4. von.. 3 Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Keih und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Michgahe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines Kcliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines ages iſt zu 24 Stun⸗* den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, weiche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.— 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt.. 1 für wöchentlich 2 Büher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf; Monat: 4 Wir.—Pf. 1 Mrr. 55 Pf. 2 Mr. Pf „„—„„—„„— T„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Elwas uͤber die Bevoͤlkerung Mexikos. Da Gemaͤlde von Mexiko, welches wir mit we⸗ nigen Zuͤgen aufgeſtellt haben, beweißt, daß die Natur hier, wie überall, ihre Gaben ungleich aus⸗ geſpendet habe. Die Menſchen, unbekaunt mit die⸗ ſer weiſen Vertheilung, wiſſen die ehnen dargebothe⸗ nen Schaͤtze nicht zu benützen. Auf einen kleinen Landſtrich im Mittelpunkte des Reiches auf die Berg, flaͤchen der Cordilleren zuſammengedraͤngt, ließen ſie die fruchtbarſten, dem Meere zunaͤchſt liegenden Ga⸗ 9 2 — 645- genden unbewohnt.— Die ſpaniſchen Eroberer ſind nur dem Vorgange der von ihnen uͤberwunde⸗ nen Voͤlker gefolgt. Die Azteque's, vielleicht Be⸗ wohner des Nordens von Aſien, blieben bey ihrer Wanderung nach Suͤden immer auf dem Ruͤcken der Cordilleren, und zogen die kuͤhlern Gebirgsflaͤchen den uͤbermaͤſſig heiſſen Gegenden am Ufer des Mee⸗ res vor. Das Land Anahuac, das eigentliche Reich Montezuma II. zur Zeit der Ankunft des Cortes in Mexiko, betraͤgt kaum den achten Theil des heuti⸗ gen Neuſpaniens. Die groſſen Staͤdte der Azte⸗ que's, die am beſten kultivirten Laͤndereyen, befan⸗ den ſich in der Gegend der Hauptſtadt von Mexiko, in dem ſchoͤnen Thale von Tenochtitlan. Schon die⸗ ſer Grund wuͤrde zugereicht haben, die Spanier zur Wahl dieſer Wohnplaͤtze zu beſtimmen, es ge⸗ fiel ihnen aber auch uͤberdieß, ſich auf Bergflaͤchen anzuſiedeln, deren Klima jenem ihres Vaterlands aͤhnelte, und die folglich geeignet waren, die Ge⸗ treidearten und Fruchtbaͤume Europens hervorzu⸗ bringen. Der Indigo, die Baumwolle, der Zu⸗ cker, der Kaffee, die vier groſſen Gegenſtaͤnde des 1 Handels der Antillen und der tropiſchen Gegenden, reizten die Eroberer des ſechzehnten Jahrhunderts wenig; ſie geizten nur nach edeln Metallen, und dieſe Begierde feſſelte ſie an den Rücken der Gebir⸗ ge im Mittelpunkte Neuſpaniens. Wie groß die Bevoͤlkerung Mexikos zur Zeit ſeiner Eroberung durch die Spanier geweſen ſey, ———ʒ ) laͤßt ſich auf keine Weiſe mehr mit Gewißheit be⸗ ſtimmen. Daß aber jetzt die Bevoͤlkerung Reu⸗ ſpaniens immer im Zunehmen ſey, dafuͤr ſprechen alle Beobachtungen. Bey der Zaͤhlung, welche der Vizekönig, Graf von Revillagigedo im Jahr 1793 veranſtalten ließ, fanden ſich 4,483,592 Seelen. Die Geburten verhalten ſich zu den Sterbefaͤllen im Durchſchnitte wie 170: 100. Mit Wahrſcheinlichkeit kann man annehmen, daß die Bevoͤlkerung dieſes Landes im Jahr 1308 ſchon ſiebenthalb Millionen Seelen uͤberſtieg. Fünftes Hauptſtück. Krankheiten, welche periodiſch das Fortſchreiten der Bevoͤlkerung zuruͤckhalten.— Die Blattern.— Matlazahuatl.— Hungersnoth.— Geſundheit der Bergleute. —yn— Da in der Aufſchrift dieſes Kapitels angegebenen phyſiſchen Umſtaͤnde ſi nd es vorzuüglich, welche in Neuſpanien beynahe periodiſch das Fortſchreiten der Bevoͤlkerung hindern. Die Blattern, den Bewohnern der neuen Welt fuͤrchterlicher und verderblicher, als die Peſt jenen der alten, haben auch in dieſem Lande ſeit dem — 665— Jahr 1320, wo ſie zum erſtenmale erſchienen, fuͤrch⸗ terlich gewuͤthet. Die Verheerungen dieſer Krauk⸗ heit erfolgten beynahe periodiſch alle ſiebenzehn oder achtzehn Jahre, am ſchrecklichſten waren ſie in den Jahren 1763 und 1779: in dem letzteren verlor die Hauptſtad allein durch dieſe Seuche beynahe neun⸗ tauſend Menſchen. Todtengraͤber durchzogen des Nachts die Straſſen, um die Leichname wegzuraͤu⸗ men, wie dieß zu Philadelphia waͤhrend des gelben Fiebers zu geſchehen pflegt. Schon im Jahre 1797 waren die Verheerun⸗ gen minder groß, die Einführung und Verbreitung der Inoculation hatte ihnen Schranken geſetzt, und ſeit dem Jaͤnner 1804, als die Vaccine auch in Neuſpanien bekannt, und mit ſehr geringen Schwie⸗ rigkeiten allgemein verbreitet wurde, laͤßt ſich mit Grund hoffen, eine Seuche, die beſonders fuͤr den, Hautkrankheiten ſo ſchwer uͤberſtehenden Indianer verderblich iſt, bald ganz unterdruͤckt zu ſehen. Eigene koͤnigliche Schiffe unter der Oberauf⸗ ſicht des verdienſtvollen Arztes D. Antonio Val⸗ mis wurden abgeſendet, um die weſtindiſchen Ko⸗ lonien Spaniens mit Jenner's wohlthaͤtiger Erfin⸗ dung bekannt zu machen, und die Indianer ſahen zum erſtenmale jene Fahrzeuge, welche ihnen ſonſt gewoͤhnlich nichts als Tod und Verderben brach⸗ ten, der leidenden Menſchheit Troſt und Hilfe darbieten. 8. Ungemein groß war aller Orten die Freude uͤber dieſe wohlthaͤtige Sendung. Die Biſchoͤfe die Mi⸗ —; — — —(7)— litaͤr⸗Gouverneurs, alle jene, die ſich durch Rang und Anſehen vor ihren Mitbuͤrgern auszeichneten, begaben ſich an das Geſtade; in ihren Armen tru⸗ gen ſie die Kinder, welche die ſchuͤtzende Vac⸗ eine unter den Eingebornen Amerikas und den Ma⸗ layen verbreiten ſollten, ſie ſtellten dieſe Bewahrer des koſtbaren Heilmittels vor die Altaͤre, und brach⸗ ten dem hoͤchſten Weſen ihren Dank dafuͤr, daß es ſie eine ſo gluͤckliche Epoche erleben ließ.— In⸗ deſſen war doch auch früher dieſes Praäͤſervativ ſchon in einigen Gegenden des ſpaniſchen Weſtindiens be⸗ kannt und einheimiſch: den Bewohnern der Ebenen an den peruvianiſchen Andes war die ſchuͤtzende Wir⸗ kung der Vaccine nicht neu. Das Matlazahuatl iſt eine dem Stamme der Indianer eigene verheerende Seuche, die ſich kaum alle Jahrhunderte einmal zeigt; zum letzten⸗ male wuthete ſie im Jahr 1736; die ſpaniſchen Schriftſteller belegten ſie mit dem Nahmen der Peſt. In der Hauptſtadt ſelbſt lag damals die Arzneykun⸗ de noch zu ſehr in ihrer Kindheit, als daß man im Stande geweſen waͤre, beſtimmte Nachrichten uͤber die Natur dieſer Krankheit zu erhalten. Sie ſcheint Aehnlichkeit mit dem gelben Fieber zu haben, greift aber die Weiſſen, ſie moͤgen Gurpäer. oder Ein⸗ geborne ſeyn, nicht an. Das dritte Hinderniß, welches ſich der Zunah⸗ me der Bevoͤlkerung in Neuſpanien entgegen ſtemmt, und vielleicht das wirkſamſte unter allen, iſt der Hunger. Dire indianiſchen Bewohner Amerika's —(85— ſind, ſo wie die Eingebohrnen Indoſtans, gewohnt, ſich mit einer ſehr geringen Quantitaͤt von Lebens⸗ mitteln zu behelfen, ihre Zahl vermehrt ſich, ohne daß die Erzeugung der Nahrungsbeduͤrfniſſe mit die⸗ ſer Vermehrung gleichen Schritt haͤlt. Traͤg durch ihren natürlichen Charakter, und durch ihre Lage unter einem herrlichen Klima, in einem ungemein fruchtharen Lande, bauen die Eingebornen an Mais, Kartoffeln und Getreide ſelten mehr an, als das Jahr hindurch für ſie ſelbſt, und hoͤchſtens für die Konſumtion der benachbarten Staͤdte und Berg⸗ werke nothwendig wird. Schlaͤgt nun die Aerndte fehl, ſo tritt nothwendig die Hungersnoth mit ih⸗ rem ſchrecklichen Gefolge von Seuchen ein. So toͤdtete die mißrathene Aerndte des Jahres 1784 üͤber 300000 Menſchen. Lange Zeit hat man die Arbeiten in den Bergwerken als eine von den Haupturſachen der Entvoͤlkerung Amerika's angegeben. Sicher iſt es, daß dieſes in fruͤhern Zeiten allgemein der Fall war, und auch jetzt noch in jenen Laͤndern iſt, wo das harbariſche Geſetz der Mita den Indianer zwingt, ſeinen vaͤterlichen Heerd zu verlaſſen, und in ent⸗ fernte Provinzen zu wandern, wo Mangel an Berg⸗ leuten iſt. Aber nicht die Arbeit, die Verwechs⸗ lung des Klima's iſt es hauptſaͤchlich, welche das Geſetz der Mita ſo verderblich für den Indianer macht, deſſen Organiſation bey weitem nicht ſo hiegſam iſt, wie jene des Europaͤers. In Mexiko iſt dieß der Fall nicht; der indianiſche Bergmann —.— (952— iſt in dieſem Lande frey, er wird zu keiner Gattung der Arbeit gezwungen, und kann ſich den Herrn wählen, der ihm gefaͤllt. Darum iſt auch die Sterblichkeit unter den Bergleuten Neuſpaniens ver⸗ haͤltnißmaͤſſig nur unbedeutend groͤſſer, als unter den uͤbrigen Bewohnern des Landes. Selbſt der anderwaͤrts der Geſundheit ſo nachtheilige Amalga⸗ mationsprozeß aͤuffert auf ſie ſelsen eine vachthein⸗ ge Einwirkung. Sechstes Hauptſtück 3 Verſchiedenheit der Bewohner.— Indianer oder Ein⸗ gebohrne Amerikas.— Ihre Zahl.— Ihre Wan⸗ derungen.— Verſchiedenheit der Syrachen.— Kulturszuſtand derſelben. Eben jene Menſchengattungen, die man in den übrigen Kolonien Spaniens antrifft, findet man auch in Mexiko. Man unterſcheidet ſieben verſchie⸗ dene Racen: 1) Gebohrne Europaͤer, die man hier gewoͤhnlich Gachupines nennt. 2) Spani⸗ ſche Kreolen, oder in Amerika gebohrne Weiſſe von europaͤiſcher Abkunft. 3) Meſtizen; Ab⸗ ſtämmlinge von Weiſſen und Indianern. 4) Mu⸗ latten; von Weiſſen und Regern erzeugt. 5 — 1e)— Zambos, Kinder von Negern und Indianern. 6) Indianer, oder die kupferfarbige Race der Lan⸗ des⸗Eingebohrnen. 7) Endlich, afrikaniſche Ne⸗ ger. Gewoͤhnlich aber nimmt man nur vier Ka⸗ ſten an, die Spanier, Reger, Indianer, und die gemiſchten Abkoͤmmlinge der Europaͤer, Afrikaner, Indianer und Malayen. Der haͤufige Verkehr zwi⸗ ſchen Arapulko und den Philippinen iſt Urſache, daß ſich viele Aſtaten, Chineſer und Malayen in Neu⸗ ſpanien niedergelaſſen haben. Es iſt ein allgemeines Vorurtheil in Europa, daß jetzt nur noch ein geringer Theil der urſpruͤng⸗ lichen kupferfarbigen Bewohner Mexikos vorhanden ſey, deſſen Vorfahren das Gluͤck hatten, der ver⸗ heerenden Mordbegier der erſten Eroberer zu entge⸗ hen. Die Grauſamkeit der Spanier hat die Urein⸗ wohner der Antillen vernichtet, aber auf dem Kon⸗ tinent Amerikas hatte ſie nicht dieſen ſohrecklichen Erfolg. Mexiko enthält noch jetzt uͤber drittehalb Millionen Bewohner von ungemiſchter indianiſcher Abkunft, und ihre Anzahl iſt immer noch im Zu⸗ nehmen. Sie machen beynahe zwey Fünftheile der ganzen Bevoͤlkerung des Landes aus. Die groſſe Anzahl der Ureinwohner, deren groͤßter Theil die Provinzen Guanaxuato, Valla⸗ dolid, Puebla und Oaxaka bewohnt, beweißt, daß die Kultur des Landes ſehr alt ſeyn müſſe. Nahe bey Haxaka findet man Denkmaͤler mexikaniſcher Baukunſt, die eine weit tootzeſchnittent Civiliſation darthun, —()— Im Norden Neuſpaniens, uͤber dem zoſten Breitengrad, findet man nur ſehr wenige Indianer. Als die Spanier das Land eroberten, waren dieſe Provinzen der Aufenthaltsort der Chichimequen und Otomiten, zweyer nomadiſchen Voͤlker, deren nicht ſehr zahlreiche Horden ungeheure Laͤnder durchſtreif⸗ ten. Der Ackerbau und die Civiliſation ſcheinen ſich in dieſem Lande nur auf den Bergflaͤchen der ſudin chen Gegenden verbreitet zu haben. Vom ſiebenten bis zum dreyzehnten Jahrhun⸗ dert ſcheinen fortwaͤhrend groſſe Voͤlkermaſſen ſich vom Norden gegen den Suͤden bewegt zu haben. Die kriegeriſchen Voͤlkerſchaften, welche, eine nach der andern, das Land Anahuac uͤberſchwemmten, kamen alle aus den Gegenden im Norden des Rio Gila. Die hieroglyphiſchen Tafeln der Azteque's haben uns das Andenken der vorzuͤglichſten Epochen aufbehalten, welche in den Wanderungen der ame⸗ rikaniſchen Nationen bemerkenswerth ſind; ſie hat⸗ ten Aehnlichkeit mit der groſſen Voͤlkerwanderung⸗ welche Europa im fuͤnften Jahrhunderte wieder in die Nacht der Barbarey zuruͤckſtuͤrzte, nur daß die Folge fuͤr Amerika gerade die umgekehrte war, in⸗ dem die wandernden Voͤlker Kultur und Civiliſation in Mexiko verbreiteten. Die Toultequer, Chichi⸗ mequer, Nahualtequer und Acolhuer oder Azteque's durchzogen nach einander in einem Zeitraume von ſechs Jahrhunderten das Land und lieſſen ſich in demſelben nieder. Die Toultequer führten die Kul⸗ tur des Mais und der Baumwolle ein; ſie bauten Städte, Wege und vorzüͤglich jene groſſen Pyra⸗ miden, die wir noch heute bewundern, und deren Seiten auf das genaueſte oxientirt ſind. Sie kann⸗ ten den Gebrauch hieroglyphiſcher Bilder, ſie ver⸗ ſtanden Metalle zu ſchmelzen und die haͤrteſten Stei⸗ ne zu ſchneiden, ſie hatten ein Sonnenjahr, voll⸗ kommener, als jenes der Griechen und Roͤmer. Ihre Regierungsform zeigte, daß ſie von einem Volke abſtammten, deſſen geſellſchaftlicher Zuſtand ſchon gewaltige Veraͤnderungen erlitten hatte. Aber woher entſprang dieſe Kultur? Aus welchem Lan⸗ de kamen die Toultequer und Mexikaner?— Dieß ſind Fragen, welche wir uns nicht zu beantworten wiſſen. Die Tradition, und die hiſtoriſchen Hiero⸗ glyphen nennen uns Huehuetlapallan, Tollan und Aztlan als den erſten Aufenthalt dieſer wandernden Voͤlker; aber wo dieſe Laͤnder lagen, iſt uns ganz unbekannt. Die Wanderungen der amerikaniſchen Voͤlker⸗ ſchaften von Norden gegen Suͤden, welche beynahe durch ſechs Jahrhunderte dauerten, ſind die Urſa⸗ che, daß die Urbevölkerung Mexikos aus ſo ver⸗ ſchiedenartigen Theilen zulammengeſetzt iſt. Die groſſe Verſchiedenheit der Sprachen, welche noch heut zu Tage in dieſem Reiche exiſtiren, beſtaͤtigt die groſſe Abſtammungsverſchiedenheit der Urein⸗ wohner. Die Zahl derſelben belaͤuft ſich über zwan⸗ zig, von denen vierzehn ſchon ziemlich vollſtändige Sprachlehren und Woͤrterbuͤcher haben. Es ſcheint, daß der groͤßte Theil derſelben keineswegs aus Dia⸗ lekten einer und derſelben Grundſprache beſteht, ſondern daß ſie ſo ſehr von einander abweichen, wie z. B. das Griechiſche vom Deutſchen; dieß iſt wenigſtens der Fall bey ſieben von dieſen Sprachen, von denen ich die Woͤrterbucher beſitze. Die ausgebreitetſte unter allen iſt die mexika⸗ niſche Sprache, oder jene der Azteque's, welche vom 37ſten Breitengrad bis an den See Nicara⸗ gua, auf einer Strecke von beynahe 400 Lieues ge⸗ ſprochen wird. Auch die Toultequer, Chichime⸗ quer, Acolhner und Nahuatlaquer gebrauchen die⸗ ſelbe. Sie iſt weniger wohllautend, aber beynahe eben ſo reich und ausgebreitet, wie jene der In⸗ cas.*) Nach der mexikaniſchen Sprache, welche ſchon eilf gedruckte Grammatiken zaͤhlt, iſt jene der Otomiten die ausgebreitetſte in Neuſpanien. Ddite indiauiſchen Bewohner Neuſpaniens glei⸗ chen im Ganzen ſehr den Ureinwohnern von Kana⸗ da, Florida, Peru und Braſtlien. Gleich dieſen haben ſie eine kupferfarbige Haut, glatte ſchlicht herabhängende Haare, wenig Bart, einen unter⸗ ſetzten Koͤrper, verlaͤngerte Augen, deren Winkel — **) Dieſe Sprache hat beſonders viele lange, ſehr ſchwer auszuſprechende Worte. So reden z. B. die Mexikaner ihre Pfarrgeiſtlichkeit mit folgen⸗ dem Worte an: Notlazomahuizteopixcatatzin; ehr⸗ wuͤrdiger Prieſter, den ich verehre, wie meinen Vater, ſich gegen die Schlaͤfe in die Hoͤhe ziehen, hervor⸗ ſpringende Backenknochen, breite Lippen, um den Mund einen ſanften Zug, der mit ihrem duͤſtern, melancholiſchen Blick ſehr fontraſtirt. Der Stamm der Amerikaner, iſt nach jenem der hyperboraͤiſchen Voͤlker der am mindeſten zahlreiche, aber er nimmt den groͤßten Naum auf der Erdflaͤche ein. Auf ei⸗ nem Naume von anderthalbtauſend Quadratlieues von den Inſeln des Feuerlands bis zum Laurenz⸗ fluß und der Beriugsſtraſſe erſtaunt man beym er⸗ ſten Aablicke uͤber die Aehnlichkeit in der koͤrperli⸗ chen Bildung der Landesbewohner. Man glaubt ſich überzeugt, daß ſie, ungeachtet der ſehr groſſen Verſchiedenheit ihrer Sprachen, von einem Stam⸗ me entſproſſen ſind. Bey einem laͤngern Umgange mit dieſen Nationen ſieht man aber bald ein, daß ſelbſt beruͤhmte Reiſende, welche aber nur wenige Indioiduen in den Kuͤſtenlaͤndern beobachten konn⸗ ten, dieſe Aehnlichkeit viel zu groß angeſetzt haben. Die intellektueile Kultur iſt es unſtreitig, wel⸗ che die groſſe Verſchiedenheit der Zuͤge bewirkt. Bey barbariſchen Voͤlkern trifft man vielmehr eine Phyſtognomie des Stammes der Horde, als eine Pöyſtognomie eiazelner Individuen. Der Europaͤer ſieht bey Betrachtung dieſer Voͤlker anfaͤnglich nur auf die von der unſrigen ſo ſehr verſchiedene Haut⸗ farbe, und die Gleichheit derſelben macht in ſeinen Augen den Unterſchied der individuellen Zuͤge ver⸗ ſchwinden. -5) Meiue Bevbachtungen über die angebohrne Hautfarbe der Urbewohner Amerikas ſind den Be⸗ hauptungen des Chefs der Mianis, Mich ikinakoua, ganz entgegengeſetzt, welcher Volney'n verſicherke: die Kinder der kanadiſchen Indianer wuͤrden ſo weiß gebohren, wie jene der Europaͤer, ſie wuͤrden in ſpaͤtern Jahren durch die Sonne und das Einrei⸗ ben von Fett und verſchiedenen Kraͤuterſaͤften ge⸗ braͤunt; auch waͤre bey den Weibern der bekleidete Theil des Koͤrpers vom Guͤrtel abwaͤrts ſtets weiß⸗ In Peru, Quito, an der Kuͤſte von Caraccas, an den Ufern des Oronoko und in Mexiko werden die Kinder nie weiß gebohren, und die indiſchen Kazi⸗ auen, welche in einem ſehr gemaͤchlichen Zuſtande leben, ſich faſt immer in dem Inuern ihrer Haͤuſer aufhalten und Kleider tragen, ſind an allen Thei⸗ len ihres Koͤrpers, mit Ausnahme der Ferſen und des Innern der Haͤnde, eben ſo braunroth oder ku⸗ pferfaͤrbig gefaͤrbt, wie alle übrigen ihres Volkes. Die Haut der Mexikaner iſt dunkler gefaͤrbt, als jene der meiſten Südindianer, auch haben ſie, beſonders die Staͤmme der Aztequer und Otomiten mehr Bart, als ich bey den übrigen Voͤlkern des mittaͤglichen Amerika angetroffen habe. Beynahe alle Indianer in den Gegenden um die Hauptſtadt tragen kleine Knebelbaͤrte, und dieß iſt ſogar ein Kennzeichen der tributaͤren Kaſte. Die Eingebohrnen Neuſpaniens, wenigſtens diejenigen unter ihnen, welche der europaͤiſchen Herr⸗ ſchaft unterworfen find, erreichen gewoͤhnlich ein —(16)— ziemlich hohes Alter. Als ruhige Ackersleute ſchon ſeit ſechshundert Jahren in Doͤrfer verſammelt, ſind ſte bey weitem nicht den vielen Beſchwerlichkeiten und Gefahren ausgeſetzt, welche das nomadiſche Leben der jagdliebenden und kriegeriſchen Voͤlker am Miſſiſſipi und Rio Gila mit ſich führt. Ge⸗ woͤhnt an eine einförmige, beynahe ganz aus dem Pflanzenreiche genommene Nahrung, würden die Indianer ohne Zweifel noch ein weit hoͤheres Alter erreichen, wenn nicht die Trunkenheit ihre Konſli⸗ tution ſchwaͤchte. Sie bedienen ſich des Brannt⸗ weins aus Zuckerrohr, aus Mais und der Jatro⸗ phawurzel, des einheimiſchen Weins und des Saf⸗ tes der amerikaniſchen Agave, den ſte Pulque nen⸗ nen. Das letztere Getraͤnk, mit Maaß genoſſen, iſt keineswegs ſchaͤdlich, es ſtaͤrkt den Magen und befoͤrdert die Verrichtungen des gaſtriſchen Syſtems. Indeſſen iſt das Laſter der Trunkenheit bey weitem nicht ſo allgemein unter den indianiſchen Voͤlkerſchaften, als man zu glauben pflegt. Ich habe in den Waͤldern von Guiana, an den Ufern des Oronoko, Landeseingebohrne getroffen, welche Abſcheu gegen den Branntwein bezeugten, den ich ihnen zu koſten gab; es giebt uͤberdieß mehrere ſehr nuͤchterne indianiſche Volksſtaͤmme, deren gegohrne Getraͤnke viel zu ſchwach ſind, um einen Rauſch zu verurſachen. In RNeuſpanien iſt die Trunkenheit hauptſaͤchlich unter jenen Landeseingebohrnen ge⸗ mein, welche das Thal von Mexiko, die Gegenden von Puebla, Tlascala und uͤberhaupt jene Orte be⸗ woh⸗ —) wohnen, wo die Agave haͤufig gebaut wird. In der Hauvtſtadt werden von der Polizey eigene Leu⸗ te ausgeſchickt, um die auf den Straſſen hingeſtreck⸗ ten Betrunkenen aufzuſuchen. Man bringt ſie auf die Hauptwache, legt ihnen am andern Morgen ei⸗ nen eiſeruen Ring an den Fuß, und haͤlt ſie drey Tage hinburch zur Straſſenreinigung an. Wenn man ſie am vierten Tage frey laͤßt, kann man voll⸗ kommen ſicher ſeyn, bald wieder andere an ihre Stelle zu bekommen. Neiſende, die nur nach der Phyſiognomie der Indianer urtheilen, muͤſſen nothwendig glauben, es ſey etwas ſehr ſeltenes, einen Greis unter ihnen anzutreffen. Ohne die Pfarrregiſter nachzuſchlagen, weiche noch uͤberdieß in den heiſſen Laͤndern alle 20 oder 30 Jahre von den Termiten verzehrt wer⸗ den, iſt es auch ſeyr ſchwer, das Alter der Einge⸗ bohrnen kennen zu lernen; denn ſie ſelbſt wiſſen es nicht anzugeben. Ihr Kopf wird nie grau, der Man⸗ gel an Bart giebt ihnen immer ein zugendliches An⸗ ſehen, ihre Haut runzelt ſich ſchwer. Es iſt nicht ſelten, in Mexiko Indtaner, beſonders Weiber von 100 Jahren zu finden. Dieſes Alter iſ g⸗woͤhnlich gluͤcklich, denn der Mexikaner und Peruaner behalt ſeine Muskelkraft meiſtens dis an den Tod. Waͤh⸗ rend meines Aufenthaltes in Lima ſtarb in dem 4 Lieues von Arequipa entfernten Dorfe Chiguata der Indianer Hilario Pari in einem Alter von 143 Jah⸗ ren, er war durch 90 Jahre mit der Indianerinn Andrea Alea Zar vereheligt geweſen, welche ein al⸗ V. Baͤndch. B —(180— ter von 117 Jahren erreicht hatte. Bis zu einem Alter von 130 Jahren machte er taͤglich 3Z oder 4 Lieues zu Fuß, 13 Jahre vor ſeinem Tode erblin⸗ dete er, und hinterließ von 12 Kindern nur eine Tochter von 76 Jahren am Leben. Die kupferfaͤrbigen Eingebohrnen genieſſen noch eines andern phyſiſchen Vorzuges, den ihnen wahr⸗ ſcheinlich die hoͤchſt einfache Lebensart ihrer Vorfah⸗ ren verſchafft hat; man findet faſt nie unter ihnen angebohrne koͤrperliche Gebrechen. Nie ſah ich un⸗ ter ihnen einen Bucklichen, ſelten einen Lahmen; Kroͤpfe trifft man nur bey den Meſtizen. Zum Ge⸗ ſchlechte der letzteren gehoͤrt auch der beruͤhmte me⸗ xikaniſche Rieſe, Martin Salmeron, der 6 Fuß 16 Zoll 2 ⅞ Linien Pariſermaaß hoch iſt.*) Die moraliſchen Faͤhigkeiten der Landeseinge⸗ bohrnen kann man ſchwer auf eine gerechte Weiſe wuͤrdigen, wenn man dieſes unter einer langen und harten Dienſtbarkeit ſchmachtende Volk nur in ſei⸗ nem dermahligen herabgewuͤrdigten Zuſtande be⸗ trachtet. Im Anfange der ſpaniſchen Eroberung 6 *) Ein Gegenſtuͤck zu Salmeron iſt der peruvianiſche Nieſe, Baſilio Huaylas, der ſich im Jahre 1792 öͤffentlich zu Lima zeigte. Er maß 7 kaſtilianiſche Fuß, 2 Zoll. Von den Hüften an nach oben, waren alle Theile unproportionirt groß, die Schultern hielten 56 Elle, der Kopf /G. Die Arme reichten, wenn er aufrecht ſtand, bis an die Kniee, dagegen waren die Schenkel und Füſſe klein, auch das rechte Bein etwas kuͤrzer. xr —(19)— giengen die wohlhabendſten und gebildetſten unter den Indianern groͤßtentheils zu Grunde. Der Fa⸗ natismus wuͤthete beſonders gegen die Prieſter der Azkequer, man vertilgte die Teopirqui oder Diener der Goͤtter und alle Bewohner der Teocalli, oder Tempel, welche man als die Bewahrer der hiſtori⸗ ſchen, aſtronomiſchen und mythologiſchen Kenntniſſe des Landes betrachten konnte. Man verbrannte die hieroglyphiſchen Bilder, durch welche die Kennt⸗ niſſe aller Art von Generation zu Generation fort gepflanzt werden. Aller Mittel des Unterrichts be⸗ raubt, verfiel das Volk in eine um ſo tiefere Un⸗ wiſſenheit, da die Miſſionarien, unbekannt mit den mexikaniſchen Sprachen, die alten Ideen nur durch wenige neue erſetzen konnten. Die indianiſchen Wriber, beſonders jene, welche noch einen Theil ihrer Gluͤcksgüter uͤbrig behalten hatten, verbanden ſich lieber mit Spaniern, als mit ihren Landsleu⸗ ten, und ſo blieb am Ende von den Eingebohrnen nur die duͤrftigſte Klaſſe uͤbrig. Wie will man nun von den armſeligen Ueberreſten eines einſt maͤchti⸗ gen Volkes, die Stufe der Kultur, den Grad der intellektuellen Ausbildung beurtheilen, den es vom zwoͤlften bis zum ſechzehnten Jahrhunderte erſtiegen hatte? 8 Wenn man betrachtet, was die Mexikaner vor der Eroberung des Landes durch die Spanier wa⸗ ren, daß ſie eine beynahe vollſtaͤndig genaue Kennt⸗ niß von der Groͤſſe des Jahres hatten, bey welchem ſie die Intercalationen am Ende ihres groſſen Cyc⸗ B 2 —(20)— lus von 104 Jahren mit weit mehr Genauigkeit als die Griechen, Roͤmer und Aegypter beobachteten, ſo iſt man verſucht zu glauben, dieſe Kenntniſſe ſeyen keineswegs das Produkt der eigenen Geiſtes⸗ entwicklung der Amerikaner, ſondern die Fruͤchte ih⸗ res Verkehrs mit einem der gebildeteren Voͤlker Aſtens. Die Toulteques erſchienen im 7ten, die Aztequer im 12ten Jahrhunderte in Spanien; ſo⸗ gleich entwarfen ſie eine Karte des durchzogenen Landes, erbauten Staͤdte, Straſſen, Daͤmme, Kanaͤle und ungeheure, genau orientirte Pyrami⸗ den, deren Grundflaͤchen bis 438 Metres lang ſind. Ihr Lehusſyſtem, ihre Civil⸗ und Militaͤrhierarchie war ſchon ſo verwickelt, daß man eine lange Reihe politiſcher Ereigniſſe annehmen muß, um die Ent⸗ ſtehung dieſer mannichfaltigen Verbindungen der Autoritaͤten, des Adels und der Geiſtlichkeit, um die Moͤglichkeit zu erklaͤren, daß eine ſo kleine Maſ⸗ ſe Menſchen, die ſelbſt nur Sklaven des mexikani⸗ ſchen Sultans waren, das ganze zahlreiche Volk unterjochen konnte. Das mittaͤgliche Amerika zeigt uns theokratiſche Staaten, wie jenen des Zaque von Bogota und der Yncas von Peru. In Mexiko da⸗ gegen hatten ſich kleine Voͤlkerſchaften, der Tyran⸗ ney uͤberdruͤſſig, zu Republiken gebildet. Dieß konnte nothwendig nur nach langwierigen innern Stuͤrmen geſchehen. Man kann nicht zweifeln, daß die Megifaner eine ziemlich hohe Stufe der Kultur erreicht hatten, wenn man die Sorgfalt betrachtet, 28— *. —.,— —(21)— mit der ſie ihre hieroglyphiſchen Buͤcher verfaßten*), wenn man erfährt, daß ein Bewohner von Tlas⸗ cala, mitten unter dem Getoͤſe der Waffen, durch Hilfe des roͤmiſchen Alphabets, das er erlernt hat⸗ te, fuͤnf dicke Baͤnde uͤber die Geſchichte des Lan⸗ des in ſeiner Mutterſprache niederſchrieb. So wie der Indianer jetzt iſt, findet man bey ihm nicht jene Flexibilitaͤt der Empfindungen, Be⸗ wegungen und Zuͤge, noch jene Aufgewecktheit des Geiſtes, welche mehrere Voͤlker der Aequinoetial⸗ Gegenden Afrikas auszeichnet. Die ungeſtuͤmme Lebhaftigkeit des Negers von Kongo und das ſicht⸗ bare Phlegma des kupferfaͤrbigen Amerikaners bil⸗ den einen ſchneidenden Kontraſt. Der letztere iſt erſt, melancholiſch, ſtillſchweigend, ſo lange die be⸗ rauſchenden Getraͤnke nicht auf ihn gewirkt haben, *) Die aztequiſchen Manuſkripte ſind auf Papier von Agave, oder auf Hirſchhaͤnten geſchrieben, oft 60 bis 70 Fuß lang, und jede Seite hat eine Ober⸗ flaͤche von 100 bis 150 Quadrat Zoll. Sie ſind rantenfoͤrmig zuſammengebogen, duͤnne Holz⸗ platten an den Enden bilden den Band, und ge⸗ ben ihnen eine Aehnlichkeit mit unſern Buͤchern in Quart. Keine bekannte Nation des alten Kon⸗ tinents hat einen ſo ausgebreiteten Gebrauch von der Bilderſchrift gemacht. Mit dieſen Buͤchern muß man andere aztequiſche Gemaͤhlde nicht ver⸗ wechſeln, welche zwar aus den naͤmlichen Zeichen beſtehen, aber ordentliche Japeten von 60 Quag⸗ drat Fuß Oberflaͤche bilden. 4₰ (122.— und dieſer Nationalcharakter zeigt ſich ſchon auf⸗ fallend bey Kindern von vier bis fuͤnf Jahren, be⸗ ſonders, wenn man ſie mit jenen der Europaͤer vergleicht. Der Mexikaner lieht das Geheimnißvolle auch bey den geringfuͤgigſten Handlungen; die hef⸗ tigſten Leidenſchaften bemerkt man nicht auf ſeinem Geſichte, und es iſt ſchrecklich zu ſehen, wie er oft, wenn ihn die Leidenſchaft uͤberwaͤltigt, aus ſeiner anſcheinenden Gleichgiltigkeit ploͤtzlich in die wü⸗ thendſte Raſerey uͤbergeöt. Die Amerikaner halten, wie alle unter das Joch eines langwierigen Despotismus gebeugten Voͤlker, mit ungemeiner Hartnaͤckigkeit an ihren Gewohnheiten, Sitten und Meynungen. Man koͤnnte es fuͤr eine dieſer Behauptung widerſprechen⸗ de Erfahrung halten, daß ſie ſo ſchnell den Glau⸗ ben ihrer Vaͤter verlieſſen, und zur chriſtlichen Re⸗ ligion uͤbergiengen. Aber man muß bedenken, daß die Miſſionaren mit uͤberlegener Klugheit einige Aehn⸗ lichkeiten in den mexikaniſchen Religionsgebraͤuchen benuͤtzten, und ſo das Volk, welches unter Religien nichts als den aͤuſſern Kultus verſteht, leicht zum Hebertritte bewogen, An eine langwierige Sklaverey gewohnt, er⸗ tragen die Eingebornen Mexikos geduldig die Pla⸗ kereyen, denen ſie noch immer von Seiten der Weiſ⸗ ſen ausgeſetzt ſind, und ſetzen ihr nichts, als unter dem Schleyer der Einfalt verſtellte Liſt entgegen. Gerne verbinden ſie ſich mit den Spaniern zur ge⸗ meinſchaftlichen Unterdruͤckung ihrer Mitbruͤder, und —,— —(23— die indianiſchen Dorfobrigkeiten druͤcken ihre Lands⸗ leute oft zweyfach ſchwerer, als die ſpaniſchen. Ihre Imagination iſt, ſo weit ich Gelegenheit hatte, dieſes Volk kennen zu lernen, auſſerſt ſchwach. Sie ſtehen darinn den Europaͤern und mehreren af⸗ rikaniſchen Voͤlkerſchaften ſehr weit nach. An ihrer Muſik und ihren Taͤnzen nimmt man charakteriſtiſch allgemein einen Mangel an Lebhaf⸗ tigkeit wahr; eben dieß bemerkten ich und Herr Bonpland im ganzen mittaͤglichen Amerika. Ihr Geſang iſt klagend und melancholiſch. Die india⸗ niſchen Weiber zeigen mehr Lebhaftigkeit als die Maͤnner, aber ſie zeigen die Wirkungen der Dienſt⸗ barkeit, welcher das andere Geſchlecht bey allen min⸗ der eiviliſirten Voͤlkern unterworfen iſt. Sie neh⸗ men keinen Theil am Tanze, ſondern reichen nur den Taͤnzern gegohrene Getraͤnke, welche ſie vorher bereitet haben. Die Mexikaner haben beſonderes Talent zur Malerey und Bildhauerey, ſowohl in Holz als in Steinen. Man muß erſtaunen, wenn man ſie ganz artige Bilder blos mit einem ſchlechten Meſſer aus dem haͤrteſten Holze ſchnitzen ſieht. Ihre Arbeiten ſind meiſtens Heiligenbilder, und ſie ahmen noch immer gewiſſenhaft die Modelle nach, welche die Spanier zur Zeit der Eroberung ins Land brachten. Dieſes mag mitunter auch eine Wirkung des unter allen indianiſchen Voͤlkern herrſchenden Religions⸗ prinzips ſeyn, daß es uicht erlaubt ſey an den hei⸗ 2* —(2405— ligen B ldern irgend eine Veraͤnderung der Geſtalt vorzunehmen. Dieſes Volk hat noch immer die groſſe Vor⸗ liebe fuͤr Blumen beybehalten, welche ſchon Cortez bey ſeiner Ankunft im Lande beſchrieb. Ein Blu⸗ menſtrauß war das vorzuͤglichſte Geſchenk, welches die Abgeſandten am Hofe Montezumas erhielten. Dieſer Monarch und ſeine Vorfahrer hatten eine ſehr groſſe Sammlung von den ſeltenſten Pflanzen in den Gaͤrten von Iſtapalapan zuſammengebracht. Auf dem groſſen Markte von Mexiko iſt noch jetzt jede Kraͤmerbude mit Blumen ausgeziert, die taͤg⸗ lich erneuert werden. Jeder indianiſche Kaufmann ſitzt gleichſam in einer grünen Hecke. Die Fruͤch⸗ te, welche dem Publikum zum Kauf angeboten werden, ſind rings mit vohlriechenden Kraͤutern und Blumenguirlanden umgeben. Dieß iſt ungefaͤhr ein Bild von den Sitten der ackerbauenden Indianer, deren Kultur ſich je⸗ ner der Chineſen und Japaner naͤhert. Von den nomadiſchen Staͤmmen, welche die Spanier unter dem allgemeinen Nahmen Indios bravos begrei⸗ fen, kann ich nur wenig ſagen, weil ich nur weni⸗ ge Individuen derſelben ſah, die man als Kriegsge⸗ fangene in die Hauptſtadt brachte. Die jagdtrei⸗ benden Staͤmme der Mecas, Ajaches, Lipans be⸗ unruhigen oft durch nichtliche Einfaͤlle die Graͤn⸗ zen von Neubiscaya, Sonora und Neumexiko. Sie zeigen mehr Gewandtheit des Geiſtes und Staͤrke des Charakters als die ackerbauenden Indianer. *4. 8 —— —õ—‧— ——— (25) Einige Voͤlkerſtaͤmme haben Sprachen, welche Spu⸗ ren einer langen Kultur an ſich tragen; unſere eu⸗ ropaͤiſchen Sprachen erlernen ſie ſehr ſchwer, waͤh⸗ rend ſie ſich in der ihrigen mit groſſer Leichtigkeit und Gewandtbeit ausdruͤcken. Eben jene indiani⸗ ſchen Haͤuptlinge, deren duͤſtres Stillſchweigen den Beobachter befremdet, halten mehrere Stunden lange Reden, wenn eine wichtige Angelegenheit ſie dahin bringt, ihr gewohntes Schweigen einmahl zu unterbrechen. Noch iſt es noͤthig, etwas über den geſellſchaft⸗ lichen Zuſtand der Indianer zu ſagen. Die Einge⸗ bohrnen, ſind entweder die Nachkommen der alten Landleute, oder die Reſte einiger angeſehenen ind a⸗ niſchen Familien, welche es verſchmaͤhten, Verbin⸗ dungen mit den Spaniern einzugehen, und lieber jene Felder fortan mit eigenen Händen bebauten, welche vorher ihre Vaſallen fuͤr ſie bebaut hatten. Aus dieſer verſchiedenen Abſtammung iſt auch die verſchiedene Eintheilung der Urbewohner hervorge⸗ gangen; ſie ſind entweder zinsbare, oder edle Indianer.(Caciquen) Die letztern ſollten nach den ſpaniſchen Geſetzen die Vorrechte des kaſtiliani⸗ ſchen Adels theilen, aber in ihrer gegenwaͤrtigen Lage iſt dieß nur ein ſcheinbarer Vortheil. In ih⸗ rem Aeuſſern kann man dieſe beyden Klaſſen der Indianer ſchwer von einander unterſcheiden. Der Adeliche kann wegen ſeiner einfachen Kleidung und Nahrung, wegen des Anſcheines von Armuth, den er ſich oft giebt, leicht mit dem zinsbaren India⸗ —(26)— uer vermengt werden, doch bezeigt der letztere ſtaͤts ſeinem adelichen Landsmanne alle jene Hochachtung, welche in den alten Geſetzen der aztequeſchen Hie⸗ rarchie vorgeſchrieben war. Diejenigen Fami⸗ lien, welche die erblichen Rechte des Cacigas go genieſſen, ſind aber weit entfernt ihre unterthänigen Bruͤder zu beſchuͤtzen, ſie mißbrauchen vielmehr oft ihren Einfluß. Sie bekleiden die obrigkeitlichen Wuͤrden in den indianiſchen Doͤrfern, und treiben die Kopfſteuer ein. Sie gefallen ſich nicht nur darinn zum Werkzeuge der Bedruͤckungen der Weiſ⸗ ſen zu dienen, ſondern ſie bedienen ſich ihres Anſe⸗ hens und ihrer Gewalt auch noch, um beſondere Summen für ſich ſelbſt zu erpreſſen. Uebrigens findet man bey ihnen die naͤmliche Nohheit der Sit⸗ ten, wie bey der mindern Klaſſe. Selten ſtoͤßt man auf einen adelichen Mexikaner, der Staats⸗ oder Kriegsdienſte nimmt: mehrere ergreifen dafür den geiſtlichen Stand; insbeſondere trachten ſie nach Pfarrepen; auch die Nonnenkloͤſter ziehen ihre Novizen meiſtens aus den jungen Indianerinnen. Schon bey ihrer Ankunft im Lande trafen die Spanier die mindere Klaſſe der Einwohner in ei⸗ nem Zuſtande harter Unterdrückung. ⸗Durch die Eroberung des Landes und in der Folgezeit bis zum Ende des ſiebzeynten Jahrhunderts wurde die⸗ ſer Zuſtand eher verſchlimmert als verbeſſert. das achtzehnte Jahrhundert und insbeſondere neN gierung Carls III. gab dem von allen Seiken ge⸗ —(27)— plagten Indianer mehrere wohlthaͤtige Erleichte⸗ rungen. Mexiko iſt das Land der Ungleichheit. Nirgends iſt dieſe groͤſſer in der Vertheilung der Glücksguͤ⸗ ter, der Civiliſation, der Bearbeitung des Bodens, und der Volksmenge. Das Innere dieſes Koͤnig⸗ reichs enthaͤlt 4 Städte, welche eine von der an⸗ dern nur eine bis zwey Tagereiſen entfernt ſind, aus welchen die kleinſte 35,000, die groͤßte 130,000 Einwohner zaͤhlt. Die mittlere Bergflaͤche von Puebla bis Mexiko und gegen Salamanca und Zelaga iſt mit Doͤrfern und Bauernhoͤfen uͤberſaͤet, wie der am beſten angebaute Theil der Lombardie. An der Oſt⸗ und Weſtſeite dieſes ſchmahlen Landſtreifens hingegen breiten ſich weite, unbebaute Gegenden aus, die kaum 10 bis 12 Einwohner auf einer Huadratmeile zaͤhlen. Die Hauptſtadt und mehre⸗ re andere Staͤdte haben wiſſenſchaftliche Inſtitute, welche mit denen in Europa wetteifern koͤnnen. Die Bauart der oͤffentlichen und Privatgebaͤude, die Zier⸗ lichkeit der Hausgeraͤthſchaften, die Equipagen, der Luxus in der Kleidung der Frauenzimmer, der ge⸗ ſellſchaftliche Ton, alles dieſes zeigt eine Stufe der Verfeinerung, gegen welche die Nacktheit, Unwiſſen⸗ heit und Rohheit des gemeinen Volkes grell ab⸗ ſticht Dieſe ungemeine Ungleichheit der Gluͤcksgüter findet man uͤdrigens nicht allein unter den Weiſſen, ſondern auch unter den Landeseingebohrnen. Bey der unbeſchreiblich groſſen Armuth, in, welche der groͤßte Theil von ihnen verſunken iſt, trifft man —(28)— dagegen wieder mehrere Familien, welche ein Ka⸗ pital von 300,000 bis 1 Million Liores(3 bis 400,000 fl.) beſitzen. So viel auch in den letzteren Zeiten fuͤr die Verbeſſerung des Zuſtandes der Indianer geſchehen iſt, ſo ſind dieß doch nur lauter Palliative, und wenn nicht eine gruͤndliche Reform die Urſachen der Un⸗ kultur unter den Urbewohnern des Landes hebt, laͤßt ſich nicht erwarten, allgemeine Kultur unter ihnen aufkeimen zu ſehen.— Siebentes Hauptſtück. Weiſſe, Creolen und Spanier.— Ihre Bildung.— Ungleichbeit ihrer Gluͤcksumſtände.— Regern.— Vermiſchung der Kaſten.— Verhaͤltniß der bey⸗ den Geſchlechter gegen einander.— Lebensal⸗ ter nach der Verſchiedenheit der Abſtammung.— Geſelligkeit. U den Bewohnern des Landes von reiner Ab⸗ ſtammung würden die Weiſſen den zweyten Rang einnehmen, wenn man ſie bloß ruͤckſichtiich ihr Anzahl betrachtete. Man theilt ſie in gebohrne Eu⸗ ropaͤer(Gachupines), oder in europaͤiſche Abkoͤmm⸗ linge, welche in den amerikaniſchen Kolonieen und 4 2 —(295— auf den aſtatiſchen Inſeln zur Welt kamen(Eriol⸗ les). Die Eingebohrnen der kanariſchen Inſeln (Islannos) rechnen ſich ſelbſt zu den Europaͤern. Die ſpaniſchen Geſetze raͤumen allen Weiſſen gleiche Rechte ein, aber ihre Ausleger ſuchen eine Gleich⸗ heit zu vernichten, welche den Stolz der gebohrnen Europaͤer beleidigt, und die Regierung, welche Mißtrauen in die Creolen ſetzt, vergiebt die anſehn⸗ licheren Poſten ausſchließlich nur an gebehrne Spa⸗ nier. Seit einigen Jahren verlieh man in Madrid ſogar die unbedeutendſten Aemter bey den Zoll⸗und Tabakgefaͤllen. Aus dieſer Zuruckſetzung der Creo⸗ len fließt ihre Eiferſucht und ihr beſtaͤndiger Haß gegen die Europaͤer. Sie laſſen ſich nicht gerne Creolen nennen, ſondern hoͤren lieber den Nahmen Amerikaner, auf den ſie ſogar, ſeit den Ereigniſſen des Jahres 1780 ſtolz ſind. Nur eine weiſe Ver⸗ waltung koͤnnte die Harmonie wieder herſtellen, die Leidenſchaften und die aufgereitzte Nachbegierde be⸗ ſaͤnftigen, und noch auf eine lingers Zeit die Ei⸗ nigkeit erhalten. Die Anzahl aller Weiſſen beläuft ſich in ganz Neuſpanien auf 1,200,000 Menſchen, von denen beynahe der vierte Theil die inneren Provinzen be⸗ wohnt. In der Provinz Neubiskaya und der In⸗ tendentur von Durango ruͤhmen ſich alle Einwoh⸗ ner von rein europaͤiſcher Abkunft zu ſeyn. Die ſpaniſchen Geſetze verbieten jedem Euro⸗ paͤer, der nicht in der Halbinſel gebohren iſt, den Eintritt in die amerikaniſchen Beſitzungen, daher —(30)— ſind auch die Nahmen Spanier und Europaͤer in Me⸗ riko und Peru gleichbedeutend geworden. In den entferntern Provinzen waͤhnt man auch Spanien noch immer auf jener Stufe der Macht in Europa, die es im ſechzehnten Jahrhundert behauptete, und man haͤlt einen Europaͤer, der nicht ſpaniſch kann, für einen Abkoͤmmling des Poͤbels. Umgekehrt iſt es in den Hauptſtaͤdten: die Bewohner derſelben, mit den neuern Produkten der engliſchen und fran⸗ zoͤſiſchen Literatur bekannt, ziehen die Fremdlinge aus andern europaͤiſchen Laͤndern den Spaniern vor, und glauben, daß die wiſſenſchaftliche Bil⸗ dung in den ſpaniſchen Kolonieen weit ſchnellere Fortſchritte mache, als in dem Mutterlande. Keine Stadt des neuen Kontinents, ſelbſt die nordamerikaniſchen Freyſtaaten nicht ausgenommen, hat ſo anſehnliche und gutgegründete wiſſenſchaft⸗ liche Anſtalten als Mexiko. Es iſt genug, hier die Bergwerksſchule, welche unter der Leitung des wei⸗ ſen Elhuyar ſteht, den botaniſchen Garten und die Akademie der Mahlerey und Bildhauerey zu nen⸗ nen. Die Letztere fuͤhrt den Titel: Academia de los nobles artes de Mexico und dankt ihre Ent⸗ ſtehung dem Patriotismus mehrerer reichen Priva⸗ ten und der Unterſtuͤtzung des Grafen von Galvez; ihre Einkuͤnfte belaufen ſich auf 125,000 Franken (47,916 fl.) Ihr wohlthaͤtiger Einfluß auf den Ge⸗ ſchmack der Nation wird bereits allenthalben ſichtbar.—. 6317— Das Studlum der Botanik und der neueren Chemie iſt ebenfalls in Mexiko ſehr ausgebreitek; man erſtaunt, an den Graͤnzen von Kalifornien zunge Mexikaner eifrig über die Zerſetzung des Waſ⸗ ſers diſputiren zu hoͤren. In eben ſo groſſem An⸗ ſehen ſind die mathematiſchen Wiſſenſchaften, wel⸗ che beſonders an der Bergwerksſchule mit warmen Eifer getrieben werden. Die Nahmen der Mexika⸗ ner Velasquez, Ganta und Alzate verdienen neben den berüihmteſten Mathematikern genannt zu werden. So wie die Kaſte der Weiſſen beynahe aus⸗ ſchlieſſend in dem Beſitze der wiſſenſchaftlichen Aus⸗ bildung iſt, ſo findet man auch nur bey ihr die ungeheuren Reichthuͤmer des Landes; unglücckli⸗ cherweife iſt aber dieſer Reichthum viel zu ungleich vertheilt. Die Familie der Grafen von Valencia⸗ na z. B. beſitzt uͤber 25 Millionen Franken(beynahe 10 Millionen fl.) an liegenden Gütern und hat ein jaͤhrliches Einkommen von 2,200,000 Franken(ge⸗ gen 833,000 fl.) Solcher Familien giebt es meh⸗ rere, und ihr groſſer Reichthum ſchreibt ſich von dem Ertrage der Bergwerke her, der oft bis ins Unglaubliche geht. Ein einziger Gang, den die Fa⸗ milie Fagoaga in dem Diſtrikt von Sambrerete be⸗ ſitzt, brachte in 5 bis 6 Monathen nach Abzug al⸗ ler Unkoſten einen reinen Gewinn von 20 Millionen Franken(gegen 7,670,000 fl.) Die Bergwerke ſind allerdings die Hauptquellen des Reichthums der mexikaniſchen Familien, doch giebt es manche Fa⸗ milien, die ihn mehr aus der Fruchtbarkeit des Bo⸗ (42⸗— dens ihrer ausgedehnten Laͤndereyen ſchoͤpfen. Un⸗ ker die Letzteren gehoͤren auch die reichen und ange⸗ ſehenen Abkoͤmmlinge des Eroberers Cortez, die Marquis de la Valle. Auch unter der Geiſtlichkeit, die bey weitem nicht ſo zahlreich iſt, als man in Europa glaubt, in⸗ dem ſie mit allen ihren Angehoͤrigen nur ungefaͤhr 13,000 Koͤpfe zaͤhlt,*) iſt die Vertheilung der Gluͤcksguͤter eben ſo ungleich. Waͤbrend einige In⸗ dividuen derſelben mehr als fuͤrſtliche Einküͤnfte ha⸗ ben, ſchmachten andere in der birterſten Armuth. Die liegenden Guͤter der mexikaniſchen Geiſtlichkeit belaufen ſich kaum auf 12 bis 15 Millionen Fran⸗ ken(5 bis 6 Millionen fl.) aber an hypothezirten Kapitalen beſitzen ſte uͤber 44 ½ Millionen Piaſter (gegen 90 Millionen fl.) Der Erzbiſchof von Me⸗ xiko hat 130,000 Piaſter(über 260,000 fl.) Ein⸗ kuͤnfte. Neuſpanien iſt von allen Kolonieen der Euro⸗ paͤer in der heiſſen Zone jene, wo man am wenig⸗ ſten Neger antrifft. In der Haupiſtadt ſelbſt findet man kein ſchwarzes Geſtat, der Dienſt keines Hau⸗ ſes wird daſelbſt durch Sklaven beſorgt. Im gan⸗ zen Lande findet man kaum 6000 Reger und hoͤch⸗ ſteus *) In dem Mutterlande, Spanien, beläuft ſich die Zahl der Franziskaner allein auf 15,000. Man zaͤhlt dort mehr als 228,006 Geiſtliche, ————Q—QO;pñ——— —(335— ſtens 9 bis 10,000 Sklaven, wovon ſich der groͤß⸗ te Theil in den Haͤfen von Lleapulco und Veracruz, oder den heiſſen Gegenden längs der Kuͤſte(terras calientes) befindet. Nach den Geſetzen giebt es in den ſpaniſchen eolonieen keine Indianer im Sklavenſtande. Doch geben, aus einem ſonderbaren Mißbrauch, zwey ganz verſchiedene Arten des Kriegs Gelegenheit zu einem Zuſtande der Indianer, der ſehr nahe an Sklaverey graͤnzt. Die Miſſionarien des mittaͤg⸗ lichen Amerika machen naͤhmlich von Zeit zu Zeit naͤchtliche Einfaͤlle in die Laͤnder, welche von fried⸗ fertigen Staͤmmen wilder Indianer bewohnt wer⸗ den. Bey dieſen Einfaͤllen bemaͤchtigen ſie ſich ſo vieler Menſchen als ſie koͤnnen, vorzuͤglich der Kin⸗ der, Weiber und Greiſe. Man treurnt ohne Erbar⸗ men die Mutter von ihren Kindern, um ihnen die Flucht unmöͤglich zu machen. Der Miſſionaͤr, wel⸗ cher die Unternehmung angefuͤhrt hat, vertheilt die jungen Leute unter jene Indianer ſeiner Miſſion, wel⸗ che das meiſte zum glüͤcklichen Erfolg beygetragen haben; dieſe fuͤhren den Nahmen Poitos und wer⸗ den bis zum Alter der Mannbarkeit in einem fkla⸗ venaͤhnlichen Zuſtande gehalten. In Mexiko wer⸗ den die Gefangenen, die man in dem beſtaͤndigen Kriege an den Graͤnzen der innern Provinzen macht, und die meiſtens zur Nation der Mechos oder Apa⸗ ches gehoͤren, nach Mexiko abgefuͤhrt und dort in den Kerkern des Zuchthauſes eingeſperrt. Man bringt ſie meiſtens nach Vera Cruz oder der Inſel V. Baͤndch. C —(34)— Cuba, wo ſie bald zu Grunde gehen, wie alle In⸗ dianer, welche von den hoͤhern Bergflaͤchen in nie⸗ drigere Gegenden verſetzt werden. Das Schickſal der Neger und der Sklaven uͤberhaupt iſt in Mexiko leichter, als anderswo; das Gouvernement iſt ſelbſt bemuͤht, die Zahl der Freygelaſſenen ſo viel moͤglich zu vermehren. Hat ſich der Sklave ein kleines Vermoͤgen erworben, ſo kann er ſich leicht loskaufen; mißhandelt ihn ſeine Herrſchaft zu ſtark, ſo erhaͤlt er ebenfalls die Freyheit. Es iſt hier noch noͤthig, einige Worte von den Kaſten zu ſagen, naͤhmlich von jenen Einwohnern, die aus der Vermiſchung der reinen Racen entſtan⸗ den ſind. Ihre Anzahl belaͤuft ſich in Mexiko auf 2,400,000. Man hat eine Menge Benennun⸗ gen, um die feinſten Abſtufungen ihrer Hautfarbe zu bezeichnen; es iſt nicht ohne Nutzen, dieſe Benen⸗ nungen zu kennen, die von manchen Reiſebeſchrei⸗ bern mannichfaltig verwirrt worden ſind. Der Abſtaͤmmling eines weiſſen und einer kupfer⸗ faͤrbigen Eingebohrnen wird Metis oder Meſtizo genannt. Die Farbe der Meſtizen iſt beynahe weiß, die Haut ſehr durchſcheinend; der wenige Bart, die kleinen Haͤnde und Fuͤſſe und eine gewiſſe ſchiefe La⸗ ge der Augen ſind meiſtens die Kennzeichen der indianiſchen Abſtammung. Verehligt ſich ein Me⸗ ſtize mit einem Weiſſen, ſo kann man ihre Abkoͤmm⸗ linge faſt gar nicht von den Europaͤern unterſchei⸗ den. Die Meſtizen machen beynahe ſieben Achttbei⸗ —(25)— le der Kaſten aus. Sie haben meiſtens einen ſanf⸗ tern Charakter, als die Mulatten, Abkoͤmmlin⸗ ge der Weiſſen und Negerinnen, welche ſich durch die Heftigkeit ihrer Leidenſchaften, und eine groſſe Gewandtheit ihrer Zunge auszeichnen. Die Kinder der Negern und Indianerinnen nennt man Chinos, Zambos. Von den gewoͤhnlichen Zambos un⸗ terſcheidet man noch die Zambos prietos, von einem Neger mit einer Zamba erzeugt. Von ei⸗ nem Weiſſen und einer Mulattin wird ein Quar⸗ teron erzeugt; das Kind eines Weiſſen und einer Quarterone heißt ein Quinteron. Verheirathen ſich dieſe Letztern mit Weiſſen, ſo werden auch ih⸗ re Kinder ganz weiß. Die Indianer unterſcheiden die verſchiedenen Racen durch den Geruch ihrer Aus⸗ duͤnſtung⸗— Gewoͤhnlich findet man unter den Bewohnern eines Landes mehr Weiber als Maͤnner, in Neu⸗ ſpanien iſt dieß der umgekehrte Fall. Die Zahl der letzteren verhaͤlt ſich zu jener der erſtern wie 100 zu 95. 3 Die Verhaͤltniſſe der Gebohrnen und Geſtor⸗ benen laſſen ſich nicht mit Sicherheit angeben. Das Klima iſt im Ganzen fuͤr ein langes Lebensalter geeignet; die beſſer genäͤhrten, in einem gluͤckliche⸗ ren Zuſtande lebenden Racen ſcheinen auch in der Dauer ihres Lebens einen Vorzug zu genieſſen. Wenn ein Europaͤer, der alles genoſſen hat, was das geſellſchaftliche Leben eines in der Civili⸗ ſation weit vorgeruͤckten Landes Angenehmes darbie⸗ C 2 —(36)— tet, ſich in die entfernten Gegenden der neuen Welt begiebt, ſo wird er bey jedem Schritte über den Einfluß ſeufzen, den die Kolonialregierung ſeit Jahrbunderten auf die Sitten der Einwohner ge⸗ zeiat hat. Ich will dadurch nicht den moraliſchen Charakter der Bewohner von Mexiko und Peru an⸗ klagen, ich bin vielmehr geneigt zu glauben, was ſchon mehrere Reiſende vor mir bemerkt haben, daß die Amerikaner von der Natur mit einer gewiſſen Saaftheit und Annehmlichkeit der Sitten begabt ſind, die oft nahe an Weichlichkeit graͤnzt, waͤh⸗ rend die Energie mancher europaͤiſchen Nationen oft in Haͤrte ausartet. Der Mangel an Geſellig⸗ keit, welcher in den ſpaniſchen Beſitzungen allgemein iſt, der wechſelſeitige Haß der Kaſten, der das Le⸗ ben des Koloniſten verbittert, verdanken ihren Ur⸗ ſprung vielmehr den politiſchen Grundſaͤtzen, nach welchen dieſe Läͤnder ſeit dem ſechzehnten Jahrhun⸗ dert regiert worden ſind. Ein uͤber das wahre In⸗ tereſſe der Menſchheit aufgeklaͤrtes Gouvernement kann Aufklaͤrung und Unterricht verbreiten; es wird den Zuſtand der Koloniſten verbeſſern, indem es nach und nach die monſtroͤſe Ungleichheit der Rechte und Gluͤcksgüter verſchwinden macht; aber unge⸗ heure Hinderniſſe wird es zu uͤberwinden haben, wenn es die Einwohner geſellſchaftlich machen, und ſie bewegen will, ſich wechſelſeitig als Buͤrger eines Staates anzuſehen. — —,—— —(370— XXVI. Schilderung der Beduinen Araber. m Da⸗ Magazin uͤber Aſien von Bergk⸗ Haͤnſel und Baumgärtner iſt beſtimmt, dieſen in ſo vie⸗ len Hin ſichten merkwurdigen Welttheil in Deurſchland naͤher bekannt zu machen. Bey dem beträchtlich ho⸗ hen Preiſe dieſes Journals und den vielen nicht genug unteerichtenden und unterhaltenden, oft auch zu rhap⸗ ſodiſchen Aufſaͤtzen, die es enthaͤlt, glauben wir bey unſern Leſern Dank zu verdienen, wenn wir ſie nach und nach mit dem Intereſſanteſten aus demſelben be⸗ kannt machen, dem, wo es noͤthig iſt, Zuſaͤtze und Berichtigungen aus ältern und neuern Reiſebeſchreibun⸗ gen und andern auf dieſen Welitheil Bezug nehmenden Werken, beygefuͤgt werden ſollen. —— Je Klaſſen von Arabern bewohnen Syrien und die Wüſten Aſiens; die Fellahs leben in Doͤr⸗ fern als Bebauer des Ackers, unſtaͤt füͤhren die Beduinen oder Wuͤſtenbewohner ein noma⸗ diſches Lehen in der groſſen Wuͤſte zwiſchen Syrien, —(33)— Perſten und Arabien. Seit mehreren tauſend Jah⸗ ren haben ſie ſich noch wenig geaͤndert, noch ſind ihre Sitten und Gebraͤuche, ihre Redart und ihr Charakter ſo, wie ſie ſie uns die Bibel ſchildert: nie vermiſchen ſie ſich mit den Bewohnern der Staͤd⸗ te und Doͤrfer, die ſie als Weichlinge verachten, darum ruͤhmen ſie ſich auch unter allen Staͤmmen des reinſten arabiſchen Blutes. ¹ Die Natur des Bodens, der faſt durchgehends jedem Anbau widerſtrebt, zwingt ſie, Nomaden zu ſeyn. So weit das Ange reicht, bietet die Wuͤſte dem erſtaunten Blicke des beaͤngſtigten Wanderers nichts als unermeßliche Ehnen ohne Haͤuſer, Baͤu⸗ me, Baͤche und Berge, unter einem faſt immer gluͤhenden und wolkenfreyen Himmel dar; nur zu⸗ weilen bemerkt man kleine Hügel, oder einzelne Fel⸗ ſen und Klippen, aber, gleichwie auf dem uͤbrigen Lande, ruht auch auf dieſen der Fluch der Unfrucht⸗ barkeit. Von ihrem gruͤnen Kleide entblößt, zeigt die duͤrre Erde nur ſelten einzelne holzige Pflanzen und verkruͤppelte Straͤuche, allenthalben herrſcht tiefe Stille, nur zuweilen durch das Geraͤuſch eines Thiers unterbrochen, das über die unfruchtbare Flaͤche wegeilt. Dieſen Anblick bietet im Ganzen das 600 Stunden lange und halb ſo breite Land dar, welches ſich von Haleb bis an den arabiſchen, und von Aegypten bis an den perſiſchen Meerbuſen erſtreckt. Einzelne Strecken ſind indeſſen doch von der Ratur minder ſtiefmütterlich bedacht, und dieſe Verſchiedenheit aͤndert auch die Lebensart der man⸗ —(39)— cherley Beduinenſtaͤmme. In den unfruchtbaren, pflanzenarmen Gegenden, in der Wuͤſte von Suez am rothen Meere, und im Innern der groſſen Wuͤ⸗ ſte Najd, ſind die ſchwachen Staͤmme weit von⸗ einander entfernt. Wie ſich die Produkte des Bo⸗ dens vervielfaͤltigen, naͤhern ſich auch die Staͤmme einander mehr; in den Gegenden, welche die Muͤhe des Ackerbaues lohnen, bey Haleb, Gaza und in Hauran giebt es vicle Laͤger in ſehr geringer Ent⸗ fernung von einander. Die Beduinen der erſtern Staͤmme widmen ſich blos dem Hirtenleben; die Milch ihrer Heerden, einige Datteln, friſches oder gedoͤrrtes Fleiſch, wel⸗ ches letztere ſie zu Mehl zerreiben, machen ihre Nahrung aus. Die Bewohner fruchtbarerer Ge⸗ genden beſchaͤftigen ſich dagegen auch mit dem Feld⸗ bau, und das ſelbſt erzeugte Getreide, auch wohl Reiß dient dazu, die Gerichte ihres Tiſches z ver⸗ vielfaͤltigen. Der Beduine iſt klein, mager, von der Son⸗ ne verbrannt, und zwar in deſto ſtaͤrkerem Grade, je tiefer er in der Wuͤſte lebt. Ihre auſſerordentlich maͤſſige Lebensart, verbunden mit dem Klima, iſt die Urſache dieſer koͤrperlichen Beſchaffenheit. Sechs bis ſieben Datteln in zerlaſſene Butter ge⸗ taucht, ein wenig friſche oder geronnene Milch, ſind hinreichend, einen ausgewachſenen Mann den ganzen Tag hindurch zu naͤhren. Kann er dazu noch einige Haͤnde voll groben Mehles, oder etwas Reis füͤgen, ſo hat er einen Feſttag erlebt. Fleiſch koͤmmt nur an hohen Feyertagen auf den Tiſch der Beduinen; bey Hochzeiten und Begraͤbniſſen ſchlach⸗ ten ſie zuweilen eine Ziege. Nur reiche und vor⸗ nehme Scheiks laſſen manchmahl ein junges Kameel ſchlachten und eſſen gekochten Reis mit Fleiſch; die aͤrmere Klaſſe begnuͤgt ſich haͤufig mit geroͤſteten Natten, Eidechſen, Schlangen und Heuſchrecken. Siee ſind beynahe durchgehends geſund und nur wenigen Krankheiten ausgeſetzt, aber mehr leicht und hurtig, als ſtark und kraͤftig. Obſchon ſie No⸗ maden ſind, ſo haben doch ihre Staͤmme das Land unter ſich getheilt, nur daß der einem jeden angewie⸗ ſene Erdſtrich, der den Heerden das ganze Jahr hindurch Nahrung geben muß, weit groͤſſer iſt, als bey ackerbautreibenden Nationen. Der Stamm theilt ſich, nach Maaßgabe ſeiner Staͤrke, in mehre⸗ re Lager, die ihren eigenthümlichen Bezirk nach und. nach durchziehen, und einen Platz um den andern verlaſſen, ſo wie ſie ihn mit ihren Heerden abgewei⸗ det haben. Die ganze Strecke iſt meiſtens zum Un⸗ terhalt des Stammes unbedingt noͤthig, darum wird jeder Fremde, den ſeinen Bezirk uͤberſchreitet, fuͤr einen Beleidiger des Eigenthumsrechtes angeſe⸗ hen, und trift ein Stamm einen andern, oder meh⸗ rere Mitglieder desſelben auf ſeinem Bezirke an, ſo entſteht daraus ein Krieg, der nach den groͤſſern oder geringern Verbindungen der feindſeligen Staͤm⸗ me mit ihren Landsleuten auch mehr oder minder allgemein wird. — 645— Sobald eine ſolche Verletzung des Eigenthums⸗ rechtes bey einem Stamme bekannt wird, ſetzt ſich alles zu Pferde und ſucht den Feind auf. Treffen ſie aufeinander, ſo wird gemeiniglich erſt noch der Weg des Vergleiches verſucht; nützt dieſer nichts, ſo ſchreitet man zu den Waffen. Haufenweiſe oder wohl auch nur Mann fuͤr Mann greifen ſich dann die feindſeligen Horden an; mit gebuͤcktem Leibe und geſenkter Lanze reitet jeder Einzelne auf ſeinen Feind los; weicht ihm dieſer aus, ſo wirft er auch wohl die Lanze, trotz ihrer ungemeinen Laͤnge, mit Gewalt nach ihm. Selten iſt der Sieg lange zweifelhaft, meiſtens iſt ſchon der erſte Anfall ent⸗ ſcheidend, und dann fliehen die Ueberwundenen mit verhaͤngtem Zuͤgel uͤber die kahle Wuͤſte hin, und ſuchen bey ihren Bundesgenoſſen einen Zufluchts⸗ ort. Mit dem erſten Vortheile begnügt ſich auch gewoͤhnlich der ſiegende Stamm, dehut nur ſeinen Bezirk etwas weiter aus, und laͤßt die Fluͤchtigen ungehindert in den Reſt ihres Eigenthumes zuruͤck⸗ kehren. Aber wenn auch die Fehden ganzer Staͤm⸗ me ziemlich ſchnell geendigt ſind, ſo wird doch der Tod derjenigen, die im Kampf bleiben, meiſtens die Urſache wechſelſeitigen Haſſes und unaufhoͤrlicher gwiſtigkeiten zwiſchen einzelnen Familien. Das Recht der Wiedervergeltung, die Sitte, den Tod des Ermordeten mit dem Blute ſeines Moͤrders zu raͤchen, iſt ſchon ſeit den aͤlteſten Zeiten bey den Arabern allgemein; es iſt die Pflicht des naͤchſten Anverwandten des Getoͤdteten, die Blutrache zu uͤben, welche ſie Tar nennen; wuͤrde er ſie nicht erfüllen, wenn es in ſeiner Macht ſteht, ſo waͤre die ewige Verachtung aller ſeiner Mitbrüder ſein Lohn. Er lauert daher unermuͤdet auf jede Gele⸗ genheit, ſeinen Plan auszufuͤhren, und koͤmmt ſein Feind durch einen andern Zufall um, ſo haͤlt er dieß füͤr keine Genugthuung, ſondern ſeine Nache verfolgt den naͤchſten Anverwandten. Vom Vater auf den Sohn exöt dieſer Haß fort, und ihre wechſel⸗ ſeitige Verfolgung hoͤrt nur dann auf, wenn eine der beyden Familien ausſtirbt, oder die Streiten⸗ den ſich vergleichen, den Schuldigen ausliefern, oder die Blutſchuld fuͤr einen gewiſſen Preis an Vieh und Geld abkaufen. Durch die Laͤuge der Zeit vermehren ſich dergleichen Priyatfeindſchaften zwiſchen den Familien einzelner Staͤmme, und ſie ſind in einem beſtaͤndigen kleinen Kriege mit einan⸗ der, Dadurch und durch ihre Lebensart überhaupt werden die Beduinen nothwendig zu einem kriegeri⸗ ſchen Volke gemacht, und ſtats in dieſer Stimmung erhalten. lich weit von einander abſtehender Zelten beſteht. Dieſe ſind aus einem ſchwarzen oder braunen Zeuge von Ziegen oder Kameelharen. Jedes Zelt wird von einer einzigen Familie bewohnt, ein Vorhang theilt es in zwey Haͤlften, wovon die eine aus⸗ ſchlieſſungsweiſe fuͤr das Frauenzimmer beſtimmt iſt. Im Innern des Zirkeſs werden des Nachts die Ihre Laͤger haben die Geſtalt eines unregel⸗ maͤſſigen Zirkels, der aus einer einzigen Linie ziem⸗ 1 3 — —(43)— Heerden verwahrk. Verſchanzungen kennen ſie nicht; ſtatt Patrouillen und Feldwachen dienen ihnen ihre Hunde; die Pferde bleiben ſtaͤts geſattelt, damit ſie im Nothfalle gleich aufſitzen und der Gefahr be⸗ gegnen koͤnnen. Die Staͤmme beſtehen aus einer oder mehreren Familien, deren Oberhaͤupter Scheiks genannt werden; einer von dieſen iſt der Oberbefehlshaber aller uͤbrigen, und nimmt aus dieſem Grunde auch zuweilen den Titel: Emir(Fürſt) an. Die Macht eines ſolchen Oberhauptes richtet ſich nach der Zahl ſeiner Verwandten, Kinder und Bundesgenoſſen; mit diefen verbindet er dann noch eine betraͤchtliche Anzahl Bediente, für deren Beduͤrfniſſe er ſorgt, und ſich dadurch ihrer Anhänglichkeit verſichert. Andere kleine Familien, welche nicht ſtark genug ſind, ſich unabhaͤngig zu halten, ſchlieſſen ſich an ein ſolches Oberhaupt an, und dieſe ganze Ver⸗ ſammlung heißt dann ein Stamm(Kabile), und wird nach dem Nahmen des Oberhauvtes oder der herrſchenden Familie benannt. Spricht man von einzelnen Perſonen eines Stammes, ſo nennt man ſie Kinder ſeines Oberanfuͤhrers, wenn ſie gleich nicht im Geringſten mit demſelben verwandt ſind. r Die Regierungsform dieſer Gefellſchaften iſt ein Gemiſche von Demokratie, Ariſtokratie und Deſ⸗ potismus. Das Volk hat auf alle Geſchaͤfte ſehr groſſen Einfluß, und es geſchieht nichts Weſentli⸗ ches ohne Einwilligung der Stimmenmehrheit; —(44)— doch genieſſen die Familien der Scheik's einiger be⸗ ſondern Auszeichnungen, und die Gewalt des Ober⸗ ſcheiks iſt ſo unumſchraͤnkt, daß ein Mann von Kopf und Energie ſie leicht bis zum Mißbrauche treiben kann; aber der Charakter der Araber, und ihre geſellſchaftlichen Verhaͤltniſſe beſchraͤnken dieſen Mißbrauch ſehr. Wuͤrde z. B. ein Oberſcheik ei⸗ nen Araber ermorden, ſo wuͤrde es ihm faſt unmoͤg⸗ lich ſeyn, der Strafe zu entgehen; er muß ſich der Wiedervergeltung unterwerfen, und wenn er das Blut nicht bezahlt, ſo wird er wo moͤglich wieder ermordet. Bedruͤckt er ſeine Untergebenen, ſo ver⸗ laſſen ſie ihn und gehen zu einem andern Stamme über; ja ſogar ſeine eignen Anverwandten machen ſich ſeine Fehler zu Nutzen, und ſetzen ihn ab, um ſich auf ſeinen Platz empor zu ſchwingen. Der Oberſcheik hat für den ganzen Stamm die Verpflichtung auf ſich, Gaͤſte frey zu bewirthen, die Beſuche der Bundesgenoſſen und aller derjenigen anzunehmen, welche Geſchaͤfte bey ſeinem Stamme zu verrichten haben. Neben ſeinem Zelte wird ein groͤſſeres aufgeſchlagen, welches den Fremden und Vorbeyreiſenden zur Herberge dient. In demſelben halten auch die Scheiks und Vornehmen ihre haͤuſt⸗ gen Verſammlungen, um ſich uͤber Stilleliegen, Aufbrechen, Krieg, Frieden, oder andere allgemein wichtige Angelegenheiten zu berathſchlagen; auch die Prozeſſe und Klagen einzelner Privatperſonen wer⸗ den hier entſchieden. Allen denen, welche der Ver⸗ ſammlung beywohnen, muß der Oberſcheik Kaffee, 3 — —(45)— in Aſche gebackenes Brod, Reis, zuweilen auch ei⸗ ne gebratene Ziege oder ein junges Kameel vorſetzen. Von ſeiner Freygebigkeit allein haͤngt ſeine Macht und ſein Anſehen ab; denn vor allen uͤbrigen ge⸗ ſellſchaftlichen Tugenden giebt der ausgehungerte Araber der Gaſtfreyheit bey weitem den Vorzug. Seine Heerden, bisweilen einige Saatfelder, zu⸗ faͤllige Pluͤnderungen und die unbetraͤchtlichen Ein⸗ kuͤnfte des Geleites muͤſſen ihm Mittel zu dieſem Aufwande darbieten. Die Lebensart der Oberſcheiks iſt eben ſo ein⸗ fach, wie jene der uͤbrigen Beduinen. Der auch uͤber 500 Pferde kommandirt, ſattelt, zaͤumt und fuͤttert dennoch das ſeine mit eigener Hand; im Zelte bereitet ſeine Frau den Kaffee, knetet den Teig und kocht das Fleiſch; das Leinenzeug wird von ſeinen Toͤchtern und Muhmen gewaſchen, die mit dem Kruge auf dem Kopfe und dem Schleyer vor dem Geſcchte, gleich den gemeinen Araberinnen zum Quell gehen, um dort Waſſer zu ſchoͤpfen. Noch einfacher und ärmlicher lebt der gemeine Beduine. Die ganze Habe einer Familie beſteht ungefaͤhr in Folgendem: einige Kameele, Ziegen und Hühner, ein Mutterpferd mit Sattel und Zeug, ein Zelt, eine 16 Fuß lange Lanze, ein krummer Saͤbel, eine verroſtete Flinte, ein kupferner Waf⸗ ſereimer, eine kleine Pfanne, um den Kaffee zu roͤ⸗ ſten, eine Matte, einige Kleidungsſtuͤcke, ein Maa⸗ tel von ſchwarzer Wolle, endlich einige glaͤſerne und ſilberne Ringe, welche die Frau um die Arme und Beine traͤgt. Das ſchaͤtzbarſte unter allen ſei⸗ nen Guͤtern iſt ihm das Mutterpferd, mit dieſem zieht er gegen die feindlichen Anfaͤlle zu Felde, oder pluͤndert auf den Feldern und Heerſtraſſen. Man zieht Mutterpferde den Hengſten vor, weil ſie nicht wiehern, weit gelehriger und ſanfter ſind, auch im Nothfalle den Hunger und Durſt des Reiters durch ihre Milch lindern koͤnnen. 3n So beſchraͤnkt, wie die Beduͤrfniſſe der Be⸗ duinen, ſind auch ihre Kenntniſſe und ihre Betrieb⸗ ſamkeit. Ihre Kuͤnſte beſchraͤnken ſich auf das We⸗ ben grober Zeuge, das Flechten von Natten, die Erzeugung des Butters; ihr Handel beſteht in dem Tauſche von Kameelen, Ziegen, Hengſten und Milch gegen Waffen, Kleider, Reis, Korn und Geld, welches ſie vergraben. Die Wiſſenſchaften kennen ſie nicht, von Geometrie, Aſtronomie und Arzneykunſt findet man bey ihnen keine Spur, man ſieht kein Buch, ſelbſt die Scheiks koͤnnen nur ſel⸗ ten leſen. Mährchen und Geſchichten im Geſchmack der Tauſend und eine Nacht ſind eine ihrer vorzuͤg⸗ lichſten Vergnügungen. Abends ſetzen ſie ſich beym Eingange des Zelies auf die Erde, oder, wenn es kalt iſt, in das Zelt um ein Feuer von Miſt, und bilden mit untergeſchlagenen Beinen und der Pfeife im Munde einen Kreis. Anfaͤnglich herrſcht allge⸗ meine Stille, die ganze Verſammlung ſcheint in Träumereyen verſunken; ploͤtzlich faͤngt einer aus ihnen an, die Abentheuer eines jungen Scheiks und einer jungen Beduine zu erzaͤhlen, die er vom — 64) Aufang bis zu Ende ſeinen Zuhoͤrern mittheilt. Er erzaͤhlt, wie Anfangs der Juͤngling nur ſelten und verſtohlnerweiſe Gelegenheit fand, ſeine Geliebte zu ſehen, wie er nach und nach ſterblich in ſie ver⸗ liebt wurde, er mahlt ihre Schoͤnheit Zug fuͤr Zug, ihre ſchwarzen Augen, groß und ſanft, wie die Augen einer Gazelle, ihre wie zwey Bogen von Ebenholz gewoͤlbten Augenbraunen, ihren Wuchs ſchlank und gerade, gleich einer Lanze, ihren me⸗ lancholiſchen und leidenſchaftlichen Blick; er ſchil⸗ dert ſie, wie ſie leicht, gleich einem jungen Fullen, einher tritt, wie ihre Augenlieder ſchoͤn mit Koſel geſchwaͤrzt, wie ihre Lippen blau und ihre Naͤgel goldfärbig mit Henne geſchmuͤckt ſind, wie ihr Bu⸗ ſen, zwey Granataͤpfeln gleich, ſich wogend hebt, wie ihre Worte ſuͤſſer als Honig vom Munde flieſ⸗ ſen. Er erzählt die Leiden des jungen Liebhabers, der ſich vom Sehnen und von heiſſer Liebe ſo ab⸗ zehrte, daß ſein Korper keinen Schatten mehr von ſich warf. Den Beſchluß macht er damit, daß er nach vielen Hinderniſſen die beyden Liebenden verei⸗ nigt. Die Beduinen haben auch Liebeslieder, in de⸗ nen weit mehr Natur und Gefuhl herrſcht, als in jenen der Tuͤrken und Stäͤdtebewohner. Im Ganzen genommen ſind die Beduinen ge⸗ ſetzt, ernſthaft und bedaͤchtlich. Haben ſie einmahl die mannbaren Jahre erreicht, und laͤßt die Laͤnge ihres Barts ſie nicht mehr fuͤr junge Leute anſehen, ſo werden ſie ſo ernſthaft, daß nichts mehr ſie zum Lachen bewegen kann. Sie halten es fuͤr ein Zei⸗ = C48)= chen eines ſchwachen und verſchrobenen Kopfes, uͤber jede Kleinigkeit zu lachen, und ſagen, das gefälli⸗ ge, muntere, laͤchelnde Weſen ſtehe bloß den Wei⸗ bern gut. Sie ſprechen wenig und nie ohne Noth, hoͤren aber einander ruhig an, ohne dem Redenden voreilig ins Wort zu fallen. Dem Plandern der Weiber, Kinder und Schwaͤtzer leihen ſie geduldig ihr Ohr, ohne ſie zu unterbrechen, oder ihnen zu antworten, wenn es auch vom Morgen bis zum Abend dauern ſollte; aber Leuten, die verſtaͤndig und richtig urtheilen, und in einem ſanften, ſich gleichbleibendem Tone reden, hoͤren ſie mit ſichtli⸗ chem Vergnuͤgen zu. Sie bekennen ſich zur mohamedaniſchen Reli⸗ gion, beobachten aber die Vorſchriften des Korans ſehr nachlaͤſſig. Reiſende, welche ſie in ihren Wu⸗ ſten antreffen, behandeln ſie als Feinde, pluͤndern ſie und nehmen ihnen alles ab, was ſie bey ſich haben. Hat man aber Salz und Brod mit ihnen gegeſſen, und dadurch Gaſtfreundſchaſt geſchloſſen, deren Rechte ihnen heilig ſind, ſo hat man nichts von ih⸗ nen zu beſorgen, und kann mit Sicherheit auf ih⸗ re Freundſchaft und ihren Beyſtand rechnen. Die Maͤnner kleiden ſich in einen Kaftan, uͤber den ſie einen Mantel werfen, und huͤllen den Kopf in einen Turban. An den weiten Beinkleidern, de⸗ ren Farbe allezeit roth iſt, ſind zugleich die Struͤm⸗ pfe befeſtigt und uͤber dieſe werden eine Art Pan⸗ toffel von gelbem Saffian angezogen. Die Klei⸗ düng der Weiher iſt ſehr einfach. Sie tragen um den * — ℳ— den Leib eine Art offenen Hemdes, das an den Huͤften durch einen Gürtel feſt gehalten wird, groſſe Schnuren von Korallen um den Hals einen Schleyer auf dem Kopfe, groſſe Ringe in den Ohren und um die Arme und kleine ſaffianene Stiefel. Die Kinder gehen meiſtens ganz nackt und haben nur den Kopf verhüllt. V. Baͤndch„ —(30)— XXVII. Der Berg Montſerrat und das Kloſter auf demſelben. Boo der allgemeinen Aufmerkſamkeit, welche Spa⸗ nien durch die Ereigniſſe der neneſten Zeit auf ſich zieht, iſt die mahleriſche und hiſtoriſche Reiſe in Spa⸗ nien von Alexander de Laborde und einer Ge⸗ ſellſchaft Gelehrter und Kuͤnſtler zu Madrid fuͤr die ganze literariſche Welt eine hoͤchſt intereſſante Erſchei⸗ nung. Allein ſowohl das Original, als die geſchmack⸗ voll gezierte deutſche Ueberſetzung, welche Fleiſcher der Jüngere in Leipzig in Geſtalt eines Taſchenbuches her⸗ auszugeben angefangen hat, ſind des hohen Preiſes wegen nur für Wenige ein Gegenſtand des Ankaufes, waͤhrend doch ſo Viele neuere und beſtimmtere Nach⸗ richten und Anſichten von einem Lande zu erhalten wunſchen, das in mancher Hinſicht beſonders im ge⸗ genwaͤrtigen Augenblicke naͤher gekannt zu werden ver⸗ dient. Wir werden uns hemuͤhen, das Anziehendſte aus dieſem Werke nach und nach zur Kenntniß unſe⸗ rer Leſer zu bringen. D. Montſerratin der ſpaniſchen Provinz Ca⸗ talonien, iſt einer der auſſerordentlichſten Berge, der einen hoͤchſt romantiſchen Anblick gewaͤhrt, aber 6 ——— 8 —(31)= ſeiner ſonderbaren Geſtalt wegen auch ſehr ſchwer zu beſchreiben iſt. Man ſtelle ſich eine Menge groſ⸗ ſer eylindriſcher und zuckerhutfoͤrmiger Spitzen vor, die verſchiedenen Arten von Pyramiden aͤhnlich auf einer Felſenſchichte ſtehen, welche ganz iſolirt bey⸗ nahe 3000 Fuß hoch uͤber die unter ihr befindliche Ebene hervorragt, ſo hat man ein Bild dieſer merk⸗ wuürdigen Naturerſcheinung. Seiner ſonderbaren Geſtalt wegen, hat dieſer Berg auch den Nahmen Montſerrat(durchſchnittener Berg) erhalten. Die Felſen, aus denen er beſteht, ſind runde Kalk⸗ ſteine von verſchiedenen Farben, weiſſer rothgeaͤder⸗ ter Quarz, Sandſteine, die durg. Kalkerde und et⸗ was Sand mit einander verbunden ſind, und eine Maſſe bilden, welche bey den Naturforſchern un⸗ ter dem Naßtmen Puddingſtein bekannt iſt. Der Kitt, der dieſe Steine verbindet, hat ſich an meh⸗ reren Orten aufgeloͤſt, und das Waſſer hat Klufte und Hoͤhlungen gebildet, von denen die groͤßte Santa Maria genannt, den Berg in zwey Haupttheile theilt; der füdliche von dieſen gehoͤrt zum Bisthum Barcelona, der noͤrdliche aber zum Bisthum Vico. Auf den zerſtreuten Ueberreſten von pegetabiliſcher Erde, welche das Waſſer nicht mit fortgeſchwemmt hat, und die eine auſſerordentliche Produktionskraft beſitzen, trifft man in den Zwi⸗ ſchenraͤumen der Felſen, Baͤume und Pflanzen von dem ſchönſten Gruͤn an, deren Vegetation bey dem gaͤnzlichen Mangel an Quellen etwas Aufferordent⸗ liches iſt Das Innere dieſes merkwuͤrdigen Berges D 2 —(52)— iſt eben ſo ſonderbar, als ſein Aeuſſeres, er iſt mit langen, groſſen, unterirdiſchen Gaͤngen nach allen Richtungen durchſchnitten und enthaͤlt ſehr ſchoͤne Grotten von Tropfſtein. Koͤmmt man von Martorel heraus, ſo er⸗ blickt man den Montſerrat, der in der Ferne das Anſehen hat, als ob ſich oben auf demſelben eine Menge unfoͤrmliche und zerſtoͤrte Gebaͤude befaͤn⸗ den: er laͤuft weit auf der Ebene hin, und haͤngt rechts und links mit unfruchtbaren Huͤgeln zuſam⸗ men. Die Spitzen ſeiner Gipfel bilden Riſſe, wel⸗ che nichts groſſes oder ſchoͤnes haben, ſeine Seiten beſtehen bloß aus nackten Felſen, welche nur ſtrei⸗ fenweiſe eine ſpaͤrliche Vegetation zeigen. Wenn man nach Colbato kommt, ſo zeigen ſich zwey We⸗ ge, auf denen man nach dem Kloſter hinaufgeht; der eine dient zum Fahrwege, der gut und trefflich unterhalten iſt, der andere iſt viel kuͤrzer, aber man kann ihn bloß zu Pferde machen, doch gewaͤhrt er weit mannichfaltigere und mahleriſchere Anſichten, als der erſtere. Er laͤuft um den Berg zwiſchen Felſen hinauf, die nach und nach ein freundlicheres Anſehen gewinnen denn der Montſerrat hat die Ei⸗ genheit, daß er deſto reicher und fruchtbarer wird, je weiter man hinauf koͤmmt. Wenn man ſo die Seiten des Berges hinan⸗ klimmt, ſo ſieht man zu ſeinen Füßfen die umlie⸗ genden Ebenen ſich ausbreiten; man erblickt da re⸗ gelmaͤſſige Anlagen von Oehlbaͤumen, die groſſe ge⸗ ſchobene Vierecke bilden, und die durch den grauen —(53)— Anſtrich ihrer Blätter mit dem Smaragdgruͤn der Fichten einen angenehmen Kontraſt machen, welche auf den Hügeln ihre ſchlanken Gipfel himmelan ſtre⸗ cken; dieſes Bild wird durch den Fluß Llobre⸗ gat belebt, der ſich in mannichfaltigen Kruͤmmun⸗ gen durch die ſchoͤne Ebene ſchlaͤngelt und in der Ferne ins Meer verliert, das, gleich einer blaͤuli⸗ chen Linie, den Horizont begraͤnzt. Je weiter man hinaufkoͤmmt, deſto angeneh⸗ mer wird man von den ſonderbaren Formen dieſer Felſenmaſſen und der Vegetation uͤberraſcht; am Rande des Weges bedecken wohlriechende Kraͤuter und Blumen den Boden, allenthalben woͤlben ſich über dem Kopfe des Wanderers angenehme Alleen, zwiſchen denen man hie und da tiefe Abgruͤnde und ſchroffe Felſenpyramiden ſieht. Iſt man ungefaͤhr die Haͤlfte des Berges hin⸗ aufgekommen, ſo wendet ſich der Weg, und indem man die Ebene aus dem Geſicchte verliert, befindet man ſich in der Richtung des Kloſters, welches man bald im Hintergrunde einer der groͤßten Vertiefun⸗ gen des Berges wahrnimmt. Man kann unmoͤglich weiter gehen, ſo ſehr iſt man uͤber das ſchöne Gemaͤl⸗ de erſtaunt, das ſich hier dem Auge darbietet. Das an die hohe Felſenmauer angelehnte Kloſter, ſeine einfache Bauart, ſein gothiſcher Glockenthurm, der ſteile Weg, der uͤber Abgruͤnde ſich ſchlaͤngelnd da⸗ hin fuͤhrt, der enge Cirkus des Berges, der ſteil uͤber das Gebaͤude empor ſteigt, und kaum die Maſſen trogen zu koͤnnen ſcheint, welche dasſelbe zu zertruͤm⸗ —(54)— mern drohen, die reichen gruͤnen Streifen, die ſich allenthalben zeigen, die groſſen und mannichfaltigen Kegelgeſtalten, welche es bekraͤnzen, und die in ei⸗ ner erſtaunlichen Hoͤhe auf ihren laͤnglichen Roͤhren die zexbrechlichen Gebaͤude mehrerer Einſiedeleyen tragen, das Magiſche der Farbenmiſchung in dem Ganzen, der Glockenklang, der ſich mit den Toͤnen der muſtkaliſchen Inſtrumente und der jugendlichen Stimmen vermengt, welche ſich im Singen von Hymnen uͤben, alle dieſe Gegenſtaͤnde uͤberraſchen zugleich, und erregen in dem Gemuͤthe des Wande⸗ rers Erſtaunen, Ehrfurcht und Bewunderung. Der Montſerrat iſt gewoͤhnlich von Wolken umringt, die ſeine Spitze einhuͤllen, oder ſich auf ſeine Grundlagen herab ſenken. Auf dieſe Art ein⸗ zeln mitten auf einer Ebene hingeſtellt, ſcheint er ein natuͤrlicher Tempel der Gottheit zu ſeyn; auch wird er bloß von Benediktinermoͤnchen und Einſied⸗ lern bewohnt, die das Geluͤbde thun, ihn nie zu verlaſſen; hier ſtehen die religioͤſen Ideen in einent herrlichen Einklange mit der Groͤſſe der Natur. Faſt in der Mitte des Berges ſieht an Felſen das Kloſter, und auf den Pyramiden, die es umgeben, die Ein⸗ ſiedeleyen, die dazu gehoͤren. Ein wunderbares Marienbild, das man in den Hoͤhlen des Berges gefunden haben ſoll, giebt dem be ſondern Kultus, welchen man dem, elhen er⸗ weiſt, einen geheimnißvollen Urſprung; dieſer um⸗ ſtand, den die kataloniſchen Schriftſteller erwaͤhnen, gruͤndet ſich hauptſaͤchlich auf eine Inſchrift vom —(55)— Jahre 1239, die ſich in dem Kloſter unterhalb ei⸗ nes groſſen Gemaͤldes aus dem naͤmlichen Zeitrau⸗ me erhalten hat; nach derſelben iſt das Bild im Jahr 880 unter der Regierung Peter des Behaar⸗ ten, Graſen von Barcelona gefunden worden. Anfaͤnglich war das Kloſter des Monrſerrat eine zum Kloſter Ripoll gehoͤrige Priorey. In die⸗ ſem Zuſtande ſcheint es bis zum Jahr 1410 geblie⸗ ben zu ſeyn, wo es durch Benedikt XIII. zu ei⸗ ner unabhaͤngigen Abtey erhoben wurde; im Jahr 1430 beſtaͤttigte Martin V. dieſe Erhebung. Da⸗ mals war das Kloſter fuͤr zwoͤlf Moͤnche, eben ſo viele Einſiedler, Kapellane und Layenbruͤder be⸗ ſtimmt. Endlich vereinigte es Pabſt Alexander VI. mit der Kongregation des heiligen Benedikt zu Val⸗ ladolid, von welcher es ſeither beſtaͤndig einen Theil ausgemacht hat. G Das Kloſter iſt ein groſſes Gebaͤude, welches auf einer ſehr ſchmalen Erhoͤhung ſteht, und ſich an den Berg anlehnt; es ifl von mehreren dazu gehoͤ⸗ rigen Hauptgebaͤuden umgeben. Das Ganze bildet eine ſo groſſe uag als der Ort faſſen kann. Die Kloſtergebaͤnde ſind von keiner ſehr ausge⸗ zeichneten Bauart, ihr Ganzes aber iſt majeſtaͤtiſch, und ſteht mit der Gegend in vollkommener Harmo⸗ nie. Sie beſtehen in der Wohnung der Moͤnche, die eine herrliche Ausſicht gegen Oſten und Suͤden hat, in dem Krankenhauſe, in dem Hoſpitium fuͤr Fremde, und in jenem fuͤr Pilgrime oder Arme; dieſe drey Anſtalten werden elle gleich ſorgfaͤltig —(360— unterbalten. Die Fremden empfaͤngt man im In⸗ nern des Kloſters mit ausgezeichneter Hoͤflichkeit. Die Armen ſind in zwey verſchiedene Saͤle vertheilt, wovon der eine fuͤr Maͤnner, der zweyte fuͤr Wei⸗ ber beſtimmt iſt. Um ſieben Uhr Morgens läutet man mit einer Glocke von der Kirchthuͤre bis zu dem Eingangsthore, um die Ungluͤcklichen an dem Orte zu verſammeln, wo man jedem eine Ration Brod austheilt; um halb eilf Uhr ruft man ſie auf die näͤmliche Art zuſammen und giebt ihnen wieder eine ſolche Ration Brod, eine Schüſſel Suppe, und ein Maaß Wein; drey viertel auf fünf Uhr Nachmittags veranſtaltet man wieder eine ſolche Austheilung und laͤßt ſie dann die Nacht in den Saͤlen des Hoſpitiums zubringen. So werden ſie drey Tage hindurch bekoͤſtigt, und dieß geſchieht, ſo oft ſte in das Kloſter kommen. Auch ſieht man oft fromme Perſonen, die ſich ein ſolches Almoſen⸗ Prod holen, das ſie zu Hauſe als eine Reliquie be⸗ wahren. Die Kranken und die ſchwachen Pilgrime werden noch beſſer gepflegt. Die Kloſteraͤrzte beſu⸗ chen ſie taͤglich zweymahl; haben ſie Weiber und Kinder bey ſich, ſo wird für dieſe ſo lange geſorgt, bis ſie wieder hergeſtellt ſind, dann reicht man ih⸗ nen gute Kleider und entlaͤßt ſie. Das Kloſter wuͤr⸗ de fuͤr ſich den hiezu erforderlichen groſſen Aufwand nicht beſtreiten koͤnnen, wenn es nicht von allen Seiten anſehnliche Geſchenke erhielte, welche beyna⸗ he drey Viertheile ſeines Einkommens ausmachen —(570— Wenn man über den Hof weg iſt, könmt man zu dem Hauptthore des Kloſters, vor dem ſich die Statuen des heiligen Benedikts und ſeiner Schweſter Scholaſtica befinden. Von hier koͤmmt man in den alten Kreuzgang, der mit der Kirche in Verbindung ſteht. Wenn man in dieſen Gang tritt, ſo ſtoͤßt man auf zwey merkwürdige Innſchriften. Die erſte iſt zum Andenken des Stifters der barm⸗ herzigen Bruͤder, des heiligen Peter Nolasca, der den Montſerrat beſuchte, die andere betrifft den hei⸗ ligen Ignaz von Loyola, der in einer der Einſiede⸗ leyen ſein allgemeines Bekenntniß ablegte, ſeinen Degen der Jungfrau Maria widmete, und zwey Jahre in den Grotten von Manreſa zubrachte, um ſeine geiſtlichen Uebungen aufzuſetzen. Der alte Kreuzgang bildet ein gothiſches Periſtylium, um welches herum die ex voto Gemaͤlde aufgehangen ſind, welche Ereigniſſe darſtellen, wo die Vermitte⸗ lung der heil. Jungfrau heilſam geweſen iſt. Man bewahrt da kleine Fahrzeuge, Krokodilhaͤute, eiſer⸗ ne Ketten auf, welche die Pilgrime mitgebracht ha⸗ ben, die den Berg beſuchen. Auch ſteht man die in der Seeſchlacht bey Lepanto von den Turken erober⸗ ten Wimpel, und die Laterne von dem Schiffe Al Paſchahs, welche Johann von Oeſterreich hieher ge⸗ ſchenkt hat. Die Kirche des Montſerrat wurde im Jahr 1599 vollendet. Sie beſteht blos aus einem einzi⸗ gen Schiffe, iſt groß und auf allen Seiten mit ver⸗ goldeten Arabesken geziert, wird aber nur ſchwach — 5*— K 35) erkeuchtet, beſonders in dem Theile des Chors, der von dem andern durch ein Gitter getrennt wird. Um dieſes und an beyden Seiten des Chors haͤn⸗ gen 74 ſilberne Lampen, die immerfort zu Ehren des Marienbildes brennen, welches auf dem Haupt⸗ altare ſteht. Dieſes Bild iſt von ſchwarzem Holz, ſeine Zuͤge gleichen den Gemaͤlden, die man auf den Manuſcripten aus den ſpaͤtern Zeiten des grie⸗ chiſchen Reiches ſieht. Die Kirche iſt ſehr reich, der Chor und das Allerheiligſte ſind mit den koſt⸗ barſten Stoffen bedeckt. Auf dem Allerheiligſten vereinigt ſich das Licht aller am Chor befindlichen Lampen, und bringt eine Wirkung gleich der eines Rembrandtiſchen Gemaͤldes hervor. Der Schatz der Kirche iſt ungemein reich. Hier prangen Leuchter, Kreuze, Nauchfaͤſſer, Re⸗ liquienkaͤſten, Kelche von Gold mit Edelgeſteinen beſetzt; aber nichts kömmt an Koſtbarkeit den Kro⸗ nen und uͤbrigen Verzierungen des Marienbildes gleich. Mitten unter dieſen Prachtſtücken bemerkt der Kunſtliebhaber eine vorzuͤgliche antike Kamee, weiche einen Meduſenkopf vorſtellt. Die Bewohner des Berges ſind in vier Klaſ⸗ ſen abgetheilt, und beſtehen aus Moͤnchen, Ein⸗ ſtedlern, Chorknaben und Layenbrüdern, welche ihr Gebet nach der Reihe verrichten; die geiſtlichen Uebungen dauern daher ununterbrochen fort. Un⸗ ter den Chorknaben, deren Anzahl ſich auf achtzig be⸗ laͤuft, ſieht man Kinder aus den erſten Familien Spaniens. —(59— Die Zahl der Einſiedler iſt zwoͤlfe, die unter dem Abt und unter der Leitung eines Paters aus dem Kloſter ſtehen, der die erſte Einſtedeley, naͤm⸗ lich die des heiligen Benedikt bewohnt⸗ Sie thun Profeß, wie die Noͤnche, ſind aber keine ordinir⸗ ten Prieſter, auſſerdem thun ſie noch das Gelübde, den Berg nie zu verlaſſen; in das Kloſter kommen ſie nur an gewiſſen Tagen des Jahres, bey grofſen Feyerlichkeiten, oder bey Krankheiten herab. Die Regel, der ſte folgen, iſt ſehr ſtreng, ſie eſſen das ganze Jahr kein Fleiſch, und halten haͤufige Faſt⸗ tage. Ihre Nahrung beſteht in etwas Fiſchen, Brod und Wein, welche ihnen das Kloſter reicht und in Gemüſe, welches ſie ſelbſt bauen. Ihre Haͤuſer ſind blos ein Stockwerk hoch, und von verſihiedener Baugxt, die ſich nach der Lage des Orts richtet; ſie enthalten eine kleine Kapelle, eine Küche, eine Ciſterne, wo ſie Waſſer auſbewahren, ein Orato⸗ rium, eine Kammer, worinn der Strohſack liegt, auf dem ſie ſchlafen und nicht weit davon einen kleinen Garten, bisweilen auch eine kleine offne Gallerie, in die ſie ihre Blumentopfe ſetzen. Faſt ihre ganze Zeit bringen ſie mit frommen Uebungen hin; ihr einziger Zeitvertreib beſteht im Garten⸗ bau, und in der Verfertigung von kleinen Kreu⸗ zen, die ſie den Reiſenden ſchenken, welche ſie be⸗ ſuchen. Ihre Geſellſchaft beſteht in Voͤgeln, die ſo vertraut mit ihnen lehen, daß ſſe auf ein Zeichen von allen Seiten herbeygeflogen kommen, und ih⸗ nen die Nahrung aus der Hand hohlen. Ihr ru⸗ *—(60)— higer Charakter, ihre Naͤſſigkeit und ihre einfache Lebensart ſind die Urſachen, daß die meiſten aus ihnen ein ſehr hohes Alter erreichen. Die Einſiedeley des heiligen Hieronymus, welche unter allen am hoͤchſten liegt, bewohnt je⸗ derzeit ein junger Menſch, der in eine niedrigere herabſteigt, ſobald einer von ſeinen Mitbrüdern ſtirbt; je aͤlter ſie werden, deſto naͤher kommen ſie dem Kloſter, ſte muͤßten denn lieber in den Einſiede⸗ leyen bleiben wollen, die ſie bisher bewohnt haben. Die Strenge der Lebensart vergröſſert ſich, je naͤ⸗ her ſte dem Kloſter kommen, dem ungeachtet aber iſt die Menge derjenigen, welche Anſpruͤche auf die⸗ ſe ſtrengern Stellen machen, ſo groß, daß ſich der Abt oft in Verlegenheit beſtndet, wem er ſie geben ſoll. Der Ernannte nimmt dann von ſeiner neuen Wohnung Beſitz, putzt die Kapelle aus, bringt die Buͤcher in Ordnung und zieht die Sanduhr auf; iſt er mit dieſen Arbeiten und mit den langen Gebeten zu Ende, womit er jene unterbricht, ſo beſucht er den Garten, liest in der Gallerie die Spruͤche, die an der Seite des Weihwaſſers und des Todtenko⸗ pfes ſtehen, begießt die Levkojentoͤpfe, vollendet die kle inen Kreuze, vor deren Verfertigung ſeinen Vor⸗ gaͤnger der Tod uͤberraſchte, und ſetzt ſo deſſen ein⸗ fache Lebensart fort. Soſ leben dieſe Einſiedler, entfernt von der übrigen Welt, unbekuͤmmert um ihr Treiben, ein ſtilles, zufriedenes Leben auf ihren Felſenſpitzen. —,.— ———VVHO—HO—ꝛ—:BꝛB:nn—— —,— —— — XXVIII. Schilderung von Braſilien. Von J. v. Benigni. Vor allen Beſitzungen der Europaͤer in Amerika iſt uns in den neueſten Zeiten Braſilien beſonders! merk⸗ wuͤrdig geworden. Um ſeinen alten Verbindungen treu zu bleiben, verließ der portugieſtſche Hof ſein angeerb⸗ tes Reich in Europa, und zog nach Braſilten, der er⸗ ſte Europaͤiſche Regentenſtamm in der neuen Welt. Die wichtigen Folgen dieſes Schrittes fuͤr das ganze Staa⸗ tenſyſtem, und insbeſondere fuͤr das reiche, präͤchtige Land, das aus dem Zuſtande einer gedrückten Kolonie ploglich in den eines unabhaͤngigen, ſeldſtſtändigen Rei⸗ ches übergegangen iſt, ſind in die Angen fallend. Vor allen enropatſchen Kolonien in Amerika verdient daher Braſtlien eine genauere Schilderung, die ich hier den Leſern dieſes Weekes vorlege. Die Quellen, aus de⸗ nen ich ſchoͤpfte, ſind vorzuͤglich Zimmermanns Taſchenbuch der Reiſen, Jahrgang 1808; Braſilien eine neu aufbluͤhende Monarchie in Suͤdamerika von O. Crome; Lindley's Reiſe nach Braſilien und —(6520— John Barrow's Neiſe nach Cochinchina uͤber Ma⸗ deira, Teneriffa, das gruͤne Vorgebirge, Braſilien und Java, nebſt den Zuſaͤtzen des franzoͤſiſchen Ueber⸗ ſetzers dieſer Reiſe Malte Brun. Bergk's Reiſe nach Braſilien, zwar das neueſte Werk uͤber dieſes Land, diente wegen ſeiner Mangelhaftigkeit zu gar kei⸗ ner Hilfe⸗ 3 Erſter Ab ſchnitt. Kurze Geſchichte des Landes.— Lage.— Graͤnzen.— Groͤſſe.— Klima.— Gebirge.— Fluͤſſe.— A En Sturm zwang den Oftindienfahrer Pedro Al⸗ parez Cabral im April 15c0, da er die Wind⸗ ſtillen vermeiden wollte, die oft unweit⸗Afrika die groſſe Reiſe verzoͤgern, an einer in Weſten ſich zei⸗ genden Kuſte einzulaufen, und Braſtlien war ent⸗ deckt. Er fand unter dem 15ten Breitengrade den Hafen Porto Seguro. Noch jetzt ſind die dortigen Portugieſen ſtolz darauf, den Fleck der erſten Ent⸗ deckung des groſſen Landes zu bewohnen. Sie be⸗ wahren daher mit groſſer Ehrfurcht das Kreuz, welches Cabral zum Zeichen der Beſitznahme des Landes für Portugal errichtete. Cabral nanute das neuentdeckte Land Santa Cruz. Koͤnig Emanuel von Portugal ſoll dieſen —(.63)— Nahmen in den heutigen verwandelt haben von der brennenden Farbe des dort vewonnenen Braſilien⸗ holzes. Nicht voͤllig unter ſo recklichen Scenen, als Peru, wurde Braſilien von den Europaͤern einge⸗ nommen. Faſt ohne Widerſtand bemaͤchtigke ſich Cabral des entdeckten Landes, und da man dort nicht ſo bald edle Metalle vorfand, ſondern anfaͤng⸗ lich nur das Faͤrbeholz benuͤtzte, ſo war auch der Drang der europaͤiſchen Abentheurer zu dieſer neuen Erde nicht ſo ſtuͤrmiſch, und daher den Enigehohie nen nicht ſo furchtbar ten 246 Braſtlien wurde nun der Verbannungsort 3 ler Verurtheilten, denen man das Leben ſchenkte, beſonders verwies die damahls kaum in Portugal eingefuͤhrte Inquifition ſehr viele Juden dahin. Aber dieſe neuen Koloniſten, welche ſich immer wei⸗ ter ausbreiteten, fanden bald den heftigſten Wider⸗ ſtand von Seite der Eingebohrnen, die ſich aus ihren angeſtammten Wohnſitzen nichn ſo keicht ver⸗ draͤngen laſſen wollten. Vom Jahre 1525 an, überließ der Hof zu Liſſabon einzelnen reichen Edelleuten groſſe Diſtrik⸗ te von zehn bis 20 Meilen Breite an der Küſte, und ſo tief ins Land hinein, als ſie nur immer verlang⸗ ten, zu erblichen Lehen und behielt ſich bloß den Zehnten von den vorzuͤglichſten Produkten, das Muͤnzrecht und die Verfuͤgung der Todesſtrafen be⸗ vor. Allein die Lehensleute und ihre Adminiſtrato⸗ ren huͤteten ſich wohl, viel Geld und Nuͤhe auf die —(64)— Benuͤtzung dieſer neuen Acquiſitionen zu verwenden. ſie hofften vielmehr alles von der Uneinigkeit und Traͤgheit der Ureinwohner Braſiliens, und hatten den Plan, dieſe allmaͤhlig zu unterjochen und als Sklaven für ſich arbeiten zu laſſen. In der Mitte des ſechzehnten Jahrhunderts fieng der Liſſaboner Hof endlich an, das Syſtem, durch einzelne Avanturiers Braſilien zu unterjo⸗ chen, als unanwendbar aufzugeben. Ein General⸗ Gouverneur, der berühmte Thomas de Sou⸗ za wurde mit hinlänglicher Mannſchaft abgeſandt, welcher die neuen Beſitzungen an Braſiliens Kuſten organiſirte, die Stadt St. Salvator erbaute, und ſie zum Mittelpunkte der neuen Kolonieen erhob. Mit ihm kam eine Anzahl kluger und unternehmen⸗ der Jeſuiten nach Braſilien, die ſich ſofort als Miſ⸗ ſionaͤre unter die Einwohner verdreiteten, und durch ihre Sprache des Friedens, der Sanftmuth und der Liebe unendlich mehr zur Unterwerfung und Cioiliſation der wilden Urbewohner des Landes bey⸗ trugen, als alle übrigen Mittel, welche Portugal ſeit der Enrdeckung des Landes angewendet hat, um ſich dasſelbe zu unterwerfen. Sie drangen mit ihren Miſſionen mehrere hundert Meilen tief ins Binnenland hinein und waren einzeln unter den entfernteſten Voͤlkerſchaften Braſtliens ſo ſicher, wie in dem Schooß ihrer Familie, weil ſie als wohlthätige Weſen von den Indianern verehrt wurden. — Als (65)— Als Portugal 1580 unter ſpaniſche Oberherr⸗ ſchaft gerathen war, wurde es auch in den Krieg dieſer Macht mit den Hollaͤndern verwickelt. Dieſe un⸗ ternehmenden Republikaner griffen auch Braſilien an, und der groͤßte Theil dieſes reichen Landes gerieth von 1624 bis 1037 in ihre Bothmaͤſſigkeit. Die druͤ⸗ ckende Behandlung, welche die Portugieſen von ih⸗ nen erleiden mußten und der Religionshaß, welchen die katholiſche Geiſtlichkeit gegen die reformirten Uſurpatoren des Landes hegte, machte, daß ſie die⸗ ſe neue Beſitzung wieder verlohren, und der Frie⸗ den von 1661 gab dieſe Kolonie gegen Erſtattung von acht Millionen Livres, welche die Hollaͤnder auf dieſelbe verwendet hatten, aa ihre Beſitzer wie⸗ der zuruͤck. Seitdem iſt Portugal im ungeſtoͤhrten Beſitze Braſtliens geblieben. Von faſt dreyeckiger Form, wobey die Grund⸗ linie gegen den Maranon liegend gedacht wird, er⸗ ſtreckt ſich Braſilien vom Zten Grade noͤrdlicher Breite an, bis zum 32ſten Grade ſüdlicher Breite, alſo 35 Grade von Norden gegen Suden hin, wel⸗ ches eine Laͤnge von 325 deutſchen Meilen giebt. Die Entfernung von der öͤſtlichen Kuͤſte, dem Vor⸗ gebirge St. Roque unter 18° 27 15“ weſtlicher Läͤnge von Ferro bis zum Chawarifluß, der aͤuſſer⸗ ſten Graͤnze gegen Weſten, 50⁰° weſtlicher Laͤnge von Ferro betragt 31° 32“ oder etwas uber 400 deutſche Meilen fuͤr die Breite. Die Grenzen dieſes Landes ſind ſehr ausgedehnt und zum Theile noch ganz unbeſtimmt. Gegen V. Baͤndch. E —(6)= Oſten macht ſie der atlantiſche Ozean, welchen die mehr als 300 Meilen lange Kuſte vom Ausfluß des Amazonenfluſſes an, bis zur Muͤndung des St. Pe⸗ terflußes beſpuͤhlt. Gegen Suͤden ſtoͤßt Braſtilien an das ſpaniſche Vicekoͤnigreich Nio de la Plata, auch nach ſeiner Hauptſtadt Buenos Ayres genannt und zwar an die Diſtrikte Buenos Ayres, Para⸗ quay und Chaco. Am unbeſtimmteſten iſt die Gren⸗ ze gegen Weſten. Ein Theil der eben genannten ſpaniſchen Provinzen, ſodann die Vizekoͤnigreiche Peru und Neu⸗Granada werden theils durch die Flußgrenzen, welche die Stroͤme Parana, Madera und Maranon machen, theils durch einige Zweige der Cordillerasgebirge, theils durch unbeſtimmte Landgrenzen von Braſtlien geſchieden. Gegen Nor⸗ den wird dieſes Land von der, zum Unterkoͤnigreich Neugranada gehoͤrigen ſpaniſchen Provinz Neuanda⸗ luſten, und von dem hollaͤndiſchen und Heanzöſilchen Guyana eingeſchloſſen. Nimmt man alles zuſammen, was gegenwaͤr⸗ tig von Peru und Paraquay, von Guyana, nebſt den Laͤndern am Amazonenfluß zu Braſtlien gehoͤrt, ſo betraͤgt die Oberfaͤche dieſes ungeheuren Landes ungefaͤhr 120,000 geographiſche Quadratmeilen. Freylich iſt dieß nur eine ungefaͤhre, nach den be⸗ ſten Karten, die wir bisher beſitzen, abgefaßte Schaͤtzung. Einleuchtend iſt es, daß bey einer ſo gewalti⸗ gen Ausdehnung, Klima und Boden in den verſchie⸗ denen Gegenden des Landes aͤuſſerſt mannichfaltig =(67)— ſeyn muͤſſe.— Die Hitze iſt indeſſen in Braſilien bey weitem nicht ſo heftig, als man es nach ſei⸗ ner Lage in der heiſſen Zone erwarten ſollte. An der Kuͤſte bringen die oͤfteren Seewinde, im Innern des Landes die vielen Gebirge und Gewaͤſſer, dieſe Kühlung hervor. Barrow fand die groͤßte Hitze an der braſilianiſchen Kuͤſte 84 Grade nach Fahrenheit. Braſtlien hat, wie alle Tropenlaͤnder, nur zwey Jahreszeiten, eine naſſe und eine trockene; die erſtere iſt hier betraͤchtlich heiſſer, als die letztere. Je weiter man ſich gegen Suͤden hinauf begiebt, deſto gelinder und angenehmer wird das Klima. Die Abende und Näͤchte ſind dort Landes in der trocke⸗ nen Jahrszeit angenehm und heiter, nur wird der Genuß derſelben durch die Plage, die man von den Inſekten, beſonders den Mosquitos(Stechmücken) ausſtehen muß, ſehr verbittert. Waͤhrend ihrer eilf bis zwoͤlfſtuͤndigen Dauer verſchwindet die Hitze des Tages ſo ſehr, daß die wilden Voͤllerſchaften, wel⸗ che das Land bewohnen, ſogar des Nachts Feuer anzuzuͤnden pflegen, um ſich zu waͤrmen. Die Cordilleras, Seitenzweige des Gebir⸗ ges der Andes, welche Braſtlien durchkreuzen, ſchei⸗ nen unter dem 12ten bis 18ten Grad ſuͤdlicher Brei⸗ te und dem 4oſten weſtlicher Laͤnge, in der Pro⸗ vinz Malto Groſſo und in der umli genden Gegend um hoͤchſten zu ſeyn. Dieß beweiſt die betraͤchtli⸗ che Menge groͤſſerer und kleinerer Flüſſe, welche ſaͤmmtlich in dieſer Gegend entſpringen, und theils noͤrdlich nach dem Amazonenfluſſe hinſtroͤmen, zheils E 2 —(68)— ſuͤdlich dem Ozean zueilen. Die Flußgebiete, wel⸗ che durch dieſe Gewaͤſſer gebildet werden, ſchlieſſen dann groͤſſere und kleinere fruchtbare Ebenen ein, welche wieder von kleineren Gebirgen durchſchnitten werden. Der groͤßte Strom, nicht nur in Braſtlien, ſondern auch in der ganzen bekannten Welt, iſt der ungeheure Am azonenfluß(Maranon). Von den Andes aus Peru herabſtroͤmend, vereinigt er ſich mit mehreren der groͤßten Stroͤme zu jener un⸗ geheuren Waſſermaſſe, die ihre erſten Entdecker zweifeln machte, ob ſie ſich nicht vielmehr auf ei⸗ nem Meere ſuſſen Waſſers, als im Bette eines ge⸗ waltigen Stroms befaͤnden. Er durchfließt den ganzen noͤrdlichen Theil Braſiliens der Breite nach, und ſtuͤrzt ſich durch zwey, mehr als achtzehn Mei⸗ len breite Muͤndungen ins Meer. Weit uͤber 500 Meilen erſtreckt ſich ſein Lauf, und ſeine Breite mit den durch ihn gebildeten Inſeln, betraͤgt an man⸗ chen Orten uͤber zwanzig deutſche Meilen. Die bedeutendſten Stroͤme, welche Braſilien von Suͤden her dem Maranon zuſchickt, ſind der Chiuwari und Madera. In den letztern er⸗ gießt ſich der Pir au oder Beni, mit mehreren an⸗ dern aus dem Innern von Peru herbeykommenden Fluͤſſen. Denſelben Lauf nehmen aus der Mitte von Braſilien der Topayaſo, der Tingu und der Tocantin, betraͤchtliche Stroͤme, gleich den groͤßten europaͤiſchen. Am bedeutendſten iſt der letztere, der aus dem Innern des Landes, uͤber —(69)— 200 Meilen eine groſſe Waſſermaſſe dem Grau Para zufuͤhrt, der mit dem Amazonenfluß, deſſen rechter Arm er zu ſeyn ſcheint, die groſſe Inſel Morajo oder de Jouanes bildet. Roͤrdlich ergieſſen ſich in den Maranon viele kleinere, wenn gleich ebenfalls nicht unbetraͤchtliche Fluͤſſe, die aus den Grenzgebirgen Guyana's ent⸗ ſpringen. Die anſehnlichſten darunter ſind der Negro, der Parime, der Yupura und der Coquelaz; die erſten beyden ſetzen Braſilien mit Neugranada bis zum Oronoko hin, die letzteren mit der Provinz Quito in Verbindung. Unter den groſſen Fluͤſſen, die in Braſtilien entſpringen und dem Rio de la Plata zuſtroͤmen, ſind der Paraguay und Uruguay die wichtig⸗ ſten, ſo wie von den Kuͤſtenfluͤſſen, welche ſich in den Ozean ergieſſen, der St. Petersfluß an der fͤdlichſten Grenze des Landes, der St. Franzis⸗ eifluß, der Rio Grande, der Guamara und der Paranaybo die bedeutendſten ſind. Die Kuͤſten haben viele Buchten, welche treff⸗ liche Landungsplaͤtze und Haͤfen bilden; ſie ſind auch uͤberdieß durch ein Korallenriff gedeckt, wel⸗ ches einen hie und da unterbrochenen Wall, von feſten, ſchroffen Felſen, mehr als 15 Toiſen breit bildet, flach unter dem Meere theilweiſe faſt laͤngſt der ganzen Kuͤſte hinablaͤuft und die uͤbermuͤthigen Wellen bricht. — 7)— Zweyter Ib'sritcrs 8 Produkte.— Das zhietreich. das Ikrienas. — Das Mineralkeich. 1 D. treffliche Lage Braſiliens, laͤßt mit Recht ei⸗ nent ungemein groſſen Reichthum an den mannich⸗ faltigſten Naturerzeugniſſen erwarten; das Ausge⸗ zeichnetſte darunter kurz angefuͤhrt, wird die Leſer dieſes Aufſatzes uͤberzeugen daß eine zweckmaͤſſige Regierung, und die Beſeitigung der Hinderniſſe, welche der Kultur des Landes entgegen ſtehen, dieſe Provinz hald zu einem der Iſgen Reiche der Erde erheben koͤnnte. Wir wenden uns zuerſ zu den Lzierem, mit welchen die Natur die unermeßlichen Waäͤlder, die lachenden Fluren, die ungeheuren Gewaͤſſer Braſi⸗ liens anfüllte. Eine ungemein reiche Ausbeute duͤrf⸗ te hier der Zoologe erwarten, und auch dieſe er⸗ halten wir viellsicht zuerſt von einem Deutſchen, 5 * *) Herr Sieb⸗ er, dem der wuͤrdige Graf bou Hof. mannsegg von der portugieſtſchen Regierung die Erlaubnitz zur Unterſuchung der Raturſchäͤze Bra⸗ fliens auswirkte. —(71)— ſo wie uns der groſſe Deutſche, Humboldt, zu⸗ erſt mit den unbekannten Reichthümern des ſpani⸗ ſchen Amerika bekannter machte. Die Inſekten ſind ungemein zahlreich, ſelbſt den Menſchen zwingen ihre ungeheuren Schaaren oͤf⸗ ters, ſeine Wohnungen zu verlaſſen. Lindley be⸗ wunderte den Farbenreichthum und die Mannichfal⸗ tigkeit der braſilianiſchen Schmetterlinge; aber noch mehr fiel ihm folgendes Phaͤnomen auf. Ein un⸗ zaͤhlbares Heer weiſſer und gelber Schmetterlinge zog mehrere Tage des Maͤrzmonaths hindurch, alſo zu Anfang des Winters, den Himmel faſt bedeckend von Nordoſt nach Südoſt ſo unaufhaltſam fort, daß ſogar das Fort, welches er bewohnte, ihrer Wan⸗ derung keine Grenzen ſetzte; ſie mußten daher hoͤchſt wahrſcheinlich alle im Meere umkommen. Auch von Ameiſen traf er eben ſo ungeheure Schwaͤrme an. Er fand, wie bey den afrikani⸗ ſchen und europaͤiſchen, als er ihre groſſen Reſter oöͤffnete, mehrere Geſchlechter unter ihnen und Tau⸗ ſende der Unbefluͤgelten trugen die Puppen mit groͤß⸗ ter Lebhaftigkeit fort, waͤhrend die Fluͤgeltraͤger in die Luft ſtiegen. Die Cochenille koͤmmt hier, wie Barrow be⸗ zeugt, gut fort, wenn ſie gleich keinen ſo wichtigen Handelszweig, als in andern Gegenden der neuen Welt ausmacht. Die Amphibien ſind eben ſo mannichfaltig, als zum Theile fuͤrchterlich. Die Rieſenſchlange, wei⸗ det ſich auch hier von groſſen Wildpret, das ſo un⸗ =(72)— gluͤcklich iſt, ihr zu nahe zu kommen; auch geben einige Schriftſteller n zwey Arten ungeheurer Waſſerſchlangen an. Klapperſchlangen tragen hier ein weit ſchrecklicheres Gift, als in Carolina. Oft ſind die dortigen Schlangen nur um deſto ge⸗ faͤhrlicher, jemehr ſte das Auge durch ihre ſchoͤnge⸗ faͤrbte Haut auf ſich ziehen, wie die Ibiboka, wel⸗ che auf das praͤchtigſte mit rothen, weiſſen und ſchwarzen Streifen geziert iſt. Der Ornithologe findet in dieſem Lande eine uͤberaus reiche Erndte. Der Rieſe unter den Voͤ⸗ geln, der Strauß lebt in Braftlien neben dem klein⸗ ſten ihrer Geſchlechter, den Kolibri's. Beynahe alle jene Vogel, welche durch die mannichfaltige Abwechſelung und die Schoͤnheit ihres Gefieders das Auge entzücken, ſind dort einheimiſch. Faſt alle die groſſen, langgeſchwaͤnzten, trefflich gefaͤrb⸗ ten Lorys, wegen ihrer Groͤſſe oftmahls indianiſche Raben genannt, findet man unter ihnen beſonders den Arat und den Canide des Lery, deren vorzuͤg⸗ lich ſchoͤne Schwanzfedern den Oberhaͤuptern der wilden Bewohner Brafiliens zum Hauptſchmucke dienten. Auch die ſchoͤn gehaupten Cacadoes leben hier, und uͤberhaupt iſt das zahlreiche Geſchlecht der Papageyen, von dem wir bis jetzt nahe an 300 Arten kennen, faſt zur Haͤlfte in Braſtlien und dem benachbarten Guyana einheimiſch. Vorzugsweiſe eigen iſt dieſem Lande das eben⸗ falls ſchoͤn gefaͤrbte Geſchlecht der Toucane(Ram- phastos), mit ſeinem dem Koͤrper des Thieres an 1 —(738— Groͤſſe gleich kommenden Schnabel. Man faͤngt dieſe geſellig lebenden Voͤgel ein, und ſie laſſen ſich leicht zaͤhmen, ſo daß ſie ſogar ihre Jungen, gleich den Huͤhnern, fuͤhren. Auch der Anhinga, ein tau⸗ cheraͤhnlicher Waſſervogel, mit einem uͤbermaͤſſigen faſt drey Fuß langen Halſe, den er ſehr geſchickt zum Fangen der Fiſche und anderer Waſſerthiere gebraucht, aus denen ſeine Nahrung beſteht, iſt ein Eigenthum Braſtliens. Braſiliens Flora wird auf das reichſte durch jene herrlichen Thierchen belebt, die ſowohl wegen ihres Gold und Farbenglanzes, als wegen ihrer Nahrung den praͤchtigſten Schmetterlingen der heiſ⸗ ſen Zone ſo nahe zu ſtehen ſcheinen Von der groſ⸗ ſen Anzahl der Colibri's iſt vielleicht die Haͤlfte dort einheimiſch, und darnnter das kleinſte aller vogel⸗ artigen Weſen, der Tominejoo. Er fuͤhrt diefen Nahmen, weil er mit ſeinem Reſte zuſammenge⸗ nommen kaum zwey Tominen, oder 24 Gran wiegt. Auſſer dem amerikaniſchen Strauſſe findet ſich in den Waͤldern Braſtliens der furchtbare Greif⸗ geyer(Kondor), der mit ſeinen ausgebreiteten Fluͤ⸗ geln einen Raum von 18 Fuß einnimmt. Er trägt Schaafe, Kaͤlber und zehnjaͤhrige Kinder mit ſich fort durch die Luft, und ihrer zwey ſind ſtark ge⸗ nug, eine Kuh zu zerreiſſen.. Auch das europaͤiſche Hausgefluͤgel gedeiht dort Landes vortrefflich, und Leckermaͤuler ſchaͤtzen vor⸗ zuͤglich das braſilianiſche Truthuhn und den nicht minder wohlſchmeckenden Pfaufaſan.. — rr)— Die meiſten Quadrupeden der angraͤnzenden Laͤnder bewohnen a ſilien. Von den Haus⸗ thieren, welche von ſpa aus dorthin gebracht worden ſind, iſt das Rindvieh ſehr gut fortgekom⸗ men. Ungeheure Heerden weiden auch hier wild auf den uͤppigen Savannen, und man toͤdtet ſte meiſtens nur um der Haͤute willen; weniger gedei⸗ hen die Schaafe, und die Pferdezucht wird zu ſehr vernachlaͤſſigt. Dagegen haben ſich die Schweine ungemein vermehrt, und ihr Fleiſch iſt weit ſchmackhafter und geſünder, als in Europa. Das ſogenannte Meerſchweinchen erhielten wir ebenfalls zuerſt aus dieſem Lande, es bekam von ſeinem Grunzen und der Ueberfahrt uͤber das Meer den deutſchen Nahmen. Die Armadille machen hier ein beſonders Wild⸗ pret aus. Lindley verſichert, daß die Braſilianer gegen die Nacht ordentlich auf den Anſtand gehen, um Armadille zu ſchieſſen. Dieſe gepanzerten, wehrloſen und furchtſamen Thiere kommen haupt⸗ ſächlich bey der Nacht aus ihren Hoͤhlen hervor. Ihr Fleiſch iſt vorzuͤglich, dem Geſchmacke nach ſteht es zwiſchen dem Spanferkel und dem Kanin⸗ chen. Man bratet ſie in ihrem Panzer, und dieſer dient dann dem Indianer zur Verfertigung undurch⸗ dringlicher Koffer und Schachteln.. Man findet mehrere Hirſcharten z. B. den Seovaſſu, groß von Wuchs, mit einem kleinen Ge⸗ weihe und ziegenartigem Haar; den Tapir, ohne Hoͤrner, mit ſtark geſpaltenen Klauen, kurzem Hals 5 (236)= und Schwanz, langen Ohren und von ſehr ſchmack⸗ haftem Fleiſche. Auch kommen verſchiedene Gattun⸗ gen von Faulthieren und A aͤren vor. Katzenarten hat Braſtlien mancherley: naͤmlich den Janucar, die Tiegerkatze, welche oben braun⸗ roth, unten grau, hoch auf den Beinen und von langgeſtrecktem Koͤrper iſt Sie gehoͤrt, mit dem ſchwarzen Cuguar und dem braſilianiſchen Luchs zu den grimmigſten Raubthieren des Landes. Von Viverren findet man dort das Naſenfrett und den Frettbaͤr. Merkwuͤrdig ſind auch der ſchwarze Wie⸗ ſel mit ſeinem Moſchus Geruche, und die braſtlia⸗ niſche Meerotter, welche eine beſondere Art ausma⸗ chen ſoll. Unter der groſſen Menge Affen der neuen Welt gehoͤrt beſonders hieher der ſchoͤne Mico. Das fei⸗ ne glaͤnzende Silberhaar des Koͤrpers wird bey die⸗ ſem kleinen Thiere durch das ſchoͤne Roſenroth des Kopfes auf eine hoͤchſt auffallende Weiſe gehoben. Condamine, welchem der portugieſiſche Gouverneur von Para den Mico, als eines der ſeltenſten Thiere Braſiliens zum Eeſchenke machte, war aller Sorg⸗ falt ungeochtet, nicht vermoͤgend dieſen zaͤrtlichen Af⸗ fen lebendig nach Europa hinuͤber zu fuͤhren. Wenn gleich nicht ſo arm an Individuen, und daher nicht ſo ſelten, wie der Mieco, zeichnet ſich der Coendu doch eben ſo ſouderbar unter den Uebri⸗ gen ſeines Geſchlechts aus. Ein Stachelſchwein mit einem Wickelſchwanze, bedient er ſich desſelben gleich den Sajus oder Makis beym Beſteigen der b — —— —(76)— Baͤume zum Feſthalten, und naͤhrt ſich nicht blos, wie ſeine wera Fruͤchten, ſondern auch von kleinen Voͤgeln ihren Eyern. ¹ Faßft noch reichlicher, als das Land, ſind die Gewaͤſſer Braſiliens belebt, und auch hier iſt, wie dort, nicht bloß die Fuͤlle, ſondern auch zugleich die Sonderbarkeit der Geſtalten zu bewundern. Das merkwürdige Geſchlecht der Bandfiſche iſt hier faſt gaͤnzlich zu Hauſe und von den dickgepanzer⸗ ken, gehörnten, ſtachlichten Ungeheuern aus den Geſchlechtern Tetrodon, Diodon und Baliſtes kom⸗ men hier ſehr viele Arten vor. Ebenfalls wohnen zweyerley galvaniſche oder elektriſche Fiſche in Bra⸗ ſiliens Gewaͤſſern, ſo wie viele Arten der Rochen und Haifiſche.. Vermuthlich iſt es der Lamentin oder Manati, denn dieſer findet ſich ebenfalls in den dortigen Ge⸗ waſſern, der zu den Fabeln von dem Ypupiapra, den Tritonen und Rereiden Ainlaß gegeben hat. Ein portugieſtſcher Schriſtſteller erzaͤhlt von ihnen, ſie Kichen dem Geſichte nach nur darinn von den Menſchen ab, daß ihnen die Angen viel tiefer lä⸗ gen. Die Weiochen haͤtten ſehr langes Kopfhaar, und tödteten oftmals Neger, die den Muͤndungen der Flüſſe zu nahe kaͤmen, indem ſte dieſe mit ſol⸗ cher Innbrunſt umarmten, daß ſie dadurch erdruͤckt wuͤrden. Vornaͤmlich ſollen ſie ſich unweit der Bay Aller Heiligen, in der Muͤndung des Sagoaripe finden. —(77)— Von dem Pflanzenreiche in Braſilien kann man mit vollem Rechte mit unſere ichen Humboldt ſagen:„Die Phyſiognomie der Vegetation hat hier mehr Gröͤſſe, Majeſtaͤt und Mannigfaltigkeit, als in der gemaͤſſigten Zone. Das Wachsthum der Blaͤtter iſt hier ſchoͤner, das Gewebe des Parenchy⸗ ma lockerer, zarter, ſaftvoller. Koloſſaliſche Baͤu⸗ me prangen hier ewig mit groͤſſeren, vielfarbige⸗ ren, duftenderen Blumen, als bey uns niedrige, krautartige Stauden. Alte, durch Licht verkohlte Staͤmme ſind mit dem friſchen Laube der Paulli⸗ nien, mit Pothos und mit Orchideen gekräͤnzt, deren Bluͤthe oft die Geſtalt und das Gefieder des Colibri nachahmt, welchem ſie den Honig dar⸗ bietet.“ Unter den aus Europa dort eingeführten Brod⸗ fruͤchten gedeiht am beſten der Mais, aber die traͤ⸗ gen Bewohner des Landes kultiviren ſeinen Anbau bey weitem nicht genug, ſo wenig als den Getrei⸗ de⸗ und Reisbau, welchen Boden und Klima gleich⸗ falls beguͤnſtigen. Die wilden Eingebohrnen behel⸗ fen ſich noch immer mit Manioc und Yamswur⸗ zeln, ihrer eigentlichen und urſpruͤnglichen Brod⸗ frucht, welche mehr als einmal des Jahres geaͤrntet werden, auch bedienen ſie ſich der Pataten und Ma⸗ note ſtatt des Brodes, welche letztere eine unſeren Haſelnuͤſſen an Geſchmack und Groͤſſe aͤhnliche Art von Nuͤſſen, von duͤnner Haut und grauer Farbe ſind, die unter der Erde wachſen. Auſſer allen ſudeuropaͤiſchen Fruͤchten findet man zur Nahrung (785)— auch Piſang, mehrere eßbare indianiſche Arumar⸗ ten, ungemein i ea Waſſermelonen und andere ge unde wohlſchmeckende Fruͤchte. Trefflich ſind auch der Oelbaum und Weinſtock dortlandes fortgekommen, ſo daß dieſes Land einſt den groͤßten Theil von Amerika mit Baumoͤl und trefflichem Wein verſorgen kann. Den Weinbau haben bisher die Portugieſen blos darum verhin⸗ dert, um ihrer Weinhandlungskompagnie zu Opor⸗ to und den Weinen des Mutterlandes reichlichen Abſatz zu verſchaffen. Man zieht hier trefflichen Hanf, Safrau und Toback, der von vorzuͤglicher Güte iſt. . Von weſtindiſchen Kolonialvrodukten liefert Braſilien Kaffee, Zucker und Kakao in groſſer Menge; Indigo beſſer als Nordamerika, Vanille, Saſſaparille, Gummi, Ingwer, Pimento, Ipe⸗ cacuanha, Jalappa, mehrere Arten von Pfeffer, Chinarinde, Palma Chriſti und viele Medizina pflan⸗ zeu, ſo wie eine groſſe Quaniität vortrefflicher Baumwolle. 1 Die Waldungen ſind unermeßlich, und zum Theile undurchdringlich, es muß mehr als die Haͤlf⸗ te bey Zunahme der Bevoͤlkerung noch ausgerottet werden, wenn das noͤthige Verhaͤltniß mit dem ur⸗ baren Lande hergeſtellt werden ſoll. Unter den cß⸗ bare Fruͤchte tragenden Baͤumen ſiud die vorzüglich⸗ ſten; der Palmbaum mit ſeinen vortrefflichen Dat⸗ teln, der Genipabaum welcher eyformige Fruchte von der Groͤſſe einer Pomieranze traͤgt, die reif ſehr —-— —(79)— wohlſchmeckend ſind, unreif aber zum Schwarzfaͤrben gebraucht werden; der Stamm wird bis 80 Fuß hoch und haͤlt zuweilen uͤber 15 Fuß im Umfange. Aus Oſtindien hat man den Jambuſenbaum dorthin verpflanzt, deſſen pferſichaͤhnliche Frucht ſehr be⸗ liebt iſt. Vom Jcaco oder Cocco Pflaumenbaum giebt es mehrere Gattungen mit blauen, gelben und rothen ſehr angenehm ſchmeckenden Fruͤchten. Merk⸗ wuͤrdig iſt auch der Topfbaum(Jacapucaya), deſ⸗ ſen kaſtanienfoͤrmige Frucht einen piſtazienaͤhnlichen Geſchmack hat, roh geſpeist, oder auch zur Berei⸗ tung eines eigenen Getränks angewendet wird. Aus den Schaalen der Frucht macht man Trinkge⸗ faͤffe, aus der Ninde eine Art von Werg und aus dem ſehr harten Holze, Achſen zu den Zuckermuͤhlen. Die ſtachelichte Geoffroye(Amari) traͤgt eine pftr⸗ ſichaͤhnliche Frucht, die von den Braſtlianern ge⸗ kocht mit Fleiſch und Fiſchen gegeſſen wird. Eine angenehme Frucht der Geſtalt und dem Geſchmacke nach unſern Erdbeeren aͤhnlich, liefert der Trompe⸗ tenbaum, deſſen Stamm 40 Futz hoch wird. Den Muskatennuͤſſen aͤhnliche Fruͤchte von der Groͤſſe ei⸗ ner Olive tragen der Cuchiri und Puchuri. Auch die oſtindiſchen Gewuͤrzbaͤume und Straͤucher kom⸗ men in dieſem Lande trefflich fort, und wuͤrden bey einer beſſern Pflege ſehr reichliche Aernten lie⸗ fern. Unter den Baͤumen, welche auf andere Arten benuͤtzt werden, ſind vorzüͤglich merkwürdig, der Balſambaum, unter die Radelhoͤlzer gehoͤrig, wei⸗ —(80)— cher wenn er umgehauen iſt, einen trefflichen Bal⸗ ſam, gleich dem cherdene ausſchwitzt, auch dieſer Baum waͤchſt in Braſtlien; das Lebens⸗ holz; das Atlas und Tulpenholz, die hohen Ba⸗ nanen und die groſſen Fichten, deren Frucht die Groͤſſe eines Menſchenkopfs erreicht, und eine Nuß mit einem kaſtanienartigen Kern einſchließt. Wich⸗ tiger ſind noch die vielen Cedern, das Magahoni⸗ holz und mehrere andere treffliche Holzarten, wel⸗ che theils zur Tiſchlerarbeit, theils zum Schiffbau gebraucht werden. Die trefflichſten Schiffe werden in den Haͤfen Braſtliens um die Haͤlfte wohlfeiler, als in Europa gebaut. 4 Eben ſo häufig als eintraͤglich fuͤr den Handel iſt der Gerberbaum, deſſen gedoͤrrte und geiahlene Zweige, Schoͤßlinge und Blaͤtter, ein zum Gerben des Leders nuͤtzliches Pulver geben, welches ſtark ausgeführt wirrdä.;—* Zu den dortigen Faͤrbehoͤlzern gehoͤrt der Mo⸗ rus tinctoria, das Campecheholz, und vorzüglich das Fernambuckholz, Braſilienholz, Nothholz, deſ⸗ ſen Baum bey einer Hoͤhe, wie unſere aͤlteſten Ei⸗ chen, oft von drey Maͤnnern kaum umklaftert wer⸗ den kann. Das Holz iſt ungemein hart und fein⸗ faſerig und taugt zu den beſten Drechslerarbeiten, doch macht ſeine faͤrbende Kraft den Hauptwerth desſelben aus. Die dicke Rinde iſt von auſſen weiß⸗ grau, von innen aber hochroth, ſo wie das Holz ſelbſt bis auf den Kern, der grau iſt. Mit Hilfe von Zinn, Alaun und Eiſenvitriolaufloͤſungen giebt des —(81)— das Brafilien⸗Holz die ſchoͤnſten rothen, violetten, braunen, ſchwarzen und blaulichen Farben auf al⸗ le Arten von Zeuchen. Auch zieht man daraus Karmin und einen fluͤſſigen Lack fuͤr die Miniatur⸗ mahlerey. Das vorzuͤglichſte Braſilienholz waͤchst in der Gegend von Fernambuck, und giebt die ſchoͤn⸗ ſte rothe Farbe, welche weit feſter und bleibender iſt, als jene von dem Campech holz. Gegen die ſonſtige Gewohnheit der Europaͤer waren es nicht die Schaͤtze des Mineralreichs, wel⸗ che die Portugieſen zuerſt zur Beſetzung des Landes beſtimmten, ſondern vielmehr die Faͤrbematerialien. Auch jetzt ſind die Reichthuͤmer an Mineralien noch bey weitem nicht hinlänglich unterſucht. Man wid⸗ met von den Steinen nur den Diamanten und von den Metallen nur dem Golde eine vorzügliche Auf⸗ merkſamkeit, wenn gleich Silber, Zinn, Bley und Eiſen eben ſo wohl, als die meiſten Arten der uͤb⸗ rigen Edelſteine, Bauſteine u. ſ. w. in den dortigen Gebirgen gefunden werden. Wirklich werden auch, ungeachtet der wenigen Sorgfalt, die man auf die⸗ ſen Gegenſtand verwendet, an Sapphiren, Chry⸗ ſolithen, Topaſen, Amethyſten und anderen farbi⸗ gen Edelſteinen jaͤhrlich fuͤr 150,000 Livres aus⸗ gefuͤhrt. Die Entdeckung der reichen Minen Braſtliens ſteigt bis zu dem Jahre 1577 hinauf: damals fan⸗ den die Pauliſten Gold im Gebirge Iguara. In⸗ deſſen wurde durch die ungluͤckliche Verdindung Por⸗ tugals mit Spanien die Foͤrderung der an ſich ſehr V. Baͤndch. 5 . —(32)— reichen Werke unte fochen. Nur erſt nach der Wiederherſtellung Portugals ſieng man an, darauf zu denken, als gluͤcklicherweiſe einige auf Bergwer⸗ ke ſuchende Portugieſen in den heutigen Minas ge- raes im Jahre 1698 ſehr reichhaltige Erze entdeck⸗ ten. Dies veranlaßte dann den Hof, drey Jahre darauf acht verſchiedene Kolonien in dieſe Statt⸗ halterſchaft zu ſetzen, deren Hauptbeſtimmung die weitere Foͤrderung und Bearbeitung des Bergwerks ausmachte. Diejenigen dieſer reichen Goldminen, welche der Kuſte am naͤchſten ſind, finden ſich von der Hauptſtadt Rio de Janeiro, etwa 40 deutſche Meilen entfernt. Sie gehoͤren zu den Minas ge- raes, und eine derſelben liefert dann gleichfalls die größte Maſſe der Diamanten Braſiliens. Der Me⸗ tallertrag dieſer Minen iſt fuͤr das der Krone zu⸗ kommende Fuͤnftheil im Durchſchnitt jaͤhrlich uͤber 1200 Aroben(31500 Pfund); zuweilen ſteigt es bis auf 1900 Aroben(49875 Pfund.) Die Foͤrderung der Erze iſt in Brafilien leicht und ohne Gefahr. Oftmals findet ſich das Gold, und zwar das reinſte, an der Oberflaͤche; uͤber⸗ haupt iſt es ſelten noͤthig, mehr als drey bis vier Lachter tief zu graben. Eine Schicht Sandes, dort Saibro genannt, bezeichnet gewoͤhnlich den Bergleuten, wo ſie aufhoͤren ſollen, zu graben. Auf den Gebirgen oder ſteinigten Huͤgeln findet ſich das Gold in groͤſſerer Menge, als in den Thaͤ⸗ lern, oder laͤngſt den Fluͤſſen. Aller Orten hat —(83)— es, ſo wie es jetzt gefunden wird, 23 ½ Karat Ge⸗ halt, ſobald es nicht mit Schwefel, Eiſen oder AQueckſilber vererzt iſt. Eine jede Mine muß, ſobald ſie entdeckt wird, der Regierung angezeigt werden. Iſt die Erzader arm an Gehalt, ſo uͤberlaͤßt man ſie gaͤnzlich dem Entdecker, ein reicher Gang wird aber der Schatz⸗ kammer ſo vorbehalten, daß der Entdecker nur zwey Theile fuͤr ſich bekoͤmmt, das Uebrige wird nach Abzug des Fuͤnftheils fuür die Krone, unter den Gouverneur und Intendanten vertheilt. Alles Gold aus den Minen muß, bevor es nach Rio Janeiro abgeliefert wird, in dem Diſtrikt jeder Mi⸗ ne in eigene koͤnigliche Haͤuſer zur Unte rſuchung des Gehalts niedergelegt und mit dem koͤniglichen Stem⸗ pel verſehen werden. Man rechnet jaͤhrlich aus den drey Berglaͤn⸗ dern, aus Minas geraes etwas über 13,700,000 Livres Gold, aus Goyas gegen 4,700,000, von Matto grosso 1,300,00O0 und noch uͤberdieß von Bahia und S. Paolo etwas uͤber 1 ½ Million, alſo zu⸗ ſammen uͤber 25 Millionen. Die Regierung be⸗ koͤmmt mithin an ihrem Fuͤnftheil uͤber fuͤnf Mil⸗ lionen Livres, ſodann fur das Muͤnzrecht über 1,600,000 und da ſie zwey Prozent, alſo gegen 400,000 Livres fuͤr die Verſendung des Goldes durch ihre Schiffe bezieht, ſo erhaͤlt ſte, uͤberhaupt genommen, uͤber ſieben Millionen Liores. Der Unterſchleif in Ruͤckſicht jener zwey Prozent fuͤr das F 2— — —— —(840— heimlich ausgehende Gold, ſoll ihr jaͤhrlich 600,00 Livres entziehen. Von den Diamantgruben Braſiliens hat beſon⸗ ders ein ſachkundiger Bewohner dieſes ſchoͤnen Lan⸗ des, Herr Dandrada, vor einiger Zeit uns die beſte Nachricht ertheilt. Sie ſind uͤber mehrere Theile von Braſilien verbreitet, ſowohl im Binnenlande, als naͤher gegen die Kuͤſten hin. So findet man ſie in Cujaba und Guarapuara; in den Gebirgen von Serro Dofrio, von den Eingebornen Nritanray genannt; ferner ohnweit S. Antonio, im Nio de Peixo, Riachofundo und in dem Fluß Toncambi⸗ ruc. Es iſt merkwuͤrdig, daß die Diamanten der Minen von Serro Dofrio ſich in einer Lage eiſeu⸗ haltiger Erde finden, die gleich unter der gewoͤhn⸗ lichen Gartenerde gelegen iſt; darinn trifft man die Diamanten einzeln zerſtreut an, aber nie in regel⸗ maͤſſigen Gaͤngen. Auch in Oſtindien ſollen die Diamanten ſtaͤts von eiſenſchuͤſſiger Erde begleitet ſeyn, ſo daß man Urſache hat zu glauben, das Ei⸗ ſen gehoͤre mit zur Bildung dieſes Steins. Viele Diamanten findet man aber auch in den Fluͤſſen ſelbſt und leitet dieſe deßhalb zu Zeiten ab, beſon⸗ ders ſieht man dieſe Edelſteine nach ſiarken Regen⸗ guͤſſen, durch welche ſie wahrſcheinlich aus den Ge⸗ birgen losgeſchwemmt werden. Der kleine Fluß do Milhoverde in der Provinz Dofrio Serro iſt be⸗ ſonders wegen ſeiner Diamanten beruͤhmt. Die Portugieſen waren zwar ſeit 1500 in Braſilien, allein die Diamanten wurden nur erſt —(s5)— im Jahre 1628 in einigen Armen des gluſſes Ca⸗ ravelas durch Zufall entdeckt. Es fanden ſich naͤm⸗ lich unter dem Golde, welches die Sklaven dort aufſuchten, kleine glaͤnzende Steine, die ſte als un⸗ nuͤtz wegwarfen, bis Anton Nodriguez Banha zu⸗ faͤlligerweiſe darauf aufmerkſam ward, und ſeine Vermuthungen dem Statthalter Almeida mittheil⸗ te. Dieſer ſandte eine Quantitaͤt ſolcher Steine pzur Unterſuchung nach Liſſabon, da denn der por⸗ tugieſiſche Miniſter Acunha in Holland durch dort angeſtellte Verſuche bewies, daß dieſe nicht geachte⸗ ten Steine wahre Diamanten waͤren. Jetzt erwachte der Geiſt der Gewinnſucht mit ſo groſſem Eiſer, daß ſofort 1100 Unzen, alſo bey⸗ nahe 80 Pfund Diamanten auf einmal in Europa eingefuͤhrt wurden, Die Folgen waren dieſer Un⸗ vorſichtigkeit angemeſſen, der Preis der Diamanten ſank in Europa ploͤtzlich ſehr tief herab, und nur durch kluges Zuruͤckhalten ſtiegen ſte wieder zu ei⸗ nem anſehnlichen Werthe.* Hierauf wurde die Erlaubniß, Diamanten zu ſuchen und der Handel damit, vom Hofe an eine Ge⸗ ſellſchaft verpachtet, und die Todesſtrafe auf die Be⸗ eintraͤchtigung dieſes Monopols geſetzt. Nachmals iſt die Regierung ſelbſt an die Stelle dieſer Geſell⸗ ſchaft getreten. Alle Steine werden vor ihrer Ab⸗ ſendung nach Portugal einem zu dieſem Endzwecke angeſtellten Intendanten uͤberliefert, der ſie in eine mit Eiſen beſchlagene Kiſte legt, welche mit drey Schloͤſern verſchloſſen wird. Et ſelbſt hat den ei⸗ —(830— nen, der Vizekoͤnig den zweyten und der Provodar de la Hazienda den dritten. Dieſe wird ſodann in eine zweyte Kiſte geſetzt, welche mit den Siegeln der drey genannten Perſonen verſiegelt wird. Der Vizekoͤnig, der nicht das Recht hatte nachzuſehen, was die erſte Kiſte enthielt, ließ dieſe zweyte dann in eine dritte ſetzen, verſiegelte dieſelbe, und ſandte ſie nach Liſſabon ab. Nur in Gegenwart des Koͤnigs wird die Kiſte eröffnet, er waͤhlt ſodann die ihm anſtaͤndigſten Steine, und zahlt den Preis an die Entrepreneurs. Es werden auf die Art dem Hofe etwa 60,000 Ka⸗ rat Diamanten im Durchſchnitte zugefuͤhrt. Ein einziger Kaufmann nimmt ſie der Krone ab, und zahlt dafuͤr, das Karat zu 25 Livres gerechnet, 3,120,099 Livres an dieſelbe. Er verkauft ſodann die meiſten roh nach England und Holland; der Un⸗ terſchleif wird etwa auf ein Zehntheil gerechnet. Raynal behauptet, der ganze Diamanthandel gebe der Regierung doch noch nicht viertehalb Millionen Livres, ohne zu beſtimmen, ob hiezu die Taxe auf die Minenſktlaven mitgerechnet iſt, deren 300 ſind, von denen die Unternehmer für jeden taͤglich einen Piaſter bezahlen muͤſſen. Die Kontredande mit Diamanten wird noch jetzt hart beſtraft. Dem Armen koſtet ſie das Le⸗ ben; der Vermoͤgliche verliert nicht nur die Dia⸗ manten, er muß auch noch den doppelten Werth bezahlen, und wird nach einem ganzen Jahre Ge⸗ faͤngniß, nach der Küſte von Afrika exilirt. Dem —(870— ungeachtet ſetzt Raynal den Werth der jaͤhrlich heim⸗ lich in Europa eingefuͤhrt werdenden Diamanten auf 134,000 Livres an. Dieß waͤre ein kurzer Abriß der Naturprodukte Braſtliens. Allein dieſe Ueberſicht konnte nur ſo duͤrftig, wie ſie iſt, ausfallen, weil Portugals ver⸗ meinte Klugheit alles Eindringen in das Binnen⸗ land aͤngſtlich verbothen hat, ja ſelbſt die daruͤber ehemals bekannt gewordenen Schriften, ſo viel es nur moͤglich iſt, verheimlicht. Vielleicht daß dieſer Schleyer jetzt einmal geluͤftet wird. Indeſſen kann ſelbſt das Wenige, was wir von Braſilien wiſſen, uns einen allgemeinen, heiteren Nuͤckblick auf dieſen herrlichen Theil der Erde ge⸗ waͤhren. Das Meer und die Gebirge maͤſſigten in ei⸗ nem ungeheuren Lande der heiſſen Zone die Wuth der lothrechten Sonne. Unzaͤhlige Stroͤme, und viele darunter gehoͤren zu den groͤßten der Erde, verbanden es mit andern reichen Landſchaften der Tropen und mit dem Ocean. Nicht blos alles, was der warme Erdguͤrtel erzeugt, ſondern ſelbſt Produkte der noͤrdlicheren Welt wurden auf das vollkommenſte hier erzielt; denn, wie bereits ange⸗ fuͤhrt worden iſt, auch unſere Hausthiere und meh⸗ rere europaͤiſche Vegetabilien gedeihen in Braſilien ſehr gut. Jetzt denke man ſich die groſſen Schaͤtze, welche man ſelbſt aus den wenigen Quadratmei⸗ len, die da bis jetzt benützt werden, erzielt, und man rechue die mehrere tauſendmale groͤſſere, aber —( 88— eben ſo guͤnſtig gelegene Flaͤche des unbenuͤtzten Ge⸗ biets von ſo vielartiger Bildung und Natur; hie⸗ bey zugleich die groſſe Bequemlichkeit, die das Meer und die Stroͤme dem wechſelſeitigen Waaren⸗ tauſche und dem Handel mit den uͤbrigen Weltthei⸗ len darbieten; was fuͤr Ausſichten zeigen ſich da⸗ durch nicht fuͤr die Zukunft? Dritter Abſchnitt. Einwohner.— Urbewohner.— Fremde und Angeſie⸗ delte,— Ihre Sitien und Lebensart. As die Portugieſen vor drey Jahrhunderten in die dicht verwachſenen Waͤlder Braſiliens eindran⸗ gen, mußten ſie muͤhſam nach Einwohnern umher⸗ ſuchen. Jene ſeltſamen, aber ſtaͤts verehrungs⸗ wuͤrdigen Schwaͤrmer, welche dem unwiderſtehli⸗ chen Triebe, rohe, furchtbare Wilde zu unſerer Re⸗ ligſon und ſonach zum beſſern Daſeyn hinuͤber zu fuͤhren, Freunde, Verwandte, Vequemlichkeiten des Lebens, ja oftmals anſehnliche Beſitzungen ſelbſt mit Todesgefahr aufopferten, die Miſſionaͤre, fanden dieſe trefflichſten Laͤnder der Welt oͤde und menſchenleer. Die hoͤchſten Waldbaͤume mußten ſie beſteigen, um von ihren die ganze Gegend beherr⸗ — 6899— ſchenden Wipfeln einzelne Menſchen, hoͤchſtens ein⸗ zelne Familien, oder ihre Spuren, den Rauch duͤrftiger Huͤtten, zu erſpaͤhen. Nichts als einzel⸗ ne, ſchwache Horden roher Menſchen fanden ſie, jede von verſchiedener Sprache, untereinander faſt ſtets in Fehde, und von einander entgegenſtehenden Sitten. Hier ein Jaͤgervoͤlkchen, dort Ichthyopha⸗ gen, oder Menſchen, die gar nur von Muſcheln leb⸗ ten, und nur ſelten einen aͤrmlichen Anbau von Manioe, je nachdem der Wald, der Fluß oder die Ebene ſich ihnen darbot. Der Hauptſinn dieſer Menſchen war faſt durch⸗ aus ein vagabundes, thieriſches Fortbruͤten in ge⸗ dankenloſem Daſeyn, das nur auf momentanen Genuß abzweckte, wobey ſich ein ſtaͤter Haß gegen alle uͤbrigen Voͤlkerſchaften aͤuſſerte, der gewoͤhnlich bis zur Menſchenfreſſerey hinaufſtieg. Der Geſtalt nach hatten alle Einwohner Bra⸗ ſiliens Aehnlichkeiten miteinander, dennoch blieben jeder Voͤlkerſchaft gewiſſe Familienzuͤge, woran ſie ſich heym erſten Blicke wechſelſeitig erkannten. Sie ſind faſt durchgehends von mittlerer Groͤſſe, alle aber von geſundem Gliederbau. Der Kopf und die Schultern ſind bey ihnen breit, und die Muͤtter ha⸗ ben die ſonderbare Gewohnheit, den Kindern die Naſe zu pletſchen. Ihr Kolorit iſt kupferfarben⸗ das Haar lang, ſiraff und ſchwarz, nur an der Oberlippe und an dem Kinne zeigt ſich duͤnnes Bart⸗ haar. Die Bildung und die Züge des Geſichts wa⸗ =(90)— ren bey den Braſilianern, die Barrow zu ſehen Ge⸗ legenheit hatte, denen der Malayen ſehr aͤhnlich. In den Sitten herrſchten ſchon nach ihren Er⸗ naͤhrungsmethoden bedeutende Verſchiedenheiten. Unter der heiſſen Zone lebend, bedurften ſie faſt kei⸗ ner Bekleidung, dennoch bedeckten einige die Mitte des Lribes, auch zeigten ſich bey einigen Voͤlker⸗ ſchaften ſchon Spuren des Schmuckes. Die Ober⸗ haͤupter zierten ſich den Kopf mit Papageyen, Schul⸗ tern und Hüften mit Straußfedern. Andere bekleb⸗ ten den Koͤrper mit feinen, gefaͤrbten Federn, die ſie mit Gummi aufflebten. Bey Feyerlichkeiten zierten die ſchwarzen Federn des Toucans auf dieſe Art Stirn und Backen. Die Weiber ſcheitelten ihr Haar, und banden es bey einigen Voͤlkerſchaften mit einem baumwollenen, rotögefaͤrdten Bande auf. Uebrigens litten beyde Geſchlechter an keinem Thei⸗ le des Koͤrpers Haare, auſſer am Kopfe. Die Wei⸗ ber verunſtalteten den Mund nicht, wie die Maͤnner durch Steine oder Knochen, welche dieſe in der durchbohrten Unterlippe trugen. Beyde Geſchlech⸗ ter putzten ſich mit Knochenringen um Arme und Beine, ungeheuren, oft bis auf die Schultern her⸗ abhaͤngenden Ohrgehaͤngen von weiſſen NMuſcheln, und Halsbaͤndern aus Knochen, Steinen, Holzkü⸗ gelchen, oder Glaskorallen, welche ſie begierig von den Europaͤern eintauſchten. Den Leib bemahlten ke ſich mit verſchiedenen Farben und Figuren⸗ Die ackerbautreibenden Voͤlker hatten in Anſe⸗ hung der Mannigfaltigkeit des Genuſſes, beſonders —(9— in Rückſicht des Getraͤnkes, mancherley vor den übrigen voraus. Der Manioc und Mais liefert ih⸗ nen mehrere Gerichte, und aus den Wurzeln des erſtern bereiten ſie ein berauſchendes Getraͤnk, eine Art der ekeln Kawa der Suͤdſeeinſeln. Ihre Wohnungen ſind nur Huͤrden von Baum⸗ ſtaͤnmen mit Lehm verbunden und mit Baumrinde gedeckt(Kabauen), die oft mehrere Familien ent⸗ halten. Ihre Ortſchaften umgeben ſie mit Einfaſ⸗ ſungen von groſſen Steinen. Sie ſind Polygamen; ein Ehemann darf ſich indeß, auſſer mit den von ihm als ſeine Frauen an⸗ erkannten Weibern, mit keinen andern einlaſſen. Nur erſt, wenn ein junger Mann einige Feinde ge⸗ toͤdtet hat, kann er auf die Ehe Anſpruch machen, jeder Feige wird von den Maͤdchen zuruͤckgewieſen. Der Ehebruch iſt aͤuſſerſt ſelten, und wird mit dem Tode beſtraft; vor der Ehe hingegen koͤnnen die Maͤdchen ungeſtraft ihre Reitze darbieten, die Men⸗ ge ihrer fruͤhern Liebhaber häͤlt Niemanden zuruͤck, ſie zu Frauen zu nehmen. Die Arbeiten des ſchwaͤchern Geſchlechts ſind auch hier nicht geringe. Auſſer dem Stricken der Netze, der Haͤngebetten und anderer Zeuche, nebſt dem Verfertigen und Bemahlen der irdenen Gefaͤſſe muͤſſen ſie den Maͤnnern ihre Lebensmittel im Krie⸗ ge nachtragen, auch oft bey den ackerbauenden Voͤl⸗ kern das Feld beſtellen. Selbſt die Schwanger⸗ ſchaft uͤberhebt ſie ſolcher ſauren Arbeiten nicht, ein pedender Beweis der Rohheit dieſer Voͤlker. *. — Ce) Die Erziehung der Kinder iſt hauptſaͤchlich auf Jagd, Fiſchfang und Krieg gerichtet. Unter ſich leben dieſe Menſchen ſehr ruhig und friedlich, da⸗ gegen ſind ſie bey Beleidigungen unverſoͤhnlich und der Tod eines Verwandten kann nur durch den Tod des Urhebers oder ſeiner Verwandten gebuͤßt werden. 1d Von den kleinen Voͤlkerſchaften, die zur Zeit der Entdeckung dieſes Land bewohnten, ſind jetzt viele gewiß nur noch dem Nahmen nach bekannt. Sie reiben ſich ſeit langer Zeit ſelbſt wechſelſeitig auf, und die ihnen ſo weit überlegenen Europaͤer haben es an ihrer Vernichtung und Verkleinerung nicht fehlen laſſen. Alle Driginal⸗Braſilianer he⸗ gen daher den entſchiedendſten Haß und Abſcheu ge⸗ gen die Portugieſen, ihre Unterdruͤcker. Die zwulf Braſtlianer, welche Barrow bey ſeiner Landung als Rudrer auf einem portugieſiſchen Boote vorfand, hatte der Gouverneur nur mit vieler Schwierigkeit herbeybringen koͤnnen; denn alle Eingebornen, die ſich dem Dienſte der Portugieſen uͤberlaſſen, wer⸗ den von ihrer eigenen Nation mit ſo vieler Verach⸗ tung angeſehen, daß ſie es nicht wagen duͤrfen, zu den Ihrigen jemals wieder zurückzukehren, wenn ſte nicht auf eine ſchimpfliche Weiſe getoͤdtet werden wollen. Daßer ſahen ſich auch die Portugieſen ge⸗ noͤthigt, fuͤr ihre Etabliſſements Sklaven aus Af⸗ rika herbeyzuholen; denn es war unmoͤglich, die Eingebornen zum Bearbeiten des Ackers oder der Minen auf die Dauer zu zwingen. —(93)— Uebrigens aͤuſſern ſie, ſo wie die meiſten unci⸗ viliſirten Voͤlker, groſſe Gaſtfreyheit gegen die Frem⸗ den, welche nicht zu ihren Feinden gehoͤren. Vom eigentlichen Handel und Gewerben haben ſie durchaus keinen Begriff. Sie wunderten ſich nicht wenig üͤber die muͤhſame Aemſtakeit, mit wel⸗ cher die Europaͤer das Faͤrbeholz wegfuͤhren, und konnten ſich dieſelbe gar nicht erklaͤren. Die Ergoͤtzungen dieſer Voͤlker beſtehen, auſſer den Schmauſereyen und feyerlichen Kriegsgelagen, hauptſaͤchlich im Tanzen: Sie bedienen ſich hiebey eigener Klappern aus hohlen Fruͤchten, von der Groͤſſe unſerer Kaſtanien, die mit kleinen Steinen gefuͤllt ſind. Dieſe werden an die Beine gebun⸗ den, waͤhrend ſie groͤſſere Klappen, Maraca ge⸗ nannt, gleichfalls aus hohlen Baumfruͤchten, in den Haͤnden halten. Uebrigens beſieht ein ſolcher Tanz mehr in Bewegung des Leibes und der Arme, als der Fuͤſſe, ſie ſtimmen dazu monotone Lieder an, Rundgeſaͤnge, die chorweiſe wiederholt werden. Wenn gleich die Voͤlker Brafiliens keinen ei⸗ gentlichen Kultus, noch auch einen beſtimmten Be⸗ griff von der Gottheit hatten, ſo fand man dennoch bey ihnen nicht nur merkwuͤrdige Spuren einer aͤl⸗ teren Neligion, ſondern ſie aͤuſſerten auch offenbare Anzeigen eines Glaubens an uͤberirdiſche Weſen. Mit dem Worte Tupan(der Donner) verbanden ſie die Idee einer uͤbernatuͤrlichen Macht, von der ſie behaupteten, den Ackerbau erlernt zu haben. Auch hatten ſie einen Begriff von der Fortdauer —(945— nach dem Tode, und hielten, wie alle unkultivirten Voͤlker viel auf Wahrſager, die ſie um Hilfe in Krankheiten und Vorausverkündigung ihres Schick⸗ ſals angiengen. Es iſt ferner ſehr mergofdig, daß einige die⸗ ſer Voͤlker einer alten Sage von einer ſehr groſſen Ueberſchwemmung des ganzen Landes erwaͤhnen, mit dem Zuſatze, damahls ſeyen nur 2 Menſchen, Schweſter und Bruder lebendig geblieben. Ihre Kriege beſtehen, faſt wie bey allen Ur⸗ voͤlkern der neuen Welt, mehr in Hinterliſt und Ue⸗ berfall, als in offenen Schlachten; dabey herrſcht auch bey den Braſilianern die bitterſte Rachſucht ge⸗ gen die Feinde und die roheſte Grauſamkeit gegen die Ueberwundenen. Vor dem Ausmarſche waͤhlen ſie jederzeit zu⸗ erſt die Heerführer. Zu dieſer Wuͤrde kann nur ein Mann gelangen, der bereits mehrere Feinde erlegt hat. Dieſe Heerfuͤhrer ſind die einzigen temporaͤren Gebieter bey den Braſtlianern. Sodann bewaffnet ſich jeder Krieger. Ihre Ruͤſtung beſteht aus einer 6 Fuß langen Keule von ſehr ſchwerem Ebenholze, an deren rundem Stiele ſich eine dicke, linſenfoͤrmig geſtaltete Kolbe befindet, deren Kanten zugeſchaͤrft ſind. Ihre Bogen haben Sehnen von ganz auſſer⸗ ordentlicher Staͤrke, obgleich ſie nur von duͤnnem Graſe geſlochten ſind. Die Pfeile halten ö Fuß, ihr 8 V mittlerer Theil beſteht aus Rohr, die Enden aus Ebenholz, die Spitze aus einem ſcharfen Knochen, zuweilen auch, ſeit ihrer Bekanntſchaft mit den En⸗ —— ——.ß,ͤ— —(95)— ropaͤern aus Eiſen. Zum Schutze fuͤhren ſie runde ſtarke Schilder von dem dicken Ruͤckenfell des Tapirs; ihre Feldmuſik beſteht aus Hoͤrnern, Jnubia ge⸗ nannt, und Pfeifen, die gewoͤhnlich aus den Kuo⸗ chen der erſchlagenen Feinde verfertigt ſind. Ihre Angriffe geſchehen hauptſaͤchlich bey Nacht, am Tage halten ſie ſich unweit der feindlichen Ort⸗ ſchaften verborgen, dieſe uͤberfallen ſie dann im Fin⸗ ſtern und ſtecken die Wohnungen in Brand; ſehen ſie ſich aber gezwungen im freyen Felde bey Tage zu ſchla⸗ gen, ſo geſchieht dieß mit groͤßter Wuth und unter fuͤrchterlichem Geheule. Die Kriegsgefangenen werden in den Dorf⸗ ſchaften vertheilt, gemaͤſtet, und dann feyerlich ge⸗ ſchlachtet und verzehrt, jedoch geſchieht ihre Hinrich⸗ tung ohne jene fürchterlichen und empoͤrenden Grau⸗ ſamkeiten, welche die nordamerikaniſchen Staͤmme bey aͤhnlichen Gelegenheiten veruͤben. Gegen ihre Kranken und Verſtorbenen betra⸗ gen ſich die Braſtlianer mit vieler Achtung. Sie warten die erſtern ſorgfaͤltig; Wunden ſaugen ſie aus und wenden zur Heilung Kraͤuterumſchläge, und ſtrenge Diaͤt an. Ihre gewoͤhnlichſte Krankheit iſt der Pi an, bey welchem ſich Blattern uͤber den gau⸗ zen Leib erzeugen, und zuletzt einen gefaͤhrlichen breiten Schorf bilden, der ſelbſt, wenn er gleich geheilt wird, ſcheußliche Narben auf viele Jahre zuruͤcklaͤßt. Die Todten begraͤbt man in einer runden, ton⸗ nenfoͤrmigen Grube, in die der Verſtorbene auf⸗ recht ſitzend, mit zuſammengebogenen Knieen und Armen geſenkt wird. Einem Oberhaupte legen ſie ſeine Waffen, Halsbaͤnder, Hamak(Haͤngebette) und Federn mit ins Grab, und ſtimmen dabey, un⸗ ter Vergieſſung vieler Thraͤnen Klagelieder an. Zur Ehre des Verſtorbenen wiederhohlen ſie dieſe ſo oft ſie ſich dem Grabe nachmahls naͤhern. Der hier geſchilderte Zuſtand der Braſilianer hat in ſolchen Theilen des Landes, wo die Portu⸗ gieſen mit ihnen in naͤhere Verbindung getreten ſind, einige Veraͤnderung erlitten, auch haben die muͤh⸗ ſamen Anſtrengungen der Miſſionaͤre ihre Antdro⸗ pophagie betraͤchtlich vermindert. Allein im Gan⸗ zen ſind dieſe Nationen, erbittert gegen ihre Unterdrü⸗ cker, und daher weniger geneigt, fremde Sitten an⸗ zunehmen, ſtets noch dem rohen Zuſtande treu ge⸗ blieben, der uns den ſogenannten Naturmenſchen. ſo widrig darſtellt. Ihre jetzige Volksmenge anzugeben, ſcheint gaͤnzlich unthunlich. Sie ſind durch die europaͤiſchen Waffen zuruͤckgedrngt, und ihre Anzahl betraͤcht⸗ lich vermindert, ja, es iſt hoͤchſt wahrſcheinlich, daß, wenn die Europaͤer anfangen, das Innere des Landes ſtaͤrker anzubauen, jene vielartigen Voͤl⸗ kerſchaften, die Braſtlien bey ſeiner Entdeckung be⸗ wohnten, theils in einander, theils in den Kolo⸗ niſten verſchmolzen, dereinſt nur noch in der altern Geſchichte fortleben werden. Braſtliens Koloniſation war im Ganzen ſehr vielartig, ſie hatte etwas aͤhnliches mit jener der ver⸗ einigten Staaten in Nordamerika; denn auch in Bra⸗ —(97)— Braſilien waren religioͤſe Verfolgung und der Drang nach Gewiſſensfreyheit Hauptgrundlagen der An⸗ ſiedlung. Die erſten europaͤiſchen Bewohner waren Miſſethaͤter und ſchlechte Frauensperſonen, welche Portugal bald nach der Entdeckung dahin ſandte, um zur Grundlage einer europaͤiſchen Kolonie zu dienen. Dieſen folgten viele Juden, welche hier den Urtheilen der Inquiſition zu entgehen ſuchten. Franzoͤſiſche Hugenotten, die im Jahr 1536 unter dem Ritter Dupont hier landeten, machten den dritten Stamm aus. Aber ſo wohl dieſe, als die Hollaͤnder, welche ſich durch dreyßig Jahre im Lan⸗ de behaupteten, machten keine groſſen Fortſchritte. Indeſſen waren die Fruͤchte dieſer ſo verſchie⸗ denartigen Koloniſation durch die verkehrte Behand⸗ lung und die Intoleranz des Mutterlandes hier bey weitem nicht ſo erfreulich, als in Nordamerikas minder geſegneten Fluren. Dazu wirkte auch die ganz entgegengeſetzte Behandlung der Originalein⸗ wohner. Die Stifter der europaͤiſchen Kolonieen in Nordamerika erhandelten die von ihnen anzubauen⸗ den Laͤndereyen von den Indianern gegen europaäi⸗ ſche Waaren, und wenn gleich zu Zeiten Unruhen und Fehden mit den Indiern entſtanden, o waren ſie doch ſeiten von Dauer. In Braſtlien hatten an⸗ faͤnglich die Indianer den Poriugieſen gleichfalls den Anbau ihres Landes gutmuthig zugeſtanden, al⸗ lein kaum fuͤhlten die Letzteren den Werth des rei⸗ cheu, fruchtbaren Bodens, ſo giengen ſte damit um, V. Baͤndch. G (93)— den Eingebohrnen ihre Religion und ihr Eigenthum mit Gewalt zu beſchraͤnken, dieſe gaſtfreyen Men⸗ ſchen zu verdraͤngen, ja ſie voͤllig in Feſſeln zu ſchla⸗ gen. Kaum erregte das vorzuͤgliche Gedeihen des aus Madera hierher gebrachten Zuckerrohres die Aufmerkſamkeit des erſten General⸗Gouverneurs, als man ſchon die Eingebohrnen als Sklaven zur Betreibung der Zuckerplantagen verwenden wollte. Der bis dahin freye, ungebundene Braſilianer wur⸗ de nun aufgebracht, er widerſetzte ſich, und ſuchte Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, ja er ließ ſei⸗ ne tyranniſchen Gäͤſte oft durch Blut und Ver⸗ heerung die grauſamſte Rache fuͤhlen. Auch die Methode, die Urbewohner zum chriſt⸗ lichen Glauben heruͤberzuziehen, war nicht zweck⸗ maͤſſig. Die Dominikaner, Franziskaner und an⸗ dere Ordensbruͤder, welche anfaͤnglich zu dieſem Ge⸗ ſchaͤfte verwendet wurden, verſtanden es nicht ſo, wie die klugen hierzu vorzuglich geeigneten Jeſuiten, die Wilden durch Guͤte und Nachgiebigkeit auf ih⸗ re Seite zu ziehen, ſie vermehrten vielmehr durch ihr hartes und widerſinniges Betragen, die ohne⸗ hin ſchon groſſe Abneigung der Indianer gegen den chriſtlichen Glauben. Da ſie die Originalbewohner nicht zu ibren Ar⸗ beiten verwenden konnten, waren nun die Portu⸗ gieſen genoͤthigt zu dieſem Ende Neger einzufuͤhren. Aber die Methode, nach welcher ſie hier behandelt werden, ſcheint billiger, als die auf den Kolonieen anderer Nationen. —— —. a·aaayxy;— ——y —(99)— Dem Reger iſt naͤhmlich in Braſilien nur ſo viel Arbeit auferl egt, als etwa in 4 Tagen abge⸗ than werden kann, die beyden uͤbrigen Tage gehoͤ⸗ ren ihm, er muß aber in denſelben ſo viel gewin⸗ nen, daß er ſich dadurch ernaͤbren und kleiden kann. Der Herr hat alſo nur allein die Einkaufskoſten zu beſtreiten, und der Reger erwirbt ſich ſehr oft ſo viel, daß er ſich dadurch die Freyheit erkaufen kann, daher findet ſich auch hier eine ſehr betraͤchtliche An⸗ zahl von Freynegern. Die Feldſtlaven, ſo wie diejenigen, welche als Hausneger zur Bedienung gebraucht werden, ſind uͤbrigens in einer beſſern Lage, als jene in den Bergwerken. Dieſe werden nach einer beſtimmten Quantitaͤt der erzielten Produkte bezahlt, und da dieſer Gewinn ungewiß iſt, indem ſie der Zufall bald mehr, bald weniger Gold und Diamanten zu Tage fördern laͤßt, ſo werden die armen Men⸗ ſchen oftmahls gereitzt, etwas zu verhehlen; beſon⸗ ders iſt dieß der Fall bey den Diamanten, indem ſie kleinere Steine verſchlucken. Sobald der Auf⸗ ſeher der Minen etwas dergleichen argwohnt, giebt er dem Sklaven eine ſtarke Doſis Jpecacuanha, und ſollte hierdurch nichts an den Tag kommen, ein heftiges Purgiermittel. Oft wird ein voͤllig Un⸗ ſchuldiger das Opfer dieſer grauſamen Behandlung. Auſſer den Europaͤern, die theils in Europa gebohren, theils Creolen ſind, finden ſich auch hier, wie faſt in allen oſt⸗ und weſtindiſchen Kolonieen . G 2 —(100)— vſele Mulatten und Meſtizen, die groͤßtentheils fteye Leute ſind. Die Bedruͤckungen der Kolonie durch das Gou⸗ vernement, machen es begreiflich, warum ſich faſt alle nach Braſilien geſandte Portugieſen ſchon wie vom Mutterlande auf immer getrennt anſehen. Die Koloniſten, ſagt Barrow, hegen faſt eben ſo wenig Hoffnung zur Ruͤckkehr ins Vaterland, als die nach Botanybay geſandten Englaͤnder. Sie ſuchen da⸗ her auch nicht, wie etwa die Pflanzer in Weſtin⸗ dien, ſchnell zu einem bedeutenden Vermoͤgen zu gelangen, um hiervon einſt in Europa bequem le⸗ ben zu können. Selbſt das portugieſiſche Militaͤr in Braſilien, ob es gleich nur fuͤr eine beſtimmte Zeit dorthin ge⸗ ſandt iſt, ſtedelt ſich gewoͤhnlich dort an, und ſucht durch verſchiedene Arten von Nebenerwerb ſich zu erhalten. So trieb waͤhrend der Anweſenheit Lind⸗ ley's in Bahia der Kapitaͤn Matos, 1g Kom⸗ mandant eines wichtigen Forts, dennoch das Hand⸗ werk eines Goldſchmieds, ein Rechtsgelehrter han⸗ delte mit Eyern, ein Richter mit Eßwaaren u. dgl. m. Dazu werden die Beamten und das Militaͤr vorzüglich durch ihre Duͤrftigkeit und ihre geringen Gehalte genoͤthigt. Der Gehalt des Kommandan⸗ danten eines Signalforts, der beſtaͤndig im Dienſt iſt, vetraͤgt nur 365 Thaler jäͤhrlich, die Komman⸗ dantenſtelle in einem Fort ohne Garniſen traͤgt nur die Haͤlfte. Die Soldaten kennt man bloß an ihrer — —(101)— ſchlechten blauen Jacke, die ihnen als Uniforme dient, ſo lange ſie die Wache haben; auſſer Dienſt huͤllen ſie ſich in elende Lumven. Daher ſoll denn auch die Subordination auſſerſt ſchlecht ſeyn. Die⸗ ſer geringe Unterſchied zwiſchen Herrn und Diener erſtreckt ſich gleichfalls auf das Ganze; oft unter⸗ bricht der Bediente die Konverſation der Geſellſchaft. Sind nun gleich die Einzwaͤngungen und da⸗ her die Quellen der Duͤrftigkeit ſehr groß und viel⸗ fach, ſo herrſcht doch auch hin und wieder vieler Luxus. Im Groſſen zeigt ſich dieſer ganz vorzuͤg⸗ lich in den Kirchen und bey den geiſtlichen Ceremo⸗ nieen Brafiliens; ſie uͤbertreffen an Pracht ſelbſt die aͤhnlichen in den katholiſchen Laͤndern Europas. Obgkeich hier kein eigentliches Inquiſitionsge⸗ richt iſt, ſo haͤlt es doch ſeine Agenten, es herrſcht. daher auch noch ziemlich kraſſer Aberglaube mit al⸗ len ſeinen Phaͤnomenen.. Die Induſtrie und der allgemeine Wohlſtand ſteht in dieſem Lande noch ſehr zuruͤck; alle Fabri⸗ ken ſind zu Gunſten des Mutterlandes verboten; ſo wurde auf hoͤheren Befehl eine Baumwollenſpinne⸗ rey zertruͤmmert und der Unternehmer nach Euro⸗ pa geſandt. Hierdurch werden denn auch die Bett⸗ ler ſo auſſerordentlich vermehrt: auf den Straſſen der Hauptſtaͤdte findet ſich der Fremde beſtaͤndig von ihnen heimgeſucht, obgleich die Kirchen und Kloͤſter eine groſſe Menge derſelben bekoͤſtigen. Auch die Bequemlichkeiten des Lebens ſind dort auſſerſt ſchwer zu erhalten. Bahig hatle noch vor 6 -(102)— Sabren keinen einzigen Gaſtöof, und in der n. ſtadt, bey einer Volksmeage von 00,000 Menſchen fand man nur etwas aͤhuliches von einem Wirths⸗ hauſe. Ein Franzoſe, Monſieur Philippe, der Wirth dieſes merkwuͤrdigen Hotels, machte zugleich deu Dollmetſcher, den Agenten, den Maͤckler und den Arzt fuͤr die dort ankommenden Fremdlinge. Selbſt die beſten Wohnungen, und es giebt, beſonders i in Rio Janeiro mehrere anſehnliche Haͤuſer, ſind aͤuſſerſt unreinlich und mit ſchlechten antiken Möbeln verſehen. Freylich iſt Unreinlich⸗ keit üͤberhaupt dem warmen Klima, ſo wie dem ho⸗ hen Norden gemein. Die Gewohnheit der Portu⸗ gieſen in Braſilien, ſich oͤffentlich, ja wohl gar wechſelſeitig von den widrigen Gaͤſten des Kopf⸗ haares zu befreyen, findet ſich ſo gut in Neapel, als in Finnland und den angraͤnzenden Laͤndern. In ziemlich aͤhnlichem Verhaͤltniſſe ſteht hier⸗ mit die Art ſich zu kleiden und zu ſpeiſen. Das europaͤt ſcher Sitte gekleidet, uirr die Vornehmern tragen auch haͤufig Spiben und groſſe maſſiv gol⸗ dene Schnallen; im Hauſe dagegen begnügen ſie ſich in ſchmutzigem, oft zereiſſenem Hemde und Schlaf⸗ brſen zu lauftn. Die Frauenzimmer ſi ſind bey ihrer eingeſchloſſe⸗ nen Lebensart leicht zum Fettwerden geneigt. Die blaſſe Geſichtsfarbe wird durch die Lebhaftigkeit der ſchwarzen Augen und der ſchoͤnen weiſſen Zaͤhne ſehr gehoben. Sie gehen groͤßtentheils nur in kleinen —(103)— Ueberroͤcken uͤber dem Hemde von dem duͤnnſten Monſ⸗ ſelin, und da das Hemde oberwaͤrts ſehr weit aus⸗ geſchnitten iſt, ſo zeigt ſich nur zu ſehr der dunkel⸗ braune Buſen und Nacken. Ihr lauges, ſchwarzes Haar wird mit gefaͤrbten Baͤndern aufgebunden, und mit den herrlich riechenden Blumen der Plu⸗ meria, der Juberoſe, des Jasmins durchflochten. Dabey werden ſelten Struͤmpfe getragen. Zur Kir⸗ che ſchlagen ſie ein ſchwarzes tuchenes oder ſeidenes Gewand uͤber, und bey Regenwetter tragen ſie Pan⸗ toffeln. Vornehme zeichnen ſich beſonders durch fein gearbeitete goldene Ketten, oft mehrere Ellen lang, aus, die ſie um den Hals tragen, und woran ein Agnus Dei herabhaͤngt. Zum Ausgehen bedienen ſie ſich der Saͤnften und Carriolen.— Die Fleiſchſpeiſen der Braſtlianer ſind nur von geringer Guͤte; Gefluͤgel und Fiſche dagegen ſind trefflich. Milch und Butter findet man ſelten, alles wird in Oehl gekocht. Selbſt die hoͤheren Klaſſen bedienen ſich beym Speiſen der Finger ſtatt der Meſ⸗ ſer und Gabeln. Sie ballen das ſehr weich gekoch⸗ te Fleiſch, die Mehlſpeiſen und Gemuͤſe bis zur Groͤſſe einer Seifenkugel, tauchen dieſe in die Bruͤhe, und ſtecken ſie ſodann ungetheilt in den Mund. In⸗ deſſen waſchen ſie ſich doch vor und nach dem Eſſen die Haͤnde. Laͤßt der Gelehrte und Vornehme in China die Naͤgel aller Finger bis zu einer ungewoͤhnlichen Laͤn⸗ ge wachſen, ſo genießt in Braſtlien nur der Dau⸗ men oder der Zeigefinger dieſes Vorrechts. Sie —(194)— ſpiten die Naͤgel dann ſcharf zu, und ſtolziren da⸗ mit, wenn ſie die Guitarre ſpielen. Uebrigens iſt die Mufft im Ganzen, beſonders die zum Tanz, den Negern uͤberlaſſen. Der Tanz ſelbſt iſt aber ein Ge⸗ miſch des wolluͤſtigen Fandango und der noch unzuͤch⸗ tigeren Taͤnze der Neger von Guinea. Die Orgien der Bajaderen Oſtindiens ſind dagegen noch ſehr anſtaͤndig. Rio Janeiro hat auch eine Oper. Die Baͤlle und Conzerte werden dort im Gouvernementshauſe gegeben. Die oͤffentlichen Kaffeehaͤuſer ſind daſelbſt und in Bahia ſchlecht und ſchmutzig. Im Ganzen wird die Geſelligkeit durch Indo⸗ lenz und Eiferſucht ſehr eingeſchraͤnkt. Die Frauen⸗ zimmer, welche enge eingekerkert leben muͤſſen, ſuchen ſich durch Rendezvous in den Kirchen und bey Nacht ſchadlos zu halten Sie zeigen ſich in der Abenddaͤmme⸗ rung auf den Balkons ihrer Haͤuſer und werfen auf diejeni igen unter den vorübergehenden Mannsperſonen, die das Gluͤck haben, ihnen zu gefallen, Blumen⸗ ſtraͤuſſe herab. Dieß trifft beſonders die Fremden. Dr. Solander und einige engliſche Seeeffiziere. welche den Kapitaͤn Cook auf ſeiner erſten Reiſe um die Welt begleiteten, wurden ſo ſehr mit dieſen ſchönen Einladungen uͤberſchuͤttet, daß ſie ganze Hü⸗ te voll davon wegwerfen mußten. Dieſe von dem Klima ſelbſt begünſtigte Simn⸗ lichkeit und Indolenz, gemiſcht mit Bigottismus und ſtaͤtem Gefuͤhl des harten Drucks der Regierung laͤßt natuͤrlich fuür Kenntniſſe, Wiſſenſchaften und Volksaufklaͤrung wenig erwarten. —— —(105)— Die Englaͤnder ſuchten in Rio Janeiro verge⸗ bens nach einer Beſchreibung, oder gedruckten Nach⸗ richt von dieſer Hauptſtadt. Sie fanden in den beyden Buchlaͤden, wahrſcheinlich den einzigen in ganz Braſilien, nur alte alchymiſtiſche und medizi⸗ niſche Abhandlungen, Andachtsbuͤcher und Werke der ſcholaſtiſchen Theologie, und noch einige Werke uͤber die Geſchichte des Hauſes Braganza. Wie weit die hoͤheren Wiſſenſchaften dort zu⸗ ruͤckſtehen, kann folgendes Beyſpiel beweiſen: Als Cook bey ſeiner erſten Weltumſeglung in Rio Ja⸗ neiro landete, und von dem dortigen Vizekoͤnig um die Urſache ſeiner Reiſe befragt wurde, gab er zur Antwort, er wolle den Durchgang der Venus auf einem der Sudſeelaͤnder beobachten. Von dieſem Phaͤnomen konnte ſich der Vizekoͤnig nur folgenden Begriff machen: es ſey dieß wohl der Durchgang des Nord⸗(Polar) Sterns durch den Suͤdpol. Man denke ſich dieſe ver⸗ kehrten Begriffe bey einem Manne in ſo hoher Funk⸗ tion, der ſelbſt den weiten Ozean befahren hatte, und in einem See⸗ und Handelsſtaate zu Hauſe gehoͤrte. Was lieſſe ſich nicht von einem nur einiger⸗ maſſen ſachkundigen Braſilianer uͤber die Naturge⸗ ſchichte und Erdkunde dieſes reichen Theils der ſuͤd⸗ lichen Halbkugel erwarten, dennoch iſt faſt alles, was wir davon wiſſen, aus den Federn der Aus⸗ laͤnder gefloſſen. Ein Franziskaner in Rio Janeiro benachrichtigte indeß den engliſchen Reiſenden Bar⸗ —(106)— row, er arbeite an einer Flora dieſes Landes. Ue⸗ ber den dortigen Handel hat doch der Biſchof zu Fernambuc, Coutinho, einen Traktat geſchrie⸗ ben. So haͤtten wir vielleicht die ganze Ausbeute der dortigen Literatur, ſo weit ſie uns bekannt iſt, denn einige Kloſter ſollen noch ſchäͤtzbare Manuſtrip⸗ te der Miſſionaͤre uͤber das Innere von Braſtlien beſitzen; allein die Weisheit der Regierung verheim⸗ licht dieſe literaͤriſchen Schätze aus Furcht, ſie moͤch⸗ ten die Ausländer zu den Metallſchäͤtzen fuͤhren. Vierter Abſchnitt. Politiſche Eintbeilung des Landes.— Stuatsverwal⸗ tung.— Militaͤr.— Bevoͤlkerung.— Staatsein⸗ künfte.— Handel. 3 D. politiſche Eintheilung Braſtliens wird von den meiſten Geographen nicht richtig angegeben; die neueſten Angaben von Correa de Serra ſind hieruͤber am zuverlaͤſſigſten. Brafilien iſt in neun groſſe, und acht ihnen untergeordnete Gouvernements, dann in zwey un⸗ abhaͤngige vom zweyten Nang eingetheilt: die Letz⸗ teren haben ihre Unabhaͤngigkeit der ſtark vermehr⸗ ten Bevoͤlterung wegen erhalten. Das vornehmſte —(10,)— Gouvernement, jenes von Nio Janeiro, fuͤhrt den Titel eines Vizetoͤnigreiche; aber bloß in Hinſicht auf die Landesvertheidigung uͤbt der Vizekoͤnig eine gewiſſe Autoritaͤt uͤber die anderen Gouverneurs aus. Die Gouvernements find folgende: mannaen Vom erſten Range. — Rio Janeiro; mit dem Titel eines Vizekoͤ⸗ nigreichs. Para; am Amazonenfluß. Maranhao Berſahbue auf der Oſtkuͤſte. Bahia— San Paulo Mattogroſſo Goyaz Minas Geraes im Innern. Vom zweyten Nange. Rio Grande untergeordnet an Rio Santa Catterina Janeiro. Spirito Santoo n 3 an Bahia. Sergippe Pianbhy Rio Aeure an Maranhao. Macapa Rio Grande do Norte un Paro. -(183).— Ceara araiba* lnabhäͤngig In. Veuug auf die Geiſtlichkeit, geyoͤrt der Zehnten durchgehends der Krone, nach einen dc mehrere paͤbſtliche Bullen beſtätigten Vorrech⸗ Biſchof, Kapitel und Seelſorger erhalten ihre Vangies von Hof. Der Erzbiſchof zu Bahia bezieht jaͤhrlich 6000 Aroſaben(etwas uͤber 6000 fl.), jeder der ſechs Bi⸗ ſchoͤfe 4000 Kruſaden und jeder Pfarrer 200,000 Reis(500 fl.); doch ſind deren nicht viele. Die Privaten unterhalten viele Succurſalen. Was die Gerechti gkeitspflege anbe⸗ langt, ſo giebt es zwey oberſte Gerichishoͤfe(Re- lagoes) in Bahia und in Rio Janeiro. Unter dem erſtern ſtehen die Gerichte zu Para, Maranhao, Fer⸗ nambuk, Goyacos, Bahia; unter dem zweyten je⸗ ne zu Minas Geraes, Mattogroſſo und San Paul. Auſſerdem giebt es noch 24 Ouvidoren, welche Ober⸗ richter in zweyter Inſtanz ſind. Vor der Ueberſied⸗ lung befand ſich die hoͤchſte Inſtanz in Portugal, naͤhmlich der Rath des Pallaſtes, von welchem die Richterſtellen in den Kolonieen beſetzt wurden. Das Militaͤr in Braſtlien, beſteht dermalen in ungefaͤhr 1v000 Mann. Der General Boͤhme, der in den achtziger Jahren Generalinſpektor der geſammten portugieſiſchen Truppen in Braſilien war, hatte dieſe in einen achtungswuͤrdigen Zuſtand ver⸗ ſetzt, von dem ſte jetzt wieder ſehr herabgeſunken ſind⸗ —(1099)— Die Bevoͤlkerung belaͤuft ſich auf drey Millionen, wovon der fuͤnfte Theil reiner portugie⸗ ſiſcher Abkunft iſt, die uͤbrigen aber aus einem Gemi⸗ ſche von Mulatten, Meſtizen, Negern und Indianern beſtehen. Das Aufblühen des Anbaus und mithin auch des Handels von Braſilien wurde durch die verkehrte Politik des Mutterſtaates betraͤchtlich er⸗ ſchwert. Durch das Vorhaben, die Kauffahrer vermit⸗ telſt ihrer Kriegsſchiffe gegen jeden feindlichen An⸗ griff in Sicherheit zu ſetzen, hemmte die Regierung die Freyheit des Handels, indem ſie die Handels⸗ flotten zwang, nur im Monat März von Porto nach Braſilien die Waaren des Mutterlandes zu fuͤhren. Hiedurch wurde denn manchem Kaufmanne gerade der ihm bequemſte Zeitpunkt zu dieſem Tauſch⸗ handel verruͤckt, und die Fracht mußte in jeder Hinſicht erſchwert werden, weil zu jener einzigen Zeit die Konkurrenz deshalb am ſtaͤrkſten ward. Weit drückender waren indeß die Monopolien und Auflagen fuͤr Braſilien ſelbſt. Eins der Haupt⸗ beduͤrfniſſe des menſchlichen Haushalts, das Salz behielt ſich die Regierung allein vor, von den In⸗ ſeln des gruͤnen Vorgebirges einzufuͤhren, da doch die heiſſe Sonne Braſiliens ſehr bequem das beſte Salz lieferte, und ſo Menſchen und Vieh auf die leichteſte Art erhalten wurden. Und dieſes Mono⸗ pol, welges ſo weit getrieben wird, daß ſelbſt das Salz, welches die Sonne willkührlich an den Kuͤſten 55 —(110)— auskocht, nicht nach den groſſen Staͤdten gefuͤbrt werden darf, bringt der Krone noch nicht voͤllig 10000 Thaler ein. Welchen Schaden verurſacht es aber nicht, blos all. in in Ruͤckſicht der ungeheuern Quantitaͤt des leicht einzuſalzenden Rindfleiſches jener zahlloſen Heerden, von denen man jetzt blos die Haͤute benuͤtzt, und das Fleiſch ungebraucht ver⸗ faulen laͤßt.. Auch das aus Madera hieher verpflanzte Zu⸗ ckerrohr gewaͤhrte bald einen hoͤchſt wichtigen Han⸗ delszweig, aber ſtatt die Ausfuhr des Zuckers zu ermuntern, belegte man dieſelbe mit einer Abgabe von 20 Prozent; eben ſo wurde der Handel mit dem Indigo zu einem Monopol der Krone gemacht. Der Wein geraͤth in Braſtlien vortrefflich. Allein eine eigene Geſellſchaft bezahlt der Regierung das Vorrecht ausſchließlich Portwein nach Braſilien zu führen, und verbietet den Braſtlianern nicht nur den Anbau des Weines im Groſſen zum Verkauf, ſondern ſie erlaubt nicht einmal den dortigen Wein zum eigenen Hausverbrauch. Der Portwein wird nach Barrow in den Seeſtaͤdten mit einem Reichs⸗ thaler, im Innern des Landes aber mit zwey Reichs⸗ thalern die Bouteille bezahlt. Ferner gewinnt die Regierung 20000 Thaler durch den Alleinhandel mit Seife, Queckfilber, Scheidewaſſer und Spielkarten, ja die Kolonie muß ihr den Zehnten von allen Produkten, ſo wie von allen Ex⸗ und Importen, ferner eine Abgabe fuͤr je⸗ den Sklaven, und auſſer andern minder bedeuten⸗ — — — 111)— den Taxen auch die Kreuzbullen bezahlen. Dieſe Auflagen, mit Inbegriff der im zweyten Abſchnitte bereits angefuͤhrten Einkuͤnfte von den Juwelen und edeln Metallen betrugen im Jahre 1775 uͤber 4 ½ Million Thaler. Auch der Vortheil von der hier ſo trefflich be⸗ kommenden Baumwolle wurde der Kolonie entriſ⸗ ſen. Die Waarenlager fanden ſich davon angefuͤllt, es wurde daher eine ſehr groſſe Quantität braſilia⸗ niſcher Baumwolle nach Portugal geſandt. Zufaͤl⸗ ligerweiſe traf es ſich, daß nicht nur auch dort die Magazine bereits damit angefuͤllt waren, ſondern daß gerade zu der Zeit die Regierung mit Frank⸗ reich uͤber ihre Neutralitaͤt unterhandelte. Da man dieſer fremden Macht kein baares Geld zu geben im Stande war, und ſie, der es uͤberhaupe nur darauf ankam, irgend etwas von Werth zu er⸗ langen, ſich an Geldesſtatt mit Waaren begnü⸗ gen ließ, ſo ward die von den Braſilianern geſand⸗ te Baumwolle dafuͤr hingegeben, und man vertroͤ⸗ ſtete die Pflanzer auf kuͤnftige Bezahlung, ohne den Preis oder die Zeit zu beſtimmen. Die Tabelle, welche Raynal von der jaͤhrlichen Ausfuhr Braſiliens, nach einem Durchſchnitt der fünf Jahre von 1770 bis 1775 gegeben hat, be⸗ weiſet, daß dieſelbe nach Portugal 26,796,842 fl. nach Madera, die Azoren, Afrika und Oſtindien aber 1,040, 875 fl. betrug. Dieß erreichte zuſammen die Summe von ungefaͤhr 28 Millionen Gulden, wovon das Gold und die Juweſen allein uͤber 12 Millionen 4 —(u2)— ausmachen, waͤhrend das viel kleinere engliſche Weſt⸗ indien blos an Kolonialprodukten jaͤhrlich fuͤr 48 Millionen Gulden ausführt. So vereinigte bisher ſich alles, den Flor die⸗ ſer herrlichen Kolonie zuruͤckzuhalten. Wie Tanta⸗ lus bringen Braſtliens Pflanzer, umgeben von dem groͤßten Ueberfluſſe, ihr Leben in duͤrftiger Aengſtlich⸗ keit hin. Fünfter Abſchnitt. Kurze Beſchreibung der merkwuͤrdigſten Orte. Da fuͤdlichſte Theil Braſiliens iſt die Provinz Rio Grande de Sao Pedro. Sie bringt viele Kuͤhe, Pferde, Getreide und Hanf hervor, weßhalb ſie auch die reichſte iſt; aber ihr ſeichter Hauptſtrom traͤgt keine ſchweren Schiffe. Der Hauptort iſt Portalegre mit 6000 Einwohnern. Die Provinz Santa Catarina dient mit ihrem vortrefflichen Hafen an der Muͤndung des Nio Grande hauptſaͤchlich zur Ausfuhr der Produkte aus der vorigen Provinz. Wendet man ſich zur Nordkuͤſte, ſo findet man den Hafen und die Staot Santos, und nach Zu⸗ ruͤckl gung von ſechs bis ſieben Meilen uͤber die rauhe „—(113)— rauhe Pornabiacaba koͤmmt man nach der be⸗ ruͤhmten Stadt Sao Paulo. Ihre Bewohner waren Anfangs nur Mißvergnuͤgte und Verbrecher, die ſich hier in einer beynahe unangreifbaren Stel⸗ lung verſammelt hatten. Sie erkannten Portugals Oberherrſchaft nicht an, und waren gezwungen vom Raube zu leben. Daher durchſtreiften ſie das Land als unbarmherzige Verwuͤſter, jagten die In⸗ dianer, wie wilde Thiere, und ſchleppten ſie, an den Schweif ihrer Pferde gebunden, mit ſich fort. Sie verbrannten die Wohnungen der Wilden, wel⸗ che durch die Jeſuiten civilifirt worden waren. Nach und nach aber haben ſtie ihre unſtaͤte Lebensart ver⸗ laſſen, und ſind menſchlicher geworden. Nun folgt das Gouvernement Rio Janeiro, und in demſelben die Hauptſtadt des Landes, die eine etwas naͤhere Beſchreibung verdient. Der erſte Gegenſtand, der nach Voruͤberſeg⸗ lung des Kaps Frio die Aufmerkſamkeit feſſelt, iſt eine Oeffnung in der gruͤnen Bergkette, weiche die Kuͤſte begraͤnzt. Dieſe Spalte ſcheint von Ferne ei⸗ ne enge Pforte zu ſeyn, ſie befindet ſich zwiſchen zwey Steinpfeilern, deren Nacktheit mit der uüͤppi⸗ gen Pflanzenwelt der uͤbrigen Gebirge ſchoͤn kontra⸗ ſtirt. Dieſe Oeffnung iſt der Eingang in den Ha⸗ fen von Rio Janeiro. Gerade in der Mitte des Eingangs befindet ſich eine kleine, ſehr befeſtigte Inſel, und beſchraͤnkt die Einfahrt auf 3 Meile. Hat man dieſen Kanal durchſchifft, ſo trifft das Auge mit einem Wechſel von Erſtaunen und Ent⸗ V. Baͤndch H —(114)— zuͤcken auf die praͤchtigſte Perſpektive, welche die Natur anzubieten vermag. Ein ungeheures Waſ⸗ ſerbecken erſtreckt ſich in das Innere einer lachenden Landſchaft, wo hohe Berge ſich in dem Azur des Himmels, oder in dem Purpur nachbarlicher Wol⸗ ken verlieren. Unzaͤhlige kleine Eilande, auf die⸗ ſem beſchraͤnkteren Ozeane vertheilt, gleichen eben ſo vielen Gärten mit Lauben und Blumen bedeckt, welche die ſüſſeſten Wohlgeruͤche aushauchen. In amphitheatraliſchen Reihen erheben ſich umgürtende Gebirge; zwiſchen ihren gruͤnen Waͤnden entdeckt das Auge liebliche Thaͤler von ſilbernen Baͤchen durchſchnitten. Hier glaͤnzt ein ewiger Fruͤhling, und die Natur bietet ihre koſebauſten Geſchenke zum Genuß dar. Die Stadt Rio, oder Santo Sebaſtia⸗ no liegt angenehm auf einem geraͤumigen Vorge⸗ birge, deſſen Erhebungen den Hafen gegen die ge⸗ woͤhnlichen Suͤdwinde ſchuͤtzen. Auf einem der bey⸗ den kahlen, mitternaͤchtlichen Enden desſelben liegt eine regelmaͤſſige Citadelle, und auf dem andeen ein wohlverſchanztes Benediktinerkloſter. Dieſe beyden Hoͤhen beherrſchen in Verbindung mit dem ſtaͤrkſten Hafenfort, welches auf der Schlangeninſel, auf einem 30 Fuß hohen Felſen liegt, die Stadt. und den Ankerplatz. Der erſte Gegenſtand der Aufmerkſamkeit beym Eintritte in die Stadt iſt ein ſchoͤner viereckiger Platz an drey Seiten von Haͤuſern, an der vierten vom Meer begraͤnzt, wo ein praͤchtiger ſteinerner —(uz.)— Kai mit breiten Treppen in der Mitte und an bey⸗ den Enden angebracht iſt, an welchem man ſich ge⸗ woͤhnlich ausſchifft. An der mittleren Treppe erhebt ſich ein vierwinklichter Obelis?, der auf allen vier Seiten Stroͤme von klarem Waſſer unablaͤſſig von ſich gießt, womit der niedere Theil der Stadt und die Schiffe des Hafens ſich verſehen. Im erhoͤhten Hintergrunde des Platzes ſteht der ganz einfache Pallaſt des Vizekoͤnigs, gleich dem Obelisk aus Granit erbaut, womit auch der Kai gepflaſtert iſt. Alle Brunnen der Stadt erhalten ihr Waſſer von dem Gipfel des nahen Gebirges, durch die praͤchti⸗ ge, von dem Vizekoͤnig Vasconcellos erbaute Waſ⸗ ſerleitung, von welcher hier eine Anſicht beygefuͤgt iſt.. Eben ſo angenehm, als der Geſundheit zutraͤg⸗ lich iſt der oͤffentliche Garten(passao publico.) Er beſteht aus Lauden, Grasplätzen, Alleen und Blumenparterren, wo Jasmin, Stickwurz und andere Geſtraͤuche ſuͤſſe Düfte verbreiten. Zwar be⸗ merkt man auch einheimiſche Geſtraͤuche von groſſer Schoͤnheit, allein es ſcheint, als ob die Portugie⸗ ſen ihre europaͤiſchen mehr liebten, obgleich dieſe hier ſchwaͤcher und duͤrftiger gedeihen. Auch der botaniſche Garten des Gouvernements wird ſehr vernachlaͤſſigt. Mehrere Haͤuſer in der Stadi ſind gut ge⸗ baut, ſie haben meiſtens zwey Stockwerke, und hoͤlzerne Balkone auf dem zweyten langs der ganzen Fagade; ſie ſind mit Ziegeln gedeckt, ihre ſtark H 2 =(116)— vergitterten Fenſter machen aber einen freudeloſen Eindruck. Der groͤßte Theil derſelben hat auf der einen Seite einen mit Fruchtbäumen, Blumen oder Duftſtauden bepflanzten Raum. 1 Die Hauptſtrafſen ſind mit breitem Granit ge⸗ pflaſtert und haben ſogar Abſonderungen fuͤr die Fußgeher. Nan findet da haͤufige, mit europai⸗ ſchen, vorzüglich engliſchen Waaren gut verſehent Boutiken. Die Anzahl der Bewohner von Rio mag 8 ohngefaͤhr auf ſechzigtauſend belaufen. Weun man von Rio weiter nordwaͤrts reiſet, ſo verkuͤndet ſich von ferne der Hafen von Espi⸗ rito Sanuto durch ſeinen majeſtaͤtiſchen Felſen, der einem Kirchthurm aͤhnelt. Hier endet das Gou⸗ vernement von Rio Janeiro, und jenes von Babia faͤngt an. Die erſte Provinz deſſelben iſt das an dem trefflichſten Bauholz ungemein reiche Porto⸗ ſeguro. Oelbaͤume ſind hier ungemein haͤufig, ſo wie auch die Gummibaͤume, welche die Einwoh⸗ ner geradesweges abſchneiden, um den koſtbaren Saft zu gewinnen. Ueberhaupt ſind die Meuſchen hier ſo indolent, daß ſie in der Mitte der groͤßten Naturſchaͤtze Bettler bleiben. 1 Portoſeguro, der Hauptort, der Plat, an welchem Cabral zuerſt Braſtliens Kuͤſten betrat, mag nebſt dem benachbarten Dorfe gegen 8000 Be⸗ wohner enthalten. Die Staͤdte Prado und Al⸗ cobas bluͤhen durch Fiſchfang, und die Stadt — 417)— Caravellos befindet ſich durch Maniocausfuhr in gutem Zuſtande. Von hier koͤnmt man in die an Zucker und Manioc fruchtbare Provinz dos Ilheos. In einem See, den ſie enthaͤlt, ſieht man eine Menge Lamentins(Seekuhe) ſpielen. Gruͤne Kuͤſten, ſpitze Felſen, bluͤhende Ort⸗ ſchaften, fruchtbare Felder und dichte Waͤlder be⸗ zaubern hier den Seefahrer. Wenn er das Fort do Mar voruͤbergeſegelt iſt, koͤmmt er in die praͤch⸗ tige Allerheiligenbay, deren kriſtallener Waſſerſpie⸗ gel von vielen hundert Barken durchſchnitten wird, die aus dem Meer, oder die ſechs Fluͤſſe herabkom⸗ men, welche ſich in den Meerbuſen ergieſſen. Rechts auf einem Felſen erhebt ſich die Stadt San Salvador, gegenwaͤrtig unter dem Nahmen Ba⸗ hia bekannt. Ihre Volksmenge iſt unbeſtimmt. Lindley ſetzt ſie auf 100000 Seelen, andere Schrift ſteller geben nur 40000 an. Die Stadt iſt ſehr be⸗ traͤchtlich, auf die Art von Nio Janeiro erbaut, jedoch, des felſigen Erdreichs wegen, nur mit ſchlech⸗ ten, ungepflaſterten Straſſen verſehen. Sie hat ei⸗ nen guten Schiffswerft, auf dem man jedoch nur ein Linienſchiff auf einmal bauen kann, und uͤber⸗ dieß wird auch der Bau ſehr laugſam hetrieben. Bey der Stadr Tapp agippe hingegen befinden ſich Privatwerfte, auf welchen Kauffartheyſchiffe jeder Groͤſſe mit vieler Schnelligkeit gebaut werden. Die Kirchen und Klöͤſter zeigen hier, ſo wie in Nio, ungemein viel Luxus und Pracht, Die Kir⸗ Gu8)— che der Exjeſuiten iſt ganz aus europaͤiſchem Mar⸗ mor erbaut, und alle Holzarbeiten ſind mit Schild⸗ patt eingelegt. In der hiezu gehoͤrigen Bibliothek ſind koſtbare Sammlungen vorhanden, welche dieſe Geiſtlichen uͤber die natürliche und buͤrgerliche Ge⸗ ſchichte Braſiliens geſchrieben haben. Der Pallaſt des Gouverneurs iſt weitlaͤufig, ohne ſchoͤn zu ſepn. Die Einwohner von Bahia ſind ſehr induſtrioͤs, und ihr Handel iſt von groſſer Bedeutung. Die Hauptgeſchäfte dieſes Platzes werden direkt mit Liſſabon und Oporto gemacht, und hiezu 50 groſſe Fahrzeuge verwendet. Den Kolonialhandel Ba⸗ hias, der beſonders gegen den ſuͤdlichen Theil Bra⸗ ſiliens hin, ſtark iſt, betrieben ungefaͤhr 40 Schiffe von 250 Tonnen, und aus dem Innern des Lan⸗ des kommen taͤglich wenigſtens 800 Barken und Polaken an, um der Hauptſtadt ihren Tribut zu zollen. Alle Waaren muſſen in ein hier befindliches Magazin gebracht werden, wo geſtempelt und Zoll gefordert wird. 33. Die Provinz Bahia, zwar die kleinſte, iſt aber doch die fruchtbarſte, reichſte und bevoͤlkertſte. Die Hauptſtadt Cachoeira an einem vortreffli⸗ chen Platze, am ufer eines kleinen Fluſſes, iſt die Niederlage von der Ausveute der Goldminen in den mitternaͤchtlichen Gegenden. Jagoaripe, Amoro, Jacobina, Do Sitio und San Francisco ſind ſaͤmmtlich lebhafte Städte die⸗ ſer Provinz, zu welcher auch die reichen Inſeln Itaporica und San Poulo gehoͤren. a9) Von den im Lande vertheilten Pflanzungen beſchaͤftigt oft eine zwey bis dreyhundert Sklaven, und, wo nicht die Zuckermuͤhlen durch Waſſer ge⸗ trieben werden, eine verhaͤltnißmaͤſſige Anzahl Pfer⸗ de. Die reichen Eigenthuͤmer dieſer Plantagen woh⸗ nen mit Ausnahme der Regenzeik, in ſchoͤnen Schloͤſſern mit Kapellen. Sergippe, eine Stadt mit? bis 8000 Ein⸗ wohnern, ſteht noch unter dem Gouverneur von Ba⸗ hia. Nördlicher liegt das Gouvernement Pernam⸗ buco, oder, wie es die Geographen gewoͤhnlich nen⸗ nen, Fernambuc. Es bringt viel Zucker und den größten Theil des nach Europa gehenden Holzes her⸗ vor. DOlinda de Pernambuco mit mehr als 20,000 Menſchen, iſt wahrſcheinlich ſeiner Bedeu⸗ tenheit nach die dritte Stadt Braſiliens. Reßif dient ihr zum Hafen, und hier war es, wo die Hollaͤnder ihren Hauptort, Morizſtadt erbauten. In dieſer Provinz ſah die neue Welt das erſte Beyſpiel eines unabhaͤngigen Staats, den ſich die Neger errichteten. Am Ende des Kriegs mit den Hollaͤndern, un⸗ gefaͤhr im Jahre 1660, entſchloſſen ſich die Sklaven in der Naͤhe von Pernambue, in den Gehoͤlzen und Flaͤchen des innern Braſtliens die erſehnte Frey⸗ heit zu ſuchen. Vierzig derſelben ſetzten dieſen Be⸗ ſchluß in Vollzug, und nachdem ſie Flinten und an⸗ dere Kriegsgeraͤthe entfremdet hatten, verlieſſen ſie ihre Herren, und zogen ſich unter den 9ten Grad der Breite in die Naͤhe von Porto Calao zurück, —(120)— wo ſie in der Nachbarſchaft des wohlbebauten Lan⸗ des Alaoas und Pernambuco waren. Dort ſtieß eine betraͤchtliche Anzahl Reger und Mulatten zu ihnen. Indeß fuͤhlten ſie bald den Mangel an Wei⸗ hern und beſchloſſen, ihm mit Gewalt abzuhelfen. Der Naub der Sabinerinnen war weder allgemei⸗ ner noch vollſtaͤndiger; ſie raubten alle farbigen Weiber auf eine weite Landesſtrecke, nothzuͤchtigten die Weiver und Toͤchter der Pflanzer, raubten ih⸗ re koſtbarſten Effekten, und zogen ſich nach der von ihnen angelegten Stadt Palmares zuruͤck, wel⸗ che dieſen Ramen der vielen Palmen wegen erhielt, die ſie dort gepflanzt hatten. Vald wurden dieſe Aufruͤhrer fuͤrchterlich. Meh⸗ rere Pflanzer bewarben ſich um ihre Freundſchaft, und lieferten ihnen insgeheim Pulver, Kugeln, Flinten und europaͤiſche Stoffe, wogegen ſie Verſicherungen ih⸗ res Schutzes und einen Theil des geſtohlenen Goldes und Silbers erhielten. In kurzer Zeit bildeten ſie eine Nation und fuͤhrten den Namen Palmareſe n nach ihrer Stadt. Sie entwarfen ſich eine eigene Verfaſſung und waͤhlten ſich ein Oberhaupt, welches ſie Zom⸗ bi(den Naͤchtigen) nannten. Seine Wuͤrde war lebenslaͤnglich und er wurde aus den erfahrenſten, tapferſten und einſichtsvollſten Maͤnnern der Nation gewaͤhlt. Dann ſtellten ſie Obrigkeiten auf, gaben ſich Geſetze und errichteten eine Miliz, aus allen waffenfaͤhigen Gliedern beſtehend. Die Religion wurde nicht vergeſſen, ſie nahmen eine Art von Chriſtenthum au. —(121)— Die Bevöolkerung gieng mit Rieſenſchritten vor⸗ waͤrts, eben ſo der Anbau im Innern des Landes. Immer die Einfaͤlle der Portugieſen fuͤrchtend, bau⸗ ten ſie jede Ortſchaft auf einer Erhoͤͤhung. Ihre Hauptſtadt Palmares hatte eine Meile im Umfange und war mit einer Verſchanzung von einer doppel⸗ ten Reihe groſſer Baumſtaͤmme umgeben. Dieſer Wall war durch drey Thore unterbrochen, auf de⸗ nen ſie groſſe Altanen angebracht hatten. Jede die⸗ ſer Pforten wurde in Friedenszeiten von 200 Sol⸗ daten unter einem Anfuͤhrer von bekannter Tapfer⸗ keit bewacht. Im Innern waren die Haͤuſer zerſtreut und unregelmaͤſſig, weil ein groſſer Theil des Erdreichs dem Anbau vorbehalten blieb. Das Waſſer bezogen die Einwohner aus einem fiſchreichen See, aus wel⸗ chem in verſchiedenen Richtungen Baͤche floſſen. Der Pallaſt des Fuͤrſten war weitlaͤufig, man ſah mit⸗ unter Privathaͤuſer, die nach ihrer Art praͤchtig wa⸗ ren, und die Bevoͤlkerung belief ſich auf 20,000 Seelen. Bald machte die neue Nation ſolche Fortſchrit⸗ te, daß ſie ſelbſt die Exiſtenz der europaͤiſchen Kolo⸗ nieen zu bedrohen ſchien. Schon waren ſie bis zum Jahre 1696 unangegriffen geblieben, und ſahen be⸗ reits ihre dritte Generation empor wachſen. Cae⸗ tano Mello, Gouverneur von Pernambuco, uͤbergab daher dem Generalkapitaͤn und Gouverneur von Ba⸗ hia, Don Juan de Lancaſtro einen Plan, zu deſſen Ausführung dieſer ſogleich 1v00 Mann beorderte. —( 122)— Mellos Truppen vereinigten ſich mit ihnen, und formirten ſo eine Armee von 6000 Mann, die mit allen Kriegsbeduͤrfniſſen, das ſchwere Geſchuͤtz aus⸗ genommen, hinlaͤnglich verſehen war. Unterrichtet von dem Entwurfe eines Einfalls in ihr Gebiet, hatten auch die Palmareſen alle ihre Hilfsquellen geſammelt. Sie verwuͤſteten das um⸗ liegende Land, und bereiteten den feindlichen Trup⸗ ven alle moͤglichen Hinderniſſe; demungeachtet dran⸗ gen die Portugieſen bald bis vor die Hauptſtadt, er⸗ ſtaunten aber, als ſie die Bollwerke derſelben voll Soldaten und alle Anſtalten zum kraͤftigſten Wider⸗ ſtande fanden. Der Zombi wagte mit einer ſtar⸗ ken Abtheilung Soldaten einen gäͤhen Ausfall, und brachte den Belagerern einen betraͤchtlichen Ver⸗ luſt bey. Die Belagerung zog ſich in die Laͤnge. Die Portugieſen lieſſen endlich ſchweres Geſchütz nach⸗ kommen, weil ſie ohne dasſelbe nicht im Stande waren, ſich der Stadt zu bemaͤchtigen. Nun wag⸗ ten ſie einen Generalſturm, und die durch den Man⸗ gel an Pulver und Lebensmitteln niedergeſchlage⸗ nen Palmareſen leiſteten nur ſchwachen Widerſtand. Eine der Pforten wurde geſprengt, und die portu⸗ gieſiſchen Truppen ruͤckten ein. Nun entſtand ein heftiger, aber kurzer Kampf. Die Reihen der Palmareſen wurden durchbrochen; der Zombi und ſeine uͤbrig gebliebenen Waffenge⸗ faͤhrten entſchloſſen ſich, die Freyheit keinen Augeublick zu überleben. Sie zogen ſich auf den Berggipfel in —— —(123)— der Mikte der Stadt zuruͤck, ſtuͤrzten ſich da, wo ſeine Wand ſenkrecht abgeſchnitten war, herab, und fanden ſo den Tod. Die Siegestrophaͤen der Portugieſen waren nun die Verwundeten, die Greiſe, Weiber und Kinder mit den Gold⸗und Silbervorraͤthen. Ihre Armee gieng nach Pernambuco zurück, wo die Ge⸗ fangenen verkauft wurden. Einige Greiſe, und die verwundeten Krieger wurden, als ſie genafen, nach Bahia, Rio Janeiro und anderen entfernten Plä⸗ tzen ebenfalls zum Verkauf gebracht. So gelang es den Portugieſen, durch Abſonderung dieſer ge⸗ faͤhrlichen Menſchen in weiten Entſernungen ihre Wiedervereinigung fuͤr immer zu hindern. Das fruchtbare Gouvernement von Pernam⸗ buco mit den alten Kapitäͤnſchaften von Tam d⸗ raca, Parayba und Rio Grande von Pa⸗ rahiba war der Gegenſtand der hollaͤndiſchen Un⸗ ternehmung um die Mitte des ſiebenzehnten Jahr⸗ hunderts. Graf Johann Moriz von Naſſau ver⸗ theidigte mit Erfolg dieſes hollaͤndiſche Braſilien und erweiterte deſſen Graͤnzen durch Eroberung von Ser⸗ gippe und Ceara. Aber die hollaͤndiſche Kompag⸗ nie verkannte den geſchickten Feldherrn, rief ihn zu⸗ rüͤck, und erſetzte ihn durch Kaufleute, deren Er⸗ preſſungen einen Aufſtand herbeyführten, welcher im Jahre 1654 dieſe Provinzen wieder der Krone von Portugal unterwarf. Die Inſel Fernando do Noronha haͤngt heut zu Tage vom Gouvernement Pernambuco ab. d24)— Dort haben die Portugieſen ein Truppenkorys in verſchiedenen Forts vertheilt, und zwey Haͤfen, von welchen der noͤrdliche der beſſere iſt. Amerigo Ves⸗ pucci entdeckte dieſe Inſel im Jahre 1 502; die Franzoſen beſetzten dieſelbe jm Jahre 1733, verlieſ⸗ ſen ſie aber bald wieder auf Anforderung Portu⸗ gals. Sie hat 5 bis 6 Meilen im Umfange, iſt ein wichtiger militaͤriſcher Punkt und hat einen ſehr fruchtbaren Boden. Ddie wenig bekannte Provinz Ceara oder Siara liefert Felſenkryſtall, Hanf und Faͤrbeholz. Auf der Flaͤche Pianhy im Innern des Landes findet man viele Ochſen und Pferde, auch trifft man dort Alaun, Vitriol und Schwefelminen. Die mitternaͤchtliche Küſte von Braſilien vom Kap RNoch an, bis zur Inſel Maragnan iſt von Klippen und Sandbänken eingefaßt, welche die Annaͤherung ans Land gefaͤhrlich machen. Von Maragnan bis zur Muͤnbung des Amazous finden ſich dichte Waͤlder. Die durch ihre Lage ſehr wohl geſchützte Inſel Maragnan, bietet noch andere Vortheile dar, naͤhmlich ein geſundes Klima, friſche Quellen, reich⸗ lichen Fiſchfang, Waͤlder voll nützlicher Baumar⸗ ten, Zucker, Tabak, Färbeholz, den beſten Kat⸗ tun und Nocon von Amerika, Pfeffer, Gummi, das zum Firniß zu gebrauchen iſt, Dehl, dem ara⸗ biſchen an Guͤte gleich, und grauen Ambra. Die Stadt Saiut Louis de Maragnan wurde im Jahre 1612 von den Franzoſen erbaut. Die 1 — L 145)— Portugieſen bemaͤchtigten ſich derſelben, wurden aber im Jahr 1641 von den Hollaͤndern vertrieben, welche ſelbe nebſt allen ihren braſiliſchen Eroberun⸗ gen im Jahre 1654 wieder verlohren. Dieſe Stadt, mit einem guten Hafen verſehen, mag ugefthe 10,000 Einwohner zählen. Para, deſſen Hafen Belem heißt, liegt an dem Toskantin, der Inſel Marajo gegenüber, welche die Groͤſſe Sardiniens hat, und aanz mit Zuckerrohr beſetzt werden koͤnnte. Para iſt die Haupt⸗ ſtadt des Gouvernements, welches das Land der Amazonen in ſich begreift. Dieſe ungeheure, wenig bekannte Landſchaft, iſt nuͤr von einigen wil⸗ den Heorden bewohnt, und wird durch die Forts und Kolonieen, welche die Portugieſen in einiger Entfernung von einander errichtet haben, in einer gewiſfen Abhaͤngigkeit erhalten. Die vorzuͤglichſten dieſer Forts heiſſen Macapa, Pauxis und Rio Negro. Die Indianer ſuchen unter Anfüh⸗ rung der Miſſionaͤre in den Waͤldern laͤngs der Flüe Cacao, Vanille, Saſſaparille, Copaiveoͤhl und Schildkroͤten, die ſie ſodann nach Belem bringen⸗ Der mittlere Theil Braſiliens und ganz Suͤd⸗ amerikas ſchließt die drey Gouvernements Minas⸗ Geraes, Goyazes und Mattogroſſo in ſich. Man nennt ſie auch die Gouvernements der Minen, weil daſelbſt die meiſten Goldwerke vorhan⸗ den ſind. Auf dieſen gegen das Meer berraͤchtlich hoch liegenden Bergflaͤchen muß Ackerbau und Vieh⸗ zucht trefflich gedeihen, und ſie werden vielleicht —(126)— dereinſt der Sitz zahlreicher und gluͤcklicher Pflanzer werden. Die merkwuͤrdigſten Orte ſind: in Matto⸗ groſſo die Stadt Villa Bella de Cuyaba und das Fort Bragancaz in Goyaz Willa boa, und in Minas Geraes die betraͤchtliche Stadt Vil⸗ la Nicea de Mariana. Dieß iſt eine kurze Schilderung des herrlichen, von der Natur ſo ſehr beguͤnſtigten Braſiliens. Die Leſer werden daraus ſehen, was es bis jetzt unter den Haͤnden ſeiner europaͤiſchen Bebauer geworden iſt, und was es unter einer zweckmaͤſſigen Verwal⸗ kung leicht werden koͤnnte. —— — 1127)— Inhalt d e s fünften Bändchens. Seite XXV. Ganͤlde von Neuſpanien. Ent⸗ worfen von Alexander von Humboldt. (Fortſetzung.). 3... 3 XXVI. Schilderung der Beduinen Araber 37 XXVII. Der Berg Montſerrat und das Kloſter auf demſelben... 50 XXVIII. Schilderung von Braſilien. Von J. v. Benigni..„.. 62 ſaleuumguummuumaummumaamuamnmuunmuuuu 16 17 18 19 20 8 — ☛☛———