1 5 1 NR— * der Leſer ſun Erſatz des Ganzen verpflichtet. Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 4. Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der, Bibliothek. Die Villiothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 8 Pinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 3 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für iithentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 MNk. Pf. „„ 2„—„ 3„—„„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, Leichmbte, ver⸗ orene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. r— Roman von Karl Schubert. Zweiter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1872. ————— — Erſtes Kapitel. In der Kirchhofskapelle. Motto: Wartet, ihr Knospen am Zweige, Bis es Zeit iſt zu blühn, Junge Liebe du ſchweige, Bis es Zeit iſt zu glühn; Doch ſie küſſen und koſen, Und in ſelbiger Nacht Brachen alle die Roſen Auf in duftiger Pracht. Auguſt Becker’s„Jungfriedel“. Leicht glitt der Kahn, von des Hofmeiſters kräf⸗ tigen Armen gerudert, über die Waſſerfläche. Wollte Heinrich dem Anblick enteilen, der ſich ihm im zweiten Schiffe bot, oder ſetzte der Rittmeiſter abſichtlich ſo langſam die Ruder ein, um eine immer größere Strecke zurückzubleiben? Das jenſeitige Ufer war beinahe erreicht. Schubert, Die Jagd nach dem Glücke. II.— 4 2 „Warten wir nicht ein wenig auf Marie?“ meinte Sophie.„Herr Wermuth ſoll ſein wenig ausruhen.“ „Julie“, fragte Wilhelm, der bisher nach des Hofmeiſters Anleitung das Steuer gelenkt,„wann ſingſt Du mir das verſprochene Lied?“ „Ein Sirenengeſang lockt am ſchnellſten die Zu⸗ rückgebliebenen herbei“, erwiderte Heinrich den Blick Juliens, der ihn aufzufordern ſchien, doch auch mit um den Geſang zu bitten. Es ſcheint keine Künſtlerin und keine Dilettantin des Geſangs zu geben, welche, ohne mehrmals gebeten zu werden, im Stande iſt, zu ſingen. Das iſt um ſo ſeltſamer, da die meiſten, wenn ſie einmal angefangen, nicht mehr aufzuhören wiſſen. Julie ſetzte ſicher ein und trug mit ſchönem Aus⸗ druck das Lied vor: „Es ziehet ohne Raſt vorbei Die Welle nach der Welle, Und wunderbare Melodei Ertönt bald dumpf, bald helle. Ich hab' das märchenhafte Lied Des Fluſſes wohl verſtanden, Wenn mir von Sehnſucht heiß durchglüht Die Stunden einſam ſchwanden Und jenſeits an des Ufers Rand Ich ſah das gold'ne Haus, ———————— 2 3 3 Aus dem ein Weib ſo fremd⸗bekannt Mich grüßend blickt heraus. Sie winkt— wohlan, Frau Poeſie, Thu' auf des Tempels Thüren, Mich ſoll der Strom der Phantaſie Zu dir hinüberführen. Zurück! Gar tückiſch iſt der Fluß! Laßt mich, ich ſah ſie winken, Es ſehnet mich nach ihrem Kuß Und müßt' ich todt verſinken!“ Man lauſchte der einfachen Weiſe, die Julie ſelbſt zu dieſem Gedicht Karl Molling's erſonnen. Sophie ſah mit leuchtenden Augen nieder auf das dunkelgrüne Waſſer. Begreiflicherweiſe war nun das Geſpräch auf Karl gelenkt. In Wermuth's Gedächtniß erſchien der Uni⸗ verſitätsgenoſſe doch noch als der von ihm abhängige unſelbſtſtändige Knabe; er vermochte deshalb nicht in das exaltirte Lob einzuſtimmen, das die beiden Mäd⸗ chen ihm ſpendeten. Wohl geſtand er Karl's geiſtige Anlagen zu, meinte aber, Karl werde es ſchwerlich zu etwas Großem bringen. „Eigentlich iſt alles Außerordentliche“, lautete des Hofmeiſters Urtheil,„alles Ungewöhnliche ſeiner Natur zuwider; er fühlt ſich im Hergebrachten allzu wohl. 1* So wird er geduldig den gewöhnlichen Schneckengang eines Staatsdienſtaſpiranten gehen, bis ihm nach lan⸗ gen Jahren eine kleine Anſtellung zu Theil wird; dann heirathet er ein einfaches Mädchen und beſchließt ſeine Tage als kleiner Bureautyrann und willfähriger Diener jeder Regierung.“ „Sie haben Herrn Molling ſeit dem Abgang von der Univerſität nicht mehr geſehen?“ fragte Julie. „Wir ſind etwas unſanft von einander gegangen“, erklärte Heinrich;„ich kann nicht glauben, daß er ſich in ſo kurzer Zeit bedeutend veränderte.“ „Der Onkel hat ſich über ihn erkundigt“, verſetzte Julie;„er genießt das unbedingte Vertrauen des be⸗ rühmten Juriſten Dr. Rödern, bei dem er arbeitet.“ „Bei dem Demokraten!“ lächelte Heinrich höhniſch. „Nun, da iſt er in ſchlimmer Schule; man wird ſeine Einfalt mißbrauchen, ihn vorſchieben. Ich kenne dieſe Idealiſten, dieſe Volksbeglücker, die das Volk für ihre eigenen Zwecke benutzen und, wenn es zum Handeln kommt, ſich aus dem Staube machen oder jüngere ehr⸗ geizige Kräfte in die Breſche ſtellen, unbekümmert, ob ſie dabei deren Exiſtenz zu Grunde richten. Karl ein Demokrat mit ſeinem weichen Herzen! Nun, er wird zur Einſicht kommen. Vielleicht iſt es nur eine Rolle; möglicherweiſe gibt es einmal eine Revolution, 8 5 —— 5 dann hat er ſchnell ein Amt. Wenn aber, was viel wahrſcheinlicher iſt, der Krieg ausbricht, dann mag er lange warten, denn dann ſitzt die Reaction feſter denn je.“ 3 „Sie kennen doch Herrn Molling nicht ganz“, verſetzte Julie unwillig;„er ſpielt nie eine Rolle. Wenn er ſich der freiſinnigen Partei anſchließt, ſo geſchieht es aus Ueberzeugung.“ „Oder aus jugendlicher Schwärmerei“, antwortete Heinrich entſchieden. „Aber ſein poetiſches Talent iſt doch nicht ge⸗ wöhnlich?“ warf jetzt Sophie aufblickend ein. „Wird untergehen“, verſicherte der Hofmeiſter ſar⸗ kaſtiſch,„voder ſich nur noch in Gelegenheitsgedichten, bei Geburtstagen, Hochzeiten oder Todesfällen in der königlichen Familie Luft machen. Viele Sänger der Freiheit haben ſchon ſo geendet.“ „Sie beneiden Herrn Molling“, entgegnete Julie, „weil er beſſere Verſe macht als Sie, denn Sie wol⸗ len von Niemand übertroffen werden. Sie ſind ſehr ehr⸗ geizig— es hilft Ihnen nichts, Sie müſſen dieſen Vor⸗ wurf ertragen; Couſine Marie ſelbſt hat Sie als ſehr ehrgeizig geſchildert.“ „Marie— Fräulein Marie—“ ſtotterte der Hof⸗ meiſter.„Ja, ſie weiß, daß ich Ehrgefühl habe, daß — ich ſtolz bin, ſo gut wie Andere, aber ſie weiß auch, daß ich Titel und Stellung nicht aus gemeinem Ehr⸗ geiz ſuche, ſondern um einen Wirkungskreis, einen Raum zu Thaten zu gewinnen. Nur wer ſich inner⸗ lich leer fühlt, nur der geizt nach dem Kleid äußerer Würde.“ Er hatte dies wieder mit Heftigkeit geſprochen, dann holte er kräftiger mit den Rudern aus, denn das zweite Schiff war herangekommen, und nach we⸗ nigen Minuten erreichten beide Nachen den Lan⸗ dungsſteg. 3 Die Mädchen waren froh, denn es lag etwas in Heinrich's Weſen, das nicht zu ihnen paßte. Die Ge⸗ waltſamkeit und Bitterkeit, wenn er Gelegenheit, ſich zu äußern, die Verſchloſſenheit, wenn er keinen directen Anlaß zu reden fand, war ihnen peinlich. Wie ſtach gegen dieſe trotzige Manier Karl's Artigkeit ab, der, ohne ſeine Eigenthümlichkeit aufzugeben, ſich ſi ſo zuvorkommend benommen!— Vom See aus führte der Weg in ein kleines Thal, das ſich nach und nach zu einer felſigen Schlucht ver⸗ engerte. Der Himmel hatte ſich überzogen, die Atmoſphäre war ſchwül, ein mächtiges Gewitter zog heran. Dennoch beſchloß die Geſellſchaft, da man einmal 9 7 über den See gefahren war, die halbe Viertelſtunde bis zum Waſſerfall am Ende der Schlucht zurückzu⸗ legen. Auch Marie beſtand darauf, obwohl ſie ſichtlich leidend war. Ihr bleiches Geſicht, in welchem alle Adern durch die feine Haut ſchimmerten, erſchien bläſ⸗ ſer als ſonſt, die Lippe farblos; das hellblaue Auge, das unter tiefſchwarzen Brauen und Wimpern hervor⸗ ſah, zeigte jenen flehenden, ſuchenden Ausdruck, den man häufig bei Herz⸗ und Nervenkranken findet. Sie hatte ihren Hut abgenommen lund das glän⸗ zende blauſchwarze Haar fiel in natürlichen Locken auf den etwas nach vorn gebeugten Nacken. Heinrich's unterſetzte Geſtalt ragte nur wenig über die der ſchlanken Marie empor. Er ein Bild gedrungener, trotziger Kraft, das Mädchen von jener rührenden Schönheit und Hülfloſig⸗ keit, welche Bewunderung und Mitleid zu gleicher Zeit erweckt. Der Waſſerfall verdiente ſeine Berühmtheit; aus einem engen Felſenthor herausſchießend, ſprang der Bach in weitem Bogen die beträchtliche Höhe herab und zerſchellte an mächtigen Steinblöcken; der rauſchende Giſcht brauſte wildſchäumend durch das zerklüftete Bett, mit Staubregen die erhitzten Geſichter der Ge⸗ ſellſchaft kühlend. Das Toſen des kochenden Strudels übertönte die fern grollenden Donner des Gewitters; erſt als die Geſellſchaft den See wieder erblickte, er⸗ kannte man die Unmöglichkeit, die Villa zu Waſſer zu erreichen. Ein heftiger Sturm zog über den See und jagte große Wellen mit Verriſſenen ſchäumenden Schei⸗ teln vor ſich her. Noch regnete es nicht, aber phantaſtiſche Wolken⸗ bilder eilten geſpenſterhaft am Himmel dahin, von den unaufhörlich zuckenden Blitzen ſchauerlich beleuchtet. Kein Zufluchtsort war in der Nähe; das Klügſte ſchien, auf dem Fußpfad ſo ſchnell als möglich den Heimweg anzutreten. Julie nahm den Arm des Rittmeiſters, Sophie hing ſich an Wilhelm, Marie folgte, und ſo gut die flatternden Gewänder der Mädchen es erlaubten, flüch⸗ teten ſie vor dem drohenden Regen. Heinrich befeſtigte die Kähne an einem Baum am Ufer, damit der Wind ſie nicht in den See hinaus⸗ treibe, dann eilte er den Uebrigen nach. Als er ſie eingeholt, ſah er, daß Marie von der ſchnellen Bewegung ganz erſchöpft war. Er bot ihr ſeinen Arm, den die Baroneſſe dankbar annahm, und führte die Athemloſe langſamern Schrittes nach. Die lachend Vorausſtürmenden, von der aben⸗ —— 9 teuerlichen Flucht beluſtigt, vergaßen Marie und Hein⸗ rich gänzlich, bis ein furchtbarer Donnerſchlag ſie ver⸗ anlaßte, beſorgt umzublicken. Aber weit und breit war keine Marie und kein Hofmeiſter zu entdecken; auf das Rufen erfolgte keine Antwort. Sophie beantragte, wenigſtens bis an den kleinen Kirchhof zurückzugehen, an welchem der Weg vorbeige⸗ führt, aber der jetzt in ſchweren Tropfen ausbrechende Regen unterſtützte Wilhelm's Vorſchlag, ſich nicht auf⸗ zuhalten und nach Hauſe zu eilen, da man nicht wei⸗ ter vom Schloſſe als vom Kirchhof entfernt ſei. Wahr⸗ ſcheinlich, meinte er, würde Marie, die ihrer ſchwachen Geſundheit wegen ſich dem Regen nicht ausſetzen dürfe, in der Kirchhofskapelle Zuflucht geſucht haben; dorthin könne man ihr unverzüglich einen Wagen ſchicken, der ſie ſicher und wohlbehalten nach Hauſe bringen würde. Heinrich führte mit ſtarkem Arm das ſchwache, leidende Mädchen, welches ſich von ihm willenlos lei⸗ ten ließ; wie im Traum hing die Baroneſſe am Arm des Mannes, der ſocial ſo tief unter ihr ſtand und dennoch eine ſo große Macht auf ſie ausübte, der ihr nothwendig geworden war, wie dem Epheu der Baum, an dem er ſich emporrankt.. Mit ſüßem Schauer empfand Heinrich die holde Laſt; er fühlte das Klopfen der an ſeinen Arm ge⸗ preßten jungfräulichen Bruſt, den Pulsſchlag des ihm über Alles theuren Lebens. Ein nie gekanntes Gefühl überkam ihn; alle Härte und Seltſamkeit ſeines Cha⸗ rakters, der Groll über ſeine bürgerliche Geburt, über ſeine Armuth, ſeine dienende Stellung war in ſeinem Herzen gemildert, er fühlte nur noch eins, daß er Marie liebe, und in dieſem Augenblick war nicht mehr ausſchließlich Selbſtſucht die Triebfeder ſeiner Neigung, er liebte zum erſten Mal rein und wahr, wenn auch heftig und gewaltſam, wie es ſeine Natur gebot. Rechts und links flammten die Blitze, der Donner rollte über den Häuptern der Arm in Arm Dahin⸗ wandelnden, aber ſie bemerkten es kaum. Ohne Worte gaben ſie ſich der Seligkeit hin, die in dieſem Beiſammenſein, in dieſer erſten Berührung für ſie lag, und keins von beiden wagte das Geheim⸗ niß zu entſchleiern, die Sympathie der Herzen auszu⸗ ſprechen, jedes zitterte, den Himmel in der Bruſt herab⸗ zuziehen in die Wirklichkeit, die ihren heißen und doch tiefverborgenen Wünſchen ſo feindlich war. Und doch hätte Heinrich ſo viel zu ſagen gehabt; ſeine Entdeckung, die ihn ſo kühn gegen den Miniſter gemacht, mußte Marie im höchſten Grad intereſſiren, ſie war ja zunächſt betroffen, aber er dachte nun nicht daran, oder erwog vielleicht, daß er jetzt die Leidende 11 nicht aufregen durfte. Vielmehr gehorchte er dem leb⸗ haften Drange ſeines Innern und ſuchte ihr Muth und Troſt zuzuſprechen. „Ich war früher noch kränker“, flüſterte die Ba⸗ roneſſe,„es iſt wahr, die Ohnmachtsanfälle traten häufiger auf; vielleicht überwinde ich dieſe Krankheit mit der Zeit, vielleicht endet ſie einmal plötzlich mein Leben; ich bin herzkrank, das iſt nur zu gewiß; ein großer Schmerz würde mich tödten.“ „O reden Sie nicht ſo ernſt!“ bat Heinrich.„Sie dürfen ſolche Gedanken nicht aufkommen laſſen. Heute iſt es nur das Gewitter, das Ihre Nerven abſpannt.“ „Nein, es iſt etwas Anderes“, hauchte Marie, indem eine tiefe Röthe ihr Antlitz färbte.„Vetter Theodor hat während der heutigen Fahrt über den See um mein Jawort zu unſerer zwiſchen den Vätern längſt abgemachten Verbindung gebeten.“ „Und Sie haben zugeſagt?“ ſtotterte Heinrich bebend. „Ich erklärte dem Vetter, daß ich ihn nicht liebe. Aber mein Vater gab ſein Wort; er iſt ſchwach. Nun wiſſen Sie, was mich heute verſtimmt, ich habe mich gegen Sie ausſprechen müſſen. Sie werden mein Ver⸗ trauen ehren, Sie ſind mein einziger verläſſiger Freund.“ „Ja, Fräulein Marie“, betheuerte Heinrich, ich bin verläſſig, für Sie gehe ich ins Feuer. O, Sie ſind ganz anders als alle Ihres Geſchlechts, Sie ſind eine echte Adlige, nicht blos von Geburt, ſondern auch der Geſinnung nach, denn Ihre Seele erhebt ſich über die Gemeinheit des täglichen Lebens. Sie ſind mein guter Engel; ohne Sie hätte ich nimmer die dienende Stellung im Hauſe Ihres Vaters, nimmer die hoch⸗ müthige Verachtung Ihres Oheims, des Miniſters, ertragen. Sie aber haben meinen Stolz gebeugt, mich Demuth gelehrt, gerade weil Sie zartfühlend mir Ihre Achtung ſchenkten, wenn die Andern mich tief in den Staub traten. Um Ihretwillen, Fräulein Marie, er⸗ duldete ich Alles— o nein, ich war zufrieden, ich war namenlos glücklich in meiner Abhängigkeit, denn ſie geſtattete mir, in Ihrer Nähe zu leben, mich Ihres Umgangs zu erfreuen.“ „Bald werden wir uns trennen“, ſprach Marie, als der Hofmeiſter, beſtürzt, ſeine Leidenſchaft zu deut⸗ lich gezeigt zu haben, ſchwieg,„mir iſt kein langes Leben beſtimmt.“ „Ja, wir müſſen ſcheiden“, entgegnete Heinrich, „und ich verliere in Ihnen den Schutzgeiſt meines Le⸗ bens. Ich habe nie geliebt und bin nie geliebt wor⸗ den, ich glaubte nie an ſelbſtloſe wahre Neigung und oft beklagte ich mein armſeliges Daſein. Mit einem 13 reichen Herzen allein, immer allein zu ſein iſt eine Höllenqual. Da lernte ich Sie kennen, Ihr ſtolz ver⸗ ſchloſſenes Weſen zog mich an, Sie beehrten mich mit Ihrem Vertrauen. Ihr Wohlwollen, Ihre hochherzige Freundſchaft entſchädigte mich für Alles, was ich bis⸗ her entbehrt, und jetzt, jetzt reißt Sie das Schickſal auf ewig von meiner Nähe, aber nicht durch Krank⸗ heit, wie Sie ſchwermüthig meinen, o nein, die menſch⸗ liche Geſellſchaft trennt die hochgeborne Adlige von dem armen bürgerlichen Hofmeiſter.“ Marie ſchüttelte leiſe das Haupt und warf trotzig die Lippen auf, als ob ſie damit ihre Verachtung der Meinung der Geſellſchaft ausdrücken wollte. „Wenn Sie auch heute die Verbindung mit Ihrem Vetter ausſchlugen“, fuhr Heinrich fort,„ſo werden Sie doch bald die Gattin eines andern Unbedeutenden mit bedeutendem Range ſein, Sie werden einem Mann folgen, der Sie mehr um Ihrer Ahnen, Ihres Beſitzthums als um Ihrer ſelbſt willen liebt, zwei vornehme Namen wird man verknüpfen— wer kümmert ſich darum, ob das Herz eines bürgerlichen, niedrig geſtellten Jüng⸗ lings darüber bricht!“ Einen Moment zuckte Mariens Arm, als ob ſie ihn dem ſo kühn ſprechenden Hofmeiſter entziehen wollte, aber ſie that es nicht. Was ſie längſt geahnt, woran ſie oft mit einem Gemiſch von holder Scheu und banger Sehnſucht ge⸗ dacht, war nun enthüllt; ſie wußte, daß Heinrich ſie liebte. Sie erſchrak, und doch war es ein freudiges Er⸗ ſchrecken; wie das Eiſen zum Magnet zurückkehrt, wenn man es nicht ganz aus ſeiner Wirkungsſphäre bringt, ſo vermochte die ſtolze Marie nicht, ſich von dem kühnen Mann loszumachen; ſie ließ ihm ihren zarten Arm, um den ſein ſtarker ſich noch inniger ſchlang, und fand endlich die Worte: „Ich kann und darf Ihnen nie mehr ſein als eine treue, aufrichtige Freundin; nie, nie aber werde ich aus bloßem Herkommen in eine Verbindung willi⸗ gen, nie das Glück des Herzens opfern, denn dann wäre ich ja Ihrer Freundſchaft nicht mehr werth.“ Das Glück des Herzens! Dieſer Ausdruck lenkte Heinrich's Gedanken auf das Tagebuch, ſeine bis jetzt uneigennützigen Gefühle geſtalteten ſich nun zu leidenſchaftlichen Hoffnungen, zu ſelbſtſüchtigen Entwürfen; dieſe auszunutzen war ihm Mariens Stimmung und die Gelegenheit heute günſtig wie noch nie und er wollte eben ſeine heiße Liebe noch rückhaltsloſer geſtehen, da ſchlug, drei Schritte nur von dem wandelnden Paar, der Blitz in eine hohe Fichte ein. 2 2 15 Der furchtbare, von einem gewaltigen Krach be⸗ gleitete Feuerſtrahl drang blendend und wie verſengend in die Augen, ſodaß ſelbſt Heinrich einige Sekunden lang davon betäubt blieb; als er ſich wieder gefaßt hatte, ſah er Marie ohnmächtig zu ſeinen Füßen lie⸗ gen. Er hob behutſam die Bewußtloſe auf und trug ſie mit kräftigem Arm von dem brennenden Baum hin⸗ weg nach dem einſamen Kirchhof, der auf einem kleinen Hügel ganz am See, einige fünfzig Schritte vom Wege entfernt, lag. In die kleine Kapelle, welche wenigſtens vor dem Regen ſchützte, trug er die theure Laſt. Mariens Haupt ruhte auf ſeiner Schulter, ihre langen weichen Locken umſpielten ſeine Wangen. Obwohl er mühſam die kleine Anhöhe erklimmen mußte, wünſchte er dennoch, er dürfte immer ſo weiter wandern mit der geliebten Bürde bis dahin, wo keine menſchliche Macht ſie ihm mehr ſtreitig machen könnte. Einen Augenblick erfaßte ihn das Verlangen, die bleichen Lippen des edlen Antlitzes zu küſſen, aber dieſer Gedanke war ein Frevel; ſeinem Schutz war Marie anvertraut— ſie war beſinnungslos! Mit verdoppelter Anſtrengung erreichte er die Kapelle und legte das lebloſe Mädchen vor dem Marienbild, von ungeübter, aber nicht talentlo⸗ ſer Hand geſchnitzt, nieder. Es war höchſte Zeit geweſen, denn zum zweiten Mal ſchlug der Blitz in die rauchende Fichte. Nirgends war Hülfe zu finden; draußen tobte das Unwetter, alles Lebende hatte ſich unter ein Obdach geflüchtet. Sollte Heinrich das Mädchen allein laſſen, nach dem Schloſſe eilen und Hülfe herbeiholen? Mit aller Kraft ſeiner Lungen rief er Wilhelm, den Couſinen, dem Rittmeiſter, doch vergebens! Bei der Kränklichkeit Mariens konnte der Unfall üble Folgen haben; Heinrich machte ſich Vorwürfe, daß er das Fräulein nicht abgehalten hatte, die Partie mitzumachen, daß er es gewagt, ihr ſeine Gefühle zu verrathen. Er dachte jetzt nur wieder an die Ange⸗ betete; ſeine heiße Liebe machte ihn ſelbſtlos. Er redete ſich ein, um den Preis ihrer Ruhe und ungeſtörten Geſundheit wäre er fähig, Marie auf immer zu ent⸗ ſagen. Doch all dieſe Gedanken halfen ja nicht über die Mißlichkeit der gegenwärtigen Lage hinweg; das Mädchen lag kalt und ſtumm da. Heinrich raffte nun ein paar Teppiche zuſammen, die auf den Betſtühlen lagen und breitete ſie über die Ohnmächtige; dann beſchwor er ſie mit den zärtlichſten Namen, aber ſie regte ſich nicht. Da that er, was auf die Stufen des Altars —— 17 die Pflicht gebot: er lockerte die enge Kleidung, um den Athmungsorganen Erleichterung zu verſchaffen, und brachte die Liegende in eine mehr ſitzende Stellung; dann lief er hinab an den See, ſchöpfte einen Hut voll Waſſer und benetzte die Schläfe des geliebten Hauptes. Mit ſtarrem Auge forſchte er, ob ſie ſich noch immer nicht rege, mit geſpanntem Ohr lauſchte er, ob ſie noch athme. Welche Seligkeit! Ja, ſie lebte, ſie war nur ohn⸗ mächtig. Ihre Hand wurde wärmer in der ſeinen, ihre bleichen Wangen rötheten ſich ein wenig, erſt ſchwach und unregelmäßig, dann immer ſtärker und gleich⸗ mäßiger traten Athemzüge ein. Das Gewitter draußen hatte ausgetobt, die Abend⸗ ſonne leuchtete ſiegend vor ihrem Untergang und ſendete durch die farbigen Glasfenſter ihren tröſtenden Hoff⸗ nungsſtrahl in die kleine Kapelle und die vergoldete Himmelskönigin ſah gütig und mild von ihrem Altar herab auf die Liebenden, die bei ihr Schutz geſucht und gefunden. Jetzt erſt bemerkte Heinrich eine goldene Kapſel, welche die Baroneſſe um den Hals getragen; das feine Kettchen war gebrochen, die Kapſel lag offen am Bo⸗ den. Erſt glaubte er, es ſei irgend ein Amulet, das Schubert, Die Jagd nach dem Glücke. II. 2 —— ſie in verzeihlichem Aberglauben zum Schut gegen ihre Krankheit trage; doch ſchnell verwarf er dieſen Ge⸗ danken und erkannte, als er den Inhalt der Kapſel näher beſichtigte, ſein eigenes wohlgetroffenes Bildniß. Er hatte eine ſolche Photographie einſt Wilhelm geſchenkt; Marie mußte dieſelbe dem Knaben genommen und den Kopf derſelben in dem Medaillon verwahrt haben. Ein Ausruf der Ueberraſchung und Befriedigung entfuhr dem Hofmeiſter. Gleichzeitig kam Marie völlig zum Bewußtſein und erblickte das Medaillon in ſeiner Hand. Sie war verrathen, doch dachte ſie zu groß von ſich ſelbſt, als daß ſie noch ferner den geliebten Mann zu täuſchen verſucht hätte. Der Blitz, der vor ihr einſchlug, war von Gott geſendet worden, damit Heinrich die Tiefe ihrer Neigung erfahre, die ſie, das ſchüchterne, verſchloſſene Mädchen, ihm nimmer geſtehen konnte, und er, der empfindliche, reizbare Charakter, hätte, ſo glaubte ſie, doch niemals gewagt, offen als Bewerber aufzutreten. Jetzt war Alles, was beide ſo heiß erſehnten, ohne ihr Zuthun geſchehen. t „Marie!“ rief Heinrich, warf ſich vor ihr nieder und bedeckte ihre zarten Hände mit Küſſen. Der ſtarke, trotzige Mann ſchluchzte am Herzen des ————— — 49 ſchwachen, zitternden Mädchens und weinte alles Leid der Vergangenheit aus. Als der erſte Sturm ſeines Innern ſich beruhigt, ſchwur er mit erhobener Rechte: „Ich will um Dich ringen und ſtreben, bis Du mein biſt!“ Dann traten ſie aus der Kapelle, und als Marie die geſpaltene, noch rauchende Fichte erblickte, ſagte ſie: „Ich bin Dein. Der Gott, der dieſen Baum zer⸗ ſplitterte, wird uns vereinigen.“. Sie gab ihm die feine weiße Hand, ihre Augen begegneten ſich, ſie reichte ihm die reine Stirn zum Kuſſe. Mit Staunen und Befremdung ſahen der Miniſter und Baron Billmann vom See aus, in ihrem Kahn, der ſich dem Ufer genähert, dieſe Scene mit an; noch größer aber wurde die Ueberraſchung beider, als ſie, ans Land ſteigend, in dem Paare, das Hand in Hand über die Grabhügel zur Straße hinabſtieg, den Hof⸗ meiſter und Marie erkannten. Vom Sturme längere Zeit am See herumgetrieben, hatten nun die beiden Fiſcher auf der kürzeſten Linie trotz der noch immer hohen Wellen das rettende Ufer gewonnen. Der Baron rief ſeine Tochter an. 2* Sowohl Heinrich als Marie waren nicht wenig betroffen, allein es war keine Zeit zu Erörterungen, da auf der Straße vom Schloſſe her Wilhelm mit einem Wagen ankam, der die vom Gewitter Verſchlagenen und unliebſam Zuſammengeführten aufnahm. Baron Billmann entwickelte zum erſten Mal in ſeinem Leben eine große Energie. Er ſchickte Marie zu Bett und kündigte dem Hofmeiſter an, daß er ent⸗ laſſen ſei. Alle Verſuche des armen Heinrich, ſich zu rechtfertigen, wies er zurück und erſuchte ihn, am näch⸗ ſten Morgen ſich zur Abreiſe zu rüſten. Zweites Kapitel. Der berühmte Vertheidiger. Motto: Und als er kam zu Ende, Wie hat es da geſchallt, Wie haben alle Wände Vom Zuruf laut gehallt! Auguſt Becker's„Jungfriedel“. Noch ohne Kenntniß des merkwürdigen Ereigniſſes auf dem Kirchhofe ſaß die Wittwe mit Julie und Sophie am Abend jenes Tages beim Thee. Es wun⸗ derte ſie nicht, als Marie wegen Unwohlſein entſchul⸗ digt wurde; auch daß der Baron ſich am See bei dem argen Unwetter eine kleine Erkältung zugezogen und daher nicht erſcheinen konnte, war nichts Auffallendes. Auch daß Heinrich nicht ſichtbar wurde, überraſchte nicht; er war ſchon öfter abends auf ſeinem Zimmer geblieben, wenn Mariens Unwohlſein, was nicht ſelten vorkam, ſie verhinderte, den Couſinen Geſellſchaft zu leiſten; eine kleine Unart von dem Hofmeiſter welche den Mädchen nicht entging. Heute ſollten ſie dafür durch die Anweſenheit des Herrn von Claming ent⸗ ſchädigt werden, der noch ziemlich ſpät mit Mr. Brown von der Fabrik herüberkam, um ſich zu verabſchieden, da er am nächſten Morgen nach Amerika abreiſen mußte; von dortigen großen Fabriken waren unerwartet ſehr vortheilhafte Verbindungen angeboten worden. Zur Feſtſtellung der Bedingungen war es aber unerlaßlich, daß ein techniſch vorzüglicher Beamter perſönlich nach Amerika ging. Mr. Brown ſcheute die Anſtrengungen einer ſo weiten Reiſe, Herr von Claming dagegen er⸗ klärte ſich ſchnell dazu entſchloſſen. „Rathet einmal, Kinder“, ſagte der Greis, nach⸗ dem die üblichen Begrüßungsredensarten, hier ernſt ge⸗ meint, da man den Director ſehr hochachtete, ausgetauſcht waren,„rathet einmal, von wem die heutigen Zeitun⸗ gen ſprechen, die ich eben dem Poſtboten abnahm?“ Die Damen ſahen alle auf das Paquet Journale, welches der Onkel aus der Taſche ſeines Rockes zog. „Gibt es Krieg?“ rief Sophie erſchreckt. „Sieh nur die heitern Geſichter der Herren“, bar merkte Julie,„es iſt etwas Gutes, aber was?“ „Ihr könnt es nicht errathen. Von Eurem alten Freunde, dem jungen Dr. Karl Molling, ſteht darin.“ 23 „Bravo!“ rief Julie, während Sophie in begreif⸗ licher Spannung aufhorchte. „Herr von Claming iſt ſo gütig, uns den Artikel vorzuleſen, den ich erſt ganz flüchtig angeſehen“, bat Mr. Brown. Der Director nahm das Blatt und las: „Heute endlich kam der Proceß gegen den Pro⸗ feſſor der Philoſophie Dr. N. vor dem Schwurgerichte zur Entſcheidung. Die Klage lautete auf Verbrechen der Verleitung zum Aufruhr und Majeſtätsbeleidigung. Viele Stellen der bekannten Broſchüre des Dr. N. ſind, obwohl geiſtreich und völlig thatſächlich, doch ſo leidenſchaftlich gehalten, daß man bei der Rückſichts⸗ loſigkeit und Allmacht der jetzigen Regierung für Dr. N. einen ſchlimmen Ausgang fürchtete. Mit der Be⸗ hauptung der Anklage hatte das Juſtizminiſterium den geübteſten und geſchickteſten Staatsanwalt betraut. Der berühmte, durch ſeinen Freimuth und ſeine Rednergabe bekannte Advocat Dr. Rödern, welcher die Vertheidigung übernommen, war jedoch plötzlich ſchwer erkrankt; im Intereſſe des Angeklagten hoffte man, die Verhandlung werde vertagt werden, der Beſcheid des Obertribunals beſtimmte jedoch, ſie ſolle deſſenungeachtet ſtattfinden. Die Regierung wußte wohl, daß ſich in der letzten Stunde kaum eine bedeutende und unabhängige juriſtiſche 24 Kraft finden werde, die Vertheidigung des Dr. N. unter ſo ausſichtsloſen Umſtänden zu übernehmen. Durch Chicanen, Maßregeln und Verſetzungen waren die Männer des Rechts eingeſchüchtert worden und die Regierung hoffte, gewonnenes Spiel zu haben und dem Angeklagten einen ganz unfähigen Verthei⸗ diger von Rechtswegen beigeben zu können, welchen der ſpitzfindige Staatsanwalt mit leichter Mühe lächerlich machen konnte. Der Angeklagte beſtand jedoch auf ſeinem Rechte, ſich ſelbſt einen Vertheidiger zu er⸗ wählen, und bezeichnete zum allgemeinen Erſtaunen als ſolchen einen jungen Mann, der erſt vor kurzem das Staatsexamen gemacht, den Doctortitel errungen und als Concipient bei dem Advocaten Dr. Rödern arbeitete. Der junge Juriſt, Dr. Karl Molling, hatte erſt ein paarmal in gewöhnlichen untergeordneten Ver⸗ gehungsfällen, wie Diebſtahl, Verleumdung und der⸗ gleichen vertheidigt, ohne daß ſein Name dadurch ins große Publikum gedrungen wäre. Man kennt ja dieſe ſchüchternen Erſtlingsverſuche, wo ein falſches Pathos mit der Ueberlegung durchgeht oder kühne ſophiſtiſche Behauptungen durch ihre Un⸗ natürlichkeit dem Angeklagten die letzten Sympathien der Geſchworenen rauben. — — ——— 25 In der Stadt betrachtete man die Sache des Pro⸗ feſſors als verloren. Der Sitzungsſaal war zum Erdrücken voll; die heimlichen Anhänger des Profeſſors— Freunde, die für ihn zu handeln verſucht hätten, beſaß er nicht mehr— waren verſammelt, um den freiſinnigen Mann noch⸗ mals zu ſehen. Andere hatte die Neugierde hergetrieben, wieder Andere hofften einen kleinen Skandal, einen heftigen Wortwechſel zu erleben. Der Staatsanwalt hatte ſeine Anklage geſchloſſen und eine Gefängnißſtrafe von fünf Jahren beantragt. Die Situation war ernſt. Mit inniger Theilnahme be⸗ trachtete das anweſende Volk den Mann, der ſo oft unerſchrocken für alle das Wort ergriffen und nun ſo furchtbar dafür büßen ſollte. Auf allen Geſichtern war der tiefe Eindruck, die Trauer und athemloſe Spannung zu leſen, welches Ende das Drama nehmen werde, deſſen letzte Acte, die Vertheidigung und der Wahr⸗ ſpruch der Geſchworenen, noch fehlten. Lautloſe Stille herrſchte in dem weiten Raume, aller Augen richteten ſich auf Dr. Karl Molling, der jetzt ſeine Stimme er⸗ hob. Anfangs zitterte dieſelbe ein wenig, der bleich gewordene junge Mann rang nach Luft, aber mehr und mehr gewann der Sprecher ſeine Feſtigkeit, immer 3 kräftiger und freier wurde ſein volles Organ, ſeine 26 Wangen rötheten ſich wieder, die Augen leuchteten und in ebenſo klarer wie begeiſterter Rede brauſte der Sturm ſeiner tiefempfundenen Worte dahin, jedes Herz er⸗ greifend. Mit unwiderlegbaren Gründen bewies der junge Juriſt, daß die Freiheit der Preſſe die unentbehrlichſte Grundbedingung jedes freien und geſitteten Staats⸗ lebens ſei, daß der Angeklagte vollkommen berechtigt, ja in höherem Sinne verpflichtet geweſen, offene Miß⸗ ſtände zu beſprechen. Dann zertrümmerte der Vertheidiger ein Beweis⸗ mittel des Staatsanwalts nach dem andern, er wies ihm ſchlagend nach, daß er gewiſſe Geſetzesſtellen falſch gedeutet, andere, zu Gunſten des Angeklagten lautende, abſichtlich oder aus Unwiſſenheit gar nicht erwähnt, daß die Vorunterſuchung, trotz der langen Zeit, wäh⸗ rend welcher der Angeklagte verhaftet blieb, dennoch nachläſſig, ja einſeitig geführt worden war. Nicht mehr der auf der Anklagebank ſitzende Profeſſor, ſondern die durch den Staatsanwalt vertretene Regierung war nun der moraliſch ſchuldige Theil und an den Pranger geſtellt. Alles Volk überrieſelte es mit freudigem Schauer, daß, wo ſolche Männer wie der junge Dr. Molling all ihre Geiſteskraft in die Wagſchale würfen, die Wahr⸗ —— 27 heit ſiegen und Recht, der Gewalt zum Trotz, ewig Recht bleiben müſſe. Die Geſchworenen, unter denen ſich viele Gewerb⸗ treibende befanden, die nach dem Titel Hof⸗Schuh⸗ machermeiſter, Hoflieferant ꝛc. ſich ſehnten oder ihn ſchon beſaßen, waren von der Vertheidigung ſo bezau⸗ bert, daß ſie dem Antrage auf Ireiſpmerhung des An⸗ geklagten einſtimmig folgten. Als der Wahrſpruch„Nichtſchuldig“ im Saale verkündet wurde, da brach auf der Gallerie ein unbe⸗ ſchreiblicher Jubel aus. Das Volk umringte den Ver⸗ theidiger, als er das Sitzungsgebäude verließ, auf der Straße, Jeder wollte ihn ſehen, ihm die Hand reichen, ihm danken. Die Vertheidigung des Herrn Dr. Molling reiht ſich in der That den beſten an, die wir je von öffent⸗ lichen Rednern gehört haben, und namentlich ſeine Be⸗ leuchtung unſerer ungeſunden Rechtsverhältniſſe wird der Regierung, welche ſo ſicher einen Sieg erwartete, vielleicht noch ſchwere Verlegenheiten bereiten. Nachſchrift. Wie wir hören, iſt Herr Dr. Molling bedeutet worden, daß er unter der gegenwärtigen Re⸗ gierung keine Anſtellung im Staatsdienſte zu erwarten habe.“ „Wie unklug“, rief der Direiidr entrüſtet, das 28 Blatt an Mr. Brown zurückgebend,„alle Talente, alle, die es gut und ehrlich mit dem Staate meinen, gewalt⸗ ſam in die Oppoſition und ſchließlich zur Empörung zu treiben!“ Sophie ließ ſich von Mr. Brown die Zeitung geben und ſetzte ſich abſeits und las nochmals den ganzen Bericht voll Freude durch. Die Wittwe und Julie ſprachen mit warmer An⸗ erkennung von Karl; auch nachdem Baron Franz Mr. Brown und die Schwägerin zu ſich auf ſein Zimmer hatte bitten laſſen, ſetzte Julie noch ihre Lobſprüche auf Karl fort und betonte namentlich ſein poetiſches Talent. Herr von Claming beneidete unwillkürlich den ihm unbekannten Karl um ſeiner begeiſterten ſchönen Lob⸗ ſpenderin willen. Bis heute hatte ſich Herr von Cla⸗ ming gegen Julie mit der nachſichtigen Herablaſſung, mit dem Wohlwollen eines gereiften Mannes für ein muthwilliges und begabtes Kind benommen; er ſchätzte wohl des Mädchens Wiſſen und Bildung, doch dieſen Ernſt, dieſes feine Verſtändniß für das Streben und den geiſtigen Entwicklungsgang eines Mannes hätte er ihr nie zugetraut. Nun befremdete es Herrn von Claming faſt, daß das heitere Mädchen, das er bisher nur halb ironiſch 29 als große Dame behandelte, plötzlich zu ihm herauf⸗ wuchs, ihm mehr als ebenbürtig wurde, da ſie viel tiefer als er die Verdienſte des jungen Rechtsgelehrten erfaßte und ſo ſicher ein anziehendes Bild ſeines Cha⸗ rakters zu zeichnen wußte. Noch betroffen und ſinnend ſah Herr von Claming unverwandt auf die ſchöne Julie, welche den Ausdruck ſeiner Züge mißdeutete. „Wie zerſtreut und gleichgültig Sie wieder ſind“, ſagte ſie zürnend.„Ich weiß wohl, der geſtrenge Herr der Schöpfung denkt in ſeinem Innern: Was ver⸗ ſteht dieſes Kind von Poeſie? Sie trauen mir kein Urtheil über Herrn Molling's Talent zu. Zur Strafe ſollen Sie noch ein Lied Karl Molling's anhören. Komm, Sophie!“ Sie nahm Sophie das Journal aus der Hand und zog ſie ans Klavier. Mit ſicherer Stimme, be⸗ müht, die volle Schönheit des Gedichts und der Com⸗ poſition— ihrer eigenen— zur Geltung zu bringen, ſang Julie, von Sophie trefflich begleitet: „Wie nur die ſtillen Waſſer Beſitzen tiefen Grund, So thun ſich große Seelen Nicht gleich in Worten kund; Das ſeichte Bächlein murmelt —, 30 Und ſchwatzet ſtets und tönt, Der Meereswogen Donner Nur hier und da erdröhnt; Doch dann bricht aus allmächtig, Was lang verborgen ſchlief, Wenn es empor die Stimme Der Sturmesgottheit rief! Noch ruhet meine Liebe Geheim vor dir, mein Schmerz, Erbange vor der Stunde, Wo aufthut ſich mein Herz! Mein reiches Herz gewaltig Hegt Sturm und Luſt und Weh Und ſeine Lieb' iſt tiefer Und wilder als die See!“ Herr von Claming war tief ergriffen. Julie hatte längſt geendet, Sophie ſpielte fort und überließ ſich ihrer Phantaſie, aber noch immer ſtand der Director in ſich verſunken da. Er beſaß ein weiches Gemüth, deſſen Empfindſamkeit er hinter einer ernſten, zurück⸗ haltenden Außenſeite verbarg. Daß Julie, das aus⸗ gelaſſene Mädchen, von jugendlicher Heiterkeit zu ſolch innigen Gefühlstönen übergehen könne, ſagte ihm, wie irrig er ſie bisher beurtheilt. Sie war ihm jetzt ein Räthſel; er fühlte ein Verlangen, ihr noch tiefer in die Seele zu blicken. Es wurde ihm faſt wehe ums Herz. 31 Liebte Julie vielleicht den Dichter des Liedes? Mit freundlichem Lächeln und doch ſiegesgewiß fragte ſie ihn nun um ſeine Meinung. Er ſprach warm ſeine Anerkennung über das Ge⸗ dicht und noch wärmer über den Geſang aus, und das ſchöne Mädchen ſah ihm dabei ſo offen und glück⸗ ſelig in die Augen! War ſie eine Kokette? Herr von Claming erröthete und bat ihr in Ge⸗ danken dieſen Verdacht ab. Wenn ſie nicht aufrichtig war, dann gab es ja auf der Welt nichts Edles und Unbeflecktes mehr. „Die Theilnahme, welche Sie dem einſtigen Freunde ſchenken“, ſagte er,„ehrt Sie ſelbſt und ihn.“ „Dem einſtigen Freunde?“ fiel Julie ein.„Er iſt es noch.“ „Es iſt brav, daß Sie ſo treu in Ihren Geſin⸗ nungen ſind.“ „Das verdient kein Lob, das iſt nur unſere Pflicht“, verſetzte Julie.„Sie wiſſen, die Mama hat Herrn Molling's Anlagen entdeckt, ja ich kann wohl ſagen, erſt recht entwickelt, und wenn wir auch nicht mit dem liebgewordenen Gaſte unſeres Hauſes correſpon⸗ diren der Großonkel will es nicht— ſo haben wir ihn nicht vergeſſen; der Großonkel weiß und billigt es, —öſſ 32 ſonſt hätte er uns nicht heute ſelbſt auf den Zeitungs⸗ artikel aufmerkſam gemacht.“ „So dürfte ja auch ich hoffen, daß Sie freundlich an mich denken, Fräulein Julie, wenn das Meer zwi⸗ ſchen uns liegt?“ „Müſſen Sie denn gehen? Iſt Ihnen denn die Fabrik mit den lärmenden Maſchinen ſo ſehr ans Herz gewachſen?“ „Ich habe keine Wahl“, antwortete Herr von Cla⸗ ming auf dieſe beinahe vorwurfsvolle Frage. „Und wann kommen Sie wieder?“ „Ich denke, in einem halben Jahr; vielleicht halten mich die Geſchäfte länger entfernt. Doch iſt es ja gleichgültig, wer kümmert ſich um meine Abweſen⸗ heit“ Der ſonſt ſo gemeſſene Mann ſprach dieſe Worte ſo weich wie eine Klage, die ſich wider Willen und ihm ſelbſt unbewußt aus ſeiner Bruſt losgerungen. Julie verſuchte muthwillig zu lächeln, aber es ge⸗ lang ihr nicht. „Der Großonkel, die Mutter, wir alle vermiſſen Sie“, ſagte ſie. „Auch Sie? Werden Sie an mich zuweilen denken, ſo oft und ſo gern“, flüſterte er,„wie ich an Sie nun denken muß?“ 4 4 33 „Ich will es“, verſetzte ſie leiſe und reichte ihm die Hand, auf die er ehrfurchtsvoll einen Kuß drückte. Sie ließ es geſchehen. War ſie jetzt kein Kind mehr für ihn, daß er ihr, mit der er ſich geſtern noch geneckt, wie Erwachſene mit Kindern thun, heute in ſolcher Weiſe huldigte? Sie mußte die gründliche Behandlung dieſer Frage verſchieben, da Mr. Brown und die Mutter eben ein⸗ traten. Man blieb noch eine Stunde beiſammen, dann nahm der Director Abſchied. Julie dachte lange nach, was ihr denn heute fehle, daß ſie zum erſten Male im Leben den Schlaf nicht fand. Warum hatte der Director auch heute ſo ernſt ſein müſſen; wenn nur dem von ihr ſo hochverehrten Manne kein Unglück auf dem Meere begegnete. Die bloße Befürchtung trieb ihr Thränen in die Augen. Sollte ſie mit Sophie darüber ſprechen? Nein, ſie würde über den Handkuß ſpotten. Das hätte ſie nicht ertragen, ſie war jetzt ſtolz auf dieſen Kuß, ſtolzer als ein Kriegsmann, der den Ritterſchlag erhalten, ſie war jetzt kein Kind mehr in ſeinen Augen! Schubert, Die Jagd nach dem Glücke. II. Drittes Kapitel. Ein⸗ Hand vüſcht die andere. Motto: Wir ſtreuen in die Bruſt die böſe Saat, Aber dem Menſchen gehört die That. Shakſpeares„Macbeth. Heinrich kannte den Baron genau. So ſehr dieſer als Ariſtokrat verletzt ſein mußte, daß ſeine Tochter ſich ſo weit vergeſſen, mit dem Hofmeiſter ein Liebes⸗ verhältniß unterhalten zu haben, ſo gerecht des Vaters Zorn über den bezahlten Domeſtiken ſein mochte, der ſein Auge frech zu ſeiner Tochter erhob, ſo war doch 3 der Baron zu ſchwach und unſelbſtſtändig, als daß er ohne Bundesgenoſſen ſo entſchieden aufgetreten wäre. Es war deutlich, der Graf Ultritz und Tante Kathrin hatten den ſonſt ſo ruhigen Mann bis zum Aeußerſten aufgeſtachelt. 35 Marie ließ Frau Kathrin auf ihr Zimmer holen und eröffnete ihr auf das beſtimmteſte, daß ſie den Vetter Theodor nun und nimmer heirathen, daß ſie von Heinrich nicht laſſen werde. Sie bat die Greiſin um ihre Hülfe. Marie war wie alle kränklichen Kinder in vieler Hinſicht verzogen worden; ſolange die Mutter lebte, durfte Niemand der Tochter widerſprechen, die ein ſehr eigenſinniges Köpfchen beſaß. Nach dem Tode der lieben Mutter verſuchte Tante Kathrin vergebens den Starr⸗ ſinn Mariens zu beugen; es war zu ſpät. Marie zeigte ein Mißtrauen, ja eine gewiſſe Scheu gegen Kathrin; wußte ſie doch, daß die Greiſin in der Tagebuch⸗ und Brieftaſchenangelegenheit ein falſches Spiel geſpielt. Trotz aller Zärtlichkeit und mütterlichen Sorgfalt gelang es ihr nicht mehr, die Neigung Mariens zu gewinnen; um ſo überraſchter war Tante Kathrin, als das verſchloſſene Mädchen in ſeiner Herzensnoth heute ſo rührend flehte und ſie beſchwor, ihr zur Er⸗ reichung ihres Lebensglückes beizuſtehen. Auch Tante Kathrin war einmal jung geweſen — Marie hatte eine Saite dieſes kalten Herzens erbe⸗ ben gemacht, das nun in der Erinnerung an die ent⸗ ſchwundene Jugendluſt und Liebe erzitterte! Allein der ſchöne Traum hatte gelogen, die Harmonie in grelle . 5. 36 Diſſonanz ſich verwandelt. Vor der Phantaſie der Tante Kathrin tauchte jetzt die Geſtalt des Miniſters auf und mahnte ſie an das gegebene Verſprechen, Marie um jeden Preis mit Theodor zu verbinden. Sie tröſtete Marie, ſo gut ſie konnte, verſprach ihr Beſtes zu thun; war nur der Hofmeiſter erſt fort, hoffte ſie, ſo werde Marie die thörichte Liebſchaft über⸗ winden und Heinrich bald ganz vergeſſen. Heinrich Wermuth überlegte in ſeinem Zimmer, was er beginnen könne, ſich aus ſeiner fatalen Lage zu retten. Zwei Wege ſtanden ihm offen: er konnte ſich Mr. Brown entdecken, dem ſo viel an der Auffin⸗ dung des Tagebuchs zu liegen ſchien. Schon öfter hatte Heinrich in letzter Zeit mit Mr. Brown über dieſe Ange⸗ legenheit geſprochen, ja dieſer äußerte die Vermuthung, Tante Kathrin ſcheine viel eingeweihter in den wahren Sachverhalt, als ſie ſich den Anſchein gebe. Mr. Brown war durchweg ein Ehrenmann, allein hier, wo ſeine Neu⸗ gierde aufs höchſte geſpannt, hielt er es für eine er⸗ laubte Kriegsliſt, Tante Kathrin durch den Hofmeiſter überwachen zu laſſen und vielleicht ſo in den Beſitz der Brieftaſche oder des Tagebuchs zu gelangen. Nun eig⸗ nete ſich aber Niemand in der Welt weniger zur Ent⸗ wirrung eines ſo verwickelten Geheimniſſes als gerade Mr. Brown. In der Politik, wo ſich mit gegebenen 37 Thatſachen rechnen ließ, zeigte er viel Gewandtheit, im Uebrigen jedoch war er Idealiſt, dachte viel zu gut von den Menſchen, und wenn er ſie zu überliſten glaubte, war er, da er viel zu harmloſe Mittel an⸗ wendete, längſt ſelbſt der Getäuſchte. Es wurde daher dem Hofmeiſter nicht ſchwer, ſo ziemlich Alles zu er⸗ fahren, was Mr. Brown über die Angelegenheit wußte. Zwar gab Mr. Brown den Brief, welcher das Alpha⸗ bet der geheimen Chiffernſchrift enthielt, an Heinrich nicht heraus, aber die Bemerkung entſchlüpfte ihm, daß jenes Alphabet daſſelbe ſei, deſſen ſein Sohn und die republikaniſchen Geheimbündler ſich bedient hätten, daß, wenn Graf Ultritz daher je in den Beſitz des Tagbuchs käme, er die Chiffernſprache werde ent⸗ räthſeln können. Heinrich, im Beſitze dieſer Vermuthungen, welche dem Tagebuch vielleicht neuen Werth für Graf Ultritz verliehen, horchte nun Mr. Brown weiter aus, was dieſer wohl thun würde, wenn man das Tagebuch entdeckte und dadurch die Brieftaſche fände und die letztere irgend eine den Grafen Ultritz bloßſtellende Mit⸗ theilung enthielte. Mr. Brown hatte hierauf erwidert, daß er unter allen Umſtänden die größte Schonung walten laſſen und den Vorfall nur dazu benutzen würde, das Land von der drückenden Regierung des abſolut herrſchenden Miniſters zu befreien. Das war nicht nach Heinrich's Geſchmack; er ſah voraus, daß er von Mr. Brown für ſeine Perſon nicht viel zu erwarten habe. Dennoch beſchloß er, noch einen Verſuch zu wagen; er ließ, eine Stunde nachdem ihm ſeine Entlaſſung mitgetheilt war, Mr. Brown um eine Unterredung bitten, und theilte ihm ſein Verhältniß zu Marie mit und wie daſſelbe offenkundig geworden war. Der würdige Greis tadelte ganz offen, daß Heinrich als Hofmeiſter Wilhelm's ſeine Stellung im Hauſe mißbraucht, den Baron hintergangen habe; doch verſprach er, nachdem einmal das fait accompli vorliege, bei dem Vater Mariens ein gutes Wort einzulegen. Vorher aber müſſe er Marie ſelbſt ſprechen, denn er könne nicht glauben, daß das Mädchen, in deſſen Adern das Blut der Ultritze fließe, ernſtlich an eine Verbindung mit einem ſocial ſo tief unter ihr ſtehenden Mann denke. Heinrich warf die Bemerkung hin: „Wenn mir nur das Glück zu Theil würde, das Tagebuch zu entdecken, dann wäre uns vielleicht ge⸗ holfen!“ Darauf aber verſetzte der Greis beinahe entrüſtet: „Es wird wohl nie mehr gefunden; aber geſetzt, — —— —„„. —— 39 Sie gelangten in den Beſitz, ſo könnten Sie als Mann von Ehre nie daran denken, Ihr eigenes Glück mit ſolch zweideutigen Mitteln zu erringen.“ Die Baronin, welche Mr. Brown zu dieſer Be⸗ rathung beizog, theilte dieſe Anſchauung und rieth, Herr Wermuth möge ſich eine Stellung in der Welt erwerben und, wenn Marie ihm treu bliebe, dann vor den Vater treten und um die Hand der Tochter bitten. In der Zwiſchenzeit, während welcher die Feſtigkeit der gegenſeitigen Neigung ſich erprobe, wollte ſie auf den Schwager günſtig einzuwirken ſuchen. Mr. Brown zeigte ſogar den beſten Willen, Hein⸗ rich zur Erlangung einer geſicherten Lebensſtellung be⸗ hülflich zu ſein, und ſchlug ihm verſchiedene Wege dazu vor; allein Heinrich ſah, daß er überall erſt einen beſchwerlichen niedern Bureaudienſt durchmachen müſſe, ehe er nach Jahren ein kleines Amt zu erlangen hoffen konnte. Sein raſches Urtheil erkannte, daß Mr. Brown, der Demokrat, trotz einzelner hoher Verbindungen nie⸗ mals einem unbekannten jungen Mann zu einer vortheil⸗ haften Carrière verhelfen könne. Es blieb daher am klügſten, was er durch Mr. Brown nicht erreichen konnte, von dem allmächtigen Miniſter ſelbſt zu ertrotzen. Schlug dieſer Verſuch fehl, ſo konnte er immer wieder mit Mr. Brown anknüpfen. Noch am Abend ſeiner Entlaſſung ſchickte der Ex⸗ hofmeiſter ein Billet an den Miniſter, worin er in einer wichtigen Angelegenheit für den nächſten Morgen um eine Audienz unter vier Augen bat. Der Miniſter traute kaum ſeinen Augen, als er ſchwarz auf Weiß in Heinrich's Brief las, es handle ſich um das Tagebuch ſeiner verſtorbenen Schweſter. Er gewährte die Audienz zu der frühen Stunde, die Heinrich bezeichnete. Der Morgen graute kaum, als Heinrich das in⸗ diſche Schloß verließ und den Weg nach der königlichen Villa einſchlug. Der Miniſter empfing den jungen Mann mit einiger Unſicherheit. Geſtern Abend noch hatte er den Baron in den härteſten Maßregeln gegen die„freche Canaille“ beſtärkt, heute wußte er nicht, inwieweit dieſer herge⸗ laufene Hofmeiſter in die Tagebuchangelegenheit ver⸗ wickelt ſei. Auch Heinrich wollte erſt ſeinen Gegner auskund⸗ ſchaften, ehe er direct mit ſeiner Abſicht hervortrat, und ſo währte es ziemlich lange, bis die beiden ſich überzeugten, daß keiner den andern ſo leicht überliſten könne. Der Miniſter ging deshalb geradezu auf den Zweck der Unterredung über. ——— 41 „Sie ſind, wie mir ſcheint, durch irgend einen Zufall im Beſitze des Tagebuchs, welchem ich in Ge⸗ meinſchaft mit Mr. Brown ſo angelegentlich nachforſchte und das uns wahrſcheinlich die Auffindung der Brief⸗ taſche ermöglichen würde, und als ein gewandter und weltkluger Mann wollen Sie dieſes Tagebuch ſo theuer als möglich verwerthen.“ „Nicht nur das“, verſetzte nun Heinrich.„Ich weiß, Crcellenz, daß Ihr Herr Sohn ſeine Couſine Marie heirathen ſoll— Sie müßten ſchriftlich erklären, daß Sie auf eine ſolche Verbindung verzichten; nur unter dieſer Bedingung könnten Sie vielleicht von dem Tage⸗ buch Einſicht nehmen dürfen.“ „Es iſt alſo in Ihrer Hand“, ſagte der Mini⸗ ſter mit überlegenem Lächeln und griff nach der Klingel auf dem Tiſche vor ihm. Heinrich fiel ihm jedoch in den Arm. „Chrlich Spiel, Excellenz!“ rief er mit drohendem Tone.„Sie wollen mich verhaften und mir das Tage⸗ buch mit Gewalt abnehmen laſſen, aber an dieſe Möglichkeit habe ich gedacht, als ich hierher kam. Ihre Energie iſt mir nicht unbekannt; darum habe ich mich vorgeſehen. Ich trage das Tagebuch nicht bei mir, auch würden Sie es unter meinen Effecten nicht auffinden. Beim erſten Verſuch, Jemand herbeizurufen, müßte ich 42 von dem Rechte der Nothwehr Gebrauch machen. In meiner verzweifelten Lage bedenkt man ſich nicht lange. Laſſen Sie die Klingel ruhig liegen.“ Bei dieſen Worten ließ Heinrich den Arm des Miniſters los, griff mit der rechten Hand in die Taſche ſeines Rockes und erfaßte einen kleinen Revolver. Die entſchloſſene Miene Heinrich's ſagte dem Grafen, daß er mit dieſem verwegenen jungen Manne einen harten Stand haben werde. „Was verlangen Sie für die Auslieferung des Tagebuchs?“ fragte der Graf, dem die Situation ſehr unbehaglich wurde. „Daß Sie mir eine Anſtellung und die Einwilli⸗ gung des Vaters meiner Braut zu unſerer Verbindung verſchaffen.“ „Ehe ich den Inhalt des Tagebuchs kenne?“ ant⸗ wortete der Graf.„Eine ſolche Thorheit können Sie unmöglich von mir fordern. Ich fange an, Intereſſe an Ihnen zu nehmen, Sie ſind ein ungewöhnlicher Kopf, eine thatkräftige Natur—“ „Bitte, Excellenz, bleiben wir bei der Sache“, warf Heinrich ein.„Ich habe eine Abſchrift des Tage⸗ buchs, das heißt jener in Chiffern geſchriebenen Stelle bei mir— leſen Sie, und erſt wenn der Inhalt Ihrer Erwartung entſpricht, wollen wir weiter unterhandeln.“ ——— -— Heinrich überreichte dem aufhorchenden Miniſter ein Blatt Papier. „Sie werden die Chiffernſchrifft des republikaniſchen Geheimbundes wohl enträthſeln können“, ſagte der Ex⸗ hofmeiſter. 3 Der Graf nahm das Blatt und und unterſuchte die Geheimſchrift. Anfangs ſchien er ſein Gedächtniß anſtrengen zu müſſen, die Bedeutung der einzelnen Chiffern zu erken⸗ nen, dann aber gewann das Ganze Zuſammenhang. Heinrich hing mit geſpannter Erwartung an den Zügen des mächtigen Miniſters. Wenn das Tagebuch wirklich nur nichtsſagende Gefühlsergüſſe einer Fieber⸗ kranken enthielt, ſo war ſein verwegener Plan geſchei⸗ tert. Dann lachte ihn der Graf einfach aus und er verlor ſodann die wenn auch geringe, doch nicht zu verachtende Unterſtützung des Mr. Brown. Aber nein, das Glück war ihm hold. Wenn ein Mann wie der Miniſter, der gewöhnt war, ſich zu be⸗ herrſchen, ſo plötzlich, ſo furchtbar über die Ausſage eines Blattes Papier erſchrak, dann mußte dieſe von unbezahlbarer Wichtigkeit für ihn ſein.— „Und die Brieftaſche“, ſtöhnte der Graf mühſam hervor,„haben Sie auch die Brieftaſche? Wie ſind Sie in den Beſitz des Tagebuchs gekommen? Tante Kath⸗ 44 rin ſagte mir, es ſei verbrannt— hat ſie mich hinter⸗ gangen?“ „Nicht doch“, antwortete Heinrich,„ſie warf das Tagebuch in das Kamin, ein Zufall rettete daſſelbe. „Wer die Brieftaſche geſtohlen, weiß ich nicht, vielleicht iſt Tante Kathrin dieſer That nicht fremd.“ Eine tiefe Falte des Unmuths lagerte ſich zwiſchen die Brauen des Grafen; er trocknete den kalten Schweiß mit dem feinen wohlduftenden Battiſttuche von der Stirn ab. „Und Sie ſelbſt kennen natürlich den Wortlaut dieſer Chiffernſchrift?“ „Ich kenne ihn nicht, mein Wort darauf“, entgeg⸗ nete Heinrich,„aber Mr. Brown hat den Schlüſſel dazu und wird ſich ein Beti ägen daraus machen—“ „Genug davon“, ſchnitt der Graf dem Exhofmei⸗ ſter die Rede ab;„wenn Mr. Brown nie von dem In⸗ halte dieſer Zeilen Kenntniß erhält, wenn Sie mir das Tagebuch im Original ausliefern, ſo werde ich Ihre Werbung um Mariens Hand unterſtützen und Ihnen eine Stellung und vor allem einen Namen verſchaffen, doch zu dem Allem gehört eine gewiſſe Zeit, und Sie ſind mißtrauiſch.“ „Ich behalte die Abſchrift des Doeuments“, nahm jetzt Heinrich das Wort.„Sie bekommen das Original. ———— 45 Vorher erhalte ich durch Sie, um Mr. Brown nicht darum bitten zu müſſen, das Alphabet der Chiffernſchrift, ich unterrichte mich über den Inhalt“— „Und Sie geben mir Ihr Ehrenwort, ewig zu ſchweigen, und wenn auch die Phantaſien meiner da⸗ mals geiſteskranken Schweſter noch ſo ſeltſam lauteten?“ ſchaltete der Miniſter ein. „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort“, erwiderte Heinrich nach einigem Nachdenken. „Und wie ſoll ich Ihnen trauen? Wer bürgt mir für Ihr Schweigen?“ meinte der Miniſter. Heinrich zuckte die Achſeln. „Der König kommt erſt nächſten Frühling zurück. Dann erſt kann ich Sie ihm zur Erhebung in den Adelsſtand vorſchlagen; eint an es„von“ vor Ihrem Namen muß den Widerſtand Baron Billmann's brechen. Bis dahin treten Sie in die Armee ein. Ihr Vater war Militärarzt; ſein Offiziersrang berechtigt Sie zu dem Titel Cadet. In einem Jahre ſind Sie Lieute⸗ nant; für das weitere raſche Fortkommen wird der Kriegsminiſter ſorgen. Das iſt der ſchnellſte Weg zum Ziele. Wären noch die guten alten Zeiten, ſo könnte ich Sie im Civildienſt anſtellen; da aber die Candidaten, die mit der beſten Note den Staatsconcurs beſtehen, mindeſtens neun Jahre brauchen, bis ſie ein Amt er⸗ 46 reichen, ſo würde Ihre frühere Anſtellung ein allgemeines Aufſehen erregen, allgemeine Entrüſtung hervorrufen. In der Armee dagegen iſt man an Ausnahmen gewöhnt.“ „Ich gehe darauf ein“, antwortete Heinrich. „Und wenn Sie das Offizierspatent in Händen haben, geben Sie mir auch die Copie des Tagebuchs zurück“, ſprach der Miniſter in ernſtem Tone. „An meinem Verlobungstage“, verſetzte Heinrich, das iſt ſicher.“ „Nun, ſo wären wir völlig einverſtanden“, bemerkte der Graf. „Bis auf Ihre ſchriftliche Zuſicherung, Excellenz, daß binnen Jahresfriſt Herr Wermuth ſich in den Lieute⸗ nant von Wermuth verwandeln wird.“ „Sie haben mein Veeſprechen“, meinte Graf Ultritz ausweichend. „Ich bin ein unbekannter armer Menſch“, warf Heinrich ein,„Sie ſind der mächtige Regent dieſes Lan⸗ des; die Partie iſt ſehr ungleich. Ich könnte Ihnen plötzlich unbequem werden, auch könnte mir etwas Menſchliches paſſiren, wir ſind alle ſterbiich. Wenn ich weiß, daß es für Sie von höchſter Bedeutung iſt, daß ich am Leben bleibe, kann ich ruhiger ſein. Ihre ſchriftliche Verſicherung, die ich nebſt der Abſchrift des Tagebuchs an einem Ihnen unbekannten Ort, bei einem — —————— 47 verläſſigen Freunde deponire, gibt mir die volle Sicher⸗ heit für die Zukunft; im Falle meines plötzlichen Todes würde der Freund das verſiegelte Document öffnen; bleibe ich am Leben, ſo erhalten Sie es an meinem Verlobungstage zürück.“ Der Graf wollte Einwendungen machen, Heinrich war unerbittlich. „So ſei es denn“, entſchied jener endlich.„In einer Stunde bringe ich Ihnen die Verſchreibung und hole das Tagebuch bei Ihnen ab.“ „Und erwirken mir eine Unterredung mit Marie.“ „Weiß Marie von dem Tagebuch der Mutter?“ fragte der Graf. Heinrich befürchtete, daß, wenn er dieſe Thatſache zugeſtünde, er Marie Verlegenheiten bereiten könne. Jedenfalls mußte er ſie vorher ſprechen. Er antwortete daher raſch: „Sie hat keine Ahnung davon.“ „Und Sie werden am beſten thun“, bemerkte der Graf,„die Baroneſſe in Unwiſſenheit zu laſſen. Die Phantaſien des Tagebuchs beziehen ſich größtentheils nur auf die Jugendliebe, welche meine Schweſter einſt zu einem Unwürdigen gehegt, die Tochter ſoll nichts davon erfahren, das reine Bild der Mutter ſoll nicht befleckt werden.“ „Ganz meine Meinung“, bekräftigte Heinrich, im⸗ mer begieriger nach dem Schlüſſel zu dem ſeltſamen Familiengeheimniß. „Unter dieſer Bedingung ſollen Sie Marie in einer Stunde ſprechen.“ „Die Abſchrift muß ich einſtweilen wieder mit mir nehmen“, ſagte Heinrich.„Haben Sie die Güte, Excellenz, mir das Alphabet der Chiffernſchrift auf den Rand zu notiren; wenn Sie mir nicht trauen, wenn Sie zögern, ſo erfährt Mr. Brown Alles.“ Der Graf fügte ſich und ſchrieb das geheimniß⸗ volle Alphabet auf den Rand des Blattes, das er an Heinrich zurückgab. „Wäre es nicht, um die wirklich wahnſinnigen Gedanken meiner verſtorbenen Schweſter der Vergeſſen⸗ heit zu übergeben, ſo würde ich mich weder um das verrückte Tagebuch, noch um die Brieftaſche weiter bekümmern.“ Heinrich erwiderte nichts mehr, er verbeugte ſich höflich und verließ das Gemach. Vorſichtig zog er ſich über die Gänge der königlichen Villa zurück ins Freie. Seine Hand hielt den kleinen Revolver in der Taſche. Seine Befürchtung, der Miniſter werde ſich anders beſinnen, durch einen Gewaltact die für ihn ſo demü⸗ thigende Scene beſchließen, verwirklichte ſich nicht. — —x 49 Die königliche Villa war von Dienſtboten hin⸗ reichend bewohnt, ſodaß Graf Ultritz nicht wagen konnte, gegen den ehemaligen Hofmeiſter am hellen Tage etwas Derartiges zu unternehmen. Der Miniſter blieb in ſeinem Zimmer. „Du biſt mir ſicher“, ſagte der Miniſter im Selbſtgeſpräche.„Da das Tagebuch wirklich exiſtirt, kann ich von Glück ſagen, daß ſich Alles ſo gefügt hat. Mr. Brown darf nie etwas davon erfahren. Dem tollkühnen Wermuth, der es gewagt, mit einer Piſtole in der Taſche den Miniſter zu beſuchen, werden wir die Copie des Tagebuchs und die Verſchreibung wieder abjagen. Er denkt im Ernſte daran, Mariens Gatte zu werden; wahrlich, die Idee iſt nicht übel. Der Burſche iſt verwegen ſondergleichen! Ein Jahr iſt eine lange Zeit— Tante Kathrin muß Rath ſchaffen. Nichts ſoll verſäumt werden, dem frechen Abenteurer ſein Spiel zu verderben.“ Der Graf ſetzte ſich an ſeinen Schreibtiſch. Raſch flog die Feder über das Papier. In wenig Minuten war der Brief an ſeinen Kammerdiener Friedrich in der Reſidenz geſiegelt, worin er denſelben beauftragte, den Exhofmeiſter bei ſeiner Ankunft in der Hauptſtadt durch vertraute Leute und mit eigenen Augen Tag und Nacht zu bewachen und über jeden 3 Schubert, Die Jagd nach dem Glücke. II. 4 Schritt deſſelben, ſo unſcheinbar er ihm auch dünke, genauen Rapport zu erſtatten. Durch die ſtets in Bereitſchaft gehaltenen reitenden Boten des Königs gelangte der Brief in Friedrich's Hände, noch ehe Hein⸗ rich Wermuth das Schloß am See verließ. Viertes Kapitel. Die Brieftaſche iſt gefunden. Motto: Das eben iſt der Fluch der böſen That, daß ſie fortzeugend Böſes muß gebären. Schiller's„Die Piccolomini“. Heinrich hatte mit Hülfe des geheimen Alphabets, das ihm der Graf aufgeſchrieben, die chiffrirte Stelle des Tagebuchs geleſen. Sein Gewiſſen ſagte ihm, daß er ſich ſelbſt nicht mehr achten könne, wenn er nun⸗ mehr das Tagebuch an den Grafen aushändige. Lebhaft regte ſich in ihm die laute innere Stimme, welche ihm verſtändlich zurief: „Bisher warſt du zwar ein ſelbſtſüchtiger Menſch, aber du begingſt noch kein Verbrechen. Jetzt ſtehſt du am Scheidewege— gib das Tagebuch Mr. Brown, für den es beſtimmt iſt; ſei ehrlich, laſſe deine Seele nicht umſtricken. Wenn du das Tagebuch dem Grafen 4 4* 52 überlieferſt, ſo iſt dein innerer Friede auf ewig dahin!“ Heinrich hörte die Mahnung und folgte ihr den⸗ noch nicht. Er hatte dem Grafen verſprochen, wie auch der Wortlaut der fieberkranken Schweſter laute, ihm das Tagebuch zu übergeben, und er war nicht vorurtheilsfrei genug, die wahre Ehre von ihren äußerlichen Formen unterſcheiden zu können. Der Com⸗ ment des Studenten, von Jugend auf eingeſogene falſche Begriffe über Mannesehre ſtellten ihm einen Wortbruch, auch gegen einen Ehrloſen, als die gemeinſte Handlung dar, deren ſich ein Menſch ſchuldig machen könne. Die Auslieferung des Tagebuchs faßte er daher wie eine Pflicht auf. Dennoch vermochte er das gequälte Gewiſſen nicht zum Schweigen zu bringen, denn es rief jetzt: „Gut, halte dein Wort, begrabe das Geheimniß 3 in deiner Bruſt, aber laſſe dich nicht dafür bezahlen. Weiſe Mariens Hand zurück, wenn du ſie nicht ihrer reinen Liebe allein verdankſt. Ringe ohne die Hülfe des Miniſters um ſie— fliehe die Gemeinſchaft mit dem Unrecht, vielleicht mit dem Verbrechen.“ Dieſer Gedanke verlieh ihm einen gewiſſen Troſt. Es war immerhin möglich, daß Marie die Seine werde, 53 auch wenn er der bürgerliche Heinrich Wermuth blieb. Sie war ja reich. In ihre Hand wollte er die Ent⸗ ſcheidung legen. Es ſtand ihm ja dann immer noch frei, ob er die Hülfe des Miniſters annehmen wolle oder nicht. 3 Zu dieſem ſophiſtiſchen Schluſſe war Heinrich eben gelangt, als der Wagen des Miniſters vor dem Schloſſe hielt. Nach einer Viertelſtunde holte Wilhelm den Hof⸗ meiſter auf ſeinem Zimmer ab und führte ihn im Auf⸗ trage des Barons zu Marie, um ſich von ihr zu ver⸗ abſchieden. Alle guten Vorſätze verließen Heinrich, als er die Zaghaftigkeit der Geliebten bemerkte. Daß ſie ihm wirklich innig zugethan war, daran konnte er nicht zweifeln. Sie ſagte es ihm ja aufs neue, verhehlte aber nicht, daß ſie keine Hoffnung habe, den Widerſtand des Vaters zu beſiegen. Sie gelobte ihm Treue, ſo⸗ lange ſie lebe. Sie ſprach vom Kloſter, von ewiger Einſamkeit, von baldigem Tode. Zu Heinrich's energiſcher Leidenſchaftlichkeit konnte ſie ſich aber nicht aufraffen. Sie war wohl eine eigen⸗ ſinnige, aber keine feurige Natur. Gewöhnt von Jugend auf, körperlich zu leiden, vermochte ſie nun auch moraliſch dem Schickſal nur eine paſſive Kraft entgegenzuſtellen, zum Handeln fehlte ihr die innere Energie. Wenn Heinrich, der ſtarke, gewaltige Charakter, die Hinder⸗ niſſe nicht überwältigen konnte, um wie viel weniger konnte ſie es, das arme verlaſſene Mädchen! Von dem Geliebten erwartete ſie Alles. Sie begriff nicht, warum er ſo ſehr auf baldige Verbindung drang; ſie wollte ihm ja, auch wenn er fern von ihr weilte, die Liebe bewahren und geduldig warten, bis er nach Jahren wiederkäme, ein Mann von Namen und Stellung, dem man ſie dann nicht mehr verweigern konnte. Heinrich hätte ein anderer, ein edlerer Menſch ſein müſſen, um ſich ſolchen Anforderungen zu fügen. Wo der Erfolg in nächſter Zukunft lockte, war er unternehmend, kühn, ja er konnte auch ausdauernd ſein, wenn er auf ungewöhnlichem Wege einem Ziel nach⸗ ſtreben durfte; ſobald er jedoch den Schneckengang des Alltagslebens wandeln, ſobald er mit den Jedermann offenſtehenden Mitteln operiren ſollte, verließ ihn ſeine Kraft. Er glich jenen ſtarken Männern aus dem Volke, welche wohlgemuth die ſchwerſten Laſten auf ſich nehmen, eine leicht zerbrechliche Waare aber nur mit Angſt tragen; er glich dem verwegenen Schützen, der mit der Gemſe an Gewandtheit wetteifert, aber ſich ungeſchickt anſtellt, wenn er den Pflug lenken oder wenn er täg⸗ lich eine gewiſſe Menge Arbeit verrichten muß. * 4 . 4 1 4 ————— — 55 Dieſes Abdreſchen und Abplacken, dieſer Frohn⸗ dienſt, dieſe Pflichtarbeit war ihm verhaßt. Er war in Fauſt's Lage in der Hexenküche— ſein Schickſal entſchied ſich, das Böſe ſiegte—„ſo muß halt doch die Hexe dran“. Jetzt fand Heinrich leicht die Worte, um Marie ganz zu gewinnen. Er forderte als Beweis ihrer Treue, daß ſie ihm auf alle Zeit das Tagebuch der Mutter überlaſſe; die Chiffernſchrift enthalte die Geſchichte der Jugendliebe ihrer Mutter, ſagte Heinrich, und ſei nur für den Grafen Ferdinand von Werth; um ein ſo kleines Opfer dürfte man nicht zögern, das Glück zu erkaufen, und die Se⸗ lige würde es gewiß gutheißen; das ſei auch gewiß in ihrem Sinne der beſte Gebrauch, den man von ihrer Hinterlaſſenſchaft machen könne. Marie ging auf Heinrich's Wünſche ein; ſie ge⸗ lobte tiefes Stillſchweigen über das Tagebuch gegen Jedermann und gegen Mr. Brown insbeſondere. Eine Stunde ſpäter hatte Heinrich die Verſchreibung des Miniſters in der Hand, wogegen er das Tagebuch ablieferte. Wohlgemuth beſtieg der Exhofmeiſter den Wagen des Barons, der ihn nach der Reſidenz führte. Julie und Sophie erfuhren die wahre Veranlaſſung des Austritts Heinrich's aus ſeiner Stellung nicht; auch der Rittmeiſter glaubte, daß Heinrich zu einem ſterbenden Verwandten gerufen worden ſei, und erſt ſpäter theilte ihm der Miniſter die Wahrheit mit. Wenige Tage nach Heinrich reiſte auch Baron Billmann mit Marie, Wilhelm und Tante Kathrin in die Reſidenz zurück, da Wilhelm dort eine Studienan⸗ ſtalt beſuchen ſollte. Der Miniſter mit ſeinem Sohne blieb noch eine Woche in der königlichen Villa; nach Ablauf derſelben übergab er Mr. Brown zu deſſen großem Erſtaunen das Tagebuch und eine rothſammtene, in Gold gefaßte Brieftaſche. Wilhelm, ſo berichtete er, habe das Tagebuch halb⸗ verbrannt am Speicher des Palais Billmann in der Reſidenz unter altem Gerümpel gefunden und dem Baron gebracht, und richtig habe man die Brieftaſche an dem im Tagebuch bezeichneten Ort entdeckt. Der Baron ſende nun die alten, ſo lange geſuchten Papiere ihm und Mr. Brown zur Durchſicht. Der letztere zögerte nicht, das Vermächtniß der ſeligen Baronin ſogleich zu leſen. Zuerſt kam das Tagebuch an die Reihe. Die chiffrirte Stelle ſagte: „Die Brieftaſche iſt gefunden. Geſtern war ich allein zu Hauſe— ich hatte Alles zu entfernen ge⸗ — — 57 wußt— und ließ den alten Mahagoni⸗Secretär durch Martin, unſern ergrauten Diener, auseinanderſprengen und in ſeine kleinſten Theile zerlegen. Da zeigte ſich 5 außer dem mir bekannten noch ein zweites geheimes 4 Fach, das wir bisher, trotz alles Suchens, nicht hatten entdecken können, und in demſelben befand ſich die ſeit . zwanzig Jahren vermißte Brieftaſche. Sie enthält das Verzeichniß der Verſchworenen, zu denen einſt Ihr Sohn gehörte. Ich habe mich geirrt, den ſterbenden Vater mißverſtanden, dem Bruder Ferdinand Unrecht gethan; wenn Marie und Theodor ſich lieben, ſo ſegne „ ich die Kinder. Die Brieftaſche verſteckte ich hinter das Altarbild unſerer Hauskapelle.“ Das Datum unter dieſer Stelle war zwei Tage älter als das des letzten Briefes der Verſtorbenen an Mr. Brown, den ſie vierzehn Tage vor ihrem Tode geſchrieben. Mr. Brown öffnete die alte Brieftaſche. Ein vergilbtes Pergament war mit eben ſolchen Chiffern wie das Tagebuch bedeckt; mit Mühe enträth⸗ * ſelte der Greis den Inhalt. 1 Einer weitläufigen Einleitung, daß hier ein völlig freiwilliges Bekenntniß vorliege, folgte ein Verzeichniß der Mitglieder jenes Geheimbundes, von dem ſchon öfter in unſerer Erzählung die Rede war. Mr. Brown las 1 58 mit ſchmerzlichem Gefühl, daß ſein Sohn die Genoſſen des Bundes verrathen haben ſollte, denn deſſen Unter⸗ ſchrift ſtand ja deutlich unter den Chiffern. Dieſem Document war ein zweites angeheftet, worin der verſtorbene Polizeichef Graf Ultritz erklärte, daß er, wenn Mr. Brown jun. Europa auf immer verlaſſe, ihn fliehen laſſen wolle, ohne gegen die ver⸗ rathenen Genoſſen gerichtliche Schritte zu thun. Volle Unterſchrift des Grafen und Amtsſiegel fehlten nicht. Auf einem dritten Pergamentblatte erging ſich der Poli⸗ zeichef in reuevollen Betrachtungen über ſeine Zuſage. Er warf ſich vor, ſeine Pflichten gegen das Vaterland und den König verletzt zu haben, und klagte, daß ihn ſelbſt auf dem Sterbebette ſein Gewiſſen peinige. Die Tochter möge Seelenmeſſen für ihn leſen laſſen und das Document an den König aushändigen. Damit ſchien dieſe Sache abgethan. Baron Billmann ſchrieb an Mr. Brown, er finde die ganze Angelegenheit abgeſchmackt und es ſei wahr⸗ lich nicht der Mühe werth geweſen, ſich ſo lange Zeit um das Tagebuch und die Brieftaſche zu ängſtigen. Wer in aller Welt kümmere ſich jetzt noch um dieſe alten verjährten Vorgänge, nachdem doch faſt alle Be⸗ theiligten längſt todt ſeien. Mr. Brown war ſehr enttäuſcht; der Miniſter ——— 59 hatte doch Recht gehabt, ſeine Schweſter mußte in ihren letzten Lebenstagen ſehr überſpannt geweſen ſein. Im Grunde freute ſich aber Mr. Brown doch, daß die ganze Sache erledigt war. Er hatte wider Willen ſich übermäßig in Gedanken damit beſchäftigt und alten trüben Erinnerungen, die dabei aufſtiegen, nachgehangen. Jetzt war ſein Gemüth wieder frei, und als die Grafen Ultritz nach der Reſidenz abreiſten, Tagebuch und Brief⸗ taſche mit ſich nahmen, athmete er erleichtert auf. Im indiſchen Schloß dachte bald Niemand mehr dieſer Epiſode, die ſo ſpannend begonnen und ein ſo gewöhnliches Ende genommen hatte. Aber auch dem Miniſter wälzte ſich eine Centner⸗ laſt vom Herzen.. Frau Kathrin hatte gut gerathen und noch klüger gehandelt. Sie riß die urſprüngliche chiffrirte Stelle aus dem Tagebuch heraus und ließ ſie durch jene neue erſetzen, worin ihr der alte Friedrich, der Kammerdiener des Miniſters, der ſich auf alle Arten kalligraphiſcher Künſte verſtand, treffliche Dienſte leiſtete; von dieſem gewandten Menſchen ließ ſie auch die falſchen Docu⸗ mente anfertigen und brachte eine alte Brieftaſche hervor, die der im Tagebuch bezeichneten glich. Der alte Martin war recht bequem geſtorben; man konnte ihn jede beliebige Rolle ſpielen laſſen, ohne 60 Widerſpruch befürchten zu müſſen. Den Mahagoni⸗ Secretär ließ man wirklich zerſchlagen. Tante Kathrin war es nicht ſchwer geworden, Wilhelm zu bitten, ſie auf den Speicher zu begleiten, wo ſie den Argloſen das hingeworfene Tagebuch finden ließ. Ebenſo konnte von ihr die Brieftaſche ohne Auf⸗ ſehen hinter das Altarbild verſteckt werden. Ein Hauptzweck war erreicht: Mr. Brown ſpürte einem Familiengeheimniß nicht mehr nach, das ſchein⸗ bar ſeinen Abſchluß gefunden, und der Miniſter konnte die Neugierde ſeines Monarchen befriedigen, wobei auf Mr. Brown und dadurch mittelbar auf Prinzeſſin Eliſa⸗ beth ein übles Licht fiel. Der Miniſter wußte ſeines Vortheils zu achten. Ein Jahr war gewonnen— eine lange Friſt. Statt mit dem reichen und welterfahrenen Mr. Brown, hatte man nur noch mit dem armen und, ſo ſchlau er war, doch äußerſt hitzigen Wermuth zu rechnen. Freilich, wenn die echte Brieftaſche aufgefunden wurde, konnte Alles vergebens ſein. Was mochte ſie nur enthalten? Tante Kathrin verſicherte dem ungeſtüm in ſie dringenden Grafen, ſie wiſſe es nicht. Dennoch theilte ſie die Unruhe deſſelben nicht und blieb dabei, die echte Brieftaſche werde niemals auftauchen. ——— 64 Nun iſt es aber an der Zeit, die Neugierde des Leſers zu befriedigen, der ſchon längſt wiſſen möchte, was denn die vernichtete Stelle des Tagebuchs, von welcher Heinrich Wermuth die Abſchrift beſitzt, enthält. Aber die Chiffernſchrift klärt das dunkle Familienge⸗ heimniß unſerer Erzählung nicht auf. Jene Stelle lautete: „Mein Vater, der Polizeiminiſter Graf Ultritz, ſagte mir auf ſeinem Sterbebette:„Du wirſt in der Brieftaſche von rothem Sammt, in Gold gefaßt, in dem geheimen Fach meines Secretärs das Bekenntniß einer großen Schuld, die mich ſchwer drückt, ausführlich nieder⸗ gelegt finden. Wenn Du, liebe Tochter, der ich ſo ſchweres Unrecht zugefügt, aus der Kirche zurückkehrſt, worin Du zum erſten Male für meine Seele um Gnade gebeten, ſo lies meine Beichte. Die Ehiffernſchrift iſt Dir bekannt; Du haſt ja mit dem Freunde Deines Herzens, den ich Dir raubte— eine neue Härte dem Ver⸗ brechen beifügend— in dieſen Zeichen verkehrt. Ver⸗ ſchweige das Geheimniß, das ja auch meinen gnädigen Herrn und König, den ich hinterging, betrifft, wenn Du kannſt— ſchone Ferdinand und Tante Kathrin— ſchone die Ehre unſeres Namens! Fluche mir nicht— ich kann das Unrecht nicht mehr gutmachen— ſo weit Geld hier hefen kann, ſollſt Du reichlich im Teſtamente ——— 62 bedacht werden. Habe Mitleid mit einem Elenden, doch gehe mit Deinem Gewiſſen vorher zu Rathe. Dir ſtelle ich Alles anheim— Du ſollſt meine Richterin ſein.“ Karoline Baronin von Billmann, geb. Ultritz.“ Rechtfertigte der Inhalt dieſer Stelle, daß man eine andere dafür unterſchob, daß man Mr. Brown, Baron Billmann und dem König gefälſchte Documente zeigte?. Bis jetzt handelte es ſich nur um den Vater des Grafen. Jedoch eine weitere Stelle, mit einem um neunzehn Jahre ſpätern Datum, enthielt das Concept eines Briefes an Mr. Brown, der nicht an ſeine Adreſſe gelangt war und lautete: „Ich fürchte mich vor meinem Bruder Ferdinand; er wäre das Schlimmſte zu thun fähig. Als ich mich entſchieden geweigert, zu Mariens und Theodor's Ver⸗ bindung meine Einwilligung zu geben, kam es zu einer furchtbaren Scene. Der alte Haß flammte wieder auf; war es doch der Bruder, der mir durch ſeine Hinter⸗ liſt gegen den Mann meiner Wahl das Lebensglück ge⸗ raubt— jetzt drohte er mir mit dem Tode, wenn ich zu der Ehe zwiſchen unſern Kindern nicht ja ſagte. Seitdem fühle ich mich im eigenen Hauſe nicht — —— 63 mehr ſicher. Tante Kathrin hat den Wüthenden zurecht⸗ gewieſen; er wird nicht wiederkommen, die Tante hat Einfluß auf ihn. Aber Baron Franz iſt ſchwach— wenn ein plötzlicher Tod mich hinwegraffte— wenn dann die arme Tochter gezwungen würde, Theodor's Weib zu werden! Niemals ſoll es geſchehen— da⸗ rum ſchrieb ich Ihnen, Mr. Brown. Im Namen der Liebe zu Ihrem Sohne, im Namen des heiligen Gefühls, womit ich Sie einſt in Gedanken ſchon Vater nannte, beſchwöre ich Sie, es zu verhindern! Dieſes Tagebuch ſetzt Sie in den Stand, gegen Ferdinand aufzutreten. Auch wenn wir die geſtohlene Brieftaſche nicht entdecken können, muß Ferdinand daran liegen, die Ehre des Vaters von jedem Schatten rein zu er⸗ halten. Ich hoffe, Sie bald zu ſehen. Ich kann Ihnen das Tagebuch nicht ſchicken; wenn es verloren ginge oder in falſche Hände fiele, es wäre entſetzlich. Eilen Sie, meine Tage ſind gezählt. Karoline von Billmann, geb. Gräfin Ultritz.“ Fünftes Kapitel. Prüfungen. Motto: Thun die Himmel ſich auf, ſo träufelt das Waſſer Ueber Felſen und Gras, Mauern und Bäume zugleich; Kehret die Sonne zurück, ſo verdampfet am Steine die Wohlthat, Nur das Lebendige hält Gabe der Göttlichen feſt. Goethe's„Weiſſagungen des Bakis“. Erwirbt ſich ein Freund, von dem wir lange Zeit nichts mehr hörten, plötzlich einen berühmten Namen, ſo ſind wir, auch wenn wir an ſeinem Talente nicht zweifelten, ſtets überraſcht und erſtaunt. Der Ruhm des Erfolgs umſtrahlt das uns bekannte Bild des Freundes ſo blendend, daß es uns faſt wie etwas Frem⸗ des erſcheint..— Bald aber gewöhnen wir uns an den neuen An⸗ blick, ja unſere Erwartungen und Anſprüche an den Freund, welcher den Erfolg errang, ſteigern ſich jetzt ſofort. 65 Nur zu geneigt, den Ruhm Anderer mehr ihrem Glücke als ihrem Verdienſte zuzuſchreiben, fragen wir nicht, welche Mühe, welche Arbeit das Erreichte ihnen koſtete, ſondern ſehen ungeduldig der weitern Entwick⸗ lung ihres Lebensganges entgegen. In ſo hohem Grade und ſo durchaus iſt das Leben dramatiſch. Die Handlung des Lebens ſchreitet ohne Ruhe⸗ punkt, ohne Raſt dem Ausgange zu; dieſe Bewegung nach der Zukunft, dieſes Eilen auf dem Strome der Zeit ins Meer der Ewigkeit läßt die Thatſachen und Ereigniſſe der Gegenwart an uns vorüberfliegen, wie die Gegenden vor den Blicken der auf der Eiſenbahn Reiſenden dahinſchwinden, ohne einen andern Ein⸗ druck zu hinterlaſſen als den einer flüchtigen, faſt traumhaften Erinnerung. Wer darum ſein Leben wahrhaft und edler genießen will, der fährt nicht mit dem großen Publikum, der verzichtet darauf, eine große Rolle in dem Drama des Lebens zu ſpielen, ſon⸗ dern er bewahrt ſich ſo viel als möglich die heitere, objective Ruhe des Zuſchauers. Nicht das, was geſchieht, ſondern das Wie, Wodurch und Wozu der Begebenheiten feſſelt daher die Aufmerkſamkeit des philoſophiſchern Leſers, welcher weiß, daß dem Ro⸗ mane die Gedrungenheit und Fülle einer dramatiſchen Schubert, Die Jagd nach dem Glücke. II. 5 66 Handlung nicht weſentlich iſt; er ſucht nicht ausſchließ⸗ lich Senſation machende Scenen und aufregende Span⸗ nung, ſondern folgt dem Dichter gern, der auch das Seelenleben, die Gefühlswelt ſchildert, der nicht blos das Reſultat erzählt, ſondern auch die Wege zeigt, auf welchen dieſes Reſultat erreicht wurde. Schwere Prüfungen mußte unſer Held, Karl Molling, beſtehen, bis es ihm gelang, ſich eine her⸗ vorragende Stelle unter den Rechtsgelehrten der Reſi⸗ denz zu ſichern. Den bittern Schmerz des Abſchieds von dem Schloſſe am See und die tiefe Wunde der furchtbaren Enttäuſchung über eine ideale Neigung im Herzen, trat er ſein beſcheidenes Amt bei Dr. Rödern an. Seine Zuverſicht, ſein Muth waren erſchüttert, das Einerlei ſeines Berufs widerte ihn an. Er kam ſich wie ein unſchuldig zur Galeere Verurtheilter vor. Das geringe Einkommen legte ihm mannichfaltige Entbehr⸗ ungen auf— ein peinlich einfaches Leben, wie er es als Student niemals kennen gelernt. Die Hoffnung auf eine beſſere Zukunft verließ ihn, nur zuweilen erhob ſich in ſeiner Bruſt ein männlicher Trotz gegen die Alltäglichkeit ſeines Schickſals, das ein⸗ geſchlummerte Bewußtſein ſeiner Kräfte erwachte. Dann ſchien es ihm, als ob er noch im Beſitze —.— 67 des Zauberſpruchs ſei, der ihm die jederzeit Seſamhöhle der Phantaſie mit all ihren Schätzen erſchließen könne, aber wenn er den Verſuch dazu machte, erkannte er mit Angſt, daß er den Spruch vergeſſen hatte. Vergebens ſuchte er in poetiſchen Arbeiten ſich über die Leere ſeines Daſeins zu tröſten; er fand kei⸗ nen Verleger für das Bändchen Gedichte, von deſſen Veröffentlichung er ſo viel erwartete. Ueberall ſagte man ihm, heutzutage ſei mit der Lyrik kein Geſchäft zu machen, und nur wenn er Empfehlungen von ſehr bedeutenden, anerkannten Dichtern aufweiſen könne, würde man, aber natürlich ohne Honorar, ſeine Erſt⸗ lingsverſuche drucken. Karl fühlte, daß manche ſeiner Lieder beſſer waren als die gefeiertſten der Tageshelden der mo⸗ dernen Literatur, neben deren enggeſchloſſener Phalanx aufzukommen ſeine Armuth ihn hinderte. Innerlich faſt gebrochen, ohne Befriedigung, lebte Karl längere Zeit ein einſames, einförmiges Daſein dahin. Seit er den Umgang mit den edlen Frauen nicht mehr genoß, die wie freundliche Engel in ſein Leben getreten waren, ſeit nun ſogar die Erinnerung, der Glaube an ſie vergiftet war, ſeit ſie ihn aufgegeben hatten, wie er meinte, weil ſein Brief nicht beantwor⸗ tet worden war, lag ſeine Thatkraft gefeſſelt, ſeine 5⸗ 68 Schwingen waren gelähmt, wie die des Adlers im Käfig. Für weiche, edlere Seelen iſt dieſer paſſive Schmerz, der die Heiterkeit deutſcher Jugend ſo häufig in unna⸗ türliche Melancholie verkehrt, beſonders gefährlich. Karl ſelbſt fühlte wohl, wie bedenklich eine ſolche Richtung für ſeinen Charakter ſei. Als er einſt beim Abſchiede von Heinrich es aus⸗ ſprach, er könne nichts leiſten, weil ihm das Heilige, weil ihm Gott abhanden gekommen ſei, leitete ihn eine richtige Erkenntniß, denn das iſt das Heilige in uns, nennen wir es nun Vertrauen auf Gott, Schick⸗ ſal oder eigene Kraft, daß wir ungebeugt feſtſtehen in uns ſelbſt, daß wir dem wechſelnden Leben gegenüber nicht wanken, daß wir uns ein großes Ziel moraliſch unverrückbar vorſtecken und danach ringen mit unſern beſten Kräften, daß wir nicht blos für uns, ſondern für Andere wirken, in der Erkenntniß, wie alles Stre⸗ ben der Einzelnen, ſo verſchiedenartig gegliedert und ſcheinbar auseinandergehend, in großen Idealen ſich ſammeln und vereinigen müſſe und daß, ſo hervor⸗ ragend der einzelne Menſch auch werden könne, er doch nur in der Unterordnung und Einfügung unter das große Ganze bedeutend und wahrhaft groß ſei. Ein Menſch ohne dieſe Ueberzeugung, ohne dieſes —— 69 Ideal liegt mit dem ſittlichen Geiſte unſerer Zeit in Widerſpruch, er hat das Heilige verloren, das, was ihn innerlich berechtigt, ſein Ich nach außen hin zur Gel⸗ tung zu bringen, denn alle echte Freiheit beſteht nur darin, einer allgemeinen Idee des Geſammtwohls zu dienen. Die Geſchichte der Welt und des menſchlichen Geiſtes, trotz aller Verirrungen, iſt doch im Grunde ein Suchen nach Wahrheit, nach jener Freiheit, die das Ideal vom Glücke der Menſchheit entdecken und feſthalten will. Die Wege zum Glück für die irrende unglückliche Menſchheit zu finden, iſt die Aufgabe aller Cultur, aller Bildung. Solange dieſes Ziel nicht erreicht iſt, ſeufzen wir unter dem alten Adamsfluch. Dem ge⸗ wöhnlichen Menſchen iſt es leichter, den ſchweren Weg nicht ganz zu verfehlen; ihm zeigen das Gebot der Pflicht, die Geſetze ſeines Berufs, die Lehre eines Dog⸗ mas die einzuſchlagende Richtung. In der Autorität des Herkommens und der Moral findet er immer Be⸗ friedigung und einen feſten Halt. Die begabtere Seele, der ſelbſtdenkende Geiſt be⸗ darf eines höhern Antriebes. Der genialere Menſch will die Weltordnung ſelbſt, den Weltgeiſt erfaſſen; er ſtrebt ins Unendliche, um ſich im Endlichen als ein Theil des Alles bewußt zu werden. 7 70 Darum verkennen gerade begabte Naturen ſo oft die Wege zum Glück. Die Wirklichkeit tritt ſcheinbar in Conflict mit dem Ideal, oder ſie verdeckt es dem Auge; die Gegen⸗ wart, obwohl nur ein kleiner Hügel, verhüllt uns Zwergen die Ausſicht auf die ſo nahe liegende Zukunft und ſcheint uns ein unüberwindliches Hinderniß, zu ihr zu gelangen. So wird für die, welche nicht dem Tage leben, leicht die Harmonie zwiſchen Kopf und Herz geſtört, die Wirklichkeit droht die Wahrheit zu vernichten und ihr Hohn zu ſprechen. Oft iſt die Einſicht, daß es über die Pflicht hinaus noch einen höhern Lebenszweck gibt, nicht von der Kraft be⸗ gleitet, die Feſſeln des äußern Lebensberufes zu zerreißen. Oft iſt die Sehnſucht nach genialer Leiſtung mäch⸗ tiger als die Befähigung dazu und es bildet ſich ein Zwittergeſchöpf, das, verdorben zur tüchtigen Erfüllung einer bürgerlichen, nüchternen Thätigkeit, doch nichts Höheres, Beſſeres zu erſchaffen vermag. Auf jeden großen Dichter und Künſtler treffen Tauſende, die, in namenloſen Qualen ſich verzehrend, ein unbefriedigtes Daſein leben, denn Viele ſind berufen, aber Wenige auserwählt in den Ruhmestempel welterlöſender Kunſt als Propheten und Apoſtel einzugehen. — — 71 Wohl den halben Talenten, die dann wenigſtens die Liebe zu dem Idealen nicht verlieren, die ſich ſelbſt wenigſtens treu bleiben und die herrliche Kunſt nicht verantwortlich machen für das eigene Unvermögen; ſie haben durch ihre Verblendung nur ſich ſelbſt geſchadet, die Flügel, wie der Schmetterling, der das Licht ſucht, ſich verſengt. Ihr Wollen iſt immer noch der Theil⸗ nahme, der Achtung werth. Aber wehe, wenn der Egoismus die heilige Kunſt, die uns lehrt, uns ſelbſt zu vergeſſen, und uns über das eigene Ich hinaushebt in die Seligkeit reiner Anſchauung des ewig Schönen und Wahren, wehe, wenn der unbefriedigte Ehrgeiz in frevelndem Beginnen das Kunſtideal läſtert. Dann hält ein ſolcher Geiſt dem Ideal,„das er ſo heiß begehrt und nicht umarmen kann“, den Spiegel ſeines Witzes entgegen, zeigt es der Welt entſtellt, als lächer⸗ liche Fratze und beweiſt der maulaufreißenden, halbge⸗ bildeten und verbildeten Jugend, das Ideal ſei für ſeine Rieſenkraft viel zu klein, ja es gäbe überhaupt nichts Großes, nichts Erhabenes. Zu ſolcher Verirrung hatte ſich Heinrich Wermuth hinreißen laſſen; er ſuchte fortan das Glück in Aeußer⸗ lichkeiten und nur für ſich. Ohne innern feſten Halt, nahm er die Mittel dazu, wo er ſie fand. Noch zu rechter Zeit wurde Karl dem Genoſſen entzogen; die * 72 reichen Anlagen in ihm kräftigten ſich, er fand mit Hülfe edler Frauen ſein beſſeres Ich; wohl litt er nach der Trennung unſaglich, aber gerade der Schmerz ge⸗ täuſchter Liebe brachte ſeinen Charakter zur Reife. Aus dem gährenden Moſt wurde ein edler Wein. Nach längerem Ringen trat die heilende Kriſis ein. Karl erhob ſich, vom Knaben zum Manne ge⸗ worden, über das Weh ſeines Herzens; er ſuchte und fand endlich in unermüdeter Arbeit Troſt und Labung; er nahm Theil an den großen Fragen, welche die Zeit bewegten, er vergaß ſich ſelbſt und widmete ſich der Wiſſenſchaft. Der Lohn blieb, wie wir ſahen, nicht aus, es nahte ſich der glückliche Zufall, den er ergriff, und über Nacht war er kein unbekannter Menſch mehr. Im Leben aller bedeutenden Männer fehlt nie jener Zufall, der ihre Ausdauer, ihr redliches Streben früher oder ſpäter belohnt, der ſie aus der großen Maſſe heraushebt. Da klagen dann die Durchſchnitts⸗ menſchen:„Wer auch ſo Glück hätte!“ Auch zu ihnen kommt der Zufall gar oft, der ihnen die Wege zum Glück öffnet, aber ſie ſehen ihn nicht, ſie verfolgen eben das Glück in einer ganz an⸗ deren Richtung. Wie der ungeübte Jäger klagen ſie, einen ſchlechten Stand auf der Jagd erhalten zu 73 haben; voll Neid ſehen ſie, daß ihr Nachbar ein Wild nach dem andern erlegt; inzwiſchen läuft rechts und links, ja zwiſchen ihren Beinen die Jagdbeute durch. Der Zufall iſt der befruchtende Regen; wo ein Same liegt, wo der Gärtner ſeine Blumen treulich gewartet hat, da ſproßt und blüht es empor; wo öder Sumpf iſt, da trübt er ſich noch mehr, und am Fels⸗ boden verdunſtet das ſegensreiche Naß, nachdem es ihn noch mehr zerbröckelt. Heinrich's erſter Gang in der Reſidenz war zu Karl, um ihm die Abſchrift des Tagebuchs und die Verſchreibung des Grafen zur Aufbewahrung zu über⸗ geben. Wie ſtaunte der Exhofmeiſter über die veränder⸗ ten Verhältniſſe! Der immer kränkliche Dr. Rödern ließ den jungen Dr. Molling ſeine ganze Praxis aus⸗ üben; das Vorzimmer der Rödern'ſchen Kanzlei war angefüllt mit Rathſuchenden beiderlei Geſchlechts; wer einen Proceß zu führen hatte, wollte ihn dem be⸗ rühmten jungen Rechtsgelehrten übergeben. Kurz nach ſeiner Vertheidigung wurde Karl durch einen Beſuch des Mr. Brown erfreut, welcher raſch Wohlgefallen an dem jungen Manne fand, der ſeiner⸗ ſeits die aufrichtigſte Verehrung für den friſchen, liebens⸗ . 74 würdigen Greis hegte. Durch Mr. Brown's Vermitt⸗ lung verkaufte Karl ſeine Gedichte ſehr vortheilhaft an die erſte Verlagshandlung der Reſidenz. Nun war ſein Name erſt recht in aller Mund. Gar manche hochgeſtellte Dame erbat ſich den Rath des jungen Ju⸗ riſten jetzt, nur um den intereſſanten Dichter kennen zu lernen. Das Wiederſehen der beiden Studiengenoſſen ge⸗ ſtaltete ſich freundlicher, als ſich nach der Art ihrer Trennung erwarten ließ. Karl trug gegen Heinrich keinen Groll mehr in der Bruſt. Heinrich ſeinerſeits vermochte freilich nicht eine gewiſſe Befangenheit zu verbergen. Trat er doch losgelöſt von ſeinen bisherigen Lebensbeziehungen dem frühern Collegen entgegen, der nach ſo kurzer Zeit ſchon ſich eine feſte Stellung gegründet, während er ſelbſt einen ganz neuen Stand ergriff, in welchem er von unten herauf dienen mußte. Karl konnte Heinrich, nachdem er deſſen Erlebniſſe in dem Schloß am See erfahren, zu ſeinem Vorhaben nicht Unrecht geben, ſo gewagt ihm der Plan im erſten „Augenblicke erſchien und ſo wenig er ſelbſt im Stande geweſen wäre, ſeine Freiheit dahinzugeben und Berufs⸗ ſoldat zu werden. Allein Karl, der ſelbſt liebte, ver⸗ ſtand wohl, wie gewaltig auf Heinrich's heftige Natur 75 das Erwachen einer tiefen Neigung wirken mußte, und er gab ſchließlich ihm Recht. Bei den herrſchenden Anſichten in den ariſtokratiſchen Kreiſen konnte Heinrich als Offizier noch am eheſten hoffen, ſein Ziel zu erreichen. Karl verſprach ihm, das übergebene Document gut aufzubewahren und gegen Jedermann Stillſchweigen zu beobachten. Da Heinrich nur im Allgemeinen andeutete, wie wichtig das Document für ihn ſei, aber mit keinem Worte über den Inhalt ſich ausſprach, ſo drang Karl nicht weiter in den Jugendfreund, obgleich ihm das Geheimnißvolle der Sache nicht gefiel. Heinrich zeigte ſich dankbar für die Discretion und berichtete unaufgefordert ausführlich über die Damen im Schloß am See. Neuerdings trat die Erinnerung lebhaft vor Karl's Seele; er lebte den Abſchied von Sophie noch einmal durch. Ihr Kuß brannte noch auf ſeinen Lippen, alle Wonnen der Liebe, die er damals genoſſen, lebten neu in ihm auf. Und ſie— ſie konnte treulos ſein! Schon wollte Karl nach dem König fragen, aber er unterdrückte die Regung als ſeiner unwürdig. Weil das warmherzige liebliche Kind in der Aufregung der Trennung ſeinen Kuß erwiderte und in aufwallender 76 Rührung eines weichen Kinderherzens über die üblichen Formen des Abſchieds hinausging, beſaß er deshalb ein Anrecht auf Sophiens Zukunft? Gewiß, ſie hatte gar nichts weiter dabei gedacht, als ſie ſich ſo gehen ließ! Er war der Unſinnige, etwas Beſonderes darin zu ſehen; wenn ſie geahnt hätte, welche Bedeutung er ihrem Benehmen beilegte, ſie hätte ſich wohl gehütet, ihm einen ſolchen Freundſchaftsbeweis zu geſtatten. Die Begegnung mit dem König blieb ihm freilich unerklärlich. Aber durfte er darum gleich Uebles, gleich das Aeußerſte glauben? So ſtritten Liebe und Verzagen, Entſchuldignng und Anklagen miteinander in Karl's Bruſt, aber er verrieth Heinrich nichts von ſeinen Empfindungen; ſie waren ei ander doch zu fremd geworden. Auf verſchie⸗ denen Wegen ſuchten ſie das Glück; jeder ahnte, daß der andere ihn nicht ganz verſtehen, ſeine Hoffnungen nicht theilen, ſeine eingeſchlagene Richtung nicht billigen konnte. SKeinrich, der in der Reſidenz vor den Studenten, in deren Kreiſen ſein origineller Ruf noch fortlebte, nicht als gemeiner Soldat erſcheinen wollte, begab ſich ſofort in eine Provinzſtadt, wo er ſich bei einem Artillerieregimente als Freiwilliger einreihen ließ. Er 5 ging mit der Ueberzeugung, daß er die Bedingungen ſeines Glückes ſich klug geſichert und alle Maßregeln umſichtig getroffen habe. Nur in Einem täuſchte er ſich: er glaubte, Niemand könne entdecken, wo er die Abſchrift des Tagebuchs und die Verſchreibung des Miniſters geborgen hatte. Er wußte nicht, daß der alte Friedrich im Vorzimmer der Rödern'ſchen Kanzlei lauernd ſtand, als er ſich von Karl verabſchiedete, und bemerkte nicht, daß der Kammerdiener ihm bis zum Bahnhofe nachfolgte und, nachdem er ſich von Heinrich's Abreiſe überzeugt, ſogleich ſeinem Herrn Bericht er⸗ ſtattete, daß der ehemalige Hofmeiſter in der Reſidenz nur mit einem einzigen Menſchen, dem jungen Dr. Karl Molling, geſprochen habe. Sechstes Kapitel. Mißlungene Verſuche. Motto: Denn wenn die Kugel los iſt aus dem Lauf, iſt ſie kein todtes Werkzeug mehr, ſie lebt, ein Geiſt fährt in ſie, die Erinnyen erg reifen ſie, des Frevels Rächerinnen, und führen tückiſch ſie den ärgſten Weg. Schiller's„Wallenſtein“. Der politiſche Horizont verdunkelte ſich inzwiſchen immer mehr. Der Krieg war freilich noch nicht erklärt, allein alle Staaten rüſteten ſich, das Gewitter mußte zum Ausbruch kommen. Auch fühlte man, ſoweit die deutſche Zunge klingt, daß die Entſcheidung, wie ſie auch ausfalle, die herrſchenden Zuſtände nur beſſern, nicht verſchlimmern könne. An den König trat die Nothwendigkeit heran, eine Partei zu ergreifen. Die Freiſinnigen im Lande, leider eine verſchwin⸗ dende Minorität, ſtimmten für Neutralität, da bei der Herrſchaft der ultramontanen Majorität an eine Partei⸗ nahme für den nördlichen Nachbar doch nicht zu denken war. Freilich wäre das Letztere das Klügſte geweſen. Prinzeſſin Eliſabeth bot all ihren Einfluß auf, den König dazu zu überreden; eine Zeit lang glaubte man auch allgemein, der Monarch werde trotz der öffent⸗ lichen Meinung der Mehrzahl ſeines Volkes ſich mit dem Norden verbinden. Große Angſt herrſchte darob in dem Lager der Ultramontanen, die auf den Sieg des öſtlichen Nachbarſtaates all ihre Hoffnung ſetzten. War doch damals der König noch nicht aus Italien zurückgekehrt, wo er den Einflüſterungen ſeiner freiſin⸗ nigen Schweſter preisgegeben war. Lange bevor der Conflict der Großmächte eine unmittelbar drohende Ge⸗ ſtalt angenommen, veranlaßte daher die regierende Partei Verſammlungen und Adreſſen, worin das Volk ſeinen Herrſcher bat, in der Stunde der Gefahr in ſeiner Mitte zu weilen. Der König kam, und nur zu ſchnell gelang es dem Grafen Ultrit, ſich wieder ſeine volle Gunſt zu erwerben und ihn zu einem Bündniß mit dem öſtlichen Großſtaat zu drängen. Noch war daſſelbe nicht unterzeichnet und Prin⸗ zeſſin Eliſabeth wagte einen letzten Verſuch, den König 80 umzuſtimmen. Anf ihrer mehrmonatlichen Reiſe waren die Geſchwiſter vertrauter geworden, der junge Monarch verkannte die Geiſtesgaben der Schweſter nicht und konnte ihrer liebenswürdigen Art und Weiſe nicht wider⸗ ſtehen, ja er duldete gern ihre Theilnahme und kam unmerklich dazu, faſt nichts mehr zu beſchließen, ohne nicht auch ihren Rath zu hören. Allein zuweilen folgte er, damit ſie ſeine Oberhoheit nicht vergeſſen ſollte, um ſo eigenſinniger ſeinem eige⸗ nen Kopfe; fielen derartige Schritte übel aus, was ſich zuweilen ereignete, ſo kehrte er von ſelbſt zu der klu⸗ gen Rathgeberin zurück. Auf ihre erprobte Macht bauend, benutzte die Prin⸗ zeſſin heute die Spazierfahrt, wozu der Bruder ſie wie faſt täglich einlud, um ihm noch einmal ihre Bedenken und ihre Anſicht vorzutragen. Der leichte Wagen, mit engliſchen Vollblutpferden beſpannt, in welchem der König und Prinzeſſin Eliſa⸗ beth allein ſaßen, flog über die Chauſſee dahin; in ei⸗ niger Entfernung folgte ein zweiter Hofwagen, in welchem ſich der Adjutant des Königs, der Rittmeiſter Theodor von Ultritz, und der dienſtthuende Kammerherr befanden. Die Wagen waren ſchon auf dem Heimwege, die Däm⸗ merung brach herein, über dem Häuſermeere der nur noch eine halbe Stunde entfernten Stadt lagerte ſich 8¹ der Abendnebel und drückte den Rauch, der aus den Kaminen emporſtieg, zu Boden. „Welche häßliche Atmoſphäre“, ſagte die Prinzeſſin zu dem Bruder,„ſchwebt heute über der Stadt! So ſchwer liegt es wohl auch heute auf allen Gemüthern. Mir bangt recht für die Zukunft.“ „Ich konnte keine andere Wahl treffen“, verſetzte der Fürſt;„neutral zu bleiben iſt unmöglich. Der Sieger würde uns nicht dafür danken, der Geſchlagene aber ſich auf unſere Koſten aus der Affaire ziehen.“ „Wie auch der Krieg endet“, meinte die Prinzeſſin, die kleinern Staaten„müſſen zunächſt die Koſten deſ⸗ ſelben tragen; ein Theil ihrer Selbſtſtändigkeit wird jeden⸗ falls geopfert werden müſſen. Der Zug nach Einheit iſt im Volke zu lebendig geworden.“ „Ich widerſtreite dem nicht“, antwortete der Fürſt; „auch bin ich, wie Du weißt, bereit, Opfer zu bringen. Hat nicht ſchon mein Vater auf dem Fürſtentage Alles aufgeboten, die Einheit mit herſtellen zu helfen? Wer hat ſie damals vereitelt? Der deutſche Norden that es, der jetzt mit Gewalt die Herrſchaft an ſich reißen will. Ich berief die Kammern ein; die Majorität iſt für den Anſchluß an den öſtlichen Nachbar. Die Bundespflicht, die Aehnlichkeit der Volksart, die gleiche Religion, Alles weiſt uns darauf hin—“ Schubert, Die Jagd nach dem Glücke. II. 6 82 „Was die jetzige Kammer ausſprach, iſt nicht der wahre Wille des Landes“, warf die Prinzeſſin eifrig ein. „Graf Ultritz hatte ſeine Hand in den Wahlen, die Ultramontanen beſchwatzen das Volk— die öffentliche Meinung iſt gefälſcht—“ „So heißt es immer“, entgegnete jetzt der König gereizt.„Die unterliegende Partei beſchuldigt die herr⸗ ſchende ſtets der Unredlichkeit und beweiſt dadurch nur, daß alle Beſtrebungen der Parteien unrein ſind. Ich halte nicht viel von der öffentlichen Meinung; ſie kreuzigt morgen diejenigen, denen ſie geſtern zujubelte.“ „Das iſt des Grafen Ultritz menſchenverachtende Philoſophie“, warf die Prinzeſſin ein.„Wer die Menſchen nicht liebt, nicht an die Fortentwicklung der Menſch⸗ heit glaubt—“ „Der hat keine Berechtigung, ſie zu regieren, willſt Du ſagen“, rief der Monarch, bitter lachend.„Gott Lob! iſt unſer Recht etwas älter als die Wahlmandate der Demokraten und die Ordnung der Welt ruht auf feſtern Grundlagen. Die Monarchie iſt von Gottes Gnaden, ohne ſie würde der Bau der deutſchen Staaten wanken und das ganze Volksleben ſich in ein wildes Chaos auflöſen, in dem die entfeſſelten Elemente des Socialis⸗ mus und Communismus allen Geſetzen der Moral, der Sitte und des Rechts den Krieg erklärten. Seit Jahren 2 2 83 ſucht man mir den Grafen Ultritz zu verdächtigen, will ſeine Stellung untergraben. Ich ließ ihn nicht fallen, denn er hielt mir Ruhe und Ordnung aufrecht. Rings um uns gährte es, in meinem Reiche blieben dem fried⸗ lichen Bürger alle Bedingungen des Glückes unange⸗ taſtet.“ „Und iſt es dem Grafen Ultritz gelungen“, fragte raſch die Prinzeſſin,„über die geheimnißvolle Brieftaſche Aufklärung zu geben?“ „Ich ließ mich hinreißen“, antwortete der König verdrießlich,„dem Briefe einer krankhaft reizbaren Frau an jenen Mr. Brown, für den Du ſchwärmſt, eine Be⸗ deutung beizulegen. Der Graf hat ſich glänzend gerecht⸗ fertigt.“ „So glaubſt Du wirklich, die Ausſage des Briefes, daß der Vater des Grafen ſich gegen unſern Vater ſchwer vergangen habe, ſei eine abſichtliche Täuſchung?“ „Der Graf zeigte mir das Tagebuch und die Brief⸗ taſche“, verſetzte der König ärgerlich.„Das Ganze iſt das Kopfzerbrechen nicht werth, das meine ſchöne Schweſter ſich darüber machte. Eine romantiſche Fami⸗ liengeſchichte iſt der Kern dieſer Angelegenheit— nichts weiter. Der Vater des Grafen fehlte allerdings, daß er nicht ſtrenger gegen den Geheimbund einſchritt, aber was kann der Sohn dafür? Er diente mir redlich und 6⸗ 84 ich bitte Dich ernſtlich, von nun an den erſten Diener meines Staates freundlicher zu behandeln und vor allem beſſer von ihm zu denken.“ Die Prinzeſſin erkannte wohl, daß jetzt der König, nicht mehr der Bruder neben ihr ſaß, daß ihr Verſuch, ihn umzuſtimmen, mißglückt war. Eine tiefe Trauer erfaßte ſie, wenn ſie ahnend an das Blut dachte, das für eine verlorene Sache vergoſſen werden ſollte. Der König bemerkte wohl die Thräne, welche die Schweſter ihm verbergen wollte. „Befürchte nicht“, nahm er freundlich das Wort, „daß Dein Privatleben, wie dies nach des Vaters Tode der Fall war, je wieder unter die Controle des Grafen Ultritz geſtellt wird. Du magſt unabhängig und frei Deinen Hofſtaat einrichten und verkehren, mit wem Du Luſt haſt. Folge Deinen Neigungen, ſammle die Künſtler und Poeten um Dich, ſchaffe Dir ein kleines Paradies, in dem ich Dich beſuchen und ausruhen kann. Ja meinet⸗ wegen“, fuhr er lächelnd fort,„treibe ein wenig Politik, verſchwöre Dich mit den Unzufriedenen— ich werde dann durch Deinen Mund die Anſchauungen unſerer Gegner kennen lernen.“ „Da nehm' ich Dich beim Wort“, verſetzte die Prin⸗ zeſſin, ſich faſſend und jene Heiterkeit zeigend, die den 85 zur Melancholie neigenden König immer wieder in das Netz der Schweſter zurückführte.„Es mangelt mir, um die Elite der Geiſter in meinen Salons verſammeln zu können, eine ältere Frau, deren Bildung ſie befähigt, die Honneurs zu machen.“ „Sie muß natürlich von Adel ſein“, ſchaltete der König ein. „Aber doch dem modernen Zeitgeiſte huldigen“, ſprach Eliſabeth weiter.„Dabei müßte ihr Benehmen, ihr Ruf über jeden Tadel erhaben ſein. Du begreifſt, daß ich die Oberhofmeiſterin Gräfin Starrfels nicht zur Gardedame und Protectrice eines literariſchen Salons machen kann.“. „Die alte Starrfels“, lachte der König.„Sie würde Krämpfe bekommen, wenn ſie mit einem Bürger⸗ lichen ſprechen müßte.“ „Ich dachte an die Wittwe des Baron Franz Bill⸗ mann“, ſagte jetzt ſchüchtern die Prinzeſſin.. „Kennſt Du ſie denn?“ fragte der König überraſcht. Der Schatten der Vorſtadtkirche, an welcher ſie eben vorbeifuhren, verbarg der Prinzeſſin das flüchtige Erröthen des Bruders. „Nur durch Deine begeiſterte Schilderung“, erwiderte raſch Eliſabeth. „Sie würde Dir allerdings beſſer als jede An⸗ 86 dere conveniren“, bemerkte der König.„Allein die Starr⸗ fels, die treue Dienerin unſerer Familie, darf nicht ſo ohne weiteres beiſeite geſetzt werden, es müßte ſich denn ein Ausweg finden laſſen.“ „Ich hab's, ich hab's!“ frohlockte Eliſabeth.„Die alte Starrfels ſoll bleiben für die rein ariſtokratiſchen Abende, für die Hoffeſte, die Routs und ſo weiter; für die kleinen Künſtlercirkel aber ſoll die Baronin Bill⸗ mann als Geſellſchaftsdame eintreten. Ich weiß, die alte Starrfels trachtet ſehnſüchtig nach dem Annun⸗ ciata⸗Orden, den die ſelige Mutter geſtiftet. Die Fürſtin Wolffseck iſt geſtorben, jetzt iſt eine Stelle frei. Der Orden wird ſie mit Allem verſöhnen.“ „Wir reden noch darüber“, entſchied der König. „Auch iſt es fraglich, ob die Baronin ein derartiges ſeltſames Amt annimmt.“ „Mr. Brown ſoll ihr zureden“, antwortete Eliſa⸗ beth,„vorausgeſetzt, daß ſie mir gefällt.“ „Sie hat zwei Töchter, welche ſie nicht wohl allein laſſen kann“, warf der König ein. „Und ſollte es meinem geſtrengen Herrn und Ge⸗ bieter gar ſo fürchterlich ſein, wenn er dieſen Töchtern in meinen Abendcirkeln begegnete?“ fragte in komiſcher Demuth Eliſabeth.„Die Pferde Eurer Majeſtät haben ſich oft darüber beklagt, daß ſie beſagten Töchtern zu Liebe den weiten Weg um den See in Sturm und Regen gejagt wurden.“ „Eliſabeth“, wehrte der König,„ſei nicht kindiſch! 3 Du weißt, ich ſchätze die Familie Billmann hoch, die Meädchen ſind edel und bewunderungswürdig und ich würde mich glücklich ſchätzen, dereinſt eine Gattin zu finden, die ihnen ähnlich iſt.“ „Wie ſchade, daß ſie keine Prinzeſſinnen ſind“, rief Eliſabeth,„daß ſie es nicht werden können! Und wie glücklich bin ich, daß mich keine erhabenen Rückſichten auf Thron und Erben feſſeln!“ 4„Sie binden auch Dich! Herkommen und Sitte verletzt Niemand ungeſtraft, ob dieſelben nun durch Hausgeſetze noch beſonders verbrieft ſind oder nicht.“ Sinnend legte nach dieſen Worten der König ſich in den Wagen zurück; auch die Prinzeſſin ſchwieg. Die erſten Häuſer der Stadt waren erreicht. Hinter den Gärten rechts und links bargen ſich die Villen und Landhäuſer; auf der rechten Seite der Straße 5 zog ſich hinter den Gebäuden ein Fluß, auf der linken der alte Stadtgraben und die hohe verwitterte Mauer — hin. Die Straße war menſchenleer, nur hier und da begegneten Arbeiter, die nach ihren Wohnungen in die Vorſtadt gingen, den daherraſſelnden Equipagen. 88 Manche grüßten, manche brummten in den Bart, die meiſten zogen müde, abgeſpannt ihres Weges. Die königlichen Geſchwiſter achteten nicht auf die Umgebung, jedes mit ſeinen Gedanken beſchäftigt. Da plötzlich ſchallte ein Schuß durch die Stille. Die Pferde des königlichen Wagens bäumten ſich, nur mit Mühe konnte der Kutſcher den Befehl des Königs, zu halten, vollziehen. Endlich ſtanden die Pferde. Aus dem Hauſe links an der Straße, in welchem der Schuß gefallen war, rief eine Stimme um Hülfe. Inzwiſchen kam der zweite Hofwagen heran. Der junge Graf Ultritz ſprang heraus und eilte zu dem König. „Sehen Sie nach, was hier vorgeht“, befahl der König und winkte dann, weiterzufahren. Ohne Zögern trat der Rittmeiſter mit dem Kammer⸗ herrn in das bezeichnete Haus. Ein älterer Mann im Schlafrock, eine abgeſchoſſene Piſtole in der rechten Hand, ſtieg mühſam die Treppe herab, ihnen entgegen. „Haltet den Dieb, er iſt im Garten, haltet den Dieb!“ ſchrie mit heiſerer Stimme der Alte, in welchem der Kammerherr den Dr. Rödern erkannte. Der Doctor, deſſen bleiches, hageres Geſicht ſeine Krankheit, die Auszehrung, verrieth, ſchwankte, ſeine Beſinnung ſchwand; der Kammerherr hielt es für ſeine nächſte Pflicht, dem Ohnmächtigen, beizuſtehen und über⸗ ließ dem Rittmeiſter die Verfolgung des Diebes. Der junge Graf durchſuchte den kleinen Garten raſch, ohne etwas zu entdecken; da raſchelte es— an den ſtarken Latten, wo ſich Reben an der alten Stadt⸗ mauer emporwanden, kletterte eine dunkle Geſtalt em⸗ por. Der Rittmeiſter griff danach und erwiſchte noch einen Fuß des Fliehenden— die Geſtalt ſtürzte herab. In dieſem Augenblicke wurde die Gaslampe auf der Straße angezündet; ihr Schein drang durch die Blätter der Bäume, gerade hinreichend, um den Ritt⸗ meiſter ein Meſſer, das in der Hand des Diebes blinkte, ſehen zu laſſen; Theodor parirte den Stoß mit der Scheide ſeines Säbels, ſprang einen Schritt zurück und zog die Klinge; ein Aſt ſtreifte ihm die Mütze vom Kopfe. Sein Gegner ſtürzte auf ihn los, hielt aber plötz⸗ lich inne und eine bekannte Stimme flüſterte: „Sie, Graf Theodor! Welch Verhängniß!“ Entſetzt erkannte nun der Graf in dem Diebe den alten Friedrich, den Kammerdiener ſeines Vaters. „Retten Sie mich“, ſprach dieſer leiſe, es gilt die Ehre Ihres Vaters; ich handelte in ſeinem Auftrage.“ Der Graf lauſchte; Alles war ſtill. „Die Bureauſtunde iſt vorüber“, erklärte der 90 Kammerdiener;„um dieſe Zeit iſt es einſam im Hauſe. Dr. Molling kommt erſt in einer Stunde von ſeinem Abendſpaziergange zurück— der Diener des Dr. Rödern iſt halbtaub— Dr. Rödern hat ſeit acht Tagen das Bett nicht verlaſſen— der⸗Teufel hieß ihn gerade heute aufſtehen— wir hatten Alles ſo wohl überlegt.“ „Hier“, ſagte der Rittmeiſter rathlos,„hier können Sie jeden Augenblick entdeckt werden.“ „Jenſeits der Mauer hält meine Droſchke“, erklärte Friedrich.„Der Kutſcher iſt ein verläſſiger Burſche; wäre ich nur erſt drüben, ſo bin ich gerettet, aber ich kann nicht hinüber, ich fürchte, ich habe den linken Arm beim Herabfallen gebrochen.“ „Es muß gehen“, entſchied der Graf. Die Angſt vor Entdeckung gab dem Kammerdiener neue Kräfte; er klomm die Mauer hinauf, der Graf hinter ihm half nach und ſchob ihn empor. Endlich war er oben. Jenſeits befand ſich, an die Mauer angebaut, ein alter Schuppen zur Aufbewahrung von Heu; Friedrich ſtieg auf das Dach deſſelben und gelangte ohne Schwierig⸗ keit auf den Boden des ehemaligen Stadtgrabens, der jetzt als ein Hohlweg nach einem tiefer gelegenen Stadttheile führte, wo er in einer kleinen Seitengaſſe mündete. Bei dem Schuppen ſtand die Droſchke. Der Kammerdiener ſtieg ein— faſt lautlos rollte der Wagen auf dem feuchten Grunde dahin. Der Schatten der Ränder des ſchluchtartigen Grabens deckte vor jedem Späherauge die Flucht. Das Erzählte war das Werk weniger Sekunden, doch hatten ſich, als der Rittmeiſter nach dem Hauſe zurückkehrte, ſchon manche Neugierige dort verſammelt. „Niemand iſt zu finden,“ rief der junge Graf den Leuten zu.„Der Dieb muß ſich nach jenſeits, wo eine Brücke über den Fluß führt, geflüchtet haben.“ Im Nu ſtoben die Leute in die bezeichnete Richtung auseinander, den Dieb zu verfolgen, und da Dr. Rödern noch immer bewußtlos war, ſo fiel es dem Grafen nicht ſchwer, dem zitternden Kammerherrn begreiflich zu machen, ſeine nächſte Pflicht ſei jetzt, mit Hülfe des herbeigekommenen tauben Dieners den Kranken zu Bette zu bringen und dann ſofort in den Wagen zu ſteigen und einen Arzt zu holen, während er ſelbſt dem König Rapport erſtatten würde. Siebentes Kapitel. Der Krieg bricht aus. Motto: Der Gedanke„Gott“ weckt einen fürchterlichen Nachbar auf, ſein Name heißt:„Richter.“ Schiller's„Räuber“. Mit großer, einer beſſern Sache würdigen Selbſt⸗ überwindung ſtieg Friedrich, im Miniſterhotel angelangt, die Treppe hinauf. Sein linker Arm war gebrochen und ſchmerzte ihn, es ward dunkel vor den Augen des alten Mannes, aber die Lakaien durften nicht merken, in welchem Zuſtande der allmächtige Kammerdiener heute nach Hauſe kam, und ſie ahnten es nicht, denn 2 er zankte und ſchalt ſie heute nicht weniger als ſonſt 1 über einige während ſeiner Abweſenheit von ihnen be⸗ gangene Verſehen in ihrem Dienſte. Kaum aber hatte Friedrich das Arbeitszimmer ————ꝝꝝ——ꝝ——bdſſſſſdſdſdſdſdſdſ—————— 93 ſeines Herrn betreten, als ihn die Kraft verließ, ſich länger zu beherrſchen. „Was iſt geſchehen?“ fragte die Excellenz, aus dem Stuhle aufſpringend, als er den Kammerdiener wanken und auf den Teppich niederſinken ſah. „Der Verſuch iſt mißglückt!“ ſtöhnte mühſam der alte Mann, auf die Thür deutend, welche der Graf raſch verſchloß. „Sie ſind ertappt worden?“ ſtieß der Graf er⸗ bleichend zwiſchen den Zähnen hervor. Der Kammerdiener ſchüttelte das Haupt und erzählte in haſtigen Worten, was ihm begegnet war. Der Graf athmete erleichtert auf. „Alſo nicht entdeckt? Das iſt die Hauptſache“, ent⸗ ſchlüpfte ihm unwillkürlich. „Und mein Arm Nebenſache!“ fuhr jetzt der Kammerdiener wüthend auf.„Ich bin im Dienſte Ihrer Familie grau geworden, nur Undank habe ich ge⸗ erntet!“ Der Herr ſchien die gereizte Rede des Dieners zu überhören, wenigſtens verrieth nichts, daß der unehr⸗ erbietige Ton ihn verletzte. Er half dem Kammerdiener auf die Füße und führte ihn zum Sopha; dann verließ er auf einen Augenblick das Zimmer und ſendete einen Bedienten nach dem Arzte. 94 „Faſſen Sie Muth, Friedrich“, ſprach der Graf bei ſeiner Rückkehr, die Thür wieder verſchließend,„der Arzt wird bald kommen.“ „Aber auch Ihr Herr Sohn wird ſogleich hier ſein“, ſtammelte mühſam der alte Mann;„er wird Aufklärung fordern, was werden wir ihm ſagen?“ Bevor der Graf etwas erwidern konnte, klopfte es an der Thür. „Mache auf, Papa, ich muß Dich ſprechen“, er⸗ tönte draußen die wohlbekannte Stimme des Ritt⸗ meiſters. Der Vater öffnete und ließ den Sohn ein. Ge⸗ wöhnt, den Kammerdiener ein größeres Vertrauen, als der Vater ihm ſelbſt je gewährte, genießen zu ſehen, war doch der Sohn ſehr erſtaunt, als er die Sorgfalt bemerkte, womit der ſonſt ſo ſtolze Vater dem Diener Troſt zuſprach. Theodor drückte nun dem alten Friedrich mit einigen Worten ſein Bedauern über den unglücklichen Zufall aus, dann wendete er ſich an den Miniſter. „Papa, Sie werden mir beiſtimmen, die Umſtände,* unter denen ich Friedrich heute getroffen, ſind derart befremdend, daß ich um eine Erläuterung bitten muß, um ſo mehr, als er behauptet, in Ihrem Auftrage ſich als Dieb zu Dr. Rödern geſchlichen zu haben.“ ————ööö“““ ———— 95 Du ſollſt Alles erfahren“, verſetzte der Vater und ließ ſich zu Häupten des Kammerdieners in einen Stuhl nieder.„Schließe die Thür!“ Der Sohn gehorchte, rückte einen Fauteuil herbei und wartete geſpannt, auf welche Weiſe der Vater das ſeltſame Ereigniß dieſes Abends erklären würde. „Du weißt“, begann der Miniſter,„daß mein Vater in ſeiner verblendeten Liebe zu meiner Schweſter, der Mutter Mariens, ein Teſtament verfaßte, welches mich beinahe enterbte und ihr faſt das ganze Vermögen vermachte. Ich durfte nicht an dem Teſtament rütteln, denn eine Clauſel beſtimmte, daß beim geringſten Wider⸗ ſpruch meinerſeits ich ſogar das Legat, das mir der Vater ausſetzte, verlieren ſollte. Ich ſelbſt war nach Rußland gereiſt, hatte die Erbſchaft im Auftrage des Vaters in Empfang genommen und bei einem dortigen Bankhaus deponirt. Ein hieſiger Geſchäftsfreund des ruſſiſchen Bankhauſes zahlte dem Vater die ganze be⸗ deutende Erbſchaftsſumme aus. Ich mußte noch ge⸗ raume Zeit in Petersburg bleiben, um einen Auftrag unſerer Regierung beim kaiſerlichen Hof zu Ende zu führen. Inzwiſchen ſtarb der Vater und hinterließ das ungerechte Teſtament; wohl verſuchte ich jetzt, die Schwe⸗ ſter zu einem billigen Vergleich zu bereden, ich beſchwor ſie, mir, als dem Haupt der Familie, wenigſtens die 96 Hälfte des Erbes zu überlaſſen. Aber der unnatürliche Haß Karolinens gegen mich— ſie gab mir die Schuld, ihre Heirath mit einem Bürgerlichen, dem Sohne des Mr. Brown, hintertrieben zu haben— war während meiner Abweſenheit aufs höchſte geſtiegen. Sie drohte mir, an Mr. Brown zu ſchreiben, ſie ſprach von einer Brieftaſche, welche Documente enthalte, Bekenntniſſe des Vaters, deren Veröffentlichung mir Amt, Stellung und Ehre koſten würden.“ Wie elektriſirt ſchnellte Theodor in die Höhe und ſtarrte den Vater mit weitgeöffneten Augen an. „Die Brieftaſche fand ſich nicht vor“, fuhr der Miniſter fort,„es war eine leere Drohung. Später behauptete zwar die Schweſter, die Brieftaſche ſei geſtohlen worden, Tante Kathrin iſt jedoch der Meinung, das Ganze ſei nur, um mich zu ſchrecken, von der Schweſter erfunden worden. Es ſchwebte ein eigenthümliches Dun⸗ kel über der Sache, das ich niemals aufhellen konnte. Ich mußte mich fügen, das Vermögen blieb im Beſitz meiner Schweſter. Als ihre Tochter Marie heranwuchs und Du alt genug warſt, gedachte ich den heißeſten Wunſch meines Lebens zu verwirklichen. Wenn Marie Deine Gattin wurde, ſo fiel das Vermögen des Vaters ohne Verletzung ſeines Teſtaments wieder an uns. Wieder ſuchte ich Karoline auf und trug ihr mein An⸗ — — — — 97 liegen vor. Sie war außer ſich; ſie ſchwur, niemals ihre Einwilligung zu der von mir beabſichtigten Ver⸗ bindung unſerer Kinder zu geben. Kurze Zeit darauf nahm ihre Krankheit— ein gefährliches Aſthma— eine ſchlimme Wendung, ſie fühlte den Tod nahen und ließ mich rufen.“ Es ſchien dem Grafen ſchwer zu fallen, den Sohn in dieſe Familienverhältniſſe einzuweihen. Er trocknete ſich mit dem Battiſttaſchentuche den Schweiß von der kalten Stirn. Der alte Friedrich lag mit geſchloſſenen Augen regungslos da; Theodor wagte kaum zu athmen. Tiefe Stille herrſchte in dem von einer Alabaſter⸗ lumpe mit mattem Glasſchirme nur ſchwach beleuchteten Gemach; nur der Pendel der koſtbaren Uhr auf dem Kamingeſimſe ließ ſeine regelmäßigen Schläge hören, die Lautloſigkeit unterbrechend und an die fliehende Zeit mahnend. „Ich kam wenige Sekunden, ehe die Schweſter den Geiſt aufgab, zu ihr“, nahm der Vater Theodor's das Wort.„Sie hatte mich nur holen laſſen, um mir ihren letzten Willen kundzuthun, der in der Forderung beſtand, ich ſolle ihr eidlich verſprechen, nach ihrem Tode keinen Verſuch zu machen, Mariens Hand für Dich zu verlangen. Mit einem Fluche über mich und Schubert, Die Jagd nach dem Glücke. II. 7 5 98 Euch, wenn jemals aus Dir und Marie ein Paar würde, ging ſie hinüber, unverſöhnt! Glücklicherweiſe war Mariens Vater meinen Wünſchen zugänglicher; Alles ſchien zu gelingen—“ „Marie wies meinen Antrag, den ich ihr bei der Fahrt nach dem Waſſeerfall machte, ziemlich unzwei⸗ deutig ab; wir werden ſchweres Spiel haben“, meinte Theodor. „Wir haben es verloren“, verſetzte der Vater ton⸗ los und erzählte nun ausführlich die dem Leſer bekann⸗ ten Vorgänge. Der Rittmeiſter vernahm mit Staunen und Ent⸗ rüſtung den verwegenen Anſchlag Heinrich's; faſt noch mehr beſtürzte ihn aber das Billet des Königs, worin dieſer von der rothen Brieftaſche ſprach. „Jetzt begreife ich, weshalb der König ſo kalt gegen mich wurde, weshalb er mich nicht nach Italien mit⸗ nahm. Auf welche Weiſe wurde nur die Majeſtät von dieſen Familienangelegenheiten unterrichtet?“ fragte Theodor. „Ohne Zweifel hat ſich Mr. Brown hinter die Prinzeſſin geſteckt und ihre Neugierde durch ſein Ge⸗ ſchwätz erregt“, ſchloß der Vater ſeine Mittheilungen. „Doch von dieſer Seite ſind wir ſicher; der König hat das Tagebuch und eine Brieftaſche mit nichtsſagendem 99 Inhalt geſehen. Der Schlag unſerer Feinde iſt un⸗ ſchädlich gemacht. Aber ſolange dieſer Heinrich Wer⸗ muth im Beſitz der Abſchrift des Tagebuchs und meiner Verſchreibung iſt, muß ich vor der Entdeckung zittern. Wenn der Monarch je erführe, daß ich ihm eine falſche Brieftaſche zeigte und auch das Tagebuch gefälſcht iſt, wir wären verloren!“ „Der Einbruch bei Dr. Rödern wird Aufſehen er⸗ regen“, ſprach nachdenklich der Sohn;„der frühere Hof⸗ meiſter wird den Zuſammenhang ahnen, er wird Dr. Molling die deponirten Papiere abfordern und Lärm ſchlagen.“ „Nachdem der Verſuch, jene Papiere zurückzuerhal⸗ ten, mißlungen“, verſetzte der Vater,„bleibt nichts Anderes übrig, als dieſem Wermuth jeden Verdacht zu be⸗ nehmen. Die Armee wird mobil gemacht, es mangelt an Offizieren, morgen ſoll der König ein Offizierspatent für den frechen Abenteurer unterzeichnen; in einigen Wochen verſchaffe ich ihm einen Adelsbrief. Inzwiſchen werde ich auf neue Mittel ſinnen—“ „So iſt der Krieg unvermeidlich?“ unterbrach Theodor den Vater. „Dies hängt von Umſtänden ab. Ich glaube, ich könnte den König noch in letzter Stunde bewegen, neu⸗ tral zu bleiben“, verſetzte der Miniſter. 3 3 7*½ 100 „Was Du aber nicht thun wirſt, Vater!“ fiel mit Feuer der Sohn ein.„Hier drückt die Luft; dieſe In⸗ riguen und Familiengeheimniſſe beunruhigen mich, ich brenne vor Begier, im Feld, im luſtigen Kriegsleben dieſe Eindrücke loszuwerden. Dort gedenke ich dieſen Heinrich Wermuth zu treffen, und verlaſſe Dich darauf, ich werde ihm die Luſt, ſich in die Angelegenheiten der Ultritze zu miſchen und Deine Pläne zu durchkreuzen, vertreiben.“ „Er iſt ein Menſch, der vor nichts zurückſchreckt“, ſprach beſorgt der Vater;„verſprich mir, Dich in keinen Ehrenhandel mit ihm einzulaſſen. Bedenke, wenn Du unterlägeſt, ſtünde es ſchlimmer um uns als jetzt.“ „Der Krieg brächte uns über alle Unannehmlich⸗ keiten“, bemerkte Theodor nach einer Pauſe,„wenigſtens für die nächſte Zeit hinaus. Vielleicht fügt es das Glück, daß Wermuth nicht mehr zurückkehrt.“ Der Miniſter erhob ſich; ſeine Gedanken und die des Sohnes hatten ſich begegnet. „Ueberlaß mir das Weitere“, ſprach er entſchloſſen; „noch ſind die letzten Karten nicht ausgeſpielt. Theo⸗ dor, Du biſt der Stolz, die Freude meines Lebens; Dich dereinſt glücklich und angeſehen zu wiſſen, iſt meines Daſeins Ziel. Was ich that, geſchah für Dich. Dafür verſprich mir, Dich nicht unnöthigerweiſe aus⸗ v — v 101 zuſetzen, im Drange jugendlicher Thatenluſt Dein theu⸗ res Leben nicht leichtſinnig zu wagen. Du wirſt, der König hat dies für den Fall des Krieges ſchon beſtimmt, im Hauptquartier bleiben.“ „Dem Namen Ultritz Ehre zu machen, Vater, wird mein Stolz und die Richtſchnur meines Benehmens ſein.“ Mit dieſen Worten umarmte der Sohn den Vater, warf noch einen Blick auf den ſchlummernden Kammer⸗ diener und verließ das Zimmer. Der Arzt erſchien bald darauf und unterſuchte den Armbruch Friedrich's, der vorgab, von der Leiter ge⸗ fallen zu ſein, auf welche er geſtiegen ſei, um eine Schrift iu dem oberſten Fache des Büchergeſtelles ſeines Herrn zu holen. Der Ausſpruch des Arztes lautete nicht tröſtlich; der Bruch des Oberarms war bei dem vorgerückten Alter Friedrich's allerdings ſehr bedenklich, konnte aber an ſich allein doch die raſche Abnahme der Kräfte des Patienten nicht erklären. Gegen Mittag des nächſten Tages ſtellte ſich heftiges Blutbrechen ein. Der Arzt meinte, bei dem Sturze könne im Innern der Körpers ein Gefäß zerſprungen ſein, man müſſe ſich auf das Schlimmſte gefaßt machen. Der alte Friedrich fühlte, daß es mit ihm zu Ende ging. An der Erde hatte er geklebt ſein Lebelang, jetzt ſiel es ihm ſchwer, von ihr Abſchied zu nehmen. 102 Die Treue und Anhänglichkeit an die Familie Ultritz war außer einigen abergläubigen Einbildungen ſeine ganze Moral geweſen; für ſeine Herrſchaft hatte er gar manche ſtrafbare Handlung begangen, manches Familiengeheimniß lange Jahre in verſchwiegener Bruſt bewahrt. Und gleichwohl blieb er dieſer bedenk⸗ lichen Moral nicht völlig treu. So theuer er ſich ſeine Dienſte von der Familie Ultritz bezahlen ließ— er war dadurch reicher als ſeine Herren geworden— ſo unerſätt⸗ lich ſtrebte ſeine Habſucht nach Geld und Geldeswerth fort, er verrieth in einer ſchwachen Stunde ein ihm anvertrautes Geheimniß, er verkaufte es an die Feinde der Familie. Jetzt, wo er im Todeskampfe lag, ſchmerzte ihn dieſer Treubruch; ſein Gewiſſen erwachte, aber er ſträubte ſich mit der Angſt der Verzweiflung dagegen. Durch ein Teſtament, worin er ſeine ganze Habe dem Waiſenhauſe ſeiner Geburtsſtadt vermachte, hoffte er die Sünden ſeines Lebens zu ſühnen. Der Notar kam, Friedrich unterſchrieb das Teſtament, allein die erwartete Beruhigung, der Seelenfriede, ward ihm nicht zu Theil. Schon ſenkte ſich zuweilen die Nacht des Fieber⸗ wahns auf ſeine Sinne, er ſchwatzte ohne Sinn und Zuſammenhang, dann wieder merkwürdig klar, ſich an e—— 2—— 103 die unbedeutendſten Vorgänge ferner Vergangenheit erinnernd. Der Graf lauſchte athemlos den Betheuerun⸗ gen des Sterbenden, daß die rothe Brieftaſche wirklich exiſtire, daß Tante Kathrin dieſelbe habe, daß der König betrogen worden ſei. Gegen Morgen kehrte auf kurze Zeit das volle Be⸗ wußtſein des Kranken zurück und mit ihm die qualvollen Empfindungen entſetzlicher Todesfurcht, welche die letzten Augenblicke des Verbrechers zur Hölle machen. Friedrich verlangte Frau Kathrin zu ſprechen, ein Wunſch, der bei der weiten Entfernung des Schloſſes am See nicht mehr zu verwirklichen war. Furchtbare Verwünſchungen gegen den Vater des Grafen aus⸗ ſtoßend, rief er in leiblichen Schmerzen und von Reue gefoltert nach einem Prieſter. Der Graf Ferdinand zitterte vor den Eröffnungen, die der Sterbende machen würde, vermochte aber, entſetzt über den An⸗ blick ſeines verzweifelnden Dieners, nicht, ihm den letz⸗ ten Troſt zu verſagen. Er ſchickte nach dem Pfarrer des Stadtviertels und drang in Friedrich, ſein Herz zu erleichtern und ihm, ſeinem Herrn, die Geheimniſſe zu beichten, welche ſo ſchwer auf ſeine Seele drück⸗ ten. Allein die Schauer des Todes hatten ſich ſchon dem Kranken genaht; mit letzter Anſtrengung arbeitete die röchelnde Bruſt, das tobende Gehirn ſträubte ſich 104 gegen die Ohnmacht, aus der es kein Erwachen mehr gibt. „Frau Kathrin“, keuchte der Sterbende,„weiß Alles— auch der verſtorbene König.— Mr. Brown — hüten Sie ſich vor ihm! Sie ſind— ich breche den Eid— Sie ſind—“ Die Lippen bewegten ſich noch eine Weile, aber der alte Mann brachte keinen Ton mehr hervor. Seine Züge verzerrten ſich, das Auge blickte gläſern. Der Pfarrer kam, aber nur um an einer Leiche zu beten. Der Arzt conſtatirte mit Befriedigung, daß ſeine Vorherſage pünktlich eingetroffen, daß der Fall von ihm richtig erkannt worden war.. Der Miniſter eilte in die Reſidenz. Eine Stunde ſpäter telegraphirte er an die Re⸗ gierung des öſtlichen Nachbarſtaates: „Der König hat ſo eben den Allianzvertrag unter⸗ zeichnet.“ Des andern Tages flog wie ein Blitz die Nach⸗ richt durch die Reſidenz: „Der Krieg iſt erklärt!“ Achtes Kapitel. Die Warnung. Motto: O laßt mich aus der düſtern Gegenwart entfliehen, Und nur noch einmal laßt ſie mich begrüßen Die ſelige Vergangenheit! Dort taucht, umkränzt mit Regenbogen, Der Kindheit Inſel aus den blauen Wogen. Grabbe's„Herzog von Gothland“. Wir übergehen die lange, lange Zeit, welche ver⸗ lief, bis die Armeen aufmarſchirt waren; auch die Greuel und Schrecken, die der Krieg gebar, ſowie die Kräfte und Tugenden, welche er hervorrief, fühlen wir uns nicht berufen, eingehend zu ſchildern. Die Mitwelt, der wir unſere einfache Geſchichte erzählen, hat den Krieg aus eigener Erfahrung zur Genüge kennen gelernt, faſt jede Familie beweint einen, der auf den blutigen Schlachtfeldern ſiel; die Wirkungen der furchtbaren Kämpfe unſerer Tage drangen in jedes Einzelleben und rüttelten es auf aus dem falſchen Idealismus, der ſich 106 vieler Köpfe bemächtigt hatte, und drängten andererſeits den Materialismus und die Selbſtſucht der Zeit in den Hintergrund und gaben vielen edlen Seiten der menſch⸗ lichen Natur zur Entwicklung Raum. Merkwürdigerweiſe trat in der rauſchenden Flut des Zeitgeiſtes, welcher die Völker zwingt, die Bildung großer Staaten anzuſtreben, eine mächtige Gegenſtrö⸗ mung deutlicher als jemals in der Geſchichte auf. Drei einander fremde Parteien verbrüderten ſich, die entgegengeſetzteſten Ideen begegneten ſich in einer Richtung, die Extreme berührten ſich, um gegen die Neugeſtaltung der Welt vereinigt zu kämpfen. Vielen und zwar gerade vielen hochgebildeten Deutſchen war das Vaterland zu einem reinen Begriff, zu einer bloßen Aſtraction geworden. Dieſe Weltbürger ſchwärmten für ein freies Menſchenthum, für eine geiſtige Verbrüderung aller Völker, für Abſchaffung des Kriegs und aller politiſchen Grenzen. Den Socialiſten, deren Anhänger größtentheils dem Arbeiterſtande angehören, war der Begriff Vaterland ein unnützes Ding; ſie trachteten danach, es zu zer⸗ ſtückeln, in kleine, durch gleiche materielle Intereſſen verbundene Gemeinden oder Communen aufzulöſen. Wenn die Prieſter der Humanitätsidee predigten:„Alle ————ͤͤͤͤſͤſſſ⁄ſſſſ —„„ ———.— 107 Menſcheu ſind Brüder!“ ſo überſetzten die Socialiſten dieſes Wort in die Praxis:„Alle Menſchen ſind Arbeiter.“ Sie begehrten, der Staat ſolle„ewige Ar⸗ beit“ garantiren oder zugeben, daß die Arbeiter, anſtatt Lohn zu empfangen, mit dem Gelde des Kapitaliſten wirthſchaften und ſich gleichheitlich mit ihm in den Nutzen theilen. Sie waren großmüthig genug, den Schaden ihm allein zu überlaſſen.. Die verrückteſten Narren unter den Communiſten forderten Abſchaffung des perſönlichen Eigenthums, ohne zu begreifen, daß hierdurch der Arbeit ſelbſt alle Mittel und Motive geraubt würden. Hätte ein homeriſches Gelächter genügt, dieſe Geiſteskrankheiten zu heilen, ſo wäre der Welt viel Jammer erſpart worden. Aber die Weltordnung be⸗ weiſt ihre Logik durch das Pathos der Thatſachen, nicht rhetoriſch; ſie heilt den Wahn der Menſchheit, indem ſie die tollgewordenen Köpfe abſchlägt. Zu den idealen Träumern und den Jüngern des Materialismus geſellten ſich als Dritte im Bunde die politiſchen Particulariſten, deren enger Geſichtskreis nicht über den nächſten Kirchthurm hinausreichte. Das deutſche Volk in ſeiner großen Mehrzahl ſchritt ſiegreich über die Hemmniſſe hinweg und das 108 Vaterland erhob ſich verjüngt und herrlich aus dem Schlafe. Nicht mehr in den Wolken, nicht mehr im Liede der Dichter, nicht mehr in der Vergangenheit oder Zukunft iſt es zu ſuchen, es lebt in der Gegenwart. An ſeiner geſunden Bruſt ſaugen auch ſeine verirrten und entnervten Kinder neue Lebenskraft. Möge der Idealismus und Materialismus die ernſte Lehre beherzigen; möge der erſtere einſehen lernen, daß nur auf ein ſtarkes Vaterland geſtützt die Huma⸗ nitätsideen und wahre Freiheit lebensfähig werden können. Der Materialismus aber begreife, daß der Stoff niemals ſich ſelbſt Zweck ſein kann, ſondern nur ein Mittel iſt, eine Idee darzuſtellen, und daß der Ar⸗ beiter ohne Vaterland erſt recht ein Sklave des Kapi⸗ tals wird. Die politiſchen Philiſter aber, welche die Art der Einigung Deutſchlands noch immer bekritteln, ſollen be⸗ denken, daß nur der Starke den Frieden um des Frie⸗ dens willen liebt, der Schwache nur aus Eigennutz ihn um jeden Preis wünſcht. Wer gut bauen will, der muß mit ſicherem Fuße ſtehen auf der feſten Erde; das kosmopolitiſche Dach, das die Bewohner des großen Ge⸗ bäudes des erträumten Weltfriedens gemeinſchaftlich beſchützen ſoll, kann erſt zuletzt, wenn alle Mauern ſtehen und die Gemächer für alle Nationen bereit ſind, —————„„ —— 109 aufgeführt werden. Bis dahin iſt aber, wenn dieſe glückſelige Epoche überhaupt eintritt, der Stern, auf dem wir leben, bedeutend älter geworden, und wir wollen den Blick aus der fernen Zukunft den Helden unſerer Erzählung wieder zuwenden. In großen Schlachten hatte der nördliche Nach⸗ barſtaat ſo entſcheidend geſiegt, daß der König des Landes, in welchem unſer Roman ſpielt und welches Land auf keiner Karte, ſondern nur in unſerm Kopfe exiſtirt, fortan über die einzuſchlagende äußere Po⸗ litik nicht mehr zweifeln konnte. Aus dem Heere, das, obgleich zu ſchwach, das Rad der Geſchichte aufzuhalten, ſich durch Tapferkeit allgemeine Achtung errungen, wurde nun ein tüchtiger Bundesgenoſſe der Armee des Nordens. Graf Ultritz trat von dem Poſten eines auswär⸗ tigen Miniſters zurück, doch blieb ihm die Gunſt des Monarchen unerſchüttert, der ihm jetzt das erledigte Portefeuille für das Innere und die Juſtiz übergab. Die wichtige Aenderung der äußern politiſchen Lage des Staates wirkte tief in alle Schichten des Volkes. Auf der Oberfläche blieb es ziar ſtill und die Raaction ſchien feſter als je zu ſitzen, die Oppoſition verſtummte faſt ganz; die Zeitung, welche Mr. Brown gegründet, war die einzige, welche die Confiscationen 110 und Zwangsmaßregeln, die der Graf Ultritz infolge einer Regierungsverordnung über ſie verhängen durfte und reichlich anwendete, über ſich ergehen ließ, ohne in ihrem Kampfe zu erlahmen. Karl Molling war einer der bedeutendſten Mit⸗ arbeiter dieſer Zeitung; ſchon früher, ohne damals an eine Veröffentlichung zu denken, hatte der junge Rechts⸗ gelehrte eingehende Studien über die Verfaſſung, über manche politiſche und ſociale Fragen gemacht. Als ihm von ſeiten des Miniſteriums kurz nach ſeiner freiſin⸗ nigen Vertheidigung bedeutet wurde, er dürfe, wenn er ſeine Geſinnungen nicht ändere, nie auf Staatsdienſte rechnen, ſtand ihm ſchon ein bedeutendes Material zu Gebot, das er nur in eine Broſchüre zu ordnen brauchte, um als ein nicht zu verachtender Streiter für das ver⸗ letzte Rechtsbewußtſein des Volkes in die Schranken treten zu können. Die Broſchüre errang ſich einen ungemeinen Erfolg; alle auswärtigen größern Journale boten Karl Mol⸗ ling unter glänzenden Bedingungen die Mitarbeiterſchaft an. Er ſah ſich mit einem Male auch in materieller Hinſicht auf die Höhe des Lebens gehoben und war bald im Stande, ſeinem Vater eine größere Summe zu ſenden, das Leben der Seinigen freundlicher zu geſtalten. 441 Die Drohung, nicht angeſtellt zu werden, war nicht der Beweggrund, ſondern nur der Anlaß für ſein Han⸗ deln. Niemals würde er unter dem jetzt herrſchenden Régime ein Amt angenommen haben, vielmehr gelobte er ſich, die Unabhängigkeit, die ihm ſein literariſcher Erwerb für die Zukunft ſicherte, zum Wohle der Ge⸗ ſammtheit zu verwerthen, indem er für Ordnung, Frei⸗ heit und die höhern Intereſſen ſeiner Mitbürger kämpfte. So ſtolz war ſeine Bruſt geſchwellt, daß er jetzt ohne Bitterkeit der Familie vom Schloß am See ge⸗ dachte. Jetzt war er ja auf dem Wege, das zu wer⸗ den, was jene dort einſt von ihm erwartet hatten. Jetzt war es an ihnen, ihn aufzuſuchen. Mr. Brown befand ſich auf dem Kriegsſchauplatze, wo er mehrere Lazarethe überwachte und im Verein mit Gleichgeſinnten in edler Aufopferung die Leiden des Krieges nach Kräften zu mildern ſuchte. Herr von Claming, aus Amerika zurückgekehrt, folgte, da die Fabrik während des Krieges geſchloſſen blieb, dem edlen Beiſpiele Mr. Brown's, indem er auf einem andern Punkte die Pflege der Verwundeten und die Anlage großartiger Spitäler übernahm. Heinrich Wermuth hatte ſich mehrmals vor dem Feinde ausgezeichnet, ſodaß der Feldherr ihn ſchon 1¹2 nach einem der erſten Gefechte zum Oberlieutenant be⸗ förderte. Der König verlieh ihm den erſten militäriſchen Orden, der den perſönlichen Adel mit ſich brachte. Noch als die Armee ſich ſammelte, verſäumte Karl nicht, Heinrich zu ſeiner auffallend ſchnellen Ernennung zum Lieutenant zu beglückwünſchen und von dem Ein⸗ bruch bei Dr. Rödern in Kenntniß zu ſetzen. Er theilte ihm mit, daß Dr. Rödern den Dieb, dem man trotz aller Nachforſchungen nicht auf die Spur kommen konnte, in dem Momente überraſchte, wo dieſer die Kaſſe, in welcher auch Heinrich's Docu⸗ mente lagen, aufbrechen wollte. Zugleich fragte er an, ob Heinrich die Papiere nun anderswo untergebracht wiſſen wolle, ob ſeine Befürchtung begründet ſei, daß der Einbruch mit jenen Documenten irgendwie in Be⸗ ziehung ſtehe, und ob Heinrich über die Perſönlichkeit des Diebes irgend welche Vermuthungen hege. Heinrich antwortete, er müſſe es Karl's Klughei und Umſicht überlaſſen, das anvertraute Gut ſicher zu bewahren; der Raubverſuch könne ſich möglicherweiſe wiederholen. Im Falle der Tod auf dem Schlachtfeld ihn ereile, beſtimmte Heinrich, ſolle Karl das verſiegelte Couvert an Mr. Brown übergeben. Karl zweifelte nicht mehr, daß der Einbruch den 113 Documenten gegolten, und er vermochte ſich von nun an einer gewiſſen Unruhe nicht mehr zu erwehren, die aufs höchſte ſtieg, als er am Tage des Friedens⸗ ſchluſſes ein duftendes Billet von unbekannter Hand folgenden Inhalts erhielt: „Schaffen Sie alle Papiere, die Ihnen etwa ge⸗ fährlich werden können, namentlich ſolche, die Ihnen anvertraut wurden, beiſeite. Sie haben mächtige Feinde — verachten Sie dieſe Warnung nicht.“ Noch grübelte Karl über die Handſchrift des un⸗ bekannten Schutzgeiſtes nach— einen Augenblick dachte er an Sophie— da trat der Poſtbote mit den Zei⸗ tungen ein. Karl warf einen Blick auf das officielle Regierungs⸗ blatt, um ſich von dem Stande der Friedensunterhand⸗ lungen zu unterrichten. Raſch damit zu Ende, fiel ſein Blick auf eine Notiz, die ihm das Blut in die Wangen trieb. Sie lautete: „Ihre königliche Hoheit Prinzeſſin Eliſabeth, die jugendliche Protectorin der Wiſſenſchaften und Künſte, hat Frau Baron von Billmann, die Wittwe des in Ame⸗ rika verſtorbenen Barons Ludwig Billmann, zu ihrer Ehrendame ernannt. Die Baronin, eine Frau von ſeltener Bildung, ſoll in den kleinen äſthetiſchen Cirkeln Ihrer Schubert, Die Jagd nach dem Glücke. II. 8 114 königlichen Hoheit die Honneurs machen und die in letzter Zeit oft leidende verdiente Oberhofmeiſterin, Ihre Excellenz die Gräfin Starrfels, in deren Amte proviſo⸗ riſch vertreten. Frau Baronin von Billmann iſt geſtern von ihrer Beſitzung am See hier eingetroffen und abends mit ihren Töchtern dem verſammelten Hofe vorgeſtellt worden. Wie wir hören, iſt die neue Ehrendame mit Sr. Excellenz dem Grafen Ultritz verwandt.“ Karl wußte nicht, was er davon denken ſollte; man rühmte die Prinzeſſin zwar allgemein wegen ihres Freimuths, beſonders Mr. Brown verehrte ſie hoch, viele Stimmen aber tadelten ihre extravaganten Launen und Liebhabereien und nannten ſie einen unausſtehlichen Blauſtrumpf. Wie konnte die Baronin ſich entſchließen, ihre Un⸗ abhängigkeit aufzugeben und eine derartige ſeltſame Stelle bei Hofe anzunehmen? Hatte die Eitelkeit über ihre beſſere Einſicht, über ihr ſtolzes Selbſtgefühl geſiegt? Wollten die Mädchen gern zu Hofe kommen? Sophie— ſollte ſie wirklich— ſollte der König ſie in ſeiner Nähe wiſſen wollen? Von widerſprechenden Empfindungen gepeinigt, konnte Karl heute nicht mehr ins Gleichgewicht kommen. Er vergaß darüber beinahe die ſeltſame Warnung. ———/— — 115 Es war ſchon ſpät abends, als er endlich das Haus verließ, um ſeinen gewohnten Spaziergang zu machen. Das verſiegelte Couvert, das Heinrich ihm übergeben, trug er bei ſich. Oft griff er im Gehen an die Rocktaſche, in welcher er es geborgen, um ſich zu überzeugen, ob er es noch habe; ihm war, als ſei das leichte Papier in ein ſchweres bleiernes Gewicht verwandelt. Lange, lange irrte er heute in den Gaſſen der Stadt umher. Sophie war hier, er konnte ſie ſprechen — wenn er wollte, konnte er ſchon morgen ſich der Baronin vorſtellen. War das dieſelbe Stadt, durch die er, innerlich ver⸗ einſamt, ſo oft geſchritten? Lag ſie nicht heute vor ihm als eine andere, ſchönere, hellere? Dünkte ihm nicht mit einem Male dieſer Ort der ſchönſte auf Erden? Auf Augenblicke ſchien es ihm ſo, doch um ſo⸗ trauriger wurde er hinterher. Mit einer Hälfte ſeines Ichs hätte er laut aufjubeln, mit der andern bittere Thränen vergießen mögen. Er gedachte verſchwundener Tage, an das Schloß am See, an ſeinen Vater. Wie ein goldener Sonnenſtrahl fiel in die Nacht ſeiner Seele das Bild ſeiner Kindheit. „O daß noch eine Mutter mir lebte!“ rief er unwillkürlich aus. 8*½ 116 Seine Stimme zitterte gerührt, eine Thräne ent⸗ fiel ungeſehen ſeinem Auge, und es ward ihm leichter ums Herz. Er faßte den Entſchluß, am nächſten Morgen nach ſeiner Geburtsſtadt zu reiſen und einen Tag in der theuren Heimat zu verleben. Die Sehnſucht, den greiſen Vater zu umarmen, der jetzt ohne Vorwurf auf ihn blicken durfte, war allzu mächtig geworden; vor dieſer reinen, heiligen, uneigennützigen Sohnesliebe ver⸗ ſchwanden auf kurze Zeit alle andern heißen Wünſche und Träume des jungen Mannes. Er führte in aller Frühe ſeinen Vorſatz aus. Der alte Molling, überglücklich, ſeinen Karl wieder⸗ zuſehen, beklagte nur, daß die Freude blos einen Tag währte. Karl übergab das ihn beunruhigende Document Heinrich's dem Vater, der es in einem ſichern Gewölbe ſeines Kellers gut verbarg. Wie richtig Karl diesmal die Vorſicht und unbe⸗ ſtimmte Angſt, über die er ſich auf der Heimreiſe ſelbſt verſpottete, geleitet hatte, ſollte ſich bald zeigen, denn kaum war er wieder zu Hauſe, als die Polizei in der Rödern'ſchen Kanzlei erſchien und auf Befehl des Mini⸗ ſters genaue Hausſuchung nach Correſpondenzen mit verſchiedenen Verdächtigen im Auslande vornahm. 110 Man fand natürlich nichts, da auf Karl's Rath Dr. Rödern alle Briefe, die ihn etwa compromittiren konnten, zeitig genug beiſeite geſchafft hatte. Aber Karl zweifelte jetzt nicht mehr, daß die Haus⸗ ſuchung den Documenten Heinrich's gegolten hatte. —4 — Neuntes Kapitel. Verfehmt. Motto: O jeder Sterbliche, und ſäß' er auf dem umdrängteſten von allen Thronen, er wandelt einſam unter Millionen! Kein Anderer kann ſeine Freude, ſeinen Schmerz verſtehen.... Grabbe's„Herzog Theodor von Gothland“. Die fortwährende Angſt um den im Felde ſtehen⸗ den geliebten Heinrich, der, wie ſie wußte, jede Gefahr aufſuchte, um ſich auszuzeichnen, zerrüttete die ohnehin ſchwache Geſundheit der einzigen Tochter des Barons Billmann noch mehr; längere Zeit wieder lag ſie krank im Schloſſe am See, und jetzt bedauerte der Vater, nicht ſofort ſeine Zuſtimmung zu ihrer Verbindung mit Heinrich gegeben zu haben. Wenn die Tochter dahinwelkte, ehe der Krieg en⸗ dete, wenn ſie, im Falle eine unglückliche Kugel Hein⸗ 119 rich dahinraffte, dem Geliebten aus Gram ins Grab nachfolgte! Entſetzlich! Der gutmüthige Vater wagte dieſen Gedanken kaum auszudenken; ſeine Marie war ſein Alles, beſonders jetzt, wo ſein Neffe, der junge Wilhelm, in einer Erziehungsanſtalt in England weilte. Wenn Marie nur am Leben blieb, wenn ſie ſich glück⸗ lich fühlte, dann wollte der Vater, das gelobte er ſich feierlich, ihr nie einen Vorwurf über die unwürdige Wahl ihres Herzens machen und die Schmach dieſer Mesalliance— das blieb ſie in ſeinen Augen immer, ſo hoch auch Heinrich künftig noch ſteigen mochte— er⸗ tragen. Ja, der Baron brachte ſogar dem kranken Kinde das Opfer, freundlich an Heinrich zu ſchreiben und dem Manne, dem er einſt ſo ſtolz die Thür gewieſen, nun zu ſeiner Beförderung und Decorirung Glück zu wünſchen. In dieſer Stimmung, während die zärtlichſte, opferfreudigſte Liebe für das leidende Mädchen ſein bangendes Herz erfüllte, trat der Baron zzum erſten Male energiſcher den wieder auftauchenden Werbungen des Grafen Ultritz entgegen; der Baron erklärte auf das entſchiedenſte, daß er ſeine Marie niemals zu einer Verbindung gegen ihren Willen zwingen werde. Noch mehr als dieſe alle ſeine Pläne zerſtörende Abweiſung, welche ſich bei dem ſchwachen Charatter des Barons vielleicht rückgängig machen ließ, empörte den Grafen, daß jetzt ſogar Tante Kathrin für Marie und Heinrich Partei ergriff. Der Miniſter hatte kurz nach dem Tode ſeines alten Kammerdieners Tante Kathrin beſucht und ſie beſchworen, ihm das Geheim⸗ niß, das ſich an die rothe Brieftaſche knüpfte, nicht länger vorzuenthalten. Die Schilderung des grauen⸗ vollen Hingangs des alten Friedrich und ſeine ſeltſamen letzten Reden im Angeſichte der Ewigkeit ſchienen einen tiefen, überwältigenden Eindruck auf die ſonſt ſo willens⸗ ſtarke Greiſin hervorzubringen. Sie verweigerte hart⸗ näckiger als früher jede Auskunft über die Brieftaſche und warnte den Grafen, nachdem der Einbruch bei Dr. Rödern mißlungen war, vor weitern Gewaltſchrit⸗ ten, die Copie des Tagebuchs und die Verſchreibung wieder an ſich zu bringen. Sie erklärte, ſie werde ſich in keine Intriguen ſolcher Art mehr einlaſſen, da ſie überzeugt ſei, Marie könne den Verluſt Heinrich's nicht überleben. Die Verbindung rückgängig machen zu wollen ſei nun⸗ mehr ganz unmöglich; deshalb wäre es am klügſten, den Dingen nicht blos ihren Lauf zu laſſen, ſondern das in der Verſchreibung gegebene Verſprechen pünktlich zu erfüllen und die Verheirathung Heinrich's und Mariens an 121 zu beſchleunigen, um möglichſt bald die unbequemen Documente zurückzuerhalten. Graf Ultritz war anderer Meinung. „Sind nur erſt die Papiere wieder in meinen Hän⸗ den“, ſagte er,„ſo lache ich des frechen Geſellen, der ſie mir abtrotzte. Ich weiß, wo die Documente liegen, und wäre ein Thor, ſie mir nicht zu holen.“ Er theilte Tante Kathrin ſeine Abſicht mit, durch eine Hausſuchung bei Dr. Molling unter dem bekannten politiſchen Vorwande ſich in den Beſitz der Papiere zu ſetzen. Tante Kathrin gab nur ſcheinbar jeden Widerſpruch auf und der Graf ging nach der Reſidenz zurück, ent⸗ ſchloſſen, ſein Vorhaben auszuführen; er ahnte nicht, daß Kathrin nun daſſelbe durchkreuzte. Sie ſendete unverzüglich jene anonyme Warnung an Karl Molling, und dieſer gab ihr, wie wir wiſſen, Gehör, ſodaß Heinrich's Documente zur rechten Zeit den räuberiſchen Händen entſchlüpften. Der Miniſter mußte mit Schrecken erkennen, daß alle Erwartungen ihn be⸗ trogen. Der Baron blieb feſt auf ſeinem Sinn, und um von der ewigen Zudringlichkeit ein⸗ für allemal befreit zu werden, zeigte er dem Grafen einen Brief an Hein⸗ rich worin er dieſem die Hand ſeiner Tochter zuſagte. 122 Marie war nun für ſeinen Sohn und mit ihr das große Vermögen, um welches die Schweſter ihn einſt gebracht, auf immer für die Ultritze verloren. Mitten in der Beſtürzung über dieſe Enttäuſchung trafen den Grafen die politiſchen Ereigniſſe wie ein zermalmender Blitzſtrahl; der unausbleibliche baldige Friede mußte einen Wendepunkt in der Staatspolitik herbeiführen und der Graf, der Vertreter der alten Richtung, ſodann einem neuen Miniſter des Auswär⸗ tigen Platz machen. Ju dieſer Kriſis trat die ganze Schlauheit und Gewandtheit des Grafen, die Unerſchöpflichkeit ſeiner Hülfsmittel noch einmal an den Tag. Er verſtand es auch jetzt, zur rechten Zeit zu balanciren. Das ſtolze Schiff ſeiner diplomatiſchen Lauf⸗ bahn ſcheiterte— mit großer Geſchicklichkeit ſprang er zu rechter Zeit von Bord, einem unglücklichen Strohmanne, der als ſein Nachfolger in die Falle ging, das ganze Odium des Friedensſchluſſes aufbürdend; ihm ſelbſt ge⸗ lang es, ſich über Waſſer zu halten und das rettende Land zu erreichen. Zu früh hatten ſeine Gegner trium⸗ phirt, Graf Ultritz war noch nicht beſeitigt; ſeine un⸗ ſelige Politik nach außen, die den König in falſche Bahnen getrieben, war zwar auf immer unmöglich ge⸗ worden, dafür rächte er ſich jetzt als Miniſter des In⸗ 123 nern an dem unglücklichen Lande. Die Armee, die dem Feinde an Zahl nicht gewachſen geweſen, war groß genug, im Innern jene Scheinordnung und ſtarre Zucht herſtellen zu helfen, welche alle Neuerungen auslöſchen und die Freiheitsbeſtrebungen auf immer lähmen ſollte. Der Friede war geſchloſſen; die Heere freuten ſich, bald den Heimmarſch antreten zu dürfen. Heinrich Wermuth, am Kopf durch einen Säbelhieb verwundet, befand ſich auf dem Wege der Beſſerung und ſchrieb an Marie, daß er mit ſeinem Regimente in der Reſidenz einmarſchiren würde. Die ſchöne Hoff⸗ nung des nahen Wiederſehens äußerte ſich günſtig auf Mariens Befinden; ſie erholte ſich hinreichend, um die Tante und Couſinen nach der Reſidenz begleiten zu können, wo Prinzeſſin Eliſabeth ſchon ungeduldig der Ankunft der Baronin entgegenſah. Mit raſchem Verſtändniß erkannten ſich die Herzen der begabten liebenswürdigen Königstochter und der feingebildeten edlen Baronin; die Prinzeſſin gab ſich ſo natürlich, offen und vertraulich, daß es der Baronin, die entſchloſſen geweſen war, das angebotene Amt abzulehnen, nicht möglich wurde, der ſchönen Eliſabeth ihre Sympathie zu verbergen und ihr die mütterliche Liebe, um welche in edler Aufwallung jene bat, zu verſagen. Sie erklärte ſich bereit, probeweiſe die 124 Stellung anzunehmen, worüber die Prinzeſſin ihr Ver⸗ gnügen kindlich und rührend zu erkennen gab. Eliſabeth hatte ihre Mutter nie gekannt, die ſteifen Erzieherinnen und kalten Hofdamen waren unfähig, ihren aufſtrebenden freien Geiſt, ihren Unabhängigkeits⸗ ſinn, ihr beſſeres Ich zu verſtehen. Das liebebedürftige Herz der Königstochter hatte nie an einer Freundin Bruſt erwarmen können; um ſo dankbarer zeigte ſie ſich jetzt. Sie, das bisher ſo eigenſinnige und, wie man oft tadelte, rückſichtsloſe und überſpannte Mädchen, folgte nun gern dem weiſen Rathe der ältern Frau, die ihrem lebhaften Naturell, ihrem geiſtigen Drange, ihren höhern Bedürfniſſen volle Gerechtigkeit angedeihen ließ, wenn auch die alte übermüthige Laune noch von Zeit u Zeit durchbrach. Selbſtverſtändlich ließ es ſich nicht umgehen, daß Julie und Sophie der Prinzeſſin vorgeſtellt wurden; zum Aerger des ganzen Hofes ſchloß ſich Eliſabeth den NMädchen freundſchaftlich an und zog ſie ſo oft in ihre Geſellſchaft, als die Baronin, welche den allgemeinen Neid fürchtete, dies nur geſtattete. Jetzt gab es zu ziſcheln, zu vermuthen und zu verleumden am Hofe und in der Stadt. Die„indiſchen“ Mädchen bildeten nächſt dem beendigten Kriege das Hauptthema an allen Kaffee⸗ tiſchen bei Hoch und Niedrig. Unermüdlich regten ſich die 125 Zungen des weiblichen Geſchlechts, geſchäftig ſtutzte die Phantaſie jede Mücke möglichſt ſchnell zu einem Elephanten auf und bemühte ſich, hinter dem Einfachſten verwickelte und bedeutende Beweggründe zu entdecken. Wer ſucht, der findet oder erdichtet wenigſtens etwas, das die ſchale Wirklichkeit romantiſcher färbt. Soviel das ſchwächere Geſchlecht an den fremden Eindringlingen ausſetzte, ſo einſtimmig waren dagegen die Männer in begeiſtertem Lobe der„famoſen“ Engels⸗ geſtalten, des herrlichſten Sternenpaares, das an dem froſtigen und lichtarmen Himmel des Hofes emporſtieg. Die Mädchen ſelbſt ſchienen nicht zu bemerken, welch großes Aufſehen ſie erregten. Sie nahmen die Huldigungen wie etwas Selbſtverſtändliches hin und blieben völlig ungeblendet von all dem Glanze, in den ſie ſich plötzlich verſetzt ſahen. Die Beweglichkeit Juliens, von einnehmender Grazie und von lebhaftem Geiſte gezügelt, gewann ihr das Wohlwollen; ihre Heiterkeit ergoß ſich auf ihre Umge⸗ bung. Sophie brauchte nur zu erſcheinen, um die Herzen der Männer zu feſſeln; die wunderbare Schön⸗ heit ihrer Züge, die elegante und doch dabei unbefangene Art, ſich gehen zu laſſen, das dunkle ſchwermüthige Auge, das nur zuweilen ſchwärmeriſch aufblickte, erweckten Bewunderung, und ſelbſt alte Männer konnten ſich des 126 mächtigen Eindrucks nicht erwehren, den die ungewöhn⸗ liche hinreißende Erſcheinung übte. Das Alles ſah Sophie nicht, ſo wenig als die giftigen Blicke des Neides aus den racheglühenden Augen ariſtokratiſcher Vollblut⸗Mütter und Töchter, welche wußten, daß Sophie Warren nicht die Tochter der Baronin, ſondern eine Bürgerliche, ein angenom⸗ menes Kind ſei. Und dennoch hatte die Prinzeſſin— unerhört!— ihr nicht nur Zutritt zu ihr gewährt, ſondern ſie über⸗ häufte das Bürgermädchen mit offenen Beweiſen ihrer Huld, und der König, ſonſt ſo förmlich und ſtreng, hatte ſtets ein freundliches Lächeln, ein artiges Wort für die Hergelaufene. Wohin war die Welt gerathen, was war aus dem Hofe geworden? Sollten die Sitten des Verſailler Hofes wiederkehren und deutſche Tugend verdrängen? Sollten künftig die Gaben der Natur, die ſie launenhaft verſchwenderiſch ſo oft den Töchtern des Pöbels ſchenkt, mehr gelten dürfen als die Vorrechte der Geburt? Vorerſt mußten die Oberhofmeiſterin Gräfin Starr⸗ fels und die Hofdamen aus der alten Schule ihren Groll verbeißen; die jüngere Generation der hoffähigen 127 Damen, obgleich ſie die„indiſchen Mädchen“ nicht weniger haßten, nahmen lebensluſtig gern Theil an der freiern Strömung, welche ihre Anweſenheit den Geſellſchaftsabenden verlieh. „Die Männer ſind“, jammerte Gräfin Starrfels, „rein verrückt geworden und ſchwören nicht höher als bei den ſchönen indiſchen Feen. Ja, das Gerücht be⸗ hauptet, einige hätten ſich ſo weit herabgewürdigt, um die Hand der Abenteurerinnen zu werben; vornehme Cavaliere aus alten Geſchlechtern ſeien ſo bezaubert worden, daß ſie die heiligen Bande der Ahnen miß⸗ achteten, die Reinheit ihrer bisher fleckenloſen Stamm⸗ bäume vergaßen, und— unglaublich!— ſeien dennoch abgewieſen worden; ein deutlicher Beweis, daß die ver⸗ führeriſchen Mädchen noch höher hinaus wollten, wenn ſie nicht gar ſtaatsverbrecheriſche Ziele verfolgten.“ Der Haß, der Neid und die Verleumdung arbei⸗ teten unabläſſig, den„indiſchen Hexen“ den Boden unter den Füßen zu untergraben. Um deſto ſicherer das unterirdiſche Zerſtörungs⸗ werk vollenden zu können, ſtreuten die ärgſten Geg⸗ nerinnen auf den Pfad der ſiegreichen Nebenbuhlerinnen die Blumen heuchleriſcher Freundſchaftsverſicherungen und maßloſeſter Schmeichelei. Die Welt betet ſters den Erfolg, ſelbſt wo ſie ihn 128 verabſcheut, äußerlich dennoch an und errichtet froh⸗ lockend Altäre für Götzenbilder, während ſie insgeheim die Zeit berechnet, wann ſie dieſelben ungeſtraft zer⸗ trümmern könne. Mr. Brown, der, wie wir wiſſen, mit Karl Mol⸗ ling genauer bekannt geworden, hatte es ermöglicht, gleichzeitig mit ſeiner Nichte und den Mädchen in der Reſidenz einzutreffen, und ſuchte nun den jungen Freund auf, um ihn zu ſeinen Damen zu bringen, die, wie er verſicherte, ſich ſehr freuten, ihn wiederzuſehen. Mit Freude, gemiſcht mit einem ihm unklaren bangen Vorgefühle, folgte Karl dieſer Einladung; hoch⸗ klopfenden Herzens betrat er das Hotel des Barons Franz Billmann, wo Mr. Brown mit ſeinen Damen den zweiten Stock bewohnte, der mit außerordentlicher CEleganz und blendendem Luxus eigens für ſie herge⸗ richtet worden war. Die Wittwe ſowohl als die Mädchen empfingen Karl mit großer Freundlichkeit, aber in Anbetracht ſo langer Trennung etwas flüchtig, denn der Salon war voll vornehmer Beſuche, die der Baronin zu ihrer Hofcharge Glück wünſchten und ſich ihrer Protection verſichern wollten. Julie traf den ehemaligen Ton gegen den Jugend⸗ freund am eheſten wieder; Sophiens tiefere und ver⸗ 129 ſchloſſenere Natur erlaubte ihr nicht, vor Zeugen ſich ganz ihrer Empfindung hinzugeben. Es lag überhaupt nicht in ihrem Weſen, eine innige Freude äußerlich laut kundzugeben. Karl, der in der Aufwallung ſeiner ſtürmiſchen Gefühle vielleicht allzu leidenſchaftlich die Damen be⸗ grüßte, ſchnürte es fröſtelnd die Bruſt zuſammen, als er jetzt die fragenden kühlen Geſichter der übrigen An⸗ weſenden und ihr automatenhaftes, abgemeſſenes Verhal⸗ ten bemerkte. Wie ein erkältender Nebel legte es ſich um ſein Herz, um ſeine Augen, und eine Scheidewand ſchien ſich plötzlich zwiſchen ihm und Sophie aufzurichten; ſie kam ihm jetzt ſo ruhig, ſo unnahbar, ja hochmüthig vor, wie eine Fremde, die eine allzu warme Huldigung mit höflicher Gleichgültigkeit in die Schranken verweiſt. Vergebens rang er nach Ruhe, nach Faſſung, er fand den Faden nicht, um vor ſo vielen Zeugen paſ⸗ ſend das alte Band der Harmonie, die einſt zwiſchen ihm und den Damen im Schloſſe geherrſcht, wieder an⸗ zuknüpfen. Ernüchtert zwängte er ſich nun gewaltſam in die üblichen, nichtsſagenden Formen zurück, worin die „gute Geſellſchaft“ ſich im ewigen Einerlei bewegt und die bittere Pille Gefühlsleere mit ſüßer Zungenfertigkeit überzuckert.. Schubert, Die Jagd nach dem Glücke. II. 9 130 Noch mehrmals beſuchte Karl die Frauen, aber das Unglück wollte, daß er ſie niemals allein antraf. Sophie bemühte ſich augenſcheinlich, zuvorkommend zu ſein; manchmal ſchien es Karl, als ob ihr Auge ihn ſuche, als ob ein kurzer Blick forſchend auf ihm ruhe, ſie war aber immer von Andern umringt, denen ſie Rede ſtehen mußte. Sie und Julie ſah er nun als die Brennpunkte eines Kreiſes, deſſen Bahnen die ſeinen nicht waren. Ein gewiſſes Etwas, das er nicht zu bezeichnen wußte, waltete jetzt entfremdend zwiſchen ihm und den Frauengeſtalten. Die Unbefangenheit von einſt war dahin, er konnte nicht den Muth faſſen, Sophie ſich vertraulicher zu nähern. Er ſchalt ſich einen Thoren, ihr leiſes, wohl nur in ſeiner Einbildung vorhandenes Entgegenkommen günſtig auszulegen, denn es war ja unverkennbar, ſo redete er ſich ein, die drei Frauen, die ihm einſt ſo offen und unverhüllt ihr Wohlwollen ge⸗ ſchenkt und ihr ſchönen Seelen gezeigt hatten, legten ſich nun Feſſeln an, beobachteten eine gemeſſenere Hal⸗ tung, um ihn an den ſocialen Abſtand, der ſie von einander ſchied, zu erinnern. Sie gehörten ja zu der Haute⸗Volse, zur Ariſtokratie, und waren ſie auch geiſtig bedeutender als die meiſten ihrer Standesgenoſſinnen, war auch Mr. Brown, der ſo ſehr mit Karl's Anſchau⸗ ungen übereinſtimmte, ihr Lehrer und Leiter, ſo 131 theilten ſie begreiflicherweiſe doch— wie der junge Mann ſie jetzt entſchuldigte— gar viele Vorurtheile der höhern Geſellſchaft. Hatten nicht Karl's politiſche Schriften das größte Mißfallen dieſer vornehmen Cirkel erregt? War er nicht als ein Freigeiſt, als ein Demagog von der Ehre ihres Umgangs principiell ausgeſchloſſen? Wie kam er überhaupt dazu, in dieſer Geſellſchaft eine Stel⸗ lung einzunehmen? Es war nur Molling, der talentvolle Dichter, nicht Molling, der liberale Juriſt, oder gar Molling, der Menſch, den man duldete; dem erſtern durfte man zur Noth die Extravaganzen und überſpannten Ideen verzeihen, die den hochgeſtellten Herren und Damen im Grunde ein„Horreur“ waren. Trotz aller gegen ihn zur Schau getragenen Freundlichkeit fühlte Karl wohl, daß ihm dieſe Geſellſchaft mißtraute; er war keiner der Ihrigen und es gab Veranlaſſungen und Zufälle ge⸗ nug, wo man ihn demüthigte und er ſich zurückge⸗ ſetzt ſah. Die Anſchauungen des Adels und ſeine eigene Geſinnung ſchied eine Kluft, über welche es keine ſichere haltbare Brücke gab. Die meiſten Salons der Reſidenz waren durchräuchert mit den vermoderten Begriffen einer untergegangenen Zeit; die Menſchen darin wan⸗ 9* 132 delten, abgeſchloſſen von der übrigen Welt, ihren gleich⸗ mäßigen Gang; ihre Herzen ſchlugen, aber ohne Ge⸗ fühl, wie der Pendel einer Uhr; blind und taub waren ihre Augen und Ohren, wie die der Wachsfiguren, für Alles, was um ſie vorging. Eine neue Zeit pochte mit gewaltigen Schlägen an die Mauern der ehrwürdigen Ahnenſitze, die morſch und unterwühlt waren, aber die Enkel drinnen hörten nicht und wollten nichts wiſſen von der Umgeſtaltung der ſocialen Welt. Sie glichen dem Hirten im Zaubermärchen, der im Innern des Geiſterberges in Schlummer ſank und erwachend meinte, er habe nur eine Stunde geſchlafen; ſobald er er aber heraustrat in die Welt, die er tauſend Jahre nicht mehr geſehen, erkannte er die völlig fremd Ge⸗ wordenen nicht mehr, Niemand wußte, wer er ſei, Niemand verſtand ihn mehr, er konnte nirgends mehr Fuß zum Leben faſſen und legte ſich wieder zum ewigen Schlafe des Todes. Nur an ſich ſelbſt, an die eigenen Vorrechte und Privilegien hatte ſeit Jahrhunderten die bevorzugte Klaſſe gedacht und unter dem Aushängeſchild treuer Anhänglichkeit an die Perſon des Monarchen jede all⸗ gemeine Angelegenheit des Staates in eine perſönliche Machtfrage verwandelt. Das abſolute Königthum zerbrach dieſen Feudal⸗ 133 ſtaat und das Volk trat nach blutigen Proceſſen die Erbſchaft an. Karl war ein Kind des Volkes, das innerhalb der Verfaſſung nach Selbſtregierung ſtrebt und unter einer ſtarken Parlamentsmonarchie die letzten Trümmer feudaler Träume vernichten wird. Dennoch theilte er nicht den rohen Haß vieler Frei⸗ heitsmänner gegen die Adligen, ſo entbehrlich ihm auch der Adel erſchien; er verurtheilte unerbittlich alle gewaltſamen Mittel des Fortſchritts, weil ſie nur die blinde Wuth der Maſſen an die Stelle der Tyrannei eines Einzigen ſetzten. Er begriff vollkommen, daß es thöricht, ja unbillig ſei, von den Einzelnen zu ver⸗ langen, freiwillig alte Vorrechte, liebgewordene Vor⸗ urtheile cufzugeben, und war der Meinung, daß nach und nach von ſelbſt jene Reſte der Feudalzeit ver⸗ ſchwinden nüßten, ſobald ein guter Unterricht Einſicht und Bildung im Volke verbreite und das mächtig ge⸗ wordene Bügerthum jede ſociale Erhebung ohnmäch⸗ tiger, nichts läſtender und blos in Titeln prangender Geſchlechter durh vollkommene Nichtbeachtung beſtrafe und nur das Verdienſt ohne Rückſicht auf Geburt belohne Mit ſolcher keberzeugung ſtand er nun doch in den Salons, wohin die Neigung für Sophie ihn wider Willen geführt; danit aber erkannte er ſcheinbar 13⁴4 ihre Daſeinsberechtigung an. Dies war das Etwas, das auf ihm laſtete. In dieſen Salons bedeuteten der Name und die Form Alles, die Sache und das Weſen nichts. Man fürchtete die arbeitende, dienende, rohe Maſſe, ohne ein Intereſſe, eine Kenntniß, eine Achtung für das Leben des Volkes zu haben, in deſſen Schooß die herrlichſten Blüten wahren Menſchenthums zeitigten, aus deſſen ahnenloſen Reihen die Propheten der Poeſie und Kunſt hervorgingen. Wohl lernte Karl durch Mr. Brown Männer kennen, die nur nach Stellung bei Hofe rangei, um redlich für die Allgemeinheit, für das große Canze zu wirken, aber der Strom, gegen den ſie dabei andrän⸗ gen mußten, war zu mächtig. Graf Ultritz und ſeine Genoſſen machten ihnen das Leben bald ſater, ſodaß ſie, wenn ihr Charakter nicht feſt war, ſih in ihren Aemtern nur erhalten konnten, indem ſie mit unter⸗ tauchten in die Menge der gekrümmter Rücken, der ewig lächelnden Geſichter, der devotei Lippen, von welchen immer und immer die fortwährmde Verſicheruug blinder Ergebenheit an die Perſon ds Monarchen und das entzückte Lob floß, wie glücklch das Volk unter dem allerhöchſten Scepter ſei. Mit ſich unzufrieden zog ſich Karl nach und nach — — ⁰-—O-— 135 immer mehr von den Damen, von deren Ankunft er ſich ſo viel verſprochen hatte, zurück. Seine größtentheils ungerechte bittere Stimmung ſchlich ſich, ihm ſelbſt unbewußt, in die Aufſätze, Ar⸗ tikel und Broſchüren, welche er den freiſinnigen Jour⸗ nalen des Auslandes lieferte. In der Reſidenz wußte man wohl, daß er der Verfaſſer dieſer ſcharfen, die Mißſtände ſo ſchonungslos aufdeckenden Beſprechun⸗ gen ſei. Mehr und mehr wurde er nun gemieden; viele vornehme Familien, die ihn ſeiner poetiſchen Leiſtungen wegen bisher in ihren Kreis gezogen, brachen jetzt jeden Verkehr mit ihm ab. Er empfing keine Einla⸗ dunger mehr. 3 Nur die Baronin Billmann nahm keine Notiz hiervon und lud Karl nach wie vor zu den geſelligen Abenden, die ſie wöchentlich einmal im Hotel Billmann veranſtaltee. Da abr auch dort außer Künſtlern und Gelehrten viele ſeiner ſolitiſchen Gegner ſtets zu finden waren, machte Karl n ſeinem Trotze keinen Gebrauch von dieſen Einladuigen mehr; er blieb ja doch vereinſamt in dieſer Geſellſaaft,„unter Larven die einzige fühlende Bruſt! Das Glücgehört denen, die ſich ſelber genügen.“ Dieſer Ausſprich des Ariſtoteles ſollte fortan ſeine 136 Richtſchnur ſein. Dieſe größte Weisheit eines ſtoiſchen Gleichmuths läßt ſich in der Theorie nicht widerlegen, aber durch die That bewieſen wird ſie doch nur vom Greiſenalter, das nichts mehr wünſcht, das nur in der Erinnerung lebt. Karl ſtand noch an der Schwelle des Lebens, in Jugendkraft ſchlugen ſeine Pulſe, ſein ſehnendes Ver⸗ langen war naturgemäß auf die Zukunft gerichtet, und er täuſchte ſich ſelbſt, wenn er meinte, die Welt und die Menſchen entbehren zu können, weil der Traum der erſten Liebe ihm gelogen. Zehntes Kapitel. Der Feſtball. Motto: Ha, ich kenne dich, Amor, ſo gut als einer! Da bringſt du Deine Fackel, und ſie leuchtet im Dunkel uns vor. Aber du führeſt uns bald verworrene Pfade; wir brauchen Deine Fackel erſt recht, und ach, die falſche erliſcht. Goethe'’s„Epigramme“. Schon nach wenig Tagen erkannte Karl, wie un⸗ ſaglich ſchwer es ihm wurde, ſich von der Familie Billmann gänzlich zurückzuziehen. Solange er noch in Sophiens Nähe geweilt, war es ſeinem männlichen Stolze nicht unmöglich erſchienen, ſie auf immer zu verlaſſen, allein jetzt, nachdem es geſchehen, fühlte er erſt die ganze Größe ſeines Verluſtes. Ohne ſie, das ward ihm nun deutlich, gab es für ihn kein Glück, keine Befriedigung mehr; mußte er ſie verachten, dann ſtarb der Glaube an das Beſſere in 138 ſeiner Bruſt, dann war die Tugend nur eine Larve, ein hohler Schein, die Welt ein abgelebtes, ekles Chaos, das in zweckloſem Entſtehen und Vergehen ſich aus Gewohnheit noch abmühte, gleich einer Maſchine, deren Räder noch eine Zeit lang ſich drehen, wenngleich die bewegende Kraft ſchon zu wirken aufgehört hat. Es iſt ſehr fraglich, ob Karl noch lange die Pein ſeines Seelenzuſtandes ertragen, ob er nicht aus freiem Antriebe Sophie wieder aufgeſucht haben würde, um endlich ein offenes Wort zu ſprechen und eine Ent⸗ ſcheidung um jeden Preis zu erlangen. Der Zufall, der treueſte Freund der Liebenden, kam ihm jetzt zu Hülfe und ermöglichte es ihm, allein mit Sophie zuſammenzutreffen, ohne daß er die Be⸗ gegnung zu ſuchen brauchte. Die aus dem Felde in die Reſidenz zurückkehrende Garniſon wurde mit öffentlichen und privaten Feſtlich⸗ keiten empfangen; auch im Hotel Billmann rüſtete man ſich, um den Frieden zu feiern, zu einem großen Balle. Zahlreiche Gäſte wurden geladen. Heinrich ſchrieb aus einem der letzten Marſch⸗ quartiere, daß er Karl ſicher bei dem Feſte im Bill⸗ mann'ſchen Hotel zu treffen hoffe, und erſuchte ihn, die ihm anvertrauten Papiere dorthin mitzubringen. Auch Mr. Brown, der den Grund von Karl's 139 übler Laune allmälig zu errathen begann, bot ſeine Ueberredungskunſt auf, auf, ſodaß Karl das Opfer brachte und ſeinem Vorſatze untreu wurde. Als unſer Held am Abend des Feſtes in die hell⸗ erleuchteten Räume des wundervoll geſchmückten Palaſtes trat, wimmelte es dort von glänzenden Uniformen; alle Geſandten, alle höhern Würdenträger des Staa⸗ tes, die Spitzen der Beamten und vor allen die Offi⸗ ziere, in Gold und Silber prunkend, verſammelten ſich, den König zu erwarten, der zugeſagt hatte, mit ſeiner Schweſter, der Prinzeſſin Eliſabeth, das Feſt zu verherrlichen. Der Herr des Hauſes, Baron Billmann, empfing heute in ſeiner Uniform als Großcomthur eines hohen Ordens ſeine Gäſte und geleitete ſie zu ſeiner Schwä⸗ gerin, welche die Honneurs machte. Karl fand keine Zeit mehr, ſich der Baronin vor⸗ zuſtellen, da die Flügelthüren ſich öffneten, um den König und Prinzeſſin Eliſabeth mit Gefolge einzu⸗ laſſen. Die Polonnaiſe begann. Karl blieb an einem Kamingeſimſe ſtehen und ließ die bunte Menge an ſich vorüberwogen. Nur einige alte Profeſſoren waren noch in Civilkleidern; inmitten der blinkenden farbigen Trachten mit den blitzenden Ordensſternen ſtach der 140 ſchwarze einfache Ballanzug Karl's auffallend, aber nicht unvortheilhaft ab; der junge Rechtsgelehrte merkte an manchen neugierigen Geſichtern und betroffenen Mienen, daß man ſich wunderte, den Revolutionsmann hier zu treffen.— Wohl verdiente Karl's Erſcheinung betrachtet zu werden. Sophie, die ihn von fern beobachtete, mußte ſich geſtehen, er ſei ſchöner als je; das häufige Lächeln, das früher ſeine Züge etwas weichlich erſcheinen ließ, war der nachdenklichen Miene des Mannes gewichen; ein voller blonder Bart umrahmte ſein edles Antlitz, welches, wie Sophie theilnahmevoll und mit Kummer gewahrte, heute recht bleich und leidend ausſah. Gar manche Comteſſe, manche ſtolze Baroneſſe, die ſich geringſchätzend über den Demokraten äußerte und entrüſtet über ſeine Anweſenheit beklagte, fand ihn insgeheim um ſo intereſſanter und begehrenswerther, und gar mancher vielſagende heiße Blick ſuchte ſein Auge. Die Polonnaiſe war zu Ende. Baron Billmann eilte wieder an die Seite des Königs; dieſer nickte bei⸗ fällig und gnädig zu den leiſen Worten des Feſtgebers, der hierauf einige Schritte zurücktrat und ſich zu einer Rede anſchickte. Nach einer kurzen Einleitung, welche die Veran⸗ 141 laſſung des Feſtes, den wiederhergeſtellten Frieden pries, überraſchte der Baron die Anweſenden durch die Ankündigung der Verlobung ſeiner Tochter Marie mit dem Oberlieutenant von Wermuth und ſeiner Nichte Julie mit dem Herrn von Claming. Die beiden Brautpaare empfingen, nachdem ſie dem Könige und der Prinzeſſin vorgeſtellt waren, die aufrichtig gemeinten oder boshaften Glückwünſche der ſich Herzudrängenden; in die überſchwänglichen Ver⸗ ſicherungen der Gratulanten miſchte ſich der Jubel des Orcheſters. Heiter und freundlich wie immer nahm Julie die Gratulationen entgegen. Marie, die Tochter des Barons, war blaß und zitterte; ſie mußte ſich an Heinrich's ſtarkem Arme halten und in ſeinen dunklen freudefunkelnden Augen die Kraft ſuchen, die Aufregung dieſer Stunde zu ertragen. Einen Augenblick durchzuckte Karl etwas wie Neid, als er Heinrich ſo ſtolz und aufrecht daſtehen ſah; der ehemalige Hofmeiſter vermochte nicht, ſeinen Triumph zu verbergen, und blickte zuweilen mit hämiſcher Ver⸗ achtung auf die Menſchen, die ihm jetzt zu einer Ver⸗ bindung Glück wünſchen mußten, welche ſie vor nicht zu ferner Zeit zu den Unmöglichkeiten gezählt. Die wandelnde Gruppe näherte ſich Karl, der jetzt Gelegenheit fand, ſeinen Glückwunſch darzubringen. 142 Sobald die erſte Ueberraſchung der Geſellſchaft ſich legte, führte Heinrich den Univerſitätsgenoſſen aus den Sälen hinaus auf die große Terraſſe, welche, an die Rückſeite des Hauſes, gegen den Garten zu, ange⸗ baut, heute mit Ziergewächſen beſetzt war und genug der einſamen Plätzchen und Niſchen bot, wo es ſich fern vom Geräuſch des Balles unbelauſcht plaudern ließ. „Haſt Du das Document?“ lautete Heinrich's Frage, als ſie allein waren. „Mein Vater ſendete es mir durch einen verläß⸗ lichen Geſchäftsfreund, der gerade nach der Reſidenz reiſte“, antworte Karl.„Hier iſt es.“ Heinrich nahm das Couvert in Empfang, welches die Papiere umſchloß, die ihm ſo raſch zum Ziele ge⸗ holfen und Karl ſo viele Unruhe verurſacht hatten. „Sie ſind jetzt werthlos“, nahm Heinrich das Ge⸗ ſpräch nach einer Pauſe wieder auf;„auch ohne dieſes Hülfsmittel würde ich meinen Zweck erreicht haben, ich verdanke mein Glück mir ſelbſt, meinem raſchen Entſchluß. Der Säbelhieb hier verletzte glücklicherweiſe nicht das Gehirn, nur die Schale, und mein Kopf ſoll mir jetzt weiter helfen auf der Bahn, deren erſte Stufen ich im feindlichen Feuer erklommen.“ Karl betrachtete den einſtigen Studiengenoſſen. 143 Die breite Narbe auf der Stirn machte deſſen Geſicht noch trotziger und energiſcher; Karl mußte ſich ſagen, daß Heinrich wie geſchaffen zum Soldaten ſei, und be⸗ griff ganz wohl, wie ſein kühner Muth, ſeine Verach⸗ tung perſönlicher Gefahr ebenſo wie einſt auf der Univerſität auch im Felde elektriſirend auf ſeine Um⸗ gebung gewirkt haben müſſe. Er zweifelte nicht, daß die drei militäriſchen Orden, die Heinrich's Waffenrock ſchmückten, wohlverdient waren. „Mir iſt es herzlich leid“, ſprach Heinrich, ſich in die Bruſt werfend,„daß Du in Deinen Beſtrebungen nicht glücklich biſt; aber Du haſt den Zeitpunkt zur Oppoſition ſchlecht gewählt oder nicht errathen.“ „Zum Kampfe für das Recht iſt jede Zeit die rechte“, antwortete Karl ruhig. „Wäreſt Du meinem Beiſpiel gefolgt, Karl“, ſagte Heinrich,„es ſtünde beſſer um Dich. Wenn Du nicht als Schriftſteller etwas Großes, Hervorragendes lei⸗ ſteſt, ſo iſt es um Deine Zukunft geſchehen. Die De⸗ mokratie iſt ein ſchlechtes Geſchäft, und glaube mir nur, es kommt nie etwas dabei heraus. Das Volk gleicht den Bienen im Korbe, die Königin dem Zeit⸗ geiſt, und die armen Männchen, welche dieſe Königin befruchten, damit ein neues Geſchlecht entſtehe, werden von den niedern Arbeiterbienen ermordet.“ 144 „Und das mit Recht“, lächelte Karl,„denn das neue Bienengeſchlecht gleicht dem alten aufs Haar; es hat nichts gelernt, nichts vergeſſen. Wer aber wirklich die Zeit mit neuen Ideen befruchtet, der darf ſicher ſein, daß aus dem Samen dereinſt die Wahrheit em⸗ porblüht und—“. „Das iſt der verhängnißvolle Irrthum“, unter⸗ brach Heinrich.„Es gibt nichts Neues unter der Sonne; der Menſch bleibt immer ein Menſch, und ſo wenig auf Diſteln Roſen wachſen, wird die Weisheit und Tugend in Kopf und Herz der Menſchheit Wurzel faſſen. Die Menſchen ſind ganz unverbeſſerlich, ihr Weſen bleibt unter wechſelnden Sitten und trotz ſteigenden Wiſſens unveränderlich, und heute noch, wie von Anbe⸗ ginn, danken ſie es ihren idealen Vorkämpfern wenig, daß dieſe geiſtigen Arnolde von Winkelried die Speere ſtarrer Vorurtheile umfaſſen und auf ihre eigene Bruſt lenken, um der Freiheit eine Gaſſe zu öffnen. Du willſt das gemeine Volk zu Dir emporheben, Karl— viel leichter möchteſt Du die Drehung der Erde auf⸗ halten. Traue den Maſſen nicht, ſie ziehen Dich hinab in ihr dumpfes Elend, in die Oede und Rohheit eines mehr oder minder thieriſchen Zuſtandes. Ueber das Volk mußt Du Dich ſtellen, Furcht erzeugen und den Eigennutz Anderer klug benutzen. Nicht philoſophiſche Syſteme gründen und ſchöne Phraſen verkünden, ſon⸗ dern eine weithin ſichtbare That mußt Du vollbringen, und das Volk wird Dich bewundern und Dir dienen, auch wenn Deine That das Leben vieler Tauſende koſtet.“ Wie ſehr war die Anſchauungsweiſe Heinrich's verändert, ſeit er den Soldatenrock trug! War das derſelbe Menſch, der einſt das Wort:„Nieder mit den Barrièren!“ ſo kühn gegen den Miniſter ausſprach? „Du liebſt, Karl“, fuhr Heinrich fort,„leugne es nicht, Du liebſt— über Deinen Stand, kann ich nicht ſagen— aber über Deine Verhältniſſe. Zwinge dieſe hochnaſigen Kreiſe zur Anerkennnng wie ich, und freude⸗ grinſend, wie der Hund, den Du noch eben ſchlugſt, bemühen ſie ſich um Dein Wohlwollen, Deinen Um⸗ gang „Du irrſt“, fiel jetzt Karl dem Redſeligen ins Wort, während er ſtolz das Haupt emporhob.„Nicht aus Neid kämpfe ich gegen das Beſtehende. Wir beide werden uns wohl nie verſtändigen können! Jeder kleinliche Ehrgeiz iſt mir fremd; geſetzt, ich liebe wirk⸗ lich und, wie Du ſagſt, ausſichtslos, ſo werde ich doch nun und nimmer nach einem Titel für meinen Namen ringen, mein Ich nicht dieſer Geſellſchaft unterordnen, meine Ueberzeugung nicht unter der Schminke leerer, Schubert, Die Jagd nach dem Glücke. II. 10 hohler Artigkeiten verſtecken. Laß dieſe Höflinge ſich den Anſchein geben, als ob ſie mich, das Kind des Volkes, verachteten, ich bin mehr als ſie. In glänzen⸗ der Aeußerlichkeit birgt ſich bei ihnen die Geſinnungs⸗ loſigkeit, kalte Herzen ſchlagen matt unter dieſen ſo ſtolz gewölbten Brüſten; ſie leben einzig und allein von den Verdienſten wackerer Ahnen, mit welchen ſie doch gar nichts mehr gemeinſam haben als den Namen, denn der Adel, das noblesse oblige, ging ihnen ver⸗ loren mit dem Adel der Seele; ich bin geſchieden von dieſen Kreiſen. Du haſt Recht, ich hätte mich nicht mehr in ſie eindrängen ſollen. Aber heute, ich gelobe es, heute ſtehe ich zum letzten Male im Salon als ein Un⸗ befugter. Lebe Du glücklich in der Stellung, die Du, wie Du behaupteſt, Dir ſelbſt errangſt, ich beneide Dich nicht und kann und will es Dir nicht gleichthun— ich ſuche das Glück auf andern Wegen.“ Raſch wendete ſich Karl ab und ging längs der Terraſſe hin, um dort einen Ausgang zu finden, durch welchen er, ohne die Geſellſchaftsräume durchſchreiten zu müſſen, das Haus verlaſſen könne. Heinrich hielt ihn nicht auf. Die Worte Karl's hatten eine Saite im Innern Wermuth's berührt, welche ſein ganzes Ich erbeben machte. „Er iſt ſich ſelbſt treu geblieben“, rief die Stimme 147 des Gewiſſens in Heinrich,„Du aber haſt Deine Frei⸗ heit verkauft, Du haſt das Glück auf falſchem Wege errungen.“ Zu eitel, um lange ſich einem beſchämenden Ge⸗ fühle hinzugeben, ſuchte und fand Heinrich genug Ent⸗ ſchuldigungen und Beſchönigungen für ſein Verhalten, und als er den Tanzſaal erreichte und ſeine holde Braut, die ſehnſüchtig ſeiner geharrt, wieder erblickte, da ſtieg eine heiße Blutwelle in ihm empor. Was er errungen, hätte er nicht mehr laſſen können; es ſich zu erhalten, würde er jetzt nichts mehr geſcheut haben, nicht Betrug und Verbrechen. Recht großmüthig und edel kam er ſich vor, da er noch während des Balles dem Grafen Ultritz die Papiere zurückgab, die ihm die erſten Wege zum Glück geebnet hatten. Die Liebe begeiſterte ſchon oft ſchwache Naturen zu erhabenen Thaten, aber ließ ebenſo oft ſtarke Geiſter ihren irdiſchen Urſprung fühlen. Auch unſer Held, ſo feſt entſchloſſen er ſchien, nun das Haus des Barons auf immer zu verlaſſen, ging, anſtatt den anfänglich raſchen Schritt, der ihn nach wenigen Sekunden auf die Straße geführt hätte, beizubehalten, ſchon in der Mitte der Terraſſe langſamer, bis er endlich wie an⸗ gewurzelt am Ende derſelben ſtehen blieb. Gleich ein von Furien Gepeitſchter war er von 3— 10* 148 Heinrich weggeeilt; jetzt, nach wenigen Sekunden, ſtand er ſtill vor einem hohen epheuumrankten Fenſter, das wie ein dunkler Rahmen ein farbenreiches liebliches Bild umſchloß. Der Strahl der vielen⸗Hunderte von Gasflammen drang durch die klaren großen Scheiben heraus auf die Terraſſe und beleuchtete das blaſſe Geſicht des neu⸗ gierigen Zuſchauers, der ſeine Augen nicht von dem bezaubernden Anblick da drinnen abzuwenden vermochte. Gedämpft klang die Muſik mit ihren einſchmeichelnden, bald fröhlichen, bald traurigen Weiſen zu ihm heraus und wiegte ſeine Sinne in holde Träume. Himmel⸗ aufjauchzend in Wonne und übermüthiger Luſt, dann wieder klagend, bis zum Tode betrübt, wechſelte die Melodie, ſich von dem leicht ſchaukelnden kurzen Wogen des Grundtons ſehnſuchtsvoll entfernend und befriedigt wieder zurückkehrend in ewigem Fliehen und Finden. Das reizende Spiel der Töne, das wie die geiſtige Sprache einer höhern, ſchönern Welt einſchmeichelnd in das Ohr drang, ſchien vor Karl's Augen wie ein zauberhaftes Blendwerk verkörpert in den reizenden geſchmückten Mädchen und jungen Männern, welche im Tanze vorüberſchwebten, befreit durch den gött⸗ lichen Hauch der Muſik von der Schwere des irdiſchen Leibes. 149 Wie glühten die Wangen, wie wallten die Buſen! Wie ſchmiegten die ſchönen Tänzerinnen, deren Toi⸗ lette heute ſo manchen ſonſt züchtig verborgenen Reiz enthüllte, ſich an die Arme der elaſtiſchen und kräf⸗ tigen Krieger, die vor kurzem einen viel ernſthaftern Tanz ausgeführt hatten, bei dem die Blitze des Geſchütz⸗ feuers leuchteten und die Donner der Schlacht den Takt angaben. Sophie tanzte gerade nicht; ſie ſaß mit Julie auf einem Sopha, dem Fenſter gegenüber. Was mochten nur die Mädchen ſich anzuvertrauen haben? Sie ſpra⸗ chen von ihm, dem Undankbaren, der nicht ahnte, daß Sophie bei jeder Gelegenheit ihn, den Demokraten, den Freigeiſt, gegen ſeine Widerſacher vertheidigte. Seit Julie der Schweſter das Geheimniß ihrer Neigung zu Herrn von Claming vertraut, war Sophiens ſcheue Zurückhaltung geſchwunden, längſt ſchon hatte ſie wei⸗ nend in Juliens Armen ihr Herz ausgeſchüttet. Karl’s Zurückhaltung bewies deutlich ſeine Treuloſigkeit und daß er jener Scene beim Abſchied keine tiefere Bedeu⸗ tung mehr beilege. Er, ein vielumworbener, verwöhn⸗ ter Mann, wollte wohl nicht mehr an das Blümchen erinnert ſein, das er als Jüngling an auf ſeinem Wege gefunden. Er mied ſie abſichtlich— kein Zweife er fürchtete, 150 ſie könne ihn daran mahnen, daß ſie ein Recht an ſein Herz beſitze, daß er nicht mehr frei, ſondern an ſie ge⸗ bunden ſei. Daß er dies wirklich ſei, daß jener Kuß den Bund ihrer Herzen auf ewig beſiegelt habe, war ihr Troſt, als Karl ſchied, ihr feſter Glaube, ihre Hoff⸗ nung für die Zukunft geweſen. Wahr, edel und rein hatte ſie an Karl'’s Treue geglaubt, weil es ihr ſelbſt Ernſt war, da ſie ihm ihr Herz in ſchöner Offenheit hingab; als ſie nun meinte, ſich in ihm getäuſcht zu haben, als ſie ſich verrathen wähnte, kränkte und demüthigte ſie ſein gemeſſenes Be⸗ nehmen aufs tiefſte. Ja, ſie beſaß ein Recht an ihn; daß er aber glau⸗ ben konnte, ſie werde es in unzarter Weiſe geltend machen, empörte ihren weiblichen Stolz, ihr berechtigtes Selbſtgefühl. Er ſollte nie erfahren, wie elend er ſie gemacht, wie tief die Wunde ſchmerze. Ob ihr das Herz auch brechen wollte, er ſollte es nicht ſehen; Mit⸗ leid von ihm hätte ſie nie ertragen. Allein die Herzen, welche in Romanen ſo rührend und wunderbar ſchnell brechen, leiſten im Leben den an unbefriedigter Liebe Leidenden dieſe Gefälligkeit nicht, ſie ſchlagen fort, wenn auch das Weh unglücklicher Liebe niemals heilt. Julie, obgleich ſie Karl's Betragen nicht begriff, theilte doch Sophiens Befürchtungen nicht ganz; ſie war eine praktiſchere Natur. Die ſchwärmeriſche Selbſt⸗ quälerei, womit Karl und Sophie ſich noch mehr einander entfremdeten, erzürnte ſie ſo, daß ſie beſchloß, dieſem unnatürlichen Zuſtande mit einem Male ein Ende zu machen. „Nun gut, wenn er nicht reden und beichten will, ſo mußt Du ihn fragen, was er hat“, lautete ihr Rath an die Schweſter. Sophie ſträubte ſich lange, endlich ſiegte die Liebe über jedes Bedenken und ſie erhob ſich mit Julie, um das entſcheidende Wort zu ſprechen. Ein Mädchen weiß auf einem Balle, und wäre die Zahl der Gäſte unendlich groß, ſtets den begehrten Mann zu finden; es wird daher Niemand befremden, daß es den Freundinnen gelang, ohne daß ihnen Je⸗ mand folgte, die Terraſſe zu erreichen. „Ueber welchen Staatsumwälzungen brüten Sie hier, einſamer Verſchwörer?“ rief Julie heiter Karl zu, ehe dieſer ſich flüchten konnte.„Heißt das Wort halten? Wiſſen Sie nicht mehr, daß Sie im Schloß am See verſprachen, auf dem erſten Balle, den wir in der Reſidenz beſuchen würden, mir einen Tanz anzu⸗ bieten?“. „In der That— Sie ſind ſehr gütig“— ſtammelte 152 Karl erröthend;„ich bin mit Freuden bereit, das Ver⸗ ſprechen zu löſen, wenn Sie mit dem vogelfreien Ver⸗ ſchwörer Arm in Arm ſich zu zeigen den Muth haben.“ Welche Miene!“ lachte Julie.„Iſt das Unglück, mit einer Braut zu tanzen, die ſchon, wie es ſcheint, die Tänzer, wie Seeräuber die Matroſen, preſſen muß, wirklich ſo groß? Nein, mit ſolch ernſtem Geſichte, wenn Sie mich in die Reihen führten, ſähe man Ihnen zu deutlich an, welches Opfer Sie mir bringen. Ich verzichte großmüthig— ſpäter, wenn Sie freundlich lächeln, wie einſt— wiſſen Sie noch, am See— dann dürfen Sie mich holen. Den Freund, der einſt der Freundin das Verſprechen gab, müſſen Sie mir wieder zeigen, dann erſt werden Sie in mir die Freundin wiederſehen. Außerdem— bei der Glückſeligkeit meines jungen Brautſtandes— ſchwöre ich Ihnen ewigen Haß!“ Karl wußte nicht, was er erwidern ſollte. Auf den ſcherzhaften Ton des übermüthigen Mädchens ver⸗ mochte er nicht einzugehen, ſo dankbar er die gute Ab⸗ ſicht ihres vortrefflichen Herzens heraushörte. Julie war⸗ tete auch gar keine Antwort ab. „Jetzt lies Du dem Herrn Menſchenfeind und ver⸗ biſſenen Philoſophen den Text“, ſagte ſie zu Sophie, „ich muß zu meinem Bräutigam zurück; der behauptet ——— — 453 noch, ohne meine Wenigkeit würden ihm die Sekunden zu Jahren. Nehmen Sie ſich an ihm ein Beiſpiel und bekehren Sie ſich bald.“ Mit komiſchem Ernſte und Würde verbeugte ſich Julie und hüpfte zurück in den Saal. Befangen ſtanden ſich Sophie und Karl gegenüber. „Und Sie, gnädiges Fräulein“, preßte er mühſam hervor,„iſt Ihnen mein Geſicht zu finſter, um mir die Ehre eines Tanzes zu gewähren? Ich werde mich be⸗ mühen, es in die vorſchriftsmäßigen Falten zu legen — kommen Sie!“ Sophie ſchlug jetzt das ſchöne Auge zu Karl auf, nur eine Sekunde, aber der vorwurfsvolle, traurige und doch ſo wunderbar warme Blick entflammte ſein Herz zur alten Lohe. „Was habe ich Ihnen gethan?“ kam leiſe, ganz leiſe von den Lippen des ſchönen Mädchens. „Liegt Ihnen daran, es zu wiſſen?“ ſtammelte Karl bebend. „Wahrheit iſt unter allen Umſtänden das Beſte“, antwortete ſie. „Sie haben eingeſehen“, ſagte er zögernd,„daß die Freundſchaft, welche Sie als Kind dem Krämerſohn ſchenkten, nicht haltbar iſt in der Welt, die Sie jetzt erſt kennen lernten.“ 154 „Krämerſohn“, ſagte ſie ſinnend, und ein Anflug von Lächeln ſpielte um ihre claſſiſch geformten Lippen. „Mein Vater war auch ein Kaufmann— Sie kennen mich beſſer, Sie weichen mir aus. Karl, das iſt es nicht, das kann es nicht ſein.“ „Ach“, verſetzte er nach einer Pauſe,„es wird mir ſo ſchwer, zu ſprechen— ich möchte Sie nicht kränken, und doch— Sie ſind ja Herrin Ihrer ſelbſt — nur eine Frage: Haben Sie nie den Krämerſohn, den armen Freund Ihrer erſten Jugend, der heute noch nichts iſt und keine Hoffnung auf Titel und Würden beſitzt, haben Sie ihn und das Leben an ſeiner Seite nie verglichen mit—“ „Mit? Reden Sie weiter“, ſagte Sophie beſtimmt und im Herzen erleichtert, daß nur irgend eine unge⸗ rechtfertigte eiferſüchtige Regung ihn von ihr fern ge⸗ halten habe. „Mit einem, der viel höher über Ihnen ſteht als Sie über mir, der Ihnen zwar nie ſeine Hand, aber Glanz und Macht bieten kann.“ „Ich begreife Sie nicht— Sie ſprechen in Räth⸗ ſeln“, fiel Sophie unſchuldsvoll ein.„Mit wem ſollte ich Sie verglichen haben?“ „Wohlan— mit dem König!“ „Karl!“ rief Sophie entſetzt und ſprang aus dem 155 Gartenſtuhle, in dem ſie Platz genommen, empor. „Was ſoll das? Das iſt zu viel!“ Hoheitsvoll ſtand ſie emporgerichtet, ihr Auge leuchtete in ſüdlicher Glut, in die blaſſen Wangen ſchoß das Blut, der gekränkte Stolz der Jungfrau bäumte ſich auf gegen die niedere Beleidigung und den undankbaren, unzarten Mann, der ſie ausſprach. Seine Frage zu beantworten, war unter ihrer Würde; gegen den ſchmählichen Argwohn gab es nur eine Waffe, ſie konnte ihn nur mit Verachtung ſtrafen. Wendete ſie ihm jetzt kalt den Rücken, ließ ſie ihn ſtehen mit dem beſchämenden Bewußtſein, roh und albern zugleich ſich benommen zu haben, ſo waren beide auf immer getrennt. Eine Sekunde lang wollte ſie dies; jeder Nerv ihres Leibes zitterte, die ausdrucksvollen Züge des edlen ſchönen Geſichts bebten ſchmerzlich und ſie wen⸗ dete ſich ab von dem ſo ſchwer verirrten ehemaligen Freunde, um von ihm zu gehen auf Nimmerwieder⸗ ſehen. Karl aber, nachdem er im Wahnſinn der Eifer⸗ ſucht das verhängnißvolle Wort geſprochen, fühlte auch die ganze Größe ſeines Unrechts; von ihr, dem reinen Engel ſeines Lebens, nur einen Moment klein und niedrig zu denken, war ſchon ein ungeheurer Frevel, K 156 einem ſolchen Gedanken Worte zu leihen aber ein Ver⸗ brechen, das ſie ihm nie verzeihen durfte, das er mit keiner Reue, keiner Buße mehr ſühnen konnte. Er ſah die holde Geſtalt ſich von ihm abwenden, ſah die ver⸗ ächtliche Geberde ihrer Haud, womit ſie ihn abwehrte, als er ſie zurückhalten wollte— der Stern ſeines Le⸗ bens erblich, wenn ſie ſo plötzlich von ihm ſchied, ſo ſchied, ohne Achtung vor ihm. Alle Rückſichten des Herkommens, alle Ueberlegung, aller Trotz in ſeiner Bruſt verſchwanden jetzt vor der einen Gewißheit, daß er ſie ſo nicht von ſich gehen laſſen dürfe; er er⸗ griff das erzürnte Mädchen bei der Hand. Wie ein feſtes unzerreißbares Band legte ſeine Fauſt ſich um ihr zartes Handgelenk. Sie mußte, wenn ſie nicht Lärm machen wollte, ihm gehorchen und bleiben. „Wenn Sie ſo von mir gehen, Sophie“, flüſterte Karl,„will ich keine Stunde mehr leben. Sie wiſſen nicht, wie unglücklich ich bin und wie tief ich bereue, was ich an Ihnen verbrach. Wie der Barbar die Werke der göttlichen Kunſt zerſchlügt, deren ewige Schönheit er nicht begreift, ſo habe ich, von Leiden⸗ ſchaft verblendet, die Gottheit meines Lebens geſchmäht und an der Heiligkeit meiner Jugendliebe mich ver⸗ ſündigt. Sophie, in dieſem Augenblicke komme ich zur Beſinnung. Ich habe nie Ihre Freundſchaft verdient, 157 aber nie, niemals aufgehört, Sie zu lieben und anzu⸗ beten; was mein Mund auch ſprach, mein Herz weiß nichts davon. Sophie! Seit wir im Schloß am See uns Lebewohl ſagten, iſt es Ihnen treu geblieben, ſo treu wie den Idealen, welche wir gemeinſam erkannten und erfaßten. Sophie, können Sie verzeihen?“ Wie Balſam auf brennende Wunde wirkten die beredten Worte des geliebten Mannes auf die wild⸗ tobende Flut der Entrüſtung in dem Gemüthe des Mädchens. Anfangs mit Widerwillen, dann mit Re⸗ ſignation und zuletzt mit Entzücken hörte Sophie das feurige Geſtändniß Karl's. Seine Hand hielt die ihre nicht mehr ſo feſt, daß ſie ſich nicht mehr von ihm hätte losmachen können, aber feſter als durch irdiſche Bande war ſie durch die magiſchen Schlingen der allmächtigen Sympathie der Liebe an die Stelle gefeſſelt. Im Eifer der Rede hatte ſich Karl herabgebeugt zu Sophie, der Hauch ſeines Mundes ſtreifte ihre Wangen, ehe er ſchmeichleriſch zu ihren Ohren drang, ſein blaues ſchwärmeriſches Auge begegnete dem ihrigen, ſie ſah einen feuchten Glanz in ſeinen Blicken und konnte ſich ſelbſt der Thränen nicht erwehren. Vermuthlich hätten ſich die Liebenden jetzt völlig verſöhnt und verſtanden, aber Amor, deſſen Pfeile den kürzeſten Weg zur unbeſchützten Bruſt nehmen, geſtattet ſich oft das boshafte Vergnügen, hinterher ſeinen Opfern recht viele Hinderniſſe zu bereiten und durch wider⸗ wärtige Zwiſchenfälle die Pein ihrer Sehnſucht zu ver⸗ längern. Unſer Held, der mit wachſender Wahrſchein⸗ lichkeit des Erfolgs den Weg, ſein verlorenes Glück wiederzugewinnen, eingeſchlagen, ſollte heute noch nicht zum Ziele gelangen. Ehe Sophie das gewichtige Wort der Vergebung, das ſüßeſte im reichen Lexikon der Verliebten, ob es nun ſcherzhaft oder ernſtlich ge⸗ braucht wird, ausſprechen konnte, erſchien Mr. Brown mit ſeiner Nichte auf der Terraſſe; an ihnen vorbei ſtürzte der Kammerherr der Prinzeſſin Eliſabeth gerade auf Karl und Sophie los. 3 „Endlich treffe ich Sie, beſter Doctor“, rief der Kammerherr, den Karl als einen der freiſinnigern Cavaliere ſchätzte, unſerm Helden zu;„folgen Sie mir, die Prinzeſſin wünſcht Sie kennen zu lernen.“ Der Erzengel, welcher das fatale Amt, unſere Stammältern aus dem Paradieſe zu treiben, ſo erbar⸗ mungslos vollzog, bekam wohl kaum verblüfftere Ge⸗ ſichter zu ſehen, als der arme Kammerherr und die ſchon Genannten, nun die Terraſſe Betretenden, welche ohne Verſchulden das ſo hoffnungsvolle Zwiegeſpräch der Liebenden ſtörten. 159 „Ich muß Sie ſprechen, ich erwarte Sie im Gar⸗ ten“, war Alles, was Sophie noch Karl zuflüſtern konnte, ſo eilig zog ihn der Kammerherr mit ſich fort in den Saal. Die Ehre, der Prinzeſſin vorgeſtellt zu werden, verdankte Karl zum größern Theile ſeinem Rufe als Poet, theilweiſe auch einer ihrer ſeltſamen Launen, wo⸗ mit ſie die Hofgeſellſchaft oft genug in Verzweiflung ſetzte. Die Prinzeſſin beklagte ſich Julie gegenüber, daß ſie ſich nicht wie andere Mädchen ungeſtört dem Tanz⸗ vergnügen hingeben dürfe. Sie müſſe, ſagte ſie tragi⸗ komiſch, zuerſt der Reihe nach mit den Geſandten und Miniſtern tanzen; dabei ſei die Hofſitte, daß ſie, das Mädchen, die Herren durch ihre Adjutanten oder Kam⸗ merherren zum Tanze auffordern müſſe, wahrhaft lächerlich; ſie werde nicht, wie andere beneidenswerthe Fräulein, geſucht und huldigend umworben, ſondern ſei genöthigt, unter der Form, Gnaden auszutheilen, in Wirklichkeit die Herren der Schöpfung um die große Gefälligkeit zu bitten, mit ihr zu tanzen. Dieſer Arbeit unterzögen ſich freilich alle mit der feierlichen Verſicherung der ungeheuren Ehre, der nicht verdienten allerhöchſten Auszeichnung, des unvergeßlichen Glückes und ſo weiter, aber nur zu oft blicke hinter dieſen überſchwänglichen Betheuerungen gar ſchlecht verhehlt der Unmuth über die geſtörte Bequemlichkeit hervor. Julie lachte herzlich über den Spott, den Eliſabeth über die Etikette ſo ſchonungslos und treffend aus⸗ goß; war es doch kein Geheimniß, daß gar viele der höchſten Standesperſonen mit Angſt die Prinzeſſin zum Tanze führten, denn ihre Zunge erging ſich gern in feinen, aber nicht minder zugeſpitzten Epigrammen gegen ihre Tänzer. Sie ſtellte überraſchende Fragen und ge⸗ fiel ſich in geiſtreichen Einwürfen, die ſchwer zu beant⸗ worten und zu widerlegen waren; ihre Einfälle, blitz⸗ artig, oft tiefſinnig, dabei in einem Tone, der ebenſo⸗ gut Ironie als Aufrichtigkeit ſein konnte, ſetzten die Diplomaten und Staatsmänner, die nicht alle über ein ſehr reiches Wiſſen und ſchlagfertigen Geiſt verfügten, in nicht geringe Verlegenheit. Julie ging auf das Thema der Prinzeſſin fröhlich ein und ſchilderte ihr die armſelige Lage einer gewöhn⸗ lichen Sterblichen auf den Bällen; wie ſie ſich, gleich einer Waare, von Käufern umringt ſähe, gegen alle die eingebildeten jungen und alten, ſchönen und häß⸗ lichen Vertreter des ſtarken Geſchlechts mit gleicher ſklaviſcher Artigkeit benehmen, auf jede Fadheit ant⸗ worten und ſich hocherfreut zeigen müſſe, wenn die blaſirten Salonhelden ſie überhaupt der Aufforderung zum Tanze würdigten. 161 „Iſt es da ein Wunder“, meinte ſie,„wenn die verſtändigern Männer, weil ſie ſich nicht mit den ton⸗ angebenden Gecken auf eine Stufe ſtellen mögen, gering von uns denken und ganz wegbleiben oder aus der Ferne unſere ſchlechte Kenntniß der Menſchen und be⸗ ſonders der Männer mitleidig belächeln? Gott ſei ge⸗ dankt“, ſchloß ſie, daß mich mein künftiger Mann in unſerm Schloß am See fand; hätte er mich hier zum erſten Male geſehen, ſo bin ich gewiß, er wäre an mir vorübergegangen, er hätte mich für eine Modepuppe ge⸗ halten, denn das ſcheinen wir auf den Bällen, wo eine wie die andere ſich benimmt, keine ſich geben darf, wie ſie iſt, weil es ſich da nicht ſchickt, eine Per⸗ ſönlichkeit zu ſein, wo wir als Tanzopfer Jedem, der uns begehrt, wie auf dem Sklavenmarkt, verfallen ſind. Wäre ich ſelbſtſtändig wie Sie, Hoheit, ich wollte es benutzen und aller Welt zum Trotz tanzen, mit wem es mir gefiele.“ Beei der Sinnesart der Prinzeſſin lag die Ausfüh⸗ rung eines Einfalls meiſt nicht weit von ſeiner Ent⸗ ſtehung. Juliens muthwillige Worte zundeten. „Herrlich!“ ſagte Eliſabeth fröhlich.„Sie haben Recht. Wen aber ſuche ich mir heraus? Ich will ein⸗ mal meinen Hofſtaat wieder zur Verzweiflung bringen. Dieſe ewig heuchleriſchen Geſichter ſind zu drollig, wenn Schubert, Die Jagd nach dem Glücke. II. 11 —ᷣ—ÿ:xx’ꝛy 162 alle Muskeln vor Erſtaunen und Aerger ſpielen und die angelernte Ehrfurchtsmiene nur mühſam die Ober⸗ hand behält.— Ich hab's, ich ſchicke zu Ihrem in⸗ tereſſanten Demokraten, z dem Dichter— wie heißt er doch?“ „Zu Dr. Molling?“ verfezte Julie, beſtürzt über dieſen Einfall der Prinzeſſin, der die mühſam zu Stande gebrachte Unterredung Karl's und Sophiens vorzeitig zu unterbrechen drohte.„Hoheit, er iſt frei⸗ lich das paſſendſte Object, um die Starrfels und Ge⸗ noſſen zu ärgern, aber— aber— er iſt wirklich ſehr freiſinnig.“ „Er wird doch nicht unartig ſein?“ fragte Eliſabeth. „Niemals, Hoheit. Er beſitzt den ſichern Takt, welcher ſich ſelbſt ſeine Formen erzeugt, die Bildung des Herzens“, verſicherte Julie. Die Prinzeſſin hörte nur noch mit halbem Ohre, winkte den dienſtthuenden Kammerherrn zu ſich und gab ihm leiſe einen Auftrag, den ſie aber zweimal 3 wiederholen mußte, ſo betroffen ſchien der Kammerherr darüber. Karl, nicht wiſſend, wie ihm geſchah, befand ſich nun der Prinzeſſin gegenüber, die ihm, nachdem er ihr vorgeſtellt war, freundlich lächelnd und im Triumphe ihrer Kühnheit ſchwelgend ihre feine Hand reichte. 163 Karl führte ſie auf ihren Wunſch zur Quadrille, die das Orcheſter eben anſtimmte. Der Kammerherr mit einer bejahrten Generalin bildete das vis-à-vis. Das ungeheure Ereigniß, dieſe himmelſchreiende Taktloſigkeit der Prinzeſſin wurde von einem Ohr in das andere geflüſtert. So ſehr die Etikette zu verhöhnen, mit dem Demokraten, mit dem Sohne eines Krämers zu tanzen, das war eine Läſterung des hei⸗ ligen Ceremoniels, eine Durchbrechung der Schranke, welche den Thron von dem Pöbel abſchließt, das führte zum Untergang aller Ordnung, aller Sitte, alles Be⸗ ſtehenden. Gräfin Starrfels raffte ſich auf; das konnte der König nicht wollen, nicht gutheißen, da mußte er doch einmal ſelbſt einſchreiten. Sie nahm ſich vor, ſogleich dem Monarchen das Ungeheure mitzutheilen; in Ge⸗ danken componirte ſie eine Anſprache und grübelte nach Ausdrücken, welche, ohne formell die Achtung vor der Majeſtät zu verletzen, das Vergehen der Prinzeſſin doch ins hellſte Licht ſetzen ſollten. Dann begab ſie ſich von einem Gemach in das andere, um den König zu ſuchen. Eliſabeth, eine, wie wir wiſſen, ſehr begabte junge Dame, beſaß die in ihrer Stellung ſehr verzeih⸗ liche Schwäche, ſich um Politik zu kümmern; ſie wußte 41½ 164 daß Dr. Molling ein Hauptwortführer der liberalen Preſſe war, und ſie beſchloß, alle Anmuth, deren ſie ſich wohl bewußt war, aufzubieten, um den Volksmann zu bezaubern. Strahlend in blühender Jugend und Schönheit, konnte ſie, wenn ſie nur wollte, jeden anerzogenen Hoch⸗ muth gänzlich ablegen und beſtrickend liebenswürdig ſein. Sie ſagte Karl einige Artigkeiten über ſeine Ge⸗ dichte, von denen ſie wirklich einzelne geleſen, und führte anfangs faſt allein die Converſation. Die erſte Ueberraſchung Karl's legte ſich bald; ſeine Antworten wurden zuſammenhängender und län⸗ ger. Das neugierige Publikum bemerkte, daß die Miene der Prinzeſſin ernſter wurde, daß endlich nicht mehr ſie, ſondern Karl das Geſpräch beherrſchte. In ehrfurchtsvoller Haltung, aber eindringlich und ohne Scheu ſprach Karl mit der Prinzeſſin während der⸗ Pauſen des Tanzes, und als dieſer zu Ende war, ſagte Eliſabeth: „Sie haben mir viel zu denken gegeben. Sehen wir auch die Lage unſeres Vaterlandes von verſchie⸗ denen Standpunkten an, ſo glaube ich doch, daß wir uns im Weſſentlichen verſtändigen können. Ich bin Gott Lobl] nicht Miniſter oder Polizeidirector, und da ich Sie für Ihren Freimuth nicht einzuſperren brauche, ſo 165 erlauben Sie mir, daß ich Ihnen herzlich für Ihre Offenheit danke. Jetzt, wo ich weiß, daß die Aufregung im Lande, deren plötzlichen Ausbruch zur Revolution ich vorausſehe, nicht der Perſon meines Bruders gilt, blicke ich ruhiger in die Zukunft. Ich habe ja einem unſerer ſchlimmſten Feinde Aug' in Auge gegenüberge⸗ ſtanden“, fügte ſie nicht ohne Koketterie hinzu. „Einem ergebenen Freunde, Hoheit“, fiel Karl, hin⸗ geriſſen von dem liebenswürdigen Weſen der Prinzeſſin, ein.„Wer ſo vieler Huld und Anmuth gegenüber die bittere Wahrheit nicht verſchweigt, der dient ſeinem Fürſtenhauſe treuer als diejenigen, welche die öffentliche Meinung unterdrücken oder dieſelbe fälſchen.“ Gräfin Starrfels hatte den König nirgends ge⸗ funden. Ohne Aufſehen zu erregen, konnte ſie nicht nach ihm fragen; es blieb ihr daher nichts übrig, als auf eigene Fauſt zu handeln und durch ihr per⸗ ſönliches Auftreten wenigſtens den Unverſchämten, der ſelbſt nach beendigtem Tanze nicht von der Prinzeſſin wich, von ihrer Seite zu verdrängen. So lichtete die alte, mit Diamanten beſäete Hof⸗ dame abermals die Anker und rauſchte wie ein ſchweres Linienſchiff durch die Wogen der Geſellſchaft und ſegelte mit einer Schwenkung ihrer Atlasrobe den frechen De⸗ mokraten beiſeite. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, verbeugte ſie ſich vor Eliſabeth bis auf den Boden und ſprach: „Se. Majeſtät, unſer allergnädigſter König und Herr, bitten Eure königliche Hoheit, Sr. Excellenz dem Herrn Miniſter Grafen von Ultritz die Gnade einer Aufforde⸗ rung zur nächſten Tour angedeihen zu laſſen; durch einen Zufall ohne Zweifel waren Eure Hoheit bis jetzt verhindert, die übliche, von Sr. Majeſtät befohlene Reihenfolge des Engagements einzuhalten, und werden Hoheit mir allergnädigſt vergeben, daß ich im aller⸗ höchſten Auftrage daran zu erinnern wage.“ „Der Zufall, der mich hinderte, ſind Sie“, ſagte die Prinzeſſin, ſich zu Karl, der zur Seite getreten war, wendend.„Ich entlaſſe den Zufall, indem ich der Nothwendigkeit folge.“ Sie verneigte ſich leicht und ſchritt von dannen, gefolgt von der Gräfin Starrfels, die jetzt im Abgehen eine ganze Ladung verachtender Blicke auf den Zufall, den Karl repräſentirte, abſchoß. Karl war beinahe beluſtigt von dem Intermezzo, obgleich er ſich nicht verhehlte, daß die Rolle, die er geſpielt, keineswegs eine dankbare Hauptrolle ge⸗ weſen ſei. Die Prinzeſſin hatte ihn nur als Mittel zum Zweck ihrer Unterhaltung in den Vordergrund gezogen, wie 167 ein Spielzeug, das ſie jetzt beiſeite warf, weil man es ihr verbot. Aber er zürnte ihr deshalb nicht. Was wäre aus dieſem hochbegabten Mädchen ge⸗ worden, wenn es von jeher in Freiheit, ſtatt in der Hofluft ſich hätte entwickeln können! Unſer Held fand keine Zeit, jetzt darüber Betrach⸗ tungen anzuſtellen, erwartete ihn doch, wie wir wiſſen im Garten ein weibliches Weſen, das alle Prinzeſſinnen der Welt an natürlicher Hoheit, an Liebreiz weit über⸗ ſtrahlte. Elftes Kapitel. Wasopfert Liebe nicht? Motto: Kronen ſind ſo ſchwer als wie die Reiche, welche ſie bezeichnen. Heil, Heil dem freien Mann, der ſich ernährt durch ſeiner Hände Werk und ſeinem Nachbar des Abends ohne Furcht, daß er am Morgen als Feind im Schlachtfeld ihm begegne, die gute Nacht wünſcht. Könige ſind nur herausgeputzte Sklaven von Millionen. Grabbe's,„Friedrich Barbaroſſa“. Während die Prinzeſſin und unſer Held im Tanz⸗ ſaale der Geſellſchaft reichen Stoff zum Plaudern bo⸗ ten, fand draußen im Garten ein Geſpräch zwiſchen Mr. Brown, der Baronin Billmann und Sophie ſtatt, welches in ſeinen Folgen beſtimmend auf das Schickſal der Perſonen unſerer Geſchichte werden konnte. Aufgeregt durch die Unterredung mit Karl, welche ſo zur Unzeit unterbrochen wurde, bemerkte Sophie 169 nicht gleich die feierliche Stimmung, womit die Mut⸗ ter und der Großonkel ſie aufforderten, die Terraſſe zu verlaſſen und mit in den Garten zu kommen, da ſie ihr insgeheim eine wichtige Eröffnung zu machen hätten. Befremdet blickte ſie die Beiden an, und nun fiel ihr auf, daß die Baronin ſie ſo beſorgt, faſt wehmüthig anblickte und daß die Stimme des Großonkels ſo zag⸗ haft und zitternd klang. Sie befürchtete, dieſe zwei Weſen, die theuerſten, die ſie auf Erden beſaß, hätten ihre Liebe zu Karl errathen und billigten dieſelbe nicht; ſie warf ſich vor, ſo lange geſchwiegen zu haben, jetzt mußte ſie vielleicht einen harten Kampf um ihre Ein⸗ willigung ausfechten, welche bei gehöriger Vorbereitung und vertrauensvoller Mittheilung ihr nicht verſagt ge⸗ blieben wäre. „Du weißt ſeit zwei Jahren, Sophie“, begann Mr. Brown, als ſie im dunkelſten Theile des Gartens ſich auf einer Bank niederließen,„daß meine Nichte hier nicht Deine Mutter iſt, daß wir Dich, die Tochter eines Freundes, zu uns nahmen, nachdem Deine Aeltern in der indiſchen Revolution verunglückt waren.“ „Nie, niemals“, fiel die Baronin ein, als Mr. Brown ſtockte,„hätte ich geſtattet, die traurige Ver⸗ gangenheit zu berühren, denn Du biſt meinem Herzen ſo theuer wie mein eigenes Kind, wäre nicht das Dun⸗ 170 kel, das über der Herkunft Deines Vaters ſchwebte, jetzt erhellt.“— Sophie warf ſich in die Arme der Baronin, welche zärtlich das ſchöne Mädchen umſchloß und küßte. „Was ſprichſt Du?“ verſetzte Sophie.„Ich habe meine Aeltern nie gekannt, auf Dich und Mr. Brown alle Liebe, die ich ihnen ſchulde, übertragen.“ „Dein Vater“, nahm Mr. Brown wieder das Wort,„kannte ſeine Aeltern ebenfalls nicht. Er war als ein Findelkind in einem ruſſiſchen Kloſter am ſchwarzen Meere erzogen worden, entſprang jedoch als ſechzehnjähriger Knabe dem ihm unerträglichen Zwange und ging als Matroſe auf einem Schiffe nach Indien. Um allenfallſige Verfolgungen auf falſche Spur zu leiten, änderte er den im Kloſter geführten Namen und nannte ſich Warren. Auf einer ſeiner Fahrten lernte ihn ein Kaufherr aus Calcutta kennen und nahm ihn in ſein Geſchäft.“ „Das war mein Großvater mütterlicherſeits, Herr van der Bölte, nicht wahr?“ unterbrach Sophie den erzählenden Greis. „Ganz richtig, der alte van der Bölte“, beſtätigte Mr. Brown,„ein tüchtiger Kaufmann und ein wackerer Menſch, wenn auch etwas Sonderling. Bei ihm er⸗ lernte der junge Mann alles zu ſeinem Berufe Nöthige. 471 Er hatte ſchon im Kloſter ein gutes Fundament zu ſeiner Bildung gelegt und ſtudirte ſtrebſamen Geiſtes nebenher jetzt fort, ſodaß er bald für einen der un⸗ terrichtetſten jungen Männer und die Zierde aller ge⸗ ſelligen Kreiſe Calcuttas galt.“ „Die Tochter Deines Großvaters“, ſprach die Ba⸗ ronin, eiligſt ſich des Wortes bemächtigend,„Deine Mutter, war inzwiſchen herangewachſen und zu jener Zeit unbeſtritten das ſchönſte Mädchen in Caleutta. Der alte van der Bölte wollte hoch mit ihr hinaus, ſie aber war nicht gleichgültig für die Werbungen Dei⸗ nes Vaters geblieben.“ „Van der Bölte wollte jedoch durchaus nichts von einer ſolchen Heirath wiſſen“, fuhr Mr. Brown fort; „er entließ jetzt Deinen Vater, der ihm zehn Jahre treu gedient, aus ſeinem Geſchäfte. Van der Bölte war eben alt geworden, er erinnerte ſich nicht mehr, wie heftig das Blut in den Adern der Jugend brauſt, obwohl der eigenſinnige Sonderling ſelbſt ſeiner Fa⸗ milie zum Trotz eine Eingeborene, eine wegen ihrer wunderbaren Schönheit berühmte Indierin zum Weibe genommen.“ „Daher ſtammen die lieben, herrlichen Augen mei⸗ ner Sophie“, ſchaltete die Baronin ein, die Pflege⸗ tochter feſter an ſich drückend. 422 „Van der Bölte verſagte alſo ſeine Tochter Dei⸗ nem Vater“, ſprach Mr. Brown weiter,„weil er einen Mann, der nicht wußte, wer ſeine Aeltern geweſen, nie Schwiegerſohn nennen wolle. Damals und, wie Du gleich hören wirſt, auch ſpäter noch gab ich mir, von Deines Vaters Verzweiflung gerührt, viele Mühe, et⸗ was Näheres über ſeine Abkunft zu erforſchen. Allein vergebens. Der Abt des Kloſters am ſchwarzen Meere, an den ich mich wiederholt um Aufſchluß wendete, be⸗ hauptete ſtets, außer einem Zettel, worauf der Name Feodor Borowieff ſtand, ſei gar nichts bei dem aus⸗ geſetzten Knaben gefunden worden, was auf eine Spur ſeiner Abſtammung deuten könne. Die Leinwand und Wäſche gab ebenfalls keinen Wink, da die Bezeichnung derſelben abſichtlich herausgeſchnitten war.“ „Wie nannteſt Du den wahren Namen meines Vaters?“ fragte Sophie erſtaunt. „Sein Name war Borowieff“, erläuterte der Greis. „Du wirſt ſpäter erfahren, welche Gründe mich be⸗ wogen, Dir und der Welt Deinen wahren Namen bis heute zu verſchweigen und unſere Gegner durch den Namen Warren, den Dein Vater bei ſeiner Flucht an⸗ nahm, zu täuſchen.“ „Sonderbar!“ flüſterte Sophie erſchauernd. „Unter ſo bewandten Umſtänden mußte der arme ——-— 173 Borowieff lange Jahre warten“, fuhr Mr. Brown fort, „denn der alte van der Bölte war unerbittlich. Deine Mutter jedoch ſchlug alle Werbungen um ihre Hand aus und bewahrte dem geliebten Manne die Treue. Van der Bölte lag ſchon auf dem Todtenbette, als er, von der Ausdauer der Tochter gerührt, ihre Herzens⸗ wahl endlich ſegnete.“ „Und jetzt“, fragte Sophie Mr. Brown,„jetzt weißt Du, wer die Aeltern meines Vaters, wer meine Großältern waren?“ „Ich glaube es zu wiſſen“, verſetzte der Greis, „wenigſtens was Deinen Großvater betrifft. Aber höre weiter, damit Du mit Dir zu Rathe gehen kannſt, ob und in welcher Weiſe Du von den bis jetzt feſtge⸗ ſtellten Thatſachen Gebrauch machen willſt. Du wirſt zwiſchen einem neuen ſehr hohen Verwandten, der Dir gewiß ſeinen Schutz nicht verweigern kann, und zwiſchen ns zu wählen haben.“. /„Lebt dieſer Großvater väterlicherſeits etwa noch?“ verſetzte raſch athmend Sophie. „Er iſt längſt todt“, antwortete der Greis,„und Deine Großmutter ſtarb bei der Geburt Deines Vaters.“ „O, dann ſoll mich nichts von meiner zweiten Mutter, nichts von Dir, lieber Onkel, trennen“, be⸗ theuerte das Mädchen.„Aber mich erſchreckt das Ge⸗ heimnißvolle, das Dunkle—“ 3 „Faſſe Muth, Du mußt erfahren, was ich ent⸗ deckte“, verſetzte Mr. Brown.„Auch nach dem Tode Deiner Aeltern gab ich die. Forſchungen nach der Her⸗ kunft Deines Vaters nicht auf. Viele Jahre blieben meine Bemühungen erfolglos. Als ich die Mauern dieſer Stadt nach zwanzigjähriger Abweſenheit wieder betrat, wurde mir der erſte Fingerzeig. Graf Ultritz' Kammerdiener Friedrich, der jüngſt auf ſo eigenthüm⸗ liche Weiſe zu Grunde ging, gab mir ihn wider Willen. Ich ſtand im Vorzimmer des Miniſters, ſeines Herrn; neben einem Fenſter des zu ebener Erde gelegenen Ge⸗ maches hing ein Briefkaſten, in welchen der Poſtbote von der Straße aus durch eine Mauerſpalte Briefe und Zeitungen zu ſchieben pflegte. Das Nauſchen der gerade in den Kaſten fallenden Briefe machte mich auf dieſe Einrichtung aufmerkſam. Ich trat näher. In eine Seitenfläche des blechernen Käſtchens war ein Thürchen eingelaſſen, in deſſen unterer Hälfte ſich eine mit Glas bedeckte Oeffnung befand, damit man ſich mit einem Blick überzeugen konnte, ob Poſtſendungen angekommen ſeien oder nicht. Zufällig war ein kleiner Brief ſo in das Innere des Kaſtens hinabgerutſcht, daß die Adreſſe an der Glasſcheibe der Verſchlußthür 105 beinahe ganz anlag. Ich warf ohne Neugierde und unwillkürlich, vielleicht um die Langeweile des Hinwar⸗ tens zu vertreiben, einen Blick auf die Adreſſe des Briefes. Derſelbe war für den Kammerdiener Fried⸗ rich beſtimmt und trug einen ruſſiſchen Poſtſtempel. Ich ſah genauer hin, um den Aufgabeort des Briefes zu entziffern, und war nicht wenig überraſcht, nun deutlich in ruſſiſchen Buchſtaben den Namen jenes Kloſters zu finden, in welchem Dein Vater, liebe Sophie, ſeine Jugend verlebte.“ „Welch ſeltſamer Zufall!“ rief das junge Mäd⸗ chen, deſſen Erwartung ſich nun auf das höchſte ſpannte. Mr. Brown fuhr fort: „Ich notirte mir das Datum der Briefaufgabe und ließ einige Tage vorübergehen, während welcher ich mich über den alten Friedrich erkundigte. Mein Mißtrauen gegen Graf Ultritz, durch eine meinen ſeli⸗ gen Sohn betreffende Angelegenheit hervorgerufen, wurde nun auch in anderer Richtung rege. Jetzt be⸗ lobte ich mich ſelbſt meiner Vorſicht halber; der Abt war oftmals in mich gedrungen, ihm die Gründe mei⸗ ner Nachforſchungen anzuvertrauen und den Aufent⸗ haltsort und die Lebensſtellung des aus dem Kloſter Entſprungenen mitzutheilen. Ich aber hütete mich, 176 ſeine Neugierde zu befriedigen; auch hatte ich Deinem Vater verſprochen, dem Abte gegenüver zeitlebens tiefes Stillſchweigen zu beobachten. Der Arm der Geiſttlichkeit reicht weit in der Welt, das Kloſter hätte Deinen Vater als Leibeigenen oder wenigſtens als Unterthan requiriren können, ſobald man ihn entdeckte. Doch höre weiter.“ Ich nahm den alten Friedrich ins Gebet. Theils durch Drohungen, theils durch Beſtechung ſeiner Hab⸗ ſucht bewog ich ihn, daß er ſich zum Empfang jenes Briefes, den er anfänglich verleugnete, bekannte und ihn mir auslieferte. Derſelbe war von dem Abte des Kloſters unterſchrieben, enthielt aber nichts als die Anfrage an den alten Friedrich, ob über den Aufenthalt des einſti⸗ gen Findelkindes Borowieff oder deſſen Nachkommen etwas bekannt geworden ſei. Auf meine Erkundigung, woher Friedrich von der Exiſtenz jenes Borowieff wiſſe und in welcher Beziehung er zu dem Abte ſtehe, erklärte der Kammerdiener, daß Graf Ultritz bei ſeiner letzten Anweſenheit in Rußland, wo er die Erbſchaft für ſeinen Vater erhoben, den Abt kennen gelernt habe. Der Erblaſſer, Graf Cronoff, ein Onkel der erſten Frau des Polizeiminiſters Graf Ultritz, hatte jenem Kloſter am ſchwarzen Meer ein bedeutendes Legat ver⸗ macht; zur Flüſſigmachung deſſelben habe ſich der Abt 177 mit Graf Ferdinand von Ultritz ins Vernehmen ſetzen müſſen. Da ſei gelegentlich die Sprache auf jenes Findelkind und ſein Verſchwinden aus dem Kloſter ge⸗ kommen, und Graf Ferdinand habe auf Bitten des Abtes hin verſprochen, in Deutſchland nach jenem Borowieff zu forſchen. Obgleich alle Recherchen erfolg⸗ los blieben, ſei doch alljährlich vom Kloſter eine Anfrage, wie eben jetzt, an die Adreſſe des Kammerdieners ge⸗ kommen und ebenſo eine verneinende Antwort abgeſchickt worden. Weiter war aus dem alten Friedrich vorerſt nichts herauszubringen. Was ſollte ich beginnen? Dem Grafen Ferdinand zu eröffnen, daß in Dir ein Nach⸗ kömmling Borowieff's lebte, wagte ich nicht; ich hatte Grund, ihm ſchlimme Umtriebe zuzutrauen, ja eine Ahnung, ein untrügliches Gefühl beſtimmte mich, gerade vor ihm Deinen Familiennamen geheim zu halten. Ich vermuthete, daß der Abt von dem Kammerdiener Fried⸗ rich wahrſcheinlich durch Geld bewogen worden ſei⸗ jedem Dritten weitere Auskunft über jenen Feodor Borowieff zu verweigern und alle Nachforſchungen ihm allein zu überlaſſen. Als wir Dir vor zwei Jahren eröffneten, daß Du keine Billmann ſeieſt, da täuſchten wir Dich über Deinen wahren Familiennamen, weil ich ſchon damals fürchtete, mächtige Feinde würden Schudert, Die Jagd nach dem Glücke. II. 12 178 vielleicht auf Dich aufmerkſam und könnten Dir zu ſchaden ſuchen. In Sophie Warren hingegen vermuthet Niemand die Tochter Borowieff's.“ Betroffen über die ſeltſamen, plötzlich auftauchenden Räthſel der Vergangenheit, ſchmiegte ſich Sophie inni⸗ ger an ihre Pflegemutter. Mr. Brown aber fuhr fort: „Wieder wendete ich mich durch vertraute Agenten nach Rußland; ich ließ dem Kloſter eine bedeutende Summe Geldes anbieten, wenn es über die Aeltern Borowieff's Aufſchluß verſchaffen könne. Alle Anſtren⸗ gungen führten nicht zum Ziele. Da erhielt ich vor einer Viertelſtunde ein Schreiben meines vertrauten Anwalts in Petersburg. Der Abt iſt geſtorben; vor ſeinem Tode, kurz nachdem er das Ableben des Kammerdieners Friedrich erfahren, überlieferte er meinem Anwalt den Taufſchein Deines Vaters gegen die Zahlung der an⸗ gebotenen Summe.“ Ein lautes„Ah!“ der Ueberraſchung entrang ſich der gepreßten Bruſt Sophiens. „Faſſe Dich, Kind“, beruhigte die Baronin. „Wer war mein Großvater?“ hauchte Sophie, die Hand des Greiſes umklammernd. „Der Vater des jetzigen Königs!“ erwiderte Mr. Brown. — 179 Eine Pauſe trat ein. Tiefe Stille herrſchte in dem dunklen Garten. Der Lichtſchein der erleuchteten Front des Palaſtes drang nicht durch die dichten Ranken des Geißblattes und der wilden Reben, welche die Bank umgaben, auf welcher Sophie nach Ruhe, nach klarem Verſtändniß rang. „Unmöglich, Onkel“, ſagte endlich langſam das Mädchen,„Du mußt Dich täuſchen.“ „Kein Zweifel waltet ob“, verſetzte Mr. Brown. „Und wer war meine Großmutter?“ fragte Sophie bebend. „Nur ihren Namen enthält der Taufſchein; ſie hieß Marie Corniani. Der verſtorbene Monarch, der mit ihr durch einen Prieſter zur linken Hand getraut wurde, lebte damals incognito unter dem Namen eines Grafen Borowieff in Rußland. Du haſt das Recht, dieſen Namen zu tragen. Unſer junger König wird Dir, ſeiner Nichte, denſelben nicht verweigern.“ „Und kennt der König den Sachverhalt?“ fragte jetzt die Baronin. „Ja, er kennt ihn. Er ſagte mir, daß er aus hinterlaſſenen Aufzeichnungen ſeines Vaters, die er ganz zufällig erſt vor einigen Tagen auffand und durchſah, wiſſe, daß Marie Corniani todt ſei.“ 12* 180 „Wo finde ich den König? Führt mich zu ihm“, ſprach haſtig Sophie. „Er iſt gegenwärtig in meinem Arbeitszimmer und prüft den Taufſchein und lieſt die ſorgfältigen Berichte, die ich im Laufe der Jahre über meine Nachforſchungen, über das Schickſal Deines Vaters und das Deine zu⸗ ſammentrug. Heute, hier auf dem Balle, kann Dir der Monarch unmöglich eine Audienz bewilligen.“ „Ich muß den König ſprechen, heute noch“, ent⸗ ſchied Sophie mit faſt fieberhafter Energie.„Ich will den Titel einer Gräfin Borowieff nicht tragen. Sein eigener Vater, der verſtorbene König, ſchämte ſich des Sohnes, meines unglücklichen Vaters und begrub ihn in einem Kloſter. Wohl meinem Vater, daß er in glücklicher Unwiſſenheit über ſeine Abſtammung die Augen ſchloß. Nein, Mutter, Dein Kind, Deine Tochter laß mich bleiben. O, verſtoßt mich nicht, werft mich nicht hinaus in die große Welt, laßt mich der zweifelhaften Ehre entſagen, die Verwandte eines Königs zu ſein. Ich will es nicht, bei dem Gedächtniß meiner Aeltern, ich will es nicht!“ Mr. Brown und die Baronin verſäumten nicht, Sophiens Ausſpruch mit allen Gründen der Ver⸗ nunft zu widerlegen, und vergaßen keinen der Vortheile mit hellen Farben zu ſchildern, welche für Sophie aus 184 der Geltendmachung ihrer Anſprüche hervorgehen mußten. Das ſeltſame Mädchen blieb unerſchütterlich. Wohl ſah ſie Glanz und Pracht, Ueberfluß und Vornehmheit winken, aber dann war ihr der geliebte Mann verloren. Nun und nimmer, glaubte ſie, würde Karl ihr die Hand zum Bunde für das Leben reichen, wenn ſie ſocial ſo hoch über ihm ſtand. Was galt ihr die Hoheit der Geburt, ein beneidetes Leben bei Hofe als Verwandte eines Königs, wenn Karl, der Mittel⸗ punkt all ihrer Träume und Wünſche, nicht ebenbürtig ihr zur Seite ſtehen konnte! Der Gedanke, ihn zu verlieren, der ihr makellos, rein und edel, ein echter Mann, erſchienen war, den ſie mit dem ganzen Feuer ihrer Seele, mit der Glut und Hingebung ihrer heißen ſüdlichen Natur liebte, war ihr entſetzlich. Ja, hätte auch eine Krone ihr Haupt geſchmückt, ſie würde ſie jubelnd weggeworfen haben als eine Laſt und wäre in Karl's Arme geeilt. Vielleicht nennt man dieſen Entſchluß Sophiens eine Schwärmerei, eine übertriebene Opferfreudigkeit, ſie aber ſchwärmte nicht, ſie liebte wirklich. In ihrem Herzen hatte nichts Anderes Raum neben dem einen allmächtigen Gefühl, es koſtete ſie kein Opfer, den Rechten ihrer Geburt zu entſagen, vielmehr erblickte ſie das größte Unglück in der Ausſicht, daß ſie nicht mehr das einfache Fräulein Warren, die Tochter eines Kaufmanns ſein ſollte. „Ich ſchwöre, und Gott hört meinen Eid“, rief ſie feierlich und reichte der Baronin und Mr. Brown die Hände,„daß ich nie einen andern Namen als Sophie Warren führen werde!“ Beſtürzt, unfähig, einen Rath zu geben, ſtanden die Zeugen des Schwures jetzt neben dem Mädchen. Auf eine ſolche Wirkung ihrer Mittheilung waren ſie nicht gefaßt geweſen. „Du biſt Herrin Deiner Handlungen; ich erkenne es, Du biſt von heute an mündig“, ſprach die Baronin. „Vielleicht haſt Du das Richtige erwählt; verſtehe ich auch Deine Beweggründe nur halb, Deine Handlungs⸗ weiſe iſt ungewöhnlich und großherzig. Zu der Liebe, die ich ſtets für Dich hegte, als Du noch ein ver⸗ laſſenes Waiſenkind warſt, tritt jetzt die Achtung, die Bewunderung.“ Weinend warf ſich Sophie an die Bruſt der Mutter, die ſie jetzt neu wiedergewonnen, und bedeckte ihr Geſicht mit zärtlichen Küſſen. „Aber der König! Was ſoll man dem Könige ſagen?“ klagte jetzt Mr. Brown, der, als Politiker an 183 Intriguen gewöhnt, auf einen Ausweg aus dieſem Labyrinthe ſann. „Verſprecht mir ewiges Schweigen über das, was wir hier verhandelt“, forderte Sophie mit ſtrengem, ern⸗ ſtem Tone.„Eure Hand darauf, daß nie ein Wort, meine Abſtammung betreffend, über Eure Lippen kommt.“ Der Greis und ſeine Nichte gaben das Ver⸗ ſprechen. „Mit dem Könige werde ich Alles ins Reine brin⸗ gen“, ſchloß Sophie.„Auf, zu ihm, es iſt keine Zeit zu verlieren.“ Sophie und ihre Begleiter verließen den Ort ihrer merkwürdigen Unterredung und ſchritten auf das Haus zu. In leicht begreiflicher Haſt ſtiegen ſie die breiten Stufen zur Terraſſe hinauf; in dieſem Augenblicke trat der König aus dem Saale heraus und erblickte Sophie. Ein Zug unverkennbarer Freude überflog ſein Antlitz. Er gab den ihn begleitenden Adjutanten einen Wink, dieſe zogen ſich ſogleich in den Saal zurück, während der Monarch Sophie entgegeneilte. „Weiß ſie es ſchon?“ fragte der König Mr. Brown. Dieſer nickte bejahend. „Mein Wagen wartet“, ſprach der König,„aber 184 ich kann nicht nach Hauſe, ehe ich Sie, Fräulein Sophie, nicht geſprochen, nicht begrüßt habe.“ „Auch ich, Majeſtät“, ſagte das ſchöne Mädchen, und ihre Blicke begegneten denen des ſichtlich auf⸗ geregten Königs,„verlange nach einer kurzen Unter⸗ redung.“ 8 Der König reichte Sophie den Arm. „Laſſen Sie uns die Neugierigen vermeiden“, ſprach er, die Terraſſe hinabeilend.„Die Baronin iſt wohl ſo freundlich, uns zu begleiten?“ Bald nahm der Schatten der Bäume die ſich Ent⸗ fernenden auf. 3 Mr. Brown faßte am Ausgang des Saales Poſto, um Jeden, der allenfalls im Garten Abkühlung ſuchen wollte, auf diplomatiſche Weiſe in ein Geſpräch zu verwickeln, damit Sophie Zeit gewinne, dem König ihr Anliegen vorzutragen. Wenden wir nun unſere Aufmerkſamkeit dem Monarchen und Sophie zu, die unweit der Terraſſe, in der Nähe eines kleinen, über künſtliche Felſen herab⸗ ſprudelnden Waſſerfalls, auf und ab gingen, während die Baronin in geringer Entfernung auf einem in den Felſen gehauenen Sitz Platz nahm. Der König überzeugte ſich bald von der Unum⸗ ſtößlichkeit des Entſchluſſes Sophiens. 185 Durfte er gegen ihren Willen ihr den Titel einer Gräfin Borowieff aufdringen? Der junge Fürſt war aufs tiefſte erſchüttert, ſein Glaube an die Menſchheit wankte. Die Aufzeichnungen ſeines Vaters bewieſen die Exiſtenz eines natürlichen Sohnes, ja ſie gaben als ſeinen wahren Namen Feodor Borowieff an; der jetzt entdeckte, wieder gefundene Taufſchein widerſprach jedoch völlig andern Ausſagen der Aufzeichnungen, welche die Identität des im Klo⸗ ſter erzogenen Knaben mit Sophiens Vater wieder ſehr in Frage ſtellten und auf ganz andere Spuren lenkten. S Namentlich wieſen die Aufzeichnungen des ver⸗ ſtorbenen Königs darauf hin, daß eine rothe, in Gold gefaßte Brieftaſche, welche wichtige, dieſe Angelegen⸗ heit betreffende Papiere enthielt, ihm geſtohlen wor⸗ den ſei. War der Taufſchein echt, woran der junge Monarch nicht zweifelte, ſo hatten unverſchämte Betrüger ſeinen Vater hintergangen, und der Verdacht, daß Graf Ultritz und deſſen verſtorbener Vater, der Polizeiminiſter, in das Geheimniß verwickelt, ja die Urheber des Betrugs ſeien, gewann neue Nahrung. Mr. Brown hatte offen die Anſicht ausgeſprochen, daß Graf Ultritz dem König nicht den ganzen Inhalt 186 der rothen Brieftaſche gezeigt, ja durch Vorlegung ge⸗ fälſchter Documente ihn hinters Licht zu führen ver⸗ ſucht habe. Doch blieb dies eine Vermuthung. Wer vermochte ſich zu verbürgen, daß die rothe Brieftaſche, von welcher die Briefe der Baronin Karoline Billmann an Mr. Brown ſprachen, dieſelbe ſei, welche der ver⸗ ſtorbene König in ſeinen vertraulichen Mittheilungen erwähnte? Von Räthſeln umgeben, deren Löſung höchſt ſchwierig ſchien und möglicherweiſe peinliches Aufſehen erregen konnte, kam dem König Sophiens Bitte, ihr den Taufſchein des Vaters auszuhändigen, eigentlich wie eine Hülfe in höchſter Noth. Er hatte den Tauf⸗ ſchein im Arbeitszimmer Mr. Browu's zu ſich geſteckt, um ihn, obwohl er an deſſen Echtheit glaubte, von ſeinem Hofadvocaten genau prüfen zu laſſen; wenn er jetzt den Schein Sophie übergab, ſo war damit dieſe Angelegenheit, inſoweit ſie ſein thatkräftiges Ein⸗ ſchreiten erforderte, ein⸗ für allemal beſeitigt, da Sophie wiederholt betheuerte, ſie werde niemals Gebrauch von ihren Rechten machen, ſondern den Taufſchein ver⸗ nichten. Freilich blieb dem König noch die Verpflichtung, von Graf Ultritz Rechenſchaft und Aufklärung zu for⸗ dern, dies konnte aber dann in einer Weiſe geſchehen, 187 welche den Einblick jedes Zeugen und des großen Publikums ausſchloß. Dennoch zögerte der König; ſein rechtlicher Sinn ſträubte ſich, in ſo feiger Weiſe auf Koſten Sophiens ſich die peinliche Unannehmlichkeit zu erſparen, der Welt ein bisher ſo gut bewahrtes Geheim⸗ niß preisgeben zu müſſen. Ob noch andere Motive ihn bewogen, nicht ohne weiteres auf Sophiens Wunſch einzugehen, mag man aus ſeinen eigenen Worten be⸗ urtheilen. Im Eifer des Geſprächs entfernten der König und die neben ihm ſchreitende Jungfrau ſich etwas weiter als bisher von der Baronin. Der Mond war jetzt aufgegangen, und um vor den Augen Unberufener, die vielleicht aus den benach⸗ barten Häuſern in den Garten blicken mochten, ſicher zu ſein, lud der König Sophie ein, ſich auf einer Bank niederzulaſſen, die rings um das Erdgeſchoß eines kleinen, auf einem Hügel im Gebirgsſtile gebauten Garten⸗ häuschens lief. Dort ſaßen ſie im Schatten des Giebeldachs. Die Dunkelheit, welche Sophie des Monarchen Antlitz gänzlich verbarg, ſchien deſſen Beredtſamkeit zu erhöhen. Vielleicht wurde es ihm auch leichter zu ſprechen, weil hier in dieſer Entfernung das Geräuſch des Waſſer⸗ falls das Verſtändniß nicht mehr erſchwerte. Die 188 größere Stille erlaubte freilich auch einem lauſchenden Ohre, einen großen Theil der Unterredung zu verſtehen. Daran dachte aber jetzt weder der König noch Sophie; ein Blick um die Ecke der Wand, an welcher ſie ſaßen, hätte ſie wahrſcheinlich, trotz der Dunkelheit, welche das überhängende Dach auch auf jener Seite verbreitete, eine ſchwarze Geſtalt entdecken laſſen, welche regungslos auf der Bank kauerte. Dieſe Geſtalt, welche ſie belauſchte, war in den Garten gekommen, ehe noch Mr. Brown den Ausgang der Terraſſe bewachte, zur ſelben Zeit, als an einer andern Stelle Sophie den Schwur der Entſagung leiſtete. Die im tiefen Schatten ſitzende Geſtalt erhob ſich, ſobald Schritte in der Nähe des Häuschens hörbar wurden, um ſich von ihrem Platze zu entfernen. Als aber der Mondſchein deutlich das den kleinen Hügel heraufſteigende Paar beleuchtete und die Geſtalt den König erkannte, ſetzte ſie ſich ſogleich wieder und blieb in ihrem Verſteck. Nicht alle Worte verſtand der Horcher im Dunklen, da die Stimmen der Sprechenden zuweilen in unver⸗ ſtändliches Flüſtern ſich verloren, was aber zu ſeinem Ohre drang, genügte, ihm das warme Blut mit Eiſes⸗ kälte zu durchſchauern, ſein Herz bis ins Innerſte zu 189 empören. Denn Amor, der boshafte Schalk, beauf⸗ tragte die Geiſter des Windes, die auf beflügelten Schwingen den Schall durch die Lüfte tragen, nur ein⸗ zelne, aus dem Zuſammenhang geriſſene Theile des Geſprächs an das Ohr des Lauſchers gelangen zu laſſen. „Noch einen Grund“, ſagte der König zu Sophie, „muß ich gegen Ihre Bitte geltend machen, ſo ſelbſt⸗ ſüchtig er iſt und ſo ſehr Sie ihn auch verdammen mögen. Sie wiſſen, daß ich vom erſten Augenblicke, wo ich Sie ſah, mich zu Ihnen hingezogen fühlte; Sie wiſſen auch, wie rein, fern von jeder ſinnlichen Leiden⸗ ſchaft, dieſes Gefühl iſt; einmal gab ich dieſer Sym⸗ pathie Ausdruck in jugendlicher Unerfahrenheit, Sie haben mir verziehen; auch enthielt jenes Gedicht nichts, was Sie beleidigen konnte. Die Freundſchaft, um welche ich bat, haben Sie zugeſagt, und Sie durften es; daß Sie mir mein Gedicht zurückgaben, war in der Ord⸗ nung und Ihr Benehmen hat nur meine Achtung vor Ihnen erhöht. Die Welt glaubt an nichts Edles, und ich bin ein König. Könige haben ja kein Privatleben, ſie dürfen nicht empfinden, nur handeln. Wie die Schau⸗ ſpieler ihre Rolle, ob ſie ihrem Naturell entſpricht oder nicht, vor einem hart urtheilenden Publikum herſagen müſſen, ſo iſt jedes Wort, jede Miene, jedes perſönliche 190 und menſchliche Gefühl eines Königs der erbarmungs⸗ loſen Kritik der Mit⸗ und Nachwelt unterworfen. Wir ſind beneidet, aber mit Unrecht; wir herrſchen über Viele, aber wir ſelbſt ſind weniger frei als der letzte unſerer Unterthanen. Könige ſind nur die herausge⸗ putzten Sklaven von Millionen.“ „Majeſtät“, antwortete Sophie, ergriffen von der ernſten Klage des Fürſten,„dafür ſind Sie auch geliebt von Vielen. Schwer mag die Verantwortung der Krone drücken, launenhaft iſt die Neigung der Menge, aber ein edles Wollen wird zuletzt doch von den Menſchen anerkannt.“ „Man ſagt, ein König hat keinen wahren Freund“, ſprach der Fürſt;„ſeit heute glaube ich es faſt. Laſſen Sie mich Ihnen geſtehen, Sophie, als ich vor einer Stunde erfuhr, daß wir uns nahe ſtehen, daß von nun an ein heiliges Band uns vereint, daß es nur von Ihnen abhängt, Ihre Rechte geltend zu machen, und ich darf vor aller Welt frei mit Ihnen verkehren, da wurde mir zu Muthe wie noch nie in meinem Leben. Sie find edel und gut, Sie glauben an die Menſchheit, Sie würden, ſo hoffte ich, mich ganz verſtehen, die ehrfurchts⸗ volle Freundſchaft, die Bewunderung, die ich für Sie hege, nicht falſch auslegen; erhaben über jede klein⸗ liche Mißdeutung die Sie und ich verachten, ſo träumte 191 ich, ſollte das verwandtſchaftliche Band unſere Freund⸗ ſchaft adeln und befeſtigen.“ Sophie liebte und die Liebe macht jedes Weib zur Hellſeherin. Sie erkannte, daß die ehrfurchtsvollen Worte des Königs, vielleicht ihm ſelbſt noch unbewußt, ein leiden⸗ ſchaftlicheres Gefühl für ſie umhüllten. Ein tiefes Mitleid erfaßte ſie mit dem hochherzigen, zartſinnigen Fürſten. Hier gab es nur ein Mittel, ihn zu heilen, ein ſchmerzliches, aber gewiß wirkſames. „Erfahren Eure Majeſtät und möchten Sie hierin den beſten Beweis meines unbegrenzten Vertrauens er⸗ blicken, was ich bisher ſogar der Mutter verſchwieg: ich liebe tief und wahr, unauslöſchlich und bin freudig bereit, für dieſe Liebe noch größere Opfer zu leiſten, als ich heute brachte. Kann ich einen Augenblick ſchwanken, wo es ſich um die Wahl handelt, an der Seite eines geliebten Mannes in einfachen Verhältniſſen glücklich zu ſein, oder ewig elend ohne ihn, im Glanze einer Stellung, für die ich nicht erzogen bin, der ich nicht den mindeſten Werth beilege?“ „Jetzt begreife ich Sie“, ſprach der König tonlos, indem er ſich erhob und langſam den Hügel mit Sophie hinabſtieg.„Und wer iſt der Beneidenswerthe? Darf 192 ich ſeinen Namen erfahren? Er iſt gewiß meiner Freundſchaft würdig, da Sie ihn mit Ihrer Liebe be⸗ glücken.“ Der Lauſchende richtete ſich auf und verſchlang mit ſeinen Blicken das ſich entfernende Paar. „Ja, er iſt ein edler Menſch“, ſagte Sophie, wie mit ſich ſelbſt redend,„wenn auch kein Titel ſeinem Namen voranſteht.“ „ Ich will ihn hervorziehen aus ſeinen beſcheidenen Verhältniſſen, Sie ſollen die Uneigennützigkeit meiner Freundſchaft kennen lernen“, betheuerte der König mit Wärme. „Er iſt ein Mann“, verſetzte Sophie,„ein ganzer Mann. Was er geworden, verdankt er eigener Kraft, und ſein Stolz ertrüge es nicht, wenn ich die Gnade Eurer Majeſtät für ihn anriefe.“ „Sie ſind ein ſeltſames Weſen, Sophie; ſehen Sie jetzt, wie arm wir Könige ſind?“ klagte der Fürſt. „Tauſende drängen ſich um uns und entreißen uns durch Liſt und Schmeichelei Gaben, deren ſie unwerth ſind. Wollen wir einmal ſchenken, aus freiem Entſchluß, wol⸗ len wir Glückliche machen, ſo ruft man uns zu: Wirf Deine Schätze den Bettlern hin, wir ſind reicher als Du, denn wir haben, was mehr gilt als alle Kronen dieſer Welt, wir haben Liebe!“ 193 Der König ſchwieg, denn der Sturm ſeines In⸗ nern raubte ihm für den Augenblick die Fähigkeit zu ſprechen. Auch Sophie war tief bewegt, als ſie dem Mon⸗ archen die Hand reichte. „Ich kann nicht anders, Majeſtät“, ſagte ſie weh⸗ müthig,„aber nie werde ich dieſe Stunde vergeſſen. Wenn die dankbaren Gebete Vieler, die Eure Majeſtät als ihren Wohlthäter verehren, zum Himmel ſteigen, ſo wird meine innige Bitte um Segen auf Ihr Haupt nicht fehlen. Leben Sie glücklich, Majeſtät!“ „Wir haben uns nicht zum letzten Male geſprochen“, erwiderte gefaßter der König.„Die Verwandtſchaft, die wir heute erſt entdeckten, können Sie vor der Welt verbergen oder verleugnen, aber die Hochachtung, welche von heute an den König und Sophie Warren verknüpft, iſt feſt und unlösbar. Leben Sie wohl!“ Wenn derjenige, welcher ſich ſelbſt zu überwinden weiß, am berechtigtſten iſt, über Andere zu herrſchen, ſo war der junge Regent ein ſolcher echter Fürſt. Trotz ſeiner Jugend übte er in dieſem Augenblicke auf das nicht leicht zu blendende ſtolze Mädchen die volle Gewalt der Majeſtät aus. Unwillkürlich beugte Sophie das ſchöne Haupt vor ſo viel Seelengröße und Adel der Geſinnung; ihr war, Schubert, Die Jagd nach dem Glucke. II. 13 als ſtünde er in ſeiner reinen Selbſtloſigkeit hoch über ihr, deren Bruſt nur noch eine Leidenſchaft, die Liebe zu Karl erfüllte, und als müſſe ſie niederknieen und demüthig die Hand des Fürſten küſſen. Er aber hob die ſich vor ihm Niedexbeugende empor und drückte flüchtig einen Kuß auf ihre reine Stirn. „Und den Taufſchein, Majeſtät— geben Sie mir den Taufſchein“, bat Sophie dringend. „Nehmen Sie das Papier“, ſagte der König, ihr den vergilbten Schein hinreichend,„aber ſeien Sie nicht voreilig. Vernichten Sie das Band nicht, das Sie an den König knüpft, bewahren Sie das Document gut auf, und wenn Sie je Ihr Recht geltend machen wollen, ſo gebe ich Ihnen mein Wort, mein Königswort, daß ich es jederzeit anerkennen werde.“ 1 Sophie nahm ſchweigend das Papier in Empfang. Der König entfernte ſich raſch. Sinnend ſtand Sophie allein am kleinen Waſſer⸗ fall, der im hellen Mondlicht ſchimmerte; wie flüſſiges Silber, in dem unzählige Diamanten auf und nieder tanzten, ſprudelte das Waſſer durch das künſtliche Bett dem Fluſſe jenſeits des Gartens zu. Langſam zerriß Sophie den Taufſchein des Vaters und warf die kleinen Stücke Papier hinein in die murmelnde Flut, welche hier und da lauter auf⸗ 195 rauſchte, als wolle ſie den Sträuchern und Blumen am Ufer die That treuer Liebe erzählen. Als die Baronin das Beginnen Sophiens bemerkte, war es zu ſpät, ihr Einhalt zu thun. „Was haſt Du gethan, thörichtes Kind?“ rißf ſie, auf Sophie zueilend. „Was ich thun mußte“, verſetzte ſtolz und glück⸗ lich lächelnd Sophie.„Es geſchah für ihn!“ Von der Bank am Schweizerhäuschen erhob ſich jetzt völlig die ſchwarze Geſtalt, welche Zeuge der ganzen Scene geweſen, und trat hervor in das Mond⸗ licht. Die Kniee wollten Karl Molling den Dienſt ver⸗ ſagen, die linke Hand preßte ſich aufs Herz und nur mühſam wankte er den Hügel hinab auf den Waſſerfall zu. Sein Geſicht war aſchfahl, das Auge ſtarr, die Haare hingen wirr um ſeine Stirn. „Ich bin gekommen“ rief Karl mit brechender Stimme Sophie zu,„aber zu früh. Sie können ſich jede Crklärung erſparen.“ Sophie erſchrak furchtbar, als ſie den Geliebten plötzlich und in ſolchem Zuſtande erblickte. Mit flehen⸗ der Geberde ſtreckte ſie ihm die Hände entgegen. „Jetzt, jetzt habe ich Dich errungen“, rief ſie,„es iſt vollbracht!“ 13* 196 „Ja, es iſt zu Ende“, klang es hohl von Karl's Lippen.„Elende Heuchlerin— ich verachte Dich!“ Mit lautem Aufſchrei ſtürzte Sophie zu Boden. Die Baronin beugte ſich wehklagend über ſie. Karl aber wendete den Frauen den Rücken und eilte wie ein Raſender von dannen. 3 Ende des zweiten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Meue Romane Leben um Leben. Von der Verfaſſerin von„John Halifax.“ Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr 15 Ngr. Armadale. Roman von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Marie Seott. Autoriſirte Ausgabe. 6 Bände. 8. Geheftet. Preis 4 Thlr. Ein tiefes Geheimniß. 4 Roman von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Neue Romane aus dem Verlage von Eruſt Julius Günther in Leipzig. Bariſer Todtentanz. Roman in 2 Abtheilungen von Mar von Schlägel. 1. Abth.: Nach uns die Sündfluth! 2. Abth.: Der rothe Faſching. 6 Bde. Preis 6 Thlr. Nomaden. Roman von Robert Byr. 5 Bände. 8c. Elegant geheftet. Preis 4 Thlr.— Geſchichte eines Deutſchen unſerer Zeit. Von Johannes Scherr. Zweite Auflage. 4 Bände. 80. Geheftet. Preis 3 Thlr. Verlag von Ernſt Julius Günther in Teipzig. Lady Andley's Geheimniß. Roman von Ml. E. Braddon. Aus dem Engliſchen. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8⁰. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. Aurora Itopd. Roman von M. E. Braddon, Aus dem Engliſchen von F. Seybold. 4 Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 80. Eleg geh. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. leanor's Gieg. Roman von M. E. Braddon. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Reue Romane aus dem Verlage von Ernſt Inlius Günther in Leipzig. Geheimniſſe. Novellen von Kark Frenzel. 2 Bände. 8 Eleg. geheftet. Preis 2 Thlr. Mer nene Abälara. Zulius Groſſe. 2 Bände. 80. Elegant geheftet. Einzelpreis 1 Thlr. 22 ½ Ngr. Mütze und Krone. Roman von Herman Schmid. Zweite Auflage. 5 Bände. Elegant geheftet. Preis 3 Thlr. — or. “ ſſiſmnmnſſſſſſſſſſſſiſf ſffſſſt Fnnſſnſ 1 12 13 14 15 16 17 18 19 7 10 1