Leih ½ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur I Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 26. Leih- und Ceſebedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Ühr bis Abends 8 Uhr offen. 3. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Fdem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.. 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet d wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 1 5 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———j——— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. .—— —— Intereſſante Laänder⸗ un d Voͤlkergemaͤlde, oder Schilderung neu unterſuchter Länder, Völker und Staͤdte, anziehender Naturmerkwürdig⸗ keiten, Kunſtwerke und Ruinen. Nach, den neueſten Reiſeberichten bearbeitet von / J. B. S ch ut. Viertes Baäaͤndchen. Mit zwey Kupfern. Wien, 18 09. Im Verlage bey Anton Doll. —— Ueber die Aegyptiſchen Pyramiden. Von F. J. Valtiner. —— Von den äͤgyptiſchen Alterthuͤmern und inſonderbeit von den dortigen Ppramiden hatten wir, was ibre Ent⸗ ſtehung, ihre Beſchaffenheit und ihre Zwecke belangt, von jehen nicht nur eine ſehr unvollſtaͤndige, ſondern auch zumegroſſen Theil eine ſchiefe oder wohl ganz un⸗ richtige Anſicht. Was einzelnen Reiſenden aus Furcht vor arabiſchen Horden, aus Mangel an Aebeitern und nicht ſelten auch aus unzureichender Faͤhigkeit, nicht moͤglich war, hat in den Jahren 1798 bis 1801 eine vom franzoͤſiſchen Staate beorderte, gelehrte Kom⸗ miſſion unter dem Schutze der Waffen zu leiſten unter⸗ nommen. Zwar vereitelten die haͤufigen Gefechte mit den Tuͤrken und Britten, dann die darauf erfolgte Raͤumung des Landes, die Fortſetzung und Vervollſtaͤn⸗ digung der Beobachtungen, allein es ſind doch in die⸗ ſem Zeitraume, und zwar auch in Bezug anf die Py⸗ ramiden, eben ſo wichtige als intereſſante Aufſchluͤſſe errungen worden, und die Kommiſſton bereitete ſich nach Vhre⸗ Nuͤckkunft in Europa vor, die einzelnen Auffaͤtze A2 -(4)— ibrer Mitglieder in einem Peachtwerke zu vereinigen. Dieſes mit Sehnſucht erwartete Werk iſt aber, zum groſſen Nachtbeile der Wiſſenſchaften, nicht erſchienen, und das Publikum mußte ſich mit den zerſtuͤckten Nach⸗ eichten uͤber die Pyramiden begnuͤgen, wie ſie in meh⸗ ceren alten, und in dieſem Punkte häufig unrichtigen Werken, dann in den zerſtreuten Aufſaͤtzen einzelner Gelehrter der gedachten Kommiſſion bekannt gemache wurden.— Bey dieſem Umſtande hat ſich der obenge⸗ nannte Mitherausgeber dieſer Länder⸗ und Voͤlkerge: mälde entſchloſſen, die geſammten Berichte üher die Ppramiden Aegyptens kritiſch in ein Ganzes zu ord⸗ nen, und ſo mit Einwebung der eigenen Anſicht, eine Nachricht zu liefern, welche uͤber die Beſchaffenh eit. die Entſtehung, und über die mehrfachen Zwecke der Pyramiden einigermaſſen befriedigend waͤre. Als daupt⸗ ſächlichſte Quellen hat er die Werke folgender Schrift⸗ ſteller benuͤtzt: Herodot, Diodor von Sizllien, Plinins den aͤlteren, Maillet, welchen Sava⸗ ry blos ausgeſchrieben hat, Niebuhr, B eown, Wittmann, Gollard, Denon, Dliviee, Reynier, Roziere, Sabareſi und Ronet. 15 Wenn die groſſen Beſtandtheile des Weltgebaͤu⸗ des ein Erſtaunen abdringen, das noch nicht zur erkennenden Bewunderung gelaͤutert iſt, wenn es eigentlich nur eine allzu verwegene Macht der Ge⸗ wohnheit iſt, was uns bey dieſen Gegenſtaͤnden von dem hohen Grad des Erſtaunens zu ruhigem Anſchanen und zu einem immer nur vergeblichen 8 - s)— Forſchen ſtimmt: ſo geraͤth doch, im Ganzen ge⸗ nommen, das Gefühl der Erhabenheit dieſer ewig bleibenden Erſcheinungen nit jenem unſerer be⸗ ſchraͤnkten Kraft— die Aehnliches keineswegs zu ſchaffen, ja nicht einmahl zu begreifen vermag— in einen unangenehmen Zuſammenſtoß. Die An⸗ ſicht einer gewaltigen Katarakte, eines unbegraͤnzt emporſtrebenden Gebirges, das ſchauerliche Gaͤh⸗ nen eines Abgrundes, und ſelbſt der geſtirnte Him⸗ mel goͤnnen bey kuͤrzerem oder laͤngerem Verwei⸗ len uns weder ein ruhiges Beſchauen, noch ein ho⸗ hes Bewußtſeyn eigener Kraft. Im leidenſchaftli⸗ chen Sturme des Gemuͤthes duͤnkt ſich der Menſch zuweilen uͤber die Grenze hinaus zu reichen, welche der eigene Organismus und die allgemeine Natur ihm vorzeichnen; im naͤher bewußten Zuſtande hin⸗ gegen ehrt er beſcheiden die Graͤnze. Das Geſchaf⸗ fene ſchweigt, wenn die Schoͤpfung ſpricht. Einer anderen Art ſind aber die Eindrücke von Werken, die ohne menſchliche Kultur ihr Daſeyn nicht erhalten haͤtten. Stellen naͤhmlich vor den An⸗ blick des Menſchen ſich Werke hin, die zwar von irdiſchen Haͤnden errichtet wurden, dennoch aber die Rieſenarbeit gewaltiger Daͤmone zu ſeyn ſcheinen, und in koloſſaler Hoheit Jahrtauſenden getrotzt ha⸗ ben, Werke, ſchon durch die Groͤſſe des eingenom⸗ menen Raumes erhaben genug, um den Beſchauer an die letzte Graͤnze endlicher Moͤglichkeit zu ver⸗ ſetzen, dann ergreifet eine Bewunderung, die nach den erſten Ueberraſchungen wohlthaͤtig wird, weil —(6)— ſte die Kraft des Menſchen nicht demüthigend laͤhmt, ſondern vielmehr ihm einen niegeglaubten Maßſtab dieſer Kraft vorlegt. Hier ſchreckt die nie entſchley⸗ erte Natur durch kein Schwindel erregendes Ge⸗ heimniß zuruͤck, was dem ſonſt ſo beſchraͤnkten Er⸗ denſohne ſich zeiget, weiſet ihn zwar auf das Un⸗ endliche hin, aber es iſt ihm faßlich, denn es iſt das Werk ſeines Geſchlechtes. Und waͤre es auch ein ſchauerndes Gefuͤhl, was ihn bey dieſem An⸗ ſchauen maͤchtiger als jemahls eine Verwandtſchaft der organiſch ſich ſelbſt bewußten Welt mit dem Weltgeiſte ahnen lieſſe, ſo iſt der Menſch, indem doch nur eigne Schoͤpfung dieſe myſtiſche Verbin⸗ dung herſtellt, nicht darnieder gedruckt, ſondern freudig fuͤhlt er ſich empor gehoben. Wenn man von Kahira aus uͤber den Nil ſetzt, ſo gelangt man nach DBſchiſeh, einem kleinen Dorfe auf dem Weſtufer des Nils. Von dieſem Dorfe rechnet Groberrt, gelehrtes Mitglied der franzoͤſiſchen Ex⸗ pedition, welche ſich in den Jahren 1798 bis 13801 in Aegypten befand, bis zu den Pyramiden 16,000, della Valle aber 12,000 Schritte, alſo nicht ganz eine und eine halbe deutſche Meile. Man durchlaͤuft dieſe Strecke auf einem ganz ebenen Bo⸗ den, der groͤßerentheils ſehr fruchtbar iſt, und eine Sorte von Safflor erzeugt, welcher naͤchſt jenem der Gegend von Kahira, der beſte Aegyptens iſt. Gruppen von ſchlanken Dattelpalmen, Akazien, Tamarisken, Azedarach's und Napka's verzieren die reizende Ebene, und machen aus dem Ganzen ein „— —(22— entzuͤckendes Gemaͤlde, das durch keine Menſchen⸗ kunſt koͤnnte verſchoͤnert werden. Allmaͤhlig aber vermindert ſich das angebaute Land und der Sand wird haͤufiger, bis man endlich an den Fuß des Hügels gelangt, auf welchem die Pyramiden ſte⸗ hen, und wo mehrere Oeffnungen von merkwuͤr⸗ digen Katakomben erſcheinen, die von Auſſen und im Innern mit Hieroglyphen verſehen ſind. Doch die Gröͤſſe des lang erſehnten Eindrucks, welchen dieſe Pyramiden, das zweyte Weltwunder der Alten, machen, erlauben den draͤngenden Gefuhlen des Wanderers nicht, den Katakomben ſogleich jene Auf⸗ merkſamkeit zu widmen, deren ſie durch ihre bedeu⸗ tungsvollen Bilderſchaͤtze der Vorwelt doch 1 wuͤr⸗ dig waͤren. NRaſch aufwaͤrts dringend, erſteigt man eine felſige Anhoͤhe von ungefaͤhr 100 Fuß, die zum Theile mit weiſſem Sande bedeckt iſt und zur Kette der Libiſchen Gebirge gehoͤrt, welche den Ueber⸗ ſchwemmungen des Nil Graͤnzen ſetzen. Einige Schritte fuͤhren nun zu einem Graben, der vielleicht die Oeffnung des Kanals war, welcher nach Hero⸗ dot durch die Tiefe des Felſens lief, um die Ma⸗ terialen zur Bekleidung der Pyramiden herbeyzu⸗ tragen. Die eckigen und ſchiefliegenden Flaͤchen machen die Pyramiden in der Naͤhe kleiner erſcheinen, als von Ferne; denn die Harmonie der Verhaͤltniſſe ver⸗ birgt die Groͤſſe der Maſſe. Gewohnt, dem Raume nach groſſe Gegenſtaͤnde mit einem Berge zu verglei⸗ chen, deſſen Höhe die Pyramiden doch nicht gleich kommen, geht ihr Koloſſales erſt dann hervor, wenn man auf ſelben einige Geſtalten erblickt, die ſchon in einer gewiſſen Hoͤhe ſie zu erſteigen bemuͤht ſind, und kaum mehr kletternden Ziegen aleichen. Denkt man ſich dann eine feyerliche Prozeſſion, die von der Tiefe bis zur Spitze die ganze Laͤnge der von auſ⸗ ſen zu erſteigenden Pyramide einnimmt, dann geht ihre giganteske Groͤſſe rein und ſtaunenswerth hervor. Die erſte der groſſen Pyramiden von Oſchiſeh hat den neueſten und zuverlaͤſſigſten Berechnungen zufolge an ihrem Fuße eine Breite von 699 Fuß 9 Zoll Linien, und da ihr die Spitze fehlt, eine Hoͤhe von 662 F. 9 8. 7 2. Sie iſt aus Qua⸗ derſteinen oder aus Bloͤcken von weichem Kalkſtein erbaut, die aus den benachbarten Gebirgen und unter Andern aus dem Mokattamthale Koſſeir genommen ſind. Dieſe Bloͤcke haben eine Laͤnge von 10 bis 20 Ellen, eine Tiefe von 2 bis 3, ungefaͤhr dieſelbe Breite und eine Hoͤhe von 3 Fuß. Sie liegen in 207 Abſtufungen, die aufſteigend abnehmen, ſo daß die vierſeitige Pyramide von der Baſis bis zu ihrer Spitze immer ſchneller zulaͤuft, und daß man nicht ohne Muͤhe und nur mit Anwendung der Haͤnde die Spitze erklettern kann. Zwiſchen dieſen Steinen findet man ſo groſſe Zwiſchenraͤume, daß man mit einem Arm hineinlangen kann, und nur an wenigen Orten zeigen ſich Spuren von Moͤrtel. Die Pyra⸗ mide hat keine Grundfeſte; denn man ſieht den Fel⸗ ſen, auf welchem ſie ruht, an verſchiedenen Stellen — —,.,— — — o) hervorblicken, und deutlich gewahrt man unter den vielen Truͤmmern die erſte Lage von Steinen, wel⸗ che bis 4mal groͤſſer ſind, als die darauf liegenden. Dieſe Pyramide iſt mit drey Gallerien verſehen⸗ Die erſte laͤuft gegen den Mittelpunkt und die Grund⸗ flaͤche hin, welche nach No uet's Berechnung 321,32 Metres, oder 989 F. und 8 3. entbaͤlt.— Hier darf ein beſonders merkwuͤrdiger Umſtand nicht uͤber⸗ gangen werden, welcher beweiſt, daß die Aſtrono⸗ mie bey den Aegyptern ſchon vor undenklicher Zeit in herrlicher Bluͤthe ſtand. Dieſer Umſtand bezieht ſich auf die Lage der groſſen Pyramiden, deren vier Seiten genau gegen die vier Himmelsgegenden ge⸗ richtet ſind. Doch zeigte ſich bey Chazelle's Be⸗ obachtung, daß die Mittagslinie, welche gezogen wur⸗ de, um die Seiten der Pyramiden den Himmelsge⸗ genden genau entgegen zu kehren, ſich auf 20 Minu⸗ ten gegen Weſten neige; allein der Mangel an Ver⸗ groͤſſerungsglaͤſern war fuͤr den Baumeiſter ein zu groſſes Hinderniß, um die Pyramide mit dem Meri⸗ dian genau in der Parallele laufen zu laſſen. Am nordoͤſtlichen Winkel erſteigt man die Py⸗ ramide auf die leichteſte Art. Die gegen die Spitze hin immer ſtaͤrkere Neigung der Seitenflaͤchen der ganzen Maſſe und die Abſätze jeder einzelnen Stein⸗ lage, beſeitigen beynah jede Gefahr. Iſt man end⸗ lich auf den Gipfel der Pyramide gekommen, wel⸗ che ihre Spitze verloren hat, ſo ſieht man ſich auf einer betraͤchtlichen Flaͤche, die gegen 17 Quadrat⸗ Juß haͤlt, und auf welcher alle Steine mit den Na⸗ —(10)— mien von den Reiſenden bezeichnet ſind, die Gelegen⸗ heit und Muth genug hatten, dieſen Ort zu beſuchen. Blickt man nun von oben herab, ſo erſcheinen die Menſchen in der Tiefe wie Marionetten, und man iſt mit angeſtrengteſter Kraft nicht im Stande, einen Stein uͤber den Fuß der Pyramide hinauszuwerfen. Gleitet der Blick über die Wand der Pyramide von oben herab, ſo verlieren ſich die Zwiſchenraͤume der Abſtufungen, und das Ganze ſcheint ein gleicher ge⸗ rader Abhang zu ſeyn; denn die Baſis des Winkels der Abſtufungen hat 2, der Kathetus aber 3 Fuß; man bekommt alſo nur die Spitzen zu Geſicht und der ganze Abhang bildet eine gerade Linie. Ueber⸗ raſcht durch dieſe Wahrnehmung begreift man kaum, wie man auf dieſe Hoͤhe gelangen konnte, und man bebet vor der ſcheinbaren Gefahr, wieder hinab zu⸗ kommen. Indeß allmaͤhlig erholt ſich das Gemuͤth von der Betroffenheit; kuͤhner ſchaut man um ſich her, und fuͤhlt ſich neuerdings von ſonderbaren Ge⸗ fuͤhlen ergriffen. Ein ausgedehnter Horizont ge⸗ ſtattet hier dem Blicke, in dem Unermeßlichen umher zu ſtreifen. Doch im Weſten verweilt er nicht, dort naͤmlich, wo Arabiſche Beduinen auf graulichem Sandboden hauſen, ſondern wendet ſich nach dem Suͤden, wo, ganz in die Raͤhe geruͤckt, die Pyra⸗ miden von Sakharah und eine Menge anderer in groͤſſerer Entfernung erſcheinen; das Goldgelb der Fruchtfelder, das mit Safflor vermiſchte und das einfoͤrmige Grün der Kleefelder gewaͤhrt nebſt den zerſtreuten Baumpſtanzungen, welche die Doͤrfer — — ,( 11)— umgeben, eine gefaͤllige Anſicht. Im Oſien liegen am Fuſſe des unfruchtbaren Mokatam die„heiligen Staͤd⸗ te von Kahira, deren Herrlichkeit den Propheten zum Laͤcheln bewegen“ dann die Orte Oſchiſeh und Boulak. Majeſtaͤtiſch fließt der Nil durch ſein gelieb⸗ tes Thal, und umfaßt mit geoͤffneten Armen das junge Delta, als wollte er alle Reichthuͤmer dieſes von ihm erzeugten Erdſtrichs in Beſitz nehmen. Doch dieſer Genuß vervollſtaͤndigt noch nicht den Beſuch der Pyramide, es iſt ihr geheimnißvoller Schooß ſelbſt, was noch eine ruͤhmliche Begierde feſ⸗ ſelt.— Zu dieſem Ende ſteigt man an der Nord⸗ ſeite, die man zum Hinaufſteigen gewaͤhlt hatte, auf eine Entfernung von 60 F. von der Grundflaͤche wieder herab. Hier zeigt ſich eine mit Gewalt ge⸗ brochene Oeffnung, die in das Innere der Pyra⸗ mide fuͤhrt. Nun muß man in gekruͤmmter Stel⸗ lung einen Gang durchwandeln, welcher ſehr ab⸗ haͤngig, 112 F. lang, 3 F. 4 Z. breit und hoͤchſt beſchwerlich iſt, weil eben ſeiner abhaͤngigen Rich⸗ tung wegen, viel Schutt von den herabgefallenen Poramidentruͤmmern hineingefallen iſt, und da auch uͤberdieß taͤglich der Nordwind eine Menge Sandes in die Deffnung jagt. Am Ende dieſes mit einem weiſſen, ſehr fein koͤrnigen Kalkſteine bekleideten Gan⸗ ges, findet man den Weg durch 2 Granitbloͤcke ver⸗ ſchloſſen. Dieſe muͤfſen denn umgangen werden, wor⸗ auf man ſodann in eine zweyte Gallerie koͤmmt, die 100 Fuß in der Laͤnge hat, und ſo ſteil iſt, daß man Stufen einhauen mußte, um das Er⸗ —(12)— ſteigen moͤglich zu machen. Die Waͤnde dieſer bey⸗ den Gaͤnge ſehen ſchwarz aus, weil man ſich von jeher wegen der hier dichten Finſterniß der Fackeln bedienen mußte, und man hat ſich wohl in Acht zu nehmen, daß die zahlreichen Fledermaͤuſe, welche hier allein herrſchen wollen, nicht die Fackeln ver⸗ loͤſchen. Hier koͤmmt man zu einer Art von Abſatz, wo ſich rechts ein ovaler Brunnen beſindet, der in dem einen Durchmeſſer 2 ½ und im andern 31 F. breit iſt. Er ſoll mit der Auſſenſeite in Verbin⸗ dung geſtanden ſeyn, und war nach Plinius 86 Klafter tief; ſein Waſſer ſoll er aus dem Fluſſe be⸗ kommen haben, der mit ihm in Verbindung geſtan⸗ den hat. Maillet will aber dieſe Nachricht nicht beglaubigen; er aͤuſſert pielmehr die Vermuthung, daß dieſer vermeintliche Brunnen nur eine Oeffnung war, durch welche die Arbeiter nach der Beyſe⸗ bung des Koͤrpers wieder herausgegangen ſeyen, und daß man nachher alle Zugaͤnge verſtopft habe, damit in Zukunft Niemand hineingehen koͤnne, Allein dieſe Anſicht iſt ganz irrig; denn der koͤnigliche Begraͤb⸗ nißort war, wie Herodot bezeugt, unterirdiſch; ein Brunnen war, wie wir ſpaͤter ſehen werden, hier nothwendig; Brunnen kommen auch in den Hindu⸗ ſtaniſchen Pyramiden vor, und die Nachgrabungen der franzoͤſiſchen Kommiſſion von 1800, welche in dieſem Brunnen vorgenommen, aber leider nicht vol⸗ lendet wurden, ſprechen dafuͤr. Keineswegs für die Dauer der einzigen Begraͤbniß allein, ſondern auch fuͤr die uͤbrigen, unten vorkomnenden haͤufigen Ge⸗ — —(3)— ſchaͤfte der Prieſter in den Pyramiden, mußte ein beſtaͤndiger Eingang in die Pyramiden vorhanden ſeyn. Dieſer aber waͤre wahrſcheinlich am Fuſſe der Pyramide und zwar an der Stelle zu finden, wo ſich ein groſſer offener Graben zeigt, vor wel⸗ chem eine Sandmaſſe liegt; denn da das Koͤnigs⸗ grab einmahl unterirdiſch war, ſo entſpricht es dem Begriffe der Zweckmaͤſſigkeit, daß der Ein⸗ gang hierzu nicht erſt von einer Hoͤhe von 60 Fuß abwaͤrts geführt hahe, ſondern daß vielmehr der Eingang gleich bey der Grundflaͤche war, ſich in einen Weg ſowohl zu den unterirdiſchen Gemaͤchern als auch in einen zweyten abſonderte, deſſen groͤß⸗ ten und obern Theil man jetzt durch die gewaltſam gebrochene Oeffnung beſucht. Verlaͤßt man nun den Brunnen, um den Weg weiter fortzuſetzen, ſo ſieht man ſich vor zwey Gaͤn⸗ gen, deren einer horizontal 118 Fuß fortlaͤuft, zum ſogenannten Zimmer der Königin fuͤhrt, ſo wie der andere in die Hoͤhe ſteigend, in das angebliche Zimmer des Koͤnigs fuͤhrt. Das erſtere Gemach hat eine Laͤnge von 18 und eine Breite von 16 Fuß. Die Decke beſteht aus hervorragenden Steinen, und die Waͤnde dieſes Zimmers der Koͤnigin — welches, wie wir unten ſehen werden, eigentlich das Nitualzimmer heiſſen ſollte, ſind aus ſtarken Bloͤcken von roſenrothem Granit aufgefuͤhrt. Es iſt dermahl beynah ganz mit Schutt angefüllt, und bat weder Verzierungen noch Geſimſe noch In⸗ ſchriften. (*)— Geht man nun zuruͤck, um in des Koͤnigs Zim⸗ mer zu kommen, ſo gelangt man in eine aufwaͤrts führende Gallerie, die etwa 125 F. lang, 25 Fuß hoch iſt, und 6½ F. in ihrer groͤßten Breite hat, das iſt an dem Orte, wo zwey Seitenbaͤnke ſind, die 28 Zoll hoch ſind und einen 18 Zoll breiten Vor⸗ ſprung haben. d Dieſes Zimmer liegt Seräde ober jenem der Koͤ⸗ nigin, ſeine Beuennung wuͤrde aber, wie wir unten ſehen werden, ſchicklicher in die des Zimmers der Myſterien verwandelt werden; es iſt uͤbri⸗ gens ſchon viel hoͤher, weiter und laͤnger als das vorherbeſchriebene. Die Waͤnde dieſes heilig ge⸗ haltenen Zimmers ſind von dem Rauche der Fackeln und Lichter, welche die Beſehenden immer bey ſich haben, ganz mit Schwarz uͤberzogen, und ihre Bekleidung iſt ſo hart, daß man kaum mehr im Stande iſt, ſeinen Namen einzugraben; denn, was die weicheren Stellen der Waͤnde belangt, ſo ent⸗ halten ſie bereits mehrere tauſend Namen der Men⸗ ſchen, die ihren Beſuch dieſes Ortes verewigen woll⸗ 5 ten. Dieſes Zimmer, welches das Hauptgemach der Pyramide iſt, befindet ſich beynah in ihrer Mit⸗ te, und beynah im dritten oder vierten Theile ihrer perpendikulaͤren Hoͤhe. So wie das ganze Zimmer iſt auch ein ſogenannter Sarkophag, der aber eigentlich das heilige Gefäͤß heißen ſollte, wie wir unten naͤher eroͤrtern werden. Er ſteht hier in ei⸗ nem der Winkel und iſt von roſenrothem Granit. In den beyden Seitenmauern bemerkt man zwey 6⸗ —᷑—ꝭ—ↄ—ↄ—ↄQQꝭQꝭOC—B—B——— 95,) einander gegenuͤberſtehende Loͤcher, deren eines vier⸗ eckig, das andere aber laͤnglichrund iſt. Die Rich⸗ tung dieſer Loͤcher iſt anfangs in einer Laͤnge von 7 bis 3 Fuß herizontal, dann aber ſteigt ſie in eine noch unerforſchte Hoͤhe. Dadurch verſchwindet die Muthmaſſung Maillets, daß das eine dieſer Lö⸗ cher zum Luftzuge fuͤr jene Perſonen, die ſich hier bey dem Leichname ihres Konigs eingekerkert hatten, das andere aber zur Aufnahme ihrer Ausleerungen diente. Viel wahrſcheinlicher iſt dagegen Gro⸗ bert's Meinung, daß in dieſen Loͤchern jene Hand⸗ ſchriften und Spezereyen aufbewahrt wurden, die man gewoͤhnlich mit dem Todten zugleich begrub. Das ganze Zimmer, in dem die franzoͤſiſchen Nei⸗ ſenden einen feyerlichen Antiphon anſtimmten, hat uͤbrigens nach Wittmanns Angaben eine Läͤnge von 34 Fuß 4 Zoll und eine Breite von 17 Fuß 2 Zoll; der ſogenannte Sarkophag aber eine innere Weite von 2 F. 2½ Z. und eine Dicke des Steines von 6 Z. Seine Laͤnge betraͤgt aber 6 F. 63.— Nach Browne's Berechnung hingegen hat der erſte Gang 105 F. 1 Z, die obere Hauptgallerie 150 F., die untere 148. Das Koͤnigszimmer hat nach ſeiner Berechnung 34 F. 5 in der Laͤnge und der Sarkophag eine Laͤnge von 7 F. 8 Z. Die franzoͤſiſche gelehrte Kommiſſion ließ, um noch ein Zimmer gerade üͤber dem jetzt beſchriebenen zu fin⸗ den, die Decke aufbrechen, man kam aber nur auf eine Art von Woͤlbung, die bloß zur Verſtaͤrkung des Mauerwerks zu dienen ſchien; indeß iſt es moͤg⸗ * lich, daß ſie zu Zeremonien und Orakeln benützt wurde. Ungefaͤhr 2 200 Schritte von der groſſen Pyra⸗ mide ſtehet gegen Oſten der groſſe Sphynx. Er iſt ein koloſſaler weiblicher Kopf von ſchoͤner Aethiopi⸗ ſcher Phyſiognomie, aus einer Steinart, deren fei⸗ ne Beſchaffenheit jener aͤhnelt, die in den Pyramiden und in allen Lybiſchen Felſen getroffen wird; ein Umſtand, der wirklich ein Erſtaunen abnoͤthigt, daß ſich der Kopf noch in ſo gutem Zuſtande befindet, es ſcheint aber, als habe er ſeine Erhaltung einer noch kenntlichen Lage von gelbbraunem Ueberzuge zu verdanken. Dieſer Kopf hat eine Hoͤhe von 25 Fuß, und vom Ohr bis zum Kinn mißt er 15 Fuß. Die Naſe iſt, wie es ſcheint, muthwillig verſtuͤmmelt worden, nicht minder hat auch der Hals Beſchaͤdi⸗ gungen erlitten. Mehr Bewunderung als die koloſ⸗ ſale Groͤſſe dieſes Kopfes, verdient nach Denon ſeine vollendete Ausarbeitung. Er fand die Umriſſe deſſelben nicht blos richtig, ſondern auch lieblich gerundet. Dieſer Kopf, ſagt er, hat einen ſchoͤnen Ausdruck von Sanftheit, Anmuth und Ruhe. Der Charakter der Phyſiognomte iſt afrikaniſch, der Mund mit aufgeworfenen Liypen hat etwas ſo Weiches und Feines, das wahre Bewunderung verdient, es iſt Fleiſch und Leben da. Als man dieß Denkmahl verfertigte, ſtand die Kunſt ohne Zweifel auf einem hohen Gipfel von Vollkommenheit. Man glaubte bisher, der Sphynx, der uͤbrigens zu einem Orakel gedient haben ſoll, ſey bloß ver⸗ ſun⸗ (1) funken, und mian koͤnne durch Nachgraben auch auf den uͤbrigen Koͤrper, auf die Krallen und den Schwanz des raͤthſelhaften Ungeheners kommen; allein die Gelehrten der frauzoͤfiſchen Expedition üͤberzeügten ſich, daß von Allem dem niemals etwas vorhanden war, und wirklich haͤtte ſchon die noch ſichtbare Steinmaſſe unter dem Halſe hieruͤber Auf⸗ ſchluß geben koͤnnen; denn hier hoͤrt ſogleich die Bild⸗ hauerarbeit auf, und nur verblendende Wuͤnſche be⸗ ſtachen den Forſcherblick der Gelehrten und formten ihnen das ganz rohe Geſtein zum Nuͤcken.— Aeber die Entſtehung dieſer erſten Pyramide and uͤber jene des Sphinx haben wir leider nichts Anderes, als die unvollſtändige Ausſage Herodots. Nun aber draͤngen ſich die Fragen auf: wie konn⸗ en die Aegypter bey der Unvollkommenheit ihrer Mechanik eine ſo unendliche Steinmaſſe emporthuͤr⸗ men, und welcher war der Zweck, den man bey ihrer Aufeinanderſchichtung beabfichtigte 2 Koͤnig Cheops, welchen Diodor von Sizi⸗ lien aber Chembes nennt, ließ dieſe Ppramide er⸗ bauen. Er verboth den Goͤttern zu opfern, ver⸗ ſchloß alle Tempel und befahl nun den Bau der Py⸗ ramide, welchen die Nazion ſelbſt ſo beſorgen ſollte, daß nach Diodor 360000, nach Herodot aberjegliche drey Monate andere Hunderttauſend daran arbeite⸗ ten. Eine Abtheilung hatte die erforderlichen Stei⸗ ne zu brechen und ſte auf Floͤſſen uͤber den Ril zu ſchaffen, die andere Abtheilung aber hatte einen Weg zu bauen, auf welchem die Steine bis zu ih⸗ M. Baͤndch. B rem Beſtimmungsort gebracht werden ſollten. Dieſe letztere Arbeit nahm, nebſt der Herſtellung der Ne⸗ bengebaͤude, welche zur Pyramide gehoͤrten, und der unterirdiſchen Gemaͤcher, allein zehn Jahre hin⸗ weg, welche aber durch die Zeit, die zur Aufrich⸗ tung der Pyramide erfordert wurde, ſich auf dreyſ⸗ ſig Jahre verlaͤngerte. Dieſe Pyramide wurde nun viereckig und ſpitz zulaufend erbaut, damit das Un⸗ tere von dem Oberen nicht beſchwert, und folglich dieſem architektoniſchen Werke eine unbegrenzte Dau⸗ er verſichert werde.*) Der Bau wurde vermuthlich damit begonnen, daß der Felſen ſeiner Spitze ent⸗ kleidet und geebnet wurde; hierauf legte man nun die erſte Lage von Steinen, denn daß die Pyramide —;—;—ᷣ— ᷣ ͦOAͤA— *) Ein gewiſſer Schriftſteller hat ſeine Unkunde von Aegypten durch die Behauptung dargethan, die Pp⸗ ramiden baͤtten ihre ſpitzzulaufende Form auch deß⸗ halb erbalten, um ſie gegen die abſpuͤhlende Ge⸗ walt des Regens zu ſichern. Allein in Aegypten iſt mit Ausnahme der Serküͤſte, z. B. bey Dami⸗ atte und Alexandrien, nichts ſeltener als R gen, und in der Gegend von Kahira fallen jaͤhrlich nicht mehr, als etwa vier Regenguͤſſe, welche uͤberdieß nur zwey Stunden waͤhren. Erſt bey architekto⸗ niſchen Denkmalen fuͤr die Nachwelt, welche man etwa in Abyſſinien errichten wollte, waͤre eine ſolche Vorſicht noͤthig, weil hier die Sonne, dem Wendekreiſe des Krebſes ſich naͤhernd, die Mee⸗ resduͤnſte zu Regen verdichtet. . Der Verfaſſer. —(19)— keine Grundfeſte hat, iſt ſchon erinnert worden. Die folgenden Steine hob man mit kurzen Hebebaͤumen auf die vollendete erſte Stufe; eben dieſelben wandte man an, um die weiteren Stufen zu vollenden, oder man bediente ſich vielleicht eben ſo vieler Hebezeuge als Stufen waren. Ueberdieß wurde die Pyramide von oben herab mit polirtem Granitmarmor aͤuſſer⸗ lich bekleidet, und jeder dieſer genau zuſammenge⸗ fügten Steine war dreytzig Schuh lang. Eine In⸗ ſchrift der Pyramide zeigte die Koſten an, welche blos auf Rettige, Zwiebeln und Knoblauch fuͤr die Arbeiter verwendet wurden, und ſich auf 2,400,000 Thaler beliefen. Endlich ſoll Cheops ſeine Toch⸗ ter in ein Bordell geſchickt haben, um ſich die noͤ⸗ thige Summe zur Vollendung der Pyramiden zu erwerben. Wirklich ſoll auch die Prirzeſſin nicht nur ſeinen Wunſch erfuͤllt, ſondern auch von jedem Beſuchenden, auf ihr Verlangen, einen Bauſtein erhalten haben, wodurch ſie denn in den Beſitz ſo vieler Steine gekommen ſeyn ſoll, daß ſie ſich ſelbſt eine kleine Pyramide konnte erbauen laſſen. Wenn gleich von dem Zwecke der Pyramiden erſt dann ſchicklicher die Rede ſeyn wird, wenn wir die ſämmtlichen wichtigeren Pyramiden werden betrach⸗ tet haben; ſo muͤſſen doch hier einige Umſtaͤnde be⸗ ruͤckſichtigt werden, welche den Bau der eben be⸗ ſprochenen Cheops ⸗Pyramide inſonderheit be⸗ troffen. Die erhebenden Gefuͤhle, welche dieſes hoͤchſt majeſtaͤtiſche Denkmahl graueſter Vorzeit in Jenen B 2 —(20)— weckt, welche es wirklich, oder nur in der Vorſtel⸗ lung beſchauen, werden auf eine hoͤchſt unangeneh⸗ me Art durch Reflexionen beeintraͤchtigt, die aus dem Munde ſelbſtdenkender oder nachbetender Schrift⸗ ſteller unaufhoͤrlich ertöͤnen. Ich meine, die bitte⸗ ren Beſchwerden uͤber den Volksdruck und uͤber den Koſtenaufwand, welchen die Errichtung dieſer Py⸗ ramide veranlaßte. Man kann im Ganzen genom⸗ men nicht mit Gerechtigkeit ſagen, daß die aͤgypti⸗ ſchen Regenten uͤber die Errichtung koloſſaler Bauten jene der gemeinnutzlichen und die Vermehrung der Kriegsmacht verabſaͤumt haben; denn gerade kein anderes Land, beſaß mehr Kanaͤle und Waſſerbe⸗ haͤlter als Aegypten; ſeine Fruchtbarkeit, ſein Wohl⸗ ſtand befand ſich auf der ausgezeichnetſten Stufe, und lange nach Errichtung der Pyramiden wurde Aegypten von keinem auswaͤrtigen Feind bedroht⸗ vielmehr mußte es ſeit der Regierung des Seſoſtris der Schrecken des Auslandes ſeyn, ohne daß ſeine Streitkraͤfte eine Erhoͤhung bedurft haͤtten. Bey ei⸗ ner ſolchen Stufe von Nazionakgroͤſſe und Nazional⸗ wohl kam es alſo gar nicht darauf an, die vorhan⸗ denen Schaͤtze auf ſtreng nothwendige Anſtalten zu verwenden; es konnten Monumente errichtet wer⸗ den, welche die Ehre der Nation und die Vemunder rung der Nachwelt waͤren. Einige hunderttauſend Menſchen in der geitan⸗ haltender Waffenruhe einer auſſerordentlichen Be⸗ voͤlkerung entzogen, um ſolche Monumente herzuſtel⸗ len, konnten unmoͤglich gerechte Klagen der ganzen —(21)— Nation veranlaſſen, und die angeblich ungeheure, das Land erſchoͤpfende Summe von 2, 400, 000 Tha⸗ lern, welche die angefuͤhrten Lebensmittel hinnen 20 Jahren koſteten, ſinken auf die hoͤchſt unbedeu⸗ kende jährliche Ausgabe von 120,00 Thalern her⸗ ab, und erlauben keinen Schluß auf einen Koſten⸗ betrag im Ganzen, der das ſo bluͤhende Land haͤtte zu Grunde richten koͤnnen. Ueberdieß bezeugt ſelbſt das Maͤhrchen, Cheops habe Geldbeduͤrſtig ſeine Tochter Preis gegeben, daß dieſer Regent nicht blos aus dem Staatsvermoͤgen, ſondern aus dem eigenen Schatze den Bau zu Stande brachte. Prieſterhaß gegen die Einfuͤhrung eines abweichenden Kultus, zu welchem unter Anderen die Pyramiden dienen ſollten, hat hauptſaͤchlich jene wuͤthenden Beſchimpfungen veranlaßt, welche ſelbſt aus dem Munde des mil⸗ den Herodot ſprechen, laute Aeuſſerungen der öffent⸗ lichen Mißbilligung veranlaßten und von dem Grif⸗ fel jenes nicht immer kritiſchen Geſchichtſchreibers auf die nachſchreibende Feder ſelbſt neuer Schriftſtel⸗ ler ſich vererbten. Daß es uͤbrigens verdienſtlicher geweſen waͤre, wenn Cheops ſtatt des Koloſſalen, Werke des Schoͤnen der Nachwelt vermacht haͤtte, bedarf freylich keiner Eroͤrterung: allein eigenes mehrſeitiges Intereſſe, der Kulturſtand und der Geiſt der alten Aegypter veranlaßte nur giganteske Schoͤ⸗ pfungen; zu dem muß die Nachwelt dem Cheops und ſeinen Nachfolgern immer noch verbunden ſeyn⸗ daß ſie jetzt unter ſo vielem Winzigen auch erwas wahrhaft und erhebend Groſſes hat.— —(22)— Die zweyte Pyramide iſt der Chephren, wel⸗ cher nach Angabe Groberts 655 Fuß am Grunde und 398 in der Hoͤhe hat. Er liegt auf einem fel⸗ ſigen Grunde, deſſen Abhang gegen 5 Toiſen betraͤgt. Man bemerkt am Felſen von Raum zu Raum Thuͤr⸗ oͤffnungen und Zimmer. Aus dieſen gelangt man durch viereckige Loͤcher wieder in andere Zimmer, worin aller Wahrſcheinlichkeit nach Mumien ſtan⸗ den. Ungeachtet der dem Anſcheine nach geringen Dauerhaftigkeit des Felſens findet man zum Theile im Innern der ſaͤmmtlichen Zimmer und uͤber den Eingangsthuͤren ſehr gut erhaltene Hieroglyphen. Dieſe Pyramide war ganz mit Granit von der In⸗ ſel Elephantine bekleidet; jetzt aber iſt ſie es nur mehr zum Theil und zwar an dem oberen Ende. Die Beſchaffenheit der Thuͤren beweiſet, daß auch dieſe Pyramide ihre ganz ehemahlige Hoͤhe hat; der Sand und die Steintruͤmmer, welche von der Pyramide herabſielen, haben den Boden kaum um zwey Fuß hoͤher gemacht. Der Erbauer dieſer Pyramide war Chephren, der Bruder und Nachfolger des Che⸗ ops, er ſoll 56 Jahre regiert haben; auch dieſer Bau konnte waͤhrend einer ſo langen Regierung fuͤr die Unterthanen in der That ſelbſt nicht ſo beſchwer⸗ lich ſeyn, als die aͤgyptiſchen Prieſter es ihrem Vol⸗ ke und der Nachwelt ſelbſt einlispelten.— Die dritte Pyramide iſt der Mykerin. Sie befindet ſich ſuͤdweſtlich den vorigen, iſt aber um Wieles kleiner; dagegen war ſie aber bey weitem praͤchtiger. Waͤhrend Jene mit roſenfarbnem Gra⸗ —(*3)— nit bekleidet waren, hatte dieſe, wie aus Herodot und Plinius erhellt, eine Bedeckung von ſchoͤnem, hell polirtem und dunkelgruͤnem Jaspis aus Aethio⸗ pien. Ihre untere Breite betraͤgt, nach Grobert's Meſſung 280, und ihre Hoͤhe 162 Fuß.— Nicht die Buhlerin Rhodopis, wie die Hellenen glaub⸗ ten, ſondern wie Herodot verſichert, Koͤnig My⸗ kerinos, ein Sohn Cheops, hat ſie erbaut. Er ſchloß die Tempel wieder, und die Prieſter dadurch verſoͤhnt, erſchoͤpften ſich nicht nur in ſeinem Lobe, wie man es in Herodot deutlich findet, ſondern in⸗ konſequent genug, uͤberſahen ſie bey ihm den Um⸗ ſtand, daß auch er eine Pyramide baute, die bey der Herbeyſchaffung ihret Bekleidung aus weiter Ferne, ungeachtet ihrer Groͤſſe um Weniges oder um gar nichts wohlfeiler ſeyn konnte, als jene ſeines Vorgaͤngers. Noch weiter ſüdweſtlich von dieſer Pyramide ſtehen noch drey bey weitem kleinere Pyramiden. Eine derſelben wurde von Afychis, dem Nach⸗ folger des Mykerin aus Backſteinen erbaut. Sie hatte, nach Herodot, folgende Inſchrift:„Wuͤr⸗ dige mich nicht herab zu den ſteinernen Pyramiden; denn ich bin uͤber ſie ſo weit erhaben, als Zeos üͤber die anderen Goͤtter. Eine Stange ſtieß man in den See, und ſammelte den Schlamm, der an der Stange haftete, brannte Ziegel daraus, und ſo ward ich erbauet.“— Dieſe Pyramide blieb ebenfalls verſchont von den Verwüͤn, ſchungen der aͤgyptiſchen Prieſter. Die zweyte merkwuͤrdige Pyramidengruppe iſt jene von Sakhaxah, zwey Meilen ſuͤdwaͤrts von den Pyramiden bey Oſchiſeh. Unter der groſ⸗ ſen Anzahl der Sakharah'ſchen Pyramiden zeichnen ſich zehn durch betraͤchtliche Groͤſſe aus. Die vor⸗ derſte erhebt ſich treppenartig; eine andere, noch wohl erhaltene, von der vorigen auf eine halbe Stunde entfernt, hat eine Grundflaͤche, die eben ſo betraͤchtlich erſcheint, als jene der Cheops⸗Py⸗ ramide, doch koͤmmt ſie ihr an Hoͤhe nicht gleich. In aͤhnlicher Entfernung von dieſer folgt die groͤßte Pyra⸗ mide dieſer Gruppe, welche aber unregelmaͤſſig iſt. Zwiſchen dieſen Pyramiden befinden ſich noch mehrere andere; allein ſie ſind zum Theil kaum von den dort pefindlichen Sandhuͤgeln zu unterſcheiden, weil, wie Brown erzaͤhlt, ihre Steine aus⸗ gebrochen wurden, um ſie zu Kahira, Dſchiſeh und an anderen Orten als Baumateriale zu ver⸗ wenden; ein Verfahren, das bey allen Mahome⸗ danern gewwößnlicg iſt, und ſchon bisher die Welt einer Menge der koſtbarſten Vermaͤchtniſſe alter Kunſt hberaubt hat. Uebrigens ſcheint dieſe Menge von Pyramiden und Ibiskellern zu beweiſen, daß das Land um Sakharah die Nekropolis an der Suͤd⸗ ſeite von Memphis war.— Miſſenda gegen⸗ uͤber findet man zwey ſchon unkenntlich gewordene, hüͤgelaͤhnliche, Pyramiden. Wenn gleich die Ma⸗ teriale einigor dieſer Pyramiden verſchleppt wur⸗ den, ſo hat doch Reyniers Meinung vieles füͤß ſich wenn er behauptet, daß der Bau der ſüdli⸗ (5— cheren Pyramiden der Sakharahgruppe niemahlg ganz vollendet wurde.. A2 Eine andere Pyramidengruppe iſt jene von Daſchur, aus zwey groſſen und eben ſo vielen kleineren beſtehend. Die betraͤchtlichſte derſelben iſt kegelförmig, bildet oben ein ſtumpfes Dreyeck, und wurde in neueren Zeiten ſtark beſchaͤdigt, an keiner aber ſieht man die Spur einer Bekleidung. Von ehemahliger vorzuͤglicher Schoͤnheit zeu⸗ get die Pyramide von Medun, welche im Suͤden der Gruppe von Sakharah liegt. Sie iſt auf einer Flaͤche der Lybiſchen Gebirgskette gebaut, beſteht aus gewoͤhnlichem, weichem Sandſtein in groſſen Werkſtuͤcken, die durch eine geringe Quantitaͤt Kitt zuſammen gefügt ſind, und ſteigt in drey abneh⸗ menden Abſtufungen empor. Dieſe gegenwaͤrtig ſo ſonderbare Geſtaltung war ehemahls ohne Zweifel durch eine weitere Abſtufung verſchoͤnert, welche in Form eines Viereckes den Gipfel ausmachte. Die Tiefe, auf welcher dieſe Pyramide, deren oberſte Theile herabgeſtuͤrzt ſind, im Sande ſteckt, ſcheint Verſchiedene veranlaßt zu haben, in der Py⸗ ramide von Medun einen Beweis fuͤr ihre Meinung zu finden, daß kein Gebaͤude, beſonders von ſo unendlicher Laſt, einer eigenen Grundfeſte entbehren koͤnne. Indeß zerfaͤllt dieſe Hypotheſe, ſo wie noch manche andere, die hier nicht angefuͤhret wird, durch die neueſten Unterſuchungen von ſelbſt. Zwar werden die gegenwaͤrtigen Beſitzer Aegyptens an der noͤrdlichen Seite der zweyten Abſtufung eben ſ9 wenig einen Durchbruch verſucht haben, als ein⸗ zelne Reiſende es bey dem beſten Willen vermocht haͤtten; indeß iſt hier eine betraͤchtliche Vertiefung vorhanden, und der Sand ſteigt, mit Schutt be⸗ deckt, bis zur Hoͤhe dieſes Einbruchs hinauf. Sol⸗ che Beſchaͤdigungen koͤnnen weder durch Neugierde noch durch das Bedürfniß an Baumaterial ent⸗ ſtanden ſeyn, denn dieſes begnügt ſich mit der aͤu⸗ ßeren Bekleidung der Pyramiden; man duͤrfte da⸗ her gegen Denons Meinung, ſolche Zerſtoͤrungen einzig der Macht der Zeit zuſchreiben. Noch ſah Brown ſuͤdoͤſtlich von Fajum bey Hawahra zwey kleine Pyramiden von unge⸗ brannten Backſteinen, allein ſie ſind weder gemeſſen worden, noch hat man einen Verſuch gemacht, ſie zu durchbrechen, um über ihre innere Beſchaffenheit einen befriedigenden Aufſchluß zu erhalten. Auch am Eingang der Landſchaft Fajum ſah die franzoͤſiſche Expedition eine Pyramide, die den Rahmen Hilahun führt und den Eingang von Fajum gleich einem Kaſtelle zu beherrſchen ſcheint. Dieſe Pyrumide beſteht bloß aus groſſen Stuͤcken Kalkſtein, die den Kern eines Haufens ungebrann⸗ ter Ziegel ausmachen. Sie ſcheint, der Nohheit ih⸗ rer Maſſe nach zu ſchlieſſen, aͤlter zu ſeyn, als die meiſten anderen Pyramiden. So ſtehen dieſe impoſanten Denkmahle menſch⸗ licher Kraft ſeit Jahrtauſenden, und gewähren den beſchauenden Geſchlechtern den groſſen Anhlick, wie (27)— das Endliche dem Unendlichen die Hand reicht. Bey⸗ nah immer friedlich laͤchelnd und ein mildes ſtaͤtti⸗ ges Klima goͤnnend, ſeukt ſich der Aether auf Aegyp⸗ tens Fluren, und der gluͤhende Odem des Chramſt vermag es nicht, gleich dem wuͤthenden Boreas, die architektoniſchen Monumente alter Kraft zu zerſtoͤren; ſie, die unter unſerem Himmel kaum ein Jahrtau⸗ ſend erleben wuͤrden, ſind in Aegypten Vermaͤcht⸗ niſſe uralter Vergangenheit, und werden, zum Thei⸗ le wenigſtens, jene entfernteſte Zukunft erwarten, welche die begraͤnzte Faſſungskraft der Menſchen ſchon mit dem Nahmen Ewigkeit bezeichnet. Ehe noch die äͤgyptiſche Prieſterkaſte die Re⸗ gierungsform in eine Art von Theokrazie umſtalte⸗ te, war ſie ohne Zweifel im Beſitz eines reineren Wiſſens; die Lebren der Weisheit, die Berichte der Geſchichte waren damahls gelaͤuterter und ge⸗ ktreuer. Als aber die Kaſte den Thron umſtrickt, und alles Wiſſen in ihren eigenen engen Kreis einbannte, dann erſchlaffte allmaͤhlig jeder edlere Forſchungstrieb; Selbſtſucht und Eitelkeit, welche ſonderbar genug die einzeln ſtehenden, in ſich ſelbſt erloͤſchenden Individuen fuͤr ihren ganzen geſell⸗ ſchaftlichen Koͤrper ſorgen heiſſen„mußten bey den aͤgyptiſchen Goͤtzendienern um ſo kraͤftiger wirken, da die Geſtattung der Ehe jedem Einzelnen von ihnen Hoffnung gab, das erworbene Gemeingluͤck des ganzen Koͤrpers, auch auf die Fortſetzung der eigenen Individuaglitaͤt zu vererben, —(28)— Der Alleinbeſitz des Wiſſens, nahm es gleich auch allmaͤhlig ab, ſicherte nun der Prieſterkaſte im Staate das allgemeine Gefuͤhl ihrer Nothwendig⸗ keit; ſtatt ſchlichte Wahrheit zu verkuͤnden, mußte nun der willkommnere Wahn in ein myſtiſches Ge⸗ wand gehuͤllt, die Meinung ihrer Ehrwüͤrdigkeit verbreiten; auf dieſe Weiſe jedem Gliede des Staa⸗ tes, dem Staate ſelbſt nothwendig und heilig ge⸗ worden, konnte die Prieſterkaſte auf Ruhm und Ueberfluß rechnen, ihnen huldigte die Nation, ih⸗ nen mußte ſelbſt der Herrſcher gehorchen. Allein dieſes ſelbſtſüchtige Kaſtengluͤck ſollte geſtoͤrt werden. Cheops war es, dem der Nah⸗ me eines Koͤnigs von Aegypten nicht genuͤgen konn⸗ te, wenn er es nicht wirklich waͤre, fuͤhlte Kraft genug in ſich, dem Unweſen zu ſteuern. Zum erſten⸗ mahl ſeit langer Zeit gewann die koͤnigliche Wuͤr⸗ de, zum Schattenbilde verduͤnnt, wieder Koͤrper und kräftiges Leben. Um die gefaͤhrlichen Diener des Mythos zu ſtuͤrzen, mußte der Mythos ſelber fallen. Die ererbte Kunde aus Hinduſtan, von welchem die Kultur uͤber Aethiopien nach Aegypten ausgegangen war, both ihm einen gelaͤuterten Goͤt⸗ terdienſt an; die hehren Symbole des Feuers, die Pyramiden, welche wir noch in Hinduſtan vorfin⸗ den, ſollten auch Aegypten als eine Heimath ein⸗ geraͤumt werden, und die Unterthanen des Koͤnigs nicht laͤnger einen Kultus heybehalten, der ihre Vernunft befing. ihren Wohlſtand untergruh, und —(29)— ihre Herzen dem Throne entfremdete 0). Das Macht⸗ wort des Koͤnigs verkuͤndete eine neue Religion, es zertrummerte die Opferaltaͤre, auf welche die Nation ihre Habe hingelegt hatte, und hieß die Pforten aller Tempel ſich verſchlieſſen: die erſte Pyramide ſtieg empor.. In jenem groſſen Zimmer, das jetzt unter dem Nahmen Zimmer des Koͤnigs bekannt iſt, ſollten die heiligen Zeremonien verrichtet werden, und zu dieſem Ende mußte aus dem noch vor⸗ handenen Brunnen Waſſer geſchoͤpft, und in das Gefäß gefüllt werden, welches bisher der Sar⸗ kopbag genannt wurde, worauf die Prieſter in ſel⸗ bes den heiligen Lotus tauchten. Um aber das Aus⸗ gehen aller hierarchiſchen Gewalt von ſeiner eigenen Perſon der rohen Menge zu verſinnlichen, ließ er, gleichſam ſich ſelbſt apotheoſtrend, in der Pyra⸗ mide unterirdiſche Gemaͤcher errichten, welche einſt ſeine koͤrperlichen Reſte empfangen ſollten**). **) Daß ſchon die Alten von den Hinduſtaniſchen Pyramiden Kenntniß hatten, bemerkt Alex. Polyhist. in Clem. Alexandr. Str. I. 3. ** Wilford ſagt in den Memoiren der gelehrten Geſellſchaft zu Kalkutta: die Braminen, mit welchen er ſich uͤber die Pyramiden beſprach, haͤtten ihn verſichert, man habe den Brunnen, und ſo auch das Sefäͤtz im groſſen Zimmer zu dem oben geſagten Zweck verwendet. Reynier verſichert, daß die Form des Gefaͤſſes keines⸗ (30)=— Dem Plaus dieſes Negenten gegen die hierar⸗ chiſche Macht getreu, regierte ſein Nachfolger Che⸗ phren, der eine zweyte Pyramide erbauen ließ. Da beyde Koͤnige zum groſſen Verdruß der Goͤ⸗ tzendiener zuſammen genommen 106 Jahre herrſch⸗ ten, dennoch aber nicht mehr als zwey Pyrami⸗ den bauten, ſo kann man ſich, wie ſchon oben er⸗ innert wurde, nicht wohl uͤberreden, daß ſie da⸗ durch ihre Unterthanen erſchoͤpft haben, im Ge⸗ gentheil moͤgen ſie an Opfern Vieles erſpart ha⸗ ben, und da der damahlige Pyramidendienſt nicht viele Prieſter erforderte, ſo moͤgen die oͤffentlichen Ausgaben waͤhrend der Regierung dieſer beyden Koͤnige ſich ſogar betraͤchtlich vermindert haben. Allein ſo wie die Kraft des menſchlichen Gei⸗ ſtes unter der Laſt der Jahre erliegt, ſo wie die wegs erlaube, es fuͤr einen Sarkophag zu halten, zudem ſey weder hier noch in der einen, beſuch⸗ ten, Pyramide von Sakharah eine Spur von zerbrochenen Deckelſtuͤcken zu finden, welche doch bey einem Sarkophag vorfindig ſeyn muüͤßten. Uebrigens hat ſchon Herodot erinnert, daß die unteriediſchen Gemaͤcher, der fuͤr den Koͤ⸗ nig beſtimmte Begraͤbnißplatz ſeyen. Man haͤtte daher ſchon vorlaͤngſt in Bezug auf dieß Gemach das Fehlerhafte der Benennung: Zimmer des Koͤnigs, fuhlen ſollen, und koͤnnte es von nun an richtiger mit dem Nahmen: Zimmer der Myſterien belegen. 4— Der Verfaſſer. - 635— Macht des Gefanges, der Zauber der Schoͤnheit, der glaͤnzendſte Nachruhm ſpurlos untergeht, und ſo wie von der Blutmaſſe im menſchlichen Koͤrper an bis zu den zahlloſen Sphaͤren im unendlichen Raume Alles in Kreiſen ſich bewegt; fo ging mit dieſen beyden Koͤnigen das ſchoͤne Werk der Gei⸗ ſterbefreyung zu Grunde, und die ſchon verſchwun⸗ dene Macht der Prieſterkaſte erhob ſich kraͤftiger wieder; es erneuente ſich der alte Tempeldienſt. Zwar wurden unter Mykerinus und Aſychis koſtſpielige Pyramiden, unter den zwoͤlf Koͤnigen das Labyrinth, unter Pfammetichus die Tempel der Lakona u. ſ. w. erbaut; allein die wieder ein⸗ geſetzten Prieſter fanden an dem Aufwand, welchen dieſe Baufuhrungen verurſachten, nichts zu tadeln, ſo ſehr ſie auch gegen Cheops und Chephren ge⸗ wuͤthet hatten, welchen ſie indeß bey allem boͤſen Willen doch nichts Anderes vorzuwerfen wußten, als den Pyramidenban.— Traurig genug iſt es fuͤr die Sache der Wahrheit, daß wir über jene Zeiten nur einen Bericht und zwar aus dem Mun⸗ de der Prieſter beſitzen; denn Herodot hat nichts weiter gethan, als ihre boshaften Ausſagen getreu⸗ lich niedergeſchrieben.— Wer die uͤbrigen Pyra⸗ miden erbaut habe, weiß man nicht; nur ſo viel erhellt, daß die Prieſter auch lange nach Cheops ſich der Pyramiden bedienten, deren feyerliches Dunkel, deren unterirdiſche Verbindungen ſich zu religioͤſen Zeremonien und zu Orakeln ſehr wohl benuͤtzen lieſſen. —(32)— Aus dem Geſagten erhellt, daß die Pyrami⸗ den zuvoͤrderſt zu einem doppelten, dann zu einem ein⸗ zelnen, ganz verſchiedenen Zwecke dienten. Seit Che⸗ ops Opfer und Tempeldienſt abgeſtellt hatte, dienten naͤhmlich die Pyramiden erſtens zur Feueranbe⸗ tung und zweytens zum Grabmahl der Koͤnige; nachdem aber die Tempel wieder geoͤffnet wurden, benuͤtzte man ſie zu einem dritten Zwecke, naͤhm⸗ lich zur Ausuͤbung des alten Goͤtterdienſtes, und wohl auch zu Orakeln. Naͤhere Belege zu dieſen Behauptungen koͤnn⸗ ten nur erſt dann aufgefunden werden, wenn es wieder einer kultivirten Macht gelaͤnge, eine der ganz ausgebauten Pyramiden zu oͤffnen, und ſo ſich von der Richtung der unterirdiſchen Kanaͤle, von den inneren Aufgaͤngen in die Zimmer, und von der Beſchaffenheit der darin befindlichen Luftloͤcher zu uͤberzeigen; da nun einmahl die allegoriſche Spra⸗ che der Hieroglyphen fuͤr uns allem Anſſcheine nach auf immer verloren bleibt. —(33)— XX, J. B. Freſſange's Nachrichten von Madagaskar. Geſchöpft in den Jahren 1802 und 1803. D. zibeyte Band von Malte⸗Bruns Annalen S. 3. u. f. macht uns mit dem vortrefflichen Aufſatz Freſ⸗ ſange's bekannt, welchen Peron, beor Redakteur der auſtraliſchen Reiſebeſchreibung, Herrn Malte⸗Brun mitgetheilt hat. Wir liefern, zum Theile in einer an⸗ dern Anordnung, eine auszugsweiſe Ueberſetzung die⸗ ſes Werkchens, welches den Freunden der Weltkunde —(34— erſcheinenden Annales des Voyages, zuſichert, und die wir dann nachliefern werden. Erſte Abtheilung. Einleitung.— Allgemeine Blicke auf Madagaskar und ſeine Bewohner.— Gewäſſer.— Produkte und heſondere Naturmerkwüͤrdigkeiten. Au die Portugieſen die Umfahrt der Suͤdſpitze Afrika's entdeckt, und von dieſer aufwaͤrts die Oſt⸗ kuͤſte dieſes Welttheiles befahren hatten, konnte ih⸗ nen die Inſel Madagaskar nicht lange unbekannt bleiben. Wirklich wurde ſie auch i. J. 1506 von LaurenzAlmeidaentdeckt, allein ſie fanden die Schaͤtze Indiens wichtiger als die Errichtung ei⸗ ner Niederlaſſung von ungewiſſem Erfolge, und kuͤm⸗ merten ſich daher nicht weiter um die Inſel. Hierauf, und zwar unter Heinrich des IV. Regierung, errichteten die Franzoſen hier eine Kolo⸗ nie. Sie nannten Madagaskar die Dauphins⸗ inſel, und erbauten ſich im Suͤden derſelben das Fort Dauphin, welches aber gegenwaͤrtig zer⸗ ſtört iſt. Ich eile nun dieſe Inſel, welche für Frank⸗ reich haͤtte ſehr wichtig werden koͤnnen, zu beſchreiben. Die Inſel Madagaskar übertrifft an Flaͤchen⸗ inhaſt ganz Altfrankreich. Obgleich unter einem — 2.) heißen Himmelsſtriche gelegen, hat ſie doch alle Jahrszeiten der gemaͤſſigten Zone, ſie beſitzt viele Hafen und berrliche Bayen„ worunter jene von Antongil die vorzüglichſte iſt. Graf Benjows⸗ ky hat daſelbſt i. J. 1773 ſeine Niederlaſſung ge⸗ gruͤndet. Zwar würde er bey ſeinem allzuhefligen Temperamente, bey ſeinem zu weitgehenden Ehr⸗ geite, die Kolonie niemals auf einen ſehr bluͤhenden Zuſtand geöracht haben, indeß verdiente er doch kei⸗ neswegs jenes tragiſche Ende, welches er wirklich genommen hat, und Abbe Ro chon hat ihn aus Partheylichkeit allerdings viel zu nachtheilig darge⸗ ſtellt. Was aber die Wahl des Ortes der Nieder⸗ laſſung helangt, ſo ließ Benjowsky, durch die Leich⸗ tigkeit ſich Lebensmittel und Holz zu verſchaffen, ſich irrig verleiten, die ungeſunde, für die Schiff⸗ fahrt wenig geeignete Bay von Antongil zu waͤhlen. Der Nordtheil der Inſel iſt der beſte, und la⸗ det mit Recht zur Errichtung einer Kolonie. Man glaubt, daß die Englaͤnder an der Bay St. Au⸗ guſtin eine Niederlaſſung gruͤnden wollen. Die franzoͤſiſche Regierung wuͤrdigt dieſe Inſel nicht ge⸗ hoͤrig, Geduld mit Muth bewaffnet, wuͤrde zuverlaͤfſig die Nachtheile der ungeſunden Luft beſeitigen; man muß übrigens auf die Hollaͤnder hinblicken, welche in einem ungeſunden Theile Javas eine herrliche Stadt erbaut haben. Die Ile de France kann ei⸗ ne groſſe Eskadre weder aufnehmen noch erhalten, Domingo iſt fuͤr Frankreich verloren gegangen, aber Madagaskar koͤnnte es erſetzen. Die Leich⸗ C 2 —(35)— tigkeit, von der afrikaniſchen Kuͤſte Sklaven herbey⸗ zuſchaffen und durch ſelbe die Inſel zu kultiviren, ihre ſchaͤtzbaren Produkte, die guͤnſtige Lage fuͤr den Handel nach Hinduſtan und nach ſeinen Oſtlaͤndern, mwürden ſie bald zu einer ſehr vortheilhaften Beſi⸗ tzung umſtalten. Man ſcheue die Entfernung nicht, wenn es darauf ankoͤmmt, Kolonien zu errichten. Die Engliſche Niederlaſſung in Port Jakſon auf Neualbion iſt gewiß aͤaſſerſt entfernt, dagegen aber kann ſte einſt fuͤr Pern ſehr gefaͤhrlich wer⸗ den.— Die Madegaſſen oder Malgaſchen an der Kuͤſte ſind ein ſehr groſſer, wohlgebildeter Menſchenſchlag von braungelber Farbe. Sie ſind ernſt, verrathen viel Geiſt, haben groſſe Neigung zum Nachdenken und beweiſen ſich gaſtfrey; allein ſie haben einen groſſen Hang zur Unmaͤſſigkeit und zur Rachſucht. Die Bewohner des Innern da⸗ gegen ſind klein, haben Malajiſche Zuͤge, lange Haa⸗ re, und beweiſen ſich ſchurkiſch und treulos.— Im Allgemeinen haben die Europaͤer von den Madegaſ⸗ ſen eine zu nachtheilige Meinung. Flacour be⸗ ſchuldigt ſie graͤulicher Dinge, um ſein eignes Be⸗ nehmen zu beſchoͤnigen; Rochon aber giebt ihnen Gelehrſamkeit, und er laͤßt ſie aus der Papierſtaude Papier machen, indeß ſie nicht einmahl dieſe Stau⸗ de beſitzen. Doch— Rochon war zu jung, ſein Aufenthalt auf Madagaskar war von kurzer Dau⸗ er, und er ſchrieb meiſt nur nach Memoiren.— Einige Fortſchritte in den Künſten haben dieſe Völ⸗ —(37— ker freylich wohl gethan; ihre Leibtücher(Pagnen), ein Gegenſtand der Neugierde und des Lurus fuͤr den Europaͤer, ſind ſehr zierlich gewebt, und die Far⸗ benvertheilung iſt auf ſelben durchgaͤngig abwechſelnd und ſchoͤn; ſie beſitzen in vorzuͤglichem Grade die Kunſt, das Eiſen zu ſchmieden und es zu bearbeiten. Da ſie auf die Schreibekunſt ſich nicht verſtehen, ſo rechnen ſie mittelſt kleiner Stuͤckchen Holz, und ver⸗ muthlich iſt dieſe Rechnungsmethode dasjenige, was Herr Rochon fuͤr die Algehra nimmt. Man beſtreitet, daß die Bewohner Madagas⸗ kars eine Religion haben. Allein ſie erkennen wirk⸗ lich einen guten und einen boͤſen⸗Geiſt, und betrach⸗ ten die Sonne als die hervorbringende Kraft. Ich denke, wenn man von einem Volke reden will, ſo ſollte man alles aufbieten, um nicht falſche Begriffe zu verbreiten. Bey der Pruͤfung in der Naͤhe muß man ſich vom erſten Anſcheine nicht blenden laſſen. Eine Bereiſung der Inſel, die Nothwendigkeit un⸗ ter ihren Bewohnern zu leben, ſetzte mich gluͤcklicher⸗ weiſe in den Stand, einige Irrthuͤmer uͤbel unter⸗ richteter Reiſender aufzudecken, und naͤhere Auf⸗ ſchluͤſſe zu geben. 1. Hu f Die Eingebornen in Madagaskar wiffen„ daß ihee Inſel in mehrere Provinzen getheilt iſt. Rochon zählt deren 28, aber es iſt leicht zu beweiſen, daß er Namen einzelner Ortſchaften fuͤr jene ganzer Pro⸗ vinzen gehalten hat. Diejenigen Provinzen, welche ich ſelbſt bereiſet habe, oder uͤber welche ich naͤßere Nachricht erhalten kounte, werden in dieſer Dar⸗ (333— ſtellung Madagaskars erſcheinen. Roch andere wer⸗ de ich wenigſtens namentlich angeben, auf keinen Fall aber Rochons Zahl erreichen. ügerus Auf der Oſtküſte zaͤhlt man 5 Haͤfen, 3 groſfei Nheden, und 3 ſchoͤne Bayen, worunter die Haͤfen Choiſeul, Tintinque, die Rheden Foulpo⸗ inte und Manaharre, dann die Bayen, Vo⸗ hemare, Diego Suares und Antongil. — Die Anzahl der ſehr ſchoͤnen Seen belaͤuft ſich auf 5, worunnter der See Antſianaxe in der gleichnamigen Provinz, deſſen Umfang ungefaͤhr 25 Lieuen betraͤgt, und welchem der groſſe Fluß Man⸗ guru entquillt. Dieſe Seen ſind reich an Fiſchen, aber auch an Krokodilen. Nur der See Raſſoi⸗ Beh iſt von den letzteren befreyt, obgleich es in dem mit ihm verbundenen Raſſoi⸗Maſſair von dieſen Ungeheuern wimmelt.— Der obengenannte Fluß iſt der ſchoͤnſte; die uͤbrigen, durch ihre Groͤſ⸗ ſe ſich auszeichnenden Flüſſe ſind: der Maramet⸗ te, Spnthine Andd uun und Manan⸗ zari. 18 Die bochſten, mit„Baußotz gut vesſehenen Ber⸗ ge ſind jene in der Provinz Akoves, welche 1800, und jene der Provinz Betanimenes, welche et⸗ wa 1200 Toiſen uͤber die Oberflaͤche des Mreyes ſich erheben. Die Berge am See Noſſiveh ent⸗ halten viel Bley, Eiſtn, Meſſing, Granaten und ſchwarze Achate. Am Meeresufer hat man in der Epoche meiner Reiſe ein Stück grauen Ambras ge⸗ funden, das 25 Pfund wog. Aus der groſſer Men⸗ ge Katzengold, welches man in den Stroͤmen findet, ſchlieſſen mehrere Reiſende, daß in ſelben Goldſtaub enthalten ſeyn duͤrfte. Ich weiß nur, daß nach dem Fort Dauphin blos ſolches Gold gebracht wur⸗ de, welches die Araber der Inſel zugefuͤhrt hatten. Von beſonderer Schoͤnheit ſind hier die Kriſtallbloͤcke, deren einige bis a0 Fuß im Umfang haben. Einer der Berge von Befure iſt ganz mit Kriſtallen be⸗ ſaͤet; er ſpielt daher im Sonnenſchein die hellſten Farben. Die ganze Menge Sandes, welche Mada⸗ gaskar bedeckt, beſteht aus Kriſtalltrümmern, und waͤre wegen ſeiner vorzuͤglichen Weiſſe zur Glasfa⸗ brikation ſehr geeignet. In der Provinz Betani⸗ menes findet man am Fuß der Gebirge am Ober, Andevurante eine Ortſchaft, welche Ranu⸗ Ma⸗ fane oder Quelle warmer Wäſſer heißt. Die Quel⸗ le, welche ihr den Namen giebt, entſpringt aus ei⸗ nem Moraſte und hat die Hitze des ſiedenden Waſ⸗ ſers. Da hier von Vulkanen keine Spur iſt, ſo kann man nicht annehmen, daß dieſe Hitze durch Zerſe⸗ bung von Feuerſteinen entſtehe. Dieſer Umſtand verdiente eine naͤhere Unterſuchung, und da auſſer den Gebirgen auch die Pflanzen des merkwuͤrdigen Innern noch ununterſucht ſind, ſo glaube ich dem Naturforcher dieſe Inſel, als einen ſehr reichen Ge⸗ genſtand wiſſenſchaftlicher Ausbeute, anempfehlen zu muͤſſen. Noch bemerke ich, daß das Innere der In⸗ ſel im Vergleich mit der Kuͤſte ſehr holzarm iſt, und ſchreite nun zur Darſtellung der einzelnen Pro⸗ vinzen und ihrer Bewohner. 2 —(40)— Zweyte Abihe ilunean Die eit elnen Provinzen.— Unglücklicher Einfall des „Donnervolks in das Land des Suͤdvolks.— Die Stadt Andevurante.— Gefaͤllige Saſtfreyheit der „ Bezonſons.— Gränze der ſchoͤnen Voͤlker.— Der re ſelkkaine Setotenhanden— Uebee die beruͤhmte Pwerhnatlon Jhern betrachten wir die Provinz der Anta⸗ varts, ein Nahme, welcher die Begriffe Nord⸗ volk oder Donnervolk bezeichnet, weil dieß ſchreckli⸗ che Meteor immer von der Atmosphaͤre ausgeht. Dieſe Provinz erſtreckt ſich vom Kap Ambra bis in die Gegend von Foulpointe, und begreift auch die Marieninſel in ſich. Dieß Gebieth iſt ſehr fruchtbar, und handelt mit Reis; auf der ge⸗ naunten Inſel werden die ſo beruͤhmten Pagne's verfertigt. Die Sklaven, welche man hier kauft, ſind alle Anjuarer. Graf Benjowsky hat den Ma⸗ degaſſen den Weg nach den Kommoriſchen Inſeln vorgezeichnet, und ſeither ſegeln ſie, von der Sonne oder den Sternen geleitet, haͤufig dahin, um Krieg zu führen. Starke Windſooͤſſe aus Nordoſten treiben ſie zuweilen in den Kanal von Moſambik, welches ihnen denn auch im Jahre 1797 geſchah. Sie hat⸗ ten ſich bis dahin die Meinung nicht benehmen laſ⸗ ſen, daß ihr Vaterland ein Kontinent ſey; wie ſehr erſtaunten ſie aber nicht, als ſie entdeckten, daß ſie —— 4 —(4 0— ihr Land umſegelt hatten. Um nun nicht vergeblich ihre Reiſe unternommen zu haben, ſannen ſte gegen die Antaximen auf Verrath. Sie ſandten en ſelbe Abgeordnete, mit der Bitte, um Waſſer und Lebens⸗ mittel, auch machten ſie ſich anheiſchig, durch den Bluteid aufrichtige Freundſchaft anzugeloben. Allein ſie ſtiegen bewaffnet ans Land, und giengen, was die Geſetze verbiethen, mit ihren Sagajen in die Verſammlung. Kaum verwieſen ihnen die Antaxi⸗ men dieß Benehmen, ſo fielen ſie uͤber ihre unbe⸗ wehrten Gaſtfreunde her, und machten eine groſſe Anzahl derſelben zu Gefangenen. Aber die Andern entflohen und verbreiteten in allen Ortſchaften heiſſes Verlangen nach Rache. Doch vergebens; ſie muß⸗ ten vor den Feuergewehren der Antavarts weichen, und ſich in die Gebirge fluͤchten. Aber auch bis in dieſes Aſyl verfolgt, und mit Tod oder Knechtſchaft bedroht, beſchloſſen ſie eine letzte Anſtrengung. Mit der Sagaje in der Hand brachen ſie unvermuthet hervor, und uͤbermannten den überraſchten Feind⸗ ſo ſehr, daß er, der ooo Mann ſtark war, kaum in der Anzahl von 200 entwiſchen konnte. Das Land der Beſtimeſſaras,(d. h., des guten oder des grofſen Volkes) iſt von den Eu⸗ ropaͤern am meiſten beſucht worden. Foulpoin⸗ ke iſt hier der Hauptort; die Franzoſen beſaſſen hier eine Niederlaſſung, die Palliſade genannt, allein ſie wurde von den Eingebornen perbrannt.— Dieſe Provinz iſt reich an Reis und Rindyieh. Die Madegaſſiſchen Sklaven, welche mon bier kauft, —(4²)— ſind meiſt aus dem Lande Akove, und die Mo⸗ ſambikiſchen werden von den Arabern einge⸗ ſchwaͤrzt. Der Hafen Tamatave iſt hier weit geſünder und eben ſo tauglich, als jener von Foul⸗ vpointe. Ich habe der franzoͤſiſchen Ragierung den Plan vorgelegt, auf welche Art er mit einem ge⸗ ringen Geldaufwande in Vertheidigungsſtand zu ſetzen waͤre. Die Maͤnner dieſes Landes ſind die ſchoͤnſten von Madagaskar; auch haben die Frauen⸗ zimmer ſehr viel Einnehmendes. Die dritte Provinz iſt jene der Betanimenes, oder des rothlaͤndiſchen Volkes; ſie graͤnzt nordwaͤrts an die vorige, in Suͤden aber an das Land der An⸗ taximes. Dieſe Provinz iſt die reitzendſte und am ſtaͤrkſten mit ſehr ſanften Leuten bevoͤlkert. Der Hauptort dieſes an Heerden und an Reis reichen Landes iſt Andevurante, die groͤßte Ortſchaft Madagaskars, mit 10,00o ſtreitbaren Maͤnnern(alſo ungefaͤhr 45 bis 50,000 Menſchen). 8: Das Land der Antaximes, oder des Süd⸗ volkes, iſt die vierte duͤrftige Provinz mit ſchlechten Ankerplaͤtzen und Bewohnern, welche bey Schiff⸗ brüchen uͤber alle Waaren das Heimfallsrecht gel⸗ tend machen. Dieſe groben und diebiſchen Menſchen ſind in den Kunſten ſehr zurück, und kleiden ſich ſchlecht. Sie ſind ſehr ſchwarz, haben krauſes Haar, und bedienen ſich unter allen Madegaſſen allein, des Schildes. Ihr moraſtloſes und nicht allzu holz⸗ reiches Land iſt gefuͤnder als die Nordprovinzen; auch enthaͤlt es die praͤchtigſten Stroͤme der Inſel, . —(43)— den Manguru, und den Mananzari, welche aber leider an der Muͤndung fuͤr die Schifffahrt zu ſan⸗ dig ſind.. d. blam Ksn) ins Wir kommen nun auf die fuͤnfte Prooinz, oder jene der Amb anivules, d. i. Leute, die an Bambusbergen wohnen. Die Kuͤſtenbewohner, durch die haͤufigen Beſuche der Europaͤer ziemlich kultivirt, verachten dieſe als ungeſchliffene Bengel⸗ doch muͤßten jene bey ihrer Traͤgheit erhungern, wenn nicht die guten Ambanivules ſie mit Lebens⸗ mitteln verſaͤhen. Uebrigens verdienen ſie das Lob der Gaſtfreyheit, und wenn ſie auch wenig Verfei⸗ nerung haben, ſo begehen ſie doch keine Laſter. Ein fruchtbares, mit hohen Bergen umgebenes Thal von 14 Ortſchaften macht die ſechſte Provinz der Bezonſons aus, welche an das Land ider Bentanimenes ſtoͤßt. Mit Vergnugen gewahrt der Reiſende, vom bewaldeten Gipfel der Graͤnzgebirge am letztgenannten Lande, wohlbebaute und gut be⸗ waͤſſerte Ebenen, wo gluͤckliche Menſchen wohlihaͤ⸗ tig einfoͤrmige Tage verleben. Bemerkenswerth iſt noch, daß hier die Graͤnze des ſchoͤnen Menſchen⸗ ſchlages iſt. lo hitmce snim zed Die Gaſtfreyheit wird von den einnehmend ge⸗ ſtalteten Bezonſons ſehr genau beobachtet. Gerne verbinden ſie ſich mit den Weiſſen durch den Blut⸗ eid, von dem ich nachher ſprechen werde. Weun ein Weiſſer ankoͤmmt, ſo raͤumt der Bezonſon ſei Haus, und laͤßt es durch vier oder fuͤnf Perſonen für den Fremden und ſein Gefolge einrichten. Dann 4 —(44)— erſcheint er, wuͤnſcht ihm einem guten Tag, befragt ihn um Reuigkeiten, und bittet ihm den Nahmen zu ſagen, welchen er ſehr wohl behaͤlt. Hierauf entfernt er ſich, um ſogielch mit dem Beſten wieder zu kommen, was im Orte zu haben iſt, und dieß iſt gewöoͤhnlich der fetteſte Ochs ſeiner Heerde, ein Sack Reis, ein Gefaͤß voll Meth. Er koſtet von Allem, um zu überzeugen, daß nichts vergiftet ſey.— Wer koͤnnte nun ſo undankbar ſeyn, um die Guͤte dieſes Volkes nicht zu fuͤhlen; wie vermochte man, ſelbes zu verachten, und mit den ſchwaͤrzeſten Far⸗ hen zu ſchildern Nun beginnt mit der ſiebenten Provinz der Antankayes, die Abtheilung der unvortheilhaft geſtalteten Madegaſſen. Sie haben faſt durchgaͤngig lockenloſes langes Haar, Malazjiſche Zuͤge, eine fahle Hautfarbe, eine kleine Statur, und reden eine von allen Anderen ſehr verſchiedene Sprache. Den Arabern gleichen ſie nicht, wohl aber den Malajen. Sie reiſſen ſich den Bart aus, ſchwaͤrzen ſich die Zaͤhne, verlaͤngern und durchſtechen die Ohren wie die Malajen, kleiden ſich ungefähr auf ihre Art, and ſind nicht minder ſchurkiſch, als es eben die Malajen ſind. Verſchiedene Worte, deren Bedeu⸗ tung und Ausſprache ſind malajiſch, auch ſetzt ihre Tradizion keineswegs die Araber unter ihre Vorfahren, wie es doch Aochon zu behaupten wagt. Ihre Haͤupter ſind grauſam und despotiſch Waͤhrend in dem ganzen uͤbrigen Madagaskar der —(450— Schuldige von einer allgemeinen Verſaumlung zum Tode verurtheilt wird, haben ihre Haͤnpter das Recht uͤber Leben und Todd. 21189 Dieſe Provin; iſt eine ungeheure heerdenreiche Flaͤche, und ihre zahlreichen Oriſchaften ſind auf Bergen durch Natur und Kunſt trefflich vertheidigt. Dennm die Einwohner dachen die hoͤchſten Bergſpitzen ab, ehnen den Boden, bauen dann auf ſelbem ihre Haͤuſer, laſſen aber vor dem Hauſe des Oberhaup⸗ tes einen Platz im Gevierte frey, dann umgeben ſie die Ortſchaft mit dreyfachen Pfahlreihen, auſſer⸗ halb welcher gewoͤhnlich noch drey ſehr tiefe und ſehr breite Gruben gegraben werden. Das Erdreich, welches aus ſelbem heraus gehoben wurde, dient dann zu einer Bruſtwehre. 1 8 Ihre Pflanzungen gleichen jenen der anderen Malgaſchen. Nur iſt ihr ſehr nahrhafter Reis von rother Farbe. Noch haben ſte die beſondere Ge⸗ wohnheit, ſich mit Unſchlitt zu ſalben, welches ih⸗ re Widerlichkeit vermehrt. Dieſe Provinz iſt die innerſte, welche die Sklavenhaͤndler beſuchen; denn die achte Provinz der Ankoven, Ovas oder Ambolams iſt ihnen zu gefährlich. Sie ſioͤßt an die Provinz der Bay S. Auguſtin, und zerfaͤllt in die Gebiethe Nord⸗ und Südovas, deren Haͤupter ſich faſt immer bekriegen. Die wechſelſeitigen Gefangenen ſind jene zahlreichen Sklaven, welche von hier aus der Kü⸗ ſte zugeſchickt werden, und die fuͤr ſelbe eingehende Bezahlung dient zum Luzus ihrer Häuptlinge. RNo⸗ — 646)= chons Karte zeigt uns zwar das Laud bergig und holzreich, allein in der That ſelbſt enthaͤlt es un⸗ geheure und hoͤchſt holzarme Flaͤchen, ſo daß die Einwohner ihre Speiſen an der Flamme von Stroh und Ochſenduͤnger kochen muͤſſen. Dieſe Leute un⸗ terſcheiden ſich von den Antankayen durch eine weiſſere Farbe, groͤſſere Geſchicklichkeit, aber auch durch eine noch auffallendere Schurkerey. Von die⸗ ſer letzteren will ich ein Beyſpiel anführen. Ein Eu⸗ ropaͤer hatte hier eine Anzahl Sklaven von einem angeſehenen Manne gekauft; wie ſehr erſtaunte er aber nicht, als am Tage darauf ein anderer Haͤnd⸗ ler erſchien, der ihm den erſten zum Verkauf an⸗ both? So ſehr Krieg und zuweilen auch Hunger in dieſen Gegenden wüthen, und obgleich jaͤhrlich 6 bis 700 Sklaven aus dieſer Provinz gezogen wer⸗ den; ſo ſind dennoch die Flaͤchen und die Berghoͤ⸗ hen mit zahlreich bewohnten Ortſchaften bedeckt.— Dem Handel ſind ſieben bis acht Ortſchaften gewid⸗ met, in deren jeder ein anderer Handelszweig be⸗ ſieht. So werden an einem Orte Sklaven, an dem andern Lebensmittel verkauft, u. ſ. w. Die Bewohner dieſer Gegenden veiſehen allein die Kunſt Eiſen zu graben, zu ſchmieden, und aus ſelbem ſehr gute Arbeiten zu verfertigen. Sie weben auch die auf ihrer Inſel geſchaͤtzten Flitterſtoffe, von welchen das Stuͤck oft einen Sklaven gilt. In das ſehr ſonderbare Gewebe ſind duͤnne Plaͤttchen von Bley und Zinn eingeheftet. Die Seide ſpinnen —(47)— ſte, wie den Kottun. Letzteren weben ſie ſo feſt, daß er den Nahmen tutu ranu oder waſ ſerdich⸗ tes Tuch hat. 1 N1 Sehr wenig bekannt iſt die neunte Provinz der Antſianaxen, weil die Europaͤer, ſo oft ſie ſel⸗ be beſuchten, ausgeplündert wurden. Sie enthaͤlt den See, aus welchem der Manguru entſpringt, und lehnt ſich im Norden an die zehnte Provinz der Saklaven, welche um ihre Unabhaͤngig⸗ keit ſo beſorgt ſind, daß ſie keinen Europaͤer dul⸗ den. Man weiß von den Bewohnern beyder Pro⸗ vinzen nur, daß ſie ſehr tapfer ſind, und Feldbau treiben. 15I Die Provinz der Andrantſaien iſt die eilfte, ſie wird von einem rohen und feigen Hirten⸗ volk bewohnt, welches die Antakoves ſo oft bekrie⸗ gen, als ſie Sklaven benoͤthigen. Sie wiſſen den Feind nicht anders zum Nuͤckzug zu bringen, als indem ſie ihm Heerden anbiethen. Dieſer Umſtand ſtimmt mit jenem uͤberein, was Commercon, Ro⸗ chon und Raynal von einer Zwergnation erzaͤhlen. Da ich Gelegenheit hatte, einen Zwerg dieſer Provinz zu ſehen, ſo glaubte ich, daß die eben an⸗ gefuhrten Schriftſteller Recht haben koͤnnten, wenn ſie das Daſeyn eines Zwergvolkes in Madagaskar behaupten. Allein der Kaufmann, welcher den Zwer⸗ gen beſaß, verſicherte mich, daß bey ihnen kei⸗ neswegs ein ganzes Volk von aͤhnlicher Kleinheit vorhanden ſey, wohl aber fuͤge es ſich oft, daß in dieſer Provinz einzelne Zwerge geboren wuͤrden. —(48)— Auch erklaͤrte der Zwerg ſelbſt, ſeine Aeltern ſeyen groß gewachſene Leute, ihn aber habe man eben deßhalb verkauft, weil er ſo klein ſey. Da ich nur zwanzig Lieuen von der Provinz entfernt war, ſo fehlte mir es nicht an Nachrichten uber dieſen Umſtand, zudem ſind die Sklavenhaͤndler Leute, welche alle Provinzen der Inſel bereiſeten. Sie gaben mir aber die einhellige Verſicherung, daß kein Zwergvolk vorhanden ſey; zudem müßte nach der Lage, in welche die Reiſenden das Zwergland verſetzen, es gerade das Land der Andrantſaien ſeyn, welches ſie bewohnen.— So glaube ich mich denn berechtigt, eine nur zu ſehr beglaubigte und von ſchaͤtzbaren Autoritaͤten unterſtuͤtzte Meinung für grundlos zu erklaͤren. Uebrigens horte ich das Wort Kimos— ſo ſoll dieſe Zwergnation heiſſen— aus keinem einzigen Mund in Madagaskar, und wenn zuweilen ein Zwerg zum Vorſchein koͤmmt, ſo nennt man ihn daſelbſt: Zaza kute„Kind⸗ menſch. Die Provinzen im Weſten ſind noch wenig be⸗ kannt. Die Englaͤnder beſuchen die Bay St. Au⸗ guſtin oder Tuleran, der Lebensmittel und des Holzes wegen ſehr haͤufig. Die Madegaſſen dieſer Gegend reden daher allgemein Engliſch. Dritte In f⸗ Drirre Abrheilung. ba he decharge. Die = 69)= urn 29 Regierung.— Gluͤckliche Lage der Madegaßſiſchen Sklaven.— Ooffentliche Verſammlungen.— Holz⸗ ſtuͤckchen als Repraͤſentanten der Beweiſe.= Ver⸗ wuͤnſchungen.— Die Giftprobe an Menſchen, Hunden und Huͤhnern.— Kindermorde.— Be⸗ ſchneidungsfeperlichkeiten, und komiſche General⸗ — ſchoͤne Sitte des Blutejdeg. vnnt Ie Akormennen iſt hier die Staatsgewalt in den Haͤnden einzelner Perſonen, und erblich. Die Provin⸗ zen Akaya, Akove und das Land der Koͤnigin von Bonbehtok ſeufzen unter der Geiſel des Despotismus. Jede Ortſchaft hat mit Ausnahme der zwey letztgenannten Laͤnder einen eignen Haͤupt⸗ ling, und wohl auch deren drey. Dieſe Anfuͤhrer bebauen gemeinſchaftlich mit ihren Sklaven das Feld. Sie haben keine Steuern zu beheben, da die Kriegs⸗ koſten jedesmahl gemeinſchaftlich bezahlt werden. Die Freyen zerfallen in Kaufleute, Ackersleute und Marmiten(Leute, welche Beſchaͤftigung ſuchen). Die Sklaven werden ſehr gelinde behandelt, eſſen mit dem Herrn und bekommen keine Schlaͤge. Tritt der Fall ein, daß der Sklave mit dem Anbau ſeines Reisfeldes beſchaͤftigt iſt, ſo darf der Herr ihn nicht noͤthigen, das Seinige zu bauen. IV. Baͤndch. d (50)— 3 ein Krieg erklaͤrt, ſo muß jeder Waffenfd⸗ hige ſtreiten. Der maͤchtigſte Haͤuptling bekommt den Oberbefehl uͤber die geſammte Styeitmaſſe. Bey ihrer Art Krieg zu fuͤhren, w ird ſehr vi eel Blut vergoſſen; der Sieger bemaͤchtigt ſich der Aerndte und der Sklaven.(Wohl auch des Viehes, da wir geſehen haben, daß einzelne Volksſtaͤmme die an⸗ dern durch Anbietung vyn Heerdenzur Nuhe bringen.) Die Geſetze ſind einfach. Der Meuchelmord wird mit dem Tod beſtraft. Der Schuldige wird naͤhmlich an einen Pfahl gebunden, und mit einer Sagaje durchbohrt. Da das Geſchaͤft des Buͤttels hier nichts Entehrendes hat, ſo verſieht jeder ſein Aunt, der ſich im Gebrauche des Waffenſtücks üͤben will. Der Giftmiſcher wird durch Gift oder Feuer beſtraft, der Dieb zum doppelten Erſatz des Ent⸗ fremdeten verhalten. Hat man ihn auf der That ertappt und in ſeinem Hausbezirke ermordet, ſo be⸗ zahlt man dem Ortshaͤuptling vier Piaſter. Iſt er aber auſſerhalb des zum Hauſe gehörigen Grundes ermordet worden, ſo wird man mit dem Tode be⸗ ſtraft. Der Ehebruch aber unterliegt einer Geld⸗ ſtrafe, die an den gekraͤnkten Ehemann zu entrich⸗ ten iſt. Alle Schuldigen werden in dem Kabare ge⸗ richtet. Dieß i*ſt eine allgemeine V Verſammlung des Kantons, wo die Haͤuptlinge und Greiſe den Vor⸗ fitz fuͤhren. In dieſer Verſammlung wird auch uͤber alle Nazionalangelegenheiten entſchieden. —(51)— Wenn die Verſammlung ſich geordnet hat, ſo ſtoͤßt der Aelteſte mit ſeiner Sagaje auf den Boden, und ſchwoͤrt, daß der Beſchluß der Kabare, wie er auch ausfallen moͤge, puͤnktlich befolgt werden ſol⸗ le. Handelt es ſich um Frieden oder Krieg, ſo ent⸗ ſcheidet die Einhaͤlligkeit der Stimmen, in Pri⸗ vatangelegenheiten ſprechen jene Greiſe, die mit den Geſetzen am Bekannteſten ſind. Nach jedem Beweiſe, den eine Parthey anbringt, legen die Greiſe ein Stuͤck Holz in eine Muͤtze, ſo daß alſo der zwey Partheyen wegen auch zwey Muͤtzen mit ſolchen Holzſtuͤcken da ſind. Am Ende werden die Stuůck⸗ chen gezaͤhlt, und nach deren Mehrheit wird das Ur⸗ theil gefaͤllt. Hierauf berichten ſie ſelbes an den Kabare, welche ſodann dem Urtheil Geſetzeskraft giebt. Iſt die Thatſache zweifelhaft, ſo wird der Beklagte auf die Probe des Tan guins verwie⸗ ſen.— Vorlaͤufig müſſen wir noch vom Din ſpre⸗ chen. Dieß iſt eine Verwunſchungsformel und zu⸗ gleich ein Eid. Die Formel lautet alſo:„Ich ſchwoͤre, daß ich Dasjenige nicht began⸗ gen habe, deſſen ich beſchuldigt bin; wenn daß, was ich ſage, falſch iſt, ſo ſol⸗ len die Blitze des hoͤchſten Weſens un⸗ ſer Oberhaupt treffen, oder es wolle ihn in dieſesoder jenes Thier verwan⸗ deln.“— Wer auf dieſe Art einen falſchen Eid ablegt, wird von jenem Chef, über den er die Ver⸗ wuͤnſchung ausgeſprochen hat, zur Sklaverey ver⸗ urtheilt. D2 652) Der grauſauiſte unter allen Malgaſchiſchen Ge⸗ braͤuchen iſt jener des Tanguins. Wer eines Ver⸗ brechens verdaͤchtig iſt, kann zur Probe des Tan⸗ guins ſeine Zuflucht nehmen, oder er wird von der Kabare zu ſelber verurtheilt. Beſteht er die Probe, ſo wird er losgeſprochen; wenn nicht, ſo zieht man ſeine Habe ein. Der Tanguin iſt ein ſchnell freſſendes Gift, welches in den Nuͤſſen eines gewiſſen Baumes ent⸗ halten iſt. Der zur Tanguinprobe Beſiimmte wird an einen Baum gehunden. Der Empauan⸗ guin, oder Vollzieher der Zeremonie, reiht die Nuß auf einem Stein, und loͤſt einen kleinen Theil des daraus entſtandenen Mehles in Waſſer auf. Nun befraͤgt er den Beklagten, ob er lieber einge⸗ ſtehen, oder wirklich die Probe ablegen wolle. Die⸗ ſer wird, wenn die Angſt ihm das Geſtaͤndniß ent⸗ reißt, dem Urtheile des Kabare uͤbergeben, wo nicht, ſo muß er einen Fingerhut voll verſchliagen. Zugleich ruft der Empan anguin die unterirdiſchen Maͤchte an, die Wahrheit an das Licht zu ziehen. Fuͤrchterlich iſt die Wirkung des Giftes, ſie zeigt ſich ſpaͤteſtens nach Verlauf von 12 Minuten. Die aͤtzende Kraft des Giftes ſteigt den Be⸗ ſchuldigten in den Kopf, und verſetzt ihn in einen wuthenden Wahnſinn; er beſchuldigt ſich un⸗ wahrſcheinlicher Dinge; alle ſeine Zuͤge ver⸗ zerren ſich, ſeine Muskeln ſind in allgemeiner Span⸗ nung, und oͤfter erliegt er, als er dem Tode ent⸗ geht. Dieſen findet er nur nach den entſetzlichſten —(535— Schmerzen, und ſchon eine halbe Stunde nachher geht ſein Koͤrper in Faͤulniß uͤber. Wer aber dem Tode entgeht, verlebt doch ein jammervolles Da⸗ ſeyn; Konvulſionen und Schwindel befallen ihn, und ſelten erholt er ſich jemahls wieder. Die Malgaſchen an der Kuͤſte laſſen allmaͤh⸗ lig von dieſer empoͤrenden Sitte ab. Oft ma⸗ chen ſie dieſelbe Probe an Hunden und Huͤhnern, und nicht ſelten verurtheilt die Bosheit die Un⸗ ſchuld. Man hat neuerlich die Entdeckung gemacht, daß der Empauanguin ſich beſtechen laͤßt, und Je⸗ nem, der unterliegen ſoll, daß Fleiſch der Nuß an der Seite des Stengels zerreibt, weil das Gift auf dieſer Seite um vieles ſchaͤrfer iſt, als auf der andern. Der Aberglaube vernichtet oft von Kindheit auf die edelſten Keime, welche in dem Malgaſchen liegen. Mit Entſetzen ſieht man dieß halbkul⸗ tivirte Volk ein Kind zum Tode verurtheilen, das an ſogenannten ungluͤcklichen Tagen zur Welt kam. Sie ſetzen es im Walde aus, wo es denn umkom⸗ men muß. Die Beſchneidung iſt vermuthlich ſeit dem Be⸗ ſuchen der Araber eingeführt; auch haben dieſe den Inſulanern viele ihrer Gebraͤuche hinterlaſſen, ob⸗ gleich die Letzteren nicht, wie ſchlecht unterrichtete Schriftſteller verſichern, Mahomedaner ſind. An dem zur Beſchneidung beſtimmten Tage, ſtellt die madegafſiſche Ortſchaft alle Arbeiten ein. Wer zu beſchneidende Kinder hat, bringt ſie nebſt. —(54)— eben ſo vielen Ochſen und einer gewiſſen Quantitaͤt ſtarker Getraͤnke auf den beſtimmten Platz. Die Ochſen werden geſchlachtet, und ihre Hoͤrner an ein⸗ geſchnittenen Pfaͤhlen aufgeſteckt. Taͤnze, Scherz⸗ gefechte mit der Sagaje, verkuͤnden den Eintritt der Zeremonie. Bewaffnet mit dem entſcheidenden Meſ⸗ ſer erſcheint der Empananguin und fordert ſeine Opfer. Nun horen die Spiele auf; die Vaͤter ei⸗ len ihre Kinder herbeyzubringen, und waͤhrend man die Aufmerkſamkeit der armen Kleinen durch aller⸗ ley Scherze ablenkt, ſchneidet der Empananguin Dasjenige weg, was er überfluͤſſig findet, und legt ſelbes auf einen langen Balken, worauf er den ver⸗ wundeten Theil mit adſtringirendem Pulver beſtreut. Nachdem dieſe Zeremonie mit allen Kindern vorge⸗ nommen worden, ladet man die Flinten, allein ſtatt der Kugeln bedient man ſich der abgeſchnittenen Theile zur Ladung, und hierauf erfolgt eine Gene⸗ raldecharge. Ehemahls mußte der Empanangnin dieſe Theile verſchlucken; allein er fuͤrchtet Unver⸗ daulichkeit. Nun beginnen Taͤnze und Feſtlichkeiten wieder, und ſie gehen nicht eher zu Ende, als bis von den geiſtigen Getraͤnken kein Tropfen mehr da iſt. Einer der ſchoͤnen Gebraͤuche der Malgaſchen iſt der Bluteid, oder die feyerliche Vereinigung zweyer Perſonen zu allen wechſelſeitig erforderlichen Dienſten. Durch dieſen Eid tritt man in alle Rech⸗ te der Verwandtſchaft ein, und der Feind des Ei⸗ nen wird nothwendig auch der Feind des Andern. Die beyden Perſonen, welche in eine ſolche Verbin⸗ —()— dung treten wollen, verſammeln die Erſten der Ort⸗ ſchaft, wo die Feyerlichkeit vorgehen ſoll. Hierauf laſſen ſie ſich in die Magenhoͤhle einen leichten Ein⸗ ſchnitt machen, man laͤßt zwey Stültkchen Ingwer das Blut beyder Perſonen einſaugen, und jeder ißt das Stuͤckchen, welches mit dem Blute ſeines Freun⸗ des geſaͤtrigt iſt. Derjenige, weicher die Feyerlich⸗ keit beſorgt, füͤllt in ein Gefaͤß ſuͤſſes, ſalziges Waſſer, Reis, Silber, Pulver u. ſ. w. Dieß nennt man die Zeugen des Eides. Hierauf taucht er zwey Sagajen in das Gemengſel, er ſchlaͤgt auf ſie mit dem Inſtrumente, mit dem er die Einſchnitte gemacht hat, und ſpricht fuͤrchterliche Verwünſchun⸗ gen aus. Die gewoͤhnlichſte derſelben lautet fol⸗ gendermaſſen:„Groſſer Gott, Herr der Menſchen und der Erde! wir nehmen Dich zum Zeugen des Eides, den wir gegenſeitig ablegenz der Erſte von uns, der ihn verletzt, werde von Dei nen Bli⸗ ten getroffen und die Mutter, welche ihn geboren hat, werde von Hunden zer⸗ riſſen.“ Um den boͤſen Geiſt zu vertreiben, der nach lihrer Meinung immer bereit iſt, um ſich allen guten Vorbereitungen zu widerſetzen, ſo werfen ſie ihre Sagajen nach den vier Himmelsgegenden. Man ſchwoͤrt bey der Erde, der Sonne und dem Monde, ſeinen Eid getreulich zu halten, trinkt etwas von dem oben angefuͤhrten Getraͤnke, und bittet alle Maͤch⸗ te des Himmels Jenem den Trank in Gift zu ver⸗ —(565=— wandeln, der ſeinen Eid nicht aus reinem Herzen ablege.—. Es iſt noͤthig, nun auch von der Bauart der Madegaſſen zu reden. Ihre Haͤuſer ſind nur blaͤt⸗ terbedeckte Kabanen, die auf Pfaͤhlen ruhen, ihre Piroguen beſtehen gewoͤhnlich in ausgehoͤlten Baum⸗ ſtruͤnken. Die Kriegspiroquen aber beſtehen aus Balken, die ſie mit der Axt aͤllen, da ſie den Ge⸗ brauch der Saͤge noch nicht eingeführt haben. Sie krümmen die Balken, und verbinden ſie in groſſen Ent⸗ fernungen durch Stricke. Dieſe Piroguen bewegen ſich durch Segel und Ruder, auch bedient man ſich ihrer zum Wallfiſchfang. Acht Malgaſchen ſetzen ſich zu dieſem Ende in die Piroguen, und der beſte Fiſcher bewaffnet ſich mit der Harpune. Opfer werden dargebracht, um die Gefahr zu beſeitigen, hierauf beginnt die Jagd. Ein zwanzig Klafter langes Tau, das an den Enden mit Schleifknoten verſehen iſt, iſt an der Harpune befeſtigt, und wenn der Kahn ſich dem Wallfiſch genähert hat, ſo wirft der Jaͤger nach ihm die Harpune und zwar auf jene Stelle, wo der Kopf mit dem Ruͤckgrad ſich verbindet. Dieſer Wurf mißlingt ihnen ſelten. Bringen ſie nun den Wallfiſch triumphirend nach Hauſe, ſo empfangen ſie allgemeine Glückwuͤnſche, denn der Wallfiſch iſt bey ihnen als eine fehr gute Speiſe beliebt. Noch zeigt ſich die Induſtrie der Malgaſchen auch an ihren Schmieden. Da ſie den Gebrauch unſerer Blasbäͤlge nicht kennen, ſo hoͤhlen ſie Baum⸗ —(57— ſtruͤnke zylindriſch aus, und fügen in dem unteren Theile Gewehrlaͤufe ein. In dieſe Zylinder wird nun Holz mit Haͤuten umzogen, geſteckt und moͤr⸗ ſerartig in Gang gebracht. Dadurch erreichen ſie denſelben Zweck, den wir bey dem Gebrauche der Blaſebaͤlge beabſichtigen. XXI. Gemaͤlde der Fuͤrſtenthuͤm er Moldau und Walachey. Nach Thornton, Campenhauſen und Andern. Da Aufmerkſamkeit, welche dieſe reizenden Laͤnder ſchon ſeit laͤngerer Zeit geweckt hatten, das ungewiſſe, vielleicht aber dald ſich ensſcheidende Schickſal derſel⸗ ben, ferner der Umſtand, daß ſie der ſich immer meh⸗ renden Menſchenmaſſe einen nicht unbed eutenden Raum goͤnnen koͤnnten, macht dieſe Laͤnder allzu wichtig, als daß die Herausgeber dieſes Werkes nicht mit Vergnugen die Muͤhe uͤberaommen haͤtten, die vorhandenen zer⸗ ſtreuten Nachrichten zu ſammeln, damit dieſe doch ſo wenig entfernten Laͤnder endlich etwas allgemeiner und naͤher bekannt wuͤrden. Esq. Thomas Thornton's pre⸗ sent state of Turkey, London 1806; Freyherrn Cam⸗ penhauſen's Bemerkungen uͤber die Moldau, Beſſara⸗ bien, die Kreimm u. ſ. w. Leipzig 1807; dann eines der neueſten Hefte der Malte⸗Breun'ſchen Annalen —(55)— baben bey dieſem Aufſatze als die wichtigſten Grund⸗ lagen gedient. 7 nn Erſte Abtheilung. Geſchichte dieſer Laͤnder, Allgemeine Ueberſicht.— Naturſchoͤnheiten.— Produkte aus dem Mineral⸗ Pflanzen⸗ und Thierreiche. Dars uͤppige Produkzionsfuͤlle ausgezeichnet, aber bewohnt von einer Menſchenmaſſe, die noch in den Banden der Barbarey, unter dem Orucke einer ſelbſtſuͤchtigen Minderzahl ſeufzt, harren die beyden Laͤnder, Moldau und Walachey, auf den Augen⸗ blick, in welchem die ſorgfaͤltige Kunſt die Gaben der Natur noch reichlicher zu Tage foͤrdern wird, in welchem die Bewohner durch eine hoͤhere geiſtige Ausbildung die groſſen phyſiſchen Vorzuͤge des Bodens vollſtaͤndig zu benuͤtzen im Stande ſeyn werden,.* Mit dem Temeswarer Banat und Siebenbuͤr⸗ gen machten dieſe gluͤcklichen Laͤnder das ehemahlige Dacien aus. Lange unbeſiegt und heftig im An⸗ griff, wie ein angeſchwollner Strom, der keine Bruͤcke duldet, waren die Dacier von den Deut⸗ ſchen durch wechſelſeitige Anerkennung ihrer Kraft geſchieden. Aber aller Anſtrengungen und der hel⸗ 5e denmüͤthigſten Vaterlandsliebe ihres Koͤnigs Dece⸗ balus ungeachtet, mußte ihre ungebildete Tapfer⸗ keit den römiſchen Adlern weichen. Nach einem Kampfe, deſſen fuͤnfjaͤhrige Dauer die Hartnaͤckig⸗ keit des Widerſtandes bewies, wurde Dacien eine römiſche Provinz, und die Saͤule, welche den Sieg Trajaus uͤber Dacien verewigt, hat auch den ruhm⸗ vollen Widerſtand ſeiner Bewohner auf die Nach⸗ welt gebracht. Die ſinkende Macht der Röͤmer noͤthigte im Jahre 270 den Kaiſer Aurelian, der Oberherrlich⸗ keit uͤber die Provinzen am linken Donauufer zu entſagen, und die roͤmiſchen Truppen nebſt dem groͤß⸗ ten Theil der Koloniſten in Noͤſien zuſammen zu ziehen. Verbruͤdert mit den noch zuruͤck gebliebenen Koloniſten unterhielten die Gothen, neu in dem ei⸗ gentlichen Dacien eingewandert, mit den roͤmiſchen Provinzen nicht blos einen lebhaften Verkehr, ſon⸗ dern ſie dienten ihnen noch einige Zeit gegen die herandraͤngenden nordiſchen Voͤlkerſtaͤmme zur feſten Schutzwehre. Endlich aber ſtrömten die wilden Barbaren⸗ horden zu zahlreich heran, und allmaͤhlig verſchmol⸗ zen die Bewohner von ganz Dacien mit ihnen. Kein dauernder Friede beglückte mehr das verwildernde Land, der beſchraͤnkte Ertrag der Viehzucht genuügte nicht, er wurde durch den blutigen Erwerb des Naubes vergroͤſſert. Wenn ſich eine Gelegenheit darboth, brach nun der daciſche Barbar aus ſei⸗ nen Waͤldern hervor; im leichten Kahne, aus einem — 66)— einzigen Baumſtamme verfertigt, ſetzte er uͤber die Donau, um Bulgarien und Thracien bis an die Vorſtaͤdte Konſtantinopels mit Mord und Verwü⸗ ſtung zu bezeichnen. Der einmahl ausgetretene Voͤlkerſtrom waͤlzte noch furchtbarere Wogen herbey. Von Attila ge⸗ führt, erzwangen ſich die Hunnen die Herrſchaft über dieſe Laͤnder, und veranlaßten die hart be⸗ dräͤngten Gothen, den Kaiſer Valens um Aufnahme zu bitten, welches ihnen auch zum groͤßten Nach⸗ theile ihres Reiches bewilligt wurde. Nach dem Un⸗ tergang des Hunnenreiches wurde Dacien der Sitz der Gepiden. Indeß war dieß Schickſal nur voruͤber⸗ gehend, und das Land zerfiel in mehrere kleine Fuͤrſtenthümer, die theils Provinzen Ungarns wur⸗ den, theils unter dem Schut der Koͤnige dieſes Rei⸗ ches ſtanden. Unter Ladislaus I. machte Nadul der Schwar⸗ ze das Land zwiſchen dem Sireth und dem Alt zu einem Fuͤrſtenthume, und dieſes iſt es, was jetzt mit dem Nahmen der Walachey bezeichnet wird. Das Banat von Krajowa aber, oder die kleine Walachey, wurde abhaͤngig von Ungern durch die Nitter von Jeruſalem unter dem Titel von Baus oder Vicekoͤnigen beherrſcht, welche die Pilgrime, die nach Palaͤſtina wallfahrteten, in Schutz nah⸗ men. Bogdan oder Theodoſius brachte die Herr⸗ ſchaft uͤber die Moldau, die ebenfalls von Ungern abhaͤngig war, an ſieh. Daß es dieſen beyden Laͤn⸗ dern gelang, ſich aus bloſſen Lehen in ſelbſtſtaͤndigg —õꝛꝛʒè ihrer Waͤlder, dem Beile Preis zu geben. —(6)= Fuͤrſtenthuͤmer zu verwandeln, wurde theils durch allmaͤhlige Vermehrung der eignen Nacht, theils durch Buͤndniſſe mit Polen bewirkt. Allein bey den Fortſchritten der Tuͤrken in der Walachey und in Ungern alaubte Stephan, Fürſt der Moldau, auf auswaͤrtige Huͤlfe nicht mit Si⸗ cherheit vertrauen zu koͤnnen. Er beſchloß daher, um ſeine Exiſtenz als Herrſcher nicht ganz zu verlieren, die kürkiſche Oberherrlichkeit anzuerkennen. Seit dieſer Epoche hatte nebſt der Moldau auch die Wa⸗ lachey das Recht der eigenen Fuͤrſtenwahl unter tuͤr⸗ kiſcher Oberhoheit, bis ſelbes endlich mit Anfang des achtzehnten Jahrbunderts den Bojaren entriſſen wurde. Seit dieſer Zeit— ſagt Kantemir in ſeiner Geſchichte der Ottomanen, erloſchen die mehrfachen Vorrechte der Bojaren, und die Tyranney der Tuͤr⸗ ken zwingt ſie, ihre Koͤpfe eben ſo, wie die Baͤume Dieſer den Tuͤrken zinspflichtige Theil des al⸗ ten Daciens wird von den Einwohnern mit dem Nahmen Zara Rumuniaska bezeichnet. Die Tuͤrken belegen ihn mit dem Nahmen Iflak, der im Grunde nur eine Verſtuümmelung des Wortes Walachey iſt; zur naͤheren Unterſcheidung aber be⸗ nennen die Tuͤrken die Moldau Kara⸗Iflak, und die Walachey Ak⸗Iflak. Erſtere nennen ſie auch haͤufig Bogdan, Gabe Gottes, wahrſchein⸗ lich wegen der Ergiebigkeit des Bodens. Der ge⸗ woͤhnlichſte Nahme dieſer letzteren Provinz ruͤhrt ader von dem wenig betraͤchtlichen Fluſſe Moldau —(63)— her, der bey Noman ſich in den Siret ergießt. Ge⸗ genwaͤrtig aber nennen die gelehrten Moldauer ihr Vaterland Moldo⸗Vlachie. Dieſe beyden Fuͤrſtenthuͤmer liegen wiſchen dem 43ͤſten Grade 40 Minuten, und dem 48ſten Grade 50 Minuten noͤrdlicher Breite, dann zwiſchen dem 23ͤſten und dem 29ſten Grade 30 Minuten oͤſtlicher Laͤnge. Von Polen find ſie geſchieden durch den Dnieſter und durch die Bukowina, die ehemahls, vor ſie an das Haus Oeſterreich kam, ſelbſt zur Moldau gehoͤrte, von Siebenhuͤrgen und dem Te⸗ meſcher Banat durch die Karpathen, von Bulgarien durch die Donau, und durch den Pruth von der Beſſarabiſchen Wuͤſte. Unter ſich ſelbſt geſchieden ſind dieſe Provinzen durch den Siret, der von den Karpathen herab koͤmmt, und zwiſchen Ibrail und Galacz in die Donau faäͤut. Der erſten Wuth des Nordoſtwindes ausge⸗ ſetzt, hat beſonders die Moldau ſehr ſtrenge und anhaltende Winter. Zuweilen fror das Waſſer in den tiefſten Brunnen, und die Donau iſt mit un⸗ geheuern Eisſchilden bedeckt. Der Fruͤhling beginnt im April; im Junius beſchleuniget der Suͤdwind das Schmelzen des Gebirgſchnees, wodurch dann oft Ueberſchwemmungen entſtehen, und in eben die⸗ ſem Monathe fallen Gewitterregen, die faſt taͤglich zur gleichen Stunde wiederkehren, nie aber lange anhalten. Eine druͤckende Tageshitze, aber kalte Naͤchte herrſchen in den beyden darauf folgenden Monathen. Mit Ende des Julius iſt die Traube -) reif, aber haͤufige Erdbeben beumuhigen in dieſer Jahrszeit den Fremden, ohne jedoch beſonders hef⸗ tig zu werden. Auf die Septemberregen folgt eine ſehr angenehme Witterung, bis endlich im Novem⸗ ber der Nordoſtwind den Winter ankündigt, wel⸗ chen er oft damit eroͤffnet, daß er den Boden ſo⸗ gleich dicht mit Schnee bedeckt. Im Ganzen ge⸗ nommen iſt in dieſen Laͤndern das Klima der Ge⸗ ſundheit zutraͤglicc. its nu n Die Vorzuͤge des Bodens ſind auſſerordentlich; er vereint das mahleriſch Schoͤne mit dem Nuͤtzli⸗ chen in einem bewundernswerthen Grade. Hier ſen⸗ ken ſich die mit Schnee und hohen Forſten bedeckten Gipfel der Karpathen allmaͤhlig, dehnen ſich in niedri⸗ geren Gebirgsreihen durch das Land, und enden in Hugeln, die mit Reben bedeckt ſind. Bezaubernde Thaͤler, reiche, trefflich bewaͤſſerte Triften laden zum froheſten Genuſſe, doch iſt ein betraͤchtlicher Theil des Bodens gegen die Donau hin eine ſumpfige Flaͤche. Wonnetrunken verliert ſich der Blick des Reiſenden in die reitzende Feenſchoͤpfung, die ihn im mannichfaltigſten Kolorite und durch intereſſante Kontraſte anſpricht. Herabbrauſend von den Gebir⸗ gen eilen die Waldſtroͤme in gefaͤlligen Biegungen durch die Thaͤler hin; uͤberall athmet friſches, uͤppi⸗ ges Leben, und ſelbſt die Gebirge ſind, wenige kahle Spitzen ausgenommen, dicht mit Dammerde be⸗ deckt, und prangen mit hohen, majeſiaͤtiſchen Waͤl⸗ dern, die durch duftvolle Wieſenteppiche geſchieden ſind.. Unter 65)= Unter den zahlreichen und zum Theil ſchiff⸗ baren Fluͤſſen biethen der Siret und der Pruth, im Suͤden der Moldau ſich ergieſſend, Haͤfen an, wel⸗ ſche fůͤr die groͤßten Kauffahrteyſchiffe geeignet waͤ⸗ ren. Der Onieſter zeichnet ſich durch ſeine Breite und ſein ſteiniges Bett aus. Seine Geſtade ſind ibrer ganzen Laͤnge nach ſo regelmaͤſſig mit Steinen eingefaßt, daß man beynahe verſucht wird, ſie fuͤr das muͤhſame Werk der Haͤnde zu halten, und das Bett ſelbſt, auf gleiche Weiſe mit Steinen verſe⸗ hen, giebt den Anblick einer gepſtaſterten Straſſe. Einige Seen und Fluͤßchen liefern einen ſolchen Reichthum an Fiſchen, daß die Einwohner nicht noͤ⸗ thig haben, ſie in Teichen zu unterhalten. In die⸗ ſer Hinſicht ſind die Seen Orhei, Dorohoi und Prateſch bey Galatz vorzuͤglich bemerkenswerth; aber mehrere andere werden in der heißen Jahres⸗ zeet durch ihren Peſthauch eine Geißel der Gegend. So iſt unter Anderen der See Baklui im Sommer nur eine Pfuͤtze, und dennoch bedienen ſich ſelbſt die reichen Bewohner der Gegend ſeines ſtehenden Waſſers zur Reinigung des Koͤrpers. Dr. Andreas Wolf erzaͤhlt in ſeiner Beſchreibung der Moldau, auf ſeine Vorſchlaͤge zur Austrocknung ſolcher ge⸗ fährlichen Pfützen, haben ihm die Einwohner je⸗ derzeit geantwortet: Ascha om promenit, ascha om lalsa; d. i. Wir haben es ſo gefunden, und ſowerden wir es auch belaſſen. Die Gebirge der Moldau, deren Inneres nur eine groſſe Flaͤche iſt, beſitzen mebrere Metallgat⸗ IV. Baͤndch. E ungen; doch vernachlaͤſſigt man den Bergbau, um nicht in eine noch groͤſſere Abhaͤngigkeit von den Turken zu gerathen. Ehemahls hat man in der Naͤ⸗ he von Baja Bergbau getrieben; hier iſt das Salz reichlich vorhanden. Bey Soroka am Onieſter er⸗ zeugt man, wiewohl durch ein ſehr unvollkommenes Verfahren, Salpeter, hiervon fuͤhren die polniſchen JIuden eine ſehr betraͤchtliche Menge aus, und ver⸗ handeln ſie gegen gebranntes Waſſer. Bey Grojiſcht und auf dem Wege von Baken und Roman am Siret findet man Schwefelquellen, der Biſtrizafluß fuͤhrt Gold, und der Diſtrikt von n tiamß Beßtn ch ei⸗ ne eiſenhaͤltige Mineralquelle. 6 In beyden Provinzen iſt der Weitzen, der im Junius geerndtet wird, vortrefflich. Seit 2710 hat der Prinz Maurocordato in der Moldau dan Bau des Mais eingefuͤhrt. Aus dem Mais bereitet man die Mamali. ga, die Polenta der Italiener, welche das Haupt⸗ nahrungsmittel. des Landmanns iſt. Hafer und Roggen werden ſelten geſaͤet, auch giebt man den Pferden meiſtens Gerſte. Hirſe hingegen wird haͤu⸗ fig gebaut; die Tataren roͤſten ihn, um daraus ein Getraͤnke unter dem Nahmen Talk zu bereiten, welches den Kaffee erſetzen muß. Sehr anſehnlich iſt, beſonders in der Moldau, der Tabakbauz jener⸗ der in der Gegend um Huſch und Paſchkan am Si⸗ ret waͤcht 6, gilt fuͤr den beſten; doch bedient ſich deſſelhen nur die untere Volksklaſſe —,— 2 G) Spargel ſt das nakürliche Produkt des Bo⸗ dens; die Pilze ſind fleiſchig, und von vorzüglicher Güte; Gurken, und Melonen ſind wohlſchmeckend und für den gemeinen Mann ſehr wichtig; der Ko bl erreicht eine auſſerordentliche Groͤſſe, und die Jeru⸗ ſalems⸗ Artiſchoke, Der Etmaß fordert nur wenige Sorgfalt.— Der Weinbau wird allgemein Saasspet. Die Staͤrke dieſes ohne Kunſt bereiteten, lieb⸗ lichen und geſunden Weines wird durch ein Ver⸗ fahren vermehrt, das bey den Reichen ſehr gewoͤhn⸗ lich iſt, und auch in Rußtand nachgeahmt wird. Bey dem Eintritt der Kaͤlte bringt man nähmiich die Weinfäͤſſer in das Freye, und in wenig Näa c⸗ ten iſt der Wein mit einer dicken Eisrinde u ben. Dieſe wird nun mit einem gluͤhend ſeu durchbohrt, und aus der Deftnung läßt man den Wein, von ſeinen Waſſeriheilen befrept, laufen.. Nach Siebenbürgen, Polen und 3, wird an dieſem Artikel ſehr Vieles ausgefuh ür den Eimer muß ein Zoll von 4 4 Paralen bezahlt werden; da nun in mittekmaͤſſigen Jahren doch 19,000 Piaſter hieran einflieſſen, ſo wuͤrde daraus folgen, daß die Wein leſe gewoͤhnlich 1,900,999 Eimer abwitft; allein die Bojaren, welche dieſen Zoll eintreiben; huͤten ſich, durch zu genaue Be⸗ rechnungen des Erttages ſich ſelbſt Abb ruch zu thun; zudem bezieht die Geiſtlichkeit wenigſtens den zehn⸗ ken Theildes Produkts der Weinleſe, und dieſe E 2 (63 iſt, ſo wie verſchiedene weltliche Individuen, ganz frey von Auflagen. Nach allem dieſen kann man mit Wolf ſchlieſſen, daß die Moldau allein in mittleren Jahren wenigſtens 4,200,000 Eimer an⸗ fuͤllt. Die beſte Weinſorte iſt die von Odobeſcht, nach ihr folgt der Kotnarer Wein„ der mit dem Champagner viele Aehnlichkeit hat. Die Gegenden von Huſch, Nikoreſcht, Jaſſy u. ſ. w. erzeugen zwar ebenfalls gute Weine, doch die Einwohner verſtehen ſich nicht darauf, ſie gehoͤrig zu be⸗ handeln. Die Berge und Ebenen ſind mit den nuͤtzlich⸗ ſten Holzgattungen reichlich verſehen. Die Eichen haben hier oft drey Fuß im Durchmeſſer, und der Seidenwuͤrmer wegen unterhaͤlt man viele weiſſe Maulbeerbaͤume. Einer der haͤufigſten Fruchtbaͤume iſt hier der Apfelbaum, ſeine Frucht, Domniaska genannt, iſt wahrhaft trefflich. Auch andere Obſt⸗ gattungen gedeihen hier vorzuͤglich, nur kommen die Oliven⸗ und Feigenbaͤume nicht gehoͤrig fort. Auch der Rotheibenbaum und andere zu feinen Arbeiten geeignete Holzgattungen werden haͤufig gefunden. Ddie wichtigſte Quelle des Reichthums beſteht fuͤr beyde Fuͤrſtenthuͤmer in der Viehzucht. Man ſchaͤtzt die Anzahl der Schafe und Ziegen in der Walachey auf 4 Millionen; ſie werden nach dem Erforderniſſe der Jahreszeit von den Ufern der Do⸗ nau auf die Karpathen getrieben. In dem Moldauiſchen Diſtrikte Soroka wird haͤufig das in Ungarn gemeine Zakelſchaf gezogen. — 6(69)— Die Wollenausfuhre, zu welcher dieſe Thiere das Materiale liefern, betraͤgt bloß auf dem Handels⸗ wege nach Deutſchland jaͤhrlich mehrere tauſend Ballen. Nur waltet fuͤr die Eigenthüͤmer die Unan⸗ nehmlichkeit ob, daß ſie geſetzlich gezwungen ſind, alle Jahre an die Tuͤrken eine beſtimmte Anzahl Schafe abzulaſſen, und zwar zu einem Preiſe, den der Fuͤrſt von der Moldau, um ſich bey der Pforte zu empfehlen, ſo niedrig als moͤglich feſtſetzt. Die Weideplaͤtze in dieſen Laͤndern ſind ſo haͤufig, daß ungeachtet der ſtarken einheimiſchen Viehzucht, noch der groͤßte Theil des ſiebenbuͤrgiſchen Wollenviehes gegen eine geringe Abgabe auf denſelben uͤberwin⸗ tert. Die Ochſen ſind, beſonders in der Moldau groß und fleiſchig, auch werden ſie in groſſer An⸗ zahl nach dem Weſten ausgefüͤhrt, die Buͤffel hin⸗ gegen gedeihen vorzuͤglich in der Walachey, obgleich ſie eine ſorgfaͤltige Pflege erheiſchen. Die Pferde ſind zahlreich, in der Moldau befinden ſich die be⸗ ſten, die in groſſer Anzahl fuͤr die oͤſterreichiſche und preußiſche leichte Kavallerie aufgekauft wer⸗ den; ſte zeichnen ſich durch Feuer, Gelehrigkeit, dann durch geſunden Huf aus. Die Wagenpferde und jene fuͤr den ſchweren Zug ſind klein, aber munter und dauerhaft. Die beſte Gattung der Moldauerpferde ſind jene der Gegenden am Pruth. In den Stutereyen haben gewoͤhnlich zehn Mutter⸗ pferde einen Beſchaͤler. Dieſe verſammeln ſich, wenn Moͤlfe herankommen, und rufen durch lau⸗ = Le tes Gewieher die Mutterpferde und Fuͤllen zuſam⸗ men. Die vorletzten ſchlieſſen mit einwaͤrts gekehr⸗ ten Köpfen um die Fuͤllen einen Kreis, und die Beſchaͤler treiben auf verſchiedenen Punkten die Woͤlfe durch ſehr lebhaftes Ausſchlagen mit den Beinen zuruͤck⸗ Sonſt iſt noch beſonders in der Moldau an Hirſchen, Ebern, Haſen u. ſ. w. groſ⸗ ſer Ueberfluß, und an wilden Thieren finder man daſelbſt Baͤren, Woͤlfe, Luchſe, Fuͤchſe und Mar⸗ der, an welchen letzteren jaͤhrlich mehr als 10,000 aufgebracht werden. Pfauen, Perlhuͤhner(melea- gris numida) und Falken werden in der Moldau haͤufig gezogen, an dieſen letzteren liefert die Mol⸗ dau jaͤhrlich 24 Stück an den Hof des Großherrn. Honig und Wachs ſind in beyden Laͤndern treff⸗ lich. Das grüne Wachs, welches die dortigen Bie⸗ nen liefern, gewaͤhrt ein ſehr aromatiſches Raͤu⸗ cherwerk. Nach Venedig wird viel Wachs ausge⸗ fuͤhrt, der Honig geht aber gewoͤhnlich nach Kon⸗ ſtantinspel. Eine groſſe Plage dieſer reizenden Laͤnder ſind die Heuſchrecken, welche ihre Verhee⸗ rungen ſogar üͤber das hohe karpathiſche Gebirge ausdehnen. 3 — ,— Zweyte Ase-eilans. &harakteriſtit der einwohger Ihee Sitzen. Ghichrinse. und Beluſtigungen.— Staats- Einrichtung.— NRriegsmacht.— Finanten.— Ei uneenns der nHuuzſtädken 4. y— D. ie alten Dazie zeichneten ſich durch rauhe und kuͤhne Tugenden und durch ernſte Maͤnnlichkeit aus, die heutigen Bewohner dieſer Gegenden zeigen aber blos Hartnaͤckigkeit und Starrſinn, welche indeß ſo⸗ gleich aufboͤren, ſobald gegen ſie Gewalt gebraucht wird. Die Bauern heißen Rumun, aber dieſe Be⸗ nennung iſt keineswegs ehrenvoll, ſondern ſie dient zur Unterſcheidung vom Adel, welchen die Bojaren ausmachen. Ihre Sommerttacht iſt ganz jene, in welcher die Dazier auf der Saͤule Trajaus abgebil⸗ det find. Ein Hemde von grober Leinwand, um 4 den Unterleib von einem Guͤrtel umfaßt, an dem ein Beil haͤngt, ein Paar lange Hoſen, ein Schaf⸗ fell über die linke Schulter hangend und Sandalen von ungegerbtem Leder machen die Bekleidung die⸗ ſer rauhen Menſchen aus. Die Bewohner der beyden Fuͤrſtenth uͤmer be⸗ laufen ſich auf 1,000,600 Menſchen, aus Bojaren oder Edelleuten— und Geiſtlichen, dann aus Ru⸗ muns- Bauern und unadelichen Städtebewohnern— ferner aus Tſchinganeh's oder Zigeunern beſtehend. Die erſte Klaſſe, jene der Bojaren, hat blos auſſerordentliche Staatsforderungen zu befriedigen, unter ſie ſind auch jene Griechen aufgenommen, welche droy Regierungen hindurch im Lande ſich be⸗ finden, und anſaͤſſig ſind. Die geſunkene Macht der Bojaren zeigt ſich bey dem Individuum zum Sklavenſtande herabgewuͤrdigt. Wenn die Bojaren in den Pallaſt des Fuͤrſten treten„ſo kreuzen ſie ſich⸗ als ob ſie die Gefahren abwenden wollten, welche hier ſie treffen koͤnnen, und voll Ehrerbietung in den Mienen halten ſie es füͤr eine Gnade, nur das Kleid oder die Füſſe des Fürſten beruͤbren zu duͤrfen. Die Bojaren tragen gerne die Namen berühm⸗ ter Familien im Griechiſchen Kaiſerthum, und wirk⸗ lich giebt es noch palaͤologiſche Abkoͤmmlinge in Menge. Einer aus der Familie Drako behauptete gegen den Freyherrn von Campenhauſen, daß ſeine Familie in gerader Linie von Jaſon abſtamme, und daß er dieß erweiſen koͤnne. Uebrigens traͤgt blos dieſe Klaſſe Kinnbaͤrte, die Anderen muͤſſen ſich auf Knebelbärte beſchraͤnken. Die Numuns ſeufzen unter einem harten Dru⸗ cke. Da bey ihnen ein vermehrtes Vermoͤgen nur anpfindlichere Steuern veranlaſſen wuͤrde, ſo über⸗ laſſen ſie ſich zum Nachtheile des Ackerbaues und Gewerbfleiſſes der Indolenz„und entwürdigen ſich durch Voͤllerey. Jene, die in den Gebirgen wohnen, änd ſehr mit Kroͤpfen geylagt. —(6380— Die Tſchinganeh's zeigen hier eine ſo tiefe Ver⸗ worfenheit, daß man alle ſchweren Verbrechen, die begangen werden, ihnen zumuthet. Der freye Theil dieſer Klaſſe beſchaͤftigt ſich mit Hornvieh„und Pfer⸗ dezucht, mit der Verfertigung von Holzloͤffeln und allerley Hausgeraͤthe. Ueberhaupt zerfallen hier die Zigenner in 4 Kaſten. Die Lingurary d. i. Loͤffel⸗ arbeiter ſind die zahlreichſten und bearbeiten zum Theil auch das Feld. Die urſary d. i. Muſtklieb⸗ haber ernaͤhren ſich von ihrem Talent. Die Lajeſch leben in Zelten und beſchaͤftigen ſich mit dem Wahr⸗ ſagen und Stehlen. Die Burkaſch leben im Som⸗ mer in Waͤldern und im Winter auf Miſthaufen in den Doͤrfern. Sie ſtehlen meiſterhaft, beſonders Kinder und Pferde, an welchen letzteren ſie ſogar die Farbe zu veraͤndern wiſſen. Sie werden von den uͤbrigen Kaſten verachtet, und ſogar geſchlagen; auch legt man ihnen zur Laſt, daß ſie ohne allen Unterſchied ſich ſteiſchlit vermengen, und Leichen freſſen./ Der Moldauer geigt eine groſſe Abneigung ge⸗ gen jede Arbeit. Wenn man in Jaſſy iſt, ſollte man glauben, daß die Einwohner nie etwas zu thun haben. Die Kaffeehaͤuſer und Schenken ſind immer voll gepfropft. Die Phyſtognomie der Moldauer iſt eine Miſchung der Jüͤdiſchen, Türkiſchen und Chineſiſchen Geſichtsbildung. Ihre Sprache iſt eine Zuſammenſetzung der Lateiniſchen und Italie⸗ niſchen, mit einigen ſlaviſchen Woͤrtern und Redens⸗ arten; doch haben ſie auch einige ganz eigenthumliy⸗ ℳ ((40— che Woͤrker, und ihre Ausſpraͤche wechſelt oft. Die Türkiſche Herrſchaft iſt ihnen des geringen Tributs wegen die willkomutenſte; die Ruſſen zaber eben ſi nicht, fuͤrchten indeß ihre Waffen ſehr.. mic 5 de Ganzeigen iſt die Art) aufwelchedis Moldaues ihre Todten beerdigen. Gleich nach dem Tode et⸗ was angeſehener Leute wird der Hof mit Lampen behangen, und Zigeuner werden herbeygeholt, um die ſich verſammelnden Leidtraͤger mit Muſtk und Tanz zu unterhalten. Geſaͤnge und Geſchrey er⸗ toͤnen im ganzen Hauſe. Endlich wind zu ei⸗ nem Spiel geſchritten, das Ligarnra genannt wird, und darin beſteht, daß acht Perſonen die Kniee mit einem Pelz bedeckt, in die Runde äißen, waͤh⸗ rend ein neunter mit einem gedrehten Taſchentuche auf einen der Sibenden ſchlaͤgt, welcher denn es ihm zu entreiſſen ſucht. Mißglückt ſeine Bemühung, ſo wird ihm das Wort Miſchka d. h. Baͤr Minaßlafun ſig zugerufen. Alle dieſe Poſſen waͤhten die ganze Nacht durch. Nachdem aber die Leidtragenden ih⸗ ren Schmerz durch dieſe Zerſtreuungen mit Anbruch des Tages gemildert haben, ſo wird der Todte, in ſeinen beſten Rleidern im Bette liegend, durch die Straſe⸗ ſen nach der Kirche getragen. Hier empfangen ihn die Prieſter, und uach beendetem Gebet wird er, in den Sarg gelegt. Hirrauf beſprengt ihn ein Prie⸗ ſter kreuzweiſe mit Wein, und ſtreut uͤber den Kör⸗ per ein Kreuz mit Erde, worauf der Sarg eſthleſan ſeu, undi in dis Endencſenft, wird.= mn 4 56 u 95 614 & I. 124 une el -(75)— Die herrſchende Religion iſt in beyden Fuͤrſten⸗ thuͤmern die Griechiſche, doch iſt man hier, da die Religionsdiener zugleich ſtolze Gebieter im Namen der Regierung ſind, der Religion nicht mit jenem Eifer ergeben, welchen die Griechen in der Tuͤrkey beweiſen. Das Laͤuten der Glocken oder der Ruf⸗ zum Gebete durch Anſchlagen zweyer, hoͤlzerner Hämmer an ein langes Stück Holz, das in den Glockengeruͤſten befeſtigt iſt, zeugt, daß die Foͤrm⸗ lichkeit im Kultus nicht vernachlaͤſſigt wird. Am Morgen eines wichtigen Feſttages erſchallt von den unzäͤhligen Kirchen und Kloͤſtern der Stadt Buka⸗ reſt ein unglaublich groſſes Getoͤſe. Die Moldau hat einen Erzbiſchof und drey Biſchoͤfe; die Wala⸗ chey aber ebenfalls einen Erzbiſchof und zwey Bi⸗ ſchoͤfe. Zum Nachtheile beyder Laͤnder find ſie gleich⸗ ſam bedeckt mit Kirchen und Kioͤſtern, die ſich überdieß allenthalben die ſchoͤnſten Gegenden zuge⸗ eignet haben. Uebrigens beweiſet ſich hier der tuͤr⸗ kiſche Einfluß gegen alle Sekten ziemlich duldſam. Die zahlreichen Katholiken unterſcheiden ſich durch einen moraliſchen Lebenswandel, die Lutheraner ha⸗ ben zu Bukareſt eine Kirche, und die Juden in bey⸗ den Laͤndern eine Menge Synagogen. „Die Erziehung iſt in dieſem ziemlich barbari⸗ ſchen Lande ſehr fehlerhaft. Die Religionsdiener, in deren Häͤnden ſie iſt, bringen der Jugend un⸗ gereimte und abergläubiſche Meinungen, dann eine Moral bey, welche, fern davon zu edler kraͤftiger —(z6)= Mannlichkeit zu erheben, vielmehr den despuutſche Abſichten der Beherrſcher entſpricht. Die Kinder der Bojaren, ebenfalls von Prie⸗ ſtern unterrichtet, werden von den ſie umgebenden Tſchinganehs durch niedrigen Sklavenſinn und durch kriechendes Erfullen ihrer Launen verdorben. Sie reifen zu Maͤnnern empor, welche alle Laſter der Griechen, aber weder jene Lebhaftigkeit noch das Zartgefühl beſitzen, welche dieſe einſt ſo vorzuͤgliche Menſchenart noch immer auszeichnen. Ohne Aus⸗ wahl eignet ſich der Bojar die Sitten des kultivir⸗ ten Europa an; ſie lieben praͤchtige Kleidungen und Equipagen, haben fuͤr das Spiel und fuͤr Ausſchwei⸗ fungen eine unbegraͤnzte Vorliebe, und ſind in ih⸗ ren haͤuſigen Geſellſchaften ſehr laͤrmend. In Staͤd⸗ ten ſollen ſie ſich mit Fremden in keine vertrauten Verhaͤltniſſe einlaſſen; aber auf ihren Landſitzen ſchenken ſie ihnen die gaſtfreundlichſte Aufnahme. Die Griechen uͤberlaſſen ſich dem aͤuſſerſten Luxus. Sie halten eine Sieſte, und fordern von ihrer Umgebung die ehrerbiethigſte Huldigung; da ſie aber keine politiſche Wichtigkeit beſitzen, ſo iſt die Wuͤrde, mit der ſie befehlen, nur erzwungen. Die Frauenzimmer vom Stande in der Moldau aͤhneln in der Kleidung den alt ruſſiſchen Prinzeſſin⸗ nen. Auf dem Ruͤcken haͤngt ein Fell von Zobel, Hermelin u. ſ. w. Der breite Guͤrtel, Potwal ge⸗ nannt, druͤckt die Bruſt in die Hoͤhe, den Bauch aber hinab, ſo daß die Frauenzimmer alle ſchwan⸗ ger zu ſeyn ſcheinen. —(v2)— Was die Beluſtigungen des gemeinen Volkes belangt, ſo vergnügt ſich ſelbes hauptſaͤchlich mit dem Tanze. Der walachiſche Tanz drückt ein ſorg⸗ loſes ſchmachtendes Dahingeben aus. Unter dem Schalle einer ziemlich einfoͤrmigen Muſik faßt ſich das tanzende Paar an den Haͤnden, hebt ſelbe uͤber die Koͤpfe empor, und macht einen Schritt vor⸗ waͤrts, den anderen ruͤckwaͤrts, wodurch das zaͤrt⸗ liche Erhoͤren und ein neckendes Verſagen ausgedruͤckt wird, und dieſer Tanz waͤhrt ohne weitere Figuren oft drey ganze Viertelſtunden. Die höheren Klaſſen halten ihre Baͤlle auf folgende Art: die Damen ver⸗ ſammeln ſich in einem Zimmer, laſſen die über ih⸗ re Stiefelchen angezogenen Ueberſchuhe an der Thü⸗ re ſtehen, und nehmen auf den Divanen Platz, in⸗ deß die Maͤnner in einem anderen Zimmer Tabak ſchmauchen. Die Urſary ſpielen immer daſſelbe Stück⸗ chen. Gaͤhlings ſpringt dann eine Dame auf, geſti⸗ kulirt, und kauert ſich auf die Ferſen nieder. Dieß thut nun auch eine zweyte, und ſo gehz es fort, bis alle ſich nieder gekauert haben. Darauf ſpringen ſte alle zugleich in die Hoͤhe, faſſen ſich an den Haͤn⸗ den, und drehen ſich in einem geſchloſſenen Zirkel, worauf ſich jede auf ihren Platz begiezt. Die Män⸗ ner tanzen ſelten. In beyden Fuͤrſtenthuͤmern in die Regierungs⸗ form eingeſchraͤnkt monarchiſch; denn in Bezug auf Finanzoperationen iſt der Fürſt durch einen Divan beſchraͤnkt. Er fuͤhrt den Titel Waiwoda, ein ſlavoniſches Wort, das ſo viel als Feldherr bedeutet, ———— 4 l s) gewiſſermaſſen aber einen Statthalter, oder noch richtiger einen Lehenstraͤger bezeichnet. In den Portraͤts, welche die Waiwoden in den Kirchen auf hangen laſſen, iſt ihre Mütze nach Art des Großſultans mit dem Sorgudſch, oder brillan⸗ tirten Reiherbuſch beſetzt: ſie ſelbſt aber wagen es nicht, dieſes Inſigne wirklich zu tragen. Der Fuͤrſt haͤlt taͤglich Gericht, und ent⸗ ſcheidet uͤber Leben und Tod nach Gutduͤnken. Der Herrſcherſtab, der neden ihm auf dem Thron liegt, muß oft alſogleich zur Beſtrafung der Vornehmen dienen. Thornton brachte es auf eine ziemlich glaubwuͤrdige Weiſe in Erfahrung, daß ein Bojar, der Yaſſy mit ſchlechtem Fleiſch ver⸗ ſorgte, vor den Fuürſten gebracht wurde, und ſich ihm zu Fuͤſſen warf, als dieſer ſich ihm mit dem Szepter naͤherte. Allein der Fuͤrſt ſchlug beſtaͤndig auf ihn, und wich dabey zuruͤck, um den Bojaren, der auf ihn zukroch, zu hindern, daß er ihm ehe die Fuͤſſe kuͤste, als er ſein La gehen hinreichend gebuͤßt haͤtte.). 1n 8 Die Furſten der Moldau und der Balached erhalten ihre Beſtallung von der Pforte, und die Kennzeichen ihrer Wuͤrde, als den Kukka oder militaͤriſchen Federbuſch, das Ehrenkleid, die Standarten und die militaͤriſche Muſtk. Aus dem Serail des Großherrn begeben ſte ſich im feyerlichen Zuge nach der Kirche des Patriar⸗ chen, wo ſie ungekaͤhr auf eben die Art, wie vormahls die griechiſchen Kaiſer eingeweidt wet⸗ -G79)— den. Sodann werden ſie von türkiſchen Beam⸗ ten in ihre neuen Reſidenzen unter groſſem Ge⸗ praͤnge eingeführt, wo ſie unter einigen Zeremonien den Titel: Geſalbte Gottes, erhalten. uh Am Hofe dieſes Schattenbildes, deſſen Dabe fuſferſt prekaͤr iſt uvereinigen ſich groteskes Zere⸗ moniel mit den gemeinſten Sitten undas Heer der Albernheiten ſtellt ſich hier ſelbſtgefaͤllig zur Schau, verſliegt aber, wie Spreu, wenn es der Beſtechung gelingt, die Eruenun eines anderen Dderhußeſs 94 erwirkeng 6 33 Die duneſen Safbeamtem find: der Po⸗ ſolnik oder Marſchall, der Kommiſſo oder Stallmeiſter, der Grammatikos oder Sekre⸗ taͤr, der Portar⸗Baſchi oder Zeremonienmei⸗ ſter, der Logofet oder Kanzler, welche Alle, nebſt den vornehmen Bojaren und andeten hohen Peanaena lange Baͤrte tragen... Die Leibwache des Fuürſten beſteht an us Grie⸗ biſch⸗ nicht unirten Albaniern, welche an allen Streitigkeiten im Lande und an Raͤubereyen Antheil nehmenn und ſtolz auf Narben ſind, die ſie als Ranber dder als Soldaten erhalten Baden K190 1 560& Der hächſte Gerichtshof iſ der Oivan, in dem den Metropolit praͤſidirt, und welcher auſſer dieſem vom Dvornik⸗Mare, Oberrichter, Logotfet⸗Mare, Großkanzler, Spathar oder Hetman, Generaliſſi⸗ mus, Veſtiar⸗Mare, Schatzmeiſter u. a. gebilden wird. Staupenſchlaͤge, oͤffentliche Arbeiten, Ohren⸗ — s0))— abſchneiden, u. d. gl. ſind gewöhnliche Strafen. Ruhmvoll iſt aber die Einrichtung des Fürſten Ale⸗ rander Ipſilanti, daß der Armask, oder Ge⸗ fa8ͤngniß⸗ Oberaufſeher, nach Vorlegung eines Todes⸗ urtheils, zu drey verſchiedenen Mahlen an den Fuͤr⸗ ſten die feyerliche Frage thun muß, od der Fuͤrſt bey ſeinem Entſchluſſe, Menſchenblut zu vergieſſen beharre. In ſolchen deſpotiſchen Staaten, wo ſonſt der Zorn ſich in raſcher Willkühr aͤuſſern wuͤrde, iſt dieſe Einrichtung als eine Wohlthat fuͤr die Menſchheit zu verehren. Als Geſetzbuch dienen in dieſen Laͤndern die regulae legis hes griechi ſches Kai ſers Johann Komnenus. Der Divan⸗Effendi oder türkiſche Sektetät in der einzige Muſelmann im Dienſte des Fuͤrſten. Er ſorgt fuͤr den Zuſammenhang des Fuͤrſtenthums mit der Pforte, und ſichert dem Turban die Un⸗ terwuͤrfigkeit der Griechen. Andere Tuͤrken duͤrſen in beyden Fürſtenthuͤmern keinen bleibenden Auf⸗ enthalt haben, dagegen umgeben Jüntäſche Beſunden beyde Laͤnder. Die veraͤchtliche Militz zu Fuß und zu Pferd belaͤuft ſich in jedem Fuͤrſtenthume auf 6000 Mann, deren einziger Vortheil die Freyheit von Abgaben iſt. Ihr Chef hrißt in der Moldau Hetman, in der Walachey aber Spathar. Der Aga, oder General der Infanterie iſt auch Polizeylieutenant. Fuͤr die Hauptſtadt aber iſt der Ispravnik die hoͤchſte buͤr⸗ vnlice Magiſtzareperſon⸗ die auch alle Naturalien einzu⸗ 7 —(84)— einzutreiben hat, welche nach Konſtantinopel zu lie⸗ fern ſind. Willküͤhr und launiſche Tradizionen entſcheiden im Grunde meiſtens in den Gerichtshoͤfen. Und da ein Urtheil, vom vorigen Fuͤrſten gefaͤllt, den Nach⸗ folger nicht bindet, ſo nehmen die Streitigkeiten kein Ende. Untertribunale, der Divan und der Fürſt ſi nd die drey verſchiedenen richterlichen Inſtanzen. Die Einkunfte beſtehen in der Kopftaxe, den Salzminen, Zoͤllen, Weide⸗Bienen⸗Tabak⸗ und Weinſteuern. In der Moldau wird das Kopfgeld monathlich, in der Walachey vierteljaͤhrig eingeho⸗ ben. Die Gemeinden beſtimmen ſelbſt den Steuer⸗ betrag, der vom Individuum zu entrichten kommt, eine Einrichtung, die ſehr paſſend iſt. Findet ſich in der Moldau eine Gemeinve zu hoch taxirt, ſo bringt ſie ihre Beſchwerde vor den Iſpravnik des Oiſtrikts, und leiſtet dieſer keine Abhilfe, ſo raͤcht ſie ſich da⸗ durch, daß ſie das Oorf verläßt und ſich zerſtreut. Die Einkunfte werden hier zum groſſen Drucke der Bauern verpachtet. Ueber den Ertrag der Ver⸗ pachtung der Auflagen giebt folgende Tabelle Re⸗ chenſchaft⸗ Im Jahre 1782 17835 Walachey Moldau Piaſter. Bauern.... 2200000 1775000 Landbeſitzern und Kaufleuten 200000 25000 Siebenbuͤrgiſchen Viehhirten 40000 IV Bandch. F Kopfgeld von den G 6 ——— —(82)— Salzminen. 300000 300000 Soͤlle 200000 200000 Weide⸗Tare 280000 170000 Bienen-=1- 70000 120000 Wein⸗-——. 60000 200000 Tabak⸗—.. 60000 50⁰000 . Zuſammen 3510000 2840000 Die wichtigſten Ausgaben ſind der Tribut, welcher wenigſtens 76,915 Rubel jaͤhrlich betraͤgt, und die Geſchenke, welche nach Konſtantinopel ge⸗ ſchickt werden muͤſſen, und auf 75,000 Rubel an⸗ geſetzt werden. Zudem muß der Fuͤrſt viele Summen auf Agenten verwenden, die ihn beym Divan gegen Nebenbuhler ſichern; auſſerdem werden auch Aerzte vom Staate beſoldet, und oͤffentliche Hoſpitaͤler unterhalten, welche aber im elenden Zuſtande ſind. Zur Bequemlichkeit der tuͤrkiſchen Beamten und Staatsbothen müſſen viele Poſtpferde unterhalten werden. Die Straſſen verurſachen wenig Auslagen; denn man laͤßt ſie geruhig im ſchlechteſten Zu⸗ ſtande. In politiſcher Hinſicht wird die Moldau in 20 Kreiſe abgetheilt, die Walachey aber zerfaͤllt in 17. Ueberdieß wird die Moldau in zwey Haupttheile abgetheilt, deren oberer Zara d'in Sus, und der untere Zara d'in Schos genannt wird. Dieſe Theile ſtehen unter beſonderen Gouverneuren, welche da⸗ her Dwornik di Sus, und Dwornik di Schos heien. —(8= Yaſſy, die Hauptſtadt der Moldau, liegt auf einer Anhoͤhe, die von mahleriſch gruppirten Bergen umgeben iſt, und am kleinen Fluſſe Bachlui oder Baslin. Hier wohnen in 6000 Haͤuſern nur 15000 Menſchen. Die Straſſen ſind hier mit dicken Pfoſten von Eichenholz belegt, worunter ſich aber ſo viel Koth und faulendes Waſſer ſammelt, daß die Stadt ſehr ungeſund iſt, und haͤufig von Fiebern heimge⸗ ſucht wird. Da uͤberdieß die Straſſen erſt im fuͤnf⸗ ten oder ſechſten Jahr neu belegt, und ſelten ausge⸗ beſſert werden, ſo geht nur das gemeine Volk zu Fuſſe, und die Waͤgen erhalten die gefaͤhrlichſten Stoͤſſe, auch fallen die Pferde oft bis an den Leib in Pfützen. Was die zweckloſe Verſchwendung des Bauholzes auf dieſen Straſſen belangt, ſo entſchul⸗ digen ſich die Einwohner damit, daß es unmoͤglich ſey, einen ſo moraſtigen Boden zu pflaſtern. Dieſe Stadt muß ſogar einem Chan der Tataren eine Ab⸗ gabe entrichten. Was die Bauart belangt, ſo herrſcht hier die altgothiſche, in welcher hauptſaͤchlich die doriſche Ordnung angebracht wird. Die Haͤuſer ſind theils von Stein, theils⸗von Holz, und ſehr geraͤu⸗ mig. Alle Zimmer haben eine Thüre zu einem Kor⸗ ridor, und unter ſich ſelten eine Kommunikazion. Tiſche und Stüͤple ſind ſeltene Meubeln, man begnuͤgt ſich mit Divanen, die Gaͤrten find⸗ nach ruͤrkiſcher Art, ein regelloſer Haufe von Baͤumen. Im flachen Lande ſind die Häuſer von Erde. F 2 —;;;’;——— ————— jääöääm 4. —(84)— Bukareſt, die Hauptſtadt der Walachey, liegt am kleinen Fluſſe Dumbowiza, der bloß Flöſſe traͤgt. Die Straſſen ſind hier wie in Yaſſy von Holz, uͤbrigens gleichen beyde Staͤdte nur groſſen, unreinlich gehaltenen Doͤrfern. In Bukareſt ſind ziemliche gute griechiſche Unterrichtsanſtalten, die ihre Entſtehung dem gelehrten Woewoden Mauro Cordato verdanken. Man zaͤhlt hier 42,000 Einwoh⸗ ner, und der Handel dieſer Stadt mit Honig, Wachs, Butter u. ſ. w. iſt bedeutend. —(850)— XXII. Heinrich Stauffachers Reiſe nach Kalabrien, Sizilien und Corfu. Ucher den folgenden Auszug, den wir dem Reiſejour⸗ nal eines jungen Schweizers aus Glarus verdanken, bedarf es keine andere Bemerkung, als daß der Leſer darin nebſt aͤußerſt lebhaft geſchilderten Abentheuern, auch intereſſante topographiſche und ethnographiſche Notitzen, dann eines der ergreifendſten Gemaͤlde eines Schiffbruches finden wird, welches letztere allein in dieſem Werke, das ſo oft von Seereiſen handelt, ſchon ſehr weſentlich iſt. Erſte Abtheilung. Die Abreiſe.— Der Schiffbruch.— Die galabrefiſchen Bauern und ihre Hartherzigkeit.— Die Steinhuͤtte bey Siderno. Dau Bilder einer reitzenden Zukunft gelockt, verließ ich am 10. Maͤrz 1807 Trieſt, um in Hand⸗ —(86)— tungsgeſchaͤften nach Malta zu gehen. Nebſt 57 Mann befand ich mich auf einem Schiffe, das den Trieſtiner Lorenzo Boſich zum Eigenthümer und zu⸗ gleich zum Kapitaͤn hatte. Eine Seereiſe hat das Lang weilige eines ſcha⸗ len Alltagsromans. Sie faͤngt mit Erwartungen an, und endet mit Ueberdruß. Erſt am 25. Maͤrz ſoͤhnte ich mich mit der See wieder aus, da der Kapitän meldete, daß wir nur noch 30 Meilen von Meſſi⸗ na's Hafen waͤren. Schon gaukelten vor meiner Ein⸗ bildungskraft hohe Pallaͤſte und lange Straſſen, ich ſah mich in heiteren Luſtgaͤngen, in deren Schatten reitzende Sizilianerinnen ſchwebten, und voll der ſchoͤnſten Hoffnungen ſorang ich in meine Hange⸗ matte, um unter Traͤumen zu entſchlummern, die nun bald erfuͤllt werden ſollten. Aber um Mitternacht brach ein Orkan aus. Ich flog in meiner Hangematte umber, wie in einer Wiege, bis endlich ein ſtarker Sloß mich heraus, und zwar auf einen bußfertigen Schneider fallen machte, der ſich angſterfuͤllt in meine enge Zelle retirirt hatte, und ſich nun in laͤſterlichen Schelt⸗ worten vernehmen ließ. Ich war ziemlich hart auf ihn gefallen. Ein neuer Stoß, und wir ſtieſſen abermahls gegen einander. Ich trat hinaus. Es war finſtere Nacht. Der Orkan ſpielte mit unſerem Schiff, wie mit einer Feder. Die Wellen tobten um uns, wie tauſend ſtuͤrzende Waſſerfaͤlle am Gebirge. In allen Geſich⸗ tern las ich Muthloſigkeit. Selbſt der Kapitaͤn, 8 —(87)— der in ſeinen braunen Ueberrock gehuͤllt da ſtand, war ungewoͤhnlich ernſt.— Nach einer langen naͤcht⸗ lichen Todesangſt folgte endlich ein Tag des Ent⸗ ſetzens. Der Orkan wurde ſo unbaͤndig, das Meer war ſo bis auf ſeinen tiefſten Grund aufgeruͤhrt, daß man nicht laͤnger in den Zimmern bleiben konnte. Tiſche und Stuͤhle ſtuͤrzten umher, die Koffer wurden ſo ſtark umhergeſchleudert, daß ſie zerſprangen, und wir ſtanden in Gefahr zerſchmet⸗ tert zu werden. Nur mit Muͤhe konnten wir zur Thuͤre hinaus kriechen, die in ihren Angeln verbo⸗ gen und verſchoben war. Wir eilten zu den Matroſen aufs Verdeck. Welch ein Anblick! welch ein Getoͤſe! Mit zittern⸗ der Hand zogen die todtenbleichen Matroſen ein Muttergottesbild am Maſtbaum empor, waͤhrend wir Andere auf dem Verdecke uns am Seile hiel⸗ ten, um nicht ins Meer geblaſen, oder von den uͤberſchlagenden Wellen hinweg geſpuͤlt zu werden. Nach 7 Uhr Morgens ſchlug ein Windſtoß den hintern Maſt ab, der doch ſo dick war, daß ich ihn nicht mit beyden Armen haͤtte umſpannen koͤn⸗ nen. Er fiel gegen den mittleren Maſt, und zer⸗ ſchlug deſſen oberen Theil. Das ganze Schiff er⸗ hielt durch das Gewicht der geſunkenen Maſte eine ſo ſchiefe Lage, daß es unfehlbar umgeſtuͤrzt ſeyn wuͤrde, waͤre es nicht ſtark geladen geweſen. Das Schrecklichſte bey dem Allen aber war, daß man kein Kommando mehr hoͤrte. Auch der Schiffskapitaͤn wurde von Furcht und Schrecken 3s betaͤubt. Mit groſſer Mühe nur wurden endlich die Seile abgeſchnitten, daß der geſunkene Maſt ins Meer fallen konnte. Aber beym Hineinfallen wurde durch Ungeſchicklichkeit des Steuermanns das Steuerruder gaͤnzlich abgebrochen und verloren. Jetzt erſt ſtieg durch das Gebruͤll der Wellen ein herzzerſchneidendes Geheule der Verzweiflung zum Himmel. Rettungslos dem Spiel der Wellen Preis gegeben, arbeitete keiner mehr, ſondern be⸗ reitete ſich auf den nahen Tod vor. Die Wuth des Orkans wuchs, bald ſank das Schiff in ein Wel⸗ lengrab, wo das Waſſer, gleich Mauern, zu bey⸗ den Seiten emporſtand, bald ſahen wir vom Gipfel einer gewaltigen Waſſermaſſe rechts und links in ſchaͤumende Abgründe. Es zeigte ſich kein Land. Ich hotte meine Augen auf den Kapitaͤn Bo⸗ ſich gerichtet. Er war mit der Karte beſchaͤftigt. Ich ſah, wie die letzte Hoffnung aus ſeinen Mie⸗ nen wich. Er warf Buͤcher und Karte hin, trat dann mit einem geiſteraͤhnlichen Geſichte vor uns hin. Er wollte reden und konnte es nicht. Und als er es konn⸗ te, kündigte er uns den Todan. 1 „Wir ſind, ſagte er, noch 30 Niglien vom Lande, es iſt von Klippen umgeben, und der Sturm treibt uns gerade auf die Kuͤſte los. Wenn nicht der Wind ſich ſtillt, ſo werden wir ſehr zuverlaͤſſig binnen wenigen Stunden den Gang zur Ewigkeit antreten.“ Als Herr Boſich dieß geſprochen hatte, zog er ſein Ueberkleid aus, und warf es ins Meer. Und —(800— wie er ſich entkleidete, folgten die Andern ſchaue dernd ſeinem Beyſpiel; Viele entkleideten ſich bis aufs bloſſe Hemd. Ich that, wie Jeder. Meine Umhüllungen flatterten im reiſſenden Windſturz da⸗ hin. Mir gehoͤrte hienieden nichts mehr; ich nur der Ewigkeit. Der Schiffskapitaͤn ſtend, wie eine Bild⸗ ſaͤule, ſtarr, und klapperte vor Froſt mit den Zaͤh⸗ nen. Einige Reiſende lagen betaͤubt am Boden, andere winſelten erbaͤrmlich nach den Ihrigen, und noch Andere uͤberſchrieen mit ihrem Gebethe das Brauſen der Wellen. Nur ein junger Englaͤnder, der ſich Georg Thoumoo nannte, ſaß unbeweglich in einer Ecke, als waͤre er unſerm Schickſal fremd. Beynah 12 Stunden hatten wir ſchon in die⸗ ſer Todesangſt geſchmachtet. Der Zuſtand war zu lang aahaltend und ſchrecklich, als daß nicht Jeder den einmahl unvermeidlichen Tod gewunſcht haͤtte. — Endlich erblickten wir das laͤngſt gefuͤrch⸗ tete Land, dem unſer Schiff mit reiſſender Ge⸗ walt zuflog. Je naͤher wir dem klippenvollen Ufer kamen, um ſo lauter wurde das Heulen der To⸗ desopfer, und das Bethen der Verzweifelnden⸗ Seltſam kontraſtirte damit das Fluchen des Eng⸗ laͤnders, der wiederholt rief: Wenn all das Seuf⸗ zen und Jammern nichts hilft, wenn wir doch zu Grunde gehen muͤſſen; ſo wollte ich, der Teuſel holte das Schiff einmahl! Nahe an der ſandigen Küſte von Calabria ul⸗ tra, in der Gegend von Siderno, unweit Gerace, ſahen wir eine groſſe Menge von Menſchen, die unſerm —(90)— Unglück zuſahen. Wie das Schiff bald nach dieſer, bald nach jener Seite hingetrieben wurde, liefent auch die Zuſchauer am Lande nach. Virr hatten auf dem Schiffe zwey Boote. Das eine wurde zur Probe hinabgelaſſen, um zu ſehen, ob es ſich auf dem Waſſer halten wuͤrde; allein es war im gleichen Augenblick von den ungeſtuümmen Wellen verſchluckt und verſchwunden. Schon waren wir dem Geſtade ſehr nahe gekommen, ohne Klippen und Felſen zu ſehen, aber mit einem Mahle ertoͤnte ein betaͤubendes Krachen. Das Schiff war auf einen Felſen unterm Waſſer gelaufen, und durch den ge⸗ waltigen Anſtoß der Boden zerſprungen, ſo daß ſo⸗ gleich die ganze Ladung unten hinausfiel, und das Waſſer zu unſern Fuͤßen heraufdrang. Die noch vorhandenen Segeltücher zogen das Schiff zunt Sinken auf eine Seite. Der Englaͤnder, ohne ſich zu gefitnen warf ſich mit ausgebreiteten Armen über Bord in die Wel⸗ len des Meeres.„Wir iſind verloren, rief Herr Boſich, Keiner erreicht bey den hohen Wellen das Land!“— Mehr hoͤrte ich nicht. Mein Entſchluß war gefaßt; ich ſprang dem muthigen Sir Georg ins Waſſer nach Ich kaͤmpfte mit den Wellen, nicht um zu ſchwimmen, ſondern nur obenauf zu bleiben. Ich lag ploͤtzlich auf den Uferſand hingeworfen, mit blutigen, an den Felſen zerſchundenen Fuͤßen. Ei⸗ ligſt kroch ich weiter, um den wieder kommenden Wellen zu entgehen. Als ich zur Beſinnung ge⸗ —(9— kommen war, ſah ich ein Paar meiner Ungluͤcksge⸗ faͤhrten auf dieſelbe Art gerettet. Mit groͤßter Le⸗ bensgefahr giengen wir dreymahl gegen das Meer zuruͤck, um noch einigen Schwimmenden zu helfen. Am Ufer ſtanden Kalabreſiſche Bauern, Wei⸗ ber und Kinder, und gafften unſerm Elend zu, ohne daß auch nur Einer Miene machte, zum Retten an die Hand zu gehen.— Waͤhrend die Geretteten wei⸗ nend und zitternd dem guͤtigen Geſchick für das ge⸗ friſtete Leben dankten, hoͤrte ich eine bekannte Stim⸗ me aͤchtbootsmaͤnniſch dazwiſchen fluchen. Siehe, da war unſer Englaͤnder wieder, der noch immer Leichen ans Land ſchleppte, und den kalabreſtſchen Bauern alles Ungluͤck auf den Hals wuͤnſchte, Die Bauern waren ſo unmenſchlich, da ſie unſere Vor⸗ würfe hoͤrten, die Flinten auf uns anzuſchlagen. Wir waͤren vielleicht erſchoſſen worden, waͤren nicht die Weiber den Barbaren in die Arme gefallen. Von 53 Perſonen, die auf dem Schiffe gewe⸗ ſen waren, befanden ſich nur 11 noch am Leben. Unter den heran geſchleypten Leichnamen befanden ſich auch der des Herrn Enrico Gregori von Malta, in deſſen Dienſt ich getreten war, und der des Schiffkapitaͤns, deſſen Kopf ganz zerſchmettert war.. Da ſtanden wir Jammergeſtalten, die meiſten nur im Hemde, Einige in Hemd und Beinkleidern, Viele blutend, Alle triefend vom Meerwaſſer, bleich wie Geſpenſter von Ermattung und Todesaugſt. In einiger Ferne von uns ſtierten die Bauern roh und (92)— gleichguͤltig auf uns hin. Sie ſchienen ſich uͤber unſern Mord zu berathen, vermuthlich um die geſtrandeten Waaren um ſo ſicherer zu erbeuten. Einer dieſer Kerle hielt mir ſein Gewehr mit geſpanntem Hahn drey⸗ mahl auf die Bruſt. Weiber und Kinder fielen vor den Unmenſchen auf die Knie, und baten wei⸗ nend um unſer Leben. Niemand von uns begriff⸗ was ſie wider uns haͤtte empoͤren koͤnnen. Keiner verſtand ihr rohes Patois. Der Kalabreſe iſt ein wahrer Halbwilder. Seine Lebensart, ſeine Woh⸗ nung iſt elend und unreinlich; ſeine Kleidung grob und kothig. Jeder traͤgt uͤber ſeinem ſchwarzen, ſtruppigen Haare eine groſſe, zwey bis drey Schuh lange, blaue Wollenmütze, welche oben zuſammenge⸗ druͤckt wird. Die kurzen Beinkleider, wie die Jacke, ſind von ſchwarzem, ſchlechten Zeuche, unter wel⸗ chem ein aͤuſſerſt grobes Hemd ſichtbar wird. Die Struͤmpfe ſind ohne Fuͤßlinge. Ein ungegerbtes Fell, oder eine Schweinshaut, um den Fuß zuſam⸗ mengeſchnuͤrt, vertritt die Stelle des Schuhes. Ihr langer, nackter, gelber Hals und das von der Sonne gefaͤrbte Geſicht voll grober, trotziger Zuͤge, die lebhaften Augen, der Bart, welchen ſie ſpaͤr⸗ lich abſcheeren, gieht ihrem Aeuſſeren etwas Bar⸗ bariſches. Zwey Stunden waren wir hilflos da geſtan⸗ den in Sturm und frierend. Wiederholt baten wir um ein Feuer, uns trocknen zu koͤnnen, aber umſonſt. Zwar lag unfern der Ort Siderno; aber wir wagten uns nicht von der Stelle. Zum —(930— Gluͤcke blitzten aus der Ferne Gewehre, und die Bauern hoͤrten auf zu drohen. Es erſchienen naͤmlich 50 franzoͤſiſche Solda⸗ ten, wahrſcheinlich in der Erwartung, das geſchei⸗ terte Schiff ſey ein Engliſches geweſen. Ich be⸗ nachrichtigte den Hauptmann von Allem, was er zu wiſſen verlangte, und mit geruͤhrter Theilnahme wies er die Bauern, welche ehrerbietig mit den Kappen in der Hand da ſtanden, an, uns Wein und Brod herbeyzuſchaffen, dann ein Schaf zu ſchlachten; zugleich wies er uns eine Steinhuͤtte indeß zum Aufenthalt an. Hier lagerten wir uns auf Stroh. Jeder überſah das Hoͤchſttraurige ſeiner Lage. Nur Sir Georg hatte 300 Dukaten im Gurt der Beinklei⸗ der, und ich 25 Louisd'or. Aber wir durften un⸗ ſern Reichthum nicht kund thun, um keine neue Ge⸗ fahren uͤber uns zu bringen.— Nach einer Nacht, die durch tauſend Schreckensbilder unſerer aufgereg⸗ ten Einbildungskraft, wahrhaft entſetzlich wurde, beſahen wir am andern Morgen die Gegend. Die Luft war ſtill, der Himmel heiter. Die Sonne gieng uͤber den dunkeln Spiegel des unendlichen Meeres hervor, und beſtrahlte eine herrliche Landſchaft, de⸗ ren Hintergrund die leicht bewaldeten Appenninen füͤllten. Am Geſtade wuchſen die Indianiſchen Fei⸗ gen, von Olivenbaͤumen ſahen wir, ſo zu ſagen⸗ ganze Waͤlder. Nur ſelten gewahrte das Auge in der Flaͤche Wohnungen, dieſe liegen— nach ererb. ter Gewohnheit aus den Zeiten des Fauſtrechts— — 94),— auf Anhoͤhen, und gewaͤhren dem verwilderten, zum Mord geneigten Volke noch vortheilhaſten Schutz gegen Ueberfaͤlle. Gegen Mittag erſchienen zum Schutz unſerer Perſonen und der geſtrandeten Waaren 12 frangoͤſt⸗ ſche Soldaten. Der Hauptmann hatte unſere Be⸗ gebenheit dem Obergeneral nach Monte leone ge⸗ meldet, und zur Bereitung der Saͤrge Befehl ge⸗ geben. Durch ſeine Vorſorge bekamen wir friſche Nahrungsmittel; aber unſere Raͤchte blieben pein⸗ lich, fieberhafte Traͤume fuͤhrten uns die uͤberſtan⸗ denen Graͤuelſzenen in neuer Wuth vor, und Je⸗ der fuhr aus ſeinem qualvollen Schlafe mit durch⸗ dringendem Zetergeſchrey auf. Am 29 Morgens fanden ſich die Muſikanten des 23. franzoͤſiſchen Infanterie⸗Regiments ein; die Bauern brachten die Saͤrge; auch der Hauptmann erſchien mil vielem Volke aus benachbarten Ort⸗ ſchaften. Die Trauermuſik erſcholl, und es gieng der groſſe Zug von 42 Saͤrgen dahin— meiſtens lagen darin die Leichname von Familienvaͤtern, deren Angehoͤrige noch freudig ihre Ruͤckkunft erwarteten. Wir, dann das franzöoͤſtſche Militaͤr und der Haufe des Landvolkes folgten zu einer Capelle. Beredt, wie alle Italiener, hielt ein kalabreſiſcher Geiſtlicher eine ziemlich paſſende Rede, und die lange Neihe der Saͤrge ſank in den Schoos der guten Mutter Erde.— Unter herben Thraͤnen ſuchten wir unſere Hütte wieder auf. -(95)— Durch Veranſtaltung des Hauptmanns, ich glaube, er hieß Lucerne— wurden wir von unſe⸗ rer Schla floſigkeit geheilt. Mir und dem Englaͤn⸗ der, die wir uns allmaͤhlig in feſter Freundſchaft ver⸗ banden, ſchickte der Hauptmann Ueberroͤcke und Stiefel.. Zweyte Abtheilung⸗ Siderno.— Generale.— Monteleone.— Gefahren. — Sciglio.— Meſſina.— Corfu. Am sten April beſuchten wir den Ort Siderno. Der Weg dahin gieng durch eine uͤppige Landſchaft, auf der aber groſſe Felder mit ſchuhhohem Unkraut aberwachſen waren. Der Ort ſelbſt, der eine Stadt ſeyn will, beſteht nur aus niedrigen Steinhütten, worunter nur das Gemeindehaus ein Stockwerk, und ſelbſt das aͤhnlich gebaute Kloſter keine Fenſter, ſondern nur, gleich Staͤllen, Heffnungen in der Mauer hat. Die Leute liefen uns auf den Straf⸗ ſen nach. Einige waren ſo hoͤflich uns in ihre Wohnungen zu noͤthigen. Die Weiber ſind nicht viel eleganter als ihre Maͤnner. Sie tragen aus grobem Hemdezeug einen Schleyer, der an einer groſſen ſchwarzen Haube befeſtigt, und zum Durch⸗ 4 —(96)— ſchen mit zwey runden Loͤchern verſehen iſt. Wir eilten aus Siderno, dem die meiſten kleinen Orte Kalabriens gleichen, nach unſerer Wohnung zuruͤck. Fortwaͤhrend beſchaͤftigten wir uns damit, die vom Meere ausgeworfenen Waaren des geſcheiter⸗ ten Schiffes— die meiſt in Tuch beſtanden— ans Land zu ziehen und zu trocknen. Neben den franzoͤſiſchen Schildwachen mußte immer Einer von uns Eilfen Nachts bey den Waaren wachen, damit ſie nicht von den Kalabreſen geſtohlen wurden. Aber zwey Italiener aus unſerer Mitte verkauften ſelbſt heimlich Tuch an die Bauern. Ich klagte den Dieb⸗ ſtahl dem Hauptmann, der auch ſogleich einleitete, daß Waare und Geld wieder zuruͤckgeſtellt wurde. Endlich gab der Obergeneral Reynier nach meinem Vorſchlag den Befehl zur Verſteigerung der Waa⸗ ren in Gerace und Siderno, wobey 18,549 fl. 52 Kr. eingingen, welche Summe auch der Aſſekuranz⸗ kaſſe von Trieſt uͤbermacht worden iſt.. Schon waren auf Befehl des Generals Reynier alle Schiffbruͤchigen neu gekleidet worden, auch ließ er uns bey den Buͤrgern von Gerace mit dem Be⸗ deuten einquartieren, daß ſie für unſer Leben mit dem ihrigen haften muͤßten. Gerace liegt auf einem ziemlich hohen Berge, mit einem durch Erdbeben zertrümmerten Schloſſe. Ich wohnte bey Pasquale Capoprego, der ungeachtet ſeiner Wohlhabenheit in einer ſchlechten, fenſerloſen Huͤtte wohnte. Man ſtelle ſich nun die Wohnungen der minder Reichen vor!— Aumuthig ſind die Geſilde um die Stadt und —(97)— und uͤberhaupt iſt Kalabrien ſo fruchtbar und zur Kultur geeignet, daß ſeine Bevoͤlkerung ſich noch ungemein vermehren duͤrfte, ohne daß ein Mangel fuhlbar wuͤrde. Am 15. April wurde Sir Georg und ich nebſt 420 franzoͤſiſchen Soldaten nach Monte leone beor⸗ dert. Mein brittiſcher Freund befuͤrchtete, als Kriegsgefangener behandelt zu werden, ich ſuchte ihm aber dieſe Beſorgniß aus dem Sinne zu brin⸗ gen, und am 17ten machten wir uns auf den Weg, der uͤber den Berg von Caſtello novo fuͤhrt. Dieſe beynah von allen menſchlichen Woh⸗ nungen entbloͤßte Gebirgsſtrecke war der vornehmſte Schlupfwinkel der kalabreſiſchen Raͤuber oder Bri⸗ gands. Sie waren damahls in den Appenninen 5000 Mann ſtark, und glichen ganz den obenbe⸗ ſchriebenen Bauern. Auf der Hoͤhe des Berges ſa⸗ hen wir 3 franzoͤſiſche Soldaten, die Haͤnde auf den Rucken gebunden, mit abgeſchnittenen Naſen und ausgeſtochenen Augen ermordet liegen. Ueber dieſen Anblick gerieth unſere franzoͤſiſche Bedeckung in Wuth, und meinte, man haͤtte ſchon laͤngſt alle Kalabreſen mit Habé und Gut verbrennen ſollen. Bald gelangten wir nach Caſtello novo, ei⸗ nem anſehnlichen Dorf mit hoͤlzernen Haͤufern, in einer wunderbar lieblichen Gegend, und Abends kamen wir nach dem Dorfe Poliſtria, den vorigen aͤhnlich. Hier wurden wir bey dem Baron Oliva einquartirt, der nur etwas feiner als ein Bauer IV. Baͤndch. 6 ————— —(95)— gekleidet war, und wirkliche Schuhe, aber von noch rohem Leder trug. Seine angenehme Gemah⸗ lin nebſt zwey Toͤchtern waren franzoͤſiſch gekleidet. Wir verlieſſen den Ort und legten in der Ebene ei⸗ nne bewaldete Einoͤde zuruͤck, die erſt Abends mit dem Orte Monte leone ſchloß. In dieſem von ei⸗ nem Erdbeben beſchaͤdigten, ſchlechten Staͤdtchen empfieng uns General Reynier, ein ſchoͤner junger Mann von einigen 30 Jahren mit zuvorkommender Güte. Wir ſpeiſten bey ihm, und erhielten den Auftrag, ſo lange in Kalabrien zu bleiben, bis von Trieſt ein Zeugniß gekommen waͤre, daß wir wirk⸗ lich die Perſonen waͤren, fuͤr welche wir uns ans⸗ gaͤben. Mit dieſem traurigen Troſt kehrten wir nach Gerace zuruͤck. Hier erlebten wir am 22. April ein aͤcht kalabreſiſches Abenrheuer. Ein Erdbeben warf mich naͤhmlich Nachmittags von dem harten NRuhebette einer Bank auf die Erde. Alles lief ins Freye und den Berg hinab. Das franzoͤſiſche Nilitaͤr und wir Schiffbruchigen bemaͤchtigten uns am Meer einiger Fiſcherboote. Die ganze Nacht hoͤrten wir das Geſchrey der Kalabreſen, dagegen fluchten die Soldaten und wuͤnſchten, daß nur das Gluͤck ſo groß ſeyn moͤchte, ganz Kalabrien in den Tiefen des Ozeans verſinken zu ſehen. Am Morgen kehrten wir in die Stadt zuruͤck. Doch bald muß⸗ ten wir ſie wieder verlaſſen. Mein Freund Georg ag eben krank, als Kapitaͤn Abraham, damahliger Kommandant von Gerace, uns meldete, daß er mit —(99— Alſem, was zu den Franzofen gehzoͤrte, eiligſt nach Monte leone aufbrechen muͤſſe, indem die Briganti von den Englaͤndern Verſtaͤrkung erhalten haben, und der Prinz von Heſſen⸗ Philippsthal vorgedrun⸗ gen ſey. Weinend ſchied ich am 24. von Sir Georg, der als Englaͤnder getroſt zuruͤckbleiben konnte. Als wir die Hoͤhe des Caſtellonover Berges erſtiegen hatte, meldete athemlos ein Kundſchafter, daß Briganti's und Sizilianiſche Truppen unſere kleine Anzahl in Caſtellonovo erwarten. Der Ka⸗ pitan ſchlug uͤber Poliſtria einen beſchwerlichen Um⸗ weg ein, Erſchoͤpfung noͤthigte mich und einen fran⸗ zoͤſiſchen Soldaten zuruͤckzubleiben. Eine Kalabre⸗ ſin winkte mir mitleidig zu einem Hauſe, in das ich ihr folgte und wo ich einen Labetrank erhielt. Troͤſtend ſprach die Gute zu mir:„Wohin wollt Ihr fliehen in der Nacht? Die Briganti ſchwaͤrmen uͤberall umher. Die Wege ſind unſicher, der Mond ſcheint hell. Ihr waͤret des Todes drauſſen; ich will euch verſtecken.“ Indem ich ihr dankte, unterbrach uns das fürch⸗ terliche Jubelgeſchrey vieler Brigantis, welche den franzoͤſiſchen Soldaten, der von auſſen auf mich wartete, entdeckt hatten. Wahrſcheinlich werden ſte ihn erbaͤrmlich ums Leben gebracht haben. Das toͤdtliche Geſchrey, welches der Unglückliche ausſtieß, machte mich auf meine Mattigkeit und auf meine wunden Fuͤße vergeſſen. Schaudernd ſprang ich hinaus in den Garten, wo mir die Kalabreſin zit⸗ ternd den Weg nach Monteleone zeigte. G 2 —(100)— Nach Mitternacht, und nachdem ich mich oft verirrt hatte, trat ich endlich aus dem Walde ins Freye vor. Ich verdoppelte meine Schritte, da ich zu meiner Freude einen betretenen Weg fand. Bald aber bannte mich ein neuer Schrecken, den eine hin⸗ ter Geſtraͤuchen wandelnde Schildwache in mir er⸗ weckte. Ungewiß, welchen Truppen ich in die Haͤn⸗ de liefe, kroch ich auf allen Vieren naͤher, als mich ein qui vive von der Anweſenheit der Franzoſen aberzeugte. Ich fand dieſelben Trupven, hinter welchen ich hatte zurück bleiben müſſen. Kapitaͤn Abraham um⸗ armte mich mit Entzüͤcken. Auf die Nachricht von meinen Begebenheiten bey der Kalabreſin ließ er durch einzelne dumovfe Trommelſchlaͤge die Solda⸗ ten wecken, welche kaum ſeit anderthalb Stunden hier geruht hatten. Die Bauern mußten ihre halb⸗ todten Maulthiere wieder bepacken, und ſo ging der Marſch weiter.— 1 Endlich kamen wir nach einem 27ſtuͤndigen Marſche, den wir ohne Speiſe zu nehmen zuruͤck gelegt hatten, in Monte leone an. Der General bezeugte den Officieren ſeine groͤßte Zufriedenheit. Er hatte, da der Feind Anſtalten getroffen, uns abzuſchneiden, uns ſchon für verloren gehalten. Schon Nachmittags mußte ich Zeuge eines Treffens ſeyn. Die Reapolitaner und die Kalabre⸗ ſen drangen in langen Haufen aus den Gebuͤſchen vor, wurden aber von den Chaſſeurs binnen einer —(101)— halben Stunde ganz verſprengt, und bis Mileto verfolgt. Dieſe Stadt wurde von den Franzoſen am 28. April angegriffen, weil ſie nicht eher eine laͤngſt erwartete Verſtaͤrkung erhalten hatten. Nach been⸗ detem Treffen ging der Prinz von Heſſen⸗Philipps⸗ thal nach Meſſina. Er war ſchon, ſo erzaͤhlte man mir, von einem Chaſſeur gefangen genommen wor⸗ den. Indem der Prinz in die Rocktaſche griff, als wollte er dem Chaſſeur die Boͤrſe uͤberreichen, zog er anſtatt derſelben eine Piſtole hervor, ſchoß dem Chaſſeur die Kugel durch beyde Baken„ und ſpreng⸗ te davon. Die Briganti, welche in Gefangenſchaft geriethen, wurden ſogleich erſchoſſen. Nun endlich langten aus Trieſt die erwuͤnſch⸗ ten Auskunfte uͤber die Schiffbruͤchigen an. Ge⸗ neral Reynier ließ mir ſogleich einen Paß nach Meſſina ausfertigen. Ich zog ab. Als ich nach Palma kam, fand ſich aus Furcht vor den Kalabreſen kein einziger Schiffmann, der mich nach Sizilien gefüͤhrt haͤtte. Aber der franzoͤfiſche Kommandant, ein Deutſcher, Frey mit Nahmen, befahl zwey Schiffern, mich nach Seiglio uͤberzufüͤhren, welche Feſtung in den Häͤnden der Engländer war, und von wo ich leicht nach Sizilien gelangen konnte.„Bringt ihr, druͤckte er ſich gegen die Schiffer aus, keia Zeugniß von dieſem Reiſenden zuruͤck, daß Ihr ihn gluͤcklich nach Sizilien gefuͤhrt habt, ſo laſſe ich Euch mit Haus, Weib und Kind verbreunen.”“— —(102)— Die Schiffer verneigten ſich tief, und ſagten die verbindlichten Dinge. Als ich aber mit ihnen zu Waſſer war, lluchten ſie zum Jeitvertreib auf mich und auf die Franzoſen in einem Athem. Sciglio, ein artiges Staͤdtchen, macht mit ſeinem felſigen Vorgebirge und dem feſten Schloſſe am Kanal einen mahleriſchen Proſpekt. Das viel⸗ fach befeſtigte Schloß ruht weitherrſchend auf einem ins Meer hinaustretenden Felſen.— Bald ſah ich mich in Meſſina.— Als ich hier eines Morgens auf dem Molo, dem praͤchtigſten Platze der Stadt am Meere, voll herrlicher Palaͤſte, ſpazieren ging, fand ich meinen theuern brittiſchen Freund. Ein paar Tage nach meiner Abreiſe hatte es ſich mit ſeiner Geſundheit gebeſſert. Durch Huͤlfe eines negpolitaniſchen Offiziers war er gluͤcklich nach Meſſina gelangt, wo ſein Verwandter, General Fox, wohnte. Auch ich mußte nun bey ihm woh⸗ nen. Entzückend verfloſſen uns die Stunden, bis ein Schiff, das nach Korfu ſegelte, mich an die Nothwendigkeit der Trennung erinnerte. Sir Georg begleitete mich zum Hafen. Wir hatten fuͤr die Scheidemomente keine Worte, nur Thraͤnen. Meine Schiffsgeſellſchaft war nicht die ange⸗ nehmſte. Ich befand mich auf einem brittiſchen Transportſchiffe, mit Arreſtanten vom Regiment Frohberg, das in Malta rebellirt hatte. Neben uns ſegelte ein zweytes Transportſchiff, hinter uns aber, ſtatt der Wache, eine engliſche Brigg, die allezeit fertig war, unſer Schiff in den Grund zu —(103)— bohren, wenn etwa das Geſindel ſich einen Auf⸗ ruhr geluͤſten ließ.— Wahrhaftig angenehme Aus⸗ ſichten! Doch ohne Abentheuer kam ich auf Corfu an Den Hafen der gleichnahmigen Stadt vertheidigt ein ſehr ſtark befeſtigtes Eiland. Auf einer Felſen⸗ inſel im Meere liegt, mit Kaſernen verſehen, das Schloß, zu dem man aus der Stadt auf einer Pfahlbruͤcke gelangt. Nach einem langen, dhoͤchſt unangenehmen Aufenthalt in der Stadt Corfu, und nach einer gluͤcklichen Fahrt auf einer Trabascala unter paͤbſtlicher Flagge, langte ich endlich am 18. Auguſt in Fiume au. -—(14)— XXIII. Kurze Beſchreibung von Schwediſch⸗ Finnland. Nach Malte⸗ Brun Annales des Voyages, vergli⸗ chen mit andern geographiſchen Werken uͤber dieſes Land. 3 Erſtes Hauptſtück. Lage.— Gränzen.— Groͤſſe.— Eintheilung.— Volkszahl. Das Großfürſtenthum Finnland, ſo benannt von ſeinen Einwohnern, den Finnen(die aber ſich ſelbſt Suani und das Land Suanenmaa nennen), macht denjenigen Theil des ſchwediſchen Reiches aus, der auf der Oſtſeite des bothniſchen Meerbuſens, nordwaͤrts von dem finniſchen Buſen liegt, und gegen Oſten an Rußland, gegen Norden * (105)— aber an Lappland graͤnzt. Es iſt uͤber 100 geogr. Meilen lang, und 3o bis 65 Meilen breit, die Ober⸗ flaͤche desſelben betraͤgt nach der Angabe Wetter⸗ ſtädts, Vorſtehers des geodetiſchen Bureaus in Stock⸗ holm, 2640 ſchwediſche Quadratmeilen. Dieſes Land beſteht aus ſieben Landſchaften, naͤhmlich: Finnland im engern Verſtande, den Alands⸗ Inſeln, Nyland, Tawaſtland, Sawolax, Karelen, und Oeſterbotta, welche zuſammen in ſechs Statthalterſchaften oder Lan abgetheilt ſind. In kirchlicher Hinſicht theilt 4 Finnlandi in zwey Stifter oder biſchoͤfliche Spren⸗ : Ab o und Vorgo. Die Leichtigkeit der Anfiedlungen in einem weiten, unbebauten Lande, die groſſe Wohlfeilheit der Lebensmittel, das uͤberall ſehr geſunde Klima, die Wohlthaten der Inoculation und Vaccine, alles dieſes hat dazu beygetragen, die Bevoͤlkerung des Landes ſeit einem Jahrhunderte unglaublich zu ver⸗ mehren. Nach der Verheerung dieſer Provinz durch die Ruſſen im Jahre 1741 zaͤhlte man in derſelben nur 200,000 Einwehner; im ⸗Jahre 1808 war dieſe Zahl ſchon bis auf 960,000 geſtiegen. Finnland kann zwey Millionen Einwohner ernaͤhren, ohne daß dieſelben wegen ihrer Subſt ſtenz je in Verleganr heit kommen duͤrften. — ——— G ——————— —(106)— 3 w eytes Hauptſtück. Ueberſicht des Bodens, Klimg's und der Produkte. Fianland nimmt beynabe die ganze Breite des Iſthmus ein, welcher den ſkandinaviſchen Norden mit Nußland vereinigt; aber ſeine phyſiſche Be⸗ ſchaffenheit iſt von jener der ſo eben genannten bey⸗ den Laͤnder weſentlich verſchieden. Die ſkandinavi⸗ ſchen Bergketten hoͤren im Norden von⸗ Finnland auf, und dieſes bildet eine 400 bis 1000 Fuß uber das Meer erhobene Fläche. Zwar iſt beynahe ganz Finnland mit Klippen überſaͤet, aber dieſe machen nirgends eine zuſammen haͤngende Kette aus, auſſer den nicht bekraͤchtlichen Manſelkabergen. Dieſe Klippen beſtehen aus einem rothen Granit, der mit erſtaunlicher Geſchwindigkeit verwittert. In einigen dieſer Felſen bemerkt man zirkel⸗ oder vielmehr trichterfoͤrmige Aushoͤlungen, welche man im Lande Jettegrytor oder Rieſenkoͤpfe nennt. Einige Naturkuͤndige haben dieſe Hoͤlungen fuͤr Wirkungen des Meeres gehalten; allein man trifft ſie nicht nur am Geſtade, ſondern auch tief im Innern des Landes an.— Finnland iſt ganz entbloͤſt von Metallen, bis auf einige unbedeutende, durch das Waſſer ange⸗ ſchwemmte Spuren von Sumpfeiſen, Bley und Arſenik, auch findet man hin und wieder Schwefel, und —(10 1— Salpeter wird in groſſer Menge erzeugt. Eine Menge von Seen bedecken das Land, aus denen viele Flüſſe entſpringen, die aber ſaͤmmtlich nach einem kurzen Laufe der See zueilen. Die Seen von Parjana und Saima ſind unter dieſen die be⸗ traͤchtlichſten. Die Manſelkaberge theilen Finnland in zwey ruͤckſichtlich des Klima's ganz verſchiedene Theile. Die Abwechslungen der Temperatur ſind aber noch nicht hinreichend beobachtet, um hieruͤber genaue Reſultate liefern zu koͤnnen; indeſſen iſt die Kaͤlte hier ſehr ſtreng, das Fahrenheitiſche Thermometer faͤllt im Winter oͤfters auf 3o bis 32 Grad unter o. Oſterbotten hat gleiches Klima mit Lappland; in dem ſandigten Boden bey Uleaborg, ſaͤet und erndtet man das Getreide oft in einem Zeitraum von ſechs Wochen, ſo ſchnell bringen es die ſchoͤnen Näͤchte und die beſtaͤndige Gegenwart der Sonne zur Reife. In dieſer Provinz dauern die Froͤſte fieben Monathe, ſte beginnen im Oktober und ſchlieſſen mit dem En⸗ de des Aprils; es giebt, ſo zu ſagen, dort kei⸗ nen Fruͤhling; der Sommer dauert drey Monathe; den Reſt des Jahres nimmt der Herbſt ein; die groͤßte Kaͤlte iſt im Jaͤnner, die groͤßte Hitze im July. Die häufigen Regen im September, und das Aufthauen des Bodens im May und Juny machen in dieſen Mona⸗ then das Reiſen dort zu Lande beynahe unmoͤglich. Der reichlich mit fruchtbarer Dammerde bedeckte Boden Finnlands hat weit mehr fruchtbare Gegen⸗ den, als das ſteinigte Schweden. Der Rocken aus —(108)— der Gegend von Waſa unter dem 63. Breitengrade, iſt von vorzuͤglicher Guͤte. In Tawaſt und Sawo⸗ lax gedeiht der Buchweitzen vortrefflich; Gerſte und Haber wird durchgehends angebaut. Bey guten Erndten giebt der Rocken das achte, die Gerſte das ſiebente Korn. Im Jahr 1795 fuͤhrte Finuland 100000 Tonnen Brodfrüchte aus, in gewoͤhnlichen Jahren kann man die Ausfuhr auf 435,060 Tonnen rechnen. Das Hornvieh iſt klein, und ſchlechter als in Schweden, auch herrſchen öͤfters Viehſeuchen; aber die Pferde, beſonders jene in Karelen, verdienen vor den ſchwediſchen den Vorzug. Die unermeßlichen Waͤlder haben eine ſehr er⸗ giebige Jagd, beſonders an Federwildpret; es giebt aber in denſelben auch häuftge Naubthiere, beſonders Baͤren und Woͤlfe. Die Fluͤſſe fuͤhren vorzuͤgliche Fiſche, beſonders Lachſe. Auf den Seen im Innern des Landes, in dem Labyrinthe von kleinen Inſeln und Klippen, welche gleich naturlichen Palliſaden die finniſchen Kuͤſten umgeben, faͤngt man haͤufig See⸗ hunde und kleine Haͤringe. Opbſchon die Waͤlder ſtark verwuͤſtet ſind, ſo liefern ſie doch im Ueberfluſſe Theer, Pech, Potta⸗ ſche, Bau⸗ und Brennholz: an letzterem bezieht Stock⸗ holm allein jaͤhrlich 100,000 Fuhren aus dieſer Pro⸗ vinz. Die finniſchen Bauern verfertigen eine unge⸗ heure Menge von Holzwaaren, die im ganzen Nor⸗ den verhandelt werden; jedes Dorf betreibt die Fadrikatur einer eigenen Waarengattung. —(109)— Das Klima Finnlands iſt ſelbſt der Obſtbaum⸗ zucht nicht ganz zuwider. Kirſchen und Aepfel rei⸗ fen zu Waſa und Jakobſtadt in Oſterbotten. Die wilden Aepfelbaͤume wachſen ſogar noch auf den Bergen, welche Tawaſtland von Oſterbotten ſchei⸗ den. Der finniſche Flachs iſt weder ſehr lang, noch rein, aber eben ſo ſtark als der ruſſiſche. Die Bie⸗ nenzucht war in dieſer Provinz vormahls ausgebrei⸗ teter als jetzt. Drittes Hauprſtück. Landwirthſchaft.— Hinderniſſe der Kultur. Daets Land, deſſen Fruchtbarkeit weit groͤſſer iſt, als man nach ſeiner geographiſchen Lage vermuthen ſollte, kann einſt zwey Millionen Menſchen leicht er⸗ naͤhren; aber ehe dieß geſchieht, muͤſſen noch man⸗ che Hinderniſſe aus dem Wege geraͤumt werden. Die Natur des Bodens und des Klima's hat vorzuͤglich zwey dem Feldbau beſonders nachtheilige Wirkungen, die nie ganz vermieden werden koͤnnen. Die ſchnellen Froͤſte zerſtoͤren oft die aufkeimenden Saaten, und eine gewiſſe Wurmgattung, von den Landeseinwohnern Turila genannt, verzehrt die Erndten oft in dem Augenblicke, wo der Ackersniann die Belohnung ſeiner aufgewendeten Muhe hofft. 4 = 110)— Iu den alten finniſchen Litaneyen findel man ein ei⸗ genes Gebeth gegen dieſe verderblichen Wuͤrmer. Die groſſe Feuchtigkeit der Luft maacht es noth⸗ wendig, das Getreide in eigenen Backoͤfen zu trock⸗ nen, welche denen aͤhnlich ſind, die man zu die em Behufe in Nußland anwendet. Durch dieſe Opera⸗ tion macht man in Finnland das Getreide bis ins fünfzehnte, ja bis ins achtzehnte Jahr haltbar. Die Feuchtigkeit des Bodens macht die Metho⸗ de, welche die Finnen anwenden, um den Boden urbar zu machen, entſchuldigungswerth und viel⸗ leicht ſogar nothwendig, obſchon ſie den Waͤldern aͤuſſerſt ſchaͤdlich iſt. Seit undenklichen Zeiten ſind ſie naͤhmlich gewohnt, die Waͤlder niederzubrennen, und in die Aſche derſelben zu ſaͤen. Es giebt drey Gattungen des auf dieſe Art urbar gemachten Lan⸗ des; die erſte heißt Houkta oder Halme, wenn groſſe Waͤlder umgehauen werden, die man erſt zwey Jahre nach ihrer Fällung verbrennt, und dann Korn auf den Platz ſaͤet; mird junges Holz gefaͤllt, das ſchon nach einem Jahre verbrennt werden kann, ſo heißt ein ſolcher Platz Kaska, der gewoͤhnlich zuerſt auf Rüben und Buchweitzen benuͤtzt wird; Plaͤtze, auf denen das Geſtraͤuche ſogleich niederge⸗ brannt wird, heiſſen Kieskamaa, und werden mit Korn und Buchweitzen, auch wohl mit Flachs beſaͤet. Noch am naͤhmlichen Abend, an welchem das Feuer verliſcht, beſaͤet man dieſe Plaͤtze. Der auf dieſe Art bearbeitete Boden lohnt die Muͤhe des Anbaues ſehr reichlich. Der Ertrag iſt gewoͤhnlich —(11)— dreyßig bis vierzigfaͤltig, ja man hat Beyſpiele, daß er bis aufs hundertfache geſtiegen iſt. Die Finnen haben noch eine Art, den moraſti⸗ gen Boden urbar zu machen, welche ſie Kytaͤland nennen. Sie fangen damit an, einen Theil der Gegend in Brand zu ſtecken, und unterſuchen dann die Aſche; finden ſie dieſe roth, ſo halten ſie dieß fuͤr ein Zeichen, daß das Terraͤn lange mit groſſem Vortheile benuͤtzt werden kann; iſt ſie aber weiß, ſo wird der Boden fuͤr unbrauchbar gehalten, dann leitet man das Waſſer ab, man haut die Baͤume um, graͤbt die Wurzeln aus, zieht Abzugsgraͤben, arbeitet den Boden mehrmahlen um, laͤßt die Erde austrocknen, verbrennt den vorgefundenen Torf, und benuͤtzt dann den auf dieſe Art urbar gemach⸗ ten Boden, wie jedes andere Feld. Die Fluͤſſe Finnlands haben haͤnfige Waſſer⸗ fäͤlle und Untiefen, ſie biethen daher fuͤr die Schiff⸗ fahrt nur wenig Nutzen dar, dagegen treten ſie haͤufig aus, und verurſachen groſſen Schaden. Der jetzige Koͤnig hat, um den Lauf der Fluͤſſe zu regu⸗ liren, eine eigene Kommiſſion niedergeſetzt, und die noͤthigen Arbeiter und Geldſummen angewieſen. Der Mangel an Kommunikation und Aus⸗ fuhrswegen hemmt die Fortſchritte der Kultur in allen innern Gegenden Finnlands. Die Bauern haben zwar das Vorrecht, die Erzeugniſſe ihres Bodens ſelbſt auszufuͤhren, und ſie beſitzen eine groſſe Menge Transportsfahrzeuge. Aber auſſer den Schwierigkeiten, welche die Natur der Fluͤſſe —(*)— der Schifffahrt im Innern des Landes entgegen ſetzt, verurſachen auch noch die kurze Dauer des Som⸗ mers, die Maſſe und das Gewicht der Ausfuhrs⸗ artikel und die weite Entfernung der Ackersleute im Innern des Landes von den Handelsplaͤtzen an den Kuͤſten, daß dieſes Vorrecht bey weitem nicht ſo groſſe Vortheile bringt, als man vermuthen ſollte.. Diieſe Lokalumſtaͤnde noͤthigen den finniſchen Bauer, ſich ſelbſt ſein Geraͤthe, ſeine Meublen, und zum Theile auch die Stoffe, die er zur Kleidung noͤthig hat, zu verfertigen. Die Bewohner mehre⸗ rer Kantons kommen blos in die Stadt, um ſich Salz oder klingende Muͤnze einzutauſchen. Seit 1797 beſtrebt ſich eine in Abo geſtiftete zkonomiſche Geſellſchaft, die trefflichen Grundſaͤtze des Feldbaues, welche in Schweden befolgt werden, auch in Finnland auszubreiten, und allgemein zu machen. Der Koͤnig hat ſich zu ihrem Protektor er⸗ klaͤrt, und ſie erhaͤlt betraͤchtliche Summen zu ihrer Diſpoſition, unter andern jaͤhrlich 1000 Thaler zur Befoͤrderung des Kartoffelbaues, welcher dem Bo⸗ den und dem Klima ſo ſehr angemeſſen iſt. Die Haͤuſer ſind in Finnland, ſo wie in Schwe⸗ den, faſt durchgehends aus Holz erbaut, und da⸗ her haͤufigen Verheerungen durch das Feuer aus⸗ geſetzt · Er. Vier⸗ —(u3)— Viertes Hauptſtück. Landesverwaltung.— Oeffentlicher Unterricht.— Na⸗ tionalarmee.— Staatseinkuͤnfte. D. Staatsverfaſſung Finnlands iſt im Ganzen eine und dieſelbe mit jener des ſchwediſchen Reiches, von dem es bis zu der neueſten Eroberung durch die Ruſſen einen Theil ausmachte. — Es giebt zwey Oberappellationsgerichte; das eine zu Waſa fuͤr Oſterbotten„Karelien und Sa⸗ volax, das andere zu Abo für Tawaſtland, Nyland und das eigentliche Finnland. Die untern Gerichts⸗ hoͤfe haben eine zu groſſe Ausdehnung, und die Verſchiedenheit der finniſchen und ſchwediſchen Spra⸗ che macht in den gerichtlichen Verhandlungen man⸗ che Verwirrung. Ueberall, wo die Einwohner aus Finnen und Schweden gemiſcht ſind, wird der Gottesdienſt ab⸗ wechſelnd in beyden Sprachen abgehalten. Der oͤffentliche Unterricht wae bis auf die Zei⸗ ten Guſtavs III. ſehr vernachlaͤſſigt. Die in Schwe⸗ den ſo allgemein verbreitete Aufklaͤrung konnte, we⸗ gen der Verſchiedenheit der Sprachen lange nicht bis zu den Finnen durchdringen. Seit zwanzig Jah⸗ ren hat man endlich angefangen, und faͤhrt noch immer fort, finniſche Schulen zu errichten. Zu IV. Baͤndch. —(n4)— Hapaniemi in Savolax befindet ſich eine mili⸗ taͤriſche Schule fuͤr 16 finniſche Kadeten, welche von der Regierung unterhalten werden, und fuͤr 24 Koſtgaͤnger. 4 Die finniſche Nationalarmee beſteht aus den In⸗ fanterie⸗Regimentern von Oſterbotten, Savolax, Biornborg, Abo, den Dragonern von Nyland und Tawaſthus und der Eskadron von Karelien, zuſam⸗ men aus 5537 Mann. Die Reſervemiliz, welche ver⸗ haͤltnißmaͤßig ſtaͤrker, als in Schweden iſt, beſteht aus der Haͤlfte jedes Regiments, mithin aus 2768 Mann, und muß jeden Augenblick marſchfertig ſeyn. Auſſerdem liegen auch noch fremde Regimenter, Ar⸗ tillerie, u. ſ. w. im Lande, ſo daß ſich im Frieden die daſelbſt befindliche Kriegsmacht immer auf 12000 Koͤpfe belaufen haben mag. Die Staatseinkuͤnfte von Finnland dürften bey dem ſchwachen Kommerz und der noch nicht genug belebten Induſtrie ſich nicht viel uͤber 2,000,00o fl. erſtrecken; eine Summe, die für den Unterhalt der Truppen und Feſtungen nicht hinreicht.*) X⁸ N8 *) Nach den neueſten Nachrichten behaͤlt Finnland, welches der Kaiſer von Rußland bereits als eine eroberte Provinz erklaͤrt hat, in allen Stuͤcken ſeine alte, unter Schweden gehabte Verfaſſung, und wird durch einen eigenen Statthalter re⸗ giert. ——O——ę—ę—ęQꝭQͥOQQ—Oę————— — us— 4 Fünftes Hauptſtück Sitten, Gebraͤuche, Sprache der Einwohner. — Da Finnen ſind ein eigener, von den Deut⸗ ſchen und Slaven ganz verſchiedener Volksſtamm. Sie gehoͤren zu dem weit ausgebreiteten Geſchlech⸗ te, deſſen Sitze durch den europaͤiſchen und weſtaſt⸗ atiſchen Norden, von dem ſinniſchen Meerbuſen bis an den Ob und ſuͤdwaͤrts bis an die Wolga und das kaſpiſche Meer giengen. Die finniſche Sprache iſt eine der wohlklingend⸗ ſten und am meiſten zur Muſik geeigneten in der Welt; ſie hat ſehr viele Aehnlichkeit mit dem Unga⸗ riſchen. Alle Worte endigen ſich auf Selbſtlaute und ſelten findet man zwey unmittelbar auf einan⸗ der folgende Konſonanten; dieſe Sprache kennt das b df und g nicht, doch gebrauchen die Finnen ei⸗ nige fremde Worte, in welchen die letzterwaͤhnten drey Konſonanten vorkommen. Dieſe Sprache hat drey Dialekte, den von Savolax, den von Oſter⸗ botten, und den vom eigentlichen Finnland. Die Eſthen und Finnen verſtehen ſich wechſelsweiſe. Die heutigen Finnen zeichnen ſich durch ver⸗ ſchiedene vortheilhafte und nachtheilige Eigenſchaften aus. Sie ſind ernſthaft, unverzagt, unermuͤdet, ſie ertragen gleichguͤltig alle Beraubungen, alle Qua⸗ 5 3 — 16)— ken, ihre Sta ndhaftigkeit artet oft in wilde Hart⸗ naͤckigkeit aus. Ihrem Namen, ihrer Sprache, ihren Sitten aͤuſſerſt anhaͤnglich, wiſſen ſte die Wohl⸗ that der Civiliſation, welche die Schweden unter ihnen zu verbreiten ſuchen, nicht zu ſchaͤtzen. In ihrem Privatleben zeigen ſie Gaſtfreund⸗ ſchaft⸗ Menſchenliebe, Freymuͤthigkeit und Bonhom⸗ mie; doch wirft man aber den Bewohnern der Weſt⸗ kuͤſte Treuloſigkeit und Egoismus vor; man tadelt an den Finnen uͤberhaupt, daß ſie die Rache zu ſehr lieben, und Beleidigungen nie vergeben. Dieſen Tadel bekraͤftigt leider! die Menge von Mordthaten, welche beſtaͤndig in Finnland veruͤbt werden. Die angebohrne Neigung der Finnen fuͤr Poeſie und Muſik iſt merkwuͤrdig. In den elendeſten Doͤr⸗ fern des innern Finnlands findet man oft einen Volksſaͤnger, über deſſen Witz und Laune man er⸗ ſtaunt. Dieſe Saͤnger begleiten ihren Geſang auf einer Art von Harfe, welche ſie Kambla nennen. Die Hauptregel der Verſiſikation bey den Finnen iſt, den naͤhmlichen Buchſtaben im Anfange eines jeden Verſes zu wiederholen, zuweilen geſchieht dieſes auch mit dem letzten Buchſtad, der bey aͤcht finniſchen Worten jederzeit ein Vokal iſt. Ihre alten Volks⸗ geſaͤnge ſind ganz verloren gegangen, und ſelbſt in der Tradition nicht uͤbrig geblieben. Die finniſchen Bauern bewohnen Kabanen, welche ſie Paͤrti nennen, deren Inneres aus ei⸗ ner einzigen Kammer beſteht. Eine große, in der Wand befeſtigte Pfanne dient dazu, dieſen elenden ———— —(u17)— Wohnplatz zu erwaͤrmen. Zuweilen iſt fuͤr den Rauch eine eigene Oeffnung im Dache angebracht, meiſtens muß er ſich aber durch die Thuͤre, oder die Fenſter verziehen. Im Winter erleuchtet man die Kabane durch angezuͤndete lange Spaͤne von Tannenholz. Man erſtaunt, in dieſen ſchwarzen, raͤucherigen, unreinlichen Huͤtten oft Kleider und Leinenzeug von großer Schoͤnheit zu finden. 1 Die Dampfbaͤder ſind eine der groͤßten Ver⸗ gnüͤgungen der Landeseinwohner. Die Badſtuben ſind nicht ſehr geraͤumig, in demſelben erheben ſich mehrere Reihen von Baͤnken ſtufenartig. Man er⸗ hitzt dieſe Stuben bis zu 56 und 64 Grade(Reau⸗ mur), ſodann gießt man ununterbrochen Waſſer auf gluͤhende Steine. In kurzer Zeit iſt die Stube mit Daͤmpfen erfuͤllt und der Badende, der immer tie⸗ fer von Bank zu Bank hinabſteigt, mit Schweiß ganz uͤbergoſſen. Dann wird der ganze Koͤrper mit lauem Waſſer ab ewaſchen, und mit Birkenreiſern, an denen man die Blaͤtter laͤßt, gelinde gerieben und geſchlagen. Die Weiber muͤſſen ohne Unter⸗ ſchied dieſe Dienſte bey beyden Geſchlechtern ver⸗ richten. Ehe ſich ſodann der Finne wieder anklei⸗ det, waͤlzt er ſich zur Winterszeit im Schnee, im Sommer aber auf dem Raſen. Sie glauben ſich durch dieſe Baͤder wunderſam geſtaͤrkt, aber es iſt entſchieden, daß der zu haͤufige Gebrauch derſelben den Koͤrper ungemein ſchwaͤcht und ſelbſt das Lebens⸗ ende beſchleunigt. —(118)— Sechstes Hauptſtück. Kurze Topographie des Landes. ———— De Eintheilung des Landes iſt bereits oben an⸗ gefuͤhrt worden. Das eigentliche Finnland macht den ſüdweſtlichen Theil des Landes aus, und enthaͤlt auf einem Flaͤchenraum von 230 Quadrat Meilen 220,000 Einwohner. 4 bo die Hauptſtadt der gan⸗ zen Provinz, iſt es auch von dieſem Theile: ſie liegt am Eintritte des kleinen Kuͤſtenfluſſes Kura in eine kleine Bucht, am ſudöͤſtlichen Eingange des bothni⸗ ſchen Meerbuſens, 50 Meilen von Stockholm. Sie iſt eine ziemliche See ⸗ und Stapelſtadt, der Sitz eines Biſchofs, des Statthalters und eines Hofge⸗ richts. Hier iſt auch eine Univerſitaͤt mit 13 or⸗ dentlichen Profeſſoren und mehreren Adjunkten, an der ungefaͤhr 300 Juͤnglinge ſtudreren. Es giebt hier mehrere Fabriken, und die Einwohner, deren Anzahl ſich auf ungefaͤhr 12,000 Seelen belaͤuft, treiben betraͤchtlichen Handel und haben 20 eigene Schiffe und zwey Schiffswerfte. Der Hafen bey der Stadt ſelbſt iſt nicht vorzuͤglich, beſſer iſt der eine Viertelſtunde von derſelben bey dem Schloſſe Abohus gelegene. Auſſerdem ſind in dieſer Land⸗ . — 9) ſchaft noch die Staͤdtchen Nadecidal; Ny⸗ ſtad, welches ziemlich betraͤchtlichen Handel treibt, deſſen 1900 Einwohner uͤber 30 eigene Fahrzeuge beſitzen, und wo im Jahre 1721 der in der nordiſchen Geſchichte beruͤhmte Frieden zwiſchen Rußland und Schweden geſchloſſen wur⸗ de; Raumo, Bjoͤrneborg und Tammer⸗ fors, erſt im Jahre 1779 angelegt, wo der ſtaͤrkſte Jahrmarkt in ganz Finnland gehalten. wird. Die Landſchaft Kland(finniſch Ahwenam⸗ na a), eine Grafſchaft, beſteht aus einer ſehr zahl⸗ reichen Gruppe von Inſeln, Inſelchen und Klip⸗ pen, von welchen mehr als achtzig bewohnt ſind; ſie liegen im Eingange des bothniſchen Meerbu⸗ ſens, zwiſchen Finnland und Upland, und dehnen ſich von dem Buſen von Abo bis auf die Entfer⸗ nung von ſechs Meilen von der uplaͤndiſchen Kuͤſte aus, wo ein Theil des Meeres zwiſchen ihnen und dem feſten Lande den Nahmen Alandshaf er⸗ haͤlt. Dieſe Inſeln erſtrecken ſich von Oſten gegen Weſten auf 25, von Suͤden gegen Norden auf 15 Meilen weit. Ihren geſammten Flaͤcheninnhalt berechnet man auf 13 geographiſche Quadratmeilen, die Zahl der Einwohner auf 12,000 Seelen. Die Inſeln ſind zwar bergig, aber keineswegs unfrucht⸗ bar; ſie haben kleine Seen, aber keine Fluͤſſe, und nur einen einzigen Bach. Der Ackerdau und die Viehzucht ſind nicht undedeutend, auch fehlt es nicht an Waldungen. Die Jagd der Waſſervogel iſt er⸗ —(120)— giebig, auch werden zuweilen Seehunde gefangen. Die Fiſcherey macht aber den Haupterwerbszweig der Einwohner aus, neben der ſie ſich auch noch auf die Schifffahrt verlegen. Die Inſeln machen zu⸗ ſammen einen Gerichtsbezirk und acht Kirchſpiele aus, und die vorzüglichſten unter denſelben ſind: Aland, 5 Meilen lang, und 2 ⅜ Meile breit, Eckeroͤ, Lemland, Lumparland, Kum⸗ dinge, Waͤrdo, Brand u. ſ. w. Die Landſchaft Tawaſtland, welche oͤſtlich von dem eigentlichen Finnlande, zwiſchen Nyland, Sawolax, Oſterbotten und Rußland liegt, hat einen Flaͤchenraum von 280 Quadratmeilen„auf welchen aber nur 120,000 Menſchen leben. Das Land iſt theils bergig, theils eben und voller Seen. Ta⸗ waſtehus, die Hauptſtadt und der Sitz des Statthalters von Tawaſtlaͤn, iſt eine huͤbſche, re⸗ gelmaͤſſige, im Jahre 1778 neu gebaute Stadt, am Südoſtende eines groſſen Sees, mit einem fe⸗ ſten Schloſſe und etwa 1350 Einwohnern, welche Handwerke und Handel treiben. Zu Awik iſt eine ſehr groſſe Glashuͤtte. In Heinola oder Tom⸗ mola, einer ebenfalls im Jahre 1778 erdauten Stadt, deren Bevoͤlkerung ſtark im Wachſen iſt, reſidirt der Statthalter von Kymmenegaͤrd oder Heinola⸗Laͤn. Nyland liegt am finniſchen Meerbuſen, zwi⸗ ſchen dem eigentlichen Finnland, Tawaſtland und dem ruſſiſchen Finnland, wo der Kymmenefluß die 1r——ÿjyÿÿpqqq —(121)— Graͤnze bildet; der Flaͤchenraum betraͤgt 110 Qua⸗ dratmeilen, die Volksmenge beylaͤufig 110,000 Seelen. Das Land iſt flach, wohlbewaͤſſert, voll kleiner Seen, und ziemlich fruchtbar. Die merk⸗ wuͤrdigſten Orte ſind: Helſinafors, eine See⸗ und Stapelſtadt auf einer ſchoͤnen Halbinſel am fin⸗ niſchen Meerbuſen, mit einem ſehr geraͤumigen und guten Hafen, einigen geringen Fabriken, und uͤber 3000 Einwohnern, welche ziemlich betraͤchtlichen Handel treiben; Sweaborg, eine vor dem Ha⸗ fen der erſtgenannten Stadt im Jahre 1749 auf ſieben Inſeln erbaute Feſtung, welche den Waffen⸗ platz von Finnland bildet, und zugleich ein wichti⸗ ger Kriegshafen mit allen dazu gehoͤrigen Einrich⸗ tungen iſt; ſie zaͤhlt Z40 Einwohner; Hango, ein Zollkomtoir mit einem trefflichen Hafen, von einer groſſen Anzahl Klippen oder Scheeren, und kleinen Inſeln umgeben; Orjaͤrwi, ein wichtiges Kupferbergwerk; Fagerwik, ein Dorf mit einer groſſen Eiſenfabrik; Eskenaͤs, eine kleine See⸗ und Handelsſtadt mit ungefaͤhr 1200 Einwohnern, welche Schifffahrt und Handel treiben; Borgo, eine alte See⸗ und Stapelſtadt, mit einem Gym⸗ naſtum, und gegen 2000 Einwohnern, welche ſich mit der Weberey und Schifffahrt beſchaͤftigen; Louiſa, Lowiſa,(vormahls Degerty), eine im Jahre 1746 erbaute, etwas befeſtigte Seeſtadt, mit etwas mehr als 2000 Handel treibenden Ein⸗ wohnern; vor ihrem Hafen, der einen gefaͤhrlichen —(122)— Eingang hat, liegt auf einer Inſel die kleine Fe⸗ ſtung Swartholm. 6 Die Landſchaft Sawolax niegt zwiſchen Ruß⸗ land, Tawaſtland, Karelien und Oſterbotta, hat 270 Duadratmeilen, und etwa 100,000 Einwoh⸗ ner. Das Land iſt bergig und ſehr waſſerreich, der Boden iſt waldig und groſſentheils unfruchtbar, darum ernaͤhren ſich die Einwohner mehr von der Viehzucht, als vom Ackerbau. Kucpio, die kleine Hauptſtadt und der Sitz des Statthalters von Kucpio Laͤn; Stromsdal, mit einer betraͤchtli⸗ chen Stangeneiſenfabrik, und Haapaniemi, mit der ſchon fruͤher erwaͤhnten Kadetenſchule, fud die merkwuͤrdigſten Orte. Das ſchwediſche Karelen liegt zwiſchen Rußland, Sawolax und Oſterbotta, hat einen Flaͤ⸗ cheninhalt von 250 Quadratmeilen, und eine Volks⸗ menge von 60,000 Seelen, iſt bergig, huͤgelig, voll Gewaͤſſer, Sandflaͤchen und Waͤlder und im Ganzen wenig fruchtbar, daher auch hier die Vieh⸗ zucht der betraͤchtlichſte Erwerbzweig der Einwoh⸗ ner iſt. Man findet hier auch zwey griechiſche Ge⸗ meinden von einigen tauſend Seelen. Die ganze Landſchaft enthaͤlt keine Stadt und keinen Fle⸗ cken. 9 3 Oſterborta oder Oſtbothnien liegt zwi⸗ ſchen Weſterbotta, Kemi Tappmark, Rußland, Karelen, Sawolax, Tawaſtland, und dem eigent⸗ lichen Finnland; ſein Flaͤcheninhalt betraͤgt 920 Quadratmeilen. Das Land iſt groͤßtentheils eben, — of‧ —(¹23)— nur im weſtlichen Theile etwas bergig, von vielen Flüſſen und Seen bewaͤſſert. Der Boden iſt von verſchiedener Beſchaffenheit, nicht durchaus ſehr fruchtbar, hat anſehnliche Waldungen, und guten Wieswachs, daher auch die Viehzucht betraͤchtlich iſt. An Mineralien findet man blos Kalk und Sumpf⸗ eiſenerz. Die 212,000 Einwohner ſind gutartige, biedere, arbeitſame Leute. Dieſe Provinz wird in zwey Statthalterſchaften: Uleaͤborgs⸗ Läͤn, und Waſa⸗Laͤn eingetheilt. Die merkwuͤrdigſten Orte ſind; uleaͤborg, naͤchſt Abo die betraͤcht⸗ lichſte Handelsſtadt Finnlands, mit mehreren Fabri⸗ ken, Schiffsdocken und 3800 Ackerbau und Handel treibenden Einwohnern; in der Naͤhe derſelben be⸗ findet ſich eine Mineralquelle. Waſa, ebenfalls eine huͤbſche, regelmaͤſſig gebaute Ser⸗ und Sta⸗ pelſtadt, mit niehreren Fabriken, 2400 Einwohnern, und einem neuen Hafen, auch Mineralquellen in der Naͤhe. Auſſer dieſen beyden Staͤdten befinden ſich noch in dieſer Landſchaft nebſt dem Landſtaͤdtchen Cajana oder Cajaneborg, die See⸗ und Stapelſtaͤdte Braheſtad, Alt⸗ und Reu⸗ Car⸗ leby, Lakobsſtad, Kaſko und Chriſti⸗ neſtad. 7 —(124)— 1 XXIV. Die Afghanen. Nach Langlés und Forſter. De Afghanen beſtehen aus mehreren zahlrei⸗ chen Stämmen, die unter dem allgemeinen Nah⸗ men Patanen alle Gebirgslaͤnder einnehmen, wel⸗ cche auf der Nordweſtſeite die Graͤnzen von Hindoſtan ausmachen. Sie ſind ein ſtarker, robuſter Schlag Leute, und fuͤhren groͤßtentheils ein raͤuberiſches Leben, man bemerkt daher in ihren Sitten noch viele barbariſche Inſolenz. Gegen alle Beſchaͤftigun⸗ gen des eiviliſirten Lebens hegen ſie die groͤßte Verachtung, und ſind uͤberhaupt ein rohes, unwiſ⸗ ſendes Volk. Sie haben keine beſondere S.y ift, aber eine eigenthuͤmliche Sprache, die ſie Puhktinennen. Obſchon die meiſten Schriftſteller die Afghanen zum Stamme der Tataren rechnen, ſo haben ſie doch mit dieſen an Geſtalt, Bildung und Sitten nicht die geringſte Aehnlichkeit. Von ihren tatariſchen Ueberwindern nahmen ſie die mohamedaniſche Reli⸗ gion an; ſie bekennen ſich zur Sekte der Suniten, und —-— —(1235)— ſind daher erklärte Feinde der Schuͤten, oder der An⸗ haͤnger Alis. Heut zu Tage ſieht man jedoch die Afgha⸗ nen, als die am wenigſten eifrigen Mahomedaner an. Ihre gewoͤhnliche Kleidung beſteht in einem Hemde, das üͤber den obern Theil langer, enger Bein⸗ kleider herabfaͤllt, in einem wollenen Wamms, das genau an den Leib anſchließt, und bis auf den halben Schenkel reicht, und in einer hohen Mütze von grobem Tuche oder grober Baumwolle, meiſtens von einer Farbe und einer koniſchen Form, die am obern Ende des Vordertheiles zwey kleine Einſchn itte hat. Weitzen und Gerſtenbrod, Milch, Butter und Kaͤ⸗ ſe machen die gewoͤhnliche Nahrung der Afghanen aus. Im Winter und auf Reiſen genieſſen ſie haͤufig eine Speiſe, die man Croat nennt, und die aus geronnener, im Feuer oder an der Sonne gehaͤrteter und in Kugeln zuſammengedruͤckter Miſch beſteht. Werden dieſe Ku⸗ geln in warmem Waſſer aufgeloͤſt, und mit Brod ver⸗ miſcht, ſo geben ſie eine eben ſo nah rhafte als wohl⸗ ſchmeckende Speiſe. Ihre Kaͤſe verfertigen ſie durchge⸗ hends aus Schafmilch, die ſie hiezu fuͤr angemeſſe⸗ ner, als die Kuhmilch halten. Die Sitten und Gebrauche der Afghanen ſcheinen im Ganzen mit denen anderer m ahomedaniſchen Völ⸗ ker uͤbereinzuſtimmen, nur mit den Unterſchieden, welche von dem Klima und den verſchiedenen Graden von Kultur herrühren. Ihre Weiber halten ſie verbor⸗ gen, indeſſen ſind ſie in dieſem Punkte eben nicht ſehr ſtreng, und uͤberlaſſen ſich den Vergnugungen des Ha⸗ rems nicht ſo ſehr, als die Hindus, Perſer und Tüͤrfen. — *☛ —(126)— Das Oberhaupt der Afghanen braucht viele na⸗ tuͤrliche Faͤhigkeiten und Macht, um ſie im Zaume zu halten. Sie zerſtreuen ſich gewoͤhnlich in kleine Haufen, die nach den Geſetzen einer rohen Feudalverfaſſung regiert werden. Die verſchiedenen Haͤuptlinge halten ſich in ihren befeſtigten Doͤrfern auf„wo ſie uͤber ihre Unterthanen zwar uneingeſchraͤnkt, aber mit Maͤſſi⸗ gung herrſchen. Gegen Befehle der Regierung haben die Afghanen wenig Achtung; ſelten appelliren ſie an das allgemeine Oberhaupt des Staats, ausgenommen in Faͤllen, wo das gemeine Weſen bedroht wird; dann zieht man dasſelbe zu Rathe und gehorcht ihm. Einige Staͤmme fuͤhren ein nomadiſches Leben; die Hybers gegen Suͤden in einem felſigen Gebiet, deſſen kleine Thaͤler ihre Bewohner nur ſparſam naͤhren, wohnen zum Theile in Felſenhoͤhlen und machen die Straſſen nach der Hauptſtadt Kabul unſicher. Die Staͤdte und Flecken werden hauptſaͤchlich von Hindus und Mahomedanern aus dem Pendj⸗ ab be⸗ wohnt, die ſich auf Veranlaſſung der erſten hindoſta⸗ niſchen Beherrſcher in ihren weſtlichen Provinzen nie⸗ derlieſſen, um Handel und Kultur einzufuͤhren. Auch leben mehrere urſpruͤnglich tatariſche und perſiſche Familien in verſchiedenen Theilen Afghaniſtans zer⸗ ſtreut; die letztern heiſſen Parſianu, die erſtern Mogolen. Der groͤßte Theil der Pferde und Frucht⸗ haͤndler, die alle Jahre nach Hindoſtan reiſen, ſind von dieſer Klaſſe. Die Abkoͤmmlinge beyder Nationen ha⸗ ben die perſiſche Sprache angenommen, und es iſt merkwuͤrdig, daß die tatariſchen Eroberer von Hindo⸗ — — —— —(127— ſtan, aus deren Geſchlecht der Regent abſtammt, der noch jetzt auf dem Throne von Delhi ſitzt, ſich der per⸗ ſiſchen Sprache und Schrift bey allen oͤffentlichen Verhandlungen bedienen; ein Gebrauch, der in allen mahomedaniſchen Staaten Indoſtans beybehalten worden iſt. Der jetzige Beherrſcher von Afghaniſtan heißt Zemaun⸗Schah. Er beſaß ſonſt auſſer den afghani⸗ ſchen und indiſchen Provinzen noch einen groſſen Theil von Khoraſſan, welchen aber nach neuern Nachrichten, der Schah von Perſien, Fetah⸗Ali⸗Schah wieder erobert hat. Die Hauptſtaͤrke der Afghanen beſteht in der Reiterey, die ſich ſowohl im Lande ſelbſt⸗ als aus der benachbarten Bucharey und aus Perſien gute Pferde um billige Preiſe verſchafft. Auch findet man in der afghaniſchen Armee ein Korps Infanterie, das mit Musketen bewaffnet iſt, dieſes wird aber, da die Reiterey aus den vornehmſten Klaſſen des Volks beſteht, und in der Armee den erſten Rang ein⸗ nimmt, wenig geſchaͤtzt, und iſt nicht viel beſſer, als die undisziplinirte Miliz in Hindoſtan. Ihre Artillerie taugt eben ſo wenig, als ihre Infanterie⸗ Die afghaniſche Regierung iſt weder ſo gran⸗ ſam noch ſo despotiſch, als in denͤbrigen Staaten Aſiens. Sie duldet jede fremde Secte. Sowohl. die einheimiſchen, als die fremden Kaufleute ge⸗ nieſſen in der Hauptſtadt Kabuſ einen ausgezeichne⸗ ken Schutz. Inhalt de s vierten Bändchens. Seite XIX. U die Aegyptiſchen Pyramiden. Von F. J. Valtiner. 3 XX. J. B. Freſſange's Nachrichten von Ma⸗ dagaskar. Geſchoͤpft in den Jahren 1802 und 180b9 33 XXI. Gemaͤlde der Fürſtenthümer Moldau und Walachey. Nach Thornton, Cam⸗ penhauſen und Andenrnr.. 58 XXII. Heinrich Stauffachers Reiſe nach Ka⸗ labrien, Sizilien und Corfu.... 35 XXIII. Kurze Beſchreibung von Schwediſch⸗ Finnland...... 104 XXIV. Die Afghanen....... 124 8 . ſnlfſſfiſſf 8 9 ſſfſf 10 1 1 ſnnſſiinfſfſſſinfſſfinſſiſi 1 12 13 14 15 1