A³ d franzöſiſcher Literatur 8 3 Eduard Ollmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 2566. Seih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ffangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. Bei Rückgabe eines “ 5 6 — gemacht, daß das Weiterverleihen Diejenigen, welche die⸗ een haben.. — —— — — Erzählungen eines Pascha. Zweiter Band. Beim Verleger dieſes iſt ſo eben erſchienen: Die KReigsekur. Von Loui s. L av. 3. 3 Bde. Elegant geheftet. Preis 4 Thlr. Mit Vergnuͤgen uͤbergeben wir hiermit der Leſewelt ein neues Werk des geiſtreichen Verfaſſers, deſſen ſchoͤnes Talent bereits den verdienten Anklang gefunden hat. Witz, Phantaſie, Scherz und Ernſt wechſelt in dieſer Reiſekur, die dem Leſer durch ihren hoͤchſt intereſſanten Stoff voll bunten Wechſels und durch deſſen heitere und feſſelnde Darſtellung einen nicht blos vergaͤnglichen Genuß bereiten wird. — ——— Erzählungen eines Vascha. Von Captain Marrpat, Verfaſſer des Peter Simpel, Jacob Ehrlich u. ſ. w. Aus dem Engliſchen von C. Richardv. Zweiter Band. Aachen und Keiptig, Verlag von Jacob Anton Mayer. Grüſſel bei J. A. Maper und Somerhaufen.) 183 5. Druck: J. J. Beaufort. Erzählungen eines Pascha. Erſtes Kapitel. „Maſchallah! wie wunderbar iſt Gott! Hat der Kalif Harun Al Raſchid jemals ſolche Ge⸗ ſchichten gehoͤrt?“ bemerkte der Paſcha, der mit Muſtapha ruhete und rauchte;„der Un⸗ glaͤubige erzaͤhlt ſonderbare Geſchichten von fremden Laͤndern; was wird ſein geoͤffneter Mund nun zunaͤchſt vorbringen?“ „Der Scheitan Bacheh, denn ein Sohn des Teufels iſt er immer noch, obwohl er den Turban traͤgt und ſich vor Allah verneigt,— wird Deiner erlauchten Hoheit einen ganzen Schaz von Unterhaltung gewaͤhren,“ erwie⸗ — 6— derte Muſtapha—„doch wie lauten die Worte des Weiſen? Haſt Du G Gold in Deinem Hazneh, ſo halte es verſchloßen und fuͤge noch mehr hinzu; auf ſolche Weiſe wirſt Du reich!“ „Das ſind Worte hoher Weisheit,“ entgeg⸗ nete der Paſcha. „Darf ich Deiner Hoheit alſo akrrathen, heute Abend auszugehen, um noch mehr aufzuſuchen, und dasjenige nicht zu erſchoͤpfen, was bereits in Deinem Beſtze iſt?“ „Wallah Thaib! das iſt gut geſprochen!“ antwortete der Paſcha, erhob ſich von ſeinem Musnud oder Prunkteppich und fuhr fort: „Der Mond ging ſchon auf— wenn Alles bereit iſt, wollen wir hinaus.“ Nach einer Viertelſtunde begann der Paſcha in Begleitung Muſtaphas, und wie fruͤher ge⸗ folgt von bewaffneten Sklaven, ſeine Wander⸗ gaͤnge durch die Straßen der Stadt Kairo. Sie waren noch keine halbe Stunde gegangen, als ſie zwei Maͤnner vor der Thuͤr eines Obſt⸗ laden ſizen ſahen, die im heftigen Wortwechſel zu ſeyn ſchienen. Der Paſcha hielt Muſtapha ſeinen aufgehobenen Finger zum Zeichen des Stillſtehens hin, damit er ihr Geſpraͤch an⸗ hoͤren koͤnne. —,—— ———— „Ich ſage Dir Ali, es iſt unmoͤglich Deine langen Geſchichten anzuhoͤren, ohne verdroßen zu werden.“ „Lange Geſchichten!“ fliſterte der erfreute Paſcha dem Muſtapha in's Ohr:„das iſt grade was ich ſuche! Schukar Allah! Gott ſey gedankt.“ „Und ich erwiedere Dir darauf, Hußan, daß Deine Geſchichten zehnmal ſchlimmer ſind. Noch niemals haſt Du eine halbe Viertelſtunde geſprochen, ohne daß ich ein recht dringendes Verlangen empfand, Deinen Mund mit dem Abſaze meines Pantoffels zu begruͤßen. Ich wollte es gaͤbe Jemanden, der uns Beide an⸗ hoͤren und den Streitpunkt entſcheiden wollte.“ „Das will ich,“ ſagte der Paſcha und trat zu ihnen heran;„morgen will ich Eure beiden Geſchichten hoͤren und uͤber das Verdienſtliche einer jeden mein Urtheil geben.“ „Und wer biſt Du denn?“ fragte einer der Maͤnner ganz erſtaunt. „Seine Hoheit, der Paſcha,“ ſprach der herzutretende Muſtapha. Beide Leute warfen ſich vor dem erlauchten Herrn nieder; dieſer gebot Muſtapha dafuͤr zu ſorgen, daß ſie ihm am folgenden Tage vor⸗ gefuͤhrt wuͤrden, und der Vezir kehrte mit dem — 3— Paſcha zuruͤck, nachdem er die Maͤnner den nach⸗ folgenden Sklaven zum Gewahrſam uͤbergeben hatte; der Paſcha war in der beſten Laune durch ſeine Ausſicht auf die reiche Ausbeute, welche zwei Menſchen ihm verhießen, die ſich einander anklagten gar zu lange Geſchichten zu erzaͤhlen. Nachdem der Divan am folgenden Tage ge⸗ ſchloßen worden, wurden die beiden Maͤnner vor den Paſcha beſchieden. „Jezt will ich meine Entſcheidung uͤber das Verdienſt Enrer Geſchichten abgeben;“ ſagte der Paſcha.„Sezt Euch Beide dort nieder, und macht unter Euch aus, wer beginnen ſoll.“ „Gefall es Deiner Hoheit,“ bemerkte der⸗ jenige, der den Namen Hußan fuͤhrt.„Du wirſt gar nicht im Stande ſeyn, dieſen Ali anzuhoͤren, und wuͤrdeſt beßer thun ihn fort⸗ zuſchicken.“ 1.m2 „Allah bewahre Deine Hoheit vor allem Übel!“ entgegnete Ali,„aber ganz beſonders vor dem Geſchwaͤze Hußan's, welches ertoͤdtend iſt, wie der heiße Wind in der Wuͤſte.“ „Ich habe Euch nicht kommen laßen, damit Ihr Euren Zank in meiner Gegenwart fort⸗ ſezen ſollt, ſondern um Eure Geſchichten zu hoͤren. Beginne Du, Ali.“ 4 —— — * — 9— „Ich verſichere Deine Hoheit,“ ſiel Hußan ein,„Du wirſt ihn nicht drei Minuten an⸗ hoͤren.“ „Ich verſichere Dich,“ gab ihm der Paſcha zur Antwort,„daß wenn Du noch ein einzi⸗ ges Wort ſagſt, bevor Du dazu aufgefordert biſt, ſo ſoll die Baſtonade Dich fuͤr Deine Muͤhe bezahlen. Ali, beginn Deine Geſchichte.“ „Wohl, Hoheit, es war etwa vor dreißig Jahren, Du weißt, daß ich ein kleiner Knabe war wie Du weißt.“ Hußan hob jezt eine Hand in die Hoͤhe und laͤchelte. „Wohl, Hoheit, Du weißt“—. „Ich weiß nicht Ali, wie kann ich wißen, be⸗ vor Du mir erzaͤhlt haſt,“ bemerkte der Paſcha. „Wohlan, Deine Hoheit muß dann wißen, daß ich ſeit meiner Geburt in der Straße ge⸗ lebt habe, in welcher Deine Hoheit mich geſtern Abend ſizen ſah, und Du weißt, dreißig Jahre ſind ein langer Zeitraum im Menſchen⸗ leben. Mein Vater war ein Gaͤrtner, und Leute, ſeines Gewerbes, Du weißt, ſind genoͤthigt, fruͤh aufzuſtehen, damit ſie bei guter Zeit auf den Markt kommen, wo ſie, Du weißt, ihr Gemuͤſe zum Verkauf ausbieten.“ — 10— „Das Alles mag ſehr wahr ſeyn, wie ich zugebe,“ bemerkte der Paſcha,„aber Du wirſt mich verbinden, wenn Du alle Deine Du weißt auslaͤßt, die, darin muß ich Deinem Gefaͤhrten Hußan beipflichten, recht langwei⸗ lig ſind.“ „Das iſt'’s, was ich ihm immer geſagt habe, Hoheit; Ali, ſag' ich, wenn Du nur Deine Du weißt wegließeſt, ſag' ich, ſo moͤgte Deine Geſchichte vergnuglich ſeyn, aber ſag' ich— „Schweig mit Deinem ſag' ich,“ rief der Paſcha,„haſt Du die Baſtonade vergeßen. Ihr Beide ſcheint ein Paar auszumachen. Ali, fahre Du mit Deiner Geſchichte fort, und er⸗ innere Dich an meine Bemerkung; Felek und Teraſchen ſind zur Hand.“. „Wohl, Hoheit, eines Morgens ſtand er ungewoͤhnlich fruͤh auf, weil ihm ſehr daran gelegen war, der Erſte auf dem Markte mit ſeinen Zwiebeln zu ſeyn, die Du weißt, im Überfluß dahin kommen; nachdem er ſei⸗ nen Eſel beladen hatte, trieb er den im guten Schritte zur Stadt. Auf dem Marktplaz, Du weißt, kam er an, kurz nachdem der Morgen graute, als, Du weißt—“ —— —— — 11— „Hab' ich Dir nicht befohlen, Du weißt, auszulaßen? Wirſt Du gehorchen, oder nicht? Jezt weiter, und ſuͤndigeſt Du noch einmal, ſo ſollſt Du die Baſtonade haben bis Dir Deine Naͤgel von den Zehen abſpringen!“ „Ich werde Deiner Hoheit Befehl nachkom⸗ men,“ antwortete Ali.„Kurze Zeit nachdem der Tag angebrochen war, Du— nein, er wollt' ich ſagen, gewahrte er eine alte Frau neben einem der Obſtſtaͤnde ſizen, die ihren Kopf unter einem alten dunkelblauen Mantel verhuͤllt hatte; als er ihr vorbeiging, Du— nein, ſie wollt' ich ſagen, hielt ihm einen ih⸗ rer Finger hin und ſprach:„Ali Baba,“ denn das war meines Vaters Name.„Nimm Du guten Rath an; verlaß Dein beladenes Thier und folge mir.“ Nun war mein Vater, Du weißt, gar nicht geſonnen, auf ſolch' ein al⸗ tes Weib zu hoͤren, Du weißt, erwiederte, Du weißt“—. „Heiliger Allah!“ ſchrie der Paſcha wuͤ⸗ thend dem Muſtapha zu,„was verdient dieſer Menſch?“ „Die Strafe ſolcher, die es wagen, den Befehlen Deiner Hoheit ungehorſam zu ſeyn.“ „Die ſoll er bekommen; fuͤhrt ihn hinaus, — 12— gebt ihm ein hundert Baſtonaden, ſezt ihn auf einen Eſel, das Geſicht nach des Thieres Schweif gewandt, und laßt den Bildar, der ihn durch die Stadt fuͤhrt, ausrufen:„Dies iſt die Strafe, welche der Paſcha uͤber denje⸗ nigen verhaͤngt hat, der es ſich herausnimmt zu ſagen, Seine Hoheit weiß, wenn die Wahr⸗ heit iſt, daß Seine Hoheit nichts weiß.“ Wachen ergriffen den ungluͤcklichen Ali, um den Willen des Paſcha zur Ausfuͤhrung zu brin⸗ gen; als man ihn fortſchleppte, rief Hußan ihm zu:„Ich ſagte Dir's wohl, aber Du wollteſt nicht glauben.“ „Wohl,“ erwiederte Ali,„ich habe einen Troſt, Deine Geſchichte iſt noch nicht erzaͤhlt. Seine Hoheit muß noch entſcheiden, welche die beſte von Beiden iſt.“ Nach wenigen Minuten, die der Paſcha ſchweigend verbrachte, um ſich von ſeiner Zorn⸗ Aufwallung zu erholen„ſprach er zu dem An⸗ dern:„Jezt beginne Deine Geſchichte, Hußan, und merke Dir, daß ich nicht in guter Laune bin.“ „Wie koͤnnte das auch anders ſeyn, nach dem Ärger, den dieſer Toͤlpel Ali Deiner Hoheit verurſachte. Ich ſagte ihm ſo: Ali, ſagt ich.“ K — — 13— „Erzaͤhle Deine Geſchichtele rief der Paſcha zornig. 1 „Es war vor etwa zwei Jahren, Hoheit, daß ich vor der Thür des Obſtladen ſaß, den Deine Hoheit vielleicht bemerkt hat, als Du uns geſtern Abend ſaheſt; ein junges Frauen⸗ zimmer, uͤber den geringen Stand erhaben, trat heran, gefolgt von einem Traͤger.„Ich brauche Melonen,“ ſagt ſie.„Ich habe ſehr ſchoͤne, alſo tritt hinein,“ ſag' ich, und in⸗ wendig reiche ich ihr vom obern Borte, auf welchem ſie ruheten, vier oder fuͤnf Nezmelo⸗ nen und vier oder fuͤnf Waßermelonen herab. „Nun, ſag' ich, junge Dame, Du wirſt be⸗ merken, daß dieſe viel ſchoͤnere Melonen ſind, ſag' ich, als Du gewoͤhnlich bekommen kannſt; deshalb iſt auch der geringſte Preis, den ich dafuͤr annehmen kann, ſag' ich....“ „Was!“ rief der Paſcha in groͤßeſter Übel⸗ laune;„Deine ſags ich ſind noch viel ſchlim⸗ mer, als Ali's Du weißt; laß ſie fort und erzaͤhle Deine Geſchichte.“ „Ich will Deiner Hoheit gehorchen wenn's moͤglich iſt. Ich nannte ihr den geringſten Preis; ſie ſchlug ihren Schleier in die Höhe und ließ mich eines der reizendſten Antlize in — 14— der Welt erblicken, dabei ſprach ſie:„Ich denke, ſie ſind wohlfeiler zu haben.“ Ihre Schoͤnheit hatte mich dermaßen ergriffen, daß ich ſprachlos da ſtand.„Hab' ich nicht recht?“ ſagte ſie laͤchelnd.„Dir Dame, ſag' ich, kann ich nichts ablehnen; lege ſo viele in Deines Traͤ⸗ gers Korb, als Dir gefaͤllig ſind.“ Sie dankte mir und legte alle Melonen, die ich vom Bort herunter genommen hatte, in ihren Korb. „Nun,“ ſagte ſie,„gebrauche ich auch Datteln, die beſten und ſchoͤnſten, die Du haſt.“ Ich legte ihr Datteln vor, dae von den Frauen in Deiner Hoheit Harem bewundert ſeyn wuͤr⸗ den.„Dame, ſage ich, dieſe ſind die beſten Datteln, die man in Kairo findet.“ Sie koſtete und fragte nach dem Preiſe; den gab ich an. „Sehr theuer,“ ſagte ſie;„doch ich muß ſie wohlfeiler bekommen, und noch einmal ſchlug ſie ihren Schleier zuruͤck.„Dame, ſag' ich, dieſe Datteln ſind fuͤr den geforderten Preis viel zu wohlfeil; es iſt ganz unmoͤglich auch nur einen Para weniger dafuͤr zu nehmen; be⸗ trachte, ſag' ich, ihre Schoͤnheit, fuͤhle ihr Gewicht, koſte ſie, ſag' ich, und Du mußt geſtehen, Dame, ſag' ich, daß ſie Dir fuͤr einen Preis gelaßen ſind, ſag' ich—— — 15— „Heiliger Prophet!“ ſchrie der Paſcha wuͤ⸗ thend,„ich will nichts mehr von Deinen ſag“ ich hoͤren; wenn Du Deine Geſchichte nicht ohne die erzaͤhlſt, ſo ſoll es Dir ſchlimmer ergehen als Ali.“ „Gefall' es Deiner Hoheit, wie wird es Dir moͤglich ſeyn zu wißen was ich ſagte, wenn ich Dir nicht bezeichne was ich geſagt habe. Ohne dieſe Freiheit kann ich meine Geſchichte nicht erzaͤhlen.“ „Das will ich ſehen,“ erwiederte der Paſcha in grimmiger Weiſe, und gab ein Zeichen, auf welches der Scharfrichter hereintrat.„Jezt fahre fort mit Deiner Geſchichte; und Du, Scharf⸗ richter, wenn er dreimal ſag' ich wiederholt, ſeinen Kopf herunter. Fortgefahren!“ „Es wird mir gar nicht moͤglich ſeyn fort⸗ zufahren, Hoheit; bedenke nur einen Augen⸗ blick, wie harmlos mein ſag' ich gegen die unleidlichen Du weißt von Ali ſind. Das iſt's, was ich ihm immer geſagt habe; Ali, ſag' ich, wenn Du nur wuüͤßteſt, ſag' ich, wie unausſtehlich Du biſt! Sieh nur, ſag' ich—— 1 In dieſem Augenblick fiel der Streich des Scimetar und Hußans Kopf rollte auf dem — 16— Boden; aus Gewohnheit zuckten die Lippen noch im Todeskampfe, die naͤmliche Bewegung, welche„ſag' ich“ hervorgebracht haben wuͤrde, waͤre die Tonzuleitung nicht ſo mirkſam unter⸗ brochen worden. „Die Geſchichte iſt aus!“ bemerkte der Paſcha im wilden Grimme.—„Alles Widerwaͤrtige, was mir im Leben begegnet iſt, wurde von dieſen beiden Schwaͤzern uͤbertroffen. Allah ver⸗ huͤte, daß mir je wieder ein ſag' ich oder ein Du weißt vorkommt.“ „Deine Hoheit iſt die Weisheit ſelber,“ be⸗ merkte Muſtapha,„mag Alle, die ihre Ge⸗ ſchichten nicht erzaͤhlen koͤnnen ohne zu ſagen was ſie ſagen, ein gleiches Loos treffen.“ Der Paſcha war erboßt uͤber den erlittenen Verdruß, Muſtaphas Bemerkung konnte ihn nicht beſaͤnftigen, und ohne Antwort darauf zu geben, war er im Begriff, ſich in ſein Ha⸗ rem zuruͤckzuziehen, als Muſtapha ihn mit ei⸗ nem tiefen Salaam benachrichtigte, der Rene⸗ gat ſey in Bereitſchaft, um die zweite Reiſe zu erzaͤhlen, wenn es ihm erlaubt werden koͤnnte, den Staub i in der Hoheit Gegenwart zu kuͤßen. „Khoda ſchefa midehed!— Gott gewaͤhrt 3 — 17— Huͤlfe,“ antwortete der Paſcha, der ſeinen Siz wieder einnahm,„laß ihn kommen.“ Der Renegat trat ein, machte die gewoͤhn⸗ liche Ehrfurchtsbezeugung, ſezte ſich und be⸗ gann ſeine Erzaͤhlung. Huckaback's zweite Reile. Gefall' es Deiner Hoͤchſt Erlauchten Hoheit, am Tage nach meiner Einſchiffung liefen wir mit guͤnſtigem Winde aus und ſchmeichelten uns, nachdem wir durch die Meerenge waren, mit der Anſicht, auf gluͤckliche Fahrt; doch elendiglich wurden wir getaͤuſcht, denn drei Tage ſpaͤter begegnete uns eine kleine Brigg unter Engliſcher Flagge. Da ſie augenſchein⸗ lich ein Kauffahrer war, erregte es gar nicht unſere beſondere Aufmerkſamkeit, daß ſie zu uns heran ſteuerte, wir nahmen an, ſie ſey in ihrer Laufberechnung irre geworden und wuͤnſche genau den Punkt ihrer jezi⸗ gen Steuerung auf der Seekarte zu erfahren. Doch ſobald ſie dicht an uns herangekom⸗ men war, ſegelte ſie nicht hinter unſerm Spie⸗ gel uns vorbei, wie wir erwartet hatten, „ — 410— ſondern legte bei und enterte uns. Unerwartet uͤberfallen, alſo ohne Waffen, wurden wir ſchnell hinabgetrieben und in wenigen Minuten war das Schiff im Beſiz unſerer Angreifer. Sie hielten eine Art von Berathung, dann wurden die Schifflucken geoͤffnet, ein Boots⸗ mann zog eine Pfeife hervor, ſchrillte und rief dann mit furchtbar ſchallender Stimme: „Alle Mannſchaft ahoy!“ Dieſem ließ er den Ausruf folgen:„Tummelt herauf dal! tummelt herauf!“ Weil wir wußten dieſes Signal rufe uns auf das Verdeck, ſo gehorch⸗ ten wir. Nachdem wir oben waren, erkannten wir, daß wir ſie haͤtten abſchlagen moͤgen, wenn wir nur den Gedanken gehabt haͤtten, daß ſie Feinde ſeyn koͤnnten; ſie waren nur funfzehn Mann ſtark, wir zaͤhlten ſechzehn. Doch jezt war es zu ſpaͤt; wir waren ohne Waffen, jeder von ihnen hatte einen Hiebde⸗ gen und zwei Piſtolen im Guͤrtel. Sobald wir Alle auf dem Verdeck waren, banden ſie un⸗ ſere Arme auf dem Ruͤcken zuſammen und ſtell⸗ ten uns in eine Reihe. Nachdem man jeden von uns um ſeinen Rang und ſein Gewerbe befragt hatte, hielten ſie abermals eine kurze Beſpre⸗ chung, dann wandte ſich der Bootsmann zu —————— mir und ſagte:„Danke Du dem Himmel, Schuft, daß Du zum Bartpuzer erzogen biſt, denn das rettet Dein Leben!“) Darauf ſchnitt er den Strick durch, mit dem ich gebunden war und ich blieb in Freiheit. „Jezt alſo Burſche!“ fuhr der Bootsmann fort, „kommt, Mann, Mann'nen Vogel!“ bei dieſen Worten erfaßte er den Schiffskap⸗ tain, fuͤhrte ihn zum Gangwege, ſtieß ihm ſeinen Degen durch den Leib und warf ihn in's Meer. In eben der Weiſe fuͤhrte jeglicher der Mord⸗ geſellen, den von ihm erwaͤhlten Mann auf die Seite, nahm ihm entweder durch's Schwerdt oder mit der Piſtole das Leben, und ſtieß die Leiche hinab in die Wogen. Mein Blut gerann mir bei dem Anblick dieſer Schauderthaten, doch ſagte ich nichts. Ich mußte mich vielmehr ſehr gluͤcklich ſchaͤzen, mit dem Leben davon zu kommen. Als der Auftritt zu Ende war, prahlte der Bootsmann,„das Stuͤck Arbeit iſt gethan! Nun Meiſter Bartpuzer, puze mir alle das Blut hier ab und ſey verdammt! und dann denk' daran, daß Du einer von uns biſt.“ Schweigend und angſt⸗ voll gehorchte ich; dann kehrte ich wieder zu⸗ —-— 21— ruͤck auf meine vorherige Stelle bei dem Taf⸗ ferell. Das Schiffsvolk, von dem wir gekapert wa⸗ ren, machte, wie ich ſpaͤter erfuhr, einen Theil der Bemannung eines Engliſchen Guineafah⸗ rers aus, welche Kaptain und Steuermann ermordet und ſodann Beſiz vom Schiffe ge⸗ nommen hatte. Weil unſere Brigg in allem Betracht ein viel ſchoͤneres Fahrzeug war, ſo beſchloßen ſie dieſe zu behalten, ihre eigene aber zu verſenken. Noch vor Einbruch der Nacht, waren ihre Vorbereitungen getroffen. und wir ſteuerten weſtwaͤrts unter friſchem Winde. Aber genau mit dem achten Glockenzuge um Mitternacht ward eine grauſenerregende Stim⸗ me an der Schifftreppe gehoͤrt, die wo moͤg⸗ lich noch hundertmal lauter ertoͤnte, als die des Bootmannes, ſie rief aus:„Alle Mann⸗ ſchaft Ahoy!“ Die Lufterſchuͤtterung war ſo ſtark, daß die Brigg erbebte, als waͤre ſie vom Donner⸗ ſchlage durchſchuͤttert; und kaum hatte dieſe zitternde Bewegung nachgelaßen, als man ver⸗ nahm, wie das Waßer von allen Seiten in den Schiffraum drang. Alle liefen von dem furchtbaren Rufe entſezt auf das Verdeck, das augenblickliche Verſinken des Schiffes wurde erwartet, und mit Angſt erfuͤllten Blicken ein⸗ ander anſtierend, ſtand die Mannſchaft da im bloßen Hemde und zitternd. Das Waßer ſtuͤrzte unausgeſezt in das Schiff, bis es zum Mittel⸗ deck⸗Balken reichte, da endete der Zudrang eben ſo ploͤzlich. Sobald das erſte Entſezen ſich ein wenig gelegt hatte, und Beſinnung genug wiederkehrte zu ge⸗ wahren, daß das Waßer nicht hoͤher zudraͤnge, begaben ſich Alle an die Pumpen, und um acht Uhr Morgens, war das Schiff wieder frei. Doch peinigte der unerklaͤrliche Umſtand die Gemuͤther der Matroſen, tiefſinnig gingen ſie auf dem Verdeck umher, ohne mit einander zu ſprechen; des Schiffes Lauf ward gar nicht beachtet; Niemand fuͤhrte Befehl, alſo ward auch keiner an das Steuer geſtellt. Ich hielt dieſen Vorgang fuͤr eine Strafe, welche ihre begangene Grauſamkeit verſchuldet habe, und weil ich erwartete, daß noch viel Schlimmeres geſchehen wuͤrde, ſo ergab ich mich in mein Schickſal. Ich dachte an Marie; auf Vergebung meiner Suͤnden hoffend, und doch das Ärgſte befuͤrchtend, that ich das Ge⸗ — 23— luͤbde, meinen Lebenslauf umzuaͤndern, wenn ich dieſer Gefahr entginge. Nachts legten wir uns wieder in unſere Hangmatten; doch ſchlief Niemand, weil wir uns vor einem zweiten Beſuche fuͤrchteten. Die Glocke ward von der Mannſchaft nicht gezo⸗ gen, toͤnte aber und viel lauter als ich ſie je zuvor gehoͤrt hatte: noch einmal erſcholl wie⸗ der die grauſenhafte Stimme: alle Mann⸗ ſchaft ahoy! das Waßer ſtuͤrzte wiederum ins Schiff und wir rannten auf's Verdeck. Wie das erſtemal ſtieg das eingedrungene Wa⸗ ßer bis zu den Mitteldeck⸗Balken, bieb dann ſtehen und war am folgenden Morgen um acht Uhr wieder ausgepumpt. Dieſe fuͤrchterliche Erſcheinung wiederholte ſich einen ganzen Monat hindurch; in dieſer ganzen Zeit ſahen wir kein Land, wir hatten unſere Laufberechnung gaͤnzlich verloren und Niemand ſorgte fuͤr das Steuer. Gewohnheit haͤrtete die Matroſen gewißermaßen; ſie fluch⸗ ten jezt wieder und betranken ſich wie zuvor, ſcherzten ſogar uͤber den Bootsmann der Mittelwache, wie ſie ihn nannten, aber die ſtete Anſtrengung erſchoͤpfte zugleich ihre Kraͤfte, und eines Abends erklaͤrten ſie, nicht — 24— laͤnger pumpen zu wollen. Den folgenden Tag uͤber blieb das eingedrungene Waßer im Schiffe, wir legten uns Abends wie gewoͤhnlich in un⸗ ſere Hangmatten; um Mitternacht erſcholl die furchtbare Stimme wieder, doch diesmal folgte kein Einſtuͤrzen von Waßer, ſondern das krei⸗ ſchende Geheul: Tummelt herauf hier, tummelt herauf! Der Zuruf ſezte uns Alle in Bewegung, und wir eilten auf's Verdeck; wir wurden gegen unſern Willen durch etwas in unſerm Innern dazu gezwungen. Nimmermehr kann ich den grauſenhaften Aublick vergeßen, der unſer war⸗ tete: in einer Reihe auf dem Verdeck hinge⸗ ſtreckt lagen die fuͤnfzehn blutenden Leichen, meiner gemordeten Schiffsgenoßen. Wir ſtan⸗ den ſtarr vor Schrecken da; unſere Haare ſtraͤubten empor, als wir dieſe uͤbernatuͤrli⸗ chen Erſcheinungen vor uns ſahen. Nach fuͤnf Minuten die vergingen, ohne daß ein Wort geſagt wurde, ohne daß einer von uns nur ein Glied geruͤhrt hatte, rief eine der Leichen in hohlem Grabestone:„kommt, Mann, Mann'nen Vogel!“ und ſtreckte liegend den Arm aus. Der naͤmliche Matroſe, deßen Geſchaͤft es — 25— geweſen war, den lebenden Menſchen zum Gangwege zu fuͤhren, und ihn uͤber Bord zu werfen, nachdem er ihn gemordet hatte, ſchritt nun auf die Leiche zu; ganz erſichtlich ward er durch uͤbernatuͤrliche Gewalt dazu gezwun⸗ gen, denn nie kann ich ſeinen Entſezen kuͤnden⸗ den Blick, noch den ſchwachen Schrei der To⸗ desangſt vergeßen, der ihm entfuhr, als er der Aufforderung gehorchte. Wie ein vom Auge der Schlange verzauberter zitternder Vogel ſtuͤrzte er in die Arme der Leiche, die umklam⸗ merte ihn feſt, ſo rollten ſte in Schlangen⸗ windungen mit einander um, bis ſie die Off⸗ nung im Gangwege erreichten, hier ſtuͤrzte der Leichnam mit ſeinem Moͤrder, den er feſt mit den kalten Armen umwunden hielt, hinab in's Meer. Ein Blizſtrahl folgte ſo furchtbar, daß er uns fuͤr einige Minuten geblendet ließ, als wir unſer Sehvermoͤgen wieder erlangten, wa⸗ ren die andern Leichen verſchwunden. Die Wirkung, welche dieſer ſchauderhafte Vorgang auf die ſchuldbelaſteten Mißethaͤter hervorbrachte, war furchtbar; da lagen ſie auf dem Verdecke, jeglicher auf eben dem Flecke, auf welchem er niedergeſunken war, als der Bliz uns umzackte; die Sonne ging uͤber ſie * — 26— auf, doch ſie ruͤhrten ſich nicht; um Mittag verſengte ihr gluͤhender Strahl die nackten Koͤr⸗ per der Matroſen, doch ſie blieben in ihrer Stellung liegen, der Abend brach herein, und immer noch lagen ſie da. So wie es dunkel geworden war, ſchien der Bann von ihnen ge⸗ wichen, ſie krochen hinab und in ihre Hang⸗ matten; um Mitternacht ertoͤnten die Glocken⸗ zuͤge abermals, die fuͤrchterliche Stimme ließ ſich vernehmen, ihr folgte das kreiſchende Ge⸗ heul, die Mannſchaft kam wieder aufs Verdeck; die vierzehn uͤbrigen Leichname lagen hier ge⸗ reihet; wiederum ward einer der Moͤrder von der gemordeten Leiche angerufen, gehorchte und verſchwand; der Blizſtrahl verblendete uns wieder und Alles war ſodann verſchwunden. Das naͤmliche geſchah in jeglicher Nacht, bis der Bootsmann, der aufgeſpart worden, als lezter Überbleibender von der Leiche des Kap⸗ tains uͤber Bord gerollt wurde; da erſcholl vom Haupttop herab eine furchtbare Stimme und rief: Das Stuͤck Arbeit iſt gethanz ein ſchallendes Hohngelaͤchter folgte. Gleich darauf verſchwand das Waßer aus dem Schiffsraume und die Brigg war ſo leicht wie zuvor. Nachdem ich dem Himmel meinen Dank da⸗ — 27— fuͤr gezollt hatte, daß ich nicht gleich den übrigen umkommen ſollte, legte ich mich nie⸗ der und verſank ſeit manchen Wochen zum er⸗ ſtenmale in geſunden Schlaf. Wie lange dieſer dauerte weiß ich nicht; ich mag mehre Tage verſchlafen haben, und erwachte endlich bei dem lauten Rufe von Menſchenſtimmen; da fand ich, daß die Bemannung eines von Mexiko nach dem ſuͤdlichen Theile von Spanien be⸗ ſtimmten Schiffes, welches die Brigg mit zer⸗ fezten Segeln und ungeordneten Raen treiben ſah, ein Boot ausgeſezt hatte, um zu erkun⸗ den, ob Jemand am Bord derſelben ſey. Aus Furcht, daß ſie mir entweder nicht glauben wuͤrden, wenn ich ihnen die Vorgaͤnge der Wahrheit gemaͤß erzaͤhlte, oder daß ſie ſich weigern wuͤrden, einen Menſchen an ihren Bord nehmen zu wollen, der Gemeinſchaft mit ſolchen furchtbaren Beiſpielen der goͤttlichen Rache gehabt habe, erzaͤhlte ich ihnen, daß uns vor etwa ſechs Wochen die Ruhrkrank⸗ heit befallen haͤtte, und daß die ganze Mann⸗ ſchaft daran geſtorben waͤre, nur ich allein, der Supercargo des Schiffes„ſey der Über⸗ lebende. Weil ihr Schiff nur zur Haͤlfte vollgeladen war, indem ſie hauptſaͤchlich Kochenille und Kupfer fuͤhrten, welches wenig Raum ein⸗ nimmt, ſo erbot ſich der Kaptain ſo viele mei⸗ ner Waaren einzunehmen als er fortſtauen koͤnne, vorausgeſezt, daß ich ihm dafuͤr Fracht bezahle. Sehr gern bewilligte ich das, unter⸗ ſuchte das Manifeſt und waͤhlte die werthvoll⸗ ſten Gegenſtaͤnde aus, die an den Bord des Spaniſchen Fahrzeuges geſchafft wurden. Wir hatten guͤnſtigen Wind, waren bereits durch die Straße von Gibraltar und hofften innerhalb weniger Tage unſere Anker im Ha⸗ fen von Valencia zu werfen, wohin der Spa⸗ nier beſtimmt war; da ſprang ein heftiger Stoßwind aus Nord⸗Oſt auf, der ſich zu ei⸗ nem Sturme vermehrte, welcher mehre Tage anhielt und uns hinuͤber gegen die Afrikaniſche Kuͤſte warf. Zur Vergroͤßerung unſers Un⸗ gluͤcks erhielt das Schiff einen Leck und zog ſo ſtark Waßer, daß wir es kaum ſlott zu halten vermogten. Die Spanier ſind nur ſehr mittelmaͤßige See⸗ laute, Hoheit, und wenn ein Sturm ſie befaͤllt, wollen ſie lieber beten, als arbeiten; ihre Furcht nahm uͤberhand; ſie ließen die Pumpen ſtehen, zuͤndeten ein Licht vor dem Bilde des heiligen — 29— Antonius an, welches im Spiegel des Schif⸗ fes hing, und erflehten von dieſem Beiſtand. Weil aber der Heilige ihr Geſuch nicht ſogleich erhoͤrte, nahmen ſie ſein Bild aus dem Schrein hervor, machten ihm Vorwuͤrfe, belegten es mit allen Schimpfnamen, deren ſie ſich zu entſin⸗ nen vermogten, banden daßelbe endlich am Hauptmaſt feſt und geißelten es mit Tau⸗ Enden. 4 Das Fahrzeug zog inzwiſchen immer mehr Waßer; haͤtten ſie ſtatt zu beten mit dem Aus⸗ pumpen fortgefahren, ſo wuͤrden wir uns recht gut haben helfen koͤnnen, weil der Sturm nach⸗ ließ und weil das Schiff auch nicht ganz ſo viel Waßer zog, als im Anfange. Erboßt uͤber ihre Feigherzigkeit und durch den Gedanken, ſo viel Eigenthum verlieren zu ſollen, als ich am Bord hatte(denn als mein Eigenthum betrachtete ich die Waaren), erfaßte ich das am Maſte befindliche Heiligen⸗ bild, ſchleuderte es uͤber Bord und ſagte ih⸗ nen, ſie ſollten an die Pumpen gehen, wenn ſie Rettung wuͤnſchten. Das ganze Schiffs⸗ volk ſtieß ein Geheul des Abſcheues aus und wuͤrde mich dem Bilde nach in's Meer gewor⸗ fen haben, waͤre ich nicht eilig die Takelung — 30— hinauf entflohen, von welcher ich in mehren Stunden nicht wieder herabzukommen wagte. Weil ſie jezt keinen Heiligen hatten, den ſie anrufen konnten, ſo begannen ſie auf's neue zu Pumpen. Zu ihrer großen Verwunderung zog das Schiff kein Waßer mehr und war in wenigen Stunden leer gepumpt. Am folgenden Morgen hatte der Sturm ſich gelegt, und wir ſteuerten dem Hafen von Va⸗ lencia zu. Ich bemerkte, daß der Kaptain und ſeine Matroſen mich vermieden; doch machte ich mir wenig daraus, denn ich wußte, daß durch mein Benehmen das Schiff ſowohl, als auch mein Eigenthum gerettet worden war. Zwei Tage ſpaͤter ankerten wir in der Hafen⸗ bucht; die Behoͤrden kamen an den Bord, gin⸗ gen hinab in die Kajuͤte und hielten eine lange Beſprechung mit dem Kaptain. Sie verließen unſer Schiff wieder, und eine Stunde ſpaͤter wuͤnſchte auch ich an das Land zu gehen; doch der Kaptain gab mir zur Antwort, er koͤnne mir das vor dem folgenden Morgen nicht erlauben. Ich war noch beſchaͤftigt, mit ihm die Gruͤnde zu eroͤrtern, die ihn bewegen konnten mich aufzuhalten, als ein Boot her⸗ anruderte, aus welchem zwei ſchwarz gekleidete — 31— Perſonen an unſern Bord kamen. In ihnen er⸗ kannte ich ſogleich Diener der Inquiſition, und eben ſo ploͤzlich fiel mir ein, daß meine Dar⸗ ſtellung einer hochwuͤrdigen Abtißin entdeckt, und daß mein Loos jezt beſiegelt ſey. Der Kap⸗ tain zeigte auf mich, ſie erfaßten mich, ich wurde in das Boot geſchafft und ſchweigend ruderten wir an's Land. Am Hafendamme erwartete mich eine cchwarze Kutſche, die mich zum Inquiſitions⸗Pallaſte fuhr, wo ich in einen der tiefſten Kerker ge⸗ worfen ward. Am andern Tage erſchienen die Vertrauten, fuͤhrten mich zum Verhoͤrſale und hier wurde ich befragt, ob ich mein Verbrechen eingeſtaͤnde. Ich erwiederte, daß ich gar nicht wiße, weshalb ich angeklagt ſey. Noch einmal wurde ich gefragt, ob ich bekennen wolle, und als ich die naͤmliche Antwort wieder ertheilte, ward Befehl gegeben mich auf die Folter zu ſpannen. Weil ich nun einſah, daß mir keine Ret⸗ tung bleibe, glaubte ich unnoͤthige Pein mir erſparen zu muͤßen, und erklaͤrte, daß ich be⸗ kenne. „Was vermogte Dich zu der That?“ Ich wußte nicht wie ich antworten ſollte, weil ich uͤber die Beſchaffenheit meines Ver⸗ brechens nichts vernommen hatte, deshalb ant⸗ wortete ich, die hochheilige Jungfrau habe das gethan. „Gotteslaͤſterer!“ rief der Großinquiſitor, „was die heilige Jungfrau verlangte von Dir, Sanct Antonius uͤber Bord zu werfen?“ „Ja,“ erwiederte ich recht erfreut daruͤber, daß mein Verbrechen nicht dasjenige ſeyn ſollte, welches ich befuͤrchtet hatte;„das that ſie, und ſie ſagte mir dabei, dadurch wuͤrde das Schiff gerettet werden.“ „Wo warſt Du damals?“ „Auf dem Verdeck.“ „Und wo ſaheſt Du ſie?"7= „Sie ſaß auf einer kleinen blauen Wolke, ein wenig oberhalb der Topſegel⸗Rae.“ Fuͤrchte Du nichts Francois“, ſagte ſie und bewegte ihre Hand gegen mich,„wirf das Bild uͤber Bord.“ Die Inquiſitionsrichter waren uͤber meine Kek⸗ heit ganz erſtaunt; ſie beriethen ſich daruͤber, ob ich als Gotteslaͤſterer zu behandeln ſey, oder ob der Vorfall zu einem Wunderzeichen aus⸗ geſchmuͤckt werden ſolle. Zum Ungluͤck fuͤr mich traf es ſich ſo, daß erſt vor ganz kurzer Zeit ein Wunder geſchehen war, zudem gab es nur — 33— erſt wenige Menſchen die bei dem Auto da ſe des naͤchſten Monats verbrannt werden ſollten. Aus dieſen Gruͤnden ward gegen mich ent⸗ ſchieden. Ich ward verſchmaͤht, beſchimpft und zu den Flammen verurtheilt; doch ich beſchloß, als einzige Moͤglichkeit zu meiner Rettung, dem Ding bis zum lezten Augenblick die gute Seite abzugewinnen. Ich blickte empor, als betrachte ich einen Punkt in der Decke dieſer dunkeln Verhöͤr⸗Halle, ſtreckte meine Arme, wie im glaͤubigen Erſtaunen vor, ſank auf meine Kniee nieder, und rief:„Heilige Jungfrau, habe Dank fuͤr dieſes Gnadenzeichen.“ Darauf ſprach ich trozig zum Großinquiſitor:„Hoher Herr, ich fuͤrchte Dich nicht; zu den Flammen bin ich zwar verurtheilt, aber ich ſage Euch, daß ich meinen Kerker unter Ehrenbezeugungen ver⸗ laßen, und eben ſo hoch geprieſen werde, als ich jezt erniedrigt und beſchimpft bin.“ Einen Augenblick ſtaunten die Inquiſitoren, doch ihre Üüberraſchung wich ihrer Grauſamkeit, ſobald ſie bedachten wie lange ſie ſchon Tau⸗ ſende von Menſchen wegen Zweifel uͤber Dinge gefoltert hatten, an welche ſie ſelber auch keinen Augenblick glaubten. Ich ward in meinen Kerker zuruͤckgeſchickt; der Schließer, der im Gerichts⸗ II. 3 — 34— ſaale noch niemals ſolche verwegene Zuverſi icht erblickt hatte, und dem ſich die Überzeugung aufdrang, daß ich des Beiſtandes mich erfreue, den ich angegeben hatte, behandelte mich freund⸗ lich und gewaͤhrte mir Behaglichkeiten, die ihn ſein Amt gekoſtet haben wuͤrden, wenn ſie be⸗ kannt geworden waͤren. Inzwiſchen war des Schiffes Ladung im Zollhauſe aufbewahrt; das Schiff ward auf's Land geholt um deßen Boden zu kalfatern und zu theeren, da zeigte ſi ich zum wunderbarſten Erſtaunen des Kaptains und ſeiner Mann⸗ ſchaft, bei dem Auffinden des Spaltes, welcher jenen Leck verurſacht hatte, das Heili⸗ genbild feſt darin gekeilt, ſo daß es nur mit Muͤhe daraus hervorgezogen werden konnte. „Wunder! Wunder!“ ertoͤnte es laͤngs dem Hafendamme und dieſer Ruf wurde durch alle Straßen der Stadt wiederholt. Nun war es ganz ausgemacht bewieſen, daß die Jungfrau mir eingegeben hatte das Bild uͤber Bord zu werfen, weil darin das einzige Mittel beſtand den Leck zu ſtopfen. Die Moͤnche aus dem naͤchſtgelegenen Kloſter forderten das Bild fuͤr ſich auf den Grund ihrer nahen Nachbarſchaft geſtuͤgt, im großen Feierzuge kamen ſie zum — 35— Schiffe herab um das Heiligenbild zu ihrer Kirche zu tragen. Sobald der Großinquiſitor den Umſtand vernahm, geſtand er dem Biſchofe und den Kirchenhaͤuptern mein unerſchrockenes Be⸗ nehmen im Gerichtsſaale; noch waren nicht drei Stunden verfloßen ſeitdem das Schiff auf den Strand gezogen war, als der Großinquiſitor, der Biſchof und ein langer Zug geiſtlicher Herren mich in meinem Kerker beſuchten; meine Ver⸗ zeihung ward erbeten, mir wurde der Friedens⸗ kuß abgefordert und ich gab ihn. Mit allen Beweiſen der Ehrfurcht ward ich hinaus ge⸗ führt und von nun an als ein Menſch betrach⸗ tet, den die heilige Jungfrau unter ihren ganz beſondern Schuz genommen habe.—„Sagt' ich es nicht, hochwuͤrdigſter Herr, daß ich meinen Kerker ehrenvoll verlaßen wuͤrde?“ „Das thateſt Du, Freund;“ erwiederte der Inquiſitor, hinterher hoͤrte ich aber auch wie er murmelte:„entweder gibt es eine ſolche Perſon als die Jungfrau Maria, oder Du biſt der aller abgefeimteſte Schurke.“ So lange ich in Valencia blieb ward ich von Jedermann geſucht, geehrt und mit Feſten be⸗ wirthet, meine Waaren verkaufte ich zu ganz ungeheuren Preiſen, weil Jedermann glaubte — 36— ſein gutes Gluͤck waͤre ihm geſichert wenn er etwas beſtze, das mir zugehoͤrt haͤtte. Manche ſchoͤne Geſchenke bekam ich, zahlreiche Auf⸗ forderungen ergingen an mich um Mitglied verſchiedener Moͤnchs⸗Verbindungen zu werden, und endlich verließ ich die Stadt mit einer großen Summe Geldes, die ich mit mir nach Toulon nahm, in der Abſicht Erkundigungen uͤber meine Geliebte Ceriſe einzuziehen deren Bild immer noch der Gegenſtand aller meiner Traͤume, ſo wie meiner wachenden Sehnſucht war. „Halt,“ ſprach der Paſcha,„ich wuͤnſche zu wißen, ob Du wirklich glaubſt daß die Jung⸗ frau, wie Du ſie nennſt, den Kopf des Heiligen⸗ bildes in den Spalt des Schiffbodens geſchoben hat?“ „Gefall' es Deiner Hoheit, das glaube ich nicht; ſondern bin vielmehr der Meinung, daß es eine ganz natuͤrliche Folge von Urſache und Wirkung war. Ein Strudel hat das Eigen⸗ thuͤmliche alle Dinge hinab zu reißen, die inner⸗ halb ſeinen Bereich kommen.— Waßer welches in einen Schiffsboden dringt, iſt nur der Um⸗ ſchwung eines umgekehrten Strudels; das Hei⸗ ligenbild war auf der Leeſeite des Schiffes uͤber Bord geworfen, die Gewalt des Windes trieb das Fahrzeug uͤber das Bild hin, nun ward dieſes unter Waßer gedruͤckt, bis es in den Wirbel des Leck⸗Strudels kam und auf ganz natuͤrliche Art ſich im Spalte feſtkeilte.“ „Ich vermuthe, Du urtheilſt ganz richtig,“ antwortete der Paſcha,„aber nicht ein Wort hab' ich von dem verſtanden, was Du ſagteſt.“ „Hoheit, dieſe waren die Abentheuer meiner zweiten Reiſe,“ ſagte der Renegat und ver⸗ neigte ſein Haupt. „Eine ſehr gute Reiſe war ſie! Die gefaͤllt mir viel beßer als Deine erſte. Muſtapha gib ihm zehn Goldſtuͤcke; morgen bring ihn wie⸗ der her, damit wir hoͤren, was ihm auf ſei⸗ ner Dritten begegnete.“ Als der Paſcha ſich entfernt hatte, bemerkte Muſtapha:„Du ſiehſt, mein Rath war gut.“ „Hoͤchſt vortrefflich!“ erwiederte der Rene⸗ gat und hielt die Hand nach dem Golde hin. „Morgen will ich luͤgen, ſo gut als irgend ein Bartpuzer!“ Zweites Kapitel. „Khoda ſchefa midehed, Gott gewaͤhrt Huͤlfe!“ rief der Paſcha aus, als der Divan ſchloß; ganz gewiß war waͤhrend ſeiner Dauer eine gute Anzahl von Menſchen von ihren irdiſchen Guͤtern und einige ſogar von allen kuͤnftigen erdenhaften Gedanken und Umtrieben gehol⸗ fen.„Was haben wir heute, Muſtapha?“ „Mag Deiner Hoheit Schatten niemals ge⸗ ringer werden!“ erwiederte der Vezir.„Zuerſt haben wir den Sklaven, der ſich an jenem Abende erbot, ſeine Geſchichte zu Deiner Ho⸗ heit Fuͤßen zu legen, an welchem wir die Soͤhne Scheitan's, den Ali und Hußan tra⸗ fen, welche die Strafen empfingen, die ihre un⸗ geheuren Verbrechen erforderten. Ferner haben wir des Spaniſchen Sklaven Handſchrift, die Aℳ — — 39— mein getreuer Grieche nunmehr uͤberſezt hat; dieſer ſagt auch, daß die Worte wie Honig fließen, und daß ihre Muſik den Toͤnen der Bulbul gleicht, wenn die zu ihrer Lieblingsroſe ſingt.“ „und wo iſt der Giaur, der ſeine Reiſen und Fahrten erzaͤhlt?“ unterbrach ihn der Paſcha,„kein Keſſeguh unſers eigenen Stam⸗ mes erzaͤhlt Geſchichten, die den ſeinigen gleich kommen.“ „Der Giaur iſt auf dem Meere, Hoheit; er iſt ein wahrer Ruſtan am Bord eines Schiffes und bringt Schaͤze in den Hazneh Deiner erlauchten Hoheit. Er befragte die Aſtro⸗ logen, heilverkuͤndend zeigten ſich die Sterne. Morgen erwarte ich ſeine Ruͤckkehr.“ „Nun, da muͤßen wir uns mit dem begnu⸗ gen, was uns geboten wird. Laß den Sklaven hereinfuͤhren, wir wollen ſeine Geſchichte hoͤren, weil wir die wunderbaren Erzaͤhlungen Hucka⸗ back's nicht haben koͤnnen.“ „Welcher Hund war Lockmann„um an Weis⸗ heit mit Deiner erlauchten Hoheit verglichen wer⸗ den zu koͤnnen?“ erwiederte Muſtapha.—„Wie lauten die Worte Haftz.—„Zaͤhle jeden Augen⸗ blick den Du genießeſt als Gewinn.— Wer — 40— vermag zu ſagen welchen Ausgang irgend ein Ding nehmen wird?“ Der Sklave, welcher auf Muſtaphas Befehl feſtgehalten war, mußte jezt erſcheinen. Waͤh⸗ rend ſeiner Einſperrung hatte Muſtapha durch ſeine Leute ſchon erfahren, daß er„von Allah heimgeſucht“ oder in andern Worten, daß er ein Wahnſenniger ſey. Inzwiſchen bedachte Mu⸗ ſtapha, der nicht wagen mogte, einen Men⸗ ſchen, oder vielmehr eine Geſchichte, ohne des Paſcha Bewilligung frei zu geben, und der nicht zum Renegaten ſchicken konnte, damit die⸗ ſer irgend einen Ausfall erſeze, es wuͤrde auf jeden Fall am Beſten ſeyn, den Wahnſinnigen dem Paſcha vorzuſtellen. „Du haſt mich gebeten, Deine Geſchichte anzuhoͤren,“ ſprach der Paſcha,„und ich habe das zugeſtanden, nicht um Dir eine Gefaͤlligkeit zu erweiſen, ſondern um mir ſelber ein Ver⸗ gnuͤgen zu machen, denn ich liebe gute Ge⸗ ſchichten; daß die Deinige eine gute Erzaͤhlung iſt, nehme ich als ausgemacht an, weil Du Dir ſonſt nicht angemaßt haben wuͤrdeſt, Deine Bitte vorzubringen. Jezt magſt Du anfangen.“ „Paſcha“ ſprach der Sklave, der ſich in eine Ecke niedergekauert hatte und ſeinen Koͤrper vor⸗ und zuruͤckwiegte—„es iſt das Ungluͤck derer die unbekannt— mit der Aufregung welche — wie ich Deiner Hoheit vorhin auseinander⸗ ſezte— au Erhabenheit den himmelhohen, ſchnee⸗ bedeckten Pik Hebrus uͤbertrifft— und demun⸗ geachtet nicht mehr werth ſeyn kann als vier oder fuͤnf Para——“ „Heiliger Prophet, was iſt dies?“ unter⸗ brach ihn der Paſcha,„nicht ein Wort kann ich verſtehen von Allem was Du ſagſt.—— Lachſt Du in meinen Bart?— Sprich deut⸗ licher. Erinnere Dich daran.“ „Ich erinnere mich deßen als waͤre es heute,“ fuhr der Sinnverwirrte fort, obgleich ſchon Jahre hingerollt ſind. Niemals wird es aus meinem Gedaͤchtniß vertilgt werden, ſo lange dieſes Herz— obwohl gebrochen— fortfaͤhrt zu ſchlagen, oder ſo lange dieſem Gehirne ver⸗ goͤnnt wird zu brennen.— Eben war die Sonne hinter den ſteilen Felsklippen des Gebirges ver⸗ ſunken welches mein Obdach vor dem rauhen Nord⸗Oſt⸗Winde ſchuͤzte; die Weinranken welche wie Kraͤnze am Gitter vor meiner Huͤtte hin⸗ gen erglaͤnzten vor einer Minute erſt im gol⸗ denen Strahle, ſchienen funkelnd und durchſich⸗ tig— jezt hatten ſie eine dunklere Faͤrbung an⸗ — 42— genommen, und ſo weit das Auge reichen konnte zog ein duͤnner blauer Nebeldunſt durch die Schlucht; das ferne Meergeſtade hatte ſein ſchimmerndes Blau gegen truͤbes Grau umge⸗ taucht, muͤrriſch rollte die Brandung gegen die Kuͤſte, als ſey ſie unzufrieden, weil ſie die Far⸗ ben des Prisma nicht wie vorher zuruͤck zu ſchimmern vermogte, als ſie freudebelebt unter der glanzreichen Beleuchtung vom Gott des Tages, zu tanzen ſchien.“ „Uf!“ ſtieß der Paſcha hervor und faͤchelte ſich. „Mein Boot lag in der Bucht, auf ihm haf⸗ teten meine Augen, in gluͤckſeligem Nichtsſagen, bis der Schatten der Nacht mich verhinderte die Neze zu erkennen die uͤber ſeinen Rand hin⸗ gebreitet waren. Bei der ſanften Stimme mei⸗ mer Etana wendete ich mich herum; neben mir ſaß ſie mit ihrem Kinde im Arme, ich beobach⸗ tete des Kleinen Ungeduld wenn der einen ra⸗ ſcheren Zufluß von Milch aus ihrer ſchneeweißen Bruſt verlangte, und das zaͤrtliche Laͤcheln der entzuͤckten Mutter wenn ſie ſich uͤber das erſte theure Pfand unſerer Liebe hinbeugte. Ich fuͤhlte mich gluͤcklich, faſt zu gluͤcklich, ich beſaß Alles was ich mir wuͤnſchte, ja, ich hatte——“ — 43— hier hielt der Wahnwizige ein, und zerſchlug ſeine Stirne—„doch jezt iſt's vorbei.“ Nach einigen ſchweigend verbrachten Sekun⸗ den, hob er wieder an. „Was mich betrifft ſo iſt's immer meine Mei⸗ nung geweſen, daß der Fiſch das tiefſte Waßer ſucht, wenn der Wind nach Suͤd⸗Oſt zuruͤck⸗ geht; und wenn man bei dem Leſen der Trauben ſorgfaͤltig Acht geben will, daß keine Stengel mit hinein fallen, ſo wird der Wein, wie ich Deiner Hoheit vorhin ſchon bemerkte, nur die außerordentliche Schwierigkeit der zuverlaͤßigen Beſtimmung vermehren, in wie fern ein Mann mit gutem Gewißen verlangen konnte, ich meine nemlich nach Maßgabe ſeiner Verſtandeskraͤfte, die in Zwiſchenraͤume abgeſondert, laͤngs den ſchroffen Kuppen der Felsſchlucht hingeſtellt waren.“ 4 „Wahrhaftig, ich kann auch nicht ein einziges Wort von alle Dem verſtehen!“ rief der Paſcha ſehr erzuͤrnt,„kannſt Du Muſtapha?“ „Wie waͤre es Deinem Sklaven moͤglich zu verſtehen, was der Weisheit Deiner Hoheit verhuͤllt bleibt?“ „Sehr richtig;“ erwiederte der Paſcha. „Deine Hoheit wird ſpaͤter Alles verſtehen“ 8 2 bemerkte der Wahnſinnige—„doch wird es dazu noͤthig ſeyn, daß Du das Ende meiner Geſchichte abwarteſt, alsdann wird ſich abwik— keln wie eine Flocke Seide, was jezt nur der Entwirrung zu beduͤrfen ſcheint.“ „Wenn dem ſo iſt,“ erwiederte der Paſcha, „ſo wollte ich daß Du mit dem Ende Deiner Geſchichte begoͤnneſt und mit ihrem Anfange ſchloͤßeſt. Jezt erzaͤhle weiter.“ „Es gibt kein Ding unter dem Himmel, was ſo anziehend— ſo liebreizend— ſo gefallend anzuſchauen waͤre, als eine junge Mutter mit ihrem Erſtgebornen am Buſen. Die ſanften Lippen und Liebkoſungen der Kindheit— die aufbluͤhenden Reize der knospenden Jung⸗ frau— die erroͤthende, laͤchelnde und doch zit⸗ ternde Braut— Alles das haͤlt den Vergleich nicht aus mit der Schoͤnheit einer Frau die ihre irdiſche Beſtimmung erfuͤllt; ihr Antliz leuchtet Strahlen eines innigſten Entzuͤckens, welches ihr die vorangegangenen Stunden des Schmerzes und der Angſt, mehr als erſezt. Doch ich fuͤrchte Deine Hoheit zu ermuͤden.“ „Wallah il Nebi! das thuſt Du, bei Gott und dem Propheten. Iſt's Alles in der Art?“ „Nein, Paſcha. Wollte Gott, es waͤre ſo. —— —- 45— Barmherziger Himmel, wie konnteſt du den furchtbaren Schlag zugeben? War ich nicht dankvoll? Quollen nicht Thraͤnen aus meinen Augen, hervorgebracht durch Dankbarkeit und Liebe in eben dem Augenblicke, als ſie herein⸗ ſtuͤrzten, als ihre Mordwaffe auf meine Bruſt gerichtet wurde, als die Mutter verzweifelnd kreiſchte, der man den Saͤngling als nuzloſe Beſchwerlichkeit entriß und das Kind auf den Boden ſchleuderte, als ich es wieder aufhob und des Tuͤrken Piſtol ſeinem Daſeyn ein Ende machte? Ich ſehe es jezt vor meinen Augen, wie ich den kleinen Rubinquell kuͤßte, der aus des Kindes Herzen hervorſprudelte; auch ſie ſehe ich, wie ſie bewußtlos von den Armen der Raͤuber fortgetragen wurde. Paſcha, in einer kurzen Minute ward mir Alles geraubt, mein Weib, Kind, Heimath, Freiheit und Vernunft; hier ſteh ich ein Wahnſinniger und ein Sklave.“ Der Verruͤckte ſchwieg eine kurze Weile, dann ſprang er auf ſeine Fuͤße empor und rief mit lauter Stimme:„aber ich weiß, wer ſie waren, ich kenne ſie Alle und weiß auch, wo ſie iſt, und jezt Paſcha ſollſt Du mir Gerech⸗ tigkeit verſchaffen. Dieſer iſt's, der mein Weib ſtahl; Dieſer mordere mein Kind; Dieſer ent⸗ 1b= zieht ſie meinen Armen; und ſo ergreife ich ſeinen Bart in Deiner Gegenwart.“ Mit dieſem wuthergrimmten Ausrufe, ſprang er auf den entſezten Muſtapha ein, zerrte mit der einen Hand deßen Bart, waͤhrend er mit ſeinem Turban in der andern, ihn auf den Kopf ſchlug. Die Wachen eilten herzu und befreiten den Vezir aus der gefaͤhrlichen Lage, in welche er durch ſeine Unklugheit gerathen war, als er dieſem Menſchen geſtattete, vor dem Divan zu erſcheinen.— Der Zorn des Paſcha war graͤnzenlos, des Verruͤckten Kopf haͤtte fallen muͤßen, wenn Muſtapha nicht Beſonnenheit genug gehabt haͤtte, ihm vorzuſtellen, daß Bloͤdſinnige und Tolle vom gemeinen Volke als Menſchen an⸗ geſehen wuͤrden, die unter ganz beſonderm Schuze des Himmels ſtaͤnden, und daß eine ſolche Gewaltthaͤtigkeit leicht einen Volksaufruhr erregen koͤnnte. Auf dieſe Verwendung durften die Wachen den Wahnſinnigen abfuͤhren, doch uͤberließen ſie ihn ſeiner Freiheit erſt, als er eine betraͤchtliche Strecke vom Pallaſt entfernt war. 1 „Allah Karim! Gott iſt barmherzig!“ rief der — 47— Paſcha, ſobald der Wahnſinnige hinausgefuͤhrt war.„Ich bin froh, daß er mich nicht fuͤr den hielt, der ſein Weib beſizt.“ „Allah verhuͤte, daß Deine Hoheit in ſolcher Weiſe behandelt wuͤrde. Beinahe hat er Dei⸗ nes Sklaven Bart vernichtet,“ erwiederte der Vezir und ordnete die Falten ſeines Turban. „Muſtapha, merke Dir, niemals ein Aner⸗ bieten zu genehmigen. Ich bin uͤberzeugt, daß eine freiwillig dargebotene Geſchichte nichts werth iſt... „Deine Hoheit ſpricht wahr; Niemand giebt bereitwillig ab, was des Behaltens werth iſt. Gold wird nicht mit der Sandale aufgewor⸗ fen, und Diamanten findet man nicht im Sonnenſtrahle erglaͤnzen. Wollen wir die er⸗ langen, ſo muͤßen wir in dunkler Berggrube danach ſuchen und arbeiten. Findet Deine Ho⸗ heit Vergnügen, die Handſchrift anzuhoͤren, die der Griechen⸗Sklave uͤberſezt hat.“ „Sey's,“ erwiederte der Paſcha recht uͤbel⸗ launig. Der Grieche erſchien, machte ſeine Ver⸗ neigung und begann zu leſen. Handſehrift des Mönch. Die Entdeckung der Inſel Madeira erzaͤhlend. Bevor ich zu jenem ſchwer beleidigten Rich⸗ terſtuhle gefordert werde, den zu verſoͤhnen ich ſo viele Jahre in Kaſteiung und Gebet zu⸗ gebracht habe, will ich zum Beſten Anderer, die Geſchichte eines Menſchen erzaͤhlen, der unſeligen Leidenſchaften ſich hingebend, das Übrige ſeiner Lebenszeit ſich verbitterte, und zugleich die Lebensdauer der angebeteten Theil⸗ nehmerin ſeiner Schuld verkuͤrzte. Mag mein Bekenntniß veroͤffentlicht werden, damit mein Beiſpiel zur Warnung diene; und mag die Aufrichtigkeit, womit ich mein Vergehen be⸗ kenne, moͤgen die Thraͤnen die ich daruͤber ver⸗ goßen habe, dieſes aus der aufgehaͤuften Zahl 4 — 49— von Beweiſen menſchlicher Halsſtarrigkeit und menſchlichen Ungehorſams verloſchen. In wenigen Tagen wird dieſer entkraͤftete Koͤrper mit dem Staube vermiſcht ſeyn, aus dem er hervorging, von den Winden des Him⸗ mels umhergeſtreuet, oder zertheilt durch die Arbeiten kuͤnftiger Geſchlechter, wird er, ganz nach dem Willen des Zufalles, entweder der Diſtel zur Nahrung dienen, die gegen der Na⸗ tur Fruchtbarkeit ihren Krieg fuͤhrt, oder aber dem Getreidekorne, welches unſeres Daſeyns Naͤhrſtoff enthaͤlt; vielleicht auch dem Nacht⸗ ſchatten mit ſeiner toͤdtlichen Frucht, oder dem verborgenen Veilchen mit ſeinem ſuͤßen Dufte. Dieſes Herz, das im Übermaß hoͤchſter Liebe ſo draͤngend pochte, das vom entſezlichſten Jammer zerrißen wurde, wird bald nicht mehr ſchlagen. Dieſes Gemuͤth, das von der unwi⸗ derſtehlichen Gewalt der Leidenſchaft unter⸗ jocht wurde, das vergebens den Verſuch machte, den reißenden Strom zu hemmen, und das ſeitdem der Wuth der Fluthen verfallen, gleich einem uͤberſchwemmten ehemals fruchtbaren Thale, als ode zerſtoͤrte Wuͤſtenei zuruͤckge⸗ blieben iſt, wird bald ſeine kummerbelaſtete Thaͤtigkeit enden. In wenigen kurzen Tagen II. 4 2— muß ich vor dem ſchwer beleidigten und doch barmherzigen Erloͤſer erſcheinen, der uͤber un⸗ ſere thoͤrichte Verblendung mit der wir zu⸗ ruͤckſtoßen, was er uns ſo uͤberſchwenglich dar⸗ bietet nur trauert. So micge denn Henrique durch ſeine Bekenntniße Andern ein warnen⸗ 3 des Denkmal aufrichten, die geneigt ſein moͤg⸗ ten dem erſten Eindrucke ſich willig hinzuge⸗ ben; erſchreckt durch das Erkennen ihrer Irr⸗ thuͤmer, werden ſie finden, das ihre beßere Überzeugung zu ſpaͤt kam, und daß ſie gleich mir unwiderſtehlich angedraͤngt werden, ge⸗ gen die Beſtrebungen der Vernunft und die Warnungen des Gewißens. Ich bin Englaͤnder von Geburt, meine El⸗ tern ſtarben bevor ich mein fuͤnftes Jahr er⸗ reicht hatte; doch lebt noch ein traumaͤhnliches Bild meiner Mutter in meinem Gedaͤchtniß, eine ſchwache Erinnerung an ſie, auf deren Schooße ruhend, ich jeglichen Abend meine kleinen Haͤnde zum Gebete emporſtreckte und die ihren Knaben ſegnete, wenn ſte ihn zur Ruhe legte. Aber ich verlor ſie, deren Lehren mir im ſpaͤten Leben haͤtten werthvoll ſeyn moͤgen, ich blieb unter der Vormundſchaft eines Mannes, 4 * —-— 51— der den ganzen Umfang ſeiner Pflicht zu erfuͤl⸗ len glaubte, wenn er meinen weltlichen Vortheil wahrnahm. Zwar wurde meine Erziehung nicht vernachlaͤßigt, doch mangelte jemand, der meine Aufmerkſamkeit wichtigen Gegenſtaͤnden zugelei⸗ tet haͤtte. Von der Natur mit feurigem, ungedul⸗ digem Sinne begabt, mit einer Beharrlichkeit erfuͤllt, welche durch Hinderniße, die ſich ent⸗ gegenſtellten, nur beſtaͤrkt wurde, ermuthigte ich die Anregungen jeglicher Gefuͤhle in mei⸗ ner Bruſt und zog das einer Ruhe vor, die mir verhaßt ſchien. Mit zunehmendem Alter gewann dieſe Stimmung ein ſolches Übermaß, daß Schwierigkeit und Gefahr, daß Schmerz ſogar und Reue, von mir der ſtillen ſonni⸗ gen Ruhe in der Bruſt vorgezogen wurde, die Andere ſo beneidenswerth achten. Nur in den aller heftigſten Anregungen konnte ich le⸗ ben, waren die beſeitigt, ſo empfand ich ein Gefuͤhl, aͤhnlich dem eines Trinkers, bevor er am Morgen ſeine Nerven durch wieder⸗ holten Genuß ſtarker Getraͤnke geſtaͤhlt hat. Meine Beſchaͤftigung ſtand mit meiner Sin⸗ nesart in voͤlliger Übereinſtimmung; ſteter Wechſel und immer neue Schauplaͤze wuͤnſchte ich mir. Inniges Verlangen erfuͤllte mich:„von — 52— den unſichtbaren Winden umſchloßen und mit raſtloſer Gewalt von ihnen auf der Welt um⸗ hergeſchleudert zu werden.“ Nachts war ich gluͤcklich; denn kaum hatte der Schlaf mein Auge geſchloßen, als mir auch unerlaͤßlich traͤumte, ich beſize Flugkraft, in meiner Ein⸗ bildung durchſchnitt ich auf meinen Schwin⸗ gen die Luͤfte mit Adlergewalt, ſchwebte hoch uͤber meine Mitgeſchoͤpfe erhaben, blickte ver⸗ aͤchtlich auf ſie, und ihr endloſes kleinliches Treiben herab. Es kann nicht in Verwunderung ſezen, daß ein von der Natur ſo ausgeſtattetes Gemuͤth, welches von keinem vernuͤnftigen Rathgeber ein⸗ gehalten wurde, nur den einen Lieblingswunſch, den einen unveraͤnderlichen Gedanken naͤhrte, die Welt zu durchſtreifen; das unermeßliche Welt⸗ meer war Gegenſtand meiner Liebe und Anbe⸗ tung weil es mir das Mittel bot meine Lei⸗ denſchaft zu befriedigen. Beſaß ich die Adler⸗ ſchwingen nicht welche meine Traͤume mir liehen, ſo konnte ich von den Fluͤgeln des Windes ge⸗ trieben dahin rauſchen, und ganz wie in mei⸗ nen naͤchtlichen Traumfluͤgen ſpurlos weiter ziehen. Sobald ich das Alter erlangt hatte wel⸗ ches mir geſtattete mein Vermoͤgen in Beſiz zu . nehmen, wendete ich mich ganz dem Elemente zu, welches meiner Denkart ſo ſehr zuſagte. Einige Jahre hindurch blieb ich dieſem Stande getreu und war gluͤcklich in meinen Spekula⸗ tionen, doch Gewinn war mir nicht wichtig; mein Entzuͤcken beſtand darin von einer Zone zur andern zu fliegen„ im Sturmwinde dahin zu brauſen, trozig herausfordernd die bergho⸗ hen Wogen anzublicken die mich zu verſchuͤtten droheten; mich begluͤckte des tobenden Sturmes Geheul, das furchtbare Toſen der Brandung, der Aufruhr wilder Schlacht, ſogar die Zer⸗ truͤmmerung, das furchtbare Elend des Schiff⸗ bruches. In Verwunderung mag es ſezen, daß ich mein dreißigſtes Jahr erreichte ohne jemals das Gefuͤhl der Liebe erkannt zu haben; doch ſo war es. Dieſe gewaltigſte aller Aufregungen, die mein ganzes künftiges Seyn beſtimmen ſollte war bei mir nicht in Thaͤtigkeit gekommen, nun aber ward ſie geweckt und von dem Augen⸗ blicke an zertruͤmmerte ſie gleich einem wuͤ⸗ thenden Orkane Alles, was ſich ihrer raſen⸗ den Laufbahn entgegenſezte. Ich war in Ca⸗ dir wo ich mit einer werthvollen Ladung ein⸗ traf, als man mir den Vorſchlag machte die — 54— Zeremonien des Weißen Schleiernehmens mit anzuſehen. Weil die junge einzukleidende Nonne aus dem hohen Adel war, und die Feierlichkeit mit dem groͤßten Prunke vollzogen werden ſollte, willigte ich ein. Die praͤchtigen Verzierungen der Kirche, die harmoniſchen Geſaͤnge, die feierlichen Toͤne der Orgel, die koſtbaren Gewande der Prieſter im Gegenſaze zu der unſcheinbaren Demuth der Moͤnche und Nonnen, das Schwenken der Rauchgefaͤße, die aufſteigenden Wolken duftenden Weihrauchs, vor allem aber die außerordentliche Schoͤnheit der jungen Himmelsbraut, erregten in mir Ge⸗ fuͤhle von Theilnahme, die ich bis dahin un⸗ moͤglich durch irgend eine prunkende Schau⸗ ſtellung hervorzubringen gehalten hatte. Nach vollendeter Feierlichkeit verließ ich die Kirche, erfuͤllt von ganz neuen, maͤchtigen Empfindun⸗ gen, die ich damals nicht genau zu bezeichnen vermogte. Sobald ich aber auf meinem Nacht⸗ lager ruhete, ward ich mir deutlich bewußt, daß, wiewohl der prunkende Gottesdienſt einen ſchwa⸗ chen Eindruck bei mir zuruͤckgelaßen hatte, doch das Bild jenes ſuͤßen, vor dem Altare knieenden Maͤdchens tief in mein Herz gegra⸗ ben war. Ich empfand ein Unbehagen, eine Unruhe, eine Leere in meinem Buſen die gleich dem aͤhnlichen Zuſtande der Athmosphaͤre dem nahenden Sturme vorangeht. Schlafen konnte ich nicht; von einer Seite warf ich mich zur andern und erhob mich am Morgen fieberhaft und gar nicht erfriſcht. Gewohnt dem Eindrucke meiner Gefuͤhle zu folgen, begab ich mich zu dem Verwandten der Neueingekleideten, der mich zum Anſchauen der Feierlichkeit hingefuͤhrt hatte, und wußte den zu uͤberreden mich in das Sprachzimmer des Kloſters zu begleiten. Weil ſie noch ein ganzes Jahr der Pruͤfung zu beſtehen hatte, bevor ſie ihr heiliges Geluͤbde ablegen ſollte durch welches ſie der Welt ent⸗ ſagte, ſo verurſachte es keine Schwierigkeit ſie zu ſehen. Ihre pflichtmaͤßige Ergebung in den Willen ihrer Eltern, ihr heiteres und reizen⸗ des Antliz, ihr engelgleiches Laͤcheln, alles trug dazu bei meine Leidenſchaft noch mehr zu ent⸗ flammen; nach einer Stunde die ich im Geſpraͤche mit ihr verbracht hatte, verließ ich ſie in einem Zuſtande von Herzensſpannung, der ſchwer zu beſchreiben iſt. Meine Beſuche wurden oft wie⸗ derholt. In ganz kurzer Zeit geſtand ich meine Gefuͤhle und ward angehoͤrt ohne zu verlezen. — 356— Meine eingegangenen Verbindlichkeiten ſchrie⸗ ben mir gebieteriſch vor, Cadix zu verlaßen, doch erlangte ich vor meiner Abreiſe ihr erwiederndes Geſtaͤndniß. Weil noch neun Monate bis zu dem Zeitpunkte vergehen ſollten, in welchen ſie ihren Entſchluß, ſich dem Kloſterleben zu weihen, ausſprechen durfte, ſo gab ich das feierliche Verſprechen vor Ablauf dieſer Zeit zuruͤckzukeh⸗ ren, und ſie als die Meinige zu fordern. Da wir den nemlichen Glauben bekannten, und ſie nur deshalb aufgeopfert war, um die Beſizungen ihres Bruders nicht um ein Vermoͤgen zu ſchmaͤ⸗ lern, welches ihre Verheirathung erfordern wuͤrde, ſo erwartete ich keine Einwendungen von Seiten ihrer Verwandten, denn ich, der ich genug beſaß, um ihr jegliche Lebensuͤppigkeit zu verſchaffen, verlangte keine Ausſteuer. Wir trennten uns; unſere Haͤnde zitterten, als wir unſere Finger durch das Gitterwerk einander umſchloßen; unſere Thraͤnen fielen, konnten ſich aber nicht vermiſchen, unſere Lippen bebten zuckend und konnten ſich nicht beruͤhren; unſere Herzen ſchlugen in heißer Liebe, doch vermogte ich nicht ſie in meine Arme zu druͤcken.„Nur noch drei Monate, Roſine!“ rief ich aus, als ich ruͤcklings vom Sprachgitter mich entfernte und mein Auge auf ihr haftete.„Bis dahin lebe wohl, Henrique. Ich vertraue auf Deine Ehre und Treue, und will Dein theueres Bild in meinem Herzen bewahren;“ ihre Gefuͤhle uͤber⸗ waͤltigten ſie, Thraͤnen brachen hervor und ſie eilte aus meinem Anblicke fort. Mit guͤnſtigem Winde ſegelte ich und erreichte bald mein Vaterland. Meine Waaren wurden angebracht; ich erlangte eine ſehr betraͤchtliche Summe Geldes, hatte bereits alle meine Ein⸗ richtungen getroffen und wollte in wenigen Tagen nach Cadir zuruͤck, um meine Verbin⸗ dung mit Roſine zu vollziehen. Ich befand mich in der Metropolis und harrte voller Ungeduld auf das Übrige einer Ladung, die nach Cadirx von dem Schiffe eingenommen werden ſollte, auf welchem ich meine Überfahrt machen wollte; eines Abends ſchlenderte ich im Park, ſchwelgte im Vorgenuße der Seligkeit, welche das Wieder⸗ ſehen meiner Geliebten mir gewaͤhren wuͤrde, als ich von einem praͤchtig gekleideten Manne, der zwei Hofdamen begleitete, unhoͤflich auf die Seite geſchoben wurde. Dieſe Beleidigung ſezte mich in Flammen, wie gewoͤhnlich folgte ich dem erſten Eindrucke, ſchlug dem Herrn in's Ge⸗ ſicht und zog meinen Degen, ganz vergeßend — 58— daß ich hier im Pallaſtbezirke ſtand. Man ergriff mich und ſperrte mich ein; mein Verbrechen war Blutſchuld, denn mein Gegner war ein Koͤnig⸗ licher Prinz. Ich bot eine große Summe fuͤr meine Freilaßung, doch als ſie fanden, daß ich reich ſey, verwarfen ſie meine Anerbietungen in eben dem Maaße als ich ſie vergroͤßerte, bis ich gezwungen wurde, die Haͤlfte meines irdi⸗ ſchen Beſizthumes aufzuopfern, um der— Streuge des Gerichtes zu entgehen. Doch der Verluſt an Vermoͤgen war mir nichts, ich beſaß noch mehr als genug, nur die furchtbar lange Dauer meiner Gefangen⸗ ſchaft, waͤhrend welcher meine innere Angſt die Stunden zu Tagen, die Tage zu Monden an⸗ geſchwellt hatte, war fuͤr mich die ſchrecklichſte Folter. Laͤnger als ein Jahr blieb ich einge⸗ ſperrt, bevor ich meine Freiheit erlangen konnte. Meine Einbildungskraft malte mir Roſine, die meine Untreue bejammerte, die mir in ihrer verlaßenen Einſamkeit die gebrochenen Geluͤbde vorwarf, und die in ihrem Schmerze, im tief verlezten Gefuͤhle ihres Grames, den Bitten ihrer Verwandten nachgab, und ach! in dieſem Gedanken allein, lag Wahnſinn!— und den Schleier nahm;— ich gerieth außer mir, zer⸗ raufte mein Haar, ſchlug die Waͤnde meines Kerkers, raſete nach Freiheit, und erbot mich jeden Schilling dafuͤr hinzugeben, den ich beſaß. „Bei dem Barte des Propheten, dies lang⸗ weilt mich;“ rief der Paſcha aus.„Murrakkas, Du biſt entlaßen.“ Der Griechen⸗Sklave verneigte ſich und ging. ** * Am folgenden Morgen ſagte der Paſcha zu Muſtapha:„ich habe mir uͤberlegt, daß es am Beſten ſeyn wird, den Griechen heute ſeine Geſchichte von geſtern Abend zum Ende leſen zu laßen, da wir doch keinen Erzaͤhler haben.“ „Sehr wahr, hoher Paſcha,“ erwiederte Muſtapha,„ſchlechte Koſt iſt beßer als gar keine, wenn wir uns am Pillau nicht erlaben koͤnnen, muͤßen wir uns mit gekochtem Reis begnuͤgen.“ „Das iſt gut geſagt, Muſtapha, alſo laß ihn fortfahren.“ Nun ward der Griechen⸗Sklave gerufen und las in der Handſchrift weiter: — 60— Endlich war Freiheit erlangt; ich flog zur Kuͤſte, miethete ein kleines Schiff und grollte mit dem Winde im Weiterſegeln, weil der fuͤr die Heftigkeit meiner dringenden Wuͤnſche nicht ſtark genug wehen wollte; ſo kamen wir nach Cadir. Spaͤt am Abende war es ſchon, als ich landete und mich ſogleich zum Kloſter be⸗ gab; Hoffnung und Furcht hatten mich der⸗ maßen entkraͤftet, daß ich nur mit Muͤhe mich aufrecht zu halten vermogte. Ich ſchwankte zur Kloſterpforte und fragte nach meiner Ro⸗ ſine. „Seyd Ihr ein naher Verwandter,“ ſprach die Pföͤrtnerin,„daß Ihr Einlaß zu einer Kloſterſchweſter begehrt?“ Ihre Frage entſchied Alles; Roſine hatte den Schleier genommen, hatte die Welt und hatte mich fuͤr immer ab⸗ geſchworen. Meine Sinne ſchwindelten, be⸗ wußtlos ſank ich auf den Boden hin. Erſchreckt durch dieſen Vorgang lief die Pfoͤrtnerin zur Abtißin, berichtete der, daß ein Mann nach Schweſter Roſinen gefragt habe und bei dem Vernehmen ihrer Antwort beſinnungslos vor der Pforte niedergefallen ſey. Dieſe Erzaͤhlung geſchah in Roſinens Gegenwart; ihr ſagte das Herz, wer es ſey und ſagte ihr zu⸗ — gleich, daß ich nicht treubruͤchig war. Freude uͤber meine Beſtaͤndigkeit und tiefer Gram uͤber ihren eigenen eiligen Entſchluß, der meine Treue nunmehr nuzlos machte, uͤberwaͤltigte ſie und man fuͤhrte ſie in eben ſo bejammernswuͤrdigem Zuſtande als der meinige war, zu ihrer Zelle. Als ich meine Beſinnung wieder erlangte, fand ich mich im Bette. Im Zuſtande der Sinn⸗ verwirrung hatte ich drei Wochen zugebracht. Mit wiederkehrender Vernunft, mit dem Er⸗ innerungsvermoͤgen kam auch die ganze Größe meines Elendes wieder; doch nun war ich nicht laͤnger in halbraſender Aufregung; mein Gemuͤth war ganz ſo erſchoͤpft als mein Korger und mich befiel dumpfe Verzweiflung. Mit der Überzeu⸗ 3 gung, daß Alles verloren„ daß eine unuͤber⸗ ſteigliche Schranke zwiſchen mir und Roſine erhoben ſey, redete ich mir eine gewiße philo⸗ ſophiſche Entſagung ein und faßte den Ent⸗ ſchluß, ſobald ich die noͤthigen Kraͤfte wieder⸗ gewonnen haͤtte, von einem Orte zu entfliehen, welcher Schauplaz ſo vieler ertraͤumter Selig⸗ keit und eben ſo großer wirklicher Leiden ge⸗ weſen war. Nur eine Sehnſucht blieb mir; Roſine wollte ich vor meiner Abreiſe ſehen, um ihr die Ur⸗ ſache meines Ausbleibens zu erläutern. Ver⸗ nuͤnftige Überzeugung ſagte mir, dies ſey un⸗ recht; doch dem Drange vermogte ich nicht zu widerſtreben; haͤtte ich mich nicht durch dieſen verleiten laßen, ſo waͤre ich zwar ungluͤcklich, aber doch kein Verbrecher geweſen. Ich ſchrieb ihr, warf ihre Übereilung ihr vor, und flehete um eine Abſchiedsunterredung.— Ergreifend war ihre Antwort, ſie entlockte mir Stroͤme von Thraͤnen und entflammte auf's neue meine Liebe. Die Zuſammenkunft lehnte ſie ab, weil dieſe nichts Gutes hervorbringen, und nur Gefuͤhle bei ihr in's Leben rufen wuͤrde, die mit ihren Pflichten unvereinbarlich ſeyen; doch war ihre Ablehnung ſo guͤtig, ſo zart ver⸗ ſagend abgefaßt, daß es klar daraus hervor⸗ ging, ihre Wuͤnſche und Neigungen waͤren im Widerſpruche mit den hingeſchriebenen Wor⸗ ten; ich wiederholte mein Begehr, erflehte die Zuſammenkunft noch einmal, und ungern willigte ſie endlich ein, um mir einen Be⸗ weis von der Aufrichtigkeit ihrer Liebe zu geben. Wir ſahen uns, zu unſerm Elende, zu un⸗ ſerm ſuͤndlichen Verderben ſahen wir uns. Von dem Augenblick beſchloß ich, ſie niemals zu verlaßen; Religion, Tugend, Moral, jeglicheg — 63— Gefuͤhl wurde im Wiedererblicken des Gegen⸗ ſtandes meiner Anbetung verſcheucht; ſchon vor meinem Weggehen wagte ich das Geluͤbde meiner Treue einer Himmelsbraut zu wieder⸗ holen, die ſich ihrem Gotte geweihet hatte. „Dies darf nicht ſeyn, Henrique,“ ſprach Ro⸗ ſine,„wir muͤßen uns nicht wieder ſehen; Nachdenken wird dich von der Unſtatthaftig⸗ keit uͤberzeugen. Meine Verwandten werden keine Dispenſation von meinem abgelegten Ge⸗ luͤbde zugeſtehen wollen, jede Hoffnung unſerer Vereinigung in dieſer Welt iſt geſchwunden; o! moͤgen wir uns im Himmel wieder finden!“ verzweiflungsvoll rang ſie ihre Haͤnde und ver⸗ ſchwand hinter dem Sprachgitter. Ich kehrte zuruͤck; meine Pulſe kochten im Feuer des Wahnſinns. Noch einmal ſchrieb ich, flehete um eine zweite Unterredung, em⸗ pfing aber entſchiedene Weigerung. Weit ent⸗ fernt davon, mich durch dieſe Vermehrung der entgegenſtehenden Hinderniße abſchrecken zu laßen, ward mein Entſchluß, ſie zu beſtegen dadurch nur noch beſtaͤrkt. Ich wollte ſie dazu vermoͤgen, die Pflichten gegen ihre Eltern an die Seite zu ſezen; ich wollte ſie verleiten ihr Geluͤbde gegen Gott zu zertreten, den Fol⸗ — 64 tern der Inquiſition Troz zu bieten; ich wollte ſie aus Schloß und Riegeln befreien; wollte mit ihr aus einer befeſtigten und volkreichen Stadt entfliehen; jede neue Schwierigkeit ent⸗ flammte meinen Eifer nur noch mehr; jede Mahnung der Gewißensſtimme beſtaͤrkte mei⸗ nen halsſtarrigen Eigenwillen. Wiewohl ich bisher jeden Betrug verab⸗ ſcheut hatte, war meine erſte Handlung nun das Begehen einer Falſchheit. Ich ſchrieb ihr, daß mir eine Unterredung mit ihren Verwand⸗ ten geſtattet worden ſey, und daß ich dieſe mit allem, was vorgegangen waͤre, bekannt gemacht haͤtte; bei ihnen haͤtte ich Gehoͤr gefunden und ſie waͤren zur Nachgiebigkeit bereit; obwohl man die Sache vor ihr geheim halten wolle, wuͤrde doch innerhalb weniger Monate die Dispenſation von ihren Geluͤbden fuͤr ſie er⸗ langt werden. 4 O! wie grauſam, wie eigenſuͤchtig war mein Verfahren, und doch entſprach es meinen Plaͤ⸗ nen. Die Ausſicht auf kuͤnftiges Gluͤck belebte Roſine; ſie bekaͤmpfte die unſelige Leidenſchaft nicht laͤnger; verweigerte mir nicht mehr, ſie zu ſehen und mein Geluͤbde ewiger Treue an⸗ zunehmen. Tiefer und immer tiefer trank ſie — 65— aus dem Becher der Wonne, bis die berau⸗ ſchenden Zuͤge jedes andere Gefuͤhl aus ihrem Herzen verbannte, als das der Liebe. Lange ſchon hatte ich kein anderes empfunden; ob⸗ gleich ich den Boden gekuͤßt haben koͤnnte, den ihr Fuß betrat, obgleich ich Maͤrtyrer⸗Qualen um ſie erduldet haben moͤgte, beobachtete ich doch mit teufliſcher Luſt das Gelingen meines Anſchlages, und jubelte uͤber ihren Abfall von Religion und Tugend. Sechs Monate waren vergangen, waͤhrend ich durch Beſtechung der Pfoͤrtnerin, und durch Hingebung meiner Geliebten mir naͤchtlichen Ein⸗ laß in den Kloſtergarten zu verſchaffen gewußt hatte. Eines Abends eroͤffnete ich ihr, daß ihre Eltern durch Drohungen ihres Beichtvaters in Furcht geſezt, ihr Verſprechen zuruͤckgenommen und den Beſchluß gefaßt haͤtten, die Dispen⸗ ſation fuͤr ſie nicht zu erwirken. Alles hatte ich vorbereitet, damit ſie keine Zeit zur Üüberlegung gewinne; durch ihre eigenen Gefuͤhle, durch meine Überredung und durch meine Betheue⸗ rungen fortgerißen, willigte ſie ein, mit mir nach meinem Vaterlande zu entfliehen. Ich trug das zitternde, ohnmaͤchtige Maͤ dchen in meinen Armen fort, mir gelang die Flucht aus dem Il.„ 5 Kloſter und aus der Stadt; wir ſchifften uns auf einem von mir gemietheten Fahrzeuge ein, welches ich in Bereitſchaft hielt, um jeden Augenblick Anker lichten zu koͤnnen, bald waren wir weit aus dem Hafen von Cadir gelaufen. Es war kurz vor Mitternacht als wir an Bord gingen, ich trug mein Kleinod in meinen Mantel umhuͤllt, hinab in die Kajuͤte. Ihr Nonnenkleid war nicht abgelegt; denn ich hatte unterlaßen fuͤr einen andern Anzug zu ſorgen. Ehe der Morgen anbrach wehete es heftig. Roſine, die ſo wie ich, ſich ganz der allge⸗ waltigen Liebe hingegeben hatte, die uns er⸗ fuͤllte, lag auf meinen Arm geſtuͤzt, als der Kaptain, der herabkam um mit mir zu ſpre⸗ chen, ſie im kloͤſterlichen Gewande erblickte. Er ſchreckte zuruͤck ſobald er dies geſehen, und verließ eilig die Kajuͤte. Eine Ahnung ſagte mir, daß ſich Unheil vorbereite, ich befreite meinen Arm von Roſine und ging auf das Verdeck, wo ich den Kaptain in Berathung mit ſeiner Mannſchaft fand. Der Gegenſtand ihres Geſpraͤches war, augenblickliche Ruͤck⸗ fahrt nach Cadix, um uns der Inquiſition zu uͤberliefern. Ich ſtraͤubte mich gegen den Vorſaz; nahm das von mir gemiethete Schiff als mein = 67— Eigenthum in Anſpruch, und bebrohete den⸗ jenigen mit augeblichem Tode, der es verſuchen wuͤrde, deßen Segellauf zu aͤndern; doch ver⸗ gebens. Ihr Abſcheu vor ſolcher Gotteslaͤſte⸗ rung, ihre Furcht als Mitſchuldige daran be⸗ trachtet, und mit den furchtbaren Strafen be⸗ legt zu werden, welche dieſe nach ſich zoͤge, uͤberwog alle meine Gruͤnde; meine Verſpre⸗ chungen wurden eben ſo wenig beachtet, als meine Drohungen. Ich wurde ergriffen, uͤbermannt, und das Schiff ſteuerte dem Lande zu. Ich raſete, ſtampfte und verwuͤnſchte umſonſt; zulezt er⸗ klaͤrte ich, daß wir Alle zuſammen leiden ſoll⸗ ten, denn ich wuͤrde angeben, ſie haͤtten mei⸗ nen Anſchlag gekannt und behaupten, daß ſie ihre eingegangenen Verpflichtungen gegen mich nur deshalb nicht erfuͤllt haͤtten, weil ich mich geweigert habe, mich ihren ſpaͤtern Erpreßun⸗ gen zu unterwerfen. Dies ſchreckte ſte; denn ſie wußten nur zu wohl, wie gern die Inqui⸗ ſttion jeglichen Vorwand benuze, und daß ih⸗ nen, ſogar wenn ſie nicht uͤberfuͤhrt werden koͤnnten, doch lange Einkerkerung gewiß waͤre. Wiederum beriethen ſie ſich, legten dann das Fahrzeug am Winde bei und ſezten das lange — 68— Boot aus. Nachdem ſie einen ſpaͤrlichen Vor⸗ rath von Lebensmitteln und Waßer, ſo wie einige nothwendige Geraͤthſchaften hinein ge⸗ ſchafft hatten, brachten ſie meine geaͤngſtigte Roſine aus der Kajuͤte her, ſezten ſie in das Boot, loöͤſeten meine Bande und befahlen mir, ihr zu folgen. Sobald ich im Boote war ſchnitten ſie das Tau ab, durch welches daſſelbe am Schiffe befeſtigt war, und bald befanden wir uns eine weite Strecke hinter dem Spie⸗ gel deßelben zuruͤckgeblieben. In meiner Freude, der Grauſamkeit dieſer Menſchen entkommen zu ſeyn, achtete ich die Gefahren gering, womit die Elemente uns bedroheten. Zuerſt troͤſtete ich meine geaͤngſtete Roſine, dann richtete ich den Maſt, zog das Segel auf und ſteuerte in ſuͤdlicher Richtung mit dem Vorſaze, irgendwo auf der Aſrikani⸗ ſchen Kuͤſte zu landen. Mein Zuſtand beunru⸗ higte mich nicht, vielmehr fuͤhlte ich mich gluͤck⸗ lich. Freilich befand ich mich in einem gebrech⸗ lichen Nachen; aber in dieſem hatte ich ja Alles bei mir, was in der Welt fuͤr mich Werth hatte. Allerdings ſegelte ich, ohne zu wißen wohin, doch Roſine war bei mir; das Unge⸗ wiße unſers Schickſals erkannte ich; doch dieſe —-———— —,— — 69— Ungewißheit war mehr als aufgewogen durch die, die ich nun wirklich beſaß. Der Wind ſprang auf, das Meer ging hoch und drohete mit kraͤuſelnden Schaumwellen; raſch flogen wir vor dem Winde hin; mit einem Arme ſteuerte ich, mit dem Andern hielt ich Roſine umſchlungen, und das Romantiſche unſeres Zuſtandes entzuͤckte mich; durch die daraus hervorgehende Aufregung begluͤckt, war ich blind gegen die Gefahr, welche uns umgab. Sechs Tage lang flogen wir vor dem Winde dahin, nun deutete zuſammenziehendes Gewoͤlke am ſüdlichen Horizonte auf eine Änderung des Wetters. Ich hatte keinen Kompaß im Boote ſondern ſteuerte am Tage nach dem Sonnen⸗ ſtande und Nachts unter Beachtung der Stern⸗ gebilde. Jezt glaubte ich mich weit genug ſuͤdlich und beſchloß nunmehr einen oͤſtlichen Lauf ein⸗ zuhalten um die Afrikaniſche Kuͤſte zu erreichen; doch blies es viel zu heftig um mir zu erlauben die breite Seite meiner kleinen Barke an den Wind zu bringen, ich war genoͤthigt meinen uͤdlichen Lauf fortzuſezen. Jezt empfand ich zum erſtenmale ein Gefuͤhl der Unruhe, nur noch fuͤr zwei Tage reichten unſere Nahrungsmittel hin und Roſine war durch das Unwetter dem ſie fortwaͤhrend aus geſezt blieb erſchoͤpft. Ich ſelber ſpuͤrte dringend das Bedürfniß der Ruhe; es wurde mir ſchwer die Augen aufzuhalten; mit jeglicher Minute forderte die Natur gebieteriſch ihe Recht und ich nickte ſchlummernd am Steuer. In ſchwermuthvolle Traͤumerei verſenkt;. glaubte ich bei dem Aufklaͤren der Wolken am Horizonte etwas zu entdecken welches dem Gipfel eines ſteilen Gebirges aͤhnlich ſah. Die Wolken dichteten wieder zu; mit ſehnſuͤchtigem Bangen beobachtete ich ſie bis ſie endlich ver⸗ zogen und ein hohes Eyland gewahren ließen das bis zum Rande des Waßers mit Baͤumen und mit Gruͤn bedeckt war. Laut jubelte ich vor Entzuͤcken, zeigte es Roſinen, die meine freudige Luſt nur durch ein mattes Laͤcheln beantwortete. Bei dem Ausdrucke ihrer Ge⸗ ſichtzuͤge ſtarrte mein Blut; ſeit vielen Stunden hatte ſie in tiefem Nachdenken geſeßen; ich ge⸗ wahrte deutlich dieſes Laͤcheln zwinge ſie hervor um mir Freude zu machen, denn ſie ſchien kein Vergnuͤgen uͤber die gemachte Entdeckung zu empfinden. Ich ſchrieb das ihrer Muͤdigkeit und Erſchoͤpfung zu, und in der Hoffnung ihr bald Linderung gewaͤhren zu koͤnnen, ſteuerte ich einer Stelle der Kuͤſte zu, welche allein Sicherheit bei dem Anlanden zu verſprechen ſchien. Nach einer Stunde war ich nahe; weil ich vor Dunkelwerden noch Landen wollte ſteuerte ich das Boot mit aufgezogenem Segel durch die Brandung, welche viel heftiger war als ich er⸗ wartet hatte.— Sobald der Kiel die Kuͤſte beruͤhrte, ward das Boot mit der flachen Seite hinangeſchleu⸗ dert, und ich mußte meine ganze Kraft an⸗ wenden, um die Geliebte zu retten, was gleich⸗ wohl nicht zu bewerkſtelligen war, ohne von der Brandung uͤberſchuͤttet zu werden, welche innerhalb weniger Minuten das Boot zerſchellte. Ich trug ſie zu einer Hoͤhle unfern der Stelle, an der wir gelandet hatten; hier umhuͤllte ich ſie mit einem aus dem Boote geretteten Man⸗ tel, nahm ihr Nonnengewand, um es an den immer noch kraftvollen Strahlen der Sonne zu trocknen, und ging um Lebensmittel zu ſu⸗ chen, die ich alsbald auffand; Bananen und Kokosnuͤße waren im Überfluße und in herrlicher Pracht da; ſuͤßes Waßer rieſelte in plaͤtſchern⸗ den Baͤchen herab. Ich trug ihr hin, was ich gefunden hatte, und wuͤnſchte ihr Gluͤck da⸗ zu, daß wir uns nun, aller Verfolgung ent⸗ — 2— hoben, auf einem Flecken befanden, der den Anſchein gewaͤhrte, Alles hervorzubringen, was wir bedurften. Sie laͤchelte krankhaft; ihre Gedanken waren anderweitig beſchaͤftigt. Nun waren ihre Kleider getrocknet und ich brachte ſie ihr; bei dem Anblicke des Nonnengewandes ſchauderte ſie, und es ſchien ihr Überwindung zu koſten, es wieder anzulegen. Es ward Nacht, wir blieben in der Hoͤhle; unſer Bett beſtand aus dem Mantel und dem Bootſegel; von der ganzen uͤbrigen Welt getrennt, mit unſern Armen uns umklammernd und nur fuͤr einander lebend, entſchliefen wir. Der Mor⸗ gen brach an; keine Wolke zeigte ſich im reinen weiten Blau des Firmaments. Wir wandelten hinaus und betrachteten in ſtiller Bewunde⸗ rung den prachtvollen Anblick. Die Inſel war in Schoͤnheit gekleidet; auf die wilde Frucht⸗ barkeit der Natur verbreitete die Sonne ihre belebenden Strahlen; die Poͤgel zwitſcherten Wonnelieder; das Meer war ſtill und klar wie ein Spiegel, aus welchem die Bilder der ſtei⸗ len Huͤgel zuruͤckſtrahlten, die ſich uͤbereinander aufthuͤrmten. „Hier Roſine,“ rief ich zulezt im Drange meines Entzuͤckens,„hier haben wir Alles, — was wir begluͤckt durch unſere Liebe, nur be⸗ duͤrfen.“ Roſine brach in Thraͤnen aus:„Alles, al⸗ les Henrique, nur nicht des Gewißens Zubil⸗ ligung, ohne welche, ich fuͤhle es, mir zu leben unmoͤglich iſt. Ich liebe Dich, liebe Dich zaͤrt⸗ lich, Henrique, ich bete Dich an; Du kannſt das nach allem was geſchehen iſt, nicht be⸗ zweifeln; doch jezt ſeit der Leidenſchaften Wahn⸗ ſinn geſchwunden iſt, regt ſich das Gewißen, regt ſich nur zu thaͤtig, denn es hat mir alles verbittert, und ich empfinde, daß Gluͤckſelig⸗ keit fuͤr immer entflohen iſt. Ich verlobte mich mit Gott, ward die Braut meines Erloͤſers; ihm weihete ich meine Geluͤbde, ward von ihm am Altare empfangen, als ich dieſe Welt verließ, um die kuͤnftige zu erlangen. Was habe ich aber dann gethan? ihm brach ich meine Treue, ihn verließ ich, um mich einer Erden⸗ leidenſchaft hinzugeben, meine ewige Seligkeit opferte ich ſuͤndhaften Trieben auf und eine feierliche Stimme in meinem Innern ruft mir zu, daß ich eine Ausgeſtoßene bin, die des Himmels Freuden nicht zu gewaͤrtigen hat. Habe Nachſicht mit mir, theurer Henrique! Ich wollte Dir keine Vorwuͤrfe machen, aber * — 74— mich ſelber muß ich verurtheilen; ich fuͤhle, daß ich nicht lange mehr in dieſer Welt blei⸗ ben ſoll, ſondern vor meinen ſchwerbeleidigten Herrn gefordert werde.“ „Barmherziger Erloͤſer!“ rief ſie auf ihre Knie niederfallend und ihre flehenden Blicke zum Himmel emporgerichtet,„ſtrafe ihn nicht, ver⸗ zeih ihm ſeine Suͤnden, denn was ſind die mit den meinigen verglichen? Er that kein Geluͤbde, er beging keine Treuloſigkeit, er iſt der Schuldige nicht. Verſchone ihn, o Herr, und treffe Deine gerechte Strafe ſie, die ihn zur Suͤnde verfuͤhrt hat.“ Mein Herz wollte mir zerſpringen; ich warf mich zur Erde und weinte bitterlich. Jezt em⸗ pfand ich erſt, daß meine Falſchheit ihre tugend⸗ haften Entſchluͤße zerſtoͤrt, daß meine Selbſt⸗ ſucht den Frieden ihres Gemuͤthes vernichtet und daß ich ſie zu einer Verbrecherin gemacht hatte. Sie kniete an meiner Seite, beſchwor mich aufzuſtehen und bezwang ihre eigenen Gefuͤhle, indem ſie meine Thraͤnen mir mit dem Ver⸗ ſprechen von den Wangen kuͤßte, meinen See⸗ lenfrieden nicht wieder zu ſtoͤren. Doch der war verloren, fuͤr immer dahin; in ihrer ganzen Groͤße erkannte ich meine Unthat; mußte mir eingeſtehen, daß ich mich einer ſchweren, einer unverzeihlichen Suͤnde ſchuldig gemacht und meine Geliebte, ſo wie mich ſelber in's Ver⸗ derben geſtuͤrzt hatte. Sie lag noch auf ihren Knieen, an ihrer Seite knieete ich und erfle⸗ hete vom beleidigten Himmel Gnade und Ver⸗ zeihung. Sie theilte mein inbruͤnſtiges Gebet, Thraͤnen der Zerknirſchung und Reue floßen unſere Wangen hinab und in dieſer Stellung buͤßender Suͤnder, blieben wir laͤngere Zeit. Endlich erhoben wir uns:„fuͤhlſt Du Dich nicht gluͤcklicher Roſine,“ fragte ich, ſchmerz⸗ lich laͤchelte ſie und wir kehrten zuruͤck in die Hoͤhle. Stunden vergingen in truͤber Beſchaͤftigung mit unſern eigenen Gedanken, ohne mit einan⸗ der zu ſprechen. Es wurde Nacht, wir legten uns zur Ruhe nieder; als ich ſie in meine Arme ſchloß, ſchauderte ſie und zog ſich zuruͤck. Ich ließ ſie los, und begab mich nach der andern Seite unſerer Hoͤhle, denn ich verſtand ihre Gefuͤhle und ehrte ſie. Von dieſer Stunde an war ſie mir nichts anderes„als eine geliebte und tief verlezte Schweſter; wiewohl ihre Koͤr⸗ perkraͤfte taͤglich mehr ſchwanden, ſchien ihr Geiſt ſich doch allmaͤhlig wieder aufzurichten. Nach vierzehn Tagen hatte ihre Entkraͤftung dermaßen zugenommen, daß ſie ſich nicht mehr von ihrem Lager zu erheben vermogte; Tage und Naͤchte verbrachte ich an ihrer Seite reuig und in Thraͤnen, denn ich ſah ihre Aufloͤſung nahen. Wenige Stunden vor ihrem Ende ſchien ſie etwas geſtaͤrkt und redete mich an: „Henrique, ſeit einer Stunde iſt mir Bal⸗ ſam in mein Herz gegoßen, denn eine Stimme verſichert mich, daß uns Beiden verziehen wurde. Groß iſt unſer Verbrechen; doch unſere Reue war aufrichtig, und ich bin gewiß davon, im Himmel ſehen wir uns wieder. Fuͤr Deine freundliche Guͤte, fuͤr Deine unendliche Liebe, haſt Du meinen Dank und eine Hingebung, die der Himmel nicht verbietet, denn jezt iſt ſie rein. Wir haben zuſammen geſuͤndigt, reuig mit einander geflehet, und vereint die Verge⸗ bung unſerer Schuld erlangt, im kuͤnftigen Leben werden wir wieder vereint ſeyn. Segen uͤber Dich, Henrique; bete fuͤr meine Seele, die immer noch an dieſer irdiſchen Liebe haͤngt, die aber Verzeihung von ihm erlangte der un⸗ ſere Unvollkommenheit kennt. Reine Mutter Gottes, verwende Du Dich fuͤr mich! Heiliger Erloͤſer, der Du einer Magdalene Rene und Thraͤnen nicht verachteteſt, empfange eine treu⸗ bruͤchige, aber reuevolle Braut an Deinem Buſen; denn, als ich mein Geluͤbde ablegte, weißt Du, daß mein Herz.—“ Mit Todesqual, mit ſchmerzlichſter Pein hing ich uͤber ihrer Leiche; mit bittern Thraͤnen wuſch ich dieſes kalte, reizende, engelgleiche Geſicht in ſeiner Ruhe. Am Morgen ſcharrte ich ihre Grabhoͤhle, und nachdem ich meine von dieſer Arbeit blutenden Haͤnde gereinigt hatte, trug ich die Leiche in ihrem Nonnengewande zu der vorbereiteten Staͤtte. Hier legte ich ſie nieder, ſammelte Blumen und Bluͤthen, be⸗ ſtreute ſie damit und wachte bei ihr bis Son⸗ nenuntergang; dann bedeckte ich ſie mit Erde, die ich Handvollweiſe ſo leicht auf ihre theuren Überbleibſel hinlegte, als eine Mutter die Decke uͤber ihr ſchlafendes Kind breitet. Lange konnte ich es nicht uͤber mich gewinnen, dieſes Himmelsantliz mit Erde zu verunreinigen, noch es meinen ſchmachtenden Blicken zu ent⸗ ziehen. Als dies zulezt geſchehen war, da fuͤhlte ich, daß ich Roſine nun wirklich verloren habe, daß ich nun ganz allein ſey. gwei Jahre blieb ich in dieſer Einſamkeit; errichtete uͤber ihrem Grabe eine kunſtloſe Ka⸗ — 78— pelle und verbrachte hier meine Tage in Reue und Zerknirſchung. Schiffe anderer Nationen kamen zu der Inſel, brachten die Kunde da⸗ von zu ihrer Heimath, ſie ward in Beſiz ge⸗ nommen, und zu einer Kolonie gemacht. Zum Erſtaunen der neuen Ankoͤmmlinge fanden ſie mich; als ich meine Geſchichte erzaͤhlt, und ihnen meinen Wunſch ausgeſprochen hatte, geſtatteten ſie mir Überfahrt nach ihrem Lande. Noch einmal ſchwebte ich wieder auf den ſpur⸗ loſen Wogen, die mich jezt nicht mehr ent⸗ zückten; bei der Entfernung vom Geſtade, haftete mein Blick auf dem einfachen Gebaͤude, das von mir uͤber Roſinens Gebeinen aufge⸗ richtet war; es ſchien mir, ein Stern flim⸗ mere uͤber jenem Orte, und ich begruͤßte ihn, als einen Boten der Gnade. Als ich gelandet war, begab ich mich in das Kloſter dem ich jezt angehoͤre; ich that das Geluͤbde der Ent⸗ ſagung und Kaſteiung, und habe den Reſt mei⸗ nes Lebens in Meßen zum Seelenheile meiner Roſine und im Gebete um meine eigene Er⸗ loͤſung verbracht. So iſt die Geſchichte von Henriquez mag ſie allen Denen zur Warnung dienen, welche ihrer Vernunft geſtatten, ſich von Leidenſchaft verfuͤhren zu laßen, und die den erſten An⸗ trieb zum Boͤſen nicht unterdruͤcken, wenn ihr Gewißen ihnen ſagt, daß ſie vom Pfade der Tugend abirren. „Heiliger Allah!“ ſagte der Paſcha laut gaͤhnend,„iſt das die Bulbul die der Roſe zuſingt? Was ſoll das Alles, Muſtapha! Wozu iſt es anders geſchrieben, als um jeman⸗ den in den Schlaf zu bringen? Murrakkas, Du biſt entlaßen.“ Der Griechen⸗Sklave verbeugte ſich und ging. Muſtapha ſah, daß der Paſcha durch die Abendunterhaltung nicht befriedigt war, und ſagte ſogleich:„Deiner erlauchten Hoheit Seele iſt in Trauer, und Dein Gemuͤth iſt abgeſpannt. Was ſpricht der Weiſe? Sind ſeine Worte nicht koſtbarer als große Perlen?„Wenn Du krank biſt, und Dein Gemuͤth niedergedruͤckt, ſo ſchicke nach Wein. Trinke und danke Allah dafuͤr, daß er Hülfe gewaͤhrte.“. „Wallah Thaib, gut geſagt,“ antwortete der Paſcha,„iſt das Fraͤnkiſche Feuer⸗Waßer nicht zu haben?“ „Waͤre etwa die Erde und alles was die Erde enthaͤlt nicht fuͤr Deine Erlauchte Hoheit gemacht?“ erwiederte Muſtapha und zog eine Flaſche Brantwein aus einer verborgenen Taſche ſeines Gewandes hervor. „Gott iſt groß“ ſprach der Paſcha, als er nach einem recht tuͤchtigen Zuge aus der Flaſche, dieſe von ſeinem Munde abzog und ſie dem Vezir hinreichte. „Gott iſt hoͤchſt gnaͤdig!“ antwortete Mu⸗ ſtapha als er nach dem Trinken Athem ſchoͤpfte, ehrfurchtsvoll die Flaſche ſeinem Gebieter zu⸗ ruͤckgab und ſich den Bart mit dem Zipfel ſei⸗ nes Kalaat abwiſchte. Drittes Kapitel. „Hham d'Illah! Gelobt ſey Gott!“ rief der Paſcha aus ſobald der Divan geſchloßen war. lang Bittſteller anhoͤren, und nicht eine Zechine in meinen Schaz bekommen. Muſtapha iſt der Renegat zuruͤck?“ „Der Kafir wartet darauf den Staub von Deinen erlauchten Fuͤßen zu kuͤßen,“ gab der Vezir zur Antwort. 1n „Laß ihn kommen, Muſtapha,“ erwiederte freudig der Paſcha und ſogleich trat der Re⸗ negat ein. „Koſch Amedeid„Du biſt willkommen Hucka⸗ back. Unſere Ohren ſind uns vergiftet ſeitdem II. 3 6 — 82— Du uns verließeſt. Ich habe vergeßen wo Du aufhoͤrteſt.“ „Gefall es Deiner Hoheit, am Ende meiner zweiten Reiſe in welcher———“ „Weiß ſchon, als die Fraͤnkiſche Goͤttin den Leck ſtopfte. Du kannſt fortfahren.“ Der Renegat verbeugte ſich und begann: „Ich meine, daß ich Deiner Hoheit am Ende meiner zweiten Reiſe ſagte, es ſey meine Ab⸗ ſicht geweſen nach Toulon zu gehen um Er⸗ kundigungen uͤber meine geliebte Ceriſe einzu⸗ ziehen.“ 4ℳ „Ich erinnere mich deßen„“ unterbrach ihn der Paſcha,„aber ich wiederhole Dir was ich ſchon einmal geſagt habe, von ihr will ich nichts wißen. Sey ſo gut und uͤberhuͤpfe mir das Alles, ſonſt bekommſt Du fuͤnf Zechinen weniger in Deinen Guͤrtel.“ „Deiner Hoheit Befehl, ſoll vollzogen wer⸗ den erwiederte der Renegat, weilte eine kurze Zeit im ſchweigenben Nachdenken und begann ſodann ſeine Erzuͤhlung. — 83— Huckabark'’s dritte Reite. Die Nachricht, daß Ceriſe ihrem Leben ſelber ein Ende gemacht hatte, ergriff mich dermaßen, daß es mir unmoͤglich war am Lande zu blei⸗ ben.— Ich war mit einem allfiſchfaͤnger bekannt geworden, der ſo ungemein viel von dem Reichthum ſprach, der durch Theilnahme an einer ſolchen Unternehmung zu gewinnen ſey, daß ich ein großes Schiff kaufte und es zur Fahrt nach der Baffins⸗Bay ausruͤſtete. Dies nahm ſaͤmmtliches Geld weg, was ich beſaß, weil ich aber zehn Mal ſo viel durch die Reiſe zu verdienen erwartete, ſo machte mir das nur geringes Bedenken. Mein Schiffsvolk beſtand aus dreißig kraft⸗ vollen Leuten; zehne davon waren Englaͤnder, die uͤbrigen aus meinen eigenen Landsleuten gewaͤhlt. Wir ſegelten nordwaͤrts bis wir zum —— Eismeere kamen, in welchem berghohe Eisſchol⸗ len trieben, zwiſchen dieſen ſteuerten wir hin⸗ durch bis wir zu einem ſchoͤnen offenen Waßer gelangten in welchem die Wallfiſche ihre Waßer⸗ ſtrahlen uͤberall emporblieſen. Schnell waren unſere Boote ausgeſezt, und unſer Fang war ſo gluͤcklich, daß wir vor Ablauf der Jahres⸗ zeit drei und zwanzig Fiſche am Bord und de⸗ ren Fett ausgeſotten hatten. 8 Jezt glaubte ich mein Gluück gemacht; und da mein Schiff bis zum Rande gefuͤllt war, ſez⸗ ten wir ſo viel Segel als moͤglich zur Heim⸗ fahrt bei. Nun aber ſprang in Suͤden ein hef⸗ tiger Windſchwall auf, trieb die Eisberge zu⸗ ſammen und unſer Schiff wurde dermaßen von dieſen umringt und eingepreßt, daß wir die groͤßte Gefahr liefen von dieſen Eisgebirgen erdruͤckt zu werden.— Zum Gluͤck legten wir das Schiff in einer tiefen Einbucht an der Lee⸗ ſeite eines Eisberges feſt, dadurch wurden wir gerettet und hier warteten wir mit banger Sehn⸗ ſucht des Unwetters Ende ab, um unſere Fahrt fortſezen zu koͤnnen. Doch als der Sturm ſich legte fiel ſchrecklicher Froſt ein und wir lagen durchaus auf unſerer Stelle feſtgefroren, das bis dahin offne Waßer belegte ſich ſchnell mit einer mehre Fuß dicken Eisdecke und hob das Schiff ſo beladen es war, aus dem Waßer empor. Die Englaͤnder, erfahrene Fiſcher, ſagten uns, daß keine Hoffnung fuͤr uns ſey, vor dem naͤchſtkommenden Fruͤhlinge aus unſerm Eiskerker befreiet zu werden. Ich beſtieg die Maſtſpize und ſah, daß, ſo weit das Auge reichen konnte, Alles rings am Horizonte eine aneinanderhaͤngende Maße von Eisbergen und Schollen war. Ich mußte nun jeden Gedan⸗ ken an Loskommen aufgeben, bis etwa das Wetter milde werden moͤgte, deßhalb traf ich die noͤthigen Anſtalten, um den Winter hier zuzubringen. Unſere Lebensmittel waren ziem⸗ lich knapp, wir ſahen uns genoͤthigt, den Wall⸗ fiſchthran zu unſern Speiſen zu gebrauchen, doch erzeugte dieſer alsbald eine ſo ruhrartige Krankheit, daß wir damit nicht fortfahren konnten. 1 Nach zwei Monaten nahm der Froſt in ei⸗ nem furchtbarem Grade zu und unſere Feuerung ging zu Ende. Mit Ablauf des dritten Monats litt die Mannſchaft an Skorbut und hatte kaum noch Kraͤfte genug auf das Verdeck zu gehen. Noch vor dem Schluße des vierten Monats waren alle Matroſen geſtorben, nur der erſte — 85— Harpunier, ein fetter Braunfiſch von Englaͤn⸗ der und ich, lebten noch. Die Leichen blieben auf dem Verdeck, denn die Kaͤlte war ſo grimmig, daß ſie in hundert Jahren noch nicht in Faͤulniß gerathen waͤ⸗ ren; mit dem fuͤnften Monat waren unſere Lebensmittel ganz aufgezehrt und wir mußten wieder zum Thrane greifen. Dieſer brachte die zuerſt ſchon verſpuͤrte Wirkung wieder hervor, und weil wir gar keine andere Huͤlfe ſahen, zwang der furcht⸗ bare Hunger uns, die Leiche eines unſerer Schiffsgenoßen zu unſeren Mahlzeiten zu ver⸗ wenden. Die Leiche war ſo hart, daß wir nur mit der aͤußerſten Anſtrengung Stuͤcke davon mit der Art lostrennen konnten; das Fleiſch broͤckelte in Stuͤcke wie Granit; am Feuer, welches wir von den Hinter⸗Deckbollwerken des Schiffes angemacht hatten, die wir zu un⸗ ſerm Gebrauche abbrachen, thauete es auf. Einen Monat hindurch lebte ich mit dem alten Harpunier im beſten Vernehmen; ſelten ver⸗ ließen wir die Kajuͤte, und hatten nun bereits die dritte Leiche hinabgeholt, welche wir jezt bei eingetretener Milderung des Wetters leiche ter zerſchneiden konnten. Das Eis brach auf; Tag und Nacht wur⸗ den wir durch das furchtbare Krachen erſchreckt, mit welchem die Eisberge ſich von einander lostrennten. Doch nun erregte der Ekel, den mir der Genuß von Menſchenfleiſch hervor⸗ brachte, eine Art von Sinnverwirrung. Im⸗ mer hatte ich gern gut gegeßen und war gar kein uͤbler Koch; ich faßte den Entſchluß zu verſuchen, ob nicht etwas ſchmackhafteres fuͤr unſere Malzeiten zu bereiten waͤre; dieſer Ge⸗ danke beſchaͤftigte mich unablaͤßig, und ich bil⸗ dete mir zulezt ein, daß ich Franzoͤſiſcher Re⸗ ſtaurateur ſey; ich band mir ein Stuͤck Segel⸗ tuch wie eine Schuͤrze vor; ſezte anſtatt mei⸗ ner Pelzkappe eine weiße baumwollene Nacht⸗ muͤze auf, und war im Begriffe einen Verſuch meiner Kunſt zu machen, als ich entdeckte, daß ich keinen Speck, daß ich außer Wallfiſch⸗ thran kein Fett irgend einer Art beſtze. Dieſen lezten verwarf ich natuͤrlich als un⸗ wuͤrdig der„Cuisine françaisc.« Die Leichen meiner Schiffgenoßen auf dem Verdecke wurden eine nach der andern unterſucht; ſie waren aber vor ihrem Tode ſchon dermaßen abge⸗ magert, daß ſich keine Spur von Fett an ihnen zeigte. Ohne Fett konnte ich nichts machen; als ich in halber Verzweiflung daruͤber nachdachte, ward mein Auge von der treff⸗ lichen Bauchruͤndung angezogen, die der Eng⸗ liſche Harpunier, das einzige mit mir lebende Weſen, ſich immer noch bewahrt hatte.„Fett muß ich haben,“ rief ich grimmig, als ich ſeinen umfangreichen Koͤrper betrachtete. Er ſchreckte entſezt in die Hoͤhe, als er das Rollen meiner Augen gewahrte und ſah, daß ich mein Meßer wezend auf ihn zu ging; er mogte es nicht rathſam achten laͤnger in mei⸗ ner Geſellſchaft zu bleiben, ſondern raffte zwei oder drei Decken auf und erſtieg den Haupttop bevor ich ihm folgen konnte. Von da herab beobachtete er mich, und ich ſtand unten auf der Lauer mit meinem großen Vorlegemeßer in der Hand, welches ich von Zeit zu Zeit ſchaͤrfte. Er blieb die ganze Nacht auf dem Maſte und ich blieb ebenfalls auf dem Ver⸗ decke, um ihn zu greifen, wenn er herabkaͤme. Mein wahnſinniger Eifer ihn zu beſizen, draͤngte mich dermaßen, daß ich weder Kaͤlte noch Hun⸗ ger ſpuͤrte; am Tage war das Wetter jezt freundlich genug, aber bitter kalt waren immer noch die Naͤchte. Mein fetter Freund blieb drei Tage und drei Naͤchte oben im Maſte, und ich verließ waͤhrend dieſer Zeit meinen Lauerplaz nicht. Gegen Ende des dritten Tages blickte er uͤber den Maſtkorb hervor, und flehete mich um Barmherzigkeit an. Kaum konnte ich ihn wieder erkennen, ſo ſehr war er in der Zeit abgemagert, und ich ſagte mir, wenn er noch lange da oben bliebe, wuͤrde er nicht mehr Fett behalten als die Übrigen und wuͤrde mei⸗ nem Zwecke nicht entſprechen. Deshalb verpfaͤn⸗ dete ich ihm meine Ehre, daß ich in zehn Tagen keinen Verſuch gegen ſein Leben unternehmen wolle, und weil er vor Kaͤlte faſt umkam, ſo bewilligte er dieſen Waffenſtillſtand und ſtieg wieder herab auf's Verdeck. Doch das Verbrechen ſeines Mordes wurde mir erſpart, denn er war ſo heißhungrig als er herab in die Kajuͤte kam, daß er faſt einen ganzen Menſchenſchenkel verſchlang und in der naͤmlichen Nacht noch an Üüberladung ſtarb.— Ich vermag Deiner Hoheit die. Genugthuung nicht auszudruͤcken, welche mir der Beſiz der Leiche dieſes Harpuniers verurſachte. Ganz ent⸗ zuͤckt betrachtete ich meinen Schaz immer wieder von neuem. Jezt konnte ich meine Franzoͤſiſchen Gerichte kochen. Bald war er zerſchnitten und ſeine ſaͤmmtlichen Fetttheile ſorglich eingeſchmol⸗ — 90— zen; ich fand mich dann im Beſiz eines Vor⸗ rathes, der mir eben ſo lange ausreichen wuͤrde als die Leichen, an deren Fleiſche ich meine Kunſt verſuchen wollte.— Am erſten Tage gelang mir alles vortrefflich— ich kochte meine Gerichte; als ich damit fertig war, nahm ich Nachtmuͤze und Schuͤrze ab, ſchob meine Finger mir durch die Haare, und bildete mir ein, der Garcon eines Reſtaurateurs zu ſeyn; als ſolcher deckte ich den Tiſch, trug die Schuͤßeln auf— und als alles bereit war, ging ich auf's Ver⸗ deck und kehrte zuruͤck in der Perſon des Fein⸗ zuͤnglers, der das Diner beſtellt hatte. Meinem wahnſinnigen Geſchmacke erſchien dieſes Feſtmahl koöͤſtlicher, als ich je eins ge⸗ halten; ich verſchlang alles was ich gekocht hatte, und trank Waßer dazu ſtatt Champagner. Sodann dachte ich mir aus, welche Schuͤßeln ich fuͤr den folgenden Tag bereiten wolle, und legte mich zu Bette. Irzwiſchen hatte das Eis ſ ich geloͤſet und mein Schiff war wieder flott; doch darum be⸗ kuͤmmerte ich mich nicht; alle meine Gedanken waren auf die Freuden der Tafel gerichtet. Am andern Morgen ging ich auf's Verdeck, um mir ein Stuͤck Fleiſch zu holen, als ein ent⸗ ſezliches Gebruͤll mich erſchreckte. Ich wandte meinen Kopf herum und gewahrte einen unge⸗ heuren weißen Baͤren, der meinem Fleiſchvor⸗ rathe gar uͤbel zuſprach und bereits die Leiche eines meiner Schiffsgenoßen faſt verzehrt hatte. Er war ſo groß wie ein Ochſe, und ſo dick, daß, als er auf mich einſprang und ich die Schifftreppe hinabſchluͤpfte, er mir nicht folgen konnte. Spaͤter blickte ich wieder hinaus und ſah, daß er ſeinen Fraß beendet hatte. Einige Male ging er uͤber dem Verdecke hin, beroch und beſchnuͤffelte alles, ſprang dann uͤber Bord, tauchte unter und verſchwand. Herzzlich froh, den boͤſen Gaſt los zu ſeyn, ging ich hinauf, ſchnitt mir das noͤthige Fleiſch ab, uͤbte meine Kochkunſt wieder, war zufrieden mit mir und legte mich ſchlafen. Niemals hatte ich mich ſo gluͤcklich gefuͤhlt, als in dieſem Zu⸗ ſtande meines Wahnſinnes; alles was meine Gedanken beſchaͤftigte, alles was. ich wuͤnſchte 4₰ und was ich mir verſchaffen konnte— meine ganze Gluͤckſeligkeit war darauf beſchraͤnkt meine Mitgeſchoͤpfe zu verſpeiſen, nachdem ſie in gu⸗ ter Kochweiſe zubereitet waren, anſtatt ihr Fleiſch der ſonſt wohl gebraͤuchlichen Weiſe ge⸗ maͤß hinabzuſchlingen, um das gebieteriſche Verlangen nagenden Hungers zu ſtillen. Am andern Morgen erwacht, begab ich mich wie⸗ derum auf das Verdeck und ward abermals vom grimmigen Gebruͤll des Baͤren begruͤßt, der emſig beſchaͤftigt war, ſein Fruͤhſtuͤck mit einer andern Leiche zu halten; nachdem er ſie verzehrt, tauchte er wieder in's Merr und verſchwand. Mich duͤnkte es nun hohe Zeit, dieſer Ver⸗ wuͤſtung meines Fleiſchvorrathes ein Ende zu machen, weil ich ſonſt in wenigen Tagen nichts mehr gehabt haben wuͤrde. Meine Erfindungs⸗ kraft ward in Anſpruch genommen, und ich dachte mir einen Anſchlag aus, von dem ich mir Erfolg verſprach. Saͤmmtliche Leichen ſchleppte ich nach dem hintern Ende des Hin⸗ terdecks, und verſchloß dieſes vor der Kaju⸗ ten⸗Treppe mit einem Rande aus Schwebb und Segeltuͤchern gemacht, die einen etwa acht Zoll hohen Damm bildeten. Darauf holte ich wohl vierzig oder fuͤnfzig Eimer voll Thran aus dem Raume herauf, die ich auf das Hin⸗ terdeck hingoß, ſo daß es ein Paar Zoll hoch ganz mit Thran bedeckt war. Mein Baͤr erſchien am andern Morgen wie⸗ der, wie ich erwartet hatte, er begann ſein — 93— Fruͤhſtuͤck; ich hatte mich oben im Beſan⸗Maſt hingeſtellt und mehre Eimer Thran mit hinauf genommen, die ich von da auf ihn herabgoß. Sein Fell war ohnehin ſchon ziemlich mit Thran geſaͤttigt, weil er ſich auf dem Hinterdeck nie⸗ dergelegt hatte, um eine der Leichen deſto be⸗ quemer zu verſchlingen. Nachdem ich meinen Thran eimerweiſe uͤber ihn ausgegoßen, jedoch mir noch einen Eimer voll aufbewahrt hat⸗ te, warf ich die leeren Eimer auf ihn herab, dies ſezte ihn in Wuth und er ſtieg die Ta⸗ kelung herauf, um ſich zu raͤchen. Ich wartete, bis er zu den Rippen⸗Leinen herauf war, nun goß ich meinen lezten Eimer voll Thran uͤber ſeinen Kopf aus und machte ihn dadurch voͤl⸗ lig blind, ſodann glitt ich am Hinterſtengen auf der andern Seite hinab. Ein Baͤr klaͤttert ſchnell hinauf, deſto lang⸗ ſamer iſt ſein Niederſteigen, und ich hatte des⸗ halb Zeit genug meine Vorbereitungen zu treffen. Ich lief in den Raum hinab, zuͤndete eine vorher in Bereitſchaft geſezte Pechfackel an und hielt ihm die an ſeine Hinterſchenkel. als er hinabſtieg. Die Wirkung war ganz wie ich ſie erwartet hatte; ſein dicker, uͤberall mit Thran getraͤnkter Pelz, ſtand augenblicklich in — 94— Flammen, die mit ſolcher Geſchwindigkeit auf⸗ loderten, daß er ein ungeheuerer Feuerklum⸗ pen zu ſeyn ſchien, bevor er ſeine Tazen noch auf das Verdeck ſezen konnte. Ich zog mich in die Schiffluke zuruͤck, um ſeine Be⸗ wegungen zu beobachten. Sein Erſtes war, nach dem Hinterdeck zu laufen, und ſich im Thrane zu rollen, wobei er den Gedanken ha⸗ ben mußte, dadurch die Flamme zu erſticken, doch dies gewaͤhrte derſelben nur neue Nah⸗ rung, und in ſeiner Todesmarter laut aͤch⸗ zend, ſprang das Thier endlich uͤber Bord und verſchwand in den Fluthen. Nachdem ich mich auf dieſe Art meines zu⸗ dringlichen Gaſtes entledigt hatte, begann ich wieder zu kochen. Das Schiff war jezt vom Eiſe frei, das Wetter warm, die Leichen mei⸗ ner Schiffgenoßen verbreiteten faulenden Ge⸗ ruch, doch ich ſah, ich roch nichts; alles was ich bemerkte war, daß die Gerſte, welche von deem Huͤhnervieh auf dem Verdecke umherge⸗ ſtreut worden, aufgegangen war, und ich wuͤnſchte mir Gluͤck zu der Mannichfaltigkeit, welche ſich dadurch fuͤr meine Kuͤchenkunſt vor⸗ bereite. Ich fuhr fort zu kochen, zu eßen und zu ſchlafen, bis ein Umſtand ſich ereignete, der meiner kuͤchenkuͤnſtleriſchen Tollheit ein Ende machte. In einer Nacht erwachte ich und fuͤhlte das Waßer zur Seite meiner Sez⸗Bettſtelle in der Kajuͤte plaͤtſchern; erſchreckt ſprang ich auf, um die Urſache davon zu erkennen und fiel uͤber Kopf und Ohren in's Waßer. Die Sache hing ſo zuſammen: als das Schiff vom Eiſe in die Hoͤhe gehoben wurde, hatte es einen Leck ge⸗ ſprungen, der es allmaͤhlig, und ohne daß ich's gewahrte, angefuͤllt hatte. Meine Angſt vor dem Ertrinken war ſo groß, daß ich in meiner Verblendung mich ſelber in eben die Gefahr ſtuͤrzte, welcher ich zu entgehen wuͤnſchte. Durch das Kajuͤtenfenſter ſprang ich hinaus in's Meer, anſtatt auf das Verdeck zu ge⸗ hen, wo ich ſicher geweſen waͤre; denn ganz wenig Nachdenken wuͤrde mir geſagt haben, daß ein mit Thran geladenes Schiff nicht ſinken koͤnne; mein Nachdenken kam aber zu ſpaͤt, er⸗ ſtarrt in dem kalten Waßer, haͤtte ich nur noch wenige Sekunden zu zappeln vermogt, als ich ploͤzlich in Beruͤhrung mit einem Stuͤcke Holz gerieth, das etwas dicker ſeyn mogte als ein Boot⸗Maſt. Ich griff danach um mich darauf zu ſtuͤzen, und es uͤberraſchte mich zu finden, — 96— daß es mir von Zeit zu Zeit entzogen zu werden geſucht wurde, als habe ſich ſchon ein Anderer deßelben bemaͤchtigt, der mich nun zwingen wollte es fahren zu laßen; weil es aber ganz finſter war, vermogte ich nichts zu unter⸗ ſcheiden. Ich klammerte mich feſt daran bis Morgenlicht aufhellte, und nun gewahrte ich zu meinem graͤßlichen Entſezen einen ungeheuren Hayfiſch dicht neben mir. Faſt haͤtte ich das Holz losgelaßen, und waͤre zu Grunde ge⸗ ſunken, ſo ſehr hatte mich die Angſt gelaͤhmt; mit jeder Sekunde war mir, als fuͤhlte ich ſeine Zaͤhne die mich zerrißen; ich ſchloß meine Augen um die Marter des Todes nicht noch dadurch zu vergroͤßern, daß ich ſie ſelber anblickte. Einige Minuten, die mir als ſo viele Stunden ſchienen, waren vergangen, und erſtaunt dar⸗ uͤber, daß ich noͤch lebte, wagte ich meine Augen zu oͤffnen. Der Hayfiſch befand ſich immer noch in der naͤmlichen Entfernung von mir, und bei genauer Pruͤfung ſah ich daß dieſer Boot⸗Maſt, oder das Stuͤck Holz, an welchem ich mich feſt⸗ geklammert hielt, in transverſaler Richtung ſeine Naſe durchbohrt hatte, und zu beiden Seiten im genaueſten Gleichgewicht ſchwebte. Der Hayfiſch gehoͤrte zu der Abart die man — 97— im Norbekeere findet, und die von den Ma⸗ troſen„blinder Hay“ genannt wird. Nun ſah ich ſehr deutlich ein daß der Raubſiſch von Seefahrern gefangen, von ihnen, nach ihrer Sprache,„zum Spreitſegel⸗Geraet“ und dann zu ihrem Scherze wieder in die Fluthen geworfen war. Die Schwimmkraft des Holzes laͤßt den Hayfiſch nicht zu Grunde gehen, und eine ſolche Strafe an ihrem furchtbaren Feinde zu uͤben, iſt eine Lieblings⸗Beluſtigung der Matroſen.— Ich ſammelte nun meine ganze Herzhaftig⸗ keit, und da ich mude geworden war, die Holzſparre zu umklammern, beſchloß ich auf des Fiſches Ruͤcken zu klimmen, was ich auch ohne Schwierigkeit ausfuͤhrte; den Siz darauf vorwaͤrts ſeiner Ruͤckenfloßen fand ich nicht nur ſicher, ſondern behaglich. Bas Thier, gar nicht daran gewohnt, Laſten zu tragen, machte verſchiedene Verſuche, um ſich meiner zu ent⸗ ledigen, weil es aber nicht unter Waßer zu ſinken vermogte, ſo behauptete ich meinen Siz. Nun vermehrte der Hayftſch ſeine Geſchwin⸗ digkeit und wir ſchwammen durch ſtilles Waßer in der Geſchwindigkeit von drei Knoten auf die Stunde. Zwei Tage ſezte ich meinen Lauf II. 7 — 98— auf meinem ganz neuen Fahrzeuge in ſuͤdli⸗ cher Richtung fort; in dieſer Zeit hatte ich nichts zu eßen, als etwa einige kleine Seemu⸗ ſcheln, und paraſitiſches dem Thiere eigenthuͤm⸗ liches Ungeziefer, welches ich unter ſeinen Flo⸗ ßen entdeckte. Auch eine kleine Rimora, oder Saugfiſch, fand ich nahe am Schweif des Hay⸗ fiſches, doch als ich dieſe in meinen Mund ſtecken wollte, verſchloß ſie meine beiden Lippen ſo gewaltſam, daß ich glaubte, ſie ſeyen fuͤr immer verſiegelt. Keine Kraftanſtrengung ver⸗ mogte die Rimora loszureißen, wie ein Vor⸗ haͤngeſchloß hing ſie mehre Stunden an mei⸗ nem Munde, zu meinem groͤßten ürger und Verdruße; endlich ſtarb ſie, weil ſie ſo lange Zeit außer dem Waßer zugebracht hatte, und ſobald ſie mir von den Lippen fiel, griff ich danach und verſchlang ſie. Am dritten Tage gewahrte ich Land in eini⸗ ger Entfernung; es ſchien eine Inſel, doch hatte ich keinen Begriff davon, welche es ſeyn koͤnne. Mein Reitroß ſchwamm grade auf das Eyland zu, und weil es blind war, rannte es mit ſeiner Naſe auf die Kuͤſte; bevor der Hayfiſch ſeinen Irrthum noch gewahrte, ſchluͤpfte ich von ſeinem Ruͤcken herab, erklomm das ſteile Ufer der Inſel, und war nun noch ein⸗ mal auf feſtem Lande, wie mich duͤnkte. Er⸗ ſchoͤpft vom langen Wachen, ſtreckte ich mich hin und verſank in tiefen Schlaf. Ich erwachte dadurch, daß mich etwas an der Schulter erfaßte und als ich meine Augen aufſchlug, gewahrte ich, daß ich von einer An⸗ zahl Menſchen umringt war, die ich natuͤrlich fuͤr Eingeborene der Inſel hielt. Ihre Anzüge ſchienen mir aus ſchwarzem Leder gemacht, beſtanden in Beinkleidern und einer tief hinab⸗ reichenden Erbsjacke, ſehr der Kleidung aͤhn⸗ lich, welche wir bei den Esquimaur⸗India⸗ nern gefunden hatten, die wir im noͤrdlichen Ozean zuweilen antrafen. Jeder von ihnen hielt in ſeiner rechten Hand eine lange, ganz aus Fiſchbein gefertigte Harpune. Es ſezte mich nicht wenig in Staunen als ich im Patois⸗Dialekte der Basquen meines eige⸗ nen Landes angeredet wurde, wie man es in der Umgegend von Bayonne und andern Laͤn⸗ dern an den Pyrenaͤen ſpricht. Auf ihre Fragen gab ich zur Antwort ich ſey der einzige Über⸗ bebende von der Mannſchaft eines Wallfiſch⸗ Faͤngers, der den Winter hindurch im Eiſe feſtgefroren war„ daß mein Schiff Waßer ge⸗ — 100— zogen und daß ich mich auf dem Ruͤcken eines Hayfiſches gerettet haͤtte. Sie druͤckten gar kein Erſtaunen üͤber mein unerhoͤrtes Gelangen zu ihrer Inſel aus, ſon⸗ dern bemerkten nur ganz obenhin, daß Hay⸗ fiſche zum reiten viel zu boͤſe waͤren; hierauf luden ſie mich ein, ſie nach ihrer Stadt zu be⸗ gleiten, eine Einladung die ich freudig annahm. Im Weitergehen bemerkte ich daß dieſer Inſel Boden aus weißem, poroͤſem Bimſtein beſtand und nicht die mindeſte Spur von Vegetation zeigte; nicht einmal einen Buͤſchel Moos ge⸗ wahrte man— durchaus nichts anders als das nackte Geſtein, in deſſen Vertiefungen Tauſende der ſchoͤnſten zehn Zoll langen, gruͤnen Eidech⸗ ſen umherſpielten. Der Pfad war ſteil, hin und wieder hatte man Stufen im Fels ausgehauen um das Erſteigen moͤglich zu machen. Nach einem hoͤchſtermuͤdenden Wege von einer Stunde, den ich in meinem geſchwaͤchten Zuſtande ohne der Inſelbewohner Beiſtand gar nicht haͤtte zuruͤcklegen koͤnnen, gelangten wir auf den Gipfel. Hier eroͤfnete ſich meinen Augen eine wunderbare Anſicht; ich befand mich auf der hoͤchſten Spize einer Huͤgelkette, die ein unge⸗ heures Amphitheater bildete, welches ein Thal — 101— von etwa fuͤnfzehn Meilen im Durchmeßer ein⸗ faßte, das zum groͤßeren Theile einen weiten See bildete. Maenſchliche Wohnungen konnte ich an ver⸗ ſchiedenen Stellen laͤngs den Ufern des Sees gewahren, doch keinen Baum, nicht einmal ein Geſtraͤuch. Dem Manne, welcher mir der Anfuͤhrer zu ſeyn ſchien, richtete ich die Frage zu:„Habt Ihr gar keine Baͤume?“— „Nicht einen; aber wir koͤnnen ſehr gut ohne ſie fertig werden. Haſt Du nicht bemerkt, daß hier durchaus keine Erddecke vorhanden, ſondern daß die ganze Inſel aus Bimſtein gebildet iſt?“ „Das habe ich allerdings; und wie nennt ihr dieſen wuͤſten Fleck? in welcher Weltge⸗ gend iſt er gelegen?“ „Wir nennen unſer Land die Wallfiſch⸗In⸗ ſel,“ erwiederte der Mann;„doch wo wir nus eigentlich befinden, vermoͤgen wir nicht genau anzugeben, weil wir uns auf einer ſchwimmenden„ganz aus Bimſtein beſtehenden Inſel befinden, deßen ſpezifiſches Gewicht, wie Dir bekannt ſeyn muß, um Vieles leich⸗ ter iſt, als Waßer.“ — 102— „Wunderbar!“ erwiederte ich,„ſprichſt Du wirklich im Ernſt?“ „Dennoch iſt die Sache gar r nicht ſo wun⸗ derbar als Du ſie Dir einbildeſt,“ gab mein Fuͤhrer zur Antwort.„Betrachte den Bau die⸗ ſer Inſel von Deinem jezigen Standpunkte aus, es wird Dir voͤllig klar werden, daß ſie der Krater eines ungeheuern Vulkans geweſen ſeyn muß. Leicht mag man ſich vorſtellen, daß, nachdem ſie durch eine der ploͤzlichen Launen unſerer ewig wirkenden Natur ihren Kopf uͤber das Meer erhob, der Untergrund in die Tiefe verſank und nur des Kraters Gipfel auf dem Ozean treibend blieb. Dieſe iſt unſere Mei⸗ nung uͤber die Entſtehung unſerer Inſel, und ich bezweifle, daß Euere Geologiſten auf dem Feſtlande im Stande ſind, eine befriedigendore Theorie daruͤber aufzuſtellen.“ „Alſo habt Ihr Gemeinſchaft mit Europa gehabt?“ rief ich aus, ganz entzuͤckt durch den Gedanken an Ruͤckkehr. Dir haben wir gehabt, wollen ſie aber nicht wieder anknuͤpfen. Zur Winterzeit iſt dieſes Eiland, welches, ſo ſonderbar Dir das auch erſcheinen mag, im Laufe von Jahrhun⸗ derten ſeinen Standpunkt nicht um viele hun⸗ dert Meilen aͤndert, von Eisbergen aus dem Norden umzingelt; mit eintretendem Fruͤhlinge werden wir wieder losgemacht und treiben dann etwa einen Grad, vielleicht auch zwei Grade ſuͤdlicher, doch ſelten mehr.“ „Außern Wind und Fluth mäche⸗ hern Ein⸗ fluß auf Euch?“ „Ganz gewiß; doch die Ratur wird durch ein allgemeines Gleichgewicht geregelt, und jegliches Ding findet ſeine Gegenwirkung. Ord⸗ nung beſteht da, wo anſcheinende Unordnung verwirrt; kein Strom fluthet in einer Rich⸗ tung fort, ohne Gegenſtroͤmung die ſein Gleich⸗ gewicht herſtellt. Im ganzen genommen moͤgte ich ſagen, daß der Wechſel von Ebbe und Fluth, der als eine von der Natur vorgeſchrie⸗ bene Bewegung betrachtet werden mag, die den Ozean geſund erhalten ſoll, uns nur we⸗ nig betheiligt, welches aus der Grundſtroͤmung und den Änderungen die unaufhoͤrlich vorge⸗ hen, herruͤhren mag. Vom Winde laͤßt ſich beinahe das nemliche ſagen. Wind iſt eben ſo gut eine Subſtanz als Waßer; ſie iſt außer⸗ 3 ordentlicher Ausdehnung faͤhig, bleibt aber den⸗ noch eine Subſtanz. Ein gewißer) Theil davon iſt der Welt zu deren Wohlbehagen ertheilt — 104— 3 und die anſcheinende Veraͤnderlichkeit deßel⸗ ben iſt geregelt. Es muß aus der Sache ſelbſt einleuchten, daß wenn ſaͤmmtlicher Wind durch die im Winter vorherrſchenden Nord⸗Weſt⸗ Stuͤrme nach Oſten getrieben iſt, er dort zu⸗ ſammen gedraͤngt und angehaͤuft ſeyn muß, nun iſt ſeine ausdehnende Kraft bekannt, die ihn noͤthigt zuruͤck zu kehren und das Gleich⸗ gewicht wieder herzuſtellen. Aus dieſer Urſache haben wir in den Monaten Februar und Mans ſo lange anhaltende Oſtwinde.“ 4 6„Sagteſt Du nicht, ihr biteer ertindungen mit Europa?“ „Zuweilen erhalten wir gezwungene Beſuche von ſolchen, die in Schiffen oder Boͤten ver⸗ ſchlagen ſind; doch Leute, die einmal hier ka⸗ men, kehrten nicht wieder zuruͤck; die Schwie⸗ rigkeit, unſere Inſel zu verlaßen, iſt ſehr groß; und wir ſchmeicheln uns, daß Wenige von Denen, die nur eine kurze Zeit bei uns ver⸗ weilten, das Verlangen der Ruͤckkehr empfun⸗ den haben.“ „Wie? keinen Wunſch eine kahle Inſel zu verlaßen, die nicht einen einzigen Grdsalus traͤgt?“ „Gluͤckſeligkeit,“ erwiederte mein Führer, — 105— „beſteht nicht im bunten Wechſel unſers Befi⸗ zes, ſondern in der Zufriedenheit mit dem, was wir haben.“ Run ſtieg er den Huͤgel hinab; ich folgte ihm in truͤber Stimmung, weil ich auf einem ſo unfruchtbaren Eylande wenig Behaglichkeit erwartete. 1 „Ich bin kein Eingeborner dieſer Inſel,“ bemerkte er im Weitergehen,„vor vier Jahr⸗ hunderten wurde ſie zuerſt von der Mannſchaſt eines Franzoͤſiſchen Schiffes bewohnt, welches im Nordmeere ſcheiterte. Obgleich nicht hier geboren, wuͤnſche ich das Eyland nicht wieder zu verlaßen, zu welchem ich vor etwa fuͤnf und zwanzig Jahren in einem Wallſiſchboote getrieben wurde, nachdem ich waͤhrend eines Schneeſturmes von meinem Schiffe getrennt war. Jezt bin ich verheirathet, habe meine Fa⸗ milie, und gelte fuͤr einen der reichſten Be⸗ wohner der Inſel, weil ich zwiſchen vierzig und fünfzig Wallſiſche beſtze.“ „Wallfiſche?“ rief ich ganz erſtaunt aus. „Ja Wallfiſche, welche das Beſizthum auf unſerer Inſel ausmachen, und ohne welche wir weder ſo wohlhabend noch ſo gluͤcklich ſeyn wuͤr⸗ den, als wir ſind. Doch Du mußt noch viel — 106— ſehen und vieles erlernen; ſpaͤter wirſt du eingeſtehen muͤßen, daß es unter den erſchaf⸗ fenen Dingen in der Welt keines gibt, welches nicht durch Nothwendigkeit und feſtes Beharren zu einem nuͤzlichen Gegenſtande gemacht wer⸗ den koͤnnte. Jener See, der die Tiefe unſers Thales ausfuͤllt, iſt die Quelle unſeres Reich⸗ thums und unſeres Wohllebens; er verſchafft uns einen eben ſo reichlichen Unterhalt, als die fruchtbarſten Ebenen Italiens, oder Frank⸗ reichs.“ 1 Als wir nahe zu dem Fuße der Huͤgel herabkamen, gewahrte ich verſchiedene ſchwarze Koͤrper an den Ufern des Sees, und Ragtes „Sind das Wallfiſche?“— „Ehemals Wallſiſche, jezt Haͤuſer;“ erwie⸗ derte er,„jene abgeſonderte dort iſt meine Wohnung, welche Du als die Deinige be⸗ trachten wirſt, wie ich hoffe, bis Du Deinen Entſchluß uͤber dasjenige faßteſt Eus 2 Du vor⸗ zunehmen gedenkſt.“ 8 Wir ſtiegen hinab bis an den Rand des Sers, meines Fuͤhrers Begleiter, wuͤnſchten mir gu⸗ ten Morgen und ließen mich mit dieſem allein, der mich zu ſeinem Hauſe brachte. Dieſes war aus der Haut eines ganzen Wallfiſches bereitet — 107— der um vieles groͤßer war als ich ſie je im Eismeere erblickt hatte. Der Ruͤckgrad und die Rippen des Thieres dienten als Sparren um die Haut welche einem langen Zelte aͤhnlich ſah auszuſpannen; dieſe war außerdem noch mit Stricken feſtgebunden, die aus gedreheten Flech⸗ ſen gefertigt waren; dieſes Bindewerk ging oben uͤber das Dach hin und war unten zu beiden Seiten der Wohnung an Pfaͤhle be⸗ feſtigt die aus Fiſchbein beſtanden und ſorglich in den Felſenboden getrieben war. Bei meinem Eintritte gewahrte ich zu meiner Verwunde⸗ rung Licht genug darin, welches Fenſter ein⸗ ließen die aus kleinen Scheiben ſehr duͤnn aus⸗ gearbeiteten Fiſchbeins beſtanden zam einen Ende der Wohnung bildete des Thieres Kopf und Schaͤdel eine Kuͤche, deren Rauch durch die oͤbern Luftloͤcher oder Blaſeroͤhren des Fiſches Abzug erlangte. 3u beiden Seiten des Zimmers in welches jich gefuͤhrt wurde, befanden ſich erhoͤhete mit Seehundfell belegte Seßel; des Hauſes anderes Ende war mit einer Art von ſchwarzen Fellen in Schlafzimmer fuͤr den Hausherrn und deßen Familie abgetheilt. Nicht der mindeſte unan⸗ genehme Geruch war zu ſpuͤren, ein Umſtand *₰ — 108— den ich befuͤrchtete bevor ich dieſe ſeltſame Woh⸗ nung betrat. Er ſtellte mich ſeiner Frau vor, die mich freund⸗ lich bewillkommte; ſie war wie ihr Mann in ſchwarzes Leder gekleidet, doch war ihr Anzug viel feinerer Beſchaffenheit, auf ihrem Kopfe trug ſie eine ſcharlachrothe Muͤze, und mit Scharlach waren auch die Naͤthe ſo wie der un⸗ tere Rand ihrer Kleidung eingefaßt, die nicht nur bequem, ſondern auch im Anſehen kleid⸗ ſam erſchien. 1 Man reichte mir einen Napf voller Milch, um mich nach meiner Wanderung und nach meinem langen Faſten zu erfriſchen. „Was!“ rief ich aus„beſizt Ihr Milch ohne Grasweide?“ 4 „Ja,“ antwortete mein Wirth,„foſte ſie und ſag mir ob Du ſie ſchmackhaft findeſt.“ Die Milch fand ich im Geſchmack wenig von der Eſelmilch meines eigenen Landes unter⸗ ſchieden— vielleicht mogte ſie nur ein ganz geringes mehr Saͤure enthalten. Inzwiſchen wurde ein Reichthum von Schaalen⸗Seethieren und ein großer Kaͤſe auf den Tiſch geſtellt wel⸗ cher lezte eben ſo wie die Stuͤhle, ganz aus Fiſchbein gefertigt war. — 109— „Auch Kaͤſe?“ fragte ich. „Du wirſt ihn nicht ſchlecht finden. Es war Wallfiſchmilch die Du getrunken haſt, und aus ihr wird auch dieſer Kaͤſe bereitet.“ „Freund Huckaback,“ bemerkte der Paſcha, ich denke Du erzaͤhlſt mir Luüͤgen. Wer hat wohl jemals von Wallfiſchmilch gehoͤrt?“ „Allah verhuͤte, daß ich den Verſuch wagen ſollte einen Mann von Deiner Hoheit tiefer Einſicht zu taͤuſchen, das koͤnnte ja nur in De⸗ müthigung und Verderben fuͤr mich enden.“ „Das iſt ſehr wahr,“ entgegnete der Paſcha. „Deine Hoheit hat ſich nicht daran erinnert, daß der Wallfiſch zu den Thieren gehoͤrt welche die Naturkundigen„warmbluͤt ig e“ nennen, die Arterien und Blutumlauf aͤhnlich dem des Menſchen⸗Geſchlechtes beſizen; der Wallfiſch bringt lebendige Junge zur Welt und naͤhrt dieſe an der Bruſt.“. „Ganz richtig, das hatte ich vergeßen,“ ſagte der Paſcha.— Mein Wirth ſprach ſo zu mir:„Wie ich — 110— Dir vorhin ſchon ſagte, beſteht der Reichthum unſerer Inſel in Wallſiſchen. Du ſiehſt, daß ſeine Haut zu unſern Wohnungen dient; aus ſeinen Gebeinen fertigen wir alle unſere Ge⸗ raͤthe; aus ſeinen Flechſen unſere dickſten Tane, ſo wie unſern feinſten Zwirn. Unſere Kleidung wird aus dem Bauchfelle der Haut gemacht, die vorher mit einer Art von Seife zubereitet wurde, welche wir aus Wallfiſchthran und einem Alkali gewinnen, das wir aus Seegraͤ⸗ ſern ziehen, die unſer Binnenſee uns in gro⸗ ßer Maße hervorbringt. Das Wallftſchfett dient uns zur Feuerung und Licht, ſein Fleiſch als Nahrungsmittel und ſeine Milch iſt fuͤr uns unſchaͤzbar. Freilich haben wir noch Andere Huͤlfsquellen; wir beſizen unſere Eidechſen, eine Menge von Fiſchen und Schaalthieren, und im Winter, wenn wir von Eisbergen um⸗ ſchloßen ſind, verſchaffen wir uns das Fleiſch und die Felle von Seehunden und Polar⸗Baͤren. Aber Vegetabilien beſizen wir durchaus nicht; mag nun der Mangel an Brod im Anfange Dir ſehr laͤſtig erſcheinen, ſo werden doch wenige Wochen hinreichen, Dich mit dieſer Entbeh⸗ rung auszuſoͤhnen. Doch es iſt Zeit fuͤr Dich, nach ſo langer Anſtrengung zu ruhen; ich will — 111— Deine Ankunft dem großen Harpunier anzei⸗ gen, nachdem ich Dich zu Deinem Zimmer ge⸗ fuͤhrt habe.“ Hierauf nahm er mich mit ſich zu einem in⸗ nern Zimmer, woſelbſt ich ein aus Baͤrenfell bereitetes Lager fand„ auf welches ich mich hinwarf und nach wenigen Minuten in feſten Schlaf verſank. Am andern Morgen weckte mein Wirth mich und ſagte:„Wenn Du das Melken der Wall⸗ fiſche zu ſehen wuͤnſchſt, ſo iſt jezt die Zeit, in welcher ſie hereingerufen werden; ein kurzer Gang mit mir wird Dir mehr erlaͤutern, als ſtundenlanges Geſpraͤch.“— Voͤllig erfriſcht durch meinen langen Schlaf„ erhob ich mich und folgte meinem Fuͤhrer. Wir gingen einem großen Waßerbecken vorbei, da ſagte er:— „Dies iſt unſer Waßervorrath; wir ſind ge⸗ noͤthigt ſparſam damit umzugehen, obgleich wir auch voͤllig genug haben; dieſer Waßerbehaͤl⸗ ter iſt mit einer Mauerdecke bekleidet, die aus einem Kalk bereitet iſt, welchen wir durch Brennen von Meermuſcheln erlangen. Alle un⸗ ſere dem Feuer ausgeſezte Geraͤthſchaften wer⸗ den aus eben der Maſſe geformt, der wir zer⸗ — 112— ſtoßene Lava hinzuſezen, dann werden ſie im Feuer gebrannt und mit Seeſalz glaſirt.“ Wir kamen zum Rande des See's an einer Stelle, wo ſich eine ſehr große ſeichte Docke befand, die in der Lava am Ufer ausgehauen war; in dieſer Docke mogten wohl zwanzig bis vier und zwanzig junge Wallfiſche ſeyn, welche meinem Wirthe nachſchwammen, als der am Rande hinging. „Das ſind meine Kaͤlber,“ ſagte er,„die Muͤtter laßen wir nicht zu ihnen, bevor wir denen ſo viel Milch abgezogen haben, als wir beduͤrfen.“ Nun kamen mehre Maͤnner zum Strande herab, einer derſelben blies ein Horn, welches aus einem Stuͤck vom Horne eines Meer⸗Ein⸗ hornes gemacht war— auf den Schall ver⸗ ſammelte ſich ſogleich eine ganze Heerde von Wallfiſchen und ſchwamm der Bucht zu. Jeder Wallſiſch hoͤrte auf den ihm ertheilten Namen; die Maͤnner gingen bis an die Knie im Waßer zu ihnen hinan, dann legten ſie ſich ganz ruhig auf eine Seite, um einen ihrer Euter frei uͤber dem Waßer den Leuten binzuhalten. Vier Maͤnner quetſchten und preßten daran, die auslaufende Fluͤßigkeit wurde aufbewahrt in — 113— einem großen, aus Fiſchbein gefertigten, und ſauber mit Reifen, aus eben dem naͤmlichen Stoffe verfertigt, eingebindeten Gefaͤße. Sobald des Thieres Bruſt ausgemolken war, gewann es durch einen Schlag mit ſeinem Schweife das tiefe Waßer wieder und ſchwamm dicht an dieſem Plaze in kleinen Kreiſen immer⸗ fort umher. 1. „Ein Euter laßen wir jedesmal gefuͤllt fuͤr das Kalb,“ bemerkte mein Wirth;„ſobald alle gemolken ſind, werde ich den Behaͤlter oͤffnen und die Muͤtter einlaßen.“ „Was fuͤr ungeheuer große Wallfiſche ſpielen dort in der Entfernung,“ fragte ich. „Das ſind unſere Wallfiſch⸗Ochſen,“ ant⸗ wortete mein Wirth,„wir finden daß ſie zu ungeheurem Umfange heranwachſen. Aus ihren Haͤuten bereiten wir unſere Wohnungen.“ „ Iſt das ein todter Wallfiſch, der dort am Ufer liegt?“ „Das iſt eines unſerer Wallffiſchboͤte,“ er⸗ wiederte er,„ganz wie Du nach dem Anſehen ſchloßeſt, aus einer Wallfiſchhaut gebauet, die durch wiederholte Zuſaͤze von Ol und Kalk gehaͤrtet wurde. Wir brauchen ſolche Boͤte um Wallfiſche zu fangen, wenn wir deren beduͤrfen.“ II.. 3 — 114— „Alſo gebraucht ihr die Harpune nicht?“ „Nur wenn wir toͤdten; gemeiniglich werfen wir eine Schlinge um den Schweif, befeſtigen das Seil an einem dieſer Boͤte, die ſo außer⸗ ordentliche Schwimmkraft beſizen, daß der Wallfiſch ſie nicht in den Grund hinab zu ziehen vermag, und bald durch ſeine vergeb⸗ liche Anſtrengung ermuͤdet. Ich ſpreche hier von den maͤnnlichen, zur Zucht aufbewahrten, oder fremden Wallfiſchen, die waͤhrend der Winter⸗ zeit zuweilen ihren Weg in unſern See finden; unſere eigenen Wallſiſche ſind von ihrer Jugend an, ſo durchaus gezaͤhmt, daß ſie uns wenig Muͤhe machen.— Doch es iſt Zeit fuͤr uns zuruͤckzukehren. „Hier“ ſprach mein Wirth als wir ein an⸗ deres Wallfiſchhaus vorbeigingen—„iſt eine unſerer Manufakturen, wir wollen eintreten. Dies iſt der gewoͤhnlich in unſerm Lande ge⸗ brauchte Stoff, der zu Scheidewaͤnden und Ab⸗ theilungen in Wohnungen u. ſ. w. dient. Dieſe iſt ſchon eine feinere Gattung, ſo wie ich ſie jezt zu meiner Kleidung trage. Hier iſt die Haut vom Wallfiſchkalbe, welche gemeiniglich von unſern Frauen getragen wird.— Dies aber iſt der Koſtbarſte unſerer Mannfaktur⸗Artikel, 1415— naͤmlich das Bauchſtuͤck vom Fell der Kaͤlber, welches weiß iſt und deshalb die Faͤrbung durch Murex annimmt— eines Schaalthieres das an unſern Kuͤſten ſehr haͤufig gefunden wird.“ „Beſizt ihr Geld?“ fragte ich. „Nein, wir tauſchen,“ war ſeine Antwort; „unſer hauptſaͤchlichſtes Tauſchmittel, welches uns gleich dem Gelde dient iſt Wallfiſchkaͤſe, der Jahrelang aufbewahrt werden kann und an Guͤte zunimmt. Dieſes feine Stuͤck Gewand iſt fuͤr jede Quadratelle acht neue Kaͤſe werth— und koſtet gewiß recht theuer.“ Im Hauſe angekommen fanden wir die Mahl⸗ zeit bereitet, ein vortrefliches Geſchmortes ward von mir ganz vorzuͤglich gelobt. G „Es iſt eine unſerer Lieblings⸗Schuͤßeln,“ ſagte mein Wirth—„das Gericht wird aus Eydechs⸗Schwaͤnzen bereitet.“ „Eydechs⸗Schwaͤnze?“ rief ich erſtaunt. „Ja; nach dem Fruͤhſtuͤck werde ich hingehen um fuͤr das Mittageßen welche zu ſchaffen, dann kannſt Du meine Aufbewahrungsweiſe ſehen.“. Im Laufe des Tages begleitete ich meinen Wirth eine kurze Strecke den Huͤgel hinan; bei einem ſehr geraͤumigen Brunnen der mit — 116— einem aus Wallfiſch⸗Flechſen bereiteten Nez⸗ werke zugedeckt war, ſtanden wir ſtill. Der Mann, der uns begleitet hatte ſtieg in den Brunnen hinab, und kam bald wieder mit einem großen Gefaͤße voller Eydechſen herauf, uͤber welches ein eben ſolches Nez geſpannt war.— Nun nahm er der Exdechſen eine nach der andern heraus, zerrte ſo lange am Schweife derſelben, bis der, was recht bald geſchah in ſeiner Hand zuruͤck blieb, dann ſpaltete er den. am Thiere zuruͤckgebliebenen Stumpf und warf dieſes zuruͤck in den Brunnen. „Wozu dient es, die Thiere wieder iinatzn⸗ werfen?“ fragte ich. „Das geſchieht, weil ihre Schweife bis zum kuͤnftigen Jahre wieder gewachſen ſeyn werden.“ „Wenn das iſt, wozu wurde der Stumpf in der Mitte geſpalten?“. 3 „Damit ſie zwei Schweife bekommen moͤgen, ſtatt einem, was unausbleiblich der Fall ſeyn wird,“ erwiederte mein Wirth. Doch will ich Deine Hoheit nicht mit Allem ermuͤden, was ich ſah und was mir waͤhrend meines Aufenthaltes auf dieſer Inſel wider⸗ fuhr. Wollte ich die Vortrefflichkeit der Regie⸗ rung beſchreiben, welche aus dem Groß⸗Har⸗ — 117— punier und zwei Rathskammern der erſten und zweiten Harpuniere beſtand, oder wollte ich von den Sitten und Gebraͤuchen der Einwoh⸗ ner reden, von ihren Ceremonien bei Geburten, Heirathen und Todesfaͤllen, von ihren Ergoz⸗ lichkeiten, von ihrer ſinnreichen Weiſe, ſich alle ihre Beduͤrfniße zu verſchaffen, ſo wuͤrde das Stoff genug zu mindeſtens zwei Quart⸗ baͤnden ohne breite weiße Raͤnder darbieten. Deshalb beſchraͤnke ich mich darauf zu ſagen, daß nach einem Aufenthalte von ſechs Mona⸗ ten meine Ungeduld die Inſel zu verlaßen, ſo groß wurde, daß ich beſchloß, mich lieber jeder moͤglichen Gefahr auszuſezen, als meine Abfahrt nicht zu bewerkſtelligen. Mein Wirth und die vornehmſten Bewohner 1 der Inſel ſuchten mich zum Dableiben zu ver⸗ moͤgen, als ſie aber alle ihre Überredungen fruchtlos fanden, bewilligten ſie mir endlich die Mittel zu meiner Abfahrt, die ich mir ausgeſonnen hatte. Ich habe vergeßen Deiner Hoheit zu bemer⸗ ken, daß die Wallfiſche ſo gut abgerichtet wa⸗ ren, um ſich ihrer als Zugthiere auf dem See zu bedienen, und ſogar um auf ihren Ruͤcken reiten zu koͤnnen. Ich konnte nie dazu vermogt . — 118— werden, einen zu beſteigen, mir erregte der Gedanke auf einem Fiſchruͤcken zu ſizen ſchon Abſcheu, weil er mich an meine Reiſe auf dem Hayfiſche erinnerte; inzwiſchen war ich oft uͤber den See, in einem der großen Wall⸗ ſiſchboote gefahren, die von einem oder zwei dieſer Thiere gezogen wurden, an deren Schweife ſie mittelſt Schlingen befeſtigt waren. Dieſes Fuhrwerk floͤßte mir den Anſchlag zu meiner Abfahrt ein, die ich in einem dieſer großen Boͤte machen wolſte, in welches ich voͤllig eingeſchloßen, und durch die Muͤndung des Sees von einem der großen Zug⸗Wall⸗ fiſche hinaus bugſert werden wollte. Auf mein Erſuchen ward ein Boot gefertigt, oben mit Wallfiſch⸗Fenſtern bedeckt, um Licht einzulaßen; ein zu einer recht langen Fahrt hinrei⸗ chender Vorrath von Lebensmitteln ward hin⸗ ein gelegt, und nachdem der Wallfiſch auge⸗ ſpannt war, fuhr ich unter Thraͤnen und Weh⸗ klagen der guten Inſelbewohner ab, die mich als einen Menſchen betrachteten, der verblen⸗ det in ſein Verderben renne. Ich aber wußte, daß der Wallſiſchfang bald beginnen wuͤrde, und war voller Hoffnung, daß eines der dazu hergekommenen Schiffe, mich auffiſchen wuͤrde. — 119— Bald war ich aus dem See; der Burſche, welcher auf dem Ruͤcken des ziehenden Wall⸗ fiſches ritt, hatte mich den erhaltenen Befehlen gemaͤß hinaus bugſirt, bis die Inſel nur noch wie ein Wolkenfleck am Horizonte erſchien, machte nun die Zugleine los und eilte zuruͤck, um noch vor Einbruch der Nacht heim zu ſeyn. Drei Wochen hatte ich bereits im Innern dieſes ungeheuren Bootes verlebt, oder wie ich lieber ſagen darf, im Innern dieſes, von den Wogen fortgeſchaukelten Fiſches, der gleich⸗ wohl ſeiner außerordentlichen Leichtigkeit we⸗ gen, keinen Schaden leiden konnte. Eines Mor⸗ gens erwachte ich aus recht geſundem Schlafe durch einen ploͤzlichen Stoß auf die Außen⸗ ſeite meines Bootes. Ich dachte mir, daß ich gegen einen Eisberg angetrieben ſey, doch uͤberzeugte mich der Ton von Menſchenſtimmen alsbald, daß ich unter meine Mitgeſchoͤpfe gerathen waͤre. Eine Harpune ward eingetrie⸗ ben, der ich nur eben entging, ein Strom von Fluͤchen folgte, aus dem ich augenblicklich erkannte, daß die Leute Englaͤnder waren. Nach einigen Minuten, ſaͤgten ſie ein Loch in die Seite meines Wallfiſchbootes, ſobald ein hinreichendes Stuͤck herausgenommen war, — 120— ſteckte jemand ſeinen Kopf herein. Aus Furcht vor einer zweiten Harpune, hatte ich mein großes weißes Baͤrenfell als eine Art von Schirmwaffe vor mir aufgehoben; ſobald der Mann dieſes gewahrte, zog er augenblicklich ſeinen Kop zuruͤck und ſchwor darauf, daß im Bauche des Wallfiſches ein weißer Baͤr ſtecke. Ihr Boot ſtieß ab, und ſie feuerten Musketen⸗ kugeln ab, die mein Boot ganz durchloͤcherten, ich war genoͤthigt, mich platt am Boden hin⸗ zulegen, um mein Leben zu retten. Etwa zwan⸗ zig Schuͤße mogten ſie gethan haben, als ſie mit ihrem Boote wieder heranruderten, ein Matroſe, der ſeinen Kopf hineinſteckte und mich am Boden des Fahrzeuges mit meinem Baͤren⸗ felle bedeckt liegen ſah ,mogte ſich einbilden, das Thier ſey getoͤdtet und benachrichtigte ſeine Gefaͤhrten davon. Mit einiger Zaghaf⸗ tigkeit ſtiegen ſie durch das ausgeſaͤgte Loch herein, nun hob ich mein Baͤrenfell ab und zeigte mich ihnen in dem ſchwarzledernen An⸗ zuge, den die Bewohner der Wallfiſch⸗Inſel tragen. Dadurch ward ihre Augſt noch ver⸗ mehrt; einer rief aus, ich ſey der Teufel und alle entliefen eilfertig zu dem Loche, durch welches ſie eingeſtiegen waren; aber in ihrem —— — 121— Eifer hinderten ſie Einer den Andern am Hinan⸗ ſteigen. Mitt vieler Muͤhe bewies ich ihnen endlich meinen harmloſen Zuſtand; nachdem ich ihnen mit wenigen Worten geſagt hatte, auf welche Weiſe ich hier hineingekommen waͤre, erlaubten ſie mir mit ihnen an den Bord ihres Schiffes zu kommen. Der Kaptain war recht unmuthig, als er die Geſchichte vernahm, er hatte das Boot fuͤr einen todten Wallfiſch gehalten, und befohlen, dieſen an das Schiff zu ziehen, um deßen Fett auszuſchneiden. In ſeinen Erwar⸗ tungen getaͤuſcht, ſchwor er, ich waͤre ein Jo nas, der aus dem Wallfiſchhauche kaͤme, und wenn ich im Schiffe bliebe, haͤtten ſie kein Gluͤck zu erwarten. Den Matroſen, deren Ver⸗ dienſt auf der Reiſe durch die Anzahl gefan⸗ gener Fiſche beſtimmt wurde, erſchien das als ein vortrefflicher Grund, um mich uͤber Bord zu werfen; waͤren nicht grade zwei Segel im Geſicht geweſen, die auf uns zu ſteuerten, ſo wuͤrde ich ganz gewiß noch mehr Abentheuer von dieſer Reiſe zu erzaͤhlen gehabt haben. Zu⸗ lezt willigten ſie ein, mich an den Bord des einen Fahrzeuges zu bringen, das Franzoͤſiſche Flagge aufgezogen hatte. Dieſeswarvon Havre, * — 122— und wollte die Nuͤckfahrt antreten, weil es be⸗ reits zwoͤlf Fiſche am Bord hatte. Der Kaptain geſtattete mir die Mitfahrt, und nach zwei Monaten befand ich mich wieder in meinem Vaterlande. „So waren die Abentheuer meiner dritten 4 Reiſe, Hoheit.“ „Nun ja, die Geſchichte von der Inſel da, war eigentlich zu lang,“ bemerkte der Paſcha, „aber im ganzen genommen, war ſie vergnuͤg⸗ lich. Ich denke Muſtapha, ſie iſt zehn Gold⸗ ſtuͤcke werth. Viertes Kapitel. Am folgenden Tage begann der Renegat ſeine Erzaͤhlung wieder. Huchaback's vierte Reile. Deine Hoheit wird denken ,ich muͤße nun⸗ mehr nach ſo ſchrecklichen Unfaͤllen des See⸗ lebens muͤde geworden ſeyn; wer aber einmal auf dem weiten Meere umhertrieb, den uͤber⸗ fuͤllt eine draͤngende Raſtloſigkeit, die ihn aus dem wirklichen Beſize von überfluß und Be⸗ haglichkeit forttreibt„ um wechſelnde Mannich⸗ faltigkeit in Gefahren und Entbehrungen zu ſuchen, die ihm bevohrſtehen. Dennoch kann ich nicht ſagen, daß dies in meiner damaligen Lage ſo ganz genau auf mich gepaßt haͤtte, im Ge⸗ — 124— gentheile ſah ich mich genoͤthigt, mich wider meinen Willen einzuſchiffen. Der Kaptain des Schiffes, der mir die Mit⸗ fahrt geſtattet hatte, beſchenkte mich auch bei unſerer Landung mit einer kleinen Geldſumme, die es mir moͤglich machte, von unſerm Lan⸗ dungsplaze nach Marſeille zu gehen; ich konnte den Gedanken nicht ertragen daß ich meinen Vater nicht wiederſehen ſollte, falls der noch am Leben ſey; und meine Darſtellung der fal⸗ ſchen Dame Abtißin, floͤßte mir keine Furcht mehr ein, weil ich wußte wie bald in dieſer Welt alles vergeßen wird; auch war ich durch Zeit ſowohl, als durch mein ausgeſtandenes Unge⸗ mach dermaßen veraͤndert, daß ich nicht leicht wieder erkannt werden konnte. 2 Bei der Ankunft in meiner Vaterſtadt, begab ich mich ſogleich nach dem wohlbekannten Laden, in welchem ich unter meines Vaters Anleitung mein Talent zu uͤben pflegte. Die Stange uͤber der Thuͤr war ausgeſchoben, das Barbierbecken daran drehete ſich noch immer nach der Ein⸗ wirkung des Windes; doch als ich hinein trat und die Barbierſtube voller Menſchen ſah, weil es am Nachmittage eines Sonnabend war, ge⸗ wahrte ich, daß ſaͤmmtliche Bartpuzer mir ganz 7 — — 125— unbekannte Menſchen waren, und daß mein Vater nicht da ſey. Einer der Wartenden, der ſeiner Rheihefolge entgegenharrte, machte mir ganz hoͤflich neben ſich Plaz auf der Bank, und ich gewann Zeit mich umzuſchauen, bevor ich meine Fragen anſtellte. Der Laden war neu vermalt, noch ein Spie⸗ gel ziemlicher Groͤße war hinzugekommen, das Ganze hatte das Anſehen einer gewinnbringen⸗ deren Anlage gewonnen. „Sie ſind ein Fremder, mein Herr?“ fragte mein Nachbar. „Ja,“ erwiederte ich,„doch bin ich fruͤher ſchon in Marſeille geweſen, und pflegte bei mei⸗ nem lezten Hierſeyn oft nach dieſem Laden zu kommen. Ein kurzer, kraͤftiger Mann, war der Beſizer, doch entſinne ich mich ſeines Namens nicht.“ 8 „Ah, Monſieur Maurepas; er iſt todt; ſtarb vor etwa zwei Monaten.“ „und was iſt aus ſeiner Familie gewor⸗ den?“ „Nur einen Sohn hatte er, der ein Liebes⸗ verſtaͤndniß mit der Tochter eines alten. Offi⸗ zieres in dieſer Stadt anknuͤpfte und genoͤthigt war davonzu gehen. Niemand hat ſeitdem wie⸗ 4 — 126— der von ihm gehoͤrt, man glaubt er ſey auf dem Meere verloren gegangen, weil das Schiff an deßen Bord er ging den Hafen ſeiner Be⸗ ſtimmung gar nicht erreicht hat. Der alte Mann hat einiges Vermoͤgen hinterlaßen, und uͤber dieſes fuͤhren ein Paar weitlaͤufige Verwandte jezt einen Prozeß.“ „Was iſt aus der jungen Dame geworden, von der Sie vorhin ſprachen?“ „Sie zog ſich in ein nahe gelegenes Kloſter zuruͤck und iſt ſeitdem geſtorben. Es war dort etwas Geheimnißvolles mit der Abtißin vor⸗ gegangen; man glaubte ſie ſey im Stande, Erklaͤrungen daruͤber zu geben. Ich meine, daß die Inquiſition ſie ſtraffaͤllig erkannte; ſie wurde eingekerkert und hat durch die Strenge, mit der ſie behandelt wurde, den Tod genommen.“ ein Herz machte mir peinliche Vorwuͤrfe bei Anhoͤren dieſer Worte; alle dieſe Strenge 3 ſie um mich erdulden muͤßen, und blieb mir getreu bis zu ihrem lezten Augenblicke. Ich verſank in tiefe Traͤumerei und ward von recht quaͤlenden Gefuͤhlen gefoltert. Auch an Ceriſe dachte ich, deren Loos ich erfahren, als ich fruͤher in Toulouſe war— theure deliebte Ceriſe!“ 1 — 127— „Ich ſage Dir noch einmal Huckaback,“ fiel der Paſcha eifernd ein;„von der Ceriſe wuͤn⸗ ſche ich nichts mehr zu hoͤren; ſie iſt todt, und damit hat's ein Ende.“. Die empfangenen Nachrichten ließen mich unentſchloßen uͤber das, was ich vornehmen wollte. Meine Identitaͤt zu erweiſen ward mir leicht, nur empfand ich einen gewißen Grad von Furcht, daß man mich in einer Art aus⸗ fragen wuͤrde, die Argwohn erregen muͤße. Zugleicher Zeit konnte es mir, der ich keinen Heller in meiner Taſche beſaß, gar nicht lieb ſeyn, alle Anſpruͤche auf den Nachlaß meines Vaters hinzugeben. Fruͤher hatte ich die Per⸗ ruͤcke eines alten Herren friſirt, der als Advo⸗ kat praktizirte und der mich damals ungemein lieb gewonnen hatte. Wiewohl fuͤnf Jahre ver⸗ floßen waren ſeitdem ich meinem Vater entlief, hielt ich es doch fuͤr ſehr moͤglich, daß dieſer Herr noch lebe, und beſchloß ihn in ſeiner Woh⸗ nung aufzuſuchen. Als ich klopfte oͤffnete mir eine Magd die Thuͤr; ich fragte, ob der Herr zu Hauſe ſey, welches ſie bejahete und mich in ein kleines mit Papieren angefuͤlltes Arbeits⸗ — 128— zimmer fuͤhrte, in welches ich ihm fruͤher ſeine Perruͤcke hinzutragen pflegte. „Was beliebt Ihnen?“ fragte der alte Mann, mich durch ſeine Brille betrachtend. „Ich wuͤnſche mir Ihre Meinung in Betreff einer beſtrittenen Erbſchaft zu erbitten,“ gab ich zur Antwort. „Welche Erbſchaft iſt's?“ 4 „Die von Herrn Maurepas, der vor eini⸗ gen Monaten geſtorben iſt.“ „Was? meldet ſich noch ein Anforderer? Wenn das iſt, muͤßen Sie ſich an einen An⸗ dern wenden, weil ich bereits von der einen Partei in Anſpruch genommen bin. Ich wollte, daß Francois, der arme Junge zum Vorſchein kaͤme, um zu nehmen was ſein iſt.“ Hoͤchlich erfreut daruͤber, daß der alte Herr mich immer noch in gutem Andenken hielt, ſtand ich gar nicht an, mich ihm zu erkennen zu geben. „Ich bin Francois, mein Herr,“ ſagte ich. Der Alte erhob ſich von ſeinem Seßel, trat dicht zu mir heran und blickte mir forſchend in das Geſicht. Nachdem er mich eine Minute hindurch gepruͤft hatte, ſprach er: „Nun, ich glaube wirklich Sie ſind's, aber wo ſteckten Sie denn dieſe ganze Zeit??“ — 129— „Das darf ich nicht ſo ganz genau erzaͤhlen, aber geſehen und gelitten habe ich viel.“ „Doch iſt es eben dieſes, was Sie ſagen muͤßen, wenn Sie Ihr Vermoͤgen zu erlangen wuͤnſchen; das heißt, mir muͤßen Sie es ſagen. Fuͤrchten Sie nichts, Francois; es gehoͤrt zu unſerm Stande, daß uns ſeltſame Geheimniße anvertraut werden, und ich meine, daß in die⸗ ſer Bruſt viele andere von groͤßerer Wichtig⸗ keit verſchloßen ruhen, als dasjenige ſeyn kann, was Sie mir eroͤffnen moͤgten.“ „Aber, mein Herr, wenn mein Leben auf dem Spiel ſtaͤnde?“ „Nun, was denn? Ihr Leben wird deshalb ganz geſichert bleiben. Wollte ich alles angeben, was ich weiß, ſo koͤnnte ich halb Marſeille an den Galgen bringen. Doch auch abgeſehen von meiner Amtspflicht, wuͤnſche ich Dir nur Gu⸗ tes, Francois; alſo ſeze Dich hier zu mir, und erzaͤhle.“ Ich fuͤhlte, daß ich meinem alten Beſchuͤzer vertrauen durfte, und begann die umſtaͤndliche Erzaͤhlung meiner Abentheuer. Als ich meinen Schiffbruch in der Naͤhe von Marſeille angab, unterbrach er mich lachend: „Du warſt alſo die heilige Abtißin? II. 9 — 130— „Die war ich.“ „Nun, mich duͤnkte, daß ich Deine Zuͤge wierdererkannte, als ich mit allen uͤbrigen Pin⸗ ſeln und Narren hinkam, Dir meine Ehrfurcht zu bezeigen; als man ſich ſpaͤter zufluͤſterte, daß ein Mann die heilige Abtißin dargeſtellt habe, ſagte ich zu mir ſelber:„das war Fran⸗ cois, oder der Teufel ſelber;“ doch habe ich meinen Argwohn niemals ausgeſprochen.“ Als ich mit meiner Erzaͤhlung zum Ende gekommen war, ſagte er:„Schau, Francois, es wird gefaͤhrlich ſeyn, Deine Identitaͤt vor Gericht zu beweiſen,— eine Sache, worauf die andern Parteien gleichwohl beſtehen wer⸗ den. Was ich Dir rathen moͤgte, iſt eine guͤt⸗ liche Abfindung mit derjenigen Partei, die mich gebraucht. Überlaße Du dieſer das ganze Vermoͤgen unter der Bedingung, daß Dir die Haͤlfte davon zufallen ſoll, oder mehr noch, wenn wir's erlangen koͤnnen. Ich will Dich als einen leichtſinnigen jungen Menſchen ſchil⸗ dern, dem es nur darum zu thun iſt, daß er Geld erlangt um es verthun zu koͤnnen. Wenn meine Partei ſich dazu verſteht, ſo wirſt Du ohne alle Gefahr eine recht huͤbſche runde Summe empfangen, und ich werde meinen —— — 131— beiden Klienten dienen, was ich ſtets zu be⸗ wirken ſuche.“ Ich erkannte die Verſtaͤndigkeit dieſes Vor⸗ ſchlages an und mein alter Freund ſtreckte mir einige Louisd'or vor, um meine aͤußere Erſcheinung in beßern Zuſtand ſezen zu koͤnnen. Mit dem Rathe, mich nicht zu viel oͤffentlich blicken zu laßen, bot er mir ein Bett in ſei⸗ nem Hauſe an. Um mich etwas anſtaͤndiger zu kleiden, verließ ich ihn; zu meiner beßern Ver⸗ kleidung waͤhlte ich mir eine Offtzier⸗Neben⸗ uniform, und kehrte nach des Alten Hauſe zuruͤck, ſobald ich das Nothwendige mir ein⸗ gekauft hatte. „Nun, ſo wahr ich lebe, Du machſt Deinen Kleidern Ehre; jezt wundert mich's gar nicht, daß Mademoiſelle de Fonſeca ſich in Dich ver⸗ liebt hat. Das iſt gleichwohl eine boͤſe Ge⸗ ſchichte;— ich weiß nicht, ob ich Dich mit meiner Haushaͤlterin allein laßen daxf, denn ſie iſt ſehr jung und ſehr reizend. Verſprich mir auf Deine Ehre, daß Du keine Liebelei mit dem armen Maͤdchen beginnen willſt, denn ich habe ſie lieb und will nicht, daß Du ſie der Zahl Deiner gebrochenen Herzen hinzufuͤgſt.“ „Ich bitte Sie, theurer Herr, ſprechen wir — 132— davon nicht,“ erwiederte ich ſchmerzlich;„mein Herz iſt erſtorben und erkaltet mit ihr, deren Namen Sie eben nannten.“ „Nun, da geh' hinauf, und mache Dich ſel⸗ ber bekannt; ich habe Leute im andern Zimmer, die auf mich warten.“ Seiner Weiſung folgend, begab ich mich zu den obern Zimmern, und gewahrte im Ein⸗ treten eine jugendliche Perſon, die mit ihrer Nadel beſchaͤftigt mir den Ruͤcken zuwandte. Bei meinem Naͤherkommen drehte ſie ihren Kopf herum— welches Staunen, welch' unbeſchreib⸗ liches Entzuͤcken— ſie war Ceriſe! „Heiliger Prophet!“ rief der Paſcha aus, „iſt das Frauenzimmer wieder in's Leben 3⸗ kommen?“ „Sie war gar nicht todt, hoher Herr, und ſie wird Deine Aufmerkſamkeit noch mehr als einmal in Anſpruch nehmen, wenn ich die Er⸗ zaͤhlung meiner Reiſen fortſezen ſoll.“ „Ich hoffe, daß keine verliebte Auftritte mehr vorkommen.“ „Nur der gegenwaͤrtige, erlauchte Hoheit; denn nach dieſem, waren wir Eheleute.“ — 133— Ceriſe blickte mich einen Augenblick an, kreiſchte und ſiel beſinnungslos zu Boden. Ich fing ſie in meinen Armen auf, rief ihren Namen aus und preßte meine Kuͤße auf ihre Lippen. Das Geraͤuſch hatte den alten Herrn er⸗ ſchreckt, der von mir unbemerkt eingetreten war und den Vorgang anſchaute:„Auf mein Wort, Du nimmſt Dir Freiheit genug, wenn ich Dein eben gegebenes Verſprechen bedenke.“ „Es iſt Ceriſe! theurer Herr, meine Ceriſe!“ „Ceriſe de Fonſeca?“ „Ja, eben die, das theure, ſtets von mir betrauerte Maͤdchen!“ „Auf Seele, Francois, Du haſt ein wah⸗ res Talent fuͤr Abentheuer,“ ſagte der alte Herr, verließ das Zimmer und kehrte dann mit einem Glaſe Waßer zuruͤck. Bald kam Ceriſe wieder zu ſich und lag zitternd in mei⸗ nen Armen. Unſer alter Freund, der bedenken mogte, daß er hier einer zu viel waͤre, ver⸗ ließ das Zimmer, und ſo waren wir denn allein. Ich will bei einem Auftritte nicht verweilen, der fuͤr diejenigen keinen Reiz haben kann, die, ſo wie Deine Hoheit, ihre Liebe fertig gemacht einkaufen; deshalb will ich nur Ceriſens Ge⸗ — 134— ſchichte erzaͤhlen, die ſie auf mein Erſuchen mir mittheilte, noch bevor ſie von mir einen gleichen Beweis des Vertrauens empfangen hatte. „Laß mich bemerken, Felix, oder welcher mag Dein Name ſeyn, Du Betruͤger,“ ſprach Ceriſe halb vorwerfend, halb im Scherz. „Mein Name iſt Francois.“ „Gut, alſo Francois; doch den Namen werde ich nie ſo lieb haben als Felix, denn Felix war es der— im Grunde hat aber ein Name auch wenig zu bedeuten— es iſt nur, daß der erſte Name in mein Herz gegraben wurde, und daraus nicht wieder vertilgt wer⸗ den kann. Laß mich aber meine Geſchichte er⸗ zaͤhlen, und erlaube mir ſie mit einer Be⸗ merkung zu beginnen, die mein Bekanntwerden mit Dir, und die darauf gefolgten Betrach⸗ tungen meinem Gemuͤthe tief eingepraͤgt haben. Es iſt dieſe, daß ſolche Menſchen, welche in dieſer Welt die hoͤchſten Rangſtufen einnehmen, ungluͤcklicherweiſe theuer dafuͤr in einem Punkte zahlen muͤßen, der des Lebens wahre Gluͤckſe⸗ ligkeit faſt ganz allein in ſich ſchließt. Ich meine die Wahl des Gefaͤhrten, mit dem ſie beſtimmt ſind Hand in Hand die Pilgerfahrt des Lebens zu durchwandern; je hoͤher ihr Rang iſt deſto ſtrenger ſind ſie verhindert eine Wahl zu treffen, die der niedrigſte Bauer nach eigenem freien Gefallen vornimmt. „Ein Koͤnig hat gar keine Wahl, er muß ſich den Wuͤnſchen ſeiner Unterthanen und den Intereßen ſeines Reiches fuͤgen. Die Ariſto⸗ kratie unſers Landes iſt nicht viel beßer daran, mindeſteus der weibliche Theil derſelben nicht, denn der wird aus dem Konvente zum Altare geſchleppt und der Familien⸗Konnexion als Schlachtopfer dargeboten. Zu der Zeit, in wel⸗ cher wir von Dir auf der Landſtraße Huͤlfe erlangten— oder vermutheten ſie von Dir er⸗ langt zu haben— denn bis jezt iſt das noch Geheimniß fuͤr mich——“ „In einem Punkte doch gewiß keine bloße Vermuthung, meine Ceriſe, denn ich zog mein einziges Gewand ab um Dich damit zu be⸗ decken.“ „Das thateſt Du— ja das that'ſt Du— mich duͤnkt ich ſehe Dich noch jezt, wie Du von der Seite unſerer Kutſche fortgingſt;— von dem Augenblicke an liebte ich Dich ſchon— doch um fortzufahren, damals ward ich nach dem Schloße gefuͤhrt um meinem kuͤnftigen Gemahle — 136— vorgeſtellt zu werden, den ich noch nie geſehen hatte wiewohl die ganze Angelegenheit bereits geordnet war. „Mein Vater hatte nicht den leiſeſten Begriff dason daß aus einer Bekanntſchaft weniger Tage Harm entſtehen koͤnnte; er war zu dank⸗ bar um Dir ſein Haus zu unterſagen; doch wußte er nicht wie ſehr die Zeit durch Umſtaͤnde und Gelegenheit beſiegt werden kann; in we⸗ nigen Tagen kannte ich mehr von Dir, als ich mir je haͤtte einbilden koͤnnen, von irgend einem Manne in eben ſo viel Jahren kennen zu lernen. Daß ich Dich liebte— Dich mit Zaͤrtlochkeit liebte— weißt Du recht gut. „Doch um fortzufahren— nein kuͤße mich ſo viel nicht, ſonſt kann ich meine Geſchichte nimmer auserzaͤhlen.— Am folgenden Mor⸗ gen erfuhr ich Deine Abreiſe, wie Du mir ſie vorausgeſagt hatteſt, doch meines Vaters Pferd kam nicht zuruͤck; er wurde ſehr ernſt und der Biſchof zeigte ſich ungewoͤhnlich muͤrriſch. Zwei Tage ſpaͤter eroͤffnete mein Vater mir, daß Du ein Betruͤger waͤreſt, daß Alles entdeckt ſey, und wenn man Dich einſinge, wuͤrdeſt Du hoͤchſt wahrſcheinlich von der Inquiſition gefordert werden; doch Du wareſt aus dem Lande ent⸗ —— — 137— flohen und hatteſt Dich aller Vermuthung nach in Toulon eingeſchifft. Dieſer Erklaͤrung fuͤgte er hinzu, daß mein kuͤnftiger Gatte in wenigen Tagen ankommen wuͤrde. „Ich bedachte Alles was er mir geſagt hatte und zog daraus die nachfolgenden Schluͤße: zuerſt, daß Du derjenige nicht waͤreſt, fuͤr den Du Dich ausgegeben; zweitens, daß mein Vater unſere Liebe enkdeckt und darauf beſtan⸗ den habe, daß Du nicht wieder zu mir kom⸗ men ſollteſt; doch daß Du mich verlaßen haͤt⸗ teſt, aus dem Lande entflohen waͤreſt, wußte ich, koͤnne ganz unmoglich ſeyn nach dem was vorgegangen war. Ob Du Monſieur de Rouille ſeyeſt oder nicht, galt mir gleich, Du wareſt Alles was ich mir wuͤnſchte, Alles was ich anbetete; ich gelobte nur fuͤr Dich zu le⸗ ben, oder zu ſterben. Ich hielt mich feſt uͤber⸗ zeugt, daß Du fruͤher oder ſpaͤter zu mir zu⸗ ruͤckkehren wuͤrdeſt, und dieſe ſichere Zuverſicht hielt mich aufrecht. „Mein beſtimmter Gemahl erſchien, er war abſcheulich. Der feſtgeſezte Hochzeitstag nahte heran, nur ein Mittel blieb mir, Flucht. Ein junges Maͤdchen, das mir aufwartete— Du erinnerſt Dich ihrer, ſie kam zu uns um uns — 138— zu ſagen, daß der Biſchof nahe, als wir bei⸗ ſammen im Garten waren— war mir aufrich⸗ tig ergeben, das wußte ich; ſie machte ich zu meiner Vertrauten und erlangte durch ihre Vermittlung Bauernkleidung, ſo wie das Ver⸗ ſprechen ſchuͤgender Aufnahme in der, einige Mei⸗ len entfernten Huͤtte ihres Vaters. In der Nacht, die dem Hochzeittage voranging, lief ich hinab zum Strome, der am Schloßgarten hinabfließt, warf meinen Hut und Schawl am Ufer hin und eilte dann nach dem Orte, wo des Maͤdchens Vater mit einem Fuhrkarr'n war⸗ tete, um mich darin fortzufuͤhren. Das zuruͤck⸗ gebliebene Maͤdchen ſpielte ſeine Rolle bewun⸗ dernswuͤrdig; man nahm an, ich haͤtte mich ertraͤnkt, und ſie ward entlaßen, weil i man ihrer Dienſte nicht laͤnger bedurfte, alsdann kam ſie zu mir in ihres Vaters Huͤtte. Laͤnger als ein Jahr blieb ich dort, dann ſchien es mir rathſam, mich nach Marſeille zu begeben, woſelbſt ich die Stelle einer Haushaͤlterin bei dieſem guten alten Herrn bekam, der mich mehr als ſeine Tochter denn als ſeine Dienerin be⸗ handelt hat. Nun, Meiſter Francois, ver⸗ magſt Du, eben ſo gute Rechenſchaſt von Dir zu geben?“ 83 — 139— „Richt ganz, Ceriſe; doch das kann ich mit voller Wahrheit erklaͤren, daß ich Dich niemals vergaß, ſo lange ich glauben konnte, daß Du lebteſt, und nie habe ich aufgehoͤrt um Dich zu trauern ſeitdem ich Deinen Tod erfuhr, und kein anderes Frauenzimmer habe ich angeſehen. Unſer alter Freund hier unten, kann mir das durch die Antwort bezeugen, die ich ihm gab, als er mich vor den Reizen ſeiner Haushaͤlterin warnte.“ Ich muß Deiner Hoheit ſagen, daß ich Ce⸗ riſen die ganze Wahrheit nicht enthuͤllte, denn ich habe es ſtets fuͤr eine ſehr zu rechtfertigende Sache gehalten, gewiße Umſtaͤnde zu verſchwei⸗ gen, welche zur Gluͤckſeligkeit Anderer gar nichts beitragen koͤnnen. Ich ſagte ihr, daß ich ſie verlaßen haͤtte, weil mein Leben in Gefahr ſchwebte wenn ich geblieben waͤre, und daß ich auf dieſes Leben nur Werth ſezte, in ſo fern es ihr theuer war. Daß es immer mein feſter Entſchluß geweſen ſey zu ihr zuruͤckzu⸗ kehren; daß, nachdem ich Valencia verlaßen hatte und ein vermoͤgender Mann geworden war, ich augenblicklich Erkundigungen einzog und dann die Nachricht von ihrem Tode em⸗ pfing. Ich ſagte ihr eben ſo wenig, zu welchem Gewerbe ich angezogen war, ſondern nur, daß mein Vater ein vornehmer Mann geweſen und reich geſtorben ſey; denn obwohl Perſonen von hoher Familie ſich zuweilen zur Liebe her⸗ ablaßen und dem Zufalle die hohe oder niedere Geburt anheimſtellen, fuͤhlen ſie ſich immer doch gedemuͤthigt, wenn ſie erfahren, daß ſie in dieſer Lotterie eine Niete zogen. Ceriſe war zufrieden geſtellt; wir erneuten unſere Geluͤbde, und der alte Herr, der uns erklaͤrte, daß von allen Geheimnißen, die er bewahre, keines ſo gefaͤhrliche Folgen fuͤr ihn herbeifuͤhren wuͤrde, als das unſrige, falls es entdeckt werden ſollte, war gar nicht unzufrie⸗ den, uns vermaͤhlt und ſein Haus verlaßen zu ſehen. Ich erlangte zwei Drittheile meines Ver⸗ moͤgens von dem andern Anforderer; mit die⸗ ſem Gelde und mit meiner Frau begab ich mich nach Toulon. 3 Ein Jahr lang genoß ich ungetruͤbte Gluͤck⸗ ſeligkeit. Mein Weib war mir Alles, und ſo ganz entfernt davon ſie zu verlaßen, um nach Veraͤnderung zu jagen, konnte ich nicht ertra⸗ gen mein Haus zu verlaßen, wenn ſie mich nicht begleitete; aber wir lebten zu groß; am — 141— Ende des Jahres fand ich ein Drittheil meines Vermoͤgens verthan. Meine Liebe wollte mir nicht geſtatten, meine Frau an den Bettelſtab zu bringen, deshalb beſchloß ich Mittel zu er⸗ greifen, um unſer kuͤnftiges Auskommen zu ſichern. Ich zog ſie dabei zu Rathe; unter vie⸗ len Thraͤnen erkannte ſie die Verſtaͤndigkeit meines Vorſazes an; nachdem ich das Übrige meines Vermoͤgens in zwei Haͤlften getheilt hatte, von denen ich die eine zu ihrem Un⸗ terhalte waͤhrend meiner Abweſenheit beſtimmte, und die andere zum Ankaufe von Waaren ver⸗ wendete, ſchiffte ich mich nach Weſtindien ein. Ohne Unfall erreichten wir die Inſeln; meine Spekulationen waren ungemein gewinnvoll; ich begann ſchon zu glauben, das Gluͤck ſey mude geworden mich zu verfolgen; weil ich aber aus Erfahrung wußte, wie verrathvoll es iſt, ſo ſchiffte ich die Haͤlfte meiner Ruͤck⸗ fracht auf einem andern Fahrzeuge ein, damit ich mehr als eine Huͤlfsquelle haben moͤge. Als unſer Kaptain ſegelfertig war, begaben ſich die Paßagiere am Bord; unter dieſen be⸗ fand ſich ein reicher alter Herr, der aus Merxiko gekommen war und auf eine Ruͤckfahrt nach Frankreich gewartet hatte. Sehr krank war er — 142— ſchon, als er ſich einſchiffte, und ich empfahl ihm etwas Blut zu laßen, und erbot mich zugleich den Aderlaß vorzunehmen. Er nahm mein Erbieten an; ich pflegte ihn, und ſein Befinden beßerte ſich; ſpaͤter war er mir ſehr zugethan. Wir waren etwa vierzehn Tage un⸗ ter Segel geweſen, als ein Orkan aufſprang, der an furchtbarer Gewalt Alles uͤbertraf, was ich bisher gekannt hatte. Das ganze Meer war ein weites Schaumbecken; die Luft war mit Sprizwaßer geſchwaͤngert, welches mit ſolcher Gewalt uns in's Angeſicht geſchleudert wurde, daß wir erblindeten; der Wind wuͤthete ſo furchtbar, daß Niemand ihm aufrecht zu wi⸗ derſtehen vermogte. Das Schiff ward auf die Seite geworfen und wir hielten uns verloren; zum Gluͤck gingen die Maſten uͤber Bord und das Schiff erhob ſich wieder. Als der Orkan aber ausgetobt hatte, befanden wir uns in der entſezlichſten Noth; die Sparhoͤlzer waren uͤber Bord geſpuͤhlt; wir beſaßen die Mittel nicht, Nothmaſte aufzurichten noch Segel zu ſezen. Da lagen wir in bewegungsloſer Wind⸗ ſtille; das Schiff rollte von einer Seite zur andern und wurde von der Golphſtroͤmung nordwaͤrts getrieben. —— 16 — — 143— Eines Morgens als wir mit banger Sehn⸗ ſucht nach einem herannahenden Schiffe auſ⸗ ſahen, gewahrten wir in einiger Entfernung etwas, konnten aber nicht erkennen, was es ſey. Anfangs hielten wir es fuͤr einige ſchwim⸗ mende Tonnen, welche vielleicht uͤber Bord geworfen waͤren, oder aus dem Wrack irgend eines geſcheiterten Schiffes losgetrieben ſeyn moͤgten. Bald aber entdeckten wir zu unſerm Entſezen, daß es eine ungeheure Schlange war, die in der Geſchwindigkeit von fuͤnfzehn bis zwanzig Meilen in der Stunde, grade auf unſer Schiff zuſchwamm. So wie ſie naͤher kam konnten wir gewahren, daß ſie mindeſtens hundert Fuß lang und ſo dick war wie der Hauptmaſt eines vier und ſiebenzig Kanonen⸗ Schiffes; zuweilen ſtreckte ſie ihren Kopf mehre Fuß uͤber den Waßerſpiegel empor, tauchte ihn dann wieder unter und ſezte ihren raſchen Lauf fort. Endlich kam ſie uns ſo nahe, daß wir Alle, von unſerer Angſt getrieben, uns unten im Schiffe verbargen. Die Schlange ſtreckte ihren Leib mehr als halb uͤber das Waßer empor, ſo daß, wenn unſere Maſte geſtanden haͤtten, ſte bis zu unſern Topſegel⸗ Raen gereicht haben wuͤrde; ſo blickte ſie hinab — 144— auf's Verdeck. Alsdann ſenkte ſie ihren großen viereckigen Kopf, ſteckte dieſen durch die Schiff⸗ lucke hinein, erfaßte zwiſchen ihre Zaͤhne einen der Matroſen, tauchte in's Meer und ver⸗ ſchwand.— Wir Alle waren ſtarr vor Entſezen, denn wir erwarteten ihre Ruͤckkehr und hatten die Mittel nicht uns unten zu ſchuͤzen weil ſaͤmmt⸗ liche Luken und Licht⸗Gitter waͤhrend dem Or⸗ kane uͤber Bord geſpuͤhlt waren. Der alte Herr war in groͤßerer Angſt als die Übrigen, er ließ mich rufen und ſagte: „Ich hoffte meine Verwandte in Frankreich noch einmal wieder zu ſehen, doch dieſe Hof⸗ nung iſt jezt von mir aufgegeben. Mein Name iſt Fonſeca, ich bin ein juͤngerer Bruder der edlen Familie dieſes Namens, und ich beab: ſichtigte wenn auch nicht meinen Bruder zu bereichern, doch ſeine Tochter mit den Schaͤzen auszuſtatten die ich mitgebracht habe. Sollte meine Befuͤrchtung ſich erfuͤllen, ſo vertraue ich Ihrer Ehre die Ausrichtung meiner Bitte an. Sie iſt dieſe: daß Sie dieſes Kaͤſtchen von gro⸗ ßem Werthe in die Haͤnde des Einen oder der Andern uͤberliefern wollen. Hier iſt ein Brief der Ihnen die Adreße angibt und hier iſt der 4 — 145— Schluͤßel; ſollte ich ſterben und Sie in dem Schiffe ſich retten, ſo iſt mein uͤbriger Beſiz Ihr Eigenthum, und hier iſt eine Schenkung die Sie vorzeigen koͤnnen falls es erforderlich ſeyn ſollte.“ Das Kaͤſtchen nahm ich, ſagte ihm aber nicht, daß ich ſeiner Nichte Ehemann waͤre— denn er moͤgte ſie enterbt haben wenn er vernommen haͤtte, daß ſie ſich ſo tief unter ihrem Stande verheirathete. Der alte Herr hatte richtig ver⸗ muthet, die Schlange kehrte Nachmittags zu⸗ ruͤck, ergriff ihn wie ſie morgens den Matroſen erfaßt hatte und kauchte dann wieder in's Meer. So fuhr ſie fort taͤglich zwei oder drei von uns zu ergreifen, bis ich allein uͤbrig blieb. Es war am achten Tage als der lezte mit mir Zu⸗ ruͤckgebliebene herausgeholt war, ich wußte das mein Loos fuͤr den Abend entſchieden ſey; denn ſo gewaltigen Umfanges die Schlange auch war, konnte ſie doch in alle Theile des Schiffes drin⸗ gen, vermogte die Lebenden auch wenn dieſe mehre Ellen von ihr entfernt waren dadurch zu ſich heran zu zwingen, daß ſie ihren Athem einzog. Es befanden ſich am Bord zwei Faͤßer mit einem vor Kurzem in England erfundenen II. 10 — 146— Materiale, welches wir zum Verſuche mit nach Frankreich uͤberfuͤhren ſollten; eines derſelben war waͤhrend des Orkans geborſten, und der daraus hervordringende Geſtank war unleid⸗ lich. Wiewohl derſelbe bereits allmaͤhlich ver⸗ dunſtet war, hatte ich doch bemerkt, daß wenn die Schlange irgend einem damit beklebten Dinge nahe kam, ſie ſich augenblicklich ab⸗ wandte, als ſey ihr der Geruch eben ſo uner⸗ traͤglich als uns Menſchen. Ich weiß nicht woraus die Fluͤßigkeit beſtand, die Englaͤnder nannten ſie Kohlentheer. Mir ſiel ein, daß ich mich vielleicht durch dieſe widerliche Mi⸗ ſchung retten moͤgte. Den Deckel des uͤbrig ge⸗ bliebenen Faßes ſchlug ich deshalb ein, be⸗ waffnete mich mit einem Beſen, den ich hinein getunkt hatte, ſprang in die Tonne, welche die übrige Fluͤßigkeit enthielt, und erwartete zit⸗ ternd mein Schickſal. Die Schlange erſchien; wie gewoͤhnlich zwaͤngte ſie ihren Kopf und einen Theil des Leibes durch die Schiflucke hinab, gewahrte mich und ſtreckte mit feuerſpruͤhenden Augen den Kopf vor, um mich zu ergreifen. Nun ſtieß ich ihr den eingetunkten Beſen tief in den ge⸗ oͤffneten Rachen, und tauchte meinen Kof — 147— augenblicklich unter den Kohlentheer. Als ich faſt erſtickt mich wieder daraus empor hob, war das Thier verſchwunden. Ich kroch aus dem Faße, und als ich uͤber die Schiffſeite blickte, h d lange, wuͤthend im Ozean 5d umkoller 1 elte und tauchte unter, um ſich von dem Theer zu befreien, womit ich ihren angefuͤllt hatte. Nachdem ſie von ihren wuͤthenden Zuckungen ganz erſchoͤpft war, tauchte ſie unter und ich ſah ſie nicht wieder. „Haſt Du ſie niemals wieder geſehen?“ fragte der Paſcha. 3 „Nie ſeit jener Zeit; auch iſt dieſes Thier weder vorher noch ſpaͤter von Andern geſehen, die Amerikaner ausgenommen, welche ſich viel beßerer Augen ruͤhmen, als die Bewohner von Europa beſtzen.“ Mit der Golph⸗Stroͤmung trieb das Schiff nach Norden, bis es dicht am Lande war; ein Lootſenboot lief aus, und kam an Bord. Das Lootſenvolk war recht unzufrieden daruͤber mich an Bord zu finden Waͤre Niemand im — 148— Schiffe geweſen, ſo haͤtten ſie ſich Schiff und Ladung zugeeignet, waͤhrend ſie ſich nun mit einem Achttheile begnuͤgen mußten. Engliſch daß ſie mit⸗ verſtand ich genug, um zu hoͤre einander einig wurden, mich uͤbe um mein Kaͤſtchen in ſichern Gewahrſam zu bringen, ſobald ich wieder aufs— ſchleuderten ſie mich uͤber den Bug hinab. Ich verſank, tauchte unter dem Hinterſteven auf, und erfaßte eine der Steuerruder⸗Ketten, ohne von ihnen bemerkt zu werden. Inzwiſchen kam ein zweites Lootſenboot heran⸗ gefahren und ſchickte ſeinen Nachen zu uns heran; dieſem ſchwamm ich entgegen und ward bineingezogen. Weil die Lootſenkaptaine in Feindſchaft lebten, ward ich nach New⸗York als Zeuge gegen die Mannſchaft gefuͤhrt, die den Verſuch gemacht hatte, mir das Leben zu nehmen. Dort blieb ich grad⸗ lange genug, um meine ſieben Achttheile der Ladung zu ver⸗ kaufen, und zu ſehen, wie die Lootſen gehaͤngt wurden, dann nahm ich mir eine Überfahrt in einem nach Bordeaux ſegelnden Schiffe, woſelbſt ich wohlbehalten eintraf. Von da be⸗ gab ich mich nach Toulon und fand meine 2 — 149— geliebte Ceriſe, ſo reizend und ſo zaͤrtlich als je. Jezt war ich ein reicher Mann; ein ſehr großes Landgut kaufte ich, welches zugleich die Rangvorrechte eines Markiſates gewaͤhrte. Auch erhandelte ich das Schloß Fonſeca und machte daſſelbe meiner geliebten Frau zum Geſchenke. Es machte mich gluͤcklich, die Mittel zu be⸗ ſizen, durch welche ich ſie wieder zu dem Range in der Geſellſchaft emporheben konnte, dem ſie um mich entſagt hatte. Mehre Jahre lebten wir ſehr gluͤcklich, obwohl wir keine Kinder bekamen. Nach dieſer Zeit traten neue Ereig⸗ niße ein, die mich wieder hinaus auf das Meer trieben.— Hoheit, dieſes iſt die Ge⸗ ſchichte meiner vierten Reiſe.— „Nun, das muß ich ſagen,“ bemerkte der Paſcha,„ich habe niemals von einer ſo gro⸗ ßen Schlange gehoͤrt, haſt Du„ Muſta⸗ pha?—⸗— 1 8 „Niemals, erlauchte Hoheit; aber Reiſende ſehen ſeltſame Dinge. Wie weit will ſich Dei⸗ ner Hoheit Gnadengeſchenk erſtrecken?“ „Gib ihm zehn Goldſtuͤcke,“ ſagte der Pa⸗ — 150— ſcha, erhob ſich von ſeinem Thronpolſter und watſchelte hinter den Vorhang. 3 Muſtapha zaͤhlte die Zechinen ab. „Selim“ ſagte er,„wenn ich Dir rathen darf, ſo wuͤrdeſt Du Seine Hoheit beßer ver⸗ gnuͤgen, wenn Du mehr zur See bleiben und ein wenig mehr im Wundervollen thun woll⸗ teſt. Dieſe Frau von Dir, die Ceriſe, wie Du ſie nenneſt, iſt eigentlich'ne rechte langweilige Plage.“ „Gut, morgen will ich mich von ihr los machen; aber das kann ich Dir ſagen, Vezir, daß ich meine Bezahlung ſauer verdiene, denn es iſt ein ermuͤdend Stuͤck Arbeit, und zudem — mein Gewißen—— „Heiliger Prophet!— hoͤr' ihn— ſein Ge⸗ wißen!— geh, Heuchler, erſaͤufe das heute Abend im Weine, ſo wird's morgen todt ſeyn, und vergiß nur nicht Dein Weib umzubringen.“ „Du mußt mir die Bemerkung erlauben, daß ihr Tuͤrken wenig Geſchmack beſizt; gleich⸗ wohl will ich mich von meiner Frau, ganz nach eurem Gebrauche los machen, denn ſie ſoll zum Grunde des Meeres verſenkt werden. Baſchim Uſtun, auf meinen Kopf falle es.“ 8 — — 151— Funftes Kapitel. Am naͤchſten Vormittage ſuchte der Paſcha ſo ſchnell als moͤglich mit den Geſchaͤften des Ta⸗ ges fertig zu werden, denn Muſtapha hatte ihm angedeutet, daß der Renegat ſeine fuͤnfte Reiſe fuͤr eine ausnehmend wundervolle halte. Selim ward eingefuͤhrt und begann. Huckabark's fünkte Reile. Deine Hoheit mag es in Erſtaunen ſezen, daß ich im Beſiz von Reichthum und Rang mit meiner reizenden Ceriſe lebend, mich noch einmal hinaus auf das verraͤtheriſche Meer — 1⁵2— wagen wollte. Gewiß hat Deine Hoheit von der Revolution gehoͤrt, die in Frankreich aus⸗ brach und von allen den Schreckmihen in ihrem Gefolge. „Frankreich! ja ich glaube es giebt ein Land dieſes Namens; daß ich jemals von der Revo⸗ lution gehoͤrt haͤtte, kann ich nicht ſagen. Heiliger Prophet! was dieſe Leute fuͤr ſonder⸗ bare Begriffe haben,“ fuhr der Paſcha zu Muſtapha gewendet fort,„ſich einzubilden, daß wir wißen muͤßten, oder uns darum bekuͤmmern ſollten, was in ihren barbariſchen Laͤndern vor⸗ geht! Du magſt fortfahren, Huckaback.“ Es wird noͤthig ſeyn ein Paar Worte uͤber den Gegenſtand zu ſagen, erlauchte Hoheit, doch werde ich ſie ſo kurz zuſammen faßen, als mir moͤglich iſt. Eines Tages kam ein Haufe Volk aus meiner Vaterſtadt Marſeille, mit ro⸗ then Muͤzen, aufgekraͤmpelten Hemdeaͤrmeln und mit verſchiedenartigen Wehren bewaffnet, umringte mein Schloß und verlangte, ich ſolle augenblicklich meine Erklaͤrung abgeben, — — 153— ob ich fuͤr die Zuſammenberufung der General⸗ Staaten ſtimme. Ich antwortete den Leuten, ganz ausgemacht ſey ich dafuͤr, wenn ſie es wuͤnſchten. Sie ließen mich hoch leben und zo⸗ gen jubelnd davon. Nach kurzer Zeit erſchienen ſie wieder um zu wißen, ob ich den National⸗Convent billige. Meine Antwort lautete, ich billige ihn ganz ausnehmend. Sie waren zufrieden geſtellt und entfernten ſich abermals. Zum dritten Male kamen ſie um mich zu fragen, ob ich Repu⸗ blikaner ſey, was ich bejahete; darauf zum vierten Male, um zu wißen ob ich es mit den Girondiſten halte; nun erklaͤrte ich, daß ich Anhaͤnger dieſer Partei waͤre und hoffte, man wuͤrde mir keine Fragen mehr vorlegen. Doch bevor noch zwei oder drei Monate vergangen waren, erſchien ein anderer Volkshaufe, um ſich zu uͤberzeugen, ob ich wirklich ein Jakobi⸗ ner waͤre, was ich auf das feierlichſte be⸗ theuerte; darauf zum zweiten Male um zu wißen, ob es mir genehm waͤre mich Buͤrger nennen zu laßen, oder ob ich meinen Kopf abgeſchnitten haben wollte; ich erklaͤrte mich ſogleich fuͤr das erſte, und machte den Leuten ein Geſchenk mit meinem Markis⸗Titel. Zulezt — 154— aber umringten ſie wiederum mein Haus und ſchrieen laut, ich ſey ein Ariſtokrat, ſie muͤß⸗ ten meinen Kopf auf der Pike davon tragen. Dies ſchien mir ein Gegenſtand fuͤr Ein⸗ rede; ich gab ihnen die Verſicherung, daß ich kein Ariſtokrat waͤre, obgleich ich dieſes Gut gekauft haͤtte, daß ich ganz im Gegentheil ein Buͤrger⸗Barbier aus Marſeille ſey; ferner daß ich meinem mit dem Gute erkauften Markis⸗- Titel entſagt und nicht die geringſte Anfor⸗ derung an die Ariſtokratie habe. Sie beſtan⸗ den aber auf Erweis; meinen Leuten wurde befohlen, die noͤthigen Geraͤthſchaften herbei zu bringen und ich ſollte zwoͤlfen aus dem Haufen den Bart abnehmen. Ich ſchor fuͤr mein Leben und entledigte mich meiner Auf⸗ gabe ſo ganz zu ihrer Zufriedendeit, daß mich Alle umarmten; ſie waren im Begriffe fortzu⸗ gehen, als ein Weib aus dem Haufen ver⸗ langte, ich ſolle als Beweis meiner Aufrich⸗ tigkeit ihnen meine Frau ausliefern, deren ariſtokratiſcher Urſprung bekannt war. Wir Alle haben unſere ſchwachen Augenblicke; waͤre ich klug genug geweſen ihr Verlangen zu erfuͤllen, ſo wuͤrde alles gluͤcklich zu Ende gekommen ſeyn, dagegen war ich ſo einfaͤltig, — 155— vor der Ausſicht den Kopf meiner reizenden Ceriſe auf einer Pike forttragen zu ſehen, zu⸗ ruͤckzuſchaudern, wiewohl ich bereits zwoͤlf Jahre mit ihr verheirathet geweſen war. Ce⸗ riſe ſuchte Schuz bei mir und umklammerte mich, da ſtellte ich dem Volke vor, daß wie⸗ wohl ſie adliger Abkunft waͤre, ſie ſich doch ſelber zu der Stufe der Buͤrgerlichkeit dadurch herabgeſezt habe, daß ſie einen Buͤrger⸗Barbier heirathete. Nach kurzer Berathung erklaͤrte das Volk einmuͤthig, ſie ſey genugſam herabge⸗ wuͤrdigt um leben zu duͤrfen. Man begnuͤgte ſich damit, meinen Keller aufzubrechen um auf meine Geſundheit trinken zu koͤnnen und zog wieder ab. Dooch bald hatte ich Urſache, Hoheit, meine Thorheit zu bereuen. Ceriſe war ein bezaubern⸗ des, ein liebenswuͤrdiges Weib in Widerwaͤr⸗ tigkeit geweſen; doch Gluͤck war ihr Verderben ſowohl, als das meinige. Schon hatte ſie ein Verſtaͤndniß mit einem Grafen unterhalten, der kuͤrzlich um einen huͤbſchen jungen Abbe verabſchiedet worden; dergleichen kleine Ega⸗ remens beachten wir in unſerm Lande gar nicht; mir fehlte eben ſo ſehr die Zeit als die Luſt, mich in ihre perſoͤnlichen Anordnungen — 156— zu miſchen. Zufrieden mit ihrer aufrichtigen Freundſchaft fuͤr mich, konnte ich ihr leicht einige unbedeutende Treuloſigkeiten verzeihen; die Heiterkeit und Froͤhlichkeit unſeres haͤus⸗ lichen Lebens war durch nichts geſtoͤrt worden, bis zu dem Zeitpunkte, in welchem ich genoͤ⸗ thigt wurde, jene unſelige Eroͤrterung vor⸗ zubringen und in ihrem Beiſeyn den Beweis davon zu fuͤhren, daß ich wirklich ein Bart⸗ puzer geweſen ſey. Ihren Stolz empoͤrte der Gedanke, eine ſolche Verbindung eingegangen zu ſeyn; ihre Gefuͤhle der Zuneigung wandel⸗ ten ſich in toͤdtlichſten Haß um, und wiewohl ihr Leben durch mich gerettet worden, faßte ſie doch den Entſchluß, das meinige aufzuopfern. Des kleinen Abbé Kopf war vor wenigen Wochen abgeſchlagen, und ſie hatte ſeitdem eine Liaiſon mit einem Jakobiner⸗Mitgliede un⸗ ter der Bedingung angeknuͤpft, ihr ſeine Liebe dadurch zu beweiſen, daß er mich als Ariſto⸗ krat anklage. Gluͤcklicher Weiſe bekam ich fruͤhe genng Kunde davon, um nach Toulon entfliehen zu koͤnnen. Ich ließ meine Frau, und was mir unendlich wichtiger war, mein ganzes Ver⸗ moͤgen in den Haͤnden des Jakobiners, miſchte — 1572— mich unter die Volkshaufen, ſchwor allen Ari⸗ ſtokraten Rache und wurde einer der wuͤthend⸗ ſten Anfuͤhrer unter den Ohne Hoſen. Als zwei Monate ſpaͤter die Thore von Toulon der Armee geoͤffnet waren und ich einer Noyade zuſchaute, hatte ich das Vergnuͤgen, meinen Jakobiniſchen Stellvertreter, deßen Reihe angeklagt zu werden, ebenfalls gekommen war, Nuͤcken an Ruͤcken mit einem Frauenzimmer zuſammen gebunden zu ſehen; dieſe war meine angebetete Ceriſe. Sprechen konnte ich gar nicht mit ihr, dazu gebrach die Zeit, denn ſie wurden mit groͤßter Eile auf das Schiff ge⸗ fuͤhrt. Dieſes verſank mit ihnen und mit noch einigen hundert Andern; als das ſchoͤne kaſta⸗ nienbraune Haar meiner Frau von ihren Schul⸗ tern, auf welche es loſe herabgegangen hatte, emporgehoben, einige Sekunden auf dem Waßer ſchwamm, bevor ihr Kopf unter den Fluthen verſchwand, machte die Erinnerung an den voruͤbergehenden Genuß von Liebe und Wonne, den ich mit meiner reizenden Ceriſe getheilt hatte, mich tief erſeufzen. „Sſt ſie nun wirklich todt, Huckaback?“ fragte der Paſcha. — 158— „Ja, Hoheit, ſie iſt todt. 44 „Allah Karim! Gott iſt allbarmherzig! endlich ſind wir denn mit dem Weibe fertig, und die Geſchichte wird vorangehen.“ Ich habe Urſache zu glauben, daß ich ein Mann von einiger Wichtigkeit haͤtte werden koͤnnen, wenn es mir moͤglich geweſen waͤre in Frankreich zu bleiben; doch ein zweiter alberner Verſuch von mir, um in Marſeille des alten Advokaten Leben zu retten, der mir behuͤlflich geweſen war, einen Theil vom Ver⸗ moͤgen meines Vaters zu ſichern, machte mich verdaͤchtig. Weil ich ſehr gut wußte, daß zwi⸗ ſchen Argwohn und Guillotine nur ein Daſeyn von wenigen Stunden uͤbrig blieb, ſuchte ich an den Bord einer Italieniſchen Brigg zu ge⸗ langen, die wegen Waßermangel eingelaufen war, und entkam auf dieſe Weiſe. Das Fahr⸗ zeug war nach Nord⸗Amerika beſtimmt, um eine Ladung Salzſiſch zum Verbrauch in der naͤchſtkommenden Faſtenzeit einzunehmen, und hatte fuͤnfzehn Matroſen als Mannſchaft. Der Kaptain war bei unſerm Auslaufen ſehr krank, und gab als Urſache ſeines Übelbeſindens: einen — 159— Kelch Wein an, den ſeine Frau mit ihren Thraͤnen gemiſcht, und ihm dringend zugeredet hatte, ihn auszutrinken. Auf unſerer weiteren Fahrt erkrankte er immer mehr, bis er endlich nicht im Stande war, ſein Bett zu verlaßen, weil nun außer mir Niemand am Bord war, der die mindeſte Kenntniß von der Berech⸗ nung eines Segellaufes hatte, ſo fiel mir dieſe Pflicht zu.. Einige Tage vor ſeinem Tode ſchickte der Kaptain zu mir und ſagte: 1 „Francois, mein Weib hat mich vergiftet, damit ich nicht zuruͤckkommen und ein Liebes⸗ verſtaͤndniß ſtoͤren moͤgte, welches ſie waͤhrend meiner lezten Abweſenheit angeknuͤpft hat. Kin⸗ der habe ich nicht, und auch keine Verwandte umm die ich mich jemals bekuͤmmert haͤtte. Ich bin ſowohl Eigner diſer Ladung als auch Eig⸗ ner und Kaptain des Schiffes und es iſt meine Abſicht, Dir Beide zu hinterlaßen; Du haſt den gegruͤndetſten Anſpruch darauf„ weil außer Dir keine Seele am Bord iſt, die das Schiff zu fahren verſtaͤnde. Bemerke wohl, es geſchieht nicht aus beſonderer Achtung, daß ich Dich zu meinem Erben auswaͤhle, ſondern hauptſaͤchlich um zu verhindern, daß meine Frau in den Beſiz meines Vermoͤgens komme, mithin haſt Du mehr dem Himmel, als mir fuͤr Dein gutes Gluͤck zu danken. Nur ein Er⸗ ſuchen habe ich an Dich zu richten, daß Du naͤmlich auf das Feierlichſte zuſagſt, zur Dank⸗ barkeit fuͤnf hundert Seelenmeßen leſen zu laßen, ſobald Du nach Italien zuruͤckgekommen ſeyn wirſt.“ Bereitwillig ertheilte ich ihm dieſes mir ab⸗ geforderte Verſprechen; der Kaptain ſchrieb ſein Teſtament nieder, las und vollzog es in Gegenwart der ganzen Schiffsbemannung, und ich ward dadurch Beſizer von Schiff und La⸗ dung. Zwei Tage ſpaͤter verſchied er. Wir naͤ⸗ heten ihn in eine Haͤngematte und warfen die Leiche uͤber Bord. Obwohl es damals faſt Wind⸗ ſtille war, ſprang doch unmittelbar darnach ein Stoßwind auf der ſich allmaͤhlig zum Sturm und wuͤthendem Orkane vermehrte. Wir waren genoͤthigt gegen das Unwetter anzukaͤmpfen, und trieben mehre Tage unter nackten Segelſtangen, bis ich fand daß wir uns im eigentlichen Mittelpunkte des Atlanti⸗ ſchen Meeres und ganz außer dem Segelſtriche irgend eines Fahrzeuges befanden. Nach und nach wurde das Wetter gemaͤßigter und wir —— —; — — 161— konnten unſer Segel wieder beiſezen. Zu mei⸗ nem Erſtaunen bemerkte ich mehre Seevoͤgel einer Art, die ſich ſelten weit vom Strande ent⸗ fernt unſer Schiff umſchweben, obwohl wir nach meiner Rechnung faſt eintauſend Meilen von irgend einem bekannten Lande entfernt ſeyn mogten.— Ich beobachtete die Voͤgel als die Sonne unterging und gewahrte daß ſie ihren Flug nach Suͤd⸗Oſt nahmen.— Voller Be⸗ gierde ein bisher unbekanntes Land zu entdecken, ſteuerte ich mein Schiff die Nacht hindurch in der nemlichen Richtung und fruͤhe am folgen⸗ den Morgen, befanden wir uns in der Naͤhe einer zehn bis fuͤnfzehn Meilen langen, ſehr hohen, kegelfoͤrmig geſtalteten Inſel, die, wie ich mit Gewißheit wußte, auf keiner Seekarte verzeichnet ſtand. Ich beſchloß ſie zu unter⸗ ſuchen, warf meinen Anker in einer kleinen Bucht, an deren Ende einige wenige Haͤuſer ſtanden und den Beweis gaben, daß die Inſel bewohnt ſey; von Kanonen oder Feſtungs⸗ werken, bemerkte ich dagegen gar nichts. Noch hatten wir unſere Segel nicht eingerollt, als ein Boot vom Lande abſtieß, und zu uns her⸗ anruderte. Bald kam es an unſere Seite und ſezte uns eben ſo ſehr durch das Eigenthuͤm⸗ II. 11 — 162— liche ſeiner Bauart in Verwunderung, als durch das Ausſehen der Menſchen die ſich da⸗ rin befanden.. Das Fahrzeug war ein weiter Kanve, un⸗ gemein ſchoͤn ausgeſchnitten und eingelegt oder vielmehr belegt mit goldenen Verzierungen. An einem Flaggenſtocke uͤber dem Spiegel, hing eine Flagge die mitten im weißen Felde, eine aus Goldfaͤden gewirkte Springquelle zeigte. Die drei Leute im Boote, ganz beſonders der eine auf der Spiegelbank ſizende, waren ſehr reich in Anzuͤge aus Goldſtoff gekleidet. Was uns aber mehr als alles andere in Verwunde⸗ rung ſezte, war ihre Hautfarbe, die ein wunder⸗ liebliches lichtes Blau ſchillerte, ihre Geſicht⸗ zuͤge waren ſchoͤn geſchnitten, ihre Augen ſchwarz und ihr Haar ein uppiges Kaſtanien⸗ braun. 1— Der Mann welcher auf der Spiegelbank im Kanoe geſeßen hatte, erſtieg das Schiff, redete mich in treflichem Portugieſiſch an und fragte, ob ich dieſe Sprache rede? 3 Das bejahete ich; nun bewillkommte er uns im Namen des Koͤnigs, wuͤnſchte mir Gluͤck zur Ankunft bei der Inſel, fragte nach der An⸗ zahl meiner Mannſchaft, ob ich Kranke am — — — ——— — — 163— Bord habe, und nach manchen andern kleinen Umſtaͤnden. Meine Antworten zeichnete er mit einem Stuͤcke rothen Zinober auf goldene Taͤ⸗ felchen..— Nachdem meine Antworten ihn befriedigt hatten, erfuhr ich von ihm folgende Umſtaͤnde: die Inſel war urſpruͤnglich durch eines der Schiffe bevoͤlkert, die zu Vasco de Gama's Geſchwader gehoͤrten, welches aus Oſtindien mit den Erzeugnißen des Morgenlandes und mit Menſchen aus den verſchiedenen Bewohnern der neu entdeckten Erdtheile beladen, ver⸗ ſchlagen und ganz geſcheitert war; dieſe Inſel, uͤbrigens fruchtbar und mit Viehheerden wohl verſehen, war eine große Goldmine, und weil die Bewohner durchaus kein anderes Metall beſaßen, ſo waren ſie genoͤthigt, das Gold zu den allergewoͤhnlichſten Geraͤthſchaf⸗ ten anzuwenden. Doch die groͤßte Merkwuͤr⸗ digkeit dieſer Inſel war ein Springquell am Fuße des Pik im Mittelpunkte derſelben, deßen Waßer, von lieblicher Faͤrbung, denen die es tranken, langes Leben einfloͤßte; von dieſer Quelle war der Name, Inſel der goldenen Springquelle, abgeleitet. Als ſie vor etwa drei hundert Jahren hier landeten, beſtanden — 164— ſie aus verſchieden farbigen Maͤnnern und Frauen mehrer Voͤlkerſchaften; das Klima aber und der Gebrauch des Waßers hatten im Verlaufe dieſer Zeit die Veraͤnderung ihrer Hantfarbe hervorgebracht, welche wir gewahr⸗ ten; ſaͤmmtliche Inſelbewohner hatten jezt dieſe eigenthuͤmliche Faͤrbung, nur bei den Frauen war ſie noch lichter als bei den Maͤnnern. Wenige Schiffe hatten hier angelegt, und die Mannſchaft derer, die auf der Inſel ge⸗ landet hatten, zog es vor hier zu bleiben, wo⸗ durch die voͤllige Unbekanntſchaft dieſer Inſel erklaͤrt wurde. Der Koͤnig liebe Fremde ganz beſonders und empfange ſie jedesmal in ſeinem dicht bei der goldenen Springquelle gebauten Pallaſte. Er ſchloß mit einer Einladung, ihn an's Land zu begleiten, um dem Koͤnige meine Ehrerbietung zu beweiſen, und ſezte noch hin⸗ zu, daß, falls ich wuͤnſchen ſollte die Inſel zu verlaßen, Seine Majeſtaͤt mir erlauben wuͤrde, mein Schiff ganz mit dem in andern Laͤndern ſo koſtbaren Metalle zu beladen, welches hier ſo gering geachtet wurde. Ich muß geſtehen, daß des Mannes Erzaͤh⸗ lung mir unſaͤgliche Freude verurſachte. Mein Gluͤck glaubte ich ſey nun gemacht, und ich —— —. 165— eilte den Abgeſandten zu begleiten, der mir alsdann ſagte, daß der Koͤnig nicht zufrieden ſeyn wuͤrde, wenn ich der groͤßern Zahl mei⸗ ner Mannſchaft nicht erlaubte mich nach dem Pallaſt zu begleiten. Die Matroſen wuͤnſchten nach dem, was ſie gehoͤrt hatten, gar ſehr an's Land zu kommen, und weil der Inſelbewohner mir die Verſicherung gab, daß der Wind nie⸗ mals in dieſe auf der Inſel Leeſeite gelegene Bucht ſtaͤnde, ſo gab ich ihrem Wunſche nach und erlaubte mit Ausnahme von Zweien, die am Bord bleiben mußten, allen uͤbrigen Ma⸗ troſen an's Land zu kommen. Hoͤchlich waren wir erſtaunt, als wir am Lande in das Dorf kamen, zu gewahren, daß Schweinetroͤge, Pfoſten, Gitterſtangen und alles, wozu Metall nur dienen konnte, aus. gediegenem Golde angefertigt waren; doch man⸗ gelte uns die Zeit, dieſe Dinge naͤher zu un⸗ terſuchen, denn mehre Schleifen, vor welche kleine Ochſen geſpannt waren, warteten auf uns, nahe am Strande. Wir beſtiegen dieſe gleitenden Fuhrwerke und auf einer glatten, ſanft anſteigenden Fuhrbahn brachten uns die Thiere im fluͤchtigen Galopp zu des Koͤnigs Pallaſte, den wir in weniger — 166— als zwei Stunden erreichten. Dieſer beſtand in einem ſehr umfangreichen Gebaͤude, das in ſeinem Aufbau nichts Merkwuͤrdiges hatte, als den ungewoͤhnlichen Anblick kraͤftiger Goldſaͤu⸗ len, welche die Portikos trugen, die auf allen Seiten des Pallaſtes vorragten. Als wir aber ausgeſtiegen waren und durch dieſe Portikos eingingen, ſezte mich die wunderbare Vollen⸗ dung der Statuen in Erſtaunen, mit welchen ſie geſchmuͤckt waren. Dieſe ſtanden auf Sockeln von polirtem Golde und waren aus einer Art lichtblauem Chalcedon gefertigt, der ihnen, ver⸗ bunden mit ihrer meiſterhaften Ausfuͤhrung, das Anſehen von Lebendigkeit gab. Die von den Bildhauern gewaͤhlten ſonderbaren Stel⸗ lungen ihrer Figuren ſezten mich in Verwun⸗ derung; alle ihre Darſtellungen bekamen da⸗ durch etwas Verrenktes, wiewohl das menſchliche Ebenmaß auf das genaueſte nachgeahmt war. Einige der Statuen ſahen aus als waͤren die Menſchen im Schlafe auf ihre Beine geſtellt, andere lachten oder weinten uͤbermaͤßig, einige ſogar waren im Begriffe des Erbrechens dar⸗ geſtellt. Unter der ganzen Anzahl konnte ich nicht ein einziges Bild gewahren, welches die menſchliche Geſtalt in einer edlen oder zierlichen 4 4 — 162— Haltung darſtellte, und ich bemitleidete den Geſchmack derer, die Kuͤnſtler von ſo ausge⸗ zeichneten Talenten dazu gebrauchen wollten, das menſchliche Ebenbild in einer Reihefolge ſo herabwuͤrdigender Stellungen nachzuahmen. Schon ſtand ich im Begriffe, meinem Fuͤhrer dieſe Bemerkung mitzutheilen, als mir zur rech⸗ den Zeit einfiel, daß ich mich im Koͤniglichen Pallaſte und nicht im Studiengemache befinde, und daß Koͤnige ihre Liebhabereien beſizen, welche ſie nicht geneigt ſind, der oͤffentlichen Kritik zu unterwerfen. Als wir an das Ende des Portikus kamen, flogen zwei hohe Fluͤgelthore auf und wir ver⸗ ſtummten vor der unendlichen Pracht, die ſich unſern Augen darſtellte. Der Koͤnig ſaß auf einem Throne von der vollendetſten Arbeit; das koſtbare Metall war zu jeglicher Farbenabſchattung oridirt und ſo zu wunderſchoͤner Moſaik verwandt; eben ſo waren die Waͤnde und die obere Decke aus⸗ gearbeitet; an einigen Stellen war das Gold polirt, um als Spiegel zu dienen, an andern zu zierlichem Prunkwerk kunſtvoll ausgeformt, das eben ſo ſehr durch das Gefallende ſeiner Zeichnung, als durch ſeine vollendete Ausfäͤh⸗ — 168— rung ſich hervorhob. Zu beiden Seiten des Thrones befand ſich bis zu der Eintrittsthuͤre fortgeſezt eine Reihe von Damen, und hinter ihnen, auf einer um zwei Fuß erhoͤheten Plattform, eine Reihe Hoͤflinge, alle waren in Gewaͤnder von Goldſtoff gekleidet, worin Blumen buntfarbigen Metalls geſtickt waren, welche die Natur auf das vollkommenſte nach⸗ ahmten.. Die Frauen waren im Vergleich gegen die Maͤnner um vieles heller, ihre blaͤuliche Haut⸗ farbe war durchaus nicht unangenehm, weil ſie ihren Zuͤgen eine gewiße Durchſichtigkeit ver⸗ lieh; keine konnte aber mit der Koͤnigstochter verglichen werden, die beinah weiß war und das vollkommenſte Ebenmaß ihrer Koͤrperbil⸗ dung bei einem ungemein reizenden Geſichte zeigte. Ihr kaſtanienbraunes Haar war ſo lang, daß es bis zum untern Saume ihres Gewandes herabhing; mit kleinen Ketten und Zierrathen von polirtem Stahl waren die Flechten deßel⸗ ben durchwunden. Sie ſaß am Fuße des Thro⸗ nes dicht bei dem Koͤnige, und ich ſtand ſo in Bewunderung ihres himmliſchen Anblicks ver⸗ loren, daß ich mich auf kein Wort der Anrede beſinnen konnte, womit ich Seine Majeſiaͤt zu — 169— begruͤßen mir vorgenommen hatte, ſondern ſprachlos vor ihm ſtehen blieb.— Der Koͤnig empfing uns ungemein gnaͤdig, richtete mehre Fragen an mich, und brach nach einer halben Stunde die Audienz auf, indem er einigen der ſchoͤnſten Damen befahl, ſich unter meinen Schiffgenoßen einen auszuwaͤhlen, fuͤr deßen Behaglichkeit und Vergnuͤgen er jede von ihnen verantwortlich machte. Ich habe ver⸗ geßen anzufuͤhren, daß wie jegliches Land ſeine eigenthuͤmlichen Gebraͤuche hat, eine der hier eingefuͤhrten Sitten, mir doch hoͤchſt ſonderbar erſchien. Als ich den Ceremonienmeiſter fragte„ worin die Huldigung beſtaͤnde die man dem Koͤnige dieſer Inſel darzubringen habe, ſagte der mir, ſie beſtehe darin, daß man vor dem Koͤnige die Hand bis zum Geſichte aufhoͤbe, und mit den Fingern nach ihm ſchnippere. In dem Grade wie man dieſe Schnippchen lauter zu ſchlagen vermoͤgte, wuͤrde man ausgebildet und ſittenverfeinert geachtet. In meiner erſten Ver⸗ wirrung hatte ich dieſe Weiſung ganz ver⸗ geßen, und erſt als die Damen ſaͤmmtlich ihre Finger ſchnipperten, um dadurch ihren Ge⸗ horſam gegen die Befehle ihres Souverains zu verkuͤnden, erinnerte ich mich an die Unter⸗ * — 170— laßung, deren ich mich ſchuldig gemacht hatte. Bevor der Koͤnig in ſeine Gemaͤcher zuruͤck⸗ kehrte, gab er zu verſtehen, daß er erwarte, wir wuͤrden einige Tage im Pallaſte verweilen, und uns ſolle die Ehre werden, an⸗ ſeiner Tafel bei dem Nachmittags⸗Banquet zu ſtzen. Der ganze Hoſſtaat entfernte ſich nun; die⸗ jenigen, welchen die Sorge fuͤr meine Mann⸗ ſchaft uͤbertragen war, fuͤhrten ſie nach ver⸗ ſchiedenen Richtungen ab und ließen mich mit der Prinzeßin allein, die ſich von ihrem Size erhoben hatte, ſobald ihr Vater ihr den Auf⸗ trag gegeben, ſich meiner anzunehmen. Ich haͤtte vor ihr niederfallen koͤnnen, um ſie an⸗ zubeten; unwillkuͤhrlich ſank ich auf ein Knie nieder und blickte in ihr Antliz, als betrachte ich eine himmliſche Erſcheinung. Sie laͤchelte und ſagte mir:„ich habe den Befehl fuͤr Dein Gluͤck und Deine Behaglich⸗ keit zu ſorgen, und gehorche meinem Vater mit Freuden. Nur hoffe ich, daß Dein Gluͤck dau⸗ render ſeyn mag, als es in dieſer truͤgeriſchen Welt gewoͤhnlich der Fall iſt;“ ſezte ſie mit tiefem Seufzer hinzu. Ich blieb vor ihr auf dem Knie ruhen, und durch ihre Leutſeligkeit ermuthigt, ergoß ich = 171— mich in einen Strom von Verſicherungen, die bei der großen Menge fuͤr Schmeicheleien gel⸗ ten, aber die doch zu ihr nur Wahrheit ſpra⸗ chen. Meine Aufregung machte mich beredt, und weil ich zu der Zeit, wie ich Deiner Hoheit bereits bemerkt habe— ein recht wohlausſehender Mann war, ſo bemerkte ich, daß meine Beſtrebungen ihre Gunſt zu erlangen, ihr gefielen. „Mehr als einmal habe ich dieſe Pflicht zu erfuͤllen gehabt“, ſagte ſie,„wenn Fremdlinge die Inſel beſuchten, doch ermuͤdete mich das jedesmal und ich mußte meine Frauen zur Huͤlfe nehmen. Bis jezt ſah ich noch keinen der Dir glich; Du biſt ſanft, und von ganz an⸗ derm Weſen als diejenigen, welche hier mit ihren Schiffen ankamen. Damals war ich faſt froh, menn meine Pflicht zu Ende ging, jezt empfinde ich ein anderes Gefuͤhl,“— ſie ſeufzte abermals. „Koͤnnte es von mir und von meinen Wuͤn⸗ ſchen abhaͤngen, ſchoͤne Prinzeßin, ſo beſorge ich, Du wuͤrdeſt die Dauer meiner Anſpruͤche gar lang und ermuͤdend finden. Noch niemals ſah ich ein ſo vollkommenes und ſo reizendes Weſen! O moͤgte Dein Auftrag fuͤr die Dauer meines Daſeyns gelten!“ „Das wird er wahrſcheinlich,“ antwortete ſie ernſt, dann aber, als beſinne ſie ſich, nahm ſte ein mehr erheitertes Ausſehen an, und fuhr fort„wir verlieren aber unſere Zeit, die an⸗ ders benuzt werden ſollte. Erlaube mir alſo, meines Vaters Befehl zu vollziehen und zu ver⸗ ſuchen, Dir Deine Zeit durch Vergnuͤgungen angenehm zu vertreiben.“ Sie bot mir ihre Hand, die ich ehrfurchts⸗ voll an meine Lippen druͤckte, fuͤhrte mich im Pallaſt umher, richtete meine Aufmerkſamkeit auf jeden Gegenſtand der ihr des Beachtens wuͤrdig ſchien, und auf dieſe Weiſe hatten wir einige Stunden im Geſpraͤche und mit Bemerkungen uͤber die verſchiedenen Dinge die wir ſahen verbracht, als ich meinen Wunſch ausſprach, die merkwuͤrdige Quelle in Augen⸗ ſchein zu nehmen, nach welcher dieſe Inſel be⸗ nannt war. „Ich werde Deinem Wunſche genuͤgen,“ ſagte ſie, und ihr Antliz zeigte wieder einen ſchmerzlichen Ausdruck. Sie fuͤhrte mich zu ei⸗ ner Halle von ſchwarzem Marmor, in deren Mittelpunkte der Waßerſtrahl wohl vierzehn Fuß hoch aufſprang, und dann in ein geraͤu⸗ miges Becken herabſtel. Das Waßer, ſo lange — 173— es im Strahle aufſprudelte, ſchillerte in allen Farben des Regenbogens, und die nach den Seiten abſpringenden Tropfen glaͤnzten gleich dem reinſten Golde.— „Wie ſchoͤn!“ rief ich, nachdem ich einige Minuten in ſchweigender Bewunderung ge⸗ ſtanden—„alſo dies iſt das Waßer langen Lebens.“ b „Es iſt ebenfalls Waßer der Berauſchung,“ erwiederte die Prinzeßin,„bei dem Banquet wird es gereicht werden; ſey maͤßig, ſehr maͤ⸗ ßig in ſeinem Genuße.“ Dies verſprach ich, und wir wandelten zu⸗ ruͤck zu den Portikos am Pallaſte, woſelbſt ich auf die Statuen von blauem Chalcedon zeigte und ſie erſuchte, mir zu ſagen, wer dieſe ge⸗ fertigt habe, und weshalb Alle in ſo grotes⸗ ken und abgeſchmackten Stellungen erſchienen. „Auf dieſe Frage kann ich nichts mehr ant⸗ worten, als daß die Statuen auf der Inſel gemacht ſind. Jezt muͤßen wir zuruͤck, denn des Koͤnigs Banquet beginnt.“ Wir, naͤmlich meine Schiffgenoßen und ich, ſezten uns an des Koͤnigs Tafel, eine Ehre„ die keinem der Hoͤflinge, weder maͤnnlichen noch weiblichen Geſchlechtes erlaubt wurde. Jede — 174— Dame ſtand hinter demjenigen, der ihrer Vor⸗ ſorge anvertraut war und bediente ihn. Mein Hoͤflichkeitsſinn als Franzoſe ward peinlich ver⸗ wundet durch den Gedanken„ daß meine rei⸗ zende Prinzeßin das Geſchaͤft einer Dienerin uͤbernehmen ſolle, und mit leiſem Tone druͤckte ich ihr meine Gefuͤhle aus. Sie ſchuͤttelte ihr Haupt, als wollte ſie davon nichts hoͤren und ich ſchwieg. Am Ende des Banquet befahl der Koͤnig, Waßer aus dem goldenen Springquell zu reichen, welches die Aufwaͤrter augenblick⸗ lich herbeiholten, die Tugenden deßelben an⸗ preiſend, ließ der Koͤnig einen Becher fuͤr jeden ſeiner Gaͤſte fuͤllen, und ihnen durch die die⸗ nenden Damen reichen. Als die Prinzeßin mir den Becher gab, wußte ſie einen ihrer Finger gegen den meini⸗ gen zu druͤcken, um mich an meine Zuſage zu erinnern. Ich trank ſehr maͤßig,— denn die Wirkung des Waßers zeigte ſich augen⸗ blicklich; mein Gemuͤth gerieth in Aufſchwung, ich war in einen geiſtigen Rauſch verſezt. Auf ein Zeichen des Koͤnigs ſezten die Da⸗ men ſich nunmehr zu uns, vermehrten durch ihre Aufmerkſamkeit und durch ihre Liebko⸗ ſungen, das Verlangen nach dieſem Waßer, — 175— welches ſie in reichem Maße ſpendeten. Ich muß geſtehen, daß mit jedem neuen Koſten des Waßers die nunmehr neben mir ſizende Prin⸗ zeßin meinen Augen immer reizender erſchien, und daß ich ungeachtet ihres wiederholten Druk⸗ kes mit dem Fuße, um mich an mein Verſpre⸗ chen zu erinnern, dem Drange mehr zu trinken nicht wiederſtehen konnte. Der Bootsmann und einer der Matroſen waren Trunkenbolde und hatten bald ſo viel von dem Waßer hinabgeſtuͤrzt, daß ſie beſin⸗ nungslos und ſtarr von ihren Seßeln auf den Marmorboden hinſanken. Dieſer Umſtand rief mein Nachdenken zuruͤck, welches ich faſt ſchon verloren hatte; ich erhob mich von meinem Seßel, bedeutete meinen Gefaͤhrten, daß es un⸗ ſchicklich ſeyn wuͤrde, im Angeſichte der Ma⸗ jeſtaͤt ſich zu berauſchen, forderte ſie auf, nicht mehr zu trinken, ſondern von der Tafel aufzu⸗ ſtehen, bevor ſie unfaͤhig wuͤrden, ihren ſchoͤ⸗ nen Fuͤhrerinnen, die ſchuldige Achtung zu erweiſen. Dieſer lezte Grund hatte mehr Ge⸗ wicht, als der erſte; troz der Gegenvorſtellun⸗ gen des Koͤnigs, dem es ernſtlich darum zu thun ſchien, daß wir bleiben ſollten, erhoben wir uns vom Tiſche und die Geſellſchaft trennte ſich. Die beiden Betrunkenen wurden von ei⸗ nigen der Hoͤflinge fortgetragen und mit Zei⸗ chen ſeiner Unzufriedenheit verließ der Koͤnig die Halle. Wiederum blieb ich allein mit meiner rei⸗ zenden Prinzeßin und entflammt durch den auf⸗ regenden Trank, warf ich mich zu ihren Fuͤßen, erklaͤrte die Gewalt meiner Leidenſchaft und meinen Wunſch, dieſe Inſel niemals zu ver⸗ laßen, wenn ich durch Erwiederung mei⸗ ner Gefuͤhle von ihr begluͤckt werden ſollte. Ich gewahrte, daß ich Eindruck hervorbrachte und meinen Erfolg benuzend, fuhr ich mit meinen Betheurungen, denen ſie ihr Ohr lieh fort, bis der Abend anbrach und uns immer noch auf den Stufen des Thrones ſizend fand. Endlich erhob ſte ſich und ſagte:„ich weiß nicht ob Du aufrichtig denkſt was Du ſprichſt, doch muß ich geſtehen, daß ich dies hoffe; es wuͤrde mich unſaͤglich elend machen, wenn ich das Gegentheil erfahren muͤßte. Du biſt aber jezt unter der Einwirkung eines berauſchenden Wa⸗ ßers, und magſt deshalb Dich ſelber taͤuſchen. Komm, es iſt Zeit Dich nach Deinem Zimmer zu fuͤhren, wo Du die berauſchende Kraft der goldenen Springquelle verſchlafen — 177— kannſt. Biſt Du morgen fruͤhe noch der naͤm⸗ lichen Meinung, ſo mag ich mich dazu verſte⸗ hen, Dir eine Entdeckung mitzutheilen.“ Am andern Morgen erwachte ich, ohne durch die Unmaͤßigkeit des vorigen Abends an Kopf⸗ ſchmerz zu leiden. Sobald ich mein Zimmer verlaßen hatte, begegnete ich der holden Prin⸗ zeßin, druͤckte einen Kuß auf ihre Hand und ſagte:„reizende Prinzeßin, es iſt immer noch mein Wunſch, fuͤr Dich zu leben, oder zu ſterben, wenn ich bei Dir nicht bleiben ſoll.“ Sie laͤchelte und antwortete mir:„dann will ich Dir alles aufopfern; bevor ich dich geſe⸗ hen, wußte ich gar nicht, daß ich ein Herz beſaß. Komm, folge mir, Du ſollſt alles er⸗ fahren.“. Wir gingen durch die große Halle, welche mit ſaͤmmtlichen Schlafzimmern in Verbindung ſtand, dann fuͤhrte ſie mich durch einen dun⸗ keln Gang zu einem Gemache, in dem mehre goldene Sockel ohne Statuen ſtanden. Zu mei⸗ nem Entſezen gewahrte ich aber an dem einen Ende des Zimmers auf zwei dieſer Sockeln die Geſtalten des Bootsmannes und des Matro⸗ ſen, die ſich Abends zuvor ſtarr getrunken hat⸗ ten. Schon jezt waren ſie in den naͤmlichen Il. 12 — 178— 8 blauen Chalcedon umgewandelt, aus welchem die Statuen im Portikus beſtanden. „Erkennſt Du dieſe Geſtalten?“ fragte die Prinzeßin.. u „Allerdings,“ antwortete ich mit ſtaunender Verwunderung. „Dies iſt die Wirkung der berauſchenden Kraft vom Waßer des goldenen Springquelles,“ fuhr ſie fort.„In dieſem Waßer iſt eine ſo große Menge einer Aufloͤſung deßen enthalten, was die Mineralogen Siler nennen, daß die Wirkung, welche Du jezt vor Augen ſiehſt, in wenigen Stunden erfolgt, wenn durch wiederhol⸗ tes Trinken die Sinne uͤberwaͤltigt werden. Auf dieſe Weiſe hat mein Vater die große Anzahl ver⸗ ſchiedener Statuen erhalten, die Du geſehen haſt; ſie alle waren Ankoͤmmlinge auf dieſer Inſel in verſchiedenen Schiffen, und nicht einer aus ihrer Mannſchaft iſt je zuruͤckgekehrt.— Das Waßer hat ebenfalls die Kraft das Leben zu verlaͤngern und zugleich die Herzen derer zu verhaͤrten die es mit Maͤßigkeit genießen. Des⸗ halb wird meines Vaters Grauſamkeit von ſeinen Unterthanen nicht beachtet; wenn dieſe ſich eines ſchweren Verbrechens ſchuldig machen, werden ſie gezwungen dieſes Waßer im Uber⸗ — 179— maaß zu trinken und ſie dienen dann dazu als Denkmale ſeiner Unzufriedenheit mit ihnen, auf verſchiedenen Theilen der Inſel aufgerichtet zu werden. Du wirſt fragen wie es zugeht daß ich nicht eben ſo verſtockten Sinnes bin als die andern Eingeborenen? Der Grund davon iſt, daß ich von der Natur ein guͤtiges und zaͤrt⸗ liches Herz zum Geſchenke bekam; meine Mut⸗ ter die daruͤber wehklagte weil ſie vorausſah daß mein Gluͤck in dieſer Welt des Truges und der Grauſamkeit, dadurch nicht erhoͤhet werden wuͤrde, ſorgte eifrig dafuͤr daß ich recht viel von dieſem Waßer trinken mußte; doch was man in unſerer Kindheit uns aufzwingt, pflegt ſpaͤter im Heranwachſen nur unſern Eckel zu erregen. Daher kommt es, daß ich ſeit weiner Mutter Tode, welcher erfolgte als ich ſieben Jahre alt war, das Waßer gar nicht wieder gekoſtet habe. Wenn ich Dir dieſe Entdeckung nicht gemacht haͤtte, ſo wuͤrdeſt du ſammt allen Deinen Genoßen bei dem Banquet des heutigen Abends hoͤchſtwahrſcheinlich geopfert worden ſeyn, denn man wird das Waßer dabei reichen ſo wie geſtern. Ich hoffe, daß meine Vorliebe fuͤr Dich, ein Mittel geworden iſt um das Leben derer zu erhalten die noch nicht erſtarrten.“ — 180— „Verdammter Verrath!“ rief ich aus,„was iſt aber jezt zu thun?“ „Du mußt entfliehen.— Warne Deine Leute, heute Abend nicht zu trinken, und ſuche unter irgend einem Vorwande morgen fruͤh fuͤr ein Paar Stunden an den Bord Deines Schiffes gefuͤhrt zu werden. Was mich betrifft——“ „Ohne Dich Prinzeßin kann ich— will ich nicht fort. Entweder willige Du ein mich zu begleiten, oder ich bleibe auf jede Gefahr hier; denn lieber wollte ich lebloſe Statue auf einem Sockel im Portiko Deines Pallaſtes ſeyn, als dieſe Inſel mit gebrochenem Herzen ver⸗ laßen.“ „Er iſt treu;— es giebt alſo noch gute Menſchen— die nicht Betruͤger ſind— in dieſer Welt!“ rief die Prinzeßin aus, ſank auf ihre Knie nieder und Thraͤnen rollten ihre Wangen hinab;— ſie nahm meine Hand, druͤckte die in der ihrigen und ſagte:„Gewiß willſt Du mich freundlich behandeln, waͤre das nicht, ſo wuͤrde ich ſterben.“ Ich preßte ſie anmeine Bruſt, gelobte ihr Liebe bis in den Tod; und dann eilten wir zuruͤck zu meinem Zimmer um unſere Vorberei⸗ tungen zur Flucht zu beſprechen. Im Laufe des — 184— Vormittages fand ich Gelegenheit meinen Leu⸗ ten die Gefahr zu zeigen in der ſie ſich befan⸗ den; nur einen von ihnen konnte ich nicht auf⸗ finden. Gegen Abend ſezten wir uns wieder zum Banquet, das Waßer wurde gereicht und als⸗ bald ſank der eine Matroſe, den ich nicht hatte warnen koͤnnen, in ſtarrer Trunkenheit vom Stuhle herab. Dieſen Umſtand benuzte ich um nicht mehr zu trinken; ich redete im zornigen Tone zu meinen Gefaͤhrten, flehete den Koͤnig um Verzeihung ihres Mangels an Ehrfurcht in ſeiner Gegenwart an, und wir verließen, ſo viel er auch einredete, die Tafel. Am andern Morgen ſagte ich dem Koͤnige, daß ich fuͤr ein Paar Stunden an den Bord meines Schiffes zuruͤckzukehren wuͤnſche, um ihm ein Geſchenk von Elfenbein zu holen, welches er, wie ich erfahren haͤtte, annehmen wuͤrde. Die Prinzeßin erbot ſich uns zu begleiten, und der Koͤnig der ſich durch ihre Wachſamkeit geſichert glaubte, geſtattete unſere Entfernung unter der aus⸗ druͤcklichen Bedingung genau zu der Zeit des Abendbanquets wieder einzutreffen; dies ver⸗ ſprachen wir auf das feierlichſte. Waͤhrend unſere Fuhrſchleifen in Bereitſchaft * — 182— geſezt wurde, erſuchte ich die Prinzeßin einige Flaſchen von dem goldenen Waßer herbeizu⸗ ſchaffen, damit ich dieſe als Merkwuͤrdigkeiten den gelehrten Geſellſchaften in Europa zum Geſchenke machen koͤnne. Dies geſchah, unbe⸗ merkt wußte ſie dieſelben nebſt einigen Anzuͤ⸗ gen in ihre Fuhrſchleife zu ſchaffen, ſo, daß im Pallaſt keiner etwas davon ſah, und daß ſie auch an unſern Bord geſchafft wurden, ohne daß mein Schiffsvolk Kunde davon bekam. Augenblicklich kappte ich meinen Kabel und fuhr mit allen Segeln, ohne das mindeſte Hinderniß aus der Bucht, weil die Eingebornen meine Abſicht gar nicht argwohnten. Niemals fuͤhlte ich mich gluͤcklicher, als jezt, nun ich wieder auf den Wogen ſchwamm, und das in Begleitung meiner reizenden Prinzeßin, deren liebenswuͤr⸗ diges und zaͤrtliches Weſen ſie mir mit jedem Tage theurer machte. Ungluͤcklicherweiſe hatten wir bei der Eil⸗ fertigkeit unſerer Flucht den Umſtand ganz uͤber⸗ ſehen, daß unſere Waßertonnen faſt leer waren, und bald ſahen wir uns aufeine halbe Pinte taͤg⸗ lich fuͤrden Mann beſchraͤnkt. Um unſern Zuſtand noch unſeliger zu machen, wurde der Himmel verſengend heiß, und aller meiner Ermahnungen — 183— zum Troze, wußten die Leute in jeglicher Racht von dem uͤbriggebliebenen Waßervorrathe fuͤr ſich zu ſtehlen; endlich lagen wir von Wind⸗ ſtille befallen, und ohne einen Tropfen Trink⸗ waßer auf dem Meere. Doch alle meine aͤngſtlichſten Beſorgniße wurden von einer mich inniger betheiligenden Furcht aufgewogen. Meine geliebte Prin⸗ zeßin erkrankte am Fieber; die an alle Lebens⸗ uͤppigkeiten unter einem ſchoͤnen Himmel ge⸗ woͤhnte, konnte das enge Verſchloßenſeyn in einem Schiffe unter tropiſcher Sonnengluth nicht ertragen. Ungeachtet aller meiner Sorg⸗ falt und aͤngſtlichen Pflege, verſchied ſie am dritten Tage nach dem Fieberanfalle in meinen Armen, ſegnete mich fuͤr meine hingebende Zaͤrtlichkeit und Liebe und bedauerte, von die⸗ ſer Welt ſchon abgerufen zu werden, nun ſie kaum erkannt hatte, daß ein Gegenſtand in derſelben werth ſey, fuͤr ihn zu leben. Ich warf mich auf——— 1 15 ſchien der Renegat tief erſchüttert; er bedeckte ſein Geſicht mit dem weiten Ärmel ſei⸗ nes unterkleides und ſaß ſchweigend da. — 184— „Bei Gott und dem Propheten! dieſe Fran⸗ ken ſind große Narren in Bezug auf die Frauen,“ bemerkte der Paſcha dem Muſtapha.„Inzwi⸗ ſchen muß ich doch bekennen, daß dieſe Prin⸗ zeßin mir beßer gefaͤllt, als die Ceriſe, und daß ich ihren Tod bedaure. Nun komm Hucka⸗ back, erzaͤhle weiter. Wo warfſt Du Dich hin?“ Auf ihren Leichnam, fuhr der Renegat ſchmerz⸗ lich fort, viele Stunden blieb ich ſo liegen. Endlich erhob ich mich in einem Wahnſinne, der mir Tod oder Leben gleichguͤltig machte. Auf dem Verdeck fand ich meine Mannſchaft durch die Todesqual des Durſtes faſt in den naͤmlichen Zuſtand verſezt; ich aber verſpottete ſie, zeigte hohnlachend auf die endloſe Flaͤche ſpiegelglatten Waßers, die ſo weit das Auge reichte nicht vom leiſeſten Windhauche gekraͤu⸗ ſelt wurde, und ſchlug meine Augen trozig zur Sonne auf, die ihre Strahlen von Licht und gluͤhender Waͤrme niederſchoß, als wolle ſie uns in ihrer Allgewalt verzehren. Ich dachte nur an einen Gegenſtand, hatte nur den ein⸗ zigen Wunſch, mit meiner angebeteten Prin⸗ zeßin wieder vereinigt zu werden. Ploͤzlich erinnerte ich mich an meine Flaſchen — 185— goldenen Waßers, die ich bis dahin gänzlich vergeßen hatte; ich eilte zur Kajuͤte hinab, mit dem feſten Vorſaze, mich zu berauſchen, um dieſe Welt der Taͤuſchungen und unverwirklich⸗ ten Hoffnungen zu verlaßen. Als beſorgte ich, daß der Geiſt meiner Geliebten ſchon ſo weit in die geſegneten Reiche der Himmelsraͤume gerei⸗ ſet waͤre, daß ich nicht im Stande ſeyn moͤgte, ſie zu erblicken, ſobald ich die Laſt meines irdiſchen Koͤrpers abgeworfen und die Freiheit gewonnen haͤtte ihr zu folgen, griff ich eifervoll nach einer Flaſche, ſchuͤttete mit ſehnſuͤchtig zit⸗ ternder Hand das Waßer in ein Glas, und leerte dies. Haſtig wollte ich es wieder an⸗ fuͤllen, als der gurgelnde Ton zu den Ohren meiner Mannſchaft drang, die, gleich ver⸗ ſchmachtenden Thieren, welche in der Wuͤſte das Plaͤtſchern einer Quelle vernehmen, in wildem Aufruhr herab in die Kajuͤte ſtuͤrzten, und ſo ſehr ich auch in ſie dringen mogte, mir genug zur Erfuͤllung meines Verlangens zu laßen, nicht nur die in Haͤnden habende Flaſche mir entrißen, ſondern auch alle andern die noch da waren; in wenigen Augenblicken waren dieſe geleert, lachend und jubelnd kehrten die Matroſen auf das Verdeck zuruͤck. — 186— Das Waßer, welches ich getrunken hatte, brachte eine gute Wirkung hervor; es ſtumpfte die Gefuͤhle meines Herzens fuͤr den Augen⸗ blick ab und ich verſank in eine ſtoiſche Unem⸗ pfindlichkeit, die mehre Stunden dauerte. Dann ging ich auf's Verdeck und fand hier meine ganze Mannſchaft in blaue Chalcedone ver⸗ wandelt; nicht einer war am Leben geblieben. Auch der Himmel hatte ſich veraͤndert; Wolken verdunkelten die Sonne, der Wind ſprang auf und von Zeit zu Zeit heulte ſchauerlich ein Luftzug in den Takelleinen; Voͤgel kreiſchten auf ihren Fittigen ſchwebend, und des ſchwar⸗ zen Horizontes Waßerſtreif war mit einem ſchmalen Schaumrande eingefaßt. Donner roll⸗ ten in der Ferne, ein Kampf der Elemente ſtand augenſcheinlich bevor. Die Segel waren geſezt; ohne Beiſtand vermogte ich ſie nicht einzuziehen; doch mein Loos war mir ganz gleichguͤltig. Jezt zackten die Blize in allen Richtungen am Himmel und große Regen⸗ tropfen fielen praßelnd auf das Verdeck. Das Verlangen nach Leben kehrte zugleich mit den Mitteln zu deßen Erhaltung zuruͤck; ich brei⸗ tete die Vorrathſegel aus, um das Regenwaßer aufzufangen; ſtromweiſe goß dieſes herab, und „ — 187— ſo wie das Schiff dem Stoße der Winde ge⸗ horchend bis zu ſeinem Rande uͤberneigte, fuͤllte ich meine leeren Waßertonnen. Bis ich dieſe Arbeit vollendet hatte, dachte ich an nichts anderes. Achtlos ſchritt ich uͤber die verſteiner⸗ ten Leichen meiner Matroſen hin; die Segel wurden von den Raen gepeiſcht; die Raen ſelber wurden herabgebrochen; die Topmaſte ſtuͤrzten uͤber Bord, das Schiff flog durch das kochende Wogengetoſe; das Alles bekuͤmmerte mich nicht; ich fuͤllte meine Tonnen mit Waßer an. Doch mit der Beendigung meiner Arbeit erlitt mein Gemuͤth eine Gegenwirkung; ich erinnerte mich an meinen ungeheuern Ver⸗ luſt. Nun ſtieg ich hinab in die Kajüte; da lag ſie in ihrer ganzen Schoͤnheit; ich kuͤßte die kalten Wangen, ich umhuͤllte das angebetete Goͤtkerbild, trug es auf's Verdeck und verſenkte es in die Fluth; als es unter den brauſenden Wogen verſchwand, ergriff mich ein Gefuͤhl, als habe mein Herz die Bande zerſprengt, welche es in meiner Bruſt feſthielten, und ſey ihr nachgeſprungen in die wild tobende Fluth, um ſich mit ihr zu vereinigen. Von der Angſt meiner Empfindungen erſchoͤpft, ſank ich ohn⸗ — 188— maͤchtig nieder; wie lange ich ſo gelegen habe, kann ich nicht genau angeben; nur weiß ich, daß es faſt dunkel war, als ich meine Beſin⸗ nung verlor, und bei hellem Tageslichte wieder zu mir kam. Das Schiff flog immer noch vor dem brauſenden Sturme hin, der in unauf⸗ haltſamer Wuth heulte; die zerfezten Über⸗ bleibſel von Segeln wurden von den untern Raen hinaus als ſo viele Streifen und Wim⸗ pel fortgeflattert, und die Truͤmmer der Top⸗ maſte wurden immer noch an den im Schiffe befeſtigten Tauen haͤngend zur Seite deßelben durch die ſchaͤumenden Fluthen mit fortgerißen. — Die hart gewordenen Leichen meiner Ge⸗ faͤhrten lagen auf dem Verdeck umher, uͤber⸗ ſpuͤhlt vom Wellenſchlage, der eindrang, wenn das Schiff von einer Seite zur andern tief hinabrollte und ſeine Geſchuͤzlucken den Wogen hinhielt, gleichſam als bitte es um ihr Ein⸗ dringen. „Biſt Du denn, eben ſowohl als ich, Dei⸗ nes Daſeyns muͤde?“ redete ich das Schiff in Gedanken an.„Haſt Du endlich ausgefunden, daß ſo lange Du ſchwimmſt, nichts anders Dir be⸗ gegnet als Schwierigkeit und Gefahr? Daß Du nur in Deinen Hafen laͤufſt, um Deine — 1809— Arbeit auf's Neue zu beginnen, um wiederum ein beladenes Laſtthier zu werden? daß, wenn Du geloͤſcht biſt, Du dem leiſeſten Windzuge gehorchen, und wenn Du beladen wurdeſt, Du zum Vortheile Auderer ächzen und arbeiten mußt? Haſt—— „Heiliger Prophet! in meinem Leben hoͤrte ich noch nicht, daß die Leute mit ihren Schif⸗ fen ſpraͤchen, und ich kann das nicht ver⸗ ſtehen,“ unterbrach ihn der Paſcha——„Laß Du alles aus, was Du dem Schiffe geſagt haſt, und auch alles, was das Schiff Dir zur Erwie⸗ derung ſagte— und fahre Du in Deiner Er⸗ zaͤhlung fort.“ Der Sturm dauerte drei Tage und dann ſiel eben ſo ploͤzliche Windſtille ein. Auf dem Kom⸗ paß hatte ich geſehen, daß mein Lauf oͤſtlich geweſen war, und ich berechnete, daß ich nicht weit von den weſtlichen Inſeln entfernt ſeyn moͤgte. Bei dem Betrachten der Koͤrper meiner Matroſen ſtieg mir der Gedanke auf, daß dieſe als Kunſtwerke hohe Preiſe in Italien erlangen — 190— muͤßten, und ich ſezte mir vor, ſie als Hervor⸗ bringungen menſchlicher Haͤnde zu verkaufen. Weil ich keine andere Beſchaͤftigung hatte, trug ich vorraͤthige Planken aus dem Raume herauf und fertigte Packkiſten für ſaͤmmtliche Koͤrper an. Mit vieler Schwierigkeit gelang es mir, durch Anwendung von Zugrollenzeug die ge⸗ packten Kiſten hinab in den Raum zu ſchaffen; nur bei einer wich das Rollenzeug, die Kiſte ſtuͤrzte auf den Boden des Schiffes hinab und der darin befindliche Koͤrper zerbroͤckelte in Stuͤcke. Weil dieſer nun als Statue keinen Werth mehr hatte, zerbrach ich ihn ganz, um das Innere genauer zu unterſuchen, und kann Deiner Hoheit verſichern, es war im hoͤchſten Grade wunderbar zu betrachten, wie jeglicher Theil des menſchlichen Koͤrpers zu einem Stein verhaͤrtet war, deßen Farbe mit derjenigen uͤbereinſtimmte, welche im lebenden Zuſtande die ſeinige geweſen war. Das Herz war roth; bei meiner Ankunft in Italien ließ ich mir ver⸗ ſchiedene Siegel machen, und die Steinſchnei⸗ der, welche ſie gravirten, erklaͤrten den Stein fuͤr den ſchoͤnſten blutrothen Karniol. Noch jezt beſize ich ein Stuͤck des dunkelfarbigen Steines, der ehemals die Leber bildete. Er dient —— — — 194— mir zum Feuerſchlagen.— Es bewaͤhrte ſich ſpaͤter, daß ſaͤmmtliche Theile werthvoll wa⸗ ren, denn der Wechſel von Fett und Mager bildete eine Mannigfaltigkeit ſchoͤner Onyx und Sardonyr, welche ich ſehr vortheilhaft an Ka⸗ meengraveure verkaufte. Mehre Tage war ich mit dem Einpacken beſchaͤftigt, beſaß aber Le⸗ bensmittel und Waßer genug und bezweifelte gar nicht, daß irgend ein Schiff mich gewahren wuͤrde, bevor alles aufgezehrt ſey. So waren drei Wochen vergangen; eines Morgens, als ich auf das Verdeck ging, ge⸗ wahrte ich Land zu beiden Seiten. Sogleich erkannte ich den Fels von Gibraltar und die Straße durch welche ich trieb. Ein Spaniſches Kanonenboot von Algeſiras kam an meinen Bord, und nachdem ich erklaͤrt hatte, meine ganze Mannſchaft ſey vor zwei Monaten am gelben Fieber geſtorben, wurde ich in den Außenhafen bugſirt, unter Quarantaine ge⸗ ſtellt und erhielt nach Ablauf dieſer die Erlaub⸗ niß, mein Schiff äuszuruͤſten und mir Matro⸗ ſen anzunehmen. Dies vermogte ich dadurch zu bewerkſtelligen, daß ich zwei der Flaſchen verkaufte, in welchen das Waßer geweſen und die gleich allen andern Geraͤthſchaften auf je⸗ — 192— ner Inſel aus reinem Golde gefertigt wa⸗ ren. Ich achtete es nicht rathſam, nach Livorno zu ſegeln, wo nicht nur das Schiff erkannt und wo die Wittwe des Kaptains mir einige Ungelegenheit verurſacht, ſondern in den Sta⸗ tuen auch die im Fahrzeuge abgeſegelten Ma⸗ troſen ausgefunden werden moͤgten, welches dann zur Folge gehabt haͤtte, daß die Inqui⸗ ſition mich als Zauberer verbrennen wuͤrde. Deshalb richtete ich meinen Lauf nach Neapel, wo ich gluͤcklich einlief. Nachdem ich meine ver⸗ wandelte Schiffsmannſchaft ausgeſchifft hatte, miethete ich ein weitlaͤuſiges Gemach, um ſie darin auszuſtellen und erwartete eine betraͤcht⸗ liche Summe dafuͤr zu loͤſen; weil ich aber des Kuͤnſtlers Namen nicht anzugeben ver⸗ mogte und weil den Geſtalten jene Grazie fehlte, welche die Italiener bewundern, ſo blieben ſie in meinen Haͤnden, man warf ihnen ſogar fehlerhafte Ausfuͤhrung vor. Zwei der am mindeſten abſchreckenden verkaufte ich einem Edelmann aus Sicilien, von dem ich hoͤrte, daß er ein großes Landgut beſaß, welches er mit lauter Ungethuͤmen auszierte; dann aber faßte ich auch den Entſchluß, die andern Sta⸗ — 193— tuen zu zerbrechen, wozu mich der Umſtand vermogte, daß ich die Bruchſtuͤcke des einen auf dem Schiffe zerbroͤckelten Bildes zu ſehr hohen Preiſen verkauft hatte. Dies geſchah nun auch ganz nach meinem Wunſche; fuͤr die Bruch⸗ ſtuͤcke belam ich mehr Geld eingezahlt, als ich für die ganzen Standbilder gefordert hatte.— Die uͤbrigen goldenen Flaſchen verſchafften mir auch noch eine ſehr betraͤchtliche Summe; ich brachte ſie einzeln und eine nach der andern zum Vorſchein und verkaufte ſie an Engliſche Alterthums⸗Sammler als Gegenſtaͤnde die von den Arbeitsleuten bei den Nachgrabungen in den Truͤmmern von Pompeji geſtohlen waͤren. Nun beſaß ich Geld in Menge und beſchloß nach meiner Vaterſtadt zuruͤckzukehren. Sobald ſich eine Gelegenheit mir darbot, ſchiffte ich mich ein und gelangte gluͤcklich nach Marſeille. ½ 1¹ „Erfuͤllteſt Du das Verſprechen, welches Du dem Jtalieniſchen Schiffskaptain gegeben hat⸗ teſt, fuͤnfhundert Meßen fuͤr ſein Seelenheil leſen zu laßen?“ fragte Muſtapha. „So wahr ich die ewige Seligkeit wuͤnſche, ich habe bis zu dieſem Augenblicke nicht wieder II. 13 — 194— daran gedacht,“ erwiederte der Renegat, und ſezte dann hinzu: „Erlauchte Hoheit, dieſe waren die Aben⸗ theuer meiner fuͤnften Reiſe, und ich hoffe, die Erzaͤhlung derſelben wird Dir einiges Ver⸗ gnuͤgen gewaͤhrt haben.“ „Ja,“ ſprach der Paſcha ſich erhebend— „das war noch etwas, das einer Reiſe aͤhnlich ſah. Muſtapha gib ihm dreißig Goldſtuͤcke. Huckaback Deine ſechſte Reiſe wollen wir mor⸗ gen anhoͤren,“ mit dieſen Worten trat der Pa⸗ ſcha hinter den Vorhang und begab ſich wie ge⸗ woͤhnlich zu den Gemaͤchern ſeiner Frauen. „Sag mir Selim, war an der Geſchichte mit der Prinzeßin was wahres? Anfangs hielt ich ſie durchaus fuͤr eine Erfindung, doch als Du weinteſt.——“ 3 „Das geſchah nur um Wirkung hervorzu⸗ bringen“ antwortete der Renegat—“ wenn ich durch meine Geſchichte in Waͤrme gerathe, ſo ſteigere ich meine Spannung manchmal zu einem Grade, der mich faſt an das glauben macht was ich erzaͤhle.“ „Heiliger Prophet! welch ein Talent!“ er⸗ wiederte Muſtapha—“ welch einen vortrefflichen Premier⸗Miniſter haͤtteſt Du in Deinem eigenen — 495— Lande abgegeben! Hier iſt Dein Geld; wird Deine naͤchſte Reiſe eben ſo gut ſeyn!“ „Auf jeden Fall will ich's verſuchen, weil ich doch finde daß die Hauptſache das Ka⸗ pital, mit den Intereßen zunimmt,“ ſagte der Renegat, und klimperte mit den Zechinen in ſeiner Hand.“ Au revoir, wie wir in Frank⸗ reich ſagen.— Damit verließ er den Divan. „Allah! welch' ein Talent!“ murmelte der Vezir vor ſich hin, als der Renegat verſchwand. — 196— Sechstes Kapitel. Am folgenden Tage, ſobald die gewoͤhnlichen Geſchaͤfte abgemacht waren, wurde der Rene⸗ gat gerufen welcher, nachdem er ſeinen Siz ein⸗ genommen hatte, die Erzaͤhlung ſeiner ſechſten Reiſe begann. Huckaback's lechste Reile. Es war mein Vorſaz, erlauchte Hoheit, nach ſo mancherlei ſonderbaren Abentheuren und nach ſo haarſcharfem Entrinnen aus Ge⸗ fahren, ruhig am Lande zu bleiben; nun fand ich Frankreich aber ſo geaͤndert, daß mein ei⸗ 1 — 3 — 197— genes Vaterland mich anekelte. Alle Verhaͤlt⸗ niße und Dinge waren uͤber den Haufen ge⸗ worfen und umgekehrt;— die Adligen, die Reichen, die Talentbegabten waren entweder ermordet, oder lebten in ſchmachtender Armuth in andern Laͤndern, waͤhrend die niedern Klaſ⸗ ſen ſich ihre Rechte angemaßt hatten, und das Land beherrſchten. Was mich aber ſofort zu dem Entſchluße brachte, wieder zur See zu gehen, war die fortwaͤhrende Anforderung neuer Aushebungen, um die republikaniſchen Heere zu rekrutiren, wodurch ich die Überzer⸗ gung gewann, daß man mich nicht lange in Ruhe laßen wuͤrde. Aus zwei Übeln waͤhlte ich mir, was ich fuͤr das Kleinſte hielt, und viel lieber als im Feſtungsgraben am Lande ſterben, wollte ich die Gefahren noch einmal beſtehen, womit die Fluthen mich bedrohen koͤnnten. 1 Ich kaufte ein großes Schiff und ruͤſtete daßelbe zu einer Spekulationsreiſe nach Lima, in Suͤd⸗ Amerika aus. Weil aber die Meere von Eng⸗ liſchen Kreuzern durchſchwaͤrmt wurden, ſo wollte ich mich mindeſtens nicht durch ein Schiff geringer Streitkraft nehmen laßen, brachte zwoͤlf Geſchuͤze an meinen Bord, und vermehrte 8 — 198— meine Matroſenzahl auf vierzig Mann. Gluͤck⸗ lich entkamen wir durch die Straße von Gi⸗ braltar und ſteuerten ſodann unſern Lauf nach Cap⸗Horn, der ſuͤdlichſten Spize von Amerika. Uns begegnete nichts bemerkenswerthes bis wir in die Naͤhe des Landes kamen, wo ein hefti⸗ ger Gegenwind aufſprang, den wir lange fruchtlos zu bekaͤmpfen ſuchten, bis der Sturm uns die meiſten unſerer Segel fortriß und uns endlich zwang, das hohe Meer in ſuͤdlicher und oͤſtlicher Richtung zu ſuchen. Durch die Arbeit auf dem Schiffe und das fortgeſezte Preßen deßelben gegen den Wind, waren ſo viele Lecke in unſere Verdecke ge⸗ ſprungen, daß das Waßer durch alle Theile des Schiffes hinlief. Dadurch verdarb ein gro⸗ ßer Theil unſeres Mundvorrathes, ganz be⸗ ſonders unſer Zwieback, den wir uͤber Bord zu werfen genoͤthigt waren; unſere Rationen mußten deshalb in ſehr geringen Quantitaͤten ausgetheilt werden. Da uns keine Hoffnung blieb, Lima mit den Lebensmitteln erreichen zu koͤnnen, die wir noch hatten, ſo beſchloß ich nach der naͤchſten Inſel zu ſteuern, auf welcher ich friſche Vorraͤthe einnehmen koͤnnte und von da ſpaͤter meinen Verſuch zu erneuen, das Cap — 199— zu umſchiffen. Ich wußte nicht recht wohin ich mich wenden ſollte; doch nachdem wir vierzehn Tage hindurch oͤſtlichen Lauf eingehalten hat⸗ ten, entdeckten wir Land auf der Leeſeite, welches ich geneigt war fuͤr die unbewohnte Inſel Neu⸗Georgien zu halten; doch als wir uns naheten, glaubten wir Menſchen am Strande zu gewahren, und in einer Entfernung von fuͤnf Meilen erkannten wir ganz deutlich Sol⸗ daten in ihren Uniformen und in Reih' und Glied aufgeſtellt. Die Farbe ihrer Roͤcke ließ ſich durch das Fernrohr nicht erkennen, dage⸗ gen ſah man deutlich, daß ſie gelbe Aufſchlaͤge hatten, aus welchem Umſtande ich folgerte, ſie waͤren Englaͤnder, unſere Feinde.„Peste,“ dachte ich,„iſt's denn moͤglich, daß dieſe an⸗ ſichraffenden Inſulaner hier eine Niederlaßung begruͤndet haben? Wohin werden ſie nun noch gehen?“. Die Trupps ſchienen zwanzig bis vier und zwanzig Mann ſtark; manchmal ſtanden ſie ganz ſtill; dann marſchirten ſie wieder kurze Strecken am Strande, ſtets aber bewahrten ſie ihre Stellung in Reih' und Glied; weil ich nicht unterſcheiden konnte, daß ſie Muske⸗ ten trugen, vermuthete ich, daß ſie nur ein⸗ — 200— fache Marſchuͤbungen anſtellten. Haͤuſer oder Befeſtigungswerke waren gar nicht zu ſehen; ich beſchloß mein Schiff naͤher heranzufahren, um ihre Bewegungen genauer zu beobachten. Dies geſchah, und als ich mich der Inſel bis auf zwei Meilen genaͤhert haben mogte, legte hich wieder bei, nahm mein Fernrohr vor's Auge und gewahrte zu meinem Staunen, daß ein ganzes Regiment von ihnen in die Bran⸗ dung lief und außerhalb derſelben im offnen Meere als Seevoͤgel erſchien, die beliebig um⸗ herſchwammen und untertauchten. Jezt begann ich zu glauben, dies ſey eine bezauberte Inſel, und weil ich die Lehre des goldenen Spring⸗ quells nicht vergeßen hatte, ſezte ich alle Segel bei und bald war das Eyland weit hinter mir. 3 Ich halte es angemeßen Deiner Hoheit zu ſagen, daß ich dieſen Umſtand einem Englaͤnder erzaͤhlte, der mit dem Spermaceti⸗Wallroß⸗ Fang beſchaͤftigt geweſen war; dieſer verſicherte mich, ſie waͤren wirkliche Voͤgel und wuͤrden Patagoniſche Penguine genannt; ſchon manchen Seefahrer haͤtten ſie durch ihr kriegeriſches Aus⸗ ſehen getaͤuſcht. Nach ſeiner Ausſage ſollten ſie keine Fluͤgel, ſondern nur Schwingklappen ——— —-— 201— beſizen; wenn ſie am Lande waͤren, ſtaͤnden ſie unabaͤnderlich aufrecht, wie Soldaten im Gliede; in dieſer Stellung waͤren ſie drei bis vier Fuß hoch, und haͤtten zwei breite gelbe Streifen zu beiden Seiten ihres Halſes.— In wie weit dieſe Angaben gegruͤndet waren, ver⸗ mag ich nicht zu beſtimmen, denn die Leute ſeiner Nation, welche das Cap umſchifft ſind, achten ſich voͤllig berechtigt, jede Unwahrheit zu erzaͤhlen, welche ihnen einfaͤllt, und jeden todt zu ſchießen, der es wagt, einen Zweifel gegen ihre Glaubwuͤrdigkeit auszuſprechen; einer meiner Hauptbeweggruͤnde zum Haße der Eng⸗ laͤnder iſt der, daß ſie ſo abſcheuliche Luͤgner ſind. Von jezt an ſteuerten wir mehr ſuͤdlich und entdeckten am dritten Tage eine andere kleine Inſel, die den Anſchein zeigte, trefflich bewal⸗ det zu ſeyn. Wir legten windwaͤrts vom Eilande bei, weil wir keine Bewohner ſa⸗ hen, ſezte ich ein Boot aus und ſchickte den erſten Steuermann an's Land, um Kunde ein⸗ zuziehen. Nach einer Stunde kam der zuruͤck und berichtete mir, die Inſel ſey mit Kokos⸗ nuß⸗Baͤumen voller Fruͤchte beſezt, auch habe er einige wilde Schweine angetroffen, aber — 202— keine Spur von menſchlichen Bewohnern; eben ſo wenig haͤtte er einen Ankerplaz aufzufinden vermogt, die Kuͤſte ſteige ſenkrecht gleich einer Mauer aus dem Ozean herauf. Nun fuhren wir um die Inſel zu deren Leeſeite hin und erkannten, daß hier ein von der Kuͤſte ausge⸗ hendes Korallenriff ſich faſt zwei Meilen in das Meer erſtreckte. Wir ſezten noch einmal Boͤte aus; nach einiger Ztit kehrte der Steuer⸗ mann mit dem Berichte zuruͤck, daß er mitten im Riff eine Durchfahrt entdeckt habe, die reich⸗ lich mit Waßer verſehen, das Schiff zu einer kleinen Bucht durchlaßen wuͤrde, in welcher es vollkommen geſichert ankern koͤnne. Noch vor Einbruch der Nacht hatten wir den Anker⸗ plaz gewonnen und rollten unſere Segel ein. Ann folgenden Morgen begab ich mich an's Land, um die Inſel zu unterſuchen; wir fan⸗ den einige friſche Quellen, Kokosnuͤße und andere Fruchtbaͤume im Überfluß und ſtießen zuweilen auf Rudel wilder Schweine, die außer Voͤgel die einzigen auf der Inſel leben⸗ den Thiere zu ſeyn ſchienen. Sehr zufrieden damit, eine Gelegenheit aufgefunden zu haben, um mein Schiff wieder mit Mundvorrath zu verſehen, loͤſete ich meine Segel ab, nahm — 203— die Topmaſte herunter, ſchlang die bewegliche Takelung ein und machte jede andere Vorbe⸗ reitung zu langem Verweilen. Abtheilungen meiner Mannſchaft ſchickte ich an das Land, um Zelte aufzurichten und wilde Schweine zu ſchießen, waͤhrend ich ſelber das Aufſtellen ku⸗ pferner Pfannen an der Kuͤſte leitete, um uns Salz aus dem Seewaßer zu kochen, welches wir bedurften, um unſere Fleiſchvorraͤthe ein⸗ poͤkeln zu koͤnnen. Auch hieb ich ſeichte Pfan⸗ nen im Fels dicht am Waßerrande aus, um ſo viel Salz als moͤglich durch Verdunſtung zu gewinnen. Alles dies geſchah im Laufe des Tages, der groͤßere Theil meiner Mannſchaft kam an's Land um in den Zelten zu ſchlafen. Im Verlauf dreier Tage hatten wir ſchon mehre Faͤßer voll Schweinefleiſch eingeſalzen und einen betraͤchtlichen Vorrath von Kokos⸗ nuͤßen geſammelt. Am vierten Morgen vernahm ich zankenden Wortwechſel meiner Leute; einige ſchworen, daß ſie nicht bleiben wollten, und daß das Schiff augenblicklich in See ſtechen muͤße. Ver⸗ wundert uͤber dieſe Außerungen, nachdem die Matroſen ſich vorher hoͤchſt erfreut uͤber ihren dortigen Aufenthalt gezeigt hatten, erkundigte — 204— ich mich nach dem Anlaße. Ihre Antwort war, daß Zauberei auf der Inſel waͤre, und als ich ihre Erklaͤrung verlangte, fuͤhrten ſie mich zu den Salzpfannen, die wir bei unſerer Ankunft kaum einen Fußbreit vom Waßerrande in den Fels gehauen hatten, und die jezt neun bis zehn Fuß weiter zuruͤck vom Ufer waren. Ich muß geſtehen, daß dieſer mir ganz unerklaͤr⸗ liche Umſtand mich hoͤchlich uͤberraſchte; in⸗ zwiſchen war ich gar nicht geneigt, die Inſel zu verlaßen bevor ich die noͤthigen Mundvor⸗ raͤthe eingenommen haͤtte. Ich ſagte den Ma⸗ troſen, daß, wiewohl ich nicht im Stande ſey, eine ſo befremdliche Erſcheinung zu erklaͤ⸗ ren, wir doch bis jezt nichts Geiſterhaf⸗ tes geſehen noch gehoͤrt haͤtten, und daß wir ganz unausbleiblich verhungern muͤßten, wenn wir ohne Mundvorrath in See gingen, deß⸗ halb wuͤrde es beßer ſeyn, hier zu bleiben, bis wir uns gehoͤrig damit verſehen haͤtten; auch bemerkte ich ihnen, es waͤre ja eben ſo gut moͤglich, daß das Waßer zuruͤckgetreten, als daß die Inſel vorwaͤrts geruͤckt ſey. Dieſe lezte Bemerkung ſchien ſie zu beruhigen, ob⸗ gleich ich waͤhrend ich ſie ausſprach, ihre Un⸗ richtigkeit vollkommen einſah, weil die uͤber — 205— Waßer befindlichen Felſen in der Naͤhe der Bucht nicht hoͤher aus demſelben hervorragten, als ſie vorher gethan hatten. Noch vierzehn Tage blieben wir, waͤhrend welcher die naͤmliche Naturerſcheinung fort⸗ dauerte; mit jedem Tage ſahen wir unſere Abdampfungs⸗ und Kochpfannen weiter von der Hafenbucht entfernt. Als die Matroſen zulezt ebenfalls bemerkten, daß die Felſen deß⸗ halb um Nichts hoͤher aus dem Waßer her⸗ vorragten, geriethen ſie auf's Neue in Furcht und brachen in offene Meuterei aus.— Jezt hatte ich Fleiſch genug eingepoͤckelt und wei⸗ gerte die Abfahrt nicht laͤnger; ich muß ſog r geſtehen, daß ich durch dieſe ganz uͤbernatuͤr⸗ lichen Erſcheinungen nicht wenig beunruhigt war.— Wir nahmen unſere Zelte ab, brach⸗ ten alles wieder an Bord, ſpannten die Take⸗ lung, knuͤpften die Segel an und bereiteten uns zur Abfahrt vor. Bald nachdem wir wieder am Bord waren, fiel mir zufaͤllig die Leine des Senkblei in's Auge, welche von den Hauptketten herabhing, und, wie ich bemerkte, ſchlaff lag; ich ſtraffte ſie an und fand zu meinem Erſtaunen, daß wir anſtatt fuͤnf Faden Waßer, in welchen wir Anker warfen, jezt nur drei Faden hatten. — 206— Aunfangs ſtieg mir der Gedanke auf es moͤgte dieſes Eyland eben ſo eine ſchwimmende In⸗ ſel ſeyn, als ich fruͤher beſchrieben habe, und daß ſie ſich allmaͤhlich mehr aus der Tiefe ge⸗ hoben habe; doch genuͤgte mir dieſe Meinung nicht. Ich warf das Senkblei mit der Leine ins Boot, ſtieß ab, unterſuchte in verſchiedener Richtung und hatte die Kraͤnkung zu finden, daß die Durchfahrt welche unſer Schiff herein⸗ ließ, jezt nicht Waßer genug enthielt um ſel⸗ biges wieder hinauszufahren, wollten wir auch ſeine ganze Ladung loͤſchen. Bald entdeckte ich nun auch die Urſache dieſes anſcheinenden Ge⸗ heimnißes; denn als ich weiter am Riffe hin⸗ fuhr, ſah ich ganze Baͤume und gediegene Maßen von Korallen die bis zum Waßerſpiegel em⸗ vor geſprungen, an Stellen ſich zeigten von denen ich mit Gewißheit wußte, daß ſie mehre Faden Waßertiefe hielten als wir einfuhren. Oft hatte ich ſchon gehoͤrt, daß die Inſeln in dieſen Meeren aus Korallen gebildet wuͤrden, doch hatte ich keine Ahnung von der außeror⸗ dentlichen Geſchwindigkeit gehabt in welcher dieſe ſich ausbreiten und zunehmen. Deine Hoheit muß verſtehen, daß alle Zoo⸗ phiten oder Thier⸗Pflanzen aus kleinen Inſek⸗ ten beſtehen die in der Zahl vieler Millionen unter dem Waßer fortarbeiten bis ſie zu deßen Oberflaͤche ſich erheben.— Das naͤmliche ge⸗ ſchah hier, durch die Arbeit der allerkleinſten Thierchen in der Schoͤpfung, war mein Schiff in der kurzen Zeit von drei Wochen dermaßen feſtgeſchloßen, daß keine Hoffnung zum Heraus⸗ kommen uͤbrig blieb. Ich kehrte zum Schiffe zuruͤck und erklaͤrte den Matroſen die wirkliche Urſache der an⸗ ſcheinend uͤbernatuͤrlichen Dinge die wir hier angeſehen hatten. Befriedigt durch die Richtig⸗ keit meiner Erlaͤuterungen ſchienen ſie wenig Kummer daruͤber zu empfinden, daß ſie gezwun⸗ gen ſeyn ſollten auf einer Inſel zu bleiben, welche ihnen Mittel zu ſo behaglichem Leben darbot.— Weil wir fuͤr das Schiff nichts thun konnten, begaben wir uns wieder an das Land, ſchlugen unſere Zelte abermals auf und erwar⸗ teten mit Ruhe den Augenblick, in welchem uns ein Schiff aufnehmen koͤnnte, welches viel⸗ leicht in dieſe Himmelsgegend kaͤme. Nach vierzehn Tagen ſtieß das Schiff bereits auf den Grund und die Inſel fuhr in ihrem raſchen Wachsthum ſo unaufhaltſam fort, daß nach zwei Monaten das große Fahrzeug, hoch — — 208— uͤber dem Waßer faſt eine halbe Meile von der Meeresbucht auf dem Trocknen lag. Die Ve⸗ getation ſchien eben ſo regelmaͤßig und ſchnell zuzunehmen als die Inſel ſich vergroͤßerte; nach der Regenzeit waren die Baͤume ſo dicht em⸗ porgeſproßen und ſchon ſo hoch gewachſen, daß das Schiff im großen Walde verborgen lag und man deßen untere Maſte nur eben ober⸗ halb der Äſte erblickte. Eine Zeit lang lebte meine Mannſchaft ganz zufrieden; wir hatten, Vor⸗ raͤthe von Beduͤrfnißen in Menge am Bord; meine Ladung beſtand vornaͤmlich in Manu⸗ faktur⸗Waaren und weil die Inſel friſches Fleiſch, Fiſche, Fruͤchte und Waßer hervorbrachte ſo mangelte uns nichts. Matroſen ſind aber der⸗ maßen veraͤnderlich und unruhig, daß ich im vollen Ernſte glaube, das Paradies ſelber koͤnnte ſie ermuͤden. Nach einem Aufenthalte von neun Monaten, waͤhrend welchen ſie ein Leben ge⸗ fuͤhrt hatten das wahrſcheinlich beßer geweſen war als es ihnen je zuvor geboten wurde, be⸗ gannen ſie zu murren, und ſprachen davon ſich auf irgend eine Weiſe von der Inſel zu entfernen Meine Ladung war ſehr werthvoll, und ich hoffte immer noch, daß ein Schiff in die Naͤhe der Inſel kommen und uns an Bord nehmen — 209— wuͤrde; deshalb ſuchte ich dagegen vorzuſtellen, was ich mir auszudenken vermogte und wollte ſie uͤberreden, noch etwas laͤnger zu warten; doch ſie wollten nicht mehr auf mich hoͤren und trafen Vorbereitungen, ſich auf der Wetterſeite der Inſel ein Fahrzeug aus den Materialien zu erbauen, welche mein Schiff darbot. Die Wetterſeite waͤhlten ſie deshalb zu ihrer Aus⸗ fuͤhrung, weil wir gewahrten, daß die Inſel nur an ihrer Leeſeite ſich vergroͤßere und an⸗ ſeze, waͤhrend ſie auf der Windſeite aus einem ſenkrechten Korallenfels beſtand, deßen Fuß mit dem Senkblei an einer Leine von zwei hundert Faden, nicht zu ergruͤnden war. Schon hatten ſie ſich eine Art von Hafenwerft im Felſen ausgebrochen, und waren damit beſchaͤf⸗ tigt, die Bolzen und eiſernen Klammern in dem Schiffe los zu machen, welches jezt im Walde lag, als wir eines Abends eine ganze Flotte von Kanoen ankommen ſahen. Weil ich wußte, daß wir nicht ſehr fern von den Sand⸗ wich⸗Inſeln ſeyn koͤnnten erklaͤrte ich ſogleich, daß ſie dorther kommen mußten und hatte rich⸗ tig vermuthet; denn wiewohl unſere Inſel nicht bewohnt war„ kannten jene Inſulaner ſie doch ſchon lange Zeit und kamen alljaͤhrlich hier, II. 14 um die auf ihr hervorgel rachten Kokos⸗Nuͤße einzuſammeln. Ich rieth meinen Leuten an„ruhig im Walde zu bleiben, unſere Zelte und alles uͤbrige vom Ufer zu entfernen, um ihnen keinen Argwohn uͤber unſern Aufenthalt auf der In⸗ ſel zu erregen; die Matroſen waren aber ent⸗ gegengeſezter Anſicht, und ſeitdem ſie vor kurzer Zeit die Entdeckung gemacht hatten, den Toddy von den Kokosnuß⸗Baͤumen einzuſammeln und Arrack daraus abzuziehen, waren ſie immer⸗ waͤhrend im Zuſtande der Trunkenheit, Meu⸗ terei und Geringſchaͤzung meines Anſehens ge⸗ weſen. Sie glaubten, es werde ihnen viel be⸗ quemer ſeyn, den Inſulanern ihre großen Kanoe abzunehmen, und ſie zu ihrem eigenen Ge⸗ brauche zu verwenden, als ſich ein Fahrzeug zu bauen, und ungeachtet aller meiner bitten⸗ den Gegenrede beſtanden ſie auf ihrem Vorſaze, dieſen Verſuch machen zu wollen. Als die Kanoe herankamen, zaͤhlten wir de⸗ ren vierzehn und alle ſehr betraͤchtlichen Um⸗ fanges; durch meinen Teleskop gewahrte ich zwiſchen fuͤnfzig und ſechzig Menſchen, Maͤn⸗ ner und Weiber in jedem Kanoe. Dies ſagte ich den Matroſen und zugleich, daß mir in keinem Kanoe mehr als zehn Franen zu ſeyn — 211— ſchienen, ſo daß die Zahl der Maͤnner ſieben hundert betragen muͤße, eine viel zu erdruͤckende Überzahl, um im geringſten auf die Moglich⸗ keit des Erfolges ihres vermeßenen Anſchlages hoffen zu duͤrfen. Dadurch that ich aber mehr Schaden, als Gutes; die Erwaͤhnung der Frauen ſchien ſie mit neuem Eifer zu beleben; ſie thaten das Geluͤbde, ſaͤmmtliche Maͤnner zu toͤdten, alsdann aber zufrieden mit den Wei⸗ bern auf der Inſel zu bleiben. Sie bewaffneten ſich mit Musketen und zogen ſich bei der An⸗ naͤherung der Kanoe unter die Baͤume zuruͤck, aus Beſorgniß, daß die Inſulaner nicht landen moͤgten, wenn ſie ſich ihnen zeigten. Die Ka⸗ noe ſtachen zwiſchen die Korallenriffe und in we⸗ nigen Minuten waren ſaͤmmtliche Inſulaner am Lande; ſie achteten es nicht noͤthig, außer den Weibern noch Andere zur Bewachung der Kanoe zuruͤck zu laßen, denn das Waßer war ſo ruhig wie in einem Fiſchteiche. Die Vorkehrungen meiner Leute waren aller⸗ dings ſehr gut getroffen; ſie geſtatteten den Inſulanern die Zeit zu unſern Zelten hinauf zu gehen, die jezt ſchon mehr als eine Meile vom Strande aufgeſchlagen ſtanden; ſodann gingen ſie unter dem dichten Baumſchlage ver⸗ — 212— borgen bis zur Bucht hinab, ſtuͤrzten in die Kanoe, ſezten in jedes derſelben einen Matro⸗ ſen mit einer Muskete und mit der noͤthigen Munition verſehen, ſchoben ab und befeſtigten die Fahrkaͤhne etwa zwei hundert Klafter weiter hinaus am Korallenriffe. Das Gekreiſch der Weiber und das Abſchieben ihrer Kanoe brachte die Maͤnner in Aufruhr, welche zur Kuͤſte herab eilten, um zu ſehen, was hier vorginge. Sobald ſie in die Schußweite kamen, feuerten die fuͤnf und zwanzig am Lande gebliebenen Matroſen aus dem Walde eine Salve ihres Gewehrs ab, welche eine große Anzahl der Inſulaner toͤdtete und verwundete. Sie zogen ſich Anfangs in Verwirrung zuruͤck, ſtießen dann lauten Schlacht⸗ ruf aus und drangen vor. Eine zweite Salve ward auf ſie abgefeuert, ſie zogen ſich noch einmal zuruͤck, trugen ihre Todten und Ver⸗ wundeten davon. Nun hielten ſie eine Bera⸗ thung, welche damit endete, daß ſie ſich in zwei Theile ſonderten, von denen einer den andern verließ, um den im Walde verſteckten Feind auf verſchiedenen Punkten anzugreifen. Inzwiſchen waren mehre Weiber uͤber Bord geſprungen und an's Land geſchwommen, die Matroſen in den Kanoen hatten aber ſo viel — 213— zu thun, um die Übrigen zu verhindern, dieſen nachzufolgen, daß ſie ihren Gefaͤhrten im Walde keinen Beiſtand leiſten konnten, wiewohl ſie im Kugelbereiche waren. Das Verhalten der In⸗ ſulaner machte die Matroſen ſtuzig; obwohl ich bisher keinen Theil an dieſem moͤrderiſchen Angriffe genommen hatte, glaubte ich nunmehr doch meinen Beiſtand leiſten zu muͤßen, weil unſer Leben auf dem Spiele ſtand. Deshalb rieth ich ihnen, ſich nach dem Schiffe zuruͤck⸗ zuziehen, von dem aus, wenn ſie es einmal in Beſiz genommen haͤtten, ſie die Inſulaner in geeigneter Ferne wuͤrden halten koͤnnen. Mein Rathſchlag wurde befolgt, wir krochen durch das dichte Waldgebuͤſch, erreichten gluͤck⸗ lich das Schiff, erſtiegen daßelbe mittelſt Strick⸗ leitern, welche an demſelben herabhingen, um uns das Hinaufſteigen moͤglich zu machen, wenn wir irgend etwas aus dem Schiffe zu holen hatten. Dieſe zogen wir hinter uns in die Hoͤhe, und erwarteten den Ausgang. Nach wenigen Minuten kam ſchon die eine Abtheilung der Inſulaner heran, und ſobald dieſe Menſchen das Schiff und uns darin gewahrten, ſtießen ſie ein gellendes Geſchrei aus, und warfen ihre Speere auf uns. Wir erwiederten durch ein Musketenfeuer, welches viele von ihnen toͤdtete, doch ſie waren herzhaft und ſezten ihren Angriff fort, obgleich jeder von uns zwanzig bis dreißig Patronen mit treffender Genauig⸗ keit auf ſie abfeuerte. Auch ihre zweite Abtheilung kam heran und der Kampf wurde fortgeſezt; ſie mach⸗ ten die angeſtrengteſten Verſuche den Spiegel und die Seiten des Schiffes zu erklimmen, doch trieben wir ſie ab, und weil der Abend zu dunkeln begann, zogen ſie ſich zuruͤck, unter Fortſchaffung ihrer Todten und Ver⸗ wundeten, die wir auf zweihundert Mann ſchaͤßten. Bei ihrem Abzuge feuerten wir einige unſerer groben Geſchuͤze in der Richtung ab, theils um ſie zu ſchrecken, theils auch um unſern Gefaͤhrten in den Kanoen ein Zeichen zu ge⸗ ben, aus dem ſie verſtehen moͤgten wo wir waͤren. Bis es voͤllig finſter geworden, hielten wir ſcharfe Wache, ſahen aber nichts mehr von den Inſulanern. Ich ſchlug vor, uns mit den Matroſen in den Kanoen in Verbindung zu ſezen, und von ihnen zu verlangen, daß ſie einige derſelben an's Ufer treiben laßen moͤg⸗ ten, nachdem ſie die Weiber herausgenommen haͤtten, weil die Fremdlinge alsdann hoͤchſt wahrſcheinlich ſich entfernen wuͤrden. Doch die Matroſen wandten dagegen ſehr richtig ein, daß ſich eines Theiles Niemand zu einem ſo gewagten Dienſte bereit finden wuͤrde, und daß zweitens die Inſulaner, ſobald ſie einige ihrer Kanoe wieder beſaͤßen, damit die andern au⸗ greifen und die Matroſen welche ſich darin be⸗ faͤnden, uͤberwaͤltigen wuͤrden. Mithin ward mein Vorſchlag, wie er es auch verdiente, uͤber⸗ ſtimmt. Darauf rieth ich an, einer von uns ſolle hinab zur Kuͤſte ſchleichen, hinſchwimmen und den vierzehn Matroſen ſagen, die Weiber in eines der Kanoe zu ſezen, und damit waͤh⸗ rend der Nacht nach der Nordſeite der Inſel zu rudern, die andern Kanoe aber zuruͤckzu⸗ laßen, um den Inſulanern in die Haͤnde zu fallen, die ſich darin fortbegeben wuͤrden. Dieſer Plan wurde gebilligt, doch wollte ſich niemand als Freiwilliger zu der Ausfuͤhrung des Auftrages melden, und ich, der ich den Vorſchlag gemacht hatte, hielt mich dieſerhalb durch meine Ehre verbunden dahin abzugehen, weil im andern Falle die Leute kuͤnftig keine gute Meinung von mir haben wuͤrden. Ich er⸗ klaͤrte ihnen meine Abſicht, nahm eine Muskete — 216— nebſt Munition und glitt an einem niederge⸗ laßenen Stricke hinab. Kaum ſtand ich unten, als ich aus dem Walde etwas hervor und auf das Schiff zukriechen ſah. Genau konnte ich es nicht ausdeuten, und verbarg mich deshalb unter dem Bug des Schif⸗ fes, wo es ſo dunkel war, daß ich nicht ge⸗ ſehen werden konnte. So wie das Gekrieche naͤher kam, erkannte ich einen Inſulaner, der einen Buͤndel Reiſer auf ſeinem Ruͤcken trug; dieſen legte er dicht an die Seite des Schiffes nieder und kroch zuruͤck, woher er gekommen war. Dadurch aufmerkſam gemacht, gewahrte ich bereits Hunderte ſolcher Reiſerbuͤndel neben dem Schiffe, die durch die Inſulaner ſeit der Dunkelheit herbeigetragen waren; zwar ſchien der Mond, doch konnte ſein Licht nicht durch⸗ dringen, weil der dichteſte Wald das Schiff rings umgab. Sogleich ſah ich ein, es ſey ihre Abſicht, das Fahrzeug zu verbrennen, und ich uͤberlegte noch, wie ich meinen Gefaͤhrten am Bord, dieſe Entdeckung mittheilen ſollte, als zwei Andere aus dem Walde hervorkrochen und ihre Buͤndel ſo dicht neben uns niederleg⸗ ten, daß wir faſt in Beruͤhrung mit einander gekommen waͤren. Dies noͤthigte mich, den Leu⸗ 2 — 217— ten am Bord zu uͤberlaßen, wie ſie ſich am beſten aus der Sache ziehen wollten; ich ahmte den Inſulanern nach, kroch vom Schiffe weg in den Unterbuſch und ſchleppte meine Mus⸗ kete hinter mir auf dem Boden her. Es war mein Gluͤck, daß ich dieſe Vorſicht ergriff, denn in dem Theile der Waldung, zu dem ich kroch, war eine Menge von ihnen beſchaͤftigt, Reiſerbuͤndel zu fertigen, das Unterholz war aber ſo dicht und die Dunkelheit ſo groß, daß man nichts unterſcheiden konnte, ich hoͤrte nur ganz nahe neben mir das Abbrechen der Rei⸗ ſer. Das nemliche that ich im Weitergehen, um nicht entdeckt zu werden, bis ich ihnen vorbei war, und nun meinen Weg nach der Bucht fortſezte, wo wir die Kanoe gelaßen hatten. Gluͤcklich kam ich zum aͤußern Rande der Waldung dicht am Waßer, und gewahrte von da aus die Kanve immer noch am Riffe liegend zu dem ſie gebracht waren; der Mond ſchien aber ganz hell, und ich wollte ungern hinaus in das Licht treten, mindeſtens nicht bevor ich mich uͤberzeugt hatte, ob a h Inſu⸗ laner an der Bucht waren. Eine Weile hatte ich im dunkeln Schatten der Baͤume gelauſcht, als ich nahe an einer * — 2418— Quelle, die ſich hier befand, ein Achzen ver⸗ nahm, und als zich nach der Richtung hin⸗ blickte, gewahrte ich einen Menſchen am Bo⸗ den liegen. Ich ging darauf zu und konnte deutlich erkennen, daß es eine von den an das Land geſchwommenen Frauen ſey. Sie war beinahe leblos und weil ich, wie das bei je⸗ dem der Fall haͤtte ſeyn muͤßen, Mitleid mit ihr fuͤhlte, kniete ich neben ihr nieder um zu ſehen, welche Huͤlfe ich ihr in ihrem jammer⸗ vollen Zuſtande gewaͤhren moͤgte. Da ſie nur ſehr wenig Bekleidung an ihrem Koͤrper trug, ſo entdeckte ich durch Betaſten mit der Hand, daß ſie durch eine Flintenkugel uͤber dem Knie ver⸗ wundet und vom Blutverluſt ohnmaͤchtig war. Ich zerriß mein Halstuch und mein Hemde zu Binden und verband ſie zuerſt; dann holte ich in meinem Hute etwas Waßer aus der Quelle„ troͤpfelte das in ihren Mund und beſprengte ihr Geſicht damit. Sie ſchien ſich zu erholen, und es machte mich gluͤcklich, ihr huͤlfreich geweſen zu ſeyn; weil ich nun keinen Inſulaner gewahrte, ging ich zur Bucht hinab, um zu den Kanoes ſchwimmen zu koͤnnen, als in eben dem Augen⸗ blicke, in welchem ich unter den Baͤumen her⸗ vortrat, die Matroſen auf den Kanoen einige 5 — 219— Musketen abfeuerten. Dieſen folgten andere Schuͤße und lautes gellendes Geſchrei der In⸗ ſulaner, die zu Hunderten hinausgeſchwom⸗ men waren, um unſere Mannſchaft anzugrei⸗ fen. Der Kampf war ſehr kurz, denn die Ma⸗ troſen, die ihre Gewehre nicht ſchnell genng wieder laden konnten, wurden von den Inſu⸗ lanern uͤberwaͤltigt, welche die Kanoe beſtie⸗ gen und innerhalb weniger Minuten dieſe zur Hafenbucht zuruͤckruderten. Von jezt an glaubte ich meine im Schiffe zuruͤckgelaßene Mannſchaſt voͤllig verloren, und ſo war es. Eine Stunde vor Tagesanbruch zuͤndeten die Inſulaner die in der Nacht hin⸗ getragenen Reiſerbuͤndel an und machten zu gleicher Zeit einen wuͤthenden Angriff auf das Schiff. Die Flamme loderte hoͤher und immer hoͤher, unablaͤßig erſchallte das Abfeuern der Musketen und das ſchreiende Geheul der An⸗ greifer dauerte wohl eine Stunde, von da an hoͤrte ich keine Schuͤße mehr fallen und ſchloß daraus, daß die Matroſen uͤberwaͤltigt waren. Wie ich ſpaͤter erfuhr, waren viele von ihnen durch die in das Schiff geſchleuderten Speere getoͤdtet, andere fanden ihren Tod im Herabſpringen vom Schiffrande, um ſich vor den Flammen zu — 220— retten, und die uͤbrigen waren im Rauche erſtickt. Als die Sonne ſich uͤber den Horizont erhob, vernahm ich ein lautes Gekrach, woraus ich erkannte, daß die Flamme zum Pulvermagazin gedrungen und das Schiff in die Luft geſprun⸗ gen ſey. Ich beſchloß, mich im Gebuͤſche ver⸗ ſteckt zu halten, mit der Hoffnung nicht auf⸗ gefunden zu werden. Ehe ich ging, eilte ich hin, um ſchnell nach der armen Verwundeten zu ſehen; das helle Tageslicht zeigte mir jezt in ihr ein ſehr reizendes junges Maͤdchen von ſechzehn bis ſiebenzehn Jahren. Sie war im⸗ mer noch ſehr ſchwach, ich holte ihr Waßer, und als ich dieſes ihr hinreichte, druͤckte ſie durch Blicke ihren Dank aus. Darauf unter⸗ ſuchte ich die Binden, welche ein wenig ſeit⸗ waͤrts geglitten waren; ordnete ſie wieder und entſprang ſodann in das dichteſte Gebuͤſch. Halb gebuͤckt draͤngte ich mich tiefer hinein, als mein Kopf ploͤzlich gegen etwas Hartes ſtieß; ich blickte auf und ſah, daß ich eines Inſulaners Kopf getroffen hatte, der ebenfalls durch dieſes Gebuͤſch drang; er war ein furcht⸗ bar hoch gewachſener und eben ſo kraͤftiger Mann, der augenblicklich auf mich einſprang, — 221— mich zu Boden warf und feſthielt. Verſchiedene Andere folgten ihm, leiſteten ſogleich Huͤlfe und mein Widerſtand war vergebens. Sie rißen einige der kriechenden Schlingpflanzen aus, die in jenen Laͤndern wachſen und banden mir damit Haͤnde und Fuͤße, dann nahmen ſie einen dicken Pfahl, banden mich an dem feſt und trugen mich fort. Als wir zur Bucht kamen, legten ſie mich in der gluͤhenden Son⸗ nenhize nieder. Meinen Gedanken uͤberlaßen ſuchte ich mir Alles zuruͤckzurufen, was ich in Reiſebeſchreibungen geleſen, oder von Reiſen⸗ den gehoͤrt hatte und ſchloß aus dem, was man mit mir vorgenommen hatte, ich ſey zu einem Opfer fuͤr ihre Goͤtter beſtimmt. Mein Gebet richtete ich zum Himmel, flehete um Barmherzigkeit und ergab mich in mein un⸗ vermeidliches Schickſal. Saͤmmtliche Inſulaner waren nun an der Hafenbucht dicht an der Stelle verſammelt, auf welcher ich lag. Sie trugen die Leichen ihrer im Kampfe gefallenen Bruͤder, ſo wie auch die Verwundeten in ihre Kanoe. Um ein Feuer, welches ſie angelegt hatten, bildeten Alle einen großen Kreis, hielten mehre Reden und tanzten einen Schlachttanz. Ich wandte — 222— mich auf die Seite und gewahrte nun zu mei⸗ nem Entſezen, daß ſie die Leichen meiner Schiff⸗ genoßen hier zuſammen getragen hatten und dieſe verzehrten. Was ſie jezt davon nicht ver⸗ ſchlingen mogten, packten ſie in Koͤrbe und trugen die in ihre Kanoe. Ich ſah voraus, daß mich das naͤmliche Loos erwarte, nicht fuͤr den jezigen Augenblick, weil ſie mehr be⸗ ſaßen als ſie aufzehren konnten; dagegen wuͤr⸗ den ſie mich zu einem Feſtmahle aufſparen, welches ſie uach ihrer Ruͤckkehr zu ihrer eige⸗ nen Inſel anſtellen moͤgten. Meine Vermuthung war nicht falſch; ſie ſammelten ſaͤmmtliche Gebeine, um auch dieſe mitzunehmen, legten mich in ein Kanoe, zogen ihre Mattenſegel auf und fuhren ab. Am dritten Tage kamen wir auf ihrer Inſel an, man trug mich an's Land und ſperrte mich in einem Orte ein, den ich fuͤr einen Beerdigungsplaz hielt. Taͤglich ſtopften ſie mir Schweinefleiſch und andere Lebensmittel ein, um mich am Leben und im guten Zuſtande zu erhalten; aber von dem dicken Pfahle, an welchen ſie mich feſt gebunden hatten, machten ſie mich niemals los. Ich hoͤrte Umzuͤge, Ge⸗ heul und Wehklage fuͤr die Todten, konnte aber „ — 223— nichts ſehen, denn ſie legten mich immer auf den Ruͤcken nieder, und ich war jezt zu ſehr geſchwaͤcht, um mich auf die Seite wenden zu koͤnnen. Nachdem ich eine Woche in dieſem an⸗ gefeßelten Zuſtande verlebt hatte, nahm die Pein durch das Anſchwellen meiner Gliedmaßen und das dadurch vermehrte Anſtraffen der Bande ſo ſehr zu, daß ich in meiner Todesmarter mein Ende herbei rief, um mich aus dieſer Qual zu erloͤſen; als ich nach einiger Zeit mich wiederum auf die Schultern von Menſchen gehoben fuͤhlte, ſah ich meinem herannahenden Ende ſo ſehn⸗ ſuchtsvoll entgegen, als ich unter andern Um⸗ ſtaͤnden meine Befreiung begruͤßt haben wuͤrde. Meine Sinne ſchwanden allmaͤhlig unter der durch das Haͤngen meines Koͤrpers in den Ban⸗ den zunehmenden Marter. Genau entſinne ich mich indeßen, doß ich in einem weiten um mich geſchloßenen Kreiſe niedergelegt wurde; daß die Weiber ein krei⸗ ſchendes Geheul erhoben, und daß ein wilder Aufruhr folgte. Als ich ſpaͤter zum voͤlligen Ge⸗ brauche meiner Sinne kam, fand ich mich ent⸗ feßelt auf einer weichen Matte in einer Huͤtte liegen; Baͤhungen waren meinen wunden Glied⸗ maßen aufgelegt; ich oͤffnete meine Augen und 7 — 224— erblickte die ſchoͤne Wilde, welche ich in der Nacht des Kampfes verwundet gefunden und ge⸗ pflegt hatte, mit dem Ausdrucke zaͤrtlichſter Sorgfalt uͤber mich herabgebeugt.— Spaͤter er⸗ fuhr ich erſt, daß ſie mich, als ich in den Kreis getragen wurde, fuͤr den wiedererkannt hatte, der ihr Huͤlfe leiſtete; daß ſie verlangte, man ſolle mir mein Leben laßen, wobei ſie ihre Wunde zeigte und die Binden, mit denen ich dieſe verband, die genau zu meinen Kleidungs⸗ ſtuͤcken paßten, von denen ſie abgerißen waren. Nun wurde eine Berathung gehalten, und weil es den Anſchein hatte, daß ich mit den Leuten im Schiffe nicht habe ſeyn koͤnnen, weil man mich im Walde nahe bei der Stelle gefangen hatte, wo das Maͤdchen lag, ſo ward endlich nach vielem Fuͤr und Wider die Entſcheidung ausgeſprochen, daß mein Leben verſchont und ich mit dem Maͤdchen verheirathet werden ſollte, welches zu meiner Erhaltung ſo weſentlich bei⸗ getragen hatte. Zu ihrer Huͤtte hatte mich dieſe ſogleich getragen, und zahlte nun die Schuld der Dankbarkeit ab, welche ſie von mir verdient glaubte. Ihrer unnachlaßenden Sorgfalt und Freund⸗ lichkeit verdankte ich meine baldige Herſtellung, und noch ehe ich wußte, daß ich dazu beſtimmt ſey ihr Chemann zu werden, liebkoſete ich ihr durch Zeichen, und bewies ihr alle die kleinen Aufmerkſamkeiten, welche innige Erkenntlich⸗ keit und Liebe mir eingaben. Sobald man mich hinreichend hergeſtellt hielt, fuͤhrte man mich in einen Kreis der verſammelten Inſulaner, um mich foͤrmlich unter ſie aufzunehmen. Ein ehrwuͤrdiger Alter hielt eine Rede, von der ich ihrer außerordentlichen Laͤnge wegen an⸗ nehme, daß ſie nicht vorzuͤglich gut war; darauf erfaßten mehre Maͤnner mich, warfen mich mit dem Geſichte nach unten zur Erde, ſezten ſich in reitender Stellung auf meinen Koͤrper, und begannen mit ſpizen Nadeln in meine Ober⸗ ſchenkel zu ſtechen. Der Schmerz war folternd; jedoch waren ſaͤmmtliche Inſulaner an den Schenkeln tattowirt, und ich vermuthete, es ſey eine Operation, der ich mich unterwerfen muͤße, weßhalb ich ſie auch ſtandhaft ertrug. „Ei, was iſt Tattowiren?“fragte der Paſcha. „Tattowiren, erlauchte Hoheit, heißt die Haut mit Nadeln oder ſcharfen Spizen durch⸗ lochern und in dieſe Wunden Indiſche Tinte II. 15 oder Schießpulver reiben. Dadurch bleibt denn ein unvertilgbares Maal tief dunkelblauer Farbe zuruͤck. Die Einwohner aller Inſeln in jenen Meeren befolgen dieſen Gebrauch, und oft ſind die Figuren, welche ſie dadurch dem Menſchen⸗ koͤrper einaͤzen, ſehr reizend.“ „Baſchallah! wie wundervoll iſt Gott! das moͤgte ich gar zu gern ſehen,“ ſprach der Paſcha. „Allah verhuͤte,“ gab der Renegat zur Ant⸗ wort,„daß ich vor Deiner Hoheit mich ent⸗ bloͤßen ſollte, ich kenne meine Pflicht zu gut.“ „Das wohl, aber ſehen muß ich's, Jaha Bibi, mein Freund,“ fuhr der Paſcha unge⸗ duldig fort,„kuͤmmere Du Dich nicht um Deine entbloͤßte Perſon; komm, gehorche.“ Der Renegat gerieth in nicht geringe Ver⸗ legenheit, denn die beſchriebene Operation war niemals an ſeinem Koͤrper vorgenommen. Zum Gluͤck fuͤr die Erhaltung ſeiner glaubwuͤrdigen Wahrheitsliebe, traf ſich's, daß er auf einem ſeiner Seeraͤuberzuͤge in muͤßigen Augenblicken einem ſeiner Raubgenoßen erlaubt hatte, ihm eine kleine Meerjungfer auf den Arm zu tat⸗ towiren. a „Min Allah! Gott verhuͤte!“ hob der Reue⸗ gat wieder an,„mein Leben ſteht zu Deiner — 227— Hoheit Verfuͤgung und lieber moͤgte ich es mir augenblicklich nehmen laßen, als Deine erha⸗ benen Augen durch die fragliche Entbloͤßung beleidigen; zum Gluͤck vermag ich Deiner Ho⸗ heit Neugierde ohne Verlezung der Schaam⸗ haftigkeit zu befriedigen, denn nachdem ſie die von mir beſchriebene Operation vollendet hat⸗ ten, tattowirten ſie das Bild ihrer hoͤchſten Goͤttin auf meinen Arm.“ Der Renegat zog ſeine weiten Ärmel in die Hohe, und zeigte das Bild einer Meerjungfer mit umgeringeltem Fiſchſchweife, einem Spie⸗ gel in der einen und einem Kamm in der an⸗ dern Hand. „Hier kann Deine Hoheit eine Probe ihrer rohen Kunſt betrachten; dies iſt das Bild ihrer Goͤttin Bo⸗gie; in ihrer einen Hand haͤlt ſie eine eiſerne Stachelplatte, womit ſte diejenigen kattowirt, die gut ſind, und ihr eingeaͤztes Merkmal dient denſelben als Paß, wenn ſie Einlaß in die Gefilde der Segnung verlan⸗ gen. Mit der andern Hand ſchwingt ſie eine gluͤhende eiſerne Platte, womit ſie denjenigen das Brandmaal aufdruͤckt, die verurtheilt ſind, fe zu erleiden. ihrer Suͤnden Strafe „Allah Karim! Gott iſt barmherzig! und weshalb hat ſie den Fiſch⸗Schwanz?“ fragte der Paſcha. 8 „Jene Wilden, von denen ich ſprach, bewoh⸗ nen eine Inſelgruppe; dieſer Schweif ſezt ſie in den Stand, von einer Inſel zur andern zu ſchwimmen, je nachdem ihre Gegenwart erfor⸗ derlich ſeyn mag.“ „Ganz recht,“ erwiederte der Paſcha,„jezt kannſt Du in Deiner Geſchichte fortfahren.“ Wie ich Deiner Hoheit bereits ſagte, ſie tat⸗ towirten mich ohne alle Nachſicht; die Opera⸗ tion dauerte eine ſtarke Stunde, dann ſtellten ſie mich auf meine Fuͤße. Nun ward noch eine Rede gehalten, von der ich eben ſo wenig ver⸗ ſtand, als von der erſten; ſodann ließen ſie mich allein mit meiner Frau und die Ceremo⸗ nie war zu Ende. Ich muß geſtehen, es war mir nicht recht lieb an einem und demſelben Tage naturaliſirt und verheirathet zu werden; von dem Tatto⸗ wiren war ich dermaßen angeſchwollen und meine Gliedmaßen waren wiederum ſo ſteif geworden, daß ich nur mit aͤußerſter Muͤhe, mmit und unter dem Beiſtande meiner Frau, zu un⸗ — 229— ſerer Huͤtte zuruͤckzukehren vermogte. Sie aber wandte ohne Unterlaß Heilmittel an, die mich in drei Tagen ſo weit brachten, daß ich nicht die mindeſte Ungelegenheit mehr verſpuͤrte. Jezt glaubte ich mich fuͤr mein ganzes Le⸗ ben feſt gemacht zu haben. Leidenſchaftlich liebte ich meine Naka⸗pup— ſo hieß meine junge Frau— und troz meiner Franzoͤſiſchen Erzie⸗ hung mußte ich anerkennen, daß ihre natuͤr⸗ lichen, ganz unverſtellten Sitten viel reizender und bezaubernder waren, als das kunſtvoll eingelernte Benehmen meiner Landsmaͤnninnen⸗ In ihrem Lande war ſie hohen Ranges, eine nahe Verwandte des Koͤnigs, und zwei Jahre verlebte ich in ungetruͤbter Ruhe und in ſtetem Gluͤcke. Aber ach!... bei dieſen Worten be⸗ deckte der Renegat ſein Antliz mit den Haͤnden. „Laß das, Huckaback, gewiß biſt Du jezt ſchon zu gut daran gewoͤhnt, Deine Frauen zu verlieren, um noch ſo viel Aufhebens da⸗ von zu machen,“ bemerkte der Paſcha, und fuhr zum Vezier redend fort:„Dieſe Franken ſind ſelrſame Menſchen; die haben'ne Thraͤne fuͤr jegliches Weib. 7 ———— — 230— „Deine Hoheit muß mich entſchubigen; den Verſtoß werde ich nicht wieder begehen, denn von nun an heirathete ich nicht wieder. Meine reizende Naka⸗pup ſtarb im Kindbette, und nun wurde mir die Inſel ſo verhaßt, daß ich den Entſchluß faßte ſie zu verlaßen. Dazu bot ſich mir eine Gelegenheit durch das Einlaufen eines Amerikaniſchen Schiffes, welches Mißio⸗ naire brachte.“ „Was ſind Mißionaire?“ fragte der Paſcha. „Leute die herkamen, um die Inſelbewoh⸗ ner zu lehren, daß Bo⸗gie keine Goͤttin ſey, und um ſie zu uͤberreden, den wahren Glau⸗ ben zu bekennen.“ „Sehr richtig,“ entgegnete der Paſcha,„es gibt nur einen Gott, und Mahomet iſt ſein Prophet. Nun weiter.“. Weil ich beide Sprachen verſtand, mußte ich Dollmetſcher ſeyn; es war aber ganz unmoͤg⸗ lich dasjenige zu erklaͤren, was die Mißio⸗ naire zu verſtaͤndigen beabſichtigten, weil die Inſelſprache keine Worte in ſich faßte, welche dieſen Begriffen entſprachen. Die In⸗ ſulaner hielten eine Berathung, deren Ergeb⸗ — 231— niß in folgender, den Mißionairen ercheilten Antwort beſtand: „Ihr ſagt uns, daß Euer Gott die Guten belohnt und die Boͤſen beſtraft; das thut Bo⸗ gie ebenfalls. Wir reden eine Sprache, Ihr 4 eine Andere; vielleicht bedeutet der Name Eu⸗ res Gottes in unſerer Sprache Bo⸗gie. Wenn das iſt, ſo verehren wir beiderſeits die naͤm⸗ liche Gottheit unter verſchiedenen Namen. Es iſt unnuͤz mehr daruͤber zu ſprechen, nehmt reichlich Schweine fuͤr Euch und Jam, und kehrt zu Eurer Heimath zuruͤck.“ Ddie Mißionaire nahmen ihren guten Nath„ ihre Schweine und ihre Jamwurzeln, und ich fuhr mit ihnen ab. Wir kamen nach Neu⸗ York, und hier forderte ich und erhielt von der Bibelgeſellſchaft meine Bezahlung als Doll⸗ metſcher der Mißionaire von dem Tage ihres Landens bis zu dem unſrer Ruͤckkehr. Ich wuͤrde niemals an eine ſolche Forderung gedacht ha⸗ ben, wenn nicht einer der Mißionaire, der mich lieb gewonnen hatte, mir dies angerathen haͤtte. Mit dem empfangenen Gelde bezahlte ich meine Üüberfahrt in einem nach Genua beſtimm⸗ ten Schiffe, woſelbſt ich zwar gluͤcklich, aber — 232— ohne Mittel zum Unterhalte ankam. Doch was ſagt der Dichter:„Noth iſt ein kraͤftiger Rei⸗ ter mit ſcharf geſpizten Steigbuͤgeln, der den ermuͤdeten Gaul thun macht, was zuweilen das kraͤftigſte Roß nicht thun will.“ Weil ich keine andere Huͤlfsquelle beſaß, ſo beſchloß ich noch einmal mein Gluͤck auf dem Meere zu verſuchen. „Allah Wakbar— Gott iſt allgegenwaͤrtig! Es war Dein Talleh, Huckaback„Deine Be⸗ ſtimmung.“ 1 „Es war ſein Kismet, ſein Loos, erlauchte Hoheit,“ ſezte Muſtapha hinzu;„alle dieſe Ge⸗ fahren ſollte er beſtehen, um Dich in den Stun⸗ den Deiner Muße dadurch zu beluſtigen.“ „Wallah Thaib— gut geſagt, bei Allah! Laß den Sklaven ſich an unſerm Gnadenge⸗ ſchenke erfreuen. Gib ihm zehn Goldſtuͤcke; morgen wollen wir unſere Ohren ſeiner naͤchſten Reiſe eroͤffnen. Murakkas, Du biſt entlaßen.“ „Moͤge Deiner Erlauchten Hoheit Schatte, nie geringer werden;“ erwiederte Huckaback, als er mit tiefem Salaam des Paſchas Ge⸗ mach verließ.— Sn Siebentes Kapite l. BHuchkaback's lezte Reile. Deine Hoheit wird durch die unerhoͤrten Abentheuer in Erſtaunen gerathen, die ich auf meiner lezten Reiſe zu beſtehen hatte; kuͤhn darf ich verſichern, daß weder vor meiner Zeit noch nachher, irgend ein Menſch in der Welt ſo vieles durchgemacht hat, noch in ſo furchtbar gefaͤhrliche Lagen verſezt worden iſt, als die waren, die das Schickſal mir beſtimmte. Ungeachtet der Gefahren, die mir auf meiner fruͤhern Fahrt in den noͤrdlichen Ozean begeg⸗ neten, ließ ich mich doch dazu uͤberreden, den — 234— Befehl eines Wallfiſchjaͤgers zu uͤbernehmen, der nach jenen Breiten beſtimmt war; wir ſegelten fruͤh im Jahre von Marſeille ab, um bei guter Zeit im Eismeere anzukommen und um im Stande zu ſeyn, jene Froſtregionen wieder zu verlaßen, bevor der Winter ein⸗ traͤte. Bei unſerer Ankunft in der Baffin's⸗ Bay waren wir gluͤcklich, und hatten bald achtzehn Fiſche am Bord. Kaum hatte der Herbſt begonnen, als ich den Vorſchlag zur Ruͤckfahrt machte; wir ſteuerten in fuͤdlicher Richtung unſern Lauf, als wir zwei oder drei großen Eisbergen begegneten, auf deren Rand⸗ ſchollen die Wallroße und Seepferde in Heerden lagerten. Weil wir noch einige leere Tonnen am Bord hatten, beſchloß ich dieſe mit dem Sl an⸗ zufuͤllen, welches wir aus dieſen Thieren ge⸗ winnen koͤnnten, und ſezte meine Boͤte aus um ſie anzugreifen. Wir toͤdteten eine große Anzahl derſelben, ſchickten ſie an unſern Bord und ſezten unſere Fiſcherei mit außerordentlichem Erfolge fort, wobei wir nur den Verluſt eines unſerer Boͤte erlitten, deßen Grundplanke durch die ſcharfen Hauer dieſer ungeſchlach⸗ ten Thiere ausgebrochen war. ern Ploͤzlich ſprang der Wind nach Suͤden um, — 235— die kleinen windwaͤrts befindlichen Eisberge wurden ſchnell gegen den großen Eisberg an⸗ getrieben, auf welchem wir unſern Fang hiel⸗ ten. Die Harpuniere bemerkten es und em⸗ pfahlen mir zum Schiffe zuruͤck zu kehren; mir machte meine Jagd aber ſo großes Vergnuͤgen, daß ich ihren Rath nicht beachtete. In einer kleinen Hoͤhle, die ſich durch Zufall am auf⸗ ſteilenden Rande des Eisberges gebildet hatte, lag ein Seepferd; auf dieſes wuͤnſchte ich mei⸗ nen Angriff zu richten und ließ mein Boot dahin rudern. In dieſem Augenblicke waren hoͤchſtens noch zwanzig Faden offenes Waßer zwiſchen beiden Eisbergen; ein ploͤzlich los⸗ brauſender Windſtoß trieb ſte mit unglaublicher Schnelligkeit zuſammen. Die Leute in den an⸗ dern Boͤten ruderten augenblicklich davon, ent⸗ kamen zum Schiffe und gelangten mit dieſem gluͤcklich nach Marſeille, wie ich ſpaͤter erfuhr, als ich eben dahin zuruͤckkehrte; doch die Ma⸗ troſen in meinem Boote, die voller Eifer nur nach mir blickten, als ich mit der Harpune im Boote ſtand, um das Thier zu toͤdten„emerk⸗ ten die Gefahr nicht eher, als bis des Bootes Spiegel ſchon vom Eisberge beruͤhrt wurde. Weil beide Eisberge nun in die Anziehungs⸗ — 236— naͤhe der Cohaͤſion ſchwimmender Koͤrper ka⸗ men, wurden ſie mit Blizesſchnelle aneinander geſtoßen, ſo daß die Leute ſowohl, als das Boot in Splitter zerquetſchten.— Weil ich im Vorbug des Bootes ſtand und hier das Krachen vernahm, blieb mir im Au⸗ genblick der Verzweiflung noch grade ſo viel Zeit uͤbrig, mich hinab in die Hoͤhle auf den Ruͤcken des Seepferdes zu ſtuͤrzen; faſt im naͤmlichen Momente ſtießen beide ungeheuere Eismaßen zuſammen; das Getoſe muß ohne allen Zweifel furchtbar geweſen ſeyn, doch ver⸗ nahm ich es nicht, weil ich ſogleich vom Eiſe umſchloßen war. Wiewohl ſich im Anfange noch Zwiſchenraͤume erkennbar machten, ſo fuͤllte der Froſt dieſe doch bald aus, weil der ſuͤdliche Windſtoß die Eisberge vor ſich hin in die noͤrd⸗ liche Region trieb, und nun ſah ich mich in einen, nicht acht Fuß in's Gevierte haltenden Raum, mit einem Seepferde zulammen einge⸗ ſchloßen. 3 Deine Hoheit will ich mit einer Beſchreibung deßen was ich empfand, nicht aufhalten, ich glaubte eine kurze Zeit fortleben zu ſollen, dann aber aus Mangel an friſcher Luft ſter⸗ ben zu muͤßen; doch dies war falſch geſchloßen. ——— — 237— Im Anfange war die Hoͤhle freilich unertraͤg⸗ lich heiß, durch die Anhaͤufung des Athemho⸗ lens, mir war als muͤßte ich erſticken. Ich gedachte aller meiner begangenen Suͤn⸗ den, flehte die goͤttliche Barmherzigkeit an. und legte mich dann hin, um meinen Tod zu erwarten; nun fand ich aber, daß das Eis durch die Hize zum ſchmelzen gerieth, daß da⸗ durch ein betraͤchtlicher Theil Luft in Freiheit kam, und daß ich nach einigen Minuten viel leichter athmete. Das Thier, hoͤchſtwahrſchein⸗ lich durch ſeinen ungewohnten Aufenthalt in Schrecken geſezt, lag durchaus ruhig, und wie ein ertrinkender Menſch nach einem Stroh⸗ halme greift, um ſich zu retten, ſtieg auch der Gedanke an Errettung in meinem Kopfe auf. Ich berechnete, welch eine Menge Luft ein ſo ungeheures Thier verbrauchen muͤße, und be⸗ ſchloß ſogleich es zu toͤdten, damit ich deſto mehr Luft zu meinem eigenen dringenden Be⸗ duͤrfniß erlange. Ich zog mein Meßer hervor, und ſtieß daßelbe zwiſchen die Vertebral⸗Kno⸗ chen hinein, die ſeinen Kopf mit dem Halſe verbanden; dadurch verlezte ich ſein Ruͤcken⸗ mark und es ſtarb auf der Stelle. Sohbald ich mich uͤberzeugt hatte, daß es voͤl⸗ — 238— lig leblos ſey, kroch ich von ſeinen Schultern herab, um mir eine bequemere Lage in der Hoͤh⸗ lung zu verſchaffen die vor des Thieres Kopfe ſich befand, wohin ich mich nicht gewagt hatte ſo lange es lebte, aus Furcht es moͤge mich mit ſeinen ungeheuren Hauzaͤhnen anfallen. Bald wurde die Luft reiner und ich athmete ganz frei. Deine Hoheit mag uͤber dieſe Verſicherung ver⸗ wundert ſeyn; aber, ob ich Luft aus dem Eiſe ſelber gewann oder ob dieſes poroͤs genug war um die Luft hindurchzulaßen, weiß ich freilich nicht, ſondern nur daß ich von dem Augenblicke an ohne Beſchwerde meinen Athenzaſchoͤpfte. — In unſerm Lande haben wir Beiſpiele er⸗ lebt, daß Frauen und Kinder zwei Monate lang unter dem Schnee begraben lagen, und daß ſie wieder zu ſich gebracht ſind, obgleich ſie waͤhrend der ganzen Dauer ihrer Verhuͤl⸗ lung wenig oder gar keine Nahrung hatten. Deßen entſann ich mich, und weil ich einſah, daß des todten Thieres Koͤrper mich Jahre⸗ lang ernaͤhren koͤnnte, ſo begann die Hoffnung in mir aufzuleben, daß ich immer noch gerettet werden koͤnnte, falls ich weit genug in ſuͤd⸗ licher Richtung forttriebe damit ich aus meiner Eishoͤhle losthaue. Ich war uͤberzeugt, daß das — 239— Eis um mich her nicht mehr als ſechs oder acht Fuß Dicke haben koͤnne, weil Licht genug durch⸗ drang um mich den Tag von der Nacht unter⸗ ſcheiden zu laßen. Spaͤter wurde meine Seh⸗ kraft um ſo vieles ſchaͤrfer, daß ich bis in alle Ecken meiner Hoͤhle recht fuͤglich blicken konnte. Waͤhrend dem erſten Monate zwang der Hun⸗ ger mich zu oͤftern Angriffen auf den todten Koͤr⸗ per des Seepferdes; nach dieſer Zeit verlor ſich meine Eßluſt immer mehr, bis ich zulezt kaum einen Mundvoll in einer ganzen Woche an⸗ ruͤhrte; ich glaube dies ruͤhrte vom Mangel an friſchen Luft und an Bewegung her, denn weder der einen noch der andern hatte ich mich in meinem Eiskerker zu erfreuen. Etwa zwei Monate hatte ich darin zugebracht, als eine furchtbare Erſchuͤtterung, einem Erdbeben aͤhn⸗ lich, Statt fand, ich ward in der Hoͤhle von der Decke zum Boden umgekollert, und eine Minute lang erging mir's wie einer Erbſe in der Raßelblaſe. Bevor dieſe Erſchuͤtterung en⸗ dete, war ich faſt ohnmaͤchtig, und fand mich nun auf dem Theile der Hoͤhle liegend, der ehemals deren obere Decke ausmachte. Aus dieſen Umſtaͤnden folgerte ich, daß der Eis⸗ berg, in welchem ich eingeſchachtelt ſaß, mit — 240— einem andern Eisberge in Anſtoß gerathen, und daß ich dadurch von jenem losgebrochen, nun mit andern Eisſtuͤcken im Meere umher⸗ trieb, die, wenn ſie in große Maßen ſich ſammeln, Eisſchollen genannt werden. Ob meine Lage dadurch guͤnſtiger ſey, wußte ich nicht, dennoch floͤßte dieſer Wechſel mir neue Hoffnung ein. Ich berechnete, daß nunmehr fuͤnf Monate vergangen ſeyn mußten, und ich mich tief im Winter befaͤnde, deshalb war an keine Moͤglichkeit der Rettung vor dem heran⸗ dohenden Fruͤhling zu denken. 8** d „Allah Wakbar, Gott iſt allgegenwaͤrtig!“ unterbrach ihn der Paſcha,„aber wißen moͤgte ich doch Huckaback, wie Du die verfloßene Zeit ſo genau zu berechnen im Stande wareſt.“ „Min Baſchi und Beherrſcher von Tauſen⸗ den!“ erwiederte der Renegat,„dies will ich Deiner Hoheit erklaͤren. Einmal hatte ich einen Nagel an der Wurzel gequetſcht, und glaubte ihn zu verlieren. Indeß loͤſete er ſich nicht ab, ſondern wuchs fort wie zuvor, und ich hatte damals die Neugierde wißen zu wollen, wie oft die Menſchen ihre Naͤgel im Lauf eines — 241— Jahres wechſelten. Dazu gehoͤrten genau zwei Monate, und auf dieſe Beobachtung gruͤndete ich meine Berechnung. Ich bemerkte kleine weiße Nagelflecke, und je nachdem dieſe em⸗ porwuchſen, rechnete ich die Zeit aus.“. „Maſchallah, wie wunderbar iſt Gott! Wal⸗ lah Thaib! Wohl geſprochen, bei Allah! Nim⸗ mer haͤtte ich daran gedacht,“ ſagte der Paſcha, „fahre in Deiner Geſchichte fort.“ Meinen Berechnungen zufolge waren fuͤnf Monate verfloßen, als ich eines Morgens ein krazendes Geraͤuſch dicht in meiner Naͤhe ver⸗ nahm; bald darauf gewahrte ich die Zaͤhne einer Saͤge in meinen Wohnplaz dringen, und ich folgerte daraus ganz richtig, daß ir⸗ gend ein Schiff ſich ſeine Bahn durch das Eis zu ſchneiden ſuche. Ich konnte mich nicht hoͤr⸗ bar machen, erwartete aber in aͤngſtlicher Span⸗ nung den Augenblick meiner Rettung. Die Saͤge kam dem Orte ſehr nahe, an welchem ich ſaß, ich fuͤrchtete mich verwundet, wenn nicht gar mitten durchgeſchnitten zu werden; als ſie aber genau noch zwei Zoll von meiner Naſe entfernt war, wurde ſie fortgezogen. Die Sache war, II. 16 — 242— daß ich unter die große zuſammengefrorene Eis⸗ ſcholle gerathen und ſobald das oͤbere feſte Eis durchſaͤgt und fortgeſchoben war, mich in meiner Behauſung zur Oberflaͤche erhob. Ein Zug kalter Luft drang augenblicklich durch den ſchmalen Saͤgeſchnitt ein, der ſo ſcharf war, daß er mir nicht nur den Athem benahm, ſon⸗ dern mich auch Blut ſpucken machte. Da ich jezt Stimmen vernahm, glaubte ich meine Rettung gewiß. Wiewohl ich wenig Engliſch verſtand, hoͤrte ich doch den Namen Kaptain Parry recht oft ausſprechen; ein Name, der Deiner Hoheit, wie ich vorausſeze, ſehr genau bekannt iſt. „Bah! niemals von dem gehört erwie⸗ derte der Paſcha. „Das ſezt mich in Erſtaunen Hoheit; ich glaubte jedermann muͤße von dieſem aben⸗ theuerlichen Seefahrer gehoͤrt haben. Ich darf hier anfuͤhren, daß ich ſeine Reiſe ſpaͤter ge⸗ leſen habe, er erwaͤhnt darin als eines ſehr merkwuͤrdigen Umſtandes, daß aus dem Eiſe ein dampfender Dunſt emporgeſtiegen ſey;— der war gar nichts anders als die warme Luft aus meiner Hoͤhle, die entwich, ſobald — 243— eine Offnung durchgeſchnitten war, dieſe An⸗ gabe iſt hoͤchſt merkwuͤrdig, weil ſie nicht nur die Richtigkeit ſeiner Bemerkungen erweiſet, ſondern auch die Thatſache meines Dortſeyns, wie ich es Deiner Hoheit ſo eben beſchrieben habe.“ Doch ach! bald ſchwanden meine Hoffnungen, die Stimmen wurden immer ſchwaͤcher, ich fuͤhlte, daß ich unter die große Scholle geſchoben wurde, um fuͤr die Durchfahrt des Schiffes Plaz zu machen; als ich wieder empor kam, gefror das in den Saͤgeneinſchnitt gedrungene Waßer, und ich war wiederum— vielleicht fuͤr immer feſt eingeſchloßen. Meine Verzweiflung ſteigerte ſich zum Wahnſinn; ich zerriß meine Kleider, ſtieß meinen Kopf gegen die Ecken meines Eis⸗ kerkers und verſuchte meinem Daſeyn ein Ende zu machen. Zulezt ſank ich nieder durch meine Anſtrengungen erſchoͤpft, und lag mehre Tage im dumpfen Hinbruͤten. In unſerer Zuſammenſezung herrſcht aber ein leichter, ſtets nach oben draͤngender Geiſt vor, der unſere Haͤupter uͤber die Waßerfluth der Verzweiflung emporhebt. Hoffnung verlaͤßt uns — 244— nie, ſelber nicht mitten in einer Eisſcholle ſteckend; ſie iſt's die uns bis zum lezten Au⸗ genblicke begleitet und aufrichtet, und wiewohl wir in unſinniger Wuth ihr freundliches Be⸗ muͤhen zuruͤckſtoßen, bleibt ſie doch bei uns, wacht uͤber uns, und iſt ſtets bereit uns zu helfen und zu troͤſten, ſobald wir geneigt ſind ihre mutheinſprechenden Zufliſterungen anzu⸗ hoͤren. Noch einmal lauſchte ich auf ihre Verheißun⸗ gen, naͤhrte mich ſechs Monate damit, und nahm nur zuweilen etwas See⸗Pferd⸗Fleiſch, als eine Abwechſelung zu Huͤlfe. Jezt war der Sommer ſchon weit vorgeruͤckt, und das Eis, in welchem ich eingeſchachtelt lag, hatte augen⸗ ſcheinlich durch Schmelzen vieles von ſeiner Dicke verloren. Eines Morgens gerieth ich dadurch in Erſtaunen, daß ich gewahrte, wie das Licht der Sonne regelmaͤßig alle Viertel⸗ ſtunde ſeinen Standpunkt zu veraͤndern ſchien. Waͤre dies im Laufe des Tages einigemale der Fall geweſen, ohne ſo genau die Zwiſchen⸗ zeiten einzuhalten, ſo wuͤrde ich geglaubt ha⸗ ben, daß meine Eisumſchließung durch Winde oder Stroͤmungen ihren Standpunkt veraͤn⸗ dert; die genaue Regelmaͤßigkeit, ſezte mich — 245— aber in hoͤchſtes Erſtaunen. Ich beobachtete den Lichtwechſel ſehr ſorgfaͤltig, und fand, daß dieſes Phaͤnomen in immer kuͤrzeren Zwiſchen⸗ zeiten ſich wiederholte, bis endlich in jeglicher Minute das Licht von der einen Seite zur andern hinuͤberwechſelte. Nach einigem Überlegen ſtieg mir der graͤß⸗ liche Gedanken auf, daß ich an die Norwegi⸗ ſche Kuͤſte getrieben, und nun der Einwirkung des furchtbaren Strudels, Maelſtrom genannt ausgeſezt ſeyn muͤße, der mich in wenigen Minuten fuͤr immer in ſeinen Schlund hinab⸗ wirbeln wuͤrde; waͤhrend ich dieſem Gedanken nachhing, wechſelte das Licht alle fuͤnfzehn Sekunden.„Dann iſt's ſo!“ rief ich in mei⸗ ner Verzweiflung aus, und ſo wie ich die Worte ſprach, umfing mich voͤllige Finſterniß, nun wußte ich, daß ich im Wirbelſtrudel ver⸗ ſenkt und daß Alles mit mir zu Ende ſey. Deine Hoheit mag es ſeltſam beduͤnken, daß, ſobald die erſte von der Ausſicht auf Unter⸗ gang erregte Todesangſt voruͤber war— ich, anſtatt meine Lage ſchauderhaft und entſezlich zu finden, ſie verlachte und hohneckend ver⸗ ſpottete. Mein Gefuͤhl ſchien mich gaͤnzlich ver⸗ laßen zu haben, und ich ſah dem endlichen — 246— Ergebniße mit vollkommenſter Gleichguͤltigkeit entgegen. Aus den Merkmalen meiner Naͤgel erkannte ich ſpaͤter, daß ich beinahe ſechs Mo⸗ nate im Innern der Erde zugebracht hatte. Endlich ward ich an einem Tage faſt geblen⸗ det, durch die Kraft des Lichtes, die durch meine Umhaͤuſung drang, nun wußte ich, daß ich wiederum auf dem Waßer ſchwamm. „Allah Kebir! Gott iſt allmaͤchtig!“ rief der Paſcha aus.„Heiliger Prophet, wo warſt Du denn wieder in die Hoͤhe gekommen?“ „Im Hafen von Port⸗Royal auf der Inſel Jamaika. Deine Hoheit wird es kaum glauben wollen, aber auf meine Ehre, es iſt wahr.“ Die Sonnenhize war ſo ſtark, daß mein Eisgehaͤuſe in ganz kurzer Zeit aufthaute und ich mich in Freiheit befand, indeßen ſchwamm ich immer noch auf dem todten Koͤrper des Seepferdes und auf dem unter dem Waßer befindlichen Eiſe. Dieſes lezte loͤſete ſich bald auf; ich ſaß rittlings auf dem Ruͤcken des todten Thieres und erwartete mit Geduld mein An⸗ . eöA e — 247— treiben an die Kuͤſte, welche keine Meile mehr entfernt war, obgleich ich von den Sonnen⸗ ſtrahlen faſt blind geworden, und durch den ploͤzlichen Wechſel vom Klima dem Erſticken nahe war; die Seebrieſe war noch nicht auf⸗ und ich war noch nicht am Lande, als ein un⸗ geheurer Hayfiſch, der den Englaͤndern ſehr gut unter dem Namen Port⸗Royal⸗Tom*) be⸗ kannt iſt, und der ſeine taͤgliche Ration vom Gouvernement bekam, damit er im Hafen blei⸗ ben und die Matroſen verhindern moͤgte an's Land zu ſchwimmen um zu deſertiren, zu mir herauf ſtrich. Es duͤnkte mich freilich hart, daß ich ſolche neue Gefahren zu beſtehen haben ſollte, nachdem ich im Maelſtrome hinabgewirbelt war, doch ließ ſich nichts dagegen machen. Der Hay⸗ ſiſch oͤffnete ſeinen ungeheuren Rachen, und wuͤrde meinen Schenkel zu ſich genommen ha⸗ ben, haͤtte ich meinem Beine nicht augenblick⸗ lich eine andere Stellung gegeben. So wie es nun war, biß er aus meinem Pferde ein Stuͤck, durch deßen Mangel dieſes wurde, was die Matroſen ſchiefgeloppt nennen. Wiederum ¹) Siehe: Jakob Ehrlich. 2. Band, Pag. 206. geſprungen, weshalb ich nur langſam forttrieb, * zem ein Seeraͤuber⸗Schooner aufgebracht und deßen Mannſchaft hingerichtet war, ſo erklaͤrte — 24— und fortgeſezt nahm er Rachenvoll nach Rachen⸗ voll von meinem Pferde, bis ich beſorgen mußte, er wuͤrde endlich auch den Reiter nehmen; da erſchien gluͤcklicherweiſe ein Boot mit Negern* angefuͤllt, die fliegende Fiſche fingen; dieſe ge⸗ wahrten mich und ruderten zu meiner Huͤlfe heran.— Sie brachten mich an's Land und fuͤhrten mich zum Gouverneur, dem ich die Geſchichte meiner Abentheuer erzaͤhlte; die Englaͤnder ſind aber der Meinung, daß keinem andern Men⸗ ſchen als nur ihnen wunderbare Abentheuer begegnen koͤnnten. Er nannte mich einen Luͤgner und ließ mich in Eiſen ſchließen; da vor Kur⸗ man, ich ſey einer von dem Raubgeſindel; weil jedoch klaͤrlich erwieſen wurde, daß jenes Raub⸗ ſchiff nur mit dreißig Leuten bemannt geweſen war und man bereits ſieben und vierzig Men⸗ ſchen gehaͤngt hatte, ſo bekam ich die Erlaubniß die Inſel zu verlaßen; dies geſchah in einem kleinen nach Amerika beſtimmten Fahrzeuge, und unter der Bedingung, daß ich als Matroſe 3 fuͤr meine Überfahrt arbeiten ſolle.. 1 Wir waren ſchon noͤrdlich uͤber die Bahama⸗ — 249— Inſeln hinaus und ſteuerten unter leichter Brieſe weſtlich, als ſich eines Morgens in der Fruͤhe Anzeichen mehrer zuſammenziehender Waßer⸗ hoſen am Horizonte erkennen ließen. Meine Wache war unten im Schiffe; weil ich aber dieſe merkwuͤrdige Naturerſcheinung noch nie geſehen hatte, begab ich mich auf's Verdeck, um meine Neugierde zu befriedigen. „Was iſt'ne Waßerhoſe?“ fragte der Pa⸗ ſcha,„noch nie habe ich davon gehoͤrt.“ „Eine Waßerhoſe heißt das Hinaufſteigen einer großen Maße Waßers in die Wolken, Hoheit,— es iſt eine der Rieſenarbeiten, wodurch die Natur, dem Anſchein nach ohne die mindeſte Anſtrengung— ihren Willen be⸗ wirkt und dem Menſchen die Unbedeutenheit ſeiner geprieſenſten Unternehanunae dadurch andeutet.“ „O! iſt das'ne Waßerhoſe; ei, ſo;“ er⸗ wiederte der Paſcha,„ich bin eben ſo klug als ich war.“ „Ich will ſſe Deiner Hoheit deutlicher be⸗ ſchreiben, denn Niemand kann berechtigt ſeyn, eine Waßerhoſe beßer zu kennen, als ich.“ — 250— Über unſern Haͤuptern ſchwebte eine ſchwarze Wolke, und wir ſahen dieſelbe eine Zeitlang in raſcher Bewegung herabſinken. Dann blieb ihr groͤßerer Umfang im ruhenden Stillſtande und ein gewißer Theil von ihr rundete ſich immer tiefer herab, bis dieſer die Geſtalt eines ungeheuer großen Gallert⸗Beutels angenommen hatte. Aus dem untern Ende dieſes haͤngenden Sackes ſtieg fortwaͤhrend ein duͤnner, gedrehe⸗ ter, ſchwarzer, zuͤngelnder Dunſt hinab, bis derſelbe die Mitte zwiſchen Wolken und Meer erreicht haben mogte. Nun gerieth das Waßer unter demſelben in Bewegung, und ſteigernd nahm dieſe zu, bis die Fluthen wie in einem ungeheuren Keßel kochten, und Bla⸗ ſen warfen und den Schaum ringsum verſpriz⸗ ten. Nach wenigen Minuten gewahrte man einen kleinen ſpiralfoͤrmigen Waßerfaden in die Luft ſich erheben, um der ſchwarzen Zunge nahe zu kommen, die aus der Wolke ihn an⸗ lockte. Sobald dieſe Vereinigung Statt gefun⸗ den, nahm der Waßerfaden mit jedem Augen⸗ blicke an Umfang zu, bis er zu einer Waßer⸗ ſaͤule anſchwellte, die mehre Fuß im Durch⸗ meßer hielt, und die fortfuhr, der durſtigen Wolke Waßer zuzufuͤhren, bis dieſe geſaͤttigt — — 251— war und nicht mehr trinken konnte. Dann brach ſie, das Meer wurde wieder ſo glatt wie zu⸗ vor, und der Bote vom Himmel flog auf den Schwingen des Windes dahin, um ſeine Buͤrde in erfriſchenden und befruchtenden Regen⸗ ſchauern uͤber die lechzende Erde auszugießen. Waͤhrend ich auf dem Taffarel ſtand, um dieſe wunderbare Aushuͤlfe der Natur ſtaunend zu beobachten, ward der Segelbaum vom Winde umgetrieben und traf mich mit ſolcher Gewalt, daß ich hinab in's Meer geworfen wurde. Weil ſich nun gerade eine andere Waßerhoſe in der Naͤhe unſeres Fahrzeuges bildete, ſo geriethen Kaptain und Mannſchaft in Angſt, ſezten alle Segel bei, um noch ſchnell genug zu entkommen und uͤberließen mich meinem Schickſale, denn ſie wußten recht gut, daß, wenn die Hoſe über dem Schiffe brechen ſollte, deren furchtbare Laſt ſie zum Meeresgrunde hinab druͤcken wuͤrde. Kaum hatte ich mich wieder auf die Oberflaͤche gehoben, als ich gewahrte, das Waßer rings um mich her ſey in heftiger Wallung; alle meine Anſtreugung, von dieſem Flecken fortzu⸗ ſchwimmen, war vergebens, weil ich mich im Anziehungs⸗Umkreiſe befand. So war ich denn rettungslos verloren, und weil ich wußte, daß — 252— ich kaum noch einige Minuten wuͤrde ſchwim⸗ men koͤnnen, ſchluckte ich ſo viel Salzwaßer hinab als ich nur konnte, damit mein Todes⸗ kampf nur ſchneller enden moͤge. Doch ſo wie die Meeresfluth aufkochte, fühlte ich mich allmaͤhlig mehr gegen die Mitte der⸗ ſelben gezogen, und genau als ich den Cen⸗ tralpunkt erreichte, ward ich An ſizender Stel⸗ lung auf dem ſpiralfoͤrmigen Waßerſtrahle em⸗ porgehoben, der, wie ich Deiner Hoheit vor⸗ hin erklaͤrt habe, ſich hinaufarbeitete, um ſich mit der aus der Wolke vorgeſtreckten Zunge in Vereinigung zu ſezen. So ſaß ich nun, mit jeder Sekunde hoͤher und hoͤher ſteigend, und ganz ſo wie die vergoldete Kugel balanzirt, welche auf dem vertikalen Strahle des Spring⸗ brunnens im innerſten Hofe des Pallaſtes Dei⸗ ner Hoheit ſpielt. Ich blickte hinab und gewahrte das Schiff in nicht weiter Ferne, der Kaptain und die Mannſchaft ſtanden mit aufgerichteten Blicken, um dies wunderbare Schauſpiel an⸗ zuſtaunen. „Das wundert mich nicht,“ bemerkte der Paſcha. — 253— Bald gelangte ich zu der Wolkenzunge, die voller Ungeduld ſchien, um mich zu empfan⸗ gen; zuerſt kamen die Haare auf meinem Ko⸗ pfe in den Bereich ihrer Anziehungskraft und wurden ſtarr in die Hoͤhe getrieben, dann gleichſam von ihr erfaßt und umgeſchlungen. Mit einer, in jeglichem Augenblicke noch zuneh⸗ menden unſaͤglichen Geſchwindigkeit, wurde ich von der Zunge bei den Haaren hinauf gezogen und kreiſelte wirbelnd um bei meinem Aufſtei⸗ gen. Endlich fand ich mich wohlbehalten an⸗ gekommen und ſezte mich nieder um wieder zu Athem zu kommen, welchen auf immer zu ver⸗ lieren ich ſchon beſorgt hatte. „Sag' mir doch, Hucabar⸗ wohin ſezteſt Du Dich?“ „Auf die Wolke, Hoheit.“ „Heiliger Prophet! Was? eine Wolke hütte 3 Dein Gewicht tragen koͤnnen?“ „Wenn Deine Hoheit bedenken will, daß dieſe Wolke zu gleicher Zeit viele Tonnen Waßer in die Hoͤhe zog, ſo kann es Dich nicht in Erſtaunen ſezen, daß ſie mich tragen wollte.“. — 254— „Das iſt wahr,“ erwiederte der Paſcha, „dieſe Geſchichte iſt hoͤchſt wunderreich; doch bevor Du weiter erzaͤhlſt, wuͤnſche ich zu wißen, wovon die Wolke gemacht war?“ „Wahrlich es iſt nicht leicht Deiner Hoheit dies zu erklaͤren. Nur mit einer naßen wolle⸗ nen Decke kann ich ſie vergleichen. Ich fand ſie außerordentlich kalt und feucht, und bekam ei⸗ nen Rheumatismus waͤhrend meines Verweilens auf ihr, den ich bis auf den heutigen Tag noch fuͤhle.“ Sobald die Wolke geſaͤttigt war, theilte ſich die Waßerſaͤule, und in ſchnellſter Bewegung ſtiegen wir empor, bis die Kaͤlte durchdringend wurde. Bei unſerm Fortſchweben kamen wir einem Regenbogen vorbei, und ich gerieth in das hoͤchſte Erſtaunen, als der Schluͤßel zu meinem Koffer und auch mein Einſchlag⸗ meßer ſich gewaltſam durch das Tuch meiner Jacke hervordraͤngten und mit der groͤßten Ge⸗ ſchwindigkeit dem Regenbogen zuflogen, an deßen violette Strahlen ſie ſich feſtſezten, woraus ich dann die Entdeckung ableitete, daß dieſe beſondere Strahlen magnetiſch ſeyen. Ei⸗ — — 2 ner Engliſchen Dame, der ich auf ihren Reiſen begegnete, erzaͤhlte ich dieſen merkwuͤrdigen Umſtand und habe ſeitdem erfahren, daß ſie dieſe Thatſache als ihre eigene Entdeckung an gelehrte Geſellſchaften mitgetheilt hat. Weil ſie aber eine ſehr huͤbſche Frau iſt, ſo verzeihe ich ihr das gern. Begierig, hinab auf die Erde zu blicken, bohrte ich mit meinem Finger ein Loch durch den untern Theil der Wolke und war ganz er⸗ ſtaunt uͤber die Geſchwindigkeit, mit welcher jene ſich umdrehte. Wir waren ſo hoch geſtie⸗ gen, daß wir uns außerhalb der Sphaͤre ihrer Anziehungskraft befanden und deßhalb blieben wir in feſter Stellung. Ohngefaͤhr ſechs Stun⸗ den war ich da oben geweſen, und wiewohl ich mich nahe an der Kuͤſte von Amerika be⸗ funden hatte, als ich aufſtieg, konnte ich nun ſchon das Cap der guten Hoffnung eben auf⸗ ſchimmern erblicken. Ich war im Stande mir einen ſehr guten Begriff vom Bau der Erd⸗ kugel zu machen, denn von jener ungeheuren Hoͤhe herab konnte ich bis hinab auf den tiefſten Grund des Atlantiſchen Ozeans ſchauen. Deine Hoheit mag ſich davon verſichert halten, daß wenn Du wuͤnſcheſt mehr zu entdecken als — 256— andere Leute vermoͤgen, es ganz nothwendig iſt, in die Wolken zu ſteigen. „Ganz richtig,“ pflichtete der Paſcha bei, „doch erzaͤhle weiter.“ „Ganz ungemein zog mich das chemiſche Ver⸗ fahren an, durch welches Salzwaßer zu ſuͤßem Waßer umgewandelt wurde, und das geſchah waͤhrend meines dortigen Aufenthaltes in er⸗ ſtaunlicher Geſchwindigkeit. Vielleicht wuͤnſcht Deine Hoheit, daß ich Dir die Sache erlaͤutere, um ſo mehr, da dies Deine Aufmerkſamkeit nur eine Stunde in Anſpruch nehmen wird.“ „Nein, nein, uͤberſpringe das Huckaback, und erzaͤhle weiter.“ Sobald meine Neugierde befriedigt war, ge⸗ rieth ich auch in furchtbare Angſt uͤber meinen Zuſtand; nicht etwa in Betreff der Mittel mein Daſeyn zu erhalten, dieſe hatte ich in Über⸗ fluß. „Im Überfluß!— Ei, was konnteſt Du dort zu eßen haben?“ — 257— Eine Menge friſcher Fiſche, Hoheit, die von der Waßerſaͤule zugleich mit mir hinaufgezogen waren; auch das ſuͤße Waßer ſammelte ſich ſchon in kleinen Lachen um mich her. Aber die Kaͤlte war entſezlich, und ich fuͤhlte daß ich ſüe nicht viele Stunden laͤnger zu ertragen vermogte; wie ich aber aus der Wolke herab⸗ kommen ſollte, war ein Problem, das ich nicht zu loͤſen wußte. Inzwiſchen wurde es bald ße mein Zuthun geloͤſet, denn nachdem die Wolke ihren chemi⸗ ſchen Prozeß beendigt hatte, ſenkte ſie ſoh in der nemlichen Geſchwindigkeit mit der ſie ge⸗ ſtiegen war, und vereinigte ſich mit vielen andern, die im ſcharfen Kampfe mit einander waren. Als ich dieſe Wolken gegeneinander ſtoßen und bei der Heftigkeit ihrer Beruͤhrun⸗ gen das elektriſche Fluidum entladen ſah, er⸗ fuͤllte mich Beben und Grauen, denn ich be⸗ fuͤrchtete auf einen Widerſacher zu ſtoßen, der mich in des Abgrundes Tiefe hinunterſchleu⸗ derte, oder aber vom himmliſchen Geſchoße zer⸗ truͤmmert zu werden. Inzwiſchen war ich gluͤck⸗ lich genug, dieſen Gefahren zu entgehen. Die Wolke, welche mich trug, ſenkte ſich bis auf etwa hundert Ellen Entfernung von der Erde, II. 17 — 258— zu dieſer hinab, und ward ſodann mit ſolcher Geſchwindigkeit und ſo furchtbarem Getoͤſe vom Winde fortgetrieben, daß ich bemerkte„ wir dienten als Werkzeug eines Orkans. So wie wir uns der Erde mehr naͤherten, vermogte die Wolke der Anziehungskraft jener nicht zu widerſtehen, ſondern war genoͤthigt, ihre Buͤrde auszuliefern und ich fiel mit Stroͤ⸗ men von Regen hinab, die mich an die Suͤnd⸗ fluth mahnten. Die Windsbraut raſete nun in ihrer ganzen Wuth. Der Sturm heulte und brauſete im wilden Toſen und ſeine Heftigkeit war ſo gewaltſam, daß ich im ſpizen Winkel fiel. „Worin feln Du?“ nteohrach der Paſcha, „ich weiß nicht, was das iſt.“ „Ich fiel in ſchiefer Richtung, Hoheit, das heißt ich beſchrieb die Hypothenuſe zwiſchen der Baſis und dem Perpendikel, welche die Ge⸗ walt des Windes und der Anziehung der Schwer⸗ kraft erzeugt.“ „SHeiliger Prophet! wer kann ſolches Zeng verſtehen? Sprich deutlich, lachſt Dui in unſere Baͤrte?“ — 259— „Min Allah! Gott verhuͤte! Dein Diener wuͤrde lieber Erde eßen,“ erwiederte Hucka⸗ back. Ich meinte zu ſagen, daß der Sturmwind die Gewalt uͤbte mich faſt zu tragen, und als ich das Waßer zuerſt beruͤhrte, was auf dem Gipfel einer Woge der Fall war, prallte ich wieder davon ab und rikochettirte mehre Male von einer Meereswoge zur andern gleich einer Kugel, die laͤngs der Oberflaͤche des Waßers hingefeuert wird, oder wie eine Au⸗ ſterſchale, die ein ſpielendes Kind auf einem Waßerteiche hinſchnellt. Der lezte Sprung, den ich machen mußte, ſchleuderte mich in die Ta⸗ kelung eines kleinen Fahrzeuges das auf die Seite geworfen lag und kaum hatte ich Zeit gehabt Athem zu ſchoͤpfen als es vollends um⸗ ſchlug. Ich kletterte an ſeinen Bugplanken hinauf und ſezte mich rittlings auf deßen Kiel. Da blieb ich zwei oder drei Stunden, nach deren Ablauf der Orkan ſeine Heftigkeit aus⸗ getobt hatte. Die Wolken verzogen ſich, die Sonne drang in ihrer ganzen Herrlichkeit durch, das Meer nahm ſeine vormalige Ruhe wieder — 260— au, und die Natur ſchien boshaft uͤber das von ihr angeſtiftete Unheil zu laͤcheln. Ich war nicht weit vom Lande und das umgeſchlagene Schiff trieb der Kuͤſte zu. Jezt befand ich mich auf Isle⸗de⸗France und hatte alſo innerhalb zwoͤlf Stunden auf dieſe wunderbare Weiſe meinen Standpunkt von einer Haͤlfte der Erdkugel auf die andere uͤber gewechſelt. Die Inſel fand ich in einem grauenvollen Zuſtande der Zerſtoͤrung; jahrelange Arbeit war im wuͤthenden Kampfe einer Stunde verheert— die Erndten waren fortgerißen, die Haͤuſer dem Erdboden gleich gemacht, die Schiffe lagen in Truͤmmern am Geſtade— alles war Jammer, Zerſtoͤrung und Elend. Gleichwohl wurde ich von meinen Lands⸗ leuten, den Bewohnern dieſer Inſel guͤtig auf⸗ genommen; nach vier und zwanzig Stunden tanzten wir Alle und ſangen wie zuvor. Ich dachte eine ſehr huͤbſche Quadrille aus, Orkan genannt, welche die ganze Inſel in Entzuͤcken verſezte und die Bewohner fuͤr alle ihre Leiden entſchaͤdigte. Weil mir aber ſehr um Ruͤckkehr nach meiner Heimath zu thun war und ein Hol⸗ laͤndiſches Schiff gradesweges nach Marſeille abfahren wollte, ſo ſchaͤzte ich mich ungemein glaͤcklich, meine Überfahrt darin unter eben — 234 den Bedingungen zu erhalten, die es mir moͤg⸗ lich gemacht hatten, Weſtindien zu verlaßen. Wir gingen unter Segel; doch-waren wir noch nicht vier und zwanzig Stunden in See geweſen, als ich die Erfahrung machte, der Kaptain ſey ein jaͤhzorniger Menſch und ein furchtbarer Tyran. Ich war nicht ſehr kraft⸗ voll und unfaͤhig, die Arbeit vor dem Maſte zu verrichten, an welche ich nicht gewoͤhnt war, nun wurde ich ſo unbarmherzig geſchlagen, daß ich in meinem Sinne erwog ob ich den Kaptain ermorden und mich dann in die Fluthen ſtuͤr⸗ zen, oder oͤb ich mein hartes Logs erdulden wollte. Eines Abends lag ich aͤchzend auf dem Vorderſchiffe nach einer vom Kaptain empfan⸗ genen Zuͤchtigung die mich unfaͤhig zur Ver⸗ richtung meiner Dienſtarbeit machte, da ereignete ſich ein erſtaunenswuͤrdiger Umſtand, der nicht nur veranlaßte daß ich mich zur mahometa⸗ niſchen Religion bekannte, ſondern auch den Grund zu dem Ausrufe gab, welchen Deine Hoheit von mir vernahm, als Du verkleidet mir vorbeigingſt.——„Weshalb werde ich denn unaufhoͤrlich ſo verfolgt?“ rief ich in meiner Verzweiflung aus.— So wie ich dieſe Worte vorbrachte erſchien vor meinen Augen ein ehr⸗ — 262— wuͤrdiger Mann mit flatterndem Barte und mit einem Buche in der Hand; der ri gab mir zur Antwort: „Deshalb Huckaback, weil Du den wahren Glauben nicht bekennſt.“ „Welcher iſt der wahre Glaube?“ fragte ich furchtſam und im bangen Staunen. „Es gibt nur einen Gott,“ erwiederte er, „und ich bin ſein Prophet.“ „Gnadenreicher Allah!“ rief der Paſcha aus; „wie!— das mußte ja Mahomet ſelber ſeyn!“ „Er war es, Hoheit, wiewohl ich ihn damals nicht kannte.“ „Beweiſe mir, daß dieſer der waßfe Glaube iſt;“ ſprach ich. „Das will ich“ erwiederte er,„das Herz dieſes unglaͤubigen Kaptains will ich umwen⸗ den“— damit verſchwand er. Am folgenden Tage als ich im Vorderſchiffe lag, kam zu meinem Erſtaunen der Kaptain zu mir, erbat meine Verzeihung fuͤr die Grauſam⸗ keiten deren er ſich gegen mich ſchuldig gemacht — 263— hatte, weinte Thraͤnen der Reue und befahl den andern Matroſen mich in ſeine Kajuͤte zu tragen. Hier ließ er mich auf ſein eigenes Bett hinle⸗ gen und pflegte mich wartend als waͤre ich ſein geliebtes Kind. In kurzer Zeit genas ich, doch wollte er auch nach meiner Herſtellung mir keine Arbeit mehr erlauben, ſondern beſtand darauf daß ich ſein Gaſt ſeyn muͤße und uͤber⸗ haͤufte mich mit Guͤte und Frenndlichkeit. „Gott iſt groß!“ rief der Paſcha aus. Über dieſe Vorgaͤnge nachdenkend, lag ich in meinem Bette als die ehrwuͤrdige Geſtalt wieder vor mir erſchien. 3 „Biſt Du jezt uͤberzeugt, Huckaback?“ „Ich bin's,“ erwiederte ich. „Dann beweiſe es dadurch, daß Du dich dem Geſeze unterwirfſt ſo bald es Dir moͤglich iſt. Du ſollſt belohnt werden, nicht ſogleich, aber wenn Dein Glaube bewaͤhrt wurde. Hoͤre mich, verfolge deinen Beruf als Seefahrer, und wenn Du einmal im Divan zu Kairo mit zwei Perſonen zuſammenſtzeſt die urſpruͤng⸗ — 264— lich mit Dir das naͤmliche Gewerbe trieben, wenn Niemand ſonſt zugegen iſt und wenn Du dieſes Geheimniß kund gethan haſt, dann ſoll Dir der Befehl uͤber des Paſcha's Flotte gegeben werden und dieſe Flotte ſoll unter Dei⸗ ner Fuͤhrung ſtets gute Erfolge haben. Darin ſoll die Belohnung Deiner Treue beſtehen.“ Jezt ſind es vier Jahre, ſeit dem ich den wahren Glauben bekannt habe und weil ich in Armuth verſank ward ich angetrieben jenen Ausruf laut werden zu laßen den Deine Ho⸗ heit vernommen hat; denn wie koͤnnte ich nur „hoffen, jemals im Divan mit zwei Bartſcheerern zuſammen zu kommen, ohne daß andere Men⸗ ſchen zugegen waͤren? 1 „Heiliger Prophet! wie wunderbar!— Mu⸗ ſtapha war Barbier und ich henſahs— nief der Paſcha.— „Gott iſt groß!“ erwiederte der Menegut ſich vor ihm niederwerfend,„ich habe alſo den Befehl Deiner Flotte?“ 9 „Von dieſer Stunde an,“ antwortete der Paſcha.—„Muſtapha, verkuͤnde Du meinen Willen.“ 38 — 265— „Der jezige Befehlshaber“ entgegnete Mu⸗ ſtapha der den liſtigen Renegaten durchſchaute, „iſt ein Liebling der Mannſchaft.“ „Dann ſchicke hin, laß ihn kommen und ſchlag ihm den Kopf ab. Soll er die Befehle Maho⸗ met's hindern?“ Der Vezir verneigte ſich und der Paſcha ver⸗ ließ den Divan. Der Renegat mit Laͤcheln auf ſeinen Lippen und Muſtapha in hoͤchſtem Staunen, blickten einander einige Sekunden an:„Du haſt ein außerordentliches Talent, Selim,“ bemerkte der Vezir. „Dank Deiner Einfuͤhrung und meiner eige⸗ nen Erfindungsgabe, jezt wird es endlich zur Thaͤtigkeit kommen. Bedenke Vezir, daß ich dankbar bin, Du verſtehſt mich.“ Mit dieſen Worten verließ der Renegat den Divan, und uͤberließ Muſtapha ſeiner ſtaunenden Verwun⸗ derung. — 266— Achtes Kapitel. „Mutaapha“ ſprach der Paſcha, die Pfeife aus dem Munde nehmend, nachdem er eine halbe Stunde ſchweigend geraucht hatte,„ich habe bedacht es ſey hoͤchſt ſonderbar von un⸗ ſerm heiligen Propheten!— geſegnet ſey ſein Name!— daß er ſich ſo viele Muͤhe um einen ſolchen Sohn vom Scheitan geben wollte, als dieſer ſchurkiſche Renegat Huckaback iſt, deßen Religion nur in ſeinem Turban beſteht. Bei dem Schwerdte des Propheten, iſt es nicht auffal⸗ lend, daß er ihn grade ſchicken wollte um meine Flotte zu befehligen?“ „Es war der. Wille Deiner erlauchten Ho⸗ heit, daß er den Befehl Deiner Flotte be⸗ kommen ſollte;“ entgegnete Muſtapha. „Maſchallah! war es denn nicht der Wille des Propheten?“ Muſtapha rauchte ſeine pfeife und gab keine Antwort. „Er war ein vortrefflicher Geſchichten— Er⸗ zaͤhler;“ bemerkte der Paſcha nach einer Pauſe. „Das war er,“ ſagte Muſtapha trocken,“ kein Keſſeguh unter unſern Rechtglaͤubigen konnte ihm gleich kommen, doch das iſt nun voruͤber und der Hund von Iſauri muß ſich jezt als Ruſtam im Dienſte Deiner erlauch⸗ ten Hoheit bewaͤhren. Weil ich wußte, daß Deine Hoheit vergnuͤglicher Unterhaltung be⸗ duͤrfen wuͤrde, und weil es die Pflicht Dei⸗ nes Sklaven war, der nur vom hellen Strahle Deines Antlizes ſein Licht gewinnt, Dir dieſe zu verſchaffen, ſo habe ich geſtern, nachdem die Sonne in Verzweiflung daruͤber, daß ihre Glorie durch den Glanzſtrahl Deiner erlauch⸗ ten Hoheit verdunkelt wurde, untergegangen war, den Befehl zur genaueſten Durchſuchung der ganzen Welt gegeben und entdeckt, daß mit der Karavane, welche jezt in den aͤußer⸗ ſten Vorſtraßen der Stadt raſtet, ein hochbe⸗ — 268— ruͤhmter Keſſeguh nach Mekka zieht, um ſeiue Huldigungen am geheiligten Altare unſeres Pro⸗ pheten darzubringen, und zuverlaͤßige Boten habe ich ausgeſchickt, um ihn vor das Antliz des Min Baſchi zu fuͤhren, vor welchem Dein Sklave, ſo wie die Tauſende, die er beherrſcht, nur Staub ſind;“ bei dieſen Worten machte Muſtapha eine tiefe Verneigung. „Aferin! vortrefflich!“ rief der Paſcha aus, wann wird er hier ſeyn?“ „Ehe noch das Rohr, dem jezt die Ehre wi⸗ derfaͤhrt, Deiner Hoheit Lippen zu kuͤßen„ in der Freude ſeines Entzuͤckens den Weihrauch eines andern Kopfes voll vom duftenden Kraute ausgehaucht hat, werden die Pantoffeln des Keſſeguh vor der Schwelle des Pallaſtes zu⸗ ruͤckgelaßen bleiben. Bi chesm, falle die Schuld auf meine Augen!“ „Das iſt gut, Muſtapha!“ ſagte der Paſcha und dann zum Griechiſchen Sklaven, der mit gefaltenen Armen und an dem Boden haften⸗ den Blicken bereit ſtand:„Kaffe, Sklave, und das ſtarke Waßer des Giaur.“ Des Paſchas Pfeife ward wiederum gefuͤllt, den Kaffe ſchluͤrften Beide hinab und mit viel groͤßerem Entzuͤcken zogen ſie den verbotenen — 269— ſtarken Geiſt in ſich, ein Entzuͤcken, welches eben durch den Umſtand erhoͤhet wurde, daß dieſes Getraͤnk ihnen unterſagt war. „Gewiß muß dabei ein Irrthum ſeyn, Mu⸗ ſtapha,“ ſagte der Paſcha.„Spricht der Koran nicht: Alles Gute iſt fuͤr die Rechtglaͤubigen beſtimmt; und iſt dies nicht ſehr gut? Wie koͤnnte es alſo verboten ſeyn? Sollte es fuͤr die Giaure dienen? Moͤgen die, ſo wie die Graͤber ihrer Vaͤter, ewig unflaͤthig ſeyn.“ „Amen!“ ſprach Muſtapha, legte das Trink⸗ geſchirr nieder und ſeußzte tief. In ſeiner Berechnung war Muſtapha ganz richtig geweſen. Ehe der Paſcha ſeine Pfeife noch ausgeraucht hatte, wurde die. Ankunft des Geſchichten⸗Erzaͤhlers gemeldet, und nach⸗ dem man Anſtands halber ein Paar Minuten gewartet hatte, die dem Paſcha eine Ewigkeit daͤuchten, klaſchte Muſtapha in ſeine Hände und der Mann ward eingefuͤhrt. „Koſch amedeid! Du biſt willkommen!“ ſprach der Paſcha, als der Keſſeguh in den Divan trat; er war ein ſchlanker, zierlich gebauter Mann von etwa dreißig Jahren. 1 „Ich bin hier, um dem Willen des Paſcha u gehorchen,“ ſprach er im wohlklingendſten — 270— Tone und ſalaamte tief.„Was verlangt Seine Hoheit von ſeinem Sklaven Menouni?“ „Seine Hoheit verlangt eine Probe von Deinem Talente und eine Veranlaßung um Dir ein Gnadengeſchenk zu ertheilen 9 antwor⸗ tete Muſtapha. 4 „Ich bin weniger als Staub und bin bereit mein Haupt mit Aſche zu bedecken; ſollte meine Seele durch des Paſcha Herablaßung ſich nicht im ſiebenten Himmel glauben; gleich⸗ wohl moͤgte ich gar gerne ſein Geheiß erfuͤllen und auch gern weiter ziehen, denn ein Geloͤb⸗ niß an den Mredehnten iſt heilig und geſchrieben ſteht im Koran— „Laß Du den Koran fuͤr jezt, guter Me⸗ nouni; wir verlangen von Dir einen Be⸗ weis Deiner Kunſt; erzaͤhle mir eine Ge⸗ ſchichte.“ „Stolz werde ich ſeyn auf dieſe Ehre! Wird nicht dadurch mein Antliz weiß werden fuͤr alle Ewigkeit? Soll Dein Sklave die Liebe von Leilah und Meinoun erzaͤhlen?“ „Nein, nein,“ entgegnete der Paſcha,„et⸗ was, das mir Vergnuͤgen machen kann.“ „Dann will ich die Geſchichte vom Liebha⸗ ber mit Schmarren erzaͤhlen?“ — 271— „Das klingt gut, Muſtapha,“ bemerkte der Paſeha „Wer vermoͤgte ſo gut in die Zukunft zu blicken, als Deine erlauchte Hoheit?“erwiederte Muſtapha.„Menouni, es iſt des Paſchas hoher Wille, daß Du beginnſt.“ „Dein Sklave gehorcht. Dein erlauchtes Auf⸗ faßungsvermoͤgen iſt gewiß nur zu wohl mit Geographie bekannt?“ „Nicht, daß ich es wuͤßte. Ließ die Perſon jemals ihre Pantoffeln vor unſerer Schwelle, Muſtapha?“ „Ich vermuthe,“ erwiederte Muſtapha,„ſie geht durch die ganze Welt und muß deshalb auch hier geweſen ſeyn. Fahre Du fort, Me⸗ nouni, und frage nicht dergleichen Fragen. Vermoͤge ſeines erhabenen Standes kennt der Paſcha jegliches Ding.“ „Wahr,“ ſprach der Paſcha und ſchuͤttelte mit vieler Wuͤrde und großer Selbſtzufrieden⸗ heit ſeinen Bart. „Ich nahm mir nur die Freiheit, dieſe Frage aufzuſtellen,“ erwiederte Menouni, deßen Stim⸗ me ſanft und ſilbertoͤnend wie eine Floͤte am ſtillen Sommerabende war,„weil ich glaubte, eine Kenntniß dieſer Wißenſchaft ſey noͤthig, um genau den Theil der Welt zu verſtehen, aus welchem meine Erzaͤhlung mir uͤberliefert iſt; aber ich habe Unrath gegeßen und bin mit Schaam uͤbergoßen, meiner Unbedachtſamkeit wegen; auch wuͤrde dies nicht der Fall gewe⸗ ſen ſeyn, haͤtte es nicht dem erhabenen Sultan, dem ich dieſe Geſchichte zu erzaͤhlen die Ehre hatte, gefallen mich zu unterbrechen, weil er nicht voͤllig davon uͤberzeugt war, daß jener Theil der Welt ihm bekannt ſey. Aber nun will ich mit meiner Erzaͤhlung anheben und damit im majeſtaͤtiſchen Schritte eines Kameeles fortfahren, das ſtolz uͤber ſeinen Pilgerzug durch die Wuͤſte, dem Heiligthume unſers männſärahe lenden Propheten zuſchreitek. 175 — Der Liebhaber mit Sehmarren. Im nordoͤſtlichen Theile der großen Indiſchen Halbinſel befand ſich ein bluͤhendes, weit aus⸗ gedehntes Koͤnigreich, beruͤhmt durch die Schoͤn⸗ heit des Landes, die Fruchtbarkeit ſeines Bodens und die Heilſamkeit ſeines Klima. Gegen Oſten war dieſes Koͤnigreich von einem Lande begraͤnzt, das den Namen Luſitanien fuͤhrte, welches nord⸗ waͤrts gegen die Kuͤſte von Island ſich hinſtreckt, die ihren Namen von der ganz außerordent⸗ lichen Hize ihrer Winter fuͤhrt. Gegen Suͤden ward es von einem Streifen Landes begraͤnzt, deßen Name meinem Gedaͤchtniße entſtreift iſt; aber es verliert ſich in die Meere unter der Herrſchaft des großen Khan der Tartarei. Im II. 18 — 274— Weſten iſt es von einem andern Reiche einge⸗ ſchloßen, deßen Namen ich ebenfalls vergeßen habe, und im Norden, wieder von einem Koͤ⸗ nigreiche, an deßen Namen ich mich nicht er⸗ innere. Nach dieſer Erklaͤrung und bei Deiner erlauchten Hoheit Kenntnißen, mit denen ver⸗ glichen, die des Weiſen Lockmann nur waren wie Saamenkoͤrner gegen eine Waßermelone, darf ich kaum noch ſagen, es war das alte Koͤnigreich Suffra. „Menouni, Du haſt vollkommen recht,“ be⸗ merkte der Paſcha,„fahre fort.“ „Gluͤcklich iſt Dein Sklave im Angeſichte 5 großer Weisheit zu ſtehen,“ ſagte Menouni, „denn ich war von Zweifeln befangen; der Glanz Deiner Gegenwart hat mein Gedaͤchtniß erſchreckt, ſo wie beim Erſcheinen der Kara⸗ vane das Zebra⸗Fohlen in der Wuͤſte erbangt.“ In dieſem entzuͤckenden Reiche, wo die Nach⸗ tigallen in ihren Liebesliedern an die Roſen ihr Daſeyn wegſangen, und wo die Roſen ihre Duͤfte aushauchten, bis die ganze Luft eine fortgeſezte Entzuͤckens⸗Eßenz war, wie die Rechtglaͤubigenſi e einathmen, wenn ſie den Thoren des Paradieſes zuerſt nahen und durch die Winke der Houris von den goldenen Mauern herab bezaubert werden; lebte eine reizende Hindu⸗Prinzeßin, die in Liebreiz einherging und deren Laͤcheln fuͤr alle auf die es ſiel, Geheiß zum Glücklichſeyn wurde; dennoch hatte ſie die Klage der Nachtigall achtzehn Sommer vernommen, und war aus Gruͤnden, die meine Geſchichte erzaͤhlen ſoll, immer noch unvermaͤhlt. In die⸗ ſem Lande, welches zu der Zeit von Allah mit Unglaͤubigen bevoͤlkertwar, um es fuͤr die Recht⸗ glaͤubigen fruchtbar zu machen, und um deren Ankunft, welche kurz nach den Begebenheiten erfolgte, die ich jezt erzaͤhle„Sklaven derſel⸗ ben zu ſeyn, war es nicht der Gebrauch, daß die Frauen von Suffra das Leben des Nicht⸗ ſichtbarwerdens fuͤhrten, welches nur denjenigen geſtattet iſt, die zum Entzuͤcken der Bekenner des Korans beitragen; obwohl es mit der groͤß⸗ ten Sittſamkeit ihres Betragens geſchah, ſtell⸗ ten die Frauen doch bei großen Veranlaßun⸗ gen ihre Reize dem oͤffentlichen Angaffen der Menge blos; ein Irrthum fuͤr welchen ſie, ſo ſchoͤn ſie auch waren, unzweifelhaft in ewige — 276— Verdammniß gerathen waͤren, wenn ſie See⸗ len beſeßen haͤtten. Verſittlichung muß, wie Menou geſagt hat, ſowohl weit als auch breit ſich ausdehnen, bevor andere Voͤlker ſo hoch gebildet ſeyn werden, uns im Glanze, in der Sicherheit und Gluͤckſeligkeit unſerer Harems nachahmen zu koͤnnen; und wenn ich Deiner Hoheit ferner noch bemerke—— „Fahre mit der Erzaͤhlung fort, guter Me⸗ nouni,“ unterbrach ihn Muſtapha, 7See Hoheit liebt keine Bemerkungen.“ „Nein, bei meinem Barte,“ ſiel der Paſcha ein,„Du haſt Deine Geſchichte zu erzaͤhlen, und wenn ſie aus iſt, dann ſteht 83 mir zn Bemerkungen zu machen.“ „Ich ſtehe vor dem Angeſichte der Weisheit 24 ſagte Menvuni, verbeugte ſi h tief und fuhe— Die reizende Ba⸗be⸗bi⸗bo⸗bu, denn ſo hieß die Prinzeßin, und dieſer Name bedeutet in ihrer Landesſprache„die Rahm⸗Torte des Ent⸗ zuͤckens,“ war durch den Tod ihres Vaters, als Koͤnigin der Suffraganier hinterblieben, durch — 277— ſein, von allen Großen des Reiches, beſchwo⸗ renes Teſtament, war angeordnet, daß ſie nach erlangtem Alter von zwoͤlf Jahren ſich einen Gemahl waͤhlen ſolle; doch war dabei aus⸗ druͤcklich feſtgeſezt, daß der alſo beguͤnſtigte Juͤngling aus eben ſo hoher Kaſte abſtamme, als ſie ſelber, und daß er ſonder Schmarre noch Makel ſey. Als nun die reizende Ba⸗be⸗ bi⸗bo⸗bu zwei Jahre nach ihres Vater Tode ihr zwoͤlftes Jahr zuruͤckgelegt hatte, wurden ſchnell⸗ laufende Boten und Herolde auf den fluͤchtig⸗ ſten Dromedaren und Arabiſchen Roßen edel⸗ ſten Blutes, durch das ganze Koͤnigreich Suffra ausgeſchickt, um die Beſtimmungen dieſes Te⸗ ſtaments zu verkuͤnden; die Neuigkeit verbrei⸗ tete ſich ſodann in die angraͤnzenden Reiche, und von dieſen, nach allen Enden der Welt, ſo daß Niemand in Unwißenheit blieb. Im Koͤnigreich Suffra, aus deßen maͤnnlicher Ju⸗ gend die Wahl getroffen werden ſollte, wa⸗ ren alle Junglinge der hoͤchſten Kaſte im Zu⸗ ſtande geiſtiger Gaͤhrung, denn ſie gewahrten eine Moͤglichkeit dieſe Ehre zu erlangen; und alle jungen Leute niederer Kaſten waren auch in Gaͤhrung, weil ſie bedachten daß ihnen keine Moͤglichkeit bliebe dieſe Ehre zu erlangen; 1— 278— und alle Frauen von hoher oder niedrer Kaſte, oder auch von gar keiner Kaſte, waren ſaͤmmt⸗ lich in hochgaͤhrendem Zuſtande, weil— weil— „Weil ſie immer ſo ſind;“ unterbrach ihn der Paſcha.„Fahre fort Menouni.“ „Ich danke Deiner erlauchten Hoheit dafuͤr, mir in einem recht ſchwierigen Falle ausge⸗ holfen zu haben; denn wer vermoͤgte uͤber das Verhalten der Frauen, Gruͤnde anzugeben?“ II Es reicht hin zu ſagen, daß das ganze e Land ich in einem aufgaͤhrenden Zuſtande befand, der von Hoffnung, Verzweiflung, Eiferſucht, Neid, Neugierde, Vermuthung, Verwunde⸗ rung, Zweifel, Glauben, Unglauben, Erzaͤh⸗ len, Beplaudern, Unterbrechen, und vielen andern Urſachen herruͤhrte, deren beſondere Auf⸗ zaͤhlung zu ermuͤdend ſeyn muͤßte. Bei der erſten Verkuͤndigung bezog jeglicher Juͤngling in Suffra ſeine Mandoline mit neuen Saiten und waͤhnte der Gluͤckliche zu ſeyn. Hoffnung triumphirte im Lande, Roſen vertheuerten ſich auf den doppel⸗ ten Preis; der⸗Attar wurde verfaͤlſcht, um nur — 279— 8 die ungeheure Nachfrage befriedigen zu koͤnnen; Nachtigallen wurde beinahe goͤttliche Verehrung bezeigt; doch das konnte ſo nicht fortbeſtehen. Der Hoffnung folgte die Herrſchaft des Zwei⸗ fels, ſobald Nachdenken einſehen ließ, daß aus drei Millionen ſehr waͤhlbarer junger Leute nur Einer zum Gluͤcklichen gemacht werden koͤnne. Wo aber viele Berather ſind, wird der Ent⸗ ſchluß nur langſam gefaßt; die Verſammlungen, Abſtimmungen, Eroͤrterungen, Debatten, Re⸗ den, und die von den Großen des Reiches er⸗ hobenen verſchiedenen Einwendungen waren ſo mannichfaltig, daß der reizende Paradiesvogel, im achtzehnten Jahre immer noch ungepaart, die jungfraͤulichen Geſaͤnge in der ſtillen Ein⸗ ſamkeit Koͤniglicher Haine trillerte. „ Aber weshalb heirathete ſie Keinen,“ un⸗ terbrach der Paſcha,„wenn drei Millionen junger Leute bereit ſtanden ſie zu nehmen? Ich kann die Urſache dieſes Verzuges von ſechs Jahren nicht begreifen.“ Die Urſache, Allererlauchteſter, war die, daß — 280— die Großen des Reiches Suffra nicht mit Dei⸗ ner vorſtrahlenden Weisheit begabt waren, denn ſonſt haͤtte die reizende Ba⸗be⸗bi⸗bo⸗bu nicht ſo lange nach einem Gatten ſchmachten duͤrfen. Dieſer Verzug entſtand aus Zweifel, den die Dichter ſehr wahr den Vater des Ver⸗ zuges nennen. Ein Zweifel erhob ſich im Ge⸗ muͤthe eines der Braminen, welcher, wenn ihm ein Zweifel entſtand„dieſen immer und immer wieder vor ſich hinmurmelte, ihn aber niemals kauete, verſchluckte„ noch verdaute; dadurch gerieth nun die Fortpflanzung des Koͤniglichen Stammes in Gefahr. Jahrelang hatten die Be⸗ werber um Koͤnigliche Wuͤrde und mehr als Koͤnigliche Schoͤnheit ſchon den Hof umlagertz jeglicher hatte ſeine Mandoline im Arme, und ein dickes Paket Liebe⸗Sonnette hielt ſein Sklave hinter ihm; gleichwohl war alles noch Zweifel und die reizvolle Prinzeßin Ba⸗be⸗bi⸗bo⸗bu blieb unvermaͤhlt. i „Ich bezweifele, daß wir jemals zum Zwei⸗ fel kommen,“ unterbrach der Paſcha ihn un⸗ geduldig—„und daß die Prinzeß zum Manne kommt.“ — 281— Der Zweifel ſoll Deiner Hoheit jezt zu Fuͤßen gelegt werden. Dieſer war uͤber die ganz ge⸗ naue Bedeutung der Worte„ſonder Schmarre noch Makel,“ und ob Hautmaale als Schmarre oder als Makel zu betrachten waͤ⸗ ren. Der Bramin war der Meinung, daß der⸗ gleichen Maale Makel waͤren, und Viele ſtimmten ihm bei; das heißt Alle, die an ihren Koͤrpern keine Maale hatten, waren ſeiner Meinung; dagegen die Andern von der Natur mit ſolchen auszeichnenden Zeichen beguͤnſtigt erklaͤrten, daß, weit davon entfernt Schmarren oder Makel zu ſeyn, dieſe Maale vielmehr als zuſaͤzliche Schoͤnheiten betrachtet werden muͤß⸗ ten, die der Himmel ſeinen Lieblingen verliehen habe. Der Streit erhizte ſich und die reizbegabte Prinzeßin Ba⸗be⸗bi⸗bo⸗bu blieb unvermaͤhlt. Zu⸗ lezt ward dieſe wichtige Frage ſehr angemeßener Weiſe dem Mufti zur Entſcheidung anheimge⸗ ſtellt; die Weiſen des Mufti nahmen ſie vor, wendeten ſie, dreheten ſie, thaten hinzu, ver⸗ mehrten ſie, zogen davon ab, theilten ſie, eroͤr⸗ terten ſie faſtend, beſprachen ſie mit vollem Magen, ſchlummerten daruͤber ein, traͤumten davon, beſchliefen ſie, erwachten damit, zer⸗ gliederten ſie, kritiſirten ſie und ſchrieben acht — 282— und vierzig Foliobaͤnde daruͤber, von welchen vier und zwanzig fuͤr und vier und zwanzig gegen die Frage handelten; der einzige Schluß, welchen ſie am Ende zu faßen vermogten war, daß Maale, Maale ſeyen; und die reiz⸗ prangende Prinzeßin Ba⸗be⸗bi⸗bo⸗bu blieb un⸗ zer hlr Nun befaßten die Derwiſche und Fakire des Reiches ſich in religioͤſer Hinſicht mit der Frage; ſie zerſpalteten ſich in zwei Parteien, unter⸗ ſuchten die Frage durch eine Disputation unter einem Bananenbaume, die achtzehn Monate dauerte, und doch hatte noch nicht die Haͤlfte der heiligen Maͤnner ihre Meinung uͤber den Gegenſtand abgegeben; des Sprechens muͤde, ſchritten ſie zu Schlaͤgen, dann zu gegenſeitiger Anathemaſition und Exkommunion; zulezt be⸗ dienten ſie ſich des Aufpfaͤhlens, um einer den andern zu uͤberzeugen; mehr als tauſend kamen auf jeder Seite um ihr Leben, und immer noch blieb die reizſtrahlende Prinzczin Vaꝛbe⸗biebo⸗bu unvermaͤhlt. Die Schulen und Univerſt tten des Koͤnig⸗ reiches nahmen die Frage vor, argumentirten ſie metaphiſiſch, und nachdem beide Seiten zwei und zwanzig Millionen Beweisfaͤden un⸗ — — 283— widerbringlich verloren hatten, blieb die Frage ſo neu als vorher, und die reizerfuͤllte Prin⸗ zeßin Ba⸗be⸗bi⸗bo⸗bu unvermaͤhlt. Das war noch nicht Alles; zulezt nahm die ganze Nation Theil am Streite, zerſplitterte ſich in gewaltthaͤtige und zornſpruͤhende Fak⸗ tionen, welche Stadt gegen Stadt, Einwoh⸗ ner gegen Einwohner, Haus gegen Haus, Fa⸗ milie gegen Familie, Mann gegen Frau, Va⸗ ter gegen Sohn, Bruder gegen Schweſter, und in einigen Faͤllen ſogar, wo Zweifel zu beiden Seiten der Frage erſchienen, den Mann gegen ſich ſelber auflehnten. Die ganze Bevoͤl⸗ kerung griff zu den Waffen, unterſchied ſich als Maaliſten und Antimaaliſten; die Folge davon waren vierhundert Inſurrektionen und vier Buͤrgerkriege, die ſchlimmere Folge aber noch, daß die reizſchimmernde Prinzeßin Ba⸗ be⸗bi⸗bo⸗bu unvermaͤhlt blieb. Deine erlauchte Hoheit muß geſtehen, es war eine ſehr ai⸗ indige Frage. 8„Was meinſt Du davon, Muſashn² üane der Paſcha. „Soll Dein Sklave reden? 2 dann mogte ich — 284— ſagen, es war einfaͤltig, einem ſo unbedeuten⸗ den Dinge ſolche Wichtigkeit beizulegen.“ „Sehr wahr, Muſtapha. Dieſe Prinzeßin wird gar nicht der eitatheie; fahr fort Ma⸗ nouni.“ Ich muß Deiner Hoheit bemerken, daß die Maaliſten die ſtaͤrkſte und die hochmuͤthigſte Parthei ausmachten, nicht zufrieden damit, die Zeichen der Natur zu tragen, klebten ſie ihren Geſichtern nachgemachte Maale aller Far⸗ ben und Abſchattungen auf; die heftigſten An⸗ haͤnger gingen umher als litten ſie an einer Hautkrankheit. Es war auch ein ganz merkwuͤr⸗ diger Umſtand dabei, daß man von keinem Maa⸗ liſten hoͤrte, der jemals zur andern Seite uͤber⸗ gegangen war, waͤhrend viele der Antimaali⸗ ſten nach genommenem Bade recht ſchmach⸗ volle Apoſtaten wurden. Alles ging ungluͤck⸗ lich, das Reich war in Anarchie und Ver⸗ wirrung geſunken, als die Frage gluͤcklicher⸗ weiſe durch einen kleinen, etwa zwoͤlfjaͤhrigen Sklavenbuben geloͤſet wurde, der regelmaͤßig alle Morgen bei'm Aufſtehen von ſeinem Herrn aus Verdacht des Maalismus, und eben ſo — 285— regelmaͤßig jeden Abend von ſeiner Herrin aus einem zweiten Verdachte des Anti⸗Maalismus gegeißelt wurde. Der arme kleine Junge fliſterte einem andern Knaben zu, daß Maale Makel ſeyen oder auch nicht, je nachdem die Leute daruͤber denken moͤgten; fuͤr ſeinen Theil denke er aber gar nicht uͤber die Sache. Das Auflauern ward zu jener Zeit ſo ſtrenge ausgeuͤbt, daß ſein Fliſtern ſogar in meilenweiter Entfernung gehoͤrt wurde; des Knaben Bemerkung ward berichtet; gewiß war ſie neu, weil ſie neutral war, zu einer Zeit, in welcher Neutralitaͤt nicht erlaubt ſchien, oder von Niemandem be⸗ dacht wurde; die Bemerkung ward weiter ge⸗ ſagt; ſie wurde fuͤr wundertrefflich erklaͤrt; ſie lief wie ein Irrlicht durch die Vorſtaͤdte, er⸗ ſchallte in der Stadt, ruͤttelte ſogar die Pfor⸗ ten des Pallaſtes; zulezt gelangte ſie zum hei⸗ ligen Divan, der ſie als eine Eingebung der Gottheit betrachtete und augenblicklich ein feier⸗ liches Edikt erließ, in welchem als poſitiver und hoͤchſt wichtiger Artikel des Suffraganiſchen Glaubens feſtgeſezt wurde, daß Maale keine Schmarren und nur dann Makel waͤren, wenn ſie fuͤr ſolche gehalten wuͤrden. Jedermann pries die Weisheit dieſes Ediktes; es ward geleſen — 286— und unterſchrieben wie ein Glaubensbekennt⸗ niß; Staͤdte begruͤßten Staͤdte, Haͤuſer begluͤck⸗ wuͤnſchten Haͤuſer, und Verwandte druͤckten ſich die Haͤnde; noch viel ſeltſamer war aber, daß Maͤnner mit ihren Ehefrauen ſich verſoͤhnten, und noch viel entzuͤckender, daß nun eine Moͤg⸗ lichkeit da war, dem Unvermaͤhltbleiben der reizvollſten Prinzeßin Ba⸗be⸗bi⸗bo⸗bu ein Ende zu machen. Dieſes gluͤckſelige Edikt, aus welchem klar hervorging, daß Diejenigen die ein Maal fuͤr einen Makel hielten, nichts zu beſorgen hatten, und daß die Andern, die das nicht glaubten, gar keiner Gefahr ausgeſezt waren, brachte Alles in's Gleis; die Metropolis fuͤllte ſich wieder mit Bewerbern an, die Luft wurde durch Mandolinenklang gemartert und mit Roſenattar geſchwaͤngert. Wer kann verſuchen, die Pracht des Pallaſtes, den Prunk der Halle zu be⸗ ſchreiben, in welcher die reizſtrahlende Prin⸗ zeßin ſaß, um die Huldigungen von den Bluͤ⸗ then der Jugend ihres Reiches entgegen zu nehmen. Schmelzend ſanft, wonnigſuͤß, liebe⸗ athmend waren die zarten Toͤne der trillernden Aſparas oder Sangjungfrauen im ſehnſuͤchti⸗ gen Hinſtroͤmen der Melodie, bald herabeb⸗ — 287— bend bald emporfluthend, waͤhrend an den Seiten der zierlichen, hoch auf Saͤulen ru⸗ henden Halle, die Taͤnzerinnen, jede einzelne ſo ſchoͤn wie Artea in ihrer Pracht, bald her⸗ vorſchwebten, bald zuruͤckwichen, und in ih⸗ rem Schimmer jenen Duft der Huldigung bei⸗ nahe fuͤr ſich zu fordern ſchienen, welcher doch nur ganz allein der unvergleichlichen Einen gezollt werden mußte, die auf ihrem Sma⸗ ragdenthrone zugleich gluͤhete und ſchmachtete. Drei Tage hatte die Prinzeßin in dieſer Halle des Entzuͤckens geſeßen, ermuͤdet und gelangweilt vom unabgebrochenen Strome Suf⸗ fraganiſcher Juͤnglinge, die ſich vor ihr nie⸗ derwarfen, als ſie vorbei gingen. Der vierte Morgen graute und keiner von ihnen konnte ſagen, daß er durch Wink, Seufzer oder Blick auch nur mit einem Schatten von Vorzuge, ausgezeichnet waͤre. Die edlen Juͤnglinge be⸗ ſprachen ſich in ihrer Verzweiflung und murr⸗ ten unter ſich; mancher Fuß ſtampfte vor un⸗ zulaͤßiger Ungeduld, mancher Schnauzbart kraͤu⸗ ſelte in kleinlicher Entruͤſtung. Die Einwohner der Hauptſtadt tadelten der Juͤnglinge ſtuͤrmi⸗ ſche Heftigkeit; um am mildeſten daruͤber zu ſprechen, war ſie unzart, wenn auch nicht un⸗ — 288— loyal, ſchlimmer aber noch, daß ſie keine Ach⸗ tung vor den Buͤrgern darthaten, uͤber welche jeder von ihnen die Herrſchaft zu gewinnen ſich bewarb, denn ſie mußten doch einſehen, daß jezt die Zeit gekommen war, in welcher die Buͤrger durch einen ſolchen Zufluß von Be⸗ werbern, ihre goldene AÄrndte einſammelten. Mit treffender Richtigkeit fuͤhrten ſie auch an, daß eine Prinzeßin, die genoͤthigt geweſen war, ſechs Jahre lang zu warten, um anderer Men⸗ ſchen Zweifel zu beruhigen, das allerunlaͤug⸗ barſte Recht beſize„ eben ſo viele Tage zur Loͤſung ihrer eigenen Zweiſel zu verwenden. Am vierten Tage ſezte die reizende Ba⸗be⸗bi⸗ bo⸗bu ſich wieder mit gekreuzten Beinen auf ihre goldenen Polſter; ihre kleinen Fuͤße waren verborgen unter den Falten ihrer weiten azur⸗ farbigen Atlas⸗Beinkleider, und man meynte ihr Auge erglaͤnze heller, ihre Geſichtzuͤge ſeyen be⸗ lebter als an den vorigen Tagen; gleichwohl zog das Gedraͤnge unbemerkt vorbei. Sogar die gelehrten Braminen, welche unbeweglich in zwei Reihen zu den Seiten ihres Thrones ſtanden, empfanden Ungeduld; ſie ſprachen von der Flat⸗ terhaftigkeit des andern Geſchlechtes und von der Unmoͤglichkeit, daßelbe zum Faßen eines — 289— Entſchlußes zu bringen; ſie fliſterten ſich weiſe Ausſpruͤche und Wortſaͤze von Ferdiſtan und Andern zu, uͤber die Eigenlaunen der Weiber und uͤber die Unſtetigkeit ihrer Naturen; und jemehr ihre Beine ſie durch die ſtete Anforde⸗ rung ihre eigene Laſt zu ſtuͤzen ſchmerzten, deſto bitterer wurden ihre Anmerkungen.— Arme, langweilige Narren! laͤngſt hatte die ſchoͤne Prinzeßin ihren Entſchluß gefaßt, und waͤhrend der quaͤlenden ſechs Jahre, in welchen die Zwei⸗ fel und Eroͤrterungen dieſer ehrwuͤrdigen Hohl⸗ ſchaͤdel das ganze Volk in Maaliſten⸗ und Anti⸗ maaliſten⸗Wortſtreit verſenkten„war ihr Vor⸗ ſaz nicht ein einzigesmal wankend geworden. Es war etwa um die erſte Stunde nach Mit⸗ tag, als die reizende Ba⸗be⸗bi⸗bo⸗bu ſich ploͤzlich aus ihrer ruͤcklehnenden Stellung erhob, ihre ſchoͤnen kleinen Haͤnde zuſammenklatſchte, deren Finger wunderlieblich mit Henna getuͤpfelt wa⸗ ren, ihre Umgebung begruͤßte und voller Grazie die Audienzhalle verließ. Die Überraſchung und der Aufruhr waren groß, und was ihr Beneh⸗ men noch eigenthuͤmlicher machte, war, daß der einzige Sohn des Ober⸗Bramin, der zuerſt die Frage aufwarf und die Partei der Anti⸗ maaliſten fuͤhrte, im Augenblicke der Entfernung II. 19 — 290— der Prinzeßin niedergeworfen vor ihrem Throne lag, freilich mit der Stirne am Boden, aber mit einem Buſen, den Hoffnung und Ehrgeiz hoch anſchwellten. In einer Laube von Oranien⸗Baͤumen, tief im innerſten der Koͤniglichen Gaͤrten verborgen, zu denen ſie geeilt war, ſaß die ſchwer athmende Prinzeßin. Sie waͤhlte einige aus den umher⸗ geſtreuten Blumen, und ſchickte dieſe an Acota ihren Liebling unter den Saͤngern und Be⸗ gleitern. Wer war im ganzen Koͤnigreich Suf⸗ fra, der ſo ſuͤß die Mandoline ſpielte, als Acota? Und doch, wer war nicht nur in Suf⸗ fra ſondern in allen angraͤnzenden Laͤndern, der gelegentlich ſo ſchreiende Mißtoͤne griff als Acota, und das vor den Ohren der reizprun⸗ kenden Prinzeßin Ba⸗be⸗bi⸗bo⸗bu, die weit da⸗ von entfernt, dergleichen gewaltſames Betra⸗ gen zu tadeln, daßelbe vielmehr zu billigen ſchien, wiewohl dadurch die Saiten des In⸗ ſtrumentes nicht nur mit Zerſpringen bedroht wurden, ſondern auch die Trommelfelle derer, die in der Naͤhe waren, die ſich zu entfernen wuͤnſchten, um der Prinzeßin den alleinigen Genuß, ſolcher Dißonanzen zu uͤberlaßen, und die nicht ahnten, daß dieſe Mißtoͤne nur an⸗ — 291— geſchlagen wurden, damit ihre Seelen⸗Harmonie ungeſtoͤrt durch die Gegenwart Anderer fortdau⸗ ere, noch daß der Saiten quickendes Schnarren der Prinzeßin ſpaͤterhin durch die Muſik der Stimme Acotas mehr als erſezt wurde. Auf den Wink der Prinzeßin, ſezte ſich Acota und begann ſein Spiel, wenn man ge⸗ waltſames Anſchnellern und Ausſchnarren je⸗ glicher Saite ſeines Inſtrumentes, zu Toͤnen ſolcher Widrigkeit ſo nennen kann, bei denen die aufwartenden Maͤdchen ihre Finger in die Ohren ſteckten und der reizerfuͤllten Ba⸗be⸗bi⸗ bo⸗bu verderbten Geſchmack in der Muſik be⸗ mitleideten. 4 „Ach Acota!“ ſprach die Prinzeßin, und oͤffnete gegen ihn die ganze Zaͤrtlichkeit ihrer großen, gluthſtrahlenden Augen;“ wie bin ich's doch muͤde auf meinem Polſter zu ſizen und anzuſehen, wie Zierbengel nach Zierbengel, Geck nach Geck, vor mir auf ihre Antlize ſich niederwerfen; und uͤberdem muß ich an ihren Wohlgerüchen faſt erſticken. Greife noch ein⸗ mal und noch kreiſchender in Deine Mando⸗ line, Geliebter meiner Seele, noch viel lauter, damit dieſe laͤſtige Umgebung ſich noch weiter von mir entfernt.“ — 292— Darauf griff Acota auf ſeine Mandoline und brachte eine ſolche unerklaͤrliche Verwirrung von falſchen Noten, ſolch ein entſezenerregen⸗ des Gekreiſch hervor, daß alle Voͤgel auf hun⸗ dert Ellen in die Runde ſich ſchreiend erhoben und aͤngſtlich davon flatterten, und daß der wachſame alte Kammerherr, der in der Prin⸗ zeßin Meinung ihr unablaͤßig zu ſehr in der Naͤhe blieb, in ſeiner eigenen aber niemals nahe genug war, ausrief:„Yah! Yah! baba ſenna! verflucht ſey ſeine Mutter und ſeine Mandoline ebenwohl!“ dabei knirſchte er mit den Zaͤhnen, und eilte fort ſo ſchnell ſeine dickkugelige Geſtaltung ihm das erlauben wollte. Die getreuen Damen, welche die Prinzeßin umringten, vermogten es nicht laͤnger auszu⸗ ſtehen noch auszuſizen, ſie geriethen in Todes⸗ angſtund bißen ihre Zaͤhne auf einander; als Acota zulezt durch einen furchtbaren Griff alle Saiten ſeines Inſtrumentes zerriß, rißen ſie ſich vom Zuͤgel ihrer Pflichten los, entflohen nach allen Richtungen in den Garten und ließen die Prinzeßin mit Acota allein. „Geliebter meiner Seele“ ſprach die Prin⸗ zeßin,“ endlich habe ich einen Anſchlag aus⸗ geſonnen, durch den wir unſer Gluͤck ſichern!“ — 206— In ganz leiſem Tone, doch ohne einander an⸗ zublicken, um des alten Kammerherrn Aufmerk⸗ ſamkeit nicht rege zu machen, unterhielten ſie ſich. Einige Minuten lauſchte Acota auf die ſuͤße Stimme der Prinzeßin, nahm dann ſeine entſaitete Mandoline und entfernte ſich mit tiefer ehrfurchtvoller Verbeugung um dadurch den Kammerherrn zu erfreuen. Inzwiſchen verbreitete ſich das Geruͤcht, daß bei Sonnen⸗Untergang eine oͤffentliche pruͤfende Beſchauung ſaͤmmtlicher Bewerber, am Ufer des ſchnellfließenden Stromes gehalten werden ſolle, der eine Wieſe in der Naͤhe der Stadt durch⸗ ſchnitt, damit jene Bewerber abgewieſen werden moͤgten, die durch irgend eine Schmarre oder Makel darthun wuͤrden, daß ſie im Teſtamente des alten Koͤnigs nicht gemeint ſeyn koͤnnten. Zwoͤlf alte Fakirs und vier und zwanzig Mollahs mit Brillen waren zu dieſer Unterſuchung an⸗ geordnet. Weil dieſe eine religioͤſe Ceremonie war, ſo ließ ſich annehmen, daß ſaͤmmtliche Frauen von Suffra, die ihrer Gottesfurcht wegen beruͤhmt waren, nicht ermangeln wuͤrden dabei gegenwaͤrtig zu ſeyn; alle Welt war be⸗ gierig nach dem Anfange dieſer Pruͤfung. Es war hoͤchſt vergnuͤglich das Rennen, Reiten 4 und Jagen der jungen Suffraganer⸗Rajahs an⸗ zuſehen, die gepruͤft zu werden erwarteten; ein Fremder der ſo eben nach der Stadt ge⸗ kommen waͤre, haͤtte aus den Tauſenden und Aber⸗Tauſenden die aus den Thoren hervor, und zum Strome eilten, um die Ceremonie zu ſehen, ſchließen moͤgen, ſie ſey ploͤzlich von der Peſt befallen. Zum groͤßten Erſtau⸗ nen des Volkes verließen aber die meiſten der Rajahs, ſobald ſie zu Pferde ſaßen, die Stadt in entgegengeſezter Richtung, einige von ihnen erklaͤrten, ſie waͤren hoͤchſt unbezweifelt ſonder Schmarre noch Makel, aber koͤnnten ſich demungeachtet nicht dazu verſtehen, ihre Koͤrper dem Angaffen ſo vieler Tauſender bloszuſtellen; andere verſicherten, ſie verließen die Stadt wegen Schmarren und ehren⸗ vollen Wunden, welche ſie in Schlachten bekommen haͤtten, und bis zu dieſem Nachmit⸗ tage hatten die Suffraganer gar keine Ahnung davon gehabt, mit wie vieler Beſcheidenheit und mit wie wahrem Muthe ihr geliebtes Vaterland ſich bruͤſten duͤrfe; es gab viele Leute welche bei dem Erblicken der unausgeſezt fort⸗ laufenden Reihen abziehender Juͤnglinge wahr⸗ haft bedauerten, daß der verſtorbene Koͤnig — 295— in ſeinem Teſtamente, die in der Schlacht em⸗ pfangenen Schmarren zu Hindernißen der Er⸗ hebung gemacht haͤtte; doch die Braminen machten ſie verſtummen, als ſie ihnen ſagten, daß den Vorſchriften in des alten Koͤnigs Teſta⸗ mente, ein heiliges und verborgenes Geheimniß zum Grunde liege. „Bei dem Barte des Propheten, es iſt viel Zeit noͤthig um dieſer Prinzeßin einen Mana zu ſchaffen, Menouni,“ bemerkte der Paſcha unter langem Gaͤhnen. „Das kann Deine Hoheit nicht in Verwun⸗ derung ſezen, wenn Du die Bedingungen im Teſtamente des alten Koͤnigs erwaͤgſt.“ Die Pruͤfung wurde mit der groͤßten Strenge vorgenommen, ſogar eine ganz kleine Schnitt⸗ wunde reichte hin, um einen jungen Mann von der Wahlfaͤhigkeit auszuſchließen; ein Huͤhner⸗ auge ward fuͤr einen Makel gehalten— und ein junger Mann, der ſich von einem Wund⸗ arzte, zur Rettung ſeines Lebens, die Ader hatte oͤffnen laßen, verlor dadurch alle Moͤg⸗ lichkeit auf den Beſiz der Prinzeßin. — 296— „Ei, ſag' mir doch, wenn ein Barbier ſie bei dem Abſcheeren ihrer Koͤpfe geſchnitten hatte, ward das fuͤr eine Schmarre gehalten?“ „Ganz gewiß, Hoheit.“ „Dann waren dieſe Fakirs und Mollahs mit ihren Brillen und die Braminen, eine Zucht von Narren. Waren Sie nicht, Muſtapha?“ „Die Weisheit Deiner Hoheit gleicht dem Überfließen eines Sontgfopfes 74 Frwiederte Muſtapha. „Du weißt ſo gut als ich, Muſtapha, daß es faſt unmoͤglich iſt, Blut zu vermeiden, wenn Puſteln da ſind, oder wenn das Raßiermeßer nicht taugt; indeßen gleichviel, Menouni, fahre Du fort und verheirathe dieſe reizende Prin⸗ zeßin, wenn's moglich iſt.“ Zwei Stunden vor Sonnenuntergang erſchien die reizſtrahlende Ba⸗be⸗bi⸗bo⸗bu,„die Rahm⸗ Torte des Entzuͤckens,“ noch praͤchtiger als zuvor gekleidet, wieder im Audienz⸗Saal und fand zu ihrer Verwunderung, daß von den vielen Tauſenden junger Rajahs keine fuͤnfzig auf die Ehre ihrer Hand und des Thrones An⸗ ſpruch machen konnten. Unter ihnen, nicht laͤnger als Muſiker gekleidet, ſondern angethan mit dem Gewande ſeiner hohen Kaſte, ſtand voll Selbſtbewußtſeyn der ſtolze Acota; mog⸗ ten auch ſeine Edelſteine ſich nicht mit denen meßen koͤnnen, die Andere trugen, welche ihn umſtanden, ſo ward der Mangel mehr als er⸗ ſezt durch den Glanz ſeiner ſtrahlenden Augen. Zunaͤchſt bei Acota ſtand Mezrimbi, der Sohn des Ober⸗Bramin, und dieſer allein konnte an koͤrperlicher Schoͤnheit mit Acota verglichen wer⸗ den; doch ſeine Sinnesart war bekannt; er war ſtolz, uͤbermuͤthig und grauſam. Die reizende Ba⸗ be⸗bi⸗bo⸗bu fuͤrchtete ihn, weil eine Klauſel im Teſtamente ihres Vaters feſtſezte, daß wenn die erſte Wahl der Prinzeßin durch irgend einen ein⸗ wirkenden Umſtand unzulaͤßig ſeyn ſollte, ſein Vater, der Ober⸗Bramin, die Vollmacht haͤtte fuͤr die Prinzeßin zu waͤhlen, und daß ſein Aus⸗ ſpruch unumſtoͤßlich waͤre. Die ſchoͤnen Augen der Prinzeßin ruheten zuerſt auf Mezrimbi's Ge⸗ ſtalt und ſie zitterte; doch die ſtolze Haltung Acotas gab ihr wieder Zuverſicht; ſie winkte von ihrem Size mit der Hand und redete die verſammelten Juͤnglinge folgendermaßen an: „Getreue und liebe Rajahs, ſchreibt es kei⸗ nem Mangel an Sittſamkeit zu, daß ich fuͤr dies — 298— einemal die zarte Scheu der Jungfrau ver⸗ banne und das freiere Benehmen einer Koͤni⸗ gin mir aneigne. Wo Alle ſo außerordentliche Verdienſte zu beſtzen ſcheinen, wie koͤnnte ich da durch meine Entſcheidung vermeiden, Alle zu verlezen, nur Einen nicht? Deshalb will ich dem unſterblichen Viſchnu uͤberlaßen, den⸗ jenigen zu beſtimmen, der am wuͤrdigſten iſt, dieſes Koͤnigreich Suffra zu beherrſchen. Mag Viſchnu Euch dazu verhelfen, Euer Schickſal ſelber zu leſen; eine Blume habe ich an die⸗ ſem ſchwachen Buſen verborgen, der bald Ei⸗ nen von Euch ſeinen Gebieter nennen wird. Nennt dieſe Blume und wer ſie zuerſt nennt, ſoll als geſezlicher Koͤnig von Suffra ausge⸗ rufen werden. Nehmt Euere Inſtrumente, edle Rajahs und in abgemeßenen Verſen enthuͤllt zum Klange ihrer Toͤne den Namen der ver⸗ borgenen Blume und die Urſache, welche mich zu ihrer Wahl bewog. Auf dieſe Weiſe ſoll das Fatum die Frage entſcheiden, und Nie⸗ mand ſagen, daß ſeine Verdienſte gering ge⸗ achtet wurden.“ 4 Nachdem ſie ſo geſprachen, ließ die ſchoͤne Prinzeßin ihren Schleier herabfallen und ſaß ſchweigend. Lauter Iubelruf des Beifalls er⸗ toͤnte, und dieſem folgte rauſchendes Stimmen und Toͤnen der Mandolinen, mitunter wurden auch die Koͤpfe oder Turbane gekrazt, um ſich alles deßen zu entſinnen, was Haſtz je geſchrie⸗ ben hat, oder um dadurch Huͤlfe bei dem Ver⸗ ſuche inproviſirter Dichtung zu gewinnen. Die Zeit verflog; keiner der jungen Rajahs ſchien geneigt, den Anfang zu machen. Endlich trat einer vor und nannte die Roſe in einem erborg⸗ ten Couplet. Mit einer zierlichen Bewegung der Hand ward er von der Prinzeßin entlaßen und zerbrach in ſeinem ärger die Mandoline, als er die Audienz⸗Halle verließ. So fuhren ſie Einer nach dem Andern fort, Blume nach Blume zu nennen, und in Verzweiflung das glaͤnzende Gemach zu verlaßen. Da mogten dieſe ſchoͤnen vor der Prinzeßin ſtehenden Juͤng⸗ linge, ſelber mit den reizendſten Blumen ver⸗ glichen werden, feſtgewurzelt in ihren eigenen Hoffnungen und erglaͤnzend im Sonnenſtrahle der erhabenen Gegenwart der Prinzeßin; und wenn ihre Hoffnungen gebrochen wurden, was waren ſie dann anders als die naͤmlichen von ihren Stengeln geknickten Blumen, die vor den ſonnigen Strahlen, jezt zu gluͤhkraͤftig um ertra⸗ gen zu werden, umſanken, oder beladen mit dem — 300— Thau der Thraͤnen ſich fortbegaben, um un⸗ beachtet zu verwelken? Nur noch wenige wa⸗ ren zuruͤck, als Mezrimbi, der, wie er glaubte, die rechte Blume errathen hatte und bei dem forſchenden Beobachten der Geſichtzuͤge Acota's ein Anſehen ungeduldiger Gleichguͤltigkeit da⸗ rauf gewahrte, welches ihn zur Vermuthung trieb, daß Acota den naͤmlichen Gedanken auf⸗ gefaßt haben koͤnne, und ihm zuvorkommen moͤge, mit ſeiner Mandoline vor die Prin⸗ zeßin hintrat. Mezrimbi ward fuͤr einen der be⸗ ſten Dichter in Suffra gehalten; er beſaß wirk⸗ lich jedes Talent, aber ohne eine einzige Tugend. In zierlicher, gefallender Haltung Beugit er ſich voruͤber und ſang: Wer iſt's, den die Nachtigall liebt? Ach, wir Wißen's. In naͤchtlicher Stille ſingt ſie, Ihre Liebe nennt den Geliebten nie. Was ſind Blumen anders als Liebes⸗Sprache? Ruht nicht die Nachtigall ſtets ihre Bruſt Auf dem Dorne, wenn ihr Klaglied ſie ſingt? Zieh' hervor die ſuͤße Blume des Mai Verborgen in Deiner Bruſt— dies Sinnbild Deiner Liebe und ihrer ſuͤßen Pein. — 301—— Als Mezrimbi die beiden erſten Verſe geen⸗ det hatte, durchſchauerte ein ploͤzliches Bangen die ſchoͤne Prinzeßin, die beſorgte, er habe das Geheimniß errathen, unter Todesqual hoͤrte ſie das Ende an, und nun folgte freudiger Drang dem peinlichen Schmerze, weil auch er nicht Erfolg gewonnen hatte. Ungeduldig winkte ſie mit ihrer Hand, und eben ſo ungeduldig entfernte Mezrimbi ſich. Nun trat AOcota vor, nach einem Vorſpiele, deßen ungemeiner Wohlklang Alle in Erſtau⸗ nen ſezte, welche die Koͤnigin umſtanden, denn Niemand hatte von ihm geglaubt, daß er ſein Inſtrument zu ſpielen verſtehe, ſang er mit klarer wohllautender Stimme die nachfolgenden Stanzen: „Suͤß roͤthende Wange, du biſt Roſe, Dein Athem, der würzige Duft ihres Kelches; Lilien prangen auf Deinen zarten Buſen, Und alle Deine Worte ſind wie Blumen. Doch Lilien, Roſen, alle Blumen aus Den Garten Indiens finden ihren Tod An Deiner Bruſt— ausathmend ihre Düfte Da, wo ruhen duͤrfen, höchſte Wonne wäre. — 35b2 Die Bluͤthe iſt's vom herben Neßelſtrauch Die Du in Deinen ſchoͤnen Buſen birgſt Geboren unter Stacheln, ſchmerzt ſie nicht, Iſt unter'm Gift gefund'ne Seligkeit.“ Acota ſchwieg; ſo wie der Saͤnger geendet hatte, erhob ſich die reizvolle Prinzeßin langſam und zitternd von ihren Polſtern, zog die Neßel⸗ bluͤthe aus ihrem Buſen hervor, und legte ſie in die Hand des gluͤcklichen Acota, wobei ſie mit vieler Froͤmmigkeit ſprach:„es iſt des Himmels Wille.“ „Wie war es dieſem Acota aber moͤglich auszuſtnden, daß die Prinzeßin eine Neßel⸗ bluͤthe am Buſen hatte,“ fragte der Paſcha, „kein Menſch koͤnnte das errathen haben. Ich kann mir das nicht erklaͤren. Du etwa, Muſta⸗ pha?“ 5 „Deine erlauchte Hoheit ſagt ſehr richtig, daß kein Menſch im Stande geweſen waͤre, ſo etwas zu errathen,“ erwiederte Muſtapha.— „Es laͤßt ſich nur auf die eine Weiſe erklaͤren, daß die Prinzeßin ihre Abſicht ihm mitgetheilt haben mußte, als beide allein mit einander in den Koͤniglichen Gaͤrten waren.“ — 303— „Ganz wahr, Muſtapha. Allah ſey gedankt, endlich iſt die Prinzeßin nun vermaͤhlt.“ „Verzeih' erlauchte Hoheit,“ ſprach Menon⸗ ni,„noch iſt die reizſchimmernde Prinzeßin nicht vermaͤhlt, noch iſt die Geſchichte nicht beendigt.“ „Wallah il nebi!“ rief der Paſcha unge⸗ duldig.„Bei Gott und dem Propheten, ſoll ſie denn gar nicht heirathen?“ „Allerdings, erlauchte Hoheit, nur grade jezt noch nicht. Soll ich fortfahren?“ „Ja, Menouni, und je ſchneller Du fort⸗ machſt, deſto beßer.“ Unter dem Rufe:„Lange lebe Aeotn, Suf⸗ fraria's legitimer Koͤnig——“ „Legitim, ſag' mir guter Mensunin was bedeutet das Wort.“ „Legitim, erlauchte Hoheit, will ſagen, daß ein Koͤnig und ſeine Nachkommen von Allah dazu auserwaͤhlt wurden ůber ein Volk zu herrſchen.“ „Ich ſehe aber gar nicht, daß Allah mit der Wahl Acotas viel zu thun hatte.“ — 304— „Freilich nicht, erlauchte Hoheit, aber man machte dem Volke das glauben, und darin be⸗ ſteht alles was noͤthig iſt. Allah ſchreitet nur bei der Wahl derjenigen Fuͤrſten ein, welche Rechtglaͤubige beherrſchen. Der Sultan iſt des heiligen Propheten Vize⸗Regent auf Erden, und vom Propheten geleitet, verleihet der Tu⸗ gend und Weisheit mit dem Kalaat der Wuͤrde in den Perſonen ſeiner Paſchas.“ „Sehr wahr,“ ſprach der Paſcha,„der Sultan wird von Allah geleitet und“ ſezte er in leiſem Tone gegen Muſtapha gewandt hin⸗ zu,„durch einige hundert Beutel als Zugabe. — Menouni, Du kannſt fortfahren.“ Unter dem Rufe:„Lange lebe Acota Suf⸗ frarias legitimer Koͤnig!“ wurde dieſer von den Großen des Reiches auf den Thron gefuͤhrt und empfing hier die Huldigungen aller Anwe⸗ ſenden. Die Großen des Reiches und die Mol⸗ lahs ordneten die Vermaͤhlung fuͤr den folgenden Tag an; die Verſammlung brach auf und ent⸗ eilte nach allen Richtungen, um Vorbereitun⸗ gen zu der erwarteten Ceremonie zu treffen. Wer vermogte aber die Eiferſucht, den Neid, — 305— die gekraͤnkte Mißgunſt zu beſchreiben welche in den Herzen Mezrimbis und ſeines Vaters des Ober⸗Bramins wuͤtheten. Sie beſprachen ſich, beriethen ſich, machten Plaͤne und Anſchlaͤge. Noch war Acota nicht Koͤnig, obgleich er als ſolcher ſchon ausgerufen war,— Koͤnig war er nicht eher als bis er mit der reizprunkenden Prinzeßin Ba⸗be⸗bi⸗bo⸗bu der„Rahm⸗Torte des Entzuͤckens“ vermaͤhlt worden, ſollte er vor ſeiner Vermaͤhlung am folgenden Tage, noch zerfezt oder mit Makel behaftet werden koͤnnen, ſo hatte der Bramin, nach dem lezten Willen des alten Koͤnigs ſeinen Nachfolger zu erwaͤh⸗ len, wen aber wuͤrde der anders erwaͤhlen, als ſeinen eigenen Sohn? „Vater,“ ſprach der junge Mezrimbi, deßen ſchoͤnes Antliz verzerrt war von den ſchaͤndlichſten Leidenſchaften Jehaͤnnums,„ich habe mir die⸗ ſes ausgedacht— mir ſtehen Stumme zu Gebot um meinen Willen zu vollziehen, auch beſize ich eine aͤzende zerfreßende Saͤure, die tief in das Fleiſch des ſtolzen Acota dringen wird. Ich weiß, er wird ſeine Zeit im Garten des Koͤnig⸗ lichen Haines verbringen; ich kenne ſogar die Laube, in welcher er um die ſchoͤne Prinzeß ge⸗ worben und ſie ſich gewonnen hat. Rufen wir II. 20 — 306— dieſe Stummen herbei, verdeutlichen wir ihnen unſere Wuͤnſche und mit der morgenden Sonne wird Suffrarias Thron dem Geſchlechte der Mezrimbi zufallen. Sind wir nicht vom reinſten Blute der Ebene, und Acota iſt ja doch nur ein Rajah von den Bergen.“ Dem Ober⸗Bramin geſiel des Sohnes Vor⸗ ſchlag; die Stummen wurden herbeigefuͤhrt, dieſe ſchwarzen, zungenloſen, werthloſen, ab⸗ ſchreckenden Geſchoͤpfe verbeugten ſich in Un⸗ terwuͤrfigkeit und folgten ihrem Herrn, der es wagte, mit dem Ober⸗Bramin auf einem wei⸗ ten Umwege die Eingraͤnzung des Koͤniglichen Haines zu uͤberſchreiten. Langſam und vorſich⸗ tig naheten ſie ſich der Laube, in welcher, wie Mezrimbi ganz richtig vorausgeſehen hatte, Acota die Ankunft ſeiner geliebten Prinzeßin erwartete. Gluͤcklicherweiſe ziſchte in ihrem Zorne eine aufgeſtoͤrte Schlange, als ſie ſich naheten und der alte Bramin ſtieß einen Schrek⸗ kensruf aus, durch welchen Acota aus ſeinen beſeligenden Traͤumereien geweckt wurde. Durch das Blattlaub gewahrte und erkannte er Me⸗ zrimbi, deßen Vater und die Stummen. Voͤllig uͤberzeugt, daß dieſe auf Unthat gegen ihn ſaͤn⸗ nen, verſteckte er ſich im Roſengebuͤſche und — 307— legte ſich platt auf den Boden nieder; doch in ſeiner Eile ließ er Mantel und Mandoline zuruͤck. Mezrimbi trat in die Laube und ver⸗ deutlichte den Stummen durch Zeichen, was er wolle, zeigte ihnen den Mantel und die Man⸗ doline, um ihnen den Gegenſtand kennen zu lehren, den ſein Groll verfolgte, und uͤbergab ihnen die Phiole mit der aͤzenden Saͤure. Sie ſtellten ihn durch ihre Zeichen zufrieden, welche anzeigten, daß ſie ſeine Wuͤnſche verſtanden, dann zogen Alle ſich zuruͤck; der Ober⸗Bramin begab ſich nach ſeinem Hauſe, die Stummen lagen unter Buͤſchen auf der Lauer, um Aco⸗ ta's Ankunft abzuwarten und Mezrimbi wan⸗ delte in den dichteſten Schatten des Haines, voller Begierde nach erwuͤnſchter Loͤſung ſeines Anſchlages. Acota, der klar genug ſah was man beabſich⸗ tigte, lachte in ſeinen weiten ÄArmel und dankte Allah fuͤr dieſe gluͤcklich gemachte Entdeckung; auf Haͤnden und Knieen kroch er davon, damit er nicht geſehen wuͤrde, um ſich mit ſeinem Man⸗ tel und ſeiner Mandoline zu verbergen, und er beobachtete nun lauernd die Bewegungen der Andern;— ſo lauerten und ſpaͤheten Alle bis die Sonne hinter den blauen Huͤgeln verſank, ——ę—ÿ—Z—C———;Z—’—ꝭ—ꝭ—/,p˖—//—QO——O·—————-—————————QCQOQCꝑe¶˖—Q-—Q—Q—Q—ꝑ—O˖——QOQBQOCQ˖Q—CQCQCQL—Bõ—y— — 308— welche das Koͤnigreich Suffraria von jenem andern Reiche trennten, welches mein verraͤ⸗ theriſches Gedaͤchtniß in Deiner Hoheit er⸗ lauchten Gegenwart zu vergeßen gewagt hat. Mezrimbi war der einzige, der nicht bewegungs⸗ los blieb; in der ganzen aͤngſtlichen Begierde des Vorgenußes und im bangen Schwanken ſeiner Zweifel, ſchritt er auf und ab, bis er endlich ſtill ſtand und ermuͤdet von ſeinen wi⸗ derſtreitenden Gefuͤhlen am Fuße eines Baumes ganz dicht bei Acota's Schlupfwinkel ſich nie⸗ derſezte. Die Nachtigall toͤnte ihm ſuͤße Melo⸗ dien hervor, und freundlich, wie ſie gegen alle Liebende iſt, war ſie es auch mit Mezrimbi, der ihrem Geſange lauſchte, und deßen grimm⸗ ſpruͤhende Gefuͤhle von ihren ſuͤßen Trillern beſaͤnftigt wurden, bis er feſt entſchlief. Dies gewahrte Acota, nahete ſich ihm leiſe, bedeckte ihn mit ſeinem Mantel, nahm die Mandoline und griff einen Akkord, von dem er wußte, daß die feinhoͤrigen Stummen ihn augenblick⸗ lich auffaßen wuͤrden, wiewohl er nicht laut genug war, um Mezrimbi erwecken zu koͤnnen. Acota hatte richtig geſchloßen; ehe noch eine Minute vergangen war, ſah er die ſchwarzen Geſchoͤpfe durch den Unterbuſch daherkriechen, ⸗ — 309— wie Jakalls, die ihre Beute gewittert haben, und ſchnell verbarg er ſich wieder unter dich⸗ tes Geſtraͤuch. Die Stummen naheten wie Schatten in der Nacht, gewahrten den ſchla⸗ fenden Mezrimbi mit Acota's Mantel und mit der Mandoline, welche dieſer, nachdem er den Akkord gegriffen, zu ſeiner Seite niedergelegt hatte. Dies war genug. Mezrimbi's Geſicht war mit der aͤzenden Saͤure uͤbergoßen, bevor er noch erwachte; ſein Geſchrei wurde durch einen Schawl erſtickt, und zufrieden damit, das Geheiß ihres Herrn erfuͤllt zu haben, eilten die Stummen der Wohnung Mezrimbi's zu, um ihren Erfolg anzuzeigen, gebrauchten indeß noch die Vorſicht, dem Mezrimbi Haͤnde und Fuͤße zuſammen zu binden, damit er nicht heim⸗ kehren koͤnne, um Beiſtand in ſeiner Noth zu erlangen. Sie entkamen aus dem Garten, be⸗ richteten dem Ober⸗Bramin den Erfolg ihres Vornehmens, und daß ſie Acota gefeßelt im Walde zuruͤckgelaßen haͤtten. Der alte Me— zrimbi uͤberlegte, daß es rathſam ſeyn moͤgte, ſich der Perſon Acota's zu bemaͤchtigen, damit er dieſen am folgenden Tage vorzeigen koͤnne, falls das erfordert wuͤrde. Deshalb ſchickte er die Stummen zuruͤck, um Acota nach ſeinem — 310— Hauſe zu bringen und ihn ſtreng zu be⸗ wachen. Nachdem die Stummen den beſtraften Me⸗ zrimbi verlaßen hatten, kam Acota aus ſei⸗ nem Schlupfwinkel hervor, nahete ſich dem Ungluͤcklichen, der immer noch in ſeiner Marter aͤchzte; doch war ſein Geſicht unter dem Schawl verhuͤllt, der ſeine Zuͤge verbarg. Anfangs wollte Acota ſeinen verraͤtheriſchen Feind ver⸗ hoͤhnen und mit Vorwuͤrfen ſchmaͤhen, doch ſein gutes Herz hielt ihn davon ab. Er gerieth auf einen andern Gedanken, nahm Mezrimbi's Mantel dieſem ab und bedeckte ihn mit dem ſeinigen, vertauſchte Turban und Saͤbel mit ihm, verließ ihn dann und begab ſich nach ſei⸗ ner Wohnung. Bald nach Acota's Entfernung kamen die Sklaven zuruͤck, hoben den bejam⸗ mernswuͤrdigen Mezrimbi auf ihre Schultern und trugen ihn nach dem Hauſe des Ober⸗ Bramin, der den Befehl gab, ihn in einem Hofgebaͤude zu bewachen, ſein Gebet verrich⸗ tete und ſich ſchlafen legte. Die Sonne erhob ſich und verbreitete ihre hellen Strahlen uͤber das Reich Suffra; tau⸗ ſende und aber tauſende der Einwohner waren ſchon vor der Sonne aufgeſtanden, um ſich auf — 311— den Tag des Entzuͤckens vorzubereiten, auf den Tag, der ſie mit einem Koͤnige ſegnen, an welchem die reizſchimmernde Prinzeßin Ba⸗be⸗ bi⸗bo⸗bu, die Rahm⸗Torte des Entzuͤckens, nicht laͤnger unvermaͤhlt bleiben ſollte. Seidenſtoffe aus China, Schwals und Schaͤrpen von Kaſchemir, Juwelen, Gold, Diamanten, Pferde, Kameele und Elephanten ſah man auf der weiten Ebene und in der Stadt Suffra. Alles war Freude, Jubel, Feſtgepraͤnge, Wonnegeſpraͤch, denn die reiz⸗ prunkende Prinzeßin ſollte an dieſem Tage ver⸗ maͤhlt werden. „Ich wollte beim Himmel, ſie waͤre das ſchon,“ ſagte der Paſcha ungeduldig. „Gefall es Deiner Hoheit, bald wird ſie vermaͤhlt ſeyn.“ In fruͤher Stunde ward oͤffentlich ausgern⸗ fen, daß die Prinzeßin im Begriffe ſtehe, einen Juͤngling aus den hoͤchſten Kaſten zu ihrem Gemahle zu nehmen, und daß Alle, die dabei betheiligt waͤren, ſich zum Pallaſt begeben ſoll⸗ ten, um der Feierlichkeit beizuwohnen. Weil — 222— ganz Suffra dabei betheiligt war, erſchien auch ganz Suffra. Die Sonne ſtand beinahe im Zenith, blickte faſt neidiſch auf dieſes Schauſpiel herab, und verſengte die Koͤpfe der guten Leute von Suffra, deren Haͤupter das Land auf zehn Quadrat⸗Meilen gleichſam pflaſterten; da erſchien die reizprangende Prinzeßin Ba⸗ be⸗bi⸗bo⸗bu, von ihren Ehren⸗Jungfrauen und den Großen des Reiches, den Executoren des Teſtamentes ihres Vaters umgeben, in der gro⸗ ßen Audienz⸗Halle. An der Spize war der Ober⸗ Bramin, der unter der Menge ſeinen Sohn Mezrimbi aͤngſtlich ſuchte, weil der an dieſen Morgen nicht vor ihm erſchienen war. Endlich erſpaͤhete er ſein reiches Gewand, ſeinen Man⸗ tel, ſeinen Turban und ſeinen mit Edelſteinen geſchmuͤckten Krumm⸗Saͤbel; ſein Geſicht war aber von einem Schawl umhuͤllt, und der Ober⸗ Bramin laͤchelte uͤber ſeines Sohnes geiſtvol⸗ len Anſchlag, der ſein eigenes ſchoͤnes Antliz zugleich mit dem des nun durchſchmarrten Acota enthuͤllen wuͤrde. Nun gebot der Schall von tauſend ſchmet⸗ ternden Trompeten und das Abfeuern von zwei tauſend Artillerie⸗Geſchuͤzen Stillſchwei⸗ gen; zehn Quadrat⸗Meilen voller Volks wie⸗ —— — — 313— derholte durch lauten, fortgeſezten Ausruf den Befehl zum Schweigen; zulezt gehorchte das Schweigen auch dieſem Befehle, und nun herrſchte Stillſchweigen. Der Ober⸗Bramin er⸗ hob ſich, nachdem er eine der feierlichen und wichtigen Angelegenheit entſprechende Rede extemporirt hatte, verlas er das Teſtament des verſtorbenen Koͤnigs, ſprach ein Breites uͤber die Maaliſtiſche Wort⸗Fehde, und wie es nun⸗ mehr ein Suffraganiſcher Glaubensartikel ſey anzunehmen, daß„Maale keine Schmarren, und nur dann Makel ſeyen, wenn man ſie fuͤr ſolche halte.“ Der gelehrte Bramin fuhr fort: inzwiſchen hat die Prinzeßin keine Wahl ge⸗ troffen, ſondern dem Zufalle uͤberlaßen, was ihr eigener freier Wille haͤtte beſtimmen ſollen, zudem hat ſie bei ihrem Verfahren die Diener unſerer geheiligten Religion nicht um Rath gefragt. Schon geſtern ſagte mein Herz mir, dies waͤre nicht recht, ſondern ſowohl dem Teſtamente des verſtorbenen Koͤnigs, als auch dem Willen des Himmels zuwider gehandelt; tief habe ich uͤber den Gegenſtand nachgedacht, nachdem ich mein neunmaliges Gebet verrich⸗ tet hatte, ein Traum hat ſich waͤhrend meines Schlafes auf mich herabgeſenkt, und mir wurde * — 314— darin eroͤffnet, daß die Bedingungen des Te⸗ ſtamentes erfuͤllt werden wuͤrden. Wie ich dieſe von oben mir gewordene Eingebung erlaͤutern ſoll verſtehe ich nicht; vielleicht war der Juͤng⸗ ling, der gluͤcklich genug die Blume errieth, auch der von der Prinzeßin erwaͤhlte Geliebte. „So iſt's,“ ſagte die Prinzeßin in ſanft melodiſcher Stimme,„und ſo wird meines Va⸗ ters Vorſchrift befolgt.“ „Wo iſt denn der begluͤckte Juͤngling?“ ſprach der Ober⸗Bramin,„er moͤge erſcheinen.“ Ba⸗be⸗bi⸗bo⸗bu ſowohl als Andere hatten vergebens nach Acota umhergeblickt, ſie war hoͤchſt erſtaunt daruͤber, daß er nicht erſchien, aber noch viel mehr, als er zulezt von den vier ſchwarzen Stummen mit verhuͤlltem Ant⸗ lize hereingefuͤhrt wurde. „Dieſer alſo, iſt der beguͤnſtigte Juͤngling Acota,“ ſprach der Ober⸗Bramin,„nehmt ihm den Schawl ab, und fuͤhrt ihn zu der Prinzeßin.“ 5 Die Stummen gehorchten; zum Entſezen der liebreizenden Ba⸗be⸗bi⸗bo⸗bu, ſtand Acota wie ſie glaubte, vor ihr, mit einem ſo zerfezten und verbranntem Geſichte, daß ſeine Zuͤge nicht zu erkennen waren. Sie ſprang erſchreckt — 315— vom Throne auf, ſtieß einen durchdringenden Schrei aus, den wie man behauptet alles auf den zehn Quadrat⸗Meilen zuͤſammenge⸗ draͤngte Volk vernahm, und ſank ohnmaͤchtig in die Arme ihrer Frauen.. „Wir kennen ſeinen Anzug, ſehr edle Reichs⸗ wuͤrden“ fuhr der Ober⸗Bramin fort—„aber wie vermoͤgten wir in dieſem Gegenſtande den Juͤngling ſonder Schmarre noch Makel zu er⸗ kennen? Es iſt des Himmels Wille!“ fuhr er fromm ſich verneigend fort.— In eben der frommen Weiſe erwiederten alle Großen des Reiches:„es iſt des Himmels Wille.“ „Ich ſage,“ fuhr der Ober⸗Bramin fort,„dies muß deshalb zugelaßen ſeyn, weil die Prinzeßin ihre Wahl nicht dem Willen ihres Vaters ge⸗ maͤß traf; ſondern gottloſer Weiſe dem Zufalle uͤberließ, was eigener, freier Wille ſeyn ſollte. Zeigt ſich hier nicht deutlich die Hand und der Finger der Vorſehung?“ Alle Reichswuͤrden verbeugten ſich tief und erklaͤrten die Hand und der Finger der Vorſe⸗ hung waͤren unverkennbar; waͤhrend die Stum⸗ men welche ſehr wußten, daß ihre Haͤnde und ihre Finger die That veruͤbten, ſo gut es gehen wollte mit den Überbleibſeln ihrer Zungen ſpoͤttelten. — ᷣ— — 316— Der Ober⸗Bramine fuhr fort:„Nunmehr muͤßen wir dem Willen des verſtorbenen Koͤ⸗ nigs gehorſamen, der ausdruͤcklich vorſchreibt, daß wenn irgend ein Zufall ſich ereignen ſollte, nachdem die Prinzeßin ihre Wahl getroffen hat, ich, das Oberhaupt unſerer heiligen Re⸗ ligion, ihren Gatten erwaͤhlen ſoll. Kraft mei⸗ ner Gewalt rufe ich Dich, mein Sohn Me⸗ zrimbi, um ſeine Stelle zu erſezen. Verneigt Euch vor Mezrimbi, dem kuͤnftigen Koͤnig von Suffra.“ Aoota, bis unter die Augen verhuͤllt, und angethan mit Mezrimbi's Gewanden, trat vor, der Ober⸗Bramin, und auf deßen Be⸗ fehl alle Anweſende, warfen ſich vor Acota zur Erde nieder, lagen mit ihrer Stirne im Staube. Dieſen Augenblick benuzte Acota, um den Schawl zu entfernen, und als ſie ſich er⸗ hoben, ſtand er ſtrahlend in ſeiner Schoͤnheit und in edlem Stolze neben dem Throne. So wie der Ober⸗Bramine ihn gewahrte, ſtieß der einen Schrei aus, der nicht nur noch weiter gehoͤrt wurde, als der Schrei der reizprunken⸗ den Prinzeßin Ba⸗be⸗bi⸗bo⸗bu, ſondern auch die Wirkung hervorbrachte, ſie in's Leben und zur Beſinnung zuruͤckzuruſen. Alle ſchrieen verwun⸗ — 317— derungsvoll, als ſie Acota in Mezrimbi's Ge⸗ wande erkannten. „Wer biſt Du denn?“ rief der Ober⸗Bra⸗ min ſeinem Sohne im Kleide Acota's zu. „Ich bin,“ erwiederte dieſer, matt durch Pein und Kraͤnkung,„ich bin— ich war Mezrimbi.“ „Große dieſes Reiches,“ rief Acota nus, „wie der Ober⸗Bramin ſchon bemerkte, und wie Ihr Alle dem beipflichtetet, hierin ge⸗ wahrt Ihr den Finger Gottes, der Heuchelei, Grauſamkeit und Ungerechtigkeit immer be⸗ ſtraft.“ Der Ober⸗Bramin ſiel in Zuckungen nieder und ward nebſt ſeinem ungluͤcklichen Sohne Mezrimbi fortgetragen. Die reizende Prinzeßin Ba⸗be⸗bi⸗bo⸗bu hatte ſich inzwiſchen erholt und ruhete in Acota's Lrmen; er uͤberließ ſie nun der Sorgfalt ih⸗ rer Frauen und hielt der Verſammlung eine Anrede ſo voller Beredtſamkeit, ſo voller Schoͤnheit und ſo voller Kraft, daß ſie in gol⸗ denen Buchſtaben niedergeſchrieben und fuͤr das ne plus ultra der Suffraganiſchen Spra⸗ che gehalten wurde; er erklaͤrte darin Me⸗ zrimbi's verruchten Verſuch, dem Willen des — 318— Himmels entgegen zu arbeiten, und wie er in ſeiner eigenen fuͤr einen Andern ausgeſtellten Schlinge gefangen ſey. Als er geendet hatte, begruͤßte die ganze Verſämmlung ihn als ihren Koͤnig; die Volksmenge, welche einen Raum von zehn Quadratmeilen mit ihren Koͤpfen gleichſam pflaſterte, rief aus:„Langes Leben dem Koͤnige Acota und ſeiner reizprangenden Prinzeßin Ba⸗be⸗bi⸗bo⸗bu, der Rahm⸗Torte des Entzuͤckens!“ Wer kann den Verſuch wagen, den pracht⸗ vollen Umzug zu beſchreiben, der an dieſem Abende gehalten ward? wer koͤnnte des Koͤnig Acota ſtolze und prunkende Haltung ſchildern, oder die ſtrahlenden Augen der reizerfuͤllten Prinzeßin Ba⸗be⸗bi⸗bo⸗bu? Soll ich erzaͤhlen, wie ſich die Nachtigallen zu Tode ſangen— ſoll ich—— „Nein, laß das,“ unterbrach ihn der Paſcha; „nur eines laß uns wißen— wurde die ſchoͤne Ba⸗be⸗bi⸗bo⸗bu endlich vermaͤhlt?“ „Das wurde ſie an eben dieſem bonde, erlauchte Hoheit.“ uulah ſey geprieſen!“ hob der Paſcha wirder —— — 319— an;„Muſtapha, laß Du Menouni erfahren was es iſt, dem Paſcha eine Geſchichte erzaͤh⸗ len, ſelber wenn ſie faſt zu lang war und ich ſchon glaubte, dieſe Prinzeß wuͤrde niemals heirathen.“. Der Paſcha erhob ſich und watſchelte zu ſei⸗ nem Harem.— Neuntes Kapitel. Alm folgenden Tage ſaß der Paſcha ſeiner Gewohnheit nach im Divan und Muſtapha an ſeiner Seite, lieh ſein Ohr dem Zufluͤſtern mancher Leute, welche in der Stellung tiefſter Ehrfurcht vor ihm erſchienen. Alle wurden ſehr gnaͤdig von ihm empfangen, weil der Zweck ihres Erſcheinens darin beſtand, den Vezir zu vermogen, daß der ſich zu ihren Gunſten ver⸗ wende, wenn ihre Angelegenheiten vom Paſcha gehoͤrt und entſchieden wuͤrden, denn dieſen leitete bei allen ſolchen Dingen Muſtaphas ihm zugefluͤſterte Meinung. Muſtapha war ein gut⸗ herziger Mann; ſtets dankbar; erzeigte Jemand ihm etwas Gutes, ſo vergaß er das nie. Folg⸗ — 321— lich genügte eine Andentung, daß ein Beutel mit ſo vielen Zechinen zu ſeinen Fuͤßen hinge⸗ legt werden wuͤrde, falls die abzuurtheilende Angelegenheit zu Gunſten des Bewerbenden entſchieden werden ſollte, um Muſtaphaunab⸗ weichlich zu Gunſten dieſer Partei zu beſtim⸗ men; Muſtaphas Meinung ward aber ſtets vom Paſcha gebilligt, weil dieſer die Haͤlfte der alſo erlangten Zechinen bekam, oder zu bekommen meinte. Freilich ſagt das Sprichwort:„Erſt gerecht und dann großmuͤthig;“ aber Muſta⸗ phas Beweggruͤnde bei dem erſten Vorſchlage, welchen er dem Paſcha machte, um in ſolcher Art den Schaz zu fuͤllen, waren ſo vortrefflich daß wir ſie der Nachwelt uͤberliefern wollen. „Zum Erſten,“ ſprach Muſtapha,„iſt es entſchieden ausgemacht, daß bei allen derglei⸗ chen Angelegenheiten, Klaͤger ſowohl als An⸗ geklagte, Schurken ſind. Zum Zweiten iſt es unmoͤglich, ein Wort von dem zu glauben, was beide Theile fuͤr ſich anfuͤhren. Zum Drit⸗ ten, auch mit der angeſtrengteſten Beurthei⸗ lung wirſt Du eben ſo leicht das Unrecht als das Recht foͤrdern. Zum Vierten, wenn etwa einem Manne durch unſeren Ausſpruch zufaͤllig Unrecht geſchehen ſollte, ſo verdient er dies II. 21 als eine Strafe fuͤr ſeine andere Mißethaten. Zum Fuͤnften, weil die einzige Achtbarkeit der einen oder der andern Partei nur allein in deren irdiſchem Reichthume beſteht, ſo folgt daraus, daß Du Dich fuͤr den achtungswuͤr⸗ digſten Mann ausſprichſt, wenn Du zu Gun⸗ ſten deßen urtheilſt, der am meiſten zahlt. Zum Sechſten iſt es unſere Pflicht, fuͤr empfan⸗ genes Gute dankbar zu ſeyn, und durch der⸗ artige Entſcheidung uͤben wir eine Tugend, die der Koran dringend empfiehlt. Zum Sie⸗ benten erzeigen wir beiden Parteien durch ſchnelle Aburtheilung eine Wohlthat, denn ein Verluſt iſt um Vieles beßer, als ein Prozeß. Und zum Achten und Lezten: wir brauchen Geld.“— An dieſem Tage ward eine Streitfrage ge⸗ hoͤrt, und wiewohl gewichtige Gruͤnde den Ausſpruch bereits entſchieden hatten, wurden gleichwohl die Zeugen fuͤr beide Parteien pro forma abgehoͤrt; als einer von dieſen gefragt wurde, ob er den Vorgang bezeuge, erwiederte der, er bezweifele gar nicht, daß uͤber den Ge⸗ genſtand Zweifel herrſchten, bezweifele aber, ob die Zweifel richtig waͤren. „Bezweifeln, nicht bezweifeln, was ſoll das — 323— heißen? Lachſt Du in unſere Baͤrte?“ ſprach Muſtapha ſtrenge, der jeder Zeit einen Anſtrich von Gerechtigkeit zur Schau ſtellte;„war es Thatſache oder nicht?“ „Hoheit, mir begegnet ſelten eine Thatſache, wie man es nennt, ohne daß ein halbes Du⸗ zend Zweifel daran haͤngen,“ erwiederte der Mann;„deshalb will ich keine Verſicherung ohne den Vorbehalt eines Zweifels abgeben.“ „Antworte mir ganz einfach,“ entgegnete der Vezir,„oder die Feraſchen und die Bam⸗ busſtaͤbe werden ſich recht bald mit Dir be⸗ ſchaͤftigen. Sahſt Du das Geld bezahlen?“ „Ich glaube, ſo viel ich im Stande bin in dieſer Welt ein Ding glauben zu koͤnnen, daß ich das Geld habe auszahlen ſehen, aber ich bezweiſle die Summe und bezweifle das Me⸗ tall, und habe auch noch meine andern Zweifel. Gefall' es Deiner Hoheit, ich bin ein ungluͤck⸗ licher Menſch, der von ſeiner Geburt an unter dem Einfluße von Zweifeln ſtand; dies iſt bei mir zu einer Krankheit geworden, die, wie ich gar nicht bezweifle, nur mit meinem Daſeyn enden wuͤrde. Stets bezweifle ich eine That⸗ ſache, bis....“ „Was ſchwazt der Eſel? Was iſt das Al⸗ les, als Boſche Nichts. Laß ihn eine That⸗ ſache haben.“— Mit dieſen Worten gab der Paſcha das Zeichen; die Feraſchen erſchienen; der Mann ward niedergeworfen und empfing fuͤnfzig Ba⸗ ſtonaden. 3 Da befahl der Paſcha aufzuheren und ſprach: „Nun, bei meinem Barte, iſt es keine That⸗ ſache, daß Du die Baſtonade bekamſt? Bezwei⸗ felſt Du dieſe Thatſache noch, ſo wollen wir fortfahren.“ „Die Thatſache iſt uͤber allen Zweifel,“ er⸗ wiederte der Mann, und warf ſich vor dem Paſcha nieder.„Will Deine erlauchte Hoheit mich aber entſchuldigen, wenn ich fortfahre an⸗ zufuͤhren, daß ich nicht jeder Zeit eine That⸗ ſache ohne ſolche unabweichliche Beweiſe anzu⸗ erkennen vermag, als Deiner Weisheit gefal⸗ len hat, ſie vorzubringen. Hoͤrte Deine Hoheit die Geſchichte meines Lebens, ſo wuͤrdeſt Du zugeben, daß ich Urſache zu zweifeln habe.“ „Geſchichte ſeines Lebens, Muſtapha, wir bekommen eine Geſchichte.“ „Noch fuͤnfzig Schlaͤge unter ſeine Fuͤße wuͤr⸗ den alle ſeine Zweifel entfernen, Hoheit,“ er⸗ wiederte Muſtapha. — 325— „ Freilich, aber damit wuͤrde er aus ſeiner Geſchichte geſchlagen. Nein, nein; laß ihn bis zum Abend fortfuͤhren, dann wollen wir ſehen wie er ſeine Sache vorbringt.“ Muſtapha gab die noͤthigen Weiſungen, nach dem Befehle des Paſcha. Sobald ſie Abends ihre Pfeifen angezuͤndet hatten, ward der Mann hereinbeſchieden, dem in Betracht ſeiner auf⸗ geſchwollenen Fuͤße erlaubt wurde ſich zu ſezen, damit er bequemer ſeine Geſchichte erzaͤhlen koͤnnte.. Gelchichte des Huduli. 4 Allererlauchteſter Paſcha, erlaube mir zuvor zu bemerken, daß, wiewohl ich in der lezten Zeit meiner eigenen Meinung anhing, ich doch ſo unduldſam nicht bin, daß ich die naͤmliche Freiheit Andern nicht geſtatten ſollte: ich meine nicht zu ſagen, daß es in der Welt gar keine ſolche Dinge gibt die Thatſache ſind, noch will ich diejenige tadeln welche daran glauben. Man hat mir erzaͤhlt daß es auch fliegende Drachen, Greife und andere Wunderthiere gibt, aber ſicherlich iſt es fuͤr mich, ſo wie fuͤr jeden Andern genug, zu glauben, daß dergleichen — 326— Thiere vorhanden ſind, wenn wir ſo gluͤcklich geweſen ſind, ſie zu ſehen; in eben dieſer Weiſe bin ich bereit, eine Thatſache zu glauben, wenn ſie klar aus dem Nebel der Zweifel hervortritt; bis jezt kann ich aber zuverſichtlich behaupten, daß mir ſelten eine Thatſache vorkam, die nicht von Zweifeln begleitet wurde, und jegliches Jahr traͤgt zur Beſtaͤrkung meines Glaubens bei, daß es nur ganz wenige echte Thatſachen giebt. Zweifel haben mein ganzes Weſen ſo durchdrungen, daß ich zuweilen nur ungern die Wirklichkeit meines Daſeyns zugeſtehe. Ich 4 glaube, daß ich bin, fuͤhle aber daß ich kein Recht habe, dies zu behaupten, bevor ich weiß, was Tod iſt, und mir daraus Folgerungen ableiten mag, die mich in den Stand ſezen koͤn⸗ nen, einen richtigen Schluß zu ziehen. Mein Name iſt Huduſi. Von meinen Eltern kann ich wenig ſagen. Mein Vater behauptete er ſey der tapferſte Janitſchar im Dienſte des Sultans und habe ſich ungemein ausgezeichnet. Stets ſprach er vom Ruſtam, als ſey der ein Tropf im Vergleich zu ihm; ferner von der Anzahl Schlachten, die er mitgemacht und von den Wunden, die er empfangen hatte, wenn er ſeinen Trupp zu allen verzweifelten Unter⸗ — 322. nehmungen anfuͤhrte, weil mein Vater aber oft vor meinen Augen badete, und die einzige Wunde, welche ich jemals an ſeinem Koͤrper entdecken konnte, ihm von hinten beigebracht war, ſo bezweifelte ich die Wirklich⸗ keit recht ſehr, wenn er von ſeiner Tapfer⸗ keit ſprach. Meine Mutter taͤndelte viel mit mir, und machte viel aus mir, ſagte ich ſey meines Va⸗ ters Abbild, ein ſuͤßes Pfand ihrer Liebe, eine Segnung, die der Himmel ihrer Verheirathung geſpendet habe; weil aber mein Vater eine Ad⸗ lernaſe hatte, die meinige dagegen eine Stuͤlp⸗ oder umgekehrte Adlernaſe iſt; weil ſein Mund groß war, der meinige klein iſt; weil ſeine Augen roth und frettenhaft tief lagen, die mei⸗ nigen vorſpringend ſind; und weil ſie außerdem noch eine ſehr ſchoͤne Frau war, die haͤufige Beſuche in der Hoͤhle eines heiligen Mannes von ausgebreitetem Rufe zu machen pflegte, deßen Ebenbild ich war, ſo bezweifelte ich die Wirklichkeit recht ſehr, wenn ſie von des Janitſcharen Vaterſchaft ſprach. Ein alter Mollah lehrte mich leſen und ſchrei⸗ ben und die Verſe des Koran wiederholen; ich hatte es eben ſo weit gebracht als irgend ein — 328— anderer Knabe unter ſeiner Aufſicht; er aber konnte mich aus Gruͤnden nicht leiden, welche zu verſtehen mir niemals moͤglich wurden„ und ſtets bekam ich Schlaͤge mit ſeinem Pantoffel. Er betheuerte ich ſey ein Tangenichts, ein Un⸗ glaͤubiger, ein Sohn von Jehaͤnnum, der auf⸗ gepfaͤhlt werden wuͤrde, bevor er viel aͤlter geworden ſey; hier aber ſtehe ich im Alter von fuͤnf und vierzig Jahren, ohne daß ein Pfahl durch meinen Leib getrieben waͤre; und Deine Hoheit muß eingeſtehen, daß wenn er mir alles das in die Ohren ſchmaͤhete, ich gerechtfertigt war, die Wirklichkeit recht ſehr zu be⸗ zweifeln. b Als ich erwachſen war, wollte mein Vater ich ſolle mich unter der Heerſchaar der Janit⸗ ſcharen annehmen laßen und ein Loͤwentoͤdter werden, wie er ſelber ſey; ich wandte vieles dagegen ein, aber umſonſt; er ſprach um meine Anſtellung an, ſie wurde bewilligt, und ich empfing auf meinen Arm das Zeichen, welches mich zum Janitſcharen ſtempelte. Ich legte die Kleidung an, ſpreizte mich und flegelte trozig mit vielen andern jungen Leuten meiner Be⸗ kanntſchaft, die ſaͤmmtlich ſchworen, ſie waͤren bereit ihre Feinde lebendig aufzueßen, und die — 329— ihre Schnauzbaͤrte kraͤuſelten, um die Wahrheit ihrer Worte dadurch zu erhaͤrten. Wir wurden ausgeſchickt, um einen rebelliſchen Paſcha zu unterwerfen, auf ſeine Truppen ſtuͤrzten wir mit einem Geſchrei los, das den Teufel ſelber haͤtte erſchrecken koͤnnen, aber den Teufel ſein Stuͤckchen erſchreckten ſie dadurch, ſondern hiel⸗ ten Stand; weil ſie nicht laufen wollten, lie⸗ fen wir davon und ließen Andere von uns, die nicht eben ſo klug handelten, zuruͤck, um in Stuͤcke gehauen zu werden. Wenn ſpaͤterhin einer meiner Gefaͤhrten von unſerer Tapferkeit ſprach, oder wenn mein Vater verſicherte, er wuͤrde bald zum Range eines Spahi erhoben werden und ich ſey eines Loͤwen Junges, ſo bezweifelte ich die Wirklichkeit recht ſehr. Der Paſcha hielt ſich viel laͤnger als man vermuthet hatte, er hielt ſich wirklich lange ge⸗ nug, um in der Hauptſtadt nicht geringe Be⸗ ſorgniß zu erregen. Noch mehr Truppen wur⸗ den abgeſchickt, um ihn zu unterwerfen; weil unſere Anſtrengungen ohne Erfolg blieben, ſo gerieth der Vezir, dem Gebrauche gemaͤß, in die unangenehme Nothwendigkeit, ſeinen Kopf hergeben zu muͤßen, der gefordert wurde, weil — 330— wir davon liefen. In der That geſchah es nur, um uns zu verbinden, daß der Sultan ein⸗ willigte, ſich der Dienſte eines ſehr faͤhigen Mannes zu berauben; denn wir umringten den Pallaſt und beſtanden darauf, daß Alles ſeiner Schuld beizumeßen waͤre; doch in Betracht un⸗ ſers Betragens auf dem Schlachtfelde, muß Deine Hoheit geſtehen, daß Urſache da war, die Wahrheit zu bezweifeln. Wiederum wurden wir gegen dieſen rebelli⸗ ſchen Paſcha ausgeſchickt der auf den Schuz⸗ waͤllen ſeiner Feſte ſaß und dreißig Zechinen fuͤr den Kopf jedes Janitſcharen auszahlte, den ſeine Truppen ihm brachten; ich beſorge, daß eine große Summe Geldes dazu verwendet wurde. Wir geriethen in einen Hinterhalt, und die Haͤlfte der Schaar zu welcher mein Vater gehoͤrte, wurde in Stuͤcke gehauen, bevor Bei⸗ ſtand zu uns herankommen konnte. Endlich zog der Feind ſich zuruͤck. Ich blickte nach meinem Vater umher und gewahrte ihn ſterbend; ſeine Wunde hatte er wiederum, ſo wie die fruͤhere, auf der umgekehrten Seite empfangen, der Speer war zwiſchen ſeinen Schultern einge⸗ drungen.„Bezeuge Du, daß ich wie ein Tap⸗ ferer geſtorben bin,“ ſprach er— und ſage — 331— Deiner Mutter, ich waͤre zum Paradieſe gegan⸗ gen.“ Ich verſprach zwar die Botſchaft auszu⸗ richten, aber wegen der genauen Kenntniß meines verehrten Vaters, in deßen Karakteren als Dieb, Luͤgner und Memme, bezweifelte ich dieſe Verſicherungen recht ſehr. Damit Deine Hoheit verſtehen mag, wie es kam, daß ich ganz allein dort gelaßen wurde und mich lebendig auf dem Schlachtfelde be⸗ fand, muß ich Dir ſagen, daß ich einen recht betraͤchtlichen Theil von der Herzhaftigkeit meines Vaters ererbt hatte, und weil ich das Abfeuern von Piſtolen in mein Angeſicht nicht ſonderlich liebte, hatte ich mich platt auf den Boden niedergeworfen wo ich ganz ruhig liegen blieb und es vorzog lieber auf mich treten zu laßen, als mich in das zu miſchen was uͤber mir vorging. „Bei dem Schwerdte des Propheten!“ be⸗ merkte der Paſcha—„hier iſt eine Thatſache uͤber allen Zweifel— Du warſt eine rechte feige Memme.“ „Unter meinen andern Zweifeln, Hoheit, muß ich allerdings auch gegen meine Tapfer⸗ keit einigen Zweifel erheben.“ 2 — 332— „Bei dem Barte des Paſcha ſprach Mu⸗ ſtapha—„daruͤber hege ich nicht den allermin⸗ deſten Zweifel.“ „Ohne den Verſuch machen zu wollen meinen Muth zu vertheidigen, darf ich Deiner Hoheit doch bemerken, daß es fuͤr mich eine durchaus gleichguͤltige Sache war, ob der Sultan oder ob jener Paſcha ſiegte; dabei empfand ich gar kein beſonderes Vergnuͤgen an harten Puffen, ohne dadurch Gelegenheit zu finden, einige Zechinen in meine Taſche zu ſtecken. Ich habe noch keinen Menſchen gekannt, der, wie brav er auch im uͤbrigen ſeyn mogte, blos aus Liebe zum Gefecht oder zu ſeiner Beluſtigung ſich ſchlagen wollte; in dieſer Welt ſuchen wir Alle Geld zu bekommen; darin beſteht, ſo viel ich glaube, die geheime Triebfeder aller un⸗ ſerer Handlungen.“ „Iſt das wahr, Muſtapha?“ fragte der Paſcha. „Hoheit, wenn es nicht die Wahrheit ſelber iſt, ſo bleibt die Sache doch nicht weit von ihr entfernt. Fahre fort, Huduſi.“ Die Gedanken, welche ich Deiner Hoheit aus⸗ — 333— zudruͤcken gewagt habe, gingen in meinem Kopfe um, als ich unter Todten und Ster⸗ benden mich niederſezte; zugleich bedachte ich, daß des Paſchas Krieger um Vieles beßer daran waͤren, als die unſeres erhabenen Sultans, die nur Stoͤße und Wunden bekamen, waͤh⸗ rend jene dreißig Zechinen fuͤr den Kopf eines jeden Janitſcharen aus unſerm Heere empfin⸗ gen; ſo wie nun ein Gedanke den andern er⸗ zeugte, uͤberlegte ich, daß es recht klug ſeyn moͤgte, nun der Paſcha den Vortheil zu errin⸗ gen ſchien, ſich auf der rechten Seite zu be⸗ finden. Nachdem ich daruͤber mit mir einig ge⸗ worden war, bedachte ich ferner, daß ich bei dieſem Umtauſche mir auch einige Zechinen ge⸗ winnen und vor dem Paſcha mit zwei oder drei Koͤpfen der um mich her liegenden Janitſcharen erſcheinen moͤge. Deshalb legte ich Alles ab, was zu dem Gedanken veranlaßen konnte, daß ich dem Janitſcharen⸗Korps angehoͤre, ſchnitt dreien Janitſcharen die Koͤpfe ab und leerte deren Taſchen aus; war auch ſchon im Begriffe mich fortzumachen, als ich mich meines geehr⸗ ten Vaters erinnerte und noch einmal umkehrte, um ihm das lezte Lebewohl zu ſagen. Es war eine harte Sache, ſeinen Angehoͤrigen ſo zu ver⸗ — 334— laßen; ich konnte es nicht uͤber mich gewin⸗ nen, mich ganz von ihm zu trennen; deshalb fuͤgte ich ſeinen Kopf ſo wie den Inhalt ſeiner Scherpe, denen der drei andern hinzu, beſchmierte mein Geſicht und meinen Koͤrper mit Blut, band die vier Koͤpfe in einen Buͤndel zuſammen, den ich in einer Hand trug, in der andern aber meinen gezogenen Scimitar, und machte mich auf den Weg zu des Paſcha's Feſte. Doch außerhalb der Ningmauern dieſer, wurde das Scharmuziren noch fortgeſezt und mit genauer Noth entrann ich einer Janit⸗ ſcharen⸗Abtheilung, die mich ſicherlich erkannt haben wuͤrde. Zwei Leute aus dieſem Haufen verfolgten mich bis vor die Thore der Feſte; und beladen wie ich war, mußte ich gezwun⸗ generweiſe Stand halten. Kein Menſch ſchlaͤgt ſich beßer, als wenn er durchaus nicht umhin kann, ſich ſchlagen zu muͤßen, ſogar einer der ſich ſonſt gar nicht ſchlagen wollte, wird ſich da gut ſchlagen. In meinem Leben bin ich nicht ſo tapfer geweſen. Einen hieb ich nieder, der Andere lief davon, und dies geſchah im Ange⸗ ſichte des Paſcha, der oben auf der Mauer in einem Vorgewoͤlbe ſaß; auf ſolche Weiſe erlangte ich meinen Einlaß in die Feſte. Dann eilte ich A — 335— zum Paſcha und legte dieſem die vier Koͤpfe zu Fuͤßen. Er war uͤber meine außerordentliche Tapferkeit ſo hoch erfreut, daß er mir einen Beutel mit fuͤnfhundert Goldſtuͤcken ſchenkte, auch den Befehl gab mich zu befoͤrdern, wobei er mich fragte, welcher Abtheilung ſeiner Trup⸗ pen ich angehoͤrte. Ich erwiederte ihm, daß ich Freiwilliger waͤre. Sogleich ernannte er mich zum Offizier, und ſo ſah ich mich zu einem reichen und angeſehenen Manne, blos dadurch geworden, daß ich auf die andere Seite uͤberging. „Das iſt keine ſo ungewoͤhnliche Art in der Welt fortzukommen, als Du Dir einbilden. magſt,“ bemerkte Muſtapha in trockener Weiſe. Der Paſcha aber ſprach gaͤhnend:„Mu⸗ ſtapha, Alles das ſind Worte, Wind, Boſch. Bei den Springbrunnen, die Mahomets Thron umſprudeln, meine Gurgel iſt durch dieſes Burſchen Zweifel ſo heiß und ſo trocken ge⸗ worden, als waͤre ſie mit gluͤhenden Kohlen beſchuͤttet. Ich bezweifle, daß es moͤglich ſeyn wird, ſie jemals wieder anzufeuchten.) „Dieſer Zweifel, erlauchte Hoheit, ſollte — 336— augenblicklich geloͤſet werden. Huduſt, Murrak⸗ kas— mein Freund, Du biſt entlaßen.“ 3 Kaum hatte der Zweifler ſeine Pautoffeln aufgerafft und ſich ruͤcklings fortgehend ent⸗ fernt, als der Paſcha und ſein Miniſter, in ehrenwerthem Wetteifer bemuͤhet waren, ihre Zweifel zugleich mit ihrem Durſte zu heben, auch waren ſie in ihrem Beſtreben ſo erfolg⸗ voll, daß ſie in ganz kurzer Zeit ihren Zuſtand der Zweifelhaftigkeit gegen einen recht gluͤcklichen der Trunkſeligkeit vertauſchten. Ende des zweiten Bandes. 4 8* ————— —————— —— ſſſſſſſnſſnſſſſſnſſſſſſſſſſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18