Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 Aeih- und Ieſebedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von V 82 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.——. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei En eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe- muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3„ 4 „ tgegennahme 7 1*„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurück der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt —„ ſendung der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht,, daß das Weiterve 3 3 ema ß das rleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — ——õ—— Erzählungen eines Pascha. — Dritter Band. Beim Verleger dieſes iſt ferner erſchienen: .— Chevalier Reynand. Roman von KXouis Kax. Verfaſſer der Memoiren eines Schornſteinfe⸗ gers, der Bekehrer ꝛc. ꝛc. 3 2. Bände. Elegant broſchirt. Preis: 2 Thlr. Der Verfaſſer hat ſich durch ſeine früheren Werke den Ruf 3 eines geiſtreichen, unterhaltenden und witzigen Erzählers erwor⸗ ven. Der obige Roman, der zwei verſchiedene Epochen einer intereſſanten Zeit zu ſchildern ſucht, verdient durch Charakter⸗ ſchilderung, Humor und lebendige Darſtellung die allgemeine Rufmerkſamkeir. Erzählungen eines Pascha. Von Captain Marryat, Verfaßzer des Peter Simpel, Jakob Ehrlich u. ſ. w. Aus dem Engliſchen von C. Kichard. Dritter Band. Aachen und Keipiig, Verlag von Jacob Anton Mayer. (Prüſſel bei Z. A. Mayer und Somerhauſen.) 1835. Erzählungen eines Pascha. Erſtez Kapite l. Am folgenden Tage, nachdem die Geſchaͤfte des Divan beendigt waren, ſaßen der Paſcha und ſein Miniſter, denen entweder Huduſis Zweifel oder die von ihnen angewandten Mit⸗ tel um ſie zu loͤſen, Kopfſchmerzen erregt hat⸗ ten, in gar unfreundlicher Laune, um den Verfolg derſelben anzuhoͤren. — 6— Fortſezung der Geſchichte der Huduſis. Ich habe ſagen hoͤren, fuhr Huduſi fort, daß der ploͤzliche Beſiz des Goldes einen tapfern Mann vorſichtig, und einen ſolchen, der nicht herzhaft iſt, noch verzagter machen ſoll, als er vorher war. Bei mir war dies ausgemacht der Fall; meine fuͤnfhundert Goldmuͤnzen bewirk⸗ ten, daß alles, was nur im entfernteſten dem Muthe glich, mir durch die Fingerſpizen ent⸗ ſchluͤpfte. Noch einmal ſtellte ich Ueberlegung mit mir ſelber an, deren Ergebniß in dem Ent⸗ ſchluße beſtand, mit der Sache gar nichts mehr zu thun haben zu wollen, und daß ſo wenig der Sultan als auch der Paſcha aus meinen Anſtrengungen Nuzen ziehen ſollten. In dieſer Nacht thaten wir einen Ausfall, und weil ich fuͤr ein Wunder von Tapferkeit gehalten wurde, ſo befand ich mich unter der Zahl derjenigen, die Befehl erhielten einen Trupp anzufuͤhren. Ich kraͤuſelte meinen Schnauz⸗ bart, ſchwor daß ich keinem Janitſcharen das 7 Leben laßen wolle, ſchwang meinen Scimitar, ruͤckte an der Spize meines Zuges aus, lief dann davon und gelangte zwei Tage ſpaͤter wohlbehalten zum Hauſe meiner Mutter. So⸗ bald ich eingetreten war, zerriß ich meinen Turban, ſtreute Staub auf mein Haupt, um das Andenken meines Vaters zu ehren und ſezte mich nieder. Meine Mutter umarmte mich — wir waren allein. .„Und Dein Vater?— Sollen wir um ihn trauern?“ „Ja,“ erwiederte ich—„er war ein Loͤwe und iſt im Paradieſe.“ Meine Mutter begann herbe Wehklage; ploͤz⸗ lich faßte ſie ſich wieder und ſprach:„aber Huduſi, es iſt nicht gut ſich die Haare aus⸗ raufen und ſchoͤne Kleider zerfezen um nichts. Biſt Du gewiß davon, daß Dein Vater todt iſt?“ „Ganz gewiß,“ antwortete ich,„ich ſah ihn fallen.“ „Doch mag er nur verwundet ſeyn,“ ent⸗ gegnete meine Mutter. — 8— „Nein, nein, liebſte Mutter, verbanne Du jede Hoffnung, denn ich ſah ſeinen Kopf ab⸗ ſchneiden. „Biſt Du voͤllig uͤberzeugt, daß Du ſeinen Koͤrper erblickteſt, dem der Kopf abgeſchnitten war?“ „Voͤllig uͤberfuͤhrt, denn ich war r Zengr bei dem Abſchneiden.“ „Wenn das iſt,“ erwiederte meine Mutter, „ſo kann er nie wieder zuruͤckkommen, das iſt klar genug. Allah— akbar— Gott iſt groß! Alſo muͤßen wir trauern.“ Nun lief meine Mutter heulend und krei⸗ ſchend hinaus vor die Thuͤr, raufte ſich die Haare aus und zerriß ihre Kleider; dies er⸗ regte die Aufmerkſamkeit und das Mitleiden ihrer Nachbaren, die herzu kamen und fragten was es gaͤbe. „Ach! Wahi! das Haupt meines Hauſes iſt nicht mehr—“ ſchluchzte ſie—„mein Herz iſt bitterer Schmerz— meine Seele iſt verdorrt — meine Leber iſt wie Waßer— ach! Wahi! ach! Wahi!“ Dann begann ſie wieder zu wei⸗ — 9— nen und ihr Haar zu zerraufen, wobei ſie al⸗ len Troſt von ſich wies. Die Nachbaren ka⸗ men zu ihrem Beiſtande her, ſie redeten ihr zu, beſchwichtigten ſie, milderten ihre heftigen Aufwallungen, beſaͤnftigten und beruhigten ſie. Alle ſagten es ſey ein herber Verluſt, indeß waͤre ein Rechtglaͤubiger zum Paradieſe einge⸗ gangen; auch waren Alle der Meinung, daß keiner Ehefrau Betragen muſterhafter ſeyn koͤn⸗ ne, und daß keine Frau ihren Mann jemals zaͤrtlicher geliebt habe. Ich ſagte nichts, muß aber geſtehen, daß ich wegen ihres vorhergegan⸗ genen Geſpraͤches mit mir und wegen der Menge Pillau, den ſie an dieſem Abende bei ihrer Mahlzeit verſchlang, die Wirklichkeit recht ſehr bezweifelte. Lange blieb ich nicht in der Heimath, denn wiewohl meine Pflicht erheiſchte meiner Mutter den Tod des Vaters anzuzeigen, war es doch ebenfalls meine Pflicht den Schein anzunehmen, als kehre ich zu meinem Corps zuruͤck. Dies nimmermehr zu thun, hatte ich beſchloßen. Ich bedachte, daß ein ruhiges, gemaͤchliches Leben — 10— meiner Denkweiſe am beſten zuſagte, und des⸗ halb wollte ich mich einer religioͤſen Sekte an⸗ ſchließen. Bevor ich meiner Mutter Dach ver⸗ ließ, gab ich ihr dreißig Zechinen, fuͤr welche ſie ſich recht dankbar zeigte, weil ſie in duͤrfti⸗ gen Umſtaͤnden war. „Ach!“ rief ſie aus, als ſie das Gold ſorg⸗ faͤltig mit einem Lappen umwickelte—„haͤtteſt Du doch nur Deines armen Vaters Kopf mit zuruͤckbringen koͤnnen, mein Sohn Huduſi!“ Ich haͤtte ihr ſagen koͤnnen, daß ſie ſo eben das Geld erhalten habe, fuͤr welches ich, den Kopf verkaufte,— doch war ich der Meinung es ſey eben ſo gut, davon nichts zu ſagen, — alſo umarmte ich ſie und ſchied. Eine Geſellſchaft von Derwiſchen hatte da⸗ mals ihren Wohnſiz etwa ſieben Meilen von dem Dorfe aufgeſchlagen, welches meine Mut⸗ ter bewohnte, und weil dieſe Leute niemals lange am nemlichen Orte verweilen, ſo eilte ich, mich ihnen anzuſchließen. Bei meiner An⸗ kunft bat ich, ihr Oberhaupt ſprechen zu duͤr⸗ fen, und weil ſie ſich einbildeten, daß der — 11— Zweck meiner Ankunft ſey mir ihr frommes Gebet zur Erlangung eines gewuͤnſchten Gegen⸗ ſtandes zu erbitten, ward ich vorgelaßen. „Khoda ſchefa midehed— Gott gewaͤhrt Huͤlfe!“ ſagte der alte Mann.—„Was wuͤn⸗ ſcheſt Du, mein Sohn?— Khoſch amedied.— Du biſt willkommen!“ Ich eroͤffnete ihm meinen aus religioͤſem Ge⸗ fuͤhle entſpringenden Wunſch, in die Sekte auf⸗ genommen zu werden, und bat um Gewaͤh⸗ rung deßelben. „Du weißt nicht was Du foderſt, mein Sohn.— Unſer Leben beſteht in Muͤhſeligkeit, Kaſteiung, Demuͤthigung und Gebet— unſere Nahrung beſteht nur in Kraͤutern und Quell⸗ waßer; unſer Schlaf iſt ſtets unterbrochen und wir wißen nicht wohin wir unſere Haͤupter legen ſollen. Entferne Dich, jaha bibi, mein Freund, ziehe in Frieden.“ „Vater,“ erwiederte ich—(denn um Dei⸗ ner Hoheit die Wahrheit zu geſtehen, bezwei⸗ felte ich troz des alten Mannes Verſicherungen, die Richtigkeit ſeiner Beſchreibung der Mühſe⸗ — 12— ligkeiten ihres Lebens—)„auf dies Alles bin ich vorbereitet und auf mehr noch, wenn's er⸗ fordert wird. Ich habe meinen kleinen Reich⸗ thum mitgebracht, um den Geſammtſchaz zu vermehren und um meinen Theil zu der Wobl⸗ fahrt Eures heiligen Bundes beizutragen; ihr muͤßt mir das nicht verweigern.“ Schon bei dem einfachen Namen des Goldes ſah ich des Alten Augen zucken; ich zog fuͤnf und zwanzig Zechinen hervor, die ich von mei⸗ nem Schaze zu dieſem Zwecke abgeſondert hatte, uͤberreichte ihm die und fuhr fort:„Schau' heiliger Vater die Gabe, welche ich darbringe.“ „Barik Allah— Gott ſey dafur gelobt,“ rief der Derwiſch aus,„daß er uns einen Rechtglaͤubigen zuſendet. Deine Gabe iſt ange⸗ nommen, doch darfſt Du nicht erwarten ſchon jezt in die ganze Strenge unſers heiligen Or⸗ dens aufgenommen zu werden. Ich habe hier viele Schuͤler, die zwar das Kleid tragen, aber doch noch nicht ſo geregelt ſind, als gute Der⸗ wiſche das ſeyn ſollten; indeß gibt es eine Zeit fuͤr alle Dinge, und wenn ihr Hang zum — 13— Suͤndhaften ſie verlaͤßt, dann werden ſie In⸗ ſchallah! gefall' es Gott!— hoͤchſt wahrſchein⸗ lich, heiligere und froͤmmere Maͤnner werden. Du biſt aufgenommen.“ Der alte Mann ſtreckte mir ſeine Hand zum Empfange des Goldes entgegen, welches er eifervoll zuſammenfaßte und unter ſein weites Gewand verbarg. Dann ſagte er zu einem der Derwiſche, welcher waͤhrend meiner Unterredung mit ihm in einiger Entfernung von uns ge⸗ ſtanden hatte:„Ali, dieſer junge Mann— wie iſt Dein Name?— Huduſi— iſt in un⸗ ſerer Bruͤderſchaft zugelaßen. Nimm ihn mit Dir, gib ihm ein Ordenkleid und laß ihn in unſere Myſterien eingeweihet werden, wenn er vorher den Eid der Verſchwiegenheit abgelegt hat. Murakas, guter Huduſi,— Du biſt ent⸗ laßen.“ Ich folgte dem Derwiſch durch einen ſchma⸗ len Gang bis wir zu einer Thuͤr kamen, auf welche er pochte; ſie ward geoͤffnet und ich kam nun durch einen Hof, in welchem ich mehre Derwiſche in allerlei Stellungen auf dem Bo⸗ — 14— den hingeſtreckt liegen ſah, wo ſie ſchwer ath⸗ meten und bewußtlos ſchienen. „Dieſe,“ ſprach mein Fuͤhrer,„ſind heilige, von Allah beguͤnſtigte Maͤnner. Sie ſind in Verzuckung, werden in dieſem Zuſtande vom Propheten beſucht und erhalten die Erlaubniß ſich in den achten Himmel zu erheben, um die Glorie zu betrachten, die dort fuͤr Nechtgläle bige bereitet wird.“ Auf dieſe Verſicherung ertheilte ich keine Antwort, weil aber alle ganz augenſcheinlich im Zuſtande viehiſcher Trunkenheit lagen, ſo bezweifelte ich die Wahrheit recht ſehr. Man gab mir ein Kleid, ich ſchwor den Eid der Geheimhaltung und ward meinen Gefaͤhr⸗ ten vorgeſtellt; bald fand ich in ihnen eine Schaar ungezuͤgelter Burſche, die ſich allen Laſtern hingaben und alle Tugend verlachten; ſie lebten im Muͤßiggange von den Abgaben, die das Volk ihnen entrichtete; weil es feſt an ihre angebliche Heiligkeit glaubte. Der alte Mann mit dem weißen Bart, ihr Oberhaupt, — 15— war der Einzige, der nicht in Ausſchweifungen verfiel. Er hatte ſeinen Hang zu den Laſtern der Jugend uͤberlebt und war nun dem Laſter des Alters verfallen— einem Golddurſt, der unerſaͤttlich war. So viel muß ich geſtehen, daß die Geſellſchaft und die Art das Leben hin⸗ zubringen mich beßer beſriedigte, als die Heili⸗ gen⸗Wachen, ſchlechte Nahrung und unablaͤßi⸗ ges Gebet, womit der Alte mich bedrohet hatte, als ich Mitglied zu werden wuͤnſchte, gethan haben wuͤrden; bald ward ich zum Adepten in Heuchelei und Verſtellung, und zum Lieblinge meiner Bruͤder. Ich haͤtte Deiner Hoheit bemerken ſollen, daß die Sekte von Derwiſchen, deren Angehoͤ⸗ riger ich wurde, damals mit dem Namen der heulenden Derwiſche bezeichnet wurde; un⸗ ſere ganze Religion beſtand darin, daß wir aus Leibeskraͤften gleich Jackalls oder Hyaͤnen heul⸗ ten, bis wir in wirklichen oder verſtellten Zuckungen niederfielen. Mein Geheul ward fuͤr das grauſenerregendſte und unirdiſchſte gehalten, was je gehoͤrt worden, natuͤrlich vermehrte mei⸗ — 16— ne Heiligkeit ſich ganz im verhilmiß z zu dem Geheul. Wir waren auf unſeumn Wege nach Scuta⸗ ri, wo unſer eigentlicher Wohnplaz war, und auf unſerm Zuge dahin hauſeten wir nur hier und dort eine kurze Weile, um diejenigen ab⸗ zufließen, die frommer Sinnesart waren. Ich war noch nicht zehn Tage unter ihnen aufge⸗ nommen, als wir unſern Weg fortſezten, und nach einer ſehr eintraͤglichen Wanderung einer Woche zogen wir durch Conſtantinopel, gingen uͤber den Bosphorus, erreichten den Ort ihrer Niederlaßung und wurden jubelnd von den Einwohnern empfangen, denen unſer altes Oberhaupt, ſo wie viele andere Sektenbrüͤder gut bekannt waren. Deine erlauchte Hoheit wird wißen, daß Derwiſche nicht nur von den Landbewohnern um Rath gefragt werden, ſondern auch oft de⸗ ren Bankire werden, weil ſie ihnen die Sorge fuͤr ihr Geld anvertrauen. Mein alter Vorge⸗ ſezter, deßen Namen— wie ich fruͤher ſchon — 17— haͤtte ſagen ſollen— Ulu bibi war— hatte von vielen Leuten ſeiner Bekanntſchaft große Geldſummen in Verwahrſam; weil ſein Geiz ihn aber verleitete ſein Geld auf Wucher aus⸗ zuthun, ſo hielt es ſchwer daßelbe zuruͤck zu bekommen, wenn es gewuͤnſcht wurde; gleich⸗ wohl wurde es jedesmal gewißenhaft zuruͤck gezahlt. Schon nach wenigen Monaten unſeres Auf⸗ enthaltes in Scutari erlangte ich ſowohl durch mein ganz uͤberlegenes Geheul als durch die Dauer meiner Zuckungen hohe Gunſt und Ach⸗ tung. Waͤhrend dem Wirken dieſes Zuſtandes, der durch Gewohnheit bald ſpasmodiſch wurde und anhielt bis die Lebens⸗Funktionen faſt er⸗ ſchoͤpft waren, zeigte ſich das Gemuͤth ſo thaͤ⸗ tig wie immer, und ich lag in einem Meere von Zweifeln ſchwimmend, die hoͤchſt peinlich waren. Im Zuſtande meiner Erſchoͤpfung be⸗ zweifelte ich Alles. Ich zweifelte ob meine Zuckungen wirkliche Convulſionen oder nur er⸗ heuchelte Nachahmung ſeyen; ich zweifelte, ob ich ſchliefe oder wache; ich zweifelte, ob ich in III. 2 — 18— Verzuckung, oder in einer andern Welt, oder todt, oder—“ „Freund Huduſi,“ unterbrach ihn Muſtapha —„wir verlangen die Thatſachen Deiner Ge⸗ ſchichte, und nicht Deine Zweifel.— Spreche ich nicht gut, Hoheit?— Was iſt das alles anders als Boſch— nichts?“ „Es iſt wohl geſprochen;“ ließ der Paſcha vernehmen.. „Zuweilen duͤnkte mich ich ſey im Beſiz einer Thatſache, doch ſie ſchluͤpfte durch meine Fin⸗ ger, wie der glatte Schweif eines Aals.“ „Laß uns die Thatſachen hoͤren, die Dir nicht entſchluͤpften, Freund, und laß die Ne⸗ bel der Zweifel ſich vor der Glorie des Paſcha verziehen,“ antwortete Muſtapha. Eines Tages ſaß ich im warmen Sonnen⸗ ſchein am Grabe eines Rechtglaͤubigen, als ei⸗ ne alte Frau mich anredete. „Du biſt willkommen,“ ſagte ich. „Iſt Deine Laune gut?“ fragte ſie. —— —— — 19— „Die iſt gut,“ gab ich zur Antwort. Sie ſezte ſich neben mich nieder und nachdem ſie eine Viertelſtunde ſchweigend geſeßen hatte, fuhr ſie fort:„Gott iſt groß.“ „Und Mahomet iſt ſein Prophet,“ erwiederte ich,—„im Namen Allah's, was verlangſt Du 2“ „Wo iſt der heilige Mann? Ich habe Geld, um es ihm in Gewahrſam zu geben. Kann ich ihn nicht ſehen?“ „Er iſt bei ſeiner Andacht— doch was hin⸗ dert das?— Bin ich nicht wie er?— Wache ich nicht, wenn er betet?— Inſchallah— ge⸗ fall' es Gott— wir ſind einer wie der andere. Gib mir den Beutel.“ „Hier iſt er,“ ſagte ſie und ſchuͤttete das Geld heraus—„ſieben hundert Zechinen, mei⸗ ner Tochter Heirathsgut; aber es gibt boͤſe Menſchen, die ſtehlen, und es gibt gute Men⸗ ſchen, denen wir vertrauen koͤnnen.— Spre⸗ che ich nicht gut?“ „Es iſt wohlgeſprochen,“ erwiederte ich, „und Gott iſt groß.“ — 20— „Du wirſt das Geld richtig finden,“ ſprach ſie,„zaͤhle es.“ Ich zaͤhlte es, ſchuͤttete es wieder in den Beutel von Ziegenfell und ſagte:„es iſt rich⸗ tig.— Verlaße mich Frau, denn ich muß heimkehren.“ Die Alte verließ mich und brachte Allah ih⸗ ren Dank dafuͤr, daß ihr Geld geſichert ſey; doch gewiße Gedanken, die mir im Kopfe um⸗ gingen, machten mich ſehr an dieſer Wahr⸗ heit zweifeln. Voller Zweifel ſezte ich mich wieder. Ich bezweifelte, daß die Alte in ehrli⸗ cher Weiſe zu dem Gelde gekommen ſey; auch empfand ich Zweifel, ob ich es dem erſten Der⸗ wiſch zu uͤberliefern haͤtte. Ich zweifelte, ob ich es fuͤr mich ſelber behalten ſolle und ob mir daraus nicht Ungluͤck erwachſen werde. Ich hatte ebenfalls meine Zweifel———“ „Ich habe gar keinen Zweifel,“ unterbrach ihn Muſtapha—„daß Du das Geld fuͤr Dich behalten haſt.— Sprich, iſt's nicht ſo 20— — 21— Allerdings loͤſeten ſich endlich meine Zweifel in dieſe Wirklichkeit auf. In meinen Gedanken ward ich mit mir daruͤber einig, daß ſieben hundert Zechinen zu etwa vierhundert andern gefuͤgt, die ich noch in meinem Beſiz hatte, eine gute Weile vorhalten konnten, auch, daß ich des Lebens eines heulenden Derwiſch muͤde waͤre. Deshalb begann ich noch ein leztes, lan⸗ ges Schluß⸗Geheul— um meinem Vorgeſezten dadurch zu bezeichnen, daß ich zugegen ſey, gleich hinterher aber entfernte ich mich. Ich eilte zum Baazar, kaufte hier und dort — in einem Laden eine Weſte— in einem andern einen Schwal— in einem dritten einen Turban— warf mein Derwiſchkleid ab, ging in's Bad, und nachdem ich einige Minuten unter der Hand des Bartſcheerers war, trat ich heraus— wie ein Schmetterling aus ſeiner dunkeln Larve hervorflattert. Kein Menſch wuͤr⸗ de in dem ſtattlichen jungen Tuͤrken den un⸗ reinlichen Derwiſch wieder erkannt haben. Ohne Verzug begab ich mich nach Conſtan⸗ tinopel, wo ich luſtig lebte und mein Geld verthat; doch fand ich, daß es zum Leben in der Welt nicht allein noͤthig iſt einen Attaghan zu tragen, ſondern daß man ebenfalls den Muth beſizen muͤße, dieſen zu gebrauchen; bei mehr⸗ maligen Zaͤnkereien, die aus meinem zu haͤufi⸗ gen Genuße vom Waßer des Ghiaur herruͤhr⸗ ten, bewies ich unablaͤßig, daß, wiewohl mei⸗ ne Stimme die eines Loͤwen war, mein Herz doch nur wie Waßer ſey und mit dem Finger der Verachtung ward nur zu oft auf den Bart der Anmaßung gezeigt. Eines Tages hatte ich im Kaffehauſe meinen Attaghan gezogen, ohne doch den Muth zu be⸗ ſizen meinem Gegner Stand zu halten,— ich entfloh und erhielt einen Hieb ſeiner Waffe, der meinen Turban ſpaltete und mir tief in den Kopf drang. Auf den Fluͤgeln der Angſt flog ich durch die Straßen, rannte zulezt gegen einen ungekannten Gegenſtand, warf den nie⸗ der, fiel ebenfalls an deßen Seite hin und rollte mit ihm im Straßenkoth. Nachdem ich ein we⸗ nig zu mir gekommen, blickte ich nach dem Dinge, fand es lebendig und bildete mir im ————————,— — 23— Uebermaß meiner Furcht ein, es ſey der Schei⸗ tan ſelber; doch wenn es anch nicht der Teufel in Perſon war, ſo befand ich mich doch neben einem der Soͤhne Scheitans, denn er war ein Unglaͤubiger, ein Ghiaur, ein Hund zum an⸗ ſpucken, kurz er war ein Fraͤnkiſcher Hakim— ſo beruhmt durch ſeine Heilung aller Krankhei⸗ ten, daß man von ihm ſagte, der Teufel belfe ihm. „Lahnet bi Scheitan! Fluch dem Teufel!“ ſagte Muſtapha, nahm die Pfeife aus dem Munde und ſpuckte. „Wallah Thaib! wohl geſprochen;“ erwie⸗ derte der Paſcha. Ich hielt mich ſo feſt uͤberzeugt, es ſey nichts von dieſer Welt, daß ich, ſobald ich nur wie der auf meinen Fuͤßen ſtehen konnte, mit mei⸗ nem Attaghan einen Hieb nach ihm fuͤhrte, in der ſichern Erwartung, er wuͤrde bei der Be⸗ 24— ruͤhrung eines Rechtglaͤubigen in einer Feuer⸗ flamme verſchwinden; aber ganz im Gegen⸗ theile hatte auch er ſich wieder auf ſeine Fuͤße geſtellt, parirte mit einem langen Stocke, an deßen oberm Ende ein goldener Knopf befeſtigt war, meinen Hieb ab und begruͤßte mich als⸗ dann mit einem ſolchen Schlage auf meinen Kopf, daß ich zum zweiten Male ganz beſin⸗ nungslos in den Straßenkoth niederſtuͤrzte. Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich auf einer Matte in einem Vorhauſe liegend, und mein Gegner war beſchaͤftigt mir Pflaſter auf den Kopf zu heften.„Es iſt nichts,“ ſagte er, als er mir den Verband anlegte; ich aber litt ſo heſtige Schmerzen, fuͤhlte mich vom Blutverluſte ſo geſchwaͤcht, daß ich troz dieſer Verſicherung, die Richtigkeit recht ſehr bezwei⸗ felte. Soll ich dieſen Sohn Jehaͤnnums beſchrei⸗ ben?— Und wenn ich das thue, wird Deine Hoheit nicht die Wahrheit bezweifeln? Bi ſchesm, auf mein Haupt falle es, wenn ich luͤge. Er war weniger als ein Mann, denn er hatte kei⸗ — 25.— nen Bart; er hatte keinen Turban, ſondern ein Stuͤck Nezwerk, bedeckt mit Haaren anderer Menſchen die in ihren Graͤbern liegen, die be⸗ ſtreute er jeden Morgen mit dem feinen Mehl der Baͤcker, um ſeinen Braͤgen zu naͤhren. Um ſeinen Hals trug er ein Stuͤck Leinen, ſo feſt anliegend wie'ne ſeidne Schnur, dadurch wollte er verhuͤten, daß ſein Kopf ihm nicht von ei⸗ nem frommen Rechtglaͤubigen abgeſchlagen wuͤr⸗ de, wenn er durch die Straßen ginge. Sein Anzug war von der Farbe der Hoͤlle, ſchwarz, und eng an ſeinen Koͤrper geſchmiegt, doch muß er in ſeinem Lande ein vornehmer Mann geweſen ſeyn, denn er war augenſcheinlich ein Paſcha von zwei Schweifen, die ihm hinten herab hingen. Er war ein Mann, erſchrecklich anzuſchauen, und fuͤrchtete nichts; er ging in⸗ die Wohnungen der Peſtilenz— er behandelte diejenigen, die Allah mit der Peſt heimgeſucht hatte— er trat an das Bett und der Kranke erhob ſich, wandelte umher.— Er kaͤmpfte ge⸗ gen die Beſtimmung; kein Menſch vermogte zu ſagen, was ſein Schickſal ſeyn wuͤrde bis die⸗ * — 26.— ſer Hakim entſchieden hatte. In ſeiner Hand hielt er den Schluͤßel zur Pforte, welche das Reich der Todten oͤffnet; und— was koͤnnte ich mehr ſagen?— er ſprach lebe, und der Glaͤubige lebte; er ſprach, ſterbe— und die Houris empfingen ihn im Paradieſe. „Ein Beſedi! ein Anbeter des Teufels!“ rief Muſtapha.. „Mag er und mag ſeines Vaters Grab auf ewig unflaͤtig ſeyn!“ antwortete der Paſcha. Vierzehn Tage blieb ich unter den Haͤnden des Hakim, bevor ich wieder umhergehen konn⸗ te; nachdem ich uͤberlegt hatte, empfand ich Zweifel daruͤber, ob es nicht gerathener ſeyn moͤgte, eine friedlichere Lebensbeſchaͤftigung vor⸗ zunehmen. Der Hakim ſprach unſere Sprache ſehr gut, und ſagte eines Tages zu mir:„Du biſt beßer geeignet Wunden zu heilen, als ſie zu ſchlagen. Du ſollſt mir helfen, denn er, der zezt mit mir iſt, will nicht bleiben.“ — 27— Ich wiligte ein, legte ein friedlicheres Kleid an und blieb mehre Monate bei dem Franken⸗ Doktor, wir reiſeten uͤberall hin, blieben aber ſelten lange an einem Orte; er reiſete der Krank⸗ heit nach, anſtatt vor ihr zu fliehen, und ich hatte meine Zweifel, ob ich nicht durch meine ſtete Wartung Sterbender zulezt ſelbſt ſterben moͤgte, ſo daß ich beſchloß, ihn bei der erſten guͤnſtigen Gelegenheit zu verlaßen. Schon hatte ich viele wunderbare Dinge von ihm erlernt, nemlich: daß Blut zum Leben nothwendig ſey, und daß ohne Athemholen der Menſch ſterben wuͤrde, ferner, daß weiße Pulver das Fieber kurirten und inanze Trohſen die Dyſſenterie einhielten. Endlich kamen wir zu Idieſer Stadt, und vor einigen Tagen als ich das Korn der Ueberle⸗ gung im Moͤrſer der Geduld zerſtampfte, ver⸗ langte der Doktor, ich ſolle ihm ſeine Lanzetten bringen, und ihm folgen. Hinter dem gelehrten Hakim trat ich durch die Straßen bis wir zu einem elenden Hauſe in einem duſtern Viertel dieſer großen Stadt kamen, welche Deine He⸗ — 28— heit mit Gerechtigkeit regiert. Eine alte Frau fuͤhrte uns unter lauter Wehklage zu einem Krankenlager, auf welchem ein Geſchoͤpf lag, deßen Geſtalt ſchoͤn war wie die einer Houri. Die Alte erſuchte den Franken⸗Doktor durch den Vorhang der Kranken Puls zu fuͤhlen, der aber lachte ihr in den Bart— denn ſie hatte einen der nicht klein war— zog die Vorhaͤnge auf, erfaßte eine Hand ſo klein und ſo zart, daß ſie nur allein dazu geeignet ſchien, den Propheten dicht am Throne des Engel Gabriel, mit dem fuͤr die Rechtglaͤubigen bereiteten Un⸗ ſterblichkeits⸗Pillau zu fuͤttern.— Ihr Antliz war bedeckt und der Franke wuͤnſchte der Schleier ſolle abgehoben werden.— Das verweigerte die Alte, und nun drehte er ſich auf ſeinen Ferſen herum und wollte ſie den Angriffen des Todes uͤberlaßen. Die Liebe der Alten zu ihrem Kinde, beſiegte ihre religioͤſen Gewißenszweifel, und ſie erlaubte daß ihre Tochter ſich vor einem Unglaͤubigen entſchleiere. Ihre Reize ſezeen mich in Entzuͤcken, ich koͤnnte ſie zu meiner Frau verlangt haben, —..— — 29— der Franke aber verlangte nur ihre Zunge zu ſehen. Nachdem er die angeſchaut hatte, wandte er ſich gleichguͤltig ab, als waͤre ſie ein ſterben⸗ der Hund.— Mir hieß er ihren Arm einzu⸗ binden und entzog ihr einen ganzen Napf voll ihres goldenen Blutes, dann ſchob er der Alten ein weißes Pulver in die Hand, und ſagte, er wuͤrde wieder kommen ſie zu ſehen. Ich ſtreckte meine Hand nach dem Golde aus, aber es kam nichts. „Wir ſind arm,“ heulte das alte Weib dem Hakim zu,„aber, Gott iſt groß!“ „Ich brauche Dein Geld nicht, gute Frau,“ erwiederte der—„Deine Tochter will ich her⸗ ſtellen.“ Darauf trat er zum Bette, ſprach dem kran⸗ ken Maͤdchen Troſt ein, hieß ihr guten Muthes ſeyn, und alles wuͤrde gut werden. Das Maͤdchen antwortete in Toͤnen, fuͤßer als die einer Nachtigall, daß ſie ihm nur ihren Dank erwiedern könne, und ihr Gebet zum Allerhoͤchſten. „Ja, fiel die Alte ein, und erhob ihre Stim⸗ me—„ein Hallunke von heulendem Derwiſch ſtahl mir in Scutari Alles was ich zu meinem Unterhalte und zu meiner Tochter Mitgift be⸗ ſaß;— ſiebenhundert Zechinen in einem Beu⸗ tel von Ziegenfell!“ Darauf begann ſie ihre Verwuͤnſchungen. Moͤgen die Hunde in dieſer Stadt ihre Garſtigkeit anheulen! Welche Fluͤ⸗ che ſtieß Sie aus! Sie verfluchte meinen Va⸗ ter und meine Mutter— ſie verfluchte deren Graͤber— warf Koth auf meine Bruͤder und meine Schweſtern— und Unflath auf das ganze Geſchlecht.— Mich uͤberlieferte ſie dem Jehaͤnnum und jeglicher moͤglichen Beſudelung. Es war furchtbar die Fluͤche der alten Frau anzuhoͤren. Ich zog meinen Turban uͤber meine Augen herab, damit ſie mich nicht erkennen moͤge, und hob mein Gewand in die Hoͤhe um mir das Geſicht zu bedecken, damit ich von den Hagelſchauern ihrer Fluͤche nicht verunreinigt wuͤrde, welche ſie wie Koth auf mich herab⸗ ſchleuderte; ſo ſaß ich und wartete bis der — 3— Sturm ausgetobt haben wuͤrde. Durch das Hin⸗ aufziehen meines Gewandes, ſtellte ich unglüͤck⸗ licher Weiſe den Blicken der alten Hexe den verfluchten Beutel von Ziegenfell bloß, der an meinem Guͤrtel hing, und nicht nur ihr Geld enthielt ſondern auch dasjenige, was von dem meinigen noch uͤbrig war. „Maſchallah— wie wunderthaͤtig iſt Gott!“ kreiſchte das alte Weib, ſprang gleich einer Tigerkaze auf mich ein, und riß mit ihren Faͤuſten den Beutel mir vom Guͤrtel. Nachdem ſie den in Sicherheit gebracht hatt, ſchoß ſie mit ihren zehn Naͤgeln auf mich zu, und zer⸗ fezte mein Angeſicht, das ich anfangs ſo un⸗ gluͤcklich bedeckt— und dann hinterher zum zweiten Ungluͤck entbloͤßt hatte.— Was ſoll ich noch ſagen?— Die Nachbaren kamen herein— ich wurde zugleich mit der alten Frau und mit dem Franken⸗Doktor vor den Kadi gefuͤhrt. Das Geld und der Beutel wurden mir abgenommen — vom Halim wurde ich entlaßen, und nach⸗ dem ich hundert Schlaͤge von den Feraſchen bekommen, wurde ich auch vom Kadi entlaßen. — 32— — Es war mein Schickſal— nun habe ich meine Geſchichte erzaͤhlt. Iſt Dein Sklave ent⸗ laßen? „Nein,“ ſprach der Paſcha,„bei unſerm Barte, dies muͤßen wir unterſuchen, Muſta⸗ pha;— ſprich Huduſi, wie war des Kadi Entſcheidung? Unſere Ohren ſind geoͤffnet.“ „Der Kadi entſchied folgendermaßen:—„das Geld haͤtte ich geſtohlen, und dafuͤr erhielt ich die Strafe der Baſtonade, weil aber die Frau angegeben hatte, daß der Beutel ſiebenhundert Zechinen enthalte, und beinahe eilfhundert darin gefunden wurden, ſo konnte dieſes Geld ihr nicht zugehoͤren. Deshalb hielt er es zuruͤck, bis er den rechten Eigenthuͤmer ausfinden koͤnne. Der Doktor mußte fuͤnfzig Zechinen Strafe dafuͤr zahlen, daß er eine Tuͤrken⸗Frau angeſe⸗ hen hatte, und noch fuͤnfzig mehr, weil er mit den Achſeln zuckte. Das Maͤdchen wurde fuür des Kadi's Harem beſtimmt, weil es ſein Mit⸗ gift verloren hatte, und die alte Frau ward hingeſchickt zu thun was ihr beliebte. Alle An⸗ — 33— weſenden erklaͤrten, dieſes Urtheil ſey die Weis⸗ heit ſelber; was mich anbetrifft, ſo bezwei⸗ felte ich dieſe Angabe recht ſehr. „Muſtapha,“ ſprach der Paſcha—„ſchicke fuͤr den Kadi, den Fraͤnkifchen Doktor, die alte Frau, das Maͤdchen und den Beutel von Ziegenfell; dieſe Angelegenheit bedarf der Un⸗ terſuchung.“ Die Beamten wurden abgeſchickt, und in weniger Zeit als einer Stunde, waͤhrend wel⸗ cher der Paſcha und ſein Vezir ſchweigend rauchten, erſchienen der Kadi nebſt den Uebri⸗ gen. 3 „Moͤge Deiner Hoheit Schatten niemals klei⸗ ner werden;“ ſprach der Kadi im Eintreten. „Mobarik! magſt Du gluͤcklich ſeyn!“ erwie⸗ derte der Paſcha.—„Was iſt's, das ich hoͤre Kadi? da iſt ein Beutel von Ziegenfell, und ein Maͤdchen— von denen unſere Gerechtigkeit keine Kunde bekommen hat. Sind noch mehr ſolche Geheimniße im Brunnen von Kaſchan verborgen, ſprich— was fuͤr Unrath haſt Du gegeßen? III. 3 — 34— „Was ſoll ich ſagen,“ erwiederte der Kadi— „ich bin ja nur wie Unrath; das Geld iſt hier, und das Maͤdchen iſt hier. Soll der Paſcha mit jeder alten Frau Geſchrei behelligt werden, oder ſoll ich vor ihm erſcheinen mit einem, etwa auch zwei Goldſtuͤcken?— Min Allah— Gott ver⸗ huͤte! Habe ich das Geld nicht hier und noch ſieben Beutel mehr? War nicht das Maͤd⸗ chen heimgeſucht vom Engel des Todes; und konnte ſie vor Deinem Angeſichte erſcheinen, abgemagert wie ein Hund im Bazaar? Iſt ſie nicht hier? Habe ich wohl geſprochen?“ „Es iſt gut geredet, Kadi. Murakhas— Du biſt entlaßen.“ Der Fraͤnkiſche Arzt ward nun in noch hundert Zechinen Strafe genommen; naͤmlich fuͤnfzig fuͤr das Fuͤhlen an den Puls, und fuͤnfzig Andere fuͤr das Beſehen der Zunge einer Tuͤrkin. Das junge Maͤdchen ward in des Paſchas Harem entlaßen, der Alten ward uͤberlaßen zu verfluchen ſo viel ſie wolle, und Huduſi erhielt die Erlaubniß Alles zu bezwei⸗ feln, nur des Paſchas Gerechtigkeit nicht. 7 — 35— Zweites Kapitel. Maſchallah! Gott ſey gelobt! den Burſchen mit allen ſeinen Zweifeln ſind wir los. Ich habe erwogen, Muſtapha, als ich meine Pfeife der Nachdenklichkeit rauchte, und zu der Aſche der Gewißheit kam, daß ein Menſch mit ſo vielen Zweifeln, kein Rechtglaͤubiger ſeyn könne. Ich wollte, daß ich ihn den Mollahs uͤberwie⸗ ſen haͤtte; dann wuͤrden wir die K Kurzweil haben koͤnnen, ihn aufgepfaͤhlt zu ſehen, was heutiges Tages ein recht ſeltener Anblick iſt.“ „Gott iſt groß!“ erwiederte Muſtapha— „und ein Pfahl iſt ein kraͤftiger Beweisgrund, der gar viele Zweifel entfernen koͤnnte.— Doch unten im Hofe habe ich einen Unglaͤubigen, der — 36— von ſeltſamlichen Dingen ſpricht. Er iſt einge⸗ fangen wie'ne wilde Beſtie,— er iſt ein Fraͤnkiſcher Galiongi, eben ſo weit gereiſet als jener Sohn des Scheitan, der Huckaback; in der Straße wurde er gefunden, uͤberwaͤltigt von der Kraft des verbotenen Saftes; viele von Deiner Hoheit Unterthanen hat er geſchlagen, und der Kadi wollte ihm den Bambus fuͤhlen laßen, er aber war wie ein Löwe, zerſtreute die Sklaven als waͤren ſie Spreu, bis er zur Erde fiel und nicht wieder aufkommen konnte. Dem Kadi habe ich ihn abnehmen und hierher bringen laßen. Er ſpricht nur die Franken⸗ Sprache, aber der Sonne welche mich be⸗ ſcheint, iſt es bekannt, daß ich im Lande der Franken geweſen bin, und Inſchallah! wenn's dem Herrn gefaͤllt, kann ich ſeine Worte doll⸗ metſchen.“ „Was fuͤr eine Art von Menſch iſt er, Muſtapha?“ „Er iſt ein Baj— baj— ein Dickbauch— ein ſtrebiger Kerl,— er iſt ein Anhunkher— er iſt ein Eiſenfreßer.— In den Kriegsſchiffen — 37— der Franken iſt er umhergeſegelt. Eine Flaſche des verbotenen ſtarken Waßers haͤlt er in einer Hand, und mit der andern ſchwingt er einen dicken Stock gegen Alle die ihn naͤher pruͤfen moͤgten. Eine große Handvoll von dem koͤſtli⸗ chen Kraute, das wir in unſern Pfeifen gebrau⸗ chen, ſteckt in einer ſeiner Backen, und ſein Haar haͤngt ihm hinten bis auf den Guͤrtel herab, in eine Maße zuſummengerollt, die ſo dick iſt, als der Arm Deines Sklaven.“ „Gut— wir wollen ihn vorlaßen; doch halte Bewaffnete in Bereitſchaft. Gebt mir eine geſtopfte Pfeife!“ dann hielt er ſein Glas hin, um es anfuͤllen zu laßen, und ſagte dabei: „Gott iſt groß, und die Flaſche iſt beinahe ausgeleert. Stellt die Wachen aus, und bring den Unglaͤubigen herein.“ Nach wenigen Minuten fuͤhrten die Wachen dem Paſcha einen kraͤftig gebauten Engliſchen Matroſen im gewoͤhnlichen Seemanns⸗Anzuge vor, deßen Haarzopf bis zur Ruͤckenwurzel her⸗ abhing. Dem Matroſen ſchien die ihm wieder⸗ fahrende Behandlung, nicht zu gefallen, denn — 35— ſo wie ſie ihn zerrten und fortſchoben, ſah er bald zur einen bald zur andern Seite, und ſchoß drohende Blicke auf ſie. Nuͤchtern war er, wiewohl ſeine Augen kurz vorhergegangenen Nauſch bezeugten, ſein maͤnnliches, ſchoͤngeſchnit⸗ tenes Geſicht war ſehr entſtellt durch ein unge⸗ beures Stuͤck Kautabak in ſeiner rechten Wan⸗ ge, welches ihm das Anſehn einer natuͤrlichen Unfoͤrmlichkeit gab. Sobald er dem Paſcha nahe genug war, ließen die Wachen ihn los. Theer⸗ jacke ſchuͤttelte ſein Wamms, zog ſeine weiten Hoſen hinauf, blickte ſie wuͤthend an, und ſagte:„Nun Ihr Bettler, ſeyd Ihr endlich mit mir fertig?“ Muſtapha redete den Matroſen in Engliſcher Sprache an, ſagte ihm, daß er vor Seiner Hoheit dem Paſcha ſtehe. „Was, der alte Bengel in Schawls und Pelze eingewickelt— der iſt der Paſcha?— Nun, von dem da, ſtell' ich mir nicht viel vor;“ der Matroſe blickte nun mit verwunde⸗ rungsvollem Gaffen im Zimmer umher, hatte aber nicht die mindeſte Ahnung davon, daß er — 39— Jemandem ſo nahe ſtehe, der ſeinen Kopf oder ſeinen Zopf, durch einen kleinſten Wink ſeiner Hand konnte abſchneiden laßen.— „Muſtapha, was ſagt der Franke?“ fragte der Paſcha. „Der Glanz Deiner Majeſtaͤt, und Alles deßen, was er um ſich ſieht, hat ihn verſtummt und in Staunen geſezt.“ Das iſt gut geſagt, bei Allah!“ „Ich denke, ich mag eben ſo gut vor Anker gehn,“ ſagte der Matroſe, fuͤhrte aus was ſeine Worte ſprachen, und ſezte ſich auf eine der Matten; dann ſchlug er die Beine in Nachahmung der Tuͤrkiſchen Sitte unter, und fuhr fort,„ſo, weil's in dieſem Lande hier der Gebrauch iſt,'n Kreuz in Euren Kabel zu haben— kann ich ſo gut'n Landluͤmmel ſeyn, als Ihr. Wuͤrde auch nichts dagegen ha⸗ ben,'ne Wolke zu blaſen, ſo gut als Ihr da— alter Puff⸗Muffer.“ „Was ſagt der Giaur? Welcher Hundeſohn iſt er, daß er ſich vor mir niederſezt?—“ rief der Paſcha. — 40— „Er ſagt,“ gab Muſtapha zur Antwort, „daß in ſeinem Lande Niemand wagen darf, im Angeſichte des Fraͤnkiſchen Koͤnigs zu ſtehen; ganz uͤberwaͤltigt von ſeiner Demuth, verſagen ſeine Beine ihm den Dienſt, und er ſinkt vor Deiner Hoheit in den Staub.— Es iſt auch ganz ſo wie er ſagt, denn ich habe jene Laͤn⸗ der durchreiſet, und kenne die Gebraͤuche des ungeſitteten Volkes. Maſchallah! er lebt hier in Bangen und Beben!“ „Bei dem Bart des Propheten, er verraͤth das nicht durch ſeinen aͤußerlichen Anſchein,“ erwiederte der Paſcha—„doch das mag bei ihnen ebenfalls Sitte ſeyn.“ „Bi ſchesm, auf meine Augen falle es— ſo iſt's auch;“ ſagte Muſtapha zum Paſcha, und dann zum Matroſen:„Franke, der Paſcha hat Dich rufen laßen, damit er von Dir Be⸗ richt uͤber alle die wunderbare Dinge hoͤre, die Du geſehn haſt.— Luͤgen mußt Du erzaͤhlen, und Du wirſt Gold bekommen.“ „Luͤgen erzaͤhlen! das heißt'nen Faden ſpin⸗ nen; nun das kann ich wohl, aber der Mund — 41— iſt mir trocken vor Durſt, und ohne'nen Tropfen Irgendwas— den Teufel ſein Faden⸗ ſpinnen von mir,— das kannſt Du dem alten zuſammengekauerten Ziegenbock da ſagen.“ „Was ſpricht der Sohn von Scheitan?“ fragte der Paſcha ungeduldig. „Der Unglaͤubige erklaͤrt, daß ihm vom ſchauerlichen Schrecken des Anblicks Deiner Ho⸗ heit, die Zunge im Gaumen feſtgeklebt iſt. Er lechzt nach Waßer um ſich zu erlaben und um ſich zum Sprechen zu ſtaͤrken.—“ „Gebt ihm Waßer, ſagte der Paſcha. Genug hatte aber Muſtapha ſchon gehoͤrt, um zu wißen, daß der Matroſe mit dem kla⸗ ren Elemente nicht zu befriedigen ſeyn wuͤrde; deshalb fuhr er fort:„Dein Sklave muß Dir ſagen, daß ſie im Lande der Franken nichts anderes trinken, als das Feuer⸗Waßer, welches die Rechtglaͤubigen nur gelegentlich zu koſten wagen.“ „Allah Akbar! nichts als Feuer⸗Waßer?— Was machen ſie denn mit dem gewoͤhnlichen Waßer?“ 4 „Von dem haben ſie nichts, als dasjenige, was vom Himmel herabfaͤllt— ihre Fluͤße ale fuͤhren Waßer von gleicher Staͤrke.“ „Maſchallah! wie wunderreich iſt Gott! Ich wollte wir haͤtten hier ſolch einen Strom.— Laß Feuer⸗Waßer herbringen, wenn's ſo iſt, denn ich wuͤnſche ſeine Geſchichte zu hoͤren.“ Eine Flaſche Branntewein ward geholt, und dem Matroſen gereicht, der ſie ſogleich an den Mund ſezte; die Menge die er hinuntergoß, bevor er die Flaſche abhob um Athem zu ſchoͤpfen, gab dem Paſcha genuͤgenden Be⸗ weis davon, daß Muſtaphas Anfuͤhrungen wahr ſeyen. „Brav! das iſt ſo uͤbel nicht,“ ſprach der Matroſe, und ſtellte die Flaſche zwiſchen ſeine Beine nieder—„jezt will ich auch mein Wort gut machen, und will dem alten Knaſterbart 'nen Faden ſpinnen, ſo lang als die Haupttop Buntleine.“ „Was ſagt der Giaur? 2“ unterbrach der Paſcha. — 46— „Daß er im Begriff iſt, die wunderbaren Begegniße ſeines Lebens Deiner Hoheit zu Fuͤ⸗ ßen zu legen, und daß er hofft, ſein Antliz werde weiß werden, bevor er Deine erhabene Gegenwart verlaßen ſoll. Franke, Du magſt beginnen.“ „Zu luͤgen bis ich ſchwarz werde— nu gut, weil ihr's ſo wollt;— aber hoͤr' alter Bur⸗ ſche— ich heiße nicht Frank— mein Name iſt zufaͤllig Bill;— bei dem Allen war's fuͤr 'nen Tuͤrken nicht ganz ſchlecht gerathen, aber weil ich'mal hier bin, moͤgt'ch leiden, Euch 'ne Frage abzufragen.— Wir hatten ſo'n Stuͤck Unterredung daruͤber, vor einiger Zeit als ich auf'ner Fregatte da in den Dardanellen war — was Eure Religion wohl eigentlich ſeyn moͤgte. Jack Soames ſagte, daß ihr keine Chriſten nicht waͤret— wenn Ihr das ſeyn ſolltet, koͤnntet Ihr nichts anders ſeyn, als Katholiken;— ich aber weiß nicht, wie der das geringſte davon kennen ſollte, wenn ich bedenke, daß er noch nicht laͤnger als ſieben Wochen am Bord von'nem Kriegsfahrzeuge — A— gefahren hat.— Was moͤgt ihr nun eigentlich ſeyn— wenn ich ſo frey ſeyn mag, Euch die Frage zu fragen?“ „Was ſagt er?“ fragte der Paſcha neugierig. „Er ſagt,“ erlaͤuterte Muſtapha—„daß er nicht ſo gluͤcklich iſt, im Lande der Rechtglaͤu⸗ bigen geboren zu ſeyn, ſondern auf einer Inſel voller Dunſt und Nebel, wo die Sonne nie⸗ mals ſcheint, und die Kaͤlte ſo grimmig iſt, daß das Waßer vom Himmel hart und kalt, wie ein Feuerſtein herabfaͤllt.“ „Das erklaͤrt's denn, lwarum ſie's nicht trinken.— Maſchallah! Gott iſt groß! Laß ihn fortfahren.“. „Der Paſcha traͤgt mir auf, Dir zu erklaͤ⸗ ren, daß unſere Religion iſt: nur einen Gott gibt es, und Mahomed iſt ſein Prophet; zu⸗ gleich wuͤnſcht er, daß Du in Deiner Geſchichte fortfaͤhrſt.“ „Mahomet? niemals von dem Burſchen ge⸗ hoͤrt— gleichviel— hier iſt Saͤge⸗Holz. Geſchichte des Engliſchen Matroſen. In Shields bin ich geboren, und zum See⸗ fahrer erzogen, diente meine Zeit in dem Ha⸗ fen aus, und bekam'ne Schlafſtelle am Bord von'nem kleinen Schiffe, das in Liverpool zum Sklavenhandel ausgeruͤſtet wurde. Wir gewan⸗ nen die Kuͤſte, loͤſchten unſere Glasperlen, un⸗ ſern Brantwein und unſer Schießpulver— wofuͤr wir recht bald unſere Ladung an Bord ſchafften; aber wir waren kaum einen Tag un⸗ ter Segel geweſen, auf unſerer Fahrt nach Havanna, als die Dyſſenterie unter den Negern ausbrach— gar kein Wunder, wenn man ſah, wie die armen Teufel zuſammengequetſcht, lagen Kopf neben Schweif, wie Haͤringe in der Tonne. Wir oͤffneten die Schiffluken, und brachten — 46.— einen Theil von ihnen auf's Verdeck, aber's half nicht, ſie ſtarben wie faulgefreßne Schaafe und ihrer dreißig warfen wir taͤglich uͤber Bord. Viele andere, ſprangen lebendig uͤber Bord, und uns folgte ein ganzes Heer von Hayſiſchen, die im Waßer ſchaufelten und ſchoßen und un⸗ tertauchten, und die noch warmen Leichen in Stuͤcke rißen, und im heißen, Blutgeroͤtheten Waßer Feſtſchmaus hielten. Zulezt waren die Neger Alle todt, und wir kehrten zuruͤck zu der Kuͤſte, um uns'nen neuen Vorrath einzulegen. Wir hatten uns bis auf einen Segel⸗Tag dem Lande genaͤhert, als wir zwei Boͤte auf unſerer Wetterſeite gewahrten; ſie machten uns Signale, und wir fanden, daß ſie mit Menſchen angefuͤllt waren; wir legten bei, nahmen ſie am Bord, und erfuhren nun, daß ſie zu einem Franzoͤſiſchen Schooner gehoͤr⸗ ten, der den naͤmlichen Handel trieb, dem eine Planke geborſten, der wie'ne Stuͤckkugel zu Grunde gegangen war, mit allen Negern im Raume. = 47— „Nun, wechsle dem alten Herrn das gegen Kleingeld um— in der Zwiſchenzeit will ich meine Windpfeife mal eben anfeuchten.“ Nachdem Muſtapha das Erzaͤhlte gedollmetſcht, und der Matroſe einen Zug aus der Flaſche gethan hatte, fuhr dieſer fort. Es gefiel uns gar nicht, dieſe Franſchen Bettler am Bord zu haben, und's war auch Urſache da, denn ihrer waren eben ſo viele als wir zaͤhlten.— Schon in der erſten Nacht hoͤrte ein uns angehoͤrender Neger, der das Franſche erlernt haͤtte, einen Plan an, den ſie entwarfen, um uns zu uͤberwaͤltigen, und das Schiff in Beſiz zu nehmen;— ſobald wir das vernahmen, war ihr Loos entſchieden. Wir ſam⸗ melten uns auf dem Verdeck— verſchloßen die Luken uͤber einige der Franzmaͤnner, griffen die andern, die oben waren— und nach'ner halben Stunde traten ſie alle die Planke. „Ich verſtehe nicht was Du damit ſagen willſt,“ bemerkte Muſtapha. — 48— „Das kommt weil Du'n Luͤmmel von'nem Landhocker biſt.— Das lange und's kurze vom Planken treten, iſt dies: wir legten eine breite Planke uͤber den Kanonenrand, und be⸗ ſtrichen das aͤußere Ende derſelben tuͤchtig mit Fett, dahinanf fuͤhrten wir die Franzmaͤnner mit verbundenen Augen, und wuͤnſchten ihnen aus purer Hoͤflichkeit in ihrem eigenen Kauderwelſch, „bon voyage.“ Sie gingen ſo lange, bis ſie hinunter in's Meer fielen— und Hayfiſche verſchmaͤhten ſie nicht, wiewohl die'nen Neger, allem Andern vorziehen. „Was ſagt er, Muſtapha? fiel der Paſcha ein. Muſtapha verdollmetſchte. „Gut, das haͤtte ich gern mit angeſehn,“ ſprach der Paſcha. — No, ſobald wir die Franzmaͤnner los wa⸗ ren, machten wir unſern Hafen,— hatten bald wieder'ne andere Ladung am Bord, kamen nach'nem guten Durchſegeln wohlbehalten nach Havana und verkauften unſere Sklaven; mir — 49— aber gefiel der Dienſt nicht, deshalb gab ich den Schoner auf, ſegelte im Sommer nach England und kam gluͤcklich an. Da ward ich mit der Betſy bekannt, und weil die'ne regelmaͤßige Takelung verrieth, ſo flocht ich mich mit der zuſammen; und'ne wackere Hoch⸗ zeit machten wir davon, ſo lange die Speſen dauerten;— das war aber nicht lange und iſt um ſo mehr zu bedauern; deshalb ging ich wieder zur See, damit ich mehr bekomme. Als ich von meiner Fahrt zuruͤck kam, fand ich, daß Betſy ſich nicht ſo gut betragen hatte als ſie das haͤtte thun moͤgen, deshalb ſchnitt ich mir meinen Aanderſtabe und ging ganz von ihr weg. Als Muſtapha gedollmetſcht hatte, fragte der Paſcha:„warum haſt Du ſie nicht in den Sack geſteckt?“? 3 ee „Ihren Kopf ſollt' ich in'nen Saas ſac — nein, ſo haͤßlich war ſie doch nicht,“ er⸗ wiederte der Matroſe.„Aber gleichoket um wel⸗ ter zu faͤdeln.“ Mll. — 50— Ich ging auf eine Kaperbrigg und nach drei⸗ maligem Kreuzen hatte ich Geld in Menge; da beſchloß ich mal wieder an's Land zu geh'n, damit ich's verthun konnte. Nun gabelte ich die Suſe auf und flocht mich wiederum mit der zuſammen; aber Gott geſegne Eure Herzen— die zeigte ſich als'n regelrecht gebauter Tartar — nichts als knuͤffeln und krazen den ganzen lieben Tag lang— bis ich ſie zum alten Kra⸗ zer fortwuͤnſchte. Ich war ihrer herzlich ſatt und Suſe hatte'nen Gefallen gefunden an 'nem andern Burſchen; alſo ſagte ſie eines Tages:„weil wir Beide eines Sinnes ſind, weshalb verkaufſt Du mich nicht, dann moͤgen wir uns in achtbarer Weiſe trennen.“ Das ge⸗ fäͤllt mir, ich ſchlinge einen Strick um ihren Hals und fuͤhre ſie auf den Marktplaz,— der Burſche folgt um ſie zu kaufen.„Wer bie⸗ tet aͤuf dies Weib?“ frage ich. „Ich biete,“ ſagte er. „Was willſt Du geben? 20 „Ne halbe Krone,“ antwortete er. „Willſt Du noch ein Glas Grog in den Kauf geben?“ — 51— „Ja,“ ſpricht ver. „Dann iſt ſie Dein; und ich wuͤnſche Dir viel Gluͤck zum Handel.“ Damit reiche ich ihm den Strick und er fuͤhrt ſie ab. Als dieſer Theil der Geſchichte dem Paſcha wiederholt worden, fragte der Paſcha:„fuͤr wie viel, ſagſt Du, verkaufte er ſeine Frau?“ „Fuͤr einen Piaſter und einen Trunk Feuer⸗ Waßer,“ erwiederte der Vezier. „Frag' ihn, ob ſie ſchoͤn war?“ fuhr der Paſcha fort. „Schoͤn! antwortete der Matroſe auf Muſta⸗ phas Frage,„ja, ſie war ſo'n ſchoͤnes Fahr⸗ zeug als nur einer in's Auge faßen mag; huͤbſch geruͤndeter Bau— klarer Lauf— ſchwellende Vorbuge— gutes Kopfbild und Haare genug fuͤr'ne Meerjungfer.“ „Was ſagt er?“ fragte der Paſcha. „Der Franke erklaͤrt ihre Augen haͤtten er⸗ glaͤnzt wie die einer Gazelle— ihre Augbrau⸗ nen waͤren geweſen als eine einzige— ihr Leib gleich einer Zypreſſe,— ihr Geſicht wie der — 52.— volle Mond,— und daß ſie fett war wie die Houris, die den Aecidländ geh verhchhen ſind.“ „Maſchallah! alles ſuͤr einen Piaſter. Sung ihn Muſtapha, ob in dem Lande meht Pranen zu kaufen ſind?“ n „Mehr,“ erwiederte der Matroſe auf Mufta⸗ phas Frage,„ne ganze Schifſsladung koͤnnt ihr in'ner Stunde haben.'S iſt mancher Ge⸗ ſell in England, der'ne Handvoll Geld zuge⸗ ben moͤgte, um ſein Weib nur los zu werden.“ „Wir wollen naͤhere Erkundigung einziehen, Muſtapha; das muß unnaſuch werden. Rede ich nicht gut? „Es iſt gut geſagt,“ erwiederte Muſtapha; „mein Herz iſt verbrannt wie geroͤſtet Fleiſch bei der Erinnerung an die Frauen des Landes; denn die ſind wirklich ganz wie er ſie beſchrie⸗ ben hat, anzuſehn wie Houris. Fahre fort Yaha Bibi, mein Freunde und azihle Sei⸗ ner———,— „BVaw Bibby! ich habe, Con Bmal geſagt, ich heise Bil und nicht Bibbi— und von — 53— meinem Laufe ja we ich gar nicht ab, wiewohl ich von Zeit zu Zeit beilege ſo wie jezt, um Proviſion einzunehmen.“— Nun zog der Ma⸗ troſe nach einen tuͤchtigen Trunk aus der Fla⸗ ſche, wiſchte ſich den Mund mit der umgekehr⸗ ten Hand ab und fuhr fonte—„Nun'ne or⸗ amhe Lüge 4 11 In einer Brigg Alede ich n Braſiten, da ſtieg ein Sturmwetter auf, desgleichen ich niemals geſehen habe. Wir waren genoͤthigt drei Mann anzuſtellen, um dem Captain die Haare auf ſeinem Kopfe feſtzuhalten, und ein kleiner Junge ward uͤber den Mond hinauf geweht, glitt aber an zwei oder drei Mondſtrahlen her⸗ ab bis er den Hauptſtengen erfaßte, und gar keinen Schaden dabei nahm. 3 n„Gut,“ ſagte Muſtapha, der dollmetſchte. „Bei dem Barte des Propheten, das iſt wundervollt 14 lien der Paſcha aus. Der Sturm hielt ne ganze Woche an, und — 54— endlich in einer Nacht, als ich am Steuerruder ſtand, warf uns der Wind auf die Felsklippen von'ner wuͤſten Inſel. Von dem Stoße ward ich ſo fortgeſchleudert, daß ich uͤber die Berge binflog und auf der andern Seite der Inſel in's Meer fiel. Da ſchwamm ich an's Ufer, legte mich in eine Hoͤhle und ſchlief. Am an⸗ dern Morgen fand ich, daß es nichts anders zu eßen gebe als Ratten, die waren in Menge da, aber ſo ſchnell liefen ſie, daß ich ſie nicht greifen konnte. Ich ging umher und fand zulezt eine große Anzahl Ratten beiſammen, ſie waren bei einer Waßerquelle, der einzigen auf dieſer In⸗ ſel, wie ich das ſpaͤter erſt erfuhr. Ratten koͤn⸗ nen nicht ohne Waßer leben, und nun dacht' ich, ſo wollt' ich ſie fangen. Den Quell ſtopfte ich bis auf eine einzige Oeffnung zu, und über dieſe ſezte ich mich. Als die Ratten wieder ka⸗ men, fuͤllte ich meinen Mund voller Waßer und hielt ihn weit aufgeſperrt; die Ratten lie⸗ fen herauf um zu trinken und ich fing ſie zwi⸗ ſchen meinen Zaͤhnen; auf dieſe Weiſe verſchaff⸗ te ich mir ſo viel als ich nur haben wollte. — 55— „Aferin! vortrefflich!“ rief der Pälba a aus 4 ſchald ihm dies erklaͤrt worden. Endlich kam ein Schiff, das mich aufnahm, und ich war froh, denn rohe Natten ſind keine ſehr gute Koſt. Ich kam wieder nach England, und war noch nicht zwei Stunden am Lande geweſen, als Betſy, meine erſte Frau, mit nem Konſtabler im Schlepptau erſchien und ſagte:„der iſt's.“— Ich wehrte mich, wurde aber gedielt und eingeſperrt um verurtheilt zu werden fuͤr das, was ſie Big'mie oder'ne Frau zu viel haben, nennen. „Wie meint er das? laß ihn erlaͤutern,“ ſagte der Paſcha, nachdem Muſtapha ihm die Sache erzaͤhlt hatte. Muſtapha befragte den Ma⸗ troſen und dieſer gab zur Antwort: „In unſerm Lande haͤlt man eine Frau fuͤr einen Mann ſeinen Theil, und er darf nicht mehr nehmen, damit jeder Hans ſeine Grete hat. Ich hatte mir aber zwei angeflochten, des⸗ — 56— 5 halb verurtheilten ſie mich und transportirten mich fuͤr Lebenszeit nach Botany⸗Bay.“ Dieſe Erklaͤrung verwirrte den Paſcha.— „Was!— welch'ne Art von Land muß das ſeyn, wo ein Mann nicht'mal zwei Frauen haben kann? Inſchallah! Gott ſey gelobt! wir koͤnnen ſie zu hunderten in unſern Harems hal⸗ ten.— Lacht er uns nicht vielleicht mit Luͤgen in den Bart?— Iſt das nicht alles Boſch, nichts?— „Es iſt ſo wie der Franke ſagt,“ erwiederte Muſtapha.—„Der Koͤnig des Landes darf auch nur eine Frau nehmen. Bi Schesm, auf meine Augen falle es— wenn's nicht Wahr⸗ heit iſt.“ „Nun freilich,“ hob der Paſcha wieder an —„was ſind ſie auch anders als Unglaͤubige. Sie verdienen nicht mehr Frauen; die Houris ſind fuͤr die Rechtglaͤubigen.— Moͤgen die Graͤber ihrer Vaͤter beſudelt ſeyn! Laß den Giaur weiter Asählen. 4 de as Sie— mich uͤber's Waßer und ich —— kam richtig genug hin, ſo gut wie ich hoffé, Wind und Wetter dienend, eines Tages in den Himmel zu kommen; aber arbeiten wollt' ich nicht ohne Bezahlung,— alſo lief ich an nem ſchoͤnen Morgen davon in die Waͤlder, wo ich mit drei oder vier andern wohl ſechs Monden verweilte. Wir lebten von Kanguruh und an⸗ dern ſonderbaren kleinen Thieren, und lebten ziemlich gut. „Wie wird das Kanguruh⸗Gericht zuberei⸗ tet?“ fragte Muſtapha auf des Paſcha Geheiß. „Bereitet?— Nu'n Eßen von Kanguruh wird gewiß genug von Kanguruh gemacht.“ Aber ſelber will ich geſchuͤßelt ſeyn, wenn ich von was anderm ſprach als von dieſen Thieren, die zu toͤdten wir Muͤhe genug hat⸗ ten; denn ſo'n Kanguruh ſteht auf ſeinem dicken Schweife und wehrt ſich mit allen ſeinen vier Fuͤßen.'S iſt ſonſt auch noch'n curioſes Vieh; denn ſeine Jungen kommen aus ſeinem Magen hervor und dann ſchluͤpfen ſie wieder — 58— da hinein, wo ſie'nen eigenen Plaz haben, grade ſo wie der große Raum im Bug von nem Holz⸗Schiff; und das andere kleine Thier, das ſchwimmt auf den Teichen umher, legt Eier und hat'nen Entenſchnabel, und bei alle dem iſt ſein ganzer Koͤrper mit Haaren bewach⸗ ſen, gleich jeder andern Beſtie.— Der Vezir verdollmetſchte. „Bei dem Propheten, er lacht uns in den Bart!“ rief der Paſcha zornig.—„Das ſind Lalberne Luͤgen!“ „Du darfſt dem Paſcha licßt ſo abgeſchmackte Luͤgen erzaͤhlen, er wird ſonſt zornig;“ ſagte Muſtapha.—„Luͤgen kannſt Du vorbringen. aber ſie muͤßen gute Luͤgen ſeyn.“ „Nu, da will ich verdammt ſeyn,“ erwie⸗ derte der Matroſe—„wenn der alte Lump nicht das einzige Wahre an meinem ganzen Faden in Zweifel zieht.— Wohlan, ich will zne andere ordentliche Luge verſuchen, um ˙8 ihm recht zu machen.—“ — — 69— Nach ſechs Monaten ward ich's muͤde, und weil zwiſchen dort und meinem Lande nur zwanzig tauſend Meilen Entfernung waren, ſo Leſtios ich zuruͤck zu ſchwimmen. „Maſchallah! zuruͤck ſchwimmen! wie diele tauſend Meilen?“ rief Muſtapha. „Nur zwanzig tauſend—'ne wahre Klei⸗ Knilat 4 Eines Morgens werfe ich mir alſo'nen Kanguruh uͤber die Schultern und ſtoße ab. Drei Monate lang ſchwamm ich Tag und Nacht; da fuͤhlte ich mich ein wenig muͤde geworden, trieb ruhig auf dem Nuͤcken liegend— und be⸗ gann ſodann auf's neue; zu der Zeit war ich aber dermaßen mit Muſcheln angeſezt, daß ich nicht viel von der Stelle kam. Alſo hielt ich bei Ascenſion an, ſchrapte und reinigte mich, und nachdem ich'ne Woche von Schildkroͤten gelebt hatte, um mir den Skorbut aus den Knochen zu halten, ſchwamm ich wieder ab; als ich aber durch die Meerenge kam, dacht' ich — 50— es moͤgte eben ſo gut ſeyn, hier anzuhalten; und ſo kam ich denn leibhaftig geſtern hier an, etwa um den dritten Glockenzug der Morgen⸗ wache, nach'ner Schwimmreiſe von fuͤnf Mo⸗ naten und diei aden aAls euffauha dies dem Daſcha äberttug, war der vor Erſtaunen ganz außer ſich.„Allah Wakbar! Gott iſt allgegenwaͤrtig! Hat man jemals von ſolch einem Schwimmer gehoͤrt!— Zwanzig tauſend Meilen— fuͤnf Monate und drei Tage!— Das iſt eine wundervolle Ge⸗ ſchichte! Sein Mund ſoll müit Gold angefüͤllt werden.“— MNuſtapha verſtaͤndigte dem Matroſen den unerwarteten Huldbewels, der ihm erzeigt wer⸗ den ſollte, als er eben ſeine Flaſche geleert hatte und die zur Seite rollte.—„Nu, das iſt'ne eigne Art die Leute zu bezahlen. Ich habe wohl eher ſagen hoͤren, daß Leuten der Mund mit Geld zugeſchloßen wuͤrde— aber daß der Mund wie'n Geldbeutel mit Gold vollgeſtopft werde, hab' ich noch niemals ge⸗ hoͤrt. Inzwiſchen's iſt alles ein's; nur ſeht Ihr, wenn's Gold im Großen weggeſtanet werden ſoll, mag's wohl eben ſo gut ſeyn, vorher's Gerumpel heraus zu nehmen.“ Nun griff er mit dem Daumen und Zeigefinger hinein und zog aus der einen Backe ein unge⸗ heures Stuͤck Kau⸗Tabak hervor.—„So, jezt bin ich bereit, und ſeyd nicht bange dafuͤr, daß Ihr mich erſticken moͤgtet.“ Einer der Umſtehenden ſteckte nun Goldmuͤn⸗ zen in des Matroſen Mund: dieſer ſpuckte ſie ſaͤmmtlich in ſeinen Hut, ſprang auf ſeine Fuͤße, nickte mit dem Kopfe gegen den Paſcha, wobei er mit ſeinem Beine hinten aus ſcharrte; dann begruͤßte er Muſtapha, nachdem er ſagte, der Paſcha ſey der drolligſte alte Lump, den er jemals geſehen— und üte aus demn Di⸗ van fort.— „Maſchallah! er ſchwinmt aut he⸗ ſagte der Paſcha und entließ ſein Gefolge. 9 1 Drittes Kapitel. Unter mancherlei Vorwaͤnden verſchob der Ve⸗ zier— wiewohl ſeine Pflicht erforderte, der Karavane jeglichen Beiſtand zu leiſten— deren Abgang um zwei oder drei Tage, damit Me⸗ nouni dem Paſcha noch mehr Unterhaltung ge⸗ waͤhre. Menouni war recht zufrieden mit dem Aufenthalte, weil die Freigebigkeit des Paſcha nicht alle Tage ſo gefunden werden konnte; am folgenden Abende ward er dem Erlauchten Herrn wieder vorgefuͤhrt. „Khoſch amedeid! Du biſt mir willkommen! 8 ſprach der Paſcha, waͤhrend Menouni ſich zur Erde verneigte.—„Jezt erzaͤhle eine andere — 6— Geſchichte. Mag ſie ſo lang ſeyn wie ſie immer will, nur keine Prinzeßinnen, die verheirathet werden ſollen.— Die Ba-be-bi-bo-bu, haͤtte die Geduld eines Derwiſc erſchöͤpfen koͤnnen.“ „Erhabenſte Hoheit, ich werde gehorchen;“ erwiederte Menouni.„Wuͤrde es Dir Vergnuͤ⸗ gen machen, die Geſchichte vom Waßertraͤger Juſſuf anzuhoͤren?“ 24 „ Ja, das klingt beßer,— fahre fort.“ — h%m-dfõ Der Waſſerträger. Gefall's Deiner Hoheit, es begab ſich, daß der große Harun Al Raſchid in einer Nacht von einem jener Anfaͤlle ſchlafloſer Melancholie ergriffen wurde, durch die es Allah gefallen hatte ſein glaͤnzendes Geſchick zu ermaͤßigen, Anfaͤlle, welche in der That das ganz gewoͤhn⸗ liche Loos derer ſind, die vom Gluͤcke uͤber die alltaͤglichen Beſorgniße und Wechſel des Lebens erhoben wurden.. „Ich kann nicht ſagen, daß ich ſie jemals verſpuͤre,“ bemerkte der Paſcha—„wie geht das zu, Muſtapha?“ „Deine Hoheit iſt unbezweiſelt Bben ſo ſehr dazu berechtigt als der große Kalif“— erwie⸗ derte Muſtapha mit tiefer Verneigung;„darf — 65— ich indeßen wagen meine Meinung auszuſpre⸗ chen“ und nun Wüan er das Uebrige dem Paſcha leiſe in's Ohr:„— Du haſt das Mit⸗ tel dagegen entdeckt im ſtarken Waͤßer des Giaour.“ „Sehr wahr,“ antwortete der Paſcha,„wenn ich mich recht beſinne, ſo war Harun Al Ra⸗ ſchid ein ſehr ſtrenger Beobachter der Vorſchrif⸗ ten des Koran.— Im Grunde war er auch nur ein Paſtek— eine Waßer⸗Melone. Du darfſt fortfahren, Menouni.“ —— Von dieſem Anfalle der Melancholie ergriffen, wie ich Deiner Hoheit vorhin be⸗ merkte, ſchickte der Kalif ſeinen Verſchnittenen Mesrour, zu ſeinem erſten Vezir, Giaffar Bernukki ab, der an ſolche naͤchtliche Aufforde⸗ rungen gewoͤhnt, ſich eiligſt vor dem Behert⸗ ſcher der Glaͤubigen einſtellte. „Vater aller Rechtglaͤubigen! Abkoͤmmling des Propheten!“ ſprach der Miniſter und ver⸗ neigte ſich zur Erde.—„Dein Sklave erſcheint III. 5 — 66— um zu vernehmen, und vernimmt um zu ge⸗ horchen.“ ns „Giaffar,“ entgegnete der Kalif,—„von ſchmerzlicher Unruhe fuͤhle ich mich uͤberwaͤltigt und moͤgte gern Deinen Rath zu meiner Er⸗ leichterung anhoͤren.— Rede— was ſagſt Du?“ 3 Iihs et. „Eile, o mein Fuͤrſt! zu Deinen Lieblings⸗ gaͤrten in Tiesbar, dort wirſt Du im Anſchauen des hellen Mondes und im Anhoͤxen der Nach⸗ tigall der Sonne Wiederkehr in gefallenden Betrachtungen erwarten. „Nicht ſo,“ antwortete der Kalif.— „Bei dem Barte des Propheten! der Kalif hatte Recht und der Giaffar war ein Narr. Noch niemals hoͤrte ich, daß Anſtarren des Mondes eine Exgöozlichkeit waͤre,“— bemerkte der Paſcha. „Nicht ſo,“ betheuerte der Kalif—„meine Gaͤrten, meine Pallaͤſte und meine Reiche ſind 67— fuͤr mich nicht laͤnger Quellen des Vergnuͤ⸗ gens.“— „Bei dem Schwerdte des Propheten! jezt ſcheint mir der Kalif ein Narr!“ unterbrach der Paſcha. =„Sollen wir uns denn zu der Halle der Alterthuͤmer begeben, und die Nacht damit ver⸗ bringen, das wir das Andenken an die Weiſen erneuen, deren Ausſpruͤche dort aufbewal hrt werden?“ fragte Giaffar weiter. „Der Rath hilft nicht;“ entgegnete der Ka⸗ lif;„Erinnerungen aus der Vergangenheit wer⸗ den nicht hinreichen die Sorgen der Gegenwart zu verbannen.“ „Will etwa das Licht der Welt in einer Verkleidung Zuflucht gegen ſeine Uebel ſuchen,“ fuhr der Vezir fort,„und mit dem Demuͤthig⸗ ſten ſeiner Sklaven hinausgehen den Auſtand ſeines Volkes anzublicken?“ „Du haſt gut geſprochen,“ autwortete der Kalif,„mit Dir will ich in den Bazaar ge⸗ — 68— hen, und unerkannt die Vergnuͤgungen meines Volkes nach der Arbeit des Tages mir an⸗ ſchauen.“ Mesrour, das Haupt der Verſchnittenen, war in der Naͤhe und eilte ſogleich die noͤthi⸗ gen Verkleidungen herbeizubringen. Der Kalif und Gäaffar kleideten ſich wie Kaufleute von Moußul, faͤrbten ihre Geſichter olivengruͤn und verließen in Begleitung von Mesrour, der mit einem Scimetar bewaffnet war, das Serail durch die geheime Thuͤr. Giaffar, der aus Erfahrung das Stadtvier⸗ tel kannte, welches ſich als das fruchtbarſte an Abentheuern beweiſen wuͤrde, fuͤhrte den Kali⸗ fen laͤngs der Zobeiden⸗Moſchée hinab zum Strome, ging mit ihm auf der Nachenbruͤcke uber den Tigris und ſezte ſeinen Weg bis zu dem Theile der Stadt auf dem Meſopotaniſchen Ufer des Stromes fort, das von Weinverkaͤu⸗ fern und Andern bewohnt wurde, welche ſo⸗ wohl fuͤr die Ausſchweifungen als fuͤr die Be⸗ duͤrfniße der guten Leute von Bagdad ſorgten. Eine kurze Weile waren ſie auf und nieder — 69— gegangen, ohne Jemanden zu begegnen; als ſie aber durch eine ſchmale Gaße gingen, ward ihr Schritt durch den lauten Schall einer hoͤchſt kraͤftigen Lunge aufgehalten, die ein Freuden⸗ lied abſang. Der Kͤif harrte einige Zeit in der Erwartung der Geſang wuͤrde enden; doch haͤtte er hoͤchſt wahrſcheinlich bis Tagesanbruch darauf warten moͤgen, denn ein Liedervers nach dem andern ward vorgebracht, und nur durch ſehr kurze Zwiſchenraͤume blieben ſie getrennt, welche das muſikaliſche Glucken der Flaſche und des Bachusdieners gurgelndes Schluͤrfen aus⸗ fuͤllten. Dem Kalifen verging endlich die Geduld und er befahl Mesrour, laut bei dem Saͤnger an⸗ zuklopfen. Als dieſer das Geraͤuſch vernahm, oͤffnete er die Jalouſien ſeines obern Zimmers und trat hinaus auf die Werandah. Von hier blickte er herab, und als er unten die drei Stoͤrer ſeiner Froͤhlichkeit Keahrten rief er lanlt zuͤrnend Ihnen zu: „Wer ſeyd Ihr Schurken, die Ihr eines ehrlichen Mannes Andacht ſtoͤrt?— Geht!— -— lauft!— fort mit. Euc hahr bſchaum der Erde!“ In demüͤthiger Weiſe antwortete Giaffar: „mildthaͤtiger Herr, wir ſind Kaufleute und wirklich in der groͤßten Verlegenheit; Fremde in dieſer Stadt, haben wir uns verirrt und muͤßen befuͤrchten, von den Wachen aufgegrif⸗ fen— und vielleicht vor den Kadi gefuͤhrt zu werden. Deshalb erſuchen wir Dich, gib uns Einlaß in Deine Thuͤre und Allah wird Deine Menſchenfreundlichkeit belohnen.“ „Euch Einlaß geben in mein Haus!— ge⸗ wiß nicht.— Oho! Ihr wuͤnſcht herein zu kommen um auf meine Koſten zu ſchwelgen und Euch guͤtlich zu thun.— Geht— geht.“ Herzlich lachte der Kalif uͤber dieſe Erwiede⸗ rung und rief ſodann dem Manne hinauf: „wir ſind wirklich Kaufleute und ſuchen nichts anders als Obdach bis zur Stunde des Ge⸗ betes.“ 8 „Dann ſagt mir,“ entgegnete der Mann— naber merkt, daß Ihr mir die reine Wahrheit — ——— — 71— ſagen muͤßt: Habt Ihr an dieſem Abende zur Genuͤge gegeßen und getrunken?“ „Allah ſey Lob und Dank dafuͤr, wir haben vor guter Zeit zu Abend geſpeiſet und das tuͤchtig,“ gab der Kalif zur Antwort. „Weil dem ſo iſt, moͤgt Ihr heraufkommen, aber wißt, ich erlaube es nur unter der einen Bedingung, daß Ihr angelobt Eure Lippen nicht zu oͤffnen— was Ihr mich auch vornehmen ſehet— und gleichviel ob es Euch gefaͤllt oder nicht.“ „Was Du forderſt iſt ſo vernuͤnftig,“ ent⸗ gegnete der Kalif,„daß wir ſo unwißend ſeyn muͤßten als Yabus, wollten wir nicht ſogleich die Zuſicherung geben.“ Noch einmal betrachtete der Mann pruͤfend die angeblichen Kaufleute, dann aber, als ſey er befriedigt, kam er herab und oͤffnete die Thuͤr. Der Kalif und ſeine Begleiter folgten ihm auf ſein oberes Zimmer, woſelbſt ſie einen mit dem Abendeßen beſezten Tiſch fanden, auf welchem ein großer Krug voller Wein ſtand, ferner die Haͤlfte eines gehratenen Ziegenlam⸗ 1 gemachtes, Kon⸗ mes, eine Fu dufrende Blu⸗ fekt und manchen men befanden ſi das Zimmer war glaͤnzeitd nen vollen Becher Wein hinab, als wolle er die verlorne Zeit wieder einholen, deutete dann in eine Ecke des Zimmers, verlangte die Her⸗ zugekommenen ſollten ſich dort niederſezen und ihn nicht weiter ſtoͤren. Nun begann er ſein abgeſondertes Feſtmahl, trank noch einen Becher Wein und fragte dann, als waͤre er ſeiner ei⸗ genen Geſellſchaft uͤberdruͤßig— in grollendem Tone—„woher kommt Ihr Geſellen, und wohin geht Ihr?"“ „Herr,“ gab Giaffar zur Antwort, nachdem er ſich leiſe mit dem Kalifen beſprochen hatte, „wir ſind Kaufleute aus Moßul, waren zu einem laͤndlichen Feſte auf dem Landſize eines Khans von Bagdad. Wir wurden trefflich be⸗ wirthet und verließen unſern Freund grade mit dem Verſchwinden des Tages. Dann haben wir unſern Weg verloren und befanden uns ſpaͤter Luchtet. Sobald ſie eingetreten waren goß der Wirth zuerſt ei⸗ — 73— in dieſer Straße; als wir die klangreichen To⸗ ne Deiner Stimme vernahmen, riefen wir aus: „iſt dieſer Geſang nicht entzuͤckend— ein Mann, der eine ſo ſuͤßtoͤnende Stimme beſizt, muß eben ſo wohlwollend denken.— Laßt uns unſern Bruder um ſeine Gaſtfreundſchaft fuͤr das Uebrige dieſer Nacht bitten und am Mor⸗ gen wollen wir in Frieden ziehen.“ „Nicht ein Wort glaube ich von dem was Du geſagt haſt, Du garſtiger Dieb. Spione ſeyd Ihr, oder Raͤuber, und ſucht Euern Ver⸗ theil dadurch, daß Ihr zu ungewoͤhnlicher Stunde in anderer Leute Haͤuſer dringt. Du Tonnenbauch, Du mit dem Backenbarte wie ein Baͤr,“ fuhr er zum Vezir redend fort— „gehaͤngt will ich ſeyn, wenn ich jemals ſo ein ſchurkenhaftes Geſicht geſehen habe, als Dei⸗ nes, und Du da, Du ſchwarzfraziger Neger, halt; das Weiße Deiner Augen von meinem Eßtiſche, oder bei'm Allah, ich ſchicke Euch Alle nach Jehaͤnnum.— Ich ſeh's wohl, Du haſt Luſt Deine Finger nach dem Ziegenlamm aus⸗ zuſtrecken— aber wenn Du's thuſt, ſo habe * ich hier'nen Knochenweicher, der bei des Pro⸗ pheten Heiligkeit die Gebeine in Euren drei Haͤuten zermalmen ſoll.“ Waͤhrend er dieſe Worte ſprach, holte der Mann aus einer andern Ecke des Zimmers ei⸗ nen maͤchtigen Knittel hervor, legte den neben die Schuͤßel mit dem Ziegenlamme, in welche er ſodann mit ſeinen Fingern griff und herz⸗ haft zu ſchmauſen begann. „Giaffar,“ ſprach der Kalif leiſe,„verſuche auszuforſchen, wer dieſes reißende Thier ſeyn mag, und wie er es erſchwingt, ſo froͤhlich zu leben.“ Ganz erſchreckt antwortete dieſer:„im Namen Allah's laßen wir ihn, denn ſollte er uns mit jenem Knittel auf die Koͤpfe ſchlagen, ſo wuͤr⸗ den wir unſer Ende nehmen, bevor nur einer von uns kluͤger geworden waͤre.“ „Bah! fuͤrchte nichts,“ erwiederte der Kalif, „befrag' ihn dreiſt um ſeinen Namen und ſein Gewerbe.“— „Ol mein Gebieter,“ ſprach Giaffar,„Dich hören iſt nur Dir gehorchen— und dennoch — 76— erbebe ich gar entſezlich bei den Drohungen dieſes abſcheulichen Menſchen. Ich erbitte von Dir, daß Du mir geſtatteſt meine Fragen zu verſchieben, bis der Wein ſeine boͤſe Laune ge⸗ mildert haben mag.“ „Memmenhafter Vezir, muß ich ſſelber ihn befragen?“ entgegnete der Kalif. „Das verhuͤte Allah!“ erwiederte Giaffar— „lieber will ich den Zorn dieſes verworfenſten unter den Hunden auf mich ziehen, deßen Grab⸗ ſtaͤtte verunreinigt werden mag!“ Waͤhrend ihres Geſpraͤches hatte der Wirth, den der Genuß des Weines wohlwollender ge⸗ ſtimmt hatte, ſeine Blicke auf ſie geheftet, und fragte jezt: „Im Namen Scheitan's zudet was habt Ihr Burſche mit einander zu plappern und zu fliſtern?“ Giaffar erkannte ſogleich, daß er in t beßerer Stimmung ſey und benuzte dieſe um ihn ſo anzureden: „Hoͤchſt freundlicher und mildthaͤtiger— wir ſprachen von Deiner ausnehmenden Frei⸗ — 76— ſinnigkeit und Guͤte, die uns erlaubt Deine Schwelgereien ſo unberufen mit anzuſchauen. Nur das eine erflehen wir im Namen der Freundſchaft, daß ein ſo wuͤrdiger Muſelmann uns ſeinen Namen und Stand angeben will, damit wir in unſern Gebeten ſeiner gedenken.“ „He! Du unverſchaͤmter alter Braunfiſch! haſt Du nicht verſprochen gar nichts zu fra⸗ gen?— Im Namen der Freundſchaft, ſagſt Du!— Nun, die iſt ſchon recht langer Dauer!“ „Dennoch bitte ich, Allah, daß er ſie moͤge wachſen laßen!— Haben wir nicht ſchon be⸗ traͤchtliche Zeit hier in Deiner geſegneten Naͤhe geſeßen— haſt Du uns nicht Zuflucht gewaͤhrt? Jezt bitten wir nur noch um den Namen und Stand eines ſo freundlichen und gutherzigen Mannes!“ „Genug,“ erwiederte der Hausherr, durch die verſtellte Demuth des Vezirs beſchwichtigt; „ſchweig' und hoͤre. Siehſt Du das Fell hier uͤber meinem Kopfe haͤngen?“ Der Kalif und ſeine Begleiter ſchauten em⸗ — 27— por, und gewahrten die gegerbte Haut eines jungen Stiers, welche dem Anſcheine nach zum Waßertragen gebraucht war.— „Mittelſt dieſes gewinn' ich mein taͤgliches Brod. Ich bin Juſſuf, der Sohn von Abu Ayub, der vor fuͤnf Jahren ſtarb und mir nichts hinterließ, als einige wenige Dirrhems und dieſen meinen kraͤftigen Koͤrper, um mei⸗ nen Lebensunterhalt zu verdienen. Von jeher liebte ich alle Arten von Spielen und Zeitver⸗ treib,— ich bezwang Jeden, der es verſuchte mit mir zu ringen; und was noch mehr iſt, ein Menſch, der mich beleidigt, bekommt einen Schlag auf ſein Ohr, von dem es ihm eine ganze Woche nachklingt.“ „Allah behuͤte uns, damit wir ihn nicht be⸗ leidigen;“ fliſterte der Kalif. „Nach des alten Abu Tode erkannte ich, daß ich Hungers ſterben wuͤrde, wenn ich meine Koͤrperkraͤfte nicht alsbald zu etwas Nuͤzlichem verwendete; da ſchien es mir einleuchtend, daß es gar keine froͤhlichere Menſchen gaͤbe als die Waßertraͤger, welche fuͤr wenige Para die Haͤu⸗ — 78— ſer dieſer Stadt mit dem weichen Stromwaßer verſehen. Nun beſchloß ich ſo ein Waßertraͤger zu werden, doch anſtatt mit einem Ziegenfelle auf meinen Schultern hin und her zu gehen, ging ich hinab zu den Gerbern, waͤhlte mir das weiche Fell des jungen Stiers, das hier uͤber mir haͤngt, paßte das meinen Schultern an, füllte es im Strome und ſchritt damit hinauf zum Bazaar.— Kaum ward ich hier ſichtbar, als die uͤbrigen Waßertraͤger ausriefen: „Der Boͤſewicht, der Juſſuf wird uns unſer Brod nehmen. Moͤge Scheitan ihn erfaßen. Geh'n wir zum Kadi und verklagen ihn!“ Der Kadi hoͤrte an was ſie vorbrachten; ſie beſchuldigten mich der Zauberei und ſagten, fuͤnf Leute vermoͤgten meinen Schlauch nicht aufzuheben, wenn er gefuͤllt waͤre. Darauf ſchickte er einen ſeiner Bildare ab, um mich vorzufordern. So eben hatte ich im Strome meinen Schlauch gefuͤllt, als der Abgeſandte dieſes Austheilers von Baſtonaden zu mir kam. Mit meiner Laſt auf den Schultern ſolg⸗ te ich ihm. Die Volksmenge oͤffnete ſich um = 79— mir den Durchgang zu geſtatten und ich erſchien vor dem Kadi, der hoͤchlich daruͤber erſtaunt war, daß eine ſolche ungeheure Laſt mir ſo wenig Beſchwerde zu machen ſchien. 1 „Ha! Juſſuf!“ rief er,„vernimm und ſtehe Rede; Du biſt der Zauberei angeklagt!“ „Wer klagt mich an, o! weiſer Kadi!“ er⸗ wiederte ich und warf meinen Waßerſchlauch auf den Boden. Sogleich traten zwei Henker⸗Hunde vor und ſchrieen mit lauter Stimme:„ſieh' uns hier, o du Weiſer und Gerechter!“ Den Einen ließ der Kadi bei Seite führen und befragte den Andern; dieſer ſchwor auf das Buch der Buͤcher, der Teufel habe mir ein Saufell gegeben und habe mir verheißen, er wolle machen, daß ich ſo viel tragen koͤnne als zehn Andere, ſo lange ich die Juͤnger des Propheten aus dieſem unſaubern Schlauche verſehe.— Der zweite Zeuge beſtaͤtigte dieſe Ausſage und ſezte hinzu, er habe angehoͤrt wie ich mit dem Teufel geſprochen und daß dieſer ſich erboten haͤtte ſich in einen Jabu umzuwan⸗ — 80— deln und das Waßer fuͤr mich zu tragen, was ich hoͤflich abgelehnt haͤtte, doch koͤnne er nicht ſagen aus welchem Grunde, weil er das Uebri⸗ ge unſeres Geſpraͤches nicht angehoͤrt habe.“ Bei dieſer Zeugen⸗Ausſage ſchlugen der Kadi und die mit ihm ſizenden Mollahs ihre Augen voller Entſezen zum Himmel auf, und beſpra⸗ chen alsdann den Grad der Beſtrafung, welche ein ſo ungeheures Verbrechen verdiene, ſie ver⸗ gaßen durchaus mich zu befragen, ob ich auch etwas zu meiner Vertheidigung anzufuͤhren ha⸗ be. Endlich ſezten ſie feſt, daß ich als Anbe⸗ ginn der Strafe fuͤnf hundert Baſtonaden un⸗ ter die Sohlen meiner Fuͤßen empfangen ſolle und falls ich lebte, noch eben ſo viele auf mei⸗ nen Bauch. Der Kadi war ſchon im Begriff ſeinen uniderrüflichen Fetwa auszuſprechen, als ich mir die Erlaubniß nahm, dieſen ſchnel⸗ len Juſtizgang zu unterbrechen. „S Kadi!“ ſagte ich,„und Ihr Mola's, von deren Baͤrten Weisheit herabtraͤufelt, ge⸗ ſtattet daß Euer Sklave vor dem Fußſchemel — 81— der Gerechtigkeit die koſtbaren Beweiſe der Un⸗ ſchuld niederlege.“ „Dann bringe ſie ſchnell vor, Du dem Scheitan und Jehaͤnnum Verfallener;“ erwie⸗ derte der Kadi. Darauf loͤſete ich die Schnur, welche den Kopf des Schlauches befeſtigte, und ließ das Waßer auslaufen. Sodann kehrte ich das In⸗ nere des Felles nach Außen, zeigte ihnen die Hoͤrner des jungen Stieres, die ich zum Gluͤck nicht abgeſchnitten hatte, und richtete dem Kadi ſo wie den Mollah's die Frage zu, ob ſie je⸗ mals eine Sau mit Hoͤrnern geſehen haͤtten? Bei dieſen Worten brachen Alle in ein Gelaͤch⸗ ter aus, als haͤtte ich den trefflichſten Scherz geſagt. Meine Unſchuld ward nun erklaͤrt, und meine beiden Anklaͤger mußten ſich die füͤnf hundert Baſtonaden theilen. Durch den Ausgang dieſes Verſuches waren die Waßertraͤger zu ſehr in Furcht geſezt, um mich ferner anzugreifen, die Rechtglaͤubigen aber ſuchten meine Dienſtleiſtungen ganz ange⸗ legentlich, nachdem der Vorfall allgemein be⸗ III. 6 kannt geworden und ich von der Anklage frei geſprochen war, das Waßer durch den Gebrauch eines Saufelles unrein gemacht zu haben. Kurz, ich darf nur meinen Schlauch fuͤllen um ihn ſogleich wieder zu leeren, und taͤglich verdiene ich mir einen ſo huͤbſchen Erwerb, daß ich Kummer und Sorge den Hunden hingeworfen habe und an jeglichem Abende in Froͤhlichkeit verzehre, was ich taͤglich durch ſchwere Arbeit gewinne. Sobald der Muezzin zum Abendgebete ruft, lege ich meinen Waßerſchlauch auf die Seite, begebe mich in die Moſchee, verrichte meine Abwaſchungen und bringe Allah meinen Dank. Von da gehe ich zum Bazaar, kaufe fuͤr einen Dirrhem Fleiſch, fuͤr einen andern Rakie, noch andere werden ausgegeben füͤr Fruͤchte und Blumen, fuͤr Kuchen, Zuckerwerk, Brod, Oel fuͤr meine Lampen, und das Uebri⸗ ge dient zum Ankauf von Wein. Sobald ich Alles beiſammen habe, gehe ich nach meinem Hauſe, bringe alles in gehoͤrige Ordnung, zunde meine Lampen an und uͤberlaße mich dem froͤhlichen Genuße nach meiner Weiſe. —yy— Nunmehr wißt Ihr Alles was mir zu erzaͤh⸗ len beliebt, und ich mache mir gar nichts dar⸗ aus, ob Ihr Kaufleute oder verkleidete Spio⸗ ne ſeyn moͤgt. Haltet Euch jezt fuͤr befriedigt und geht— denn hier laͤßt ſich ſchon die Mor⸗ gendaͤmmerung blicken. Der Kalif, den Juſſuf's Erzaͤhlung hoͤchlich vergnuͤgt hatte, erwiederte ihm:„Du biſt in der That ein wunderſamer Mann, und es iſt gewiß, daß Du durch Abſonderung von deinen Gefaͤhrten mancher Unannehmlichkeit und Unge⸗ legenheit entgehſt. „Ja,“ ſprach Juſſuf—„ſo habe ich bereits fuͤnf Jahre gelebt. An jeglichem Abende war mein Haus erleuchtet, wie Ihr es jezt ſeht, und mein Gluͤckſtern hat mich niemals ohne Eßen und Trinken gelaßen, ganz wie das, deßen Wohlgeruch Ihr jezt einathmet, und wo⸗ nach Euch geluͤſtet, obgleich Eure Finger es nicht beruͤhren ſollen.“ „Aber nehmen wir einmal an, Freund Juſ⸗ ſuf,“ bemerkte Giaffar—„daß der Kalif Mor⸗ gen einen Befehl ergehen ließe, welcher dem — 84— Gewerbe der Waſſertraͤger ein Ende machte, und jeden mit dem Aufhaͤngen bedrohte, der einen Schlauch voller Waßer in die Stadt truͤ⸗ ge.— Was wuͤrdeſt Du in ſolch einem Falle anfangen? Du könnteſt alsdann Deine Lam⸗ pen nicht anzuͤnden, koͤnnteſt Deinen Kabob und Pillau nicht haben, noch wuͤrdeſt Du im Stande ſeyn, Dir Fruͤchte, Zuckerwerk oder Wein zu kaufen.“ „Moͤge Scheitan Deine ungluͤckliche Seele hin⸗ nehmen, Du Faß⸗baͤuchiges Unheil⸗ verkuͤndendes Thier! das verdienſt Du ſchon allein fuͤr die Vorausſezung einer ſolchen Moͤglichkeit! fort! — fort mit Euch— geſchwind, und kommt niemals wieder vor meine Augen!—“ „Mein guter Freund Juſſuf, ich ſcherzte ja nur; fuͤnf Jahre hindurch haſt Du ſchon, wie Du ſagteſt, Deine Freuden ohne Unter⸗ brechung eines einzigen Tages genoßen; auch iſt's gar nicht wahrſcheinlich daß der Kalif je⸗ mals einen ſo laͤcherlichen und unerhoͤrten Be⸗ fehl geben werde. Ich bemerkte ihn nur als eine bloße Vorausſezung um zu wißen, was Du in 85— einem ſolchen Falle thun wuͤrdeſt, weil Du niemals auch nur ein einzigen Aſper fuͤr den folgenden Tag aufſparſt?“ Bei dieſer Wiederholung der Frage des Ve⸗ zirs, gerieth Juſſuf in den hoͤchſten Zorn:— „Du wagſt Deine unſeligen Worte und boͤſen Vorbedeut ungen zu wiederholen, und fraͤgſt was ich thun will?— Alſo hoͤre mich: Bei dem Barte des Propheten, ſollte der Kalif einen ſolchen Befehl ergehn laßen, ſo will ich mit dieſem tuͤchtigen Knittel ganz Bagdad durchſu⸗ chen, bis ich Euch auffinde. Dich und Dich,“ — ſagte er, grimmig den Kalifen und den Vezir anblickend—„will ich pruͤgeln bis Ihr ſo ſchwarz ſeyd, als der iſt,“ er zeigte auf Mesrour—„ihn aber will ich bearbeiten, bis er ſo weiß wird wie das Fleiſch des Ziegen⸗ lammes, an dem ich mich erlabt habe.— Jezt fort, Ihr ſollt mein Haus nicht laͤnger beſu⸗ deln.“ 4 Den Kalifen beluſtigte Juſſufs Zorn außer⸗ ordentlich, zugleich fuͤrchtete er aber ſo ſehr dies zu zeigen, daß er genoͤthigt war, den Zipfel — 86— ſeines Gewandes in den Mund zu ſtecken, als ſie unter einem Strome von Verwuͤnſchungen, die der Waßertraͤger ausſtieß, deßen Wohnung verließen. „Bei dem Schwerdte des Propheten!“ rief der Paſcha aus,„ſie kamen gluͤcklich aus dieſer Gefahr.— Mag das Grab der Mutter dieſes Schurken beſudelt werden, der es wagte, dem Vice⸗Regenten des Propheten mit Pruͤgeln zu drohen?“. „Der Kalif war verkleidet, und Juſſuf kannte ihn nicht;“ entgegnete Muſtapha. „Ich ſchwoͤre bei meinem Barte, daß, wer mich beleidigte, wenn ich auch verkleidet waͤre, darin keine Entſchuldigung finden ſollte;“ ſagte der Paſcha—„fahre Du fort, Menouni.“ Es war ſchon lichter Tag, bevor der große Harun Al Raſchid durch die geheime Pforte in ſein Serail zuruͤckkam und ſich auf ſein Lager warf. Nach kurzem Schlummer erhob er ſich, vollzog ſeine Abwaſchungen und begab ſich zum — 87— Divan, woſelbſt er die Großen ſeines Hofes, die Vezire, Omrahs und Kronbeamten zu ſei⸗ nem Empfange verſammelt fand; inzwiſchen war ſeine Einbildungskraft fortwaͤhrend mit den Ereignißen der lezten Nacht beſchaͤftigt, und nachdem die gewoͤhnlichen Tagesgeſchaͤfte abze⸗ macht, die Bittſteller gehoͤrt und wieder ent⸗ laßen waren, rief er ſeinen Groß⸗Vezir, der mit der uͤblichen Ehrfurchtsbezeugung heran trat. „Giaffar,“ ſprach der Kalif—„ertheile einen Befehl an den Gouvernoͤr der Stadt, damit er in allen Straßen von Bagdad ausrufen laͤßt, daß fuͤr die Dauer von drei. Tagen ſich Nie⸗ mand ſoll beigehen laßen, Waßer aus dem Strome nach den Bazaars zum Verkaufe zu tragen; wer dagegen handelt, ſoll gehaͤngt wer⸗ den.“ 1 Der Stadt⸗Gouvernoͤr, Khalid Ben Talid, traf unmittelbar nach Empfang dieſes Fetwa die geeigneten Maßregeln zur Bekanntmachung, Herolde wurden in die verſchiedenen Stadtviertel ausgeſchickt, um den Willen des Kalifen zu ver⸗ — 85— kuͤnden. Das Volk ſtaunte, aber unterwarf ſich dem Befehle. Juſſuf, der ſeine Morgen⸗Andacht verrichtet hatte, war ſo eben zu dem Ufer des Tigris gekommen, hatte ſein Stierfell mit Waßer ge⸗ fuͤllt und auf die Schultern gehoben, als das Erſcheinen eines dieſer Heroldes ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit reizte; er hoͤrte die geſezliche Verkuͤndi⸗ gung an, und nahm ſeinen Stierſchlauch unter Verwuͤnſchung aller Kaufleute von Moußul wieder von der Schulter. „Verderben uͤber die Schurken, die in der vorigen Nacht ſolch unſeliges Ereigniß voraus⸗ ſagten, koͤnnte ich nur an ſie kommen!“ rief Juſſuf aus.„Sie ſprachen nur hingeworfen davon— und hier iſt's eingetroffen.“ Waͤhrend Juſſuf ſeinen Wehklagen uͤber dem leeren Schlauche freien Lauf ließ, kamen einige der andern Waßertraͤger herbei, und begannen ihm Troſt einzuſprechen, nach der Art, wie Hiob getroͤſtet wurde. „Sicherlich,“ ſprach einer,„kann dieſer Be⸗ fehl Dich nicht in Ungelegenheit bringen, da — 89— Du taͤglich mehr verdienſt als fuͤnf von uns Andern, zudem haſt Du nicht fuͤr Weib und Kind zu ſorgen. Aber ich Ungluͤcklicher, ich werde den Jammer haben, zu ſehen, wie meine Frau und meine Kinder vor Ablauf der drei Tage Hungers ſterben!“ Ein Anderer ſagte:„Troͤſte Dich Juſſuf, drei Tage ſind bald voruͤber, dann wird Dein Kabob, Dein Rakie, Dein Zuckerwerk und Dein Wein Dir um ſo mehr Freude machen, weil Du ſie lange entbehrteſt.“ „Zudem darfſt Du nicht vergeßen, Juſſuf,“ fiel ein Dritter ein,„daß der Prophet erklaͤrt hat, ein Mann ſolle ewig an Koͤrprr und Seele verdammt werden, der, ſo wie Du, un⸗ aufhoͤrlich betrunken iſt.“ Dieſe Bemerkungen reizten Juſſufs Zorn der⸗ maßen, daß er nahe daran war, ſeine Galle an den hohnneckenden Troͤſtern auszulaßen. In⸗ zwiſchen wandte er ſich in ſeiner Wuth von ihnen ab, warf den leeren Schlauch uͤber ſeine Schulter, ging langſam zur Zobeiden⸗Moſchee hinab, und verfluchte auf ſeinem Wege alle — 90— Kaufleute aus Mouſſul bis zum fuͤnfzigſten Grade. Im Vorbeigehen der großen Baͤder, redete einer der Waͤrter ihn an, mit dem er vertrauliche Bekanntſchaft hatte, dieſer fragte ihn, weshalb er ſo bekuͤmmert und niederge⸗ ſchlagen ſey? 3 „Der kaltherzige Kalif, unſer Harun Al Raſchid, hat mir fuͤr drei Tage meinen Ver⸗ dienſt dadurch benommen, daß er jeden Waßer⸗ traͤger aufhaͤngen zu laßen drohet, der ſeine Laſt zum Bazaar traͤgt. Du weißt mein Freund, daß ich niemals einen Para bei Seite legte, und nun muß ich beſorgen, daß mein Leichnam in drei Tagen vor Hunger zuſammenſchrumpft, und aus Mangel eines Bechers Rakie ver⸗ dorrt.“ „Manchesmal haſt Du Deinen Verdienſt ſchon mit mir getheilt,“ erwiederte der Andere,„des⸗ halb will ich jezt meine Arbeit mit Dir theilen, Juſſuf. Folge mir, wenn dieſe Beſchaͤftigung Dir nicht zuwider iſt, ſie erfordert nur Koͤr⸗ perkraͤfte, und bei'm Allah, die haſt Du uͤbrig. — In ſolcher Verlegenheit magſt Du wahrlich — 91— den Haartuch'nen Beutel ergreifen, und ein Stuͤck Seife und magſt die Leiber der Recht⸗ glaͤubigen reiben und ſtriegeln. Deine ungeheu⸗ ern dickfleiſchigen Haͤnde ſind recht dazu gemacht, die Muskeln der getreuen Muſelmaͤnner zu kne⸗ ten und ihre Gelenke zu ſchmeidigen.— Komm nur, im Hummaum ſollſt Du dieſe drei Tage hindurch mit uns arbeiten, und dann kannſt Du zu Deiner alten Gewohnheit zuruͤckkehren. „Deine Troſtworte dringen tief in meine Bruſt,“ erwiederte Juſſuf,„und ich folge Dir.“ Der Bad⸗Reiber fuͤhrte ihn hinein, band ihm eine Schuͤrze um den Leib, lieh ihm eine Taſche, drei Scheermeßer, Bimſtein zum Ab⸗ reiben der Fußſohlen, einen haartuchenen Beu⸗ tel und einen Schwamm. Nachdem er ihn zu⸗ geſtuzt und mit den noͤthigen Werkzeugen ver⸗ ſehen hatte, fuͤhrte er Juſſuf in das Gemach, wo der Behaͤlter fuͤr heißes Waßer war, und ſagte ihm er ſolle hier auf Kunden warten. Noch nicht lange hatte Juſſuf auf dem Rande des Marmorbades geſeßen, als ein mit Staub und unrath ganz bedeckter Hadji ihn auffor⸗ —. 92— derte ſeine Pflichten an ihm zu erfuͤllen;— augenſcheinlich mußte der ſo eben von einer langen und ermuͤdenden Wallfahrt zuruͤckgekom⸗ men ſeyn.— Juſſuf begann ſeine Arbeit mit Eifer; er entkleidete den Ankoͤmmling mit der einen Hand, waͤhrend er ihn mit der andern feſthielt, und darauf gebrauchte er zuerſt ſein Scheermeßer auf deßen kahlem Scheitel. Den Hadji erfreute die Kraͤftigkeit ſeines Badewaͤrters. Nachdem Juſſuf ihm den Kopf ſo glatt geſchoren hatte, als ein recht mittelmaͤßiges Meßer das zulaßen wollte, ſeifte und beſchaͤumte er ihn, rieb den Pilger uͤberall und ſchwemmte ihn ab, bis ſei⸗ ne Haut ſo glatt und glaͤnzend wurde, wie die Ruͤckenfedern eines Raben. Dann trocknete er ihn, ſezte ſich auf des Hadji Ruͤckgrad nieder, knetete und quetſchte ihm ſein ganzes Fleiſch, reckte ihm die Gliedmaßen und zerrte jedes ſei⸗ ner Gelenke, bis dieſe krachten wie Reisbuͤndel in Flammen; des Waßertraͤgers Kraftanſtren⸗ gungen hatten den armen Hadji faſt zu einer Mumie gemacht und er konnte nur eben hin⸗ — 93— reichenden Athem ſchoͤpfen um auszurufen: „hoͤr' auf! hoͤr' auf!— ich beſchwoͤre Dich bei Allah!— ich bin todt— ich bin dahin!“ Nachdem der arme Mann dieſe Worte vor⸗ gebracht hatte, ſank er faſt beſinnungslos zu⸗ ruͤck. Juſſuf gerieth in große Angſt, hob den Mann auf, begoß ihn mit warmem Waßer, trocknete ihn, rieb ihn ab, legte ihn auf die Ottomane um zu ruhen und deckte ihn ſorglich zu. Der Hadji fiel in feſten Schlummer und erwachte nach einer halben Stunde ſo erfriſcht und neubelebt, daß er erklaͤrte ein ganz anderer Menſch geworden zu ſeyn. „Nur allein den Hadjis gebe ich ſo außer⸗ gewoͤhnliche Beweiſe meiner Geſchicklichkeit,“ bemerkte Juſſuf. Der Mann zog drei Dirrhem aus ſeiner Taſche hervor und gab ſie dem Juſſuf, der uͤber ſolche Freigebigkeit voͤllig in Verwunderung gerieth; noch einmal betheuerte der Hadji ſeine Zufriedenheit und verließ den Hummaum.— Ueber ſeinen Erfolg hoͤchlich erfreut, ſezte Juſſuf ſeine Beſchaͤftigung fort, und bezeigte allen — 94— Kunden ſeinen Eifer und ſeine gelenkſchmeidi⸗ gende Geſchicklichkeit. Gegen die Zeit des Abend⸗ gebetes hatte er noch ſechs andere Rechtglaͤubige zu Mumien geknetet und ſechs Dirrhem ver⸗ dient, mit denen er fuͤr dieſen Tag die Sache aufgeben wollte. Er verließ das Bad, legte ſeine Kleider wie⸗ der an, ging heim, nahm ſeinen ledernen Ei⸗ mer, ſeine Schuͤßel, ſeinen Korb und ging zum Bazaar, woſelbſt er ein Stuͤck Hammel⸗ fleiſch kaufte und es zu dem beruͤhmteſten Kabob⸗ Macher dieſes Stadtviertels trug um es zuzube⸗ reiten; ſodann kaufte er Wein und Rakie, Wachslichter, Blumen, Piſtazien, getrocknete Fruͤchte, Brod und Oel fuͤr ſeine Lampen.— Nachdem er ſeine Einkaͤufe geendet hatte, fragte er bei dem Garkoch wieder an, hier fand er ſein Stuͤck Hammelfleiſch trefflich kabobed und in einer Schuͤßel dampfend. Er bezahlte den Koch, ſtellte es in ſeinen Korb und eilte, uͤber ſein gutes Gluͤck frohlockend, laͤngs der Nachen⸗ bruͤcke ſeiner Wohnung zu. Hier angekommen kehrte er zuerſt ſeine Zimmer aus, legte beßere — — 95— Kleider an, zuͤndete ſeine Lampen auf, deckte ſeinen Tiſch, kauerte ſich dann auf ſeine unter⸗ geſchlagenen Schenkel nieder, ſchluͤrfte einen Kelch voll Wein hinab und rief aus:„wahr⸗ lich, ich bin gluͤcklich;— aber demungeachtet trinke ich auf das Verderben aller Moußul⸗ Kaufleute mit ihren leidigen Vorbedeutungen. — Noͤgte Allah ihre elenden Schritte hieher fuͤhren!“ — Jezt ſchwieg Menouni und machte ſeinen Salaam.„Gefall' es Deiner Hoheit, Deinem Sklaven zu geſtatten ſich fuͤr jezt zu entfernen, denn die Geſchichte von Juſſuf dem Waßertraͤ⸗ ger kann Deiner Hoheit an einem Abende nicht — vorgetragen werden.“. Wiewohl der Paſcha ſehr beluſtigt war, fuͤhlte er ſich doch auch ein wenig ermuͤdet und er⸗ wiederte:„Sey dem ſo, guter Menouni; aber Du Muſtapha bedenke, daß die Karavane nicht aufbrechen darf, bevor dieſe Geſchichte ihr Ende erreichte.“ „Auf meine Augen moͤge die Schuld fallen,“ 8 — 96— antwortete Muſtapha. Alle begaben ſich fuͤr dieſe Nacht zur Ruhe. 2 — „Was iſt's?“ fragte der Paſcha haſtig, als Muſtapha am folgenden Tage mit anſcheinen⸗ der Geduld die langen Auseinanderſezungen anhoͤrte, welche einer der Rechtbittenden vor⸗ brachte. „Herr der Weisheit!“ erwiederte Muſtapha —„es iſt ein Streit zwiſchen dieſen Maͤn⸗ nern, in Betreff einer Summe Geldes, welche ſie als Wegweiſer von einem Franken erhielten, der in das Innere des Landes reiſete. Der Ei⸗ ne war fuͤr die Reiſe angenommen, weil er aber den Weg nicht ganz genau kannte, ſprach er den Andern um Huͤlfleiſtung an; jezt zanken ſie um die Vertheilung des Geldes, welches in dieſem Beutel zu meinen Fuͤßen liegt.“ „Es ſcheint, daß der Eine, der gemiethet war, den Weg nicht kannte?“ „So iſt's,“ antwortete Muſtapha. „Dann war er nicht der Wegweiſer und ver⸗ dient das Geld nicht.— Der Andere wurde alſo zur Aushuͤlfe herbeigerufen?“ „Deine Worte ſind Worte der Weisheit;“ betheuerte Muſtapha. „Dann war der kein Wegweiſer, ſondern nur ein Gehuͤlfe; keiner von Beiden kann das Geld als Wegweiſer verdient haben. Bei dem Barte des Propheten! mit der Gerechtigkeit darf nicht ſolches Spiel getrieben werden, noch der Divan, der in meiner Gegenwart gehalten wird, geringfuͤgig herabgewuͤrdigt ſeyn. Laß Du das Geld unter die Armen vertheilen, und laß Jedem dieſer Beiden fuͤnfzig Baſtonaden unter die Fuͤße geben. Ich hab's geſagt.“ „Wallah Thaib— es iſt gut geſagt,“ er⸗ wiederte Muſtapha, als die beiden Streitenden abgefuͤhrt wurden. „Jezt rufe Menouni herbei,“ ſagte der Pa⸗ ſcha,„denn mich verlangt die Geſchichte von Juſſuf und das weitere Verfahren des Kalifen zu hoͤren; ein Theil vom Gelde dieſes Beutels III. 7 — 98— ſoll ihn fuͤr den Honig belohnen, der von ſei⸗ nen Lippen traͤuft.“ Menouni erſchien, machte ſeine Verbeugung, der Paſcha und Muſtapha empfingen ihre Pfei⸗ fen vom griechiſchen Sklaven, und der Keſſeh⸗ gu fuhr in ſeiner Geſchichte fort. Der große Kalif, Harun Al Raſchid, hatte wie er gewohnt war, ſeine Nachmittags⸗Audienz gegeben, der Hof war entlaßen. Haruns Ge⸗ danken beſ aftigten ſich ausſchließlich mit Juſ⸗ ſufs elendiglichem Zuſtande, und er wuͤnſchte ſehr zu wißen, wie es ihm ergangen ſeyn moͤg⸗ te, ſeitdem der Fetwa verkuͤndet worden; des⸗ halb ſchickte er zu ſeinem Vezir Giaffar. „Ich wüuͤnſche zu erfahren,“ ſprach der Ka⸗ lif,„ob es dem ungluͤcklichen Juſſuf gelungen ſeyn mag, ſich das Noͤthige fuͤr ſein Bachana⸗ lien⸗Feſt des heutigen Abends zu verſchaffen?“ „O mein Stellvertreter des Propheten!“ er⸗ wiederte Giaffar, es iſt gar nicht zu bezweifeln, daß der jnnge Mann im Finſtern und in tief⸗ ſter Niedergeſchlagenheit ſizt, und weder Wein, — 99— noch Kabob, noch irgend etwas hat um ihn aufzurichten.“ „Laß Mesrour kommen; wir wollen unſere Verkleidungen wieder anlegen und ihn beſu⸗ chen.“ In gewaltiger Angſt wandte Giaffar ein: „Geſtatte dem demuͤthigſten Deiner Sklaven; vor dem Fußſchemel Deiner Hoheit ein treues Bild deßen zu entwerfen, was wir dort zu er⸗ warten haben. Dieſer Loͤwenbaͤndiger Scheitans wird bei ſeinem nagenden Hunger unſere Vor⸗ ausſagung gewiß nicht vergeßen haben, und weil er deren Erfuͤllung unſern uͤbeln Vorzei⸗ chen zuſchreibt, wird er uns in ſeinem Unmu⸗ the, ſeinem leeren Magen zum Opfer bringen.“ „Deine Weisheit iſt groß, Giaffar,“ erwie⸗ derte der Kalif,„der Menſch iſt wahrlich ein Wilder, und wird ohne Zweifel wuͤthend in ſeinem Hunger ſeyn, gleichwoyl wollen wir hin, um zu ſehen, in welchem Zuſtande er ſich be⸗ finden mag.“ Giaffar zitterte bei dem Gedanken, dem Grim⸗ me eines Menſchen preisgegeben zu werden, wie Juſſuf war, wagte indeß keine Widerrede. drei auf meinen Beſenſtiel.“ — 100— Mesrour erſchien mit den Verkleidungen, dieſe wurden angelegt, und dann verließen ſie mit einander das Serail durch die geheime Pforte. Kaum hatten ſie den Eingang der ſchmalen Gaße erreicht, in welcher Juſſufs Wohnung ſtand, als der helle Widerſchein der Lichter, die aus ſeinen Fenſtern hervorſtrahlten, ihnen zeigte, daß er ſein Schickſal mindeſtens nicht in Fin⸗ ſterniß bejammere; im Naͤherkommen bewies ſeine froͤhlichoͤnende Stimme ihnen ebenfalls, daß er ſich ſeiner Beſtimmung nicht ſchweigend unterwerfe. Sie waren bis unter ſeine Fenſter gekommen, als er aufhoͤrte zu ſingen, und eine laute Verfluchung aller Mouſſul Kaufleute, mit dem Wunſche ausſtieß, ſie nur noch ein⸗ mal wiederzuſehen, bevor der Teufel ſie habe. Der Kalif lachte uͤber dieſen frommen Wunſch, nahm eine Handvoll kleiner Kieſel, und warf die gegen die Jalouſien von Juſſufs Fenſtern. „Wer zum Teufel iſt da,“— prahlte der Waßertraͤger;—„ihr bettelhaften Landſtreicher, quaͤlt mich nicht. Packt euch, oder bei'm Schwerdte des Propheten, ich pfaͤhle Euch Alle — 101— „Kennſt Du uns nicht, Juſſuf?“ entgegnete der Kalif,„wir ſind Deine Freunde, und bit⸗ ten noch einmal um Einlaß unter Dein gaſt⸗ freundliches Dach.“ Nun trat Juſſuf auf die Werandah und ſagte:„Ohol ſeyd Ihr's; nehmt meinen guten Rath an, und ziehet in Frieden. Jezt bin ich bei guter Laune und friedfertig geſtimmt, waͤre ich Euch aber heut am Tage begegnet, ich haͤtte Euch die Haͤlſe umgedreht.“ „Ja, guter Juſſuf,“ ſprach der Kalif,„wir haben von dem unerklaͤrlichen und ſinnloſen Befehle des Kalifen gehoͤrt, und kommen nur um zu fragen, wie es Dir ergangen iſt, und ob wir einem ſo gaſtfreien und gut⸗ willigen Manne irgend einen Dienſt erweiſen koͤnnten?“ „Ich glaube Du luͤgſt,“— erwiederte Juſ⸗ ſuf—„doch ich bin guter Laune, deshalb ſollt ihr hereinkommen und ſehen, wie gut ich ſchmauſe. Ich bin Juſſuf und vertraue auf Gott!“. Nun ging er hinab, oͤffnete, ließ ſie ein — 102— und fuͤhrte ſie auf ſein Zimmer, wo ſie mit Staunen die Reſte ſeines Abendeßens ſahen. Juſſuf, der mehr als halb betrunken war, ſagte:—„ihr kennt meine Bedingungen— dies iſt mein Fleiſch— dies iſt mein Wein— dieſe ſind meine Fruͤchte— nicht'nen Ge⸗ ſchmack, nicht'nen Tropfen davon ſollt Ihr haben.— Wende Deine verfluchten funkelnden Augen von meinem Zuckerwerke weg, Du ſchwarzbaͤrtiger Schurke!“ rief er dem Kalifen zu—„Du haſt Deinen Antheil ſchon davon bekommen!“ „In Wahrheit, Du gaſtfreundlichſter Herr, wir gieren nicht nach Deinen Leckereien; alles, was wir zu erfahren wuͤnſchen, iſt der Anlaß zu dem unerhoͤrten Befehle, und dann wie Du es angefangen haſt, Deine gewohnte Freuden⸗ tafel zu beſezen?“ „Das ſollt Ihr hoͤren,“ gab der Waßerträ⸗ ger zur Antwort;„mein Name iſt Juſſuf und mein Vertrauen in Gott!— Als des Ka⸗ lifen Verbot heute Morgen zu meinen Ohren kam, war mir, wie einem dem die Beſinnung — — 103— geraubt iſt, doch als ich in die Naͤhe des Hum⸗ maum von Giaffar Bermuki kam, ſprach mich ein freundlicher Badewaͤrter an.“ Nun erzaͤhlte er zur großen Beluſtigung Der Zuhoͤrer die Art und Weiſe, in welcher er ſein Geld verdient hatte und fuhr fort:„Jezt will ich nicht laͤnger Waßertraͤger ſeyn, ſondern Ba⸗ dewaͤrter will ich leben, Badewaͤrter will ich ſterben. Mag den hartherzigen Kalifen alles moͤgliche Ungluͤck treffen; doch Allah ſey ge⸗ dankt, es wird ihm niemals in den Kopf kom⸗ men, die Baͤder zu ſchließen.“ „Aber nehmen wir einmal an,“ bemerkte Giaffar,„daß es dem Kalifen in den Sinn kaͤme, Morgen fruͤh die Baͤder zu ſchließen?“ „Nun moͤgen alle Ghulen Dich ergreifen, wenn Du Deines Vaters Grab beſuchſt,“ ſchrie Juſſuf, der wuͤthend in die Hoͤhe geſprungen war—„Du baͤrenbaͤrtiger Schurke! Habe ich Dich nicht gewarnt gegen boͤſe Vorverkuͤndun⸗ gen— haſt Du nicht geſchworen, keine Vor⸗ ausſezungen mehr vorzubringen? Der Teufel muß mit Dir ſeyn, und Dein verfluchtes, neh⸗ men wir an— dem Kalifen in's Ohr raunen; 3 — 104— um deſſen einfaͤltige Fetwas danach abzu⸗ faßen.“ „Ich bitte Dich flehentlich um Verzeihung, und bin von nun an ſtumm,“ erwiederte Giaffar. 3 „Dann biſt Du doch einmal lug; zeige ge Du Dich noch weiſer und mach, daß Du hinaus⸗ kommſt, bevor ich meinen Knittel erfaße.“ Weil ſie nun gewahrten, daß Juſſufs Augen Zorn ſpruͤheten, hielten ſie gerathen, ſeinem Ausſpruche zu folgen. „Wir werden Dich wiederſchen, guter Juſ⸗ ſuf!“ ſprach der Kalif im Hinabgehn. „Schert Euch alle drei zum Teufel, und laßt mir Eure garſtigen Frazen nicht wieder vor's Auge kommen,“ antwortete der Waßertraͤger und warf die Thuͤre hinter ihnen zu. Recht beluſtigt ging der Kalif fort und kam durch die heimliche Pforte, mit ſeinan Beglei⸗ tern in das Serail zurüͤck.— Am naͤchſten Morgen hielt der Kalif feierli⸗ chen Divan, bei welchem ſaͤmmtliche Mollahs und die hoͤchſten Kron⸗Offiziere zugegen waren, da erließ er einen Befehl, daß ſaͤmmtliche Ba⸗ — 105— dehaͤuſer in Bagdad drei Tage hindurch ge⸗ ſchloßen bleiben ſollten, und zwar bei Strafe des Aufpfaͤhlens. Die Bewohner von Bagdad wurden dadurch ganz verwirrt, erſtaunt und verlegen gemacht. „Was hat dies zu bedeuten?“ riefen ſie aus— „Geſtern ward uns verboten, das Waßer aus dem Tigris zu gebrauchen, heute werden uns die Baͤder verweigert; vielleicht wird Morgen befohlen werden, die Moſcheen zu verſchließen;“ dabei ſchuͤttelten ſie ihre Haͤupter, als wollten ſie einander dadurch zu verſtehn geben, der Kalif ſey verruͤckt geworden; doch alles was ſie laut ſagten, war:„nur in Allah allein finden wir Sicherheit.“ 1 Der Befehl ward inzwiſchen durch die geeig⸗ neten Beamten zur Ausfuͤhrung gebracht, welche ſich nach den verſchiedenen Badehaͤuſern begaben. Zuerſt verſchloßen ſie den Hummaum Al Ra⸗ ſchid, dann den von Ziet Zobeide; darauf die Baͤder von Giaffar Bermuki in denen Juſſuf Tags zuvor Beſchaͤftigung gefunden hatte. Nach⸗ dem dieſe verſchloßen waren, ſtanden der Herr und die Waͤrter vor der Thuͤr, hier machten ſie 4„1 — 106— dem Gehuͤlfen Vorwuͤrfe, der Juſſuf befreundet hatte, und ſagten, er ſey ein Waßertraͤger, deſſen Gewerbe durch Fetwa aufgehoben waͤre; nihn habt Ihr hier in die Baͤder gebracht und nun ſind auch dieſe geſchloßen.“ In dieſem Augenblicke gewahrte man Juſſuf gegen das Badehaus heranſchreiten, er mur⸗ melte vor ſich hin:—„ich bin Juſſuf und vertraue auf Gott! Badewaͤrter will ich leben, Badewaͤrter will ich ſterben.“ Unbekannt mit dem Befehle nahete er ſich der Thuͤre, um welche die Aufwaͤrter zuſammengedraͤngt ſtan⸗ den, und redete dieſe an:„was gibts Freunde, wartet Ihr auf den Schluͤßel?— iſt vielleicht etwas am Schloße verbogen, verlaßt Sih auf Juſſufs Kraͤfte.“ „Haſt Du etwa noch nicht gehoͤrt, daß der Kalif bei Strafe des Aufpfaͤhlens geboten hat, die Baͤder drei Tage lang zu verſchließen.“ Entſezt prallte Juſſuf zuruͤck.„So moͤgen denn die Graͤber ihrer Vaͤter auf ewig verun⸗ reinigt ſeyn— dieſe verfluchten Mouſſul⸗Kauf⸗ leute. Was die vorausſezen trifft jedesmal ein. Ich will ſie aufſuchen und mich raͤchen. — 107— Juſſuf der mit ſeinen Buͤrſten, Scheermeßern und Seifen herbeigekommen war, wandte ſich wuͤthend ab und lief ein Paar Stunden durch die Straßen; jeden Fußgaͤnger blickte er in's Geſicht, um diejenigen aufzufinden, an denen er ſeine Rachgier ſtillen wollte. Nach langem Umhergehen, ſezte er ſich auf einen großen Stein nieder; und ſprach:„wohl⸗ an, ich bin immer noch Juſſuf, und vertraue auf Gott; aber ſtatt dieſe Schurken aufzuſu⸗ chen, moͤgte es doch wohl beßer ſeyn, mich nach den Mitteln umzuſehn, die mir heute mein Abendeßen verſchaffen koͤnnen.“. Bei dieſen Worten ſtand er auf, ging nach ſeinem Hauſe, legte beßere Kleider an, drehete ſeine rothe baumwollene Leibbinde zu einem Turban zuſammen, nahm ſeinen Bet⸗Teppich und beſchloß nach dem Bazaar zu gehn, um den zu verkaufen, fuͤr ſo viel, als er erlangen moͤgte. Sein Weg fuͤhrte ihn der Moſchee Ho⸗ ſein vorbei, und hier bemerkte er verſchiedene Mollahs, welche die ſchwierigſten Stellen des Koran laſen und erklaͤrten. Juſſuf kniete nieder und betete eine Weile, als er ſodann zur Thuͤr — 108— der Moſchee zuruͤckkehrte, redete eine Frau ihn an, die hier Jemanden zu erwarten ſchien. „Gottesfuͤrchtiger Herr,“ ſagte die,„an Deinem ſchoͤnen Gewande und Deinem Erſchei⸗ nen erkenne ich, daß Du einer von des Kadi Geſez⸗Vollſtreckern biſt.“. „Ich bin was Dir gefaͤllt,— mein Name iſt Juſſuf und mein Vertrauen in Gott!“ „O! Du mein Hadji, werde mein Beſchuͤ⸗ zer; ein boͤſer Schuldner verweigert mir mein Eigenthum.“ „Du kannſt Dich keinem Beßern anvertrauen,“ antwortete Juſſuf,„ich bin ein kraftvoller Arm des Geſezes und mein Einfluß bei Hofe iſt ſo groß, daß ich ſchon zwei Befehle hervor⸗ gebracht habe.“ „Das ſind hochtoͤnende Worte, o Hadji.“ „Sage mir alſo, wer Dein Schuldner iſt, damit ich ihn greifen und vor den Kadi bringen mag. Sage mir ſchnell, und fuͤr wenige Dir⸗ bems will ich Deine Sache gewinnen, mag ſie recht ſeyn oder nicht.“ „Meine Klage iſt gegen meinen Ehemann, der mich von ſich geſchieden hat, und mir dem⸗ — 109— ungeachtet mein Leibgedinge von fuͤnf Dinaren, meine Kleider und meinen Schmuck verweigert.“ „Welches Gewerbe treibt Dein Mann?“ „Gottesfuͤrchtiger Herr, er iſt ein Pantoſtel Sticker.“ „Verlieren wir keine Zeit, gute Frau; zeige mir dieſes Wunder von Ungerechtigkeit, und beim Allah ich will ihn zurecht bringen.“ Bei dieſen Worten löſete die Frau ihre Muͤn⸗ ſchnur vom Kopfe, ſchnitt drei Dirhem davon, und gab die an Juſſuf. Dieſer nahm das Geld, krempelte ſeine Aermel auf, damit er mehr das Anſehen eines Gerichtsdieners gewinne, und hieß der Frau, ſie ſolle ihn zu dem Straffaͤlli⸗ gen fuͤhren. Die Frau brachte ihn nach der großen Mo⸗ ſchee, woſelbſt ihr Mann, ein kleines zuſam⸗ mengeſchrumpftes Weſen, mit vieler Inbrunſt ſeine Andacht verrichtete. Ohne ein Wort zu ſagen, hob Juſſuf ihn ſammt ſeinem Bet⸗Tep⸗ pich vom Boden auf, und wollte ihn fort⸗ tragen. „Im Namen des Propheten, zu welcher Art von Wahnſinnigen gehoͤrſt Du?“ kreiſchte der — 110— erſtaunte Froͤmmler;„laß mich los, zerquetſche mir meine Rippen nicht mit Deinen Faͤuſten, ſeze mich nieder und ich will mit Dir gehen, ſobald ich meine Babuſchen nur angezogen habe.“ Das Volk draͤngte ſich herzu, und wolle ſehen was vorging. „Ho! ho!“ erwiederte Juſſuf,—„das wird ſich bald zeigen; ſeine Frau iſt ſeine Glaͤubi⸗ gerin, und ich bin ihr Gerichtsvollſtrecker; mein Verlangen iſt, daß Du ihr fuͤnfzig Dinaren zuruͤckgibſt, nebſt allen goldenen Kleinodien und Zierrathen die ſie dieſe lezten fuͤnfzig Jahre gehabt hat.“ „Wie koͤnnte das ſeyn;“ erwiederte der kleine Mann—„in Erwaͤgung, daß ich noch nicht vierzig Jahre alt bin.“ „Das mag der Fall in der Wirklichkeit ſeyn,“ erwiederte Juſſuf—„aber Rechtsgang iſt ein ſchwierig Ding wie Du das finden wirſt. Alſo komm mit mir zum Kadi.—“ Nun machten ſie ſich dahin auf den Weg, waren aber noch nicht weit gekommen, als der Babuſchen⸗Macher Juſſuf zufliſterte:—„aller ———— — —— — 111— tapferſter und großmuͤthigſter Herr, geſtern Abend zankte ich mit meiner Frau, weil ſie unvernuͤnftig eiferſuͤchtig war. Da ſprach ich die Scheidung aus, aber es war Niemand zu⸗ gegen der es hoͤrte. Wenn wir nur noch einmal mit einander ſchliefen, wuͤrde ſie beruhigt ſeyn. Deshalb, menſchenfreundlichſter Herr, bitte ich um Deine Verwendung.“ „Waren keine Zeugen zugegen?“ fragte Juſſuf. „Keine, guter Herr,“ erwiederte der Mann, und ließ fuͤnf Dirhems in Juſſufs Hand gleiten. „Dann entſcheide ich, daß keine Scheidung ſtatt findet;“ ſprach Juſſuf, und ſteckte ſein Geld ein.—„Mithin biſt Du auch nicht Schuldner. Frau tritt heran:— es hat den Anſchein, daß keine Scheidung vorhanden iſt— Dein Eheherr ſagt ſo— und Du haſt keine Zeugen zum Beweiſe. Deshalb biſt Du nicht Glaͤubigerin.— Geh Du zu Deinem Manne, und kehre mit ihm zuruͤck; allerdings iſt er nicht viel von'nem Manne, er muß aber doch wohl⸗ feil ſeyn, fuͤr die drei Dirhems die Du mir 5 — 113— Allah uns aus ſeinen Haͤnden befreit; was duͤrfen wir aber von ihm erwarten, wenn er hungrig und troſtlos iſt?“ „Deine Weisheit nimmt niemals ab,“ ſprach der Kalif,„dieſe ſind die Worte der Wahrheit; demungeachtet muß ich hingehn und den tollen Menſchen noch einmal betrachten.“ Weil Giaffar nicht abwenden konnte ‚ſchaffte er die Anzuͤge herbei, und in Begleitung von Mesrour verließen ſie das Serail abermals durch die geheime Pforte. Wiederum wurden ſie hoͤchlich uͤberraſcht durch die nemliche Beleuchtung des Hauſes, und weil der Wind eine der Jalouſien aufgerißen hatte, gewahrten ſie das Schattenbild Juſſuf's auf der gegenuͤber befindlichen Mauer, wie er ſeine baͤrtigen Kinnladen uͤber ſeinem Kabob bewegte und einen Weinkelch in der Hand hielt. Auf des Kalifen Befehl mußte Giaffar an⸗ klopfen. „Wer iſt da?“ rief Juſſuf herab. „Deine Freunde, lieber Juſſuf— Deine Freunde— die Mouful⸗Kauſtant Friede ſey mit Dir!“ III. — 112— bezahlt haſt.— Gott ſey mit uch— Spo lautet mein Ausſpruch!“ Die Frau, welche ihre Scheidung ſchon be⸗ reuet hatte, kehrte freudig zuruͤck, und unter vielen Hoͤflichkeiten nahm das Ehepaar Abſchied von ihm. „Bei Allah!“ rief Juſſuf aus—„dies ge⸗ fällt mir! Als Gerichtsvollſtrecker will i leben und ſterben!“ Mit dieſen Worten kehrte er zu ſeiner Woh⸗ nung zuruͤck, holte ſeinen Korb, kaufte ſeine Eßwaren und ſeinen Wein, beleuchtete ſein Haus, und verbrachte den Abend ſchmauſend und ſingend wie ſonſt. Waͤhrend Juſſuf ſo beſchaͤftigt war, verlangte der Kalif die Wirkung ſeines neuen Verbotes in Betreff der Baͤder kennen zu lernen. „Giaffar,“ ſprach er,„es ſoll mich doch wundern, ob's mir gelungen iſt, den Wein⸗ ſchwamm ohne Abendeßen zu Bett zu ſchicken! Komm, wir wollen ihn beſuchen.“ „Um Islams Willen nicht, o Kalif!“ bat Giaffar,„huͤten wir uns mit dem verruͤckten Saͤufer weiter Scherz zu treiben. Bisher hat „Aber Euch, Ihr Nachteulen, weder Friede noch Willkommen“ gab Juſſuf zur Antwort und trat heraus auf die Werandah.—„Bei Allah, wenn Ihr nicht geht, und das augenblicklich, ſo werde ich mit meinem Knochen⸗Glaͤnzer her⸗ abkommen.“ „Mein Freund Juſſuf, wir haben Dir nur wenige Worte zu ſagen,“ entgegnete Giaffar. „So ſagt ſie ſchnell, denn durch meine Thuͤr ſollt Ihr nicht wieder herein, ihr gottvergeße⸗ nen Geſellen, die ihr alle Waßertraͤger und Badeleute von ganz Bagdad in's Verderben gebracht habt.“ „Was meinſt Du damit? das ſind uns Ge⸗ heimniße,“ ſagte der Kalif. „Wie? habt Ihr den Befehl vom heutigen Morgen nicht vernommen?“ fragte Juſſuf. „Freundlicher Herr, wir waren ſo emſig mit dem Ordnen unſerer Waaren beſchaͤftigt, daß wir den ganzen Tag nicht ausgingen, deshalb ſind die Vorgaͤnge in Bagdad uns unbekannt.“ „Nun da ſollt Ihr heraufkommen und hoͤ⸗ ren; vorher ſchwoͤrt aber bei Moſes, bei Eſau und bei dem Propheten, daß Ihr nichts vor⸗ — 115— ausſezen wollt, denn alles was Ihr ſo er⸗ dacht habt, hat ſich ſo gewißlich bewaͤhrt, als waͤre es auf Selomne Rubi nen⸗Siegel einge⸗ graben geweſen.“ Bereitwillig gingen der Kalif und ſeine Be⸗ gleiter dieſe Bedingung ein: nun durften ſie die Treppe erſteigen und hier fanden ſie Alles in gewohnter Weiſe und in gleicher Ueppigkeit angeordnet. Sobald ſie ſich in der einen Ecke des Zimmers niedergeſezt hatten, ſagte Juſſuf: „Nun meine Gaͤſte, ſo wahr Ihr auf Ver⸗ gebung Eurer Suͤnden hofft, ſagt mir— wißt Ihr noch nichts von dem, was mir heute ber gegnet iſt— und was der Dummkopf, Kalif, angerichtet hat?“ Harun und der Vezir vermogten kaum das Lachen zuruͤck zu halten, als ſie verneinend ih⸗ re Koͤpfe ſchuͤttelten. Juſſuf fuhr fort: „Ja, der Vize⸗Beherrſcher mit verwirrtem Barte, und mit noch mehr zerlumptem Ver⸗ ſtande, hat einen Befehl ergehen laßen, durch den die Baͤder drei Tage hindurch verſchloßen ſind; und durch dieſe grauſame Anordnung ward ich noch einmal hinausgetrieben auf das — 116— Meer des Mangels. Aber die Vorſehung be⸗ freundete mich, warf mir einige Dirhem auf meinen Weg, und meine gewohnten Lebensmit⸗ tel habe ich mir angeſchafft, troz dem Hallun⸗ ken von Kalifen, von dem ich alles Ernſtes glaube, daß er Atheiſt, und kein Rechtglaͤubi⸗ ger iſt.“ „Inſchallah,“ ſagte der Kalif zu ſich ſelber —„doch wart', ich will Dir das eintreiben.“ „Juſſuf fuͤllte mehre Male ſeinen Becher and war voller Jubel, waͤhrend er die Ereigniße des Tages erzaͤhlte, die er mit den Worten be⸗ ſchloß:„ich bin Juſſuf und ſeze mein Vertrauen auf Gott. Als Gerichtsvollſtrecker denke ich zu leben und zu ſterben— morgen werde ich mich nach der Halle des Kadi begeben.“ „Aber angenommen—“ ſagte Gaaffar. „Angenommen! bei dem Barte des Prophe⸗ ten, wenn Du noch einmal Vorausſezungen in meiner Gegenwart wagſt, ſo will ich Dei⸗ nen fetten Bauch zu Brei zerſtampfen,“ ſchrie Juſſuf und ergriff ſeinen Knittel. „Nein, nein,— mein Freund wollte nur ſagen——“. — 117.= „Sag' nichts“— bruͤllte Juſſuf—„oder Ou ſprichſt niemals wieder.“ „Dann wollen wir nur denken, mein Freund.“ „ Das will ich erlauben, und auch ich denke eben ſo gut als Ihr. Meine Gedanken ſind, daß Ihr weiſe handeln werdet, Euch ſo ſchnell fort zu machen als Ihr koͤnnt, denn ich halte den Knittel ſchon in meiner Hand, und bin nicht in der allerbeſten Laune.“ Der Kalif und ſeine Begleiter theilten ſeine Meinung und verließen ihren zuͤrnenden Wirth. Bei dem Lever des andern Morgens erſchien Giaffar im Divan an der Spize der erſten Geſez⸗Ausleger und der Vezirs verſchiedener. Departements, warf ſich vor dem Throne nie⸗ der und erflehte langes Leben und vermehrte Gluͤckſeligkeit fuͤr den Kalifen vom Himmel. „Giaffar,“ ſprach der Kalif.—„erlaße Befehle unter kaiſerlichem Firmam, daß ſo⸗ gleich die genaueſten Unterſuchungen in Be⸗ treff der Gerichtsbeamten angeſtellt werden, welche ſich in den Hallen der Kadis einfinden. Alle die geſezlich dazu erwaͤhlt ſind, ſollen mit — 118— einem Geſchenke erfreut, und mit erhoͤheter Be⸗ ſoldung beibehalten werden, dagegen ſollen ſol⸗ che, welche dieſen Stand und Namen ſich ohne Befugniß noch Erlaubniß anmaßten, mit einer Baſtonade entlaßen werden.“ Des Kalifen Befehl ward vollzogen. Juſſuf, der bei ſeinem Weine eingeſchlafen war, erwachte erſt als die Sonne ſchon ziem⸗ lich hoch ſtand; ſogleich erhob er ſich, kleidete ſich mit Sorgfalt, eilte zur Halle des Kadi und nahm ſeinen Plaz unter den Gerichtsbe⸗ amten, die ihn mit Staunen und Mißfallen anblickten. In eben dem Augenblicke, ward dem Kadi der kaiſerliche Firmam uͤberbracht; als Beweis ſeiner Ehrfurcht und ſeines Gehor⸗ ſams, hob er denſelben an ſeine Stirn empor, und ließ ihn alsdann verleſen. Hierauf rief er mit lauter Stimme:„Bringt Beutel Goldes herein, und ebenfalls die Fellah und die Stoͤcke zur Baſtonade. Verſchließt die Thore der Halle, damit Niemand entſchluͤpfe; und ihr Gerichtsbeamten, ſeyd bereit Antwort zu geben, wenn Eure Namen abgerufen wer⸗ den.“ — 119— Juſſuf ſtand mit aufgeſperrten Augen, hoͤrte dies an, und ſagte zu ſich ſelber:„Mein Gott! was fuͤr ein neues Ereigniß ſteht nun bevor?“ Des Kadi Anordnungen waren befolgt, die Beamten wurden nacheinander vorgefordert, und wenn ſie bewieſen, daß ſie regelmaͤßig an⸗ geſtellt waren, empfingen ſie Belohnung und konnten ſich alsdann zu ihren Geſchaͤften bege⸗ ben. Juſſufs Gedanken waren durch das, was ihm wie ein unbarmherziges Geſchick erſchien, dermaßen verwirrt, daß er gar nicht bemerkte, wie man ihn allein hatte ſtehen laßen. Erſt als der Kadi ihn zum zweitenmale vorforderte, trat er naͤher. „Wer biſt Du?“ fragte der Kadi. „Ich bin Juſſuf, und vertraue auf Gott,“ erwiederte er. „Welches Gewerbe treibſt Du?“ „Ich bin Waßertraͤger.“ „Wenn das iſt, weshalb miſchteſt Du Dich unter die Gerichtsbeamten?“ „Erſt ſeit geſtern begann ich dieſe Amtsver⸗ richtung, o Kadi; aber nichts wird mir ſchwer; wenn ich nur taͤglich meine ſechs Dirhem ver⸗ — 120— diene, mache ich gar keine Einwendung dage⸗ gen, ein Mollah zu werden.“ Der Kadi und die Umſtehenden konnten ihr Lachen nicht zuruͤckhalten, dennoch wurden ſeine Fuͤße an den Strafpfahl befeſtigt, und nach⸗ dem ſie gehoͤrig in die Hoͤhe gezogen waren, begann die Baſtonade, wobei gleichwohl aus abſichtlicher Schonung die hoͤlzernen Pfoſten oöͤfter getroffen wurden, als ſeine Fußſohlen. Nachdem die Strafe beendigt war, band man ihn los und fuͤhrte ihn aus der Gerichtshalle fort; er war gedemuͤthigt und recht niederge⸗ ſchlagen, aber durch die leichte Strafart nur wenig verlezt. „Wohlan,“ ſagte er zu ſich ſelber,„das Schickſal ſcheint beſchloßen zu haben, daß ich mit jedem Tage meinen Broderwerb aͤndern ſoll.— Haͤtte ich jenen Mouſſul⸗Halunken nicht geſtattet in mein Haus zu kommen, ſo waͤre mir das niemals wider fahren.“ In dieſem Augenblicke ging ihm einer der Bildare, oder Hausoffiziere des Kalifen vorbei. „Das wuͤrde ein trefflicher Dienſt ſeyn,“ dachte er, und der Kalif zaͤhlt auch ſeine Leute nicht, — 121— ſo wie der Kadi. Es iſt nichts weiter noͤthig, als ein unverſchaͤmtes, aufgeblaͤhtes Spreizen, dann haͤlt man jeden dafuͤr, der ſich ſo zeigt.“ Durchaus nicht entmuthigt, ſondern feſt entſchloßen, ſeine ſechs Dirhem zu verdienen, ging er nach ſeiner Wohnung, ſchnuͤrte ſeinen Koͤrper ſo eng zuſammen, als es nur moͤglich war, gab ſeinem Turban ein keckes Anſehen, wuſch ſeine Haͤnde, und nahm ein abgeſchaͤltes Mandel⸗Reis zwiſchen die Finger. Schon ſtieg er die Treppe hinab, als ihm einfiel, es ſey noͤthig ein Schwerdt zu tragen; er beſaß aber nur eine Scheide die er in ſeinem Guͤrtel be⸗ feſtigte, und ein Stuͤck Palmholz nach der Ge⸗ ſtalt eines Degens zuſchnizte, dieſes ſteckte er in die Scheide und verzierte den Handgriff deßelben mit bunten Stuͤcken Kattun und Seci⸗ de, welche er mit Bindfaden zuſammen naͤhete. So ausgeſtattet ging er aus dem Hauſe, ſtol⸗ zierte durch die Straßen, und ſchwenkte ſein Mandelreis in der Hand. Als er ſo dahin ſpreizte, machte ihm Jedermann Plaz, denn man hielt ihn fuͤr einen der uͤbermuͤthigen Haus⸗ * — — 122— beamten, welche von vornehmen Khans gehal⸗ ten werden. In dieſer Weiſe ſezte er ſeinen Weg unauf⸗ gehalten fort, bis er zum Marktplaze kam, woſelbſt ein Volksgedraͤnge ſich um zwei Leute gedraͤngt hatte, die wuͤthend mit einander kaͤmpften. Juſſuf eilte herzu, das Volk wich zu beiden Seiten um ihm Plaz zu machen; weil man ihn entweder fuͤr einen Offizier der Leibwache halten, oder ſeinen kraͤftigen, hohen Koͤrperbau fuͤrchten mogte. Als er zu den Kaͤm⸗ pfern herankam, waren dieſe mit Blut und Koth bedeckt, und in ſo wildem Aufruhr, daß Niemand wagte, ſie zu trennen. Juſſuf be⸗ merkte recht gut die Furcht, welche er einfloͤßte, und daß man ihn, wie er es wuͤnſchte, fuͤr einen Bildar hielt, deshalb ſchlug er zuerſt mit der Hand auf ſein nachgeahmtes Schwerdt, und zog dann den Kaͤmpfenden einige ſcharfe Streiche mit ſeinem Mandel⸗Stecken uͤber, durch welche er ſie dazu brachte, ihren Kampf abzu⸗ hrechen.. Der Sheik oder Bazaar⸗Vorſteher, erſchien nun vor Juſſuf, machte dieſem die Verneigung, — 123— uͤberreichte ihm ſechs Dirhem, und bat, er moͤ⸗ ge die beiden Schuldigen ergreifen und als Stoͤrer des oͤffentlichen Friedens zur Beſtrafung vor den Kadi fuͤhren. Zuerſt ſteckte Juſſuf das Geld ein, dann nahm er unter jeden Arm einen der beiden Kaͤmpfer und ging mit ihnen fort. Eine Menge Volkes folgte, und bat fle⸗ hentlich um die Freilaßung der Uebelthaͤter, Juſſuf blieb aber taub, bis ſechs andere Dir⸗ hem mit der Bitte um Gnade in ſeine Weſte geſteckt wurden; hierauf bewilligte er ihre Frei⸗ laßung und ging davon, konnte ſich aber nicht enthalten im Hochgefuͤhle ſeiner Freude auszu⸗ rufen:„ich bin Juſſuf und vertraue auf Gott! Als Bildar will ich leben, als Bildar will ich ſterben. Bei'm Allah, jezt geh' ich zum Pallaſt, um zu ſeh'n, wie es meiner Bruͤderſchaft der Bildare ergeht.“ Im Dienſte des Kalifen ſtanden dreißig Bil⸗ dare von denen abwechſelnd taͤglich zehne im Pallaſte waren. Im Schloßhofe angekommen, begab ſich Juſſuf an den Ort, wo die zehn dienſtthuenden Bildare verſammelt waren. Doch bemerkte er, ſie ſeyen Menſchen ganz anderer — 124— Art als er, ungemein zarte junge Leute und in viel ͤppigerer Weiſe gekleidet. Ihr weibiſches Anſehn, verglichen mit ſeiner Muskelkraft, foͤßte ihm gewißermaßen Verachtung gegen ſie ein; doch vermogte er ſein Auge nicht von ih⸗ rem ſchoͤnen und reichen Anzuge zu wenden. Der Befehlshaber dieſer Bildare bemerkte ihn, wußte daß er nicht zum Pallaſte gehoͤre und ſchloß aus ſeiner Kleidung ſowohl, als weil er ſich unter ſie gemiſcht hatte, daß er im Dien⸗ ſte eines der großen in Bagdad anweſenden Omrahs ſey, der in ſeinem Hauſe unbeſchaͤf⸗ ttigt, gekommen waͤre den Pallaſt zu beſuchen. Dieſe Bemerkung theilte er den Kameraden mit und ſagte dabei:„dieſen ſchoͤn gebauten Fremd⸗ ling muͤßen wir als unſern Gaſt betrachten. Erzeigen wir ihm alle moͤgliche Hoͤflichkeit, denn er gehoͤrt unſerm Stande an, und wir wuͤrden uns ſelber nicht empfehlen, wenn wir ihm nicht beweiſen, daß es in unſenar Macht ſteht ihm zu dienen.“ Die andern Bildare ſtimmten damit uͤberein, der Aelteſte ging zum Schazſekretair, und ver⸗ ſchaffte ſich eine Anweiſung auf einen reichen — 125— Konfektbaͤcker mit der Aufforderung, die Sum⸗ me von fuͤnf tauſend Dirhems in den Schaz zu zahlen, die er durch angegebene Rechnungen dieſem ſchuldig waͤre. Nachdem des Vezirs Sie⸗ gel aufgedruͤckt worden, kam er damit zu Juſ⸗ ſuf und ſagte:„Hoͤre Bruder Bildar!“ „Ich bin Juſſuf und vertraue auf Gott; ich bin bereit Deine Befehle zu erfuͤllen,“ antwor⸗ tete der Waßertraͤger und trat demuͤthig hervor. „Darf ich Dich bitten, Bruder Bildar, daß Du uns vom Pallaſte die ſehr große Gunſt erzeigen willſt, dieſes Papier mit dem Siegel des Vezirs, zu Mallem Osman, den großen Konfektbaͤcker, zu tragen, und ungeſaͤumte Zah⸗ lung von fuͤnf tauſend Dirhem zu verlangen. Du kennſt Dein Amt; ſicherlich wird das Geld nicht erwartet, aber was er Dir immer dafuͤr anbieten mag, daß Du ihm Aufſchub gewaͤh⸗ reſt, das ſeze Du auf Rechnung der Freund⸗ ſchaft und des Wohlwollens der Pallaſt⸗Bildare, und gedenke unſer, wenn Du in Deiner Woh⸗ nung ſchmauſeſt.“ Aeußerſt erfreut ſteckte Juſſuf die Anweiſung in ſeinen Turban, machte einen tiefen Salaam und ging zu ſeinem Geſchaͤfte. Weil er es unter ſeiner neuerworbenen Wuͤrde hielt, zu Fuß zu 3 5 gehen, miethete er einen der Reit⸗Eſel, die an den Straßenecken in Bereitſchaft ſtehen unb befahl dem Treiber voraus zu gehen um Plaz zu ma⸗ chen und des Konfektbeckers Wohnung aufzu⸗ ſuchen. Mallem Osmans Haus war bald ge⸗ funden, denn er war der beruͤhmteſte ſeines Gewerbes und trieb ungeheure Geſchaͤfte. Juſſuf ritt auf dem Thiere heran, das nicht halb ſo groß war als er ſelber, und hielt vor dem La⸗ den ſtill, in welchem der Konfektbaͤcker ſeine Arbeitsleute beſchaͤftigte. „Ich bin Juſſuf und vertraue auf Gott!“ ſagte er und blickte den Hausherrn an. Dieſer gab ſich nicht die Muͤhe ihn zu beachten, und Juſſuf trat mit vieler Wichtigkeit in den Laden. „Ich komme nur allein zu Dir, guter Mal⸗ lem Osman, um Dich zu bitten, daß Du Dich unverweilt zum Pallaſte begibſt und fuͤnf Beutel mit Dir dahin traͤgſt, von denen jegli⸗ cher ein tauſend Dirhems enthaͤlt, die bis jezt nicht eingezahlt ſind und wovon noch keine As⸗ per ſichtbar wurde, Dieſes vom Vezir beſiegelte — 127— Papier enthaͤlt die Anweiſung; weil Du nun die Ehre haſt des Kalifen Schuldner zu ſeyn, ſo wirſt Du wohl thun Dich zu erheben und mich ungeſaͤumt zum Pallaſte zu begleiten, wobei Du das Noͤthige nicht vergeßen darfſt.“ Bei dieſer Anrede ſchreckte Mallem von ſei⸗ nem Size empor, nahte ſich hoͤchſt unterwuͤrfig dem Juſſuf, nahm das Papier, hob es zu ſei⸗ ner Stirne auf und ſprach zu Juſſuf mit der kriechendſten Hoͤflichkeit:„o allervortrefflichſter, allertapferſter, allergroßmaͤchtigſter Bildar, wie gut waͤhlt der Kalif ſeine Offiziere aus! Wis gluͤcklich bin ich, bei'm Allah, durch Deine er⸗ freuende Gegenwart! Ich bin Dein Sklave!— beehre mich dadurch, daß Du Dich in meiner Behauſung erfriſcheſt.“ Nun warf Juſſuf dem Eſeltreiber einen hal⸗ 4 ben Dirhem zu und entließ ihn, athmete ſchwer., als ſey er erſchoͤpft von ſeinem Ritte und trock⸗ nete die Stirn mit dem Aermel ſeines Gewan⸗ des. Der Konfektbaͤcker fuͤhrte ihn zu ſeinem eigenen Seßel, ſchickte eilends zum Bazaar fuͤr eine große Schuͤßel voll Kabob, breitete ein Tiſchtuch vor Juſſuf aus, zerſchnitt einen Gra⸗ — 128— natapfel, beſtreute den mit Puder⸗Zucker und ſtellte ihn nebſt anderm Kuchenwerk und Ho⸗ nig vor den vermeintlichen Bildar hin. „O Vornehmſter unter den Bildaren,“ ſprach der Konfektbereiter—„meine Bitte geht dahin, daß es Dir gefallen moͤge, Dein Fruͤhſtuͤck im Hauſe Deines Dieners zu nehmen. Koͤnnte es Dir genehm ſeyn, Dich mit dieſen Kleinigkei⸗ ten zu vergnuͤgen, bis etwas Beßeres zuberei⸗ tet wird.“ 4 Nun brachte einer der Ladenwaͤrter einen Trinknapf, welchen er mit Sorbet, auf Lotus⸗ Bluͤthen abgezogen und mit Roſenwaßer ge⸗ miſcht, anfuͤllte. Dieſen ſezte er ihm ebenfalls vor und bat ihn zu eßen; Juſſuf aber ſpielte den großen Herrn, reckte ſeinen Kopf in die Hoͤhe und wollte dieſe Dinge nicht einmal an⸗ blicken. „Laße Dich herab zu der Gunſt, dieſen Sor⸗ bet zu koſten, o Hauptmann der Bildare—“ fuhr der Kuchenmann fort,„ſonſt ſchwoͤr' ich bei Allah, daß ich mein juͤngſtes und liebſtes Weib verſtoßen will.“ — 129— „Halt— halt Bruder!“ erwiederte Juſſuf —„ehe die Unſchuldige leiden ſollte, will ich lieber Dein Geſuch erfuͤllen, wiewohl ich, die Wahrheit zu ſagen, keine Eßluſt verſpuͤre, weil ich mein Fruͤhſtuͤck von des Kalifen Tafel bekam, beſtehend in zehn Schuͤßeln, von denen jegliche drei in verſchiedener Weiſe zugerichtete Huͤhner enthielt. Nun bin ich ſo voll, daß ich kaum Athem hole.“ „Ich verſtehe vollkommen, das nur Mitleid mit Deinem Sklaven Dich vermag, mein Ge⸗ ſuch zu erfuͤllen.“ „Nun, um Dich zu verbinden;“ ſagte Juſ⸗ ſuf, nahm den Napf, der einige Pinten Sor⸗ bet enthielt, ſezte ihn an den Mund und leerte ihn zum Erſtaunen des Konfektbaͤckers, auf ei⸗ nen Zug ohne nur abzuſezen. Jezt erſchien auch der Kabob, eingewickelt in duͤnne Kuchen von feinem Weizenmehl; den verſchlang Juſſuf eben⸗ falls mit einer Geſchwindigkeit, die merkwuͤrdig anzuſchauen war, auch hoͤrte er nicht auf zu eßen, bis der Tiſch gaͤnzlich geleert war. Der Konfektbaͤcker wußte nicht wie ihm ge⸗ ſchah und uͤberlegte bei ſich ſelber;„der Geſell III. 9 — 130— fruͤhſtuͤckte mit zehn Schuͤßeln, von denen jeg⸗ liche drei Huͤhner enthielt. Das iſt ein wahres Gluͤck fuͤr mich! Was wuͤrde der gethan haben, wenn er von Hunger erſchoͤpft hier angekom⸗ men waͤre? Nur ein ganzer mit Piſtazien ge⸗ fuͤllter Ochſe haͤtte ihn befriedigen koͤnnen. Wollte der Himmel nur, ich waͤre ihn in gu⸗ ter Art los!“ Juſſuf aber ruͤhrte ſich nicht von der Stelle, ſondern nahm ſein wichtiges Ausſehen wieder an.— Der Hausherr erlaubte ſich zu fragen, ob es Seiner Hoheit gefallen wuͤrde zu verzie⸗ hen, bis ein Mirtageßen fuͤr ihn zubeleiter zir⸗ den koͤnne? „Wahrlich, Freund, der Gegenſtand iſt nicht von Bedeutung, mein Zweck iſt, daß Du mich eilends zum Schazamte begleiten ſollſt, um die ſchuldigen fuͤnf tauſend Dirhem einzuzahlen.“ „ Ich bitte um Deine Nachſicht, mein Aga,“ ſprach der Mann,„in einer Minute bin ich zuruͤck.“ Nun fuͤllte Mallem Osmann einen großen Beutel mit den ſchoͤnſten ſeiner Zuckerwaaren — 131— an, wickelte dreißig Dirhem in ein Papier, trat wieder zu Juſſuf und ſagte: „Mein Fuͤrſt, demuͤthig bitte ich Dich, die⸗ ſes unbedeutende Geſchenk ſuͤßer Kuchen anzu⸗ nehmen, und dieſe dreißig Dirhem fuͤr die Un⸗ koſten des Bades nach Deinem ermuͤdenden Zuge hieher. Geruhe ebenfalls mich mit Dei⸗ nem Schuze zu begnadigen. Der Handel geht ſchlecht, es kommt kein Geld ein.— In ganz kurzer Zeit will ich Alles zahlen.“ Juſſuf, der recht gut wußte, daß die An⸗ weiſung nur gegeben war, damit er dem Kon⸗ fektbecker einige Dirhem abpreßen moͤge, erwie⸗ derte ihm nun mit vieler Hoͤflichkeit:„mein „Rath iſt dieſer, Mallem, daß Du heute nich aus Deiner Thuͤr gehſt— die Sache iſt ſo ei⸗ lig nicht— auch morgen noch nicht— nein, ſelber eine Woche— einen Monat— oder ein Jahr kannſt Du warten.— Ich mag ſogar ſagen, geh' Du gar nicht, denn Du haſt mei⸗ nen Schuz.— Deshalb gib Dir uͤberall nicht die Muͤhe zum Pallaſte zu geh'n.“ Es war nicht weit von Sonnenuntergang als dieſe Angelegenheit alſo geordnet war. gerei und muͤßen bemerken, daß der Kalif ſich — 132— Juſſuf ging mit ſeinen Haͤnden voller Geſchenke zu ſeiner Wohnung und rief wiederholt aus: „ich bin Juſſuf, mein Unterhalt kommt von Gott!“ Im vergnuͤglichſten Vorgefuͤhle kam er nach Hauſe, wechſelte ſeine Kleider, nahm Korb und Eimer und kehrte beladener als gewoͤhn⸗ lich zuruͤck, denn weil er zwei und vierzig Dir⸗ hem gewonnen hatte, Peſilaß er ſich guͤtlich zu thun. „Bei'm Allah!“ rief er aus—, ich will meine Portionen verdoppeln, zum Aerger der ſchurkiſchen Kaufleute von Moußul— die ſol⸗ che verfluchte Ungluͤcksvoͤgel ſind!’?“ Demgemaͤß wendete er einen doppelten Geld⸗ betrag auf, verdoppelte auch die Zahl ſeiner 8 Wachslichter und die Menge ſeines Lampenoͤls, ſo daß ſein Haus in einem Flammenmeere zu ſchwimmen ſchien, als er ſich zu ſeinem ge⸗ woöͤhnlichen Feſtmale niederſezte, begluͤckter als je zuvor; er trank mehr und ſang um vieles lauter als er ſonſt gethan hatte. Wir uͤberlaßen ihn ſeiner einſamen Schwel⸗ — 133— davon uͤberzeugt hatte, ihm ſey die zugedachte Baſtonade richtig geworden; weil er fuͤr voͤllig ausgemacht hielt, daß Juſſuf nunmehr ohne Le⸗ bensmittel und ohne Wein ſeyn muͤße, beſchloß er ihn wieder zu beſuchen. „Ich denke, Giaffar, daß ich den Hallunken endlich ohne Abendeßen dafuͤr zu Bett geſchickt habe, daß er mich einen Unglaͤubigen nannte, und ich muß hingehn, mich an ſeinem Zorne und ſeinem Ingrimme zu weiden, die noch durch die Baſtonaden vermehrt ſeyn muͤßen, welche er auf des Kadi Befehl erhalten hat.“ Vergebens ſuchte Giaffar vorzuſtellen, das heiße einen ergrimmten und verwundeten Loͤwen in ſeiner Hoͤhle angreifen; ſeine Wuth wuͤrde ſo ſchrecklich ſeyn, und ſeine Koͤrperkraft waͤre ſo gewaltig, daß ſie nichts geringeres als völ⸗ lige Zermalmung zu gewaͤrtigen haͤtten, falls ſie ſich zu ſeiner Thuͤr wagten. „Das mag alles wahr ſeyn,“ gab der Ka⸗ lif zur Antwort,„demungeachtet will ich auf alle Gefahr hin und ihn ſehen.“ „Ich habe meinen Dolch, Beherrſcher der — 134— Glaͤubigen,“ ſagte Mesrour,„und ich fuͤrchte ihn nicht.“ „Huͤte Dich den zu gebrauchen, Mesrour,“ ſprach der Kalif—„jezt hole die Gewaͤnder, damit wir gehn.— Dafuͤr will ich einſtehen, daß wir fuͤr dieſes Mal keine Beleuchtung bei „. ihm finden, es mag denn ein einziges Laͤmp⸗ chen flimmern, bei dem er die Wunden ſeiner gegeißelten Fuͤße badet.“ Sie gingen und waren bei ihrer Ankunft in der Gaße nicht wenig vom hellen Schein der Lichter uͤberraſcht, der aus Juſſuf's Zimmer hervorleuchtete; auch ſein Geſang war noch ge⸗ räͤuſchvoller wie ſonſt, und er ſchien ſtark be⸗ trunken, weil er zwiſchen den Liederverſen oͤfter ausrief:„ich bin Juſſuf— verflucht ſind alle Moußul⸗ Kaufleute— mein Vertrauen ſahtau Gott!“ Dingen zu Schanden.— Habe ich nicht der ganzen Stadt Zwang aufgelegt, habe ich ſie nicht Befehlen unterworfen, die den Anſchein hatten, von einem Wahnſinnigen auszugehn— „Bei dem Schwerdte des Propheten!“ tief der Kalif—„der Burſche macht mich in allen — 135— und das nur allein um dieſen Weinſchwamm zu zuͤchtigen— gleichwohl ſchwelgt er wieder, wie immer. Ich bin's muͤde ihm entgegen zu arbeiten; aber laßt uns, wo moͤglich, doch aus⸗ finden, wie er's angefangen hat ſeine Tafel zu beſezen.— Holla! Ho! Freund Juſſuf!— biſt Du da?— Hier ſind Deine Gaͤſte ange⸗ kommen, um ſich mit Dir uͤber Dein gutes Gluͤck zu freuen!“ So rief der Kalif von der Straße zu ihm hinauf.. „Was! ſchon wieder!“— bruͤllte Juſſuf— „nun da ſollt Ihr auch die Folgen hinnehmen. — Flieht, oder Ihr ſeyd Leichen! Ich habe zu Allah geſchworen, daß Ihr nicht nur nicht in mein Haus kommen ſollt, ſondern daß ich Euch zerpruͤgeln will wo ich Euch ſinde.“— „O! Du Perle unter den Naͤnnern, Du Weltmeer freundlichen Wohlwollens, ſteh' auf und laß uns ein. Es iſt unſere Beſtimmung, und wer vermoͤgte die zu aͤndern?“ „Nun gut,“ erwiederte Juſſuf, der mit ſei⸗ nem großen Knittel auf die Werandah heraus⸗ trat—„wenn's Eure Beſtimmung iſt, wird⸗ nicht meine Schuld ſeyn.“ — 136— „Hoͤre mich an, guter Juſſuf,“ entgegnete der Kalif;„heute bitten wir Dich zum lezten Male um Einlaß— wir ſchwoͤren das bei den Drei!— Du grollſt, als haͤtten wir Dir Harm zugefuͤgt, waͤhrend Du gleichwohl einge⸗ ſtehen mußt, daß Alles was geſchehen iſt, ſo ungluͤcklich es anfangs auch erſchien, ſich doch nur zu Deinem Vortheile geſtaltet hat.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Juſſuf—„aber den⸗ noch ſind Eure laͤſterlichen Vorausſezungen Schuld daran, daß ich mit jedem Tage mein Gewerbe aͤndern muß.— Was ſoll ich nun wieder werden?“ 3 „Steht nicht Dein Vertrauen auf Gott?“ erwiederte Giaffar;„zudem verſprechen wir Dir auf das Heiligſte, daß wir kein Wort uͤber dieſe Angelegenheit ſprechen wollen, und daß wir zum lezten Male Deine Gaſtfreumdſchaft in Anſpruch nehmen.“ „Gut,“ antwortete der ſtark betrunkene Juſſuf,„ich will die Thuͤr zum lezten Male oͤffnen, weil ich mit dem Geſchicke nicht ha⸗ dern darf.“ Er taumelte die Treppe herab und ließ ſie — 137— ein. Der Kalif fand Alles im groͤßten Ueber⸗ fluße; Juſſuf ſang eine Weile ohne ſich um die Gaͤſte zu bekuͤmmern, endlich ſagte er: „He! Ihr Moußul⸗Schurken! weshalb fragt Ihr mich nicht und bittet, daß ich Euch mein gutes Gluͤck erzaͤhle?— Ihr berſtet vor Neid, denk' ich;— aber anhoͤren ſollt Ihr's doch, und wenn TIhr's wagtet fortzugehen, bevor ich Alles erzaͤhlt habe, ſo will ich eine Pruͤgelſuppe uber Eure Leiber ausſchuͤtten, die Euch aͤrger zurichten ſoll, als'ne Baſtonade von fuͤnk hundert.“ 1 ⸗ „Wir ſind nur Gehorſam und Demuth, 0 Du Fuͤrſt der Maͤnner!“ entgegneté der Kalif. Hierauf erzaͤhlte Juſſuf die Ereigniße des Tages und ſchloß mit den Worten:„ich bin Juſſuf, mein Vertrauen ſteht auf Gott! Bil⸗ dar will ich leben, Bildar will ich ſterben, dem Kalifen und Großvezier zum Troz! Hier trinke ich auf Beider Verderben!“ Er goß einen Becher voll Rakie hinab, ver⸗ ſiel alsbald in einen Zuſtand ſtarker Trunken⸗ heit und dann in feſten Schlaf. — 138— Der Kalif und Gäaffar loͤſchten zuerſt die Lich⸗ ter aus, verließen das Haus und kehrten, hoͤch⸗ lich beluſtigt durch Juſſuf's nbeuthener, zum Serail zuruͤck. Erſt ſpaͤt am folgenden Morgen erwachte der Schlaͤfer, kleidete ſich dann eilig in ſeine beſten Gewaͤnder und ſprach zu ſich ſelber:„ich bin ein Bildar, und als Bildar will ich ſter⸗ ben.“ Sorglich kaͤmmte er ſeinen Bart und drehete dem ein gar troziges Ausſehen an, ſo⸗ dann ſteckte er ſeinen Scheindegen an und ging ungeſaͤumt zum Pallaſte, woſelbſt er ſeine Stelle unter den dienſtthuenden Bildaren einnahm, in der Hoffnung, daß der Anfuͤhrer derſelben ihn mit einem aͤhnlichen Auftrage fortſchicken werde als Tages zuvor. Bald darauf erſchien der Kalif im Divan und erkannte Juſſuf augenblicklich; er ſagte zu Giaffar:„ſiehſt Du unſern Freund Juſſuf?— Endlich habe ich ihn in meiner Gewalt, und ich will ihn nicht wenig aͤngſtigen, bevor ich ihn entkommen laße.“ Der Hauptmann der Bildare ward gefordert und trat mit tiefer Verbeugung vor. — 139— „Wie ſtark iſt die Anzahl Deiner Leute?“ fragte der Kalif. „Dreißig im Ganzen, Großmaͤchtigſter— von denen Zehne taͤglich im Dienſte ſind.“ „Ich will die Anweſenden muſtern und jeden Mann einzeln unterſuchen;“ ſprach der Kalif. Der Hauptmann verbeugte ſich zur Erde, trat zuruͤck und redete mit lauter Stimme zu ſeinen Leuten:„Bildare, der Beherrſcher der Glaͤubigen will, daß ihr vor ihm erſcheinen ſollt.“ Dieſer Befehl ward auf der Stelle volzogen und Juſſuf war genoͤthigt, mit den Uebrigen vor des Kalifen Angeſicht ſich hinzuſtellen, er empfand jedoch aͤngſtliche Unruhe und ſagte zu ſich ſelber:„was kann das zu bedeuten haben? Mein gewoͤhnlicher Unſtern.— Geſtern mußte ich mit dem Kadi abrechnen und mit meinen Fußſohlen die Schuld ausgleichen; ſoll ich heute mit dem Kalifen Rechnung abſchließen, ſo wer⸗ de ich gluͤcklich ſeyn, wenn ich mit meinem Kopfe davon komme.“ Der Kalif richtete an jeglichen der Bildare einige Fragen, bis er zum Juſſuf kam, der — 140— ſich ſorglich hinten an geſtellt hatte. Die Verle⸗ genheit und die ſcheuen Blicke dieſes Menſchen beluſtigten den Kalif und Giaffar ſo ſehr, daß ſie ſich kaum des Lachens erwehren konnten. Jezt war der lezte der Bildare befragt und hatte ſich auf die rechte Seite zu den Uebrigen begeben, ſo daß Juſſuf ganz allein zuruͤckge⸗ laßen da ſtand. Er trippelte von einer Seite zur andern, blickte aͤngſtlich bald nach der Thuͤr, bald nach dem Kalifen und uͤberlegte, ob er nicht davon laufen ſolle, doch er begriff, daß dies vergeblich Senuhhüide. Dreimal hatte ihn der Kalif ſchon nach dem Namen gefragt, bevor Jaſſuf's Verwirrung ihm geſtattete Antwort zu ertheilen; der Haupt⸗ mann der Bildare gab ihm einen Stoß in die Rippen, blickte ihm in's Geſicht, erkannte ihn aber nicht; indeß vermuthete er, daß einer der andern Anfuͤhrer ihn kuͤrzlich angenommen haͤtte. Er gab ihm einen zweiten Puff in die Rippen mit dem Griffknopfe ſeines Dolches und rief ihm zu:„gib dem Kalifen Antwort, Du gro⸗ ßes Vieh!“ Aber Juſſuf's Zunge war vor — 141— Angſt im Munde feſtgeklebt; zitternd ſtand er da und konnte nicht ſprechen. Noch einmal wiederholte der Kalif;„Wie iſt Dein Name, wie hieß Dein Vater und wie viel Sald bekommſt Du als Bildar?— Wer hat Dich angeſtellt?“ „Bin ich es, zu dem Du redeſt, o Hadii Kalif?“ ſtammelte Juſſuf endlich. „Ja,“ erwiederte der Kalif ſtrenge. Giaffar, der neben ſeinem Herrn ſtand, rief nun aus:„ja, Du verzagte Meze von Bildar; antworte ſchnell oder ein Schwerdt wird Dei⸗ nen Nacken treffen.“ Juſſuf antwortete als ſpraͤche er zu ſich— ber:„dann hoffe ich, es wird mein eigenes ſeyn.“ Nun beantwortete er auch die Fragen und ſagte:„ja, ja,'s iſt alles richtig— mein Vater war Bildar, und meine Mutter eben⸗ falls vor ihm.“ Bei dieſer abgeſchmackten Antwort verm gten der Kalif ſo wenig als ſein ganzer Hofſtaat den Ausdruch des Lachens zuruͤckzuhalten und dadurch gewann Juſſuf etwas mehr Muth. Alſo ſcheint es,“ ſprach Harun,„daß Du — 142— Bildar und Sohn eines Bildar biſt— daß Dein Sold zehn Dinaren jaͤhrlich betraͤgt, nebſt fuͤnf Pfund Hammelfleiſch taͤglich.“— „Ja, mein Umir,“ antwortete Juſſuf— nich glaube das iſt richtig;— mein Vertrauen ſteht auf Gott!“ „Gut!— Jezt Juſſuf nimm noch drei Bil⸗ dare mit zum Blut⸗Kerker und bringe die vier Raͤuber zu mir, die ihrer vielen Verbrechen und Schandthaten wegen geſtern zum Tode verurtheilt ſind.“ Jezt ſprach Giaffar ein und ſtelte dem Ka⸗ lifen vor, ob es nicht beßer ſeyn moͤge, daß der Kerkermeiſter die Strafbaren herfuͤhre; ſo ward es beſchloßen und alsbald erſchien dieſer mit den vier Mißethaͤtern, die gebunden und baarhaͤuptig hergefuͤhrt wurden. Der Kalif be⸗ fahl dreien der Bildare, daß jeder von ihnen einen der Verbrecher erfaße, ihm die Augen verbinde, das Oberkleid loͤſe, ſein Schwerdt ziehe und das Befehlwort ſo erwarte. Die drei Bildare machten ihre Verbeugung und vollzo⸗ gen das Geheiß, ſie druͤckten die Verurtheilten in knieende Stellung, auf ihren Schenkeln ru⸗ — 143— hend, nieder, entbloͤßten deren Nacken und hatten ihre Augen vorher verbunden. Waͤhrend dieſe drei Bildare ſo in Bereit⸗ ſchaft und des Winkes gewaͤrtig da ſtanden, litt Juſſuf die ſchrecklichſte Angſt; er ſagte zu ſich ſelber:„Flucht iſt jezt unmoͤglich— Ver⸗ derben uͤber dieſe Moußul⸗Kaufleute. Wohl ſag⸗ ten ſie, daß ſie nicht wieder kommen wollten — denn in ein paar Minuten wird's mit mir vorbei ſeyn.“ „Du Burſche da!“ rief Giaffar aus—„Du biſt einer von den benannten Bildaren und kennſt Deine Pflicht nicht! Weshalb nimmſt Du Deinen Verbrecher nicht und ſezeſt Dich in Bereitſchaft, wie Deine Gefaͤhrten ſchon ge⸗ than haben?“ Juſſuf, der genoͤthigt war zu gehorchen, er⸗ faßte den vierten Gefangenen, verdeckte ihm die Augen, entbloͤßte ſeinen Nacken und ſtellte ſich hinter ihm hin, ohne jedoch ſein Schwerdt zu ziehen. 3 „Ich werde nimmermehr im Stande ſeyn, mich hier heraus zu bringen,“ dachte er;„in wenigen Sekunden wird mein Degen nichts — 144— anders ſeyn, als ein Stuͤck Palmenholz, und unter dem Hohngelaͤchter des Volkes muß ich meinen Kopf verlieren.— Inzwiſchen ich ver⸗ traue auf Gott— und moͤgen alle Moußul⸗ Kaufleute zum Scheitan fahren.“ Er loͤſete jedoch aus ſeinem Guͤrtel das Schein⸗Schwerdt und legte es in der Scheide auf die Schulter. Dem Kalifen, der ihn aufmerkſam Besbachtete, geſiel das und er rief ihm zu:„Bildar! wes⸗ halb ziehſt Du Dein Schwerdt nicht blank?“ „Mein Schwerdt,“ erwiederte Juſſuf—„iſt von ſo trefflichem Gehalte, daß es nicht zu lange in den Augen des Beherrſchers der Glaͤu⸗ bigen erglaͤnzen darf.“ Der Kalif ſchien befriedigt, wandte ſich zum erſten Bildar und befahl den Hieb zu fuͤhren; augenblicklich rollte der Kopf des Raͤubers auf die Erde. „Trefflich und genau ausgefuͤhrt,“ ſprach der Kalif—„er ſoll belohnt werden.“ Nun erhielt der zweite Bildar den naͤmlichen Befehl; das Schwerdt ziſchte durch die Luft und mit einem Streiche ſprang der Kopf des 1 Verurtheilten eine ziem iche Strecke von den Schultern herab. Der dritte Verbrecher ward mit gleicher Geſchicklichkeit hingerichtet. Jezt ſprach der Kalif zu Juſſuf:„nun, mein Bildar, koͤpfe Deinen Mann und empfange fuͤr Deine Gewandtheit Belohnung.“ Juſſuf hatte bis zu einem gewißen Grade ſeine Geiſtesgegenwart ſchon wieder gewonnen; recht geordnet waren ſeinen Gedanken noch nicht, ſtroͤmten aber ſeinem Gehirne ſchon troͤſtlich herzu. Um Zeit zu gewinnen bat er:„will Deine Hoheit mir geſtatten, dem Straͤflinge einige Worte zu ſagen.“ „Das mag geſchehen,“ erwiederte der Kalif und ſtopfte den Zipfel ſeines Gewandes in den Mund, um nicht zu lachen.— „Der Kalif hat befohlen Dir den Kopf ab⸗ zuſchlagen;“ hob Juſſuf an—„willſt Du Dein Bekenntniß des wahren Glaubens ablegen, Du Raͤuber, ſo iſt's jezt an der Zeit, denn Du haſt nur noch eine kurze Minute zu leben.“ Scogleich rief der Verbrecher mit lauter Stim⸗ me:„es gibt nur einen Gott, und Mahomel iſt ſein Prophet.“ 3 III. 10 — 146— Hierauf entbloͤßte Juſſuf ſeinen kraͤftigen Arm, rollte furchtbar mit den Augen, umkrei⸗ ſete den Gefangenen drei Mal und rief laut: njezt erklaͤre, daß Du Dein Schickſal verdienſt,“ gleich hinterher ſagte er dem Manne leiſe in's Ohr:„ſchwoͤre, daß Du unſchuldig biſt!“— dann wieder laut:„ſprich, iſt Dein Urtheil nicht gerecht?“ „Nein,— nein—“ erwiederte der Mann ſo laut er konnte—„ich bin unſchuldig!“ Der Kalif, der den ganzen Vorgang ſehr auſmerkſam beobachtete, war durch Juſſuf's Benehmen erfreut und begierig zu wißen, was er weiter vornehmen wuͤrde. Juſſuf trat vor ihn hin, warf ſich zur Erde nieder und ſprach: „O Kalif! Du Stellvertreter des Propheten! wolle Deinen getreuen Bildar gnaͤdig anhoͤren, wenn er Dir ein Abentheuer erzaͤhlt, das ihm in dieſen lezten Tagen begegnet iſt.“ ‚„Sprich Bildar— wir Alle ſind aufmerk⸗ demn, doch werke Dir, rede die Wahrheit!“ „Es war an dem Abende vor dem Tage, an welchem Deine Hoheit den Befehl erließ, daß kein Waßer aus dem Tigris zu den Ba⸗ — 147— zaars getragen werden ſolle, ich ſaß in meinem Hauſe, verrichtete meine frommen Pflichten, forſchte im Koran und las mit lauter Stimme darin, als drei Kaufleute von Moußul meine Gaſtfreundſchaft in Anſpruch nahmen und er⸗ fleheten. Der Koran bezeichnet Gaſtfreundſchaft als eine jedem Rechtblaͤubigen unerlaͤßliche Tu⸗ gend, deshalb eilte ich meine Thuͤr zu oͤffnen und ſie zu empfangen.“ „Wirklich,“ ſagte der Kalif und blickte Giaf⸗ far an— ſag' mir doch, Bildar, wie ſahen dieſe Moußul⸗Kaufleute eigentlich aus.“ „Im Grunde recht garſtig. Der Eine war ein Topfbaͤuchiger, ſchurkenhaft⸗ausſehender Geſell mit'nem gewaltigen Barte, als ſey er ſo eben aus dem Schuldthurm entlaßen.“— Der Kalif winkte dem Vezir zu, als wolle er ſagen: da haſt Du Dein Portrait.—„Der Andere war ein ſchwarzbaͤrtiger, kaͤfer⸗ſtirniger, galgen⸗koͤter⸗maͤßig ausſehender Hallunke.“— Giaffar verbeugte ſich gegen den Kalifen.— „Und der Dritte war ein thranlippiges— wind⸗ geſichtiges Gerippe von'nem Neger.“— Mes⸗ rour ſchlug in wilder Ungeduld auf ſeinen Dolch.—„Kurz, ich darf Deiner Hoheit mit voller Ueberzeugung ſagen, daß die drei Miße⸗ thaͤter, deren Koͤpfe ſo eben der Gerechtigkeit verſielen, dem aͤußern Anſcheine nach— Ehren⸗ maͤnnern angehoͤrten, wenn man ſie mit denen dieſer drei Moußul⸗Kaufleute in Vergleich ſtellt. Demungeachtet empfiug ich dieſe drei Leute, wie meine Pflicht das erforderte, gab ihnen Obdach und ſezte ihnen die beſten Speiſen vor. Sie ſchmauſeten Kaboben, und da ſie Wein und Rakie verlangten, die ich niemals koſte, weil das Geſez ſie verbietet, ging ich aus und kaufte auch noch Getraͤnke fuͤr ſie ein. Sie ſpei⸗ ſeten und tranken bis zu Tagesanbruch und dann gingen ſie.“ „Wirklich,“ ſagte der Kalif. „Am andern Abende ſtoͤrten ſie mich zu mei⸗ nem großen Verdruße wiederum in meiner An⸗ dacht. Abermals ging mein Verdienſt darauf um ihre Anforderungen zu befriedigen; nach⸗ dem ſie geſchlemmt und gezecht hatten, bis fie betrunken waren, zogen ſie ab und ich hoffte ſie nie wieder zu ſehen, denn ſie waren gar nicht ſchonend in ihren Bemerkungen, Deiner Hoheit — 149— neuen Befehl betreffend, der das Zuſchließen der Baͤder anordnete.“ „Fahre fort, guter Juſſuf,“ ſprach der Kalif. „Wiederum erſchienen ſie am dritten Abende; weil ich nun kein Geld mehr uͤbrig hatte und fand, daß ſie mein Haus immer noch zur Ta⸗ verne machten, hoffte ich ſie wuͤrden nicht wie⸗ der kommen; doch ſie trafen auch am vierten Abende wieder ein; nun betrugen ſie ſich hoͤchſt unanſtaͤndig, ſangen unzuͤchtige Lieder und for⸗ derten immer mehr Wein und Rakie, bis ich's nicht laͤnger ertragen konnte und ihnen erklaͤrte, ich wolle ſie nicht laͤnger dulden. Da erhob ſich der vorhin genannte fett⸗baͤuchige und ſagte: „Juſſuf, wir haben Deine Gaſtfreundſchaft er⸗ probt und wir danken Dir. Kein anderer Menſch wuͤrde drei Leute von ſo ſchlechtem Ausſehen bei ſich aufgenommen, noch ſie aus Liebe zu Gott bewirthet haben, wie Du es gethan haſt. Jezt wollen wir Dich dafuͤr belohnen. Du biſt Pallaſt⸗Bildar, und wir wollen Dich mit dem Schwerdte der Gerechtigkeit beſchenken, das ſeit den Tagen des großen Salomo ver⸗ — 150— loren war; nimm dies und beurtheile es nicht nach ſeinem aͤußern Scheine. Wenn Dir befoh⸗ len wird den Kopf eines Verbrechers abzuſchla⸗ gen und dieſer ſchuldig iſt, ſo wird es erglaͤn⸗ zen wie ein Flammenſtrahl und Dein Hieb wird niemals fehlen; ſollte der Menſch aber unſchuldig ſeyn, dann wird es ſich zu einem harmloſen Stuͤcke Holz umwandeln.“ Ich nahm das Geſchenk und war im Begriffe meinen Dank dafuͤr zu erwiedern, als die drei mißgeſchaffenen Monßul⸗Kaufleute allmaͤhlig himmliſche Geſtalten annahmen und verſchwan⸗ den.“ „In der That; dies iſt eine wunderbare Ge⸗ ſchichte— ſprich, ſah der dickbaͤuchige Geſell aus wie ein Engel?“ „Ganz wie ein Engel des Lichts, maͤchtiger Kalif!“ „Und der windgeſicht'ge Neger?“ „Wie eine Houri, mein Kalif.“ „Gut dann,“ entgegnete Harun—„jezt ſollſt Du die Kraft Deines wunderthaͤtigen Schwerdtes verſuchen.— Schlage dem Verbre⸗ cher den Kopf ab.“ — 151— Juſſuf trat wieder zu dem Raͤuber, der im⸗ mer noch auf den Knieen lag, ſchritt um ihn her und rief mit lauter Stimme: „O du Schwerdt, thue deine Pflicht wenn dieſer Mann ſchuldig iſt; ſollte er aber, wie er in ſeinen Todesaugenblicken erklaͤrt hat, un⸗ ſchuldig ſeyn, dann werde harmlos.“ Bei dieſen Worten zog Juſſuf ſein Schwerdt und zeigte ein Stuͤck Palmenholz. „O mein Kalif, er iſt unſchuldig; dieſer Mann, der ungerechter Weiſe verurtheilt iſt, ſollte frei gelaßen werden!“ „Ganz ſicherlich,“ erwiederte der Kalif, durch Juſſuf's Anſtelligkeit hoͤchlich erfreut,—„er ſey frei.— Hauptmann der Bildare, wir koͤn⸗ nen uns von einem Manne nicht trennen, der eine ſo beruͤhmte Waffe beſizt, wie dieſer Juſſuf. Noch zehn Bildare ſollen angeſtellt werden und Juſſuf deren Befehlshaber ſeyn, mit den nem⸗ lichen Vorrechten und eben dem Gehalte, den die andern Anfuͤhrer beziehen.“ Juſſuf, entzuͤckt uͤber ſein gutes Gluͤck, warf ſich vor dem Kalifen nieder, und als er ſich ſpaͤter entfernte, rief er aus:„ich bin Juſſuf, — 152— mein Vertrauen ſteht auf Gott! Allah beſchuͤze die drei Moußul⸗Kaufleute.“ 1 Tenr Nicht lange nachher erſchienen der Kalif, Giaffar und Mesrour wieder vor ihm als Kauf⸗ leute von Moußul, und ergoͤzten ſich ungemein an ſeiner Zerknirſchung und Verwirrung, als ſie ſich ihm zu erkennen gaben.— Juſſuf aber erfreute ſich der Gunſt des Kalifen bis zum Ende ſeines Lebens, er war gluͤcklicher als Giaffar und Andere, die dem Zorne und dem Argwohne des allmaͤchtigen Harun al Raſchid verfielen. 24g 5 „Dieſe, hoher Paſcha, iſt die Geſchichte von Juſſuf dem Waßertraͤger.“ „Ja, und ſie iſt eine ſehr gute Geſchichte.— Haſt Du nicht noch eine andere, Menouni?“ „Hoher Herr,“ fiel Muſtapha ein—„die Karavane wird bei Tagesanbruch abgehen, und Menouni hat nur noch drei Stunden um ſich vorzubereiten. Sie kann nicht laͤnger auf⸗ gehalten werden, ohne den Anfuͤhrer zu noͤthi⸗ gen, den Behoͤrden daruͤber Bericht abzuſtat⸗ — 153— ten, der nicht guͤnſtig aufgenommen werden wuͤrde.“. „Sey dem ſo;“ erwiederte der Paſcha— „laß Menouni beſchenkt werden, und wir wol⸗ len ſuchen einen andern Erzaͤhler aufzufinden, bis er von ſeiner Pilgerfahrt zuruͤck kehrt.“ Viertes Kapitel. „Muſtapha ,“ ſprach der Paſcha und nahm ſeine Pfeife aus dem Munde,„woher kommt es, daß die Poeten ſo viel vom Buche des Schickſales reden?“ „Hoheit, das Buch des Schickſals iſt dasje⸗ nige, in welchem unſer Talleh, oder unſere Beſtimmung geſchrieben ſteht. Kann ich mehr ſagen?“ „Allah Akbar! Gott iſt groß! und Du haſt wohl geſprochen. Aber wozu ein Buch, wenn Niemand darin leſen kann?“ „Das ſind hohe Worte und gewuͤrzt mit Weisheit!— O, großer Paſcha, ſagt nicht Hafiz:„Rechne jeden Aug enblick der Freude — 155— Dir zum Gewinn.“— Wer vermoͤgte zu ſa⸗ gen, welchen Ausgang irgend ein Ding neh⸗ men ſoll?“ „Wallah Thaib! gut geſagt, beim Allah! Aber wozu ein Buch, wenn dies Buch verſie⸗ gelt iſt?“ „Und doch giebt es weiſe Maͤnuer, die un⸗ ſern Kismet leſen und die wahrſagen koͤnnen.“ „Das iſt allerdings wahr; ich habe aber be⸗ merkt, daß ſie nicht eher von Dingen ſprechen wollen, als bis dieſelben ſich ereignet haben.— Was ſind dieſe Aſtrologen?— Boſch!— nichts— ich habe geſprochen.“ Der Paſcha rauchte einige Zeit ſchweigend ſeine Pfeife. Muſtapha bemerkte alsdann:„Gefall' es Deiner Hoheit, draußen ſteht ein Elender, der darum fleht, vor Dein Angeſicht kriechen zu duͤrfen.— Er kommt aus dem fern entlegenen Lande von Kathai— ein Unglaͤubiger mit zwei Schweifen.“ „Zwei Schweife! war er in ſeinem Lande Paſcha?“ — 186— „ Paſcha!— Staffir Allah!— Verzeih' mir's Gott!— Ein Hund iſt er— ein elendiglicher Hund— bei meinen Augen;— aber doch hat er zwei Schweife.“ „Laß den Hund mit zwei Schweifen her⸗ ein;“ erwiederte der Paſcha,„ich habe ge⸗ ſprochen.“. Ein gelbhaͤutiger, magerer, runzlicher, alter Chineſe ward von zwei Leibwachen eingefuͤhrt. — Seine Augen waren aͤußerſt klein und da⸗ bei triefend, die Backenknochen ſtanden hoch hervor: alles was man von ſeiner Naſe ent⸗ decken konnte, waren zwei aufgeſperrte Naſen⸗ fluͤgel am untern Ende derſelben; den Mund oͤffnete er ungeheuer weit und ſeine Zaͤhne wa⸗ ren ſchwarz wie Tinte. Sobald die Wachen ſtill ſtanden, glitt er zwiſchen ihnen auf ſeine Kniee nieder, ſtreckte ſeinen Koͤrper vor und koutowte neun Mal ſeinen Kopf in den Staub, blieb dann mit dem Antlize auf dem Boden liegen. „Der Hund mit zwei Schweifen ſoll auf⸗ ſtehen,“ ſprach der Paſcha. — 157— Weil der kriechende Chineſe dieſem Befehle nicht ſogleich gehorchte, erfaßte jeder der beiden Wachen, die neben ihm ſtanden, einen ſeiner eingeflochtenen, ellenlangen Haarzoͤpfe, und mittelſt dieſen zogen ſie ſeinen Kopf vom Bo⸗ den auf. Mit untergeſchlagenen Beinen ſaß der Chineſe nun und heftete demuͤthig ſeine Augen auf den Boden. „Wer biſt Du Hund?“ fragte der Paſcha, dem des Menſchen Unterwuͤrfigkeit gefiel. „Ich bin von Kathay und Dein niedrigſter Sklave;“ erwiederte der Mann in gutem Tuͤr⸗ kiſch—„in meinem Lande war ich ein Poet. Das Schickſal hat mich hieher gefuͤhrt und jezt arbeite ich in den Pallaſt⸗Gaͤrten.“ „Wenn Du Poet biſt, kannſt Du mir Ge⸗ ſchichten erzaͤhlen.“ „Dein Sklave hat in ſeinem Leben tauſende erzaͤhlt— dies war meine Beſtimmung.—“ „Da von Beſtimmung die Rede iſt,“ fiel Muſtapha ein,„kannſt Du Seiner Hoheit ei⸗ ne Geſchichte erzaͤhlen, in welcher das Schick⸗ d — 158— ſal voraus verkuͤndet und auch erfuͤllt wurde; wenn das iſt, beginne.“ „Es gibt eine Geſchichte meines eigenen Lan⸗ des, hoher Vezir, in welcher das Geſchick ver⸗ kuͤndet und die Vorausſagung recht ungluͤcklich erfuͤllt wurde.“ „Du kannſt fortfahren,“ ſagte Muſtapha nach einem Winke des Paſcha. Der Chineſe griff mit der Hand in den Bruſtſchliz ſeines blau⸗baumwollenen Hemdes und zog eine Art muſikaliſchen Inſtrumentes hervor, aus einem Schildkroͤten⸗Deckel beſtehend, uͤber welchen drei oder vier Saiten geſpannt waren;— in leiſem, einfoͤrmigen Tone, der zwiſchen Singen und Greinen die Mitte hielt, aber nicht durchaus unmuſikaliſch war, begann er ſeine Geſchichte. Zuerſt aber griff er auf ſein Inſtrument, und begann ein kurzes Vor⸗ ſpiel, von welchem man ſich durch eine Reihen⸗ folge ſolcher Noten einen Begriff machen kann, die etwa ſo erkliggen: Titum— li— tum, tilly— ſilly, tilly — 159— lilly, titum,— titum, tilly— lilly, tilly— lilly, titum— ti. So oft er im Verfolg ſeiner Erzaͤhlung au⸗ ßer Athem gerieth, hielt er ein und griff eini⸗ ge Noten dieſer barbariſchen Muſik. =— 460— Die Wunder-Sage von Han. Wer war leidenſchaftlicher in ſeiner Natur, wer war mehr zur Liebe geſchaffen als der gro⸗ ße Han Hoong Scheu, in den Archiven des himm⸗ liſchen Reiches als der erhabene Jouantie bekannt, Bruder der Sonne und des Mondes;— deßen Hof ſo prachtvoll— deßen Heere ſo zahllos — deßen Reiche ſo unermeßlich waren, da ſie von den vier Meeren begraͤnzt wurden, welche das Univerſum einſchließen; gleichwohl war er vom Schickſal dazu beſtimmt, ungluͤcklich zu ſeyn, und ſo beginne ich die Wunder⸗Sage von Han— die Leiden des praͤchtigen Jou⸗ antie. Ditum, tilly— lilly u. ſ. w. Ja, er empfand, daß Eines ihm fehle. Alle ſeine Macht, ſeine Schaͤze, ſeine Wuͤrde, ——Q:O⸗¶ö-‚ͤ—::, p— — 161— erfuͤllten ſein Herz nicht mit Freude. Er wandte ſich ab von den Schriften des großen Fo— er ſchloß das Buch. Ach! er ſehnte ſich nach einem zweiten Selbſt, dem er Alles zeigen und ſagen konnte—„dies iſt Alles mein.“ Sein Herz ſchmachtete nach einer Schoͤnheit— nach einer reizeuden Jungfrau— deren Holdſeligkeit ihn begluͤcken koͤnne.— Er, vor dem die Welt im Staube lag, dem das Univerſum als Sklave diente— begehrte eine Liebesgefangenſchaft, ſehnte ſich nach Feßeln. Wo war aber die Jung⸗ frau zu finden, wuͤrdig dem Bruder der Sonne und des Mondes— dem glanzſtrahlenden Ge⸗ bieter des Univerſums, Feßeln anzulegen?— Wo war ſie zu finden? Titum, tilly u. ſ. w. Ja, es gab eine, und nur eine, wuͤrdig ſeine Genoßin zu ſeyn, wuͤrdig Koͤnigin zu werden im Lande ewigen Fruͤhlinges, angefuͤllt mit Baͤumen, deren Stämme reines Gold, deren Zweige Silber, deren Laub Smaragden und deren Fruͤchte die duftenden Apfel der Un⸗ ſterblichkeit ſind. Und wo war dieſe dem Son⸗ nenbruder wuͤrdige Sonnenbraut? War ſie nicht 111. 11 — 162— in Kummer verſenkt— verborgen im Brunnen ihrer eigenen Thraͤnen— und dies ſogar im Garten der Freude? Augen, welche den Prunk⸗ ſaal eines Prinzenhofes, gleich Sonnen, beleuch⸗ ten ſollten, waren durch ewigen Jammer ge⸗ truͤbt. Und wer anders war Schuld an dieſer Verfinſterung, als der verbrecheriſche, gold⸗ duͤrſtige Miniſter Suchong Pollyhong Ka⸗ tetow. Titum, tilly u. ſ. w. Der große Jouantie berief ſeine Mandari⸗ ne; der Hof in ſeiner Herrlichkeit beugte ſeine Haͤupter hinab in den Staub des Entzuͤckens, bei dem Anhoͤren des Wunders ſeiner Beredt⸗ famkeit. Hoͤrt mich, ihr erſten Mandarine, Fuͤrſten und Herren meines Reiches. Merkt auf die Worte Jouanties.— Hat nicht jeder Vogel, der die Luͤfte durchflattert, ſein Geſponſt im Neſte? Hat nicht jegliches Thier ſein Weib⸗ chen? Beſizt nicht Ihr Alle daheim Augen, die nur fuͤr euch ganz allein ſtrahlen? Bin ich denn ſo unſelig groß, oder ſo unge gluͤcklich, daß es mir nicht geſtattet ſeyn ſoll, — 1638— mich zur Liebe herabzulaßen?— Und doch kann ſogar der Bruder von Sonne und Mond waͤhrend ſeiner Laufbahn auf Erden nicht allein leben. Sucht deshalb im Univerſum nach einer Jungfrau fuͤr Euren Gebieter, damit ich gleich der Sonne, die mit jedem Abende an dem Bu⸗ ſen das Ozeans verſinkt, ebenfalls am Buſen meiner Gattin ruhen mag. Sucht, ſage ich, durchſucht alle Winkel der Erde, damit ihre Schaͤze zu unſern goldenen Fuͤßen ausgegoßen werden, um aus ihnen ein Kleinod zu unſerm beſondern Gebrauche zu erkieſen. Doch vorher, ihr weiſen Maͤnner und Aſtrologen, befragt die Planeteu und Sterne der Beſtimmung, damit wir erfahren, ob durch eine ſolche Vereinigung unſere himmliſche Perſon oder unſer unermeß⸗ liches Reich mit irgend einer Gefahr bedroht wird. Titum, tilly u. ſ. w. Wo waͤre der Stern, der nicht voller Ent⸗ zuͤcken in ſeiner Bahn huͤpfte, um die Befehle des Bruders von Sonne und Mond zu voll⸗ ziehen? Welcher Planet haͤtte nicht gein den Dienſtbeweiſen an einen ſo .. lt bei ahen Ver⸗ — 164— wandten? Ja, ſie alle lauſchten mit geſenkten Haͤuptern dem Ausſpruche der Aſtrolabier und Aſtrologen, ganz wie edle Rennpferde nieder⸗ knieen, um ihre Reiter aufſizen zu laßen; doch als Alle ſich verſammelt hatten, um auf das erforderliche Blatt im Buche des Schickſales das noͤthige Licht zu werfen, ward da nicht ihr Glanz verdunkelt, weil ſie im Leſen deßel⸗ ben gewahrten, es ſey voller Thraͤnen, und die Freude ſchwimme nur auf dieſen, gleich ei⸗ ner Seifenblaſe. Die weiſen Maͤnner ſeufzten, als des Schickſals Anordnung ihnen herab kam, mit ihren Antlizen auf dem Boden liegend, eröffneten ſich dem praͤchtigen Jouantie den Jahalt der enthuͤllten Schrift mit fol genden Worten: „Der Bruder von Sonne und Mond will heirathen. Schoͤnheit ſoll vor dem goldenen Fuße niedergelegt werden; aber die Perle uͤber allen Preis wird gefunden und verloren. Freude wird ſeyn und Kummer wird da ſeyn. Freude im Leben, Kummer im Leben und im Tode; denn ein ſchwarzer Drache, der Feind des himmliſchen Reiches, drohet gleich einer uͤber⸗ — 16 ⁴☛́ haͤngenden Wolke. Mehr duͤrfen die Sterne nicht enthuͤllen.“ Titum, tilly— lilly u. ſ. w. Jezt blickte der Paſcha den Muſtapha an nickte billigend mit dem Kopfe, gleichſam als wolle er ſagen:„nun kommen wir zur Sache.“ Muſtapha verneigte ſich und der Chineſe fuhr fort: Die goldenen Augen des großen Jouantie fuͤllten ſich mit ſilbernen Thraͤnen, als das Blatt aus dem Buche des Verhaͤngnißes gele⸗ ſen wurde; doch die Sonne der Hoffnung er⸗ ſtieg und fuͤhrte den heiligen Thau zum Him⸗ mel empor.— Darauf rief er den Miniſter, den fuͤr immer in der Geſchichte geaͤchteten Su⸗ chong⸗Pollyhong⸗Katetow, und trug dem auf, im ganzen ſeiner Herrſchaft unterworfenen Uni⸗ verſum die reizendſten der Jungfrauen aufzuſu⸗ chen, damit dieſe am naͤchſten Lanternenfeſte zu den himmliſchen Fuͤßen gebracht wuͤrde. Doch bevor ihnen erlaubt werden koͤnne, die Strah⸗ len der Liebe durch die Nebel der Glorie zu ſchießen, welche den kaiſerlichen Thron umzie⸗ hen,— bevor ihren Reizen geſtattet werden „ — 166— ſollte, den Verſuch auf das Herz der himmli⸗ ſchen Majeſtaͤt zu machen, muͤßten ihre Bild⸗ niße dem großen Jouantie in der Halle des Entzuͤckens eingeliefert werden.— So war es naͤmlich angeordnet, daß aus den zwanzig tau⸗ ſend Jungfrauen, deren Gemaͤlde auf Elfen⸗ bein entworfen wurden, durch einen aus den Nandarinen und Reichsfuͤrſten der erſten Klaße zuſammengeſezten Ausſchuß des guten Ge⸗ ſchmackes, ein hundert der Schoͤnſten ausge⸗ waͤhlt werden ſollten, die mit dem Strahle des himmliſchen Auges begluͤckt wuͤrden. Der geizi⸗ ge, goldzuſammenſcharrende Suchong⸗Pollyhong⸗ Katetow hatte dieſe Anordnung eingeleitet.— Schaͤze wurden von ehrſuͤchtigen Verwandten geſpendet, die darnach trachteten, ſich mit der Verwandſchaft des Bruders der Sonne und des Mondes bruͤſten zu koͤnnen; dieſe fuͤllten die Kiſten des geizigen Miniſters, und groß war die Anzahl der nichtbeguͤnſtigten Bildniße, die vom Geſchmacks⸗Ausſchuße zuruͤck gewieſen wurden, wenn gleich des Miniſters Anſichten von Schoͤnheit Staunen erregten. „Es gab aber einen gewißen Mandarin, de⸗ — 167— ßen Tochter in der Provinz Karton lange ſchon als ein Wunder von Schoͤnheit geprieſen wurde; Whanghang, ihr Vater, brachte dieſe in einer Senfte zu dem Min iſter Suchong⸗ Pollyhong⸗Katetow. Dieſer empfand das pfeil⸗ ſcharfe Durchdringen ihrer Reize und er ſagte ſich, die geeignete Gemahlin fuͤr den Bruder von Sonne und Mond ſey gefunden; doch ſein Geiz forderte eine Summe, die der Vater nicht zahlen wollte. Ihr Bildniß einzuſchicken, durfte er nicht wagen zu verweigern; es wurde des⸗ halb zu den uͤbrigen Gemaͤlden gelegt und Whanghang betrachtete ſich als Schwiegervater des himmliſchen Jouantie. Der junge Maler, dem die Anfertigung ihres Bildnißes aufgetra⸗ gen war, vollendete es, legte ſeinen Pinſel nieder und ſtarb aus Gram ſeiner Liebe einer Vollkommenheit, die er zu erlangen nicht hof⸗ fen konnte. 1 Das Gemaͤlde ward dem tuͤckiſchen Mi⸗ niſter eingeſchickt, der es fuͤr ſich behielt und den Namen dieſer Perle uͤber allen Preis unter das Bildniß einer Andern ſchrieb, die nicht werth war ihr als Zofe den Guͤrtel zu loͤſen. ——— — 168— Der Geſchmacks⸗Ausſchuß erwaͤhlte unter den hundert andern eben dieſes, um es in der Halle des Entzuͤckens aufzuſtellen, nicht etwa weil das Gemaͤlde ſo ſchoͤn war, ſondern weil der Ruf ihrer Schoͤnheit bis zum Hofe gedrun⸗ gen war, und man dafuͤr hielt, daß der Kai⸗ ſer das Gemaͤlde ſehn muͤße. Die alſo auser⸗ waͤhlten Jungfrauen erhielten den Befehl, ſaͤmmtlich im kaiſerlichen Pallaſte zu erſcheinen; der praͤchtige Jouantie trat in die durch zehn tauſend Lanternen beleuchtete Halle des Ent⸗ zuͤckens und richtete ſeine Augen auf die Bild⸗ niße der hundert Schoͤnheiten; doch keines von ihnen vermogte ſein Herz zu ruͤhren. „Iſt das alles,“ rief er aus—„was die Welt ihrem Beherrſcher zu Fuͤßen legen kann?“ Bei dieſem Ausbruche ſeines Unwillens warf ſich der Geſchmacks⸗Ausſchuß vor ihm in den Staub nieder; er aber zeigte auf das vermeint⸗ liche Bildniß der Tochter Whanghang's und ſprach: „Wer iſt dieſe Anmaßende, die es gewagt hat die Halle des Entzuͤckens mit ihren Zuͤgen zu beſchimpfen?“ —— —— — 169— „Dieſe, o großer Kaiſer!“ gab der raͤnke⸗ volle Suchong⸗Pollyhong Katetow zur Antwort —„iſt die weitgeprieſene Schoͤnheit Chaou⸗ kiunna, deren ſchaamloſer Vater ſich heraus⸗ nahm zu ſagen, wenn ihr Bildniß nicht einge⸗ ſchickt wuͤrde, wolle er ſeine Klage zu den Fuͤ⸗ ßen des himmliſchen Thrones niederlegen. In ihrer Provinz iſt der Ruhm ihrer Schoͤnheit allgemein verbreitet; ich wollte mich der Par⸗ theilichkeit nicht anklagen laßen, deshalb wurde das Bildniß dem kaiſerlichen Auge vorgelegt.“ „Wohlan, rief der Kaiſer,„zuerſt ſoll aus⸗ gerufen werden, daß die Provinz Karton von Thoren bewohnt wird, und ſie ſoll fuͤr ihren Mangel an Geſchmack ein Bußgeld von hun⸗ dert tauſend Unzen Gold erlegen; ſodann ſoll dieſe Eitle zu ewiger Gefangenſchaft im oͤſtli⸗ chen Thurme des kaiſerlichen Pallaſtes einge⸗ ſperrt werden.— Die andern Jungfrauen ſind ihren Verwandten zuruͤck zu ſchicken, denn bis jezt iſt die geeignete Braut fuͤr den Bruder von Sonne und Mond noch nicht gefunden.“ Der kaiſerliche Befehl ward vollzogen, und ſo war der erſte Theil der Vorherſagung er⸗ * — 170— fuͤllt, der ſagte:„die Perle uͤber allen Preis wird gefunden und verloren.“ Titum, tilly— u. ſ. w. „Ja, ſie war verloren, denn die ſtrahlende Chaoukiunna wurde eingeſperrt, um ihre unver⸗ gleichliche Schoͤnheit in Gram und Einſamkeit hinzuſchmachten.— Ein ſchmaler Gang auf der Teraße war der einzige Fleck, auf dem ihr ge⸗ ſtattet wurde, die kühlende Luft des Himmels zu genießen. Die Nacht ſchaute in ihrer lieblichen Anmuth mit ihren unzaͤhligen Augen hinab auf der Menſchen Ungerechtigkeit und Grauſamkeit, als der prachterglaͤnzende Juantie, der ſich fruͤher nicht hatte einfallen laßen, daß auch der Bru⸗ der von Sonne und Mond genoͤthigt werden koͤnne, den bittern Pillau des Kummers hinab zu ſchluͤrfen— ſeiner ſeit Kurzem angenomme⸗ nen Gewohnheit nach den Pallaſt verließ, um in den Gaͤrten umherzuwandeln und unbemerkt ſeinen Gedanken nachzuhaͤngen. Da gefiel es dem Schickſale es ſo zu fuͤgen, daß die Perle über allen Preis, die vernachlaͤßigte Chaukiun⸗ na, ebenfalls ven der Schoͤnheit und Stille der — 171— Nacht angelockt wurde, den Kiesſand auf dem Teraßenpfade mit ihren kleinen Fuͤßen zu be⸗ treten, und ihre Fuͤße waren ſo klein, daß ſie im Gehen faſt ſchwankte. Thraͤnen zitterten in ihren Augen, als ſie ihrer gluͤckſeligen Heimath gedachte, und bitterlich bejammerte ſie eine Schoͤnheit, die, anſtatt ſie auf den Thron zu erheben, durch die Einwirkung von Geiz und Bosheit ſie zu ewiger Gefangenſchaft beſtimmt hatte. Wohl blickte ſie empor zum geſtirnten Himmel, doch empfand ſie keinen Mitgenuß ſeiner Lieblichkeit.— Von der Teraße herab betrachtete ſie den Garten der Freude, doch ihr erſchien er eine abgeſtorbene Wuͤſte. Seit laͤn⸗ gerer Zeit waren ihre Thraͤnen und ihre Laute ihre einzigen Begleiter; die Toͤne dieſer lezten waren eben ſo ſchmerzlich klagend, als ihre ei⸗ gene Stimme. „O meine Mutter!“ rief ſi aus—„gelieb⸗ te, nur zu ehrſuͤchtige Mutter! koͤnnte nur ei⸗ ne kurze Stunde mein Haupt an Deinem Bu⸗ ſen ruhen! Unſelig hat ſich der Traum bewaͤhrt, der Dich bei meiner Geburt erfreute— als Du den Mond ſo hell erglaͤnzen ſaheſt, der alsdann zu Deinen Fuͤßen in die Erde verſank.— Nur eine kleine, kleine Spanne Zeit erglaͤnzte ich, und hin jezt in der Freudenzeit meiner Jugend gleichſam in die Erde begraben. Eingemauert in dieſen einſamen Thurm, ſind meine Hoff⸗ nungen vernichtet— mein Bildniß kann nicht geſehen worden ſeyn— und jezt bin ich auf immer verloren.— Laute, du einzige Beglei⸗ terin meines Unſternes, laß deine Wehklage zugleich mit meiner Stimme erklingen!— Laß uns glauben, die Blumen horchten auf unſern Schmerz, und der Thau ihrer halbge⸗ ſchloßenen Kelche beſtehe in Thraͤnen des Mit⸗ leids uͤber mein Ungluͤck.“ Nun griff Chaoukiunna in die Saiten ihrer Laute und ſang das nachfolgende Klagelied. O ſag' mir, ſtrahlenreiche Sonne, Gab's Erde nicht Dein Licht zu trinken, War nicht vergebens dann Dein Lauf, und dein ein Reich der finſtern Nacht?— So, Reize die zum Thron geboren, Zu ſuͤßer Liebe Schmeichelkoſen, Sind, wenn kein zaͤrtlich Herz ſie ehrt, Verlaß'ne und verſtoß'ne Schoͤnheit. Titum— Tilly— lilly u. ſ. w. — — 173— Die klangreichen Toͤne der unvergleichlichen Chaoukiunna wurde nicht an taube und ſprach⸗ loſe Blumen vergeudet, ſie erzitterten im Ohre des praͤchtigen Jouantie, der auf dem Ruͤcken eines ungeheuren metallenen Drachen ſich ge⸗ ſezt hatte, der im Wandelgange unter der Te⸗ raße aufgeſtellt war. Ueberraſcht hoͤrte der Kai⸗ ſer ihr Selbſtgeſpraͤch an, und ihr bezaubernder Geſang erfuͤllte ihn mit Bewunderung. Einige Minuten verbrachte er in Traͤumerei, dann er⸗ hob er ſich vom Drachenruͤcken, ging bis zum Einlaßthore des Thurmes und klatſchte in ſeine Haͤnde.— Der Verſchnittene erſchien. „Waͤrter des gelben Thurmes,“ ſprach der Kaiſer,„ſo eben hoͤrte ich Toͤne einer Laute.“ „So war es, Ernaͤhrer der Welt,“ antwor⸗ tete der Sklave. „War es nicht vielmehr ein Engel, als ein ſterbliches Weſen, deßen ſuͤßklingende Stimme das Saitenſpiel begleitete?“ fragte der praͤch⸗ tige Jouantie. „Gewiß iſt ſie mit mehr als ſterblichem Looſe geſegnet, wenn ihr Wohlklang das himm⸗ liſche Ohr erfreuen konnte;“ erwiederte der ſchwarze Aufſeher vom gelben Thurme. — 174— „Dann eile ſo ſchnell Du kannſt alle meine hoͤchſten Staatsdiener zu berufen, damit ſie ihre Gewaͤnder auf den Erdboden ausbreiten, und ſie uͤber dieſe zu mir herangehe: auf dem Drachen unter der Teraße will ich ſie ſehen.“ Der prachtvolle Jouantie, Bruder von Sonne und Mond, kehrte zu feinem fruͤhern Size zuruͤck und war mit ſchoͤnen Vorgenuͤßen der Zukunft beſchaͤftigt, waͤhrend der Verſchnit⸗ tene die himmliſchen Befehle auszurichten eilte. Die Mandarine der erſten Klaße erſchienen ſo⸗ gleich, um Jouanties Gebot zu erfuͤllen; ihre ſammtverbraͤmten Kaftane, reich mit Gold und Silber ausgeſchmuͤckt, wurden vom Thurme bis zum Drachen unter der Teraße ausgebrei⸗ tet und bildeten einen Pfad, der ſo reich und ſchoͤn erſchien, wie die Milchſtraße am Him⸗ mel. Auf ihm begab ſich die Perle uͤber allen Preis, die unvergleichliche Chaoukiunna zu der erhabenen Gegenwart des großen Jouantie. „Unſterblicher Fo!“ rief der Kaiſer aus, als ſein Gefolge die Laternen emporhob um ihre Geſichtzuͤge zu beleuchten—„durch welches ſchwarze Mißgeſchick blieben ſolche Reize mei⸗ nen Blicken verborgen?“ —— Hierauf erzaͤhlte die unvergleichliche Chaou⸗ kiunna in wenigen Worten den Verrath und Geiz des Suchong⸗Pollyhong⸗Katetow. „Eilt, ihr Mandarine, damit die Scheere der Ungnade dem Elenden beide Zoͤpfe abſchnei⸗ de, und dann ſoll das Schwerdt der Gerechtig⸗ keit ſein Haupt vom Rumpfe trennen.“ Doch das Geruͤcht ſeiner Verurtheilung er⸗ reichte Suchong⸗Pollyhong auf den Fluͤgeln des Windes; bevor noch der Scharfrichter erſchei⸗ nen konnte, hatte er ſeinen Renner beſtiegen, fluͤchtiger als der Wind ſelber, und mit dem Bildniße der unvergleichlichen Chaoukiunna in ſeinem Gewande, hatte er das Geruͤcht weit hinter ſich gelaßen. Titum, tilly— lilly u. ſ. w. Und wohin entfloh der ſchaͤndliche Miniſter, um ſein verpoͤntes Haupt zu verbergen?— Zu den wilden Voͤlkern des Nordens floh er, die auf ungezaͤhmten Pferden reiten mit ſchar⸗ fen Scimetaren und langen Lanzen. Drei Tage und drei Naͤchte lang ſchlugen die Hufe ſeines feurigen Roßes Funken aus den Steinen, im unbaͤndigen Laufe ſpornte er es noch an, bis — 176— es, wie ein unſterblicher Dichter ſchon geſagt hat— ſein Haupt ſenkte und ſtarb.“ Mit dem Bildniße der unvergleichlichen Cha⸗ oukiunna im Buſen, und mit ſeinem unter beide Arme aufgerafften Mandarinen⸗Gewande erſchien der fluchwuͤrdige Suchong⸗Pollyhong⸗ Katetow vor dem großen Khan und ſprach: „O Khan der Tartarei, mag Dein Schwerdt immer ſcharf, Deine Lanze unirrend und Dein Renner raſch ſeyn. Ich bin Dein Sklave.— Du, der Du hundert tauſend Krieger befeh⸗ ligſt— willſt Du Deinem Sklaven geſtatten Dich anzureden?“ „Sprich und ſey verdammt;“ ſagte der krie⸗ geriſche Held von wenig Worten, waͤhrend ſeine Zaͤhne mit einem großen Stuͤcke Pferdefleiſch beſchaͤftigt waren. „Du weißt, o⸗Khan, wie ſeit undenklichen Zeitaltern der Gebrauch herrſchte, daß das himmliſche Reich Dir fuͤr Dein Brautbett ein ſchoͤnes Weib liefern muß, und daß der himm⸗ liſche Hof dieſen Preis zahlen mußte, um das Eindringen Deiner unerſaͤttlichen Krieger abzu⸗ wenden.— O mein Khan, es gibt eine Jung⸗ — 177— frau, deren holdſeliges Bild ich bei mir fuͤhre und die wuͤrdig iſt, zu Deinem Brautlager er⸗ hoben zu werden.“ Mit dieſen Worten legte der Verworfene das Bild der ungluͤcklichen Chaoukiunna zu den Fuͤßen des Khans nieder. Dieſer vollendete erſt ſeine Mahlzeit und wandte ſodann mit ſeiner Lanze das Bild der Perle uͤber allen Preis, herum. Er betrachtete es, und gab es hierauf den Umſtehenden. Die rohen Krieger ſtierten das bezaubernde Bild an, bewunderten es nicht— aber ſie duͤrſteten nach Krieg. „Sagt mir, meine Heerfuͤhrer,“ ſprach der Khan,„iſt das Kindergeſicht, das ihr ſtet werth darum zu fechten?“ Einſtimmig erwiederten die Heerfuͤhrer ſie ſey wuͤrdig das Brautlager des großen Khans zu theilen.— „Sey dem ſo,“ erwiederte er;„ich verſtehe mich nicht auf Schoͤnheit.— Das Lager ſoll aufbrechen— noch dieſen Abend ziehen wir gen * Suͤden.— Der Tartaren⸗Fuͤrſt betrat die noͤrdlichen IIl. 12 — 178— Provinzen des himmliſchen Reiches, begleitet von ſeinen hundert tauſend Kriegern, die al⸗ les mit Feuer und Schwerdt verheerten, um des Khans aufrichtigen Wunſch, ſich mit der chineſiſchen Nation zu vereinigen, durch unaufgehaltenen Todtſchlag von Maͤnnern, Frrauen und Kindern zu beweiſen, ſo wie ſeine gluͤhende Liebe fuͤr die unvergleichliche Chaou⸗ kiunna durch das Verbrennen jeder Stadt und jedes Dorfes, die ſtatt Hochzeitsfackeln ange⸗ zuͤndet wurden.“ Titum, Tilly— lilly u. ſ. w. Doch wir muͤßen zuruͤckkehren zur himmli—⸗ ſchen Hofhaltung und die Welt in Erſtaunen ſezen durch die Wunderdinge, die ſich dort er⸗ eigneten. Die Aſtrologen und Weiſen hatten den Himmel befragt und ſich uͤberzeugt, daß der Hochzeits⸗Umzug in der drei und dreißigſten Minute nach der dreizehnten Stunde ſich in Bewegung ſezen muͤße, weil ſonſt die Heirath nicht gluͤcklich vollzogen werden koͤnne.— Wer vermag den Prunk und Glanz dieſes Schau⸗ ſpieles zu beſchreiben, oder nur einen genuͤgen⸗ den Begriff von ſeiner Pracht zu geben. Ach! — 179— es würde unmoͤglich ſeyn, wuͤrden ſogar zehn⸗ tauſend Poeten den Verſuch machen, von de⸗ nen jeglicher zehntauſend ſilberne Zungen beſaͤße und zehn tauſend Jahre ſaͤnge. Inzwiſchen war die Ordnung des Zuges folgendermaßen: Voran gingen zehn tauſend Gerichtsdiener, die, um den Weg frei zu machen, mit langen Bambusſtaͤben zur Rechten und Linken nach dem Takte einer ſanften Muſik ſchlugen, der ſich das Klaggeſchrei derjenigen zumiſchte, die davon hinkten und ſich die Haut rieben. Hierauf folgten, zu zehne in jeder Reihe, hundert tauſend Laternen, um der Sonne bei⸗ zuſtehn, welche vom Glanze bieſes Feſtzuges verfinſtert war. Sodann langſam, den Tritt nuch einem Todten⸗Marſche haltend, fuͤnf tauſend enthaup⸗ tete Mißethaͤter, deren jeglicher ſeinen Kopf am langen Haarzopfe trug. „Staffir Allah!“ rief der Paſcha aus— „was iſt das anders, als Luͤge?— Hoͤrteſt Du Muſtapha, was dieſer Hund gewagt hat, unſern Ohren einzuhauchen?“ — 180— „Großmuͤthigſter Paſcha,“ erwiederte der Chi⸗ neſe in tiefer Unterwuͤrfigkeit—„wenn Deine Weisheit dies fuͤr eine Luͤge erklaͤrt— dann muß es ſicherlich eine Luͤge ſeyn; gleichwohl iſt es keine Luͤge Deines Sklaven, der die Ge⸗ ſchichte nur ſo wieder erzaͤhlt, wie der unſterb⸗ liche morgenlaͤndiſche Dichter Ben⸗Isral⸗Ali*) ſie niedergeſchrieben hat.“ „Demungeachtet ſcheint doch ein kleiner Irr⸗ thum dabei obzuwalten,“ bemerkte Muſtapha— „ſoll der Feierzug weiter gehen, großer Pa⸗ ſcha? 2 41 „Ja, ja; doch bei dem Propheten, der Hund ſoll zittern, wenn er ſich noch einmal anmaßt in unſern Bart zu lachen.“ Hinter den enthaupteten Mißethaͤtern, gegen welche Deine Hoheit Zweifel erhebt, folgten im Feierzuge ſolche Verbrecher mit ihren Koͤp⸗ fen auf den Schultern, welche an dieſem Tage allgemeiner Gluͤckſeligkeit fuͤr ihre Mißethaten buͤßen ſollten. *) DO'Israeli, in ſeiner Wunder⸗Sage vom Alroy. — 181— Zuerſt zwei tauſend Raͤuber, zu einer Horde gehoͤrend, die den Namen Deſtructivangs fuͤhrt, verurtheilt, bei den Beinen aufgehaͤngt zu werden— um ihren Wunſch, alle Dinge umzukehren, ſinnbildlich darzuſtellen— ſo ſoll⸗ ten ſie haͤngen bleiben, bis die Kraͤhen ſie zu Tode hackten, oder die Geier ſie zerrißen, Hierauf das Panier der Neuerungen. Dann einer der Haupt⸗Raͤuber, Jo⸗Hum), verurtheilt mittelſt eines an ſeinem Halſe haͤn⸗ genden Rechentiſches erdroßelt zu werden. Ein anderer der Raͤuber⸗Hauptleute, der Verraͤther Sluſch⸗hing⸗tong**). Obgleich dieſer Mann zum Gefolge des Hofes gehoͤrte und in der himmliſchen Naͤhe geſonnt war, hatte er dennoch gewagt, niedertraͤchtige Verlaͤumdun⸗ gen gegen die himmliſche Dynaſtie auszuſpre⸗ chen. Der Richterſpruch verurtheilte ihn dazu, lebendig geſchunden zu werden, und ſeine eige⸗ nen Worte aufzueßen, bis er am boͤsartigen Gifte, welches ſie enthielten, ſterben wuͤrde. ») Herr Hume, der bekannte Opponent aller Re⸗ gierungs⸗Anſchlaͤge. **) Herr Lushington. — 182— Der naͤchſtfolgende war der wichtigſte aller Mißethaͤter, der verrufene Bru⸗hum⸗Prell⸗ Fuchs*), der in hoher Gunſt bei Hofe, und zu dem Ehrenamte eines Arztes des himmliſchen Gewißens ernannt, bei dem ſchaͤndlichen Ver⸗ ſuche ertappt worden war, ſelbiges durch Opi⸗ um abzuſtumpfen; er war zudem verſchiedener andern Unthaten uͤberfuͤhrt worden, als da ſind: Betrunkenheit im Mandarin⸗Gewande, und Bewerfen des erſten Hauptes der Mandarine mit Unrath; auch hatte er ſeine Gewaͤnder ab⸗ gelegt, ſich unter die niedern Klaßen ge⸗ miſcht und ſich mit Marktſchreiern, Gauklern und Seiltaͤnzern verbunden. Alle ſeine Mißetha⸗ ten waren auf eine lange Pergamentrolle ge⸗ ſchrieben, die an ſeinem Halſe hing. Seine Verurtheilung beſtand in der Folter des Neides und der getaͤuſchten Erwartung, die er vor ſei⸗ nem wohlverdienten politiſchen Tode ausſtehen ſollte. Nach ihm kam ein in Ungnade gefallener gelber Mandarin, der ein bitterer Feind des *) Lord Brougham, vormaliger Lordkanzler,— w — 183— ihm vorangehenden Mißethaͤters geweſen war. Er ſaß auf einem Throne von Ebenholz, und ſeine Arme wurden zum Spott von zwei Wett⸗ Bovern gehalten; ſein Verbrechen beruhete darin, daß er mit den niedern Klaßen„Kopf oder Krone“ geſpielt hatte. Seine Strafe beſtand nur in Schauſtellung. Dieſe waren die Verbrecher, welche an dem Tage der allgemeinen Gluͤckſeligkeit und des hoͤchſten Entzuͤckens ihre Strafe leiden ſollten. Dann kamen fuͤnfzig tauſend Bogenſchuͤzen vom blauen Drachen⸗Bataillone, mit pferde⸗ haarnen Flederwiſchen in den Haͤnden, um die Schmeißfliegen fortzuſcheuchen. Hiernaͤchſt zehn tauſend Jungfrauen, alle ſittſam, lieblich und in duͤnnen Gewaͤndern; ſie ſangen Hymnen zum Preiſe Ganeſas, des Gottes der reinen Liebe. Zehn tauſend Juͤnglinge begleiteten ſie, kizel⸗ ten die genannten zehn tauſend Jungfrauen und ſangen Hymnen zum Lobe des erhabenen Fo. Fuͤnfzig tauſend Bogenfuͤhrer vom gruͤnen Drachen⸗Bataillone, jeder mit einer langen — 184— Pfauenfeder in ſeiner rechten Hand, um daran zu ſehen: wie der Wind wehe. Fuͤnf hundert Aerzte im Dienſte des himm⸗ liſchen Hofes, jeder trug eine ſilberne Schach⸗ tel mit goldenen Pillen. Der große Lit⸗tong⸗Bull*), erſter Arzt des himmliſchen Verſtandes und ſtets in Bereit⸗ ſchaft bei einer Kriſis. In ſeiner rechten Hand trug er, am Ende eines Stabes befeſtigt, eine Blaſe voller Erbſen, um ſeiner Majeſtaͤt Be⸗ ſinnung zuruͤck zu rufen, wenn die ſich verirr⸗ te; ſein Gefolge beſtand in Fuͤnfzig tauſend Narren, fuͤnf Mann hoch, Arm in Arm daher ziehend, Und fuͤnfzig tauſend Schurken, die mit Al⸗ lem davon gingen, woran ſie Hand legen konnten. Nun erſchien der beruͤchtigte Fakir und Bett⸗ ler Dan⸗Ho⸗co⸗nel**) Alnfuͤhrer einer geprieſe⸗ nen Sekte. Statt der bei unſerer Nation uͤblichen zwei Zoͤpfe, trug er nur einen, dieſer war aber *) Edw. Lytton⸗Bulwer, Brief an einen ehemali⸗ gen Cabinets⸗Miniſter. *²) Daniel O'Connel. — 185— ein vierzig Fuß langer Schweif. Zahlreiche An⸗ haͤnger folgten ihm, die ihre irdiſchen Guͤter ihm zu Fuͤßen legten, wofuͤr er ſie zur Beloh⸗ nung mit Schriften und Reden beſchenkte, die nach ſeiner Verſicherung bei allen Uebeln untruͤglich waͤren. Hiierauf zehn tauſend junge Ehefrauen, de⸗ ren jede ein Kind an ihrer linken Bruſt in den Schlaf zu lullen ſuchte, bei dem Schalle von Poſaunen und Trompeten, die ſinnbildlich den friedfertigen und ruhigen Zuſtand der Ehe dar⸗ ſttellten. Das Panier der Unverſchaͤmtheit. Fuͤnf tauſend politiſche Marktſchreier, die einander widerſprachen und ſich zur Beluſtigung des Volkes abmuͤheten, welches gleichwohl durch ihre tollen Streiche unſaͤglich leiden mußte. Boo⸗ring*), der zweite Befehlshaber, der ihr Syſtem in einer ungekannten Sprache er⸗ klaͤrte. Pol⸗let Tom⸗chong**), des Kaiſers Gauk⸗ *) Herr Bowring. *½) Herr Poulet⸗Thomſon⸗ — 186— ler, der das ganze Reich durch ſeine außeror⸗ dentlichen Kunſtſtuͤcke und durch die Schnellig⸗ keit in Erſtaunen ſezte, mit welcher er die Leu⸗ te von allem Gelde in ihren Taſchen befreite. Das Panier der Liebe., Pro⸗to⸗kol*), der himmliſche Sekretair mit Gaͤnſeſittichen auf ſeinen Schultern, Gaͤnſeſpuh⸗ len in ſeinen Haͤnden, und einer Gans recht aͤhnlich ſehend, ritt auf einem Mauleſel, der bunt mit den Quadrupartit⸗Farben aufgezaͤumt und mit klingelnden kupfernen Schellen hehan⸗ gen war. Fuͤnf tauſend alte Weiber, welche das Lob dieſes beſagten Pro⸗to⸗kols ſangen, und zum Schalle von Hautbois Tabak ſchnupften. Der Flor des himmliſchen Reiches, von Hof⸗ narren in einem Korbe getragen, der wunder⸗ ſchoͤn aus einem wilden Kirſchkerne geſchnizt war und bewacht von Fuͤnfzig tauſend Bogenfͤßrern aus dem rothen Drachen⸗Bataillon, die ſich unter Begleitung ſanfter Muſik die Zaͤhne ſtocherten. 4) Lord P... n. 436 — 187— Zehn tauſend Poeten, die alle zugleich, aber jeder nach eigener Tonweiſe ſeine eigene Ode uͤber dieſes gluͤckliche Ereigniß abſangen. Der unſterbliche Dichter dieſer Zeit, der be⸗ ruͤhmte Ben⸗Isral⸗Ali*), bis zu ſeinen Fuͤßen hinab in Sammt gekleidet und prachtvoll aus⸗ geſchmuͤckt mit Ringen und guͤldenen Ketten und koſtbaren Edelſteinen. In ſeiner Hand hielt er eine ſilberne Harfe und ritt auf einem wun⸗ verſchoͤnen milchweißen Eſel ruͤckwaͤrts, ſein Geſicht dem Schweife zugekehrt, damit er die Reize der unvergleichlichen Chaoukiunna, dieſer Perle uͤber allen Preis, betrachten und von ihnen begeiſtert werden koͤnne. Hierauf kamen der glanzſtrahlende Jouantie und die unvergleichliche Chaoukiunna in einem maßio, von Sommerfaͤden gefertigten und reich mit den Augen lebendiger Singvoͤgel ausgezier⸗ ten Wagen, gezogen von zwoͤlf praͤchtigen blau⸗ en Zugſternen, welche die himmliſchen Koͤrper dem Bruder der Sonne und des Mondes zum Geſchenke gemacht hatten. *) Herr O'SIsraeli. — 188— Sodann zwanzig tauſend junge Maͤnner, ſchoͤn wie Engel, in blaue Fuchspelze gekleidet, ſaͤmmtlich kohlſchwarze Rappen reitend und el⸗ fenbeinerne Judenharfen ſpielend. Zwanzig tauſend Neger, garſtig wie Teufel, in die Felle weißer Polar⸗Paͤren gekleidet, auf ſchloßweißen arabiſchen Pferden und alle ſtießen in Honigſuͤße Schrillpfeifen. Saͤmmtliche Mandarine erſter Klaße des himmliſchen Reiches, die das Weiße ihrer Au⸗ gen zum Himmel aufkehren und wuͤnſchen, der Ruͤckzug moͤgte zu Ende ſeyn. Saͤmmtliche Mandarinen zweiter Klaße des himmliſchen Reiches, die, vom Staub faſt er⸗ ſtickt, den Umzug zum Teufel wuͤnſchen. gwanzig Millionen aus dem Volke, welche die Freigebigkeit des großen Kaiſers Pntiſen und nach Brod ſchreien. Zehn Millionen Frauen, die ihre Kinder im Gedraͤnge verloren haben und bitterlich jam⸗ mernd ſie ſuchen. Zehn Millionen Kinder, die ihre Muͤtter im Gedraͤnge verloren haben und laut ſchreien um ſie wieder zu finden. — 189— Die uͤbrigen Bewohner des himmliſchen Reiches. So war die große und prachtvolle Hochzeits⸗ Prozeßion, welche die ganze Bevoͤlkerung in Thaͤtigkeit ſezte, ſo daß es keine andere Zu⸗ ſchauer gab, als drei blinde alte Weiber, die vom Entzuüͤcken dermaßen uͤberwaͤltigt wurden, daß ſie, ſobald der Ruͤckzug angetreten war, ihre Haͤupter niederſenkten und ſtarben. Titum— tilly— lilly u. ſ. w. Der Zug gelangte zum Pallaſte; die Perle uͤber allen Preis war nunmehr ſeine Braut und das Herz Jouanti's war mit Liebe erfuͤllt. Auf einem Juwelen⸗Throne ſaßen ſie neben einander; was war aber Diamanten⸗Glanz im Vergleich zu einem Strahle aus ihrem Feuer⸗ Auge? Was waren die ſchimmernden rothen Nubinen, verglichen mit ihren geoͤffneten Ko⸗ rallen⸗Lippen?— oder was war Perlenweiße, wenn ſie laͤchelte und ihre Zäͤhne zeigte!— Ihre gewoͤlbten Augbraunen waren ſchoͤner ge⸗ zeichnet als der Regenbogen; das Erroͤthen ih⸗ rer Wangen konnte jegliche Roſe in den himm⸗ liſchen Gaͤrten vor Neid erblaßen machen; aus — 190— Mitleid gegen die Hofleute, von denen ſchon viele dadurch erblindet waren, daß ſie zu kuͤhn waren, um dieſe Wunderreize zu betrachten, war ein Edikt erlaßen, durch welches den Fuͤr⸗ ſten und Mandarinen geſtattet wurde, gruͤne Brillen zu tragen, wenn ſie bei Hofe erſchie⸗ nen, zur Schonung ihrer Augen. Der praͤchtige Jouantie ward von der Liebe verzehrt wie von einem flammenden Fieber; die Aerzte des Kaiſers empfanden Beſorgniß fuͤr ſeine himmliſche Geſundheit; auf ihren Rath bewilligte Chaoukiunna ihn nur in einem ge⸗ dunkelten Zimmer zu empfangen.— Alles war Jubel. Im ganzen Reiche erſchallte das Lob der Perle uͤber allen Preis. Es ward befohlen, die Gefaͤngniße der Erde gleich zu machen— den Mißethaͤtern Verzeihung zu gewaͤhren— das Schwerdt der Gerechtigkeit in der Scheide zu laßen— keine Baſtonaden zu geben; ſogar die gehaͤßige Laternen⸗Tare war zur Ehre der unvergleichlichen Chaoukiunna abgeſchafft, deren Lob alle Dichter des Reiches ſangen, bis ſie zu heiſer geworden waren, um noch ſingen zu — 191— koͤnnen, und das Volk zu ermuͤdet war, um ſie noch hoͤren zu wollen. Titum— tilly, lilly u. ſ. w. „Wahrlich, es wundert mich nicht, daß ſie davon ermuͤdeten,“— bemerkte der Paſcha gaͤhnend—„falls die Dichter waren wie Du biſt.“ „Gott iſt. groß;“ ſprach Muſtapha und gaͤhnte ebenfalls.—„Soll er fortfahren?“— „Ja laß ihn weiter ſprechen und wecke mich, wenn die Geſchichte zu Ende iſt,“ erwiederte der Paſcha, der ſeine Pfeife niederlegte. O Jammer! wie bald ſollte dieſes Uebermaß von Gluͤckſeligkeit zuſammen ſinken; wie ſchnell ſollte die Verkuͤndigung erfuͤllt werden, daß nicht nur Freude im Leben ſeyn ſoll, ſondern auch Gram! Aus den Traͤumen ſeines Entzuͤk⸗ kens ward der praͤchtige Jouantie durch einen Eilboten nach dem andern geweckt, welche zu ſeinen himmliſchen Fuͤßen die Kunde vom Her⸗ annahen der hundert tauſend feindlichen Krie⸗ ger niederlegten. — 192— „Ein feierlicher Staatsrath ward berufen, und in dieſem ein kaiſerliches Edikt erlaßen, welches befahl, daß die Barbaren aus dem Norden zuruͤck getrieben werden ſollten in ihr Land, wo ewiger Froſt und Schnee herrſcht. Die kaiſerlichen Heere brachen von der Haupt⸗ ſtadt auf, und jeder einzelne der hundert tau⸗ ſende, aus denen ſie beſtanden, gelobte bei ſeinen Haarzoͤpfen, alle aufzueßen, die er toͤd⸗ ten wuͤrde. Dieſes blutige Geluͤbde ward erfuͤllt, denn ſie toͤdteten keinen; ſie kehrten zuruͤck, geſchla⸗ gen, zerſprengt, ohne ihre Bogen, Pfeile und Schwerdter, vor der Wuth des Tartaren⸗An⸗ fuͤhrers entlaufend. Nun erhob ſich der große Jouantie in ſeinem Zorne und erließ ein zwei⸗ tes Edikt, worin er befahl, daß die Barbaren ſogar bis in das Meer getrieben werden ſoll⸗ ten, welches das Reich der Welt einſchließt. Noch einmal wurden die Heere ausgeſandt, und ſie kehrten noch einmal geſchlagen zuruͤck; —„wie koͤnnen wir,“ ſagten die Streiter,— „die wir Reis mit Holzſtaͤben eßen, gegen — 193— Barbaren kaͤmpfen, die nicht nur auf Pferden reiten, ſondern auch Pferde eßen?“ Die Tartaren bekuͤmmerten ſich nicht um das himmliſche Edikt, denn ſie waren Barba⸗ ren, und wußten das nicht beßer; ſie ſezten ihr Vordringen fort, bis ſie nur noch einen Tagemarſch von der himmliſchen Hauptſtadt entfernt waren; nun ſah ſich der Bruder von Sonne und Mond, der prachtſtrahlende Jouan⸗ tie genoͤthigt, ſich der Schmach zu unterziehen, einen Abgeſandten dieſer Barbaren zu empfan⸗ gen, der in zucker⸗ſuͤßen Worten alſo ſprach: „Der große Khan der Tartaren gruͤßt den praͤchtigen Jouantie; er hat einige Millionen ſeiner Unterthanen erſchlagen, weil ſie Verraͤ⸗ ther waren, die den himmliſchen Thron nicht vertheidigen wollten. Er hat einige Tauſend ſeiner Staͤdte niedergebrannt, damit der große Jouantie Befehl geben kann, ſie in groͤßerer Schoͤnheit wieder aufzubauen. Alles dieſes hat er mit ſehr vieler Muͤhe und Anſtrengung ge⸗ than, um ſeine Achtung dem praͤchtigen Jou⸗ antie zu beweiſen; alles was er als Erwiede⸗ rung dafuͤr verlangt, iſt, daß die unvergleich⸗ III. 13 — 194— liche Chaoukiunna, die Perle uͤber allen Preis, ſeine Braut werde.“ Von ſeinem himmliſchen Throne herab, ſprach der große Jouantie:—„Bringe dem großen Khan, Deinen Gebieter meinen Dank fuͤr ſein wohluͤberlegtes Verfahren, und ſag ihm, daß er eine Braut aus unſerm himmli⸗ ſchen Reiche verdiene, doch die Perle uͤber allen Preis iſt mit dem Bruder von Sonne und Mond vermaͤhlt. Irgend eine andere Jungfrau unſers Reiches ſoll ihm zugeſchickt werden mit Geſchenken, die wuͤrdig ſind vom großen Jou⸗ antie dargeboten, und werth vom großen Khan der Tartarei angenommen zu werden. Nehmt das als Edikt!“ Doch der Tartar erwiederte;„o großer Mo⸗ narch, der große Khan, mein Gebieter verlangt kein Edikt, ſondern die unvergleichliche Chaou⸗ kiunna. Wenn ich ohne ſie zuruͤckkehre, ſo kommt er in die himmliſche Hauptſtadt und verſchont weder Mann, noch Weib, noch Kind.“ Nun fielen die Prinzen und Mandarine von allen Klaßen zu den himmliſchen Fuͤßen nieder, und verrichteten im Staube die feierli⸗ — 295— che Verehrung des großen Kow⸗Tow, und der erſte Staatsminiſter ließ ſich alſo verneh⸗ men:„Herr des Univerſums, Bruder von Sonne und Mond, der Du die Welt mit Deinen Edikten regierſt, deßen Heere unüͤber⸗ windlich ſind, und ſo zahllos wie der Sand auf den Kuͤſten der vier Meere, hoͤre Deinen getreuen Sklaven:— Ueberliefere dieſem Barba⸗ ren die Perle ohne Preis, dann werden wir alle leben um uns vor Dir im Staube zu demuͤthi⸗ gen.“ Alle Prinzen und alle Mandarine riefen einſtimmig,“ uͤberliefere die Perle ſonder Preis! Alle tapfern Geueraͤle zogen ihre Schwerd⸗ ter, ſchwangen die in der Luft und riefen laut: „Liefere dieſem Barbaren die Perle uͤber allen Preis, aus.“ Das ganze Heer, das ganze Volk vereinigte ſich zu dieſer Bitte. Da erhob ſich Jouantie in wildem Grimme, befahl, daß der erſte Miniſter, und alle Man⸗ darine, und die Prinzen, und alle Generaͤle, und das ganze Heer, und das ganze Volk in — 106— Ungnade verfallen ſey, und ſofort enthauptet werden ſolle.„Nehmt dies als Edikt!“ Weil aber Niemand uͤbrig gelaßen war, um des großen Jouantie Edikt zur Ausfuͤhrung zu bringen, ſo blieb es wirkungslos. Der Bruder von Sonne und Mond gewahrte, daß er ſich in der Minoritaͤt befand; deshalb ver⸗ barg er ſeinen Ingrimm, befahl mit gnaͤdiger Huld, daß dem Geſandten Erfriſchungen ge⸗ reicht wuͤrden, indem er ſagte:„Laßt den Hund gefuͤttert werden;“ dann zog er ſich zu⸗ ruͤck in das Geftaach der unvergleichlichen ehnou⸗ kiunna. Titum, tilly— lilly u. f w. Die reizende Kaiſerin hatte aber gehorcht und alles vernommen, was im großen Audienz⸗ Saale vorgefallen war, deshalb warf ſie ſich zu ſeinen himmliſchen Fuͤßen, und ſagte:„Laß mich geopfert werden— es iſt meine Beſtim⸗ mung. Schicke Deine Sklavin zu dem großen Khan, daß der mit ihr nach ſeinem Gefallen umgehe— ich bin ganz Unterwuͤrfigkeit. Sie ſagen er ſey ein ſchoͤner Mann, und von gro⸗ ——,— — 197— ßem Koͤrperbau, und gewaltiger Kraft.— Es iſt meine Beſtimmung.“ Darauf weinte der große Jouantie bittre Zaͤhren uͤber ſein bittres Mißgeſchick;— aber er wußte, es war ſeine Beſtimmung, und o Verhaͤngniß, wer kann Dir widerſtehen!— Er trocknete ſeine himmliſchen Augen, fuͤhrte die unvergleichliche Chaoukiunna hinaus, legte ihre Hand in die des Barbaren⸗Abgeſandten, und ſprach:„ich ſende Deinem Gebieter die Perle uͤber allen Preis;— kurze Zeit habe ich mit ihr geprunkt, aber ſie iſt immer noch ſo gut als neu. Und nun laß Deinen Gebieter, den großen Khan mit ſeinen hunderttauſend Krie⸗ gern uͤber die Graͤnzen unſers Reiches hinaus⸗ ziehen, wie es verabredet war. Du hoͤrſt, dies iſt ein Edikt.“ „Es iſt genug, daß mein großer Herr ſcin Wort und daß der große Jouantie die Perle uͤber allen Preis gegeben hat; ein Edikt iſt gar nicht noͤthig,“ erwiederte der Abgeſandte, und zog mit der unvergleichlichen Chaoukiunna da⸗ von. So blieb der praͤchtige Jouantie ohne Braut. — 198— Nachdem der Abgeſandte die unvergleichliche Chaoukiunna in einer dichtverſchloßenen Senfte zum Zelte des großen Khan gebracht hatte, befahl dieſer ſeinem Heere ſogleich den Ruͤckzug. Zu tiefer Kraͤnkung der unvergleichbaren Schoͤn⸗ heit, aͤußerte er nicht die allermindeſte Neugier⸗ de ſie ſehen zu wollen, ein raſcher Ruͤckmarſch ward angetreten, und in wenigen Tagen ge⸗ langte er zu den Graͤnzen des himmliſchen Reiches, welches vom Tartaren⸗Lande durch einen reißenden Strom getrennt war. Sobald ſein Heer uͤber den Strom geſezt hatte, ſchlug er am jenſeitigen Ufer ſein Lager auf, und ſezte ſich mit allen ſeinen Heerfuͤh⸗ rern zu einem ſchwelgeriſchen Mahle von Pfer⸗ defleiſch und Quaß. Nachdem das Getraͤnk ihm in den Kopf geſtiegen war, befahl er die Senfte mit der unſchaͤzbaren Perle dicht zu ſeinem Zelte heranzubringen, damit er ſie koͤnne zu ſich kommen laßen, wenn ihm das gefiele. Nun lugte die unvergleichliche Chouakiunna durch die Gitter der Senfte und betrachtete den großen Khan bei ſeiner Schmauſerei; als ſie ſeine be⸗ haarte Geſtalt, ſeine ſpruͤhenden Augen, ſeine — — 199— ſtumpfe Ruͤßelnaſe und ſeinen furchtbar gro⸗ ßen Mund ſah— als ſie gewahrte daß ſein Koͤrper und ſeine Geſichtzuͤge denen eines Ghoul oder boͤſen Geiſtes glichen, rang ſie ihre Haͤn⸗ de, weinte bitterlich und ihre ganze Liebe zu dem praͤchtigen Jouantie kehrte zuruͤck. Inzwiſchen hatte der große Khan ſich in Quaß berauſcht und befahl, ihm die Perle uͤber allen Preis herzufuͤhren; zitternd erwiederte ſie dem Sklaven:„Sage Deinem Gebieter, ich ſey nicht geeignet vor ſeiner erhabenen Perſon zu erſcheinen, bevor ich mich im Fluße abgewaſchen habe.“ Die Sklaven brachten dem großen Khan dieſe Antwort, und er erwiederte:—„ſie ſoll ſich waſchen, wenn ſie ſo beſudelt iſt.“ Nun ward die Senfte der unvergleichlichen Choukiunna hinab zum Ufer des Stromes ge⸗ tragen; hier ſtand ſie auf einem Felſen der die Fluth uͤberhing, und fragte eine ihrer Diener⸗ innen:„wie nennſt Du dieſen Strom?“. Die Antwort war:„dieſer Strom, große Prinzeſſin, trennt das Gebiet der Tartarei von — 200— China, und wird genannt, der Strom des ſchwarzen Drachen.“) „Dann iſt die Prophezeiung erfuͤllt!“ rief die Perle uͤber allen Preis—„es iſt meine Beſtimmung— und wer vermag dem Schick⸗ ſal zu widerſtehen?“ Sie ſtreckte ihre Arme zum Himmel empor, ſtieß einen lauten Schrei uͤber ihr unſeliges Geſchick aus, und ſtuͤrzte uͤber Kopf in die ſtrudelnden Stromwaßer, unter denen ſie fuͤr immer verſchwand. Alſo war die Prophezeiung erfuͤllt. Der Bruder von Sonne und Mond hatte geheira⸗ thet— Schoͤnheit war zu den goldenen Fuͤßen niedergelegt— die Perle uͤber allen Preis war gefunden und verloren— Freude und Kummer war im Leben geweſen, und Kummer im Tode. Der ſchwarze Drachen hatte ſich als Feind des himmliſchen Reiches gezeigt— weil er die Perle über allen Preis verſchlang. Titum, titum, tilly— lilly, tilly— lilly, titum, ti. ——— — 201— Das Schnarren des mißtoͤnenden Inſtrumen⸗ tes erweckte den Paſcha, der eine ne Zeitlang feñ geſchlafen hatte. „Iſt's zum Ende, Muſtapha?“ fragte er, und rieb ſich die Augen. „Ja, Hoheit, das vorausverkuͤndete Geſchick ward getreulich erfuͤllt.“ .„Bismallah! das iſt mir lieb. Bevor er noch zehn Minuten geheult hatte, ſagte ich voraus, daß ich einſchlafen wuͤrde. Meine Beſtimmung iſt ebenfalls erfuͤllt.“ „Will Deine Hoheit das Schickſal dieſes Hun⸗ des mit zwei Schweifen vorausſagen?“ „Zwei Schweife!— das erinnert mich daran, daß wir erſt einen Zopf ihm abgewunden; Mor⸗ gen ſoll er wieder kommen, damit wir den Zweiten auch bekommen. Auf jeden Fall werden wir einen guten Schlaf machen. Gott iſt groß.“ Fir ites K4iten „Mußapha,“ ſprach der Paſcha,„ich fühle mich wie der Kalif Harun Al Raſchid, in der Geſchichte von Juſſuf die Menouni erzaͤhlte,— ich bin niedergeſchlagen— meine Seele iſt 5 truͤbt— mein Herz iſt verbrannt, wie geroͤſte⸗ tes Fleiſch.“— Muſtapha hatte Verſtand genug zu gewah⸗ ren, daß er nunmehr die Rolle des Vezir Gi⸗ affar uͤbernehmen muͤße, und erwiederte ſogleich: „hoher Paſcha! groß und mannichfaltig ſind die Sorgen fuͤr den Staat; wenn es Deinem demuͤthigen Sklaven erlaubt iſt, ſeinen Rath zu geben, ſo wirſt Du den Chineſen⸗Hund mit zwei Schweifen herrufen laßen, der bis jezt erſt eine ſeiner Geſchichten erzaͤhlt hat.“ — 203— — „Nicht alſo,“ erwiederte der Paſcha—„mir iſt ſein ewiges Titum⸗tilly zuwider, das klingt mir noch in den Ohren; was kannſt Du mir ſonſt vorſchlagen?“ „Alim Pinah! Zuflucht der Welt! will es Dir gefallen, deine Truppen ausruͤcken zu laßen, um ihre Uebungen im Djired anzuſehn! Der Mond ſteht hoch am Himmel, und es iſt ſo hell wie am Tage.“ „Nicht alſo;“ ſprach der Paſcha wieder;— ich bin des Krieges muͤde, und habe genug von Allem was dem angehoͤrt. Die Truppen ſollen ſchlafen, im Frieden.“ „Dann, hoher Paſcha;“ willſt Du Deinem Sklaven geſtatten, daß er hinſchickt einige Fla⸗ ſchen von dem Feuer⸗Waßer des Giaur zu ho⸗ len, damit wir trinken und rauchen moͤgen, bis wir uns in den lchenien Himmel erhe⸗ ben? „Nein, guter Vezir, das muß das lezte Huͤlfsmittel ſeyn; weil es durch des Propheten Geſez verboten iſt. Denke noch einmal nach; und Du muͤßteſt nicht mehr Gehirn haben, als eine Waßer⸗Melone, wenn Du mir nunmehr — 204— nicht dasjenige vorſchlaͤgſt, was mich befriedigen kann.“ 3 „Dein Sklave lebt nur um zu hoͤren, und hoͤrt nur um zu gehorchen;“ erwiederte Muſta⸗ pha—„koͤnnte es etwa meinem Gebieter ge⸗ fallen, eine Verkleidung anzulegen, und durch die Straßen von Kairo zu wandeln; der Mond ſcheint hell, die Hiaͤne ſtreift jezt nicht hier nach Raub umher, ſondern vermiſcht ihr Ge⸗ heul in weiter Ferne mit dem der Jackale.“ „Dein Antliz iſt weiß geworden, Muſtapha, und es gefaͤllt mir. Schaff die Verkleidungen herbei, dann wollen wir hinaus.z.“) 1 In ganz kurzer Zeit waren die Anzuͤge be⸗ reit, der Vezir ſorgte dafuͤr, daß ſie in Gewaͤn⸗ dern Armeniſcher Kaufleute beſtanden, weil er wußte, dem Paſcha wuͤrde ihre Aehnlichkeit mit denen gefallen, die der große Harun Al Ra⸗ ſchid getragen hatte; zwei ſchwarze Sklaven mit ihren Schwerdtern bewaffnet, folgten dem Pa⸗ ſcha und ſeinem Vezir in geringer Entfernung. Die Straßen waren ganz leer und ſie ge⸗ wahrten nichts lebendiges, als von Zeit zu Zeit einen Hund, der am Abfall nagte, die Zaͤhne wies — 205— und knurrte, wenn ſie vorbeigingen. Die Nacht verſprach gar kein Abendtheuer, und der Paſcha war in recht uͤbler Laune, als Muſtapha ein Licht durch die Spalten eines verſchloſſenen Fenſters in einer kleinen Huͤtte hervorſchimmern ſah und eine Menſchenſtimme vernahm. Er ſchaute hindurch, neben ihm ſtand der Paſcha. Nach einigen Sekunden machte der Vezir dem Paſcha Zeichen, damit er ebenfalls hindurch blicke. Dieſer war genoͤthigt, ſeinen fetten Koͤr⸗ per zu ſeiner aͤußerſten Hoͤhe auszurecken und auf den Spizen ſeiner Fuͤße zu ſtehen, um ſeine Augen bis hinauf an die Spalte der Fen⸗ ſterlade zu bringen. Das Innere der Huͤtte war ohne alles Haus⸗ geraͤthe; im Mittelpunkte der Lehmdiele ſtand eine Kiſte, welche ſowohl zum Tiſche, als auch zur Aufbewahrung ſaͤmmtlicher Habe zu dienen ſchien, denn die Waͤnde waren kahl und leer. Am Heerde, auf welchem einige Aſche gluͤhete, kauerte ein altes Weib, eine Verkoͤrperung von Alter, Armuth und Hunger. Sie waͤrmte ihre eingeſchrumpften Haͤnde uͤber der Aſche, ſtrich von Zeit zu Zeit mit einer ihrer Haͤnde uͤber — 206— den knoͤcherigen Arm, und ſagte dabei:„ja, die Zeit iſt geweſen— die Zeit iſt geweſen.“ „Was kann ſie meinen, mit ihrem: Zeit iſ geweſen?“ ſagte der Paſcha zu Muſtapha. „Das verlangt Erlaͤuterung,“ antwortete der Vezir,„ſo viel iſt gewiß, daß es etwas bedeu⸗ ten muß.“ „Du haſt wohl geſprochen, Muſtapha; laß uns anklopfen und Einlaß verlangen.“ Muſtapha pochte auf die Thuͤr der Huͤtte. „Hier iſt nichts zu ſtehlen,“ kreiſchte das alte Weib,„alſo moͤgt ihr nur weiter gehn; — doch,“ ſezte ſie in ihrem fruͤheren Tone hin⸗ zu;„die Zeit iſt geweſen— die Zeit iſt gewe⸗ ſen. 14 Der Paſcha verlangte, daß Muſtapha noch kauter klopfen ſolle. Dieſer nahm den Handgriff ſeines Dolches, und ſtieß mit dem Knopfe deßelben wiederholt auf die Thuͤr. „Ja— ja— koͤnnt's jezt wagen auf die Thuͤr zur pochen, des Sultans Pantoffeln ſte⸗ hen nicht davor,“ ſagte die alte Frau, und verfiel wiederum auf ihren Ausſpruch:„die Zeit iſt geweſen— die Zeit iſt geweſen!“ — 207— „Sultan's Pantoffeln! und Zeit iſt gewe⸗ ſen!“ rief der Paſcha aus—„was meint die alte Hexe damit? klopfe noch mehr Muſtapha.“ Dieſer erneute ſein Anpochen. 3 „Ey— klopft— klopft nur— meine Thuͤr iſt wie mein Mund— den ich oͤffne wenn's mir gefaͤllt, und den ich zuhalte wenn ich's ſo will, wie das einſt recht gut bekannt war. Die Zeit iſt geweſen— die Zeit iſt geweſen.“ „Lange haben wir hier ſchon geſtanden und gewartet— jezt bin ich's muͤde; alſo denke ich, Muſtapha, die Zeit iſt gekommen dieſe Thuͤr aufzubrechen. Mag's geſchehn!“ Muſtapha ſtemmte nun ſeinen Fuß gegen die Thuͤr, doch dieſe widerſtand. „Ich will Dir helfen,“ ſagte der Paſcha, und trat einige Schritte zuruͤck— dann ſtuͤrzten beide mit vereinter Kraft gegen die Thuͤr, dieſe flog auf, und ſie rollten zuſammen auf die Lehmdiele der Huͤtte hin. Das alte Weib ſchrie laut auf, ſprang dann ſogleich dem Paſcha auf den Leib, erfaßte ihn an der Kehle, und kreiſchte ſo laut ſie konnte:„Diebe! Moͤrder!“ MNuſtapha eilte ſeinem Herrn zu helfen, auch die beiden Neger⸗Sklaven liefen herzu, ſobald ſie das Geſchrei hoͤrten, es koſtete aber doch Muͤhe, bevor des Paſchas Kehle von den Griffen dieſer alten Jezabel erloͤſet wurde. Er war dermaßen in Zorn gerathen, daß er ſie ſeiner Wuth augenblicklich opfern wollte.„Lah⸗ net bi Scheitan! Fluch allen Teufeln!“ rief er aus—„das iſt'ne ſaubre Behandlung fuͤr enen Paſcha!“ „Weißt Du, verworfenes Jammerbild,— daß Du den Herrn des Lebens— den Paſcha ſel⸗ ber— an der Kehle erfaßt und beinahe er⸗ droßelt haſt?“ ſagte Muſtapha. V Nun,“ erwiederte die Alte ganz kaltbluͤtig —„die Zeit iſt geweſen— die Zeit iſt ge⸗ weſen.“ „Verfluchte Hexe, was meinſt Du mit Dei⸗ nem Zeit iſt geweſen?“ „SIch meine, daß die Zeit geweſen iſt, in der ich mehr als einen Paſcha habe erdroßeln laßen. Ja,“— fuhr ſie murmelnd fort, und kauerte auf dem Boden nieder—„die Zeit iſt. geweſen.“ um etwas war des Paſchas Grimm ſchon * — 209— gemaͤßigt, er ſagte:„Muſtapha, laß dieſe alte Frau ſtrenge bewachen, morgen Nachmittag wollen wir den Sinn dieſer befremdlichen Worte: die Zeit iſt geweſen, kennen. Verlaß Dich drauf, daran haͤngt'ne treffliche Geſchichte, die wollen wir erſt hoͤren— und dann nach⸗ her— Kopf herunter.“ Die lezten Worte fliſterte der Paſcha ſehr leiſe. Die alte Frau hoͤrte den Befehl an, ſe in Haft zu nehmen, und wiederholte nur:„ey, gut; die Zeit iſt geweſen.“ Die Sklaven ergriffen ſie, doch ſie ſezte ſich ſo kraͤftig mit ihren Zaͤhnen und Naͤgeln zur Wehr, daß ſie ſich genoͤthigt ſahen, ſie zu kne⸗ beln und ihr Haͤnde und Fuͤße feſtzubinden. Dann hoben ſie die Frau auf ihre Schultern und trugen ſie zum Pallaſte; der Paſcha und Muſta⸗ pha folgten, und jener war ganz entzuͤckt von dieſem Abendtheuer. Nachdem der Divan am folgenden Tage ab⸗ gehalten war gab der Paſcha Befehl ihm die alte Frau vorzufuͤhren; dieſe weigerte ſich zu gehen, viere von des Paſchas Leibwache luden ſie deshalb auf ihre Schultern, trugen ſie in * 14 8 — 210— das Audienz⸗Zimmer und legten ſie auf den Fußboden nieder. 3 „Wie darfſt Du wagen Dich gegen die er⸗ habenſten Befehle aufzulehnen?“ fragte Muſta⸗ pha ſtrenge. „Weshalb ich wage, mich zu ſtraͤuben?“ kreiſchte das alte Weib mit durchdringender Stimme—„ey! welches Recht hat der Paſcha, mich aus meiner Huͤtte fortzuſchleppen; was kann er mit ſo einer alten Frau wollen, als ich bin? Fuͤr ſeinen Harem wird er mich nicht brauchen, denk' ich?“ Bei dieſen Worten konnten der Paſcha und Muſtapha ſich des Lachens nicht erwehren; nachdem Muſtapha ſeine Ernſthaftigkeit wieder angenommen hatte, ſagte er:„Man ſollte glau⸗ ben, daß Du altes Rabenaas, gar keinen Be⸗ griff von einer Strafe haſt, die Baſtonade heißt.“ „Fehlgeſchoßen, Meiſter Vezir, ich habe ſo⸗ wohl Baſtonade als ſeidene Schnur ausge⸗ halten.“ „Seidene Schnur! Heiliger Prophet! welch 'ne alte Luͤgen⸗Hexe!“ rief der Paſcha aus. — 211— „Keine Luͤge, Paſcha, keine Luͤge!“ belferte das zornige Weib ihm entgegen.—„Wie ich geſagt habe— auch die ſeidene Schnur.— Ja, die Zeit iſt geweſen, in der ich jung war und wunderſchoͤn; und wollt ihr wißen, weshalb ich Strafe erleiden mußte?— Will's euch ſagen— weil ich meinen Mund nicht halten wollte— und meint ihr etwa, das wollte ich jezt thun, nun ich ein Stuͤck altes Rabenaas geworden bin?— Ja— ja— die Zeit iſt geweſen.“ „Nun, da iſt's Dein Gluͤck,“ erwiederte Muſtapha,„daß der Paſcha nicht von Dir verlangt den Mund zu halten; grade das Ge⸗ gentheil ſollſt Du thun, nemlich ſprechen.“ „Wißt ihr auch weshalb ich die ſeidene Schnur zugeſchickt bekam—“ kreiſchte die alte Vettel——„will's euch ſagen— weil ich nicht ſprechen wollte; und das will ich jezt auch nicht— weil ich ſehe, daß ihr wuͤnſcht ich ſollte reden.“ „Nun, es ſcheint,“ ſagte der Paſcha, der ſeine Pfeife aus dem Munde nahm—„daß die Baſtonade eben ſo mangelhaft angewandt — 212— wurde als die ſeidene Schnur. Hier in Kairo verſtehen wir dieſe Dinge beßer. Alſo hoͤre, Du alte Mutter vom Scheitan! ich will wißen was Du mit den Worten meinſt, die Du ſtets im Munde haſt, mit Deinem ewigen: die Zeit iſt geweſen.“ „Der Ausſpruch bedeutet gar viel, Paſcha, denn er bezieht ſich auf mein Leben— moͤgteſt Du die Geſchichte hoͤren?“ „Ey, freilich,“ fiel Muſtapha ein,—„alſo beginne.“ „Mußt mich dafuͤr bezahlen— die Geſchichte iſt zwanzig Goldmuͤnzen werth.“ „Nimmſt Du Dir heraus, Seiner erhabenſten Hoheit dem Paſcha, Bedingungen vorzuſchrei⸗ ben?“ rief Muſtapha aus.—„Wiße Du Mutter von Afrits und Ghouls, daß, wenn Du nicht ſogleich anhebſt, Dein Leichnam von der Mauer herab, den wilden Hunden vorge⸗ worfen werden ſoll, daß die daran riechen und ſich mit Abſcheu davon wenden.“ „Vezir,“ entgegnete die Alte,„ich habe lange genug gelebt um Niemandem zu trauen. Mein Preis beſteht in zwanzig Goldſtuͤcken, die in — 213— dieſe runzliche Hand gezaͤhlt werden muͤßen, bevor ich beginne;— werden die nicht gezaͤhlt, dann nicht ein Wort.“ Sie ſchlug ihre Ar⸗ me uͤber die Bruſt zuſammen und blickte dem Paſcha kuͤhn in's Antliz. „Gott iſt groß!“ ſprach der Paſcha,—„wir werden ſehn.“ Auf ſeinen Wink erſchien der Scharfrichter, erfaßte die wenigen greiſen Haare und hielt an dieſen den Kopf der Frau in die Hoͤhe, hob ſeinen Scimitar empor, und erwartete in die⸗ ſer Stellung das Kopfnicken, welchem der To⸗ desſtreich unmittelbar folgen ſollte. „Schlag zu, Paſcha, ſchlag'!“ kreiſchte die alte Frau hoͤhniſch—„ich werde nur ein Le⸗ ben verlieren, das mir lange ſchon zur Laſt war; Du aber verlierſt eine wunderbare Ge⸗ ſchichte, die Du gar zu gern hoͤren moͤgteſt. Schlag zu— zum lezten Male ſag ich Dir, ſchlag zu. Die Zeit iſt geweſen— vergangene Zeit kommt nicht wieder!“ „Sie ſpricht wahr, Muſtapha,“ ſagte der Paſcha—„die Geſchichte hatte ich ganz ver⸗ — 214— geßen.— Welch ein hartnaͤckiger alter Satan; — aber die Geſchichte muß ich hoͤren.“ Mit leiſer Stimme erwiederte Muſtapha: „wenn es Deiner uͤberlegenen Weisheit recht erſcheinen koͤnnte, moͤgt' es nicht gut ſeyn, der geizigen alten Hexe die zwanzig Goldmuͤnzen, die ſie verlangt, auszuzahlen?— Wenn ihre Geſchichte erzaͤhlt iſt, wird es ja leicht, ihr die Goldmuͤnzen und den Kopf von ihren Schultern zu nehmen. Auf ſolche Weiſe wuͤrden die For⸗ derungen der alten Frau, zugleich mit den An⸗ forderungen der Gerechtigkeit befriedigt.“ „Wallah Thaib! das iſt wohl geſprochen, „bei'm Allah! Deine Worte ſind wie Perlen. Zaͤhl ihr die Muͤnzen aus, Muſtapha.“ „Seiner Hoheit dem Paſcha hat es gefallen, iin Erwaͤgung der Furcht und zitternden Angſt, woomit Du vor ihm erſchienen biſt zu befehlen, daß die Summe, welche Du forderſt, Dir aus⸗ gezahlt werden ſoll;“ ſprach Muſtapha, und zog aus ſeinem Guͤrtel die Boͤrſe hervor. Der Vezir wandte ſich ſodann gegen den Scharfrichter und ſagte: Murakkas, Du biſt entlaßen;“ dieſer ließ die greiſen Haare des alten Weibes fallen und verſchwand. Muſtapha zaͤhlte die zwanzig Goldmuͤnzen auf, und ſchob dieſe der alten Frau hin; nach einigem Beſinnen, gleichſam als denke ſie, das Geld haͤtte ihr zu ihrem Size hingetragen wer⸗ den muͤßen, erhob ſie ſich und nahm es in Beſiz. Sie zaͤhlte die Muͤnzen, und gab eine derſelben zuruͤck, weil ſie von zu leichtem Ge⸗ wichte ſey. Muſtapha verzerrte ſein Geſicht, ſagte aber nichts, und vertauſchte die zu leichte Muͤnze gegen eine andere. „Bei dem Bart des Propheten!“ murmelte der Paſcha—„doch laßen wir's geſchehen!“ Die alte Frau zog ein Stuͤck ſchmuziger Lumpen hervor, wickelte darin die Goldmuͤn⸗ zen, und ſteckte ſie dann in ihr Mieder, ſtrich ihr beſudeltes Gewand hinab, und begann fol⸗ gendermaßen: „Paſcha, ich habe nicht immer in einer Huͤtte gelebt. Dieſe Augen waren nicht immer von jeher triefend und truͤbe— dieſe Haut nicht voller Runzeln und vergelbt. Nicht immer war ich mit ſolchen Sudel⸗Lumpen bedeckt— und — 216— ich habe ſonſt daz Gold, was Du mir ſo eben zugewiefen haſt, weder gebraucht noch gewuͤnſcht. — In Pallaͤſten habe ich gelebt— dort hab' ich geherrſcht.— In Goldſtoffe war ich geklei⸗ det— mit Edelſteinen bedeckt. Ueber Leben und Tod habe ich verfuͤgt— habe ganze Provinzen verſchenkt. Paſchas haben vor dem Runzeln meiner Stirne gezittert— auf meinen Befehl haben ſie die ſeidene Schnur zugeſchickt bekom⸗ men— denn ich war einmal die Favorite des großen Sultans.— Die Zeit iſt geweſen.“ „Dieſe Zeit muß wahrlich ſchon recht lange geweſen ſeyn;“ bemerkte der Paſcha. „Das iſt wahr;“ entgegnete die Alte,“ doch jezt will ich meine Abentheuer erzaͤhlen.“ —,— — 217— Geschichte der alten Fran. Ich bin in Georgien geboren, wo, wie Dei⸗ ne Hoheit weiß, die Frauen ſchoͤner geachtet werden als in irgend einem andern Lande, Zirkaßien ausgenommen; doch nach meiner Mei⸗ nung ſind die Zirkaßiſchen Frauen viel zu hoch gewachſen und uͤberhaupt in einem viel zu gro⸗ ßen Maahßſtabe gebaut, um mit uns wetteifern zu koͤnnen; auch darf ich meine Anſicht kuͤhn behaupten, denn ich habe Gelegenheit gehabt, viele hunderte der reizendſten Frauen beider Laͤnder genau zu vergleichen.. Mein Vater und meine Mutter waren zwar nicht reich, aber wohlhabend; er war Janit⸗ ſchar in des Sultans unmittelbarem Dienſte geweſen, hatte ſich dadurch ein Vermoͤgen ge⸗ ſammelt, war mit dieſem nach ſeinem Geburts⸗ 8 — 218— lande zuruͤck gekehrt, hatte ſich Land gekauft und eine Frau geheirathet. Ich beſaß nur einen Bruder, drei Jahre aͤlter als ich, einer der ſchoͤnſten Juͤnglinge im Lande. Ihn verunſtal⸗ tete nur ein kleiner ſcharlachrother Fleck am Halſe, der Geſtaltung einer Weintraube glei⸗ chend, und unſere Volkstracht erlaubte ihm nicht, dieſes Maal zu verbergen. Mein Vater beſtimmte ihn fuͤr den Dienſt des Sultans und erzog ihn zu der vollendetſten Kenntniß aller kriegeriſchen Uebungen. In ſeinem vierzehnten Jahre hatte er es ſchon ſo weit gebracht, daß ſich nur wenige im Gebrauch des Bogens und im Werfen des Djired mit ihm meßen konnten; dabei war er vollkommener Reiter. Was mich betrifft, ſo war ich gewiß fuͤr des Sultans Serail beſtimmt, denn als Kind war ich ſchoͤn wie eine Houri. Mein Vater war der Mann nicht, der ſich ein Gewißen daraus ge⸗ macht haͤtte, ſeine Kinder gegen Geld weg zu geben, vorausgeſezt, daß er ſeinen Preis fuͤr ſie erlangte. Man hielt mich fuͤr das reizendſte Maͤdchen im Lande und ich glaube auch, ich war das wirklich; mit der groͤßten Sorgfals — 219— wurde alles vermieden, wodurch meine Haut⸗ farbe und Schoͤnheit haͤtte leiden koͤnnen, haͤus⸗ liche Arbeit durfte ich gar nicht verrichten; es wurde mir nicht geſtattet meiner Mutter zu helfen, dieſe vielmehr mußte auf Befehl meines Vaters mich bedienen. Jeglicher meiner Launen konnte ich mich uͤberlaßen, und ich wuchs her⸗ an eben ſo ſelbſtſuͤchtig und eigenſinnig, als ich ſchoͤn war.— Laͤchle nicht, Paſcha,— die Zeit iſt geweſen. Ich mogte etwa vierzehn Jahre alt ſeyn und ſaß eines Tages unter dem Vordache, als ein zahlreicher Trupp tuͤrkiſcher Reiter ploͤzlich aus einem nahe bei unſerm Hauſe gelegenen Walde hervorſprengte und dieſes umzingelte. Unbe⸗ zweifelt kamen dieſe Reiter um mich, denn ſie nannten meinen Namen und drohten das Haus nieder zu brennen, wenn ich ihnen nicht auf der Stelle ausgeliefert wuͤrde. Unſer Haus, un⸗ fern der Landesgraͤnze gelegen— war zur Ver⸗ theidigung eingerichtet und mein Vater, der auf die Huͤlfe ſeiner Nachbaren rechnete, wei⸗ gerte die Erfuͤllung ihres Verlangens. Der An⸗ griff geſchah; mein Vater, meine Mutter nebſt — 220— allem Hausgeſinde wurden erſchlagen, mein Bruder ſchwer verwundet, das Haus gepluͤn⸗ dert und bis auf die aͤußern Mauern nieder gebrannt. Ich war Gefangene, ſo wie mein Bruder auch. So ſchwer dieſer auch verwundet war, wurde er doch auf ein Pferd feſtgebun⸗ den, ich auf ein anderes, und in wenigen Stunden hatte die Raͤuberſchaar die Graͤnze erreicht. Ein junger Mann, ſchoͤn wie ein Engel, war der Anfuͤhrer dieſer Krieger, und bald ge⸗ wahrte ich, daß alle ſeine Gedanken und ſeine aufmerkende Vorſorge mir zugerichtet waren. Wenn wir Halt machten, beobachtete er mich mit der aͤußerſten Sorgfalt, verſchaffte mir jegliche Behaglichkeit und verließ meine Naͤhe faſt gar nicht. Aus den Geſpraͤchen der Rei⸗ terleute erfuhr ich, daß er der einzige Sohn des Großvezir von Stambul ſey. Er hatte von meiner Schoͤnheit gehoͤrt, hatte mich geſehn, und meinem Vater eine große Summe Geldes fuͤr mich geboten, dieſer aber hatte ſie ausge⸗ ſchlagen, weil ſein Ehrgeiz wollte, daß ich dem Sultan angehoͤren ſolle— die Folge davon — — — 221— war dieſe gewaltſame Entfuͤhrung. Den ſchd⸗ nen Juͤngling haͤtte ich lieben koͤnnen, wie⸗ wohl er mir Vater und Mutter erſchlagen hat⸗ te, doch der Gedanke, von ihm mit Gewalt genommen zu ſeyn, gab meinem Herzen Kraft, ich that das Geluͤbde, ſeine Bewerbungen nicht anzuhoͤren, obwohl ich ſo ganz in ſeiner Macht war. Waͤhrend der ganzen Zeit, die ich in ſei⸗ nem Beſize geweſen war, hatte ich noch kein Wort geſprochen und nun kam ich auf den Ein⸗ fall, mich ſtumm zu ſtellen. In drei Wochen erreichten wir Conſtantino⸗ pel. Seitdem wir aufgebrochen waren, hatte ich meinen Bruder nicht wieder geſehen; ſeine Wunde war zu tief, um ihm zu geſtatten, eben ſo ſchnell zu reiſen, und erſt nach man⸗ chen Jahren erfuhr ich, was aus ihm gewor⸗ den war. Ich ward nach Osman Ali's Hauſe gefuͤhrt und man geſtattete mir einige Tage Ruhe, um mich von den Beſchwerden der Reiſe zu erholen; ſpaͤter ſollte ich— weil ich noch Kind war— Unterricht in Muſik, Tanz, Sin⸗ gen und andern Vollkommenheiten nehmen, die man fuͤr Damen im Harem unerlaͤglich achtete. — 222— — Ich aber beharrte feſt bei meinem Ent⸗ ſchluße; jeder Verſuch mich zum Sprechen zu bringen war vergeblich, ſogar Schlaͤge, fol⸗ terndes Kneipen und andere angewandte Mit⸗ tel fruchteten nichts; ich ließ mich von meinem Starrſinne nicht abbringen; endlich vermuthe⸗ ten ſie ich ſey entweder ſtumm geboren— oder habe bei dem Angriffe und bei dem Erſchlagen meiner Familie vor Angſt die Sprache verlo⸗ ren.— Achtzehn Monate habe ich im Harem von Osman Ali zugebracht, n jemals ein Wort zu reden. „Maſchallah! das iſt wunderbar!“ rief der Paſcha aus—„ein Weib, das achtzehn Mo⸗ nate den Mund nicht aufthut!— Wer ſoll das glauben?“ „Gar nicht wunderbar,“ erwiederte die Alte —„wenn Du bedenkſt, daß man verlangte, ich ſolle ſprechen.“ Einmal, aber auch nur dies eine Mal, war ich nahe daran, mein Geluͤbde zu brechen. Zwei — 223— der erſten Favoritinnen ſprachen in meiner Ge⸗ genwart von mir. „Ich begreife gar nicht,“ ſagte die eine, „was Ali an dieſem kleinen Affendinge gewahrt, um ſo vergafft in ſie zu ſeyn.— Sie iſt recht garſtig— ihr Mund iſt groß— ihre Zaͤhne ſind gelb— und ihre Augen ſind nicht nur ohne Ausdruck, ſondern noch dazu ſchielend. Ihre eine Schulter iſt hoͤher als die andere, und was das Schlimmſte iſt, als Taubſtumme kann ſie nur tanzen erlernen, wobei ſie nichts zeigt als ihre haͤßlichen breiten Fuͤße.“ „Ganz wahr,“ entgegnete die andere— „waͤre ich Ali, ſo wuͤrde ich ſie als gemeine Sklavin gebrauchen; ſie taugt zu nichts an⸗ derm, als Fußteppiche aufzurollen und auszu⸗ klopfen— Reis zu kochen— und unſern Kaffe zu machen. Ein bischen Pantoffelholz auf ih⸗ ren Mund wuͤrde ſie bald zum Gehorſam bringen.“ Ich muß geſtehen, daß ich nahe daran war, meinen Entſchluß aufzugeben, damit ich nur meine Rache an ihnen uͤben koͤnnte; waͤre die Thuͤre nicht ploͤzlich geoffnet worden, ich wuͤrde — 224— ihnen bewieſen haben, daß ich recht gut ſpre⸗ chen koͤnne, denn gewiß haͤtte ich nicht eher ge⸗ ſchwiegen, als bis dieſe Beiden in Saͤcke ge⸗ naͤht und in den Bosphorus geworfen waͤren. — Inzwiſchen bezwang ich mich, wiewohl mei⸗ ne Wangen vor innerer Wuth ergluͤheten und ich mehr als einmal die Hand an meinen mit Juwelen geſchmuͤckten Dolch legte. Oft beſuchte mich Osman Ali, verſuchte aber vergebens mich zum Sprechen zu bringen; ein gellender Gurgelton war alles, was ich hervor⸗ bringen wollte, mogte es ſeyn um Schmerz oder um Vergnüͤgen auszudruͤcken.— Nachdem er ſich endlich uͤberzeugt hielt, daß ich wirklich ſtumm ſey, vertauſchte er mich an einen Skla⸗ venhaͤndler gegen eine reizende Zirkaßerinn. Dieſem eroͤffnete er meine vermeintliche Man⸗ gelhaftigkeit nicht, ſondern gab als die Urſache an, weshalb er mich abſchaffen wolle, daß ich zu jung ſey und Unterricht beduͤrfe. Sobald der Handel geſchloßen war und der Kaufmann das Geld empfangen hatte, welches Ali herge⸗ ben mußte, um den Tauſch zu bewerkſtelligen, nahm man mir meine Kleider und Koſtharkeiten, 225— ſezte mich in eine Senfte und ließ mich zum Hauſe des Sklavenhaͤndlers tragen. Deine Ho⸗ heit kann ſich leicht vorſtellen, daß ich nicht wenig ermuͤdet davon war, ein und ein halbes Jahr hindurch den Mund zu halten.— „Bei dem Barte des Propheten!— was den Punkt anbetrifft, kann man Dir glauben, gute Frau;— Du darfſt fortfahren.“— „Ja— ja— ich darf fortfahren. Ihr Maͤn⸗ ner glaubt, daß Frauen keinen feſten Entſchluß haben, ja nicht einmal Seelen— ſey dem ſo — was ihr bei eurem eigenen Geſchlechte durch den Namen Beharrlichkeit ehrt, nennt ihr bei dem unſrigen Widerſpenſtigkeit.— Sey dem ſo, die Zeit iſt geweſen.“ Kaum ſaß ich in der Senfte, als ich auch meiner Zunge freien Lauf ließ und den Frauen, denen befohlen war, mich zu der Thuͤr des Harems zu fuͤhren, zurief:„ azt Osman Ali, daß ich ſprechen kann, ſeitdem ich nicht laͤnger ſeine Sklavin bin.“ Dann zog ich die Vorhaͤn⸗ ge zu und ward fortgetragen. Sobald ich bei III. 15 — 2265— dem Sklavenhaͤndler ankam, erzaͤhlte ich dem was geſchehen war und gab ihm die Urſache an, weshalb Ali mich entfernte. Er war hoͤch⸗ lich erſtaunt, freute ſich uͤber den geſchloßenen guten Handel und lachte herzlich bei meiner Erzaͤhlung. Dann ſagte er mir, daß er mich fuͤr den Serail des Sultans beſtimme— ſchmei⸗ chelte mir durch ſeine Verſicherung, daß ich unfehlbar die Favorite werden muͤße und rieth mir, den Unterricht ja zu benuzen, den er mir ertheilen laßen wolle. Osman Ali, dem die Frauen hinterbracht hatten, was ſie anhoͤren mußten, gerieth in Zorn und begab ſich zu dem Sklavenhaͤndler, um mich zuruͤck zu bekommen; dieſer aber er⸗ oͤffnete ihm, daß des Sultans Kislar Aga mich geſehen und ſogleich Befehl gegeben habe, mich fuͤr den kaiſerlichen Serail aufzubewahren; durch dieſe faͤlſchliche Angabe ſchuͤzte er ſich nicht nur gegen Ali's ferneres Dringen, ſondern nh gegen deßen Rache. Ich befolgte den Rath meines Herrn, und erlernte in etwas mehr als einem Jahre Mu⸗ ſik und andere Kuͤnſte; auch lernte ich ſchrei⸗ Aℳ 227— ben und leſen, und konnte die meiſten Verſe des Hafiz und anderer geprieſenen Dichter her⸗ ſagen. In meinem ſiebenzehnten Jahre ward ich dem Kislar Aga als ein Wunder von Schoͤnheit und Talenten angeboten. Er kam mich zu ſehen und ſtaunte; er gewahrte auf den erſten Blick, ich wuͤrde ſogleich die erſte Favo⸗ ritin werden; nachdem er meinen Geſang und mein Saitenſpiel gehoͤrt hatte, erkundigte er ſich nach dem Preiſe, der ungeheuer war. Er bezeichnete mich dem Sultan und ſagte, daß er noch niemals eine ſolche Vollkommenheit er⸗ blickt haͤtte, dann nannte er ihm den uͤbertree⸗ benen Preis, welchen der Sklavenhaͤndler fuͤr mich forderte. Der Sultan, dem in der lezten Zeit die Bewohnerennen ſeines Harems wenige Theilnahme eingefloͤßt hatten und die Neuheit liebte, befahl die Summe zu zahlen und in einer kaiſerlichen Senfte ward ich zum Serail getragen. 4 E frig hatte ich gewuͤnſcht, daß der Sultan mich kaufen moͤge; meinen Stolz empoͤrte der Gedanke, daß ich Sk.avin ſeyn ſolle, und war dies nun einmal unabaͤnderlich, ſo wollte ich — 223— zum wenigſten des Sultans Sklavin ſeyn.— Ich erfreute mich im Voraus an dem Gedan⸗ ken, daß ich ihn mir bald unterwerfen wuͤrde, und daß die Sklavin ihren Herrn behe rſchen werde— der zugleich Herr und Gebieter uͤber Leben und Tod, uͤber Ehre und Ungnade von Millionen war. Ich hatte mir lange ſchon aus⸗ gedacht, wie ich mich benehmen wolle; die Dichter, welche ich geleſen hatte, gaben mir vortreffliche Lehren. Ueberzeugt, daß ein wenig Eigenſinn, eben ſeiner Neuheit wegen, den Mann an ſicherſten feßeln wuͤrde, der an lei⸗ dende und langweilende Unterwuͤrfigkeit gewohnt war, geſtattete ich meinem natuͤrlichen Hange ganz freien Spielraum. Am zweiten Tage nach meiner Ankunft mel⸗ dete mir der Kislar Aga, daß der Sultan die Abſicht habe mich mit ſeinem Beſuche zu be⸗ ehren und daß die Baͤder und Anzuͤge in Be⸗ reitſchaft waͤren. Darauf erwiederte ich ihm, ich haͤtte Morgens gebadet und es ſey nicht meine Abſicht noch einmal zu baden;— was die Anzuͤge und Edelſteine betraͤfe, ſo beduͤrfte ich deren nicht, waͤre aber bereit meinen Ge⸗ — 229 bieter, den Sultan zu empfangen, wenn es ihm gefiele zu mir zu kommen.— Der Kislar Aga ſperrte, erſtaunt uͤber meine kecke Anma⸗ ßung die Augen auf, weil er aber nichtwagen wollte Gewalt gegen dieienige anzuwenden, die nach ſeiner Anſicht Favoritin werden muͤße, ſo kehrte er zum Sultan zuruͤck und berichtete, was geſchehen war.— So wie ich es erwartet hatte, beluſtigte den Sultan die Neuheit der Sache mehr, als ihn der Mangel an Ehrfurcht beleidigte. „Mag's ſeyn,“ ſagte er—„dieſe Georgic⸗ rin muß eine gute Meinung von ihren eigenen Reizen haben.“ Am Abend erſchien der Sultan und ich warf mich ihm zu Fuͤßen, weil ich nicht mit einem Male zu weit gehen wollte. Er hob mich em⸗ por und ſchien entzuͤckt. „Du hatteſt ganz recht, Zara,“ ſagte er mir —„der Glanz Deiner Schoͤnheit konnte nicht durch Juwelen oder Gewaͤnder erhoͤhet werden.“ „Verzeihe mir, huldreicher Gebieter,“ ant⸗ wortete ich,„aber ſoll Deine Sklavin Dir ge⸗ fallen, ſo laß das durch ihre natuͤrliche Reize — 230— allein geſchehen. Wenn mir das Gluͤck wider⸗ fährt, Deine Gunſt laͤnger zu bewahren— dann laß mich ausſchmuͤcken mit den Edelge⸗ ſteinen, welche die von ihrem Gebieter Er⸗ waͤhlte zieren ſollen— doch ſo lange ich noch Bewerberin um dieſe Gunſt bin, habe ich ſie zuruͤck gewieſen, denn wer weiß, ob ich nicht ſchon nach wenigen Tagen um eine Andere ver⸗ laßen werden mag, die Deines Vorzuges wuͤr⸗ diger iſt?“ Dem Sultan gefiel meine Entſchuldigung und mir gefiel er ganz ungemein. Er war da⸗ mals vierzig Jahre alt, ſehr gefallend und ſchoͤn gebaut; doch gewaͤhrte es mir noch viel mehr Zufriedenheit zu finden, daß meine Unterhal⸗ tung ihn ſehr beluſtigte; er blieb noch mehre Stunden nach dem Zeitpunkte, in welchem er ſich gewoͤhnlich zuruͤckzuziehn pflegte. Dieſer Umſtand ſchien einen Einfluß zu verſprechen, der koͤrperliche Reize uͤberdauern konnte.— Doch, um Deine Hoheit nicht zu ermuͤden, will ich nur mit einem Male ſagen, daß der Sultan in ganz kurzer Zeit nur an mich dach⸗ te.— Nicht nur meine perſoͤnliche Schoͤnheit, — 231— ſondern der unerſchoͤpfliche Wechſel meines We⸗ ſens, das ganz natuͤrlich erſchien, wiewohl meb⸗ rentheils vor des Sultans Beſuchen ſchon der Plan dazu entworfen und durchdacht war,— gewannen ſo voͤllige Gewalt uͤber ihn, daß, weit davon entfernt, meiner uͤberdruͤßig zu wer⸗ den, ich vielmehr ſagen darf, ſeine Liebe zu mir nahm mit jedem Tage zu. „Nun, das mag alles wahr ſeyn,“ bemerkte der Paſcha und betrachtete das gerun⸗ zelte, Abſcheu erregende Weſen vor ihm.„Was ſagſt Du dazu, Muſtapha?“— „Paſcha, noch kennen wir ihre Geſchichte nicht! Wie mein Vater mir geſagt hat, war die Mutter Deines Sklaven einmal ungemein reizend. Noch jezt lebt ſie in unſerm Harem und puh!“ ſprach Muſtapha ausſpuckend, als floͤße ſie ihm Abſcheu ein. „Richtig, guter Vezir— ganz richtig— und bedenke Paſcha, was ich geſagt habe: die Zeit iſt geweſen.“ 1 Der Paſcha nickte mit dem Kopfe und die Alte fuhr fort. Als ich der Liebe des Sultans gewiß war, erlaubte ich mir groͤßere Freiheiten— nicht gegen ihn, aber gegen alle Andere; denn ich wußte wohl, daß er uͤber neckiſche Streiche, die ich ſeinen Untergebenen ſpielte, lachen koͤnn⸗ te, daß aber ein Mangel an Ehrfurcht gegen ihn ſelber ihm vielleicht minder geſallen moͤgte; ſo machte ich denn die Bewohnerinnen des Harems zu Gegenſtaͤnden meiner Launen und meines Eigenſinnes. Ich enthielt mich durchaus, ihm die Auf⸗ merkſamkeiten gegen andere Frauen ſeines Ha⸗ rems wehren zu wollen, im Gegentheile em⸗ pfahl ich ſie ihm, und verſammelte ſie in mei⸗ nen Gemaͤchern, wenn ich wußte, daß er mich beſuchen und mich allein zu finden wuͤnſchen wuͤrde.— Uebrigens wußte ich es immer ſo einzuleiten, daß alle Monate ein kleiner Zank ausbrechen mußte, weil der die Leidenſchaft neu belebte. Kurz, der Sultan wurde, ganz wie ich es beabſichtigt hatte, ſo durchaus in mich verliebt, daß er eigentlich mein Sklave war; ich aber empfand zu gleicher Zeit gluͤhende Liebe fuͤr ihn. Meine Allgewalt war bekannt —— — 233— genug. Unzaͤhlige Geſchenke wurden mir von Perſonen gemacht, die meine Verwendung wuͤnſchten,— doch bewahrte ich die nicht, ſondern ſchickte ſie jedesmal dem Sultan als. Erwiederung fuͤr Geſchenke, die er mir unauf⸗ hoͤrlich machte. Dieſe ſcheinbare Gleichguͤltigkeit gegen Schaͤze, welche die Weiber in der Regel nur zu ſehr lieben, erhoͤhte noch des Sultans Achtung. „Bei dem heiligen Propheten!“ rief der Pa⸗ ſcha aus—„Du haſt ſo eben erſt Deinen Golddurſt hinreichend gezeigt.“ „Die Zeit iſt geweſen,“ erwiederte der Alte —„ich rede nicht von der Gegenwart.“ Zwei Jahre verbrachte ich ein gluͤckliches Le⸗ ben; aber ſo ſehnlich der Sultan wuͤnſchte und ich ſelber mit der moͤglichſten Sehnſucht darauf hoffte, ihm einen Erben zu ſchenken, ward mir dieſe Gluͤckſeligkeit doch verweigert, und dieſer Umſtand war gewißermaßen die Urſache meines Verderbens. Die Kaiſerin Mutter und der Kis⸗ lar Aga, die ich Beide beleidigt hatte, waren — 2344— unermuͤdlich in ihren Verſuchen, meine Ge⸗ walt zu untergraben. Der ganze Erdboden ward, wie ich wohl ſagen darf, durchſucht, um eine Neuheit in den Serail einzufuͤhren, deren Schoͤnheit und Anmuth den Sultan meinen Armen entreißen koͤnnte. Anſtatt Gegenanſtalten zu treffen, wie ich das leicht gekonnt haͤtte, ergoͤzten mich vielmehr ihre fruchtloſen Beſtre⸗ bungen. Haͤtte ich des Einen Wollen⸗Kopf ge⸗ fordert und die Andere vergiftet, ſo haͤtte ich weiſe gehandelt.— Ich wuͤnſchte nur, ich haͤtte ſie jezt in meiner Gewalt— aber ich war eine Naͤrrin— die Sache iſt nicht mehr zu aͤndern — aber, die Zeit iſt geweſen. Des Sultans herrſchende Leidenſchaft war, wie bei den meiſten Maͤnnern— Eitelkeit; ei⸗ ne Krankheit, die ſich in tauſend abweichenden Erſcheinungen kenntlich macht. Ganz beſonders ſtolz war er auf ſeine Perſon, und das mit Recht, denn ſie war makellos, bis auf eine ganz kleine Ausnahme; ich hatte nemlich ent⸗ deckt, daß er unter dem linken Arme einen Auswuchs von der Groͤße eines Tauben⸗Eyes hatte. Niemals hatte ich ihm merken laßen, 1 — ————— — — 235— daß mir dieſer Umſtand bekannt war; doch es ereignete ſich ein Umſtand, der mich verdroß und uͤber den ich meine Zuruͤckhaltung vergaß. Dem Kislar Aga war es zulezt gelungen, eine Zirkaßiſche Sklavin aufzufinden, von wel⸗ cher er Erfolg erwartete. Sie war ungemein reizend, ich aber hatte den Sultan bereits mehr als zwei Jahte beſchaͤftigt. Maͤnner ſind unbe⸗ ſtaͤndig; ich erwartete auch gar nichts anders. Was ich verlangte war Herrſchaft uͤber des Sultans Gemuͤth;— ſeine Aufmerkſamkeiten gegen andere Frauen kuͤmmerten mich wenig. Ich glaubte, es wuͤrde mir mit dem Sultan ſo gelingen, wie mit einem gezaͤhmten Vogel, der ſeinem Kaͤſicht entflattert und nach kurzem Umherſtreifen freudig zuruͤckkehrt, um ſich wie⸗ der auf ſeine Stange zu ſezen. Deshalb ermuͤ⸗ dete ich ihn niemals durch Thraͤnen oder Vor⸗ wuͤrfe, ſondern gewann ihn durch heitere Laune zuruͤck. Ich erwartete, daß dieſes neue Geſicht ihn fuͤr kurze Zeit von mir entfernen wuͤrde; in vierzehn Tagen betrat er mein Gemach gar nicht. So lange Zeit war er nie weggeblieben und ich wurde beſorgt. — 233— Als er mich eines Morgens beſuchte, bat ich ihn am Abend mit mir zu ſpeiſen. Er bewilligte das und ich lud drei bis vier der ſchoͤnſten Frauen des Serail, ſo wie auch diejenige ein, welche der Gegenſtand ſeiner jezigen Huldigun⸗ gen war. Dies duͤnkte mich klug, weil ich ihm dadurch beweiſen wuͤrde, daß ich nicht unge⸗ halten ſey, auch hoffte ich die Zirkaßierin ſol e uͤbertroffen werden, wenn ſie in Geſellſchaft Anderer, eben ſo reizender Frauen erſchiene, die eben aus ihrer Vernachlaͤßigung einen Reiz der Neuheit wieder annehmen koͤnnten. Die Zirkaßerin war ohne alle Widerrede ungemein reizend, aber ohne Eitelkeit darf ich ſagen, ſie konnte mir nicht verglichen werden; den Vor⸗ zug der Neuheit beſaß ſie— aber mehr nicht wie ich hoffte, denn ich erkannte, welche ge⸗ faͤhrliche Nebenbuhlerin ſie ſeyn muͤße, wenn ihr Verſtand und ihre Talente ihrer Schoͤnheit gleich kaͤmen. Der Sultan erſchien und ich bemuͤhete mich zu gefallen, doch ward mir die Kraͤnkung, mich vernachlaͤßigt zu ſehen; alle ſeine Aufmerkſam⸗ keiten, alle ſeine Gedanken waren nur meiner . — 237— Nebenbuhlerin zugerichtet, die ihre Rolle be⸗ wundernswerth ſpielte, ihm die tiefſte Ehrfurcht, die kriechendſte Vergoͤtterung zeigte, welche ich ihm zu zollen verweigert hatte und auf die er, wahrſcheinlich weil es ihm bei einer Favorite neu war, deſto groͤßern Werth zu legen ſchien. Zulezt wurde ich mit ſo ausgeſprochener Belei⸗ digung behandelt, daß ich die Geduld verlor und den Entſchluß faßte, auch der Suttan ſolle aufgebracht werden. Ich uͤberreichte ihm einen kleinen Apfel und ſprach dabei: „Will mein Gebieter dieſen Apfel aus der Hand ſeiner Sklavin annehmen?— Iſt er nicht ſeltſam geſtaltet?— Er erinnert mich an den Knoten unter Euer Majeſtaͤt linkem Arm.“ Der Sultan wechſelte die Farbe und ſchien erboßt. Lachend fuhr ich fort:„ja, ja— Sultan, Du haſt einen Knoten, Du weißt's recht gut.“ „Schweig, Zara!“ ilef der Sultan gebie⸗ teriſch. „Weshalb ſollte ich, ſchweigen, mein hoher Herr? Habe ich nicht die Wahrheit geſpro⸗ chen?“— 3 — 238— „Falſches Weib! Laͤugne auf der Stelle ab, 4 was Du luͤgenhaft geſagt haſt.“ „Sultan, die Wahrheit will ich nicht ver⸗ laͤugnen.— Doch will ich ſchweigen, wenn Du mir's befiehlſt.“ „Deine Sklavin iſt durch ihres Herrn Auf⸗ merkſamkeit beehrt und erklaͤrt jene Behaup⸗ tung fuͤr eine Verlaͤumdung,“ bemerkte die Zirkaßierin. „Schweig Elende!“ rief ich, mit t Drner Luͤgenzunge haſt Du den Beweis gegeben, dar Du der Ehre unwuͤrdig biſt“ „Ich ſage Dir, Zara, ſchweig' o ſollſt meinen Zorn empfinden;“ ſprac 3 Sultan. Doch jezt war ich in zu heftiger Wallung und erwiederte ihm:„Du weißt, mein Gebie⸗ ter, daß ich einmal achtzehn Monate den Mund nicht oͤffnete; ich kann alſo ſchweigen, wenn es mir gefaͤllt; aber ich kann anch ſprechen, wenn's mir gefaͤllt— und das gefaͤllt mir jezt. d Ich habe das einmal geſagt und will meine Worte nicht zuruͤck nehmen.“ Der Sultan erbleichte vor Wuth; mein Le⸗ — 239— ben hing an einem Faden; da ſprach die bos⸗ hafte Zirkaßierin:„die Baſtonade koͤnnte ſie vielleicht zum Zuruͤcknehmen bewegen.“ „Und ſoll's auch,“ rief der Sultan und klatſchte in ſeine Haͤnde. Auf dieſes Zeichen erſchien der Kislar Aga; der Scharfrichter des Harems und zwei Skla⸗ ven legten mich auf den Boden nieder— ich ſperrte mich nicht, ich klagte nicht; meine mit Perlen und Edelſteinen beſezten Pantoffeln wur⸗ den mir abgezogen und alles war bereit zu der entehrenden Zuͤchtigung. „Jezt Zara, willſt Du Dein Wort zuruͤck nehmen?“ fragte der Sultan feierlich. „Nein, mein Gebieter, das will ich nicht; ich wiederhole, daß Du einen A luswuchs unter dem linken Arme haſt.“ „Schlagt,“ rief der Sultan im raſenden Zornanfalle. Die Bambusſtaͤbe fielen und ich empfing zehn oder zwoͤlf Schlaͤge, die ich ohne Schrei aushielt— mein gekraͤnktes Gefuͤhl wollte ſich dadurch nicht Luft machen. — 240— „Willſt Du jezt zuruͤcknehmen, Zara?“ fragte der Sultan in viel milderem Tone. „Nimmermehr, Sultan!— ich will Dir be⸗ weiſen, daß eine Frau mehr Muth beſizt, als Du Dir einbilden magſt; wenn ich waͤhrend dieſer Zuͤchtigung den Geiſt aufgebe, ſo ſoll meine Nebenbuhlerin dennoch nicht die Freude haben, nur einen Seufzer von mir zu hoͤren. Du verlangſt, ich ſoll mein Wort zuruͤck nehh men;— ich will nicht von der Watrh it abe weichen. Du haſt, und Du weißt's, daß Du ihn haſt, eben ſo gut als die kriechende Spei⸗ chelleckerin an Deiner Seite es weiß: einen Auswuchs unter Deinem linken Arme“ Ich war durch den Schmerz entkraͤftet, mei⸗ „Fortgefahtt Nachdem ich dee te, fiel ich vor Schmerz in Unmacht und der Sultan befahl aufzuhoͤren. „Ich hoffe, Zara, Du biſt fuͤr Deinen Un⸗ gehorſam hinreichend gezuͤchtigt.“ Doch ich hoͤrte ihn nicht, und als der Sul⸗ tan mich anblickte, weil er keine Antwort be⸗ — 241— kam— erweichte ſein Herz. Jezt fuͤhlte er, wie tyranniſch, wie grauſam er mich behandelt hatte. Die Zirkaßierin trat zu ihm, mit don⸗ nernder Stimme gebot er ihr fortzugehen; die andern Frauen mußten mich alsdann losbin⸗ den, auf den Sopha heben und Staͤrkungs⸗ mittel herbei holen. Als ich wieder zur Beſin⸗ nung kam, fand ich mich allein mit dem Sultan. „O! Zara!“ ſagte er mit thraͤnenden Augen —„weshalb haſt Du mich dazu gebracht— wie konnteſt Du ſo ſtarrkoͤpfig ſeyn?“ „2 kein Gebieter,“ antwortete ich mit ſchwa⸗ cher Simme—„verlaß Deine Sklavin und geh' zu denen, die ihre Zungen zum Luͤgen zu gebrauchen wißen. Nie habe ich Dich getaͤuſcht, wenn ich Dir auch mißfalletn h ab und wahr habe ich Dich gelie zgt. Nun Du aus Erfahrung weißt, was ich zu erdulden vermag — ehe ich es uͤber mich gewinnen konnte etwas Unwahres zu ſagen— muͤßteſt Du mir glau⸗ ben. Nimm mein Leben hin, hoher Herr, und ich will Dich ſegnen; denn Dich habe ich ver⸗ III. 16 — 242— loren und mit Dir verliere ich mehr als mein Leben.“ „ So iſt's nicht, Zara,“ erwiederte der Sul⸗ tan—„ich liebe Dich mehr als je.“ „Das hoͤre ich mit Freuden, mein Gebieter — wiewohl mir es nun nicht mehr helfen kann. Ich bin nicht laͤnger die Deinige und will das nie wieder ſeyn— denn ich bin unfaͤhig dazu; mein Koͤrper iſt verunehrt durch das Anfaßen Ethiopiſcher Sklaven— ich bin verunreinigt durch die Perſon des Scharfrichters— ich bin entwuͤrdigt durch eine Zuͤchtigung, die nur Ver⸗ brecher erhalten. Erzeige mir als lezten Beweis Deiner Liebe und Guͤte die Gunſt, mir ein Le⸗ ben zu nehmen, das jezt nur eine Buͤrde fuͤr mich iſt.“ So arger Despot der Sultan auch war, wurde er dadurch doch geruͤhrt und fuͤhlte ſich zerknirſcht daruͤber, daß er ſich durch ſeinen Zorn hatte hinreißen laßen; ſeine leidenſchaftli⸗ che Zaͤrtlichkeit fuͤr mich erfuͤllte ihn wieder. Er flehete um meine Verzeihung, vergoß Thraͤnen, kuͤßte meine angeſchwollenen Fuͤße, und demu⸗ thigte ſich ſo ſehr, daß mein Herz gewonnen — 243— wurde— denn immer noch liebte ich ihn recht innig. „Zara,“ rief er zulezt aus—„willſt Du mir nicht verzeihen?“ „Habe ich Dir jemals Eiferſucht gezeigt, mein Gebieter?“ ſagte ich—„wahre Liebe iſt uͤber Eiferſucht erhaben.— An dieſem Abende noch hatte ich, wiewohl in der lezten Zeit vernach⸗ lͤßigt— um Dir Vergnuͤgen zu machen, Dei⸗ ne neue Favorite eingeladen.— Zum Lohne dafuͤr ward ich groͤblich durch Hintenanſezung beleidigt und durch die geflißentlichen Aufmerk⸗ ſamkeiten, die Du ihr bewieſeſt. Dadurch ward ich gereizt und ich raͤchte mich dafuͤr— denn ich bin nur ein Weib. Ich fehlte darin— doch nachdem ich einmal die Wahrheit geſagt hatte, war es recht von mir, mein Wort nicht zuruͤck⸗ nehmen zu wollen. Nun Du mich entehrt haſt — nun Du mich Deiner unwuͤrdig machteſt— bitteſt Du mich Dir zu verzeihen!“ „Und auf's neue erflehe ich das von Dir, geliebte Zara!“ „Hier ſind meine Juwelen, hoher Herr.— Ich beſize nichts anders als was ich von Dir — 244— erhielt und was ich als Geſchenk von Dir ehrte⸗ Dein Schazmeiſter weiß das.— Nimm meine Juwelen, Gebieter, ſchenke ſie ihr, ſie wird dadurch in Deinen Augen noch ſchoͤner werden — mir ſind Edelgeſteine nichts mehr werth.— Geh' zu ihr, in wenigen Tagen wirſt Du ver⸗ geßen haben, daß es jemals ein ſolches Weſen gab, als die ungluͤckliche, verſchmaͤhete, ent⸗ wuͤrdigte— der Schande verfallene Zara iſt.“ Ich brach in Thraͤnen aus, denn ſo grau⸗ ſam er mich auch behandelt hatte, machte der Gedanke einer Trennung von ihm, mich doch hoͤchſt elend;— was wird eine Frau dem Manne nicht verzeihen, der ihre Gunſt und Liebe erlangt hat? „Was kann ich thun, um Dir meine Reue zu beweiſen,“ ſchluchzte der Sultan—„ſag' es mir Zara. Ich habe Verzeihung von Dir er⸗ flehet, was ſoll ich mehr noch?“ Shur vom An⸗ „Moͤge mein Gebieter jede denken an meine entwuͤrdigende Schmach ver⸗ tilgen.— Ward ich nicht von zwei niedrigen Sklaven geſchlagen, die das in der Stadt aus⸗ plaudern werden? Hat mich der Scharfrichter — 45— nicht feſt gehalten, ſind nicht durch ſein An⸗ taſten dieſe Arme verunreinigt, die den Herrn der Welt, und nie einen andern, umſchmiegt haben?“ Der Sultan klatſchte in die Haͤnde und der Kislar Aga erſchien.—„Schnell,“ rief jener, „die Koͤpfe der Sklaven und des Scharfrich⸗ ters, die hier zuͤchtigten.“ Nach einer Minute erſchien der Kislar Aga wieder, er ſah wie die Sachen ſtanden und zitterte fuͤr den eigenen Kopf.— Er zeigte, ei⸗ nen nach dem andern, die drei abgeſchlagenen Koͤpfe vor, ſteckte ſie dann wieder in den Sack mit Saͤgeſpaͤnen, in welchem ſie herein getra⸗ gen waren. „Biſt Du jezt zufrieden geſtellt, Zara?“ „Juͤr mich, ja— doch nicht fuͤr Dich. Wer uͤberredete Dich, von Deiner erhabenen Hoͤhe herabzuſteigen, Dich ſelber dadurch zu erniedri⸗ gen, daß Du den Einfluͤſterungen der Bosheit nachgabſt?— Wer rieth die Baſtonade an? — Ein Weib war es— ich bin zu ſtolz, um eiferſuͤchtig auf ſie ſeyn zu ſollen— aber weil Deine Ehre und Dein Ruhm mir das Hoͤchſte — 246— ſind, kann ich nicht geſtatten, daß Du eine ſo gefaͤhrliche Rathgeberin um Dich haſt. Dei⸗ ne Jungfrauen, Deine Omras, Deine Prinzen wuͤrden Alle ihr zu Gebote ſtehen; ſie moͤgte Deinen Thron umwerfen, wenn ſie ihre Ge⸗ walt dazu anwendete.“ Der Sultan zoͤgerte. 3 „Sultan, Du haſt zwiſchen uns zu waͤhlen; lebt ſie bis morgen fruͤhe, dann ſterbe ich durch meine eigene Hand. Du weißt, ich luͤge nie.“ Der Sultan klatſchte in ſeine Haͤnde, und noch einmal trat der Kislar Aga herein. „Ihren Kopf“— ſprach der Herrſcher. immer noch zoͤgernd.— Ein wenig wartete der Kislar Aga, um ſi c zu uͤberzeugen, ob nicht ein Aufſchub erfolge, denn bei Despoten A⁴ zu haſtige Ausfuͤhrung faſt eben ſo gefahrvoll, als Verzoͤgerung.— Er begegnete meinen Blicken— und erkannte ſogleich, daß ſein eigener Kopf fallen wuͤrde, wenn er den ihrigen nicht bringe; nun verließ er das Zimmer. Nach wenigen Minuten hielt er das abgetrennte Haupt meiner reizenden Nebenbuhlerin an deßen ſchoͤnen Haarflechten — 247— in die Hoͤhe;— ich beſchaute die verzerrten Geſichtszuͤge und war zufrieden. Auf einen Wink mit meiner Hand entfernte ſich der Kis⸗ lar Aga.— „Verzeihſt Du mir jezt, Zara?— Glaubſt Du nunmehr, daß ich Dich wahrhaft liebe,— und habe ich Deine Verzeihung.“ „Ja Sultan,“ erwiederte ich—„ich glaube Dir— ich verzeihe Dir Alles und jezt— er⸗ laube ich Dir, Dich zu mir zu ſezen und meine Fuͤße zu baden.“ Von dem Tage an erlangte ich meine Herr⸗ ſchaft wieder und uͤbte ſie mit mehr Despoten⸗ Gewalt, als je zuvor. Ich beſtand darauf, ihm ſeine Beſuche zu verweigern, wenn mir das ſo belieben ſollte, und wenn ich mir einbildete, daß er nur das kleinſte Anzeichen einer Saͤtti⸗ gung verrathen hatte, ſo konnte er gewiß da⸗ von ſeyn, daß er vierzehn Tage lang nicht bei mir vorgelaßen wurde.— Nun ward ich die Vertraute aller ſeiner Geheimniße, und die Triebfeder ſeiner Regierung. Meine Herrſchaft war unbeſchraͤnkt, aber ich mißbrauchte ſie nicht. — 248— Ihn liebte ich, ſeine Ehre und ſeine Wohlfahrt leiteten ganz allein mein Verfahren. „Doch Deine Hoheit wird wahrſcheinlich er⸗ müͤdet ſeyn, und da ich nunmehr erzaͤhlt habe, in welcher Art ich die Baſtonade aushielt, wirſt Du vielleicht bis morgen mit der Geſchichte von der ſeidenen Schnur warten wollen.“) „Ich glaube die Alte ſpricht gut,— es iſt ſchon ſpaͤt,“ ſagte Muſtapha gaͤhnend.—„Ge⸗ faͤllt es Deiner Hoheit, daß ſie morgen Abend wieder kommt?“ „Dem ſey ſo; doch laß ſie ſtrenge bewacht werden, Muſtapha,— Du weißt’.. „Bi Chesm— dies falle auf meine Augen! — Wachen, fuͤhrt dieſe Frau fort.— „Mir ſcheints,“ ſagte der Paſcha zu Muſta⸗ pha—„daß des alten Weibes Erzaͤhlung wahr ſeyn mag. Die Beſchreibung vom Harem iſt — — 249— voͤllig richtig— einen Tag herrſchen— am folgenden die Baſtonade.“ „Wer kann's bezweifeln, erhabene Hoheit; der Herr des Lebens ordnet an, wie es ihm ge⸗ faͤllt.“ „Sehr wahr; er koͤnnte mir morgen die ſei⸗ dene Schnur ſchicken.“) „Das verhuͤte Allah!“ „Das Gebet ſpreche ich mit Dir, Muſtapha; doch das Leben iſt ungewiß und ſo iſt unſere Beſtimmung. Du biſt heute mein Vezir, zum Beiſpiele— was kannſt Du morgen ſeyn?“ „ Alles was Deine Hoheit befehlen mag,“ erwiederte Muſtapha, dem die Wendung gar nicht gefiel, welche dieſes Geſpraͤch nahm.— „Bin ich nicht Dein Sklave— und gleiche ich nicht dem Staube unter Deinen Fuͤßen— und werde ich mich Deinem erhabenen Willen und meinem Schickſale nicht demuͤthig unterwerfen?“ „Das iſt wohl geſprochen, auch ich muß das nemliche thun, wenn der Kalif mir einen Ca⸗ pudan Badji ſchickt, was Allah verhuͤten wolle. Es giebt nur einen Gott, und Mahomet iſt ſein Prophet.“ — 250— „Amen!“ ſezte Muſtapha hinzu, und fragte dann:„will Deine Hoheit vom Waßer des Giaur trinken?“ „Ey freilich; denn was ſagt der Poet:„heute ſind wir froͤhlich und morgen todt.—“ „Bei'm Allah! das verhuͤte Gott! Die Alte hat lange gelebt, weshalb ſollten wir das nicht?“ „Ich weiß nicht; aber ſie hat die Schnur be. kommen und iſt noch nicht todt. Wir mögen nicht ſo gluͤcklich ſeyn.“ „Moͤgen wir ſie niemals bekommen, Paſcha, dann ſind wir geſichert.“ „Wahr, Muſtapha; und nun gib mir die Flaſche.“ Sechſtes Kapitel. Anm folgenden Abende erſchien die alte Frau, ohne die mindeſte ſolcher Schwierigkeiten zu er⸗ heben, die ſie Tags vorher gezeigt hatte; ſie ſezte ſich vor dem Paſcha nieder und begann. Geſchichte der alten Frau. (Gortſetzung.) Wee ich Deiner Hoheit bereits geſtern bei dem Abbrechen meiner Erzaͤhlung ſagte, ſtand ich bei dem Sultan in der hoͤchſten Gunſt, er machte mich zu ſeiner Vertrauten. Oft hatte er mir die ausgezeichneten Dienſte eines jungen Seraskiers geruͤhmt, den er ſeit kurzem zum — 252— Capudan Paſcha ernannt hatte, um im Norden gegen ein barbariſches Volk, Sklavonier ge⸗ nannt, zu kaͤmpfen. Meine Neugierde ward rege, ich wuͤnſchte dieſen Ruſtam der Feldſchlacht zu ſehn, deßen Thaten und beiſpielloſe Erfolge ſteter Gegenſtand der Lobpreiſungen des Sul— tans waren. Eine Georgiſche Sklavin, welche vor meiner Ankunft des Sultans Favorite ge⸗ weſen war, und die mir niemals verzeihen konnte, daß ich ihre Stelle eingenommen, war vom Sultaͤn als ein Huldgeſchenk dem Capu⸗ dan Paſcha zugeſchickt; eine ſo ſeltene Auszeich⸗ nung war ihm an eben dem Tage geworden, an welchem ich um die Erlaubniß bat, in der Divan⸗Halle hinter der Schirmwand bleiben zu duͤrfen, um dieſen beruͤhmten und dilegezeichne⸗ ten Mann zu ſehn. Er beſaß wirklich eine ungemein ſchoͤne Ge⸗ ſtalt, und eben ſo vollkommen war ſeine Ge⸗ ſichtsbildung; ſeine aͤußere Erſcheinung war durchaus dem Bilde aͤhnlich, welches ich mir im Geiſte von einem Helden entworfen hatte⸗Waͤh⸗ rend ich ihn hinter dem Schirme verborgen betrach⸗ tete, wandte er ſeinen Kopf von mir ab, und — 2353— ich gewahrte zu meiner ſtaunenden Ueberraſchung jenes rothe Maal auf ſeinem Nacken, welches mir augenblicklich verkuͤndete, daß ich in ihm meinen lange verlorenen Bruder wiedergefunden habe. Entzuͤckt durch dieſe Entdeckung, verließ ich die Halle ſobald die Audienz voruͤber war* und als der Sultan ſpaͤter zu meinem Gemache kam, theilte ich ihm dieſelbe mit. Er ſchien daruͤber erfreuet; am naͤchſten Tage ließ er meinen Bruder zu ſich rufen, legte ihm einige Fragen uͤber ſeine Abkunft und ſein fruͤheres Leben vor, deren Beantwortung voͤllig mit mei⸗ ner Geſchichte übereinſtimmte; mit neuen Ehren⸗ bezeugungen uͤberhaͤuft entließ er ihn. Ich war voller Freude daruͤber, daß ich im Wiederfinden meines Bruders einen Mann gefunden hatte, der des Sultans Hochachtung verdiente; dies ſchien mir ein hoͤchſt gluͤcklicher Umſtand; doch wie blind ſind wir Sterblichen! Mein eigener Bruder ward die Urſache meiner Verſtoßung meiner ewigen Trennung vom Sultan. Deiner Hoheit habe ich bereits geſagt, daß die Georgiſche Sklavin, welche vor mir des Sultans Gunſt beſaß, meinem Bruder zum — 254— Geſchenke gemacht war. Obwohl dieſe Frau ſich ſtets ſehr freundlich gegen mich geſtellt hatte, war ſie im Herzen doch meine bitterſte Feindin. Sie war ungemein reizend und ſehr klug, bald erlangte ſie unbegraͤnzte Herrſchaft uͤber meinen Bruder. Dieſen liebte ſie nicht, ſondern naͤhrte nur ein Gefuͤhl, das der Rache gegen mich und dieſe wollte ſie ausuͤben.— Mein Bruder hatte das Heer ſo oft zum Siege gefuͤhrt, daß er uneingeſchraͤnkte Herrſchaft uͤber daßelbe uͤbte. Angeſpornt durch ihre tuͤckiſchen Vorſpiege⸗ lungen, getrieben von ſeiner eigenen Ehrſucht, die gleich der meinigen keine Graͤnzen kannte, ließ er ſich zulezt dazu verleiten, Anſchlaͤge ge⸗ gen ſeinen Herren zu bruͤten, deren Zweck war, ihn zu entthronen und an ſeiner Stelle zu herr⸗ ſchen. Seiner neuen Gemahlin, der Georgierin hatte er ſeine Plaͤne anvertrauet, und ſie be⸗ ſchloß des Sultans Gunſt wieder zu gewinnen, und mein gaͤnzliches Verderben dadurch herbei⸗ zufuͤhren, daß ſie mich erſt zur Theilnehmerin mache, und ſodann den im Werke ſeyenden Ver⸗ rath dem Sultan entdecke. Meinen Bruder machte ſie den Vorſchlag, mir ſeine Abſichten — 255— zu eroͤffnen, indem ſie als Beweggrund geltend machte, daß ich ihm aller Wahrſcheinlichkeit zufolge, Beiſtand leiſten wuͤrde, weil ich mir wenig aus dem Sultan mache; auf jeden Fall koͤnnte mein Einfluß, auch wenn ich mich ſei⸗ nen Plaͤnen nicht anſchließen ſollte, ihn vor des Sultans Zornwuth ſchuͤzen. Einige Zeit widerſtand er ihrem Zureden; als ſie ihm aber ausdeutete, daß, ſollte der Anſchlag ja entdeckt werden, ich als ſeine Schweſter, ſein Schickſal gewißlich theilen muͤße, und daß ſie recht gut wiße, ich haͤtte dem Sultan die empfangene Baſtonaden⸗Zuͤchtigung nie verziehen, ſondern harre nur auf eine Gelegenheit um mich zu raͤchen, ſo willigte er endlich ein mir ſeine Ab⸗ ſichten mitzutheilen. Mein Bruder hatte die Erlaubniß bekommen mich zu beſuchen, und benuzte dieſe um mit mir von ſeinen angelegten Plaͤnen zu reden. Mit Abſcheu und Entſezen ſtarrte ich zuruͤck, zeigte ihm ſeine Undankbarkeit und zugleich ſeine Thor⸗ heit; dringend bat ich ihn ſeinen Vorſaz auf⸗ zugeben.— Ueberzeugt daß ich dem Sultan ſtandhaft ergeben ſey, ſchien er die Richtigkeit — 256— meiner Bemerkungen anzuerkennen, geſtand ſein Unrecht und gab mir das heilige Verſprechen, an dergleichen verraͤtheriſche Umtriebe nicht mehr zu denken. Ich glaubte an ſeine Aufrichtigkeit, vergoß Freudenthraͤnen und dankte ihm zaͤrtlich dafuͤr, daß er meinen Bitten Gehoͤr gegeben haͤtte. Wir trennten uns, und bald dachte ich gar nicht mehr an den Vorfall. Doch ſeine Abſicht war nicht geweſen, den Anſchlag aufzugeben; er war auch in der That ſchon zu tief darin verwickelt um das noch zu koͤnnen. Raſch wurden ſeine Vorbereitungen ge⸗ troffen; als alles reif war, machte die Ge⸗ orgierin den Sultan mit dem Anſchlage bekannt, und gab mich als Theilnehmerin und Verbün⸗ dete meines Bruders an. Eines Morgens ſaß ich in meinem Gemache, und ordnete auf einem Tragteller ein Geſchenk fuͤr meinen Herrn und Gebieter, als mich das ploͤzliche Eintreten des Kislar Aga mit Wachen erſchreckte, die mich ohne ein Wort zu ſagen ergriffen, und zum Staatsgemache fuͤhrten, wo der Sultan mit allen ſeinen hoͤchſten Staats⸗ dienern verſammelt war. Bleich vor Angſt, zu⸗ — — — 257— gleich aber auch von einem Gefuͤhle der Freude durchdrungen, welches mir die Entdeckung der Verſchwoͤrung verurſachte, trat ich vor den Di⸗ van, wo ich meinen Bruder in den Haͤnden der Pallaſt⸗Wache fand. Im Divan ſelber war er ergriffen, weil ſein Anhang bei dem Volke ſo groß war, daß wenige Minuten fuͤr ihn hin⸗ gereicht haben wuͤrden, nicht nur um ſeine Ret⸗ tung zu bewerkſtelligen, ſondern um ſeine hoch⸗ verraͤtheriſchen Plaͤne zur augenblicklichen Aus⸗ fuͤhrung zu bringen; er ſtand da mit ſo ſtol⸗ zem Anſehn, ſeine Arme uͤber die Bruſt zu⸗ ſammengeſchlagen, daß ich den Gedanken faßte, er koͤnne ſchuldlos ſeyn, und moͤge ſeinem mir geleiſteten Verſprechen gemaͤß, jeden Gedanken an Rebellion aufgegeben haben. Ich nahete mich dem Sultan, der ſeine Blicke ſtrenge auf mich heftete; Zorn runzelte ſeine Brauen und er ſprach:„Zara, Dein Bruder iſt der Verraͤtherei angeklagt, die er ableugnet. Auch Du biſt beſchuldigt, ſeine An⸗ ſchlaͤge zu kennen. Antworte mir, weißt Du etwas von dieſen Plaͤnen?“ Dieſe Frage war nicht leicht zu beantworten, III, 17 258— denn eine Luͤge wollte ich ihm nicht ſagen. Von meines Bruders Abſichten war mir einiges be⸗ kannt; doch weil er die Anklage ablaͤugnete, ſo konnte nicht erwartet werden, daß der Mund ſeiner einzigen Schweſter, das ſchuldig uͤber ihn ausſprechen ſollte. Vielleicht mogte er, wie er mir verſprochen hatte, ſeine Plaͤne aufgegeben haben;— vielleicht war auch gar kein Beweis gegen ihn zu fuͤhren. Meine Antwort waͤre ſein Todesurtheil geweſen; die verlangte Antwort konnte ich nicht geben, und erwiederte deshalb: „wenn mein Bruder der Rebellion gegen ſeinen Beherrſcher ſchuldig befunden wird, ſo muß er buͤßen. Ich mein Gebieter, habe niemals Raͤnke gegen Dich angezettelt, habe mich nie gegen Deine Gewalt aufgelehnt.“ „Beantworte meine Frage, Zara. Iſt Dir etwas von dieſem Anſchlage bekannt? Ja, oder nein. Sag' nein, und ich will Dir glauben.“ „Deine Sklavin, hat niemals gegen ihren Gebieter heimliche Anſchlaͤge gemacht;“ erwie⸗ verte ich,„mehr kann ich auf Deine Frage. nicht antworten.“ 4 „Dann iſt es Wahrheit; und Jara— Zara — 259— ſogar— iſt treulos!“ rief der Sultan, und rang ſeine Haͤnde in bitterer Qual;„O! wo vermag ein Menſch an meiner Stelle ein treu⸗ es, argloſes Weſen zu ſinden— wenn Zara— Zara ſogar— falſch iſt.“ „Nein, nein, mein Gebieter,“ rief ich unter einem Strome hervorbrechender Thraͤnen— „Zara iſt treu— iſt Dir immer treu geweſen, und wird Dir treu bleiben. Dies darf ich zu⸗ verſichtlich beantworten— aber draͤnge mich nicht mit jener andern Frage.“ „Der Sultan betrachtete mich eine kurze Weile, und berieth ſich ſodann mit den Veziren und Kronbeamten, die mit untergeſchlagenen Armen ſeinen Thron umſtanden. Der erſte Vezir gab zur Antwort:„diejeni⸗ gen, die Verrath kennen, und ihn verheimli⸗ chen, ſind Theilnehmer am Verbrechen.“ „Wahr— ſehr wahr,“ ſagte der Sultan. „Zum lezten Male frage ich Dich, Zara, was weißt Du von dieſem beabſichtigten Aufſtande? — Ich will nicht laͤnger mit mir ſpielen laßen. Einfache Antwort, oder—“ — 260— „Die Frage kann ich Aicht beantworten, mein Gebieter!“ „Zara, ſo lieb Dir Dein Leben iſt, antworte mir auf der Stelle,“ rief der Sultan mit furchtbarer Heftigkeit;— doch ich antwortete nicht. Des Sultans Nachſicht und Liebe vermogten ihn, ſeine Frage noch zweimal zu wiederholen; doch ich beharrte bei meinem Schweigen. Er winkte mit der Hand; die Stummen er⸗ griffen mich, die ſeidene Schnur umſchloß mei⸗ nen Hals. Alles war bereit; ſie erwarteten nur das lezte Zeichen, um die furchtbare Schnur anzuziehn. „Noch einmal, Zara, willſt Du antworken, oder willſt Du durch Troz Deinen Tod her⸗ beifuͤhren?“ „Sultan, mindeſtens will ich vor meinem Tode zu Dir ſprechen.— Nur meine Treue und meine innige Liebe zu Dir, will ich in meinen lezten Augenblicken betheuern, will Dir ſagen, daß ich Dir verzeihe, was Du, wenn die Wahrheit bekannt geworden iſt, Dir ſelber nimmermehr verzeihen kannſt. Noch einen Augenblick. Laß mich dieſe Juwelen⸗Kette von meinem Halſe nehmen, den jezt die ſeidene Schnur umfaͤngt. Du ſchenkteſt ſie mir, als Du von meiner treuen Anhaͤnglichkeit, von meiner wahren Liebe uͤberzeugt warſt. Nimm ſie zuruͤck, Sultan, und findeſt Du eine, die mit gleicher Treue und liebender Hingebung an Dich gefeßelt iſt, ſo ſchenke ſie der; doch bis dahin trage Du ſie als Andenken an, Zara. Und nun laß mich meinen Schleier uͤber ein Ant⸗ liz werfen, das immer nur Liebe und Entzuͤk⸗ ken in Deiner Gegenwart ſtrahlte, damit Du, wenn ich todt bin, Deinem Gedaͤchtniße Zuͤge zuruͤckrufſt, die denen gleichen, und die nicht von Todesqual und peinlichem Schmerze verzerrt ſind. Mein Gebieter, mein theurer und ver⸗ ehrter Herr, lebe Du wohl!“ Der Sultan war tief ergriffen; er wandte ſein Kopf ab, bedeckte ſein Antliz mit einer Hand, waͤhrend die andere im erſchuͤtternden Drange ſeiner Gefuͤhle an ſeiner Seite hinab⸗ ſank. Dieſes Hinabſinken ſeiner Hand ward als Todeszeichen angenommen, obgleich es durch⸗ 4 — 262— aus nicht ſo gemeint war. Die Schnur wurde zugezogen, ſchnitt tief in das Fleiſch eines Hal⸗ ſes, der ehemals ſo ſchoͤn und ſo glatt war, wie der polirte Marmor von Patras. Waͤhrend der erſten Augenblicke war meine Marter un⸗ ausſprechlich— die Augen draͤngten aus ihren Hoͤhlen hervor— meine Zunge ſtreckte ſich aus dem geoͤffneten Munde— mein Gehirn war wie in Flammen lodernd— doch ſchnell verlor ich jede Beſinnung. „Staffir Allah! Verzeih' mir Gott! lachſt Du alte Vogelſcheuche nicht in unſere Baͤrte? „— Was ſagſt Du, Muſtapha?“ fuhr der Pa⸗ ſcha zu dieſem fort.—„Was iſt das Alles, als nur Luͤgen? „Luͤgen!“ kreiſchte die Alte;„Luͤgen.“ Du ſagſt dies waͤren Luͤgen;— Gut— gut— die Zeit iſt geweſen, Paſcha! nach allem, was ich mein Leben lang erlitten habe, weil ich die Wahrheit ſprach, iſt es hart, in meinen alten Tagen beſchuldigt zu werden, daß ich Luͤgen ſage; doch, Du ſollſt uͤberfuͤhrt werden;“ die alte Frau hob ihre Haͤnde zu der runzlichen — 263— herabhaͤngenden Haut ihres Halſes auf, ſtrich dieſe eben, und zeigte eine tiefe blaue Narbe, welche ihren Hals gleich einem Halsbande um⸗ ſchloß.„Biſt Du nun zufrieden?“ Der Paſcha nickte mit ſeinem Kopfe dem Muſtapha zu, als ſey er uͤberfuͤhrt, und ſagte dann:„Du kannſt fortfahren.“ „Ja, ich mag fortfahren; doch ſage ich Dir, Paſcha, daß wenn Du noch einmal bezweifelſt was ich erzaͤhle, ſo will ich Dir Deine zwanzig Goldſtuͤcke zuruͤckgeben und meinen Mund hal⸗ ten.— Als junges Maͤdchen habe ich ſchon bewieſen, daß ich es kann, und wir werden im Alter nur noch halsſtarriger.“ „Das iſt keine Luͤge,“ bemerkte Muſtapha; „fahre Du fort, gute Frau, wir wollen Dich mit unſern Zweifeln nicht wieder unterbrechen.“ Mein Bruder, der jegliche Bewegung des Sultans beobachtet hatte, und entſchloßen war, lieber Alles zu geſtehen, als daß ich leiden ſollte, ſtieß einen durchdringenden Schrei aus, als er nach Verlauf einiger Sekunden den un⸗ ſeligen Irrthum gewahrte, und machte den — 264— Verſuch, ſich von ſeinen Waͤchtern loszureißen. Durch den Schrei aufgeſtoͤrt, blickte der Sul⸗ tan auf, und gewahrte was geſchehn war. Im nemlichen Augenblick flog er von ſeinem Throne herab, und kniete mit wahnſinnigem Schmer⸗ zensrufe an meiner Seite. Haſtig rißen die Stummen die Straſſchnur fort, doch ich war allem Anſchein nach ſchon todt. „Ja, Sultan, wohl magſt Du raſen,“ rief mein Bruder aus—„Du haſt Urſache dazu: Umgebracht haſt Du Eine, die, wie ſie mit ihrem lezten Athemzuge erklaͤrte, Dir ganz treu, Dir auf das voelſtaͤndigſte hingegeben war. Jezt bekenne ich die Verſchwoͤrung. Ihr hatte ich meine Entwuͤrfe mitgetheilt, und ſie waͤhnte es ſey ihr gelungen, mich davon abzubringen, denn bei den Dreyen hatte ich ihr angelobt, meinen Anſchlag aufzugeben. Treu war ſie uns Beiden, Dir, wie mir, denn ſie glaubte, daß, obgleich ich angeklagt hier ſtand— ich doch durch Reue meinen Fehler gut gemacht haͤt⸗ te.—“ Ernſt blickte der Sultan auf meinen Bruder, gab ihm aber keine Antwort. Mich umarmte — 265— er, bald in Thraͤnen ausbrechend, bald nach Huͤlfe rufend. Man trug mich zuruͤck zu mei⸗ nen Gemaͤchern, und es gelang den Aerzten, mich nach einiger Zeit wieder in's Leben zu rufen; doch verbrachte ich mehre Tage im ſinn⸗ verwirrenden Schwindel; man behandelte mich fortwaͤhrend mit der aͤußerſten Sorgfalt und Pflege. Eines Abends fuͤhlte ich mich ſtark genug, um ſprechen zu koͤnnen, und befragte meine Umgebung nach dem, wos ſich zugetragen habe. Nun wurde mir geſagt, daß die Stummen, welche das Zeichen mit der Hand mißdeutet hatten, aufgepfaͤhlt ſeyen, daß die Janitſcharen ſich empoͤrt und meinen Bruder zuruͤckgefordert hatten, deſſen Hinrichtung vom Sultan verſcho⸗ ben war; bei dem Ausbruche dieſes Aufruhrs, habe der Großvezir aber den Befehl gegeben, meinen Bruder zu toͤdten, ſein Kopf ſey den rebelliſchen Truppen hingeworfen, die ſich als⸗ dann zerſtreut haͤtten und ſpaͤter zum Gehorſam gebracht waͤren, nachdem einige hundert ihrer Raͤdelsfuͤhrer umgebracht waren.— Bei dieſer Erzaͤhlung wandte ich mich ab, denn ich liebte † — 266— meinen edlen aber irregeleiteten Bruder. Dieſe Bewegung verurſachte mir furchtbaren Schmerz, denn eine tiefe Wunde war von der Schnur rings in meinen Hals geſchnitten. Am folgenden Morgen erhob ich mich, um meine Geſtalt im Spiegel zu betrachten, und gewahrte ſogleich die mit mir vorgegangene Veraͤnderung. Meine Zuͤge hatten einen gewißen verzerrten Ausdruck angenommen, der wie ich glaubte, ſich nie wieder verlieren koͤnne. Ich fuͤhlte, daß der Sultan mich zwar hochachten moͤgte, daß ich aber die fruͤhere ungetheilte Aufmerkſamkeit von ihm ſo wenig erwarten duͤrfe, als die Fortdauer meines ehemaligen Einflußes. Mit ſchwerem Herzen warf ich mich auf mein Lager, und bedachte die Zukunft. Ich erwog die unſichere Dauer der Liebe eines Des⸗ poten, und beſchloß ihn zu verlaßen. Immer noch liebte ich ihn, liebte ihn troz aller ſeiner Grauſamkeiten; gleichwohl beharrte ich bei mei⸗ nem einmal gefaßten Entſchluße. Sechs Wochen hindurch weigerte ich mich den Sultan zu ſehn, obgleich er taͤglich zu mir ſchickte, und mir prachtvolle Geſchenke uͤberreichen ließ. — 267— Am Ende dieſer Zeitfriſt war ich hergeſtellt; alles was mir von der Wirkung der Schnur uͤbrig geblieben war, beſtand in einem leichten Runzeln der angeſpannten Halshaut und in der tiefen blauen Narbe um meinen Hals, wel⸗ che ich Deiner Hoheit eben zeigte. Als ich dem Sultan zuerſt wieder Zutritt geſtattete, war er tief erſchuͤttert.—„Zara,“ ſprach er ſchmerzlich—„ich ſchwoͤre bei dem heiligen Propheten, daß ich das Signal nicht geben wollte.“ „Ich glaube Dir, mein Gebieter,“ erwiederte ich ganz ruhig. „Eben ſo wenig war es meine Abſicht, Dei⸗ nen Bruder aufzuopfern. Ich hoffte Deine Huld mir durch ſeine Verzeihung zu gewinnen.“ „Er war ein Verraͤther, mein Gebieter, ein undankbarer Verraͤther, der den Tod verdiente. — MNöoͤgen Alle, die ihm gleichen, ſein Loos theilen.“ „Und nun, Zara, darf ich auf Deine Ver⸗ zeihung hoffen?“ „Unter einer Bedingung, Sultan— und — 268— ſchwoͤren mußt Du, mir zu gewaͤhren, was ich verlange.— „Ich ſchwoͤre, bei Allah!“ „Die Bedingung iſt, daß Du mich zuruͤck⸗ ſchickſt nach meinem Geburtslande.“ Um Deine Hoheit nicht zu lange mit dem aufzuhalten, was nun geſchah, mag es hinrei⸗ chen zu ſagen, daß ungeachtet der Bitten des Sultans, und der geheimen Wuͤnſche meines eigenen Herzens, mein einmal gefaßter Ent⸗ ſchluß unerſchuͤtterlich blieb. Alle Vorbereitun⸗ gen zu meiner Abreiſe wurden getroffen; waͤhrend der Dauer derſelben war der Sultan unaufhoͤrlich bei mir, und ſuchte mich zu uͤber⸗ reden, daß ich meinen Gedanken an Entfernung aufgeben ſollte. Die Pracht und Freigebigkeit, welche er in den reichen Geſchenken bewies, die er mir zutheilte, damit ich mit Ehre und mit Schaͤzen zu meinem Geburtslande zuruͤckkehren koͤnne, machte mich mehr als einmal in meinem Entſchluße wanken. Am Abend vor meiner Abreiſe, machte er noch einen lezten aber eben ſo fruchtloſen Verſuch. Inzwiſchen war meine Weigerung doch durch die Thraͤnen gemildert, — 269— die ich vergoß, denn jezt ſo nahe am Zeit⸗ punkte der Trennung, fuͤhlte ich ganz, wie wahrhaft und wie innig ich ihm ergeben ſey.— Wir nahmen Abſchied; ich warf mich auf mein Lager und weinte die ganze Nacht hindurch, bis zum Aufdaͤmmern des Tages, als man erſchien, mich zur Abreiſe aufzufordern. Deine Hoheit kennt den Gebrauch zu gut, um Dir noch ſagen zu muͤßen, daß bei meines Bruders Hinrichtung ſein ganzes Vermoͤgen vom Sultan hingenommen, und unter deßen Guͤnſtlin⸗ ge vertheilt wurde. Der neue Capudan Paſcha, Nachfolger meines Bruders„hieß Abdallah, und galt fuͤr einen ausgezeichneten Krieger. Dieſer bekam einen Theil von meines Bruders Eigen⸗ thums, und unter dieſem auch jene Georgiſche Sklavin, die meines Bruders Verderben her⸗ beigefuͤhrt, und meine Gluͤckſeligkeit in ſo be⸗ truͤbender Weiſe zerſtoͤrt hatte. Um mir jeden Beweis von Aufmerkſamkeit und Ehrfurcht zu geben, hatte der Sultan dem Abdallah befohlen, mich in Perſon und mit einer ausgewaͤhlten Reiterſchaar nach meinem Lande zu begleiten. Der Zug war prachtvoll— ich war mit Schaͤzen uͤberhaͤuft— ein koſtba⸗ res Geſchenk uͤberſtrahlte das andere, zwanzig Frauen aus meinem Lande, und eine zahlloſe Schaar von Sklaven hatten die Erlaubniß be⸗ kommen, mich zu begleiten und mich zu bedie⸗ nen, mein Reiſegefolge glich einem feſtlichen Umzuge. Mit geaͤngſtetem Herzen beſtieg ich meine Senfte, und gelangte in kleinen Tage⸗ reiſen zu meinem Geburtslande. Die Graͤnzen deßelben waren uͤberſchritten, und Abdallah er⸗ ſuchte mich eine Beſcheinigung zu ſchreiben, um zu beweiſen, daß er ſeine Pflicht erfuͤllt habe, eine Sache, die der Sultan bei ſeiner Ruͤckkehr ihm abfordern wuͤrde. Dieſes Papier gab ich ihm; nachdem er ſeine beſten Wuͤnſche fuͤr mein kuͤnftiges gluͤckliches Wohlergehn aus⸗ geſprochen hatte, ſammelte er ſeine Krieger, und die begleitende Reiterſchaar wendete die Koͤpfe ihrer wiehernden Roße der Hauptſtadt zu, in welcher ich mein Herz wirklich zuruͤckgelaßen hatte. Jezt iſt es noͤthig, auf die Georgiſche Sklavin zuruͤckzukommen, welche der Sultan meinem Bruder ſchenkte und die ſpaͤter Abdallah's Ei⸗ — 271— genthum wurde. Als ſie vernahm, daß ich mit koſtbaren Geſchenken beladen, zu meinem Vater⸗ lande zuruͤckkehre, gerieth ſie in ſchrankenloſe Wuth. Schon hatten ihre Reize und ihre Ta⸗ lente großen Eindruck auf Abdallah hervorge⸗ bracht, und bald wußte ſie ihn fuͤr einen raͤnke⸗ vollen Anſchlag zu gewinnen, der nicht nur gewinnvoll fuͤr ihn ſeyn wuͤrde, ſondern auch mich, die ſie mit Mißtrauen betrachtete, in ihre Gewalt bringen muͤße. Sie ſchlug Abdallah vor, daß ſobald er mich bis uͤber die Graͤnze begleitet und von mir das fuͤr den Sultan erforderliche Anerkenntniß ſeiner Dienſtleiſtungen erhalten habe, er mir nachfolgen, mein ſchwa⸗ ches Sklavengeleit in Stuͤcke hauen, mich und alle meine Schaͤze in Beſiz nehmen, und da⸗ mit nach Conſtantinopel zuruͤckkehren ſolle, wo⸗ ſelbſt ich in ſeinem Harem vermauert werden koͤnnte. Abdallahs Geiz vermogte ſolcher Verſuchung nicht zu widerſtehen, und weil er recht wohl einſah, daß es ſo zu ſagen unmoͤglich waͤre, der Sultan koͤnne je dieſe verbrecheriſche That er⸗ fahren, ſo willigte er ein. In der zweiten Nacht, 2 — 222— nachdem wir uns von Abdallah und ſeiner Schaar getrennt hatten, ſprengte ein Reiter⸗ ſchwarm auf uns ein, meine ſaͤmmtliche Be⸗ gleitung, Frauen ſowohl als Maͤnner wurden ermordet. Man ergriff mich, ſteckte mich in ei⸗ nen Sack, und warf mich uͤber den Ruͤcken ei⸗ nes Pferdes; ſobald ſie im Stande geweſen waren, die Schaͤze zu ſammeln, ging es im raſchen Zuge davon. Ich war faſt leblos als ſie anhielten, und als ich aus meiner peinlichen Lage befreit wurde, verſank ich in Ohnmacht. Abdallah hatte mein Geſicht nie geſehn; die Leute meldeten ihm meinen Tod, und er war erfreut daruͤber, denn nur um ſeiner Frau zu willfahren, hatte er ihr das Verſprechen gege⸗ ben, mich mit zuruͤckzubringen. Er kam der Stelle nahe auf der ich lag, und verliebte ſich augenblicklich in mich, ſo jammervoll mein damaliger Zuſtand auch war. Sein Herz mußte eingeſtehen, daß ich der werthvollſte Gegenſtand ſeines ganzen Raubes ſey. Nun wurde mir jede moͤgliche Sorgfalt und Aufmerkſamkeit zuge⸗ richtet, nach einem Halte, der um mehre Stun⸗ den verlaͤngert wurde, damit ich mich erholen 7 — 273— moͤgte, ward ich in eine kleine Senfte geſezt, und unſere Reiſe begann wieder. Er gab ſich eifrig alle Muͤhe, meine Gunſt zu erlangen; anfangs ſtieß ich ihn veraͤchtlich zuruͤck, doch als er mir erzaͤhlt hatte, daß jene Georgiſche Sklavin, ihn zu dieſer That verleitet und ihm zugleich das Verſprechen abgenommen habe, mich mitzubringen, da erkannte ich ſehr gut, in welcher Abſicht das geſchehen ſey, und ſann nur auf Rache. Ich ſtellte mich nun minder widerſtrebend, und bevor unſere Reiſe zu Ende war, hatte ich meine ganze bezaubernde Ge⸗ walt mit ſiegreichem Erfolge angewandt. Zulezt erreichten unſere muͤden Pferde Stam⸗ dul, nachdem wir in den Vorſtaͤdten das Ein⸗ drechen der Dunkelheit abgewartet hatten, da⸗ mit der Zug keine Aufmerkſamkeit erregen ſolle, degaben wir uns zu Abdallahs Hauſe, und ich befand mich noch einmal in den Ringmauern eines Harem. Die Georgiſche Sklavin eilte zu mir, ſobald ſie unſere Ankunft erfahren hatte, zog ihren Pantoffel ab, und ſchlug mich ver⸗ achtlich damit ſo ſtark auf den Mund, daß mir das Blut herausfloß. III. 1 18 — 274— „Nun, Sultanin,“ kreiſchte ſie—„der Sieg iſt mein, noch einmel ſollſt Du die Baſtonade bekommen.— Ja, auch die Schnur ſoll wieder um Deinen ſtolzen Nacken gelegt werden, und wirkſamer als das erſtemal.“ Darauf befahl ſie ihren Sklavinnen, mich zu entkleiden, und mir das niedrigſte Sklavenge⸗ wand anzuziehn. Nachdem das geſchehen war, ſpuckte ſie mir in's Angeſicht, und ging fort ohne nur ein Wort zu ſagen; doch die ſpruͤ⸗ hende Gluth ihrer Augen, bezeugte genugſam die wilden Leidenſchaften, welche ihren Buſen durchtobten. Abdallah war inzwiſchen zum Pallaſte gegan⸗ gen, um den Sultan die Urkunde zu uͤberrei⸗ chen, welche meine ſichere Ankunft bewei⸗ ſen ſollte; nachdem er dies ausgerichtet, kehrte er zuruͤck nach ſeinem Hauſe. Sobald er in den Harem trat, beſuchte ier nicht die Georgiſche Sklavin, die ſich zu ſeinem Empfange geſchmuͤckt hatte, ſondern befragte die ganz verwunderten Weiber, in welchem Gemache ich untergebracht ſey. Zögernd waren ſie mit ihrer Antwort, und zeigten ihm endlich mein Zimmer. Er trat her⸗ — 275— ein, fand mich im niedrigſten Sklavenkleide, und mein Geſicht mit Blut uͤberlaufen. Als ich ihm die Behandlung erzaͤhlte, die mir wider⸗ fahren war, und die fernere Androhung der Baſtonade und der ſeidenen Schnur, kannte ſeine Wuth keine Graͤnzen. Er gab Befehl, daß ſaͤmmtliche Frauen mich bedienen ſollten, verließ mich, damit ich meinen Anzug wieder anlegte, und ſprach ſeine Hoffnung aus, daß ich ihm erlauben wolle, mit mir ſein Abendeßen einzunehmen. Mein Verlangen nach Rache be⸗ wog mich ſeine Bitte zu genehmigen, und er verließ den Harem um nach den Schaͤzen zu ſehn, die mir geraubt waren. Inzwiſchen hatten andere Frauen der Georgi⸗ ſchen Sklavin alles Vorgefallene hinterbracht, und dieſe Kunde machte ſie faſt wahnſinnig. Aus Furcht vor ihr, hielt ich meine Thuͤr bis zu Abdallahs Ankunft feſt werſchloßen. Er ſchickte zu mir, um zu fragen, ob ich ihn empfangen wolle; er erhielt Zutrit, und druͤckte mir auf's neue ſeine Entruͤſtung uͤber das Betragen mei⸗ ner Nebenbuhlerin aus, wobei er zum Beweiſe ſeiner Liebe ſich erbot, ſie meiner Rache zu — 276— uͤberlaßen. Noch hatte ich nicht Zeit gehabt darauf zu antworten, als die Thuͤr aufflog, die Georgierin ſtuͤrzte herein, und ſtieß mit ihrem Dolche nach meinem Herzen. Doch Ab⸗ dallah hatte Zeit genug, den Stoß abzuwehren, der Dolch drang durch ſeinen linken Arm, und mit ſeiner Rechten ſchleuderte er ſie auf den Boden. Bleich vor Wuth und Schmerz, rief er ſeine Leute herbei. „Sie bedrohete Dich mit der Baſtonade und mit der ſeidenen Schnur! Zara!“ rief er aus. „Sie hat ihr eigenes Urtheil geſprochen.“) Auf ſeinen Befehl wurden ihre Pantoffeln ihr abgezogen, und ſie empfing fuͤnfzig Baſto⸗ naden; als ſie vor Schmerz kreiſchend ihre Haͤnde um Gnade ausſtreckte, wurden die Stum⸗ men gerufen und die Schnur ihr umgeſchlun⸗ gen. Meine Rache war mehr als befriedigt; ich bedeckte meine Augen, um das ſchreckliche Schau⸗ ſpiel nicht mit anzuſehn. Als ich meine Haͤnde vom Geſichte abzog, war Abdallah allein mit mir im Gemache, auf dem Fußboden lag die ſchwarzangelaufene Leiche meiner Nebenbuh⸗ lerin. — 277— Drei Jahre verweilte ich in Abdallahs Ha⸗ rem, wenn auch nicht gluͤcklich, doch in mein Schickſal ergeben. Er bewies mir die innigſte Zuneigung, konnte ich ſeine Liebe nicht erwie⸗ dern, ſo mangelte ihm meine Dankbarkeit doch nicht. Da brach ein neuer Krieg zwiſchen den Tuͤrken und Sklavoniern aus, Abdallah erhielt den Befehl, ſich an die Spize des Hee⸗ res zu ſtellen, um die Eingedrungenen zuruͤck in ihre Eis⸗ und Schnee⸗Gefilde zu treiben. Dem Gebrauche tuͤrkiſcher Heerfuͤhrer gemaͤß, mußte ſein ganzer Harem ihn begleiten; nach vielen Hin⸗ und Herzuͤgen, aus einem Landtheile in den andern, bald den Feind verfolgend, bald vor ſeiner Uebermacht weichend, befanden wir uns eingeſchloßen in der Feſtung Ismael, mit dem Befehle, ſie auf's Aeußerſte zu vertheidi⸗ gen. Ich will Deine Hoheit nicht mit einer um⸗ ſtaͤndlichen Wiederholung aller Ereigniße ermuͤ⸗ den. Nur dies muß ich ſagen, nachdem die Stadt beinahe in einen Aſchenhaufen verwan⸗ delt war, durch die Bomben und Haubizen, die wenigſtens hundertmal Brand anzuͤndeten, — 278— wurde ſie unter furchtbarem Gemezel mit Sturm eingenommen. Wir Frauen ſaßen in unſerm Gemache, hoͤrten mit Entſezen das abwechſelnde Jubel⸗ und Angſt⸗Geſchrei— das Krachen der zerſpringenden Bomben, das Pfeifen der Ku⸗ geln, das Aechzen der Verwundeten und das furchtbare Praßeln der Flammen, welche in ihrer raſenden Wuth die ganze Stadt verzehr⸗ ten;— da wurde die Thuͤr erbrochen, der Feind ſtuͤrmte herein. Wir kreiſchten, wollten entfliehen, doch vergebens. Was aus den Andern geworden iſt, weiß ich nicht, ich wurde uͤber Todte und Sterbende durch Rauch und Flammen fortgeſchleppt, bis ich vor Schreck und Erſchoͤpfung das Bewußt⸗ ſeyn verlor. Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in einer Huͤtte, auf einem kleinen Bette liegend, zwei baͤrtige Ungeheuer ſtanden neben mir, beſchaͤftigt mit ihren rohen Haͤnden meine Gliedmaßen ohne die mindeſte Beachtung der Schaamhaftigkeit zu reiben. Sobald ich meine Augen aufſchlug, goß einer von ihnen mir etwas Branntwein in den Mund, huͤllte — 279— mich in eine Pferdedecke— und ſo ließen ſie mich um mein Ungluͤck zu bedenken. An dieſem Abende machte ich die Entdeckung, daß ich durch Kriegsgluͤck, Eigenthum eines feindlichen Heerfuͤhrers geworden war, der nicht Zeit genug hatte, ſich mit der Liebe lange auf⸗ zuhalten, bei ihm verſtand ſich's von ſelber, daß alles fertig gemacht ſein mußte. Immer aber war er ein ſchoͤner Mann, der, wenn nicht betrunken, gutmuͤthig und großherzig war; doch die Bivouaks, ſogar eines Generals, wa⸗ ren gewaltig verſchieden von den Ueppigkeiten, die mir Lebensgewohnheit waren. Meine Nah⸗ rung war ſchlecht und meine Wohnung noch ſchlechter. Ungluͤcklicherweiſe war mein Beſchuͤ⸗ zer, ſo wie die Sklavonier im Allgemeinen, ein arger Spieler; zu meinem Erſtaunen trat eines Morgens ein ſchoͤner junger Offizier in das Zelt, dem der General mich ohne weitere Um⸗ ſtaͤnde uͤberlieferre.— Meine Schoͤnheit war im Lager bekannt geworden, der General, der Abends zuvor ſein ganzes Geld verſpielte, hatte mich fuͤr tauſend Zechinen ausgeſezt und auch dieſe verloren. — 280— Mein neuer Gebieter war ein argloſer, huͤb⸗ ſcher junger Mann, ein Oberſt im Heere; ihn koͤnnte ich geliebt haben, aber mir fehlte die Zeit dazu, denn noch war ich nicht laͤnger als drei Wochen in ſeinem Zelte geweſen, als ich wiederum verſpielt und von einem Major ge⸗ wonnen wurde. Kaum hatte ich mich ein bis⸗ chen behaglich in meiner neuen Lage eingerich⸗ tet, als ich abermals auf's Spiel geſezt und verloren wurde. Kurz, erlauchte Hoheit, in dieſem Feldzuge gehoͤrte ich mindeſtens vierzig oder fuͤnfzig verſchiedenen Offizieren an; die Beſchwerden auf den Maͤrſchen, die ſchlechte— Beſchaffenheit meiner Nahrungsmittel, die ſtete Unruhe meines Geiſtes und meines Koͤrpers raubten mir vieles von meinem guten Ausſe⸗ hen;— in Wahrheit ſo viel, daß ich erfuhr von dem Ausſaze von tauſend Zechinen, wel⸗ che ich im Anfange galt bis hinab auf den Werth von zweihundert Zechinen geſunken zu ſeyn. Ich kann Deiner Hoheit verſichern, daß es kein Scherz iſt, auf ſolche Weiſe durch ein Feldlager zu gehn;— gleich einer Geldboͤrſe — 281— aus eines Mannes Taſche in die eines Andern zu gleiten. Die Verſicherung kann ich geben, daß ich vor Ablauf dieſes Feldzuges voͤllig ge⸗ nug von den Sklavoniern hatte, und ſehnlich wuͤnſchte, das Tuͤrkiſche Heer moͤgte ſie ſchla⸗ gen, damit ich mich wieder in einem Harem ſehen koͤnnte. Da jammerte ich und weh⸗ klagte zuerſt uͤber mein hartes Loos und über des Sultans Ungluͤck. Damals gebrauchte ich zuerſt jenen Ausdruck, als ich uͤber meinen Zuſtand Betrachtungen anſtellte und zu mir ſelber ſagte:„die Zeit iſt geweſen.“ Endlich erhielt das Heer Befehl zum Ruͤck⸗ zuge, damals gehoͤrte ich einem Reitersmanne, der mich auf ein kleines Pferd ſezte und mich mit der Schwadron Schritt zu halten zwang, indem er mit ſeiner langen Lanze mich vor ſich hertrieb, die Spize derſelben bald in des klei⸗ nen Pferdes Hintertheil trieb— zuweilen auch zum Scherze mich damit ſtach. Doch waren wir noch nicht zehn Tage auf dem Ruͤckzuge geweſen, als er mich, mein kleines Pferd, Zuͤgel und Sattel in Bauſch und Bogen an einen Infanterie⸗Offizier verhandelte, der, ſo⸗ — 2832— bald er ſeinen Ankauf in Beſiz genommen hatte, mich abſteigen ließ, ſich ſelber in den Sattel ſezte, mir befahl des Pferdes Schweif zu erfaßen und ihm ſo zu folgen. Wurde Halt gemacht, ſo mußte ich ihm aufwarten und al⸗ les thun, was er von mir verlangte. Am fol⸗ genden Morgen ſezte er ſich wieder zu Pferd ich mußte zu Fuß hinterher. Das war ein har⸗ ter Dienſt fuͤr die Favoritin eines Sultans. Eine Woche lang ſuchte ich hinter ihm fortzu⸗ hinken, dann aber wurde es mir unmoͤglich. Wir zogen durch eine Stadt, ſobald wir auf der andern Seite aus dem Thore waren, ließ ich, weil er nicht Acht auf mich gab, den Schweif des Pferdes los und entfloh, ohne daß er es bemerkte. Ich begab mich wieder in die Stadt, ermat⸗ tet von Hunger und Anſtrengung ſezte ich mich auf die Treppe eines großen Hauſes. Gekleidet in das koſtbarſte Pelzwerk trat eine Dame her⸗ aus, erkannte an meinem Anzuge daß ich eine Fremde ſey, ſtand bei mir ſtill, und fragte, wer ich waͤre. In wenigen Worten theilte ich ihr das Noͤthige mit, ſie gab Befehl mich im — 283— Hauſe aufzunehmen und fuͤr mich zu ſorgen. Nach einigen Tagen der Ruhe, ließ ſie mich rufen, und ich erzaͤhlte ihr alsdann meine Ge⸗ ſchichte. Sie war guͤtig geſinnt und großmuͤthig, ich wurde ihre Kammerfrau, war zufrieden und gluͤcklich, hoffte daß ich mein Leben in ihrem Dienſte beſchließen koͤnnte. Aber mein Unheil hatte mich noch nicht zur Haͤlfte getroffen. Meine Herrin war eine Dame ſehr vornehmen Standes, der die groͤßte Hochachtung erwieſen wurde. Ihr Haus war ſtets mit Fremden an⸗ gefuͤllt, ſie war reich und gab die praͤchtigſten Feſte. Ihr Gemahl war vor zwei Jahren ge⸗ ſtorben, ſie aber war noch jung und ausneh⸗ mend ſchoͤn. Eines Abends war große Geſell⸗ ſchaft in ihren Prunkgemaͤchern verſammelt, als die Thuͤr ſich oͤffnete und ein Offizier her⸗ eintrat, der zu ihr ging um ihr etwas in das Ohr zu lispeln. Sie erbleichte, zitterte, und gab zur Antwort, daß ſie in einer Stunde bereit ſeyn wolle. Ich war in dieſem Augen⸗ blicke in ihrer Naͤhe, ſie gab mir ein Zeichen, eilte zu ihrem Zimmer und brach in einen. Strom von Thraͤnen aus. „Ich habe den Befehl bekommen, augenblick⸗ lich nach der Hauptſtadt abzureiſen— ich bin des Verrathes angeklagt. Mein Gewißen ſagt mir, daß ich nichts Boͤſes gethan habe; aber wehe mir, unſer Herrſcher kennt keine Barm⸗ herzigkeit. Katalina,“ dieſen Namen hatte ſie mir gegeben—„willſt Du mich begleiten?— es wird eine lange, eine betruͤbte Reiſe ſeyn. Gott mag wißen wie ſie endet.“ Auf der Stelle war ich bereit; packte das Noͤthige ein, und ohne Diejenigen zu ſtoͤren, die ſich froͤhlicher Luſt uͤberließen, begaben wir uns in den Hof und beſtiegen in Begleitung des Offiziers ein Fuhrwerk. Nach vier Tagen trafen wir in der Hauptſtadt ein, ich wurde von meiner Herrin getrennt, und ſie in ein Gefaͤngniß geworfen. Ihre Anklaͤger ſah ſie ſo wenig als ihre Richter; ihre Bittſchrift an den Beherrſcher blieb ohne Erfolg, ſie wurde ver⸗ urtheilt— doch ihre Strafe ward nicht ſogleich entſchieden. Drei Wochen verbrachte ſie im Gefaͤngniße; der Offizier, welcher ſie bewachen mußte, war menſchlich genug, mir zu erlauben, daß ich ſie — 285— taͤglich waͤhrend einiger Minuten beſuchen durfte, inzwiſchen mußte ſtets eine dritte Perſon zuge⸗ gen ſeyn. Als ich eines Morgens zu ihr kam, fiel mir die arme Dame um den Hals und ſchluchzte lange ohne ein Wort vorbringen zu koͤnnen; auch des Offiziers Geſicht zeigte einige Niedergeſchlagenheit, und ich bemerkte daß zu⸗ weilen eine Thraͤne uͤber ſeiner maͤnnliche Wange herabrollte. „Katalina,“ ſagte ſie zulezt—„mein Urtheil iſt erfolgt, Morgen ſoll ich geſtraft werden. O Gott! verzeihe Du ihnen ihre Grauſamkeit und ihre Ungerechtigkeit!“— ſie ſank aus mei⸗ nen Armen auf den Boden des Kerkers nieder. Wir hoben fie wieder auf, und ſie erholte ſich etwas.„Ja, Katalina, Morgen ſoll ich fuͤr ein Verbrechen geſtraft werden, an dem ich unſchuldig bin— eine Strafe erleiden— O Gott! erbarme Dich meiner— die aͤrger iſt als der Tod. Die Geißel— gegeißelt unter oͤffentlicher Ausſtellung auf dem Marktplaze. Mag Gott unſerm Beherrſcher ſeine Grauſam⸗ keit verzeihen!“. Ich hatte von dieſer furchtbaren Strafart — 286— gehoͤrt, glaubte aber nicht, daß ſie auf Frauen Anwendung finde; denn ſie iſt zu barbariſch. „Ich habe nicht davon gehoͤrt,“ ſagte der Paſcha;„ſprich, alte Fran⸗ iſt ſie aͤrger als die Baſtonade? „Ja, Hoheit, viel aͤrger; die Geißel iſt eine Peitſche von ungeheurer Schwere, ſo daß der Scharfrichter, wenn er den beſondern Befehl dazu bekommen hat, einen dazu verurtheilten Menſchen, durch zwei oder drei Hiebe toͤdten mag, doch Deine Hoheit wird die Beſchaffen⸗ heit dieſer Strafe beßer verſtehen, wenn ich be⸗ ſchreibe, was ich mit angeſehn, habe.“ Meine theure Gebieterin erbat ſich als einen Gunſtbeweis von mir, daß ich ſie zum Straf⸗ plaze begleiten wolle; ich willigte ein. Ungluͤck⸗ liches Geſchoͤpf! ſie ſowohl als ich, hatten nur unvollkommenen Begriff von dem was vorgehen ſolle. Die Strafe ſollte auf dem großen vier⸗ eckigen Plaze vollzogen werden; die Truppen waren ausgeruͤckt und eine unzaͤhlige Volksmenge war verſammelt.— Sie erſchien auf dem er⸗ — 287— hoͤheten Geruͤſte auf welchem ſie ihre Strafe erleiden ſollte, im einfachen Morgenanzuge, der dazu beitrug, ihre Schoͤnheit noch mehr zu er⸗ heben. Die milde Freundlichkeit ihrer Zuͤge ge⸗ wann ihr das Mitleid derer die gewohnt waren die Befehle des despotiſchen und grauſamen Herrſchers unbedingt zu vollziehen. Jung, leb⸗ haft, bewundert, von Jedermann geſucht und mit Liebkoſungen uͤberhaͤuft, vornehmen Stan⸗ des und reich an irdiſchen Guͤtern ſtand ſie hier, nicht laͤnger umgeben von den Aufmerkſamkeiten und Huldigungen die ihren Talenten, ihrer Schönheit und ihrem durchdringenden Geiſte gebuͤhrten, ſondern unter der Beruͤhrung ſtren⸗ ger Henker. Voller Staunen blickte ſie auf dieſe, ſchien zu bezweifeln, daß aͤhnliche Vorbereitungen zu ihrer Beſtrafung getroffen ſeyn ſollten. Einer der Henker zog ihr einen mit Pelzwerk gefuͤtterten Kragen ab der ihren Buſen bedeckte; ihre Sitt⸗ ſamkeit ſchreckte, ſie ſtarrte einige Schritte zu⸗ ruͤck— erbleichte, zerfloß in Thraͤnen.— Bald wurde ihre ganze Bekleidung ihr abgezogen, in wenigen Sekunden ſtand ſie bis zur Mitte des — 288— Leibes nackt entbloͤßt— war den Blicken einer zahlloſen Volksmenge ausgeſezt, die das tiefſte Schweigen beobachtete.— Nun erfaßte einer der Henker ſie bei beiden Haͤnden, drehete ſich halb herum und warf ſie ſich auf ſeinen Ruͤcken wobei er ſich voruͤber beugte, ſo daß ihre Fuͤße ein Paar Zoll uͤber dem Boden ſchwebten; der zweite Henker legte ſie mit ſeinen rohen Haͤn⸗ den und ohne einen Zug von Mitleid im Blicke, auf dem Ruͤcken ſeines Gefaͤhrten in eine Stel⸗ lung, in welcher ſie die zuerkannte Geißelung am treffendſten erhalten konnte. Zuweilen preßte 4 er ſeine breiten Haͤnde ungezogen auf ihren Kopf, damit ſie den hinabhalte; dann wieder ſchien er ſie zu ſtreicheln, wie der Mezger ſein Schlacht⸗Lamm— bis er ſie in die guͤnſtigſte Lage gebracht hatte. Nun nahm er die Geißel, eine aus langen Lederſtreifen zu dieſem Zwecke gedrehete Peitſche; er trat einige Schritte zuruͤck, ſchaͤzte die noͤthige Entfernung mit feſtem Auge ab, ſchaute erſt hinter ſich und gab dann einen Hieb mit dem Ende der Peitſche, welcher einen Streifen Haut vom Nacken bis zur Ruͤcken⸗ wurzel abſchaͤlte; er ſtieß darauf mit ſeinen Fuͤßen gegen den Boden, nahm ſeine Richtung fuͤr einen zweiten Streich parallell mit dem erſten, und bald war ihre ganze Ruͤckenhaut in duͤnne Streifen abgeſchaͤlt, die zum groͤßeren Theile an ihrer untern Bekleidung feſthingen. Vor Entſezen wurde ich ohnmaͤchtig lange vor Beendigung der Strafe.„Gott im Himmel!“ dachte ich—„die Baſtonade und die ſeidene Schnur habe ich ausgeſtanden, aber im Ver⸗ gleich zu dieſer Scheußlichkeit war beides Gnade. — Iſt denn kein Gott im Himmel, um ſolche despotiſche Grauſamkeit zu beſtrafen?“ Meine Herrin war nicht todt; die Wund⸗ ärzte bekamen den Befehl ihr die groͤßte Aufmerk⸗ ſamkeit zuzuwenden, damit ſie hergeſtellt wuͤrde; und mich beduͤnkte dieſe Aufmerkſamkeit des Be⸗ herrſchers, gewißermaßen eine Suͤhnung ſeiner barbariſchen Haͤrte.— Aber, o gerechter Gott! ſie ward nur wieder in das Leben gerufen um deſto grauſamer beſtraft zu werden; kaum war ſie ſo weit geneſen, daß ſie eine Verſtuͤmmlung ertragen konnte, als man ihr die Zunge aus⸗ ſchnitt und ſie in die Eisgefilde verbannte! So wurde meine reizende Herrin eines bloßen III. 19 — 290— Argwohns wegen beſtraft, großer Paſcha,— ſchuldig hatte ſie ſich nie gemacht. Mir war erlaubt worden, ſie vor ihrer lezten Strafe zu ſehen, und die arme Ungluͤckliche bildete ſich ein, daß des Herrſchers Grimm erweicht waͤre, daß man ihr nun geſtatten wuͤrde zu ihrer Heimath zuruͤckzukehren; ſtatt deßen ward ihr die Zunge ausgeſchnitten, ohne daß man ihr das mindeſte von dieſer zweiten furchtbaren Strafe ahnen ließ; nachdem das geſchehen war, weigerte man mir den Zutritt, und nie habe ich meine ſchoͤne, mißhandelte Gebieterin wieder geſehn. Der Offizier, welcher ſie bewachen mußte, theilte mir die Kunde dieſer neuen Grauſamkeit mit, und ich begab mich nach mei⸗ ner Wohnung mit einem Herzen das vor Schmerz und Entruͤſtung zerſpringen wollte. Ich war entſchloßen, wenn irgend moͤglich aus einem Lande zu entfliehen, in welchem man Frauen die Zungen ausſchneidet; wie ich das aber anzufangen haͤtte, wußte ich nicht. Meine ungluͤckliche Gebieterin hatte einiges Geld und Geſchmeide in meinen Haͤnden gelaßen, ich er⸗ kundigte mich nach den Mitteln zu einer Reiſe nach Conſtantinopel, wo ich mindeſtens in ei⸗ nem ziviliſirten Reiche ſeyn wuͤrde. Endlich er⸗ ſchien ein Jude der vernommen hatte, daß ich nach dem Suͤden zu reiſen wuͤnſche, und erbot ſich, mich mit dahin zu nehmen ſobald der Boden mit Schnee bedeckt ſeyn wuͤrde; wir wurden unſers Handels einig fuͤr die Summe von fuͤnfhundert Silberthalern. Nach vierzehn Tagen hatte der Winter begonnen, wir beſtie⸗ gen unſer Fuhrwerk und machten uns auf die Reiſe. Nach einer beſchwerlichen Fahrt in Conſtan⸗ tinopel angekommen, ſuchte ich meine Paͤcke⸗ reien zuſammen, um die verabredete Summe zu bezahlen; doch der alte Schurke riß mir meine Sachen aus den Haͤnden und gab mir einen Fußtritt in den Leib der mich faſt toͤd⸗ tete.— Ich wurde in ein Zimmer verſchloßen, nach einer halben Stunde erſchien ein Sklaven⸗ haͤndler, fuͤr eine geringe Summe wurde ich verkauft und abgefuͤhrt, denn fruchtlos war mein Sperren gegen ſolche Ungerechtigkeit.— Meine Schoͤnheit war dahin, ich war ſchon — 292— uͤber dreißig Jahre alt, und die ausgeſtandenen Muͤhſeligkeiten hatten mich noch mehr gealtert. Mein nachfolgendes Leben war nichts als eine Reihefolge von Wechſeln und Ungluͤcksfaͤllen. Zuerſt wurde ich an einen Paſteten⸗Baͤcker ver⸗ kauft und geſchmort wenn ich uͤber ſeinem Ofen ſtehen mußte. Ich ward halsſtarrig und wurde mit Schlaͤgen gezuͤchtigt, doch daraus machte ich mir nichts. Die Paſteten waren verbrannt und nun wurde ich wiederum und zwar an ei⸗ nen Barbier verkauft, deßen Frau ein wahrer Zankteufel war und mich halb todt machte; zum Gluͤcke wurde der Barbier angeklagt, einem aus dem Gefaͤngniße entſprungenen Verbrecher den Bart geſchoren zu haben, und ſo fanden wir ihn eines Morgens vor ſeiner Thuͤr aus⸗ geſtreckt liegend, ſeinen eigenen Kopf unter dem Arme. Nun wurde ſeine Frau ſowohl als ich, zu Sklavinnen verkauft. In dieſer Art ſank ich mit jedem Jahre tie⸗ fer und tiefer; verdiente immer weniger, ward dagegen ſtets ſchlechter behandelt, und wurde zulezt mit mehren Andern von einem Armenier eingeſchifft, der nach Smyrna beſtimmt war. — 293— Ein Algieriſches Raubſchiff kaperte uns, lange Zeit mußte ich an deßen Bord bleiben, um dem Raubgeſindel die Lebensmittel zu kochen. Endlich ſcheiterte das Schiff an dieſer Kuͤſte; wie ich gerettet wurde weiß ich nicht, denn ich war meines Lebens muͤde.— Die Fluth warf mich aber auf den Strand, und ſo kam ich zu die⸗ ſer Stadt— wo ich manches Jahr mit einem alten Jammermenſchen zuſammengelebt hatte, der im Elende wie ich, mit mir Almoſen er⸗ bettelte. Vor einem Jahre iſt er geſtorben und hat mich in der Huͤtte allein gelaßen. Noch im⸗ merfort muß ich meinen Lebensunterhalt zuſam⸗ menbetteln; jezt Paſcha, haſt Du meine Ge⸗ ſchichte und ich denke Du wirſt zugeſtehn wol⸗ len, daß ich mit Recht ſagen kann: die Zeit iſt geweſe en.“ „Es iſt Dein Kismet, Deine Beſtimmung gute Frau. Nur einen Gott gibt es, und Ma⸗ homed iſt ſein Prophet! Du biſt entlaßen;“ ſagte der Paſcha. „uUnd das Gold Hoheit?“ kliſterte Muſtapha. „Laß ſie s behalten. War ſie nicht eine Sul⸗ — 294— tanin?“ bemerkte der Paſcha mit änidem An⸗ klang von Mitgefuͤhl. Die Alte hoͤrte ſcharf, ſie hatte Muſtapha's Anfrage vernommen, und ergaͤnzte leicht das Uebrige; des Paſcha Antwort hatte ſie deutlich verſtanden. „ Nun, Paſcha, bevor ich Dich verlaße, will ich, weil ich Dein Gnadengeſchenk bekommen habe, mit Deiner Erlaubniß Dir einen wohl⸗ gemeinten Rath geben, der wegen meiner Welt⸗ kenntniß und meinem Verſtehen der Geſichtzuͤge Anderer, Dir von nicht geringem Nuzen ſeon mag. Erlaubſt Du, Paſcha?“ „Sprich,“ gab er zur Antwort. tortr „Wohlan, Paſcha, huͤte Dich vor dem Man⸗ ne, der Dir zur Seite ſizt, denn auf ſeinem Geſichte leſe ich, er wird ſeine Erhebung auf Deinen Fall bauen. Huͤte Dich, Paſcha! „Hexe von Jehaͤnnum!“ rief Muſtapha vom Size aufſpringend. Die Alte hielt ihren Finger empor und verließ den Divan. Argwoͤhniſch blickte der Paſcha auf Muſta⸗ pha, denn Argwohn lag in ſeiner Natur; Muſtapha ſah gar nicht ſchuldlos aus. — 295— „Leihet mein Gebieter ſein Ohr der Luͤgen⸗ zunge eines alten Weibes?“ ſprach Muſtapha, und warf ſich vor dem Paſcha nieder.„Hat nicht Dein Sklave ſeine Treue bewaͤhrt? Bin ich nicht wie der Staub vor Deinen Augen. Nimm mein Leben, Paſcha, aber bezweifle Dei⸗ nes Sklaven Treue nicht.“ Der Paſcha ſchien zufrieden geſtellt;—„was iſt dies Alles, als Boſch, nichts?“ ſagte er, ſtand auf und verließ das Gemach. „Boſch?“ murmelte Muſtapha,„die verfuchte alte Hexe. Ich ſehe zu gut— hier iſt keine Zeit zu verlieren— ich muß eilen. Wenn doch der Renegat nur von Stambul zuruͤckkaͤme; es iſt an der Zeit.“— Mit truͤbem Ausſehen ver⸗ ließ Muſtapha den Divan. Siebentes Kapitel. 2 in Wiewohl der Paſcha mit der allen Tuͤrken eigenthuͤmlichen Diplomatik, weit davon ent⸗ fernt geweſen war, ſeinen Unwillen gegen Muſtapha auszuſprechen, ſondern ihn mit mehr als gewoͤhnlicher Freundlichkeit behandelt hatte, vergaß er deshalb doch den Rath der alten Frau nicht. Einmal erweckter Argwohn durfte nicht wieder getilgt werden, er hatte mit ſeinem Fa⸗ vorit⸗Weibe Fatime ſich daruͤber berathen. Frauen ſind in Faͤllen dieſer Art vortreffliche Rathge⸗ berinnen. Die einzige Gefahr, welche den Pa⸗ ſcha bedrohen konnte, mußte vom kaiſerlichen Hofe in Stambul ausgehen, denn die Truppen waren ihm ergeben, und das Landvolk hatte —— — — 297— keinen ſehr triftigen Grund zur Beſchwerde. Auf Fatimens Rath ſchickte der Paſcha eine junge und huͤbſche griechiſche Sklavin zum Ge⸗ ſchenke an Muſtapha; dieſe war aber Spaͤherin im Dienſte der Favorite, und ihr war von der lezten vorhergeſagt, des Vezirs Schickſal ſey entſchieden. Sie ſollte, wenn es ihr moͤglich waͤre, zu entdecken ſuchen, ob zwiſchen dem Vezir und dem Renegaten der die Flotte befeh⸗ ligte, ein Verſtaͤndniß beſtehe, denn von dieſer Seite allein, ließ ſich Gefahr ahnen. Die Griechin hatte noch keine Woche in Muſtaphas Harem zugebracht, da war ihr ſchon mehr als genug bekannt. Die Flotte war mit Geſchenken des Paſcha an den Sultan, nach Conſtantinopel geſchickt, ihre Ruͤckkehr wurde ſtuͤndlich erwartet. Am Nachmittage dieſes verhaͤngnißvollen Ta⸗ ges zeigte ſich die Flotte, lag aber von Wind⸗ ſtille befallen einige Meilen vom Auslauf des Hafens auf der Rhede. Muſtapha eilte dies dem Paſcha zu berichten, der im Divan ſaß um Klagen anzuhoͤren und Urtheil zu ſprechen, ob⸗ gleich er keine Gerechtigkeit dadurch ertheilte. Als der Paſcha die Nuͤckkehr der Flotte vernahm, — 298— erbangte ſein Herz, und dies um ſo mehr, weil Muſtapha kriechender und ſchmeichelnder war als je. Er entfernte ſich fuͤr kurze Zeit aus dem Divan und ſuchte ſeine Favoritin Fatime auf. „Paſcha,“ ſprach dieſe, die Flotte iſt ange⸗ kommen und Muſtapha hat bereits Mittheilun⸗ gen vom Renegaten empfangen. Verlaß Dich darauf, Du biſt verloren, wenn Du ihnen nicht zuvor kommſt. Verliere keine Zeit.— Doch halt, ſeze den Renegaten nicht in Furcht durch Gewaltthaͤtigkeit gegen Muſtapha. Morgen wird die Flotte ankern; wenn Unthat im Werke iſt, wird ſie doch erſt Morgen ausgefuͤhrt werden — ſchicke Du heute Abend, wie gewoͤhnlich fuͤr Kaffe, waͤhrend Du raucheſt und vergnuͤgliche Geſchichten anhoͤrſt. Trinke Du Deinen Kaffe nicht, denn er ſoll Tod enthalten. Sey Du nichts als Laͤcheln und frohe Laune, uͤberlaß mir das Uebrige.“ Der Paſcha glaͤttete ſeine Stirne und kehrte zum Divan zuruͤck. Die Geſchaͤfte wurden in gewohnter Weiſe betrieben und das Abhoͤren aplich fuͤr dieſen Tag geſchloßen. Der Paſcha —— — 299— ſchien in der heiterſten Laune zu ſeyn, der Ve⸗ zir war es wirklich. „Gewiß wird Seine Kaiſerliche Hoheit der Sultan Dir ein Merkmal ſeiner ausgezeichneten Huld zugeſchickt haben;“ ſagte Muſtapha, als die Pfeifen gebracht wurden.— „Gott iſt groß und der Sultan iſt weiſe;“ erwiederte der Paſcha.„Auch ich habe mir das naͤmliche gedacht;— wer weiß, ob er nicht noch durch ein anderes Paſchalick meine Herr⸗ ſchaft erweitert.“ „Mir ward das im Traum verkuͤndet,“— ſprach Muſtapha—„ich wuͤnſche ſehr, daß der Renegat an's Land kommen moͤgte; doch jezt iſt's dunkel geworden, und er wird ſein Schiff nicht verlaßen.“ „Wir muͤßen die Nebel der Ungewißheit durch den Sonnenſtrahl der Hoffnung vertreiben;“ gab der Paſcha zur Antwort.—„Was bin ich anders, als des Sultans Sklave?— Wol⸗ len wir uns nicht heute Abend am Waßer des Giaur erlaben?“ „Was ſagt Hafiz?“ erwiederte Muſtapha⸗ „Wein begeiſtert den Menſchen und erhebt ihn 4 — 300— weit uͤber Ungewißheit und Zweifel. Er uͤber⸗ ſchuͤttet uns mit Muth, und erzeugt Traumbil⸗ der der Segnung“ „Wallah Thaib, das iſt wohl geſprochen, Muſtapha:“ ſagte der Paſcha, und nahm eine Taße Kaffe, welche ein griechiſcher Sklave dar⸗ reichte. Auch Muſtapha bekam ſeine Taße.„Mein Herz iſt leicht,“ ſagte der Paſcha, und legte ſeine Pfeife nieder—„wir wollen tuͤchtig vom verbotenen Safte trinken. Wo iſt er, Muſta⸗ pha?“ „Hier;“ erwiederte der Vezir, der eben ſei⸗ nen Kaffe austrank, waͤhrend der Paſcha ihn aus den Winkeln ſeiner kleinen grauen Augen beobachtete. Muſtapha zog die Brandtweinflaſche hervor, welche hinter der niedern Ottomanne ſtand, auf welcher er ſaß. Der Paſcha ſchob ſeinen Kaffe zur Seite und trank einen vollen Zug aus der Flaſche. „Gott iſt groß! Trink Muſtapha;“ ſagte er, und reichte ihm die Flaſche hin. Muſtapha befolgte des Sultans Beiſpiel, und fragte dann:„Gefaͤllt es Deiner Hoheit, ſo habe ich außen einen Mann, von dem man — 321— ſagt, daß er noch ſchoͤnere Geſchichten erzaͤhlt, als Menouni. Als ich hoͤrte, daß er durch dieſee Stadt kaͤme, habe ich ihn aufgehalten, damit er Deiner Hoheit Vergnuͤgen gewaͤhre?— Soll Deinem Sklaven erlaubt ſeyn, ihn einzulaßen?“ „Mag es geſchehn,“ antwortete der Paſcha. Muſtapha gab das Zeichen; zur hoͤchſten Ueberraſchung des Paſcha, trat der Renegat und Flottenbefehlshaber mit Wachen und in Begleitung jenes wohlgekannten Beamten des Kalifen, des Capidji Bachi ein, der einen kaiſerlichen Firman zu ſeiner Stirn emporhob. Der Paſcha erbleichte, denn nun wußte er, . daß ſeine Stunde gekommen ſey.„Bismillah! Im Namen des Allerhoͤchſten, Mann, wen ſuchſt Du?“ rief der Paſcha tief erſchuͤttert. „Der Sultan, Gebieter des Lebens, ſendet Dir oieſes, Paſcha, als einen Bewweis ſeiner Nachſicht und großen Gnade.“ Bei dieſen Wor⸗ ten zog der Capidji Bachi eine ſeidene Schnur hervor, und uͤberreichte dem Paſcha die unſelige Pergamentrolle. „Muſtapha,“ fliſterte der Paſcha,„verſammle Du meine Leibwachen waͤhrend ich dies leſe; — 302— ich will Widerſtand leiſten. In dieſer Entfer⸗ nung fuͤrchte ich den Sultan nicht, und kann ihn durch Geſchenke beguͤtigen.“ Doch Muſtapha hatte kein ſolches Mitge⸗ fuͤhl; ſondern erwiederte:„O Paſcha! wer ver⸗ mag gegen den Willen des himmliſchen Vize⸗ Regenten ſich aufzulehnen. Es gibt nur einen Gott und Mahomed iſt ſein Prophet.“ „Ich will mich auflehnen,“ rief der Paſcha zornig—„geh und rufe meine treueſten Wa⸗ chen! 1ℳ Muſtapha verließ den Divan, und kam zu⸗ ruͤck in Begleitung der Stummen und einiger Leibwachen, die er ſchon vorher beſtochen hatte. „Verraͤther!“ ſchrie der Paſchä. „La Allah, il Allah; es iſt nur ein Gott!“ ſprach Muſtavnba⸗. Nun erkannte der Paſcha, daß er geopfert waͤre. Er las den Firman, druͤckte ihn zum Zeichen ſeines Gehorſams an ſeine Stirne, und vereitete ſich zum Tode.— Der Capidji Bachi zog einen zweiten Firman hervor, den er Muſtapha uͤberreichte. Dieſer war⸗ zum Paſcha⸗ lik erhoben. 3 r⸗ — 303— „Barik Allah! Gelobt ſey Gott fuͤr alle Dinge;“ bemerkte Muſtapha ſehr demuͤthig— „was bin ich anders, als des Sultans Sklave und um ſeine Befehle auszufuͤhren? Falle die Schuld auf meinen Kopf!“ Muſtapha gab das Zeichen, und die Stum⸗ men ergriffen den ungluͤcklichen Paſcha. „Es gibt nur einen Gott, und Mahomet iſt ſein Prophet;“ ſprach der Paſcha, dann fuhr er mit Hohnlaͤcheln zur Seite gewendet foͤrt: „Muſtapha! mag Dein Schatten niemals ge⸗ ringer werden— aber— Du haſt den Kaffe niedergeſchluckt.“ Die Stummen ſtrafften die ſeidene Schnur an. Nach einer Minute ward des Paſcha Leich⸗ nam durch ein uͤbergedecktes Gewand verhuͤllt. Fo „Kaffe,“ murmelte weaſtapha, als er& Paſcha lezte Worte vernahm.„Mich duͤnkt, er hatte einen Beiſchmack. Jezt iſt er fuͤr ſeinen Verrath nach Jehaͤnnum geſchickt.“ Doch alle Traumbilder von Macht und Groͤ⸗ ße, welche des neuen Paſcha Gemuͤth erfuͤllt hatten, waren nun ploͤzlich durch Furcht und Jammer zerſtoͤrt. — 304— Nachdem der Capidji Bachi ſeinen Auftrag ausgerichtet hatte, ging er hinaus. „Jezt ertheile mir meine verſprochene Bloh⸗ nung,“ rief der Renegat. „Deinen Lohn— ja— den hatte ich ver⸗ geßen,“ erwiederte Muſtapha, deßen Geſicht ſchon durch die vom Gifte erregten Schmerzen verzerrt wurden.—„Ja, den hatte ich ver⸗ geßen—“ fuhr er fort; die Gewißheit ſeines nahen Endes machte ſowohl durch Schmerz als durch gekraͤnkten Ehrgeiz ihn wuͤthend wie ein wildes Thier——„ja, den hatte ich ver⸗ geßen. Wachen! ergreift den Renegaten!“ „Dann muͤßen ſie raſcher ſeyn, als Du den⸗ ken kannſt;“ erwiederte Huckaback, riß ſich von den Wachen los, zog ſeinen Scimitar, und mes auf ſeinen in ven Mund geſteckten Fingen, ein gellendes Pfeifen vernehmen. Sogleich ſtuͤrzte ein zahlreicher Haufe von Soldaten und Ma⸗ troſen der Flotte herein, die Leibwachen wurden entwaffnet.—„Jezt, Du Paſcha, der noch keine Stunde alt iſt— was ſagſt Du?“ „Es iſt meine Beſtimmung,“ erwiederte Muſtapha, ſich in Todesqual auf den Boden — 305— rollend;„es gibt nur einen Gott und Maho⸗ met iſt ſein Prophet!“— mit dieſen Worten verſchied Muſtapha. „Der alte Narr hat mir einige Muͤhe er⸗ ſpart;“ bemerkte der Renegat—„Fort mit dieſen Leichnamen, und ruft Ali als neuen Paſcha aus!“ So ſtarben die beiden Bartſcheerer, und auf ſolche Weiſe regierte Huckaback unter dem Na⸗ men Ali, an ihrer Stelle.— Seine Regierung aber und die Dauer derſelben, gehoͤren zu den vielen Ereignißen, welche der Nachwelt nicht aufbewahrt ſind. G Ende. Bei J. A. Mayer in Aachen iſt ferner er⸗ ſchienen und in allen Buchhandlungen zu haben: Belgien und Weſt⸗Deutſchland im Jahre 1833. Von Mſtrs. Trollope, Verfaſſerin der„Haͤuslichen Sitten der Amerikaner.“ * Aus dem Engliſchen uͤberſetzt 3 von O. von Czarnowsli. 2 Bände. 8. geh. 2 Thlr. 12 Gr. oder 4 Fl. 50 Kr. Die geiſtreiche Verfaſſerin hat durch ihr erſtes er⸗ über die Verein⸗Staaten ſich einen ſo allgemeinen Bei⸗ fall als ſcharfſichtige Beobachterin und als gewandte und witzige Erzaͤhlerin erworben, daß dieſe Schilde⸗ rung unſeres eigenen Vaterlandes aus derſelben Feder das geſpannteſte Intereſſe erwecken muß. Die Belgi⸗ ſchen und Deutſchen Zuſtaͤnde ſind mit Lebendigkeit und Laune in dieſem Buche aufgefaßt, das, wenn nicht aberall belehrt, doch immer angenehm unterhaͤlt. alnrumunanuuxwxununxERRRRNVNRNEEENEEI 8 2 10 11 12 13 14 1s 16 1, 1s