-—---— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von b. Eduard Otltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ) jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme — eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: fur wpchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———j—— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 1 W— Pf. Pek. „ 3„„=„ 3„=„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. kus ontteaeit, Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattünden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8———— — 8 η 2 X ‿ △ά ⁸ O — — Zweiter Theil. Ein Sohn des Volkes. Zweiter Theil. ——⏑—⏑——:—— Leipzig: F. A. Brockhaus. 1849. König Volk. Erstes Kapitel. Wir haben Karl in dem Augenblick verlaſſen, als er mit der Nachricht vom Tode Kaiſer Jo⸗ ſeph's aus Wien eilte. Mit dem Kaiſer war in unſerm Helden die Hoffnung geſtorben, daß vom Principe der alten Welt aus, durch die gottgegebene Macht der Kronen die Menſchheit der ſtaatlichen und ſittlichen Verjüngung zuge⸗ führt werden könne, welche ſie bedurfte. Aber nicht in ſeiner Bruſt allein lebte dieſe Ueberzeu-⸗£ gung; ſie hatte die denkenden Köpfe der ganzen Zeit erfaßt und in Frankreich war ſie zu der nothwendigen Schlußfolgerung vorgeſchritten: es hat alſo das Volk ſelber jene Verjüngung vor⸗ zunehmen. Schücking, Sohn des Volkes. II. 1 Das Volk in Frankreich war in voller Thä⸗ tigkeit. In Karl lebte zu ſehr der Durſt nach dem Idealen, der jungen Seelen eigen iſt, zu ſehr das Rechtsgefühl, das in jener Zeit ſich empört fühlen mußte durch die Despotie der von der Willkür Privilegirten über die nicht Privilegir⸗ ten, durch den tiefen Hohn, welchen das ge⸗ ſchichtlich Gewordene gegen das Vernünftige enthielt, als daß er nicht mit ganzer Seele an jener Thätigkeit des Volkes Theil genommen hätte. Das eine der zwei großen Lager, in welche die Welt ſich zu theilen begann, hatte ihn in ſeinen ſchönſten Hoffnungen getäuſcht. Er trug ſein Herz in das andere. Nachdem er ſeinen Auftrag ausgerichtet, war er zurückgekehrt und hatte ſich von Wien und von ſeinem Oheim, dem diplomatiſchen Freiherrn, losge⸗ macht. Von dieſem hatte er vernommen, daß auch die Fürſtin K. und Bianca nach Paris gereiſt ſeien. Sie wolle ihre Freundin Marie Antoinette aus Frankreich zurückholen, allen Ja⸗ cobinern zum Trotz, hatte die kühne Fürſtin ih⸗ ren Wiener Bekannten gelobt. Von Bianca hatte Karl ſonſt nichts in Erfahrung gebracht. Sein Gefühl für ſie hatte er glücklich bezwun— gen. Es war einer ruhigen Theilnahme gewichen. Nachdem er in langſamer Reiſe die Städte und Höfe Süddeutſchlands geſehen, war er nun ebenfalls nach Frankreich gegangen. Neben dem Verlangen, ſeine politiſchen Lehrjahre zu voll⸗ enden, hatte ihn aber auch der Vorſatz hierhin geführt, Lambert für ſein Verbrechen zu ſtrafen. Er mußte dieſen nach den Erkundigungen, die er eingezogen, nach Paris zurückgekehrt glauben. So finden wir Karl wieder in Paris. Er hatte es mit einer gewiſſen Zaghaftigkeit betreten, die er ſich jedoch ſelbſt nicht zugeſtand. Wie wir früher ſahen, hatte ſich in ſeiner jungen Seele nach und nach eine gewiſſe Menſchenverachtung 1* feſtgeſetzt und der Grundſatz: Alles für, nichts durch das Volk, einen entſchiedenen Vertheidiger in ihm gewonnen. Aber große Ereigniſſe wer⸗ fen ja nur zu oft unſere Anſchauungen und Meinungen um und reißen uns in ihren Stru⸗ del fort. Er war zu jung, als daß der Glaube an die Weisheit, an die Hochherzigkeit, an den Alles übertreffenden Adel des Königs Volk nicht hätte Zugang zu ſeinem Herzen finden ſollen, da alle Welt dieſes Volk pries, bewunderte, von ihm die Freiheit und das Glück der Zukunft erwartete. Er wollte glauben, er zwang ſich dazu. Es tauchten zuweilen die alten Zweifel und Gedanken in ihm auf und flüſterten ihm zu, daß die Geſtalt dieſes Königs Volk, welcher mit ſo ritterlicher Entrüſtung die verfolgte Un⸗ ſchuld rettete, die Stolzen demüthigte und das demüthige Verdienſt auf den Thron erhob, kurz, welcher mit ſo viel Edelmuth das Recht und die Tugend an der Despotie rächte, auch etwas ——— 2 5 vom edeln, an ſchönen Verheißungen eben ſo reichen Ritter Donquichote an ſich haben könnte. Doch er wies ſolche Gedanken als ariſtokratiſche Blutwallungen mit aller Macht von ſich. Denn in der That, was wäre übrig geblieben, an welche Götter hätte er noch glauben dürfen, wenn er, der der Zeuge von der Ohnmacht des größten Fürſten ſeiner Zeit geweſen, auch die Ohnmacht der größten Volkserhebung hätte ein⸗ räumen müſſen! Und doch— der Augenblick innerer Ge⸗ ſtändniſſe, verzweifelter Ueberzeugungen, an de⸗ nen alle Hoffnungen ſtarben, kamen früh genug, um ſeine ſtillen, unterdrückten Sorgen zu recht⸗ fertigen. Im Anfange hatte ihn der Rauſch ergriffen, der ſich lebhafter Menſchen inmitten großer Bewegungen ſo leicht bemächtigt. Ein lange unterdrücktes, am Lenkſeil geführtes, be⸗ trogenes Volk ſich erheben, mit tapferer Hand ſeine Feſſeln zerſchlagen, Baſtillen, und wie alle die Kirchen des politiſchen Aberglaubens heißen, erſtürmen und ausfegen ſehen, hat etwas ſo Hin⸗ reißendes, Berauſchendes, daß es ſchwer iſt, in⸗ mitten ſolcher Exploſionen eine ruhige und ur⸗ theilfeſte Stellung zu bewahren. Wie viel Na⸗ turen wirft nicht eine ſolche Bewegung völlig aus ihrem Gleiſe, daß ſie ſich, compaßlos, ein Spiel der Wellen, umherſchleudern laſſen, bis ſie in den Abgründen des eigenen Ich, in dem ſie keinen Boden und keinen Halt mehr finden, untergehen! Im Charakter Karl's lagen jedoch glücklicher Weiſe zu viele feſte Ankergründe für das ſchwan⸗ kende Fahrzeug der Vernunft, als daß er lange ein Spielzeug der Eindrücke hätte ſein können, welche mit bunten Illuſionen den eigentlichen Boden der Volksbewegung überhüllten. Es war zum erſten Male am 10. Auguſt 1792, daß die täuſchenden Eindrücke wie Schleier und Binden vor ihm niederfielen. 7 Einige Tage darauf wurde die königliche Familie in den Tempel gebracht. Karl befand ſich auf den Boulevards, über welche ſich durch eine furchtbar dicht gedrängte Menſchenmenge der Zug bewegte. Die Köpfe und die Bajonette hinderten ihn, die unglück— lichen Schlachtopfer der Volkswuth zu erblicken; er hörte nur das Hohngeziſch, die Verwün⸗ ſchungen, den wüſten Lärm, womit der Pöbel ſie aufnahm. Der Zorn kochte auf in ſeiner Bruſt. Er fühlte, er werde nicht mächtig ſein, ihn bis zu Ende niederzukämpfen, und darum ſuchte er ſich Bahn zu brechen, um aus dem Gedränge hinauszukommen. Erſt nach großer Anſtrengung gelang es ihm. Als er ſich allein in einer von Menſchen verlaſſenen Straße ſah, deren öde Stille aufs ſchärfſte mit den lärm⸗ erfüllten Boulevards contraſtirte, von wo her, immer ferner verhallend, der Trommelſchlag der Nationalgardecolonnen, das Brauſen der Volks⸗ maſſen herüberſcholl, fühlte er eine unendliche Muth⸗ und Hoffnungsloſigkeit über ſich kom⸗ men. Es lag etwas ihm ſelbſt Fremdartiges, etwas, was er früher nie in ſich erlebt, in die⸗ ſer Stimmung. Die ſtille Straße, in welcher er ſich befand, ſchien ihm die Wirklichkeit ver⸗ loren zu haben, es war ihm, als ob er in die Welt, die ihn umgab, wie in etwas Weſenlo⸗ ſes, ein Traumphantom, ein Panoramabild blicke. Die hohen, grüngrauen Häuſer mit den viereckig gezerrten Fenſteraugen hatten etwas Spukhaftes; einzelne Menſchen, welche ſich mit geſpannten Zügen ſcheu an den Mauern herſchlichen, wie um der Beobachtung jedes fremden Auges zu entgehen, waren wie vorüberhuſchende Traum⸗ geſtalten. Alle ſeine Empfindungen hatten ſich ſo in ein Gefühl concentrirt und in ſeine in⸗ nerſte Seele zuſammengezogen, daß die umge⸗ bende Welt, in welche ſie ſonſt ſich belebend er⸗ goſſen, plötzlich für ihn abgeſtorben war. — 9 In ſolchen Augenblicken fühlt man es, daß der Menſch nicht beſtimmt iſt, ſich einmal völlig aufzulöſen und in das All zu zerfließen, ſon⸗ dern, daß er dem Irdiſchen ſo fremd iſt, wie urſprünglich ſeine Seele dem Körper. Der Schmerz läßt uns einen halben Tod ſterben. Die Seele zieht ſich bereits aus der Welt zu⸗ rück; ſie bleibt nur noch im Körper. Karl beſchloß aus Paris abzureiſen und ſich aus einer Welt, deren Erſcheinungen ſein Herz mit Verzweiflung erfüllten, in den ſtillen Frie⸗ den ſeiner Heimat zu flüchten. Gleich morgen wollte er fort. Aber als es morgen geworden, verſchob er die Abreiſe und ſo mehre Tage hin⸗ durch immer auf's neue. Es war, als hielte ihn ein inneres Widerſtreben zurück, die letzte Hoff⸗ nung fahren zu laſſen, oder eine Ahnung, daß er noch ein verſöhnendes Ereigniß, eine Rückkehr zu Maß und Menſchlichkeit, zu Vernunft und Selbſtüberwindung in dieſem Volke erleben 1*⁵ X werde, auf welches er ſeine Hoffnungen für die Zukunft des menſchlichen Geſchlechts gebaut hatte. So ſchwand ein Tag nach dem andern. Das Ende des Auguſt nahte. Karl war noch immer in Paris, beobachtend, die Sitzungen der Nationalverſammlung beſuchend, in den Jour⸗ nalen den Höhemeſſer der öffentlichen Stim⸗ mung, die Vorboten erſehnter Aenderung in dieſer Stimmung ſuchend. Als Karl eines Tages durch die Straßen ſchlenderte und in die Rue Valois gekommen war, trat vor ihm raſch ein junger Mann aus einer der Paſſagen, welche von der Galerie des Palais royal in die genannte Straße führen. Der Fremde blieb vor ihm ſtehen und lüftete mit einem auffallend freundlichen Blicke den Hut. Karl erinnerte ſich, daß er ihn bereits einige Male auf ſeinen Wegen vor ſich auftau— chen geſehen. Aber er war nicht gerade geneigt, ſich noch in eine neue Bekanntſchaft einzulaſſen, 11 und ſo wollte er vorübergehen. Der junge Mann jedoch, eine zarte und ariſtokratiſche Geſtalt, mit ſehr hübſchen Zügen, legte die Hand auf ſeinen Arm, um ihn zurückzuhalten, und fragte lächelnd und bedeutungsvoll: Haben Sie ihn gefunden? Ihn gefunden? Wen? Nun, Den, welchen Sie ſuchen. Suchen Sie nicht Jemand in Paris? In der That! verſetzte Karl überraſcht. Ich will Sie auf ſeine Spur führen. Wer ſind Sie? Erlauben Sie mir, daß ich Sie heute Abend zu den Cordeliers führe, verſetzte der Fremde ausweichend. Wo darf ich Sie abholen? Karl zog ſein Taſchenbuch hervor und wollte eine Karte herausnehmen, auf welcher ſeine Wohnung verzeichnet war. Aber der junge Mann verhinderte ihn daran. So viel Ver⸗ trauen verlang ich nicht, ſagte er. Geben Sie mir ein Rendezvous in irgend einem Café. Nun wohl, im Café d'Hannovre. Gut— um acht Uhr! Sie trennten ſich. Der Fremde verſchwand in einem der nächſten Thorwege. Karl verfolgte ſeinen Weg, vergebens den Schlüſſel zu der räthſelhaften, ans Wunderbare ſtreifenden Be⸗ kanntſchaft des jungen Mannes mit ſeinen Ab⸗ ſichten ſuchend. Als er ſich dem Platz des Pa⸗ lais royal näherte, ſcholl ihm ein wüſtes Ge⸗ brülle entgegen. Es war jenes Blutlied: Ah, ga ira, ça ira, ça ira— Les aristocrates à la lanterne! Ah, ca ira, ca ira, ça ira— Les aristocrates on les pendra! Que faut-il au républicain? Du coeur, du fer et puis du pain. Du coceur pour le danger, Du fer pour l'étranger, Et du pain pour les freres! Vive le son du canon! — —— 13 Ueber den Platz marſchirte eben eine Abtheilung Artillerie der Nationalgarde in der Richtung nach dem Baſtilleplatze zu. Eine wüſte Horde Sansculotten, mit Piken bewaffnet, umgab die Geſchütze und raſſelnden Munitionskarren. Auf der erſten Kanone ſaß rittlings ein junges Weib, eine der auffallendſten Geſtalten, welche noch vor Karl in dieſer an ſcheußlichen Erſcheinungen aller Art ſo reichen Stadt aufgetaucht waren. Sie ſah aus wie der perſonificirte Genius der Revolution. Sie trug ein Amazonengewand von blutrother Farbe, einen Männerhut mit wehen⸗ dem Federbuſch, einen Säbel und zwei Piſtolen im Gürtel. Ihr blaſſes Geſicht war nicht ohne Schönheit, es hatte urſprünglich auffallend edle und regelmäßige Züge, die Locken glänzten von einem prachtvollen Kaſtanienbraun. Aber dieſe Locken flatterten ſo wirr wie die einer Mänade, die Augen mit dem unſtäten Zucken der Blicke hatten etwas von einer thieriſchen Wildheit an ſich, und die Geberden, mit welchen ſie den Ge— ſang der Carmagnole, den ſie mit dem wüſten Haufen abbrüllte, begleitete, zeigten etwas ſo Cyniſches, daß Karl ſich angewidert abwandte. Karl hatte wenig Bekannte gemacht, ſo lange er in Paris war. Die Menſchen waren alle durch die Revolution unzugänglich geworden, ausſchließlich mit ihren Plänen und Aufgaben beſchäftigt, und die Geſellſchaft hatte ſich ato⸗ miſtiſch zerſetzt. Jeder ſchien iſolirt für ſich zu leben. Die Revolutionen machen egoiſtiſch, denn die Furcht und der Ehrgeiz ſind es. Die Für⸗ ſtin K. hatte Karl nicht gefunden. Sie war ohne Zweifel längſt abgereiſt. Paris war kein Aufenthalt für unbeſchützte Frauen. Ein paar Familien, an welche er empfohlen worden war, hatten ſich geflüchtet. So ſuchte er einſam ſeine Wohnung auf, welche am Ende der Rue Saint Honoré, nach den Champs Elyſees hin, lag, und blieb dort, bis der Abend nahte. Um acht Uhr betrat er das Café d'Hannovre. Die Räume waren ſpärlich beſetzt. Eine fieberhafte Unruhe trieb die Menſchen umher; ſie unterhielten ſich, heftig geſticulirend, in Gruppen auf den Stra⸗ ßen, oder ſtrömten in die Clubs. Karl nahm an einem der Tiſche Platz und ließ ſich Eis reichen. Der Aufwärter legte das neueſte fliegende Blatt aus der Feder Camille Desmoulins', welches ſoeben ausgerufen wor⸗ den war, daneben. Karl ſtieß es mit Unwillen von ſich. Unter Allem, was die Mauerecken bedeckte oder von Colporteurs für einen Sou ausgeboten wurde, waren ihm die Diatriben jenes Schriftſtellers die widrigſten. Unter den lügenhaften und blutdürſtigen Phraſen, welche den einzigen Inhalt der Pariſer Preſſe bildeten und ſich in Marat's aus Kellerhöhlen geſchleu⸗ derten Libellen, dem Ami du peuple, bis zur höchſten Raſerei ſteigerten, ſchien ihm nichts ſo empörend, wie der kalte Spott, die frivole Spaß⸗ 16 macherei, die bei Camille Desmoulins mit dem politiſchen Fanatismus Hand in Hand ging und etwas unausſprechlich Widriges hatte. Dem Kellner war die unwillige Bewegung, womit Karl den Geiſteserguß des großen De⸗ magogen von ſich geſtoßen, nicht entgangen. Er flüſterte mit den andern Aufwärtern; einer von ihnen, ein junger Burſche mit krauſem dunkeln Haar und einem ſchielenden Blicke, trat vor ihn hin und fragte mit einem inſolenten Tone: Verachten Sie die Wahrheiten dieſes großen Volksfreundes? L'Etange! Laissez donc! rief ihm be⸗ ſchwichtigend einer ſeiner Collegen zu. Aber L'Etange glaubte ſich berechtigt, im Namen ſeiner guten Geſinnung unverſchämt ſein zu dürfen. Karl warf einen kalten verächtlichen Blick auf den Burſchen und wendete ihm den Rücken, als der junge Mann, den er erwartete, eintrat. ¹ 44 Gut, daß Sie kommen, rief Karl ihm ent⸗ gegen; ich war eben im Begriff, eine Lection im Civismus zu erhalten. Sie verließen das Café. Es iſt wunderbar, fuhr Karl fort, als ſie draußen waren, wie viel Roheit und thieriſche Neigungen ſolch eine Re⸗ volution entfeſſelt! Wenn man Tage erlebt, wie ſie jetzt über Paris heraufgezogen ſind— Sie ſtocken— ſagte der Fremde— Sie mistrauen mir. Seien Sie ohne Beſorgniß. Ich bin— und er neigte lächelnd ſein Geſicht an Karl's Ohr, um leiſe zu flüſtern: Ein Ari⸗ ſtokrat! Ich vertraue Ihnen— wie würde ich Ih⸗ nen ſonſt folgen? uUnd was meinen Namen angeht: ich heiße La Roche, cidevant Marquis und jetzt Citoyen. Sie heißen La Roche, doch nicht Polydore de la Roche? Allerdings! 18 So begrüße ich in Ihnen einen Freund mei⸗ ner Familie. Sie ſind ſehr gütig, mich ſo zu nennen. Ich war vor längerer Zeit in Deutſchland, auf ei⸗ ner Reiſe zum Cardinal Montmorency, meinem Großoheim, der ſich eine Zuflucht in Weſtfalen geſucht hat. Auf dieſer Reiſe habe ich die Gaſt⸗ freundſchaft Ihres Hauſes in Anſpruch genom⸗ men, und habe dort ſehr lange läſtig fallen müſſen, da mich ein oft zurückkehrendes Wechſelfieber, an welchem ich damals litt, an der Weiterreiſe durch Ihr etwas unwegſames Vaterland hinderte. Aber ſtatt der ſchlechten Wege hat es deſto mehr Gaſt⸗ lichkeit und Wohlwollen für den Fremden! Karl hatte ſeitdem durch Briefe ſeiner El⸗ tern die näheren Umſtände vom Aufenthalte des Marquis in Schwalborn erfahren. Das Ge⸗ rücht, welches die müßigen Köpfe der Landbe⸗ wohner ſtets mehr als andere Menſchenkinder beſchäftigt, hatte die Anweſenheit des jungen 19 Franzoſen als eine Bewerbung um die Schwe⸗ ſter Karl's gedeutet. Auch Cöleſtine hatte die⸗ ſem Gerücht Glauben beigemeſſen und, wie wir ſahen, ihrem Geliebten als wahre Thatſache mitgetheilt. Und doch war es völlig unbe⸗ gründet geweſen. Marianne war während des Aufenthalts des Marquis nicht einmal in Schwalborn anweſend; ſie war erſt einige Zeit ſpäter heimgekehrt.—— Vollenden Sie, nahm der Marquis das Ge⸗ ſpräch wieder auf. Es drängt ſich uns, fuhr Karl fort, nach und nach eine Ueberzeugung auf, die die ganze Menſchheit in ihrem Drange nach politiſchen Umwälzungen auf einem Irrwege zeigt. Das Leben der Geſellſchaft fühlt ſich krank. Um ſich zu heilen, ſucht es andere Formen. Iſt das nicht daſſelbe, als wenn ein Kranker einen an⸗ dern Rock anzöge, ſtatt eine innerliche Cur zu verſuchen? Das iſt freilich ungefähr daſſelbe. Das innere Leben der Geſellſchaft übt ſeine Functionen in den Sitten. Dieſe bilden den eigentlichen Gehalt. Die politiſchen For— men bilden nur die Einkleidung des Lebens. Nun ſehen wir heute alle Ideen, alle Thätig⸗ keiten mit einer Art Fanatismus auf dieſe Ein⸗ kleidung ſich ſtürzen. Das iſt, wie der Her⸗ vorbruch von Roheit, Blutdurſt und Unver⸗ ſtand in unſern Tagen zeigt, ein grenzenloſer Irrthum. Man hüätte die Bildung des Volks⸗ geiſtes, die Hebung der moraliſch verwahr⸗ loſten Claſſen zu humanen und chriſtlichen Ideen mit demſelben Eifer ins Auge faſſen ſollen und die politiſchen Formen würden ſich dann ohne Mord, Blut und Aufruhr von ſel⸗ ber harmoniſch um den geſundeten Staatskör⸗ per gelegt haben. Jedenfalls ſcheint mir das Volk gute Dorfſchullehrer und Pfarrer nöthiger zu haben, als der Staat die politiſchen Meta⸗ 21 phyſiker und großen Redner in der National⸗ verſammlung! Sie waren am Ziele ihrer Wanderung. Das dunkle Kloſtergebäude der Cordeliers lag vor ihnen; es war in der Nähe der Reitbahn, in welcher die Nationalverſammlung ihre Sitzun⸗ gen hielt. Die alten Mauern und Räume des Gebäudes boten einen unendlich traurigen An⸗ blick dar. Schmuz und Verwüſtung herrſchten darin, umher lagen zerſchlagene Bilder und verſtümmelte Glieder ſteinerner Statuen, ob⸗ ſcöne Zeichnungen und Inſchriften waren mit Kohle auf den zerfallenden Kalküberzug der Mauern gemalt; durchbrochene oder ausgeho⸗ bene Thüren ließen zur Rechten und Linken der Corridore in öde, ausgeraubte, mit Schutt oder nutzloſem alten Geräth gefüllte Gemächer und Kammern blicken. Den traurigſten An⸗ blick bot die alte, am Ende des 16. Jahrhun⸗ derts in ſchwerfälligem, unreinem gothiſchen Styl gebaute Kirche dar. Aus dem Gottes⸗ haus hatte der Cultus der„Freiheit“ ein voll⸗ ſtändiges Bethaus des Teufels gemacht. Was an die chriſtliche Beſtimmung des Gebäudes er⸗ innerte, war zerſchlagen und vertilgt. Durch die zertrümmerten Scheiben der hohen Spitzbo⸗ genfenſter und Roſetten zog der Abendwind. An der Stelle des Altars erhob ſich die Red⸗ nerbühne, ein freies Gerüſt ohne Verkleidung und Rand, darüber der Sitz des Präſidenten, auf deſſen Bureau rothe Mützen lagen, von denen jeder Redner eine nahm, um ſie ſich auf⸗ zuſetzen, bevor er die Verſammlung anredete. Hinter dem Präſidenten ſtand, ebenfalls mit der rothen Mütze auf dem Kopf, die Statue der Freiheit, neben ihr, an den Wänden auf⸗ gehangen, erblickte man Ketten, eiſerne Zangen und roſtige Inſtrumente von ſeltſamer Form. Karl fragte ſeinen Begleiter nach der Bedeutung dieſer Wandverzierung. Es ſind alte Folterinſtrumente, die man zur Belebung des Civismus im Tempel deſſelben aufgehangen hat, verſetzte La Roche. Die Kirche war von der Zuhörerſchaft nicht ganz erfüllt. Karl und der Marquis näherten ſich der Rednerbühne ſo weit, um den Demo⸗ ſthenes dieſer wüſten Agora verſtehen zu kön⸗ nen. Es war ein unterſetzter Kerl mit ſtruppi⸗ gem Haar und indigoblauen Fäuſten, welche ſeinen Beruf, die Dinge in ihrer rechten Farbe darzuſtellen, hinlänglich beurkundeten.„Als der Bürger Kain— ſo lauteten die erſten Worte, welche das Ohr Karl's auffing— den ab⸗ ſcheulichen Ariſtokraten Abel erſchlug, da er⸗ hob ſich zum erſten Mal der unterdrückte Mann des Volkes wider die Tyrannei des Glückes, wider das Privilegium der Kaſte, welche die Gaben Gottes allein an ſich reißen möchte: es war die erſte Revolution des Armen wider den Reichen. Die Schranzen der Könige, die Pfaf⸗ fen des Egoismus, die Fanatiker der Unter⸗ drückung haben die That des hochherzigen Kain mit Schmach bedecken wollen. Sie haben die Lüge erfunden, es habe die Hand Gottes ihm einen ſichtbaren Stempel der Verwerfung auf die Stirn gedrückt, und er ſei flüchtig auf Er⸗ den umhergeirrt. O über dieſe Infamen! Zu allen Zeiten ſind ſie darauf ausgegangen, den Armen und Unter⸗ drückten, der ſich zu erheben wagte wider ſeine Tyrannen, den Gefangenen, der ſeinen Kerker⸗ meiſter niederſchlug, den Sklaven, der ſei— nen Peiniger, den Leibeigenen, der ſeinen Vogt erdroſſelte, zum Mörder und Verbre⸗ cher zu ſtempeln! Zum Mörder,— ja nennt ihn nur Mörder, häuft nur alle die Schmach, all das bodenlos Verruchte, das Scheußliche, das für Euch in dieſem Worte liegt, auf ihn! In unſern Augen, die an den hellen Lichtſchein gewöhnt ſind, welchen die entzündete Fackel der 3 Vernunft um uns verbreitete, werdet Ihr da⸗ durch ſeinem Heroismus nicht Eintrag thun! Was iſt der Mord? Iſt er ein Verbrechen? Jede große That der Geſchichte— vom Morde Cäſar's bis auf den Mord der Schweizergarden, die wir ſelber erwürgt haben, erhebt ſich dawider mit lautem Rufe. Die Natur mordet Genera⸗ tion auf Generation, die Natur hat in die Bruſt des Menſchen den Inſtinct des Mordes nicht umſonſt gepflanzt. Tauſende von Jahren hin⸗ durch hat die Geſchichte gezeigt, daß das Men⸗ ſchengeſchlecht nicht beſtehen kann ohne große Perioden des Mordens und Blutvergießens. Die Zerſetzung vergoſſenen Blutes iſt der Atmoſphäre nöthig, um ſich erneuen, erfriſchen, um in ihrem ewigen Verjüngungsproceß bleiben zu können— Iſt denn Niemand, der dieſe Beſtie nieder⸗ ſchlägt? rief Karl entrüſtet aus. Hat er Sie ſo raſch zu ſeiner Theorie be⸗ kehrt? ſagte der Marquis ſpöttiſch. Aber was Schücking, Sohn des Volkes. II. 2 26 haben Sie gethan? Sie haben die Aufmerkſam⸗ keit auf ſich gezogen— man wird uns im näch⸗ ſten Augenblicke die Fäuſte des ſouverainen Volks fühlen laſſen. Zum Glück erhob der Redner in dieſem Au— genblicke ſeine Stimme zu einer donnernden Apo⸗ ſtrophe an die„Göttin der Freiheit und die Göttin des Mordes“, welche er als ein einziges Numen verehrt wiſſen wollte, wie Minerva die Göttin der Wiſſenſchaft und des Krieges ſei. Die Umſtehenden wandten ſich von unſern Freun⸗ den ab und dem Redner wieder zu, und der Marquis zog Karl aus der Mitte der Anweſen⸗ den in einen weniger belebten Theil der Kirche. Glauben Sie, daß Der, den, wie Sie vor⸗ ausſetzten, ich in Paris ſuche, hier heute reden wird? fragte Karl ſeinen Begleiter. Er läßt wenige Abende vorübergehen, ver⸗ ſetzte dieſer— aber meine Blicke ſuchen ihn heute umſonſt. 27 Ah— ſehen Sie nach dem Eingang— dort iſt er! In der That— ſagte der Marquis. Die beiden jungen Männer näherten ſich raſch dem Eingange. Von dorther ihnen entgegen kamen ein Mann und eine Frau, die an des erſtern Arme hing. Der Mann war Lambert. Karl trat vor und ſtellte ſich ihm in den Weg. Ich habe Sie lange geſucht, Lambert! ſagte er. Sie werden ſich denken können, weßhalb! Hier haben Sie meine Karte. Laſſen Sie mich durch einen Freund Ort, Stunde und die Art der Waffe wiſſen, mit welcher ich Ihr Verbre⸗ Khen ſtrafen kann! Sie hier?!— Sie noch einmal auf meinem Wege?! ſagte ſichtlich erſchrocken Lambert. Ja— auf Ihrem Wege und entſchloſſen, dieſem Wege der Schmach ein Ziel zu ſtecken. Karl hatte dieſe Worte mit unterdrücktem 2*½ 28 Zorn in deutſcher Sprache zu Lambert geſpro⸗ chen. Zu ſeiner größten Ueberraſchung fiel ihm das Weib, welches am Arme Lambert's hing, ins Wort, indem ſie, ebenfalls in deutſcher Sprache, ſagte: Was will dieſer Ariſtokrat? Dieſe infamen Complotiſten! Ihr wollt unter dem Vorwande eines Ehrenhandels einen hochherzigen Jacobiner aus dem Wege räumen! Karl ſah überraſcht die Sprechende an— er erkannte die Megäre, welche ihm an demſel⸗ ben Tage begegnet war, wie ſie, mit einer rothen Mütze geſchmückt, auf dem Rohre eines Ge⸗ ſchützes gethront hatte. Laß uns, Lambertine, ſagte Lambert zornig dies iſt eine Angelegenheit zwiſchen dieſem Bür⸗ ger und mir! Dich den Krallen des Wolfes laſſen, Lämm⸗ chen?! ſagte das junge Weib höhniſch lachend— ja, wart', ich will dich laſſen— 29 Sie eilte fort nach der Gegend des Präſi⸗ dentenſtuhls und der Rednerbühne hin. Theroigne wird Sie verhaften laſſen— es iſt um Ihr Leben geſchehen! ſagte jetzt Lambert raſch— Fliehen Sie, um Gottes willen. Das war Theroigne de Mericourt? Dann fort— oder es kann uns den Kopf koſten! flüſterte La Roche. Der Marquis faßte Karl unter den Arm und zog ihn trotz ſeines Widerſtandes mit ſich fort — zur Kirche hinaus, durch die Kloſtergänge, auf die Straße und in die erſte beſte Nebengaſſe hinein. Wohin jetzt? ſagte er, dort ſtehen bleibend. 1 In Ihre Wohnung dürfen Sie nicht wieder. Sie haben Ihre Karte in den Händen Lambert's gelaſſen. Welches Unglück, daß wir dieſer Me⸗ gäre, dieſer Theroigne de Mericourt begegnen mußten! Dies ſcheußliche Weib iſt allmächtig in den Sectionen: es koſtet ihr ein Wort, um Sie als Ariſtokraten in den Kerker werfen oder er— würgen zu laſſen. Sie ſcheint ein Verhältniß zu Ihrem Feinde zu haben, dieſe Wölfin! Wer konnte ahnen, daß ſie deutſch verſteht? ſagte Karl. Sie iſt aus Deutſchland, aus der Gegend von Lüttich, glaub' ich, verſetzte der Marquis. Aber kommen Sie— ich will Sie an einen Zufluchtsort bringen. Er ſollte Ihnen eigent⸗ lich erſt ſpäter bekannt werden. Jetzt aber bleibt nichts übrig, als ihn heute ſchon vor Ihnen aufzuſchließen. In dieſem Augenblicke hörten ſie in der Ferne haſtig nahende Schritte. Fort, fort! flüſterte der Marquis— man verfolgt uns. Nachdem ſie, an die Mauern ſich drückend, eilig einige Schritte gemacht hatten, fanden ſie die Thüre eines Hauſes offen ſtehend. Sie warfen ſich hinein und drückten geräuſchlos den aufſtehenden Thürflügel ſo weit zu, daß nur eine ſchmale Oeffnung ihnen erlaubte, die Straße zu überſchauen. Wenige Minuten darauf kam, im Dämmerlicht der Sommernacht eben noch erkennbar, Theroigne de Mericourt an ihnen vorübergeſchritten. Sie hatte einen Säbel um⸗ geſchnallt; ein Haufe Sansculotten mit Piken und rothen Mützen folgten ihr. Als ſie vorüber und ihre Schritte verhallt waren, wagten ſich die beiden Flüchtlinge wieder hervor. Sie ſchlugen den Weg in entgegengeſetzter Richtung ein, den ihre Verfolger gegangen. Der Marquis führte Karl jetzt durch eine Menge Straßen, über die Seine, tief in den Faubourg St. Germain hinein. Zweites Kapitel. Die Hotels des Faubourg St. Germain ſind meiſt durch eine Vormauer mit großem Einfahrts⸗ thor und einen Hof mit Stallungen, Remiſen und Wohnungen für das Geſinde von der Straße getrennt. Das Corps de Logis iſt dann ganz dem Lärm des Straßenverkehrs entrückt und wendet ſeine Hauptfacade einem ſtillen Garten zu, deſſen ſorgſam gepflegte, üppige Pflanzen⸗ welt die Schranken der Mauern überhüllt und wie in eine unbegrenzte Land- und Waldnatur die getäuſchten Blicke ſchweifen läßt. Wir werfen vor dem Leſer eine Enfilade von Zimmern in einem dieſer„entre cour et jar- — 33 din“ liegenden Hotels auf. Sie ſind zu ebener Erde und gehen auf den Garten hinaus. Aus den beiden Cabinets an den entgegenſtehenden Enden der Zimmerreihe führen Balconthüren über einen Perron und breite Sandſteintreppen in den Garten hinab. In einem dieſer Cabinets hängt eine Ampel von der mit Frescobildern ge⸗ ſchmückten Decke nieder und gießt ein mattes, dämmerndes Licht aus, welches die ſchwerfällige Pracht der Zimmereinrichtung erkennen läßt. Im Hintergrunde des Gemachs lockt eine weibliche Geſtalt leiſe, wunderbare, phantaſtiſche, oft bis ins Bizarre ſich verirrende Melodien aus einem Fortepiano. Eine andere Frauengeſtalt ſitzt drau⸗ ßen vor der geöffneten Flügelthür auf dem Per⸗ ron, der in den Garten führt. Der Schein der Ampel liegt auf ihrer Stirn und ihrer linken Wange, während die übrigen Züge in Halb⸗ dunkel gehüllt bleiben. Dieſe Beleuchtung gibt ihnen etwas Scharfes, Markirtes; das halb ſtrah⸗ 2** lende, halb myſtiſch verhüllte Geſicht hat etwas von dem Ausdruck einer Judith bekommen. Die große, ſchlanke Geſtalt ruht auf einem Tabou⸗ ret zu dem Steingeländer der Treppe hinüber⸗ geneigt, auf welches der Arm ſich ſtützt. Sie iſt ganz in ſchwarze Seide gekleidet, ſo einfach, als ob ſie Trauergewänder trüge. Die Klänge des Inſtruments verſtummen. Die Virtuoſin, deren wunderbar ſchönes Profil und hinreißend edle, anmuthige Formen jetzt vom vollen Schein der Ampel überglänzt werden, während ſie mit elaſtiſchem Gange durch die Mitte des Gemachs ſchreitet, nähert ſich der Ruhenden und legt die Hand auf ihren Arm. Hat mein Spiel meine hohe Freundin trau⸗ rig gemacht? 4 Nein, liebes Kind,— aber dieſer Abend hat es. Setzen Sie ſich zu mir. Sehen Sie, wie wunderſchön dieſer Abend iſt! Wie das Mond⸗ licht weich und mild über dieſe Gebüſche gleitet! Und die Luft ſpielt ſo warm um die ſtillen Pflan⸗ zen da draußen,— es iſt, als gönne der Him⸗ mel ſein mildeſtes Licht, ſeinen wärmſten Hauch nur dieſer reinen Pflanzenwelt noch! Sie iſt entzückend ſchön, die Nacht! verſetzte das Mädchen leiſe. Ich glaube überhaupt, daß die Pflanzen Got⸗ tes liebſte und gelungenſte Schöpfungen ſind. Halten Sie die andern nicht für gelungen, Fürſtin? Nein, Bianca,— nur in der Pflanzenwelt iſt keine Bildung durchaus unſchön. Was die Thierwelt betrifft, ſo hat Gott augenſcheinlich zweimal dazu angeſetzt, ſie hervorzubringen. Die ſcheußlichen Ungethüme, welche die Vorwelt be⸗ völkerten, dieſe Fleiſch- und Knorpelberge der Mammuth, Ichthyoſauren und wie man ſie nennt, waren gewiß nur ein erſter Entwurf, eine Probeſchöpfung, deren Mislingen die häßlichen Schlammgeburten, welche davon übrig geblieben 36 ſind, der Elephant, das Flußpferd, beweiſen. Der Schöpfer hat an ihnen gelernt; und dann hat er die zweite Schöpfung hervorgehen laſſen, das Pferd, den Hirſch, den Schwan. Er hat darauf, kühn geworden durch das Gelingen ſol⸗ cher ſchönen Bildungen, den Menſchen zu er⸗ ſchaffen verſucht. Aber dieſes Werk ſeiner Hand iſt, wie es jetzt einherſtolzirt, ſicherlich auch nur ein bloßes Brouillon, der erſte rohe Entwurf, der von dem idealen Weſen, welches einſt dieſe ſchöne Erde beherrſchen wird, ſo weit entfernt iſt, wie der ungeſchlachte Mammuth der erſten von dem edeln Hirſch, von dem intelligenten arabiſchen Pferde der zweiten Schöpfung. Es iſt freilich ſchwer zu glauben, daß dieſe unendlich ſchöne, unausſprechlich reiche Natur, die in jeder Gebirgslinie, in jedem ſtillen Laub⸗ wipfel einen Gedanken des Friedens und der Poeſie trägt, für jene Menſchen geſchaffen ſei, welche wir draußen auf den Gaſſen toben und — 3* ihre revolutionairen Lieder brüllen hören. Aber hat Gott ſie ſo gemacht? Glaubſt du etwa, irgend ein Dämon habe ſie von einem Stern der Verdammniß auf ſei⸗ nen Flügeln herübergetragen und ſie Gott in ſeinen Garten geſetzt, um ihm denſelben zu ver⸗ derben? Ich kann nicht ſo ſchlecht von den Menſchen denken, wie Sie thun, Fürſtin. Aber hätten Sie recht, ſo könnten Sie ſich mit dem Gedan⸗ ken tröſten, daß die Zeit der zweiten Schöpfung herannahe; denn die Menſchen, welche jetzt leben, ſcheinen ja im beſten Zuge, ſich einander von der Erde zu vertilgen! Die Fürſtin ſchwieg. Nach einer Weile hob Bianca wieder an: Der Marquis bleibt lange. Es iſt ein gutes Zeichen: ich ſchließe daraus, daß es ihm gelungen iſt, den Schweißhund auf die Fährte des Wildes zu bringen. Bianca erhob ſich bei dieſen Worten der Für⸗ ſtin plötzlich aus ihrer ruhenden Stellung, wo— bei ſie ſich vertraulich auf die Schulter der Spre⸗ chenden geſtützt hatte. Sie wandte ſich ab und zog, als wenn ein Fröſteln ſie überliefe, ihr Fichu enger um ihren Nacken. Was haſt du, Kind? fragte die Fürſtin. Nichts, verſetzte Bianca. Die Worte der Fürſtin hatten ſie zu ſehr verletzt, als daß ſie es ihr hätte geſtehen mögen. Erſt nach einer Pauſe ſagte ſie: Welches Glück iſt es für Sie, daß Sie von ſo genialer Härte ſind; wäre ich es auch, um wie viel leichter könnte ich meine Rolle ſpielen! Ich bin nicht hart, Bianca. Ich greife nur ſtets dreiſt nach dem Kern jedes Verhältniſſes und habe den Muth meiner Auffaſſung. Glaubſt du, Bianca, ich ſei hart? Die Fürſtin nahm ihre Hand und ſagte, in dem ſie dieſelbe drückte, mit weichem Tone: Was hat dich verletzt? Habe ich dir wehe gethan, indem ich Schwalborn kurzweg mit einem Ausdruck bezeichnete, der freilich nicht ſchmeichel⸗ haft iſt, aber deſto prägnanter die Aufgabe aus⸗ drückt, für die wir ihn nun einmal beſtimmt haben? Sag' mir, Bianca, hegſt du vielleicht ein Intereſſe für dieſen jungen Menſchen? Bianca ſchwieg eine Weile. Dann verſetzte ſie ſeufzend, aber feſt und beſtimmt: Nein! Und du ſeufzeſt dabei? Ich will Ihnen ganz ſagen, was in mir vorgeht, denn Sie zwingen mich, auch dreiſt nach dem Kern meiner Empfindungen zu greifen. Ich bin zu alt, um nicht über die Liebe nachgedacht, um nicht ein Bedürfniß, oder beſſer eine Sehn⸗ ſucht nach einer Verbindung des Herzens und der Seele mit einem Manne gefühlt zu haben. 8ch habe ein paar Mal in meinem Leben ge— glaubt, den Keim einer erwachenden Neigung in mir zu fühlen. Ich habe verſucht, ihn zu hegen, ſein Wachsthum zu nähren, ich habe alle meine Gedanken gezwungen, die fortwährenden treuen Hüter und Pfleger dieſes Keims zu ſein. Aber nach kurzer Zeit habe ich mir geſtehen müſſen, daß er eigentlich gar nicht vorhanden geweſen, oder daß er bereits wieder erſtickt ſei. Ich weiß nicht, woher es kommt, ob ich recht habe oder unrecht, wenn ich ein Verhältniß mir ſo ideal denke, daß kein Mann, den ich habe kennen ler⸗ nen, hineinpaßt. Aber ich kann nicht anders. Doch ich bin traurig darüber. Ich habe ſeufzen müſſen, als ich eben Ihnen nichts als ein kaltes Nein antworten konnte. Ich habe Mitleid mit mir ſelber.— Mitleid— lachen Sie nicht— darüber, daß ich nicht unglücklicher bin. Ich möchte eine recht große, eine unglückliche Leiden⸗ ſchaft haben. Ich möchte ein hochſchlagendes Herz, eine göttliche Seele kennen, der ich irgend ein großes Weihegeſchenk, eine hohe That, ein 41 tragiſches Schickſal darbringen könnte. Wenn uns gelingt, was wir zu vollführen hier ſind, dann möchte ich nicht allein das, was meinen Geiſt und meinen Ehrgeiz lohnt— ein Blatt in der Geſchichte dafür erhalten— nein, ein wärmeres, perſönlicheres, das Herz angehendes Anerkenntniß— das erſt würde mich glücklich machen! Die Fürſtin erhob ſich und legte ihren Arm um die Taille Bianca's. Du biſt eine Schwärmerin, ſagte ſie, aber deine Seele iſt ſo rein, wie die weiße Jasmin⸗ blüte dort, um welche der Glühwurm kreiſt. Sehne dich nicht nach einer Leidenſchaft. Dein Herz iſt groß und voll genug, um ihrer nicht zu bedürfen. Ich bin nicht ſo glücklich geweſen. Ich habe ihrer bedurft; ohne ſie wäre ich ein ſtolzes, hartes, übermüthiges Weib geworden,— vielleicht ein heller Kopf, ein ſcharfes Auge, aber eine kalte Seele. Die Leidenſchaft hat mir ſo 42 viel Herz geben, mich ſo groß machen müſſen, um mich nicht vor der Aufgabe zurückbeben zu laſſen, welche uns hierher führte. Aber die Lei⸗ denſchaft hat mir auch eine Schuld aufgewälzt, welche eine Buße von mir verlangt. Ich bin hierher gekommen, um dieſe Buße zu üben. Du kamſt, um an meinem Werke Theil zu nehmen. Aber was bei mir eine verdienſtloſe That der Sühne, zu der mein Inneres mich drängt, das wird bei dir eine freie, ſchöne That der Auf⸗ opferung und des Heroismus ſein. Wie viel glücklicher biſt du! In dieſem Augenblicke hörten die beiden Frauen durch die Zimmer, welche vor ihrem Ca⸗ binete lagen, Schritte ſich nähern. Sie traten in das Cabinet zurück und gleich darauf ſtand der Marquis vor ihnen. Was bringen Sie, Marquis? fragte die Fürſtin. Nicht viel Gutes, Madame. Ich habe Hrn. von Schwalborn zu den Cordeliers geführt, weil 43 ich vermuthete, daß er ſeinen Feind dort finden würde. Auch erſchien dieſer in der That, aber begleitet von einem mir unbekannten Weibe. Hr. von Schwalborn wechſelte einige Worte mit ihm und reichte ihm ſeine Karte. Zum Unglück jedoch verſtand das Mädchen am Arme Lambert's die deutſche Sprache, und es zeigte ſich, daß ſie Niemand anders war, als Theroigne de Meri⸗ court, jenes Scheuſal, welches die incarnirte Re⸗ volutionsfurie ſcheint. Sie wollte uns verhaf⸗ ten laſſen, und wir ſind nur durch die ſchleu⸗ nigſte Flucht ihr entgangen. Das iſt ſchlimm, das iſt höchſt fatal! rief die Fürſtin erſchrocken aus. Ich habe Hrn. von Schwalborn nicht in ſeine Wohnung zurückführen dürfen, da er unvorſich⸗ tiger Weiſe ſeine Karte bereits in die Hände ſeines Feindes gegeben hatte, und deßhalb ihn hierher gebracht. Hierher? Es iſt zu früh, ihn einzuweihen! 44 Was war anders zu machen? Er wartet im gegenüberliegenden Eckzimmer. Die Fürſtin ſtand eine Weile nachdenklich da; dann ſagte ſie: Wir werden ihn jetzt freilich hier behalten müſſen. Führen Sie ihn herein: ſagen Sie ihm, wen er ſehen wird; das Uebrige überlaſſen Sie mir. Der Marquis ging und kehrte nach wenig Augenblicken zurück. Mit ihm trat Karl in das Cabinet. Sie hier, Sie alſo wirklich in Paris, und das jetzt noch, durchlauchtigſte Frau? Und Sie, Gräfin Bianca? Ich traue meinen Augen nicht. Und doch ſind wir es, verſetzte Bianca mit herzlicher Freude über das Wiederſehen und Karl die Hand reichend. Sie ſehen Bianca an, Sie ſtaunen, wie glücklich ſie ihrer Krankheit entronnen iſt, nicht wahr, Herr von Schwalborn? 45 In der That! rief Karl aus— es grenzt ans Wunderbare. Die Spuren der Krankheit ſind kaum ſichtbar! Bei Tage ſind ſie es ſehr, ſagte Bianca. Und doch iſt auch bei Tage Bianca noch im⸗ mer ſchön, fiel die Fürſtin ein: ihre makelloſe Schönheit hat nur etwas ſehr Capriciöſes, ihr klarer Teint etwas Dunkles, Pikantes bekommen — die Italienerin iſt zur Spanierin geworden. Sagen Sie lieber zur Afrikanerin, theure Fürſtin, ſagte Bianca, heiter lächelnd. Aber daß Sie noch hier ſind, und daß ich keine Ahnung davon hatte! Glaubten Sie ſo ſicher, unſere Anweſenheit hätte ſie Ihnen einflößen müſſen? verſetzte die Fürſtin mit ſpöttiſchem Lächeln. Aber ſetzen Sie ſich, ich will Ihnen das Räthſel unſerer An⸗ weſenheit in Paris löſen. Ich bin mit der Königin Maria Antoinette auferzogen, fuhr die Fürſtin, nachdem ſie ſich 46 auf einer Cauſeuſe niedergelaſſen hatte, fort. Von der Zeit unſrer gemeinſamen Kinderſpiele an iſt ſie mir die wärmſte Freundin geweſen. Als eine Trauerbotſchaft nach der andern über die herzbrechende Lage der Königin nach Wien gelangte, hat es mich unwiderſtehlich in ihre Nähe getrieben, um ihr die Tröſtungen der Freundſchaft und die Verſicherungen der Treue zu bringen, womit ihre Heimat an ihr hängt und ihr Loos beweint. Bianca, welche ſeit ihrer Krankheit meine unzertrennliche Gefährtin ge⸗ weſen iſt, hat mich begleitet. Aber leider haben uns hier nur Enttäuſchungen erwartet. Die Königin hat mich ſchriftlich gebeten, keine Schritte thun zu wollen, um ſie zu ſehen. Ihre Feinde würden mich dem Volke als eine Spionin des „öſterreichiſchen Complots“ denunciren, welches, wie die Jacobiner vorgaben, in den Tuilerien von der Königin Maria Antoinette angeſponnen und geleitet worden ſein ſoll. Ich habe ihren Wunſch erfüllt und mich darauf beſchränken müſ⸗ ſen, ein paar Mal heimlich mit großer Mühe und allem Aufwande von Liſt Briefe mit ihr zu wechſeln. Ich habe von Tage zu Tage gehofft, daß eine beſſere Wendung im Schickſale des un⸗ glücklichen königlichen Paares eintreten werde. Darüber iſt die Zeit verſtrichen und die Revo⸗ lution iſt zu einem furchtbaren Strome ange⸗ ſchwollen, der alle meine Hoffnungen verſchlun⸗ gen und meine wenigen Freunde hier auseinan⸗ der geworfen, in ſeine Strudel geriſſen oder als Flüchtlinge über die Grenze Frankreichs geſchleu⸗ dert hat. Ich ſelbſt habe leider den rechten Augenblick der Flucht unbenutzt vorüberſtreichen laſſen. Meine Sicherheit war bedroht. Als öſter⸗ reichiſche Fürſtin wäre ich unrettbar ein Opfer des Argwohns und des blutgierigen Haſſes der Jacobiner gegen die öſterreichiſche Kaiſertochter und ihre Freunde geworden. Ich konnte nicht fort und ich konnte nicht bleiben. Da haben wir 48 einen Entſchluß gefaßt, der uns vor Verdacht und Verfolgung ſicherſtellt. Bianca Tondini hat, um ihren Aufenthalt in Paris zu rechtfertigen, ihr herrliches Geſangstalent zu Hülfe gerufen. Sie iſt auf dem Theater der Italiener als Sän⸗ gerin aufgetreten und ich bin ihre Schweſter und Begleiterin geworden. Alſo doch— rief Karl aus— ſo ſind Sie doch endlich wie die Phaläne in die lang um⸗ kreiſte Flamme geſtürzt? Der Menſch kann ſeinem Schickſale nicht ent⸗ gehn, lächelte Bianca— ich tröſte mich mit dem Gotte des Alterthums, der auch die wilden Thiere mit ſeinem Spiel beſänftigte. Ich mache Con⸗ trerevolution mit den Tönen, ich wetze die Schar⸗ ten des Herzogs von Braunſchweig und der Coalitionsarmee mit Couplets aus! Und ſie vertheidigt unſer Leben mit Melodien, wie jener franzöſiſche Tanzmeiſter, der in die Hände der Huronen gefallen war— fuhr die 49 Fürſtin fort. Aber hören Sie weiter. Das Auftreten Bianca's war vom ſchönſten Erfolge gekrönt, bis ſich eines Abends zeigte, daß ihre öffentliche Erſcheinung auf der Bühne eine neue und furchtbare Gefahr über uns heraufbeſchwo⸗ ren hatte. Es iſt ſchon mehre Wochen her, daß ſie bemerkte, wie eine männliche Geſtalt ſie ver⸗ folgte, wenn ſie nach den Vorſtellungen das Haus verließ. Sie theilte mir dieſen Umſtand mit, aber ich legte kein Gewicht darauf, da ich in der Erſcheinung nichts als einen harmloſen Anbeter erblickte, den Bianca's Schönheit an ihre Schritte feſſelte. Aber vor einigen Tagen ſtellte ſich dieſer Menſch im Foyer der Schau⸗ ſpieler ihres Theaters Bianca frech in den Weg — und ſie erkannte in ihm Lambert, den un⸗ ſeligen Menſchen, der vom Schickſal zu ihrem böſen Dämon auserſehen ſcheint. Denken Sie, wie furchtbar dies uns erſchre⸗ cken mußte. Lambert iſt einer jener Blutmenſchen, Schücking, Sohn des Volkes. II. 3 50 welche den Club der Cordeliers beſuchen. Er ſoll eine nicht ganz untergeordnete Rolle dort ſpielen. Mußten wir nicht jeden Augenblick er⸗ warten, von ihm denuncirt zu werden? Wir wechſelten augenblicklich unſre bisherige Woh⸗ nung und bezogen dieſes abgelegene Hotel, wel⸗ ches eine mir befreundete emigrirte Familie uns zur Dispoſition geſtellt hat. Bianca ſchrieb dem Unternehmer des Theaters, daß ſie durch Krank⸗ heit gehindert ſei, in den nächſten Tagen aufzu⸗ treten. Damit aber war nur für den nächſten Augenblick geſorgt. Wir mußten darauf ſinnen, uns des gefährlichen Menſchen, der unſer Ge⸗ heimniß kannte, zu entledigen. Mein Freund, der Marquis de la Roche, übernahm es, Sie aufzuſuchen. Ich wußte, daß Sie hier waren, und ich ſetzte voraus, daß Sie entſchloſſen ſeien, die Gelübde der Rache, welche Sie in Wien ablegten, heilig zu halten. Deßhalb ließ ich Sie durch den Marquis zu den Cordeliers führen. Aber— verzeihen Sie meiner Neugier— woher wußten Sie alles dies, meine Anweſen⸗ heit in Paris, Lambert's Theilnahme an dem Cordelierclub? Nun, durch Zufall— Paris iſt nicht ſo groß, daß man ſich ganz vollſtändig vor einander darin verſtecken könnte. Und doch haben Sie ſich vor mir darin voll⸗ ſtändig verſteckt, gnädigſte Frau!— Sie haben mir damit weh gethan. Wie gern hätte ich alle meine Kräfte aufgeboten, um Ihnen und der Gräfin Bianca von Nutzen zu ſein! Sind Sie ſo ſicher, uns nützlich ſein zu kön⸗ nen? ſagte die Fürſtin etwas herbe; Sie haben, wie ich eben höre, die Sachen ſchlimmer gemacht, als ſie waren.— Und ſoll ich Sie an Ihre glänzende Rechtfertigung meines Vertrauens in unſern Wiener Angelegenheiten erinnern? fuhr ſie fort, indem ein bitteres Lächeln über ihre Lippen 3* 52 —O⏑—ÿ—ÿ—ͦ—:—᷑—ꝛnn——— flog. Aber laſſen wir das jetzt und überlegen wir, was zu thun iſt. Lambert kennt meine Wohnung, ſagte Karl. Will er ſich ſchlagen, ſo wird er in meine Woh⸗ nung irgend ein Lebenszeichen ſenden. Ich glaube, daß er es wird, fiel der Mar⸗ quis ein. Dieſe Jacobiner, dieſe großen Geiſter, welche von den Pyramidenhöhen ihrer Weisheit ſo königlich ſtolz auf alle Vorurtheile herabbli⸗ cken, ſind entſetzlich ſchwache und kleine Seelen, wenn ihre Eitelkeit ins Spiel kommt. Ich bin überzeugt, es wird Ihrem ehemaligen Leibeige⸗ nen zu ſchmeichelhaft ſein, ſich mit einem Baron ſchlagen zu dürfen, als daß er die Gelegenheit vorübergehen ließe! Hoffen wir es, ſagte die Fürſtin. Ich über⸗ nehme es, durch einen zuverläſſigen Menſchen Ihnen zukommen zu laſſen, was etwa in Ihrer Wohnung für Sie abgegeben wird. Reichen Sie mir Ihre Karte zu dieſem Zwecke. Unter⸗ deß bleiben Sie hier in dieſem Hauſe conſignirt. Der Marquis, der uns die Honneurs dieſes Hotels ſeines emigrirten Oheims macht, wird ſo gütig ſein, Ihnen ein Zimmer einzuräumen. Der Marquis verbeugte ſich. Und ſo will ich Sie nicht länger in Anſpruch nehmen. Auf Wiederſehen! Die Fürſtin reichte dem Marquis die Hand und verbeugte ſich vor Karl. Die beiden Män⸗ ner gingen. Sie waren nicht ganz aufrichtig gegen Schwal⸗ born, ſagte Bianca, während die Schritte in den Vorſälen verhallten. Sollte er es nicht ver⸗ dienen durch die Gefahr, in welche er ſo freudig ſich unſertwegen ſtürzt? Es wäre zu früh, Bianca! Laß ihn erſt etwas gethan haben, bevor wir ihm verſtatten, den Ruhm eines Werkes zu theilen, welches ſo groß und erhaben iſt wie das unſre. Er hat noch zu viel von der Naivetät und ungeſchickten 54 Harmloſigkeit eines Kindes in ſich, um ohne weiteres zu einer Aufgabe verwandt werden zu können, welche ſelbſt für die Kräfte eines Man⸗ nes zu groß wäre! Während die Fürſtin dieſes ſtolze Wort ſprach, folgte Karl dem Marquis über eine ver⸗ borgene Treppe in das obere Stockwerk des Ge⸗ bäudes und wurde von ihm in ein kleines, auf den Garten gehendes Schlafzimmer geführt, in welchem er die Nacht zubringen ſollte. Sie müſſen vorlieb nehmen, ſagte ſein Begleiter. Wenn Sie etwas bedürfen, ſo ziehen Sie leiſe jene Klingel in der Ecke und ich werde ſelbſt kommen, um zu ſehen, ob ich im Stande bin, Ihre Wünſche zu befriedigen. Domeſtiken haben wir nicht. Das Hotel gilt für unbewohnt, und für die Nachbarn exiſtiren wir nicht. Ich danke Ihnen, verſetzte Karl, indem er mit herzlichem Händedruck dem Marquis gute Nacht wünſchte— und dann, als er allein war, 55 rief er mit einem bittern Gefühle der Demüthi⸗ gung und voll heftigen Zornes aus: Alſo zu ihrem Bravo hat ſie mich gebrau⸗ chen wollen! Drittes Kapitel. Wir wollen, während Karl ſich in ſeinem Zu— fluchtsort der Ruhe hingibt, in eine andere Ge— gend der großen Stadt wandern, um uns nach Lambert umzuſehen. Nachdem Lambert jene That in Wien voll⸗ führt, deren Zeugen wir waren, hatte er dieſe Stadt wieder verlaſſen. Die Sophiſtereien ſei⸗ nes Freiheitsfanatismus, welche ihm in der Zer⸗ ſtörung eines Werkzeugs der Reaction ein Ver⸗ dienſt zeigten; die Hoffnungen ſeines Ehrgeizes, welche ihn in jener That den Schlüſſel zu dem Vertrauen, zu der Freundſchaft der Fürſtin K. erblicken ließen— alles das war bald geſchwun— 57 den und verflogen. Der Kaiſer ſtarb und das Verbrechen war umſonſt begangen: die Fürſtin verabſcheute den Unberufenen, der ſich mit ſo plumper Fauſt in ein Gewebe behutſamer In⸗ trigue gedrängt hatte. Lambert fühlte ſein Ge⸗ wiſſen rege werden. Ein Erfolg hätte es ſchla⸗ fend erhalten: die Niederlage weckte es. Wien war ihm nun mit jedem Tage verhaßter gewor⸗ den. Er dachte mit innerſter Scheu an einen Zufall, der ihm Bianca begegnen ließe. Er wen— dete ſich nach Paris zurück. Seine Anſtellung hatte er aufgegeben;— wovon er lebte in Pa⸗ ris?— wer weiß es, wovon die Menſchen, die ſich in die Strudel der Revolutionen ſtürzen und darin umherſchwimmen, leben? Von der Wüh⸗ lerei, der Exaltation, vom Zorne!— Doch hatte Lambert durch ein Abenteuer, welches ihm auf der Reiſe von Wien nach Paris zugeſtoßen und das wir ſpäter mittheilen werden, eine Art amt⸗ lichen Auftrags und eine Summe Geldes be— 2 X X 3**½ 58 kommen. Auch beſaß er ja einen reichen Gön⸗ ner in Paris, den Baron Cloots. Bei dieſem hatte er auch die Bekanntſchaft Theroigne's de Merieourt gemacht. Von den Frauen der eigentlichen heißen Re⸗ volutionszeit war Theroigne de Mericourt eine der merkwürdigſten. Weder die Roland, noch die Tallien, die beide die edlere Seite der Theil⸗ nahme der Frauen an der Revolution repräſen⸗ tiren, waren bekanntlich große Heilige. Man mag daraus abnehmen, welchen Lebenswandel jene Frauen führten, die als die Typen der bodenloſen ſittlichen Verſunkenheit, der grauen⸗ haften Verwirrung aller moraliſchen Begriffe in jenen Tagen betrachtet werden können. Doch mußte man Theroigne zugeſtehen, daß es weib⸗ liche Weſen gab, die ſie ſpäter überholten und es noch weiter brachten als ſie. Sie war die Girondiſtin der Verworfenheit. Auch fiel ſie mit den Girondiſten, als ſie am 31. Mai 1794 59 auch ihren Einfluß zur Bewältigung des Stro⸗ mes, der ſelbſt ihrer abenteuerlichen Einbildungs⸗ kraft zu groß wurde, aufbot. Der„Berg“ der Verworfenheit, Roſa Lacombe, mit den„Stri⸗ ckerinnen Robespierre's“, den Furien der Gull⸗ lotine, bemächtigten ſich ihrer und unterwarfen ſie einer entehrenden Mishandlung, in deren Folge ſie wahnſinnig wurde. Theroigne war die Freundin einer ganzen Reihe von Männern, von Mirabeau bis auf Ronſin, die das Schickſal Frankreichs in ihren Händen hatten. Aber doch faßte ſie nebenbei ein Intereſſe für Lambert. Die blonde deutſche Natur, verſetzt mit ſo viel Verwegenheit und rachſüchtigem Ehrgeiz, zogen ſie an. Ein Mit⸗ glied der Nationalverſammlung, Romme, hatte ihren raſtloſen, alle Schranken niedertretenden Geiſt auf das Gebiet des deutſchen Illuminaten— und Roſenkreuzerweſens gezogen. Aber der my⸗ ſtiſche Romme war ihr bald langweilig gewor⸗ 60 den, ſie hatte ſich mit ihm überworfen und glaubte nun in Lambert einen Erſatz für ihren Lehrer zu finden. Ihre erſten gegenſeitigen Mit⸗ theilungen zeigten eine auffallende Uebereinſtim⸗ mung in den Schickſalen der beiden Menſchen. Sie hieß eigentlich Lambertine, und wie er der Sohn eines Bauern, war ſie die Tochter eines wohlhabenden Landmannes, der ihr eine ſorg⸗ ſame Erziehung hatte geben laſſen. Wie ſein Schickſal beſtimmt worden war durch die Ver⸗ ſchmähung, welche ſeine jugendliche Leidenſchaft von Seiten eines adeligen Fräuleins erfuhr, hatte das ihre ſeine Richtung bekommen durch eine Leidenſchaft für einen deutſchen Junker, der ſie verführt und dann verlaſſen hatte. Sie hatte ſich darauf heimlich aus dem Hauſe ihres Va⸗ ters entfernt, wie Lambert es gethan; wie er, war auch ſie von dem Strudel angezogen, in den die Geſellſchaft in Frankreich ſich geſtürzt hatte. Aber völlig verſchiedene Schickſale waren 61 es, welche ſie beide in Paris gefunden hatten, eben ſo entgegengeſetzt wie das, was ſie zu ſuchen gekommen. Lambert wollte eine freie Bahn für ſeinen Ehrgeiz; er fand das Gegentheil: die Maſſe drohte ihn zu verſchlingen. Theroigne wollte nichts, als das Schauſpiel genießen, wie ſie am Uebermuth der Ariſtokratie blutig gerächt werde. Sie fand das, was Lambert ſuchte: die Woge der Revolution hob ſie hoch empor aus der Maſſe und die Geſchichte ſchrieb ihren Na⸗ men auf. Sie beſaß eben, was Lambert fehlte, ein überlegenes Genie, einen kochenden Geiſt und eine Beredtſamkeit, welche die Sturmglocke der Emeute wurde. Ihre Seele glühte von einem revolutionairen Fieber, das alle, denen ſie nahte, anſteckte. So war eine Art von Pöbeldictatur ihr zugefallen, und an der Spitze ihrer bewaff⸗ neten Section übte ſie eine bedeutende Macht, ja ein Recht über Leben und Tod. Lambert fand ſich genug geſchmeichelt durch 62 die Freundſchaft eines ſolchen Weibes, um ſie ſich für eine kurze Zeit gefallen zu laſſen. Im Grunde flößte ſie ihm einen Widerwillen, einen innern Schauder ein. Aber er unterdrückte dies Gefühl und gab ſich dem Reize hin, den ein ſo totales Umſtürzen der Natur, wie dies Weib es in ſich gewagt, eine Zeitlang für die meiſten Männer hat,— eine Eigenſchaft, die ihnen wenig zur Ehre gereicht. Dann zog ſie ihn an, weil ſie einem Bedürfniß ſeines Innern entge⸗ genkam. Nach ſeiner Rückkehr aus Wien war eine bloße politiſche Revolution nicht mehr im Stande, ihm zu genügen. Um ſein Zerwürfniß mit ſich ſelber zu heilen, bedurfte er mehr: es mußten dazu auch die moraliſchen Grundlagen der Geſellſchaft ebenſo wie die politiſchen um⸗ gekehrt werden. Dieſen Umſturz aber hatte ge⸗ rade Theroigne mit einer heroiſchen Virtuoſität längſt in ſich vollzogen— theoretiſch und prak⸗ tiſch. Mit ihrem Geiſte, mit ihrer Phantaſie, 63 mit dem überwältigenden Bilderreichthum ihrer Reden, der ans Viſionenhafte ſtreifte, wußte ſie ihn hoch hinauszuheben über die Erinnerungen an ſeine Schuld. Seine Scrupel erſchienen ihm lächerlich, kindiſch, ſobald ſie nur zehn Worte geſprochen hatte. Schon einige Monate hatte das Verhältniß Theroigne's zu ihm gedauert: es war ein Wun⸗ der, ſie war nie ſo lange einem Manne attachirt geweſen. Aber Lambert begann unter dieſer Treue zu leiden. Theroigne vernichtete ihn— er fühlte wie ſie gleich einem Vampyr ihn aus⸗— ſauge, es blieb nichts von ſeinem Willen, von ſeinem Ich übrig, welches der Geiſt dieſes ge⸗ waltigen Weibes umſpann und zerdrückte. Er fühlte ſich unglücklich und ſah doch keinen Aus⸗ weg zur Rettung. Sie verlaſſen— das hätte er mit dem Tode büßen können! Sie bewohnte einige luxuriös eingerichtete Zimmer im Marais. Dort war ſie ihren Ge⸗ 64 treuen, den Emeutenhelden des Faubourg Saint Antoine, nahe. Ihre Wohnung hatte jene Miſchung von Pracht, Schmuz, Unordnung und Reichthum, wie es ſich vom Aufenthalt eines ſolchen Weſens erwarten ließ. Männer⸗ und Frauenkleider, Bücher und Waffen lagen auf den Meublen umher: eine große Dogge ſtreckte ſich auf einem Sopha aus und ſtierte mit glä⸗ ſernen Augen ſeine Herrin an; man hatte ihn bei den Orgien, die in dieſem Salon gefeiert wurden, ſo oft mit Champagner trunken gemacht, daß er die mäßige Doſis Verſtand, die ihm die Natur gegeben, verloren hatte. 4 Als Theroigne, von Lambert begleitet, aus der Sitzung des Cordelierclubs heimgekehrt war, warf ſie ſich ermüdet in einen Lehnſtuhl und hieß Lambert die Fenſter ſchließen. Auf dem Wege war ſie ſchweigſam und in ſich gekehrt geweſen. Ich mag nichts mehr hören und ſehen von der Welt! Zum Teufel mit ihr! Sie iſt ekelhaft! ſagte ſie jetzt. 65 Was hat dir die Welt gethan, Lambertine, daß du in ein Kloſter gehen willſt? Ich bin ihrer überdrüſſig. Weßhalb, Aebtiſſin Theroigne? O Lambert, wenn du wüßteſt, was ich ge⸗ wollt habe! Eine Heilige werden? Du biſt wahrhaftig nahe daran. Zwar keine Heilige, aber etwas Größeres— eine Judith! Ich habe das menſchliche Geſchlecht an einem Tyrannen rächen wollen. Ich habe den König verführen wollen, um ihm dann, wenn er im Bette des Laſters ſchlummerte, den Kopf abzu⸗ ſchneiden. Auf einem Triumphwagen, das blu⸗ tige Haupt des Holofernes der Tuilerien in der Hand, wäre ich durch ganz Frankreich gefahren! Welcher Siegeszug! Welche glorreiche That! Das iſt jetzt alles vorüber. Sie haben ihn in den Tempel eingeſperrt; ſie haben mich um meine Unſterblichkeit gebracht! 66 Schieb ihn auf, deinen Vorſatz— wir wer⸗ den noch der Tyrannen genug bekommen, ſagte Lambert; dein Plan ſcheint mir ohnehin nicht ſehr reiflich überlegt, und wenn er überhaupt älter iſt als etwa zehn Minuten, ſo mache ich mich anheiſchig, den betreffenden Triumphwagen, den du beſteigen wirſt, durch ganz Frankreich zu ziehen! Du biſt dreiſt, Knabe! ſagte Theroigne, ſich müde in ihren Seſſel zurücklehnend und ohne irgend einen Verſuch zu machen, ihren plötzlichen Einfall länger als einen langgehegten Vorſatz auszugeben. Lambert ging eine Weile ſchweigend im Zim⸗ mer auf und ab. Du denkſt darüber nach, wie du dich an dem inſolenten Junker rächen willſt? hob The⸗ roigne nach einer Weile wieder an. Ich will mich mit ihm ſchlagen! verſetzte Lambert. — Theroigne brach in ein lautes, ſpöttiſches Gelächter aus. Schlagen! welche gothiſche, feodale Idee! Und glaubſt du, deine Theroigne würde dies dulden, ſüßer Knabe? Ich bin kein Knabe und werde dich nicht in die Verlegenheit bringen, dich für oder wider meinen Entſchluß auszuſprechen, indem ich dich nicht frage. Theroigne lachte noch einmal. Höre, Lambert! Was willſt du? Schiebe das Tabouret dort neben meinen Seſſel. Setze dich hierher— ſo— ich habe dir etwas zu ſagen. Lambert that, wie ſie wollte. 1 Sag' mir, iſt es um eines Weibes willen, daß der Ariſtokrat ſich mit dir ſchlagen will? Du wollteſt mir etwas ſagen, Lambertine. Ja, ich wollte es— und was ich dir ſage, 68 das laß in dir begraben ſein, als wenn es auf dem Grunde der See läge. Verräthſt du ein Wort davon— nur durch eine Miene, einen Blick, ſo laſſ' ich dich erdroſſeln. Kümmere dich um deinen Feind nicht. Ehe zwei oder drei Tage vergehen, wird er nebſt allen Ver⸗ dächtigen, allen Royaliſten, allen Verſchwörern, allem contrerevolutionairen Geſindel, ſo viel in Paris ſteckt, eingekerkert ſein. Was habt Ihr vor? Es iſt Danton, der es mir anvertraut hat: er iſt die Seele des Ganzen. Man wird Paris reinigen: man wird es durchſuchen, man wird alle der Revolution feindlichen Elemente wie mit Beſen zuſammenkehren, in die Gefängniſſe wer⸗ fen und dort der Freiheit Hekatomben ſchlachten. Lambert blickte die Sprechende an, ohne ein Wort der Erwiderung zu finden. Theroigne fuhr fort, ihm die Einzelheiten des ſchrecklichen Anſchlags mitzutheilen. 69 Lambert ſprang endlich erſchrocken auf. Ihr ſeid fürchterliche Menſchen! ſagte er. Man wird bei der Gelegenheit auch deinen Ariſtokraten wiederfinden, ſchloß Theroigne ihre Mittheilung, und du wirſt, ohne daß du dich bemüheſt, an ihm gerächt werden. Biſt du nicht zufrieden? Was willſt du mehr? Er und ſein Geſchlecht haben dich entwürdigt, ſie haben dich als einen Leibeigenen zu mishandeln gewagt: ein ganzes Volk erhebt ſich jetzt, dich zu rächen. Er verfolgt dich bis hierher, er hat ſich wie ein Herr auf die Spur eines verlaufenen Sklaven gemacht und dabei ſich bis in die Burg der Frei⸗ heit gewagt— die Freiheit zertritt ihn! Laß ihn zertreten! Du haſt Recht, Lambertine! verſetzte Lam⸗ bert nach einer Weile ſtillen Nachdenkens. Ich will deinem Rathe folgen. Aber was du mir anvertraut haſt, hat mich erſchüttert. Laß mich heimgehen. Ich muß allein ſein und über die 70 — Opfer nachſinnen, welche die Freiheit verlangt und die wir unſrer menſchlichen Schwäche ab⸗ kämpfen müſſen. So geh, du ſentimentaler Narr! Lambert verließ ſie. Ueber Theroigne's Züge glitt ein eigenthümlicher Zug von Wildheit und in ihren Augen blitzte ein Gamoniſches Feuer, während ſie dem Scheidenden nachſah. Als er die Thür hinter ſich geſchloſſen, ſprang ſie auf, elaſtiſch, geſchmeidig wie eine Tigerin: Dieſer Bettler wagt es, meiner überdrüſſig zu ſein, ehe ich für gut finde, ihn wegzuwerfen! rief ſie aus. Er hat mir ein Märchen aufge⸗ bunden. Wie würde ein Ariſtokrat heute noch wagen, einen Jacobiner anzufallen, ihn heraus⸗ zufodern! Er ſei ſein Gutsunterthan geweſen, er hätte ihn beleidigt, ſagt Lambert. Welche Vor⸗ wände! Es ſteht ein anderer Grund hinter die⸗ ſem impertinenten Wagniß des Ariſtokraten und der einzige Grund, den Lambert mir nicht ge⸗ 71 ſtehen wird und kann,— iſt ein Weib!— Wart, ich werde ſie finden, und dann wehe ihr und ihm! Sie zog die Karte Karl's, welche ſie Lam— bert abgenommen hatte, aus ihrem Buſen und betrachtete ſie lange, in Gedanken verſunken. Wir werden ſehen— ſagte ſie dann: dies Blatt wird hinreichen, euch zu finden! Sie zog eine Klingel. Gleich darauf trat ein langer, hagerer Menſch in blauer Blouſe, mit grauem Barte und einer ſtarken Narbe, die ſeine Wange durchfurchte, in das Zimmer. The⸗ roigne ſprach einige Worte mit ihm, reichte ihm die Karte und dann verließ der Sansculotte raſch das Haus. Viertes Kapitel. Unterdeß eilte Lambert raſchen Ganges aus der Wohnung Theroigne’s dahin. Er ſtürmte durch die nächſten⸗Straßen mit einer unbeſchreib⸗ lichen Angſt im Herzen. Die heimliche Mit⸗ theilung Theroigne's hatte ihn wie ein Wetter⸗ ſtrahl getroffen. Man wollte alle Verdächtigen einkerkern und dann maſſacriren. In welch entſetzlichen Plan hatte Theroigne ihn eingeweiht! Die Hand des Todes ſchwebte über allen Verdächtigen, allen Ariſtokraten, über der italieniſchen Gräfin, der öſterreichiſchen Fürſtin dann ſicherlich auch. Mochte Bianca hundertmal Sängerin der ita⸗ lieniſchen Oper ſein: der Umſtand, daß ſie Oeſterreicherin, daß ſie aus Wien gekommen, daß ſie ſich in Begleitung einer öſterreichiſchen Fürſtin in Paris aufhielt, war mehr als hin⸗ reichend, ſie dem mordgierigen Argwohn der Henker Danton's zu denunciren. Aber woher dieſe peinliche Sorge um das Schickſal Bianca's in Lambert? Mußte er nicht wünſchen, ſie untergehen zu ſehen, damit ſich mit ihr das Andenken an ſeine Frevelthat aus⸗ löſche? Nein— durch eine jener wunderbaren Wendungen, welche ſo oft einen völligen Um— ſchwung im Charakter oder der Stimmung ei⸗ nes Menſchen hervorbringen, war Lambert Bianca gegenüber in einen Zuſtand gerathen, von dem er ſich ſelbſt nicht Rechenſchaft geben konnte, ob es Haß oder Liebe ſei. Wir müſſen zur Erklärung um einige Wochen zurückgehen. Der Leidenſchaft für das Drama, die einſt Schiller's Räuber in ihm wachgerufen und ge⸗ Schücking, Sohn des Volkes. II. 4 74 nährt, war Lambert auch in Paris treu geblie⸗ ben. Er ſah zu ſeiner großen Freude ſein Lieb⸗ lingsſtück auf dem Thaéätre du Marais auffüh⸗ ren. Als Robert, chef de brigands, hatte es ein gewiſſer Lachabauſſiere ins Franzöſiſche über⸗ ſetzt und füllte damit die Theaterkaſſe. Vor ſeiner Wiener Reiſe hatte Lambert übrigens nur das recitirende Schauſpiel beſucht. Die Oper ſchien ihm ein Unding und er begriff die Men⸗ ſchen nicht, die ſich für eine Oper paſſionirten, ein Gebräu, wie er es nannte, aus den zwei widerſtrebendſten Dingen, der wachen klaräugi⸗ gen That des Dramas und den einlullenden träumeriſchen Tönen der Muſik: aus dem feſt⸗ geballten, kernigen dramatiſchen Gedanken und der zerfließenden, gefühlſeligen, weichlichen Ton⸗ kunſt. Eine Oper, worin die durch die Hand⸗ lung geweckte Spannung jeden Augenblick durch das Einſchieben langer Arien und jener gräßli⸗ chen Chorgeſänge, die ihm am meiſten verhaßt 75 waren, gehöhnt wurde, war ihm eine Folter. Seitdem er von Wien zurückgekommen, war es anders. Er lernte jetzt die Oper lieben. Es gab keinen Ort, wo er beſſer ſich ſelber fliehen und ſeine eigenen Gedanken oder die wüſte Welt Theroigne's vergeſſen konnte. Aber er ſah jetzt mit einer Art mitleidiger Verachtung auf alle Die herab, welche ſeine Vorliebe theilten, und er fällte ein hartes Urtheil über eine Geſellſchaft, welche die Oper vergöttert, obwol er ſelbſt ihr angehörte. So befand er ſich denn eines Abends im Parterre der italieniſchen Oper, um Cherubi⸗ ni's Werk„Lodoisca“ zu ſehen, eine Oper, de⸗ ren Libretto dem berühmten Roman Faublas von dem Girondiſten Louvet de Couvray ent⸗ lehnt war. Bianca hatte in dieſem Stück eine Rolle übernommen. Seine Blicke waren von der Bühne abgewendet, als ſie auftrat. Die erſten Töne, welche von der großen Aengſtlich⸗ keit der Sängerin bedeckt waren und einem an⸗ 4* 76 dern Organ als dem Bianca's anzugehören ſchienen, weckten ſeine Aufmerkſamkeit nicht. Sein Auge glitt theilnahmlos über die Geſtalt hin; ſie trat in dieſem Augenblicke den Lampen näher, ſie erhob die Stimme, in einem kräfti⸗ gen Accord fand ſie ihr natürliches Organ wieder— und wie ein Wetterſtrahl zuckte es durch Lambert's Seele. Sein Herz ſchlug auf, daß er zu erſticken glaubte, ein kalter Schweiß rieſelte über ſeine Stirn, ſeine Hand faßte die Lehne der vor ihm ſtehenden Bank, als ob er ſie mit ſeinen Fingern durchdrücken wolle. Im erſten Augenblick des Erkennens war es ihm geweſen, als ob Bianca Niemand an⸗ ders im ganzen Hauſe anſehe und anſinge wie ihn, als ob ſie ihm ihre ſchmetternden Noten wie eben ſo viele Flüche ins Geſicht ſchleudere, als ob ſie damit das ganze Publicum zum Zeu⸗ gen wider ihn aufrufe, als ob ſie alle Welt ihn zu vernichten beſchwöre! Es gehörte eine Zeit von mehren Minuten dazu, bis er zu der Ue⸗ berzeugung gelangte, daß er ja ganz ſicher mit⸗ ten zwiſchen einer Menge Menſchen ſitze, von denen Niemand die geringſte Neigung an den Tag legte, ſich mit ihm zu beſchäftigen. Er ſammelte ſich zu ſo viel verſtellter Ruhe, um einen Nachbar bitten zu können, ihm einen Zet⸗ tel zu leihen. Es ſtand bei der Rolle der Sän⸗ gerin weiter nichts als Mademoiſelle Blanche, aber es war völlig genug. Er ſah nun mit angeſtrengteſten Blicken in das Antlitz Bian⸗ ca's. Es waren dieſelben Züge— ſie ſchienen nicht entſtellt. Das ſchöne dunkle, tiefe Auge war ebenſo glänzend, wie es vordem in Wien geweſen. Nicht einmal die Haut ſchien von der furchtbaren Krankheit gelitten zu haben; die Be⸗ leuchtung und die Schminke verhüllten ihm we— nigſtens jede Spur. Die Geſtalt ſchien nur noch hinreißender, voller, ſchöner geſchwungen, wie ſie in Wien war; die Erhöhung der Bühne 78 ließ ſie größer erſcheinen, als ſie war; unter den Figuren, welche neben ihr die Scene füll⸗ ten, ſtand ſie da wie eine mit Schönheit und Anmuth überſchüttete Königin unter ihren Die⸗ nerinnen. Es war natürlich, daß im erſten Augenblick der Entdeckung Lambert neben dem Erſchrecken auch den höchſten Widerwillen gegen ſein Opfer fühlte; dies ging ſo weit, daß er entſchloſſen war, Theroigne von ihr zu erzählen und durch dieſe Bianca aus Paris entfernen zu laſſen. Wäre Bianca durch die Krankheit entſtellt wor⸗ den, wie Lambert es vorausgeſetzt hatte, ſo würde er dieſen Entſchluß auch wahrſcheinlich ausgeführt haben. Aber er ließ ihn augenblick⸗ lich fallen, als er ſich überzeugte, wie Bianca faſt ganz unverſehrt geblieben. Damit fiel auch ein Stein von ſeinem Herzen. Jener Groll, welchen man gegen Die hegt, an denen man ein Unrecht begangen hat, mußte in Lambert jetzt um ein Bedeutendes ſchmelzen. Er fühlte eine gewiſſe Dankbarkeit gegen Bianca, daß ſie noch ſo ſchön ſei. Auch in ihrem Geſange, den er früher nie vernommen, lag etwas, was ihn verſöhnte; nicht der innere Zauber dieſer Stimme, den das Publicum ſo wüthend beklatſchte, war es, was zu ſeinem Herzen ſprach: aber der Umſtand, daß Bianca eine ſolche Stimme be⸗ ſaß, eine Stimme, welche, hätte ſein Verbre⸗ chen auch die furchtbarſten Wirkungen gehabt, ihr als ein nicht zu raubender Troſt geblieben wäre. Sie zeigte ihm, daß er jedenfalls ihr nicht Alles genommen haben würde: und darin lag etwas Angenehmes, Beruhigendes, etwas, was ihm ebenfalls eine gewiſſe Dankbarkeit ab⸗ zwang. Als der Vorhang nach dem erſten Acte fiel, entfernte ſich Lambert. Der erſte Eindruck, wel⸗ chen Bianca's Erſcheinung auf ihn gemacht hatte, war noch ſo ſtark, daß er die Flucht vor 80 ihr ergriff. Auch dauerte es mehre Tage, bis er ſo viel Muth gewonnen hatte, um ſich zu entſchließen, ſie wiederzuſehen. Es war ei⸗ gentlich mehr eine gewiſſe Frechheit und Ruch⸗ loſigkeit, als Muth, was er in ſich zuſammen⸗ raffte. Was iſt im Grund an einem ſolchen Ge⸗ ſchöpf, an einer Theaterprinzeſſin gelegen? ſagte er; ſie hat ſich als eine Lockſpeiſe der Pfaffen und Ariſtokraten gebrauchen laſſen wollen; du haſt mit raſcher Entſchloſſenheit der Reaction das Werkzeug aus den Händen gewunden— das iſt Alles. War das Unrecht?— gegen ſie? — vielleicht! aber gegen mein Princip gewiß nicht! Am Abende ging Lambert wieder in die ita⸗ lieniſche Oper. Er wollte mit der kaltblütig⸗ ſten Ruhe die Sängerin anhören, anſehen. Doch verbarg er ſich unwillkürlich im tiefſten Hinter⸗ grunde des Hauſes. Dort, ſich ſicher fühlend, 81 betrachtete er nun Bianca's Spiel, lauſchte er ihrem Geſange mit der größten Herzenshärtig⸗ keit, der mitleidloſeſten Verachtung eines Men⸗ ſchenſchickſals, die er nur in ſich ſelber finden und aufbieten konnte. Als die Vorſtellung, der er diesmal bis zu Ende beiwohnte, vorüber war, geſtand er ſich, daß Bianca's Stimme neben ihrer Schön⸗ heit, ihrer Kraft, ihrem Umfang, auch noch einen ganz eigenthümlichen Zauber habe, von dem er ſich keine Rechenſchaft geben konnte, aber der ihm in einer beſondern Weiche und Milde, auch der kräftigſten Töne, zu liegen ſchien. Seltſame Exiſtenz, dachte er, ſich zum blo⸗ ßen Futteral einer dem Publicum verkauften Stimme herzugeben. Es wäre mir lieber, könnte ich die Stimme hören, ohne das Fut⸗ teral. Schön iſt es freilich! Lambert fehlte keinen Abend mehr, wenn 7 Bianca auftrat. Er wurde nach und nach auch klar darüber, worin der beſondere Zauber liege, welchen ihre Stimme auf ihn übte. Es war eine ganz unbeſchreibliche Gefühlsinnigkeit, ein unnennbarer Seelenſchwung in ihrem Geſange. Dies hatte ſie auch zum Liebling des Publi⸗ cums gemacht, das nach und nach anfing, ſie der Prima Donna, der berühmten Dugazon, vorzuziehen und das ſie in erſten Rollen ſehen wollte. Sie ſelbſt hatte dies jedoch abgelehnt, hörte Lambert von ſeinen Nachbarn im Parterre. Nach und nach hatte der Geſang Bianca's auf Lambert einen Einfluß zu üben begonnen, dem er ſich nicht mehr zu entziehen vermochte. Wenn er den Kopf voll wirrer Gedanken, die Bruſt voll Fanatismus, das Herz voll Muth, den Strom der Revolution weiter raſen zu laſ⸗ ſen— den Strom, der doch ihn ſo willenlos mit fortſchleppte— aus einem Club, aus einer Sitzung der Nationalverſammlung, aus der 83 Wachtſtube ſeiner Section, oder wenn der von Theroigne kam, eine freche Verachtung der Welt, der Menſchen und ſeiner ſelbſt in der Seele, dann war der Geſang Bianca's für ihn, was ein friſches Bad einem todmüden Wan— derer. Wenn er die Augen ſchließend dieſen Tönen lauſchte, ſo war ihm wie einem unglück⸗ lichen Gefangenen, der in einem Tretrad einge⸗ ſpannt war und dem nun der Schlaf milde Träume bringt. Was auch in ſeiner Seele lag, Rachſucht, die Tücke des Bauern, brennender Ehrgeiz, Stolz und Empörungsluſt; auf dem Grunde derſelben lag doch ein nur zu reizbares Gerechtigkeitsgefühl, und wo das iſt, da iſt ein Reſonanzboden, an welchem auch beſſere Em⸗ pfindungen widerklingen. Bianca wußte dieſe anzuſchlagen, erſt leiſe und ihm ſelber unbe— wußt, den Groll in ſeiner Seele ſchmelzend, den er gegen ſie, als ſein Opfer, ſeine leben— dige Gewiſſensmahnung hegte; dann mächtiger 84 und feſſelnder, bis Lambert endlich ſo viel ſich geſtand, daß keine Muſik der Erde ſo wohlthä⸗ tig auf ihn wirke, wie ihr Geſang. Er ſuchte nun auch, ſie mehr in der Nähe zu ſehen. Während der Vorſtellungen ver⸗ ſchlang ſein Auge ihre wunderbar ſchöne Ge⸗ ſtalt, ihre anmuthigen Bewegungen. Zuletzt wagte er es, dicht an ihren Weg zu treten, wenn ſie das Haus verließ, ihr zu folgen, bis ſie ihre Wohnung erreicht hatte. Er wurde demzufolge, wie wir ſahen, eines Abends von Bianca erkannt, ohne es zu wollen. Daß er Theroigne nichts von Bianca mit⸗ theilte, war natürlich. Ein tiefes inneres Wi⸗ derſtreben hielt ihn ab. Er hatte auch, kurz nachdem er Bianca zum erſten Mal auf der Bühne geſehen, die Fürſtin K. in einer Loge des Theaters erkannt. Er erfuhr von einem Angeſtellten des Theaters, daß Bianca in Be⸗ gleitung dieſer ihrer„Schweſter“ in Paris ſei. 8⁵ Hätte er Theroigne von den zwei Frauen ge⸗ ſprochen, ſo würde er über dieſelben die größte Gefahr gebracht haben. Deßhalb hütete er ſich auch, nach der Scene mit Karl bei den Corde⸗ liers gegen Theroigne offen zu ſein. Er mußte ſich doppelte Vorſicht auferlegen, weil die Thea⸗ ter und die Schauſpieler als reactionair und kö⸗ niglich geſinnt von vornherein verdächtig waren und im Allgemeinen durchaus nicht die Gunſt der Jacobiner beſaßen. So kam es denn, daß Lambert in die äu⸗ ßerſte Beſtürzung gerieth, als ihm Theroigne den Plan mitgetheilt hatte, welcher für Bianca und die Fürſtin ſo verhängnißvoll werden mußte. Er beſchloß, die beiden Frauen zu retten. Seit mehren Tagen war Bianca nicht auf der Bühne erſchienen. War ſie krank? Der Thea⸗ terzettel würde es gemeldet haben. Sollte er auf der Stelle an ſie ſchreiben und ſie warnen? Einen anonymen Brief würde ſie nicht beach⸗ 86 ten, einen Brief mit ſeiner Unterſchrift vielleicht zornig zerreißen und eher darin eine Schlinge als den Ausdruck eines wahren Wohlwollens ſehen. Er mußte ſie ſprechen, ſie überraſchen, gegen ihren Willen zu ihr dringen. Er eilte, nachdem er im Widerſtreit mit ſich mehre Stra⸗ ßen durchirrt, zu Bianca's Wohnung. Der Concierge theilte ihm mit, daß die beiden Frauen ſeit mehren Tagen das Haus verlaſſen. Wo⸗ hin ſie gezogen, darüber wußte der Mann nicht die geringſte Auskunft zu geben. Mit einem ungeduldigen Fluch eilte Lambert, nachdem er ſich die Wohnung des Unternehmers der italie⸗ niſchen Oper angeben laſſen, zu dieſem. Nur mit Mühe gelang es ihm, in ſo ſpäter Stunde noch Zutritt zu erlangen. Endlich empfing ihn der Impreſſario, ein langer hagerer Italiener. Der Mann hatte ſich hinter einen Tiſch geſtellt, auf welchem neben Haufen von Noten, Bü⸗ chern, ausgeſchriebenen Rollen und Rechnungen 87 ſehr ſichtbar ein Paar gezogene Sackpiſtolen lagen. Als Lambert ſeine Frage nach dem Aufent⸗ halt der Sängerin vorgebracht, zuckte der Un⸗ ternehmer ſichtbar beruhigt die Achſeln. Seit einer Woche habe ich nicht die geringſte Nach⸗ richt von Signora Bianca, verſetzte er. Ich bin in Verzweiflung darüber. Sie hat mir durch ein Paar Zeilen angekündigt, daß ſie durch ein plötzliches Unwohlſein für die nächſte Woche am Singen verhindert ſei; ſeitdem habe ich nicht die leiſeſte Auskunft, ob ſie wiederhergeſtellt iſt und wo ſie ſich befindet, nachdem ſie ihre frühere Wohnung verlaſſen. Sie iſt wie ver⸗ ſchwunden! Lambert fühlte an dem Schrecken, welcher ihn bei dieſen Worten befiel, wie tief die Theil⸗ nahme für Bianca war, die ſich ihm ins Herz geſchlichen hatte. Er wäre außer ſich gerathen, hätte er nicht die Adreſſe Karl's gehabt; Karl 88 mußte mit den Frauen in Verbindung ſtehen, das durfte er kühn vorausſetzen. Er verhehlte ſich nicht, daß, wollte er durch dieſen Kanal ſich den Frauen nähern, er ſeine Aufgabe um vieles erſchweren, er auch Karl werde retten müſſen. Dies und ſeine feindliche Stellung zu Karl ſchreckte ihn jedoch nicht. Ja, auch die Demüthigung, die er ſich werde auferlegen müſ⸗ ſen, ſchreckte ihn nicht mehr. So hatte der leidenſchaftliche Drang, Bianca der Gefahr zu entreißen, alle andern Rückſichten in ihm zur Seite geſchoben. Er beſchloß, am andern Tage, in der früheſten Morgenſtunde, Karl in ſeiner Wohnung aufzuſuchen. Fünſtes Kapitel. Als Karl ſich am andern Morgen in der Frühe erhoben hatte, wurde an ſeine Thüre gepocht. Es war der Marquis, welcher ihn bat, in ſei⸗ nem Zimmer mit ihm den Kaffee zu nehmen. Karl folgte ſeiner Einladung. Das Zimmer des Marquis lag neben dem ſeinen, über den Ge— mächern im Erdgeſchoß, welche die Fürſtin und Bianca bewohnten. Es war mit jenem ſchwer⸗ fälligen Luxus eingerichtet, der die Häuſer vor⸗ nehmer Familien charakteriſirt, in welchen die Zeiten der Väter in Ehren bleiben und bei de⸗ nen jene falſche Vornehmthuerei, die auch in Meubeln und Einrichtungsſtücken den wechſeln⸗ 90 — den Launen der Mode folgt, keinen Eingang gefunden hat. Ein Schreibtiſch in der Mitte des Gemachs war mit einer Menge von Brie⸗ fen und Schriftſtücken bedeckt. Karl's Auge fiel, als es darüber hinſchwebte, auf mehre Briefſchaften, welche in Chiffern geſchrieben waren. Sie wundern ſich über meine ausgedehnte Correſpondenz, ſagte der Marquis lächelnd, ich bin nichts als der Secretair der Frau Fürſtin. Meine eigene Arbeit beſchränkt ſich auf ein ſehr harmloſes Unternehmen, bei welchem Sie mir vielleicht mit einem Rathe beiſtehen können. Und das iſt? Ich ſchreibe eine Operette oder vielmehr ein Melodrama mit eingelegten Couplets. Das iſt freilich eine ſehr harmloſe Beſchäf⸗ tigung in dieſer harmvollen Zeit. Nicht wahr? verſetzte der Marquis mit ei⸗ nem eigenthümlichen verſchmitzten Lächeln. Aber 91 was wollen Sie? Gerade in Tagen, wie die unſern, ſehnt ſich der Menſch aus dem Leben in die Kunſt, und in der Kunſt ſucht er ſich das Milde, Weiche, Sentimentale aus. Darum erfreuen ſich die zarten Schäferſpiele auf un⸗ ſern Theatern noch immer des entſchiedenſten Beifalls. Lockt das famoſe Stück„Charles IX.“, deſ⸗ ſen erſte Aufführung Frankreich die Entdeckung eines Talma machen ließ, auch die Menge mit ſeinen Böſewichtern von Königen und Pfaffen, ſeinen Dolchen und ſeinem Sturmglockengeheul in die Comedie francaiſe, ſo zieht doch der „Tod Abel's“ nicht weniger an und„La chau- mière Indienne“ füllt alle Räume des Thea⸗ ter Feydeau, ſo oft es gegeben wird. Und welchem Charakter huldigt Ihr Stück? Tönt darin die Sturmglocke oder das friedliche Geläute weidender Lämmerheerden? Es iſt geſchrieben im Geſchmacke des belieb⸗ 92 ten„Réveil d'Epiménides à Paris“, ein ſa⸗ tyriſches Stück, welches die Schwächen der Ariſtokratie und des alten Hofes geißelt. Und ein ſolches Stück ſchreiben Sie? Weßhalb nicht? Ich ſchicke mich in die Auf⸗ gabe des Poeten, der für den Erfolg arbeitet— keine Geſinnung zu beſitzen, ſondern den demü⸗ thigen Hofſchranzen Sr. Maj. des Pöbels zu machen. Ich möchte um Alles in der Welt nicht durchfallen oder ausgepfiffen werden. Sie glauben nicht, verehrter Freund, welchen demo⸗ raliſirenden Einfluß dies auf den Charakter hat. Es gibt kein ſchauderhafteres Ungethüm als ei⸗ nen geſtochenen Poeten. Die ſchonungsloſeſten Werkzeuge der Vernichtung findet die Revolu⸗ tion in Dichtern, deren Talentloſigkeit umſonſt einen Platz in den friedlichen und ſtillen Hal⸗ len der Muſen ſuchte. Wenn ſie nicht unter den ſchaffenden und aufbauenden Künſtlern eine Stelle erringen können, werden ſie die wüthend⸗ — —— 93 ſten Vernichter, wahre politiſche Ikonoklaſten. Sehen Sie unſere Ronſin und Collot⸗d'Herbois an, welche in ihrem Stücke„Louis XII.“ dem Königthum ſo ſüßen Weihrauch opferten, aber ſeitdem ſie damit ausgepfiffen wurden, die blut⸗ dürſtigſten Cordeliers geworden ſind. Hr. Fa⸗ bre d'Eglantine iſt in derſelben Lage, und wenn es zu Tage käme, wie viele verunglückte Schön⸗ geiſter, Beſinger königlicher Wochenbetten und Namenstage unter Denen ſind, welche Lud⸗ wig XVI. in den Tempel ſchickten, ſo würde man erſtaunen. Sehen Sie, einer ſolchen Ge⸗ fahr, in die Berſerkerwuth eines in ſeiner Ei⸗ telkeit verletzten Poeten zu fallen, will ich mich nicht ausſetzen. Ich ſchmücke deßhalb mein Stück mit der hinreichenden Zahl von Witzen auf die Ariſtokraten aus, würze es mit den Worten Frankreich, Freiheit, Brüderlichkeit, bringe eine gehörige Anzahl Verwünſchungen wider die Tyrannen, die Nero, die Oſchingis⸗ 94 chan, die Heliogabal hinein, und bin ſicher, daß ich einen glänzenden Erfolg habe. Der Marquis ſtand bei dieſen Worten von dem Tiſche auf, an welchem er mit Karl ſich zum Kaffee niedergelaſſen hatte, und holte ein ſehr elegant geſchriebenes Heft herbei, das er ſeinem Gaſt zum Durchblättern reichte. Das Stück hieß:„François I. de retour“. Nach dem Dichter war Franz I. nicht vom Kaiſer Karl V. aus der Gefangenſchaft entlaſſen, ſondern er war von mauriſchen Zauberern im Dienſte des Spanierkönigs in ewigen Schlummer eingewiegt und in einem Gewölbe der Cathedrale von Se⸗ govia eingeſchloſſen worden. Einer der Zaube⸗ rer dagegen hatte ſeine Geſtalt angenommen und war von den Spaniern nach Frankreich zu⸗ rückgeſandt worden, nachdem er den entehren⸗ den Frieden beſchworen. Die Kunde von der Revolution, die an die Pforten der Paläſte und Cathedralen von ganz Europa donnerte, hatte — —. nun den ſchlummernden König in der unterir⸗ diſchen Wohnung in Segovia aufgeweckt; die Thore ſeines Gefängniſſes waren vor ihm auf⸗ geflogen und er war über die Pyrenäen in ſein Reich heimgeeilt. Hier ließ ihn der Dichter durch die Säle der Königsſchlöſſer ſchreiten. Er ſtellte die Ritterlichkeit des tapfern Franz I. ne⸗ ben die Schwäche Ludwig's XVI.: er zeigte den gekrönten Valois in ſeiner ganzen Entrüſtung, als dieſer in Verſailles, in den Tuilerien eine Enkelin ſeines Todfeindes, des Habsburgers Karl, findet, eine Oeſterreicherin, welche Alles thut, um Frankreich und das Volk zu Grunde zu richten. Das Stück wurde bald nur noch eine heftige Schmähſchrift auf Marie Antoinette. Karl legte es mit einem mistrauiſchen Blicke auf den Marquis aus den Händen. Das Stück iſt beinahe fertig und bedarf nur noch geringer Feile, ſagte der Marquis ruhig lächelnd. Nur eine Stelle macht mir noch 96 Schwierigkeiten. Der Impreſſario des Theaters der Italiener, für welches das Stück beſtimmt iſt, fodert hartnäckig, daß eine der handelnden Perſonen umgebracht werde— und ich weiß nicht, wie ich ſeinen Blutdurſt befriedigen ſoll. Aber haben Sie denn im Theater der Ita⸗ liener nicht Dolche, Giftbecher, Schwerter, Ab⸗ gründe dazu? Man ſollte meinen, die Bravos und die Stilette müßten gerade dort am we⸗ nigſten fehlen! Daran fehlt es freilich nicht, aber mir fehlt die Motivirung in meinem heitern Stück. Woher denn dieſer ſeltſame Eigenſinn in Ihrem Director? Sie müſſen wiſſen, daß unſere Theater früher unter dem erdrückendſten Joch ſeufzten, welches ihnen die Privilegien der Comedie fran⸗ caiſe, jetzt„Theaͤtre de la Nation“ genannt, auferlegten. Die Italiener durften früher keine recitirenden Stücke geben, es ſei denn, daß die antediluvianiſche Geſtalt Harlequins darin vor⸗ kam. Damit ſie ja der Comedie francaiſe das Monopol der Tragödie nicht raubten, durften in ihren Stücken die handelnden Perſonen nicht ſterben, ſie durften nur ohnmächtig werden. Schläge durften ſie bekommen nach Herzensluſt, aber vor Dolchſtichen ſchützte die Helden das ſtrengſte Polizeireglement. Karl brach in ein Gelächter aus über dieſe närriſche Vormundſchaft der Polizei über die Poeſie. O ich könnte Ihnen noch viel tollere Sachen erzählen, fuhr der Marquis fort. Wir hatten ein Theater, welchem das Privilegium der Cou⸗ plets fehlte. Um dieſer Beſchränkung zu ent⸗ gehen, ließ man nun die Geſänge hinter der Scene abſingen und ein Schauſpieler auf der Scene machte die nöthigen Geſticulationen dazu. Die conſtituirende Verſammlung nun hat das Alles abgeſchafft und den Theatern volle Frei⸗ E Schücking, Sohn des Volkes. II. 9 heit gewährt. Seitdem aber iſt der Unterneh⸗ mer der Italiener ein wahrer Wütherich gewor⸗ den. Seitdem er, von dem langen Drucke be— freit, das Privilegium hat, hängen, köpfen, bra⸗ ten und rädern zu laſſen, ſo viel er will, iſt er wie wüthend von Mordluſt: es iſt, als wollte er alle die ſchönen, ſeit ſo viel Jahren verſäum⸗ ten Gelegenheiten, ſeinen Helden eins mit dem Dolche zu verſetzen, wieder einbringen. Er geht umher zwiſchen den Dichtern, die für ihn ar⸗ beiten, wie ein Karl IX. mit dem Feuerrohr, und der Refrain ſeiner Rathſchläge iſt ein fort— währendes: Tue! tue! Karl mußte abermals lachen und bewunderte nebenbei die Geiſteselaſticität des jungen Fran⸗ zoſen, der in ſo ernſter Zeit und Lage ſich und ſeinen Gaſt in die heiterſte Stimmung zu plau⸗ dern wußte. In dieſem Augenblicke wurde an die Thür gepocht und ein Mann in mittlern Jahren trat 99 ein, deſſen tiefe Verbeugung vor dem Marquis zuſammen mit dem ſtillen, unterwürfigen We⸗ ſen die Gewohnheit des Dieners vorausſetzen ließ, während ſeine Tracht die eines Bürgers der untern Claſſen war. Der Marquis trat mit ihm in eine Fenſter⸗ niſche, wo Beide ſich eine geraume Zeit halb⸗ laut beſprachen. Dann näherte ſich La Roche Karl und ſagte ihm: Die Fürſtin ſendet uns eine Botſchaft. Die⸗ ſer Mann, der Bürger Delcour, ehemaliger Haushofmeiſter meines emigrirten Oheims, war in Ihrer Wohnung. Er hat Lambert geſpro⸗ chen und glaubt überzeugt ſein zu dürfen, daß Sie ihm ohne Gefahr ein Rendezvous geben können. Er hat es mit Lambert auf zehn Uhr in einem alten verlaſſenen Hotel der Rue St. Maur verabtedet. Die Fürſtin glaubt, daß Sie hingehen können. Wenn Sie einſtimmen, ſo wird Delcour Lambert, der ihn in der Rue du 5* Bac erwartet, hinführen und ich werde Sie hin⸗ geleiten. Die Waffen ſind dort. Ich ſehe vor⸗ aus, daß Sie mir die Ehre gönnen, Ihr Se⸗ cundant zu ſein, nicht wahr? Und hat Lambert einen zuverläſſigen Secun⸗ danten? Er verſprach ihn mitzubringen, nahm jetzt Delcour das Wort. Er hatte, fuhr der ehe⸗ malige Haushofmeiſter fort, einen eigenthüm⸗ lichen Ton von tiefer innerer Erſchütterung und Leidenſchaft; ſein ganzes Weſen verrieth, daß er keine Ueberliſtung vorhabe und nicht daran denke, den Herrn eine Schlinge zu legen. Und wie kam es, daß er ſich Ihnen anver⸗ traute? fragte Karl. Die Frau Fürſtin hatte mir hefülen, mich für den Diener des Herrn Barons auszugeben, der beauftragt ſei, Botſchaften für Sie entgegen⸗ zunehmen. Die Frau Fürſtin beweiſt in dieſer Angele⸗ * genheit eine ganz außerordentliche Fürſorgel ſagte 1 Karl mit einem Anflug von ſpöttiſcher Gereiztheit. Es kommt nun Alles auf Sie an— fiel begütigend der Marquis ein— ob es Ihnen genehm iſt, die Angelegenheit ſo raſch zu been⸗ den. Sie kennen die Lage der Dinge. Sie ha⸗ ben nicht allein ein misbrauchtes Vertrauen, eine Infamie, welche auch gegen Sie begangen wurde, zu rächen. Die beiden Frauen erwarten noch außerdem von Ihnen ihre Sicherheit, vielleicht die Rettung ihres bedrohten Lebens. Sie ſetzen voraus, daß es einem Edelmann nicht ſchwer fällt, dem Leben eines ſolchen Menſchen ein Ende zu machen, oder ihn mindeſtens ſo zuzurichten, daß er eine Zeitlang außer Stande iſt, ſie zu verfolgen oder ihnen Gefahren zu bereiten. Ich weiß es, Herr Marquis. Die Fürſtin faßt meine Ehrenpflicht ein wenig wie die Miſ⸗ ſion eines Raufers auf. Wenn ich auch zu der letztern nicht ganz meine Einſtimmung geben * 102 kann, ſo bleibt doch darum die erſtere nicht minder dringend und heilig. Ich bin bereit, ge⸗ hen wir! Delcour, holen Sie Hut und Handſchuhe des Herrn aus ſeinem Schlafzimmer, ſagte der Marquis. Als der Diener das Zimmer verlaſſen hatte, zog Karl eine Brieftaſche hervor. Es könnte ſein, ſagte er, daß das Umge⸗ kehrte von dem einträfe, was die Fürſtin erwar⸗ tet, das heißt, daß ich fiele. Dann müßte ich Sie bitten, mir einen Liebesdienſt zu erweiſen. Nehmen Sie in einem ſolchen Falle dieſe Brief⸗ taſche, die Briefe und allerlei Aufzeichnungen enthält, ſiegeln Sie dieſelbe, ohne darin geblät⸗ tert zu haben, ein und ſenden Sie ſie, wie ſie da iſt, an die Adreſſe, welche Sie hier auf dem erſten Blatte verzeichnet finden. Karl öffnete die Brieftaſche und zeigte dem Marquis die Adreſſe Cöleſtinens, welche er auf das erſte Blatt geſchrieben hatte. Als er ſie wieder ſchließen wollte, fiel ein Medaillon heraus. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, verſetzte La Roche, während er das Medaillon aufhob, daß ich Ihren Befehl gewiſſenhaft erfüllen würde. Aber welch ein wunderhübſches Geſicht iſt die⸗ ſes? ſetzte er hinzu, das Medaillon betrachtend, das in einem ſchmalen Goldrahmen, wie eine Münze mit doppeltem Gepräge, an der einen Seite das Miniaturbild Mariannens, an der andern das Cöleſtinens enthielt. Es iſt meine Schweſter, ſagte Karl. Welch ein roſiger, ſüßer, kleiner Kopf! rief La Roche entzückt aus. Man ſieht, daß Sie ein Dichter ſind, lä⸗ chelte Karl. Weßhalb?. Wäre es ſonſt möglich, ſich für ein Bild ſo zu enthuſiasmiren? O, ich enthuſiasmire mich durchaus nicht 104 für das Bild— Ihre deutſchen Künſtler mö⸗ gen ſich nicht zu viel einbilden: aber ich bin verliebt in Ihre Schweſter! La Roche gab endlich das Medaillon zurück. Es iſt freilich jetzt keine Zeit dazu. Kommen Sie, gehen wir! Sie gingen. Der ehemalige Haushofmeiſter war ihnen bereits vorausgeeilt. Karl konnte jetzt beim hellen Tageslicht den Weg erkennen, den er am Abend zuvor im Dunkel gemacht hatte und der ihm wie ein vollſtändiges Laby⸗ rinth vorgekommen war. Der Marquis La Roche führte ihn über einen langen Corridor, an deſ⸗ ſen Ende eine ſchmale, einſt für die Bequem⸗ lichkeit des Geſindes angelegte Treppe ſich be⸗ fand. Auf dieſer niederſteigend, kamen ſie in eine Reihe kleiner Domeſtikenzimmer im Sou⸗ terrain, welche mit einer Thüre endeten, die friſch durch die Mauer gebrochen ſchien. Der Marquis öffnete ſie mit einem Schlüſſel, den er bei ſich trug, und ſchloß ſie dann ſorgfältig wieder zu. Die beiden jungen Männer ſtanden jetzt in einem ſchmuzigen, kaum dämmerhellen Raum. Stoßen Sie ſich hier nicht, ſagte La Roche. Wir befinden uns in der Waſchküche des Bür— gers Delcour, und mitten zwiſchen ſeinen Ku⸗ fen und Zubern. Wir ſind nicht mehr im Ho⸗ tel meines Oheims, ſondern in der anſtoßenden beſcheidenen Wohnung unſeres frühern Haus⸗ hofmeiſters, der hier ein ganz vortreffliches Ge⸗ ſchäft mit den ausgezeichnetſten kurzen Waaren etablirt hat. Sehen Sie dort, am Ende dieſes ſchmalen Ganges iſt die Glasthüre, die uns in den Laden führt, worin Delcour ſeine Schätze an Kindertrommeln, unechten Treſſen, Schaukel⸗ pferden, Jacobinermützen, dreifarbigen Cocarden und anderm Spielzeuge feil bietet. Sie traten in den Laden, den ein junges Mädchen bewachte, und gelangten von dort auf 5*†* 106 die Gaſſe. Karl warf einen Blick auf die zur Seite liegende Facade des Vorgebäudes des Hotels, welches ſie eben verlaſſen hatten. Sie zeigte nur verſchloſſene Läden hinter den von Spinngeweben umzogenen Gitterfenſtern, und ein Haufen Schutt und Kehricht vor dem Ein⸗ fahrtsthore bewies, daß ſeit Monden kein Fuß mehr über dieſe Schwelle getreten. ———— 2 Sechstes Kapitel. Karl und der Marquis ſchritten durch mehre Straßen. Endlich bog der Marquis in eine enge und lange Gaſſe ein, die zum Theil von ſchmu⸗ zigen ſchmalen Häuſerfronten, zum Theil von Magazinen und Hof⸗ oder Gartenmauern ge⸗ bildet wurde. Dieſe düſtere Gaſſe war verlaſ⸗ ſen, als ob ſie einer ausgeſtorbenen Stadt an— gehöre. Nur ein Menſch begegnete den beiden jungen Leuten, als ſie hineinſchritten. Es war ein langer Mann in einer Blouſe, ein verdäch⸗ tiges Geſicht mit einer Narbe über der Wange, die ein ergrauender Bart nur unvollſtändig be⸗ deckte. Er ging, wie es ſchien, achtlos vorüber. — 109 Der Marquis blickte nach einer Weile hinter ſich. Der Mann hatte die Gaſſe verlaſſen, ſie war ganz öde. La Roche trat nun an eine kleine Thüre, welche in einer der die Gaſſe bildenden Mauern angebracht war. Er öffnete ſie raſch und Beide traten in einen ziemlich großen, aber in hohem Grade verwilderten Garten ein. Auf den unbeſtellten Beeten ſtritten die jungen Schöß⸗ linge und grünen Triebe mit dem abgeſtorbenen Gezweig und den vermodernden Stämmen des vo⸗ rigen Jahres; die Spaliere und zierlich zugeſtutz⸗ ten Zwergbäume waren regellos auseinander ge⸗ wuchert und die graziös angelegten Schlingpfade waren von dürren und grünen Ranken, von Gräſern und wild aufgeſchoſſenen Loden über⸗ wuchert. Die kunſtreichen Taxusfiguren, die aus einer frühern Periode des Gartenbaugeſchmacks, als in Frankreich die Anglomanie noch nicht Fuß gefaßt hatte, herübergerettet waren, hatten ſich in die abenteuerlichſten Auswüchſe variirt. Ei⸗ — — nem Elephanten war eine grüne Pyramide auf den Kopf gewachſen wie eine vollſtändige Har⸗ lequinsmütze, und einem koloſſalen Löwen war der Rücken ſo in die Höhe gegangen, daß es ausſah, dieſem royaliſtiſchen Thiere ſträubte ſich aus Entſetzen über die Revolution, die ihn ohne Pflege und Dienerſchaft ließ, das Mähnenhaar vor Grimm und Entſetzen empor. Es ſieht wild aus, ſagte der Marquis, im Garten meines edeln emigrirten Vetters— faſt ſo wild und wüſt wie im ganzen lieben Vater⸗ lande: die edeln Pflanzen verderben und das Unkraut wuchert mit Macht über ſie empor. In der That, es iſt ein außerordentlich demokrati⸗ ſcher Garten. Aber da iſt Delcour. Delcour kam ihnen entgegen und deutete von weitem ſchweigend auf das Hotel, deſſen hintere Facade auf dieſen Garten hinausging. Sie nä⸗ herten ſich ihm. Eine geöffnete Glasthüre ließ den Blick in einen großen Gartenſalon dringen, 110 von deſſen nackten und kahlen Wänden die Mö⸗ beln verſchwunden waren, und der ſich in einem höchſt melancholiſchen Zuſtande befand, als ob eine innere Ahnung ſeine geflüchteten Bewohner ſchon ſeit Jahren habe darauf verzichten laſſen, ihr Haus wohnlich zu erhalten. Warten Sie einen Augenblick, ſagte der Mar— quis; ich will vorausgehen, um mit dem Secun⸗ danten Ihres Gegners das Nöthige zu beſprechen. La Roche näherte ſich dem Hauſe, aber be⸗ vor er es erreicht hatte, trat Lambert aus dem offenen Salon, eilte mit einem haſtigen Gruße an dem Marquis vorüber und näherte ſich ra⸗ ſchen Schrittes ſeinem Gegner. Was iſt das? rief ihm La Roche nach— Sie ſind ohne Secundanten, mein Herr? Lambert antwortete ihm nicht. Er wandte ſich an Karl. Herr von Schwalborn, Sie ſind gekommen, ſich mit mir zu ſchlagen; ich werde mich mit Ihnen ſchlagen, auf Tod und Leben ſchlagen, mit jeder Waffe, die Sie wollen. Ich bin ohne Secundanten, damit Ihr Leben nicht gefährdet ſei, denn ich habe keinen Freund in Paris, der, wenn ich fiele, Sie nicht als meinen Mörder und Ariſtokraten verfolgen ließe. Sie ſehen, ich habe mich ganz in Ihre Hände gegeben— ich ſtehe allein Ihnen und Ihren zwei Begleitern gegenüber, auf einem Boden, den Sie kennen und ich nicht— einem Boden, der eine Falle ſein kann, in welche Sie mich gelockt haben. Pfui! unterbrach Karl ſeinen Gegner. Aber dafür, fuhr Lambert immer heftiger fort, verlange auch ich einen Beweis von Ver⸗ trauen von Ihnen. Und der iſt? Ich habe ein furchtbares Geheimniß auf dem Herzen, das ich von ihm wälzen muß, ehe ich ſterben oder mich durch eine Verwundung viel⸗ leicht zu langer Unthätigkeit verdammen laſſen darf.— Um es abzuſchütteln, muß ich Bianca Tondini ſehen. Sagen Sie mir ihre Wohnung, führen Sie mich zu ihr— dann laſſen Sie mir nur drei Tage Zeit— ſpäter will ich Alles thun, was Sie wollen! Ueber Karl's Züge flog ein ſpöttiſches Lächeln. Ich begreife nicht, wie Sie mir eine ſolche Zumuthung zu machen ſich erdreiſten können, ſagte er dann mit verächtlichem Achſelzucken. Lambert ergriff ſeinen Arm und preßte ihn ſo krampfhaft, daß Karl Mühe hatte, ihn ſo raſch abzuſchütteln, wie ſein durch dieſe zudring⸗ liche Vertraulichkeit geſteigerter Unwille es ver⸗ ſuchte. Sehen Sie, Karl, rief er flammenden Au⸗ ges, aber mit todtenblaſſem Geſicht aus, für dieſe höhniſche Zurückweiſung könnte ich Sie er⸗ droſſeln; aber ſo groß iſt der Drang in mir, die abſolute Nothwendigkeit, Bianca zu ſprechen, daß ich mich bezwinge, daß ich meinen Zorn niederhalte und mich in dieſem Augenblicke zu einer Bitte demüthige: ich bitte Sie, ſagen Sie mir, wie ich Bianca ſprechen kann! Karl ſah ihn prüfend an— betroffen über ein ſolches Maß innerer Leidenſchaftlichkeit, wie es aus Lambert ſprach. Sie wollen nicht! fuhr Lambert ſtürmiſch fort— nun wohl, ſo hören Sie! Sie ſind hierher gekommen mit der Abſicht, mich zu töd⸗ ten, nicht wahr? War es nicht Ihre Abſicht? Geſtehen Sie mir es! Nun wohl, ich verſpreche Ihnen, mir nach drei Tagen ſelbſt eine Kugel durch den Kopf zu jagen, wenn Sie mir ſofort zu einer Unterredung mit Bianca verhelfen. Ich will es Ihnen ſchwören, bei Allem, was Sie verlangen. Sie ſind ein furchtbarer Menſch! Welch düſterer Spiegel für die Welt und die Menſchen muß Ihre Seele ſein, um glauben zu können, ich würde einen ſolchen Handel eingehen! Ich habe Sie gehaßt, Lambert; ich fange an, ein tiefes Mitleid mit Ihnen zu fühlen! Ich brauche Ihr Mitleid nicht; ich will nichts, als ein paar Worte von Ihren Lippen und will ſie Ihnen bezahlen mit meinem Leben! Karl war halb erweicht, halb bezwungen worden durch die leidenſchaftliche Inſtändigkeit ſeines Gegners. Er trat zum Marquis und beſprach ſich mit dieſem. Der Marquis glaubte, daß es eine ſchlechte Politik ſein würde, die Mit⸗ theilung eines Geheimniſſes, welches ja vielleicht ſie Alle in hohem Grade intereſſiren könne, zu hintertreiben. Karl kehrte zu Lambert zurück und ſagte ihm: Es kann keine Rede davon ſein, daß ich Bianca's Aufenthalt Ihnen mittheile. Aber ich will ihr von Ihrem ſtürmiſchen Verlangen, ſie zu ſehen, ſprechen und es in ihre Hand legen, ob ſie hierher in dieſen Garten kommen will, um Ihre Mittheilungen entgegenzunehmen. Ich ſähe ſie lieber allein, in ihrer Wohnung. Aber ich kann Ihnen keine Bedingungen machen. Gehen Sie— holen Sie ſie hierher und ſagen Sie ihr, daß es ſich ganz einfach um ihr und um mein Leben handelt. Karl und der Marquis verließen den Gar⸗ ten auf demſelben Wege, welchen ſie gekommen. Delcour hatte den Befehl, als Beobachter zu⸗ rückzubleiben und Lambert nicht aus den Augen zu verlieren; denn ſo überzeugt auch Karl war, daß hinter Lambert's ſtürmiſchem Verlangen ſich keine Liſt berge, ſo wenig war der Marquis geneigt, irgend eine Vorſichtsmaßregel darauf hin zu verſäumen. Lambert wanderte während der Entfernung ſeiner beiden Gegner ungeduldig im Garten auf und ab. Delcour machte ſich in den Neben⸗ gängen zu ſchaffen und ſchien ganz damit be— ſchäftigt, aus einigen großen Roſenſtöcken die ſchwarzen vorjährigen Samenkapſeln fortzuſchnei⸗ 116 den. Der lauernde Blick dieſes Mannes lag darum nicht weniger ſpähend auf dem jungen Jacobiner. Dieſer hielt von Zeit zu Zeit ſeine eilenden Schritte an: er ſtand eine Weile unbe⸗ weglich, das Kinn mit der Hand ſtützend, die Augen auf den Boden heftend; einmal ſtemmte er die Flächen beider Hände mit krampfhafter Heftigkeit gegen ſeine Schläfen, als ob er das Blut, welches darunter pochen mochte, zurück⸗ drängen wolle, und dann warf er ſich auf eine Steinbank, welche jener kleinen Pforte gegen⸗ über lag, durch die Karl und der Marquis ver⸗ ſchwunden waren. Er ließ ſeine Blicke nicht mehr von ihr fortgleiten, bis ſie ſich endlich nach einer halben Stunde des Harrens öffnete und Bianca Tondini's ſchlanke Geſtalt, in ſchwarze Seide gekleidet und tief verſchleiert, in den Gar⸗ ten trat. Der Marquis La Roche folgte ihr. Bianca hemmte ihre Schritte in dem Augen⸗ blicke, in welchem ſie Lambert erblickte. — Bleiben Sie zurück, aber in der Nähe, ſagte ſie gepreßten Athems zu La Roche; dann wandte ſie ſich und ging feſten Schrittes Lambert entgegen. Dieſer war aufgeſprungen und traf ſie in der Mitte des Gartens, an einer kurzen Sandſtein⸗ ſäule, welche eine Sonnenuhr trug. Bianca legte, wie um ſich zu ſtützen, ihren Arm dar⸗ auf und fragte mit zitternder Stimme: Was wollen Sie von mir? Lambert hatte einen Augenblick ſtumm in ihre Züge geſchaut. Ein Stich fuhr ihm durchs Herz, als er jetzt die Spuren der Krankheit wahr⸗ nahm, welche ihm bisher, bei der Beleuchtung des Abends, verborgen geblieben waren. Ich habe eine furchtbare Schuld gegen Sie, ſagte er ſtockend, die Worte mit Mühe hervor⸗ ſtammelnd— aber ich bin furchtbar dafür be⸗ ſtraft worden. Denken Sie ſich die allerentſetz⸗ lichſte Strafe aus, durch welche Sie gerächt werden konnten: ich leide an dieſer Strafe! 118 Bianca hätte dieſe Worte nicht verſtanden, hätte in den Blicken Lambert's nicht etwas ge⸗ legen, was einen Schlüſſel zu dem Sinne der⸗ ſelben gab. Ein unbeſchreibliches Gefühl tiefen Widerwillens kam über ſie.. Was wollen Sie von mir? ſagte ſie noch einmal, diesmal hart und feſt. Ich will wieder gut machen, was ich an Ihnen gethan habe. Ich will Ihnen das Leben retten, daſſelbe Leben, welches ich in Todesge⸗ fahr brachte. Das Leben retten? Und glauben Sie, daß ich ein Leben Ihnen verdanken will? Lambert hatte auf eine ſolche Antwort ſich nicht gefaßt gemacht. Er ſchwieg einen Augenblick. Sie wollen es nicht? Sie müſſen wollen. Sie ſind Ihrem Leben ſchuldig, es zu ſchützen und wollten Sie es auch nicht.— Sie können Ihrem Ohre nicht befehlen, taub zu ſein gegen das, was ich Ihnen ſage. So hören Sie: Nach wenig Tagen, vielleicht morgen ſchon wer⸗ den Sie an den Straßenecken ein Decret des Gemeinderaths von Paris angeſchlagen finden, welches wie mit einem Zauberworte alles Leben dieſer großen Stadt lähmt. Bei Todesſtrafe wird Jedermann in ſeiner Wohnung ſein müſ⸗ ſen: kein Fuß darf die Straße mehr betreten, kein Arzt wird zu einem Kranken, kein Prieſter zu einem Sterbenden eilen dürfen. Dann wer⸗ den die bewaffneten Sectionen ihr Werk begin⸗ nen. Sie werden Paris durchſuchen. Kein Haus, keine Kammer, kein noch ſo gut erſonnenes Ver⸗ ſteck, kein doppeltes Parquet, keine Mauerhöh⸗ lung, kein Kellergewölbe wird verſchont bleiben. Weder das Dach von Notre⸗Dame noch die un— terirdiſchen Kanäle, welche in die Seine mün⸗ den, werden Rettung bieten. Man wird Alle, die fremd, die des Royalismus verdächtig, die mit Emigranten verbunden ſind, die einen Ari⸗ ſtokratennamen führen, verhaften. Man wird 120 auch Sie verhaften, Bianca: Sie ſind eine Grä⸗ fin, welche im Verein mit einer Fürſtin aus Wien nach Paris gekommen iſt. Glauben Sie mir, Ihre Anſtellung am Theater ſchützt Sie nicht. Das Theater ſelbſt iſt verhaßt, verdäch⸗ tig. Die öſterreichiſche Fürſtin, die ſich ohne Grund in Paris aufhält, verdirbt Sie unrettbar. Und wenn man uns findet, wenn man uns verhaftet— So wird man Sie nach wenig Tagen ohne Urtheil und Proceß tödten— man bereitet eine Schlächterei in Paris vor, wie die blutigſten Blätter der Geſchichte nichts Aehnliches kennen. Bianca war erblaßt bei dieſer Mittheilung. Wie entſetzlich iſt das! rief ſie aus. Sind denn die Menſchen alle in Hyänen verwandelt? Wollen Sie jetzt von mir die Rettung an⸗ nehmen? Bianca antwortete nicht. Unter dem Ein⸗ drucke der furchtbaren Mittheilung, welche ihr eben gemacht worden, war es ihr unmöglich, ſogleich und ausſchließlich ihr eigenes Schickſal ins Auge zu faſſen. Wie hätte ſie auch daran denken können, ohne die Fürſtin zu fliehen? Wie daran, Lambert ihre Rettung anzuver⸗ trauen? Und ſollte ſie den geheimnißvollen Plan, den ſie verfolgte und um deſſentwillen ſie ſowol wie die Fürſtin in Paris ſich aufhielten, für den ſo manche großartige Vorbereitung getroffen war, jetzt plötzlich erſchrocken, feige fallen laſſen? Ge⸗ hörte zu dieſen Vorbereitungen nicht auch ein ſicherer, ganz unentdeckbarer Verſteck, den ſie von der Fürſtin und deren Freunden für den Fall der Noth hergerichtet wußte? Bianca war bald entſchloſſen und gefaßt. Aber eine andere Frage war in ihr aufgetaucht und beſchäftigte ihren Geiſt. Sie antworten nicht? drängte Lambert. Laſſen Sie mir einen Augenblick der Be⸗ ſinnung. Schücking, Sohn des Volkes. II. 6 12² Eine Menge Gedanken und Gefühle durch⸗ kreuzten ſie. Es kam darauf an, ihren perſön⸗ lichen Widerwillen, Lambert's Dienſte zu be⸗ nutzen, um eines großen Zwecks willen nieder⸗ zukämpfen. Es war ein Opfer der Selbſtver⸗ leugnung, ja beinahe des Ehrgefühls. Sollte ſie dies Opfer bringen? Sie kämpfte lange. Dann heftete ſich ihr Blick auf Lambert'’s Züge. Es lag etwas darin, was den Ausſchlag gab. Sie ſah, daß er entſetzlich litt. Der gewöhn⸗ liche, etwas ſtechende Blick ſeiner Augen war einem Ausdrucke gewichen, worin tiefer Schmerz lag. Ich kann eine Rettung von Ihnen nicht an⸗ nehmen, ſagte ſie; ich kann es nicht und ich will nicht— 8 Lambert zuckte zuſammen. Er ſtreckte die Hand nach der kleinen Steinſäule aus, um ſich daran zu halten, und ſagte mit bebender, erblei⸗ chender Lippe: So gehen Sie in den Tod! ——V—V———————— Mag ſein! verſetzte Bianca kurz. Aber, fuhr ſie fort, ich erkenne darum nicht weniger an, was Sie für mich thun wollten. Sie ſind zu mir, zu der, gegen welche Sie eine ſo entſetz— liche Schuld auf ſich geladen haben, gekommen und haben ohne Weiteres, ohne Rückhalt und Bedingung Ihr Leben in meine Hände gelegt. Mir das Geheimniß deſſen verrathen, was Pa⸗ ris bevorſteht, war eben ſo viel, als Ihren Kopf unter das Beil der Gulllotine legen und mir ſagen: Ziehe die Schnur! Eine Zeile von mir an den Gemeinderath, oder an irgend einen De⸗ magogen Ihres Clubs, der zu den Eingeweih⸗ ten gehört— und das Eiſen fällt! Ich will Ihnen zeigen, daß ich für dies Vertrauen we⸗ nigſtens dankbar bin. Ich will einen Dienſt, den Sie mir leiſten können, annehmen. Lambert hatte die Arme übereinandergeſchla⸗ gen und ſtarrte ſchweigend den Boden an, wäh⸗ rend Bianca ſprach. 6* 124 Ich habe den Wunſch, fuhr Bianca, ihre Stimme dämpfend, fort, die Königin Marie Antoinette zu ſehen und zu ſprechen. Lambert blickte überraſcht auf. Iſt Ihnen eine Todesgefahr nicht genug? ſagte er. Es handelt ſich dabei um nichts Gefährliches. Ein Bekannter von mir wünſcht ein neues Stück auf dem Theater der Italiener aufführen zu laſ⸗ ſen. Es heißt:„Frangois I. de retour.“ Es iſt eine Satyre auf die Ariſtokratie, den Hof, die Königin insbeſondere. Ich ſoll die Rolle der Königin darin übernehmen. Der Verfaſſer aber wünſcht aufs dringendſte, daß ich die Königin ſehe, ſprechen höre, beohachte, ehe ich ſie auf der Bühne darſtelle. Es muß Ihnen nun leicht ſein, zu einem ſolchen Zweck mir eine Erlaub⸗ niß auszuwirken, nach einigen Tagen den Tem⸗ pel zu betreten. Lambert blickte die Sprechende mit dem Aus⸗ druck des höchſten Erſtaunens an. Dann ſagte er lächelnd, faſt ſpöttiſch: Die Sache iſt nicht ganz ſo, wie Sie mir ſagen. In einem Stücke, worin die ge⸗ fangene Königin dem Gelächter der Menge preisgegeben werden ſoll, werden Sie nicht auf⸗ treten! Bianca erſchrak jetzt. Sie begann Reue zu fühlen über das, was ſie geſagt— ſie fühlte, die geheime Leidenſchaft, mit welcher ſie ihr Ziel verfolgte, hatte ſie zu weit geführt. Wenn irgend ein Verdacht gegen mich in Ihnen aufſteigen ſollte, ſo werden Sie ſich je⸗ denfalls hüten, ihm Worte zu geben, ſagte ſie. Sie können nicht vergeſſen, daß Ihr Leben in meiner Hand iſt! Bianca! verſetzte er vorwurfsvoll— ich habe mein Leben daran geſetzt, Sie zu retten! Nun wohl. Ich habe Ihnen eine Anerken⸗ nung dafür zeigen wollen, indem ich einen Dienſt 126 von Ihnen verlangte. Wollen Sie ihn mir erweiſen? Nein, nein, rief er ſtürmiſch aus— ich kann nicht dazu mitwirken, daß Sie umſonſt Ihr Blut vergeuden für eine verzweifelte Unternehmung, deren Gelingen unmöglich iſt. Ihren Rath über irgend eine„Unterneh⸗ mung“ habe ich nicht verlangt. So iſt unſere Unterredung beendet. O gehen Sie nicht— bei Allem, was Ih⸗ nen heilig iſt— hören Sie mich an! Bianca wandte ſich ab, um zu gehen. Ich will es— ich will thun, was Sie ver⸗ langen. Ich kann Ihnen die Erlaubniß ver⸗ ſchaffen. Aber Sie müſſen mir dazu zum Stadt⸗ hauſe folgen, und zwar augenblicklich, denn ich weiß, daß ein vertrauter Freund von mir am heutigen Morgen für einen erkrankten Collegen als Secretair des Gemeinderaths fungirt. An ihn müſſen wir uns wenden. Augenblicklich? ſagte Bianca zögernd. Ja— verſetzte Lambert; ich möchte ſonſt auf unüberwindliche Schwierigkeiten ſtoßen. Mein Freund geht wahrſcheinlich in den nächſten Ta⸗ gen als Commiſſair zur Nordarmee ab. Nun, ſo ſei es, antwortete Bianca mit ra⸗ ſchem Entſchluß. Sie wandte ſich zu La Roche, der beobach⸗ tend in der Ferne ſtand, und theilte ihm mit, was ſie zu thun beabſichtige. Dieſer widerrieth ihr erſchrocken, ſich Lambert ſo rückhaltlos an⸗ zuvertrauen. 8 4 Fürchten Sie nichts und theilen Sie es der Fürſtin mit, daß ich im Begriff bin, das ſchwerſte Hemmniß unſerer Pläne zu beſiegen. Von Lam⸗ bert befürchten Sie nichts. Er iſt in meiner Gewalt! fügte ſie zuverſichtlich hinzu. Ich kann Ihnen nicht widerſprechen, ſagte La Roche etwas kleinlaut. Wir müſſen eben Alles wagen. Nur ſein Sie klug und hütus 128 Sie ſich, bei der Rückkehr Ihre Wohnung er⸗ ſpähen zu laſſen. Ich werde ſuchen, in Ihrer Nähe zu bleiben und Sie zu überwachen. Bianca verließ mit Lambert den Garten, Delcour und La Roche folgten ihr in der Ent⸗ fernung. Siebentes Kapitel. Während der Unterredung Bianca's mit Lam⸗ bert war Karl bei der Fürſtin geblieben. Sie hatte es gewünſcht, da ſie befürchtete, daß das Hin⸗ und Hergehen zu vieler Perſonen zwiſchen dem Hauſe Delcour's und dem Garten, worin Lambert ein Rendezvous gegeben war, Aufſehen errege. Karl ſollte erſt nach einer Weile den Vorangegangenen folgen. Karl war es ange⸗ nehm, ſich der Fürſtin allein gegenüber zu ſehen, um ſich offen gegen ſie ausſprechen zu können. Sie ſind ungerecht gegen mich, ſagte er zu ihr, nachdem Bianca und der Marquis das Cabinet der Fürſtin verlaſſen hatten, um ſich 6 8* in den Garten zu begeben, wo Lambert ſie er— wartete— Sie finden für gut, mich noch ein⸗ mal als Ihr Werkzeug zu gebrauchen, aber Sie würdigen mich dabei wieder nicht des mindeſten Vertrauens. In Wien, wo es nur galt, die Liebe eines ſchönen Mädchens zu erwerben, konnte ich mir das gefallen laſſen. Aber hier, wo es gilt, einen Menſchen zu tödten, iſt die Sache ern⸗ ſter. Doch— ich fodere Ihr Vertrauen nicht; aber es kränkt mich, daß Sie, ohne mir es frei⸗ willig zu ſchenken, ſo über mich— Ohne Weiteres disponiren! wollen Sie ſa⸗ gen, fiel die Fürſtin ein. Sie haben Recht. Ich that das; aber wenn ich Sie dabei im Blinden ließ, ſo geſchah es zu Ihrem Heile, nicht aus Mistrauen. Ich wollte Ihnen nicht Dinge auf⸗ bürden, deren Schwere Ihren friſchen Muth vielleicht gelähmt hätte, deren bloße Kenntniß eine Gefahr iſt. Trauen Sie meinem Muth ſo wenig zu? Ich traue ihm alles Mögliche zu, und jetzt, wo Sie doch halb eingeweiht ſind, will ich auch den Schleier ganz vor Ihren Blicken heben, weil Sie es ſo wollen. So hören Sie denn: Ich habe beſchloſſen, die Königin Marie Antoinette aus dem Tempel zu befreien! Frau Fürſtin!— Sprechen Sie nicht ſo laut! Weßhalb er⸗ ſchrecken Sie? Finden Sie nicht einen ſolchen Wunſch natürlich? Und weßhalb hätte ich nicht von einem ſolchen Wunſche zu dem Entſchluſſe übergehen ſollen? Seit ich den Kaiſer verlo⸗ ren habe, hat das Leben keinen Werth mehr für mich. Ich will es für ihn, für ſeine Schwe⸗ ſter wagen. Bianca, die für jeden großen Gedan⸗ ken ſo leicht zu begeiſtern iſt, theilt meinen Ent⸗ ſchluß. Die Ausführung iſt ſchwierig allerdings, aber nicht ſo ſchwer, wie Sie im erſten Augenblick glauben mögen. Noch ſchlägt in Tauſenden von franzöſiſchen Herzen die Liebe für ihren König 132 und die Königin. Es gibt Hunderte von franzöſi⸗ ſchen Edelleuten hier in Paris, unter den Augen der Marat und Danton, welche entſchloſſe en ſi nd, ihren König zu retten. Sie machen ihre Vorbe⸗ reitungen in größter Stille, mit der ſchlaueſten Vorſicht. Im Tempel ſind Verſtändigungen gewonnen. Der treue Clery, der Kammerdie⸗ ner Ludwig's XVI., hat eine ununterbrochene Verbindung mit dieſen treuen Anhängern ihres königlichen Herrn herzurichten gewußt, eine Art Telegraphenſchrift, die aus den Manſardenfen⸗ ſtern eines dem Tempel naheliegenden Hauſes beobachtet und erwidert wird. Nun hören Sie, was beſchloſſen worden iſt. Das Theatre des Italiens ſoll ein Stück aufführen, in welchem die Königin auftritt, um darin dem öffentlichen Gelächter preisgegeben zu werden. Für Bianca, welche große Aehnlichkeit mit der Geſtalt Marie Antoinettens hat, wird die Erlaubniß ausgewirkt werden, die Königin zu ſehen und zu ſprechen, 4 damit ſie dieſelbe auf der Bühne getreu copiren könne. Hat Bianca dieſe Erlaubniß erhalten, ſo begibt ſie ſich zur Königin und überreicht ihr heimlich den ſchriftlich ausgearbeiteten Plan des Befreiungsverſuchs, damit die königliche Fami⸗ lie dieſen Plan genehmige und zu rechter Stunde ſich bereit halte. Die Königin iſt von dem be⸗ vorſtehenden Kommen einer Fremden ſchon un⸗ terrichtet. Bianca hofft nun, daß ſie dieſelbe geneigt finden werde, ſtatt ihrer aus dem Ge⸗ fängniß zu gehen und Bianca im Tempel zu⸗ rückzulaſſen. Sie will ſich dazu kleiden wie die Königin, der nichts geblieben iſt, wie ein abge⸗ tragenes Kleid von ſchwarzer Seide, und will einen weiten, verhüllenden Schleier umwerfen. Ich habe dieſen Gedanken Bianca auszureden verſucht, da er zu gefährlich und, wenn er mis⸗ lingt, ihr Leben ganz umſonſt ausſetzt. Aber Bianca, die einmal die Idee eines ſolchen Opfer⸗ todes mit einer gewiſſen Leidenſchaft erfaßt hat, 134 will nicht davon laſſen. Und ſo ſind wir über⸗ eingekommen, daß, während ſie bei der Köni⸗ gin iſt, ich mit einem verſchloſſenen Wagen in der Nähe ihrer oder der Königin harre, um im Falle des Gelingens dieſe einem ſichern und längſt bereiteten Zufluchtsorte zuzuführen. Glauben Sie an die Möglichkeit des Ge— lingens? 4 Die Fürſtin zuckte die Achſeln. Es kommt Alles auf die Umgebung der Kö⸗ nigin an. Sind es die von unſern Freunden gewonnenen Commiſſaire des Gemeinderaths, welche die Wache haben, ſo iſt die Schwierig⸗ keit nicht groß. Morgen z. B. wiſſen wir Com⸗ miſſaire im Tempel, auf welche wir uns ver⸗ laſſen können, da ſie im Einverſtändniß ſind. Aber wir haben keine Ausſicht, die Erlaubniß für Bianca ſo bald zu bekommen; dieſe Erlaub⸗ niß zeigt ſich jetzt überhaupt weit ſchwieriger zu erwirken, als wir im Anfang glaubten und glau⸗ —— ben durften. Denn unſer Plan wurde bereits entworfen, als Marie Antoinette noch in den Tuilerien war und weit weniger rückſichtlos bewacht wurde. Und um dieſes Plans willen iſt wol Bianca einzig und allein Sängerin geworden? Einzig und allein, verſetzte die Fürſtin. Sie kennen nun beinahe unſern ganzen Plan. Die Details wird Ihnen La Roche mittheilen und Sie auch mit ſeinen Freunden bekannt machen, ſobald Sie ſich bereit erklären, die Hand zur Ausführung zu bieten. Karl ſtützte nachdenklich das Kinn auf ſeine Hand, ohne zu antworten. Er mußte mit ſich zu Rathe gehen: er konnte ſich nicht verhehlen, daß es ihm perſönlich eine weit größere Genug⸗ thuung ſein werde, wenn er Bianca aus dieſer halsbrecheriſchen Unternehmung, als wenn er Marie Antoinette aus dem Tempel gerettet ſehe. Im Falle des Mislingens war Bianca der Tod 136 gewiß; der Königin aber, glaubte er, drohe kei⸗ nenfalls eine Todesgefahr. Er glaubte nicht, daß die franzöſiſche, auf ihre Ritterlichkeit ſo ſtolze Nation der fremden Fürſtentochter, die vertrauend in ihr Land gekommen, das Leben nehmen würde. Und rückten nicht die Heere von halb Europa an die Grenzen Frankreichs, um die Freiheit der königlichen Familie zu er⸗ zwingen? Weßhalb hatte die Fürſtin dieſen Drang und Eifer, im Verein mit einer Anzahl Wagehälſe einen ſolchen Handſtreich zu wagen? War das wirklich eine Art religiöſen Aufopfe⸗ rungtriebes für das Andenken ihres Geliebten, des Bruders der Königin? War nicht auch vielleicht eine gute Doſis von Ehrgeiz, von In⸗ triguengeiſt darin? Und wenn das der Fall, war es dann nicht unverantwortlich, daß die Fürſtin als Werkzeug den wunderbaren ſchwär⸗ meriſchen Hang zu großartiger Hingabe benutzte, der in Bianca— wie ſo oft in der Bruſt ed⸗ 137 lerer Frauen, deren Herz keine Liebe erfüllt— lebte? Auf der andern Seite konnte es für Karl. nichts Lockenderes geben, als die Ausſicht, bei einem ſo ritterlichen und gefährlichen Unterneh⸗ men ſich zu betheiligen, eine gefangene Königin befreien zu helfen! Sie werden jetzt wenigſtens, unterbrach die Fürſtin ſein Sinnen, uns bereitwillig und raſch von jenem lauernden und gefährlichen Menſchen befreien, der im Stande iſt, Alles ſcheitern zu machen, weil er uns kennt und haßt. Ich werde Alles thun, was Sie wollen; ſtel⸗ len Sie mich an den gefährlichſten Poſten: aber gegen Eins muß ich Proteſt einlegen! Und das iſt? Daß den ganz ſchwärmeriſchen und durch⸗ aus unausführbaren Ideen Bianca's nachgege⸗ ben werde. Sie können nicht dulden, daß Bianca unrettbar in den Tod gehe, um der bloßen unſichern Hoffnung willen, daß ſie dadurch die Königin aus dem Kerker be⸗ „freie! Die Fürſtin wollte antworten, aber ihr Ge⸗ ſpräch wurde in dieſem Augenblicke durch das raſche Eintreten Delcour's unterbrochen. Was gibt's, Delcour? Sie können vor die⸗ ſem Herrn ſprechen. Madame, antwortete der alte Diener, der Marquis La Roche läßt Ihnen ſagen, daß Mademoiſelle Bianca ſich ſoeben mit dem Gegner des Herrn hier zum Stadthauſe begibt, um dort durch ſeine Verwendung ein wichtiges Document zu erhalten. Der Marquis folgt ihnen, um in der Nähe zu bleiben; er hat mir dies Blatt für Sie gegeben und mir befoh⸗ len, dann ſofort ihm nachzueieln, nach dem Greve⸗ platz. Die Fürſtin nahm den Zettel. Es war ein aus einem Taſchenbuch geriſſenes Blätt⸗ chen, welches mit Ziffern bedeckt war. Die —— 139 Fürſtin wechſelte die Farbe, während ſie las. Gehen Sie, eilen Sie dem Marquis nach, rief ſie dann aus, und als Delcour ſich haſtig wieder entfernt hatte, fuhr ſie, zu Karl gewen— det, in großer Aufregung fort: Denken Sie, welche Nachricht! Bianca hat Lambert bewogen, mit ihr zum Stadthauſe zu gehen und ihr dort die Erlaubniß zu erwirken, die Königin zu ſehen. Sie hat viel gewagt; aber täuſcht ihr Vertrauen zu dieſem Menſchen ſie nicht, ſo ſind wir dem Ziele um Vieles nä⸗ her gerückt! Karl war bei dieſer Nachricht unwillig auf⸗ geſprungen. Es war nicht allein die Sorge um Bianca, was ihn erfaßte. Es empörte ſein Ge— fühl, daß Bianca dieſen Schritt that, daß ſie einen Dienſt, und wenn auch den allerwichtig— ſten, von Lambert annahm. Was ihr dieſe Selbſterniedrigung um eines großen Zieles we— 140 gen koſtete, brachte er nicht in Anſchlag. Er zuckte die Achſeln und ſagte für ſich mit einem bittern Lächeln: So ſind die Frauen— aber Cöleſtine würde das nicht thun! Achtes Kapitel. Als Lambert mit Bianca den Garten, in welchem wir Zeugen ihrer Unterredung waren, verlaſſen hatte, wanderten Beide ein paar Stra⸗ ßen entlang, bis ſie auf dem Platze am Ende der Rue de Sevres anlangten, wo ein verſchloſ⸗ ſener zweiſpänniger Wagen hielt. Beſteigen Sie dieſen Wagen, ſagte Lambert, ſtehen bleibend. Ich hatte ihn herbeſtellt, damit Sie ihn unverzüglich zur Flucht benutzen könn— ten. Aber da Sie gegen meine Warnungen taub ſind, ſo bedienen Sie ſich deſſelben wenig— ſtens, um raſcher und bequemer zum Stadthauſe zu gelangen. 142 Bianca zögerte. Sie brauchen keine Bedenken zu hegen, ſagte Lambert mit einem ſchmerzlichen Lächeln. Ich fodere nicht, daß Sie ſich ohne Rückhalt in meine Gewalt begeben. Ich werde zu Fuße ge— hen. Nehmen Sie den Wagen und erwarten Sie mich darin auf dem Grveplatz. Zögern Sie nicht. Wir haben Eile. Lambert begleitete dieſe Worte mit einer Verbeugung und entfernte ſich dann raſch. Der Kutſcher war vom Bocke geſprungen und hatte den Schlag geöffnet. Bianca ſtand noch immer zaudernd. Es war, als ob eine Ahnung ſie zurückhielt, den Wagen zu be⸗ ſteigen. Was wollen Sie thun, Bianca? ſagte plötz⸗ lich eine Stimme neben ihr. Es war die des Marquis La Roche. Ich ſoll den Wagen nehmen und darin auf dem Grrveplatz Lambert erwarten. Sie können es thun; ich will zu Ihrer Si— cherheit mit Ihnen einſteigen. Ja, thun Sie es; und ſenden Sie Delcour zur Fürſtin, damit ſie Nachricht erhält. Es iſt bereits geſchehen. Dann wohlan! Sie ſtiegen ein. Der Kutſcher ſchloß den Schlag und führte Beide zum Greveplatz, wo er Befehl hatte, gegenüber einem der Eingänge des Stadthauſes zu halten und zu warten. Kurze Zeit nach ihnen war Lambert zu Fuße vor dem Stadthauſe angekommen. Als er den Wagen an der beſtimmten Stelle halten ſah, betrat er, ohne an denſelben heranzutreten, ſo⸗ gleich das Innere des dunkeln alten Palaſtes der Pariſer Gemeinde. Eine hohe, unbequeme Stiege führte ihn auf einen langen Corridor im erſten Stock, der ſich auf der der Seine gegen⸗ überliegenden Seite des Gebäudes hin erſtreckte. Mehre Thüren von verſchiedenen Bureaux ſtie⸗ 144 ßen auf dieſen Gang; die Inſchriften, die über dieſen Thüren angebracht waren, zeigten, daß hier nicht allein die Angelegenheiten der Stadt, ſondern auch die Polizei des Reichs, die Verwaltung aller möglichen Zweige des Staats⸗ haushalts und die obere Leitung eines guten Theils der bewaffneten öffentlichen Macht con⸗ centrirt waren. Der Gemeinderath von Paris hatte ja ganz Frankreich an der Schnur, und beutete das Uebergewicht, welches die Volksgunſt ihm gab, dazu aus, ſich alle güchin Attri⸗ bute der Gewalt beizulegen. Lambert hatte endlich das Bureau, welches er ſuchte, erreicht. Es war ein langer Saal; zur rechten Seite lief eine Bank an der getäfel⸗ ten Wand entlang, auf der einige Menſchen ſaßen, die zu warten ſchienen, bis man ſie ab⸗ fertigte; links ſtanden in gewiſſen Zwiſchenräu⸗ men abgeſonderte Bureaux, vor deren jedem ein Beamter in Thätigkeit war. Große Bücher, Cartons, Stöße von Acten füllten die Repoſi— torien, die an der Wand den Raum zwiſchen den einzelnen Bureaux bedeckten. Am Ende des langen Saales war ein kleinerer Raum durch ein dichtes Holzgegitter abgetrennt. Lam⸗ bert ſchritt an den ſchreibenden Beamten vor⸗ über, und ohne ſich aufzuhalten dieſem letztern Raume zu, und betrat ihn mit der Sicherheit eines Habitues. Hinter dem Gitter ſaß der Chef des Bu⸗ reaus, ein junger blaſſer Mann, deſſen Geſicht frühe Leidenſchaften, deſſen Weſen eine Art ge⸗ zwungener Luſtigkeit verrieth, hinter dem ein blaſirter Geiſt, eine vom Uebermaß des Genuſ⸗ ſſes erſchöpfte Lebenskraft ſich bergen mochte. Ah! Bürger Kerſtine! rief er, die Hand ausſtreckend, dem Eintretenden entgegen. Was führt dich hierher? Lambert holte ſich ein Tabouret herbei, 2 Schucking, Sohn des Volkes. II. 7 146 welches er neben den mit grünem Corduan beſchlagenen Lehnſeſſel des Beamten ſchob. Darf ich dich einen Augenblick deinen wich⸗ tigen Acten da entziehen? Es ſcheint, die Re— publik bedarf ebenſo ſehr des Papierbeſchmierens, wie die alte Monarchie. Du haſt da einen ganz reputirlichen Actenhaufen neben dir liegen, Bür⸗ ger Bonnet. So lange die Nationalverſamm⸗ lung nicht den Gebrauch von Feder, Dinte und Papier bei Todesſtrafe verbietet, gebe ich nichts für die ganze politiſche Wiedergeburt des menſch⸗ lichen Geſchlechts. Meinethalb mag ſie, verſetzte der Bürger Bonnet, indem er einem neben ihm auf dem Boden liegenden Stoß Acten einen Tritt mit dem Fuße gab. Und es wäre ſehr gut, wenn man dieſen verdammten Ariſtokraten von Re⸗ ſtaurants, dieſen Reactionairen von Schneider⸗ meiſtern, dieſem royaliſtiſchen Geſindel von Lie⸗ feranten aller Art mit der Guillotine das Ver⸗ ————ÿ—— 147 gnügen verſalzte, uns Rechnungen ins Haus zu ſchicken. Aber ſo viel Vernunft können wir erſt von ſpätern glücklichern Zeiten erwarten!— Was macht Theroigne? Theroigne? eigentlich ihretwegen komme ich zu dir. Sie macht mir Sorge. Sorge? Und wie ſo, blonder Luchs? Wird dir deine Wölfin zu wild? Ha ha ha— ich wundere mich nur, wie du's ſo lange bei ihr ausgehalten haſt; ich war ihrer nach acht Tagen überdrüſſig! Ich habe mich zu entſchädigen gewußt. Wenn dieſe Bacchantin mir zu wilde Lieder ſang, habe ich mich nachher an ſanftern Melodien erholt. In der That? Und von wem haſt du ſie dir vorſingen laſſen? Von einer der beſten Sängerinnen in Paris, von Mademoiſelle Blanche, vom Theaͤtre des Italiens! 7* 148 Der Teufel! du biſt nicht ſo dumm, wie du ausſiehſt, Bürger Kerſtine. Ich danke dir für das Compliment. Wo haſt du ſie kennen lernen? Ich kannte ſie von Wien her. Ah ſo— das iſt etwas Anderes, verſetzte der Beamte, deſſen eben aufſteigender Neid ſich bei dieſer Antwort beruhigte; es hat ja immer etwas Demüthigendes und Neiderweckendes für einen Mann, wenn er vom Erfolge eines andern hört, nach dem auch er hätte ſtreben können. Aber mein Gllück hat leider ein Ende— fuhr Lambert ſeufzend fort— und ich bin hier, um mir von dir ein officielles Punctum unter meine Liebſchaft ſchreiben zu laſſen. Das ſoll mit Vergnügen geſchehen, ſagte der junge Bureauchef lachend. Erkläre mir nur, was du willſſt. Theroigne hat mein Verhältniß zu der Sän⸗ gerin entdeckt. —— 149 Und iſt wüthend geworden und droht ſie zu verſchlingen, wie der Drache, der die ci-devant heilige Margarethe verſchlingen wollte. Sie hat mir wenigſtens mit dem kälteſten Ingrimm, deſſen ſie mächtig iſt— du kennſt ſie in ſolchen Augenblicken— geſchworen, ſie werde die Sängerin verderben, umbringen, erdroſſeln. In meiner Angſt für das arme Geſchöpf habe ich mir nun einen Paß für ſie ausfertigen laſ— ſen, damit ſie ſchnell Paris und Frankreich ver⸗ laſſen könne. Aber, wie dieſe Weiber ſind, denke dir, Bürger Bonnet, das eigenſinnige Mädchen will nicht weichen. Sie trotzt der Wuth und der Rache Theroigne's de Mericourt! Das iſt dreiſt, beim Teufel, das iſt mu⸗ thig! Aber mir grauſt bei der Idee, die beiden Geſchöpfe ſich begegnen, die Löwin über mein Lamm herfallen zu ſehen. Damit dies verhütet werde, ſehe ich nur einen Ausweg. Ich bitte 150 dich, mir einen, ſofort in Ausführung zu brin- genden Ausweiſungsbefehl für ſie zuzuſtellen. Das iſt freilich das Geſcheiteſte, was gethan werden kann, ſagte der Beamte, indem er die Hand nach einem Fache ſeines Bureaus aus⸗ ſtreckte, in welchem gedruckte Formulare aufbe⸗ wahrt wurden. Aber— unterbrach er ſich— du bindeſt mir doch kein Märchen auf, Freund Lambert? Am Ende biſt du ganz einfach deine Sängerin müde und willſt ſie dir vom Halſe ſchaffen, in— dem du ſie ausweiſen läßt. Die öffentliche Macht kann deine kleinen Treuloſigkeiten gegen das ſchöne Geſchlecht nicht unterſtützen, das be⸗ greifſt du, Bürger Kerſtine! Die Republik iſt die Herrſchaft der ſtrengſten Tugend, und nichts weniger als lediglich dazu eingeführt, den blon⸗ den Bürger Kerſtine von ſeinen alten Schätzen zu befreien! Welche Idee, Bürger Bonnet! verſetzte Lam⸗ — 151 bert lachend. Kann ich nicht erwarten, daß du in der nächſten Stunde Theroigne ſiehſt und— Ja, das iſt wahr. Der Bürger Bonnet nahm eines der ge⸗ druckten Formulare und begann es auszufüllen. Alſo— mon ami— wie iſt ihr vollſtändiger Name? Blanche Tondini. Mademoiſelle Blanche Tondini, Sängerin am Theater der Italiener, wiederholte der Be⸗ amte. Als er fertig war, ſiegelte er und unter⸗ ſchrieb. Dann erhob er ſich und zog eine Schelle. Ein Bureaudiener trat ein. Iſt der Bürger Petion in ſeinem Cabinet? Der Diener bejahte. So warte einen Augenblick, ſagte Bonnet zu ſeinem Freunde gewandt. Wir bedürfen der Unterſchrift des Maires von Paris. Wird es keine Schwierigkeiten machen? Der Beamte zuckte die Achſeln. 152 Das hängt von ſeiner Laune ab: aber ich glaube nicht. Wir werden ſehen. Erwarte mich hier. Der Bürger Bonnet verließ durch eine Sei⸗ tenthür ſein Bureau. Lambert ging unterdeß ſinnend langſam in dem Raume auf und ab. Plötzlich, als ob er irgend einen Entſchluß ge⸗ faßt, trat er an das Schreibpult ſeines Freun⸗ des, ergriff eine Feder und ſchrieb haſtig einige Worte auf ein Blatt, das er ſiegelte und adreſ⸗ ſirte. Als er fertig war und es zu ſich geſteckt hatte, trat ſein Freund wieder ein. Nun, haſt du die Unterſchrift? Da iſt ſie— ſagte Bonnet, indem er Lam⸗ bert das Papier reichte. Petion war in einer ſo eifrigen Unterhaltung mit den edeln Bürgern Santerre und Jourdain, daß er unterſchrieb, ohne auch nur eine Frage an mich zu richten. Ich danke dir, Bürger Bonnet: du haſt mir einen großen Dienſt erwieſen. — — — 153 In welch larmoyantem Ton du das ſprichſt: ich glaube gar, die Trennung geht dir zu Her⸗ zen! ha! hal ha! Adieu, Bürger Kerſtine. Ver⸗ giß nicht, bei paſſender Gelegenheit, daran zu denken, daß eine Hand die andere wäſcht. Wir haben ja alle unſere kleinen Leiden und Verle⸗ genheiten! Lambert reichte ihm ſtumm die Hand und dann entfernte er ſich raſch. Unten im Hofe des Gebäudes angekommen, hielt er noch einmal den Schritt an, dann aber, wie ſich zum letzten Entſchluß aufraffend, trat er raſch in einen niedern gewölbten Raum, der ſich unter dem Thorwege befand und der zur Wachtſtube der bewaffneten Macht, welche den Dienſt im Stadthauſe hatte, eingerichtet war. Er fragte nach dem dienſtthuenden Offizier, und wurde in ein anſtoßendes Gemach gewieſen, deſſen vergittertes Fenſter auf den Greveplatz hinausging. Sein erſter Blick, als er in dieſem 7*¾* 154 Raume ſtand, fiel auf den noch immer draußen an der Ecke des Platzes harrenden Wagen, in welchem er Bianca wußte, ſein zweiter auf den Offizier, einen wüſtausſehenden Menſchen, der ſich die dreifarbige Schärpe und den Säbel über eine verwaſchene Blouſe gegürtet hatte und der wahrſcheinlich lediglich dem Umſtande, daß er irgend ein Brauergeſelle Santerre's oder ein Tabagierenommiſt der Vorſtadt Saint Marceau war, die Offizierswürde in ſeiner bewaffneten Section verdankte. Was wünſchen Sie, Bürger? ſagte er, Lam⸗ bert entgegentretend. Ich bringe Ihnen eine Ordre des Maire, verſetzte dieſer und überreichte das Blatt, wel⸗ ches er von Bonnet empfangen, dem Offtzier. Sie ſehen jenen gelblackirten Wagen dort. In demſelben befindet ſich die in dem Ausweiſungs⸗ befehl genannte Sängerin. Der Bürger Petion empfiehlt Ihnen augenblickliche Vollſtreckung. 155 Der Offizier las den Befehl und rief einen Gendarmen herbei, um ihm das Papier zu übergeben. Vollſtrecken Sie die Ordre, ſagte er. Aber warten Sie— ich gehe ſelbſt, ihr den Befehl mitzutheilen. Der Offizier griff nach ſeinem Hute, ent⸗ weder neugierig, die berühmte Sängerin zu ſe⸗ hen, oder um ſich das grauſame Vergnügen nicht entgehen zu laſſen, welches für ihn in der Ausführung einer ſolchen Polizeimaßregel liegen mochte. Darf ich Sie dann bitten, ſagte Lambert zu ihm, der Ausgewieſenen dieſes Billet zu ge⸗ ben? Sie überheben mich dadurch einer unan⸗ genehmen Scene. Weßhalb nicht? Geben Sie her! Der Offizier ging und verließ im Geleite des Gendarmen das Stadthaus, um ſich dem Wagen Bianca's zu nähern. Lambert hatte unterdeß auch die Wachtſtube verlaſſen. Aber hinter einem Pilaſtervorſprunge unter dem gro⸗ ßen Thorwege war er ſtehen geblieben, um von hier aus den Erfolg zu beobachten. Er ſah, wie der Offizier an den Schlag trat, und wie das blaſſe Antlitz Bianca's ſich herausbeugte, in welchem er bald die Spuren tödtlichen Er⸗ ſchreckens zu erkennen glaubte. Der Offtzier reichte ihr das Billet. Wie wird ſie es auf⸗ nehmen? dachte er, während das Herz hoch in ſeiner Bruſt aufſchlug: er hatte ſie darin um Vergebung gebeten, daß er das einzige Mittel ergriffen, ſie wider ihren Willen vor dem Tode zu retten; er hatte ſie bei Allem, was ihr heilig, angefleht, ihm zu verzeihen, daß er, der ſchon einmal wie ihr böſer Dämon in ihr Leben ge⸗ treten, jetzt wider ihren Willen die Rolle des Schutzgeiſtes übernehme: wenige Tage noch und er würde gerechtfertigt ſein! Sie nahm die Epiſtel ſchlecht genug auf; Lambert ſah, wie ſie das Billet heftig zerriß und die Stücke weit von ſich warf. Aber was ihn noch weit mehr erſchreckte, war, daß der Schlag des Wagens ſich öffnete und ein junger Mann herausſprang, der eifrig geſticulirend einige Worte mit dem Offizier wechſelte und dann ruhiger werdend mit Bianca eine Weile etwas zu überlegen ſchien. Bianca ſtreckte end⸗ lich die Hand nach ihm aus: Lambert's eifer⸗ ſüchtiges Herz ſchlug freudig erleichtert; aber nein, es war kein Händedruck zum Abſchied, den ſie geben wollte, es war eine Bewegung der Angſt— ſie griff nach dem Arm des Men— ſchen, den Lambert augenblicklich als den Freund und Secundanten Karl's erkannt hatte, und gleich darauf ſprang der junge Mann raſch wieder in den Wagen. Der Gendarm kletterte langſam auf den Bock und gleich darauf rollte der Wa⸗ gen fort, in der Richtung nach dem Faubourg Saint Denis zu. 158 Der Offizier kehrte zurück. Lambert trat ihm entgegen. Sie iſt expedirt, ſagte der, erſtere mit rohem Lachen. Die kleine Taube war nicht wenig in Grimm; ſie war wie eine wilde Katze, ſo böſe. Aber ich war unerbittlich. Zum Troſt habe ich ihr erlaubt, ihren Geliebten oder was er iſt, den Milchbart, den ſie bei ſich hatte, mitzunehmen. Aber von dieſem Menſchen ſtand keine Sylbe in der Ordre des Maire, Bürger Lieutenant! ſagte Lambert mit verbiſſenem Grimm. Ah pah, was thut's, ob einer dieſer Bett⸗ ler von Komödianten mehr oder weniger in Frankreich iſt? Er wandte ſich und ging in die Wachtſtube zurück. Lambert verließ den Greveplatz, das Herz voll Bitterkeit und eiferſüchtigem Haß. Das Wort des Offiziers, das La Roche kurzweg als den Geliebten Bianca's bezeichnete, hatte ihm den Stachel doppelt tief in die Seele getrieben. Eine halbe Stunde ſpäter trat Delcour mit geröthetem Geſicht haſtig bei der Fürſtin ein. Er überreichte ihr ein zweites mit Chiffern be⸗ ſchriebenes Blatt vom Marquis La Roche: der Marquis hatte es Delcour, welcher ſich fort⸗ während ſpähend in der Nähe gehalten, im Vorüberfahren aus dem Schlage des Wagens zugeworfen. Es lautete:„Statt der bewußten Erlaubniß hat der Menſch, dem Bianca ſich anvertraute, einen Befehl ihrer Ausweiſung er— wirkt. Man führt uns als Gefangene fort. Ich habe Bianca nicht allein laſſen können. Ich werde ſie bis Amiens begleiten, wo ihr ein Zu⸗ fluchtsort bei meinen Verwandten ſicher iſt. Von dort kehre ich augenblicklich zurück.“— Das iſt ein furchtbarer Schlag für uns ſagte die Fürſtin, nachdem ſie ſich von der er⸗ ſten Ueberraſchung erholt hatte. Was haben Sie gethan? ſetzte ſie, zu Karl gewandt, im un⸗ willigſten Tone hinzu. 160 Karl war in Verzweiflung. Er machte ſich die bitterſten Vorwürfe. Sie haben Recht: Ich bin ein ſchwachmüthi⸗ ger Thor. Ich hätte den Elenden erdroſſeln ſollen, ſtatt ihn anzuhören. Aber wer hätte denn auch ſo viel niederträchtiger Hinterliſt auf Er⸗ den für möglich gehalten! Sie müſſen von den Menſchen Alles möglich halten, antwortete die Fürſtin bitter. Aber was iſt zu thun? Ich befürchte, unſer Plan iſt dem Scheitern nahe— wie viel mag Bianca dieſem Unmenſchen, dem ſie ſo thöricht vertraute, ver— rathen haben? Vielleicht genug, um ihn das An⸗ dere errathen zu laſſen, und dann ſind wir ver⸗ loren! Das iſt eine entſetzliche Lage. Wir ſind wie Menſchen, die auf zuſammenbrechendem Eiſe wandeln. Der nächſte Augenblick iſt vielleicht unſer letzter. Schwalborn, Schwalborn, was haben Sie gethan! Sie ſind ein Unglücksvogel, ein Dämon für mich! — Neuntes Kapitel. Während die Fürſtin, ungewiß, welchen Ent⸗ ſchluß ſie ergreifen ſollte, mit ſich zu Rathe ging, ob es nicht beſſer ſei, daß auch ſie Paris verlaſſe und ſich in Sicherheit bringe, hatte das Comité de Surveillance genérale der Gemeinde von Paris ſeine Vorbereitungen zu dem großen Schlage, den es wider die Feinde der Revo⸗ lution führen wollte, beendigt. Auf einem Ter⸗ rain vor der Barriere Saint Jacques, unter dem alte Katakomben ſich erſtreckten, waren Todtengräber in der Stille geſchäftig, den ver⸗ ſchütteten Zugang zu den Wohnungen der Ge⸗ ſtorbenen wieder aufzudecken und Platz für die 162 zu ſchaffen, die unter den Händen der Septem— briſeurs der„Freiheit und Brüderlichkeit“ ge⸗ opfert werden ſollten. Santerre, der Comman⸗ dant ſämmtlicher bewaffneten Sectionen, eilte muſternd von Poſten zu Poſten; die Führer hatten ihre geheimen Weiſungen erhalten. Die Mörder ſchärften ihre Waffen. Malllard, ihr Haupt, feilſchte mit Danton, Marat und den andern Mitgliedern des Comite um den Preis für jeden von ſeinen Schlächtern zu vollſtrecken⸗ den Mord, und zankte ſich mit den Kärrnern um den Lohn für jedes Hundert wegzuſchaffen⸗ der Leichen. Unter den Eingeweihten, welche ſich In⸗ ſtructionen von dem Comité zu holen kamen, war auch Lambertine oder Theroigne de Meri⸗ court. Sie wollte bei dem großen Blutbade, welches ſich vorbereitete, eine perſönliche Rach⸗ luſt befriedigen. Sie hatte durch den Späher, welchem ſie Auftrag gegeben, Lambert zu beob⸗ 163 achten, erfahren, daß dieſer eine Zuſammenkunft mit einer Dame in einem entlegenen Garten des Faubourg St. Germain gehabt: es war ihr hinterbracht worden, daß dieſe Dame aus dem Hauſe des Händlers Delcour oder wahrſchein⸗ licher aus dem daran ſtoßenden Hotel im Fau⸗ bourg St. Germain gekommen; ebenſo hatte der Späher berichtet, daß dort zwei junge Män⸗ ner aus⸗ und eingegangen, deren einer Bianca zu der Zuſammenkunft begleitet habe. Auf dem Wege zum Stadthauſe hatte Lam⸗ bert, nachdem er Bianca in den Wagen ſteigen laſſen, ſo furchtbar geeilt, daß Theroigne's Späher ihn aus den Augen verloren. Theroigne hatte ihn ſelbſt am Abende jenes Tages, an welchem er Bianca zum Stadthauſe geführt, nicht geſehen. Sie hatte ihn zur gewohnten Stunde vergebens erwartet und ihre eiferſüch⸗ tige Wuth war dadurch nur noch höher geſtiegen. Theroigne hatte ſich nun nicht lange mit müh⸗ ſamen Combinationen geplagt, aber ſie hatte ſich vorgenommen, bei der großen Hausſuchung, welche bevorſtand, in den ihr bezeichneten Woh⸗ nungen ſelbſt die Nachforſchungen zu leiten— und dann wehe einer Nebenbuhlerin! Als ſie nun, wie wir eben berichteten, am andern Morgen das Stadthaus betrat, um dort Hebert aufzuſuchen, einen ihrer Freunde, der zum Comité de Surveillance gehörte, begegnete ſie auf dem Corridor dem Bürger Bonnet. Ah, da iſt ja die ſchöne Lütticherin! rief dieſer aus— und ſo ganz allein? ohne alles Gefolge von ihren roſenrothen und himmelblauen Anbetern? Der junge Mann wollte dieſe Worte mit einer Vertraulichkeit gegen ſie begleiten. Laß mich, Bonnet, oder ich mache dich zum himmelblaueſten aller Anbeter, die ich je gehabt habe. Wie ſie heut launig iſt! Dein Mignon ha 165 dir einen Streich geſpielt, ſchöne Lütticherin, und deßhalb biſt du in einer Stimmung wie der Ci-devant König von Bvetot, als er Tam⸗ bour bei der Republik werden mußte. Streich geſpielt? was willſt du damit ſagen, Bonnet? fragte Theroigne, indem ſie einen ſpä⸗ henden Blick über die Züge des lächelnden jun⸗ gen Beamten gleiten ließ. Welchen Streich hat er mir geſpielt? Er hat dich um das Vergnügen gebracht, eine Nebenbuhlerin zum Frühſtück zu verſpeiſen, antwortete Bonnet boshaft. Sie iſt fort! Ich verſtehe dich nicht! So wüßteſt du nicht, daß er ſie hat aus⸗ weiſen laſſen, ſeine ſchöne Sängerin? daß ſie jetzt auf dem Wege zur Grenze dahinrollt, weit genug, daß du ſie nicht mehr erreichen kannſt? Eine Sängerin? Welche Geſchichten das ſind! Aber ich ſchwöre dir, Bürger Bonnet, ich weiß keine Sylbe von allem dem. Ich habe 166 Lambert geſtern den ganzen Tag über nicht geſehen.. So iſt er wahrſcheinlich auf Amors Flügeln ſeiner Liebe nachgeſegelt. Was wirſt du thun, Theroigne, dieſen Schimpf zu rächen? Theroigne war Weib genug geblieben, um dieſen Spott zu fühlen. Die anſcheinende Be⸗ ſtätigung ihres Verdachts gegen Lambert, welche ſie durch ihren Späher erhalten, hatte ihren Zorn aufwallen laſſen; aber ein ſolches Splel hinter ihrem Rücken, ein ſolcher Betrug, wie ſie es nannte, ſtachelte ſie zur Wuth und zum Ingrimm, und in ihrer maßloſen Leidenſchaft⸗ lichkeit, der immer die äußerſten und gewalt⸗ thätigſten Schritte die nächſten waren, ſuchte ſie ſofort einen Gegenſtand zu finden, an dem ſie jene Wuth auslaſſen konnte. Sie ſtieß einen Fluch aus, wandte dem jungen Mann den Rücken und verließ augenblicklich das Stadt⸗ haus. Draußen winkte ſie einem Fiaker, rief dem Kutſcher die Worte: Rue St. Dominique Faubourg St. Germain, zu und warf ſich in den Wagen. Die Fürſtin war, während Theroigne ſo ihrer Wohnung zurollte, in großer Gemüthsbe⸗ wegung. Sie hatte ſoeben ein zweites Billet vom Marquis de la Roche bekommen. Es war an der nächſten Poſtſtation vor Paris auf dem Wege nach Amiens auf die Poſt gegeben und an Delcour adreſſirt, aber mit dem geheimen und für die ganze Correſpondenz der Fürſtin verabredeten Zeichen verſehen, der es als für dieſe beſtimmt erkennen ließ. La Roche ſchrieb in Chiffern: „Ich reiße noch einmal ein Blatt aus mei⸗ nem Taſchenbuch, um Ihnen, Madame, aufs ſchleunigſte eine erſchütternde Nachricht zukom⸗ men zu laſſen, die ich eben aus dem Munde Bianca's vernehme. Lambert hat ihr verrathen, daß die Männer des Schreckens, welche Frank⸗ 168 reich regieren, beabſichtigen, ohne Zeitverluſt Alles was in Paris fremd, verdächtig iſt, einen ariſtokratiſchen Namen trägt, oder vom Haſſe der Machthaber und ihrer Creaturen verfolgt wird, aufheben, zuſammentreiben und nieder⸗ metzeln zu laſſen. Eine Hausſuchung durch ganz Paris wird vorhergehen. Es iſt eine Sündflut von Blut, welche meiner armen Va⸗ terſtadt bevorſteht. Ich beſchwöre Sie, ſich augenblicklich zu flüchten; aber laſſen Sie durch Delcour und die andern Ergebenen ohne Ver⸗ zug alle unſere Freunde warnen. Ich erwarte Sie morgen in Amiens bei der Vicomteſſe de Mezieres. M. d. l. R.“ Die Fürſtin war außer ſich. Alle„ Hof. nungen lagen am Boden, alle mit ſo viel Mühe, Ueberlegung und Aufwand an Zeit, Kräften, Geld getroffenen Vorbereitungen waren umſonſt. Und dazu war ihr Leben in Gefahr. La Roche hatte gut ihr die Flucht rathen. Wie ſollte ſie ,——Q—OQ— ſich die nöthigen Papiere verſchaffen. Der Ein⸗ und Ausgang von Paris, die Heerſtraßen, die Grenzen waren ſtreng bewacht. Sie hatte zwar mit mehren andern Theilnehmern ihres Anſchlags, die wie ſie im Geheimen für die Ausführung deſſelben gewirkt, an der Herſtellung eines ver⸗ borgenen Zufluchtsorts arbeiten laſſen, in den die königliche Familie gebracht werden ſollte, wenn es gelungen, ſie aus dem Tempel zu ret⸗ ten. Aber dies Aſyl war nicht fertig und ſchwer⸗ lich ſchon gegen Nachforſchungen geſichert, wie ſie nach La Roche's Billet jetzt ſo nah bevor⸗ ſtanden. Die Fürſtin ließ Karl zu ſich rufen und theilte ihm die furchtbare Situation mit, in wel⸗ cher ſie Beide ſich befanden. Sie berathſchlag⸗ ten lange, was zu thun ſei. Endlich wurde beſchloſſen, das Heil auf dem einfachſten Wege zu verſuchen. Die Fürſtin hatte einen Paß für Bianca in Händen, in welchen dieſe als Sän⸗ Schücking, Sohn des Volkes. II. 8 170 gerin, die Fürſtin ſelbſt als ihre ſie begleitende Schweſter eingeſchrieben waren. Die Fürſtin hatte ſich dieſen Paß bei der Herreiſe in Wien. geben laſſen, neben einem andern, worin ſie als Fürſtin K. und Bianca als ihre Geſellſchafterin verzeichnet waren. Sie beſchloß jetzt, von je⸗ nem erſtern Gebrauch zu machen und auf der Mairie die Viſirung deſſelben zur Abreiſe zu verlangen, mit Bezug auf den Ausweiſungsbe⸗ fehl gegen Bianca, derentwillen die Fürſtin ja allein in Paris anweſend ſchien. Schwieriger war es, Karl zu retten. Er mußte als Be⸗ dienter gelten. Dazu mußten aber Legitimations⸗ papiere beſchafft werden. Die Fürſtin machte Karl Ausſicht, dieſe von einem ihrer Mitver⸗ ſchwornen zu erhalten, der für den Fall der Gefahr einen kleinen Vorrath von ſolchen Päſ⸗ ſen und Legitimationspapieren in Bereitſchaft hielt. Dieſer Plan ſchien freilich leicht ausführbar und ohne alle Schwierigkeit. Es war nur die 171 Frage, ob man überhaupt Päſſe viſiren und ir⸗ gend Jemanden aus Paris abreiſen laſſen würde — ſo nahe vor der großen Bartholomäusnacht des Freiheitscultus von 17921 Man mußte es darauf ankommen laſſen und wenigſtens den Verſuch wagen. Karl machte ſich bereit, den Herzog von M. aufzuſuchen, von dem er auf ein Billet der Fürſtin hin ei⸗ nen Paß als Kammerdiener zu erhalten hoffte. Die Fürſtin hatte eben dies Billet geſchrieben und begann ein neues an den Director des Theaters der Italiener, um ihn zu bitten, wenn ſie nach einer Stunde bei ihm erſcheine, ſie als Fürſpre⸗ cher und Bürge ihrer Angaben auf die Mairie zu begleiten, da Bianca ausgewieſen ſei und ſie ihr augenblicklich zu folgen wünſche. Plötzlich hielt die Fürſtin inne. Draußen, in den Vorzimmern, ließen ſich heftige Stim⸗ men im Wortwechſel vernehmen. Die Fürſtin erblaßte, ergriff ein Doppel⸗ 8* 172 piſtol, welches ſich in einem Fache ihres Schreib⸗ tiſches befand, und winkte Karl, ſich einer zwei⸗ ten Waffe zu bemächtigen, welche neben der erſten lag. Dann ſprang ſie auf und näherte ſich der Thür, an welche ſie lauſchend das Ohr legte. Sie ſehen— es iſt Niemand da, Bürgerin, das Hotel iſt leer— keine menſchliche Seele wohnt hier! Es war Delcour's Stimme, die draußen laut dies rief. Schurke! Ich jage dir eine Kugel durch den Schädel, wenn du fortfährſt zu lügen, verſetzte eine durchdringende ſchreiende Weiberſtimme. Nooch einmal, führe mich! Ich will wiſſen, wer hier verſteckt iſt. Allons! Wir ſind entdeckt! Es iſt Alles verloren! flüſterte die Fürſtin, von der Thüre zurücktretend. Es iſt die Stimme Theroigne's de Meri⸗ court! ſagte Karl. Es iſt geſchehen— Lam⸗ bert hat uns verrathen! 173 O, es iſt eine Kette von Verrath— Sie, Bianca, Lambert— warf die Fürſtin halblaut ein. Aber laß ſie kommen! Der erſte Eindruck des Schreckens ſchien bei der Fürſtin völlig verſchwunden. Auf ihrem Geſichte lag nur noch die helle Röthe des Zorns. Die Thür wurde aufgeriſſen. Karl wollte den Eintritt vertheidigen. Aber die Fürſtin machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand.. Theroigne de Mericourt trat über die Schwelle. Hinter ihr ſtand, fahlbleichen Geſichts, die ſtie⸗ ren Augen wie Vergebung flehend auf die Für⸗ ſtin gerichtet, der alte Delcour. Theroigne war in ein Gewand von blutro— them Sammet gekleidet. An ihrem Gürtel hin⸗ gen an zwei kurzen Silberketten ein Dolch und ein Terzerol. Sie blieb ſtehen, nachdem ſie ei⸗ nen Schritt über die Schwelle gemacht; ſie ſchlang die Arme unter der Bruſt zuſammen und warf das bloße, noch immer ſchöne, von üppigem, 174 nach Männerart geſcheitelte Haar umlockte Haupt in den Nacken zurück. Ein Blick aus ihren zor⸗ nig leuchtenden Augen maß die Fürſtin von oben nach unten. Die Fürſtin ſtand in der Mitte des Gemachs. Sie erwiderte den impertinenten Blick des furchtbaren Geſchöpfs mit einer ruhi⸗ gen Würde. Nur, wer ſie wie Karl kannte, vermochte zu errathen, daß dieſe Züge eine in⸗ nere Leidenſchaft von vulkaniſcher Gewalt ver⸗ ſchleierten. Denn ſie hatten einen Ausdruck be⸗ kommen, der ganz verſchieden war von dem, welchen ſie gewöhnlich trugen. Es lag in den mandelförmig geſchnittenen Augen etwas un⸗ nennbar Wildes, Trotziges. Das gewöhnliche, anmuthig lebhafte Mienenſpiel dagegen war ver⸗ ſchwunden, alle Theile des Geſichts hatten eine bleiche, marmorartige Unbeweglichkeit angenom⸗ men, etwas Starres, Maskengleiches. Es war ein wunderbar ſcharf ausgeprägtes, unendlich charakteriſtiſches Bild, dieſe beiden Frauen ſo ſich 175 einander gegenüber ſtehen zu ſehen: die eine die verkörperte Revolutionsfurie, die mit der Fackel der Vernichtung bewehrt, über Schutt und Er⸗ ſchlagene, über die Leiche der eigenen Menſchen⸗ würde fort den Zielen ihrer Rachſucht und ihres Ehrgeizes zuſtürmt: und dieſer Mänade gegen⸗ über das Bild des ariſtokratiſchen Geiſtes, hoch⸗ müthig, ſchön, tapfer, den Egoismus wie eine Religion in ſich tragend, bereit zu jedem Opfer, ja zu tauſend Toden, nur nicht zum leiſeſten Hauch von Demuth. Was wollen Sie hier— wer gibt Ihnen das Recht, ſich hier einzudrängen? ſagte die Für⸗ ſtin mit leiſer, klangloſer Stimme. Theroigne antwortete nicht. Ihr Blick fiel auf Karl. Aha, Sie ſind's! rief ſie mit einem Organ, in welchem etwas Heiſeres, Blechernes, unend⸗ lich Gemeines lag— Sie ſind's! Und dies iſt wol die Schöne, um derentwillen Sie ſich 176 mit dem Bürger Lambert Kerſtine haben ſchla⸗ gen wollen? Sie deutete mit einem frechen La⸗ chen auf die Fürſtin. Nein, verſetzte Karl, ſich gewaltſam beherr⸗ ſchend, um den Schein völliger Ruhe zu bewah⸗ ren; dieſe da iſt ihre Schweſter. Der Menſch, den Sie nennen, hat das Mädchen, welches Sie zu ſuchen ſcheinen, aus Paris ausweiſen laſſen. So iſt es wahr? ſagte Theroigne mit ver⸗ biſſenem Grimm halblaut. Und wo iſt er? ſchrie ſie lauter. Iſt er mit ihr fort, iſt er der Land⸗ läuferin nachgefolgt? 5 3 Die Fürſtin unterbrach ſie: Noch einmal— was gibt Ihnen das Recht, ſich hier einzudrän⸗ gen? Entfernen Sie ſich! Ich werde ſonſt mein Hausrecht gegen Sie auf die rückſichtslo⸗ ſeſte Weiſe zu wahren wiſſen. Die Fürſtin er⸗ hob bei dieſen Worten ihr Piſtol und ſpannte es. Du gefällſt mir, Bürgerin, ſagte Theroigne lachend. Du ſcheinſt mir für die Tugendwäch⸗ terin einer Komödiantin ein vortrefflich gut aus⸗ geſuchter Hausdrache! Die Fürſtin machte eine Bewegung, als wolle ſie wirklich von ihrer Waffe Gebrauch machen. Aber Karl ſprang vor ſie hin, erfaßte ihren Arm und ſagte: Seien Sie ruhig— laſſen Sie mich machen — ich werde mit der Dame ſprechen; wir wer— den uns verſtändigen. Bürgerin Theroigne, ſagte er, haben Sie Grund, zu glauben, daß mein Gegner der Sän⸗ gerin, die er, ich weiß nicht weßhalb, geſtern hat aus Paris verbannen laſſen— Du weißt nicht weßhalb? unterbrach The⸗ roigne ihn; das iſt ſehr einfach, du Pinſel: um ſie deiner Liebe und meinem Haſſe zu ent— ziehen! So iſt's, wahrſcheinlich— fuhr Karl fort. Aber haben Sie Grund, zu glauben, daß er ihr nachgereiſt ſei oder ſie begleite? Ick 8 178 Beim Teufel, Grund genug. Er iſt ſeit vierundzwanzig Stunden ſo unſichtbar wie unſer Herrgott Denen, die etwas von ihm wollen! Der elende Böſewicht! rief Karl aus. Zu feig zu einer kühnen Entführung, ſucht er Hülfe dazu bei der Polizei! Und um das Maß der Treuloſigkeit voll zu machen, hat er jetzt auf irgend eine Weiſe Ihren Unwillen gegen die Schweſter Bianca's und mich, ihren Geliebten, rege gemacht. Nicht wahr, Bürgerin Theroigne? Er befürchtet, daß wir ihn verfolgen, daß ich ihn erdroßle; darum wird er uns als ſchlechte Bürger haben denunciren laſſen, weiß der Him⸗ mel, welche Anklagen und Verleumdungen er gegen uns erſonnen hat, damit wir in irgend einem Kerker für ihn unſchädlich werden. Welch hölliſcher Anſchlag! Theroigne ſtutzte bei dieſen Worten. Ah— in der That, ſagte ſie mit einer Miene der Ue⸗ —— 179 berraſchung— ich glaube, es iſt ſo— dieſe tückiſche Blindſchleiche, Bonnet, hat mich ſoeben zu ſtacheln und zu reizen verſucht; ich bin fort⸗ geſtürzt, ohne ihn zu Ende zu hören. Ich will ihn ecraſiren, dieſen lügneriſchen Schleicher. Und Lambert! Wenn ich je dieſe Beſtie in meine Gewalt bekomme! Er wird dafür geſorgt haben, daß er außer⸗ halb Ihres Bereichs iſt! warf Karl ſpöttiſch hin. Ja, ja! und ich habe keine Zeit, ihm nach— zurennen. Aber ich will ein paar Windhunde hinter dieſen Fuchs lanciren. Du ſcheinſt mir keinen Scherz zu verſtehen, Bürgerin Drache! ſagte ſie mit inſolentem Lachen, ſich zur Für⸗ ſtin wendend. Verſprichſt du mir, ihn nicht lebend aus deinen Händen zu laſſen, wenn du ihn erreichſt? Die Fürſtin wandte ſich ſtolz, ohne eine Antwort zu geben, ab. Karl antwortete an ihrer Stelle. 180 Sie können deß ſicher ſein! rief er mit ei⸗ nem lächelnden Seitenblick auf die Fürſtin. Und du, was würdeſt du thun, wenn du ihn erreichteſt? Ihn niederſchießen wie einen Hund! Vortrefflich! Aber weßhalb ſeid ihr nich längſt auf ſeiner Fährte? Karl zuckte die Achſeln. Wir haben— Kein Geld? Ihr wohnt ja in einem Pa⸗ laſte? Karl nahm bei dieſer Frage einen lauernden Blick Theroigne's wahr, der hinter der Maske ſeiner Züge ein Geheimniß überfallen zu wollen ſchien. Es galt, die volle Geiſtesgegenwart zu bewahren. Dieſe Dame iſt eine Verwandte des Herrn Delcour dort, des Hausmeiſters. Er hat uns erlaubt hier, ohne Miethe zu zahlen, die Zim— mer des emigrirten Beſitzers zu beziehen. — 181 Und weßhalb leugnete er mir eure Gegen— wart ab, dieſer elende Ariſtokratenſklave? Delcour ſtand mit bleichen Lippen und ſchlot⸗ ternden Knien daz ſein Auge hing am Munde Karl's. Sprich, Schurke! fuhr Theroigne ihn an. Der arme Teufel fürchtet, daß ſein Herr erfährt, wie er Schauſpieler in ſein Hotel auf— genommen. Er würde ſeinen Dienſt, ſein Ob⸗ dach verlieren, wenn es zu den Ohren ſeines Herrn käme. Theroigne ſah eine Weile bald Delcour, bald Karl prüfend an. Es war für Beide ein Au⸗ genblick der furchtbarſten Spannung. Nun, meinethalb, ſagte ſie dann achſelzuckend — was geht's mich an! Alſo du haſt kein Geld zur Abreiſe mit deinem Drachen? Geld wohl— aber noch kein Paßviſa! Gib mir deinen Paß. Karl ließ ſich von der Fürſtin den Paß rei⸗ 182 chen, worin ſie als die Schweſter der Sänge⸗ rin Bianca aufgeführt war. Theroigne warf einen Blick hinein und gab ihn dann zurück. Es iſt gut, ſagte ſie. Geben Sie mir Schreib⸗ zeug. Sie ſetzte ſich an den Schreibtiſch der Für⸗ ſtin und ſchrieb ein Billet. Dann ſiegelte ſie es und adreſſirte es:„An den Bürger Panis, Mitglied des Gemeinderaths von Paris.“ Nehmen Sie dieſes Billet und ſenden Sie es mit Ihrem Paß ins Stadthaus. Wenn Pa⸗ nis nicht dort iſt, laſſen Sie ihn in ſeiner Woh⸗ nung aufſuchen. Laſſen Sie ſagen, es käme von der Bürgerin Theroigne de Mericourt und man wird Ihrem Boten ohne Weigerung Zu⸗ tritt verſtatten. Iſt der Paß, von Panis un⸗ terzeichnet, wieder in Ihren Händen, dann rei⸗ ſen Sie— aber ohne Zeitverluſt— augenblick⸗ lich! Laſſen Sie ſich's geſagt ſein: augenblick⸗ lich! Adieu. — 183 Theroigne ging mit einem Kopfnicken an Karl vorüber und entfernte ſich mit raſchen und männlichen Schritten. Als ſie verſchwunden war, ergriff die Für⸗ ſtin mit heftiger Bewegung Karl's Hand. Ich danke Ihnenl ſagte ſie tief aufathmend. Ihrer Geiſtesgegenwart verdanken wir unſere Rettung. Sie ſchütteln mir die Hand? Sie ver— achten mich nicht wegen dieſes Gewebes von Lügen? Herr von Schwalborn! ſagte die Fürſtin vorwurfsvoll. Sie hatten mir zu bittere Vorwürfe wegen meiner Unbeſonnenheit gemacht, die der Grund unſerer verzweifelten Lage ſei— ich mußte Al⸗ les aufwenden, um meinen Fehler wieder gut zu machen— ſelbſt die Lüge! Wäre dieſer Augenblick nicht ſo traurig⸗ernſt — ich müßte lachen über Ihre Scrupel, ſagte die Fürſtin; jedenfalls bin ich die Letzte, die Sie wegen Ihrer Geiſtesgegenwart im Betrü⸗ gen dieſer Theroigne für einen weniger vollkom⸗ menen Edelmann halten darf! Nach einer Stunde kam Delcour vom Stadt⸗ hauſe zurück und lieferte der Fürſtin den Paß mit den nöthigen Viſas und einer Erlaubniß des Gemeinderaths aus, die Stadt zu verlaſſen. Er hatte auf dem Herwege zugleich Poſtpferde beſtellt. Karl eilte nun ſeiner Wohnung zu, um raſch ſein Bündel zu ſchnüren, während die Fürſtin mit Hülfe Delcour's ebenfalls in größ⸗ ter Haſt ihre Vorbereitungen traf. Gegen die Zeit der Abenddämmerung rollte eine Poſtchaiſe mit beiden Flüchtlingen unaufgehalten zur Bar⸗ riere von St. Denis hinaus und auf der Straße nach Brüſſel dahin. Es war am 29. Auguſt. In der Nacht, die dieſem Tage folgte, begann — 185 die Ausführung jener Schreckensmaßregel, welche ſelbſt das gehärtete Gemüth Lambert's mit Ent⸗ ſetzen erfültt hatte. An 5000 Menſchen wur⸗ den in dieſer Nacht in ihren Wohnungen auf⸗ gehoben, um wenige Tage danach von den Sep⸗ tembriſeurs erwürgt, geſchlachtet und zu Tode gehetzt zu werden. Aber wo war Lambert während all dieſer Zeit? Er hatte mit innerlichem Schauder den Dienſt der Freiheit, wie ihn ſeine Cordeliers und Jacobiner übten, abgeſchworen. Er hatte ſich als Freiwilliger in die Reihen der Verthei⸗ diger des Vaterlands geſtellt, welche von allen Seiten unter die Fahnen der Republik eilten, und war am Morgen deſſelben Tages, an wel⸗ chem Karl und die Fürſtin Abends Paris ver⸗ ließen, zum Thore hinausgewandert, um das Corps des Generals Dumouriez zu erreichen. Zu den übrigen Quälgeiſtern, die in ſeiner Seele hauſten, war ein neuer gekommen: der 4* 186 einer wüthenden Eiferſucht auf den Marquis La Roche, der wider ſeinen Willen Bianca's Begleiter geworden, den er für ihren Geliebten hielt und dem er tauſend Tode wünſchte. Pulver und Blei. Erstes Kapitel. Seit den Ereigniſſen, welche wir im vorher— gehenden Buche erzählten, ſind drei Jahre ver⸗ floſſen. Dieſe Jahre haben eine reiche Geſchichte voll großartiger Wechſel, voll welterſchütternder Begebenheiten. Die franzöſiſche Revolution hat während derſelben den bekannten Verlauf ge⸗ nommen, der gegen die junge Republik die Herr⸗ ſcher Europas zu den Waffen rief und die blu⸗ tigen Coalitionskriege zur Folge hatte. Der erſte dieſer Kriege verwüſtet den Schauplatz unſerer Erzählung, den wir im erſten Buche geſchildert haben. Die fruchtbaren Fluren und geſegneten Aecker der Baronin Schwalborn ſind niederge⸗ treten vom Hufſchlag franzöſiſcher Roſſe. Die republikaniſche Sambre⸗ und Maasarmee iſt bis über den Rhein vorgedrungen, geführt von den Feldherren Jourdan und Kleber. Die franzö⸗ ſiſchen Krieger verkündigen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, aber ihre Thaten ſtrafen ihre Proclamationen Lügen, denn Bedrückung, Plünderung, Uebermuth folgen ihnen, und die Be⸗ völkerung zittert, wenn ſie am Horizonte die drei⸗ farbigen Fahnen auftauchen ſieht. Lüttich, Trier ſind unbarmherzig geplündert worden; der Bild⸗ ſäule Karl's des Großen im Dom zu Aachen iſt die franzöſiſche Jacobinermütze aufgeſetzt, in Köln und Bonn prangen Freiheitsbäume, in den Lagern der Revolutionstruppen tanzen trun⸗ kene Sansculotten des Nachts vor Gefäßen mit entzündetem Branntwein, um den Cultus der blauen Flamme zu begehen, welche das Sym⸗ bol ihres étre supréème iſt. 1 Es war im Herbſt des Jahres 1795, in den letzten Tagen des Septembers. Ein dufti⸗ ger Nebel lag auf den abgeernteten Aeckern und Wieſen der weiten Ebene, welche ſich zwiſchen Sieg und Wupper ausdehnt, weſtlich vom Rheine, öſtlich von den bergiſchen Höhenzügen eingefaßt. An der Stelle, wo in dieſe Ebene das freund⸗ liche waldreiche Aggerthal einmündet, ſchritten zwei Geſtalten rüſtig den Fahrweg entlang, der in das Thal hinaufführt. Es war Abend, die erſten Sterne begannen ſichtbar zu werden, die offenen Bauerhäuſer zeigten im dunkeln Hinter⸗ grunde die rothen Herdflammen für das abend⸗ liche Mahl, auf den Bauerhöfen ſah man länd⸗ liche Gruppen und idylliſche Bilder, die mel⸗ kende Magd und den galanten Knecht, der ihr die ungeduldige Kuh bei den Hörnern hält, junge Bauerburſchen, die auf den Kämpen zuſammen⸗ ſtehen, alte Leute, die vor den Häuſern ſitzen und plaudern. Der tiefe Friede ländlicher Stille liegt über die abendliche Landſchaft ausgegoſſen, und doch ſind die Gedanken aller dieſer Men— ſchen mit nichts Anderem beſchäftigt, als mit Krieg, Schlachten, Blutvergießen. Auf allen Geſichtern iſt die Spannung ausgedrückt, welche das Bewußtſein, ſich wichtigen Ereigniſſen nahe zu befinden, hervorruft. Auch unſere beiden Wanderer reden von Krieg, von feindlichen Heer⸗ ſcharen, vom Ausgange bevorſtehender Schlachten. Wir wollen ſie näher ins Auge faſſen. Der Eine von ihnen iſt ein alter Mann mit ſteifer, aufrechter Haltung, ſtelzendem Gange und ſtatt⸗ lichem Zopf, in der Kleidung eines wohlhaben⸗ den Bürgers; die andere Geſtalt iſt eine Frau, ein curioſes Exemplar von alter Jungfer, der Kleidung nach eine Haushälterin oder ähnlichen ehrſamen Berufs im Leben. Sie iſt groß und dürr, und da nach der Sitte jener Tage die Taille ihres grünen Sergekleides unmittelbar un⸗ ter den Armen angebracht iſt, ſo bildet ihr Un⸗ terkörper geradlinig, nach dem Lineal gezeichnet, 193 wie er iſt, die auffallende Erſcheinung eines voll⸗ ſtändigen wandelnden Cylinders. Dem Geſicht läßt ſich höchſtens das nachrühmen, daß es mit der Geſtalt in Harmonie ſteht: kleine funkelnde Augen, eine ſehr rothe Naſe ſind ſeine hervor⸗ ſtechendſten Beſtandtheile, dazu ein ſtark hervor⸗ tretendes Kinn, welches die Idee erweckt und durchaus nicht wieder zurückdrängen läßt, es müßte ein ſtattlicher Bart an dieſem Kinn vor⸗ trefflich Platz finden. Ich meine, ich höre Hufſchläge, ſagte dieſe Perſon, indem ſie ſtehen blieb und die Hand auf den Arm ihres Begleiters legte. Sie waren an der Stelle des Weges ange— kommen, wo dieſer mit einer ſcharfen Wendung in das Thal einbog. Nur muthig voran, verſetzte der Andere, ohne ſich aufhalten zu laſſenz wenn uns auch das Gros der franzöſiſchen Armee begegnete— die Franzoſen ſind ja galante Leute und ich Schücking, Sohn des Volkes. II. 9 194 ſchwöre Ihnen, Sie tragen Ihren Strohhut mit den blaßroſaſeidenen Bändern mit einer An⸗ muth, daß ein franzöſiſches Herz Ihnen nicht widerſtehen könnte! Die Dame ſchien durch dieſe Schmeichelei nicht beſonders beruhigt, aber ſie ſchritt weiter und machte dabei ſo lange energiſche Schritte, wie eine ſechsfußhohe Engländerin. Erzählen Sie weiter! ſagte der Mann mit dem ſtelzenden Gange. Wie ſieht denn ſolch ein Freiheitsbaum eigentlich aus? Es iſt eine unermeßlich hohe Stange, drei⸗ farbig angeſtrichen und oben über einem dichten Büſchel grüner Zweige und Bänder und Wim⸗ pel eine Jacobinermütze. In Mannshöhe iſt eine Tafel mit der Inſchrift:„Paix aux peuples, guerre aux tyrans“ befeſtigt. Rechts und links ſteht— eine Pike, in die Erde gerammt, daneben. Alſo ein Baum ohne Wurzeln und ohne Saft! 195 Ja wohl, ohne Wurzeln! und ſchlechtes Holz dazu! Es iſt Pappelholz, weil die Pappel peup- lier heißt; jacobiniſche Philologie interpretirt das: Baum des Volks! Närriſche Kerle! Und was machten ſie wei⸗ ter in Köln? Nachdem ſie in der Jeſuitenkirche, die jetzt Temple de la raison heißt, eine Hymne ge⸗ ſungen, ordnete ſich der Zug aufs neue, die Commiſſaire des Convents, der Ordonnateur genéral, die Clubs, die Municipalität mit dem Maire, die Offiziere, Kinder und weißgekleidete Jungfrauen mit grünen Zweigen, das Alles hüpfte, ſteizte einher, ließ Würde und Grazie ſpielen, wahrhaftig, ſeit David vor der Bun⸗ deslade tanzte, iſt ſolch ein luſtiger Zug nicht mehr geſehen worden. Als ſie auf dem Neu⸗ markt angekommen waren, ordneten ſie ſich auf Eſtraden, welche den Freiheitsbaum umgaben. Ein Subjert, das ſich ehemals mit Stunden— 9* 196 geben ernährte und das jetzt ſein bischen Fran⸗ zöſiſch aufs Allervortheilhafteſte anzubringen ge⸗ wußt hat, trat als Präſident von irgend einer Behörde von Narren auf und hielt eine Rede, von der ich kein Wort verſtanden habe, ſo pa⸗ thetiſch und ſchön war ſie; Ströme von Tyran⸗ nenblut und von Milch und Honig für die Völ⸗ ker floſſen darin umher, dicht neben einander. Sie hatte alſo Fluß, die Rede! unterbrach der Andere. Dann kam, fuhr das Weſen im grünen Serge⸗ cylinder fort, ein junger Advocat, der ſich Mo⸗ derateur du Cercle conſtitutionnel ſchimpfen läßt, und redete in deutſcher Sprache. Wenn man ihn hörte, war das goldene Zeitalter angebro⸗ chen, alles Gebrechen und Elend dieſes irdiſchen Jammerthals iſt abgeſchafft, und ich muß ſagen, ich würde es dieſen Leuten auch ſehr übel neh⸗ men, wenn es nicht geſchehen wäre! Es koſtet ſie ja nur einen Tagesbefehl, ein Bulletin, ei⸗ 197 nen Federzug! An allen Straßenecken ſah man's. Da waren Ordonnanzen, Proclamationen, De⸗ crete, eins über das andere. Etwas Papier, etwas Druckerſchwärze darauf, Liberté, Ega- lité, Fraternité, und ein franzöſiſcher Solda⸗ tenname mit dem Generalstitel darunter— da⸗ mit iſt's abgethan. Was wir Dummköpfe für unumſtößlich feſt und ewig gehalten, wie den Lauf der Sonne— fort iſt's! Schlecht iſt gut und gut iſt abgeſchmackt, Treue Verrath und Verrath Bürgertugend u. ſ. w.— ja, lieber Herr, wir waren unſer Leben lang Eſel, das iſt ſicher! 1 Und womit ſchloſſen ſie ihr Feſt? Sie hatten während der letzten Rede einen großen Scheiterhaufen entzündet. Als der„Mo⸗ derateur“ geſchloſſen, traten die Schulknaben an die Flamme, jeder trug irgend ein Symbol, eine Krone, eine Inful, einen Biſchofſtab, ein Kreuz, einen Reichsapfel, das warfen die Jun⸗ 198 gen in das Feuer, die andern riefen Hurrah und ließen die Freiheit leben und umarmten ſich in der Freude ihres Herzens. Darauf wurde ein mit bunten Bändern und Blumen geſchmück⸗ ter Pflug von Ochſen herangezogen, welche mit Zierathen bedeckt waren und deren Hörner man mit Schaumgold überklebt hatte. Damit wurde dann mit großem Aufwande von Ernſt und Würde der Boden des freien Platzes umge⸗ pflügt, auf welchem das Feſt ſtattfand. Was das bedeuten ſollte, iſt mir nicht klar geworden. Daß die Republik Vieles umkehrt, wiſſen wir; kehrt ſie aber auch noch die Schollen der Wege und Straßen um, ſo ſcheint ſie mir für einen Menſchen, der zu Fuß geht, eine ſehr unbe⸗ queme Staatsform! Endlich kehrten ſie heim, um ein„Banquet civique“ zu halten, wobei dann in ſpäter Nacht unter dem Tiſch das große Freiheitsfeſt ein ſtilles Ende fand. Daß der alte Fritz nicht mehr lebt! Dem 199 hätte ein ſolcher Scandal nicht paſſiren dürfen zwiſchen einem Ende von Europa und dem an⸗ dern! ſagte der ſteife Alte kopfſchüttelnd. Es iſt aber ſonderbar. Nimmt man die Menſchen einzeln, ſo ſind ſie ſo vernünftig; treibt man ſie aber in eine Heerde zuſammen, ſo iſt es gleich, als ob der Teufel in die Säue von Ge⸗ nezareth führe! Uebrigens iſt mir jetzt auch, als ob ich Hufſchläge hörte! Und Pferdegewieher, meiner Seelel ſtieß die Perſon in grüner Serge aus. Beide ſtanden eine Weile und hielten lau⸗ ſchend den Athem an. Ein leichter Nachtwind wehte ihnen aus dem Thale entgegen und trug deutlich den Schall einer nahenden Reiterſchar an ihr Ohr. Nur voran— nur keine Furcht gezeigt, Meiſter Tafelmacher! Meiſter Tafelmacher— denn der war es, Herr Benedict Tafelmacher, der Verwalter von 200 Schwalborn, der ſich in Weiberkleider geſteckt hatte und in ſo auffallendem Coſtume des We⸗ ges wanderte— Meiſter Tafelmacher ſchien an⸗ derer Meinung. Er ſah ſich nach einem Ver⸗ ſteck um, und als er einen dichten Buſch Krüp⸗ pelholz am Abhange der nächſten Höhe ent⸗ deckte, deutete er darauf hin und ſagte: Ich möchte unmaßgeblich rathen, von dort aus das Schauſpiel ihres Vorüberzugs zu ge⸗ nießen. Kommen Sie, Hauptmann Zerrwitz. unſer alter Bekannter, der Hauptmann, nahm dieſen Vorſchlag äußerſt übel auf. Kreuzſchockſchwerenoth, Sie werden doch nicht glauben, daß ich mich aus Angſt verkriechen werde, Herr!. Das dumpfe Traben einer Schar Pferde kam ſchnell näher. Der Verwalter nahm ſein Sergekleid bis zur furchtbarſten Unanſtändigkeit hoch in die Höhe und ſetzte mit einer komiſchen Behendigkeit den Bergabhang hinauf, um ſich hinter den Strauch zu ducken, den er ausfindig gemacht. Der Haupt⸗ mann fluchte und wetterte grimmig ihm nach; im Grunde jedoch war er von der Furcht ſeines Begleiters angeſteckt, und er würde ſich viel— leicht eben ſo gern unſichtbar gemacht haben, hätte er ſich nicht geſchämt. In der That war mit einem franzöſiſchen Streifcorps nicht zu ſcherzen. Dieſe patriotiſchen Krieger waren oft von einem unbändigen Uebermuth beſeelt, und wenn ſie dem Hauptmann auch keine Mishand⸗ lungen zufügten, ſo konnten ſie ihn doch als Wegweiſer requiriren, oder mit ihm ein ſum⸗ mariſches Verhör über politiſche Grundſätze an⸗ ſtellen, und Zerrwitz wußte nicht, was ihm un⸗ angenehmer geweſen wäre. Unſchlüſſig und ſchwankend ſtand er da: ſchon wurden die vor⸗ derſten der herankommenden Reiter ſichtbar— Zerrwitz ſchwankte nun nicht länger, er folgte ſeinem flüchtigen Gefährten nach und kletterte 9* 202 die Anhöhe ſo eilig hinan, daß er nach wenig Augenblicken neben dem Herrn Tafelmacher hin⸗ ter dem Strauche ſaß! Grundgütiger Jeſus, ſagte dieſer, indem er ſich gegen den Seitendruck des Hauptmanns hinter der dichteſten Stelle des Geſtrüpps zu behaupten ſuchte— jetzt hat man Sie geſehen und nun ſind wir Beide verloren! Weßhalb ſind Sie mir nicht gleich gefolgt? Weil dieſe Ohnehoſen nicht die Ehre haben ſollen, daß ein echter Soldat des alten Fritz vor ihnen flieht, verſetzte der Hauptmann, indem er eifrig ſeinen Gefährten aus ſeiner vortheilhaftern Poſition wegzuſchieben ſuchte. Sie ſind aber doch gelaufen, ſo gut wie ich auch, keuchte Herr Tafelmacher, dem der Athem ausging bei der Bemühung, gegen die kräftige Schulter des alten Preußen Stand zu halten. Zum Teufel, Herr— gelaufen, Herr? Ich habe mich zurückgezogen, wenn Sie erlauben, 203 und das nur deßhalb, weil mir einfiel, daß ich kein Franzöſiſch verſtehe! Wählen Sie Ihre Ausdrücke beſſer, Herr Tafelmacher! Der Hauptmann begleitete dieſen Ausbruch ſeines beleidigten Ehrgefühls mit einer höchſt energiſchen Schulterbewegung, die ſeinen Nach⸗ bar aus dem Gleichgewicht brachte. Er fuhr mit der Hand um ſich, wie um einen Haltpunkt zu ergreifen und faßte den Zopf des Hauptmanns. Kreuzbataillon! ſchrie dieſer auf. Still, ſtill, um Gottes willen— da ſind ſie! In der That war in dieſem Augenblick der Reitertrupp unter dem Geſtrüpp angelangt, wel⸗ ches die beiden Verſteckten barg. Sie hielten. Da haben wir's— ſie haben Sie geſehen, ſtöhnte Herr Tafelmacher— welche Dummheit haben Sie gemacht! Das koſtet uns das Leben! Schweigen Sie doch, flüſterte der Haupt⸗ mann— Sie ſind es, der auf den vermaledei⸗ ten Einfall gekommen, ſich zu verkriechen. Wä⸗ 204 ren wir ruhig vorübergegangen, ſo hätten ſie ſich nicht um uns bekümmert. Jetzt werden ſie uns für öſterreichiſche Spione halten. Ihre Weiberkleider machen uns noch verdächtiger! Herr Jeſu Chriſt! fuhr im nächſten Augen⸗ blick der Verwalter auf. Eine Carabinerkugel pfiff an ihren Köpfen vorüber und ſchlug über ihnen in den Sand. Dann folgte ein gebiete⸗ riſcher Ruf von unten: A bas! Venez-ici! Es blieb nichts übrig als zu gehorchen. Als die beiden Flüchtlinge unten angelangt waren, wurden ſie von den Reitern in die Mitte genommen. Es waren franzöſiſche Chaſſeurs, deren Zahl durch immer mehr Neuherankom⸗ mende vergrößert wurde. Sie ſtießen Fragen und Flüche aus, die auf Herrn Tafelmacher ei⸗ nen um ſo fürchterlichern Eindruck machten, als er keine Sylbe davon verſtand. Dagegen muß dem Hauptmann Zerrwitz das rühmliche Zeug⸗ niß ausgeſtellt werden, daß er, einmal in der 205 Falle, ſeinen Muth und ſeine Kaltblütigkeit wie⸗ derfand. Als einer der Chaſſeurs mit der Scheide ſeines Säbels ſeinen Zopf aufhob und ihn ſei⸗ nen Kameraden lachend mit den Worten zeigte: Le merveilleux butin, que nous faisons là— cela vaut dix sous chez un antiquaire! Da ergrimmte Zerrwitz, ſtreckte gebieteriſch gegen den frechen Franzoſen die Hand aus und rief, indem er all ſein Franzöſiſch zuſammen⸗ nahm: Monsieur, respectez la queue prus- sienne, la queue du grand Frédérie! Ein wieherndes Gelächter folgte dieſem pa⸗ thetiſchen Ausdrucke gerechten Unwillens. Iſt das die echt' Zopf von dem groß Fre⸗ derik? Es ſcheint, daß ſein unſterblich die Zopf in Deutsland, ſchrie einer der nächſten Reiter. Ein anderer hatte ſich unterdeß mit Herrn Benedict Tafelmacher beſchäftigt. Quelle beauté teutonique— cette jeune fille là a une grace vraiment austrogo- thique! Je me trompe diablement ou cette char- mante jeune fille là, c'est un bougre d'homme! Ah— c'est un éspion! Il faut le pendre! Herr Benedict Tafelmacher hörte dief Re⸗ den an, wie ein Scheintodter ſein Begräbniß anordnen hört. Er verſtand jedes Wort und vermochte nicht ein einziges zu antworten. In dieſem kritiſchen Augenblick öffneten ſich die Rei⸗ hen der Reiter und ein Stabsoffizier ritt in den Kreis. Es war ein noch junger Mann; ſein dunkles, ſtechendes Auge haftete auf den beiden Gefangenen. Dann machte er eine Bewegung mit der Hand und rief: citoyens! Die Schar ſetzte ſich ohne Weiteres in Be⸗ Laissez ces hommes libres! En avant, —ʒ wegung. Nur der Offizier und zwei Ordon⸗ nanzen, die ſich hinter ihm hielten, blieben zurück. Tafelmacher athmete tief auf. Aber ſeine Angſt ſollte verdoppelt zurückkehren. Weßhalb ſteckt Er in dem Plunder? fuhr ihn der Offizier in deutſcher Sprache an— mit ei⸗ ner Stimme, die der Verwalter kannte und die nicht minder den zornbleichen Hauptmann elektriſirte. Herr Jeſu Chriſt! ſtammelte Jener. Ja, ja, ich bin's— Seh' ich recht— rief der Hauptmann aus— Lambert! Niemand anders, ſagte der franzöſiſche Stabs⸗ offizier. Das hätte dies alte Weib nicht erwar— tet, damals, als es mit der Brutalität eines Sklavenhüters über meine Schwelle trat, daß es noch ſo vor mir ſtehen würde! Geh' heim, Jammerbild— marſch— ſag' deinen Gebie— tern, daß du mich geſehen haſt an der Spitze von —— 208 dreihundert franzöſiſchen Reitern, und daß ich ihnen das Dach über dem Kopfe anzünden würde, ſobald ich Zeit hätte, einen Beſuch bei ihnen zu machen. Herr Benedict Tafelmacher machte ſich un⸗ 8 verweilt auf den Weg, als ob er eine ſo an genehme Botſchaft auf der Stelle ausrichten wolle. Lächeln auf den Lippen, Angſt und Schrecken im Herzen, ſchritt er aus, und je weiter er von dem Reiter ſich entfernte, deſto mehr von der innern Herzensangſt ſtieg in ſeine Züge, bis das ſtereotype Lächeln endlich nichts mehr war, als ein verzerrter Ausdruck von To⸗ desſchrecken; es war zuletzt, als ob den Alten ein Geſpenſt jage, während er in heftigem Laufe über Wieſenpfade und Waldſtege, immer weiter in das Thal hinein Haus Schwalborn zueilte. Was ſoll die Maskerade? fragte Lambert unterdeß den Hauptmann. Der alte Narr wollte durchaus ein republi⸗ 209 kaniſches Feſt ſehen, das heute in Köln gefeiert wurde. Aber in ſeiner Angſt vor den Franzo⸗ ſen, unter denen ſich die Leute wahre Teufel denken, fürchtete er, man werde den Ariſtokra⸗ tenknecht in ihm wittern und darum trieb ihn ſeine Neugier in einen Weiberrock. Ich hatte ihm verſprochen, bis zu einem beſtimmten Punkte ihm entgegenzukommen, wenn er Abends zurück⸗ kehre. Seitdem Sie nicht mehr hier waren, Lambert— Ich bin Major im dritten Chaſſeurregiment der franzöſiſchen Republik. Seitdem Sie nicht mehr hier waren, Herr Major, verbeſſerte ſich Zerrwitz, habe ich näm⸗ lich Freundſchaft mit dem Herrn Tafelmacher ge⸗ ſchloſſen. Man erfährt doch ſo, was vorgeht. Begleiten Sie mich, verſetzte Lambert in ge⸗ bieteriſchem Tone. Ich will meinen Vater ſehen. Er ſetzte ſein Pferd in Bewegung. Die Ordonnanzen folgten ihm, der Hauptmann Zerr⸗ witz ſchritt neben ihm her. Sie ſchlugen den Weg ein, den Lambert mit ſeiner Reiterſchar vorhin gekommen, wandten ſich aber bald rechts, überſchritten eine Brücke und auf wenig befah⸗ renen Ackerwegen nahten ſie ſich dem Hofe, den Lambert's Vater bewohnte. — Zweites Kapitel. Der Hauptmann Zerrwitz war während des Wegs in höchſt unbehaglicher Stimmung. Lambert ſah düſter aus und war ſo ſchweigſam, daß der alte Preuße vergebens mit allerlei Anſpielungen ſondirte und taſtete, wie er ſeinen wiedergefun⸗ denen alten Bekannten zu behandeln habe. Mit ihm wie mit dem jungen Menſchen von ehemals umzugehen, der ſo tief unter ihm ſtand, das wagte er nicht, und den frühern leibeigenen Bauerburſchen als fremden Offizier von höherm Range, als ſein eigener war, zu behandeln— dazu konnte er ſich unmöglich entſchließen! Er war von Herzen froh, als Lambert endlich eine Frage 212 hinwarf, die das Geſpräch auf Dinge brachte, welche ein Zurückkommen in die alte Vertrau⸗ lichkeit vermitteln mußten. Wo iſt Karl von Schwalborn? ſagte er, halblaut, zögernd, als wenn er es über ſich ge⸗ winnen müſſe, den Namen auszuſprechen, oder als wenn es ihm einen Kampf koſte, auf die Zuſtände und Perſonen ſeiner alten Heimat ein⸗ zugehen. Nicht weit, verſetzte der Hauptmann. Er hat eine Reiſe nach Frankreich gemacht und dann iſt er heimgekehrt, jedoch auf wenige Tage nur, um gleich darauf als Offtzier in die öſterreichi⸗ ſche Armee einzutreten. Er hatte ein Lieute⸗ nantspatent noch vom Kaiſer Joſeph her. Kurze Zeit nach ſeinem Eintritt in die Armee kam er in ſeiner weißen Cuiraſſieruniform wieder nach Schwalborn; er ſtand bei dem Corps des alten Coburg, das in die Niederlande zog und von dem er auf Urlaub für ein paar Tage ſich ent⸗ 213 fernen durfte. Dann eilte er nach über den Rhein, nach Belgien hinein, bis nach Mons. Als die öſterreichiſchen Koſtbeutel retirirten und über den Rhein zurückgeworfen wurden, hat er ſich hier nicht wieder ſehen laſſen, aber meine Cöleſtine, die immer mehr davon weiß als ich, verſichert, er ſtände bei den Truppen unter Cler⸗ fayt— und wo die ſind, das müßt Ihr Herren Franzoſen, die Ihr ſie vor Euch hertreibt, ſelbſt am beſten wiſſen! Ich bin ausgeſandt, Recognoſcirungen vor⸗ zunehmen, aber ich habe keine Spur von ihnen zu Geſichte bekommen, ſagte Lambert. Es ſind mehre Tage, ſeitdem ſie auf der Retirade ſind, nach Süden zu, fiel der Haupt⸗ mann ein; durch dieſe Gegend hier kamen zu— erſt Erzherzog Ferdinand Huſaren, dann Artil⸗ lerie und zuletzt eine Abtheilung von dem Frei⸗ corps O'Donnell's. Und was macht Ihre Tochter? b V I 214 Der Hauptmann ſchüttelte den Kopf. Es iſt nicht viel Geſcheites aus der Dirne geworden! ſagte er; in den Weibern ſteckt ein⸗ mal keine Vernunft. Aber deſto mehr Eigenſinn, Laune und Treu⸗ loſigkeit! murmelte Lambert mit einem Fluche. Sie zogen eine Strecke lang ſchweigend weiter. Und intereſſirt Niemand ſonſt in Ihrer al⸗ ten Heimat den Herrn Major? fragte Zerrwitz mit einem boshaften Lächeln. Nein! verſetzte Lambert barſch. Zerrwitz ließ ſich dadurch nicht abhalten, ſei⸗ nen Begleiter an Gegenſtände zu erinnern, welche dieſem unangenehm ſein mußten. Es machte einmal ſein Vergnügen aus, an den Leuten zu bohren. Ich kann es Ihnen nicht übel nehmen, fuhr er fort. Die Menſchen hier machen immer noch die alten langweiligen Geſichter; Ihro Gnaden die Frau von Schwalborn iſt noch immer der 1 alte incarnirte Hochmuthsteufel, und der arme Schelm und Pantoffelheld, der Herr Gemahl, geht umher wie die gemalte theure Zeit. Dann iſt da ihr Gänschen von Tochter— Madame la Marquise, ehemals Fräulein Marianne. Lambert bückte den Kopf und machte ſich am Riemen ſeines Steigbügels zu ſchaffen. Zerr⸗ witz ſchwieg, als er dies ſah. Nun? ſagte der franzöſiſche Major zögernd nach einer Weile. Mein Geſchwätz langweilt Sie, warf Zerr⸗ witz ein. Wenn es nicht zu dunkel geweſen, um ihn zu beobachten, würde man darauf ha⸗ ben ſchwören können, daß nie eine ausgemach⸗ tere Fuchsphyſiognomie auf Erden gewandelt, als die des alten Preußen in dieſem Augenblick. Sprechen Sie nur immerhin weiter. Fräulein Marianne alſo iſt jetzt Frau Mar⸗ quiſe geworden— Titel ohne Mittel— Ar⸗ muth und Bettelſtolz— Monsieur le Mar- 216 quis est emigré, d. h. ſeine Güter liegen im Monde, und unterdeß muß der Schwiegerpapa ihn unterhalten. Eine ſo thörichte Heirath iſt nicht geſchloſſen worden ſeit dem Ehebund Ko⸗ phetua's! Und weßhalb iſt dieſer Ehebund ſo ſchnell geſchloſſen worden? So ſchnell? Nun, ſo ſchnell eben nicht. Der Marquis de la Roche kam zugleich mit Karl von Paris aus nach Schwalborn. Er gehörte zu den vornehmen Herren, die aus Entrüſtung über die Alluren, welche die bürgerliche Canaille in Frankreich annahm, das Land verließen. Da nun die Renten des jungen Herrn von den⸗Ja⸗ cobinern nicht mehr über die Grenze gelaſſen wurden, hinterließ ihn der würdige junge Stamm⸗ herr der Gaſtfreundſchaft ſeines lieben Papas zur Fütterung. Nun, wenn man Feuer und Zunder zuſammenbringt, ſorentſteht eine Flamme. Der junge Herr hatte rothe Wangen wie ein funfzehnjähriges Mädchen, die Grazie und die ſüße Ueberredungskunſt eines franzöſiſchen Höf⸗ lings, und den ganzen lieben langen Tag nichts Anderes zu thun, als Fräulein Marianne ſeine Aufmerkſamkeit zu widmen. Was Wunder, daß Fräulein Marianne Feuer fing und daß ſie ihren Kopf darauf ſetzte, ihn zu bekommen, und daß ſie ihn endlich trotz aller Scenen, welche Gnaden Mama gemacht haben ſoll, bekam? Verweigerte die Alte ihre Einwilligung? Weil er ein Flüchtling ohne Beſitz und Hei⸗ mat ſei, verwarf ihn die Mutter, und gerade deßhalb wollte ihn die Tochter, verſetzte Zerr⸗ witz. Dieſer La Roche, ſagte Lambert mit einem Tone der Stimme, worin eine innere Bewegung lag, welche er umſonſt zu verheimlichen ſich be— ſtrebte, dieſer La Roche iſt in Begleitung einer Dame, einer italieniſchen Gräfin aus Paris entflohen. Wiſſen Sie von der nichts? Schücking, Sohn des Volkes. II. 10 218 Nein, antwortete Zerrwitz, ich habe nie da⸗ von gehört! Wo iſt dieſer glückliche roſenrothe Marquis jetzt? fragte Lambert mit erzwungener Gleich⸗ gültigkeit weiter. Hoffentlich hat er bei unſerer Annäherung die Flucht ergriffen, ſonſt würde ich in die unangenehme Nothwendigkeit verſetzt ſein, einen Beſuch in Schwalborn zu machen und ihn als Emigranten erſchießen zu laſſen. Ich weiß nicht, wo er iſt, aber man ſagt, daß er vor mehren Monaten ſchon abgereiſt ſei, um in Coblenz ſich unter die Fahnen des Her⸗ zogs von Condoé zu ſtellen. Nan ſagt? Zweifeln Sie daran? Wenn ich es thäte, ſo würde ich doch Ihren Spion und Angeber nicht machen. Aber da liegt das Gehöft Ihres Vaters. Sie hielten auf einer Anhöhe, von der der Weg ſchnurgerade in einen Eichenhain nieder⸗ lief, aus deſſen Wipfeln die halb mit Stroh, 219 halb mit Ziegeln bedeckten Dächer des Bauer⸗ hofes dunkel und kaum erkennbar hervorſchau⸗ ten. Ein Licht ſchimmerte aus einem der Ge⸗ bäude durch die dichte Zweig⸗ und Laubhülle, welche ſich ſchützend um die Wohnungen legte. Das Gehöft ſchien auf einem feuchten Grunde erbaut zu ſein, denn dichter blauer Wolkennebel, wie ſie der Herbſtabend aus waſſerreichen Ge⸗ länden zieht, hatte ſich gleich einem zweiten Gürtel in langen compacten Schichten um den grünen Laubkranz gezogen. Von dem Hofe her hörte man helle Frauenſtimmen, welche Lieder nach ſeltſamen melancholiſchen Volksmelodien ſangen und dazu mit Flachsbrechen den Takt klapperten. Lambert hielt ſein Pferd an und blickte düſter auf das Ziel ſeines Weges nieder, welches vor ihm lag; tiefe Furchen zogen ſich über ſeine Stirn. Seine Geſtalt ſank zuſammen— der elaſtiſche Reiter hing wie ein ermüdeter Denker 10* in dem Sattel ſeines Pferdes, und die Zügel glitten auf die Mähne deſſelben nieder. So hielt er eine Weile ſtill und dann erhob er ſich und holte tief Athem, als ob er zum letztenmal die Luft der Heimat athmen wollte, und machte eine Bewegung mit der Hand, welche die Zügel wieder ergriffen hatte, wie um zu wenden und deſſelben Weges zurückzukehren. Aber in dieſem Augenblicke fiel ſein Blick auf Zerrwitz, der ihn beobachtete, und ſogleich trieb er erröthend ſein Pferd an und ritt weiter, dem Bauerhofe zu. Sie erreichten nach einer Weile das Gehölz, welches die Gebäude des Schulzenhofes umgab. Von dem Vorplatze des Haupthauſes, aus ſeiner Küche und weitgeöffneten Tenne ſchimmerte ihnen eine Fülle Licht entgegen, überall glänzten eben entzündete Lampen, und Gelächter, Rufen, Jauchzen, bei dem Frauenſtimmen entſchieden die Oberhand behaupteten, ſcholl an den Wän⸗ den wider und klang hinaus in das Dunkel —— — des Gehölzes, deſſen moos⸗ und laubbedeckter Boden den Hufſchlag der Pferde einſog. Un⸗ gehört, ungeſehen konnte Lambert mit ſeinen Begleitern ſich nähern und das auffallende Schauſpiel überblicken, welches ſich ſeinen Augen darbot. Es war„Schwingtag“ auf dem Hofe, das Herbſtfeſt der Flachsbereitung, zu welchem alle Frauen und Mädchen der Nachbarſchaft zuſam⸗ mengeſtrömt waren. Vom frühen Morgen an war der Flachs gebrochen und im Schwingſtock zerfaſert, vom frühen Morgen an hatte der Hof von den ſchönſten Volksliedern nach der her⸗ kömmlichen Reihe und Ordnung widergehallt, 1 wie ein ordentlicher Schwingtag es fodert, und jeder alte Brauch war gewiſſenhaft vollzogen, wenn auch in Niemand aus der Schar die⸗ ſer Leute mehr das Bewußtſein ſeiner Bedeu⸗ tung lebte. Die ſchöne Romanze vom Abends⸗ reuter(Abenteurer), einem Grafenſohne, der 222 ſeine von den böſen Heiden geraubte Schweſter ſuchend umherirrt, und ſie endlich in der Her⸗ berge am Rhein als dienende Magd wiederfin⸗ det; die ſchöne Mähr von der Königstochter, welche dem Spielmann folgt, die Schelmenlie⸗ der und wie die alten Weiſen alle heißen, welche die Schwingtagfeier dieſer Gegenden allein er⸗ halten hat— von dieſen hellen Mädchenkehlen iſt jeder ihr Recht widerfahren. Um Mittag iſt die ganze Schar vor den Hof hinausge⸗ eilt und eine Anhöhe hinaufgeſprungen und gelaufen, und Alle haben dort, gegen Oſten ge⸗ wandt, die Arme erhoben und haben dreimal gejauchzt aus voller Bruſt. Das methähnliche Gemiſch, welches zum Getränk gereicht worden, hat, während Lied und Arbeit in vollem Gange war, nicht aufgehört zu kreiſen und ſeine be⸗ rauſchenden Wirkungen haben jetzt die Freude den höchſten Gipfel erreichen laſſen, während Krieg und Franzoſen und alle Noth der Zeit 223 vergeſſen ſind. Eben ſind die Männer und Burſchen der Nachbarſchaft eingetreten und meh⸗ ren die laute Luſt, und während ein paar Jun⸗ gen dem mit Saiten beſpannten Pferdeſchädel, dem unvermeidlichen Symbol bei jedem heid⸗ niſchen Feſte, eine nervenzerreißende Muſik ent⸗ locken, toben, ſpringen, tummeln ſich die Dir— nen mit glühenden Wangen und fatternden Kleidern wie Bacchantinnen; den Thyrſus bil⸗ det die Schwinge, mit welcher ſie um ſich ſchla⸗ gen, und um ihr Haupt ſchwebt und weht und zerfliegt der Kranz von Werg und Eichenlaub. Die ſonſt am ſtillſten und ſittſamſten ſind, raſen in trunkener Ungebundenheit und ruhen nur, wenn ſie nach der Vorſchrift der alten Sitte ſich ſetzen, einen der jungen Burſchen vor ſich nie⸗ derknien laſſen und ihn aus der irdenen Schale in ihrem Schooße mit Meth oder Hirſebrei füttern. Lambert hielt noch einmal ſein Pferd an und blickte auf die Scene, welche in der That ganz geeignet war, das Auge zu feſſeln. Es war ein ſeltſames Nachtſtück, dies Bild mit der grellſten Lampenbeleuchtung, die rothgelbe Scheine auf die geweißten Lehmwände der Hof⸗ gebäude und auf einzelne Gruppen der dämo⸗ niſch wild bewegten Geſtalten warf, während andere Theile des Bildes ſich in die ſchwarzen Schatten des Abends bargen. Die Wipfel der nächſten Eichen, nur hie und da an den unter⸗ ſten Zweigen vom Lichtſchimmer angeglüht und ſmaragdene Laubbüſchel kräuſelnd, ſtanden dar⸗ über, düſter und ſchweigend wie die Nacht, und ſtreckten mächtige Aeſte über die ſtillen Stroh⸗ dächer und die jauchzenden Menſchen aus, als ſeien ſie alte Prieſtergeſtalten, welche ihre Arme weihend über das Feſt eines heidniſchen Gottes ausſtreckten. Unterdeß ſchien einer der Anweſenden die Reiter entdeckt zu haben, welche im Schatten jenſeits der Hofumzäunung hielten— eine allge⸗ meine Stille erfolgte, man lief zuſammen, flü⸗ ſterte, deutete mit den Händen auf die Fremd⸗ linge und die Männer ſuchten nach ihren Knit⸗ teln. Lambert näherte ſich jetzt, und als er mit ſeinen Begleitern in den Kreis gelangte, den die Lichter erhellten, erfolgte ein lautes Geſchrei aus dem Munde der erſchrockenen Weiber; die Männer eilten beim Anblick der franzöſiſchen Uniformen, eine feſte Gruppe zu ſchließen, wäh⸗ rend ſie kampfluſtig Flüche gegen die„verfluch⸗ ten Franzoſen“ ausriefen, welche ihre Luſt zu ſtören kamen. Als Lambert, mit der Hand winkend, an dieſe Gruppe herangeritten, trat einer der Männer aus ihr hervor, dicht an den Reiter. Es war ein alter Bauer mit ſchlohweißem Haar und hoher kahler Stirn, aber ſeine große kräftige Geſtalt war ungebeugt, ſeine Bewegung verrieth nicht Haſt noch Unruhe, ſein Arm hob mit 226 langſamer Bedächtigkeit, als ob er den Sonn⸗ tagshut vom Nagel nähme, eine Lampe bis an das Geſicht des Reiters empor. Aber als ſie ſo hoch gehoben war, daß ihr Schein voll in das Geſicht des franzöſiſchen Jägeroffiziers fiel, zuckte der Arm, der ſie trug, die Lampe ſchwankte, fiel— nein, ſie fiel nicht, der Alte hielt ſie feſt, ſein Arm wurde wieder ſo unbeweglich, als habe er ſtählerne Nerven, und der Bauer ſagte mit unveränderter Stimme, nur etwas leiſer und langſamer, als er gewöhnlich ſprach: Lambert!— biſt du es!! Der Name Lambert! ging jetzt von Mund zu Mund, die Männer traten dicht an den Rei⸗ ter heran und auch die Weiber kamen neugierig näher. Ich bin es, Vater, ſagte Lambert, indem er aus dem Sattel glitt. Ich komme Euch gu⸗ ten Abend zu ſagen. Ihr hättet mich auf ein Haar nicht wiedererkannt, glaub' ich! Die Augen des alten Bauers ruhten mit Wohlgefallen auf der Geſtalt ſeines Sohnes, der in der glänzenden Uniform, blank von Gold und hellem Stahl vor ihm ſtand, während ſeine zwei Ordonnanzen ſich in ehrfurchtsvoller Ent⸗ fernung hinter ihm hielten. Lambert reichte ihm die Hand hin. Der Alte wollte ſie erfaſſen, aber bevor er es gethan, ließ er ſeine Rechte ſinken. Ich habe dich wol erkannt, Lambert, ſagte er ernſt; aber ich wollte, ich hätte es nicht, und du wäreſt an meinem Hofe vorüberge⸗ zogen! Weßhalb wolltet Ihr das, Vater? fragte Lambert. Der Alte ſchaute um ſich her und reichte einem Nebenſtehenden die Oellampe, welche er bisher gehalten. Geht fort! ſagte er dann, zu den Umſtehen⸗ den gewendet— auch Ihr, Hauptmann Zerr⸗ witz, geht bei Seite, ich habe mit meinem Sohne zu reden! Der alte Bauer ſprach dieſe Worte ſo feier⸗ lich und gebieteriſch, daß der ganze Haufe ſtill auf ſeine frühern Plätze ſich zerſtreute, wäh— rend Zerrwitz, der ebenfalls den ſchweigenden Zuſchauer gemacht, ſich nach einem Stuhle oder Gegenſtande umſah, auf welchem er ſeine ermü⸗ deten Glieder ausruhen könne. Nun? fragte Lambert, den Oberkörper an Mähne und Hals ſeines Pferdes lehnend— nun, Alter, weßhalb laßt Ihr mich hier ſtehen? Habt Ihr ſo viel Söhne und Blutsfreunde auf der Welt, daß es Euch zu viel iſt, einem die Hand zu geben, wenn er nach Jahren aus der Fremde zurückkehrt und ſein Herz ihn treibt, zu ſehen, wie es Euch geht bei Euern grauen Haaren und in Eurer Verlaſſenheit? Wäre es Tag geweſen, ſo hätte man bei dieſen Worten ſeines Sohnes, ſo kühl ſie an⸗ ſcheinend auch waren, einen feuchten Glanz in den Augen des Bauers wahrnehmen können. In ſeiner Stimme aber verrieth ſich dieſe Rüh⸗ rung nicht; er ſagte mit demſelben Ausdruck ernſter und gehaltener Trauer: Ich habe nur dich auf der Welt, das weißt du wohl, Junge; und wenn du wiederkämeſt, wie du gegangen biſt, oder noch ärmer, als du gegangen biſt, wie ein Bettler und in Lumpen — dann würde ich dir die Hand drücken und den Stuhl ans Herdfeuer ſchieben— Und nun? Nun biſt du unter die Franzoſen gegangen und kommſt mit Krieg ins Land, und biſt ein Landsverräther! Lambert ſchlug ein gezwungenes Gelächter auf. Weßhalb kommen wir ins Land? weil uns die Oeſterreicher angegriffen haben, und nun ſchlagen wir ſie. Was geht das Euch an, Va⸗ ter? Ihr ſeid kein Preuße und kein Oeſterreicher. Die Franzoſen ſind Eure Freunde, denn ſie ſind Freunde des Unterdrückten und Geknechteten. Was die Freundſchaft angeht, ſo wiſſen die Leute verſchiedentlich davon zu reden, denn ſie ſchreiben ſie dem Einen mit Säbelhieben auf den Rücken und zünden dem Andern das Dach über dem Kopfe an, und ſchleudern ſeinen alten gichtbrüchigen Vater oder ſeine blinde Mutter in die Flamme. Und wenn ſie uns Jammer und Hungersnoth bringen, unſere Töchter und Wei⸗ ber ſchänden und unſere Altäre beſchmuzen, ſo iſt das ein ſchlechter Troſt, daß ſie nur mit den Oeſterreichern Krieg führen. Ich weiß nicht, was das heißen ſoll. Ich weiß nur, daß ſie mit Mord und Todtſchlag ins Reich gekommen ſind, und das Reich hat ſeine Fürſten und über ihnen den Kaiſer. So iſt es eingeſetzt ſeit Karoli Magni Zeiten— ein Kaiſer und vier Kurfürſten und vier Herzöge und vier Burggrafen des Reichs und wie der Heerſchild weiter iſt— 231 das hat Gott alſo eingeſetzt und angeordnet; wer dawider krieget und die chriſtliche Obrig⸗ keit angreift und die Religion, der iſt ein Böſe⸗ wicht und ein Landsverräther! Vater, ich bin ein leibeigener Knecht gewe⸗ ſen hier unter Euern vier Burggrafen und wie ſie weiter heißen. Die Franzoſen haben mich frei gemacht, und weil ich mich wie ein Löwe geſchlagen habe, haben ſie mich zu hohen Ehren erhoben. Ich bin Major und ein ganzes Re⸗ giment, deſſen Oberſt erſchoſſen iſt, ſteht augen⸗ blicklich unter meinem Commando. Iſt das nun recht und billig, daß Ihr mir ein Verbrechen daraus macht, wenn ich zu ihnen halte bis in den Tod? Junge, ſagte der Bauer und legte ſeine dürre Rechte, an welcher Alter und Arbeit nichts als Sehne und Knochen gelaſſen, auf die Schulter ſeines Sohnes, während er mit der Linken in die nächtliche Gegend hinein deutete: Junge, blicke dort hinaus: wenn es Tag wäre, ſähſt du den Glockenthurm unſerer Kirche, in deſſen Schatten deine todte Mutter liegt. Wenn du dich unſchuldig fühlſt, daß du mit deinen Rei⸗ tern und Mordbrennern wie ein Würgengel in dies Land gekommen biſt, ſo geh hin und ſprich ein Vaterunſer auf ihrem Grabe. Lambert ſtand unbeweglich und blickte auf den Boden. Du magſt nicht? fuhr der Alte fort. Nun wohl, ich ſage dir, all dieſer Boden, auf dem du ſtehſt, ſo weit er des Reiches und des Kai⸗ ſers iſt, ſoll dir ſo heilig ſein, wie das Grab deiner Mutter. Laſſen wir das, ſagte Lambert, wir werden doch nicht eines Sinnes darüber werden. Kommt ins Haus, ich will die Nacht bei Euch bleiben, und morgen weiter. Der Bauer machte eine abwehrende Bewe⸗ gung mit der Hand. —.— Ha! Vater, Ihr wollt mir doch nicht Euer und mein Haus verbieten? Willſt du den Rock abwerfen, den du trägſt, und die Waffe von dir thun, mit der du kommſt? Ein Franzoſe kommt mir nicht mit meinem Willen ins Haus! Lambert wurde dunkelroth; ſeine Lippe zitterte. Ihr ſeid ein ſtarrköpfiger alter Narr! ſagte er und ſchwang ſich mit einer heftigen Bewe⸗ gung wieder in ſeinen Sattel. Lambert, verſetzte ſein Vater, indem er ernſt ſeine Rechte erhob, ſag kein Wort mehr, ſon⸗ dern danke Gott, daß ich dich ſchweigend fort⸗ weiſe von meinem Hauſe, und dir nicht einen Spruch mitgebe, welcher eben ſo dunkel iſt, wie die Nacht, in welche du fortziehſt, und die Wege, auf denen du deinem Schickſal entgegengehſt! Lambert hörte dieſe Worte, in welchen eine Drohung und eine unheilkündende Prophezeiung lag, mit zuſammengepreßtem Munde, mit ver⸗ biſſenem Grolle an. Er winkte ſeinen Beglei⸗ tern mit der Hand und ohne eine Sylbe zu er⸗ widern, ohne ſich umzuſehen nach dem grauen Haupte ſeines Vaters, das er vielleicht zum letztenmal in ſeinem Leben erblickte, verließ er die Schwelle ſeines Geburtshauſes. Die Anweſenden, welche auf des Bauers Geheiß ſich entfernt gehalten hatten, ließen jetzt ihren Zungen freien Lauf, um ihre Ueberraſchung, ihre Befürchtungen, ihre Beobachtungen aus⸗ zutauſchen. Die Schwingtagfeier war vollſtän⸗ dig vergeſſen und die halblaute, geheimnißvolle Unterredung, welche Vater und Sohn mit ein⸗ ander gehalten, die Wahrſcheinlichkeit, daß grö⸗ ßere Haufen feindlicher Truppen nahe ſeien, die ſtaunenswerth glänzende Laufbahn, welche ihr alter Standes⸗ und Schulgenoſſe gemacht, be⸗ ſchäftigten die ganze Schar. Man hatte ge⸗ ſpannt auf das Ende der Unterredung geharrt, um von dem Schulzen Aufklärungen zu erhal⸗ — 2³ ten. Aber der alte Bauer war unnahbar. Mit finſter zuſammengezogenen Brauen ſchritt er dem Hauſe zu. Hier ſchloß er ſich ein in ſeine Kam— mer und Niemand hat belauſcht, wie er die Nacht dort zubrachte. Als er am andern Mor⸗ gen wieder ſichtbar wurde, hatte ſein braunes tiefgefurchtes Geſicht einen Ausdruck angenom⸗ men, der ihn vor allen zudringlichen Fragen ſchützte. Auch war es eine Beobachtung, die ſich bald Allen aufdrängte, daß der verſchloſſene alte Bauer von dieſem Tage an doppelt ſo ſchweigſam und mürriſch geworden, wie je zuvor. Drittes Kapitel. Das Nationalgefühl war erſtorben in Deutſch— land. Seine Fürſten freuten ſich, wenn ihre Nebenbuhler oder Nachbarn von den fremden Kriegsheeren überwältigt wurden, die Völker hatten den Gebrauch des Wortes deutſch ver⸗ lernt. Nur in der Bruſt eines alten Bauers haben wir noch einen Funken davon leben ſehen, der genährt worden durch alte geheiligte Tra⸗ ditionen, gehegt von der unentweihten Stille eines waldumſchloſſenen Saſſenhofes. Ja, die⸗ ſer Funke war ſtark genug geweſen, über die laute Sprache des väterlichen Gefühls zu ſiegen, das deßhalb nicht minder innig und tief war, weil es nicht in beredten Worten ſich ausſprach, weil nichts davon über die Lippen kam, als höchſtens eine ſchwache, kaum verſtändliche Andeutung. Lambert war von dem Empfange, den er bei ſeinem Vater erhalten, tief erſchüttert. Er war nicht allein von Groll und Schmerz erfüllt worden, nein, der Schlag war tiefer gedrungen, er hatte ihm ſeine Ruhe, den letzten Reſt inne⸗ rer Zufriedenheit und Harmonie geraubt. Bit⸗ terkeit und Haß erfüllten ihn und das heiße Verlangen, irgend Jemanden zu finden, dem er ſie entgelten laſſe. Er murmelte zwiſchen den Zähnen: Die verfluchten Ariſtokraten ſollen mir da⸗ für zahlen, was ſie an dieſem brutaliſirten, ver⸗ dummten Volke gethan haben. Faß ich Euch, Euch will ich ihn eintränken, den Fluch meines vermaledeiten Daſeins! Er wollte ſeine Stimmung vor Zerrwitz ver⸗ bergen. Dieſer ſollte ihn durchaus glücklich und 28⁸ im Vollgenuß ſeiner glänzenden kriegeriſchen Stellung glauben. He, kriegsgefangener Preuße— Ihr müßt weit wandern heut. Eure magern Stelzbeine werden nicht mehr können. Schwingt Euch auf die Kruppe hinter meine Ordonnanz und dann zu unſerm Quartier. Wir wollen trinken zu⸗ ſammen und von alten Zeiten plaudern. Was treibt Ihr Euch auch dieſſeits der Demarcations⸗ linie umher! So nüchtern zu ſein— und doch den Strich nicht halten zu können! Lambert verfiel jedoch bald wieder in ſein ſchweigſames Hinträumen, und ohne weiter ein Wort zu wechſeln, ritten die Männer durch die Dunkelheit dahin. Nach einer guten Stunde hatten ſie den Ort erreicht, in welchem Lambert's Schwadronen für die Nacht ihr Quartier angewieſen worden. Es war eine zerſtreut liegende Bauerſchaft, die mei⸗ ſten Einwohner hatten ſich beim Herannahen 239 franzöſiſcher Truppen geflüchtet und brachten die Nacht in den Wäldern unter freiem Himmel zu. Lambert hielt vor dem Pfarrhauſe, das in der Nähe der kleinen Kirche iſolirt zwiſchen Gar⸗ ten und Baumhof lag. Lärm, Jauchzen, Gaſ⸗ ſenhauer ſchollen den Ankommenden aus der Wohnung des Friedens entgegen; durch die hellerleuchteten Fenſter ſhh man das Getümmel trunkener und zerſtörungsluſtiger Sansculotten, die den Wein des Pfarrers leerten und zum Danke ſeine Möbeln zertrümmerten. Lambert ließ das Wohnzimmer des geflüch⸗ teten Geiſtlichen von den Soldaten räumen und befahl ſeinen Ordonnanzen, ihm Speiſe und Wein dorthin zu ſchaffen; dann ſetzte er ſich mit Zerrwitz an den Tiſch, während er zwei Piſtolen vor ſich niederlegte, mit der Drohung, Jeden erſchießen zu wollen, der in das Zimmer dringe und ihn ſtöre. Der preußiſche Hauptmann war, je länger 240 er ſeinen alten Bekannten hatte begleiten müſſen, deſto ſchüchterner und unſicherer ihm gegenüber geworden. Doch konnte er jetzt die Bemerkung nicht verſchlucken: Donnerwetter— ich muß ſagen, es war doch in meiner Compagnie ganz andere Sub— ordination! Der Stock iſt doch kein Aberglaube! Piſtolen mit geſpanntem Hahn hatte unſer Einer bei ſeinen Leuten nicht nöthig. Trink, dürre Hopfenſtange, und mach keine Gloſſen, verſetzte Lambert, ſein Glas leerend. Unſere Leute werden nicht geſchlagen und ſchla— gen deſto beſſer! Geſchlagen werden ſie auch, fiel der alte Preuße mit einem ſpöttiſchen Lächeln ein; fragt nur den Häck in Odenthal! Wer iſt das? Ein Zimmermann ſeines Zeichens, der drei und ſechszig Lefebreſche Huſaren mit einem Dreſchflegel in die Flucht geſchlagen hat, mit dem Rücken an ſeine Scheune gelehnt, und ob⸗ wol ein Flintenſchuß ſeinen rechten Oberarm durchbohrt! Lambert hörte ſtaunend die Erzählung dieſes merkwürdigen Beiſpiels von Muth und Uner⸗ ſchrockenheit an. Dann ſagte er: Wäre der Mann ein Franzoſe, er würde General; hier ſchrumpft ſolch ein Männerherz ein und die tüchtigſten Charaktere verderben un⸗ ter der Herrſchaft von Junkern und Pfaffen— oder des Stocks! Nun, der Menſch muß regiert ſein, ſagte der Hauptmann. Wenn Ihr meine politiſche Meinung erfahren wollt, ſo geſtehe ich es Euch geradezu: mit Eurer Freiheit iſt es nichts; für die Freiheit iſt der Menſch nicht geſchaffen, etwas muß über ihm ſtehen und ihn kurz hal⸗ ten— ehemals war es der Aberglaube oder der Unſinn, der Junker oder der Pfaff— Und jetzt, fiel Lambert ein,— Dank den Schücking, Sohn des Volkes. II. 11 242 bewundernswürdigen Fortſchritten der Aufklä⸗ rung dieſes Jahrhunderts, kommt man ſtatt deſſen mit dem Geiſt preußiſcher Subordination über ihn, und der ſteckt im— Stock! Ihr reducirt mein politiſches Syſtem auf den kürzeſten Ausdruck, antwortete Zerrwitz lachend. Sklavenſeele! Freie Männer! verſetzte der Hauptmann höhniſch, indem er über die Schulter nach der Thür des Zimmers deutete, durch welche das Jauchzen, Lärmen und die Blasphemien der trunkenen Soldateska hereinſchollen! Seid Ihr denn wirklich ſo einfältig, zu glau⸗ ben, dieſe vermoderte Welt habe länger ſo fort⸗ beſtehen können, ohne daß die Revolution mit ihrer Fackel ſie in Flammen geſetzt, um eine wiedergeborene Geſellſchaft aus der Aſche neu erſtehen zu laſſen? Aſche— ja und Flammen ſeh' ich auch— das ganze Phönirneſt brennt allerdings lichter⸗ loh, aber der wunderbare Vogel, der daraus emporſteigen ſoll, den ſeh' ich nicht! Ich will dir ein Stücklein erzählen, du im Fleiſche wandelndes Geſpenſt der alten Zucht und Ordnung, woraus du ſehen kannſt, wohin es mit Euch gekommen war, Dank Euern Be⸗ amten und Junkern, wie ſelbſt Eure allmächti⸗ gen Fürſten von Gottes Gnaden ohnmächtig und zum Spott geworden unter der Herrſchaft des Misbrauchs und des Schlendrians. Ihr werdet zugleich ein nicht unintereſſantes Stück meiner Biographie zu hören bekommen! Dem Hauptmann war nichts willkommner als das. Ich war in Wien, hub Lambert an, nach⸗ dem er die erſte der Flaſchen, die man aus den Vorräthen des flüchtigen Pfarrers ihm vorge⸗ ſetzt, geleert in die Ecke geſchleudert hatte,— ich war in Wien als Dolmetſcher unſerer Ge⸗ 11* ſandtſchaft. Dort traten Ereigniſſe ein, welche mir den Aufenthalt unerquicklich machten. Ich eilte ſo ſchnell wie möglich wieder fortzukommen. Sobald ich meine Entlaſſung und meine Päſſe hatte, ſchlug ich den Rückweg nach Frankreich ein. Ich fuhr die Donau hinab, reiſte durch Franken weiter und kam bis Mainz. Dieſe Stadt fand ich in einer ſeltſamen Gährung und Bewegung. Es war der erſte Fleck auf deut⸗ ſcher Erde, den ich reif zur Aufnahme jener großen Ideen fand, die beſtimmt ſind von nun an die Welt zu beherrſchen. Ich fand Männer, welche über die Miſſion dieſes Jahrhunderts und die Wahrheiten der ſouverainen Vernunft eben ſo aufgeklärt dachten, wie die begeiſtertſten Patrio⸗ ten Frankreichs. Dies feſſelte mich. Ich be⸗ ſchloß zu bleiben und Alles zu thun, um von hier aus für den Sieg dieſer Ideen in meinem deutſchen Vaterlande zu wirken. Faſt drei Jahre blieb ich in Mainz und nährte mich durch Un⸗ terrichtgeben in der franzöſiſchen Sprache. Da kamen die Nachrichten vom Sturz der Gironde, von den Greueln des Berges. Dieſe erſchüt⸗ terten mich und warfen einen tiefen Zwieſpalt in meine Seele. Mein Heiligthum wurde durch Blut und Schande befleckt. Und doch konnte ich mich nicht losſagen von ihm. Um den Zwei⸗ feln meiner Seele, der Qual zu entgehen, welche mich bei Tag und Nacht verfolgte, beſchloß ich endlich, ſtatt zu grübeln und über die Freiheit zu disputiren, für ſie zu kämpfen. Ich ſchlug den Weg nach Frankreich ein, um unter die Fahnen Dumouriez's aufgenommen zu werden. Mein Weg in die Niederlande, wo Dumouriez befehligte, führte mich tief in ein unwegſames Gebirgsland hinein, aus dem öden Hundsrück in die Ardennen. Zum Unglück war meine Baarſchaft nicht groß, ſo daß ich ſchon in Mainz mich hatte entſchließen müſſen, zu Fuß zu gehen. Nun aber war es Winter, das Wetter ſtürmiſch 246.— und kalt, die Wege in der gebirgigen Gegend befanden ſich in einem unausſprechlichen Zu⸗ ſtande. Mühſam ſchleppte ich mich weiter, oft durchnäßt, erfroren, bis zum Tode ermattet. Durch die Kämpfe der vorhergegangenen Tage, ja auch ſchon durch jene Wiener Ereigniſſe, die ich erwähnte und die jetzt neu vor mir auftauch⸗ ten, war ich in die düſterſte Stimmung verſetzt und— Waren dieſe Vorgänge ſo melancholiſcher Art? fragte der Hauptmann. Lambert's Brauen zuckten zornig empor, aber als ob er die Frage nicht vernommen, fuhr er fort zu erzählen: Ich war in der düſterſten Stimmung, und als ich einige Tage lang mich fortgeſchleppt, verzweifelte ich, je mein Ziel zu erreichen, und dachte darüber nach, ob es nicht beſſer ſei, ein unglückliches Leben in dem nächſten Gewäſſer zu enden! 2—2 247 In dieſer Laune erreichte mich ein Reiter, der von einem Seitenwege her auf die Heer⸗ ſtraße einbog und eine Zeitlang ſchweigend neben mir herritt, dem Anſchein nach unbefan⸗ gen und nur mit der Führung ſeines Thieres beſchäftigt, aber, wie ich bald wahrnahm, mit Seitenblicken aufmerkſam mich beobachtend. Nach einer Weile eröffnete er eine Unterhaltung; als ich ſie einſylbig fallen ließ, ſagte er: Ich glaube gar, Ihr ſeid zu müde zum Sprechen, Landsmann; und in der That, dies ſind Wege, wie man ſie nur in unſerm guten Ardennenlande finden kann! Ich will Euch einen Vorſchlag machen. Wenn Ihr mir verſprecht, Euer Nachtquartier in meinem Hauſe zu neh⸗ men— Ihr müßt wiſſen, daß ich Wirth in meinem Dorfe bin— ſo nehme ich Euch hin— ter auf die Kruppe meines Pferdes! Mir war jeder Vorſchlag genehm, der mich der Bagnoarbeit des Wanderns bei ſolchem A 248 Wetter und ſolchem Erdreich überhob. Ich ſaß im nächſten Augenblick neben dem Fremden, der jetzt ſein ſchon ermattetes Thier aufs ſtrengſte zur Eile antrieb. Ihr werdet Eure Pferde nicht lange behal⸗ ten, wenn Ihr ſie ſo behandelt! Lange behalten, Gott bewahre mich davor! Seid Ihr Händler mit Pferden? Etwas dem Aehnliches! Wir kamen nach einer Stunde in dem Dorfe meines Reiſegefährten an. Es lag abſeits vom Wege in einer kleinen Thalniederung— wie mir in der unterdeß hereingebrochenen Nacht ſchien, ein auffallend dürftiges, ſchmuziges und verwahrloſtes Neſt. Die Schenke meines Be⸗ gleiters entſprach dem. Zwei Gäſte fanden wir anweſend, beide an einem großen Torffeuer ſitzend und Branntwein trinkend, welchen eine ſchmuzige Stallmagd von Zeit zu Zeit, wenn die Baſtflaſche geleert, außer dem Hauſe zu 249 holen ging. Dies weckte zuerſt meinen Verdacht. Eine Schenke ſchien das Haus meines Beglei⸗ ters nicht zu ſein. Was mein Mistrauen er⸗ höhte, war der Umſtand, daß einer der anwe⸗ ſenden Männer nach einer halben Stunde ſich erhob, das Haus verließ und das Pferd meines Wirths beſtieg, um mit dem zu Tode ermüde⸗ ten Thiere fortzutraben. Ich grübelte übrigens nicht zu lange über dieſe Umſtände nach; die zerlumpten Geſtalten in dieſem Hauſe flößten mir keine Furcht ein— außerdem war ich in einem Dorfe, Menſchen nahe und die Entfer⸗ nung des Einen dieſer verdächtigen Geſellſchaft ſchien mir Aengſtlichkeit und Sorge zu verrathen, daß das, vielleicht geſtohlene Pferd nicht ent— deckt werde.— Doch ſchlug ich die Einladung meines Wirths aus, mich zu Bette zu legen. Ich behielt mei⸗ nen Platz am Feuer, wartete hier, bis Alles im Hauſe ſich zur Ruhe begeben, und nachdem ich meinen Knotenſtock und ein Piſtol, welches mein Reiſebegleiter war, neben mir auf den Tiſch gelegt, ſchloß ich die Augen zum Schlum⸗ mern. Als Lambert an dieſer Stelle ſeiner Erzäh⸗ lung angekommen war, erhellte plötzlich ein Feuerſchein das kleine Wohnzimmer des Pfarr⸗ herrn; zugleich wurde ein helles, wieherndes Freudengelächter laut— Eine Feuersbrunſt! rief der Hauptmann, er⸗ ſchrocken aufſpringend. Nichts als eine Kinderei meiner braven Jun⸗ gen, ſagte Lambert durchs Fenſter ſchauend. Sie haben die Möbel des Pfarrherrn zuſammen⸗ geſchleppt und oben auf dem Scheiterhaufen ein großes Crucifir befeſtigt, dem ſie eine Jacobiner⸗ mütze aufgeſetzt haben— wenn die Lohe im beſten Zuge iſt, werden ſie umhertanzen— ſie bleiben immer Kinder, mitten im Sengen und Plündern! Aber verflucht ungezogene! bemerkte der Hauptmann. Thut mir den Gefallen und fahrt in Eurer Diebshöhlengeſchichte fort. Die Harm⸗ loſigkeit Eurer guten Freunde in der Dorfſchenke, die Euch wahrſcheinlich über die Mühſeligkeiten einer weitern Fußreiſe aufs menſchenfreundlichſte hinaushelfen wollten, hat ordentlich etwas Be⸗ ruhigendes für mich bei dem Mordſpektakel da draußen! Mag ſein, verſetzte Lambert lächelnd, aber, fuhr er fort, für mich bekam das Abenteuer eine ſehr beunruhigende Wendung. Ich hatte kaum ſeit einer Viertelſtunde die Augen geſchloſ⸗ ſen, als ein Schimmer von Licht und ein Ge⸗ räuſch mich weckten. Ich erblickte drei bewaff⸗ nete Männer, welche an den verglimmenden Kohlen des Herdfeuers eine Lampe entzündet hatten. Sie ſtellten ſie auf den Tiſch, einer von ihnen ſchlug in demſelben Augenblick auf mich einen Karabiner an, ein Anderer ergriff meinen Arm, und als ich aufſprang, wurde mir in franzöſiſcher Sprache, aber halblaut zuge⸗ rufen: Still! kein Wort! oder man wird dich nie⸗ derſchießen wie einen Hund! Ich war verloren und mußte mich darein ergeben, daß man mir die Hände auf den Rücken band. Während dieſer Operation ſah ich, daß der dritte der Bewaffneten einen ebenfalls ge⸗ feſſelten Menſchen an einem Stricke gefangen hielt, und dieſer Gefangene war Niemand an⸗ ders, als derſelbe Geſelle, welcher unlängſt mit dem Pferde meines Wirths davongeritten war. Er mußte in die Hände einer Streifpartie der Landpolizei gefallen ſein und hatte dann, viel⸗ leicht um ſeine eigene Begnadigung zu erkaufen, oder durch Drohungen gezwungen, den Schlupf⸗ winkel ſeiner Spießgeſellen verrathen. Es entſtand nun unter den drei Männern der vollziehenden Gewalt die Frage, wie man ſich der zwei übrigen Diebe bemächtigen könne — denn das waren ſie in der That, und zwar hatten ſie die Specialität des Pferdediebſtahls zu ihrem eigentlichen Beruf erkoren. Der Ge— fangene deutete auf eine Thür im Hintergrunde der Küche, hinter welcher die beiden Feinde ſchlafen müßten. Endlich, nach einigem Zau⸗ dern und Zögern, das mir auf keine große Ge— übtheit der löblichen Marèchauſſeée in ſolchen Unternehmungen zu deuten ſchien, kamen ſie überein, die verſchloſſene Thür zu der Schlaf—⸗ kammer plötzlich gewaltſam ſprengen und ſofort einen Schuß in das Bett abfeuern zu wollen, deſſen Stellung der erwähnte Gefangene ihnen mit großer Bereitwilligkeit genau beſchrieb. Die⸗ ſer Feldzugsplan wurde ausgeführt, aber als die tapfern Männer des Geſetzes ſich in die pulver⸗ raucherfüllte Kammer ſtürzten, um die von Schrecken gelähmten Böſewichter zu überwälti⸗ gen, fanden ſie ſich durch die Entdeckung eines 24 völlig leeren Neſtes überraſcht. Vielleicht hatten die Diebe, durch das bei meiner Verhaftung gemachte Geräuſch gewarnt, ſich auf die Flucht begeben, vielleicht auch waren ſie nie in der Kammer geweſen und der Gefangene hatte ſeine Häſcher in die Irre geführt. Ich erhielt hier⸗ über keine Aufklärung, denn ich wurde jetzt mit meinem Schickſalsgefährten abgeführt; meine Proteſtationen, mein Paß halfen mir zu nichts, ich mußte mich bequemen, wie ein Verbrecher gebunden zwiſchen zwei Häſchern weiter zu wan⸗ dern. Wir wurden mehre Stunden weit, rechts ab von meinem Wege geſchleppt. Ich hörte, daß wir in dem Gebiete eines franzöſiſchen Fürſten uns befänden, der aber noch nie in ſei⸗ nem Lande reſidirt habe; ſeinen Beamten ſoll⸗ ten wir ausgeliefert werden, und dazu führte man uns in die kleine Hauptſtadt des Landes. Das iſt die Einleitung meiner Geſchichte, unterbrach ſich Lambert, als er ſo weit gekom— 6 —— 25535 men; ehe ich fortfahre, will ich dieſe leere Flaſche der erſten nachſenden. Die Flaſche klirrte in der That in der Ecke in hundert Scherben auseinander, und es ent⸗ ging dem lauernden Blicke des Hauptmanns nicht, wie viel verſteckte Leidenſchaft und Wuth dabei aus den Mienen und Bewegungen Lam⸗ bert's hervorblitzte, während er dem Anſchein nach durch den Genuß des Weines immer hei⸗ terer und geſprächiger wurde. Die kleine Souverainetät von Aurignon, fuhr Lambert fort, hatte die Ehre, höchſt bedeutende Grenznachbarn zu beſitzen, denn dieſe führten keine minder ſtolzen Titel als den:„Römiſcher Kaiſer und immer Mehrer des Reichs“ oder „König von Frankreich und Navarra“— ihr ſelber hatte dies jedoch wenig zu Anſehn unter den Nationen und Einfluß unter den europäi⸗ ſchen Völkern verholfen. Dagegen war ſie je— denfalls überaus glücklich und geſegnet, wenn anders das Glück ſich nach dem Maße ſtiller Verborgenheit beſtimmen läßt, wie weiſe Män⸗ ner des Alterthums es behauptet haben. Denn wol Niemand in der Welt kannte ſie oder hatte ſie je nennen gehört, es ſei denn, daß es der große Genealoge Hozier geweſen wäre, der ſie als zum Titel einer Linie der Fürſten von Rohan gehörig kennen mußte. Sie lag an den Gren⸗ zen von Frankreich und den Niederlanden, tief in den Ardennen verſteckt und war ein burgun⸗ diſches Lehen. Außer dem Hauptort Aurignon, den ein ſtattliches gethürmtes Schloß auf einem Bergvorſprung beherrſchte, gehörten nur noch ein paar Dörfer und ein halbes Dutzend Weiler dazu, welche von dem hohen Donjon des Schloſ⸗ ſes herab auch ein etwas kurzſichtiger Menſch ſehr bequem überſehen konnte. Dies ſtille und friedliche Ländchen war lange Gegenſtand eines äußerſt hitzigen und erbitterten Rechtskampfes zwiſchen drei großen Familien der franzöſiſchen Ariſtokratie geweſen. Es ge⸗ hörte nämlich zu der Erbſchaft des Hauſes Bouillon, und wenn ich nicht irre, ſo waren es die Elboeuf, die de la Tour d'Auvergne und die Rohan, welche alle ihre Mittel, alle Schlau⸗ heit ihrer Advocaten und alle Gewandtheit ihrer Procuratoren aufwenden ließen, um nebſt vielen andern Gütern auch in den Beſitz von Aurignon zu kommen. Es war ein förmliches Schachſpiel zwiſchen geübten Gegnern, eben ſo endlos und eben ſo langweilig wie dieſes. Zu guter Letzt, als die Acten zu einem hinreichend feierlichen Berge aufgeſchwollen, und als gar keine Mög— lichkeit mehr vorhanden, daß Jemand dies Werk mehrer Generationen durchleſe, tappte ein Urtheil durch das verworrene Dunkel, welches ſich um ſo unbefangener ausſprechen konnte, je ſicherer der Richter war, daß Niemand ſeinen Entſchei⸗ dungsgründen in dem ungeheuern Actenhaufen nachforſchen könne. Die Rohan kamen laut dieſes Urtheils in den Beſitz des Landes und nahmen mit großer Genugthuung den Titel:„Souverain von Au⸗ rignon“ in die Reihe ihrer erhabenen Prädicate auf. Darum hatte es ſich auch eigentlich bei dem ganzen Streite gehandelt; denn um die beſchränk⸗ ten Einkünfte des Landes beneidete man ſich nicht, auch war die große Familie der Rohan ſo weit davon entfernt, auf den Beſitz ſelbſt Werth zu legen oder in väterlich weiſer Regierung des Landes ihren Stolz zu ſuchen, daß ſeit Men— ſchengedenken noch niemals ein Glied des Herr⸗ ſcherhauſes einen Fuß in das ſtille Thal von Aurignon geſetzt hatte. Eiine Behörde, die den Titel„Cour sou- veraine“ führte, verwaltete die Beſitzung mit unumſchränkter Machtvollkommenheft. Die Ein⸗ künfte beſtanden meiſt in Naturalien und wur⸗ den von den Mitgliedern des Hofs und ihren Gemahlinnen in Küche und Stallung ſehr ge⸗ 259 wiſſenhaft verwandt, ſo daß am Ende des Jah⸗ res ganz ſicherlich nichts verkommen oder unbe⸗ nutzt übrig geblieben war. Steuern in baarem Gelde floſſen mit großer Regelmäßigkeit in ei⸗ nen eiſernen Kaſten, der im Sitzungszimmer der Behörde oben auf dem Schloſſe höchſt vor⸗ ſichtig an den Dielen feſtgeſchraubt und mit ſtarken Schlöſſern wohl verwahrt war, ſo daß gewiß nichts davon entwendet werden konnte. Nur die Mitglieder des Hofs hatten Schlüſſel dazu und ſchöpften vor und nach daraus, wie das Bedürfniß ſie heranführte, in mäßiger und höchſt beſcheidener Weiſe, gerade ſo, wie ſie ihre Väter und Großväter, deren Stellen ſie geerbt hatten, daraus ſchöpfen geſehen. Leicht begreif⸗ lich, daß ſich am Ende des Jahres in dem ei⸗ ſernen Kaſten nicht viel mehr vorfand. Freilich war man auch in Beitreibung rückſtändiger Ren⸗ ten nicht grauſam, und wenn ein ehrlicher Un⸗ terthan von Aurignon in menſchlicher Vergeß⸗ 260 lichkeit ſich ſeines Termins ganz und gar nicht zu erinnern das Unglück hatte, ſo beſaß die„Cour souveraine“ Humanität und gute Lebensart genug, durch widerwärtige Mahnungen und ekel⸗ hafte Quängeleien ihm nicht den ungetrübten Genuß ſeines Daſeins zu verkümmern. Er brauchte nur in irgend einem entfernten Ver⸗ wandtſchafts⸗ oder Schwägerſchafts⸗ oder Freund⸗ ſchaftsverhältniſſe mit den Machthabern zu ſte⸗ hen; die Unglücklichen freilich, die keine Vet⸗ tern oder Baſen waren, hatten auf ſolche Be— rückſichtigungen als Pöbel und„Volk“ keinen Anſpruch. Und doch— ſollte man es denken? — waren dieſelben Unterthanen ſehr unzufrieden mit ihrer Behörde, klagten über Willkürherr⸗ ſchaft und fanden ſie in allen Dingen hinter den Anfoderungen der Zeit zurückgeblieben. Dies war das Land, in deſſen Marken ich gefänglich eingezogen worden— ein Fang, der jede Unterthanenſeele mit großer Theilnahme, die Mitglieder des Hofes aber mit dem Gefühle gerechten Stolzes und äußerſter Erhabenheit er⸗ füllte. Capitalverbrecher waren es, um die es ſich handelte— und der ſouveraine Hof war uns zu richten berufen— er hatte Gelegenheit, in dem höchſten Glanze ſeiner Prärogative zu leuchten, gewiß ein höchſt willkommenes und dem Anſehen des Staats äußerſt förderliches Ereig⸗ niß!— Auch hat ein erhaſchter Vogel wol nie das Herz eines Knaben mit der Freude erfüllt, welche die Bruſt des Seneſchalls von Aurignon ſchwellte, als er uns Galgenvögel hatte! Wir wurden getrennt eingeſperrt; an mir mußte der Seneſchall ein beſonderes Intereſſe nehmen. In die Hexenkammer mit ihm! ſagte dieſer mächtige und hochgebietende Herr, ein kleiner Mann, der ſehr hohe Abſätze trug, um ſeiner Leibeslänge etwas hinzuzuſetzen, und der im Ge⸗ ſichte ſo viel Röthe hatte, daß er ausſah wie ein kolleriges Kampfhühnchen— in die Hexen⸗ kammer mit ihm! ſagte er, als ich ihm vorge— führt war. Nehmt ihm die Stricke, aber laßt einen Mann bei ihm wachen, und eine Wache auf dem Gange vor dem Gefängniß ſtehen; ich mache Euch verantwortlich für den Gefangenen. Ich brachte auf meinem Strohbündel in der Hexenkammer eine fatale Nacht zu und fürch⸗ tete mit Recht für mein Leben. Und in der That, es war wenig Hoffnung da, daß ich ei⸗ ner ſchimpflichen Todesſtrafe entgehen werde. Als ich den Kopf an die Gitterſtäbe meines engen Fenſters drückte, um von der Höhe des Schloßthurms auf die Gegend niederzublicken, ſah ich über das Städtchen unter mir weg eine kahle runde Anhöhe ſich erheben, auf der ein Etwas ſtand, das immer beunruhigendere, ge— ſpenſtiſchere Umriſſe annahm, je höher der Mond ſtieg und je heller ſein Licht über die waldigen Bergzüge niederfloß, welche das Thal umgaben. Ich zog endlich, von einem Schauder ergriffen, 268 den Kopf zurück und entſchloß mich, wenn es einmal ſein müſſe, mit ſo viel ungebeugter Gelaſſenheit an dieſem Galgen zu ſterben, als mir möglich ſein werde. Lambert unterbrach ſich, um ſein Glas zu leeren; Zerrwitz bemerkte zu ſeinem Vergnügen, daß er immer heiterer würde, und daß er durch ſein Geplauder und die Ausführlichkeit ſeiner Erzählung den dunkeln Hintergrund ſeiner Seele verſchleiere. Am andern Morgen um zehn Uhr wurde ich vor die Richter geführt. In dem altfränkiſch möblirten Sitzungsſaale der„Cour souveraine“, welchen dunkles Eichenholzgetäfel und die trüben kleinen Wappenſcheiben in ſchmalen Fenſtern ſehr düſter machten, ruhte der Seneſchall und zwei ſeiner Beiſitzer in höchſt feierlicher und im⸗ ponirender Haltung auf den ſchwarzſammetnen Seſſeln— gleich jenem Richter des Sachſen⸗ ſpiegels, von dem es heißt:„Der Richter ſoll ſitzen gleich einem grimmigen Leun, das linke. Bein über das rechte geſchlagen.“ Als nun Alles bereit, der Protokollführer ſeine Feder fertig geſchnitten, der Seneſchall mich mit der durchbohrenden Kraft ſeines Blicks ge⸗ nugſam mortificirt und niedergeſchlagen, be⸗ gann das Verhör: Wie lange waret Ihr ein Mitglied der Räuberbande, mit der man Euch aufhob? Lange genug, um zu ſehen, daß die ſchlimm⸗ ſten Räuber nicht die ſind, welche Diebsherber⸗ gen, den Wald oder die Keller verfallener Schlöſ⸗ ſer bewohnen— verſetzte ich lachend. Der Seneſchall nahm den Amtsſtab von ſilberbeſchlagenem Ebenholz, der vor ihm auf dem Tiſche lag, ſtellte ihn auf das linke Knie, und indem er die rechte Hand gegen mich ausſtreckte, ſagte er: Junger Frevler, ſo lange die Wände die⸗ ſes feierlichen Ortes ſtehen, hat man die Hei⸗ — — ligkeit deſſelben noch nicht durch lautes Lachen entweiht. Dann muß ich annehmen, daß Die, welche vor mir hier ſtanden, nie gewagt haben, die Blicke zu erheben und Euch anzuſchauen, ge⸗ ſtrenger Herr Seneſchall. Der Seneſchall und die ganze„Cour sou- veraine“ kamen ob dieſer frechen Antwort gänz⸗ lich aus der feierlichen Amtsmiene und impo⸗ nirenden Haltung heraus. Mit Hintanſetzung aller Würde ſchrie der eine Beiſitzer nach dem Stockknecht, der andere faßte gar das große Dintenfaß, als ob er es mir an den Kopf werfen wollte, und der Vorſitzende rief, daß die Scheiben klirrten: Halsſtarriger Schächer, ich will dich auf der Stelle über die Folterbank ſpannen laſſen! Ich hatte bis zu dieſem Augenblick meine Ruhe beibehalten— die letzten Worte aber tra⸗ fen mich wie ein Donnerſchlag. Einen völlig Schücking, Sohn des Volkes. II. 12 266 Unſchuldigen wie mich konnte man unmöglich hinrichten und deßhalb war ich guten Muths geweſen; aber ich hatte nicht daran gedacht, daß es im Jahre des Heils 1793 noch Länder gebe, wo man die„peinliche Frage“ anwandte. Unterdeß war wirklich ein wüſter, vierſchrö⸗ tiger Geſell, der Stockknecht, eingetreten und nahte ſich mir mit einem fragenden Blicke auf den Seneſchall. Legt nicht Hand an mich! rief ich, da mir der Muth bei dem Anblick dieſes plumpen Büt⸗ tels wiederkehrte und in zorniger Flamme über mein Geſicht lohte— wer mich berührt, den ſchlag' ich zu Boden! Schießt mich todt wie einen Hund, aber mishandeln laß ich mich nicht! Votiren wir, ob Inquiſit mit der peinlichen Frage anzugehen oder vorab mit angemeſſener Züchtigung zu belegen ſei— ſagte der Sene⸗ ſchall, zu ſeinen Beiſitzern gewendet und zum Bewußtſein ſeiner Amtswürde zurückkehrend. ——-— 264. 4 Aber er wurde plötzlich durch eine heftige Be⸗ wegung unterbrochen, welche unter dem Volks⸗ haufen entſtand, der ſich im untern Ende des Saales neugierig zuſammengedrängt hatte. Ein Bote! Ein Poſtillon aus Thionville! Eine Eſtafette! Ein Courier! So ſchrie es durcheinander, und in der That entwickelte ſich aus dem Gedränge die Montur eines Poſtknechts, der ein großes Schreiben mit einem mächtigen Siegel trug und es dem Se⸗ neſchall überreichte. Von wem iſt das? fragte dieſer und las dann: A nos bons et féodaux, le sénéchal et la cour souveraine séaute dans notre principauté d-Aurignon à Aurignon. Der Seneſchall erbrach das Schreiben, las, wurde ſehr ernſthaft dabei und nahm eine über⸗ 12* aus ſtarke Priſe, nachdem er es ſeinen Nach— barn gereicht. Man führe für jetzt den Gefangenen in die Hexenkammer zurück, bis auf Weiteres! befahl er dann mit ſeiner feinen näſelnden Stimme. Das Volk hinaus! Ich wurde abgeführt, der Saal geräumt. Als dies geſchehen war, hielten die geſtren⸗ gen Herren ſofort eine Berathung über den auf⸗ fallenden Inhalt des erhaltenen Briefs. Dieſer war kein anderer als eine Ankündigung des re⸗ gierenden Fürſten von Rohan, daß er ſeinen Erbprinzen beauftragt habe, in ſeinem Namen ſeine Herrſchaft Aurignon in Augenſchein zu nehmen, ſich des Wohles ſeiner geliebten Unter⸗ thanen zu vergewiſſern und Notiz vom ganzen Stande der Geſchäfte und den Angelegenheiten des Landes zu nehmen. Das iſt ein ganz abſurder Einfall, ſagte der älteſte Beiſitzer. 269 Nie erhört bei unſern und unſerer Väter Lebzeiten! rief der Seneſchall. Man ſollte proteſtiren dawider! meinte der jüngſte der geſtrengen und hochmögenden Herren. Man kann ihn nicht hindern, ins Land zu kommen, verſetzte achſelzuckend der Seneſchall— auch muß er gebührend und mit allen Ehren empfangen werden. Aber was den Stand der Geſchäfte angeht, ſo iſt die wohlbeſtallte Cour souveraine dafür eingeſetzt und Niemand an⸗ ders! Wir werden dem gebührenden Anſehen unſerer Stellung nichts vergeben. Die Sitzung iſt aufgehoben! Am Mittag hörte ich in meiner Hexenkam⸗ mer den Donner der alten eiſernen Kanonen, mit welchen die Platform eines der Schloß⸗ thürme beſetzt war. Sie bewillkommneten den einziehenden Herrſcher, der eben in einer einfa⸗ chen dreiſpännigen Reiſekaleſche, nur von einem Secretair und von einem Diener begleitet, durch die Gaſſen des Städtchens zur Burg hinan⸗ fuhr. Die Glocken wurden geläutet, das Volk lief mit Hurrahs und Vivatrufen hinter dem Wagen her und die Cour souveraine empfing den Fürſten mit eifriger Bezeigung aller mög⸗ lichen herkömmlichen Devotion am Außenthore des Schloſſes, dann wurde er in die beſterhal⸗ tenen Gemächer des Gebäudes geleitet, welche die Frau Seneſchallin mit geſammter zahlreicher Nachkommenſchaft in aller Eile hatte räumen müſſen. Für den Abend bereiteten die guten Bürger von Aurignon einen Fackelzug und eine Illumination vor, und der Erbprinz mußte, wenn er anders ein fühlendes Herz im Buſen trug, in der Seele gerührt ſein von der Anhänglich⸗ keit ſeiner getreuen Unterthanen, dieſer verwai⸗ ſten Schafe, welche die Sorgloſigkeit ihrer Herr⸗ ſcher ſo lange ohne Vater und Hirten gelaſſen. Aber— ſo werden Sie mich fragen— was wollten Seine Durchlaucht, der ſehr hohe und 221 ſehr mächtige Herr, Fürſt Gaſton Camille von Rohan, eigentlich ſo plötzlich in Ihrer Herrſchaft Aurignon— was ſuchten Sie in den alter⸗ thümlichen Sälen Ihres Schloſſes, die ſo lange den wilden Buben des Herrn Seneſchalls zum Spielplatze gedient, und das nie der Fuß eines Rohan noch betreten? Wahrſcheinlich einmal Kaſſenreviſion halten, ſagte Zerrwitz. Hören Sie die folgende Unterredung, welche der Fürſt am Nachmittage und bevor man ſich zur Tafel begab, mit ſeinem geſtrengen Sene— ſchall hatte. Der Prinz, ein blühender, lebhaf⸗ ter, ſchlank gewachſener junger Mann, ruhte dabei in einem hohen Lehnſeſſel, über den in Schnitzarbeit das Wappen des alten Hauſes Bouil⸗ lon prangte. Der Seneſchall aber ſtand im hell⸗ blauſeidenen Galarock und in einer Staatsalonge⸗ perücke, die aus den beſten Mannesjahren ſeines Vaters ſtammte, vor dem Sohne ſeines Gebieters. Es freut mich, ſagte der Prinz lächelnd, daß die Moden des letzten halben Jahrhunderts, wel⸗ ches nach einander ſo vielen Thorheiten gehul⸗ digt hat, alſo ſpurlos an Euch vorübergegan⸗ gen ſind, mein Herr Seneſchall. Der Seneſchall verbeugte ſich. Hoffentlich werden auch die andern teufli⸗ ſchen Ausgeburten dieſer böſen Zeit, die Auf⸗ lehnung, der Unglaube, die Empörung wider das Recht und Geſetz, die Rebellion wider die Obrigkeit eben ſo ſpurlos an den getreuen und loyalen Unterthanen von Aurignon, die Eurer Obhut anvertraut ſind, vorübergegangen ſein! Der Seneſchall verbeugte ſich abermals. Ich hoffe das. Im Uebrigen werde ich mor⸗ gen beginnen, mich genauer über die Verhält⸗ niſſe dieſer Beſitzung zu unterrichten. Ich werde morgen einer Seſſion des Hofes beiwohnen. Hal⸗ tet Euch in den Stand, mir dabei die Rech⸗ nungsbücher und Rentenregiſter und vor Allem die Ueberſicht über die baaren Kaſſenbeſtände vorzulegen. Mein Haus legt in dieſem Augen⸗ blicke großen Werth auf Aurignon. Ihr wißt, daß wir vor dem Sturme, der ſeit einiger Zeit Frankreich durchtobt, emigriren mußten. Die Nationalverſammlung hat darauf alle unſere Güter eingezogen; unſere Renten haben aufge⸗ hört zu fließen und wir bedürfen dringend neuer Fonds. In dieſer Verlegenheit hat ſich mein erlauchter Vater dieſer Beſitzung erinnert. Be⸗ gib dich nach Aurignon, Camille, hat er zu mir geſprochen; ich habe aus dieſem Lande ſeit un⸗ denklichen Zeiten keine Einkünfte mehr bezogen. Die Berichte, die ich von Zeit zu Zeit von meiner dortigen Behörde erhielt, ſind höchſt unklar und dürftig. Ja, ſo ſagte mein erlauchter Vater, Herr Seneſchall. Höchſt unklar und dürftig. Aber ſie laſſen mich dennoch einen durchaus geordneten Zu⸗ ſtand der ganzen Verwaltung vorausſetzen. Es müſſen ſich bedeutende Summen in den Kaſſen auf⸗ 12**† 274 gehäuft haben. Gehe hin, Camille, und laß dir dieſe Summen, jetzt unſere einzige Zuflucht, über⸗ antworten. Der Seneſchall verbeugte ſich zum dritten Male und zwar dieſes Mal weit tiefer als vor⸗ hin, und dann verſetzte er: Der ſouveraine Hof kann Seiner Durch⸗ laucht nicht anders als äußerſt dankbar ſein für die gute Meinung, die Hochdieſelben vom Zu⸗ ſtande der ganzen Verwaltung zu hegen geru⸗ hen. Aber es dürfte vielleicht zweifelhaft ſein— Zweifelhaft? was iſt zweifelhaft? Ob der Hof nach Pflicht und Gewiſſen Ew. Durchlaucht gnädigen Befehlen alſogleich zu ob⸗ temperiren ſich bemüßigt finde, da dieſe letztern mir unmaßgeblich wider hergebrachte Gewohnheiten zu laufen ſcheinen, den ganzen Geſchäftsgang der Behörde umſtürzen dürften, auch eine Neuerung einführen würden, welche als höchſt bedenklicher Art ſich erweiſen zu können im Stande ſein möchte! Herr Seneſchall! brauſte der Fürſt auf. Der Seneſchall verbeugte ſich wieder und verſetzte mit unerſchütterlicher Kaltblütigkeit: Deer ſouveraine Hof von Aurignon iſt auf die Rechte, Rechtsgewohnheiten und langjähri⸗ ges Herkommen als Richtſchnur und Norm für ſeine amtliche Thätigkeit nun einmal vereidet. Nun iſt aber in Ew. Durchlaucht Gebiet von Aurignon eine Ausantwortung von Renten an die Herrſchaft, Vorlage von Rechnungsbüchern oder Aehnlichem bis anhero nicht vorgekommen. Ich wagte deßhalb meine beſcheidenen unmaß⸗ geblichen Bedenklichkeiten zu äußern. Doch nicht ich, nur der Hof in vollſtändiger Sitzung hätte wol zu beſchließen. Theurer Seneſchall, Ihr ſeid in der That ein recht alter Narr! ſagte der Prinz halb ent⸗ rüſtet, halb verwundert. Geht und ſorgt nur, daß ich morgen bei Zeiten den Hof in vollſtän— diger Sitzung beiſammen finde; unterrichtet ihn 276 von meinem Willen und auch von dem, keiner⸗ lei Art von Ungehorſam zu dulden! Ich haſſe alle Pedanterie. Nun geht! Der Seneſchall verbeugte ſich nochmals und ging. Am Abend machte der Prinz einen Spazier⸗ gang durch das Städtchen. Es wurde ihm eine Menge Bittſchriften überreicht. In allen wurde Klage geführt über die Despotie des ſou⸗ verainen Hofs, und den Verſicherungen der Sup⸗ plicanten zu glauben, waren die Mitglieder ſammt und ſonders wahre Ungeheuer. Der Fürſt ſchüt⸗ telte bedenklich den Kopf und bereitete ſich auf eine donnernde Strafrede vor, mit welcher er nöthigenfalls ſeine ungetreuen Diener am an⸗ dern Tage zerſchmettern wollte. Dieſer Tag kam. Der Fürſt begab ſich, be⸗ gleitet von ſeinem Secretair, in die Sitzung des Hofes. Beim Eintritt bemerkte er zu ſei⸗ nem Misvergnügen, daß man ihm nicht den Präſidentenſtuhl geräumt, ſondern einen Seſſel an die andere Seite des Tiſches geſtellt hatte, da, wo ich geſtern noch als Angeklagter ſtand. Aber er ſetzte ſich ſchweigend; ich muß, dachte er wol, mit dieſen, nach dem Moder des Schlen⸗ drians duftenden grauenhaften Pedanten ſo lange wie möglich in freundlichem Vernehmen zu blei— ben ſuchen, da die gewiſſenhafte Ablieferung der Kaſſenvorräthe von zu weſentlichem Intereſſe für meine Familie iſt. Seneſchall, hob er alſo mit großer Leutſe— ligkeit zu ſprechen an, habt Ihr unſers durch⸗ lauchtigſten Herrn Vaters Willensmeinung und unſere eigene Abſicht bei unſerm Anherkommen dieſem unſern verſammelten, mit der Verwaltung unſerer ſouverainen Herrſchaft betrauten Hofe kund und zu wiſſen gethan? Der Seneſchall erhob ſich, verneigte ſich drei⸗ mal aufs tiefſte und dann antwortete er: Sehr hoher, ſehr mächtiger Herr! Ew. Durch⸗ 278 laucht gnädige Intentionen ſind bereits mit ſchuldpflichtigſter Devotion und Unterthänigkeit von dem hier verſammelten Hofe vernommen, auch reiflich debattirt und danach abvotirt wor⸗ den. Der Beſchluß, den ich die unausſprechliche Ehre habe, Ew. Durchlaucht mitzutheilen, iſt des Inhalts: wasmaßen und alldieweilen eine Ablieferung von Renten oder Ablegung von Rechnungen oder Ausantwortung von Natural⸗ einkünften oder ähnliche Dinge in der Herrſchaft Aurignon Seitens des hochfürſtlichen wohlbe⸗ ſtallten ſouverainen Hofs nie vorgenommen wor⸗ den, auch ſich wider alles Herkommen und gang und gäbe Gewohnheit erweiſen, einen frevent⸗ lichen Umſturz beſtehender Rechtsverfaſſung in⸗ volviren, dem verwalteten Lande zum äußer⸗ ſten Nachtheil gereichen— Was— unterbrach der Prinz, zornig auf⸗ ſpringend— Ihr weigert Euch in der That, mei⸗ nen Befehlen zu gehorchen— Ihr wagt ſolche offene Empörung— ſo wahr ich Rohan heiße— ich will Euch züchtigen laſſen—— heda, ſind keine Büttel— iſt keine bewaffnete Macht hier? Er ergriff die Klingel, die vor dem Sene— ſchall ſtand, und ſchüttelte ſie heftig. Dann faßte er den Amtsſtab des Vorſitzenden, zerbrach ihn mit kräftiger Hand, und indem er die Stücke dem Seneſchall vor die Füße ſchleuderte, rief er: Im Namen meines Vaters: Ihr ſeid caſſirt! Ihr Schlingel da, hierhin; verhaftet dieſen Men⸗ ſchen! führt ihn ab! Ins Gefängniß mit ihm! Die letzten Worte waren an den Boten des Hofs und an den Büttel gerichtet, die herein⸗ geſtürzt kamen. Aber ſtatt zu gehorchen, warfen ſie einen Blick auf den Seneſchall, und beruhigt durch die unerſchütterliche Würde, womit dieſer ruhig auf den zornigen und tobenden Prinzen niederblickte, brachen ſie Beide nach der erſten Ueberraſchung in ein höchſt unziemliches Geläch⸗ ter aus.* 280 Mein Gott, Sie compromittiren ſich, mein Prinz; kommen Sie,— ziehen Sie ſich zurück, ſo lange Ihre Würde nicht unrettbar gefährdet iſt— raunte jetzt der Secretair dem zornigen jungen Manne zu. Der Prinz ſah die Richtigkeit dieſer Bemer⸗ kung auf der Stelle ein und ließ ſich von ſei⸗ nem Secretair fortziehen. Als er in ſeinem Zimmer angekommen war, warf er ſich kochend vor Wuth in die Ecke ei— nes Sophas. Dieſe Schurken! rief er aus— ich will ſie beſtrafen laſſen, daß ſie daran ihr Leben genug haben ſollen! Aber das Geld, das Geld, wel⸗ ches ich mitbringen ſoll! Beruhigen ſich Eure Durchlaucht— ich habe hier und da Erkundigungen eingezogen und da⸗ nach allen Grund, anzunehmen, daß ſo wenig Geld in den Kaſſen zu Aurignon iſt, wie in der Börſe einer Opernſängerin zu Paris! Verdammt!— Was ſoll ich thun, Lepelle⸗ tier, um wenigſtens dieſe Hochverräther zu be⸗ ſtrafen? Der Secretair, der ein pfiffiger Kopf voller Anſchläge war, machte dem Prinzen einen Vor⸗ ſchlag, den dieſer aber erſtaunt und entrüſtet von ſich wies. Aber, Durchlaucht, denken Sie nur, daß Sie ohne alle Macht hier ſind, daß Sie alſo mit Schimpf und Schande werden abziehen müſſen. Mein Rath zeigt Ihnen das einzige Mittel, einen vernichtenden Schlag auf Ihre ungehor⸗ ſamen Diener zu führen. Der ganze Rauſch der tollhäusleriſchen Ideen und Schwärmereien unſers Zeitalters muß ja bald verflogen ſein, und alsdann iſt es Ihnen ein Leichtes, eines ſchönen Morgens aller Ihrer aufgegebenen Rechte ſich wieder zu bemächtigen! Der Prinz beſann ſich eine Weile, dann ſagte er: Ja, du haſt Recht, Lepelletier— geh' und mache alle Anſtalten, welche du für nö⸗ thig erachteſt, um unſern Staatsſtreich auszu⸗ führen! Lepelletier begab ſich demzufolge in das Städt⸗ chen unter dem Schloſſe. Nach einer kurzen Zeit hörte ich durch die Gitter meines Thurmfenſters die Stimme des Ausrufers ſehr laut und heftig unten in den Straßen ertönen. Die Einwohner kamen als⸗ bald aus ihren Häuſern hervor; die Straßen füllten ſich; ich bemerkte, wie man nach dem Marktplatze eilte und wie dieſer endlich dicht voll von drängenden Menſchen wurde. Nach etwa einer halben Stunde entſtand ein heftiges Gewoge unter ihnen. Ich konnte den Grund nicht entdecken, aber Lepelletier, mit dem ich ſpäter bekannt wurde, gab mir nachher Auf⸗ klärung. Der Prinz ſchritt durch die Haufen der Neugierigen. Man machte ihm ehrerbietig Platz, man zog und ſchwenkte die Hüte, indem man ihm laute Vivat rief. In der Mitte des Marktplatzes befand ſich ein Brunnen mit runder Steineinfaſſung. Auf dieſe ſchwang ſich der Prinz, und indem er mit dem linken Arm die eine der beiden Brunnen⸗ ſäulen umfaßte, ſtreckte er den rechten aus, um Stille zu gebieten, die auf der Stelle erfolgte. Dann hielt er an das Volk ſeiner Getreuen folgende Rede— gewiß die denkwürdigſte, die je aus dem Munde eines Erbprinzen von Ro⸗ han gekommen iſt. Meine Freunde, ſagte der Prinz Gaſton Ca⸗ mille— ſetzt eure Hüte auf. Es iſt jetzt nicht mehr an der Tagesordnung, vor großen Her⸗ ren oder irgend Jemand auf Erden oder im Himmel das Haupt zu entblößen. Das große Wort der Freiheit iſt von dem franzöſiſchen Volke ausgeſprochen und macht ſeinen Weg als Apo⸗ ſtel durch die Welt. Die Zeit iſt gekommen, 284 wo man alte Feſſeln abſchüttelt, nur noch den erhabenſten Ideen der Menſchheit huldigt und alles das thut, woran man Vergnügen findet— die Zeit, wo der freie Geiſt ſeine alten Irrthü⸗ mer und der freie Menſch ſeine alten Pflichten abſchüttelt. Es wäre eine Schande für die au⸗ rignonſche Nation, wenn ſie dem erhabenen Rufe der Zeit nicht folgen ſollte. Und ſo erkläre ich euch denn, daß euer Fürſt und Herr allen ſei⸗ nen Herrſcherrechten über euch entſagt. Er legt die Souverainetät in die Hände des Volks zu⸗ rück, dem ſie gebührt, und führt ſelbſt die Frei⸗ heit bei euch ein, die euer aller ewiges Erbtheil iſt. Ihr ſeid eures Eides gegen uns entbun⸗ den, ihr ſeid frei! Fortan gibt es keine Geſetze und keine Beamte mehr, als die ihr ſelbſt euch gebt. Keine Büttel und keine Steuern, keine Frohnden und keine Cour souveraine mehr! Nur noch Freiheit und Gleichheit— ruft es mit mir: Freiheit bis in den Tod! Es lebe die eine und untheilbare aurignonſche Republik! Der Prinz ſchwenkte ſeinen Hut und ſprang von ſeiner Brunneneinfaſſung. Ein ohrenzer⸗ reißendes Geſchrei betäubte ihn. Seine Worte waren auf den beſten Grund gefallen. Unter den guten Leuten hatten früher freilich nur die Wenigſten, einige liederliche Bummler je daran gedacht, daß im Laufe der Zeiten Aurignon eine Republik werden könne. Aber welcher Einfall, ſo verrückt er auch ſein möge, zündere nicht, wenn man ihn plötzlich in eine aufgeregte Maſſe Volks ſchleudert! So auch hier. Man wüthete förmlich vor Freude und Entzücken. Man weinte, man umarmte ſich, man rief nach dreifarbigen Fahnen, nach einem Freiheitsbaume— die Wei⸗ ber tanzten die Carmagnole um den Brunnen, auf deſſen Spitze man eines Schneiders rothe Mütze als Symbol jacobiniſcher Begeiſterung ſetzte. Umſonſt ſuchten die Mitglieder des Hofs, die ſich in den tollen Haufen miſchten, Einhalt zu thun. Man überfiel und mishandelte ſie. Alle Unzufriedenheit gegen die Willkür der alten abſoluten Regenten entlud ſich in ganzen Ha⸗ gelſchauern von Steinwürfen und Schlägen auf die Unglücklichen. Damit nicht zufrieden, be⸗ ſchloß man, augenblicklich das Schloß zu über⸗ fallen. Der Seneſchall, drohte man, ſolle die Fäuſte des ſouverainen Volks fühlen. Einige gingen ſo weit, ſeinen Tod zu fodern, Andere wollten chn an die Zinnen des höchſten Thurms hängen. Heulend, ſchreiend, Hüte ſchwenkend, drängte ſich die Maſſe den Schloßberg hinan. Der Erbprinz hatte genug geſehen: ſein Anſchlag war vollſtändig gelungen. Mit ſeinem liſtigen Secre⸗ tair verließ er ſein ehemaliges Gebiet und fuhr in demſelben Augenblick über die Grenze, in welchem der Seneſchall ſich in eine verſteckte Berghöhle hinter dem Schloſſe verkroch, um ſeine zitternden Glieder und ſeine Todesangſt darin zu verbergen. 28, Unterdeß hauſten die edeln Bürger der jun⸗ gen aurignonſchen„einen und untheilbaren Re⸗ publik“ aufs fürchterlichſte in dem alten Schloſſe. Alle die ſchönen Rococomöbel, welche die Frau Seneſchallin mit den Ihren ſo lange als ihr Eigenthum betrachtet hatte, wurden zerſchlagen oder durch die Fenſter geworfen, da die Volks⸗ wuth ein Opfer wollte und das geſuchte, der Seneſchall, ihr entgangen war. Ein Theil des Haufens aber übernahm es, das Licht der Frei⸗ heit auch wie gebräuchlich in das Dunkel der Kerker leuchten zu laſſen. Die Thüre der He⸗ xenkammer wurde mit donnernden Schlägen ge⸗ ſprengt. Ich wurde im Triumphe aus meinem Gefängniß geholt. Auf eine Terraſſe des Schloſ⸗ ſes gebracht, mußte ich hier auf der Stelle eine Rede halten. Der plötzliche Wechſel meines Schickſals hatte mich etwas berauſcht. Meine Gedanken wirbel⸗ ten, ich war wie toll und deßhalb in der aller⸗ 288 beſten Verfaſſung, den losgebundenen Haufen zu befriedigen. Ich ſprach wie ein Verzückter. Jeden Augenblick unterbrach mich unendlicher Jubel— am Ende wurde ich nebſt zwei an⸗ dern, den größten Wort⸗ und Wirthshaushel⸗ den von ganz Aurignon, durch Acclamation zum Geſandten an die große franzöſiſche Nation ge⸗ wählt, um dieſer ein Trutz⸗ und Schutzbünd⸗ niß anzubieten mit ihrer jüngern Schweſter, der aurignonſchen einen und untheilbaren Republik! So endete die Willkürherrſchaft der„Cour souveraine“, die in ihrer Allmacht es wagen durfte, ſelbſt ihrem Fürſten zu trotzen, und die eine beſſere Caricatur auf die Macht des Schlen⸗ drians und der Bureaukratie im heiligen römi⸗ ſchen Reiche iſt, als die ſtrotzendſte Phantaſie ſie erfinden könnte! Der Hauptmann Zerrwitz hatte mit ſteigen⸗ dem Ergötzen dieſer Geſchichte zugehört. Nach⸗ dem Lambert geendet, lachte er und ſagte: — 1 289 Dieſe Geſchichte iſt vortrefflich, aber ſie be⸗ weiſt ganz und gar für mein Syſtem. Hätte Ihr Prinz Ordnung gehalten, hätte er früher den Stock gehandhabt, wie es ſeine chriſtliche Regentenpflicht geweſen, ſo wäre es nie ſo weit gekommen in ſeinem Ländchen! Lambert antwortete nicht auf dies Argu⸗ ment ſeines alten Freundes. Er ſtand auf und ſagte mürriſch: Geht zum Teufel mit Euern verſtockten Ideen. Ich bin Euch jetzt ſatt! Macht, daß Ihr heimkommt! Das iſt ein verbindlicher Abſchied, erwiderte der Hauptmann mit bedeutend verlängerten Ge⸗ ſichtszügen. Habt Ihr mich dazu ſo weit mit Euch herumgeſchleppt? Mitten in der Nacht, durch Eure Streifcorps, mehre Stunden weit zu Fuß zu laufen, bei meinen Jahren eine ganz 8„* verdammte Vergnügungsreiſe! Lambert faßte den Arm des Hauptmanns, Schücking, Sohn des Volkes. II. 13 und indem er ihm ſcharf in die Augen ſah, ſagte er: Kauf mir ein Pferd und eine Sauvegarde ab für deinen Heimweg! Womit? Durch eine Antwort! Fragt! Iſt der Emigrant auf Schwalborn verbor⸗ gen? Polydore de la Roche? fragte der Haupt⸗ mann, wie um Zeit zur Ueberlegung zu gewin⸗ nen, während ſeine Augen ein boshaftes Fun⸗ keln annahmen— Polydore de la Roche? Zum Teufel, ja!— Nun? Lambert's Finger legten ſich mit krampfhaf⸗ tem Druck um den Arm des Hauptmanns. Laßt mir den Gaul ſatteln und die Sauve⸗ garde aufſitzen! Der alte Preuße ſagte dieſe Worte mit ei⸗ nem verbiſſenen Ingrimm und dann entriß er ſich dem Griffe ſeines ungeſtümen Zechge⸗ ſellen.—— Ich danke Euch, verſetzte Lambert, tief auf⸗ athmend. 13* Viertes Kapitel. Der Hauptmann Zerrwitz hatte ſchon ſeit einer Stunde auf einem Pferde der franzöſiſchen Chaſ⸗ ſeurabtheilung und begleitet von zweien aus der Zahl derſelben das verwüſtete und ausgeplün⸗ derte Dorf verlaſſen. In dem Pfarrhauſe war Alles ſtill geworden. Auf Decken, Kiſten, Stroh⸗ ſchobern in den einzelnen Kammern lagen trun⸗ kene Schläfer und der Mond blickte durch zer⸗ trümmerte Scheiben auf die im fahlen Lichte todtenblaß daliegenden Geſellen mit den häßli— chen, zerfurchten, tiefgeſchnittenen Zügen, die der Schlaf gibt. Sie ſind halb entkleidet, halb ſtecken ſie in bunten zuſammengeraubten Unifor⸗ 293 men, während ihre Waffen, eine Sammlung von Mordinſtrumenten, eben ſo bunt und zu— ſammengeleſen wie die Kleidungsſtücke ſind, an den Wänden lehnen, auf zerſchlagenen Möbeln liegen oder den Boden bedecken. Ein wüſter Anblick! Rings herrſcht lautloſe Stille, welche nur durch den Hufſchlag oder das Gewieher der im Hof und Stall untergebrachten Pferde oder durch den Schritt der ausgeſtellten Schildwache zuweilen unterbrochen wird. In dem Wohnzimmer des Pfarrers allein glimmt noch ein düſter flackerndes Licht, iſt noch ein menſchliches Auge wach. In einem leder⸗ überzogenen Armſeſſel von ſchwerem Eichenholz ausgeſtreckt, die Arme untergeſchlagen, den Kopf an die Rückenlehne gelegt, aber hellen offenen Auges ſitzt Lambert und ſinnt über Dinge nach, welche den Schlummer mit jeder Minute weiter ſcheuchen. Unter das friedliche Dach des Pfarr⸗ herrn ſind nie Gäſte eingekehrt, wie heute es entweiht und verwüſtet haben. Aber auch noch nie mögen um den Patriarchenſtuhl des ſorg⸗ lichen Seelenhirten die Schemen ſo dämoniſcher Gedanken geſchwebt haben, wie in dieſer ſtür⸗ miſchen Nacht des Unglücks und des Jammers für die flüchtige, obdachloſe, hungernde Gemeinde. Lambert's trocken glühendes Auge ſtierte, als ob er ein Geſpenſt ſähe. Und es war ein Ge⸗ ſpenſt, was ſich vor ihm erhob und immer wie⸗ der vor ihm ſtand, ſo oft er es verſcheuchen wollte, immer näher, immer dichter, immer herz— beklemmender! Es war die Ueberzeugung, daß ſein Leben ein verlornes, daß er ein unglücklicher Menſch ſei, daß ein Fluch auf ſeinem Haupte laſte, den er nimmer abſchütteln könne! Das alſo war das Reſultat des Kampfes mit dem Leben, in den er mit ſo viel freudigem Muthe gegangen! Das war die Frucht der ſchö⸗ nen und hohen Begeiſterung ſeiner erſten Ju— gend: dafür war ſo viel Schwung, ſo viel Kraft, ſo viel unerſchöpflicher Jugendmuth, wie ihn einſt beſeelte, vergeudet! Und wen ſollte er anklagen? ſich? die Men⸗ ſchen? die Ereigniſſe? wie hieß der Dämon, der ihn ins Unglück geſtürzt? Die Leidenſchaft für ein Weib hatte ſein Herz in helle Flammen geſetzt, das Gefühl der Un⸗ terdrückung hatte ihn dem Fanatismus für die Freiheit in die Arme getrieben. Im unbezähm⸗ baren Drange, jener Leidenſchaft zu dienen, hatte er ein Verbrechen begangen, das ſein Gewiſſen eine entſchloſſene That im Dienſte des bedroh⸗ ten Fortſchritts, des Menſchenwohls nannte. Im Fanatismus für die Freiheit war er der Mitſchuldige blutiger Revolutionsgreuel, war er der Hochverräther am eigenen Vaterlande ge⸗ worden. Die Liebe und die Freiheit, die hei⸗ ligſten, höchſten Ideen, für welche er Blut und Leben geopfert hätte— ſie hatten ihn auf den Weg zum Verderben geführt. Sie hatten ſich verſchworen, ihn in einen Abgrund zu ſtürzen. Die Liebe war in ſeinem Herzen erſtorben. Die Freiheit hatte ſich vor ſeinen Augen in Gewän⸗ der gekleidet, ſo blut⸗ und ſchmuzbefleckt, hatte ſo thieriſch trunken ſich geberdet, daß er an ihr verzweifelt war. Mit ihr war der letzte Stern ſeines Lebens erloſchen, der Tempel ſeines In⸗ nern verödet. Von den Ereigniſſen fortgezogen, willenlos ihrem ſtarken Strome hingegeben, vom Kriegerleben und dem Lärm des Lagers und der Schlacht betäubt, hatte er das Bewußtſein die— ſer Lage niedergehalten und die innern Stim— men erſtickt, welche in ihm laut werden woll⸗ ten, in ſtillen Nächten am Bivouacfeuer, auf einſamen Poſten, an dämmernden Abenden, de⸗ nen der blutige Morgen einer Heeresſchlacht fol⸗ gen ſollte. . Aber jene innern Stimmen erhoben ſich in dieſer Nacht aufs neue; ſie waren furchtbar laut geworden! Der Schleier, welcher über ſeinem eigenen Herzen ausgebreitet lag und das Auge ſeines Gewiſſens nicht hinabblicken ließ in den tiefſten Grund deſſelben— dieſer Schleier war fortgeriſſen, und von Niemandem anders als von der Hand ſeines Vaters! Der alte Bauer war vor ihn getreten und hatte ihn wie eine dro⸗ hende Geſtalt von der Schwelle zurückgewieſen, hinter welcher die Erinnerungen ſeiner Jugend wohnten; hoch, düſter, drohend wie ein grauer Prophet des Alterthums, hatte dieſe Geſtalt ſich auf ſeinem Wege erhoben und ein Wehe! über ihn gerufen, das die heiligen Eichen ſeiner Hei⸗ matgötter, die Lüfte, welche über das Grab ſei⸗ ner Mutter dahergeweht kamen, angehört und nachgeflüſtert hatten, als ob es ein Echo fände bei den Geiſtern der Nacht. Die Worte ſeines Vaters, die Zurückweiſung von ſeinem Herde hatten auf Lambert einen tie⸗ fen, erſchütternden Eindruck gemacht. Gewiſ⸗ 13** ſensbiſſe, Seelenangſt, furchtbare Niedergeſchla⸗ genheit bemächtigten ſich ſeiner Seele. Gewiß, unter all den Flüchtigen, welche draußen in Za⸗ gen und Furcht, in Noth und Hunger die Nacht auf freiem Felde, im Schutz des Waldes oder verborgen in Höhlen zubrachten, war Niemand, deſſen Herz ſo tiefes Wehe fühlte, als der, vor dem ſie geflohen waren und deſſen übermüthige Scharen ihre Hütten plünderten. Lambert hatte lange mit ſeinem Schmerze zu ringen, ohne einen verſöhnenden Gedanken in ſeinem Innern zu finden, der ihn hätte trö⸗ ſten und erheben können. Und wo hätte er ihn finden ſollen? Er war ein verlornes Opfer ei⸗ ner Uebergangsepoche der Geſchichte, wie jede Uebergangsepoche ihrer ſo viele fodert und ge⸗ rade unter den kräftigſten Charakteren ſich aus⸗ wählt. Er hatte ſich ſeiner Zeit zum Werkzeug hingegeben und ſie hatte ihn misbraucht. Wie jedes große erſchütternde Ereigniß, welches be⸗ ſtimmt iſt, eine neue Idee zur Herrſchaft der Welt zu rufen, damit beginnt, Die, welche ihm dienen, zu blenden, ſo hatte auch ihn der große Gedankenumſchwung ſeiner Tage geblendet. In dieſer Blindheit hatte er die Mark überſchrit⸗ ten, wo das Reich die ſittlichen Wahrheiten und jener ewigen Grundſätze beginnt, die un⸗ erſchütterlich feſtſtehen müſſen, die Mark, jen⸗ ſeits welcher die Revolution zum Frevel wird. Aber konnte Lambert keinen verſöhnenden Gedanken finden— einen Troſt fand er den— noch. Dieſer Troſt, freilich ein ſchrecklicher und verzweiflungsvoller, lag in der Hoffnung, ſein Elend gerächt zu ſehen an Denen, welchen er die urſprüngliche Schuld dieſes Elends zuſchrieb. Er hätte Vernichtung ſuchen müſſen, hätte er nicht noch wenigſtens Zorn und Rachſucht ge⸗ nug in ſich gefunden, um ſeine alte Energie wieder wach zu rufen. Das Geywiſſen in ſeiner Seele mußte einen Gegenſtand finden, der au— 300 ßer ihm lag und auf den es ſich entladen konnte. Die, welche einſt ſein junges freiheitdürſtiges Herz mit Galle erfüllt, welche ſeinen Stolz un— ter das Joch der Knechtſchaft gebeugt und ihn ſo dem Fanatismus in die Arme gejagt hatten — die ſollten ihm dafür büßen! Er kannte keine Rückſicht mehr für irgend ein menſchliches Weſen. Hatte doch Die, welche er einſt geliebt, hatte doch Marianne durch die Treuloſigkeit, welche er ihr Schuld gab, den Stachel der Er— bitterung bis zum wüthendſten Schmerze geſchärft! Er gelobte ſich feierlich, ſie Alle zu verderben. Ihr ſtolzes Schloß wollte er niederbrennen, die Be⸗ ſitzer wie gehetztes Wild in die Wälder treiben laſſen,— an Polydore de la Roche aber ſollte unerbittlich jene Strafe vollzogen werden, welche die Republik über die Emigranten verhängt hatte. Das Geſetz der Republik verhängte über ſie den Tod durch die Kugel. Fünftes Kapitel. Der Tag brach an. Es war ein wunderbar ſchöner Herbſtmorgen; auf den Gebirgszügen im Oſten lag ein zarter, durchſichtiger Duft, wäh⸗ rend über dem Rheinthal im Weſten die grauen Nebel wallten. Die Sonne erhob ſich, ihre er⸗ ſten Strahlen zitterten über die Höhen her, die ganze Landſchaft ergrünte und erglänzte und der Himmel zeigte ſich kryſtallklar in ſeiner reinen Bläue. Kein menſchliches Weſen war ſichtbar auf den Fluren. Die ſchönſte Stunde des Ta⸗ ges gehört nicht dem Menſchen, ſondern den flüchtigen Weſen, die ſich zitternd verkriechen, wenn er erwacht. Das Reh ſchritt geſenkten Kopfes, ſich läſſig in den Hüften wiegend, über die Stoppelfelder dem Kleeacker zu, während windſchnellen Fußes, wie davongekugelt, eine Wachtel durch die nahe Furche läuft; den Feld⸗ weg entlang, ſchiefer Haltung, denn die Füße der einen Seite bewegen ſich im Fahrgeleiſe— wandert ein feiſter Dachs ſeine Straßez eilfer— tig, wie ſie alle, wie die Feldmaus, die vor ihm in ihr Loch ſchlüpft, wie die Hummel, die in tollen Kreiſen, als ob ſie ſchwindlig wäre, ihre plumpe kleine Perſönlichkeit umherwirft. Müſ⸗ ſen ſie doch alle eilen, ihr kleines Tagewerk zu vollenden; wenn der Menſch an das ſeine geht — dann müſſen ſie das ihre verlaſſen— dann hört für ſie der Friede auf! Nur der Haſe ſtreift in ſeinem bodenloſen Leichtſinn ſolche Be⸗ denken und die Warnungen der Erfahrung ab; auf dem Grasanger haben ſich ihrer ein halbes Dutzend zuſammengefunden, und dies bange Volk, das ſonſt vor jeder Gefahr pfeilſchnell die Flucht 303 ergreift, überläßt ſich jetzt, wo es ſich ſicher glaubt, dem zügelloſeſten Muthwillen. Der älteſte, ein an Jahren und Erfahrung gereiftes Indi⸗ viduum, turnt vor, die andern eifern ihm nach und ſuchen ihn zu überholen; ſie ſtehen bald auf den Hinterbeinen, bald auf dem Kopfe, und wenn ihr Vater Jahn einen Purzelbaum ſchlägt, ſchlagen ſie drei, und wenn er einen Sprung macht, ſpringen ſie doppelt ſo weit; das junge Haſengeſchlecht hat den Standpunkt ſeiner Alten vollſtändig überwunden! Sie haben gut ſpielen heute— es ſtört ſie Niemand. Kein Pferd ſchnaubt der friſchen Morgenluft den Dampf ſeiner Nüſtern entge⸗ gen, kein Ackerer zieht mit der Pflugſchar her⸗ an— ja, das helle Meßglöckchen tönt heute nicht vom Thurme der Dorfkirche, über den Fuß⸗ pfad kommt nicht die gewohnte Gruppe flachs⸗ haariger Schulkinder mit Buch und Schiefer— tafel geſchritten wie ſonſt, ſingend, lachend, mit den nackten Füßen den Staub des Weges auf⸗ wühlend, wie es des Dorfbuben Leidenſchaft iſt! Es iſt ſo ſtill auf der weiten Flur, wie am erſten Morgen der Schöpfung— aber es iſt eine räthſelhafte, beängſtigende Stille! Die Sonne iſt höher emporgekommen. Es beginnt warm zu werden. In der Ferne fängt die Luft an zu zittern und zu flimmern, als ob ſie aus einem unausſprechlich feinen Seidenge⸗ webe beſtände. Da hebt ſich ein dicker weißer Rauch aus einer Gruppe von Bäumen und Dächern hervor. Er ſteigt gerade empor in die helle Luft und wird dichter und dichter: eine graue, immer dunkler wogende Maſſe, ein ſich ringelndes, feuerſpeiendes Ungethüm. Die Fun⸗ ken beginnen zu ſprühen, kniſtern, ein blaßro⸗ thes, von der hellen Morgenluft unterdrücktes Scheinen und Wogen blitzt auf— es ſind die durchbrechenden Flammen, die Lohe ſchlägt über den Dächern zuſammen und bis hinauf an die 305 dürren Schindeln des kleinen Dorfthurms leckt die Feuerzunge. Aber Niemand ſtürzt herbei, zu retten und zu löſchen; keine Hand erhebt ſich, die Hütte des Armen und ſeine Habe dem Untergange zu entreißen. Dagegen wird eine Reiterſchar ſicht⸗ bar, die unter den Baumgruppen des brennen⸗ den Dorfes her über das Feld reitet und die Dächer, welche ihr Schutz während der Nacht gewährten, muthwillig entzündet zurückläßt. An ihrer Spitze reitet Lambert. Es ſind die Fran⸗ zoſen, die Kämpen der Gleichheit und Brüder⸗ lichkeit, die über die deutſche Erde daherziehen und die Fruchtäcker zerſtampfen laſſen vom Hufe ihrer Pferde. Lambert wollte ſich auf das Corps zurück⸗ ziehen, von welchem er zum Recognoſciren aus⸗ geſandt worden, und ſeinem General Rapport abſtatten. Doch hatte er kaum eine Stunde Wegs hinter ſich, als er auf die Spitze der gan— zen franzöſiſchen Heerſäule ſtieß, welcher er an— gehörte und die ihm entgegenkam. Es war Befehl zum Vorrücken gegeben worden; das ganze Heer war auf dem Marſch nach Süden zu; Lambert mußte ſich mit ſeinen Schwadro⸗ nen anſchließen und auf die augenblickliche Aus⸗ führung ſeines Racheplans verzichten. Das furchtzitternde Land, welches die Fran⸗ zoſen durch dieſe Bewegung hinter ſich ließen, athmete wieder auf. Aber nur wenige Tage dauerte die Freude. Nachdem Jourdan mit der Sambre⸗ und Maas⸗Armee den Main erreicht, wandte ſich ſein Kriegsglück. Die Truppen des Kaiſers gingen bei Aſchaffenburg und Offenbach über den Main. Am 12. October ſchlug ſich Clerfayt mit den Franzoſen an der Nidda, die Barkohuſaren und die Blankenſteiner gingen über den Fluß und ſtürmten vor, die Franzoſen wichen, die Avantgarden unter Kray und Haddik drangen bis an die Sieg vor. Wie eine ver⸗ 307 wüſtungsſchwangre Woge flutete nun das Fein⸗ desheer zurück, über den Landſtrich, in welchem der Schauplatz unſrer Erzählung liegt. Die roheſten Ausſchweifungen bezeichneten ſeinen Weg. Die jammervollen Octobertage des Jah⸗ res 1795 leben noch in den Erinnerungen alter Männer, die Zügelloſigkeit der flüchtigen Feinde kannte kein Maß mehr, Blut und Flammen bezeichneten den Weg des weichenden Heeres, und der Engel des Zornes ſchien ſeine volle Schale ausgegoſſen zu haben über das unglück⸗ liche Land. Verſchont von allen jenen Greueln, in einer Landſchaft, deren glückliche Entfernung von den Hauptſtraßen ſie frei gehalten hat von dem Strome der Feinde, erhebt ſich ein ſtattliches Herrenhaus. Es iſt Nacht, dunkle, von keinem Stern erhellte Nacht, ſonſt würden wir es auf der Stelle erkannt haben, an ſeinen Giebeln, zu denen hocharmige Pappeln emporlangen, an 308 ſeinen Eſſen, ſeinem Storchneſt oben— es iſt Haus Schwalborn. Durch die Allee vom Dorfe her wandeln zwei Geſtalten dem Schloſſe zu, beide in Män— tel gehüllt, beide raſch und verſchwiegen daher⸗ ſchreitend. Es iſt ein Mann und eine weibliche Geſtalt, die am Arme des Erſtern hängt und ihn zur Eile beflügelt, indem ſie ihn fortdrängt. Als ſie den Graben erreicht haben, der das Herrenhaus umgibt, ſinkt leiſe eine Zugbrücke nieder— ein verroſtetes, lange nicht gebrauch— tes Befeſtigungsſtück, das jedoch jetzt in weiſer Vorausſicht möglicher Streifcorps der Feinde von dem Verwalter wieder in Stand geſetzt worden iſt und das Herr Tafelmacher ſeit ſeinem neulichen unglücklichen Ausfluge keinen Abend verſäumt aufzuziehen. Die beiden Geſtalten ſchreiten über die Brücke und den Hof und ver⸗ ſchwinden durch eine Nebenthür im Innern des Gebäudes. 309 Herr Tafelmacher, der die Brücke wieder aufgezogen hat, folgt ihnen kopfſchüttelnd nach und ſpricht, während auch er in das Gebäude ſchlüpft, um in ſein Kämmerlein zurückzukehren: O tempora, o mores! führt das Pfäfflein dem jungen Herrn die Mädchen zu— wer hätte das von ihm gedacht! Die beiden Andern hatten unterdeß den Hausflur durcheilt und betraten ein großes Zim⸗ mer im Erdgeſchoß, in welchem ein Nachtlicht brannte, bei deſſen Schimmer man einen Sol⸗ daten in weißer Uniform gewahr wurde, der in einem Lehnſtuhl ſaß und eingeſchlafen war. Das Mädchen ſtutzte und blieb erſchrocken ſtehen. Kommen Sie nur— es iſt ſein Burſche und ſolch ein Oeſterreicher hat einen geſunden Schlaf; wir haben uns nur zu hüten, daß das Oeffnen der Thüren meine Schwägerin und meinen Bruder nicht erweckt! 310 Die Stimme, welche flüſternd dieſe Worte ſprach, war die des guten Domherrn Deſibodus Ehrembrecht.— Der Domherr ſchritt mit ſeiner Begleiterin auf den Zehen weiter und öffnete dann die nächſte Thür. Ein hellerer Lichtſchimmer quoll den Kommenden daraus entgegen und über⸗ ſtrahlte das bleiche, in allen Zügen geſpannte Antlitz Cöleſtinens. Ihr Mund öffnete ſich zu einem leiſen Schrei, als ſie die Schwelle über⸗ ſchritt. Ihr entgegen eilte eine hohe männliche Geſtalt, verbundenen Kopfes, den linken Arm in einer ſeidenen Binde tragend,— eben ſo viel Spannung in den gebräunten Geſichtszügen ver⸗ rathend— es war Karl von Schwalborn. Err umſchlang ſie mit dem rechten Arme, der ihm freigeblieben, er drückte ſie an ſeine Bruſt, er preßte ſeine Lippen auf ihre Stirn— ſie ſchmiegte ſich zitternd, athemlos an ihn— ſie hatte keinen Laut des Entzückens— hätte ſie 31* einen gehabt, er würde wie ein Ausruf des Schmerzes gelautet haben— ihr Gefühl der Freude war ſo hoch geſpannt, daß es an den Schmerz grenzte! Karl zog Cöleſtinen auf das Sopha neben ſich; der alte gute Deſibod zerdrückte eine Thräne und begrub ſich dann ſtill in einen Lehnſtuhl im fernſten Winkel des Gemachs, wo der Schim⸗ mer des Lichtes zu völliger Dämmerung wurde und wo die jungen Leute den Vermittler ihres Wiederſehens bald völlig vergaßen. Denn das war der mildherzige Domherr, der jetzt wieder unter dem väterlichen Dache wohnte und in Folge verſöhnlichen Entgegenkommens von Sei⸗ ten ſeiner Schwägerin allen Hader vergeſſen hatte, welcher ihn von der Familie ſeines Bru⸗ ders getrennt. Seit einem Jahre ſchon lebte er wieder in Schwalborn. Vor zwei Tagen war Karl hier eingetroffen Karl, der jetzt zum Rittmeiſter vorgerückt war, diente nämlich in dem Corps Haddik's und hatte bei der Avantgarde geſtanden, als dieſe an der Nidda auf die Feinde traf. In dem Gefechte, welches ſich entſponnen, war er zweimal ver⸗ wundet worden. Zuerſt hatte ihn eine Kara⸗ binerkugel leicht oberhalb der Schläfe geſtreift und dann ein Säbelhieb ſeinen linken Oberarm getroffen. Weil ihm die Verwundungen unbe⸗ deutend ſchienen, hatte er ſich nicht abhalten laſſen, an der Verfolgung der weichenden Co⸗ lonnen Jourdan's Theil zu nehmen. Während des Halts jedoch, der an der Sieg gemacht wurde, hatte ſich das Wundfieber ſo geſteigert, daß Karl ſich unfähig fühlte, weiter ſeinem Dienſt obzuliegen. Bei der Beſchaffenheit der grauenhaften Mordhöhlen, welche die Verwun— deten und Kranken der Heere in jenen Tagen aufnahmen, ſchauderte er vor dem Gedanken, ſich einem Lazareth anzuvertrauen, und zog es vor auf einige Wochen Urlaub zu nehmen, um — 3 unter das väterliche Dach heimkehren zu können, welches ja ohnehin jetzt ſo nahe war. So langte er denn eines ſchönen Abends unverhofft, uner⸗ wartet auf dem Hofe ſeiner Aeltern an, die froh und erſchrocken dem verwundeten Reiter entge⸗ geneilten. Für ſeine Pflege und Heilung wurde alles Mögliche aufgeboten; doch zeigte ſich das Wundfſieber hartnäckig, und ſchlechter Verband und Vernachläſſigung hatte die Wunden ſelbſt in einen faſt bedenklichen Zuſtand gebracht. Karl wollte ſich nicht an das Bett feſſeln laſſen. Auf eine Chaiſe longue geſtreckt, gab er ſich allen den kleinen Zuvorkommenheiten und gutgemein⸗ ten Mitteln und ſorglichen Rathſchlägen hin, womit ihn die Liebe der Seinen umgab und beſtürmte, um zur Erleichterung ſeines Zuſtan⸗ des beizutragen. Marianne, die als junge Frau mit einer ſtillen Anmuth und Ruhe ſich bewegte, welche einen anziehenden Contraſt mit ihrem mädchenhaften kleinen Uebermuth von ehemals Schucking, Sohn des Volkes. II. 14 314 bildete, überwachte Alles, was zur Erquickung und Nahrung des Kranken nöthig war. Gna⸗ den Mama, jetzt um ein Bedeutendes gealtert und durch Gicht an ihren Lehnſtuhl gefeſſelt, beſorgte den Verband und zupfte Charpie. Sie hatte ihre Freude daran, daß die öſterreichiſche Disciplin ihrem Sohne einen ſo ſtattlichen Zopf geflochten. Der Domherr ließ ſich die Unter⸗ haltung ſeines theuern Neffen angelegen ſein, er plauderte, er las ihm vor und ergab ſich mit rührender Reſignation in den vollſtändig ver⸗ änderten, ja verwilderten Geſchmack ſeines ge— liebten Zöglings, der mit einer ſpöttiſchen Ver⸗ achtung die alten Lieblingsautoren, an denen Ehrembrecht’s ganzes Herz hing, von ſich ab⸗ wies. Auch die hübſche, blühende, gutmüthige Phyſiognomie des Marquis de la Roche zeigte ſich am Krankenlager Karl's voll inniger Theil⸗ nahme, voll des lebhafteſten Wunſches, ſich ebenfalls nützlich machen zu können, und voll der brennendſten Verlegenheit, durchaus nicht zu wiſſen, wie dies zu bewerkſtelligen ſei. Der Marquis Polydore de la Roche, der Schwager Karl's, hatte wenig von den glänzenden Eigen⸗ ſchaften, welche ſeine Schickſalsgenoſſen auf deut⸗ ſchem Boden entwickelten: er war weder an⸗ maßend noch impertinent, noch ein Wüſtling, wie die andern Emigranten, er war ein in hohem Grade gebildeter Mann, und zu vollſtän⸗ diger Liebenswürdigkeit mangelte ihm gar nichts als etwas weniger ariſtocratiſcher Vorurtheile. Aber wir haben einen von Denen, die voll rührender Sorgfalt Karl's Lager umgaben, nicht genannt, den, der am wenigſten verdient über— ſehen zu werden. Und wie könnte man das auch? Weſſen Blicke blieben, wenn er dieſe Fa— miliengruppe betrachtet, nicht haften auf der ſtattlichen Greiſengeſtalt, den hellen Zügen voll Wohlwollen und Offenheit, den runden blauen Augen, in denen Innigkeit und eine wehmüthige 14* Freude ſich ſpiegeln? Wer fühlte ſich nicht un⸗ ter allen dieſen charakteriſtiſchen, ſo verſchieden und doch zu ſo echtem Schrot und Korn aus⸗ geprägten Geſtalten am meiſten angezogen von der Phyſiognomie des trefflichen Hausherrn, des gnädigen Karl Borromäus Guntram Vogt zu Schwalborn und Erbherrn auf Flittersdorf? Im grauen Rock mit dem hohen Kragen und breiten Aufſchlägen, in den kurzen blaumancheſternen Beinkleidern ſitzt er da, am Fußende der Lager— ſtatt, auf welcher ſein Sohn ruht; ein Ausdruck unausſprechlicher Befriedigung und Dankesfreude liegt in ſeinen Zügen und ſpielt um die klare⸗ Stirn des Greiſen und die Schläfen, an deren Haar die Jahre gerauft haben, bis jene hoch und dieſe nackt geworden. Der Meerſchaum iſt ihm ausgegangen und ruht zwiſchen den ge⸗ falteten Händen im Schooße,— er ſpricht we⸗ nig, aber in ſeinem Auge ſteht Alles geſchrieben, was er ſagen könnte an dieſem Tage, die ganze Beredſamkeit eines goldenen treuen Vaterher⸗ zens. Sein Sohn iſt aus einer ſiegreichen Schlacht heimgekehrt, zwei Wunden ſind ein ehrenvolles Zeichen, daß er ein echter Schwal⸗ born— und doch bedrohen ſie ſein Leben nicht, doch kann der alte Freiherr ohne Sorge in die gebräunten männlichen Züge deſſen blicken, der ſein Eins und ſein Alles iſt— in dieſe Züge, die ſeiner Seele ein Labſal ſind und die ihm ſo ſchön ſcheinen wie die Züge eines kriegeriſchen Erzengels! Und, um ſein weiches Herz über⸗ ſtrömen zu laſſen von Dankbarkeit gegen Gott — ſein Sohn hat auch die Kunde gebracht, daß Alles ſich zum Guten wendet, daß die Fran⸗ zoſen auf allen Punkten weichen, daß ſie bei Neuwied, bei Bonn über den Rhein ſich zu⸗ rückgezogen haben, daß bald auch ihre letzten Corps ſich auf das jenſeitige Rheinufer werden werfen müſſen und daß die ſiegreichen Oeſter⸗ reicher unter Clerfayt ſchon zum Entſatze von Mainz ſich wenden. Die ſiegreichen Oeſterreicher! — ja, das hatte Guntram immer geſagt, daß ſie ſiegen würden— er kannte ſie ja, ſeine al⸗ ten kaiſerlichen Truppen— er wußte es, daß der Sieg doch endlich ihren Fahnen folgen werde — mochten hundertmal die Preußen verzagt und muthlos mit den Sansculotten Frieden machen, noch wehte der Doppeladler im Felde! der Dop⸗ peladler hatte glorreich Guntram's Prophezeiun⸗ gen gerechtfertigt, am Himmel ſeiner Hoffnun⸗ gen und ſeiner Zuverſicht ſtand dieſer Doppel⸗ aar von Oeſterreich wie ein leuchtendes Geſtirn der Rettung und des Friedens! In dieſem Kreiſe alſo war Karl aufgenom⸗ men, und gewiß, er konnte nicht klagen über die Liebe und Herzlichkeit, die ohne Trübung aus Aller Augen ihn anblickte. Aber es war eine Lücke für ihn in dieſem Kreiſe. Mit den alten Umgebungen kehrten die alten Gefühle zu ihm zurück. In das Leben und Dichten und Trachten ſeiner erſten Jugend ſich zurückver⸗ ſetzend, wie er in den Schauplatz derſelben zu⸗ rückverſetzt war, ſehnte er ſich nach dem Angel⸗ punkte jener Gefühle ſeiner erſten Jugend, nach Cöleſtinen. Dieſe Sehnſucht wuchs mit jeder Stunde. An das Lagerleben und alle ſeine Roheiten gewöhnt, angewidert von der Bru⸗ talität, von dem Thier im Menſchen, das der Krieg aus Denen, welche ſeine Feld⸗ und Lager⸗ gefährten waren, hervorlockte, fand er die milde elegiſche Geſtalt Cöleſtinens, wie ſie vor ſeiner Phantaſie ſtand, unausſprechlich anziehend. Wir ſuchen ja die Poeſie des Lebens am liebſten in Zuſtänden und Charakteren, welche mit den un⸗ ſern in directem Widerſpruch ſtehen. Der Krieg hatte in Karl ein unauslöſchliches Verlangen nach den tiefern Befriedigungen erweckt, welche nur ein innerliches Leben, ein geiſtig bewegter Verkehr gewährt. Das träumeriſche Verſenken in die ſtillen Abgründe des Gemüths, dem er 320 ehemals ſich hingegeben hatte, das hatte das friſche Leben, die männliche Thätigkeit ihm im rechten Lichte gezeigt. Die Reaction dagegen war es geweſen, was ihn in Wien leichtſinnig gemacht. Jetzt war er zum richtigen Standpunkt gekommen. Was er im Uebermuth ſeiner Wie⸗ ner Tage kränklich und weichlich und kraftlos geſcholten, das erſchien ihm jetzt, wo er ſeit Monden auf dem blutigen Pfade der Kraft wan⸗ delte, in einem ganz andern Lichte. Er hatte das Leben nun von ſeinen verſchiedenſten Seiten kennen gelernt; je weiter der Horizont ſeiner Anſchauungen ſich geſpannt, deſto enger hatte ſich der Kreis ſeiner Anſprüche, an das Leben zuſammengezogen. Jede Illuſion, die verſchwun⸗ den, hatte eine Entſagung mehr zurückgelaſſen. Das Ideal eines glücklichen Daſeins war für ihn der ruhige und umfriedete Zuſtand eines Mannes von harmoniſcher Bildung geworden, der dem Cultus der Schönheit lebt und dieſe Schönheit überall zu fühlen und zu verehren weiß, wo und wie ſie ſich offenbare— in Re— ligion und Kunſt, in der Natur und in der Ge— ſchichte. Das Streben nach einem idealen, den wirklichen Zuſtänden nicht beſcheertem Glück, die Leidenſchaft im Suchen des Unerreichbaren, der ganze Rauſch jugendlicher Begehrlichkeit, welche das ſchönſte Stück der Welt für ſich zu erobern gedenkt,— das Alles war verflüchtigt und zu Boden geſunken in dieſem von der Natur zu Maß und weiſer eigener Beſchränkung angeleg— ten Charakter. So hatte das Leben und die ganze Richtung, welche es ſeinem Innern ge⸗ geben, Karl zu Cöleſtinen zurückgeführt— zu jener weichen, tiefen und ſtillen Seele, welche in die volle Friedensharmonie, der ſein Leben gleichen ſollte, wie ein ſuͤßer melancholiſcher Klang ſich einfügte, der von himmliſchen Em⸗ pfindungen und dem Wunder der Unendlichkeit ſprach. In dieſer Stimmung war Karl in dem 14* R Augenblick, in welchem wir ihn wiederfinden, in ihr hatte er ſeine Correſpondenz mit Cöleſtinen ſchon ſeit längerer Zeit voll Wärme und Eifers geführt, und jetzt eröffnete er dem Domherrn, ſeinem alten Vertrauten, ſobald er einen Augen⸗ blick erwiſchte, ihn allein zu ſprechen, den feſten Willen, Cöleſtinen wiederzuſehen. Der Domherr erſchrak heftig. Er hatte Karl's erſte Liebe längſt verflüchtigt und verweht ge⸗ glaubt. Aber Karl beſtand auf ſeinem Ent⸗ ſchluſſe und der verzweifelnde Deſibod mußte ſich dazu verſtehen, Cöleſtinen zu einer heimlichen Zuſammenkunft abzuholen, um nur den wund⸗ kranken Neffen ſelbſt von einer lebens fährlichen Wanderung trotz Fieber und Nachtluft abzu⸗ halten. So ſaßen ſich denn Karl und Cöleſtine nach vielen Jahren wieder Aug in Aug gegenüber. Sie blickte ihn an mit dem Ausdruck vergöt⸗ ternder Bewunderung und tiefen Zagens. Ihr — — 323 Herz hatte gezittert vor dieſem Augenblick, wie ſie ihn auch ſeit Jahren erſehnt. Jetzt, wo er gekommen, war es ihr geweſen, als ſei es die ſchwerſte Stunde ihres Lebens. Ein entſchloſſe⸗ nerer, in größern Umriſſen angelegter Charakter als der ihrige würde vielleicht, ſtark im Bewußt⸗ ſein ſeiner Liebe, nur ungetrübte Glückſeligkeit empfunden haben. Cöleſtine aber zitterte: wie wird er mich finden, wie werde ich ihm erſchei⸗ nen, nachdem fünf Jahre die Blüte meiner erſten Jugend verwehten; welche Bilder von Frauenſchönheit werden ſich ihm eingeprägt ha⸗ ben und die Geliebte ſeiner Jugend ver⸗ dunkeln? Aber Cöleſtinens ängſtliche Zweifel ſchwan⸗ den bald. Karl's ſtürmiſche Freude verbreitete eine unausſprechliche Seligkeit in ihrem Herzen. Er war zum Manne gereift und hatte doch alle Wärme des Jünglings für ſie heimgebracht; er hatte eine Unendlichkeit an Schätzen der Erfah⸗ rung und des Nachdenkens gewonnen und nichts verloren von ſeiner keuſchen Herzensreinheit. Welches Glück konnte dem ihren gleich kommen? Sie plauderten die Stunden der Nacht da— hin, als ob es kein Ding wie die Zeit gebe. Der Domherr war längſt eingeſchlafen— die Hähne begannen den Morgen anzukrähen— und ſie hatten noch nicht die Hälfte von dem ſich mitgetheilt, was das Allerdringendſte war, und was ſie ſich durchaus gleich erzählen mußten; die Morgenröthe dämmerte ins Zimmer und ſie waren noch lange nicht am Ende. Da erwachte der Domherr. Er trieb zum Abſchied: aber es gelang ihm nur, Karl in die Trennung von ſeiner Geliebten einwilligen zu machen, indem er verſprach, daß er ſie am folgenden Abend, wie am vorigen, in das Krankenzimmer ſeines Neffen führen wolle. Sechſtes Kapitel. So ſahen ſich Karl und Cöleſtine denn von nun an in jeder Nacht mehre Stunden lang. Sie ſprachen von ihrer Liebe, ihrer Zukunft und auch von der unheimlichen Gegenwart, deren kriegeriſches Fluten und Stürmen ja jeden Au⸗ genblick in das bis jetzt ſo glücklich verſchonte Aſyl ihrer Liebesſeligkeit dringen konnte. Karl freute ſich über Cöleſtinens höher ge⸗ ſpannten und kräftiger gewordenen Geiſt. Die Jahre der Sehnſucht und des Harms hatten ihre Wangen gebleicht, die zarte Fülle ihrer Schönheit litt unter den erſten Spuren deſſen, was man Verblühen nennt. Aber ihre Seele war ſchöner geworden, ihre Urtheilskraft ge⸗ ſchärft, ihr Geiſt hatte im Strome der Zeit ein geſundendes Wellenbad genommen. Ihr Verhältniß zu Karl hatte ſie den Bewegungen jener Tage, welche den Umſturz aller Verhält⸗ niſſe der Geſellſchaft bezweckten und die alten Scheidewände zwiſchen Menſchen und Menſchen vernichten wollten, mit geſpannter Theilnahme folgen laſſen. Die Geſchichte der Gegenwart hatte durch dieſe Bewegungen ein ſo gewaltiges Leben, einen ſolchen thatkräftigen Schwung be⸗ kommen, daß es unmöglich war, nicht davon berührt zu werden. Die Revolution, der Krieg, das Ringen großer Ideen und ganzer Völker, der Kampf eines neuen Zeitalters mit dem noch immer gewaltigen Geiſte der Vorzeit, der ſo viele Jahrhunderte hindurch ſich hatte befeſtigen und tiefe Wurzeln ſchlagen können,— das Alles konnte nicht an einem empfänglichen Gemüth vorübergehen ohne große und entſcheidende Nach⸗ 327 wirkungen. Cöleſtine war aus ihrem Träumen, aus den dämmerungerfüllten Gefühlsſphären ge⸗ riſſen, die romantiſchen Nebel, aus denen ſich wie Fata⸗Morganageſtalten die Ideale ihres Herzens gebildet hatten, waren verſcheucht. Das wirkliche Leben, die Welt in ihrer wahren Ge⸗ ſtalt, der Menſch mit ſeinen eigentlichen Be⸗ dingungen waren dicht an ſie herangetreten. Sie hatte die Foderungen des praktiſchen Lebens zu verſtehen gelernt. Und ſonderbar— die Wirklichkeit hatte jetzt eine Menge Offenbarun⸗ gen für ſie gehabt, welche ſie nie darin zu fin⸗ den erwartet; ſie hatte ihr viel geheimnißvollere, höhere, ſeltſamere Dinge erſchloſſen, als in dem Reich der Dichtung und Romantik je zu finden geweſen wären. Das Leben in ſeiner nackten Wahrheit zeigte ihr rings um ſie herum Schätze, welche die Phantaſie, auch wenn ſie die weite⸗ ſten Fernen durchſchweift, nicht erſonnen hätte. Es war Cöleſtinen, als erwachte ſie aus einem 328 Traume. Die Revolution war ihr eine Magie⸗ rin, welche ihr plötzlich den Schleier vom ver⸗ hüllten Bilde der verachteten Wirklichkeit, des wahren Menſchenlebens riß! So wie auf Cöleſtinen hat ja die Revolu⸗ tion auf eine ganze träumende Generation ge⸗ wirkt! Während der Unterredungen unſers Liebes⸗ paars hielt ſich Onkel Deſibod beſcheidentlich im Hintergrunde. Gewöhnlich trat bei ihm ein ſanfter Halbſchlummer ein, und in dieſem Zu⸗ ſtande waren es zwei immer wiederkehrende Ge⸗ ſtalten, welche beſtändig in ſeinen Traumbil⸗ dern auftauchten. Die eine dieſer Geſtalten war ein hochgewachſener kräftiger Mann in veralte⸗ ter Bauerntracht, mit einem überaus edeln und maleriſchen Kopfe, um den langes blondes Haar in natürlichen Locken niederhing. Seine Brauen, welche dunkler waren als das Haupthaar, ſtießen dicht zuſammen und gaben ihm den Ausdruck von feſter Entſchloſſenheit; auch war ein Zug von Schärfe, der um den feſtgeſchloſſenen Mund lag, da, welcher andeutete, daß hier mehr ein leidenſchaftlicher und energiſcher, als ein offner und heitrer Charakter verborgen liege. Die andere Geſtalt hatte Züge, welche Aehn⸗ lichkeit mit denen Mariannens zeigten. Nur war ſie größer, ihr Geſicht war verblüht und es lag darauf ein Gepräge von Leiden und Gedankenkämpfen, von welchem das runde blü⸗ hende Antlitz Mariannens keine Spur verrieth. Ihre Tracht war die einer Kloſterſchweſter mit weißer Stirnbinde und ſchwarzer faltiger Robe. Es waren dieſelben Geſtalten, deren Por⸗ traits im Speiſeſaale von Haus Schwalborn unter den übrigen Bildern der Vorfahren hingen. Daß dieſe zwei Traumbilder den Halbſchlum⸗ mer des guten Domherrn belebten, hatte etwas ſehr Erklärliches. In ihnen allein konnte er die Entſchuldigung finden, daß er heimlich, in tiefer 330 Abendſtunde die Zuſammenkünfte der beiden Lie⸗ benden begünſtigte, deren Verbindung ſchnur⸗ ſtracks dem Willen ſeines Bruders und ſeiner geſtrengen Schwägerin entgegenlief. Die Nonne, deren Bild ſich ihm ſo tief ein⸗ gegraben, war die Schweſter ſeines Urgroßvaters geweſen. Ohne viel hofmeiſternde Erziehung nach dem frühen Tode ihrer Mutter aufgewach⸗ ſen, hatte Roſine von Schwalborn den unglaub⸗ lichen und unerhört thörichten Jugendſtreich be⸗ gangen, ſich in einen jungen Bauer zu ver⸗ lieben, der Niemand anders war als der dama— lige Erbe des Schulzenhofes, welchen jetzt ſein Urenkel, der Vater Lambert's, beſaß. Ein heim⸗ liches Liebesverſtändniß hatte ſich zwiſchen dem Edelfräulein und dem Leibeigenen entſponnen und war ein paar Jahre lang unentdeckt geblie— ben. Mehre junge Adlige hatten ſich unterdeß um ihre Hand beworben und waren um ſo eifriger in ihren Bemühungen geweſen, als 331 Roſine außer ihrem kleinen Brautſchatz einen großen und reichen Hof beſaß, den ſie von einer unverheiratheten Tante geerbt hatte und der ſie zu einer höchſt begehrenswerthen Partie machte. Aber Roſine widerſtand hartnäckig dem Andringen der Freier und der Familie. End⸗ lich brachte eine Unvorſichtigkeit ihr verborgenes Verhältniß ans Tageslicht, und da ſie trotz des Sturmes, der jetzt über ſie hereinbrach, nicht nachgab und die Hand eines auch jetzt noch treugebliebenen armen Junkers nicht annehmen wollte, ſo wurde von Vettern und Baſen be⸗ ſchloſſen, ſie ohne Weiteres ins Kloſter zu ſperren. Roſine widerſetzte ſich dieſem Beſchluſſe nicht, aber bevor ſie den Schleier nahm und damit auf die Welt und alle ihre Rechte darin Ver⸗ zicht leiſtete, ließ ſie den Gaugrafen des nächſten Gerichtsorts kommen und durch ihn eine Ver⸗ ſchreibung,„ein Teſtament“ aufnehmen, in wel⸗ chem ſie ihrem Geliebten, dem Schulzen zu Kerſting, für alle Zeiten den Beſitz und die Ver⸗ waltung ihres Eigenthums Schwarzhorſt ver⸗ machte. Durch die Drohung, ſonſt ihrer Ein— kleidung den hartnäckigſten Widerſtand entge⸗ genſetzen und ein öffentliches Zerwürfniß mit ihrer Familie nicht ſcheuen zu wollen, zwang ſie die letztere zur feierlichen Anerkennung des Leibeigenen als unabhängigen Verwalters von Schwarzhorſt, trotz aller entgegenſtehenden Ge⸗ ſetze über die Verhältniſſe und rechtlichen Be⸗ fugniſſe der Leibeigenen. Jener Verſchreibung aber war ein zweites Actenſtück beigefügt, welches ſie geheim hielt vor den Augen Aller und das ſie am Abend vor ihrer Einkleidung ihrem Geliebten über⸗ reichte, mit dem ſie eine letzte Zuſammenkunft ohne Zeugen ſich zu verſchaffen gewußt hatte. Was ich beſitze, ſagte ſie, habe ich den Mei⸗ nigen entzogen, nicht um es dir zu ſchenken, der du ohnehin wohlhabend biſt, und um dich ſo mit einem Reichthum zu überſchütten, der doch deinen Lebensſchmerz nicht heilen würde, nein, nur um mich an der Härte meiner Ver⸗ wandten zu rächen. Aber meine Verwandten ſind nicht reich, und ich will, daß dieſe Rache dann aufhöre, wenn die Schuld, die ſie an mir begehen, geſühnt werden ſollte. Darum ver⸗ walte du den Hof und wuchere mit ſeinem Er— trage: was du davon für dich bedarfſt, das nimm; das Andere ſammle und lege es an einem ſichern Orte nieder, gib es in die Obhut einer Stiftung oder wohin dir gut ſcheint. Dann erſt, wenn in meinem väterlichen Hauſe wieder Menſchen wohnen, deren Herz ſtärker iſt als ihr Vorurtheil: wenn ein Schwalborn mit der freien Einwilligung ſeiner Aeltern ein Mädchen ohne Reichthum und Geburt heirathen oder ein Edelfräulein meines Hauſes einem armen Manne niedrer Herkunft ihre Hand mit ihrem Herzen ſchenken darf; dann ſoll dem Brautpaare als Ausſteuer übergeben werden, was ich dir hin⸗ terlaſſe. Bis dahin laß es vor Jedermann ein Geheimniß ſein; hüte dies Document, welches meinen Willen enthält, vor dem Auge jedes Sterblichen. Nur deine Nachfolger auf deinem Hofe ſollen es von Generation zu Generation empfangen; wenn ſie das Alter der Mündigkeit erlangt haben, dann ſollen ſie um das Geheim⸗ niß wiſſen und es beſchwören, und dazu geloben, es eben ſo dem nächſten Erben hinterlaſſen zu wollen. Ich werde ruhig ſein im Sarge meiner Kloſterzelle, daß es ſo geſchieht. Unter deinen Nachkommen wird kein Schurke ſein!— Das war das Geheimniß, welches Lambert an jenem Abend im verſchwiegenen Parke dem Domherrn anvertraut hatte, als er noch hoffte, damit Karl von Schwalborn die Hand ſeiner Schweſter Marianne und die Freiheit abkaufen zu können. Waren doch die Einkünfte des reichen Hofes nach und nach zu einer unermeßlichen Summe angeſchwollen. In den Händen von Lambert's Vater lagen mehre Tonnen Goldes. Schon der erſte Empfänger des Gutes hatte mit der Verwaltung einer benachbarten Abtei einen Vertrag geſchloſſen, wonach dieſe gegen eine jährliche Averſionalſumme die Einkünfte des Hofes an ſich nahm. So war das Aufſehen vermieden, das ſonſt des Schulzen ins Uner⸗ meßliche ſich anſammelnder Reichthum gemacht haben würde. Es hieß nun, der Hof Schwarz⸗ horſt ſei von der letzten Eigenthümerin der Abtei vermacht, während doch die Stiftskaſſenverwal⸗ tung nur als Bank für die Reichthümer diente, welche der Schulze zu Kerſting verwaltete, aus⸗ lieh und einzog. Aber Lambert's Hoffnungen waren geſcheitert, die Bilder der Zukunft, welche er ſich auf dieſem Goldgrunde ausgemalt hatte, waren in bittre Täuſchung aufgelöſt worden. Deſto mehr hatte ſich der Domherr mit dieſem Geheimniß be⸗ 336 ſchäftigt. Er wußte freilich, daß ſeine Schwä⸗ gerin nie die Einwilligung zu einer Verbindung ihres Sohnes mit einer Bürgerlichen um des Geldes wegen geben würde, und wären es alle Millionen der Welt. Aber daß ſie beitragen würden, dieſe Schätze, die ſtrenge Dame mit einer einmal geſchloſſenen Verbindung zu ver⸗ ſöhnen— daran zweifelte er nicht, und ſo kam es, daß ſeine Seele unter hundert Gedanken, Hoffnungen und Plänen ſich abarbeitete, wie er die Liebenden, die er verſtohlen zuſammenführte, offen vor den Augen aller Welt und beſonders ſeiner gefürchteten Schwägerin zuſammenführen könne, ohne das Siegel zu brechen, welches ſeine Lippen ſchloß. Der ehrliche Deſibodus ahnte nicht, daß währenddeß ſich eine neue Schwierigkeit zwiſchen dieſe Verbindung ſchob, welche größer und un⸗ beſieglicher zu werden drohte als alle frühern. Es war natürlich, daß ſich die Unterredungen — 33 Karl's und Cöleſtinens vielfach um die Lebens⸗ ſchickſale Karl's während der Jahre ihrer Tren⸗ nung bewegten. Einſt, in einem Augenblick traulichſter Unterhaltung— Cöleſtine hatte ihr Haupt an Karl gelehnt, neben dem ſie auf dem Sopha ſaß, während ſein linker Arm ihre weiß⸗ glänzende und ſchöngeformte Schulter umſchlang — erzählte Karl von Bianca Tondini. Die Män⸗ ner haben einen eigenthümlichen Hang, den Frauen, an welche ſie ein feſtes Verhältniß bin⸗ det, von ihren frühern Herzensangelegenheiten, von ihren verliebten Abenteuern zu erzählen. Es iſt nicht immer Eitelkeit, was ſie zu dieſen überflüſſigen Ergießungen treibt; es iſt oft der Trieb, aufrichtig zu ſein und den Beweis voll⸗ ſtändiger Hingebung dadurch zu liefern, daß ſie die ganze alte Liebſchaft en bagatelle behan⸗ delt, der Geliebten als Opfer darbringen, wie ſie ihr einen vertrockneten Blumenſtrauß aus frühern ſentimentalen Tagen hingeben würden; Schücking, Sohn des Volkes. II. 15 ſo werthlos und unbedeutend erſcheint uns leicht⸗ ſinnigen Männern ja meiſt die alte Geſchichte, wie ein Bouquet aus Roſen und Reſeda, das im Staube einer Schublade ſchon ſeit Jahren ſeinen letzten Duft verhaucht hat! Sie ahnen nicht, welches Unheil ſie nur zu oft damit anſtiften! Die Frauen nehmen ſolche Dinge weit ern⸗ ſter. Das Verlangen, nicht allein die Gegen— wart, ſondern auch die Vergangenheit und die Zukunft des Herzens, welches ſie lieben, zu be⸗ ſitzen, iſt in den Frauen eben ſo ſtark wie in den Männern. Die Männer aber ſind naiv genug, ganz einfach an die Möglichkeit dieſes Verlangens gar nicht zu denken, wenn ſie es nicht erfüllen können und, wie nur zu oft der Fall iſt, über ihre Vergangenheit nicht mehr zu disponiren haben. Es iſt überhaupt ſeltſam, wie wenig geneigt wir ſind, den ſo leichten, ſo nahe⸗ liegenden Schluß von uns auf Andre zu machen! Dazu kommt, daß den Frauen die Flatter⸗ haftigkeit männlicher Herzen unverſtändlich iſt und daß ſie deßhalb an das völlige Erlöſchen eines einmal entzündeten Feuers nicht glauben können. Auch in Cöleſtinens Seele gruben ſich tief Karl's Worte ein, als er von der ſchönen Ita⸗ lienerin erzählte. Er hätte es wahrnehmen kön⸗ nen an ihren Fragen und Bemerkungen. Sie hatten etwas Bittres und Spöttiſches: es war vielleicht zum erſten Mal in ihrem Leben, daß Cöleſtine ſpottete. Während Karl noch ſprach, erhob ſie ſich; ſie entwand ſich ſeinem ſie umſchlingenden Arme; als er ihre Hand erfaßte, fühlte er, daß ſie zitterte. Was haſt du, Cöleſtine, iſt dir nicht wohl? Nichts! mich fröſtelt. Sie zog ihren Shawl um ſich. Karl erzählte unbefangen weiter. Erſt als er der ſchrecklichen Kataſtrophe in Bianca's 15* 1 340 Geſchichte erwähnte, barg ſie ſich erſchrocken, tief erſchüttert an ihm. Und wo iſt die Unglückliche jetzt? fragte ſie. Sie iſt nicht weit. Die Fürſtin K. hat ſie zu ſich genommen: ein enges Freundſchaftsband umſchlingt die zwei Frauen, und Beide trennen ſich nie. Natürlich ahnt Bianca nicht, welchen Theil von Schuld die Fürſtin ſelbſt an ihrem Schickſal trägt; ſie glaubt der Liebe der fürſt⸗ lichen Freundin alles das zu verdanken, was zum Theil die Sühne eines reuigen Gewiſſens iſt. Und wo iſt ſie? Sie folgt dem Heere Clerfayt's. Der Fürſt K. iſt Feldmarſchall⸗Lieutenant unter Clerfayt und die unruhige Frau iſt ihrem Gemahl nach ins Feld gezogen. Der Fürſt commandirt die Avantgarde, alſo kann ſie nicht weit ſein. Cöleſtine ſtand auf, um den in der Ecke in ſeinem Sorgenſtuhl nickenden Domherrn zu wecken. Sie ſchied ungewöhnlich früh heute; 341 und ſelbſt Deſibodus bemerkte, während er ſie zum Hauſe ihres Vaters heim begleitete, daß ſie auffallend ernſt und ſchweigſam ſei. Als Cöleſtine leiſe und unbemerkt in ihr Zimmerchen geſchlüpft war, warf ſie ſich unaus— gekleidet auf ihr Ruhelager. Sie faltete die Arme über der Bruſt, die heftig auf und nieder wogte. Aber nur eine kurze Weile konnte ſie ſo ihren ſchmerzlichen Gefühlen ſich überlaſſen. Denn erſt wenig Augenblicke waren vergangen, ſeit ſie zurückgekehrt, als ſie die Thür ihres Vaters im obern Stock ſich öffnen hörte und ein leichter Schritt, der langſam und ſachte aauftrat und Geräuſch vermeiden zu wollen ſchien, die Treppe nieder kam. Ein Andrer folgte. Sie hörte die Stimme des Hauptmanns flüſtern. Durch die Spalten ihrer Thür fielen Lichtſchim⸗ mer in ihr Gemach; die Hausthür öffnete ſich, wurde geſchloſſen und einen Augenblick — darauf trat Zerrwitz im Schlafrock, ein Licht 342 in der Hand, raſch in das Gemach ſeiner Tochter. Du biſt auf? in deinen Kleidern? Was iſt dir, Vater? was iſt geſchehen? — verſetzte Cöleſtine erſchrocken, ohne die Frage ihres Vaters zu beantworten— Du ſiehſt aus ſo bleich wie der Tod— Zerrwitz warf ſich auf einen Stuhl und ließ das Licht aus ſeiner Hand auf den Boden fallen. Ich wollte, der leibhafte Teufel holte mich, ehe der Morgen anbricht— Vater, Vater, was iſt dir? rief Cöleſtine noch erſchrockener aus, während ſie ſich zu der flackernden Flamme am Boden niederbeugte. Ich verdiene Spießruthen zu laufen! ächzte Zerrwitz und raufte ſein graues Haar. 1 Cöleſtine hatte ihren Vater nie in einer ähnlichen Verzweiflung geſehen. Ums Himmels willen, was iſt dir geſchehen? Wer war der Menſch, der eben ging? ⁴³ Es war Lambert, Lambert Kerſting, der vermaledeyte Bauernprinz! Lambert— der iſt hier? Der Teufel hat ihn hergeführt. Er iſt Major bei den Franzoſen und Chef eines ganzen Re⸗ giments der heilloſeſten Räuber und Schufte geworden, die je von dieſem Diebsgeſindel über den Rhein gekommen ſind! Und was wollte er von dir, was bringt dich ſo in Verzweiflung? Von mir nichts: aber von dem Marquis de la Roche will er etwas, nämlich ſeinen Kopf. Gott im Himmel! Und du? Ich habe ihm das Vorhandenſein dieſes un⸗ glückſeligen Stutzers verrathen! Verrathen!? Vater! Wie iſt das möglich! Verrathen! Ja!— Es iſt nicht das erſte Mal, daß ich Lambert wiederſehe; du weißt, ich war unlängſt eine Nacht abweſend. Ich war bei ihm. Ich plauderte mit ihm wie mit einem alten Be⸗ 8 8* 4 344 kannten. So erwähnte ich auch der Vermäh⸗ lung Mariannens. Er verlangte zu wiſſen, ob der Marquis in Schwalborn ſei. Ich konnte es nicht leugnen. Ich hätte nun den Menſchen gern gewarnt. Aber dies adlige Geſindel hat mir ja das Haus verboten. Es iſt ihre Schuld, wenn ſie darüber zu Grunde gehen! Und doch nahm ich es mir vor, von Tage zu Tage, dem Marquis eine Warnung zukommen zu laſſen— ich zauderte, es ging gegen meine Natur, den ſtolzen Menſchen einen Gefallen zu thun; da zogen die Franzoſen weiter, ſie wurden geſchla⸗ gen, flohen, ich athmete leicht auf— jetzt plötz⸗ lich, wie ein Dieb in der Nacht, ſteht dieſer Bluthund, dieſer räuberiſche Schurke, dieſer Lambert vor mir, der mit einer Schwadron keck durch die Vorpoſten der Oeſterreicher ſich durch⸗ geſchlichen hat, um den Emigranten in Schwal⸗ born zu fangen und zu erſchießen! Das iſt fürchterlich! Ja wohl fürchterlich; und wenn der Menſch ermordet wird, ſo ertrage ich den Gedanken nicht, daß auf mich ein Theil der Schuld kommt. Ich wollte, man hätte mich wie einen Hund todtgeſchlagen, bevor ich ſo meine alte preußiſche Uniform entehrte! Zerrwitz war in Verzweiflung: ſein bleiches häßliches Geſicht hatte einen Ausdruck von Wild⸗ heit angenommen, wie die Phyſiognomie eines Wahnſinnigen. War es das plötzlich durch Lambert's Erſcheinen und den Gedanken an die bevorſtehende Greuelthat erregte Gewiſſen, war es das Bewußtſein, die alte eingefleiſchte Sol⸗ datenehre durch ſeine leichtſinnige oder boshafte Verrätherei befleckt zu haben— kurz, er glich jetzt einem Raſenden. Aber iſt denn Alles zu ſpät, iſt denn gar nichts mehr zu thun? rief Chleſtine, die jetzt auch wie vom Schlage getroffen daſtand und an allen Gliedern zitterte. Drang Lambert ins 15** Schloß, dann war ja auch Karl, der öſter⸗ reichiſche Offizier, verloren! Was iſt zu thunl ſchrie Zerrwitz— nichts iſt zu thun: die Schwadron Lambert's hat in dieſem Augenblick bereits das Schloß umſtellt — dann wird Hausſuchung gehalten und wenn der Marquis nicht gleich zu finden iſt, ſo will der Schurke das Haus in Flammen ſetzen. Das iſt furchtbar— das iſt unmenſchlich — das kann, das darf nicht geſchehen. Dieſer Lambert iſt ein Menſch; hier, in ſeiner Heimat wenigſtens wird er ein Menſch ſein! Ein Menſch— ja aber ein in Fanatismus verſunkener— was bleibt da vom Menſchen übrig? Entreiß dem Bären ſein Junges, du wirſt ihn höflich und weichherzig finden im Vergleich mit einem Menſchen, in dem politi⸗ ſcher Wahnſinn ſich mit Ehrſucht vereint hat! Cöleſtine legte nachdenklich die Hand an die Stirn: es ſchien, als ſei plötzlich ein rettender 347 Gedanke in ihr aufgetaucht. Nach einer Weile Beſinnens ſtand ſie auf und griff nach Hut und Umſchlagetuch. Was willſt du thun? Ich will einen Verſuch machen, zu retten. Wohin?— doch nicht zu den Franzoſen? Ja! Um Gottes willen! Du willſt jetzt in der Nacht dich unter eine Schar des Räubergeſin⸗ dels wagen! Cöleſtine ließ matt die Arme ſinken. Du haſt Recht, ſagte ſie. So mußt du gehen, Vater! Ich? Nun ja, du: du biſt es dem Marquis, du biſt es dir ſchuldig! Und was ſoll ich thun? Cöleſtine ſetzte ſich an den kleinen Tiſch, auf dem ihr Schreibzeug ſtand. Zerrwitz blickte ihr über die Schulter. Cöleſtine ſchrieb die folgenden Zeilen: 348 Mein Vater theilt mir mit, was Sie vor⸗ haben. Aber ich warne Sie, Haus Schwal⸗ born zu betreten. Es wohnt Jemand in dem Schloſſe, der wie ein zürnender Rache⸗ engel Ihnen entgegentreten würde, falls Sie die Schwelle überſchritten. Lambert, — es iſt nicht möglich, daß Sie es wagen ſollten Bianca Tondini unter die Augen zu treten! Cöleſtine Zerrwitz. Was ſoll das bedeuten? rief Zerrwitz aus— was wird das helfen? Geh, Vater, geh und zögre nicht: zu Er⸗ klärungen iſt keine Zeit— geh und gib dieſe Zeilen in die Hände Lambert's. Zerrwitz eilte in ſein Zimmer, um ſich in ſeine Kleider zu werfen. Nach zehn Minuten kam er, zu ſeinem Gange gerüſtet, zurück. Es war eine ſternenhelle Nacht. Der alte Soldat trat ungeſäumt mit dem Briefe ſeiner Tochter ſeinen Weg an, indem er ſich nach der Seite wendete, wo er Lambert früher hatte verſchwin⸗ den ſehn. Während er ſo den nächſten der franzöſiſchen Poſten aufſuchte, gab Cöleſtine ſich keineswegs zuverſichtlich dem Glauben hin, daß ſie zur Rettung ihres Geliebten und des Marquis ge⸗ nug gethan. Vielleicht, ſagte ſie ſich, iſt Lam⸗ bert ſo verhärtet, daß er vor einem Zuſammen⸗ kommen mit der Italienerin nicht zurückbebt; oder, falls ſo viel menſchliches Gefühl in ihm zurückblieb, daß er den Anblick des armen Opfers ſeiner Verworfenheit ſcheut, ſo trägt er Andern ſeiner Schar auf, an ſeiner Stelle die Anſchläge ſeiner Rachſucht auszuführen. Es muß mehr geſchehen— es muß Hülfe herbei⸗ geſchafft werden, und Hülfe iſt nirgendwo als bei der nächſten öſterreichiſchen Heeresabtheilung. Cöleſtine hatte gehört, daß ein öſterreichi⸗ ſches Piquet in einem Dorfe ſtand, welches ₰ 350 nicht eine Stunde weit entfernt war. Es galt alſo dieſem augenblicklich eine Nachricht zukommen zu laſſen. Aber wer ſollte den ge— fährlichen Botengang machen? In ihrem Hauſe war kein lebendiges Weſen außer einer Magd; es war zu erwarten, daß die franzöſiſchen Rei⸗ ter ſich in der nächſten Häuſergruppe des Dor⸗ fes, das zu Schwalborn gehörte, einquartiert und an den Ausgängen Poſten aufgeſtellt hatten. Vielleicht war die Vorſicht ſo weit getrieben, daß auch ihr Haus umſtellt worden, damit keine Nachricht daraus dringen könne, nachdem Lambert dem Hauptmann ſeine Abſichten mit⸗ getheilt. Aber ihr Vater hatte ja das Haus unangerufen verlaſſen. Cöleſtine zauderte deß⸗ halb nicht, ihren Entſchluß zu faſſen. Es galt, Karl die Freiheit, vielleicht das Leben zu retten. Sie machte ſich ſelbſt auf den Weg. Sie ver⸗ tauſchte ihren Hut und ihr Umſchlagetuch mit dem Mantel und der Haube ihrer Magd, nahm 351 Alles zu ſich, was ſie an baarem Gelde beſaß, und ſchritt dann kühn in die dunkle Nacht hin⸗ aus, welche eben dem erſten halben Dämmern des Morgens weichen zu wollen ſchien. Siebentes Kapitel. Es gelang ihr, ungeſehen und ungehindert den Weg zu erreichen, der zu dem Orte führte, wel— chen ſie von öſterreichiſchen Truppen beſetzt wußte. Kein Späherauge ſchien wach zu ſein, das die eilig im Schatten der den Weg abgrenzenden Hecken dahinſchwebende Geſtalt bemerkt hätte. Die Nachtluft wehte eiſig kalt um das flüchtige Mädchen, aber ſie fühlte es nicht; ihr Fuß wurde von dem Thau des hohen Graſes bis an die Knöchel genäßt; aber dieſer Fuß blieb ſo elaſtiſch, als ſei er der eines geſcheuchten Rehes. Nach einer Viertelſtunde durfte ſie ſich außer Gefahr glauben. Sie ſchöpfte Athem. Vor ihr in ei⸗ niger Entfernung erblickte ſie ein Strohdach. Noch zehn Minuten und ſie hatte das unan— ſehnliche Gehöft eines Bauers erreicht, das ein⸗ ſam unter einer Pappelgruppe am Wege lag und vor welchem ſich mehre Pfade kreuzten. Sie lenkte ihre Schritte ſeitwärts vom Wege ab und klopfte an die kleine Seitenthür des Hauſes. Im Innern antwortete ein heftiges Hundegebell. Dies ſchien die Bewohner aus dem Schlafe zu erwecken; ſie hörte Geräuſch und Stimmen, und nach einer Weile öffnete ſich ein niederes Fenſter, aus welchem der Kopf eines jungen Burſchen hervorſah. Habt Ihr ein Pferd? fragte Cöleſtine laut und haſtig. Der junge Bauer ſah ſie verwundert an; er mochte ſich beſinnen, ob die Erſcheinung des Mädchens, welches ſo plötzlich vor ihm aufge⸗ taucht war, noch ſeinen Träumen oder der Wirk⸗ lichkeit angehöre. 354 Habt Ihr ein Pferd? wiederholte Cöleſtine. Freilich haben wir Pferde! So nehmt eins, ſchwingt Euch hinauf und ſprengt zu den öſterreichiſchen Vorpoſten. Es ſind Franzoſen in Schwalborn; ein Streifcorps iſt eingefallen, welches das Schloß niederbrennt und die Bewohner mordet; holt Hülfe herbei— da iſt Geld, nehmt es, nehmt es, aber eilt! Der Burſche zog mit einer, Cöleſtine zur Verzweiflung bringenden Ruhe vorſichtig ſeinen Kopf aus dem Fenſter zurück, indem er ſagte: Ich will den Bauer fragen. Der„Bauer“ erſchien nach einigen Augen⸗ blicken auf der Schwelle ſeiner Thür und lud Cöleſtinen in das Haus, wo der Knecht eben den Binſendocht einer Lampe entzündet hatte. Cö⸗ leſtine wiederholte dem Hausherrn ihre Worte und ſank erſchöpft auf einen Stuhl. Der Bauer ſtieß ein paar derbe Flüche aus, ohne zu erklä⸗ ren, ob er ſie gegen die Unterbrechung ſeines Schlummers oder gegen die Feinde ſeines Va⸗ terlandes richte, dann aber hieß er ſeinen Knecht, ſogleich das beſte Thier aus ſeinem Geſpann zu zäumen und davonzuſprengen. Nicht ſo raſch, wie es Cöleſtinens Unge⸗ duld verlangte, aber doch in kurzer Zeit ſaß der Burſche auf der ſchmuzigen Wolldecke, die ſchief über dem Rücken des Gaules hing, und ein ſchwerfälliger Galopp trug ihn von dannen. Cöleſtine athmete auf. Dann ging ſie mit ſich zu Rathe, ob ſie nicht lieber bleiben, als zurückkehren ſollte. Aber es war ihr nicht mög— lich, ruhig den Verlauf der Dinge abzuwarten. Es trieb ſie zurück, und da ſie einmal zur Heim⸗ kehr entſchloſſen war, raffte ſie ſich alſogleich auf, um noch den Reſt nächtiger Dunkelheit zu benutzen und vor Anbruch des Tages heim zu kommen. Nachdem ſie die Neugier des Bauers durch einige haſtige Antworten auf ſeine Fragen ge⸗ 3⁵6 ſtillt und ihm Dank geſagt, eilte ſie wieder da⸗ von. Der Himmel ſchien ſie zu begünſtigen. Kein menſchliches Weſen wurde auf ihrem Wege ſichtbar. Die Natur und die Menſchen ſchienen in Schlummer zu liegen, und die Pein ihres fieberhaft klopfenden Herzens, wie das ganze Bild der farbloſen, im Morgengrauen ſo öde und todt und kalt daliegenden Ebene, welche ſie durcheilte, ja ihre eigene lautlos dahingleitende Geſtalt ſchien nichts zu ſein, als ein ſchwerer und angſtvoller Traum, ein Alp, der ihren Odem drückte. Sie kam an eine Stelle ihres Wegs, wo ein Fußſteig links nach dem Herrenhauſe von Schwalborn ſich abzweigte. Das Gebäude ſelbſt lag in dunkeln, dämmerigen Umriſſen vor ihr— das Dach erſchien von dieſer Seite wie ein gro⸗ ßer ſchwarzer Sarg, um den, wie eben ſo viele Leichencandelaber, die hohen ſchmalen Pappeln ſtanden. Kein Laut tönte von dort her, kein 3 357 Lichtſchimmer war im Schloſſe wach. Cöleſtine hemmte ihre Schritte und ſtand eine Weile lau⸗ ſchend da. Kein Schall, kein Ton, nichts als das bald leiſer, bald voller tönende Pfeifen und Sauſen des Windes, der um die Zeit des Son⸗ nenaufgangs ſich zu erheben pflegt und durch die Geſträuche der Wieſenhecke neben ihr pfiff. Gefahr ſchien hier ſo weit— das Haus, wel— ches von einem fürchterlichen Geſchick bedroht war, lag ſo nahe— ein unwiderſtehlicher Drang ergriff ſie, den Fußweg einzuſchlagen, nach dem Herrenhauſe ſelbſt zu gehen und die Einwohner aus ihrem unſeligen Schlummer wach zu rufen. Sie kämpfte und rang mit ſich; ſie ſtrengte ihre Augen an, um die verborgen lauernden Feinde zu entdecken— ſie ging den Fußſteig, anfangs ſo ſchüchtern taſtend wie ein Knabe, der zum erſten Male den zugefrornen Weiher betritt, dann ſchneller, entſchloſſener. Endlich ſchien ſie ſich zu ſagen, daß die Schnelligkeit ihres Gan⸗ 358 ges die Gefahr verkleinern müſſe; und jetzt be— gann ſie zu laufen, ſo raſch es ihre Kräfte zu— ließen, dem Ziele zu, das ſie wie magnetiſch anzog. Aber Cöleſtine war nicht unbeobachtet. In ihre Mäntel gewickelt, die Carabiner neben ſich, lagen zwei Männer unfern ihres Pfades hinter einer mit Nußſtauden bewachſenen Hügelwellung verborgen. Tiens, tiens, tiens— ſagte der eine, ein junger Burſche von keckem, verwildertem Aus⸗ ſehen, mit ſchielenden Augen— voilà une femme! Une servante qui pendant la nuit aura donné un rendez-vous à quelque rustre! verſetzte der andere, ein langer Menſch mit ei⸗ nem grauen Barte, einer tiefen Narbe über Wange und Mund und einem Geſicht, dem man anſah, daß ihn ein ſchlechtes Gewiſſen unter die Fahne der Republik getrieben hatte, die Flagge, — ³39 welche damals ſo manche havarirte Waare deckte! Je crois que non; elle a la taille fine et elancée, la marche d'une aristocrate.... Elle regarde de ce côté... Est-ce qu'elle nous aurait remarqués par hasard? Pespère que non. Mais— Sans doute— elle nous aura remarqués. — La voilà qui court! Oui— tue-la, L'Etange! Der junge Chaſſeur hatte bereits den Ca⸗ rabiner angelegt. Der Schuß folgte augenblick⸗ lich. Cöleſtine ſtieß einen leiſen Schrei aus und blieb ſtehen; ihre Knie wankten, ſie ſank zu Bo⸗ den, ſie war getroffen. Sot, que je suis! Le coup éveillera les habitans du chaàteau, ſagte jetzt der, wel⸗ cher geſchoſſen hatte. Qu'importe! Nous avons Tordre de 360 ne laisser passer personne, qui que ce soit. Voyons, si elle est réellement morte. Der Chaſſeur erhob ſich und wandelte ſchlei⸗ chend der Stelle zu, wo Cöleſtine geſtürzt war. Aber in demſelben Augenblick, wo er ihr ſo weit ſich näherte, daß ſie ſeinen Schritt ver— nahm, fuhr ſie wie elektriſirt empor und ſtürzte, ſo ſchnell es der Reſt ihrer Kräfte erlaubte, davon. Der Franzoſe ſchien überraſcht, ja erſchrocken über dieſe plötzliche Wiederbelebung der Geſtalt, welche er ein Opfer ſeiner verbrecheriſchen Hand⸗ lung glauben mochte. Er verfolgte ſie nicht. Kurze Zeit darauf hatte Cöleſtine die kleine Thür in der Mauer des Schwalborn'ſchen Gartens erreicht, welche ihr zunächſt lag. Sie wurde gewöhnlich nicht verſchloſſen und war es zum Glück auch heute nicht. Cöleſtine ſchlüpfte hin⸗ ein; noch einige Schritte durch den Garten, über 36]¹. einen Hof, und die Thüre der Gärtnerwohnung in einem Nebenhauſe war erreicht. Vor dieſer Thüre ſank Cöleſtine mit einem lauten Schrei wie leblos zuſammen.—— Sehen wir uns jetzt nach Zerrwitz um, der, den Bitten ſeiner Tochter folgend, unterdeß auf eine andere Weiſe dem bedrohten Hauſe ſeiner Feinde Rettung zu bringen verſucht hatte. Wir finden ihn in dem Dorfe wieder, das etwa zehn Minuten weit von Haus Schwalborn entfernt und durch eine Allee alter Eichen damit ver⸗ bunden iſt. Hier in dem Dorfwirthshauſe hatte Lambert ſein Hauptquartier aufgeſchlagen, und hierhin war Zerrwitz— bald, nachdem er ſein Haus verlaſſen, von einem Chaſſeurpoſten auf⸗ gefangen— vor das Antlitz des Gebieters der Schar gebracht worden. In einer ſchmuzigen, räucherigen Küche, welche durch ein flackerndes Herdfeuer erhellt wurde, ſtanden ſich die beiden Männer gegenüber. Schücking, Sohn des Volkes. II. 16 Was wollt Ihr, Hauptmann? Wollt Ihr Euer Jammern und Gnadeflehen von neuem anfangen? Pfui, ſeid ein Mann! Ich kam zu Euch, um Euch eine Nachricht zu ſagen, von der ich dachte, ſie werde Euer Herz erfreuen, und Ihr winſelt! Ja, Ihr ſeid ſehr freunblich und gütig ge⸗ gen mich geweſen, verſetzte Zerrwitz bitter. Ihr kamt mitten in der Nacht mit Eurer frohen Nachricht, daß ich ſo glänzend gerächt werden ſolle; es war ſehr liebenswürdig, daß Ihr Euch die Mühe gabt. Vielleicht auch war Euch nicht ganz wohl zu Muthe und Ihr hofftet von mir gehetzt zu werden. Aber es iſt eins. Was ich wilI, iſt weiter nichts, als dieſen Zettel Euch geben. Als Lambert die Zeilen Cöleſtinens geleſen, entfärbten ſich ſeine Züge. Dann fixirte er Zerrwitz. Kennt Ihr den Inhalt dieſer Zeilen? Ja. 363 Wie kommt Bianca Tondini nach Schwal⸗ born? Zerrwitz zuckte mit den Achſeln. Was weiß ich? Ich kümmere mich nicht darum, wer in Schwalborn aus⸗ und eingeht. Meine Tochter muß es wiſſen. Lambert ſetzte ſich auf den Strohſeſſel, der neben dem Herdfeuer ſtand, und blickte in die Flamme. Zerrwitz beobachtete ſtill ſeine Züge. Dieſe wurden härter und düſterer, als ſie je ge⸗ weſen. Cöleſtine hatte recht gerathen, wenn ſie annahm, daß er vor einem Zuſammentreffen mit der Italienerin zurückſchaudern werde. Aber der Gedanke, daß Bianca in Schwalborn ſei, machte Lambert nicht milder geſtimmt, ſondern ſtachelte alle böſen Geiſter ſeines Innern auf. Bianca war alſo La Roche nachgefolgt, ſie war ſogar bei ihm geblieben, trotz ſeiner Vermählung mit Marianne — welche Nahrung für Lambert's eiferſüchtiges Haſſen! 16* 364 Weßhalb glaubt deine Tochter, daß ich mich vor einem Weibe fürchte? ſagte er nach einer Weile mürriſch zu Zerrwitz. Fragt ſie ſelber, verſetzte der Hauptmann, der eine Zuſammenkunft Lambert's⸗ mit ſeiner Toch⸗ ter herbeizuführen wünſchte, da er in Cöleſtinens Beredſamkeit die letzte Ausſicht auf Hülfe ſah. Ich will nicht— aber geh' heim, hölzernes Preußenthum, und ſage deiner Tochter, weil das Dach von Schwalborn ſo viele mir liebe Häup⸗ ter berge, werde ich mir mit Durchſuchungen und Executionen einzelner Schuldigen nicht die Zeit verderben. Ich werde die Sache in Bauſch und Bogen abmachen.. Was wollt Ihr thun? Ich will das Neſt in Brand ſtecken laſſen und damit gut. um Himmels willen— Ihr wollt alle, alle, die Unſchuldigen mit den Schuldigen untergehen, Ihr wollt ſie verbrennen laſſen! 365 Und weßhalb nicht? Sind es nicht Ariſto⸗ kraten? Wäre es nicht ein Verbrechen, die Feinde der Freiheit am Leben zu laſſen? Haben ſie nicht alle den Tod zehnmal verdient? Lambert— das iſt nicht möglich, das könnt 1ner Ihr nicht thun— Ihr könnt kein Mordbrenner ſein! Lambert erhob ſich: ein wilder Zorn flammte in ſeinem Geſichte. Fort! ſagte er, und winkte den Soldaten, welche Zerrwitz eingeführt hatten. Dieſer fühlte ſich im nächſten Augenblicke am Arme gefaßt; er mußte den Raum verlaſſen. Verzweiflung im Herzen, erreichte der Haupt⸗ mann ſeine Wohnung wieder. Es war nicht genug, daß er die Anweſenheit des Emigran⸗ ten in Schwalborn verrathen hatte— jetzt hatte er durch die unheilvollen Zeilen Cöleſtinens, de⸗ ren Ueberbringer er geweſen, die Lage der Dinge zehnfach verſchlimmert, und eine Greuelthat ſollte 366 die Folge ſeiner unglückſeligen Einmiſchung ſein, eine Barberei, vor der ſein Blut erſtarrte. Zitternd, außer ſich, trat er über die Schwelle ſeines Hauſes und in das Zimmer ſeiner Toch⸗ ter. Vielleicht ſeit einem halben Jahrhundert hatte ſeine Wimpern kein Tropfen einer wei⸗ chern Empfindung genetzt, denn er war ein har⸗ ter und gemüthloſer Menſch geweſen von Kin— desbeinen an. Aber heute war ihm, als hätte er weinen können am Halſe Cöleſtinens. Er ſehnte ſich förmlich nach ihr. Aber wo war ſeine Tochter? Er betrat ihr Zimmer. Cöleſtine! rief er, indem ſich ſchwer und ächzend ſeine Bruſt hob; Cöleſtine! Cöleſtine antwortete nicht. Die Magd trat über die Schwelle. Ihre Tochter iſt fort: ſie iſt gleich nach Ih⸗ nen aus dem Hauſe gegangen und noch nicht heimgekehrt! Fort!? Herr Gott im Himmel! So iſt ſie nach Schwalborn gegangen! ſo hat ſie dort warnen, retten wollen und die franzöſiſchen Poſten haben ſie niedergeſchoſſen, ehe ſie das Schloß betreten konnte, oder ſie hat es ſchon betreten, und——— Der aite Soldat wagte den Gedanken nicht auszudenken. Er ſtand wie verſteinert, die Arme ſchlaff herabhängend, in der Mitte des Gemachs. Sein Geſicht war blaß wie der Tod— ſeine Lippen waren blau und ein ſchmerzliches Zucken umſpielte ſie. Er will das Haus niederbrennen laſſen! flü⸗ ſterten dieſe Lippen— lautlos, mechaniſch. In dieſem Augenblicke tönte von fernher, aber deut⸗ lich ein Schuß durch die todtenſtille Morgenluft. Der Hauptmann ſank in die Knie. Was je an Falſchheit, Tücke und Härte in dieſer Seele gelegen— das Alles war abgebüßt und ge⸗ ſühnt durch die Pein dieſes Augenblicks. Achtes Kapitel. Als Cöleſtine aus ihrer Betäubung erwachte und die Augen aufſchlug, fand ſie ſich auf dem Sopha im Gartenſalon von Schwalborn wie⸗ der. Ihre erſten Blicke begegneten denen Karl's, der mit verſtörtem Geſichte ihr zu Häupten ſtand, während alle übrigen Mitglieder der Familie voll bekümmerter Theilnahme ſie rings umgaben. Selbſt Frau von Schwalborn hatte beim An⸗ blick eines wirklichen Unglücks ihren alten Groll gegen Cöleſtine ſo weit vergeſſen, daß ſie eigen⸗ händig ihre Wunde verbunden. Der Schuß war durch das Fleiſch des linken Oberarms des jun— gen Mädchens gedrungen; ihre Kleider waren 369 von oben nach unten mit Blut bedeckt, aber Schmerzen fühlte Cöleſtine nicht, und eine Mi⸗ nute lang überflogen ihre Blicke ruhig den Raum, den jetzt die erſten Strahlen der hellen Morgen⸗ ſonne beleuchteten. Um Gottes willen, Cöleſtine— erklären Sie — begann jetzt Karl, deſſen Geſicht ſich in dem Augenblicke freudig verklärt hatte, in welchem ſie das Auge aufgeſchlagen— erklären Sie—? Dieſe Frage ſchien der Verwundeten plötz⸗ lich das Bewußtſein ihrer Lage ganz zurückzu⸗ bringen. Indem ſie halb den Oberkörper von ihrem Lager erhob, der Kreis ihrer Augen ſich erweiterte und in ihren Zügen alle Zeichen des tiefſten Entſetzens aufblitzten— rief ſie aus: Um Gottes willen— kümmert Euch nicht um mich— flieht, flieht, flieht Alle, oder ihr ſeid verloren! Iſt ſie wahnſinnig? brach Frau von Schwal⸗ born aus. 1 16** Nein, nein, flieht nicht! ſagte ſie, matt zu⸗ rückſinkend— es iſt zu ſpät— o, es iſt entſetzlich! Karl ergriff ihre Hand. Faſſung, Faſſung, Cöleſtine! flüſterte er— ſag', erkläre, was dies Alles bedeutet! Das junge Mädchen ſchlug mit einem Aus⸗ ruf des tiefſten Schmerzes die Hände vor das Geſicht. In dieſem Augenblicke trat eine verſtörte Ge— ſtalt mit leichenblaſſen Zügen haſtig in den Sa⸗ lon. Es war der Verwalter. Haſt du etwas entdeckt? ſchrie ihm der alte Freiherr ängſtlich entgegen. Ja, Ew. Gnaden, ſagte Tafelmacher, ſchlot⸗ ternd vor Angſt,— und bei Gott, nichts Gutes. Als ich mit den Knechten hinauslief, um zu ſehen, wer auf die Demoiſelle geſchoſſen haben könne, ſtießen wir auf franzöſiſche Soldaten. Sie legten die Karabiner auf uns an— Franzoſen! Wie iſt das möglich? 371 Ja, ja, rief Cöleſtine, ſich jetzt erhebend und vor den Marquis de la Roche tretend; und Sie ſind es, den ſie vor Allen ſuchen! Sie— den Emigre! Retten Sie ſich oder Sie ziehen das ganze Haus mit ins Verderben! Wir wollen die Scene des furchtbaren und herzzerreißenden Jammers nicht zu ſchildern ver⸗ ſuchen, welcher den Worten Cöleſtinens folgte. Marianne ſank ohnmächtig in die Arme ihres Gatten, über deſſen Züge die Bläſſe der Todes⸗ angſt ſich ergoß. Karl allein hatte ſeine voll⸗ ſtändige Faſſung behauptet. De la Roche muß fort, rief er aus— es muß ein Verſteck, eine Verkleidung für ihn er⸗ funden werden. Die Mörder wollen das Haus anzünden und wir werden Alle ein Opfer der Flammen, wenn ſie ihn nicht finden, ſagte Cöleſtine. Seid ruhig, flüſterte de la Roche mit leiſer Stimme, da ihm der Athem verſagte; ich will mich ihnen ausliefern: ich will nicht euch Alle mit mir in den Untergang reißen. Es iſt eine Hoffnung, eine ſchwache Hoff⸗ nung da, nahm Cöleſtine wieder das Wort. Es war auf dem Wege nach Rettung, daß ich verwundet wurde. Ich habe einen reitenden Boten zum nächſten öſterreichiſchen Poſten ge⸗ ſendet. Vielleicht kommt Hülfe von dort! Frau von Schwalborn fiel Cöleſtinen bei die⸗ ſen Worten um den Hals, und Thränen näß⸗ ten die Wangen des verwundeten Mädchens. Gott ſegne Sie dafür! ſagte die Matrone. Sie haben mit eigener Lebensgefahr für uns ge⸗ than, was wir nicht um Sie verdient haben! Der Poſten iſt weit, ſagte Karl düſter; er iſt ſchwach— Aber es ſind Kaiſerliche— fiel der Freiherr ſeinem Sohne in die Rede— es ſind kaiſer⸗ liche Truppen— ich athme wieder auf! Sie werden Verſtärkungen heranziehen, Be⸗ 373 fehle ihres Generals einholen, ehe ſie ſich in Bewegung ſetzen— unterdeß ſind wir drei Mal verloren, ſagte jetzt ſeufzend der Domherr Deſi⸗ bod, der ſich ſtill in eine Ecke des Salons ge⸗ ſetzt hatte und ſich gelobte, falls er dieſer Ge— fahr entgehe, ſich nie mehr mit einem Liebes⸗ gedichte oder einem Schäferſpiele zu beſchäftigen. In dieſem Augenblicke ertönte plötzlich durch⸗ dringend, markerſchütternd der Schall einer Trom⸗ pete auf dem Hofe. Den Unglücklichen, für welche dieſes Schmettern eine ſo furchtbare Dro⸗ hung enthielt, ſtand das Herz ſtill bei dem er⸗ ſten Tone, der durch die Wände und Mauern des Schloſſes bis in den ſtillen Gartenſalon drang. Die Thüre wurde weit aufgeriſſen und mit Geſichtern, auf welchen Furcht und Ent⸗ ſetzen ſich ſpiegelten, drängte ſich das Geſinde in den Raum: Die Franzoſen! Sie wollen Einlaß— die Brücke ſoll niedergelaſſen werden. Tafelmacher richtete einen fragenden Blick auf ſeinen Herrn. 3 Noch nicht, noch nicht! Wir müſſen Zeit gewinnen. Was wird es helfen?! ſagte der Marquis de la Roche mit raſchem Entſchluß; laſſen Sie mich dem Unvermeidlichen entgegengehen. Marianne ſchlug die Augen auf und um⸗ armte ihren Gatten mit krampfhaftem Schluchzen. Marianne— halte mich nicht— mach' mir das Opfer nicht doppelt ſchwer. Wenn du nicht wärſt— o wie freudig brächt' ich es dann. Als ein armer, verlaſſener Flüchtling bin ich zu Euch gekommen: Ihr habt mich aufgenommen, habt mich mit Liebe überſchüttet, habt mich unglück⸗ lich gemacht, weil ich nichts hatte, für ſo viel Glück zu danken. Jetzt kann ich es— ich kann Euch retten, indem ich den Blutdurſt dieſer Menſchen befriedige. Nein, nein, gehen Sie nicht, fiel Cöleſtine ein, indem ſie den Marquis beim Arme ergriff und ihm den Weg vertrat. Ich will gehen! Sie? Ja, ich; wenn Einer hier etwas über ihn vermag, ſo bin ich es. Auf mir ruht ſein Haß nicht, und ſo iſt eine Hoffnung da, daß ich ihn erweiche— Cöleſtine, von Wem reden Sie? Wem ſetzen Sie ſich aus? rief Karl. Das leide ich nicht— Wem ſollte ich mich ausſetzen? Mich wird dieſe Hyäne nicht tödten! Noch einmal, von Wem reden Sie? Chleſtine antwortete nicht. Sie hatte das Ge⸗ mach verlaſſen, und eilte durch das Haus über den Hof bis an den Schloßgraben, der ſie von dem jenſeits haltenden Haufen franzöſiſcher Reiter trennte. Die geängſtete Familie war ihr bis in den vordern Theil des Gebäudes gefolgt, um von den Fenſtern aus Zeuge der Unterredung zu ſein. f 1 — ͤ—— 376 Aber nach wenig Augenblicken kehrte Cöleſtine zurück, den Ausdruck voller Verzweiflung in den Zügen. Es war vergebens! ſagte ſie. Er iſt zurück⸗ geblzeben und hat einen untergeordneten Offi— zier geſchickt, der als ein unerbittliches Werk⸗ zeug ſeine Befehle ausführen wird. Aber von Wem reden Sie nur, Cöleſtine? fragte ungeduldig der Freiherr. Von Lambert, Ihrem ehemaligen Leibeigenen! Der? Jal der führt dieſe franzöſiſchen Reiter! Der iſt bei unſern Feinden? ſagte Frau von Schwalborn, in Thränen ausbrechend. So ſei Gott uns gnädig! Marianne ſchlang bei Cöleſtinens Worten die Arme um den Hals ihres Vaters, mit einem erſchütternden Aufſchrei des Schmerzes. Sie war von all dieſen Unglücklichen die Unglücklichſte geworden bei dieſer Nachricht. Das Antlitz Karl's wurde ſo weiß wie Kreide, als er den Namen Lambert's ausſprechen hörte. Cöleſtinens Blicken entging dieſer Eindruck nicht. Wir müſſen uns verbarrikadiren und uns zu halten ſuchen, ſo lange es irgend möglich, ſagte der Freiherr von Schwalborn. Legen wir Alle Hand ans Werk! Die Franzoſen waren unterdeß nicht länger unthätig geblieben. Das Gelingen ihrer Unter⸗ nehmung, welche ſie den von dem Feinde ein⸗ genommenen Cantonnirungen und ſeinen Vor⸗ poſten ſo nahe geführt, hing weſentlich von der Schnelligkeit ab, womit dieſelbe durchgeführt wurde. Da ſich die Zugbrücke vor dem Schloſſe nicht ſenkte, umritten ſie daſſelbe und ein Theil drang in den Garten ein, durch eben daſſelbe kleine Thor, welches früher Cöleſtinen auf ihrer Flucht Einlaß gewährt hatte. Das nahegelegene Gärtnerhaus, das der Schloßgraben vom Haupt⸗ gebäude trennte, wurde erbrochen und angezün⸗ det. Die Franzoſen beriethen dann, auf welche Weiſe ſie ſich raſch und ohne große Anſtrengung, trotz des Grabens, des Hauptgebäudes bemäch⸗ tigen könnten, indem ſie ſchwuren, eine blutige Rache für die Hartnäckigkeit nehmen zu wollen, womit man ihnen die Ausführung ihres Vor⸗ habens erſchwerte. Die Rauchwolke, welche von der in Brand geſteckten Gärtnerwohnung nach kurzer Zeit auf⸗ ſtieg, erhob ſich im friſchen Morgenwinde hö⸗ her und wurde allmälig in der Gegend ſichtbar. Auch der Trupp Reiter bemerkte ſie, welcher vor dem Dorfe, am Anfang der Allee, die von dort nach Schwalborn führte, hielt, eine Art Reſerveſchar, bei der Lambert geblieben. Er ſtand ſeitwärts an eine Eiche gelehnt, dem An⸗ ſchein nach eifrig beſchäftigt, mit ſeinem Sporn die Rinde einer hervortretenden Wurzel des Baums zu zerhacken, während ſein Pferd an den Schöß⸗ lingen der Stauden knupperte, welche im Schat⸗ ten des Blätterdachs wucherten. IIs sont à l'oeuvre, mon major! rief ihm einer der Unteroffiziere zu— ils brulent le chàâteau! Bei dieſer Nachricht traten plötzlich dicke Schweißtropfen auf die bleiche Stirn Lambert's. Eine krampfhafte Verzerrung ging über ſein Geſicht. Im nächſten Augenblicke war es glatt und blaß wie zuvor, aber der Sporn an ſeinem Stiefel klirrte und ein Stück blieb zerſprungen in der Wurzel ſitzen. GCes damnés aristocrates seront rötis comme feu St. Laurence! rief lachend einer der Chaſſeure. Lambert fuhr bei dieſen Worten in die Höhe. Tais-toi, chien de brigand! rief er mit dem Ausdrucke des furchtbarſten Zorns in ſei⸗ nen entſtellten Zügen. Spreng' hinauf, fuhr er, zu ſeiner Ordonnanz gewendet, fort, wiederhole dem Lieutenant meinen Befehl: er ſoll Niemand tödten— als den Emigre; ich jage ihm eine Kugel durch den Kopf, wenn Jemand Anderm ein Haar gekrümmt wird. Die Ordonnanz ſprengte davon. Lambert war in einer ſchwer zu beſchreibenden Aufregung. Das Maß von angeborener Ruchloſigkeit und der Erbitterung, die das Leben ihm eingeflößt, war erſchöpft: es blieb unter der Höhe ſeiner jetzigen That zurück, und ſo erlag ſeine mora⸗ liſche Kraft dem Eindrucke, welchen ſein eigenes Werk auf ihn machte. Er hatte in dem, was er jetzt erreicht, in der Rache an Denen, welche zuerſt Schmerz und Galle in ſein junges Da⸗ ſein geworfen, eine Genugthuung, eine Heilung für ſeine Zerriſſenheit zu finden gewähnt. Der Augenblick war ſeine Hoffnung geweſen ſeit vie— len Tagen; er hatte ſich danach geſehnt, wie der flüchtige, ſchweißtriefende Hirſch nach dem Strome, in den er ſich ſtürzen möchte. Und jetzt? Jetzt hätte auch er ſich in einen Strom ſtürzen mögen— da, wo er am tiefſten iſt! Lambert war ein Menſch, wie die Revolu⸗ tionen ihrer ſo viele emportragen, eine Zeitlang auf der Höhe halten und dann zerſchmettern. Sie gehen aus von irgend einer einſeitigen Auf⸗ faſſung großer politiſcher oder ſocialer Wahr⸗ heiten. Die Erinnerung an perſönliches Dulden unter dem Vorurtheil ſtachelt ſie auf ihrem Wege, treibt ſie in die Extreme und fügt zu ihrem Glaubensbekenntniß die Erbitterung und den Fanatismus. Der Fanatismus raubt ihnen das Urtheil und verleitet ſie zum Frevel im Dienſte ihrer Ueberzeugung; und von dieſem Augenblicke an ſind ſie dem Teufel verfallen. Sie haben jetzt nur noch die Wahl, ſich vom Fanatismus bis an die äußerſten Grenzen führen zu laſſen und dort das Schickſal alles Aeußerſten, die Vernichtung, zu finden: oder zurückzutreten und — ſich den Frevel einzugeſtehen. Aber vor ei⸗ nem ſolchen Bekenntniß am Richterſtuhl des eigenen Ich ſchaudert die Menſchennatur, und lieber geht ſie immer weiter und weiter auf der furchtbaren Bahn. Die Partei umgibt ſolche Menſchen zudem wie eine Phalanx und reißt ſie mit fort und der große Haufe brüllt ihnen betäubende Huldigungen zu. In ſeiner Stu⸗ dirſtube wird Niemand ein Robespierre! Das eben war Lambert's Unglück— oder Glück, daß er ſich der blutigen Partei, der er in Paris angehört hatte, entriſſen und ins Feld gezogen war, wo er der Lüge, welche ſeine Exal⸗ tation gehetzt, der hirnverbrannten Theorie, welche ſeinen Kopf verſchroben hatte, entrückt wurde. So hatte Alles, was in ſeinem Innern gekocht und immer höher geſiedet, nach und nach ſich niederſchlagen und beruhigen können. Wie von einem eiſigen Winde war es jetzt gekühlt, ſeitdem ſeines Vaters Auge auf ihm geruht hatte, ſo ernſt und mahnend wie ein unerſchütterlicher 383 ewiger Gottesgedanke, wie eine jener Wahrhei⸗ ten, welche ſeit Jahrtauſenden, wie Leuchtthürme die Wogen, die Irrſale des Menſchengeſchlechts überragen. Ja, er fühlte es jetzt: ſein Herz war kalt und ſeine Seele zitterte, in demſelben Augen⸗ blicke, in welchem er eine verſchmähte Liebe und einen mit Füßen getretenen Ehrgeiz rächen konnte, ſo voll, ſo blutig, wie es ihm nur immer ge⸗ lüſtete! Während Lambert in ſeine düſtern Gedan⸗ ken verſunken war und nicht wußte, woher irgend einen Zauber nehmen, mit dem er den Kampf ſeines Innern beſchwichtigen, oder eine Hoffnung für ſeine Zukunft, eine Ausſicht für ſein troſtloſes Daſein gewinnen könne, hörte er plötzlich raſch nach einander mehrere Schüſſe fallen. Sollten ſie Widerſtand leiſten? Die Un⸗ glücklichen! ſie wären rettungslos verloren! ſagte er halblaut und ſich aufrichtend. 384 Eine vollſtändige Musketenſalve folgte. Man ſchlägt ſich! rief einer ſeiner Reiter neben ihm. Lambert war im nächſten Augenblicke im Sattel. En avant! Die Schwadron ſprengte im Galopp an den Ort des Kampfes. Lambert ritt langſamer hinter ſeiner Schar. So ſoll ich ſie doch ſehen— flüſterte er; es iſt gut, wir können uns an einander ſpie⸗ geln— wir ſind Beide garſtig geworden: ſie aus einem edlen Weibe eine ehrvergeſſene Thea⸗ terprinzeſſin, und ich aus einem ehrlichen Bur⸗ ſchen— ein Schuft! Es wäre Unrecht, Si⸗ gnora, wollteſt du klagen! Das Geklirr der Schwadron und der Huf⸗ ſchlag der Pferde, die immer raſcher ausgriffen, je lebhafter das Flintengeknall von dem Schloſſe her wurde, füllten die Allee der alten und dicht⸗ 335 wipfeligen Eichen aus; aber plötzlich ſchien es Lambert, als habe dieſer Hufſchlag und dies Waffenraſſeln hinter ſeinem Rücken ein ſeltſam kräftiges Echo gefunden. Er wandte den Kopf— er zog die Zügel ſeines Pferdes mit heftigem Ruck, daß es ſich hoch aufbäumte, und ein donnerndes: Halt! erſcholl von ſeinen Lippen. Seine Reiter hörten ihn nicht. Noch einmal, als ob er die Bruſt zerſpren⸗ gen wollte, ſchrie er ſein Commandowort. Um⸗ ſonſt! ſie flogen in ihrer Kampfluſt dahin und ahnten nicht, daß hinter ihnen, ſchon dicht an ihren Ferſen der Arm ſich hob, deſſen Schlag ſie zu vernichten drohte. Ein Geſchwader öſterreichiſcher Cuiraſſiere kam in feſtgeſchloſſenen Reihen hinter ihnen die Allee heraufgeſprengt. Lambert ſetzte jetzt ſein Pferd in Carrieère, um ſeine Schwadron zu erreichen. Als er bei Schücking, Sohn des Volkes. II. 1756 ihr anlangte, hatte ſie ſoeben von ſelbſt Halt gemacht. Das Detachement, welches beſtimmt geweſen war, den Emigré aufzuheben, war ih⸗ nen entgegengekommen. Es wollte ſich mit meh⸗ ren Verwundeten auf die Reſerve zurückziehen; denn es war plötzlich von einem überlegenen Commando öſterreichiſcher Jäger angegriffen wor⸗ den, welche zuerſt die Chaſſeurs mit einem Ti⸗ railleurfeuer begrüßt und dann aus den Umge⸗ bungen des Schloſſes vertrieben hatten. Lambert hatte kaum Zeit, die nöthigen Befehle zu geben, um den neu herankommen⸗ den Feind geordnet empfangen laſſen zu können. Schlagt euch durch oder verkauft euer Le⸗ ben, ſo theuer ihr könnt! rief er, indem ſein kriegeriſcher Muth in Wuthblicken, die etwas Erſchreckendes, Tigerartiges hatten, aufblitzte. Was mich betrifft, ich laſſe mich in Stücken hauen, ehe ich weiche. Die heranſtürmende Cuiraſſierabtheilung war 387 nicht ſtärker an Zahl als die Chaſſeurs unter dem Befehle Lambert's. Aber es iſt wol kaum je vorgekommen, daß eine deutſche Truppe von einer franzöſiſchen geſchlagen worden, iſt ſie an Zahl gleich und gut geführt geweſen; nur Napoleon's Genie hat franzöſiſchen Truppen eine Zeitlang eine gewiſſe Ueberlegenheit ge⸗ geben. Auch hier zeigte ſich die Beſtätigung dieſer Erfahrung, welche die Geſchichte der Kriege des ſiebenzehnten und achtzehnten Jahrhunderts auf jeder Seite lehrt. Die Chaſſeurs widerſtanden den Pallaſchhieben der deutſchen Cuiraſſiere, welche ſich mit einer Art Wolluſt in den Kampf ſtürz⸗ ten, wie ein Schwimmer in ſein friſches Fluß⸗ bad, nur kurze Zeit. Freilich wäre langer Wi⸗ derſtand thöricht geweſen, da ſie ſich zwiſchen zwei Feuern befanden; nachdem ein halbes Dutzend gefallen, ſuchten die Andern querfeldein in der Flucht eine Rettung, welche die meiſten fanden, 17* 388 da die ſchweren öſterreichiſchen Reiter darauf verzichten mußten, ihre leichter gerüſteten Feinde einzuholen. Nur Lambert verſchmähte es, zu fliehen. Er hieb wie ein Raſender um ſich, rings von einer dichten Gruppe Feinde umgeben. Ergib dich! rief ein alter breitſchultriger Wachtmeiſter, indem er den Hahn ſeiner Sat⸗ telpiſtole ſpannte. Nimmermehr! ſchrie Lambert und ſchlug mit ſeinem Säbel dem alten Reiter die Waffe aus der Hand. Ein Deutſcher! keinen Pardon dem Hund! Ein Reiter hatte ſeine Klinge im Rücken Lambert's hoch aufgehoben: dieſer gewahrte ihn nicht— im nächſten Augenblicke mußte ſein Schädel geſpalten ſein. Halt ein— halt ein— tödtet ihn nicht! ſchrie in dieſem Augenblicke eine helle Frauen⸗ ſtimme und eine zarte Hand ſtreckte ſich mitten in das Getümmel der Kämpfenden, um den 389. Arm zu faſſen, welcher eben den Todesſtreich führen wollte. Zwei Reiterinnen in dunkeln langhinfluten⸗ den Gewändern hatten ſich furchtlos zwiſchen die Streitenden geworfen. Bianca! rief Lambert aus, und ſeine Hand ließ ſchlaff den Säbel ſinken. Bianca Tondini hielt vor ihm. Die Waf⸗ fen hatten ſich vor ihr geſenkt. Neben ihr hielt, ebenfalls zu Pferde, von der Anſtrengung ge⸗ röthet und muthig flammenden Blicks, wie eine zornige Kriegsgöttin, die Fürſtin K. Lambert wurde gefangen genommen und entwaffnet. Er verſuchte keinen Widerſtand mehr und gab apathiſch ſeine Waffen ab. Zwei Cuiraſſiere nahmen ihn zwiſchen ſich und führten ihn mit ſich foͤrt. Neuntes Kapitel. Die Familie, mit deren Schickſalen wir uns in dieſen Blättern beſchäftigten, war gerettet— die Oeſterreicher hatten des edeln Freiherrn Zu⸗ verſicht glänzend gerechtfertigt. Sein Herz jauchzte, daß all ſeine Lieben um ihn ſtanden, unverletzt und wohl, und daß es ſeine alten Waffenbrü⸗ der waren, denen er es verdankte. Aber ohne einen empfindlichen Verluſt ſollte der Tag für ihn nicht vorübergehen. Die von den Franzoſen muthwillig entzündete Feuersbrunſt hatte ſich von der Gärtnerwohnung über das Hauptgebäude er⸗ ſtreckt und ein Flügel des Herrenhauſes brannte lichterloh. Das Geſinde, die öſterreichiſchen Sol⸗ daten, das herbeieilende Landvolk ſuchten aus Kräf⸗ n 8 391 ten zu löſchen und zu retten. Die Bewohner waren im Innern beſchäftigt, die werthvollſten Gegen⸗ ſtände in Sicherheit zu bringen. Nur die zwei Verwundeten konnten nichts beitragen zur Hülfe; man hatte Karl und Cöleſtine aus dem Getüm⸗ mel fort in einen ſtillen Pavillon geſandt, der am Ende des Gartens lag. Während Cöleſtine hier auf einem Armſeſſel ruhte, deſſen grüner Maroquinüberzug ihr fie⸗ berndes Haupt trug, wie grüner Blättergrund eine erbleichende Roſe, hatte ſich Karl auf einen Schemel ihr zu Füßen geſetzt. Sein geſunder Arm ruhte auf ihren Knien. Sein Herz war voll, bis zum Ueberſtrömen voll. Er hätte es um ſein Leben gern in ihre Seele ausgeſchüttet. Aber er hielt es nieder mit aller Kraft, welche ihm geblieben war nach den Erſchütterungen der verfloſſenen Stunde. Er hätte ihre Entſchloſ⸗ ſenheit, ihren Muth, ihre Seelenſtärke bis in den Himmel erheben mögen: aber er hatte ja einſt an dieſer Entſchloſſenheit, an dieſer Stärke gezweifelt! Sollte er ſie zu ſeiner Beſchämung es ahnen laſſen, wie er ſich an ihr verſün⸗ digt, wie wenig er gewußt, welche Macht im Herzen der ſchüchternſten, weichſten, ſchwärme⸗ riſcheſten Frauen liegen kann, ſobald eine wahre und große Gefahr die verborgenen Springfedern ihres Charakters berührt? Er hätte ſo gern von ſeinem Glück zu ihr geſprochen, jetzt am Segen ſeiner Aeltern nicht mehr zweifeln zu dürfen, wenn er Hand in Hand mit Cöleſtinen vor ſie trete. Aber ſollte er dieſe Verſicherung jetzt wie eine Belohnung darbrin⸗ gen, jetzt, wo er ſeine Geliebte hoch erhaben über ſich ſah— wo er fürchten mußte, daß ſie mit Verachtung auf den Stolz ſeiner Aeltern niederblicken würde, bei der Erklärung, ſie ſei jetzt würdig, eine— Schwalborn zu heißen! Sollte er etwas ſagen, das wie eine lächerliche Anmaßung klang?— Nein, er brachte nichts 393 über ſeine Lippen, als jene kurzen Ausrufe der Liebe, welche über dem Grunde der Leidenſchaft aufſteigen, wie die Perlen aus dem ſchäumen⸗ den Römer, oder welche die hellen Funken ſind, die um das Feuer der Seele ſprühen. Liebſt du mich denn noch, Cöleſtine? Sie legte ihre Hand auf ſeine glühende Stirn. Und wollen wir uns nie, nie mehr trennen? Cöleſtine erhob ihr Haupt und blickte ihn groß und fragend an. Nie mehr trennen? Sie ſchüttelte das Haupt. Nun? was ſchüttelſt du leiſe und traurig den Kopf? Du trägſt ein anderes Bild in deiner Seele, Karl— ein Bild, das ſtrahlender und ſchöner iſt als ich— das täglich leuchtender hervortre⸗ ten würde, je bläſſer und farbloſer von Tag zu Tag ich dir erſchiene. Ich bin zu ſtolz, mich in ein ſolches Loos zu ſchicken! Nein, ich kann nie die Deine werden! Karl fuhr erſchrocken, faſt entrüſtet empor. Chleſtine, rief er aus— eine tiefere Krän⸗ kung, ein furchtbareres Unrecht iſt nie einem Menſchen zugefügt worden! Sie verhüllte ihr Geſicht. Ich kann nicht anders. Das iſt nicht allein grauſam, das iſt rach⸗ ſüchtig, das iſt boshaft— Cöleſtine machte eine Bewegung mit der Hand, als wolle ſie ſeine Vorwürfe abwehren: Rachſüchtig! als ob ich ſelbſt nicht am Rande der Verzweiflung ſtände bei der Befriedigung dieſer Rachſucht— als ob ich mir dabei nicht das Grab und die Ruhe des Vernichtetſeins wünſchte! Wobei ſoll ich dir ſchwören— wozu meine Seele verdammen, daß ich nie— Still, ich ſah dich heute noch leichenblaß wer⸗ den bei dem Namen deſſen, der an Bianca frevelte! Sentimentale kranke Seele! ſagte Karl bit⸗ ter. Wie kann man ſo groß, ſo erhaben, ſo bewundernswerth ſein, wie du es vor ein paar Stunden wareſt, und zugleich ſo kleinlich, ſo kindiſch unverſöhnlich, ſo ſtrafwürdig thöricht jetzt! Ein ſchmerzliches Zucken überflog Cöleſtinens ſchöne blaſſe Züge. Sollen denn ewig jene boshaften Spötter Recht haben, welche in den Frauencharakteren ein chaotiſches Durcheinander edler Regungen und unvernünftiger Inſtincte, ſchöner Hingabe und unüberwindlichen Eigenſinns ſehen? Be⸗ denkſt du denn nicht, daß du einem Nichts, we⸗ niger als einem Nichts, einer Laune das ganze Lebensglück eines Menſchen opfern willſt, es in bittere Verzweiflung verwandelſt? Cöleſtine konnte nicht länger vom Munde des Geliebten die tiefſte und klarſte Empfindung ihres Herzens ſchmähen hören. Sie erhob ſich und warf ſich lautſchluchzend an ſeine Bruſt, an dieſe theure Bruſt, in der ſo gar kein Ver⸗ ſtändniß für ſie herrſchte! Schilt mich nicht! ich kann nicht anders! Es liegt in jedem Frauengemüth eine Re⸗ gion, in welche nur ſchwer das Verſtändniß des Mannes eindringt. Karl entdeckte dieſe Region jetzt zum erſten Male und ſtand rathlos, ver⸗ zweifelnd an ihrer Schwelle. Nach einer Weile öffnete ſich die Thür und geräuſchlos trat der Domherr ein. Trotz allen Erſchütterungen dieſes Morgens ſchlug das gute Herz des ſchwärmeriſchen Onkels Deſibod doch vor Freude hoch auf, als er Karl und Cöleſtine einander in den Armen liegen ſah und nun daran dachte, wie jetzt ſicherlich Niemand mehr ſie trennen werde— wie ſeine ſtolze Schwägerin ſelbſt jetzt der Retterin ihres Hauſes freudig ihren mütterlichen Segen geben werde. Die Schäferei und die Empfindſamkeit hatte er in der Angſt der Prüfungsſtunde freilich abgeſchwo⸗ ren: aber dies galt nur für die Bücherwelt, im Leben da behielten ſie für ihn ihr volles Recht! So recht, Kinder, rief er aus— Euer Glück fehlte nur noch, um mein Lebensglück zu beſie⸗ geln— jetzt iſt ja Alles gut— aber was ha— ben Sie, Cöleſtine— ſind das die Thränen des Schmerzes oder die ſchönern Zähren ver⸗ klärter Empfindung? Freudenthränen, hoffe ich, denn jetzt wird Alles gut. Die Flammen ſind eben gelöſcht— zwar ein Flügel des Hauſes iſt niedergebrannt, aber— Aber—? fragte Karl. Du wirſt ſchon ſehen, was ich mit dem Aber meine— es ſtecken viel runde Thaler in dem Aber— warte nur, Karlchen, mein Herzblatt! Der Domherr rieb ſich aus Freude die Hände, ohne daß Karl eine Erklärung aus ihm heraus⸗ bringen konnte, wie er es ſo luſtig finde, einen Theil ſeines Vaterhauſes niedergebrannt und in Schutt und Aſche liegen zu ſehen. Still, ſtill, mein Junge, ſagte der Domherr. Da kommt die Fürſtin, welche⸗dich ſehen will. Die Fürſtin— 2 Die Thür des Pavillons öffnete ſich noch einmal und herein trat der Freiherr von Schwal⸗ born, der eine ſchlanke Frauengeſtalt in Reit⸗ kleidern am Arme führte; Frau von Schwal⸗ born und eine andere jüngere Dame, ebenfalls in Reitkleidern, folgten. Sie, Durchlaucht?— ſagte Karl, indem er froh überraſcht der Fürſtin entgegenging und ihre Hand küßte; Sie überraſchen uns in einem Augenblicke, worin Sie mein armes Vaterhaus in einer Verwirrung finden— O, danken Sie Gott, daß ſie nicht größer iſt, dieſe Verwirrung! Ich habe ſehr für Sie gefürchtet, als ich von meinem Manne hörte, daß er Ihnen Hülfe gegen ein Streifcorps ſenden müſſe. Der alte Freiherr machte der Fürſtin ein tiefes altmodiſches Compliment, um ihr für dieſe 88 Theilnahme am Schickſale ſeines Hauſes zu danken. 399 Seien Sie dafür nicht zu gerührt, ſagte lachend die Fürſtin— Sie können immerhin ein ſtar⸗ kes Stück meiner Theilnahme auf die Rechnung einer ganz gewöhnlichen weiblichen Neugier ſchrei⸗ ben. Sie verſtehen mich, Herr von Schwal⸗ born! fuhr ſie mit ſchalkhaftem Blicke, zu Karl gewandt, fort. Statt der Antwort nahm Karl die Hand Cöleſtinens und ſtellte ſie der Fürſtin vor. Entſchuldigen Sie, meine Braut— er ſprach das Wort mit großem Nachdruck— ſie iſt verwundet. Armes Mädchen, ſagte die Fürſtin, indem ſie Cöleſtinens Hand in die beiden ihrigen nahm und herzlich drückte— ja, Sie ſind es, die ich kennen lernen wollte. Wir Frauen ſind immer neugierig, ein weibliches Weſen kennen zu ler⸗ nen, für welches ein Mann, wie Ihr eigenſin⸗ niger Freund es gethan hat, alle Lockungen des Ehrgeizes und der Eitelkeit, alle verführeriſchen Reize der Schönheit, alle Ausſichten auf Em⸗ porſteigen zu Rang und Macht mit Füßen tre⸗ ten kann. Ja, ja, vergeſſen Sie ihm das nicht — laſſen Sie es ſich von mir geſagt ſein, wenn er ſelbſt zu beſcheiden dazu iſt, Ihr allzeit ge⸗ treuer Seladon!. Es lag ein gewiſſer Spott in dem Tone, womit die Fürſtin K.— die Frau der wiener Geſellſchaft— dieſe Worte ſprach. Aber Cöle⸗ ſtine war nicht in der Stimmung, dieſen Spott zu erfaſſen, der eine Verſicherung begleitete, welche ihr das Leben wiedergab. Sie wußte nicht, was ſie antworten ſollte, und als nun gar Karl ſie der Begleiterin der Fürſtin vorſtellte mit den Worten: Fräulein Tondini! da verſagte ihr vollends die Stimme beim ho— hen, ſtürmiſchen Aufſchlagen ihres Herzens. Bianca Tondini war allerdings noch ſchön; ſie hatte noch eine ſchlanke Geſtalt, voll An⸗ muth der Bewegung, ſie hatte eine Stimme voll tiefen Wohlklangs. Aber der Glanz, das Blendende ihrer Erſcheinung war doch dahin, und was Cöleſtine am ſicherſten beruhigte, war die ungetrübte, helle Seelenruhe, womit Bianca und Karl ſich begrüßten. Ein Händedruck Cöleſtinens ſagte es Karl, was in ihr vorgegangen, und daß von dieſem Augenblicke an nichts mehr ſie trenne! Der Freiherr hatte Erfriſchungen in den Pa⸗ villon bringen laſſen. Er bat in den gewähl⸗ teſten Ausdrücken, welche„zu ſeiner Zeit“ die Geltung eleganter Wendungen beſeſſen, die Für⸗ ſtin, es ſich gefallen zu laſſen mit dem, was das Haus eines Landedelmanns nach ſolchen Schreckensſcenen zu bieten vermöge. Die Für⸗ ſtin gewährte ſeine Bitte. Sie erzählte, wie glücklich es ſich getroffen, daß die Vorhut der Heeresabtheilung, welche der Fürſt K. befehligte, eben aufgebrochen und im Vorrücken begriffen 402 geweſen, als ein Bauer die Nachricht von dem tollkühnen Ueberfall des Herrnhauſes durch eine franzöſiſche Truppe gebracht; und wie ſie ſelbſt deßhalb in erſter Morgenfrühe ſchon zu Pferde geweſen, um der vorrückenden Heeresſäule zu folgen. Wer hätte das gedacht, ſagte Karl lächelnd, die für Völkerfreiheit und Aufklärung ſchwär⸗ mende Fürſtin K., die nichts Höheres kannte, als Joſeph's II. edeln Zorn gegen Pfaffentrug und Junkerdünkel, dieſelbe Fürſtin einſt noch in Nacht und Morgengrauen ausrücken zu ſehen, um die Heere der Freiheit und Gleichheit zu vernichten! O, dieſe Zeit läßt uns Vieles ſehen, woran wir früher nicht gedacht haben! Damit war das Geſpräch unmittelbar auf die Politik gelenkt. Auch Bianca nahm eifrig daran Theil. Zu dem Schlimmſten, was wir ſehen, ſagte ſie, gehört der Zuſammenbruch aller Ideale. Das ſchöne Bild einer nach Gottesbewußtſein ringenden und immer höher zur Humanität ſich aufſchwingenden Menſchheit löſt ſich jetzt, wo dieſe Menſchheit in Gährung gerathen iſt, in das Bild einer widrig chaotiſchen Maſſe von Leidenſchaft, Unvernunft und Frivolität auf! Der Domherr wollte gegen dieſes wegwer⸗ fende Urtheil, welches ſein gutes Herz verwun⸗ dete, Proteſt erheben. Aber als er ſeine Augen auf die Züge Bianca's heftete, ſchwieg er. Hier iſt ein reiner Seelenſpiegel durch menſch⸗ liche Schlechtigkeit getrübt— ſagte er ſich— da hilft kein Widerſpruch! Sehen Sie auch ſo düſter, wie meine theure Bianca? fragte die Fürſtin Karl. Beinahe— aber noch würde ich nicht wa⸗ gen, es zu geſtehen. Das Wort Menſchheit hat noch einen goldenen Klang für mich. Aber ich ahne, daß es Herzen geben kann, edle und hoch⸗ 404— ſchlagende Herzen, welche der Gedanke an die Menſchen mit Verachtung und Haß erfüllt. Mein Leben umſchließt erſt zwei große Erfahrungen. Als ich Wien verließ nach dem Tode Joſeph's II., nahm ich die Ueberzeugung mit, daß die Zeit der Herrſcher zu Ende, und daß ein perſönlicher Wille es nicht mehr vermöge, die Staaten je⸗ ner Vollkommenheit des ſocialen Zuſtandes zu⸗ zuführen, welche der Menſch in der politiſchen Geſellſchaft zu fodern ſich berechtigt glaubt. Ich habe von jenem Augenblicke an meine Hoffnung auf das Volk, auf ſeinen eingebornen geſunden Verſtand und auf ſeinen Inſtinct geſetzt. Aber die Revolution hat mir gezeigt, daß das Volk noch weniger im Stande iſt, ſein eigenes Heil zu finden. Sich ſelbſt überlaſſen, ſtürzt es ſich aus der maßvollen Freiheit in die ungemeſſene, aus dieſer in die Anarchie. So kommen wir weder durch die Fürſten noch durch das Volk zum endlichen Ziele. Und wo bleibt uns übrig, unſer Ziel zu ſuchen? Ohne Zweifel bei einer tüchtigen Ariſto⸗ kratie, fiel der alte Freiherr von Schwalborn raſch ein— bei der alten Vermittlerin zwiſchen beiden. Das heißt bei der Ariſtokratie der Intelli⸗ genz, ſagte Bianca. Ja, ja, das iſt's! rief laut der Domherr aus, der begann, ein ganz beſonderes Intereſſe für Bianca zu faſſen. Gleich nachher aber blickte er verſtohlen nach ſeiner Schwägerin hinüber, in deren Stirnfalten eine ſo ketzeriſche Aeuße⸗ rung ein dunkles Ungewitter heraufbeſchworen hatte. Sie haben Recht, nahm die Fürſtin das Wort. Auf der Seite der Fürſten ſtehen Un⸗ vernunft, Leidenſchaft und böſe Gelüſte, und auf der Seite des Volks ſtehen ganz dieſelben dunkeln Mächte, welche das Reich des Rechts und der Wahrheit auf Erden für ewig unmög⸗ lich zu machen ſcheinen, mag man den Fürſten, mag man dem Demos die Herrſchaft geben. Darum ſollte man die Ariſtokratie der Bildung und der Intelligenz auf die Höhenpunkte der Geſellſchaft ſtellen. Aber leider wird ja dieſe Ariſtokratie von beiden Seiten gleich unerbitt⸗ lich gehaßt. Und ſo müſſen wir denn voll Ent⸗ ſagung dem wüſten Schauſpiele des Ringens unſerer Tage zuſchauen und uns darauf be⸗ ſchränken, die ideelle Macht jener Ariſtokratie im Stillen aus allen Kräften zu ſtärken. Wir dürfen ja die Hoffnung auf ihren endlichen Sieg nicht fahren laſſen. Vielleicht kommt eine Zeit, wo der Taumel unſerer Tage vorübergegangen iſt, wo die thörichte Weisheit verlacht wird, welche jetzt durch Umſturz und Dreinſchlagen und Schreckensgeſetze einen Zuſtand möglichſten Glücks und Wohllebens für Alle herbeiführen will, während doch Glück und Wohlleben durch neue Staatsformen nicht geſchaffen, ſondern nur anders vertheilt werden können. Die Menſchen vergeſſen, daß ſie überhaupt nicht für Glück und Wohlleben geſchaffen ſind, ſagte Bianca; ſie vergeſſen, daß neben dem Sommer der Winter, neben der Geſundheit der Schmerz ſteht. Aber der Dichtertraum von der ewig blühenden Atlantis iſt leider eine politiſche Doctrin geworden, ideale Gedanken der Weiſen ſind als Gährungsſtoff unter eine rohe Maſſe geworfen; iſt es ein Wunder, wenn der Wahn⸗ ſinn aus ſo unglücklicher Verbindung des Fein⸗ ſten und Abſtracteſten mit dem Roheſten und Handgreiflichſten entſteht? Man hat das zarte Edelweiß, welches nur in dem reinen Aether der höchſten Gedankenalpen blüht, in den Sumpf geworfen und da iſt eine Giftpflanze daraus geworden! Zehntes Kapitel. Während des vorhergehenden Geſprächs hatte Frau von Schwalborn mit ſehr düſtern und unzufriedenen Mienen dageſeſſen. Nicht als ob der ernſte Inhalt des Geſprächs, der ſich freilich kühn über alle ihre anerzogenen Ideen und from⸗ men Traditionen hinwegſetzte, ſie verletzt oder beunruhigt hätte. Sie hatte im Gegentheil kaum darauf gehört. Ihre Seele war mit einem ganz andern Gegenſtande beſchäftigt. Ihr müt⸗ terlicher Scharfblick hatte den Stand des Ver⸗ hältniſſes zwiſchen ihrem Sohne und Cöleſtinen augenblicklich durchſchaut. Nun hatte ſie aller⸗ dings nach den Ereigniſſen dieſes Morgens, —— ——— —— — — wenn auch noch einen tiefen Widerwillen gegen eine Verbindung ihres einzigen Sohnes und Erben mit einer Bürgerlichen, doch nicht den Muth mehr, Karl ihre Einwilligung zu ver⸗ ſagen. Aber was ſie vor Allem ſchmerzlich be⸗ rührte, das war, daß ſich dieſe jungen Leute ſo ſtillſchweigend von der Fürſtin wie ein Braut⸗ paar hatten behandeln laſſen, und daß ihr ganzes Haus ohne Weiteres eben ſo ſtillſchwei⸗ gend die Sache als abgemacht zu betrachten ſchien. Sie hatte ein paar Mal ihrem Eheherrn höchſt bedeutſame Blicke zugeworfen; aber der wackere Guntram ſtrahlte und glühte heute in verklärtem Oeſterreicherthume und hatte kein Verſtändniß für die Flammenhieroglyphen ihrer zornigen Blicke. So ſteigerte ſich denn jeden Augenblick die Gefahr, daß etwas geſchehe, was ihre mütterliche Autorität unrettbar compromit⸗ tiren würde. Zwar, das Geſpräch nahm eine Schuͤcking, Sohn des Volkes. II. 18 Wendung, die eine Zeitlang ihre Beſorgniſſe niederhielt. Aber als die Fürſtin jetzt mit den Worten: Doch, vertiefen wir uns nicht zu ſehr in dieſe politiſchen Troſtloſigkeiten! ihr Glas ergriff— es erhob, als wolle ſie einen Trinkſpruch aus⸗ bringen— da fühlte Frau von Schwalborn, daß die Gefahr aufs höchſte geſtiegen, daß ſie augenblicklich einen Entſchluß faſſen und durch einen kühnen Griff ihre Würde und ihr Anſehn retten müſſe. Das Schickſal foderte von ihr eine jener Eingebungen, wie ſie in den Mo⸗ menten einer Kriſis, am Rande des Untergangs, das Genie von oben erhält, um die geblendete Welt zur Bewunderung hinzureißen. Frau von Schwalborn hatte eine Eingebung — und ſie bedachte ſich keinen Augenblick, ihr zu folgen. Sie erhob nämlich raſch und muthig ſelber ihr Glas und ſagte feierlich: Sie haben Recht, Frau Fürſtin. Laſſen Sie — uns lieber froh eine bis jetzt vernachläſſigte Pflicht erfüllen, die Geſundheit unſrer Erret⸗ terin zu trinken, die Geſundheit Chleſtinens, — meiner Tochter, der— Braut meines Sohnes! Karl flog bei dieſen Worten an den Hals ſeiner Mutter, die ſich jedoch ſeiner Zärtlichkeit entzog, indem ſie ihm mit ernſtem und würde⸗ vollem Geſichte, auf dem ſich keine einzige der widerſtreitenden und heftigen Empfindungen ihres Herzens ſpiegelte, ihre Hand zum Kuſſe reichte. Nur als Cöleſtine ſchüchtern ihr nahte, um ihre Hand zu erfaſſen, da ſchien es, als wenn vor der natürlichen Sympathie der Frau zu der Frau der Stolz ihres Herzens ſchmölze, und eine Thräne glänzte in ihrem Auge, als ſie ihre verwundete Tochter ans Herz drückte. Tief gerührt umarmte auch der alte Freiherr ſeine Kinder; der Domherr aber ſchluchzte, das weißbattiſtne Schnupftuch vor den Augen, ſo 18* 412 heftig, daß er keine Worte finden konnte, den Sturm ſeines Innern auszudrücken. Die Thür des Pavillons öffnete ſich in die⸗ ſem Augenblick und es war, als ob ein tiefer dunkler Schatten plötzlich über das helle und glänzende Bild der glücklichen Familie geflogen. Es war die Geſtalt eines kummergebeugten alten Mannes, welcher in der Thür ſtand und ſeine düſtern Blicke auf die Gruppe warf, welche ſich ſeinen Augen darbot. Es zuckte ein Anflug von unendlicher Bitterkeit durch ſein Geſicht; dann aber kehrte der Ausdruck unerſchütterlichen, ewig ſich gleich bleibenden Ernſtes in die wet⸗ tergebräunten Züge zurück, und die Geſtalt des alten Schulzen hob ſich ſtrack empor, als mache ſie eine Anſtrengung des Widerſtandes gegen die Laſt des Kummers und der Jahre, welche dieſe feſtgezimmerten Schultern beugte. Neben ihm trat Marianne, die ihm vom Hauſe her zum Führer gedient hatte, in den Pavillon. Sie nahm ihren Vater am Arm und zog ihn zur Seite, in eine Fenſterbrüſtung. Lieber Vater, ſagte ſie, der Schulze wünſcht dich allein zu ſprechen. Er hat mich um mein Fürwort bei dir gebeten— Fürwort? für wen? Für Lambert! ſagte Marianne ſtockend, als ob ihr widerſtrebe den Namen auszuſprechen. Ich bitte dich, Vater, höre ihn wenigſtens an. Denke, daß auch wir nicht ohne Schuld ſind gegen den Sohn dieſes kummergebeugten Man⸗ nes. Lambert's Verbrechen war zunächſt gegen mich gerichtet: er hatte es auf das Haupt mei⸗ nes armen Mannes abgeſehen. Aber ich, Va⸗ ter, ich für meinen Theil vergebe ihm. Der Freiherr von Schwalborn trat auf den Bauer zu. Geht mit mir, Kerſting! ſagte er, und beide Männer gingen langſam die Allee hinunter, welche den Zugang zum Pavillon bildete. 414 Ihr kommt um Lambert's willen, der ge⸗ fangen iſt— begann der Freiherr das Zwie⸗ geſpräch. Ja, gnädiger Herr. Ich komme ſeinetwillen:“ doch fürchten Sie nicht, daß ich komme, ihn zu entſchuldigen. Nein, aber ich will ihn auch nicht richten. Es iſt— ſonſt wäre er mein Sohn nicht— es iſt etwas in ſeiner Bruſt, was ihn richtet. Mag er dem überlaſſen bleiben. Und was ſoll ich für ihn thun? Er iſt gefangen: ich möchte ihn frei haben. Wenn ich ihn mit mir nähme— vielleicht iſt noch ſo viel Kindesgefühl, und noch ſo viel Gottesfurcht in ihm, daß ich ſeine Seele rettete. Der Freiherr ſchüttelte den Kopf. Und wenn das nicht mehr in ihm iſt? Wollt Ihr Jemand ins Haus nehmen, der vielleicht Tag für Tag einen Nagel nach dem andern in Euern Sarg ſchlüge? —p Der iſt doch bald gezimmert! ſagte der Bauer tonlos. Ueberlaßt Euern Sohn ſeinem Schickſal. Er iſt Kriegsgefangener und wird ehrlich gehalten werden; dafür iſt er den Oeſterreichern in die Hände gefallen! Er kann auch in der Gefan⸗ genſchaft in ſich gehen. In der Gefangenſchaft athmet der Menſch auch eine heilſame Luft, die einen guten Kern, wenn er nicht ganz erſtickt iſt, wieder zum Keimen und zum Wachsthum bringt. Nein, nein, verſetzte der Bauer: bei meinem Sohn kommt man nicht weiter auf ſolchem Wege. Seine Mutter, die jetzt unter der Erde liegt, die hat es eingeſehn. Aber der Menſch iſt halsſtarrig in ſeinem Stolze und glaubt brechen zu können, was nicht biegen will. Ihr hättet ihn nicht zum Knecht machen ſollen. Wer nicht ins Joch taugt und wird hineingeſpannt, der zerſchlägt die Stränge und wird tückiſch! Es iſt ein großes Unglück, Herr! 416 Ja, das iſt es! Aber was liegt in meiner Hand dabei? Ich habe den Oeſterreichern nichts zu befehlen. Ihn freigeben kann nur der Ge⸗ neral. Ich kenne ihn nicht. Aber ſeine Frau ſitzt an Euerm Tiſche! er⸗ widerte der Bauer mit vorwurfsvollem Tone. Der Freiherr zuckte die Achſeln. Hört, Herr— ſagte der Schulze mit einem Ausdrucke von warnender Strenge, Ihr könnt das, was ich von Euch erbitte, erfüllen, und Ihr werdet es auch. Wißt Ihr das ſo gewiß? Ja, denn ich habe Euch etwas Wichtiges zu ſagen, was Euch betrifft. Wenn ich Euch das geſagt habe, ſo werdet Ihr jede Bitte er⸗ füllen, welche ich an Euch richte. Aber ich ſchweige, bis Ihr mich auf mein bloßes Wort hin erhört habt. Ich habe Reſpekt vor Euch gehabt mein Lebenlang, denn Ihr ſeid mir im⸗ mer eine gute, chriſtliche Herrſchaft geweſen; aber auch ohne das hätte ich nie vergeſſen, was ich Euch ſchuldig bin. Das weiß ich, Schulze Kerſting— wären viel ſo redliche Männer wie Ihr in der Welt, ſo wäre es beſſer beſtellt um uns Alle. Und ſo, fuhr der Bauer fort, thut mir in meinem Kummer nicht auch noch das Leid an, daß ich Euch hart und taub gegen meine Bitte finde. Thut mir nicht das an, daß ich die Freiheit meines Sohnes Euch abkaufen muß. Laßt Euch in Euerm Alter nicht noch nachſagen, Ihr hättet um Geld gethan, was Ihr nicht aus freien Stücken mir zu Liebe gethan. Der Freiherr ſah verwundert in das Geſicht des Bauers, und begegnete einem eigenthümlich durchdringenden Blicke. Viel iſt untergegangen in dieſer ſchlimmen Zeit, ſagte der Schulze; laßt nicht auch das untergehen, was ich ſeit ſechszig Jahren Gutes von Euch gedacht habe, Herr. 18 ⁸ Nun wohl, erwiderte der Freiherr nach einer Weile Nachdenkens— es liegt in Euern Wor⸗ ten etwas, das mich zwingt, Euch nachzugeben. Ich will im Geheim mit der Fürſtin reden. Sie wird wahrſcheinlich meine Fürbitte wie eine Thorheit aufnehmen. Aber ich will es wagen. Wenn es ſich allein um mich handelte, um das, was er gegen uns verbrochen— meinetwegen könnte Euer Sohn in öſterreichiſcher Gefangen⸗ ſchaft oder auf Euerm Hofe daheim Reue und Leid über ſeine Schandthaten erwecken— aber.... Der Freiherr dachte an Bianca, deren Ge⸗ ſchichte Karl ihm früher erzählt hatte, und die⸗ ſer Gedanke machte ihm einen Schritt zu Gun⸗ ſten ſeines ehemaligen Leibeigenen ſchwer. Aber er ſprach den Namen des fremden Mädchens nicht aus, um den Vater Lambert's durch die Enthüllung ſeiner ſchreiendſten That nicht noch unglücklicher und hoffnungsloſer zu machen. Der 119 Freiherr ging langſamen Schritts zum Pavillon zurück. Als er ſich eine Strecke weit entfernt hatte, rauſchte es neben dem Schulzen, der ihm von weitem folgte, im Gebüſch und der Domherr trat hervor. Kerſting! ſagte er halblaut— wißt Ihr es? Mein Neffe feiert ſein Verlöbniß mit der Toch⸗ ter des Hauptmanns. Fällt nicht jetzt ein Sie— gel von Euerm Munde? Was wißt Ihr? fragte der Bauer verwundert. Ich weiß Alles— es iſt mir von Lambert als Geheimniß in der Beichte anvertraut. Ihr wißt Alles? Nun wohl, ſo macht Ihr es in Ordnung: ich gebe Euch alle Vollmacht; und da iſt das Dokument! Er zog ein Actenſtück aus ſeiner Bruſttaſche und reichte es dem Domherrn. 5 Ich bin heut ein ſchlechter Bote für ſolche frohe Kunden, ſetzte er hinzu. Der Domherr flog zum Pavillon. Aber als er ihn bereits faſt erreicht hatte, kamen die Diener der Für⸗ ſtin mit den Pferden von einer andern Seite her ihm in den Weg. Die Fürſtin kam, herz⸗ liche Worte des Abſchieds an Alle richtend, die Stufen des Pavillons hernieder, um den Trup⸗ penzügen ihres Gemahls zu folgen. Ihr Arm ruhte in dem des Freiherrn. Ich will bei meinem Gemahl Alles thun, um Ihre hochherzige Fürbitte zu erfüllen, ſagte ſie halblaut dem alten Herrn, als ſie am Fuße der Treppe angekommen war. Der Freiherr winkte haſtig den Schulzen herbei. Küßt dieſer Dame die Hand, alter Freund, ſagte Herr von Schwalborn, und dankt ihr! Eure Wünſche werden erfüllt werden. Während Kerſting ſchweigend der Auffode⸗ rung ſeines Gutsherrn gehorchte, warf die Für⸗ ſtin einen prüfenden Blick auf die Züge des alten Mannes. Sehen Sie da, wandte ſie ſich dann an Karl, da iſt ein Mann, den wir aus dem po⸗ litiſchen Horoſkop weggelaſſen haben, das wir vorhin der Zukunft ſtellten. Vielleicht iſt das der Boden, aus dem dieſe Zukunft ſich neue Lebensſäfte zu einem ganz andern Aufblühen zieht, als wir ahnen können! Die Fürſtin ſchwang ſich in den Sattel, Bianca folgte ihrem Beiſpiel, und von ihren Dienern und einem Theile der Cuiraſſiere gefolgt, entſchwanden die beiden Frauen den Blicken der Geſellſchaft. Nun, hob der Freiherr jetzt zuerſt an und erfaßte den Arm des Schulzen— nun könnt Ihr ſprechen, was Ihr mir noch zu ſagen habt. Kommt mit herein— Ihr braucht einen Kreis froher Leute nicht mehr zu fliehn. Ich danke Euch, Herr! ich paſſe doch heute nicht zu frohen Geſichtern. Ich will Euch auch 422 nicht zumuthen, daß Ihr heute noch dem Va⸗ ter Lambert's danken ſollt! Danken? Der Domherr wird Euch Alles ſagen, gnä⸗ diger Herr. Der Bauer wandte ſich und ging, um ſei⸗ nen Sohn in Empfang zu nehmen, ſobald er aus der Gefangenſchaft entlaſſen. Alſo, Deſibod? wandte ſich der Freiherr fra⸗ gend an ſeinen Bruder. Der Domherr hielt mit leuchtenden Blicken eine Schrift in die Höhe. Da ſeht her— Cbleſtine, da iſt dein Braut⸗ ſchatz— da iſt der ganze niedergebrannte Schloß⸗ flügel, reicher und ſchöner als zuvor aufgebaut und noch etwas drüber! So erklären Sie doch endlich, mon frère — ſagte Frau von Schwalborn ungeduldig. Das Teſtament unſrer guten Urgroßtante Roſine! — —:——— — — 2 423 Ein Schäferſpiel Ihrer Erfindung zur Ver⸗ lobungsfeier! ſagte Frau von Schwalborn weg⸗ werfend. Nichts von dem! Der Domherr erzählte dem geſpannt lau⸗ ſchenden Kreiſe die Geſchichte der Ahnin und ihres Vermächtniſſes. Das alſo war es, was den Schulzen ſo ge⸗ heimnißvoll von ſeiner Macht, meine Dankbar⸗ keit zu erkaufen, reden ließ— ſagte der Freiherr, nachdem die erſten Ausrufungen der Verwun⸗ derung und der Freude vorüber: welches edle Herz und welches feine Gefühl wohnt unter dem Zwillichkittel dieſes Mannes! 3 Während die Bewohner von Haus Schwal⸗ born ſich der freudigen Stimmung und dem Entzücken überließen, wofür die wunderbaren, ſich drängenden Ereigniſſe dieſes Morgens ihnen ſo reichlich Grund gegeben, war der alte Schulze 424 rüſtig über Feld gewandert, dem Pfade folgend, welcher ihm von den zuſammengeſtrömten Land⸗ bewohnern als derjenige bezeichnet wurde, den die öſterreichiſchen Cuiraſſiere mit ſeinem Sohne davongezogen. Er mochte ungefähr eine Viertel⸗ ſtunde weit gegangen ſein, als ihm der Haupt⸗ mann Zerrwitz begegnete. Der alte Preuße, der ſonſt ſo aufrecht und kräftig daherſtelzte, ſchritt langſamen, ſchwankenden Ganges, gebückt einher. Eine Todtenbläſſe lag auf ſeinen Zügen. So allein, Herr Hauptmann? fragte der Schulze: Ihr ſolltet in Schwalborn ſein, ſetzte er ſchmerzlich lächelnd hinzu, Eure Tochter feiert Verlobung mit dem Junker und für den Braut⸗ ſchatz iſt auch geſorgt! Der Hauptmann ſah ihn erſchrocken an, als ob eine unheimliche Erſcheinung vor ihm auf⸗ tauche. Dann ſagte er, wie mit Mühe ſich faſſend: Ich habe wol gedacht, daß es ſo kommen würde, als ich hörte, daß meine Tochter ver⸗ — wundet im Schloſſe ſei und die Oeſterreicher herbeigeholt habe. So hätte ich denn auch mein Kind verloren! Wir können einander tröſten, Alter! Tröſten? Was wollt Ihr damit ſagen? Auch Ihr habt ein Kind verloren! Noch nicht ganz— verſetzte mit einem halb ſchmerzlichen Lächeln der alte Bauer. Nicht ganz? Alter Mann, macht Euch keine Hoffnungen mehr. Euer Lambert— Nun— Lambert? Der Schulze legte ſeine Hand um den Arm des Hauptmanns, daß dieſer unter dem krampf⸗ haften Druck zuſammenfuhr. Es iſt gekommen, wie es kommen mußte! verſetzte Zerrwitz. Als ſie ihn fortführten, und ich bei meiner innern Aufregung doch nirgends Ruhe zu finden wußte, bin ich ihm nachgegan⸗ gen, um zu ſehen, was aus ihm werde. Die Cuiraſſiere brachten ihn zu einer Colonne Kriegs⸗ 426 volk, die im Marſche begriffen, ihnen entgegen⸗ kam. Sie ſtellten ihn vor einen Offizier, der ihn zu dem Befehlshaber brachte. Dieſer rief eine Anzahl Offiziere und Gemeine zuſammen; ſie ſtiegen von ihren Pferden und traten ſeitwärts von der Straße unter eine alte Fichte; dort ſprach Einer von ihnen etwas und dann griffen die Andern unter Trommelſchlag an ihre Degen. Damit war es um Euern Sohn geſchehen. Die Oeſterreicher hatten Standrecht über ihn gehalten. Hätte er einen Beichtvater verlangt, vielleicht hätte er ſich noch eine Viertelſtunde Lebens erkauft. Aber es ſcheint, daß er es nicht gewollt hat. Vielleicht hätten ſie auch nicht ein— mal ſo viel Federleſens mit ihm gemacht. Sie werden ihn als Anführer einer Bande Maro⸗ deurs, oder als Landesverräther betrachtet haben, da er ein Deutſcher iſt. Kurz und gut, ſie führ⸗ ten ihn ſeitwärts hinter eine Wallhecke und dann fielen vier Schüſſe; der blaue Rauch qualmte ———— 427 dicht über dem Geſträuch in die Höhe, und die † Colonne, die währenddeß gehalten hatte, mar⸗ ſchirte weiter. b Starr, keine Regung in den tiefgefurchten Zügen, hörte der Schulze dieſen Bericht an. Sein Auge blickte feſt auf den Boden, ſeine herabhängenden Hände hatten ſich mit eiſernem Griffe ineinander verſchränkt. Nur als der Haupt⸗ mann nach einer Pauſe ihm ein Wort des Troſtes ſagen wollte, winkte er ihn heftig mit der Hand *† fort. Der Hauptmann ging. Aber ſo oft er auf ſeinem Wege den Kopf zurückwandte, immer trafen ſeine Blicke dieſelbe dunkle Geſtalt, die wie leblos daſtand, das Haupt gebeugt und das lange graue Haar als Spiel den Winden bietend. 5 6 2————— Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. — Verbeſſerungen. Zum erſten Theile. 8 Seite 3 Zeile 4 v. o. lies: kann an Ruhe und Frieden 15 ⸗90 ⸗ ⸗ früher Stunde ſtatt fro⸗ . her Runde 23 ⸗ 3 ⸗ ⸗ ſtreiche von Zum zweiten Theile. Seite 45 Zeile 6 v. o. lies: ihre frühere makel⸗ loſe 59 15 zog 64 ⸗ 9 ſie ſtatt ihn — 12 ⸗ ⸗ ⸗ ſie ſtatt er —— ⸗ e⸗ ihr ſtalt ihm 72 10 ⸗⸗= Schutzloſen ſtatt Ver⸗ dächtigen 108 ⸗ 20 ⸗ ⸗ verirrt ſtatt variirt 1674 6 ⸗ drittes ſtalt zweites 241 ⸗ 19 ⸗⸗ ⸗ zwei ſtatt drei 245 2 ⸗Nachrichten von der Flucht des Königs, von den Gräueln in Paris * ſſiſſnſſſnſſinſſn 7 8 ————ͤ Tnnnnnuann 9 10 11 12 13 Plannnn 14 15 ſſſiiſrſſſſiiſnſſſüiſſüſſſ 16 17 18 19 4—