicht mit Seinem Gutheißen geſchieht.“ „Er heißt es gut, daß du nach deinem verurtheilten Vater ſpä⸗ heſt und ihm zu begegnen ſuchſt: ja, noch mehr— Er befiehlt dir's . 282 ſogar. Wenn nun dir dieß geſtattet iſt, warum ſollte es bei mir nicht ebenſogut der Fall ſein? Ich bin dein Weib, ein Theil deines Ichs, und wenn ich allein weile an einem verödeten Herd, während du eine Laufbahn voll Gefahren verſuchſt, ſollte ich nicht gleichfalls die weſenloſe Welt anrufen dürfen, daß ſie mir Nachrichten bringe, die meinen Kummer mildern, meine Laſt erleichtern und gleichwohl keinem lebenden Geſchöpfe ſchaden können? Wollte ich jene Künſte in böſer Abſicht üben, ſo wäre es billig, ſie mir zu wehren, und ich würde unrecht handeln, wenn ich darin fortführe; aber ich wollte nur den Schritten meines Gatten folgen und in beſter Abſicht daſ⸗ ſelbe ſuchen, was er ſucht. „Aber es verträgt ſich nicht mit unſerem Glauben.“ „Haben die Prieſter deine Sendung für unperträglich mit ihrem Glauben erklärt? Und als ſie's thaten, wurden ſie nicht vom Ge⸗ gentheil überzeugt und zu einem ehrfurchtsvollen Schweigen bewo⸗ gen? Doch wozu dieſe Gegenreden, mein theurer Philipp? Werde ich dich nicht begleiten?— und ſo lange ich bei dir bin, ſoll nichts weiter geſchehen. Du haſt mein Verſprechen. Bin ich aber von dir getrennt, ſo kann ich keine Zuſage geben, ſondern werde dann von den Unſichtbaren Kunde einzuholen ſuchen über die Bewegungen meines Gatten, der gleichfalls dem Unſichtbaren nachgeht.“ Der Winter entſchwand raſch, denn Philipp verlebte ihn in glücklicher Ruhe. Im Frühlinge ſollte das Schiff ausgeſtattet wer⸗ den, und unſer Held begab ſich mit Aminen nach Amſterdam. Das Schiff, deſſen Kommando Philipp übernehmen ſollte, hieß der„Utrecht,“ führte vierhundert Tonnen Laſt, hatte erſt kürzlich die Werfte verlaſſen und war auf vierundzwanzig Kanonen gebohrt. Es vergingen weitere zwei Monate, während welcher Zeit Philipp die Ausſtattung und Ladung des Fahrzeugs überwachte, dabei treu⸗ lich unterſtützt von ſeinem Freunde Krantz, der als erſter Mate die Fahrt mitmachen ſollte. Unſer Held ſorgte nach Kräften für Ami⸗ nens Boguennlukeit, und der Utrecht brach im Monat Mai auf; 283 er hatte Ordre, zu Cambrun und Ceylon Halt zu machen, dann aber durch die Malaccaſtraße hinunter zu laufen und ſich einen Weg in das Chineſiſche Meer zu bahnen— ein Verſuch, von dem ſich die Compagnie eines höchſt entſchiedenen Widerſtandes von Seiten der Portugieſen verſah. Die Schiffsmannſchaft war ſehr zahlreich; auch hatte Philipp eine kleine Abtheilung von Soldaten an Bord, welche zur Verfügung des Supercargo ſtanden, da dieſer viele tauſend Thaler mit ſich führte, um in den Häfen von China, wo vielleicht die holländiſchen Güter keinen Werth hatten, Einkäufe zu machen. Auf die Ausſtattung des Schiffes hatte man alle Sorge verwendet; es war vielleicht das ſchönſte und am beſten bemannte Fahrzeug, das je von der indiſchen Compagnie ausgeſchickt worden war, und trug noch außerdem die werthvollſte Ladung. Der Utrecht ſegelte mit fliegendem Segel aus und hatte bald den engliſchen Kanal hinter ſich. Die Reiſe ſchien eine glückliche werden zu wollen, denn günſtige Kühlten trugen das Schiff ohne Unfall auf einige hundert Meilen in die Nähe des Kaps der guten Hoffnung, und jetzt trat zum erſtenmal Windſtille ein. Amine fühlte ſich ganz entzückt. In den Abendſtunden ging ſie mit Philipp auf dem Decke hin und her. Ringsum herrſchte die tiefſte Stille, das Plätſchern der Wogen ausgenommen, welche die Seiten des Schiffes wuſchen— Alles in ſo ruhiger Schönheit, wie das klare, ſüdliche Sternenzelt, das über ihren Häuptern funkelte. „Weſſen Geſchick mögen dieſe Sterne beſtimmen, welche ſo gar nicht denjenigen in den nordlichen Gegenden ähnlich ſind?“ ſagte Amine, als ſie ihren Blick erhob und das mit funkelnden Edelſtei⸗ nen beſähte Firmament betrachtete;„und was mag das fallende Meteor zu bedeuten haben? Welche Urſache liegt in ſeinem raſchen Niederſtürzen vom Himmel zu Grunde?“ „Du ſuchſt alſo einen geheimnißvollen Sinn in den Sternen, Amine?“ „In Arabien geſchieht es wenigſtens— und warum ſollte man 284 es nicht? Um des Lichtes willen ſind ſie nicht am Himmel— zu was wohl ſonſt?“ „Um die Welt zu verſchönere Auch haben ſie außerden ihren Nutzen.“ „Dann biſt du mit mir einverſtanden— ſie haben ihren Nutzen, und das Geſchick der Menſchen liegt dort verborgen. Meine Mutter gehörte unter Diejenigen, welche gut darin zu leſen vermochten. Ach! für mich ſind ſie ein verſiegeltes Buch.“ „Iſt es nicht beſſer ſo, Amine?“ „Beſſer? Iſt es beſſer, mit unſerem ſelbſtſüchtigen, gedemü⸗ thigten Geſchlecht im Staube zu kriechen und voll Furcht und Zwei⸗ feln im Geheimniß zu wandeln, als mit höheren Mächten zu ver⸗ kehren? Sehnt ſich nicht unſere Seele nach dieſer Gemeinſchaft? Klopft nicht das Herz ſtolzer bei dem Gefühle, daß es begabter ſei, als das gewöhnliche Geſchlecht der Sterblichen? Iſt das nicht ein edler Ehrgeiz?“ 1. „Ein gefährlicher— ein höchſt gefährlicher.“ „Und eben deshalb auch höchſt edel. Iſt es doch, als ob die Sterne mit mir reden wollten. Sieh jenen dort mit dem hellen Glanze— er winkt mir.“. Eine Weile blieben Aminens Augen aufwärts gerichtet; ſie ſprach nicht, und Philipp ſtand an ihrer Seite. Dann ging ſie nach der Laufplanke und blickte in die ſpiegelnden Wellen hinunter, die bis in die Tiefe hinab vom Mondenlichte erhellt waren. „Beſchwört vielleicht deine Einbildungskraft ein Geſchlecht von Weſen herauf, Amine, die unter dieſen blauen Wogen leben können, zwiſchen den Korallenfelſen ſpielen und Perlen in ihre Haare flech⸗ ten?“ ſagte Philipp lächelnd. „Ich weiß nicht; aber es iſt mir, als müßte es da unten ſüß zu leben ſein. Denke nur an deinen Traum zurück, Philipp; dei⸗ ner eigenen Beſchreibung zufolge war ich damals eines jener Weſen.“. 285 „Du warſt es,“ verſetzte Philipp gedankenvoll. „Und doch däucht es mich, als würde mich das Waſſer zurück⸗ weiſen, ſelbſt wenn das Schiff ſänke. In welcher Weiſe dieſe meine ſterbliche Hülle ſich in ihre Elemente auflöſen mag, weiß ich nicht, aber doch fühle ich, daß ſie nie ein Spiel der neckiſchen Wellen werden wird. Doch laß uns in die Kajüte gehen, theuerſter Phi⸗ lipp; es iſt ſpät und die Decke ſind feucht von Thau.“ Als der Tag graute, meldete der Ausluger aus dem Maſt⸗ korbe, daß er in gleicher Richtung mit dem Kiele des Schiffs Etwas auf der ſtillen. Oberfläche des Waſſers ſchwimmen ſehe. Krantz ſtieg mit ſeinem Glaſe hinauf, um eine Unterſuchung anzu⸗ ſtellen und erkannte den Gegenſtand für ein kleines Boot, das wahrſcheinlich von einem Schiffe losgetriftet hatte. Da noch immer kein Wind eintreten wollte, ſo ließ Philipp ein Boot ausſetzen, um nachzuſehen; und nach einer Weile kehrten die Matroſen an Bord zurück, das kleine Boot im Schlepptau mit ſich bringend. „Es iſt ein menſchlicher Körper darin, Herr,“ ſagte der zweite Mate zu Krantz, als er auf der Laufplanke anlangte,„obſchon ich nicht ſagen kann, ob es ein Leichnam iſt, oder nicht.“ Krantz überbrachte die Meldung an Philipp, welcher eben mit Amine beim Frühſtück in der Kajüte ſaß, nun aber ſich gleichfalls nach der Laufplanke begab, nach der die Matroſen bereits den muthmaßlichen Leichnam hinaufgeſchafft hatten. Der herbeigerufene Wundarzt erklärte, das Leben ſei noch nicht erloſchen, und ertheilte eben die Weiſung, daß man den Menſchen nach dem Krankenverſchlage hinunterbringe, als ſich dieſer plötzlich zum allgemeinen Erſtaunen umwandte, auf⸗ richtete und zuletzt ſich ganz erhob, um nach einer Kanone hinzu⸗ wanken, wo er nach einer Weile wieder zum vollen Bewußtſein zu kommen ſchien. In Erwiederung auf die ihm vorgelegten Fragen ſagte er, er ſei von einem Schiffe, das in einer Bö umgeſtürzt worden ſei, und habe nur noch Zeit gehabt, das kleine Boot am Stern loszuſchneiden; ſämmtliche übrige Mannſchaft ſei in den 286 Wellen zu Grunde gegangen. Während er dieſe Angaben machte, kamen Philipp und Amine aus der Kajüte und begaben ſich nach der Stelle, wo die Matroſen den Geretteten umringten. Die Mannſchaft des Utrecht trat auseinander, um für den Kommandeur Platz zu machen, und nun entdeckte unſer Held nebſt Aminen mit einemmale zu ihrem gleich großen Erſtaunen und Schrecken, daß der Mann Niemand anders war, als ihr alter Bekannter, der ein⸗ äugige Pilot Schriften.“ „Hi! hi! Kapitän Vanderdecken,“ glaube ich.„Freut mich, Euch im Kommando zu ſehen— und auch Euch, ſchöne Dame.“ Philipp wandte ſich mit einem innern Schauder ab, und Ami⸗ nens Auge blitzte, als ſie die abgezehrte Geſtalt des elenden Ge⸗ ſchöpfs muſterte. Nach ein paar Sekunden wandte ſie ſich um und folgte Philipp nach der Kajüte, wo ſie ihn fand, das Geſicht mit ſeinen Händen verhüllend.— „Muth, Philipp, Muth!“ begann Amine.„Es war aller⸗ dings ein ſchwerer Schlag, und ich fürchte, er hat nichts Gutes für mich zu bedeuten— doch wenn auch; es iſt unſer Geſchick.“ „Es iſt— es ſollte vielleicht das meinige ſein,“ verſetzte Philipp, den Kopf aufrichtend;„aber du, Amine, warum ſollteſt du daran Theil haben?“ „Ich bin deine Gefährtin, Philipp, im Leben und im Tode. Ich möchte nicht zuerſt ſterben, Philipp, weil es dich grämen würde; aber dein Tod wird auch das Signal für den meinigen ſein, denn ich will nicht ſäumen, dir nachzufolgen.“ 3 „Wie, Amine, du hätteſt dann doch nicht im Sinne, dein Ende ſelbſt herbeizuführen?“ „Ja, und es bedarf dazu nur eines einzigen Augenblicks, wo⸗ fern dieſer kleine Stahl ſeinen Dienſt thut.“ „Nein, Amine, das iſt nicht recht— unſere Religion ver⸗ bietet es.“ 2 „Mag ſein, aber ich kann mir den Grund davon nicht denken. 287 Ich kam in die Welt, ohne daß ich darum befragt wurde— zu⸗ verläſſig muß es mir auch frei ſtehen, ſie zu verlaſſen, ohne daß ich die Prieſter darum um Erlaubniß bitte! Doch genug davon vorderhand; was willſt du mit dieſem Schriften anfangen?“ „Ich werde ihn am Kap ausſchiffen, denn ich kann die An⸗ weſenheit dieſes garſtigen Menſchen nicht ertragen. Wandelte dich nicht abermals ein kalter Schauer an, als du in ſeine Nähe kamſt?“. „Ja— ich wußte, daß er da war, noch ehe ich ihn ſah. Aber dennoch— ich weiß nicht warum— es iſt mir übrigens, als würde ich ihn nicht wegſchicken.“ „Warum nicht?“ „Ich glaube, der Grund liegt darin, daß ich lieber dem Ge⸗ ſchick keck entgegentrete, als vor demſelben zittere. Der armſelige Menſch kann kein Unheil anrichten.“ „Ja, er kann's— und zwar ſehr viel; er iſt im Stande, Schiffsmannſchaft meuteriſch und unzufrieden zu machen. Außer⸗ dem hat er verſucht, mich meiner Reliquie zu berauben.“ „Es wäre mir faſt lieb, wenn er es gethan hätte; dann müß⸗ teſt du wenigſtens dieſes unſtäte Suchen aufgeben. 4 „Oh, Amine, ſprich nicht ſo; es iſt meine Pflicht, und ich habe einen feierlichen Eid darauf abgelegt——“ „Aber dieſer Schriften— du kannſt ihn nicht wohl an's Land ſetzen, da er im Dienſte der Compagnie ſteht, obſchon ſich vielleicht in ſoweit ein Ausweg finden läßt, daß du ihn einem andern Schiffe übergibſt, das nach Holland zurückkehrt, falls ein ſolches vorhanden iſt. Aber dennoch würde ich an deiner Stelle das Geſchick walten laſſen, denn zuverläſſig iſt das ſeinige mit dem deinigen verwoben. Faſſe Muth, Philipp, und behalte ihn bei dir.“ 3 „Du haſt vielleicht Recht, Amine. Was immer mir das Schickſal zugedacht haben mag— ich kann es wohl verzögern, aber nicht vermeiden.“ 288 „So laß ihn bleiben, und möge er ſein Schlimmſtes thun. Be⸗ handle ihn freundlich— wer weiß, was wir durch ihn gewinnen können!“ „Du haſt Recht, Amine. Er iſt ohne allen Grund mein Feind geweſen— wer weiß, ob er nicht vielleicht noch mein Freund wird.“ „Und wenn auch nicht, ſo haſt du doch deine Pflicht gethan. Laß ihn rufen.“ „MNein, nicht jetzt— morgen. In der Zwiſchenzeit will ich Sorge tragen, daß ihm jede Bequemlichkeit geboten wird.“ 8„Wir ſprechen von ihm, als ob er einer der Unſrigen wäre, ſchon ich fühle, daß dies nicht der Fall iſt,“ entgegnete Amine. „Doch wie dem ſein mag, wir können ihm bloß Erdenfreundlichkeit und das zu Theil werden laſſen, was dieſe Welt oder vielmehr Schiff bietet. Ich verlange darnach, ihn zu ſprechen und zu en, ob ich keinen Eindruck auf ſeine Eisgeſtalt zu üben vermag. So ich mich nicht etwa in den Gulen verlieben?“ Und Amine brach in ein bitteres Gelächter aus. Das Geſpräch wurde nun abgebrochen, der Inhalt deſſelben aber nicht vergeſſen. Als am andern Morgen der Wundarzt mel⸗ dete, daß Schriften augenſcheinlich wieder ganz hergeſtellt ſei, ließ ihn Philipp nach der Kajüte beſcheiden. Seine Geſtalt war zu einem Knochengerippe abgezehrt, ſeine Geberdung und Sprache aber noch ſo ſcharf und widerlich, wie nur je. „Ich habe Euch rufen laſſen, Schriften, um zu erfahren, ob ich etwas für Eure Gemächlichkeit thun kann. Bedürft Ihr Etwas?“ 3„Ob ich Etwas bedarf?“ verſetzte Schriften, zuerſt Philipp und dann Amine anſehend.—„Hi, hil ich denke, ich könnte ein wenig Ausfüllung brauchen.“ Das wird ſich, hoffe ich, in guter Zeit finden; mein Steward hat Auftrag, für Euch zu oorgen. 3 289 „Der arme Menſch,“ ſagte Amine mit einem Blicke des Mit⸗ leids;„wie viel muß er gelitten haben! Iſt das nicht der Mann, der dir den Brief der Compagnie brachte, Philipp?“ „Hi, hi, ja! mein Auftrag war nicht ſehr willkommen, Ma⸗ dame?“ „Nein, mein guter Freund; dem Weibe iſt eine Botſchaft nie ſehr erfreulich, die ihr den Gatten entreißt. Doch es war nicht Eure Schuld.“ „Beſonders, wenn ein Mann durchaus auf die See gehen und ein ſchönes Weib zu Hauſe laſſen will, während er doch, wi es heißt, Geld die Fülle hat, um am Lande leben zu können, hi, hil „In der That, Ihr habt wohl Recht, ſo zu ſagen,“ entgegnete Amine. „Beſſer, er gäbe es auf. Lauter Narrheit und Wahnſinn—4 he, Kapitän??“ „Jedenfalls muß ich dieſe Reiſe zu Ende bringen,“ ſagte Philipp zu Amine,„zu was ich mich auch nachher entſchließen mag. Ich habe viel durchgemacht, und auch bei Euch iſt's der Fall ge weſen, Schriften. Ihr habt zweimal Schiffbruch gelitten. Nun ſagt mir aber, was Ihr zu thun wünſcht? Wollt Ihr mit dem erſten Schiffe nach Hauſe oder beim Kap an's Land— oder— „Oder alles Andere thun, ſofern Ihr mich nur aus dieſem Schiffe wegkriegt?— hi, hi!“ „Nicht doch, wenn Ihr es vorzieht, mit mir zu ſegeln, ſo ſollt Ihr, da ich Euch als einen guten Seemann kenne, die Ration und den Sold eines Piloten erhalten— das heißt, im Falle Ihr Luſt habt meinem Glücksſterne zu folgen.“ „Zu folgen?— Muß folgen. Jal ich will mit Euch ſegeln, Mynheer Vanderdecken. Ich wünſche ſtets in Eurer Nähe zu ſein — hi, hi!“ „So ſei es denn. Sobald Ihr Euch wieder kräftig genug Marryat. Der fliegende Holläͤnder. 19 A 290 fühlt, könnt Ihr Euren Dienſt antreten. Ich will Sorge dafür tra⸗ gen, daß es Euch an nichts gebricht.“ „Und auch ich, mein guter Freund. Wendet Euch an mich, wenn Euch etwas abgeht, und ich will Euch dazu verhelfen,“ ſagte Amine. „Ihr habt viel gelitten; wir wollen übrigens Alles thun, was in unſern Kräften ſteht, um es Euch vergeſſen zu machen.“ „Ganz gut ſehr freundlich!“ verſetzte Schriften, Aminens lieb⸗ liche Geſtalt muſternd. Nach einer Weile zuckte er die Achſeln und fügte bei?„Wahrhaftig Schade— muß aber dennoch ſein.“ „Gott befohlen,“ fuhr Amine fort, indem ſie Schriften ihre Hand entgegen hielt. Der Pilot nahm ſie, und ein kalter Schauder fuhr Aminen durch's Herz, obſchon ſie, darauf vorbereitet, ſich nichts anmerken ließ. Schriften hielt ihre Hand ein paar Augenblicke in der ſeini⸗ gen und blickte ihr dann angelegentlich in's Geſicht. 6.„So ſchön und ſo gut! Mynheer Vanderdecken, ich danke Euch. Dame, möge Euch der Himmel bewahren.“ Dann drückte er die zarte Hand, welche er noch immer nicht losgelaſſen hatte, und eilte aus der Kajüte. Die Eiskälte hatte bei Schriftens Händedruck Aminens Geſtalt dermaßen durchſchauert, daß ſie jetzt nur mit Schwierigkeit das Sopha erreichen konnte und auf daſſelbe niederſank. Dort blieb ſie eine Weile, die Hand auf's Herz gedrückt, liegen, und als ſich Philipp über ſie niederbeugte, ſagte ſie mit athemloſer Stimme: „Dieſes Geſchöpf muß übernatürlich ſein— ich weiß es jetzt gewiß.— Nun,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort;„nur um ſo beſſer, wenn wir ihn zu unſerem Freunde machen können, und ich will zu dieſem Ende allen meinen Kräften aufbieten.“ „Aber glaubſt du, Amine, daß diejenigen, welche nicht dieſer Welt angehören, ebenſo mit den Gefühlen des Wohlwollens, der 291 Dankbarkeit und des Haſſes begabt ſind, wie wir, und kann man ſich dieſelben dienſtbar machen?“ „Zuverläſſig. Wenn ſie Haß empfinden— was, wie wir wiſ⸗ ſen, der Fall iſt— ſo müſſen ſie auch der beſſeren Gefühle fähig ſein. Warum gibt es gute und böſe Mächte? Sie mögen ſich ihres Erdenleibs entledigt haben, aber die Seele muß dieſelbe bleiben. Eine Seele ohne Gefühl wäre gar keine Seele. Sie iſt thätig in dieſer Welt und muß es auch in einer andern ſein. Wenn die Engel Mitleid empfinden können, ſo müſſen ſie auch fühlen, wie wir, und ſind die böſen Geiſter im Stande, zu necken, ſo müſ⸗ ſen ihre Empfindungen ebenfalls den unſrigen ähnlich ſein. Unſere Gefühle ändern ſich, warum nicht auch die ihrigen? Ohne Em⸗ pfindung gäbe es weder Himmel noch Hölle. Hier auf Erden ſind unſere Seelen eingeengt, überladen und niedergedrückt durch das ſchwerfällige Fleiſch, durch das ſie eine Weile verunreinigt werden; aber die Seele, die ſich ihrer Erdenhülle entledigt hat, iſt meiner Anſicht nach um keine Spur reiner, herrlicher oder vollkommener, als diejenige in unſerem Innern. Ob ſie dienſtbar gemacht werden könne, fragſt du? Ja; der Sterbliche iſt ſogar im Stande ſie zu zwingen, wenn er die geeigneten Mittel und Kräfte beſitzt. Ein böſer Geiſt kann ebenſogut genöthigt werden, Gutes, als Schlimmes zu thun. Nicht die guten und vollkommenen Geiſter ſind der Kunſt zugänglich, ſondern nur diejenigen, welche ſich zum Böſen hinneigen, denn über jene haben Sterbliche keine Gewalt. Unſere Künſte haben keine Macht über die vollkommenen Weſen einer andern Schöpfung, ſondern nur über diejenigen, welche ſtets Böſes wirken, aber auch gehorchen und Gutes thun müſſen, wenn ihre Meiſter es verlangen.“ 8„Du hängſt noch immer an den verbotenen Künſten, Amine; iſt das recht?“ „Recht? Wenn uns eine Macht gegeben iſt, haben wir dann nicht das Recht, ſie zu gebrauchen?“ 19* 292 „Allerdings, aber nur zum Guten, nicht zum Schlimmen.“ „Die mächtigen Sterblichen, die nichts beſitzen, als was der Erde ängehört, ſind für den Gebrauch ihrer Macht verantwortlich; ebenſo verhält ſich's bei Denjenigen, welche mit überirdiſchen Mit⸗ teln begabt ſind— ſie haben Rechenſchaft abzulegen über die Art, wie ſie dieſe Mittel gebrauchen. Hat der Herr über uns die Blume in der Abſicht wachſen laſſen, daß ſie nicht gepflückt werde? Nein! Und eben ſo wenig würde er die Beihülfe übernatürlicher Mittel geſtattet haben, wenn man ſich derſelben nicht bedienen ſollte.“ Als Aminens leuchtendes Auge auf Philipp haftete, konnte er ſich für einen Moment des Gedankens nicht erwehren, daß ſie nicht ſei, wie andere Sterbliche; er bemerkte daher ruhig: „Iſt es auch gewiß, Amine, daß ich wirklich mit einem ſterb⸗ lichen Weſen, wie ich ſelbſt bin, vermählt bin?“ „Ja, ja, Philipp; beruhige dich, ich bin nur eine Sterbliche. Wollte der Himmel, ich wäre es nicht, ſondern gehörte zu jenen Weſen, die über dir ſchweben, dich in allen deinen Gefahren bewah⸗ ren, dich retten und ſchützen könnten in deiner irren Laufbahn! wagen würde— deren Natur die Liebe zu dir in wagehalſigen Muth umgewandelt hat— und die von keinem Glaubensbekenntniß etwas wiſſen will, das ihr verbietet, Himmel, Erde oder Hölle anzurufen, wenn es gilt, ſich das Element, in dem ſie allein lebt, zu erhalten.“ „Amine, ſprich nicht ſo vom Glauben. Beweist nicht dieß“— Philip zog bei dieſen Worten die heilige Reliquie aus ſeinem Buſen —„beweist nicht dieß und die Botſchaft, die deshalb geſendet wurde, die Wahrheit des unſrigen?“ „Ich habe viel darüber nachgedacht, Philipp, und die Erſchüt⸗ terung bewog mich anfangs faſt zum Glauben; aber deine eigenen Prieſter haben dazu beigetragen, mich zu enttäuſchen. Sie wollten dir nicht Rede ſtehen und überließen dich deiner eigenen Führung⸗ Aber ich bin nur ein armes, ſchwaches Weib, deren Herz zärtlich und hingebend für dich ſchlägt— die für dich Alles und Jedes 293 Die Botſchaft, das heilige Wort und die wunderbaren Zeichen ſtanden nicht im Einklang mit ihrem Glauben und ſie hielten inne. Mußte dies nicht auch mich betroffen machen? Die Reliquie mag ſo ge⸗ heimnißvoll und mächtig ſein, wie du ſagſt; aber die Kräfte ſind vielleicht falſch und gottlos— ſind vielleicht in unrechte Hände ge⸗ fallen— und mögen zwar immerhin noch vorhanden ſein, aber doch nicht zu dem eigentlichen Zwecke verwendet werden.“ „Die Kraft, welche dieſer heiligen Reliquie inwohnt, Amine, kann nur von Denjenigen in Anwendung gebracht werden, welche Freunde Deſſen ſind, der an dem theuren Holze ſtarb.“ „Dann iſt es gar keine Kraft oder doch eine Kraft, welche nicht halb ſo groß iſt, wie die des Erzfeindes, der eben ſo wohl Gutes, als Schlimmes wirken kann. Wir wollen uns übrigens über dieſen Punkt nicht veruneinigen, da wir einander doch nicht überzeugen kön⸗ nen. Du biſt in der einen, ich in der andern Weiſe belehrt worden. Was wir in unſerer Kindheit eingeſogen haben—was mit uns auf⸗ gewachſen und mit unſern Jahren zu Kräften gekommen iſt, läßt ſich nicht ausrotten. Ich habe mit angeſehen, wie meine Mutter große Zauber wirkte und ihren Zweck erreichte, du haſt vor den Prieſtern gekniet— ich will es dir nicht zum Vorwurfe machen— aber tadle deshalb auch deine Amine nicht. Ich hoffe, bei uns Beiden herrſcht die gleiche Abſicht, das Rechte zu thun.“— „Wenn ein Leben voll Unſchuld und Reinheit das einzige Er⸗ forderniß wäre, ſo dürfte meine Amine der künftigen Seligkeit ſicher ſein.“ „Mein Glaube lehrt mich, daß dies der Fall iſt. Es gibt der Formen ſo viele— wer vermag zu ſagen, welche die wahre iſt? Und was liegt im Grunde daran, alle führen zu dem gleichen Ziele— zum Himmel.“ „Du ſprichſt wahr, Amine,“ verſetzte Philipp gedankenvoll in der Kajüte auf⸗ und abgehend;„und doch ſind unſere Prieſter nicht dieſer Anſicht.“ 294 „Was iſt die Grundlage ihres Glaubens, Philippe „Liebe und Erbarmen.“ „Verdammt das Erbarmen diejenigen zu einem ewigen Elende, welche nie von dieſem Glauben gehört haben— welche lebten und ſtarben in der Anbetung des großen Weſens nach ihrer geringen Kenntniß und ihren beſten Kräften?“ „Nein, gewiß nicht.“ Amine machte keine weitere Bemerkung, und Philipp, nachdem er einige Minuten in tiefen Gedanken auf und ab gegangen war, verließ die Kajüte. Der Utrecht langte an dem Kap an, nahm Waſſer ein, ſetzte ſeine Reiſe wieder fort und warf nach einer zweimonatlichen ſchwieri⸗ gen Fahrt vor Cambrun Anker. Während dieſer Zeit war Amine unabläſſig bemüht geweſen, Schriftens Geneigtheit zu gewinnen. Sie hatte ſich oft mit ihm auf dem Deck unterhalten, ihm jeden mög⸗ lichen Liebesdienſt erwieſen und ſogar jene Furcht überwältigt, die ſein Nahekommen ſtets in ihr veranlaßte. Schriften erkannte allmälig dieſes Wohlwollen an und ſchien zuletzt gerne in Aminens Geſellſchaft zu ſein. Gegen Philipp benahm er ſich im Allgemeinen, obgleich nicht immer, höflich, gegen Amine aber ſtets ehrerbietig. Seine Sprache war geheimnißvoll, und auch in ihrer Gegenwart konnte er ſein kicherndes Lachen, ſein gelegentliches„hil hi!“ nicht unterdrücken. Als ſie jedoch bei Cambrun vor Anker lagen, ſtand er mit ihr auf ſo gutem Fuße, daß er hin und wieder in die Kajüte kam und ſich, ohne jedoch Platz zu nehmen, einige Minuten mit ihr unterhielt. Als der Utrecht vor Cambrun ankerte, kam Schriften eines Abends zu Aminen, welche auf der Hütte ſaß. „Dame,“ ſagte er nach einer Paulo;„jenes Schiff ſegelt nach ein paar Tagen in Eure Heimath.“ „So höre ich,“ verſetzte Amine. „Wollt Ihr den Rath eines Mannes annehmen, der es gut mit Euch meint? In dieſem Falle kehrt auf jenem Schiffe nach 295 Eurer Wohnung zurück und bleibt daſelbſt, bis Euer Gatte wieder zu Euch kömmt.“ „Und warum rathet Ihr mir hiezu?“ „Weil ich Gefahr ahne; ja es ſteht vielleicht der Tod— grau⸗ ſamer Tod einem Weſen bevor, dem ich kein Leides wünſche.“ „Doch nicht mir?“ verſetzte Amine, ihre Augen auf Schriften heftend und ſeinem durchbohrenden Blick begegnend. „Ja, Euch. Es gibt gewiſſe Leute, die weiter in die Zukunft ſchauen können, als Andere.“ „Aber nicht, wenn ſie zu den Sterblichen gehören,“ entgegnete Amine. „Ja, auch wenn ſie ſterblich ſind. Doch ſterblich oder nicht, ich ſehe Etwas voraus, was ich abwenden möchte. Verſucht das Ge⸗ ſchick nicht weiter.“ „Wer kann es abwenden? Wenn ich Euern Rath annehme, ſo muß mir dies durch die Beſtimmung vorgezeichnet ſein— wo nicht, ſo gehört es gleichfalls zu meinem Geſchicke.“ „Wohlan denn, ſo geht dem aus dem Wege, was Euch be⸗ droht.“ 3 „Ich fürchte mich nicht, obgleich ich Euch für Eure gute Mei⸗ nung dankbar bin. Sagt mir, Schriften, iſt Euer Schickſal nicht de mit dem meines Gatten verwoben? Ich fühle, daß es o iſt. 41 „Wie kommt Ihr auf dieſen Gedanken, Dame?“ „Aus vielen Gründen. Zweimal habt Ihr ihn abgerufen, habt ebenſvoft Schiffbruch gelitten, und ſeid jedesmal auf eine wunder⸗ bare Weiſe erhalten worden und wieder zum Vorſchein gekommen. Ihr habt auch Kunde von ſeiner Sendung, das iſt augenſcheinlich.“ „Beweist aber nichts.“ „Ja, es beweist viel— beweist wenigſtens, daß Ihr wißt, wovon er nur allein Kunde zu haben glaubt.“ „Auch Ihr wurdet eingeweiht, und heilige Männer mußten ihr 8 296 Gutachten darüber abgeben,“ entgegnete Schriften mit einem höh⸗ niſchen Lachen. „Wie könnt Ihr nun wieder hievon unterrichtet ſein?“ „Hi, hi!“ lachte Schriften.„Doch vergebt mir, Dame; ich wollte Euch nicht kränken.“ „Ihr könnt nicht in Abrede ziehen, daß Ihr auf eine geheim⸗ nißvolle und unbegreifliche Weiſe mit der Sendung meines Mannes in Verbindung ſteht. Sagt mir, iſt ſie wirklich ſo wahr und heilig, wie er glaubt?“ „Wenn er ſie für wahr und heilig hält, ſo wird ſie es.“ „Warum tretet Ihr denn als ſein Feind auf?“ „Ich bin nicht ſein Feind, ſchöne Dame.“ „Ihr nicht ſein Feind? Warum verſuchtet Ihr dann einmal, ihn der geheimnißvollen Reliquie zu berauben, durch die er allein ſeine Aufgabe vollziehen kann?“ „Ich wollte ihn von weiterem Nachforſchen abhalten— aus Gründen, die ich nicht zur Sprache bringen kann. Beweist dies, daß ich ſein Feind bin? Wäre es nicht beſſer, er bliebe bei ſeinem guten Auskommen und in Eurer Geſellſchaft am Lande, als daß er in ſeinem wahnſinnigen Suchen die wilden Meere durch⸗ kreuzt? Ohne die Reliquie kann er ſeinen Auftrag nicht vollziehen — es wäre daher ein Liebesdienſt, wenn man ſie ihm abnähme.“ Amine antwortete nicht, denn ſie war in Gedanken verloren. „Dame,“ fuhr Schriften nach einer Weile fort,„ich meine es gut mit Euch. Um Euren Gatten kümmre ich mich nicht, ob⸗ gleich ich ihm nichts Schlimmes wünſche. So hört mich denn. Wenn Ihr wollt, daß Euer künftiges Leben ruhig und friedlich dahinfließe— wenn Ihr lange in dieſer Welt zu bleiben wünſcht mit dem Gatten Eurer Wahl— mit Eurer erſten und wärmſten Liebe— wenn Ihr wollt, daß er als ein alter Mann in ſeinem Bette ſterbe und Ihr ihm die Augen ſchließen könnt unter den Tuhränen wehklagender Kinder, deren Lächeln es vorbehalten bleibt, a 4 ihre Mutter wieder aufzuheitern— ſo kann ich Euch all' dies für die Zukunft, in der ich zu leſen im Stande bin, verſprechen, ſoferne Ihr ſeiner Bruſt jene Reliquie abnehmt und ſie mir gebt. Wollt Ihr aber, daß er mehr leide, als je ein Menſch auf Erden er⸗ duldet hat— wollt Ihr, daß ſein ganzes Leben in Zweifel, Mühe und Aengſten hinſchwinde, bis das tiefe Meer ſeinen Leich⸗ nam aufnimmt, dann laßt ſie ihm. Aber dies hat für Euch noch außerdem die Folge, daß Eure eigenen Tage abgekürzt werden und diejenigen, die Euch noch bleiben, lang ſind in menſchlichen Leiden, bis Ihr endlich, getrennt von ihm, eines grauſamen Todes ſterbt. Die Zukunft liegt offen vor mir da, und ſo geſtaltet ſich die Beſtim⸗ mung von Euch Beiden. Ueberlegt alles dies wohl, Dame; ich will Euch jetzt verlaſſen und morgen Eure Antwort hören.“ Schriften entfernte ſich und überließ Amine ihren Betrachtun⸗ gen. Geraume Zeit wiederholte ſie ſich die Worte und Prophezei⸗ hungen des Mannes, von dem ſie jetzt vollkommen überzeugt war, daß er nicht dieſer Welt angehöre und in irgend einer Weiſe mit dem Geſchicke ihres Gatten in Verbindung ſtehe. „Mit mir meint er es gut und wünſcht auch meinem Gatten nichts Böſes; nur will er ihn von ſeinem Spähen abhalten. Warum ſo?— das will er nicht ſagen. Er hat mich verſucht— auf die ſeltſamſte Weiſe verſucht. Wie leicht wäre es, Philipp die Reliquie abzunehmen, während er an meinem Herzen ſchläft— aber auch wie treulos! Und dann ein Leben des Wohlſtands und der Ruhe, eine lächelnde Familie, ein hohes Alter— welche Anerbietungen für eine zärtliche und innig liebende Gattin! Im andern Falle aber Mühe, Aengſten und ein feuchtes Grab! Dann für mich— bah! das iſt nichts. Und doch— iſt es nichts, von Philipp getrennt ſterben zu müſſen? Oh, nein, ſchon der Gedanke iſt ſchrecklich.— Ich glaube ihm. Ja, er hat die Zukunft vorausgeſagt und die Wahrheit geſprochen. Kann ich wohl Philipp überreden? Nein, ich kenne ihn nur zu gut; er hat ein Gelübde gethan und läßt ſich 298 nicht davon abbringen. Und doch, wenn ihm die Reliquie ohne ſein Wiſſen abgenommen würde, ſo könnte er ſich ſelbſt nichts vor⸗ werfen. Aber müßte er dann die Schuld nicht mir zuſchreiben? Könnte ich ihn täuſchen? Sollte ich, das Weib ſeines Herzens ihm eine Lüge ſagen? Nein, nein; es darf nicht ſein. Komme, was da will— es iſt unſere Beſtimmung, und ich bin gefaßt. Hätte doch Schriften lieber nicht geſprochen. Ach! wir forſchen nach der Zukunft, möchten aber dann gerne unſere Schritte wieder zurückthun und wünſchen, daß wir in der Ungewißheit geblieben wären!“ 4 „Was macht dich ſo gedankenvoll, Amine?“ fragte Philipp, der einige Zeit nachher zu ihrem Sitze herankam. 3 Amine gab anfangs keine Antwort. „Soll ich ihm Alles ſagen?“ dachte ſie.„Es iſt meine einzige Ausſicht— ja.“. Sie wiederholte ihm ſodann das Geſpräch mit Schriften. Phi⸗ lipp entgegnete nichts, ſondern ſetzte ſich an Aminens Seite nieder und faßte ihre Hand. Sie ließ das Haupt auf die Schulter ihres Gatten ſinken. „Was iſt deine. Anſicht, Amine?“ ſagte Philipp nach einer Weile. „Ich könnte dir die Reliquie nicht entwenden, Philipp; aber vielleicht gibſt du ſie mir.“ „Und mein Vater, Amine, mein armer Vater— ſollte ſein ſchreckliches Urtheil ewig währen, während es ihm doch geſtattet wurde, ſeinen Sohn um Beiſtand anzuflehen, damit es abgewendet werde? Beweiſen nicht die Worte dieſes Mannes, daß mein Auftrag kein Trugbild iſt? Dient nicht der Umſtand, daß er von Allem Kunde hat, zur Bekräftigung des Ganzen? Und doch, warum will er es verhindern?“ fügte Philipp nachſinnend bei. „Ach, Philipp, ich weiß nicht, aber ich möchte es ſelbſt auch 299 gerne verhindern. Ich fühle, daß er die Macht beſitzt, in die Zu⸗ kunft zu ſchauen, und daß er richtig geleſen hat.“ „Sei's drum; er hat geſprochen, aber nicht deutlich. Seine Prophezeihungen betreffen Dinge, auf die ich lange vorbereitet bin — die ich zu erdulden dem Himmel gelobt habe. Schon jetzt habe ich viel gelitten, und ich bin darauf gefaßt noch mehr über mich er⸗ gehen zu laſſen. Die Welt iſt mir längſt in dem Lichte einer Pilger⸗ fahrt erſchienen, und da ich zu einem beſtimmten Werke erkoren bin, ſo hoffe ich, daß ich den Lohn dafür in einer anderen Welt ſinde. Du aber, Amine, biſt durch keinen Eid gebunden und haſt kein Ge⸗ lübde abgelegt. Er rieth dir nach Hauſe zu gehen und ſprach von einem grauſamen Tode. Folge ſeinem Rathe und vermeide ein ſo trauriges Geſchick.“— 3 „Ich bin durch keinen Eid gebunden, Philipp, aber höre mich. So wahr ich auf eine künftige Seligkeit hoffe, verpflichte ich mich jetzt 3. „Halt inne, Amine!“ „Nein, Philipp, du kannſt mich jetzt nicht hindern; denn wenn du's auch jetzt thuſt, ſo werde ich es wiederholen in deiner Ab⸗ weſenheit. Ein grauſamer Tod würde eine Barmherzigkeit für mich ſein, denn ich werde dich dann nicht mehr leiden ſehen. Möge mir die künftige Seligkeit verſchloſſen und ewiges Elend mein Loos ſein, wenn ich dich verlaſſe, ſo lange uns das Schickſal geſtattet, bei⸗ ſammen zu ſein. Ich bin dein— deine Gattin; mein Glück, meine Gegenwart und meine Zukunft— Alles iſt bei dir, und das Schickſal mag ſein Schlimmſtes thun— Amine wird nicht wanken. Ich habe kein feiges Herz, das ſich vor Gefahr oder Leiden ab⸗ wendet. In dieſem einen Punkte, wenigſtens Philipp, iſt deine Wahl gut geweſen.“ Pbilipp erhob ihre Hand ſtumm zu ſeinen Lippen und das Geſpräch wurde nicht wieder aufgenommen. Am andern Abende kam Schriften wieder zu Aminen herauf. 300 „Nun, Dame?“ begann er. „Schriften; es kann nicht ſein, 4 verſe tzte Amine.„Aber den⸗ noch danke ich Euch von Herzen.“ „Wenn aber auch er ſeinen Auftrag verfolgen muß, Dame, warum wollt Ihr Euch ihm anſchließen?“ „Schriften, ich bin ſein Weib— ſein für immer in dieſer Welt und in der nächſten. Ihr könnt mich nicht tadeln.“ „Nein, entgegnete Schriften; ich tadle Euch nicht, ſondern bewundere Euch. Es thut mir leid. Und doch, was iſt im Grunde der Tod? Nichts. Hi, hi!“ Schriften eilte hinweg und ließ Amine allein. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. 5 Der Utrecht ſegelte von Cambrun ab, berührte Ceylon und verfolgte ſeine Fahrt in den öſtlichen Meeren. Schriften blieb an Bord, hielt ſich aber ſeit ſeinem letzten Geſpräch mit Amine fern und ſchien ſowohl ſie, als Philipp zu vermeiden. Dennoch ver⸗ ſuchte er nicht, wie früher, die Schiffsmannſchaft zu reizen, und eben ſo wenig erging er ſich in ſeinen gewöhnlichen Hohnreden und Schmähungen. Die Mittheilung, die er Aminen gemacht, verfehlte nicht, auch auf ſie und ihren Gatten einen tiefen Eindruck zu üben; ſie waren gedankenvoller und verſuchten gegenſeitig die düſtere Stimmung ihres Innern zu verbergen. Wenn ſie ſich umarmten, ſo geſchah es mit dem traurigen Vorgefühl, daß ſie dieſer Wonne vielleicht bald beraubt ſein würden, obſchon ſie zugleich ihre Herzen zur Ausdauer ſtählten und ſich darauf gefaßt machten, dem Schlimm⸗ ſten zu begegnen. Krantz wunderte ſich nicht wenig über dieſe Ver⸗ 301 änderung, die er ſich natürlich nicht zu erklären vermochte. Der Utrecht war nicht mehr weit von den Andaman⸗Inſeln, als Krantz, der das Barometer beobachtet hatte, eines Morgens früh zu Phi⸗ lipp heraufkam. „Wir haben alle Ausſicht auf einen Typhun, Herr,“ ſagte Krantz;„das Barometer und das Wetter, beides iſt gleich drohend.“ „Dann müſſen wir Alles feſtmachen. Laßt augenblicklich die Bramragen und die kleinen Segel nieder; wir wollen auch die Bramſtengen ſtreichen. Ich werde ſogleich nachkommen.“ Philipp eilte auf das Deck. Die See war glatt, aber bereits verkündete das Stöhnen des Windes einen herannahenden Sturm. Das Vacuum in der Luft ſollte ausgefüllt werden und ein ſchreck⸗ licher Kampf ſtand bevor. Ein weißer Nebel ſammelte ſich ſchnell dichter und dichter; die Matroſen wurden aufgeboten, alle gewich⸗ tigen Gegenſtände nach unten geſchafft und die Kanonen feſtgemacht. Nun kam ein Windſtoß, der das Schiff auf die Seite legte, ſo daß es ſich erſt nach einer Minute wieder aufzurichten vermochte; dann ein zweiter, ein dritter— immer ungeſtümer und ungeſtümer. Die See, obſchon noch glatt, ſchien zuletzt unter dem gewaltig ein⸗ herfegenden Typhun eine weiße Schaumfläche zu ſein. Er brach auf das Schiff los, das ſich bis zu ſeinem Schanddecke niederbeugte und ſo verblieb. Nach einer Viertelſtunde war der Orkan vorüber und das Schiff erleichtert; aber nun hatte ſich die See gehoben und der Wind wehte ſtark. Nach einer Stunde kamen abermalige Stöße, noch wilder und wüthender, als zuvor; die Wogen ziſchten hoch auf. Ströme von Regen goſſen nieder und das Schiff wurde ganz auf die Seite gelegt. So verblieb es, bis der wilde Orkan vorbeigefegt hatte, um ſeinen Gang der Zerſtörung nach weit ent⸗ legenen Strichen zu nehmen, nur eine wild tobende See zurück⸗ laſſend. „Ich glaube, s iſt beinahe vorüber, Herr,“ ſagte Krantz. „Windwärts heitert ſich's ein wenig auf.“ 30² „Ich glaube ſelbſt auch, daß wir das Schlimmſte ſchon über⸗ ſtanden haben,“ entgegnete Philipp. „Nein,'s kommt noch ärger;“ ließ ſich eine dumpfe Stimme in Philipps Nähe vernehmen. Es war Schriften, der geſprochen hatte. „Ein Schiff windwärts, das vor der Bö lenßet,“ rief Krantz. Philipp blickte in die Richtung des Windes und entdeckte an der Stelle, wo der Horizont am klarſten war, ein Schiff unter Mars und Fockſegeln, das gerade abwärts ſteuerte. „s iſt ein großes Schiff; bringt mir mein Fernglas.“ Das Telescop wurde aus der Kajüte geholt, aber ehe Philipp Gebrauch davon machen konnte, hatte ſich im Luv der Nebel wieder geſammelt und das Schiff war nicht mehr zu ſehen. „Da iſt's wieder dick,“ bemerkte Philipp, indem er ſein Telescop zuſammen ſteckte;„wir müſſen auf das Schiff Acht haben, daß es nicht zu dicht auf uns zuläuft.“ „Es hat uns ohne Zweifel auch geſehen,“ entgegnete Krantz. Nach einigen Minuten tobte der Typhun auf's Neue und die Atmoſphäre hüllte ſich in ein trübes Düſter. Es ſchien, als ob ein ſchwerer Nebel vor dem wüthenden Wind einhergejagt würde. Nichts ließ ſich unterſcheiden, als der weiße Schaum des Meeres, und auch dieſer nicht weiter, als auf eine halbe Kabelslänge, denn jenſeits verlor ſich Alles im dunkeln, grauen Dunſt. Das Sturm⸗ ſtagſegel wich der Gewalt des Windes, riß in Fetzen und peitſchte mit einem krachenden Getöſe umher, das ſogar noch lauter war, als die Stimme des Sturmes. Der wüthende Stoß ging wieder vorüber und der Nebel klärte ſich ein wenig auf. „Ein Schiff auf der Wetterſeite, dicht an Bord vor uns!“ rief Einer der Matroſen. Krantz und Philipp ſprangen auf das Schanddeck und erblick⸗ ten das große Schiff, das in einer Entfernung von nicht ganz drei Kabellängen gerade gegen ſie herunter kam. „Das Steuer auf! wir werden nicht bemerkt, und das Schiff 303 ſtößt gegen unſern Bord!“ rief Philipp.„Das Steuer auf! ſage ich; hart auf— hurtig!“. G Das Ruder wurde erhoben und die Matroſen, welche die be⸗ vorſtehende große Gefahr entdeckten, kletterten auf die Kanonen, um zu ſehen, ob das fremde Schiff ſeinen Curs ändere. Aber nein— es kam herunter und da die Hauptſegel des Utrechts weg⸗ genommen waren, ſo entdeckten ſie jetzt zu ihrem Entſetzen, daß ihr Schiff auf das Ruder nicht anſprechen und in der gewünſchten Weiſe ausweichen konnte. 3 „Schiff ahoy!“ ſchrie Philipp durch ſein Sprachrohr, aber der Sturm jagte den Ton zurück. „Schiff ahoy!“ rief Krantz auf dem Schanddeck, indem er ſeinen Hut ſchwenkte. Es war vergeblich— der Fremde kam herunter, das Waſſer ſchäumte unter ſeinen Bugen und war jetzt nur noch auf Piſtolen⸗ ſchuß⸗Weite von dem Utrecht entfernt. „Schiff ahoy!“ vereinigten ſich alle Matroſen zu einem Ge⸗ brüll, das nothwendig gehört werden mußte. Aber das fremde Schiff achtete nicht darauf, ſondern kam auf ſie zu, und ſein Bruſtholz ſtand nur noch zehn Ellen von dem Utrecht ab. Die Mannſchaft des Letzteren, welche jeden Augenblick in Folge des Anpralles eine Zertrümmerung ihres Schiffes fürch⸗ teten, kletterten auf das Luvſchanddeck, um die Taue des Fremden aufzufangen und an deſſen Bord zu klettern. Amine war, durch den Lärm auf dem Deck überraſcht, herausgekommen und hatte Philipp am Arm genommen. „Halte dich an mich— die Erſchütterung—“ Philipp ſagte nichts mehr. Das Bruſtholz des Fremden be⸗ rührte die Schiffswand. Die Matroſen des Utrecht erhoben ein allgemeines Geſchrei und ſprangen vor, um das Bugſpriettakelwerk des anderen Schiffes zu faſſen, das jetzt zwiſchen ihre Maſten her⸗ einbohrte— aber ſie ergriffen Nichts— Nichts— es fand keine 304 Erſchütterung— kein Zuſammenſtoß der beiden Schiffe ſtatt. Der Fremde ſchien den Utrecht zu durchſchneiden— ſein Rumpf drang lautlos vor— kein krachendes Gebälk— kein Fallen der Maſten— die Fockraa drang durch das große Segel, und doch blieb die Lein⸗ wand unverletzt— das ganze Schiff ging durch den Utrecht durch, und doch blieb keine Spur von einer Beſchüdigung zurück— nicht ſchnell, ſondern langſam, als ob der ſcharfe Schnabel unter dem Heben und Stoßen der Wellen gleich einer Säge wirke. Die Fockputtingen des Fremden waren bereits durch das Schanddeck vorgedrungen, ehe Philipp ſich zu faſſen vermochte. 2 „Amine,“ rief er endlich;„das Geiſterſchiff! mein Vater Die Matroſen des Utrecht, die noch erſtaunter über dieſe wun⸗ derbare Erſcheinung waren, als über ihre frühere Gefahr, warfen ſich auf dem Decke nieder oder eilten nach unten, um zu beten; Andere blieben vor Schrecken und Furcht wie verſteinert. Amine war augenſcheinlich die Ruhigſte an Bord, ſelbſt Philipp nicht ausgenommen; ſie ſah zu, wie das Schiff langſam ſich weiter be⸗ wegte, während die Matroſen deſſelben ruhig über das Schanddeck lehnten, als lachten ſie über die Verwirrung, die ſie angerichtet hatten. Auch nach Vanderdecken ſpähete ſie und entdeckte endlich auf der Hütte des Schiffes, das Sprachrohr unter dem Arme, das Bild ihres Philipp— die nämliche kühne, kräftige Geſtalt— die⸗ ſelben Züge— augenſcheinlich auch das gleiche Alter— nein, es konnte kein Zweifel obwalten— dies war der veru rtheilte Vanderdecken. „Sieh, Philipp,“ ſagte ſie;„ſieh!— Dein Vater!“ „Gerade ſo— barmherziger Himmel! es iſt— es iſt—“* Und Philipp ſank von ſeinen Gefühlen überwältigt auf dem Deck nieder. Das Schiff hatte nun den Utrecht durchſchnitten, und man ſah die Geſtalt des älteren Vanderdecken nach hinten gehen und über den Hackebord blicken. Amine bemerkt, wie er zuſammenfuhr und 10 305 ſich plötzlich wegwandte— ſie ſchaute nieder und ſah, wie Schriften grimmig die Fauſt nach dem übernatürlichen Weſen ſchüttelte! Abermals ſogra Geiſterſchiff im Lee vor dem Sturme dahin und war bald im Nebel verloren; aber ſchon vorher hatte ſich Amine umgewandt und Philipps Lage entdeckt. Niemand als ſie und Schriften ſchien einer Thätigkeit oder Bewegung fähig zu ſein. Amine begegnete dem Blicke des Piloten; ſie winkte ihm und brachte unter ſeinem Beiſtande Philipp in die Kajüte. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „So habe ich ihn alſo geſehen,“ ſagte Philipp nach einigen Minuten, während welcher Amine ſich über ihn niederbeugte, wie⸗ der zur Beſinnung kommend.„Ich habe ihn endlich geſehen, Amine. Kannſt du jetzt noch zweifelhaft ſein?“ „Nein, Philipp; ich zweifle nun nicht mehr,“ verſetzte Amine. traurig;„aber ermuthige dich, Philipp.“ „Für mich bedarf ich keines Muthes— aber für dich, Amine— du weißt, daß dieſe Erſcheinung unausbleiblich Unheil verkündet.“ „Möge es kommen,“ entgegnete Amine ruhig;„ich bin lange darauf vorbereitet geweſen, und bei dir iſt's der gleiche Fall.“ „Ja, ſoweit ich dabei betheiligt bin, aber nicht wenn du darunter leiden ſollſt.“. „Du haſt ſchon oft Schiffbruch gelitten und biſt gerettet wor⸗ den, warum ſollte ich nicht ein Gleiches zu hoffen haben?“ „Aber die Leiden und Entbehrungen?“ Marryat. Der fliegende Holländer. 20 306 „Können denen am wenigſten anhaben, welche den Muth be⸗ ſitzen, ſie zu tragen. Ich bin nur ein Weib, ſchwach und gebrechlich am Körper, aber ich hoffe, es liegt Etwas in mir, deſſen ſich mein Philipp nicht ſchämen darf. Nein, du ſollſt kein Weheklagen, nicht den Jammer der Verzweiflung von Aminen’'s Lippen ver⸗ nehmen, ſondern ſie wird dich tröſten und dir beiſtehen, wie ſie kann. Was übrigens auch kommen mag— wenn ſie nicht im Stande iſt, dir zu dienen, ſollſt du wenigſtens finden, daß ſie dir keine Laſt ſein will.“ „Im Unglück wird deine Anweſenheit alle meine Thatkraft lähmen.“ „Nicht doch, ſondern im Gegentheil deine Entſchloſſenheit er⸗ höhen. Möge das Geſchick ſein Schlimmſtes thun.“ „Verlaß dich darauf, Amine, das wird eheſtens geſchehen.“ „Sei's drum,“ verſetzte Amine.„Uebrigens würde es gut ſein, Philipp, wenn du dich auf dem Decke zeigteſt. Die Ma⸗ troſen ſind noch immer ſehr erſchreckt und deine Abweſenheit wird bemerkt werden.“ 3 „Du haſt Recht,“ ſagte Philipp, indem er ſich erhob, ſie umarmte und dann die Kajüte verließ. „Es iſt alſo nur zu wahr,“ dachte Amine.„Bereite dich jetzt vor auf Unglück und Tod— denn der Unheilsbote iſt ſchon gekommen. Ich wollte, ich könnte mehr erfahren. Oh Mutter, Mut⸗ ter, ſieh nieder auf dein Kind und enthülle mir in einem Traume die geheimnißvollen Künſte, die ich vergeſſen habe! Dann könnte ich freilich weitere Kunde einziehen— aber ich habe Philipp verſprochen, wenn wir nicht getrennt werden—— ja, dieſer Gedanke iſt ſchlim⸗ mer als der Tod und ich habe eine traurige Vorahnung. Mein Muth ſinkt, wenn ich nur daran denke!“ Als Philipp auf dem Verdeck erſchien, fand er die Matroſen des Schiffs in großer Beſturzung. Krantz ſelbſt war verwirrt, denn er hatte nicht vergeſſen, wie die Erſcheinung des Geiſterſchiffes in der ————— 307— Nähe des Hafens der Verödung erſchien und die Schiffe ins Ver⸗ derben lockte. Dieſes zweite Auftauchen, das noch unheimlicher war, als das frühere, hatte ihn völlig entmannt; er lehnte in düſterem Schweigen an der Luvwand, als Philipp aus der Kajüte kam. „Wir werden nie wieder einen Hafen erreichen, Herr,“ ſagte er zu dem herantretenden Philipp. „Stille, ſtille; die Leute könnten Euch hören.“ „Das hat nichts zu ſagen— ſie ſind Alle derſelben Meinung,“ verſetzte Krantz. „Dann haben ſie jedenfalls Unrecht,“ verſetzte Philipp, ſich gegen die Matroſen wendend.„Meine Jungen! daß uns nach dem Er⸗ ſcheinen dieſes Schiffes ein Unfall zuſtoßen mag, iſt ſehr wahrſchein⸗ lich, denn ich habe es ſchon mehr als einmal geſehen und jedesmal iſt etwas Unglückliches eingetroffen; aber hier ſtehe ich lebendig und wohl— es iſt deshalb keine nothwendige Folge, daß wir nicht ent⸗ kommen können, wie es bei mir ſchon öfters der Fall war. Wir müſſen unſer Beſtes thun und auf den Himmel bauen. Der Sturm bricht ſich ſchnell und in wenigen Stunden werden wir wieder ſchö⸗ nes Wetter haben. Wie geſagt, ich bin dieſem Geiſterſchiff ſchon öfters begegnet und mache mir nichts daraus, wie oft es mir in den Weg treten mag. Herr Krantz ſchafft Branntwein herauf— die Leute haben hart gearbeitet und müſſen erſchöpft ſein.“ Schon die Ausſicht auf einen guten Trunk ſchien die Matroſen wieder zu ermuthigen; ſie beeilten ſich den Befehlen zu gehorchen, und die Quantität der ausgetheilten Flüſſigkeit war hinreichend, auch den Furchtſamſten Muth einzuflößen, die Uebrigen aber zu veran⸗ laſſen, dem alten Vanderdecken und ſeiner ganzen Mannſchaft von Kobolden Trotz zu bieten. Am andern Morgen war das Wetter ſchön, die See glatt und der Utrecht ſetzte rüſtig ſeine Fahrt fort. Viele Tage leichter Briſen und günſtiger Winde milderten nachge⸗ rade den Schrecken, welchen die übernatürliche Erſcheinung veranlaßt 20* 1 308 hatte, und obgleich man ſie nicht ganz vergaß, ſo ſprach man doch nur noch im Scherze oder mit Gleichgültigkeit davon. Sie waren nun die Malacca⸗Straße hinuntergelaufen und in den polyneſiſchen Archipelagus eingedrungen. Philipp hatte Auftrag, an der kleinen Inſel Boton, weiche damals im Beſitze der Holländer war, zu landen, um daſelbſt ſeine Waſſervorräthe zu ergänzen und weitere Inſtruktionen einzuholen. Sie langten wohlbehalten daſelbſt an, verweilten zwei Tage und nahmen ihre Fahrt wieder auf, in der Abſicht, zwiſchen Galago und Celebes durchzuſteuern. Das Wetter war noch immer klar und der Wind leicht; ſie ſetzten ihren Weg vorſichtig fort, da ſie ſich vor den Riffen der Krümmung, wie auch vor den Piratenſchiffen in Acht zu nehmen hatten, welche ſchon ſeit Jahrhunderten jene Meere beunruhigten. Ohne Beläſtigung gelangten ſie unter die Inſeln im Norden von Galago, wo ſie von einer Wind⸗ ſtille befallen wurden und das Schiff in der Strömung nach Oſten trieb. Die Windſtille hielt mehrere Tage an; ſie konnten nicht ankern und fanden ſich endlich unter der Inſelgruppe in der Nähe der Nordküſte von Neu⸗Guinea. Jetzt warfen ſie Anker und beſchlugen für die Nacht ihre Se⸗ gel. Ein dünner Regen machte die Luft dunſtig, und auf allen Theilen des Schiffes wurden Wachen ausgeſtellt, um ſich gegen eine Ueberraſchung von Seiten der Piraten⸗Proas zu wahren; denn die Strömung ging mit einer Geſchwindigkeit von acht oder neun Meilen in der Stunde an dem Schiff vorbei, und wenn ſich eines jener Schiffe in den Inſeln barg, konnte es ganz unbemerkt auf ſie zuſchießen. Um Mitternacht wurde Philipp, der in ſeinem Bette lag, durch eine Erſchütterung des Schiffes geweckt; er dachte, es könnte eine Proa ſein, die an der Seite geſtreift hatte, ſprang auf und eilte zur Kajüte hinaus. Auf dem Decke fand er Krantz, der durch die⸗ ſelbe Urſache geweckt worden und unangekleidet heraufgekommen war— aber jetzt folgte ein zweiter Stoß und das Schiff legte ſich 309 nach dem Backbord um. Philipp erkannte daraus, daß der Utrecht an den Strand gelaufen war. Die pechfinſtere Nacht hinderte ihn, ſeine Umgebung zu unter⸗ ſcheiden; als jedoch das Loth ausgeworfen wurde, zeigte ſich's, daß der Utrecht an der Küſte auf einer Sandbank lag und an der tief⸗ ſten Stelle nicht mehr als vierzehn Fuß Waſſer hatte; dabei war er ſeitwärts geſtürzt, und eine ſtarke Strömung drängte ihn immer weiter an der Bank hinauf, denn erſtere lief mit der Gewalt eines Mühlwaſſers und fegte das Schiff mit jeder Minute auf ſeichteren Grund. Eine weitere Unterſuchung zeigte, daß der Utrecht ſeinen Anker geſchleppt hatte, deſſen Kabel noch immer ſtraff von dem Steuerbordbug niederlief, obſchon das Schiff demungeachtet immer weiter an der Bank hinaufgefegt wurde. Man glaubte, der Anker ſei am Schafte gebrochen und warf deshalb einen andern aus. Indeß ließ ſich bis zum Anbruch des Tages nichts Weiteres thun, und die Mannſchaft erwartete mit Ungeduld den andern Mor⸗ gen. Als die Sonne aufging, zertheilte ſich auch der Nebel, und ſie entdeckten, daß ſie an der Küſte auf einer Sandbank lagen, die zum Theil über das Waſſer hervorſtand und von einer ungeſtümen Strömung umfloſſen wurde. In der Entfernung von ungefähr drei Meilen befand ſich eine kleine Inſelgruppe, die mit Cocosbäumen bewachſen, aber dem Anſcheine nach nicht bewohnt war. „Ich fürchte, wir haben wenig Ausſicht,“ bemerkte Krantz gegen Philipp.„Wenn wir auch das Schiff leichter machen, wird der Anker nicht halten; wir werden weiter hinaufgefegt und es iſt unmöglich, gegen die Gewalt der Strömung einen Anker auszu⸗ legen.“ „Jedenfalls müſſen wir's verſuchen, obſchon ich zugeſtehe, daß unſere Lage nichts weniger als beruhigend iſt. Schickt alle Mann⸗ ſchaft nach hinten.“ Die Matroſen erſchienen düſter und muthlos auf dem Hinter⸗ ſchiffe. 310 „Meine Jungen,“ begann Philipp,„warum ſeid ihr ſo nie⸗ dergeſchlagen?? 3 „Es iſt um uns geſchehen; wir wußten wohl, daß es ſo kom⸗ men würde.“ „Ich hielt es ſelbſt für wahrſcheinlich, daß das Schiff verlo⸗ ren gehen würde, und ſagte Euch dieß; aber der Verluſt des Schiffs hat nicht nothwendig auch den der Mannſchaft zur Folge— ja, es iſt noch nicht einmal gewiß, ob nicht auch das Schiff noch ge⸗ rettet werden kann, obgleich es ſich gegenwärtig in einer bedenkli⸗ chen Lage befindet. Was haben wir auch zu fürchten, ihr Leute? Das Waſſer iſt glatt, und wir haben noch hinreichend Zeit für uns. Wir können einen Floß bauen und zu den Booten unſere Zuflucht nehmen— es windet nie unter dieſen Inſeln, und wir haben Land dicht unter unſerem Lee. Laßt uns zuerſt verſuchen, was wir mit dem Schiff anzufangen vermögen; können wir dies nicht retten; ſo iſt es immer noch Zeit, für uns ſelbſt zu ſorgen.“ Den Matroſen leuchtete dies ein, und ſie gingen bereitwillig an die Arbeit. Die Waſſerfäſſer wurden los gemacht, die Pum⸗ pen in Bewegung geſetzt und Alles, was man entbehren konnte, über Bord geworfen, um das Schiff zu erleichtern; aber noch im⸗ mer ſchleppte der Anker unter der Gewalt der Strömung und in dem ſchlimmen Haltegrund. Philipp und Krantz bemerkten, daß ſie immer weiter an der Bank hinaufgefegt wurden. Die Matroſen arbeiteten bis in die Nacht hinein, und nun brach eine friſche Briſe auf, unter der die See anſchwoll. Die Wellen ſchlugen das Schiff gegen den harten Sand, und ſo ging es fort bis zum nächſten Morgen. Mit Tagesanbruch nahm die MNannſchaft ihre Beſchäftigung wieder auf; die Pumpen wurden auf's Neue in Bewegung geſetzt, um das eingedrungene Waſſer fortzu⸗ ſchaffen, aber nach einiger Zeit kam Sand mit herauf. Hieraus entnahmen ſie, daß eine Planke zertrümmert und ihre Bemühung vergeblich war. Die Matroſen verließen daher ihre Arbeit, aber 311 Philipp ermuthigte ſie abermals und machte ſie darauf aufmerkſam, daß ſie ſich leicht retten könnten, wenn ſie jetzt einen Floß bauten, der nicht nur ihren Mundvorrath, ſondern auch denjenigen Theil der Mannſchaft, welche in den Booten nicht Platz fänden, aufnehmen könnte. Nach einer kurzen Ruhe ſetzten ſich die Leute wieder in Thä⸗ tigkeit. Die Topſegel wurden geſtrichen, die Raaen niedergelaſſen, und die Zuſammenſetzung des Floßes unter dem Lee des Schiffes, wo die ſtarke Strömung gedämmt war, begonnen. Philipp, der ſich des früheren Unglücks erinnerte, gab ſich alle Mühe, den Floß recht feſt zu machen, und conſtruirte ihn aus zwei Theilen, die leicht auseinander gingen, denn da das Waſſer und der Mundvorrath ziem⸗ lich auf die Neige gegangen waren, ſchien kein Grund vorhanden zu ſein, eine ſo ſchwere Maſſe nachzuſchleppen, und die Boote hat⸗ ten weniger zu tauen, ſobald die Umſtände ſie in die Lage ſetzten, ſich von der einen Hälfte zu trennen. Die Nacht machte den Anſtrengungen der Matroſen abermals ein Ende; ſie begaben ſich zur Ruhe, während das Wetter fort⸗ während ſchön und der Wind leicht blieb. Am andern Mittag war der Floß fertig. Man ſtaute Waſſer und Mundvorrath hinüber, bereitete im Mittelpunkt der einen Abtheilung ein trockenes Plätz⸗ chen für Amine und nahm ſämmtliches Tau und Segelwerk, kurz Alles mit, was im Falle eines Laufens an die Küſte nützlich wer⸗ den konnte. Auch Musketen und Munition wurden an Bord ge⸗ nommen; als Alles bereit war, kamen die Matroſen auf's Hinter⸗ ſchiff, um Philipp darauf aufmerkſam zu machen, daß noch viel Geld vorhanden ſei und es eine Thorheit wäre, dieſes zurückzulaſ⸗ ſen; es ſei daher ihr Wunſch, ſo viel, davon mit ſich zu nehmen als ſie zu tragen vermöchten. Da dieſe Andeutung in einer Weiſe gegeben wurde, welche keine Weigerung zuließ, ſo fügte ſich Philipp darein, obſchon er ſich vornahm, an dem nächſten beſten Orte, wo er ſein Anſehen geltend machen konnte, das Eigenthum der 312 Compagnie wieder zurückzufordern. Während Philipp für Amine die nöthigen Vorbereitungen traf, begaben ſich die Matroſen in den Raum hinunter, ſchafften die Dollarfäſſer heraus, erbrachen ſie und füllten ihre Taſchen, was allerdings nicht ohne Händel abging. Als endlich Jeder ſo viel an ſich genommen hatte, als er tragen konnte, brachten ſie die Beute mit ihrem übrigen Gepäcke nach dem Floße oder den betreffenden Booten. Alles war jetzt bereit— Amine wurde niedergelaſſen und begab ſich nach ihrem Platze— die Boote nahmen das Floß, das von dem Schiffe losgemacht wurde, ins Schlepptau, und nun gings in der Strömung dahin, die Matroſen aus aller Kraft rudernd, um ein Stranden an jenem Theile der Sandbank zu vermeiden, der über das Waſſer hervorſah. Dies war die größte Gefahr, die ſie zu beſtehen hatten und der ſie nur mit knapper Noth entrannen. Sie zählten im Ganzen ſechsundachtzig Köpfe: in den Boo⸗ ten waren zweiunddreißig, die Uebrigen befanden ſich auf dem Floße, der gut gebaut und jetzt, da die See glatt war, hoch aus dem Waſſer hervorſtand. Philipp und Krantz hatten unter ſich ausge⸗ macht, daß Einer von ihnen auf dem Floß, der Andere in einem Boote bleiben ſollte. Beide befanden ſich jedoch auf dem erſteren, als derſelbe von dem Schiffe abſtieß, da ſie aus der Richtung der Strömung entnehmen wollten, welchen Curs ſie wohl am beſten verfolgen könnten. Sie fanden, daß die Strömung, ſobald ſie die Bank verlaſſen hatte, ſich gegen Süden nach Neu⸗Guinea wandte, und überlegten nun, ob es nicht räthlich wäre, an gedachter Inſel zu landen, deren Einwohner zwar als tückiſch, zugleich aber auch als feige bekannt waren. Dies führte zu einer langen Debatte, welche darauf hinauslief, daß ſie vorderhand noch zuwarten und ſich auf die Umſtände verlaſſen wollten. Inzwiſchen ruderten die Boote weſtwärts, während die Strömmung ſie bald in eine ſüdliche Richtung brachte.. 3 Mit dem Einbruch der Nacht ließen die Boote die kleinen 313 Anker, mit welchen ſie ſich vorgeſehen hatten, fallen, und Philipp freute ſich, als er fand, daß die Strömung nicht mehr ſo ſtark war und die Anker ſowohl Boote als Floß feſthielten. Die Matroſen bedeckten ſich mit den Segeln, die ſie mitgenommen hatten, ſtellten eine Wache aus und verſanken nach der Ermüdung des Tages bald in einen tiefen Schlaf. „Wäre es nicht beſſer, wenn ich in einem der Boote bliebe?“ bemerkte Krantz.„Der Fall wäre denkbar, daß uns die Burſche, um ſich ſelbſt zu retten, im Stiche ließen.“ „Ich habe bereits daran gedacht,“ verſetzte Philipp, und deß⸗ halb weder Mundvorrath noch Waſſer in die Boote ſchaffen laſſen. Schon aus dieſem Grunde werden ſie uns nicht verlaſſen.“ 3 „Richtig, ich habe dies vergeſſen.“ Krantz blieb auf der Wache und Philipp zog ſich zur Ruhe zurück, der er ſo ſehr bedurfte. Amine empfieng ihn mit offenen Armen.„Ich fürchte mich nicht, Philipp,“ ſagte ſie,„ſondern finde ſogar ein Wohlgefallen an dieſem wilden, abenteuerlichen Wechſel. Wir gehen an's Land, bauen uns unter den Cocosbäu⸗ men unſere Hütte, und es wird mir leid thun, wenn der Tag kommt, der uns Hülfe bringt und uns von unſerer einſamen Inſel erlöst. Was könnte ich außer dir noch wünſchen?“ „Wir ſind in den Händen des Allmächtigen, meine Liebe, der mit uns verfahren wird nach ſeinem Wohlgefallen. Wir dürfen dankbar ſein, daß es nicht noch ſchlimmer iſt. Doch jetzt zur Ruhe,“ fügte Philipp bei,„denn die Wache wird bald an mich kommen.“ Die Sonne erhob ſich an einem ſchönen blauen Himmel und über einer glatten See. Der Floß war in's Lee der obengenann⸗ ten unbewohnten Inſelgruppen getragen worden und durfte jetzt nicht mehr hoffen, ſie wieder zu erreichen; aber am weſtlichen Ho⸗ rizonte zeigten ſich die zackigen Wipfel und Stämme von Cocos⸗ nußbäumen, und in dieſe Richtung ſollte der Floß getaut werden. Nach dem Frühſtücke griffen die Matroſen wieder zu ihren Rudern, 314 endeckten aber jetzt eine wohlbemannte Proa, die ihnen von einer der Inſeln im Winde nachſegelte. Daß das Schiff ein Seeräuber war, unterlag keinem Zweifel; aber Philipp und Krantz waren der Anſicht, ſie ſeien kräftig genug, ihn zurückzuſchlagen, wenn er einen Angriff wagen ſollte. Dies wurde auch den Matroſen bedeu⸗ det, an welche man ſofort Waffen vertheilte und zugleich den Be⸗ fehl erließ, die Ruder niedexzulegen und die Ankunft des Schiffes zu erwarten, damit die Mannſchaft nicht vor einem möglichen Kampfe ſich allzuſehr erſchöpfe. Sobald der Pirat in Schußweite kam und ſeine Gegner re⸗ cognoſcirt hatte, ſtellte er ſein Steuer und begann aus einer Ka⸗ none, welche auf dem Buge ſtand, zu feuern. Die Kartätſchen verwundeten mehrere von Philipps Mannſchaft, obgleich unſer Held Befehl ertheilt hatte, daß ſich Alles auf dem Floß und in den Booten flach niederlegen ſollte. Der Pirat kam näher und ſein Feuer wurde immer verderblicher, ohne daß die Mannſchaft des Utrecht Gelegenheit erhielt, daſſelbe zu erwiedern. Endlich wurde als der einzige Ausweg des Entkommens der Vorſchlag gemacht, daß die Boote den Seeräuber angreifen ſollten. Philipp gab ſeine Zuſtimmung, ſchickte noch mehr Leute in die Boote, und Krantz übernahm das Commando, während der Floß losgemacht wurde. Kaum war jedoch dieß geſchehen, als die Boote wie auf einen Gedanken umwandten und in die entgegengeſetzte Richtung ruderten. Philipp hörte noch Krantz’s Stimme und ſah, wie ſein Schwert durch die Luft blitzte— einen Augenblick ſpäter ſtürzte der treue Mate in die See und ſchwamm dem Floße zu. Es ſchien, daß die Leute in den Booten, um ihr Geld zu retten, unter ſich eins geworden waren, davon zu rudern und den Floß ſeinem Schickſal zu überlaſſen, nur in dieſer Abſicht hatten ſie den Vorſchlag ge⸗ than, den Seeräuber anzugreifen, und ſobald ſie ihrer Bürde ledig waren, ſetzten ſie ihren Plan in Vollzug. Vergeblich machte ihnen Krantz Vorſtellungen und drohte ihnen ſogar. Sie wollten ihn er⸗ 4 5 315 morden, und als er fand, daß ſeine Bemühungen doch nichts nützten, ſprang er über Bord.— „Dann ſind wir verloren, fürchte ich,“ ſagte Philipp;„un⸗ ſere Anzahl iſt ſo ſehr gemindert, daß wir nicht hoffen dürfen, uns lange zu halten. Was meint Ihr von der Sache, Schriften?“ wagte Philipp gegen den Piloten beizufügen, der in der Nähe ſtand. „Verloren— aber nicht durch die Seeräuber— von dieſer Seite her geſchieht uns nichts. Hil hi!“ Die Bemerkung Schriftens war richtig. Die Seeräuber wähn⸗ ten, die Leute, welche zu den Booten ihre Zuflucht nahmen, hätten alles Werthvolle mit ſich geführt, und jagten daher dieſen nach, ſtatt auf den Floß Feuer zu geben. Die Proa ſetzte ihre breiten Ruder aus, und flog wie ein Seevogel über die glatte Waſſerfläche, kam an dem Floße vorbei und gewann anfangs augenſcheinlich viel Raum; bald aber erſchlaffte ſie in ihrer Eile und gegen Abend verſchwand das Piratenſchiff ſammt den Booten im Süden, während die da⸗ zwiſchen liegende Entfernung ungefähr dieſelbe ſein mochte, wie bei dem Beginne der Jagd. Der Floß war nun ganz dem Wind und den Wellen preisgegeben. Philipp und Krantz ſammelten den Zim⸗ mermannswerkzeug, der von dem Schiffe mitgenommen war, laſen zwei Spieren des Floßes aus und trafen alle Vorbereitungen, um am andern Morgen einen Maſt aufzurichten und Segel zu ſetzen. Mit dem Grauen des Morgens ſahen ſie, wie die Boote, denen der Pirat dicht nachfolgte, wieder nach dem Floße zurückruderten. Ihre Mannſchaft hatte ſich die ganze Nacht durch aufs Aeußerſte angeſtrengt und war nun völlig erſchöpft. Wahrſcheinlich hatten ſte eine Berathung abgehalten und waren eins geworden, eine Wen⸗ dung zu machen und nach dem Floße zurückzukehran, da ſie dort ſich vertheidigen und obendrein Mundvorrath nebſt Waſſer finden konnten— Bedürfniſſe, an denen es ihnen ſeit ihres Ausreißens gänzlich gemangelt hatte. Der Himmel hatte jedoch etwas Anderes über ſie beſchloſſen, denn die Matroſen ſanken allmählig erſchöpft 316 von ihren Rudern in die Boote zurück, und das Piratenſchiff folgte ihnen mit erneuertem Eifer. Die Boote wurden nach einander ge⸗ nommen und lieferten den Seeräubern eine reichere Beute, als ſie erwartet hatten; auch braucht kaum bemerkt zu werden, daß ſämmt⸗ liche Mannſchaft erſchlagen wurde. Alles dies fand etwa drei Mei⸗ len von dem Floße ſtatt und Philipp erwartete, die nächſte Be⸗ wegung des Piraten werde ihnen gelten; aber er war im Irrthum. Zufrieden mit ihrem Raube ruderten die Seeräuber, die auf dem Floße nichts mehr zu finden hofften, oſtwärts nach den Inſeln, von denen ſie hergekommen waren. So ereilte wohlverdiente Strafe diejenigen, welche in der Hoffnung, zu entkommen, ihre Begleiter verlaſſen hatten, während die Bemannung des Floßes, welche von dieſer Deſertion das Schlimmſte erwartete, dadurch gerettet wurde. Auf dem Floße befanden ſich ungefähr fünfundvierzig Köpfe — Philipp, Krantz, Schriften, Amine, die zwei Maten, ſechszehn Matroſen und vierundzwanzig Soldaten, die zu Amſterdam einge⸗ ſchifft worden waren. Mundvorrath war für drei oder vier Wochen zur Genüge vorhanden, obſchon es mit dem Waſſer ſehr knapp her⸗ ging, da daſſelbe bei gewöhnlichen Rationen kaum mehr als drei Tag ausreichen konnte. Sobald der Maſt aufgerichtet und trotz dem faſt fehlenden Winde die Segel geſetzt waren, bedeutete Philipp der Mannſchaft die Nothwendigkeit, die Waſſerrationen zu vermin⸗ dern, und es wurde ausgemacht, daß nicht weiter, als eine halbe Pinte für den Tag ausgetheilt werden ſollte, damit der Vorrath auf zwölf Tage ausreiche. Da der Floß aus zwei Theilen beſtand, ſo wurde jetzt debattirt, ob es nicht beſſer ſein würde, den kleineren den Wellen zu überlaſſen und ſämmtliches Volk auf den andern zu ſchaffen. Dieſer Vorſchlag wurde jedoch überſtimmt, da einmal trotz der Flucht der Boote die Anzahl auf dem Floße nicht vermindert worden war und außerdem das extemporirte Fahrzeug unter Segeln viel beſſer ſteuerte, wenn es länger war, als wenn es ſeinen Umfang verkürzte und ſeinen Gehalt 317 in eine quadratartige Maſſe ſchwimmenden Holzes umwandelte. Drei Tage herrſchte Windſtille. Die Sonne ſchoß ihre glühenden Strahlen nieder, und der Mangel an Waſſer wurde ſchmerzlich gefühlt. Die⸗ jenigen, welche in dem Branntwein Erſatz ſuchten, litten am meiſten. Am vierten Tage ſprang eine günſtige Briſe auf, und das Segel füllte ſich. Der Wind kühlte ihre glühenden Stirnen und verſengten Rücken; da außerdem der Floß mit einer Geſchwindigkeit von vier Meilen in der Stunde vorwärts kam, ſo wurden die Leute wieder heiter und hoffnungsvoll. Das Land unter den Cocosnußbäumen ließ ſich jetzt deutlicher unterſcheiden, und ſie hofften am nächſten Tage das Ufer zu erreichen, wo ſie ſich das heiß erſehnte Waſſer verſchaffen konnten. Sie führten die ganze Nacht über Segel, entdeckten aber am nächſten Morgen, daß ſie eine ſtarke Gegenſtrömung hatten und dadurch den Vortheil der ſteifen Briſe wieder verloren; gegen Abend wandelte ſich letzte in völlige Windſtille um. So blieb es noch vier weitere Tage. Jeden Mittag befanden ſie ſich nicht zehn Meilen von dem Lande, aber am nächſten Morgen waren ſie wieder zurückge⸗ fegt und mußten aufs Neue ihren Grund gewinnen. Acht Tage waren jetzt entſchwunden, und die Mannſchaft, die fortwährend der glühenden Sonne ausgeſetzt war, wurde jetzt unzu⸗ frieden und meuteriſch. Das einemal wollten ſie haben, daß der Floß getheilt werden ſolle, damit ſie mit der andern Hälfte das Land er⸗ reichen könnten, während ſie ein andermal wieder verlangten, man ſolle den Mundvorrath, den ſie nicht mehr eſſen könnten, über Bord werfen, um das Fahrzeng zu erleichtern. Eine weitere Schwierigkeit lag in dem Umſtand, daß ſie keinen Anker beſaßen, da die Boote alle derartigen Geräthe an ſich genommen hatten. Philipp machte nun den Matroſen den Vorſchlag, daß Jeder ſeine vielen Dollars in einen beſondern Beutel nähe, die man dann an dem Taue befeſtigen könne; dieſes Gewicht werde ſie wahrſcheinlich in den Stand ſetzen, den Floß eine einzige Nacht gegen die Gewalt der Strömung zu ſichern, und ſie könnten dann am andern Tage das Ufer erreichen. Davon woll⸗ ten ſte jedoch nichts wiſſen, denn Niemand mochte ſein Geld auf's Spiel ſetzen. Nein, nein— die Thoren, ſie wollten lieber den aller⸗ elendeſten Tod ſterben. Philipp und Krantz wiederholten dieſen Vor⸗ ſchlag zu öfterenmalen aber ſtets mit gleich ungünſtigem Erfolge. Dieſe ganze Zeit über verlor Amine ihren Muth nicht und be⸗ wies ihrem Gatten, daß ſie im Unglück eben ſo gut zu rathen, als zu tröſten wiſſe. „Zage nicht, Philipp,“ konnte ſie ſagen;„wir werden doch noch unſere Hütte unter dem Schatten jener Cocosnußbäume bauen und dort einen Theil, wo nicht den Reſt unſres Lebens in Frieden hin⸗ bringen; denn wer wird auch daran denken, uns in dieſen öden und unbetretenen Gegenden aufzuſuchen?“ Schriften verhielt ſich ruhig und gut, ſprach viel mit Aminen, mochte ſich aber ſonſt mit Niemand einlaſſen. Ueberhaupt ſchien er Aminen geneigter zu ſein, als je zuvor. Er wachte über ſie und ſorgte für ihre Bequemlichkeit; auch bemerkte Amine oft, wenn ſie nach Beendigung einer Rede zu ihm aufblickte, daß ſein Geſicht einen Ausdruck von Mitleid und Schwermuth trug, deſſen ſie ihn nie für fähig gehalten hätte. Abermals entſchwand ein Tag. Sie näherten ſich wieder dem Lande; aber die Briſe ſtarb dahin, und ſie wurden auf's Neue durch die Strömung zurückgetrieben. Nun erhob ſich die Mannſchaft und rollte, trotz der Vorſtellungen ihres Käpitäns und des erſten Maten, alle Mund⸗ und anderen Vorräthe in die See, ein einziges Brannt⸗ weinfaß und den Reſt des Waſſers ausgenommen. Dann ſetzten ſie ſich in eifriger Berathung an das obere Ende des Floßes und ſchau⸗ ten mit düſteren, drohenden Blicken umher. Die Nacht brach ein und Philipp fühlte ſich ſchwer beängſtigt. Abermals drang er in ſie, ihr Geld als Anker benützen zu laſſen, aber vergeblich. Sie hießen ihn ſich entfernen, und er kehrte nach dem hintern Theile des Floßes zurück, wo Aminen's Lager bereitet 319 war. In tiefen wehmüthigen Gedanken beugte er ſich über ſie, denn er glaubte, ſie ſchlafe. „Was beunruhigt dich, Philipp?“ Was mich beunruhigt? Ach der Geiz und die Thorheit dieſer Leute. Sie wollen lieber ſterben, als dieſes abſcheuliche Geld auf's Spiel ſetzen. Sie haben Mittel, ſich und uns zu retten, und wol⸗ len ſie nicht in Anwendung bringen. Es iſt genug Metalllaſt auf dem Vordertheile des Floßes, um ein Dutzend ſolcher ſchwimmenden Maſſen feſtzuhalten, und doch mögen ſie das Geld nicht wagen. Verwünſchte Liebe zum Golde! Sie macht die Menſchen zu Narren, Wahnſinnigen und Schurken. Selbſt bei blos tropfenweiſer Ver⸗ theilung haben wir nur noch auf zwei Tage Waſſer. Betrachte ihre ausgemergelten, abgezehrten Geſtalten und ſieh, wie ſie dennoch am Gelde haften, das ſie wahrſcheinlich nie brauchen können, ſelbſt wenn ſie das Land erreichen. Man möchte wahnſinnig werden!“ „Du leideſt, Philipp, weil du dir ſelbſt Alles verſagſt; aber ich bin vorſichtig geweſen, weil ich mir wohl dachte, daß es ſo kommen würde, und habe ſowohl Waſſer als Zwieback aufgeſpart. Hier ſind vier Flaſchen— trink, Philipp, es wird dich erleichtern.“ Philipp trank und fand auch wirklich Erleichterung, denn die Aufregung des Tages hatte ſchwer auf ihm gelaſtet. „Dank, Amine, Dank, meine Theuerſte! ich fühle mich jetzt beſſer. Gütiger Himmel! daß es nur auch ſolche Thoren geben kann, die in einer Zeit des Leidens und der Entbehrung, wie die unſrige iſt, ſchnödes Metall höher anſchlagen, als einen einzigen Tropfen Waſſer!“ Die Nacht trat wieder ein. Die Sterne funkelten hell an dem mondloſen Himmel, und Philipp hatte ſich um Mitternacht erhoben, um Krantz im Steuern des Floßes abzulöſen. Gewöhnlich hatten die Matroſen auf allen Theilen des Floßes herumgelegen; in dieſer Nacht war jedoch die Mehrzahl derſelben auf der vordern Hälfte geblieben. Philipp erging ſich eben in bitteren Gedanken, als er “ 320 vorn ein Handgemeng und Krantz's Stimme vernahm, der laut um Hilfe rief. Er verließ das Steuer und eilte mit gezogenem Säbel vorwärts, wo er Krantz auf dem Boden liegend fand, während die Matroſen ihn feſthielten. Unſer Held brach ſich mit dem Säbel Bahn, wurde aber endlich gleichfalls ergriffen und entwaffnet. „Haut ab— haut ab,“ riefen Diejenigen, welche ihn feſt⸗ hielten, und nach einigen Sekunden mußte Philipp den Jammer erleben, daß der hintere Theil des Floßes, auf welchem ſich Amine befand, getrennt von dem vorderen auf den Wellen dahintriftete. „Um aller Barmherzigkeit willen! mein Weib— meine Amine — um des Himmels willen rettet ſie!“ rief Philipp, der ſich ver⸗ geblich loszukämpfen bemüht war. Auch Amine war an den Rand des losgetrennten Bootes geeilt und breitete ihre Arme nach dem Gatten aus— umſonſt— ſie waren ſchon mehr als eine Kabelslänge getrennt. Philipp rang noch einmal in verzweifeltem Kampfe und brach dann ſinn⸗ und bewegungslos zuſammen. Vierundzwanzigſtes Kapitel. „ Erſ mit Tagesanbruch öffnete Philipp ſeine Augen wieder und entdeckte, daß Krantz an ſeiner Seite kniete. Anfangs waren ſeine Gedanken wirr und unzuſammenhängend, er fühlte, daß ſich etwas Schreckliches zugetragen hatte, obgleich er ſich die eigentliche Beſchaffenheit ſeines Unglücks nicht vergegenwärtigen konnte. Endlich tauchte die ganze Entſetzens⸗Scene vor ihm auf und er begrub das Antlitz mit ſeinen Händen. „Tröſtet Euch,“ ſagte Krantz;„wir werden wahrſcheinlich 321 heute das Ufer gewinnen, und ſobald wir können, ziehen wir aus, um ſie zu ſuchen.“ „Dieß iſt alſo die Trennung und der grauſame Tod, welche der elende Schriften prophezeit hat,“ dachte Philipp.„Grauſam in der That, ſich zum Gerippe abzuzehren unter einer glühenden Sonne, ohne auch nur einen einzigen Tropfen Waſſer, um die lechzende Zunge zu kühlen! Der Gnade von Wind und Wellen preisgegeben — allein— ganz allein umherzutriften— getrennt von ihrem Gatten, in deſſen Armen ſie wenigſtens mit Freuden geſtorben wäre — wahnſinnig gemacht durch die Ungewißheit und durch den Ge⸗ danken an mein mögliches Schickſal! Pilot, du haſt Recht; für ein zärtliches, treu liebendes Weib kann es keinen ſchrecklicheren Tod geben. Oh, mein Gehirn ſchwindelt. Für was hat Philipp Vanderdecken jetzt auch noch zu leben?“ Krantz bot allen Troſtesworten auf, die ihm die Freundſchaft einflüſterte, aber vergeblich. Er ſprach dann von Rache, und erſt jetzt richtete Philipp den Kopf auf. Nach einem kurzen Nachdenken erhob er ſich. 4 „ Ja,“ entgegnete er,„Rache!— Nache an dieſen elenden Ver⸗ räthern! Sagt mir, Krantz, wie Vielen wir trauen können?“ „Ich dächte, wenigſtens der Hälfte. Es war eine Ueber⸗ raſchung.“ Man hatte eine Spiere in ein Steuer umgewandelt und der Floß war dem Ufer weit näher, als je zuvor gekommen. Die Ma⸗ troſen waren hoch erfreut über dieſe Ausſicht, und alle ſetzten ſich auf ihre Dollarhaufen, die in ihren Augen an Werth zunahmen, je mehr ſie zu entkommen hoffen durften. Philipp erfuhr von Krantz, daß die Soldaten unter Beihülfe der unbedeutenſten Matroſen die Meuterei des vorigen Abends be⸗ gonnen und den anderen Floß abgeſchnitten hatten. Die beſte Mannſchaft war neutral geblieben. Marryat. Der fliegende Holländer. 4 21 322 „Und ſo werden ſie, glaube ich, auch bleiben,“ fuhr Krantz fort.„Die Ausſicht, das Ufer zu gewinnen, hat ſie gewiſſermaßen mit dem Verrathe ihrer Kameraden verſöhnt.“ „Vermuthlich,“ verſetzte Philipp mit einem bittern Lächeln; „aber ich weiß, was ſie wecken wird. Schickt ſie zu mir her.“ Philipp redete die Matroſen an, welche Krantz ihm zugeſchickt hatte. Er machte ſie darauf aufmerkſam, daß die Andern treuloſe Verräther wären, auf die man ſich nicht verlaſſen könnte, indem man ſich vor ihnen zu verſehen habe, daß ſie Alles ihrem Gewinne opfern würden; um des Geldes willen hätten ſie bereits ſo gehandelt, und unter ſolchen Leuten ſei keine Sicherheit, weder auf dem Floße, noch auf dem Lande; man könne nicht einmal einſchlafen, ohne befürchten zu müſſen, daß man ermordet werde, und es ſei daher beſſer, ſich dieſer Elenden zu entledigen, von denen das Schlimmſte zu gewär⸗ iigen ſei; hiedurch würden ſie(die Angeredeten) nicht nur ihre Fahrt erleichtern, ſondern könnten auch das Geld an ſich bringen, das die Andern gerettet, ſo daß ihr eigener Antheil verdoppelt würde. Ob⸗ ſchon er nichts davon habe laut werden laſſen, ſei es doch ſeine Ab⸗ ſicht geweſen, die Rückerſtattung des Compagnie⸗Geldes zu verlangen, ſobald ſie in einem civiliſirten Hafen angelangt wären, wo die Ob⸗ rigkeit ſich in's Mittel legen könnte; wenn ſie aber treu an ihm hielten und ihm Beiſtand leiſteten, ſo wolle er ihnen das Ganze zum Eigenthum überlaſſen. Was vermag nicht die Habſucht? Darf man ſich wohl wun⸗ dern, daß die Männer, welche in der That nur wenig beſſer waren, als Diejenigen, welche Philipp in ſeinem Durſt nach Rache als treuloſe Verräther bezeichnete, auf ſeinen Vorſchlag eingingen? Es wurde beſchloſſen, daß, im Falle ſie das Ufer nicht erreichten, in derſelben Nacht ein Angriff auf die Andern gemacht und ſie in die See geſtoßen werden ſollten. Die geheime Zwieſprache mit Philipp hatte jedoch auch die 323 andere Partei aufmerkſam gemacht; ſie hielten gleichfalls eine Berathung und ließen die Waffen nicht von ihrer Seite. Als die Briſe dahin ſtarb, waren ſie nicht zwei Meilen vom Lande entfernt, aber auf's Neue trifteten ſie zurück in den Ocean. Philipps Geiſt war von Gram niedergebeugt über Aminens Ver⸗ luſt; er erholte ſich jedoch wieder einigermaßen wenn er der Rache gedachte. Dieſes Gefühl wurde ihm zur Stütze, und er befühlte oft die Schneide ſeines Stutzſäbels, voll Ungeduld dem Augenblicke der Vergeltung entgegenſehend. Es war eine liebliche Nacht. Die See war nun ſo glatt wie ein Spiegel, und kein Lüftchen regte ſich. Das Segel des Floßes hing ſchlaff an dem Maſte und ſtrahlte einſam im Glanze einer ſternhellen Nacht aus der ruhigen Meeresfläche wieder. Es war eine Nacht für Beſchaulichkeit— für die Einkehr im Innern und für Anbetung der Gottheit; und hier auf einem gebrechlichen Floße waren mehr als vierzig Weſen zuſammengemiſcht, bereit zum Kampfe und gierig auf Mord und Beute. Beide Parteien gaben ſich ſchein⸗ bar der Ruhe hin, obſchon jeder Einzelne in aller Stille, die Hand an ſeine Wehr gelegt, die Bewegungen ſeines Nachbars bewachte. Endlich gab Philipp das Signal: es beſtand darin, das er die Ziehtaue der Raa los ließ; das Segel ſollte nämlich auf einen Theil der andern Partie niederfallen und ſie verſtricken. Philipps Weiſung gemäß hatte Schriften das Steuer ergriffen, und Krantz blieb an ſeiner Seite. Die Naa fiel ſammt dem Segel raſſelnd nieder, und nun be⸗ gann das Werk des Todes. Kein Parlamentiren, keine Ungewiß⸗ heit— Jeder ſprang auf und erhob ſeinen Säbel. Die Stimmen von Philipp und Krantz ließen ſich allein vernehmen, und die Waffe unſers Helden übte ein blutiges Werk. Die Rache ſtählte ſeinen Arm und er konnte nicht genug finden, ſo lange einer von denen übrig war, welche ſeine Amine geopfert hatten. Wie Philipp er⸗ wartet hatte, waren Viele von dem fallenden Segel bedeckt und 6 6 21 324 verſtrickt worden, ſo daß die Arbeit den Seinigen weſentlich er⸗ leichtert wurde. Einige fielen an der Stelle, wo ſie ſtanden, Andere wankten zurück und ſanken in der glatten Meeresfläche unter, während wieder Andere den Tod fanden, als ſie unter dem Segeltuche zappelten. Schriften ſah zu und machte ſeinem Innern nur hin und und wieder durch ein kicherndes Lachen, durch ſein dämoniſches„hi! hi!“ Luft. Der Kampf war vorüber und Philipp lehnte ſich gegen den Maſt, um wieder zu Athem zu kommen. „So weit wäreſt du gerächt, meine Amine,“ dachte er;„aber ach! was ſind dieſe erbärmlichen Leben in Vergleichung mit dem deinigen!“ Und nun, da ſeine Rache geſättigt war und er nichts mehr thun konnte, bedeckte er das Geſicht mit ſeinen Händen und weinte bitterlich, während diejenigen, welche ihm Beiſtand geleiſtet hatten, bereits das Geld der Erſchlagenen als ihren Lohn einſammelten. Die Elenden klagten ſogar, daß von ihrer Seite nur drei gefallen waren, da ein größerer Verluſt in ihren eigenen Reihen ihren An⸗ theil an Dollars vergrößert haben würde. Außer Philipp, Krantz und Schriften befanden ſich nur noch dreizehn Mann auf dem Floße. Als der Tag graute, ſprang die Briſe wieder auf, und ſie theilten nun auch die Waſſerportionen, die ſonſt ihren Begleitern zugefallen wären. Hungrig fühlten ſie ſich nicht, aber das Waſſer belebte ihr Kräfte wieder. Obgleich Philipp ſeit ſeiner Trennung von Aminen nur wenig mit Schriften geſprochen hatte, ſo fiel es doch in die Augen, daß bei Letzterem der ganze frühere Groll gegen unſern Helden zurück⸗ gekehrt war. Sein Kichern und Hohnreden, ſeine Hi! Hi's? nahmen kein Ende, und ſein Auge war wieder ſo boshaft auf Philipp geheftet, wie zur Zeit, als er zum erſtenmale mit ihm zu⸗ ſammentraf. Es war augenſcheinlich, daß Amine allein für eine Weile ſeinen Groll überwunden hatte, und daß mit ihrem Ver⸗ 325 ſchwinden auch Schriftens Geneigtheit gegen den Gatten der un⸗ glücklichen Frau verſchwand. Doch unſer Held kümmerte ſich hie⸗ rum wenig; er hatte eine weit drückendere Laſt auf dem Herzen— den Verluſt ſeiner theuren Amine— und war gleichgültig gegen alles Andere. Die Brieſe friſchte nun auf, und ſie hofften, nach zwei Stun⸗ den an das Geſtade laufen zu können, ſahen ſich aber auf's Neue in ihren Erwartungen getäuſcht. Die Spur des Maſtes wich vor der Gewalt des Windes und das Segel fiel auf den Floß; dieß veranlaßte große Zögerung, und noch ehe der Schaden ausgebeſſert werden konnte, legte ſich der Wind wieder, als ſie nur noch eine Meile von der Küſte entfernt waren. Müde und von Kummer ver⸗ zehrt, ſchlummerte Philipp endlich an der Seite des erſten Maten ein und überließ Schriften das Ruder. Erſchlief gut, denn er träumte von Aminen, die er unter einer Gruppe von Cocosnußbäumen in ſüßem Schlummer zu ſehen glaubte; er ſtand neben ihr, ſie be⸗ wachend— Amine lächelte in ihrem Schlafe und murmelte „Philipp“— als er plötzlich durch eine ungewöhnliche Bewegung geweckt wurde. Noch halb im Traume glaubte er, der Pilot Schrif⸗ ten habe es verſucht, während ſeines Schlafes die Reliquie zu ſteh⸗ len; er habe bereits die Kette über ſeinen Kopf gezogen und zerre jetzt leiſe an jenem Theile derſelben, auf welchem er in ſeiner rück⸗ gelehnten Stellung lag. Bei dem Gedanken auffahrend, ſtreckte er die Hand aus, um den Arm des Elenden zu ergreifen, und fand wirklich, daß er Schriften gefaßt hatte, welcher neben ihm kniete und bereits im Beſitze der Kette und Reliquie war. Der Kampf war kurz; Philipp nahm das heilige Holz wieder an ſich, und der Pilot lag mit der Bruſt unter den Knieen ſeines Ueberwinders. Bis zum Wahnſinn aufgeregt, verbarg unſer Held die Reliquie wieder in ſeinem Buſen, erhob ſich dann von dem Körper des jetzt athemloſen Schriften, faßte ihn mit ſeinen Armen und ſchleuderte ihn in die See. 326 „Menſch oder Teufel! ich kümmere mich nicht darum,“ rief Philipp außer ſich;„entkomme jetzt, wenn du kannſt!“ Der Kampf hatte bereits Krantz und einige Andere geweckt, ohne daß dieſe Zeit fanden, Philipp an Ausübung ſeiner Rache zu hindern. Er erzählte Krantz in wenigen Worten, was vorgegangen war. Die Matroſen kümmerten ſich nicht darum, ſondern legten die Köpfe wieder nieder und fragten nicht weiter, denn ſie waren zufrieden, daß ſie ihr Geld noch hatten. Philipp gab Acht, ob ſich Schriften wieder erheben und den Verſuch machen würde, an Bord des Floßes zu kommen; der Pilot ließ ſich jedoch nicht wieder über dem Waſſerſpiegel blicken und Phi⸗ lipp fühlte ſich beruhigt. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Welche Feder vermag Aminens Gefühle zu ſchildern, als ſie zuerſt entdeckte, daß ſie von ihrem Gatten getrennt war! In einem Zuſtande halben Wahnſinns ſah ſie dem andern Floß nach, der ſich immer weiter und weiter von ihr entfernte. Endlich bargen die Schatten der Nacht den Raum, auf welchem ſich ihr Philipp be⸗ fand, vor ihren ſchmerzenden Augen, und ſie ſank in ſtummer Ver⸗ zweiflung nieder. Allmählig erholte ſie ſich wieder; ſie wandte ſich um und rief: „Wer iſt da?“ Keine Antwort. 3 „Wer iſt da?“ wiederholte ſie mit lauter Stimme;„allein — allein— und Philipp fort. Mutter, Mutter, blicke nieder auf dein unglückliches Kind!“ 327 Und mit irren Sinnen warf ſich Amine ſo nahe an dem Rande des Floßes nieder, daß ihr langes niederwallendes Haar in*† Wellen fluthete. „Wehe! wo bin ich?“ rief Amine, nachdem ſie einige Stunden in einem Zuſtande von Erſtarrung dagelegen hatte. Die Sonne ſenkte ihren glühenden Strahl auf ſie nieder und blendete ihr Geſicht, als ſie die Augen öffnete— ſie ſchaute in die blauen Wogen dicht neben ihr und erblickte einen großen Hayfiſch, der regungslos an der Seite des Floßes auf ſeine Beute harrte. Zurückſchaudernd wandte ſie ſich um; der Floß war leer und die Wahrheit zuckte mit ihrem ganzen Entſetzen in ihrer Erinnerung auf. „Oh, Philipp, Philipp!“ rief ſie;„ſo iſt's alſo wahr! und du biſt fort für immer! Ich dachte, es ſei nur ein Traum— jetzt aber entſinne ich mich wieder auf Alles— ja— auf Alles— auf Alles!“ Sie ſank wieder auf ihr Lager nieder, das ſich im Mittelpunkt des Floßes befand, und blieb daſelbſt eine geraume Weile regungs⸗ los liegen. Aber das Verlangen nach Waſſer war gebieteriſch; ſie ergriff eine der Flaſchen und trank. „Doch warum ſollte ich trinken oder eſſen— warum mein Leben zu erhalten wünſchen?“ Sie ſtand auf und ſah ſich am Horizonte um— „Himmel und Waſſer, nichts Anderes. Iſt dieß der Tod, den ich ſterben ſoll— der grauſame Tod, den mir Schriften prophezeite — ein langſamer Tod unter einer glühenden Sonne, wo die Ein⸗ geweide im Innern verdorren? Doch ſei es drum! Schickſal, ich fordere dich auf, dein Aeußerſtes zu thun— wir können nur ein⸗ mal ſterben— und was kümmert mich das Leben ohne ihn! Und doch wäre es möglich, daß ich ihn wieder ſehe,” fuhr Amine nach einer Pauſe haſtig fort.„Jan— wer weiß es? Dann ſei mir 328 willkommen, Leben; ich will dich pflegen ſchon um dieſer Hoffnung willen— ſo gering ſie auch iſt. Laß ſehen, iſt er auch noch da?“ Amine blickte auf ihren Gürtel und bemerkte, daß ſie noch im⸗ mer im Beſitze ihres Dolches war.„Wohlan denn, ich will leben, obgleich der Tod in meiner Macht ſteht— will mein Leben ſorg⸗ fältig hüten um meines theuren Gatten willen.“ Dann warf ſie ſich abermals auf ihr Lager, um ihre entſetzliche Lage zu vergeſſen. Sie durfte dieß— denn von dieſem Morgen an bis zum Mittage des nächſten Tages blieb ſie in einem Zuſtande von Erſtarrung. Als ſie ſich wieder erhob, fühlte ſie ſich äußerſt ſchwach; ſie blickte auf's Neue umher— aber da war nichts als Himmel und Waſſer zu ſehen. „Ohl dieſe Oede— ſie iſt entſetzlich! der Tod würde mich be⸗ freien— aber nein, ich darf nicht ſterben— ich muß leben für Philipp.“ Sdiee erquickte ſich mit Waſſer und einigem Zwieback; dann kreuzte ſie die Arme auf ihre Bruſt. „Noch ein paar Tage ohne Hülfe, und Alles muß vorüber ſein. Hat ſich je ein Weib in einer Lage befunden, wie die meinige iſt, und dennoch wage ich zu hoffen? Ach's iſt Wahnſinn! Und warum bin ich wohl ſo ausgezeichnet? Weil ich mich mit Philipp vermählt habe? Möglich— und wenn dieß der Fall iſt, ſo muß es mir willkommen ſein. Oh, die Elenden, die mich von meinem Gatten trennten und, um ihr eigenes Leben zu retten, ein hülfloſes Weib zum Opfer brachten! Ja ſie hätten auch mich retten können, wenn ſie nur eine Spur von Mitleid in ihrer Seele gehabt hätten;— aber das haben ſie nie empfunden. Und dieß ſind Chriſten— An⸗ hänger des Glaubensbekenntniſſes, zu dem die alten Prieſter mich bekehren wollten— ja, und ſogar auch Philipp. Liebe und Erbamen! Sie ſprechen wohl davon, aber ich habe dieſe Tugenden nie anwen⸗ den ſehen! Gegenſeitige Liebe und Vergebung— ſage vielmehr Haß . ** . 329 und Raub, die mit einander ſtreiten! Ein Glaube, den man nicht in ſeinen Werken zeigt— wozu wäre er auch nütze? Jeder andere Glauben iſt beſſer— ich ſchwöre ihm ab, und auch wenn ich geret⸗ tet werde, will ich nie wieder zu ihm zurückkehren. Schatten meiner Mutter! Iſt es deßhalb, daß ich auf dieſe Männer gehört habe— daß ich, um die Liebe meines Gatten zu gewinnen, zu vergeſſen ſuchte, was du mich lehrteſt, während ich als ein Kind zu deinen Füßen ſaß— den Glauben, der ſich in Werken thätig zeigt und durch Ge⸗ horſam gegen den Willen des Propheten— iſt es deßhalb, daß dieſe Strafe über mich ergeht? Sage mir dieß, Mutter— oh ſage mir's in meinen Träumen.“ Die Nacht brach ein, und mit ihr erhoben ſich ſchwere Wolken am Himmel. Blitze durchzuckten das Firmament und erhellten hin und wieder den Floß. Endlich ſchoßen ſie ſo raſch— nicht auf ein⸗ ander folgend, ſondern aus allen Richtungen zumal losbrechend, ſo daß das ganze Firmament in Flammen zu ſtehen ſchien. Zugleich rollte der Donner— bald nah und laut, bald wieder mehr in der Ferne. Die Briſe friſchte an und die Wellen warfen den Floß um⸗ her, hin und wieder ſogar bis zu Aminens Füßen waſchend, die in der Mitte ihres gebrechlichen Fahrzeuges ſtand. „So iſts recht— dieß iſt weit beſſer, als jene Windſtille und die ſengende Hitze; es gibt mir wieder Kräfte,“ ſagte Amine, die Augen aufwärts gerichtet und in die zuckenden Wetterſtrahlen bli⸗ ckend, bis ihr das Geſicht verging.„Ja, ſo muß es ſein. Ihr Blitze zerſchmettert mich, wenn ihr Luſt dazu habt— ihr Wellen ſpült mich weg und begrabt mich in einem ſchäumenden Grabe! Möge ſich der Zorn aller Elemente auf dieſes dem Tode geweihte Haupt ausgießen — ich kehre mich nicht daran; ich lache darüber und ſpreche euch Hohn. Ihr könnt nur tödten, und das Gleiche vermag auch dieſer kleine Stahl. Mögen diejenigen zittern, welche Reichthümer zuſam⸗ men ſcharren— welche im Glanze leben— die Glücklichen, die Gatten, Kinder oder überhaupt Etwas zu lieben haben— ich ha 330 nichts. Elemente— mögt ihr nun Feuer, Waſſer, Luft oder Erde heißen— Amine trotzt euch! Und doch, nein, nein, täuſche dich nicht, Amine— es iſt noch Hoffnung. So will ich denn meine Bahre beſteigen und dem Willen des Geſchicks entgegenharren.“ Sie begab ſich wieder nach dem ſichern Platze, den Philipp in der Mitte des Bootes für ſie aufgeſchlagen hatte, warf ſich auf ihr Bette nieder und ſchloß die Augen. Dem Blitz und dem Donner folgten Ströme ſchweren Regens, die bis zum Morgen niederſchoßen. Der Wind blieb noch immer friſch, aber der Himmel klärte ſich auf und die Sonne trat hervor. Amine ſchauderte in ihrem naſſen Gewande. Die Sonnenhitze wirkte zu mächtig auf ihren erſchöpften Zuſtand und ihr Gehirn wurde irre. Sie richtete ſich in eine ſitzende Stellung auf, blickte umher und ſah in jeder Richtung grünende Felder, wo Cocosbäume im Winde we⸗ heten; ſie meinte ſogar ihren Philipp aus der Ferne hereilen zu ſe⸗ hen, breitete ihre Arme aus und verſuchte aufzuſtehen, um ihm ent⸗ gegenzuſtürzen, aber die Glieder verſagten ihr den Dienſt. Sie rief ihm, ſchrie laut auf und ſank zuletzt erſchöpft auf ihr Lager nieder. 1 —; Sechsundzwanzigſtes Kapitel. — Wir müſſen nun für eine Weile zu Philipp zurückkehren und ſeiner wunderbaren Beſtimmung folgen. Einige Stunden, nachdem er den Lotſen in das Meer geworfen hatte, erreichte der Floß das Ufer, dem man ſo lange mit banger Angſt entgegen geſehen hatte. Die Spieren des armſeligen Fahrzeugs knarrten und wogten unter dem Wellenſchlage des an der Küſte ſich brechenden Waſſers. Die Brieſe war friſch, aber die Brandung nur unbedeutend, weßhalb das 331 Landen ohne Schwierigkeit vor ſich ging. Das Geſtade war abſchüſ⸗ ſig und beſtand aus feſtem, weißem Sand, der da und dort mit ver⸗ ſchiedenen Muſcheln von prächtigen Farben beſät war; auch bemerkte man bisweilen die bleichenden Knochen irgend eines Thieres, das die Wogen ausgeworfen hatten, um außerhalb ſeines Elements zu ſter⸗ ben. Die Inſel war, wie alle übrigen, mit einem dichten Gehölz von Cocosbäumen bedeckt, deren Wipfel im Winde wehten und eine ſchattige Friſche erzeugten. Dieſer wohlthätige Einfluß ging jedoch an Allen, nur Krantz ausgenommen, verloren, denn Philipp dachte nur an ſeine verlorene Amine, und die Matroſen hatten nichts, als ihren plötzlichen Reichthum im Auge. Krantz half Philipp ans Ufer und führte ihn unter den Schatten der Bäume; unſer Held raffte ſich aber bald wieder auf und eilte nach dem nächſten Punkte des Geſtades zurück, ängſtlich nach dem andern Theile des Floßes um⸗ her ſehend, der aber jetzt leider Amine in weiter Ferne dahin trug. Krantz war ihm gefolgt, obgleich er, nachdem der erſte Paroxismus vorüber war, nicht mehr fürchtete, daß Philipp in irrem Sinne ſein Leben wegwerfen könnte. „Fort— dahin für immer!“ rief Philipp, die Hände gegen ſeine Augen drückend. „Nicht doch, Philipp; dieſelbe Vorſehung, welche uns gerettet hat, wird zuverläſſig auch ihr beiſtehen. Es iſt unmöglich, daß ſie unter ſo vielen Inſeln, welche zum Theil bewohnt ſind, zu Grunde gehen kann, und ein Weib darf ſtets einer freundlichen Behandlung 4 ſicher ſein.“ „Wenn ich nur auch dieſes Glaubens leben könnte,“ entgegnete Philipp. „Wenn wir ein wenig nachdenken, ſo iſt es vielleicht ſogar gut, daß ſie ſo von uns getrennt wurde— nicht gerade von Euch, ſon⸗ dern von ſo vielen ruchloſen Begleitern, deren vereinigter Macht wir 4 nicht hätten widerſtehen können. Glaubt Ihr, daß dieſe Leute, im Falle eines längern Aufenthaltes auf dieſer Inſel, Euch geſtatten würden, im ruhigen Beſitze Eures Weibes zu bleiben? Nein— ſie würden keine Geſetze achten; und Amine iſt deshalb, meiner Anſicht zufolge, auf eine wunderbare Weiſe vor Schmach und übler Be⸗ handlung, wo nicht vor dem Tode bewahrt geblieben.“ „Nein, deſſen hätten ſie ſich nicht unterfangen dürfen! Aber nun, Krantz, müſſen wir einen Floß machen und ihr folgen. Wir dürfen nicht hier bleiben— ich will ſie durch die weite Welt ſuchen.“ 3 „Es ſei ſo, wie Ihr wünſcht, Philipp, und ich will Eurem Glücksſterne folgen,“ verſetzte Krantz, froh, daß doch wenigſtens Et⸗ was— wie wild auch der Gedanke ſein mochte— vorhanden war, an dem der Geiſt ſeines Freundes zehren konnte.„Kehren wir indeß jetzt wieder zu dem Floße zurück, um die Erfriſchung zu ſuchen, deren wir ſo ſehr bedürfen; dann wollen wir überlegen, wie wir unſer Vorhaben am Beſten ausführen können.“ Hiezu gab Philipp, der ſehr erſchöpft war, ſeine ſtillſchweigende Einwilligung, indem er Krantz nach der Stelle folgte, wo der Floß auf dem Ufer lag. Die Matroſen hatten das Fahrzeug verlaſſen und ſaßen abgeſondert von einander unter dem Schatten der Cocosnuß⸗ bäume. Die Gegenſtände, die auf dem Floß gerettet worden, waren nicht an's Land geſchafft worden, und Krantz rief nun einigen der Leute zu, ſie ſollten herbeikommen und die geborgenen Güter an die Küſte bringen; aber Keiner wollte antworten oder gehorchen. Jeder bewachte ſein Geld und fürchtete, es zu verlaſſen, damit es nicht von den Andern geſtohlen würde. Nun ihr Leben beziehungsweiſe ſicher war, hatte der Dämon des Geizes ihre Seelen in Beſitz genommen; da ſaßen ſie, erſchöpft nach Waſſer lechzend und ſich nach dem Schlafe ſehnend, und doch wagten ſie es nicht, ſich von der Stelle zu rühren — ſie waren wie durch einen Zauber feſtgebannt.. »Dieſe verwünſchten Dollars haben ihnen das Gehirn verrückt,“ bemerckte Krantz gegen Philipp.„Wir wollen ſehen, ob wir ſelbſt nicht das Nöthigſte an's Land ſchaffen können, und dann nach Waſſer forſchen.“ — 333 Philipp und Krantz ſammelten die Zimmergeräthſchaften, die beſten Waffen und ſämmtliche Munition, da ihnen der Beſitz der letzteren im Nothfalle einen Vortheil ſichterte; dann ſchleppten⸗ ſie die Segel nebſt einigen kleinen Spieren an's Ufer und brachten Al⸗ les unter eine Gruppe von Cocosbäumen, die hundert Schritte von der Küſte abſtand. Nach einer Stunde hatten ſie ein dürftiges Zelt errichtet, in welchem ſie alles Gelandete unterbrachten, mit Ausnahme des größten Theils der Munition, welche Krantz hinter dem Schirme des Zeltes unter einen Haufen trockenen Sandes begrub. Zu Befriedigung ihres gegenwärtigen Bedürfniſſes hieb er ſodann mit der Art einen kleinen Cocosbaum nieder, der reichlich mit Früchten behangen war. Man muß ſelbſt die Qual eines langen Durſtes erlitten haben, um die Luſt würdigen zu können, womit Krantz und Philipp die Milch der nach einander geöffneten Nüſſe in ihre vertrockneten Kehlen hinunter⸗ goßen. Die Matroſen ſahen ihnen ſchweigend und mit glotzenden Augen zu. So oft ihre Vorgeſetzten eine friſche Cocosnuß ergriffen und den Inhalt hinunterſtürzten, fühlten ſie peinlicher und peinlicher ihren eigenen verzehrenden Durſt— ihre dürren Lippen klebten feſter an einander— und doch rührten ſie ſich nicht von der Stelle, ob⸗ gleich ſie die Oualen der Verdammten erduldeten. Der Abend brach ein. Philipp hatte ſich auf die Segel nieder⸗ geworfen und war eingeſchlafen, während Krantz aufbrach, um die Inſel zu unterſuchen, an welche ſie geworfen worden. Sie war klein, nicht über drei Meilen lang und nirgends mehr als fünfhundert Fuß breit. Waſſer fand er nicht, wenn nicht etwa durch Graben welches zu erhalten war; indeß wurde zum Glück durch die jungen Cocosnüſſe der größten Noth abgeholfen. Auf dem Rückwege kam Krantz an den geſonderten Poſten der Matroſen vorbei. Jeder war wach und richtete ſich auf den Ellenbogen auf, um zu ſehen ob ſich vielleicht ein Angreifer näherte; ſobald ſie aber den erſten Maten erkannten, ließen ſie ſich wieder nieder. Krantz beſuchte auch den — 334 Floß— das Waſſer war jetzt ganz glatt, denn der Wind blies vom Ufer ab, und die Spieren, aus welchen das Fahrzeug beſtand ſtießen rauh gegeneinander an. Er begab ſich auf den Floß, und da der Mond hell am Himmel ſchien, ſo beobachtete er die Vorſicht, alle urückgebliebenen Waffen zu ſammeln und ſo weit als möglich in die See zu werfen. Dann begab er ſich nach dem Zelt, wo er Philipp noch in tiefem Schlaf fand, und ruhete nach kurzer Friſt an ſeiner Seite. Philipp träumte von Amine; es war ihm als ſähe er den ver⸗ haßten Schriften wieder aus den Wellen auftauchen, den Floß er⸗ klettern und ſich an ihre Seite ſetzen. Abermals meinte er ſein un⸗ irdiſches Kichern und ſein höhniſches Lachen zu hören; während ſeine unwillkommenen Worte in die Ohren der unglücklichen Frau dran⸗ gen. Sie flüchtete ſich in die See, um Schriften zu vermeiden; aber das Waſſer ſchien ſie zurückzuweiſen; ſie ſchwamm auf der Ober⸗ fläche dahin. Der Sturm erhob ſich und wieder ſah er ſie in der Muſchelſchale über die Wellen hingleiten. Dann entdeckte er ſie in der wüthenden Brandung einer Küſte und ihre Muſchel ſank, ſie ſelbſt in den Wogen begrabend. Darauf bemerkte er, wie ſie furcht⸗ los und unbeſchädigt an dem Ufer einherging, denn das erbarmen⸗ loſe Waſſer ſchien ſie zu ſchonen. Philipp verſuchte, ſich ihr zu nähern, wurde aber durch eine unbekannte Gewalt zurückgehalten. Amine winkte ihm mit ihrer Hand und ſagte:„Wir werden uns wieder ſehen; ja noch einmal auf dieſer Erde werden wir uns wie⸗ der ſehen.“ Die Sonne ſtand ſchon hoch am Himmel und goß bereits ihre glühenden Strahlen nieder, als Krantz ſeine Augen öffnete und Philipp weckte. Die Art ſchaffte ihnen wieder ihr Morgenmahl. Philipp blieb ſtumm; er brütete über ſeinen Träumen, die ihm Troſt gebracht hatten. 4 „Wir werden uns wieder ſehen!“ dachte er.„Ja, noch Ein⸗ mal wenigſtens werden wir uns wieder ſehen. Vorſehung! ich danke dir.“ 335 Krantz trat jetzt hinaus, um zu ſehen, was die Matroſen mach⸗ ten. Er fand ſie ſo ſchwach und erſchöpft, daß ſie unmöglich mehr lange leben konnten, und doch verließen ſie ihren theuren Schatz nicht. Ein kläglicher Anblick— dieſe Verkehrtheit des Verſtandes, und Krantz dachte auf einen Plan, das Leben dieſer Leute zu retten. Er machte Jedem geſondert den Vorſchlag, das Geld ſo tief zu ver⸗ ſcharren, daß es nicht ohne Zeitaufwand herausgeſchafft werden könne: dadurch werde verhindert, daß Einer den Schatz des Andern angreife, ohne daß es bemerkt und der Verſuch vereitelt werden könne; auch würden ſie dadurch in den Stand geſetzt, ſich die nö⸗ thige Nahrung und Erfriſchung zu verſchaffen, ohne eine Beraubung befürchten zu müſſen. Dieß leuchtete den Matroſen ein. Krantz brachte die einzige Schaufel, welche ſie beſaßen, aus dem Zelte, und nun verſcharrte Einer nach dem Andern ſeine Dollars viele Fuß tief in den nach⸗ giebigen Sand. Nachdem ſie ihren Reichthum in Sicherheit gebracht hatten, holte er eine der Aexte herbei, worauf ſie Cocosnußbäume fällten und durch die Früchte derſelben zu neuem Leben und neuer Kraft geweckt wurden. Nachdem ſie ſich geſättigt hatten, legten ſie ſich an der Stelle nieder, wo ihre Thaler begraben waren, und er⸗ freuten ſich bald der Ruhe, der ſie ſo ſehr bedurften. Philipp und Krantz hielten nun viele ernſtliche Berathungen über die Mittel, um von der Inſel loskommen und Amine aufſuchen zu können, denn obgleich Krantz das letztere Vorhaben für nutzlos hielt, ſo wagte er doch keinen Widerſpruch. Auf der Inſel konnten ſie nicht bleiben, und das Aeußerſte, was zu erwarten ſtand, war die Erreichung eines bewohnten Landfleckes. Amine aber hielt er für todt, indem er glaubte, ſie ſei entweder von dem Floße wegge⸗ waſchen worden, oder ihre Leiche liege dorrend in der glühenden Hitze der Sonne.. Um Philipp aufzuheitern, ließ er übrigens nichts von ſeinen Muthmaßungen laut werden, und ſo oft ſie von einem Aufbruche 336 ſprachen, geſchah es nicht in Verbindung mit der Abſicht, das eigene Leben zu retten, ſondern ſtets nur, um Philipps verlorne Gattin aufzuſuchen. Der Plan, nach welchem gehandelt werden ſollte, hatte die Erbauung eines leichten Floßes zum Zwecke; ſie wollten die drei Waſſerfäſſer zerſägen, ſie hinter einander in der Mitte des zu erich⸗ tenden Fahrzeuges befeſtigen und an jeder Seite mit zwei gut ange⸗ fügten langen Spieren verſehen. So konnte das extemporirte Boot mit ſeinen Segeln raſch durch das Waſſer gehen und in einem be⸗ ſtimmten Kurſe geſteuert werden. Die äußeren Spieren wurden aus⸗ geleſen und an's Land gebracht, um das Werk beginnen zu können; aber die beiden Offiziere mußten ihre Arbeit allein vollenden, denn die Matroſen ſchienen vorderhand an einen Aufbruch von der Inſel nicht zu denken. Durch Nahrung und Ruhe wieder hergeſtellt, be⸗ gnügten ſie ſich nicht mit dem Gelde, das ſie bereits hatten, ſondern ſehnten ſich nach mehr. Jeder hatte einen Theil ſeiner Habe wieder ausgegraben und ſie ſpielten jetzt den ganzen Tag ein neu erfundenes Spiel mit Kieſelſteinen, die ſie an dem Geſtade zuſammengeleſen hatten. Auch hatte ſich ein anderes Uebel unter ihnen eingeſtellt: ſie hieben nämlich Stufen in die größten Cocosbäume, klommen mit Matroſengewandtheit hinan und verſchafften ſich durch Anzapfen der Baumgipfel, deren Saft ſie in leere Cocosnußſchalen träufeln lie⸗ ßen, jene Flüſſigkeit, die in ihrer erſten Gährung Toddy genannt und ſpäter zu Arak deſtillirt wird. Der Toddy reicht jedoch vollkom⸗ men zu, um zu berauſchen, und mit jedem Tage waren Auftritte von Gewaltthat und Trunkenheit, von Flüchen und Verwünſchun⸗ gen begleitet, häufiger und häufiger. Die Verlierenden zerrauften ſich das Haar und ſtürzten wie Wahnſinnige auf diejenigen zu, welche ihnen ihre Dollars abgewonnen hatten. Es war ein Glück, daß Krantz ihre Waffen in das Meer geworfen und die wenigen geretteten nebſt der Munition verborgen hatte. Schläge und Blutvergießen waren daher an der Tagesordnung; obgleich bis jetzt noch kein Menſchenleben verloren gegangen war, da 337 die ſtreitenden Partien von den Andern getrennt waren, welche ſich in ihrem Spiele nicht ſtören ließen. So ſtanden die Dinge beinahe vierzehn Tage lang, während welcher Zeit die Arbeit am Floße langſam Fortſchritte machte. Einige der Matroſen hatten ihre ganze Habe ver⸗ loren und waren vermöge einſtimmigen Beſchluſſes derjenigen, die ihren Reichthum an ſich gezogen, auf einen gewiſſen Raum verbannt worden, damit ſie die Reicheren nicht beſtehlen könnten. Dieſe wanderten nun düſter um die Inſel oder an der Küſte hin und ſuchten irgend ein Werkzeug, mit welchem ſie ſich Rache und den Wiederbeſitz ihres Geldes verſchaffen könnten. Krantz und Philipp hatten ihnen den Vorſchlag gemacht, ſie ſollten ſich mit ihnen vereinigen und die Inſel verlaſſen, waren aber ſtörriſch zurückgewieſen worden. Krantz ließ nun die Art nicht mehr von der Seite. Er hieb die Cocosbäume um, die für den Unterhalt nöthig waren, geſtattete aber den Matroſen nicht, weitere Bäume anzuzapfen, um ſich ſo die Mittel zur Trunkenheit zu verſchaffen. Am ſechszehnten Tage war alles Geld in die Hände von drei Matroſen übergegangen, welche glücklicher geweſen waren, als die Uebrigen. Die Verlieren⸗ den bildeten nun bei Weitem die Mehrzahl, und die Folge davon war, daß man am andern Morgen gedachte drei Matroſen erdroſſelt an der Küſte liegen ſah. Das Geld war wieder vertheilt worden und das Spielen begann mit größerem Eifer als je. „Wie kann dies enden?“ rief Philipp, als er die ſchwarzblauen Geſichter der Ermordeten betrachtete. „Mit dem Tode Aller,“ verſetzte Krantz.„Wir können es nicht hindern— es iſt ein Gericht.“ Der Floß war nun fertig. Philipp und Krantz hatten den dar⸗ unter liegenden Sand ausgegraben, um das Waſſer hereinfließen zu laſſen. Das Fahrzeug lag jetzt an einem Pfahle befeſtigt und ſchwamm auf der ruhigen Fläche des feuchten Elements. Ein großer Vorrath von a und jungen Cocosnüſſen war an Bord gebracht Marryat. Der fliegende Holländer. 22 — 338 worden, da Philipp mit ſeinem Freunde am andern Tage die In⸗ ſel zu verlaſſen gedachte. Unglücklicherweiſe hatte einer der Matroſen beim Baden in ſeichtem Waſſer die über Bord geworfenen Waffen aufgefunden. Er tauchte unter und verſah ſich mit einem Stutzſäbel; Andere folgten ſeinem Beiſpiele, bis ſich Alle wehrhaft gemacht hatten. Dies ver⸗ anlaßte Philipp und Krantz, an Bord des Floßes zu ſchlafen und Wache zu halten. In derſelbigen Nacht wurde wieder ſtark geſpielt, und ein ſchwerer Verluſt auf der einen Seite endigte mit einem all⸗ gemeinen Gemetzel. Der Kampf war furchtbar, da Alle mehr oder weniger unter dem Einfluſſe des berauſchenden Getränks ſtanden. Von dem ganzen Haufen blieben nur drei am Leben. Philipp harrte mit Krantz des Ausganges. Die Verwundeten wurden ohne Zögerung vollends getödtet, und die drei Ueberlebenden, welche auf derſelben Seite gefochten hatten, ruhten, auf ihre Waffen geſtützt, keuchend aus. Nach einer Pauſe benahmen ſich zwei miteinander, und das Ergebniß war ein Angriff auf den Dritten, der unter ihren Hieben ſtarb. „Barmherziger Vater! Sind das deine Geſchöpfe?“ rief Philipp. „Nein!“ verſetzte Krantz,„ſie beteten den Teufel an in der Geſtalt des Mammons. Glaubt Ihr wohl, daß dieſe Beiden, welche ſich jetzt in einen größeren Reichthum theilen könnten, als ſie bei ihrer Rückkehr nach ihrer Heimath je zu verbrauchen vermögen, in eine derartige Theilung willigen werden? Nimmermehr! Jeder will Alles haben— ja, Alles.“ Krantz hatte kaum ſeine Meinung ausgeſprochen, als einer der Matroſen den Vortheil erſah, daß ſich der Andere für einen Augen⸗ blick von ihm abwandte, und ihm den Stutzſäbel in den Rücken ſeine Waffe wieder an ſich. ſtieß. Der Mann brach ſtöhnend zuſammen 2 Mörder zog „Sagte ich's nicht? Aber der tückiſche Schu e ſoll ſeinen Lohn 339 nicht ernten,“ fuhr Krantz fort, indem er ſeine Muskete anlegte und den Einzigen, der von der Bande noch vorhanden war, todtſchoß. „Ihr habt unrecht gethan, daß Ihr ihn ſeiner wohlverdienten Züchtigung entreißt. Allein gelaſſen auf dieſer Inſel, ohne die Mittel, ſich ſeinen Unterhalt zu verſchaffen, hätte er zollweiſe eines elenden Todes ſterben müſſen, trotz des Geldes, das um ihn aufge⸗ häuft war— das wäre in der That eine Folter geweſen!“ „Möglich, daß ich Unrecht hatte, und wenn es der Fall iſt, ſo möge mir Gott vergeben— ich konnte nicht anders. Wir wol⸗ len an's Land gehen, denn wir ſind jetzt allein auf dieſer Inſel. Wir müſſen das Geld ſammeln und verſcharren, damit es wieder aufgefunden werden kann, zu gleicher Zeit aber auch einiges davon für uns mitnehmen, denn wer weiß, wenn wir es brauchen können. Bis morgen müſſen wir noch hier bleiben, denn wir werden genug zu thun haben, um die Leichen dieſer bethörten Menſchen zu be⸗ graben und das Geld, das dieſe Zerſtörung veranlaßt hat, in der Erde zu bergen.“ Philipp hatte gegen dieſen Vorſchlag nichts einzuwenden. Sie verbrachten den Tag mit Beerdigung der Leichen und warfen das Geld in eine tiefe Grube unter einem Cocosbaum, den ſie mit ihrer Art zeichneten. Auch nahmen ſie fünfhundert Goldſtücke für ſich und ſchafften ſie an Bord, um dieſelben an ihrem Leibe zu verber⸗ gen und im Falle der Noth dazu ihre Zuflucht zu nehmen. Am folgenden Morgen hißten ſie die Segel und verließen die Inſel. Iſt es nöthig, zu ſagen, in welcher Richtung ſie ſteuerten? Natürlich nirgend anders hin, als in der Richtung, wo ſie den Floß, der die verlaſſene Amine trug, zum leßtenmale geſehen hatten. 84 22 1⸗ Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Der Floß that gute Dienſte, denn obgleich er nicht ſehr ſchnell durch das Waſſer ging, ſprach er doch auf das Steuer an und ließ ſich nach Wunſch lenken. Philipp und Krantz achteten ſorgfältig auf die Merkmale, welche ſie für den Nothfall in den Stand ſetzen konnten, die Inſel wieder aufzufinden. Unter günſtiger Strömung fuhren ſie jetzt raſch nach Süden, um eine große Inſel zu unter⸗ ſuchen, die in dieſer Richtung lag. Außer dem Wunſche, Amine aufzufinden, war ihr weiterer Zweck, die Richtung von Ternate zu erforſchen, denn ſie wußten, daß der König dieſer Inſel mit den Portugieſen, welche in dem nicht fern gelegenen Tidore ein Fort und eine Faktorie hatten, in Feindſchaft lebte. Von dort aus hofften ſie, in einer der chineſiſchen Jonken, welche auf ihrer Fahrt nach Ban⸗ tam daſelbſt anzuhalten pflegten, Platz zur Ueberfahrt zu finden. Gegen Abend näherten ſie ſich der großen Inſel und erreichten bald die Küſte. Philipps Augen ſtreiften zuerſt in allen Richtungen umher, um ſich zu überzeugen, ob nirgends Spuren von Aminens Floße zu entdecken wären; er bemerkte jedoch nichts der Art und konnte auch keine Einwohner zu Geſicht bekommen. Um die Gegenſtände ihrer Nachforſchung während der Nacht nicht aus dem Auge zu verlieren, brachten ſie ihren Floß in einer kleinen Bai, wo 3e Waffr ganz glatt war, an's Geſtade und blieben daſelbſt bis zum nächſten Morgen, um dann wieder ihre Segel auszubreiten und ihre Reiſe zu verfolgen. Krantz ſteuerte eben mit dem langen Ruder, das ſie zu dieſem Ende angefertigt hatten, als er Philipp, welcher geraume Zeit ſt geblieben war, die Reliquie von ſeiner Bruſt nehmen und aufme ſam betrachten ſah. „Habt Ihr da ihr Porträt, Philipp?“ fragte Krazz. 341 „Leider nein;'s iſt meine Beſtimmung,“ verſetzte Philipp, ohne zu wiſſen, was er ſagte. „Eure Beſtimmung? Was meint Ihr damit?“. „Redete ich von meiner Beſtimmung? Ich weiß kaum was ich ſagte,“ entgegnete Philipp, die Reliquie wieder in ſeinem Buſen bergend. „Ich glaube faſt, Ihr ſagtet mehr, als Ihr wolltet,“ erwie⸗ derte Krantz,„aber gleichwohl Etwas, was der Wahrheit nahe liegt. Ich habe Euch oft mit dieſem Geſchmeide in der Hand be⸗ merkt und nicht vergeſſen, wie viel Schriften daran gelegen war, es zu erhalten— desgleichen auch, welchen Erfolg ſeine Abſich⸗ ten darauf hatten. Hängt vielleicht irgend ein Geheimniß damit zu⸗ ſammen? Wenn dies der Fall iſt, ſo habt Ihr mich zuverläſſig hinreichend als Euren Freund kennen gelernt, um mich Eures Vertrauens würdig zu halten.“ „Daß Ihr mein Freund ſeid, Krantz, mein aufrichtiger und unſchätzbarer Freund, fühle ich in tiefſter Seele. Wir haben viele Gefahren mit einander getheilt und das reicht zu, eine innige Freundſchaft zu ſchließen. Ich glaube wohl, daß ich mich Euch anvertrauen könnte, fühle aber, daß ich es nicht wagen darf, mich Jemand aufzuſchließen. An dieſer Reliquie(denn es iſt ein Split⸗ ter vom heiligen Kreuze) haftet ein Geheimniß, das bis jetzt nur meiner Gattin und heiligen Männern mitgetheilt wurde.“ „Wenn es heiligen Männern vertraut werden konnte, wird es zuverläſſig auch geborgen ſein in dem Buſen aufrichtiger Freund⸗ ſchaft— denn was wäre heiliger als dieſe?“ „Es ahnet mir aber, daß die Kunde davon Euch verderblich werden könnte. Warum mir's ſo vorkommt, weiß ich nicht, aber ich fühle es, Krantz, und ich könnte den Verluſt eines ſo theuren Freundes nicht verſchmerzen.“ So ſcheint's alſo, daß Ihr keinen Gebrauch von meiner Fprreundſchaft zu machen wünſcht,“ entgegnete Krantz.„Ich habe ———“— 342 ſchon früher mein Leben mit Euch gewagt und bin nicht der Mann, der ſich von den Pflichten der Ahnung von Eurer Seite— das Reſultat eines aufgeregten Gei⸗ ſtes und geſchwächten Körpers— abſchrecken läßt. Iſt es nicht eine höchſt widerſinnige Vermuthung, daß die Anvertrauung eines Ge⸗ heimniſſes mir Gefahr bringen könnte, wenn es nicht etwa die wäre, daß mein Eifer, Euch beizuſtehen, mich vielleicht in Schwierigkeiten verſetzt? Es iſt nicht leere Neugierde, was mich ſo ſprechen läßt; wir ſind ſchon ſo lange miteinander in Verbindung und ſtehen jetzt ſo abgeſchieden da von der übrigen Welt, daß es mich dünkt, es müßte Euch eine Beruhigung ſein, wenn Ihr Jemand Euer Herz aufſchließen könntet, auf den Ihr bauen dürft. Der Troſt und Rath eines Freundes, Philipp, ſind Dinge, die Ihr nicht verachten ſolltet, und es muß ſchon eine Erleichterung in dem Umſtande liegen, mit Jemand über die Sache ſprechen zu können, die Euch augenſchein⸗ lich ſo ſchwer bedrückt. Wenn Ihr daher meine Freundſchaft werth ſchätzt, ſo geſtattet mir, auch Euren Kummer zu theilen.“ Es gibt nur Wenige, denen das Leben ſo ruhig dahinge⸗ ſchwunden iſt, daß ſie nicht wüßten, wie ſehr der Gram gemildert wird, wenn der Anlaß dazu einem theuren Freunde vertraut wer⸗ den kann, der den Leidenden mit Rath und Troſtesworten ermun⸗ tert. Niemand wird es daher überraſchend finden, wenn Philipp in ſeiner gegenwärtigen Lage und unter dem herben Schmerze, den ihm Aminens Verluſt bereitete, Krantz als den Mann betrachtete, dem er ſein wichtiges Geheimniß mittheilen zu können vermeinte. Freundſchaft durch eine kindiſche Er begann ſeine Erzählung mit keinen Einſchärfungen zur Ver⸗ ſchwiegenheit, denn er fühlte, daß Krantz, wenn er ſein Geheimniß nicht um der Sache ſelbſt willen und aus Liebe zu ihm bewahrte, wahrſcheinlich ſich durch kein gegebenes Verſprechen binden ließ; die Geſchichte, wie ſie der Leſer bereits kennt, wurde ihm daher anver⸗ traut, während der Floß an den verſchiedenen aei der Inſel vorbei ſchwamm. 3 inen Vorgebirgen — 343 „Ihr wißt jetzt Alles,“ ſagte Philipp am Schluſſe ſeiner Erzählung mit einem tiefen Seufzer.„Was haltet Ihr davon? Schenkt Ihr meiner wunderſamen Erzählung Glauben, oder haltet Ihr ſie, wie wahrſcheinlich viele Andere thun würden, für die bloße Ausgeburt eines verwirrten Gehirns?“ „Ich glaube nicht, daß es das letztere iſt, Philipp,“ verſetzte Krantz,„denn für die Richtigkeit eines Theils Eurer Geſchichte habe ich zu augenfällige Proben. Erinnert Euch, wie oft ich ſelbſt dieſes geſpenſtiſche Schiff geſehen habe— und wenn es Eurem Vater geſtattet iſt, durch die Meere zu ſtreichen, warum ſolltet Ihr nicht erwählt und beſtimmt ſein können, ſeine Strafe zu Ende zu bringen? Ich glaube jedes Wort, das Ihr mir geſagt habt, und nun Ihr mir Euer Vertrauen ſchenktet, kann ich viel von Eurem Benehmen begreifen, das mir hin und wieder ganz unerklärlich ſchien. Es gibt Viele, die Euch beklagen würden, Philipp; aber ich beneide Euch.“ „Ihr beneidet mich?“ rief Philipp. „Ja! ich beneide Euch und würde Euch mit Freuden Eure Laſt abnehmen, wenn es nur möglich wäre. Iſt es nicht ein edler Gedanke, daß Ihr zu einem ſo großen Werke berufen ſeid? Statt wie wir Alle in der Welt dem Reichthume nachzujagen, den wir uns durch jahrelange Mühe erringen und vielleicht durch das Wag⸗ niß eines einzigen Tages verlieren, jedenfalls aber zurücklaſſen müſſen— ſeid Ihr erkieſen, eine glorreiche Aufgabe— ein Werk für Engel, möchte ich ſagen— zu erfüllen— die Seele eines Vaters zu erlöſen, der für ſeine menſchlichen Gebrechen leidet, aober nicht verurtheilt iſt, für alle Ewigkeit zu Grunde zu gehen. Ihr habt in der That ein Ziel vor Euch, deſſen Verfolgung wohl aller Gefahren und Wagniſſe des Seelebens werth iſt. Und wenn es auch mit Eurem Tode enden ſollte— wo anders finden unſere armſeligen Beſtrebungen, unſer ewiges Haſchen nach Nichts ihr Ziel? Wir Alle müſſen ſterben— aber wie Wenigen— wem 344 überhaupt, außer Euch— wurde es je geſtattet, vor ihrem Tode die Seele des Urhebers ihres Daſeins zu retten? Ja, Philipp, ich beneide Euch.“ „Ihr denkt und ſprecht wie Amine. Auch ſie hat eine glühende abenteuerliche Seele, die gerne einen Verkehr unterhalten möchte mit den Weſen einer andern Welt und nach Gemeinſchaft verlangt mit körperloſen Geiſtern.“ „Sie hat Recht,“ verſetzte Krantz.„Auch ich habe in meinem eigenen Leben Dinge erfahren, welche mit meiner Familie in Ver⸗ bindung ſtanden und mir oft die volle Ueberzeugung aufdrangen, daß derartige Vorfälle nicht nur möglich, ſondern auch wirklich ſind. Eure Geſchichte hat nur bekräftigt, was ich bereits früher glaubte.“ „Wirklich, Krantz?“ „Ja; doch davon zu einer andern Zeit. Die Nacht bricht ein und wir müſſen unſere kleine Barke wieder in Sicherheit bringen. Da iſt eine Bucht, welche ganz dieſem Zwecke zu entſprechen ſcheint.“ Vor Morgen ſprang eine ſtarke Briſe gerade gegen das Ufer herauf, und die Brandung wurde ſo hoch, daß dem Floße Gefahr drohte. Die Fahrt fortzuſetzen, war unmöglich; ſie konnten nur ihr Fahrzeug ans Land holen, um ſo zu verhindern, daß es von der Gewalt der an der Küſte ſich brechenden Wogen nicht zertrümmert wurde. Philipps Gedanken beſchäftigten ſich, wie gewöhnlich mit Amine, und während er dem Stoßen der Wellen zuſah, deren Kämme im Lichte der Sonne glänzten, rief er aus: „Ocean! Haſt du meine Amine? Iſt dies der Fall, ſo gib deine Todten heraus! Doch was iſt dort?“ fügte er bei, indem er auf einen Fleck am Horizont deutete. „Das Segel irgend eines kleinen Fahrzeugs,“ verſetzte Krantz; „es kommt augenſcheinlich vor dem Wind herunter, um in dem⸗ ſelben Winkel, den wir uns auserleſen haben, Schutz zu ſuchen.“ „Ihr habt Recht; es iſt das Segel eines Schiffes— wahr⸗ ſcheinlich eine von den Piroquen, welche ſich in dieſen Meeren fin⸗ 345 den. Wie ſie ſich auf den Wellen hebt— ſie iſt augenſcheinlich ſtark bemannt. Die Piroque kam raſch näher und langte bald an dem Geſtade an; das Segel wurde niedergelaſſen und das Fahrzeug rücklings in die Bai gedrängt. „Wenn es Feinde ſind, ſo würde Widerſtand vergeblich ſein, 4 bemerkte Philipp.„Wir werden bald unſer Schickſal erfahren.“ „Die Leute in der Piroque achteten nicht auf unſere Abenteurer, bis das Schifflein aufgeholt und feſtgemacht war; dann näherten ſich drei davon mit Speeren in der Hand, aber augenſcheinlich nicht in feindſeliger Abſicht. Der Eine redete Philipp und Krantz in portugieſiſcher Sprache an, ſie fragend, wer ſie wären. „Wir ſind Holländer,“ antwortete Philipp. „Ein Theil von der Mannſchaft des verunglückten Schiffes?“ fragte er.. „Ja.“ „Ihr habt nichts zu fürchten, denn ihr ſeid ebenſo gut Feinde der Portugieſen, wie wir. Wir gehören zu der Inſel Ternate, und unſer König lebt im Kriege mit den ſchurkiſchen Portugieſen. Wo ſind eure Gefährten? Auf welcher Inſel?“ „Sie ſind alle todt,“ entgegnete Philipp.„Darf ich fragen, ob ihr nicht mit einer Frau zuſammen getroffen ſeid, die allein auf einem Floße in der See triftete? Oder habt ihr von ihr gehört?“ „Wir vernahmen, daß an der Küſte gegen Süden eine Frau aufgeleſen und von den Bewohnern Tidores nach der portugieſiſchen Anſiedelung gebracht wurde, weil man ſie für eine Portugieſin hielt.“ „Gott ſei Dank, dann iſt ſie gerettet,“ rief Philipp.„Barm⸗ herziger Himmel, nimm meinen Dank!— Auf Tidore, ſagt ihr?“ „Ja; aber wir können euch nicht dahin bringen, weil wir mit den Portugieſen im Kriege leben.“ „Nein; aber wir werden uns wiederſehen.“ Der Mann, welcher ſie angeredet hatte, war augenſcheinlich —— 346 von einiger Bedeutung. Seine Kleidung beſtand aus einem Ge⸗ miſche der muhamedaniſchen und malaiſchen Tracht— er führte Waffen in ſeinem Gürtel und einen Speer in der Hand. Sein Turban war aus gedrucktem Kattun gefertigt; auch benahm er ſich, gleich den meiſten Perſonen von Stand in dieſer Gegend, höflich und würdevoll. „Wir kehren jetzt nach Ternate zurück und wollen Euch mit⸗ nehmen. Unſer König wird ſich freuen, Holländer bei ſich zu em⸗ pfangen, beſonders weil ſie Feinde der portugieſiſchen Hunde ſind. Ich vergaß, Euch zu ſagen, daß wir einen Eurer Begleiter bei uns an Bord haben; wir fiſchten ihn ganz erſchöpft aus der See, obſchon er jetzt wieder wohl iſt.“ „Wer kann das ſein?“ bemerkte Krantz.„Er muß zu einem andern Schiffe gehören.“ „Nein,“ verſetzte Philipp ſchaudernd;„mir ſagt eine Ahnung, daß es niemand anders, als Schriften iſt.“ „Dann müſſen ihn meine Augen ſehen, ehe ich es glaube,“ er⸗ wiederte Krantz. „So glaubt Euern Augen,“ ſagte Philipp, auf Schriftens Geſtalt deutend, der jetzt auf ſie zukam. 8 „Mynheer Vanderdecken, freut mich, Euch zu ſehen. Mynheer Krantz, ich hoffe, Ihr befindet Euch wohl. Wie glücklich, daß wir Alle gerettet wurden; hi! hi!“ „Der Ocean hat alſo meiner Aufforderung gehorcht und ſeine Todten wieder herausgegeben,“ dachte Philipp. Ohne der unceremoniöſen Weiſe, in welcher ſie von einander geſchieden waren, auch nur im Geringſten zu gedenken, wandte ſich Schriften in augenſcheinlich guter Laune an Krantz und redete ihn mit einem leichten Anfluge von Sarkasmus an. Es währte ge⸗ raume Zeit, bis ſich Letzterer des aufdringlichen Menſchen erweh⸗ ren konnte. „Was haltet Ihr von ihm, Krantz?“ — — 347 „Daß er mit zum Ganzen gehört, und daß er ſo gut ſeine Beſtimmung zu erfüllen hat, als Ihr die Eurige. Er muß in dem wunderbaren Geheimniß eine Rolle ſpielen und wird bleiben, bis er ſie beendigt hat. Kehrt Euch nicht an ihn und vergeßt nicht, daß Eure Amine gerettet iſt.“ 8 „Ihr habt Recht,“ verſetzte Philipp;„der Elende iſt keines Gedankens werth. Wir ſchiffen uns jetzt mit dieſen Leuten ein, ſchaffen uns nachher den Menſchen vom Halſe und geben uns Mühe, meine theure Amine wieder aufzufinden.“ Achtundzwanzigſtes Kapitel. Als Amine wieder zur Beſinnung kam, lag ſie in einer klei⸗ nen Hütte auf Palmenblättern. Ein häßliches, ſchwarzes Kind ſaß an ihrer Seite und wehrte ihr die Fliegen ab. Wo war ſie? Der Floß war zwei Tage lang auf dem Meere umhergeworfen worden, während welcher Zeit ſich Amine abwechſelnd in einem Zu⸗ ſtand von Irreſein und Betäubung befand. Durch Wind und Strö⸗ mung getrieben, wurde ihr Fahrzeug endlich an die Oſtküſte von Neu⸗Guinea geworfen. Etliche Eingeborne, welche zufällig an der Küſte mit einigen Tidore⸗Kaufleuten handelten, entdeckten Amine und eilten herbei, um ſich ihrer Kleider zu bemächtigen, obſchon ſie bemerkten, daß ſie nicht todt war; aber ehe ſie die arme Frau ſo nackt, als ſie ſelbſt waren, verließen, feſſelte ein Diamant von großem Werth, ein Geſchenk Philipps, die Aufmerkſamkeit eines Wilden, der, da ſich der Ring nicht leicht abſtreifen ließ, ein roſti⸗ ges, ſtumpfes Meſſer herauszog und eben nach Kräften an dem Fin⸗ ger ſägte, als eine alte Frau, welche in Anſehen ſtand, ſich in s Mittel legte und ihm befahl, von ſeinem Beginnen abzulaſſen. Die 348 Tidore⸗Kaufleute, welche Freunde der Portugieſen waren, machten die Wilden gleichfalls darauf aufmerkſam, daß ſie für die Rettung einer Perſon, die der gedachten Nation angehöre, eine große Beloh⸗ nung erhalten würden, und verſprachen außerdem, ſie wollten auf ihrem Rückwege die Leute auf der Faktorie unterrichten, daß eine portugieſiſche Frau auf einem Floß an die Küſte geworfen worden ſei. Dieſem Umſtand verdankte Amine die aufmerkſame Sorgfalt, die man ihr erwies. Jener Theil von Neu⸗Guinea war einiger⸗ maßen civiliſirt durch den häufigen Verkehr mit den Tidore⸗Kauf⸗ leuten, welche kamen, um europäiſchen Tand gegen die nützlicheren Produkte der Inſel umzutauſchen. Die Papusfrau führte Amine in ihre Hütte, wo ſie viele Tage mit dem Tode rang und ſich einer ſorgfältigen Pflege erfreute, ob⸗ ſchon ſich ihre Bedürfniſſe nur auf das Anfeuchten ihrer vertrockneten Lippen mit Waſſer und auf das Abwehren der Musquitos und der Fliegen beſchränkten. Als Amine ihre Augen öffnete, eilte das kleine Papusmädchen hinaus, um dieſe Kunde der Frau zu überbringen, welche ſofort in die Hütte trat. Sie war groß, ſehr beleibt, ſchwerfällig und faſt ohne Kleider; das wollige Haar hatte ſie halb geſcheitelt, halb ge⸗ kräuſelt, und ihr ganzer Anzug beſtand aus einem um die Lenden geſchlungenen Tuche, nebſt einem Stücke verblichenen gelben Sei⸗ denſtoffs über den Schultern. Ein paar ſilberne Ringe an den fet⸗ ten Fingern und ein Perlenmutter⸗Halsband bildeten ihren Schmuck. Ihre Zähne waren von dem Gebrauche der Betelnuß pechſchwarz gefärbt, und ihr ganzes Aeußere konnte wohl in Aminens Bruſt Ekel und Abſcheu erwecken. Sie redete Amine an, aber ihre Worte waren unverſtändlich. Die Leidende, welche ſich ſchon auf die leichteſte Bewegung erſchöpft fühlte, ſank in ihre frühere Lage zurück und ſchloß die Augen. Wie ekelerregend übrigens auch der Anblick der Frau wirken mußte, ſo war ſie doch wohlwollend, und durch ihre aufmerkſame Sorgfalt 349 fühlte ſich Amine im Laufe von drei Wochen in den Stand geſetzt, 8 aus der Hütte heraus zu wanken und ſich in der Abendluft zu er⸗ gehen. Die Inſulaner umringten ſie oft, behandelten ſie aber aus Furcht vor der alten Frau mit Achtung. Das wollige Haar der Eingebornen war gekräuſelt oder geflochten, bisweilen auch mit Chunam weiß gepudert. Ihr ganzer Anzug beſtand aus einigen um die Lenden gehefteten Palmenblättern, die bis auf die Kniee niederfielen, während ihre Naſen und Ohren mit Ringen und Pa⸗ radiesvogelfedern verziert waren. Amine, welche die Sprache dieſer Leute nicht verſtand, war dem Himmel dankbar für ihr Leben; ſie ſetzte ſich unter den Schatten der Bäume und ſah den ſchnellen Piroquen zu, die auf der vor ihr ausgebreiteten blauen See dahin ſchwammen; aber ihre Gedanken weilten anderswo— ſie waren bei Philipp. Eines Morgens kam Amine mit freudigem Antlitze aus der Hütte heraus und nahm ihren gewöhnlichen Sitz unter den Bäu⸗ men ein. „Ja, Mutter, theuerſte Mutter, ich danke dir! Du biſt mir erſchienen und haſt mir die Künſte in's Gedächtniß gerufen, die ich vergeſſen hatte. Beſäße ich nur die Mittel, mit dieſen Leuten zu ſprechen, ſo könnte ich ſogar jetzt ſchon erfahren, wo mein Phi⸗ lipp iſt.“ Zwei Monate blieb Amine unter der Obhut der Papusfrau. Als die Tidore⸗Kaufleute zurückkehrten, brachten ſie den Auftrag mit, die an die Küſte geworfene weiße Frau nach der Faktorie zu holen und diejenigen zu belohnen, welche ſich ihrer angenommen hatten. Sie gaben Aminen, welche jetzt ihre ganze frühere Schön⸗ heit wieder erlangt hatte, durch Zeichen zu verſtehen, daß ſie mit ihnen gehen ſolle. Jede Veränderung war dem gegenwärtigen Aufenthalte vorzuziehen, und unſere Heldin folgte ihnen nach der Piroque hinunter, wo ſie einen ſichern Platz erhielt und bald mit ihren neuen Begleitern durch das Waſſer ſchnitt. Als ſie auf dem glatten Meere dahinflogen, dachte Amine an Philipps Traum und an die Muſchel der Meerfei. Gegen Abend langten ſie an der Südſpitze von Gilolo an, wo ſie für die Nacht landeten; am andern Tage erreichten ſie den Ort ihrer Beſtimmung, und Amine wurde nach der portugieſiſchen Fak⸗ torie gebracht. Daß ihre Ankunft große Neugierde weckte, darf Niemand be⸗ fremden, denn die Geſchichte, welche die Eingeborenen von Aminens Entkommen erzählten, lautete gar zu wunderbar. Vom Kommandan⸗ ten bis zum niedrigſten Diener herab ſah Alles in größter Spannung ihrem Erſcheinen entgegen. Aminens ſchöne, vollkommene Geſtalt ſetzte ſie noch mehr in Erſtaunen. Der Kommandant machte ihr ein langes Kompliment in portugieſiſcher Sprache, und war ganz erſtaunt, daß ſie keine entſprechende Antwort gab; es wäre freilich auch zu verwundern geweſen, da ſie nicht ein Wort von der ganzen Rede verſtanden hatte. Amine deutete durch Zeichen an, daß ihr die Sprache unbekannt ſei, weshalb man annahm, daß ſie entweder eine Engländerin oder eine Holländerin ſei. Man ſchickte nach einem Dolmetſcher, durch welchen ſie auseinanderſetzte, daß ſie die Gattin eines holländiſchen Kapitäns ſei, deſſen Schiff auf dem Strande zu Grunde ging; auch wiſſe ſie nicht anzugeben, ob die Mannſchaft gerettet worden ſei oder nicht. Die Portugieſen freuten ſich ſehr über den Untergang eines holländiſchen Schiffs, noch mehr aber, daß ein ſo liebliches Weſen, wie Amine, gerettet worden war. Der Kommandant hieß ſte willkommen und verſicherte ihr, daß während ihres Aufenthalts nach Kräften für ihre Bequemlichkeit geſorgt werden ſolle. Man er⸗ warte in drei Monaten ein Schiff aus dem chineſiſchen Meere, das nach Goa gehe und das ſie, wenn ſie Luſt habe, zur Ueberfahrt benützen könne, indem ſie von letzterer Stadt aus leicht Gelege⸗ heit finden könne, auf einem andern Schiffe nach jedem beliebigen 351 Orte zu kommen. Sie wurde dann in ein Gemach geführt und er⸗ hielt eine kleine Negerin zur Bedienung. Der portugieſiſche Kommandant war ein mageres Männchen, der durch den langen Aufenthalt unter einer tropiſchen Sonne zu einem Span eingedorrt war. Er hatte einen ſehr großen Backen⸗ bart und einen ſehr langen Degen— zwei Dinge, welche die auf⸗ fallendſten Züge an ſeiner Perſon und in ſeinem Anzuge bildeten. Seine Aufmerkſamkeiten konnten nicht mißgedeutet werden, und Amine würde über ihn gelacht haben, hätte ſie nicht gefürchtet, er möchte ſie auf Tidore zurückbehalten. Nach einigen Wochen hatte ſie ſich in die portugieſiſche Sprache ſoweit eingeübt, daß ſie ihre Bedürfniſſe namhaft machen konnte, und noch ehe ſie die Inſel Ti⸗ dore verließ, war ſie im Stande ganz geläufig zu ſprechen. Ihr Verlangen zur Abreiſe, um über Philipps Schickſal Kunde einzu⸗ ziehen, wurde übrigens mit jedem Tage größer, und am Schluſſe der drei Monate weilten ihre Blicke unabläſſig auf der See, um zuerſt das ſehnlich erwartete Schiff zu erſpähen. Als es zuletzt erſchien und Amine eben das von Weſten kom⸗ mende Segel aufmerkſam betrachtete, fiel der Kommandant auf ſeine Knie nieder, erklärte ihr ſeine Liebe und bat ſie, nicht an eine Ab⸗ reiſe zu denken, ſondern ihr Geſchick mit dem ſeinigen zu vereinen. Amine, welche wußte, daß ſie in ſeiner Gewalt war, benahm ſich vorſichtig in ihrer Antwort.„Sie müſſe zuerſt wiſſen, wie es mit ihrem Gatten ſtehe, da deſſen Tod noch nicht gewiß ſei; zu dieſem Ende wolle ſie nach Goa reiſen und ihm(dem Kommandan⸗ ten) ſchreiben, wenn ſie finde, daß ihre Hand frei ſei.“ Man wird ſeiner Zeit ſehen, daß dieſe Antwort für Philipp zur Urſache großer Leiden wurde. Der Kommandant, welcher im ſchlimmſten Falle Philipps Tod wohl herbeiführen zu können glaubte, gab ſich zufrieden und erklärte, ſobald er ſelbſt irgend eine beſtimmte Nachricht erhalte, wolle er ſie ſelbſt nach Goa bringen und ihr tauſend Eide der Liebe und Treue ſchwören. —ͤ „Der Thor!“ dachte Amine auf das Schiff hinblickend, das ſich nun mehr und mehr ſeinem Ankergrunde näherte. In einer halben Stunde hatte das Fahrzeug geankert und die Leute kamen ans Land. Amine bemerkte einen Prieſter darunter. Sie ſchauderte ohne zu wiſſen warum, und als die Ankömmlinge ſich näherten, ſtand ihr mit einemmale Pater Matthias gegenüber. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Sowohl Amine, als Pater Matthias fuhren zuſammen, und traten in ihrer Ueberraſchung über dieſes unerwartete Wiederſehen einige Schritte zurück. Amine war die erſte, die ihm ihre Hand entgegenſtreckte; ſie hatte für den Augenblick in ihrer Freude über das Zuſammentreffen mit einem wohlbekannten Geſichte, faſt ganz vergeſſen, wie ſie von einander geſchieden waren. Pater Matthias nahm kalt ihre Hand und legte ihr die ſeinige mit den Worten auf's Haupt: „Möge Gott dich ſegnen und dir vrgeben, meine Tochter, wie ich es längſt gethan habe.“ Jetzt tauchte die Rückerinnerung an das Vergangene wieder in Anminens Geiſt auf, und ſie erröthete hoch. Hatte ihr Pater Matthias wirklich vergeben? Der Ausgang mußte es zeigen. So viel war übrigens gewiß, daß er ſie wie eine alte Freundin behandelte, voll Theilnahme auf die Geſchichte ihres Schiffbruches hörte und mit ihrer Anſicht übereinſtimmte, es ſei paſſend, wenn ſie ihn nach Goa begleite. Einige Tage ſpäter ſegelte das Schiff aus, und Amine verließ die Faktorie und deren verliebten Kommandanten. Sie gelangten wohlbehalten durch das Inſelmeer und kreuzten die Mündung der 353 Bay von Bengalen, ohne daß das ſchöne Wetter unterbrochen wor⸗ den wäre. Nachdem Pater Matthias Terneuſe verlaſſen hatte, war er nach Liſſabon zurückgekehrt, wurde aber daſelbſt der Unthätigkeit bald müde und erbot ſich, abermals als Miſſionär nach Indien zu gehen. Er war in Formoſa angelangt und erhielt bald nachher von ſeinen Obern die Weiſung, wegen einer wichtigen Angelegenheit nach Goa zu reiſen; dies gab Anlaß, daß er zu Tidore mit Amine zuſam⸗ mentraf. Es würde ſchwer ſein, die Gefühle des Pater Matthias gegen Amine zu ſchildern, da ſie einem gar häufigen Wechſel unterworfen waren. Das einemal erinnerte er ſich des Wohlwollens, das ihm von ihr und Philipp erwieſen worden— der Achtung, die er gegen ihren Gatten hegte, und der vielen guten Eigenſchaften, welche er an ihr kannte— aber dann gedachte er auch der Schmach, der unver⸗ dienten Schmach, die durch ſie über ihn gehäuft worden war, und er pflegte dann mit ſich zu Rathe zu gehen, ob ſie wirklich geglaubt habe, daß ihn andere Beweggründe, als die von ihm namhaft gemach⸗ ten, in ihr Gemach geführt hätten, oder ob ſie ſich damals nur ſeine Unbeſonnenheit zu Nutze machte. Dieſe Betrachtungen hielten ſich in ſeinem Geiſte beinahe das Gleichgewicht. Er hätte ihr Alles vergeben können, wenn er geglaubt hätte, daß Amine mit aufrichtigem Herzen an den Lehren der Kirche hänge; ſo aber fühlte er ſich überzeugt, daß ſie nicht nur eine Ungläubige ſei, ſondern auch verbotene Künſte übe, und dies kehrte die Wagſchaale gegen ſie. Er bewachte ſie ge⸗ nau, und wenn ſie in ihrem Geſpräche irgend ein religiöſes Gefühl zeigte, that ſich ſein Herz gegen ſie auf; entglitten jedoch im Gegen⸗ theile Worte von ihren Lippen, welche anzudeuten ſchienen, daß ſie keine ſehr hohe Meinung von dieſem Glauben hege, ſo ſchoß die volle Fluth des Unwillens und der Rachſucht in ſein Inneres. Nachdem ſie die Bay von Bengalen beinahe zurückgelegt hatten, Marryat. Der fliegende Holländer. 23 5 2 4 354 und das ſüdliche Kap von Ceylon umfahren ſollten, trafen ſie zum erſtenmale auf ſchlechtes Wetter. Der Sturm ſteigerte ſich mehr und mehr, und die abergläubigen Matroſen zündeten Lichtlein vor dem Bilde eines Heiligen an, das auf dem Decke in einem Sakra⸗ menthäuschen ſtand. Amine, welche dies bemerkte, lächelte gering⸗ ſchätzig; aber obgleich ſie ſich deſſen kaum bewußt war, bemerkte ſie doch, daß das Auge des Pater Matthias ernſt auf ihr haftete. „Die Papus, die ich eben verlaſſen habe, thun nichts Schlim⸗ meres, als daß ſie ihre Götzen anbeten, und werden Götzendiener genannt,“ murmelte Amine.„Was ſind denn dieſe Chriſten?“ „Wäre es nicht beſſer, wenn Ihr hinunter ginget?“ ſagte Pater Matthias, auf Aminen zukommend.„Dies iſt keine Zeit für Frauen, um auf dem Decke zu ſein— Ihr würdet beſſer thun, wenn Ihr für unſere Rettung betetet.“ „Nicht doch, Vater, ich kann hier weit beſſer beten. Ich liebe dieſen Kampf der Elemente, und während ich ihm zuſehe, beuge ich mich voll Bewunderung vor der Gottheit, welche die Stürme lenkt, die Winde im Zorn aufwallen läßt und ſie dann wieder beſchwichtigt.“ „Das iſt ſchon gut, mein Kind,“ verſetzte Pater Matthias; „aber der Allmächtige will nicht angebetet ſein in ſeinen Werken, ſondern im Kämmerlein mit Beſchaulichkeit, Selbſtprüfung und Glauben. Habt Ihr die Lehren befolgt, die man Euch ertheilte, und die erhabenen Geheimniſſe, die man Euch offenbarte, mit Ehr⸗ furcht im Herzen getragen?“ „Ich habe mein Beſtes gethan, Vater,“ verſetzte Amine, ihr Antlitz abwendend und eine rollende Woge betrachtend. „Habt Ihr die unbefleckte Jungfrau und die Heiligen ange⸗ rufen— dieſe theuren Fürſprecher für ſündige Sterbliche, unter die Ihr gehört?“. Amine gab keine Antwort; ſie mochte den Prieſter nicht auf⸗ bringen und wollte ihm auch keine Unwahrheit ſagen. „Antwortet mir, mein Kind,“ fuhr der Prieſter mit Strenge fort. 355 „Vater,“ verſetzte Amine,„ich habe zu dem alleinigen Gott gebetet— zu dem Gott der Chriſten— zu dem Gott des ganzen Weltalls!“ 3 „Wer nicht Alles glaubt, glaubt Nichts, junges Weib. Ich dachte mir's wohl, denn ich ſah Euch eben jetzt verächtlich lächeln. Warum lächeltet Ihr?“ „Ueber meine eigenen Gedanken, guter Vater.“ „Sagt lieber über den wahren Glauben, den Ihr Andere an den Tag legen ſaht.“ Amine gab keine Antwort. „Ihr ſeid alſo noch immer eine Ungläubige und eine Ketzerin? Hütet Euch, junges Weib! hütet Euch!“ „Vor was ſollte ich mich hüten, guter Vater, und warum? Sind nicht in dieſen Klimaten Millionen noch ungläubiger und ketze⸗ riſcher, als vielleicht ich es bin? Wie Viele habt Ihr zu Eurem Glauben bekehrt? Mit wie viel Mühſal und Gefahr hattet Ihr nicht zu kämpfen, um ihn weiter zu verbreiten, und warum hatten Eure Anſtrengungen einen ſo geringen Erfolg? Soll ich es Euch ſagen, Vater? Der Grund liegt darin, daß die Leute bereits ihr eigenes Glaubensbekenntniß haben— einen Glauben, der ihnen von Kind⸗ heit an eingepflanzt und von ihrer ganzen Umgebung geübt wurde. Bin ich nicht in derſelben Lage? Ich wurde in einem andern Glau⸗ ben erzogen; könnt Ihr erwarten, daß ich dieſen ſo mit einemmale aufzugeben und die Vorurtheile früher Jugend urplötzlich auszurotten im Stande ſei. Ich habe über das, was Ihr mir ſagtet, reiflich nachgedacht— habe gefühlt, daß Vieles davon wahr iſt, und daß die Lehren Eurer Kirche göttlich ſind— i*ſt das nicht hinreichend? Und doch ſeid Ihr nicht zufrieden. Ihr wollt blinden Glauben und blinden Gehorſam haben— in dieſem Falle bin ich freilich eine un⸗ würdige Bekehrte. Wir werden übrigens bald im Hafen ſein; dann belehrt und überzeugt mich, wenn Ihr dazu geneigt ſeid; ich bin bereit zu prüfen und zu glauben, aber nur auf Ueberzeugung. Habt 2 ⅜2 356 Geduld mit mir, guter Vater, und die Zeit wird vielleicht noch kom⸗ men, in welcher ich fühle, was ich jetzt nicht fühlen kann— daß zum Beiſpiel jenes Stück bemalten Holzes ein Ding iſt, vor dem man ſich auf die Kniee werfen und anbeten muß.“ Ungeachtet des Hohnes im Schluſſe dieſer Rede lag doch ſo viel Wahrheit in Aminens Bemerkungen, daß auch Pater Matthias nicht blind dagegen ſein konnte. Er hatte ſich übrigens daran gewöhnt, in Aminen, dem Weibe eines Katholiken, nicht die Perſon zu ſehen, welche in einem andern Glaubensbekenntniß erzogen wurde, ſondern nur die Abtrünnige von der römiſchen Kirche. Jetzt erinnerte er ſich, daß ſie nie eigentlich in die Gemeinſchaft aufgenommen worden war, denn Pater Seyſen hatte ſie ihrem Seelenzuſtande nach noch nicht für aufnahmsfähig gehalten und die Taufe verſchoben, bis er ſich von ihrem vollen Glauben überzeugt hatte. „Ihr ſprecht kühn, aber Ihr ſprecht, wie Ihr fühlt, mein Kind,“ verſetzte Pater Matthias nach einer Pauſe.„Wenn wir zu Goa anlangen, wollen wir dieſe Dinge weiter beſprechen, und unter Gottes Beiſtand wird Euch der neue Glaube offenbar werden.“ „So ſei es,“ erwiederte Amine. Der Prieſter hatte keine Ahnung davon, daß Aminens Gedanken in dieſem Augenblicke bei einem Traume weilten, den ſie zu Neu⸗ Guinea gehabt und in welchem ihr der Geiſt ihrer Mutter die ge⸗ heimen Künſte geoffenbart hatte, welche die Tochter in Anwendung zu bringen wünſchte, ſobald ſie Goa erreicht hätte. Mit dieſer Stunde ſteigerte ſich die Bö und das Schiff faßte mehr und mehr Waſſer. Die portugieſiſchen Matroſen wußten ſich vor Schrecken nicht zu helfen und riefen ihre Heiligen an. Pater Matthias und die übrigen Paſſagiere gaben ſich für verloren, denn die Pumpen konnten das Schiff nicht frei halten, und ihre Wangen verbleichten, während die Wogen wüthend über die Decken hin⸗ wuſchen. Sie zitterten und beteten. Pater Matthias ertheilte ihnen din Albſolution; Einige weinten wie Kinder, Andere zerrauften 357 ſich das Haar, wieder Andere fluchten und läſterten auf die Heiligen, welche ſie Tags zuvor angerufen hatten. Aber Amine ſtand unbe⸗ wegt, und verzog, als ſie die Läſterworte hörte, ihre Lippen nur zu einem geringſchätzigen Lächeln. „Mein Kind,“ ſagte Pater Matthias, ſeiner bebenden Stimme Gewalt anthuend, um vor einem Weibe nicht aufgeregt zu erſcheinen, die er ſo ruhig und unbeweglich in Mitte der tobenden Elemente ſah—„mein Kind, laß dieſe Stunde der Gefahr nicht vorüber⸗ gehen. Ehe du abberufen wirſt, will ich dich aufneh nen in den Schooß unſerer Kirche und dir in Vergebung deiner Sünden die Gewißheit eines ewigen Lebens ertheilen.“ „Guter Vater, Amine läßt ſich nicht durch Furcht zum Glau⸗ ben zwingen, ſelbſt wenn ſie ſich vor dem Sturme wirklich fürch⸗ tete,“ entgegnete ſie;„ebenſo wenig vertraut ſie Eurer Macht, ihre Sünden zu vergeben, wenn bloß die Angſt ſie zu einem Schritte veranlaſſen ſollte, den ſie bei ruhiger Beſinnung verwerfen müßte. Wenn je Furcht mich hätte meiſtern können, ſo wäre es geweſen, als ich allein auf dem Floße war— das war in der That eine ſchwere Heimſuchung meiner Seelenſtärke, und ſchon der Gedanke daran wird mir weit ſchrecklicher, als der Sturm, der jetzt um uns tobt, und der Tod, der uns vielleicht erwartet. Es iſt ein Gott im Himmel, auf deſſen Erbarmen ich baue, in deſſen Liebe ich Ver⸗ trauen ſetze, vor deſſen Willen ich mich beuge. Sein Wille ge⸗ ſchehe!“— „Stirb nicht im Unglauben, mein Kind!“ „Vater,“ entgegnete Amine, auf die Reiſenden und Matroſen deutend, welche auf dem Decke weinten und wehklagten;„dies ſind Chriſten— Ihr habt ihnen eben erſt das Erbe der vollkommenſten Seligkeit verſprochen. Was iſt ihr Glaube, wenn er ihnen nicht die Kraft gibt, wie Männer zu ſterben? Warum iſt ein Weib die einzige Perſon, die nicht zittert, während dieſe auf dem Decke im Staube kriechen?“ 1 8 358 „Das Leben iſt ſüß, mein Kind— ſie laſſen ihre Weiber, ihre Kinder zurück und fürchten ſich vor dem Jenſeits. Wer iſt vorbe⸗ reitet zum Sterben?“— „Ich!“ antwortete Amine.„Ich habe keinen Gatten— we⸗ nigſtens fürchte ich ſo. Für mich hat das Leben keine Süßigkeiten — und doch bleibt noch eine einzige kleine Hoffnung— ein Stroh⸗ halm für den verſinkenden Unglücklichen. Ich fürchte den Tod nicht, denn ich beſitze Nichts, für das ich leben möchte. Wäre Philipp hier— ja, dann freilich— aber er iſt mir vorangegangen, und ich wünſche jetzt nichts ſehnlicher, als ihm zu folgen.“ „Er ſtarb im Glauben, mein Kind— wenn du ihn wieder ſehen willſt, mußt du das Gleiche thun.“ „Nimmermehr iſt er wie dieſe geſtorben,“ verſetzte Amine mit Geringſchätzung auf die Reiſenden blickend. „Vielleicht lebte er auch nicht, wie ſie gelebt haben,“ entgegnete Pater Matthias.„Ein guter Menſch ſtirbt im Frieden und hat keine Furcht.“ 3 „So ſterben die guten Menſchen in allen Glaubensbekennt⸗ niſſen, Vater,“ erwiederte Amine;„und in jeder Religion iſt der Tod für den Laſterhaften gleich ſchrecklich.“ „Ich will beten für dich, mein Kind,“ ſagte Pater Matthias, auf ſeine Knie niederſinkend. „Vielen Dank— Euer Gebet wird erhört werden, ſelbſt wenn es einem Geſchöpfe gilt, wie ich bin,“ erwiederte Amine, welche jetzt, die Laufſtangen erfaſſend, die Treppe hinaufſtieg und das Deck erreichte. „Verloren! Signora, verloren!“ rief der Kapitän, der unter dem Bollwerk kauerte, mit Händeringen. „Nein,“ verſetzte Amine, welche die Luvſeite gewonnen hatte und ſich dort an einem Taue hielt;„diesmal nicht.“ „Was ſagt Ihr, Signora?“ entgegnete der Kapitän, mit Be⸗ wunderung zu Aminens ruhigem und gefaßtem Antlitz aufblickend. 359 „Wie könnt Ihr das wiſſen, Signora?“ „Mir ſagt Etwas, guter Kapitän, daß Ihr nicht verloren ſein werdet, wenn Ihr Eure Kräfte anſtrengt— eine Stimme in mei⸗ nem Innern flüſtert mir laut dieſe Ueberzeugung zu.“ Es war nämlich Amine nicht entgangen, daß der Sturm be⸗ reits weniger heftig geworden war, obgleich die Matroſen dies in ihrem Schrecken nicht beachtet hatten. Aminens Ruhe, ihre Schön⸗ heit und vielleicht auch der ungewöhnliche Anblick einer ſo jungen, beſonnenen und vertrauensvollen Frau, während alle Uebrigen ſich der Verzweiflung hingaben, übten die geeignete Wirkung auf den Kapitän und die Matroſen. Da ſie unſere Heldin für eine Katho⸗ likin hielten, ſo wähnten ſie, ſie ſei durch eine höhere Eingebung zu ihrer Behauptung berechtigt, denn Leichtgläubigkeit und Aber⸗ glauben ſind enge Freunde. Mit Bewunderung und Achtung blick⸗ ten ſie auf Amine, nahmen alle ihre Thatkraft zuſammen und ver⸗ ſahen wieder ihren Dienſt. Die Pumpen wurden auf's Neue in Thätigkeit geſetzt, der Sturm minderte ſich im Laufe der Nacht und das Schiff war, wie Amine vorausgeſagt hatte, gerettet. Die Schiffsmannſchaft und die Paſſagiere betrachteten ſie faſt als eine Heilige und ſprachen mit Pater Matthias darüber, der ſich in keiner geringen Verwirrung befand. Der Muth, den ſie entfaltet hatte, war außerordentlich, und ſelbſt wenn ſie zitterte, zeigte ſie keine Spur von Furcht. Er gab keine Antwort, ſondern ging mit ſich ſelbſt zu Rathe, ohne zu einem für Amine günſtigen Reſultate kommen zu können. Was hatte ihr dieſe Ruhe und den Geiſt der Prophezeihung gegeben? Nicht der Gott der Chriſten, denn ſie war keine Gläubige. Wer ſonſt? Pater Matthias dachte an ihr Ge⸗ mach zu Terneuſe und ſchüttelte den Kopf. 360 Dreißigſtes Kapitel. Wir müſſen nun wieder zu Philipp und Krantz zurückkehren, die ſich lange mit einander über Schriftens ſeltſames Wiedererſchei⸗ nen beſprachen. Das Ergebniß ihrer Berathung lief darauf hinaus, daß man ihn ſorgfältig bewachen und ſich der Gemeinſchaft mit ihm klingen mochte, lag doch nichts Unmögliches in der Angabe und Krantz ſtellte keine weiteren Fragen. Am nächſten Morgen legte ſich der Wind; die Piroque wurde wieder in’s Waſſer gebracht und ſegelte der Inſel Ternate zu. Sie brauchten vier Tage zu ihrer Fahrt, da ſie jede Nacht an's Land gingen und ihr Fahrzeug an das Sandgeſtade herauf⸗ holten. Philipps Herz fühlte ſich erleichtert über die Kunde von Aminens Rettung, und er wäre glücklich in der Ausſicht eines bal⸗ digen Wiederzuſammentreffens mit ſeiner Gattin geweſen, hätte nicht Schriftens beſtändige Nähe wie ein Stachel auf ſein Inneres gewirkt. — Es lag etwas ſo ſeltſames und aller menſchlichen Natur Wider⸗ ſprechendes in dem kleinen Manne, der, trotz ſeiner augenfällig dä⸗ moniſchen Geſinnung, nie auf den Verſuch hindeutete, welchen ſich Philipp gegen ſein Leben erlaubt hatte, oder ſich darüber beklagte. Hüätte er ſich beſchwert und Philipp des Mordes beſchuldet— hätte er Rache gelobt und ſeine Abſicht ausgedrückt, bei ſeiner Ruͤckkehr 361. von den Behörden Gerechtigkeit zu verlangen, ſo wäre es ganz an⸗ ders geweſen. Aber nein— da war er, mit ſeinem Sarkasmus und einem ewigen Kichern, unverlangte vorlaute Bemerkungen ſich erlaubend, als hätte er nicht den geringſten Grund zum Zorn oder Haß. Sobald ſie in dem Hafen der Hauptſtadt von Ternate an⸗ langten, wurden ſie nach einer großen, aus Palmblättern und Bambusrohr gebauten Hütte geführt, welche ſie nicht verlaſſen ſoll⸗ ten, bis ihre Ankunft dem Könige gemeldet wäre. Die eigenthüm⸗ liche Höflichkeit und feine Bildung dieſer Inſulaner, gaben Philipp und Krantz fortwährend Anlaß zu Bemerkungen. Ihre Religion ſchien gleichfalls, wie ihr Anzug, aus der der Muhamedaner und der Malaien gemiſcht zu ſein. Nach ein paar Stunden beſchied man ſie vor den König zur Audienz, die im Freien abgehalten wurde. Der König ſaß unter einem Portikus, von einem zahlloſen Prieſter⸗ und Soldatengedränge umgeben, das zwar eine Maſſe bildete, aber nur wenig Pracht ent⸗ faltete. Die ſämmtliche Umgebung des Herrſchers war in weiße Anzüge und Turbane von der gleichen Farbe gekleidet; er ſelbſt aber erſchien ganz ohne Schmuck. Beſonders auffallend dünkte Philipp und Krantz die große Reinlichkeit in der Umgebung des Königs, denn die Kleider waren von ſo fleckenloſem Weiß, wie die Sonne ſie nur zu bleichen vermochte. Nachdem ſie, dem Beiſpiele ihrer Einführer Folge leiſtend, den König auf muhamedaniſche Weiſe be⸗ grüßt hatten, wurden ſie aufgefordert, ſich niederzulaſſen. Der frühere Verkehr der Inſulaner mit den Portugieſen hatte erſtere mit der Sprache dieſes Landes bekannt gemacht, weshalb der König unſeren Abenteurern durch Dolmetſcher, welche die Zunge der ge⸗ dachten Nation verſtanden, einige Fragen vorlegte, ſie willkommen hieß und dann die Geſchichte ihres Schiffbruchs zu erfahren wünſchte. Philipp ließ ſich auf ein kurzes Detail ein, in welchem er an⸗ gab, daß ſeine Gattin von ihm getrennt worden ſei und ſich dem Vernehmen nach in der portugieſiſchen Faktorei zu Tidore befinde. 362 Er fragte ſodann die indianiſche Majeſtät, ob dieſelbe in der Lage ſei, um ihre Befreiung zu erwirken oder ihn wieder mit ihr zuſam⸗ menzubringen. „Gut,“ verſetzte der König.„Für die Fremden ſollen Erfri⸗ ſchungen herbeigebracht werden. Die Audienz iſt geſchloſſen.“ Nach einigen Minuten waren von dem ganzen Hofſtaate nur noch zwei oder drei vertraute Freunde und Rathgeber des Königs zugegen. Die Tafel wurde mit Reis, Fiſchen und unterſchiedlichen anderen Gerichten beſetzt. Nachdem Alles vorüber war, ſagte der König: „Die Portugieſen ſind Hunde, ſie ſind unſere Feinde— wollt ihr uns im Kampfe gegen ſie Beiſtand leiſten? Wir haben große Kanonen, verſtehen ſie aber nicht ſo gut zu gebrauchen, wie ihr. Wenn ihr mir Beiſtand leiſten wollt, ſo habe ich im Sinne, eine Flotte gegen die Portugieſen auf Tidore auszuſchicken. Sprecht, Holländer, wollt ihr fechten? Du,“ fügte er gegen Philipp bei, „wirſt dann dein Weib wieder gewinnen.“ „Ihr ſollt morgen meine Antwort erhalten,“ verſetzte Philipp, da ich mich zuvor mit meinem Freunde berathen muß. Wie ich Euch bereits ſagte, war ich der Kapitän des Schiffes und dieſer der Zweite im Kommando— wir wollen zuvor miteinander Rückſprache nehmen.“ Schriften, welchen Philipp nur als einen gemeinen Matroſen bezeichnet hatte, war dem König nicht vorgeſtellt worden. „Gut,“ erwiederte der König;„ich ſehe morgen deiner Ant⸗ wort entgegen.“ Philipp und Krantz verabſchiedeten ſich; als ſie nach der Hütte zurückkehrten, fanden ſie, daß ihnen der König zwei vollſtändige muhamedaniſche Anzüge mit Turbanen zum Geſchenk geſchickt hatte. Dies war ihnen ſehr willkommen, denn ihre Kleider befanden ſich in einem ſehr zerlumpten Zuſtande und waren durchaus nicht ge⸗ eignet, ſie gegen die glühende Sonne jenes Himmelsſtriches zu ——— 363 ſchützen. Auch ſammelten ihre Spitzhüte die Strahlen in einer Weiſe, daß ſie es faſt nicht auszuhalten vermochten, weshalb ſie dieſelben gerne gegen die weißen Turbane vertauſchten. Ihr Geld in⸗ dem malaiiſchen Gürtel verbergend, der einen Theil des Anzugs bildete, kleideten ſie ſich in die Tracht der Eingebornen, deren Zweckmäßigkeit ſie gar bald erkannten. Nach einer langen Bera⸗ thung entſchieden ſie ſich dafür, den Wünſchen des Königs zu ent⸗ ſprechen, da dies der einzige thunliche Weg war, auf welchem Phi⸗ lipp ſeine Amine wieder zu gewinnen hoffen durfte. Ihre Zu⸗ ſtimmung wurde am folgenden Tage dem Könige mitgetheilt und jede Vorbereitung für den Feldzug getroffen. Nun erfolgte eine Scene rühriger Thätigkeit. Hundert und aber hundert Piroquen von jeder Größe, die Seite an Seite dicht am Geſtade lagen, bildeten auf dem glatten Waſſer der Bai einen Floß von beinahe einer halben Meile und wimmelten von Männern, welche die Fahrzeuge für den Dienſt ausrüſteten. Die Einen ſetzten Segel und die Andern beſorgten die nöthigen Zimmerarbeiten, während die Mehrzahl ihre Säbel ſchliff und aus der Ananas das tödtliche Gift für ihre Kriſen bereitete. Das Ufer war ein Schau⸗ platz der Verwirrung. Waſſerkrüge, Reisſäcke, Pflanzenſtoffe und Ställe voll Geflügel lagen allenthalben unter den bewaffneten Ein⸗ gebornen zerſtreut, während die Häuptlinge in ihrem bunteſten An⸗ zuge und in dem prunkenden Glanze ihrer Waffen und Geſchmeide auf⸗ und niedergingen, um Befehle zu ertheilen. Der König beſaß ſechs lange, metallene Vierpfünder, das Geſchenk eines Indien⸗ kapitäns; dieſe wurden unter der Leitung unſrer beiden Abenteurer, mit einer entſprechenden Quantität von Kugeln und Kartätſchen auf einige der größten Piroquen gebracht und etliche Eingeborne in ihrem Gebrauche unterrichtet. Der König, der mit Zuverſicht der Zerſtörung des portugieſiſchen Forts entgegen ſah, war anfangs Willens in Perſon mitzugehen, änderte aber auf den Rath ſeiner Freunde und auf Philipps Bitte ſein Vorhaben, damit ſein koſt⸗ . 364 bares Leben keiner Gefahr ausgeſetzt werde. In zehn Tagen war Alles bereit, und die mit ſiebentauſend Streitern bemannte Flotte ſegelte nach der Inſel Tidore aus. Es war ein ſchöner Anblick— die blaue, ſich kräuſelnde See, mit faſt ſechshundert jener maleriſchen Fahrzeuge bedeckt, alle unter Segel und, Delphinen gleich, die ihren Raub verfolgen, durch das Waſſer ſchwimmend— dazu die zahlreiche Bemannung, deren weiße Gewänder einen lebhaften Gegenſatz gegen das tiefe Blau des Meeres bildeten. Die großen Piroquen, in welchen ſich Philipp, Krantz und die eingeborenen Heerführer befanden, waren bunt mit Wimpeln und Flaggen von allen Farben geziert, die luſtig in der friſchen Briſe flatterten. Das Ganze ſchien eher eine Luſtpartie zu ſein, als eine Expedition, die auf Kampf und Blutvergießen auszog. Am Abend des zweiten Tages erreichten ſie die Inſel Tidore und liefen bis auf einige Meilen nach dem portugieſiſchen Fort hinunter. Die Eingeborenen von Tidore, welche den Portugieſen nur ungerne und aus Furcht gehorchten, hatten ihre Hütten in der Nähe des Geſtades verlaſſen und ſich in die Wälder zurückgezogen. Die Flotte warf daher Anker und blieb unbeläſtigt die Nacht über in der Nähe der Küſte liegen. Am andern Morgen zogen Philipp und Krantz zum Recognosciren aus.. Das Fort und die Faktorei von Tidore waren nach denſelben Grundſätzen erbaut, wie faſt alle portugieſiſchen feſten Plätze in jenen Meeren. Eine äußere Verſchanzung, aus einem Graben mit ſtarken, in Gemäuer eingebetteten Palliſaden beſtehend, umgab die Faktorei und ſämmtliche Häuſer der Niederlaſſung. Die Thore der äußeren Mauer waren den Tag über für den Aus⸗ und Eingang geöffnet, Nachts aber geſchloſſen. Auf der Seeſeite befand ſich die Citadelle oder das eigentliche Feſtungswerk, ein ſolides Gebäude mit Bö⸗ ſchungen, von einem tiefen Graben umgeben, und nur durch eine Zugbrücke zugänglich, die rechts und links mit einer Kanone beſetzt 365 war. Die ſtärkſten Schanzwerke konnten jedoch nicht gut bemerkt werden, da ſie hinter der hohen Palliſadenwand verborgen waren, welche das ganze Fort umgaben. Nach einer ſorgfältigen Muſte⸗ rung rieth Philipp, man ſollte von der See aus mit den großen Piroquen und ihrem Geſchütze den Angriff machen, während die Mannſchaft der kleineren Fahrzeuge an's Land ginge, das Fort umzingelte und jeden ſich darbietenden Schutz benützte, um von dort aus gedeckt den Feind mit den Luntengewehren, den Pfeilen und Speeren bedrängen zu können. Da dieſer Plan Beifall fand, ſo breiteten hundertundfünfzig Piroquen ihre Segel aus; die übrigen wurden an's Geſtade gezogen, und die dazu gehörige Mannſchaft verfolgte auf dem Lande ihre weiteren Bewegungen. Die Portugieſen hatten jedoch von ihrer Annäherung Kunde erhalten und waren völlig auf den Empfang vorbereitet. Das gegen die Seeſeite hinausgehende Geſchütz führte ein ſchweres Ka⸗ liber und wurde gut bedient, während die Kanonen der Piroquen unter Philipps Anweiſung zwar ſo gut als möglich thätig waren, aber um ihrer geringen Größe willen den dicken Steinmauern des Forts nur wenig anhaben konnten. Nach einem vierſtündigen Ge⸗ fechte, in deſſen Verlauf die Ternaten viele Leute verloren, holten die Piroquen auf den Rath unſerer beiden Abenteurer um, kehrten nach dem Standorte der übrigen Flotte zurück und hielten daſelbſt einen abermaligen Kriegsrath. Die Truppen, welche man an's Land geworfen hatte, wurden jedoch nicht abberufen, da ſie Zufuhr ſowohl als ſonſtigen Beiſtand abſchnitten und hin und wieder Ge⸗ legenheit hatten, einen Portugieſen, der ſich bloßſtellte, zuſammen⸗ zuſchießen— ein nicht zu verachtender Vortheil, da Philipp wohl wußte, wie ſchwach das Fort bemannt war. Daß ſie das Fort nicht vermittelſt ihrer Kanonen gewinnen konnten, war augenſcheinlich, und auch von der Seeſeite aus ſtand kein Erfolg zu erwarten, weshalb jetzt ſämmtliche Streitkräfte für die Landmanöver verwendet werden mußten. Nachdem ſich die ein⸗ 366 geborenen Häuptlinge ausgeſprochen. hatten, machte Krantz den Vorſchlag, man ſolle die Nacht erwarten und dann den Angriff in folgender Weiſe ausführen. Sobald Abends die Briſe längs des Landes hinſtriche, ſollten die Leute Haufen von trockenem Palm⸗ und Cocoslaub zuſammenraffen, dieſe windwärts vor den Palliſaden aufſchichten und dann in Brand ſtecken. So könnten ſie dieſe Ver⸗ ſchanzung zerſtören und ſich Eingang in die äußeren Feſtungswerke verſchaffen— eine Maßregel, die es ihnen möglich mache, dann ihre weiteren Schritte zu nehmen. Der Rath war zu verſtändig, um nicht Zuſtimmung zu finden. Sämmtliche Mannſchaft, die nicht mit Luntengewehren verſehen war, ſollte Laub ſammeln; auch wurde eine große Quantität dürren Holzes aufgebracht, und vor Einbruch der Nacht war Alles für einen zweiten Angriff bereit. Die weißen Gewänder der Ternaten wurden bei Seite gelegt; ſie behielten nichts an, als ihre Gürtel, ihre Scimetars, ihre Kriſen und ihre blauen Unterbeinkleider, ſo leiſe zu den Palliſaden heran⸗ kriechend, wo ſie ihre Bündel niederlegten und dann wieder zurück⸗ kehrten, um daſſelbe Werk abermals aufzunehmen. Je höher die Schichten wurden, deſto kühner traten ſie auf, bis der ganze Stoß beendigt war, den ſie ſodann mit lautem Jubel an verſchiedenen Stellen anzündeten. Die Flammen ſtiegen in die Höhe, die Ka⸗ nonen des Forts donnerten, und eine große Anzahl fiel unter dem Kartätſchenhagel und unter dem Platzen der Handgranaten. Von dem Rauche erſtickt, der maſſig heranwogte, ſah ſich jedoch die Mannſchaft des Forts bald genöthigt, die Wälle zu verlaſſen. Die Palliſaden ſtanden in Brand, und die lodernden Flammen begannen bald auch die Faktorie und die Häuſer zu ergreifen. Der Wider⸗ ſtand hatte jetzt aufgehört, weshalb die Ternaten die brennenden Palliſaden niederriſſen, ſich einen Weg in die Verſchanzung bahn⸗ ten und mit ihren Scimetars und Kriſen Alles erſchlugen, was unglücklicherweiſe nicht in der Citadelle Zuflucht geſucht hatte. Dies waren namentlich die eingeborenen Diener, welche durch den Angriff 367 überraſcht worden waren, und um deren Leben ſich die Portugieſen nur wenig zu kümmern ſchienen, da ſie auf ihren Ruf, die Zugbrücke niederzulaſſen und ſie in das Fort aufzunehmen, gar nicht achteten. Die aus Stein gebaute Faktorie und alle übrigen Häuſer ſtan⸗ den in Flammen, die Inſel meilenweit erhellend. Der Rauch hatte ſich verzogen und die Vertheidigungswerke des Forts waren nun im grellen Lichte des Feuers deutlich ſichtbar. „Wenn wir Sturnleitern hätten,“ rief Philipp,„ſo wäre das Fort unſer; es iſt keine Seele auf den Wällen. 5 „Wohl wahr,“ verſetzte Krantz;„aber auch ſo werden die Mauern der Faktorie einen vortheilen Poſten für uns abgeben, ſo⸗ bald das Feuer erloſchen iſt. Wenn wir es beſetzen, können wir den Feind verhindern, ſich zu zeigen, während wir die Leitern zu⸗ ſammenſetzen. Morgen Abend haben wir ſie fertig, und wenn wir erſt auf's Neue mit Reißbündeln geräuchert haben, können wir die Mauern beſteigen und den Platz wegnehmen.“ „Das wird zum Ziele führen,“ erwiederte Philipp im Weg⸗ gehen. Er verfügte ſich ſodann zu den Häuptlingen, welche ſich an der Außenſeite der Verſchanzung verſammelt hatten, und theilte ihnen ſeine Plane mit. Nachdem er ihnen ſeine Abſichten kund gethan und die Ternatenhäuptlinge ihre Einwilligung gegeben hatten, kam Schriften zum Vorſchein, der ſich ohne Philipps Vorwiſſen der Ex⸗ pedition gleichfalls angeſchloſſen hatte. „Das geht nicht; Ihr werdet dieſes Fort nie nehmen, Philipp Vanderdecken; hi! hi!“ rief Schriften. Er hatte kaum ausgeſprochen, als eine furchtbare Exploſion ſtattfand und die Luft mit großen Steinen erfüllte, die nach allen Richtungen hinflogen, vielen Hunderten Tod oder Verſtümmlung bringend. Die Faktorie war aufgeflogen, denn in den Gewölben hatte ſich eine große Quantität Schießpulver befunden, zu welcher endlich das Feuer gedrungen war. 1 368 „So endet dieſes Plänlein, Mynheer Vanderdecken, hi! hi!“ kreiſchte Schriften.„Ihr werdet jenes Fort nie nehmen.“ Der Verluſt an Menſchenleben und die Verwirrung, welche durch dieſes unerwartete Reſultat veranlaßt wurde, verbreitete einen paniſchen Schrecken, und ſämmtliche Ternaten flüchteten ſich nach dem Ufer hinunter, wo ihre Piroquen lagen. Vergeblich ſuchten Philipp und die Häuptlinge die Mannſchaft wieder zu ſammeln. An die ſchreckliche Wirkung des Schießpulvers in größeren Quantitäten nicht gewöhnt, glaubten ſie, daß ſich etwas Uebernatürliches zugetragen habe, weshalb Viele in die Piroquen ſtürzten und die Segel ausbreiteten, während der Reſt zitternd, keuchend und in bunter Verwirrung an dem Ufer zurückblieb. „Ihr werdet jenes Fort nie kriegen, Mynheer Vanderdecken,“ kreiſchte abermals die wohlbekannte Stimme. Philipp erhob ſeinen Säbel, um den kleinen Mann entzwei zu ſpalten, ließ ihn aber alsbald wieder ſinken.. „Ich fürchte, er ſpricht eine unwillkommene Wahrheit,“ dachte Philipp;„aber warum ſollte ich ihm dafür das Leben nehmen?“ Einige von den Ternatenhäuptlingen hielten ihren Muth noch aufrecht, aber bei Weitem die meiſten waren ebenſo eingeſchüchtert, wie ihre Leute. Nach einer kurzen Berathung wurde beſchloſſen, die Armee ſollte bis zum andern Morgen bleiben, wo ſie wäre; dann könne man die ſchließliche Entſcheidung treffen. Als der Tag graute, bemerkten ſie, daß das portugieſiſche Fort, welches jetzt nicht länger von den übrigen Gebäuden umgeben war, weit furchtbarere Vertheidigungsmaßregeln beſaß, als ſie anfangs vermuthet hatten. Die Wälle waren mit Menſchen gefüllt, welche nun ihr ſchweres Geſchütz gegen die Streitkräfte der Ternaten ſpielen ließen. Philipp hatte mit Krantz eine Berathung gehalten, und beide waren darüber einig geworden, daß bei dem gegenwärtigen paniſchen 369 Schrecken, der die Thatkraft ihrer Verbündeten lähmte, nichts mehr zu thun ſei.. Die Häuptlinge waren derſelben Anſicht, und ſo wurde denn Ordre zum Rückzuge gegeben. Die Ternatenhäuptlinge waren übri⸗ gens völlig zufrieden mit ihrem Erfolge, denn ſte hatten das große Fort, die Faktorie und ſämmtliche portugieſiſche Gebäude zerſtört und nur ein aus Stein gebautes, unzugängliches Feſtungswerkchen übrig gelaſſen— genug, um das Ganze dem König als einen großen Sieg darſtellen zu können. Es erfolgte deshalb der Befehl zur Einſchif⸗ fung, und in zwei Stunden befand ſich die ganze Flotte, welche un⸗ gefähr ſiebenhundert Mann verloren hatte, wieder auf dem Weg nach Ternate. Krantz und Philipp befanden ſich dießmal in derſelben Pw⸗ roque, um ſich mit einander unterhalten zu können. Sie waren je⸗ doch nicht über drei Stunden geſegelt, als eine Windſtille eintrat und gegen Abend äußerten ſich alle Merkmale eines anrückenden ſchlechten Wetters. Als die Briſe wieder aufſprang, blies ſte aus einer widrigen Richtung; aber die Schiffe ſteuerten ſo dicht am Winde, daß man hierauf nicht achtete. Um Mitternacht ſteigerte ſich der 4 Wind zu einer Bö, und ehe ſie noch die nordöſtlichen Vorgebirge von Tidore umſchifft hatten, wüthete ein Orkan, in welchem viele von den Fahrzeugen weggewaſchen wurden, und was nicht ſchwimmen konnte, mußte rettungslos ertrinken. Die Segel wurden niederge⸗ laſſen und die Schiffe waren nun der Gnade von Wind und Wellen preisgegeben, welch letztere in ungeheuren Maſſen darüber herein⸗ brachen. Die Flotte triftete ſchnell der Küſte zu und ehe noch der Morgen graute, befand ſich die Piroque, in welcher Philipp und Krantz ſaßen, unter den Rollern am nördlichen Ufer der Inſel. Sie war bald in Stücke zertrümmert und Jeder mußte nun für ſich ſelbſt ſorgen. Philipp und Krantz erfaßten ein Bruchſtück ihres Schiffes und erhielten ſich auf dieſe Weiſe flott, bis ſie die Küſte erreichten. SHier fanden ſie ungefähr dreißig weitere Unglücksgefährten, die mit ihnen das gleiche Loos erlitten hatten. Als der Tag graute, bemerk⸗ Marryat. Der fliegende Holländer. 24 370 ten ſie, daß der größere Theil der Flotte die Spitze umluvt hatte, während die Anderen mit großer Wahrſcheinlichkeit gleichfalls zu entkommen hoffen durften, da der Wind ſich gelegt hatte. Die Ternaten machten den Vorſchlag, mit gewaffneter Hand einige Schiffe der Ti⸗ dore⸗Inſulaner zu nehmen und ſobald das Wetter ſich gemildert hätte, ſich der Flotte anzuſchließen. Philipp aber, der ſich mit Krantz be⸗ rathen hatte, hielt dieß für eine gute Gelegenheit, über Aminens Schickſal Nachricht einzuholen, und da die Portugieſen nichts gegen ſie zu beweiſen vermochten, ſo konnten ſie entweder ganz in Abrede ziehen, daß ſie an dem Angriff Theil genommen, oder ſich mit geüb⸗ tem Zwange entſchuldigen. Philipp war entſchloſſen, auf jede Gefahr hin zu bleiben, und Krantz willigte ein, ſein Schickſal zu theilen. Ohne ſich gegen ihre Begleiter etwas von ihrem Vorhaben merken zu laſſen, fügten ſie ſich darein, daß Letztere nach den Tidore⸗Piroquen gingen und dieſelben vom Stapel ließen; inzwiſchen aber zogen ſich Philipp und Krantz in das Gebüſch zurück und verſchwanden. Die Portugieſen hatten den Schiffbruch ihrer Feinde bemerkt und ſchickten, aufgebracht über den erlittenen Verluſt, die Inſulaner aus, um alle Diejenigen, welche an die Küſte getrieben würden, ge⸗ fangen zu nehmen. Nachdem der Angriff vorüber war, zeigten ſich die Eingeborenen von Tidore wieder gehorſam und trafen ſehr bald auf Philipp und Krantz, welche ruhig unter dem Schatten eines großen Baumes ſaßen und dem Ausgange entgegen harrten. Sie wurden nach dem Fort geführt, wo ſie mit dem Einbruche der Nacht anlangten. Der Kommandant, derſelbe kleine Mann, welcher ſich in Amine verliebt hatte— ließ ſie vor ſich bringen und wollte, da ſie muſelmänniſche Tracht trugen, eben Befehl ertheilen, ſie zu hängen, als ihm Philipp erklärte, ſie ſeien holländiſche Schiffbrüchige und von dem Könige der Inſel Ternate gezwungen worden, ſich der Expedition anzuſchließen; ſie hätten deshalb die eheſte Gelegenheit zur Flucht ergriffen, was ſchon aus dem Umſtande erhelle, daß Diejenigen, welche mit ihnen an die Küſte geworfen worden, in den Booten der Inſel 8—— 371 abgefahren ſeien, während ſie ſelbſt es vorzogen, zu bleiben. Der kleine portugieſiſche Kommandant ſtieß nun ſeinen Degen feſt auf das Pflaſter der Wälle, warf ſich in die Bruſt und befahl, bis auf wei⸗ tere Unterſuchung die beiden Eingebrachten in's Gefängniß zu legen. Einunddreißigſtes Kapitel. Da jeder, der es erfahren, über den Mangel an Bequemlichkeit in einem Gefängniſſe ſein Liedchen zu ſingen weiß, ſo läßt ſich vor⸗ ausſetzen, daß es auch unſere beiden Abenteurer nicht ſehr behaglich hatten. In der That hatte das Gemach, in welches Philipp und Krantz eingeführt wurden, durchaus nicht das Ausſehen eines an⸗ genehmen Aufenthalts.— Es befand ſich unter dem Fort, hatte ein kleines Luft⸗ und Lichtloch gegen die See hinaus, war ſehr heiß und entbehrte außerdem aller jener kleinen Bequemlichkeiten, die in mo⸗ dernen Häuſern und Gaſthöfen ſo viel zur Wohnlichkeit beitragen— mit einem Worte, das Ganze wurde eben durch vier kahle Wände und einem Steinboden gebildet; das war Alles. Philipp, der über Amine einige Erkundigungen einzuziehen wünſchte, redete den Soldaten, der ſie hinuntergebracht hatte, in portugieſiſcher Sprache an. „Mein guter Freund, ich bitte um Verzeihung—“ „Und ich um die Eurige,“ verſetzte der Soldat, zur Thüre hin⸗ ausgehend und ſie hinter ſich abſchließend. Philipp lehnte ſich düſter gegen die Wand; Krantz, der mehr von der Natur des Oueckſilbers in ſich hatte, ging auf und ab, ſoweit dieß der drei Schritte lange Raum geſtatten mochte. . 24* „Wißt Ihr, was mir da für ein Gedanke kömmt?“ bemerkte Krantz nach einer Pauſe in ſeinem Spaziergange.„Es iſt ein großes Glück, daß wir(er dämpfte ſeine Stimme) alle unſere Dublonen bei uns haben. Wenn wir nicht durchſucht werden, können wir durch Beſtechung wieder los kommen.“ „Und ich denke,“ entgegnete Philipp,„daß wir eheſtens auch den elenden Schriften hier haben werden, deſſen Anblick ſchon zu⸗ reicht, mich zu vergiften.“ „Das Aeußere des Kommandanten wollte mir nicht recht gefal⸗ len, aber ich denke wir werden morgen mehr erfahren.“ Hier wurden ſie durch das Umdrehen des Schlüſſels unterbro⸗ chen, und ein Soldat trat mit einem Krug Waſſer nebſt einer gro⸗ ßen Schüſſel geſottenen Reiſes ein. Es war nicht derſelbe, der ſie in den Kerker gebracht hatte, und Philipp redete ihn an. „Ihr habt im Laufe der letzten zwei Tage im Fort ſchwere Ar⸗ beit gehabt?“ „Ja wohl, Signor.“ „Die Eingebornen zwangen uns, an der Expedition Theil zu nehmen; wir ſind ihnen aber entkommen.“ „ So hörte ich Euch ſagen, Signor.“ „Sie haben faſt tauſend Mann verloren,“ bemerkte Krantz. „Heiliger San Francisko! das freut mich.“ „Sie werden, denke ich, die Portugieſen ſo ſchnell nicht wieder angreifen,“ verſetzte Krantz. „Ich denke auch ſo,“ entgegnete der Soldat. „Habt ihr bedeutend Verluſt erlitten?“ wagte Philipp zu fra⸗ gen, als er bemerkte, daß der Soldat ſehr redſelig war. „Von unſern Leuten ſind keine zehn geblieben. In der Faktorie waren ungefähr hundert Eingeborene mit einigen Weibern und Kin⸗ dern; doch das kommt nicht in Anſchlag.“ „Wie ich höre, habt ihr eine europäiſche junge Frau hier,“ fuhr 373 Philipp mit Beklommenheit fort;„eine Schiffbrüchige— war ſie auch unter den Umgekommenen?“. „Eine junge Frau?— Heiliger San Franzisko. Doch ja, ich erinnere mich jetzt. Die Sache verhält ſich nämlich ſo—“ „Pedro!“ rief eine Stimme von oben. Der Mann hielt inne, legte ſeinen Finger auf die Lippen, ging hinaus und verſchloß die Thüre. „Gott im Himmel, gib mir Geduld!“ rief Philipp;„doch dies iſt eine ſchwere Heimſuchung.“ „Er wird morgen früh wieder herunter kommen,“ bemerkte Krantz. „Ja, morgen früh; aber welche endloſe Zeit der Ungewißheit liegt nicht zwiſchen dieſem morgen.“ „Ich fühle wohl mit Euch,“ verſetzte Krantz;„aber was läßt ſich anfangen? Die Stunden verſchwinden übrigens, obgleich ſie die Spannung in endloſe Jahre ausdehnt. Doch ich höre Fußtritte.“ Die Thüre wurde wieder aufgeſchloſſen und der erſte Soldat erſchien. „Folgt mir; der Kommandant wünſcht euch zu ſprechen.“ Philipp und ſein Leidensgefährte gingen bereitwillig auf dieſe unerwartete Aufforderung ein. Sie ſtiegen die ſchmale, ſteinerne Treppe hinan und erreichten zuletzt ein kleines Gemach, in welchem ſie den Kommandanten, der unſern Leſern bereits kein Fremder mehr iſt, vor⸗ fanden. Er lag nachläſſig auf einem kleinen Sopha, ſein langer Degen auf dem Tiſche vor ihm und zwei eingeborene junge Weiber fächelten ihn, die eine am Kopf, die andere zu den Füßen. „Wie ſeid ihr zu dieſem Anzuge gekommen?“ lautete die erſte Frage. „Die Eingebornen, welche uns auf der Inſel, an der wir unſer Leben gerettet hatten, zu Gefangenen machten, nahmen uns unſere Kleider und reichten uns dieſe als ein Geſchenk von ihrem Könige.“ 374 „Und warben euch an, bei dem Angriffe auf dieſes Fort in ihrer Flotte zu dienen?“ „Sie zwangen uns,“ verſetzte Krantz;„denn da zwiſchen un⸗ ſeren Nationen kein Krieg beſteht, ſo weigerten wir uns des Dienſtes. Demungeachtet ſetzten ſie uns an Bord, um die gemeinen Soldaten glauben zu machen, daß die Europäer ihnen hälfen.“ „Wie kann ich wiſſen, ob dies wahr iſt?“ „Ihr habt erſtlich unſer Wort und zweitens den Umſtand, daß wir ihnen entwichen find. 4 „Ihr gehörtet zu einem holländiſchen Oſtindienfahrer. Seid ihr Offiziere oder gemeine Matroſen?“ Krantz, welcher der Anſicht war, man würde ſie wahrſcheinlich weniger in Haft behalten, wenn ſie ihren Rang an Bord verhehlten, ſtieß Philipp leicht mit dem Finger an und verſetzte: „Wir ſind untergeordnete Offiziere. Ich war der dritte Mate und dieſer Mann der Pilot.“ „Und euer Kapitän— wo iſt dieſer?“ „Ich— ich kann keine Auskunft darüber geben, 36 er noch am Leben, oder ob er todt iſt.“ „Hattet ihr nicht ein Weib an Bord?“ „Ja, der Kapitän hatte ſein Weib bei ſich.“ „Was iſt aus ihr geworden?“ „Man glaubt, ſie ſei auf einem Theil des Floßes, der triftig wurde, zu Grunde gegangen.“ „Ha!“ verſetzte der Kommandant und blieb dann für eine ge⸗ raume Weile ſtumm. Philipp ſah Krantz an, als wollte er ſagen:„wozu alle dieſe Um⸗ ſchweife?“ Aber Krantz bedeutete ihm durch ein Zeichen, er ſolle nur ihm das Wort überlaſſen. „Ihr ſagt, es ſei euch unbekannt, ob ſich euer Kapitän noch am Leben befinde oder unter die Todten gehöre?“ „Ja. 41 * 375 „Wohlan, geſetzt ich gäbe euch eure Freiheit, würdet ihr euch's gefallen laſſen, ein Papier zu unterzeichnen, das ihn unter die Todten zählt, und darauf zu ſchwören, daß die Angabe richtig ſei?“. Philipp ſah zuerſt den Kommandanten und dann Krantz mit großen Augen an. „Ich hätte gerade nichts dagegen einzuwenden, aber wenn das Papier nach Holland geſchickt würde könnte es uns in Ungelegen⸗ heiten bringen. Darf ich fragen, Signor Kommandant, zu welchem Zwecke eine derartige Schrift dienen ſoll?“ „Nein!“ brüllte der kleine Mann mit einer Donnerſtimme.„Ich will euch keinen andern Grund angeben, als daß es ſo mein Wille iſt; dies muß euch genügen. Ihr habt die Wahl— den Kerker, oder die Freiheit und Entlaſſung mit dem nächſten Schiffe, das hier an⸗ langt.“ „Ich zweifle nicht— in der That— ich bin überzeugt, er muß wohl todt ſein,“ entgegnete Krantz, ſeine Worte in nachſinnender Weiſe dehnend.„Kommandant, wollt Ihr uns bis morgen früh Zeit zur Ueberlegung laſſen?“ „Ja, ihr könnt gehen.“ „Aber doch nicht in's Gefängniß, Kommandant?“ erwiederte Krantz.„Wir können doch nicht als Gefangene betrachtet werden, und Ihr werdet uns nicht übel behandeln, wenn Ihr von uns einen Gefallen erwartet.“ 3 „Ihr habt ſelbſt zugeſtanden, daß ihr gegen den allerchriſtlichſten König die Waffen ergriffen habt. Wie dem übrigens ſein mag, ihr ſollt heute Nacht in Freiheit bleiben— morgen früh will ich ent⸗ ſcheiden, ob ihr Gefangene ſeid oder nicht.“ Philipp und Krantz dankten dem kleinen Kommandanten für ſeine Güte und eilten dann nach den Wällen. Es war dunkel und der Mond noch nicht aufgegangen. Sie ſetzten ſich auf die Böſchung, freuten ſich der friſchen Luft und fühlten das Entzücken der Freiheit ſogar nach ihrer kurzen Gefangenſchaft. Da jedoch in ihrer Nähe 376 Soldaten lagen oder ſtanden, ſo ſprachen ſie nur flüſternd mit ein⸗ ander. „Was kann er damit wollen, daß er ein Certifikat von dem Tode des Kapitäns von uns verlangt? Und warum gabt Ihr ihm eine ſolche Antwort?“ „Philipp Vanderdecken, Ihr könnt Euch denken, daß ich das Geſchick Eurer ſchönen Gattin oft zum Gegenſtand meiner Erwä⸗ gungen gemacht habe, und als ich hörte, daß ſie hieher gebracht worden ſei, zitterte ich für ſie. Wie liebenswürdig muß ſie nicht erſcheinen in Vergleichung mit den Weibern dieſes Landes? Und jener kleine Kommandant— iſt er nicht ganz die Perſon, die von ihren Reizen gewonnen werden konnte? Ich verheimlichte unſere Stellung, weil ich dachte, er würde unbedeutende Individuen eher wieder in Freiheit ſetzen, als wenn er weiß, daß wir Kapitän und erſter Mate ſind, namentlich, da er vermuthet, wir hätten die Ter⸗ naten zum Angriff geführt, und als er uns um Euren Todtenſchein anging, dachte ich mir ſogleich, er wünſche durch ein derartiges Zeugniß Amine zu veranlaſſen, daß ſie ihn heirathe. Die Haupt⸗ frage iſt aber jetzt, wo ſie ſich befindet. Könnten wir nur jenen Soldaten auffinden, ſo dürfte es uns gelingen, einige Auskunft einzuholen.“ „Verlaßt Euch darauf, ſie iſt hier,“ verſetzte Philipp, ſeine Hände ballend... „Ich glaube dies ſelbſt auch,“ ſagte Krantz.„Jedenfalls dür⸗ fen wir überzeugt ſein, daß ſie noch am Leben iſt.“ Die Unterhaltung wurde fortgeſetzt, bis der Mond aufging und ſeine Strahlen auf das wogende Waſſer niedergoß. Philipp und Krantz lehnten ſich ſchweigend auf die Bollwerke und wandten ihre Geſichter dem Meere zu. Nachdem ſte ſich eine Zeit lang ihren Träumereien hingegeben hatten, wurden ſie durch eine Perſon ge⸗ ſtört, die auf ſie zukam und ihnen ein„Buenos noctes, Signor“ zurief. Sar Krantz erkannte augenblicklich den vortugieſiſch dem Gefängniſſe, deſſen Geſpräch mit ihnen ſü worden war. „Gute Nacht, mein Freund! Wir danken nicht mehr nöthig habt, uns einzuſperren. 2 „Ja, das nimmt mich Wunder,“ verſetzte der Soldat in ge⸗ dämpftem Tone.„Unſer Kommandant liebt es, ſeine Macht geltend zu machen; er herrſcht hier unbeſchränkt, kann ich euch ſagen.“ „Er iſt nicht in der Nähe, daß er uns hören könnte,“ verſetzte Krantz.„Ihr habt hier einen lieblichen Aufenthaltsort. Wie lange ſeid Ihr ſchon in dieſer Gegend?“ „Jetzt dreizehn Jahre, Signor, und ich bin's nachgerade ſatt. Ich habe ein Weib und Kinder in Oporto— das heißt, ich hatte— denn wer kann ſagen, ob ſie noch am Leben ſind?“ „Hofft Ihr nicht zurückzukehren und ſie wieder zu ſehen?“ „Zurückkehren, Signor? Kein portugieſiſcher Soldat von meiner Stellung kehrt je wieder zurück. Wir werden für fünf Jahre an⸗ geworben und müſſen unſere Gebeine hier laſſen.“ „Das iſt in der That hart.“ „Hart, Signor?“ verſetzte der Soldat flüſternd;„nein, grauſam und verrätheriſch iſt es. Ich habe ſchon oft daran gedacht, mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen; aber ſo lang noch Leben da iſt, gibt man die Hoffnung nicht auf.“ „Ich beklage Euch, mein guter Freund,“ entgegnete Krantz. „Seht, es ſind mir noch zwei Goldſtücke geblieben; nehmt eines da⸗ von, Ihr könnt es vielleicht Eurem armen Weibe nach Hauſe ſchicken.“ „Und da habt Ihr auch eines von mir, mein guter Freund,“ fügte Philipp bei, indem er ihm eine zweiten Dublone in die Hand drückte. 1 „Mögen euch alle Heiligen beſchützen, Signores,“ erwiederte der Soldat,„denn es iſt die erſte Handlung des Wohlwollens, die en Soldaten aus ich— immel, daß Ihr 378 ſeit vielen Jahren an mir geübt wurde. Freilich haben mein Weib und meins Kinder micht viel Ausſicht, das Geld je zu erhalten.“ zwir ker waren, ſpracht Ihr von einer europäiſchen jungen Frau,“ bemerkte Krantz nach einer Pauſe. 3 d, einem ſehr ſchönen Geſchöpfe. Unſer Kom⸗ „Id, Signor; vor mandant war gewaltig in ſie verliebt.“ „Wo iſt ſie jetzt?“ „Sie iſt nach Goa abgereist— in Begleitung eines Prieſters, der ſie kannte, eines guten alten Mannes, Namens Pater Matthias— er ertheilte mir während ſeiner Anweſenheit die Abſolution.“ „Pater Matthias?“ rief Philipp; aber Krantz bewog ihn durch einen leichten Wink zum Schweigen. „Ihr ſagt, der Kommandant ſei in ſie verliebt geweſen?“ „Ja, der kleine Mann that ganz wahnſinnig mit ihr, und ich bin überzeugt, wäre Pater Matthias nicht gekommen, ſo hätte er ſie nie ziehen laſſen, obgleich ſie das Weib eines Andern iſt.“ „ Alſo nach Goa abgereist, ſagt Ihr?“ „Ja, in einem Schiff, das hier anhielt. Es muß ihr ſehr lieb geweſen ſein, von hier fortzukommen, denn unſer kleiner Komman⸗ dant verfolgte ſie den ganzen lieben langen Tag, und ſie war au⸗ genſcheinlich ſehr bekümmert um ihren Gatten. Wißt ihr, Signores, ob ihr Mann noch am Leben iſt?“ „Nein, wir haben nichts von ihm gehört.“ „Nun, wenn's ſo iſt, ſo hoffe ich, er wird nicht hieher kommen, denn wenn ihn der Kommandant in ſeine Gewalt kriegt, wird er hart mit ihm umſpringen. Er bleibt nicht bei halben Maaßregeln und iſt ſonſt ein wackeres Männchen; aber wenn es gilt, dieſe Dame zu gewinnen, ſo wird er auf jede Gefahr hin alle Hinder⸗ niſſe zu beſeitigen ſuchen— und ein Gatte iſt in einem ſolchen Falle ein gar ernſtlicher Hemmſtein. Nun, Signores,“ fuhr der Soldat nach einer Pauſe fort,„es iſt beſſer, wenn ich mich hier nicht zu lange ſehen laſſe. Wenn ihr etwas braucht, ſo könnt ihr 379 über mich gebieten; wohlgemerkt, mein Name iſt Pedro— gute Nacht und tauſend Dank.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich der Soldat. „Jedenfalls haben wir uns einen Freund gemacht,“ ſagte Krantz,„und eine Kunde von nicht geringer Wichtigkeit eingeholt. 4 „Von höchſter Wichtigkeit,“ verſetzte Philipp. „Amine iſt alſo mit Pater Matthias nach Goa abgeſegelt; ich fühle, daß ſie ſich in guten Händen befindet. Jener Pater Matthias iſt ein vortrefflicher Nann— ein großer Troſt für mich.“. „Ja, aber vergeßt nicht, daß Ihr in der Macht Eures Feindes ſeid. Wir müſſen ſo ſchnell als möglich von hier fortzukommen ſuchen— und morgen unterzeichnen wir das Papier. Es iſt von geringem Belang, da wir wahrſcheinlich vor dem Todtenſcheine in Goa anlangen, und wenn auch nicht, ſo wird die Kunde von ⸗ Eurem Hingang Amine nicht veranlaſſen, dieſes welke Stücklein Sterblichkeit zu heirathen.“. „Das macht mir keine Sorge; aber bedenkt, welchen Kummer es ihr verurſachen wird.“ „Glaubt mir, Philipp, keinen ſchlimmeren, als ihre gegenwär⸗ tige Ungewißheit. Doch es iſt nutzlos über das Vergangene zu brüten— es muß geſchehen. Ich unterzeichne als Corneliu⸗ Richter, unſer dritter Mate, und Ihr als Jakob Vantreat— ver⸗ geßt dies nicht.“ „Gut,“ verſetzte Philipp, der ſich dann abwandte, als wünſche er ſeinen Gedanken überlaſſen zu bleiben. Krantz bemerkte dies und legte ſich unter eine Schießſcharte, wo er bald einſchlief. 380 Zweiunddreißigſtes Kapitel. UVon der Anſtrengung des vorigen Tages ermattet, hatte ſich auch Philipp neben Krantz niedergelegt und war eingeſchlafen. Am andern Morgen früh wurde er durch die Stimme des Kommandan⸗ ten und das Raſſeln ſeines langen Säbels auf dem Pflaſter geweckt. Unſer Held erhob ſich und fand, daß der kleine Mann ſeine Sol⸗ daten muſterte und dabei den einen mit dem Gefängniſſe, anderen mit Strafdienſten drohte. Krantz hatte ſich, noch ehe der Komman⸗ dant mit ſeiner Morgenvorleſung zu Ende gekommen war, gleich⸗ falls auf die Beine geholfen. Endlich wurden unſere Abenteurer bemerkt; mit ſtrenger Stimme gebot ihnen der Befehlshaber, ihm nach ſeinem Gemache zu folgen. Sie gehorchten; der Kommandant warf ſich auf ſein Sopha und fragte, ob ſie bereit wären, das be⸗ ſprochene Papier zu unterzeichnen, da ſie andernfalls wieder der Haft überantwortet werden ſollten. Krantz antwortete, ſie hätten alle Möglichkeiten berechnet und ſich ſo vollkommen von dem Tode des Kapitäns überzeugt, daß ſie keinen Anſtand nähmen, die That⸗ ſache zu beglaubigen— eine Erwiederung, auf welche der Kom⸗ mandant augenblicklich ſehr gnädig wurde. Er ließ Schreibmate⸗ rialen herbeibringen und ſetzte das Dokument auf, das ſodann gebührendermaßen von Krantz und Philipp unterzeichnet wurde. Sobald dies geſcheben und der kleine Mann im Beſitze des koſtbaren Papiers war, wurde er ſo vergnügt, daß er unſere beiden Aben⸗ teurer einlud, an ſeinem Frühſtück Theil zu nehmen. Während des Mahles verſprach er ihnen, daß ſie bei eheſter Gelegenheit die Inſel ſollten verlaſſen dürfen. Philipp blieb ſehr ſchweigſam; aber Krantz wußte ſich ſo angenehm zu machen, daß ſte der Kommandant auch zum Diner einlud. Nachdem ſie vertrau⸗ licher mit einander geworden waren, theilte ihm Krantz mit, ſie 381 hätten noch einige Goldſtücke und wünſchten ein Zimmer zu bekom⸗ men, wo ſie ihre Tafel halten könnten. War es nun aus Liebe zur Geſelligkeit, oder der Wunſch, das Gold zu kriegen— vielleicht auch beides, kurz der Kommandant erbat ſich, daß ſie an ſeinem Tiſche mitſpeiſen und ihren Antheil an den Koſten tragen ſollten— ein Vorſchlag, den ſich unſere Freunde bereitwillig gefallen ließen. Die Bedingungen wurden feſtgeſetzt, und Krantz beſtand darauf, für die erſte Woche vorauszubezahlen. Von dieſem Augenblicke an ſtand der Kommandant auf dem beſten Fuße mit ihnen und wußte der Liebkoſungen kein Ende, obſchon er ſie früher ſo gar höflich in einen unter dem Waſſerſpiegel gelegenen Kerker geſchoben hatte. Am Abende des dritten Tages, als ſie, ihre Manilla Cheroots rauchend, beiſammen ſaßen, war der Kommandant in beſonders guter Stim⸗ mung, weshalb ſich Krantz die Frage erlaubte, warum ihm ſo viel an des Kapitäns Todtenſchein gelegen ſei. Zu Philipps großem Erſtaunen lautete die Antwort: Amine habe ihm verſprochen, ihn zu heirathen, ſobald er ein derartiges Dokument beibringe. „Unmöglich!“ rief Philipp von ſeinem Sitze auffahrend. „Unmöglich, Signor? Und warum unmöglich?“ verſetzte der Kommandant mit der Miene des Zorns und der Ueberraſchung, während er ſeinen Schnurrbart mit den Fingern drehte. „Ich würde auch ſo geſagt haben,“ unterbrach ihn Krantz, der die Folge von Philipps Unbeſonnenheit fürchtete;„denn wenn Ihr geſehen hättet, Kommandant, mit welcher Innigkeit dieſes Weib an ihrem Gatten hing, und wie zärtlich ſie mit ihm that, ſo würdet Ihr es gleichfalls für unmöglich gehalten haben, daß ſie ihre Liebe ſo ſchnell auf einen Andern übertrug. Doch Weiber ſind Weiber, und Soldaten haben einen großen Vortheil über andere Leute; viel⸗ leicht iſt ſie einigermaßen zu entſchuldigen, Kommandant.— Eure Geſundheit und gut Glück.“ 1 „Gerade dieß wollte ich auch bemerken,“ fügte Philipp bei, auf den Plan ſeines Freundes eingehend;„und zuverläſſig iſt ſie 382 ſehr zu entſchuldigen, Kommandant, wenn ich mir ihren Gatten ver⸗ gegenwärtige und Euch dabei in's Auge faſſe.“ Durch dieſe Schmeichelei beſchwichtigt, entgegnete der Kom⸗ mandant: „Nun ja, es heißt, das Militär habe ſtets beſonderes Glück bei dem ſchönen Geſchlechte.— Vermuthlich liegt der Grund darin, daß ſie zu uns um Schutz aufſehen, und wo können ſie deſſen mehr verſichert ſein, als bei einem Manne, der ein Schwert an ſeiner Seite trägt.— Kommt, Signores, wir wollen ihre Geſundheit trinken. Das Wohl der ſchönen Amine Vanderdecken!“ „Das Wohl der ſchönen Amine Vanderdecken!“ rief Krantz, ſein Glas erhebend. „Das Wohl der ſchönen Amine Vanderdecken!“ ſtimmte Phi⸗ lipp ein.„Aber, Kommandant, wie mochtet Ihr ſie auch nach Goa laſſen, wo ein Weib ſo viele Verlockungen findet und auf ihr Ge⸗ ſchlecht ſo viele Schlingen lauern?“ „Das ficht mich nicht im Geringſten an— ich bin überzeugt, daß ſie mich liebt— ja, unter uns geſagt— ſie betet mich an.“ „Ha, der Lüge!“ rief Philipp. „Wie, Signor— ſoll das mir gelten?“ rief der Kommandant nach ſeinem Säbel greifend, der auf dem Tiſche lag. „Nicht doch,“ erwiederte Philpp, ſich faſſend;„ich meinte ſie damit, denn ich hörte mit meinen eigenen Ohren, wie ſie ihrem Gatten ſchwor, daß ſie für Niemand leben wolle, als für ihn.“ „Haz hal iſt das Alles?“ ſagte der Kommandant.„Mein Freund, Ihr kennt die Weiber nicht.“ „Nein; auch hat er keine beſondere Zuneigung für dieſelben,“ verſetzte Krantz, indem er ſich gegen den Kommandanten hinneigte und ihm in die Ohren flüſterte:„er treibt's ſtets ſo, wenn von Frauenzimmern die Rede iſt. Er wurde einmal grauſam getäuſcht und haßt nun das ganze Geſchlecht.“ 1 383 „Dann müſſen wir barmherzig gegen ihn ſein,“ entgegnete der kleine Offizier.„Ich denke, wir wollen das Thema wechſeln.“ Als ſie ſich wieder nach ihrem eigenen Gemach begaben, machte Krantz unſern Helden auf die Nothwendigkeit aufmerkſam, daß er ſeine Gefühle beherrſche, weil ſie andernfalls zu gewärtigen hätten, wieder in den Kerker geworfen zu werden. Philipp geſtand ſeine Uebereiltheit zu, bemerkte übrigens gegen ſeinen Freund, der Grund ſeiner Aufwallung habe in dem Umſtande gelegen, daß Amine dem Kommandanten das Verſprechen gab, ihn zu heirathen, im Falle er ſichere Nachrichten über ſeinen Tod beibringe. „Iſt es möglich, daß ſie ſo falſch ſein konnte!“ rief Philipp; „und doch ſcheint der Eifer, den er bei Erwerbung dieſes Doku⸗ ments an den Tag legte, die Wahrheit ſeiner Angabe zu bekunden.“ „Ich glaube, Philipp, und es dünkt mich ſehr wahrſcheinlich, daß ſich's wirklich ſo verhält,“ verſetzte Krantz gleichgültig.„Ihr könnt übrigens daraus weiter nichts entnehmen, als daß ſie ſich in einer ſehr gefährlichen Lage befand und daß ſie ſo gehandelt hat, um ſich für Euch zu retten. Verlaßt Euch darauf, wenn ſie mit Euch zuſammentrifft, wird ſie Euch den vollen Beweis liefern, daß ſie ihn in dieſer Weiſe täuſchen mußte, da ſie ſonſt jetzt wahr⸗ ſccheinlich ſeiner Gewaltthätigkeit zur Beute geworden wäre.“ „Möglich,“ entgegnete Philipp düſter. „Nicht nur möglich, Philipp, ſondern ich ſetze mein Leben da⸗ ran, daß ſich's ſo verhält. Bergt ja keinen Augenblick einen ſo ge⸗ häſſigen Gedanken gegen ein Weſen, das nur in Eurer Liebe lebt — Argwohn gegen jenes holde und aufopfernde Weſen! Ich er⸗ röthe für Euch, Philipp Vanderdecken.“ „Ihr habt Recht und ich bitte ſie um Verzeihung, daß ich mich eur einen Moment von derartigen Gefühlen oder Gedanken über⸗ wältigen ließ,“ erwiederte Philipp;„aber es wird einem Gatten, der mit einer Glut liebt, wie ich, ſchwer, den Namen ſeines Weibes zum Spielball machen zu ſehen und mit anhören zu müſſen, daß 384 ihre Ehre durch einen ſo verächtlichen Wicht, wie dieſer Komman⸗ dant iſt, angegriffen wird.“ „Ich will das zugeben, obſchon es noch immer beſſer iſt, als wenn wir in einem Kerker ſchmachteten,“ verſetzte Krantz.„Und nun, gute Nacht.“ Drei Wochen blieben ſie in dem Fort und wurden jeden Tag vertrauter mit dem Kommandanten, der in Philipps Abweſenheit das Geſpräch oft auf ſeine Liebe zu Amine lenkte und Alles, was vorgegangen war, auf's Umſtändlichſte berichtete. Krantz bemerkte mehr und mehr, daß ſeine Anſicht richtig war und Amine ihrem Zwingherrn nur geſchmeichelt hatte, um ihm entrinnen zu können. Indeſſen ſchwand unſern Freunden die Zeit furchtbar langſam da⸗ hin, denn immer wollte ſich noch kein Schiff blicken laſſen. „Wann werde ich ſie wiederſehen?“ ſagte Philipp zu ſich ſel⸗ ber, als er eines Morgens mit Krantz auf der Böſchung lehnte. „Wen wollt Ihr wieder ſehen?“ ſagte der Kommandant, der zufällig hart an ſeiner Seite geſtanden hatte. Philipp wandte ſich um und murmelte etwas Unverſtändliches vor ſich hin. „Wir ſprachen von ſeiner Schweſter, Kommandant,“ antwor⸗ tete Krantz, ſeinen Arm ergreifend und ihn hinwegführend.„Ihr müßt vor meinem Freunde den Gegenſtand nicht zur Sprache brin⸗ gen, denn er iſt ſehr ſchmerzlich für ihn und bildet mit einen Grund zu dem Grolle, den er gegen das zweite Geſchlecht hegt. Sie war an einen Freund, den er ſehr liebte, verheirathet und entlief ihrem Gatten. Sie war ſeine einzige Schweſter; die Schande brach ſeiner Mutter das Herz und hat ihn ſelbſt elend gemacht. Ich bitte, achtet nicht darauf.“ 3 ‚Nein, nein, gewiß nicht,“ erwiedert der Kommandant.„Es nimmt mich auch gar nicht wunder, denn die Ehre einer Familie iſt eine ernſtliche Angelegenheit. Der arme junge Mann; bei einem ſolchen Benehmen ſeiner Schweſter und bei der Falſchheit der eige⸗ A 385 nen Geliebten finde ich es nur natürlich, daß er ſo ernſt und ſchweigſam iſt. Gehört er einer guten Familie an, Signor?“ „Einer der edelſten in Holland,“ antwortete Krantz.„Er hat ein großes Vermögen zu hoffen und iſt bereits unabhängig durch die Hinterlaſſenſchaft ſeiner Mutter. Aber dieſe beiden unglücklichen Ereigniſſe bewogen ihn, heimlich die Staaten zu verlaſſen und in fremde Länder zu ziehen, um dort ſeinen Schmerz zu vergeſſen.“ „Finer der edelſten Familien?“ verſetzte der Kommandant; „dann reist er unter einem angenommenen Namen— Jakob Van⸗ treat iſt natürlich nicht der rechte.“ „Ihr habt Recht,“ entgegnete Krantz,„er heißt nicht ſo— aber über dieſen Punkt ſind meine Lippen verſiegelt.“ „Verſteht ſich, gegen einen Freund etwa ausgenommen, der ein Geheimniß bewahren kann. Ich will jedoch nicht weiter darüber fragen. Er iſt alſo wirklich von hohem Adel?“ „Wie geſagt, er gehört einer der höchſten Familie des Landes an, beſitzt große Reichthümer und Einfluß, und iſt mit dem ſpani⸗ ſchen hohen Adel durch Heirathen verwandt.“ „Wirklich?“ verſetzte der Kommandant nachſinnend;„ſo kennt er ohne Zweifel auch viele portugieſiſche Granden?“ „Freilich; ſie ſtehen ja alle mehr oder weniger mit einander in Verbindung.“ „Da muß er Euch wohl ein ſehr werthvoller Freund ſein, Signor Richter.“. „Ich halte mich für Lebenszeit verſorgt, ſobald wir in die Hei⸗ math zurückkommen. Er iſt von ſehr dankbarem und edelmüthigem Charakter, wie er auch Euch beweiſen wird, wenn Ihr je wieder einmal mit ihm zuſammentreffen ſolltet.“ „Ich zweifle nicht daran und kann Euch verſichern, daß ich es herzlich ſatt habe, auf dieſer Inſel zu bleiben. Ich werde wahr⸗ ſcheinlich noch ein paar Jährchen ausharren müſſen, ehe ich abge⸗ löst werde, und gehe dann zu meinem Regiment nach Goa, wo ich Marryat. Der fiiegende Holländer. 4 25 386 wahrſcheinlich keinen Urlaub in die Heimath erhalten werde, wenn ich nicht auf mein Offizierspatent verzichte. Doch da kömmt er eben.“ Nach dieſem Geſpräche mit Krantz war die Veränderung in dem Benehmen des portugieſiſchen Kommandanten, der die höchſte Achtung vor dem Adel hatte, ſehr auffallend. Er behandelte Phi⸗ lipp mit einer Ehrerbietung, die keinem Bewohner des Forts ent⸗ gehen konnte und auch Philipp in Erſtaunen ſetzte, bis ihm Krantz die Urſache erklärte. Der Kommandant brachte gegen Letzteren die Sache öfters zur Sprache und holte ihn aus, ob ſein Benehmen gegen Philipp auch von der Art geweſen ſei, um einen günſtigen Eindruck zu machen, denn der kleine Mann hoffke jetzt, durch einen ſo einflußreichen Kanal einige wohlthätige Früchte zu ernten. Etliche Tage nach dieſem Geſpräch ſaßen alle drei bei Tiſche, als ein Korporal eintrat, vor dem Kommandanten ſalutirte und ihm meldete, daß ein holländiſcher Matroſe in dem Fort angekommen ſei und um Zulaſſung bitte. Philipp und Krantz erblaßten über dieſe Meldung, denn ſie ahneten Unheil, verhielten ſich aber ſtumm. Der Matroſe wurde vorbeſchieden und nach einigen Augenblicken trat ihr Quälgeiſt, der einäugige Schriften ein. Als er Philipp und Krantz an dem Tiſche ſitzen ſah, rief er augenblicklich: „Ah, da treffe ich ja den Kapitän Philipp Vanderdecken und meinen Freund Mynheer Krantz, den erſten Maten des Schiffes Utrecht. Freut mich recht, Euch wieder zu ſehen!“ „Kapitän Phiſipp Vanderdecken!“ brüllte der Kommandant, von dem Stuhle aufſpringend. 8 „Ja, das iſt mein Kapitän, Mynheer Philipp Vanderdecken, und dies mein erſter Mate, Mynheer Krantz, beide zu dem guten Schiffe Utrecht gehörig. Wir litten miteinander Schiffbruch— iſt's nicht ſo— Mynheer? Hi, hi!“ 1 „Sangue de— Vanderdecken— ihr Gatte? Corpo del Dia⸗ volo— iſt es möglich?“ rief der Kommandant, nach Luft haſchend, während er mit beiden Händen nach ſeinem Säbel griff und ihn 387 wüthend umfaßte.„Ha, ich bin alſo getäuſcht, hinter's Licht ge⸗ führt und verlacht worden!“ Die Adern ſeiner Stirne ſchwollen faſt zum Berſten an und nach einer Pauſe fuhr er mit unterdrückter Stimme fort: „Höchſtedler Herr, ich danke Euch— aber jetzt iſt die Reihe an mir.— Heda, ho! Korporal— Soldaten— augenblicklich herbei— hurtig!“ Philipp und Krantz fühlten ſich überzeugt, daß alles Läugnen vergeblich ſei. Der erſtere kreuzte ſeine Arme, ohne zu antworten, während der erſte Mate bloß bemerkte: „Ein kurzes⸗Nachdenken wird Euch beweiſen, Signor, daß Ihr keinen Grund zu dieſer Entrüſtung habt. 4 „Keinen Grund?“ entgegnete der Kommandant mit einem Hohngelächter.„Ihr habt mich getäuſcht, ſeid aber in Eurer eigenen Falle gefangen worden. Ich habe das unterzeichnete Papier und werde nicht ermangeln, davon Gebrauch zu machen. Ihr, Kapitän, ſeid todt, wie Ihr wißt, denn ich habe es von Eurer eigenen Hand und Euer Weib wird der Kunde mit Freuden Glauben ſchenken.“ „Sie hat Euch getäuſcht, Konmandant in Eurer Gewalt zu entkommen, weiter nicht,“ ſagte Vanderdecken;„denn ſelbſt wenn ſie frei wäre, wie der Wind, würde ſie einen ſo verächtlichen, welken Tropf, wie Ihr ſeid, verſchmähen.“ „Nur ſo fort gemacht— nur ſo fort gemacht— die Reihe wird bald an mich kommen— Korporal, werft dieſe beiden Menſchen in den Kerker— eine Schildwache vor die Thüre, bis auf weitere Ordre. Hinweg mit ihnen. Höchſt edler Signor, vielleicht werden Euch Eure einflußreichen holländiſchen und ſpaniſchen Freunde in den Stand ſetzen, wieder herauszukommen.“ Philipp und Krantz wurden von dem Soldaten abgeführt, die über dieſen Wechſel nicht wenig erſtaunt waren. Schriften folgte ihnen, und als ſie über den Wall nach der Treppe gingen, die zu ihrem Gefängniß führte, riß ſich Krantz wüthend von d den Soldaten 388 los und verſetzte dem Piloten einen ſo derben Fußtritt, daß dieſer mehrere Schritte weit taumelte und auf ſein Geſicht niederſtürzte. „Das war gut ausgeführt— hi, hi!“ rief Schriften, der, ſobald er ſich wieder auf die Beine geholfen hatte, Krantz lächelnd anſah. Als ſie die Treppe nach ihrem Kerker hinunterſtiegen, begeg⸗ neten ſie einem Auge, das ihnen bedeutungsvoll zuwinkte; es ge⸗ hörte dem Soldaten Pedro und ſagte ihnen, daß wenigſtens ein einziger Freund vorhanden ſei, auf den ſie ſich verlaſſen könnten und der keine Mühe ſcheuen würde, ihnen in dieſer neuen Schwie⸗ rigkeit beizuſtehen. Welch ein Troſt für die Beiden! Ein Hoff⸗ nungsſtrahl war ihnen wenigſtens geblieben, als ſie wieder die enge Treppe hinunterſtiegen und den ſchweren Schlüſſel klirren hörten, der ſie in ihren Kerker einſchloß. 3 elun breibiaſtes Kapitel. „So ſind alſo alle unſere Hoffnungen geſcheitert,“ ſagte Phi⸗ lipp wehmüthig.„Welche Ausſicht bleibt uns noch, dieſem kleinen Tyrannen zu entkommen?“ „Wir müſſen auf den Zufall bauen,“ verſetzte Krantz,„ob⸗ ſchon die Ausſichten vorderhand nicht ſehr erfreulich ſind. Hoffen wir übrigens das Beſte.“ „ Da kommt mir ein Gedanke, der vielleicht zu etwas führen wird,“ fügte Krantz nach einer Weile bei.„Wir wollen ſehen, was ſich ausrichten läßt, ſobald ſich der Zorn des kleinen Mannes vertobt hat.“ „Und das wäre? „So ſehr er Euer Weib liebt, gibt es doch ein Ding, das 389 ihm ebenſo ſehr am Herzen liegt— ich meine das Geld. Da wir nun wiſſen, wo jener Schatz verborgen iſt, ſo denke ich, er könnte ſich bewegen laſſen, uns die Freiheit zu geben, wenn wir ihm ver⸗ ſprächen, ihm zu dem Beſitze des Geldes zu verhelfen.“ „Das wäre nicht unmöglich. Verdammt ſei dieſer boshafte kleine Wicht, der Schriften, der zuverläſſig nicht, wie Ihr meint, dieſer Welt angehört. Er iſt mein ewiger Verfolger und ſcheint nicht aus eigenem Antrieb zu handeln.“ „Dann muß er ein Stück und Theil von Eurer Beſtimmung ſein. Ich bin nur begierig, ob uns unſer edler Kommandant ohne Eſſen und Trinken zu laſſen gedenkt. 4 „Es ſollte mich nicht wundern. Ich bin überzeugt, daß er mir nach dem Leben ſteht, obgleich er nicht im Stande ſein wird, mir es zu nehmen. Indeß iſt's immerhin genug, wenn er die Leiden deſſelben vermehrt.“ Sobald ſich die Wuth des Kommandanten einigermaßen gelegt hatte, ertheilte er Befehl, Schriften herbeizubringen, um ihn aus⸗ führlicher in's Verhör zu nehmen; aber 9 e Spähens war der Pilot nirgends aufzufinden. Die Schildwache am Thore er⸗ klärte, daß er nicht herausgekommen ſei, und nun wurden neue Nachforſchungen angeſtellt, die jedoch gleichfalls zu keinem Erfolge führten. Sogar die Kerker und Gallerien unten wurden durchſucht, aber vergeblich. „Sollte er vielleicht mit den andern Gefangenen eingeſchloſſen worden ſein?“ dachte der Kommandant.„Unmöglich— doch ich will hingehen und mich ſelbſt überzeugen.“ Er ſtieg hinab, öffnete die Kerkerthüre und ſah hinein. Ohne zu ſprechen, wollte er wieder umkehren, als ihn Krantz anredete: „Ei, Signor, das iſt ja eine recht freundliche Behandlung, nachdem wir ſo lange auf dem beſten Fuß miteinander gelebt haben — uns in's Gefängniß zu werfen, bloß weil ein Kerl erklärt, daß 390 44 wir nicht ſeien, für was wir uns ausgegeben haben. Vielleicht geſteht Ihr uns doch ein wenig Trinkwaſſer zu?“ Der Kommandant, welcher über Schriftens außerordentliches Verſchwinden ſehr beſtürzt war, wußte kaum, was er antworten ſollte. Endlich entgegnete er in milderem Tone, als wohl von ihm erwartet werden konnte: „Ich werde Befehl ertheilen, daß Eurem Begehren entſprochen wird.“ Er ſchloß dann die Kerkerthüre wieder und verſchwand. „Seltſam,“ bemerkte Philipp;„er ſcheint ſchon jetzt ruhiger zu ſein.“ Nach einigen Minuten wurde die Thüre abermals geöffnet und Pedro kam mit einem Krug Waſſer herein. „Er iſt wie durch Zauberei verſchwunden, Signores, und kann nirgends aufgefunden werden. Wir haben jeden Winkel durchſpäht, aber vergeblich.“ „Nach wem— nach dem kleinen alten Matroſen?“ „Ja, nach zaanſelben, dem Ihr einen Fußtritt verſetztet, als Ihr in's Gefängniß geführt wurdet. Alle Leute ſagen, er müſſe ein Geiſt geweſen ſein. Die Schildwache erklärt, er habe das Fort nicht verlaſſen und ſei auch nicht in ihre Nähe gekommen. Die Art ſeines Entweichens iſt ein Räthſel, das, wie ich bemerke, un⸗ ſern Kommandanten nicht wenig eingeſchüchtert hat.“ Krantz pfiff vor ſich hin und ſah Philipp an. „Habt Ihr die Obhut über uns, Pedro?" „Ich hoffe ſo.“ „Gut; ſo ſagt dem Kommandanten, wenn er bereit ſei, mich an⸗ zuhören, ſo wolle ich ihm Etwas von großer Wichtigkeit mittheilen.“ Pedro ging hinaus. „Wohlan, Philipp, ich kann dieſen kleinen Wicht noch ärger in's Bockshorn jagen, ſo daß er uns gerne freigeben wird, wenn Ihr mir zu ſagen erlaubt, daß Ihr nicht Aminens Gatte ſeid.“ 391 „Das kann ich nicht thun, Krantz. Ich will nicht länger einer ſolchen Unwahrheit Raum geben.“ „Ich fürchtete das, und doch dünkt es mich, es ſei ganz am Orte, wenn wir der Grauſamkeit und dem Unrecht eine gewiſſe Dovpelzüngigkeit entgegen ſetzten. Wenn Ihr nicht in meinen Vor⸗ ſchlag willigt, ſo weiß ich kaum, wie ich die Sache einleiten ſoll; indeß— auf jeden Fall will ich alle meine Kräfte aufbieten.“ „Ich will Euch in jeder Weiſe beiſtehen, nur müßt Ihr nicht von mir verlangen, daß ich mein Weib verläugne. Dies kann und darf nimmermehr geſchehen.“ „Wohlan denn, ſo will ich ſehen, ob ich nicht ein Mährchen zuſammen bringe, das alle Partieen befriedigen wird. Laßt mich ein Bischen nachdenken.“ Krantz ging ſinnend auf und ab, und war noch mit ſeinen Gedan⸗ ken beſchäftigt, als die Thüre aufging und der Kommandant eintrat. „Wie ich höre, habt Ihr mir Etwas mitzutheilen— nun, und das wäre?“ „Für's Erſte, Signor, laßt jenen kleinen gen, damit er uns gegenüber geſtellt werde..— „Ich wüßte nicht, wozu dies führen köngtte,“ verſetzte der Kommandant.„Was mögt Ihr mir zu ſagen haben, Signor?“ „Wißt Ihr auch, mit wem Ihr's zu thun habt, wenn Ihr mit jener einäugigen Mißgeſtalt ſprecht?“ „Vermuthlich mit einem holländiſchen Matroſen.“ „Nein— mit einem Geiſte— mit einem Dämon, der Anlaß zum Verluſte unſres Schiffes gab und der Unglück mit ſich bringt, wo er immer erſcheinen mag.“ „Heilige Jungfrau, was Ihr mir da ſagt, Signor!“ „Reine Thatſache, Herr Kommandant. Wird ſind Euch ſehr verbunden, daß Ihr uns hier einſperrt, ſo lang er in dem Fort iſt; aber nehmt Ihr Euch vor ihm in Acht.“ 3 „Ihr macht Euch über mich luſtig.“ icht herunterbrin⸗ * „Gewiß nicht; laßt ihn herunterbringen. Dieſer edle Herr hat Gewalt über ihn. Es wundert mich überhaupt, daß er es wagte, zu bleiben, ſo lange er in der Nähe iſt. Er trägt Etwas auf ſeinem Herzen, was ihn zitternd von hinnen ſcheuchen wird.— Laßt ihn herunterbringen und Ihr werdet bald ſehen, wie er mit Fluchen und Schreien verſchwindet.“ „Der Himmel ſteh uns bei!“ rief der Kommandant erſchrocken. „Wollt Ihr nicht nach ihm ſchicken, Signor?“ „Er iſt fort— verſchwunden— nirgends aufzufinden!“ „Dacht ich's doch,“ verſetzte Philipp bedeutungsvoll. „Er iſt fort— verſchwunden— ſagt Ihr? Dann, Komman⸗ dant, werdet Ihr wahrſcheinlich dieſen edlen Herrn für die Behand⸗ lung, die Ihr ihm zu Theil werden ließt, um Entſchuldigung bitten und uns geſtatten, wieder nach unſerem Gemache zurückzukehren. Ich will Euch dort dieſe höchſt ſonderbare und intereſſante Ge⸗ ſchichte anseinanderſetzen.“ Der Kommandant, der jetzt verwirrter war, als je, wußte kaum, wie er ſich benehmen ſollte. Endlich verbeugte er ſich gegen Phi⸗ lipp und bat ihn ſieer möchte ſich als auf freien Fuß geſetzt betrach⸗ ten. Gegen Krantz fuhr er fort: „Es wird mir ungemein lieb ſein, wenn Ihr mir unverweilt dieſe Geſchichte erklären werdet, denn Alles ſcheint ſo gar wider⸗ ſprechend zu ſein.“ „ Und muß es auch bleiben, bis die betreffende Auseinander⸗ ſetzung gegeben iſt. Ich will Euch nach Eurem eigenen Gemache fol⸗ gen— eine Höflichkeit, die Ihr von meinem edlen Freunde nicht er⸗ warten dürft, da er über Eure Behandlung nicht wenig entrüſtet iſt.“ Der Kommandant ging hinaus und ließ die Thüre offen ſtehen. Philipp und Krantz folgten nach 3 Erſterer begab ſich nach ſeinem eigenen Gemache, während der Letztere ſeine Schritte nach dem Wohnzimmer des Kommandanten lenkte. Die Verwirrung, die in dem Gehirn des kleinen Mannes wirbelte, ließ ihn ungemein lächer⸗ 393 lich erſcheinen. Er wußte kaum, ob er den Befehlshaber ſpielen oder höflich ſein ſollte, ob er wirklich mit dem erſten Maten des Schiffs oder mit jemand Anderem ſprach, und ebenſowenig, ob er einen Adeligen gekränkt oder einem einfachen Schiffskapitän den Hof ge⸗ macht hatte. Er warf ſich auf ſein Sopha nieder und Krantz, der in einem Stuhle Platz nahm, begann folgendermaßen: „Ihr ſeid zum Theil getäuſcht worden, zum Theil auch nicht, Kommandant. Als wir hieher kamen, wußten wir nicht, welche Be⸗ handlung uns zu Theil werden könnte, und verheimlichten deßhalb unſern Rang. Nachher unterrichtete ich Euch von der Stellung meines Freundes in ſeiner Heimath, obgleich ich es nicht für der Rede werth hielt, mich über diejenige zu verbreiten, die er an Bord des Schiffes einnahm. Wie ſich von einem ſo hochgeſtellten Manne, wie er iſt, erwarten läßt, verhält ſich der eigentliche Thatbeſtand ſo, daß er der Eigenthümer des ſchönen Schiffes war, das durch die Einmengung jenes einäugigen Wichtes verloren ging; doch davon bei einer andern Gelegenheit— jetzt zu der Geſchichte. „Vor zehn Jahren war in Amſterdam ein großer Geizhals; er lebte in der allerärmlichſten Weiſe, in der ein Menſch nur leben kann, trug nichts als Lumpen und glich in ſeinem Anzuge dem ge⸗ meinſten Matroſen, da er früher ſelbſt ein Seemann geweſen war. Er hatte einen einzigen Sohn, dem er ſogar die nöthigſten Lebens⸗ bedürfniſſe verweigerte, und den er auf's Grauſamſte behandelte. Nach vielen vergeblichen Verſuchen, einen Theil des väterlichen Reich⸗ thums an ſich zu bringen, ſtiftete der Teufel den Sohn an, den alten Mann zu ermorden, der eines Tags todt in ſeinem Bett ge⸗ funden wurde. Es fanden ſich keine Spuren von Gewaltthätigkeit, welche hätten beſchworen werden können, und obgleich auf den Sohn 1* Verdacht fiel, ſo wurde doch die ganze Geſchichte vertuſcht, ſo daß der junge Mann in den Beſitz des ganzen väterlichen Schatzes kam. Man erwartete jetzt von ihm, er werde üppig leben und einen Theil ſeines Erbes verſchwenden, wie es gewöhnlich der Fall iſt; er gab 394 aber im Gegentheil nicht nur nichts aus, ſondern ſchien ſogar ſo arm, ja noch ärmer als je zu ſein. Frohſinn und Heiterkeit bemerkte man nie an ihm; höchſt erbärmlich in ſeinem Aeußern, und trübſeligen Geiſtes wandelte er umher, eine Kruſte Brod ſuchend, wo er ſie finden konnte. Einige ſagten, das Laſter ſeines Vaters habe ſich auf ihn übergepflanzt und er ſei ein eben ſo großer Geizhals geworden, als dieſer je geweſen; Andere ſchüttelten den Kopf und meinten, daß nicht Alles richtig ſei. Endlich, nach ſechs oder ſieben Jahren eines kümmerlichen Lebens, ſtarb der junge Mann ohne Beichte oder Ab⸗ ſolution— er wurde todt in ſeinem Bette gefunden. Neben ſeinem Lager fand man einen Streifen Papier an die Behörden, in welchem er eingeſtand, daß er ſeinen Vater um des Geldes willen ermordet habe; als er den Tag darauf etwas von der Hinterlaſſenſchaft an ſich nehmen wollte, ſah er den Geiſt ſeines Vaters auf den Geldſäcken ſitzen, der ihm mit augenblicklichem Tode drohte, wenn er auch nur ein einziges Stück berühre. Er kam wieder und wieder zurück, aber ſtets hielt der Geiſt des Alten Schildwache. Endlich gab er jeden Verſuch auf; ſein Verbrechen machte ihn elend, und obſchon er im Auge der Welt große Reichthümer beſaß, ſo durfte er es doch nicht wagen, auch nur einen Stüber davon auszugeben. Er bat außer⸗ dem, da ſein Ende herannahe, ſo ſolle das Geld der Kirche ſeines Schutzheiligen gegeben werden, wo immer dieſelbe gefunden werden möge; ſei aber eine ſolche nicht vorhanden, ſo möge man eine neue Kirche bauen und dieſelbe begaben. Man ſtellte Nachforſchungen an, und fand weder in Holland, noch in den Niederlanden— denn Ihr wißt, daß es dort nicht viele Katholiken gibt— die angedeutete Kirche, weßhalb man in katholiſchen Gegenden, in Liſſabon und Spanien, Erkundigungen einholte, ohne jedoch ein beſſeres Reſultat zu erzielen. Indeß fand man doch ſo viel aus, daß die einzige Kirche, welche dem angedeuteten Heiligen geweiht iſt, zu Goa, in Oſtindien, von einem portugieſiſchen Edelmann erbaut wurde. Der katholiſche Biſchof ent⸗ ſchied ſich dafür, daß das Geld nach Goa geſchickt werden ſolle; zu — 395 dieſem Ende wurde es an Bord von meines Patrons Schiffe ge⸗ laden, der es der erſten portugieſiſchen Obrigkeit, auf die er traf, überantworten ſollte. 2 „Zur beſſeren Sicherheit wurde das Geld in die Kapitänskajüte gebracht, die natürlich mein edler Freund bewohnte, und als er in der erſten Nacht zu Bette ging, bemerkte er zu ſeinem großen Er⸗ ſtaunen, daß ein kleiner einäugiger alter Mann auf den Truhen ſaß.“ „Barmherziger Heiland!“ rief der Kommandant,„wie, der⸗ ſelbe kleine Mann, der uns heute erſchienen iſt?“ „Derſelbe,“ verſetzte Krantz. Der Kommandant bekreuzte ſich und Krantz fuhr fort: „Wie Ihr Euch denken könnt, gerieth mein edler Patron in ziemliche Unruhe; er iſt jedoch ein ſehr muthiger Mann und fragte den Alten, wer er ſei und wie er an Bord gekommen.“ „„Ich kam an Bord mit meinem Gelde,“ verſetzte das Geſpenſt. „Es iſt Alles mein Eigenthum und ich will es behalten. Die Kirche ſoll keinen Stüber davon haben, wenn ich es wehren kann.“ „Hierauf zog mein Patron eine berühmte Reliquie heraus, die er in ſeinem Buſen trägt, und hielt ſie ihm entgegen. Der alte Mann heulte und ſchrie, bis er zuletzt, obgleich nur ſehr ungern, verſchwand. Zwei weitere Nächte beharrte das Geſpenſt in ſeinem Starrſinn, machte ſich aber jedesmal bei dem Anblick der Reliquie mit Geheul davon, wie wenn es großen Schmerz leide. Auch pflegte es beim Verſchwinden ſtets zu ſchreien: ‚verloren— verloren!— und während des Reſts der Reiſe beunruhigte es uns nicht wieder. „Als uns nun unſer Patron dies mittheilte, meinten wir, der Ruf beziehe ſich auf das Geld, welches für das Geſpenſt verloren ſei, obſchon ſich ſpäter herausſtellte, daß er dem Schiffe galt. In der That war es ſehr unüberlegt von uns, daß wir die Schätze eines Vatermörders an Bord genommen hatten. Wir konnten nichts Gutes von einer ſolchen Fracht erwarten und ſo ſtellte ſich's auch heraus. Als das Schiff zu Grunde ging, gab ſich unſer Patron alle Mühe, das Geld zu retten; es wurde auf den Floß gebracht und, als wir landeten, an's Ufer geſchafft und daſelbſt verſcharrt, damit es der Kirche zugeſtellt werden könnte, der es vermacht worden. Die Leute, welche es in die Erde begruben, ſind jetzt alle todt, und außer meinem Freunde, dem Patron, iſt nicht ein Einziger übrig geblieben, dem die Stelle bekannt iſt.— Ich vergaß zu bemerken: ſobald das Geld auf der Inſel gelandet und vergraben war, er⸗ ſchien das Geſpenſt wieder, wie zuvor, und ſetzte ſich auf die Stelle, wo der Schatz eingeſcharrt lag. Ich glaube, wenn dies nicht der Fall geweſen wäre, würden ſich die Matroſen denſelben zugeeignet haben. Aus dem Umſtande, daß der Geiſt heute hier erſchienen iſt, vermuthe ich, daß er es ſatt hat, ſein Geld zu be⸗ wachen, und es deshalb verließ, oder kam er vielleicht hieher, damit man es von der Inſel fortbringe, obgleich ich mir den Grund nicht denken kann.“— „Wunderbar— ſehr wunderbar! Alſo liegt ein großer Schatz in dem Sande begraben?“ 2. „Ja.. „Und aus dem Hieherkommen des Geſpenſtes könnte man ver⸗ muthen, daß es ihn verlaſſen hat?“ „Natürlich, ſonſt könnte es nicht hier ſein.“ 4 „Könnt Ihr Euch nicht vorſtellen, welche Urſache es hieher ge⸗ führt haben mag?“ „Wahrſcheinlich, um ſeine Abſicht kund zu thun und meinen Freund zu bitten, daß er den Schatz holen laſſe; aber Ihr wißt, er wurde unterbrochen.“ „Allerdings; aber er nannte Euern Freund Vanderdecken.“ „Dies war der Name, den er an Bord des Schiffes führte.“ „Und auch der Name jener Dame?“ „Ja; er traf an dem Kap der guten Hoffnung mit ihr zuſam⸗ men und führte ſie mit ſich fort.“ „Dann iſt ſie alſo ſein Weib?“ 397 „Ich darf dieſe Frage nicht beantworten; es reicht vollkommen zu, daß er ſie als Gattin behandelt.“ „Ah, ſo! Aber was dieſen Schatz betrifft— Ihr ſagt, daß Nie⸗ mand wiſſe, wo er begraben ſei, als der Patron, wie Ihr ihn nennt?“ „Niemand.“ „Wollt Ihr ſo gut ſein, ihm mein Bedauern über das Vorge⸗ fallene auszudrücken und ihm zu ſagen, daß ich mir das Vergnügen vorbehalte, ihn morgen zu ſprechen?“ „Gewiß, Signor,“ verſetzte Krantz, ſich von ſeinem Stuhle erhebend. Er wünſchte ſofort dem Kommandanten guten Abend und ent⸗ fernte ſich. „Ich habe nach dem Einen gejagt und das Andere gefunden. Ein Geſpenſt muß es geweſen ſein, aber es bedarf eines dreiſten Geſpenſtes, wenn es mich von Dublonen wegſchrecken ſoll— und außerdem kann ich ja die Prieſter beiziehen. Will einmal ſehen. Wenn ich dieſen Mann unter der Bedingung ziehen laſſe, daß er den Ort, wo der Schatz liegt, der Obrigkeit— das heißt mir— anzeigt— ja dann muß ich freilich das ſchöne junge Weib aufge⸗ ben. Wenn ich dieſes Papier an ſie abgehen laſſe, ſo kann ich ſie gewinnen— aber ich muß mir ihn zuerſt vom Halſe ſchaffen. Was wähle ich von beidem?— ja— das Gold! Es läßt ſich nicht Alles zumal erringen. Jedenfalls will ich mir zuerſt das Geld zu⸗ eignen— ich brauche es beſſer, als die Kirche. Aber wenn ich das Geld habe, könnten mich dieſe zwei Männer bloßſtellen— ich muß ſie beſeitigen, für immer zum Schweigen bringen— und dann kann ich vielleicht auch noch die ſchöne Amine gewinnen. Ja, ihr Tod wird nöthig ſein, um mir Beides zu verſchaffen— das heißt, wenn ich zuvor das Erſte in meinen Beſitz gebracht habe.— Ich will mir die Sache bedenken.“ Der Kommandant ging noch einige Minuten im Zimmer auf und ab und überlegte bei ſich die beſte Verfahrungsweiſe. „Er ſagt, es ſei ein Geſpenſt, und hat mir da ein ganz an⸗ nehmliches Geſchichtchen erzählt,“ dachte er;„aber ich weiß nicht — ich habe mein Bedenken, ſie könnten mir einen Poſſen ſpielen. Nun, ſei's drum, wenn das Geld da iſt, ſo ſoll es mein Eigenthum werden— wo nicht, ſo will ich Rache nehmen. Ja, ich habe es; nicht nur ſie müſſen bei Seite geſchafft werden, ſondern allmählig auch alle Uebrigen, welche beim Fortbringen des Schatzes mitge⸗ holfen haben;— dann— doch— wer iſt da? Pedro?“ 4 „ Ic, Signor.“ „Wie lange biſt du ſchon hier?“ 3 „Erſt ſeit dieſem Augenblicke, Signor; es war mir, als hörte ich Euch rufen.“ „Du kannſt gehen— ich brauche nichts.“ 1 Pedro entfernte ſich; er hatte jedoch ſchon geraume Zeit im Zimmer geſtanden und das ganze Selbſtgeſpräch des Komman⸗ danten mit angehört. — Vierunddreißigſtes Kapitel. Es war ein n ſchöner Morgen, als das portugieſiſche Schiff, welches Aminen an Bord genommen hatte, in der Bai und Rhede von Goa einlief. Goa ſtund damals in ſeinem Zenith— ſtolz, üppig, prächtig, reich, die Hauptſtadt des Oſtens, eine Stadt von Paläſten, in der ein Vicekönig faſt unumſchränkte Gewalt übte. Als ſie ſich dem Fluſſe näherten, zwiſchen deſſen beiden Mündun⸗ gen Goa auf einer Inſel liegt, eilten ſämmtliche Paſſagiere auf das Deck, und der portugieſiſche Kapitän, der ſchon oft an Ort und Stelle geweſen war, machte Amine auf die merkwürdigſten Gebäude aufmerkſam. Sie fuhren an den Feſtungswerken vorbei und liefen in den Strom ein, deſſen Ufer zu beiden Seiten mit den Landſitzen 399 des Adels und der Hidalgos beſetzt waren— prachtvolle Gebäude, von Orangenhainen umgeben, deren Wohlgerüche die Luft burch⸗ dufteten. „Dies, Signora, iſt der Landpalaſt des Vicekönigs,“ ſagte der Kapitän, auf ein Schloß deutend, das beinahe drei Acker Lan⸗ des bedeckte. Das Schiff ſegelte weiter, bis es faſt die Stadt erreichte. Der Kapitän machte jetzt Amine auf die ſtolzen Kirchthürme und die andern öffentlichen Gebäude aufmerkſam— denn ſie hatte in ihrem Leben nur wenig große Städte geſehen, wie man ſich leicht denken kann, wenn man ſich ihre Geſchichte in's Gedächtniß ruft. „Das iſt die Jeſuitenkirche mit ihrem Collegium;“ ſagte der Kapitän, auf eine prachtvolle Maſſe von Gebäuden hindeutend.„In der Kirche, die wir jetzt ganz vor uns liegen ſehen, befinden ſich die canoniſirten Gebeine des heiligen Franziscus, der ſeinem Eifer das Evangelium in dieſen Gegenden zu verbreiten, das Leben zum Opfer brachte.“ „Ich habe Vater Matthias von ihm ſprechen hören,“ verſetzte Amine;„doch was iſt dies für ein Gebäude?“ „Das Auguſtinerkloſter; das andere zur Rechten gehörk den Dominikanern.“ „In der That prachtvoll,“ bemerkte Amine. „Das Gebäude, das Ihr am Ufer ſeht, iſt der Palaſt des Vieckönigs, das zur Rechten das Kloſter der baarfüßigen Carme⸗ liter. Jener hohe Thurm gehört zu der Kathedrale der heiligen Katharina, und jener ſchöne, leichte Dom iſt die Kirche unſerer lieben Frau der Barmherzigkeit. Ihr bemerkt dort gleichfalls ein Gebäude mit einem Dome— unmittelbar hinter dem Palaſte des Vicekönigs?“ „Ja,“ antwortete Amine. „Das iſt die heilige Inquiſition:“ Obgleich Amine ihren Philipp ſchon von der Inquiſition hatte 1 ſprechen hören, ſo wußte ſie doch wenig von ihren Eigenthümlich⸗ keiten; aber dennoch überflog bei Nennung dieſes Namens ihren Kör⸗ per ein plötzlicher Schauder, den ſie ſich nicht zu erklären vermochte. „Wir kommen jetzt an den Palaſt des Vicekönigs. Ihr bemerkt, welch ein ſchönes Gebäude er iſt,“ fuhr der Kapitän fort;„das große Haus ein wenig weiter oben iſt das Zollhaus, vor dem wir Anker werfen werden. Ich muß Euch jetzt verlaſſen, Signora.“ Einige Minuten nachher ankerte das Schiff vor dem Zollhauſe. Der Kapitän und die Paſſagiere begaben ſich an’'s Land, Amine ausgenommen, welche in dem Schiffe blieb, während Pater Mat⸗ thias einen paſſenden Aufenthalt für ſie ſuchte. Nächſten Morgen kehrte der Prieſter mit der Nachricht zurück, daß er für Amine im Kloſter der Urſelinerinnen, mit deren Aebtiſſin er bekannt ſei, ein Unterkommen ausgewirkt habe. Ehe Amine an's Land ging, bemerkte er ihr, daß die Acbtiſſin eine ſehr pünktliche Frau ſei und es gerne ſehen werde, wenn auch ſie ſo viel wie mög⸗ lich die Kloſterregel mitmache; das Kloſter ſelbſt nehme nur junge Perſonen aus den höchſten und reichſten Familien auf, und er hoffe, ſie werde ſich dort glücklich fühlen; zugleich verſprach er ihr, ſie zu beſuchen und die Gegenſtände mit ihr zu beſprechen, welche ſeinem Herzen ſo theuer und zu ihrer Erlöſung ſo nothwendig ſeien. Der Ernſt und das Wohlwollen, womit der alte Mann ſprach, rührten Aminen bis zu Thränen, und der hochwürdige Vater, der ſich jetzt in den Raum hinunter begab, um ihr Gepäcke zu ſammeln, verließ ſie mit einer Wärme des Gefühls, die er ſelten zuvor empfunden hatte, mehr als je ſich der frohen Hoffnung hingebend, daß jene Bekehrungsbemühungen doch am Ende zum Ziel führen würden. „Er iſt ein guter Mann,“ dachte Amine, als ſie an's Land ſtieg.— Sie hatte Recht: Pater Matthias war ein guter Mann, aber— wie alle Menſchen— nicht vollkommen. Ein Eiferer für die Sache ſeiner Religion, würde er mit Freuden ſein Leben dem Märtyrertode 3 401 hingegeben haben; aber wenn etwas ſeinen Planen in den Weg trat, konnte er auch grauſam und ungerecht ſein. 3 Pater Matthias hatte viele Gründe, um Aminen in dem Klo⸗ ſter der Urſelinerinnen unterzubringen. Er fühlte ſich verpflichtet, ihr denſelben Schutz angedeihen zu laſſen, den er ſo lange unter ihrem Dache genoſſen hatte, und wünſchte zugleich, ſie unter die Aufſicht der Aebtiſſin zu ſtellen, denn er konnte ſich des Gedankens nicht erwehren, daß ſie noch immer verbotene Künſte verſuche oder übe, obgleich er keine Beweiſe dafür hatte. Allerdings äußerte er hierüber nichts gegen die Aebtiſſin, da es ungerecht geweſen wäre, einen Argwohn zu erregen; aber dennoch ſtellte er ſie als eine Per⸗ ſon vor, die noch nicht ganz zum katholiſchen Glauben bekehrt ſei, obſchon ſie demſelben mit der Zeit Ehre machen werde. Schon der Gedanke, zu einer Bekehrung mitzuwirken, wird für die Bewohner eines Kloſters von hinreißendem Intereſſe, und die Aebtiſſin war weit mehr erfreut, eine Frau aufzunehmen, die ihres Raths und Zuſpruchs bedurfte, als wenn man ihr eine fromme Chriſtin über⸗ geben hätte, die ihr keine Mühe gemacht hätte. Amine ging mit Pater Matthias an's Land, ohne von dem Palankin, den man für ſie zubereitet hatte, Gebrauch zu machen, und begab ſich nach dem Kloſter. Zwiſchen dem Zollhauſe und dem Palaſte des Vicekönigs verfügten ſie ſich nach dem hinten liegenden großen freien Platz und dann die Strada Diretta, oder gerade Straße hinauf nach der Kirche der Barmherzigkeit, in deren Nähe das Kloſter lag. Ge⸗ nannte Straße iſt die ſchönſte in Goa und hat ihren Namen von der einfachen Thatſache, daß faſt alle andern Straßen aus Quadran⸗ ten oder Kreisſegmenten beſtehen. Amine war erſtaunt über die hohen, maſſiven Steingebäude, deren ſämmtliche Stockwerke mit ſchön gemeiſelten Marmorbalkonen verſehen waren, während ſich über jeder Thüre das Wappen des Adeligen oder Hidalgos befand, welchem das Haus gehörte. Der freie Raum hinter den Paläſten und die weiten Straßen waren mit lebenden Weſen erfüllt. Elephan⸗ Marryat. Der fliegende Holländer. 3 26 *☛ 40² ten mit prachtvoller Verzierung; Pferde, an der Hand geführt, oder beritten, mit ſtolzen Schabracken; Palankins, die von Eingebor⸗ nen in bunten Livreen getragen wurden; hin⸗ und herlaufende Be⸗ dienten; Angehörige aller Nationen vom ſtolzen Portugieſen, bis zu dem halb nackten Eingebornen hinab; Moslemen, Araber, Hin⸗ dus, Armenier; Offiziere und Soldaten in ihren Uniformen, bunt durcheinander gedrängt— kurz Alles voll rühriger Bewegung. So verhielt ſich's mit dem Reichthum, dem Glanze und dem Luxus der ſtolzen Stadt Goa, der Kaiſerin des Oſtens, in der Zeit, von der wir jetzt ſchreiben. Nach einer halben Stunde hatten ſie das Gewühl hinter ſich und waren an dem Kloſter angelangt, wo Amine bei der Aebtiſſin gute Aufnahme fand. Pater Matthias verabſchiedete ſich bald, und die Aebtiſſin zögerte nicht, ihr Bekehrungswerk zu beginnen. Sie ließ zwar zuvörderſt einige getrocknete ſüße Früchte bringen— kein ſo übler Anfang, da ſie ſehr ſchmackhaft waren— brachte aber damit ihre Beweisgründe in Verbindung, welche ihrem Gaſte nicht ſo gut zuſagen wollten, da die gnädige Oberin ſehr unwiſſend und nicht an theologiſche Diſputationen gewöhnt war. Nachdem die alte Dame etwa eine Stunde ziemlich wirre geſprochen, hatte ſie die Sache bereits ſatt und meinte Wunder was gethan zu haben. Amine wurde nun den Nonnen vorgeſtellt, die meiſtens jung waren und den beſten Familien angehörten. Man wies ihr ſodann ihr Schlafgemach an, und da ſie den Wunſch äußerte, allein zu ſein, ſo folgten ihr nur ſechszehn nach ihrer Zelle, was ungefähr die Zahl war, welche der Raum faſſen konnte. Wir müſſen nun die zwei Monate überſpringen, welche Amine in dem Kloſter verbrachte. Pater Matthias hatte Sorge getragen, daß Erkundigungen eingezogen wurden, ob ſich ihr Gatte an eine der Inſeln unter portugieſiſcher Herrſchaft gerettet habe, konnte aber keine Auskunft erhalten. Amine hatte das Kloſterleben bald ſatt; ſie wurde Enabläſſg von dem Duſpuch der alten Aebtiſſin verfolgt, 5 403 faßte aber einen noch weit größeren Widerwillen gegen das Be⸗ nehmen und das Geſpräch der Nonnen. Alle hatten ihr Geheimniſſe anzuvertrauen— Geheimniſſe, die zuvor ſchon dem ganzen Klo⸗ ſter bekannt waren, und zwar von einer Art, daß ſich Aminens züchtiger Sinn mit Widerwillen davon abwandte. Wie konnte es übrigens auch anders ſein? Die armen Geſchöpfe waren unter einer ſchnell reifenden Sonne in der vollen Blüthe ihrer Jugend aus der Welt geriſſen und unnatürlicherweiſe in ein Kloſter einge⸗ mauert worden, um den Geiz und den Stolz ihrer Familien zu befriedigen. Da die Nonnen durchgängig aus den beſten Häuſern ſtammten, ſo war die Ordensregel nicht ſo ſtreng, wie in andern Klöſtern; man ertheilte Licenzen, nahm ſich noch größere— und Amine fand zu ihrem Erſtaunen, daß ſich in dieſer dem Himmel geweihten Geſellſchaft mehr ſchlimme Leidenſchaften der menſch⸗ lichen Natur entfalteten, als ſie je zuvor getroffen hatte. Beſtändig unter Aufſicht und keinen Augenblick ſich ſelbſt überlaſſen, wurde ihr der Aufenthalt im Kloſter ganz unerträglich, und nach drei Monaten bat ſie Pater Matthias, er möchte ihr einen andern Zu⸗ fluchtsort aufſuchen, indem ſie ihm offen zu verſtehen gab, daß dieſer Ort nicht ſehr geeignet ſei, ihre Bekehrung zu den Grund⸗ ſätzen ſeines Glaubens zu erwirken. Pater Matthias verſtand ſie vollkommen, erwiederte aber:„Ich habe keine Mittel.“ „Hieran ſoll's nicht fehlen,“ verſetzte Amine, den Diamant⸗ ring von ihrem Finger nehmend.„Dies iſt in unſerem Lande acht⸗ hundert Dukaten werth; was hier daraus erzielt werden kann, weiß ich nicht.“ Pater Matthias nahm den Ring. „Ich werde morgen wieder herkommen und Euch wiſſen laſſen, was ich ausgerichtet habe. Der Aebtiſſin werde ich ſagen, Ihr gehet zu Eurem Gatten, denn es wäre nicht gerathen, ſie glauben zu laſſen, daß Ihr Gründe habt, ihr Dach zu meiden. Was Ihr angebt, habe ich wohl auch früher gehört, es aber für bloße Läſte⸗ .. 2686 . rung gehalten. Indeß weiß ich, daß Ihr einer Verläumdung un⸗ fähig ſeid.“ Am andern Tage kehrte Pater Matthias zurück und beſprach ſich mit der Aebtiſſin, welche nach einer Weile Amine holen ließ und ihr mittheilte, es ſei nöthig, daß ſie jetzt das Kloſter verlaſſe. Sie tröſtete ſie fo gut wie möglich über das Ungemach der Trennung von einem ſo glücklichen Aufenthalte, ließ, um das Scheiden weni⸗ ger ſchmerzlich zu machen, einige Confitüren bringen, ſegnete ſie und übergab ſie dem Pater Matthias, der Aminen, als ſie mit⸗ einander allein waren, mittheilte, er habe ihren Ring für achtzehn⸗ hundert Dollars verkauft und ihr ein Unterkommen in dem Hauſe einer verwittweten Dame von Stand verſchafft. Nachdem ſich Amine von den Nonnen verabſchiedet hatte, ver⸗ ließ ſie mit Pater Matthias das Kloſter und befand ſich bald in ihrer neuen Wohnung, welche an einem geräumigen freien Platze, Terra die Sabaio genannt, ſtand. Pater Matthias ſtellte ſie ihrer Wirthin vor und entfernte ſich. Die Zimmfer, welche Aminen zu⸗ gedacht waren, gingen nach dem freien Platze hinaus, waren luftig und boten alle Bequemlichkeit. Die Beſitzerin des Hauſes beglei⸗ tete Aminen nach ihren Gemächern. „Was iſt das für eine große Kirche auf der andern Seite des Platzes?“ fragte der Gaſt. „Die Himmelfahrtskirche,“ verſetzte die Dame.„Die Muſik iſt dort ſehr ſchön. Wenn Ihr wollt, können wir morgen hingehen und ſie mit anhören.“ „Und das maſſenhafte Gebäude vor uns?“ .„Das iſt die heilige Inquiſition,“ antwortete die Wittwe ſich bekreuzend. Amine fuhr wieder zuſammen, ohne ſich einen Grund angeben zu können. „Iſt das Euer Kind?“ fragte ſie, als ein etwa zwölf Jahre glter Knabe in das Zimmer trat. 4 405 „Ja,“ erwiederte die Wittwe;„das einzige, das mir geblie⸗ ben iſt. Möge Gott es erhalten.“ Der Knabe war ſchön und verſtändig. Amine, die ihre eigenen Gründe hatte, that Alles, um ihn zu ihrem Freunde zu machen, und erreichte bald ihren Zweck. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Amine kehrte eines Nachmittages von einem Spaziergang durch die Straßen zurück; ſie hatte in verſchiedenen Läden des Ba⸗ zars einige Einkäufe gemacht und brachte nun das Erſtandene un⸗ ter ihrer Mantille mit. „Dem Himmel ſei Dank, da bin ich endlich allein und unbe⸗ wacht,“ dachte Amine, als ſie ſich auf das Kanapee niederwarf— „Philipp, Philipp, wo biſt du? Ich habe jetzt die Mittel und werde es bald erfahren.“ Der kleine Pedro, der Sohn der Wittwe trat in das Gemach, eilte auf Amine zu und küßte ſie. „Sage mir, Pedro, wo iſt deine Mutter?“ „Sie iſt dieſen Abend ausgegangen, um einige Freundinnen zu beſuchen. Wir ſind allein; ich will bei dir bleiben.“ „Recht ſo, mein Lieber. Sage mir, Pedro, kannſt du ein Ge⸗ heimniß bewahren?“ „Ja, ich will's— ſage es mir.“ „Nein, ich habe dir nichts zu ſagen, ſondern wünſche nur, daß du etwas thuſt. Ich habe ein Spiel im Sinnè, und du ſollſt Dinge in deiner Hand ſehen.“ „O ja, zeige mir's, zeige mir's!“ „Wenn du mir verſprichſt, nichts davon auszuplaudern.“ 406 „Nein, bei der heiligen Jungfrau, ich wi nicht.“ „Dann ſollſt du's ſehen. 4 Amine zündete einige Holzkohlen in einem Becken an und ſetzte es zu ihren Füßen. Sie nahm dann eine Rohrfeder, etwas Dinte aus einer kleinen Flaſche und eine Scheere, worauf ſie mehrere Zeichen auf ein Stückchen Papier ſchrieb und dabei Worte ſang, die ihr junger Gefährte nicht verſtehen konnte. Dann warf ſie Weihrauch und Korianderſamen in das Kohlenbecken, die einen ſtarken aromatiſchen Rauch verbreiteten, hieß Pedro auf einen klei⸗ nen Schemel neben ſich ſetzen und ergriff die rechte Hand des Kna⸗ ben. In die innere Fläche deſſelben, zeichnete ſie eine viereckige Figur mit Charakteren an jeder Seite und goß in die Mitte ein wenig Dinte, welche einen ſchwarzen Spiegel von dem Umfange einer halben Krone bildete. „Jetzt iſt Alles fertig,“ ſagte Amine.„Gib Acht, Pedro; was ſiehſt du in der Dinte?“ „Mein eigenes Geſicht,“ verſetzte der Knabe. 3 Sie warf noch mehr Weihrauch in das Becken, bis das Zim⸗ mer mit dichten Wolken erfüllt war, und ſang wieder: „Turſchun, Tureio⸗ſchun— komm herab, komm herab! „Erſcheint, ihr Diener dieſer Namen. „Entfernt den Schleier und gebt richtige Kunde.“ Sie hatte die Zeichen auf dem Papier mit der Scheere zer⸗ ſchnitten, nahm jetzt eines der Stücke und warf es auf das Kohlen⸗ becken, während ſie die Hand des Knaben noch immer feſthielt. „Sage mir jetzt, Pedro, was du ſiehſt?“ „Ich ſehe einen Mann vorbeiziehen,“ verſetzte Pedro un⸗ ruhig. „Fürchte dich nicht, Pedro, du ſollſt noch mehr ſehen. Iſt er vorüber gegangen? 2* „Ja.“ Und Amine flüſterte einige unverſtändliche Worte, waif die 407 andere Hälfte des Papiers, auf welches ſie die Charaktere gezeich⸗ net hatte, auf das Kohlenbecken und fuhr gegen den Knaben fort: „Sprich mir jetzt nach und ſage: Philipp Vanderdecken er⸗ ſcheine!“ „Philipp Vanderdecken erſcheine!“ entgegnete der Knabe zitternd. „Sage mir, was du ſiehſt, Pedro— aber ſage mir die Wahr⸗ heit,“ ſprach Amine ängſtlich. „Ich ſehe einen Mann, der auf dem weißen Sande liegt. Die⸗ ſes Spiel gefällt mir nicht.“ „Sei nicht unruhig, Pedro; du ſollſt ſogleich Konfekt bekom⸗ men. Sage mir, was du ſiehſt— wie iſt der Mann gekleidet?“ „Er hat einen kurzen Rock— er hat weiße Hoſen— er blickt umher— er nimmt etwas aus ſeiner Bruſt und küßt es.“ „Er iſt's! er iſt's! und er lebt! Himmel, ich danke dir. Sieh wieder hin Knabe.“ „Er ſteht auf— ich mag dieſes Spiel nicht. Ich fürchte mich — ja, wahrhaftig.“ „Du brauchſt dich nicht zu fürchten.“ „Oh ja, ich bin— ich kann nicht,“ verſetzte Pedro, auf ſeine Knie niederfallend,„bitte, laß mich gehen.“ Pedro hatte ſeine Hand gedreht und die Dinte verſpritzt. Der Zauber war gebrochen und Amine konnte nichts mehr erfahren. Sie ſuchte den Knaben durch Geſchenke zu beruhigen, nahm ihm noch⸗ mals das Verſprechen ab, daß er nichts ausplaudere, und verſchob ihre weiteren Fragen an das Schickſal auf eine Zeit, wenn der Knabe ſich von ſeinem Schrecken erholt haben und bereit ſein würde, das Spiel wieder aufzunehmen. „Mein Philipp lebt! Mutter— theure Mutter, ich danke dir. 4 Amine ließ Pedro nicht eher aus dem Zimmer, bis er ſich von ſeinem Schrecken ganz erholt zu haben ſchien. Sie ſchwieg einige Tage über den ganzen Vorgang, indem ſie ihn nur an ſein Ver⸗ ſprechen erinnerte, der Mutter oder ſonſt Jemand nichts zu ſagen und überhäufte ihn mit Geſchenken. Eines Nachmittags, als die Hausbeſitzerin ausgegangen war, kam Pedro herein und fragte Amine, ob ſie nicht das Spiel wieder vornehmen wollten. Amine, welche begierig war, mehr zu erfahren, freute ſich über das Anſinnen des Knaben und hatte bald Alles vorbereitet. Wieder füllte ſich ihr Gemach mit Weihrauchwolken— abermals murmelte ſte ihre Zauberformeln; der Zauberſpiegel war auf der Hand des Knaben und auf's Neue rief Pedro:„Philipp Vanderdecken, er⸗ ſcheine!“ als die Thüre aufflog und Pater Matthias nebſt der Wittwe und mehreren anderen Perſonen hereinſtürzten. Amine fuhr auf— Pedro ſchrie und eilte auf ſeine Mutter zu. „Ich täuſchte mich alſo nicht über das, was ich in der Hütte zu Terneuſe ſah, ſagte Pater Matthias, mit Blicken der Entrüſtung ſeine Arme über die Bruſt kreuzend.„Fluchwürdige Zauberin, du biſt entdeckt!“ Amine erwiederte ſeinen Blick mit Verachtung und entgegnete ruhig: „Ihr wißt, ich gehöre nicht Eurem Glauben an. Das Lau⸗ ſchen ſcheint ein Theil Eurer Religion zu ſein. Dies iſt mein Ge⸗ mach— es iſt nicht das erſtemal, daß ich Euch auffordere, es zu verlaſſen— ich thue es jetzt abermals— gegen Euch— und ge⸗ gen diejenigen, die mit Euch gekommen find.“ „Nehmt zuerſt alle dieſe Zaubergeräthe fort,“ ſagte Pater MNatthias zu ſeinen Begleitern. Das Kohlenbecken und die andern Gegenſtände, welche Amine benutzt hatte, wurden weggeſchafft, worauf Pater Matthias mit ſeinen Begleitern das Gemach verließ und Amine allein zurück blieb. Amine hatte eine Vorahnung, daß ſie verloren ſei. Sie wußte, daß Zauberei in den katholiſchen Ländern als das höchſte Verbre⸗ chen galt, und war jetzt auf der That ertappt worden. 7 409 „Wohlan,“ dachte ſie;„es iſt meine Beſtimmung; ſo will ich denn muthig dem Schlimmſten entgegenſehen.“ Um das Erſcheinen des Pater Matthias und der übrigen Zeu⸗ gen zu erklären, muß bemerkt werden, daß der kleine Pedro ſchon den Tag nach Aminens erſtem Verſuche ſein Verſprechen vergeſſen und ſeiner Mutter Alles, was vorgefallen war, erzählt hatte. Die Wittwe, erſchrocken über die Ausſage des Knaben, hielt ſich für verpflichtet, zu dem Pater Matthias zu gehen und ihm den Bericht ihres Sohnes zu vertrauen, da ſich's hier, wie ſie meinte, um Zau⸗ berei handelte. Pater Matthias nahm Pedro ſtreng in's Verhör, gewann die gleiche Ueberzeugung und beſchloß, Aminen durch Zeu⸗ gen zu überführen. Er machte daher den Vorſchlag, der Knabe ſolle ſich zu einem zweiten Verſuche anheiſchig machen, belehrte ihn über ſeine Rolle und traf alle Voranſtalten, um über Aminen in der beſchriebenen Weiſe hereinzubrechen. Eine halbe Stunde, nachdem ſich der Prieſter entfernt hatte, traten zwei ſchwarzgekleidete Mönche in Aminens Gemach und for⸗ derten ſie auf, ihnen zu folgen, da im Weigerungsfalle Gewalt angewendet würde. Amine leiſtete keinen Widerſtand. Sie ging mit den Mönchen über den Platz— das Thor eines großen Ge⸗ läudes that ſich auf— und ſie wurde aufgefordert, hineinzutreten. Einige Augenblicke ſpäter befand ſie ſich in einem Kerker der In⸗ qriſition. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Ehe wir in unſerer Erzählung fortfahren, wollen wir unſere Leſen einen kleinen Blick in das Weſen, in die Ceremonien und in die Einrichtung eines Inauiſttionshofs thun laſſen; denn wenn wir 410 den von Goa beſchreiben, ſind auch alle übrigen geſchildert, da ſie nur ſehr wenig oder gar nicht von einander abweichen. Die Santa Caſa, oder der Inquiſitionshof zu Goa liegt auf der einen Seite eines großen freien Platzes, die Terra di Sabaio genannt. Es iſt ein maſſenhaftes, ſchönes Steingebäude, vorn mit drei Thoren verſehen— das mittlere, größer als die beiden andern, führt nach der Gerichtshalle. Die Seitenthore führen zu geräumigen und ſchönen Wohnungen für die Inquiſitoren und die übrigen Be⸗ amten des Gerichts. Hinter dieſen Wohnungen befinden ſich die Zellen und Kerker der Inquiſition; ſie ſtehen in zwei langen Gallerien, haben je dop⸗ pelte Thüren, und umfaſſen etwa zehn Fuß im Geviert. Ihre Anzahl beläuft ſich gegen zweihundert; einige davon ſind gemäch⸗ licher als die andern, da Licht und Luft Zutritt erhalten, andere aber haben ſich dieſer Wohlthat nicht zu erfreuen. In den Gallerien befindet ſich die Inquiſitionswache, und kein Wort oder Laut kann aus einer Zelle dringen, ohne gehört zu werden. Die Behandlung der Gefangenen iſt in Anbetracht der Nahrung ſehr gut und ganz darauf berechnet, eine Indigeſtion zu verhüten die aus Mangel an Bewegung hervorgehen könnte. Auch ärztlicher Beiſtand iſt ihnen geſtattet. olſchon mit Aus⸗ nahme ganz beſonderer Fälle keine Prieſter zu ihnen eintreten dür⸗ fen. Liegt ein Gefangener auf dem Sterbebette, ſo iſt ihm jede Tröſtung der Religion, ſogar der Zuſpruch des Beichtvaters und die letzte Oelung verſagt. Wer in der Haft ſtirbt— möge ſeine Schuld nun erwieſen ſein, oder nicht— wird ohne Leichenceremenie beſtattet und nachher gerichtet. Wird er dann für ſchuldig aner⸗ kannt, ſo gräbt man ſeine Gebeine aus und vollzieht den Urthäls⸗ ſpruch an den Ueberreſten. Es gibt zwei Inquiſitoren in Goa— den Großinquiſitor und ſeinen Adjunkten, die beide ſtets aus dem Orden des heiligen Do⸗ minikus gewählt werden. Dieſe erhalten bei ihren Gerichtstagen 411 und Verhören Beiſtände aus verſchiedenen religiöſen Orden, welche die Deputirten des heiligen Officiums genannt werden, aber nur erſcheinen, wenn ſie aufgefordert werden. Es gibt auch noch andere Beamte, deren Obliegenheit darin beſteht, alle veröffentlichten Bü⸗ cher zu unterſuchen und ſich zu überzeugen, ob nichts gegen die heilige Religion darin vorkomme. Außer dieſen hat man noch einen öffentlichen Ankläger, einen Prokurator der Inquiſition und Rechts⸗ gelehrte, welche die Gefangenen vertheidigen dürfen, obgleich ihr Hauptgeſchäft darin beſteht, den angeblichen Schützlingen ihre Ge⸗ heimniſſe abzulocken und ſie zu verrathen. Sie bilden die ſogenann⸗ ten Vertrauten der Inquiſition, obſchon dieſen ſchmachvollen Dienſt auch Leute vom höchſten Adel auf ſich nehmen; denn man rechnet ſich's eben ſo ſehr zur Ehre, als man perſönliche Sicherheit darin findet, unter die gedachten Vertrauten eingeſchrieben zu ſein, welche man durch alle Geſellſchaftsklaſſen zerſtreut findet; man darf daher darauf zählen, daß jedes unbedachte Wort dem heiligen Officium hinterbracht wird. Einer Aufforderung, vor dem Inquiſitionsgerichte zu erſcheinen darf kein Widerſtand entgegengeſetzt werden, da ſich die ganze Be⸗ völkerung erheben und ihr Nachdruck geben würde. Die Gefangenen werden abgeſondert gehalten, und es kommt nur ſehr ſelten vor, daß zwei in einen Kerker geſperrt werden; dies geſchieht blos in dem Falle, wenn man glaubt, die lange Haft habe den Geiſt eines Unglücklichen ſo niedergedrückt, daß ſein Leben in Gefahr ſtehe. Un⸗ verbrüchliches Schweigen wird eingeſchärft und ſtreng beobachtet. Diejenigen, welche in ihrer äußerſten Finſterniß weheklagen, weinen oder ſogar beten, werden durch Schläge zur Ruhe gezwungen. Die Schmerzensrufe der in dieſer Weiſe Gezüchtigten oder die Laute der Qual, welche die Folter erpreßt, ſchallen durch die Gänge und ſchrecken die Armen, welche einem gleichen Looſe entgegen ſehen, in ihrer einſamen Nacht. Die erſte Frage, welche an eine Perſon gerichtet wird, die der 3 8 Ingiſition in die Hände gefallen iſt, betrifft ihr Vermögen. Der Gefangene muß dies bis auf den letzten Heller hinaus angeben und die Wahrheit ſeiner Ausſage beſchwören, indem man ihm zugleich bemerkt, daß jede Unwahrheit über dieſen Punkt— wie unſchuldig er auch in Betreff der Anklage ſein mag— den Zorn der Inquiſition auf ihn herabrufe; denn ſelbſt wenn er ſchuldlos erfunden werde, ſtehe ihm neue Haft bevor wegen des falſchen Eides, den er vor der Inquiſition geleiſtet, während jedoch anderen Falls ſeine Habe un⸗ geſchmälert bleibe. Dieſe erſte Verhörsfrage hat ihren guten Grund, denn wenn eine Perſon das Verbrechen, deſſen ſie beſchuldigt wurde, bekennt, ſo wird ſie in den meiſten Fällen zwar freigelaſſen, hat aber ihre ſämmtliche Habe verwirkt. Aus den Regeln der Inquiſition könnte zwar ſcheinen, daß man mit Gerechtigkeit verfahren wolle, denn obgleich zwei Zeugen hin⸗ reichend ſind, Jemand in Verhaft zu nehmen, ſo werden doch ſieben erfordert, um ihn zu verurtheilen; da jedoch die Zeugen nie mit dem Gefangenen konfrontirt werden und oft an erſteren die Tortur in Anwendung kömmt, ſo iſt es nicht ſchwer, die nöthige Anzahl zu erlangen. Mancher hat, um ſein eigenes Leben zu retten, durch einen falſchen Eid das ſeines Nächſten geopfert. Die Hauptverbrechen, welche in das Bereich der Inquiſition fallen, ſind Zauberei, Ketzerei, Gottesläſterung und der ſogenannte Judaismus.. Um den Sinn dieſes letzteren Verbrechens, wegen deſſen die Inquiſition die meiſten Leute geopfert hat, zu verſtehen, müſſen wir dem Leſer bemerken, daß die Juden, welche Ferdinand und Iſabella von Kaſtilien aus Spanien vertrieb, ſich nach Portugal flüchteten, aber unter der einzigen Bedingung, daß ſie Chriſten würden, Auf⸗ nahme fanden. Sie willigten ein oder thaten wenigſtens dergleichen, wurden aber fortwährend von dem Portugieſen verachtet, weil man ihrer Aufrichtigkeit kein Vertrauen ſchenkte. Im Gegenſatze zu den alten Chriſten erhielten ſie den Namen Neuchriſten und vermiſchten ſich im Laufe der Zeit gelegentlich durch Heirathen mit den erſteren; „ 413 dieſes gereichte jedoch den alten Familien ſtets zum Vorwurfe und den Sprößlingen dieſer Verbindungen haftete noch lange ein Ma⸗ kel an. Die Abkömmlinge derartiger gemiſchten Ehen wurden nicht nur aus ihrer Kaſte ausgeſtoßen, ſondern auch, da die Genealogie jeder Familie genau bekannt war, mit Argwohn betrachtet, und ſahen ſich ſtets der Gnade des heiligen Officiums preisgegeben, wenn ſie wegen Judaismus angeklagt wurden: darunter iſt die Rückkehr zu den altjüdiſchen Gebräuchen der Oſtern und ſonſtigen von Moſes eingeſchärften Ceremonien zu verſtehen. Betrachten wir nun, welche Wirkung eine derartige Anklage in den Händen der Inquiſition übt. Ein wahrhaft aufrichtiger Katho⸗ lik, der von einer dieſer unglücklichen Familien abſtammt, wird angeklagt und von der Inquiſition verhaftet; er muß ſein Vermögen angeben, was er— von ſeiner Unſchuld überzeugt und einer bal⸗ digen Befreiung gewiß— ohne Rückhalt thut. Aber kaum hat ſich der Kerkerſchlüſſel hinter ihm gedreht, als auch ſchon ſeine ganze Habe in Beſchlag genommen und öffentlich verſteigert wird, denn es verſteht ſich von ſelbſt, daß man ſie ihm nie wieder zurückerſtat⸗ tet. Nach der Gefangenſchaft eines Monats wird er in die Gerichts⸗ halle gerufen und gefragt, ob er den Grund ſeiner Verhaftung kenne; man räth ihm angelegentlich, ſein Verbrechen zu beichten und nichts zu verheimlichen, da dies der einzige Weg ſei, ſeine Freiheit wieder zu erhalten. Er betheuert ſeine Unwiſſenheit, und zwar jedesmal, ſo oft er vorgeladen wird.. Endlich naht die Periode des Auto da Fe's(Glaubenshand⸗ lung) heran, das alle zwei oder drei Jahre ſtattfindet(nämlich die öffentliche Hinrichtung derjenigen, welche von der Inquiſition für ſchuldig erfunden werden). Nun tritt der öffentliche Ankläger auf und gibt an, der Gefangene ſei von einer Anzahl Zeugen bezüch⸗ tigt worden. Man redet dem Unglücklichen zu, ſeine Schuld zu bekennen; er beſteht auf ſeiner Unſchuld, und nun wird das Con⸗ 414 victo Invotivo erlaſſen, was ſo viel heißen will, als„ſchuldig er⸗ funden, obgleich der Gefangene ſein Verbrechen nicht eingeſteht.“ Hiedurch wird er verurtheilt, bei der nächſten Feierlichkeit verbrannt zu werden. Man folgt ihm nun nach ſeiner Zelle, ermahnt ihn, ſeine Schuld zu beichten und verſpricht ihm in dieſem Falle Be⸗ gnadigung. So geht es fort bis zum Abende vor dem Tage der Hinrichtung. Erſchreckt durch den Gedanken an einen qualvollen Tod, wird zuletzt der Unglückliche, um ſein Leben zu retten, ge⸗ ſtändig. Er wird in die Gerichtshalle gerufen, bekennt das Ver⸗ brechen, das er nicht begangen hat, und meint nun, gerettet zu ſein— aber leider, nein; er hat nur ſich ſelbſt verſtrickt und kann jetzt nicht mehr entkommen. „Du bekennſt alſo, daß du dir eine Beobachtung der Geſetze Moſes haſt zu Schulden kommen laſſen. Dieſe Ceremonie konnte nicht allein verrichtet werden; du mußt mit Anderen das Oſterlamm gegeſſen haben— ſage uns augenblicklich, wer noch daran Theil genommen, oder dein Leben iſt verwirkt und der Scheiterhaufen für dich bereit.“ Er hat ſich alſo für ſchuldig erklärt, ohne etwas zu gewinnen, und wenn er ſein Leben zu retten wünſcht, muß er Andere ankla⸗ gen. Wen könnte dann dies anders treffen, als ſeine Verwandte und Freunde? Ja, aller Wahrſcheinlichkeit nach ſeine Brüder, ſeine Schweſtern, ſeine Gattin, ſeine Söhne und Töchter— denn die Annahme liegt nahe, daß man in derartigen Dingen nur ſeiner Familie vertraut. Mag man indeß ſeine Schuld bekennen, oder in der Behauptung ſeiner Unſchuld ſterben— in jedem Falle geht die weltliche Habe verloren. Es iſt übrigens für die Inquiſition von großer Wichtigkeit, daß ein Bekenntniß erfolge; denn dieſes wird von dem Gefangenen unterzeichnet, dann der Oeffentlichkeit preis⸗ gegeben, und erfüllt den Zweck, der Welt zu beweiſen, daß die Inquiſition nicht nur unparteiiſch und gerecht, ſondern ſogar barm⸗ 41⁵ herzig iſt, da ſie Diejenigen begnadigt, welche ſich als ſchuldig be⸗ kannt haben.— In Goa waren die Anklagen auf Zauberei weit häufiger, als bei den Inquiſitionshöfen anderer Orte, weil die Gebräuche und Ceremonieen der Hindus vielen albernen Aberglauben enthielten. Dieſe Leute und die Sklaven aus andern Theilen ließen ſich oft taufen, um ihren Gebietern zu gefallen; nun aber lautete ihr Ur⸗ theil, ſobald ſie nachher eines Verbrechens überwieſen wurden, ſtets auf die Strafe des Scheiterhaufens, während die Nichtgetauften nur durch die Peitſche, Gefängniß oder die Galeeren gezüchtigt wurden. Aus dieſem alleinigen Grunde weigerten ſich Viele, das Chriſtenthum anzunehmen. Wir haben nun Alles auseinander geſetzt, was vorderhand dem Leſer zu wiſſen nöthig iſt. Das Uebrige wird ſich aus dem Laufe unſerer Geſchichte herausſtellen. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Einige Stunden, nachdem Amine in ihre Zelle geführt wor⸗ den war, traten die Schließer ein, lösten, ohne ein Wort zu ſpre⸗ chen ihr weiches Seidenhaar und ſchnitten es dicht am Kopfe ab. Die Gefangene warf ihre Lippen verächtlich auf und ließ ſie ohne Widerſtand ihr Werk verrichten. Nach Vollbringung deſſelben ent⸗ fernten ſich die Kerkerknechte und Amine blieb wieder in ihrer Ein⸗ ſamkeit. Am andern Tage erſchienen ſie abermals und befahlen ihr, die Füße zu entblößen und ihnen zu folgen. Sie. ſah die Männer an, welche ihren Blick erwiederten. „Wenn Ihr nicht gutwillig wollt, ſo müſſen wir Zwang anwen⸗ den 4 bemerkte der Eine, der durch j ihn⸗ Jugend und Schönheit . gerührt war. 416 Amine that wie ihr geheißen worden, und ließ ſich nach der Gerichtshalle führen, wo ſie blos den Großinquiſitor und den Se⸗ kretär vorfand. Die Gerichtshalle war ein langer Saal mit hohen Fenſtern zu beiden Seiten und im Hintergrunde. Im Mittelpunkte ſtand auf einer erhöhten Platform ein langer Tiſch, mit einem blau⸗ und braungeſtreiften Tuch bedeckt; an dem hinteren Ende befand ſich ein ungeheures Kreuz mit dem geſchnitzten Bilde unſeres Erlöſers. Der Schließer wies auf eine kleine Bank und bedeutete Aminen, daß ſie ſich niederſetzen ſolle. Der Sekretär muſterte ſie eine Weile und begann ſodann mit der Frage: „Wie iſt Euer Name?“ „Amine Vanderdecken.“ „Aus welchem Lande?“ „Mein Gatte iſt aus den Niederlanden, ich ſelbſt aber ſtamme aus dem Oſten.“ „Wer iſt Euer Gatte?“ „Der Kapitän eines holländiſchen Indienfahrers.“ „Wie kamt Ihr hieher?“ „Sein Schiff ſcheiterte und wir wurden getrennt.“ „Wen kennt Ihr hier?“ „Den Pater Matthias.“ „Was habt Ihr für Vermögen?“ „Keines; es iſt das Gigenthum meines Gatten.“ „Wo iſt es?“ „In den Händen des Pater Matthias.“ „Wißt Ihr, warum Ihr hieher gebracht wurdet?“ „Wie ſollte ich das?“ verſetzte Amine ausweichend.„Sagt mir, weſſen man mich beſchuldigt.“ „Ihr müßt wiſſen, ob Ihr Unrecht gethan habt oder nicht; 4¹⁷7 Ihr thut daher gut, Alles zu beichten, was Euch Euer Gewiſſen zur Laſt legt.“ „Mein Gewiſſen ſagt mir nicht, daß ich Unrecht gehandelt habe.“ „Dann wollt Ihr alſo nichts bekennen?“ „Eurer eigenen Aeußerung zufolge habe ich nichts anzugeben.“ „Ihr behauptet, aus dem Morgenlande zu ſein; ſeid Ihr eine Chriſtin?“ „Ich will nichts von Eurem Glauben wiſſen.“ „Ihr ſeid an einen Katholiken verheirathet?“ „Ja; an einen guten Katholiken.“ „Wer hat die Trauung vollzogen?“— „Pater Seyſen, ein katholiſcher Prieſter.“ „Und Ihr ſeid nicht in den Schoos der Kirche eingetreten? Wagte er es, Euch zu vermählen, ehe Ihr getauft wart?“ „Es fanden einige Ceremonien ſtatt, welche ich mir gefallen ließ.“ „Das war die Taufe— oder nicht?“ „Ich glaube, daß man es ſo nannte.“ „Und doch ſagt Ihr jetzt, daß Ihr von dem katholiſchen Glau⸗ ben nichts wiſſen wollt?“ „Ja, denn ich habe ſeitdem mit eigenen Augen geſehen, wie ſich Diejenigen benehmen, welche ſich dazu bekennen; zur Zeit mei⸗ ner Vermählung war ich ihm zugethan.“ „Wie hoch beläuft ſich die Geldſumme, die Ihr in Pater Mat⸗ thias' Händen ſtehen habt?“ 3 „Auf einige hundert ſpaniſche Thaler— er weiß es genau!“ Der Gerichtsinquiſitor zog eine Klingel; die Schließer traten wieder ein, und Amine wurde nach ihrem Kerker zurückgeführt. „Warum fragen ſie wohl ſo oft nach meinem Gelde?“ dachte Amine bei ſich ſelber.„Wenn es ihnen darum zu thun iſt, ſo mögen ſie es nehmen. Welche Macht haben ſie und was können Marryat. Der fliegende Holländer. 227 418 ſie mit mir anfangen? Nun ja— einige Tage werden darüber Auskunft geben.“ Einige Tage?— O nein, Amine. Jahre wären vielleicht ohne Entſcheidung vorüber gegangen, hätte nicht vier Monate nach der Einkerkerung ein Schauſpiel gefeiert werden ſollen, das man nun ſchon drei Jahre gemißt hatte. Nach dieſer Zeit ſollte eine Auto⸗ da⸗Fé ſtatthaben, und man hatte noch nicht die gehörige Anzahl Gefangener, um die Ceremonie des Verbrennens eindrucksvoll genug zu machen. Man bedurfte noch einiger Perſonen für den Scheiter⸗ haufen, ſonſt würdeſt du wohl dem Kerker nicht ſo bald entgangen ſein! Wie dem übrigens ſein mochte, ein faſt unerträglicher Monat der Ungewißheit und Spannung war entſchwunden, ehe Amine wieder in die Gerichtshalle berufen wurde. Als dieſes endlich geſchah, wurde ſie abermals gefragt, ob ſie bekennen wolle. Aufgebracht über ihre lange Haft und über die Ungerechtigkeit des Verfahrens, antwortete ſie: „Ich habe euch ein für allemal erklärt, daß ich nichts zu bekennen habe. Fangt mit mir an, was ihr wollt, aber thut es ſchnell.“ „So wird Euch wohl die Tortur zur Beichte zwingen?“ „Verſucht es einmal,“ entgegnete Amine mit Feſtigkeit— „verſucht es einmal, grauſame Männer, und wenn ihr nur eine Sylbe von mir entlockt, ſo mögt ihr mich feigherzig nennen. Ich bin nur ein Weib— aber ich biete euch Trotz— und fordere euch auf, euer Schlimmſtes zu thun.“ Es war ſelten, daß ſolche Ausdrücke vor den Ohren dieſer Richter laut wurden, noch ſeltener aber, daß ein Antlitz ſolche Blitze der Entſchloſſenheit ſchoß. Die Tortur wurde jedoch in der Regel erſt angewendet, wenn die Anklage vorgebracht und der Gefangene darauf geantwortet hatte. „Wir werden ſehen,“ ſagte der Großinquiſitor.„Schafft ſie fort.“ 419 Amine wurde nach ihrer Zelle zurückgeführt. Pater Matthias hatte in der Zwiſchenzeit mehrere Unterredungen mit dem Inqui⸗ ſitor gehabt; denn obgleich er Amine in ſeinem Zorne angeklagt und die nöthigen Zeugen gegen ſie beigebracht hatte, ſo fühlte er ſich doch jetzt unruhig und verwirrt. Sein langer Aufenthalt in ihrem Hauſe— ihre unveränderliche Güte gegen ihn bis zu jener unſeligen Stunde der Nacht, als er ſie belauſchte— ſein Bewußt⸗ ſein, daß ſie nie den chriſtlichen Glauben angenommen hatte— ihre muthige Entſchloſſenheit— ihre Schönheit und Jugend— Alles dieß wirkte in ſeinem Innern ſehr zu ihren Gunſten. Sein einziger Zweck war jetzt, ſie zu einem Bekenntniß ihres Unrechts zu bereden und ſie dadurch zu retten, daß er ſie bewog, den katho⸗ liſchen Glauben anzunehmen. Zu dieſem Ende hatte er von dem heiligen Officium die Erlaubniß erhalten, ihren Kerker zu beſuchen und ihr Vorſtellungen zu machen— eine beſondere Gunſt, die ſie ihm aus vielen Gründen nicht wohl abſchlagen konnten. Am drit⸗ ten Tage nach ihrem zweiten Verhör wurden die Riegel zu einer ungewöhnlichen Stunde zurückgeſchoben und Pater Matthias trat in die Zelle; die Thüre ſchloß ſich wieder und er blieb mit Aminen allein. „Mein Kind! mein Kind!“ rief Pater Matthias mit tief be⸗ kümmertem Geſichte. 4 „Wozu noch dieſer Hohn, Vater? Ihr ſeid's, der mich hieher gebracht hat— verlaßt mich.“ „Es iſt wahr, ich habe Euch hieher gebracht; aber ich möchte Euch auch wieder befreien, wenn Ihr es mir nur geſtatten wolltet, Amine.“ 3 „Oh, recht gerne; ich will Euch folgen.“ 4 „Nein, nein; zuvor muß noch viel beſprochen, viel gethan werden. Dieß iſt kein Gefängniß, aus dem man ſo leicht wieder herauskommen kann.“ . 4 2. 27 420 „Dann ſprecht aus, was Ihr zu ſagen habt, und laßt mich wiſſen, was geſchehen muß.“ „Ich will es.“ „Doch halt; eh' Ihr ein anderes Wort redet, beantwortet mir eine einzige Frage der Wahrheit gemäß, ſo Ihr auf die ewige Se⸗ ligkeit hofft. Habt Ihr nichts von Philipp gehört?“ „Ja. Er iſt wohl.“ „Und wo iſt er?“ „Er wird bald hier eintreffen.“ „Gott, ich danke Dir! Werde ich ihn wieder ſehen, Vater?“ „Das hängt von Euch ſelbſt ab.“ „Von mir? So ſprecht— hurtig— was wollt Ihr, daß ich thun ſoll?“ „Ihr müßt Eure Sünden— Eure Verbrechen— bekennen.“ „Welche Sünden?— Welche Verbrechen?“ „Habt Ihr nicht mit böſen Weſen verkehrt, die Geiſter ange⸗ rufen und bei Geſchöpfen Beiſtand geſucht, die nicht dieſer Welt angehören?“ Anmine ſchwieg. „Antwortet mir, wollt Ihr nicht bekennen?“ „Ich kann nicht zugeben, daß ich etwas Unrechtes gethan habe.“ „ Das iſt Alles vergeblich. Ich und Andere haben Euch ge⸗ ſehen. Wozu ſoll Euer Läugnen führen? Wißt Ihr, welche Strafe Euch unabwendbar bevorſteht, wenn Ihr nicht bekennt und ein Mitglied unſerer Kirche werdet?“. „Warun ſoll ich ein Mitglied Eurer Kirche werden? So ſtraft Ihr alſo diejenigen, welche von Eurem Glauben nichts wiſſen woollen?“ 1 „Nein. Hättet Ihr nicht bereits die Weihe der Taufe erhal⸗ ten, ſo würde man Euch kein derartiges Anſinnen ſtellen. So Ihr aber getauft ſeid, müßt Ihr ein Mitglied des Glaubens werden, 421 oder man nimmt von Euch an, daß Ihr in die Ketzerei zurückver⸗ fallen ſeid.“ „Ich kannte damals das Weſen der Taufhandlung nicht.“ „Zugegeben; aber Ihr willigtet ein, ſie an Euch vornehmen zu laſſen.“ „Wohl. Jetzt aber bitte ich, ſagt mir, welche Strafe ſteht mir bevor, wenn ich mich weigere?“ „Ihr werdet lebendig am Pfahle verbrennt werden; nichts kann Euch retten. Hört mich, Amine Vanderdecken. Wenn man Euch das nächſtemal wieder vorfordert, ſo müßt Ihr Alles bekennen, um Verzeihung flehen und bitten, daß man Euch in den Schooß der Kirche aufnehme. Dann ſeid ihr gerettet und Ihr werdet „Was?“ „Wieder Euren Philipp in die Arme ſchließen.“ „Meinen Philipp! meinen Philipp! Ihr ſetzt mir in der That hart zu. Aber Vater, wie kann ich bekennen, daß ich Unrecht ge⸗ than habe, wenn ich doch vom Gegentheil überzeugt bin?“ „Vom Gegentheil überzeugt?“ „Ja⸗ Ich rief den Beiſtand meiner Mutter an, und ſie leiſtete mir denſelben im Traume. Würde eine Mutter ihrer Tochter Un⸗ terſtützung gewähren, wenn ſich's um etwas Unrechtes handelte?“ „Es war nicht Eure Mutter, ſondern ein Teufel, der ihre Ge⸗ ſtalt annahm.“ „Es war meine Mutter. Doch noch einmal— verlangt Ihr von mir, ich ſolle ſagen, daß ich etwas glaube, was ich nicht glauben kann?“ „Was Ihr nicht glauben könnt? Oh, Amine Vanderdecken, ſeid doch nicht ſo ſtarrſinnig.“ 3 „Ich bin nicht ſtarrſinnig, guter Vater. Habt Ihr mir nicht in Ausſicht geſtellt, daß ich wieder in die Arme meines Gatten zurückkehren ſoll— eine Hoffnung, die mir über Alles theuer iſt? Aber darf ich mich zu einer Lüge herabwürdigen? Nein, und gälte 1 *. 422 es mein Leben oder meine Freiheit— ja nicht einmal um meines Philipps willen.“— „Amine Vanderdecken, wenn Ihr Euer Verbrechen bekennen wollt, ehe Ihr angeklagt ſeid; ſo habt Ihr viel gethan; nachher wird Euch eine Beichte wenig mehr nützen.“ „Darum will ich's ſowohl vorher als nachher unterlaſſen, Vater. Was ich gethan habe, iſt geſchehen, aber es iſt weder für mich noch für die Meinigen ein Verbrechen. Wie es ſich auch in Eueren Augen geſtalten mag, ich gehöre nicht zu euch.“ „Bedenkt dabei noch wohl, daß Ihr auch Euren Gatten in Gefahr bringt, weil er ſich mit einer Zaubrerin vermählt hat. Ver⸗ geßt das nicht. Morgen will ich Euch wieder beſuchen.“ „Mein Geiſt iſt wirre,“ verſetzte Amine.„Verlaßt mich, Va⸗ ter— Ihr erweist mir eine Liebe damit.“ Pater Matthias verließ die Zelle, hocherfreut über Aminens letzte Worte. Der Gedanke an die Gefahr ihres Gatten ſchien ſie ergriffen zu haben.. Amine warf ſich in der Ecke der Zelle auf ihr Lager nieder und verhüllte ihr Antlitz. „Lebendig verbrannt!“ rief fie nach einer Weile, indem ſie ſich aufrichtete und mit der Hand über ihre Stirne fuhr.„Lebendig verbrannt! Und dies ſind Chriſten! Dies war alſo der grauſame Tod, der mir von jenem Schriften vorhergeſagt wurde— vorher⸗ geſagt— ja, und daher muß er wohl eintreffen; es iſt meine Be⸗ ſtimmung— ich kann mich nicht retten.“ „Wenn ich bekenne, ſo gebe ich zugleich zu, daß er ſich mit einer Zaubrerin vermählt hat, und auch ihn würde Strafe treffen. Nein, nimmermehr— nimmermehr! Ich kann leiden— s iſt zwar grauſam— ſchon der Gedanke ſchrecklich— aber es wird bald vorüber ſein. Gott meiner Väter, gib mir Kraft gegen dieſe ſchändlichen Menſchen, und ſetze mich in den Stand, Alles zu er⸗ tragen— um meines theuren Philipps willen!“ 423 Am andern Abend erſchien Pater Mathhias wieder. Er fand die Gefangene ruhig und gefaßt— ſie weigerte ſich auf ſeinen Rath zu hören oder ſeinen Ermahnungen Folge zu leiſten. Seine letzte Bemerkung, daß„ihr Gatte in Gefahr ſei, wenn ſie der Zauberei ſchuldig erfunden würde,“ hatte ihr Herz geſtählt und ſie in dem Entſchluß befeſtigt, daß weder Folter noch Scheiterhaufen ſie bewegen ſollten, ſich eines Verbrechens ſchuldig zu erklären. Der Prieſter verließ mit zerknirſchtem Herzen die Zelle; er fühlte ſich elend bei dem Gedanken, daß Amine einen ſo ſchrecklichen Tod ſterben ſollte, warf ſich ſeine Uebereiltheit vor und wünſchte, Aminen nie geſehen zu haben, da die muthige Beharrlichkeit— wenn auch im Irrthum— Bewunderung und Mitleid in ſeinem Innern weckte. Dann dachte er auch an Philipp, der ihn ſo freundlich behandelt— wie konnte er ihm unter die Augen treten? Und wenn er ihn nach ſeiner Gattin fragte, welche Antwort konnte er ihm geben? Wieder vergingen zwei Wochen; Amine wurde auf's Neue in die Gerichtshalle gerufen und abermals aufgefordert, ihre Verbre⸗ chen zu bekennen. Da ſie ſich weigerte, ſo wurden die Beſchuldi⸗ gungen gegen ſie verleſen. Sie war von Pater Matthias ange⸗ klagt, daß ſie verbotene Künſte geübt habe, und ſeine Angaben wurden durch das ſchriftliche Zeugniß des Knaben Pedro und an⸗ derer Perſonen bekräftigt. In ſeinem Eifer hatte Pater Matthias auch beigefügt, er habe ſie ſchon zu Terneuſe über dem nämlichen Werke ertappt; außerdem ſei ſie in einem heftigen Sturme, als Alles dem Untergange entgegen ſah, allein ruhig und muthig ge⸗ blieben und habe dem Kapitän geſagt, ſie würden gerettet werden, was allein durch einen unlauteren Prophetengeiſt, den ihr böſe Weſen eingegeben, möglich geweſen ſei. Aminens Lippe kräuſelte ſich verächtlich, als ſie die letztere Anſchuldigung hörte. Sie wurde gefragt, was ſie zur Vertheidigung vorzubringen habe. „Wie kann man ſich auch gegen ſolche Anklagen vertheidigen?“ 424 verſetzte ſte.„Nehmen wir nur die letzte— weil ich nicht ſo feig⸗ herzig war, wie die Chriſten, werde ich der Zauberei beſchuldigt!— Der alte Fasler— aber ich will ihn bloßſtellen! Sagt mir, wenn Jemand weiß, daß Zauberei gebraucht wird, und es verhehlt oder zuläßt— iſt er in dieſem Falle nicht ein Theilhaber und in gleicher Weiſe ſchuldig?“ „Allerdings,“ verſetzte der Inquiſitor, mit Spannung dem Reſultate entgegenſehend. „So thue ich denn hiemit kund—— Amine war eben im Vegriff zu enthüllen, daß Philipps Sen⸗ dung ſowohl dem Pater Matthias, als dem Pater Seyſen bekannt war und von demſelben nicht verboten wurde. Als ſie ſich jedoch entſann, daß ihr Gatte dabei in's Spiel kommen könnte, ſo hielt ſie inne. „Was wollt Ihr kund thun?“ fragte der Inquiſitor. „Nichts!“ verſetzte Amine, ihre Hände kreuzend und das Haupt ſinken laſſend. 3 „Sprich, Weib!“ Amine gab keine Antwort. „Die Folter wird dich wohl zum Reden bringen!“ „Nimmermehr!“ rief Amine.„Nimmermehr! Martert mich meinetwegen zu Tode, wenn Ihr wollt— es iſt mir lieber, als eine öffentliche Hinrichtung.“. Der Inquiſitor und der Sekretär beriethen ſich eine Weile. Ueberzeugt, daß die Gefangene auf ihrem Entſchluß beharren würde, gaben ſie den Gedanken an die Folter um ſo eher auf, da ſie ihrer für die öffentliche Hinrichtung bedurften. „Du willſt alſo nicht bekennen?“ fragte der Inquiſitor. „Nein,“ antwortete Amine mit Feſtigkeit. „Dann fort mit ihr!“ 4 Den Abend vor dem Auto⸗da⸗Fé trat Matthias abermals in 425 Aminens Zelle; aber alle ſeine Bemühungen, ſie zu bekehren, waren vergeblich. „Morgen wird Alles zu Ende ſein, Vater, ¹ verſetzte Amine. —„Verlaßt mich, ich wünſche allein zu ſein.“ Achtunddreißigſtes Kapitel. Wir müſſen nun zu Philipp und Krantz zurückkehren. Sobald der Letztere von dem portugieſiſchen Kommandanten zurückgekehrt war, theilte er Philipp mit, was vorgegangen und welches Mähr⸗ chen er erfunden hatte, um den Kommandanten zu täuſchen. „Ich ſagte ihm, Ihr allein ſeiet mit dem Platze bekannt, wo der Schatz verborgen liege,“ fuhr Krantz fort.„Ich that dies in der Abſicht, daß man Euch abſchicke, denn wahrſcheinlich wird er mich als Geiſel zurückbehalten. Doch ſei's drum; ich muß es nehmen, wie ſich's gibt. Ihr verſucht dann auf die eine oder an⸗ dere Weiſe zu entkommen und Aminen nachzureiſen.“ „Nicht doch, verſetzte Philipp;„Ihr müßt mit mir gehen, mein„Freund, denn ich fühle, daß mir kein Glück mehr vorbehalten iſt, ſobald Ihr Euch von mir trennt.“ „Bah, bah— das iſt blos eitle Einbildung; außerdem werde ich ſo oder ſo ihm zu entrinnen wiſſen.“ „Ich werde keine Nachweiſungen über den Schatz geben, wenn Ihr nicht mitgeht.“ 5 „Nun gut— Ihr könnt'’s wenigſtens verſuchen.“ Da ließ ſich plötzlich ein leiſes Pochen an der Thüre verneh⸗ 3 men. Philipp ſtand auf, um zu öffnen(denn beide hatten ſich ſchon zur Ruhe begeben) und Pedro trat ein. Er blickte ſorgfältig 426 umher, ſchloß dann ſachte die Thüre und legte den Finger an ſeine Lippen, um ihnen Stillſchweigen einzuſchärfen. Nun erzählte er ihnen flüſternd, was er gehört hatte. „Sucht es wo möglich einzuleiten, daß ich Euch begleiten darf,“ fuhr er fort.„Ich muß Euch jetzt verlaſſen, denn er geht noch immer in ſeinem Zimmer auf und ab.“ Pedro ſchlüpfte zur Thüre hinaus, verſtohlen über die Wälle wegſchleichend. „Der tückiſche kleine Halunke! Aber wir wollen ihn wo mög⸗ lich umgehen,“ ſagte Krantz in gedämpften Tone.„Ja, Philipp, Ihr habt Recht, wir müſſen mit einander ausziehen, denn Ihr werdet meines Beiſtands bedürfen. Ich werde ihn überreden, daß er ſelbſt an der Expedition Theil nimmt. Will jetzt darüber nach⸗ denken— darum gute Nacht, Philipp.“ Am andern Morgen wurden Philipp und Krantz zum Fruͤhſtück gerufen; der Kommandant empfing ſie mit lauter Lächeln und Leut⸗ ſeligkeit. Namentlich war er gegen Philipp ungemein höflich. So⸗ bald das Mahl vorüber war, theilte er ihm ſeine Abſichten und Wünſche in Folgendem mit: „Signor, ich habe über das nachgedacht, was mir Euer Freund mittheilte, und zugleich Erwägungen über das Geſpenſt angeſtellt, das geſtern ſo viel Verwirrung veranlaßte und mich bewog, eine Uebereilung gegen Euch zu begehen, die ich Euch jetzt aus auf⸗ richtigem Herzen abbitte. Die angeſtellten Betrachtungen, wie auch das Gefühl der Andacht, das dem Herzen eines ächten Katholiken nicht fehlen darf, haben mich zu dem Entſchluſſe beſtimmt, mit Eu⸗ rem Beiſtand jenen Schatz, der der heiligen Kirche angehört, zu heben. Ich mache Euch daher den Vorſchlag, daß eine Soldaten⸗ Abtheilung unter Eurem Befehle nach der Inſel ziehe, wo er nie⸗ dergelegt iſt; habt Ihr ihn gehoben, ſo kehrt Ihr wieder hieher zurück. Sollte in der Zwiſchenzeit ein Schiff anlangen, ſo will ich es bis zu Eurer Wiederkunft in der Rhede zurückhalten; Ihr könnt — 427 ſodann das Geld ſammt meinen Briefen nach Goa überbringen. Dies führt Euch auf eine ehrenvolle Weiſe bei den Behörden ein und ſetzt Euch in den Stand, Eure Zeit dort in der angenehmſten Weiſe zu verbringen. Zugleich, Signor, werdet Ihr auch Eure Gattin auffinden, deren Reize einen ſo großen Eindruck auf mich geübt haben. Wenn ich vor Euch ihres Namens nicht mit der ge⸗ bührenden Achtung erwähnt habe, ſo muß ich mich mit dem Um⸗ ſtande entſchuldigen, daß ich ſie durchaus nicht kannte und ebenſo wenig wußte, in welcher engen Beziehung ſie zu Euch ſteht. Wenn Euch dieſe Maßregeln genehm ſind, Signor, ſo werde ich mich höchſt glücklich ſchätzen, die betreffenden Befehle zu ertheilen.“ „Da ich mich ſelbſt zu den treuen Anhängern der katholiſchen Religion zähle,“ verſetzte Philipp,„ſo wird es mich ungemein freuen, die Stelle namhaft machen zu können, wo der Schatz ver⸗ borgen liegt, damit er an ſeinen Beſtimmungsort abgegeben werden möge. Eure Entſchuldigung in Betreff meiner Gattin nehme ich mit Vergnügen an, da ich weiß, wie Euer Benehmen bloß daher rührte, daß Ihr ihre Stellung und ihren Rang nicht kanntet. Dennoch blieb ich über das Ganze nicht klar. Ihr wollt einige Sol⸗ daten unter meinen Befehl ſtellen— werden ſie mir gehorchen?— darf man ihnen trauen? Ich und mein Freund ſind nur zwei Per⸗ ſonen gegen ſie— und wenn ſie ſich unbotmäßig erwieſen?“ „Fürchtet das nicht, Signor; ſie ſind gut disciplinirt. Auch iſt es nicht gerade nöthig, daß Euch Euer Freund begleitet; ich wünſche ihn bei mir zu behalten, damit er mir in Eurer Abweſen⸗ heit Geſellſchaft leiſte.“ „Nein, darauf kann ich nicht eingehen,“ antwortete Philipp. „Allein wage ich das Unternehmen nicht.“ „Vielleicht iſt es mir erlaubt, eine Meinung in der Sache zu äußern?“ bemerkte Krantz.„Wenn mein Freund nur mit einer Soldatenabtheilung abreist, ſo ſehe ich keinen Grund ein, warum ich ihn nicht begleiten ſollte; ich bin übrigens der Anſicht, daß es nicht räthlich iſt, auf die Vorſchläge des Kommandanten einzugehen, mag ich nun dabei ſein oder nicht. Ihr werdet Euch erinnern, Komman⸗ dant, daß die Summe, um welche ſich's handelt, keine Kleinigkeit iſt und von Euren Leuten geſehen werden muß. Die Soldaten ſind viele Jahre in dieſer Gegend zurückgehalten worden und ſehnen ſich ängſt⸗ lich, wieder die Heimath zu ſchauen. Wenn ſie daher mit zwei Fremden allein und Eurem Anſehen entrückt ſind— wird dann der Beſitz einer ſo großen Geldſumme nicht eine allzugewaltige Ver⸗ ſuchung für ſie ſein? Sie brauchen nur den ſüdlichen Kanal hin⸗ unterzulaufen und den Hafen von Bantam zu gewinnen, um ſich ſowohl ihre Freiheit, als das Geld zu ſichern. Wenn Ihr daher meinen Freund und mich fortſchickt, ſo gehen wir in einen faſt un⸗ abwendbaren Tod; dieſe Gefahr hört aber auf, ſobald Ihr Euch entſchließt, in eigener Perſon die Reiſe mitzumachen. Eure Gegen⸗ wart und Euer Anſehen wird ſie im Zaume halten; welcher Art dann auch immer ihre Wünſche oder ihre Gedanken ſein mögen, ſie werden ſchon vor dem Blitze Eures Auges zittern.“— „Sehr wahr, ganz richtig,“ verſetzte Philipp.„Daß mir auch dies nicht gleich anfangs einfiel!“ Auch dem Kommandanten war es nicht eingefallen; aber als man ihn darauf aufmerkſam machte, wurde ihm die Kraft dieſer Gründe augenblicklich ſo einleuchtend, daß er ſich für den Anſchluß an die Expedition entſchieden hatte, noch ehe Krantz ſeine Rede zu Ende brachte. „Gut, Signores, verſetzte er;„ich bin ſtets bereit euren Wün⸗ ſchen entgegenzukommen. Da ihr meine Anweſenheit als nöthig erachtet und ich nicht glaube, daß eben jetzt von den Ternaten ein Angriff zu beſorgen ſteht, ſo will ich die Verantwortlichkeit auf mich nehmen, das Fort für einige Tage unter die Befehle meines Lieutenants zu ſtellen, während wir der heiligen Mutterkirche dieſen Dienſt leiſten. Ich habe bereits nach einem Schiffe der Eingebo⸗ 429 renen geſchickt, das groß und bequem iſt; wir wollen uns daher, ſofern Ihr nichts dagegen habt, gleich morgen einſchiffen.“ „Zwei Schiffe werden beſſer ſein,“ bemerkte Krantz;„einmal für den Fall eines Unglücks, und zweitens, weil wir dann den ganzen Schatz in das Fahrzeug ſchaffen können, in welchem wir uns ſelbſt befinden, während eine Abtheilung der Soldaten in dem andern fährt. Wir erhalten uns hiedurch die Oberhand, wenn der Anblick ſo vielen Geldes die Soldaten zum Ungehorſame ſpornen ſollte.“” „Ihr habt Recht, Signor, wir wollen zwei Schiffe mit uns 4 nehmen. Euer Rath iſt gut.“ Alles war nun zur Genüge eingeleitet, und es fehlte nur noch Eines— daß nämlich Pedro gleichfalls an dem Zuge theilnehme. Sie beriethen ſich eben, wie dieſer Gegenſtand zur Sprache gebracht werden könne, als der Soldat zu ihnen kam und ihnen ſagte, daß ihn der Kommandant für die Parthie auserleſen habe; er biete deshalb den beiden Freunden ſeine Dienſte an. Am andern Tage war Alles bereit. Der Kommandant hatte zehn Soldaten und einen Korporal ausgeleſen, und es bedurfte nur einer kurzen Friſt, um den Mundvorrath und andere Bedürfniſſe an Bord zu ſchaffen. Mit dem Grauen des Morgens ſchifften ſie ſich ein— der Kommandant und Philipp i in der einen Piroque, Krantz, der Korporal und Pedro in der andern. Die Soldaten, welche über den Gegenſtand der Fahrt im Ungewiſſen gehalten worden waren, erhielten jetzt von Pedro die betreffende Kunde, und es fand ein langes Geflüſter zwiſchen ihnen ſtatt— ſehr zur Freude unſeres Krantz, der wohl wußte, daß der Geiſt der Meuterei bald rege wer⸗ den würde, wenn es einmal ruchbar war, daß, diejenigen, welche an der Expedition Theil nehmen, dem Geize des Kommandanten geop⸗ fert werden ſollten. Das Weiter war ſchön; ſie ſegelten die ganze Nacht durch, kamen auf zehn Stunden an Ternate vorbei und be⸗ 430 Inſeln, deren ſüdlichſte den Schatz barg. Am zweiten Abende lan⸗ deten die Schiffe an einem kleinen Eiland, und nun fand der erſte Verkehr zwiſchen den Soldaten des einen Bootes und denen des andern ſtatt. Auch Philipp hatte Gelegenheit, ſich für eine Weile mit Krantz bei Seite zu benehmen.. Als ſie am andern Morgen ausſegelten, führte Pedro offen das Wort. Er bemerkte Krantz, daß die Soldaten des Boots ihren Entſchluß gefaßt hätten, und er zweifle nicht, daß es bei den andern noch vor Abend ebenſoweit kommen werde, obgleich ſich Letztere vor der Einſchiffung noch nicht entſchieden für einen Anſchluß an ſie ausgeſprochen hätten. Sie wollten den Kommandanten tödten, dann nach Batavia ſegeln und von dort nach Europa zurückzukommen ſuchen. „Aber könntet ihr euer Ziel nicht auch ohne Mord erreichen?“ „Wohlz; aber auch unſere Rache verlangt Befriedigung. Ihr wißt nicht, welche Behandlung wir von ſeinen Händen erlitten haben, und wie angenehm uns auch das Geld ſein mag, ſo iſt doch ſein Tod weit ſüßer. Außerdem— hat er ſich nicht vorgenommen, uns Alle in einer oder der andern Weiſe um's Leben zu bringen? Wir üben nur Gerechtigkeit. Und wenn auch kein anderes Meſſer bereit wäre— das meinige iſt's!“ „Und auch die unſrigen!“ riefen die übrigen Soldaten, die Hand an ihre Waffen legend. Eine weitere Tagfahrt brachte ſie auf zwanzig Meilen in die Nähe der Inſel, denn Philipp hatte ſich die Erkennungszeichen gut gemerkt. Sie landeten abermals und begaben ſich zur Ruhe: der Kommandant träumte von Schätzen und Rache, während die Sol⸗ daten unter ſich ausmachten, daß die Ausgrabung des Geldes, nach welchem er ſich ſo heiß ſehnte, das Signal zu ſeinem Tode geben ſollte. Abermals ſchifften ſie ſich ein, und der Kommandant achtete nicht auf die düſteren zürnenden Geſichter, die ihn umgaben. Er 431 war lauter Heiterkeit und Höflichkeit. Raſch ſchwammen ſie über die dunkelblaue See zwiſchen den ſchönen Inſeln hin, und ehe noch die Sonne drei Stunden am Himmel ſtand, erkannte Philipp die geſuchte Stelle. Er machte den Kommandanten auf den gezeichneten Cocosbaum aufmerkſam, der als Wegweiſer nach dem Orte diente, wo der Schatz begraben lag. Sie landeten an dem ſandigen Ufer, und der ungeduldige kleine Offizier befahl, unverweilt die Schau⸗ feln auf Land zu ſchaffen, ohne ſich träumen zu laſſen, daß jeder gewonnene Augenblick ſeinem Leben abgerechnet wurde und daß die Andern in gleicher Weiſe mit ihm lächelnd über Verrath brüteten. Die Soldaten langten unter dem Baume an— die Schaufel hatte bald den leichten Sand beſeitigt und in wenigen Minuten lag der Schatz offen vor den Blicken da. Beutel um Beutel wurde herausgehoben und die frei daliegenden Dollars in Haufen geſam⸗ melt. Zwei Mann waren nach den Schiffen geſchickt worden, um Säcke für das loſe Geld herbeizuholen, und die Soldaten hatten ihre Arbeit eingeſtellt; ſie legten ihr Spaten bei Seite, tauſchten Blicke aus und ſetzten ſich in Bereitſchaft. Der Kommandant wandte ſich ab, um den Beiden, welche er nach den Säcken ausgeſchickt hatte, Eile zuzurufen, als ſich zu gleicher Zeit drei oder vier Meſſer durch ſeinen Rücken bohrten; er fiel und wollte eben zu toben anfangen, als eine gleiche Anzahl ſich in ſeine Bruſt begrub— und er lag als Leiche da. Philipp und Krantz blieben ſtumme Zuſchauer— die Meſſer wurden wieder her⸗ ausgezogen, abgewiſcht und in die Scheiden geſteckt. „Er hat ſeinen Lohn dahin,“ ſagte Krantz. „Ja,“ riefen die portugieſiſchen Soldaten—„Gerechtigkei, nichts als Gerechtigkeit!“ „Signores, ihr ſollt gleichfalls euren Antheil haben, oder etwa nicht, Kameraden?“ „Ja! ja!“. „Nicht einen Dollar, meine guten Freunde,“ atgegnäk Philipb. 432 „Nehmt alles Geld, und mögt ihr glücklich damit ſein. Wir ver⸗ langen von euch weiter nicht, als euren Beiſtand, um nach dem Orte unſerer Beſtimmung zu gelangen. Ehe ihr aber das Geld theilt, erweist mir den Gefallen, die Leiche dieſes unglücklichen Mannes zu begraben.“ Die Soldaten gehorchten; ſie nahmen ihre Schaufeln wieder auf und hatten bald ein ſeichtes Genb ausgehöhlt. Die Leiche des Kommandanten wurde hineingewo n und den Blicken für immer entzogen. — Neununddreißigſtes Kapitel. — Kaum hatten die Soldaten ihr Geſchäft beendigt und ihre Schaufeln weggeworfen, als ſie unter ſich zu ſtreiten begannen. Es ſchien, daß dieſes Geld wieder Anlaß zu Mord und Blutvergießen geben ſollte. Philipp und Krantz waren entſchloſſen, unverzögert in einer der Piroquen auszuſegeln und die Leute mit einander zanken zu laſſen, ſo lange es ihnen gutdünkte. Unſer Held bat die Soldaten um Erlaubniß, von dem Mund⸗ und Waſſervorrathe, der in großer Menge vorhanden war, einen reichlicheren Antheil zu nehmen, in⸗ dem er erklärte, daß ihm und Krantz eine lange Reiſe bevorſtünde, während ſie ſelbſt den Abgang mit Cocösnüſſen erſetzen könnten. Die Soldaten, welche an nichts dachten, als an ihren neugewonne⸗ nen Reichthum, zeigten ſich willfährig. Unſere Freunde ſammelten nun gleichfalls möglichſt viele Cocosnüſſe, um ihren eigenen Pro⸗ viantvorrath zu bereichern, ſchifften ſich gegen Mittag ein und ſetzten⸗ die Segel der Piroque aus, die Soldaten abermals mit gezogenen *Meſſern zurücklaſſend; die Letztern waren in einem ſo wüthenden 433 Streite begriffen, daß ſie auf die Abreiſe der beiden Fremden gar nicht achteten. „Da gibt es vermuthlich wieder den nämlichen Auftritt, wie früher,“ bemerkte Krantz, als das Fahrzeug raſch von dem Ufer abſtieß. „Ich zweifle nicht daran; ſeht nur, ſie ſind ſchon wieder mit Schlägen und Meſſerſtichen an einander.“ „Wenn ich dem Orte einen Namen geben müßte, ſo würde ich ihn die„verfluchte Inſel nennen.“ „Würde es aber nicht Pae andern ebenſo zugehen, wenn ſo viel vorhanden iſt, um die Leidenſchaften der Menſchen zu entflammen?“ „Allerdings; welch' ein Fluch iſt nicht das Gold!“ „Und welch' ein Segen!“ verſetzte Krantz.„Es thut mir leid, daß Pedro bei ihnen geblieben iſt.“ „Es iſt ihre Beſtimmung,“ entgegnete Philipp;„wir wollen daher nicht mehr an ſie denken. Was habt Ihr jetzt vorzuſchlagen? Mit dieſem Fahrzeug, ſo klein es auch iſt, können wir ſicher über's Meer ſegeln; auch glaube ich, daß unſer Mundvorrath für mehr als einen Monat ausreicht.“ „Ich meine, wir ſollten in der Fahrſtraße gen Weſten laufen, und ſo nach Goa zu kommen ſuchen.“ „Wenn uns nichts zuſtößt, ſo können wir jedenfalls ohne Ge⸗ fahr die Straße hinauf bis nach Pulo Penang kommen und dort in Sicherheit verbleiben bis ein Schiff vorbeiſegelt.“ „Ich bin mit Euch einverſtanden. Es iſt der beſte, wo nicht der einzige Platz, wenn wir nicht etwa nach Cochin gehen wollen, wo wir darauf zählen dürfen, ſtets auf Junken zu treffen, die nach Goa ausfahren.“ „Das würde übrigens zu weit aus unſerem Wege liegen, und die Junken können nicht wohl an uns vorbeikommen, ohne daß wir ihrer anſichtig werden.“—* Es wurde ihnen nicht ſchwer, ihren Kurs zu ſteuern; bei Tag Marryat. Der fliegende Holländer. 84 28 434 bildeten die Inſeln und bei Nacht die hellen Sterne ihren Kompaß. Allerdings verfolgten ſie nicht die geradeſte Richtung, da ſie lieber die ſicherere wählten, denn ſie arbeiteten ſich durch das glatte Waſſer aufwärts und kamen ſo mehr nach Norden, als gen Weſten. Sie wurden oft von den malaiiſchen Proas gejagt, welche die Inſeln unſicher machten, verdankten aber der Geſchwindigkeit der kleinen Piroque ihre Rettung. In der That wurde auch in der Regel die Verfolgung von ſelbſt aufgegeben, ſobald die Piraten entdeckten, mit was für einem kleinen Fahrzeuge ſie es zu thun hatten, indem ſie ſich von demſelben nur wenig oder gai keine Beute verſprachen. Daß Amine und Philipps Sendung das Hauptthema ihrer Geſpräche bildeten, läßt ſich leicht denken. Eines Morgens, als ſie mit ungewöhnlich ſchwachem Winde zwiſchen den Inſeln hinſe⸗ gelten, bemerkte Philipp:— „Krantz, Ihr ſagtet, daß Ihr Euch aus Eurem eigenen Leben gewiſſer Vorfälle zu erinnern wüßtet, welche im Stande ſeien, die geheimnißvolle Erzählung, die ich Euch anvertraute, zu bekräftigen. Wollt Ihr mir wohl ſagen, auf was ſich jene Worte beziehen?“ „Allerdings,“ verſetzte Krantz;„ich habe mir oft vorgenommen, die Sache zur Sprache zu bringen, aber ſtets iſt einer oder der andere Umſtand dazwiſchen getreten. Jetzt haben wir übrigens eine paſſende Gelegenheit; macht Euch aber darauf gefaßt, eine ſeltſame Geſchichte zu hören— vielleicht eben ſo ſeltſam, als Eure eigene.“ „Ohne Zweifel habt Ihr ſchon von dem Harzgebirg ſprechen hören?“ fügte Krantz fragend bei. „Nicht, daß ich mich erinnern könnte,“ entgegnete Philipp. „Indeß habe ich in einem Buche darüber geleſen, in welchem gar wunderliche Dinge, die ſich dort zugetragen haben ſollen, berichtet werden.“ „Es iſt eine wilde Gegend,“ erwiederte Krantz,„und man er⸗ zählt ſich davon manche wunderſame Mähren; aber ſo ſeltſam ſie auch klingen mögen, habe ich doch guten Grund, ſie für wahr zu 435 halten. Wie geſagt, Philipp, ich glaube vollkommen an Eure Be⸗ ziehung zu einer andern Welt, an die Geſchichte von Eurem Vater und an die Rechtmäßigkeit Eurer Sendung, denn ich trage die Ueberzeugung in mir, daß wir von Weſen umgeben ſind, die eine ganz andere Natur haben; und daß ſie Einfluß auf uns üben kön⸗ nen, werdet auch Ihr anerkennen, ſobald ich Euch namhaft mache, was ſich in meiner eigenen Familie zugetragen hat. Warum ſo übelwollende Weſen, wie diejenigen, von denen ich zu ſprechen im Begriffe bin, mit uns in Verkehr treten und, ich möchte ſagen, beziehungsweiſe harmloſe Sterbliche züchtigen dürfen, geht über mein Faſſungsvermögen; indeß iſt es zuverläſſig, daß es ihnen wirk⸗ lich zuweilen geſtattet iſt.“/ „Das große Prinzip alles Böſen erfüllt ſein böſes Werk; warum ſollten nicht untergeordnete Geiſter aus derſelben Reihe ein Gleiches thun können?“ fragte Philipp.„Was liegt im Grunde daran, ob unſere Heimſuchungen von der Feindſchaft unſerer Nebenmenſchen herrühren, oder ob wir von Weſen verfolgt werden, die mächtiger und böswilliger ſind, als wir ſelbſt? Wir wiſſen, daß wir an un⸗ ſerer Erlöſung zu arbeiten haben und daß wir gerichtet werden nach unſerem Vermögen. Wenn es übrigens böſe Weſen gibt, die eine Freude daran haben, den Menſchen zu ſchaden, ſo muß es zuverläſſig auch, wie Amine behauptet, gute Geiſter geben, die ſich glücklich darin fühlen, ihnen zu dienen. Ob wir nun blos gegen unſere Leiden⸗ ſchaften oder außer dieſen auch gegen den verderblichen Einfluß un⸗ ſichtbarer Feinde zu kämpfen haben, ſo geſtaltet ſich doch das Verhält⸗ niß ſtets zu unſeren Gunſten, da das Gute ſtärker iſt, als das Böſe, mit dem wir ringen. Jedenfalls ſind wir im Vortheil, ob wir nun in dem erſten Falle einzeln für die gute Sache ſtreiten, oder im zweiten die himmliſchen Heerſchaaren auf unſerer Seite haben. So ſtehen die Wagſchaalen der göttlichen Gerechtigkeit im Gleichgewichte; der Menſch kann frei handeln, und ſeine eigenen guten oder ſchlimmen Nei⸗ gungen müſſen ſtets entſcheiden, ob er ſiegen oder unterliegen wird.“ M 28 436 „Ganz richtig,“ verſetzte Krantz.„Doch jetzt zu meiner Geſchichte. „Mein Vater ſtammt nicht urſprünglich aus dem Harzgebirge— er war der Leibeigene eines reichen ungariſchen Edelmanns in Sie⸗ benbürgen, aber trotz ſeiner ſklaviſchen Stellung doch keineswegs arm oder ungebildet, ſondern ſogar ſehr vermöglich, und er ſtand um ſeiner Einſicht willen in ſolcher Achtung, daß ihn ſein Gebieter zum Verwalter gemacht hatte. Wer übrigens als Leibeigener ge⸗ boren iſt, muß Leibeigener bleiben, und wenn er auch noch ſo reich würde— und dies war die Stellung meines Vaters. Er war etwa fünf Jahre verheirathet und hatte aus ſeiner Ehe drei Kinder er⸗ zielt— meinen ältern Bruder Cäſar, mich(Herrmann) und eine Schweſter, Namens Marcella. Ihr wißt, Philipp, daß das Latei⸗ niſche die Sprache iſt, welche noch immer in jener Gegend geſpro⸗ chen wird, und aus dieſem Umſtande werdet Ihr unſere hochtönen⸗ den Namen erklärlich finden. Meine Mutter war eine ſehr ſchöne Frau, leider aber weit ſchöner, als tugendhaft. Der Grundherr ſah und liebte ſie; mein Vater wurde in irgend einem Auftrage entfernt, und während ſeiner Abweſenheit ergab ſich meine Mutter, geſchmeichelt und gewonnen durch die Aufmerkſamkeiten des Edel⸗ manns, ſeinen Wünſchen. Es traf ſich, daß mein Vater ganz un⸗ erwartet zurückkehrte und den Handel entdeckte. Der Beweis von meiner Mutter Schmach war augenfällig, denn er überraſchte ſie in der Geſellſchaft ihres Verführers. Durch die Leidenſchaftlichkeit ſeiner Gefühle hingeriſſen, erſah er die Gelegenheit, bis wieder eine Zuſammenkunft zwiſchen Beiden ſtattfand, und ermordete ſo⸗ wohl ſeine Gattin, als den ehebrecheriſchen Grundherrn. Er wußte, daß einem Leibeigenen nicht einmal die ſchwere Kränkung, die er erfahren, zur Rechtfertigung dienen konnte, weshalb er in der Eile all ſein verfügbares Geld ſammelte, ſeine Pferde an den Schlitten ſpannte(denn es war tiefer Winter) und mitten in der Nacht mit ſeinen Kindern aufbrach, um zu entweichen, ehe der traurige Vorfall ruchbar wurde. Wo er auch im Vaterlande bleiben mochte und die 437 Behörden Hand an ihn legen konnten, war keine Ausſicht der Rettung für ihn zu hoffen, weshalb er ſeine Flucht ohne Unterlaß fortſetzte, bis er ſich in dem Irrgewinde und in der Abgeſchiedenheit des Harz⸗ gebirges begraben hatte. Natürlich erfuhr ich Alles, was ich Euch jetzt mittheile, erſt ſpäter. Meine älteſten Rückerinnerungen knüpfen ſich an eine rohe, aber doch gemächliche Hütte, in welcher ich mit Vater, Bruder und Schweſter lebte. Sie lag an der Gränze einer jener ungeheuren Forſten, welche den nördlichen Theil von Deutſch⸗ land bedecken— darum her einige Morgen Landes, welche mein Va⸗ ter während der Sommermonate bebaute, ſo ſich eine zwar dürftige, aber doch für unſern Unterhalt hinreichende Aerndte ſichernd. Zur Winterszeit blieben wir meiſt im Hauſe, denn da mein Vater der Jagd nachging, ſo waren wir allein, und die Wölfe ſtreiften ohne Unterlaß draußen umher. Mein Vater hatte das Grundſtück ſammt der Hütte einem der rauhen Wäldler abgekauft, welche ſich theils von der Jagd, theils vom Brennen der Kohlen nähren, die man in den benachbarten Minen zum Erzſchmelzen verwendet. Die nächſte Woh⸗ nung war ungefähr eine Stunde von uns entfernt. Ich kann mir noch jetzt die ganze Gegend gut vergegenwärtigen— die hohen Tan⸗ nen, die auf den Gebirgen über uns ſich himmelwärts ſtreckten, und die weite Waldfläche unten, auf deren Gipfel wir von unſerer Hütte aus niederſahen, da das Gebirg jäh in das Thal abſtieg. Im Som⸗ mer war die Ausſicht ſchön, dagegen im ſtrengen Winter die Land⸗ ſchaft ſo verödet, wie man ſich kaum eine andere denken kann. „Ich ſagte, daß ſich mein Vater im Winter mit der Jagd be⸗ ſchäftigte. Er zog jeden Tag aus und pflegte oft die Thüre zu ver⸗ ſchließen, damit wir die Hütte nicht verlaſſen möchten. Er hatte Niemand, der ihm beiſtund oder Sorge für uns trug— denn es war nicht leicht, eine Frauensperſon aufzufinden, die in einer ſolchen Einöde leben mochte. Doch auch andernfalls würde mein Vater kein Weib in's Haus genommen haben, denn er hatte einen Abſcheu vor dem ganzen Geſchlecht, was ſich auch ſchon aus ſeinem Benehmen 7. 438 gegen uns, ſeine zwei Knaben, und gegen meine arme kleine Schwe⸗ ſter Marcella erkennen ließ. Ihr könnt Euch denken, daß wir auf eine klägliche Weiſe vernachläſſigt wurden. Wir hatten in der That viel durchzumachen, denn wenn unſer Vater auszog, ſo geſtattete er uns aus Furcht, wir möchten zu Schaden kommen, nicht einmal Brennholz, weßhalb wir uns genöthigt ſahen, in die Bärenhäute zu kriechen und uns ſo Wärme zu verſchaffen, bis er Abends wieder zurückkehrte und zu unſerer Freude Feuer anzündete. Daß mein Va⸗ ter eine ſo unruhige Lebensweiſe wählte, mag ſonderbar erſcheinen; aber es war Thatſache, daß er nirgends Raſt fand— ſei es nun aus Gewiſſensbiſſen über den begangenen Mord, oder aus Schmerz über die traurige Veränderung ſeiner Lage. Vielleicht wirkte auch Beides zuſammen— kurz, er fühlte ſich nicht wohl, wenn er nicht unabläſſig thätig war. Kinder, die ſich viel ſelbſt überlaſſen bleiben, gelangen bald zu einer Nachdenkſamkeit, die bei ihrem Alter nicht gewöhnlich iſt. Dies war auch bei uns der Fall; während der kur⸗ zen, kalten Wintertage ſaßen wir ſchweigend bei einander und ſehn⸗ ten uns nach den glücklichen Stunden, wann der Schnee ſchmölze, die Blätter ausſchlügen, die Vögel ſängen und wir wieder in Frei⸗ heit geſetzt würden. „In dieſem Zuſtande der Verwilderung verbrachten wir unſer Leben, bis mein Bruder neun, ich ſieben und meine Schweſter fünf Jahre alt war. Um dieſe Zeit ereigneten ſich Umſtände, welche die Grundlage zu der außerordentlichen Erzählung bilden, die ich Euch mitzutheilen im Begriffe bin. „Eines Abends kehrte mein Vater etwas ſpäter zurück, als ge⸗ wöhnlich. Er hatte keine Jagdbeute aufgetrieben, und da das Wetter ſehr ſtreng, zugleich auch der Boden viele Fuß tief mit Schnee be⸗ deckt war, ſo kam er nicht nur ſehr erfroren, ſondern auch in bitter übler Laune nach Hauſe. Er brachte Holz herein, und wir alle drei halfen einander, die Aſche zu einer hellen Flamme anzublaſen, als er mit einem Male die arme kleine Marcella am Arm ergriff und 43³9 bei Seite ſchleuderte. Das Kind fiel auf den Mund und blutete reichlich. Mein Bruder eilte herzu, um ſie aufzuheben. An üble Behandlung gewöhnt und aus Furcht vor meinem Vater wagte ſie nicht zu weinen, ſondern ſah nur mit einer kläglichen Miene zu ihm auf. Mein Vater rückte ſeinen Schemel näher an den Herd, murmelte einige Schimpfworte über die Weiber und machte ſich mit dem Feuer zu ſchaffen, welches ſowohl ich, als mein Bruder ver⸗ laſſen hatte, ſobald wir unſere Schweſter ſo unfreundlich behandelt ſahen. Eine lodernde Flamme war bald das Reſultat ſeiner Be⸗ mühungen, aber wir drängten uns nicht wie ſonſt darum her. Mar⸗ cella, die in einer Ecke kauerte, blutete noch immer, und wir Brü⸗ der nahmen unſere Sitze an ihrer Seite, während ſich mein Vater düſter und einſam über das Feuer lehnte. Wir mochten etwa eine halbe Stunde ſo geſeſſen haben, als das Geheul eines Wolfes dicht unter den Fenſtern der Hütte in unſere Ohren drang. Mein Vater fuhr auf und griff nach ſeinem Gewehre. Das Geheul wiederholte ſich; er unterſuchte die Zündpfanne und verließ eilig die Wohnung⸗ die Thüre hinter ſich abſchließend. Wir warteten Alle in ängſtlicher Spannung, weil wir glaubten, wenn es ihm gelinge, den Wolf zu erlegen, würde er in einer beſſeren Stimmung zurückkehren, denn obgleich er hart gegen uns Alle, namentlich aber gegen unſere kleine Schweſter war, ſo liebten wir ihn doch und freuten uns, ihn heiter zu ſehen— was hatten wir auch ſonſt? Ich muß hier bemerken, daß ſich vielleicht nie drei Kinder ſo innig liebten, wie wir uns gegenſeitig. Nie gab es, wie es ſonſt gewöhnlich, Zank und Hader unter uns, und wenn je zuweilen zwiſchen mir und meinem älteren Bruder eine Mißhelligkeit ſich erhob, ſo eilte die kleine Marcella auf uns zu, küßte uns und ſtellte durch ihre Bitten den Frieden wieder her. Marcella war ein liebliches Kind; ich kann mir noch jetzt ihre ſchönen Züge vergegenwärtigen. Ach, arme kleine Mareella!“ „So iſt ſie alſo todt?“ bemerkte Philipp. 3 440 „Todt! ja, todt— aber wie ſie ſta Erzählung nicht vorgreifen, Philip ortfahren.“ „Wir warteten eine Weile, a all des Gewehrs er⸗ reichte uns nicht und mein älterer Bruder ſagte: ‚der Vater iſt dem Wolfe nachgegangen und wird ſobald nicht zurückkehren. Komm, Marcella, wir wollen dir das Blut von dem Munde waſchen und dann uns an dem Feuer wärmen.“ „Wir thaten dies und blieben bis gegen Mitternacht an dem Feuer ſitzen, mit jeder Minute mehr verwundert, warum unſer Vater nicht zurückkehrte. Wir hatten keinen Begriff davon, daß er vielleicht in Gefahr ſein konnte, ſondern meinten eben, er habe den Wolf ſehr weit verfolgt. ‚Ich will hinausſehen, ob der Vater nicht kommt,“” ſagte mein Bruder Cäſar, nach der Thüre gehend. ‚Nimm dich in Acht,“ entgegnete Marcella; ‚„die Wölfe könnten um den Weg ſein, und wir ſind nicht im Stande, ſie zu tödten, Bruder.“ Mein Bruder öffnete vorſichtig die Thüre, aber nur einige Zoll weit und blickte hinaus.— ‚Ich ſehe nichts,“ ſagte er nach einer Weile und kehrte abermals nach dem Feuer zurück.„Wir haben nichts zum Nachteſſen gehabt,“ ſagte ich; denn mein Vater pflegte gewöhnlich zu kochen, ſobald er nach Hauſe kam. Während ſeiner Abweſenheit hatten wir nichts, als die Ueberbleibſel des vorher⸗ gehenden Tages. „„Und wenn der Vater nach ſeiner Jagd nach Hauſe kömmt, Cäſar,“ ſagte Marcella, ‚ſo wird er ſich freuen, wenn er etwas zu eſſen kriegt; wir wollen für ihn und für uns kochen.“ Cäſar ſtieg auf den Schemel und langte etwas Fleiſch herunter— ich weiß nicht mehr, ob es von einem Hirſch oder von einem Bären war. Genug, wir ſchnitten die gewöhnliche Portion ab und richteten ſie zu, wie wir es unter unſeres Vaters Aufſicht zu thun pflegten. Eben waren wir beſchäftigt, es in der Kachel über das Feuer zu ſetzen, als wir den Ton eines Horns vernahmen. Wir horchten— dralißen ließ ſich kein Laut mehr vernehmen, und einige Minuten doch ich darf meiner 2 441 ſpäter trat mein Vater ein, eine junge Frau und einen großen ſchwärzlichen Mann in Jägertracht hereinführend. „Vielleicht iſt's beſſer, daß ich gleich jetzt berichte, was mir erſt viele Jahre nachher bekannt wurde. Als mein Vater die Hütte verließ, bemerkte er etwa dreißig Ellen vor ſich einen großen weißen Wolf, der ſich, ſobald er meinen Vater ſah, langſam mit Knurren immer weiter zurückzog. Mein Vater folgte ihm; das Thier ergriff keine eilige Flucht, ſondern hielt ſich ſtets in der gleichen Entfernung. Mein Vater mochte nicht Feuer geben, bis er ſeines Zieles gewiß war. So ging es eine Weile fort, indem der Wolf meinen Vater bald weiter hinter ſich zurückließ, bald wieder Halt machte und ihn herausfordernd anheulte, dann aber wieder weiter jagte. „Voll Begier, das Thier zu erlegen(denn der weiße Wolf iſt ſehr ſelten), ſetzte mein Vater die Verfolgung mehrere Stunden fort, dabei immer das Gebirg hinanſteigend. „Ihr müßt wiſſen, Philipp, daß es in jenen Gebirgen beſondere Stellen gibt, von denen man— und wie meine Erzählung bewei⸗ ſen wird, mit Recht— annimmt, daß ſie von böſen Weſen bewohnt werden. Derartige Orte ſind den Jägern wohl bekannt und werden deshalb ſtets von ihnen gemieden. Eine derſelben— ein offener Platz in dem Tannenwalde über uns, war meinem Vater nament⸗ lich als gefährlich bezeichnet worden. Sei es nun, daß er dieſen Mähren nicht glaubte oder in der Hitze ſeiner Jagd nicht darauf achtete— kurz, ſo viel iſt gewiß, daß er ſich durch den weißen Wolf nach jener Stelle locken ließ, wo das Thier auf einmal ſeine Haſt zu ermäßigen ſchien. Mein Vater näherte ſich, kam ganz dicht auf den Wolf zu, erhob ſein Gewehr und war eben im Begriffe, Feuer zu geben, als das Thier plötzlich verſchwand. Er dachte, der Schnee auf dem Boden müſſe ſein Geſicht geblendet haben, und ſenkte ſeine Waffe, um ſich nach der Beſtie umzuſehen— aber ſie war fort; wie ſie über die Lichtung entkommen konnte, ohne daß er es bemerkte, vermochte er nicht zu begreifen. Aergerlich über den 1 442 ſchlechten Erfolg ſeiner Jagd, war er eben im Begriffe, wieder um⸗ zukehren, als er den fernen Ton eines Hornes vernahm. Dies zu einer ſolchen Stunde und in einer derartigen Wildniß! In ſeinem Erſtaunen vergaß er für einen Augenblick ſeine getäuſchte Erwartung und blieb wie feſtgewurzelt an der Stelle ſtehen. Eine Minute ſpäter ſchallte das Horn zum zweitenmal und zwar in nicht großer Entfernung. Mein Vater blieb noch immer und lauſchte— end⸗ lich ließ ſich der Ton zum drittenmale vernehmen. Ich vergaß den Ausdruck, womit man derartige Rufe bezeichnet; es war übrigens das Signal, durch welches, wie mein Vater wohl wußte, Jemand kund that, daß er ſich in den Wäldern verirrt hatte. Einige Mi⸗ nuten ſpäter ſah mein Vater einen Mann zu Pferd, der ein Frauen⸗ zimmer hinter ſich hatte, in der Lichtung anlangen und auf ihn zu⸗ reiten. Zuerſt rief er ſich die wunderſamen Geſchichten von den übernatürlichen Weſen in's Gedächtniß, von denen der Sage nach dieſe Gebirge bewohnt werden; als aber der Reiter näher kam, über⸗ zeugte er ſich, daß dieſer und die Frau Sterbliche waren, wie er ſelbſt. Der Fremde rief ihm zu:„Freund, Jäger, Ihr ſeid ſpät aus— ein Glück für uns. Wir ſind weit geritten und fürchten für unſer Leben, dem man mit Eifer nachſtellt. Dieſe Gebirge haben uns in die Lage geſetzt, unſere Verfolger zu täuſchen; aber wenn wir nicht ein Obdach und Erfriſchung finden, wird es uns wenig nützen, da wir ſonſt vor Hunger und Froſt umkommen müſſen. Meine Tochter, die hinter mir reitet, iſt jetzt ſchon mehr todt, als lebendig. Sagt an, könnt Ihr uns in unſerer Noth beiſtehen?“ „Meine Hütte iſt nicht ſehr weit entfernt,“ verſetzte mein Vater; ‚aber ich habe Euch nur wenig zu bieten außer einem Schutze ge⸗ gen das Wetter. Was es übrigens auch ſein mag, Ihr ſeid will⸗ kommen. Darf ich fragen, woher Ihr ſeid?“ „Ja, mein Freund; es iſt jetzt kein Geheimniß mehr. Wir ſind aus Siebenbürgen entwichen, wo der Ehre meiner Tochter und meinem Leben gleiche Gefahr drohte!“ 1 443 „Dieſe Nachricht reichte zu, in dem Herzen meines Vaters In⸗ tereſſe zu wecken. Er erinnerte ſich ſeiner eigenen Flucht und ge⸗ dachte der verlorenen Ehre ſeines Weibes, wie auch des traurigen Vorfalls, der daraus entſprungen. Er bot ihnen unverweilt mit Wärme alle Hülfe an, die ihm zu Gebote ſtand. „So verliert keine Zeit, guter Mann,“ bemerkte der Reiter. „Meine Tochter iſt halb todt vor Froſt und kann es nicht viel län⸗ ger in dieſem bitter kalten Wetter aushalten.“ „Folgt mir,“ verſetzte mein Vater, auf dem Wege nach ſeiner Wohnung vorangehend. „Ich ließ mich durch die Verfolgung eines großen weißen Wolfs verlocken,“ fuhr er fort; er kam bis unter die Fenſter meiner Hütte, ſonſt wäre ich nicht ſo ſpät in der Nacht noch außen geweſen.“ „‚Das Thier huſchte an uns vorbei, als wir eben aus dem Wald traten,“ ſagte das Frauenzimmer mit einer Silberſtimme. „„Ich hätte beinahe mein Gewehr darnach abgefeuert,“ verſetzte der Jäger; ‚nun es uns aber einen ſo guten Dienſt geleiſtet hat, freut es mich, daß ich es entkommen ließ.“ „In ungefähr anderthalb Stunden, während welcher mein Va⸗ ter nach Kräften ausholte, langten ſie an der Hütte an und traten, wie bereits bemerkt, in unſere Stube. 1 „Wir kommen, ſcheint's, zu gelegener Zeit,“ bemerkte der Jäger, den Duft des gebratenen Fleiſches in die Naſe ziehend, wäh⸗ rend er auf das Feuer zuging und mich nebſt meinen Geſchwiſtern muſterte.„Ihr habt junge Köche hier, mein Herr.“ „„Freut mich, daß wir nicht zu warten brauchen,“ verſetzte mein Vater. ‚Kommt, Fräulein, ſetzt Euch an das Feuer; Ihr könnt nach dem kalten Ritte die Wärme wohl brauchen.“ „Und wo kann ich mein Pferd einſtellen, mein Herr 2c fragte der Jäger.— „„Ich will Sorge dafür tragen,“ entgegnete mein Vater. zur Thüre hinausgehend. 444 „Ich muß jetzt das Frauenzimmer beſonders beſchreiben; ſie war jung, dem Anſcheine nach etwa zwanzig Jahre alt, hatte ein breit mit weißem Pelzwerk beſetztes Reiſekleid an, und trug eine Mütze von weißem Hermelin auf dem Kopfe. Ihr Antlitz war ſehr ſchön— wenigſtens kam es mir ſo vor, und mein Vater hat ſpäter daſſelbe erklärt. Ihr glattes, flachsgelbes Haar glänzte wie ein Spiegel, und ihr Mund, wenn gleich etwas groß, wenn er geöffnet war— zeigte die ſchönſten Zähne, die ich je geſehen habe. Dennoch lag Etwas in ihren funkelnden Augen, was uns Kinder fürchten machte; ſie waren ſo unruhig und unheimlich— ich konnte mir da⸗ mals keinen Grund angeben, aber doch war es mir, als ob eine gewiſſe Grauſamkeit darin liege, und wenn ſie uns heranwinkte, näherten wir uns ihr nur mit Angſt und Zittern. Aber demunge⸗ achtet war ſie ſchön, ſehr ſchön. Sie ſprach freundlich mit mir und meinem Bruder, indem ſie uns auf die Köpfe pätſchelte und uns liebkoste; Marcella mochte ſich jedoch nicht in ihre Nähe wagen, ſondern ſchlich fort; verſteckte ſich in ihrem Bette und wollte nicht auf das Nachteſſen warten, nach dem ſie ſich doch eine Viertelſtunde früher ſo ſehr geſehnt hatte. „Mein Vater kehrte, ſobald er das Pferd in dem nahegelegenen Schuppen untergebracht hatte, wieder zurück, und das Nachteſſen wurde auf den Tiſch geſetzt. Als es vorüber war, bat mein Vater die junge Dame, von ſeinem Bette Gebrauch zu machen, da er mit ihrem Vater bei dem Feuer ſitzen wolle. Nach einigem Zögern von ihrer Seite wurde das Erbieten angenommen, und nun kroch ich mit meinem Bruder zu Marcella in das andere Bett, denn wir hatten ſtets beiſammen geſchlafen. „Wir konnten jedoch nicht zur Ruhe kommen. Es lag etwas ſo Ungewöhnliches nicht nur in der Erſcheinung fremder Leute, ſon⸗ dern auch in dem Umſtande, daß ſie in der Hütte ſchlafen ſollten — wir fühlten uns ganz verwirrt. Was die arme kleine Marcella betraf, ſo verhielt ſie ſich ruhig; aber ich bemerkte, daß ſie die 41 445 ganze Nacht durch zitterte, und bisweilen kam es mir vor, als ob ſie ein Schluchzen zu unterdrücken ſuche. Mein Vater hatte etwas Branntwein herausgebracht, den er nur ſelten gebrauchte, und er und der Jäger blieben vor dem Feuer ſitzen, die Zeit ſich mit Trin⸗ ken und Plaudern vertreibend. Unſere Ohren lauſchten auf jedes Wörtchen, und unſere Neugierde wurde nicht wenig erregt. „„Ihr kommt alſo aus Siebenbürgen?“ bemerkte mein Vater. „„Ja, mein Herr,“ verſetzte der Jäger.„Ich war Leibeigener in dem adeligen Hauſe von—— Mein Gebieter wollte haben, daß ich meine Tochter ſeinen Wünſchen preisgebe, und die Sache nahm damit ein Ende, daß ich ihm einige Zoll meines Waidmeſſers zu koſten gab.“ „Wir ſind Landsleute und Leidensbrüder,“ entgegnete mein Vater, die Hand des Jägers erfaſſend und ſie mit Wärme drückend. „Wirklich? Ihr ſeid alſo auch aus dieſem Lande?“ „„Ja, und habe gleichfalls durch Flucht mein Leben retten müſſen. Ach, es iſt eine traurige Geſchichte.⸗ „Euer Name?“—— „Krantz.* „Wie? Krantz von—— 2 Ich habe Eure Geſchichte bot Ihr habt daher nicht nöthig, Curen Schmerz durch eine Wiederho⸗ lung derſelben zu erneuern. Willkommen, von Herzen willkommen, mein Herr— und ich darf wohl ſagen— mein würdiger Vetter; denn das bin ich. Ich bin Wilfried von Barnsdorf,“ rief der Jäger ſich erhebend und meinen Vater umarmend. „Sie füllten ihre Hornbecher bis zum Rand und ſtießen nach deutſcher Sitte mit einander an. Die Unterhaltung wurde nun in leiſerem Tone geführt und wir konnten nicht weiter daraus entneh⸗ men, als daß unſer neuer Vetter und ſeine Tochter wenigſtens vor⸗ derhand ihren Aufenthalt in unſerer Hütte nehmen ſollte. Nach einer Stunde waren die beiden Männer in ihren Stühlen zurückgeſunken und ſchienen zu ſchlafen. 3.. . „ 446 „Liebe Marcella, haſt du gehört?“ fragte mein Bruder in ge⸗ dämpftem Tone. „„Ja,“ verſetzte Marcella flüſternd; ‚ich habe Alles gehört. O Bruder, ich kann den Anblick dieſer Frau nicht ertragen— es wird mir bange in ihrer Nähe.“ „Mein Bruder gab keine Antwort und bald nachher lagen wir alle drei in tiefem Schlafe. „Als wir am andern Morgen erwachten, fanden wir, daß die Tochter des Jägers vor uns aufgeſtanden war. Sie däuchte mir ſchöner zu ſein, als je. Sie kam auf die kleine Marcella zu und liebkoste ſie; das Kind aber brach in Thränen aus und ſchluchzte, als ob ihm das Herz brechen ſollte. „Ich will jedoch die Geſchichte nicht zu weit ausſpinnen. Der Jäger und ſeine Tochter richteten ſich in der Hütte ein. Mein Va⸗ ter ging täglich mit ihm auf die Jagd und ließ Chriſtina bei uns. Sie verrichtete alle Obliegenheiten des Hausweſens, war ſehr freundlich gegen uns Kinder, und allmählig verlor ſich auch die Abneigung der kleinen Marcella. In meinem Vater hatte jedoch eine große Veränderung ſtattgefunden. Er ſchien ſeinen Groll ge⸗ gen das andere Geſchlecht überwunden zu haben und erwies Chri⸗ ſtina alle nur erdenklichen Aufmerkſamkeiten. Oft blieb er mit ihr, nachdem ihr Vater und wir bereits im Bette waren, beim Feuer ſitzen, in leiſem Tone ein Geſpräch unterhaltend. Ich hätte be⸗ merken ſollen, daß mein Vater und der Jäger Wilfried in einem andern Theile der Hütte ſchliefen, denn das Bett, welches er früher eingenommen hatte und das mit dem unſrigen in dem gleichen Gemache ſtand, war an Chriſtina abgetreten worden. Die Gäſte hatten ungefähr drei Wochen in der Hütte gewohnt, ats eines Abends, nachdem wir Kinder zu Bette geſchickt worden waren, eine Berathung abgehalten wurde. Mein Vater hatte um Chri⸗ ſtinens Hand geworben und ſowohl ihre, als ihres Vaters Einwil⸗ ligung erhalten. Nachdem das Jawort gegeben war, fand eine Un⸗ 447 terredung ſtatt, welche, ſoweit ich mich erinnern kann, folgender⸗ maßen lautete:. „Ihr ſollt mein Kind haben, Herr Krantz und meinen Segen dazu. Ich verlaſſe Euch dann und ſuche eine andere Wohnung— gleichviel, wo es auch iſt.— „ Aber warum nicht hier bleiben, Wilfried?“ „„Nein, nein, ich bin anderswohin berufen; begnügt Euch damit und ſtellt keine weitern Fragen an mich. Ihr habt mein Kind.“ „„ch danke Euch und werde ſie gebührend in Ehren halten; aber es iſt noch eine Schwierigkeit vorhanden.“ „Ich weiß, was Ihr ſagen wollt— man hat hier in dieſer wilden Gegend keinen Prieſter. Ebenſowenig gibt es ein anderes bindendes Geſetz, und doch muß eine Ceremonie unter Euch ſtatt⸗ finden, um den Vater zufrieden zu ſtellen. Wollt Ihr einwilligen, ſie nach meiner Weiſe zu heirathen? In dieſem Falle will ich Euch unverweilt zuſammengeben.“ „„Ja,“ lautete die Antwort meines Vaters. „„So nehmt ſie bei der Hand. Wohlan, Herr Krantz, ſchwört mir nach.“ „ Ich ſchwöre,“ entgegnete mein Vater. „Bei allen Geiſtern des Harzgebirges.“— „Ei, warum nicht beim Himmel?“ unterbrach ihn mein Vater. „„Weil es mir ſo gefällt,“ verſetzte Wilfried.„Wenn ich dieſen Eid, der vielleicht weniger bindend iſt, als ein anderer, vorziehe, ſo werdet Ihr doch zuverläſſig nichts dagegen einzuwenden haben 2 „Nun, ſo ſei es denn, weil es Euch ſo gefällt. Aber warum wollt Ihr mich bei Etwas ſchwören laſſen, an was ich nicht glaube?“ „„Das thun noch Viele, die dem Aeußeren nach Chriſten ſind,“ entgegnete Wilfried. ‚Sagt, ob ich Euch meine Tochter geben, oder ob ich ſie mit mir fortnehmen ſoll?“ „„Fahrt fort,“ erwiederte mein Vater ungeduldig. 448 „„Ich ſchwöre bei allen Geiſtern des Harzgebirgs und bei ihrer Macht, Gutes oder Böſes zu wirken, daß ich Chriſtina für mein angetrautes Weib nehme, daß ich ſie immer ſchützen, pflegen und lieben will; daß ſich meine Hand nie gegen ſie erheben ſoll, um ihr ein Leides zu thun.“ „Mein Vater ſprach Wilfrieds Worte nach.“ „Und wenn ich meinen Eid breche, möge die ganze Rache der Geiſter auf mich und meine Kinder niederfallen; mögen ſie zu Grunde gehen durch den Geier, durch den Wolf oder andere Thiere des Waldes; möge ihr Fleiſch von ihren Gliedmaßen geriſſen werden und ihre Gebeine in der Wildniß bleichen. Alles dieſes ſchwöre ich.“ „Mein Vater ſtockte, als er die letzten Worte wiederholte. Die kleine Marcella konnte nicht mehr an ſich halten, und als er dieſen Eid dennoch ablegte, brach ſie in Thränen aus. Dieſe plötzliche Störung ſchien die Sprecher, namentlich aber meinen Vater außer Faſſung zu bringen; er redete das Kind rauh an, das jetzt ſein Schluchzen unterdrückte und das Geſichtchen in die Bettdecken begrub. „So verhielt ſich's mit der zweiten Verheirathung meines Vaters. Am nächſten Morgen ſtieg der Jäger Wilfried au ſein Pferd und ritt von hinnen. „Mein Vater nahm ſein Bett wieder in dem gleichen Genlache⸗ wo das unſrige ſtand, und es ging ſo ziemlich fort, wie vor der Verheirathung, nur daß unſere neue Stiefmutter durchaus keine Liebe zu uns zeigte. In des Vaters Abweſenheit ſchlug ſie uns oft, namentlich aber die kleine Marcella, und ihre Augen ſchoßen Blitze, wenn ſie das ſchöne, liebliche Kind anſah. „In einer Nacht weckte die Schweſter mich und meinen Bruder. „„Was gibts?“ fragte Cäſar. „„Sie iſt ausgegangen,“ flüſterte Marcella. „„Ausgegangen?“ „„Ja, zur Thüre hinaus in ihrem Nachtkleide,“ verſetzte das 449 Kind.„Ich ſah, wie ſie aus dem Bette ſtieg und den Vater anſah, ob er ſchlafe; dann ging ſie zur Thüre hinaus.“ „Was konnte ſie bewegen, ihr Bette zu verlaſſen, um mit ſo leichter Bedeckung in bitterer Winterkälte und bei dem tiefen Schnee auszugehen? dieß war uns unbegreiflich. Wir blieben wach liegen und hörten nach einer Stunde das Heulen eines Wolfes dicht unter dem Fenſter. „„Da iſt ein Wolf,“ ſagte Cäſar; ‚ſie wird in Stücke zerriſſen werden.“ „„Oh nein!“ rief Marcella. „Einige Minuten nachher erſchien unſere Stiefmutter wieder; ſte war in ihrem Nachtanzuge, wie Marcella angegeben hatte. Nach⸗ dem ſie die Thürklinke lautlos niedergelaſſen hatte, begab ſie ſich nach dem Waſſerfaſſe, wuſch ſich Geſicht und Hände und ſchlüpfte dann wieder in das Bette, wo mein Vater lag. „Wir zitterten, ohne zu wiſſen warum, beſchloſſen jedoch, die nächſte Nacht wach zu bleiben. Aber nicht nur in der nächſten, ſon⸗ dern noch viele folgende Nächte ſtand unſere Stiefmutter zu derſel⸗ ben Stunde von dem Bette auf und verließ die Hütte. Nachdem ſie fort war, hörten wir jedesmal das Heulen eines Wolfes unter dem Fenſter, und wenn ſie zurückkehrte, wuſch ſie ſich, ehe ſie ſich wieder zu Bette legte. Wir bemerkten auch, daß ſie ſich ſelten zum Eſſen niederſetzte, und wenn ſie je etwas ſpeiste, ſo geſchah es mit augenſcheinlichem Widerwillen. Wurde aber das Fleiſch herunter⸗ genommen, um zum Mahle zubereitet zu werden, ſo ſahen wir oft, wie ſie verſtohlen ein rohes Stück in den Mund ſteckte. „Mein Bruder Cäſar war ein muthiger Knabe und wollte dem Vater nichts mittheilen, bis er mehr erfahren hätte. Er beſchloß, ihr zu folgen und über ihr Treiben Gewißheit einzuholen. Marcella und ich, wir beide bemühten uns, ihm ſein Vorhaben auszureden; er ließ ſich jedoch nicht zurückhalten, ſondern legte ſich ſchon in der Marryat. Der fliegende Holländer. 29 450 nächſten Nacht in ſeinen Kleidern zu Bette, ſtand, ſobald die Stief⸗ mutter die Hütte verlaſſen hatte, auf, nahm das Gewehr meines Vaters und ging ihr nach. „Ihr könnt Euch denken, in welchem Zuſtande von Spannung Marcella und ich während ſeiner Abweſenheit waren. Nach einigen Minuten hörten wir den Knall eines Gewehrs. Mein Vater er⸗ wachte nicht und wir blieben vor Angſt zitternd liegen. Eine Weile darauf ſahen wir unſere Stiefmutter in die Hütte treten— ihr Anzug war blutig. Ich legte meine Hand auf Marcellas Mund, um zu verhindern, daß ſie nicht laut aufrief, obgleich ich ſelbſt in großer Unruhe war. Unſere Stiefmutter näherte ſich dem Bett meines Vaters, um zu ſehen, ob er ſchliefe, und ging dann nach dem Kamine, wo ſie die glimmende Aſche zur Flamme anblies. „Wer iſt da 2* rief mein Vater erwachend. „„Bleibe ruhig liegen, mein Lieber,“ verſetzte die Stiefmutter. „Ich bin's. Ich habe das Feuer angezündet, um etwas Waſſer warm zu machen, weil ich nicht ganz⸗wohl bin.“ 4 „Mein Vater wandte ſich um und war bald wieder eingeſchla⸗ fen; wir aber beobachteten aufmerkſam die Bewegungen der Stief⸗ mutter. Sie wechſelte ihre Linnen und warf das Gewand, das ſie getragen hatte, in's Feuer. Dabei bemerkten wir, daß ihr rechtes Bein ſtark blutete, wie von einer Schußwunde. Sie verband es, kleidete ſich an und blieb bis Tagesanbruch vor dem Feuer ſitzen. „Das Herz der armen kleinen Marcella ſchlug hoch auf, wäh⸗ rend ſie ſich an meine Seite drückte— und auch das meinige pochte ungeſtüm. Wo war unſer Bruder Cäſar? Wie konnte die Stief⸗ mutter verwundet werden, wenn es nicht durch ſein Gewehr ge⸗ ſchehen war? Endlich ſtand mein Vater auf, und nun faßte ich den Muth, ihn anzureden. „Vater,“ fragte ich, wo iſt Bruder Cäſar?“ „Cäſar?“ rief er; ‚nun, wo mag er ſein? „„Barmherziger Himmel! War mir's doch, als ich in der letzten 451 Nacht unruhig da lag, als hätte ich Jemand die Thürklinke öffnen hören,“ bemerkte unſere Stiefmutter.„‚Und mein Gott, Mann, was iſt aus deinem Gewehre geworden?“ 5 „Mein Vater warf ſeine Blicke über den Kamin und entdeckte, daß ſein Gewehr fehlte. Für einen Augenblick war er verwirrt; dann ergriff er ein Beil und verließ, ohne ein Wort zu verlauten, die Hütte. „Er blieb nicht lange aus, ſondern kehrte ſchon nach einigen Minuten zurück, die verſtümmelte Leiche meines Bruders in ſeinen Armen tragend; er legte ihn nieder und bedeckte ſein Geſicht. „Die Stiefmutter ſtand auf und betrachtete die Leiche, während Marcella und ich uns ſchluchzend und weheklagend an der Seite des Todten niederwarfen. „SGeht wieder zu Bette, Kinder,“ ſagte ſie mit Schärfe. ‚Mann,“ fuhr ſie fort, ‚der Knabe muß dein Gewehr heruntergenommen haben, um einen Wolf zu ſchießen, und das Thier war ihm zu mäch⸗ tig. Der arme Junge, er hat ſeine Uebereilung theuer bezahlen müſſen.“ „Mein Vater gab keine Antwort. Ich wollte ſprechen— wollte ihm Alles ſagen— aber Marcella, welche meine Abſicht be⸗ merkte, hielt mich am Arme und ſah mich ſo flehentlich an, daß ich es unterließ. „Mein Vater blieb daher im Irrthum, aber Marcella und ich, wir beide trugen— obſchon wir nicht begreifen konnten, wie es zuging— die Ueberzeugung in uns, daß die Stiefmutter in irgend einer Weiſe bei dem Tode meines Bruders betheiligt war. „Am nämlichen Tage ging der Vater aus, um ein Grab zu graben. Nachdem er die Leiche in die Erde gelegt hatte, häufte er Steine darüber, um es den Wölfen unmöglich zu machen, ſie wieder auszuſcharren. Die Erſchütterung dieſes Unglücks wirkte ſchwer auf meinen armen Vater; er ging mehrere Tage nicht auf die Jagd, 4 29* 452 obgleich er von Zeit zu Zeit bittere Flüche gegen die Wölfe ausſtieß und Rache gelobte. „Doch während dieſer Zeit der Trauer von ſeiner Seite ſetzte meine Stiefmutter ihre nächtlichen Wanderungen mit derſelben Regelmäßigkeit fort, wie zuvor. „Endlich nahm mein Vater ſein Gewehr herab, um ſich in den Wald zu begeben; er kehrte jedoch bald wieder ſehr bekümmert zurück. „⸗Würdeſt du's wohl glauben, Chriſtina, daß die Wölfe— Gottes Fluch über die ganze Brut— wirklich den Leichnam meines armen Knaben ausgeſcharrt und nichts als ſeine Knochen übrig ge⸗ laſſen haben?“ „So" verſetzte meine Stiefmutter. „Marcella blickte mich an, und ich las in ihrem ausdrucksvollen Auge Alles, was ſie ſagen wollte. „„Vater, jede Nacht heult ein Wolf unter unſerem Fenſter,“ nahm ich das Wort. 3 „Iſt das wahr?— Warum haſt du nicht früher geſprochen, Knabe?— Wenn du ihn das nächſte Mal wieder hörſt, ſo wecke mich.“ „Ich ſah, wie die Stiefmutter ſich abwandte; ihre Augen ſchoſſen Feuer und ſie knirſchte mit den Zähnen. „Mein Vater ging aus und bedeckte die wenigen Ueberreſte meines armen Bruders, welche die Wölfe geſchont hatten, mit einem noch größeren Steinhaufen. Dieß war der erſte Akt des Trauerſpiels.. „Der Frühling kam, der Schnee verſchwand und wir durften die Hutte wieder verlaſſen. Ich mochte aber nie, auch nur einen Augenblick, von der Seite meiner lieben kleinen Schweſter weichen, die ich ſeit dem Tode meines Bruders nur um ſo inniger liebte. Ja, ich fürchtete mich ſogar, ſie mit der Stiefmutter allein zu laſſen, welche eine beſondere Freude daran zu haben ſchien, das arme Kind 453 zu mißhandeln. Mein Vater beſchäftigte ſich auf ſeinem kleinen Gute, und ich war bereits im Stande, ihm einigen Beiſtand zu leiſten. „Marcella pflegte bei uns auf dem Felde zu ſitzen, während wir an der Arbeit waren, und die Stiefmutter blieb allein zu Hauſe. Ich hätte bemerken ſollen, daß ſie mit dem Eintritte des Frühlings von ihren nächtlichen Wanderungen abließ und daß wir nach der Zeit, in welcher ich meinen Vater aufmerkſam gemacht hatte, den Wolf nicht mehr unter dem Fenſter heulen hörten. „Als ich eines Tages mit dem Vater auf dem Felde beſchäftigt war und Marcella bei uns ſaß, kam die Stiefmutter heraus und ſagte, ſie wolle in den Wald gehen, um einige Kräuter zu ſammeln, die der Vater brauche; Mareella ſolle in die Hütte gehen und auf das Eſſen Acht haben. Marcella ging und die Stifmutter verſchwand bald in dem Walde, eine Richtung einſchlagend, welche der Hütte gerade entgegengeſetzt war, ſo daß alſo ich und mein Vater ſo zu ſagen zwiſchen ihr und der Schweſter ſtanden. „Etwa eine Stunde nachher wurden wir durch einen Schrei von der Hütte her aufgeſchreckt, der augenſcheinlich von der kleinen Marcella herrührte. „„Marcella hat ſich verbrannt, Vater,“ſagte ich, meinen Spa⸗ ten wegwerfend. „Mein Vater legte den ſeinigen gleichfalls bei Seite, und wir beide eilten nach dem Hauſe. Ehe wir aber die Thüre erreichen konnten, ſtürzte ein großer weißer Wolf heraus, der mit der größten Geſchwindigkeit von hinnen floh. „Mein Vater hatte keine Waffe; er ſtürzte in die Hütte und traf das arme Schweſterlein im Verſcheiden. Ihr Körper war furcht⸗ bar verſtümmelt, und das entſtrömende Blut hatte einen großen Bach auf dem Boden der Hütte gebildet. Meines Vaters erſte Abſicht war geweſen, ſein Gewehr zu ergreifen und das Unthier zu verfolgen; der ſchreckliche Anblick aber gebot ihm Halt, und in Thränen ausbrechend kniete er an der Seite ſeines ſterbenden Kindes nieder. Marcella konnte nur noch einige Sekunden die Augen freundlich zu uns aufſchlagen und ſchloß ſie dann für immer im Tode. „Der Vater und ich knieeten noch immer über der Leiche der armen Schweſter, als die Stiefmutter hereintrat. Sie that ſehr bekümmert über das ſchreckliche Schauſpiel, ſchien aber nicht, wie es doch bei den meiſten Weibern der Fall iſt, bei dem Anblicke des Blutes zurückzubeben. „„Armes Kind!' ſagte ſie. ‚Es muß der große weiße Wolf geweſen ſein, der eben an mir vorbeikam und mich ſo ſehr erſchreckte. Sie iſt ganz todt, Krantz.“ „„Ich weiß— ich weiß es!“ rief mein Vater in bitterem Schmerze. „Ich dachte, mein Vater würde ſich nie wieder von der Wir⸗ kung dieſes zweiten Trauerſpiels erholen. Er trauerte bitterlich über der Leiche ſeines geliebten Kindes und mochte ſie mehrere Tage nicht dem Grabe anvertrauen, obgleich er durch die Stiefmutter häufig darum angegangen wurde. Endlich gab er nach und ſchaufelte ein Grab aus, dicht neben dem meines armen Bruders, dabei jede Vor⸗ ſichtsmaßregel beobachtend, damit die Wölfe ihren Ueberreſten nichts anhaben möchten. „Ich fühlte mich wirklich recht elend, wenn ich ſo allein in dem Bette lag, das ich früher mit meinem Bruder und meiner Schweſter getheilt hatte. Ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, daß die Stiefmutter bei ihrem beiderſeitigen Tode betheiligt ſei, obſchon ich mir über die Art und Weiſe keine Rechenſchaft zu geben ver⸗ mochte. Aber ich fürchtete mich nicht länger vor ihr; mein kleines Herz war mit Haß und Rachſucht erfüllt. „Die Nacht nach dem Begräbniß meiner Schweſter lag ich wa⸗ chend auf meinem Lager und bemerkte, daß meine Stiefmutter auf⸗ ſtand und die Hütte verließ. Ich wartete eine Weile, kleidete mich dann an und ſchaute zu der Thüre hinaus, die ich halb öffnete. Der Mond ſchien hell und ich konnte die Stelle ſehen, wo meine 455 Geſchwiſter begraben waren. Da bemerkte ich nun zu meinem Ent⸗ ſetzen, daß die Stiefmutter eifrig beſchäftigt war, die Steine von Marcellas Grab zu entfernen.. „Sie war in ihrem weißen Nachtgewand und der Mond ſchien voll auf ſie nieder. Ich bemerkte, wie ſie mit den Händen grub und mit der ganzen Heftigkeit einer wilden Beſtie die Steine hinter ſich warf. Es ſtund eine Weile an, ehe ich mich beſinnen und über meine weiteren Schritte einen Beſchluß faſſen konnte. Endlich ſah ich, daß ſie an die Leiche angelangt war, und dieſelbe an der Seite des Grabes heraufzog; jetzt konnte ich es nicht länger ertragen; ich eilte zu meinem Vater und weckte ihn. „„Vater, Vater!“ rief ich; kleidet Euch an und holt Euer Gewehr.“ „Wie?“ rief mein Vater,„ſind die Wölfe da?“ „Er ſprang aus ſeinem Bette, legte die Kleider an und ſchien in ſeiner Haſt die Abweſenheit ſeines Weibes nicht zu bemerken. So⸗ bald er bereit war, öffnete er die Thüre, ging hinaus, und ich folgte ihm. „Man denke ſich aber ſein Entſetzen, als er, ganz unvorbereitet für einen ſolchen Anblick, an dem Grabe nicht einen Wolf entdeckte, ſondern ſein Weib in Nachtkleidern, die auf Händen und Knieen über der Leiche meiner Schweſter hinkauerte, große Stücke Fleiſch abriß und ſie mit der ganzen Gier eines Wolfes verzehrte. Sie war zu eifrig beſchäftigt, um unſere Annäherung gewahr zu werden. Mein Vater ließ ſeine Waffe ſinken— ihm und mir ſtanden die Haare zu Berg. Sein Athem ging ſchwer und ſchien dann für eine Weile ganz zu ſtocken.„Ich las das Gewehr auf und gab es in ſeine Hand. Da war es, als ob die Wuth ihm plötzlich doppelte Kraft gegeben hätte; er legte ſeine Waffe an und mit einem lauten Schrei ſank die Elende zuſammen, die er an ſeinem Buſen genährt hatte. „Gott im Himmel! rief mein Vater, ohnmächtig zuſammen⸗ brechend, ſobald er ſein Gewehr abgefeuert hatte. 3 456 „Ich blieb eine Weile an ſeiner Seite, bis er ſich wieder erholte. „Wo bin ich?“ rief er. ‚Was iſt geſchehen?— Ach!— ja, ja! ich entſinne mich jetzt. Himmel, vergib mir!“ „Er ſtand auf und wir gingen nach dem Grabe. Aber nun denkt Euch auf's Neue unſeren Schrecken und unſer Erſtaunen, als wir ſtatt der Leiche unſerer Stiefmutter, welche wir zu finden er⸗ warteten, über den Reſten meiner armen Schweſter eine große, weiße Wölfin liegen ſahen. „„Der weiße Wolf!’ rief mein Vater; ‚„der weiße Wolf, der mich in den Wald lockte— ich ſehe jetzt Alles— ich habe mit den Geiſtern des Harzgebirges verkehrt.“ „ine Weile blieb mein Vater ſtumm und in tiefen Gedanken. Dann hob er die Leiche meiner Schweſter ſorgfältig auf, legte ſie wieder in das Grab und bedeckte ſie, wie zuvor. Nun aber begann er wie ein Wahnſinniger zu raſen und zertrat den Kopf des todten Thieres mit der Ferſe ſeines Stiefels. Er ging nach der Hütte zu⸗ rück, ſchloß die Thüre und warf ſich auf das Bett. Ich that das Gleiche, denn ich war vor Schrecken ganz betäubt. „Am andern Morgen wurden wir in aller Frühe durch ein lautes Klopfen an der Thüre geweckt, und der Jäger Wilfried ſtürzte herein. „Meine Tochter— Menſch— meine Tochter!— Wo iſt meine Tochter!“ rief er wüthend. „„SHoffentlich, wo die Elende— wo der Teufel ſein muß!« verſetzte mein Vater auffahrend und dem Jäger in gleichem Grimme entgegentretend. ‚Wo ſie ſein muß— in der Hölle!— Verlaß dieſe Hütte oder es ſoll dir noch ſchlechter gehen.“ „„Ha— ha!“ entgegnete der Andere; ‚glaubſt du, du könnteſt einem mächtigen Geiſte des Harzgebirges etwas anhaben? Armer Sterblicher, der du eine Währwölfin heirathen mußteſt.“ „„Fort mit dir, Dämon ich trotze dir und deiner Macht!⸗ 457 „„Du wirſt ſie noch fühlen. Erinnere dich deines Eides— des feierlichen Eides— nie deine Hand gegen ſie zu erheben, um ihr ein Leides zu thun.“ 3 „Ich ging keinen Vertrag ein mit böſen Geiſtern.“ „„Du thateſt's. Und wenn du den Eid brächeſt, ſolle die ganze Rache der Geiſter auf dich niederfallen. Deine Kinder ſollen zu Grunde gehen durch die Geier, den Wolf—⸗ „„Hinaus, hinaus, Teufel!“ „ Und ihre Gebeine bleichen in der Wildniß— ha, ha!“ „Mein Vater griff, vor Wuth ganz außer ſich, nach ſeiner Axt und ſchwang ſie gegen Wilfrieds Kopf. „„Alles dies ſchwöre ich,“ fuhr der Jäger höhnend fort. „Die Art fiel nieder, aber ſie fuhr durch die Geſtalt des Jä⸗ gers. Mein Vater verlor ſein Gleichgewicht und ſtürzte zu Boden. „Sterblicher;“ rief der Jäger, über dem Körper meines Vaters wegſchreitend, ‚„wir haben nur über diejenigen Macht, welche einen Mord begangen haben. Du haſt dich eines Doppelmords ſchuldig gemacht— und ſollſt die Strafe erleiden, die ſich an dein Heiraths⸗ gelübde knüpft. Zwei deiner Kinder ſind ſchon dahin und das dritte wird nicht verſchont bleiben— ja, auch dieſer wird noch nachfolgen, denn dein Eid iſt gehört worden. Geh'— es wäre eine Wohlthat, dich zu tödten— deine Strafe ſei— das du lebeſt.: „Mit dieſen Worten verſchwand der Geiſt. Mein Vater erhob ſich vom Boden, umarmte mich zärtlich und kniete im Gebet nieder. „Am andern Morgen verließ er die Hütte für immer. Er nahm mich mit ſich und lenkte ſeine Schritte nach Holland, wo wir wohl⸗ behalten anlangten. Er hatte einiges Geld bei ſich, aber ehe er noch lange ſich in Amſterdam aufgehalten hatte, wurde er von einem Hirnfieber befallen und ſtarb unter tobendem Wahnſinn. Ich wurde in das Waiſenhaus gebracht und nachher auf die See vor den Maſt geſchickt.— Ihr kennt jetzt meine ganze Geſchichte. Es fragt ſich nun, ob ich für den Eid meines Vaters der Strafe verfallen bin. Ich 458 bin vollkommen davon überzeugt, daß das Geſpenſt in einer oder der anderen Weiſe Wort halten wird.“ Am zweiundzwanzigſten Tage bekamen unſere Abenteurer das Hochland im Süden von Sumatra zu Geſicht. Da ſie keine Schiffe bemerkten, ſo beſchloſſen ſie, ihren Kurs durch die Straße zu halten und nach Pulo Penang zu laufen, welches ſie, da ihr Schiff ſo dicht am Winde lag, in ſieben oder acht Tagen zu erreichen hofften. Unter der Glut der Sonne waren ihre Geſichter ſo gebräunt worden, daß ſie in ihren langen Bärten und ihren Moslemkleidern leicht für Eingeborene gelten konnten. Sie ſteuerten den ganzen Tag unter der heißen Sonnenglut und legten ſich Abends nieder, um im Thau der Nacht zu ſchlafen, ohne daß ihre Geſundheit litt; aber einige Tage nach der Zeit, in welcher Krantz unſerem Helden die Geſchichte ſeiner Familie vertraut hatte, wurde der Erſtere ſtille und ſchwer⸗ müthig. Sein gewöhnlich reger Geiſt war verſchwunden und Phi⸗ lipp fragte ihn oft nach der Urſache. Als ſie in die Straße einliefen, ſprach unſer Held von den Schritten, die er bei ſeiner Ankunft in Goa einzuſchlagen hoffte. Krantz erwiederte jedoch mit Ernſt: „Philipp, ich habe ſeit einigen Tagen eine düſtere Vorahnung, daß ich jene Stadt nicht ſehen werde.“ „Fühlt Ihr Euch unwohl, Krantz?“ fragte Philipp. „Nein; ich bin an Körper und Geiſt geſund. Ich verſuchte zwar, mich der Gedanken zu entſchlagen, aber vergeblich. Eine war⸗ nende Stimme ruft mir unaufhörlich zu, daß ich nicht mehr lange bei Euch ſein werde. Philipp, Ihr werdet mich verbinden, wenn Ihr mich über einen einzigen Punkt zufrieden ſtellt. Ich trage Geld bei mir, das Euch nützlich werden kann; thut mir den Gefallen, es zu nehmen und an Eurem Leib zu verbergen.“ „Welcher Unſinn, Krantz.“ „ s iſt kein Unſinn, Philipp. Habt Ihr nicht auch Eure War⸗ nungszeichen gehabt— warum ſollte es bei mir nicht gleichfalls möglich ſein? Ihr wißt, daß ich die Furcht nicht kenne und der . 459 Tod iſt mir gleichgültig; aber ich fühle eine Ahnung, die mit jeder Stunde beſtimmter zu mir ſpricht. Es iſt irgend ein freundlicher Geiſt, der mir den Wink gibt, mich für eine andere Welt vorzube⸗ reiten. Sei es d'rum. Ich habe lange genug gelebt, um dieſes Thal der Leiden ohne Schmerz zu verlaſſen, obgleich es mir— ich gebe es zu— weh thut, mich von Euch und Aminen zu trennen, da ihr die zwei einzigen Weſen ſeid, welche mir theuer wurden.“ „Könnte der Grund nicht in Eurer allzu großen Anſtrengung und in der Erſchöpfung liegen, Krantz? Bedenkt nur, die Aufre⸗ gung, unter der wir ſeit vier Monaten gelitten haben. Iſt dies nicht zureichend, um eine entſprechende Geiſtesbedrückung zu erzeu⸗ gen? Verlaßt Euch darauf, mein lieber Freund, daß es nichts Anderes iſt.“ „Ich wollte, es wäre ſo, aber ich glaube es nicht. Auch ver⸗ bindet ſich ein gewiſſes Gefühl von Freudigkeit mit dem Gedanken, von der Erde zu ſcheiden, das aus einer anderen Ahnung ſtammt— einem Vorgefühl, das gleichfalls meinen Geiſt beſchäftigt.“ „Und das wäre?“ „Ich kann es Euch kaum ſagen, aber Amine und Ihr ſteht damit in Verbindung. Ich habe in meinen Träumen geſehen, wie ihr wieder zuſammentraft; doch ſchien es mir, als ob ein Theil eurer Prüfungen abſichtlich durch düſtere Wolken vor meinen Blicken verhüllt werde. Ich fragte:„Darf ich nicht ſehen, was dort ver⸗ vorgen iſt?— und ein unſichtbares Weſen antwortete: ‚nein, es würde dich unglücklich machen. Ehe dieſe Heimſuchung ſtattfindet, wirſt du abgerufen ſein.“ Ich dankte dann dem Himmel und fügte mich voll Ergebung.“— 3 „Das ſind nur die Vorſtellungen eines kranken Gehirns, Krantz. Ohne Zweifel iſt es wahr, daß mir noch viele Leiden vorbehalten bleiben, aber warum ſollen ſie Amine treffen— oder warum ſolltet Ihr, jung, in der Blüthe der Geſundheit und Kraft, nicht Eure Tage im Frieden hinbringen und ein hohes Alter erreichen? Ich 460 ſehe keinen Grund, das Gegentheil zu glauben. Morgen wird Euch beſſer ſein.“ „Vielleicht iſt's ſo,“ verſetzte Krantz.„Aber dennoch müßt Ihr Nachſicht haben mit meiner Grille und das Geld nehmen. Bin ich im Irrthum und erreichen wir wohlbehalten den Ort Eurer Be⸗ ſtimmung, ſo weiß ich wohl, Philipp, daß Ihr mir's wieder zurück⸗ gebt,“ bemerkte Krantz mit einem matten Lächeln—„aber Ihr ver⸗ geßt, daß unſer Waſſer beinahe zu Ende iſt. Wir müſſen nach einem Bach an der Küſte ſpähen, um friſchen Vorrath einzunehmen.“ „Ich dachte auch daran, ehe Ihr noch dieſen unwillkommenen Gegenſtand zur Sprache brachtet. Wir werden gut thun, uns noch vor der Dunkelheit nach Waſſer umzuſehen; ſobald wir unſere Krüge gefüllt haben, können wir unſere Fahrt wieder aufnehmen.“ Zur Zeit, als dieſes Geſpräch ſtattfand, ſteuerten ſie auf der Oſtſeite der Straße, etwa vierzig Meilen von ihrem nörd⸗ lichen Ende entfernt. Das Innere der Küſte war Felsgebirge, das aber langſam zu einer Niederung abſtieg und ſich mit Wald und Gebüſch bis an's Ufer fortſetzte. Das Land ſchien unbe⸗ wohnt zu ſein. Dicht ſich an's Geſtade haltend, entdeckten ſie nach zweiſtündiger Fahrt einen friſchen Strom, der in einem Waſ⸗ ſerfalle von dem Gebirge niederrauſchte und in Schlangenwindungen durch das Gebüſch glitt, bis er ſeinen Zoſl an das Gewäſſer der Straße abgab. Sie liefen auf die Mündung des Flüßleins zu, ſtrichen die Segel und ruderten die Piroque gegen die Strömung, bis ſie weit genug vorgerückt waren, um überzeugt ſein zu dürfen, daß ſie ſich auf ſüßem Waſſer befanden. Die Krüge waren bald gefüllt, und ſie gedachten wieder in die See zu ſtechen, als ihnen bei dem Anblicke des ſchönen Ortes, und da ſie ihrer langen Gefangenſchaft an Bord der Piroque müde waren, der Gedanke kam, ſich in dem kühlen Waſſer zu baden— ein Hochgenuß, den diejenigen kaum zu würdigen wiſſen, welche ſich nicht in einer ähnlichen Lage befunden haben. Sie 461 warfen ihre Kleider ab und ſtürzten ſich in den Strom, in welchem ſie eine Zeitlang blieben. Krantz ging zuerſt wieder heraus; er be⸗ klagte ſich über ein Gefühl von Froſt und begab ſich nach dem Ufer, wo ſie ihre Kleider abgelegt hatten. Philipp näherte ſich gleichfalls dem Rande des Fluſſes, um ihm zu folgen. „Ich habe jetzt eine gute Gelegenheit, Philipp,“ ſagte Krantz, „Euch das Geld zu geben. Ich ſchütte es aus meinem Gürtel und Ihr könnt es in dem Eurigen aufbewahren, ehe Ihr ihn wieder anzieht.“ Philipp ſtand noch immer im Waſſer, das ihm bis über die Hüfte ging.— „Nun, Krantz,“ entgegnete er,„wenn's denn einmal ſein muß, ſo ſei's drum, obſchon mir der Gedanke gar lächerlich vorkommt; indeß, ich will Euch den Willen thun.“ Philipp ſtieg aus dem Waſſer und ſetzte ſich neben Kratz nieder, der bereits beſchäftigt war, die Dublonen aus den Falten ſeines Gürtels zu ſchütten. Endlich ſagte er: „Ich glaube, Philipp, Ihr habt jetzt Alles. Gut, ich bin zufrieden.“. „Ich kann nicht begreifen, welche Gefahr Euch hier bedrohen könnte, ohne daß ich ihr in gleicher Weiſe ausgeſetzt wäre,“ entgeg⸗ nete Philipp.„Je nun—“ Er hatte jedoch kaum dieſe Worte ausgeſprochen, als ſich ein furchtbares Gebrüll vernehmen ließ. Durch die Luft ſauste es wie ein gewaltiger Wind— es erfolgte ein Stoß, der ihn auf den Rücken niederwarf, ein lauter Schrei— und ein Ringen. Philipp faßte ſich wieder und bemerkte, daß die nackte Geſtalt ſeines Freun⸗ des Krantz pfeilſchnell von einem ungeheuren Tiger in das Gebüſch geſchleppt wurde. Er blickte dem Ungethüm mit ſtarren Augen nach und in wenigen Sekunden war es mit Krantz verſchwunden! „Gott im Himmel! hätteſt du mir doch dieß erſpart!“ rief Phi⸗ lipp, ſich in bitterem Schmerze auf ſein Geſicht niederwerfend.„Oh, 2 462 Krantz, mein Freund— mein Bruder— nur zu gewiß war deine Ahnung. Gnädiger Gott! habe Erbarmen— doch dein Wille ge⸗ ſchehe!“ Und Philipp brach in einen Strom von Thränen aus. Länger als eine Stunde blieb er wie feſtgebannt an der Stelle, ohne die Ge⸗ fahr zu achten, welche ihn umgab. Endlich faßte er ſich einigermaßen. Er ſtand auf, kleidete ſich an und ſetzte ſich dann wieder nieder— ſeine Augen hafteten auf den Kleidern ſeines Freundes und auf dem Golde, das noch immer im Sande hingeſtreut war. „Er wollte mir ſein Gold geben und hat mir ſein Ende vor⸗ ausgeſagt. Jal ja! es war ſeine Beſtimmung und er hat ſie erfüllt. Seine Gebeine werden bleichen in der Wildniß, und der geſpenſtige Jäger iſt nebſt ſeiner Wolftochter gerächt.“ Die Schatten des Abends brachen nun ein und das dumpfe Heulen der wilden Thiere im Walde riefen Philipp die eigene Gefahr in's Gedächtniß. Er dachte an Amine, packte haſtig die Kleider und das Geld ſeines Freundes zuſammen, ſtieg in die Piroque und ſtieß mit Mühe vom Lande ab. Schweigend und mit ſchwerem Herzen hißte er das Segel, um ſeinen Lauf wieder aufzunehmen. „Ja, Amine,“ dachte Philipp, während er die blinkenden und funkelnden Sterne betrachtete,„ja, du haſt Recht, wenn du behaup⸗ teſt, die Beſtimmung der Menſchen laſſe ſich vorauswiſſen und könne von Einigen geleſen werden. Die meinige iſt leider, das ich losge⸗ riſſen werden ſoll von Allem, was ich auf Erden werth ſchätze, um einſam und freundlos zu ſterben. Wenn dieß der Fall iſt, dann will⸗ kommen Todt— tauſendmal willkommen! Welche Erleichterung wirſt du nicht für mich ſein! Mit welcher Freude werde ich nicht dem Rufe folgen, der den Müden Ruhe bringt! Ich habe meine Aufgabe zu erfüllen; gebe Gott, daß es bald geſchehen ſein möge, und mein Leben nicht fortan durch Heimſuchungen, wie dieſe, verbittert werde.“ Philipp weinte abermals, denn Krantz war ſein langerprobter, werthgeſchätzter Freund, und ſeit der Zeit, als die holländiſche Flotte 463 das Kap Horn zu umfahren ſuchte, ſein Gefährte in Gefahren und Entbehrungen geweſen. Nach ſieben Tagen eines ſchmerzlichen Wachens und Brütens über bitteren Gedanken langte Philipp zu Pulo Penang an, wo er ein Schiff fand, das im Begriff war, nach Goa abzuſegeln. Er ließ ſeine Piroque an die Seite deſſelben laufen und fand, daß es eine Brigg unter portugieſiſcher Flagge war, die jedoch nur zwei Por⸗ tugieſen an Bord hatte, da der Reſt der Mannſchaft aus Eingebor⸗ nen beſtand. Er ſtellte ſich als einen Engländer in portugieſiſchem Dienſte vor, der Schiffbruch gelitten, und da er ſich erbot, ſeine Ueberfahrt zu bezahlen, ſo wurde er ſehr bereitwillig aufgenommen. Ein paar Tage nachher ſtach die Brigg in die See. Die Reiſe war glücklich; nach ſechs Wochen ankerten ſie in der Rhede von Goa und fuhren am nächſten Tage in den Strom ein. Der portugieſiſche Kapitän deutete Philipp an, wo er Wohnung er⸗ halten könne, und da er für einen der Schiffsmannſchaft galt, ſo wurde ſeinem Landen keine Schwierigkeit in den Weg gelegt. In ſeiner neuen Wohnung begann unſer Held alsbald Nachforſchungen über Aminen anzuſtellen, indem er ſie zuerſt bloß als eine junge Frau bezeichnete, die vor einigen Wochen in einem Schiffe angelangt ſei, konnte aber keine Auskunft über ſie erlangen. „Signor,“ ſagte der Wirth,„morgen iſt das große Auto⸗da⸗ Fé; wir können nichts thun, bis dieſes vorüber iſt. Dann will ich ſehen, wie ich Euch in Eurem Wunſche an die Hand gehen kann. Inzwiſchen mögt Ihr Euch die Stadt betrachten; morgen will ich Euch nach einer Stelle bringen, wo ihr die große Proceſſion mit anſehen könnt— und dann wollen wir verſuchen, was wir thun können, um Euch in Euren Nachforſchungen Beiſtand zu leiſten.“ Philipp ging aus, beſorgte ſich andere Kleider, ließ ſich den Bart abnehmen und ſpazierte dann durch die Stadt, nach jedem Fenſter aufblickend, um zu ſehen, ob er nicht Amine bemerken könnte. An einer Straßenecke glaubte er den Pater Matthias zu erkennen und 464 eilte auf ihn zu; aber der Mönch hatte ſeine Kapuze über den Kopf gezogen und gab keine Antwort, als ihn unſer Held unter dem ge⸗ dachten Namen anredete. „Ich habe mich getäuſcht,“ dachte Philipp;„aber ich glaubte wahrhaftig, er ſei es geweſen.“ Und er hatte Recht; es war Pater Matthias, der ſich alſo gegen ein Erkennen von Seite unſeres Helden ſchützte. Ermattet kehrte er endlich vor Einbruch der Nacht nach ſeinem Gaſthofe zurück. Die Geſellſchaft war zahlreich, denn auf viele Mei⸗ len weit war Alles nach Goa gekommen, um das Auto⸗da⸗Fé mit anzuſehen, und Jedermann unterhielt ſich über die Ceremonie. „Ich bin auf dieſe große Proceſſion begierig,“ ſagte Philipp zu ſich ſelbſt, als er ſich auf ſein Bett warf.„Es wird für eine Weile meinen Gedanken eine andere Richtung geben, denn Gott weiß, wie ſchmerzlich ſte mir werden. Amine, theure Amine, mö⸗ gen die Engel dich beſchützen!“ Vierzigſtes Kapitel. Obgleich der nächſte Morgen Aminens⸗ ganzes Hoffen und Fürchten— ihr kurzes Erdenglück— ihr Elend und ihre Unge⸗ wißheit beendigen ſollte, ſchlief ſie doch, bis ihr letzter Schlummer durch das Aufriegeln ihrer Zellenthüre geſtört wurde und der Ober⸗ ſchließer mit einem Lichte erſchien. Amine fuhr auf— ſie hatte von ihrem Gatten— von glücklichen Stunden geträumt und er⸗ wachte jetzt zu der traurigen Wirklichkeit. Der Kerkermeiſter hatte ein Kleid in der Hand und forderte ſie auf, es anzuziehen. Er zündete eine Lampe an und ließ ſie allein. Der Anzug beſtand aus ſchwarzem Sarſche mit weißen Streifen. 465 Amine legte das Kleid an, warf ſich wieder auf das Bett und verſuchte, ſich den Traum in's Gedächtniß zu rufen, aus dem ſie aufgeſtört worden war— aber vergeblich. Zwei Stunden ent⸗ ſchwanden und nun erſchien der Kerkermeiſter mit der Aufforderung, ihm zu folgen. Vielleicht iſt es einer der ſchrecklichſten Gebräuche bei den Inquiſitionsgerichten, daß die Gefangenen, mögen ſie nun ihre Schuld bekannt haben, oder nicht, nach der Anklage wieder in ihre Kerker zurückkehren müſſen, ohne ſich die mindeſte Vorſtellung über ihr Urtheil machen zu können, und wenn ſie am Morgen der Hin⸗ richtung vorgeladen werden, befinden ſie ſich noch in der gleichen Ungewißheit. Die Kerkerknechte holten die Gefangenen aus ihren verſchiedenen Zellen ab und führten ſie in eine große Halle, wo die Leidensgenoſſe en verſammelt blieben. In dieſem weiten, ſchwach beleuchteten Raume ſah man ungefähr zweihundert Menſchen gleichſam zur Unterſtützung an die Wände gelehnt; ſie waren Alle in ſchwarz und weißen Sarſche gekleidet und ſtanden ſo regungslos, ſo eingeſchüchtert da, daß man ſie hätte für Bildſäulen halten können, wenn nicht das Rollen ihrer Augen, ſo oft die Kerkerknechte ab⸗ und zugingen, das Gegentheil verkündet hätte. Es war die Angſt der Ungewißheit, die noch weit ſchlimmer iſt, als die Angſt des Todes. Nach einer Weile wurde jedem Gefangenen eine ungefähr fünf Fuß lange Wachskerze in die Hand gegeben, und dann erhielten Einige den Auftrag, über ihre Kleider die Sanbeni⸗ tos— Andere die Samarias anzulegen. Diejenigen, welche die mit Flammen bemalten Kleider erhielten, gaben ſich für verloren, und es war ſchrecklich, die Angſt jedes Einzelnen mit anzuſehen, wenn die Anzüge nach einander hervorgebracht wurden; entſetzt und mit großen Schweißtropfen auf der Stirne harrten ſie, ob nicht vielleicht auch ihnen das ſchreckliche Symbol dargeboten würde. Alles war Zweifel, Furcht und Todesangſt! Aber die Gefangenen dieſer Halle gehörten nicht unter die Marryat. Der fliegende Holländer. 30. — 466 jenigen, welche den Tod zu erleiden hatten. Die Träger der San⸗ benitos ſollten nur in der Prozeſſion mitziehen und eine leichte Be⸗ ſtrafung erhalten. Die in Samarias Gekleideten waren verurtheilt worden, hatten aber durch das Bekenntniß ihres Verbrechens das verzehrende Feuer abgewandt; die Flammen auf ihrem Anzug waren umgekehrt und zeigten damit an, daß ihre Träger nicht hinge⸗ richtet werden ſollten; aber die Unglücklichen wußten dieß nicht, und alle Schrecken eines grauſamen Todes vergegenwärtigten ſich ihren irren Sinnen! Eine andere Halle, ähnlich der, nach welcher die Männer ge⸗ führt wurden, war mit weiblichen Verbrechern angefüllt. Auch hier wurden die gleichen Ceremonieen beobachtet— die⸗ ſelbe Ungewißheit, Furcht und Todesangſt malte ſich auf jedem Ge⸗ ſichte. Es gab jedoch noch ein drittes Gemach, kleiner als die beiden übrigen, welches denjenigen vorbehalten blieb, die verurtheilt wor⸗ den waren und den Tod am Pfahle ſterben ſollten. In dieſen Raum wurde Amine geführt und fand daſelbſt ſteben Andere, wie ſie ge⸗ kleidete Gefangene, von denen nur zwei Europäer, die übrigen fünf Negerſklaven waren. Jeder hatte ſeinen Beichtvater bei ſich und lauſchte angelegentlich auf deſſen Ermahnung. Ein Mönch näherte ſich Aminen, aber ſie winkte ihn mit der Hand zurück; er ſah ſie an, ſpie auf den Boden und fluchte ihr. Jetzt kam der Haupt⸗ ſchließer mit den Anzügen für diejenigen, welche ſich in dem kleinen Gemache befanden; es waren Samarias, die ſich von den andern nur dadurch unterſchieden, daß die Flammen aufwärts gemalt waren. Dieſe Anzüge beſtanden aus grauem Stoff und waren weit wie ein Fuhrmannskittel; an dem untern Theile⸗ befand ſich vorn und hinten das Bild des Verurtheilten— das heißt, nur das Geſicht— auf einem brennenden Scheiterhaufen, in deſſen Flammen Teufel gemalt waren. Unter dem Portrait ſtand der Name des Verbrechens, für welches der Gefangene den Tod erleiden ſollte. Sie mußten zuckerhutförmige Mützen aufſetzen, auf denen 467 Flammen gemalt waren, und erhielten lange Wachskerzen in bie Hände. Amine und die andern Verurtheilten mußten in ihren An⸗ zügen einige Stunden harren, ehe die Prozeſſion begann, denn der Schließer hatte ſie ſchon Morgens um zwei Uhr geweckt. Die Sonne erhob ſich ſtrahlend, ſehr zur Freude der Mitglie⸗ der des heiligen Officiums, denen es ſehr unlieb geweſen wäre, wenn ſie an einem Tage ſchlechtes Wetter gehabt hätten, an welchem ſte die Ehre der Kirche vertheidigten und den Beweis lieferten, wie treulich ſie ſich an die weiſen Lehren des Erlöſers hielten, der da Erbarmen, Liebe und Vergebung fordert. Gott im Himmel! und nicht nur die Mitglieder der heiligen Inquiſition freuten ſich, ſon⸗ dern auch Tauſend und aber Tauſende, welche von allen Seiten herbeigeſtrömt waren, um die ſchreckliche Ceremonie mitanzuſehen und ein Jubiläum zu feiern— viele vom Fanatismus des Aber⸗ glaubens geſtachelt, noch weit mehr aber aus bloßer Gedanken⸗ loſigkeit und Liebe zum Prunk. Die Straßen und freien Räume, durch welche die Proceſſion ziehen ſollte, waren ſchon zu einer frü⸗ hern Stunde angefüllt. Seidenſtoffe, Tapeten und mit Gold und Silber durchwirkte Tücher hingen zur Ehre der Proceſſion über die Balkone oder zu den Fenſtern heraus. Auf jeder Altane, an jedem Fenſter drängten ſich Damen und Cavaliere in ihrem prunkhafteſten Anzuge, ſehnlich erwartend, daß die Unglücklichen vor ihrer Hinrichtung an ihnen vorbeikämen. Doch die Welt liebt Aufregung, und wo konnte dies ein abergläubiſches Volk beſſer finden, als in einem Auto⸗da⸗Fé? Mit dem Aufgang der Sonne begann die große Glocke der Kathedrale zu läuten, und alle Gefangenen wurden nach der großen Halle hinuntergeführt, damit man die Proceſſion ordnen könne. An dem großen Eingange ſaß unter einem Thronhimmel der Großinquiſitor, von Vielen aus dem Adel Goas umgeben. Hinter ihm ſtand ſein Sekretär, der, als die Gefangenen an dem Throne . 30* 3 468 vorbeikamen und namentlich abgeleſen wurden, je den Namen eines der gedachten Cavaliere ausrief, der ſodann unverweilt vortrat und ſeine Stelle neben dem Gefangenen einnahm. Dieſe Leute werden Pathen genannt; ihre Pflicht beſteht darin, den ihrer Pflege Be⸗ fohlenen zu begleiten und für ihn verantwortlich zu ſein, bis die Ceremonie vorüber iſt. Die Uebertragung eines ſolchen Amtes durch den Großinquiſitor wird für eine hohe Ehre gehalten. Endlich begann die Proceſſion. Voran ging die Fahne der Dominikaner, da dieſer Orden die Inquiſition gründete und des⸗ halb die Eröffnung des Zuges als ein Recht anſprach. Hinter dem Banner folgten die Mönche ſelbſt in doppelter Reihe. Und was war wohl das Motto ihrer Fahne?„Justitia et Misericor- dia!“ Dann kamen die Schuldigen, etwa dreihundert an der Zahl, jeder mit ſeinem Pathen an der Seite und einer angezün⸗ deten großen Wachskerze in der Hand. Die leichteren Verbrecher mußten barfuß und mit entblößtem Haupte vorangehen. Dieſer Abtheilung, welche nur die ſchwarz und weiße Sarſche trug, folgten die Sanbenitos und dann die Samarias mit den umgekehrten Flammen. Hier kam nun eine Abtheilung in der Proceſſion, die durch ein großes Cruzifir, das Antlitz des Erlöſers nach vornen gewendet, gebildet wurde. Hiemit ſollte angedeutet werden, daß diejenigen vor dem Kreuze, auf welche der Heiland niederſah, nicht den Tod erleiden ſollten, während die Hinteren für immer verderben ſollten— in dieſer und in jener Welt. Dem Cruzifixe folgten die ſieben Verurtheilten— zuletzt Amine als die größte Verbrecherin. Aber damit ſchloß die Proceſſion noch nicht. Hinter Aminen kamen fünf Bilder an Pfählen, den gleichen Anzug tragend, der mit Flammen und Teufeln bemalt war. Je⸗ dem Bilde folgte ein Sarg, der ein Skelet enthielt. Die Bilder ſtellten diejenigen vor, welche in ihrem Kerker oder unter den Qualen der Folter geſtorben und nach ihrem Tode zum Verbrennen verurtheilt worden waren. Man hatte die Skelette wieder ausge⸗ 469 graben, und ſie ſollten jetzt dieſelbe Strafe erleiden, die ihnen im Leben geworden wäre. Die Bilder ſollten an die Pfähle geheftet und die Knochen von den Flammen verzehrt werden. Dann folg⸗ ten die Mitglieder der Inquiſition, die Vertrauten, die Mönche, die Prieſter und Hunderte von Büßenden in ſchwarzen Anzügen, die ihnen das Geſicht verhüllten— alle die angezündeten Wachs⸗ kerzen in der Hand. Es währte zwei Stunden, bis die Proceſſion, welche faſt jede bedeutende Straße von Goa durchzog, in der Kathedrale anlangte, wo die weiteren Ceremonien vorgenommen werden ſollten. Die barfüßigen Verbrecher konnten nun kaum mehr gehen, denn die kleinen ſcharfen Steine hatten ihre Füße dermaßen verwundet, daß jede Spur ihrer Tritte auf dem Boden der Kathedrale mit Blut bezeichnet wurde. Der Hochaltar der Kirche war mit ſchwarzem Tuche behangen und mit Tauſenden von Wachskerzen erhellt. Auf der einen Seite befand ſich ein Thron für den Großinquiſitor, auf der andern eine erhöhte Platform für den Vicekönig von Goa und ſein Ge⸗ folge. Im mittleren Gange ſtanden Bänke für die Gefangenen und ihre Pathen; die übrigen Theilnehmer an der Proceſſion ver⸗ theilten ſich rechts und links unter den Zuſchauern. Nachdem die Schuldigen die Kathedrale betraten, wurden ſie nach ihren Sitzen geführt, die leichteſten Verbrecher am nächſten bei dem Altare, die zum Tode Verurtheilten am fernſten. Die blutende Amine wankte nach ihrem Sitze und harrte mit Sehnſucht der Stunde entgegen, welche ſie aus einer chriſtlichen Welt abrufen ſollte. Sie dachte nicht an ſich ſelbſt oder ihre Lei⸗ den, ſondern nur an Philipp— daß er ſicher ſei vor dieſen erbar⸗ mungsloſen Geſchöpfen— und daß ihr das Glück werde, zuerſt zu ſterben, um in einer Welt des Segens wieder mit ihm zuſam⸗ men zu treffen. Durch die lange Gefangenſchaft entkräftet, voll banger Beklommenheit, erſchöpft von ihrem Schmerzensgange und 470 nach der Kerkerhaft vieler Monate der glühenden Sonne ausgeſetzt, war ſie nicht länger die ſtrahlende Schönheit, wie zuvor; um ſo rührender aber erſchienen ihre abgehärmten und doch noch voll⸗ kommenen Züge. Ein Gegenſtand der allgemeinen Neugierde, war ſie mit ge⸗ ſenkten, faſt geſchloſſenen Augen einhergegangen; aber wenn ſie hin und wieder aufblickte, legte das Feuer, das aus denſelben ſtrahlte, Zeugniß ab von der ſtolzen Seele, welche in dieſer gebrechlichen Hülle wohnte, und Viele betrachteten ſie mit ſcheuer Verwunderung, während die Mehrzahl es beklagte, daß ein ſo junges und liebens⸗ würdiges Geſchöpf zu einem ſo ſchrecklichen Schickſal verdammt ſein ſollte. Amine hatte ihren Sitz in der Kathedrale kaum ein⸗ genommen, als ſie von Erſchöpfung und der Macht ihrer Gefühle überwältigt ohnmächtig zuſammen brach. Trat Niemand vor, ihr Beiſtand zu leiſten, ſie aufzurichten und ihr belebende Mittel anzubieten? Nein— Niemand. Hun⸗ derte würden es wohl gethan haben, aber ſie wagten es nicht— ſie war ausgeſtoßen, gebannt, verlaſſen und verloren; und hätte Jemand aus Mitleid für einen leidenden Nebenmenſchen ſich unter⸗ fangen, ſie aufzurichten, ſo wäre er jedenfalls mit Argwohn be⸗ trachtet, höchſt wahrſcheinlich aber vor Gericht geſtellt worden, um dieſe Gewiſſensſache mit der heiligen Inquiſition zu bereinigen. Nach einer Weile kamen zwei Gerichtsdiener der Inquiſition auf Amine zu, halfen ihr wieder auf ihren Sitz, und ſie erholte ſich hinreichend, um denſelben behaupten zu können. Jetzt predigte ein Dominikanermönch über das zarte Erbar⸗ men und die väterliche Liebe des heiligen Officiums. Er verglich die Inquiſition mit der Arche Noahs, aus der nach der Sündfluth alle Thiere wieder hervorkamen, nur mit dem großen Unterſchiede, daß die Thiere die Arche in demſelben Zuſtande verließen, in wel⸗ chem ſie hineingingen, während Dieienigen, welche mit der ganzen Grauſamkeit ihres Charakters und mit dem Herzen von Wölfen 471 die Räume des heiligen Officiums betreten, dieſelben ſo mild und geduldig, wie Lämmer, verließen. Dann ſtieg der öffentliche An⸗ kläger auf die Kanzel und verlas die Verbrechen der Verurtheilten, wie auch die Strafen, welche ſie erleiden ſollten. Jeder Gefangene, deſſen Urtheil an die Reihe kam, wurde durch die Diener des Offi⸗ ciums vor die Kanzel gebracht, damit er ſtehend und die Wachs⸗ kerze in der Hand den Spruch vernehme. Sobald die Urtheile aller derjenigen, deren Leben geſchont werden ſollte, verleſen waren, legte der Großinquiſitor ſein prieſter⸗ liches Gewand an und erſchien im Gefolge mehrerer Anderer, um den Begnadigten dadurch den Bannfluch abzunehmen, daß er mit einem kleinen Wedel Weihwaſſer auf ſie ſprengte. Sobald dieſer Theil der Ceremonie vorüber war, wurden der Reihe nach die zur Hinrichtung Beſtimmten und die Bilder der⸗ jenigen, welche im Tode Rettung gefunden hatten, vor die Kanzel gebracht und ihre Urtheile verleſen. Der Schluß war bei Allen gleichlautend:„daß es die heilige Inquiſition um ihrer Herzens⸗ härtigkeit und der Menge ihrer Verbrechen willen unmöglich ge⸗ funden habe, ſie zu begnadigen. Mit großem Herzeleid überant⸗ wortete man ſie daher dem weltlichen Richter, daß er die Strafe der Geſetze an ihnen vollziehe. Zugleich wolle man eben dieſe Obrigkeit ermahnt haben, den unglücklichen Elenden Milde und Erbarmen zu erweiſen, und wenn denn einmal ein Todesurtheil vollſtreckt werden müſſe, ſo folle es jedenfalls ohne Blutver⸗ gießen geſchehen.“ Welcher Hohn in dieſer ſcheinbaren Fürbitte, kein Blut zu vergießen, wenn an die Erfüllung derſelben die Qual des Scheiter⸗ haufens geknüpft iſt!. Amine war die Letzte, welche vor die Kanzel geführt wurde; dieſe befand ſich an einer der dicken Säulen des Mittelganges, di neben dem Throne, welcher der Großinquiſitor einnahm. „Du, Amine Vanderdecken—“ rief der öffentliche A 472 In dieſem Augenblicke ließ ſich ein ungewöhnliches Geräuſch in dem Gewühle unter der Kanzel vernehmen; es war ein Ringen, mit Vorſtellungen begleitet, und die Beamten erhoben ihre Stäbe, um Anſtand und Schweigen zu gebieten— aber ohne Erfolg. „Du, Amine Vanderdecken, biſt angeklagt—“ Ein abermaliges heftiges Ringen und aus dem Haufen ſtürzte ein junger Mann hervor, der auf Amine zueilte und ſie in ſeine Arme ſchloß. „Philipp! Philipp!“ rief Amine, an ſeine Bruſt ſinkend. Er hatte ſie aufgefangen; und während er ſie umſchlang, fiel ihr die Flammenmütze vom Kopfe und rollte auf dem Marmor⸗ pflaſter dahin. „Meine Amine— mein angebetetes Weib— müſſen wir ſo uns wiederſehen? Mein Gott, ſie iſt unſchuldig. Zurück, ihr Männer,“ fuhr er gegen die Diener der Inquiſition fort, welche die Beiden auseinander reißen wollten.„Zurück, oder ihr ſollt's mit eurem Leben zahlen!“ Dieſe Drohung an die Gerichtsdiener und dieſer Trotz gegen das heilige Officium war nicht zu ertragen. Die ganze Verſamm⸗ lung gerieth in einen Zuſtand von Aufruhr, und der Feierlichkeit der Ceremonie drohte Gefahr. Der Vicekönig und ſeine Begleiter hatten ſich von ihren Stühlen erhoben, um zu ſehen, was vorging, und die Menge drängte heran. Da gab der Großinquiſitor ſeine Befehle, und andere Gerichtsdiener eilten herbei, um den Beiden Beiſtand zu leiſten, welche Amine vorgeführt hatten und nun im Begriffe waren, ſie Philipps Armen zu entreißen. Der Kampf war furchtbar. Philipp ſchien mit der Kraft von zwanzig Män⸗ nern begabt zu ſein, und es ſtand mehrere Minuten an, ehe es dem Gerichtsperſonal gelang, die Gatten zu trennen; aber auch dann ch ſetzte Philipp ſein verzweifeltes Ringen fort. Amine, die von zwei Vertrauten feſtgehalten wurde, ſchrie Uls laut auf und verſuchte abermals, obſchon vergeblich, in 473 die Arme ihres Gatten zu ſtürzen. Endlich gelang es Philipp, ſich durch eine furchtbare Anſtrengung loszumachen; dann aber ſank er hülfslos auf das Pflaſter nieder. Die entſetzliche Auf⸗ regung hatte das Berſten eines Blutgefäßes herbeigeführt, und er blieb regungslos auf dem Boden liegen. „Oh Gott! oh Gott! er iſt ermordet— Ungeheuer— Mör⸗ der— laßt mich ihn nur noch ein einzigesmal umarmen—“ rief Amine außer ſich. Ein Prieſter trat nun vor— es war Pater Matthias— mit tief bekümmertem Geſichte. Er forderte einige der Umſtehen⸗ den auf, Philipp Vanderdecken hinaus zu bringen, und ſo wurde der Unglückliche in einem Zuſtande von Beſinnungsloſigkeit, wäh⸗ rend das Blut in Strömen aus ſeinem Munde ſchoß, Aminens Blicken entnommen. Aminens Urtheil wurde verleſen— ſie hörte es nicht; ihr Ge⸗ hirn war verwirrt. Man führte ſie nach ihrem Sitze zurück, aber jetzt war auch all' ihr Muth, ihre ganze Standhaftigkeit und See⸗ lenſtärke dahin. Während der übrigen Ceremonie erfüllte ſie die Kirche mit ihrem wilden, krampfhaften Schluchzen, und ſowohl Bitten als Drohungen gingen an ihr verloren. Alles war jetzt vorüber, bis auf die letzte und traurigſte Scene des Dramas. Die Gefangenen, welche geſchont geblieben, wurden von ihren Pathen in das Inquiſitionsgebäude zurückgeführt, die Verurtheilten aber nach dem Ufer des Fluſſes hinuntergebracht,— um den Tod zu erleiden. Die Ceremonie ſollte auf einem großen, freien Platze, links von dem Zollhauſe, vorgenommen werden. Wie in der Kathedrale, waren auch hier für den Großinquiſitor und den Vicekönig, der prunkhaft die Proceſſion eröffnete, während eine ungeheure Volksmenge nachſtrömte— Throne errichtet. Drei⸗ zehn Pfähle waren aufgepflanzt, acht für die Lebenden, fünf für die Todten. Die Henker ſaßen auf den Scheiterhaufen oder ſtan⸗ den daneben, ihrer Opfer harrend. Amine konnte nicht gehen; ſie 474 wurde zuerſt von den Vertrauten unterſtützt, dann aber nach dem ihr angewieſenen Pfahle getragen. Als man ſie vor dem Scheiter⸗ haufen niederließ, ſchien ihr Muth wieder neu zu erwachen; ſie ſtieg muthig hinauf, faltete ihre Arme und lehnte ſich an den Pfahl. Die Henker begannen nun ihr Amt. Um Aminens Leib wur⸗ den Ketten geſchlungen und die Holzſcheite ſammt den Reißbündeln um ſie aufgehäuft. Ein Gleiches geſchah bei den übrigen Verur⸗ theilten, und die Beichtväter traten an die Seite der Opfer. Amine winkte unwillig diejenigen zurück, welche ſich ihr näherten, als mit einemmale Pater Matthias faſt athemlos aus dem Gedränge brach, durch das er ſich einen Weg gebahnt hatte. „Amine Vanderdecken— unglückliches Weib, hätteſt du mei⸗ nem Rathe Folge geleiſtet, ſo wäre dies nicht geſchehen. Jetzt iſt es zu ſpät, aber nicht zu ſpät um deine Seele zu retten. Laſſe ab von deinem Starrſinn— von deiner Herzenshärtigkeit. Rufe den gebenedeiten Erlöſer an, damit er deinen Geiſt aufnehme— ſuche Gnade in ſeinen heiligen Wunden. Es iſt zwar die eilfte Stunde, aber nicht zu ſpät. Amine,“ fuhr der alte Mann unter Thränen fort,„ich bitte— ich beſchwöre dich. Nimm wenigſtens dieſe Laſt von Kummer meinem Herzen ab.“ „Unglückliches Weib, ſagſt du?“ perſetzte ſie,„ſprich lieber: unglücklicher Prieſter, denn Aminens Leiden werden bald vorüber ſein, während du noch die Folterqual der Verdammten erleiden mußt. Unſelig war der Tag, als mein Gatte dich vom Tode ret⸗ tete— noch unſeliger das Mitleid, das ihn bewog, dir eine Zu⸗ fluchtsſtätte anzubieten. Unſelig war die Bekanntſchaft mit dir vom erſten Tag an bis zum letzten. Ich gebe dir dieſe That auf dein Gewiſſen— wenn du noch ein Gewiſſen haſt— aber ich möchte nicht dieſen grauſamen Tod gegen den Schmerz ver⸗ tauſchen, der ſich durch dein ganzes künftiges Leben hinziehen wird. Verlaß mich— ich ſterbe im Glauben meiner Väter 475 und verachte eine Religion, die eine Scene, wie die gegenwärtige, genehmigt.“ „Amine Vanderdecken!“ rief der Prieſter auf ſeine Kniee nie⸗ derfallend und die Hände in bitterer Seelenqual ringend. „Verlaßt mich, Vater.“ „Du haſt nur noch eine Minnte übrig— um der Liebe Gottes willen—“ „Ich ſage Euch noch einmal, verlaßt mich— dieſe Minute gehört mir.“ Pater Matthias wandte ſich verzweifelnd ab und Thränen ſtrömten über die Wangen des Greiſes. Wie Amine ſagte, kannte ſein Schmerz keine Grenzen. Der Nachrichter fragte nun die Beichtväter, ob die Schuldigen im wahren Glauben ſtürben. Wurde die Frage mit Ja beant⸗ wortet, ſo ſchlang man den Unglücklichen einen am Pfahle befeſtig⸗ ten Strick um den Hals und erdroſſelte ſie, ehe das Feuer ange⸗ zündet wurde. Alle Verurtheilten waren in dieſer Weiſe geſtorben, und der Nachrichter fragte nun Pater Matthias, ob Amine gleich⸗ falls Anſprüche auf dieſe große Gnade habe. Der alte Prieſter antwortete nicht, ſondern ſchüttelte nur den Kopf. Der Nachrichter wandte ſich ab. Nach einer kurzen Pauſe folgte ihm Pater Matthias, ergriff ihn am Arm und ſagte ihm mit ſtotternder Stimme: „Laßt ſie nicht lange leiden.“ Der Großinquiſitor gab das Signal, und ſämmtliche Schei⸗ terhaufen wurden in dem gleichen Augenblicke angezündet. Der Bitte des Prieſters willfahrend, hatte der Nachrichter einen Haufen feuchtes Stroh auf Aminens Holzſtoß geworfen, der einen dichten Rauch verbreitete, ehe er in Band gerieth. „Mutter, Mutter! Ich komme zu dir!“ waren die letzten Worte, die ſich von Aminens Lippen vernehmen ließen. Die Flammen griffen bald wüthend um ſich und ſchlugen weit 476 über dem Pfahle zuſammen, an den ſie gefeſſelt war. Allmählig legten ſie ſich, und als die klimmende Aſche den Boden bedeckte, ſah man einige Knochenſtücke von einer Kette umſchlungen. Dies war Alles, was von der vormals ſo unvergleichlichen, hochherzigen Amine übrig blieb. Einundvierzigſtes Kapitel. Jahre ſind ſeit Aminens Leiden und ihrem grauſamen Tode entſchwunden, und noch einmal bringen wir Philipp Vanderdecken auf die Bühne. Wo war er während dieſer langen Zeit? In einem Irrenhauſe— das einemal tobſüchtig, an Ketten gelegt und mit Schlägen mißhandelt, ein andermal wieder mild und friedlich. Hin und wieder ſchien die Vernunft hervorzubrechen, wie die Sonne an einem wolkigen Tag, dann aber war wieder mit einemmale Alles verdunkelt. Viele Jahre bewachte ihn ſorgfältig ein Mann, welcher der Hoffnung lebte, die Geſundheit ſeines Geiſtes wieder⸗ kehren zu ſehen. Es war eine Wache voll von Kummer und Ge⸗ wiſſensbiſſen, und der Hüter ſtarb, ohne ſeine heißen Wünſche er⸗ füllt zu ſehen. Der Mann war Pater Matthias! Das Häuschen zu Terneuſe war längſt in Trümmer verfallen, denn viele Jahre wartete es vergeblich auf die Rückkehr ſeiner Ei⸗ genthümer, und endlich ſetzten ſich die Erben in den Beſitz von Philipp Vanderdeckens Vermögen. Selbſt Aminens Schickſal war aus der Erinnerung der meiſten Leute verſchwunden, obſchon ihr Porträt über glühenden Kohlen und der Name ihres Verbrechens unten angeſchrieben— nach der gewöhnlichen Sitte in der Kirche 477 der Inquiſition hängt und durch ſeine außerordentliche Schönheit die Aufmerkſamkeit auch des gleichgültigſten Vorübergehenden auf ſich zieht. Viele, viele Jahre ſind dahin— Philipps Haar iſt weiß, ſeine einſt ſo kräftige Geſtalt zuſammengebrochen und er erſcheint viel älter, als er ſeinen Jahren nach ſollte. Er iſt jetzt geſund, aber ſeine Kräfte ſind dahin. Des Lebens müde, wünſcht er nichts mehr, als ſeine Sendung zu erfüllen und dann durch den Tod in die willkommene Ruhe einzugehen.„ Die Reliquie iſt ihm nie abgenommen worden. Man hat ihn aus dem Irrenhauſe entlaſſen und mit den Mitteln verſehen, in ſein Vaterland zurückzukehren. Aber ach! er hat jetzt kein Vater⸗ land— keine Heimath— nichts mehr auf der Welt, was ihn auf ihr feſtzuhalten vermöchte. Er wünſcht nur noch ſeine Pflicht zu thun und zu ſterben. Das Schiff war bereit, nach Europa auszuſegeln, und Philipp Vanderdecken begab ſich an Bord— gleichgültig, wohin es ging. Die Rückkehr nach Terneuſe hatte er nicht im Auge, denn ſchon der Gedanke war ihm zuwider, einen Schauplatz zu beſuchen, wo er ſo glücklich und ſo elend geweſen war. Aminens Geſtalt war in ſeinem Herzen eingegraben, und er ſah mit Ungeduld der Zeit entgegen, wann er abberufen werden ſollte, um ſich mit ihr im Lande der Geiſter zu vereinigen. Nach ſo vielen Jahren der Geiſtesverwirrung war er wie aus einem Traume erwacht, und er gehörte nicht länger unter die Zahl der eifrigen Katholiken, denn er konnte nie an ſeine Religion denken, ohne ſich Aminens grauſames Schickſal in's Gedächtniß zu rufen. Dennoch hing er an ſeiner Reliquie— er⸗ glaubte an ſie— und an ſie allein. Sie war ſein Gott— ſein Glaube— ſein Alles— ein Schlüſſel für ihn und ſeinen Vater in die andere Welt— das Mittel, durch das er ſich mit ſeiner Amine wieder vereinigen konnte. 478 Stundenlang ſaß er da, den theuren Gegenſtand betrachtend und jedes wichtige Ereigniß in ſeinem Leben, von dem Tode ſeiner ar⸗ men Mutter und dem Augenblicke an, als er Aminen zum erſten⸗ mal ſah, bis zur letzten fürchterlichen Scene ſeinem Geiſte verge⸗ genwärtigend. Die Reliquie war ihm ein Tagebuch ſeines Daſeins, ein Anhaltspunkt für alle ſeine künftigen Hoffnungen. „Wann— oh, wann ſoll es erfüllt werden?“ lautete der be⸗ ſtändige Refrain ſeiner Träumereien.„Geſegnet wird mir der Tag ſein, wann ich dieſe Welt des Haſſes verlaſſe und in eine andere eintrete, wo der Müde Ruhe findet.“ Das Fahrzeug, an deſſen Bord ſich Philipp als Paſſagier ein⸗ ſchiffte, war die Noſtra Sennora da Monte, eine Brigg von dreihun⸗ dert Tonnen, die nach Liſſabon ſegelte. Der Kapitän war ein aber⸗ gläubiſcher alter Portugieſe und ein großer Freund des Araks— eine Liebhaberei, die man unter den Angehörigen ſeiner Nation nicht häufig trifft. Sie ſegelten nach Goa aus, und Philipp ſtand auf dem Hinterſchiffe, wehmüthig den Thurm der Kathedrale betrach⸗ tend, in welcher er ſein Weib zum letztenmale geſehen hatte, als er ſich am Ellenbogen berührt fühlte. Er wandte ſich um. „Wieder einmal Reiſegefährten,“ ſagte eine wohlbekannte Stimme— es war die des Piloten Schriften. In dem Aeußeren des Mannes war keine Veränderung vorge⸗ gangen. Er zeigte keine Spur von der Neige der Jahre, und ſein einziges Auge glänzte ſo grell, als nur je. Philipp fuhr zuſammen— nicht nur über den Anblick des Mannes, ſondern auch über die Erinnerungen, welche die unerwartete Erſcheinung in ſeinem Geiſte auftauchen ließ. Dies währte jedoch nur einen Augenblick, und er wurde wieder ruhig und gedankenvoll. „Ihr wieder hier, Schriften 2“ bemerkte Philipp.„Ich hoffe, Euer Erſcheinen iſt ein Vorbote, daß mein Auftrag bald erfüllt ſein wird.“ 479 „Vielleicht,“ verſetzte der Pilot;„wir find beide müde.“ Philipp gab keine Antwort; er fragte Schriften nicht einmal, in welcher Weiſe er von dem Fort entkommen war. Es war ihm gleichgültig, denn er fühlte, daß der Mann ein gefeietes Leben hatte. „Während Ihr ſo lange eingeſchloſſen wart, Philipp Vander⸗ decken, ſind viele Schiffe zu Grunde gegangen und viele Seelen zu ihrer Rechenſchaft abgerufen worden, die mit dem Schiffe Eures Vaters zuſammen trafen,“ bemerkte der Pilot. „Möge unſere nächſte Begegnung glücklicher— möge ſie die letzte ſein“— entgegnete Philipp. „‚Nein, nein; lieber möge er ſein Urtheil erfüllen und ſegeln bis zum Tage des Gerichts,“ erwiederte der Pilot mit Nachdruck. „Elender! Doch ich habe eine Ahnung, daß dein verabſcheu⸗ ungswürdiger Wunſch nicht in Erfüllung gehen werde. Hinweg!— verlaßt mich! oder Ihr ſollt finden, daß dieſer Arm doch noch Kraft beſitzt, obgleich das Elend mein Haupt gebleicht hat.“ Schriften ging mit finſterer Miene hinweg; er ſchien ſich vor Philipp zu fürchten, obgleich die Furcht nicht ſeinem Haſſe gleich kam. Er verſuchte es nun wieder wie früher, die Schiffsmannſchaft gegen Philipp aufzuhetzen, indem er erklärte, er ſei ein Jonas, der den Verluſt des Schiffes herbeiführen werde, da er mit dem flie⸗ genden Holländer verwandt ſei. Philipp bemerkte gar bald, daß er gemieden wurde; er ergriff daher Repreſſalien, indem er Schriften für einen Dämon erklärte. Das Ausſehen des Lotſen übte einen ſehr ungünſtigen Eindruck, während das unſeres Philipps ſo gewin⸗ nend war, daß die Leute an Bord kaum wußten, was ſie denken ſollten. Die Meinungen theilten ſich; Einige traten auf Philipps, Andere auf Schriftens Seite. Der Kapitän nebſt vielen Andern betrachtete Beide mit gleichem Grauſen und ſehnten ſich nach einer Gelegenheit, um beide aus dem Schiffe entfernen zu können. Wie bereits bemerkt, war der Kapitän ſehr abergläubiſch und 480 der Flaſche zugethan. Am Morgen, wenn er nüchtern war, pflegte er zu beten; Nachmittags lebte er im Rauſche und fluchte auf die⸗ ſelben Heiligen, deren Schutz er einige Stunden zuvor angerufen hatte.— „Möge der heilige Antonius uns bewahren und uns vor Ver⸗ ſuchung behüten,“ ſagte er eines Morgens nach einem Geſpräche mit den Paſſagieren über das Geſpenſterſchiff.„Mögen uns alle Heiligen vor Schaden bewahren,“ fuhr er fort, indem er ehrerbietig ſeinen Hut abnahm und ſich bekreuzte.„Wenn ich mir dieſe zwei gefährlichen Menſchen ohne Gefährde vom Halſe ſchaffen kann, ſo will ich, ſobald ich wohlbehalten vor dem Thurm von Belem Anker werfe, hundert ſechslöthige Wachskerzen auf dem Altar der heiligen Jungfrau opfern.“ Am Abende änderte er ſeine Sprache. „Wenn der vermaledeite heilige Antonius uns nicht hilft, möge er ſelbſt das hölliſche Feuer verſpüren. Hole ihn der Teufel ſammt ſeinen Schweinen! Wenn er den Muth hat, ſeine Schuldigkeit zu thun, ſo wird Alles gut gehen; aber er iſt ein feiger Wicht, küm⸗ mert ſich um Niemand und läßt diejenigen im Stiche, welche ihn aus ihrer Noth anrufen. Carombo! Ich gebe nicht ſo viel für dich,“ rief der Kapitän, nach dem kleinen Altare des Heiligen über dem Kompaßhäuschen aufblickend und ſeine Finger nach dem Bilde ſchnippend;„ich gebe nicht ſo viel für dich, du unnützer Tropf, der uns nie in unſern Nöthen hilft. Der Pabſt muß einige beſſere Heilige für uns kanoniſiren, denn alle, die wir bis jetzt haben, ſind abgenützt. Früher konnten ſie doch etwas, jetzt aber möchte ich keine zwei Unzen Gold für den ganzen Kalender geben. Das für dich, du ſchläfriger alter Schurke,“ fuhr der Kapitän fort, die Fauſt nach dem armen St. Antonius ſchüttelnd. Das Schiff hatte nun die Höhe des ſüdlichen Endes von Afrika erreicht, und war noch ungefähr hundert Meilen von der Lagullas⸗ 481 Der Morgen war ſchön; die leichte, ſtätige Briſe küſte entfernt. kräuſelte nur ein wenig die Meeresfläche, und das Schiff ſteuerte an dem Winde mit einer Schnelligkeit von etwa vier Meilen in der Stunde. 3 „Geſegnet ſeien die Heiligen,“ ſagte der Kapitän, welcher eben auf dem Decke erſchien;„ein abermaliges kleines Umſchlagen zu unſeren Gunſten, und wir können unſeren Cours anlegen.— Ich ſage noch einmal, geſegnet ſeien die Heiligen, und namentlich un⸗ ſer würdiger Schutzpatron, der heilige Antonius, der die Nostra Senora da Monte unter ſeine beſondere Obhut genommen hat. Wir haben Ausſicht auf ſchönes Wetter. Kommt Signores, wir wollen unſer Frühſtück einnehmen und dann unſere Cigarros auf dem Decke rauchen.“ Aber die Scene änderte ſich bald. Eine Wolkenmaſſe erhob ſich im Oſten mit einer Geſchwindigkeit, die den Matroſen unna⸗ türlich erſchien, und bedeckte im Nu das ganze Firmament. Die Sonne verdunkelte ſich, und Alles war ein einziges, tiefes, unna⸗ türliches Düſter. Das Meer legte ſich. Es war nicht gerade dun⸗ kel, aber der Himmel hüllte ſich in einen rothen Nebel, ſo, daß es das Ausſehen gewann, als ob die Welt in Brand ſtehe. In der Kajüte bemerkte Philipp zuerſt das zunehmende Dun⸗ kel, und begab ſich deshalb auf das Deck; erſtaunt folgten ihm der Kapitän und die Paſſagiere. Es war unnatürlich und unbe⸗ greiflich. „Heilige Jungfrau, ſchütze uns— was kann dies zu bedeuten haben?“ rief der Kapitän erſchreckt.„Heiliger Antonius ſteh' uns bei— das iſt ja fürchterlich!“ „Dort! dort!“ ſchrieen die Matroſen, über das Bruſtholz hin⸗ deutend. Jedermann ſchaute über das Schanddeck, um zu ſehen, was zu ſolchem Ausrufen Anlaß gab. Philipp, Schriften und der Kapitän ſtanden nebeneinander. Etwa zwei Kabellängen entfernt Maxrryat. Der fliegende Holländer. 3 34 482 erhoben ſich vor dem Bruſtholze langſam die Bramſtengen und Spieren eines Schiffes aus dem Waſſer. Dann folgten allmählig die Stangen und Marsraaen mit ihren Segeln, höher und höher aus dem feuchten Elemente aufſteigend. Nachgerade zeigten ſich die untern Maſten mit dem Takelwerk, und zuletzt hob ſich auch der Rumpf über den Meeresſpiegel, die Pforten mit ihrem Ge⸗ ſchütze zeigend, und nun lag ein ganzes Schiff mit unter rechten Winkeln gebraßter Hauptraa in kurzer Entfernung vor der Brigg. „Heilige Jungfrau!“ rief der Kapitän athemlos,„ich habe wohl ſchon Schiffe untergehen, aber nie heraufkommen ſehen. Ich will tauſend zwanziglöthige Kerzen auf dem Altar der heiligen Jungfrau opfern, wenn ſie uns aus dieſer Noth rettet. Tauſend Wachskerzen! hörſt du mich, gebenedeite Frau— jede zu zwanzig Lothen. Signores,“ rief der Kapitän den Reiſenden zu, welche entſetzt daſtanden— warum thut ihr nicht auch ein Ge⸗ lübde?— Gelobt, ſage ich; gelobt doch wenigſtens.“ „Das Geiſterſchiff— der fliegende Holländer,“ kreiſchte Schriften.„Ich ſagte Euch ja, Philipp Vanderdecken— da iſt Euer Vater— hil hil! hi!“ 3 5 Philipps Augen blieben auf dem geſpenſtiſchen Schiffe haften; er bemerkte, daß man dort ein Boot über die Windvierung nie⸗ derließ. „Iſts möglich,“ dachte er,„daß mir jetzt der Zutritt geſtat⸗ tet iſt!“ Und Philipp ſteckte die Hand in ſeinen Buſen und umfaßte die Reliquie.. Das Dunkel hatte jetzt ſo zugenommen, daß man kaum den Rumpf des fremden Schiffes durch die dunſtige Atmoſphäre unter⸗ ſcheiden konnte. Die Matroſen und Reiſenden warfen ſich auf 1 die Knie nieder und riefen ihre Heiligen an. Der Kapitän eilte hinunter, um eine Kerze zu holen und ſte vor dem Bilde des heili⸗ gen Antonius anzuzünden, das er aus ſeinem Tabernakel heraus⸗ 483 nahm, augenſcheinlich mit viel andächtiger Rührung küßte und dann wieder an ſeinen Ort ſtellte.—. Bald nachher ließ ſich Rudergeplätſcher neben dem Schiff ver⸗ nehmen und eine Stimme rief laut: „He, Ihr guten Leute, werft ein Tau über das Vorderſchiff herunter.“. Niemand antwortete oder entſprag dieſer Aufforderung. Nur Schriften ging auf den Kapitän zu und ſagte ihm, wenn die Leute im Boote Briefe übergeben wollten, ſolle man ſie nicht annehmen, da ſonſt das Schiff zu Grunde gehen und alle an Bord umkommen würden. Jetzt ſtieg ein Mann bei der Laufplanke über das Schanddeck. „Ihr hättet mir wohl ein Tau zuwerfen können, meine lieben Leute,“ ſagte er, als er auf das Deck trat.„Wo iſt der Kapitän?“ „Hier,“ antwortete der Kapitän, von Kopf bis zu den Füßen zitternd. 3 Der Mann, der ihn angeredet hatte, war ein wetterfeſter See⸗ mann in einer Pelzmütze und Beinkleidern aus Segeltuch; er hielt einige Briefe in der Hand. „Was wollt Ihr?“ rief endlich der Kapitän. „Ja— was wollt Ihr?“ ſtimmte Schriften ein.„Hi! hi!“* „Wie, Ihr auch hier, Pilot?“ verſetzte der Mann.„Ei— ich meinte, Ihr läget längſt ſchon in David's Truhe.“ „Hil hi!“ entgegnete Schriften ſich abwendend. „Nun, die Sache iſt ſo, Kapitän: wir haben ſehr ſchlechtes Wetter gehabt und wünſchen Briefe nach Hauſe zu ſchicken. Ich glaube, wir werden nie um dieſes Kap herumkommen. „Ich kann ſie nicht annehmen,“ rief der Kapitän. „Könnt ſie nicht annehmen? das iſt doch ſehr ſonderbar— aber jedes Schiff weist unſere Briefe zurück.'s iſt ſehr unfreund⸗ lich— Seeleute ſollten doch ein Gefühl für Kameraden haben, namentlich wenn dieſelben im Unglück find. Gott weiß, wir 31* 484 wünſchen unſere Weiber und Familien wieder zu ſehen, und es würde uns großen Troſt gewähren, wenn ſie nur von uns hören könnten.“ „Ich kann Eure Briefe nicht annehmen— die Heiligen mögen uns davor bewahren,“ verſetzte der Kapitän. „Und wir ſind ſchon ſo lange auf dem Wege,“ ſagte der See⸗ mann, den Kopf ſchüttelnd. „Wie lange ſchon?“ fragte der Kapitän, der nicht wußte, was er ſagen ſollte. „Wir können's nicht ſagen; unſer Kalender iſt über Bord geblaſen worden; und wir haben unſere Giſſung verloren. Wir kennen unſere Breite nie genau, denn wir ſind nicht im Stande, die Abweichung der Sonne für den rechten Tag anzugeben.“ „Laßt mich Eure Briefe ſehen,“ ſagte Philipp, indem er vortrat und ſie dem Seemann aus der Hand nahm. „Sie dürfen nicht berührt werden,“ kreiſchte Schriften. „Hinweg, Ungeheuer!“ entgegnete Philipp.„Wer wagt es, mir in den Weg zu treten?“ „Dem Untergang— dem Untergang— dem Untergang ge⸗ weiht!“ rief Schriften, auf dem Decke hin⸗ und herrennend und dann in ein wildes Gelächter ausbrechend. „Berührt die Briefe nicht,“ ſagte der Kapitän, der wie unter einem Fieberſchauer zitterte. Philipp gab keine Antwort, ſondern ſtreckte die Hand nach den Briefen aus.. „Hier iſt einer von unſerem zweiten Maten an ſein Weib in Amſterdam, die auf dem Waſer⸗Kai lebt.“ „Der Waſer⸗Kai exiſtirt längſt nicht mehr, mein guter Freund; an ſeiner Stelle befindet ſich jetzt eine große Schiffsdocke,“ verſetzte Philipp. „Unmöglich!“ entgegnete der Mann.„Da iſt ein anderer —-— — 485 von dem Hochbootsmann an ſeinen Vater, der auf dem alten Markte wohnt.“ 3 „Der alte Markt iſt längſt eingegangen und hat jetzt einer Kirche Platz gemacht.“ „Unmöglich!“ rief der Seemann.„Da iſt ein anderer von mir ſelbſt an meine Liebſte, Vrow Ketſer— mit Geld, um ihr eine neue Buſennadel zu kaufen.“ 8 Philipp ſchüttelte den Kopf. „Ich erinnere mich, eine alte Frau dieſes Namens geſehen zu haben, die vor etwa dreißig Jahren begraben wurde.“ „Unmöglich! Ich verließ ſie jung und blühend. Hier iſt einer an das Haus Slutz und Compagnie, welchem das Schiff gehört.“ „Es gibt kein ſolches Haus mehr,“ erwiederte Philipp,„ob⸗ ſchon ich gehört habe, daß vor vielen Jahren eine Firma dieſes Namens beſtand.“ „Unmöglich! Ihr macht Euch luſtig über mich. Da iſt ein Brief von unſerem Kapitän an ſeinen Sohn——“ „Gebt ihn her,“ rief Philipp, den Brief ergreifend, und war eben im Begriff, das Siegel zu erbrechen, als ihm Schrif⸗ ten das Papier aus der Hand riß und es über das Leeſchand⸗ deck warf.. „Das iſt ein garſtiger Streich von einem alten Schiffskamera⸗ den,“ bemerkte der Seemann. Schriften gab keine Antwort, ſondern ergriff auch die andern Briefe, welche Philipp auf die Gangſpille niedergelegt hatte, und warf ſie dem erſten nach.. Der fremde Seemann vergoß Thränen und begab ſich wieder nach der Seite des Schiffes.„Es iſt ſehr hart und unfreundlich,“ bemerkte er im Hinunterſteigen.„Denkt an mich, die Zeit wird kommen, in der auch Ihr wünſcht, daß Eure Familie Nachricht von Euch erhalten möchte.“ 486 Mit dieſen Worten verſchwand er, und einen Augenblick ſpäter hörte man den Ton der Ruder, die das Boot von dem Schiff ab⸗ führten. „Heiliger Antonius!“ rief der Kapitän,„ich weiß vor Schrecken und Verwunderung nicht, wo mir der Kopf ſteht. Kellermeiſter, bringt mir den Arac herauf.“ Der Kellermeiſter eilte nach der Flaſche: er war ebenſo er⸗ ſchrocken, als ſein Kapitän, und bediente ſich zuvor ſelbſt, ehe er dem Geheiß entſprach. „Nun,“ ſagte der Kapitän, nachdem er die Flaſche ein paar Minuten an den Mund gehalten und bis auf den Grund ausgetrun⸗ ken hatte,„was iſt jetzt zunächſt zu thun?“ „Das will ich Euch ſagen,“ entgegnete Schriften, auf ihn zu⸗ gehend.„Dieſer Mann hat einen Zauber um ſeinen Hals hängen; entreißt ihm denſelben und werft ihn über Bord, ſo wird Euer Schiff gerettet ſein; wo nicht, ſo geht es verloren— mit Mann und Maus.“ „Ja, ja, er hat Recht— verlaßt Euch darauf,“ riefen die Matroſen. „Ihr Thoren,“ entgegnete Philipp,„wie mögt Ihr dieſem Elenden glauben? Habt Ihr nicht gehört, wie der Mann, der an Bord kam, ihn erkannte und als Schiffskameraden begrüßte? Er iſt die Perſon, deren Anweſenheit an Bord zum Unglück füh⸗ ren muß.“.. „Ja, ja,“ riefen die Matroſen,„er hat Recht— der Mann nannte ihn Schiffskamerad.“ „Ich ſage Euch, Ihr ſeid völlig auf dem Irrwege,“ rief Schriften.„Dieſer Mann hier iſt's— laßt ihn den Zauber her⸗ ausgeben.“ „Ja, ja— er ſoll den Zauber herausgeben,“ riefen die Ma⸗ troſen und ſtürzten auf Philipp zu. Philipp wich nach der Stelle zurück, wo der Kapitän ſtand. 487 „Wahnſinnige, was beginnt Ihr? Es iſt ein Stück von dem heiligen Kreuze, das ich an meinem Halſe trage. Werft es über Bord, wenn Ihr es wagt, und Eure Seelen ſind für immer verloren.“ Damit nahm Philipp die Reliquie aus ſeinem Buſen und zeigte ſie dem Kapitän. „Nicht doch, Ihr Leute,“ rief der Kapitän, der jetzt einiger⸗ maßen zur Beſinnung gekommen war;„das geht nicht— mögen uns alle Heiligen behüten!“ Die Matroſen wurden jedoch ungeſtümer. Die einen wollten, daß Schriften— die andern, daß Philipp über Bord geworfen werden ſolle. Endlich gab der Kapitän den Ausſchlag, indem er den kleinen Nachen, der am Spiegel hing, niederzulaſſen befahl und ſowohl Schriften als Philipp in denſelben ſteigen hieß. Die Matroſen billigten dieſe Maßregel, da ſie beide Partieen befrie⸗ digte. Philipp machte keine Einwendung, aber Schriften ſchrie und ſträubte ſich, bis er endlich in das Boot geſtoßen wurde. Hier blieb er zitternd in den Sternſchoten, während Philipp das Ru⸗ der ergriff und den Kahn nach der Richtung des Geiſterſchiffes in Bewegung ſetzte. Zweiundvierzigſtes Kapitel. Uach einigen Minuten war das Schiff, welches Philipp und Schriften verlaſſen hatten, durch den dicken Nebel nicht länger zu unterſcheiden; das Geſpenſterſchiff ließ ſich zwar noch blicken, aber in weit größerer Entfernung, als ſie es je zuvor geſehen hatten. Philipp ruderte aus Leibeskräften, aber obgleich der Holländer beilag, ſchien ſich doch die Entfernung zwiſchen ihm und dem Boote 488 immer mehr zu erweitern. Eine Weile hörte unſer Held zu rudern auf, um zu Athem zu kommen, worauf Schriften ſich erhob und ſeinen Sitz in den Sternſchoten des Bootes nahm. „Ihr mögt rudern und rudern, ſo lange Ihr wollt, Philipp Vanderdecken,“ bemerkte Schriften;„aber Ihr werdet jenes Schiff nicht einholen— nein, nein, es iſt unmöglich— wir machen viel⸗ leicht einen langen Kreuzzug mit einander, aber Ihr werdet am Ende deſſelben Eurem Ziele ſo fern ſein, wie jetzt bei dem Be⸗ ginne.— Warum werft Ihr mich nicht wieder über Bord? Der Nachen würde nur um ſo leichter ſein— hil hi!“ „Ich warf Euch in einem Zuſtande der Gereiztheit über Bord,“ verſetzte Philipp,„als Ihr verſuchtet, mich meiner Re⸗ liquie zu berauben.“ „Und habe ich nicht erſt heute verſucht, Andere zu bewegen, daß ſie Euch das Ding abnähmen?— Wie iſtss damit?— Hi! hi!“— „Wohl,“ verſetzte Philipp;„aber ich bin jetzt überzeugt, daß Ihr ſo unglücklich ſeid, als ich ſelbſt, und in Euren Handlungen nur Eurer Beſtimmung folgt, wie ich der meinigen. Wie und weshalb, weiß ich mir nicht klar zu machen, aber wir ſind Beide bei dem gleichen Geheimniſſe betheiligt. Wenn der Erfolg meiner Bemühungen von der Bewahrung der Reliquie abhängt, ſo iſt es Euer Ziel, mein Vorhaben zu vereiteln. Wir müſſen beide in dieſer Sache handeln, und Ihr ſeid, ſofern meine Sendung in Betracht kömmt, mein ſchlimmſter Feind geweſen. Aber, Schrif⸗ ten, ich habe nicht vergeſſen und werde auch nie vergeſſen, daß Ihr meiner Amine einen freundlichen Rath ertheilt habt, daß Ihr ihr prophezeihtet, was ihr Schickſal ſein werde, wenn ſie nicht auf Euch höre, und daß Ihr Euch nicht für ihren Feind erklärtet, ob⸗ gleich Ihr der meinige wart und es noch ſeid. Doch gleichviel— um ihretwillen vergebe ich Euch, und ich will es nicht ver⸗ ſuchen, Euch weiter ein Leid zuzufügen.“ 489 „So vergebt Ihr alſo Eurem Feinde, Philipp Van⸗ derdecken?“ entgegnete Schriften traurig,„denn ich geſtehe, daß ich es bin.“ 4 „Ja, von ganzem Herzen und aus ganzer Seele,“ antwortete Philipp. „Dann habt Ihr mich überwunden, Philipp Vanderdecken. Ihr habt mich jetzt zu Eurem Freunde gemacht und Eure Wünſche ſind auf dem Punkte, in Erfüllung zu gehen. Ihr möchtet wiſſen, wer ich bin?— So hört. Als Euer Vater, dem Willen des All⸗ mächtigen Trotz bietend, in ſeiner Wuth mein Leben nahm, wurde ihm nur Eine Ausſicht für die Vernichtung ſeines Urtheils gebo⸗ ten, und dieſe ſollte von den Verdienſten ſeines Sohnes abhängen. Aber auch ich hatte ein Gelübde gethan— ein Gelübde der Rache, und es wurde mir geſtattet, auf Erden zu bleiben und Euren Ab⸗ ſichten in den Weg zu treten. So lange wir Feinde waren, konnte Eure Aufgabe nicht gelingen, ſondern ſollte erſt erfüllt werden, wenn Ihr die ſchönſte Tugend des Chriſtenthums, die ſich an dem heiligen Kreuze ausſprach, dadurch bethätigtet, daß Ihr Eurem Feinde vergebt. Philipp Vanderdecken, Ihr habt Eurem Feinde verziehen und unſere beiderſeitige Beſtimmung iſt jetzt vollendet.“ Während Schriften ſprach, waren Philipps Augen feſt auf ihn geheftet. Der Pilot ſtreckte ſeine Hand gegen unſeren Helden aus — ſie ward angenommen, und wie ſie Philipp drückte, löste ſich die Geſtalt ſeines Begleiters in Luft auf. „Vater des Erbarmens, ich danke dir,“ ſagte Philipp,„daß meine Aufgabe vollendet iſt und ich meine Amine wieder ſehen ſoll.“ Philipp ruderte nun auf das Geiſterſchiff zu und fand, daß es jetzt nicht länger zurückzuweichen ſchien, ſondern im Gegentheil mit jeder Minute näher und näher kam. Endlich ließ er ſein Ruder fallen, kletterte an der Seite hinan und erreichte das Deck. Die Mannſchaft des Schiffes ſchaarte ſich um ihn. 490 „Wo iſt Euer Kapitän?“ fragte Philipp.„Ich muß mit Eurem Kapitän ſprechen.“ „Wen ſoll ich melden, Herr?“ fragte Einer, welcher der erſte Mate zu ſein ſchien. „Wen?“ entgegnete Philipp.„Sagt ihm, ſein Sohn wolle mit ihm reden— ſein Sohn Philipp Vanderdecken.“ Die Mannſchaft des Schiffes brach bei dieſer Antwort unſeres Helden in ein ſchallendes Gelächter aus, und ſobald ſich daſſelbe gelegt hatte, bemerkte der erſte Mate mit einem Lächeln: „Ihr vergeßt, Herr— vielleicht wolltet Ihr ſagen, ſein Vater.“ „Sagt ihm, ſein Sohn,“ entgegnete Philipp,„und kehrt Euch nicht an meine grauen Haare.“ „Gut, Herr; da kommt er auf das Vorderſchiff, erwiederte der Mate, indem er bei Seite trat und auf den Kapitän deutete. „Was gibt es da?“ fragte der Kapitän. „Seid Ihr Philipp Vanderdecken, der Kapitän dieſes Schiffes?“ „Ich bin es,“ antwortete der Andere. „Ihr ſcheint mich nicht zu kennen— aber wie ſolltet Ihr auch? Ihr ſaht mich zum letztenmal, als ich kaum drei Jahre alt war— und doch erinnert Ihr Euch vielleicht eines Briefes, den Ihr Eurem Weibe gabt?“ 1 „Ha!“ verſetzte der Kapitän.„Und wer ſeid Ihr?“ „Die Zeit iſt mit Euch ſtehen geblieben, aber nicht bei denen, welche in der Welt leben; ja, für ſolche, die an der Kette des Elendes ſchleppen, eilt ſie noch ſchneller dahin. Ihr ſeht in mir Euren Sohn Philipp Vanderdecken, der Euren Wünſchen gehorcht und nach einem Daſein von Jammer und Gefahr, wie es nur Wenigen beſchieden war, endlich ſein Gelübde erfüllt hat, indem er ſeinem Vater die koſtbare Reliquie anbietet, die er zu küſſen voeerlangte.“— Phiüyd zog die Reliquie heraus und hielt ſie länen Vater 491 entgegen. Als ob ein Blitz ſeinen Geiſt durchzuckt hätte, fuhr der Kapitän des Schiffes zuſammen, faltete ſeine Hände, fiel auf die Kniee nieder und weinte. „Mein Sohn! mein Sohn!“ rief er, wieder aufſtehend und ſich in Philipps Arme werfend.—„Meine Augen ſind geöffnet; der Allmächtige weiß, wie lange ſie verdunkelt waren.“ Sie umarmten einander und gingen nach dem Hinterſchiff, von der Mannſchaft weg, die noch immer auf der Laufplanke verſam⸗ melt ſtand. „Mein Sohn, mein edler Sohn! ehe der Bann gebroch iſt— ehe wir der Nothwendigkeit gehorchen und uns in die Ele⸗ mente auflöſen— laß mich voll Dank und Zerknirſchung nieder⸗ knieen. Mein Sohn, mein Sohn, nimm den Dank eines Vaters,“ rief Vanderdecken. Dann wandte er ſich mit Thränen der Freude und Reue de⸗ müthig an das Weſen, dem er einſt ſo frechen Hohn geſprochen hatte. 8 Der ältere Vanderdecken kniete nieder und Philipp that das Gleiche. Sie hielten ſich noch immer mit einem Arme umfaßt, während ſie den andern hoch im Gebete erhoben. Zum letztenmale wurde die Reliquie aus Philipps Bruſt ge⸗ nommen und dem Vater eingehändigt— dieſer erhob die Augen gen Himmel und küßte ſie. Und mit dieſem Kuſſe zerfielen die langen oberen Spieren des Geiſterſchiffs, die Raen und die Segel in Staub, der in der Luft flatterte und zu den Wellen niederſank. Dann löste ſich der große Maſt, der Fockmaſt und das Bugſpriet — turz Alles über dem Decke in Atome, auf und verſchwand. Wieder erhob or die Reliquie an ſeine Lippen, und das Werk der Zerſtörung nahm ſeinen Fortgang. Die ſchweren eiſernen Ka⸗ nonen ſanken durch die Decken und verſchwanden. Die Matroſen des Schiffes, welche zuſahen, ſchrumpften in Skelette, Staub und Bruchſtücke zerriſſener Kleider zuſammen, bis zuletzt keine Spur 49² von Leben mehr an Bord des Schiffes war, der Vater und Sohn ausgenommen.— Noch einmal drückte er das geheiligte Sinnbild an ſeine Lip⸗ pen, und das Gebälke trennte ſich. Die Decken des Schiffes ſan⸗ ken langſam und die Reſte des Rumpfes ſchwammen auf dem Waſ⸗ ſer. Vater und Sohn, der erſtere jung und kräftig— der andere alt und abgelebt— knieten noch immer in ſtummer Umarmung, die Hände gen Himmel erhoben. Jetzt ſanken ſie langſam unter s tiefblaue Waſſer, und der trübe Himmel über ihnen war für einen Augenblick durch ein leuchtendes Kreuz erhellt. Dann rollten die Wolken, welche den Himmel verdüſtert hat⸗ ten, mit der Schnelle des Gedankens hinweg— die Sonne brach ſchienen vor Freude zu hüpfen. Die ſchreiende Seemöve wirbelte wieder in der Luft und der verſcheuchte Albatros verſuchte aber⸗ mals ſeinen ſchwerfälligen Flug. Das Meerſchwein tummelte ſich umher in neckiſchem Spiele; die große Makrele und der Delphin hüpften aus der funkelnden See.— Die ganze Natur lächelte, als freue ſie ſich, daß der Zauber gebrochen und das Geſpenſterſchiff für immer verſchwunden war. Druck von C. Hoffmann in Stuttgart. wieder in ihrem vollen Glanze hervor, und die kräuſelnden Wellen — rlaqünm 7 fffffffffſnſſſnnſinſſnſnnſin 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 * — & 27 2 1 * A 8 —