—— V Leihbibliothetrt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 von Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und heträgt:— 0 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————ã— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die Nachricht: Der König iſt krank, ſchwer krank! flog mit Windeseile durch die Hauptſtadt; im Nu war die Reſidenz von zahlreichen Menſchenhaufen umlagert, welche mit herzlicher Theilnahme oder erwartungsvoller Neugierde ihre Befürchtungen oder Vermuthungen über das Befinden des Monarchen flüſternd austauſchten. Einige Bürger ſchritten an den Wachen vorbei in das Innere des Königsſchloſſes, andere Leute drängten ſich ihnen nach, ſodaß bald auf allen Gängen und bis in das Vorzimmer zu den königlichen Privatgemächern das Volk Kopf an Kopf ſtand. Niemand dachte daran, die Eingedrungenen zurückzuweiſen, ſo groß war die Schubert, ie Jagd nach dem Glücke. I. 8 1 Beſtürzung des ganzen Hofes über den plötzlichen Schlaganfall, der das zwar bejahrte, aber rüſtige Staatsoberhaupt mit dem Tode bedrohte. „Die Beſinnung iſt noch nicht zurückgekehrt, die Gefahr wird immer größer“, ſprach halblaut der aus den Zimmern des Königs kommende Kammerdiener zu der ſofort in banger Stille harrenden Menge.„Die Prinzeſſin Eliſabeth iſt bei ihrem Vater; ich fürchte, ſie ſteht an ſeinem Sterbebette! Doch da naht Graf Ultritz, der Chef des geheimen Kabinets— macht Platz, Ihr Leute!“ Durch die raſch ſich bildende Gaſſe ſchritt der Graf haſtig dem Kammerdiener entgegen. „Wirklich gefährlich?“ fragte er dann und nahm unverzüglich eine beſtürzte Miene an, nachdem er ſich mit einem flüchtigen Blick auf den alten treuen Kam⸗ merdiener überzeugt hatte, daß der König im Sterben lag. Der Biſchof der Reſidenz, die Monſtranz hoch emporhebend, erſchien jetzt von mehreren Prieſtern be⸗ gleitet. Die Anweſenden knieten nieder. „Betet für den König“, ſagte der Biſchof, als er⸗ durch die Reihen ſchritt und mit Graf Ultritz im an⸗ ſtoßenden Zimmer verſchwand. Hausbeamte, höhere Offiziere, die Geſandten, die ———— 37 Vertreter der Regierungspreſſe, alle, die an dem Ab⸗ leben des Königs zunächſt intereſſirt waren, fanden ſich nach und nach ein. Nur eine Perſon fehlte noch in dem Trauerhauſe: der Kronprinz. Da ſchallen Huf⸗ ſchläge von der Straße herauf, jugendliche eilige Schritte ertönen auf dem mit Marmor gepflaſterten Gange und auf der Schwelle des Vorzimmers zeigt ſich eine hohe edle Geſtalt. Einen Augenblick bleibt der Kronprinz ſtehen und prüft die fremden Geſichter um ihn her. Keine Hoffnung mehr! ſagen ihm alle Mienen. Da öffnet ſich die Thür, die zu den königlichen Appartements führt. Graf Ultritz tritt heraus; ſeine ſonſt ſchlaffen Züge ſind heute ſeltſam bewegt. „Der König iſt todt!“ verkündigte er mit lauter Stimme. Jetzt erſt bemerkt er den Kronprinzen; einen Mo⸗ ment wankt der königliche Jüngling, greift in die Luft, als ob er ſich irgendwo halten müſſe, um nicht umzu⸗ ſinken; dann zuckt es über ſein Angeſicht hin, wie wenn der Sturm Gewitterwolken jagt und der helle Sonnen⸗ ſtrahl dazwiſchen hineinſcheint. Namenlos tief und innig war des Knaben Schmerz, denn er liebte den Vater, er beſaß ein gutes kindliches Herz; aber inmitten der Nacht des ſo unerwarteten Kummers ſtrahlte ein ſtolzer Stern auf, das Bewußt⸗ . 1* 4 4 ſein: Jetzt bin ich König! Was wohl jeder Menſch, auch der beſte, an ſeiner Stelle gefühlt hätte, das em⸗ pfand der Kronprinz in dieſer Sekunde; er preßte die Hand aufs Herz und mit bleichem, ſtolz erhobenem Haupte, ohne die eingedrungene Volksmaſſe eines Blickes zu würdigen, ſagte der junge Monarch zu Ultritz: „Graf, Ihren Arm; führen Sie uns zu der Leiche unſeres theuren Vaters.“ Der König war todt und:„Es lebe der König!“ wurde dem neuen Herrſcher in allen Tonarten zuge⸗ rufen. Die Geſandten ſprachen es aus mit ſchmeicheln⸗ den, wohlgeſetzten Worten, die alten Diener des Ver⸗ ſtorbenen mit traurigem Neigen des Hauptes; ſie trugen eine gewiſſe väterliche Theilnahme gegen den jungen Herrſcher zur Schau, welche deſſen ſtolzes Gemüth ver⸗ letzte.„Es lebe der König!“ rief das Beamtenheer aus Gewohnheit;„es lebe der König!“ jubelte die ge⸗ horſame Armee;„es lebe der König!“ hallte es durch die Reſidenz, donnerte es von den Wällen der Städte über das Land hin;„es lebe der König!“ predigten die Prieſter von den Kanzeln, und„es lebe der König!“ ſprachen die Augen ſchöner Frauen und Mädchen, offen oder verſtohlen, und gar Manche trug dem ſchönen Jüngling ein volles Herz entgegen. Von alledem bemerkte der neue Herrſcher nicht viel; er hörte wohl den Lärm und die Feſtlichkeiten um ſich, aber Alles war ihm zu überraſchend gekommen, zu neu, zu fremd. Sein Vater hatte ihn niemals in die Regierungs⸗ geſchäfte eingeweiht, und ſo ſtand er plötzlich auf einem unbekannten Boden. Er beſaß den Willen, etwas Großes zu leiſten, er wollte ein guter König ſein, aber er hatte keine Ahnung, wie das eigentlich anzufangen ſei. In jugendlicher Schwärmerei hatte er oft ſchon daran gedacht, was er Alles ins Leben rufen wolle, wenn er einmal König ſein werde; er hatte Luftſchlöſſer gebaut wie alle Kinder, die ſich dies und das zu thun vornehmen, wenn ſie erſt einmal groß ſind. Jetzt ſah er ein, daß, was er ſich als ſo leicht vorgeſtellt hatte, recht ſchwierig war. Freilich„aller Anfang iſt ſchwer“ gilt beſonders für Monarchen; man macht den An⸗ ſpruch, daß ſie unfehlbar ſeien, nicht irren ſollen, und der erſte Schritt auf falſcher Bahn iſt für ſie um ſo bedenklicher, weil es eben für ſie viel demüthigender iſt, umzukehren, als für gewöhnliche Sterbliche. Graf Ultritz benutzte geſchickt dieſen Moment, in welchem der übrigens ſehr begabte, nur unerfahrene Jüngling gern eine Hand ergreifen mußte, die ihn un⸗ merklich durch das Labyrinth neuer Pflichten und An⸗ forderungen leitete. Graf Ultritz träufelte das Gift der Schmeichelei, deſſen Süßigkeit der junge Fürſt bisher noch nicht gekoſtet, in die unbefangene Seele; er fachte zuerſt ſeinen edlen Stolz höher an und ſtachelte ihn, bis er die berechtigten Grenzen überſchritt und in Hochmuth ſich verwandelte; er wußte dem neuen Herrn die Verläſſigkeit der Diener des verſtorbenen Monarchen zu verdächtigen, und nach kurzer Zeit war Graf Ultritz zum erſten Miniſter ernannt, der wirkliche Regent des Reiches. Alle ihm mißliebigen Perſönlichkeiten wurden entfernt, die Preſſe gemaßregelt, der König durch eine vom Grafen abhängige Hofgeſellſchaft vom Volke ſorg⸗ fältig abgeſchloſſen, und der Monarch ſelbſt, in der Meinung, daß von dem für Alles ſorgenden Grafen, der für Alles die Mittel wußte, der über Alles befrie⸗ digende Auskunft geben konnte, das Nöthige geſchehen ſei, überließ ſich nun im Vollgefühle der Freiheit ſeinen Lieblingsneigungen. Ein Freund der Natur und Poeſie, eilte er, ſobald der Miniſter es billigte, aus der Reſidenz auf ſeine Landgüter und genoß die harmloſen Freuden, nach denen ſein unſchuldiges Herz allein verlangte. Sein Volk war ja glücklich und betete ihn an. Er durfte ſich ſagen, daß er ein guter Fürſt war, und gewiſſermaßen mit Recht— er war einer jener Könige, welche noch nichts Böſes gethan. 7 Jeden Morgen brachte ihm die Poſt den Bericht des Grafen Ultritz über den Zuſtand des Landes; Ergebenheitsadreſſen, überſchwängliche Huldigungen, Nachrichten über die begeiſterten Feſte zu Chren des jungen Monarchen aus den entlegenſten Städtchen ſeines Reiches verſicherten ihm jeden Tag aufs neue, daß ſein Volk ihn liebte, daß es mit ihm zufrieden und ſo glücklich war wie er ſelbſt. Die Briefchen ſeiner Schweſter Eliſabeth, welche ihn aufforderten, in die Reſidenz zurückzukehren, und ihn unverhohlen vor dem Miniſter Ultritz warnten, warf er lächelnd beiſeite. „Sie iſt ein Kind“, ſchrieb er dem Grafen,„und ich begreife, daß ein ſechzehnjähriges Mädchen es nicht gern ſieht, daß ihr Bruder, der König, auf dem Lande lebt. Welche Hoffeſte, Concerte und Bälle gehen ihr dadurch verloren! Oder glauben Sie, daß Eliſabeth ehrgeizig genug iſt, auf den König noch mehr Einfluß zu gewinnen, als ſie auf den Bruder übt? Ich werde nie meines Vaters Rath vergeſſen— ich werde nie einem Weibe Antheil an meiner Regierung gönnen— auch nicht der Prinzeſſin⸗Schweſter.“ Zweites Kapitel. Vor zwanzig Jahren. Motto: Es iſt eine alte Geſchichte, Doch bleibt ſie ewig neu, Und wem ſie juſt paſſiret, Dem bricht das Herz entzwei. Heine. Se. Excellenz der Miniſter Graf Ultritz war an⸗ gekleidet; der Wagen ſtand bereit, um ihn nach dem Hotel Billmann zu führen. Er hatte ſo eben einen Bericht an ſeinen jungen Fürſten beendet und ſich für die Ernennung ſeines Sohnes zum Flügeladjutanten des Monarchen bedankt. Er drückte ſein Siegel auf das Schreiben und wollte klingeln. Da trat mit leiſen Schritten ſein Kammerdiener herein und übergab ihm eine Karte.. „Mr. Brown“, las die Excellenz und wechſelte ein wenig die Farbe. — — 1 —— — — 9 „Was will der hier?— Iſt es derſelbe?“ fragte er den ruhig warteten Kammerdiener Friedrich. Der ganz in Schwarz gekleidete Greis mit dem blaſſen, magern Angeſicht und den kleinen, ſtechenden Augen, die aber meiſt zu Boden gerichtet waren, erwi⸗ derte leiſe: „Icl, Excellenz, es iſt derſelbe.“ „Sind Sie Ihrer Sache gewiß, Friedrich? Es iſt ja mehr als zwanzig Jahre her“, fiel der Miniſter erregt ein.„Es iſt ja ganz unglaublich.“ „Ja, ja, gerade zwanzig Jahre her; Excellenz be⸗ traten damals als Attaché die diplomatiſche Carrière und er ging nach Indien.“ „Gut— weiſen Sie ihn ab— dringende Ge⸗ ſchäfte— ich bin verreiſt—“ „Aber das wird er nicht glaubene, meinte der Kammerdiener, ſeinen Herrn heimlich beobachtend.„Der Wagen ſteht vor dem Hauſe.“ „Richtig! Nun, ſo führen Sie ihn nebenan in das Kabinet, ich werde ihn dort empfangen.“ Friedrich verbeugte ſich tief und verließ mit leiſem, ſchleichendem Tritt das Gemach. Graf Ultritz ſah in den großen Spiegel, der den Pfeiler zwiſchen den Fenſtern ausfüllte. „Was ſicht dich an, alter Diplomat?“ dachte er. „Nur kalt; wir wollen erſt ſehen, ob er als Feind, ob nicht vielleicht verſöhnt zurückkehrt. Bah, zwanzig Jahre! Er denkt wohl gar nicht mehr an jene Tage.“ Graf Ultritz zwang gewaltſam das Lächeln auf ſein von Leidenſchaften durchfurchtes Antlitz zurück, das ohne Zweifel einſt ſchön geweſen ſein mußte. Jetzt hingen die faltigen Züge ſchlaff, die Augen blickten müde; die ganze Haltung des noch in den vierziger Jahren ſtehenden Mannes war nachläſſig, gebeugt; er ſchien abgeſtorben für die Welt und ihre Genüſſe und machte den Eindruck eines Mannes, der durch viele geiſtige Arbeit vor der Zeit gealtert. Gleichzeitig ſpielte ſtets ein leiſes Lächeln um ſeinen Mund, ein halb verbindliches, halb ironiſches Lächeln. Dieſes Anſehen gab ſich Graf Ultritz abſichtlich; das war die Maske für die Welt. Aber hinter dieſer ruhigen Außenſeite, hinter der kalten unnahbaren Vornehmheit flammte ein unerſättlicher Ehrgeiz, eine unbändige Herrſchſucht und eine Habſucht ohne Grenzen. Der Graf ſchien zufrieden mit der Muſterung ſeiner Perſon. Der alte Friedrich ſchlich wieder herein und mel⸗ dete, daß Mr. Brown im Kabinet warte. Auf einen Wink des Miniſters riß der Kammer⸗ diener beide Flügelthüren auf und majeſtätiſch würde⸗ — —— 14 voll und ſcheinbar in tiefen Gedanken, als ob das Wohl des Staates ihn ohne Unterlaß beſchäftige, ging Graf Ultritz dem Herrn entgegen, der in der Mitte des Kabinets ihn erwartete. Die Flügelthüren ſchloſſen ſich. Der alte Friedrich legte das Ohr ans Schlüſſelloch. Mr. Brown war ein Mann von hoher, kräftiger Geſtalt; ſein großes braunes Auges blickte frei und hell, eine edle Naſe trat unter der ſchön gewölbten, mächtigen Stirn hervor, über welche ſilberweiße, aber ſehr dichte Locken ſich ringelten, die, der Mode zuwider, über den Kragen ſeines ſchwarzen Sammtrockes hinab⸗ floſſen. Gegen die männliche, ungebrochene Erſcheinung des ſiebzigjährigen impoſanten Greiſes mit dem jugend⸗ friſchen, etwas ins Röthliche ſpielenden Teint ſah der fahle abgelebte Graf wie eine Mumie aus. „Ich komme nicht als Bittender, Excellenz“, begann Mr. Brown mit ſonorer, angenehmer Stimme,„ich will nichts von dem Miniſter— Sie können daher die Miene der Herablaſſung mir gegenüber ablegen. Wird es mir doch ohnehin ſchwer, in dem ſtarren Angeſichte des vor mir ſtehenden allmächtigen Beherrſchers dieſes Landes den leichtblütigen jungen Lebemann von damals wiederzuerkennen.“ 1 ——ÿ————õ õõÿm 42 „Die Zeit geht nicht gleichmäßig an den Menſchen vorüber“, verſetzte der Graf kühl;„ſie tritt dem einen unerbittlich ihre Fußtapfen in die Züge und berührt andere nur mit leiſem, ſchonendem Finger. Zwanzig Jahre haben mich ruhig gemacht, Mr. Brown, und lebensmüde. Sie haben ſich kaum verändert.“ „Sie erlebten in der letzten Zeit viel Trübes, Excellenz“, erwiderte Mr. Brown;„geſtatten Sie mir, daß ich Ihnen zum Tode Ihres Herrn Vaters und Ihrer Frau Schweſter, die ihm ſo raſch nachfolgte, mein Beileid ausſpreche.“ „Das Unglück iſt vernichtend über uns hereinge⸗ brochen“, ſeufzte der Miniſter, der jetzt eine wehmüthige Rührung an den Tag zu legen für angemeſſen hielt; „der theure Vater— die liebe Schweſter— und nun der gute, höchſtſelige König! Doch verzeihen Sie meinem Schmerz“, fuhr er fort, das Taſchentuch an die trockenen Augen drückend,„ich muß um Eile erſuchen— womit kann ich Ihnen dienen?“ „Wenn Ihr Gedächtniß treu iſt“, antwortete der Greis,„ſo kann ich kurz ſein. Sie werden nicht vei⸗ geſſen haben, daß mein Sohn— Ihr Studiengenoſſe, Excellenz— einſt mit Ihrer Schweſter, der jüngſt ver⸗ ſtorbenen Baronin Karoline Billmann, verlobt war. Der Adelsſtolz Ihres Vaters ſchien unbeſiegbar, aber 13 er gab endlich ſeine Einwilligung— unſer Reichthum, vielleicht auch das Herzensglück ſeiner Tochter über⸗ wand die ariſtokratiſchen Vorurtheile.“ „Ich erinnere mich wohl“, bemerkte der Miniſter, als Mr. Brown eine Pauſe machte,„aber ich begreife nicht, wozu—“ „Geſtatten Sie, daß ich in Kürze jene Ereigniſſe berühre“, ſiel der Greis dem Grafen in die Rede.„Die indiſche Rebellion, welche meine Beſitzungen in jenem Lande bedrohte, zwang mich zur ſchleunigen Abreiſe. Ich ließ den Sohn hier zurück. In einigen Wochen 6 ſollte er das Examen machen, ſich den Doctortitel er⸗ werben, dann mit ſeiner jungen Gattin mir nachfolgen. Vorausſichtlich mußten die Streitigkeiten der indiſchen Stämme mit der Compagnie ſich bald ausgleichen, und durch meine Verbindungen gelang es mir dann leicht, dem Sohne eine geachtete juriſtiſche Laufbahn in Indien zu eröffnen. Ich ſchrieb ihm meine guten Ausſichten für die Zukunft. Kurz darauf kam mein Sohn, aber allein, Ihre Schweſter brach ihm das gegebene Wort und heirathete Baron Billmann.“ „Erlauben Sie, daß ich mich ſetze, Mr. Brown“, ſagte Graf Ultritz und ließ ſich auf einen Damaſt⸗ fauteuil nieder.„Sie erzählen mir eine alte und ge⸗ wöhnliche Geſchichte; die gute Schweſter, Gott habe ſie . — 14 ſelig, war ein halbes Kind, als Sie Ihrem Sohne das Jawort gab. Er warb ſo ſtürmiſch, das ſchmei⸗ chelte ihrer Eitelkeit; ſie hat ihn vielleicht auch geliebt; mein Gott, junge Mädchen ſind romantiſch, Gräfinnen aber kommen in der Regel ſchneller zur Beſinnung. Ihr Herr Sohn war nicht in der Lage, meiner Schwe⸗ ſter eine ſichere Exiſtenz zu bieten, denn jeden Augen⸗ blick konnte er als Mitglied eines Geheimbundes. der ſich gegen die Monarchie verſchworen, verhaftet werden; das republikaniſche Complot war verrathen, in Deutſch⸗ land war ſeines Bleibens nicht— er mußte fliehen. Meiner Schweſter ſtanden die glänzendſten Partien des Landes offen, ſie hing an der Heimat— wer kann es ihr verargen, daß ſie nicht die Kraft fand, ein vor⸗ eilig gegebenes Verſprechen zu erfüllen?“ „Und Sie ſelbſt, Herr Graf“, fragte der Greis, „haben keinen Einfluß auf die Handlungsweiſe Ihrer Schweſter geübt?“ „Keinen andern, als daß ich ihr völlige Freiheit ließ, zu entſcheiden, ob ſie Mrs. Brown oder Baronin Billmann werden wolle. Sie haben doch ſchwarz auf weiß ihren Entſchluß geleſen? Ihr Herr Sohn hat Ihnen doch wohl den Abſagebrief gezeigt?“ „Allerdings. Noch auf dem Todtenbette las ihn der arme unglückliche Junge, der die Treuloſe nie 45 vergeſſen konnte und ſchon ein Jahr nach ſeiner An⸗ kunft in Indien ſtarb.“ „Ich habe viele Jahre gar nichts und ſpäter zu⸗ fällig erfahren, daß Ihr Herr Sohn am Fieber geſtor⸗ ben war. Glauben Sie, daß ich innigen Antheil nahm. Wir waren Univerſitätsfreunde—“ „Zu was ſollte ich Ihnen den Tod anzeigen, zu was Ihrer Frau Schweſter den Triumph bereiten, daß ihretwegen ein Mann in der Blüte der Jahre ins Grab ſank!“ „Es war traurig, ſehr traurig, aber Ihr Herr Sohn ſtarb nicht aus Liebesgram, ſondern am gelben Fieber, Mr. Brown. Es gibt keinen Tod an gebro⸗ chenem Herzen, es wäre daher ungerecht, meine Schweſter zur Urheberin ſeines frühzeitigen Ablebens machen zu wollen.“ „Das will ich auch nicht, denn ich weiß wohl, ſie war nicht glücklich, ſie bereute—“ „Da ſind Sie im Irrthum, ſie lebte ſehr glück⸗ lich“, verſetzte beinahe ärgerlich der Graf. Mr. Brown lächelte wehmüthig. Ernſt fuhr er fort: „Ich habe die Beweiſe, daß ſie doch nicht ſo ganz befriedigt lebte, denn ſie ſchrieb mir kurz vor ihrem Tode.“ „Wirklich?“ fuhr der Graf auf.„Nun ja, ſie war immer etwas exaltirt und folgte plötzlichen Eingebungen. Und was enthielt der Brief, wenn ich fragen darf?“ „Sie ſchrieb mir“, ſprach der Greis mit bewegter Stimme,„was ich längſt geahnt, daß ſie meinen Sohn ſtets geliebt habe, daß ſie nur, um ſein Leben zu retten, die Verbindung mit Baron Billmann eingegangen ſei. Der Abſagebrief der Braut war die Bedingung, unter welcher Ihr Vater, Graf Ultritz, meinen unglücklichen Sohn entfliehen ließ.“ „Sie werden zugeben, ein junger Mann, der daran dachte, einen eigenen Herd zu gründen, der die Tochter wollte, mußte doch vorher die Gemeinſchaft mit Ver⸗ ſchwörern löſen, welche ſelbſt vor dem Königsmord nicht zurückſchreckten!“ „Von Königsmord war nie die Rede im gehei⸗ men Bunde, aber mein Sohn handelte aller⸗ dings leichtſinnig, nicht ſeinen Austritt zu erklären, ehe er an eine Heirath dachte. Ich hatte damals keine Ahnung, daß er dem Bunde angehörte.“ „Trotzdem Sie ſelbſt ein eifriges Mitglied waren?“ fragte der Miniſter mit zweifelndem Hohne. „Die Mitglieder kannten einander nicht perſönlich“, entgegnete der Greis, ohne ſich einſchüchtern zu laſſen. 1* „Doch Ihnen, Excellenz, ſind die Statuten des Bundes genau bekannt—“ „Eben weil ſie es ſind, begreife ich nicht, wie 4 Sie den Sohn vertheidigen, meinem Vater einen Vor⸗ wurf machen wollen.“ „Mein Sohn fehlte in der Schwärmerei der D Jugend, Sie aber, Excellenz, Sie mißbrauchten ſein Vertrauen, Sie ließen ſich ſelbſt in den Bund auf⸗ nehmen, und dann, als Sie die Geheimniſſe deſſelben kannten, verriethen Sie meinen Sohn.“ Der Miniſter lächelte und antwortete mit über⸗ legener Ruhe: „Es iſt richtiger, wenn Sie ſagen, daß ich Ihren Sohn vom ſichern Henkertode, allermindeſtens von lebenslänglichem Kerker rettete. Ich bin Ariſtokrat und der Sache des Königthums mit Leib und Seele ergeben, und hätte Ihr Sohn in minder naher Be⸗ ziehung zu meiner Schweſter geſtanden, ſo hätte mich nichts in der Welt abgehalten, ihn den Gerichten zu überliefern.“ „Sie hatten keine Beweiſe in Händen“, warf Mr. Brown ein.„Ihr Zeugniß allein wäre nicht hin⸗ reichend geweſen, ihn zu verurtheilen.“ „Ich hatte Beweiſe“, lächelte der Miniſter kühl; „mein Vater, der damalige Polizeichef, ordnete eine Schubert, Die Jagd nach dem Glücke. I. 2 18 Hausſuchung an; man fand ein Verzeichuiß der Häupter des republikaniſchen Complots bei Ihrem Sohne, und wenn wir davon Gebrauch machen wollten, ſo war er verloren. Wir thaten es nicht; es iſt klüger, keine Märtyrer der Freiheit zu ſchaffen, we⸗ nigſtens mein Grundſatz iſt es, ſo lange als möglich Gewalt zu vermeiden. Auf meine Bitte ließ mein Vater Ihren Sohn außer Landes ſchaffen und den übrigen Verſchworenen eine Warnung zukommen, das frevel⸗ hafte Beginnen aufzugeben, und ich überzeugte mich, daß ſich alle beſſerten und gute, verläſſige, königstreue Bürger wurden. Manche davon ſind noch am Leben und wiſſen, daß das Damoklesſchwert über ihren Häuptern hängt. Ich zähmte dieſe Demagogen; in dem Lande, wo ich Miniſter bin, iſt keine Revolution mehr möglich. Merken Sie aber wohl, mein Herr, ich habe das Verzeichniß gut aufbewahrt, und auch Sie, Mr. Brown, ſind ganz in meiner Hand, denn auch Ihr Name ſteht auf der verhängnißvollen Liſte.“ „Zwanzig Jahre iſt eine lange Zeit, Excellenz“, antwortete der ehrwürdige alte Mann gleichmüthig auf dieſe Worte des Grafen, der ſich wohl einen andern Effect davon erwartet hatte. Sie werden mir beiſtim⸗ men“, fuhr Mr. Brown fort,„daß es ſelbſt bei Ihrer 4 hervorragenden Stellung Ihnen ſchwer fallen dürfte, —— 19 jetzt noch mit einer Anklage gegen mich aufzutreten. Abgeſehen davon, daß ich einſehen lernte, daß für die deutſchen Staaten die Republik nicht wünſchenswerth, ja geradezu unerreichbar iſt, ſo würde es auf Ihre eigene Loyalität ein übles Licht werfen, ſo lange Jahre ein Mitwiſſer der Verſchwörung geweſen zu ſein. Jene Geheimgeſellſchaft beſteht ſchon längſt nicht mehr, ich fürchte Ihre Drohung durchaus nicht; daß Sie aber, der eingefleiſchteſte Ariſtokrat, der Vertreter der Beamten⸗ willkür, der Reactionär vom reinſten Waſſer, ſich zu einer ſo großen Verleugnung Ihrer Grundſätze ent⸗ ſchließen konnten, die Verſchworenenliſte dem Monarchen 4 ——— nicht zu übergeben, macht meine Vermuthung zur Ge⸗ wißheit, daß Ihre Schweſter nur unter dieſer Bedingung einwilligte, meinem Sohne die Treue zu brechen.“ Einen Augenblick zuckte der Graf zuſammen, dann erhob er ſich langſam.. „Wozu nützt alles Reden? Und wenn es ſo wäre, was ließe ſich ändern? Ihr Sohn und meine Schwe⸗ ſter ſind todt. Laſſen wir die trübe Vergangenheit ruhen. Werden Sie noch länger in Deutſchland bleiben?“ „Immer“, verſetzte der Greis.„Ich fürchte das Damoklesſchwert, daß Sie an einem Faden über mir halten, ſo wenig, daß ich ſogar von nun an die Ehre 2 — — haben werde, zur freilich kleinen Zahl Ihrer Oppo⸗ 20 nenten zu gehören.“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ erwiderte der Mi⸗ niſter, von dieſer Eröffnung nicht ſehr erbaut. „Ich habe mich ſeit einem halben Jahre hier an⸗ gekauft, in der Nähe von N. Mein Gütchen iſt nicht ſehr groß, aber eine Muſterwirthſchaft, und es iſt mir geglückt, das Vertrauen der Landbevölkerung zu gewinnen.“ „Und Sie leben dort allein? Der Demagoge, der einſt alle Verfaſſungen umſtürzen wollte, iſt ein unſchädlicher Oekonom geworden?“ „Ich lebe nicht allein; meine Nichte, die einzige Tochter meines in Indien verſtorbenen Bruders, hei⸗ rathete vor neunzehn Jahren einen Offizier der oſtin⸗ diſchen Compagnie; als ſeine Dienſtzeit zu Ende war, zogen wir zuſammen nach Amerika, dann nach England. Leider verlor ich vor ein paar Jahren den Schwieger⸗ ſohn— ſo nannte ich den Gatten meiner Nichte, die ich wie eine Tochter liebte— deſſen Geſundheit Indiens Klima untergraben hatte. Da beſchloß ich, nach einem vielbewegten Leben voll getäuſchter Hoffnung und mühe⸗ voller Arbeit den ſorgenloſen Abend meiner Tage in Deutſchland zuzubringen, wo wir außerdem die einzigen Verwandten beſitzen.“ — „Wie iſt der Name Ihres Schwiegerſohnes?“ fragte der Miniſter neugierig. „Billmann, Baron Billmann“, antwortete Mr. Brown. 4 „Der jüngere Billmann, der als Knabe nach Eng⸗ land entwich?“ rief der Graf erſtaunt. „Derſelbe. Er hatte in ſeiner Jugend nicht gut gethan; aber die Schule der Noth machte einen tüch⸗ tigen Mann aus ihm. Dem Seminar entſprungen, diente er eine Zeit lang auf einem Schiff als Cadet. Sein friſcher Geiſt lenkte die Aufmerkſamkeit des Ad⸗ mirals Evans auf ihn; man ſchickte ihn in eine Mili⸗ tärſchule. Damals erhielt ſein Vater die erſte Nachricht von ihm; ſein Erbtheil ward ihm ausgehändigt. Er kaufte ſich eine Offiziersſtelle und trat ſpäter in den Dienſt der Compagnie über.“ 3 „Und für die hieſigen Billmanns bliev er ſeitdem ſo gut wie verſchollen; das wundert mich!“ meinte Graf Ultritz. „Doch nicht“, erläuterte Mr. Brown.„Er correſpon⸗ dirte in letzter Zeit dann und wann mit dem Bruder. Baron Franz Billmann war auch ſo freundlich, vor einem hal⸗ ben Jahr den Ankauf unſerer Beſitzung zu übernehmen.“ „Und das Alles entging mir?“ entfuhr dem Di⸗ plomaten. „Das wundert mich gar nicht“, verſetzte Mr. Brown. „Sie waren damals in Rußland, um das Ihrem Va⸗ ter angefallene Erbe des Grafen Cronoff ſtatt ſeiner zu erheben; die ruſſiſchen Erbſchaftsgeſetze ſind ſehr umſtändlich, Sie mußten ein Jahr dort bleiben. Uebri⸗ gens verkehrten Sie faſt nie mit Ihrer Schweſter, der ſeligen Baronin Franz Billmann— das Opfer, das die arme Frau Ihnen gebracht, tödtete die ge⸗ ſchwiſterliche Liebe. Sie ſind ſeit zwanzig Jahren ſelbſt mit dem Baron Franz Billmann nicht mehr zuſammen⸗ gekommen, wie ſollten Sie von ſeiner Familie etwas erfahren haben, da Sie beim Tode Ihrer Schweſter zum erſten Male nur flüchtig wieder mit ihm zuſam⸗ mentrafen und erſt heute Ihre förmliche Verſöhnung mit ihm ſtattfinden wird!“ „Woher wiſſen Sie das?“ platzte der Graf heraus, ſeine Ungeduld und Entrüſtung kaum mehr bezähmend. „Ich beſitze einen Talisman, Excellenz“, ſagte der Greis beinahe heiter und mit ſo feiner und doch ſicherer Gewandtheit, daß der Graf unwillkürlich ſtutzte;„einen Talisman, der mir alle Ihre Geheimniſſe erih. „Und dieſer Talisman iſt?“ „Das Gold und offene Augen, ein durch Erfahrung geübte⸗ Urtheil. Ich bin ſehr reich, und Sie wiſſen ja, Gold ſprengt alle Pforten.“ anei n 4 23 „Sie müſſen allerdings ſehr reich ſein, für ſolch unbedeutende Neuigkeiten Geld zu verſchleudern. Ich habe es nicht ſo gut, ich muß mir billigere Informa⸗ tionen verſchaffen; Sie wiſſen, daß mein Vater den größten Theil ſeines Vermögens meiner ſeligen Schwe⸗ ſter vermachte—“ „Während Sie in Rußland waren“, ſchaltete Mr. Brown ein. „Mir that es wehe“, betheuerte der Graf,„da die Schweſter mir grollte; ich bat den Vater zuuu ſie glänzend im Teſtamente zu bedenken. Ich hoffte, dieſe Uneigennützigkeit würde ſie verſöhnen. O, warum mußte ſie nun dem Vater, dem ich leider nicht die Augen zudrücken konnte, ſo bald nachfolgen!“ „Hat Ihre Frau Schweſter nie von einer Brief⸗ taſche geſprochen, die ihr der Vater am Todtenbette übergab? Eine Brieftaſche von rothem Sammt in Gold gefaßt?“ fragte Mr. Browu. 4 „Niemals“, antwortete der Miniſter ſichtlich überraſcht. „Die Brieftaſche ward ihr entwendet; dieſelbe ſoll wichtige Documente erhalten. Wenigſtens ſchrieb mir Ihre Schweſter ſo; das Nähere würde ich in dem Tagebuche erſehen, das ſich in ihrem Nachlaſſe finden ſollte.“ „Man muß ſogleich nachſehen. Das iſt äußerſt ſeltſam“, preßte der Graf, der ſehr bleich geworden war, hervor. „Iſt geſchehen“, verſetzte Mr. Brown;„ich war bei Baron Franz Billmann, ehe ich zu Ihnen kam, Excellenz. Das Tagebuch iſt nirgends zu finden.“ „Nirgends zu finden? Man muß Alles durch⸗ ſuchen, es muß gefunden werden, das heißt, wenn es Sie intereſſirt. Tante Kathrin wird Ihnen gern an die Hand gehen.“ „Ich bitte, Excellenz, darum. Es iſt der eigent⸗ liche Zweck meines Beſuchs, Sie zu erſuchen, mir zur Entdeckung des Tagebuchs und der Brieftaſche behülflich zu ſein.“ „Gewiß“, verſetzte der Miniſter.„Wenn wir nur nicht wie nächtliche Wanderer einen Rieſen zu ver⸗ folgen glauben und ſchließlich uns an einem Baumaſt die Naſe einrennen. Was kann die Brieftaſche Anderes enthalten als Adelsbriefe, politiſche, längſt werthloſe Acten? Ich fürchte, wir ſtrengen unſere Augen ver⸗ geblich an, etwas Intereſſantes zu ſehen.“ „Meine Augen ſind ſcharf, ich ſehe ſogar Ihr Damoklesſchwertchen, das doch ſo klein iſt wie die feinſte engliſche Nähnadel.“ „Sie ſind ein eigenthümlicher Menſch“, verſetzte — 25 Graf Ultritz ſich beherrſchend;„Sie gefallen mir. Ihr Engländer habt alle etwas Seltſames, Originelles. Begehen Sie nur keine neuen politiſchen Verbrechen!“ „Fürchten Sje keine ungeſetzlichen Schritte. In der Abgeordnetenkammer wird der alte Brown gegen das Miniſterium Ultritz ſprechen.“ „Welche Marotte! Sie ein Ausländer, das iſt un⸗ möglich!“ „So wiſſen Sie nicht, das ich das volle Bürger⸗ recht erworben habe, Herr Miniſter?“ „Wie war das möglich? Wann wäre das ge⸗ ſchehen?“. „Ich habe mir dieſes Recht durch meinen Talis⸗ man Gold erworben. Das Decret, welches mir das Bürgerrecht gewährte, iſt eins der letzten Actenſtücke dieſer Art, welche der verſtorbene König unterſchrieb. Sie waren damals in Rußland, Excellenz; das geſchah unter dem frühern Miniſterium, das jetzige freilich—“ „Das jetzige hat wirklich Hunger, Mr. Brown; Sie müſſen entſchuldigen.“ „Beſten Appetit, möge es Ihnen wohlbekommen!“ „Das Miniſterium oder das Diner?“ „Vielleicht iſt Beides indigeſt, wenn man zu lange ſich dabei aufhält.“ „Wo ſpeiſen Sie, Mr. Brown?“ 26 „Wo anders als bei Baron Billmann?“ „Dann fahren wir zuſammen.“ „Sehr gern.“ So ſahen ſich der allmächtige Miniſter und Mr. Brown nach zwanzig Jahren wieder. — Drittes Kapitel. Der Hofueiſter. Motto: Iſt's denn das erſte Mal, daß er das Seltne, Das Ungehoffte thut? Schiller's„Wallenſtein“. In dem Palais des Barons Franz Billmann in der Reſidenz ſaß in einem mit ausgeſuchter Eleganz eingerichteten Boudoir die einzige Tochter des Barons, Marie. Auch in dieſer Familie hatte der Tod, wie wir wiſſen, erſt vor kurzer Zeit ein Opfer gefordert, und das um die Mutter trauernde Mädchen war mit der Durchſicht eines Tagebuchs der Verſtorbenen beſchäftigt. Eine Stelle deſſelben lautete: „... Nie ſoll Baron Franz erfahren, was ich gelitten, als ich meinem Bruder Ferdinand das Opfer 28 meines Lebensglückes brachte. Schon war ich mit dem Freunde meiner Jugend verlobt, der Tag der Hochzeit wurde feſtgeſetzt...“ An dieſer Stelle zeigte das Buch eine vom Feuer ausgebrannte Lücke, doch weiter unten war noch ein Theil des Blattes erhalten, auf welchem die Worte ſtanden: „.... mehr geſehen; ich hielt mein Verſprechen; er ging in die weite Welt, aber gerettet! O, was man uns auch ſagen möge von Standespflichten und der innern Befriedigung, welche die treue Pflichterfüllung gewährt, es iſt Sünde, das Glück des Herzens den kalten Anforderungen der ſogenannten Geſellſchaft zu opfern.... begegneſt, ſo ſage ihm, daß noch auf dem Sterbebette ich ſeinen Namen...“ Hier war das Tagebuch, deſſen übriger Inhalt aus geheimen, ſeltſamen Chiffern beſtand, wie Marie ſolche nie geſehen hatte, abgebrochen. Die Geheimſchrift reizte Mariens Neugierde faſt noch mehr als die ſon⸗ derbaren Umſtände, unter welchen ihr das Buch in die Hand fiel. Bald nach dem Tode ihrer Mutter erſchien ein großer alter Herr, den ihr der Vater als Mr. Brown vorſtellte und der ſo dringend nach dem Tagebuch fragte, daß der Baron befahl, den ganzen Nachlaß der Mutter — zog dieſelbe hinter ſich zu und ſagte kaltblütig: 29 Mariens nochmals zu durchſuchen. Niemand im Hauſe wußte etwas von dem Tagebuch, von deſſen Vorhan⸗ denſein Mr. Brown ſo feſt überzeugt ſchien. Tante Kathrin verſicherte wiederholt, Mr. Brown müſſe ſich irren, ſie ſelbſt habe gleich nach dem Tode der Baronin das Sterbelager und das ganze Zimmer durchſucht; gleichwohl eilte die Greiſin den Uebrigen voran jetzt allein in jenes Gemach und ſpähte voll ängſtlicher Haſt nochmals in jeden Winkel— und ſiehe, zwiſchen der Kopfwand des Bettes und der Mauer war ein dünnes, nur geheftetes Buch hinabgerutſcht und eingeklemmt. Tante Kathrin zog es raſch heraus, warf auf die erſte Seite einen Blick und erkannte die Schriftzüge der Verſtorbenen— das war ohne Zweifel das Tage⸗ buch, von deſſen Exiſtenz ſie bis heute nichts erfahren. Unſchlüſſig blickte ſie umher, wo ſie es verbergen könnte; am Gange nahten Schritte, draußen rief der Baron: „Tante Kathrin, haben Sie es gefunden?“ Da ſtürzte Tante Kathrin ins Nebenzimmer, warf das Heft in die Flammen des Kamins. Schon war die Thür zum nächſten Gemach halb geöffnet— Mr. Brown wollte eben von dieſer Seite eintreten— Tante Kathrin eilte ihm entgegen, raſch zwiſchen dieſe Thür, „In dieſen Zimmern iſt es nicht.“ Dieſe ſonderbare Scene hatte aber doch eine Zeu⸗ gin gehabt. Marie war im Augenblicke, wo Tante Kathrin das Heft in den Kamin warf und Mr. Brown entgegeneilte, ungeſehen vom Corridor aus eingetreten und kam gerade noch recht, das Tagebuch vor gänz⸗ lichem Verbrennen zu retten. Warum wollte Tante Kathrin, daß man das Heft nicht finden ſollte? Marie ſteckte es ſchnell zu ſich, eilte auf ihr Zimmer und ver⸗ barg die theure Reliquie der Mutter. Als Mr. Brown fort war, las ſie bei verſchloſſe⸗ ner Thür die bereits erwähnten Zeilen. Wie ein er⸗ kältender Froſt lag es auf ihrer jungen Seele, daß ihre Mutter, die alle Pflichten der Gattin ſtets ſo auf⸗ opfernd erfüllt hatte, dennoch innerlich ihrem Vater entfremdet geweſen war. „Opfere nie das Glück des Herzens“, hatte ſie geſchrieben— Marie kannte dieſes Glück des Herzens noch nicht, nur vom Hörenſagen und der Romanlectüre, die unſere Mädchen beizeiten aufklärt, ahnte ſie, was Liebe ſei. Das ſiebzehnjährige Mädchen verſtand daher nicht ganz, was die Mutter meinte; aber wenn Marie die theuren Zeilen immer wieder überflog, rötheten ſich ihre bleichen, durchſichtigen Wangen, ihr Buſen hob ſich höher, das hellblaue Auge leuchtete und eine Thräne 31 des Mitgefühls ſtahl ſich zwiſchen die langen ſchwar⸗ zen ſeidenen Wimpern. Nahende Schritte bewogen ſie, das Tagebuch in ihren Schreibtiſch zu verſchließen und die Frage, ob ſie Jemand ins Vertrauen ziehen ſollte, der Zukunft zu überlaſſen. Sie öffnete die Thür. Gleich darauf trat ihr Vater ein. „Wie iſt Dir heute, Marie?“ fragte er liebevoll. „Fühlſt Du Dich wohl genug, uns bei Tiſche Geſell⸗ ſchaft zu leiſten? Er ſtrich ihr die ſchwarzen Locken aus der blen⸗ dend weißen Stirn und ſah ihr prüfend in das blaſſe Angeſicht, durch deſſen zarte Haut die blauen Adern ſchimmerten. Der Baron, ein Bild der Gutmüthigkeit, von unterſetzter, etwas wohlbeleibter Natur, ſchien mit dem Ausſehen der Tochter nicht zufrieden. „Ich leide in letzter Zeit wieder mehr“, verſetzte Marie,„aber wenn Du es wünſcheſt, will ich Deine Gäſte empfangen. Wer ſind dieſelben?“ „Niemand als der Miniſter Graf Ferdinand Ultritz mit ſeinem Sohne Theodor, dem Gardelieutenant, und Mr. Brown.“ „Onkel Ferdinand kommt zu uns?“ rief Marie verwundert. „Das überraſcht Dich“, fuhr Baron Billmann fort;„nun ja, wir ſind uns nicht mehr ſo fremd als bisher. Deine Mutter, ſo ſehr auch Tante Kathrin ſich Mühe gab, eine Verſöhnung der Geſchwiſter zu Stande zu bringen, blieb in dieſem Punkte ganz uner⸗ bittlich. Es war aber eine reine Caprice— Onkel Ferdinand wollte ja ſtets nur ihr Beſtes, ja, er überließ ihr ſogar ohne jede Einwendung das große Vermögen, das Dich zu einer der reichſten Erbinnen im Lande machte. Es iſt Zeit, den unnatürlichen Haß endlich aufzugeben— wir ſind dem Grafen Ultritz wahrlich Dank ſchuldig. Auch iſt kein Zweifel, er wird ſich in ſeiner Stellung erhalten, und ſchon Wilhelns wegen muß ich den allmächtigen Miniſter uns ganz verſöhnen.“ Marie wußte, daß ihr Vater, ein im höchſten Grade willensſchwacher Mann, ſich völlig von ſeiner Gattin und Tante Kathrin hatte leiten laſſen. Tante Kathrin war ſchon bei ſeiner Verheirathung mit ins Haus ge⸗ zogen, denn die Baronin hätte ſich nie um Hausweſen und dergleichen küämmern können— ſie war wie Marie ein äußerſt ſchwächliches Geſchöpf geweſen. Tante Kathrin ſorgte für Alles, wußte manche Differenzen auszugleichen und ſchien wirklich der gute Engel des Hauſes. Nur ein Zerwürfniß vermochte auch ſie nicht zu einem befriedigenden Schluſſe zu bringen; der Baron theilte den Haß ſeiner Gemahlin gegen Graf Ferdinand Ultritz nicht, er ſowol als Tante Kathrin hätten gern den Sohn des Miniſters, Graf Theodor, mit Marie verlobt; aber ſo oft ſie dieſen Plan auch der Baronin vorſchlugen, wurde dieſe nur hartnäckiger und ſchwur, niemals in eine ſolche Verbindung zu willigen. Man hatte nichts mehr von dieſem Vorſchlage erwähnt. Nun war die Baronin todt und der Plan kam aufs neue zwiſchen der Tante Kathrin und Baron Billmann zur Sprache, vorerſt ohne Marie etwas da⸗ von zu verrathen. Jedoch das kluge Mädchen bemerkte wohl, was man beabſichtigte, und ſie glaubte es der Verſtorbenen ſchuldig zu ſein, ſich nach Kräften einem ſolchen Bündniß widerſetzen zu müſſen. Ueber das Tagebuch mit dem Vater zu ſprechen, wagte ſie jetzt nicht mehr— es ſollte auch für ihn verſchwunden ſein. Mr. Brown kannte ſie nicht näher, Tante Kathrin war falſch, denn ſie hatte gelogen, hatte das Tagebuch vernichten wollen. Marie fühlte, daß ſie von Geheimniſſen umgeben ſei; das forderte ihre ganze weibliche Schlauheit heraus. Sie wollte erſt ihr Terrain kennen lernen, ehe ſie handeln, offen reden durfte. „Des Vetters Wilhelm wegen muß man ſich mit Schubert, Die Jagd nach dem Glücke. I. 4 3 Onkel Ferdinand verſöhnen— ja, das iſt möglich“, gab ſie dem Vater mit jener vornehmen Gleichgültig⸗ keit, die ihm an Mariens Mutter ſo imponirt hatte, zur Antwort. „Wilhelm iſt dreizehn Jahre alt“, fuhr der Baron ort;„in vier bis fünf Jahren kann er die diploma⸗ tiſche Carrière einſchlagen; der Onkel⸗Miniſter wird ihm weiter helfen.“ „Ja, wenn Wilhelm nur erſt ein wenig vernünftig wäre; ſo aber lernt er gar nichts. Ich glaube, er kann noch nicht einmal orthographiſch ſchreiben“, be⸗ merkte Marie. 4 „Leider verhält es ſich beinahe ſo. Seit drei Tagen iſt er aus der Unterrichtsanſtalt zu N. entlaſſen worden“, antwortete der Baron. „Das iſt die dritte Schule, die er beſucht“, warf Marie ein. „Jetzt aber wird das Syſtem geändert“, ſprach der Baron mit einem gewaltſamen Anflug von Energie; „ich nehme wieder einen Hofmeiſter.“ „O, ehe er Schulen beſuchte, hatte er eine ganze Reihe Hofmeiſter. Keiner hielt es aus; ich fürchte, es findet ſich gar Niemand mehr für eine ſolche nicht be⸗ neidenswerthe Stelle.“ „Leider wahr! Seit drei Tagen ſteht meine An⸗ “ wollten alſo—⸗ 35 nonce in allen Zeitungen und noch hat ſich kein Menſch gemeldet.“ Der Baron hatte kaum dieſen wehmüthigen Seufzer ausgeſtoßen, als ein Diener eintrat und ihm eine Karte übergab. „Lupus in fabula!“ rief der Baron und las: Heinrich Wermuth, Candidat der Philologie ꝛc. Er gab Befehl, den Herrn hereinzuführen. Marie verſchwand, um Toilette zum Diner zu machen.. Ein junger unterſetzter Mann in ziemlich abge⸗ tragener Kleidung trat feſten Schrittes in das Zimmer und verbeugte ſich kurz. Sein durchdringendes, etwas kleines Auge begegnete dem muſternden Blicke des Ba⸗ rons. Eine lange Pauſe ging dem Geſpräche voraus, das Heinrich Wermuth endlich ungeduldig mit den Worten begann: „Herr Baron, ich las in den Zeitungen, daß Sie einen Erzieher, einen ſtrengen Erzieher für einen, wie es ſcheint, etwas eigenſinnigen Knaben ſuchen—“ „Entſchuldigen Sie meine erſte Ueberraſchung“, fiel Baron Billmann ein,„ich fand mich nicht gleich zurecht— ich vermuthete nicht— Ihre Kleidung— jetzt freilich— Ihre Sprache, Ihr Benehmen— Sie 3* „Sie urtheilen wie alle Welt, nach dem Schein“, antwortete nicht ohne Bitterkeit der junge Mann auf dieſen unhöflichen Empfang.„Freilich, ich vergaß, der Schein regiert ja dieſe unvollkommene Welt!“ Ein häßlicher ſcharfer Zug ſpielte um ſeine Lippen und verächtlich ſah er auf den fadenſcheinigen Hut herab, den er krampfhaft in den Händen zerknitterte. „Ich bin arm“, fuhr er mit nachdrücklicher Be⸗ tonung fort,„und verbrauchte mein bischen Geld für meine Studien, ſtatt für die Mode und den Luxus; dennoch konnte ich Sie ſehr leicht täuſchen, wenn ich Armuth überhaupt für eine Schande hielte. Der nächſt⸗ beſte Kleiderverleiher hätte mir um ein Geringes einen Frack geliehen und es hing von mir allein ab, ob ich Ihnen die Allerweltsfigur zeigen wollte oder nicht. Ich dachte aber, Sie wären vielleicht ein Mann, der den Menſchen in mir erkennt, wenn er auch in keiner modernen Zwangsjacke ſteckt. Wenn Ihnen jedoch das Kleid mehr gilt als der Menſch, der darin wohnt, ſo iſt unſer Geſpräch zu Ende.“ Damit machte der junge Mann wieder eine ſtolze kurze Verbeugung und wollte ſich zum Gehen wenden. Der Baron aber ergriff ihn am Arme und ſprach mit einem raſchen Antrieb von Wohlwollen: „Bleiben Sie, Herr Wermuth, lernen wir uns 37 erſt kennen; ich urtheile durchaus nicht nach dem Schein, und hätte ich es gethan, ſo haben Sie mich eines Beſſern belehrt.“ 3 Erſtaunt über dieſe plötzliche, kaum mehr erwartete Wendung des Geſprächs blickte Wermuth, die Zorn⸗ falte noch auf der Stirn, den Baron mißtrauiſch an. Dann legte er langſam in deſſen dargebotene Hand die ſeine und ſagte ernſt, beinahe traurig: 3„Nicht freier Wille, die Noth, die Verhältniſſe 3 zwingen mich, um die Stelle in Ihrem Hauſe mich zu 4 melden. Ich weiß, daß ich dieſelbe ausfüllen kann „ und daß Sie mit mir zufrieden ſein werden; aber eins muß ich Ihnen noch ſagen: rechnen Sie nie auf 4 unterwürfigen Dank. Ich trete nicht freiwillig in ein 4 ſo abhängiges Verhältniß; ich werde zwar alle Ob⸗ liegenheiten meines neuen Berufs unermüdlich und gewiſſenhaft erfüllen, aber eine bedientenhafte Ergeben⸗ heit, wie Sie an ſolche vielleicht gewöhnt ſind, werden Sie nie von mir zu erwarten haben.“ „Wer fordert eine ſolche?“ verſetzte lebhaft der Baron, immer mehr angeregt von dem ſtolzen Weſen des jungen Mannes.„Es iſt ein Vertrag, den wir 1 3 abſchließen. Gefällt es Ihnen bei mir, können Sie mit meinem Neffen als Zögling zufrieden ſein, bin ich mit Ihrer Art zu lehren einverſtanden, ſo 38 bleiben Sie. Sie werden ſich dann nicht als ab⸗ hängiger Fremdling in meinem Hauſe fühlen. Jeder⸗ zeit aber ſteht es Ihnen frei, daſſelbe wieder zu ver⸗ laſſen, wenn Ihnen der Geiſt und die Gewohnheiten deſſelben nicht zuſagen. Wir ſind alſo einig?“ ſchloß der Baron, als er ein billigendes Lächeln in Heinrich's Antlitz zu bemerken glaubte. „Ich bin bereit“, entgegnete dieſer.„Wann ſoll 3 ich eintreten?“ „Es fragt ſich, ob Sie vorher noch irgendwelche Angelegenheiten zu ordnen oder die Meinung der Ihri⸗ gen einzuholen haben“, erwiderte Baron Billmann.. „Ich bin ſelbſtſtändig“, ſagte Heinrich.„Ich ſtehe ganz allein in der Welt und kann jeden Augenblick mein neues Amt übernehmen.“ „Dann will ich Sie“, meinte der Baron,„gleich heute Abend beim Thee mit meinen Kindern bekannt machen und der Dienerſchaft vorſtellen.“ Heinrich nickte bejahend. Faſt kam ihm die Sache wie ein Traum vor. Er hatte die Annonce in den Zeitungen geleſen und ohne viel Ueberlegung ſich dem Baron angetragen, und dieſer nahm ihn nun wider Erwarten ſo raſch beim Worte. Baron Billmann empfand eine Art Zuneigung 4 39 für den ſeltſamen Jüngling, der augenſcheinlich ſchon bittere Erfahrungen im Leben gemacht hatte. Bisher war dem Baron die Armuth ſtets in demü⸗ thiger Haltung entgegengetreten, Heinrich Wermuth da⸗ gegen ſprach mit einem gewiſſen Stolz davon, daß er gar nichts beſaß. Die nachläſſige Kleidung des Herrn Wermuth war dem Baron allerdings ein Dorn im Auge, aber die Zeugniſſe über das Univerſitätsexamen des Hofmeiſters in spe lauteten ſo außerordentlich günſtig, daß er den Zufall pries, der ihm einen ſolchen Ausbund von Gelehrſamkeit ins Haus geführt. Wenn man bedenkt, wie ſehr man bei der Wahl weiblicher und männlicher Erzieher auf den Zufall an⸗ gewieſen iſt, wie oft man bei ſorgfältiger Erkundigung und allen Zeugniſſen zum Trotz meiſtens doch angeführt wird; wenn man weiß, wie man, durch die Verhält⸗ niſſe gezwungen, eigentlich leichtſinnig zugreifen muß, weil man keine ſichern Garantien beanſpruchen kann, ſo wird man es nicht mehr ſeltſam finden, daß Baron Billmann ſich ſo ſchnell mit dem nichts weniger als demüthig auftretenden Wermuth verſtändigte. Die Ehen werden im Himmel geſchloſſen; von den Contracten der Lehrhofmeiſter, Bonnen und Gouver⸗ nanten mit ihren Herrſchaften könnte man der Aehn⸗ lichkeit der Reſultate halber mit Recht daſſelbe behaupten. 3 “ 40 Von den ſechs Hofmeiſtern, welche ſchon an dem hoffnungsvollen Neffen ihre pädagogiſche Weisheit ver⸗ geblich verſucht, waren fünf unter der Kündigungs⸗ zeit auf und davon gegangen. Der ſechste, den Wil⸗ helm ungemein liebte, würde wohl niemals das reiche Haus verlaſſen haben. Da wollte es das Verhängniß, daß Marie entdeckte, daß er dem Vetter gar keinen Unterricht ertheilte und die dem Baron als vortreff⸗ liche Arbeiten ſeines Schülers vorgezeigten Aufſätze in höchſt eigener Perſon zu machen pflegte. Mit leichtgerötheten Wangen ſtand Heinrich Wer⸗ muth vor dem Baron. Der arme junge Mann mochte wohl an den glän⸗ zenden Salon denken, in welchem er heute Abend mit der Familie des Barons Thee trinken ſollte. Seidene Frauengewänder hörte er in Gedanken um ſich rauſchen, er ſah die galonirten Diener ſerviren, und ein Blick in den Spiegel gegenüber zeigte ihm ſeine eigene verwahrloſte Erſcheinung, ſein etwas eingefallenes trotziges Geſicht, dem der unglückliche Kampf gegen das Elend aufgeprägt war, ſeinen abgetragenen Stu⸗ dentenanzug.. Der Baron beſaß Zartgefühl und überlegte ben⸗ wie er Herrn Wermuth, ohne ihm neuerdings wehe zu thun, begreiflich machen könne, daß er in dieſem 41 Aufzuge nicht präſentabel ſei. Aber hierin kam ihm Heinrich ſelbſt zuvor. „In dieſen Kleidern kann ich natürlich nicht—“ begann er. „Meine Börſe iſt die Ihre, Herr Wermuth“, fiel ihm der Baron in die Rede und zog ſeine Brieftaſche, um ihm eine Anweiſung an ſeinen Banquier zu über⸗ geben. „Sie ſind ſehr gütig“, entgegnete Heinrich,„aber ich ertrage die Großmuth nur in ſehr begrenzter Form. Hier iſt Papier und Schreibzeug. Ich ſtelle Ihnen ſogleich eine Quittung über die benöthigte Summe aus.“ Der Baron wollte nicht darauf eingehen, aber Heinrich beſtand ſo feſt, faſt erzürnt auf ſeinem Willen, daß jener nachgeben mußte und der Hofmeiſter das Geld als Vorſchuß, der von ſeinem Gehalte abgezogen werden ſollte, in Empfang nahm. Er verabſchiedete ſich jetzt und eilte mit erleich⸗ tertem Herzen die Treppen hinab. Viertes Kapitel.. Fauſt und Mephiſto auf der Uniyerſität. Motto: Ihm hat das Schickſal einen Geiſt gegeben, Der ungebändigt immer vorwärts dringt Und deſſen übereiltes Streben Der Erde Freuden überſpringt; Den ſchlepp' ich durch das wilde Leben, Durch flache Unbedeutendheit, Er ſoll mir zappeln, ſtarren, kleben, Und ſeiner Unerſättlichkeit Soll Speiſ' und Trank vor gier'gen Lippen ſchweben; Er wird Erquickung ſich umſonſt erflehn— Goethe's„Fauſt“. „Du biſt lange dben geblieben, alſo angenommen worden, Heinrich“, rief ein ſchöner, einfach, aber ſehr ſchmuck gekleideter Jüngling Wermuth entgegen, als dieſer aus dem Hotel Billmann auf die Straße trat. „Es iſt ſo“, antwortete Heiurich;„ich habe die Freiheit verkauft und bin ein Diener der Ariſtokratie geworden.“ Die Freunde, wenn man ſie ſo nennen konnte, gingen Arm in Arm weiter. Heinrich warf noch einen Blick rückwärts, um die Hausnummer anzuſehen, und auch Karl wendete ſich um und bemerkte, daß ſich eben eine Dame von einem Fenſter des erſten Stocks zu⸗ rückzog. „Man ſieht Dir ſchon nach“, neckte Karl Molling Wermuth.„Das Mädchen iſt allerliebſt; ich beobach⸗ tete die ſtolze Schöne, während ich auf Dich wartete. Sie iſt gewiß neugierig, den zukünftigen Hofmeiſter kennen zu lernen. Doch was kümmern Dich die Frauen!“ „Was ſoll auch mein Kopf mit Liebeshändeln zu thun haben?“ warf Heinrich ein. „Dein Kopf wäre intereſſant genug“, lachte Karl. „Für was mag uns die Baroneſſe wohl halten?“ „Mag ſie mich halten, wofür ſie Luſt hat“, brummte Heinrich.„Die Ariſtokratin hat ſich herab⸗ gelaſſen, einen Bürgerlichen ihrer Aufmerkſamkeit zu würdigen; die Dame hatte Langeweile; da ſchienen wir ihr die unterhaltendſten Figuren, welche die ſtille Straße des vornehmen Quartiers bot. Auch haſt Du ſie gewiß mit Deinen großen blauen Augen ange⸗ ſchmachtet.“ „Nun, ſie iſt auch der Betrachtung werth. Für was wird ſie uns halten? Wenn es eine odiſch⸗mag⸗ netiſche Sympathie gibt, wenn—“ 44 „Du biſt ein liebenswürdiges Kind“, fiel Heinrich ein;„die Baroneſſe wird Dich für das angeſehen haben, was Du biſt: für einen armen Teufel, der über ſeinen Schwärmereien die Wirklichkeit vergißt.“ Mit dieſen Worten zog Heinrich den Gefährten in ein Kleidermagazin, und bald war der neue Hof⸗ meiſter unter Karl's ſcherzender Beihülfe neu gekleidet, ſchwarz vom Kopf bis zum Fuß, als trauere er über die verlorene Freiheit. Wermuth's Erſcheinung machte, trotz ſeiner etwas abgelebten Züge, den Eindruck der Kraft; die breite Bruſt, der aufrecht getragene Kopf, der kurze Nacken deuteten auf einen ſtarken, unbeugſamen Willen; das Auge, obwohl klein und tiefliegend, blickte ſo lebhaft unter der mächtigen Stirn hervor, ſo befehlend und unduldſam, daß man kein ſehr geübter Phyſiognomiker zu ſein brauchte, um zu errathen, daß es gefährlich ſei, dieſen Menſchen zum Zorne zu reizen. Schwarzes, krauſes Haar, an den Schläfen etwas gelichtet, be⸗ deckte Heinrich's Kopf, und er ſtak in der modernen Kleidung faſt einem Neger ähnlich, hätte nicht ſein weißer Teint ſeine deutſche Abſtammung bewieſen. Die fleiſchigen Lippen des etwas großen Mundes waren feſt zuſammengepreßt, und wenn nicht der häßliche höhniſche Zug der Verachtung über ſein Geſicht hin⸗ — lief, ſo war der Ausdruck deſſelben, wenn auch nicht ſchön, doch beim erſten Aublicke feſſelnd. In Karl Molling's ganzem Weſen lag etwas Naives, Ungewöhnliches. V Nicht blos die Schönheit ſeiner Züge, auch das geiſtig Bedeutende, das Geniale in ihnen ſprang ſo⸗ b fort in die Augen. Doch ſtelle man ſich ja kein Genie vor, wie es Romane zu ſchildern lieben, kein vom Weltſchmerz verzerrtes Geſicht, keine wirr herabhängen⸗ den Haare, keine melancholiſch ſtierenden Augen, keinen langen zerriſſenen Mantel, nachläſſig um die Schultern geſchlungen, keinen ſchief auf dem Kopfe ſitzenden Hut! Auf Karl's glatter Stirn thronte noch nicht der Schat⸗ ten weltumſtürzender Gedanken, in ſeinen zwar träu⸗ meriſchen, aber freundlichen Augen lauerte noch kein unheilbarer Gram, ſeine blonden Locken waren wohl⸗ gepflegt, ſein Anzug nett und ſauber. Eine natürliche Anmuth verlieh allen Bewegun⸗ gen und Geberden der hochgewachſenen ſchlanken Ge⸗ ſtalt etwas ungemein Gewinnendes, das durch die Unbefangenheit und einen gewiſſen Leichtſinn in ſeinen Zügen noch liebenswürdiger erſchien. Selbſt ein zu häufiges gutmüthiges Lächeln verwiſchte den vortheil⸗ haften Ausdruck des jugendlichen Antlitzes nicht. Noch war der Charakter nicht fertig ausgebildet, nur ange⸗ 46 deutet, wie in der Blüte die künftige Blume. Ver⸗ ſchiedener aber iſt nicht die Geſtalt der Frucht von dem erſten Blütenkeime als das Lebensziel des Men⸗ ſchen von den Erwartungen ſeiner erſten hoffnungsſe⸗ ligen Kindheit. 3 Als die beiden Jünglinge den Laden verließen, wurde Karl plötzlich ernſt und ſagte zu Heinrich: „Nun haſt auch Du einen neuen Rock angezogen. Glück, Verdienſt oder Zufall wird bald aus den Uni⸗ verſitätsfreunden etwas gemacht haben und ich werde allein von uns allen übrig bleiben; ich komme nicht vom Fleck. Ich mag, ich kann gar nicht alt werden, nur Jugend iſt Leben, mir graut vor dem Alter; lieber einen frühen ſchnellen Tod, als von den Träumen der Jugend und ihrer Freiheit laſſen.“ „Das Erwachen aus dem Traume“, verſetzte Hein⸗ rich mitleidslos,„iſt furchtbar. Jetzt trägſt Du Dich noch mit der Zuverſicht, einmal etwas Großes zu leiſten, und ſpielſt die Rolle eines begabten Jünglings; man glaubt an Dich und gibt Dir Credit und erwar⸗ tet die Zukunft, wo Du Bedeutendes zu ſchaffen ver⸗ ſprachſt; die Collegen ſtehen Dir an Fähigkeit weit nach und verwöhnen Dich durch ihre Bewunderung; ſobald ſie aber einmal als Philiſter in ehrenvolle Aem⸗ ter gekrochen ſind, werden ſie aufgeblaſen auf Dich — herabſehen, der noch immer nichts iſt als ein viel⸗ verſprechender junger Mann. Dann kommen die erſten Runzeln auf der Stirn, die goldenen Locken werden dünner, die Jugend iſt fort! Blieb dann nur die Kindlichkeit, der Leichtſinn, das geniale Dahinträumen übrig, ſo machſt Du den Eindruck einer alt geworde⸗ nen Kokette, an der man mit Abſcheu vorübergeht.“ „Was ſoll ich thun?“ ſeufzte Karl. Ich kann mich in kein Bureau ſetzen, und zum Erzieher fehlt mir jedes Talent.“ „ Von der Luft kann man nicht leben“, fuhr Hein⸗ rich fort.„Mein Vater, ein Militärarzt ohne Praxis, hinterließ mir nur wenig. Die Univerſität hat meinen letzten Pfennig aufgezehrt und da nahm ich die Hof⸗ meiſterſtelle an. Dabei bleibt mir immer noch mehr Zeit für eigene Studien übrig, als wenn ich, ein ſchlecht bezahlter oder gar umſonſt prakticirender Staats⸗ dienſt⸗Aſpirant, pedantiſche Bureauſtunden einhalten und langweilige Acten abſchreiben müßte.“ „Du gehſt ſtets Deinen eigenen Weg“, meinte Karl.„So ſchnell kann ich mich nicht entſcheiden. Freilich muß ich auch irgend etwas anfangen, ich kann meinem Vater nicht länger zur Laſt fallen.“ „So ermanne Dich, Karl“, ſprach Heinrich,„zeige der Welt, daß Deine poetiſchen Adern Gold enthalten.“ 48 „Dazu fehlt mir etwas“, jammerte Karl.„Wie ſoll ich es nur nennen! Ich habe das Innige, Un⸗ mittelbare, das Heilige in mir ſelbſt verloren, und ohne Gott⸗Idee oder völlige philoſophiſche Klarheit iſt kein wahrhaft großes, kein poetiſches Werk denlbar.“ „Du biſt ein Narr“, ſagte Heinrich höhniſch; „die Schulden ſind es, die Dich drücken.“ „Auch das“, ſtimmte Karl bei;„wie ſoll ich da die Stimmung zu literariſcher Thätigkeit finden? Ich lebte blind in den Tag hinein und ſtehe nun da ohne Hülfe, rettungslos.“ Verächtlich und mit einer Art Schadenfreude blickte Heinrich den Univerſitätsfreund an, den er in vielfa⸗ cher Hinſicht als ein Opfer ſeines Umgangs mit ihm betrachten konnte. 4 Heinrich war einer der Haupthähne der Univerſität geweſen; als unerſchrocken, ja tollkühn gefürchtet, war er zugleich als ausgezeichneter, origineller Geſellſchafter aallgemein aufgeſucht worden. Sein eiſerner Körper erlaubte ihm ungeſtraft die ſtärkſten Ausſchweifungen. Er konnte nächtelang den Schlaf beinahe gänzlich entbehren, ohne daß ſeine Con⸗ verſation weniger witzig wurde; geiſtige Getränke mach⸗ ten ſeine Zunge nicht ſchwer; er trank die berühmteſten Zecher unter den Tiſch. Stundenlang, ohne zu ermat⸗ C———— 49 ten, führte er auf dem Fechtboden den gewichtigſten Säbel. Kein Wunder, daß er bald den Brennpunkt eines Kreiſes ausgelaſſener junger Leute bildete! Wer als Studirender die Univerſität bezog und eine hervorragende Rolle ſpielen wollte, ſtrebte danach, zu Wermuth's nähern Freunden zu gehören; wer es zu dieſer Auszeichnung gebracht hatte, blickte gering⸗ ſchätzend auf die übrige gemeine Welt herab und übte ſich, durch abſprechende Blaſirtheit, Uebermuth und tolle Einfälle den Meiſter Wermuth nachzuäffen und zu überbieten. So gab es bald eine Klaſſe von Studenten, deren ganzem Thun und Treiben bis auf den Gang und die verwahrloſte Kleidung herab man es anſah, daß ſie aus Heinrich's Schule hervorgegangen waren. Gerade die intelligente Jugend, die ſtets am Son⸗ derbaren Geſchmack findet, die gern dem zujubelt, der das Vorhandene, das Alte lächerlich macht, wurde zu⸗ meiſt in Heinrich's Kreis gezogen. Heine's Dichtungen und die Schriften materialiſtiſcher Philoſophen blieben nicht ohne Einfluß auf die Anſchauungen der jungen Leute. Unter den Vielen, die ſich durch Wermuth's Ein⸗ fluß in eine verkehrte Richtung verirrten, unter ſo manchen Opfern des Verkehrs mit dem Sonderling war Karl das bedeutendſte. Schubert, Die Jagd nach dem Glücke. I. 4 50 Er ließ ſich in vielen Angelegenheiten ganz von Hein⸗ rich beherrſchen, nahm an ſeinen Exceſſen Theil. Geblen⸗ det von der Rednergabe ſeines Freundes, verlor er das eigene nüchterne Urtheil und hielt den negirenden Ton einer ſchonungsloſen Satire für Charakterſtärke, ahmte in Vielem Heinrich nach, und ſo blieb manche ausge⸗ zeichnete Anlage ſeines reichen Naturels unausgebildet oder entwickelte ſich einſeitig. Karl beſtand zwar wie Heinrich ſelbſt das Uni⸗ verſitätsexamen mit Auszeichnung, aber er fühlte wohl die Lücken ſeines Wiſſens und konnte ſich nicht ver⸗ bergen, daß er ohne Wehrmuth's tolle Geſellſchaft mehr geleiſtet haben würde. Die Hauptſache jedoch war geglückt, das Examen mit der erſten Note überſtanden. Triumphirend konnten die zwei Unzertrennlichen den Schauplatz mitunter wildbewegten Studentenlebens ver⸗ laſſen, Karl leider mit Schulden überhäuft, während Heinrich zwar arm, aber völlig ſchuldenfrei daſtand. Gerade durch ſeinen Stolz, womit er jede Unter⸗ ſtützung ausgeſchlagen, imponirte der arme Wermuth ſeinen reichen Bewunderern. Ihm ſchien es keine Ent⸗ behrung zu ſein, wenn er einmal eine Woche oder noch länger nur von Brod und Kaffee lebte, was Karl keine zwei Tage lang aushielt. Wie ein menſchenkundiger Sektenſtifter verſchwand Heinrich zuweilen plötzlich vom — 51 Schauplatz ſeiner Lehre und war dann ſelbſt für Karl unſichtbar. Kam er dann wieder zum Vorſchein, ſo brachte er irgend eine neue Thorheit nüt, welche ſogleich Nachahmung fand; einmal war es die Manier, nur noch in Verſen zu ſprechen, ein andermal, nur noch in polniſchem Coſtüm zu gehen, und einmal hatte er während einer vierwöchentlichen Abweſenheit Italieniſch gelernt. Ein andermal wieder trat er als Apoſtel für Abſchaffung aller Duelle auf, wobei er aber mit denen, welche am bereitwilligſten auf dieſen Vorſchlag eingingen, ſogleich Händel anfing, welche mit den Waffen in der Hand ausgeglichen werden mußten, da er die Anhänger ſeines eigenen Lehrſatzes der Feigheit beſchuldigte. Mehr als je blühte jetzt das Pauken unter den Studenten; wer Heinrich's Oberherrlichkeit nicht aner⸗ kennen wollte, wer ihm nicht ſchmeichelte, der mußte mit ihm auf die Menſur, und er ſprach ſein Bedauern aus, daß, wie die Republik für das Menſchengeſchlecht eine zu gute, zu erhabene Verfaſſung ſei, ſo wäre auch die Idee der Abſchaffung des Zweikampfes nicht aus⸗ führbar, ſolange Zuckerwaſſergeſchöpfe und Hohlköpfe die Univerſität bezögen. Nur Hans von Kaſten, ein Vetter Karl's, ſprach der allgemeinen Meinung Hohn und ſchlug ſich durchaus nicht; er war von Natur — 4* 52 nicht muthig und erklärte, er habe es ſeiner Mutter verſprochen, ſich nie zu pauken. Dabei blieb er und ließ ſich nicht abbringen und ertrug lieber den ungemeſſenſten Spott Heinrich's. Da aber Hans keiner Verbindung angehörte, über⸗ haupt ſo wenig als möglich mit Collegen verkehrte, ſo wurde die Sache endlich vergeſſen. Leider fiel Hans im Examen mit Glanz durch, wovon ſpäter die Rede ſein wird. Wie Alles, was Heinrich that, unerwartet kam, ſo war auch der Entſchluß, Hofmeiſter zu werden, plötzlich in ihm aufgetaucht. Mit dieſem letzten Ge⸗ 4 waltſtück trat er von der Univerſität ab, auf welcher er die erſte Rolle geſpielt hatte. Sein Selbſtgefühl war bis zur Verachtung anderer Menſchen überhaupt geſteigert. Ihm dienten alle, die in ſeine Nähe kamen, nur als Folie ſeines Ichs. Nach und nach hielt er auch die unrühmlichen Dinge, worin er es allen Collegen zuvorthat, für höchſt lobenswerth, und ſo kam es, daß ein Charakter, der. unter günſtigen Verhältniſſen ſich gewiß ausgezeichnet 5 haben würde, in den kleinen Zuſtänden und dem theo⸗ retiſchen Schlendrian eines gleichförmigen Studienle⸗ bens auf ſo ſchlimme Abwege gerieth. Mit lebhaftem Sinn für Alles, was Genuß hieß, voll Phantaſie und — 53 heißblütig, zwang Heinrich ſeine Armuth zu einem Da⸗ ſein voll Entbehrung. Weder der gleißneriſche Schim⸗ mer wiſſenſchaftlichen Strebens, noch der lügenhafte Ueberfluß, welcher gelegentlich bei Exceſſen herrſchte, konnten ihm das angeborene Elend vergeſſen machen. Der Arbeiter, welcher den Lohn der Woche am Sonntag vertrinkt, um ſein Elend zu vergeſſen, kann darum doch nicht der Noth entrinnen, die ihn mit Sicherheit am Montag erwartet. Heinrich haßte die bürgerliche Geſellſchaft, nicht in der Theorie, weil er ſich etwa ein beſſeres Staatsideal 4 gebildet hatte, er haßte ſie wirklich— aus Neid. Was Herkommen oder Beſitz heiligte, war ihm ein Greuel. Er wußte, daß er allein zu ohnmächtig war, gegen den Strom zu ſchwimmen, aber er war doch zu eitel, ſich mit der Menge der Nothwendigkeit zu beugen. Als Auskunftsmittel griff er zu jener unnatürlichen, affec⸗ tirten Originalität, die ihm geſtattete, Allem, was ihn äußerlich drückte, Hohn zu ſprechen, ohne deshalb einen wirklichen Krieg gegen das Thatſächliche führen zu 4 müſſen. Sich wahrhaft über materiellen Zwang zu erheben, nach einem Ziel zu ringen, deſſen Erreichung ihn von der Zufälligkeit ſeiner Geburt und äußerer Glücksumſtände losgelöſt hätte, vermochte er nicht, er hielt ſich ſchon durch den allgemeinen Beifall, den ſein — 54 Gebaren fand, für einen außergewöhnlichen Menſchen. Und dennoch war es vielleicht nur ein wenig Liebe, welcher dieſe eigenſinnige, gewaltthätige, verirrte Na⸗ tur bedurft hätte, um zu geſunden. Ein Funke Liebe würde vielleicht die überſchäu⸗ mende Kraft zurückgehalten, die Selbſtüberhebung in demüthiges Werben und Selbſterkenntniß verwandelt haben. Freundſchaft vermochte nichts über ihn; er beugte ſeinen Starrſinn vor keinem Mann. Auch war Karl, der Einzige, der ihm wirklich aufrichtig zugethan ſchien, viel zu weich und leichtſinnig, um den verbiſ⸗ ſenen und verbitterten Freund zu lenken, der vielmehr ihn als ſeinen erſten Schüler betrachtete, in welchen er alle ſeine Verkehrtheiten hineinpflanzen müſſe. Wermuth lächelte daher auch jetzt ſarkaſtiſch, als Karl ſich ſo muth⸗ und rathlos erwies. „Haſt Du dazu“, ſagte er zu ihm,„vier Jahre mit mir gelebt, um nun beim Abſchied wie ein Schul⸗ knabe zu jammern? Dazu Deine Naſe in alle Wiſſen⸗ ſchaften geſteckt, dazu ſo viel in Dein Gehirn eintrich⸗ tern laſſen, um nun nach Deinem abhanden gekom⸗ menen Gott, nach dem verlorenen„Heiligen“ zu ſeuf⸗ zen? Dann wäre es beſſer für Dich, Du wärſt in Deines Vaters Kramladen geblieben und hätteſt Düten gepappt und Roſinen abgewogen. Statt der Schulden —,— 55 hätteſt Du Dir vielleicht ein kleines Sümmchen erſparen können, groß genug, um die billige Hochachtung Deiner Aeltern zu erwerben, die Dich jetzt mit ſauren Geſich⸗ tern als verlorenen Sohn aufnehmen werden. Da kein⸗ Theater in Deiner Geburtsſtadt iſt, ſo hat hoffentlich Dein Alter nie Gelegenheit gehabt, auf der Bühne zu ſehen, wie ſchön es ſich macht, wenn der Vater dem ungerathenen Sohne flucht. Mutter und Schweſter aber werden heiße Thränen über Dich Ungeheuer vergießen.“ Heinrich lachte laut und roh auf, Karl erwiderte nichts; Heinrich verſchärfte die Doſis ſeines Spottes: „O wärſt Du doch zwiſchen den Oel⸗ und Eſſig⸗ faͤſſern Deines Kramladens aufgeblüht, auf dem gol⸗ denen Mittelweg, der allein zum Glück führt, Du wärſt jetzt der Stolz Deiner Familie! So hingegen wird man Dich als warnendes Beiſpiel fürs Studiren allen zu wißbegierigen Buben Deiner Vaterſtadt zeigen und der Spruch bewährt finden, daß nur das Hand⸗ werk einen goldenen Boden hat. O wärſt Du ge⸗ 2 blieben in den unſchuldigen Fluren Deines Krähwinkels, eingehüllt in die ehrwürdigen Ueberreſte der Garderobe Deines Großzaters, hätteſt Du eine tugendhafte Land⸗ pomeranze kenten gelernt, welche ohne Schürze und Schlüſſelbund ſih unbehaglich fühlt und deren Roſen⸗ — 56 finger, vom Nähen und Kochen rauh, beim Hände⸗ drücken wie Dornen ſtechen— o vielleicht hätteſt Du ſie doch geliebt!— o gewiß, Du hätteſt mit deutſcher Schwärmerei die große Seele in der ſchlichten Hülle 4 entdeckt, hätteſt ſie geheirathet und ſtündeſt jetzt als ehrenhafter Bürger, ein Vorbild der biedern Klein⸗ ſtädter, in Pantoffeln und Schlafrock hinter dem Zahl⸗ tiſch Deines Kramladens und freuteſt Dich des an der Ladenthür in großen Lettern angemalten geiſtreichen Citats Deiner Ahnen: Man bittet ſogleich zu be⸗ zahlen.“ „Ich muß erſt lernen“, entgegnete Karl mit un⸗ terdrückter Bewegung auf dieſen Spott,„ohne Dich zu leben, und da ich weiß, daß Du mich nicht vermiſſet, f ſo werde ich nicht an Dich ſchreiben, Dich nie mehr aufſuchen, bis ich nicht etwas geworden bin, das Oei⸗ ner Achtung werth iſt. Aus Gutmüthigkeit, aus Freund⸗ ſchaft für Dich, den ſonderbaren, aber, wie ich gaubte, großherzigen Menſchen, hielt ich es lange Zeit in ju⸗ gendlichem Leichtſinn mit Dir aus. Ob ich dabei et⸗ was Gutes gelernt habe, iſt ſehr die Frage. Du ſelbſt haſt mir immer gepredigt, es gäbe nichts in der Welt, das werth ſei, daß man nur einen Funger danach ausſtreckt, und Alles ſei Lüge und Téuſchung. Jetzt fallen mir die Schuppen von den Aujen. Du warſt 57 ein Egoiſt. Während Du mir zuredeteſt, Alles zu miß⸗ achten, was die Erziehung mir werth gemacht, wäh⸗ rend Du Glaube und Hoffnung Seifenblaſen, ein feſtes redliches Streben Bornirtheit nannteſt, bewahrteſt Du ſorgfältig die Mittel, jeden Augenblick den Philiſter hervorkehren zu können. Ich trieb verblendet im Sturm des Lebens im Nachen des Leichtſinns dahin, warf die Ruder weg, mit dem Zufall ſteuernd, und jetzt, wo ich dem Abgrund zufahre, rufſt Du mir höhniſch aus Deinem ſichern Schiff herüber: Ich habe noch Ruder und Compaß, fahre mir nach!“ Heinrich wollte erwidern, doch Karl fuhr leiſe, aber leidenſchaftlicher fort: „Du haſt mit mir geſpielt wie mit den Andern. Du warſt nicht fähig, ein reiches, Dir ergebenes Herz zu verſtehen. Brauſe nicht auf“, rief er erregt,„denn ich fürchte Dich nicht; ja, wenn Du willſt, ſo ſchlagen wir uns, es iſt das geeignetſte Ende unſerer bisher ſo würdigen Laufbahn!“ 3 Wermuth wurde ernſt und ſchwieg. So hatte noch Niemand mit ihm zu ſprechen ge⸗ wagt, und wie Karl in dieſem Augenblick fühlte, daß er ſo viele Stunden ſeiner ſchönſten Jugendjahre, durch Heinrich verführt, in kindiſcher Verneinung des Be⸗ ſtehenden vertrödelt hatte, ſo empfand Wermuth zum 58 erſten Mal deutlich, wie unmoraliſch und niedrig die Rolle war, welche er auf der Univerſität geſpielt, und er konnte ſich nicht verhehlen, daß Karl ein viel beſ⸗ ſerer Menſch als er ſelbſt ſei. „Laß es gut ſein“, ſagte er endlich;„länger würde ich mich nicht beherrſchen können, und es wäre ein ſchlechter Abſchluß unſeres freien flotten Studenten⸗ lebens, wenn ich Dir eine Kugel durch den Kopf jagte.“ Karl deutete ſtatt jeder Antwort auf den Poſt⸗ wagen, der eingeſpannt im Hofe des Gebäudes hielt, vor welchem ſie angekommen waren. Heinrich begleitete Karl bis zum Wagenſchlag. Hans von Kaſten, Karl's Vetter, grüßte freund⸗ lich den Reiſegefährten aus dem Innern des Wagens. Karl ſprang hinein, die Pferde zogen an und nach wenigen Sekunden ſtand Heinrich allein im Poſthofe. So ſchieden die beiden Jünglinge, die von jeher, einander innerlich entgegengeſetzt, in den Augen aller Bekannten für unzertrennlich galten. 4 8 — Fünftes Kapitel. Tante Kathrin. Motto: Nicht Geſcheh'nes rächen, Gedrohtem Uebel wollen wir begegnen. Schiller's„Wilhelm Tell“. Das Diner bei Baron Billmann war zu Ende; Tante Kathrin hatte wegen Kopfweh nicht daran Theil genommen. Die Diener räumten die Tafel ab, tranken die nicht ganz geleerten Wein⸗ und Champagnerflaſchen aus und ergötzten ſich am Reſte des Deſſerts. Baron Billmann hatte die Schweſter des Grafen Ultritz aus Liebe geheirathet, und obwohl er gehört, daß dieſelbe früher mit dem Sohne des Mr. Brown halb und halb verſprochen war, ſo wurde doch der Name des ehemaligen Bewerbers nie, weder von ihm, noch von ſeiner Gattin erwähnt, ſelbſt dann nicht, als 60 durch die Vermählung ſeines Bruders Ludwig mit der Nichte Mr. Brown's die Familien Billmann und Brown in verwandtſchaftliche Beziehung traten. Stolz und großherzig trug Mariens Mutter ihr Leid einſam und forſchte nie mehr nach dem einſtigen Bräutigam; erſt kurze Zeit vor ihrem Tode erfuhr ſie, daß der Geliebte ihrer Jugend ihr längſt vorausge⸗ gangen war. Der Zufall ſpielte ihr, nach ſo vielen Jahren, die Anzeige über das Ableben des jungen Brown in die Hände. In das alte Zeitungsblatt, welches die Trauerkunde enthielt, war ein Buch ge⸗ wickelt, das die ſchon ſehr leidende Baronin aus dem Buchhändlerladen holen ließ, und wieder ein Zufall, den die Kranke Gottes Fügung nannte, war es, daß ihr Blick auf jene Annonce fiel. Sie ſtieß nun die heftigſten Klagen gegen Tante Kathrin aus, warum man ihr ſo lange den Tod des Mr. Brown verſchwiegen. Tante Kathrin, die ſie von Kindheit auf kannte, mußte ja wiſſen, wie ſie noch an dem Angedenken des Jugendfreundes hing. Ihrem Gatten machte ſie keinen Vorwurf, aber furchtbarer als je haßte ſie nun ihren Bruder Ferdinand und immer mehr beunruhigte ſie ſich über die Brieftaſche, welche auf unbegreifliche Weiſe abhanden gekommen war. Der ſterbende Vater hatte ſie gebeten, den Inhalt AA— T 61. derſelben erſt, nachdem eine Seelenmeſſe für ihn ge⸗ leſen worden ſei, zu eröffnen, und ſie verſchloß die Brieftaſche wieder in den alten Secretär, der dem Vater anſtatt eines Schreibtiſches diente, und ſteckte den Schlüſſel zu ſich. Von der Kirche eilte ſie ſogleich ins Vaterhaus zu dem alten Möbel, ſchloß auf, aber das geheime Fach war leer! Niemand konnte um den Wunſch des Vaters wiſſen, ſie war allein mit ihm im Zimmer geweſen, als er ihr die Brieftaſche gab. Ferdinand war damals noch nicht aus Rußland zurück. Von dieſer Zeit an war ſie mißtrauiſch gegen Jedermann und ſchrieb, wohl in der Aufregung des Fiebers, heimlich an Mr. Brown, den Vater ihres Jugendfreundes, er möge ihr beiſtehen, die geſtohlene Brieftaſche zu ſuchen. Wenn er ſie ſelbſt nicht mehr lebend antreffe, ſo würde ihr Tagebuch alle Umſtände und Details, ſowie eine genaue Beſchreibung der Brief⸗ taſche enthalten, und zwar in Chiffernſchrift, deren Alphabet ſie in dem Briefe genau angab. Sie hoffe jedoch zu Gott, daß ſie bald perſönlich dieſe Dinge mit Mr. Brown beſprechen könne, denn ſie wage nicht, dem Papier noch mehr anzuvertrauen, da nach Aeußerungen ihres Vaters der König, ſein geliebter Herr, ſehr an dem Inhalte der Brieftaſche intereſſirt ſei. —————— 62 Nach dem Tode ſeines Schwiegerſohnes, Baron Ludwig Billmann's, war der alte Mr. Brown mit Baron Franz Billmann wegen des Gutskaufs in Corre⸗ ſpondenz getreten und die Mutter Mariens kannte da⸗ her die Adreſſe des Vaters ihres nie vergeſſenen Jugend⸗ freundes. Der alte Brown war aber damals ſchon auf dem Wege nach Deutſchland und erhielt den Brief, deſſen Schreiberin inzwiſchen ſtarb, auf ſein Schloß am See nachgeſchickt, in dem Augenblicke, wo er ohne⸗ hin nach der Reſidenz reiſen wollte, um Baron Franz zu danken, daß er den Kauf des Anweſens, das alle feine Erwartungen übertraf, übernommen. In hohem Grade befremdete es den alten Herrn, daß das Tage⸗ buch nun ebenſo wenig zu finden war als die Brief⸗ taſche. Der Baron Billmann wie Tante Kathrin ſprachen die feſte Ueberzeugung aus, daß das Ganze nur eine fixe Idee der ſtets nervöſen, in der letzten Zeit oft geiſtesabweſenden Baronin geweſen ſein müſſe, und nachdem der alte Brown den Miniſter geſprochen, wußte er gar nicht mehr, was er von der Sache denken ſolle. Das Diner war, wie ſchon erwähnt, beendet; man hatte im Geſpräch die vermißten Gegenſtände natürlich auch mehrfach berührt. Marie hütete ſich wohl, merken zu laſſen, daß ſie im Beſitze des Tagebuchs ſei, doch 63 nahm ſie ſich vor, wenn ſie erſt die geheimnißvolle Chiffernſchrift enträthſelt habe und den Inhalt des Tage⸗ buchs kenne, und wenn ſie von der eigentlichen Stellung des Mr. Brown zu der ganzen Angelegenheit genauer unterrichtet ſei, dieſem unter vier Augen Mittheilung zu machen. Baron Billmann hatte den Greis auf ſein Zim⸗ mer geführt, um ihm einige, das Gut am See betreffende Papiere einzuhändigen. „Es drängte mich, Sie ein wenig allein zu ſprechen, Mr. Brown“, begann der Baron, nachdem die auf das Gut bezüglichen Angelegenheiten erledigt waren.„Ich freue mich recht darauf, meine Schwägerin und ihre Töchter, meine lieben Nichten, kennen zu kernen. Auch meine Tochter kann den Sommer kaum erwarten.“ „In wenigen Monaten wird Alles zu ihrer Auf⸗ nahme bereit ſein und meine Nichte mit ihren Kindern zählt ſchon die Tage bis zu ihrem Beſuche“, verſetzte der Greis. „So hoffe ich, daß ſich ein recht angenehmes, ver⸗ wandtſchaftliches Verhältniß zwiſchen uns geſtaltet“, fuhr der Baron fort.„Es wird mir wohlthun“, meinte er ſeufzend,„denn ich habe gar viel ausgeſtanden. Meine Frau war ſo lange Zeit krank und ihr Tod hat mich ſehr erſchüttert.“ 64 „Starb ſie ſchwer?“ fragte der Greis.„Drückten Sie ihr die Augen zu?“ „O, ſelbſt der letzte Abſchied blieb mir verſagt“, entgegnete der Wittwer traurig.„Es ſchien der armen Kranken beſſer zu gehen; Marie, die ſehr ſchwächlich iſt, und ich waren durch viele Nachtwachen erſchöpft, und da beſtand meine Frau darauf, daß wir den ſchönen Wintertag benutzten, uns ein wenig im Freien zu er⸗ holen. Als wir von der Spazierfahrt zurückkehrten, war ſie eine Leiche!“ „Und wer war bei ihr, als ſie die Augen ſchloß?“ fragte der Greis geſpannt. „Die alte Tante Kathrin, die ſchon im Hauſe des Vaters meiner ſeligen Frau, des alten Ultritz, die Hon⸗ neurs machte und die Wirthſchaft führte, pflegte ſie wie gewöhnlich. Wir waren kaum fort, ſo erzählte uns Tante Kathrin, da habe die Kranke plötzlich nach ihrem Bruder, dem jetzigen Miniſter, verlangt und habe eigenſinnig darauf beſtanden, daß ſie ſelbſt, Kathrin nämlich, den Bruder hole. Meine Frau hatte wohl in der Sterbeſtunde das Verlangen gefühlt, ſich mit dem Bruder auszuſöhnen. Tante Kathrin fand ihn auch glücklicherweiſe zu Hauſe; er eilte zu der Schwe⸗ ſter und kam gerade recht, ihr die Augen zuzudrücken. Die Kathrin iſt alt und ſchlecht zu Fuß; als ſie eine Viertelſtunde ſpäter die Krankenſtube wieder betrat, kniete Graf Ultritz neben der Leiche ſeiner Schweſter.“ „Eine Viertelſtunde! Was kann ſich nicht Alles in einer Viertelſtunde ereignen!“ ſagte Mr. Brown wie im Selbſtgeſpräch. Der Baron hatte dieſe Bemerkung überhört und nahm nach einer Pauſe das Geſpräch wieder auf: „Seit unſerer Verheirathung hatten wir jeden Verkehr mit dem Grafen abgebrochen; die Abneigung meiner Frau gegen ihren Bruder war mit den Jahren gewachſen.“ „Und jetzt ſind Sie wieder auf freundſchaftlichem Fuße mit dem Miniſter?“ warf Mr. Brown ein. „Er ſtand mir bei, die Feierlichkeiten eines wür⸗ digen Begräbniſſes zu ordnen“, verſetzte der Baron. „Ich hatte ganz den Kopf verloren; meine Tochter be⸗ kam einen Anfall von Herzkrampf.“ „Und hinterließ Ihre Frau Gemahlin kein Teſta⸗ ment?“ fragte der Greis. „Nein. Zu was auch?“ erläuterte der Baron. „Wie Sie wiſſen, erbte meine Frau den größern Theil des Vermögens ihres Vaters. Marie, ſobald ſie mün⸗ dig iſt, tritt nun in den Beſitz deſſelben.“ „Wie hoch belief ſich, verzeihen Sie meine Neu⸗ Schubert, Die Jagd nach dem Glücke. I 5 66 gierde, die ruſſiſche Erbſchaft, welche Graf Ferdinand im Auftrage ſeines Vaters erhob?“ „Auf fünfhunderttauſend Thaler“, lautete die Ant⸗ wort. „Von dieſer Summe vermachte der alte Ultritz vierhunderttauſend Thaler Ihrer Gattin. Iſt das nicht auffallend?“ 1 „Ein früheres Teſtament ſagte freilich, alles Geld, das ihm bei Lebzeiten noch zufiele, ſolle zu dem Fidei⸗ commiß geſchlagen werden, aber ſein letzter Wille be⸗ dachte nun die Tochter ſo großmüthig und beſtimmte, daß erſt, im Falle meine Frau und deren Nachkommen mit Tod abgingen und ſo die Linie unſeres Geſchlechts ausſterben ſollte, das Vermögen an die Nachkommen der Ultritze zurückfallen müſſe.“ „Und Graf Ferdinand that nach ſeiner Rückkehr von Rußland keine Einſprache gegen das Teſtament?“ „O, er hat ſich, wenn man die lange Feindſchaft der Schweſter bedenkt, ſehr edelmüthig benommen. Er zahlte die ganze Summe baar und ich bin ihm wirk⸗ lich ſehr verpflichtet.“ „Es wundert mich um ſo mehr, daß er das Teſta⸗ ment nicht anfocht, da er doch einen Sohn beſitzt“, warf jetzt Mr. Brown hin. „Theodor iſt Adjutant des Königs und wurde zu 67 der Majeſtät befohlen, ſonſt hätten Sie ihn heute ken⸗ nen gelernt. Er iſt ein ebenſo gutherziger als wohl⸗ erzogener junger Mann und denkt gewiß wie ſein Vater. Ich glaube nicht, daß er Marie um das große Erbe beneidet.“ „Demnach ſind ja dieſe Ultritze Muſter von Un⸗ eigennützigkeit und Edelmuth“, bemerkte Mr. Brown, der trotz alledem nicht ſo günſtig wie der einfache Baron Billmann über dieſelben dachte. In vertraulicher Weiſe ſetzten die Beiden das Ge⸗ ſpräch fort, und dem ſcharfblickenden Engländer war es bald kein Geheimniß, daß der Baron ſich mit der Hoffnung trug, der Sohn des mächtigen Miniſters werde einſt das Wappen der Ultritze noch mehr mit dem Billmann'ſchen verſchwiſtern und die Grafenkrone werde die edle blaſſe Stirn ſeiner Tochter zieren. Ueberlaſſen wir die Beiden ihrem Geplauder und folgen wir dem Miniſter, der ſich bisher mit Marie auf dem Balkon unterhielt. Sie war allen ſeinen Fragen nach dem Tagebuch ausgewichen, und unter dem nicht unbegründeten Vorwande, die Abendluft ſei ihr zu rauh, brach das leidende Mädchen die Converſation ab und verabſchiedete ſich von dem Grafen, um den Vater und Mr. Brown zu erinnern, daß die allmächtige Excellenz nicht allzu ſehr vernachläſſigt werden dürfe. ————— 68 „Endlich einen Moment allein“, athmete der Mi⸗ niſter auf, und mit einer Eilfertigkeit, die man ſeinem gravitätiſchen Weſen nicht zugetraut hätte, verließ er den Balkon und trat durch eine ſchwere Portière in* das Nebengemach rechts. Der Boden dieſes ziemlich geräumigen und ſehr eleganten Zimmers war mit Teppichen belegt, die Ein⸗ richtung einfach, aber koſtbar; die Mahagonimöbel waren mit grauem Damaſt überzogen, Portièren und Vorhänge von derſelben Farbe. Die Tapete mit ihrem dunklen Grün bildete dazu einen angenehmen Gegenſatz. Der Kamin war mit Roſamarmor ausgekleidet und zwei große Vaſen auf eben ſolchen Sockeln ſtanden rechts und links des gewaltigen Spiegels, welcher über dem Kaminſims thronte. Zwiſchen den beiden Fenſtern ſtand ein großer Blumentiſch, in deſſen Mitte ein Aqua⸗ rium, reich an Fiſchen und ſeltenen Thieren, prangte. Beim Eintritt des Miniſters erhob ſich aus einem der grauen Fauteuils eine alte Frau, in Trauerge⸗ wänder gekleidet. Obwohl ſie ſiebzig vorüber ſein mochte, trugen ihre großen Züge den Stempel einſtiger 6 Schönheit. Die Naſe ſchien durch das Alter, welches die einſt ſchwellenden Wangen in vielen Falten zurück⸗ gedrängt hatte, etwas zu weit vorzuſpringen; die ſchma⸗ len Lippen hatten ſich jetzt, nachdem die einſt perlen⸗ gleichen Zähne meiſt deſertirt waren, mehr nach innen gezogen; jetzt lächelten ſie nicht mehr wie in der Jugend, wo ſie ſo bereitwillig den Vorhang geöffnet hatten, um die ſprudelnden Scherze und anmuthigen Ergüſſe der jugendfrohen Zunge freizulaſſen; jetzt waren ſie aufeinander gepreßt und nur nach reiflicher Ueberlegung that ſich der noch immer feingeſchnittene Mund der Greiſin auf, meiſt nur noch, wenn man ihren Rath begehrte. Die Augen, die ehemals ſo feurig geblitzt, daß gar manches Männerherz das elektriſche Leuchten empfand, lagen jetzt tief in den Höhlen, aber ſie ſtrahlten noch heute lebhaft und unruhig. Die Haare der alten Frau mußten wunderſchön geweſen ſein; ſie waren erſt an den Spitzen und Schläfen weiß, ſonſt aber war das tiefe Schwarz der langen Flechten nur leiſe vom Grau des Alters angehaucht. Die Zöpfe wanden ſich wie ein Diadem um die große Stirn. Als Tante Kathrin jetzt den raſch auf ſie zueilen⸗ den Miniſter begrüßte, ſah ſie aus wie eine Königin, ſo ſtolz, hochgewachſen und würdevoll. „Warum erfuhr ich nichts von dem Tagebuch meiner Schweſter?“ fragte leiſe der Graf.„Haben Sie es gefunden oder ſchon früher beiſeite geräumt?“ „Bis heute wußte ich nicht, daß ein Tagebuch vorhanden war. Die Verſtorbene hat es mir nie ge⸗ 70— zeigt“, antwortete Tante Kathrin, den Miniſter mit einer Handbewegung zum Sitzen einladend. „Nein, nein, ich muß fort“, verſetzte er.„Wo iſt. das Buch?“ t „Verbrannt; ich warf es in den Kamin“, ſagte Tante Kathrin. „Verbrannt!“ wiederholte der Miniſter zornig. „Sie konnten doch denken, daß ich es leſen wollte.“ Unmuthig hatte ſich Graf Ultritz in einen Fauteuil geworfen, und weder er noch Tante Kathrin konnten in der tiefen Dämmerung bemerken, daß die Thür, welche vom Gange ins Zimmer führte, ein wenig ge⸗ öffnet wurde. „Ich werde alt, Ferdinand“, klang jetzt die ſcharfe Stimme der Dame,„und ungeſchickt; aber die For⸗ derung Mr. Browu's nach dem Tagebuch kam ſo überraſchend— ich hatte es eben gefunden— und wollte ich daſſelbe nicht in die Hände Mr. Browu's fallen laſſen, ſo blieb nichts übrig, als es in den Kamin zu werfen.“ „Warum haben Sie es nicht früher ſchon an ſich genommen? Sie wußten doch ohne Zweifel, daß meine Schweſter Aufzeichnungen machte“, fragte der Graf ungeduldig. 3 Mißtrauiſch verſuchte er in den Zügen der Greiſin 71 zu leſen, aber die Dämmerung war ſchon zu weit vor⸗ geſchritten. „Sie, nicht ich, Graf“, ſprach Tante Kathrin etwas lauter,„haben Ihrer Frau Schweſter die Augen zugedrückt. Sie waren der einzige Zeuge ihres plötzlichen Todes, Sie haben ihren Schreibtiſch durch⸗ ſucht.“ „Und doch habe ich kein Tagebuch gefunden.“ „Daſſelbe lag zwiſchen der Wand des Bettgeſtells und der Mauer; Sie haben ſchlecht geſucht“, meinte Tante Kathrin. „Ich konnte den entſetzlichen Anblick nicht ertragen“, ſagte der Graf, bei der Erinnerung erſchauernd.„Und die Brieftaſche— haben Sie noch immer keine Ahnung? Die rothe Brieftaſche des Vaters? Wenn Sie mir die⸗ ſelbe verſchaffen, verlangen Sie, was Sie wollen, ich muß den Inhalt wiſſen.“— „Ich glaube nicht an das Vorhandenſein der Brief⸗ taſche, Ferdinand“, ſagte die Greiſin.„Ich beſchwöre Sie, forſchen Sie nicht danach. Niemals, ſonſt iſt es um Ihr Glück, um Ihre Ruhe geſchehen. Glauben Sie mir, Mr. Brown ſucht vergeblich ein Geheimniß zu entſchleiern, das nur in der kranken Phantaſie Ihrer Schweſter exiſtirte, oder das, wenn es wirklich beſtand, ewig mit ihr begraben wurde. Bezwingen Sie, ich 72 Sie jeden Gedanken, ſeinen Vorwitz, ſeine neugierigen Forſchungen zu beſtrafen, auf. Nur wenn Sie die Vergangenheit ruhen laſſen, werden Sie vor den Gei⸗ ſtern der Rache ſicher ſein, die Ihre Schweſter noch über das Grab hinaus gegen Sie aufruft. Es gilt unſern Frieden, unſere Ruhe.“ „Ruhe! Tante, können Sie ruhig ſein?“ fragte der Graf, die Hand der Greiſin faſſend. Die Frage klang hohl von ſeinen Lippen, als ob er ſie unbewußt, nur mechaniſch ausgeſprochen hätte. Die Hände der Tante waren kalt; ſie zitterten. „Ja, ich kann es, ſolange Sie ſtark ſind“, flü⸗. ſterte ſie.„Aber die Dunkelheit macht uns verzagt— in einem Hauſe der Trauer dürfen die Lichter nicht fehlen.“ Die Greiſin ergriff eine Klingel und ſchellte. Jetzt öffnete ſich die Thür im Hintergrunde des dunklen Zimmers gänzlich; mit einem lauten:„Hier iſt ja Niemand!“ trat der Stimme nach ein Mann in b das Gemach und ging ein paar Schritte vorwärts. 2* „Wer iſt da? Warum klopfen Sie nicht?“ rief der Graf. „Man hat mich hierher gewieſen“, entgegnete die Stimme;„ich ſuche die Frau Tante Katharin, 5 beſchwöre Sie, Ihren Haß gegen Mr. Brown, geben 73 wie der Diener die Dame bezeichnete, um mich ihr vor⸗ zuſtellen.“ „Sie ſind am Ziele; bleiben Sie, es kommt ſo⸗ gleich Licht“, nahm die Greiſin das Wort.„Sie ſtören kein zärtliches Paar. Graf Ultritz darf wohl mit ſeiner Pflegemutter im Finſtern plaudern.“ Ein Diener kam mit einem Metallſtäbchen, an deſſen Ende ein Wachslicht brannte. Im Nu waren die eleganten Räume von den Gas⸗ flammen erhellt. Die Portière ins Nebenzimmer hob ſich und Baron Billmann, die Tochter an der Hand, von Mr. Brown gefolgt, trat ein.. „Stören wir, Tante Kathrin?“ ſagte der Baron, ſich lächelnd gegen die alte Dame und den Miniſter verbeugend. Ddie Beiden ſchienen ihn aber gar nicht zu be⸗ merken, ſondern ſahen aufmerkſam gegen die Gang⸗ thür hin und Marie zog plötzlich ihre Hand aus der des Vaters. Nun wendete der Baron ſich, um zu ſehen, was denn ſo Auffallendes im Zimmer der Tante ſei, das ſelbſt die blaſirte Excellenz ſo ſehr intereſſirte, und er⸗ blickte Heinrich Wermuth, der dem allgemeinen An⸗ ſtarren gegenüber ruhig daſtand und mit ſeinen kleinen 74 lebhaften Augen die Geſellſchaft muſterte. Dann ſchritt er auf den ihm entgegenkommenden Baron zu, welcher ihn den Anweſenden vorſtellte: „Herr Heinrich Wermuth, der neue Hofmeiſter meines Neffen.“ — 2— ſtrömender Zärtlichkeit. Sechstes Kapitel. In der Heimat. Motto: Schied auch die Muſchel lange ſchon Vom Meer, das ihre Heimat war, In ihrer Tiefe rauſcht ein Ton Wie Meeresheimweh immerdar. Und kann auch nie ein Herz zurück Zum Herzen, dran es ſelig lag, Es ſingt von dem verlornen Glück Noch bis zu ſeinem letzten Schlag. Georg Scherer. Nach einer Aangwaligen Fahrt kam Karl Molling mit ſeinem Vetter Hans von Kaſten in der Vaterſtadt an. Die beiderſeitigen Familien empfingen die Heim⸗ kehrenden in der geräumigen Wohnung des Majors von Kaſten oder eigentlich der Majorin, denn da man der Wahrheit die Ehre geben ſoll, kann es nicht be⸗ ſchönigt werden, daß die Frau Majorin das Regiment im Hauſe beſaß. Sie umarmte ihren Hans mit über⸗ Der penſionirte Graukopf, 76 Hanſens Vater, verſuchte zwar, den Sohn, weil er die Univerſitätsprüfung nicht beſtanden hatte, mit einem Verweis zu begrüßen; ſeiner unmaßgeblichen Meinung nach war der ganze Zweck des Studiums verloren, wenn nicht ein richtig beſtandenes Examen und allenfalls auch ein Doctortitel der Welt zeigte, daß man von A bis Z das Gebiet der Viſfeenſchaft er⸗ oberte. Aber ſeine beſſere Hälfte war entzückt, den Sohn unverdorben wieder bei ſich zu haben. Seine Wangen waren rund, ſeine Aeuglein friſch, und mit Stolz erſah die kundige Frau, daß ihr Hans ſolid geblieben ſei. „Weil er nur geſund wieder da iſt!“ rief ſie. „Was habe ich mir für Gewiſſensbiſſe gemacht, das einzige Kind in die Welt hinauszuſtoßen aus eitler Hoffart! Ich wußte es voraus, daß er zu gut iſt für die Kniffe und Pfiffe der Hauptſtadt; die Profeſſoren ſind angeſteckt von dem verderblichen Geiſte der Neu⸗ zeit und gegen Hans ungerecht geweſen. Jetzt iſt er wieder da, und ich habe alle ſeine Hefte, die er voraus⸗ ſchickte, durchgeſehen; er hat ſo viel gearbeitet, daß es mich nur wundert, wo er die Zeit hernahm. Alles hat er nachgeſchrieben, und der Pfarrer ſagt, zu ſeiner Zeit hätte man einen ſolchen Ausbund von Gelehrſam⸗ keit, wie unſer Hans iſt, ohne weiteres gleich als Ober⸗ ——e 27 ſtudienrath angeſtellt. Aber Gott Lob! haben wir nicht nöthig, in den Staatsdienſt zu treten. Hans erbt unſer Haus und unſer Vermögen und ſoll von jetzt au ſich von den Mühen und Anüdengumgen ſeiner Studienjahre erholen.“ Der alte Major gab ſeinem Suhne⸗ den er herz⸗ lich liebte, verſöhnt die Hand und erſetzte ſich der ausgegebenen Parole nicht, aber ein Lob brachte er doch nicht über die Lippen; die Majorin, welche trotz fünfundzwanzigjähriger unausgeſetzter Erziehung jenen Grad des Gehorſams bei ihrem Manne, der ihr als Ideal eines ehelichen Verhältniſſes vorſchweben mochte, ſchmerzlich vermißte, ſchien die Hoffnung auf einſtige Erreichung des erhabenen Ziels aufgegeben zu haben. Sie tauſchte mit dem Sohne einen Alick des Ein⸗ verſtändniſſes, der ungefähr ausdrückte: „Du kennſt ihn ja— er meint es gut— er iſt eben nicht feinfühlend genug, auf alle unſere Empfindungen einzugehen.“ „Mir kann es recht ſein“, dachte der Major, der mit dem vergrabenen Reſte von männlicher Wuth das geringſchätzende Lächeln ſeiner Theuren wohl bemerkte, „ich kann es nicht ändern, wenn man nur mir auch mein Steckenpferd läßt. Alles in der Welt beruht auf Gegenſeitigkeit, auf Uebereinkommen.“ 78 So war der alte Soldat zufrieden, wenn er von früh bis abends malen, leimen und pappen durfte, wenn er chemiſche und phyſikaliſche Experimente vor⸗ nehmen und dabei Entdeckungen und Erfindungen aufs neue machen konnte, die, wie man ſagt, vor Alter ſchon nicht mehr wahr und vergeſſen waren. Daß Karl das Examen glänzend beſtanden, fand man ſelbſtverſtändlich; das war das Geringſte, was der leichtſinnige junge Mann thun konnte, der den Seinen ſchon ſo viel Kummer gemacht. Auch war es für ihn keine Kunſt, er hatte von jeher ſo merkwürdig leicht gelernt. Er war immer faul geweſen, wenn Hans ſtudirte. Karl's Vater, ein kleiner Kaufmann, hatte ſich in vorgerücktem Alter zum zweiten Male mit einem armen, aber wackern Mädchen verheirathet. Freilich beſaß die junge Frau wenig Bildung, aber die Liebe iſt blind und verrückt die feinſten kaufmänniſchen Berech⸗ nungen. Daß Karl die Univerſität bezog, war der Stiefmutter, welche das ihr mangelnde Vermögen dem Gatten durch Sparſamkeit erſetzen wollte, in ihrem praktiſchen Sinne zu theuer erſchienen. Sie hätte es lieber geſehen, daß Karl das kaufmänniſche Fach er⸗ lernte, da wäre er nach ihres Mannes Tod der Fa⸗ milie eine Stütze geworden, welcher er nun vielleicht noch lange zur Laſt fiel. Dienten doch Karl's Schwe⸗ ſtern der Stiefmutter auch ohne Widerrede, halfen ihr in der Haushaltung und beſorgten die Wartung und Pflege der nachgeborenen Kinder, als ſeien dieſe ihre leiblichen Geſchwiſter. So kam es, wie Heinrich Wer⸗ muth ihm prophezeit, daß Karl, der doch mit allen Ehren — freilich auch mit Schulden— von der Univerſität heimkehrende Sohn, von ſeinen Angehörigen mit viel weniger Förmlichkeit empfangen wurde als Hans, der durchgefallene Vetter, der allerdings nie die von Mama geſchickten Gelder ganz aufgebraucht hatte. Ein dunkles Gerücht war ſogar in die Stadt gedrungen, der ſolide Hans ſei ſehr oft von dem leichtſinnigen Karl ange⸗ pumpt worden. Hans war nicht ohne Verdienſte; das Leben legt einen ganz andern Maßſtab an als die Schule. In Familienkreiſen ſpielte Hans eine viel bedeutendere Rolle als Karl. Der behäbige junge von Kaſten war in allen jenen Witzen, Anekdoten und jeux d'esprit und Pfänderſpielen bewandert, welche in ſchlechter Ge⸗ ſellſchaft ſo beliebt ſind, um die Zeit zu tödten, und er bewies ein wahrhaft ſchöpferiſches Genie darin, namentlich wenn es galt, einen Kuß zu erhaſchen. Die ſittſamen Töchter ſeiner Vaterſtadt legten bei ſolchen Anläſſen ihre Prüderie ab. War ja Herr von 80 Kaſten voll Aufopferung für ſie; er las jeder Dame den geheimſten Wunſch an den Augen ab und floß wie ein Complimentirbuch von Artigkeiten über. Er hatte nicht umſonſt, die„Kunſt, ſich bei den Damen beliebt zu machen“ und„Anleitung, ſich in drei Tagen eine reiche Braut zu verſchaffen“, ſowie den„Brief⸗ wechſel für Liebende“ und den„Geſellſchafter, wie er ſein ſoll“, heimlich auswendig gelernt. Auch Männern gegenüber war er die Zuvorkommenheit ſelbſt und be⸗ ſtand niemals auf ſeiner Meinung, was ihm dadurch weſentlich erleichtert wurde, daß er wirklich keine eigene Anſicht beſaß. Aber Hans war deshalb doch nicht auf den Kopf gefallen. Zu träge, ſich ernſter Beſchäf⸗ tigung hinzugeben, wendete er all ſeinen Verſtand auf das eine Ziel, zu gefallen, und erreichte es, daß man ihn zuerſt duldete, dann ſich an ihn gewöhnte und ihn ſchließlich nicht mehr entbehren mochte. Solche einfältig ſchlaue Naturen verſchwinden im Nu vom Schauplatze, wenn es die Erörterung einer Idee, eines Gedankens oder den Vollzug einer That gilt. Aber in Zeiten der Ruhe drängen ſie ſich in den Vordergrund und in den meiſten, blos auf Unterhal tung berechneten Geſellſchaftskreiſen ſpielt der hohle Spaßmacher, der bei ernſtlicher Prüfung durchgefallen iſt oder ſicher noch durchfallen wird, die erſte Rolle. ——— 81 Die armen Schweſtern Karl's, die muntere Chri⸗ ſtine und die geſetzte hausbackene Anna, freuten ſich innig, den Bruder wieder bei ſich zu haben; ſie plauder⸗ ten mit ihm von den ſo ſelig verlebten Kinderjahren, von der erſten, leider verſtorbenen Mutter, von des Vaters ſeit der zweiten Heirath eingeſchränktem Leben. Dieſe gelegentlich trüben Rückblicke hinderten aber nicht, daß die Schweſtern ſich höchlich an Vetter Han⸗ ſens unermüdlichen Schnurren ergötzten. Die Ehefrauen ließen heute ihre ſonſt ſtrengen Zügel etwas freier, und ſo erlaubten ſich die Männer, ihrer gegenſeitigen, durch gemeinſame Erfahrungen ge⸗ ſtählten Freundſchaft ungenirt Ausdruck zu geben. Der alte Offizier beneidete den Freund um den talentvollen Sohn, und in unbeobachteten Momenten wagte der alte Molling mit Stolz und Liebe auf ſeinen Karl zu blicken. Wäre nur das leidige Geld nicht ge— weſen, hätte er nicht befürchtet, ſeine Frau werde ſeine Vaterliebe als Schwäche verſpotten, ſo würde er gern ſeinen Sohn an die Bruſt gedrückt haben. Mag die Mutterliebe zu den höchſten Empfindungen gehören, welche die Natur in menſchliche Herzen pflanzte, ſo iſt die wenn auch weniger ſchwungvoll von den Dichtern beſungene Freundſchaft des Vaters zum Kinde etwas ebenſo Mächtiges und Heiliges. Schudert, Die Jagd nach dem G ücke I. 82 Die Zärtlichkeit des Vaters für das Kind, die Verehrung des Kindes gegen den Vater ſind die wache⸗ haltenden Genien, welche das abſterbende Geſchlecht mit dem aufblühenden verbinden, welche ſie geiſtig mit einander verſöhnen und der jungen zerſtörungs⸗ luſtigen Generation Halt gebieten. Wie in der Mutter durch den Act der Geburt die Vergangenheit und Zu⸗ kunft phyſiſch ſich trennen und doch im Mutterherzen vereinigt bleiben, ſo tritt in Vater und Sohn die Scheidung der Geiſter, Erhaltung und Fortſchritt aller Cultur ſichtbar in die Erſcheinungswelt; das Band der Familie aber umſchließt und verſöhnt die Gegen⸗ ſätze des Geweſenen, des Beſtehenden mit allem Kom⸗ menden und Werdenden. Bald dampfte ein ſchwacher Punſch in altmodiſchen Gläſern, die Väter rauchten aus ſorgfältig gehegten Meerſchaumpfeifen einen billigen Tabak, die Söhne theure Cigarren. Die Frauen und Mädchen ſprachen dem ſüßen Backwerk fleißig zu. Es fehlte nicht an Spottreden und häufigem Ge⸗ lächter, und über den Köpfen, die beim Scheine einer Lampe bald ziemlich geröthet durch den Tabaksqualm leuchteten, war eine gemüthliche Unbefangenheit ge⸗ lagert. 3 Karl hatte lange Zeit ein ſolches Zuſammenſein 1 4 v 1 83 im Familienkreiſe nicht mehr empfunden; noch aufge⸗ regt von Heinrich's Abſchied, ſuchte er vergeblich den Frieden einer ruhigen Stimmung. Wenn er die ihm ehrwürdigen Züge ſeines alten Vaters betrachtete, ſo flog die Kindheit an ſeiner Seele vorüber. Wie viel hatte der gute Vater ſchon für ihn gethan, wie man⸗ ches Opfer gebracht, damit er die Univerſität beziehen konnte! Wie herzlich gut hatte er es ſtets mit dem Sohne gemeint! Karl überließ ſich der weichen Empfindung, welche ſich noch erhöhte, als die Familien ſich getrennt hatten und der Vater ihm zu Hauſe ſeine Schlafſtätte anwies. Schluchzend fiel er ihm um den Hals und bat ihn um Verzeihung, daß er all ſeine treue Liebe ſo ſchlecht gelohnt hatte. Der alte Mann aber zitterte vor Rührung, Stolz und Freude und drückte Karl eine kleine Geldrolle in die Hand. „Ich trage ſie ſchon den ganzen Tag bei mir“, ſagte er,„und habe noch keine Gelegenheit gefunden, ſie Dir zu geben, denn es braucht Niemand etwas davon zu wiſſen.“ Dann ſagte der Greis dem Sohne und bald lag er in tiefem Schlummer. viel weniger ſentimental, als die Jugen 84 ſtumpfter für alle Eindrücke, fühlt es die Freude we⸗ niger lebhaft, aber dafür geht ihm auch der Schmerz nicht mehr ſo nahe. Karl ging noch lange auf und ab; er meinte, das Herz müſſe ihm zerſpringen. Er fühlte den Drang in ſich, etwas Großes, nie Dageweſenes zu leiſten. Sein Vater ſollte für Alles entſchädigt werden durch den Ruhm, einen ſolchen Sohn zu beſitzen. Was er thun und ſchaffen wolle, wußte er ſelbſt nicht klar, aber eine Titanenkraft erfüllte ihn mit unbeſtimmter Ahnung, ſein Blut wallte über von edlen Entſchlüſſen, und als er ſich endlich aufs Bett geworfen, wirkten die Bilder des Tages im Traume fort. Höhniſch grinſend ſagte Wermuth:„Leiſte etwas Großes, Du ohnmächtiger Knabe“, und hinter Heinrich lag der todte Vater im Sarge und ſchüttelte wehmüthig das Haupt. Siebentes Kapitel. Kleinſtädtiſche Verhältniſſe. „ Motto: Nur wer die Sehnſucht kennt, 1 weiß, was ich leide. Goethe's„Wilhelm Meiſter“. Die Ankunft zweier Studenten brachte in dem kleinen Geburtsorte Karl's eine Revolution hervor. Den Beamten und Bürgern waren rechthaberiſche junge Leute, wie Studenten meiſtens ſind, nicht ange⸗ nehm. Deſto begieriger ſuchten die vielen jungen Mäd⸗ chen— und wie weit wird dieſer Begriff oft ausge⸗ dehnt!— die Jünglinge kennen zu lernen, vor deren kcceichtſinn die Mütter und Tanten ſo eindringlich warnten. Daß Herr Hans ſehr reich und Herr Karl ſehr hübſch ſei, hatte ſich mit Windeseile im Städtchen verbreitet, und die eroberungs⸗ und heirathsluſtigen Herzen der Jungfrauen ſchlugen höher, wenn einer der 86 beiden Exſtudenten zu den Fenſtern hinaufſah, hinter welchen die mehr oder minder Schönen mit dem Strick⸗ ſtrumpf ſaßen, an deſſen Maſchen das arme, noch immer nicht emancipirte Geſchlecht die Dauer ſeiner Knechtſchaft und die ausgeſtandene Langeweile abmißt, wie der Pilger ſeine Sünden an den Perlen des Roſen⸗ kranzes. Hans und Karl wurden natürlich bei allen Vettern von Adam her der Reihe nach eingeladen und machten bei allen angeſehenern Familien der Stadt ihre Auf⸗ wartung. Hans war bald der Unvermeidliche, der Vertraute und Vergnügungscommiſſar bei allen Familien. Die reſpektablen Mütter ſuchten ihm die dornen⸗ vollen Pfade der erſten Annäherung mit Blumen zu beſtreuen, und bald konnte er ſich ohne Eitelkeit geſtehen, daß er nur die Hand auszuſtrecken brauche, um an jedem Finger zehn Verlobungsringe zu haben. Nur zwei Brunhilden verſchmähten ſeine Huldigungen; eine davon war Karl's Schweſter, Chriſtine, die den un⸗ männlichen Hans bald richtig beurtheilte und ihn offen⸗ bar auslachte, und Roſalinde, die Tochter des Bürger⸗ meiſters, welche zwar ſeine Schmeicheleien duldete, aber feſt behauptete, ihr Herz ſei unfähig, eine gewöhnliche irdiſche Leidenſchaft zu hegen. ☚ ☚ 87 Nun war aber Roſalinde durchaus kein blaſſes Mädchen, von innerem Gram zernagt, kein ätheriſches Weſen, ſondern auf ihren Wangen blühte eine vielleicht zu intenſive Röthe der Geſundheit; die Fülle ihrer Geſtalt war ſehr in die Augen ſpringend, und wer ſie zum erſten Male oberflächlich ſah, der hätte Alles eher in ihr geſucht als die Schwärmerin, die alle Lieder Heine's auswendig wußte und jeden Morgen mit der ganzen Kraft ihres vor Sehnſucht über die Ufer ſtrö⸗ menden Organs zum Klaviere ſang: „Ich wollt', meine Schmerzen ergöſſen Sich all in ein einziges Wort—“ 8 oder: „Und wüßten's die Blumen, die kleinen, Wie tief verwundet mein Herz, Sie würden mit mir weinen Und theilen meinen Schmerz!“ Roſalinde gab in dem kleinen Städtchen den Ton an. Sie war das Orakel für alle neuen Erſcheinungen der Literatur, die ſich in die Leihbibliothek des kleinen Ortes erſt dann verirrten, wenn ſie in der großen Welt beinahe vergeſſen waren. Ebenſo beſtimmte Roſalinde die Moden; ſie war ſtets nach dem neueſten Geſchmack gekleidet und ging ihren Mitbürgerinnen auf dieſem äſthetiſchen Gebiete voran. Ihre Schuld war es nicht, daß in dem 88 Städchen für neu galt, was vor Jahren in Paris einmal Mode geweſen war. Die Putzmacherin und Schneiderin für die Hono⸗ ratioren erhielt die Modelle erſt dann, wenn ſie in der Reſidenz und den Städten zweiten Ranges nicht mehr abgeſetzt werden konnten, und ſo gingen die Schönen des⸗Städtchens im ſtolzen Gefühl, das Neueſte zu tragen, in Wirklichkeit wie Matronen aus dem vori⸗ gen Jahrhundert umher. Hans war ſo unvorſichtig, Roſalinde darüber eine Bemerkung zu machen, und als ſie ihm nicht glauben wollte, ließ er ſogar das neueſte Modejournal aus Paris kommen. Seine Erwartung, Roſalinde ſich hierdurch auf ewig zu verpflichten, wurde furchtbar betrogen. Sie ſah ſich herabgeſtürzt aus ihrer erträumten Höhe; mit wehmüthiger Verachtung nahm ſie nun die neueſten Arbeiten der beſtürzten Putzmacherin entgegen; mit Thränen beſtürmte ſie den Bürgermeiſter, ihren Vater, mehr Unternehmungsgeiſt in die trägen Handwerksleute zu bringen, bis dieſer, der den erſten Kaufladen der Stadt beſaß, der Bürgerſchaft mit gutem Beiſpiel voranging. Der kleine Laden wurde umgebaut, koſtbare Spie⸗ gelgläſer an Stelle der Mauer eingeſetzt, und bald prunkte hinter ihnen eine glänzende Auslage, welche dem erſten Gewölbe der Reſidenz nicht nachſtand. Delicateſſen, koſtbare Seidenſtoffe, Luxusartikel aller Art wurden verſchrieben, und mit Staunen ſahen die guten Bürger Dinge hinter den hellen ungeheuren Scheiben geſchmackvoll ausgeſtellt, von welchen ſie in ihrer Einfalt bisher keine Ahnung gehabt hatten. Wohl gelüſtete es Manchen, von den feinen Biſſen zu koſten, manche Frau und manches Mädchen fragte nach dem Preiſe der ſo täuſchend nachgemachten Dia⸗ manten und Schmuckgegenſtände, aber die Meiſten ſchraken entſetzt zurück, als der Ladendiener die hohen Summen nannte. Im Anfange ließ ſich freilich ein oder der andere Spießbürger verlocken, von den, weil der Abſatz ſo gering war, verdorbenen Delicateſſen zu kaufen, und manche Dame entſchloß ſich, einen Schmuck zu erhan⸗ deln, weil ſie nicht hinter Roſalinde, die alle Tage einen andern trug, allzu ſehr zurückbleiben wollte. Allein bald war das Scheingold ſchwarz geworden, und abgeſchreckt von dem theils falſchen, theils zu koſt⸗ baren Glanze, der für die Käufer im Städtchen kein Bedürfniß war, blieben viele Kunden nach und nach von dem Laden des Bürgermeiſters weg. O, wie haßte nun Roſalinde den armen Hans! 90 Er war an Allem ſchuld, er hatte ſie zuerſt vom Baume der Erkenntniß eſſen laſſen. Freilich waren viele Ein⸗ wohner der Stadt von dem Bürgermeiſter mehr oder weniger abhängig und mußten nach wie vor noch in ſeinem Laden kaufen, ſein Wohlſtand war unerſchütter⸗ lich, ſein Stolz als Geſchäftsmann aber tief gedemü⸗ thigt; er wußte, daß Viele heimlich manche Bedürfniſſe jetzt in dem kleinen Laden des Krämers Molling holten. Roſalinde beſaß eine große Seele; ſie wollte zeigen, daß es ihr um wahre Aufklärung, um den Fortſchritt zu thun ſei, um das Wohl der Stadt. Deshalb theilte ſie den aufkeimenden Groll ihres reichen Vaters gegen den alten Molling, ſeinen Rivalen, nicht, ſondern ſie zeichnete vor allen Männern und Juünglingen jetzt gerade Karl abſichtlich aus. Ohne Arg ließ der ſchöne Karl ſich dieſe Freundſchaft gefallen, aber bald wurde für Roſalinde aus dem Spiele Ernſt, und ohne daß Karl die leiſeſte Ahnung davon hatte, verzehrte ein freilich gar nicht ſichtbarer Gram die Seele der leiblich immer mehr gedeihenden Roſalinde, und im neueſten Pariſer Coſtüm, das ſie ſich jetzt direct aus der Welt⸗ ſtadt kommen ließ, was dem Papa manchen Seußzer auspreßte, ſang ſie:„O, wenn Du wärſt mein eigen!“ und:„Wie kann man doch nur in ſo kurzer Zeit ſo unausſprechlich ſich lieben?“ ——— 91 Hans war nicht geſonnen, ſich zur zweiten Rolle verurtheilen zu laſſen. Er brütete Rache. Die Putz⸗ macherin, durch Roſalindens Hochmuth um ihren Haupt⸗ verdienſt gebracht, ſann ebenfalls auf Vergeltung. Die Frauenzimmer des Städtchens, welche es jetzt an Klei⸗ derpracht Roſalinde nicht mehr gleichthun konnten— die Ehemänner ſchnitten ziemlich grob ein⸗ für allemal jede Hoffnung dazu ab— fühlten namenloſen Neid und raunten einander nicht liebevolle Bemerkungen über Roſalinde in die Ohren. Sie war zu hoch ge⸗ ſtiegen, und Hans wußte die Quellen der Unzufrieden⸗ heit zu ſammeln. Die Kriſis drohte; ſchon zuckte ein Blitz über den bisher heitern Himmel, der den Sturm verkündete. Hans von Kaſten hatte die Bemerkung in einem Kränzchen fallen laſſen:„Ein Mädchen, welches alle Kleider aus Paris bezieht, verachtet die inländiſche Induſtrie und iſt eine Verrätherin des Vaterlandes.“ Achtes Kapitel. In indiſchen Schloß. Motto: Was meinem Leben Licht verleiht, Der Dichtung Luft, der Dichtung Wonnen, Was mir im Buſen blüht und mait, Hab' ich am blauen See gewonnen. Auguſt Becker's„Jungfriedel“. Der See lag ſo ruhig zwiſchen den hohen Bergen, die jetzt das Winterkleid abzuſtreifen begannen. Der warme Sonnenſtrahl kämmte von ihren Häuptern den Schnee; in tauſend Ritzen und Falten des uralten Geſteins rann das geſchmolzene Eiswaſſer ab, ſammelte ſich in Bächen, ſtürzte hinab in den Alpſee und er⸗ zählte ihm, daß der Frühling im Anzuge ſei und ſeiner Macht nichts widerſtehen könne. An der ſchönſten Stelle des Sees, wo eine kleine Halbinſel ins Waſſer hinausragte, ſpiegelte ſich in 93 ſeiner Flut der herrliche Park und Garten der Be⸗ ſitzung der Wittwe des Barons Ludwig Billmann freundlich ab; heute lag auch kein Schnee mehr auf den Bäumen, ſondern da und dort waren Knospen nahe daran, aufzubrechen; das Gras wuchs ſchon vor⸗ laut empor, um möglichſt raſch die Veilchen, die unbe— ſcheidenen Erſtlinge des Frühlings, welche mit Unrecht für das Symbol der Demuth gelten, zu überholen und ſie zu verſtecken; die Gänſeblümchen reckten ſich ſchon ſtolz empor, wie kecke Backfiſche, die im Bewußtſein ihrer Jugend und Friſche die Vorzüge farbenreicher gereifterer Blumen übermüthig verachten. Der Epheu, der die Giebelmauer des geräumigen Wohnhauſes bedeckte und in ehrgeizigem Streben ſchon faſt den Firſt erkletterte, ſah vornehm herab auf die flüchtigen Halme und hinfälligen Blümchen, die da unten um den Vorrang ſtritten und ſich doch des Sie⸗ ges nie freuen konnten, da ſie alle dem Winter zur Beute fielen, während er, der Epheu, ſchon viele, viele Jahre die Mauer umklammerte und neue Zweige immer⸗ grüner Blätter trieb. Das Wohnhaus war ehemals ein Jagdſchloß des Landesfürſten geweſen, aber gänzlich in Verfall gerathen, ſeit der verſtorbene Monarch etwas tiefer im Gebirge die herrliche große Villa gebaut hatte, welche der junge König jetzt bewohnte. Eine Zeit lang hauſte noch ein Förſter im alten Jagdſchloß, dann wurde es verkauft, ging in mehrere Hände über, bis endlich Baron Franz Billmann es für die Familie ſeines Bruders Ludwig erſtand. Jetzt ſah das vergrößerte Gebäude freilich ganz anders aus, viel luftiger und freier. Große Fen⸗ ſter ließen überall das Licht reichlich eindringen; der Park in nächſter Nähe des Hauſes war auf drei Seiten etwas abgeholzt worden, ſodaß die Ausſicht auf den See frei wurde. Eine breite Veranda an der Haupt⸗ fronte und die Freitreppe, welche faſt bis ans Ufer des Sees führte, gaben dem Schlößchen ein ſehr ſtatt⸗ liches, vornehmes Ausſehen. Die warme Mittagsſonne geſtattete den Bewoh⸗ nerinnen des Hauſes ſchon den Aufenthalt im Freien und lockte hinaus auf die Veranda. Dem Wintergarten wurden ſeine blühendſten Pflan⸗ zen und Blumen entnommen, um den Raum freundlich zu ſchmücken; ein großes, roth und weiß geſtreiftes Zelt⸗ dach von Segeltuch hielt die Sonnenſtrahlen von dem Tiſche ab, an welchem zwei Mädchen, in ihre Ar⸗ beit vertieft, ſaßen. Zuweilen aber fanden ſie doch Zeit, zu der ältern Dame, welche unter der geöff⸗ neten Flügelthür halb im Freien, halb im Zimmer Platz genommen, hinzuſehen oder ein Wort mit ihr — ———ſſſ 95 zu wechſeln; dann flogen die Federn wieder über das Papier hin. „Es iſt doch eine herrliche Sprache!“ rief das ältere der Mädchen, eine Blondine von mittlerer Größe; das friſche Geſicht mit den lebenswarmen Zügen, den hellen blauen Augen, dem freundlich lächelnden Mund mit. den vollen Lippen und den blendend weißen Zähnen machte einen feſſelnden Eindruck, der durch die Schalk⸗ haftigkeit und Heiterkeit der ganzen Erſcheinung noch gewann. Die Munterkeit Juliens, der Tochter der Baronin Billmann, hatte nichts Zudringliches oder Verletzendes, ſondern ergab ſich von ſelbſt aus einem offenen Ge⸗ müth, dem die angelernte Zurückhaltung ſo vieler Mäd⸗ chen von heutzutage gänzlich fremd war. Ja, Julie konnte manchmal recht ausgelaſſen ſein, allein ein angeborener natürlicher Takt hinderte ſie, je die Grenzen des Schicklichen zu überſchreiten. Ein ſcharfer Verſtand und ſchneller Witz zeigten ihr ſtets den richtigen Weg, um ſich aus den luſtigen Sprüngen einer lebhaften Einbildungskraft und den Irrgängen jugendlich toller Laune in die Gleiſe des Herkömm⸗ lichen zurückzufinden. „Es iſt eine herrliche Sprache“, wiederholte ſie begeiſtert;„ſeit ich Schiller kennen lernte, finde ich 96 keinen Geſchmack mehr an den franzöſiſchen und eng⸗ liſchen Dichtern.“ „Uud doch warſt Du von Racine und Corneille, die wir vergangenen Winter laſen, ſo entzückt“, be⸗ merkte lächelnd die Mutter,„doch quälteſt Du den Onkel Brown, Dich in die Reſidenz mitzunehmen, um die Meiſterwerke Shakſpeare's auf der Bühne zu ſehen!“ „Was er aber nicht that, der böſe Onkel“, ver⸗ ſetzte Julie mit blitzenden Augen;„er meinte, die Ro⸗ meos der Reſidenz würden meinen Idealen nicht ent⸗ ſprechen.“ Sie lachte übermüthig, und jetzt legte auch die Nachbarin die Feder weg und ſah erſtaunt empor. Der träumeriſche Blick Sophie Warren's, einer Pflegetochter der Baronin, beſaß jenen feuchten Glanz, jenen geheimnißvollen Zauber, welcher nur den im Süden geborenen Frauen eigen iſt. Man konnte ſich keinen lieblichern Contraſt denken, als dieſe beiden Mädchen boten. Julie, gleich einem Engel des Lichts, einem nor⸗ diſchen Elf, mit Wangen wie Milch und Blut, gold— lockig und blauäugig, heiter wie ein Maientag. Ueber Sophiens edlen Zügen hingegen lag die Ruhe, der Adel claſſiſcher Schönheit. Ihr Teint war bleich und gleichförmig und ſpielte ein wenig ins Bräun⸗ 97 liche; das bläulichſchwarze Haar fiel in dichten natür⸗ lichen Locken auf ihren Nacken, die ſtarken gewölbten Brauen und langen ſchwarzen Wimpern ließen die dunkelbraunen Augen noch größer erſcheinen. Die ſcharfgeſchnittenen feinen Lippen verliehen dem herrlichen Antlitz einen Zug von Würde, etwas Ernſtes und Gemeſſenes; dies fiel beſonders neben dem leb⸗ haften Weſen der beweglichen Julie auf, und bei ober⸗ flächlicher Betrachtung konnte man Sophie für die Aeltere halten. Nur in der über Sophiens ganzes Weſen noch ausgebreiteten Kindlichkeit, in dem Hauche jugend⸗ licher Unſchuld und dem ſchwärmeriſchen Vertrauen, womit ſie zu der Freundin aufblickte, ließ ſich erkennen, daß ſie eben erſt die Schwelle der Kindheit übertreten hatte 4 Sophie, in Indien geboren, verlor beide Aeltern während der Revolution und wurde von Mr. Brown, ihrem Vormund, zur Erziehung der Baronin Billmann übergeben, welche ſie wie ihr eigenes Kind behandelte, „Da lies“, ſagte das reizende Mädchen, verſchämt erröthend und das Arbeitsheft Julie hinſchiebend,„und lache über meine Fehler, aber verbeſſere ſie. Die deutſche Sprache mag ſchön ſein, jedenfalls iſt ſie gedankenreich, aber entſetzlich ſchwer.“ „Die Lotosblume ängſtigt ſich noch vor der Sonne Schubert, ie Jagd nach dem Glücke. I.. 7 98 Pracht“, citirte Julie und las eine angefangene Ueber⸗ ſetzung des„Vicar of Wakefield“ ins Deutſche. Jene ſchöne Erzählung war damals noch ſehr be⸗ liebt und die Baronin ließ Sophie dieſelbe zur Uebung ins Deutſche überſetzen. Julie ſchien ſehr zufrieden. „Das geht ja herrlich!“ rief ſie aufſpringend und Sophie umarmend.„In Dir ſteckt eine Dichterin und Du kannſt bald von mir nichts mehr lernen. Sieh nur, Mama, wie ſchön, wie gewandt—“ Ein Schuß, der plötzlich ganz in der Nähe ertönte, erſchreckte die drei Damen, und ehe ſie ſich noch ein wenig erholt hatten, hörten ſie den Hufſchlag eines in raſendem Laufe dahinſprengenden Pferdes. Sie eilten an die Brüſtung der Veranda, von wo aus man die hart am Seeufer hinführende Straße überblickte. „Das iſt ja der Vetter!“ rief die Mutter. „Das Pferd geht mit ihm durch!“ fuhr Julie fort.„Aber, mein Gott, wer ruft da um Hülfe?“ Der aus einem weiblichen Munde kommende Schrei wiederholte ſich jetzt im Innern des Hauſes, und nun erſchien, athemlos vor Aufregung, Chriſtine, die Schwe⸗ ſter Karl Molling's. „Sie ſind es, Fräulein Chriſtine?“ ſtotterte die —— —— —— 99 Baronin, welche einen großen Theil ihrer Haushal⸗ tungsbedürfniſſe dem Kramladen in dem nur eine halbe Stunde entfernten Städtchen entnahm und daher das hübſche Mädchen kannte.„Faſſen Sie ſich! Was iſt ge⸗ ſchehen?“ „Hülfe— mein Bruder—“ ſtammelte in unzuſam⸗ menhängenden Worten das aufgeregte Mädchen—„das Pferd— er iſt überritten— er blutet und liegt ohn⸗ mächtig auf der Straße.“ Sophie war zuerſt gefaßt. „Raſch hinab, laßt uns helfen!“ ſagte ſie ent⸗ ſchloſſen, und ohne Zögern eilte ſie hinaus, von Julie und Chriſtine gefolgt. Auf der Treppe begegnete ihnen der Jäger, deſſen Schuß auf eine Ente das Pferd des vorbeireitenden jungen Grafen Ultritz ſcheu gemacht hatte, und ein alter Diener der Baronin, welche den bewußtloſen Karl trugen. Die Baronin befahl, ihn auf das nächſte Sopha zu legen, der Jäger verſprach einen Arzt zu holen, und erſt nachdem es den vereinten Bemühungen der Hausbewohner gelungen war, das Blut der Wunde auf Karl's Stirn zu ſtillen, vermochte Chriſtine etwas genauer ſich zu erinnern, wie Alles ſo gekommen war. Der Jäger, ſagte ſie, ſei ein königlicher Jäger . 7 100 und habe weder ſie, noch den hinter ihnen nahenden Reiter geſehen, als er auf die Ente im See ſchoß. Das nun plötzlich davonſtürzende Pferd habe wohl ohne Verſchulden des Reiters im furchtbaren Anpall den Bruder niedergeworfen und mit dem Eiſen eines Hufes ihm die Stirn geſtreift. Weinend berichtete Chriſtine, daß ſie mit dem Bruder, der erſt von der Univerſität zurückgekehrt ſei, einen Spaziergang an den See gemacht habe, der nun ſo entſetzlich ausge⸗ fallen ſei. Man beſchloß, daß Julie ſogleich den Aeltern des Verwundeten Nachricht geben und daß ſowohl der Die⸗ ner als die Baronin ſelbſt ſich aufmachen ſollten, den einzigen Arzt des Städtchens an verſchiedenen Orten zu ſuchen. Es wurde raſch eingeſpannt. Chriſtine und Sophie blieben bei dem noch immer Ohnmächtigen zurück. Zitternd legten die Mädchen die naſſen Tücher auf das Haupt des Verwundeten und die unglückliche Schweſter fürchtete, daß der Tod ihr den geliebten Bruder entreißen werde. Auch Sophie, die noch nie einen Menſchen ſterben ſah, erbebte; der Anblick des blaſſen jungen Mannes zerſchnitt ihr das Herz. Aber ſie nahm ſich zuſammen und griff nach der Hand Karl'’, um ſeinen Puls zu fühlen, wie ſie —— es von ihrem Arzte— nun der Bewußtloſe die Berül mechaniſch dagegen wehren, oder war es Bewegung, ſeine Hand klammerte ſich um die des Mädchens und hielt ſie feſt, ſodaß ſie dieſelbe nicht loszureißen wagte, aus Furcht, die Erſchütterung könne ſeinem Gehirn Schmerzen bereiten. „Er lebt!“ flüſterte ſie und ein eigenes Gefühl überkam ſie, als ſie ſich gewiſſermaßen gefangen ſah. „Er öffnet die Augen! Gott ſei Dank!“ jubelte die Schweſter. Sophie ſah jetzt zum erſten Mal Karl's Antlitz genauer an. Er ſchlug langſam die Augen auf und blickte verwundert, wie im Traume, umher, bis ſein Blick auf Sophie fiel. Einen Moment nur begegneten ſich die leuchtenden Sterne, aber tief ſenkte ſich des Jünglings ſtaunender Blick in die dunklen geheimniß⸗ vollen Augen des wunderſchönen Mädchens; ein Blut⸗ ſtrom ſchien aus ſeiner warmen Hand in ſie hinüber⸗ zuwogen, mächtiger pochte ihr Herz, ſie löſte ihre Hand aus der ſeinen, aber ſie ſtarrte noch immer auf das hübſche bleiche Angeſicht Karl's, als ob noch einmal jene Sonnen aufleuchten müßten, deren Licht eine bis⸗ her unbekannte Welt in ihr wie ein Blitz die dunkle Nacht ahnungsvoll erhellt hatte. Aber die Lider waren e oeuteten an, Jen ſiegte und der Körper im Ehe die Baronin mit dem endlich aufgefundenen Doctor des Städtchens zurückkam, traf der königliche Leibarzt, dem der Jäger begegnet war, im Schloſſe ein. Er befahl, nachdem er die Wunde beſichtigt, den Schlafenden ja nicht zu wecken und die tiefſte Stille zu beobachten. Im Uebrigen verſicherte er dem von Julie herbeigeholten Vater Karl's, daß keine Gefahr mehr vorhanden ſei. Der Arzt hatte ſich nicht geirrt; nach einigen Stunden erwachte Karl, wußte ſich an Alles zu er⸗ innern und klagte nur noch über etwas Kopfſchmerzen. Er wurde nun in Begleitung des Leibarztes ins väter⸗ liche Haus transportirt. Vater und Schweſter, nachdem ſie in Karl's Namen innigſt für die Theilnahme und Unterſtützung, die er im Schloſſe gefunden, gedankt hatten, folgten in der Equipage der Baronin nach. Der Vorfall erregte ungeheures Aufſehen in dem kleinen Städtchen, aber noch größer wurde das Stau⸗ nen, namentlich der weiblichen Bewohner, als infolge jenes Ereigniſſes ſich eine Art von Umgang zwiſchen der beſcheidenen Krämerfamilie Molling und den reichen 103 Leuten im indiſchen Schloſſe, wie man ihre Beſitzung nannte, entſpann. Nicht nur war Karl, als er nach acht Tagen, völlig hergeſtellt, perſönlich der Baronin und deren Töchtern dankte, außerordentlich freundlich aufgenommen und aufgefordert worden, ſeine Beſuche zu wiederholen, ſondern ſelbſt Karl's Schweſter war mehrmals in das Schloß eingeladen worden. Ueber das Benehmen des jungen Grafen von Ultritz, des unſchuldigen Urhebers dieſer merkwürdigen Vorgänge, herrſchte nur eine Stimme des Lobes. Ob⸗ wohl er mit dem wüthenden Pferde in der Nähe der königlichen Villa geſtürzt war und ſich ſelbſt dabei die linke Hand verſtaucht hatte, eilte er ſchon am nächſten Morgen zu Karl, bat ihn um Entſchuldigung und zeigte die herzlichſte Theilnahme. Das Auftreten des jungen Cavaliers war ſo ge⸗ winnend und beſcheiden, daß Karl ihm, obgleich er im Allgemeinen gegen alle Höflinge ein Vorurtheil hegte, ſeine Sympathie nicht verſagen konnte. Die beiden jungen Leute trafen ſich nun faſt täglich im indiſchen Schloß, wo ſich der junge Graf Ultritz auf briefliche Aufforderung ſeines Vaters als Verwandten den Damen ſchon früher vorgeſtellt hatte. Roſalinde war außer ſich. Mit den„indiſchen Koketten“ konnte ſie nicht in die Schranken treten, ſagte 104 ſie ſich; keine deutſche Jungfrau dürfe ſich ſo tief er⸗ niedrigen. In Thränen des Zorns aufgelöſt, hauchte ſie ihren Schmerz, verrathen zu ſein, in ſchmelzenden Liedern aus. Karl beſuchte ſie nicht mehr, all ſeine freie Zeit widmete er den Ausländerinnen; blind für Roſalindens bittende Blicke, wenn er ihr zufällig begegnete, bemerkte er den Kummer ihres Herzens nicht, und ſie war doch ſo tief gebeugt. Wenn ſie im Spiegel, ſich ſelbſt be⸗ mitleidend, forſchte, ob denn der Gram nicht ihr Ant⸗ litz entſtellte, mußte ſie ſich freilich bekennen, daß es für Karl ſchwer war, hinter dieſen von Geſundheit ſtrotzen⸗ den Zügen die unglückliche Liebe, die ſie folterte, zu errathen. Kein Schwindſüchtiger konnte ſo ängſtlich die Zeichen der fortſchreitenden Zerſtörung ſeines An⸗ geſichts im Spiegel beobachten, wie Roſalinde die Zu⸗ nahme der unverwüſtlichen Friſche ihres Teints mit Unwillen und Groll betrachtete. Die übrigen Mädchen des Städtchens dachten nicht weniger gehäſſig als Roſalinde über die„India⸗ nerinnen“, die ſo ſtolz jeden Verkehr mit ihnen ver⸗ mieden. Dieſe kriegsluſtige Stimmung benutzte Roſalinde und ſchloß mit den ebenfalls beleidigten Genoſſinnen eine Art Bündniß, um mit vereinten Kräften die 405 ausländiſche Partei zu beobachten und, wenn noth⸗ wendig, angriffsweiſe in die Action einzutreten. Jetzt bereute Roſalinde, daß ſie Hans von Kaſten's zarte Huldigungen hartherzig abgewieſen— er hätte als Ritter für die gekränkte Ehre der deutſchen weiblichen Jugend ihre Farbe tragen, für ſie in Kampf und Tod ziehen können. Sie aber hatte ihn von ſich geſtoßen und er war ins Lager des Feindes übergegangen; er beſuchte tagtäglich Mollings, und wie ein leiſe geflüſtertes Ge⸗ rücht behauptete, übernahm die muntere Chriſtine die Aufgabe, ihn von ſeinen vaterländiſchen Pflichten ab⸗ zulocken und ihn mit einem feſten Netze zu umſtricken, ſodaß er auf immer für die Gutgeſinntrn verloren war. Verzweiflungsvoll blickte Roſalinde ſich nach einem Re ter um, aber— o Schande für die Stadt!— ſie fand Niemand, der nur einigermaßen dem Ideal eines ſolchen entſprach. Die meiſten Beamten waren ver⸗ heirathet, viele der Ledigen gingen nicht in Geſellſchaft, Andere ſtanden auf einem zu niedern ſocialen Cultur⸗ ſtandpunkt und trugen nicht einmal Handſchuhe. Die wenigen noch übrigbleibenden Jünglinge waren bloße Statiſten, entweder noch blutjunge Geier, die in ihrer Blödigkeit lieber Kegel ſpielten, als mit den Damen ſich unterhielten, oder Comptoiriſten, Sklaven des Gottes 106 Mercur, mit zu materieller Geſinnung, als daß man ihnen eine ſo große, erhabene Rolle anvertrauen konnte. So blieb denn zunächſt nichts Anderes übrig, als der Minenkrieg der Verleumdung, und darin leiſteten auch die vereinigten Schönen Unglaubliches, in der menſchen⸗ freundlichen Hoffnung, daß mit der Zeit irgend ein glücklicher Umſtand den Funken liefern werde, die an⸗ geſammelte Zündmaſſe zur furchtbarſten Exploſion zu bringen. Ohne Ahnung von dieſer weitverzweigten Ver⸗ ſchwörung genoß Karl die Annehmlichkeiten, welche der Umgang mit der Familie vom Schloſſe ihm ge⸗ währte. Die Baronin beſaß den ganzen Freiſinn ihres Onkels, Mr. Brown, und da ſie ſchnell erkannt, welch eine begabte Natur Karl Molling war, wie ſehr aber es in ihm noch gährte und welch nachtheiligen Einfluß das Univerſitätsleben auf ſeine Geiſtesrichtung geäußert, ſo beſchloß ſie, den jungen Mann unmerklich zu bilden, und entzog ihn der kleinlichen Sphäre des Vaterhauſes. Der ziemlich bejahrten Dame gegenüber litt Karl nicht unter der Befangenheit, die Jünglingen aus bür⸗ gerlichen Kreiſen hochgeſtellten Damen gegenüber bei⸗ nahe ausnahmsweiſe anhaftet. Die bei aller Freund⸗ lichkeit immer noch förmliche und reſervirte Haltung, die durch langen Aufenthalt in England angenommene . V 107 engliſche Ruhe der vornehmen Frau befremdete Karl nur anfangs; war es doch gerade dieſer würdige Ernſt der Wittwe, der den ſüßlichen Ton, den ſo viele ältere Frauen jüngern Männern gegenüber anſchlagen, aus⸗ ſchloß und Karl erlaubte, mehr durch ſeinen Verſtand als durch ſein Benehmen zu glänzen. Seine ernſt ge⸗ meinte Erklärung, daß er ſich als Schriftſteller ver⸗ ſuchen wolle, gewann ihm vollends die Neigung der Wittwe. Mit den beiden jungen Damen Julie und Sophie ſtand Karl bald auf dem beſten Fuße, und oft, wenn er das Schloß verließ und das enge Vaterhaus mit ſeinen beſchränkten bürgerlichen Verhältniſſen und ſeiner geiſtigen Armuth ihn wieder umfing, mußte er ſich fragen, ob er nicht geträumt habe, ob es Menſchen oder Weſen einer höhern Gattung ſeien, mit denen er im indiſchen Schloſſe verkehrte. Immer mehr feſſelte Karl der dort herrſchende feine geſellige Ton, immer mehr gewann er das Ver⸗ trauen der würdigen Mutter und der lieblichen edlen Mädchen; die ungetrübte Klarheit, heitere Ruhe und Uebereinſtimmung der Meinungen in der nindiſchen“ Fa⸗ milie reinigte ſein Gemüth von der durch Heinrich's Umgang ihm eingeimpften Verbiſſenheit und lächerlichen Spottſucht, und er fühlte mit Freude in ſich die Kraft 108 erwachen, ſein Leben nur großen und edlen Zielen zu widmen, als Mann ſich der Welt nützlich zu machen. Das Leben der„indiſchen Koketten“ war wohl geeig⸗ net, einen jungen Mann in ſolch guten Vorſätzen zu beſtärken. Die Wittwe und Mr. Brown hatten die beiden Mädchen in Wahrheit muſterhaft und, was ſich hieraus eigentlich von ſelbſt ergibt, eigenthümlich er⸗ zogen. In fremden Sprachen, deutſch und franzöſiſch, unterrichtete die Mutter ſie ſelbſt und die Schülerinnen laſen in beiden, ſowie in ihrer Mutterſprache nur die beſten Dichter; kein moderner franzöſiſcher, kein Sen⸗ ſationsroman kam ihnen zu Geſicht, und gerade die Wirkung dieſer Maßregel war eine ganz außerordent⸗ liche. Beide Mädchen blieben durchaus rein und edel; ihre auf dieſe Art gebildete Phantaſie verachtete von vornherein alles Halbe und Gemeine, denn die Leiden⸗ ſchaften der Dramen Shakſpeare's, Schiller's und Goethe's, ſelbſt die weniger wahren Geſtalten Racine's und Corneille's, die echte Muſe der Dichtkunſt über⸗ haupt, ſelbſt wenn ſie ſich zuweilen von der ſtrengen Linie der Natur und Schönheit entfernt, iſt doch immer erhaben und; ordert eine großherzige Seele, um ganz verſtanden zu werden. Die Leidenſchaft ſteigt nicht in kleinen Doſen zertheilt, wie im franzöſiſchen Roman, als unmerklich, aber ſicher berauſchendes Gift in die 109 unſchuldigen Kindergemüther, ſondern wirkt als ein Ganzes, Gewaltiges, kräftigt das empfängliche Herz und reinigt den Geiſt wie ein Gewitter die Luft, ſo⸗ daß nichts Unſauberes, Unfertiges darin wuchern kann. Die nackte Derbheit Shakſpeare's mag abſtoßen, aber ſie iſt nicht gefährlich; ſie mag unanſtändig ſein, iſt aber nicht unſittlich; die Blöße der Mediceiſchen Ve⸗ nus iſt erhaben, nicht verführeriſch, die wahre Schön⸗ heit würde durch Verhüllung entweiht. Darum iſt die dramatiſche Literatur der Claſſiker, die antike Kunſt die geſundeſte Nahrung für unverdorbene Gemüther, während der heutige Moderoman mit ſeinem Schielen nach verbotenen Früchten, ſeiner künſtlich erzeugten Sehnſucht nach ſinnlichem und überſinnlichem Kitzel, ſeiner überzuckerten Sittenloſigkeit einer gefärbten Brille gleicht, welche das Urtheil blendet, bis das Auge für Pflicht und Moral erblindet iſt. Mit richtigem Blick erkannte Mr. Brown, daß es nichts Gefährlicheres gibt, als die Phantaſie der Ju⸗ gend auf Abwege zu führen, und ſeine Sorge war es, dem Hang der weiblichen Natur zum vmantiſchen entgegenzuwirken.* Es war eine weiſe Maßregel, jedes Buch den Mädchen vorzuenthalten, das auf bloße Spannung ab⸗ zielt und einem Feuerwerk ähnelt, deſſen Abbrennen 110 man in ſteigender Erwartung und innerer Unruhe verfolgt, das aber, wenn es ſeine vergänglichen Sterne und Feuergarben verpufft hat, nichts zurückläßt als ein wenig Rauch und Aſche. Wenn man ſich ernſtlich fragt, was man eigentlich durch das Leſen eines Sen⸗ ſationsromans gewann, ſo iſt die Antwort: er hat uns das Herz ein wenig verbrannt, aber ſo leer ge⸗ laſſen wie die Rakete ihre Hülſe. Eine weitere Eigenthümlichkeit des Unterrichtsſh⸗ ſtems war, daß alle Vielwiſſerei ausgeſchloſſen, dagegen auf gründliche Erlernung namentlich der Naturwiſſen⸗ ſchaften um ſo nachdrücklicheres Gewicht gelegt wurde. Auswendig gelernt wurde faſt gar nicht, die Mäd⸗ chen durften die Vorträge des Onkels und der übrigen Lehrer nie nachſchreiben, ſondern unmittelbar floſſen die Worte des Lehrers in die Geiſter der Zuhörerinnen über. Was nicht begriffen wurde, das wiederholte der Greis geduldig, bis es völlig klar geworden. Erſt dann erlaubte er die Zuhülfenahme eines Buchs, eine ſchriftliche Ueberarbeitung des Gegenſtandes. Noch öfter jedoch ließ er die Mädchen den Inhalt mündlich wiederholen, wodurch der Schüler zum Redner wird und nun erſt wirklich das Erlernte als eigenes geiſti⸗ ges Eigenthum beſitzt, als einen immer lebendigen 111 Quell, der Herz und Geiſt durchdringt und befruch⸗ tend und anregend von dort in die Mitwelt und das Leben ausſtrömt. Man mag ſich vorſtellen, welch neues Leben für Karl begann, wie es ihn. anſpornte, auch ſeinerſeits nicht zurückzubleiben in dieſem geiſtigen Wettkampf; unabläſſig und mit eiſernem Fleiß holte er Vieles nach, was er auf der Univerſität verſäumt. Nebenher griff er ſeine poetiſchen Verſuche wieder auf und die drei Damnen nahmen freundſchaftlich An⸗ theil an ſeinem Streben; ſein Geſichtskreis, ſein Ur⸗ theil erweiterte ſich immer mehr, und bald durfte die Baronin ſich geſtehen, daß ſie aus dem talentvollen, aber in ſich unklaren und etwas blöden Jüngling einen Mann gebildet hatte, der ſich in jeder Geſallſhaß ſehen laſſen konnte. Der Neffe der Baronin, der junge Graf Ultritz, machte, ſoweit es ſein Amt als Ordonnanzoffizier zuließ, möglichſt oft Gebrauch von ſeinen Verwandt⸗ ſchaftsrechten. Seine Gewandtheit, ſein liebenswürdi⸗ ges Weſen und die Heiterkeit ſeines Temperaments, verbunden mit einer ſchönen Erſcheinung, befähigten ihn ſo recht zum Salonhelden. Allerdings war ſeine Bildung nur eine oberfläch⸗ liche, ſein Verſtand keineswegs hervorleuchtend, aber — 112 er machte auch gar keine Anſprüche darauf, ein Gelehrter zu ſein oder ſchwierige Probleme zu durchdenken. Scherzend und ſpielend nahm er die Welt mehr von ihrer Außenſeite, freute ſich der hervorragenden Stellung ſeines Vaters, der Gunſt des jungen Monarchen und genoß fröhlich, was ihm Geburt und Glück beſchieden. Er ſang nicht ſchlecht, und da namentlich Julie ſehr muſikaliſch war, ſo brachte ſein Beſuch in den Kreis der jungen Leute manche Abwechslung. Von Tag zu Tag ſah man im indiſchen Schloß der Rückkehr Mr. Brown's aus der Reſidenz entgegen und die Wittwe war ſehr enttäuſcht, als ein Brief deſſelben anzeigte, daß er nach England abgereiſt ſei, um noch einige Maſchinen für die Fabrik zu kaufen, die er in der Nähe des Städtchens anlegen wollte. Dieſe Unermüdlichkeit des alten Mannes, der ſich nie Ruhe gönnte, verſtimmte die Baronin Billmann manchmal; nicht nur wurde dann und wann die Laſt der Erziehung ihr allein übertragen, noch wichtigere Gründe machten ihr die baldige Rückkehr des Onkels wünſchens⸗ werth. Der junge Adjutant hatte ihr nämlich im Ver⸗ trauen mitgetheilt, es habe den Monarchen ſehr be⸗ fremdet, daß Mr. Brown nicht wie die übrigen Guts⸗ beſitzer um die Ehre einer Audienz nachgeſucht; 113 von ſeinem nächſten Nachbar hätte er dieſe Aufmerk⸗ ſamkeit am erſten erwartet. Anfangs antwortete die Baronin dem Neffen aus⸗ weichend; der junge Offizier ließ nun aber die Be⸗ merkung fallen, daß die Majeſtät ſich ſtets nach den Damen erkundige und geäußert habe, da Mr. Brown verreiſt ſei, wäre es eigentlich an ihm, den Nachba⸗ rinnen einen Beſuch zu machen. Die erfahrene Weltdame, welche den König in letzter Zeit öfter an dem Hauſe vorbeireiten ſah, machte ſich darüber ihre Gedanken und ſchrieb nun einen langen Brief an den Onkel. Schubert, Die Jagd nach dem Glücke. I. Neuntes Kapitel. Hanswagt einen Sturm. Motto: Warum auch ſchlich er dieſe Wege, Nach einem ſolchen Aepfelpaar? Er wird den Scherz nicht leicht erneuen, Er drückte ſchnell ſich aus dem Haus Und bricht auf einmal nun im Freien In bitt're laute Klagen aus. Goethe's„Der Müllerin Verrath“. Eines Mittags ſaß die Baronin mit den Mäd⸗ chen leſend im Wohnzimmer, als der eintretende Die⸗ ner einen fremden Herrn meldete, welcher den Damen ſeine Aufwartung zu machen wünſche. Die Wittwe bat Julie, dem Bedienten die Karte abzunehmen. „Hans von Kaſten“ las dieſe und rief: „Das iſt vermuthlich der Herr, der ſchon ſeit ein paar Tagen die Gegend um unſer Vans unſicher macht.“ 415 Der Diener blinzelte beſtätigend. „Den weiſen wir ab“, lag der Mutter, die un⸗ ſern Hans einmal ertappte, als er ſogar den Park ihres Beſitzthums in läſtiger Zudringlichkeit betrat, ſchon auf der Zunge. „Hat nicht Herr Molling den Namen erwähnt? Iſt der Herr nicht ſein Vetter? warf Sophie ein. „Wird mir angenehm ſein“, lautete nun der Be⸗ ſcheid der Wittwe. Hans hatte ſich ein Herz gefaßt, ſeine wankend gewordene Stellung in der Geſellſchaft durch eine kühne That zurückzuerobern. Was der Vetter Karl vermochte, war ihm gewiß ein Kinderſpiel. Nicht länger ſollte er ihn verdunkeln; wenn die vornehmen Ladies den Krämerſohn als Hausfreund aufnahmen, welche Aus⸗ zeichnung ſtand dann ihm, dem Adligen, erſt bevor! „Bah, man kennt dieſe aus England oder Ame⸗ rika ausgewanderten Leute“, pflegte Hanſens Mutter zu urtheilen;„es ſind meiſt Handwerksleute, die ſich etwas erwarben und jetzt bei uns die Ariſtokraten ſpielen wollen. Derlei Menſchen ſind ſelig, wenn ein wirklicher Edelmann, wie Du Gott Lobl biſt, lieber Hans, ſie ſeines Umgangs würdigt. Sind ſie wirklich reich, nun, wer weiß, wozu es führen kann!“ 2 8* 4˙6 Die Flügelthüren ſprangen auf und da ſtand er nun in ſeiner ganzen Größe vor den„Indianerinnen“, der Herr Hans von Kaſten. Wirklich, ſein Frack war tadellos, ſein Hemdkragen beſchämte den Schnee, die gris-perle-Handſchuhe um⸗ ſchloſſen ſeine fleiſchigen Finger, ſeine etwas plumpen Füße ſtaken in eleganten Glanzſtiefeletten, wie man ſolche im Städtchen noch kaum geſehen. Dafür ſchmerz⸗ ten ſie ihn auch in hohem Grade, ſodaß er unwill⸗ kürlich die Lippen zuſammenpreſſen mußte, wodurch ſein dickes Geſicht wie die Züge eines Guttapercha⸗ kopfes, den man drückt, ſich verzerrte, als ob der An⸗ blick der ſchönen Mädchen ihn peinige. Er nahm im Fauteuil, auf welches die Baronin deutete, Platz, und da die gefolterten Hühneraugen in dieſer Lage weniger ſtachen, kehrte das gewöhnliche verbindliche Lächeln auf Hanſens Antlitz zurück. Er hatte ſich ſelbſt wiedergefunden und begann ſogleich die ihm geläufigſten Schmeicheleien und Rede⸗ wendungen gegen die Damen, denen er zum erſten Male vorgeſtellt war, loszulaſſen; auch der natürlich ſchon verblühten Wittwe ſtreute er ohne Geiz einen Weihrauch der Huldigung, deren Uebermaß auch ohne die eingehendere Bewunderung beſonderer Reize eine Beleidigung war. . — 41ʃ Vergebens wartete Hans auf den dankbaren Applaus ſeiner Zuhörerinnen. Hatte er etwa noch zu wenig gethan, waren die indiſchen Koketten an noch ausgiebigere Bewunderung gewöhnt? Woher nur dieſe Kälte, dieſe Bemerkungen über ganz fern liegende Gegenſtände? Das Lächeln erſtarb jetzt auf Hanſens Lippen; er ſprach nun ernſthaft von ſeinen Ahnen, ſeinem Vermögen, dem Landleben, von der Jagd, vom Reiten, aber Alles mißlang ihm, er konnte ſich in den vor⸗ nehmen Ton der Familie nicht hineinfinden, brachte nur Albernheiten zu Tage. Wie alle echten Kleinſtädter verlegte er ſich zuletzt aufs Ausfragen. Anfänglich befriedigte man ſeine Wißbegierde, als er aber indiscret wurde, trat eine tiefe Stille ein. In dieſer Noth der höchſten Ver⸗ zweiflung verließ Hans jedes Selbſtgefühl und als Rettungsanker warf er die Bemerkung hin, Karl Molling ſei ſein beſter Freund und lieber Vetter; durch ihn ſei er indirect aufgefordert worden, im Schloſſe Beſuch zu machen. Die Damen ſahen ihn nun aber ſo eigenthümlich forſchend an, daß er über die Lüge erröthete, denn gerade Karl hatte ihm ſtets abgerathen, in das in⸗ diſche Schloß zu dringen. 118 Jetzt verſtummte ſelbſt die muntere Julie, welche wenigſtens hier und da, wenngleich durch ſehr ſpitze und doppelſinnige Bemerkungen, ihn einer gewiſſen Aufmerkſamkeit gewürdigt. Sophie hatte ohnehin noch keine Silbe geäußert, die Baronin war von einer echt engliſchen Ruhe, wie Hans ſie nicht für möglich ge⸗ halten. Er erhob ſich; der Zorn über ſeinen Mißerfolg kämpfte mit dem jetzt wüthend auftretenden Schmerz, den die engen Lackſtiefel verurſachten. Xenophon's Rückzug war nicht bewunderns⸗ werther als die Seelenſtärke, mit welcher Hans nach und nach die Thür gewann. Hans bemühte ſich, ein überlegenes höhniſches Lächeln zu affectiren, was ihm nur mit einer Geſichts⸗ hälfte gelang, denn die andere lag unter dem Banne der unwillkürlichen Reflexbewegung, zu welcher das Zucken der Hühneraugen auch willensſtarke Sterbliche zwingt. Dieſer komiſche Anblick war eine zu ſtarke Prüfung für die ausgelaſſene Julie; kaum lag die Thür zwiſchen ihr und dem ſeltſamen Don Juan des Städtchens, da konnte ſie ihrer Lachluſt nicht mehr gebieten. Sie ergriff die nun auch lächelnde Sophie und zog ſie tanzend in dem Zimmer umher und ge⸗ berdete ſich wie toll. 119 „Aber Julie!“ rief die Mutter verweiſend. In dieſem Augenblicke wurde die Thür geöffnet; der junge Graf Ultritz rief auf der Schwelle: „Se. Majeſtät!“ Und vor den erhitzten Mädchen, welche nun athem⸗ los innehielten, ſtand ebenſo überraſcht wie ſie ſelbſt der König. Zehntes Kapitel. Die Verſchwörung. Motto: Wie gern wär' ich ſie los die Schmerzen! Allein es ſitzt zu tief in meinem Herzen und Spott vertreibt die Liebe nicht. Goethe's„Liebe wider Willen“. Wüthend verließ Hans von Kaſten das indiſche Schloß; er achtete kaum auf den Regen, der aus einer Gewitterwolke ſehr ausgiebig auf ſeinen neuen Frack 3 niedergoß. Ihm ſelbſt brachte das Naß keine Kühlung, ſein Inneres kochte, denn ſeine Eigenliebe war zu tief gekränkt. Er konnte freilich die Schloßbewohnerinnen keiner Verletzung irgend einer Regel der Artigkeit anklagen, im Gegentheil, ſie waren nur zu höflich, nichts als höflich und eben dadurch ſo unnahbar geweſen, daß er dieſe Schranke nicht zu überſpringen, dieſe Region 121 kühler Förmlichkeit nicht zu durchdringen vermocht hatte. Man war ſeiner Abſicht, ſich zu entfernen, mit einer gewiſſen Eile entgegengekommen, welche einem Verbitten fernerer Beſuche ſehr ähnlich ſah, aber die Wittwe unterließ nicht, dabei zu flüſtern:„War mir ſehr angenehm“, freilich in einem Tone, welcher das Gegentheil bedeuten konnte. Und erſt die Mädchen! War es denn denkbar, daß Miß Julie zum Lohn für ſeine Complimente durch ihre Bemerkungen ihn geradezu lächerlich machte, daß Sophie wie eine Wachs⸗ figur gar kein Lebenszeichen gab? Er fühlte, daß er das Schloß nicht zum zweiten Mal betreten konnte. Die Unmöglichkeit, mit den Ausländerinnen bekannt zu werden, ſchmerzte aber unſern armen Hans doppelt, ſeit er dieſelben in der Nähe geſehen, denn ſein Herz war keineswegs unempfindlich für die Schönheit der beiden Mädchen, welche ein fremdartiger Reiz⸗ ein un⸗ ausſprechlich vornehmes Etwas wie ein feines Parfüm umduftete, das ſie nur um ſo intereſſanter und be⸗ gehrenswerther in ſeinen Augen machte. Von der Liebe zum Haſſe iſt nur ein Schritt. Ein junger Mann von nicht ganz eminentem Edel⸗ muth, deſſen Eitelkeit verletzt wird, iſt furchtbar; ja, ſchöne Leſerinnen, wir wagen es auszuſprechen, die 122 Männer ſind faſt ausnahmslos viel eitler als das weibliche Geſchlecht; jede Bewegung, jeden zufälligen Blick, jede Aeußerung eines Mädchens deuten ſie ſogleich zu ihren Gunſten, und die eingebildeten Herren der Schöpfung meinen nur vor eine Dame hintreten zu dürfen, um ſogleich einen unauslöſchlichen Eindruck auf ſie zu machen; die Männer, die ſich dabei den Anſchein geben, auf ihre äußere Erſcheinung nichts zu halten, wollen gerade dadurch das Auge der Frauen⸗ welt auf ſich ziehen, weil ſie hoffen, ſich dadurch einen genialen Anſtrich zu geben. Sie ſind ebenſo eitel, ja vielleicht noch mehr als die Stutzer, die, ohne zu er⸗ müden, vor der Feſtung liegen, um einen unbeachteten Moment zum Sturmlaufen abzuwarten. Noch eitler aber ſind die Schriftſteller, Dichter, Künſtler und be⸗ rühmten Männer, welche ſich ſuchen laſſen, hier und da ein gnädiges Lächeln gewähren und nur zuweilen zu der kleinlichen Welt herabſteigen, und die Allereitelſten ſind die Schüchternen und Blöden— und es gibt viel mehr, als Ihr glaubt— die Euch nur mit den Augen bewundern. Doch ich berühre da Dinge, die jedes ſechzehnjäh⸗ rige Mädchen auswendig weiß; darum wird man auch nicht zweifeln, welche Stürme in der Bruſt des armen Hans tobten. — V 123 „Umgürte dich mit dem ganzen Stolz deines Eng⸗ land— ich verwerfe dich, ein deutſcher Jüngling“, das hätte er gern ausgerufen, wenn er in dieſem Fall nicht ſelbſt der Verworfene geweſen wäre. Aber die Worte, welche Ferdinand der Lady Mil⸗ ford ſo wuchtig entgegengeſchleudert und die Hans ganz zufällig beifielen, führten ihn auf einen Gedanken, wie ihn die Hölle nicht ſchwärzer ausbrüten konnte. Von nun an war Hans ein Feind Englands for ever und ſchwur Rache zu nehmen. Noch ſchwebte ſeiner erbitterten Seele in unklaren Gebilden vor, welche That geſchehen müſſe, aber er folgte einer Idee, welche unter dieſen Umſtänden einen teufliſchen Plan gebären mußte, er ging, nein, er ſtürmte, ſoweit es die engen Stiefel erlaubten, zu Roſalinde, welche ja auch die Fremden haßte. Wenn etwas dieſe Nichtswürdigkeit, dieſen Verrath an der Familie Molling entſchuldigen konnte, ſo war als mil⸗ dernder Umſtand nur anzuführen, daß er in der auf⸗ wallenden Hitze des Zorns und bei geminderter Zu⸗ rechnungsfähigkeit, verurſacht durch eben jene bottes vernies, handelte. Roſalinde nahm, wie der Leſer wohl vorausſah, den Reuigen gütig auf; ſie ſtand ihm eigenhändig bei, ſo weit als dies möglich war, den triefenden Gala⸗ 124 frack etwas zu trocknen, und dieſe ſamaritiſche Hand⸗ lung ließ ſie in Hanſens Augen in vortheilhaftem Ge⸗ genſatz zu den ſelbſtſüchtigen Ausländerinnen erſcheinen. Er ſelbſt ſtellte ſich im Lichte eines charaktervollen deutſchen Jünglings dar. Er habe, ſagte er, nur dem Andringen der Ver⸗ wandten nachgegeben und, um der Weltſitte zu ge⸗ nügen, den fremden Damen einen Beſuch gemacht. Roſalinde war ganz Ohr, ja ſie hörte vielleicht mehr, als Hans ihr wirklich mittheilte, denn als dieſer ſie endlich verließ, ſtand ein rieſiges Verzeichniß der Sünden der Schloßbewohnerinnen vor ihrer Phantaſie. Eine Minute ſpäter war ſie ſchon auf der Straße, wo ſie erſt Hut und Shawl völlig zurecht richtete; nach einer Stunde lief das Gerücht durch die Stadt, was noch keinem weiblichen Weſen gelungen, das hät⸗ ten die ſchlauen indiſchen Abenteurerinnen vollbracht: ein ſehr hoher Herr ſei in ihre Netze gegangen! An göttlicher und menſchlicher Gerechtigkeit hätten die reinen, edlen Frauen verzweifeln müſſen, wäre ihnen zu Ohren gekommen, wie niedrig man ſie verleumdete. Man muß Hans zu ſeiner Ehre nachrühmen, daß, als der erſte Zorn verraucht war, menſchliche Empfin⸗ dungen ſich in ihm regten; nicht ohne Bangigkeit ge⸗ dachte er der Stunde, wo er, der Abtrünnige, der 125 ſtreng richtenden und ſcharf urtheilenden Chriſtine Mol⸗ ling unter die Augen treten würde. Mürriſch beantwortete er die neugierigen Fragen ſeiner Mutter nach ſeinen Erlebniſſen im Schloſſe; unzufrieden mit ſich und der Welt ſprach er zum Stau⸗ nen ſeines Vaters mittags eifriger als ſonſt der Flaſche zu. Wie die Sonne über Gerechte und Ungerechte ſcheint, ſo erwies ſich der Gott des Schlafes völlig unparteiiſch und träufelte auch heute zur Zeit der ge⸗ wohnten Sieſta ſeine Körner auf das Auge des Schuld⸗ beladenen. Roſalinde aber triumphirte; ein Bewerber war zu ihr zurückgekehrt und ſie beſchloß, ihn auf alle Fälle an ſich zu ketten. Es war nicht edel, nicht romantiſch, denn ſie liebte Hans nicht. Aber ſie ſagte ſich, ſie habe zu viel gelitten, bisher zu ſehr dem Idealen zugeſtrebt. „Die Ideale ſind zerronnen, Die meiner Jugend Pfad erhellt“ declamirte ſie mit Pathos vor dem Spiegel, den ſie bei jeder Aufregung aufmerkſam befragte. Selbſt heute war ihr Teint um keine Schattirung bleicher, morgen aber jährte ſich der Tag ihrer Geburt zum fünfund⸗ zwanzigſten Mal und der Spiegel verhehlte ihr nicht, daß ihre Schönheit immer mehr heranreife. Dieſe Erkenntniß baldiger Ueberreife befeſtigte ſie 126 in dem Vorſatz, fortan neben der Gefühlswelt auch die praktiſche gelten zu laſſen. Wenn es ihr gelang, dem ſchönen Karl Molling durch ſeinen Vetter Hans über die indiſchen Koketten die Augen zu öffnen, wenn auch Karl in ihren Kreis gebeſſert zurückkehrte, dann, aber nur dann wollte ſie dem Sklaven Hans die Frei⸗ heit ſchenken; außerdem war ſie feſt entſchloſſen, ihn mit ihrer Hand zu beglücken. Roſalinde von Kaſten zu heißen, ihr Geld mit Hanſens ſchönem Vermögen zu vereinigen, war immerhin eine ganz annehmbare Ausſicht. Roſalinde Molling klang viel beſcheidener und Karl beſaß keinen Kreuzer. Auf einer Seite vor⸗ nehme Stellung und Wohlhabenheit, auf der andern des Herzens erfüllter Wunſch— reiche Proſa, arme Poeſie! Noch ſind die Philoſophen nicht einig, was das Glück ſicherer verbürgt, dem Verſtande zu leben oder dem Herzen; wie ſollte nicht ein Mädchen hier und da ſchwanken in der Wahl nach den Wegen zum Glück! 2 W —— — Elftes Kapitel. Mir blüht dieſe Roſe nicht. Motto: Glaub' nicht, daß ich mich erſchieße, Wie ſchlimm auch die Sachen ſtehn. Heine. In einem Seitengebäude der königlichen Villa be⸗ wohnte der Adjutant, der jugendliche Graf Ultritz, einige Zimmer. Wie alle Appartements war auch die Behauſung des jungen Offiziers mit allem erdenklichen Luxus und Comfort ausgeſtattet. Graf Theodor lag behaglich auf der Chaiſe longue, ſah den Ringeln des blauen Rauchs ſeiner köſtlichen Regalia zu und gab dabei ſeit geraumer Zeit ſeinen Gedanken Audienz. Er ſagte ſich mit Befriedigung, daß er bis jetzt nichts verſäumt habe, ſich in der Gunſt ſeines könig⸗ lichen Herrn feſtzuſetzen; dennoch geſtand er ſich, daß er nun ſein Möglichſtes geleiſtet, daß er die geiſtigen 128 Fähigkeiten wohl kaum beſitze, um auf die Dauer dem Könige als ausſchließlicher Umgang genügen zu können. Wohl mangelte es ihm nicht an äußerer Bildung, er ſprach franzöſiſch und engliſch mit Leichtigkeit und An⸗ muth, war ein eleganter und kühner Reiter, ein guter Jäger, beſaß ein bewegliches und dabei heiteres Tempera⸗ ment, aber der junge Monarch, ein idealer Charakter, ein außergewöhnlich begabter Menſch, war völlig dazu berech⸗ tigt, höhere Anſprüche an ſeine Umgebung zu ſtellen. Es ſchien unausbleiblich, daß er ſich eines Tages nach einem geiſtigern und gemüthlich tiefern Verkehr ſehnen, daß er die Oberflächlichkeit ſeines Adjutanten bemerken würde. Jetzt freilich feſſelte ihn noch Dankbarkeit an den jungen Grafen, an deſſen Bruſt er den erſten Schmerz über den Verluſt des königlichen Vaters ausgeweint, an deſſen Seite er die wildromantiſche ſtille Gebirgsgegend durchſtreift und Faſſung geſucht und gefunden hatte. Der junge Ultritz tröſtete, ſo gut er es vermochte, das kindliche Weh des jungen Fürſten; in einer weichen Stunde vergoß er ſogar eine Thräne der Theilnahme für ſeinen Herrn, und dieſer beehrte ſeinen Adjutanten dafür mit aufwallender inniger Zuneigung, wie es ihm die ſchöne und rein menſchliche Stimmung der erſten Trauer zum Bedürfniß machte. 129 Jetzt aber hatte er ſich längſt ausgeſprochen, die Wunde war vernarbt, und ſo freundlich auch das Be⸗ nehmen des Königs blieb, die Augenblicke der vollen Hingabe, des unbegrenzten Vertrauens, das in der erſten Zeit ſo oft das Ceremoniel zwiſchen ihnen durchbrach, wurden ſeltener. Der königliche Stolz, der eine gewiſſe theatraliſche Zurückhaltung zu fordern ſcheint, trat mehr hervor und der Adjutant fühlte, daß er nie aufgehört hatte, ein Diener des Fürſten zu ſein. Die Großen dieſer Erde ſind ſchuld, wenn ſie keine Freunde beſitzen. Aus dieſen Betrachtungen weckte ihn der Eintritt ſeines Vaters, den Staatsgeſchäfte nach längerer Zeit wieder einmal nach der königlichen Villa führten. Nach einigen Fragen des Miniſters, ob das Verhältniß des Sohnes zur Majeſtät noch das gleiche ſei, ſchüttete Graf Theodor ſein ganzes Herz offen vor dem Vater aus. „Wir werden einen ſchweren Stand haben“, meinte der Miniſter, der aufmerkſam zugehört hatte.„Der König langweilt ſich und doch müſſen wir Alles auf⸗ bieten, die romantiſche Neigung der Majeſtät für das Landleben nicht erkalten zu laſſen. Je ferner der Re⸗ gent dem wirklichen Leben ſteht, je mehr und länger eer von der Reſidenz wegbleibt, deſto ſicherer werden wir ihn beherrſchen können.“ Schubert, Die Jagd nach dem Glücke. I.. 9 130 Theodor nickte. Dieſe Behauptung des Vaters war ihm völlig einleuchtend. „An Dir liegt es zunächſt“, fuhr der Miniſter fort, „ihn hier feſtzuhalten.“ „Ich muß geſtehen“, fiel der Sohn ein,„ich dachte mir die Aufgabe viel leichter.“ „Du ſelbſt ſehnſt Dich aus dem langweiligen Neſte fort“, verſetzte der Miniſter,„und da iſt es freilich ſchwer, einen Andern auf Annehmlichkeiten des Landlebens aufmerkſam zu machen; ich nehme Dir dies gar nicht übel, in Deinen Jahren iſt es begreiflich, daß man ſeine hervorragende Stellung auch vor den Leuten zei⸗ gen möchte. Bei Hofe als Cavalier des Königs ſpielt man eine ganz andere Rolle als hier in der troſtloſen Villa zwiſchen dunklen Wäldern und hohen Bergen.“ „Beſonders wenn man nicht einmal im Winter in die Stadt kommt“, bemerkte der junge Mann;„ein Winter hier iſt entſetzlich, und wir haben noch einen großen Theil deſſelben hier genoſſen. Ich bleibe keinen zwei⸗ ten Winter hier.“ „Hat der König noch die alten Liebhabereien?“ fragte der Miniſter, die ohnehin nicht recht ernſt ge⸗ meinte Drohung des Sohnes nicht beachtend. „Nicht mehr ganz, er malt ſeit drei Wochen nicht mehr“, berichtete eifrig der Oſſizier. „Ja, er iſt veränderlich in ſeinen Neigungen“, ſprach nachdenklich Graf Ultritz,„ſo unſchuldig ſie auch ſind. Um ſo mehr Vorſicht gilt es, denn er wird einſt mit derſelben Leichtigkeit von Blume zu Blume flattern, ſobald ſein Herz erſt das Bedürfniß nach Liebe fühlt; ja er würde ſeine Diener ziemlich leicht wechſeln, wenn er je Geſchmack am Regieren fände.“ „Und was können wir thun?“ fragte Theodor, der nicht weniger Ehrgeiz als ſein Vater beſaß und den der Gedanke, daß er ſelbſt in Ungnade fallen könnte, entſetzte. „Du biſt noch jung, Theodor“, nahm nach einer Pauſe das Geſpräch wieder auf,„aber nicht die Jahre entſcheiden, ſondern der Verſtand. Die Verhältniſſe nö⸗ thigen Dich, klug zu ſein, und ich werde Dir zur Seite ſtehen. Der König muß hier wenigſtens bis zum Spätherbſt feſtgehalten werden, dann ſoll er ein oder zwei Jahre lang reiſen. Inzwiſchen vernichte ich alle Ueberbleibſel der vorigen Regierung; neue Wahlen werden ein gefügiges Parlament aus mir ergebenen Abgeordneten bilden.“ „Und Du läßt Dir von dem biedern Parlamente neue Befugniſſe und eine faſt unbedingte Macht aus⸗ ſtellen?“ flüſterte der gelehrige Sohn. Der Vater nickte ſtatt jeder Antwort. 9* „Und die Demokraten, die unter dem verſtorbenen König immer kühner auftraten?“ warf nun Theodor beſorgt ein. Der Miniſter lächelte verächtlich. „Das neue Parlament wird ein Preßgeſetz ins Leben rufen, mit dem wir den frechen Schreiern den Mund knebeln, wenn ſie zu laut werden. Die Armee ſteht auf der Seite der Regierung, der Kriegsminiſter kann den Tag nicht erwarten, wo der Soldat wieder weiß, daß er allein dem Fürſten zu gehorchen hat. Es iſt Alles vorbereitet, die Rechnung iſt ſicher und auch für Dich wird dann geſorgt werden. Apropos, Du haſt noch keinen Orden— der Regent wird vom Ausland darauf aufmerkſam gemacht werden, welche Perle er an ſeinem Adjutanten beſitzt.“ Theodor ergluhte, ſeine Augen funkelten und hin⸗ gen unverwandt an dem Munde des Vaters. „Ich habe Dein Mémoire über das Lager von Chalons, dem Du im letzten Sommer beiwohnteſt, an das Miniſterium unſeres Nachbarſtaates im Oſten ge⸗ ſendet. Nicht umſonſt beſtand ich darauf, daß Du einige Tage von Paris nach Chalons gingeſt.“ „Aber die Arbeit war doch ſehr flüchtig, enthielt eigentlich nur erſte Eindrücke, ich hatte nicht viel Er⸗ fahrung“, wendete Theodor ehrlich ein. 133 „Wohl natürlich“, verſetzte der Miniſter leichthin. „Hauptmann Krittwitz lieferte freilich eine beſſere, dafür kam er in den Generalſtab; immerhin jedoch war auch Dein Entwurf nicht unbrauchbar. Die man⸗ gelhafte Form ließ ſich beſſern, einzelne Irrthümer waren zu berichtigen— das iſt geſchehen. Ich habe meine Verbindungen und der Militärverdienſtorden des Nachbarſtaates iſt ſchon für Dich unterwegs.“ Der ehrgeizige junge Mann glaubte zu träumen. Sein heißer Wunſch ſollte ſo raſch erfüllt werden, er ſollte das ſchöne Kreuz, jenen Orden, der eigentlich für Tapferkeit im Felde geſtiftet worden, tragen! Obwohl als der Sohn ſeines Vaters und in der Hofluft aufgewachſen nicht gerade engherzig, ſchämte er ſich doch ein wenig, unverdienterweiſe eine ſo hohe Auszeichnung zu erhalten. Der Vater ſchien dieſe Empfindung zu errathen und beſchwichtigte ſie mit der Bemerkung: „Du trägſt dieſen Orden gewiß mit mehr Berech⸗ tigung als Baron Fernthal, der nur zur Jagd geladen war, oder Banquier Wolfſohn, der ihn als Lohn für ſeine Betheiligung bei der letzten Anleihe erhielt.“ Theodor war völlig beruhigt; die Freude über die blitzende Decoration hob ihn über alle Bedenken hinweg. „Dafür verlange ich aber mehr Eifer, lieber Theo⸗ 134 dor“, hob der Miniſter in lebhafterem Tone an.„Du biſt zu träge, Du mußt Deinen Verſtand mehr an⸗ ſtrengen, den Monarchen zu beſchäftigen, mit was es auch ſei. Er ſoll nicht in die Reſidenz zurückkehren, wie die Prinzeſſin, die ich glücklicherweiſe ausſchließlich mit mir ergebenen Damen umgab, ſo lebhaft wünſcht. Wenn Jagden, Fiſchfang, Spazierritte, Malen und Muſiciren ihn langweilen, wenn die Lectüre der Ro⸗ mane ihn nicht mehr befriedigt, ſo mußt Du ſorgen, daß er einen Roman erlebt. Es gibt doch genug Adel rings umher, und wäre dies nicht der Fall, eine bür⸗ gerliche Schöne würde auch genügen— bürgerlich und romantiſch.“ Der alte Graf verzog cyniſch grinſend das Ge⸗ ſicht, der Sohn antwortete ſeufzend: „Schon Dutzend Male habe ich derlei Andeutun⸗ gen gewagt, aber der König denkt darin ſehr ſtreng. Ich leide nicht wenig darunter; die Couſinen, die Du mir zu beſuchen befahlſt, ſind die einzigen—“ „Davon ſpäter“, fiel der Graf raſch ein.„Hat der König denn gar keinen Blick für weibliche Reize, hat er nie von irgend einer Dame des Hofes mit mehr Wärme geſprochen? Du ſchriebſt mir doch, die Couſinen ſeien ſo liebliche Mädchen. Warum haſt Du ihn nicht mit ihnen bekannt gemacht?“ 135 Der Offizier erröthete bis in die Schläfe und vermochte nicht dem prüfenden Blick des Vaters zu begegnen. 5 „Der König kennt die Couſinen“, antwortete Theodor,„ja er hat ſogar mit merkwürdiger Kühnheit ſich ſelbſt ihnen vorgeſtellt.“ „Und das ſagſt Du mir erſt jetzt, nachdem wir eine Stunde reden!“ rief der Miniſter aus.„Erzähle mir Alles.“ „Die Geſchichte iſt kurz und einfach. Se. Maje⸗ ſtät ſahen die Mädchen öfter, wenn ſie mit mir an dem Schloſſe vorbeiritten; vorgeſtern kamen wir wieder vorüber, und da gerade ein Gewitter ausgebrochen war, betraten Majeſtät als Obdachſuchender das Haus der Baronin Billmann. Man konnte natürlich die Bitte nicht abſchlagen, man mußte ſich höchſt geehrt fühlen, allein die Wittwe und die beiden Mädchen ſind ganz ſelbſtſtändig und eigen geartete Damen, jede iſt in ihrer Art ſelbſt eine Königin; ſie verhielten ſich ſehr kühl der allerhöchſten Auszeichnung gegenüber, ſodaß der König ſich ſehr bald entfernte.“ „Und hat er ſich Dir gegenüber ausgeſprochen? Hat eine der Damen wilrklich Eindruck auf ihn ge⸗ macht?“ „Ganz ohne Zweifel; er war auf dem Nachhauſe⸗ 136 wege ſehr ſchweigſam und ernſt. Heute Morgen mußte der Hofgärtner einen Berg von Roſen und Camelien den Damen ſchicken“, ſchloß der junge Cava⸗ lier mit beinahe zorniger Stimme dieſe Mittheilungen. Der alte Diplomat ſchien aber davon beluſtigt zu ſein. 3 „Du ſchwärmſt ſelbſt für Deine Couſinen?“ forſchte er dann. „Ich glaube nicht, daß es für den Ruf der Da⸗ men vortheilhaft ſein kann, wenn ſie der König öfter beſucht“, entgegnete Theodor noch mehr erregt. Der Miniſter warf noch einen muſternden Blick auf den Sohn. Seine Menſchenkenntniß belehrte ihn, daß Theodor in ſeinem Fürſten den Nebenbuhler um die Gunſt einer ſeiner Couſinen fürchtete; er wollte die entſtehende Neigung nicht durch ſchwachen Widerſpruch reizen, hier galt es, ſie mit der Wurzel auszureißen. Der Miniſter erhob ſich. Das cordiale Weſen, das er bisher dem Sohne gezeigt, verſchwand; die ſchlaffen und doch eiſernen Züge ſeines Angeſichts nah⸗ men einen noch ſtrengern Ausdruck an. „Theodor“, ſagte er mit ruhiger Stimme, in der eine unbeugſame Willenskraft lag,„Du weißt, daß ich Gehorſam verlange. Wenn Du meine Pläne durch⸗ 137 kreuzen wollteſt, ſo würdeſt Du Dich ſelbſt elend machen; gib daher jeden Gedanken an eine Liebelei mit einer Deiner engliſchen Verwandten auf. Du wirſt Marie von Billmann heirathen, das iſt mein unabänderlicher Entſchluß. In wenig Wochen wird ſie auf Beſuch an den See kommen; ſuche ihr Vertrauen zu gewinnen. Wenn Du von den Reiſen— Du begleiteſt natürlich den König— im Auslande zurückkehrſt, findet die Hochzeit ſtatt.“ Theodor wollte eine Einwendung verſuchen, aber der befehlende kalte Ton des Vaters ſchnürte ihm die Bruſt zuſammen; dieſem Manne gegenüber war er willenlos. „Beim erſten Schritt, meinen Wunſch zu umgehen, meine Abſichten zu vereiteln“, fuhr langſam der Miniſter fort,„biſt Du mein Sohn nicht mehr. Ich liebe Geld und Beſitz, aber ich würde bei Lebzeiten Alles ver⸗ ſchenken, wenn ich glauben müßte, einem Undankbaren mein kleines, ſo mühſam erworbenes Vermögen hinter⸗ laſſen zu müſſen.“ 3 „Vater“, rief der junge Offizier erbleichend, 26 verſpreche ja Alles!“ „Die Cigarre iſt Dir ausgegangen“, ſagte der Miniſter, dem Sohne ein elegantes Feuerzeug reichend; „ich weiß, wir verſtehen uns. Sei ganz beſonders 138 vor dem alten Brown auf der Hut, er wird bald zurückkommen; er iſt mein heimlicher und unverſöhn⸗ licher Feind. Ich haſſe ihn und die ganze Familie dieſer Nankee⸗Nichte, die den Abenteurer Ludwig von Billmann heirathete. Die ganze Sippe taugt nichts; laſſe Dich nicht von dem ſchönen Lärvchen der Tochter, nicht von dem zweideutigen Findelkind aus Indien berücken. Wenn wir ſie zur Erreichung unſerer Pläne benutzen können, um ſo beſſer, wir brauchen ſie nicht zu ſchonen. Aber wir müſſen vorſichtig ſein. Ich werde ſelbſt das Terrain recognosciren und dieſe Bill⸗ manns beſuchen, ehe ich abreiſe. Du wirſt mich genau von nun an über alle, auch die kleinſten Details unter⸗ richten.“ Erſchöpft war der alte Graf auf das Sopha ge⸗ ſunken; ſeine Augen flammten Haß und Erbitterung. „Dein Ehrenwort, Theodor“, flüſterte er mit hei⸗ ſerer Stimme,„daß ich mich auf Dich verlaſſen kann.“ Der Sohn gehorchte und gab das feierliche Ver⸗ ſprechen, blindlings in Allem dem Vater zu gehorchen. Mit einem Seufzer der Erleichterung erhob ſich der Miniſter. „Ich fahre jetzt zu Billmanns“, ſagte er. Dem Sohne die Hand reichend, ſetzte er hinzu: „Auf Wiederſehen beim Souper!“ —— Der Miniſter ging. Lange noch ſaß der junge Adjutant des Königs in Gedanken verſunken. „Was mag wohl den Vater ſo ſehr gegen die Damen verſtimmen?“ Schade! Für das ſchöne Findelkind aus Indien erbebte das Herz des jungen Höflings in zarten Ge⸗ fühlen. Nun ſollte Alles nur ein Traum ſein. Ach, wer doch ſelbſtſtändig wäre! So aber mußte er entſagen. Ohne die mächtige Hülfe des Vaters konnte der ehrgeizige Jüngling nicht das hohe Ziel erreichen, das er ſich vorgeſteckt. Wenn der Vater ſeine Hand von ihm abzog, blieb er ein unbedeutender Sub⸗ alternoffizier. Und doch war Sophie ſo reizend, ſo ſchön! Ein Diener trat ein und meldete, daß der König in einer Viertelſtunde ausreiten wolle. Der Adjutant ſprang auf. „Keinen Augenblick kann man ſich ſelbſt leben!“ ſeufßte er innerlich. Er kleidete ſich an und ſummte die Melodie aus dem„Nachtlager“ vor ſich hin: „Ich muß ſie einem Andern geben, mir blühet dieſe Roſe nicht!“ Zwölftes Kapitel. Karl's Abſchied. Motto: Steig' auf mit der Lerche beim Frührothſchein, Mein Lied, in den Wolken zu landen, Und jauchze in Gottes Himmel hinein, Sie hat mir die Liebe geſtanden! Auguſt Becker's„Jungfriedel“. Monate vergingen; Mr. Brown war von Eng⸗ land zwar zurückgekehrt, aber im indiſchen Schloß noch 3 nicht eingetroffen, ſondern hielt ſich in der Reſidenz auf, wo er ſich bemühte, für die kleine Oppoſitions⸗ partei ein Journal zu gründen. Das Unternehmen war ſehr ſchwierig; es gelang dem Miniſter Graf Ultritz, die meiſten freiſinnigen Elemente einzuſchüchtern, und gerade diejenigen Männer, welche einſt dem Ge⸗ heimbunde angehört, unterſtützten den Gewalthaber in ſeinem reactionären Streben am eifrigſten. Aber der — 141 rührige Greis gab die Hoffnung nicht auf, und wenn auch mit einigen Opfern, wußte er alle Hinderniſſe zu beſiegen. In acht Tagen ſollte die erſte Nummer des Journals„Vorwärts“ erſcheinen. Karl Molling mußte endlich, ſo ſchwer es ihm fiel, einen Entſchluß für die Zukunft faſſen. Wohl hatte er fleißig alle Lücken ſeines Wiſſens ergänzt und trug das Bewußtſein in ſich, jedem Amte in ſeinem Fache nun gewachſen zu ſein, aber in ſeiner Vaterſtadt war ſeines Bleibens nicht. In den engen Verhältniſſen, das meinte auch die Baronin, fand ſein Streben keinen Raum und ſie rieth ihm mit mütter⸗ licher Sorge, die koſtbare Zeit nicht zu verlieren. Auch durfte er ſeinem Vater nicht länger zur Laſt fallen; die Stiefmutter drängte unverhohlen, der ge⸗ lehrte Sohn möge nun ſein Brod ſelbſt verdienen. Nicht ohne Bangigkeit dachte Karl an die Zukunft. Wenn die Studentenkreiſe und ihr Strudel ihn wieder erfaßten, dann war freilich ſein Schickſal ein ganz ge⸗ wöhnliches; er brachte es dann höchſtens zu einer unter⸗ geordneten Maſchinenthätigkeit als niederer Beamter. Aber war er denn nicht ein Anderer geworden? Ja, der Verkehr mit den Ausländerinnen hatte ihn wieder ſich ſelbſt zurückgegeben, der Genius, womit die Natur ihn begnadigt, fing an, ſich mächtig und mächtiger zu entfalten. 142 Seine junge Seele war voll von edlen Entſchlüſſen, ſeine Willenskraft erſtarkte und er hielt ſich von nun an gewappnet gegen Täuſchung, Schwäche und Zweifel. Doch wie der ſtarke Siegfried einen verwundbaren Fleck am Rücken und Achilles an der Ferſe verbarg, ſo hat der beſte Menſch eine ſchwache Seite in ſeinem Charakter. Hoffen wir, daß kein neidiſches Geſchick die unbeſchützte Stelle dem mordenden Speere des Schick⸗ ſals verrathe. Auf ſein Anerbieten wurde Karl als Concipient bei dem bedeutendſten Advocaten der Reſidenz ange⸗ nommen. Der Vorabend ſeiner Abreiſe war da und zum letzten Male ſaß er nun im Wohnzimmer des indiſchen Schloſſes. Man hatte den Adjutanten des Königs auf den Abend eingeladen, aber derſelbe war tags vorher im Auftrage des Monarchen in die Reſidenz geſchickt wor⸗ den und noch nicht zurückgekehrt. Karl war es nicht unlieb, heute allein zu ſein; je näher er den jungen Offizier kennen lernte, deſto mehr verringerte ſich die anfängliche Sympathie. Theodor's einſeitige Eitelkeit verrieth ſich, beſonders ſeitdem er den Orden erhalten, dem ein Kreuzlein ſeitens des Königs nachgefolgt, zu deutlich. Auch die Damen ver⸗ urtheilten die oberflächliche Richtung des jungen Kriegs⸗ 143 helden, und die beiden Mädchen, die noch weniger nachſichtig als die Mutter dachten, zogen ſich mehr von dem Vetter zurück; doch blieb man auf einem freundlich nachbarlichen Fuße; er war nun einmal ihnen verwandt und benahm ſich zu aufmerkſam, als daß man ihm ernſtlich zürnen konnte. Der König hatte das indiſche Schloß nicht mehr beſucht, bei ſeinen häufigen Waſſerfahrten am See aber mehrmals Gelegen⸗ heit gefunden, die Damen zu ſprechen; er ſendete ſehr häufig Blumen und kleine galante Geſchenke, die man nicht wohl abweiſen durfte. Karl, dem man dieſe Begegnungen nie verheimlichte, verurſachten ſie eine peinliche Empfindung, doch wäre es eine Beleidigung für die Mädchen und höchſt taktlos geweſen, wenn er ſich irgendwie darüber geäußert hätte. Julie beſonders nahm gern die Partei des jungen Herrſchers, wenn Sophie oder die Mutter ſich über die allerdings ſehr zarte Zudringlichkeit deſſelben, natürlich nur andeu⸗ tungsweiſe und mit leiſer Ironie, beklagten. Bis zur Stunde des Abſchieds hatte ſich Karl nie gefragt, ob ihn eine eigentliche Liebe zu einem der Mädchen hinzog; er empfand nur, daß er beide faſt abgöttiſch verehrte, und die zufälligen Begegnungen mit dem König, die offenbare Huldigung, welche der⸗ ſelbe den jungen Damen widmete, erſchienen ihm wie 144 ein Frevel. Daß der junge Fürſt ein ebenſo ſchwär⸗ meriſcher und reiner Charakter war wie Karl ſelbſt, wußte dieſer nicht, auch hätte ihn dieſe Erkenntniß nicht vor der Eiferſucht bewahren können. Ungeachtet ſeines Verſtandes und ſeiner vielen Gaben theilte Karl den Fehler der meiſten idealen Charaktere, er war em⸗ pfindlich, ſein Stolz manchmal krankhaft reizbar; er geizte nicht nach äußern Ehren, nicht nach Erfolg, aber er konnte es nicht ertragen, daß man ſeinem Thun unedle Motive unterſchob. Die anonymen Schmäh⸗ briefe, welche ihn beſchuldigten, er ſuche die Gunſt des Königs durch die indiſchen Koketten zu gewinnen, verletzten ihn tief. Die meiſten edlern Jünglinge be⸗ ſeelt jener entzündbare Stolz und ihr begeiſtertes Wol⸗ len erlahmt, ihr inneres reines Feuer erliſcht, wenn die Wogen der Verleumdung und des Mißtrauens gegen ſie anſtürmen. Erſt der Mann, geſtählt durch viel⸗ fache Täuſchungen, vermag auch dieſem ſchlimmſten Feind Trotz zu bieten, feſt hält er das Steuer in der Hand, ſo wild und tobend auch Lüge, Hohn und ſchändliche Verleumdung ſein Lebensboot umkreiſen; mit Verachtung läßt er die Nattern ziſchen, er greift Troſt ſuchend in die Tiefen ſeiner eigenen Bruſt, und ſolange er ſelbſt ſich noch achten kann, ſteht er feſt und wartet, bis der dunkle Horizont der — — 145 Alltäglichkeit und des Pöbelwahns ſich aufhellt und der Stern der Wahrheit ihm wieder leuchtet, der ihm verkündet, er ſei auf der rechten Fährte, auf dem ein⸗ zigen Wege zum Glück. Wer vermöchte daher die ſich durchkreuzenden Em⸗ pfindungen zu ſchildern, die heute in der Bruſt Karl's miteinander ſtritten! Das Waſſer im Theekeſſel auf dem Tiſche ſprudelte und wallte wie ſein eigenes jun⸗ ges Blut. Wehmuth und Rührung erfaßte den beſitzloſen Krä⸗ merſohn, der ſich erſt heute der Kluft recht bewußt wurde, die ihn von den reichen und hochgeſtellten Frauen ſchied. Nur der Vorſatz, durch ſeine künftigen Leiſtungen ihres Vertrauens würdig zu werden, hob ihn über das bittere, demüthigende Gefühl hinweg und ließ der Dankbarkeit für ſo viele Freundſchaft vollen Raum. Die Wittwe war heute herzlicher mit Karl als je. Julie, nicht ſo heiter wie ſonſt, ſprach ihm Muth zu und malte ihm eine ſchöne Zukunft aus. Sophie bat ihn, was auch kommen möge, nie vom Pfade des als recht und gut Erkannten abzuweichen und durch des Lebens banale Anforderungen ſich nie den Sinn und den Glauben an das Höhere rauben zu laſſen. Was wußte das liebliche Kind vom Leben? Sie kannte es nicht, aber fühlte lebhaft, daß die Welt der Schubert, Die Jagd nach dem Grücke. I. 10 146 Wirklichkeit doch eine andere ſein müſſe als die des ſtillen Daſeins, das ſie bisher kennen gelernt. In manchen weiblichen Gemüthern ſteckt ein trans⸗ ſcendenter Trieb, der ſie mit wahrhaft poetiſcher All⸗ wiſſenheit das Richtige, dem der Mann oft philoſophiſch vergeblich nachgrübelt, finden läßt. So war Sophie überzeugt, daß das innere Leben, der vertraute Um⸗ gang mit den edelſten Geiſtern der Menſchheit, daß dieſe Idealwelt allein wahre Befriedigung geben könne und daß, wer dieſe hohe Geſinnung auf die Fahne ſeiner Ueberzeugung ſchreibe und ſie hochhalte vor aller Welt, der müſſe allen Verhältniſſen zum Trotz ans Ziel gelangen, der allein ſei auf dem Wege zum Glück, und wenn er unterliege, ſo müſſe es ein ſchönes, auch im Untergange ſiegreiches Ende ſein. Die Wittwe ermahnte Karl, ſich nie zu beugen vor äußerlicher Macht und Einfluß, vor Stellen oder Geld, ſondern ſtets der Allgemeinheit der Sache des Volkes, der Freiheit getreu zu bleiben. Stunde um Stunde verrann, der Augenblick des Abſchieds war da.. Die Wittwe erſuchte Karl, wenn er je im Leben ihrer Hülfe bedürfe, möge er dieſelbe anrufen ohne Ziererei, ohne falſchen Stolz. Julie reichte ihm beide Hände und das liebliche, 147 von goldenen Locken umſpielte, heute etwas bleiche Geſicht ſah ihn treuherzig an. „Vergeſſen Sie uns nicht in der Reſidenz“, ſagte ſie,„und wenn wir den übernächſten Winter ſelbſt dorthin kommen, ſo hoffe ich, daß Sie uns noch kennen werden, ſelbſt wenn Sie inzwiſchen als Rechtsverdreher ungeheuer berühmt geworden ſind. Wir ſollen näm⸗ lich, ſobald Sophie achtzehn Jahre alt iſt, unſer Glück auf Bällen verſuchen. Sie werden dann alte Bekannte nicht ſitzen laſſen und uns einen Tanz anbieten?“ Sophie war ſtiller und in ſich gekehrter geworden, je näher die Trennung heranrückte. „Leben Sie wohl, Herr Molling“, hauchte ſie, ihre Hand bebte in der ſeinen und er glaubte zu be⸗ merken, daß ihre tiefen, ſeelenvollen Augen ſich ver⸗ ſchleierten. Karl konnte nicht ſprechen; er küßte der Baronin die Hand, nickte den Mädchen noch einen ſtummen Ab⸗ ſchiedsgruß zu und verließ raſch das Zimmer. Draußen im Vorſaal blieb er ſtehen. Er empfand einen ſtechenden Schmerz in der Bruſt und ruhte aus, ſich zu ſammeln.. Es war ihm, als müſſe er noch einmal Abſchied nehmen von denen, die ihm ſo unendlich theuer gewor⸗ den waren, die er nun verließ, vielleicht auf immerdar! 40* 148 Der Wunſch, Sophie noch einmal die Hand zu reichen, ſie nur noch einmal zu ſehen, überkam ihn einen Moment mit beinahe zwingender Gewalt. „Lebe wohl, theurer Engel!“ ſprach ſein Herz, dann kämpfte er das unmännliche Weh in ſich nieder und wollte ſeinen Weg fortſetzen, da öffnete ſich die Thür hinter ihm— Sophie, die ſich nur mit Mühe vor der Baronin und Julie hatte bezwingen können, ſtürzte, im Glauben, Karl habe das Haus verlaſſen, heraus, um einſam auf ihrem Zimmer ſich auszuweinen. So ſtanden unvermuthet die Beiden im Vorplatz ſich nochmals gegenüber. Sie wußten nicht, wie es geſchah, daß ſie ſich in den Armen lagen, einen kurzen ſeligen Augenblick, daß ſie ſich in einem langen Kuſſe Lebewohl ſagten. Ein Moment iſt es, wo der Schmetterling der engen Hülle entſteigt, wo die Roſe die Knospe durch⸗ bricht, wenn der Hauch Gottes ſie berührt, ein Moment, ein heiliger Augenblick iſt es, wo die Liebe in der menſchlichen Bruſt entflammt und die Seele einweiht in das göttlichſte Geheimniß des Lebens. Dreizehntes Kapitel. Aus allen Himmeln geſtürzt. Motto: Aber ſieh, Dein Weh iſt nur ein Tröͤpflein, In dem großen Ocean des Schmerzes Dieſer Erde. Ganze Völker müſſen Untergehn, und für den Einzelmenſchen Gibt's gewaltigeres Weh und Leiden, Noch, als wie die Träumerei des Unglücks Einer Liebe. Auguſt Becker's„Jungfriedel“. Karl's Habſeligkeiten waren gepackt, aber der Vater und die Schweſtern drangen darauf, daß er ſeine Ab⸗ reiſe verſchiebe, um ſie zu dem morgigen Feſte, womit 2 die Vollendung des Fabrikbaus gefeiert werden ſollte, zu begleiten und vor der wahrſcheinlich langen Trennung den letzten Tag ganz mit ihnen zu verleben. Eine Stunde vom Städtchen lag mitten im Walde ein Dorf, durch welches ein ſtarker Bach zog, deſſen Waſſerkraft 150 der alte Mr. Brown zum Betriebe der Fabrik ver⸗ wehrtete. Jetzt prangten die neuen Gebäude im Feſtſchmuck, Tannenbäume, mit bunten Bändern geziert, die luſtig im Winde flatterten, krönten die Giebel der Dachſtühle. Das Werk lobte ſeinen Meiſter; alle beim Bau Be⸗ ſchäftigten blickten ſtolz auf die gelungene Arbeit ihrer Hände und überließen ſich in heiterer, feiertäglicher Stimmung dem Vergnügen. Mr. Brown hatte eine anſehnliche Summe zur Beſtreitung der Koſten geſendet; von nah und fern erſchienen die eingeladenen Honoratioren nebſt ihren Familien— ein ländlicher Ball ſtand ja in Ausſicht! Solch ein ſeltener Genuß verſetzte die ganze Um⸗ gegend in begreifliche Aufregung. Karl willigte ein, die Schweſtern zu begleiten; insgeheim hoffte er Sophie, ſowie die Baronin und Julie dort nochmals zu ſehen. Doch dieſe Erwartuug täuſchte, ſie kamen nicht. Dem alten Molling war dies gar nicht unlieb; der vielgeplagte Mann konnte dadurch ſeinen Sohn die wenigen Stunden ihres Zuſammenſeins ausſchließlicher genießen. Chriſtine und Anna unterhalten ſich königlich. Der junge Ingenieur, die Techniker, Zeichner und ſonſtigen Beamten der Fabrik wurden nicht müde, 154 die anſpruchsloſen hübſchen Mädchen zum Tanze zu führen. Natürlich mußte Karl mit den Schweſtern auch einmal durch den improviſirten Tanzſaal im Walzer oder Schottiſch dahinjagen, und eine furchtbare Unart wäre es geweſen, nicht auch Roſalinde zu einer Extra⸗ tour aufzufordern. Der dunkelglühende Teint des von der Anſtrengung erhitzten Mädchens färbte ſich ins Bläuliche, als Karl ſie um die Ehre eines Tanzes bat. Als er ſie wieder auf ihren Platz gebracht, ſagte er ihr, daß er morgen früh abreiſen werde. An der unverhohlenen Beſtürzung, welche ſich nach dieſer Eröffnung auf Roſalindens Geſicht ſpiegelte, er⸗ kannte er zum erſten Male, welcher Art die Gefühle ſeien, die er ihr bisher unbewußt eingeflößt hatte. „Und Sie nahmen im indiſchen Schloſſe ſchon Ab⸗ ſchied?“ fragte Roſalinde, und alle Eiferſucht auf die glücklichen Nebenbuhlerinnen erwachte aufs neue. Karl, deſſen Herz in der Erinnerung übervoll von Glück war, wollte dem Mädchen nicht wehe thun und verſetzte: „Geſtern that ich es, und wohl auf lange Zeit— ich gehe in die Reſidenz, wo ein neues Leben voll An⸗ ſtrengungen mich erwartet.“ „Und wird neben den indiſchen Göttinnen das 152 Andenken an eine bürgerliche deutſche Freundin noch Platz in Ihrem Herzen finden?“ äußerte Roſalinde mit halb ſchüchternem, halb zweifelndem Tone. Karl mußte lächeln, denn Roſalinde ſchämte ſich ja ſtets ihrer Bürgerlichkeit und deutſch war an ihr nur die Sucht, die franzöſiſchen Moden aufs ängſt⸗ lichſte nachzuahmen. „Gewiß“, ſagte er,„ich werde in der Einſamkeit meiner Studirſtube an alle, die mir ſo unverdienter Weiſe ihre Freundſchaft ſchenken, mit gleicher Dankbar⸗ keit zurückdenken.“ Freundſchaft, Dankbarkeit! Erſtere genügte der feurigen Roſalinde nicht, letztere war ihr bei dem ſtolzen jungen Manne zu neu, um daran zu glauben; daß er aber mit gleicher Geſinnung an alle Freundinnen zurückdenken wolle, goß Balſam auf ihr wundes Ge⸗ müth. In Gedanken bat ſie den indiſchen Koketten das 3 begangene Unrecht ab. Karl nahm an ſeines Vaters Seite wieder Platz und Roſalinde geſellte ſich zu den Tanzenden. Sie unterdrückte einen Seufzer und gelobte ſich, ſtark zu 4 ſein, das Reale über dem Idealen nicht zu vergeſſen. Ihre nächſte Aufgabe war, Hans von Kaſten nicht aus den Augen zu laſſen, der heute ſeine ſchlimmſten Don⸗Juan⸗Eigenſchaften verrieth. Es gelang aber Roſa⸗ 153 linde ganz vortrefflich, den Flatterhaften immer wieder an ſich zu ziehen; nach ihrem Wunſche ordnete er die Reihenfolge und Figuren des Tanzes, ſodaß ſie ſich ohne Uebertreibung als die Königin des Feſtes betrachten konnte. Wie mußte die hübſche Chriſtine, die wie ein Reh dahinflog, vor Neid berſten! Aber Chriſtine hatte an ganz andere Dinge zu denken. Sie und der Ingenieur, an deſſen Arm ſie dahinſchwebte, bemerkten gar nicht, daß eine Ballkönigin exiſtirte, ſondern hiel⸗ ten ſich ſelbſt für den Mittelpunkt einer Welt voll un⸗ getrübter Luſt und Freude und genoſſen unbefangen den harmloſen, unſchuldigen Taumel welchen der Tanz der frohen zuverſichtlichen Jugend gewährt. Wie Alles, nahm dies ländliche Feſt auch ein Ende; die Sonne neigte ſich zum Untergange und zu Wagen oder zu Fuß kehrten die fröhlichen Gäſte nach Hauſe zurück. Der alte Molling nahm die Einladung des Apothekers, in ſeinem Wagen mit nach dem Städtchen zu fahren, an. Für Karl wäre kein Platz mehr geweſen, auch zog er vor, den ſchönen Weg zu Fuß zurückzulegen. Noch mußte er eine Aufforderung des Vürgermeiſters, der im Arftrage Roſalindens ihn durch⸗ aus nöthigen wollte, in ſeiner Kutſche Platz zu nehmen, möglichſt artig ablehnen, was ihm nichtsdeſtoweniger einen wüthenden Abſchiedsblick Roſalindens eintrug; dann 154 aber war er frei und konnte dem Drange folgen, we⸗ nigſtens noch einmal an dem indiſchen Schloſſe vor⸗ überzugehen. Sophie nochmals zu ſehen hoffte er nicht, denn um dieſe Zeit ſaßen ſie meiſt ſchon beim Thee. Er wollte auch nur rückwärts des Hauſes den Fuß⸗ weg, der längs der Mauer des Parkes vorbeiführte, einſchlagen; der Weg an dem See, an der Vorder⸗ fronte des Gebäudes vorbei, wäre zu weit geweſen, er hätte die ganze Halbinſel umkreiſen müſſen, während er ſo nur die ſchmale Landzunge zu überſchreiten brauchte. Der Abend war herrlich, die Sonne leuchtete mit purpurner Glut in die grünen Blätter, daß ſie wie reines Gold ſchimmerten. Zwiſchen den länger wer⸗ denden Schatten, den Sträuche und Bäume auf das Moos warfen, huſchten die farbigen Strahlen des Abendroths dahin. In dieſem Spiele der Dämmerung ſah die ge⸗ ſchäftige Phantaſie des Wanderers verſpätete Lichtgeiſter, die voll Angſt, ſie nicht mehr einzuholen, der immer tiefer ſinkenden Feuerkugel nacheilen und im Entfliehen ihren leuchtendſten Abſchiedsblick dem geliebten Walde zuſenden, der ſchon in die abendliche Kühle jeme wür⸗ zigſten Düfte ausſtreute. Karl blieb an der Parkmauer ſtehen und ſendete ——— 155⁵ heiße Segenswünſche hinüber auf das Dach, unter welchem die geliebten herrlichen Weſen wohnten, die ihn ein neues Daſein kennen gelehrt, wo der holde Engel lebte, der zu ihm herniedergeſtiegen war, um ihm das Paradies der Seligkeit zu zeigen. Dem jun⸗ gen Manne war ſo eigenthümlich zu Muthe, ſo wohl und doch ſo weh— mußte er doch ſcheiden von dem ſchönen Traumbilde, das nur auf einen Augenblick, wie eine plötzliche Lichterſcheinung, Leben gewonnen hatte und nun vielleicht für immer in die Nacht ver⸗ ſank, in Nebel zerrann! Die alte Mauer war nicht hoch. Mit Hülfe eines Hollunderſtrauchs, deſſen gekrümmter Stamm ein luf⸗ tiges Sopha bot, vermochte er noch einen Blick in den wohlbekannten Raum zu werfen. In tiefem Schatten ſitzend, betrachtete Karl das friedliche Landſchaftsbild, als ob er es ſich recht ſicher einprägen wollte; da— er täuſchte ſich nicht— ſchritt Sophie den Laubgang herab, der zum Gitterthor führte. Ja, ſie war es, er erkannte ihr Kleid, ihre dunklen Locken, ihr bleiches Geſicht; aber neben ihr ſchreitet nicht Julie, ſondern ein Mann. Jetzt gibt ſie ihm ein Papier— einen Brief— ſie ſind in die Lichtung herausgetreten— nun wendet ſie ſich und fliegt in das Dunkel zurück; der Mann eilt zum Gitter, öffnet es, 156 der letzte Sonnenſtrahl fällt voll auf ſein Geſicht— es iſt der König! Wie ein Krampf faßte es Karl er wollte ſein Verſteck verlaſſen und konnte nicht, ſo bleiſchwer dünk⸗ ten ihm ſeine Glieder, ſein Herz ſchien ſtillzuſtehen, er meinte erſticken zu müſſen. Dann loderte wie eine hef⸗ tige Flamme das Blut in ſeinem Körper auf, Glut durchdrang alle ſeine Adern, und als ob er ſich vor den geſpenſtiſchen Geſtalten der Bäume fürchtete, floh er, ſo ſchnell er konnte, der Vaterſtadt zu. „Verrathen, du biſt verrathen!“ rief eine Stimme in ſeinem Innern.„Es gibt nichts Heiliges, Großes, es gibt keine Tugend, Alles iſt Schein und Lüge! Hat nicht Heinrich ſchon auf der Univerſität geſagt, der Weg zum Glück führt nur über Trümmer und Leichen; an ſich ſelbſt muß man denken, ſich allein lieben, die Andern ſind es nicht werth.“ Hoch über dem Jünglinge, den die furchtbare Täuſchung wie einen Raſenden ſein Wahn folterte, ſchwamm der Mond wie eine ſilberne Perle in hell⸗ blauer Muſchel zwiſchen roſigen Wölkchen. Je weiter aber das Fleckchen Erdoberfläche, auf welchem unſere Geſchichte ſpielt, ſich von der Sonne abwendete, deſto nachdrücklicher ſendete dieſe der Mondesſichel ihre leuch⸗ tenden Grüße zu, bis in goldenem Glanze das Mond⸗ — 45 licht den Troſt herabſtrahlte, daß die feurige Mutter alles Lebens, die Allerhalterin in ungebrochener Macht fort und fort das All erhellt und erwärmt, wenn auch die wandelnden Geſtirne in ruheloſem Kreislauf in ewige Dunkelheit zu verſinken ſcheinen. Wie Tag und Nacht, Licht und Finſterniß ſich folgen, ſo Hoffen und Verzweifeln, Glück und Unglück— ein ewiger Wechſel. Was die Sonne der Welt, das iſt der Menſch⸗ heit der Glaube an ſich ſelbſt, jener Glaube, dem Goethe Ausdruck gibt: Der Menſch in ſeinem dunklen Drange Iſt ſich des rechten Weges wohl bewußt— jener Glaube, welcher in aller Sünde nur den Irr⸗ thum ſieht und nur ein Evangelium kennt— die Wahrheit!“ Und dieſer Glaube war in Karl's Seele erſchüt⸗ tert; die Sonne ſchien ihm untergegangen in ewige Nacht, aus der es keine Auferſtehung mehr zu geben ſchien. Vierzehntes Kapitel. Der Hofmeiſter faßt feſten Fuß. Motto: Was man nicht kann haſſen Und noch weniger laſſen, O Herz! da iſt kein Mittel geblieben, Als es von ganzer Seele zu lieben. Rückert's„Vierzeilen“. Ein paar Tage nach Karl's Abreiſe traf endlich Mr. Brown im indiſchen Schloſſe ein, wo er die erſte Zeit ſowohl ſeine Nichte als die beiden Mädchen faſt nur von den vortrefflichen Eigenſchaften des jungen Mannes ſprechen hörte. Er behielt ſich im Stillen vor, ſelbſt zu unterſuchen und zu urtheilen. Vorerſt billigte er es nicht ganz, daß während ſeiner Abweſen⸗ heit ein Fremder ſo häufig bei den Damen Zutritt ge⸗ funden, und erlaubte durchaus nicht, daß die Mädchen einen Brief Karl's, worin er der Wittwe für die 159 freundliche Aufnahme in der Familie nochmals dankte, beantworteten. Der Brief des jungen Molling war nach Mr. Brown's Anſicht eine Pflicht der Höflichkeit; einer Erwiderung bedurfte derſelbe nicht. Die Aufmerkſamkeit, welche der König den jungen Damen während ſeiner Abweſenheit gezollt, ſchien Mr. Brown ganz gleichgültig zu laſſen; auch fiel jede Ur⸗ ſache, ſich weiter darüber zu beunruhigen, weg, da der Monarch, ohne Mr. Brown zu ſehen und ohne ſich im geringſten mehr um die Damen zu kümmern, am Tage nach der Ankunft des Mr. Brown mit Theodor von Ultritz nach der Reſidenz abreiſte. Der junge Graf Ultritz empfahl ſich natürlich noch vorher bei der Baronin und ſtellte ſich Mr. Brown vor. Man erfuhr, daß der Landesfürſt mit ſeiner Schweſter, Prinzeſſin Eliſabeth, incognito nach Italien reiſen wolle und daß noch nicht beſtimmt ſei, ob der König ſeinen Adjutanten mitnehmen werde. Die politiſche Lage des Reichs war zwar keine ruhige zu nennen, man ahnte, daß über kurz oder lang die Verſtimmung zwiſchen dem nördlichen und öſtlichen Nachbarſtaate zu einer entſcheidenden Kataſtrophe führen werde, bei welcher man kaum neutral bleiben konnte; im Innern lagen die verſchiedenen Parteien ſeit langem ſich in den Haaren, allein der Miniſter Ultritz 160 verſprach für Alles zu ſorgen und hatte wirklich nach kurzer Zeit die innern Umtriebe faſt ganz unterdrückt; die Oppoſition wagte nicht mehr, ſich laut zu er heben, und nach außen lebte man von heute auf morgen und ſchwankte zwiſchen den Nachbarſtaaten hin und her. Man wollte es mit keinem verderben. Ruhiger als ſonſt verfloſſen nun die Tage am See. Mr. Brown war viel in der Maſchinenfabrik, welche einen großartigen Aufſchwung nahm, oder er correſpondirte mit dem verantwortlichen Redacteur der Zeitung, die er gegründet, an deren Spitze er ſich jedoch nicht officiell ſtellen wollte, um nicht im Entſtehen des Unternehmens die Feindſeligkeit des Miniſters herausz fordern. Aber als ſtiller Compagnon unterſtützte er das Journal um ſo nachdrücklicher mit Geld und guten Rathſchlägen. Die Villa war inzwiſchen vom Keller bis zum Giebel in beſſern Stand geſetzt und völlig eingerichtet worden, um eine größere Anzahl von Gäſten aufneh⸗ men zu können. Seit Wochen erwartete man den lang erſehnten Beſuch des Barons Franz Billmann mit Familie; einer leichten Erkrankung Tante Kathrin's wegen war die Abreiſe verſchoben worden. Die Er⸗ holung der Greiſin verzögerte ſich wider Erwarten, 161 ſodaß der Herbſt da war, als ſich endlich die Ver⸗ wandten im ſchönen Schloſſe am See begrüßen konnten. Die Couſinen ſchloſſen bald mit einander Bekannt⸗ ſchaft; der junge Wilhelm war glücklich, in der freien Natur umherſtreifen zu dürfen, und in dem Hofmeiſter, nachdem man ſich an ſein ernſtes und etwas ſarkaſti⸗ ſches Weſen gewöhnt, lernte man einen geiſtreichen Geſellſchafter ſchätzen. Hin und wieder nahm der techniſche Director der Maſchinenfabrik, der ein⸗ für allemal von Mr. Brown zum Beſuch geladen war, an dem kleinen Geſellſchaftskreiſe Theil. Der Director, ehemals Artillerieoffizier, war viel gereiſt und ſuchte eine Civilanſtellung, welche ſeinen reichen Kenntniſſen einen größern Wirkungskreis bot als der Friedens⸗ dienſt, der heutzutage die Artillerieoffiziere zwingt, zwei Drittheile des Tages im Stall und in der Reit⸗ ſchule zu verbringen. Dieſen Herrn von Claming lernte Mr. Brown in England als einen ebenſo ge⸗ ſchickten Techniker wie auch allgemein gebildeten Mann kennen und hatte ihm bei Gründung der Fabrik ſo⸗ gleich eine ſehr annehmbare Offerte gemacht. Herr von Claming, der ſich von England her Juliens und Sophiens als kleiner Mädchen erinnerte, war nicht wenig überraſcht, ſie nun zu den liebreizendſten Jung⸗ frauen aufgeblüht zu ſehen. Obwohl von ruhigem, ſehr Schubert, ie Jagd nach dem Glücke. I. 11 162 männlichem Charakter und nichtsweniger als ſchwär⸗ meriſch angelegt, zog ihn doch die Anmuth der Schloß⸗ bewohnerinnen immer öfter in ihren Kreis. Tante Kathrin, die recht blaß und leidend ange⸗ kommen war, erholte ſich nach und nach und konnte die jungen Mädchen auf kurze Ausflüge in den Wald oder auf den See begleiten. Tante Kathrin war eine merkwürdige Frau; ſie ſprach nie von der Vergangenheit; hatte ſie doch ſo lange Jahre bei dem verſtorbenen Grafen Ultritz und dann bei der ſeligen Baronin Billmann gelebt, und doch kam ſie mit keiner Silbe auf die Abgeſchiedenen zu ſprechen; brachte Jemand das Geſpräch darauf, ſo ſagte ſie in ihrer kurzen Weiſe:„Den Lebenden gehört die Welt“, oder:„Solange man arbeiten kann, ſoll man nicht klagen“, und brachte einen andern Gegen⸗ ſtand aufs Tapet. Man wußte auch kaum mehr, wie die Tante Kathrin eigentlich mit den übrigen Familien⸗ gliedern verwandt war. Der verſtorbene Graf hatte die Baſe Kathrin, als der jetzige Miniſter noch ganz klein und Mariens Mut⸗ ter noch nicht geboren war, aus Rußland mitgebracht. Kathrin war damals ſchon in den Dreißigen und übernahm nach der Vermählung des verſtorbenen Gra⸗ fen die Haushaltung und Erziehung der Kinder, die 163 ſie Tante nannten, weil der Vater es ſo gewünſcht. Niemand fragte nach Kathrin's Jugend; die Greiſin erſchien der jüngern Generation wie ein Ueberbleibſel aus grauer Vorzeit; ihre Vergangenheit lag wie der Gipfel des Chimboraſſo in ewigem Nebel, und da ſie ſelbſt den Schleier nicht lüftete, ſo war Alles, was man von ihr wußte, daß ſie eben Tante Kathrin ſei, die von jeher im Hauſe geweſen und dazu gehörte. Sie verſtand es trefflich, die Neugier, ohne ſie zu befriedigen, einzuſchläfern; nur zuweilen erzählte ſie recht intereſſant von ruſſiſchen Sitten und Eigenthüm⸗ lichkeiten, aber ſtets ſo, daß man aus reger Theil⸗ nahme und Bewunderung ihrer Schilderungen vergaß, nach ihrem eigenen Schickſale zu fragen. Im Stammbaume der Ultritze hatte ſie aber doch einen Platz. Die erſte Frau des verſtorbenen Grafen war eine Gräfin Leonie Cronoff geweſen und Kathrin war die Bruderstochter eines Onkels derſelben. Kath⸗ rin's Aeltern waren in Sibirien geſtorben. Wer küm⸗ merte ſich um die vergeſſene Geſchichte einer jetzt ur⸗ alten Matrone? Und doch dachte Jemand daran. Das Zwiegeſpräch der Tante mit dem Miniſter, das Heinrich Wermuth zum Theile belauſcht, war ihm höchſt ſonderbar und des Nachdenkens werth erſchienen. 11* 3 164 So ſorgfältig und vorſichtig aber Heinrich bei der Dienerſchaft, dem Baron und Marie ſeine Erkundi⸗ gungen über Tante Kathrin einzog, ſo erfuhr er nicht mehr als das eben Mitgetheilte. Seine Neugierde war aber nun gereizt, irgend ein Geheimniß waltete in dieſem Hauſe und Heinrich war keineswegs geſonnen, es auf ſich beruhen zu laſſen. Wenn es ihm gelang, in den Beſitz deſſelben zu kommen, vielleicht konnte er dann mittels deſſelben die einflußreichen Perſonen ſeiner Umgebung wie Mario⸗ netten nach ſeinem Willen lenken. Seitdem der arme Student in dem Palais Billmann alle Annehmlich⸗ keiten des Lebens, den Luxus der Vornehmen und die Behäbigkeit kennen gelernt, welche Reichthum und Stellung in der Geſellſchaft gewähren, war die Be⸗ gierde in ihm mächtig geworden, ſich ſelbſt einen her⸗ vorragenden Platz im Leben zu erwerben. Seine Ei⸗ telkeit wuchs mit dem Neid, der ihn beim Anblicke des geſicherten Wohlſtandes der Ariſtokratenfamilie mehr und mehr erfaßte. Er war an Verſtand und Anlagen dieſen Schooßkindern des Glücks weit überlegen und nahm ſich vor, ſeine dienende Poſition nur ſo lange beizubehalten, bis er ſich die Mittel verſchafft, weiter emporzuſteigen. 165 Reich and angeſehen wollte er werden, gleichviel auf welchem Wege. Das Vertrauen des Barans errang er ſich raſch, da der junge Wilhelm unter ſeiner energiſchen Leitung ganz merkwürdige Fortſchritte machte. Der junge Menſch war nicht ohne Gaben, bisher war ihm nur nie der rechte Ernſt gezeigt worden. Heinrich, vor dem auf der Univerſität alle Collegen gezittert hatten, wußte dem Knaben ſo zu imponiren, daß die⸗ ſer durch raſtloſen Fleiß ſich die Zufriedenheit des ſtrengen Hofmeiſters zu erwerben ſuchte. In die feinen geſelligen Formen des Hauſes fand ſich Heinrich ſchneller, als er ſelbſt gedacht. Stolzen und ehrgeizigen Naturen iſt die Etikette, die alles Niedrige und Aermliche aus ihrem Kreiſe verbannt, keine Laſt, ſondern eine Wohlthat. Tante Kathrin gewann Heinrich durch die Selbſt⸗ ſtändigkeit und Zurückhaltung ſeines Weſens. Waren die beiden Charaktere ſich doch innerlich verwandt; unter einer ruhigen, kühlen Außenſeite barg ſich ein leidenſchaftliches Gemüth, das die einmal erfaßten Wünſche nicht mehr aufgab. Beide hatten Grund, ſich argwöhniſch zu beobach⸗ ten, aber Heinrich trug den Sieg davon. Der Zauber, den er auf der Univerſität geübt, 166 ſodaß ſein Wille ſeiner Umgebung zum Geſet wurde, ſchien ihn nicht verlaſſen zu haben. Selbſt Marie, die verwöhnte und hochmüthige Baroneſſe, konnte ſich ihm nicht ganz entziehen. Es entging dem lauernden Auge des Hofmeiſters nicht, daß Marie ſich nur un⸗ willig dem Regimente der Tante Kathrin fügte, die den ſchwachen Baron völlig beherrſchte. Heinrich war erſt wenige Tage im Hauſe, aber durch hingeworfene Aeußerungen, durch aufgefangene Worte errieth er, daß Tante Kathrin Alles aufbot, Marie für eine Verbindung mit dem jungen Grafen Ultritz günſtig zu ſtimmen. Er wagte es nun, das bedrängte Mädchen vor dem Miniſter und Tante Kathrin zu warnen. Anfangs fühlte ſich Marie verletzt, daß ein be⸗ zahlter Diener— ein ſolcher war in ihren Augen der Hofmeiſter des Vetters— ſich erdreiſtete, ihr Rathſchläge zu geben und ſich in Angelegenheiten zu miſchen, die ihn nichts angingen; aber Heinrich trug eine ſo tiefe Ergebenheit, einen ſo ſelbſtloſen Eifer zur Schau, er ſchien ſo männlich, ſo verſchwiegen, ſo ehrfurchtsvoll, daß ſie in ihrer Verlaſſenheit milder über ihn zu denken begann. Das Geheimniß des Tagebuchs laſtete auf ihrer Seele, ſie ſehnte ſich nach einem Vertrauten, nach ei⸗ r nem verlaßlichen Charakter. Mr. Brown war damals abgereiſt, ohne daß ſie Gelegenheit gefunden, mit ihm darüber zu ſprechen. So ſchwand nach und nach ihre Zurückhaltung, und ohne daß ſie eigentlich wußte, wie es geſchehen war, hatte ſie in ihrer Hülfloſigkeit dem Hofmeiſter des Vetters unter dem Siegel der Ver⸗ ſchwiegenheit das Tagebuch mit der geheimnißvollen Chiffernſchrift gezeigt. Heinrich war zu klug, das ihm geſchenkte Ver⸗ trauen ſogleich zu mißbrauchen; er überſchritt die Schranke, die ihn von der Tochter ſeines Herrn trennte, nicht einen Zoll breit; im Gegentheil, er behandelte das ſtolze Mädchen mit noch größerer äußerlicher Unter⸗ würfigkeit. Dadurch erreichte er den beabſichtigten Zweck; Marie bereute den Schritt, den ſie in der Ueber⸗ eilung gethan, nicht; ſie fühlte ſich erleichtert, einen ſo verſchwiegenen Mitwiſſer zu haben, der ihr heilig betheuerte, Alles aufzubieten, das Räthſel zu löſen, ohne ſie ſelbſt bloßzuſtellen. Heinrich rieth einſtweilen zur Geduld. Tante Kathrin müßte zwar glauben, daß das Tagebuch ver⸗ brannt ſei, dennoch ſei es klug, einige Zeit verſtreichen zu laſſen, ehe man Nachforſchungen nach der Brief⸗ taſche anſtelle. Mr. Brown könne man den Inhalt des Tagebuchs erſt mittheilen, wenn man über ſeine 168 eigentlichen Abſichten aufgeklärt ſei. Dieſe wollte Heinrich erſt erforſchen und hoffte während des Auf⸗ enthalts auf dem Lande im indiſchen Schloſſe hierzu Gelegenheit zu finden. Die Erkrankung der Tante Kathrin ermöglichte es den beiden Verſchworenen, dieſe Dinge zwanglos zu beſprechen. Marie fügte ſich den Vorſchlägen des Hof⸗ meiſters und gelobte, nichts ohne ſein Vorwiſſen zu unternehmen, ja ſie überließ ihm ſogar das Tagebuch, damit er ſich des Nachts mit der Enträthſelung der Chiffernſchrift beſchäftigen könne. Nun hatte Heinrich feſten Fuß im Hauſe gefaßt Er hielt das Schloß, das ihm vielleicht die Pforte der Zukunft öffnen konnte, in der Hand; ihm fehlte nur der Schlüſſel dazu. Aber mit ſtillem Triumph ſagte er ſich, daß die ſtolze ſchöne Marie nun doch an ihn, den armen Hofmeiſter, gebunden ſei. Wie ein unſichtbares Netz umſchlang das Geheimniß ihre Seele mit der ſeinen. Der Miniſter beſuchte ab und zu den Baron und die leidende Tante Kathrin. War es ein Ahnungs⸗ vermögen oder eine natürliche Antipathie, welche den allmächtigen Grafen ſo Kntſehſehen gegen den Hofmei⸗ ſter einnahm? Tante Kathrin widerſprach aufs lebhafteſte, als 169 der Miniſter ihr ſein Uebelwollen gegen Heinrich äußerte, aber der Graf blieb dabei, dieſer Wermuth ſei ein Heuchler der ſchlimmſten Sorte. Er verſäumte nicht, dem Baron ſeine nachtheilige Anſicht über den Hofmeiſter zu erkennen zu geben, aber der Baron, allzu glücklich, endlich Wilhelm auf der richtigen Bahn zu ſehen, konnte ſich um keinen Preis entſchließen, Heinrich zu verabſchieden, ſo gern er andererſeits dem Miniſter ſich gefällig gezeigt hätte, denn Wilhelm, eine Doppelwaiſe, war das einzige Kind ſeiner an einen armen öſterreichiſchen Offizier verheirathet geweſenen Schweſter. Heinrich erkannte mit Befriedigung, wie feſt er ſtand; er hätte ſich wohl erlauben können, dem krän⸗ kenden Benehmen des Grafen entſchiedenen Widerſtand entgegenzuſetzen, er beherrſchte ſich jedoch und that, als ob er die hochfahrende Behandlung gar nicht be⸗ merkte oder ſie gänzlich verachte, was ihn in Mariens Augen, die den Haß der Mutter gegen Graf Ferdinand geerbt zu haben ſchien, bedeutend erhob. Sie hielt es für ihre Pflicht, durch Freundlichkeit die Demüthigungen gut zu machen, welche der junge Mann in ihrem Hauſe erlitt; der Vater war ja viel zu ſchwach, den Hofmeiſter gehörig in Schutz zu nehmen. Der Spätherbſt war gekommen, der die Gebirgs⸗ 170 gegenden mit erhöhten Reizen ſchmückt. Während die Laubhölzer ſchon gelb und röthlich durch die Tannen, deren beſtändiges Grün ſich dunkler färbte, hervorſchim⸗ merten und der Morgenwind den goldenen welken Blätterſchmuck von den Buchen, Linden und Birken ſchüttelte und ſpielend über das Moos trieb, erglänzten die fernen Berge im reinſten Blau und zeigten in der klaren Luft jede Felſenſpalte, jede Almhütte, als ob ſie nun kein Geheimniß mehr verbergen wollten. Heiter ſtrahlte der Himmel, der See war ſo kryſtallhell, daß das Menſchenauge tief in ſeinen Grund hinabſehen konnte. Gegen Mittag regte ſich kein Lüftchen mehr, dennoch herrſchte eine angenehme Kühle; die Landſchaft lag friedlich da, ſo heilig ſtill, ſo offen wie ein Spiegel. Ringsum waltete jene beſeligende Ruhe, jene un⸗ mittelbare Aufrichtigkeit, mit welcher die Wahrheit der Natur ſo beglückend auf den empfänglichen Menſchen wirkt. So liegt die Seele der Jungfrau, wenn ſie die mädchenhafte Scheu überwunden, hingebend und offen voor den entzückten Augen des Geliebten, der ſie nun bewundern darf, ganz wie ſie iſt, in ihrer Herrlichkeit und angeborenen Unſchuld; ſo blickt das Auge des Kindes, das noch nichts verhehlt, in grenzenloſer ver⸗ trauender Offenheit. Und nur ein guter Menſch lernt — S b b 3 104 jene Augenblicke der höchſten⸗Wonne, der reinſten Be⸗ friedigung kennen, wo er im Anſchauen der wunder⸗ baren Schöpfung ſich ſelbſt vergißt und ganz Auge iſt, in welchem die Welt ſich ſpiegelt, die ohne dieſes Auge todt und farblos wäre. Dieſe Götterluſt des reinen Anſchauens kennet nur Wenige— wer ſo die Welt geſehen, der iſt ein Dichter oder Künſtler; die Andern ſehen mehr oder weniger nur ſich ſelbſt in der Natur oder können doch ihr kleines Ich nie los werden. Ihnen ſind die Berge ehrfurchterweckende Steinhaufen, ihnen beſteht der Wald aus Bäumen, der See aus Waſſer, und im Theater haben ſie Alles ſchon viel ſchöner geſehen. Sie wer⸗ den vielleicht mit der Natur bekannt, denn ſie iſt eine freundliche Dame, die offenes Haus hält, aber ſie werden nie vertraut mit ihr, die ewig junge Mutter zieht ſie nie liebend an das übervolle Herz. Marie beſaß dieſes echte Verſtändniß der Natur nicht. Immer kränklich, neigte ihr Temperament nicht zur Heiterkeit; ſie vermochte ſich nicht für lebloſe Dinge zu begeiſtern, wie die körperlich ſich einer aus⸗ gezeichneten Geſundheit und Friſche erfreuenden Cou⸗ ſinen. Heinrich's Einfluß lenkte Mariens Sinnesart nicht dem Einfachern zu, und ſo kamen ihr die ſchö⸗ nen Couſinen gerade in ihrer Natürlichkeit anfangs —————— 172 etwas verſchroben und affectirt vor. Dieſe Luſtigkeit über nichts, dieſe Wärme des Gefühls über einen Sonnenſtrahl, der einen Bergkegel etwas glänzender beleuchtete, dieſe Freude am Rudern, Laufen und Ball⸗ ſpiel erſchien der verwöhnten und ſchwerfälligern Städterin beinahe albern. Doch gab es Berührungspunkte genug: Muſik, Toilette und Lectüre, welche eine gegenſeitige Annähe⸗ rung vermittelten. Auch mußte Marie ſich geſtehen, daß die Couſinen trotz ihrer Einfachheit und Urſprüng⸗ lichkeit merkwürdig gebildet waren; ſie erkannte dies ohne Neid an und gewann dieſelben recht lieb. Ob ſie ihnen ihr Geheimniß mittheilen ſollte? Sie konnte ſich nicht klar werden, warum ſie dieſer Gedanke erſchreckte; war es, weil Heinrich ſie gebeten, doch ja den Mädchen nichts zu verrathen, bevor er mit Mr. Brown geſprochen? Wo war ihr Hochmuth hingekommen, daß eines Mannes, eines Unadligen Freundſchaft ihr mehr galt als die der lieblichen Mädchen, die ihr ſo ſchweſterlich die treueſte Neigung entgegenbrachten? Warum fiel ihr immer wieder die Stelle des Tagebuchs ein:„Opfere nie das Glück des Herzens!“ ——— — — Fünfzehntes Kapitel. Die Rede des Volkstribhuns. Motto: Soll man ertragen, was unleidlich iſt? Schiller's„Tell Das gemüthliche Zuſammenleben der Familie am See erlitt eine Störung, als eines Tages der Miniſter Graf Ultritz mit ſeinem Sohne Theodor erſchien. Zwar nahmen beide in der königlichen Villa Wohnung, aber die Etikette forderte, daß man die zwei Verwandten zu Tiſche einlud und ihnen überhaupt die Beſuchsſtunde freiſtellte. Der Miniſter ſchwärmte plötzlich für das Land⸗ leben und fand es ſo reizend, in einem Kreiſe„guter und theurer“ Verwandten einmal von den Geſchäften der großen Welt auszuruhen. Im Grunde aber wäre er überall lieber geweſen als bei dieſen Billmanns, 174 die er als Erbſchleicher, wie er ſie heimlich nannte, gründlich haßte. Es war jedoch für den Miniſter unumgänglich nothwendig geworden, mit dem alten Brown zu reden und in Tante Kathrin nochmals zu dringen, dem Ge⸗ heimniſſe über die Brieftaſche nachzuforſchen. Der mächtige Graf hatte nämlich alle Urſache, Mr. Brown zu mißtrauen, denn er war von verſchiedenen Seiten benachrichtigt worden, daß der Greis ihm überall nachſpüre, daß er ſogar in den Reſidenzen der Nachbar⸗ ſtaaten geweſen ſei. Da Mr. Brown viele Verbindungen beſaß und die demokratiſchen Ideen bis in hohe Kreiſe hinaufdrangen, ſo war es gar nicht unmöglich, nament⸗ lich wenn der Greis das Gold nicht ſparte, daß allerlei Intriguen an den Tag kamen, die der Graf vor Jahren ſich erlaubte, als er ſein jetziges hohes Amt noch nicht bekleidete. Nach Art der Glücksritter und Emporkömmlinge ohne eigenes Verdienſt, war er durch Achſeltragen bald nach der einen, bald nach der andern Seite höher und höher geſtiegen, bis er, ſtets mit dem Winde ſegelnd, den Hafen der Macht erreichte. Um ſo ängſtlicher aber dachte er jetzt an die doppelzüngige Correſpondenz zurück, die er früher mit den Kabinetten der Nachbarſtaaten ge⸗ führt. Eine engherzige Beurtheilung konnte in den von — ſeiner Hand geſchriebenen genauen Rapporten über die Stärke des Heeres, die Volksſtimmung, die Einzelheiten des Volkslebens am Ende gar eine Art Verrath erblicken. Offenbar hatte der Miniſter anfangs dieſen Mr. Brown bedeutend unterſchätzt, ſich allzu ſicher einem ein⸗ fachen Privatmann gegenüber gefühlt; nun entdeckte er freilich, wie gut Mr. Brown den Satz ſtudirt zu haben ſchien: Kleine Urſachen, große Wirkungen. Einen Beweis dieſes Satzes hatte der Miniſter ſchon an ſich erfahren müſſen. Der König war ihm gegenüber zum erſten Male ſelbſtſtändig aufgetreten, indem er ſich weigerte, die von dem Miniſter vorgeſchlagenen Cavaliere als ſeinen Reiſehofſtaat mitzunehmen; ſelbſt Graf Theodor, den Sohn des Miniſters, ſtrich er von der Liſte. Daß er damit dem treuen, ergebenen Adjutanten nicht hatte weh⸗ thun wollen, ſprach er durch deſſen Beförderung zum Rittmeiſter aus. Dennoch war es eine Art Zurück⸗ ſetzung. Hinter dieſen Anſchlägen ſteckte vermuthlich Prin⸗ zeſſin Eliſabeth, und der Miniſter wußte, daß Mr. Brown zweimal in der Reſidenz von der Prinzeſſin empfangen worden war, angeblich um mit ihr über den Bau von Arbeiterwohnungen zu berathen. Der Miniſter bot natürlich Alles auf, den 176 Monarchen umzuſtimmen und ſeine Creaturen mit auf die projectirte Reiſe zu ſchicken. Der König aber blieb nicht nur feſt, ſondern ſchickte eine Stunde vor der Ab⸗ reiſe dem Grafen folgendes Handbillet: „Excellenz! Wir geben Ihnen die Erlaubniß, auch während Wir außer Landes ſind, die Ihnen angewieſeneu Appartements Unſerer Villa am See nach Gutdünken zu benutzen. Graf Theodor wird Sie, lieber Graf, am beſten unterſtützen können, die verlorene Brieftaſche Ihres Herrn Vaters zu entdecken. Wir nehmen lebhaftes Intereſſe an der Auffindung dieſes Vermächtniſſes des verdienten Polizeichefs und wünſchen von Herzen, daß der Erfolg Ihre Mühe lohnen möge. Ihr wohlgewogener ac. ac.“ Dieſes Handbillet traf wie ein Blitz aus heiterem Himmel den ränkevollen Miniſter. Er verfluchte die Launenhaftigkeit ſeines jungen Für⸗ ſten, der von ſolchen Lappalien von einer reinen Privat⸗ ſache ſich beſtimmen ließ, ſo gegen einen Miniſter aufzu⸗ treten, und die Staatsentereſſen dabei gar nicht mehr bedachte. Daß er ſelbſt ſeine Leidenſchaften ſtets über das allgemeine Wohl geſtellt, kam dem Miniſter nicht in den Sinn. Die Brieftaſche mußte jetzt gefunden werden, 177 möglicherweiſe ließ ihn ſonſt der Fürſt in Ungnade fallen. Auf irgend eine Weiſe mußte er dieſen Schachzug ſeiner Feinde mit einem Gegenzug unſchädlich machen. Es galt nicht blos, den Schlag zu pariren, ſondern den Widerſachern einen zu verſetzen, der ſie vernichtete und ſeine wankende Stellung neu befeſtigte. Jetzt war es ihm lieb, daß Theodor bei der Hand war; die Ver⸗ bindung des Sohnes mit Marie durfte nicht länger mehr verſchoben werden. Dadurch kam wenigſtens das Vermögen, um das ihn der eigene halsſtarrige Vater betrogen, an das Hans Ultritz zurück. Das Mittagsmahl, das man auf der Veranda ein⸗ nahm, war zu Ende. Die Wittwe und die Mädchen hatten ſich zurückgezogen, der Rittmeiſter war an den See hinabgegangen, um kleine Fiſche zu fangen, weſche ſein Vater und Baron Billmann, die gegen Abend auf den Lachsfang fahren wollten, als Köder brauchten. Auf den unterſten Stufen der Terraſſe lag Wilhelm und lernte ſeine Lection; er durfte die an den Waſſerfall verabredete Partie nur mitmachen, wenn er vorher ſein Penſum richtig herſagen konnte. Die Tante Kathrin ſaß in ihrem bequemen Rohrſeſſel und arbeitete wie immer. Doch blieb ſie der alten Sitte treu; ſie konnte Stricken und Sticken, Häkeln und Nähen nicht Schubert, Die Jagd nach dem Glücke. I. 12 178 leiden, ſondern ſpann emſig, während die Herren dem Genuſſe der duftigen Cigarre ſich hingaben⸗ Wie eine Parze war Tante Kathrin anzuſchauen; ihr elaſſiſches Profil, ihr lebhaftes Auge, die würdevolle Haltung feſſelten unwillkürlich. Man mußte mit den Perſönlichkeiten, welche hier anſcheinend eine Scene harmloſen Stilllebens aufführten, ziemlich vertraut ſein, um entdecken zu können, welche verſchiedenen Leidenſchaften ſie unter dem Mantel ver⸗ wandtſchaftlicher Liebe verbargen, welchen entgegenge⸗ ſetzten Zielen ſie nachſtrebten, mit welchem Haß und Mißtrauen ſie einander betrachteten. Baron Billmann brachte das Geſpräch auf die Einrichtung der Majorate, und ſchon fürchtete Graf Ultritz, der Schwager wolle zu Gunſten ſeines Neffen Wilhelm ein ſolches gründen, wodurch Mariens Anſpruch auf das väterliche Vermögen verkürzt worden wäre. Zur rechten Zeit aber dachte er daran, daß Baron Franz ſeine Marie doch viel zu ſehr liebe, um einen ſolchen Schritt zu thun. „Ja, mein lieber Baron“, konnte er daher beiſtim⸗ mend erwidern,„man ſieht allenthalben ein, daß nur durch große, von Generation zu Generation wachſende Majorate und Stiftungen, durch bedeutenden Grund⸗ beſitz dem Adel wieder aufgeholfen werden kann.“ 179 „Allerdings“, nahm Mr. Brown das Wort,„wäre es die ſchönſte Aufgabe des Adels, durch eigene Be⸗ wirthſchaftung großer Güter ſich wieder an die Spitze der Bauernſchaft zu ſtellen, deren Leitung jetzt ausſchließ⸗ lich den Geiſtlichen überlaſſen bleibt, die ihren Einfluß oft mehr für kirchliche und römiſche als für vaterlän⸗ diſche Intereſſen geltend machen. Ob aber der Adel nicht verweichlicht iſt, ob er nicht allzu ſehr hinter der Zeit zurückblieb—“ „Der Adel iſt durch den dreißigjährigen Krieg zu⸗ gleich mit den Bauern vernichtet worden“, fiel Herr von Claming ein.„Der Bauer hat ſich von dem Schlage erholt, der Adel nicht mehr.“ „Das ſind ja ganz ketzeriſch⸗liberale Anſichten“, lächelte der Miniſter. „Wer will heutzutage noch ſein Geld in Grund und Boden anlegen“, meinte Baron Billmann,„wo Staatspapiere, Fabrikactien oder Eiſenbahnanlehen dreimal ſo viel Zinſen tragen?“ Es war ſelten, daß der guthmüthige Baron ſo viele Worte zuſammenhängend hören ließ. Den Miniſter verzehrte der grimmigſte Neid. Mit dem Vermögen, welches von Rechtswegen ihm ſelbſt ge⸗ hörte, wußte alſo ſogar der Schwachkopf von Schwager ſich ein fürſtliches Einkommen zu verſchaffen, während 12* 180 er ſelbſt trotz allen Geizes es nie zu einem großen Be⸗ ſitz gebracht hatte. Wäre nur die geheime Clauſel des Teſtaments nicht geweſen, die ihn völlig enterbte, wenn er dagegen Einſprache that, nun und nimmer würde er dieſe Familie Billmann, die ſich von ſeinem Erbe mäſtete, in ruhigem Beſitz gelaſſen haben. „Leider iſt der Adel theilweiſe ſehr verkommen“, bemerkte mit ſchlecht verhehlter Beziehung der Miniſter, „ſonſt hätte die materielle Richtung unſerer Zeit nicht ſo mächtig werden können, daß jeder Jude und Wuche⸗ rer es uns gleichzuthun wagen darf.“ Der Hofmeiſter erlaubte ſich, was der Miniſter ganz deutlich bemerkte, auf dieſe Aeußerung in heraus⸗ fordernder Weiſe zu lächeln. Tante Kathrin waren derlei Geſpräche, die immer eine kleine Verſtimmung zurückließen, nicht angenehm; ſie ſah den Grafen mehrmals warnend an, dieſer aber achtete nicht darauf und verſetzte auf eine Einwendung Mr. Browu's, daß dieſe Gleichheit wohl berechtigt ſei: „Mit den erſten Führern der Fortſchrittspartei ann ich beſchränkter, treu am Alten hängender Edel⸗ mann nicht ſtreiten. Aber lehrreich iſt es immerhin, gerade für mich, fremde Anſichten zu hören. Wir ha⸗ ben uns ja zu ſehr an das parlamentariſche Régime gewöhnt, als daß wir nicht jede Meinung gelten ließen. — 181 Sie, mein junger Freund“, fuhr der Miniſter, ſich zu Heinrich wendend, fort,„ſchienen mir vorhin auch etwas gegen die Majorate auf der Zunge gehabt zu haben— bitte uns Ihr gewiß einſichtsvolles Urtheil nicht vorzuenthalten.“ Heinrich, von dieſem directen Angriff betroffen, zögerte, aber Tante Kathrin kam ihm zu Hülfe. „Herr Wermuth, jetzt zeigen Sie einmal dem Mi⸗ niſter, der ſelbſt während der Sieſta den Tyrannen nicht vergißt, den Dolch, den Sie im Gewande tragen.“ „Jawohl, reden Sie“, lachte der Baron beluſtigt“ „das heißt, wenn Graf Ferdinand—“ Dieſer war nun wohl genöthigt, die Sache ſcherz⸗ haft zu nehmen. „Alſo“, lächelte er,„freier Vortrag gegen die Tyrannei des Miniſteriums Uttritz, ſo lautete ja die Ankündigung bei der letzten Volksverſammlung, die wir jedoch vor der Eröffnung ſchließen ließen.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Herr Graf“, ſprach jetzt die Greiſin, die ein eigenthümliches Intereſſe zu haben ſchien, Heinrich's Rednertalent gegen den Mi⸗ niſter ins Feld zu führen,„Herr Wermuth iſt ſattelfeſt; er ſitzt zwar auf hohem Pferde, aber er fällt nicht herab.“ „Er dringt ſeine Meinung nicht auf“, ſchaltete 182 Herr von Claming ein, mit einem aufmunternden Blick auf Heinrich,„aber er hält nicht hinter dem Berge, wenn man ihn darum fragt.“ „Ein merkwurdig beſcheidener junger Mann“, flü⸗ ſterte der Miniſter in ſarkaſtiſchem Tone Herrn von Claming zu, jedoch laut genug, um von Heinrich ge⸗ hört zu werden. Jetzt war es genug, der Graf ſollte die Heraus⸗ forderung büßen. So konnte man einen Pudel zwin⸗ gen, ſeine Kunſtſtücke zu zeigen, jawohl, aber nur einen dreſſirten; ein Sklave mochte die Hand küſſen, die ihn ſchlug, aber Heinrich war kein ſolcher; er rü⸗ ſtete ſich, dem Miniſter endlich einmal die Zähne zu zeigen. Sein ſonſt bleiches Geſicht färbte ſich und ſeine kleinen tiefliegenden Augen blitzten und bohrten ſich in die des allmächtigen Beherrſchers des Landes. Seit einer Stunde fürchtete er ihn nicht mehr; er hatte ein beträchtliches Stück Schickſalsfaden aus dem verworrenen Knäuel der Vergangenheit losgelöſt, einen Faden, der vielleicht ſtark genug war, von nun an dem hochmüthigen Grafen die Hände zu binden. „Solange der Bauernſtand unfrei war“, erhob Heinrich ſeine tiefe wohlklingende Stimme, deren mäch⸗ tig vibrirender Schall etwas Gewinnendes und Ueber⸗ zeugendes hatte,„erſchien die Vertretung ſeiner Inter⸗ eſſen durch den Adel nothwendig, obwohl derſelbe den Löwenantheil in jeder Weiſe ſich ſicherte. Seit aber der Bauer, von Zehnten und Frohndienſt befreit, aus⸗ ſchließlich für ſich ſelbſt arbeitet, hat der Adel jedes Recht verloren, der Führer der Bauern zu ſein. Der Adel iſt als Grundbeſitzender nur noch ein Rivale des Bauers; große Verbindungen der Bauern zum gemein⸗ ſamen Betriebe des Ackerbaues, ein enges Aneinander⸗ ſchließen der Gemeinden, durch eine freie Verfaſſung vor Erſtarrung geſichert, wird für die Bodencultur und Entwicklung des Ackerbaus wichtiger ſein, als in die Kammern adlige Abgeordnete oder Prieſter zu ſchicken, die nicht einſehen, daß es für die Bauern Lebensfrage iſt, mit der Induſtrie der Städte vor⸗ theilhaft concurriren zu können; das iſt nur durch den kaufmänniſchen Betrieb im Großen, durch Aſſociation der Gemeinden möglich, dazu bedarf es keines Adels. Wir haben ja auch in der That keine grundbeſitzende Ariſtokratie von nennenswerther Zahl und Bedeutung; darum ſind auch alle engliſchen Einrichtungen, die man uns Deutſchen octroyirt hat, von dem Zweihäuſer⸗Par⸗ lament und dem hohlen Apparat unſeres Scheinconſti⸗ tutionalismus bis zu den Wahlgeſetzen herab, für uns unpaſſend. Was Deutſchland braucht, das iſt ein Staatenbund mit einem Oberhaupte, in deſſen Hand 184 die Executive liegt, und einem Reichstag, in dem der Fürſt mit dem Bauer ſitzt. So aber kranken wir an unſern Ober⸗ und Unterhäuſern, an der uns aufge⸗ pfropften fremden Staatsform. Wir paſſen nun ein⸗ mal nicht in den ſonderbaren Rock, den ſich die Inſu⸗ laner nach und nach zuſammenflickten. Wir wollen die Freiheit nicht in ſo und ſo viel Paragraphen des Ge⸗ ſetzes geſchrieben beſitzen, wir wollen den Strom der geiſtigen Unabhängigkeit nicht in Flaſchen abziehen, um uns nur an Feſttagen daran zu berauſchen, wir brauchen ſie als täglichen friſchen Trunk, als nie ver⸗ ſiegende Quelle, bei uns muß die Freiheit vom Faſſe laufen. Die engliſche Buchſtabenfreiheit mit ihren furchtbaren Gegenſätzen im wirklichen Leben, dem Reich⸗ thum Weniger, dem Elend der Maſſen, der lügenhaften Gleichheit vor dem Geſetz, deſſen Buch nur der Reiche öffnen kann, das ſo verclauſulirt iſt, daß Jeder gegen Jeden mit Ausſicht auf Erfolg proceſſiren kann, mit dem Zwange, womit die engliſche Kirche Wiſſenſchaft und Philoſophie zu Boden hält, widert den deutſchen Sinn für Wahrheit und Gerechtigkeit an.— Wir ſchicken unſere Waaren nach Paris und London, um ſie mit dem fremden Stempel theuer zurückzukaufen. Wie thöricht! Aber noch viel gedankenloſer haben wir unſer öffentliches und ſtaatliches Leben mit fremden 8 4 ——. — 185 Sitten, mit fremden Rechtsanſchauungen vergiften laſſen und unſere national⸗politiſche Organiſation von auswärts bezogen—“ „Sie ſchweifen ab“, fiel der Miniſter ein, der anfing aufmerkſam zuzuhören und überlegte, mit welcher Summe wohl die, wie er ſah, tüchtige Kraft für die Sache der Reaction gewonnen werden könne.„Sie ſollten gegen die Majorate ſprechen oder gegen mich.“ „Er kann den Angriff nicht erwarten“, ſchaltete Tante Kathrin ein. „Die Majorate“, fuhr Heinrich ſchlagfertig fort, widerſprechen am allermeiſten dem urſprünglichen Rechts⸗ begriff, den ein freies, kühnes und ehrliches Mannes⸗ gewiſſen uns lehrt. Es mag praktiſch für eine Familie ſein, dadurch den Beſitz vor Zerſplitterung zu bewahren, aber es iſt ungerecht, denn wie ſich die Kinder in die Liebe der Aeltern, ſo ſollen ſie ſich gleichheitlich in das Erbe theilen.“ Der Graf zuckte zuſammen; nur mühſam unter⸗ drückte er ſeine Bewegung. Er hatte nie die Liebe des Vaters beſeſſen, er war im Erbe geſchmälert worden. „Der ägyptiſche Kaſtengeiſt ſcheint mir nicht uner⸗ träglicher“, ſprach Heinrich ohne Unterbrechung weiter, „als dieſes alle Bewegung, allen Wechſel, alles Stre⸗ 186 ben lähmende Majoratsgeſetz. Muß nicht der durch ſeine Geburt zur Armuth verurtheilte jüngere Sohn ſeiner Wiege fluchen? Muß er nicht verwünſchen, einem Geſchlechte anzugehören, das alle ſeine Kinder darben läßt, damit der Name eines Einzigen, des bevorzugten Majoratsherrn, um ſo heller glänze? Jedes Weſen trägt in ſich ſelbſt, urſprünglich in tiefſter Bruſt den ihm allein gültigen, berechtigten Maßſtab des Glücks, und jede Beſchränkung dieſer natürlichen Selbſtſucht, welche völlig gerechtfertigt iſt, ſolange die Rechte Anderer nicht dadurch verkürzt werden, jede Hinderung der Entwicklung des eigenen Ichs iſt ein Verbrechen, ein Eingriff in die uralt ewigen Rechte des Menſchen. So verſchieden auch der Menſch das Leben beurtheilen mag, der Schwerpunkt des Glücks liegt für jeden darin, daß er zufrieden iſt. Zufrieden aber heißt neid⸗ los ſein, und nur wer— im Durchſchnitt betrachtet— rechtlich allen Andern gleich iſt, nur der kann zufrie⸗ den ſein. Das Glück, ſoweit es der Staat dem Men⸗ ſchen ſchuldet, beſteht ſohin in der Gleichheit aller, nicht blos vor irgend einem Geſetz, ſondern in dem, was moraliſch und philoſophiſch Recht iſt. Wie beim Wettrennen alle Pferde in einer Linie ſtehen müſſen, ehe der Lauf beginnt, keine Raſſe einen Vorſprung näher dem Ziele erhält, ſo ſollte es auch in der Arena des Lebens 1 ¹ * — 187 ſein. Bei der Geburt ſind die Menſchen ſich alle gleich, alle gehören in eine Linie. Nieder mit den Barrièren! Das Wettrennen des Lebens geht los! Wer zuerſt das Ziel erreicht, den lohne der höchſte Preis, ein ewiger Ruhm! Aber ſeine Kinder ſollen, wenn einſt für ſie das Rennen beginnt, keinen Vorſprung haben; Alles in eine Linie. Nur die Leiſtung werde belohnt“, ſchloß Heinrich ſeine Rede,„nur die Kraft entſcheide, nicht die Gunſt. Wehe, wer dem Nächſten ein Bein ſtellt, eine Grube gräbt; wehe, wer unehrliche Mittel gebraucht! Ein Recht für alle— nieder mit den Barrièren!“ Heinrich hatte ſich in Eifer geſprochen. Einem Schauſpieler gleich, der ſeinen Part mit Aufbietung aller Mittel zur Geltung zu bringen ſucht und in der Ekſtaſe des Augenblicks über ſich ſelbſt hinaus⸗ geht und dadurch alle Zuhörer mit hinreißt, ſtand er einen Moment wie in ſelbſtvergeſſener Begeiſterung regungslos da. Der Graf war wie vernichtet; der glatte Weltmann fand keine Erwiderung. Tante Kathrin erbebte; welch eine Gewalt übte doch dieſer Heinrich auf alle Welt aus! Sie hatte ihn haſſen wollen, glühend haſſen, und doch vermochte ſie es nicht. Dieſer Trotz, dieſe heiße Glut, wenn das Eis der Zurückhaltung einmal durchbrochen war, dieſer 188 gewaltige, heftige Wille zwang ihr eine gewiſſe Ehrfurcht ab. Ja, ſie fühlte, dieſem Manne konnte kein Frauen⸗ herz widerſtehen, wenn er wollte— er würde ſelbſt die kalte Marie bezwingen. Er war gefährlich, er mußte fort. Mr. Brown nickte befriedigt, Herr von Claming ebenfalls. Heinrich hatte ſich raſch geſammelt und bemerkte jetzt Frau Kathrin's Geſichtsausdruck. War er zu weit gegangen? „So würde ich geſprochen haben“, ſagte er mit plötzlich verändertem, höflichem Ton,„wenn ich vor ein paar tauſend Jahren das Unglück gehabt hätte, zum Volkstribun erwählt worden zu ſein. Heute iſt eine aufgeklärtere Zeit und ich bin Hofmeiſter; die größte Kunſt, ja die Pflicht des Erziehers beſteht darin, zur rechten Zeit zu ſchweigen. Ich habe nur auf Befehl geſprochen.“ Mit einer Verbeugung empfahl ſich der Hofmeiſter; ſein Zögling folgte ihm nach. Noch längere Zeit lag es wie ein Alp auf dem Grafen. Dieſe Rede wollte er dem frechen Menſchen nie verzeihen; noch gab es Mittel, dieſe Art verkappter Volkstribune zu züchtigen. Der Baron vertheidigte Herrn Wermuth, ſo gut er konnte. —* — 2 —— 189 Die Erſcheinung der Mädchen, welche die Herren zur Spazierfahrt an den Waſſerfall aufforderten, endete die peinliche Situation. Auch der Rittmeiſter kam nun vom See herauf und der Miniſter nahm ihm die in einer Blechbüchſe aufbewahrten Köderfiſchchen ab und zog ihn etwas abſeits. „Heute gilt es, Theodor. Wenn Du zurückkommſt, muß es entſchieden ſein.“ „Verlaſſe Dich auf mich, Papa“, verſetzte leiſe der Sohn, der ſich jetzt den drei Mädchen anſchloß, welche zum See hinabſtiegen, wo in einer kleinen Schiffhütte mehrere elegant gebaute leichte Kähne lagen. Der Hofmeiſter mit Wilhelm trat eben heraus, nachdem er zwei geſchmackvoll bemalte Schiffchen von der Kette gelöſt hatte. „Wir werden ein Gewitter bekommen, Fräulein“, wendete ſich Heinrich an die eben allein ſtehende Marie. „Wird Ihnen die Abendluft nicht ſchaden?“ Seine Stimme klang ſo theilnehmend, ſo innig. „Ich fühle mich viel beſſer in letzterer Zeit“, ver⸗ ſetzte Marie,„und will deshalb mitfahren.“ In dieſem Augenblicke rief Tante Kathrin Marie auf die Terraſſe zurück und nöthigte ihr einen warmen Shawl auf. Sophie, Julie und Wilhelm waren ſchon in einen Kahn geſtiegen. 190 „Sie müſſen uns rudern, Herr Doctor“, ſchallte Juliens helle Stimme,„kommen Sie ſchnell!“ Der Hofmeiſter, welcher Marie nachgeblickt hatte, in der Hoffnung, ſie würde raſch wiederkommen, mußte ſich fügen. „Ich werde mit Marie nachrudern“, rief ihm der Rittmeiſter von der Terraſſe herab zu,„eilen Sie!“ Das erſte Schiffchen war ſchon ein paar Büchſen⸗ ſchüſſe weit im See, als Theodor mit Marie im zwei⸗ ten Grönländer vom Lande abſtieß. Herrn von Cla⸗ ming rief ſein Beruf in die Fabrik, wohin ihn Mr. Brown begleitete. Graf Ultritz und Baron Billmann fuhren eine Viertelſtunde ſpäter in einem größern Boote nach einer andern Richtung ab. Die lange Leine der Schleppangel wurde, nachdem ein Köderfiſch kunſtgerecht befeſtigt war, abgelaſſen. Der Baron ver⸗ ſtand nichts von der engliſchen Fiſcherei auf Lachſe; das war auch dem Grafen Nebenſache. Jetzt hatte er den Schwager allein und wiederholte dringender als je den Antrag, die Verlobung Theodor's und Mariens zu beſchleunigen. Ende des erſten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Verlag von Ernſt Zulius Günther in Teipzig. Lady Andleny's Geheimniß. Roman von aul. E. Braddon. Aus dem Engliſchen. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 2 Thlr.— Aurora IJloyd. Roman von M. E. Braddon, Aus dem Engliſchen von F. Seybold. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 80. Eleg geh. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. ECleanors Hieg. Roman von M. E. Braddon. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſtrte Ausgabe. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Ueue Romane aus dem Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig: Die Ehefabrikanten. Komiſch⸗ſocialer Roman von 6, A. von Winterfeld. 4 Bände. 8⁰. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Modelle. 6 Humoriſtiſcher Roman— vo A. von Winterfeld. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. 3 1 — Verfloſſene Stunden. Novelle 1 von *. Junghans. 1 Band. 80. Elegant geheftet. Preis 22 ½ Ngr. 4 1nnnnenpnſndFmſſin ęnſſimm IInni nmſſiſin 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19