— on manaunnhokasunönanunanananagananananunanngnsannnaunnannn aar arananh Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch! Kr. für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: 3 auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. „„ franz. od. engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: —„ 45, 7. 77 5„„ 7 2„„„ ar Aan T 2LALAT Tarar er EEhTRUAADATSrATrE Anhnararrrr r Lnrr ————— — — Intereſſante L ander⸗ Hzun d Voͤlkergemaͤlde, 3 oder Schilderung neu unterſuchter Länder, Völker und Staͤdte, anziehender Naturmerkwuͤrdig⸗ keiten, Kunſtwerke und Ruinen. Nach den neueſten Reiſeberichten bearbeitet von Mit zwey Kupfern. Wien, 1809. Im Verlage bey Anton Doll. XXIX. Neueſte Nachrichten von Perſien. Von Ange Gardanne. Je unſerm 3ten Baͤndchen Selte 12. ff. haben wir ei⸗ ne Schilderung der Perſer nach Scott und Hlivier geliefert. Die neueſten Verbindungen Frankreichs mit Perſien laſſen uns bald wichtigere Aufſchlüſſe über die⸗ ſes intereſſante Reich hoffen. Die Wahl des franzoͤ⸗ ſiſchen Botbſchafters, deſſen Großdater ſich mehrere Jahre in Perſien aufgehalten und der dadurch gewiſ⸗ ſermaſſen in dieſem Lande als einheimiſch angeſehen wurde, berechtigte zu auſſerordentlichen Erwartungen⸗ Die erſten Fruchte dieſer Gefandtſchaft liefert eine klei⸗ ne Schrift des Legations⸗ Sekretaͤrs Ange Gaedan⸗ ne, Benders des Geſandten, welche den Litel fuͤhrt: Journal d'un voyage dans la Turquie d'Asie et la Per- se, fait en 1807 et 1868, a Paris et a Marseilie 1809. Dieß Tagebuch iſt, wie die Vorrede angtebt, nar das einfache Fagebuch eines Kouriers. Es bezeichnet die Entfernungen der Orte und zeigt ihre Bevoͤlkerung 2 2 —(4)— an Ein italieniſch⸗tuͤrkiſch⸗perſiſches Vocobularium, wenn gleich nicht vollſtaͤndig, doch die gewöhnlichſten Worte enthaltend, iſt dieſem Tagebuche beygefuͤgt. Dieß letztere iſt ſchon durch ſeinen Urheber merkwuͤr⸗ dig, da es den Prinzen Timnrat⸗Merza, einen chriſtlichen Georgler zu Tanris zum Verfaſſer hat, ei⸗ nen Mann von 45 Jahren und vielen Kenntniſſen. Wir liefern hier den intereſſanteſten Theil dieſes Reiſetage⸗ buches, der die Begebenheiten der franzoͤſiſchen Ge⸗ ſandtſchaft in der Hauptſtadt des perſiſchen Reichs ent⸗ haͤlt, und aus welchem ſich zugleich auch einiges in unſerm vorerwähnten Aufſatze berichtigen laſſen wird⸗ D. 4te Dezember(1807) war zu unſerm Ein⸗ zuge in Teheran beſtimmt, weil ihn der Aſtrolog des Koͤnigs als einen gluͤcklichen Tag bezeichnet hatte. Nach einer Reiſe von 620 Lieues kamen wir endlich an das erwünſchte Ende derſelben. Der Ambaſſadeur ward eine Lieue von der Stadt von einem General an der Spitze von 4000 Mann Ka⸗ vallerie empfangen und bis nach dem Palais des Großweſſirs begleitet, wo er eine Ehrengarde vor⸗ fand. Herr Rouſſeau, deſſen Aeltervater den des Generals im Jahre 1715 begleuet hatte, war be⸗ reits vor uns angelangt. Wir ſtatteten bey Mirza⸗Cheſt einen Beſuch ab. Dieſer Großweſſir iſt ſchon bey Jahren, ſein Betragen iſt edel und ungezwungen, er iſt arbeit⸗ ſam und thaͤtig, und ſeine einzige Erholung iſt ein —(50— Spazierritt in den Morgenſtunden. Er ſorach von ſeinem Herrn mit Enthuſiasmus, und ſagte dem Ambaſſadeur auf eine artige Weiſe, daß Paris die Hauptſtadt Perſiens ſey, ſtaͤts haͤtten die Perſer die Franzoſen geliebt, und ſo wie das Bette eines groſ⸗ ſen Fluſſes auf einen Angenblick austrocknen koͤnne, und ſich dann wieder mit überflüſſigem Waſſer an⸗ fuͤlle, ſo waͤren die freundſchaftlichen Beziehungen durch die Revolutionen Perſiens vernichtet worden, jetzt wuͤrden ſie zwiſchen beyden Nationen wieder er⸗ neuert, und es ſey das erſte Augenmerk des Koͤ⸗ nigs, uns Beweiſe der Freundſchaft, die er fuͤr uns hege, zu geben. Den öten Dezember. Der General verabredete mit dem Großweſſir, das bey ſeiner Vorſtellung beym Koͤnige zu beobachtende Ceremoniel. Waͤh⸗ rend der Unterredung konnte Mirza Chefi den Ein⸗ druck nicht verhehlen, welchen Lord Malcolm, Am⸗ baſſadeur der oſtindiſchen Kompagnie in Perſien, machte. Er hielt an tauſe Domeſtiken, ein eige⸗ nes Muſikchor und vertheilte mit vollen Haͤnden Gold und Silber unter das Volk. Trotz allen Verſprechungen erhielten die Herren Offiziere nicht eher, als den vierten Tag, ſchickliche Wohnungen. Die Perſer haben keine Idee von der Wuͤrde, die von dem Militaͤrſtande unzertrennlich iſt; Mirza Cheſi fragte die Offiziere, ob ſie leſen koͤnnten?— Alle Geſchaͤfte werden hier ſehr langſam betrie⸗ ben, Man muß den guten Willen der Miniſter nicht — 66)— deshalb anklagen, aber man glaubt hier, Groͤſſe be⸗ ſtehe im Genuſſe der Ruhe. Um einen Befehl zu ſchreiben, ſetzt man eine beſondere Stunde feſt, auch die Expeditionen des Großweſſirs werden nicht ſchnel⸗ ler betrieben. Dieſe Laͤffigkeit iſt ein moraliſcher Fehler der Groſſen. Den 7ten Dezember. Der Ambaſſadeur, be⸗ gleitet von den Geſandtſchafts⸗Sekretaͤren und den Herren Offizieren, begab ſich nach dem Pallaſt des Koͤnigs. Diefer iſt ein Schloß, umgeben mit Graͤ⸗ ben und Mauern von Erde. Das Innere desſelben iſt weitläufig. Nachdem der Ambaſſadeur und ſein Gefolge in einem zu dieſem Endzwecke zubereiteten Saal ausgeruht hatten, wurden ſie durch den Cere⸗ monienmeiſter zu dem Koͤnige gefuührt. Feth⸗Ali⸗ Schah iſt ungefaͤhr 46 Jahre alt. Auf ſeinem Haupte traͤgt er ſtets eine Aigrette von Diamanten, das Zeichen der koͤniglichen Wuͤrde. Er ſaß in ei⸗ ner Ecke des Saales auf einem reichgezierten Thro⸗ ne, ſeine Kleidung von Soldſtoff war mit Diaman⸗ ten und andern koſtbaren Steinen beſetzt. Goldene Gefaͤſſe, Gießkannen, reich mit Diamanten einge⸗ faßt, die ſchoͤnſten Tapeten und Leuchter zierten die⸗ ſen Saal, und was ihn beſonders angenehm macht⸗ viele Springbrunnen erheben ſich in marmornen Becken. Zwey Kinder des Koͤnigs und die Miniſter wa⸗ ren bey dieſer Ceremonie gegenwaͤrtig. Der Ge⸗ ſandte uͤberreichte ſein Beglaubigungsſchreiben und der König beehrte ihn mit dem Titel Chan; fein d) Bruder und Herr Nouſſeau erhielten gleiche Ehre, denn beyde Familien ſind ſchon in Perſien bekannt. Nach vielen Beweiſen der Zuneigung, die dieſer Priaz gegen den franzoͤſiſchen Hof aͤuſſerte, wurden wir mit gleichem Ceremoniel, wie beym Eintritte zutuͤckaeführt. Bey der Ruͤckkunft in unſer Hotel empfiengen wir Gazellen, Repphuͤhner, Porcellan und Wein von Chiras. Der Koͤnig ließ dem Geſandten wiſ⸗ ſen, daß nach ſeinem Aſtrologen der 18. des Mo, nats ein gluͤcklicher Tag ſey, er habe ihn zur Be⸗ treibung der Geſchaͤfte mit ihm beſtimmt. Wir beklagten uns verſchiedentlich uͤber die Langſamkeit der Perſer, ihrerſeits mußten ſie unſe⸗ re Ungeduld bemerken. Dieſe entgegengeſetzten Cha⸗ raktere ſind indeſſen kein Hinderniß der Freundſchaft und des guten Vernehmens. Den 14ten Dezember. Die Abende und die Naͤchte ſind kalt, aber um Mittag iſt die Sonne ſo warm, als in der Provence im Monat September. Die Verſchiedenheiten in der Temperatur der Luft ſind auſſerordentlich; der Doktor Salvatori beobach⸗ tete um 7 Uhr Nachmittags einen Unterſchied von 18 Graden. Wenn die Groſſen des Landes ausgehen, haben ſie ein zahlreiches Gefolge von Bedienten, die ſie aber als Sklaven behandeln, und welche nicht bezahlt werden. Bey einem Volke, welches die Pracht liebt, iſt die Achtung an den aͤuſſern Luxus ge⸗ knuͤpft. Wir hielten uns verpflichtet dieſer Mode 1 —(85— zu folgen und giengen nie ohne zahlreiche Begleitung aus.. Ein Geſandter des Koͤnigs von Bokara lang⸗ te zu Teheran an. Der Taid von Sinda, deſ⸗ ſen Haupſtadt Tatta iſt, hat gleichfalls einen Ge⸗ ſandten an dieſem Hofe.*) Den 16ten Dezember. Der Ambaſſadeur und die Geſandtſchaft machten dem Haſſan⸗Ali⸗ Mir⸗ za, Sohn des Koͤnigs, 24 Jahre alt und Gouver⸗ neur von Teheran, ihre Aufwartung. Der General uͤberſandte ihm eine Windbuͤchſe, und der uͤberbrin⸗ gende Offizier erhielt ein reiches Geſchenk. Alle Abende, entweder bey Gelegenheit einer Hochzeit, eines Schmauſes, oder der Rückkehr ei⸗ nes Freundes, ſieht man Feuerwerke in dieſer Stadt. Seit mehreren Naͤchten ſind die Gaͤrten des Groß⸗ weſſirs, welche wir bewohnen, mit einer unermeß⸗ lichen Menge Volks, welches die Luft von Freuden⸗ geſchrey erſchallen laͤßt, angefuͤllt. Alle Gaͤrten ſtehen im Feuer. Die Perſer uͤberlaſſen ſich gern ei⸗ ner geraͤuſchvollen Trunkenheit. Vier Leichname, denen man die Koͤpfe abge⸗ ſchlagen hatte, lagen vor dem koͤniglichen Schloſſe, und jeder Voruͤbergehende gab ihnen einen Fußtritt, *) Bokara jenſeits des Fluſſes Oxus in der Tata⸗ rey unfern Samarcand, und Tatta zwiſchen dem Indus und der perſiſchen Provinz Send ge⸗ legen. —(90— Den 22. Dezember. Wir begaben uns in den Pallaſt und der Einfuͤhrer der Geſandten fuͤhrte uns in das Innere desſelben. Dieſe Ehre hatte vor uns noch Niemand genoſſen. Nachdem wir mehrere Hoͤ⸗ ſe und Gaͤrten durchwandert und die Hoͤhe der Cy⸗ preſſen und Platanen angeſtaunt hatten, erreichten wir die Gemaͤcher des Koͤnig. Der Großweſſir fuͤhrte uns einen nach dem andern zu den Fuͤſſen des Throns. Der Prinz ertheilte auf eine aͤuſſerſt an⸗ genehme Art den Sekretaͤren und Offizieren den Or⸗ den der Sonne. Der Ambaſſadeur hatte ſchon den Abend vorher den groſſen erhalten, deſſen Deviſe in perſiſcher Sprache lautet: der Koͤnig erhebe den Ambaſſadeur vom Fiſche zum Monde. Auf dem gewoͤhnlichen Kreuze las man die Worte: Zeichen des Wohlwollens eines Prinzen, der ſeine Freunde liebt. Feth⸗Ali⸗ Schah, Souverain, der ſeine Feinde zerſtreut und vernichtet. Auf ausdruͤckliche Erlaubniß des Koͤnigs zeig⸗ ten uns die Miniſter ſein Palais. Der Pavillon, in dem er uns empfieng, war viereckig, mit ſchoͤnen Teichen und Gaͤrten umgeben. Schwer iſt es die Reichthuͤmer und Zierrathen desſelben zu beſchrei⸗ ben. Die Tapeten ſind von Goldbrocard, bedeckt mit goldenen Broderien von erhabener Arbeit. Die Plafonds ſind von Kriſtall; die Saͤulen von Glas vervielfaͤltigen die Baͤume und Springwaͤſſer. Die Thuͤren ſind in Moſaik von Ebenholz und he len. mutter gearbeitet. —(66)— Wirr verlieſſen das Palais, geblendet durch die Pracht und den Glanz des orientaliſchen Luxus, und ſtatteten dem General Ismael Khan einen Be⸗ ſuch ab. Wir wurden mit Früchten und Confitu⸗ ren bedient und der Ambaſſadeur erhielt einen indi⸗ ſchen Saͤbel und eine Tapete zum Geſchenk. Beym Großweſſir und bey den Miniſtern wer⸗ den ſelbſt die wichtigſten Geſchaͤfte nicht in geheimen Kabineten, ſondern ſtaͤts in offenen Apartements verhandelt. Die Wachen, die Sekretaͤre, die Neu⸗ gierigen ſind gegenwaͤrtig; wir haben oft ihre Ent⸗ fernung verlangt; aber die Miniſter haben immer Geſellſchaft um ſich, man kann nie mit ihnen allein feyn. 1 Den 23. Dezember. Es war kalter Wind und Regen, der Koͤnig fragte den Arzt der Geſandtſchaft, wie lauge dicß boͤſe Wetter anhalten wurde, weil er Willens war auf die Jagd zu gehen; ungluͤcklicher⸗ weiſe war aber das Barometer des Doktors auf der Reiſe zerbrochen. Der Großherr zu Konſtanti⸗ nopel ſtellt keine Jagd an, in Perſien liebt man aber dieſe Beſchaͤftigung ſehr. 38 Teheran hat 50000 Einwohner waͤhrend des Winters, im Sommer bleiben nur die Armen da⸗ ſelbſt. Die Bevoͤlkerung zerſtreut ſich im July und Auguſt auf die benachbarten Doͤrfer. Perſien graͤnzt an Indien durch die Provinz Kaſchemir, den Meerbuſen von Ormus u. ſ. w. Sein Handel mit Indien iſt vortheilhaft. Waͤh⸗ rend fuͤnf Monaten kommen die Schiffe aus Benga⸗ —- C429— len nach Bruder Abaſſy mit Zucker, Cochenille, Muſſelin, Kattun. Die Ruͤckladung beſteht in Wein, Tapeten, ruſſiſchen Rinderhaͤuten, und Salz von Ormus als Ballaſt. Waͤhrend des Krie⸗ ges wird das Intereſſe der Politik und des Handels oft vernachlaſſigt, aber im Frieden geht die Han⸗ delsſtraſſe Perſiens uͤber Alep; dieſer Handel gab dem alten Phoͤnizien ſeinen Glanz, und Tyrus und Sidon ihre Reichthuͤmer. Die Gegenſtaͤnde, wel⸗ che Frankreich nach Perſien einfuͤhrte, waren Tuͤcher, Serges, ſeidene Stoffe, Glas, Kryſtall, Koral⸗ len, Uhren, feine Wolle, Bley, Waffen, Papiere und Bijouterien. Perſten giebt dafür: Seide, To⸗ back, Wolle, Lammfelle, Pelzwerke, Tapeten, ge⸗ faͤrbte Leinwand, Brocards, Senesblaͤtter und an⸗ dere Droguerien, Neſina, Lapislazuli, Tuͤrkiſſe, Agate, Onyche, Diamanten, Nubinen und Perlen. Dieſer Handel machte einen Theil des levantiſchen aus und bereicherte Frankreich jaͤhrlich mit 60 Millionen. Marſeille war der Hauptmarkt dieſes Handels.— Der Koͤnig jagte in einer Entfernung von 20 Lienes von der Stadt. Er hinterließ den Groſſen Befehl, den Ambaſſadeur in ſeiner Abweſenheit zu bewirthen, An dieſem Hofe giebt es die Stellen eines erſten Poeten und eines erſten Malers. Wir beſuchten den Beglier Bey von Ispahan. Dieſer Herr beſitzt unermeßliche Reichthümer, man fagt, er hätte an 3000 Domeſtiken. Nachdem wir mit einem eleganten Frühſtuͤcke bewirthet waren⸗ —(1¹12)— machte er dem Ambaſſadeur mit einem Saͤbel und einem Dolche ein Geſchenk, ſaͤmmtliche Glieder der Geſandtſchaft und die Offiziere erhielten jeder einen Saͤbel. Dieſe Waffen werden zu Isvahan verfer⸗ tigt. Im 17. Jahrbundert war der Stahl der Säͤ⸗ bel von Koum ſehr bekannt; aber die Afghanen ha⸗ ben dieſe Stadt, beruͤhmt durch das Grab der Fat⸗ me, alteſten Tochter Mohammeds, die ihren Vetter Ali geheurathet hatte, gaͤnzlich zerſtoͤrt. Jetzt be⸗ finden ſich die Einwohner im Elende und leben von dem Almoſen der Pilgrime, die die praͤchtige Mo⸗ ſchee beſuchen, welche Feth⸗Ali⸗ Schah im Jahre 1802 wieder erbaut hat.*) Den 30. Dezember. Es friert kalle Naͤchte. Die Perſer beobachten mit Widerwillen unſere Art zu leben und uns zu kleiden. Unſer Betragen, un⸗ ſere Achtung gegen unſer Frauenzimmer werden von ihnen bemitleidet. Bey ihnen iſt eine Frau nichts an⸗ — *) Die hier von Koum, gewoͤhnlich Komm, gelie⸗ ferten Nachrichten verdienen folgende Berichti⸗ gung. Nicht die Tochter Mohammeds, ſondern die Tochter des Imam Hoſſein, eines Enkel Mo⸗ bammeds und Sohnes des Ali, Sidi Fatime iſt die hier verehrte Heilige. Ueberdem ſind hier die Graͤber Schah Seſis und Schah Abbas des Zwey⸗ ten. Die heiligen Graͤber zu Komm, wie ſie ge⸗ woͤhnlich genannt werden, ſind in den perſiſchen Gro⸗ graphien ſehr bekannt, und mehrere Reiſeheſchrei⸗ bungen liefern Abbildungen pon denſelben. — — —(13)— ders als eine Sklavin. Nie habe ich dem Großweſ⸗ ſir begreiflich machen koͤnnen, daß in Frankreich die Weiber die Sorgen und Geſchaͤfte des Mannes theilen.— Man erbaut gerade dem Palais des Koͤnigs gegenuͤber eine praͤchtige Moſchee. Ich habe Mar⸗ mor von ſeltener Schoͤnheit geſehen, der zu dieſem Baue beſtimmt iſt. Der Baſar bietet den Einwoh⸗ nern die reichen Stoffe Indiens dar. Tuͤrkiſſe kauft man hier ſehr gut, die Perlen dagegen ſind theuer, und man ſagt, ſie waͤren zu Bagdad und Konſtan⸗ tinopel wohlfeiler zu bekommen. Seit langer Zeit kaufen die Koͤnige von Perſten jaͤhrlich fuͤr zwey „Millionen koſtbare Steine. Nach dem Tode des Thamas⸗ Kuli⸗Khan fand ein drey bis vierjaͤhriges Interregnum ſtatt. Je⸗ der Gouverneur bemächtigte ſich der Herrſchaft in ſeiner Provinz. Endlich erlangte der von Schiras, Kerim Khan, die hoͤchſte Gewalt und regierte drey⸗ ßig Jahre. Nach ſeinem 1779 erfolgten Tode, ſuc⸗ cedirte ihm ſein Sohn; der Gouverneur von Tehe⸗ ran, deſſen Vater bereits gegen Thamas⸗Kuli⸗ Khan ſich empoͤrt hatte, raubte ihm die Krone, und überlieferte ſie ſeinem Neffen, dem jetzt regierenden Koͤnige Feth⸗Ali⸗Schah. Feth⸗Ali⸗ Schah regiert uͤber 24 Millionen Unterthanen. Seine Armee beſteht aus 60000 Mann Infanterie und noch einmal ſo viel Kavalle⸗ rie. Seine Artillerie iſt nicht betraͤchtlich. Die —(24)— perſiſchen Soldaten ſind ſtark, wohlgebaut, nuͤch⸗ tern, treffliche Reiter und ihrem Worte treu.*) Der Koͤnig befindet ſich in der Nitte gehorſa⸗ mer Kinder, unterthaͤniger Groſſen, einer zahlrei⸗ chen Armee und eines anſehnlichen Schatzes. Der dritte ſeiner Soͤhne, Abbas⸗ Mirza, den wir zu Tauris geſehen haben, war von ſeiner Geburt an zum Erben der Krone beſtimmt. Er genießt den Vorzug vor ſeinen Brudern, eine Mutter aus dem Stamme Kadjar, dem edelſten in Perſien, zu haben. 4 Der Krieg gegen die Nuſſen brach im Jahre 1803 aus. Der letzte Prinz Heraclins hatte Geor⸗ gien an den ruſſiſchen Kaiſer abgetretten, der durch die haͤufigen Sendungen von Schiffen zu den Mün⸗ dungen des Phaſis Militär⸗Etabliſſements bildete. In den erſten Kampagnen hatten die ruſſiſchen Ar⸗ meen ſtaͤts die Oberhand. Nan braucht uͤber die Siege der Ruſſen nicht zu erſtaunen. Die Kriegskunſt in Europa iſt im achtzehnten Jahrhundert ſehr vervollkommt worden, die Tuͤrken und Perſer aber ſind dieſem allgemeinen Vorwaͤrtsſchreiten nicht gefolgt, ſondern weit zu⸗ rüͤckgeblieben. Wir beſuchten das Grabmal des Herrn Ro⸗ mien, General⸗Adjutanten und Geſandten in Per⸗ —y; *) Hiernach iſt dasjenige zu berichtigen, was im III. Bändch. S. 28, von dem Kriegsweſen der Perfer zeſagt worden iſt⸗. —(155— ſien. Vier Saͤulen von Backſteinen und ein kleiner Dom bedecken dasſelbe. Der Ambaſſadeur faßte den Entſchluß, ihm ein anderes Monument errichten zu laſſen. Der bürgerliche Kreeg beunruhigt Kandahar ſtaͤts. Die Afghanen, dieſe berühmten Rebellen, die, durch die Hand des Gluͤcks gefuͤhrt, 1730 den Thron umſtuͤrzten, kamen aus dieſer Provinz.*) Den iſten Jaͤnner 1808. Die Perſer fangen ihre Jahre im Maͤrz an, wenn die Sonne in das Zei⸗ chen des Widders tritt. In dieſer Epoche, die ſie Mervrouß nennen, finden bey Hofe elegante Feten ſtatt. Die Groſſen und Khans kommen aus allen Theilen des Koͤnigreichs herbey, der Koͤnig macht ihnen koſtbare Geſchenke, ſpeißt mit ihnen und das Jahr wird mit oͤffentlichen Luſtbarkeiten angefangen. Der Koͤnig ſandte uns wilde Eſel, die er auf der Jagd getoͤdtet hatte. Die Haare dieſer Thiere ſind dunkelroth, ein einziges ſchwarzes Band laͤuft uͤber den Ruͤckgrad bis unter den Bauch. Ihr Fleiſch iſt nicht vorzuͤglich. Wir beſuchten Mirza⸗Kouli, Miniſter des Koͤ⸗ nigs, der im letzten Jahre verurtheilt war, eine Million unſeres Geldes an den Schatz zu zahlen. — *) Eine Schilderung dieſes merkwuͤrdigen Volkes, nach Langle's und Forſter, fiader n man im IV. Baͤndch. S. 124 ff. Ungeachtet der Ungnade hat er ſich in ſeinem Platz behauptet, da er, ohne ſich der Raͤnke der Politik zu bedienen, ſtaͤts den geraden Weg geht, auch ſagt man, daß er jetzt ſchon wieder in Gnaden ſey. Es iſt ſchwer uͤber eine Nation zu urtheilen, man muß ihr Genie, ihre Sprache, den Geiſt der Regierung, die Charaktere der Groſſen, die Lebens⸗ weiſe des Volks kennen. 3 Herr Tourzel, franzoͤſiſcher Offizier, berichte⸗ te uns aus Iſpahan einiges uͤber dieſe Stadt. Sie iſt nichts mehr als eine unermeßliche Wuͤſte. Man wandelt mehr als vier Stunden durch bloſſe Ruinen von reichen Moſcheen, und unermeßlichen regnlaͤren Plaͤtzen, welche die Herrlichkeit der alten Koͤnige bezeugen. Reiche, wie Familien, erfahren die Wandelbarkeit des Gluͤcks. Es giebt eine groſſe Anzahl weitlaͤuftiger Baſars, aber ſie ſind verlaſ⸗ ſen.*) Die Gegend iſt gut angebaut und mit ei⸗ ner *) Iſpahan, dieſes London Aſiens, deſſen Bevölke⸗ rung noch im Anfange des achtzehnten Jahrhun⸗ derts nahe an eine Million betrug, verlor im Jab⸗ re 1722, da die Afghanen es belagerten, durch Hunger drey Viertheile ſeiner Bewohner und am 25. Jaͤnner 1723 ließ der Afghaniſche Uſurpator Mahmnd auf nngegruͤndeten Verdacht alle wehr⸗ haften Bewohner der Stadt maſſakriren. Zwar ſuchte er in der Folge der Stadt wieder durch ei⸗ ne arbeitſame Bauernfolonie aufzuhelfen, allein —(— ner Menge Kanaͤle durchſchnitten, aber ſie bietet kei⸗ ne Feuerung dar und man brennt nichts, als Wur⸗ zeln und Miſt von Thieren. Ehe wir Teheran verlaſſen, muͤſſen wir noch etwas von der Familie des gluͤcklichen Feth⸗ Ali⸗ Schah erwaͤhnen. Die Zahl ſeiner Toͤchter iſt un⸗ bekannt, aber man glaubt, ſie ſey ſehr betraͤchtlich. Kinder maͤnnlichen Geſchlechts hat er ungefaͤhr drey⸗ ßig. Der aͤlteſte, Mohammed-Ali-Khan iſt zu Kermanchah, Gouverneur zu Koureſtan und dem abendlaͤndiſchen Theil von Irak⸗Adjem. Er iſt brav und thaͤtig. Der zweyte, Mohammed⸗Veli⸗Mir⸗ za, kommandirt zu Khoraſan und hat ſeinen Sitz zu Meched. Der dritte, Abbas⸗Mirza, deſſen Mut⸗ ter aus der Familie Kadjar ſtammt, iſt zum Thron⸗ folger beſtimmt, befindet ſich zu Tauris und kom⸗ mandirt die perſiſche Armee gegen die Ruſſen. Er iſt bekannt genug. Der vierte, Haſſan⸗Ali⸗Mir⸗ za, iſt Gouverneur von Teheran. Der fuͤnfte Heunf⸗ ſein⸗Ali⸗Mirza kommandirt in Chiras. Der ſechste Mohammed⸗Kouli⸗Mirza, iſt in Mazen⸗ deran, der Vaterſtadt der regierenden Familie. Die ihr Verinſt in den Folgen der Unruhen war ſo⸗ groß, daß auch die Mittel, welche Nadir in der Folge zu ihrer Wiedeebevoͤlkerung ergeiff, nichts fruchteten, und nach Oliviers Zeugniſſe zaͤhlte im Jahre 1796 die Stadt hoͤchſtens 50000 Einwohner⸗ VI. Baͤndch. B —(180— aͤbrigen Kinder des Konigs ſind noch ohne Verſor⸗ gung.*) 1 „ Ddie Perſer lieben ihren Koͤnig bis zur Aus⸗ ſchweifung, und die Eigenſchaften, die ſie an ihm bemerken, beleben ſie mit den ſchmeichelhafteſten Hoffnungen. Feth⸗ Ali⸗Schah iſt Dichter und verfertigt Oden, deren Innhalt die Schoͤnheiten ſeines Harems ſind.. Nach Beauchamp's Charte iſt Teheran 30 Lieues vom kaſpiſchen Meere gelegen. Obgleich die Ruſ⸗ ſen nur die Haͤlfte der Kuͤſten dieſes Meeres im Beſitz haben, ſo befahren ſie ſelbige dennoch allein, indem die Perſer eine Abneigung gegen dieſen Er⸗ werbszweig haben. *) Hiernach iſt dasjenige zu beeichtigen, was üdes den regierenden Koͤnig und ſeine Familie im I; Baͤndch⸗ S. 28. geſagt iſt. 09) XXX. Schitderung von Barcellona, nach Alexander de Laborde⸗ Wareclen, ſchon im Suceeſſionskriege merkwüt, dig geworden, und noch merkwuͤrdiger in der neue⸗ ſten ſpaniſchen Geſchichte, die Hauptſtadt von ganz Katalonien, liegt an der Seeküſte in einer frucht⸗ baren Ebene mitten unter Gärten, umgeben von mannigfaltigen, in der augenehmſten Gegend lie⸗ genden Landhaͤuſern. Von allen Seiten gewaͤhrt dieſe Stadt einen majeſtaͤtiſchen Anblick Die Menge von Thuͤrmen, die man in der Feine erolickt, ſind ein Beweis ih⸗ ker groſſen Beoölkerung und iyres hohen Alterthums. Die zahlreiqpen Fahrzeuge in iprem Hafen geben B 2 —(20)— einen Begriff von dem Fleiſſe ihrer Einwohner und ihrem Wohlſtande. Die Berge, die man gegen Norden erblickt, machen gleichſam den Rahmen die⸗ ſes herrlichen Gemaͤldes aus. Die Anlegung oder wenigſtens die Wiederher⸗ ſtellung Barcellonas ſchreibt man insgemein einem Karthaginenſer aus der Familie der Barcas zu, der ihr den Namen Barcino gab; mehrere glauben, es ſey Hamilcar, des groſſen Hannibals Vater gewe⸗ ſen. Die Roͤmer gaben Barcellona den Titel einer Kolonie, und nannten ſie bald Pia, bald Faven⸗ tia, bald Auguſta. Sie gerieth nach und nach un⸗ ter die Herrſchaft der Gothen, der Mauren und der Franzoſen, hierauf wurde ſie von eigenen Grafen beherrſcht. Als dieſe ſpaͤterhin den Thron von Ar⸗ ragonien beſtiegen, vereinigten ſie Barcellona mit ihrem Neiche, und endlich mit der ſpaniſchen Mo⸗ narchie, als ſie im ſechzehnten Jahrhundert zum Be⸗ ſitz derſelben gelangten. Der Hafen von Barcellona, oder richtiger das Becken, dem man dieſen Namen giebt, liegt zwi⸗ ſchen der Citadelle und dem Berg Joui; der ehema⸗ lige Hafen befand ſich in der Naͤhe dieſes Berges und war von der Stadt getrennt; ihn ſchutzte ein Molo, den im Jahre 1477 ein Ingenieur aus Alexandrien Statio anlegte. Er wurde aber aus⸗ gefͤllt, und der Molo durch Stuͤrme im ſechzehn⸗ ten Jahrhundert zerſiort; man legte alsdann den Hafen an der Stelle an, wo er ſich heut zu Pahs befindet, 8 r an“ 11„. ————— —— „ —(25— Oer Mont Joui iſt ein hoher einzeln ſtehender Berg, der am Strande des Meeres, am ſüdweſtli⸗ chen Ende von Barcellona liegt. Einige leiten ſei⸗ nen Namen von mons judaicus her, weil er lange ein Aufenthaltsort der Juden geweſen ſeyn ſoll; An⸗ dere, und zwar mit mehr Wahrſcheinlichkeit, von mons Jovis, weil die Roͤmer auf dieſem Berge ei⸗ nen Jupiterstempel erbaut hatten. Auſſer dieſem Berge wird Barcellona noch von einer Citadelle vertheidigt, die am Ende der Stadt gegen Nord⸗ oſten liegt. Philipp V. ließ ſie anlegen, als er die Katalonier zum Gehorſam gebracht hatte; ſte hat einen ziemlich betraͤchtlichen Umfang, iſt ſtark befe⸗ ſtigt, und die Annaͤherungen an dieſelben ſind be⸗ ſchwerlich. An Bareellona ſtoͤßt als eine Vorſtadt, die kleine neue Stadt Barcellonetta, welche ins Meer hinaus geht, ſie liegt auf der Suͤdoſtſeite der Stadt zwiſchen dem Seethore und dem Leuchtthurme des Molo. Die Stelle worauf ſie ſteht, war ſonſt ei⸗ ne groſſe unfruchtbare Strecke Landes, wo man nichts als Fiſcherhuͤtten ſah. Der Marquis de la Mina entwarf den Plan, dieſe Strecke vortheilbaft zu benutzen, und ſie zur Niederlage von Waaren, vorzuͤglich aber zum Wohnort fuͤr Leute zu machen, die ſich mit der Schifffahrt beſchaͤftigen. So ſtieg gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts Barcel⸗ lonetta empor, das ein vollkommen regelmaͤſſiges Viereck bildet, und von 24 nach der Linie angeleg⸗ ten Straſſen durchſchnitten wird, deren jede 20 (22)— Fuß breit iſt. Die Haͤuſer ſind ſich alle gleich, von Ziegeln erbaut, ein Stockwerk hoch, und jedes hält 35 Fuß ins Gevierte. Man bemerkt noch die verſchiedenen Einfaſſun⸗ gen von Bareellona in den aufeinanderfolgenden Zeitraͤumen ſeiner Geſchichte. Anfaͤnglich lag die Stadt auf der Anhoͤhe in einer kleinen Entfernung vom Meere und gieng nicht uͤber dieſe Anhoͤhe hin⸗ aus. Dieſe Gegend macht heut zu Tage beynahe den Mittelpunkt der Stadt aus. Unter den arra⸗ goniſchen Koͤnigen wurde Bareellona zuſehends bluͤ⸗ hender, und ſeine Ningmauern erweiterten ſich gegen Oſten, Norden und Weſten bis zu ihrer heutigen Ausdehnung. Nach den Kriegen in der Mitte des vorigen Jahrhunderts wurde auch die Suͤdſeite nach und nach bewohnt, und die Ringmauern wurden auf ihren dermaligen Standpunkt hinausgeruͤckt. Die damals angelegten neuen Straſſen ſind ſchoͤn und gerade, die alten aber groͤßtentheils eng und krumm, wovon jedoch einige ausgenommen werden muͤſſen. Des Nachts ſind ſie ſehr gut durch Later⸗ nen beleuchtet, welche ſich an den Waͤnden der Haͤu⸗ ſer befinden. Sie ſind mit langen Steinen gepfla⸗ ſtert, die uͤber unterirdiſche Gaͤnge gehen, in welchen ſich der Unrath ſammelt, man kann daher ſtaͤts tro⸗ ckenen Fuſſes darauf ſpazieren gehen. Barcellona iſt gut gebaut; die Haͤuſer ſind einfach und angenehm, vier bis fünf Stockwerke hoch, haben groſſe Fenſter und ſind mit verſchieden⸗ grtigen Balcons verziert, Die vorzüglichſten Gebaͤude ſind: die Kathe⸗ dralkirche, ein gothiſches Denkmal von einer küͤh⸗ nen und majeſtaͤtiſchen Bauart, nicht, wie gewoͤhn⸗ lich die Gebaͤude in dieſem Styl, mit Verzierungen überladen, ſondern von edler Einfachheit und Groͤſ⸗ ſe. Sie wurde im Jahr 1299 zu erbauen angefan⸗ gen, hat zwey hohe Thuͤrme und ein groſſes Kloſter in dem naͤmlichen Geſchmacke, wie die Kirche. Ei⸗ ne unterirdiſche Kapelle enthaͤlt in einem praͤchtigen Mauſoleum die Ueberreſte der Schutzpatronin von Barcellona, der heiligen Eulalia. In der Raͤhe der Hauptkirche befindet ſich die Kapelle der ehemaligen Grafen von Barcellona, deren Paltlaſt nun in ein Kloſter der heiligen Klara und das Inquiſitions⸗ Gebaͤude umgeſchaffen iſt; der Pallaſt der Au⸗ dienca, eines der ſchoͤnſten Gebaͤude, wo ſich die berühmten köoͤniglich⸗arragoniſchen⸗Archive befinden, deren Urkunden bis ins achte Jahrhundert zuruͤck⸗ gehn; die Michaelskirche, ein ehemaliger Nep⸗ tuns⸗Tempel mit einem ſchoͤnen Pflaſter von Mo⸗ ſaik; das allgemeine Hoſpital mit dem chi⸗ rurgiſchen Kollegium, von welchem die Verbeſſerung der Wundarzneykunſt in Spanien ansgieng und die Loaja oder das Kaufhaus, eines der praͤchtigſten und geſchmackvollſten Gebaͤude. Man findet hier auch noch Ueberreſte eines Herkulestempels und an⸗ ſehnlicher arabiſcher Baͤder. Die Promenaden von Barcellona ſind ſchoͤn und praͤchtig; man kann eine nach der andern be⸗ ſ(uchen, wenn man im Innern der Stadt laͤngs ———— —(24)— den Waͤllen herumgeht. Don Auguſtin, Generalka⸗ pitaͤn von Katalonien legte die ſchoͤnſte derſelben, die Eſplanade, vom Jahr 1797 bis gon an, um der darbenden geringern Klaſſe Verdienſt und Nah⸗ rung zu verſchaffen. Der Anzug der Mannsperſonen in Barcellona gleicht jenem in Frankreich; die Tracht der Frauen⸗ zimmer iſt, wie in dem uͤbrigen Spanien. Der Mantel und der runde Hut ſind uͤberhaupt in Ka⸗ talonien nicht gewoͤhnlich, wie dieß in dem uͤbrigen Spanien der Fall iſt. Bloß die Landleute haben etwas Auszeichnendes; ſie tragen gewoͤhnlich eine Aermelweſte, einen rothen Gurt, die Reſilla(das Haarnetz) und eine Art von Sandalen aus Stri⸗ cken, die ſie mit Baͤndern an den Beinen befeſtigt haben, und Eſparagos nennen, dieſe Fußbedeckung iſt nur in Katalonien und Valencia gewoͤhnlich. Bisweilen tragen ſie auch uͤber dem Obertheile des Fuſſes bis an die Knie Kamaſchen von braunem Leder. Die gemeinen Leute huͤllen ſich in groſſe wollene Decken ein, die ſie uͤber den Kopf und den Leib ziehen, und tragen rothe oder blaue wollene Muͤtzen. Der Anzug der Frauenzimmer hat aber nichts beſonderes, auſſer daß ſie ihre Fuͤſſe eben ſo, wie die Maͤnner, bekleiden. XXXI. 8 Die Inſel Volkano. Nach Spallanzanis Beobachtungen. e den aͤoliſchen oder lipariſchen Inſeln in dem Meere von Toskana iſt Volkano eine der merkwuͤr⸗ digſten, aͤlteſten; ein Produkt unterirdiſcher Feuer und ſelbſt ein Feuerberg, dem Veſuv und Aetna aͤhnlich. Den Zeitpunkt, wo ſie ſich durch des Feuers allge⸗ waltig wirkende Kraft aus den Fluthen erhob, um⸗ ſchleyert das entfernteſte Alterthum; ſchon die aͤltern griechiſchen und roͤmiſchen Schriftſteller kannten ſie in einem, ihrem heutigen aͤhnlichen Zuſtande. Noch bis heute hat ſich die wirkſame Feuer⸗ maſſe im Innern dieſer Inſel nicht verzehrt, und ſie i*ſt in unſern Tagen den Beobachtungen der Natur⸗ forſcher nicht entgangen. Kuͤhne Maͤnner haben ſie beſucht, den Feuerberg erſtiegen und ſich ſogar in den Keſſel hineingewagt. Der beruͤhmte Naturfor⸗ ſcher Spallanzani war unter dieſen Beobachtern — 26—)— der mor)hvollſte, und ſeine Schilderung iſt die ge⸗ naueſte. Der Umfang der Inſel mit Volkanello, welche Seiteninſel ſonſt durch eine ſchmale Meerenge von dem eigentlichen Volkano getrennt war, nun aber durch neuere Lavaauswuͤrfe mit dieſer Inſel in Zuſam⸗ menhang gebracht worden iſt, betraͤgt ohngefaͤhr eilf italieniſche Meilen, die ganze, zu einem Berge von der Geſtalt eines abgeſtumpften Kegels ſich aufthuͤrmende Maſſe beſteht aus vielen Lagen von Lava, zerſchmolze⸗ nen, verglaſtenFelsſtuͤcken, Schlacken, Bimsſteinen, in grauſem Gemiſche aufgeſchichtet, unordentlich durch⸗ einander geworfen, wie ſie der Feuerſchlund, wenn er von Zeit zu Zeit tobt, aufgeſchichtet hat. Vol⸗ kanello hatte ſonſt ſeinen eigenen Krater; die noch ubrige Spur desſelben iſt zweyhundert Schritte von dem Meeresuſer entfernt, er ſelbſt iſt aber jetzt mit Erde, Sand und Thon ausgefüͤllt. Der Forſcher auf Volkano lobt zuerſt eine merkwuͤrdige Grotte, er findet ſie, eine italieniſche Meile von dem gegen Weſten gelegenen Hafen, wo er gelandet hat. Die Oeffnung in dem Felſen, wel⸗ cher dieſe Hoͤhle bildet, iſt nicht groß, ſie geht ab⸗ waͤrts und der Weg iſt beſchwerlich, der Rengieri⸗ ge muß faſt auf Haͤnden und Fuͤſſen kriechen, ehe er das Innere erreicht. Cin dumpfes Geraͤuſche hat ſchon auſſerhalb ſeine Aufmerkſamkeit noch mehr geſpannt; das Nämliche, nur weit ſtaͤrker, uͤberraſcht ihn in dem Innern. Iſt er einmahl hineingelangt, ſo ſteht er an einem kleinen Ses, der eine Menge kohlen⸗ (2,)— Kaures Gas ausduͤnſtet, wodurch das Athemholen ſehr erſchwert wird. Wo ſeine Hand die Waͤnde be⸗ ruͤhrt, findet er ſie ſehr heiß, ſo daß er es nicht lan⸗ ge vertragen kann. Die Luft iſt gleichſam glühend, ſelbſt der eifrigſte, neugierigſte Beobachter muß oft wieder hinaus ins Freye, und kann nur unterbrochen ſeine Unterſuchungen fortſetzen. Die Waͤnde der Grotte ſind mit ſchwefelſaurer Alaunerde, mit ſalz⸗ ſaurem Ammoniak und mit Schwefel inkruſtirt. Das Waſſer des Sees iſt heiß, und obgleich ſeine Waͤr⸗ me nicht achtzig Grad erreicht, ſo befindet es ſich doch in beſtaͤndiger Wallung; auf der ganzen Waſſermaſſe bilden ſich, huͤpfen und ſchwimmen kleine und gro⸗ ßere Luftblaſen in zahlloſer Menge, in mannichfalti⸗ gen Kreiſen und Richtungen. Die geringſte zufaͤlli⸗ ge Bewegung vermehrt dieſes Aufbrauſen, dieſes Entwickeln von Blaſen, und dieſe draͤngen ſich, wenn ein Stein in den See geworfen wird, mehrere Mi⸗ nuten lang an der Stelle, wo dieſer den Boden be⸗ ruͤhrt hat. Der Schwefelgeruch iſt dabey ſehr em⸗ pfindlich, und macht den laͤngern Aufenthalt in der Grotte unangenehm. Die Lipareſen und andere be⸗ nachbarte Inſulaner haben die heilfame Wirkung des heiſſen Waſſers und der Dünſte auf manche koͤr⸗ perliche Uibel kennen gelernt, und beſuchen daher dieſe Grotte voll Achtung und Zuverſicht. Ein Arzt auf Lipari, Gaetano Trovatina, hat mehrere Verſu⸗ che uͤber die nuͤtzliche Anwendung dieſer Heilkraͤfte gemacht. Rauch hat Spallanzanj in der Grotze —(28— nicht gefunden, Dolomieu hingegen will denſelben bey ſeiner Unterſuchung haͤufig angetroffen haben. Bis an den Eingang in dieſes warme Hoͤhlen⸗ bad iſt das Fortſchreiten mit geringer Beſchwerde verbunden, aber von hiex an erfordert das Aufſtei⸗ gen nach dem Krater bey weitem mehr Anſtrengung, denn uͤber große Haufen loſe liegender Schlacken, Lavaſtuͤcke, Glaͤſer, Bimsſteinmaſſen muß ſich der Wanderer hinweg, oder zwiſchen denſelben hindurch arbeiten, und ſo geht es unter immer neuen Be⸗ ſchwerden eine Meile weit aufwaͤrts. Wer aber zugleich ein Liebhaber oder Sammler von Naturſel⸗ tenheiten iſt, findet hier einen unerſchoͤpflichen Reich⸗ thum, und vermindert ſich dadurch die Unannehm⸗ lichkeiten des Weges gar ſehr. Schon hier ſieht der Beobachter einzelne Rauchſaͤulen an dem unteren Nande des ſtumpfen Kegels, welcher den eigentlichen Keſſel enthaͤlt. Jede dieſer Saͤulen erhebt ſich aus einer Oeffnung, die mit Schwefelkriſtallen einge⸗ faßt iſt; ſteckt man einen Stab in dieſe, ſo faͤngt er an zu rauchen und wird ſchwarz. Der aufſteigende Nauch riecht hoͤchſt widerlich nach Schwefel; der Boden iſt heiß, und wo auch nur mit einem Stabe eine Oeffnung in denſelben gemacht wird, erhebt ſich ſogleich eine neue Rauchſaͤule. Jetzt betritt der Wanderer eine kleine Ebene; aber er faſſe Muth, denn unter ihm bebt die Erde er vernimmt deutlich unterirdiſches Getoͤſe, und fuͤhlt, der Boden zittre gewaltig unter ſeinen Schritten. Der Verwegene geht, von ſchwefligen Dünſe um⸗ —(29)— geben, auf einer vielleicht duͤnnen Kruſte uͤber einen furchtbaren gluͤhenden Schwefelpfuhl, und braͤche dieſe Rinde ein, er waͤre ohne Rettung verloren. Man hat hier ſonſt Defen angelegt, um den Schwefel von Volkano zum Gebrauche zu reinigen, allein der Eifer iſt erkaltet, obgleich die Ausbeute ſehr reichlich war. Wo man, um den Krater her, den Boden nur ein wenig aufgraͤbt, liegen ſchoͤne Stuͤcke Schwe⸗ fel; je tiefer gegraben wird, deſto ſchöner findet man ſte, und der heute hinweggenommene Vorrath er⸗ ſetzt ſich nach wenigen Tagen wieder. Allein die Arbeiter konnten unmoͤglich ausdauern, da ſelbſt die Oberflaͤche des Bodens unertraͤglich heiß iſt, und in einer Tiefe von fuͤnf bis ſechs Fuß ſchon vollends nicht mehr gegraben werden kann. Die Oefen ſte⸗ hen noch, aber ſie werden nicht mehr betrieben. Die Gefahr drohende Ebene iſt uͤberſchritten, und nun muß wieder ein ſteiler Abhang erklettert werden, auf welchen eine groͤſſere Flaͤche, als die erſtbeſchriebene folgt, welche ſandig, und mit einzel⸗ nen Lavaſtuͤcken uͤberſaͤet iſt, die zerſtreut umher lie, gen. Hat der Neugierige auch dieſe zuruͤck gelegt. und die Hoͤhe erklimmt, von welcher ſie begraͤnzt wird, ſo bietet ſich ihm auf einmal ein unvermuthe⸗ ter, hoͤchſt uͤberraſchender Anblick dar. Er ſteht auf dem hoͤchſten Punkte der Inſel, am Nande des Kraters. Den Krater des Aetna ausgenommen, fagt Spallanzani, iſt dieß der geraͤumigſte, ſchau⸗ erlich erhabenſte: ſein Umfang betraͤgt mehr als eine italieniſche Meile. Es iſt ein ovaler umgeſtüͤrzter Kegel, ſo wie Volkano ſelbſt einem aufgerichteten aͤhnlich iſt; die Hoͤhe der innern Waͤnde vom Rande bis auf den Grund mag uͤber eine Viertelmeile meſ⸗ ſen. Von oben herab geſehen, ſcheint der Grund ebener Boden, aber aus ihm und aus den Waͤnden ſteigen nach allen Richtungen hin Dunſtſtrahlen, die widrigen Schwefelgeruch verbreiten. Den kuͤhnen Spallanzani wandelte die Luſt an, auf den Grund hinabzuſteigen, er verlangte nach einem beherzten Manne, der als Fuͤhrer die Gefahr mit ihm theile, aber vergebens, von den nahen Li⸗ pareſen wagte es keiner, ſelbſt für reichliche Bezah⸗ lung, dieſen Gang zu verſuchen. Endlich fand er einen Mann aus Calabrien, den die Regierung von Neapel nach Lipari verwieſen hatte, der es fuͤr eine gute Belohnung unternahm, mit ihm in den Krater hinabzuklimmen. Nur gegen Suͤdoſten ſind die Waͤnde weniger ſteil, und laſſen einen Zügang offen, an den übrigen Seiten iſt er voͤllig unmoͤglich. Die beyden Kuͤhnen gelangten glücklich auf den Grund, der den dritten Theil einer italieniſchen Meile zum Umfange hat, mit kleinen Truͤmmern von zermalm⸗ tem Glaſe, Bimsſtein und Lava bedeckt und faſt ey⸗ rund iſt. Aber mit welchen Schreckniſſen und Ge⸗ fahren iſt hier die Befriedigung der Wißdegierde verbunden! Der Boden iſt nichts als eine gar nicht dicke Rinde von pulkantſchen Beſtandtheilen, wel⸗ che ſich hoch uͤber dem unermeßlichen Abgrunde an⸗ geſetzt hat, worinn der ewige Schwefel und Feuer⸗ pfuhl tobt, eine Rinde, die nur ſo lange beſieht, als 631 1 der Vulkan ruhig iſt, beym erſten Anfang eines neuen Ausbruches aber in Nichts zerfaͤllt und den tiefen, ſurchtbaren Rachen des Berges aufſchließt. Fuͤrchterlich iſt hier das unterirdiſche Getoͤſe, woge⸗ gen jenes verborgene Brauſen auf der erſten Flaͤche nur ein Spiel ſcheint: wie wenn ein wüthender Strom unter dem Boden weg rauſchte, oder wie wenn empoͤrte Wellen im Wirbel gegen einander geſchleudert wuͤrden, ſo tobt und raſt es unter den Tritten. Wo ſich in dem Boden und Niß eine Oeffnung zeigt, dringen pfeifende Toͤne hervor, dem Geraͤuſche ſtarker Blaſebaͤlge aͤhnlich. Haͤlt man ein brennendes Licht an dergleichen Oeffnungen, ſo entzuͤndet ſich der herverdringende Dunſt und ſchwebt nun als ein blauroͤthliches Flaͤmmchen empor. Der Boden ſelbſt iſt ſo heiß, daß die Fußſohlen brennen, und widriger Schwefelgeruch erſchwert das Athmen. Aber bis auf den Mittelpunkt der Flaͤche zu kommen, iſt unmoͤglich, denn dort iſt die Hitze vollends un⸗ ausſtehlich. Der Boden erhebt ſich gegen dieſen Mittelpunkt zu einem runden Auswuchs, zu einer Art Blaſe von ungefaͤhr fuͤnf und vierzig Fuß im Durchmeſſer. Die Oberflaͤche iſt mit Eiſenvitriol, Alaun, ſalzſaurem Ammoniak und Schwefel belegt. Betritt man auch nur den Rand dieſer Beute, ſo entſteht eine zitternde Bewegung, eine Biegung ein⸗ waͤrts, die ſich aber bald wieder hebt und der Dunſt iſt hier auſſerordentlich dick. Zur Nachtzeit zeigt ſich dieſer Dunſt als eine Flamme, und der ganze Boden iſt alsdann allenthalben, wo. Dunſtſaͤulchen —(32)— aufſteigen, mit kleineren oder groͤſſeren Flammen beſetzt. Hoͤchſt merkwuͤrdig iſt auf dem Grunde dieſes Kraters gegen Weſten eine betraͤchtliche Grotte in der Wand; ſie hat eine Hoͤhe von 110 Fuß bey einer Breite von 250, und endigt ſich in eine vielleicht unermeßlich tiefe Grube von zehn Fuß im Durchmeſ⸗ ſer. Unaufhoͤrlich erhebt ſich aus der Tiefe eine weiß⸗ liche Dampfſaͤule, von ſolcher Hitze und ſo durchdrin⸗ gendem Schwefelgeruch, daß man erſticken mußte, wollte man in die Grotte tiefer einzudringen wagen. Ein Theil des Dampfes ſetzt ſich an den Waͤnden als fluͤſſiger Schwefel an, und bildet an denſelben Schwefelſtalaktiten. Man findet Stangen, in der Form umgeſtürzter Kegel, von drey Fuß Laͤnge, und zwey Zoll Dicke; andere haben die Geſtalt eines Cylinders. Dieſe Stalaktiten beſtehen aus ganz rei⸗ nem Schwefel, den kein Ofen reiner geben koͤnnte, er iſt zuweilen fleiſchfarbig, groͤßtentheils ſehr ſchoͤn gelb, gläͤnzend auf der Oberflaͤche. Uiberhaupt iſt der Schwefel von Volkano der beſte, den man fin⸗ den kann. Der Schlund in dieſer innerſten Höhle des Kra⸗ ters iſt zugleich die Stelle, wo das unterirdiſche Ge⸗ toͤſe den hoͤchſten, furchtbarſten Grad erreicht; hier iſt unmittelbarer Zuſammenhang mit dem Flammen⸗ meere, das ſich im tiefſten Eingeweide des Berges in ewiger Bewegung befindet. Wenn ein Stein hinabgeworfen wird, vernimmt man wohl das zi⸗ ſchende Geraͤuſche, welches er bey dem Durchſchnei⸗ den —(33)— den der Luft verurſacht, aber weder das Ende ſeines Falles, noch irgend ein Hinderniß, welches denſel⸗ ben hemmte, wird bemerkbar. Erſtickt von Glut und Schwefeldampf würde jeder, der das Ungluͤck haͤtte, hier hinab zu ſtuͤrzen, noch ehe er den Flammenpfuhl Beruͤhrte. Glücklich, wie ſie hinabgelangt waren, kehrte Spallanzani mit ſeinem Begleiter auch wieder zu⸗ ruck, und hatte ſeine Erfahrungen, ſo wie ſeine Sammlung von Naturſeltenheiten betraͤchtlich be⸗ reichert. Ihm verdanken wir die Beſchreibung die⸗ ſer furchtharen Werkſtaͤtte der Natur. XXXII. 4 1 Shilderung der Cingaleſen oder Ceykoneſen. 7 9 In Sitte und Denkart weicht der Morgenlaͤnder von dem Abendländer ab, und wenn dieſer beydes, wie Moden, vertauſcht, ſo bleibt jener unveraͤn⸗ derlich am Alten haͤngen. Alles um ihn her iſt be⸗ ſtaͤndiger als bey uns. Klima, religioͤſe Gebraͤu⸗ che, Regierungsform und Kleidungen ſind im Mor⸗ genlande keinen ſo groſſen und ſchnellen Veraͤnde⸗ rungen unterworfen, als im Abendlande. Hier ſtrebt der Geiſt ſtaͤts vorwaͤrts, hier erhebt er ſich zu dem Hoͤchſten, und ringt allenthalben nach dem Vollkommenſten, nach dem Gewiſſen. Nicht ſo bey den Morgenlaͤndern; das heiſſe Klima wirkt ſchwaͤchend auf Geiſt und Koͤrper, die Religion und die Regierungen begüͤnſtigen und unterhalten die geiſtige Traͤgheit, und die Einvildungskraft ver⸗ —(35— jehrt ſich in ungeheuern Bildern und grotesfen Gez maͤlden. Das Morgenland iſt das Land der Kon⸗ traſte, und ſeine Einwohner und Produkte gewaͤd⸗ ren dem Europaͤer um ſo mehr Vergnüͤgen und Be⸗ lehrung, je auffallender ſie von dem, was bey uns iſt und geſchieht, abweichen, und je öfter die Ge⸗ braͤuche von jenen und der Bau und die Kraͤfte von dieſen ins Wunderbare fallen. aung Die Inſel Ceylon, deren ganzer auſſerer Nand jetzt den Engländern gehoͤrt„ liegt im oſtin⸗ diſchen Ozean, am Eingange der Bai von Ben⸗ galen, zwiſchen 5 40 und 10⁰, 30, N. B. und iſt vorzüglich wegen ihres Zimmtes und wegen der Perlenfiſcherey berühmt. Da ſie ſo nahe ain Ae⸗ quator liegt, ſo iſt beynahe das ganze Jahr hin⸗ durch Tag und Nacht gleich; der Unterſchied zwi⸗ ſchen dem laͤngſten und kürzeſten Tage betraͤgt hoͤch⸗ ſtens 15 bis 20 Minuten. iheimiſche Bölker, die Candyer und die Cin⸗ C 2 3 —(365— 4 atefen. Jene wohnen ebenfalls im Innern der F. Inſel, und machen einen beſondern Staat aus, welcher von eigenen Koͤnigen beherrſcht wird. Die Cingaleſen hingegen wohnen an ſolchen Oertern, die jetzt unter der Herrſchaft der Englaͤnder ſtehen. Beyde, die Candyer und die Cingaleſen, gehoͤren zu einem Voͤlkerſtamme, und gleichen ſich in Anſe⸗ hung ihrer Denkart, Sitten und Gebraͤuche in mehreren Stucken. Der Unterſchied, den man zwi⸗ ſchen beyden bemerkt, und der hier und da ziem⸗ lich auffallend iſt, ruͤhrt davon her, daß die Cin⸗ galeſen Jahrhunderte lang von Europaͤern beherrſcht worden ſind, durch deren Umgang ihr Geiſt mehr⸗ fältig eine andere Richtung genommen hat. In die⸗ ſem Aufſatze ſoll blos eine Schilderung der Sitten und Gebraͤuche, der Denkart und Handlungsweiſe der Cingaleſen oder Ceyloneſen geliefert werden. Die Cingaleſen ſind von mittlerer Statur, un⸗ gefaͤhr 5 Fuß 3 Zoll hoch, und ſehen ſchoͤner aus, als die Mohren und Malabaren auf dem feſten Lan⸗ d.. Doch ſind ſie weder ſo gut gebaut, noch ſo unterſetzt. Sie haben im Aeuſſern ſehr viele Aehn⸗ lichkeit mit den Maldiviern, von denen ſie wahr⸗ ſcheinlich abſtammen, da die maldiviſchen Inſeln zur See nur zwey bis drey Tagereiſen von Ceylon entfernt ſind. Die Candpyer ſehen ſchoͤner aus, als die Cingaleſen, ſind beſſer gebaut und auch nicht ſo weichlich. Die Eingaleſiſchen Frauenzimmer ſind verhaͤltnißmaͤſſig nicht ſo ſchlank, als die Manns⸗ 5 D⸗ Seake, 7 — Caze e 23 J0 C 2 7. 6. Tleohat, , ————;J —(37—. perſonen, ſie ſehen aber weit ſchoͤner aus, und ihre Hautfarbe naͤhert ſich dem Gelben oder der Mulat⸗ tenfarbe. Die Maͤnner ſehen ſchwaͤrzlicher aus, dieß ruͤhrt davon her, weil ſie mehr im Freyen leben als die Weiber, wo ihnen auſſer der Farbe, welche dieſer Nation als Race eigen iſt, noch Luft und Sonnenwaͤrme eine Schminke auflegen und ſie dunkler machen. In ihrer Lebensart ſind ſie auſſerordentlich maͤſ⸗ ſig. Unmäſſigkeit im Eſſen und Trinken beſtraft das Klima mit dem Tode, dem die Europaͤer gar bald zur Beute werden, wenn ſie die in ihrer Hei⸗ math gewohnte Lebensart fortſetzen. Der Menſch kann unter allen Himmelsſtrichen wohnen; allein will er ſich wohl befinden und ſein Leben erhalten, ſo muß er ſich an jedem Orte nach dem Klima rich⸗ ken. Früchte und Reis machen die Hauptnahrung der Cingaleſen aus; an ſolchen Orten, wo Fiſche in Menge zu haben ſind, eſſen ſie auch Fiſche, al⸗ lein nur ſehr ſelten wird Fleiſch genoſſen. Bey der Zubereitung der Speiſen verfahren ſie auſſerordent⸗ lich ſorgfaͤltig und behutſam, und da beyde Ge⸗ ſchlechter groſſe Liebhaber der Reinlichkeit ſind, ſo hat vielleicht folgende Trinkſitte, die man auch auf mehreren oſtindiſchen Inſeln antrifft, und die auch bey den alten Griechen gewoͤhnlich geweſen zu ſeyn ſcheint, daher ihren Urſprung. Der Cingaleſe hu⸗ tet ſich ſorgfaͤltig, das Trinkgefaͤß mit den Lippen zu berübren, er haͤlt dasſelbe in einiger Entfernung vom Munde und zwar hoch, und gießt das Ge⸗ -G2s) S tränk in die Gurgel hinab. Die Speiſen beteiten ſie niemals mit der linken Hand, deren ſie ſich auch nicht beym Eſſen bedlenen. Wenn ſie eſſen, ſo ſprechen ſie niemals mit ein ander, ſie ſcheinen das ganze Geſchaͤft des Eſfens mehr fuͤr eine unbedingte Forderung der Nothwen⸗ digkeit, als fuͤr etwas anzuſehen, was ſich mit der Anſtaͤndigkeit vertraͤgt. So kehren ſie auch behm Trinken niemals einander das Geſtcht zu. In ihrem Betragen ſind ſie artig und hoͤflich, und zwar mehr, als man von dem Grade ihrer Kul⸗ kur erwarten ſollte. Sie machen viele Ceremonien, und wenn ſie einander begegnen, ſo reichen ſie je⸗ derzeit einander das Betelblatt, welches man als ein allgemein geltendes Rennzeichen der Hochachtung und Freundſchaft anſteht. In Anfehung verſchiede⸗ ℳ ner moraliſcher Eigenſchaften verdienen ſie vor allen Indiern den Vorzug. Das Luͤgen und Stehlen, das anderwaͤrts in Öſtindien ſo gemnein iſt, trifft man bey ihnen nicht haͤufig an. Sie ſind ſanftmuͤthig und in ihrem wechſelſei⸗ tigen Umgange nicht im geringſten zaͤnkiſch oder lei⸗ denſchaftlich. Werden ſie aber aufgebracht, ſo ar⸗ tet ihr Zorn augenblicklich in Wuth aus und ihre Rachſucht kennt dann keine Graͤnzen, ſie iſt eben ſo anhaltend als wuͤthend. Ein toͤdtlicher Haß ver⸗ birgt ſich in ihrem Gemuͤthe, und koͤnnen ſie den Gegenſtand deſſelben nicht vernichten, ſo bringen ſie ſich haͤufig ſelbſt um. Kann ein Eingaleſe ſeine Bezahlung nicht erhalten, ſo geht er zu. ſeitem — 85= Schulduer und droht mit dem Selbſtmorde, wenn et ihn nicht augenblicklich vefriedigt. Dieſe Dro⸗ zung, die bisweilen in Erfuͤllung geht, nöthigt den Schulduer, die Forderung ſeines Glaͤubigers, wo mͤglich, auf der Stelle zu berichtigen, denn nach den Landesgeſetzen hat derjenige, der an dem Tode des Andern auf irgend eine Art Schuld iſt, das Le⸗ ven verwirkt. Die ſprichwöͤrtliche Redensart: Au⸗ ge um A uge, Zahn u m Zahn, fuͤhren ſie be⸗ ſtaͤndig im Munde. Auch bey andern Gelegenheiten rächen ſie ſich gewoͤhnlich auf dieſe Art, und man weiß Beyſpiele, daß ſich ein Cingaleſe blos des⸗ wegen in der Gegenwart ſeines Feindes umgebracht hat, damit nur dieſer auch das Leben verliere. Ueberhaupt herrſcht unter den Inſelbewohnern Oftündiens eine groſſe Rachſucht, worinn die Ma⸗ layen alle uͤbrigen übertreffen. Der Umgang der Cingaleſen mit den Europaern hat ihre rachſichtige Gemuͤthsart zwar ſehr gemildert, aber doch nicht gaͤnzlich vertiigt. Noch im Jahre 1799 ereignete ſich, wie Percival erzäͤhlt, ein Vorfall dieſer Art zu Caltura. Ein cingaleſiſcher Landmann hat⸗ e mit einem andern einen Streit, er paßte daher die Gelegenheit ab, mit ihm ins Bad zu gehen, und ſich zu erſaͤufen und fuͤhrte dies Vorhaben auch wirklich aus. Man bemaͤchtigte ſich hierauf des Andern und brachte ihn nach Colombo, der Haupt⸗ ſtadt der engliſchen Beſitzungen auf Ceylon, wo man ihm wegen der angeſchuldigten Ermordung des Ver⸗ ſorbenen aus der Urſache den Prozeß machte, well —(4)— man dieſen zuletzt in ſeiner Geſellſchaft geſehen hat⸗ te. Da man jedoch gegen den Angeklagten nichts weiter, als Vermuthungen hatte, ſo ſprach man ihn los. Dieſer Ausſpruch aber ſtimmte gar nicht mit der Denkart der Cingaleſen überein, ſie haͤtten den Angeklagten gern zum Tode verurtheilt geſehen, um ihrer alten Sitte treu zu bleiben. Unter keiner Nation beobachtet man den Nang⸗ unterſchied mit einer ſolchen Gewiſſenhaftigkeit, als unter den Ceyloneſen; ſelbſt in der Groͤſſe und der Geſtalt ihrer Haͤuſer ſcheinen ſie beſchraͤnkt zu ſeyn. Ein anſehnliches Haus iſt gemeiniglich auch ein Kennzeichen, daß ſein Eigenthümer von Geburt ei⸗ nen vorzuͤglichen Rang beſitzt; der Rang richtet ſich uberhaupt nicht nach den Ehrenaͤmtern, ſondern nach der Geburt, und iſt von der hoͤchſten bis zur nie⸗ drigſten Kaſte erblich. Dieſer Unterſchied iſt ein ewi⸗ ges Hinderniß der Aufklaͤrung und Kultur der Na⸗ sion. Dieſen auffallenden Zug bemerkt man jedoch mehr unter den Bewohnern des Innern, als unter denen, welche Umgang mit den Europaͤern haben, und dadurch einigermaſſen gebildet worden ſind. Die Candyer duͤrfen ihre Haͤuſer nicht weiß anſtrei⸗ chen, noch mit Ziegeln decken, weil dieß ein koͤ⸗ nigliches Vorrecht iſt. Selbſt unter den Cingale⸗ ſen trifft man, in Anſehung ihrer haͤuslichen Ein⸗ richtungen, noch immer etwas mehr als blos den Unterſchied an, welchen der Reichthum macht. 1 Auffallend iſt es, daß die Cingaleſen beym Bane neuer Haͤuſer niemals einen Nagel brauchen, 9—(4)— Sollte dieß wohl in der Kenntniß von der Gefaͤhr⸗ lichkeit der Gewitter in dieſen Erdgegenden ſeinen Grund haben? Ihre kleinen niedrigen Haͤuſer, die zu gebrechlich ſind, als daß ſie ein Stockwerk tra⸗ gen koͤnnten, werden nur durch Rohrſeile zuſam⸗ mengehalten. Sie ſind von dünnen Stuͤcken Holz oder Bambus erbaut, mit Lehm beworfen und mit Reisſtroh oder Kokosblaͤttern gedeckt. Um die Waͤn⸗ de der Haͤuſer laufen ſchmale Lehmbaͤnke, die zum Sitzen oder Schlafen beſtimmt ſind. Sowohl die⸗ ſe Baͤnke, als der Fußboden in den Haͤuſern ſind mit Kuhmiſt belegt, um das Ungeziefer zu verſcheu⸗ chen und ihre Oberflaͤche glatt zu erbalten; auch kann ſie dann der Regen nicht ſo leicht ſchmutzig machen, als wenn ſie von Lehm ſind. Da die Cingaleſen noch auf einer niedrigen Stufe der Geiſteskultur ſtehen, und der Luxus erſt mit der Zunahme der letztern herrſchend wird, ſo darf man ſelbſt in den beſten Haͤuſern kein koſtba⸗ res Hausgeraͤthe erwarten. Alles, was man in ihren Wohnungen antrifft, iſt hoͤchſt einfach und beſteht blos aus dem, was zur Zubereitung der Speiſen durchaus unentbehrlich iſt. Sie brauchen weder Tiſche, noch Stuͤhle, noch Loͤffel, ſie ſetzen ſich, wie andere Indier, auf die Erde nieder und langen ſich die Speiſen, wie die Türken, mit den Fingern zu. Ihre Staͤdte und Doͤrfer ſehen mehr einer Menge abgeſonderier Haͤuſer, die hin und wieder mitten in einem dicken Walde zerſtreut ſtehen, als —(42)— einem ordentlich zuſammenhaͤngenden Ganzen äihn⸗ lich. Bey der Anlegung derſelben beobachtet man nicht die geringſte Regelmaͤſſigt keit, ſondern jeder bauet ſeine Huͤtte mitten in einem Kokoswalde an der bequemſten Stelle auf. In den gebirgigten Ge⸗ genden, wo man kaum ſo viel Nahrungsuittel fin⸗ det, als zur Erhaltung des Lebens nothwendig ſi nd, wo die Eingebornen in beſtaͤndiger Gefahr ſchweben, entweder von reiſſenden Thieren überfal⸗ len, oder von kriechenden belaͤſtigt, oder von Ueber⸗ ſchwemmungen beunruhigt zu werden, bauen ſie ih⸗ re Huͤtten gewoͤhnlich auf Felſeuſpitzen, oder auf hohe Baumgipfek. Einige ſchlagen eine Anzahl ho⸗ her Stangen in die Erde und ſtellen eine Art von Huͤrde daneben hin, in welcher ſie ſich des Nachts aufhalten. Zum Schutze gegen die gluͤhenden Son⸗ nenſtrahlen bedienen ſie ſich des groſſen Lalipotblat⸗ tes, das ſie uͤber den Kopf halten. Alle Staͤnde kauen Betelblaͤtter, bey allen Gaſtmahlen dienen ſie ihnen zum Nachtiſche und bey allen ihren Unterhaltungen brauchen ſte dieſelben. An Geſtalt gleicht das Betelblatt dem Epheublatte, an Farbe und Dicke naͤhert es ſich aber mehr jenem des Lorbeerbaumes. Mit dem Betelblatte vermi⸗ ſchen ſie Toback, Arekanuͤſfe und gebrannten Mu⸗ ſchelkalk, um es fuͤr den Geſchmack deſto auffallen⸗ der und reitzbarer zu machen. Wenn ſie dieſe Mi⸗ ſchung kauen, ſo wird ſie blutroth, und faͤrbt ih⸗ nen den Mund, die Lippen und die Zaͤhne mit einer ſcwarzen Faxbe, die niemals wieder weggeht. Dieß —— —— pliment. (48)— Falten ſie fuͤr eine Verſchönerung, weiſſe Zaͤhte hin⸗ gegen ſehen ſie blos für Hunde ſchicklich und als eine Verunſtaltung fuͤr Menſchen an. Dieſe ſcharfe Miſchung hat aber den Nachtheil, daß ſie ihre Zäh⸗ ne ſchnell zerſtort, und ſie derſelben ſchon in früher Jugend beraubt. Mit dem Safte des Betelblattes färben ſie ſich auch haͤufig Naͤgel und Finger. In ihren Unterhaltungen ſind ſie ſehr geſetzt, und ſelbſt in den Geſpraͤchen mit Anverwandten und vertrauten Freunden herrſcht eine bewundernswür⸗ dige Ernſthaftigkeit. Es iſt nichts Ungewoͤhnliches, eine Geſellſchaft von Ceyloneſen lange Zeit ernſthaft und ſtumm, wie eine Verſammlung von Quaͤkern, die nicht vom heiligen Geiſte ergriffen iſt, beyſam⸗ menſitzen zu ſehen. Die ganze Zeit uͤber kauen fie unaufhoͤrlich Betelblaͤtter, als ob ſie um die Weite grbeiteten. Bey ihren Begruͤſſungen verfahren ſie auſſeror⸗ dentlich pünktlich und abgemeſſen. Die Art, wie ſe einander gruͤſſen, iſt die bey allen Indiern ge⸗ woͤhnliche; ſie bringen die flache Hand nach der Stirne und machen eine tiefe Berbeugung, wobey man aber jederzeit genau auf den Unterſchied des RNanges acht giebt; begegnet ein Geringer einem Obern, ſo wirft er ſich vor dieſem beynahe bis auf die Erde nieder, und wiederholet ſeinen Namen und ſeine Wurde fuͤnfzigmal hintereinander; der Hoͤhere hingegen ſchreitet mit der ſteifſten Ernſthaftigkeit bey ihm vorbey und macht ihm kaum das geringſte Kon⸗ 8 —(4405— Was das Betragen der Maͤnner gegen die Wei⸗ ber anbelangt, ſo ſind die Einwohner von Ceylon nachſichtiger, als die uͤbrigen Aſiaten, und ſie be⸗ bandeln ihre Weiber mit weit mehr Aufmerkſamkeir. Der Mann ſieht ſeine Frau, wie nach europaͤiſcher Sitte, mehr als ſeine Gefaͤhrtin an. Knox har ſchon vor mehr als hundert Jahren eine Schilde⸗ rung von den Auſchweifungen und der Züͤgelloſigkeit der ceyloneſiſchen Frauenzimmer gemacht, welche noch auf die jetigen Bewohnerinnen von Ceylon paßt. Ein cingalefiſcher Ehemann iſt nicht im ge⸗ ringſten auf ſeine Gattin eiferſüchtig, er haͤlt 25 vielmehr fuͤr eine Ehre, ſie dem Publikum zu zei⸗ gen. Ueber ihre Untreue wird er eben nicht ſehr aufgebracht, er muͤßte ſie denn auf der That ertap⸗ ven, wo er die Rechte des aſiatiſchen Ehemanns aus⸗ übe. Die Verleßung der Keuſchheit ſetzt weder ein verheurathetes noch ein unverheurathetes Frauen⸗ zimmer der geringſten Schande aus, wenn ſie nur die Vorſicht braucht, mit keiner Mannsperſon aus einer geringern Kaſte Umgang zu haben. Beſonders treibt man unter den Candyern dieſe Unterſcheidung dis aufs hoͤchſte. Kaum wagt eine Mannsperſon ein Frauenzimmer von niedrigerm Stande zu heura⸗ chen, auch geſchieht dieß ſtaͤts verſtohlen, indem ei⸗ ne harte Strafe darauf geſetzt iſt. Von einem Frauenzimmer aber weiß man gar kein Beyſpiel, daß ſie ſich in eine Verbindung unter ihrem Stande eingelaſſen haͤtte, weil ſie durch eine ſolche Ernie⸗ drigung auf immer in den Augen der Welt entehrs * ——--— —(45)— worden waͤre. Mit Perſonen gleichen Standes hine gegen leben ſie insgeheim in dem zuͤgelloſeſten Um⸗ gange, und es iſt unter den naͤchſten Anverwandten weder eine Schande, noch etwas Ungewoͤhnliches, in der vertrauteſten Verbindung zu leben. Anter den Lingaleſen hat man zwar den An⸗ fang gemacht, den Rangunterſchied nicht mehr ſo pünktlich zu beobachten, man hat aber doch nichts Beſſeres an ſeine Stelle geſeht⸗ Eine Mutter macht ſich kein Gewiſſen daraus, die Gunſtbezeugungen ih⸗ rer Tochter für eine geringe Summe au jeden zu verkaufen, der Luſt dazu hat. Beſonders laſſen ſich die Frauenzimmer gern mit Europaͤern in eine ſol⸗ che Verbindung ein, weil ihnen dieß in den Augen anderer ein groͤſſeres Anſehen giebt. Zankt ſich eine Mutter mit ihrer Nachdarin, ſo darf ſie nur ſagen, daß ihre Tochter genauen Umgang mit einem Euro⸗ paͤer gehabt habe, und dieſe Nachbarin ſchweigt nunmehr wegen des hoͤhern Ranges jener ſogleich. Selbſt Frauenzimmer von hoͤchſtem Stande halten es nicht fur nachtheilig, in einem vertrauten Um⸗ Zange mit Europaͤern zu leden, und ſie tragen nicht das geringſte Bedenken, ſich mit ihnen oͤffentlich zu zeigen. Dieß macht einen auffallenden Kontraſt mit den mohammedaniſchen Frauenzimmern auf dem fe⸗ ſten Lande von Indien, die ſich fuͤr entehrt und verworfen halten wuͤrden, wenn ein Fremder zu⸗ fälligerweiſe nur etwas von ihrem Geſichte zu ſehen hekaͤme. Feen ſen anbelangt, ſo giebt es zwar viele Maͤnner, die blos eine einzige Frau haben, aber auch wieder an⸗ dere, die ſo viele Weiber heurathen, als ſie ern h⸗ ren koͤnnen, das Geſetz hat nichts uͤber dieſen Ge⸗ genſtand verordnet, und es iſt wahrſcheinlich, daß die Leichtigkeit, mit der beyde Geſchlechter unter⸗ einander einen vertrauten Umgang haben und in der Ehe getrennt werden koͤnnen, nebſt ihrer Armuth die Urſache iſt, daß man die Vielweiberey unter ihe nen nicht allgemeiner antrifft. Die Feyerlichkeiten, welche unter den Eingale⸗ ſen bey dem Heyrathen gebraͤuchlich ſind, ſind un⸗ bedeutend und ſcheinen blos die Abſicht zu haben„ beyden Parteyen Anſprüche auf ihr beyderſeitiges Vermoͤgen, und den Anverwandten Gelegenheit zu geben, darauf zu ſehen, daß ſich jedes in ſeiner ei⸗ genen Kaſte verheyrathet. Die Aeltern ſchlieſſen oft die Heprathen zu einer Zeit ab, wo Braut und Braͤutigam noch Kinder ſind, und zwar blos in der Abſicht, die Kinder nach ihrem Nange zu verheyra⸗ then; doch iſt es oft der Fall, daß ſolche Ehen kurz nach ihrer Vollziehung mit beyderſeitiger Ein⸗ willigung wieder getrennt werden. Auch iſt es bey denjenigen, die einander heyrathen ſollen, gewoͤhn⸗ lich, vorher einander ehelich beyzuwohnen und ihre benderſeitige Gemüthsart auf die Probe zu ſiellen. Finden ſie, daß ſie ſich nicht miteinander vertragen koͤnnen, ſo gehen ſie wieder, ohne die Dazwiſchen⸗ kunft eines Prieſters, ohne weitere Ceremonien aus⸗ Was die ehelichen Berbinaungen der Cingale⸗ V —————y——— —(47)— einander. Keine Parthey hat Schande davon, und das Maͤdchen wird von ihrem naͤchſten Liebhaber eben ſo hoch geſchäͤtzt, als ob ſie noch Jungfrah waͤre. Siad aber deyde Darzpem über die Seyrath einig, ſo beſteht das erſte, was der Mann thut, darinn, daß er der Braut Brautkleider ſchickt, die eben nicht koſtbar ſind. Sie beſtehen in einem zwoͤlf bis vierzehn Ellen langen Stuͤck Zeuche fuͤr ſie, auſ⸗ ſerdem noch in einem zweyten, welches man uͤber das Beite legt. Dieß giebt uns einen augenſchein⸗ lichen Beweis von dem Mangel an Kunſtfleiß unter den Ceyloneſen und von ihrer auſſerordentlichen Ar, muth, die oft ſo weit geht, daß der Braͤutigam nicht einmal im Stande iſt, dieſe hoͤchſt einfachen Brautgeſchenke zu kaufen, ſondern ſie von einem ſei⸗ ner Nachbarn zu dieſem Behufe borgt. Ddie Brautgeſchenke uͤberbringt der Brzutigam perſoͤnlich und hat in der darauf folgenden Nacht das Recht, hey ſeiner Braut zu ſchlafen. Bey die⸗ ſer Gelegenheit beſtimmt man auch den Tag, wann er ſie heimfuͤhren, und die Hochzeit feyern will. An dem feſtgeſetzten Tage findet er ſich mit ſei⸗ nen Anverwandten im Hauſe der Braut ein, ſie bringen insgeſammt das mit, was ſie haben, um etwas zur Verherrlichung des Hochzeitfeſtes beyzu⸗ tragen. Braut und Braͤutigam eſſen in Gegenwart der Verſammlung aus einer Schuͤſſel, wodurch man zu erkennen giebt, daß ſie von einerley Stande ſind. Hierauf bindet man ſie an den Daumen zuſammen, — 48— und die Feyerlichkeit endigt ſich damit, daß der naͤchſte Anverwandte oder ein Prieſter, wenn einer zugegen iſt, das Band von einander ſchneidet. Dieſe Art der Trauung ſieht man jedoch fuͤr die am wenigſten verbindliche an, und der Ehe iſt kaum dadurch ihre Dauer geſichert. Soll ſie aber ſo un⸗ aufloͤslich werden, als es nach den Landesſitten ge⸗. ſchehen kann, ſo bindet man das Brautpaar mit ei⸗ nem langen Stuͤcke Zeuch zuſammen, das man ih⸗ nen mehrmals um den Leih windet, dann gießt der Prieſter, der bey dieſer Trauungszeremonie allemal ſein Amt verrichtet, Waſſer uͤber Braut und Braͤu⸗ kigam aus. Iſt die Heprathszeremonie vorbey, ſie mag nun auf die erſte oder zweyte Art vollzogen worden ſeyn, ſo uͤbernachtet das Brautpaar im 2 Hauſe der Braut; am Morgen darauf aber fuͤhrt ſte der junge Ehemann in Begleitung ihrer Freun⸗ de, welche noch zu einem Feſte Lebensmittel mitneh⸗ 4. men, nach Hauſe. Beym Heimfuhren muß die Braut ſtats vor dem Braͤutigam hergehen, und darf ſich nie aus ſeinen Augen verlieren. Der Grund dieſer Sitte ſoll darinn liegen, daß einſt beym Heimfůhren einem Braͤutigam ſeine Braut geraubt wurde, ohne 3 daß er etwas davon bemerkt hatte. Den Hochzeit⸗ tag ſieht man allemal als einen beſonders feſtlichen Tag an, und wer kann, laͤßt es bey ſolchen Schmau⸗ ſereyen niemals an Tanz und Mufik fehlen.. Die Groͤſſe der Mitgabe, welche die Tochter er⸗ häͤlt, richtet ſich nach dem Vermoͤgen ihrer Aeltern. Hat das junge Ehepaar nicht ſo viel, daß es ſich ſelbſ )— ſelbſt ernahren kann, ſo bleibt es bey den Aeltern der Braut. Merken die jungen Eheleute nach der Hochzeit, daß ſie ſich nicht miteinander vertragen koͤnnen, ſo trennen ſie ſich ohne weitere Umſtaͤnde, und die Frau nimmt das Eingebrachte wieder mit, um ſich für ihren künftigen Mann zu elner ſo viel als moͤglich vortheilhaften Parthie zu machen. Auf dieſe Art trennen ſich ſowohl Mannsperſonen als Frauenzi amer mehrmals, bis ſie einen Gefaͤhrten finden, mit dem ſie ihre Tage zuzubringen Luſt haben.. Der Umgang zwiſchen den beyden Geſchlech⸗ tern nimmt ſehr frühzeitig ſeinen Anfang. Die Frauenzimmer werden gewoͤhnlich, ſo wie im gan⸗ zen Morgenlande, ſchon im 12. Jahre verheyrathet und ihr jugendliches Auſehen geht bald verloren, denn ſobald ſie uͤber das zwanzigſte Jahr hinaus ſind, ſehen ſie alt und haͤßlich aus. Unſtreitig traͤgt ſowohl das fruͤhzeitige Verheyrathen, als das Kli⸗ ma zu dem ſchnellen Altwerden bey. Viele Frauen⸗ zimmer ſetzen ſich auch der Sonne ſo häͤufig aus, daß ihre Haut bald aufſpringen und Schwaͤren be⸗ kommen wuͤrde, wenn ſie ſich nicht ſo ſtark mit Ko⸗ kosoͤl ſalbten. Uebrigens ſind die Cingalefiſchen Frauenzimmer ſehr reinlich, nur ſind die ſtarken Ausduͤnſtungen des Kokosoͤls für einen Europaͤer hoͤchſt unangenehin. Die Cingaleſen ſind groſſe Liebhaber des Ba⸗ des, das ſie taͤglich mehrmals beſuchen. Die Hitze entneryt und ſchwaͤcht ihren Koͤrper, den ſie durch VI. Baͤndch. 55 das kühle Waſſer wieder zu ſtaͤhlen und zu ſtaͤrken ſuchen. Sie ſind ungewoͤhnlich ernſthaft, Spiele und Zeitvertreibe ſind daher unter ihnen gaͤnzlich unbe⸗ kannt. Vielleicht hat ihre Ernſthaftigkeit ihren Grund mit in der Furcht von Daͤmonen, die ſie von Jugend an einſaugen. Man bemerkt unter ih⸗ nen nichts von Kunſtſtücken und Taſchenſpielereyen, worinn ſich die Eingebornen Hindoſtans ſo ſehr aus⸗ zeichnen; alle Gaukler, Taͤnzer und Beſchwoͤrer, die man auf Ceylon, beſonders zur Zeit der Per⸗ lenfiſcherey antrifft, ſind gewoͤhnlich vom feſten Lan⸗ de. Die Europaͤer haben vielleicht durch ihre Be⸗ druͤckungen, die ſie ſeit langer Zeit auf der Inſel ausgeuübt haben, zur Verminderung der Sezilen und der Spielluſt, die dem unverdorbenen Men⸗ ſchen, ſobald er uur etwas gebildet iſt, ſo natuͤrlich ſind, weſentlich beygetragen. Waͤhrend der naſſen Jahreszeit ſind ſie vielen Krankheiten ausgeſetzt, jedermann iſt alsdann ſein eigener Arzt, und die gewöhnliche Heilart iſt ſehr einfach. Vor den Blattern haben die Eingebornen Ceylons eine auſſerordentliche Furcht, denjenigen, der daran ſtirbt, ſehen ſie fuͤr verflucht an, und ſei⸗ nem Leichname wird ſogar die gewoͤhnliche Begraͤb⸗ nißfeyerlichkeit verſagt, man ſchafft denſelben an ei⸗ nen unbeſuchten Ort, ſteckt ihn unter ein Gebüſch und bedeckt ihn mit einigen Baumzweigen. Die Sprache, welche die Ceyloneſen ſprechen, ſcheint ihnen faſt ganz eigen zu ſeyn. Keine der Na⸗ — — —GCs= fionen auf dem feſten Lande ſpricht ſie, und keine derſelben kann ſie ohne groſſe Muͤhe erlernen. Un⸗ ſtreitig iſt ſte mit der auf den maldiviſchen Inſeln gewoͤhnlichen verwandt. In der Ausſprache der Cingaleſen bemerkt man ganz etwas beſonders; den erſten Theil eines Wor⸗ tes ſcheinen ſie auf eine ſolche Art hinwegzuſtehlen, als ob ſie kaum Aufmerkſamkeit darauf erregen woll⸗ ten und dann verweilen ſie mit einem lauten und langen Tone auf den Schlußſylben. Die Zeiteintheilung iſt bey ihnen foſt die naͤm⸗ liche, wie bey uns, nur nimmt ihr Jahr mit dem 28. Maͤrz ſeinen Anfang. Die Art, wie ſie die Schaltjahre einrechnen, beſteht dariun, d aß ſie ei⸗ nen Tag zu dem vorigen Jahre hinzuſetzen. Ihre Monate ſind, gleich den unfrigen, in Wochen von ſieben Tagen eingetheilt; die Mittewoche und Sonn⸗ abende ſind die Tage, an welchen ſie ihre religioͤſen Ceremonien verrichten. Den Tag, den ſie von Son⸗ neuaufgang bis zu Sonnenuntergang rechnen, thei⸗ len ſie in fuͤnfzehn Stunden, und eben ſo auch die Nacht ein; dieß macht eine ziemlich regelmaͤſſige Zeiteintheilung aus, weil die Tages⸗ und Nacht⸗ laͤnge ſich unter dieſen Breitengraden beynahe das ganze Jahr hindurch gleich bleibt. Vor der An⸗ kunft der Europaͤer ſcheinen ſie ſelbſt nicht die ro⸗ heſte Art der Sonnenuhren gehabt zu haben, bey be⸗ ſondern Gelegenheiten brauchten ſie ein Gefaͤß mit einer Oeffnung im Boden, durch welche das darinn befindliche Waſſer innerhalb einer Stunde nach ih⸗ d 2 —(525)— rer Zeitabtheilung auslief, dieſe rohe Uhr war fuͤr alle ihre Beduͤrfniſſe hinreichend, und man machte ſelten anderswo, als hey Haſfeyerlichtelten Ge⸗ brauch davon. Die Gelehrſamkeit der Eing leſen beſteht haupt⸗ ſaͤchlich in einer angeblichen Kenliniß der Aſtrologie, ehemals aber ſcheinen ſie wirklich ſowohl einige wiſ⸗ ſenſchaftliche Kenntniſſe, als einige Geſchicklichkeit in den Kunſten beſeſſen zu haben, wie man aus den noch vorhandenen Denkmaͤlern ſieht. Leſen und Schreiben ſind unter ihnen keine gewöhnlichen Sa⸗ chen, unter den Candyern beſchränken ſich dieſe Kenntniſſe auf die Gelehrten, die mit arabiſcher Schrift ſchreiben. Von der Papiermacherkunſt wiſ⸗ ſen ſie nichts, weshalb ſie zum Schreiben Talipot⸗ blaͤtter nehmen. Dieſe Blaͤtter, die von ungeheu⸗ rer Groͤſſe ſind, ſchneiden ſie in Streifen, die ein bis anderthalb Fuß, und noch darüber breit ſind, glatten ſie und machen ſorgfaͤltig alle Auswuͤchſe mit dem Meſſer weg, hierauf braucht man ſie ohne wei⸗ tere Zuberetiung zum Schreiben. Da dieſe Strei⸗ fen ſehr dick und ſteif ſind, ſo nimmt man zum Ein⸗ graben der Buchſtaben oder zum Schreiben einen ſein zugeſpitzten ſtaͤhlernen Griffel, der einer Pfrieme aͤhnlich und mit einem hoͤlzernen vder eifenbeiner⸗ nen Hefte verſehen iſt, das nach dem Geſchmacke des Eigenthuͤmers mit allerley Zierrathen verſchöuert wird. Um die Schrift deutlicher und,lesbarer zu machen, reitt man Oel mit einer Miſchung von pulveriſirter Holzkohle hinein, wodurch ſie auch zu⸗ 4 „ — 537— gleich ſo dauerhaft wird, daß ſie nie wieder ver⸗ wiſcht werden kann. Iſt ein ſolcher Streifen nicht groß genug, um alles, was man uͤber einen Ge⸗ genſtand ſchreiben will, zu faſſen, ſo reiht man mehrere derſelben, mittels einer durchgezogenen Schnur aneinander und befeſtigt ſie an ein Brett, wie man es bey uns mit den Zeitungen macht. Bisweilen nimmt man auch Palmblaͤtter zum Schreiben, allein die Talipotblaͤtter haben ſowohl wegen ihrer Breite als wegen ihrer Dicke den Vor⸗ zug. Einige Eingeborne, beſonders Perſonen aus den hoͤhern Staͤnden, welche mit den Europaͤern vielen Umgang, und lange Rechnungen mit ihnen abzumachen haben, nehmen zum Schreiben auch andere Materialien, zuweilen eine Art Papier, wel⸗ ches aus Baumrinde gemacht wird. Die Fortſchritte, welche die Cingaleſen in den nützlichen Kuͤnſten des gemeinen Lebens gemacht ha⸗ ben, ſtehen mit ihren wiſſenſchaftlichen Kenntniſſen in Verhaͤltniß. Der Ackerbau iſt bey ihnen noch in dem elendeſten Zuſtande, und vielleicht in keinem andern Theile Indiens wird das Land mit mehr Nachlaͤſſigkeit beſtellt. Sie ſind, wie die Bewoh⸗ ner aller gebirgigten Laͤnder, die ans Hirtenleben gewohnt ſind, auſſerordentlich faul und traͤge. Wo der Boden gewaͤſſert werden kann, liefert er ihnen ſo viel Reis, als ſie zu ihrem Lebensunterhalte brau⸗ chen, und dies ſcheint alles zu ſeyn, was ſie wuͤn⸗ ſchen. Das Beyſpiel der Europaͤer in Anſehung des Zimmtanbaues hat bis jetzt noch keine Nacheiferung — 6345— unter ihnen erweckt, und auch ihre rohen Ackerwerk⸗ zeuge ſind noch nicht im geringſten verbeſſert wor⸗ den. Ihr Pflug beſteht blos in einem gekruͤmmten Stuͤcke Holz, welches ſo geſtaltet iſt, daß das eine Ende zum Griffe dient, waͤhrend das andere, wel⸗ ches mit Eiſen beſchlagen iſt, damit ſich das Holz nicht abſtumpft, den Boden pfluͤgt, oder vielmehr leicht aufreißt. Indeſſen erreicht man doch mit die⸗ ſem rohen Werkzeuge ſeine Abſicht, weil man keine regelmaͤſſigen Furchen zu ziehen, ſondern blos die Erde aufulockern braucht, damit das Waſſer ein⸗ dringen kann, womit dieſelbe uͤberſchwemmt wird. Es ſteht zu erwarten, welche wohlthaͤtigen Ein⸗ wirkungen die laͤngere Oberherrſchaft der Englaͤnder auf dieſes indolente Volk haben wird.⸗ * —(55)— XXXIII. die Bedahs auf der Inſel Eeyſon. J. Oſtindien giebt es mehrere Voͤlker, deren Sit⸗ ten, Gebraͤuche, Sprache, Lebensart, Denkart und Religion nur ſehr unvollſtaͤndig bekannt ſind. Unter die merkwuͤrdigſten Nationen dieſer Art gehö⸗ ren die Bedahs, Battas, Waddas, die man in dem Innern einiger oſtindiſchen Inſeln, z. B. auf Sumatra, Borneo, Ceylon und anderwaͤrts antrifft. Sie ſcheinen die erſtern Bewohner dieſer Inſeln geweſen, und von den ſpaͤtern Ankoͤmmlin⸗ gen in das Innere des Landes verdraͤngt worden zu ſeyn, wo ſie noch jetzt von allen andern Voͤlkern ab⸗ geſondertleben, und ihre eigenen Regierungen, Sit⸗ ten und Gebraͤuche haben. Auf Ceylon leben auſſer den Europaͤern und ihren Rachkoͤmmlingen, den Malayen und den Hin⸗ —(56)— dus, Singaleſen und Bedahs. Die beyden letztern ſind gaͤnzlich von einander unterſchieden, weil ſie verſchiedene Sprachen ſprechen, welche gar nichts mit einander gemein haben. Die Bedahs leben auf Ceylon in den tiefſten Waͤldern der Inſel, haben keine Gemeinſchaft mit den uͤbrigen Bewohnern, und machen wahrſcheinlich die urſpruͤnglichen Einwohner aus. Wie verborgen ihre Aufenthaltsorte ſind, und wie ſehr ſie andere Voͤlker fliehen, kann man daraus ſehen, daß viele Perſonen auf Ceylon le⸗ ben, ohne etwas von dieſem Volke zu wiffen. Selbſt der engliſche Kapitain Percival hielt ſich ſchon lange daſelbſt auf, als er zum erſtenmale etwas von ih⸗ nen hörte.“ Die Bedahs ſind in verſchiedenen Theilen Cey⸗ lons in den Waͤldern verſtreut, beſonders zahlreich ſind ſie in der Provinz Bintam, die gegen Nordoſten von Candy in der Richtung von Trincomale und Batacolo liegt. Sie ſehen ſchoͤner aus, als die Singaleſen und ihre Hautfarbe faͤllt ins Kupfer⸗ faxbne, ſie ſind trefflich gebaut, tragen lange Baͤr⸗ te und haben ihr Haar oben auf dem Scheitel zu⸗ ſammengebunden. Ihre Kleidung beſteht kaum in etwas anderem, als ihnen die Natur gegeben hat. Da ſie ſtaͤts im Freyen leben, ſo ſind ſie ſtark und geſund von Koͤrper, beſitzen eine auſſerordentliche Schnelligkeit der Fuͤſſe, ſind muthig, entſchloſſen und unbiegſam. Diejenigen, die ſich im Innern der Waͤlder von allem andern Umgange abgeſondert aufhalten, find vͤllig wild und ſcheuen alle übrigen —(575— Menſchen. Sie leben in Familien oder kleinen Stäͤm⸗ men beyſammen, wovon jeder ſein eigenes Ober⸗ haupt hat, das man aus den ſtaͤrkſten und geſchick⸗ teſten Jaͤgern waͤhlt, denn die Jagd iſt ihre Haupt⸗ beſchaͤftigung und verſchaft ihnen den vorzüglichſten Theil ihrer Nahrungsmittel. Eine Menge Wildpret erlegt zu haben, macht den hoͤchſten Ruhm eines jungen Bedah aus und verſchaft ihm nicht blos den Beyfall der Maͤnner, ſondern auch die Gunſt der Weiber. Verlangt ein Juͤngling ein Maͤdchen von ihren Aeltern zur Frau, ſo fraͤgt man ihn, welches Gluͤck er auf der Jagd gehabt habe. Von der beyfaͤlligen Beantwortung dieſer Frage haͤngt die Einwilligung ab. Die Bedahs, welche in den Waͤldern von Bin⸗ tam leben, gehoͤren unter die wildeſten und haben nie einen Verkehr mit den uͤbrigen Einwohnern ge⸗ habt. Andere Staͤmme aber, die an ſolche Bezir⸗ ke ſtoſſen, wo viele Singaleſen wohnen, ſind nicht ganz ſo roh und wild. Da die Bedahs ganz abgeſondert leben und keine andere Obergewalt, als jene ihrer eigenen Oberhaͤupter anerkennen, ſo haͤngen ſie feſt und ohne die geringſte Abweichung an ihren alten Ein⸗ richtungen, Sitten und Gebraͤuchen. Ihre Waͤlder verſorgen ſie mit Nahrungsmitteln, da ſie blos von den Fruͤchten, die von freyen Stücken wachſen und von dem Wilde leben, das ſie erlegen. Nie haben ſie einen Verſuch mit dem Ackerbau und mit dem Anpflanzen von Produkten gemacht, auch wuͤrde —(350— dieß in ihren Waͤldern nicht moͤglich ſeyn. Sie woh⸗ nen und ſchlafen auf Baͤumen, oder am Fuſſe der⸗ ſelben; thun ſie das Letztere, ſo legen ſie Dornen und andere Geſtraͤuche um ſich her, um ſowohl die wilden Thiere von ſich abzuhalten, als auch durch das Geraͤuſch von ihrer Annaͤherung benachrichtigt zu werden. Sobald der geringſte Laͤrm ſie auf⸗ ſchreckt, ſpringen ſie mit der groͤßten Geſchwindig⸗ keit auf den Baum. Die Bedahs, welche nicht ganz ſo wild ſind als jene, die in der Provinz Bintam leben, liefern dem Koͤnige von Candy Elfenbein, Wachs, Honig und Wildpret und erhalten dafuͤr einige Geſchenke. Diejenigen, deren Aufenthalts⸗ ort an die Beſitzungen der Englaͤnder graͤnzt, tau⸗ ſchen dieſe Artikel bey den Singaleſen gegen Waa⸗ ren um, welche ihnen ihre einfache Lebensart zum Beduͤrfniſſe macht. Die Art, wie ſie dieſen Tauſch⸗ handel betreiben, iſt ſehr ſonderbar und zugleich ein Zeichen ihres Mißtrauens und ihrer Vorſichtigkeit. Wollen ſie Zeuche, Eiſen, Meſſer, oder eine ande⸗ re Schmiedearbeit haben, ſo gehen ſie des Nachts nach einer Stadt oder nach einem Dorfe und legen eine gewiſſe Quantitaͤt von ihren Waaren auf eine Stelle hin, wo man derſelben leicht gewahr wird; zugleich thun ſie ein Taklipotblatt hinzu, auf wel⸗ chem ſie dasjenige bezeichnen, was ſie zu erhalten wuͤnſchen. In der darauf folgenden Nacht kommen ſie wieder, und finden dann gemeiniglich das Ver⸗ langte. Gegen Betrug oder Vernachlaͤſſigung ſichern Fie ſich dadurch, daß ſie ſich unausbleihlich dafuͤr 2 —,.— —(59)— raͤchen; denn ob ſie ſchon leicht zufrieden ſind, und den Gewinn gerne demjenigen laſſen, mit dem ſie handeln, ſo lauern ſie doch jede Gelegenheit ab, denjenigen, die ſie betrogen, oder ihre Forderungen veruachlaͤſſigt haben, etwas zu Leide zu thun. Fuͤr die Singaleſen iſt dieſer Tauſchhandel eintraͤglich⸗ dieſe gehen daher haͤufig ſelbſt in die Waͤlder, und nehmen Tauſchartikel mit dahin. Doch koͤnnen ſte ihren Handel blos auf die erwaͤhnte Weiſe treiben, denn kein Bewohner der Wäaͤlder erſchrickt mehr vor der Aunaͤherung eines Fremden, als die Bedahs. Weil ſie vorzuglich von der Jagd leben, ſo be⸗ ſtzen ſie durch Uebung eine auſſerordentliche Ge⸗ ſchicklichkeit darinn. Durch die Gebuͤſche wiſſen ſie ſich ſo vorſichtig und ſtill hindurch zu ſchleichen, daß ſie oft unbemerkt dem Wilde auf den Leib kommen, wo ſie dann ihre kleine Axt ſo geſchickt zu werfen wiſſen, daß das Thier ſelten lebendig davon koͤmmt. Ihre Bogen ſind auſſerordentlich ſchwer zu ſpannen, und ihre Pfeile haben am Ende ein ſpitziges Eiſen⸗ das 6 bis 3 Zoll lang und ungefaͤhr 1 ¾½ Zoll breit iſt. Mit den Pfeilen toͤdten ſie ſelbſt Elephanten, indem ſie dieſelben zwiſchen die Augen ſchieſſen. Der Honig, der ſich in ihren Waͤldern allent⸗ halben im groͤßten Ueberfluſſe vorfindet, macht bey ihnen einen andern Nahrungsartikel aus, und ver⸗ tritt zugleich die Stelle des Salzes, woran ſie Mangel leiden. Auch ihr Fleiſch bewahren ſie in Honig auf, wo ſie es alsdann in einen hohlen Baum, oder in ein hoͤlzernes, wohl zugemachtes Be⸗ haͤleniß thun und da ſo lange ſtehen laſſen, bis ſie es brauchen. Auf die Aufſuchung des Honigs ver⸗ wenden ſie viele Zeit und Muͤhe und tauſchen ihn bey den Candyern in betraͤchtlichen Quantitaͤten um. Die Hunde, welche die Bedahs haben, zeich⸗ nen ſich durch ihren ſcharfen Geruch aus, wodurch — das Wildpret nicht nur allein ſchnell aufzuſpu⸗ „ſondern auch die eine Art von der andern zu nteſhrdin wiſſen. Naͤhern ſie ſich einem fleiſch⸗ freſſenden Thiere oder einem Menſchen, ſo machen ſie ſogleich ihren Herrn durch ihr Gebell darauf aufmerkſam. Dieſe treuen Thiere ſind für die Be⸗ dahs von groſſem Werthe und machen ihren vor⸗ züglichſten Reichthum aus. Wenn ſie ihre Toͤchter verheurathen, ſo geben ſie ihnen Jagdhunde zur Aus⸗ ſteuer mit, ob ſich ſchon ein Bedah eben ſo ungern von ſeinem Hunde, als ein Araber von ſeinem Pfer⸗ de trennt. Die Bedahs, welche mit andern Ein zebornen zu ſprechen wagen, ſchildert man als hoͤflich und artig. Von ihrer Religion iſt wenig bekannt; an ein en Orten haben ſi Tempel erbaut, groͤßtentheils adr verrichten ſie ihren Gottesdienſt an einem von Bambusrohre erbauten Altare, unter dem Schatten eines Banianbaumes. Sie erkennen einen Gott. dem ſie bey jedem ihrer Feſte Opfer bringen und deſſen Gnade ſie dadurch zu erhalten wuͤnſchen, auch baben ſie noch einige andere Nebengottheiten. An Feſttagen ſetzen ſie allerley Lebensmittel an den Fuß eines Baumes; die Ceremonien beſtehen bep einem 1 * —y ſolchen Feſte darinn, daß ſie um den Baum herum verſchiedene Taͤnze halten. Einmahl des Jahres ſchicken die Bedahs zwey Abgeordnete mit Honig und andern kleinen Geſchen⸗ ken an den Koͤnig von Candy. An dem Thore ſei⸗ nes Pallaſtes machen ſie Halt, und laſſen Seiner Majeſtaͤt melden, daß ſeine Vetter ihm ihre Auf⸗ wartung zu machen wuͤnſchen, und der Koͤnig laͤßt ſie jederzeit ſogleich vor ſich. Sie werfen ſich vor ihm auf die Kniee nieder, ſtehen aber bald wieder auf, und erkundigen ſich auf eine vertrauliche Art nach ſeinem Wohlbefinden. Der Koͤnig empfaͤngt ſie gnaͤdig, nimmt ihre Geſchenke an, laͤßt ihnen andere dafür geben, und beſiehlt ihnen bey ibrer Ruͤckkehr aus dem Pallaſte mit Achtung zu be⸗ gegnen. 1 Dieß ſind alle Nachrichten, welche von dieſem merkwuͤrdigen Volke bisher zu uns gelangt ſind⸗ — 62) ——.— 8——-— XXXIV. Gemaͤlde von Lima⸗ Seu dem Jahre 1791 erſcheint in Lima, der Haupt⸗ ſtadt Peru's, in ſpaniſcher Sprache eine period ſche Schrift: der peruaniſche Nerkur von Don Ja⸗ cinto Callero, y Moreiro redigirt, deſſen vorzuͤglichſte Mitarbeiter die Glieder der Akademie dieſer Stadt ſind. Ein Engliſcher und ein Deutſcher Gelehrter, Skinner und Weyland, haben dieſes Journal fuͤr ihre Landleute bearbeitet, und aus dieſen Bearbeitungen hat Malte⸗Brun in ſeinen Annales des Voyates Aus⸗ züge geliefert, aus denen das gegenwaͤrtige Gemaͤlde von Lima genommen iſt. De Hauptſtadt von Peru iſt nicht mehr ſo be⸗ voͤlkert, als vor dem Erdbeben vom J. 1746. Im J. 1791 zaͤhlte man daſelhft nur 52627 Einwohner —(63)— in 3941 Häuſern. Unter dieſen waren 164 Moͤn⸗ che und Nonnen. 1 Die Stadt hat eine beynahe dreyeckige Ge⸗ ſtalt, breite und gerade Straſſen; obſchon die Haͤu⸗ ſer, wegen den haͤufigen Erdbeben, von Holz ge⸗ baut ſind, und nur ein Stockwerk haben, ſo bie⸗ ten ſie doch einen angenehmen Anblick dar, dem aber das Innere nicht immer entſpricht. Die Kirchen im Gegentheile, ſind von auſſen und innen gleich praͤchtig. Auſſer einer Menge von Oratorien, Einſiedeleyen, Kapellen und andern an⸗ daͤchtigen Gebaͤnden, hat Lima 65 groſſe Kirchen, deren Inneres mit Silber, Gold und Edelgeſteinen verziert iſt. Fuͤr die gegenwaͤrtige Volkszahl iſt dieſe Menge von Kirchen allerdings uͤbermaͤſſig. Die katholiſche Religion wird hier durch viele aberglaͤubiſche und unſittliche Gebraͤuche entweiht. Die Kirchen ſind der beliebteſte Aufenthalt der Muͤſ⸗ ſiggaͤnger und der Schauplatz von tauſend Liebes⸗ intriguen. Die Prozeſſionen ſind ein Gemiſche von dem hoͤchſten Pompe und von unanſtaͤndigen Fareen. Das Feſt des heiligen Franz iſt unter allen das merkwuͤrdigſte. Das Bild des heiligen Dominik, aufs reichſte mit Gold und Silberſtoffen bekleidet, wird von zehn Menſchen getragen, um dem heili⸗ gen Franz einen Beſuch zu machen; dieſer koͤmmt ihm in der beſcheidenen Kleidung eines Moͤnchs bis auf den groſſen Platz entgegen; aber ungeach⸗ jet dieſer anſcheinenden Armuth hat er einen heili⸗ gen Schein, deſſen Strahlen von gediegenem Sil⸗ ber ſind, und zu ſeinen Fuͤſſen liegt eine ſo groſſe Menge von goldenen und ſilbernen Gefaͤſſen aufge⸗ haͤuft, daß achtzehn Maͤnner kaum im Stande ſind, das Ganze zu tragen. Vier Nieſen mit Gurteln von Weiden, ein Weiſſer, ein Neger, ein Mulat⸗ te und ein Indianer empfangen den Heiligen am Eingange der Franziskuskirche. Mitten unter ihnen ſteht man ein phantaſtiſches Ungeheuer, Terrasco genannt, welches ein Panier traͤgt, auf dem ſich ei⸗ ne Puppe befindet, welche durch ihre Taͤnze und Sprunge das Volk beluſtigt. Hierauf folgen Kunſt⸗ feuer, Predigten, Taͤnze, Geiſelungen und Geſaͤn⸗ ge. Der ganze Akt dauert bis an den andern Mor, gen, wo er durch ein Feuerwerk beſchloſſen wird, das man am hellen Tage abbrennt. Feyerliche Aufzuͤge von einer andern Art ha⸗ ben Statt, wenn ein neuer Vizekoͤnig inſtallirt wird, oder wenn ein neuer Regent den ſpaniſchen Thron beſteigt.— Die Uebergabe der Regierung an den neuen Vizekoͤnig wird aͤuſſerlich dadurch angedeutet, daß der Abtretende ſeinem Nachfolger einen Kom⸗ mandoſtab feyerlich uͤberliefert. Alle vornehmen Be⸗ amten und Offiziers begeben ſich in feſtlichem Zuge nach der Kathedralkirche, wo das Tedeum angeſtimmt, und nach demſelben ein ſeyerliches Hochamt abgehal⸗ ten wird. Dann kommen beyde Geſchlechter des Adels zu einem praͤchtigen Gaſtmahle zuſammen; auf dieſes folgen Siergefechte und andere Unterhal⸗ lungen für das Volk. Auch —(6s)— Auch die Univerſitaͤt bleibt bey dieſer Gelegen⸗ heit nicht zuruͤck, ſie nimmt eine feyerliche Preis⸗ vertheilung fuͤr die beſten Gedichte vor, welche zu Ehren des neuen Vizekoͤnigs verfaßt werden. Dieſe Gedichte und ein Geſchenk von 1000 Piaſtern wer⸗ den ihm dann von der Univerſitaͤt dargebracht. Bey dieſer Gelegenheit ſteht man auch Aufzuͤge von ver⸗ ſchiedenen indiauiſchen Voͤlkerſchaften, alle in ih⸗ rem Nationalkoſtum; oͤfters ſind dieß aber nichts anders als Masken, in welche man bezahlte Leute ſteckt, um dem Feſte mehr Abwechslung zu geben, und deſſen Glanz zu erheben. Heut zu Tage herrſcht nicht ſo viel Grauſam⸗ keit mehr in den Stiergefechten; dafuͤr aber liebt man bis zur Ausſchweifung die Hahnenkaͤmpfe. Schon im J. 1762 hielt man es fuͤr noͤthig, zu dieſem Endzweck ein oͤffentliches Gebaͤude zu errich⸗ ten, um alle Inkonvenienzen und Unordnungen zu vermeiden, welche durch die Abhaltung derſel en in Privathaͤufern entſtanden waren. Dieſes Gebaͤude iſt ein niedliches Amphitheater, in welchem man die Kaͤmpfer aus zwey entgegengeſetzten Thoren heraus⸗ laßt. Der Preis auf dem Parterre ſind zwey, auf der Galerie vier Realen und der Zuſammenfluß von Zuſchauern iſt ſo groß, daß die Richter der Wet⸗ ken zur Aufrechthaltung ihres Anſehens oft die Hilfe des Militaͤrs anrufen muͤſſen. Ein ſehr gutes Theater verſchaft den Einwoh⸗ nern dieſer Hauptſtadt ein weit edleres Vergnuͤgen. Das Schauſpielhaus iſs bequem, die Dekorationen VI. Baͤndch. E —(66)— ſind ſchoͤn, und mehrere Schauſpieler wuͤrden ſich ſelbſt in Madrid ungetheilten Beyfall erwerben. Erſt im Jahre 1771 wurden in Lima zwey Kaffeehaͤuſer eroͤffnet; zehn Jahre ſpaͤter entſtanden wieder zwey mit Billards. Auch findet man ein Ballhaus, in welchem ſehr betraͤchtliche Wetten ge⸗ ſchehen, wie in den tennis courts in England, und einſt auch in Frankreich. Der ſchoͤnſte Spaziergang iſt die Alameyda laͤngſt dem Fluͤßchen Nimac, der Adel ſtellt da die Pracht ſeiner Equipagen in fuͤnf Drangen⸗Alleen zur Schau aus. Man zaͤhlt in Lima mehr als 5000 adeliche Equipagen, von denen ſich mehrere durch Geſchmack und reiche Verzierungen auszeich⸗ nen. Jeder Buͤrger, der es nur immer vermag, haͤlt gleichfalls nach Maaßgabe ſeines Vermoͤgens eine Kutſche, oder doch wenigſtens ein Kabriolet. Ein ſehr einſamer Spaziergang Piedra lisa wird nur von den Fußgaͤngern beſucht, und bietet ihnen eine ſchoͤne Ausſicht uͤber das herrliche Thal von Burigancho und den Flusß dar. Auf dieſem ſchoͤnen Spaziergange wurde von den Gelehrten Li⸗ mas zuerſt der Plan zu einer akademiſchen Geſell⸗ ſchaft entworfen. Zu St. Jean haͤlt man Geſellſchaften zur Un⸗. terhaltung laͤngs den ufern des kleinen Fluſſes, der von den Bergen von Amanea herabſtroͤmt, ſie dauern bis zum Anfange des Fruͤhlings, der in dieſem Lande mit dem Septembermonathe beginnt. Auch macht man ſehr angenehme Exkurſionen in die —(675— Gegenden von l'Amanco, und auf den Chriſtoph, einen maͤſſigen Berg von ungefaͤhr 9o0 Fuß Höhe. In Lima, ſo wie uͤberall, begleiten⸗ die Aus⸗ ſchweifungen des Luxus die Fortſchritte der Civili⸗ ſation. Schon haben wir von den koſtbaren Equi⸗ pagen und der Pracht, die bey den oͤffentlichen Fey⸗ erlichkeiten herrſcht, Erwaͤhnung gemacht. Nicht minder ausſchweifend iſt der Luxus in der Klei⸗ dung, beſonders des ſchoͤnen Geſchlechts. Das merk⸗ würdigſte Kleidungsſtück angeſehener Frauenzimmer iſt der Faldellin, ein kurzer Rock, der über ei⸗ nen ſehr weiten Reifrock angelegt wird, und bis un⸗ ter die Wade reicht. Der Faldellin iſt gewoͤhnlich von dem koſtbarſten Stoff, zuweilen ſehr reich ge⸗ ſtickt, zuweilen von dem theuerſten Sammt. Da dieſes Kleidungsſtück nothwendig ſehr weit ſeyn muß, und uͤberdieß auch eine Menge Falten hat, ſo beſteht es aus 15 und noch mehr Ellen Zeug, dem ungeachtet bedeckt es wegen ſeiner Kuͤrze nicht einmal das Bein anſtaͤndig genug, beſonders, wenn man eine Treppe hinaufſteigt. Obſchon ein Faldel⸗ lin fünfhundert Thaler und daruͤber koſtet, ſo muß doch eine Dame in Lima zu jedem Feſttage, trotz den Klagen ihres Mannes, einen neuen haben. Der Werth der Spitzen, mit denen der unter dem Faldellin hervorſtehende Unterrock reich beſetzt wird, erſtreckt ſich oft uͤber tauſend Thaler. Die Frauenzimmer ſind ſchön, haben von der Natur einen auſſerſt ledhaften Teint, feurige Au⸗ gen, und ſchoͤnes ſchwarzes Haar, das ihnen oft —(685— bis an die Huͤften herabreicht; dennoch bringt ſie die Sucht, ſich noch mehr zu verſchoͤnern, ſogar dahin, daß ſie ſich mit Arſenikkalk ſchminken. Ihr Luxus in Edelgeſteinen iſt ungemein; vor allem aber lieben ſte die Perlen, welche mit dem lebhaften Roth ihres Teints, und ihren glaͤnzenden, rabenſchwar⸗ zen Haaren einen angenehmen Kontraſt machen. Man ſieht oft Burgersweiber, die einen Schmuck von mehr als zwanzigtauſend Thalern im Werthe an ſich tragen. In keinem Lande der Weit⸗ Jfetzen die Damen einen ſo groſſen Werth darauf, ſchoͤne Arme, und noch mehr, einen artigen Fuß zu haben. Von ih⸗ rer zarteſten Jugend an zwaͤngen ſie, gleich den Chi⸗ neſerinnen, ihre Fuͤſſe in ſehr enge Schuhe. Dieſe ſind ſehr praͤchtig, und wegen den Stickereyen in Gold und Silber, mit denen ſie geſchmuͤckt werden, koͤmmt oft ein Paar auf 10 Piaſter zu ſtehen. Schu⸗ ſterkonten von mehreren hundert Thalern des Jah⸗ res ſind auch bey der Mittelklaſſe der Einwohner nichts ſeltenes. Frauenzimmer von Stand oder groſ⸗ ſem Neichthume vermehren noch die Verſchwendung in dieſem Stuͤcke durch Schnallen, welche mit koſt⸗ baren Steinen, oft ſogar mit Solitaͤrs geziert ſind ⸗ Die Struͤmpfe ſind gewoͤhnlich von weiſſer Sei⸗ de, um die Konturen des Beines beſſer abzuformen, denn ein Spanier wuͤrde eher eine weniger ſchoͤne Figur, als einen mißgeſtalteten Fuß uͤberſehen. Da⸗ rum iſt auch der Tanz eine der vorzuͤglichſten Un⸗ terhaltungen, weil er Gelegenheit giebt, einen ſchoͤ⸗ near Fuß zu zeigen, und zugleich Liebesintriguen au⸗ zuzetteln. Klima, Nahrung, Geſchaͤftsloſigkeit, al⸗ les traͤgt hier dazu bey, die Begierden zu entflam⸗ men, und unordentliche Aeuſſerungen derſelben ſind um ſo gewoͤhnlicher, da es der zuͤgelloſe Luzus der Frauenzimmer allen Maͤnnern, denen das Schick⸗ ſal Reichthum verſagte, ſehr ſchwer macht, zu heu⸗ rathen. Alle, die ſich in dieſer Lage befinden, neh⸗ men ihre Zuflucht zum Konkubinat. Lima iſt mit unterhaltenen Maͤdchen uͤberfüͤllt. In mehreren Slaͤdten Perus iſt es ſogar etwas Gewoͤhnliches, ſelbſt Geiſtliche ihre Kinder oͤffentlich anerkennen zu ſehen. Die peruaniſchen Frauenzimmer ſorgen beſon⸗ ders dafuͤr, den Sinn des Geruches zu vergnuͤgen. Ihre Zimmer ſind mit wohlriechenden Blumen an⸗ gefuͤllt, vorzuͤglich machen die Blumenſtraͤuſſe ei⸗ nen beſondern Gegenſtand ihrer Bemuͤhungen aus. Der Punchero de flores, oder der zum Anſtecken an den Buſen beſtimmte Blumenſtrauß, fordert ein eigenes Studium, um mit Geſchntack zuſammenge⸗ ſetzt zu werden. In der Straſſe calle de peligio, ſo verrufen ſie auch ſonſt als der Aufenthalt oͤffent⸗ licher Weibsperſonen iſt, verſammelt gleichwohl der Blumenhandel taͤglich die eleganteſten aus den Damen Limas und ihre zahlreichen Anbeter. Gel⸗ be Lilien, Roſen, Hyazinthen, Anemonen, die Bluͤthen der kleinſten Orangengattung, der Aepfel und Pfirſichbaͤume, kuͤnſtlich verſchlungen mit der balſamiſch riechenden Chirimoya, werden in Straͤuß —(70)— ſen oft um drey Piaſter verkauft. Koͤmmt noch die praͤchtige und ſeltene Ariruma hinzu, ſo ſteigt der Preis eines einzelnen Bouquets oͤfters bis auf zehn Piaſter. Dennoch ſind die peruaniſchen Damen nicht zufrieden mit dem, was. ihnen die Natur anbietet, ſie beſtreichen noch überdieß ihre Blumenſtraͤuſſe mit Ambra, oder beſprengen ſie mit den ſtaͤrkſten wohlriechenden Waͤſſern. 41 n4 Die auſſerordentliche Sinnlichkeit des weibli⸗ chen Geſchlechts erſtreckt ihre Gewalt auch uͤber die Maͤnner. Limia zaͤhlt eine anſehnliche Menge Stu⸗ tzer, deren Gang und Manieren ihren verweichlich⸗ ten Charakter laut verkuͤnden; ihre zierlich gelockten und gekraͤuſelten Haare verbreiten weit umher eine Atmosphaͤre von Ambra, ihre einzigen Beſchaͤfti⸗ gungen ſind die Muſik, der Tanz, Liebesintriguen und Putz. 4 Eine ſolche Lebensart und vorzuͤglich der uͤber⸗ triebene Luxus der Frauen, wuͤrden die nachthei⸗ ligſten Folgen fuͤr den Wohlſtand der Familien ha⸗ ben, wenn nicht der Adel ſelbſt fortwaͤhrend Han⸗ del triebe. Der Stand eines Handelsmannes be⸗ nimmt hier dem Abelichen gar nichts von ſeinen Anſehen. Wder das Innere der Haͤuſer, noch der Auf⸗ wand bey den Tafeln entſpricht übrigens der Klei⸗ derpracht; der Tiſch der Bewohner Limas iſt fru⸗ gal, der Anblick ihrer Meubeln zeigt weder Geſchmack noch Pracht. Der geſellſchaftliche Ton iſt angenehm und lebhaft; beſonders zeigen die Frauenzimmer — 622)— viel Geiſt und Witz, und erhoͤhen dieſe Vorzüͤge noch meiſtens durch artige muſtkaliſche Kenntniſſe und nicht ſelten durch eine ſchoͤne Stimme. Lima beſitzt mehrere nitzliche Einrichtungen. Die Univerſitaͤt zu St. Marcus genanut, wurde im J. 1553 auf den Vorſchlag des ſpaͤter zum Bi⸗ ſchofe von Chuquiſaca erhobenen Dominikaner Pro⸗ vinzials Thomas vom heil. Martin, durch Karl V. geſtiftet; aber ſie war im Anfange nichts als ein theologiſches Seminarium. Im J. 1571 wurde der Vizekoͤnig Don Francis co Toledo ihr zweyter Stif⸗ ter, indem er Lehrkanzeln für die profanen Wiſ⸗ ſenſchaften errichtete. Man bemuͤht ſich dieſe Uni⸗ verſttaͤt mit jenen Europens auf eine gleiche Stufe zu ſtellen, und nimmt haͤufige Verbeſſerungen vor; ſchon iſt ein anatomiſches Theater und ein botani⸗ ſcher Garten angelegt. Die beruͤhmten Botaniker Tafaya, Pulgar und der P. Gonſalez ſind Buͤrger von Lima. Das Kollegium von Santa Cruz, oder das Findelhaus für Kinder weiblichen Geſchlechts wurde im J. 1654 durch einen reichen Apotheker geſtiftet; im J. 1791 beſaß es ein Kapital von 394,000 Pia⸗ ſter. Auch das alte Hoſpital fuͤr Findelkinder maͤnn⸗ lichen Geſchlechts iſt wohlhabend; es zieht den groͤß⸗ ten Theil ſeiner Einkünfte von der damit verbunde⸗ nen Buchdruckerey. In dieſer kommen auſſer dem mercurio paruano nach zwey Journale, das dia- rio econo nico und das semanario critico her⸗ aus. Das groſſe Hoſpital zeichnet ſich durch unge⸗ —(72)— meine Reinlichkeit, und die treffliche Behandlung der Kranken aus; ſeine Renten belaufen ſich jaͤhr⸗ lich uͤber 24000 Piaſter, und gewoͤhnlich werden jaͤhrlich uͤber 1000 Kranke in demſelben hergeſtellt. Mit einem Worte, Lima bietet eben ſo, wie Mexiko, ſeinen Bewohnern alle Vortheile der euro⸗ paͤiſchen Ausbildung dar. —(73)— XXXV. Bemerkungen über die Moldau, Beſſa⸗ rabien, die Krimm, Weißrußland und die Ukraine. Vom Freyherrn von Campenhauſen⸗ Bisher beſitzt man uͤber dieſe Gegenden von dem Ruſ⸗ fiſchkaiſerlichen Major, Baron von Campenbauſen blos einen Auszug aus ſeinem noch ungedruckten Franzoͤſi⸗ ſchen Werke, welchen waͤr dieſer Bearbeitung, jedoch ſo zum Grunde gelegt haben, daß die meiſten der von ihm uͤber die Moldau gegebenen Notitzen nicht hier⸗ ſondern in unſerem im aten Baͤndchen gelieferten be, ſondern Gemaͤlde der Moldau vorkommen. Erſte Abtheilung. Nowogrod.— Weißrußland.— Klaͤgliches Vorreche des dortigen Adels.— Die Ukraine.— Gewin⸗ —(74.)— nung feiner Schaafwolle.— Taktik der Pfer⸗ de.— Heuſchreckengeſchwader.— Cherſon.— Hochzeitsfeyerlichkeiten.— — Ra⸗ an maleriſchen Naturſchoͤnheiten, ſehr fruchtbar und wohlgebaut iſt das Nowogrodi⸗ ſche Gouvernement. Die Stadt Rowo⸗ grod, an der Wolchow, iſt ſehr verfallen, aber reich an geiſtlichen Gebaͤuden, woranter die Kathe⸗ dralkirche ſehenswerthe Thuͤren hat, die mit bron⸗ zenen Figuren verziert ſind. Der Adel von Nowo⸗ grod iſt der aͤlteſte des Ruſſiſchen Reiches und ſehr ſtolz auf dieſen Vorzug. Hier wird die Ruſſiſche Sprache am ſchoͤnſten geſprochen. Die umliegen⸗ de Gegend hat eine treffliche Weide, weßhalb auch anſehnliche Kronſtutereyen ſich hier befinden. Weißrußland hingegen iſt eine arme und ſchlechtbevoͤlkerte Provinz. Sie hat aber groſſe Na⸗ delholzwaͤlder und ſehr ſchoͤne alleenartige Straſſen mit Trottoirs. Die ſehr dürftigen Bauern haben oft keine andere Nahrung als Eichenrinde mit Sauer⸗ ampfer. Ihre Sprache iſt ein Gemiſche der Ruſſi⸗ ſchen und Polniſchen, ihre Kleidung iſt elend; ſo kragen ſie Schuhe von Birkenrinde; jene aber, die ſich als Adelige durch die Benennung Schlachtiz aus)eichnen, tragen einen ſchwarzen Guͤrtel und ei⸗ nen Degen. Dieſe Letztern, welche oft als Vieh⸗ hirten dienen, haben von ihrem Adel keinen anderen ——— —(755— Vortheil, als daß ſie auf Matten kiegen duͤrfen, wenn ſie Peitſchenſchlaͤge zu bekommen haben. Der groͤßte Theil der Bauern hat einen aͤuſſerſt langen Hals und wackelt mit dem Kopfe, auch leiden ſie ſtark am Weichſelzopfe⸗ Die Sekte der Juden iſt hier ſehr zahlreich und bietet den voͤlligſten Kontraſt mit der Hollaͤndiſchen Reinlichkeit dar.. Die Hauptſtadt der Provinz iſt Mohilew, mit ſchoͤnen oͤffentlichen Gebaͤuden und vielen Pri⸗ vatpaläſten. Hier reſidirt ein Gouverneur. Die Bauern zerfallen hier in die Klaſſen der Schlachti⸗ zen, Gluchokumiſchnie und Prigomwi. Die erſte Klaſſe behauptet adeligen Urſprungs zu ſeyn, traͤgt weiſſe Kleider, ſchwarze Müzen und Säͤbel. Sie laſſen ſich als Aufſeher und Dienſtboten gebrauchen, verlegen ſich aber, wenn ſie dienſtlos ſind, auf den Beitel. Die zweyte Klaſſe beſteht aus Leuten, die gegen jaͤhrliche 5 Rubel eine Landwirthſchaft erblich inne haben, ohne ſie indeß wirklich zu beſitzen, und die dritte Klaſſe beſteht aus Menſchen, die vier Ta⸗ ge in der Woche für den Herrn arbeiten, jaͤhrlich 6 Rubel bezahlen muͤſſen, und einzeln verkauft wer⸗ den koͤnnen. Die Juden, welche an die Krone ein gewiſſes Kopfgeld entrichten muͤſſen, haben haͤufig die Vortheile der erſten Klaſſe. Unter den uͤbrigen Staͤdten dieſer Provinz zeichnet ſich Dubrowna durch Fabriken, Sklow durch ein Kadetenhaus und Kropoisk durch ei⸗ 8 —(76)— nen Eiſenhammer, dann durch ungeheure Waldun⸗ gen aus. 3 Von hier koͤmmt man in die Ukraine oder Klein⸗Rußland. Die Hauptſtadt dieſes von der Natur vielſeitig und freygebig betheilten Lan⸗ des iſt Kiew, wo ein Gouverneur ſeinen Sitz hat, und viele geiſtliche Gebaͤude ſich vorfinden. Hin⸗ ter Tſchernigow, das eine ſchoͤne Notunde hat, kommt man in eine wohlhabende Landſchaft, deren mildes Klima nur leichte Wohnhaͤuſer noͤthig macht die geweißt ſind, und von den reinlichen Bewohnern wochentlich zweymal von innen und auſſen gereinigt werden.* Die im Ganzen traͤgen Ukrainer beſingen die Natur, die Liebe und den ſo werthen Branntwein. Wenn man aus dem traurigen Weißrußland hier⸗ her koͤmmt, ſo uͤberraſcht hier die leidenſchaftlich ge⸗ liebte Muſik, welche man bey allen Arbeiten hoͤrt. Die Taͤnze der Ukrainer ſind, mit Ausnahme des Kamarinskaja„ aͤuſſerſt ſinnlich. In dieſem letzterm Tanze, dem ausdruckvollſten von Allen, kann ein Frauenzimmer von gefäͤlliger Koͤrperbildung ſeinen Triumph feyern. In der Kleidung zeigt ſich, beſonders bey den Vornehmen, eine Miſchung der Tatariſchen und Polniſchen. Der hier hochmuͤthige Adel treibt, wie jeder andere Ukrainer Handel. Eine Sonderbarkeit der Natur iſt es in dieſem weidenreichen und frucht⸗ baren Lande, daß das Hornvieh ſehr groß iſt, waͤh⸗ rend die Pferde nur klein find. Hier werden auch — —(77)— die unter dem Ramen Naliwky bekannten Liqueure bereitet. In dieſer Provinz liegt das Katharinsla⸗ wiſche Gouvernement, eines der groͤßten im Reiche mit ſehr gemiſchten Einwohnern. Die Po⸗ len und Teutſchen find hier arm und traͤg, die uͤb⸗ rigen, beſonders die Griechen und Armenier aber, wohlhabend.. Dieſer ſehr warme Landſtrich iſt faſt durchgaͤn⸗ gig fruchtbar. Zur Bebauung des Bodens hat ein groſſer Theil der Sdelleute keine Bauern, ſondern nomadiſche Zigeuner, welchen ſie die fünfte Garbe geben, und die in Zelten um den Hof des Gutsbe⸗ ſitzers wohnen. Der groſſe Ueberfluß an Fruͤchten dient vorzuͤglich zur Erzeugung des hier ſo belieb⸗ ten Fruchtdranntweins. Von Eliſabethgrod, der Hauptſtadt Neu⸗ ſerviens, die in einer reizenden Ebene liegt, gut ge⸗ baut iſt, ſchoͤne Straſſen und Alleen hat, fuͤhrt der Weg, eine uͤppige Vegetazion hindurch nach Cher⸗ ſon. Ueberall begegnet man auf dieſem Wege groſ⸗ ſen Schafheerden, deren Wolle aber der Tauriſchen an Weißheit nicht gleich koͤmmt. Man hat hier Ruſſiſche Schafe, eigentlich aus Karamanien, mit ſo ſchweren Fettſchwaͤnzen, daß man den Thieren klei⸗ ne Wagen anbindet, auf welchen ſie dieſen Theil leichter fortſchleppen. Bemerkenswerth duͤrfte bey dieſer Gelegenheit das Verfahren der Kalmucken und Tataren ſeyn, um die Wolle lockig zu machen Sobald das Lamm zur Welt gekommen iſt,— in —(785— der Ukraine ſchneidet man es ſogar der Mutter aus dem Leibe,— naͤhet man es in grobe Leinwand feſt ein, befeuchtet dieſe taͤglich einmal mit warmen Waſſer, und faͤhrt mit der Hand in gewiſſen Rich⸗ tungen einigemal des Tages daruͤber hin. Nach vier Wochen gleicht dann die Wolle dem ſchoͤnſten Atlas. Die ſchwarzen Felle werden am Meiſten ge⸗ achtet. In den unbebauten Gegenden am Bug leben die kleinen, ihrer Vorzuͤge wegen ſo beruͤhmten Pferde in der Wildheit. Sie marſchiren in Trup⸗ pen zu hunderten, laſſen die Fohlen in der Mitte, voran, rückwaͤrts und an der Seite aber die Heng⸗ ſte, welche auch als Schildwachen ſtehen, ſo lange die Stuten und Fohlen ſich traͤnken. Bey dem An⸗ ſchein der Gefahr erheben ſie ein beſonderes Geſchrey und entfliehen, jedoch in Ordnung. Begegnen ſich zwey ſolche Truppe, ſo kömmt es zu einer, oft hef⸗ tigen, Schlacht. Beſonders geſchieht dieß im Früh⸗ jahre, wo oft die Hengſte den fremden roſſigen Stu⸗ ren nachſtellen, auch fallen ſie nicht ſelten Meuſchen an. Haͤusliche Stutten, von ſolchen wilden Heng⸗ ſten belegt, bekommen leichte und ſtarke Fohlen, die aber ſchwer zu zaͤhmen ſind. Alle dieſe Pferde find meiſt mausfarben. Am Don weiden, von Waͤch⸗ tern beobachtet, haͤusliche Pferde, die aber oft ſehr wild ſind, und ſchwer Hafer freſſen lernen. Eine ſolche Heerde, Tabun genannt, beſteht oft aus 1000 Pferden. Von dieſen werden die Remonepfer⸗ de für die leichte Kavallerie gekauft. —(79)— Faſt alle zwey Jahre werden die ſchoͤnen Flu⸗ ren des Katharinoslawiſchen Gouverne⸗ ments von Heuſchrecken verwuͤſtet. Gewoͤhn⸗ lich kommen ſie um die Mitte Auguſis aus Klein⸗ aſien, oder aus den Griechiſchen Inſeln. Sie flie⸗ gen ſo zahllos, und ſo nahe an einander, daß das Tageslicht wie durch eine ſchwarze Wolke verfin⸗ ſtert wird. Taͤglich ſenken ſie ſich zweymal zur Er⸗ de, und dann entſieht ein Geſumſe, welches dem Geraͤuſche einer Brandung gleicht, und in wenigen Stunden iſt das Feld bis auf die kahle Erde ab⸗ gefreſſen. Der Naturtrieb verwickelt ſie mit den Meerſchwalben in ſo heftige Kriege, daß die Käm⸗ pfer von beyden Seiten getoͤdtet, und ſogleich von den Lebenden bis auf die Haut ausgeſogen werden. Die Tataren eſſen ſie gebraten, ſie ſchmecken wie verbrannte Kaſtanien. Das Gouvernement Cherſon hat Ei⸗ ſen, Nothſtein, Kreide und Thon, auch findet man in ſelbden verſchiedene Kurgan's, Erdhuͤgel oder Begraͤbnißplaͤtze der alten Nomaden, worin Men⸗ ſchen, Pferdegerippe, Geſchirre u. dg. angetroffen. werden.— Die Ruſſen, Polen und Moldauer gleichen ſich hier in vielen Gebraͤuchen, worauf vorzuͤglich die alten Leute ſtrenge zu halten pflegen. Eine Braut wird z. B. auf eine mit Hefen gefuͤllte Tonne ge⸗ ſetzt, und ſo im Dorfſe auf einem Karren umber geführt. Der Braͤutigam geht dreymal um ſie her⸗ um und giebt ihr drey kleine Schlaͤge. Eine rothe —(80— Fahne zeigt das Hochzeitshaus an. Waͤhrend des Abendeſſens entfernt ſich ſchon das Brautpaar, und kömmt erſt dann wieder, wenn ein altes Weib, das zur Heyrathsſtiftung gewoͤhnlich verwendet wird, mit Chren das gewiſſe Leinenzeuch allen Gaͤſten vor⸗ zeigen kann. Ein Meh fladen, mit eben ſo vielen Hoͤlzchen beſteckt, als Gaͤſte am Tiſche ſind, wird uͤber dem Kopf der Braut zerbrochen. Je mehr Stuͤcke, deſto gluͤcklicher die Ehe. Zugleich werden auch die Armen nicht verzeſſen, welche ſich an Ti⸗ ſchen, die in den Hof hingeſetzt ſind, oft zu Hunder⸗ ten einfinden.— Bey ihren Begraͤbniſſen bedecken ſie Leiche, Sarg und Gruft mit Blumen und im Winter mit Salbey. Was die Kleidung der Wei⸗ ber belangt, ſo iſt ſelbe von Tuch, und der Kopf ſehr umwickelt, am Halſe aber tragen ſie groſſe Baͤnder von Glas oder rothgefaͤrbtem Holze. Die Maͤnner tragen das Koſackenkleid und die Burka. Cherſon liegt am rechten Ufer des Dneper auf einer Anhoͤhe in einer ungeſunden Steppe. Die⸗ ſe Stadt hat zwey ſchoͤne Thore und eben ſo viele, etwas entfernte Vorſtaͤdte, deren eine, die Grie⸗ chenſtadt, die beſten Gebaͤude, ſaͤmmtlich von Stein aufgefuͤhrt beſitzt. Bemerkenswerth find in Cherſon die Kathedralkirche, das Arſenal, das Admirali⸗ taͤtshaus, die Werfte und die Batterien. Der Handel iſt lebhaft, vorzüglich beſuchen Oeſterreichi⸗ ſche Schiffe, die auf der Donau bis Galatz herab⸗ gehen, mit Ruſſiſcher Flagge ihren Hafen. . Der —— 6) — Der eben nicht hohe Gebirgsruͤcken Salgyr theilt die Krimm in zwey beynah gleiche Thei⸗ le, deren einer ſalzreich und zu Viehweiden paſſend iſt, während der andere, der ſuͤdliche Theil eine Fruchtbarkeit, und ein Klima hat, bey welchem ſchon der Granatapfel reichlich gedeiht. Zweyte Abtheilung. Beſſarabien und die Moldau.— Kiſcheuau, Kaue ſchan, Ackermann.— Beſuch bey einem Paſcha.— Bender.— Armeniſche Hochzeit.— Eine Mo⸗ ſchee.— Blumenſprache.— Jurkiſche Eisen⸗ heiten.— Ein Tatar⸗Chan⸗ „In Beſſarabien und in der Moldau leben die Bauern groͤßtentheils von Mammaliga, einem Ge⸗ richte aus aufgeweichtem Mehl, Butter, Speck oder Milch beſtehend. Die Bauern und Tataren eſſen Gerſtenbrod, ſie liehen rohe Eyer und Kuͤrbiſſe. Zirſemehl, in warmen Waſſer aufgeloͤſt, iſt ihr gewoͤhnliches Getraͤnk. Was die Kultur der Mol⸗ dauer betrifft, ſo koͤnnen nur Wenige leſen und ſchreiben, auch ihrs Geiſtlichen haben wenige Aus⸗ bildung. Viehzucht und Leinweberey wird faſt von jedem Hauſe hetrieben. Haͤuſig werden die Hamans oder Schleper gewohen, dis um den Kopf gewun⸗ VI. Baͤndch. 5 den werden, und in kuͤnſtlichen Knoten uͤber den Ruͤcken herabfallen. Auch werden bunte Zeuche zu Roͤcken verfertigt, zwey Streifen derſelben werden uͤber die Lenden geworfen, jedoch ſo, daß vorne immer etwas von dem Hemde ſichtbar iſt. Die Gaͤrten ſind haͤufig und obſtreich. Von Weinen hat man hier dreyerley Arten, die aber ſchlecht ſind. Spargel und Salbey iſt ungemein haͤufig. Die Stadt Kiſchen au am Bug beweiſet ihre ehemalige Groͤſſe durch die Ruinen von mehr als 1000 Haͤuſern und gemauerten Kellern. Sie hat gute Kirchen, eine Akademie, der es aber beynah ganz an Stadierenden fehlt, dann eine ſchoͤne Sy⸗ nagoge und drey praͤchtige marmorne Syrißzkeun⸗ Staͤdten findet. K auſchan, an der Bottna, der ehemalige Hauptort des Tatarchan von Beſſarabien. iſt jetzt ſchlecht bevoͤlkert, hat aber groſſe, ſchoͤne Baͤder und praͤchtige L r ag Garten dil⸗. den ihre Umgebung. In dieſer Stadt befinden ſich viele gaffeehäͤu⸗— ſer, welche, wie alle Moldauiſchen eine genaue Ko⸗ pie der Tuͤrkiſchen ſind. Sie beſtehen meiſt aus ei⸗ nem groſſen, viereckigen Zimmer mit einem Kamin, worin der Kaffee gekocht wird. Alle Waͤnde ſind mit Kannen behangen, an zwey Seiten eeragehch niedrige Divaus, und vor ſelben kleine Tiſche.— d, Aünm ehre, ſnd hiecdtahlselthas ſie hube meh⸗ 81, n 86 8918 2 ——⸗⸗xxx:ů— —— —(83)— rere Juͤdiſche Gebraͤuche, und laſſen ſich unbedenk⸗ lich neben den Inden beerdigen. Ackermann, ehemals eine Roͤmiſche Kolonie und zugleich ein Verbannungsort, Namens Alba Julia, weßwegeu die Moldauer den Ort noch jetzt Tſchetatie Alba nennen, liegt nebſt ſeiner Feſtung in einer Niederung. Gleich an den Thoren befin⸗ den ſich von innen Tuͤrkiſche Graͤber in unzaͤhliger Menge. Sie ſind durch groſſe, aufrecht ſtehende Steine angezeigt, welche bey den Maͤnnern oben ei⸗ nen Turban, bey den Frauenzimmern eine lilienar⸗ tige Blume haben. Uns Ruſſen, als Sieger konn⸗ te es nicht verweigert werden, die Baͤder für Frauen zu beſuchen⸗ Das Bad für die Vornehmen hatte al fresco gemalte Waͤnde und vier ſchoͤne marmor⸗ ne Becken mit Noͤhren, worin ſich die Damen ab⸗ waſchen, wenn ſie aus dem groſſen Bade kommen. Die Stadt iſt mit einer, an manchen Stellen 15 Fuß dicken Mauer und mit einem Graben unngeben. Die Thore ſind mit dem moldauiſchen Wappen, ei⸗ nem Ochſenkopf verſehen. Bey einem Beſuche, welchen ich dem Tuͤrki⸗ ſchen Befehlshaber, einem Paſcha von drey Roß⸗ ſchweifen abſtattete, fanden folgende Zeremonien ſtatt. Nachdem ich gemeldet war, führte man mich aus der Vorſtube in ein anderes Zimmer, wo der Paſcha mit ſeinem Pim⸗Paſcha(Stellvertreter) auf einem niedrigen, mit rothen Atlas uͤberzogenen Sopha mit untergeſchlagenen Beinen ſaß. Er winkte mir mit der Hand ein Gleiches zu thun⸗ 2 —(84)— klatſchte hier auf in die Haͤnde und ſogleich er⸗ ſchien ein junger Tuͤrke mit kreuzweiſe gelegten Hän⸗ den auf der Bruſt. Unter dem Arme hielt er einen kleinen Stock mit zwey ſilbernen gekruͤmmten Hoͤr⸗ nern, woran kleine Glocken hingen. Der Paſcha ſagte ihm einige Worte, worauf er ſich ruͤcklings wegbegab; bald aber erſchien er wieder und brach⸗ te einen Dolmetſcher mit. Nunmehr unterhielten wir uns mit dem Paſcha, indem er nach unſerem Nange, nach der Verſchiedenbeit unſerer Kleidung und daruͤber fragte, ob wir Konſtantinopel geſe⸗ hen haͤtten. Da wir letzteres verneinten, ſo ließ er uns bedeuten, daß wir nichts in der Welt geſe⸗ hen haͤtten, was dieſer Stadt an Pracht gleich ge⸗ ſetzt werden koͤnnte. Ich hoffe noch dahin zu kom⸗ men, ſagte ich. Er merkte vielleicht meine Mei⸗ nung und ſoywieg. Als ich nach einer Weile eine Priſe Tabak nahm, ließ er mir die Tabatiere ab⸗ fordern, ſchuͤttete den Taback in die ſeinige, und bat ſich etwelche Pfund von dem Taback aus. Auf ein zweytes, vom vorigen verſchiedenes Klatſchen des Paſcha erſcheinen vier Diener mit 12 Kaffertaſ⸗ ſen, obgleich wie nur umher vier waren, mit ei⸗ ner ſilbernen Kaffeekanne, einem reich brodirten Handtuch und einer langen angerauchten Pfeife. Der Paſcha that einige Zuge, gab ſie ſodann dem Pumpaſcha, der ſie mir gab, von welchem ſie durch meinen Gefaͤhrten wieder an den Paſcha gelang⸗ te.— Dieſes wurde einigemal wiederholt. In einer Ecke des Zimmers erblickte ich einen etwa 7 —(s855— Fuß langen Siock mit einer vergoldeten Kugel, as welcher drey Buͤſchel weiſſer Pferdehaare hiengen. Ich erſuhr vom Dolmetſch, daß kein Paſcha, ſelbſt nicht der Großvezier das Necht habe, dieſes Zeichen der Würde vor ſich dertragen zu laſſen, wenn er ſich mit dem Großberrn an einem Ort befindet, in einemn ſolchen Falle ſey ihm nur erlaubt, einen Stock mit einer vergoldeten Kugel zu führen. Auch ſtehe es nur dem Großherrn zu, den Turban mit einer ſchwarzen Reiherfeder zu zieren, und nach ſeinem Tode werde ſie nach Mekka geſandt. 2 Allmaͤhlig wurde der Paſcha redſelig. Er ſag⸗ te uns, daß er aus Georgien und ſein Bruder, der Schwerttraͤger des Kaiſers, deſſen Liebling ſey, er ſelbſt habe den Sultan als Kind oft auf ſeinen Ar⸗ men gehabt, und doch wurde er 6 Monate nachher 8 ſtraugulirt. u. 13le s Nachdem wir Kaffee getrunken hatten, kam der Beviente mit der Serviette, und— wiſchte uns allen den Mund ab. Das Konfekt wurde mit derſelben für uns übergroſſen Bequemlichkeit abge⸗ reicht. Ein Diener hielt es naͤmlich auf einem Praͤ⸗ ſentirbret, ein Anderer ſteckte es uns mit einem gol⸗ denen Loͤffel in den Mund, und ein Dritter wiſchte ihn ab. Nach einer Weile erſchien noch ein Be⸗ dienter, der in ſilbernen Bechern Scherbet brach⸗ te. Hierauf kam Einer mit einem Rauchfaſſe, und peraͤucherte uns vom Kopf bis zu den Fuͤſſen. Dieß war das Zeichen zum Aufbruche, der Paſcha erin⸗ nerte mich auf den Taback nicht zu vergeſſen, und (s65— eine Bewegung mit der Hand ſagt, daß wir uns zu entfernen hatten.— Als wir ſeinen Pferdeſtall verlieſſen, ſchickte er noch Jedem von uns ei ein Fin⸗ gerlanges Stuͤck Aloeholz. Bender, der Hauptort Beſſarabiens, liege am Dnieſter. Seine ſchlechten Feſtungswerke ſind nur eines fuͤrchterlich breiten Grabens wegen bemer⸗ kenswerth. Die innere Schloßmauer hat einige Inſchriften. Bender zaͤhlt 2 Vorſtaͤdte, 12 Mo⸗ ſcheen, 6 Chane oder Wirthshaͤuſer und 7 Thore. In der Armeniſchen Kirche ſah ich eine Trau⸗ ung. Eine groſſe Prozeſſion zog heulend und ſehr langſam einher. Zwey Fackeln wurden vor dem Zuge hergetragen. Am Ende des maͤnnlichen Zuges folgten zwey in Weiß und Gold gekleidete Knaben mit Wachskerzen. Darauf zeigte ſich der Braͤuti⸗ gam von drey weißgekleideten Juͤnglingen gefuͤhrt. In ſeiner Rechten trug er einen Stock mit weiſſen Baͤndern. Gleich hinter ihm und verſchleyert kam die Braut ganz bedeckt mit rothſeidenem Stoffe, geführt von zwey Maͤdchen und begleitet von einer Menge laut wehklagender Maͤnner. Beyde Abthei⸗ lungen giengen ſo langſam, daß man kaum ihr Fort⸗ ſchreiten bemerkte. Der Prieſter, welcher etwas vor dem Braͤatigam gieng, erhob oft ſeinen Stock in die Luft, und ſchrie nach kurzen Zwiſchenräͤumen immer dieſelben Worte. Wie in allen Tuͤrkiſchen Staͤdten, ſind auch hier die Straſſen äuſſerſt dunkel, eng, und ſchmu⸗ hig. Todte Koͤrper vierfüͤſſiger Thiere liegen allent⸗ —(87)— halben ſehr lange Zeit umher, und veranlaſſen viel⸗ leicht die hier ſo haͤufige Peſt. Die Türkiſchen Haͤu⸗ ſer ſind leicht gebaut, und ſind ſaͤmmtlich inwendig von einem Gange durchſchnitten, an deſſen beyden Seiten die Zimmer ſiad. Dieſe ſind oft mit ver⸗ ſchiedenen Holzarten an den Waͤnden ausgelegt, und mit vielen Schränkchen verſehen, deren Thuͤren man gerne mit glänzenden Naͤgeln beſchlaͤgt. An den Waͤnden laͤuft der Divan umher. Dieſe Erhoͤ⸗ hung iſt bey den Armen von Toͤpfererde und meiſt gelbbraun angeſtrichen, bey den Reichen aber ge⸗ malt und mit Teppichen bedeckt, dann oft mit Sammet und Goldſtoff belegt. Mit Ausnahme der Moſcheen und der Wohnungen einiger Groſſen ſind die Fenſter gewoͤhnlich nur mit in Oel getraͤnktem Papier überzogen. A ras Die groſſe Moſchee,(Muynkar⸗Dgammid) iſt mit ſchoͤnen Teppichen belegt und an den Waͤn⸗ den mit Divans verſehen. Die Kuppel iſt mit ei⸗ nem Stern von rothem Holz verziert, auf ihr ſind Verſe aus dem Koran, und von ihr hangt ein groſ⸗ ſer, meſſingener Leuchter herab, der mit einigen hunderten in Draht hängenden, bunten Lampen ge⸗ ſchmuͤckt iſt, welche jedoch nur am Bayramsfeſte angezuͤndet werden. Dieſe Lampen hangen in drey⸗ fachen Reihen, uͤber welchen einige Strauſſeneyer und Blumen von Flittergold angebracht ſind. Der Thuͤre gegenuͤber hangt in einer Niſche ein metalle⸗ nes Waſchbecken. Links befindet ſich in einer Ver⸗ riefung ein Abbild der Kaaba oder des Grabes Ma⸗ —(838)— homeds, rechts aber auf einer ſlufenfoͤrmigen Er⸗ höhung eine Art Katheder, woſelbſt der Iman den Koran lieſt und auslegt. Die Thuͤren der Haͤuſer in den Türkiſchen Staͤdten ſind mit mehreren blechenen Schloͤſſern be⸗ hangen, oder wenigſtens mit glaͤnzenden Nägeln be⸗ ſchlagen, jene der Moſcheen aber mit Spruͤchen aus dem Koran in goldenen Buchſtaben geſchmuͤckt. Bey den Tuͤrken bluͤht die Blumenſprache. Je⸗ de Pftanze hat bey ihnen eine ſinnvolle Bedeutung, und ein Blumenſtrauß iſt oft eine ſehr zaͤrtliche Lie⸗ beserklaͤrung. Folgende Bedeutung habe ich er⸗ haſcht. Die Zypreſſe bezeichnet die Schwermuth, die Eiche Ruhe, der Lavendel Thaͤtigkeit, die Roſe Schoͤnheit, die Balſamine feurige Liebe, der Weiß⸗ dorn Kuͤſſe. Der Karakter der Türken iſt in einigen neue⸗ ren Schriften trefflich entwickelt worden. Beſonders aufgefallen iſt mir aber, wie ſchwer es bey einem Tuͤrten iſt, ihn zu uͤberzeugen, daß er Unrecht ha⸗ be, oder ein Poltron ſey. Selbſt, wenn man ihn im Felde davon laufen ſieht, ſo hat er gleich eine Entſchuldigung bey der Hand. Nachts trinkt der Tuͤrke haͤufig Wein und Branntwein, in den Kel⸗ lern ſogar öͤffentlich, weil er durch das Feuer ge⸗ läutert ſey. Wenn ſie ſich guͤtlich thun wollen, ſo miethen ſie ſich in den allenthalben haͤufigen Grie⸗ chiſchen Wi thshaͤuſern ein Zimmer unter der Erde, aud trinken derau tapfer alle Sorten Wein. Den —(89— Danziger Branntwein ziehen ſie jedem anderen vor, und wirft man ihnen ihre Voͤllerey vor, ſo antwor⸗ ten ſie: Sultan Muſtapha II.(der den Beynamen der Saͤufer fuͤhrte) machte es eben ſo und war doch der Nachfolger des Propheten. „2 Die Tataren ſind aufgeklärter und kenntnißrei⸗ cher als die Tuͤrken. Ich beſuchte den Chan in ſei⸗ nem ſehr groſſen Filzzelte. Alle Anweſenden ſaſſen auf Sätteln, die auf der Erde lagen, und mit De⸗ cken belegt waren. Da eben geſpeiſet werden ſoll⸗ te, ſo trat ein Mullach herein, ſagte einige Gebete her, und hob eine gruͤne Gardine empor, die im Hintergrunde des Zeltes befindlich war, worauf ſich zwoͤlf grob gearbeitete, boͤlzerne Fratzengeſichter zeigten, welche die Goͤtzen waren. Vor dieſen goß der Mullach in zwoͤlf vor ihnen ſtehende Becherchen etwas Likör, worauf die Gardine wieder vorgezo⸗ gen, und geſpeißt wurde. Reis, Geflgel, halb rohe Fiſche, und Fohlenfleiſch, welches gebraten und wohlſchmeckend war, dann ein Kuchen machte die Mahlzeit aus, bey welcher Stutendranntwein getrunken wurde. Hierauf nahmen wir Thee mit Stuten⸗ oder Kamelmilch, welche letztere aber wi⸗ derlich fett war. Der Chan bewies bey dieſer Ta⸗ fel eine kannibaliſche Gierigkeit, und machte ſich nicht Zeit, auch nur zehn Worte zu reden. Um ſo geſpraͤchiger war ſein Feldherr. Er erkundigte ſich mit vieler Artigkeit nach unſeren Sitten und Ge⸗ braͤuchen, und fand das Geſetz nur eine Frau zu —(90)— haben, läſtig. Er machte ſogar einige beiſſende Bemerkungen uͤber unſere Maͤſſigkeit.— Bey den Waffenuͤbungen der Tataren fand ich, daß ſie, wie es ihr ſchlanker und feſter Koͤrperbau erwarten ließ, Kiark und gewandt ſeypen. 5„ — An„ 98ʃ4 Sumnennun 16 1862 3 Hildt 6* 8 20 anen 5 1 Nachrichten von den Mahratten 3 Nach Tone⸗ E⸗ giebt mehrere Voͤlkerſchaften im ſuͤdlichen Aſien⸗ welche von Zeit zu Zeit durch ihre Thaten vieles Aufſehen gemacht haben. Unter dieſe gehoͤren in den neuern Zeiten auch die Mahratten, mit denen die Englaͤnder in Oſtindien ſchon mehrmalen Krieg geführi haben„und noch fuͤhren. Sie beſitzen groſſe Laͤnder, und ſind noch jetzt unter allen Hindus die Maͤchtigſten.— 1* 2un Der urſpruͤngliche Theil dieſes Volks ſteht auf keiner hohen Stufe der indiſchen Rangordnung, und iſt nur einige Grade uͤber die Kaſten erhoben, die man für unrein häͤlt; und da die Mahratten wegen ihrer Abſtammung aus einer niedrigen Kaſte von den hoͤhern Staͤnden nicht ſehr geehrt werden, ſo haben ſie ſich durch Tapferkeit im Friege Achtung verſchaft, und dieſem Eifer, ſich auszuzeichnen, muß man zum Theile die bewundernswürdigen Fort⸗ ſchritte ihrer Macht zuſchreiben. Die Hindus beobachten vorzüglich bey ihren Speiſen beſondere Vorſchriften. Die Brahminen duͤrfen nichts anrühren, was Leben hat. Die an⸗ dern Kaſten, je weiter ſie ſich von dieſer oberſten entfernen, ſind weniger eingeſchraͤnkt, die unter⸗ ſten Klaſſen koͤnnen allle Speiſen, auſſer Nindfleiſch, eſſen. Die hoͤhern Kaſten duͤrfen nur zu beſtimm⸗ ten Zeſten und unter deſondern umſtänden eſſen, ſie muͤſſen ihre Speiſen ſelbſt zubereiten, oder wenig⸗ ſtens von Leuten ihrer Kaſte zubereiten laſſen, doch wird dieſe Vorſchrift nicht uͤberall beobachtet. Sie duͤrfen nicht zweymal von einem zubereiteten Ge⸗ richte eſſen, und muͤſſen ſich bey ihren Mahlzeiten entbloͤſſen. Wenn jemand von einer andern Kaſte in den Kreis tritt, wo ein Brahmine ſeine Mahlzeit kocht, ſo werden dadurch für ihn die Speiſen un⸗ rein. Noch giebt es eine Menge religioͤſer Anord⸗ nungen beym Waſchen, Beten, und andern Ver⸗ richtungen, welche ſehr laͤſtig ſind, und bey einer kriegeriſchen Lebensart hoͤchſt nachtheilige Folgen ha⸗ ben wuͤrden. Der Mahratte iſt von allen dieſen Ceremonien befreyt; er kann alle Speiſen genieſ⸗ ſen, nur Rindſleiſch nicht; er kann ſeine Mahlzeit zu allen Zeiten zubereiten, und alle Speiſen eſſen, die fuͤr hoͤhere Kaſten zubereitet ſind. Beren und Waſchen ſind fuͤr ihn nicht nothwendig erforderlich, beydes kann er zu jeder Zeit verrichten, oder auch —(935— nach Belieben aufſchieben. Vergleicht man dieſe Vortheile mit den mancherley Einſchraͤnkungen, wel⸗ chen andere Kaſten unterworfen ſind, ſo findet man die Mahratten vorzüglich zu einer kriegeriſchen Le⸗ bensart geſchickt. Ihre Kaſte, nach welcher ſie zur arbeitenden Klaſſe gehören, ſetzt ſie in Stand, Stra⸗ patzen und den Einfluß der Witterung auszuhalten, und erhebt ſie auf der andern Seite wieder ſo ſehr, daß ſie mit Brahminen ungehindert umgehen, und ihre beſſern Kenntniſſe benützen koͤnnen. Ueberdieß iſt auch der Mahrattenſtaum ſehr zahlreich, und wegen ſeiner Menge kann er auf glückliche Unter⸗ nehmungen im Kriege rechnen. 1— Die Mahratten naͤhren ſich groͤßtentheils vom Ackerbau, und zum Theile auch von der Viebzucht. Die drey groſſen Staͤmme, aus denen ſie faſt ein⸗ zig beſtehen, ſind die Kuhnby oder Ackersleute, die Hungu oder Schaͤfer, und die Cavla oder Kuhhirten. Von dieſer Eintheilung laͤßt ſich die groſſe Einfachheit der Sitten herleiten, die uͤberall unter den Mahratten herrſcht. Homer erzaͤhlt uns von den Prinzeſſinnen aus der Zeit des trojanſchen Krieges, baß ſie ſelbſt an den Fluß giengen, um mit eigner Hand ihre Kleider zu waſchen; Tone hat ebenfalls geſehen, daß die Tochter eines maͤch⸗ tigen Mahrattenfürſten, der allein ſo viele Krieger ins Feld ſtellen konnte, als die Griechen vor Troja zaͤhlten, mit eigenen Händen Brod buk, und alle Hausgeſchaͤfte beſorgte. Er hat einen beruͤhmten Rahrattenfuͤrſten geſrhen, der ſelbſt das Feuer au⸗ 694= ſchuͤrte, um ſich die Nacht über zu waͤrmen, zu ei⸗ ner andern Zeit ſah er den naͤmlichen Fuͤrſten blos auf einer Satteldecke ruhend ſeinen Sekretaͤren Ant⸗ worten und Beſehle diktiren, und in dieſer Lage al⸗ le Staatsgeſchaͤfte beſorgen. Kenntniſſe und Ge⸗ ſchicklichkeit beſitzt übrigens der geringſte Mahratte eben ſo viele, als der Vornehmſte. 5 Im Ganzen ſind die Mahratten ein kenntniß⸗ armes Volk, daher ſiud ſie genoͤthigt in Regierungs⸗ und Finanzgeſchäften Brahminen zu Hilfe zu neh⸗ men. Dadurch ſind dieſe nach und nach zur Ober⸗ herrſchaft gelangt, und jetzt ſtehen Prahminen ou der Spitze einer jeden mahrattiſchen Regierung. Sie ſind auch allerdings geſchickter, die oͤffentlichen An⸗ gelegenheiten zu beſorgen; ihr hoͤfliches Betragen, ihre ausgezeichnete Gewandtheit, ihr lebhafter Ver⸗ ſtand, ihr ſcharfer Blick, und vorziglich ihr Gleich⸗ muth zeichnen ſie bey allen diplomatiſchen Geſchaͤf⸗ ten aus. Dieß iſt jedoch ihre beſte Seite, übrigens beſitzen ſie keinen Funken von Treue und Redlich⸗ keit, ſie haben alles Gefuͤhl von Mitleid verloren, Dankbarkeit kennen ſie nur dem Namen nach, ſie ſind Sklaven der unerſaͤttlichſten Habſucht. Man glaubt gewoͤhnlich, daß die Brahminen einen unbegraͤnzten Einfluß auf die indiſchen Na⸗ tionen haben, allein dieß iſt keineswegs der Fall, ſie werden haͤufig als Verbrecher hart beſtraft, ja auf Befehl der Mahrattenfürſten ſogar hingerichtet. Es iſt freylich verboten, das Blut eines Brahminen zn vergieſſen, allein man weiß dieſem Geſetze aus⸗ —(95— zuweichen, indem man ſie toͤbtet, ohne im eigent⸗ lichen Verſtande ihr Blut zu vergieſſen. Der ver⸗ ſtorbene Mahrattenfuͤrſt Tuckaji Holkar, der den weſtlichen Theil von Malwa beherrſchte, ließ ſeinen brahminiſchen Miniſter in mit Oehl getraͤnkte Zeu⸗ che wickeln und ſodann verbrennen. Ihre gewoͤhn⸗ liche Strafe beſteht darinn, daß ſie den Koͤrper ſo lange in kaltes Waſſer halten muͤſſen, bis die Glie⸗ der zu ſchwellen anfangen, worauf dann hald der Tod zu erfolgen pflegt. 6 Andere geringere Miſſethaͤter werden bey den Mahratten auf verſchiedene Arten beſtraft. Sehr ge⸗ wöhnlich iſt das Naſen und Ohren abſchneiden; wird jemanden der Tod zuerkannt, ſo laͤßt man ihn ſo lange von einem Elephanten herumſchleifen, bis er den Geiſt aufgegeben hat. Eine andere Art von Todesſtrafe beſteht darinn, daß man den Kopf des Verbrechers in einen Sack ſteckt, und nem ſchweren Hammer zermalmt. Die gewoͤhn⸗ lichſte iſt jedoch, daß man dem Verurtheilten auf eine hoͤchtt grauſame Art mit einem Scheermeſſer Arme und Beine ablöſt, und ihn in dieſem Zuſtan⸗ de liegen läßt, bis er ſtirdr. Hat man Gelegen⸗ heit gehabt, die Vollziehung ſolcher Urtbeile mit anzuſehen, ſo kann man unmoͤglich noch ferner den Glauben hegen, daß die Hindus von Natur nicht blutduͤrſtig ſeyen. Gau n Die Bruhminen darf man nicht blos als geiſt⸗ liche Perſonen betrachten. Vormals beſchaͤftigten ſie ſich pielleicht allein mit Andachtsuͤbungen, und dann mit ei⸗ —— —(96)— refigiöſen Verrichtungen„jeßt aber ſindet man un⸗ ter ihnen auch viele Kaufleute, Banquiers, Kriegs⸗ zahimeiſter, ja ſogar Soldaten. 1 Vielleicht iſt die Tolexanz gegen andere Reli⸗ gionsparteyen der edelſte Theil des brahminiſchen Religionsſyſtems. Ein Hindu kann ſich nicht vor⸗ ſtellen, daß es moͤglich ſey, Andere blos wegen ſpe⸗ kulativen Grundſaͤtzen zu verfolgen. In Punah, der Haupeſtadt der Mahratten, und der Reſidenz des Peiſchwa, findet man mehrere Moſcheen und eine chriſtliche Kirche, wo die 2 hekenner beyder Religio⸗ nen ihren Gottesdienſt ohne Hinderniß halten. Die Mahratten ſind urſpruͤngliche Bewohner der Halbinſel Dekan, obgleich ihre Fuͤrſeen, unter denen die Nation ſo furchtbar geworden iſt, von den Rasbutten oder der Kriegerkaſte abſtammten, und zu ihren Ahnherrn die alten beruͤhmten Najas von Chitor in der Provinz Agimern zaͤhlten. Die alte Heimath der Mahratten beſtand aus den Pro⸗ vinzen Kandeſch und Baglana nebſt der Kuͤſte Kon⸗ kan. In dieſem ziemlich anſehnlichen Bezirk vom fuͤnfzehnten dis zum ein und zwanzigſeen Grad noͤrd⸗ licher Breite lagen die alten Wohnplaͤtze der Mah⸗ ratten, ehe ſie im vorigen Jahrhundert ihre Herr⸗ ſchaft ſo weit vorwaͤrts ausdehnten. Die Mahrat⸗ tenländer ſind von Natur befeſtigt, und beſtehen aus Gebirgen und engen Paͤſſen, welche ſaͤmmtlich durch Feſtungen vertheidigt werden, in denen man die erſparten Schätze aufbewahrt, und die bey un⸗ gluͤcklichen Feldzuͤgen oder Niederlagen zum Zu⸗ 4 fluchts⸗ —(97)— fluchtsorte dienen. Kein Land iſt fuͤr den Verthei⸗ digungskrieg ſo trefflich gelegen, und wenn daher auch die Mahratten auf ihren Streifzuͤgen geſchla⸗ gen oder zuruͤckgedraͤngt werden, ſo ſind ſte dennoch in ihrem eigenen Lande unuͤberwindlich. Tone hat auf einem Marſch durch die Provinz Kandeiſch gegen zwanzig Feſtungen nach verſchiedenen Richtungen gezaͤhlt. Die Staatsverfaſſung der Mahratten iſt ein ſonderbares Gemiſche von verſchledenartigen For⸗ men, im Grunde eine wahre milliaͤriſche Republik, deren Haͤupter von einander unabhaͤngiz ſind, je⸗ doch den Peiſchwa in Punah für ihren Obern anerkennen, der aber eigentlich als der erſte Mini⸗ ſter des in Setterah gefangenen Maha RNa⸗ jah anzuſehen iſt. Dieſe Abhaͤngigkeit von dem Maha Najah findet aber nur dem Namen nach Statt, und dieſer aller Gewalt beraubte Fuͤrſt genießt nur noch einige unbedeutende alt hergebrachte Vorzuͤge. Der Peiſchwa wird von ihm allein eingeſetzt, in⸗ dem er von ſeiner Hand das Khelat oder das orien⸗ aaliſche Staatskleid erhaͤlt. Zieht der Peiſchwa zu Felde, ſo muß er vorher bey dem gefangenen Ra⸗ jah um eine Abſchiedsaudienz anſuchen. Das Land um Setterah herum iſt von allen Kriegskoſten und Beſchwerden frey; betritt ein Mahrattenfuͤrſt den zu dieſer Feſtung gehoͤrigen Bezirk, ſo muß er alle Zeichen ſeiner Würde ablegen, und darf die groſ⸗ ſen Heerpauken, die ein Elephant immer im Gefol⸗ ge indiſcher Furſten traͤgt, nicht ruͤhren laſſen. Die⸗ VI. Baͤndch. G —(985— ſe ſind die einzigen Ehrenbezeugungen, die dem ti⸗ zulaͤren Oberhaupt der Mahratten, welches als Staatsgefangener von geringen Einkuͤnften lebt, von ſeiner ehemaligen Wuͤrde uͤbrig geblieben ſind. Der gegenwaͤrtige Maha Rajah war vor einigen Jah⸗ ren ein bloſſer Reuteroffizier, da er aber von Se⸗ vagi(dem Stifter des Mahrattenſtaates) abſtamm⸗ te, ſo wurde er nach dem Tode des letzten Fuͤrſten aus ſeiner gluͤcklichen Mittelmaͤſſigkeit in das glaͤn⸗ zende Gefaͤngniß des Throns verſetzt. Alle Einrichtungen dieſes ſonderbaren Volkes ſind eben ſo ſehr von den orientaliſchen als von den europaͤiſchen verſchieden. Der Peiſchwa iſt zwar der oberſte Regent, kann aber nicht geradezu befehlen; es giebt keinen erblichen Adel unter ihnen, das ge⸗ meine Volk aber nimmt an der Landesregierung und der geſetzgebenden Gewalt keinen Antheil. Die Laͤnder der verſchiedenen Fuͤrſten liegen unter einander zerſtreut und vermiſcht. Das Ge⸗ biet des Peiſchwa erſtreckt ſich laͤngs der Kuͤſte von Konkan, ihm gehoͤren aber auch Provinzen, welche nordwaͤrts von Delhi liegen. Es iſt gar nicht un⸗ gewoͤhnlich, daß Diſtrikte oder einzelne Staͤdte zwey⸗. en oder mehreren Fuͤrſten geboͤren, ſelbſt der Peiſch⸗ wa und ſein Nachbar, der Nizam von Dekan, be⸗ ſitzen einige gemeinſchaftlich. Der Peiſchwa, ob er gleich als Oberherr des ganzen Mahrattenſtaates anerkannt wird, beſttt für ſich kein anſehnliches Gebiet. Die Statthal⸗ terſchaft Ahmedebab in der Provinz Guzerante iſt die (99)— groͤßte unter ſeinen Beſitzungen, und traͤgt ihm et⸗ wa ſechs Millionen Rupien ein. Seine vornehm⸗ ſten Einkuͤnfte ſind die Kontributionen oder Geldun⸗ terſtuͤtzungen, welche ihm die uͤbrigen Mahratten⸗ fuͤrſten zahlen muͤſſen, und die man jaͤhrlich auf vier Crore, oder vierzig Millionen Rupien an⸗ ſchlaͤgt. In dem Reichsrathe von Punah ſind alle ho⸗ hen Stellen erblich. Der Dewan oder Miniſter, der Furnaveſe oder Schatzmeiſter, der Chit⸗ naveſe oder Staatsfekretaͤr, ſelbſt die Befehleha⸗ ber der Truppen, und der Fuͤhrer des Reichspaniers (Ferrput), beſitzen dieſe Aemter fuͤr ſich und ihre Nachkommen, und kein Peiſchwa hat es noch je ge⸗ wagt, hierin eine Aenderung zu machen. Niedrige Stellen aber werden nach Verdienſt oder nach Will- kuͤhr vergeben. Die Mahratten ſind beſtaͤndig zum Kriege ge⸗ ruͤſtet. Dies ruͤhrt vorzuͤglich von ihrer ſchwanken⸗ den, unſichern Staatsverfaſſung her, ſo wie auch die neu eroberten Provinzen blos durch das Schwert in Gehorſam erhalten werden koͤnnen. Sie muͤſſen uͤberdieß den Chout, oder den vierten Theil der Lan⸗ deseinkuͤnfte, den die Nachbarn nur gezmungen be⸗ zahlen, mit den Waffen in der Hand eintreiben; auſſerdem iſt auch der Krieg füͤr ſie eine reichtiche Er⸗ werbsquelle, daher fallen ſie beſtaͤndig in die ver⸗ ſchiedenen Provinzen, die ſich ihnen noch nicht un⸗ terworfen haben, oder welche nicht, wie die Fuͤr⸗ ſtenthuͤmer der Rashutten in Aſchemir, die Provin⸗ G 2 —(w0)— zen Bundelkund und Gohud von ihnen unterjocht worden ſind, und pluͤndern ſie aus. Solche Streif⸗ zuͤge nennen ſie Mulukghere(von den perſiſchen Moͤrtern Muluk Krieg und Ghere Beſitz nehmen.) Sie ſind mit groſſen Unkoſten verknüpft, zu deren Beſtreitung die Fuͤrſten meiſtens ihre Territorial⸗ Einkünfte zu anticipiren pflegen. Dieſe werden daun reichen Banqniers verpfaͤndet, die den Vorſchuß in dem ſchlechteſten Gelde bezahlen, und wenigſtens 30 Prozent Proviſion nehmen. In ſolchen Diſtrikten, welche unter der Ver⸗ waltung der Fuͤrſten ſtehen, werden die Abgaben auf eine, ſeit undenklichen Zeiten gewoͤhnliche Wei⸗ ſe gehoben. Die Zoͤlle von den eingefuͤhrten Waa⸗ ren ſteigen nicht uͤber 5 Prozent, auſſer bey der But⸗ ter, von welcher ſie 50 Prozent betragen ſollen. Die Einkuͤnfte von den Laͤndereyen, der Chout, den der Nizam bezahlen muß, und die Beute, welche die Mahratten von dem Mulukghers mit nach Hauſe brin⸗ gen, machen die vorzuͤglichſten Geldquellen ihrer Regenten aus. Sie betragen zwar jaͤhrlich unge⸗ heure Summen, allein ſie werden doch von den Ausgaben weit uͤberſtiegen. Das von ihnen erober⸗ te, aber durch Streifereyen und Pluͤnderungen er⸗ ſchoͤpfte Hindoſtan iſt nicht mehr im Stande, eine einzige Rupie aufzubringen; die groſſen Reichthüͤ⸗ mer dieſer ehemals ſo bluͤhenden Provinzen ſind jetzt fuͤr die Cirkulation ganz verloren, und in den Schatzkammern einzelner Groſſen des Landes ver⸗ ſchloſſen. (10)— In den verſchiedenen indiſchen Staaten hat der rigentliche Landesherr wenig zu ſagen, wenn er nicht ein Mann von Kopf iſt. Sein erſter Miniſter hat alle Gewalt in Haͤnden, und dieſe Stelle erhaͤlt derjenige, der das anſehnlichſte Geſchenk bringt, oder im Falle der Noth Geld ſchaffen kann. Ein indiſcher Miniſter, der in ſolchen Faͤllen eine leere Kaſſe hat, wird ſicher ſeiner Dienſte entlaſſen. Wenn der Fürſt das Geſchenk erhalten hat, welches oft einige Lac Rupien betraͤgt, ſo ſucht ſich der Kaͤu⸗ fer dieſer Stelle auf alle Art wegen ſeiner aufge⸗ wandten Auslagen zu entſchädigen. Ein jedes auch noch ſo kleine Amt wird dem Meiſtbietenden uͤber⸗ laſſen, auf die Perſon des Kaͤufers oder ſeine Ge⸗ ſchicklichkeit wird dabey keine Ruͤckſicht genommen. Die Poſten der Steuereinnehmer, Feſtungskomman⸗ danten und Dorfſchulzen werden alle oͤffentlich ver⸗ kauft. Derjenige, der eine ſolche Stelle erſtanden hat, weiß nicht, ob er ſie das naͤchſte Jahr noch behaͤlt, daher ſucht er bloß ſeine Habſucht zu be⸗ friedigen, erpreßt von dem ungluͤcklichen Landmann den Schweiß ſeiner Arbeit und pluͤndert die Unter⸗ thanen. Wird ein ſolcher Tyrann abgeſetzt, ſo hoͤ⸗ ren die Leiden der Unterdruͤckten nicht auf, denn ſein Nachfolger, der die Stelle ebenfalls theuer ge⸗ nug erkauft hat, iſt eben ſo raubgierig, als er. Der größte Theil der Einwohner der Mahrat⸗ kenlaͤnder iſt daher gaͤnzlich ohne Vermoͤgen; nur ſehr wenige haben Gelegenheit Geld zu erwerben, und dies ſind vorzüͤglich die Brahminen, welche —(102)— die erſten Staatsaͤmter bekleiden, und deren Geiz graͤnzenlos iſt. Wenn je das gierige Geldanhaͤufen eine Thorheit iſt, ſo iſt dieß ganz gewiß der Fall bey den Brahminen, denn wenn der Fürſt auch ih⸗ re Gelderpreſſungen Jahre lang hingehen laͤßt, ſo erregen ihre ſchnell erlangten Reichthuͤmer doch zu⸗ letzt ſeine Aufmerkſamkeit; ſie muͤſſen ihm am Ende alle ihre Schätze ausliefern, und vielleicht noch ihr Leben in irgend einer Feſtung als Staatsgefangene beſchlieſſen. Stirbt ein Brahmine auf ſeinem Po⸗ ſten, ſo wird ſein Vermoͤgen zum Beſten des Für⸗ ſten konfiszirt, doch erhaͤlt ſeine Familie alsdann eine Penſion oder wird auf andere Weiſe verſorgt; dieſer Gebrauch, das Vermoͤgen reicher Staatsdie⸗ ner einzuziehen, vermehrt die zufaͤlligen Einkuͤnfte der Fürſten ſehr. Im Ganzen giebt es wohl keine Regierung, unter welcher die Unterthanen ſo ganz alles Schu⸗ tzes beraubt ſind, als die mahrattiſche. Blos auf Raubſucht, Beſtechung und Unterdruckung gegrün⸗ det, laͤßt ſie weder haͤusliches Glück noch oͤffentli⸗ che Sicherheit aufkommen, daher ruͤhrt auch das unbeſchrebliche Elend des gemeinen Volkes; allent⸗ halben herrſcht Unterdruͤckung, Armuth und Hun⸗ gersnoth. Wenn man die groſſe Fruchtbarkeit In⸗ diens bedenkt, ſo iſt es beynahe unerklaͤrbar, daß ſeine Provinzen, deren Boden des Jahres zwey bis dreyfache Aernten giebt, ſo oft von Hungersnoth heimgeſucht wird; beym naͤheren Nachforſchen fin⸗ det man aber den Grund des Uebels leicht in den — C13)— Erpreſſungen und der Habſucht der Regenten. In einem Lande, wo gewaltſame Revolntionen ſo haͤu⸗ fig ſind, als in Indien, verſchwindet allmaͤhlig je⸗ der Antrieb zur Induſtrie; der Landmann, der ſein Feld dieß Jahr beſtellt, iſt nicht ſicher, ob er das Kommende behalten wird, oder nicht, oder bleibt er im Beſitz des Gutes, ſo iſt es wenigſtens wahrſcheinlich, daß ein Truppenkorps in ſeiner Nach⸗ barſchaft einquartirt wird. Kaum aber kann ihn ein groͤſſeres Ungluͤck treffen, denn ein Haufe Mahrat⸗ ten richtet eben ſo groſſe Verwirrungen an, als Myriaden Heuſchrecken; das Eigenthum der Freun⸗ de iſt ihren Raͤubereyen eben ſo ſehr ausgeſetzt, als das feindliche, daher baut der Landmann nicht mehr Getreide, als er zu ſeinem noͤthigen Unterhalte braucht, und da gar keine Magazine oder Vorraths⸗ haͤuſer vorhanden ſind, ſo entſteht bey groſſer Duͤr⸗ re, oder wenn zu viel Regen fällt, unausweichlich eine Hungersnoth. Die Einwohner verlaſſen dann ihre Wohnungen, und fluͤchten nach der Kuͤſte, oder in andere Provinzen, wo der Mangel nicht ſo groß iſt, allein auch dort veranlaßt der ploͤtzliche Zuwachs einer ſo betraͤchtlichen Menſchenmenge erſt Theurung und dann ebenfalls Hungersnoth. In ſolchen Zei⸗ ten erblickt der Reiſende allenthalben den hoͤchſten Grad des menſchlichen Elends, Hunger, Nacktheit und Seuchen, und den Tod in den fuͤrchterlichſten Geſtalten, die Straffen ſind mit Leichnamen, die Landwege mit Todtengerippen bedeckt, jeder Leben⸗ de iſt ein Bild des aͤuſſerſten Elends und der Ver⸗ —(104)— zweiflung. Wegen der ſo oft einreiſſenden Nah⸗ rungsnoth ſind die indiſchen Provinzen ſo ſchlecht bevölkert, und man kann ſicher behaupten, daß in dem ganzen Lande, Bengalen und Bahor ausge⸗ nommen, von fuͤnfzig Morgen Landes kaum einer bebaut iſt. Es iſt nichts ungewoͤhnliches, daß groſſe Staͤdte bey einer ſolchen Landplage drey Viertheile ihrer Einwohner verlieren, und das platte Land eben ſo viel, ganze Diſtrikte werden zu menſchen⸗ leeren Einöden und die Felder zu Wuͤſteneyen. Schon oben iſt bemerkt worden, daß die Mah⸗ ratten in beſtaͤndigem Kriege leben. Am Feſte Duſ⸗ ſehra, welches ſie jaͤhrlich zu Ende des nordweſtli⸗ chen Manſuhns feyern, wird des Fuͤrſten Haupt⸗ panier aufgepſlanzt, ſeine Staatszelte werden auf⸗ geſchlagen, und es wird ſchnell ein Lager formirt. Hier werden die Operationen des folgenden Jahres beſtimmt, ob man wirklich Krieg anfangen oder blos den Tribut eintreiben, oder auf Streifzuͤge ausgehen ſoll. Den letztern ſind vorzuͤglich die Laͤn⸗ der der Rasbutten, der noͤrdliche Theil von Guze⸗ rate und andere kleine Bezirke ausgeſetzt, weil der übrige Theil von Hindoſtan und Dekan entweder von den Mahratten erobert, oder in den Haͤnden der Engländer und ihrer Alliirten iſt. Wenn die ganze vereinigte Macht der Mahrat⸗ ten zu Felde zieht, ſo wird die Armnee in drey Ab⸗ theilungen getheilt, wovon jede eine beſondere Stel⸗ lung hat. Die erſte beſteht aus der Avantgarde und der ganzen Infanterie; ihr Beſehlshaber iſt der Fah⸗ —(105)— neutraͤger des Peiſchwa, unter dem jedes Ober⸗ haupt ſeine eigenen Truppen anführt. Das Cen⸗ trum dient eigentlich zum Reſervekorps und iſt blos mit der nothwendigſten Bagage und Artillerie ver⸗ ſehen. Das Hintertreffen befehligt der Peiſchwah in Perſon, und bey demſelben befindet ſich der ganze Artilleriepark nebſt dem Armeegepaͤcke. Die Mahratten greifen ihren Feind nicht leicht eher an, als bis ſie mit ihm unterhandelt haben, und kann der Zwiſt mit Geld ausgeglichen werden, ſo ziehen ſie dieſes allezeit dem Kriege vor. Selbſt wenn ſie in der Nachbarſchaft der feindlichen Ar“ mee ſtehen, laſſen ſie ſich ſelten in ordentliche Ge⸗ fechte ein, ſie muͤßten denn ſelbſt angegriffen wer⸗ den, ſondern bleiben lange Zeit in ihrem Lager ſtehen, ſuchen aber ihren Gegnern die Zufuhr ab⸗ zuſchneiden, und das umherliegende Land auszu⸗ pluͤndern. Die Hauptſtaͤrke der Mahratten beſteht in ihrer zahlreichen Kavallerie, die man in vier verſchiedene Klaſſen eintheilen kann. Die erſte Klaſ⸗ ſe heißt Baugiers; ſie beſteht aus den Haus⸗ truppen des Fuͤrſten, dieſe liefern und unterhalten auch die Pferde, Mannſchaft und Pferde ſind vor⸗ trefflich, und der Reuter bekoͤmmt etwa 8 Rupien monatlichen Sold. Die zweyte Klaſſe wird von den ſogenannten Silladars oder Schwerbewaff⸗ neten geſtellt, die mit dem Fuͤrſten den Vertrag eingehen, eine gewiſſe Anzahl Pferde und Reuter za ſtellen, und gewoͤhnlich füͤr jeden Mann monat⸗ lich 35 Rupien erhalten. Zur dritten Klaſſe gehö⸗ — C 195—, ren die Freywilligen, die ihre eigenen Waffen und Zeug mitbringen, und monatlich 40 bis 50 Rup en Sold nach dem Werth und der Beſchaffenheit ih⸗ res Pferdes erhalten. Die vierte Abtheilung der Reuterey beſteht aus den ſog nannten Pindarins, bloſſen Naͤu erhaufen, die keinen Sold bekommen, ſondern nur vom Pluündern leben, und dem Für⸗ ſten den vierten Theil der gemachten Beute abge⸗ ben müſſen. Sie ſind aber ſo ſchlechte Soldaten, und ſo ſchwer in Ordnung zu erhalten, daß man ſie ſelten mehr bey den Armeen antrifft. Die Armee beobachtet gar keine Mannszucht. Keiner dient eine gewiſſe beſtimmte Zeit, ſondern je⸗ der kaun das Heer verlaſſen, ſobald er will; blos in wirklichen Gefechten leiſten ſie Dienſte, auſſer⸗ dem ſiellt man auch einzelne Reiter als Pikete aus, oder ſchickt ſie auf Kom mando. Die Reuterey der Mahratten wird ſehr unordentlich und ſchlecht be⸗ zahlt; ſelbſt die erſte Klaſſe derſelben erhaͤlt ſtatt des Soldes im Felde blos taͤglich eine Quantität gro⸗ ben Mehls, das kaum zur Stillung ihres Hungers hinreicht. Die Silladars ſtehen ſich ebenfalls nicht beſſer; nach dem Vertrage mit der Regierung iſt jedem von ihnen ein Stuͤck Landes angewieſen, wo er ſeine Pferde weiden kann, dort lebt er mit ſei⸗ ner Familic, wenn er nicht zum Dienſte aufgefor⸗ dert wird, und ſucht ſeine Pferde zu vermehren und vorzüͤglich Stutten zu ziehen, aus denen groͤßten⸗ theils die Pferde der Reuterey bey den Mahratten beſtehen. Es iſt nichts ungewoͤhnlichs, daß ein Sil⸗ ——,— ladar, der blos nebſt einem Pferde Dienſte nimmt, in wenigen Jahren Beſitzer einer anſehnlichen Stut⸗ terey iſt, Bey einem Kriegsaufgebote muß der Sil⸗ ladar vorher ſeine Pferde muſtern laſſen, die Mu⸗ ſterung beſorgt ein Brahmine, der durch ein Ge⸗ ſchenk gewonnen werden muß, ſonſt wuͤrde er ſelbſt die elendeſten Gaͤule als Kavalleriepferde auszeich⸗ nen. Die Fuͤrſten werden bey dieſer Gelegenheit auf alle moͤgliche Art betrogen, und ſuchen ſich da⸗ her fuͤr ihren Verluſt wieder durch ſchlechte und un⸗ regelmäͤſſige Bezahlung ſchadlos zu halten. Wenn ein Reuter vom Rückſtande ſeines jaͤhrlichen Sol⸗ des endlich die Bezahlung von ſechs Monaten er⸗ halt, ſo darf er ſich gluͤcklich ſchaͤtzen. Ein anderer groſſer Fehler der mahrattiſchen Reuterey beſteht darinn, daß die Pferde groͤßten⸗ theils ein Eigenthum der Reuter ſind, dieſe wagen ſich daher nicht leicht in Gefahr, weil ſie nach dem Verluſte ihres Pferdes nicht weiter dienen koͤnnen, und ſind blos auf die Erhaltung desſelben bedacht⸗ Freylich wird dem Reuter, ſobald er Dienſte nimmt, ſein Pferd taxirt, hat er es aber auch in einer wirk⸗ lichen Schlacht verloren, ſo erhaͤlt er entweder kei⸗ nen Schadenerſatz, oder einen ſo geringen, daß derſelbe dem Verluſte keineswegs angemeſſen iſt. Wird ein Silladar beleidigt, ſo kann er ohne Hin⸗ derniß, ſelbſt im Angeſichte des Feindes, die Ar⸗ mee verlaſſen; auch iſt es nichts ungewoͤhnliches, daß reiche Silladars Reuter zum Dienſt bey ver⸗ —(108)— ſchiedenen Mahrattenfüͤrſten ſtellen, ſelbſt wenn die⸗ ſe mit einander in Krieg verwickelt ſind. Um den ruckſtaͤndigen Sold zu erhalten, iſt bey allen indiſchen Truppen, ſowohl bey den Mahrat⸗ ten als den Mahomedanern, der ſogenannte Dher⸗ na eingefuͤhrt. Dieſer beſteht darinn, daß man den Schuldner, er mag ſeyn, wer er will, in Arreſt ſetzt, oder auf andere Art ſeiner Freyheit beraubt, bis man entweder ein Unterpfand erhalten hat, oder die Schuld bezahlt iſt. Jeder, der in den Dien⸗ ſten indiſcher Fuͤrſten oder der dortigen Groſſen ſteht, kann auf dieſe Art ſeine Forderung von dem Fürſten ſelbſt, deſſen Miniſter oder Zahlmeiſter ein⸗ treiben. Der geringſte Soldat wird nicht daran verhindert, noch weniger ſein Betragen, als Meu⸗ kerey betrachtet, und er verliert dadurch in den Au⸗ gen ſeiner Befehlshaber nicht das mindeſte. Oft dauert der Oherna eine ziemliche Zeit, und es iſt einerley, ob man den Fürſten, oder ſei⸗ nen Miniſter damit belegt, weil der Erfolg immer derſelbe bleibt, denn ſittt der Miniſter im Dherna, ſo macht ſich der Fuͤrſt eine Ehre daraus, waͤhrend dieſer Zeit nicht zu eſſen und zu trinken. Der Mi⸗ niſter muß ebenfalls faſten, er darf ſich weder wa⸗ ſchen noch beten, noch ſich von dem Platz bewegen, wo er ſich befindet, auch wird er bisweilen mit bloſſem Kopf in die Sonne geſtellt, bis der Gläu⸗ biger befriedigt iſt. Dieſe Art, zu ſeinem Rechte zu gelangen, iſt ſo allgemein, daß wahrſcheinlich die meiſten Mahrattenfuͤrſten, dir uͤberhaupt ſchlech⸗ —(109— te Bezahler ſind, beynahe die Haͤlfte ihres Lebens in einer Art von Dherva zubringen. Auſſer der Reuterey haben die Mahratten zwar auch Fußvolk, aber ſie ſelbſt dienen ſehr ungern, und nur im hoͤchſten Rothfalle zu Fuſſe. Die Seapois unter den Truppen der verſchiedenen Mahrattenfuͤr⸗ ſten laſſen ſich meiſtens in Hindoſtan anwerben, und ſind groͤßtentheils Rasbutten oder von der Pur⸗ viakaſte. Sie ſind ſtark und athletiſch gebaut, ge⸗ hoͤren ihrem Aeuſſern nach zu den ſchoͤnſten Manns⸗ perſonen, beſitzen eine ſchnelle Faſſungskraft, groſſe Tapferkeit und Sparſamkeit, ſind aber dabey un⸗ haͤndig und zum Aufruhr geneigt. Eigentlich ſind ſie Abentheurer, eine Art condottieri, die jedem dienen, der ſie gut bezahlt; in dieſer Abſicht zie⸗ hen ſie auch oft von Hindoſtan nach Dekan, wo ſie Purdaſies, d. i. Fremde genannt werden. Unter den Mahratten nehmen auch viele Ma⸗ homedaner Dienſte, und erlangen anſehnliche Be⸗ fehlshabersſtellen. Durch den Umgang mit den Hindus nehmen ſie nach und nach ein gefaͤlliges, hoͤfliches Betragen an, das ſonſt ihrem Charakter ganz fremd iſt. Uebrigens iſt die Infanterie der meiſten Mahrattenfuͤrſten nicht ſtark, und hat, Seindiahs Brigaden ausgenommen, ein ſehr bur⸗ leskes Anſehen. Dieſer vorſtorbene Fuͤrſt, ein Mann von groſſen Talenten und unbegraͤnztem Ehrgeiz, war der einzige, der ein ſtarkes Korps Infanterie ganz auf europaͤiſchen Fuß errichtet hatte. Als er im Jahr 179 1 wieder nach Dekan zuruͤckkam, war —(110)— er Veſſir des Grosmoguls, alſo in der That wirk⸗ licher Kaiſer von Indien; er gieng nach Puhna, um zugleich erſter Miniſter des Peiſchwah zu werden. Haͤtte er dieſe Wuͤrde erlangen koͤnnen, ſo waͤre ſein Anſehen und ſeine Macht groͤſſer geweſen, als die der indiſchen Kaiſer in der glaͤnzendſten Periode ihrer Herrſchaft. Ein Mann, der ſo ausgedehnte Plane entwarf, mußte auch nothwendig auf hinrei⸗ chende Mittel zu ihrer Ausführung denken. Er leg⸗ te Stuͤckgieſſereyen in Agra an, ließ in eignen Fa⸗ briken alle ſeine Gewehre verfertigen, und nahm mehrere europaͤiſche Offiziere in ſeine Dienſte; un⸗ ter dieſen war auch Herr de Boigne, ſein nachheri⸗ ger General der Infanterie, ein Mann von groſſen militaͤriſchen Talenten und ausgebreiteten politiſchen Kenntniſſen. Er war ſowohl im Kriege, als bey politiſchen Verhandlungen unermüdet, erweiterte Scindiahs Beſitzungen nach allen Seiten, und er⸗ warb ſich ein anſehnliches Vermoͤgen; die Armee, welche er fuͤr ſeinen Herrn zuſammenbrachte, beſtand aus etwa 20,000 Mann rexgulaͤrer Infanterie, 10000 Rezibs und 60000 gut geuͤbten Reutern, nebſt einem anſehnlichen Train Artillerie, der mit allen Erforderniſſen verſehen war. Die Nezibs find mit bunten Flinten bewaff⸗ net und beſtehen aus Indiern und Rohillas. Die letztern haben nach der Zerſtoͤrung ihrer Staaten in den noͤrdlichen Gegenden von Auhd, groͤßtentheils bey Seindiah Dienſte genommen. De Boigne hat dieſe in Indien ſehr gewoͤhnlichen Flinten noch mit —(15— Bajonets verſehen; man braucht zwar mehr Zeit zum Laden, ſchießt aber mit dieſen Flinten weiter und gewiſſer, als mit den gewoͤhnlichen. Anſſer ihren Flinten ſind die Nezibs auch noch mit Schild und Saͤbel bewaffnet, und bedienen ſich des letzte⸗ ren vorzuͤglich beym Angriffe. Dieſe furchtbare Armee verſchaffte dem Sein⸗ diah in Hindoſtan ein groͤſſeres Anſehen, als je ein Fuͤrſt ſeiner Nation beſeſſen hatte; aber ſein Nach⸗ folger Dowlut Row Scindiah beſitzt nicht die Klug⸗ heit und das Anſehen ſeines Vaters. Seine Aus⸗ gaben uͤberſteigen ſeine Einnahme ſehr weit, ſein Land iſt erſchoͤpft, und bringt jetzt beynahe nichts hervor, weil es ſo lange der Schauplah von Raͤu⸗ bereyen und Unterdruͤckungen geweſen iſt. Jetzt iſt dieſem Fuͤrſten, um ſeine zahlreiche Armee zu er⸗ halten, kein anderes Mittel uͤbrig geblieben, als die Groſſen in Punah auszupluͤndern: dies hat ihm zwar groſſe Summen eingedracht, dieſer Zufluß aber kann nicht lange dauern, und iſt dieſe Quelle einmal erſchoͤpft, ſo muß ſein Reich zerfallen. Von den uͤbrigen Mahrattenfuͤrſten ſcheint der Raja von Berar, Modaji Baſulo, ein Abkoͤmm⸗ ling des beruͤhmten Sevagi, ſein Land beſſer zu re⸗ gieren, und ein guter Haushaͤlter zu ſeyn. Er be⸗ herrſcht ein anſehnliches Gebiet, das nicht durch an⸗ dere mahrattiſche Beſitzungen zerſtuͤckelt iſt; ihm ge⸗ hoͤrt auch die Kuͤſte von Oriſa, und er miſcht ſich wenig in die Streitigkeiten von Punah oder die Haͤndel der andern Mahrattenfuͤrſten, ſondern —(112)— ſchraͤnkt ſich auf ſein Gebiet ein, und iſt maͤchtig genug keinen Angriff fuͤrchten zu duͤrfen. Seine Kriegsmacht iſt der Zahl nach die zweyte im Range unter den uͤbrigen Mahrattenfuͤrſten, denn er hat 10000 Mann Fußvolk und eine noch weit zahlrei⸗ chere Reuterey auf den Beinen; uͤbrigens iſt er von 4 Charakter ein ſchwacher, feiger Fürſt. Der verſtorbene Holkar war unter den Mah⸗ rattenfürßen ſeines unter ihnen beruͤhmten Vaters wegen geachtet; ihm gehoͤrten anſehnliche Provin⸗ zen in Dekan und Hindoſtan, und im letztern Rei⸗ che ein groſſer Theil von Malwa, daher er auch Su⸗ bah von Malwa genannt wurde. Er konnte 50000 Reuter marſchieren laſſen, und zäͤhlte gegen 60000 Mann Fußvolk, das ſich ziemlich ordentlich betrug, aber gegen das Ende ſeiner Regierung gerieth ſeine Macht in Verfall, theils wegen einer Fehde mit Seindiah, theils wegen Streitigkeiten in ſeiner Familie. Ihm folgte ſein Sohn Coſſey Row in der Regierung, der ein ſchwacher Fuͤrſt iſt, und ſich ganz von ſeinen Verwandten leiten laͤßt. Der Peiſchwa wird zwar als das Oberhaupt der ganzen Nation angeſehen, aber ſeine Kriegs⸗ macht iſt nicht ſo furchtbar, als jene der disher ge⸗ nannten Fuͤrſten. Seine Reſidenz iſt Punah, wo der Reichthum aller Mahrattenfuͤrſten zuſammen⸗ fließt, ſie iſt ſchlecht gebaut, und blos durch ihre gute Polizey merkwuͤrdig, welche einige tauſend Mann beſchaͤftigt. Des Abends um 10 Uhr nach dem Kanonenſchuß darf ſich Niemand mehr auf den Straſ⸗ (C)= Straſſen ſehen laſſen, ſonſt wird er von den Pa⸗ trouillen aufgegriffen, und die ganze Nacht im Ar⸗ reſt behalten, bis ihn der Polizeypraͤſident den an⸗ dern Morgen wieder frey laͤßt. Es wird ſo ſtrenge Ordnung gehalten, daß ſelbſt der Peiſchwa einmal die ganze Nacht im Arreſt bleiben mußte, weil er ſich zur Nachtzeit auſſer ſeinen Pallaſt gewagt hat⸗ te. Der Peiſchwa ſoll 20000 Mann Infanterie im Dienſte haben, aber die meiſten ſind blos in den Muſterrollen verhanden, oder werden aàls Polizey⸗ waͤchter in Punah gebraucht, ſind aber in einer ſo elenden Verfaſſung und ſo ſchlecht bewaffnet, daß ſie ſchwerlich einem einzelnen Bataillon regulaͤrer Seapoys Widerſtand leiſten koͤnnen. Dagegen iſt ſeine Reiterey vortrefflich; ſie beſteht aus den ſoge⸗ nannten Manukarries oder den Kontingenten mehre⸗ rer kleinen Haͤuptlinge in Dekan, oder dem eigent⸗ lichen Gebiete des Peiſchwa, welche im vorletzten Jahrhunderte das Joch des Großmoguls abwarfen, und vorzüglich Sevagi behilflich waren, den Mah⸗ rattenſtaat zu gruͤnden. Sie werden am Hofe in Punah ſehr geachtet, und genieſſen beſonderer Vor⸗ zuͤge, unter andern muß der Peiſchwa immer auf⸗ ſtehen, oder ſich von ſeinem Muſund, einer Art von Thron erheben, ſobald einer aus ihnen zu ihm koͤmmt. Bey feyerlichen Aufzuͤgen ſtellen ſie ſich dem Peiſchwa gleich, ſitzt er auf einem Elephanten, ſo beſteigen ſie ebenfalls die Ihrigen, reitet er, ſo ſetzen auch ſie ſich zu Pferde. Eigentlich bezeugen ſie nur dem gefangenen Großfuͤrſten zu Setterah Un⸗ —(1140— terwuͤrfigkeit, ziehen aber jedoch allezeit zu Felde, wenn der Peiſchwa perſoͤnlich bey der urme iſt. Der Mahrattenfuͤrſt von Guzera te, Govind Row Guicawor, hat etwa 10 Millionen Ruvien Einkuͤnfte, und kann bey einem allgeme nen Kriege 30000 Reuter ſtellen. Die übrigen Heerführer der Mahratten beſitzen blos einzelne Lehen im Gebiete des Peiſchwa, und koͤnnen die Hauptarmee nur mit kleinen ſchlecht bewaffneten Haufen verſtaͤrken. Waͤ⸗ re die mahrattiſche Kriegsmacht gehorig diſeipli⸗ nirt, beſſer deſoldet, und blos von einem einzigen Oberhaupte abhaͤngig, ſo wuͤrde ſie den Englaͤndern I und andern Naͤchten ziemlich furchtbar ſeyn. In dem Kriege, den die Mahratten 1794 mit dem Su⸗ bah von Dekan fuͤhrten, war ihre Armee über 200000 Mann ſtark.— Die Infanterie beſteht bey den Mahratten aus zwey verſchiedenen Arten. Zur erſten und beſten gehoͤren Scindiahs Fußſoldaten, deren Geſchütz, Gewehre, Munition, Kleidungsſtuͤcke und uͤbrige Geraͤthſchaften dem Furſten gehoͤren, der auch die 4 Befehlshaber einſetzt und beſoldet. Bey andern Fuͤrſten aber iſt das ganze Korps nebſt allen Ge⸗ raͤthſchaften das Eigenthum des Befehlshabers, der dafuͤr von ſeinem Fuͤrſten Subſidien bezieht, und die Verpflegung ſeiner Mannſchaft ſelbſt beſorgt. Dieſe Einrichtung iſt eben ſo fehlerhaft, als die ſchon erwaͤhnte bey der mahrattiſchen Reuterey, weil ein Befehlshaber gewiß nicht ſonderlich treu und thaͤtig erfuͤllt, deſſen Exiſtenz von oer Eryal⸗ - -(a3⸗— tung ſeiner Mannſchaft abhaͤngt, denn wenn dieſe in einem Gefechte geſchlagen werden, oder einen an⸗ ſehnlichen Verluſt erleiden ſollte, ſo waͤren alle ſei⸗ ne Hoffaungen vereitelt, weil der Fuͤrſt den erlitte⸗ nen Schaden auf keine Weiſe erſetzt. Uebrigens wird die Infanterie im Ganzen beſſer als die Reu⸗ terey bezahlt, und ein Musketier erhaͤlt in Hindo⸗ ſtan monatlich ſechs, in Dekan neun Rupien. In den neuern Zeiten haben die Mahratten den groſſen Nutzen der Infanterie einſehen gelernt, und geben daher den diſciplinirten Bataillons einige Vorzüge vor der Reuterey, nur haͤlt es fuͤr ſie ſchwer, die nothwendigen Gewehre zu erhalten, weil die engliſch oſtindiſche Kompagnie den Verkauf aller Gewehre, und ſelbſt der unbrauchbaren in ih⸗ ren Beſitzungen verboten hat. Dieſes Verbot wird die indiſchen Fuͤrſten noͤthigen, ſelbſt Gewehrfabri⸗ ken anzulegen, wie es Seindiah ſchon gethan hat, der dadurch vortreffliche und viel beſſere Feuerge⸗ wehre erhaͤlt, als die gewöhnlichen europaͤiſchen ſind. Der Befehlshaber der Artillerie bekleidet einen wichtigen und ſehr eintraͤglichen Poſten. Die Ka⸗ nonen der Mahratten ſind zwar ziemlich gut gegoſ⸗ ſen, allein die Lavettenraͤder ſind plump, beſtehen gewoͤhnlich aus einem ganzen, oder mehreren zu⸗ ſammengeſetzten Stuͤcken Holz, und nuͤtzen ſich, da ſie nicht beſchlagen ſind, auf den Maͤrſchen leicht ab; indeſſen haben einige Armeen doch ſchon gute, nach europaͤiſcher Art eingerichtete Lavetten. Die H 2 te nach Belieben und haben eine Fahne aufgeſteckt, —( 116)— Kanonen haben kein feſtaeſetztes Kaliber, ſondern ſind von ſehr verſchiedener Groͤſſe, man laͤdt ſie nie mit gegoſſenen, ſondern mit geſchmiedeten Kugeln, die durch ihre rauhe Oberflaͤche das Geſchuͤtz bald verderben. Von dieſem Geſchuͤtz fuͤhren die Mah⸗ ratten ſtaͤts eine groſſe, oft unnoͤthige Menge mit ſich, denn ſie halten ſehr viel auf die Artillerie, ob ſie gleich nicht verſtehen, eine Kanone ordentlich zu richten. Auch ihr Pulver iſ ſchlecht, obgleich ſie mit den beſten Materialien zur Verfertigung desſel⸗ ben verſehen ſind⸗ Ein mahrattiſches Lager iſt ohne allen Plau und Ordnung aufgeſchlagen, und nimmt einen ſehr groſſen Raum ein. Sobald das Zeit des Oberbe⸗ fehlshabers aufgerichtet iſt, bildet ſich vor demſel⸗ ben ein foͤrmlicher Markt, wo man alles Noͤthige kaufen kann, und alle Gewerbe und Handwerke getrieben werden. Der Furſt oder Oberbefehlsha⸗ der zieht von dieſen Kraͤmern, Kuͤnſtlern und Hand⸗ werkern groſſe Summen, jede Bude, deren Anzahl ſich im Lager oͤfters uͤber 1000 belaͤuft, muß ver⸗ ſteuert werden, und jeder Handwerker bezahlt ihm monatlich fuͤnf Rupien. Dieſer Abgabe find ſelbſt die Taͤnzerinnen unterworfen, welche zu Hunderten dem Lager nachziehen. Sogar die Hiebe ſiehen un⸗ ter dem Schutz des Befehlshabers, wenn ſie mo⸗ natlich dafuͤr bezahlen. Das Zelt des Miniſters ſteht neben jenem des Fuͤrſten, die andern Befehlshaber waͤhlen ihre Plaͤ⸗ —(17)— damit ihr Gefolge ſich an ſie halten kann. Die Menge der Leute, die ein indiſches Heer begleiten, iſt auſſerordentlich groß, und man kann drey Per⸗ ſonen dieſer Art auf einen wirklichen Soldaten rech⸗ nen. Die Artillerie wird auf einem beſondern Pla⸗ tze, gewoͤhnlich auf einer Flanke, aufgefuͤhrt, die Infanterie ſchlaͤgt ihr Lager immer in der Fronte auf, und die Kapallerie wird meiſtentheils nach al⸗ len Richtungen ausgeſchickt, um den Feind zu beo⸗ bachten, oder Poſten um das Lager zu beſetzen. Alle Abende perſammelt der Fuͤrſt, ſowohl auf Maͤrſchen, als an Ruhetagen ſeine Miniſter, und alles wird eben ſo puͤnkiach und ordentlich beſorgt, als in ſeinem Pallaſt. Jeder, ſelbſt der niedrigſte Unterthan, kann Audienz erhalten. Soll die Armee aufbrechen, ſo beſtimmt der Oberbefehlshaber den Ort, wo ſie ſich den folgenden Tag lagern ſoll, dieſe Nachricht wird von den Leu⸗ ten des Generalquartiermeiſters auf dem Marktpla⸗ tze bekannt gemacht. Die Infanterie, welche jeder⸗ zeit den Vortrab ausmacht, bricht vor Sonnenauf⸗ gang auf, die Reiterey iſt ſelten vor 9 Uhr Mor⸗ gens marſchfertig, weil ſie vorher ihr Fruͤhſtuͤck oder ihre ganze Mahlzeit genießt, die Artillerie ſetzt ſich zuletzt in Bewegung, marſchirt ganz allein, und iſt oft von der Armee weit entfernt. Der Oberbefehls⸗ haber zieht mit vielem Pomp einher, ſeine Parade⸗ elephanten, diejenigen, welche ſeine Fahne tragen, ſeine Handpferde gehen voran, er ſeldſt folgt von einem auserleſenen Korps Reuterey begleitet, nach b 1 —(118)— Auf dem Marſche nimmt er anſehnliche Summen eig, denn jeder Ort, der im Angeſichte der Armee liegt, mag er nun in ſeinen eigenen, oder in frem⸗ den Laͤndern liegen, muß ihm ein Geſchenk machen;. deswegen haͤlt ſich der Artilleriepark weit von der Armee entfernt, weil er nach einem alten Herkom⸗ men von jedem Dorfe fuͤr jede Kanone eine Quan⸗ titaͤt Butter, ein Schaaf und eine Rupie fordert. Bey dieſer Forderung bleibt es jedoch ſelten, die Doͤrfer müſſen auch noch auſſerdem Leute ſtellen, um das Gepäcke fortzuſchaffen, Wagen und Zug⸗ ochfen liefern. Dieſe Lieferungen und andere Er⸗ preſſungen ſetzt der Dorfſchulze oder Steuereinneh⸗ mer auf die Rechnung des Landesherrn, und zieht ſie ihm wieder zum Beſten der Elnwoßner bey der Berechnung der Steuern und Gefaͤlle ab. Die Mahrattiſche Reuterey kann ſehr ſchnelle und lange dauernde Maͤrſche aushalten, und iſt zur Ertragung aller Arten von Beſchwerlichkeiten ge⸗ ſchickt. Weder die Manſuhns noch die ungünſtigſte Witterung haͤtt ſie auf ihren Zügen auf. Den gan⸗ zen Tag uͤber haͤlt der mahrattiſche Kavalleriſt keine Mahlzeit; koͤmmt er an ein Kornfeld, ſo ſtreift er einige Aehren ab, welche er auf dem Pferde mit den Haͤnden zerreibt, und ſodann verzehrt. Sein Pferd frißt alles, was es unterwegs findet, doch bekommt es auf langen Märſchen etwas Opium. Faͤhrt die Armee einen Train ſchwerer Artillerie bey ſich, ſo wird ſie dadurch nicht im geringſten aufge⸗ halten, weil die voraus geſchickten Reuter uüderall — 119)— Zugvieh zuſammen treiben, um die Artillerie fort⸗ zuſchaffen. Solche ſchnelle Maͤrſche finden aber bloß in auſſerordentlichen Faͤllen ſtatt, gewoͤhnlich legen die Mahrattenheere taͤglich 12 engliſche Meilen zurück. Obſchon eine Mahrattenarmee ſehr viele Le⸗ bensmittel braucht, ſo denken doch ihre Fuͤrſten nicht daran Magazine anzulegen, oder Vorraͤthe anzuſchaffen, ſondern ein jeder muß fuͤr ſich ſorgen. Die Getreidhaͤndler ſchicken gemeiniglich ihre Leute mit den Streifparteyen aus, um in den benachbar⸗ ten Ortſchaften Getreide und andere Beduͤrfniſſe einzukaufen, daher leidet ein indiſches Lager ſelten Mangel an Lebensmitteln, auch ſind dieſe gewoͤhn⸗ lich hoͤchſtens um fuͤnf Prozent theurer als auf den Markplaͤtzen der Staͤdte. Auſſerdem werden auch die Armeen noch von herumziehenden Getreide⸗ haͤndlern verſorgt, die Banjaries heiſſen, und ein beſonderer Stamm zu ſeyn ſcheinen; dieſe fuͤh⸗ ren mit Ochſen Getreide aus den entfernteſten Ge⸗ genden herbey, ſie reiſen in groſſen Karavanen mit Weibern und Kindern von einer Provinz zur an⸗ dern, und ſtanden vorher in ſolcher Achtung, daß ſie ungehindert mitten durch die ſtreitenden Heere mit ihren Borraͤthen ziehen konnten. Allein ſeit ei⸗ niger Zeit haben ſie viel von ihrer alten Unverletz⸗ lichkeit verloren, indem Tippo Saib ihre herumwan⸗ dernden Magazine bisweilen hat auspluͤndern laſſen. Da aber die Maͤnner dieſes Stammes immer gut bewaffnet, und in ſtarken Karavanen reiſen, ſo ſind —(a20)— ſie fuͤr ſich allein im Stande, die Angriffe geringe⸗ arer Detachements zurückzuweiſen. Die Infanterie der Mahratten wird immer von europaͤiſchen Offizieren befehligt; die Anführer ganzer Brigaden ziehen eine anſehnliche Beſoldung nebſt andern Vortheilen. Der Oberſte Perron, der auf den oben genannten de Boigne als Oberbe⸗ fehlshaber der ganzen Infanterie es Seindiah folgte und hernach Generalfeldmarſchall des Nizams wurde, hatte monatlich 5000 Rupien, andere eu⸗ ropaiſche Befehlshaber im Dienſte dieſes Fuͤrſten er⸗ halten alle Monate 1000 bis 3000 Rupien, eben ſo reichlich werden ſie von andern indiſchen Furſten be⸗ ſoldet. Europaͤer, die den Mahratten als Subal⸗ ternoffiziere dienen, bekommen monatlich 200 bis 500 Rupien. Die Bezahlung geſchieht zwar nicht pünktlich, iſt aber gewiß, es iſt kein Verluſt dabey zu fürchten, auch verlangt der gewoͤhnliche Däumi in Friedenszeiten wenig Koſten. Ueberhaupt ſind bey den Armeen der indiſchen Färſten, welche regulaͤre Truppen. halten, ungefaͤhr 300 Europaͤer angeſtellt, von dieſen fuͤhren etwa ſieben den Oberbefehl uͤber anſehnliche Korps und haben auch Gelegenheit, einiges Vermoͤgen zu er⸗ werben. Sechzig andere dienen als Offiziere, und die uͤbrigen, gemeiniglich Fluͤchtlinge von europaͤi⸗ ſchen Niederlaſſungen oder Schiffen, ſind als Uater⸗ offiziere und Artilleriſten angeſtellt. Die Meiſten von dieſen Ueberlaͤufern ſind Franzoſen, und da ſie unter teiner Diſcyplin ſtehen, ſo machen ſie ihren —(121)— Landsleuten wenig Ebhre, zeichnen ſich aber doch groͤßtentheils durch Muth und Unerſchrockenheit in Gefechten aus. Alle Europaͤer genieſſen bey den Mahrattenfuͤrſten Vorzuͤge, welche ſie den Hindus nicht verſtatten; alle europaͤiſchen Bedürfniſſe, wel⸗ che ſie verlangen, gehen durch das ganze Land Zoll und Abgaben frey; an den indiſchen Hoͤfen darf ſich kein Hindu ohne einer beſondern Erlaubniß ei⸗ nes Palankins bedienen, waͤhrend dieß ein Euro⸗ paͤer ungehindert thun kann: unter den Mahome⸗ danern gebraucht er ohne Anſtand einen gelben Ele⸗ phantenſitz, welche Farbe ſonſt bloß den Nabobs erlaubt iſt; macht er eine Reiſe durchs Land, ſo wird ſein ganzes Gepaͤcke koſtenfrey von elunn Or⸗ te zum andern geſchafft, und er genießt in Abſicht ſeiner Perſon und ſeines Eigenthums voͤllige Si⸗ cherheit. Die beyden letzterwaͤhnten Vorzuüge ge⸗ nieſſen uͤberhaupt alle indiſchen Militaͤrperſonen. Der Grund, warum die Mahrattenfuͤrſten ſo groſſe und zahlreiche Armeen halten, liegt vorzuͤg⸗ lich darinn, daß ihre neu eroberten Provinzen mei⸗ ſtens von kriegeriſchen, bisher unabhaͤngigen Voͤl⸗ kern bewohnt werden, die ihnen hoͤchſt ungern ge⸗ horchen, und keinen Heller bezahlen, wenn ſie nicht dazu gezwungen werden. Die Nasbuttenfuͤrſten halten es unter ihrer Wuͤrde, den auferlegten Tri⸗ but freywillig zu bezahlen, und ob ſie gleich gewiß wiſfen, daß ſte von den Mahratten geſchlagen wer⸗ den, ſo wagen ſie doch lieber einen Feldzug auf die unwahrſcheinliche Hoffnung, ihre ehemalige Unab⸗ * —(122)— haͤngigkeit wieder zu erlangen. Durch die ſtaͤten Kriege, welche die Mahratten fuͤhren, werden ſie ſtaͤts muthiger, kriegeriſcher, geſchickter und erfin⸗ deriſcher, und die Englaͤnder ſind bis jetzt noch nicht im Stande geweſen, Holkar zu einem dauerhaften Frieden zu bewegen. Dieſer Fuͤrſt bleibt vielmehr ihr geſchworner Feind, und ſein Haß gegen ſie wird noch durch die franzoͤſiſchen Offiziere unterhalten und genaͤhrt, welche in ſeinem Sold ſtehen. Durch dieſe gedrängte Schilderung der wichtig⸗ ſten Gegner Englande in Oſtindien glauben wir den Leſern unſers Werkes keine unintereſſante Unter⸗ haltung verſchafft zu haben. ——————— —(123)— XXXVII. Newfoundland. Nach George Heriot's voyage trough the Canadas. London 1807. 4. Raozdem wir von den Azoriſchen Inſeln abge⸗ reist waren, ſetzten wir unſere Fahrt nach Nord⸗ amerika fort. Bey unſerer Ankunft an den Baͤn⸗ ken von Newfoundland erblickten wir eine Anzahl Schiffe, die i in gewiſſen Entfernungen von einander, wie es ſchien, vor Anker lagen. Dieſe waren, wie wir bald erfuhren, mit dem Stockfiſchfang beſchaͤf⸗ tigt. Sie halten gewoͤhnlich achtzig bis hundert und fünfzig Tonnen und kommen aus verſchiedenen Pläͤtzen Englands, beſonders aus den weſtlichen Grafſchaften und von den Inſeln Jerſey und Guern⸗ ſey. Andere Fahrzeuge gehoͤren den Fiſchern, die in Newfoundland uͤberwintern, oder nach den Hä⸗ fen der benachbarten Theile des feſten Landes. Die groſſe Bank iſt ungefaͤhr vierzig See⸗ meilen, oder dreyſſig deutſche Meilen von der In⸗ —(124)— ſel entfernt und bildet einen ungeheuren Berg un⸗ terhalb der Oberflaͤche des Meers. Ihre Ausdeh⸗ nung von Norden nach Suͤden betraͤgt ungefaͤhr 160, und ihre Breite von Oſten nach Weſten 60 Sei'meilen, wenn man von den aͤuſſerſten Punkten an die Meſſung anſtellt. An der Oſtſeite, gegen die Mitte hin, findet man eine Art von Bay, das Diltch(der Graben) genannt. Ueber die ganze Banik hin wechſelt die Tiefe des Waſſers ab, ſo daß ſie zuweilen ſechzig, oft aber nur fuͤnf Klafter be⸗ trag t. Bey dem heiſſeſten Wetter beſucht der Fiſch wedeer die groſſen, noch die kleinen Baͤnke, ſondern bleibt im tiefen Waſſer. Viele haben bemerkt, daß das Geraͤuſch der Meexeswellen, ſo wie ſie ſich den Banken naͤhern, gellender und lauter wird, wel⸗ ches dem niedrigen Waſſerſtand zuzuſchreiben iſt. Die dicken Rebel, die hier mehr als an irgend ein em Theile des atlantiſchen Qceans herrſchen, ge⸗ währen eine eigne Erſcheinung, und entſtehen viel⸗ leicht durch die Stroͤmung aus dem Meerbuſen von Miziko, deſſen Abfluß dort durch den Druck der Baſſatwinde angehaͤuft wird. Der Stockſiſch, deſſen iberfluͤſſiges Borhanden⸗ ſeyn unter dieſen Breiten in einer Reihe von Jah⸗ ren einen wichtigen Gege ſtand der kaufmaͤnniſchen Unternehmungen dargeboten hat, wird für ſchmack⸗ hafter gehalten, als der, den man in Europas nordlichen Meeren findet, obwohl er dieſem an Beiſſe des Fieiſches ſehr nachſteht. 1—(125)— Die Fiſcher ſtellen ſich an die Seite des Fahr⸗ zeugs und ein jeder iſt mit Schnur und Angel ver⸗ ſehen. Iſt ein Fiſch gefangen, ſo wird ihm ſogleich die Zunge ausgeſchnitten und er einem uͤberliefert, der ihn etwas zurichtet und durch eine Lucke ins erſte Deck wirft, wo man ihm einen Theil des Rück⸗ grats aufreißt und durch eine zweyte Lucke in den Kielraum wirft, um geſalzen zu werden. Wenn eine zur Ladung des Schiffes hinreichende Anßahl Fiſche gefangen und geſalzen iſt, ſo ſegelt man von den Baͤnken nach der Inſel, wo das Schiff ausge⸗ laden wird, um wieder nach dem Fangplatz zurück zu kehren, und ſo erneuert man, in einer Jahrs⸗ zeit, vier bis fuͤnfmal die Fracht. Auf der Inſel wird der Stockfiſch getrocknet, und dort treffen groͤſſere Schiffe aus Enigland ein, um ihn den europaͤiſchen Maͤrkten zuzufuͤhren. Ein Mann, den man Culler oder Auf eher nennt, unterſucht die Ladung eines jeden Fahrijeuges, um zu verhüten daß uicht ein ſchlecht gepockelter Fiſch mit eingeladen werde, welcher leicht die ganze Fr Kcht beſchaͤbigen koͤnnte. Der Preis des in Newfoundland ouberetteten Fiſches iſt gemeiniglich 15 Schilling per Quintal oder Centner, welcher in Europa ungefaͤhr 20 Schil⸗ ling werth iſt. Die Transportskoſten nach der ſpa⸗ niſchen Kuͤſte betragen 2 Schilling 5 Pence und nach Livorno drey Schilling per Quintal. Ein mit zwoͤlf Mann beſetztes Schiff muß von der Mitte des Aprils bis zum July 10,000 Fiſche —(u6) fangen, ſalzen und in den Hafen bringen, widri⸗ genfalls ſind die Eigner von jedem Anſpruche auf die feſtgeſetzte Praͤmie ausgeſchloſſen. Allein ein ſolches Schiff bringt gewoͤhnlich die doppelte Anzahl waͤhrend dieſer Jahreszeit. Die Kauſteute Englands, die ſich in dieſe Fi⸗ ſcherey einlaſſen, geben den Fiſchern jeden Artikel, den dieſe noͤthig haben, auf Kredit, und es wird nach Ablauf des Jahres mit dem Ertrage der Ar⸗ beit bezahlt. Mehrere hundert tauſend Pfund Ster⸗ ling werden alſo von jenen Spekulanten auf einen Handelsartikel vorgeſchoſſen, der noch nicht dem Schooße des Ozeans entriſſen iſt. Ungefaͤhr 400 Schiffe von 36,000 Tonnen Laſt, 200 Fiſcherfahrzeuge von 20000 Tonnen und mit 2000 Mann ſind gewoͤhnlich in Friedenszeiten jedes Jahr mit dieſer Fiſcherey beſchäftigt. Unge⸗ faͤhr 600,000 Quintals Fiſche werden jaͤhrlich ge⸗ fangen, welche nach einer Vergleichung des Preiſes von ſieben Jahren, auf der Inſel 15 Schilling per Quintal werth ſind. Dieſe belaufen ſich, wenn man die übrigen Produkte, als den Lachs, das Stockfiſchoͤl, den Robbenthran(Seal oil) und die Pelzwerke mitrechnet, jaͤhrlich uͤber eine halbe Mil⸗ lion Pfund Sterling. Von den 10,000 Menſchen aus Grosbrittanien und Irrland, die ſich mit dem Stockfiſchfang be⸗ ſchaͤftigen, bleiben Zoo0 den ganzen Winter auf der Inſel, wenn jene Laͤnder nicht im Kriege begriffen ſind. Mehrere tauſend bleiben noch jetzt waͤhrend —(1½)— dieſer Jahrszeit dort“) und beſchaͤftigen ſich mit dem Bauen und Ausbeſſern der Boͤte und der klei⸗ nen Fahrzeuge, und mit dem Errichten der Gerüſte zum Trocknen der Fiſche. Dieſe ſind gewoͤhnlich nicht unerfahrne Leute, und man nennt ſie Pſtanzer (Planters.) Newfoundland, welches in Rückſicht der Aus⸗ dehnung unter die Inſeln erſter Groͤſſe zu rechaen iſt, ſteht in Rückſicht der Fruchtbarkeit des Bodens, ſo weit man es bisher kennt, weit unter einer je⸗ den von aͤhnlichem Umfange. Ob es je Ureinwoh⸗ ner hatte, iſt nicht mit Gewißheit zu beſtimmen, und die Unfruchtbarkeit dieſes Landes, wenn ſie auch ſo abſolut wäre, als man gewoͤhnlich annimmt, iſt kein zureichender Gegenbeweis, daß es nie ſolche hatte, da die Eingebornen von Amerika im Allge⸗ meinen nicht von den vegetabelen Erzeugniſſen des Bodens, ſondern vom Fiſchfange und der Jagd le⸗ ben. Die Eskimo's, das einzige Volk, welches man dort antraf, ſind keineswegs als urſprünglich⸗ Bewohner des Landes zu betrachten. Das benach⸗ barte, nur durch eine ſehr ſchmale Meerenge(Bel- leide) davon getrennte Labrador iſt ihr Vaterland, wo ſie ſich groͤßtentheils das Jahr uͤber aufhalten, und, ungebunden an irgend einen beſondern Fleck, *) Ganz Rewfoundland zaͤhlt nach einer ſehr glaub⸗ wuͤrdigen Angabe 2324 Hänuſer, welche von 25,860 Engländern und ſetzhaften Eskimo's bewohnt werden.. —(128)— wandern ſie uͤber einen ungeheuren Streif wuͤſter unwirthlicher Wildniſſe, obwohl ihre Anzahl, wenn man ſie zuſammenbraͤchte, kaum ein paar Doͤrfer bevoͤlkern wuͤrde. In dem wunderbaren und ſchrecklichen Land⸗ ſtrich, der von den Spaniern Labrador, von den Frauzoſen aber Neu⸗Bretagne genannt wird, und welchen der St. Lorenzſtrom nebſt dem noͤrdlichen Mieere begraͤnzt, findet man keine Wilde, ausge⸗ nommen die Eskimo's. Sie werden auch in einer betraͤchtlichen Entfernung von der Huchſonsbay, an Flüſſen, die von Weſten herſtroͤmen, angetroffen. Die Beſchaffenheit und Lebensart dieſes elenden Vol⸗ kes iſt aus andern Schriften hinlaͤnglich bekannt. Newfoundland hat die Geſtalt eines Dreyecks, und mißt 100 Seemeilen von Oſten nach Weſten und 125 von Süden nach Norden; es liegt zwiſchen dem 46. und 52. Grad noͤrdlicher Breite. Johann Gabato, ein Venetianer, war unter dem Schutze Heinrichs VII. Koͤnigs von England, der erſte Ent⸗ decker desſelben. Erſt nach vierzig Jahren fteng man an, daraus Nutzen zu ziehen. Cap Race und Cap Nay find zwey Vorgebirge, welche den Schif⸗ fern, die in den St. Lorenzſtrom ſegeln wollen, als Wahrzeichen dienen. Achtzehn Seemeilen weſtwaͤrts von dem erſtgenannten Vorgebirge zeigt ſich das Cap St. Mary, welches den Eingang der Bucht von Placentia gegen Oſten bildet. Dieſe Bucht iſt 16 Seemeilen breit und 20 tief. Da, wo ſie ſich endet, iſt der Hafen geraͤumig genng zur ſicheren 1 —(129— Zuflucht fuͤr mehr als 150 Schiffe und von dem Fort St. Louis vertheidigt. Die Franzoſen wa⸗ ren die erſten Europaͤer, die dieſe Gegend beſuchten. Zwiſchen Placentia und dem Cap Ray, dem Weſtende der Inſel, dringen zwey andere Buchten von betraͤchtlichem Umfange, die Fortune und Despair⸗Bay ins Land hinein. Cap Ray bildet mit der nur 15 Seemeilen davon entlegenen Inſel St⸗ Paul den Eingang in den Meerbuſen von St. Lo⸗ renzo und Schiffe, die bey hellem Wetter hindurch⸗ ſegeln, koͤnnen entweder das Cap oder die Inſel deutlich unterſcheiden. Auſſer dieſen beyden Buch⸗ ten enthaͤlt Newfoundland noch eine Menge andere, vorzüglich au der Oſtkuͤſte, unter welchen beſonders die Trinity⸗ und Conceptions⸗Bay ihres Um⸗ fangs wegen zu bemerken⸗ſind. Nahe bey der letz⸗ ten iſt der ſichere und wohlbefeſtigte Hafen St. John. Eingeſchloſſen von dunkeln, ſchauerlichen Fel⸗ ſen, die ein kahles, unwirthbares Anſehen haben, erſcheint die Inſel ſehr traurig, und dieſes nicht ein⸗ ladende Aeuſſere iſt auch wirklich der innern Be⸗ ſchaffenheit derſelben angemeſſen, da ſie, rauh und kahl, ſo wenig erhabene als angenehme Anſichten gewaͤhrt. Eine Seemeile von dem Eingange des Hafens St. John iſt keine Oeffnung an der Kuͤſte zu unterſcheiden. Ein weiſſer Thurm, auf einer gaͤ⸗ hen Anhoͤhe erbaut, ſcheint mehr beſtimmt, die Schif⸗ fe von der Gefahr der Annaͤherung an dieſe felſigte Kuͤſte zu warnen, als zu einem Wahrzeichen, wel⸗ ches ſie zum Orte der Sicherheit leitet.— Bey no⸗ VI. Baͤndch. J 1 — 30)— herer Unterſuchung erkennt man ſeine Staͤrke; deun kein feindliches Schiff kann ungeſtraft die enge Kluft unter ihm durchſegeln. Es iſt das Fort Amherſt, welches an dem Abhange der Suͤdſeite der Einfahrt des St. Johnshafens liegt. Haidekraut, Wacholderſtauden und Spruceſich⸗ ten, die Produkte der Unfruchtbarkeit, bedecken ſpaͤr⸗ lich die felſige Oberflaͤche. Die Anſicht des Hafens und ſeiner Umgebung iſt dennoch maleriſch wild. Koͤmmt man weiter in die Einfahrt hinein, ſo ſieht man zur linken eine Batterie, und zur rechten eine an⸗ dere. Auf betraͤchtlichen Anhoͤhen oberhalb derſel⸗ ben erblickt man mehrere kleine Schanzen. Ein ke⸗ gelförmiger Fels iſt ebenfalls mit einer Batterie ge⸗ kroͤnt, die unter der Leitung des kuͤrzlich verſtorbe⸗ nen Sir James Wallace erbaut wurde, welcher im Jahre 1796 ſich wit einem Schiffe von 50 Kano⸗ nen, tapfer und gluͤcklich gegen die Angriffe des Ad⸗ mirals Richery vertheidigte. Die Stadt St. John an dem Hafen und ih⸗ re Lage hat wenig Angenehmes, ausgenommen fuͤr denjenigen, der von Eigennutz und Noth. getrieben, mehr auf Geldverdienſt, als auf einen reizenden Aufenthalt Ruͤckſicht nimmt. Sie hat eine Kirche und zwey Kapellen, die erſte fuͤr die Katholiken⸗ die beyden andern füͤr die Methodiſten, auch einen Gerichtshof und ein Zollhaus. 3 5 —— — —(1315)— In h. a l t des ſechsten Bändchens. XXIX. Nucſe Nachrichten von Peſer Von Ange Gardanne. XXX. Schilderung von Barcellona, nach Alexander de Laborde. XXXI. Die Inſel Volkano. Nach Spallan⸗ zanis Beobachtungen XXXII. Schilderung der Eingaleſen zder Ceyloneſen. XXXIII. Die Bedahs auf der Inſel Geplon XXXIV. Gemaͤlde von Lima.. XXXV. Bemerkungen uͤber die Moldau, Beſ⸗ ſarabien, die Krimm, Weißrußland und die Ukraine. Vom 8 hheeen von Cam⸗ penhauſen XXXVI. Nachrichten von den Mahratten. Nach Tone XXXVII. Newfoundland. Nach George He- riot''s voyage trough the Canadas. J 2 Seite 123 Da gegenwärtigen Zeitumſtände hindern die Fortſetzung dieſer Gemälde. Sie werden entworfenen, vermehrten Plane wieder erſcheinen. aber im künftigen Jahre nach einem neu r 1 2 2— en Barcelorree, 3 1 Ee⸗ 4 5 J. Se 4 . Lreee 2 emln, Sranae 82 1 4„ 5 5) 2 1 Aurz dn Ru, 2Q NEU=SPANIEN. Zcmrwortene won Eiumballt. 4 ee 7 — ſſ 5 Nnnnſnnnſſſſſſfſſſſſſſſſiiſiſſſſſiſſ 10 11 12 13 14 15 —— „ A 1 1