Leihbibl 4 deutſcher,engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird..— 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 8. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — 44 Erzühlun gen b eines Pascha. Erſter Band. .* Beim Verleger dieſes iſt bereits vom nemlichen Berfaſſer erſchienen: Veter Simpel. Ein humoriſtiſcher Roman. Aus dem Engliſchen von C. Richard. 8. 3 Bände. Geh. 4 Thaler. Jarob Ehrlich. Ein Seitenſtuͤck zu Peter Simpel. Aus dem Engliſchen von . C. Richard. 8. 3 Bände. Geh. 4 Thaler⸗ NRewton Forster. Aus dem Engliſchen von C. Richard. 8. 3 Bände. Geh. 4 Ahlr, — ¾——— Erzählungen eines Pascha. Von 44 Captain Marrpat, Verfaſſer des Peter Simpel, Jacob Ehrlich u. ſ. w. Aus dem Engliſchen von C. Kichard. Erſter Band. Aachen und Leipzig. Verlag von Jacob Anton Mayer. (Grüllel bei J. A. Maper und Somerhauſen.) 1835. Druck: J. J. Beaufort. ⸗ Erzälfkungen eines n. Erſtes Kapitel. Wer mit den Sitten und Gebraͤuchen im Morgenlande bekannt iſt, weiß, daß es dort unter den hohen Staatsaͤmtern keines gibt, welches ſo unſicher, oder vielmehr ſo gefahr⸗ voll fuͤr ſeinen Beſizer waͤre, als die Wuͤrde eines Paſcha. Vielleicht waͤre durch nichts an⸗ ders ein ſo uͤberzeugender Beweis davon z fuhren, welcher Wagniß ſich Menſchen ausſe⸗ zen wollen, um nur eine voruͤbergehende Ge⸗ walt uͤber ihre Mitmenſchen zu erlangen, als durch den gierigen Eifer, mit welchem eine — 6— ſolche Wuͤrdenertheilung vom Sultan ange⸗ nommen wird, der, wie der Neubeamtete dies mit angeſehen hat, einer betraͤchtlichen Anzahl von deßen Vorgaͤngern in der gleichen Wuͤrde die ſeidene Schnur ſchon zuſchickte. Faſt hat es den Anſchein, als erhoͤbe der Despot nur deswegen ein Haupt aus der Maße, um einen freieren, ungehinderten Umſchwung ſeines Schwerdtes zu gewinnen, wenn er daſſelbe vom Rumpfe ſchlaͤgt; in ſeiner beſondern Lieb⸗ haberei wird er nur vom Koͤnige von Da⸗ homy uͤbertroffen, der, wie man erzaͤhlt, die Treppenſtufen ſeines Pallaſtes mit Koͤpfen ziert, die bei jedesmaligem Aufgehen der Sonne friſch abgeſchlagen werden, ganz ſo wie wir die Vaſen in unſern Gemaͤchern mit friſchen, von unſern Beeten gepfluͤckten Blu⸗ men auszieren. 1 Dieſe Bemerkungen mache ich nur, damit man mich nicht einer Vernachlaͤßigung der Chronologie beſchuldige, wenn ich nicht genau das Jahr, oder eigentlicher die Monate an⸗ gebe, waͤhrend welchen einer aus dieſem Ge⸗ ſchlechte in Flor war, das, gleich den Blu⸗ 4 ——— men des Eiſtus, einen Morgen in ſeinem vol⸗ len Glanze prangt, und am folgenden erſtor⸗ ben auf dem Boden hingeſtreckt liegt, um Nachfolgern Plaz zu machen. Wenn man von ſolchen ephemeren Geſchoͤpfen redet, mag es voͤllig hinreichend ſeyn zu ſagen:„Es lebte ein Paſcha.“ Wollte man fragen, auf welche Weiſe er zu ſolcher Auszeichnung erhoben worden?, ſo waͤre das eine ganz muͤßige Frage. In dieſer Welt laͤßt ſich der Vorrang uͤber unſere Mitgeſchoͤpfe nur allein dadurch erlangen, daß man Andere in der Laufbahn der Tugend oder des Laſters weit hinter ſich zuruͤck laͤßt. Ganz nach der Herrſcher Seelenſtimmung werden dergleichen treue erprobte Dienſte eines Unterthanen im Wege der Tugend oder des Verbrechens, durch Üüberſchuͤttung mit Ehrenbezeugungen belohnt, vom Koͤniglichen Anhauch wird er geadelt und kann auf ſeine ehemaligen Genoßen von oben herabblicken. Weil die Welt ſich im beſtaͤndigen Schwunge fortdrehet, iſt das warum von weniger Be⸗ deutung. Die Ehrenſtellen werden verliehen, — 5— nicht aber die guten, noch die boͤſen Thaten und eben ſo wenig die Talente, durch welche jene erlangt werden. Dieſe leztern beſizen wir nur wie eine Leibrente, denn mit unſerm Tode, ſchwindet das Kapital. Die Ariſtokratie mit allen ihren Abſtufungen iſt zur nuͤzlichen Ver⸗ knuͤpfung der menſchlichen Geſellſchaft eben ſo nothwendig, als die verſchiedenen Rang⸗Grade zwiſchen dem Feldherrn und dem gemeinen Soldaten im Heere weſentlich erfordert wer⸗ den. Alſo frage man niemals, weshalb dieſer oder jener Mann uͤber ſeine Mitmenſchen er⸗ hoben worden iſt; ſondern man danke dem Himmel an jedem Abende, wenn man ſich nie⸗ derlegt, daß man nicht„Herrſcher“ iſt. Als Abſchweifung mag mir erlaubt ſeyn von einem Ehrenzeichen unſers Landes zu reden, welches ich niemals erblicken kann, ohne in ſehr ernſtes Nachdenken zu gerathen. Dies Ehrenmal iſt die„Bluthand“ im rechten Oberſchilde eines Baronett, die, das muß ich zugeben, jezt von vielen im Wappen gefuͤhrt wird, die vielleicht ihr ganzes Leben hindurch die Haͤnde nicht im Zorne erhoben haben. Meine 8 —— Gedanken kehrten aber zu den Tagen der Vor⸗ zeit zuruͤck, zu den eiſernen Tagen gehar⸗ niſchter Maͤnner, in denen dieſe Bluthand das Sinnbild treugeleiſteter Dienſte in Schlach⸗ ten war, und in der Wirklichkeit der„in Fein⸗ desblut geroͤtheten Hand“ verliehen wurde; da habe ich denn weiter nachgeſonnen, ob ſolch eine Hand, die mit ſtolzem Übermuthe in diefer Welt zur Schau geſtellt wurde, nicht etwa zitternd in der kuͤnftigen Welt als vernichtende Selbſtverurtheilung aufgehoben werden muß. Ich, deßen Gedaͤchtniß von einem geſezlichen Morde zum andern fortzugehen im Stande iſt, kann doch trocknen Fußes uͤber den weiten Raum einer fuͤnf und zwanzig jaͤhrigen Zeit hinwan⸗ dern, nur die„verdammten Blutflecken“ wol⸗ len nicht hervorkommen, alſo will ich meine Haͤnde immer in die Taſchen ſtecken und wei⸗ ter gehen. Gluͤcklicher⸗ oder ungluͤcklicherweiſe, ich ver⸗ mag nicht zu ſagen, welches der rechte Aus⸗ druck iſt, geſtattet uns unſer Gewißen Auswahl politiſcher und religioͤſer Glaubenslehren, die am beſten geeignet ſind unſere Suͤnden zu ver⸗ — 10— bergen oder zu entſchuldigen. Mein Gewißen iſt ein militairiſches und ich ſtimme voͤllig dem Ausſpruche von Bates und Williams bei, die in der Zeit Heinrich des fuͤnften bluͤheten und ſprachen:„alles auf den Koͤnig;“ damals kam wirklich Alles auf den Koͤnig, jezt iſt unſere Konſtitution aber ſo unvergleichlich vollkommen geworden, daß:„unſer Koͤnig nicht Unrecht thun kann;“ dabei wird es ihm gar nicht ſchwer Miniſter zu finden, die ſich freiwillig fuͤr alle ſeine Handlungen in dieſer Welt mit ihren Perſonen verpfaͤnden, ſo daß ſie hoͤchſt wahr⸗ ſcheinlich den Klauen des großen Pfand⸗ Wucherers in jener Welt nicht entkommen werden. Aus dieſen Thatſachen ziehe ich mir die folgenden Schluͤße ab. Erſtens: daß Seine Majeſtaͤt(Gott ſene ſie) in den Himmel eingehen wird. Zweitens. Daß Seiner Majeſtaͤt Miniſter, ſamuntlich zum Teufel fahren werden. Drittens. Daß ich fortfahren muß— in meiner Geſchichte. 3 Weil indeß eine Bekanntſchaft mit dem eüheen Lebenslauf unſers Paſcha zur Entwickelung der 8⁸ Geſchichte noͤthig iſt, ſo ſoll der Leſer dadurch zufrieden geſtellt werden. Der Mann war zum Gewerbe eines Bartſcheerers auferzogen; weil er aber viele perſoͤnliche Herzhaftigkeit beſaß, leitete er als Anfuͤhrer einen Volksaufſtand zu Gunſten ſeines Vorgaͤngers und ward dafuür mit einer Anſtellung im Heere belohnt, die nicht ganz unwichtig war. Er hatte gluͤckliche Erfolge im kleinen Kriege, waͤhrend ſein Ge⸗ neral in der Feldſchlacht ungluͤcklich war, des⸗ halb erhielt er die Weiſung ſeinem Befehlshaber den Kopf abzuſchlagen, und an deßen Stelle die Truppen anzufuͤhren; beide Dienſtauftraͤge fuͤhrte er mit gleicher Geſchicklichkeit und Raſch⸗ heit aus. Seine Unternehmungen hatten gluͤck⸗ lichen Erfolg, und weil der Paſcha ſein Vor⸗ gaͤnger, nach ſeiner Meinung ſowohl als nach der des Sultans ungewoͤhnlich lange Zeit in dieſer Wuͤrde geblieben war, ſo gluͤckte es ihm mittelſt einer durch tauſend Beutel Goldes unterſtuͤgten Anſchuldigung die ſeidene Schnur fuͤr ſeinen Wohlthaͤter zu verſchaffen; des Sultans„Firman“ ernannte ihn alsdann zur erledigten Paſcha⸗Wuͤrde. Seine Befaͤhigungen 1¼ — ——y—————— K i h ga ehere Aostr u 2* fuͤr dieſes Kronamt waren ſaͤmmtlch hoͤchſt vor⸗ ſcheinender Art: er war ſehr kurzen Koͤrpers, ſehr dickleibig, ſehr unwißend, ſehr jaͤhzornig uab ſehr dumm. Am Morgen nach ſeiner Würdenerlangung befand er ſich unter den Haͤnden ſeines Bart⸗ ſcheerers, eines verſchmizten anſtelligen Grie⸗ chen, Namens Muſtapha. Bartſcheerer ſind be⸗ vorrechtete Perſonen, und das aus vielen Gruͤnden; weil ſie von einem Kunden zum andern laufen, um ihr taͤgliches Brod zu ge⸗ winnen, erlangen ſie dadurch zugleich Stoff zur Unterhaltung, welche, ſo unverſchaͤmt ſie zuweilen ſeyn mag, doch dazu dient die Lange⸗ weile einer Operation zu verſcheuchen, welche den Gebrauch jedes andern Organes, als des Ohres, ausſchließt. Zudem ſind wir geneigt, im freundlichen Vernehmen mit einem Manne zu ſtehen, der es in ſeiner Macht hat uns die Kehle abzuſchneiden, wenn ihm das eben ge⸗ ſiele;— um aber ſchließlich Alles zu ſagen, werden durch die perſoͤnlichen Freiheiten, welche das Gewerbe bedingt, alle andern unbedeutend gemacht, denn dem nemlichen Manne, der — 13— ſeinen Souverain bei der Naſe erfaßt, kann ſpaͤter die Sprechfreiheit nicht fuͤglich ver⸗ weigert werden. Muſtapha war Grieche von Geburt und die ganzeKlugheit und Anſtelligkeit ſeines Stammes war ihm angeerbt. Als Sklave hatte man ihn in der Bartſcheererkunſt unterrichtet; im neun⸗ zehnten Jahre begleitete er ſeinen Herrn an den Bord eines nach Scio beſtimmten Kauffahrers; das Fahrzeug ward von einem Seeraͤuber ge⸗ nommen und Demetrius,(denn dieſer war ſein wahrer Name,) ſchloß ſich der Mißethaͤter⸗ Bande an, treulich diente er ſeine Lehrzeit im Halsabſchneiden aus, bis das Raubſchiff von einer Engliſchen Fregatte aufgebracht wurde. Weil er ein thaͤtiger und pfiffiger Burſche war, erhielt er auf ſein Geſuch die Erlaubniß als Matroſe am Bord der Fregatte bleiben, machte mehre Seegefechte mit und ſegelte nach Abluuf dreier Jahre in dem Schiffe nach Eng⸗ land, woſelbſt es abgezahlt wurde. Eine Zeitlang verſuchte Demetrius ſein Gluͤck zu machen, doch ohne Erfolg, erſt als er faſt anf ſeinen lezten Schilling herab gebracht war, begann er das Geſchaͤft eines, Rhabarber in Schachteln umhertragenden Verkaͤufers; dieſe Spekulation bewies ſich ſo vortheilhaft, daß er nach kurzer Zeit im Stande war, ſeine Über⸗ fahrt in einem nach Smyrna, ſeiner Vater⸗ ſtadt, beſtimmten Schiffe zu bezahlen. Dieſes Fahrzeug ward von einem Franzoͤſiſchen Kaper aufgebracht; er ward an's Land geſezt, und weil man ihn nicht als Gefangenen betrachtete, geſtattete man ihm zu thun was er wolle. Bald erlangte er den Dienſt eines Kammerdieners und Bartſcheerers bei einem Millionaͤr; dieſem wußte er einige hundert Napoleons zu ſtehlen, mit denen er, und zwar zu ſeinem Valerande entfloh. Jezt beſaß Demetrius einige Weltkenntniß, und erkannte die Nothwendigkeit Recht⸗ glaͤubiger werden zu muͤßen, weil er dadurch ſein Fortkommen in einem Tuͤrkiſchen Lande ungemein erleichtert ſah. Den Patriarchen ſchickte er deshalb zum Teufel und nahm da⸗ gegen den Turban und Mahomet auf; ſodann verließ er den Schauplaz ſeiner Apoſtaſie und begann auf's Neue ſein Bartſcheerergewerbe im — 15— Gebiete des Paſchas, deßen Wohlwollen er ſich ſchon erworben hatte bevor dieſer das Paſchalik erhielt. „Muſtapha,“ ſprach der Paſcha.„Du weißt, daß ich Allen denen die Koͤpfe abgeſchlagen habe, welche ihre Pantoffeln an der Thuͤr des ehemaligen Paſcha ließen.“ „Allah Kibur! Gott iſt allmaͤchtig! Moͤgen alle Feinde Deiner erhabenen Hoheit alſo un⸗ tergehen. Waren ſie nicht Soͤhne des Schei⸗ tan?“ erwiederte Muſtapha. „Sehr wahr; die Folge davon iſt aber die, Muſtapha, daß ich nun einen Vezir noͤthig habe; und wen kenne ich, der zu dieſem Amte taugte?“ „So lange Deine erhabene Hoheit Paſcha iſt, koͤnnte jedes Kind zu dem Amte genuͤ⸗ gen. Wer ſtrauchelt wohl, wenn unirrende Weis⸗ heit ihn leitet?“ „Das weiß ich recht gut, 2 erwiederte der Paſcha„wenn ich ihn aber immerwaͤhrend leiten ſoll, koͤnnte ich eben ſo gut ſelber der Bezir ſeyn; uͤberdem haͤtte ich auch keinen auf den ich den Tadel wuͤrfe, falls die An⸗ — 16— gelegenheiten mit dem Sultan nicht auf's Beſte gingen. Inſchallah! wenn's dem Herrn der Himmel gefaͤllt, mag des Vezir Kopf zuweilen meinen eigenen retten.“ „Sind wir nicht als Deine Hunde vor Dir?“ ſprach Muſtapha,„gluͤcklich iſt der Mann, der durch Darreichen ſeines eigenen Kopfes, Deiner erhabenen Hoheit wuͤrdiges Haupt ret⸗ ten koͤnnte. Der Tag muͤßte ihm der ſtolzeſte ſeines Lebens ſeyn.“ „Sein lezter waͤr's auf jeden Fall;“ erwie⸗ derte der Paſcha. Nach einer Pauſe hob Muſtapha wisder an: „Moͤge es Deiner erlauchten Hoheit gefallen — wenn Dein Sklave ſo hoch geehrt werden ſoll, in Deiner Gegenwart reden zu duͤrfen— ein Vezir ſollte ein Mann von vielem Takt ſeyn; er ſollte verſtehn, die Linie eben ſo ge⸗ nau einzuhalten, als ich das thue, wenn ich Deinen erlauchten Kopf ſcheere, keine Spur eines Haͤrchens zuruͤcklaße und doch nicht in die Haut dringe.“ „Sehr wahr Muſtapha.“ 44 „Er muͤßte ein ſcharfes Auge auf diejenigen — 17— richten, die mit der Regierung unzufrieden ſind; muͤßte ſie ausſondern und aus dem gro⸗ ßen Haufen entfernen, ſo wie ich das mit den wenigen weißen Haaren thue, die ſich heraus⸗ nehmen, in Deiner Hoheit erlauchten und praͤchtigem Barte zum Vorſchein zu kommen.“ „Ganz richtig, Muſtapha.“ „Sorgfaͤltig muͤßte er alle Unreinigkeiten aus dem Staate entfernen, ſo wie ich die heute Morgen aus Deiner Hoheit erhabenen Ohren entfernte.“ „Allerdings Muſtapha.“ „Mit den verborgenen Triebfedern jeder Hand⸗ lung muͤßte er ſo genau bekannt ſeyn, als ich mich damit bekannt zeigte, bei dem Schampu⸗ nen, welches Deiner erlauchten Hoheit Glied⸗ maßen ſo eben von mir beigebracht iſt.“ „Du redeſt wahr, Muſtapha.“ „Außerdem muͤßte er ſtets dankbar gegen Deine Hoheit ſeyn, fuͤr die ausgezeichnete Ehre die ihm widerfaͤhrt.“ „Alles was Du ſagſt Muſtapha, iſt richtig genug, aber wo ſoll ich ſolch einen Mann finden?“ 1 2 ——ÿ—; — — 18— „Dieſe Welt iſt in einigen Punkten ſehr be⸗ reitwillig,“ fuhr Muſtapha fort,„wenn Du einen Narren oder einen Schurken ſuchſt, ſo brauchſt Du nicht weit zu gehen um einen ſolchen anzuſchaffen; dagegen iſt es nicht leicht den Mann auszuwaͤhlen den Du verlangſt. Ich kenne nur einen.“ „Und wer iſt der?“ „Einer, deßen Kopf nur Dein Fußſchemel iſt,“ gab der Bartſcheerer zur Antwort und warf ſich vor dem Paſcha nieder.„Deiner er⸗ lauchten Hoheit unterthaͤnigſter Sklave„Muſta⸗ pha.“ „Heiliger Prophet! alſo meinſt Du Dich ſelber? Nun, wenn ich's recht bedenke, ſo ſehe ich nicht ein, weshalb der zweite Bartſcheerer nicht Vezir werden ſollte, wenn der erſte ſchon Paſcha wurde. Aber wo ſollte ich dann einen Bartſcheerer hernehmen? Nein, nein, guter Muſtapha, ein guter Vezir iſt leicht gefunden, aber zu einem guten Bartſcheerer, das weißt Du ſo gut als ich, iſt einiges Talent noͤthig.“ „Dein Sklave ſieht das ein,“ erwiederte Muſtapha;„doch hat er Reiſen in andern Laͤndern gemacht, wo es gar nicht zu den Seltenheiten gehoͤrt, daß ein Mann mehr als ein Amt unter einer Regierung bekleidet; zu⸗ weilen ſogar Amter, die viel unvertraͤglicher miteinander ſind, als die Ämter eines Bart⸗ ſcheerers und eines Vezirs, welche im Gegen⸗ theil recht enge miteinander verbunden ſind. Die Angelegenheiten mancher Voͤlker werden von Potentaten waͤhrend ihrer Ankleidezeit ge⸗ ordnet. Indem ich Deiner erlauchten Hoheit Kopf ſcheere, kann ich Deine Befehle zum Ab⸗ ſchlagen der Koͤpfe Anderer empfangen; Du aber kannſt im nemlichen Augenblicke ſowohl Deine Perſon als Deinen Staat in Ordnung bekommen.“ „Das iſt freilich ganz wahr, Muſtapha; alſo unter der Bedingung, daß Du Deine Ver⸗ bindlichkeit als Bartſcheerer fortſezeſt, habe ich nichts dawider, Dir das Amt eines Vezirs in den Kauf zu geben.“ Noch einmal warf ſich Muſtapha mit ſeiner Haarzange in der Hand vor dem Paſcha nie⸗ der; dann ſtand er auf und fuhr in ſeiner Ver⸗ richtung fort. „Du kannſt ſchreiben, Muſtapha?“ fragte der Paſcha nach kurzem Schweigen. „Min Allah, Gott verhuͤte, daß ich dies bejahen ſollte, denn ich muͤßte mich dadurch voͤllig unfaͤhig betrachten, die Wuͤrde anzu⸗ nehmen, mit welcher Deine erlauchte Hohei mich bekleidet hat.“ „Wiewohl mir das Schreiben unnoͤthig iſt, dachte ich doch, es moͤchte fuͤr einen Vezir erforderlich ſeyn,“ bemerkte der Paſcha. „Ich will zugeben, daß Leſen noͤthig ſeyn kann,“ erwiederte Muſtapha,„vertraue aber darauf, daß ich Deiner Hoheit werde leicht be⸗ weiſen koͤnnen, das Schreiben ſey eben ſo ge⸗ faͤhrlich, als es nuzlos iſt. Durch dieſe un⸗ ſelige Aneignung ſind mehr Menſchen un⸗ gluͤcklich geworden, als durch irgend eine an⸗ dere Handfertigkeit; ſo gefahrvoll ſie fuͤr Alle Menſchen iſt, beweiſt ſie ſich doppelt gefaͤhrlich fuͤr Perſonen in hohen Ämtern. Zum Beiſpiel wenn Deine Hoheit eine geſchriebene Botſchaft abſchickt und dieſe uͤbel aufgenommen wird, ſo kann dieſelbe gegen Dich vorgebracht werden 4 haͤtteſt Du dagegen eine muͤndliche Kunde ge⸗ ——— — 21— ſchickt, ſo koͤnnteſt Du die immer ablaͤugnen, und um Deine Aufrichtigkeit zu beweiſen, dem Tartaren, der ſie hinbringen mußte, die Baſto⸗ nade geben laſſen, bis er den Geiſt aufgibt.“ „Das iſt einleuchtend, Muſtapha.“ „Deines Sklaven Großvater,“ fuhr der Bartpuzer⸗Vezir fort,„bekleidete das Amt eines General⸗Empfaͤngers im Zollhauſe; der gerieth jedesmal in heftigen Zorn, wenn er genoͤthigt wurde, die Feder zu ergreifen. Bei ihm war es ein Glaubensartikel, daß keine Regierung in Flor kommen koͤnne, wenn das Schreiben allgemeine Üblichkeit wuͤrde.„Schau Muſtapha,“ ſagte er eines Tages zu mir, „hier gewahrſt Du den Fluch des Schreibens; fuͤr alle eingezahlten Gelder muß ich Empfang⸗ ſcheine geben. Was iſt die Folge davon? Die Regierung buͤßt dadurch alle Jahre viele Tau⸗ ſende von Zechinen ein; denn verlange ich etwa eine zweite Bezahlung, ſo zeigen die Leute ihre Empfangſcheine vor. Waͤre nur dieſe verfluchte 5 Erfindung des Schreibens nicht, Inſchallah! jſi e ſollten zweimal, wenn nicht dreimal das naͤmliche Geld bezahlen. Merke Dir Muſtapha,“ 8 — 2— fuhr mein Großvater fort,„leſen und ſchreiben ſind nur Dinge welche das Raͤderwerk einer Regierung hemmen.“ „Sehr richtig Muſtapha,“ ſprach der Paſcha, „und weil's ſo iſt, wollen wir kein Schreiben geſtatten.“ „Doch, erlauchte Hoheit, alles Geſchriebene von Andern, nur nichts Geſchriebenes von uns. Ich habe einen jungen Griechiſchen Sklaven, der zu dieſen Dingen gebraucht werden kann. Er lieſt gut. Ich habe ihn in der lezten Zeit dazu gebraucht, mir die Geſchichten der„Tau⸗ ſend und eine Nacht“ vorzuleſen.“ „Geſchichten!“ rief der Paſcha eifrig;„wo⸗ von handeln die? Hoͤrte noch nie davon, Ge⸗ ſchichten liebe ich ſehr.“ „Wenn es Deiner Erlauchten Hoheit Ver⸗ gnuͤgen machen wuͤrde, Dir dieſe Geſchichten vorleſen zu laßen, ſo wird der Sklave auf Deinen Befehl harren,“ erwiederte der Vezir. „Bring' ihn heute Abend her, Muſtapha, wir wollen unſere Pfeifen rauchen und zuhoͤ⸗ ren; Geſchichten liebe ich ganz ungemein, die bringen mich jedesmal in den Schlaf.“ — — 23— Die Geſchaͤfte des Tages wurden mit be⸗ wunderungswuͤrdiger Genauigkeit und Raſch⸗ heit von den beiden ehemaligen Bartſcheerern abgemacht; ſie fuͤhrten den Beweis davon, wie leicht ein Staat zu regieren iſt, wenn nicht„drei Staatsgewalten“ da ſind, um das Volk zu verwirren. In ihrem Divan ſaßen ſie, ſo wie Straßenraͤnber an den Heerwegen lauern; fuͤr Alle, die ſich blicken ließen, hieß 8:„Dein Geld, oder dein Leben.“ Zur gewohnten Stunde ſchloß der Gerichts⸗ hof, die Wachen entfernten ſich, das Geld wurde in die Schazkammer getragen, der Scharfrichter trocknete ſein Schwerdt ab, und das Leben der Unterthanen des Paſcha konnte ſo ziemlich geſichert betrachtet werden, bis da⸗ hin, daß am naͤchſtfolgenden T Tage die Staats⸗ angelegenheiten wieder unter die Leitung des Divan kamen. Dem ausgeſprochenen Wunſche des Paſcha gemaͤß, erſchien Muſtapha Nachmittags mit dem jungen Griechen⸗Sklaven. Nachdem der neue Vezir ſeinen Siz auf einem Polſter zu des Paſcha Fuͤßen eingenommen hatte, wurden die Pfeifen angezuͤndet, und der Sklave er⸗ hielt den Befehl zu leſen. Der Grieche war bis zum Ende der erſten Nacht gekommen, in welcher Scheherezade ihre Geſchichte beginnt, und der Sultan voller Be⸗ gierde den Schluß derſelben zu erfahren, ihre Hinrichtung bis zum folgenden Tage aufſchiebt. „Halt!“ rief der Paſcha, ſeine Pfeife aus dem Munde nehmend,„wie lange vor Tages⸗ aubruch rief das Maͤdchen ſeine Schweſter?“ „Etwa eine halbe Stunde, erlauchte Ha⸗ heit!“ „Wallah! war das Alles, was ſie in einer palben Stunde erzaͤhlen konnte? Es giebt nicht eine Frau in meinem Harem, die nicht in fuͤnf Minuten ſo viel herſagen koͤnnte.“ Den Paſcha vergnuͤgten dieſe Geſchichten ſo ſehr, daß er durchaus keine Neigung zum Schlafe verſpuͤrte; vielmehr mußte der Grie⸗ chen⸗Sklave ihm jeden Nachmittag ſo lange vorleſen, bis er kaum noch auf ſeinen Beinen ſtehen konnte und bis ſeine Zunge ihm faſt den Dienſt verſagte; die Folge davon war, daß man bald damit zum Ende kam, und weil * Muſtapha nicht im Stande war, andere her⸗ beizuſchaffen, ſo wurden ſie zum zweitenmale geleſen. Als das geſchehen war, empfand der Paſcha den Verluſt ſeiner Abendbeluſtigung und gerieth zuerſt in Verlegenheit daruͤber, wie er ſeinen Abend zubringen ſolle; ſpaͤter verſank er in Tiefſinn, endlich aber wurde er ſo reizbar, daß Muſtapha ſogar ihm zu⸗ weilen nicht ohne ein gewißes Erbangen nahen konnte. „Ich habe gedacht,“ bemerkte der Paſcha eines Morgens, als er unter Muſtapha's Haͤn⸗ den war, und von dieſem in ſeinem urſpruͤng⸗ lichen Gewerbe bedient wurde,„es wuͤrde mir eben ſo leicht ſeyn, mir Geſchichten erzaͤhlen zu laßen, als es dem Kalifen in den Arabi⸗ ſchen Naͤchten war.“ „Mich wundert gar nicht, daß Deine Hoheit dieſen Wunſch hat. Solche Geſchichten wirken wie Opium auf Theriarkis, erfuͤllen die Seele mit Bildern des Entzuͤckens fuür den Augen⸗ blick, erſchlaffen ſie aber durch den uͤbermaͤßi⸗ gen Reiz, wenn die Kraft ihrer Wirkung auf⸗ hoͤrte. In welcher Weiſe will Deine erlauchte * —— . 4 Hoheit das erlangen, und wie ſoll Dein Sklave zur Erfuͤllung Deiner Wuͤnſche beitragen?“ „Ich werde das ohne Huͤlfe zu erlangen wißen; komm Du heute Abend Muſtapha, Du wirſt'’s ſehen.“ Nachmittags erſchien Muſtapha; der Paſcha rauchte eine Weile ſeine Pfeife und ſchien ſehr mit ſeinen Gedanken beſchaͤftigt; nun legte er jene nieder, klatſchte in ſeine Haͤnde und gebot dem eintretenden Sklaven, ſeiner Favorite Zeinab zu ſagen, daß er ſie bei ſich zu ſehen wuͤnſche. Zeinab erſchien mit niedergelaßenem Schleier: „Deine Sklavin erwartet die Befehle ihres Ge⸗ bieters.“ „Zeinab,“ ſagte der Paſcha,„liebſt Du mich?“ „Bete ich den Staub nicht an, den meines Gebieters Fuß betritt?“ „Das iſt wahr; ich habe alſo eine Gunſt von Dir zu erbitten; merke Zeinab, es iſt mein Wunſch“(ejezt that der Paſcha einige raſche Zuͤge aus ſeiner Pfeife);„die Sache iſt, daß ich wuͤnſche, Du ſollſt meinen Harem ſhänder, ſo ſchnell Du nur kannſt.“ — 27— „Wallah ſil Nebi! Bei Allah und dem Pro⸗ pheten! Deine Hoheit iſt an dieſem Abend in kurzweiliger Laune,“ erwiederte Zeinab und wandte ſich herum, das Gemach zu verlaßen. „Im Gegentheil, ich bin ſehr ernſter Laune; was ich geſagt habe iſt mein Wille; und ich erwarte Du wirſt meinen Wunſch erfuͤllen.“ „Iſt mein Gebieter wahnſinnig? oder hat er zu viel vom Rebenſaft genoßen, den unſer Prophet verboten hat? Allah Kibur! Gott iſt allmaͤchtig— man muß zum Hakim ſchicken.“ „Willſt Du thun, wie ich Dir befohlen habe?“ fragte der Paſcha zornig. „Laͤßt mein Gebieter ſeine Sklavin rufen um ſie zu beleidigen! Mein Blut iſt von dem entſezlichen Gedanken, wie Waßer geworden! — Den Harem ſchaͤnden!— Min Allah! Gott verhuͤte!— Wuͤrde dann nicht der Verſchnit⸗ tene bereit ſeyn, und der Sack?“ „Allerdings, das geſtehe ich ein; aber dem⸗ ungeachtet muß es geſchehn.“ „Es ſoll nicht geſchehn,“ erwiederte die Fa⸗ vorite—„iſt mein Gebieter vom Himmel heim⸗ geſucht? oder iſt er vom Scheitan beſeßen?“ Mit einem Strome von Thraͤnen, den Wuth und Ärger ihr auspreßten verließ ſie das Gemach. „Nun da haben wir den Eigenwillen— Wei⸗ ber kennen nichts anders als Widerſpenſtigkeit. Wuͤnſcht man ſie ſollen treu ſeyn, ſo verſuchen ſie den Betrug bei Tage und bei Nacht; ge⸗ ſtattet man ihnen ihren Wunſch, ſagt man ihnen ſie ſollen falſch ſeyn, dann weigern ſie ſich.— Ich hatte alles ſo ſchoͤn angeordnet, ich wuͤrde ihnen ſaͤmmtlich die Koͤpfe abgeſchnitten, und jeden Abend eine neue Frau gehabt haben, bis ich eine gefunden haͤtte, die Geſchichten erzaͤh⸗ len koͤnnte;— dann haͤtte ich mich erhoben und ihre Hinrichtung bis zum folgenden Tage ausgeſezt.“ Muſtapha der uͤber den ſeltſamen Einfall des Paſcha in ſeinen weiten Ärmel gelacht hatte, war gleichwohl nicht wenig dadurch beunruhigt. Er gewahrte, dieſe Manie habe ihn ſo durch⸗ aus ergriffen, daß deren Folgen ihm ſogar gefaͤhrlich werden konnten, falls ſie nicht be⸗ friedigt wuͤrde. Er meinte, es wuͤrde ſich ein Ausweg finden laßen, des Paſchas Wuͤnſche zu erfuͤllen, ohne zu ſo gewaltſamen Mitteln —-— 29— zu ſchreiten. Er wartete, bis die rothe Gluth, welche Grimm und vereitelte Erwartung dem Paſcha in's Antliz getrieben hatte, ſich wieder verlor und ſagte dann: „Erlauchte Hoheit, Dein Plan war ganz ſo, wie er von der unergruͤndlichen Tiefe Dei⸗ ner Weisheit erwartet werden mußte; doch hat uns der Prophet nicht ſchon gewarnt, als er ſagte, daß die weiſeſten Maͤnner nur zu oft durch die Thorheit und den Eigenſinn des andern Geſchlechtes am Guten gehindert wuͤr⸗ den? Darf Dein Sklave wagen zu bemerken, daß der Kalif Harun al Raſchid manche tref⸗ liche Geſchichte vernahm, wenn er mit ſeinem Vezir Mesrour, verkleidet die Straßen der Stadt durchwanderte. Hoͤchſt wahrſcheinlich moͤgte eben der Erfolg zu erlangen ſeyn, wenn Deine Hoheit dieſen Schritt in Begleitung des niedrigſten Deiner Sklaven„ des Muſtapha, thun wollte.“ „Das iſt wahr,“ erwiederte der Paſcha durch dieſe Ausſicht ganz erfreut,„halte zwei Ver⸗ kleidungen bereit und bevor eine Stunde ver⸗ gangen iſt, wollen wir hinaus; Inſchallah! mag — 30— es Gott gefallen! endlich ſind wir auf den rechten Weg gekommen.“ Muſtapha, der froh war des Paſchas Ge⸗ danken auf eine harmloſere Weiſe abzuleiten, ließ zwei Kaufmann's⸗Gewaͤnder bringen; er bemerkte, dieſe Art der Verkleidung haͤtten der Kalif und ſein Vezir in den Arabiſchen Naͤch⸗ ten, gewoͤhnlich angelegt, denn er war uͤber⸗ zeugt, daß ſeines Gebieters Eitelkeit durch den Gedanken ſich geſchmeichelt fuͤhle, einem ſo beruͤhmten Manne nachzuahmen. Es war ſchon dunkel, als ſie auf ihr Aben⸗ theuer ausgingen. Muſtapha ordnete an, daß mehre wohlbewaffnete Sklaven ihnen in einiger Entfernung folgen mußten, fuͤr den Fall, daß deren Beiſtand noͤthig werden moͤgte. Die ſtren⸗ gen Befehle, welche bei der Erhebung des neuen Paſcha gegeben waren, um Auflauf und Volks⸗ bewegung zu verhuͤten, wurden durch beſtaͤn⸗ dige Patrouillen der Wachen aufrecht gehalten und verurſachten, daß die Straßen ganz ver⸗ oͤdet ſchienen. Eine gute Weile gingen der Paſcha und Mu.. ſtapha dieſe Straße hinauf und jene herab, ohne 1 nur einem Weſen zu begegnen, welches ihren Wuͤnſchen haͤtte entſprechen koͤnnen. Der Paſcha in der lezten Zeit gar nicht an Fußgaͤnger⸗Be⸗ wegung gewoͤhnt, begann zu ſchnaufen und verrieth deutlich Anzeichen von Ermuͤdung und Verdruß uͤber getaͤuſchte Erwartung, da ge⸗ wahrten ſie bei dem Umbiegen einer Sraßenecke zwei Maͤnner die im Geſpraͤche begriffen ne⸗ beneinander ſaßen; weil jene ſich leiſe naheten, hoͤrten ſie daß der Eine zum Andern ſprach: „Ich ſage Dir, Coja, gluͤcklich iſt der Mann, der jederzeit eine harte Rinde hat, ſo wie die iſt, an der ich jezt meine Zaͤhne abnuze.“ „Davon muß ich den Grund wißen,“ ſagte der Paſcha,„Mesrour, ich wollte ſagen Mu⸗ ſtapha, Du bringſt mir Morgen den Menſchen, wenn der Divan geſchloßen iſt.“ Muſtapha verneigte ſich, gab den Sklaven des Gefolges Befehl, den Mann zu verhaften und folgte dem Paſcha, der durch die unge⸗ woͤhnliche Anſtrengung ermuͤdet, und durch die Ausſicht auf Erfolg befriedigt, zum Pal⸗ laſt zuruͤckkehrte und ſich zu Bett legte. Zeinab hatte wachend gelegen, bis ſie ihre — 32— Augen nicht laͤnger geoͤffnet zu halten vermogte, ihr Vorſaz war geweſen, dem Paſcha eine Gar⸗ dinenpredigt uͤber ſittlichen Anſtand und nuͤch⸗ ternen Lebenswandel zu halten; nun aber war ſie in feſten Schlaf gefallen, und deshalb wurde dem muͤden Paſcha erlaubt, das naͤmliche zu thun. Sobald Muſtapha in ſeiner Wohnung an⸗ gekommen war, ließ er ſich den auf der Straße verhafteten Mann vorfuͤhren. „Mein guter Mann„“ ſprach der Vezir, „Du machteſt heute Abend eine Bemerkung, die Seine Hoheit der Paſcha anhoͤrte, der nun mit der Urſache bekannt gemacht zu ſeyn wuͤnſcht, die Dich antrieb zu ſagen:„gluͤck⸗ lich iſt der Mann, der jederzeit eine harte Rinde hat, ſo wie die iſt, an der ich jezt meine Zaͤhne abnuze.“ In zitternder Angſt ſiel der Mann auf ſeine Knie nieder, und ſagte mit ſtotternder Stimme: „Ich betheure Deiner Hoheit, bei dem Kameel des heiligen Propheten, daß ich weder Ver⸗ rath noch Unzufriedenheit mit der Regierung dadurch ausſprechen wollte.“ — 33— „Sklave!“ erwiederte Muſtapha mit ſtren⸗ gen Blicken, weil er hoffte den Mann durch Drohungen zur Erfuͤllung ſeines Wunſches zu bringen——„Sklave, davon bin ich nicht ge⸗ wiß— es lag viel raͤthſelhaftes in den Wor⸗ ten. Deine„harte Rinde“ konnte Seine er⸗ lauchte Hoheit den Paſcha bezeichnen ſollen; „deine Zaͤhne abnuzen“ mag Anforderun⸗ gen der Regierung bezeichnen, und weil Du ſo feſt verſicherteſt, daß der gluͤcklich ſey der die harte Rinde habe— ſo iſt das ganz ſo viel als ſagteſt Du damit, Du wuͤrdeſt Dich freuen eine Rebellion anzuſtiften.“ „Heiliger Prophet! Mag die Seele Deines Sklaven nie in den erſten Himmel kommen erwiederte der Mann,„wenn ich damit das geringſte mehr ſagen wollte, als dieſe Worte ausſprechen; waͤre Deine Hoheit ſo oft ohne einen Mundvoll Brod geweſen, als Dein Sklave das war, ſo wuͤrdeſt Du mit mir die Richtig⸗ keit der Bemerkung anerkennen.“ „Es hat wenig zu bedeuten ob ich mit Dir uͤbereinſtimme, oder nicht,“ gab der Vezir zur Antwort,„nur ſoviel habe ich Dir zu ſagen, J. 4 — 34— daß Seine erlauchte Hoheit der Paſcha nicht anders zufrieden geſtellt ſeyn wird, als wenn Du Deinen Ausſpruch durch eine Geſchichte erlaͤuterſt die Du erzaͤhlen mußt, und die ſich auf Deine Bemerkung bezieht.“ „Min Allah! Gott verhuͤte, daß Dein Sklave eine Geſchichte erzaͤhlte um Seine Ho⸗ heit zu taͤuſchen.“ „Gott mag Dir gnaͤdig ſeyn, wenn Du's nicht thuſt;“ hob der Vezir wieder an;— „kurz wenn Du eine gute und gefallende Ge⸗ ſchichte erdenken kannſt, ſo wirſt Du dadurch des Paſcha Argwohn entfernen, und wahr⸗ ſcheinlich auch durch einige Goldmuͤnzen belohnt werden; kannſt Du das nicht, ſo magſt Du Dich auf die Baſtonade, wenn nicht auf Hin⸗ richtung gefaßt machen.— Du wirſt nicht eher als morgen Nachmittag vor der Erlauchten Hoheit erſcheinen duͤrfen, mithin haſt Du Zeit genug, Dir eine Geſchichte auszudenken.“ „Will Deine Hoheit, Deinem Sklaven er⸗ lauben heim zu gehn um ſich mit ſeiner Frau zu berathen. Frauen haben gar viele Anlage zum Erzaͤhlen von Geſchichten. Mit dem Beiſtande —— — 35— der meinigen, moͤgte es mir gelingen Deinen Befehl zu vollfuͤhren.“ „Nein,“ entgegnete Muſtapha,„Du mußt im Verhaft bleiben; doch kannſt Du Deine Frau zu Dir holen laßen, weil ſie Dir bei dieſer Sache vom groͤßten Nuzen ſeyn kann. Die Weiber beſizen in der That dies Talent. So wie der junge Krokodil vom Inſtinkt an⸗ getrieben, in die Fluthen des Nils eilt, ſo⸗ bald er aus dem Ei hervorgebrochen iſt, eben ſo tauchen die Weiber, durch ihre Naturan⸗ lage dazu getrieben, in Betrug unter„ bevor ihre Zungen noch die Luͤgen herzulallen vermoͤ⸗ gen, welche ihre fruchtbare Einbildungskraft bereits erſonnen hat.“ Mit dieſem zarten Lobſpruche auf das ſchoͤne Geſchlecht ertheilte Muſtapha ſeine lezten Be⸗ fehle, und legte ſich ſchlafen. Ob der auf ſolche Weiſe des Verrathes an⸗ geklagte Ungluͤckliche irgend Vortheil aus der Erlaubniß zog, ſeine Ehefrau um Rath fra⸗ gen zu duͤrfen, wird die folgende Geſchichte erweiſen, welche er dem Paſcha erzaͤhlte, als er am folgenden Tage vorgefordert wurde. * Gelchichte des Kameeltreibers. Daß Deine Hoheit Erklaͤrung uͤber die ſehr raͤthſelhaften Worte verlangt, welche Du ge⸗ ſtern anhoͤrteſt, ſezt mich nicht in Verwunde⸗ rung; doch hoffe ich, Du wirſt eingeſtehen, daß ich voͤllig berechtigt war, den Ausdruck zu gebrauchen, wenn Du das Ende meiner Geſchichte hoͤrteſt.— Ich bin von Geburt ein Fellah dieſes Landes, wie meine Kleidung das auch zeigt, doch war ich nicht immer ſo arm, als jezt. Mein Vater war Eigenthuͤmer vieler Kameele, die er um Lohn an die Kaufleute der verſchiedenen Karavanen vermiethete, wel⸗ che alljaͤhrlich von dieſer Stadt ausziehen. Als er ſtarb, gelangte ich zum Beſize ſei-⸗ nes Cigenthums und zugleich des Wohlwol⸗ lens derjenigen, welchen er auf das getreu⸗ lichſte gedient hatte. Die Folge davon war, daß ich viel zu thun bekam, meine Kameele waren fortwaͤhrend vermiethet, und weil ich ſie unablaͤßig begleitete, damit ſie nicht mißhandelt werden ſollten, ſo bin ich mehremale in Mekka geweſen, wie dieſer zerfezte gruͤne Turban das beweiſet. Mein Leben war ein ſteter Wechſel von Muͤhſeligkeiten und Vergnuͤgungen. Entzuͤckt kehrte ich nach meinen Reiſezuͤgen, die mit Elend und Entbehrungen verknuͤpft waren, zu⸗ ruͤck zu meiner Frau und zu meinen Kindern, und empfand tief den Werth meiner Heimath, in der ich nur kurze Zeit verweilen konnte, weil — meine Beſchaͤftigung mich forttrieb; ich arbei⸗ tete unablaͤßig und wurde reich. Auf einem muͤhſeligen Zuge durch die Wuͤſte, den ich mit einer Karavane unternahm, warf eines meiner Lieblings⸗Kameele ein Junges. Anfangs beſchloß ich, dieſes junge Thier ſei⸗ nem Schickſale zu uͤberlaßen, denn meine Ka⸗ meele hatten ſchon viel gelitten; doch bei naͤ⸗ herer Pruͤfung verrieth das Geſchoͤpf ſo kraͤf⸗ tigen und ſymmetriſchen Bau, daß ich den Vorſaz faßte, es aufzuziehn. Zu dieſem Ende vertheilte ich die Haͤlfte der Ladung eines — 38— Kameeles auf zwei der Andern, und band das Junge auf den Ruͤcken des einen feſt, deßen Ladung ich zu dieſem Zwecke erleichtert hatte. Gluͤcklich erreichten wir Kairo, und ſo wie das junge Thier heranwuchs, fand ich taͤglich mehr Urſache mich daruͤber zu freuen, daß ich ſein Leben gerettet hatte. Alle Kameelkenner betrachteten es als ein Wunder von Schoͤnheit und Kraft, ſie prophezeiten ihm, es wuͤrde ein⸗ mal auserwaͤhlt werden zum heiligen Kameele, um auf der Pilgerfahrt nach Mekka den Koran zu tragen. Dies traf auch fuͤnf Jahre ſpaͤter ein; in dieſer Zwiſchenzeit hatte ich unausge⸗ ſezt die Karavanen begleitet und meinen Reich⸗ thum mit jedem Jahre vermehrt. 2 Mein Kameel war nun zu großer Vollkom⸗ menheit herangewachſen; es ſtand beinahe drei Fuß hoͤher als irgend ein Anderes, und als die Karavane ſich vorbereitete, fuͤhrte ich es zu den Scheiks, und bot es als Bewerber, um die Ehre des Koran dar. Augenblicklich wuͤrden ſie es angenommen haben, waͤre nicht ein Marabut da geweſen, der aus irgend einem Grunde wuͤnſchte, es ſolle nicht dazu 3 — 39— gebraucht werden, und laut verſicherte, der Ka⸗ ravane wuͤrde ein Ungluͤck begegnen, falls mein Kameel den heiligen Koran tragen ſolle. Man hielt den Mann fuͤr einen Propheten, die Scheiks geriethen in Furcht und wollten keine entſcheidende Antwort geben. Erzuͤrnt uͤber des Marabut's Einmiſchung ſchmaͤhete ich dieſen; nun erhob er lautes Geſchrei gegen mich, das Volk trat auf ſeine Seite und ich waͤre faſt getoͤdtet. Als ich eilig davon lief, warf der Elende mir eine Hand voll Sand nach und rief uͤber⸗ laut:„So wird die Karavane nach dem Wil⸗ len des Himmels umkommen, wenn dieſem verfluchten Kameele geſtattet wird, das ge⸗ heiligte Wort des Propheten zu tragen.“ Nun ward ein minder gutes Kameel dazu gewaͤhlt und meine Hoffnung war vernichtet. Doch im naͤchſtfolgenden Jahre war dieſer Marabut nicht in Kairo, und weil kein ande⸗ res Thier an Schoͤnheit mit dem Meinigen verglichen werden konnte, ſo ward es einſtim⸗ mig von den Scheiks erwaͤhlt. Voller Freude uͤber mein gutes Gluͤck, wel⸗ ches wie ich hoffte, Segen uͤber mein Haus bringen wuͤrde, eilte ich heim zu meiner Frau. Auch ſie war voller Freude, und mein ſchoͤ⸗ nes Kameel ſogar ſchien ſich der Ehre bewußt, zu welcher es beſtimmt war, denn es erwie⸗ derte unſere Liebkoſungen, durch Drehen und Winden ſeines langen Halſes und legte ſeinen Kopf auf unſere Schultern. Die Karavane verſammelte ſich; ſie war die zahlreichſte die ſeit vielen Jahren von Kairo auszog, und enthielt im Ganzen achtzehn Tau⸗ ſend Kameele. Du kannſt Dir meinen Stolz vorſtellen, mit dem ich, als die Prozeſſion durch die Straße zog, meiner Frau das praͤch⸗ tige Thier zeigte, das an ſeinem mit Gold und Edelgeſteinen beſezten Zuͤgel von den hei⸗ ligen Scheiks in ihren gruͤnen Gewaͤndern ge⸗ fuͤhrt wurde, und auf ſeinem Ruͤcken den Kof⸗ fer trug, welcher das Geſez unſeres Propheten in ſich ſchloß; ſtolz blickte das Thier im Fort⸗ gehen nach beiden Seiten hin, begleitet wurde es von Muſik⸗Choͤren, und dem lauten Schalle ſingender Maͤnner und Weiber. Weil die Karavane am folgenden Tage außer⸗ — 41— halb der Stadt aufgeſtellt werden ſollte, kehrte ich zu meiner Fan lie heim, um bis zum lez⸗ ten Augenblicke bei den Meinigen zu verwei⸗ len, nachdem ich meine von den Pilgern ge⸗ mietheten Kameele der Aufſicht eines Gehuͤlfen anvertraut hatte, der mich auf meinen Reiſe⸗ zuͤgen begleitete. Am andern Morgen ſagte ich meiner Frau und meinen Kindern Lebewohl; eben wollte ich mein Haus verlaßen, als mein juͤngſtes Kind, ein Maͤdchen, etwa zwei Jahre alt, mich zuruͤckrief und bat, ich ſolle umkehren, um ihr die Abſchiedsliebkoſung zu geben. Ich hob ſie in meinen Armen auf„ und ſie ſteckte wie gewoͤhnlich ihre Hand in die Taſche meines offnen Wammſes, wie ich meinte, in der Abſicht ſich das Obſt herauszuſuchen, welches ich ihr mitzubringen pflegte, wenn ich vom Bazaar zuruͤckkehrte; doch dieſesmal war keines vorhanden; ich legte das Kind zuruͤck in die Arme der Mutter und eilte fort, damit ich nicht zu ſpaͤt auf meiner Stelle eintreffen moͤge. Deine Hoheit weiß, daß wir nicht einer hin⸗ ter dem Andern herziehen, wie das die meiſten Karavanen thunz; ſondern alle in einer graden — 4 Linie, Bruſt an Bruſt. kehrungen erfordern den dem Aufbruche vorangeht ieſer erfolgt in dem Augenblick, in welch Sonne unter⸗ geht. Am Abende ſezten wir uns in den Zug, und nach einem Marſche von zwei Naͤchten, erreichten wir Adjeroid, woſelbſt wir drei Tage blieben um die noͤthigen Waßervorraͤthe von Suez herbeizuſchaffen und die Thiere vor un⸗ ſerm angeſtregten Zuge durch die Wuͤſte E Tyoyh zu erfriſchen. Am zweiten Ruhetage rauchte ich meine Pfeife, meine Kameele lagerten knieend rings um mich her, da gewahrte ich aus der Rich⸗ tung von Kairo kommend, ein Hirie oder ſchnellfuͤßiges Dromedar, im raſcheſten Laufe heranſprengen; wie Blizſtrahl ſchoß es mir vor⸗ bei, doch hatte ich hinreichende Zeit gehabt, in ſeinem Reiter den Marabut zu erkennen, der im vorigem Jahr Ungluͤck vorausgeſagt hatte, wenn mein Kameel dazu gebraucht wuͤrde, den Koran auf dem Pilgerzuge zu tragen. Vor dem Zelte des Emir Hadji, der die Karavane befehligte, hielt der Marabut ſein . Die noͤthigen Vor⸗ Tag, welcher Dromedar an. Begierig zu wißen, weshalb er uns gefolgt waͤre, und weil meine Ahnung mir ſagte, mein Kameel ſey dabei im Spiele, eilte ich dahin. Hier fand ich ihn, zum Emir und zu dem umſtehenden Volke redend; der ganzen Karavane verhieß er Tod und Ver⸗ derben, falls mein Kameel nicht augenblicklich umgebracht und ein anderes an ſeiner Stelle erwaͤhlt wuͤrde. Nachdem er eine gute Weile in ſo kraftvoller Weiſe geredet hatte, daß Furcht und Verwirrung ſich im Lager verbreitete, wendete er ſein Dromedar wieder gegen Weſten und war in wenigen Minuten aus dem Geſichte. Der Emir war befangen; unter dem Volke erhob ſich Murren und man berieth ſich. Ich fuͤrchtete, man moͤge den Einfluͤſterungen des Marabut Gehoͤr geben; beſorgt fuͤr mein Ka⸗ meel und voller Angſt, die ihm widerfahrne Ehre moͤge verloren gehen, machte ich mich einer Luͤge ſchuldig. „O Emir!“ ſprach ich,„hoͤre nicht auf den Mann, der mein Feind iſt; er kam zu meinem Hauſe; er aß mein Brod und wollte ſich des ſchwarzeſten Undankes ſchuldig machen, durch - 4— die Verfuͤhrung der Mutter meiner Kinder; da wies ich ihn von meiner Thuͤre fort, und auf dieſe Art will er ſich raͤchen. Mag mir ſelber und der Karavane Unheil geſchehen, wenn ich nicht die Wahrheit ſage.“ Man glaubte mir; des Marabut Geheiß blieb unbeachtet, und in der nemlichen Nacht ſezten wir unſern Zug durch die Ebene El Tyh fort. 1 Wenn Deine Hoheit noch keinen Pilgerzug gemacht hat, ſo kanne Du Dir keinen Begriff von dem Lande bilden, welches wir durchzie⸗ hen mußten; ein weites Gebiet von Sand, wo die Spur der Hinziehenden vom Winde verwehet wird, ein ungcheures Meer ohne Waßer, eine weitverbreitete oͤde Wuͤſtenei. Wir drangen ein in dieſe Wuͤſte, und ſo wie die ungeheure Anzahl von Thieren, die einen unuͤberſehbaren Raum ausfuͤllten, geraͤuſchlos weiter ſchritt, ſchien der Zug eine Bewegung von Schatten zu ſeyn. r Troz der Prophezeihungen des Marabut, ſtieß uns kein Unfall auf, ſondern wir erreich⸗ ten nach einem ermuͤdenden Zuge von ſieben e“ Naͤchten gluͤcklich die Staͤtte Nakhel, woſelbſt wir unſere ausgeleerten Waßerſchlaͤuche wie⸗ der fuͤllten. Meine Bekannten ſcherzten mit mir uͤber die falſchen Prophezeihungen meines Feindes, ſo oft wir uns bei den Brunnen be⸗ gegneten. Wir hatten nun noch drei Tage der muͤhſeligſten Anſtrengung, bevor wir das Schloß Akaba erreichen konnten, und ſezten unſern be⸗ ſchwerlichen Weg dahin fort.. Am Morgen des zweiten Tages, etwa eine Stunde, nachdem wir nach durchpilgerter Nacht unſere Zelte aufgeſchlagen hatten, erfuͤllte ſich des Marabuts unſelige Vorausſagung, und die Strafe, welche Allah uͤber mich verhaͤngte, weil ich ihn zum Zeugen meiner vorgebrachten Luͤge angerufen hatte. Eine ſchwarze Wolke zeigte ſich am Hori⸗ zonte, vergroͤßerte ſich allmaͤhlig und wandelte ihre Farbe in glaͤnzendes Gelb um; nun erhob ſie ſich immer mehr und breitete ſich immer weiter aus, bis ſie das halbe Firmament be⸗ deckte, dann zerplazte ſie und brach plözlich in furchtbarſtem Orkane auf uns ein, der Al⸗ les mit ſich fortriß, ganze Sandhuͤgel vom Bo⸗ — 46— den abhob, und ſie auf unſere, dem Unter⸗ gange geweihten Koͤpfe ſchleuderte. Des Emirs prachtvolles Zelt, das Erſte welches der Sturm erfaßte, flog in der Geſchwindigkeit eines rennenden Hirie dicht an mir voruͤber, alle unſere Zelte wurden entweder platt auf den Boden gedruͤckt oder in die Luft gehoben und im tollen Wirbel umhergeſchleudert. Fortgetriebene Sandſaͤulen zogen uͤber uns hin, verſchuͤtteten und erſtickten Menſchen wie Thiere; die Kameele verſenkten ihre Maͤuler tief in den Grund, ihr Inſtinkt belehrte uns das naͤmliche zu thun, und ſo erwarteten wir ſchweigend und zitternd unſer Schickſal. Doch der Simum hatte bisher noch nicht ſeine Fuͤlle des Entſezens uͤber uns ausgeſchuͤttet und wenige Minuten ſpaͤter war nichts mehr zu unterſcheiden, alles war Finſterniß, ringsum fuͤrchterliche Finſterniß, noch ſchrecklicher durch den Todes⸗Wahnſinn hinſterbender Maͤnner, durch das gellende Geſchrei der Weiber, durch das wilde Umherſpringen der Roße und anderer Thiere, die von ihren Haltſtricken losgerißen, in ihrem Verſuche der vernichtenden Wuth des — 4— Wuͤſten⸗Orkans zu entfliehen, Tauſende von Menſchen zerſtampften. Ich hatte mich neben einem meiner Kameele niedergelegt, meinen Kopf unter deßen Seite geſchoben, und erwartete meinen Tod mit dem furchtbarſten Entſezen eines Menſchen der ſich bewußt iſt, daß des Himmels Zorn ihn ge⸗ rechter Weiſe uͤberſchuͤttet. Eine Stunde blieb ich in dieſer Stellung liegen, gewiß kann keine Hoͤllenqual aͤrger ſeyn als die Folter, welche ich waͤhrend dieſes Zeitraums erlitt. Der gluͤ⸗ hende Sand drang durch meine Kleider, ver⸗ ſchloß die Poren meiner Haut, und kaum wagte ich die flammenheiße Sturmluft einzuathmen, welche das einzige Mittel zu verlaͤngertem Da⸗ ſeyn darbot. Endlich athmete ich etwas freier und vernahm nicht laͤnger das heulende Toben des Sturmes. Allmaͤhlig richtete ich meinen Kopf in die Hoͤhe, aber meine Augen hatten ihre Sehkraft verloren, ich gewahrte nur einen gelben Schimmer. Ich glaubte erblindet zu ſeyn; und welche Hoffnung blieb einem blinden Manne in der Sandwuͤſte El Tyh? Wiederum legte ich mein Haupt nieder, — 44— dachte an meine Frau, an meine Kinder, ge⸗ rieth in verzweifelnden Schmerz und weinte bitterlich. Meine vergoßenen Thraͤnen uͤbten eine wiederbelebende Wirkung auf meinen Koͤr⸗ per aus. Ich fuͤhlte mich neu geſtaͤrkt, hob meinen Kopf abermals in die Hoͤhe, ich konnte ſehen! Mit demuthsvoller Inbrunſt warf ich mich nieder, um Allah meinen Dank zu bringen und dann richtete ich mich auf meine Fuͤße empor. Ja, ſehen konnte ich, aber welch ein Anblick zeigte ſich meinen Augen! Ich moͤgte ſie fuͤr immer geſchloßen haben, und haͤtte das fuͤr eine Segnung gehalten. Der Himmel war wieder klar, der unabſeh⸗ bare Raum ununterbrochen wie fruͤher; aber wo waren die Tauſende meiner Begleiter, wo die prachtglaͤnzende Schaar von Menſchen und Thieren? Wo war der Emir Hadji mit ſeinen Leibwachen? Wo waren die Mameluken, die Agas, die Janitſcharen und die heiligen Scheiks? Wo das geheiligte Kameel, die Saͤnger und Spielleute? Wo die Mannichfaltigkeit von Voͤl⸗ kern und Volksſtaͤmmen die ſich unſerer Karavane angeſchloßen hatten?— Alle umgekommen!!— — 49— Sandhuͤgel bezeichneten die Stellen auf deuen ſie begraben lagen, als Denkmaͤler gewahrte man hier und dort Koͤrpertheile von Menſchen oder Thieren, welche die Wuͤſten⸗Welle noch nicht verſchuͤttet hatte. Alle, Alle waren dahin! nur einer nicht; und dieſer eine, dieſer ſtraf⸗ bare eine war ich, mir war das Überleben ge⸗ ſtattet, damit ich das ſchauderhafte Unheil be⸗ trachten ſolle, das durch meine Anmaßung und durch mein Verbrechen herbeigefuͤhrt war. Einige Minuten hindurch uͤberblickte ich ſtumpfſinnig und verzweifelnd den Schauplaz; ich bildete mir ein, es ſey mir nur deshalb be⸗ ſchieden worden, Alle zu uͤberleben, damit mein Tod deſto furchtbarer ſeyn ſolle. Ploͤzlich fielen mir meine Frau und meine Kinder ein und nun beſchloß ich um derentwillen, wenn es moͤg⸗ lich waͤre ein Leben zu retten, das durch kein anderes Band mehr an die Erde geknuͤpft war. Ich riß ein Stuͤck Zeug von meinem Turbau los, reinigte damit meine vom eingedrungenen Sande blutende Naſe, und ſchritt uͤber das Leichenfeld hin. 3 Zwiſchen den verſchiedenen Sandhuͤgeln fand I. 4 ich mehre Kameele die noch nicht verſchuͤttet waren. Als ich einen Waßerſchlauch gewahrte, ſtuͤrzte ich darauf zu, um meinen brennenden Durſt zu loͤſchen; aber ach, was er enthalten hatte, war ausgetrocknet, auch nicht ein Tropfe war geblieben. Ich fand noch einen Schlauch, mit dem es mir eben ſo ungluͤcklich ging. Nun beſchloß ich die Leiber der Kameele aufzuſchnei⸗ den um das Waßer zu erlangen, was ſich noch in deren Magen finden moͤgte. Dies geſchah, und nachdem ich meinen lechzenden Durſt ge⸗ ſtillt, dem ſogar das erhizte Element entzuͤckend duͤnckte, was ich hinab ſchluͤrfte, verlor ich keine Zeit, die uͤbrigen Thiere aufzuſchneiden, bevor Faͤulniß eintreten wuͤrde, um die ſpaͤr⸗ lichen Waßertheile in Schlaͤuche zu ſammeln. Es gelang mir mehr als einen halben Schlauch voll Waßers zu erhalten, dann kehrte ich zu meinem Kameele zuruͤck, an deßen Seite ich waͤhrend des Simum mich niedergelegt hatte. Auf den Koͤrper des Thieres ſezte ich mich, und dachte uͤber die beſte Weiſe meines wei⸗ teren Verfahrens nach. Ich wußte, daß ich nur eine Tagereiſe von den Brunnen entfernt ſey, — doch wie gering war meine Hoffnung ſie zu erreichen! Die Richtung, welcher ich folgen mußte, war mir bekannt, und da der Tag bei⸗ nahe zu Ende war, beſchloß ich den Verſuch zu machen. Mit Sonnenuntergang erhob ich mich, lud den Waßerſchlauch auf meine Schultern und begann meine hoffnungsloſe Reiſe. Ich wan⸗ derte die ganze Nacht, und vermuthete bei Ta⸗ gesanbruch etwa die Haͤlfte vom Wege eines naͤchtlichen Karavanenzuges gemacht zu haben, mithin mußte ich noch einen Tag in der Wuͤſte zubringen, ohne den mindeſten Schuz vor der verzehrenden Sonnengluth, und dann ſtand mir noch eine Nacht des angeſtrengten Wanderns bevor. Wiewohl ich hinreichend Waßer beſaß, hatte ich doch nichts zu eßen. Bei Sonnenauf⸗ gang ſezte ich mich auf einen gluͤhenden Sand⸗ huͤgel, um den ſengenden Sonnenſtrahlen zwoͤlf ſchreckliche Stunden lang ausgeſezt zu ſeyn. Noch ehe der Mittag kam, war mein Gehirn verſengt und ich faſt wahnſinnig. Mein Seh⸗ vermoͤgen war unvollkommen, oder vielmehr ich ſah Dinge, die gar nicht vorhanden waren. — 22— Zuweilen erſchauten meine gierigen Augen ganze Waßerſeen, deren wirkliches Daſeyn mir ſo ge⸗ wiß daͤuchte, daß ich aufſtand und fortſchwankte, um ſie zu errreichen, bis ich vor Erſchoͤpfung niederſank. Zu andern Zeiten erblickte ich Baͤume in einiger Entfernung, konnte das Schwanken der Akazien⸗Zweige im Luftzuge unterſcheiden; eilig wollte ich mich in ihren Schatten bege⸗ ben, und kam zu einem kleinen, halbverdorrten Strauche, den meine Einbildungskraft ſo ver⸗ groͤßert mir darſtellte. 1n In dieſer Art ward ich waͤhrend dieſes ſchrek⸗ kenvollen Tages gequaͤlt und getaͤuſcht— noch jezt verfolgen ſeine Schauer mich in meinen Traͤumen. Endlich ward es Nacht und das Flimmern der Sterne am Firmamente diente mir als Zeichen, meine Reiſe fortzuſezen. Tuͤch⸗ tig trank ich aus meinem Schlauche, und be⸗ gann meine einſame Wanderung. Der Weg war durch Gebeine von Kameelen und Roßen bezeichnet, die fruͤher durchgezogenen Kara⸗ vanen angehoͤrend, in der Wuͤſte umgekommen waren; als der Tag grauete, erblickte ich das Schloß Akaba in geringer Entfernung. — 53— Von neuer Lebenskraft durchdrungen, warf ich meinen Waßerſchlauch von mir, verdop⸗ pelte die Geſchwindigkeit meiner Schritte und lag eine halbe Stunde ſpaͤter ausgeſtreckt zur Seite des Springbrunnens, aus deßen erfri⸗ ſchendem Sprudel ich zuvor tiefe Zuͤge gethan hatte. Wie gluͤcklich war ich jezt! Wie himm⸗ liſch beſeligend war es, im Schatten zu ru⸗ hen, kuͤhle Luͤfte einzuathmen, dem Gezwitſcher der Voͤgel zu lauſchen, den Duft der Blumen einzuſaugen, die auf dem entzuͤckenden Raſen in uͤppiger Fuͤlle prangten! Nach einer Stunde entkleidete ich mich, badete, trank noch ein⸗ mal erquickendes Waßer und entſchlief. Geſtaͤrkt erwachte ich, doch nun folterte mich nagender Hunger, der ſich jezt immer fuͤhlba⸗ rer machte. Zwei Tage hatte ich ohne Nah⸗ rung verbracht, doch den Mangel derſelben nicht geſpuͤrt, weil der dringendere Durſt je⸗ nes Gefuͤhl uͤberwog. Nachdem nun dem groͤßern Übel abgeholfen war, wuchs das klei⸗ nere und forderte mit jeder Stunde gebieteri⸗ ſcher ſeine Befriedigung. Ich ging auf die Ebene hinaus und durchforſchte den Horizont mit der Hoffnung, daß irgend eine Karavane ſich zei⸗ gen wuͤrde, doch ich ſpaͤhete vergebens; zur Springquelle kehrte ich zuruͤck. So vergingen noch zwei Tage und keine Huͤlfe nahetez meine Kraͤfte ſchwanden; ich fuͤhlte mich dem Tode nahe; die Quelle murmelte, die Voͤgel zwitſcherten, kuͤhle Luͤfte umfaͤchelten meine Wan⸗ gen, und ich dachte, es wuͤrde mir beßer geweſen ſeyn, in der Wuͤſte verſchuͤttet zu werden, als in ſolch' einem Paradieſe verhungernd die Qua⸗ len eines Tantalus zu erleiden. Ich legte mich nieder um den Tod zu erwarten, denn ich hatte die Kraft nicht mehr, ſizen zu koͤnnen; als ich mich umwandte, um noch den lezten Anblick des rieſelnden Waßers zu genießen, das mein Daſeyn hingehalten hatte, druͤckte etwas Hartes gegen meine Seite. Ich glaubte, es ſey ein Stein und faßte mit der Hand hin, ihn fortzunehmen, damit ich meine lezten Augen⸗ blicke noch in Bequemlichkeit verbringe; doch fand ich keinen Stein, es war vielmehr etwas hartes in der Taſche meines Wammſes. Ich hatte keine Vorſtellung davon, was dies ſeyn koͤnne und fuͤhlte mit meiner Hand in die —-y— —— — 55— Taſche, zog es hervor und blickte es an bevor ich es wegwerfen wollte, da erkannte ich, es ſey ein Stuͤck hartes, vertrocknetes Brod. Ich bildete mir ein, der Himmel habe es mir zugeſchickt, und es war in der That eine eben ſo reine Spende, als waͤre es von ihm herabgekommen, denn es war eine Gabe der Unſchuld und kindlichen Liebe, es war das Stuͤck Brod, welches mein kleiner Liebling zu ſeinem Fruͤhſtuͤck bekommen, und welches das kleine Maͤdchen mir bei'm Abſchiede in meine Taſche geſteckt hatte, als ich waͤhnte, ſie ſuche darin nach Obſt. Nun kroch ich zum Brunnen, weichte es auf und verſchlang es mit Thraͤnen des Dankes dem Himmel geweihet, denen ſich die zaͤrtliche Sehnſucht eines Vaterherzens zumiſchte. 3 Dieſes Brod rettete mein Leben; am fol⸗ genden Tage erſchien eine kleine nach Kairo beſtimmte Karavane. Die Kaufleute behandel⸗ ten mich mit vieler Guͤte, ich ward auf eines der Kameele gehoben, und noch einmal konnte ich meine Familie umarmen, die ich nicht mehr wieder zu ſehen erwartet hatte. Von der Zeit 2 an war ich arm, aber zufrieden; wegen mei⸗ ner Gottloſigkeit verdiente ich mein ganzes Eigenthum zu verlieren, und mit frommer Entſagung unterwerfe ich mich dem Willen Allahs. Und nun hoffe ich, Deine Hoheit wird an⸗ erkennen wollen, daß ich berechtigt war zu dem Ausſpruche:„Gluͤcklich iſt der Mann, der jederzeit eine Brodrinde beſizt!“ „Sehr wahr,“ erwiederte der Paſcha,„das iſt keine ſchlechte Geſchichte; gib ihm fuͤnf Goldmuͤnzen, Muſtapha, und erlaube üha fortzugehen. 7 Der Kameeltreiber verließ den Divan, nach⸗ dem er ſich vor den Paſcha niedergeworfen 3 hatte, ungemein erfreut uͤber den gluͤcklichen Ausgang eines Begegnens, das ihn mit eſd großer Gefahr bedrohete. Schweigend ſaß der Paſcha eine Weile und dampfte lange Zuͤge aus ſeiner Pfeife, dann bemerkte er: „Allah Kibur, Gott iſt allmaͤchtig! Der — — 57— Mann hat viel gelitten, und was hat er dafuͤr aufzuweiſen?— Einen gruͤnen Turban.— Er iſt ein Hadji; niemals haͤtte ich geglaubt, daß wir eine ſo gute Geſchichte von einer „Brodrinde“ hoͤren wuͤrden. Seine Beſchrei⸗ bung des Simum doͤrrte mir meine Einge⸗ weide. Was denkſt Du Muſtapha, kann ein Rechtglaͤubiger nicht in den Himmel kommen, ohne zum Grabe des Propheten zu wallfahrten?“ „Der heilige Koran ſagt ſo, erlauchte Ho⸗ heit, er gebietet daß Alle die koͤnnen, die Wall⸗ fahrt unternehmen, weil der Pfad dadurch beque⸗ mer gemacht wird! Min Allah! Gott ver⸗ huͤte! Hat Deine Hoheit jemals die Zeit ge⸗ habt, nach Mekka zu pilgern, und wird Deine Hoheit nicht in den Himmel gelangen?“ „Wahr genug, Muſtapha, ich hatte niemals Zeit dazu. In meiner Jugend war ich eifrig mit dem Abſcheeren der Koͤpfe beſchaͤftigt, und ſpaͤter, Wallah! hatte ich genug damit zu thun, ſie zu ſpalten, und jezt wieder iſt meine Zeit noch voͤllig in Anſpruch genommen, um ſie abzuſchlagen? Sprich Muſtapha, iſt's nicht ſo, ſind dies nicht Worte der Wahrheit?“ — 58— „Deine Hoheit iſt der Weisheit Inbegriff. Es gibt nur einen Gott, und Mahomet iſt ſein Prophet; wenn dieſer lezte ſagte, daß ein Beſuch der heiligen Staͤtte einen ſicheren Ein⸗ laß zum Himmel gebe, ſo geſchah das, um Muͤßiggaͤnger zu beſchaͤftigen, nicht aber um Rechtglaͤubige in Ungelegenheit zu bringen, die im Namen des Allmaͤchtigſten ihre ſchwere Ar⸗ beit verrichten!“ „Min Allah! Gott verhuͤte! die Sache iſt klar,“ entgegnete der Paſcha;„ey, wenn Alle Menſchen nach Mekka zoͤgen, wiewaͤre es dann Muſtapha?“ 3„Erlauchte Hoheit, Deines Stlaven Mei⸗ unng iſt die, daß wenn dies geſchaͤhe, alle Narren das Land verlaßen haben wuͤrden.“ „Richtig Muſtapha; doch mein Mund iſt vertrocknet vom Sande jenes Simum. Sorbet kann ich nicht trinken, Rakie darf ich nicht nehmen, der Hakim hat es unterſagt; was ſoll's nun ſeyn, Muſtapha?“ „Hat der heilige Prophet den Rechtgläubi⸗ gen in Faͤllen von Krankheit den Wein verbo⸗ boten? Iſt Deine Hoheit nicht krank? Wurde der Wein von Schiraz von Allah nur gege⸗ geben, um weggeſchuͤttet zu werden? Allah Karim! Gott iſt barmherzig; der Wein ward geſchaffen, damit die Rechtglaͤubigen in die⸗ ſer Welt ſchon einen Vorſchmack der Freuden genießen, welche ihrer in jener Welt war⸗ „ ten.“ „Muſtapha“ ſprach der Paſcha, der die Pfeife aus dem Munde nahm,„bei dem Barte des heiligen Propheten, Deine Worte reden Weisheit. Soll ein Paſcha genaͤhrt ſeyn, mit Waßer⸗Melonen? Staffir Allah! Glauben wir etwa weniger, weil wir Wein trinken? Sklave bring den Weinkrug.— Es gibt nur einen Gott und Mahomet iſt ſein Prophet!“ 4 „Des Propheten Worte ſind ganz deutlich, Hoheit, er ſagt:„Rechtglaͤubige trinken kei⸗ nen Wein“, was heißen will, daß ſeine Be⸗ kenner nicht auf den Straßen umhertaumeln ſollen, betrunken wie die Ghiauren von Fran⸗ kiſtan, die hier in ihren Schiffen ankommen. Weshalb iſt der Wein verboten? weil er die Menſchen betrunken macht. Wenn wir alſo nicht betrunken ſind, bleiben wir in den Schran⸗ — 60— ken des Geſezes. Weshalb wurde das Geſez gegeben? Geſeze köoͤnnen nicht fuͤr Alle ge⸗ macht werden; deshalb muͤßen ſie abgefaßt ſeyn, um die Mehrzahl in Zucht zu halten; iſt dem nicht ſo? Wer iſt die Mehrzahl? Nun wer anders, als die Armen. Waͤren Geſeze fuͤr die Reichen und Maͤchtigen abgefaßt, ſo koͤnnten ſolche Geſeze nicht fuͤr die Bevoͤlke⸗ rung im Allgemeinen tauglich ſeyn. Maſchal⸗ lah! fuͤr Paſchas gibt's gar keine Geſeze, die muͤßen nur allein den Glauben haben, daß es einen Gott gibt und daß Mahomet deßen Pro⸗ phet iſt. Redet Dein Sklave gut?“ „Ganz vortrefflich, Muſtapha,“ gab der Paſcha zur Antwort, hob den Krug zu ſeinem Munde, ließ ihn dort eine Minute ruhen und reichte ihn ſodann dem Muſtapha. „Allah Karim! Gott iſt hoͤchſt gnaͤdig und allbarmherzig: Dein Sklave ſoll trinken; iſt das nicht Deiner Hoheit Wille? So wie der Wein den Deine Hoheit durch die Gurgel hin⸗ abgießt, Deinen ganzen Koͤrper bis zu den Extremitaͤten durchdringt, alſo bekommt Dein Sklave ſeinen Antheil an Deiner Huld. Size 8 — 61— ich hier nicht in Deiner erlauchten Gegenwart? Kann die Sonne ſcheinen ohne durch ihren Strahl zu erwaͤrmen? deshalb alſo, weun Deine Hoheit trinkt, muß ich nicht ebenfalls trinken? Allah Akbar! wer wollte vermeßen genug ſeyn, den Schritten des Paſcha nicht zu folgen?“ Bei dieſen Worten hob Muſtapha den Krug empor, und hielt ihn eine Minute lang feſt an ſeine Lippen geklebt. „Ich denke die Geſchichte muͤßte niederge⸗ ſchrieben werden,“ bemerkte der Paſcha nach kurzem Schweigen. „Die Verfuͤgung habe ich bereits getroffen, Hoheit, der Griechen⸗Sklave iſt jezt damit be⸗ ſchaͤftigt, er verbeßert den Ausdruck, um ſie dem Ohre Deiner erlauchten Hoheit gefallender zu machen, wenn es Dir belieben ſollte, dieſelbe Dir künftig einmal vorleſen zu laßen.“ „Das iſt gut, Muſtapha; wenn ich mich recht entſinne, ſo pflegte der Kalif Harun Al Raſchid zu befehlen, daß ſie mit goldenen Buch⸗ ſtaben aufgezeichnet und im Archive niederge⸗ legt wuͤrden: das naͤmliche muͤßen wir thun. — 68— „Dieſe Kunſt, Hoheit, iſt verloren ge⸗ gangen.“ „Dann muͤßen wir uns mit Indiſcher Tinte begnuͤgen“ erwiederte der Paſcha, ſezte den Krug an ſeinen Mund und leerte ihn.„Die Sonne wird bald untergehn, Muſiapha⸗ und wir unüßeu hinaus. 44 — 66— Zweites Kapitel. Der Paſcha ließ Kafee bringen und wenige Minuten ſpaͤter durchſtreifte er, wie fruͤher von Muſtapha und den bewaffneten Sklaven begleitet, die Stadt, um einen Geſchichten⸗ Erzaͤhler zu ſuchen. Er war auch diesmal gluck⸗ lich, denn nach halbſtuͤndigem Umhergehn, hoͤrte er zwei Leute im lauten Wortwechſel vor der Thuͤr eines kleinen Weinladen, der von den in der Stadt lebenden Griechen und Franken beſucht wurde, und zu welchen man oft Skla⸗ ven hineinſchluͤpfen ſehen konnte, die mit ge⸗ fuͤllten Kruͤgen zur Abendbeluſtigung ihrer Tuͤrkiſchen Herren wieder daraus hervorkamen, welche ſo gut als die Großen des Reiches, die Vorſchriften des Koran heimlich verlezten. — ι— Wie gewoͤhnlich ſtand der Paſcha ſtill um zu horchen, da rief einer der Streitenden aus: „ich ſage Dir Anſelmo, es iſt das elendeſte Gemiſch, was je getrunken wurde; und ich denke, daß ich's kennen ſollte, weil ich die Eßenz von einem Ethiopier, von einem Inden und von einem Tuͤrken deſtilirt habe.“ „Ich frage nichts nach Deinem Deſtiliren, Charis,“ entgegnete der Andere,„ſondern meine, daß ich beßerer Kenner bin, als Du: fuͤnfzehn Jahre lang war ich nicht Moͤnch vom Dominikaner⸗Orden, ohne den Werth von jeder moͤglichen Weingattung genau beſtinmen zu koͤnnen.“ „Ich moͤgte wißen, was Jener Burſche mit dem Deſtiliren von Menſchen meint,“ ſprach der Paſcha,„und ebenfalls waͤre ich neugierig zu hoͤren, weshalb ein Dominikaner⸗ Moöoͤnch beßerer Weinkenner ſeyn ſollte, als an⸗ dere Leute. Muſtapha, die beiden Maͤnner muß ich ſehen.“ Am folgenden Morgen waren die beiden Menſchen im Pallaſte, und wurden eingefuͤhrt; der Paſcha verlangte zuerſt eine Erlaͤnterung — *. ——— —— von demjenigen, der die ſonderbare Eßenz de⸗ ſtilirt hatte. Dieſer warf ſich vor dem Paſcha nieder, ſtreckte ſeinen Kopf auf den Boden vor dem Divan aus und ſprach: „Zuerſt ertheile Deine Hoheit mir, bei dem Schwerte des Propheten, die Zuſicherung, daß mir kein Harm aus der Erfuͤllung Deines Ver⸗ langens entſtehen ſoll; dann werde ich Dir mit Vergnuͤgen gehorchen.“ „Maſchallah! was fuͤrchtet der Kafir⸗ Wel⸗ ches Verbrechen hat er begangen, daß er ſeine Verzeihung zugeſichert haben will, bevor er noch ſeine Geſchichte erzaͤhlt?“ ſagte der Pa⸗ ſcha zu Muſtapha. „Kein Verbrechen gegen Deinen Staat, mein hoher Herr,“ fuhr der Mann fort,„doch un⸗ gluͤcklich war ich, als ich in einem andern Lande lebte; ich kann meine Geſchichte nicht erzaͤh⸗ len, wenn Deine Hoheit nicht geruhen will, mir die verlangte Zuſicherung zu geben.“ „Gefalle es Deiner Hoheit,“ erlaͤuterte Mu⸗ ſtapha,„er betheuert, daß ſein Verbrechen in einem andern Staate begangen wurde. Es mag eine ſchwere Mißethat ſeyn, ich argwoͤhne es I. 5 — 66— iſt Mord; aber wiewohl wir die Blumen be⸗ wachen, die unſere Gaͤrten zieren, und dieje⸗ nigen ſtrafen, welche ſie brechen wollten, ſo bekuͤmmern wir uns doch nicht darum, wenn jemand bei unſerm Nachbar einbricht und den beraubt; genau ſo, ſcheint es mir mit Staaten zu ſeyn, erlauchte Hoheit, und es genuͤgt, daß der Befehlshaber eines jeglichen, uͤber das Le⸗ ben ſeiner eigenen Unterthanen wache.“ „Du redeſt wahr, Muſtapha,“ hob der Pa⸗ ſcha wieder an,„zudem moͤgten wir auch die Geſchichte verlieren. Kafir, Du haſt meine Zu⸗ ſicherung und kannſt erzaͤhlen.“ Nun erhob ſich der Griechen⸗Sklave vom Boden und begann ſeine Geſchichte folgender⸗ maßen. — 67— Gelchichte des Grierhilchen Sklaven. Ich bin Grieche von Geburt; meine Eltern waren arme Leute, die in Smyrna wohnten. Als einziger Sohn ward ich zum Gewerbe mei⸗ nes Vaters, eines Kuͤfners erzogen. Im Al⸗ ter von zwanzig Jahren hatte ich meine bei⸗ den Eltern ſchon begraben und war mir ſelber uͤberlaßen. Schon ſeit einiger Zeit hatte ich fuͤr einen Juͤdiſchen Weinhaͤndler gearbeitet, und ſezte meine Beſchaͤftigung bei ihm wohl noch drei Jahre nach meines Vaters Tode fort, da ereignete ſich ein Umſtand, der zu meiner nachherigen Wohlhabenheit und zu meiner je⸗ zigen Erniedrigung Anlaß gab. Zu der Zeit, von welcher ich rede, hatte ich mich durch puͤnktlichen Fleiß und ſtete — 68— Nuͤchternheit meines Brodherrn Zuneigung in dem Maaße erworben, daß er mich zu ſeinem erſten Gehuͤlfen machte, und wiewohl ich die Kuͤfnerei immer noch unter Aufſicht hatte, auch von Zeit zu Zeit ſelber darin arbeitete, ſo wurde mir doch ebenfalls das Abziehen und Klaͤren der Weine, ſo wie deren Zubereitung fuͤr den Markt anvertraut. Ein Ethiopiſcher Sklave arbeitete unter meinem Befehle; ein kraͤftiger, breitſchultriger, aber hoͤchſt boshafter Menſch, den mein Herr kaum in Zucht zu halten ver⸗ mochte; die Baſtonade ſowohl, als jede andere koͤrperliche Zuͤchtigung verlachte er, und wurde nach jeder ausgeſtandenen Beſtrafung nur noch heimtuͤckiſcher, noch ingrimmiger als zu⸗ vor. Tadelte ich im mindeſten ſeine Nachlaͤ⸗ ßigkeit, ſo ſpruͤheten ſeine Augen Flammen drohender Wuth in einem ſolchen Grade, der mich befuͤrchten machte, er wuͤrde mich morden. Wiederholt bat ich meinen Herrn die⸗ ſen Ethiopier abzuſchaffen, weil dieſer aber ein gar kraͤftiger Menſch war, der, wenn er wollte, eine Pipe Wein ohne die mindeſte Huͤlfe Anderer von einer Stelle zur Andern — — 6— zu ſchaffen vermochte, ſo wollte der Geiz des Juden ihm nicht erlauben meine oft vorgebrachte Bitte zu gewaͤhren. 4 Eines Morgens kam ich in die Kuͤfnerei und fand den Ethiopier neben einem Faße einge⸗ ſchlafen, welches ich ſeit laͤngerer Zeit gebrau⸗ chen wollte und fertig zu finden erwartete. Weil ich mich fuͤrchtete ihn ſelber zu ſtrafen, holte ich den Herrn herbei, damit der des Sklaven Faulheit anſehe. Den Juden ſezte dieſe in Zorn, er nahm einen der Tonnenſtaͤbe und ſchlug den Sklaven damit auf den Kopf. Wuͤthend ſprang der Ethiopier in die Hoͤhe, als er aber ſeinen Herrn mit dem Tonnenſtabe in der Hand er⸗ blickte, begnuͤgte er ſich damit, vor ſich hin zu murmeln,„er wolle nicht bleiben um ſich ſo zerpruͤgeln zu laßen,“ und begann ſeine Arbeit wieder. Kaum hatte der Herr die Kuͤfnerei verlaßen, als der Ethiopier ſeinen Groll gegen mich aus⸗ ließ, weil ich ihn angegeben hatte, den Tonnen⸗ ſtab ergriff und mit der Abſicht, mir das Ge⸗ hirn einzuſchlagen, auf mich zuſtuͤrzte. Ich trat hinter das Faßz; er folgte mir, und als ich eben — 70— ein Hohleiſen zu meiner Vertheidigung aufge⸗ griffen hatte, ſiel er uͤber einen Kuͤfer⸗Schemel der im Wege lag; ſchnell ſprang er wieder in die Hoͤhe um ſeinen Angriff zu erneuern, da verſezte ich ihm einen Schlag mit dem Hohl⸗ eiſen, welches in ſeinen Schaͤdel drang und ihn todt zu meinen Fuͤßen hinſtreckte. In große Angſt gerieth ich durch dieſen Vor⸗ gang; denn wiewohl ich mich voͤllig wegen meiner Selbſtvertheidigung gerechtfertigt hielt, ſo wußte ich doch, daß mein Herr uͤber den Verluſt des Sklaven ſich ſehr ereifern wuͤrde, und weil kein Zeuge zugegen geweſen, wuͤrde es mir hart er⸗ gehen, falls ich vor den Kadi gebracht wuͤrde. Einiges Nachdenken brachte mich zu dem Ent⸗ ſchluße meinen Herrn glauben zu machen, der Sklave, der ſelber geſagt hatte,„er wolle nicht bleiben um ſich zerpruͤgeln zu laßen,“ ſey entlaufen; inzwiſchen wollte ich den Koͤrper verbergen. Dies war aber nicht leicht, weil ich ihn nicht aus der Kuͤfnerei fortſchaffen konunts, ohne bemerkt zu werden.. Nach laͤngerem Überlegen, entſchied ich mich dafuͤr, ihn in das Faß zu ſtecken und dieſem den — 11— Boden einzuſezen. Meine ganze Kraft war noͤ⸗ thig, um den Leichnam hinein zu heben, doch gelang es mir endlich nach mehren vergeblichen Verſuchen. Sobalb ich das Kopfende der Pipe eingeſezt hatte, haͤmmerte ich die Faßbaͤnder feſt und rollte das Gefaͤß in das Gewoͤlbe, wo es mir ſchon ſeit einiger Zeit fehlte um es mit Wein fuͤr den Verbrauch des naͤchſten Jahres anzufuͤllen. Sobald die Pipe an ihrem Plaze war, pumpte ich den Wein aus der großen Kuͤfe, fuͤllte ſie damit an und befeſtigte den Spund. Nun war mir, als waͤre eine ſchwere Laſt meinem Herzen enthoben; eine unmittel⸗ bare Entdeckung war kaum denkbar. Eben hatte ich meine Arbeit vollendet und mich auf eines der Schragenhoͤlzer niedergeſezt, als der Herr eintrat und ſich nach dem Skla⸗ ven erkundigte. Dieſem gab ich zur Antwort, er ſey aus der Kuͤfnerei fortgegangen und habe geſchworen nicht mehr arbeiten zu wollen. Be⸗ ſorgt ihn zu verlieren eilte der Jude den Be⸗ hoͤrden die erforderliche Anzeige zu machen, da⸗ mit er wieder ergriffen werden moͤge; weil aber eine geraume Zeit vergangen war ohne daß man 72 4 von dem vermeintlich Entlaufenen, das min⸗ deſte hoͤrte wurde angenommen er habe ſich in einem Anfalle trozigen Grolles erſaͤuft, und man dachte nicht mehr an ihn. Inzwiſchen fuhr ich fort meine Arbeit nach wie vor dort zu ver⸗ richten, und weil mir die Aufſicht uͤber Alles gegeben war, ſo zweifelte ich nicht daran, daß ich fruͤher oder ſpaͤter Gelegenheit finden wuͤrde mein Verheimlichtes ſtill an die Seite zu ſchaffen. Im naͤchſten Fruͤhlinge war ich emſig be⸗ ſchaͤftigt, nach unſerer Gewohnheit Weine aus einem Faße in das andere zu ſchoͤpfen, als der Ja⸗ nitſcharen⸗Aga eintrat. Er war ein außerordent⸗ licher Wein⸗Freund und einer unſerer beſten Kun⸗ den. Weil ſeine Untergebenen zu gut bekannt wa⸗ ren, ſo pflegte er dieſe nicht fuͤr ſeinen Wein aus⸗ zuſchicken, ſondern ſelber zum Gewoͤlbe zu kom⸗ men um ſich eine Pipe auszuwaͤhlen. Die wurde alsdann durch acht kraͤftige Sklaven in einer dicht verhaͤngten Senfte fortgetragen, als waͤre ein neuer Ankauf zur Vermehrung ſeines Ha⸗ rem darin. Mein Herr zeigte ihm die fuͤr den diesjaͤhrigen Markt zubereiteten Wein⸗Pipen, die in zwei Reihen nebeneinander lagerten; ich — 73— habe wohl nicht noͤthig anzufuͤhren, daß die eine Pipe in welcher der Ethiopier ſteckte, nicht in der vorderen Reihe lag. Nachdem der Aga verſchiedene Pipen gekoſtet hatte, deren Inhalt ihm nicht zu munden ſchien, ſprach er:„Freund Iſſaſchar, Dein Stamm ſucht wenn's moͤglich iſt die ſchlechteſte Waare immer zuerſt anzubringen. Ich denke mir nun daß in der zweiten Tonnenreihe beßerer Wein lagert, als in der, die Du mir empfohlen haſt. Laß den Griechen einen Zapfenbohrer in dieſes Faß ſezen,“ fuhr er fort und zeigte dabei auf die Pipe, in welche ich den ſchwarzen Sklaven geſteckt hatte. Weil ich mich uͤberzeugt hielt er wuͤrde das Getraͤnk ſobald er es nur auf die Zunge be⸗ kaͤme wieder ausſpucken, ſo zoͤgerte ich gar nicht die Pipe anzubohren und Wein abzuziehen den ich ihm reichte.— Er koſtete, hielt ihn gegen den Tag,— koſtete wieder„ſchmazte mit den Lippen— wandte ſich daun zu meinem Herrn um und rief aus:„Du Hund von Jude! wollteſt Du mir Dein elendes Geſoͤff aufheften, wenn Du Wein auf Deinem Lager haſt, der verdiente mit den Houris im Paradieſe geſchluͤrft zu werden?“ Der Jude berief ſich auf mein Zeugniß, ob nicht ſaͤmmtliche Pipen Wein eine Gattung ent⸗ hielten; dieſe Anfuͤhrung beſtaͤtigte ich. „So koſte dieſen,“ ſprach der Aga—„und dann koſte hinterher den andern, den Du mir zuerſt empfohlen haſt.“. Mein Herr that das und gerieth augenſchein⸗ lich in Erſtaunen.„Er hat ganz gewiß mehr Koͤrper,“ gab er zur Antwort—„aber wie das zugeht begreife ich nicht. Koſte ihn, Charis.“ Ich hielt das Glas an die Lippen, mich haͤtte aber nichts bewegen koͤnnen dieſen Wein zu koſten. Ich begnuͤgte mich damit, in Überein⸗ ſtimmung mit meines Herren Urtheile zu ſagen — was ich mit voller Gewißenhaftigkeit ſagen konnte:„daß dieſer Wein ausgemacht mehr Koͤrper enthalte, als der uͤbrige.—“ Dem Aga geſiel der Wein ſo ſehr, daß er noch zwei oder drei Pipen der hintern Lager⸗ reihe in der Hofnung koſtete, mehr von gleicher Qualitaͤt zu finden um ſich einen tuͤchtigen Vorrath davon einzulegen; weil aber keiner das naͤmliche Aroma verrieht, ſo befahl er ſeinen Sklaven die Pipe in welcher des Sklaven Leich⸗ nam ſteckte, in die Senfte zu rollen und ließ ſie nach ſeinem Hauſe tragen.— „Halt einen Augenblick, Du luͤgneriſcher Kafir!“ ſagte der Paſcha—„meinſt Du im Ernſt zu verſichern, daß der Wein beßer war als der andere?“ „Weshalb ſollte ich Deiner erlauchten Hoheit eine Luͤge vorſagen— bin ich nicht ein Wurm den Du zertreten kannſt?— Wie ich Dir ſchon geſagt habe, hoher Herr, ich koſtete ihn nicht; doch nachdem der Aga ſich entfernt hatte, ſprach mein Herr ſein Erſtaunen uͤber die Vortreflich⸗ keit des Weines aus„ der nach ſeiner Verſi⸗ cherung koͤſtlicher ſey, als alles was er jemals getrunken habe; zugleich bedauerte er, daß der Aga dieſe Pipe fortgenommen hatte, wodurch er ſich verhindert ſehe, die Urſache zu erforſchen. Spaͤter erzaͤhlte ich dieſen Umſtand einem Fran⸗ ken in dieſem Lande, der gar nicht verwundert daruͤber ſchien, daß der Wein ſo ſehr viel beßer geworden waͤre. Der Franke war Weinhaͤndler in England geweſen, und belehrte mich, daß es dort der Gebrauch ſey, große Stuͤcke rohen Ochſenfleiſches in die Faͤßer zu werfen, um dem Weine Nahrung zu geben; auch ſagte er mir, daß gewiße Weinarten, dadurch ganz außer⸗ ordentlich gewaͤnnen.“ „Allah Kibur! Gott iſt groß!“ rief der Paſcha. „Dann muß es wahr ſeyn. Ich habe gehoͤrt, daß die Englaͤnder ungemeine Liebhaber von Ochſenfleiſch ſind. Erzaͤhle weiter.“ Deine Hoheit kann ſich keine Vorſtellung von der Angſt machen, die mich erfuͤllte, als des Aga Sklaven, die Pipe forttrugen. Ich hielt mich verloren und faßte den Entſchluß, auf der Stelle aus Smyrna zu entfliehen. Doch berech⸗ nete ich die Zeit welche der Aga verwenden wuͤrde, um den Wein zu trinken und traf da⸗ nach meine Vorkehrungen. Meinem Herrn ſagte ich, es ſey meine Abſicht ihn zu verlaßen, weil ich das Anerbieten von einem meiner Ver⸗ wandten in Zante bekommen habe, mit dem zu⸗ — 77— ſammen ein Geſchaͤft anzufangen. Weil mein Herr nicht fuͤglich ohne mich fertig werden konnte, bat er mich zu bleiben; ich aber be⸗ harrte bei meinem Vorſaze. Nun bot er mir Betheiligung bei ſeinem Handel an, wenn ich bleiben wollte; doch ich ließ mich nicht bewegen. Bei jedem klopfen auf die Thuͤr, glaubte ich daß der Aga und ſeine Janitſcharen kaͤmen um mich zu greifen; ich betrieb meine Abreiſe und hatte ſie fuͤr den folgenden Tag beſtimmt, als Abends zuvor der Herr mit einem Papiere in ſeiner Hand, zu mir in das Gewoͤlbe trat. „Charis,“ ſprach er,„vielleicht haſt Du ver⸗ muthet, ich habe mich nur erboten, Dich zum Theilnehmer an meinem Geſchaͤfte zu machen, um Dich dadurch zum Hierbleiben zu vermoͤ⸗ gen, und daß ich Dich ſpaͤter taͤuſchen wuͤrde. Um Dir das Gegentheil zu beweiſen, haſt Du hier einen gerichtlichen Akt, durch welchen Du Aſſocie biſt, und Anſpruch auf ein Drittheil des kuͤnftigen V erdienſtes gewinnſt. Schau Dir den Akt an, Du wirſt finden„daß er in ge⸗ hoͤriger Form vor dem Kadi ausgefertigt iſt.“ Er hatte mir das Papier in die Hand ge⸗ — 78— geben, und ich war im Begriff, ihm daßelbe mit meiner Weigerung zuruͤckzureichen, als lautes Klopfen auf die Thuͤr uns beide er⸗ ſchreckte. Es waren Janitſcharen, abgeſchickt vom Aga, um uns beide vor ihn zu fuͤhren. Recht gut kannte ich den Grund dazu, und verfluchte meine Thorheit, ſo lange Zeit ge⸗ zoͤgert zu haben; die Sache war aber die, daß der Wein dem Aga ſo vortrefflich ſchmeckte, um ihn viel ſchneller auszutrinken, als ge⸗ woͤhnlich der Fall war; zudem fuͤllte des Skla⸗ ven Leichnam faſt ein Drittheil des Gebindes aus, und verminderte alſo um ſo viel den In⸗ halt an Getraͤnk. Hier half keine Vorſtellung, und Flucht war unmoͤglich. Mein Herr, der die Urſache nicht ahnte, ſchien gar nicht beſorgt, ſondern begleitete die Soldaten recht bereit⸗ willig. Ich dagegen war halb todt vor Angſt. Bei unſerer Ankunft brach der Aga in die heftigſten Verwuͤnſchungen gegen meinen Herren aus:„Du Schurke von Jude!“ rief er,„denkſt Du, daß Du einen Rechtglaͤubigen betriegen darfſt, ihm eine Pipe Wein verkaufen kannſt, die nicht mehr als zu zwei Drittheilen voller Wein iſt, und mit irgend anderm nichtsnuzi⸗ gem Zeuge angefuͤllt war. Sag mir, was iſt da noch ſo ſchweres im Gebinde, ſeitdem der Wein ausgelerrt iſt?“ Der Jude betheuerte ſein Nichtwißen und berief ſich auf mich; natuͤrlich gab ich ganz die naͤmliche Verſicherung. „Gut,“ zuͤrnte der Aga,„wir wollen's bald ſehen. Laß den Griechen fuͤr ſein Handwerk⸗ zeug ſchicken, das Faß ſoll in meinem Beiſeyn geoͤffnet werden; dann wirſt Du vielleicht Deine eigene Spizbuͤberei anerkennen.“ Zwei Janitſcharen wurden abgeſchickt, um mein Handwerkzeug zu holen; als ſie zuruͤck⸗ kamen, ſollte ich den Boden aus dem Faße nehmen. Jezt glaubte ich mein Tod ſey unver⸗ meidlich; nichts hielt mich mehr aufrecht, als meine Bemerkung, daß des Agas Zorn mehr gegen meinen Herrn, als gegen mich gerichtet war; immer aber mußte ich erwarten, daß bei dem Offnen des Gebindes die Erkennung des ſchwarzen Sklaven augenblicklich erfolgen wuͤrde und daß meines Herrn Zeugniß alsdann den Mord mir aufbuͤrden muͤße. 3 — 80— Mitt zitternder Hand gehorchte ich dem Be⸗ fehle des Aga, der Boden war ausgenommen und zum Entſezen aller Anweſenden, zeigte ſich der Leichnam; aber anſtatt ſchwarz zu ſeyn, war er durch die Laͤnge der Zeit ſeiner Ein⸗ weichung, weiß geworden. Dieſer Umſtand floͤßte mir etwas Muth ein, in ſo weit war ja dem Argwohne gewehrt. 3 „Heiliger Abraham!“ rief mein Herr aus, „was muß ich gewahren! Ein todter Leib, ſo helf' mir Gott! aber ich weiß nichts da⸗ von! weißt Du darum, Charis?“ Ich ſchwor, daß ich nichts wiße, und rief den Patriarchen zum Zeugen fuͤr die Wahrheit meiner Verſicherung an. Waͤhrend wir unſere Betheurungen ausſprachen, haftete des Aga Auge mit abſcheuverrathendem, toͤdtlichen Stie⸗ ren auf dem Juden; alle Umſtehenden ſagten nichts, ſchienen aber bereit, dieſen in Stuͤcke zu zerreißen. „Verfluchter Unglaͤubiger!“ ſtieß endlich der Tuͤrke aus,„bereiteſt Du auf dieſe Art den Wein fuͤr die Kinder des Propheten?“ „Heiliger Vater Abraham! weiß ich doch — 81— nicht mehr davon, als Du, Aga, wie gekom⸗ men iſt hinein, der Leib; aber umtauſchen will ich die Pipe mit Vergnuͤgen, und Dir eine andere ſchicken.“ „Sey dem ſo,“ erwiederte der Aga,„mein Sklave ſoll ſie jezt gleich holen.“ Er gab Befehl dazu und alsbald kam die Senfte mit einer andern Pipe Wein wieder zum Vorſchein. „Schwerer Verluſt wird's ſeyn fuͤr'nen ar⸗ men Juden,'ne ganze Pipe guten Wein ,44 ſagte mein Herr, als das Gefaͤß aus der Senfte gerollt wurde; dann nahm er ſeinen Hut und wollte ſich fortbegeben. „Bleib!“ ſchrie der Aga,„ich denke Dir Deinen Wein nicht zu rauben.“ „O, dann wirſt Du wollen zahlen dafuͤr,“ erwiederte Iſaſchar;„Aga, Du biſt ein ge, rechter Mann!“ „Du wirſt ſeh'n!“ antwortete der Aga, und gab ſeinen Sklaven Befehl, den Wein auf Ge⸗ faͤße abzuziehen. Sobald die Pipe leer war, verlangte er, ich ſolle den Boden herausneh⸗ men; ich gehorchte, und nun befahl er den I. 4 6 = 82— Janitſcharen, meinen Herrn hinein zu ſtecken. Augenblicklich war der geknebelt, gebunden und in die Pipe gequetſcht, dann mußte ich den Boden wieder einſezen und befeſtigen. Ungern that ich das, denn ich hatte nicht Urſache mich uͤber meinen Herrn zu beſchweren und wußte, daß er fuͤr ein Verbrechen beſtraft werden ſollte, das ich begangen hatte. Doch hier galt es Leben oder Tod; die Tage der Selbſtaufopferung ſind in dieſem Lande laͤngſt geſchwunden. Auch hatte ich die Akte in mei⸗ ner Taſche, durch welche ich Handels⸗Aßocis 3 war, mein Herr hinterließ keine Erben, mit⸗ hin hatte ich Ausſicht, ſein ganzes Vermoͤgen zu bekommen. Überdem noch— „Laß Deine Gruͤnde,“ bemerkte der Paſcha, 3„Du ſchloßeſt ihn im Faße feſt, erzaͤhle weiter.“ „Das that ich, hoher Herr; aber wiewohl ich nicht wagte ungehorſam zu ſeyn, verſichere ich doch, daß es mit ſorgendem Herzen geſchah, um ſo mehr, da ich nicht wußte, welches Schick⸗ ſal mir ſelber aufgeſpart ſeyn moͤgte.“ — 83— Sobald der Bodendeckel eingeſezt und die Faßbaͤnder feſtgetrieben waren, hieß der Aga ſeinen Sklaven, das Gebinde wieder mit Wein aufzufuͤllen; ſo kam mein armer Herr um ſein Leben. „Schlag' den Spund ein, Grieche!“ ſprach der Aga mit drohender Stimme. Es geſchah, und zitternd ſtand ich vor ihm. „Nun, was weißt Du von dieſem Vorgange?“ Mich duͤnkte, da der Aga meines Herrn Le⸗ ben genommen hatte, ſo koͤnne es dem nicht ſchaden, wenn ich ihm ein Weniges von ſei⸗ nem guten Rufe naͤhme. Meine Antwort war, daß ich allerdings nichts davon wiße, daß aber vor laͤngerer Zeit ein ſchwarzer Sklave in ſehr verdaͤchtiger Weiſe verſchwunden waͤre, daß mein Herr nur ſehr oberflaͤchliche Nach⸗ forſchungen angeſtellt, und daß ich jezt ſtarken Argwohn hege, derſelbe ſey in aͤhnlicher Weiſe um's Leben gebracht.„Denn,“ ſezte ich hinzu, „mein Herr beklagte ſehr, daß Deine Hoheit die Pipe Wein fortnehmen ließ, die er gern aufbewahren wollte.“ „Verfluchter Jude!“ erwiederte der Aga, „ich bin gewiß, daß er manchen Mord in der Weiſe begangen hat.“ „Das fuͤrchte ich, hoher Herr,“ gab ich zur Antwort,„und habe Grund zu argwoͤhnen, daß ich zu ſeinem naͤchſten Opfer auserſehen war, denn als ich davon ſprach, ihn verlaßen zu wollen, redete er mir zu, bei ihm zu blei⸗ ben und gab mir dieſes Papier, durch welches ich Theilhaber am Geſchaͤfte mit einem Drit⸗ theil vom Gewinn werden ſollte. Ich denke mir, er wuͤrde mich nicht lange im Genuße deſſelben gelaßen haben.“ „Ey, Grieche,“ ſprach der Aga,„das iſt gluͤcklich fuͤr Dich; denn unter gewißen Bedin⸗ gungen kannſt Du nunmehr das ganze Eigen⸗ thum erlangen. Eine derſelben iſt, daß Du dieſe Pipe Wein, in welcher der ſchurkiſche Jude ſizt, in Deinem Gewoͤlbe aufbewahrſt, damit ich das Vergnuͤgen haben kann, meine an ihm genommene Rache zuweilen zu betrach⸗ ten. Ebenfalls wirſt Du die Pipe mit dem andern Leichnam aufbewahren, damit ſie mei⸗ nen Zorn lebendig erhalte. Die lezte Bedin⸗ gung iſt die, daß Du mir ſo viel Wein ver⸗ abreichſt als ich fordern mag, und zwar von der allerbeſten Guͤte, ohne mir Rechnung da⸗ fuͤr einzureichen. Genehmigſt Du dieſe Beſtim⸗ mungen, oder ſoll ich Dich als Theilnehmer an dem ſchaͤndlichen Verfahren betrachten?“ Kaum darf ich ſagen, daß ich dieſe Bedin⸗ gungen mit Freuden einging. Deine Hoheit wird wißen, daß ſich Niemand um einen Ju⸗ den zu bekuͤmmern pflegt. Ward ich uͤber ſein Verſchwinden befragt, ſo zuckte ich die Achſeln und erzaͤhlte den Fragenden im Vertrauen, der Janitſcharen⸗Aga haͤtte ihn eingeſperrt, und ich ſeze das Geſchaͤft bis zu ſeiner Frei⸗ laßung fort. Dem Wunſche des Aga gemaͤß wurden die zwei Gebinde in welcher der Jude und der Ethiopi⸗ ſche Sklave ſteckten, mitten im Gebwoͤlbe auf Schragenhoͤlzern hingelegt, die hoͤher waren, als die uͤbrigen. Jeden Abend kam er um ſeinen Groll ſtundenlang bei dem Faße auszuſprechen, wel⸗ ches meinen ehemaligen Herrn in ſich ſchloß. Dabei trank er ſo viel Wein, daß es gar nicht ungewoͤhnlich fuͤr ihn war, bis zum naͤchſten Morgen in meinem Hauſe zu bleiben. Deine Hoheit, muß nicht glauben, daß ich vernachlaͤßigte, die beſonderen Eigenſchaften des Weines in dieſen beiden Gebinden, zu meinem Vortheile zu benuzen, wiewohl das ohne Wißen des Aga geſchah. Ich hatte ſie unterhalb angebort, zog unaufhoͤrlich den Wein ab und fuͤllte die Gefaͤße mit anderm Weine auf. In ganz kurzer Zeit gab es keine Pipe Wein in meinem Beſtze, die nicht ihren Auf⸗ guß entweder vom Juden, oder vom Ethio⸗ pier bekommen haͤtte; dadurch wurde mein Wein ſo ſehr verbeßert, daß ich ihn ungemein ſchnell verkaufte und reich wurde. Drei Jahre lang ging Alles vortrefflich: nun erhielt der Aga, der bis dahin mein be⸗ ſtaͤndiger Gaſt und mindeſtens dreimal woͤchent⸗ lich voͤllig berauſcht in meinem Hauſe geblie⸗ ben war, den Befehl mit ſeinen Janitſcharen zu des Sultans Heermacht zu ſtoßen. Durch ſeine ſtete Geſellſchaft, hatte auch ich nach und nach Geſchmack am Weine gewonnen, wiewohl ich mich niemals betrank. Am Tage des Aus⸗ marſches ſeiner Truppen, hielt er vor meiner Thuͤr an, ſtieg von ſeinem edlen Araber herab, und kam in mein Haus, um den Abſchieds⸗ trunk zu nehmen; ſeiner Mannſchaft befahl er vorauszuziehen, er wuͤrde ihr nachreiten. Ein Glas folgte dem andern, raſch entfloh die Zeit. Der Abend kam und der Paſcha war wie gewoͤhnlich, ganz betrunken; nun beſtand er darauf, in das Gewoͤlbe hinab zu gehn, um noch einmal das Gebinde zu verhoͤhnen, in welchem der Jude ſteckte. Lange ſchon leb⸗ ten wir auf dem freundſchaftlichſten Fuße mit einander, und da ich an dieſem Abende, un⸗ gewoͤhnlich viel getrunken hatte, beging ich die Unvorſichtigkeit ihm zu ſagen: „Ich bitte Dich Aga, verſchimpfe meinen armen Herrn nicht laͤnger, denn er hat mei⸗ nen Reichthum begruͤndet. Nun Du von hier zieheſt, will ich Dir ein Geheimniß mittheilen: in meinem Gewoͤlbe iſt nicht ein einziger Tro⸗ pfe Wein der nicht durch ihn, oder durch den Sklaven im andern Faße, ſeinen verbeßernden Zuſaz bekommen haͤtte. Dies eben iſt der Grund, weshalb mein Wein den der andern Weinhaͤnd⸗ ler ſo ſehr uͤbertrifft.“ 3 „Was!“ rief der Aga aus, der kaum no — — 88— ſprechen konnte,„Du Schurke von Griechen! Gut, ſterben ſollſt Du, wie Dein Herr. Hei⸗ liger Prophet! welch ein Zuſtand fuͤr einen Muſelmann, ins Paradies einzugehn, durch⸗ drungen von der Eßenz eines verfluchten Ju⸗ den! Elender! ſterben ſollſt Du! ſterben!“ Er griff nach mir, verlor aber ſein Gleich⸗ gewicht und fiel ſo ſtarr betrunken auf den Boden hin, daß er nicht im Stande war, wie⸗ der in die Hoͤhe zu kommen. Ich wußte recht gut, daß er nicht vergeßen wuͤrde, was vor⸗ gefallen war, und daß er mich ſeiner Rache opfern werde, ſobald er nuͤchtern geworden ſey. Furcht vor dem Tode und die Menge ge⸗ trunkenen Weines, gaben mir den Entſchluß ein, wie ich mich zu benehmen haͤtte. Ich zerrte ihn in eine leere Pipe, ſezte derſelben den Deckel ein, ſchlug die Reife nieder, rollte ſie in die Faßreihe und fuͤllte ſie voll Wein. So raͤchte ich meinen armen Herrn, und befreite mich zugleich von jeder kuͤnftigen Belaͤſtigung durch den Aga. K „Was!“ ſchrie der Paſcha wuͤthend auf⸗ fahrend,„Du erſaͤufteſt einen Rechtglaͤubigen, einen Janitſcharen⸗Aga! Du Hund von Kafir! Du Sohn vom Scheitan, und Du wagſt das einzugeſtehen! Ruft den Scharfrichter herein!“ „Barmherzigkeit, erlauchter Herr! Barm⸗ herzigkeit!“ flehete der Grieche.„Habe ich nicht Deine Zuſage bei dem Schwerte des Pro⸗ pheten? Zudem war er kein Rechtglaͤubiger, dann ſonſt wuͤrde er das Geſez nicht gebro⸗ chen haben. Ein guter Muſelmann wird nie⸗ mals einen Tropfen Wein anruͤhren.“ „Ich verſprach zu verzeihen, und ich habe Dir auch verziehen, den Mord vom ſchwarzen Sklaven; aber ein Janitſcharen⸗Aga!— iſt das nicht ein ganz ander Ding?“ ſagte der Paſcha zu Muſtapha, als beriefe er ſich auf den. „Deine Hoheit iſt gerecht in Deinem Zorne— der Kafir verdient aufgepfaͤhlt zu werden. In⸗ zwiſchen ſind zwei Betrachtungen vorhanden, welche Dein Sklave wagt Deiner erhabenſten Weisheit vorzulegen. Die erſte iſt die, daß Deine Hoheit unbedingte Zuſage gab, und ſie bei dem Schwerdte des Propheten beſchwor.“ „Staffir Allah, was kuͤmmert mich das? Haͤtte ich einem Rechtglaͤubigen das zugeſchwo⸗ ren, ſo waͤre es doch etwas.“ „Die zweite iſt, daß der Sklave ſeine Ge⸗ ſchichte noch nicht beendigt hat, und daß dieſe anziehend ſcheint.“ „Wallah! das iſt wahr. Er ſoll ſeine Ge⸗ ſchichte bis zum Ende erzaͤhlen.“ Der Griechen⸗Sklave blieb aber mit dem Antlize auf dem Boden liegen; erſt nach er⸗ neueter Zuſicherung, die vom Paſcha beſchwo⸗ ren wurde auf die heilige, aus den Unterkleidern des Propheten gefertigte Standarte, konnte er dazu vermogt werden fortzufahren. Der Paſcha, deßen Zornwuth ſich abgekuͤhlt hatte und der mit Verlangen dem Schluße der Geſchichte entgegen ſah, bewilligte alles, und der Sklave fuhr fort: Sobald ich das Gebinde zugeſpundet hatte, ging ich zum Vorhofe, wo der Aga ſein Roß gelaßen hatte; nachdem ich das arme Thier mit des Aga Schwerdte tief verwundet hatte, — 91— ließ ich es los, damit es nach deßen Behau⸗ ſung ſprengen moͤge. Die mitten in der Nacht laut erſchallenden Hufſchlaͤge des Pferdes, weck⸗ ten ſein Geſinde auf— und ſobald dieſes das Roß verwundet und ohne ſeinen Reiter er⸗ blickte, faßte man den Gedanken, der Aga ſey von Banditen angefallen und ermordet, als er ſeinen Truppen nacheilte. Man ſchickte zu mir um zu vernehmen, wann er von mir auf⸗ gebrochen waͤre; ich gab zur Antwort, eine Stunde nach dem Dunkelwerden— damals ſey er ſehr betrunken geweſen— und ſeinen Saͤbel haͤtte er bei mir gelaßen; dieſen lieferte ich zu⸗ ruͤck. Niemand argwoͤhnte die Wahrheit; man glaubte allgemein er ſey auf der Landſtraße umgekommen. 3 Nun war ich frei von meinem gefaͤhrlichen Bekannten; wiewohl derſelbe allerdings eine ganz betraͤchtliche Menge von meinem Weine getrunken hatte, ſo gewann ich den Werth deßelben doch mit Zinſen durch das Aroma zu⸗ ruͤck, welches ich aus ſeinem Koͤrper abzog, und meinem ganzen Weinvorrathe davon mit⸗ theilte. Ich hob ihn mitten im Gewoͤlbe auf W — 92— einen erhoͤheten Schragen neben den beiden an⸗ dern Gebinden; mein Handel war gewinnbrin⸗ gender, meine Weine ſtanden in beßerm Rufe als je. 9n Eines Tages kam aber der Kadi, der mei⸗ ne Weinen hatte außerordentlich ruͤhmen hoͤ⸗ ren, ohne vorgaͤngiges Anſagen zu meinem Hauſe; ich verbeugte mich bis zur Erde bei dieſer mir zugetheilten Ehre, denn lange ſchon hatte ich gewuͤnſcht, des Kadi Kundſchaft zu bekommen. Ich zog von meinem beſten Weine ab, reichte ihm das Glas und ſprach: „Dieſes, mein hoher Herr, iſt, was ich mei⸗ nen Aga⸗Wein nenne; der vormalige Aga liebte ihn ſo ſehr, daß er eine ganze Pipe voll auf einmal nach ſeinem Hauſe kommen zu laßen pflegte, die in einer Senfte hingetragen wurde.“ „Das iſt ein guter Anſchlag,“ erwiederte der Kadi;„das iſt viel beßer, als einen Sklaven mit dem Kruge zu ſchicken, weil das Anlaß zu Bemerkungen gibt; ich will's eben ſo machen; aber zuerſt laß mich alles koſten, was Du an Weinen haſt.“ Er koſtete aus mehren Faͤßern, doch geftel — 93— ihm keiner ſo gut, als der erſte, den ich ihm gereicht hatte. Zulezt ſielen ſeine Blicke auf die drei erhoͤhet liegenden Gebinde. „Was ſind das fuͤr Sorten?“ fragte er. „Nur leere Faͤßer, hoher Herr,“ gab ich zur Antwort; er hatte aber ſeinen Stock in der Hand und ſchlug damit auf eines derſelben. „Grieche, Du ſagſt dieſe Faͤßer ſeyen leer, doch ſie klingen nicht ſo; ich vermuthe Du haſt beßeren Wein als der iſt, den ich gekoſtet habe zieh' mir ſogleich von dieſem ab!“ Ich war genoͤthigt zu gehorchen—; er ko⸗ ſtete den Wein aus jedem der drei Gebinde, ſchwor hoch und theuer daß er vortrefflich ſey, und daß er den ganzen Vorrath davon kaufen wolle. Ich wandte ihm ein, daß ich den Wein in dieſen Gefaͤßen dazu gebrauche den uͤbrigen Weinen Aroma zu geben, und der Preis deßel⸗ ben ſey ungeheuer; ich hoffte er wuͤrde dieſen nicht zahlen wollen. Er aber fragte was der Wein koſten ſolle;— ich forderte den vierfach erhoͤheten Preis der andern Weine dafuͤr. „Zugeſtanden;“ ſprach der Kadi—„theuer iſt er,— doch Niemand kann erwarten guten * Wein zu bekommen, ohne dafuͤr zu zahlen;— der Handel iſt gemacht.“ Ich gerieth in bange Unruhe, ſagte ihm, ich koͤnne dieſe Weine nicht weggeben, weil ich dann nicht im Stande ſeyn wuͤrde meinen Handel mit gleich gutem Rufe fortzuſezen, ich verliere dadurch ja die Mittel meinen Weinen das Aroma mitzutheilen; doch das Alles war umſonſt, der Kadi erwiederte, ich haͤtte einen Preis dafuͤr gefordert, und er habe zugeſtanden denſelben zu bezahlen. Sogleich befahl er ſeinen Sklaven eine Senfte zu holen und wollte das Gewoͤlbe nicht verlaßen bis die drei Gebinde fortgeſchafft waͤren; auf dieſe Weiſe verlor ich meinen Ethiopier, meinen Juden und meinen Aga. Weil ich wußte das Geheimniß wuͤrde bald verrathen ſeyn, begann ich ſchon am naͤchſten Tage meine Vorbereitungen zur Abreiſe. Vom Kadi empfing ich mein Geld, eroͤfnete ihm meine Abſicht die Stadt zu verlaßen, weil er mich genoͤthigt habe ihm jene Weine zu ver⸗ kaufen, und ich nun nicht laͤnger hoffen duͤrfe mein Geſchaͤft mit irgend einigem Erfolge fort⸗ — 95— zuſezen. Noch einmal bat ich ihn, mir dieſe Weine zuruͤck zu geben, und bot ihm drei Pipen Wein zum Geſchenke an, wenn er ſich dazu verſtehen wolle; doch das Alles war ver⸗ gebens. Nun miethete ich ein Schiff, befrachtete daſſelbe mit meinem Vorrathe, nahm mein ganzes Geld mit mir und ſegelte nach Corfu ab, bevor etwas entdeckt wurde. Doch erfaßte uns ein heftiger Gegenwind der uns nach vier⸗ zehn Tagen fruchtloſer Anſtrengung ihm zu trozen, nach Smyrna zuruͤckzukehren zwang. Sobald das Unwetter ſich maͤßigte, befahl ich dem Kaptain das Fahrzeug in den Außenhafen zu bringen damit ich ſo ſchnell als nur moͤglich, wieder unter Segel gehen koͤnne. Dies geſchah, doch hatten wir auf dieſem neuen Grunde noch nicht fuͤnf Minuten Anker geworfen, als ich ein Boot vom Hafendamme labſtoßen ſah, in welchem ſich der Kadi nebſt ſeinen Gerichts⸗ dienern befand. Überzeugt, daß ich verrathen ſey, wußte ich mir nicht zu helfen, als mir ploͤzlich der Gedanke aufſtieg mich in einem der Gebinde zu verber⸗ gen, ganz wie ich früther Andere ſo gkückkich darin verheimlicht hatte. Ich rief den Kaptain herab in meine Kajüte, ſagte dem ich haͤtte Urſache zu argwoͤhnen der Kadi wolle mir mein Leben nehmen, und bot ihm einen bedeutenden Theil der Ladung an, wenn er mir Huͤlfe gewaͤhren wollte. Der Kaptain, der zu meinem Ungluͤcke ein Grieche war, bewilligte. Wir ſtiegen hinab in den Raum, ließen den Wein aus einer der Pipen ablaufom, und nachdem wir den Faß⸗ boden ausgehoben hatten, kroch ich hinein und ward darin feſt gereift. Gleich darauf kam der Kadi an den Bord und fragte nach mir. Der Kaptain gab an, ich ſey waͤhrend dem Windſturme uͤber Bord ge⸗ fallen, und deshalb ſey er auch zuruͤckgekehrt, da das Schiff keinem Hauſei in Sorſi konſignirt waͤre. „Alſo iſt der verfluchte Schurke meiner r Rache entgangen!“ rief der Kadi aus,„der Moͤrder, der ſeine Weine uͤber die Leichname ſeiner Mit⸗ geſchoͤpfe abzieht; doch Du betruͤgſt mich vielleicht Grieche, das Schiff ſoll durchſucht werden.“* — 97— Die Gerichtsdiener, welche den Kadi begleite⸗ ten, durchſuchten jeden Winkel des Schiffes auf das genaueſte. Weil ſie mich nicht finden konnten, wurde die Ausſage des Kaptains geglaubt, und nach tauſend Verwuͤnſchungen meiner Seele, ver⸗ ließ der Kadi ſammt ſeinen Begleitern das Schiff. Nun athmete ich leichter, wiewohl der Wein⸗ duft, der die Tonnenſtaͤbe des Gebindes durch⸗ drungen hatte, mich faſt berauſchte; ich ſehnte mich ſehr danach, in Freiheit zu kommen. Doch der heimtuͤckiſche Kaptain hatte nicht die Ab⸗ ſicht, mich frei zu laßen; er kam gar nicht in meine Naͤhe. In der Nacht kappte er ſein Ankertau und ging unter Segel; bald darauf hoͤrte ich das Geſpraͤch zweier ſeiner Matroſen an, aus dem ich mein Schickſal erfuhr; der Kaptain wollte mich waͤhrend ſeiner Fahrt uͤber Bord werfen, um mein Eigenthum in Beſiz zu nehmen. Ich rief ſie durch das Spundloch an, ich flehete und jammerte um Barmherzig⸗ keit; Alles vergebens. Einer von ihnen gab mir zur Antwort, daß, weil ich andere Men⸗ ſchen gemordet und ſie in Faͤſſer geſteckt haͤtte, mir nun das gleiche widerfahren ſolle. J. 7 — 98— In meinem Innern mußte ich die volle Ge⸗ rechtigkeit meiner Beſtrafung anerkennen, und ergab mich in mein Schickſal; nur wuͤnſchte ich, man moͤge mich ſogleich uͤber Bord wer⸗ fen und meinen Jammer enden. Der ſtete Vor⸗ ſchmack des Todes ſchien mir noch viel graͤß⸗ licher, als der Tod ſelber. Doch anders war es beſchloßen; ein heftiger Windſtoß wuͤthete mit ſolcher Gewalt, daß der Kaptain und ſeine Mannſchaft genug mit der Sorge um das Schiff zu thun hatten; entweder wurde ich vergeßen, oder ſie verſchoben meine Beſtimmung bis zu einem paßenderen Augenblicke. Am dritten Tage hoͤrte ich die Matroſen unter ſich reden; ſie ſagten, das Schiff muͤße unvermeidlich verloren gehen, wenn ein ſo verruchter Boͤſewicht am Bord bliebe, als ich ſey. Darauf wurden die Schiffsluken geoͤffnet; man wand mich in die Hoͤhe und warf mich in das toſende Meer. Der Spund des Gefaͤßes war heraus; doch dadurch, daß ich mein Taſchentuch in das Spundloch ſtopfte, wenn dieſes unter Waßer war, verhinderte ich deßen Anfuͤllung mit Waßer; war das Spundloch aber oben, ſo zog ich das Tuch heraus, um friſche Luft zu ſchoͤpfen. Graͤßlich wurde ich bei dem fortwaͤh⸗ renden Umrollen im ſturmgepeitſchten Meere zerſtoßen; Schmerz und Ermuͤdung hatten mich gaͤnzlich kraftlos gemacht; ſchon war ich ent⸗ ſchloßen, das Waßer eindringen zu laßen, um meinem Leben ein Ende zu machen, als ich mit ſo furchtbarer Geſchwindigkeit umgekugelt wurde, daß ich gar nicht einmal meine Vor⸗ ſichtsmaßregeln zum Abhalten des Waßers au⸗ wenden konnte. Nach dreimaligem hintereinan⸗ der folgenden Umrollen fand ich, daß das Ge⸗ binde, welches von der Brandung ergriffen war, nun auf den Strand ſtieß. Einen Augen⸗ blick nachher hoͤrte ich Stimmen, Leute kamen herzu und rollten das Faß hinauf. Ich wollte nicht ſprechen, damit ich ſie nicht erſchrecke und ſie mich am Strande liegen ließen, wo die Wogen mich wiederum er faßen konntenz; doch ſobald ſie anhielten, rief ich mit ſchwacher Stimme durch das Spundloch, und bat ſie um die Barmherzigkeit, mir herauszuhelfen. Anfaͤnglich ſchienen ſie beſorgt; als ich aber — 1⁰0— meine Bitte widerholte, ihnen ſagte, ich ſey der Eigner des Schiffes, das in der Naͤhe die⸗ ſes Landes ſeyn muͤße, daß der Kaptain und deßen Mannſchaft Meuterei angeſtiftet und mich uͤber Bord geworfen haͤtten; da holten ſie Werkzeuge und befreiten mich. Das erſte was meine Augen erblickten, nach⸗ dem ich erloͤſet worden, war mein Schiff als geſcheitertes Wrack; jede Woge, die es hoͤ⸗ her auf den Strand warf, zerbroͤckelte es mehr und mehr. Schon war es in der Mitte uͤber⸗ gebrochen, und die weißſchaͤumende Brandung war mit Pipen Wein bedeckt, die von eben den Leuten, die mich erloͤſet hatten, eben ſo raſch heraufgerollt wurden, als der Wogen⸗ ſchwall ſie an's Ufer trieb. Ich war gaͤnzlich erſchoͤpft und fiel auf dieſer Stelle in Ohn⸗ macht. Als ich wieder zur Beſinnung kam, befand ich mich in einer Hoͤhle auf Buͤndeln alter Maͤntel hingeſtreckt; an einem großen Feuer ſaßen etwa vierzig oder fuͤnfzig Maͤnner, die mit ungemeiner Geſchwindigkeit eine mei⸗ ner Wein⸗Pipen ausleerten. Sobald ſie gewahrten, ich habe den Gebranch — 1⁰¹1— meiner Sinne wieder, goßen ſie mir etwas Wein in den Mund, den ich hinunter ſchluͤrfte und der mich einigermaßen kraͤftigte. Einer von ihnen, der ihr Oberhaupt zu ſeyn ſchien, hieß mich vortreten. „Die von dem Wrack geretteten Leute,“ ſagte er,„haben mir wunderſame Geſchichten von Deinen ungeheuren Verbrechen erzaͤhlt, jezt ſeze Dich zu mir und ſage mir die Wahrheit, wenn ich Dir glaube, ſoll Dir Gerechtigkeit werden, denn ich bin hier der Kadi; falls Du etwa wuͤnſcheſt zu wißen wo Du biſt, ſo vernimm, dies iſt die Inſel Iſchia, moͤgteſt Du erfahren in welcher Geſellſchaft, ſo iſts in Geſellſchaft ſolcher, wel⸗ che von unaufgeklaͤrten Menſchen Seeraͤuber genannt werden; jezt, ſprich die Wahrheit.“ Mir ſchien meine Geſchichte wuͤrde von See⸗ raͤubern beßer aufgenommen werden, als von andern Leuten, und ſo erzaͤhlte ich ſi ſie ihnen denn in den naͤmlichen Worten wie ich ſie Deiner Hoheit vortrug. Nachdem ich geendigt hatte, bemerkte der Anfuͤhrer dieſer Bande: „Wohlan, da Du eingeſtehſt einen Sklaven getoͤdtet, bei dem Morde eines Juden geholfen, — 1⁰2— und einen Aga erſaͤuft zu haben, ſo verdienſt Du ſicherlich den Tod; doch in Erwaͤgung der Vortrefflichkeit des Weines und des Geheim⸗ nißes, welches Du uns gelehrt haſt, will ich Dein Urtheil mildern. Was den Kaptain und die uͤbrige Mannſchaft anbetrifft, ſo ſind ſie der Verraͤtherei und des Raubes auf offner See uͤberfuͤhrt— ein verabſcheuungswuͤrdiges Ver⸗ brechen, das augenblicklichen Tod verdient; doch weil wir durch ihre Vermittlung in den Beſiz dieſes Weins gekommen ſind, will ich langmuͤthig ſeyn. Aus dieſen Gruͤnden verur⸗ theile ich euch Alle zu gezwungener Arbeit auf Lebenszeit. Als Sklaven ſollt ihr in Kairo ver⸗ kauft werden, wir aber wollen das Geld ein⸗ ſaͤckeln und euren Wein trinken.“ Mit lautem Jubel begruͤßten die Seeraͤuber die Gerechtigkeit eines Ausſpruches, durch wel⸗ chen ſie gewannen; jeder Einſpruch von unſerer Seite war fruchtlos. Sobald ſich das Unwetter ein wenig maͤßigte, wurden wir an den Bord einer ihrer kleinen Pebecken gebracht und bei unſerer Ankunft in dieſem Hafen auf dem Markte ausgeſtellt und verkauft. e — 103— Dieſe iſt die Geſchichte, Paſcha, welche mich zu jener Äußerung antrieb, deren Erlaͤuterung Du verlangteſt; ich hoffe Du wirſt zugeben wollen, daß ich mehr ungluͤcklich als verbreche⸗ riſch war, denn bei jeder Veranlaßung zum Toͤdten eines Andern, hatte ich nur zwiſchen ſeinem oder meinem Tode zu waͤhlen. „Nun es iſt allerdings eine ſeltſame Ge⸗ ſchichte,“ bemerkte der Paſcha,„doch haͤtteſt Du meine Zuſccherung nicht, ſo ließe ich Dir ganz gewiß Deinen Kopf dafuͤr abſchlagen, daß Du einen Aga ermordeteſt; ich halte es fuͤr eine graͤnzenlos unverſchaͤmte Anmaßung von einem unglaͤubigen Griechen, anzunehmen, daß ſein Leben ſo viel werth ſeyn koͤnnte, als das eines Janitſcharen⸗Aga und Bekenner des Propheten; indeßen meine Zuſage iſt einmal gegeben, und Du kannſt gehen.“ „Deiner Hoheit Weisheit iſt ſtrahlender als die Sterne am Himmel,“ ſprach Muſtapha. „Soll der Sklave mit Deiner Freigebiglei be⸗ ehrt werden?“ 2 — 104— „Maſchallah! Freigebigkeit! Sein Leben habe ich ihm geſchenkt, und weil er das hoͤher werth achtet als das Leben eines Aga, ſo meine ich, das ſey ein ſehr ſchoͤnes Geſchenk. Einen Aga er⸗ ſaͤufen. Oho!“ bei dieſen Worten erhob ſich der Paſcha,„aber eine recht wunderbare Geſchichte war's doch. Laß ſie niederſchreiben Muſtapha. Den andern Mann wollen wir morgen hoͤren.“ — — 105— 4 Orittes Kapitel. „Mauſtapha,“ ſagte der Paſcha am fol⸗ genden Tage, als ſie die Gehoͤr-Halle ver⸗ ſchloßen hatten,„haſt Du den andern Giaur in Bereitſchaft?“ „Baſchim uſtun! Auf mein Haupt falle es! hoher Herr! Der unglaͤubige Hund erwartet nur den Befehl, um vor Dein erlauchtes Ant⸗ liz zu kriechen.“ „Laß ihn kommen, damit unſere Ohren er⸗ freut werden; Barik Allah! Gelobt ſey Gott! Es giebt noch andere Leute, die Geſchichten erlangen koͤnnen, außer dem Kalife Harun.“ Der Sklave ward herein beſchieden. Er war ein ſchwaͤrzlicher Mann mit ſchoͤnen Geſicht⸗ — 106— zuͤgen, der mit einer ſtolzen Haltung herein⸗ trat, welche ſo wenig ſein jeziger Stand, als ſeine zerlumpte Kleidung zu verbergen vermog⸗ ten. Als er bis auf wenige Fuß dem Staats⸗ Teppich nahe gekommen war, verbeugte er ſich und ſchlug ſchweigend ſeine Arme uͤber der Bruſt zuſammen. „Ich wuͤnſche zu wißen auf welchen Grund Deine Verſicherung beruht, daß Du ſo guter Weinkenner ſeyſt, wie Du vor einigen Aben⸗ den im Wortwechſel mit dem Griechenſklaven behauptet haſt.“ „Schon damals gab ich meinen Grund an, Hoheit, den naͤmlich, daß ich viele Jahre hin⸗ durch Moͤnch im Dominikanerorden geweſen bin.“ „Ich erinnere mich, Du haſt das geſagt.— Was fuͤr ein Gewerbe iſt das, Muſtapha?“ fragte der Paſchaäꝗ. „Wenn Dein Sklave nicht irrt, ſo iſvs uͤberall ein gutes Gewerbe. Der Unglaͤubige meint damit, daß er ein Mollah oder Derwiſch unter den Bekennern des Iſaurik*) geweſen iſt.“ *) Jeſus Chriſtus. 8 — 402— „Moͤgen die, ſammt den Graͤbern ihrer Vaͤ⸗ ter ewig beſudelt ſeyn!“ rief der Paſcha eifrig. „Trinken die nicht Wein und eßen ſie nicht Schweinefleiſch? Haſt Du ſonſt nichts zu ſa⸗ gen?“ fragte er den Eingetretenen. „Mein Leben iſt ſehr ereignißvoll geweſen,“ antwortete der Sklave,„und wenn es Deiner Hoheit gefällt, will ich meine Geſchichte erzaͤh⸗ len.“ „Unſere Herablaßung geht ſo weit.— Seze Dich und beginne.“ — 108— Geſchichte des Mönch. Gefall' es Deiner Hoheit, ich bin von Ge⸗ burt ein Spanier und Sevilla iſt meine Vater⸗ ſtadt; doch vermag ich nicht mit Gewißheit anzugeben, ob mein Vater ein Grande war, oder minder vornehmem Stande angehoͤrte. Al⸗ les was ich anzufuͤhren weiß, iſt, daß ich, als meine Vernunft aufzudaͤmmern begann, mich in dem von der Regierung in dieſer Stadt geſtifteten Zufluchtsorte fuͤr jene ungluͤcklichen Weſen be⸗ fand, die mit ſchwarzem Brod und Ol aufge⸗ bracht werden, weil ihre unnatuͤrlichen Eltern entweder die Koſten zu ihrer Erziehung herzugeben ſich ſcheuen, oder, nachdem ſie zuerſt der uner⸗ laubten Liebe geſtatteten die Schaam zu uͤber⸗ winden, damit enden, daß ſie durch falſche Schaam die Mutterliebe unterdruͤcken. 5 A 5 4 1 . begabt, ward ich dazu au — 109— Dem Gebrauche gemaͤß werden dergleichen Kinder in einem gewißen Alter zur Erlernung verſchiedener Gewerbe oder zur Anteignung ei⸗ nes Lebensberufes ausgethan; diejenigen aber, die ein fruͤhes Heranreifen von Talenten ver⸗ rathen, werden haͤufig in den Schooß der Kirche aufgenommen. Von der Natur mit einer ſehr klangreichen Stimme und einem richtigen Ohre fuͤr Muſik userſehen, als Chor⸗ knabe in einem Dominikanerkloſter untergebracht zu werden, welches in großem Anſehen ſtand. Im Alter von zehn Jahren ward ich der Obhut des Chorfuͤhrers uͤberlaßen. Unter ſeiner Anleitung ward ich genugſam beſchaͤftigt mit dem Unter⸗ richte, den ich im Singen empfing, oder mußte auch zu andern Zeiten kleine Kirchen⸗Hand⸗ reichungen verrichten; mußte Weihrauchgefaͤße oder Wachskerzen bei Prozeßionen tragen. So lange ich Kind war, erregtenmeine Stimme Bewunderung, und wenn der Gottesdienſt beendet war, erhielt ich oft Konfekt von den Damen zum Geſchenke, welche dem kleinen Anſelmo das in ihren Taſchen mitbrachten. — 110— Als ich heranwuchs, ward ich vortrefflicher Muſiker; im zwanzigſten Jahre ſang ich einen hinreißenden Tenor; durch die Bitten des Kloſter⸗Superior und anderer Kirchenwuͤrden geſchmeichelt, willigte ich ein, das Geluͤbde zu thun und Mitglied des Ordens zu werden. Wiewohl in unſerm Kloſter viele Freiheit geſtattet wurde, erlaubte man mir doch noch mehr, als den uͤbrigen Moͤnchen. Ich ertheilte Unterricht in J und Geſang; ein Theil meines Verdienſtes ward dem Superior zum Beſten unſerer Bruͤderſchaft eingehaͤndigt. Mein Ruf war in Sevilla ſo allgemein verbreitet, daß viele Hunderte von Menſchen der Meße in unſerer Kirche beiwohnten, um nur des Bruder Anſelmo Stimme zu hoͤren. Daher kam es, daß man mich fuͤr ein hoͤchſt werth⸗ volles Eigenthum hielt; auch wuͤrde unſer Klo⸗ ſter viel verloren haben, falls ich es verlaßen ſollte. Meines aeluͤbdes konnte ich allerdings nicht entbunden werden, dagegen haͤtte ich auf der Superior, der das recht gut wußte, geſtattete mir jegliche Nachſicht, in der Hoffnung, mich Anſuchen nach Madrid verſezt werden koͤnnen; dadurch zum Bleiben zu vermoͤgen. Dasjenige Geld, welches ich zu meinen eigenen Beduͤrf⸗ nißen zuruͤckbehielt, ſezte mich in den Stand, mir den Pfoͤrtner zum Freunde zu machen, ſo daß ich zu jeder Stunde ein⸗ und ausgehen konnte. Ich war ein gewandter Guitarreſpieler; und ſo unvertraͤglich das mit meinem Kloſter⸗ Geluͤbde erſcheinen mag, eilte ich doch oft vom Vesperdienſte fort, um irgend einer reizenden Seüora Staͤndchen zu bringen, deren Ena⸗ morado die Gewalt meiner Stimme dazu gebrauchte, ſie fuͤrzſeine Wuͤnſche zu gewinnen. Meine Sedillen und Canzonetten wurden hoͤchlich bewundert; eigentlich ward gar keine Serenade wirkſam geachtet, wenn der Tenor Anſelmo nicht mitſang. Kaum darf ich anfuͤh⸗ ren, daß dies ſehr eintraͤglich war, und daß ich die Mittel beſaß, mir Lebens⸗Üppigkeiten zu verſchaffen, welche die Ordensregel nicht zuließ. Recht bald wurde ich ausſchweifend und liederlich; haͤufig ſaß ich ganze Naͤchte mit den jungen Caballeros, trank mit ihnen und ſang Liebeslieder zu ihrer Unterhaltung. Inzwiſchen war mein Betragen entweder nicht — 112— gekannt, oder ward aus den oben angegebenen Gruͤnden uͤberſehen. Überlaͤßt ſich ein Mann erſt dem unmaͤßi⸗ gen Weingenuße, ſo wird er bald von allen uͤbrigen Laſtern bekriegt, und wird nur gar zu leicht deren Beute. Der eine Irrweg fuͤhrte mich zu andern, und mit Hintanſezung mei⸗ nes Kloſtergeluͤbdes empfand ich oft viel mehr Luſt, Staͤndchen fuͤr eigene Rechnung zu brin⸗ gen, als zum Vortheile derer, die mich dazu gebrauchten. Ich beſaß den Vorzug eines recht ſchoͤnen Geſichtes, nur ward es entſtellt durch die abgeſchorene Glaze und die unkleidhafte Art des Haarſchnittes; das grobe, unfoͤrmliche Möoͤnchsgewand unſeres Ordens verbarg das Ebenmaaß meiner Glieder, die ſonſt vielleicht im Prado Aufmerkſamkeit erregt haͤtten. Bald gewahrte ich, daß, wiewohl das ſchoͤne Ge⸗ ſchlecht meinen Geſang bewundern mogte, de⸗ ßen Bewunderung auch nur dabei blieb. Die Da⸗ men ſchienen zu erwaͤgen, daß ich in allen an⸗ dern Beziehungen todt fuͤr die Welt ſey, wie ich das auch haͤtte ſeyn muͤßen. Doſta Sophia, eine junge Dame, der ich — 113— einige Zeit Unterricht in der Muſſk ertheilt hatte, ſchien guͤnſtiger geſtimmt. Sie war vor⸗ treffliche Dilettantin und leidenſchaftliche Ver⸗ ehrerin der Kunſt; immer habe ich beobachtet, hoher Herr, daß unter den wahren Verehrern der Harmonie ein Gleichgefuͤhl, eine Art frei⸗ maureriſchen Buͤndnißes beſteht, durch welches ſie einander augenblicklich ebenbuͤrtig und auf's innigſte vertraut werden; dies iſt ſo ſehr der Fall, daß, wenn ich Ehemann und meine Frau ungemeine Liebhaberin der Muſik waͤre, ich mich ſorglich huͤten wuͤrde, einen Mann gleicher Gefuͤhlsweiſe ihr zuzufuͤhren, falls ich nicht ſelber, eben ſo hohen Schwung der Leiden⸗ ſchaft fuͤr Muſik naͤhrte. Dieſe junge Dame behandelte mich ſehr wohlwollend und ich ſchmei⸗ chelte mir mit erfolgvollem Ausgange; da er⸗ ſchien eines Tages, als wir ein Duett mit⸗ einander ſangen, ein ſchoͤner junger Offtzier. Sein glaͤnzend braunes Haar ringelte in na⸗ tuͤrlichen Locken; ſein Anzug ſtand ſeiner ſchlan⸗ ken, wohlgebildeten Geſtalt ganz bemerkens⸗ werth gut. Er war ein Vetter, ſo eben von Carthagena zuruͤckgekommen; ſeine unverkenn⸗ — 114— bare Aufmerkſamkeit, belehrte mich bald, daß alle meine Bewerbungen fruchtlos geweſen waren, mit jedem Morgen ſah ich mich mehr in den Hintergrund verdraͤngt. Das verdroß mich, und ich wagte viel zu frei zu ſprechen; waͤhrend der Abweſenheit des Offiziers verlaͤumdete ich ihn vor Dona So⸗ phia, weil ich dadurch meine Stelle in ihrer Zuneigung wieder einzunehmen hoffte. Doch hatte ich einen argen Mißgriff gethan, denn meine Dienſte wurden nicht nur fuͤr die Zukunft abgelehnt, ſondern ſie eroͤffnete ihrem Vetter auch, wie ich das ſpaͤter erfuhr, die Gruͤnde, weshalb mir der Abſchied ertheilt worden. In recht unmuthiger Stimmung kehrte ich zum Kloſter zuruͤck, wo man mir ſagte, daß der Superior mich zu ſprechen verlange. So⸗ gleich ging ich zum Sprachzimmer; hier ſagte er mir, daß mein ausſchweifender Lebenswan⸗ del ihm bekannt geworden ſey; am Ende vieler Vorwuͤrfe befahl er mir, ſtrenge Buße zu thun. Ich ſah ein, daß Ungehorſam nur noch groͤßere Strenge herbeifuͤhren wuͤrde, verbeugte mich mit Unterwuͤrfigkeit im Blicke, aber mit Ent⸗ — 115— ruͤſtung im Herzen; ſo kehrte ich zuruͤck in meine Zelle und beſchloß auf der Stelle, um meine Verſezung nach Madrid anzuhalten. Nach we⸗ nigen Minuten brachte mir der Pfoͤrtner einen Brief. Er war von Dona Sophia; ſie bat mich am Abend zu ihr zu kommen; ſie entſchuldigte ihre anſcheinend uͤbele Behandlung, deren ſie ſich nur bedient haͤtte, um ihre Abſichten deſto beßer zu verſchleiern; denn ſie haͤtte bei unſerer lezten Unterredung beſorgen muͤßen, daß ihre Mutter nahe genug geweſen ſey, um uns zu hoͤren. Das Leſen dieſer Zeilen erfuͤllte mich mit Wonne, und ich eilte, ihr Verlangen zu be⸗ friedigen. Ihre Weiſungen gingen dahin, daß ich zu der Hinterthuͤr, die auf's Feld oͤffnete, kommen und dreimal anpochen ſollte. Ich kam hin, und kaum erhob ich meine Hand, um das vorgeſchriebene Zeichen zu geben, als vier Ver⸗ larvte mich ergriffen, mich knebelten und ban⸗ den. Dann zogen ſie mir mein Moͤnchsgewand ab und geißelten mich mit Brennneßeln, bis ich vor Schmerz faſt wahnſinnig war. Als ſie ihre Nache befriedigt hatten, loͤſeten ſie meine Bande, nahmen mir den Knebel vom Munde und rann⸗ ten davon. Schon damals argwoͤhnte ich und erfuhr ſpaͤter mit voͤlliger Gewißheit, daß ich dieſe Behandlung dem jungen Offizier als Lohn fuͤr dasjenige zu danken hatte, was ich von ihm geſagt und was ſeine Geliebte ihm wieder⸗ holt hatte. Von Schmerz gefoltert und in Wuth entflammt, zog ich meine Kleider an ſo gut ich vermogte, und begann uͤber dasjenige nach⸗ zudenken, was ich nun vornehmen ſolle. Es war mir unmoͤglich, meinen Zuſtand vor den Kloſter⸗ bruͤdern zu verheimlichen; ihn erklaͤrend zu ge⸗ ſtehen, war jedoch gar zu demuͤthigend und mußte mich nothwendig einer noch ſtrengeren Kloſterzucht ausſezen. Endlich fiel mir ein, daß aus dieſem Übel Gutes zu erlangen ſeyn moͤgte; ich brach mir ein großes Bund von den Neßeln, die laͤngs der Mauer ſtanden und ſchlich zuruͤck zum Kloſter. Sobald ich meine Zelle erreicht hatte, warf ich mein Moͤnchskleid ab, denn meine Gliedmaßen waren ſo ſehr angeſchwollen, daß ich kein Gewand darauf leiden konnte, dann zerpeitſchte ich die mitgebrachten Neßeln an den Waͤnden meiner Zelle, un dan meinem Bette. Nach einer kurzen Weile begann ich erbaͤrm⸗ = 147— lich zu aͤchzen und fuhr damit fort, lauter und immer lauter, bis endlich einige Moͤnche her⸗ ein kamen, um ſich nach der Urſache meines Geſtoͤhnes zu erkundigen; dieſe fanden mich nun dem Anſcheine nach beſchaͤftigt, mich grauſamer Weiſe zu kaſteien. Sobald ſie die Thuͤr meiner Zelle oͤffneten, warf ich mich laut heulend auf mein Bett. Dies war der einzige Theil meines Verfahrens, der nicht erlogen war, denn ich litt in der That die allerdurchdringendſten Schmerzen. Auf ihre Fragen gab ich zur Ant⸗ wort, ich haͤtte mich arger Suͤndhaftigkeit ſchul⸗ dig gemacht; der Superior haͤtte mich ſtrenge getadelt und mir Buße auferlegt, nun haͤtte ich mein Fleiſch mit Neßeln gegeißelt; zugleich bat ich ſie mit der Geißelung fortzufahren, weil meine Kraͤfte mich verlaßen haͤtten. Dazu waren ſie indeß zu menſchlich geſinnt, einige gingen um den Kloſterarzt zu rufen, andere um den Superior davon in Kenntniß zu ſezen. Der Arzt wandte Mittel an, die den ſtechenden Schmerz linderten, und der Superior war durch meine anſcheinende Zerknirſchung ſo ge⸗ ruͤhrt, daß er mir die Abſolution ertheilte und — 118— mir die auferlegte Bußuͤbung erließ. Nachdem ich hergeſtellt war, ſtand ich in noch hoͤherer Gunſt, und man erlaubte mir alle die Freiheit welche ich fruͤher genoßen hatte. Inzwiſchen mußte ich einige Tage das Bett huͤten, und hatte die ganze Zeit uͤber nur an den Vorfall gedacht. Zu meinem Elende erkannte ich nunmehr die Schranke, welche ich durch Annahme des Kloſterlebens zwiſchen mir und der Welt gezogen hatte; auch wie voͤllig unfaͤhig meine Gemuͤthsrichtung mich zur Er⸗ fuͤllung des abgelegten Geluͤbdes mache. Ich verwuͤnſchte meinen Vater und meine Mutter, welche die erſte Urſache zu meinem jezigen Stande waren. Ich verwuͤnſchte das Moͤnchs⸗ gewand, welches mein ungluͤckliches Verhaͤltniß der Welt verkuͤndete. Sodann dachte ich an das verraͤtheriſche Maͤdchen, und entwarf Rache⸗ plaͤne. Ich verglich meine perſoͤnlichen Eigen⸗ ſchaften mit denen des jungen Offtziers; Eitel⸗ keit ſagte mir, der Vortheil finge auf meiner — 119— Meine Boͤrſe war, wie ich vorhin ſchon ſagte, ſowohl durch meinen Muſikunterricht, als durch meine Mitwirkung bei Serenaden, reichlich verſehen. Sobald ich genugſam herge⸗ ſtellt war, um ausgehen zu koͤnnen, begab ich mich zu einem Barbier, und erſuchte den, un⸗ ter dem Vorgeben eines ſteten Kopfſchmerzes, gegen den mir anempfohlen ſey, meine Haare glatt vom Kopfe ſcheeren zu laßen, mir eine falſche Tonſur zu machen. Nach wenigen Ta⸗ gen war dieſe verfertigt und ſo gut gemacht, daß man zwiſchen der Perrucke und meinem natuͤrlichen Haare gar keinen Unterſchied ge⸗ wahren konnte; dieſes ward nun abgeſchoren. So weit war es mir gelungen; weil aber die allergroͤßte Vorſicht bei derlei Verfahren noͤthig war, um jeden Argwohn zu vermeiden, kehrte ich ſogleich zum Kloſter zuruͤck und hielt mich mehre Tage ganz ruhig.— An einem Abende ging ich wiederum aus und als es voͤllig finſter geworden, trat ich in eines Juden Troͤ⸗ delbude, in welcher ich ein halbgetragenes Kavalierkleid kaufte, welches mir dem Anſchein nach paßen mußte. Dies verbarg ich in mei⸗ — 120— ner Zelle, ging am folgenden Morgen aus, um in einem entlegenen Theile der Stadt, wo ich nicht Gegenſtand der Beobachtung werden moͤgte, eine kleine Wohnung zu miethen. Dies war ſchwierig, dennoch gelang es mir endlich eine zu finden, deren Thuͤr auf die allgemeine Treppe eines Hauſes oͤffnete, welches zur Auf⸗ nahme einer großen Anzahl von Miethbewoh⸗ nern eingerichtet war, die unaufhoͤrlich ein und aus gingen. Ich bezahlte fuͤr den erſten Monat zum Voraus, indem ich angab, daß ich die Wohnung fuͤr meinen Bruder miethe, den ich taͤglich in Sevilla erwarte; den Schluͤ⸗ gel nahm ich einſtweilen in Beſiz. Sodann kaufte ich einen kleinen Koffer, ließ den in meine Wohnung ſchaffen, und verſchloß darin mein Herrenkleid, nachdem ich es aus dem Kloſter hergebracht hatte. Nach dieſen Anord⸗ nungen verhielt ich mich wiederum einige Tage ganz ruhig, ſowohl um keinen Argwohn zu erregen, als auch, um mich bei meinem Su⸗ perior durch meine vermeintliche Beßerung ucch mehr einzuſchmeicheln. Einige Tage ſpaͤter ging ich wieder aus, — 121— ſchrieb einem der beruͤhmteſten Perruckenmacher in Sevilla, um ihn zu bitten, daß er ſich zu einer angegebenen Stunde in meiner Wohnung bei mir einfinden ſolle. Dahin ging ich als⸗ dann, um ihn voͤllig vorbereitet empfangen zu koͤnnen, legte mein Moͤnchskleid und meine falſche Tonſur ab, verſchloß die in dem Kof⸗ fer, band ein ſeidenes Tuch um meinen Kopf und legte mich zu Bett, nachdem ich meinen Kavalier⸗Anzug uͤber den nebenſtehenden Stuhl gehaͤngt hatte. Zur feſtgeſezten Stunde klopfte der Perruͤckenmacher an. Ich bat ihn einzutre⸗ ten, entſchuldigte, daß ich meinen Bedienten ſo eben habe ausſchicken muͤßen, und ſagte ihm, ich ſey in Folge eines heftigen Fiebers ge⸗ noͤthigt worden, mir das Haar abſcheeren zu laßen; jezt ſey ich ſo ziemlich wieder herge⸗ ſtellt, und bitte ihn, mir eine recht ſchoͤne Per⸗ ruͤcke zu fertigen. Er wuͤnſchte, ich moͤge ihm die Farbe und natuͤrliche Beſchaffenheit meiner verlornen Haare beſchreiben; dies benuzte ich, um ſie viel heller anzugeben, als mein Haar von Natur war, und ganz dem Haarwuchs des Offiziers aͤhnlich, deßen Ringel⸗Locken die * 5 = 122— Urſache meines Unfalles geweſen waren. Einen Theil des Geldes zahlte ich ihm voraus, und nachdem wir genau den Zeitpunkt beſtimmt hatten, in welchem die Perruͤcke abgeliefert werden ſollte, ging er; ſogleich erhob ich mich aus meinem Bette, legte mein Moͤnchskleid und meine Tonſur wieder an, und begab mich zuruͤck in das Kloſter. Waͤhrend der ganzen Zeit, welche dieſe Vor⸗ kehrungen erforderten, hatte ich eifrig geſucht mir Geld aufzuſparen, welches ich fruͤher eben ſo ſchnell vergeudete, als ich es verdiente; eine ziemlich betraͤchtliche Summe war in mei⸗ nem Beſtze. Ich konnte nicht umhin, mich wie eine Verpuppung kurz vor deren Verwandlung zu betrachten. Bisher war ich die eingeſpon⸗ nene Raupe, nun aber im Begriff, meinen Kerker zu öͤffnen und als bunter Schmetterling umherzuflattern. Noch eine Woche ſezte ich mein kluͤgliches Benehmen fort, ward am Schluße derſelben von meinem Superior vorgelaßen und lieferte in deßen Haͤnde eine Summe Geldes, die ich fuͤglich eruͤbrigen konnte, empfing ſei⸗ nen Segen und viele Lobſpruͤche dafuͤr, daß ich — 123— mich meinen ehemaligen Ausſchweifungen ſo ganz entzogen haͤtte. Mit ſchlagenden Pulſen eilte ich von da zu meiner Wohnung, warf das verhaßte Moͤnchskleid nebſt der Tonſur von mir und legte meine neue Kleidung an. Die Verwandlung war vollſtaͤndig; ich er⸗ kannte mich ſelber nicht mehr; kaum vermogte ich zu glauben, daß der prunkende junge Ca⸗ ballero, der mir aus dem Spiegel entgegen glaͤnzte, wirklich der Bruder Anſelmo ſey. „Sollen dieſe Geſichtszuͤge,“ ſagte ich zu mir ſelber,„durch eine ſchmaͤhliche Tonſur entſtellt werden? Mußten dieſe Gliedmaßen unter der abſchreckenden Moͤnchskutte verſteckt bleiben?““ Wiederum betrachtete ich mich, und konnte mich nur mit Muͤhe von dem Anſchauen mei⸗ ner Metarmophoſe losreißen. Ich war in der That ein Schmetterling. Endlich entſchloß ich mich zum Ausgehen; meinen Moͤnchsanzug verſchloß ich und ſtieg die Treppe hinab. Ge⸗ ſtehen muß ich, daß ich mit Beben mich in die Straße wagte; doch bald fand ich Urſache, mein volles Selbſtvertrauen zu gewinnen, denn mir begegnete einer meiner bekannteſten Freun⸗ — 14— de, blickte mir in's Antliz und ging weiter, ohne nur im geringſten mich erkannt zu haben. Voller Freude uͤber dieſen Umſtand, faßte ich Muth, ſchritt dreiſt zum Prado, woſelbſt die Frauen mir huldvolle Blicke zuwarfen, die Maͤnner mich hoͤhniſch anſtierten, waͤhrend beides mich hoͤchſt ſchmeichelhaft duͤnkte. Abends kehrte ich zu meiner Wohnung zuruͤck, legte mein Moͤnchsgewand wieder an, und begab mich zum Kloſter. Jezt hielt ich mich gegen jede Moͤglichkeit des Erkanntwerdens geſichert und ſchwelgte im Vorgenuße eines mir bisher ver⸗ ſagten Gluͤckes. Nun beſtellte ich mir die koſt⸗ barſten Modekleider, miethete meine Wohnung fuͤr ſechs Monate, nannte mich Don Pedro, machte mit vielen jungen Leuten, und unter dieſen auch mit dem Offtzier Bekanntſchaft, der mich ſo ſchnoͤde gemißhandelt hatte. Er ge⸗ wann mich lieb und ich ſuchte ſeine Vorliebe zu ermuthigen, um meine Anſchlaͤge dadurch zu foͤrdern. Ich wurde ſein Vertrauter, er ge⸗ ſtand mir die Liebe zu ſeiner Muhme, ſezte aber hinzu, er ſey der Sache bereits muͤde und wuͤnſche mit ihr zu brechen; ebenfalls er⸗ — 125— zaͤhlte er mir als trefflichen Scherz die Zuͤchti⸗ gung welche er dem Bruder Anſelmo hatte fuͤhlen laßen. 3 Er war ein gewandter Fechter, eine Leibes⸗ uͤbung, die bei meiner Erziehung natuͤrlich ganz vernachlaͤßigt war und ein Umſtand, wel⸗ chen ich dadurch erklaͤrte, daß ich bis zum Tode meines aͤltern Bruders fuͤr die Kirche beſtimmt geweſen ſey. Sein Erbieten, mich fechten zu lehren, nahm ich an und empfing von ihm die erſten Anfangsgruͤnde dieſer Kunſt. Spaͤter wandte ich mich an einen Fechtmei⸗ ſter und brachte es in wenigen Monaten durch unausgeſezte Ubung dahin, daß ich dem Ofſizier bereits uͤberlegen war, wie das kleine Verſuche meiner Geſchicklichkeit erwieſen. Nun war meine bisher verhaltene Rache, gereift. Doch darf bei Erzaͤhlung meiner Abentheuer nicht angenommen werden„ daß ich irgend etwas verſaͤumte, was Klugheit und Vorſicht mir eingeben konnten, um der Entdeckung vor⸗ zubeugen. Vielmehr war ich jezt, da ich die Mittel beſaß, mich meines Lebens zu er⸗ freuen, noch um vieles ſorglicher bemuͤht, — 126— durch keine Übereilung Anlaß zu Vermuthun⸗ gen zu geben. Vier von den ſieben Wochen⸗ tagen widmete ich in der Regel dem Kloſter und meinem Amte als Muſtklehrer. Um die Schwierigkeit meiner Erkennung zu vermeh⸗ ren, zeigte ich als Bruder Anſelmo viel mehr .Ernſt in meinem Weſen und viel mehr nach⸗ laͤßige Unſauberkeit an meiner Perſon, als vorhin. Ich ſtellte mich als habe ich Liebha⸗ berei fuͤr Schnupftabak gewonnen, mit welchem ich mein Geſicht und mein Kloſtergewand be⸗ ſudelte; ich ſprach nur wenig, und wenn das geſchah, ſo war es mit der feierlichſten Stimme. Der Superior hatte nicht den mindeſten Arg⸗ wohn, vielmehr gewann ich taͤglich mehr ſeine Zuneigung. Meine Abweſenheit am Tage ward nicht beachtet, weil man wußte, daß ich Mu⸗ ſik⸗Unterricht ertheilte, meine naͤchtlichen Aus⸗ fluͤge waren ein Geheimniß, das zwiſchen mir und dem Ppörtner blieb. Kaum darf ich noch bemerken, daß ich, als Don Pedro ſtets beklagte, nicht mit einer gu⸗ ten Stimme begabt zu ſeyn, ja in Gegen⸗ wart meiner Gefaͤhrten ſchrieb ich Billets an — 127— Bruder Anſelmo, um den zu bitten er ſolle einer Dame Staͤndchen bringen, der ich als Don Pe⸗ dro den Hof machte. Ich glaube nicht, daß bis zum Eintreten ſpaͤterer Ereigniße irgend jemand den leiſeſten Gedanken naͤhren konnte, Don Pedro und Bruder Anſelmo ſeyen in ihrer ganz ver⸗ ſchiedenen Erſcheinung die nemliche Perſon. Doch um fortzufahren: Der junge Offizier deßen Name Don Lopez war, geſtand mir, er wiße ſich gar nicht zu helfen, ſeine Ge⸗ liebte quaͤle ihn mit ihrer Eiferſucht und uͤber⸗ ſchuͤtte ihn mit Vorwuͤrfen; dabei fragteler mich, was er thun ſolle. Ich lachte uͤber ſeine Ver⸗ legenheit, und ſagte:„Fuͤhre mich bei ihr ein, Lopez, und ſey gewiß, ſie wird Dir nicht lange Unruhe machen. Ich werde ihr Liebe heucheln und durch ihren neuen Sieg geſchmei⸗ chelt, wird ſie Dich ſchnell vergeßen.“ „Dein Rath iſt vortrefflich,“ erwiederte er; „willſt Du heute Nachmittag mit mir dahin?“ So befand ich mich denn wieder bei ihr, die ich geliebt hatte, aber nicht laͤnger liebte, denn ich empfand nur Rachegefuͤhle, lebte nur fuͤr dieſe. Sie verrieth nicht die leiſeſte Ahnung —, 123— eines Wiedererkennens. Gereizt gegen Don Lopez, und bezaubert durch mein Beſtreben ihr zu gefallen, erweckte ich bald ihre ganze Theil⸗ nahme; doch, zwiſchen den Aufwallungen ihres Haßes liebte ſie ihn noch. In einem Augenblick verſuchte ſie das Äußerſte, um ihn zuruͤck zu gewinnen; im naͤchſten hoͤrte ſie auf meine Hul⸗ digungen; zulezt warf er ihr Treuloſigkeit vor verließ ſie fuͤr immer. Nun brach die ganze Heftigkeit ihres Karakters hervor; als Beweis meiner Liebe verlangte ſie von mir, ihn zu for⸗ dern. Dies war ganz ſo, wie ich es wuͤnſchte; ich ſtellte mich zum Sterben verliebt in ſie, benuzte eine Veranlaßung, bei welcher Don Lopez mich verſpottete, ihn Luͤgner zu heißen, welches Genugthuunng erheiſchte. Da dies in Gegenwart Anderer geſchehen war, ſo konnte kein Zuruͤcknehmen, noch Erklaͤrung Statt fin⸗ den. Wir trafen uns nach Verabredung allein in dem naͤmlichen Felde, wo ich meine Zuͤchti⸗ gung bekommen hatte; mein Moͤnchsgewand und meine Tonſur nahm ich mit mir, und verbarg dieſe vor ſeiner Ankunft in eben den Neßeln, aus denen er die Werkzeuge meiner Geißelung —— — 129— gebrochen hatte. Der Kampf dauerte nicht lange; nach wenigen Ausfaͤllen und kurzem Abwehren lag er ſterbend zu meinen Fuͤßen. Sogleich warf ich die Moͤnchskutte uͤber meine Kleider, ver⸗ tauſchte die Perruͤcke mit der falſchen Tonſur, und ſtellte mich ſo neben ihm hin. Er oͤffnete ſeine Augen, welche Todesmattigkeit und Ohn⸗ macht bisher geſchloßen hielten, und betrachtete mich mit banger Verwunderung. „Ja, Don Lopez,“ ſprach ich,„erkenne in Don Pedro den Moͤnch Anſelmo; ihn, den Du mit Neßeln gepeitſcht haſt und der dieſen Schimpf nun raͤchte.“ Dann warf ich das Klo⸗ ſtergewand wieder ab, zeigte ihm den Anzug, den ich darunter trug, vertauſchte die Tonſur wiederum gegen meine Perrucke und fuhr fort: „jezt biſt Du von der Wahrheit uͤberzeugt und ich habe meine Rache erlangt.“ „Ich bin's,“ erwiederte er ſchwach,„aber wenn Du mich als Don Pedro niedergeſtochen haſt, ſo bitte ich der Sterbende Dich jezt, mir als Bruder Anſelmo, die Abſolution zu ertheilen. Treibe Deine Rache nicht ſo weit, um das zu verweigern.“ 1. 9 — 130— Ich konnte ihm die Bitte nicht abſchlagen, und ertheilte in dem einen Gewande, eben dem Manne die Abſolution, der, in anderer Ver⸗ kleidung durch meine Hand gefallen war; was mich betrifft, ſo betrachtete ich dieſe Sache als eine Abgeſchmacktheit, meine Rache war aber befriedigt und einen ſo armſeligen Troſt wollte ich ihm nicht rauben. Einige Minuten ſpaͤter verſchied er; ich eilte zu meiner Wohnung, wechſelte meinen Anzug, begab mich zum Kloſter, und ſchrieb von hier als Don Pedro an Doſa Sophia, machte ſie mit dem Vorgange bekannt, und zeigte ihr zu⸗ gleich an, daß ich die Flucht ergriffe, bis der erſte Aufruhr ſich gelegt haben wuͤrde. Nun blieb ich drei Wochen lang im Kloſter, oder erſchien außerhalb deſſelben doch nur als Va⸗ ter Anſelmo. Dem Superior brachte ich eine betraͤchtliche Summe Geldes zum Gebrauch der Kirche; theils um die aufſteigende Gewißens⸗ angſt zu beſchwichtigen, welche mein begange⸗ nes Verbrechen mir drohend vorhielt; zum an⸗ dern Theile geſchah es auch, um mir ſein far⸗ neres Wohlwollen zu ſichern. — 131— Nach Verlauf dieſer Zeit ſchickte ich wiederum als Don Pedro der jungen Dame einen Brief, in welchem ich ihr meine Ruͤckkunft und meine Abſicht anzeigte, ſie in der Abenddaͤmmerung zu beſuchen. Ich ging zu meiner Wohnung, kleidete mich zum Don Pedro, klopfte auf ihre Thuͤre und ward eingelaßen; aber ſtatt herzlich von ihr empfangen, ſtatt freudig begruͤßt zu werden, wie ich erwartet hatte, ſtieß ſie mich zuruͤck, uͤberhaͤufte mich mit Vorwuͤrfen, und erklaͤrte, ich ſey der Gegenſtand ihres Abſcheues. Es zeigte ſich nun, daß ſie zwar in ihrer Wuth uͤber das Verlaßenwerden von ihrem Geliebten den Einfluͤſterungen ihrer Rache Gehoͤr gege⸗ ben hatte, daß aber ihre ganze Zaͤrtlichkeit fuͤr ihn wieder erwacht war, als er nicht mehr lebte. Ich erwiederte ihre Vorwuͤrfe und verließ das Zimmer, um mich aus dem Hauſe fort zu machen; ſie aber wollte mich ſo nicht entkommen laßen, ſondern hatte zwei ihrer Verwandten unten auf die Lauer geſtellt, die mich uͤberfallen ſollten. Waͤhrend ich die Treppe hinabging rief ſie dieſen zu, und in der Vorhalle angekommen, fand ich Beide mit gezogenen Degen, um mir — 132— den Ausgang zu wehren. Hier war kein anderes Mittel, als mich durchzuſchlagen; wuͤthend ſtuͤrzte ich auf ſie ein, verwundete den Einen gefaͤhrlich und entwaffnete kurz darauf den An⸗ dern, als eben die wuthentbrannte Schoͤne, welche meinen Vortheil gewahrt hatte, hinter mich gelaufen kam um meine Arme zu ergreifen; doch ſie erſchien zu ſpaͤt, empoͤrt warf ich ſie auf den Verwundeten am Boden, und verließ das Haus. Sobald ich die Straße gewonnen hatte, lief ich ſo ſchuell ich nur vermogte zu meiner Wohnung, vertauſchte meinen Anzug und begab mich ins Kloſter. Dies Abentheuer ernuͤchterte mich ſehr. Mehre Monate blieb ich von nun an ganz ruhig, legte mein Kleid als Don Pedro gar nicht an, da⸗ mit mich die Gerichtsdiener nicht ergreifen moͤgten. In der Ausuͤbung meiner Kloſter⸗ pflichten wurde ich ſtrenger und puͤnktlicher, in meinem ganzen Weſen ward ich wuͤrdevoller. Die verſchiedenen Beichſtuͤhle unſerer Kirche wurden in der Regel von den aͤlteſten Moͤn⸗ chen beſezt, obwohl die juͤngern ebenfalls ge⸗ legentlich ihre Stelle erſezten, wenn ſie durch — 133— Krankheit oder aus andern Urſachen abgehal⸗ ten wurden. Einer der alten Moͤnche war er⸗ krankt, und ich wußte, daß Dona Sophias Mutter, die ſehr ſtreng ihre Kirchenpflichten erfuͤllte, jeden Freitag an deßen Stuhle beich⸗ tete; ich nahm in der Hoffnung Beſiz davon, dadurch Mittel zu finden, meine Rache aus⸗ uͤben zu koͤnnen. Auch die junge Dame beich⸗ tete in dem naͤmlichen Stuhle, doch kam ſie nur ſelten; und war ſeit dem Tode ihres Ge⸗ liebten noch gar nicht wieder erſchienen. Wie ich vermuthet hatte, kam die Mutter; nachdem ſie eine Reihefolge kleiner Suͤnden gebeichtet hatte, fuͤr welche ich eine leichte Büßung auferlegte, fragte ich am durchbroche⸗ nen Hoͤrbrette zur Seite des Beichtſtuhles, ob ſte nicht Kinder habe? Sie antwortete beja⸗ hend; darauf fragte ich, wann ihre Tochter zulezt gebeichtet habe. Nun nannte ſie einen lange verfloßenen Zeitpunkt. Ich begann eine ernſte Mahnung uͤber die Vernachlaͤßigung der Eltern, verlangte, daß ihre Tochter zur Beichte angehalten wuͤrde, ſonſt muͤße ich ihr eine ſtrenge Bußuͤbung fuͤr die Nichterfüllung ihrer — 134— Elternpflicht auferlegen. Die alte Dame ver⸗ ſprach ihre Tochter am folgenden Tage zur Beichte zu fuͤhren und hielt ihr Wort. Dona Sophia ſchien wider ihren Willen zu kommen; ſobald ſie ihren Siz zur Seite des Beichtſtuh⸗ les eingenommen hatte, beichtete ſie hundert kleine nichtsſagende Dinge und als ſie die hergeſagt hatte, ſchwieg ſie, um die Abſolution zu erwarten. „Haſt Du nichts verheimlicht?“ fragte ich in dem leiſen, murmelnden Tone, der bei dem Beichteſizen gebraͤuchlich iſt; denn ich wuͤnſchte nicht, daß ſie mich an der Stimme erkennen ſolle. „Ich habe alles gebeichtet;“ antwortete ſie leiſe fliſternd. 8 „Meine Tochter, aus Deiner zitternden Ant⸗ wort erkenne ich, daß Du Dich ſelber und auch mich taͤuſcheſt. Ich bin ein alter Mann, und habe ſchon zu viele Jahre in dieſem Stuhle geſeßen, um nicht aus den Antworten die man mir gibt zu erſehen, ob das Gewißen entlaſtet iſt. Feſt bin ich uͤberzeugt, daß eine ſchwere Buͤrde das Deinige druͤckt; etwas wofuͤr Du — 135— gern die Abſolution haben moͤgteſt, aber Dich doch ſchaͤmeſt es einzugeſtehen. Wenn Du ſelbſt kein Verbrechen begingſt, mußt Du doch der Mitwirkung bei einem Verbrechen ſchuldig ſeyn; und Du ſollſt keine Abſolution empfan⸗ gen, bis Du vollſtaͤndige Beichte ablegſt.“ Ihr Herz ſchwellte vor Ruͤhrung; ſie verſuchte zu reden und brach in Thraͤnen aus.„Das ſind gute Vorboten“ bemerkt ich,„jezt bin ich uͤber⸗ zeugt davon, daß meine Vorausſezung gegruͤn⸗ det war; gieße deine gequaͤlte Seele aus, und empfange einen Troſt, den Dir zu geben in meiner Macht ſteht. Faße Muth meine Toch⸗ ter, die Beſten von uns ſind immer doch nur ſuͤndliche Menſchen!“ Sobald ſie ihr Schluchzen einzuhalten ver⸗ mogte, begann ſie ihre Beichte, erzaͤhlte die Schwachheit welche ſie fuͤr mich empfunden, ihre darauf folgende Zaͤrtlichkeit gegen den Offizier, wie ich uͤbel von dieſem geredet und die Strafe welche mir dafuͤr ertheilt worden; wie ihr Liebhaber ſie verlaßen hatte, dann Don Pedro's Bekanntſchaft, ihren verliebten Un⸗ muth, der ſie antrieb, dieſen Don Pedro auf⸗ — 136— zufordern, Rache an jenem zu nehmen, ihres Geliebten Tod, und Alles was ich Deiner Hoheit bereits bekannt gemacht habe. „Das ſind ſchwere Verbrechen, meine Toch⸗ ter, wahrlich ſehr ſchwere Verbrechen, Du haſt dem Verſucher Deines eigenen Herzens Dich bingegeben, haſt den Tod eines Mannes ver⸗ urſacht, haſt einen Andern verleitet und ihn betrogen, als er den Lohn fuͤr ſeine Unthat forderte; doch dieſe Dinge ſind noch alle Kleinig⸗ keiten im Vergleich mit Deiner Entweihung des heiligen Moͤnches, welche die verruchteſte Gotteslaͤſterung war. Und was war ſein Ver⸗ gehen? Er warnte Dich gegen einen Mann, deßen ſpaͤteres Betragen genuͤgſam bewieſen hat wie richtig der ehrwuͤrdige Moͤnch vor⸗ ausſah. Auf alle Weiſe haſt Du den Himmel beleidigt; ein ganzes Leben wird kaum genü⸗ gen, um Deine Reue zu bewaͤhren, wenn ich auch das entſezliche Verbrechen der Gottes⸗ laͤſterung ganz bei Seite ſezen will, welches der ſtrengen Gerechtigkeit nach, von der Heili⸗ gen Inquiſition gerichtet werden muͤßte. Ex⸗ eommunion iſt fuͤr Dich geeigneter als Abſo⸗ — 137— lution.“ Ich ſchwieg eine Weile, ſie weinte bitterlich, dann fuhr ich fort:„Meine Toch⸗ ter, bevor ich daruͤber entſcheide was zu thun ſeyn mag, um Dich von ewiger Verdammniß zu retten, iſt es noͤthig, daß Du Dich vor dem Manne Gottes demuͤthigſt, deßen Perſon Du entheiligt haſt. Schicke zu ſeinem Kloſter, flehe ihn an zu Dir zu kommen; und wenn Du ihm Dein Verbrechen geſtanden haſt, dann uͤberreiche ihm die naͤmlichen Werkzeuge zu Deiner Geiße⸗ lung, welche auf Dein Anſtiften ſo gotteslaͤſter⸗ lich gegen ihn gebraucht ſind. Unterwirf Dich ſeinem Ausſpruche und der Buße die er Dir auferlegen mag. Wenn Du das gethan haſt, dann komm wieder zu mir; uͤbermorgen findeſt Du mich wieder in dieſem Beichtſtuhle.“ Das Maͤdchen verhuͤllte ſein Antliz, harrte noch einige Minuten, um ſich zu faßen, und kehrte dann zu der Mutter zuruͤck, die häͤchlich verwundert uͤber ihr langes Aufhalten im Beichtſtuhle war. An eben dem Abende empfing ich ein Schrei⸗ ben von Dona Sophia„in welchem ſie mich erſuchte, am folgenden Tage zu ihr zu kom⸗ — 138— men. Ich fand ſie in ihrem Zimmer; ſie hatte bitterlich geweint, und als ich eintrat, faͤrbten Schaam und Verdruß ihre Wangenz doch war ſte Tags zuvor in zu große Angſt verſezt, als daß ſie den empfangenen Weiſungen haͤtte wi⸗ derſtehen ſollen; ein großes Bund abgeſchnit⸗ tener Brenn⸗Neßeln lag auf einem Stuhle; ſo wie ich im Zimmer war, verſchloß ſie die Thuͤr, ſank auf ihre Kniee nieder und machte mir unter einem Strome von Thraͤnen das voll⸗ ſtaͤndigſte Bekenntniß ihrer Schuld. Ich zeigte hoͤchſtes Entſezen und aͤußerſtes Erſtaunen; ſie umſchlang meine Knie, erflehte meine Ver⸗ zeihung, zeigte dann auf die Neßeln und bat, ich moͤge dieſe anwenden, wenn es mir gefiele. Sie bedeckte ihr Geſicht mit den Haͤnden und blieb ſchweigend in ihrer knieenden Stellung. Ich geſtehe, daß ich bei der Erinnerung an die Gei eißelung, die ich auf ihr Anſtiften hatte erdulden muͤßen, und an die Art, in welcher ſie mein Leben in Gefahr brachte, ſehr große Luſt empfand, mich dadurch zu raͤchen, daß ich ſie tüchtig mit den Neßeln peitſchte; aber wiewohl meine fruͤher fuͤr ſie genaͤhrte Liebe = 1839— nicht mehr beſtand, hatte ich doch eine natuͤr⸗ liche Hinneigung zu dem andern Geſchlechte, welche mich vermogte, eine ſo kleinliche Rache aufzugeben. Mein Zweck war der, ſie zu ent⸗ fernen, damit man mich in meinen weltlichen Kleidern nicht erkennen moͤgte; zudem war ſie die einzige Perſon, welche den Beweis zu fuͤh⸗ ren im Stande war, daß ich ihren Liebhaber toͤdtete. Ich hob ſie vom Boden auf, ſagte, daß ihre Reue mich zufrieden ſtelle, und daß ich ihre Mißhandlung, ſo weit ſie mich per⸗ ſoͤnlich betheilige, ihr verzeihe; dann verlangte ich, ſie ſolle zu ihrem Beichtvater zuruͤckkehren, weil der nur allein ihr die rechte Strafe fuͤr eine Reihefolge ſo laͤſterlicher Verbrechen auf⸗ legen koͤnne. Tags darauf war ich im Beicht⸗ ſtuhle; ſie gab Alles an, was vorgefallen war, und ich erklaͤrte ihr ſodann, daß ihr nichts uͤbrig bleibe, als ſich den Himmel dadurch zu gewinnen, daß ſie ſeinem Dienſte ihr muſikali⸗ ſches Talent weihe; ihre ewige Errettung ſey, nur dadurch zu erlangen, daß ſſe unverzuͤglich den Schleier nehme. Ich wollte nichts von anderen, noch ſo ſtrengen Bußuͤbungen hoͤren, — 140— denen ſie ſich gar zu gern unterworfen haͤtte, um jenen Ausſpruch abzuwenden. Nagende Gewißensbiße, Jammer uͤber die Untreue und den Tod ihres Geliebten, bange Furcht vor der angedrohten Excommunion brachten ſie dazu, noch in eben der Woche Zuflucht in einem Urſulinenkloſter zu ſuchen; nach kurzer Pruͤfung nahm ſie den Schleier und wurde Nonne. Sobald meine einzige Anklaͤgerin unter Schloß und Riegel war, legte ich gelegentlich wieder mein Caballerokleid und meine Perruͤcke an. Ich ſage gelegentlich, denn in der Geſellſchaft, welche ich vorzuͤglich liebte— und in der ich jener Kenner von guten Weinen wurde, wel⸗ cher zu ſeyn ich mich ruͤhmte, als Deine Ho⸗ heit dies anhoͤrte— war das nicht noͤthig, weil ich von dieſer in meinem Moͤnchskleide eben ſo gut empfangen wurde, wenn ich nur ſang und Guitarre ſpielte, als in jedem an⸗ dern Anzuge. Zudem brauchte ich niemals zu bezahlen, wenn ich mein Moͤnchsgewand trug; das mußte ich dagegen, ſobald ich weltlich ge⸗ kleidet ging, und dies geſchah deshalb nur, wenn ich irgend einer Schoͤnen gefallen wollte, —— — — 141— Ich brauche kaum anzufuͤhren, daß ich in dem einen Anzuge ſorgfaͤltig die Geſellſchaft ver⸗ mied, die ich in dem andern beſuchte. Drei Jahre durchlebte ich in abwechſelnder Verklei⸗ dung ſehr froͤhlich, da ereignete ſich ein Um⸗ ſtand, der mit meinem Erkanntwerden endete und weiter herbeifuͤhrte, daß ich Sklave in Deiner Hoheit Reich bin. Schon einige Zeit hatte ich der Nichte einer bejahrten Dame Unterricht gegeben, die von altem Adel und ſehr reich war. Stets war die Tante bei den Lehrſtunden zugegen; weil ich wußte, ſie ſey ſehr gottesfuͤrchtig, legte ich alle Liebeslieder zuruͤck, und wollte nicht ein⸗ mal ſolche einuͤben, deren Inhalt untadelhaft war. In meinem Benehmen war ich ſtets geſezt, ehrfurchtsvoll, demuͤthig und mich ſelber an⸗ klagend. Erhielt ich von der alten Dame mein Geld, ſo pflegte ich ihr im Namen unſeres Kloſters dafuͤr zu danken, fuͤr deßen Gebranch es verwendet werden ſolle; ich nannte ihre Be⸗ zahlung eine Mildthaͤtigkeit, die der Himmel ihr lohnen werde. Ihr Beichtvater ſtarb und die alte Dame erwaͤhlte mich, um deßen Stelle — 2— zu erſezen. Dies war es, was ich ſehnlich zu erlangen gewuͤnſcht hatte; ich verdoppelte meinen Eifer, mein demuͤthiges Weſen und auch meine Schmeicheleien. Nicht als haͤtte ich urſpruͤnglich einen An⸗ ſchlag auf die Zaͤrtlichkeit der Nichte entwor⸗ fen, wiewohl dieſe ein ſehr reizendes Maͤd⸗ chen war; vielmehr war mein Plan auf die Boͤrſe der Tante gerichtet, denn ich wußte, ſie koͤnne nicht mehr viele Jahre leben. Es war mir ſogar darum zu thun, die Nichte, wenn’s irgend moͤglich waͤre, zu entfernen, weil ſie fuͤr die Erbin der Dublonen dieſer alten Dame gehalten wurde; dazu gehoͤrte aber Zeit und paßende Gelegenheit; einſtweilen bewarb ich mich emſig um die Gunſt der Alten. Einmal woͤchentlich pflegte ſie zu beichten; bald be⸗ merkte ich, daß ſie ſich oft der Suͤnde an⸗ klagte, zu viel an Einen zu denken, welcher ſie in fruͤhern Tagen vom Wege der Pflicht ab⸗ geleitet hatte, und deßen Sie immer noch mit weltlich geſinnter Liebe gedachte. Eines Abends hatten wir mit dem Schlage Zehn die Karten niedergelegt— womit wir Abends ein Spiel — 143— zu machen pflegten— denn es war der Tag ihrer gewoͤhnlichen Beichte. Wiederum geſtand ſie das nemliche Vergehen, und ich deutete mit vieler Zartheit an, es wuͤrde ſie ſehr beruhi⸗ gen koͤnnen, wenn ſie mir die Umſtaͤnde die mit ihren Gewißenszweifeln verknuͤpft waͤren anver⸗ trauen wolle. Sie zoͤgerte;— als ich ihr aber vorſtellte, daß ſie keinen Ruͤckhalt beobachten duͤrfe und daß ein Bekennen von Gewißenszwei⸗ feln die aus einer Suͤnde herruͤhrten, das Be⸗ kenntniß der Suͤnde ſelber nicht waͤre, willigte ſie ein. Ihre Beichte bezog ſich auf die Tage ihrer erſten Jugend; ſie liebte gegen den Willen ihrer Eltern einen jungen Kavalier, dem ſie unter dem feierlichſten Eheverſprechen Zutritt in ih⸗ rem Schlafgemache verſtattete. Ihr Verhaͤltniß dauerte einige Zeit und ward dann entdeckt. Verwandte hatten ihrem Liebhaber aufgelauert und ihn ermordet, ſie wurde in ein Kloſter geſchafft. In dieſem blieb ſie eingeſperrt und ihr Kind wurde gleich nach deßen Geburt ihr entzogen; allen Gewaltthaͤtigkeiten und Dro⸗ hungen, durch welche man ſie vermoͤgen wollte, den Schleier zu nehmen, hatte ſie widerſtan⸗ — 144— den; der Tod ihres Vaters erloͤſte ſie aus der Gefangenſchaft; ſie kam in den Beſtz eines Vermoͤgens, welches man ihr nicht hatte ent⸗ ziehen koͤnnen; von der Zeit an ſtellte ſie die eifrigſten Nachforſchungen zur Auffindung ihres Kindes an, und erfuhr endlich, es ſey nach dem Findelhauſe geſchickt; dieſe Kunde erlangte ſie aber erſt viele Jahre nachher; alle in jenem Zeitpunkte aufgenommenen Kinder, waren ent⸗ laßen und in der Welt zerſtreut. Weil ſie un⸗ verheirathet geblieben war, ſo beſchaͤftigten ihre Gedanken ſich oft mit den Scenen, die zwiſchen ihr und ihrem angebeteten Felir vor⸗ gefallen waren, wiewohl viele Jahre ſeitdem verrannen; ihr Gefuͤhl ſagte ihr, es ſey Un⸗ recht, ſich mit dem zu beſchaͤftigen, was in ſich ſelber ein Verbrechen war. Aufmerkſam hoͤrte ich ihrer Erzaͤhlung zu; der Gedanke ſtieg mir auf, daß ich der nn⸗ gluͤckliche Sproͤßling ihrer Liebe ſeyn moͤgte, oder daß doch hoͤchſt wahrſcheinlich die alte Dame dazu gebracht werden koͤnne dies zu glan⸗ ben. Ich fragte ob ihr Kind irgend ein Maal gehabt habe an welchem es wieder zu erkennen — 145— ſey. Sie erwiederte, daß ſie die genauſten Nach⸗ fragen bei ihrer Waͤrterin daruͤber angeſtellt habe, und daß eine dieſer Frauen ihr auch mit⸗ theilte das Kind habe eine große Warze hin⸗ ten auf ſeinem Nacken gehabt; inzwiſchen ſey es nicht anzunehmen, daß eine ſolche Warze unabaͤnderlich bleibe und ſie haͤtte alle Hoff⸗ nung aufgegeben ihr Kind jemals wieder zu finden. Dagegen bemerkte ich, daß Warzen die durch Zufall hervorwuͤchſen leicht entfernt werden moͤg⸗ teu, daß aber ſolche die von Neugeborenen mit auf die Welt gebracht wuͤrden, eben ſo wenig zu entfernen ſeyen, als Muttermaͤler. Dann gab ich dem Geſpraͤche eine andere Richtung, ſagte ihr, daß ich ihr Benehmen nicht als verbrecheriſch be⸗ trachten koͤnne, daß es mehr ſeyn wuͤrde, als Menſchennatur zu leiſten vermoͤgte, wenn ſie nicht Zaͤrtlichkeit fuͤr Einen bewahren ſolle, der als ihr Gatte mit ihr gelebt und fuͤr ſie den Tod erlitten habe. Unter Auflegung einer ganz leich⸗ ten Bußuͤbung ertheilte ich ihr die Abſolution und verließ ſie. Auf meinem Lager dachte ich uͤber dieſen Vorgang reiflicher nach, Jahr und I. 10 — 146— Monat waren in genauer Übereinſtimmung mit dem Zeitpunkte, in welchem ich zum Findel⸗ hauſe geſchickt war. Eine Warze konnte aller⸗ dings verſchwinden, wie ſie das ganz richtig bemerkt hatte. Koͤnnte ich nun nicht eben der Sohn ſeyn, den ſie ſo innig betrauerte?— Am andern Morgen begab ich mich zum Findel⸗ hauſe, erkundigte mich nach dem Tage meiner Aufnahme und nach allen dabei obwaltenden Um⸗ ſtaͤnden, die unerlaͤßlich eingezeichnet werden mußten, um ein ſpaͤteres Zuruͤckfordern der Kinder zu erleichtern. Meine Aufnahme war im Monat Februar geſchehen, und eine zweite war an eben dem Tage, faſt in der naͤmlichen Stunde, erfolgt. Das Regiſter ſagte: „Um neun Uhr Abends wurde ein Knabe in einem Korbe an der Thuͤr zuruͤckgelaßen, die Traͤger waren entflohen, er hatte keine Kenn⸗ zeichen und wurde Anſelmo genannt.“ „Um zehn Uhr Abends ward ein Knabe in einem Mantel gewickelt vor die Thuͤr gebracht — die Leute entliefen— kein Merkzeichen— wurde Jacobo genannt.“ Es waren alſo in einer Stunde zwei Knaben — 147— 7 zum Findelhauſe gebracht, von denen ich der eine geweſen war. Abends begab ich mich wie⸗ der zu der alten Dame; ich ergriff eine Gele⸗ genheit, das Geſpraͤch uͤber ihre nicht fortge⸗ ſezte Aufſuchung des Kindes wieder anzuknuͤpfen, und fragte, ob ſie den Tag ganz genau angeben koͤnnte. Er ſey in ihrem Gedaͤchtniße nur allzu lebendig bewahrt, erwiederte ſie, es waͤre am 18. Februar geweſen; als ſie aber im Findel⸗ hauſe Erkundigungen eingezogen habe, ſey ihr geſagt worden, daß die im Februar eingetra⸗ genen Kinder keine Merkzeichen gehabt haͤtten; daß dieſelben ſpaͤter entfernt ſeyen, aber wohin, waͤre nicht zu erfahren, weil der ehemalige Gou⸗ verneur, die einzige Perſon, welche Auskunft daruͤber zu geben vermoͤgte, geſtorben ſey. Daraus ſchien hervorzugehen, daß entweder ich oder der andere Knabe ihr Kind ſeyn muͤße, aber welcher von uns, war unmsoͤglich zu erweiſen. Inzwi⸗ ſchen machte mich das nur noch weniger ge⸗ wißenhaft bei dem Plane, den ich verfolgen wollte, und der darin beſtand, mich als das von ihr verlorene Kind anerkennen zu laßen. Der Beweis, daß ich am naͤmlichen Tage in — 148— das Findelhaus geſchickt ſey, ſchien nuzlos, weil ein Mitbewerber vorhanden war; uͤberdem ſtand auch mein Kloſtergeluͤbde meinen weltlichen Spe⸗ kulationen im Wege; deshalb beſchloß ich, ſie mindeſtens zufrieden zu ſtellen, wenn es mir auch nicht gelingen ſollte, den Beweis in einer Art zu fuͤhren, die mir ſelber oder der Welt genuͤgen koͤnne; demgemaͤß traf ich meine Maß⸗ regeln. In meiner weltlichen Verkleidung beſchloß ich meinen Vorſaz auszufuͤhren; weil es dazu noͤ⸗ thig war eine Warze auf dem Nacken hervor⸗ zubringen, beſchloß ich mir dieſe ſobald als nur irgend moͤglich zu verſchaffen. Dies war leicht bewerkſtelligt; ein Moͤnch meines Kloſters litt an dergleichen Auswuͤchſen, und ſcherzhafter⸗ weiſe ſchlug ich ihm einen Verſuch vor, um zu ſehen ob es wahr ſey, daß Warzenblut der⸗ gleichen einimpfen koͤnnte. Nach vierzehn Tagen hatte ich ſchon eine Warze an meinem Finger, die bald groß genug wurde, um das Blut aus derſelben auf meinem Nacken anzuwenden. Be⸗ vor drei Monate vergangen waren, hatte ich eine große Warze hinten auf meinem Nacken, — 149— oder vielmehr einen Zuſammenwuchs vieler War⸗ zen, die ich durch Einimpfen erzeugt und durch unausgeſezte Reizmittel hervorgebracht hatte; waͤhrend dieſer Zeit hatte ich die Dame nicht ſo haͤufig als fruͤher beſucht, ſondern mich durch die mir obliegenden Kloſterpflichten zu entſchul⸗ digen gewußt. Nun kam es darauf an ein Mit⸗ tel zu finden, um mich in meiner weltlichen Kleidung bei ihr einzufuͤhren. Dies erforderte Überlegung, denn ich konnte nur zuweilen in dieſem Anzuge erſcheinen. Nach einigem Beden⸗ ken faßte ich den Entſchluß, daß die Nichte mir helfen ſolle, denn ich wußte recht gut, ſie wuͤrde jenen Reichthum, den ich mir zu ſichern wuͤnſchte, jedenfalls theilen, wenn mein Plan mir auch vollſtaͤndig gelaͤnge. Weil ich mich oft mit ihr allein befand, nahm ich die Gelegenheit wahr, ihr von einem meiner jungen Freunde vorzu⸗ reden, den ich hoͤchlich lobte. Nachdem ich ihre Neugierde erregt hatte, bemerkte ich in laͤcheln⸗ der Weiſe, ich vermuthe, er muͤße von ihren Reizen tief verwundet ſeyn, denn ſchon oft haͤtte ich ihn angetroffen, wie er neben dem gegen⸗ uͤberliegenden Hauſe auf der Lauer geſtanden. — 150— Ein Bewunderer iſt fuͤr ein junges Maͤdchen ſtets eine Quelle der Gluͤckſeligkeit, ihrer Eitel⸗ keit war geſchmeichelt und ſie befragte mich um ausfuͤhrlichere Angabe. Meine Antwort war darauf berechnet, ihre Neugierde noch mehr zu entflammen, ich beſchrieb ihr ſeine Perſon in ſehr guͤnſtiger Art, und lobte ganz vorzuͤg⸗ lich ſeine trefflichen Eigenſchaften. Auch ſeinen Anzug beſchrieb ich ihr ganz genau. Sobald die Muſtiſtunde beendigt war, ging ich zu meiner Wohnung in der Stadt, kleidete mich in mei⸗ nen beſten Anzug, ſezte meine geringelten Locken auf, und ging dann vor den Fenſtern des Hau⸗ ſes hin und her. Bald erkannte die Nichte in mir denjenigen, deßen Anzug und aͤußere Er⸗ ſcheinung ihr ſo genau beſchrieben worden war; bald zeigte ſie ſich einen Augenblick am Fen⸗ ſter, dann verſchwand ſie ploͤzlich wieder mit der ganzen Gefallſucht ihres Geſchlechtes. Ich gewahrte, daß ſie ſich durch ihre Eroberung geſchmeichelt fuͤhlte, und nachdem ich mich eine kurze Zeit zur Schau geſtellt hatte, entfernte ich mich. Als ich am folgenden Tage im Moͤnchskleide — 151— bei ihr erſchien, hielt ich ein Billet⸗dour in Bereitſchaft. Die Singſtunde begann; bald fand ich aus, daß ſie bereits Neigung gefaßt haben muͤße, denn ſie waͤhlte einen Geſang, den ich, waͤre die Tante zugegen geweſen, ge⸗ wiß auf die Seite gelegt haben wuͤrde; ſo aber diente es zu meinem Zwecke, daß ſie ih⸗ rem Gefallen folgen ſollte. Sobald die Tante eintrat, hoͤrten wir auf und begannen ein an⸗ deres Singſtuͤck; durch dieſe kleine Liſt ward ich gewißermaßen ein Vertrauter von ihr, und jene Herzlichkeit, die ich herbeizufuͤhren wuͤnſchte, wurde begruͤndet. Nachdem wir zwei oder drei Lieder geuͤbt hatten, verließ Doña Celia, ſo hieß die Tante, das Zimmer; nun ſagte ich, daß ich den jungen Caballero von dem ich geſprochen, wieder geſehen haͤtte, und daß er mir noch verliebter als zuvor ſchiene; er habe als eine Gunſt von mir erbeten, daß ich fuͤr ihn reden ſolle, ich haͤtte aber gedrohet die Tante davon in Kenntniß zu ſezen, wenn er ferner von der Sache ſpraͤche; denn meine Pflicht als Beichtvater der Familie achte ich durchaus unvertraͤglich mit dem Überbringen — — 152— heimlicher Liebes⸗Botſchaften. Ich geſtand, daß ſein Zuſtand mir Mitlied einfloͤße; denn das Erblicken ſeiner vergoßenen Thraͤnen und das Anhoͤren ſeiner flehenden Bitte haͤtte wohl je⸗ den Menſchen erweichen muͤßen; daß ich aber troz meiner hohen Achtung fuͤr ihn es doch meiner Pflicht zuwider betrachten muͤße mich in dieſe Angelegenheit zu miſchen; ich ſezte hinzu, er habe mir erzaͤhlt, daß er geſtern Nachmittag vor dem Hauſe umhergegangen ſey, in der Hoffnung einen der Diener zu ſe⸗ hen, den er hoffte beſtechen zu koͤnnen, um einen Brief beſorgen zu laßen; darauf haͤtte ich ihm gedrohet Dona Celia zu warnen, falls er ſolche Gedanken nicht aufgaͤbe. Doſa Clara, ſo hieß die junge Dame, ſchien uͤber meine ver⸗ meintliche Strenge recht verdroßen, ſagte jedoch nichts. Nach einer Weile fragte ich weiter, ob ſie ihn geſehen haͤtte; dies bejahete ſie, doch ohne weitere Bemerkungen. Ihr Naͤh' kiſtchen lag auf dem Sopha, auf welchem ſie geſeßen hatte, in dieſes ſteckte ich mein Briefchen, ohne von ihr bemerkt zu werden. Die Lehrſtunde war been⸗ digt, und ich begab mich zu ihrer Tante Gemaͤ⸗ — 153— chern, um in meiner Eigenſchaft als Beichtvater dieſer meinen Beſuch zu machen. Nach einer hal⸗ ben Stunde, die ich im Geſpraͤche mit der Alten zugebracht hatte, kehrte ich durch den Salon zuruͤck, in welchen ich Dolia Clara gelaßen hatte; ſie war mit ihrer Stickerei beſchaͤftigt und mußte das Brieſchen geſehen, ja geleſen haben, denn ſie erroͤthete, als ich eintrat. Ich ſtellte mich das gar nicht zu bemerken, voͤllig zufrieden dadurch, daß ſie geleſen hatte, ſagte ich ihr Adieu. In meinem Briefe hatte ich ſie um Antwort gebeten und geſchrieben, ich wuͤrde die ganze Nacht unter ihrem Fenſter darauf harren. Sobald es dunkel wurde, kleidete ich mich zum Don Pedro um, und begab mich nach ihrer Straße, ich klimperte einige Noten auf den Saiten meiner Guitarre, um ihre Auf⸗ merkſamkeit zu erregen. Nach einer ſtarken hal⸗ ben Stunde ward das Fenſter geoͤffnet, eine kleine Hand warf ein Billet herab, das mir vor die Fuͤße ſiel; ich kuͤßte es mit anſcheinen⸗ dem Entzuͤcken und begab mich fort. In meiner Wohnung oͤffnete ich das Schreiben, und fand es ſo guͤnſtig, wie ich nur hoffen durfte. Von — 154— nun an war es mein Plan, als Anſelmo ihr Vertrauter zu ſeyn. Bei meinem Beſuche am folgenden Tage, ſagte ich ihr, daß zufriedengeſtellt durch die ehrenwer⸗ then Abſichten des jungen Kavaliers, ich meine Gewißenszweifel beſchwichtigt und eingewilligt haͤtte zu ſeinen Gunſten zu reden; daß ich dies freilich nicht fuͤr Recht halten koͤnne, daß aber des jungen Mannes Zuſtand zu beklagenswerth ſey, um mir zu geſtatten, ſeinem Flehen laͤnger zu widerſtehen; indeßen erwarte ich, daß ſie und er keinen Schritt ohne meine Mitwirkung vor⸗ nehmen wuͤrden; unter dieſer Bedingung wolle ich meinen Einfluß fuͤr ſie verwenden, wenn ihr der junge Caballero geſtele. Doña Claras Antliz ſtrahlte Entzuͤcken bei meinen Worten, und offenherzig geſtand ſie, was ſie bereits in ihrer Antwort geſchrieben hatte, daß Pedro's Per⸗ foͤnlichkeit und Karakter ihr gefielen. Nun zog ich einen zweiten Brief hervor, den zu uͤber⸗ liefern er mir abgedrungen haͤtte. Von nun an war die Angelegenheit in gutem Zuge. Mehremale traf ich ſie Abends, und wiewohl ich anfangs nicht das mindeſte fuͤr ſie em⸗ 4⁴ — 155— pfand, ward ich ihr doch bald ſehr zugethan, weil die Liebe eine Menge liebenswuͤrdiger und ſchaͤzbarer Eigenſchaften bei ihr hervorrief. Eines Tages bemerkte ſie, daß eine außeror⸗ dentliche Ähnlichkeit zwiſchen mir und Don Pedro beſtehe; doch kam ihr die Moglichkeit nie in den Sinn, daß ein ernſthafter, geſcho⸗ rener Moͤnch, und ein lebensluſtiger Kavalier mit ringelnden Locken eine und die nemliche Perſon ſeyn koͤnnten. Als ich die Sache fuͤr hinreichend reif hielt, beſuchte ich Doña Ce⸗ lia, ſagte als Einleitung, ich haͤtte ihr eine Sache von Wichtigkeit mitzutheilen, und eroͤff⸗ nete ihr, wie ich entdeckt haͤtte, daß ein jun⸗ ger Mann in ihre Nichte verliebt ſey, und daß ich triftige Gruͤnde habe zu muthmaßen, die Zaͤrtlichkeit ſey gegenſeitig; den jungen Kavalier kenne ich ſehr gut, er ſey recht liebenswuͤrdig; beſize viele gute Eigenſchaften, nur ſchiene ein Geheimniß in Betreff ſeiner Familie obzuwal⸗ ten, denn dieſer erwaͤhne er niemals. Ich ſchloß mit der Bemerkung, daß ich es fuͤr meine Pflicht gehalten, ſie mit dem Umſtande bekannt zu machen, weil im Falle ſie gegen dieſe Heirath — 156— waͤre, oder fuͤr ihre Nichte andere Ausſichten haͤtte, dem Verſtaͤndniße der Beiden ſogleich Einhalt gethan werden muͤße. Die alte Dame ward durch dieſe Kunde hoͤch⸗ lich erſtaunt und ſehr zornig daruͤber, daß ihre Nichte ſich herausgenommen hatte, eine Be⸗ kanntſchaft ohne ihr Wißen anzuknuͤpfen. Ich wartete bis ſie ſich ganz ausgeſprochen hatte, dann aber uͤbte ich mit großer Gelaßenheit mein Recht als Beichtvater, zeigte ihr, daß ſie in ihrer Jugend ſich eben ſolchen Irrthumes ſchuldig gemacht habe, daß der junge Mann mir in der Beichte zugeſichert habe, ſeine Abſichten ſeyen ehrenwerth, daß er jedoch damals noch nicht den entfernteſten Gedanken davon hatte, ich ſey mit der Familie bekannt. Dona Celia ſchien nun ruhiger, und legte mir mehre Fragen vor; das Geheimnißvolle in Betreff ſeiner Familie, ſchien ihr am widerſtrebendſten, und auf ihr Er⸗ ſuchen verſprach ich dieſe Zweifel zu loͤſen, be⸗ vor irgend ein anderer Schritt geſchehen ſolle. Ich warnte ſie, in ihren Worten an ihre Nichte ſich keine Heftigkeiten zu erlauben und nahm Abſchied. Im Hinausgehen ſagte ich einige — 157— Worte an Clara, machte ſie mit der ſtattge⸗ fundenen Loͤſung der Angelegenheit bekannt, und empfahl ihr dringend, ihre Tante ja nicht zu reizen, ſondern vielmehr recht reuig zu er⸗ ſcheinen, wenn ihr Vorwuͤrfe gemacht wuͤrden. Clara befolgte meine Weiſungen, als ich am fol⸗ genden Tage erſchien, fand ich ſie an der Seite ihrer Tante ſizen, die anſcheinend verſoͤhnt war. Ich gab Clara einen Wink das Zimmer zu ver⸗ laßen; nun eroͤffnete Doña Celia mir, ihre Nichte habe den begangenen Irrthum eingeſtanden und weil ſie verſprochen habe ſich kuͤnftig nur von der Tante Rath leiten zu laßen, haͤtte ſie die Unbe⸗ ſonnenheit des Maͤdchens verziehen. Nachdem ſie geendet hatte, ſagte ich:„machen Sie ſich auf eine uͤberraſchende Kunde gefaßt, Doña Celia, des Himmels Wege ſind wunderbar. Geſtern Abend hielt ich eine naͤhere Beſprechung mit Don Pedro und fand in ihm, den Sohn, deßen Verluſt Sie ſo tief betrauert haben...“ „Barmherziger Himmel!“ rief die Dame und ſank ohnmaͤchtig zuruͤck. Als ſie wieder zu ſich gekommen war, fragte ſie eifervoll:„wo iſt er? bringen Sie ihn zu mir, damit das Mutter⸗ — 158— auge durch ſeinen Anblick geſegnet werde, da⸗ mit die Sehnſucht des Mutterherzens ſich in ſeiner Umarmung ſtille, wenn Thraͤnen der Liebe und Freude an ſeiner Bruſt fließen.“ „Beruhigen Sie ſich, theure Dame;“ gab ich zur Antwort,„bisher ſahen Sie die Beweiſe noch nicht. Zuerſt uͤberzeugen Sie ſich und uͤberlaßen ſich alsdann Ihren entzuͤckenden Ge⸗ fuͤhlen.— Als ich Don Pedro uͤber ſeine Fa⸗ milie genauere Fragen vorlegte, ſagte ich ihm zugleich ganz offenherzig daß allein durch un⸗ beſchraͤnktes Vertrauen eine Moͤglichkeit des Erfolges fuͤr ihn zu erwarten ſey; nun geſtand er, daß er als Kind in das Findelhaus geſchickt waͤre und ſeine Eltern nicht kenne; ſagte daß dieſes Geheimniß ſo wie der aus demſelben her⸗ vorgehende auf ſeiner Geburt haftende Makel, eine Quelle kraͤnkenden Schmerzes waͤhrend feines ganzen Lebens geweſen ſey. Ich fragte ihn ſodann ob er ſein Alter kenne, oder eine Abſchrift aus dem Regiſter beſize, der ſeine Aufnahme bezeuge. Dieſes Lezte zog er aus einem kleinen Kiſtchen hervor; es war vom 18. Februar des naͤmlichen Jahres datirt in wel⸗ — 1459— chem Ihr Kind dahin geſchickt wurde. Immer war ich noch nicht ganz gewiß, ſagte ihm ich wuͤrde heute Vormittag wieder zu ihm kommen, um zu ſehen was geſchehen koͤnne, und gab ihm die Verſicherung, daß ſein aufrichtiges Geſtaͤnd⸗ niß mir die groͤßte Theilnahme fuͤr ihn eingefloͤßt haͤtte. Heute in der Fruͤhe begab ich mich zum Fin⸗ delhauſe um das Regiſter zu pruͤfen. In jener Nacht ſind zwei Kinder aufgenommen; hier ſehen Sie den Auszug, nur ſchmerzt es mich dabei, daß, wie Sie bemerken wollen, gar keine beſondere Kennzeichen angegeben ſind. Waͤre alſo die Warze von der Sie mir ſagten, nicht mehr vorhanden, ſo wuͤrde unſere Ungewißheit immer noch ganz ſo groß ſeyn als zuvor. Vor einer Stunde war ich abermals bei dem jungen Manne, erneute das Geſpraͤch uͤber dieſen Ge⸗ genſtand und fuͤhrte an, es waͤre der Gebrauch beſondere Merkmale der aufgenommenen Kin⸗ der in dem Regiſter zu verzeichnen, um dadurch ihre etwaige Ruͤckforderung zu erleichtern. Er erwiederte mir, daß dieſer Gebrauch allerdings bei Merkmalen Statt finde, die unvertilgbar ſeyen, doch bei andern nicht; dergleichen un⸗ — 166— vertilgbare Merkmale beſize er nicht, obwohl er hinten im Nacken eine große Warze gehabt habe, ſo lange er denken koͤnne;„doch,“ ſezte er hinzu,„dies hilft zu nichts, alle Hoffnungen zur Auffindung meiner Eltern, habe ich lange ſchon aufgegeben und muß mich meinem un⸗ gluͤcklichen Schickſale unterwerfen. Ich habe uͤber mein bisheriges Leben nachgedacht und fuͤhle daß ich Unrecht handelte. Wie durfte ich ohne Familie und ohne Namen mir her⸗ ausnehmen, um die Hand einer vornehmen jun⸗ gen Dame zu werben? Ich habe den feſten Ent⸗ ſchluß gefaßt meine Gefuͤhle zu bekaͤmpfen; und bevor noch unſer vertrauter Umgang zu einem Grade gekommen iſt, der durch das Abbrechen deſſelben, ihr die ich anbete, tiefe Qual bereiten muͤßte, will ich Sevilla verlaßen und in der Ein⸗ ſamkeit meinen unſeligen Zuſtand betrauern.“ „Sind Sie faͤhig ein ſolches Opfer zu brin⸗ gen, Don Pedro?“ fragte ich ihn und er antwor⸗ tete mir:„ja Vater Anſelmo das bin ich; ſtets will ich wie ein Ehrenmann und ein Mann von edler Familie handeln, wiewohl ich meine ad⸗ liche Abkunft nicht zu erweiſen vermag.“ een — 161— Nun ſagte ich:„Don Pedro, ich bitte Sie mich heute Abend in meinem Kloſter zu beſuchen, weil ich hoffe Ihnen eine recht frohe Kunde mittheilen zu koͤnnen.“ Damit verließ ich ihn, um Ihnen Dohna Celia dieſe freudige Entdeckung bekannt zu machen. „Warum brachten Sie ihn nicht auf der Stelle her?“ rief die Dame. „Ich habe wichtige Geſchaͤfte mit dem Su⸗ perior im Kloſter zu machen, die mich wahr⸗ ſcheinlich bis ſpaͤt Abends in Anſpruch nehmen. Dieſe muͤßen geordnet ſeyn; es iſt ſogar nicht unmoͤglich, daß die Angelegenheiten unſeres Kloſters meine Abweſenheit fuͤr einige Zeit er⸗ fordern; unſere Laͤndereien muͤßen neuerdings verpachtet werden, und ich habe Grund zu vermuthen, daß der Superior mich zu dieſem Geſchaͤfte ausſchicken wird. Dem jungen Manne will ich unſere Entdeckung eroͤffnen und ihn in Ihre Arme ſchicken; es iſt aber rathſam, daß Sie ſich einige Stunden der Ruhe goͤn⸗ nen, um ſich von Ihrer heftigen Gemuͤthser⸗ ſchuͤtterung zu erholen und ſich zum Voraus fuͤr die ergreifende Zuſammenkunft zu ſtaͤrken, I. 11 8 — 162— welche Ihnen bevorſteht. Gern moͤgte ich da⸗ bei zugegen ſeyn, denn nicht oft haben wir in unſerm Leben Gelegenheit, die zaͤrtlichſten Regungen des Herzens in ihrer tugendlichen Anwendung zu gewahren. Dann nahm ich Abſchied, und bat noch, ſie moͤge ihre Nichte von allen Umſtaͤnden in Kenntniß ſezen, weil ich nunmehr annehme, daß der gegenſeitigen Zuneigung dieſer jungen Leute kein weiteres Hinderniß entgegen ſtehe. Der Grund weshalb ich ſo bald forteilte, war der, mir eine Geſchichte auszudenken, die ich erzaͤhlen wollte, wenn meine neu er⸗ langte Mutter mich als Don Pedro um die Ereigniße meines Lebens befrage. Auch hatte ich um Erlaubniß zu einer Entfernung aus dem Kloſter zu bitten, welche ich durch Vor⸗ zeigung eines Briefes von einem alten, todt⸗ kranken Herrn in Alicante erlangte, der darin den Wunſch ausſprach, mich zu ſehen, und vermuthen ließ, daß er einen Theil ſeines Ver⸗ moͤgens dem Kloſter hinterlaßen wolle. Weil ich mit dem Superior im beſten Vernehmen ſtand, und weil hier Ausſicht auf Geld⸗Erwer⸗ — 163— bung war, erhielt ich ſeine Zuſtimmung. Um fruͤhe genug bei dem Sterbenden anzukommen, ward mir erlaubt, noch am naͤmlichen Abende abzureiſen. Ich nahm vom Superior und von den Moͤnchen Abſchied mit dem Vorſaze, nie⸗ mals wieder zu kommen, eilte dann zu mei⸗ ner Wohnung in der Stadt und warf mein Moͤnchsgewand ab, welches ich ſeit die⸗ ſem Augenblicke nie wieder angelegt habe. Ich begab mich nach Doſa Celia's Hauſe, ward zugelaßen und in ein Zimmer gefuͤhrt, wo ich ihre Ankunft erwartete. Meine Perſoͤn⸗ lichkeit war auf das Stattlichſte hervorgeho⸗ ben. Ich hatte eine neue Perruͤcke aufgeſezt, einen koſtbaren Sammtmantel angethan, trug ſeidnes Wamms und eben ſolche Beinkleider; als ich mich einen Augenblick im Spiegel be⸗ trachtete, uͤberzeugte ich mich von der Unmoͤg⸗ lichkeit erkannt zu werden und meine ſchoͤnen Koͤrperumriße erfuͤllten mich mit einem gewißen Stolze. Die Thuͤr wurde geoͤffnet und mit be⸗ bender Sehnſucht trat Dona Celia herein. Ich warf mich auf meine Knie nieder und mit einer Stimme die den Anſchein verrieth, durch — 164— Ruͤhrung faſt erſtickt zu ſeyn, bat ich um ih⸗ ren Segen. Überwaͤltigt von ihren Gefuͤhlen ſchwankte ſie zum Sopha; immer noch auf meine Knien erfaßte ich ihre Hand und be⸗ deckte die mit Kuͤßen. „Es iſt, es iſt mein Kind,“ rief ſie endlich aus,„die allgewaltige Natur wuͤrde mir's geſagt haben, waͤre es nicht ſchon erwieſen;“ ſte umſchlang mich mit ihren Armen, beugte uͤber mich herab und vergoß Thraͤnen des Dankes und der Wonne. Ich verſichere Deiner Hoheit, daß ihre Ruͤhrung mich anſteckte, und daß ich meine Thraͤnen mit den ihrigen ver⸗ miſchte; denn damals fuͤhlte ich, und glaube das heute noch ganz feſt, daß ich ihr Sohn ſey. Wiewohl mein Gewißen mir einige Augen⸗ blicke Vorwuͤrfe bei einem Auftritt machte, der tugendhafte Empfindungen wieder in mir her⸗ vorrief, ſo konnte ich doch nicht umhin, zu bedenken, daß eine Taͤuſchung die ſolches Ent⸗ zuͤcken, die ſo innige Freude hervorbrachte, faſt verzeihlich waͤre. Ich ſezte mich neben ſie, ihre Kuͤße bedeckten mich immer wieder auf's neue, denn wenn ſie mich in einer Minute — 165— von ſich entfernt hielt, um mich zu betrachten, ſo umklammerte ſie mich deſto feſter in der naͤchſten. „Du biſt das Ebenbild Deines Vaters, Pedro,“ ſagte ſie wehmuͤthig,„Gottes Wille muß geſchehn. Hat er mir genommen, ſo hat er mir auch gegeben, und dankbar bin ich fuͤr ſeine Guͤte.“ Sobald wir uns etwas von un⸗ ſerer Aufregung erholt hatten, bat ich ſie mir die Geſchichte meines Vaters zu erzaͤhlen, von der ich durch den guten Anſelmo nur wenig gehoͤrt haͤtte; ſie wiederholte mir die Ereig⸗ niße aus ihren Jugendtagen, welche ſie fruͤ⸗ her dem Moͤnch mitgetheilt hatte. „Aber Du ſaheſt Clara noch nicht; das boͤſe Maͤdchen hat nicht ahnen koͤnnen, daß ſie ein Liebesverſtaͤndniß mit ihrem eigenen Vetter un⸗ terhielt.“ Sie ward gerufen, ich machte mir kein Ge⸗ wißen daraus das liebe Maͤdchen an mein Herz und einen Kuß auf ihren Mund zu druͤcken; unſere Augen ſtrahlten Liebe und Wonne, ſo ſezten wir uns auf den Sopha, ich in die Mitte, jede von ihnen preßte eine meiner Haͤnde. — 166— „Jezt, mein lieber Pedro 247 ſprach Doßñia Celia, „ſehne ich mich danach, die Geſchichte Deines Lebens zu hoͤren, und ich halte mich feſt uͤber⸗ zeugt, daß es ehrenhaft war.“ Fuͤr ihre gute Meinung dankte ich mit der Verſicherung, daß dieſelbe ſo wenig durch das was bisher geſche⸗ hen, als durch mein kuͤnftiges Benehmen ver⸗ lezt werden ſolle, und dann begann ich die Ge⸗ ſchichte meines Lebens in folgenden Worten.— „Begannſt die Geſchichte Deines Lebens?“ unterbrach ihn der Paſcha.„Lacht der Sklave in unſere Baͤrte? Was war's denn, was Du bis jezt erzaͤhlt haſt!“ „Die Wahrheit, hoher Herr,“ erwiederte der Spanier,„was ich nunmehr erzaͤhlen will, iſt eine Geſchichte von meinem Leben, die ich erſonnen hatte, um die alte Doña Celia zu kaͤuſchen und die gaͤnzlich unwahr iſt.“ „Ich verſtehe, Muſtapha, dieſer Kafir iſt ein regelrechter Keſſehguh,*) er macht eine *) Morgenlaͤndiſcher Maͤhrchen⸗Erzaͤhler. — 167— Geſchichte die andere hervorbringen; aber es iſt ſchon ſpaͤt; ſorge dafuͤr, daß er morgen Nachmittag wieder erſcheint. Bero! Geh! Un⸗ glaͤubiger; der Muezzin ruft zum Gebet.“ Der Spanier verließ die erlauchte Hoheit; dem Rufe des Muezzin gehorchend, zollten der Paſcha und Muſtapha ihre gewoͤhnliche Abendandacht— der Flaſche. Viertes Kapitel. Am folgenden Tage ward der Spanier vor⸗ gefordert, um ſeine Erzaͤhlung fortzuſezen. „Deine Hoheit erinnert ſich gewiß der Um⸗ ſtaͤnde, mit deren Anfuͤhrung ich geſtern ſchloß,“ hob der Sklave an. „Ganz genau,“ erwiederte der Paſcha.„Du hoͤrteſt bei dem Beginne Deiner Geſchichte auf; ich hoffe aber, Du wirſt ſie heute Abend be⸗ enden, weil ich ſchon vieles von dem was Du ſagteſt, wieder vergeßen habe.“ „Deine Hoheit mag ſich erinnern, daß ich ſaß.. „ga, und zwar in unſerer Gegerwurt, 3 unterbrach ihn der Paſcha,„ſo groß war un⸗ ſere Herablaßung gegen einen Giaur. Jezt er⸗ zaͤhle weiter.“ — 169— „Mit ſchuldiger Unterwuͤrfigkeit gegen Deine Hoheit ſaß ich auf einem Sopha zwiſchen meiner Mutter Dona Celia, und meiner Geliebten, Dona Clara.“ „Richtig; jezt faͤllt's mir ein.“ „Jede von ihnen hielt eine meiner Haͤnde in den ihrigen.. „Ganz recht,“ ſagte der Paſcha ungeduldig. „Und ich war im Begriff eine Geſchichte eigener Erfindung zu erzaͤhlen, um dadurch die alte Dame, meine Mutter, zu taͤuſchen.“ „Ana Sennal verflucht ſey Deine Mutter,“ ſchrie der Paſcha zornig,„Siz nieder und fahre mit Deiner Geſchichte fort. Waͤre ein Paſcha nichts? Darf der Loͤwe geneckt werden vom Jackall? Wallah il Nebi! Bei Gott und dem Propheten! lachſt Du in meinen Bart? Die Geſchichte!“ „Die von Deiner Hoheit verlangte Geſchich⸗ te,“ erwiederte der Sklave mit der groͤßten Kaltbluͤtigkeit,„ward mit folgenden Worten begonnen.“ Fortlezung der Gelchiehte des Könch. Was waͤhrend meiner Kindheit geſchah, theuerſte Mutter, weiß ich nicht, doch vermag ich bis zu meinem ſiebenten Jahre mit meinen Erinnerungen zuruͤck zu gehen, damals befand ich mich mit vielen Andern zuſammen, mit kreiſchenden, nur wenige Tage alten Kindern ſowohl, als mit aͤlteren, die mir an Jahren glichen. Ich weiß auch heute noch, daß unſere Nahrung ſchlecht war und daß wir ſtrenge gezuͤchtigt wurden. „Armes Kind,“ ſagte Dona Celia, meine Hand druͤckend, die ſie noch zwiſchen den ihri⸗ gen hielt. Dort blieb ich bis zum zehnten Jahre, — 171— als eine alte Dame zum Findelhauſe kam, die eine ploͤzliche Neigung zu mir faßte; denn oft hatte ich die Bemerkung gehoͤrt, ich ſey ein ſehr ſchoͤner Knabe, wiewohl ich jezt mein gu⸗ tes Ausſehen verloren habe, Clara. Dieſe druͤckte mir die andere Hand und laͤchelte verneinend, ich fuhr fort. Die alte Doſta Iſabelle, die zur adligen Familie der Guzman gehoͤrte, gebrauchte einen Pagen, und beſchloß mich dazu anzulernen. Ich ward nach ihrem Hauſe gebracht und er⸗ hielt einen phantaſtiſchen Anzug. Ich pflegte an ihrer Seite auf dem Teppich zu ſizen und hinzulaufen, wenn irgend etwas ausgerichtet werden ſollte; ich war wirklich eine Art menſch⸗ licher Klingel, die jederman herbeirief und alles herzutrug, was etwa gebraucht wurde, doch wurde ich gut genaͤhrt, und war recht ſtolz auf einen kleinen Dolch, den ich im Guͤrtel trug. Nur gegen einen Theil des Unterrichts den ich genoß ſperrte ich mich; dieſer beſtand im Leſen und Schreiben, welches ein bei der Familie im Hauſe lebender Prieſter mich lehren ſollte, der eben ſo großen Widerwillen gegen 12—=—— Unterrichtertheilen hatte, als der war, den ich gegen Lernen empfand. Waͤre die Sache nur ganz allein zwiſchen uns abzumachen geweſen, ſo haͤtten wir uns leicht zu beiderſeitiger Be⸗ friedigung einrichten koͤnnen; weil es aber der Dame gefiel, meine Fortſchritte dadurch zu pruͤfen, daß ich ihr vorleſen mußte, wenn ſie ſtrickte, ſo konnten wir Beide nicht umhin, unſere Aufgabe zu loͤſen. Durch Schmollen und Schlaͤge ward ich endlich ſo weit gebracht, daß ich meiner Herrin eine Romanze vorleſen, auch eine ſchriftliche Einladung, entweder ablehnend oder zuſagend beantworten konnte. Die Dame hatte zwei Nichten in ihrem Hauſe bei ſich, die faſt erwachſen waren, als ſie mich zu ſich nahm. Dieſe lehrten mich zu ihrem eigenen Vergnuͤgen tanzen nebſt vielen andern Dingen; durch ihre Sorgfalt ward ich ungemein viel fertiger im Leſen und im Schreiben. Wiewohl ich noch Kind war, machte es mir doch Vergnuͤgen von zwei huͤbſchen Maͤdchen unterrichtet zu werden. Doch ich muß dieſe jungen Damen naͤher beſchreiben. Doha Emilia, die aͤlteſte, war verſtaͤndig und geſezt, ſtets froh gelaunt, aber niemals uͤber⸗ * — 173— ſprudelnd; ſie laͤchelte beſtaͤndig, doch erlaubte ſie ſich ſelten oder nie ein Lachen. Ganz ver⸗ ſchieden von ihr war Doſia Tereſia, die juͤngſte; froͤhlich, leichten Herzens, offen und zutraulich war ihr Weſen, großmuͤthig ihre Geſinnung; ihre Fehler entſtanden nur aus dem Übermaß ihrer Gefuͤhle, weil ſie ſtets aus einem Außer⸗ ſten in das andere uͤberging. Es war nicht moͤglich, daß Schweſtern ſich inniger lieben konnten als dieſe; gleichſam als truͤge die Ver⸗ ſchiedenheit ihrer Denkweiſe zur feſtern Anhaͤng⸗ lichkeit bei. Der Ernſt der aͤltern Schweſter ward durch die ſpielende Froͤhlichkeit und Le⸗ bendigkeit der Juͤngern angeregt— und die Ausgelaßenheit der Juͤngern ward durch die Vernunft der Ältern in den noͤthigen Schranken gehalten. Als Kind mogte ich Doſia Emilia leiden, aber mit Zaͤrtlichkeit liebte ich Dona Tereſia. Drei Jahre hatte ich ſo mit ihnen verlebt, als Rechtsangelegenheiten Doña Iſabellens Ge⸗ genwart in Madrid erforderten. Die jungen Damen, beide ſehr ſchoͤn und ſich einander un⸗ gemein aͤhnlich, wurden von den Caballeros un⸗ — 174— gemein bewundert. Zwei derſelben hatten die Palme uͤber ihre Mitbewerber errungen,— Don Perez war der beguͤnſtigte Bewerber um Dona Emilia, waͤhrend Don Florez ſtolz darauf war, die Feßeln der feurigen Tereſia zu tragen. Dona Iſabelle beabſichtigte indeßen nicht, daß ihre Nichten ſie jezt ſchon verlaßen ſollten; durch die naͤchtlich wiederholten Staͤndchen erfuhr ſie bald, daß ihre Nichten Anbeter hatten, und eilte fruͤher nach Sevilla zuruͤck, als ſie anfangs ſich vorgeſezt hatte. Wiewohl keine mich zum Vertrauten gemacht hatte, glaubte ich doch bemerkt zu haben was vorging; doch kluͤger als die meiſten Knaben meines Alters, theilte ich ſo wenig meiner Herrin, als den jungen Damen meine Bemer⸗ kungen mit. Schon ſeit einem Monate waren wir wieder in Sevilla zuruͤck, als Dona Emi⸗ lia mich auf die Seite nahm und ſagte:„Pedro, kannſt Du ein Geheimniß bewahren?“ „Ja, wenn ich dafur bezahlt werde,“ ſagte ich. „Und was verlangſt Du kleiner Geizhals fuaͤr Dein Schweigen?“ — 175— „Von Dir— nur einen Kuß,“ antwor⸗ tete ich. Sie nannte mich einen kleinen Spizbuben, gab mir den Kuß und ſagte mir dann, daß ein Kavalier kurz nach der Vesperglocke unter dem Fenſter ſeyn wuͤrde, dem ich ein Billet geben muͤße, welches ſie mir in die Hand ſteckte. Weil ich meine Bezahlung zum Voraus be⸗ kommen hatte, war ich ganz natuͤrlich dazu bereit. Um die angegebene Zeit ſchaute ich durch's Thor, gewahrte einen Herrn unter dem Fenſter und redete den an: „Seßor Caballero, was erwartet Ihr von einer ſchoͤnen Dame?“ „Ein Billet, mein kleiner Page,“ antwor⸗ tete er. „Hier iſt's,“ ſagte ich und zog es aus mei⸗ ner Weſte hervor. Er ſteckte eine Dublone in meine Hand und verſchwand ſogleich. Das Gold geſiel mir ſehr, doch die andere Bezahlung zog ich vor. Ich ſteckte das Geld ein und ging zuruͤck in's Haus. Kaum war ich in der Halle, als auch Dona Tereſia mich anredete und ſagte:„Pedro, ich habe Dich, — 176 geſucht; kannſt Du ein Geheimniß bewah⸗ ren?“ „Ja, wenn ich dafuͤr bezahlt welde, e erwie⸗ derte ich ſo wie vorhin. „ und was muß es ſeyn, das Deine kleine Zunge vom Plaudern abhalten wird?“ „Von Dir,“ antwortete ich,„muß es ein Kuß ſeyn.“ „O Du kleines Maͤnnchen, zwanzig will ich Dir geben;“ das that ſie auch, bis ich den Athem faſt daruͤber verloren hatte; dann fuhr ſie fort:„Unten wartet ein Herr auf einen Brief, den mußt Du ihm hintragen.“— Ich nahm das Billet, ging zum Thorwege und fand den Kavalier, wie ſie mir geſagt hatte. „Seüor Caballero,“ ſprach ich,„worauf harrt Ihr? iſt's auf ein Billet⸗doux von ſthͤner Hand?“ „ So iſt's, mein iüuſce Burſche,“ gab er zur Antwort. „Vielleicht gefaͤllt Euch dieſes,“ ſprach ich und reichte ihm das Schreiben. Er riß es mir aus der Hand und wollte gehen, da ſagte ich: „Senor, ich darf nicht zugeben, daß meine — Herrin beleidigt wird. Ihre Gunſtbeweiſe ſind uͤber allen Preis erhaben, und gleichwohl iſt ihnen immer Gold zugeſellt. Weil Ihr ſo arm ſeyd, und Gold umlaufen muß, ſo iſt hier ein Stuͤck Gold fuͤr Euch;“ dabei bot ich ihm die Dublone an, welche der andere Herr mir gegeben hatte. „Du biſt ein kluger Knabe,“ ſprach er, „und haſt meine Nachlaͤßigkeit verbeßert, denn mehr als Vernachlaͤßigung war es nicht. Fuͤge dieſes zu dem Andern“— er druͤckte eine Viertel Dublone in meine Hand und war verſchwun⸗ den. Ich kehrte in's Haus zuruͤck, und weil ich laͤngere Zeit von meiner Herrin entfernt ge⸗ blieben war, trat ich in den Salon, wo ſie allein ſaß. „Pedro, komm'’ zu mir Kind, Du weißt wie gut ich gegen Dich geweſen bin, und wie ſorg⸗ faͤltig ich Dich habe erziehen laßen. Jezt ſprich, kannſt Du ein Geheimniß bewahren?“ „Ja,“ erwiederte ich,“ Eures Herrin, kann ich bewahren, weil es meine Pflicht iſt.“ „Du biſt ein gutes Kind; nun hoͤre, ich ver⸗ muthe, daß einige der ſchoͤnen Herren aus I. 12 — ns— Madrid meinen Nichten hierher gefolgt ſind, und wuͤnſche daruͤber Gewißheit zu erlangen. Verſtehſt Du mich?“ „Ganz vollkommen.“ „Nun dann, ſey wachſam; und hier, Pedro, haſt Du zwei Realen, um Dir Bonbon zu kau⸗ fen.“. So gelangte ich denn im Laufe eines Ta⸗ ges zu der wahren Beſchaͤftigung eines Pagen. Die zwei Realen legte ich zu meinem Golde, und wie zu vermuthen war, beſchloß ich ſo zu dienen, wie man mich zahlte. Aber ich hatte, wie ich das ſpaͤter ausfand, einen ent⸗ ſezlichen Mißgriff mit den beiden Liebesbrief⸗ chen begangen. Das von Dola Emilia hatte ich dem Don Florez eingehaͤndigt, der Dona Tereſias Anbeter war, und Tereſiens Schrei⸗ ben hatte Don Perez, der Liebhaber Emilias, bekommen; inzwiſchen wird dies beßer gleich erlaͤutert, obgleich ich es nicht eher erfuhr, als bis der Knote entwirrt wurde.— Don Perez, Emilias Liebhaber, war ein junger Mann der ein Großes Vermoͤgen bei dem Tode eines Oheims zu erwarten hatte, deßen Erbe er nach — 179— geſezlicher Erbfolge war. Don Florez dagegen war in unabhaͤngigem Beſize eines betraͤcht⸗ lichen Reichthumes und konnte nach ſeinem Ge⸗ fallen waͤhlen. Aus Furcht vor Entdeckung wa⸗ ren beide Briefe in verſtellter Handſchrift und nicht mit den wahren Namen der Damen unter⸗ ſchrieben. Dona Emilia hatte ſo geſchrieben: „ich fand Deinen Brief am verabredeten Orte, aber meine Tante hat den Schluͤßel zum Ge⸗ waͤchshauſe weggelegt und iſt wie ich glaube mißtrauiſch.— Weshalb biſt Du ſo dringend? — Ich vertraue darauf daß Deine Liebe, gleich der Meinigen, durch Aufſchub nur zunehmen koͤnne. Es wird mir unmsoglich ſeyn, Dich heute Abend zu ſehen; aber ich habe den Pagen gewon⸗ nen und werde Dir bald wieder ſchreiben.“— Dona Tereſias Brief, den ich Don Perez ein⸗ haͤndigte, lautete ſo:„ich kann Deinen Bitten um eine Unterredung nicht laͤnger widerſtehen. Meine Tante hat das Gewaͤchshaus verſchloßen, wenn Du aber Muth genug beſtzeſt die Garten⸗ mauer zu erſteigen, ſo will ich Dich im Salon ſehen der in den Garten oͤfnet; doch darf kein lantes Wort geſprochen werden, weil die Die⸗ — 180— ner unaufhoͤrlich laͤngs der Thuͤr hingehen— eben ſo wenig duͤrfen wir Licht haben— ich muß auf Deine Ehre vertrauen.“ Don Perez war entzuͤckt daruͤber, daß Emilia endlich ſeinen Bitten um eine Zuſummenkunſt Gehoͤr gab; Don Florez dagegen hoͤchſt ge⸗ krankt durch das zuruͤckhaltende Betragen ſeiner Geliebten, ging heim und beſchuldigte ſie falſcher Gefallſucht. Zur feſtgeſezten Stunde fand Don Perez ſeine vermeintliche Geliebte im Saale. Beide Schweſtern waren Vertraute, und mach⸗ ten ſich kein Gewißen daraus in meinem Bei⸗ ſeyn zu ſprechen, weil ich in ihr Geheimniß ſchon eingeweihel war. Am folgenden Tage als die Tante das Zimmer verlaßen hatte begannen ſie von den perſoͤnlichen Vorzuͤgen ihrer beiden Ca⸗ balleros zu reden. Nach einem mit heiterer Laune gefuͤhrten Wortſtreite machten ſie mich zum Schiedsrichter.„Komm Pedro“ ſagte Tereſia —„Du ſollſt entſcheiden, welcher iſt in Deinen Augen der Schoͤnſte?“ „Mich dunkt“ antwortete ich,„daß Dein Sehor fuͤr einen Blondin, der huͤbſcheſte Mann iſt, den ich je geſehen habe; aber die herrli⸗ 8———— — 181— chen ſchwarzen Augen von Doſa Emilias Ca⸗ ballero, ſind gewiß eben ſo gewinnend.“ „Ei, Pedro, Du verwechſelſt ja Beide,“ ſprach Emilia,„Don Perez mit dem blonden Haare iſt mein Bewunderer und der dunkle Herr, Don Florez, iſt in meine Schweſter ver⸗ liebt.“ Nun erkannte ich meinen Irrthum bei dem Ueberreichen der Briefe und Tereſia erroͤ⸗ thete. Inzwiſchen war ich geſcheut genug, zu antworten,„ſehr richtig, jezt beſinne ich mich recht gut, daß ich ſie verwechſelte.“ Bald nachher kam die Tante in das Zim⸗ mer, Tereſia ging hinaus und winkte mir zu folgen. Sobald ich zu ihr kam, ſagte ſie:„jezt ſprich die Wahrheit, Pedro, haſt Du nicht wirklich das Verſehen begangen, und mein Schreiben dem blonden Kavalier, Don Perez, uͤberreicht.“ Ich antwortete ihr, ja das ſey geſchehen, weil ich Emiliens Brief ſchon vorher dem ſchwar⸗ zen Herrn gegeben hatte. Tereſia bedeckte ihr Antliz mit der Hand und weinte bitterlich; dann ſagte ſie:„Dies Geheimniß mußt Du jezt bewahren, Pedro, denn es iſt von der aͤußer⸗ — 182— ſten Wichtigkeit. Mein Gott, was ſoll aus mir werden?“ rief ſie weinend aus und blieb eine Zeitlang im ſchmerzlichſten Jammer; endlich trocknete ſie ihre Augen, dachte noch uͤber et⸗ was nach, nahm Papier und ſchrieb.—„Pe⸗ dro, trag' dieſen Brief hin, aber vergiß nicht, daß ſeine Aufſchrift an den ſchwarzen Kavalier gerichtet iſt.“— Tereſia hatte Emilias Brief an Don Perez geleſen, den Don Florez damals empfangen hatte; in Beziehung darauf ſchrieb ſie:„Du magſt mich grauſam achten, weil ich Dir abſchlug, Dich geſtern Abend ſehen zu wol⸗ len, aber ich fuͤrchtete mich zu ſehr.— Klage mich nicht an, mit Deinen Gefuͤhlen mein Spiel zu treiben; ich will Dich in dem Salon ſehen, der in den Garten oͤffnet; er war geſtern Abend im Gebrauche. Komm' um zehn Uhr heut Abend.“ Ich ging mit dieſem Schreiben und igab es in die Haͤnde des Don Florez.—„Mein lieb⸗ ſter Junge, ſag' Du an Dona Tereſia, daß ich nicht ausbleiben werde; jezt weiß ich weshalb ſie mich geſtern Abend nicht empfangen konnte; ich hoffe nur, daß ich eben ſo gluͤcklich werden mag wie Don Perez.“ Er ſteckte mir eine Du⸗ — 183— blone in die Hand und ich ging; noch war ich nicht aus der Straße, als Don Perez mir be⸗ gegnete. „Eil mein kleiner Page, das trifft ſich gluͤck⸗ lich; komm' in mein Haus und verweile einen Augenblick, bis ich an Dona Emilia geſchrie⸗ ben habe.“ Dies geſchah und er gab mir wie fruͤher eine Viertel⸗Dublone. „Dank Euch, Senor Caballero,“ ſagte ich; „zum Theil von Don Florez Dublonen und zum Theil von Euren Viertel⸗Dublonen, muß ich bald ein reicher Mann werden.“ „Was ſagſt Du,“ ſprach er;„gibt Don Florez Dir Dublonen— der verdirbt ja den Markt; aber ich darf ihm nicht erlauben Dich beßer zu bezahlen, als ich thue, ſonſt wirſt Du mir nicht mit gleicher Treue dienen wollen. Hier iſt eine Dublone und noch eine halbe, die mit den zwei Viertel⸗Dublonen, die Du erhal⸗ ten haſt, die Rechnung ausgleichen.“ Ich verbeugte mich und verließ ihn unter Dankſagungen. So jung ich auch war, begriff ich doch, daß irgend etwas bei der irrthuͤmlichen Zuſammenkunft in der lezten Nacht vorgefallen — 184— ſeyn müße, was Dona Tereſia ernſtlich bethei⸗ lige.— Weil ich ſie viel mehr liebte als ihre Schweſter, beſchloß ich Don Perez Brief nicht an Emilia abzugeben, bevor ich Tereſia um ih⸗ ren Rath gefragt haͤtte. Bei meiner Ruͤckkunft winkte ich ihr und ertheilte ihr in ihrem Zim⸗ mer Don Florez Antwort nebſt ſeiner hinzuge⸗ fuͤgten Bemerkung:„Er hoffe eben ſo gluͤcklich zu werden, als Don Perez am vorigen Abende geweſen ſey. Sie erroͤthete vor Schaam und Unmuth; ſodann erzaͤhlte ich ihr, wie ich Don Perez begegnet ſey und was zwiſchen ihm und mir vorgefallen war, gab ihr deßen Brief und fragte ſie ob ich den abgeben ſolle, oder nicht. Haſtig riß ſie auf ihn; er lautete ſo:„Wie kann ich meiner angebeteten Emilia fuͤr ihre Guͤte in der vergangenen Nacht meinen Dank genuͤgend ausdruͤcken? Sag' mir, theuerſter Engel, wann ſoll ich das Gluͤck haben, Dich wieder im Salon zu treffen. Bis Du mir dieſe Gunſt wieder erzeigſt, wird mein Leben eine Leere ſeyn.“ 4 „Pedro,“ ſagte ſie,„Du haſt mir wahrlich einen Dienſt geleiſtet, Du biſt mein Retter ge⸗ 1 4 — 185— weſen, wie kann ich Dir das jemals vergu⸗ ten?“ „Gib mir fuͤr dieſesmal doppelt ſo viel Kuͤße?“ antwortete ich. „Tauſende will ich Dir geben,“ erwiederte ſie, kuͤßte und ſegnete mich, wobei ihr die Thraͤnen uͤber die Wangen herabliefen; dann nahm ſie ein Stuͤck Papier, ahmte Perez Hand⸗ ſchrift nach und ſchrieb dieſe Worte:„Ich muß mich Deinen Wuͤnſchen unterwerfen Dona Emilia; waͤhrend Deine Schweſter Don Florez gluͤcklich macht, muß ich die Strenge Deiner Denkweiſe erdulden. Doch hoffe ich immer noch Du werdeſt nachgiebiger werden, ich bin hoͤchſt elend; ſchreibe mir wenn Dir noch ein wenig Liebe uͤbrig blieb fuͤr Deinen Anbeter Perez.“ „Trag dies zu Emilia, mein ſuͤßer Junge. Was kann ich thun um Dich zu belohnen?“ „Ei, Du mußt mein Geld in Verwahrſam nehmen,“ ſagte ich,„denn wenn meine Herrin es bei mir faͤnde, waͤre ich nicht im Stande ihr zu ſagen, wie ich dazu gekommen bin.“ Schmerzlich laͤchelte ſie, als ſie meine Dublonen 5— 186— empfing und die in einem Schmuckkaͤſtchen ver⸗ ſchloß;„ich will zu Deinem Reichthume bei⸗ tragen, Pedro,“ ſagte ſie. „Nein,“ gab ich zur Antwort,„von Dir nichts als Kuͤße.“ Nun erzaͤhlte ich ihr noch, weshalb ihre Tante mir die zwei Realen ge⸗ geben haͤtte, und wir trennten uns. Ich gab das Vriefchen an Donña Emilia, die mir Nach⸗ mittags eine Antwort in die Hand ſteckte, ich wollte aber nichts ohne Thereſias Wißen thun, und ich dachte mir, dadurch koͤnne ſehr moͤg⸗ licher Weiſe das Unheil gut gemacht werden, welches mein Mißgriff veranlaßt hatte. So trug ich denn Emiliens Antwort an ihren Geliebten zu Dona Thereſia, und ſagte dieſer, was ich mir gedacht hatte. Mein lieber Pedro, ſagte ſie,„Du biſt in der That ein Kleinod fuͤr mich.“ Dann oͤffnete ſie Emiliens Brief der ſo lautete: 1 „Du klagſt mich einer Haͤrte an, die ich nicht verdiene. Der Himmel weiß, daß mein Herz nur zu hingebend iſt. Ich will eine Zuſammen⸗ kunft anordnen, ſobald es mir moͤglich iſt; aber die Tante iſt argwoͤhniſch, wie ich Dir fruͤher — ſchon ſagte, und ich kann es nicht uͤber mich gewinnen, mich wie Tereſia der Gefahr einer Entdeckung auszuſezen.“ Dieſes Schreiben zerriß Tereſia und ſchrieb dafuͤr folgendes:„Wenn eine Frau das Un⸗ gluͤck hat, dem Flehen ihres Geliebten zu vie⸗ les nachzugeben, dann wird er anmaßend und verlangt als ein Recht, was doch nur ganz allein Gunſt ſeyn kann. Ich denke, was in der Dunkelheit geſchah, ſollte eben ſo ver⸗ ſchloßen in der Bruſt und ſo lautlos auf der Zunge bewahrt werden. Ich ſage Dir ganz offen, daß ich es fuͤr eine Beleidigung halten werde, wenn Du jemals von der Zuſammen⸗ kunft des geſtrigen Abends ſprichſt; und um Dich fuͤr Dein hochmuͤthiges Abfordern einer zweiten zu beſtrafen, werde ich Dich ganz mit mneiner fruͤhern Zuruͤckhaltung behandeln. Ver⸗ giß nicht, daß die leiſeſte Anſpielung darauf, auch wenn wir uns ganz allein befinden, das Zeichen Deines Abſchiedes ſeyn wird. Weil ich unbedingten Gehorſam fuͤr meinen Befehl erwarte, ſo will ich Dich ferner nicht ſtra⸗ fen, wenn Du mich nicht wieder beleidigeſt. 188— Wenn es mir gefaͤllt Dich zu ſehen, will ich es Dich wißen laßen, bis dahin 3 Deine... Dieſes Schreiben trug ich zu Don Perez, in deßen Geſellſchaft ich Don Florez traf, denn Beide lebten in der vertraulichſten Freundſchaft und hatten keine Geheimniße voreinander. Pe⸗ rez oͤffnete den Brief und ſchien nicht wenig erſtaunt;„lies das Florez und ſag mir, ob Frauen nicht Raͤthſel ſind!“ Florez las und gab zur Antwort:„So liebe ich ihre Entſchloßenheit; manche Frauen wuͤr⸗ den vor Angſt, Du koͤnnteſt ſie verlaßen wol⸗ len, den Tod nehmen; ſie dagegen meint, Du haͤtteſt ihr nun noch groͤßere Verpflichtungen als vorher, und ſie uͤbt ihre Herrſchaft uͤber Dich aus. Ich rathe Dir, ihre Weiſungen puͤnktlich zu erfuͤllen, wenn Du ihre Liebe Dir zu erhal⸗ ten wuͤnſcheſt.“ „Es ſcheint mir Du haſt recht, Ploriz, und da wir nach der Heirath die Herren und Mei⸗ ſter ſind, ſo iſt's nicht mehr als billig, daß ſie vorher ihre uneingeſchraͤnkte Herrſchaft aus⸗ uͤben. Ich fuͤhle mich mehr zu ihr hingezogen — 189— als je; und wenn es ihr gefaͤllt die Tyrannin zu ſpielen, ſo mag ſie das thun. Sie beweiſt ihre Klugheit dadurch; denn uns entfernen iſt der einzige Weg, um uns zu fortgeſezter Be⸗ werbung anzulocken.“ Ich kehrte zuruͤck und uͤbergab einen Brief von Don Perez an Emilia, in welchem er ſeinen Entſchluß ausſprach, ihren Wuͤnſchen zu gehorchen, zugleich erzaͤhlte ich an Tereſia, was die beiden Caballeros miteinander ge⸗ ſprochen hatten. „Dank ſey Deiner Klugheit und Verſchmizt⸗ heit, mein lieber kleiner Pedro, bis jezt geht Alles gut; indeßen mag es noch entdeckt wer⸗ den; denn ich will Dir nur geſtehen, daß meine fuͤr Don Florez beſtimmte Zaͤrtlichkeit in der vergangenen Nacht durch Dein Verſehen und bei der Dunkelheit und dem vorgeſchriebenen Schweigen an den Bewunderer meiner Schwe⸗ ſter vergeudet wurde. Doch hoffe ich, es wird Alles gut gehen, und ich werde fuͤr ein unbe⸗ abſichtigtes Ungluͤck nicht leiden.“ An dieſem Abende ward Don Florez von Tereſſa im Salon empfangen; am folgenden — 190— Morgen ſaß ich wie gewoͤhnlich bei meiner Herrin, als dieſe fragte:„Nun Pedro, haſt Du was entdeckt?“ „Ja, Seſora,“ ſprach ich. Was iſt's, Kind?“ „Ein Caballero bat mich einen Brief zu be⸗ ſtellen, aber ich wollte nicht.“ „An wen, Kind? „Das weiß ich nicht, weil ich mich wei⸗ gerte, ihn in die Hand zu nehmen.“ „Ganz recht, Pedro; wenn er Dir wieder einen Brief geben will, ſo nimm ihn an und bring ihn mir.“ „Das ſoll geſchehen, Señora.“ „Hier haſt Du zwei Realen, Kind; ſind die lezten die ich Dir ſchenkte, ſchon ausgege⸗ ben?“ 1 Ich verließ das Zimmer; außen begegnete mir Dona Emilia und ſteckte mir einen Brief in die Hand. Dieſen trug ich zuerſt zu meiner Freundin Tereſia; ſie oͤffnete ihn und las: „Endlich hat meine Liebe meinen Entſchluß uͤberwaͤltigt, und ich willige ein Dich zu ſehen. Es gibt keinen andern Ort dazu als den Sa⸗ — 191— lon. Huͤte Dich mich nicht zu beleidigen, ſonſt iſt es zum lezten Male.“ „Der mag hingehen, Pedro,“ ſagte Tereſia, „und im Zuruͤckkommen kannſt Du bei Don Florez vorgehen.“ Ich uͤberlieferte den Brief an Don Perez, und bevor er ihn noch zu Ende geleſen, trat Don Florez in ſein Zimmer und rief aus: „Wuͤnſche mir Gluͤck, mein theurer Freund, ich bin ganz ſo guͤtig empfangen worden, als ich nur wuͤnſchen konnte.“ „Und meine Schoͤne hat nicht lange Zeit ge⸗ braucht um ſich zu erweichen,„antworteke Perez,„denn fuͤr dieſen Abend erhalte ich eine Zuſammenkunft. Pedro, ſage Du Deiner Herrin, daß ich nicht ſchreibe, daß ich ſie aber ſegne fuͤr ihre Guͤte und nicht verfehlen werde zu erſcheinen. Verſtehſt du? Was zoͤgerſt Du noch? O, kleiner Spizbube, ich merk's“— er warf mir eine Dublone zu—„Don Florez, Du gibſt dem Knaben zu viel Geld; nun bin ich genoͤthigt, das naͤmliche zu thun.“ Don Florez lachte und ich ging. Auf dieſe Weiſe ſezte ich meinen Dienſtberuf eine Weile — 1⁰2— fort, bis die alte Dame erkrankte und ſtarb. Ihr Vermoͤgen hatte ſie ihren beiden Nichten zugetheilt, die nunmehr unabhaͤngig waren und ihre Liebhaber heiratheten. Mich hatte die alte Seüora in ihrem Teſtamente vergeßen und ich waͤre in die Welt hinausgeſtoßen, haͤtte Dona Tereſia ſich meiner nicht angenom⸗ men. Dieſe machte mich ſogleich zu ihrem Pa⸗ gen. Nun war ich wieder ganz ſo gluͤcklich als zuvor, obgleich nach vollzogenen Heirathen keine Dublonen mehr in meine Haͤnde ſielen. Es ſchien, Don Perez befuͤrchtete dermaßen Dona Emilia zu beleidigen, daß er bis nach der Hochzeit gar nicht wagte von der Zuſam⸗ menkunft zu reden, die er, wie er waͤhnte, mit ihr im Gartenſaale gehabt hatte; als Ehe⸗ mann glaubte er ſich aber dieſe Freiheit nehmen zu koͤnnen und ſcherzte mit ihr uͤber den Gegen⸗ ſtand. Dona Emilia gerieht in aͤußerſtes Stau⸗ nen und erklaͤrte auf das allerbeſtimmteſte daß dem nicht ſo ſey; wiewohl er anfangs uͤber ihr Ablaͤugnen lachte, erinnerte er ſich doch, ihre Briefe zu beſizen, nahm dieſe hervor und zeigte ihr den einen, in welchem ſie ihm un⸗ —.,—— — 193— terſagt hatte, uͤber dieſe Angelegenheit zu re⸗ den. Sie betheuerte, es ſey ihre Handſchrift nicht, und dieſes anſcheinende Geheimniß ſezte ſie in Unruhe. Als ſie anfuͤhrte, daß Tereſia an eben dem Abende zugeſagt hatte, Don Flo⸗ rez im Gartenſaale zu empfangen, antwortete Perez: „Ganz im Gegentheile empfing der von Dona Tereſia einen Brief, in welchem ſie ihm die Zuſammenkunft abſchlug, waͤhrend mir zu gleicher Zeit dieſe Beſtellung von Dir uͤber⸗ geben wurde.“ Emilia zerfloß in Thraͤnen und erwiederte: „Ich ſehe nun wie es zuſammenhaͤngt, aus Irrthum hat der Page den Brief, welchen ich Dir ſchrieb, an Don Florez gegeben und Te⸗ reſias Schreiben kam in Deine Hand. Du haſt dieſen Umſtand zu einem unwuͤrdigen Vortheile benuzt, um mit meiner Schweſter eine Zuſam⸗ menkunft zu halten. Verſuche nur nicht, mich glauben machen zu wollen, Du haͤtteſt den Irrthum nicht erkannt, als ſie Dich im Sa⸗ lon empfing, und auch ſie mußte Dich ja von Don Florez unterſcheiden koͤnnen. Grauſame I. 13 — 194— Schweſter, mir mein Gluͤck ſo zu rauben! Und Du, Verraͤther, der auf ſolche Weiſe mich und den Freund betriegen konnte!“ Don Perez ſuchte ſeine Frau, ſo viel ihm maoͤglich zu beruhigen, doch Alles war umſonſt. Ihre Eiferſucht, ihr Stolz und auch ihre Ge⸗ wißenszweifel waren angeregt, ſie wollte nicht auf Vernunftgruͤnde, noch auf Betheuerungen hoͤren. Wiewohl Perez ſich beinahe uͤberzeugt hielt, die Sache ſey wirklich ſo, wie ſeine Frau die Umſtaͤnde angegeben hatte, ſo wollte er doch Gewißheit haben und mit mir davon re⸗ den. Er kam zu Don Florez Hauſe, verweilte kurze Zeit mit ihm und ſeiner Frau, ſchien aber ſo unmuthig, daß ſie ihn befragten, ob er viel⸗ leicht unwohl waͤre, ging bald nachher und gab mir ein Zeichen ihm zu folgen. Nun ſprach er uͤber den ganzen Hergang mit mir und be⸗ fragte mich um die Ablieferung der Briefe. Ich hielt mich uͤberzeugt, daß es zwiſchen ihm und ſeiner Frau zu einer Erklaͤrung gekom⸗ men ſey, und dachte nur allein daran, wie ich Dona Tereſia retten moͤgte. „Señer Don Perez,“ ſagte ich,„ob es — 195— wahr iſt, was Doſta Emilia ſagt, weiß ich nicht, daß Ihr aber mit Dona Tereſia nicht zuſammen getroffen ſeyd, kann ich bezeugen, denn an dem Abende war ich bei ihr in ihrem Zimmer und ſpielte Piket mit ihr um Bonbons, bis ſie zu Bette ging.“ „Wer koͤnnte es denn geweſen ſeyn?“ be⸗ merkte er. „Das kann ich unmoͤglich wißen, denn ich ging die Treppe nicht wieder hinab, weil ich fuͤrchtete, meine Herrin, die mich zu Bett ge⸗ ſchickt hatte, moͤgte mich ausſchmaͤlen, wenn ſie gewahrte, daß ich noch nicht ſchliefe. Deshalb vermag ich nicht zu ſagen ob Dona Emilia bei Euch war, oder nicht.“ Don Perez dachte einige Zeit nach, und ge⸗ langte endlich zu dem Schluße, daß ſeine Frau ſich ſchaͤme, weil ſie in einem unbewachten. Augenblicke zu hingebend gegen ihn geweſen ſey, und dies nun nicht eingeſtehen wolle. In⸗ zwiſchen war er bei weitem noch nicht zufrieden geſtellt. Er ging nach ſeinem Hauſe zuruͤck um ſeiner Frau zu ſagen, was er erfahren hatte, fand aber ſie ſey ausgegangen ohne anzugeben — 496— wohin. Sobald Don Perez fort ging, begab ich mich eilends zu meiner Herrin, um der zu ſagen was vorgefallen ſey, und was ich eben darüßer erzaͤhlt hatte. „Ich danke Dir fuͤr Deine gute Abſicht, Pedro, beſorge aber, daß Alles entdeckt werden wird. Das iſt die Strafe meiner Thorheit und Unbeſonnenheit.“ Doſa Emilia hatte inzwiſchen ihre Zuflucht in einem Kloſter genommen, und ſchickte von dort aus zu Don Florez. Dieſer fand ſie im Sprachzimmer des Kloſters, in Thraͤnen ge⸗ badet. In ihrer Eiferſucht hielt ſie ſich uͤber⸗ zeugt, daß ihre Schweſter eine Neigung fuͤr Don Perez naͤhre und daß ein gegenſeitiges Verſtaͤndniß unter ihnen beſtehe; alle dieſe Um⸗ ſtaͤnde eroͤffnete ſie dem Don Florez, zeigte ihm, wie verrathvoll ſie Beide behandelt wa⸗ ren und erklaͤrte ihm ihre Abſicht, ſich ganz in's Kloſter zuruͤckzuziehen. Faſt wahnſinnig vor Schmerz rief Don Flo⸗ rez aus:„alſo deshalb entfernte ſie mich in jener Nacht und war am naͤchſten Abende ſo hingebend gegen mich. Verdammter Narr, der 82 — 197— ich geweſen bin; doch dem Himmel ſey's ge⸗ dankt, noch iſt's nicht zu ſpaͤt zur Rache. Don Perez, das ſoll Dir theuer zu ſtehen kommen.“ Mit dieſen Worten verließ er Emilia, unſchluͤ⸗ ßig, ob er ſeine Rache zuerſt an Don Perez auslaßen ſolle, oder an ſeiner Frau. Dieſer Zweifel ward aber ſchnell entſchieden, denn an der Kloſterpforte begegnete ihm Don Perez, der erfahren hatte, daß ſeine Frau ſich dahin begeben habe. „Du biſt's Don Perez, den ich ſuche, ver⸗ raͤtheriſcher Boͤſewicht, ehrloſer Menſch!“ „Nicht alſo, Don Florez; ein Ungluͤcklicher bin ich, dem ein grauſamer Irrthum den Ver⸗ ſtand faſt raubt. Nimm Deine Worte zuruͤck, ſie ſind ungerecht!“ „Ich will ſie nicht zuruͤcknehmen, ſondern ſie mit der Spize meines Degens behaupten. Wenn Du nicht eben ſo feige, als ſchurkiſch biſt, wirſt Du mir folgen.“ „Solche Sprache laͤßt keine andere Erwie⸗ derung zu— ich folge Dir,“ rief Don Perez. Schweigend gingen die beiden Schwaͤger zu einem nahegelegenen Anger, warfen ihre Maͤn⸗ tel ab, und fochten gleich wuͤthenden Daͤmonen. Der Sieg entſchied ſich fuͤr Don Perez; ſein Degen durchſtieß das Herz des Gegners, der keinen Laut mehr von ſich gab. Mit ernſtem Antlize betrachtete er den Niedergeſtoßenen, reinigte ſeinen Degen, nahm ſeinen Mantel, und ging gradesweges zu Don Florez Hauſe. Ich war allein bei Dona Tereſia, als er ein⸗ trat und dieſer ſagte:„ich fordere Dich auf die Wahrheit zu ſagen, ſo theuer Dir Deine Erloͤſung am Tage des ewigen Gerichtes iſt. Warſt Du es, die ich durch ein unſeliges Ver⸗ ſehen eines Abends im Gartenſaale antraf, und wurden Deine, fuͤr Don Florez beſtimm⸗ ten Liebkoſungen, mir ertheilt!“ Sein Anblick verrieth eine ſo ſchreckhafte Wildheit, daß ſie vor Entſezen erbebte und ſtammelnd ſprach:„zur Strafe meiner Suͤnde iſt es wahr; aber Du weißt nur zu wohl, daß mein Herz nicht falſch war, wenn ich gleich meine Unbeſonnenheit zu bemaͤnteln ſuchte, ſo⸗ bald ich meinen Irrthum erkannt hatte.“. „Weib, waͤrſt Du ſo tugendhaft geweſen, wie Deine Schweſter, ſo waͤre alle dies Un⸗ — 199— heil nicht entſtanden und Dein Gatte laͤge nun nicht eine Leiche, von der Hand ſeines Bruders getoͤdtet.“ Tereſia fiel in Ohnmacht und Perez verließ auf der Stelle das Haus. Ich eilte zu ihrer Huͤlfe, und es gelang mir, ſie in das Leben zuruͤck zu rufen.. „Es iſt nur zu wahr,“ ſprach ſie ſchmerzlich, „Verbrechen ſindet immer ſeine Strafe in die⸗ ſer Welt oder in der andern. Weil ich meiner Liebe geſtattete, die Vorſchriften der Tugend zu uͤberwinden, weil ich zu zaͤrtlich meinen Gatten liebte, bin ich ſeine Moͤrderin geworden. O mein Gott, ihn mordete ich, und zwei Andern machte ich ihr Leben ſo zur Laſt, wie mein eigenes mir ſeyn wird. Arme, geliebte Schweſter, wo iſt ſie?“ Ich ſuchte aus allen Kraͤften ihr Troſt einzuſprechen, doch vergebens; ſie wuͤnſchte von mir nur, daß ich den Aufenthalt ihrer Schweſter erfragen und ihr anzeigen ſolle. Ich ging zu dieſem betruͤbten Geſchaͤft aus, und begegnete den Leuten die Don Florez Leiche hereintrugen. Mir ſchauderte, als ich dieſer — 200— vorbeiging, weil ich bedachte, welche Haupt⸗ rolle ich bei dieſer Tragoͤdie geſpielt hatte. Bald erfuhr ich Emilia's Aufenthalt im Kloſter, und benachrichtigte meine Gebieterin. Sie huͤllte ſich in tiefſte Trauer, gebot daß ich ihr folgen ſolle, klopfte an der Kloſterpforte, fragte nach der Superiorin und erhielt Einlaß. Die Superiorin 3 kam zum Sprachzimmer um Doha Tereſia zu empfangen, wuͤnſchte aber nicht daß jemand in das Kloſter kaͤme, ſo lange Emilias Zuſtand des Jammers und der Verzweiflung fortdaure. „Es iſt meine Schweſter die zu ſehen ich hier kam, Sie duͤrfen mir das nicht abſchlagen, fuͤhren Sie mich zu ihr, und ſeyen Sie Zeugin unſers Erkennens, wenn es Ihnen ſo gefaͤllt.“ Die Superiorin konnte nicht ahnen, daß Emilia ſich geweigert haben wuͤrde ihre Schwe⸗ ſter vorzulaßen, fuͤhrte dieſe zu ihr, und ſo⸗ bald Emilia ſie erkannte, ſtarrte ſie mit Ab⸗ ſcheu vor ihr zuruͤck.. „Emilia“ ſprach meine Gebieterin„eine Mutter gebar uns, als Kinder lebten wir zu⸗ ſammen, wurden mit einander erzogen, nie hat⸗ ten wir Geheimniße vor einander, bis dieſer — 201— unſelige Irrthum geſchah. Auf meinen Knieen beſchwoͤre ich Dich, mich anzuhoͤren und zu glauben, was ich Dir ſage.“ „Rechtfertige Dich vor Deinem Gatten, Te⸗ reſia; es iſt noͤthiger ihn zufrieden zu ſtellen als mich.“ „Ich habe keinen Gatten; er ſteht jezt vor Gott, denn er ſiel durch den Degen des Dei⸗ nigen.“ Emilia erbebte. „Ja Emilia, theure, geliebte Schweſter, es iſt nur zu wahr, und noch ausgemachter, daß Du ſeinen Tod verurſachteſt. Emilia, bereite mir den Tod nicht ebenfalls dadurch, daß Du nicht glauben wollteſt was ich betheuere ſo wahr ich auf die ewige Seligkeit hoffe, daß ich naͤmlich jenen Irrthum nicht ahnete, bis der Page ihn mir am folgenden Tage ver⸗ rieth. Kennteſt Du die Schaam, den Kummer, die Furcht vor Entdeckung, welche mein gan⸗ zes Weſen folterten, ſobald ich die Gewißheit des vorgegangenen Irrthums erlangte, ſo wuͤr⸗ deſt Du mir den Verſuch verzeihen, einen Fehl⸗ tritt zu bemaͤnteln, deßen Bekanntwerden An⸗ — 202— dere eben ſo elend gemacht haben wuͤrde, als mich ſelber. Sag mir, daß Du es glaubſt, daß Du mir verzeiheſt, o meine Emilia, kannſt Du Deiner Schweſter nicht verzeihen?“ Emilia antwortete nicht, Tereſia umklam⸗ merte ihre Kniee und ſchluchzte krampfhaft. In dieſem Augenblick trat Don Perez herein, der Zutritt erlangt hatte, um ſeine Frau zu ſehen, er trat zu den beiden Schweſtern, die in der beſchriebenen Stellung blieben und ſprach: „Dir Tereſia, die Du Urheberin des unſeligen Unfalles biſt, will ich keine Vorwuͤrfe machen. Deine Strafe iſt groͤßer, als Dein Vergehen. Aber Dich Emilia muß ich anreden, Dich, die weil Du den Worten der Wahrheit nicht glaubteſt, mich dazu gebracht hat, meinen beſten Freund, meinen Bruder zu erſtechen, ihm das Leben zu nehmen, nachdem ich ihn zuvor unwißend im zarteſten Punkte verlezt hatte. Biſt Du jezt zufrieden? Iſt Dir's ge⸗ nug, durch Deine Ungerechtigkeit, durch Deinen unwuͤrdigen Argwohn meine Tage verbittert zu haben— genuͤgt es Dir, Deine ungluͤck⸗ liche, doch nicht ſtrafbare Schweſter zu einer ——᷑—O—ꝭQQKQ˖QnQPy,— ——˖—᷑—᷑—᷑———V—˖—V———- — 203— trauernden, verlaßenen Wittwe gemacht zu ha⸗ ben, die jezt vergebens Verzeihung zu Deinen Fuͤßen erflehet— iſt Dir's genug, den Tod Deines angeheiratheten Bruders, ihres Gatten, meines Freundes herbeigefuͤhrt zu haben?— Sprich, biſt Du befriedigt oder verlangt Dein Unglaube noch mehr Opfer?“ Emilia antwortete nicht, ſondern blieb mit abgewandtem Geſichte in ihrer vorigen Stel⸗ lung.— „Dann ſey es,“ fuhr Don Perez fort, und be⸗ vor irgend jemand ſeine Abſicht errathen konnte, hatte er ſein Schwerdt gezogen und ſich hinein geſtuͤrzt;„jezt mag das Opfer meines Lebens Dir als Beweis meiner Aufrichtigkeit gelten. So wahr ich auf die goͤttliche Verzeihung hoffe, ſprach ich Wahrheit;“ er ſank nieder und war todt. Bei ſeinem Falle ſchreckte Emilia auf und warf ſich voller Entſezen und Jammer neben ihn hin. Der Schleier, mit dem die Leidenſchaft ihr Auge geblendet, war zerrißen, als ſie das lezte troſtloſe Ergebniß ihres Mißtrauens ge⸗ wahrte. Sie warf ſich in Todesangſt uͤber Perez * — 204— Leiche hin und rief:„Ja, Perez, ich glaube, ich glaube Dir. O! wahrlich ich glaube Dir; rede Perez, rede zu mir. O mein Gott! er ſtirbt.— Schweſter komm', komm' herbei— er will mit Dir reden— er zuͤrnt Dir nicht— Schweſter, Schweſter ſprich!— O Gott, o barmherziger Gott, ich habe ihn getoͤdtet!“ rief ſie in Verzweiflung aus und zerſtieß ihren Kopf gegen den Fußboden. Tereſia eilte zu ihr, faßte ſie in ihre Arme und ihre Thraͤnen floßen. Lange dauerte es, bis ſte den Gebrauch ihrer Vernunft wieder erlangte, dann milderte ein Strom von Thraͤnen ihre Qual. „Wer iſt's? Du Tereſia— guͤtige Schweſter, die ich ſo hart behandelte— ich glaube Dir— ja ich glaube Dir. Verzeihe mir, Gott! und verzeihe Du mir— kuͤße mich, ſag' mir, daß Du verzeiheſt— bin ich nicht genug beſtraft?“ „Ich allein bin die Schuldige,“ weinte Tere⸗ ſia.„O wie gottlos, wie leichtſinnig bin ich geweſen!“ 1 „Nein Schweſter„gering iſt Dein Vergehen im Vergleich zu dem Meinigen; Du geſtatteteſt der Leidenſchaft Dich zu uͤberwinden; doch ſie — 205— floß aus einem Übermaße von Liebe vom ſchoͤn⸗ ſten Gefuͤhle unſeres Lebens, dem einzigen himm⸗ liſchen Überbleibſel ſeit unſerm Suͤndenfalle.— Auch ich erlaubte meiner Leidenſchaft mich zu uͤberwaͤltigen; doch woraus entſtand dieſe?— Aus Haß und Eiferſucht, aus Gefuͤhlen, welche Daͤmone uns einpflanzten, und die da, wo ſie herrſchen, die Hoͤlle erzeugen. Aber es iſt ge⸗ ſchehen, die Reue kommt zu ſpaͤt.“ Die ungluͤcklichen Schweſtern umarmten ſich und weinten; kaum brauche ich zu ſagen, daß auch die Abtiſſin und ich, unſere mitleidigen Thraͤnen bei dieſem ergreifenden Auftritte nicht zuruͤckhalten konnten. Als der Abend dunkelte, trennten ſie ſich, um Beide die naͤmliche jam⸗ mervolle Pflicht des Wachens bei den Leichen ihrer Gatten zu erfuͤllen, und dieſe mit ihren Thraͤnen zu baden. Wenige Tage nach der Beerdigung ließ Emilia ihre Schweſter zu ſich bitten; nach einer zaͤrtlichen Unterredung mit ihr nahm ſie den Schleier in eben dem Kloſter, wohin ſie ſich anfangs zuruͤckgezogen hatte, und uͤbertrug der Kirche ihr Vermoͤgen. Tereſig ward nicht Nonne, ſondern widmete ihr Leben den thaͤ⸗ Plaͤne fuͤr die Zukunft zu entwerfen. Die Mut⸗ — 206— tigern Pflichten der Mildthaͤtigkeit und Men⸗ ſchenfreundlichkeit— doch ihr Herz war ge⸗ brochen und ſie zehrte ſich allmaͤhlig auf. Drei Jahre lebte ich bei ihr— da ſtarb ſie, hinterließ mir eine betraͤchtliche Summe; das Übrige ihres großen Reichthums verordnete ſie zu milden Stiftungen. Seitdem ſind etwa fuͤnf Jahre vergangen, die ich von meinem Gelde zehrend verlebt habe; es iſt jezt durch meinen gefuͤhr⸗ ten Aufwand faſt geſchwunden. Doch konnte nur allein der auf meiner Geburt haftende Ma⸗ kel meinen Geiſt niederbeugen; dieſen Kummer hat die Vorſehung geendet, und ich vertraue darauf, einer Mutter keine Schande zu machen, die mich ſo guͤtig anerkannt hat, noch auch dem theuern Maͤdchen, das mich mit ihrer Zunei⸗ gung begluͤckte. Meine Mutter und Clara dankten mir, als ich mit meiner Erzaͤhlung zu Ende war; wir ſaßen bis ſpaͤt in die Nacht, um uns uͤber Familien⸗Angelegenheiten zu beſprechen und — 207— ter ſagte mir, daß ſie die Guͤter nur fuͤr ihre Lebenszeit beſize und daß dieſelben bei ihrem Tode einem Vetter von ihr zufielen; doch habe ſie eine betraͤchtliche Summe Geldes aufgelegt, welches fuͤr Clara als Heirathsgut beſtimmt geweſen; auch hoffe ſie dieſe vor ihrem Toͤde noch anſehnlich zu vermehren. Weil ich Vſahn Sevilla ſobald als moͤglich zu verlaßen, der Gefahr des Erkanntwerdens zu enngehens ſchlug ich vor eines der Guͤter in der Naͤhe von Carthagena zu beziehen, wodurch wir nicht nur viel erſparen, ſondern auch zur Erhoͤhung meines Gluͤckes beitragen koͤnnten, das ich al⸗ lein mit ihr und mit Clara doppelt genießen wuͤrde. Dieſen Vorſchlag bewilligten Beide fren⸗ dig, nicht nur der angegebenen Urſachen we⸗ gen, ſondern auch, weil meine Mutter einſah, daß die Fragen nach mir ihren Ruf benach⸗ theiligen wuͤrden. Noch vor Ablauf von vierzehn Tagen verließen wir Sevilla und zogen auf's Land, wo ich durch Clara's Beſtz gluͤcklich ge⸗ macht wurde. Von jezt an hielt ich mich vor jeder Entdeckung geſichert, und wiewohl ich ein trugvolles Leben gefuͤhrt hatte, beſchloß ich doch — 208— durch mein gutes Betragen in der Zukunft, die Vergangenheit gut zu machen. Mogte Doſta Celia meine Mutter ſeyn oder nicht, mein Ge⸗ fuͤhl fuͤr ſie war, als ſey ſie wirklich meine Mutter und bald ward mir dieſer Glaube durch Gewohnheit zur ausgemachten Thatſache. Clara war ſo gut und ſo zaͤrtlich wie ich wuͤnſchen mogte, und fuͤnf Jahre hindurch lebte ich voll⸗ kommen gluͤcklich. Doch das ſollte ſo nicht fort⸗ dauern, fuͤr meinen Betrug ſollte ich geſtraft werden. Meine Heirath mit Clara, ſo wie das bewahrte Geheimniß meiner Geburt, hatten den Erben der Guͤter beleidigt, der ſich Hoffnung zu einer Verheirathung mit Clara gemacht hatte, um ſich das Geſammt⸗Eigenthum zu ſichern. Von Zeit zu Zeit kamen wir zuſammen, doch trafen wir uns nur mit Groll im Herzen, denn ich erwiederte ihm die Haͤrte ſeines Betragens gegen mich. Aus Furcht entdeckt zu werden, hatte ich die Muſik ſeit meiner Verheirathung gaͤnzlich vernachlaͤßigt, hatte ſtets behauptet ich koͤnne nicht ſingen. Sogar meine Frau hatte keine Ahnung von meinem Talente; und ob⸗ gleich ich in der lezten Zeit gar keine Furcht — 209— mehr empfand, wollte ich doch keine Anlage zeigen, die ich bisher abgelaͤugnet hatte, weil ich den Grund zu der Verheimlichung weder meiner Frau, noch meiner Mutter anzugeben vermogte, ohne den Betrug einzugeſtehen, deßen ich mich ſchuldig gemacht hatte. In einer großen Abendgeſellſchaft war ich mit meinem Vetter, dem Erben der Guͤter, zuſammen gekommen. Wir waren ungemein froͤhlich und heiter, und hatten bedeutend mehr Wein, als gewoͤhnlich getrunken. Der Wein war feurig und wirkte faſt auf Alle An⸗ weſende. Man begann zu ſingen; froͤhlich wurde die Nacht durchlebt, und immer mehr Gaͤſte erſchienen. Mein Vetter war ſehr belebt vom Genuße des Weines und brachte mehre boshafte, auf mich gemuͤnzte Bemerkungen vor. Eine Zeitlang gab ich nicht Acht darauf, weil er aber fortfuhr, antwortete ich in einer Art, die ihn entruͤſtete. Auch mein Blut kochte, doch das Einſchreiten gegenſeitiger Freunde beruhigte uns fuͤr den Augenblick, und wir begannen wiederum zu trinken. Mein Vetter ward aufgefordert zu ſingen; er beſaß eine ſchoͤne I. 14 — 210— Stimme und gefallenden Vortrag; lauter Bei⸗ fall ward ihm geſpendet. Spoͤttiſch ſagte er ſodann:„Jezt wird Don Pedro vielleicht die Geſellſchaft erfreuen wollen, obgleich die beſte Art ſie zu verbinden darin beſtehen moͤgte, dasjenige nicht zu verſuchen, wozu er unfaͤhig iſt.“ Dieſer Hohn verlezte mich tief; vom Weine demeiſtert, vergaß ich die Klugheit. Ich riß ihm die Guitarre aus der Hand; nach einem Vorſpiele, welches der Zuhoͤrer Erſtaunen er⸗ regte, begann ich eines meiner beſten Lieder; ich ſang es mit dem erfolgvollſten Ausdrucke; es elektriſirte die ganze Geſellſchaft. Lauter Ju⸗ bel verkuͤndete meinen Triumph, und das Über⸗ wundenſeyn meines Verwandten. In ihrer Be⸗ geiſterung umarmten mich einige, und Alle verlangten laut die Wiederholung— aber ſobald ein Augenblick von Stille eingetreten war, hoͤrte ich eine Stimme hinter mir ſagen:„Entweder gehoͤrt die Stimme dem Moͤnch Anſelmo, oder dem Teufel!“ Dieſe Worte ſchreckten mich auf, ich wandte mich zu dem Sprechenden herum, er hatte ſi ch — 211— aber unter das Gedraͤnge gemiſcht und ich konnte nicht entdecken wer es war. Nun ge⸗ wahrte ich, daß mein Verwandter dieſem Frem⸗ den gefolgt war und verfluchte meine Unvor⸗ ſichtigkeit. Sobald ich konnte, entſchluͤpfte ich aus der Geſellſchaft und begab mich nach Hauſe. Spaͤter erfuhr ich, daß mein Vetter ſogleich ein Geſpraͤch mit der Perſon anknuͤpfte, wel⸗ che jene Bemerkung machte. Es war einer der Prieſter, die mich in Sevilla kannten. Von ihm erlangte mein Vetter die Kunde, daß Bruder Anſelmo das Kloſter vor fuͤnf Jahren verla⸗ ßen habe, und weil er nicht zuruͤckkehrte, war angenommen, ihn habe ein Unfall betroffen. Seitdem ſey aber ein anderer Umſtand entdeckt, welcher zu der Vermuthung berechtigte, daß Bruder Anſelmo ſchon lange Zeit vorher ſyſte⸗ matiſchen Betrug geuͤbt haͤtte. Deine Hoheit erinnert ſich, daß ich mich in meiner Woh⸗ nung umkleidete, um mich Dona Celia im weltlichen Gewande als Sohn vorſtellen zu koͤnnen. Meine Noͤchskutte und die falſche Tonſur verſchloß ich im Koffer mit dem Vor⸗ ſaze zuruͤckzukommen und beide zu vernichten; — 212— dies aber hatte ich gaͤnzlich vergeßen und Sevilla verlaßen, ohne nur den Schluͤßel zu meiner Miethwohnung abzugeben. Der Wirth wartete, bis der Miethzins fällig war, als er auch dann nichts von mir hoͤrte, erbrach er die Thuͤr und fand den Koffer. Die⸗ ſen ließ er oͤffnen und ſah die falſche Tonſur darin nebſt dem Moͤnchsgewande. Weil er den Kloſterorden kannte, dem dieſes Kleid angehoͤrte, und eine Unthat argwoͤhnen mogte, trug er es zu unſerm Kloſter, wo es ſogleich an der in⸗ nerhalb angebrachten Nummer als das Meinige erkannt wurde, denn alle Ordenskleidungen werden inwendig mit Zahlnummern gezeichnet; die falſche Tonſur verrieth ebenfalls, daß ich die Kloſterregel verlezt haben muͤße, und von dem Augenblicke an wurden die ſtrengſten Nach⸗ forſchungen, wiewohl bisher vergeblich ange⸗ ſtellt.— Sobald mein rachſuͤchtiger Vetter dieſe Nachrichten eingezogen hatte, begab er ſich nach Sevilla, um genau den Tag zu er⸗ fahren, an welchem ich das Kloſter verlaßen hatte, und er fand, es ſey genau vierzehn Tage vor Dona Celias Abreiſe von Sevilla —— — 213— geweſen. Zu meinem Wirthe begab er ſich ebenfalls um naͤhere Erkundigungen einzuzie⸗ hen; dieſer ſagte aus, die Zimmer waͤren von einem Moͤnche fuͤr deßen Bruder gemiethet wor⸗ den, der ſie auch bewohnt habe. Er beſchrieb die Perſon dieſes Bruders und ſeine Angabe paßte ganz zu meiner Perſoͤnlichkeit; nun war mein Vetter vollends davon uͤberzeugt, daß der Moͤnch Anſelmo und Don Pedro nur eine Perſon waͤren. Sogleich benachrichtigte er die Inquiſition. Ich lebte in dieſer Zwiſchenzeit in fortwaͤhrender Angſt. Lebhaft fuͤhlte ich, daß ich entdeckt werden wuͤrde und ſtellte Be⸗ trachtungen uͤber mein Betragen an. In der lezten Zeit hatte ich allen Betrug verſchworen, hatte taͤglich einen Schritt mehr auf der Bahn der Tugend gewonnen. Mit bitterem Schmerz⸗ gefuͤhle mußte ich eingeſtehen, daß ich alles was mich bedrohe, auch wirklich verdiene, und daß Laſter und Verbrechen fruͤher oder ſpaͤter un⸗ ausbleiblich ihren Lohn finden. Haͤtte ich gleich anfangs meine Lage der Dona Celia eingeſtan⸗ den, ſo beſaß ſie Einfluß genug, um fuͤr mich, (den ſie fuͤr ihren Sohn hielt) eine Dispenſation — 214— meiner Geluͤbde zu erwirken. Dann haͤtte ich der Welt kuͤhn unter die Augen treten koͤnnen, aber ein Betrug macht den zweiten nothwendig um jenen zu unterſtuͤzen, und auf dieſe Weiſe hatte ich mich in einem Neze verwickelt, welches endlich dazu dienen mußte, mich zu fangen. Doch jezt betruͤbte mein eigenes Schickſal mich nicht; mich jammerte meine Gattin, die ich mit wahrer Zaͤrtlichkeit liebte; mich jammerte meine(wahre oder vermeintliche) Mutter, die den Tod davon nehmen konnte. Der entſezliche, mich ſtets verfolgende Gedanke, andere eben ſo elend zu machen, als mich ſelber, trieb mich zur Verzweiflung; ich wußte nicht was ich thun ſollte. 4 Nach langem Überlegen faßte ich endlich den Entſchluß, als leztes Huͤlfsmittel meines Geg⸗ uers Großmuth in Anſpruch zu nehmen; denn wiewohl er feindlich gegen mich geſinnt war, erfuͤllte ihn doch die ganze Erhabenheit eines Spaniſchen Caballero. Ich ließ bitten benach⸗ richtigt zu werden, ſobald er von Sevilla zu⸗ ruͤckkomme; ſo wie mir dies angezeigt wurde, eilte ich augenblicklich nach ſeinem Hauſe und — 215— bat um Vorlaß. Als ich zu Don Alvarez, ſo hieß er nemlich, eintrat, ſagte er: „Sie wuͤnſchen mich zu ſprechen, Don Pedro, in dieſem Augenblicke ſind Andere in Ihrem Hauſe, welche Sie ſprechen wollen.“ Ich errieth daß er Diener der Inquiſition damit meine, ſtellte mich aber als verſtaͤnde ich die Bemerkung nicht und antwortete:„Don Alva⸗ rez, die Feindſchaft welche Sie unnachlaßend gegen mich gezeigt haben, entſtand wie ich nicht bezweifle, aus dem Schimpfe, den Ihre Familie nach Ihrer Anſicht dadurch erlitt, daß Ihre Muhme ſich mit Einem verband, deßen Abkunft unbekannt iſt. Lange Zeit habe ich Ihre ſchnei⸗ denden Beleidigungen aus Ehrfurcht vor der⸗ jenigen ertragen, die mir das Leben gab; jezt ſtehe ich im Begriff mich Ihrer Großmuth ganz hinzugeben, und wenn ich Ihnen ſage, daß ich der ungluͤckliche Sproͤßling von Dona Celia's Jugendliebe bin, welche ohne Zweifel von Ihnen gekannt iſt, ſo darf ich vielleicht Ihr Mitleid, wenn auch nicht Ihre Freundſchaft fordern, denn etwas Ihres eigenen, edlen Blutes rollt in meinen Adern.“ 43 — 216— „Das habe ich im mindeſten nicht geahnet,“ antwortete Don Alvarez, ſichtbar ergriffen, „wollte der Himmel Sie haͤtten mir fruͤher v ver⸗ trauet „Vielleicht waͤre es beßer geweſen,“ erwie⸗ derte ich,„doch erlauben Sie mir jezt meine Angabe zu erweiſen.“ Darauf erzaͤhlte ich ihm, daß ich der Moͤnch Anſelmo geweſen ſey; die Art und Weiſe, wie ich das Geheimniß meiner Geburt durch Zufall entdeckte, und die Schritte, welche ich alsdann gethan.„Ich weiß,“ fuhr ich fort,„daß ich hoͤchlich zu tadeln bin, aber meine Liebe zu Dona Clara machte mich blind gegen alle moͤgliche Folgen. Ihre ungluͤckliche Feindſchaft verleitete mich in einem unbewachten Augenblicke mich zu ver⸗ rathen, und mein Verderben iſt wahrſcheinlich das Ergebniß davon.“ „Ich erkenne die Richtigkeit Ihrer Bemer⸗ kung, nichts vermag Sie zu retten. Innig beklage ich Sie Don Pedro; aber das Ge⸗ ſchehene laͤßt ſich nicht ungeſchehen machen. Diener der Inquiſttion ſuchen Sie in dieſem Augenblicke ſchon in Ihrem Hauſe.“ Bei dieſen Worten verkuͤndete lautes Klopfen auf die Hausthuͤr, daß ſie mir hierher gefolgt waren. „So ſoll's nicht ſeyn. Don Pedro, treten Sie hier hinein.“ Don Alvarez oͤffnete eine verbor⸗ gene Thuͤr in der Wandvertaͤfelung, ließ mich hinein und hatte kaum die Zeit gehabt, dieſe wieder zu ſchließen als die Inquiſi kionswäczter eintraten. „Sie haben ihn hier, Don Alvarez, iſt's nicht ſo?“ fragte der Anfuͤhrer. „Nein, ungluͤcklicher Weiſe nicht,“ erwie⸗ derte er,„ich ſuchte ihn aufzuhalten, aber ſeine Entdeckung argwoͤhnend, ſtuͤrzte er mit gezo⸗ genem Degen gewaltſam aus der Thuͤre und ich weiß nicht nach welcher Richtung er ent⸗ flohen ſeyn mag; weit kann er aber noch nicht ſeyn— laßt alle Pferde in meinem Stalle ſat⸗ teln, um dieſen gotteslaͤſterlichen Boͤſewicht zu verfolgen. Mein halbes Vermoͤgen moͤgte ich dafuͤr aufopfern, daß er meiner Rache nicht entkomme.“ Weil Don Alvarez mein Angeber geweſen war und dieſe Worte in ſcheinbarer Zornwuth hervorſtieß, ſo empfanden die Inquiſi tions * maͤnner gar kein Mißtrauen, ſondern eilten ſein Geſuch zuerfuͤllen. Sobald ſie fort waren oͤffnete er den Wandverſchlag und ließ mich heraus. „So weit, Don Pedro, habe ich Ihnen die Aufrichtigkeit meiner Verſicherung bewieſen; was koͤnnen wir weiter thun?“ „Nur das Eine, Don Alvarez, die furcht⸗ bare Wahrheit vor meiner ungluͤcklichen Frau und meiner Mutter verbergen. Alles koͤnnte ich mit Standhaftigkeit ertragen, wenn ſie nicht waͤren.“ Weinend ſank ich auf den Sopha nie⸗ der, und Don Alvarez war geruͤhrt. „Ach, Don Pedro, jezt iſt es zu ſpaͤt, ſonſt wuͤrde ich Ihnen ſagen— welch' eine warnende Lehre muß dies fuͤr uns ſeyn, um uns zu beweiſen, daß Recht immer die beſte Richtſchnur unſeres Betragens ſey. Haͤtten Sie mir das Geheimniß Ihrer Geburt eroͤffnet, ſo waͤre es nie dahin gekommen. Statt Sie zu verfolgen, wuͤrde ich Ihr ſchuͤzender Freund ge⸗ weſen ſeyn. Was kann ich jezt thun?“ „Mich toͤdten, Don Alvarez,“ erwiederte ich und hielt ihm die entbloͤßte Bruſt hin,„fuͤr den Dienſt will ich Sie ſegnen. Mein Tod mag ——— — 219— die Meinigen bekuͤmmern, aber die Zeit wird den Gram lindern; wuͤßten ſie aber ich ſey als gotteslaͤſterlicher Betruͤger von der Inquiſi ition gemordet, ſo muͤßte Schande und Kraͤnkung ſie umbringen.“ „Ihre Anſicht iſt richtig, doch todten darf ich Sie nicht. Inzwiſchen will ich in ſo weit Ihren Wunſch erfuͤllen, daß ich der Überbringer der Nachricht von Ihrem Tode ſeyn, und lieber den grollenden Haß Ihrer Angehoͤrigen als vermeint⸗ licher Urheber deßelben auf mich nehmen will, um nur der Familie die Schmach zu erſparen.“ Aus ſeinem Schreibtiſche nahm er einen Beutel mit tauſend Piſtolen, reichte mir den und ſagte: „dies iſt alles Geld was ich augenblicklich be⸗ ſize, es wird Ihnen einige Zeit vorhalten. Ziehen Sie einen von meinen Bedientenroͤcken an und ich will mit Ihnen zu einem Seehafen, Sie auch nicht eher verlaßen, als bis ich Sie in Sicherheit weiß. Spaͤter will ich angeben, ich haͤtte Sie im ehrenhaften Zweikampf erlegt nnd die Diener der Inquiſition will ich beſtechen, damit ſie uͤber die von mir angegebenen Um⸗ ſtaͤnde ſchweigen.“ — 220— Dieſer Rath war gut und ich willigte ein; als ſein Diener folgte ich ihm, wohlbehalten kamen wir nach Carthagena, und hier ſchiffte ich mich nach Neu⸗Spanien ein. Wir gingen unter Seegel, waren aber noch nicht durch die Straße von Gibraltar, als ein Kreuzer uns angriff. Wir fochten in verzweifelnder Gegenwehr, doch die Mehrzahl uͤberwaͤltigte uns, ſie nahmen unſer Schiff in Beſiz, nachdem die Haͤlfte unſerer Mannſchaft gefallen war. In dieſem Hafen wurden wir aufgebracht und ich ward nebſt den Übrigen als Sklave verkauft. „So iſt meine Geſchichte,“ fuhr der Spanier fort,„und ich hoffe ſie hat Deiner erhabenen Hoheit einiges Vergnuͤgen gewaͤhrt.“ Des Paſchas unmittelbare Antwort darauf war ein lautes Gaͤhnen. Dann ſagte er:„Schu⸗ kur Allah! Gelobt ſay Gott, daß Du fertig biſt. Viel verſtehe ich nicht davon,“ fuhr er fort und wandte ſich dann zu Muſtapha:„Wie koͤnnen wir aber auch von einem unglaͤubigen Chriſtenhunde eine gute Geſchichte erwarten?“ — 221— „Wallah Thaib! gut geſagt, bei Gott!“ erwiederte Muſtapha;„wer war Lockmann, daß die wagen wollen von Weisheit zu reden? Haben deßen Worte nicht groͤßern Werth als Schnuͤre von Perlen?“ „Wie war der Name des Landes?“ fragte der Paſcha. „Spanien, erlauchte Hoheit; die unglaͤubi⸗ gen Staͤmme, denen Du geſtatteſt in dem Lande zu bleiben, ſind damit beſchaͤftigt, Oliven fuͤr den Gebrauch der Glaͤubigen zu bauen.“ „Ganz richtig!“ hob der Paſcha wieder an, „jezt entſinne ich mich deßen. Laß den Kafir meine Gnade koſten. Gib ihm zwei Goldſtuͤcke und erlaube ihm zu gehen.“ „Moͤge Deiner Erlauchten Hoheit Schatte, niemals geringer werden,“ ſagte der Spanier, „hier habe ich eine Handſchrift, welche ein alter Moͤnch unſers Ordens auf ſeinem Sterbelager mir gab. Zur Zeit meines Gefangenwerdens ward ſie auf die Seite geworfen und ich be⸗ wahrte ſie als eine merkwuͤrdige Erzaͤhlung; ſie handelt von der erſten Entdeckung einer Inſel. Weil es Deiner Hoheit gefaͤllt, Dich mit — 222— Geſchichten zu vergnuͤgen, ſo mag ſie vielleicht verdienen fuͤr Dich uͤberſezt zu werden.“ Der Dominikaner zog aus ſeinem Buſen ein ent⸗ faͤrbtes Stuͤck Pergament hervor. „Gut!“ ſprach der Paſcha, ſich erhebend. „Laß Du es vom Griechenſklaven in's Arabiſche uͤbertragen Muſtapha; er ſoll es uns ſpaͤter vorleſen, wenn uns am Abende andere Ge⸗ ſchichtenerzaͤhler fehlen.“ „Bi Scheſm! auf meine Augen falle es!“ erwiederte Muſtapha, und verneigte ſich tief, als der Paſcha ſich in ſeinen Harem zuruͤckzog. — 223— Fuͤnftes Kapitel. Erfolglos hatte der Paſcha ſchon mehre Abende ſeine Wanderungen durch die Stadt wieder⸗ holt; Muſtapha bemerkte an ihm, daß er gar ungeduldig wurde und achtete es deshalb rath⸗ ſam fuͤr ſein Vergnuͤgen etwas auszuſpaͤhen. Unter den Perſonen, die bei Muſtapha ein⸗ zuſprechen pflegten, als dieſer ſein fruͤheres Ge⸗ werbe trieb, war ein Franzoͤſiſcher Renegat, ein Mann von vielem Talent und von allzeit fertiger Erfindungsgabe, aber der durchtrie⸗ benſte und gewißenloſeſte Spizbube, der vor Muſtaphas Erhebung durch die verwegenſte Seeraͤuberei im offnen Boote ſeinen Unterhalt gewann. Jezt gebrauchte der Vezir ihn, und hatte ihm den Befehl einer Rebecke uͤbertragen, — 224— die er angekauft, die fuͤr einen Kreuzer der Regierung ausgegeben wurde, in der Wirk⸗ lichkeit aber ein eigentliches Raubſchiff war. Selim, dieſen Namen hatte der Renegat ange⸗ nommen, als er ſeinen Glauben abſchwor, con⸗ demuirte jegliches Fahrzeug welches ungluͤcklich genug war ihm zu begegnen, nahm die Ladung heraus, verbrannte das Schiff, warf die Mann⸗ ſchaft uͤber Bord und geſtattete dieſer an's Land zu ſchwimmen, wenn's gehen wollte. Durch dieſes Verfahren vermied er alle die Unbequem⸗ lichkeiten, welche Berufen auf die Gerechtig⸗ keitspflege des hoͤchſten Admiralitaͤtshofes her⸗ beifuͤhren konnte, und hatte vielmehr dieſes Ge⸗ richt auf hoher See angeordnet. Die Folge davon war, daß ſein Kreuzen eintraͤglicher als je war, und Muſtapha, nicht zufrieden damit, des Paſcha Unterthanen auf trocknem Lande auszupluͤndern, haͤufte durch ſeine Spekulationen auf dem Meere unermeß⸗ liche Schaͤze an. Zuweilen wurden zwar Ballen und Packen bei dem Landen wiedererkannt als ſolche, die ge⸗ nau die Merkzeichen und Nummern von Waa⸗ —-— 225— renverfendungen fuͤhrten, die kaum vierzehn Tage vorher von eben dieſem Hafendamme verſchifft waren; dagegen konnte aber auch der Renegat dem Vezir jedesmal eine voͤllig befriedigende Erklaͤrung der Sache vorbringen, und nachdem ein Jude, der den Gedanken nicht ertragen konnte, ſein Eigenthum ohne Gegen⸗ vorſtellung zu verlieren, auf den Pfahl geſteckt worden, zuckten die Leute nur mit den Ach⸗ ſeln, ſagten aber kein Wort. Jezt ſiel Muſtapha ein, daß dieſer Selim vielleicht faͤhig waͤre, ihm bei ſeiner Abſicht be⸗ huͤlflich zu ſeyn. Der Mann ſprach ſchnell und laut, ruͤhmte ſich ſeiner Großthaten, kraͤuſelte ſeinen Schnauzbart, wenn er die aller unwahr⸗ ſcheinlichſten Angaben beſchwor, und war ein Gegenſtand allgemeinen Entſezens und Ab⸗ ſcheues geworden, ſeitdem der Vezir ihn in ſeinen Schuz genommen hatte. Muſtapha ließ ihn rufen und ſragte ihn zur Einleitung, ob er jemals die Arabiſchen Naͤchte geleſen habe. „Ja Vezir,“ erwiederte der Renegat,„viele Jahre fruͤher als ich Tuͤrke wurde.“ I. 15 —ͤ—— — 226— „Erinnerſt Du Dich der Reiſen des Matro⸗ ſen Sindbad?2 „Ei freilich thu ich das; er iſt der Einzige der mir im Luͤgen das Licht halten koͤnnte.“ „Nun ſieh, Seine Hoheit der Paſcha hoͤrt ſolche Geſchichten mit Entzuͤcken an, und es iſt mein Wunſch, daß Du Dich darauf vor⸗ bereiteſt, ihm Deine Reiſen zu erzaͤhlen, wie Sindbad das vor Dir gethan hat.“ „Was werde ich dafuͤr bekommen?“ „Mein Wohlwollen und meinen Schuz; zu⸗ dem wird Seine Hoheit nicht vergeßen, Dir ein ſchoͤnes Geſchenk uͤberreichen zu laßen, wenn Deine Erzaͤhlung gefiel.“ „Gut,“ ſagte Selim,„jeder Menſch der in dieſer Welt Gold hervorzubringen vermag, wird auch ſtets im Stande ſeyn, daßelbe gegen ſchlechteres Metall auszutauſchen. In meiner Muͤnze kann ich Luͤgen geſchwinder auspraͤgen, als er in der ſeinigen Zechinen; weil es alſo Dein Wunſch iſt, und weil Du mir ſagſt, es werde vor⸗ theilhaft ſeyn, nun, ſo ſteh ich ihm zu Dienſten.“ „Gut Selim, merke auf meine Weiſung, alles muß den Anſchein von Zufall haben.“ Muſtaphas Anordnung zufolge, weilte der Renegat an dieſem Abende im Winkel einer gewißen Straße, durch welche der Paſcha in ſeiner Verkleidung unter Muſtaphas Fuͤhrung gehen ſollte. Sobald der Renegat ihr Herankom⸗ men bemerkte, rief er mit lauter Stimme aus: „Allah! Allah! wann wird die gluͤckliche Zeit kommen, die mir bei meiner ſiebenten und lezten Reiſe verſprochen iſt?“ „Wer biſt Du, und weshalb rufſt Du den Himmel um gluͤckliche Zeiten an?“ fragte der Paſcha. „Ich bin Huckaback der Seefahrer,“ erwie⸗ derte der Renegat;„nach einem Leben voller Gefahr und Muͤhſeligkeit erwarte ich mit ban⸗ ger Sehnſucht die Erfuͤllung einer Zuſage, die der Allerhoͤchſte mir gethan.“ „Dieſen Mann muß ich morgen ſehen,“ be⸗ merkte der Paſcha;„Muſtapha, ſo lieb Dir Dein Leben iſt, ſorge dafuͤr, daß er erſcheint.“ Der Vezir verneigte ſich, und ohne ferneres Abentheuer kam der Paſcha zu ſeinem Pallaſte zuruͤck. Sobald am folgenden Tage die Geſchaͤfte — 223— des Divan geſchloßen waren, wurde der Re⸗ negat herein gerufen. Er warf ſich vor dem Paſcha nieder, erhob ſich ſodann, kreuzte ſeine. Arme uͤber der Bruſt und erwartete ſchweigend die weitern Befehle. „Ich habe Dich rufen laßen Huckaback, um Dir die Erklaͤrung der Worte abzufragen, welche Du geſtern Abend ſpracheſt; und auch um zu erfahren, welche Verheißung Dir bei Deiner ſiebenten und lezten Reiſe gemacht iſt; indeßen will ich lieber, daß Du mit der erſten Reiſe beginnſt, weil ich die Geſchichte aller Deiner Reiſen zu hoͤren wuͤnſche.“ „Gefall' es Deiner Hoheit, da ich nur lebe um Dir zu gehorchen, ſo ſoll Alles, was mir in meinem ereignißreichen Leben widerfuhr, Deinem Ohre vorgebracht werden, wenn Du es befiehlſt. Es wird aber noͤthig ſeyn bis auf meine Jugendtage zuruͤckzugehen, damit Deine Hoheit das Ganze vollſtaͤndiger verſtehen moͤge.“ „Aferin! gut geſagt!“ ſprach der Paſcha, „es verdrießt mich gar nicht, wenn eine Ge⸗ ſchichte noch ſo lang iſt, nur verſteht ſich, daß die Geſchichte gut ſeyn muß.“ Ein Wink des Paſcha, gab Selim zu ver⸗ ſtehen, daß er ſich ſezen duͤrfe, und er begann, wie folgt. Hurkabacl. Ich bin in Marſeille geboren, erlauchte Hoheit, woſelbſt ich zu meines Vaters Ge⸗ werbe angezogen wurde, ein Gewerbe, fuhr der liſtige Renegat fort, welches, wie ich ohne den mindeſten Anſtand zu nehmen behaupten darf, mehr Leute allgemeiner Bildung und mehr talentvolle Maͤnner hervorgebracht hat, als ir⸗ gend ein anderes— ich meine das Gewerbe eines Bartſcheerers. * „Wallah Thaib; gut geſagt, bei Allah!“ bemerkte Muſtapha. Der Paſcha nickte ſeine Zubilligung und der Renegat fuhr fort: — 231— Die Natur hatte mich mit ſtets bereiter Er⸗ findungsgabe ausgeſtattet, auch wurde zu mei⸗ ner Erziehung einige Muͤhe und etwas Geld verwendet. Dem Erwerbe eines Bartſcheerers fuͤgte mein Vater den Verdienſt fuͤr Aderlaß und Zahnausziehen hinzu. Im zehnten Jahre konnte ich bereits ziemlich gut Haare ſchneiden. Die Leute ſagten von Denen, die ich unter mei⸗ nen Haͤnden gehabt hatte, ſie ſaͤhen aus als haͤtten die Ratten ihnen die Koͤpfe abgenagt; das war aber nur ein haͤmiſches Lautwerden des Neides, und mein Vater ſagte ganz rich⸗ tig:„Alles Ding muß ſeinen Anfang nehmen.“ Im fuͤnfzehnten Jahre erwarb ich mir die erſten Anfangsgruͤnde im Scheeren, nachdem ich meines Vaters guten Ruf durch die Pfunde von Fleiſch mehrentheils zerſtoͤrt hatte, die ich ſammt dem Haarwuchſe meinen Kunden fort⸗ ſchnitt—(die wiederum durch ſeine Bemerkung getroͤſtet wurden, daß„alles Ding ſeinen An⸗ fang nehmen muͤße“)— ward ich voͤllig ge⸗ ſchickt. Nun wurde ich auch hintereinander in die hoͤheren Kunſtzweige des Zahnausziehens und Aderlaßens eingeweihet. Anfangs verur⸗ — 232— ſachte ich bei jenem recht große Unzufriedenheit dadurch, daß ich den hohlen Zahn entweder ab⸗ brach und den Stumpf im Zahnfleiſche ſizen ließ, oder daß ich mich im angegebenen Zahn verſah und anſtatt des erkrankten, eine voͤllig geſunde Kau⸗Maſchine herauszog. Doch im Aderlaßen machte ich viel ernſthaftere Verſehen; mehr als einmal ſchnepperte ich ſo tief, daß die Arterie geoͤffnet wurde, waͤhrend ich die Ader verfehlte; die Folge davon war, daß ich ſpaͤter niemals dazu gebraucht wurde, ausgenommen etwa von einem Ehemanne, der ſein zaͤnkiſches Weib gern los ſeyn wollte, oder auch von Neffen, die uͤber den Geſundheitszuſtand eines ewig lebenden Oheims in lebhafter Unruhe waren. Inzwiſchen bemerkte mein Vater mit der groͤßten Richtigkeit:„alles Ding muß ſei⸗ nen Anfang nehmen,“ und weil ich nur an lebendigen Weſen mich uͤben konnte:„Indivi⸗ duen müßen fuͤr das große Gemeinwohl der Menſchheit leiden.“ Im zwanzigſten Jahre war ich ein vollendeter Bartſcheerer. Aber ſo ſchnell ich auch meine Laufbahn wan⸗ delte, war ich doch nicht dazu auserſehen, ———— — — 233— lange Zeit in ihr zu verweilen. So wie die aus der Muͤndung einer Kanone abgefeuerte Kugel in ihrer außerordentlichen Geſchwindig⸗ keit von ihrer Richtung durch das Streifen an den ſchwaͤchſten Gegenſtand abgeleitet wird, ſo wurde die Richtung meines Lebenslaufes durch das Begegnen einer Frau geaͤndert. 7 Mein Vater hatte einen ſehr guten Kunden; ſeit vielen Jahren hatte er demſelben an jeden Morgen den Bart geſchoren, hatte ihm jeglichen Zahn ausgezogen, den er im Munde hatte, und wand nun ſeine lange Rechnung damit auf, daß er ihm nach der Anleitung eines un⸗ wißenden Apothekers taͤglich zur Ader ließ. Oft war ich in ſeinem Hauſe— nicht um ihm Blut zu laßen, denn mein Vater achtete ſein Leben entweder zu werthvoll, oder war auch zu dank⸗ bar fuͤr genoßene Gunſtbezeigungen, um ihn meinen Haͤnden anvertrauen zu wollen; dagegen hielt ich das Becken, holte Waßer, und rollte die Binden auf. Der Mann beſaß eine Tochter, ein reizen⸗ des Maͤdchen, die ich heimlich anbetete; ihr Rang im Leben war aber zu hoch uͤber dem — 264.— meinigen erhaben, um mir zu geſtatten, meine Gefuͤhle auszuſprechen. Damals war ich ein ſchoͤner junger Mann, wiewohl die Zeit ſeit⸗ dem aus Eiferſucht das Äußerſte angewendet hat, um mich eben ſo alt und mißgeſtaltet er⸗ ſcheinen zu machen als ſie ſelber iſt. Die junge Dame faßte Neigung zu mir, klagte uͤber Zahn⸗ ſchmerz und fragte mich um Mittel dagegen. Ich erbot mich, ihr den Zahn auszüziehen, doch dazu wollte ſie ſich nicht entſchließen, ſey es nun, daß ſie von meinem Rufe gehoͤrt hatte, oder daß ſie den Vorwand zu unſeren Zuſam⸗ menkuͤnften nicht entfernen wollte, oder was noch viel wahrſcheinlicher iſt, daß ſie gar keine Zahnſchmerzen hatte. Der Tod ihrer Mutter, der erfolgte, als ſie kleines Kind war, ließ ſie ohne Fuͤhrerin„ und ihres Vaters huͤlfloſer Zuſtand ohne Schuz. Von der Natur mit feurigem Temperamente begabt, uͤberließ ſie ſich dem Eindrucke ihrer Gefuͤhle und lebte mit mir in einer Vertrau⸗ lichkeit, die nur zu ihrer Schmach enden konnte; nach Ablauf eines Jahres, konnte ihr Zuſtand nicht mehr verborgen werden. Jezt war ich in — 235— der Klemme. Sie hatte zwei Bruͤder im Heere, die zuruͤckkommen ſollten und deren Rache ich befuͤrchten mußte. Ich liebte ſie ungemein, doch liebt ich noch mehr, mich ſelber; deshalb packte ich eines Abends alles zuſammen, was ich mein nennen durfte, und auch Alles vom Be⸗ ſize meines verehrten Vaters, wozu ich nur gelangen konnte; damit ſchiffte ich mich auf einem Genueſiſchen Fahrzeuge ein, das ſo eben unſern Hafen verließ. Dies war ein großes Schiff, fuͤhrte zwoͤlf Kanonen und zaͤhlte ſechszig Matroſen als Be⸗ mannung; das Schiff war nach dem Ausdrucke Europaͤiſcher Laͤnder mit dem„Markebriefe verſehen.“ Das will ſagen, ein ſolches Fahr⸗ zeug faͤhrt ſeinen eigenen Lauf ohne Convoi, kapert jegliches feindliche Schiff dem es be⸗ gegnet, falls ein ſolches nicht ſtark genug iſt, um Widerſtand leiſten zu koͤnnen. Wir waren nach Genua mit einer Ladung Blei ausklarirt die unten im Schiffraume lag und cigemilich nur als Ballaſt diente. Aus dem Geſpraͤche der Mannſchaft erfuhr ich bald, daß wir nicht graden Weges nach — 236— Genua ſteuerten; die Wahrheit iſt, erlauchte Hoheit, das Schiff war ein Seeraͤuber, mit den verwegenſten Menſchen bemannt. Sobald meine Faͤhigkeiten bekannt geworden waren, hatte ich die Ehre ſechszig der aͤrgſten Boͤſe⸗ wichter die je auf Erden lebten, die Baͤrte zu ſcheeren, und erhielt fuͤr meine Muͤhe nur Schlaͤge und Verwuͤnſchungen. Allerdings ver⸗ vollkommte ich mich ganz ungemein in meinem Berufe, denn mein Leben ſtand darauf wenn ich einen Tropfen Blut vergießen wuͤrde, wie⸗ wohl ſie ſich gar kein Gewißen daraus machten, waͤhrend der ganzen Zeit meiner Operation ihre Geſpraͤche fortzuſezen. Verſchiedenen Schiffen hatten wir bereits ihre Ladungen abgenommen, und unſer ſehr puͤnktlicher Kaptain fuͤgte die ſaͤmmtlich dem „Manifeſte“ bei; da machte eines Tages eine Engliſche Fregatte Jagd auf uns. Auf dem Lande bin ich niemals Englaͤndern begegnet, aber das muß ich von ihnen ſagen, daß ſie auf flottem Waßer das allerunverſchaͤmteſte Volk ausmachen, das nur auf dem Meere ſchwimmt. Sie koͤnnen niemals damit zufrieden — 237— feyn, ihre eigenen Angelegenheiten zu beäch⸗ ten, obgleich ſie alle Haͤnde voll damit zu thun haben, nein, ſie muͤßen ſich auch noch in anderer Leute Angelegenheiten miſchen. Sie kommen an Bord, verlangen zu wißen woher man kommt, wohin man beſtimmt iſt, und was man fuͤr Ladung fuͤhrt, ſie durchſuchen und pruͤfen mit ſolcher Genauigkeit, als waͤren ſie die auserwaͤhlten Zolloffizianten für die ganze Welt. Unſerm Captain war es nicht ganz genehm, ſich einer ſo ſtrengen Durchſuchung zu unter⸗ werfen; deshalb ſezte er alle Segel bei, um eine etwa ſieben Meilen entlegene Inſel zu erreichen, wo er unter dem Schuze einer Bat⸗ terie, Anker warf. Dieſe Inſel gehoͤrte Sſter⸗ reich, einer Nation, die mit England nicht im Kriege war, ſondern bei dem beharrte, was man„bewaffnete Neutralitaͤt“ nennt. „Sag mir, was will das bedeuten, bewaff⸗ nete Neutralitaͤt?“ fragte der Paſcha. „Das aͤndert und wechſelt nach Umſtaͤnden; im allgemeinen geſprochen, heißt es ſo viel wie'n Angriff mit dem Bayonett.“ — 338— Die Fregatte folgte uns; da der ſeichte Waßerſtand ſie verhinderte, uns nahe genug zu kommen, ſchickte ſie ihre Boͤte ab, um uns zu unterſuchen; weil deren aber ſechſe kamen, alle voller Mannſchaft und jedes mit einer Ka⸗ none beſezt, achtete unſer Kaptain es rathſam, ihnen die Erlaubniß an den Bord zu kommen, zu verweigern. Um ihm einen Wink davon zu geben, daß er ihre Maßregeln mißbillige, feuerte er ſeine volle Lage Kugeln und Kartaͤtſchen auf ſie ab, als ſie etwa noch eine viertel Meile entfernt waren; hierauf antworteten ſie durch dreimaligen Hurrahruf, und waren halsſtarrig genug, noch ſchneller als vorher zu uns heran zu rudern. Wir empfingen ſie mit allen Kriegsehren, in Geſtalt von Hiebdegen. Enter⸗Piken und Piſtolen; ſie aber waren hoͤchſt entſchloßen. Sobald einer von ihnen niedergeſtoßen war, ſprang ein anderer herauf an deßen Plaz, und in weniger Zeit, als ich gebraucht habe, um es zu erzaͤhlen, hatten ſie das Schiff in Beſiz genommen. Ich ſtand auf der Poupe, als ein Engliſcher Matroſe mit'nem Zopf ſo dick wie — 239— 'n Kabelkau einen Hieb nach mir fuͤhrte; ſchnell ſprang ich zuruͤck, um dem Hiebe auszuweichen, und ſtieß dadurch mit ſolcher Gewalt gegen einen andern ihrer Leute, daß wir Beide zu⸗ ſammen uͤber Bord taumelten. Ich verlor mei⸗ nen Hiebdegen, er aber hatte den ſeinigen in der Hand behalten; ſobald wir uns wieder auf die Oberflaͤche erhoben, erfaßte er mich an der Kehle und ſezte mir die Spize ſeiner Waffe auf die Bruſt. Ihm ſchien das ganz ei⸗ nerlei zu ſeyn, ob er auf dem Verdecke fechte, oder im Waßer. Zum Gluͤck gelang es mir, mich ein wenig auf die Seite zu wenden, ſo daß er mir nur das Wamms durchſtieß. Da erinnerte ich mich daran, daß ich mein Raſter⸗ meßer in der Taſche hatte, zog das unter dem Waßer von ihm unbemerkt hervor, war dicht zu ihm heran, bevor er ſeinen Stoß wieder⸗ holen konnte, ſchnitt ihm die Kehle von einem Ohre zum andern durch und eilte der Kuͤſte zu ſo ſchnell ich nur konnte. Weil ich ein vorzuͤglicher Schwimmer war, erreichte ich den Strand ohne große Schwie⸗ rigkeit. Kaum war ich am Lande, als ich im — 240— Umiſhauen gewahrte, daß die Engliſchen Boote unſer Schiff hinaus bugſirten, nun lief ich nach dem Fort, welches ganz in der Naͤhe war. Hier wurde ich gaſtfreundlich empfangen, wir ſaßen bis nach Mitternacht, tranken gut und ſchimpften tuͤchtig auf die Englaͤnder. Am naͤchſten Morgen warf eine Felukke An⸗ ker, um Waßer einzunehmen; weil ſie nach Toulon beſtimmt war, bat ich um Mitfahrt. Mit einem guͤnſtigen friſchen Winde ſegelten wir ab; doch ein heftiges Sturmwetter ſtieg herauf, warf uns mehre Tage umher, ſo daß der Kaptain des Fahrzeuges gar nicht wußte, wohin es verſchlagen ſeyn moͤgte. Inzwiſchen troͤſtete er uns damit, daß wir nicht unter⸗ gehen koͤnnten, weil eine Frau von großer Heiligkeit als Mitreiſende in der Kajuͤte ſey, die abgeſchickt waͤre, die Wuͤrde der Aebtißin eines Kloſters in der Gegend von Marſeille zu uͤbernehmen, und die ohne allen Zweifel von den Heiligen der Kirche beſchuͤzt und er⸗ halten werden wuͤrde. Dies gereichte zu einigem Troſt, wiewohl ſchoͤnes Wetter ein viel beßerer und groͤßerer 4 7 —— — 241— geweſen waͤre. Der heftige Sturm dauerte fort; am naͤchſten Morgen glaubten wir Land ent⸗ decken zu koͤnnen, dem der Wind uns zutrieb. In der darauf folgenden Nacht uͤberzeugten wir uns von der Richtigkeit unſerer Vermuthung, denn das Schiff trieb auf den Strand und war in wenigen Minuten zerſchellt. Ich hatte das gute Gluͤck mich auf einem Stuͤcke Wrack zu retten und lag halb todt auf dem Strande, bis der Morgen grauete. Als es heller wurde, blickte ich umher; die Truͤmmer des Schiffes lagen auf dem Strande verſtreuet, oder wur⸗ den neckend von der Brandung umgeſchleudert; ganz dicht neben mir lag die Leiche der Dame, deren Heiligkeit nach der Verſicherung des Kap⸗ tains uns Allen zur Schuzwehr dienen wuͤrde. Ich wandte mich vom Strande ab, um das Innere des Landes zu betrachten und gewahrte zu meinem Erſtaunen, daß ich kaum drei Mei⸗ len von meiner Vaterſtadt Marſeille entfernt ſey. Dieſe Entdeckung war grauſenhaft; ich wußte, man wuͤrde keine Barmherzigkeit an mir uͤben, und ich koͤnne keine Meile weiter gehen ohne erkannt zu werden. Jezt uͤberlegte I. 16 — 242— ich was zu thun ſeyn moͤgte; zulezt, als die Leichs der todten Frau mir wieder zu Geſichte kam, fiel mir ein, ich koͤnne mich fuͤr dieſe ausgeben. Das Gewand zog ich ihr ab, bedeckte ihren Leib mit meinen Kleidern und beſchuͤttete die Todte mit Seegras, alsdann legte ich das Nonnenkleid an, welches ſie getragen hatte, und ſezte mich, die Ankunft von Menſchen er⸗ wartend, die, wie ich wußte, bald erfolgen wuͤrde. Damals hatte ich noch nicht die leiſeſte Spur von einem Barte, die Mißhandlungen und Quaͤlereien am Bord des Genueſer Schif⸗ fes hatten mich abgemagert und mein Geſicht gebleicht. Im Nonnengewande konnte ich recht füͤglich fuͤr eine im Kloſter eingeſperrt gewe⸗ ſene Frau von fuͤnf und dreißig Jahren ange⸗ ſehen werden. In den Taſchen ihrer Kleider fand ich Briefe, die mir den noͤthigen Schluͤßel zu meiner Geſchichte gaben, und ich zog vor, mich fuͤr la soenr Eustasie auszugeben, als mich in's Gefaͤngniß werfen, oder mir den Degen durch den Leib rennen zu laßen. Kaum hatte ich Zeit gehabt, dieſe Urkunden — 243— zu leſen, als eine Schaar von Leuten, welche die Truͤmmer an der Kuͤſte herbei gelockt hat⸗ ten, zu mir heran kam. Dieſen erzaͤhlte ich den Untergang des Schiffes, den Tod der ganzen Mannſchaft, gab meinen Namen und Stand an, auch daß ich auf das Anſuchen des Biſchofes hergekommen ſey, um die Lei⸗ tung im Kloſter der heiligen Thereſe zu uͤber⸗ nehmen; ich ſezte hinzu, daß ich in meiner Noth die Heilige Jungfrau angerufen habe, daß die zu meiner Huͤlfe erſchienen ſey, und mich ſo ſorgfaͤltig und ſo behaglich auf den Strand geleitet habe, daß mir's vorgekommen waͤre, ich ruhe auf weichſten Polſtern. Mein Bericht ward umher verbreitet und geglaubt; denn der Umſtand an ſich, daß ein huͤlfloſes Weib die einzige Errettete aus einer ganzen Schiffsbemannung ſeyn ſollte, war Wunder genug.— Der Biſchof ſchickte ſeine Kutſche, um mich abzuholen, ich ward in die Stadt gefahren, gefolgt von einer Schaar von Prieſtern, Moͤn⸗ chen und Leuten aus den niedern Staͤnden, welche voll frommer Sehnſucht waren, nur — 241— den Boden kuͤßen zu köoͤnnen, den eine ſo ganz beſonders unter dem Schuze des Himmels ſte⸗ hende Perſon betreten hatte. Man fuͤhrte mich zum Pallaſt des Biſchofes, wo ich eine Art von Hof hielt; Deputationen der verſchiedenen Behoͤrden, der Gouverneur und alle vorneh⸗ men Perſonen ſtellten ſich mir vor. Nach einem Aufenthalte von drei Tagen begab ich mich zum Kloſter, deßen vermeintliche Abtißin ich war, wurde mit Begeiſterung von den Non⸗ nen empfangen, die ſich mit eben ſo viel Ehr⸗ furcht als freudigem Entzuͤcken um mich draͤng⸗ teu.— 3 Am zweiten Tage nach meiner Einſezung als Abtißin ſtellten die beiden aͤlteſten Kloſter⸗ ſchweſtern, die ich Abends zuvor beim Schla⸗ fengehen nur mit Muͤhe hatte entfernen koͤn⸗ nen, mir ſaͤmmtliche Nonnen nach der Reihe vor; ſie begannen mit den aͤlteſten und ende⸗ ten mit denjenigen, die das Geluͤbde der Keuſch⸗ heit zulezt abgelegt hatten. Im Anbeginn mei⸗ nes Levee floͤßte mir daßelbe, wie ich geſtehen muß, wenig Theilnahme ein, doch gegen das Ende deßelben zog manches reizende Geſiche — 245— meine Aufmerkſamkeit an, und ich ertheilte den Friedenskuß mit mehr Eifer, als die Klugheit haͤtte geſtatten ſollen. Nun erſchien die lezte der Schweſtern und ward mir als Soeur Marie vorgeſtellt. Gerechter Himmel! es war das aͤrmſte von mir verlaßene Maͤdchen. Ich ſtarrte zuruͤck als ſie ſich nahete, ihre Blicke waren auf den Boden geheftet, als ſey es aus Ehr⸗ furcht vor meiner anerkannten Heiligkeit. Als ſie vor mir niederkniete, um meinen Kuß zu empfangen, ſchlug ſie ihre Augen auf. Liebe durchdringt jegliche Verkleidung. In eben dem Momente glaubte ſie, ihren fluͤchtigen Gelieb⸗ ten zu erblicken, in ſtaunender Verwunderung ſtockte ihr Athem, Nachdenken zeigte ihr aber ſogleich die gaͤnzliche Unmoͤglichkeit eines ſol⸗ chen Glaubens, ſie ſeufzte bei der auffallenden Ähnlichkeit und erhielt den Friedenskuß von eben den Lippen, die freilich oft zuvor die ihrigen gepreßt hatten. Nachdem dieſe Zeremonie uͤberſtanden war, klagte ich uͤber Abſpannung und verlangte al⸗ lein gelaßen zu werden. Iech wollte uͤber das Geſchehene nachdenken — 246— und meinen Entſchluß in Betreff meines Ver⸗ fahrens faßen; um einer mich bedrohenden Gefahr zu entgehen, hatte ich mich einer an⸗ dern, viel groͤßern ausgeſezt. Wie ſollte das enden? Nach langem Gruͤbeln beſchloß ich, Marie zu meiner Vertrauten zu machen, und mich den Umſtaͤnden uͤberlaßend, wollte ich durch dieſe mein kuͤnftiges Verfahren beſtim⸗ men laßen. Ich klingelte, verlangte die aͤlteſte Kloſterſchweſter zu ſprechen und befragte ſie um die verſchiedenen Karaktere der mir vor⸗ geſtellten Nonnen. Durch dieſe vertrauliche Anforderung ge⸗ ſchmeichelt, nahmen ihre Schwazhaftigkeit und ihre liebloſen Bemerkungen gar kein Ende. Zwei Stunden vergingen bevor ſie geendet hatte, die lezte von der ſie ſprach, war Ma⸗ rie, deren Geſchichte ſie mir mit der groͤßten Genauigkeit erzaͤhlte; wenn ſie eben ſo wahr⸗ haft in ihren Berichterſtattungen von allen uͤbrigen Nonnen war, ſo hatte ich in der That nicht Urſache, mich gluͤcklich zu preiſen, Ab⸗ tißin von Nonnen zu ſeyn, deren vorhergegan⸗ gener Lebenswandel ſo großes Ärgerniß gab. — 247— „Gute Schweſter,“ erwiederte ich.„Fuͤr Deine Benachrichtigung danke ich Dir, und werde nicht unterlaßen, ſie bei meinen Entwuͤrfen zur Erhoͤhung der Sittlichkeit der meiner Ob⸗ hut anvertrauten Geſchoͤpfe zu benuzen. Ich habe es mir ſtets zum Geſeze gemacht, daß eine der Kloſterſchweſtern jede Nacht in mei⸗ nem Zimmer zubringe, um zu wachen und Buße zu thun. Die Erfahrung hat mich gelehrt, daß dies, verbunden mit meinen zeitgemaͤßen Bemerkungen, die ſegensvollſte Wirkung her⸗ vorbringt. Gewiß beziehe ich dies nicht auf verſtaͤndige und fromme Frauen, ſo wie nu biſt, ſondern auf diejenigen, die in ihrer Thor⸗ heit und im Drange ihrer jugendlichen Leiden⸗ ſchaft ſich noch nicht genugſam durch Enthal⸗ ſamkeit und Kaſteiung gedemuͤthigt haben. Welche ſchlaͤgſt Du mir vor, um in dieſer Nacht bei mir wachen zu laßen?“ Daß die Alte einen beſondern Widerwillen ge⸗ gen Marie hegte, hatte ich bereits gewahrt und ganz richtig angenommen, ſie werde dieſe als die⸗ jenige vorſchlagen, der ſtrenge Bußuͤbung noͤthig und gewiß heilſam ſey. Noch eine halbe Stunde verbrachte ich mit ihr im Geſpraͤch; dann wuͤnſchte ich ihr gute Nacht, bereitete mich zum Schlafengehen, und verlangte daß Marie gerufen werde, um bei mir zu bleiben. Marie trat mit ihrem Gebetbuche in der Hand herein, verbeugte ſich demuthsvoll vor mir als ſie vorbei ging, und ſezte ſich bei der Lampe nieder, die am andern Ende des Zim⸗ mers vor dem Bilde der heiligen Jungfrau brannte; hier begann ſie ihr Gebet. „Marie,“ ſagte ich, neben dem Bette ſte⸗ hend. Als ſie zum erſten Male den Ton mei⸗ ner Stimme vernahm, ſtieß ſie einen ſchwa⸗ chen Schrei aus, warf ſich vor dem Marien⸗ *bilde auf die Knie nieder, bedeckte ihr Antliz mit den Haͤnden und ſchien in ſtummes aber inbruͤnſtiges Gebet verſenkt. „Marie,“ ſagte ich wiederum.„Komm hier.“ Sie erhob ſich und trat zitternd zu den Fuͤßen des Bettes.„Dir, und nur Dir allein, ver⸗ traue ich ein Geheimniß an, deßen Verrath mich dem folterndſten und ſchmachvollſten Tode preisgeben wuͤrde. Du taͤuſchteſt Dich nicht, als Du vor dem Antlize erſchreckteſt, das Dir — 249— aus dem Nonnengewande entgegenblickte. Durch die Stimme die Du hoͤrteſt, mußt Du jezt voͤl⸗ lig uͤberzeugt ſeyn, daß ich wirklich Frangois bin. Wie ich Äbtißin dieſes Kloſters wurde, haſt Du noch zu erfahren.“ Darauf erzaͤhlte ich ihr, was Deine Hoheit ſchon hoͤrte, und fuhr fort:„durch welche Mittel ich mich aus dieſer gefahrvollen Lage befreien ſoll, weiß ich nicht; inzwiſchen ward mir der eine Troſt, mich wiederum bei dem Gegenſtande meiner Liebe zu befinden. Komm' Marie, komm' zu mir, ich bin wirklich Dein Francois.“ Aber Marie blieb am Fuße des Bettes, ohne vorzutreten und ich gewahrte, daß Stroͤme von Thraͤnen ihr entrannen, als ſie ihre Augen zum Himmel emporſchlug. „Sprich zu mir Marie, wenn Du mich j je⸗ mals geliebt haſt.“ „Daß ich Dich liebte, Francois, davon biſt Du uͤberzeugt; ſogar Deine unfreundliche Ent⸗ weichung konnte meine Liebe nicht ſchmaͤlern, die unvergaͤnglich ſtandhaft iſt. Alles habe ich fuͤr Dich gewagt; mein Bruder ſo wenig als mein Vater vermogten mir das Geheimniß abzurin⸗ — 250— gen; wiewohl ihr Argwohn gegen Dich ge⸗ richtet ſeyn mogte, konnten ſie doch die Be⸗ ſtaͤtigung nicht erlangen. Den Sproͤßling meiner Schuld trug ich in einſamer Angſt, ward mit Vorwuͤrfen uͤberhaͤuft, als ich Troſt und zarte Pflege bedurfte; Verwuͤnſchungen wurden uͤber mich ausgeſchuͤttet, als ich ſanfte Behandlung und ſchonende Ruhe noͤthig hatte. Das Pfand meiner Liebe mußte ich unter Schande und druͤckendem Kummer zur Erde beſtatten. Du hatteſt mich verlaßen, ich fuͤhlte, daß alle Bande, die mich an dieſe Welt knuͤpfen ſollten, zerrißen waren. Da nahm ich den Schleier, und nie iſt die Welt von einer ſo bereitwilligen Entſagerin verlaßen worden, als von mir. War ich auch nicht gluͤcklich, ſo bin ich ſeitdem doch ruhig geweſen.“ „Von jezt an ſollſt Du gluͤcklich ſeyn, Marie,“ rief ich aus und ſtreckte meine Arme ihr entgegen; „komm' an mein Herz, ich will Dir die Beweg⸗ gruͤnde erklaͤren, die mich vermogten, Mar⸗ ſeille zu verlaßen, ſo wie meine Entwuͤrfe fuͤr die Zukunft, die nur durch unvorgeſehene Er⸗ eigniße zerſtoͤrt ſind. Alles ſoll noch gut werden.“ — 251— „Alles iſt ſchon gut, Francois. Ich habe ein feierliches Geluͤbde abgelegt; vom Himmel ward es angenommen. Durch Betrug und boͤſe Liſt kamſt Du in das Innere eines heiligen Ortes, gabſt Dich fuͤr eine geheiligte Perſon aus. Vergroͤßere Dein Verbrechen nicht durch den Gedanken an eine Suͤnde; entwuͤrdige mich nicht noch tiefer dadurch, daß Du mich nur einen Augenblick faͤhig halten koͤnnteſt, mich daran zu betheiligen.“ Dann fiel ſie auf ihre Knie nieder und rief us:„Heilige Jungfrau, ich flehe Deinen Bei⸗ ſtand an in dieſem Kampfe irdiſcher Leiden⸗ ſchaften und geheiligter Wuͤnſche. O Mutter Gottes, mache mich unempfindlich gegen Alles außer gegen Dich und gegen den Verlobten, den ich aus Deiner Hand empfangen habe.“ Sie erhob ſich wieder und fuhr fort:„Wie Du im Stande ſeyn wirſt, dieſes Kloſter zu verlaßen, Francois, weiß ich nicht; doch Dein Geheimniß iſt bei mir ſicher bewahrt, unter der Bedingung, daß Du meine Gegenwart nicht wieder verlangſt, wie Du es in dieſer Nacht gethan haſt. Mein Gebet ſoll unaufhoͤrlich fuͤr — 252— Dich flehen, doch zuſammen kommen duͤrfen wir nicht wieder;“ ſchmerzlich winkte Marie mit der Hand und verließ das Gemach. Wiewohl die katholiſche Religion, der ich damals angehoͤrte, ſtets von mir verſpottet und verachtet wurde, erfuͤllte mich die Schoͤn⸗ heit einer Tugend wie die, welche Marie zeigte, doch mit einem ehrfurchtsvollen Schauer, und ich verbrachte die Nacht in ſchwermuͤthigen Be⸗ trachtungen. Ich empfand innigere Liebe zu ihr, als je vorher, und beſchloß ſie zu uͤberreden, mit mir das Kloſter zu verlaßen und meine Frau zu werden. Am Morgen ließ ich ſie zu mir rufen. „Marle, Du weiheteſt Dich dem Himmel als Du glaubteſt, daß kein anderes Band Dich mehr der Erde verknuͤpfe. Du taͤuſchteſt Dich; es gab noch Einen, den Du immer fort lieb⸗ teſt, und der nicht aufhoͤrte Dich anzubeten. Geluͤbde, die im verwirrenden Zuſtande der Taͤuſchung abgelegt ſind, zeichnet der Himmel nicht ein. Verlaße dieſes Kloſter mit mir, werde meine Frau, und Du wirſt dadurch Deine Pflich⸗ ten gegen den Himmel beßer erfuͤllen, als durch Trauern innerhalb dieſer Kloſterwaͤnde, — 253— die nichts als Neid, Haß und bittere Reue umſchließen.“ „Francois, ich gab Dir meine Antwort ſchon. Was einmal geſchehen iſt, kann nicht ungeſche⸗ hen gemacht werden. Rette Dich nur; mich uͤberlaße meinem ungluͤcklichen Schickſale!“ Sie brach in einen Strom von Thraͤnen aus und fuhr fort:„O Francois, weshalb mußteſt Du mich verlaßen, ohne mir auch nur ein Wort zu ſagen? Haͤtteſt Du mir Deine Gefahr nur angedeutet, ſo wuͤrde ich die Erſte geweſen ſeyn, um auf Deine Entfernung zu beſtehen; alles, alles haͤtte ich dann um Dich, wenn nicht mit Freuden, doch mit Geduld und Ergebung tragen wollen. Wenn das Wahrheit iſt, was Du mir jezt ſagſt, ſo haͤtte Alles gut gehen moͤgen, nun aber bleibt mir in meinem ein⸗ ſamen Kloſterleben kein Troſt, kein anderer Wunſch als der, daß mein irdiſcher Wandel recht bald ende. Dir verzeihe ich, Francois, aber ſchenke mir Dein Mitleid, denn das ver⸗ diene ich.“ „Noch einmal flehe ich Dich an, Marie, bewillige meinen Vorſchlag.“ — 254— „Nie, nimmermehr Francois; meinem Gotte will ich gewiß nicht weniger treu ſeyn, als ich Dir war; er wird mich nicht verlaßen; und muß ich hier leiden, ſo wird er mich dermal⸗ einſt dafuͤr belohnen.“ Marie verließ mein Gemach. Von nun an wurde mein Aufenthalt im Nonnenkloſter mir unertraͤglich, und ich be⸗ ſchloß meine Flucht zu bewerkſtelligen. Ich gab mich krank an und huͤtete mein Bett. Man ſchickte zu dem Arzte eines benachbarten Klo⸗ ſters, der in großem Rufe der Geſchicklichkeit ſtand. Dies war gegen meinen Wunſch ge⸗ ſchehen, und als ich hoͤrte, daß er kommen wuͤrde, kleidete ich mich an um ihn zu empfan⸗ gen, weil ich eine zu genaue Pruͤfung fuͤrch⸗ tete. Er fragte nach meinen Leiden; ich ant⸗ wortete, daß ich zwar keine Schmerzen litte, aber voͤllig uͤberzeugt davon waͤre, daß ich bald hinſcheiden muͤße. Er fuͤhlte meinen Puls, und weil er keine Krankheitsſymptome zu ent⸗ decken vermogte, nahm er Abſchied. Zu den aͤlteren Nonnen die mich beſuchten, ſprach ich in raͤthſelhafter Weiſe; ſagte ihnen, — 255— ich habe eine Erſcheinung gehabt, ſey berufen worden, und ſie duͤrften erwarten, mich bald hingeſchieden zu ſehen; der Ruf meiner Heilig⸗ keit vermogte ſie, meine Bemerkungen als vom hoͤheren Geiſte eingegebene Vorausſagung an⸗ zuſehen. Eines Abends klagte ich ſehr und gab mich leidender an als je, verlangte auch, daß ſie mich fruͤher verlaßen ſollten; ſie wollten zum Arzte ſchicken; doch das unterſagte ich und erklaͤrte ihnen, kein Arzt auf Erden koͤnne mir helfen; ich kuͤßte ſie Alle, ſprach feierlich den Segen uͤber ſie aus und hieß ſie mich allein laßen. Sobald es dunkel geworden, warf ich mein Nonnengewand ab, ließ es in meinem Bette liegen, als ſey ich daraus entſtiegen; da meine Fenſter, die in den Kloſtergarten oͤffneten, nicht mit Gitterſtangen verſehen waren, konnte ich mich unangekleidet, wie ich war, hinablaßen und erreichte wohlbe⸗ halten den Boden. Als lich außen war, ge⸗ brauchte ich noch die Vorſicht, das Fenſter zu ſchließen, damit ihnen meine Flucht gar nicht in den Sinn kommen moͤgte; dann erklomm ich einen Baum, deßen Äſte die Gartenmauer — 256— uͤberhingen, ließ mich an einem derſelben auf der andern Seite hinab und befand mich in Freiheit.* Weil ich wußte, daß, je weiter ich vom Nonnenkloſter entfernt ſey, deſto mindere Ge⸗ fahr mich bedrohe, fuͤr einen Betrüger gehal⸗ ten zu werden, ſuchte ich die Heerſtraße zu gewinnen und rannte ſo ſchnell ich nur konnte in der Richtung von Marſeille nach Tonlouſe fort. 2 Mehre Meilen hatte ich zuruͤckgelegt, ohne in dieſer ſtillen Stunde der Nacht irgend Jemandem zu begegnen; zuweilen erſchreckte mich das An⸗ bellen eines knurrenden Hundes, wenn ich durch die kleinen Doͤrfer kam, die auf meinem Wege lagen; endlich fuͤhlte ich mich von Muͤdigkeit und Kaͤlte erſchoͤpft und ſezte mich hinter einer Hecke nieder, um mich vor dem eiſigen„Miſtral“ zu ſchuͤzen, der ſchneidend blies. Der Wind legte ſich ſpaͤter, und nun vernahm ich Toͤne wehklagender Stimmen, die von der Land⸗ ſtraße herzukommen ſchienen, und nicht ſehr weit entfernt ſeyn konnten. Ich erhob mich, ſezte meinen Weg fort, und ſtrauchelte alsbald — — 257— uͤber einen menſchlichen Koͤrper. Dieſen unter⸗ ſuchte ich ſo genau als moͤglich, bei dem ſchwachen Schimmer der Sterne. Der Mann war voͤllig todt; ſogleich gerieth ich auf den Gedanken, daß hier ein Raubanfall veruͤbt worden und daß die vorhin gehoͤrten wehkla⸗ genden Stimmen, von denen herruͤhrten, die mit dem Leben davon gekommen waͤren. Des Todten Mantel lag unter ihm, es war ein Überwurf wie die Offtziere ihn tragen. Ich loͤſete ihn von ſeinem Halſe, um den er mittelſt zweier in Silber gefaßten Baͤrenklauen befeſtigt war, umwickelte meine erſtarrten Glieder damit, und naͤherte mich immer mehr den Stimmen, die ich jezt viel deutlicher als vorhin vernahm. Noch zwei andere Leichen la⸗ gen auf meinem Wege, und ich gewahrte, da der Tag nunmehr zu grauen begann, daß dieſe wie Leute aus niederm Stande bekleidet wa⸗ ren; ich uͤberzeugte mich durch Anfuͤhlen, daß ſie voͤllig todt und ſteif ſeyen. Weil ich bedachte, daß wenn man mich ſo nahe an dieſem Orte finde, und ich nicht ver⸗ moͤgte, befriedigende Auskunft uͤber mich zu 1. 17 — 258— geben, man mich des Mordes anklagen wuͤrde, ſo beſchloß ich eiligſt zu entfliehen; doch eine jammernde Frauen⸗Stimme ertoͤnte meinem Ohre, und dieſem Huͤlferufe vermogte ich nicht zu widerſtehen.— Nachdem ich noch einige Schritte weiter vorgegangen war, gewahrte ich eine Kutſche, getoͤdtet lagen die Pferde in ihren Zuggeſchirren und leblos der Kutſcher neben ihnen. An die Hinterraͤder des Fuhr⸗ werks waren mit Stricken feſtgebunden ein bejahrter Mann und ein junges Frauenzimmer. „Gott ſey gedankt, mein theurer Vater, hier kommt Huͤlfe,“ ſagte dieſe als ich mich na⸗ hete, und dann rief ſie ſo wie ich mehr er⸗ kennbar wurde—„ha! an ſeinem Mantel er⸗ kenne ich ihn wieder; es iſt der Herr der uns ſo mannhaft vertheidigte, und den wir getoͤd⸗ tet glaubten. Sind Sie ſchwer verwundet, mein Herr?“ Mir leuchtete ein, daß ich beßer thäͤte, ir⸗ gend jemand anders zu ſeyn, als ich ſelber, und ich erwiederte deshalb mit meiner gewoͤhn⸗ lichen Erfindungskraft und Geiſtesgegenwart: „Nicht ſehr, Madame, dem Himmel ſey Dank. — 259— Ich war betaͤubt und beſinnungslos ließen ſie mich liegen, als waͤre ich ein Todter geweſen; ich bin gluͤcklich zu leben, um Ihnen dienen zu koͤnnen.“ Sogleich loͤſete ich die Stricke mit denen Vater und Tochter— dieſes Verwandtſchafts⸗ verhaͤltniß ging aus ihrem Geſpraͤche hervor— an die Wagenraͤder feſtgebunden waren. Die Raͤuber hatten Beide faſt bis auf die Haut entkleidet, ſie waren dermaßen von Kaͤlte er⸗ ſtarrt, daß ſie losgebunden kaum zu ſtehen vermogten; das arme Maͤdchen litt ganz be⸗ ſonders, ſie zitterte vor Froſt als leide ſie am Anfall vom Wechſelfieber. Ich ſchlug ihnen vor ſich in die Kutſche zu ſezen, weil dieſe ihnen den beſten Schuz gegen den ſcharfen, bitter⸗ kalten Wind gewaͤhren wuͤrde, der immer noch blies; ſie erkannten die Beſonnenheit meines Rathes. 3 „Hieße es nicht eine zu große Gunſt von Ihnen erbitten, mein Herr,“ ſagte der alte Mann,„ſo wuͤrde ich wuͤnſchen, daß ſie meiner armen Tochter Ihren Mantel leihen wollten, denn ſie vergeht vor Kaͤlte.“ — 260— „Mit Vergnuͤgen will ich das thun, ſobald Sie im Wagen ſind,“ erwiederte ich, denn ſchon hatte ich beſchloßen, was ich thun wollte. Ich half Beiden hinein, machte die Kutſchen⸗ thuͤr zu, zog den Mantel ab, reichte ihn durchs Fenſter hinein und ſagte:„Glauben Sie mir, ſchoͤne Dame, ich wuͤrde Ihnen den Mantel fruͤher ſchon angeboten haben, aber die Schurken haben mich, als ich erſtarrt da lag, in gleicher Weiſe behandelt als Sie, und jezt muß ich gehn um mir etwas zu ſuchen, womit ich mich bedecken kann.“ Raſchen Schrittes ging ich fort, hoͤrte aber daß die junge Dame ausrief:„O, Vater, er hat ſich entbloͤßt um mich zu bedecken!“ Sogleich kehrte ich zu der Leiche des Herrn zuruͤck, deßen Mantel ich mir geborgt hatte, und fuͤr den ich, wie ich nicht bezweifeln durfte, ſo eben angeſehen war. Von ſeinen erſtarrten Gliedmaßen zog ich die Kleider ab, und ſteckte mich ſelber hinein; ſie paßten mir nicht nur ganz genau, ſondern waren auch durchaus nicht mit Blut befleckt, da er ſeine Todeswunde durch eine Kugel in das Gehirn bekommen hatte, — 261— dieſer Umſtand war noch um vieles gluͤcklicher. Die Leiche zerrte ich ſodann auf die andere Seite der Hecke, warf ſie in einen Graben und bedeckte ſie mit langem Graſe, damit ſie nicht aufgefunden werden moͤgte. Es war voͤlliges Tageslicht geworden, bevor ich meinen Anzug ganz vollendet hatte; als ich zur Kutſche zurüuͤck⸗ kehrte, dankte der alte Herr mir in den waͤrm⸗ ſten Ausdruͤcken. Ich erzaͤhlte ihnen, daß ich hingegangen ſey, einem der todten Koͤrper die Kleidung abzuziehen und dabei meinen eigenen Anzug in einem Buͤndel zuſammengeſchnuͤrt ge⸗ funden haͤtte, den die Raͤuber in ihrer eiligen Flucht vergeßen haben muͤßten. Die junge Dame ſagte nichts, tief in den Mantel gehuͤllt, ſaß ſie in der einen Ecke des Wagens. Mit dem alten Herrn knuͤpfte ich ein Geſpraͤch an, er erzaͤhlte mir, wie der Angriff begonnen habe, ehe ich zu ihrer Huͤlfe herbeigekommen ſey; ſeine Aufklaͤrungen, ſez⸗ ten mich in den Stand, mir ein ſehr klares Bild von der Geſchichte zu entwerfen, die ich zu erzaͤhlen haben wuͤrde. Ich hatte erfahren, daß ich zu Pferde und von meinem Bedienten gefolgt — 262— zu ihrem Beiſtande herankam; man hatte uns Beide fuͤr todt gehalten; nach der Angabe, waren wir fuͤnf Meilen von der naͤchſten Poſt⸗ Stadt entfernt. 5 Jezt war es heller Tag und ich gewahrte nunmehr, daß ich die Nebenuniform eines Of⸗ ſiziers trug. Ich fuͤhlte ſehnliches Verlangen, meine Neugierde durch einen Anblick der jun⸗ gen Dame zu befriedigen, die noch immer ganz im Mantel verhuͤllt in der Ecke lehnte; mit der ausgeſprochenen Hoffnung, daß ſie nicht laͤnger durch die Kaͤlte leide, wendete ich mich zu ihr. Sie ſtreckte ihren Kopf aus dem Man⸗ tel hervor, verſicherte mich des Gegentheiles mit einem ſo ſuͤßen Laͤcheln, auf einem ſo rei⸗ zenden Antlize, als ich es nie zuvor geſehen hatte. Ich blickte ſie an, als ſey mein Auge auf ſie feſtgeheftet, bis ſie erroͤthete und zuruͤckſank wie vorhin. Dies brachte mich zur Beſinnung; ich erbot mich hinzugehen, um Huͤlfe herbei zu holen, und mit Dank wurden meine Dienſte angenom⸗ men. Mein Weg fuͤhrte mich den erſchlagenen Leuten vorbei; der Eine war mit einer Livree — 263— bekleidet, der des Kutſchers aͤhnlich, der neben den Pferden lag; der Andere mit einem Reit⸗ knechts⸗Anzuge, woraus ich ſchloß, dieſer muͤße mein Diener geweſen ſeyn. In ſeinen Taſchen ſuchte ich nach Aufſchluͤßen, ſammelte alles, was ſie enthielten, und begann die Papiere durchzuleſen waͤhrend ich weiter ging. Aus den Anzeichnungen des Dieners erſah ich, daß ich von Aix gekommen waͤre. Durch Papiere und Briefe in meinen Taſchen lernte ich, wer ich und wer mein Vater ſey, welchem Regimente ich angehoͤre, daß ich mich auf Ur⸗ laub befinde und daß ich einen Bruder habe, deßen zaͤrtlich liebevollen Brief ich aufmerkſam durchlas, um naͤhere Kunde daraus zu gewin⸗ nen. Ich hatte die Zeit nicht, eine betraͤchtliche Summe Geldes in meiner Boͤrſe zu zaͤhlen, weil mir ein Bauer begegnete, der ſeine Pferde zum Pfluge fuͤhrte. Ganz kurz erzaͤhlte ich die⸗ ſem den Vorgang, bot ihm eine anſehnliche Belohnung, wenn er eines ſeiner Pferde be⸗ ſteigen und uns ſo ſchnell als moͤglich Huͤlfe herbeiſchaffen wolle. Im Gallop ritt er davon und ich kehrte zu der Kutſche zuruͤck um zu — 264— verſuchen, ob es nicht moͤglich waͤre noch ein⸗ mal ein Antliz zu erſchauen, das mich ſo dutchans bezauberte. Nun erzaͤhlte ich mein gutes Gluͤck mit dem angetroffenen Bauer, und ſprach von meiner Hoffnung, ſie bald aus dieſem Zuſtande des Elends erloͤſet zu ſehen. Auf die Frage des alten Herrn nach dem Namen und Stande desjenigen, dem ſeine Tochter und er ſo große Verbindlichkeiten ſchuldeten, gab ich nunmehr geeignete Antwort, ſprach von meinem Vater, dem Grafen de Rouillé, von meinem Regi⸗ mente, und erbat mir ſodann von ihm einen gleichen Beweis ſeines Vertrauens. Er war der Markis de Fonſeca, in Beglei⸗ tung ſeiner Tochter hatte er ſich auf ſein etwa ſteben Meilen entlegenes Schloß begeben wol⸗ len und hoffte, ich wuͤrde ihn dahin begleiten und ihm eine Gelegenheit geſtatten wollen, mir ſeinen Dank zu erweiſen. Ich blieb unſchluͤßig, ſprach von ngraih genen Zuſagen, nicht etwa weil ich beabſichtigte ſeine Einladung auszuſchlagen, ſondern nur, weil die junge Dame in das Geſuch nicht mit — 265— eingeſtimmt hatte. Mein Plan brachte die ge⸗ wuͤnſchte Wirkung hervor; noch einmal ward das liebreizende Geſicht unter dem Mantel hervorgeſtreckt, und die ſuͤßeſte Stimme von der Welt ſprach den Wunſch aus, daß ich ihres Vaters Einladung nicht ablehnen wolle. Er⸗ röͤthend ſtammelte ich meine Zuſage. Erfreut uber ihren Sieg, laͤchelte ſie und wickelte ſich dann wieder in den Mantel, den ich ſeines neidiſchen Verhuͤllens wegen haͤtte zerreißen koͤnnen. Nun kam auch die Huͤlfe herbei; eine Schaar von Menſchen, angefuͤhrt von einem Beamten, um den Proces⸗Verbal aufzunehmen, nahete; auch erſchienen vier Poſtpferde; des Mar⸗ kis Angabe, ſo wie die meinige, wurden kurz niedergeſchrieben; er ſagte, was er geſehen hatte; meine Angabe„wurde nach meinem beſten Wißen und Dafuͤrhalten“ gegeben. Die Papiere wurden unterzeichnet, die Leichen fortgeſchafft, die Pferde vorgehaͤngt; auf des Markis Er⸗ ſuchen ſezte ich mich zwiſchen ihn und ſeine Tochter in den Wagen, und ſo fuhren wir zu ſeinem Schloße. * Nach zwei Stunden gelangten wir zu einem prachtvollen Aufbau, der des Beſizers Reich⸗ thum und alten Adel erwies; ich hatte das Gluͤck, das ſchoͤne, vom Mantel umhuͤllte Maͤdchen in meinen Armen die lange Vortreppe hinaufzutragen, auf der wir den Eingang er⸗ ſtiegen. Sobald ich ſie auf einen Sopha nie⸗ dergelegt hatte, uͤberließ ich ſie der Sorgfalt ihrer wartenden Dienerinnen und verließ das Zimmer. Der Markis war zu ſeinem Zimmer gegan⸗ gen, um das Mangelhafte ſeines Anzuges zu erſezen; mithin war ich fuͤr kurze Zeit mei⸗ nen Betrachtungen uͤberlaßen. Was wird das Ergebniß aller dieſer Dinge ſeyn? dachte ich. Werde ich denn niemals aufhoͤren, mir ande⸗ rer Leute Kleider und Namen beizulegen? ſoll ich mich immerfort ſo vor dem Tode neu ver⸗ wandeln? Aber dies war ja unendlich mehr durch die Umſtaͤnde, als von mir ſelber herbei⸗ gefuͤhrt! Nach vielem Üüberlegen beſchloß ich, den Dingen ihren Lauf zu laßen, und vertraute auf meine alle Zeit fertige Erfindungsgabe und auf mein gutes Gluͤck, das mir heraushelfen wuͤrde. Es duͤnkte mich ganz unmoͤglich, mich von dem ſuͤßen Geſchoͤpfe loszureißen, deßen koͤrperliche Reize mich ſchon bezaubert hatten, und ich gelobte mir keine Gefahr, keine Wag⸗ niß zu ſcheuen, um durch Beſiegen derſelben ihre Liebe zu gewinnen. Nach einer Stunde ſaßen wir bei unſerm Fruͤhſtuͤck, und ich fuͤhlte mich bezauberter als jemals im Leben; doch will ich Deine Hoheit nicht mit zu langem Verweilen bei dieſem Ge⸗ genſtande aufhalten. „Nein, thue das nicht, jaha bibi, mein Freund,“ ſprach der Paſcha gaͤhnend;„Deine Geſchichte wird ohnehin ſchon recht trocken. Wir wollen uns ihren Zypreßenleib, ihr Hirſch⸗ auge und ihr Vollmonds⸗Geſicht denken. Muſel⸗ maͤnner ſprechen ſo viel nicht von Frauen; ich denke mir aber, daß weil Du damals Fran⸗ zoſe und noch ſehr jung wareſt, Du nichts beßeres wußteſt. Wahrlich ihr ſprecht von Weibern, als wenn die Seelen haͤtten!“ — 268— Dem Renegaten ſchien es nicht rathſam, ſeine Meinung im Widerſpruche mit der des erlauchten Paſcha, und mit den Anfuͤhrungen des Propheten auszuſprechen; er erwiederte: „Es kann nicht geſagt werden, daß ich mich gegen ſie betrug, als beſaͤßen ſie Seelen, und bevor ich meine Religion vertauſchte, fuͤhlte ich mich oft von Reue ergriffen uͤber mein ſelbſt⸗ ſuͤchtiges und gefuͤhlloſes Betragen gegen Ma⸗ rie; doch das Alles iſt vorbei, jezt bin ich Tuͤrke.“ Der Renegat fuhr mit der Hand uͤber die Stirn; lange unterdruͤckte Gefuͤhle der Tugend waren durch Gewißensbiße heraufbeſchworen, als er ſich an die verbrecheriſche Laufbahn er⸗ innerte, die er durchwandelt und der er den ganzen Inbegriff der Verworfenheit dadurch aufgedruͤckt hatte, daß er ſeinen Erloͤſer ab⸗ ſchwor. Nach einigem Schweigen fuhr er fort: Eine Woche verweilte ich in der Geſellſchaft des Markis und ſeiner Tochter; mit jedem Tage gewannen beide mich immer lieber. Meine — 269— Leidenſchaft fuͤr die Tochter hatte ich noch nicht geſtanden, denn unwiderſtehlich hinderte mich ein gewißes Etwas daran; doch wußte ich be⸗ reits, daß ich nicht mit Gleichguͤltigkeit be⸗ trachtet wuͤrde. Durch einen Beſuch des Bi⸗ ſchofs von Toulouſe, dem Bruder des Mar⸗ kis, ward unſere Geſellſchaft vermehrt; er kam um dieſem, ſo wie ſeiner Nichte uͤber ihre gluͤck⸗ liche Errettung ſeine Freude zu bezeugen. Ich ward ihm als derjenige vorgeſtellt, der ſo weſentlich dazu beigetragen hatte. Überraſcht ſtarrte der Biſchof mich an. „Sonderbar,“ ſprach er,„daß eine Leiche in einem Graben ganz in der Naͤhe jenes Ortes gefunden und fuͤr diejenige des jungen Offiziers erkannt iſt, den Du mir jezt vorſtellſt. Wie kann das ſeyn?“ Der Markis und ſeine Tochter verriechen hoͤchſtes Erſtaunen bei dieſer Kunde, die mich ebenfalls ſtaunen machte, aber nur fuͤr eine Sekunde, dann rief ich mit bebender Stimme us:„Was ſagen Sie, mein Herr, eine Leiche iſt als Sohn des Grafen de Rouillé erkannt? O! mein armer, armer Bruder! mein geliebter Viktor, ſo biſt Du todt? Wie Iexciſt u war ich gegen Dich!“ Ich warf mich in einen Lehnſeßel, bedeckte mein Antliz mit dem Taſchentuch, als ſey ich vom Schmerz uͤberwaͤltigt; in der That aber wollte ich nur daruͤber nachdenken was ich weiter ſagen ſolle. „Ihr Bruder!“ rieß der Markis ganz er⸗ ſtaunt. 6* „Ja, Markis, mein Bruder. Jezt will ich Ihnen die Umſtaͤnde angeben, die mich dazu vermogten, es vor Ihnen geheim zu halten, daß er zur Zeit des Angriffes mich begleitete. Als ich zu Ihrem Beiſtande heranſprengte, folgte mein Bruder mir, der mit mir nach Marſeille reiten wollte und von dem ich, wie Sie ſich erinnern werden, fruͤher ſchon ge⸗ ſprochen habe; doch nach den erſten Schuͤßen die fielen, vermißte ich ihn bereits und bildete mir ein, daß Furcht ihn dazu getrieben haͤtte, mich zu verlaßen. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß eine aͤhnliche Schmach fuͤr unſere Familie bekannt werden ſollte, deshalb erwaͤhnte ich ſeiner gar nicht, als ich zu Ihnen —— zuruͤck kam. Ach! waͤhrend ich ihn in meinem Herzen der Feigheit beſchuldigte, konnte ich da denken, daß er todt ſey, daß er ſein Herz⸗ blut zu meiner Vertheidigung vergoß! Viktor, mein geliebter Viktor! wie hoͤchſt ungerecht war ich gegen Dich!— Ol wer koͤnnte mir Deinen Verluſt erſezen?“ Ich ſtellte mich faſt wahnſinnig vor Samer und warf mich ſchluchzend in den Sopha. „Huckaback,“ bemerkte der Paſcha,„es ſcheint mir, daß Du in Deinen jungen Tagen ein ar⸗ ger Schuft geweſen biſt.“ „Das geſtehe ich ein,“ erwiederte der Re⸗ negat,„aber zur Milderung deßen muß Deine Hoheit bedenken, daß ich damals Chriſt war.“ „Bei dem Barte des Propheten, das iſt gut geſagt und ſehr wahr!“ erwiederte der Paſcha. Der Markis und ſein Bruder waren tief betruͤbt, mir ſo abſichtlos den tiefen Kummer — 242— bereitet zu haben. Sie ſuchten mich zu troͤſten, verließen aber das Zimmer, als ſie ihr Bemuͤ⸗ hen fruchtlos fanden und hielten es fuͤr rath⸗ ſam, mich mir ſelber zu uͤberlaßen. Ceriſe, ſo hieß die Tochter, blieb und trat nach kur⸗ zem Schweigen zu mir heran, legte ihre Hand auf meine Schulter und ſprach mit ihrer Sil⸗ berſtimme: „Troͤſten Sie ſi cch,, mein lieber gelirz“ doch ich gab keine Antwort und ſie fuhr fort:„Wie ungluͤcklich bin ich, in meiner Vertheidigung verlor er ſein Leben; Ihrem Muthe verdanke ich meine Rettung;— er iſt todt und Sie ſind elend geworden! Vermag Ihnen den Verluſt Ihres Bruders nichts zu erſezen? Gar nichts, Felix?“ Ich richtete meinen Kopf auf, ihre Augen ſchwammen in Thraͤnen und ſtrahlten Liebe. Sanft zog ich ſie neben mich auf den Sopha. Sie widerſtand nicht— im naͤchſten Augenblicke ſank ſie an meiner Seite hin und meine Arme umſchloßen ihre reizende Geſtalt. „Ja,“ murmelte ich,„ja, Ceriſe, mein Ver⸗ luſt iſt erſezt.“ Sie laͤchelte durch ihr tiefes — 273— Erroͤthen, machte ſich von mir los und erhob ſich, um hinaus zu gehen. Auf meine Bitte kehrte ſie noch einmal zu mir zuruͤck, ich druͤckte einen Kuß auf ihre Stirne; ſie wehrte mir mit der Hand und eilte aus dem Zimmer. „Das war ein ſehr ſchoͤnes Maͤdchen nach Deiner Beſchreibung,“ unterbrach ihn der Pa⸗ ſcha;„ſag' mir doch, wie viel bezahlt man in Deinem Lande fuͤr ſolch' ein Maͤdchen?“ „Sie war uͤber jeden Preis erhaben,“ er⸗ wiederte der Renegat, mit zerſtreuten Blicken als denke er uͤber vergangene Zeiten nach.— „Liebe kann nicht gekauft werden. Der Mos⸗ lim kauft die ſklaviſch, blinde Unterwuͤrfigkeit unter ſeinen Willen, aber er liebt nicht.“ „Nein er kauft ſich die voͤllig fertige Liebe“ erwiederte der Paſcha,„und ich muß ſagen, ich wollte Du haͤtteſt das nemliche gethan; denn mit allen dieſen verliebten Dingen kommſt Du nur ſehr langſam in Deiner Geſchichte weiter. Fahre fort.“ — 274— Ich blieb noch eine Woche; auch der Biſchof war immer noch da geblieben; eines Morgens fuhr der nach Marſeille und kam zum Mit⸗ tageßen zuruͤck. Bei Tiſche ſagte er:„man hatte fuͤr mich ge⸗ ſchickt um meinen Rath zu erfragen uͤber die Angemeßenheit vom Papſte die Kanoniſation der sceur Eustasie zu erbitten, von welcher ſo viel die Rede geweſen iſt, und deren Verſchwinden der Wirkung wunderthaͤtiger Kraͤfte zugeſchrieben wurde; waͤhrend wir uns noch daruͤber beriethen gelangten andere Umſtaͤnde zu unſerer Kenntniß, welche die bisherige Meinung uͤber ihre hochgeprieſene Hei⸗ ligkeit ſehr ſchwankend machten. Es ſcheint naͤmlich, daß nicht fern von dem Orte wo das Schiff ſcheiterte, eine weibliche Leiche in Mannskleidern gefunden iſt; daraus folgert man den Argwohn, daß irgend ein Miße⸗ thaͤter die Perſon der Abtißin im Kloſter truͤ⸗ geriſch dargeſtellt hat, und ſpaͤter entflohen iſt. Diener der Gerechtigkeit halten die ſtreng⸗ ſten Nachforſchungen und wird jener Menſch entdeckt, ſo ſoll er nach Rom gefuͤhrt und 4 ————jy— — 275— zur Verfuͤgung der Inquiſition geſtellt wer⸗ den.“ Deine Hoheit uun ſich leicht vorſtellen, daß dieſe Neuigkeiten mir gar nicht angenehm waren; inzwiſchen hatte ich mich genugſam in der Gewalt, um meine Gefuͤhle verbergen zu koͤnnen; aber es war mir doch, als muͤßte jeg⸗ licher Bißen, den ich in den Mund ſteckte, mich erſticken. Die Sache wurde noch viel ſchlimmer, bevor das Mittagseßen beendigt war; dem Markis wurde ein Brief von meinem angenommenen Vater, dem Grafen de Rouille, gebracht, der ihm ſchrieb, es waͤren ihm ſo widerſprechende Berichte mitgetheilt, daß er bis jezt noch nicht der Wahrheit auf den Grund kommen koͤnne. Einigen Nachrichten zufolge ſollte ſein aͤlteſter Sohn leben, und auf dem Schloße des Markis verweilen; andere behaupteten, er ſey ermor⸗ det; wieder andere Perſonen wuͤnſchten ihm in Briefen Gluͤck, zu der Rettung eines ſeiner Soͤhne. Er bat den Markis, ihm den genauen Hergang der Sache mitzutheilen, und durch den Überbringer dieſes Schreibens ihn wißen zu — 276— laßen, ob ſein aͤlteſter Sohn bei ihm auf dem Schloße lebe, oder aber da⸗ ungluͤckliche Ende genommen habe, welches man ihm verkuͤndet hatte; da ſein juͤngerer Sohn bei ihm ſey und ſeit Monaten das Vaterhaus nicht verlaßen habe, ſo koͤnne er nicht umhin zu vermu⸗ then, daß irgend ein Betrug in dieſer Ange⸗ legenheit geſpielt werde, weil ſeine beiden Soͤhne in den Angaben uͤber den Vorfall ge⸗ nannt wuͤrden. Der Wechſel in den Geſichtszuͤgen des Mar⸗ kis ſagte mir, daß die Sachen nicht gut ſtaän⸗ den; gewißermaßen war ich ſchon vorbereitet, als er mit ſehr ernſthaftem Anſehen dem Biſchofe den Brief gab, der, nachdem er ge⸗ leſen, ihn mir herreichte und mit ſtrengem Blicke fprach:„dies betrifft Sie, mein Herr.“ Mit voͤlliger Faßung las ich das Schreiben, gab es dem Markis zuruͤck und bemerkte mit einem Seufzer:„dergleichen Taͤuſchung iſt niemals freundlich; den alten Mann wird der Schlag nur um ſo haͤrter treffen.— Sie wißen Markis, daß ich Ihnen ſagte— oder war es Mademoiſelle Ceriſe der ich es mittheilte— * — 277— daß mein Vater ſeit zwei Jahren erblindet iſt. Man hat gefuͤrchtet ihm die Wahrheit zu ge⸗ ſtehn und ihn Glauben gemacht, Viktor ſey zu⸗ gegen.— Sie muͤßen verſtehen, Markis, daß mein theurer Bruder das. Vaterhaus heimlich verließ um mich begleiten zu koͤnnen. Unſelige Stunde, in der ich ſeinen Bitten nachgab! Jezt ſehe ich aber die gebieteriſche Nothwendigkeit ein, mich zu meinem Vater zu begeben, er be⸗ darf der Ueberzeugung von meinem Leben um ihn in ſeinem Grame aufrecht zu halten. Des⸗ halb will ich mit Ihrer Erlaubniß einige Zei⸗ len durch den Ueberbringer ſeines Briefes an ihn zuruͤckſchicken, und morgen bei Tages⸗An⸗ bruch muß ich, ſo ſchmerzlich mir das auch werden mag, mich von ihrer begluͤckenden Ge⸗ ſellſchaft losreißen.“ Das kalte und voͤllig vertrauensvolle Weſen, mit welchem ich antwortete, entfernte den ge⸗ faßten Argwohn; nachdem ich ein Paar Zeilen an den Grafen geſchrieben hatte, bat ich den Markis, mir ſein Siegel zu leihen, druͤckte dieſes auf und befahl einem Diener, dem Bo⸗ ten dieſe Antwort einzuhaͤndigen; hoͤchlich war ich erfreut, ihn kurz darauf laͤngs dem Fenſter fortſprengen zu ſehen.„Ach,“ rief ich,„es iſt Pierre! haͤtte ich das gewußt, ſo wuͤrde ich noch einige Fragen an ihn gethan haben.“ Dieſer mein ſehr zeitgemaͤßer Ausruf, ver⸗ fehlte ſeine volle Wirkung nicht, wie ich ſo⸗ gleich bemerkte. Wir ſezten uns wieder zur Tafel, ich ward mit vermehrter Freundlichkeit vom Markis und von deßen Bruder behandelt, als wollten ſie dadurch gut zu machen ſuchen, daß ſie einen Augenblick meiner Rechtlichkeit mißtrauten. Mir aber war nicht wohl zu Mu⸗ the, und ich ſah ein, daß ich im Leben nicht kluͤglicher gehandelt hatte, als bei meinem an⸗ gekuͤndigten Vorſaze, fruͤhzeitiger Abreiſe. Abends war ich allein mit Ceriſe, ſeit der empfangenen Nachricht vom Tode meines Bru⸗ ders und dem Vorgange, welcher unmittelbar folgte, hatten wir uns unwandelbare Liebe zugeſchworen; in dieſem einzigen Falle han⸗ delte ich ganz aufrichtig. Ich liebte ſie bis zum Wahnſinne und noch jezt weihe ich ihr das zaͤrtlichſte Andenken, wiewohl viele Jahre ge —— — 279— ſchwunden ſind und ſie ſchon lange unter den Todten weilet. Ja, Ceriſe, kannſt Du aus den Gefilden ewiger Seligkeit, wo Dein reiner Geiſt weilet, herabblicken auf einen ſo ſchuld⸗ belaſteten Elenden als ich bin, o! dann wende Dich nicht voll Abſcheu von mir, ſchaue mit⸗ leidig auf mich nieder, der Dich ſo zaͤrtlich liebte als Menſchen nur lieben koͤnnen, und der in jenem Leben nicht nach dem fragen wird, was das Paradies zu bieten vermag, wenn Dein reiner Geiſt ihm nicht entgegen⸗ ſchwebt, um ihn Willkommen zu heißen! „SIch wollte, Huckaback,“ ſagte der Paſcha zornig,„daß Du mit Deiner Geſchichte fort⸗ fuͤhreſt; Du ſprichſt ja zu einer todten Frau, anſtatt zu einem lebendigen Paſcha.“ „Wolle mir verzeihen, Hoheit,“ erwiederte der Renegat,„aber um Dich zu vergnuͤgen bin ich zu Ereignißen zuruͤckgekehrt, die lange ſchon aus meinem Gedaͤchtniße verſchwunden waren; Gefuͤhle, die mit ihnen verknuͤpft ſind, erſtehen nun mit ihnen und laßen ſich ſo leicht „— 280— nicht unterdruͤcken. Ich will aber bei der Fort⸗ ſezung vorſi chtiger ſeyn. 77 Ceriſe machte der Gedanke an meine Abreiſe ſchwermuͤthig. Ihre Thraͤnen kuͤßte ich auf und raſch verflog die Zeit. Ich uͤberredete ſie, mir eine Zuſammenkunft zu geſtatten, wenn alles im Hauſe ruhe, weil ich ihr vieles zu ſagen haͤtte. „Ja, ja, das Alles koͤnnen wir uns vor⸗ ſtellen,“ fiel der Paſcha ungeduldig ein,„jezt fahre fort, Du weißt, daß Du am Morgen abreiſen ſollteſt.“ „So iſt's hoher Herr,“ erwiederte der Re⸗ negat etwas unzufrieden. Am Morgen ritt ich auf einem Pferde des Markis davon, und zwar ſo raſch ich konnte nach Toulon. Noch einmal wollte ich mein Gluͤck zur See verſuchen, beſonders weil ich — — 281.—„ . Entdeckung befuͤrchten mußte, falls ich am Lande — bliebe. Ich erhandelte mir fuͤr das Geld, was ich in meiner Boͤrſe gefunden, einige Waaren, ſchloß ein Übereinkommen mit dem Kaptain ei⸗ nes nach St. Domingo beſtimmten Schiffes, vertauſchte meine Kleider gegen Matroſen Jacke und weite Hoſen, und uͤberließ mich noch ein⸗ mal den Wogen. „So iſt die Geſchichte meiner erſten Reiſe, hoher Herr, und der Ergebniße, welche ſi e aher⸗ vorbrachte.“ „Nun,“ ſagte der Paſcha ſich erhebend,„es war zu viel Liebe und zu wenig See darin, aber ich vermuthe, daß waͤre jene ausgela⸗ ßen, die Geſchichte nicht ſo lang geworden waͤre. Gieb ihm fuͤnf Goldſtuͤcke, Muſtapha, und morgen wollen wir ſeine zweite Reiſe hoͤ⸗ ven.“³ Sobald der Paſcha ſich fortbegeben hatte, zuͤrnte der Renegat hervor:„wenn ich noch 4 mehr Geſchichten erzaͤhlen ſoll, ſo muß man mich nicht hemmen wollen, und muß mir nichts — 282— vorſchreiben. Noch eine halbe Stunde haͤtte ich von meiner Zuſammenkunft mit Ceriſe ſprechen koͤnnen, waͤre ich nicht unterbrochen; ſo aber ſchnitt ich den Faden ploͤzlich ab.“ „Aber Du ſiehſt Selim,“ erwiederte Mu⸗ ſtapha,„der Paſcha liebt dergleichen Aben⸗ theuer nicht; er will Dinge die wunderbarer erklingen. Koͤnnteſt Du nicht ein bischen aus⸗ ſchmuͤcken?“ „Was willſt Du damit ſagen?“ 4 „Heiliger Prophet! was ich ſagen will? Nun ich will ſagen— erzaͤhle einige Luͤgen — bleibe nicht ſo ganz genau bei den That⸗ ſachen.“ „ Nicht genau bei Thatſachen bleiben, Vezir; ey, bis jezt habe ich noch nicht eine Thatſache vorgebracht!“ „Wie waͤre das nicht Alles Wahrheit 2 „Nicht ein einziges Wort davon, ſo gewiß ich in den Himmel zu kommen hoffe!“ „Bismillah! wie, nicht Wahrheit, dieſe Marie und das Kloſter und Ceriſe?“ „Alles erlogen, vom Anfang bis zum Ende.“ „Biſt Du auch niemals Bartſcheerer geweſen?“ b „In meinem ganzen Leben nicht.“ „Weshalb hielteſt Du denn ſo lange Reden an die todte Ceriſe, da Du doch des Paſcha Ungeduld bemerken mußteſt?“ „Nur allein deshalb, Vezir, weil ich in einiger Verlegenheit war und Zeit zu gewin⸗ nen wuͤnſchte, um mir auszudenken, was ich demnaͤchſt ſagen wollte.“ „Selim,“ erwiederte Muſtapha,„Du be⸗ ſizeſt großes Talent, aber vergiß nicht Deine naͤchſte Reiſe muß wunderbarer ſeyn; ich nehme an, das macht Dir wenig Unterſchied.“ „Ganz und gar keinen; doch der Paſcha iſt kein Mann von Geſchmack. Jezt gieb mir meine fuͤnf Goldſtuͤcke und ich will gehen; ich bin vor Durſt faſt ganz verſchmachtet und werde mich nicht behaglich fuͤhlen, bevor ich mindeſtens eine Gallone Wein ansgetrunken habe.“ „Heiliger Prophet! Welch ein Tuͤrke!“ rief der Vezir beide Haͤnde emporſtreckend.„Hier iſt Dein Geld, Kafir, vergiß nicht morgen wieder hier zu ſeyn.“ „Beſorge Du nichts, Vezir; Dein Sklave — 284— lebt nur um Dir zu gehorchen, wie wir Tür⸗ ken zu ſagen pflegen.“ „Wir Tuͤrken,“ murmelte der Vezir, als ſein Auge die Geſtalt des abgehenden Renega⸗ ten verfolgte,„wahrlich, von allen Schur⸗ ken——“ „Wahrhaftig„ murmelte der Renegat, der jezt weit genug entfernt war, um nicht ge⸗ hoͤrt zu werden,„von allen Schurken——“ Wer in ihren beiderſeitigen Selbſtgeſpraͤchen gemeint war, muß dem Ermeßen der Leſer uͤberlaßen bleiben; denn Vorſicht verhinderte Beide, das Übrige ihrer Gedanken laut wer⸗ den zu laßen. Ende des erſten Bandes. — ſin ſnnſſſſſſfſſſſſfnſſſſſi 1 12 1 7 8 9 10 1 3 14 15 16