aun in Gießen, t. A. Nr. 256. 3 fangnahme und Rücabe der Bücher jeden Tag von Morgens r offen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Pinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deferte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deſerte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 3 p der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 ) 2—„— ⸗— Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 8 — — 8ð —— — 2 — — — — In demſelben Verlage iſt fruͤher erſchienen⸗ E. L. Bulwet's ſaͤmmtliche Werke: Pelham, oder Begegniße eines Welkmannes. Aus dem Engliſchen uͤberſezt von C. Richard. 2. Auflage. 3 Baͤnde. 3 Thlr. Der Verſtoßene. Aus dem Engliſchen uͤberſ. von C. Richard. 3 Baͤnde. 4 Thlr. 12 gGr. Devereux. Aus dem Engliſchen uͤberſezt von C. Richard. 3 Baͤnde. 4 Thlr. 12 gGr. Paul Clifford. Aus dem Engliſchen uberſ. von C. Richard. 3 Baͤnde. 4 Thlr. 12 gGr. Falkland. Aus dem Engliſchen uͤberſezt von C. Richard. 1 Thlr. 12 gGr. Eugen Aram. Aus dem Engliſchen uͤberſezk von C. Richard. 2. Auſlage. 3 Bde. 3 Thlr. England und die Englaͤnder. Ueberſezt und mit Anmerkungen begleitet von Louis Lax. Mit dem Bildniſſe des Verfaſſers 8. 3 Bde. 1833. 3 Thlr. Die Pilgrime am Rhein. Aus dem Engli⸗ ſchen uͤberſezt von L. Lax. 8. 1834.2 Bde. 2 Thlr. Herbert Milton, oder Leben der hoͤheren Staͤnde in London. Aus dem Engliſchen uͤber⸗ ſezt von C. Richard. 3 Baͤnde. 5 Thlr. Arthur Beverley, des Koͤnigs Page Aus dem Engl. uͤberſ. von C. Richard. 2 Bde. 3 Thlr. Trelawney's AbentheuerinOſtindien. Aus dem Engliſchen uͤberſezt von C. Richard. 4 Bde. 4 Thlr. 12 gGr. Der Bucanier. Ein hiſtoriſcher Roman aus der Zeit Cromwell's. Aus dem Engliſchen von Louis Lax. 3 Baͤnde. 3 Thlr. O'Neill der Rebell und Arasmanes. Zwei Erzaͤhlungen. Aus dem Engliſchen von Otto von Czarnowski. 8. geh. 1834. 1 Thlr. Dielezten Tage von Pompeje. Aus dem Engliſchen von Otto von Czarnowski. 8. geh. 3 Bde. 1834. 3 Thlr. Jakoh Ehrlich; von Captain Marryat, ein Seitenſtück zu Peter Simpel, ☚ vom nemlichen Verfaßer. —— Aus dem Engliſchen bon C. Richard. Dritter Theil. Aachen und Leiptig, Verlag von J. A. Mayer. (Prüſſel beig. A. Mayer und Somerhauſen.) 1835. — Jakob Ehrlich. —yy—— —— Erftes Kapitel. — Herr Turnbull findet, daß Geld, wiewohl ein noth⸗ wendiges Uebel, doch keine Quelle der Gluͤckſe⸗ ligkeit iſt; der Domine findet ein wenig Ver⸗ läͤumdung viel wirkſamer, als Ovid's Mittel ge⸗ gen die Liebe; ich aber finde, daß Gehen gute Eßluſt erzeugt.— Der Geiſtlichkeit gebe ich ein gutes Beiſpiel, damit ſie ſich Size in der Kirche nicht ſolle bezahlen laßen.— „Alſo ſiehſt Du wohl, Jakob, welche Umwaͤl⸗ zung hier vorgenommen iſt; angenehm war es nicht, das gebe ich zu, aber dagegen hoͤchſt nothwendig. Seitdem habe ich meine ſaͤmmt⸗ — 6— lichen Rechnungen bezahlt, denn das Geruͤcht, als befinde ich mich in Geldverlegenheiten, machte die ſchnell genug eingehen, daraus habe ich denn gefunden, daß meine Frau waͤhrend der lezten fuͤnf Monate das Einkommen eines ganzen Jahres aufgewendet hat, mithin war es Zeit einzuhalten.“ „Das ſehe ich ein,“ antwortete ich,„doch, was ſagt Madame Turnbull jezt— iñ auch ſie zu der Einſicht gekommen?“ „Ich denke ſo ziemlich, wiewohl ſie es nicht geſtehen will. Fuͤr die Zukunft muͤßte ſie auf Kutſche und Pferde verzichten, hab' ich Ihr geſagt, und das ſoll ſie auch, bis ich denke, daß ſie gebeßert iſt. Sie weiß jezt, daß ſie meine Bekannten im Hauſe ſehen muß, oder gar keine Geſellſchaft.— Die Peters von Petercumb Hall haben mit ihr gebrochen, denn ſie ließen ein Billet unbeantwortet, welches meine Frau durch den Gaͤrtner hinſchickte; Herr Smith hat ihr dagegen auf eine andere Note in ſehr ſtrenger Weiſe geantwortet und ſeine Verwun⸗ derung daruͤber ausgeſprochen, daß ſie verſuch⸗ te, ſich in die Geſellſchaften der Ariſtokratie zu draͤngen.— Mehr aber als alles bewirkte die Geſchichte mit dem Monſieur Taglianue. Auf meine Bitte gab mir der Richter Lord Scro⸗ pes Billet, und ich habe außerdem dafuͤr ge⸗ ſorgt, daß ſie den Bericht der Polizei leſen mußte; ſie iſt aber nun ſo tief gedemuͤthigt, daß ich ihr kein Wort ſage. Die Franzoͤſiſchen Schwindter haben ſie verleitet, um ſich ihres Geldes bemaͤchtigen zu koͤnnen. Ich erwarte, daß ſie mich auffordern wird, dieſen Landſiz zu verkaufen, um uns anderwaͤrts niederzulaſ⸗ ſen; bis jezt reden wir aber kaum ein Wort mit einander.“ „Ich bedaure ſie wirklich, denn ich halte ſie in der That fuͤr eine recht gutherzige und wohl⸗ denkende Frau.“ „Du haſt recht Jakob, das iſt ſie auch, und ſie verdient in ihrem jezigen Zuſtande Mitleid. Gern moͤgte ſie einen Theil der Schuld auf Andere ſchieben und vermag es nicht, weil ſie fuͤhlt, daß ſie allein zu tadeln iſt. Alle ihre Seifenblaſen von Großleben ſind zerplazt, und ſie findet ſich jezt nicht halb ſo achtungswuͤr⸗ dig, als ſie war, bevor ihre Eitelkeit ſie an⸗ trieb, mit ihren fruͤhern Bekannten zu brechen, um eine Geſellſchaft zu beſuchen, in welcher jedermann uͤber ſie lachte, und die doch nicht halb ſo viel Verdienſt beſaß, als ihre fruͤhere — ——— Bekanntſchaft. Es iſt das verfluchte Geld, was ſie ungluͤcklich gemacht hat und mich dazu.“ „Es iſt gut fuͤr mich, daß ich keine Ausſicht gewahre, jemals in eben ſolches Ungluͤck zu ge⸗ rathen;“ bemerkte ich. 4„Vielleicht moͤgteſt Du das nicht, Jakob, ſelber wenn Du Geld bekaͤmeſt; auf jeden Fall magſt Du morgen etwas verdienen, wenn's Dir recht iſt. Ich kann Dich nicht bitten zum Mittageßen hier zu bleiben; fuͤr Dich waͤre es kein Vergnuͤgen und gegen meine Frau ver⸗ rieth es Mangel an Zartgefuͤhl; ich wuͤnſche dagegen, daß Du morgen mit Deinem Nachen heraufkoͤmmſt, um'ne Fahrt mit Dir zu machen.“ „Zu Ihrem Befehl— um welche Zeit wuͤn⸗ ſchen Sie?“ „Sezen wir zehn Uhr feſt, wenn's Wetter guͤnſtig iſt— ſonſt den Tag darauf.“ „Wohlan, ich verlaße Sie jezt, denn ich muß den Domine beſuchen.“ Bald war ich in Brentford und verfolgte meinen Weg durch die lange Hauptſtraße, als mir Herr und Madame Tomkin begegneten; „ich hatte die Abſicht, Ihnen meinen Beſuch —O/—QO—·—ꝭ—O——ä——— ———— —— zu machen,“ ſagte ich,„nachdem ich meinen alten Lehrer geſehen haben wuͤrde.“ „Schoͤn Jakob; vergiß nicht, wir eßen um halb vier Uhr zu Mittag— Kalbsbraten und Schinken— komm nicht zu ſpaͤt zum Eßen.“ Das verſprach ich und kam nach einigen Mi⸗ nuten zur Schule, deren alterthuͤmliche Spiz⸗ giebel ich betrachtete und mir in der Erinnerung die Gefuͤhle zuruͤckrief, welche mich erfuͤllten, als ich vor Jahren zum erſtenmale durch das Thorgewoͤlbe ging.— Welch ein unterſchied zwiſchen dem kleinen, rohen, unwißenden Wil⸗ den, der wie ein Harlekin angethan war,— und dem jezt hochgewachſenen, muskelkraͤftigen, wohlgekleideten Juͤnglinge, der in ſeiner Un⸗ abhaͤngigkeit ſich gluͤcklich fuͤhlte, und der ſeiner Ausbildung ſich bewußt, aber doch nicht eitel auf ſie war;— ich ſegnete die Stifter dieſer Schule. Indeß konnte ich mich nicht lange bei dergleichen Betrachtungen aufhalten, ich ſezte mich wieder in Bewegung, um des Domine Zimmer zu erreichen. Die Thuͤr ſtand geoͤffnet und unbemerkt trat ich ein.— Niederlaͤndiſche Gemaͤlde, die ich ſpaͤter wohl geſehen habe, erinnerten mich oft an das Bild, welches ſich damals vor mir entfaltete. Das Zimmer war — 10— nicht groß, aber hoch; es hatte nur ein Fen⸗ ſter mit kleinen rantenfoͤrmigen Scheiben in derbem Holzwerk, durch welche ein breiter, aber gemildeter Lichtſtrahl hereinfiel. Zur einen Seite des Fenſters ſtand ein alter Schrank, der des Domine Bibliothek in ſich faßte, nicht vergoldet und geſchmuͤckt, aber tuͤchtig gebraucht und abgenuzt. Auf der andern Seite befand ſich eine große Truhe mit Auszuͤgen, auf wel⸗ cher zum Beſten des heranwachſenden Geſchlechts ein neuer Birkenſtock von recht bedeutendem Umfange lag. In der Mitte des Zimmers ſtand der Tiſch und an dieſem ſaß der Domine, den Ruͤcken gegen das Fenſter gekehrt, in einem Hausrock, der als Schulmantel ehemals ſchwarz geweſen, nun aber durch Alter gebraͤunt war. Er ſaß auf ſeinem hohen ſchmalruͤckigen Stuh⸗ le, lehnte voruͤber und hatte beide Ellenbogen auf den Tiſch geſtuͤzt; auf ſeiner vollwichtigen Naſe ſaß ſeine Brille und ſeine Haͤnde ſtießen faſt im Mittelpunkt ſeines kahlen Scheitels zu⸗ ſammen, er ſelber war vertieft im Inhalte ei⸗ nes Buches. Auf dem Tiſche lag ebenfalls eine große Bibel, die er ſtets zur Hand hatte, die aber dem Anſcheine nach jezt zuruͤckgeſchoben war, um dem Gegenſtande ſeines angenblick⸗ — 11— lichen Nachſinnens Plaz zu machen. Seine Pfeife lag zerbrochen am Boden; ein Stück Papier zu ſeiner Seite hatte ihm augenſchein⸗ lich zum Aufzeichnen ausgezogener Bemerkun⸗ gen gedient. Leiſe ging ich ihm vorbei, ohne daß er mich gewahrte, als ich hinter ſeinem Stuhle ſtand, blickte ich uͤber ſeine Schulter; das Buch, mit welchem er ſich ſo eifervoll be⸗ ſchaͤftigte, war Ovid's Mittel gegen die Liebe.“ Er mußte mit dem Durchleſen faſt zu Ende ſeyn, denn im Verlauf einer Minute machte er das Buch zu, legte ſeine Brille ab, lehnte ſich im Stuhle zuruͤck und ſprach zu ſich ſel⸗ ber:„Sonderbar— mancher Rathſchlag iſt wichtig, und wie mich duͤnkt empfehlungswerth — dennoch finde ich mein Heilmittel nicht darin. „Vermeide Muͤßiggang,“— ja, das iſt ein weiſer Rath— Beſchaͤftigung mag bei Einem, der unbeſchaͤftigt war, die Gedanken vertreiben; ich bin aber nie muͤßig geweſen, meine Liebe entſtand nicht im Muͤßiggange.— „Vermeide ihre Gegenwart“— das muß ich; gleichwohl iſt ſie meiner Einbildung ſtets gegenwaͤrtig, und ich bezweifle, daß die fuͤhl⸗ bare Wirklichkeit wahrnehmbarer waͤre;— ſo⸗ — 12— gar jezt ſieht ſie in ihrer ganzen Schoͤnheit vor mir.„Lies nicht den Properz und Ti⸗ bullus“— davon kann man ſich leicht zu⸗ ruͤckhalten; ich mag aber leſen, was ich will, ſo verwandeln ſich die Buchſtaben nach wenigen Minuten ſchon, und ihr Antliz ſtrahlt mir aus den Blaͤttern entgegen. Schaue ich die bunte Mauer an, ſo bilden die unbeſtimmten Linien alsbald ihren Schattenriß; blicke ich zu den Wolken auf, ſo nehmen die ploͤzlich die runden Umriße ihrer Geſtalt an; hefte ich mein Auge auf's Kuͤchenſeuer, ſo verglimmen die Kohlen allmaͤlig und auch ſie zeigen mir ihr Antliz; ging es nicht geſtern ſo weit, daß die Ham⸗ melſchulter am Spieße ſich ſo lange umdrehete, bis ſie endlich die Geſtalt von Mariens rumpf⸗ loſem Kopfe annahm?—„Denke an ihre Fehler und vergroͤßere die,“— nein das waͤre ungerecht und unchriſtlich; lieber will ich meine eigenen verbeßern. Ich beſorge, daß Ovid, als er dieſe Schilderung ſchrieb, ſie zum Ge⸗ brauche junger Leute beſtimmte, nicht aber fur einen ſo alten Geck als ich bin.— Schau! wiederum habe ich meine Pfeife zerbrochen!— ſchon die vierte in dieſer Woche!— Was wird die Matrone dazu ſagen! bereits hat ſie mich fuͤr geiſtesirre erklaͤrt, und Gott weiß, ſie iſt nicht entfernt von der Wahrheit!“ Der Domine verdeckte ſein Geſicht mit bei⸗ den Haͤnden und ich benuzte dieſen Umſtand, um zur Thuͤr zuruͤck zu gehen, durch welche ich jezt anſcheinend eintrat und mit der Klinke klirrte; dieſes Geraͤuſch machte den Domine aufmerkſam, er ſtreckte mir die Hand entgegen und ſprach:„Willkom men mein Sohn— will⸗ kommen Deinem alten Lehrer und dieſen Mauern, welche Dich zuerſt aufnahmen, als Du vom Strome ausgeſpuͤlt wurdeſt, wie eine ausge⸗ rißene Waßerpflanze. Seze Dich Jakob, ich dachte an Dich und an die Deinigen.“ „Ah! an den alten Stapleton und ſeine Tochter!“ „Richtig; ihr Alle erfuͤlltet meine Gedanken, als Du eintrateſt; ſind ſie wohl?“ „Ja, Herr,“ antwortete ich,„wenig ſehe ich ſie; der Alte ſchmaucht unablaͤßig— und das Maͤdchen— je nun, ich moͤgte von der ſa⸗ gen, je weniger man von ihr ſieht, deſto beßer.“ „Jakob, dies duͤnkt mich ganz neu; ſie iſt doch ſehr gefallſam.“ Des Domine Karakter kannte ich genug, um zu wißen, daß wenn irgend etwas vermogte, — 14— ihn von ſeiner unſeligen Leidenſchaft zu heilen, dieß der Gedanke ſeyn wuͤrde, das Maͤdchen betrage ſich nicht gut. Auf jeden Fall wollte ich geringſchaͤzig von ihr ſprechen, denn ich wußte, daß er nie wiederholen wuͤrde, was ich ſagte, mithin konnte es ihr nicht nachthei⸗ lig werden. Inzwiſchen fand ich die Sache ſchwierig genug, weil ich beſchloßen hatte, nichts zu ſagen, was nicht Thatſache waͤre.—„Ge⸗ fallſam; ja gefallſam ſogar gegen jedermann; ich liebe dergleichen Maͤdchen nicht.“ „Wie, Jakob, iſt ſie leichtfertig?“ ich laͤchelte ohne zu antworten„ndoch habe ich die Bemer⸗ kung nicht gemacht,“ fuhr er fort.. „Sie iſt ganz wie ihre Mutter,“ bemerkterich. „Und wie war ihre Mutter?“ 1 Ich gab eine kurze Schilderung der Mutter und der Art, wie ſie ihr Leben im Verſuche verlor, ihrem Manne zu entfliehen. Der Do⸗ mine gruͤbelte eine Zeitlang und ſagte dann: „Wenig kenne ich die Frauen, Jakob, aber was Du mir ſagſt, uͤberraſcht mich nicht nur, ſondern betruͤbt mich. Sie iſt ſchoͤnen Anblicks.“ „Schoͤn iſt, was ſchoͤn handelt, Herr.— Manches Mannes Herz wird ſie noch peini⸗ gen, vermuthe ich.“— 8* — 1— „Wahrlich, Jakob, ich gerathe in die hoͤchſte Verwunderung durch das, was Du mir geſagt haſt.“ „Ich habe mehr von ihr geſehen,“ fuhr ich fort, „Bitte, ſag Du mir mehr.“ „Das moͤgte ich lieber nicht; Sie koͤnnen ſich jezt denken, was Ihnen geſaͤllig iſt.“ „Sie iſt noch jung, Jakob; ſie moͤgte ſich aͤndern, wenn ſie Frau wuͤrde.“ „Es iſt meine voͤllig feſte Meinung, daß wenn Sie ſich morgen mit ihr verheiratheten, ſie Ihnen in der erſten Woche ſchon entlaufen wuͤrde.“ „Iſt das Deine aufrichtige Meinung, Ja⸗ kob?“— 1 „Mein Leben moͤgte ich darauf verwetten, daß ſie's thun wuͤrde, wiewohl ich den Zeitpunkt nicht ſo genau angeben will.“ „Jakob, ich danke Dir— danke Dir viel; — Du haſt meine Augen geoͤffnet— Du haſt 1 mir mehr Gutes gethan, als Ovid.— Ja, Junge; ſogar die Alten, die ich verehrte, han⸗ delten nicht ſo freundlich mit mir, als Du, ein Sproͤßling, den ich gepflegt habe.— Du haſt mich belohnt, Jakob— Du haſt mir ver⸗ 4 — 16— golten, Jakob— Du haſt mich beſchirmt, Jakob— haſt mich gerettet, ja gerettet vor. mir ſelber und vor ihr;— denn Du mußt wißen, Jakob, daß mein Herz voller Sehnſucht nach dieſem Maͤgdlein war; und ich hielt ſie fuͤr die Vollkommenheit ſelber.— Dir meinen Dank, Jakob! und nun verlaße mich, damit ich mich mit mir ſelber berathen, mein Herz erforſchen mag— denn ich bin erwacht— aus einem Traume erwacht— und gern moͤgte ich nun allein ſeyn.“ Mir war es gar nicht unlieb, den Domine zu verlaßen, weil ich fuͤhlte, gern mit dem Mittageßen zu thun haben zu wollen; wir druͤckten uns die Haͤnde und ſolcher Art endete mein zweiter Morgenbeſuch. Zu rechter Zeit traf ich bei Tomkin ein, der mich ſehr freund⸗ 8 lich empfing. Ungemein vergnuͤgt war er in ſeinen jezigen achtungswuͤrdigen und einfluß⸗ . reichen Verhaͤltnißen, die ihm reichen Verdienſt gaben; an ſeinem Tiſche fand ich einige Per⸗ ſonen, die, ſo viel ich wußte, jeden Beſuch als eine Entwuͤrdigung ihrer ſelber betrachtet haben wuͤrden, den ſ ünege echeeitenn⸗ ſo lange der nur Drummond's erſter Commis war. Wir ſprachen von fruͤhern Zeiten, ver⸗ — — 127— gaßen ſo wenig den Ball und die Erleuchtung, als Turnbull's guten Einfall in Bezug auf das Paradies; nachdem ich einen recht vergnügten Abend hier zugebracht hatte, nahm ich Abſchied, um nach Fulham zuruͤckzukehren, aber außen fand ich den alten Tom, der auf der Lauer geſtanden hatte, um mich zu erwarten. „Jakob, mein Junge, Du mußt an einem dieſer Tage herab zu meinem alten Kaſten kommen.— Welchen Tag wirſt Du koͤnnen? — Der Lichter bleibt hier mindeſtens vierzehn Tage, wie Herr Tomkin mir ſagte, weil er auf Ladung warten ſoll, die auf dem Kanale herbeigebracht wird— alſo ſag mir, wann willſt Du kommen die alte Frau zu ſehen und den ganzen Tag bei uns zu bleiben.— Ich habe etwas mit Dir zu uͤberlegen, und Deine Meinung in Betreff'ner guten Zahl von Klei⸗ nigkeiten zu erfahren.“ „Wirklich!“ ſagte ich laͤchelnd,„ſeyd Ihr im Begriff, ein neues Haus zu bauen?“ „Nein,— nein,— das nicht;— aber Du ſiehſt wohl ein, Jakob, daß es Zeit fuͤr mich iſt, die Nachtarbeit im Auf⸗ und Abfahren des Stromes zu unterlaßen, wie ich Dir das ſchon im vorigen Winter ſagte. Ich bin ſo jung nicht III. 2 — 13— mehr, als ich vor fuͤnfzig Jahren war, und's gibt'ne Zeit fuͤr alles Ding. Ich denke den Lichter im kommenden Herbſt aufzugeben und mich am Lande feſtzuſezen; zugleich muß ich aber uͤberlegen, wie ich das am beſten einzu⸗ richten habe, alſo ſag' mir, welchen Tag willſt Du kommen.“ „Nun, ſagen wir Mittwoch.“ „Der iſt ſo guter Tag, als alle uͤbrigen; komm zum Fruͤhſtuͤck und nach dem Abendeßen kannſt Du zuruͤckkehren, wenn Du magſt; wenn nicht, ſo wird die alte Frau'ne Haͤngmatte fuͤr Dich aufſchlingen.“ „ Abgemacht;— aber wo iſt Tom?“ „Ich weiß nicht; denke aber, er iſt zu der Tochter von Stapleton gegangen. Er beginnt jezt an Maͤdchen zu denken, doch das iſt wie Ihr alter poßierlicher Vater ſagt—„nichts als Menſchennatur.“ Wie es immer ſeyn mag, ich miſche mich darin nicht; ſie ſcheinen indeß gut fuͤr einander zu paßen.“ „Wie meynt Ihr das?“ „Nun, was gutes Ausſehen anbetrifft, da paaren ſie'mal ganz gewiß gut miteinander; doch das meyne ich nicht, ſondern will ſagen, daß er voͤllig ſo ſchlau iſt als ſie, und daß er — 10— ſein Steuer richten wird, je nachdem ſie das ihrige haͤt.— S' wird ein langes Fechten unter Segel ſeyn, und wenn einer von ihnen die Flagge ſtreicht, wird dem Andern nicht viel zu ruͤhmen bleiben. Vielleicht moͤgen ſie zulezt die Segelſtriche abkehren— vielleicht auch als Gefaͤhrten mit einander fortſegeln. Gott al⸗ lein kann's wißen; dies aber weiß ich, daß Tom's Liebchen ſo voller Neckereien und loſer Streiche ſeyn mag, als ſie will, aber Tom's Frau nicht— Urſach von wegen?— er wird ſie in Zucht halten.— Nun gute Nacht;— ich habe weit zu gehen.“ Als ich zu Hauſe ankam, fand ich Marie allein.„Iſt Tom hier geweſen?“ fragte ich. „Weshalb fragſt Du danach?“ erwiederte ſie. „Weil ich Antwort darauf wuͤnſche, wenn's Dir gefaͤlt.“ „Nun ja, er war hier, und war ungemein vergnuͤglich.“ „Das iſt er jederzeit;“ ſagte ich. „Und wo magſt denn Du geweſen ſeyn?“— Ich erzaͤhlte es ihr und dann fuhr ſie fort: „Alſo ſahſt Du den alten Domine. Sprich, was ſagte er von mir?“ „Das werde ich nicht,“ gab ich zur Antwort, — 20— „aber ſo viel will ich Dir ſagen, daß er nie mehr an Dich denken wird, Du darfſt nicht erwarten, ihn jemals wieder zu ſehen.“ „Du weißt aber, daß er verſprochen hat, wieder zu kommen.“ „Sein Verſprechen hat er gehalten, Marie.“ „Ol! hat er Dir das geſagt? hat er Dir Al⸗ les erzaͤhlt, was vorging?“ „Nein, er hat mir nicht einmal geſagt, daß er hier geweſen iſt; indeß weiß ich Alles.“ „Das kann ich nicht begreifen.“ „Gleichwohl iſt es wahr, und ich denke, im Ganzen genommen betrugſt Du Dich gut ge⸗ nug, obwohl ich nicht einſehe, weshalb Du ihn beim Abſchiede kuͤßteſt.“ „Gerechter Himmel, wo warſt Du?— Hier im Zimmer mußt Du geweſen ſeyn.— Du hörteſt jedes Wort, was wir ſprachen?“ „Jegliches Wort;“ erwiederte ich. „Wahrlich, ich haͤtte nicht glauben koͤnnen, daß Du eines ſo niedrigen Betragens faͤhig waͤreſt.“ „Klage vielmehr Deine eigene Unbeſonnen⸗ heit an Marie; was ich hoͤrte, konnte Jeder⸗ mann auf der Straße eben ſo gut mit anhoͤ⸗ ren, als ich. Wenn Du Liebesgeſpraͤche in ei⸗ — 21— nem Zimmer, das nicht acht Fuß hoͤher als die Straße liegt, bei weitgeoͤffnetem Fenſter hal⸗ ten willſt, darfſt Du Dich nicht wundern, daß jeder Voruͤbergehende anhoͤrt, was Du ſagſt.“ „Das iſt wahr; an das offenſtehende Fen⸗ ſter habe ich gar nicht gedacht; ich wuͤrde mir auch gar nichts daraus machen, wenn die ganze Welt es angehoͤrt haͤtte, nur Du nicht.“ Erſt jezt fiel mir ein, weshalb Marie ver⸗ drießlich daruͤber ſeyn muͤßte, daß ich angehoͤrt hatte, was ſie damals von mir ſagte; ich ſchwieg. Marie ſezte ſich, lehnte ihre Stirn in ihre Haͤnde und ſchwieg ebenfalls; deshalb nahm ich mein Licht und ging. Mariens Stolz war dadurch gedemuͤthigt, daß ich das Geſtaͤnd⸗ niß ihrer Zuneigung zu mir, angehoͤrt hatte; — ein Geſtaͤndniß, welches auf mich nur ſehr geringen Eindruck machte, weil ich dafuͤr hielt, ſie moͤge noch vor Ablauf eines Monates das naͤmliche von Tom oder von irgend einem An⸗ dern ſagen, der ihr grade gefiele; darin war ich jedoch nicht ganz gerecht gegen ſie. Ihr Be⸗ tragen gegen mich aͤnderte ſich nach der Zeit ſehr; ſie ſchien naͤhere Vertraulichkeit mehr zu vermeiden, als zu ſuchen; was mich betrifft, ſo blieb ihr meine Freundſchaft, ich war ge⸗ — 22— faͤllig und freundlich gegen ſie, aber auch nichts mehr. Am ſolgenden Morgen, als ich fruͤh mein Boot in Ordnung brachte, um zu feſtgeſezter Zeit bei Turnbull einzutreffen, erlebte ich einen ſonderbaren Vorfall. Eben wollte ich abfahren, als ein dunkelfarbiger Mann aus fremdem Him⸗ melsſtriche mit einem Buͤndel unter dem Arme zum Stege kam. „Wie viel um auf andere Seite vom Strome zu fahren? wie viele Pence?“ fragte er. „Zwei Pence,“ antwortete ich, weil ich ihn aber nicht beſonders gern uͤberſezen wollte, fuhr ich fort:„wenn Ihr uͤber die Bruͤcke geht, zahlt Ihr nur einen Pfenning.“ „Ich recht gut weiß— aber lieber fahren.“ Er war ein gut ausſehender, nicht ſehr dun⸗ kelbrauner Mann, ſein Turban war von bun⸗ tem Tuche gemacht— und ſeine Beinkleider ließen nicht uͤbermaͤßig weit; ich wußte nicht, ob er ein Tuͤrke ſey oder nicht; ſpaͤter erfuhr ich, er waͤre ein Parſie aus Oſtindien. Das Engliſche ſprach er ziemlich gut.— Sobald er in meinem Kahne war, ſtieß ich ab; als wir die Mitte des Stromes erreicht hatten, bat er, ich moͤge ein weniges aufwaͤrts rudern.—„So — 32— iſt's gut,“ ſprach er, oͤffnete ſein Buͤndel und breitete einen Teppich hinten im Spiegel des Bootes aus. Dann erhob er ſich, blickte nach der Sonne, die ſo eben in ihrer ganzen majeſtaͤtiſchen Pracht aufging, verbeugte ſich mit aufgehobenen Haͤnden dreimal vor ihr, kniete auf den Teppich nieder, beruͤhrte den mehremale mit der Stirne, ſtand wieder auf, nahm einige gewoͤhnliche Feld⸗ blumen aus ſeinem Gewande, warf die in den Strom, verbeugte ſich wieder, legte ſeinen Tep⸗ pich ſodann zuſammen und bat mich, zuruͤck an's Ufer zu rudern. „Ich halte mein Gebet,“ ſprach er und blickte mich mit ſeinen feurigen, ſchwarzen Augen an. „Sehr gut; an wen richtet Ihr es?“ „An meinen Gott.“ 1 „Aber weshalb thut Ihr das nicht am Lande?“ „Im Hauſe ſehe ich die Sonne nicht; wenn ich hinausgehe, kleine Jungen lachen und wer⸗ fen mich mit Erde. Wo ich nicht geſehen werde — auf Strom, ſehr guter Plaz.“ Wir legten an, er zog drei Pfennige hervor und bot mir die.—„Nein, nein,“ ſagte ich ablehnend,„ich verlange nicht, daß Ihr Geld zahlen ſollt, um Euer Gebet zu halten.“ „Kein Geld nehmen?“ — 24— „Ja, ich nehme Geld fuͤr Ueberfahren, aber nicht fuͤr Gebete; wollt Ihr an einem andern Morgen wieder beten, ſo kommt nur herab; wenn ich hier bin, will ich Euch jedesmal in den Strom hinausrudern.“ „Guter Mann Ihr ſeyd; ich danke Euch,“ ſagte der Parſie, machte mir einen ſehr tiefen Salaam und ging weg.— Ich mag hier gleich bemerken, daß dieſer Mann ſpaͤter zwei bis drei Mal woͤchentlich gegen Sonnenaufgang herab kam, und daß ich ihn jedesmal in den Strom hinausfuhr, damit er ſeine religioͤſe Zeremonie halten konnte. Wir ſprachen oft mit einander und wurden zulezt ziemlich vertraut. Ich fuhr nach Turnbull's Landhauſe und fand dieſen ſchon auf dem Raſenabhange, nach mir ausblickend. Der Packkorb mit unſerer Malzeit lag im Grandwege bereit. „Das iſt ein herrlicher Morgen, Jakob, wird aber ein heißer Tag werden,“ ſagte er;„komm', wir wollen gleich abfahren, leg' Deine Hand⸗ ruder ein und laß' uns Schlagruder anſezen.“ „Wie geht's Madame Turnbull?“ fragte ich. „Ziemlich; ſie gleicht der Molly Speck, die ich heirathete, jezt mehr, als ſie ſeit Jahren gethan hat. Vielleicht mag dieſer Vorfall noch — 25— das beſte Ende herbeifuͤhren; ſie mag zu rich⸗ tiger Einſicht kommen— und Gluͤckſeligkeit mag zu unſerm Heerde zuruͤckkehren; wenn das iſt, Jakob, ſo wurde das Geld gut angewandt.“ 11I. 4 2*¾ Zweites Kapitel. Herr Turnbull und ich machen eine Luſtfahrt,— es wird ein Abenteuer daraus und endet mit einer Blunderbuͤchſe, einer zinnernen Buͤchſe und einem Damenmantel. Langſam ruderten wir den Strom hinauf, ſprachen mit einander und ruheten zuweilen mit eingeſeztem Ruder, um uns zu verſchnaufen; denn der alte Seemann ſagte:„Weshalb ſoll⸗ ten wir das Vergnuͤgen uns zur Laſt machen? Ich liebe die obere Gegend des Stromes am meiſten, Jakob, weil das Waßer hier ſo klar iſt.— Wie manche Stunde habe ich als Schiffs⸗ junge am Bord uͤber den Rand eines Bootes gelehnt, das bei Windſtille hinabgelaßen war, die kleinen auf der tiefblauen, unergruͤndlichen Fluth unter mir ſchwimmenden Gegenſtaͤnde zu — 27— beſchauen: Objekte aller Geſtalten, aller Farben, jeder Groͤße— alle ſchoͤn und bewunderungswuͤr⸗ dig; und dennoch ſieht vielleicht des Menſchen Auge nicht eines derſelben unter ihren hunderten von Millionen. Du weißt, Jakob, daß die Nordſee mit dieſen Thieren angefuͤllt iſt— die ungeheure Menge derſelben kannſt Du Dir nicht vorſtellen; die Matroſen nennen ſie„See⸗ ſpeck,“ weil ſie aus einer Art durchſichtigem Gallert beſtehen, aber ihr eigentlicher, das heißt, ihr gelehrter Name iſt Meduſa. Der Wallfiſch naͤhrt ſich von ihnen und das iſt der Grund. weshalb man Wallfiſche findet, wo ſie ange⸗ troffen werden.“ „Ich moͤgte gern eine Reiſe auf den Wall⸗ fiſchfang unternehmen,“ ſagte ich;„Sie haben mir ſo viel Anziehendes davon erzaͤhlt.“ „Es iſt ein bewegtes und zugleich ein be⸗ ſchwerdenvolles Leben, Jakob; aber anziehend iſt's. Einige Reiſen enden recht luͤcklich und gewaͤhren Vergnuͤgen; andere ſind furchtbar und erregen entſezliche Angſt. Bleibt das Wetter gut dann iſt alles leicht; wenn aber mitunter das ſchreckliche Unwetter fortdauernd anhaͤlt, ſo iſt es grauſenhaft. Ich erinnere mich einer Reiſe, die mir mehr greiſe Haare machte, als alle Uebri⸗ — 28— gen, und ich meyne, daß ich damals hoͤchſtens zwei und zwanzig alt war. Wir befanden uns im Treibeiſe und erzwangen unſere Fahrt nord⸗ waͤrts; da ſprang Sturmwind auf, das Meer thuͤrmte, und nachdem der Sturm eine Woche lang gewuͤthet hatte, war unſere Lage furcht⸗ bar. Nur ſehr kurze Zeit hatten wir Tageslicht, doch war der Nebel ſo dick, daß wir auch da⸗ bei wenig oder nichts ſehen konnten; ſo wur⸗ den wir zwiſchen den großen treibenden Eisſchollen umhergeworfen, begegneten ungeheuren Eisber⸗ gen, die des Sturmes Gewalt daher trieb, ſo daß wir jedesmal nur mit genauer Noth ihnen auswichen; die Takelung des Schiffes war mit Eis beladen; die Schiffsbuge waren damit uͤber⸗ kleidet; die Matroſen waren mehr als zur Haͤlfte erfroren; kein Tau konnten wir durch die Block⸗ rollen ziehen, ohne vorher ſiedendes Waßer hin⸗ durch zu gießen, um ſie zu ſaͤubern. Aber am allerſchrecklichſten waren die langen, grauſenvol⸗ len, gefahrdrohenden Naͤchte, in denen wir auf die Gipfel der Wogen geſchoben, von da hinab in die Tiefe geſtuͤrzt wurden, ohne zu wißen, ob nicht jeder Sturz uns unten gegen das Eis ſchleudern und mit einemmale unſer Verſinken herbeifuͤhren wuͤrde.— Alles um uns her pech finſter— des Windſturmes heulendes Gebrauſe, das, wenn es den Menſchenkoͤrper erfaßte, ihn mit ſeiner eiſigen Gewalt bis zum innerſten Mark erſtarrte;— der ſchwarze Wogenſchwall, der haͤufig große Eisſchollen, die durch ihre weiß⸗ liche Farbe und den ſie umziſchenden Schaum erkennbar wurden, gegen uns anſchleuderte, als bediene ein boͤſer Daͤmon ſich ſeiner zum Mittel unſers Unterganges.— Nie werde ich das Stuͤrzen eines Eisberges waͤhrend dieſes grauſenhaften Sturmes vergeßen, der einen vollen Monat und drei Tage anhielt.“ „Ich weiß nicht, was ſtuͤrzen ſagen will.“ „Du mußt zuooͤrderſt verſtehen, Jakob, daß die Eisberge ſaͤmmtlich vom ſuͤßen Waßer her⸗ ruͤhren; man vermuthet, ſie wuͤrden durch die Gewalt des Unwetters und durch andere Urſa⸗ chen vom Lande losgebrochen. Wiewohl nun das Eis ſchwimmt, ſo ſchwimmt es doch nur tief; das heißt, wenn ein Eisberg vielleicht fuͤnf hun⸗ dert Fuß uͤber dem Meere hervorragt, ſo mißt er gemeiniglich ſechs Mal ſo viel in der Tiefe unter dem Waßer— verſtehſt Du mich?“ „Vollkommen.“ „Nun ſchau, Jakob, das Waßer iſt um vie⸗ les waͤrmer, als die Luft, und die Folge davon, — 30— däß das Eis unter dem Waßer viel ſchneller zerſchmilzt; ſo daß, wenn ein Eisberg laͤngere Zeit ſchon auf den Fluthen trieb, der unter dem Waßer befindliche Theil deßelben die noͤthige Schwere verliert, um ihn aufrecht zu halten; dann ſtuͤrzt er, das will ſagen, er faͤllt um und ſchwimmt in einer andern Lage weiter.“ „Ich verſtehe Sie jezt, Herr.“ „Wir befanden uns dicht bei einem Eisberge der windwaͤrts von uns trieb; er war unge⸗ mein hoch und wir erwarteten ihm vorbeifah⸗ ren zu koͤnnen, weil wir moͤglichſt viele Segel beigeſezt hatten, um dies zu bewerkſtelligen. Indeß blickte Jedermann aͤngſtlich nach dem Eisberge aus, den der Sturm vor ſich her trieb. Ploͤzlich wurde der Wind um vieles heftiger als zuvor und einer der Matroſen rief aus: nſtuͤrzen, ſtuͤrzen.’“— Es war nur zu gewiß ſo. Der niederſinkende Gipfel des Eisberges— neigte ſich allmaͤhlig tiefer zu uns herab, bis es endlich ſchien, ſein eiſiger Scheitel ſchwebe uͤber unſern Haͤuptern. Unſer Loos duͤnkte uns unvermeidlich; fiel dieſer Eisberg auf das Schiff, ſo mußte es davon in Atome zertruͤmmert wer⸗ — 31— den. Wir ſanken aufunſere Kniee nieder und bete⸗ ten, mit jedem Augenblicke das Entſezliche er⸗ wartend; ſogar der Mann am Steauer that, was wir Andern vornahmen, wiewohl er die Radſpeichen doch nicht losließ. Faſt zur Haͤlfte war der Eisberg ſchon umgeſunken und hing uͤber uns, da gab ihm das Grundeis, welches auf einer Seite ſchwerer ſeyn mußte als auf der andern, eine ſchiefere Richtung, veraͤnderte den Stoß des Falles und der Eisberg ſtuͤrzte etwa auf Kabellaͤnge hinter unſerm Spiegel ſo brauſend in das Meer, daß er die Fluth ſchaͤu⸗ mend in die Wolken trieb und wir von der Gewalt, mit der das Spriz⸗Waßer unſere Ge⸗ ſichter traf, eine Zeitlang erblindeten. Eine Minute lang war der Wellenſchlag gehemmt, das Meer ſchien zu kochen und zu ſprudeln, warf ſpiz⸗ ſaͤulige Waßermaßen nach allen Richtungen in die Hoͤhe, die aufſtiegen und verſanken; das Schiff rollte und ſtuͤrzte gleich einem Trunkenen, ſogar das Sturmgebrauſe ſchwieg fuͤr einen Augenblick, ſo daß die ſchweren Segel gegen die Maſte flackerten und ſich von ihrem eiſigen Ueberzuge ſaͤuberten— dann war alles voruͤber. Ein Eisberg anderer Geſtaltung ſchwamm hin⸗ ter uns, der Sturm begann wieder zu wuͤthen, eine Woge erdruͤckte die andere, und ſo ſchreck⸗ lich der Sturm auch war, erſchien er uns doch wie eine Erloͤſung. Das war eine entſezenvolle Reiſe, Jakob, ein Drittheil meiner Haare ergraute mindeſtens; das ſchlimmſte war aber noch, daß wir bei unſerer Ruͤckkehr nur drei Fiſche am Bord hatten. Inzwiſchen hatten wir Urſache der Vorſehung zu danken; achtzehn unſerer Schiffe waren verloren und Gottes Barmherzigkeit allein iſt es zuzuſchreiben, daß wir ihre Zahl nicht vergroͤßerten.“. „Ich vermuthe, Herr Turnbull, Sie haben mir dieſe Geſchichte erzaͤhlt, damit ich keine ſolche Reiſe machen ſoll? 2 „Durchaus nicht, Jakob, wenn's ſich ſo trifft, daß Dein Vortheil eine Reiſe nach dem Nord⸗ Pol oder irgendwohin erfordert, dann wuͤrde ich ſagen, geh' auf allen Fall, aber mache ſol⸗ che Reiſe nicht aus bloßer Neugierde, dergleichen achte ich thoͤricht. Recht gut iſt's fuͤr Diejeni⸗ gen, die zuruͤckkommen von ihrer Reiſe zu erzaͤh⸗ len, es iſt ſogar billig, daß ſie dieſe Ge⸗ nugthuung haben; bedenkſt Du aber, wie viele gar nicht wieder zuruͤckkommen, ſo iſt's thoͤ⸗ richt dich unnoͤthigerweiſe ſolcher Gefahr und ſolcher Entbehrung auszuſezen. Dich vergnuͤgen — 33— meine Erinnerungen aus den Arktiſchen Reiſen, aber bedenke nur, wie viele Jahre ich unter Muͤhſeligkeiten, Gefahren, Kaͤlte und Hunger verbracht habe um dieſe Anekdoten zu ſammeln, daraus wirſt Du abnehmen koͤnnen, ob es der Muͤhe werth ſey, nur zur Befriedigung der Neugierde dergleichen zu unternehmen.“ Ich beluſtigte Turnbull ſodann mit der Er⸗ zaͤhlung von der Pick⸗nik⸗Geſellſchaft und waͤhrend dieſer Zeit waren wir hoch uͤber Kew⸗Bruͤcke hinaufgerudert. Hier trieben wir unſer Boot in ein Rudel⸗Schilfgras, und ſezten uns zu un⸗ ſerer Malzeit; hunderte blauer Drachenfl iegen umſumſeten uns, als fragten ſie, was wir in ihrem Reiche ſuchten?— Wir plauderten und vergnuͤgten uns, bis es ſpaͤt wurde, ſchoben dann ab und fuhren mit dem Strome hinunter. Die Sonne war bereits untergegangen und wir mogten noch ſechs oder ſieben Meilen von Turnbul''s Landhauſe entfernt ſeyn, als wir gewahrten, daß ein ſchoͤner junger Mann, in einem kleinen Nachen auf uns zu ruderte. Er mußte uns beide fuͤr Kahnfuͤhrer halten, denn er rief uns zu:„ich ſage, Burſche, habt Ihr Luſt ein Paar Guineen ohne viele Muͤhe zu verdienen?“ III. 3 — 34— „O ja!“ erwiederte Turnbull ſogleich— „wenn Ihr uns ſagen koͤnnt wie.—— Ein ſchoͤner Zufall fuͤr Dich, Jakob,“ fuhr er leiſe zu mir gewandt fort. „Wohlan, ich werde Eurer Dienſte vielleicht nur eine Stunde beduͤrfen— vielleicht auch etwas laͤnger, weil eine Dame abzuholen iſt, auf die wir warten muͤßen. Alles was ich von Euch verlange, iſt, daß Ihr tuͤchtig rudert und Euer Beſtes thut. Sind wir einig?“ Wir waren damit zufrieden, und er forderte uns auf, ihm zum Ufer zu folgen. „Das wird ein Abentheuer,“ ſagte ich. „Mir ſcheint's auch ſo,“ erwiederte Turnbull, „ſo viel beßer. Ich bin zwar jezt alt, aber der⸗ gleichen Spaß gefaͤllt mir.“ Der Gentleman ruderte unter einen kleinen Bootſchoppen der zu einer am Ufer gelegenen Villa gehoͤrte, befeſtigte ſeinen Nachen und be⸗ ſtieg ſodann unſer Fahrzeug. „Jezt haben wir Zeit genug; rudert nur ganz gemaͤchlich fuͤr jezt.“— Wir fuhren den Strom hinab, und als wir unter der Kew⸗ Bruͤcke durch waren, ordnete er an dicht an das rechte Stromufer zu fahren, bis wir zu einem Garten kamen, der von einem hoͤher ge⸗ — 35— legenen zierlichen Landhaͤuschen ſich hinab zum Strome ſenkte. Das Waßer reichte bis zur back⸗ ſteinernen Mauer, die etwa vier bis fuͤnf Fuß uͤber den Strom hinaufreichte.—„Hier iſt's — ſo— pſtt— pſtt— kein Wort geſprochen,“ ſagte er und ſtand im Spiegel auf, um uͤber die Mauer zu blicken. Nachdem er eine Minute oder vielleicht zwei geſpaͤhet hatte, klomm er vom Boote auf die Mauerkrone und pfiff zwei Takte eines Liedes, das ich nie zuvor ge⸗ hoͤrt hatte. Alles ſchwieg.— Er verbarg ſich hinter einer Lilakſtaude und wiederholte nach Verlauf einer Minute das Pfeifen eben jener Takte; keine Bewegung in dem Landhaͤuschen wurde ſichtbar. Von Zeit zu Zeit fuhr er mit der Wiederholung jener Muſiktheile fort, und endlich erſchien Licht an einem oͤbern Fenſter; es ward wieder weggenommen und dreimal hin⸗ ter einander zum Vorſchein gebracht.„Jezt ſeyd bereit, Burſche,“ ſprach er. Zwei Minuten ſpaͤter kam ein Frauenzimmer im Mantel den Abhang herab, in der Hand hielt ſie eine zin⸗ nerne Buͤchſe und war faſt athemlos aus aͤngſt⸗ licher Erregung. „Ach Eduard, ich hoͤrte dein erſtes Signal, aber ich konnte nicht in meines Oheims Zim⸗ — 36— mer kommen, um die Buͤchſe zu nehmen, zu⸗ lezt ging er hinaus— und hier iſt ſie.“ Der junge Mann nahm ihr die Buͤchſe ab und reichte ſie uns, um ſie in das Boot zu legen. „Gebt gut Acht darauf, Burſche,“ ſprach er —„und nun Cecilie, haben wir keine Zeit zu verlieren; je ſchneller Du im Boote biſt deſto beßer.“ „Wie ſoll ich da hinab kommen Eduard?“ erwiederte ſie. „Nichts iſt leichter; wirf zuerſt Deinen Man⸗ tel in's Boot, dann brauchſt Du nur auf die Mauerkrone zu treten und Dich auf die Huͤlfe der Kahnfuͤhrer unten, und auf die meinige hier oben zu verlaßen.“ Inzwiſchen war die Sache nicht ganz ſo leicht; die Mauer war reichlich vier Fuß hoͤher, als das Boot reichte und oben auf ihr befand ſich noch ein Fuß hohes eiſernes Gegitter. Sie ſtrengte ſich jedoch moͤglichſt an, und wir glaubten alle Schwierigkeiten beſiegen zu koͤnnen, als die junge Dame laut aufſchrie. Wir blickten in die Hoͤhe und gewahrten oben auf der Mauer einen dritten Mann. Es war ein ſtarkgebauter, hoch⸗ gew achſener, aͤltlicher Herr, ſo viel wir im — 37— Dunkeln zu erkennen vermogten, der die Dame ſogleich beim Arme erfaßte und ſie fortzog. Dem wiederſezte ſich der junge Mann, der Aeltere ließ die Dame los, um ſich zu vertheidigen und rief mit lauter Stimme:„Huͤlfe! zur Huͤlfe! Diebe! Diebe!“ „Soll ich hinauf ihm beizuſtehen? 2 fragte ich Turnbull—„einer von uns muß im Boot bleiben.“ „Spring hinauf, Jakob, umdgi koͤnnte ich die Mauer erklimmen.“ Im naͤchſten Augenblicke war ich ſchon oben und im Begriff dem jungen Manne beizuſprin⸗ gen, als vier Diener mit Fackeln und Waffen in den Haͤnden herbeieilten. Die Dame war ohnmaͤchtig auf dem Raſen niedergeſunken; der aͤltere Herr ſowohl als ſein Widerſacher lagen am Boden, doch war der Aeltere offenbar der Steger, denn er hatte den Andern uͤberwaͤltigt. So⸗ bald er die herbeikommenden Leute erblickte, rief er aus:„ſeht nach den Kahnfuͤhrern, nehmt die feſt!“ Nun war kein Augenblick zu verlieren, hier konnte ich nicht helfen und Herr Turnbull konnte in arge Verl legenheit gerathen; deshalb ſprang ich hinab in's Boot, ſtieß dieſes ab, und wir waren mindeſtens dreißig Ellen vom — 38— Ufer in den Strom hinausgetrieben, bevor ſie uͤber die Mauer ſchauten, um zu ſehen, wo wir waͤren. „Halt dal in dem Boot! halt!“ riefen ſie. „Schießt auf ſie, wenn ſie nicht halten;“ be⸗ fahl der Herr. Wir ruderten davon, ſo ſchnell wir konnten. Eine Muskete ward abgefeuert, erreichte uns aber nicht; der einzige, der vom Schuße fiel, war der Menſch der ihn abgefeuert hatte. Um uns gut zu ſehn, hatte er ſich auf die ſchraͤgliegende Mauerplatte geſtellt, und der Stoß des Feuer⸗ gewehrs warf ihn hinab in den Strom; wir ſahen ihn fallen und hoͤrten auch das Platſchen im Waßer; doch wir ruderten ſo ſchnell, wir nur konnten, und in wenigen Minuten hatten wir den Ort der Handlung weit hinter uns gelaßen. Dann fuhren wir queer uͤber zum an⸗ dern Ufer, und als wir dem Lande nahe wa⸗ ren, hielten wir ein um zu verſchnaufen. „Nun,“ ſagte Turnbull,„das iſt'n Ausgang, auf den ich nicht rechnete, ſo'ne Blunderbuͤchſe voller Hagel nachgeſchickt zu bekommen.“ „Das heißt den Spaß auf der Themſe zu weit treiben,“ erwiederte ich lachend. „In'ner ſchoͤnen Suppe ſizen wir jezt; hier haben wir Sachen, die Gott weiß wem zuge⸗ hoͤren; was koͤnnen wir damit anfangen?“ „Ich denke, das Beſte wird ſeyn, Sie nehmen die Sache mit ſich nach Ihrem Hauſe, und be⸗ wahren ſie auf, bis wir erfahren koͤnnen, wie das Alles zuſammenhaͤngt; ich fahre indeß mit meinen Handrudern zum Stege hinab. In eini⸗ gen Tagen werden wir ſchon etwas hoͤren oder erforſchen; jezt moͤgten ſie uns verfolgen und unſere Spur aufzufinden ſuchen.“ „Dein Rath iſt gut,“ ſagte Turnbull,„und je eher wir wieder hinuͤber fahren deſto beßer, denn wir ſind ſo ziemlich meinem Garten ge⸗ genuͤber.“ Dies geſchah, Turnbull ſtieg in ſeinem Gar⸗ ten aus, nahm die zinnerne Buͤchſe— eine von denen, die man mit dem Namen von Akten⸗ behaͤltern belegt— und den Damenmantel mit ſich. Ich verſaͤumte keinen Augenblick, ſon⸗ dern arbeitete mich mit meinen Handrudern, ſo ſchnell ich nur konnte, hinunter nach Fulham. Hier war ich angekommen und trieb nun ge⸗ maͤchlich in die Bootreihe um die andern Na⸗ chen nicht zu beſchaͤdigen, als ein Mann mit brennender Laterne zu mir in das Boot trat, — 40— „Habt Ihr irgend etwas in Eurem Nachen?“ Fragte er. „Gar nichts“ gab ich zur Antwort; er durch⸗ ſuchte das Boot und war zufrieden; fragte in⸗ deß:„ſaht Ihr nicht ein Boot mit zwei Leuten darin als Ihr den Strom herab kamt?“ „Nein,“ gab ich zur Antwort,„mie iſt nichts vorbei gekommen.“ „Wo kommt Ihr jezt her?" „Von eines Gentleman Landſtizebei Brentford?“ „Brentford!— o dann waret Ihr viel wei⸗ ter herab als jene,—— die ſind noch nicht herunter.— „Habt Ihr'ne Beſtellung fuͤr mich, Herr?“ fragte ich weil ich den Anſchein nicht haben wollte, als wuͤnſchte ich fortzukommen.— „Nein, mein Mann, heute Abend nicht. Wir ſind auf der Lauer, haben aber zwei Nachen auf dem Strome und an jedem Landeplaze einen von unſern Leuten.“ Nun band ich meinen Nachen feſt, nahm meine Schlag⸗ und Handruder auf die Schulter, und ging, froh genug, daß ich ſo davon kommen konnte. Es ſcheint man hatte, ſobald erkannt wurde, daß wir durch das Feu⸗ ern auf uns nicht zu halten waͤren, Pferde ge⸗ - — 41— ſattelt, und weil der Weg zu Lande, um ein bedeutendes kuͤrzer war, hatten die Reiter im ſchnellſten Lauf etwa 10 Minuten vor mei⸗ ner Ankunft Fulham erreicht.— Ein wah⸗ res Gluͤck fuͤr mich war es, daß die zinnerne Buͤchſe gelandet worden, ſonſt waͤre ich unfehl⸗ bar entdeckt. Der Eifer, mit welchem man be⸗ muͤht war ſich den Beſiz dieſer Buͤchſe wieder zu verſchaffen zeigte deutlich genug, daß ihr Inhalt großen Werth haben muͤße; indeß herrſchte daruͤber dunkles Geheimniß.— Durch koͤrperliche Anſtrengung ſowohl, als durch die geiſtige, Spannung fuͤhlte ich mich voͤllig erſchoͤpft, als ich zu Stapletons Wohnung kam. Marie war da, um mir mein Abendeßen zu geben, welches ich ſchweigend verzehrte, uͤber Kopf⸗ ſchmerz klagte und zu Bette ging. — 4— Drittes Kapitel. Oer Stromfahrer wird Stromritter.— Ich werde ein ritterlicher Abenteurer, erſchaue ein wunderſchoͤnes Antliz und folge dem Strome.— Das Abenteuer ſcheint mehr Prozeße, als Liebe zu verheißen, weil Papiere in Betracht kommen, die naͤmlich in der zinnernen Buͤchſe ſich beſinden⸗ In dieſer Nacht traͤumte mir von nichts an⸗ derm, als von dem Auftritte, und der Her⸗ gang wiederholte ſich vor meinen Sinnen un⸗ aufhoͤrlich; auch die zwei Muſiktakte des unbe⸗ kannten Liedes erklangen beſtaͤndig in meinen Ohren. Sobald ich am folgenden Morgen mein Fruͤhſtuͤck genommen, fuhr ich hinauf zu Turn⸗ bull und erzaͤhlte dem, was ſich ereignet hatte. — 43— „Wahrhaftig, es war ein Gluͤck, daß die Buͤchſe hier blieb,“ ſagte er,„ſonſt moͤgteſt Du jezt im Gefaͤngniße ſizen. Ich wollte, ich haͤtte nichts mit der Geſchichte zu thun, aber wie Du zu ſagen pflegſt: was geſchehen iſt, laͤßt ſich nicht aͤndern. Die Buͤchſe will ich je⸗ denfalls nicht herausgeben, bis ich weiß, wel⸗ chem Theile ſie rechtlich zugehoͤrt, und ich kann nicht umhin zu glauben, daß die junge Dame ein Anrecht darauf hat. Aber Du mußt auszu⸗ kundſchaften ſuchen, wie dieſe Sache zuſam⸗ menhaͤngt. Glaubſt Du, die Melodie aufge⸗ faßt zu haben, die er ſo wiederholt pfiff?“ „Die ganze Nacht hindurch erklang ſie in meinen Ohren und ich habe ſie nachzupfeifen verſucht, waͤhrend ich den Strom herauffuhr. Ich denke, daß ich ſie richtig habe; hoͤren Sie.“ Ich pfiff ihm die zwei Takte vor. „Voͤllig richtig, Jakob; nun gib wohl Acht, ſie nicht zu vergeßen. Wohin gehſt Du heute?“ „Ich habe keine Beſtimmung.“ „Wie waͤr's, wenn Du den Strom hinauf⸗ fuͤhreſt und den Ort ausfindig machteſt, wo ir landeten; wenn Du dieſen erkannt haſt, oͤnnteſt Du noch weiter hinaufrudern und zu⸗ ehen, ob Du den jungen Mann bei dem klei⸗ 3 — 4— nen Nachen findeſt; auf alle Faͤlle moͤgteſt Du etwas erkunden— aber bitte, ſey vorſichtig.“ Dies verſprach ich und fuhr zu meinem Streif⸗ zuge ab, den ich mit Vergnuͤgen unternahm, weil mich Alles ergoͤzte, was einem Abenteuer aͤhnlich ſah. Nachdem ich anderthalb Stunden den Strom hinaufgerudert war, gelangte ich zu dem Orte. Vollkommen erkannte ich das zierliche Landhaͤuschen wieder, die abgedachte Mauer, ſogar die Stelle, an welcher wir im Nachen lagen; auch gewahrte ich, daß mehre Backſteine losgegangen und in das Waßer ge⸗ fallen waren. Im Landhauſe ſchien ſich niemand zu ruͤhren, indeß fuhr ich fort, auf und nieder zu rudern und die Fenſter zu betrachten; zu⸗ lezt wurde eines derſelben geoͤffnet, eine junge Dame lehnte daraus hervor, und ich hielt mich uͤberzeugt, ſie muͤße die naͤmlich ſeyn, welche wir am Abende zuvor geſehen hatten. Alles war ſtill und der Wind ruͤhrte ſich nicht. Sie ſaß jezt am offenen Fenſter und ſtuͤzte den Kopf auf ihre Hand. Ich pfiff die zwei Takte. Schon bei den erſten Toͤnen richtete ſie ſich auf und 1 blickte forſchend nach mir, waͤhrend ich die Me lodie endete. Dann ſchaute ich hinauf zu ihr ſie ſchwenkte einmal ihr Taſchentuch und ſchlo — 45— das Fenſter. Nach wenigen Sekunden erſchien ſie unten auf dem Raſenabhange und kam her⸗ aͤb zum Strome, Sogleich ruderte ich unter die Mauer, legte meine Handruder ein, hielt mich, im Nachen ſtehend, an der Mauer feſt. „Wer ſeyd Ihr? Wer ſchickt Euch?“ ſprach ſie, auf mich herabblickend und mir eines der reizendſten Antlize zeigend, die ich je geſehen hatte. 4 „Niemand ſchickte mich, Madame,“ erwie⸗ derte ich,„aber geſtern Abend war ich im Boote. Ich bedaure den Unfall, doch Ihre Buͤchſe und Ihr Mantel ſind in Sicherheit.“ „Ihr waret einer der Kahnfuͤhrer; ich hoffe, daß Niemand beſchaͤdigt wurde, als man auf Euch feurete.“ „Nein, Madame.“ „Und wo iſt die Zinnbuͤchſe?“ „Im Hauſe meines Begleiters.“ „Kann man ihm vertrauen? denn ſie wer⸗ den große Belohnung dafuͤr ausbieten.“ „Das ſollte ich meynen, Madame,“ erwie⸗ derte ich laͤchelnd,„mein Begleiter war ein Gentleman, der ein großes Vermoͤgen beſizt und der zu ſeinem Vergnuͤgen auf dem Strome ruderte. Er hat mir aufgetragen, Ihnen zu ſa⸗ — 46— gen, daß er die Buͤchſe nicht eher herausgeben will, als bis er weiß, wem der Inhalt derſel⸗ ben geſezlich zuköͤmmt.“ „Gott im Himmell! wie gluͤcklich! Kann ich das glauben?“ „Das will ich hoffen, Madame.“ „und wer ſind Sie denn? gewiß kein Kahn⸗ fuͤhrer.“ „Doch Madame, das bin ich.“ Sie ſchwieg, betrachtete mich eine Weile ſehr ernſt und fuhr dann fort:„Wie lernten Sie die Melodie, welche Sie vorhin pfiffen 2“ „Der junge Herr wiederholte ſie geſtern Abend ſechs oder ſieben Mal, bevor Sie kamen. Dieſen Morgen im Heraufrudern verſuchte ich ſie nach⸗ zupfeifen, weil ich glaubte, dadurch Ihre Auf⸗ merkſamkeit auf mich zu richten. Kann ich Ih⸗ nen irgend einen Dienſt erweiſen, Madame?“ „Dienſt— ja, wenn ich gewiß davon waͤre, Ihnen vertrauen zu duͤrfen— den groͤßten Dienſt koͤnnten Sie mir erzeigen. Ich bin hier eingeſchloßen— kann keinen Brief abſchicken — jede meiner Bewegungen wird belauſcht— nur in den Garten darf ich gehen— aber auch hier werde ich ſtets beobachtet.— Heute ſind ſie faſt Alle fort, um der Zinnbuͤchſe nachzuſpuͤ⸗ =— ren, vut wuͤrde es kir nicht möglich⸗ geweſen ſeyn, ſo lange Zeit hier zu ſprechen.“ Aengſt⸗ lich blickte ſie nach dem Hauſe zuruͤck und ſagte dann:„Verweilen Sie eine Minute, waͤhrend ich etwas umhergehe.“— Sie verließ das Ufer und ging im Garten auf und nieder; ich blieb ruhig unter der Mauer, doch ſo, daß man vom Hauſe her mich nicht gewahren konnte. Nach drei oder vier Minuten kam ſie wieder heran und ſprach:„es wuͤrde grauſam—'es wuͤrde mehr als gr 8 wuͤrde ſchwarze Gottlo⸗ ſigkeit von Ihnen eyn, wenn Sie mich betruͤgen wollten,— denn ich bin hoͤchſt ungluͤcklich und in „huͤlfloſer Lage.“— Thraͤnen ſtuͤrzten aus ihren Augen hervor.—„Doch Sie ſehen nicht aus, als wollten Sie mich betruͤgen; wie iſt Ihr Name?“ „Jakob Ehrlich, Madame, und ich will mei⸗ nem Namen getreu bleiben, wenn Sie mir vertrauen wollen. Noch nie habe ich jemanden betrogen, ſo viel ich mich beſinnen kann, und gewiß will ich Sie nicht taͤuſchen— nun ich Sie einmal geſehen habe.“ „Ja, aber Geld verfuͤhrt Jedermann.“ „Mich nicht, Madame; ich habe ſo viel, als ich wuͤnſche.“ „Wohlan, ich will Ihnen vertrauen, und glauben, der Himmel ſchickte Sie zu meinem Beiſtande; wie werde ich Sie aber wiederſe⸗ hen? Morgen kommt mein Oheim zuruͤck und dann wird es mir unmoͤglich ſeyn, nur einen Augenblick mit Ihnen zu ſprechen; ſollte man zudem gewahren, daß ich mit Ihnen geſprochen haͤtte, ſo wird man Ihnen auflauern, Sie viel⸗ leicht todt ſchießen.“ Ich ſann einen Augenb und erwie⸗ derte:„Wenn Sie nich nen, Ma⸗ dame, ſo koͤnnen Sie doch ſchreiben. Sie ſehen, daß die Backſteine auf der Mauerplatte hier loſe liegen. Stecken Sie Ihren Brief unter dieſen Stein— ſogar an hellem Tage kann ich ihn von da wegnehmen, ohne bemerkt zu wer⸗ den, und ich kann die Antwort eben dahin le⸗ gen, ſo daß Sie dieſe aufnehmen koͤnnen, wenn Sie im Garten wandeln.“ „Wie klug! Gott im Himmel, das it ein trefflicher Gedanke.“ „Wurde der junge Herr geſtem Abend im Handgemenge verlezt, Madame?“ fragte ich. „Ich glaube nicht; aber ich wuͤnſche zu wiſ⸗ ſen, wo er iſt, wuͤnſche ihm zu ſchreiben; koͤnn⸗ ten Sie ihn auffinden?“ Ich erzaͤhlte ihr, wo li wir ihn angetroffen hatten und was zwiſchen uns vorgefallen war.—„Das war Lady Au⸗ burn's Landſiz,“ ſagte ſie;„er iſt oft dort, ſie iſt unſere Muhme;— aber wo er wohnt, wo er aufzufinden iſt, weiß ich nicht. Sein Name iſt Eduard Wharncliff.— Glauben Sie ihn er⸗ fragen zu koͤnnen?“ „Mit etwas Muͤhe moͤgte das geſchehen koͤn⸗ nen, Madame. Bei Lady Auburn muß man wißen, wo er wohnt.“ „Unter ihrer Dienerſchaft moͤgen das einige wißen— aber wie wollen Sie zu denen kom— men?“ „Das muß ich ausſinden, Madame. Es mag in einem, vielleicht auch in zwei Tagen nicht geſchehen koͤnnen, aber wenn Sie nur wollten an jedem Morgen unter dem Steine da zuſe⸗ hen, ſo koͤnnen Sie ſicher ſeyn, wenn Mitthei⸗ lungen zu machen ſind, dieſe da zu finden.“ „Koͤnnen Sie denn ſchreiben und leſen?“ „Das will ich hoffen, Madame,“ erwiederte ich lachend. „Ich weiß nicht, was ich aus Ihnen machen ſoll.— Sind Sie wirklich ein Kahnfuͤhrer?“ „Wirklich, und——“ Ein Fenſter im Hauſe ward geoͤffnet, ſie III. 4 — 50— wandte ſich um:„ich muß gehen— vergeßen Sie den Stein nicht.“— Sie verließ das Ufer. Ich ſchob meinen Kahn laͤngs der Mauer hin, ſo daß man mich nicht gewahren konnte, bis ich dem zum Landhauſe gehoͤrigen Vorgrunde ganz vorbei war; dann nahm ich meine Ruder zur Hand und fuhr hinaus in den Strom; da ich entſchloßen war zu verſuchen, ob ich in Lady Auburn's Villa nicht etwas Naͤheres erfahren koͤnnte, mußte ich dem Garten wieder vorbei⸗ fahren, weil ich unter der Mauer mit dem Strome hinabgetrieben war, anſtatt aufwaͤrts zu ſchieben.— Ich ſah die junge Dame mit einem hochgewachſenen Herrn im Garten; die⸗ ſer redete mit vielem Eifer und mit leidenſchaft⸗ licher Bewegung der Arme; ſie hielt ihr Haupt niedergeſenkt.— Eine Minute ſpaͤter waren ſie meinem Blicke entzogen. Die Schoͤnheit und das ſanfte Weſen der jungen Dame hatten mich ſo gefeßelt, daß ich beſchloß, alles Moͤgliche zu thun, um ihr dienen zu koͤnnen. Nach anderk⸗ halb Stunden kam ich zu der Villa hinauf, vor welcher wir den jungen Herrn angetroffen hatten und die nach der Ausſage der jungen Dame der Lady Auburn zugehoͤrte.— Im Park gewahrte ich Niemanden und eben ſo wenig zeigte ſich Bewegung im Hauſe. Nach einigen Minuten, die ich beobachtend zugebracht hatte, landete ich der Villa ſo nahe als moͤglich und ging den Pfad hinauf zur Einlaßpforte. Es war kein eigentliches Pfoͤrtnerhaus da, aber doch zu einer Seite des Thorweges ein Bedien⸗ tenzimmer. Ich zog die Glocke und eine alte Frau erſchien, die mich mit belfernder Stimme fragte, was ich ſuche. „Ich warte unten mit meinem Kahne auf Herrn Wharncliff; iſt er ſchon gekommen?“ „Herr Wharncliff! nein— der iſt nicht ge⸗ kommen und hat auch nicht geſagt, daß er kom⸗ men wollte; wann habt Ihr ihn geſehen?“ „Geſtern.— Iſt Lady Auburn zu Hauſe?“ „Die Lady, nein— die iſt heute Morgen zur Stadt gefahren; alle Welt geht jezt nach London, um keine Blumen und keine gruͤne Baͤume zu ſehen, denk' ich.“ „Herr Wharncliff wirdraber vermuthlich kom⸗ men,“ fuhr ich fort,„alſo muß ich auf ihn warten.“ „Das macht, wie Ihr wollt,“ erwiederte die Alte und war im Begriffe, mir das Thor vor der Naſe zu verſchließen. „Darf ich Euch nicht um die Gunſt bitten, mir ein bischen Waßer zum Trinken zu brin⸗ gen, eh' Ihr das Thor zumacht; die Sonne brennt heiß und ich habe eine weite Strecke herauf zu rudern gehabt;“ dabei zog ich mein Taſchentuch heraus und trocknete mir die Stirne. „Ja, ich will Euch etwas holen,“ ſagte ſie, verſchloß aber das Thor, als ſie ging. „Dies verſpricht nicht viel,“ dachte ich bei mir ſelber. Die Alte kam zuruͤck, oͤffnete und reichte mir einen irdenen Krug mit Waßer. Ich trank davon, dankte ihr und gab das Geſchirr zuruͤck. 4 „Ich bin recht muͤde,“ ſagte ich,„und moͤgte gern niederſizen, um auf den Herrn zu war⸗ ten.“. „Sizt Ihr nicht, wenn Ihr rudert?“ fragte die Alte. Ich bejahete und ſie fuhr fort:„dann ſolltet Ihr muͤde vom Sizen, aber nicht vom Stehen ſeyn; auf alle Faͤlle koͤnnt Ihr aber in Eurem Boote ſizen und das zugleicher Zeit in Obacht nehmen.“— Mit dieſer Bemerkung warf ſie das Thor zu und ließ mich ſtehen.. Nach ſo entſchiedener Zuruͤckweiſung blieb mir nichts Beßeres zu thun, als den Rath der Al⸗ ten zu befolgen und nach meinem Boote zu — 3— gehen. Ich fuhr hinab zu Turnbull und erzaͤhlte dem mein gutes Gluͤck, ſo wie meinen Unfall. Da es ſchon ſpaͤt war, ließ er mir zu Eßen nach ſeinem Zimmer bringen, und hier ſaßen wir, die Angelegenheit mit einander beſprechend. Zulezt ſagte er:„hoͤre, Jakob, Du mußt mir ſchon erlauben, dieſe Sache als die mei⸗ nige zu betrachten, weil ich die Veranlaßung dazu war, daß wir darin verwickelt wurden. Du mußt thun, was Du irgend vermagſt, um den jungen Mann auszufinden; ich will Sta⸗ pleton's Boot tagweiſe miethen, bis uns das gelingt; Du brauchſt ihm das nicht zu ſagen, weil die Neugierde ihn ſonſt plagen moͤgte zu wißen, aus welchem Grunde das geſchehe.— Morgen faͤhrſt Du hinab zum alten Tom.“ „Ja, Herr; morgen koͤnnen Sie mich nicht miethen.“ „Doch, doch, denn ich wuͤnſche Dich zu ſprechen, bevor Du hinabfaͤhrſt. Hier iſt Sta⸗ pleton's Geld fuͤr geſtern und heute, und nun gute Nacht.“ Fruͤh am folgenden Morgen war ich ſchon wieder bei Turnbull und fand ihn mit den Zei⸗ tungen beſchaͤftigt.—„Dies habe ich erwartet,“ ſagte er, als ich eintrat, lies dieſe Anzeige.“ — Ich las Folgendes:„Da am lezten Frei⸗ tag Abend zwiſchen neun und zehn Uhr eine zinnerne Buͤchſe, Papiere und Urkunden ent⸗ haltend, aus dem Garten einer Villa zwiſchen Brentford und Kew in ein Boot hinabgereicht iſt, und die Beſizer derſelben verhindert wur⸗ den mit zu fahren, ſo wird hierdurch bekannt gemacht, daß eine Belohnung von zwanzig Pfund Sterling den Kahnfuͤhrern ausgezahlt werden ſoll, wenn ſie dieſe Zinnbuͤchſe bei Herrn James et John White Nro. 14 Lincoln Inn Fields abgeben.— Niemand anders iſt ermaͤch⸗ tigt, die genannte Zinnbuͤchſe mit Papieren zu empfangen, und jede anderweitige Anfrage um dieſelbe iſt deshalb nicht zu beachten. Unge⸗ ſaͤumte Befolgung dieſer Anzeige wird hoͤchlich verpflichten.“ „Verlaß Dich darauf, Jakob,“ ſagte Turn⸗ bull,„daß in dieſer Buͤchſe ſehr wichtige Pa⸗ piere ſind; inzwiſchen hier ſind ſie und hier ſollen ſie bleiben, bis ich mehr davon weiß, das iſt beſchloßen. Ich denke den Verſuch zu machen, was ich mit der alten Frau thun kannz denn ich ſehe, die Villa ſoll fuͤr drei Monate vermiethet werden;— hier in der lezten Spalte ſteht die Ankuͤndigung. Ich will heute zur Stadt und mir vom Agenten eine Einlaßkarte holen; etwas denke ich auszurichten. Morgen ſehe ich Dich wieder, jezt fahr' Du ab, Jakob.“ Ich eilte fort, weil ich verſprochen hatte, zum Fruͤhſtuͤk bei dem alten Tom zu ſeyn; eine Stunde ſehr angeſtrengten Ruderns brachte mich zum Landeplaze vor ſeiner Wohnung. Viertes Kapitel. - 7 Ein Zehn⸗Pfund⸗Hausbewohner mit Staatsangelegen⸗ heiten beſchaͤftigt.— Vortheil des Wortes„Mit⸗ inbegriffen.“— Unerwartetes Zuſammentreffen und Ausſoͤhnung.— Entſchluͤße als Gegenparthei gluͤ⸗ hender ſchwarzer Augen.— Urtheil fuͤr den Ver⸗ theidiger mit ſchweren Entſchaͤdigungskoſten. Des alten Tom Beazeley Haus lag an der Grenze der Batterſea⸗Feldflur, etwa anderthalrlb Meilen von der Bruͤcke eben des Namens ent⸗ fernt; das Strombett war kaum zwanzig Ellen vom Hauſe, hinter demſelben war gruͤner An⸗ ger und auf eine halbe Meile umher ſah man keinen Baum. Nichts war maleriſch an dieſem Gebaͤude, als ſeine voͤlligſte Einſamkeit; es lag nicht nur einſam, ſondern im ſtrengſten — — 57— Sinne vereinzelt, denn es befand ſich auf einer Landzunge, die etwa einen halben Acre ent⸗ halten mogte, zwiſchen zwei Waßerlaͤufen, die etwa vierzig Ellen vom Strome ſich vereinig⸗ ten und oberwaͤrts in die Felder ausarmten, ſo daß ſein Haus bei hohem Waßer auf einer Inſel ſtand, bei niedrigem Waßerſtande aber durch eine undurchſchreitbare Schlammſchranke abgeſondert wurde, mithin konnte man nur vom Strome aus zu ihm gelangen, wo ein kleiner Anlegeplaz, mit verwitterten Pfoſten umgeben, den Zulaß gewaͤhrte. Das Haus ſel⸗ ber hatte ein Stockwerk, war von dunkelrothen Mauerſteinen gebauet und mit noch dunkelern Ziegeln gedeckt; Fenſter hatte es wenige und dieſe waren ſehr klein, wiewohl es lange Zeit vor der fluchwuͤrdigen Taxe auf das Tageslicht erbaut war und der Eigenthuͤmlichkeit ſeiner Bauart nach aus den Zeiten der Eliſabeth her⸗ zuſtammen ſchien; doch iſt es von zu geringer Wichtigkrit, die Zeit der Erbauung einer Woh⸗ nung zu beſtimmen, die jaͤhrlich fuͤr nicht mehr als zehn Pfund Sterling vermiethet wurde.— Der betraͤchtlichere Theil gedachter Inſel war mit Kohlpflanzen beſezt; an einer Seite jedoch war die Haͤlfte eines zerbrochenen Bootes in — 58— die Hoͤhe gerichtet und vor dieſem zog ſich ein Raſenſtreif hin. Zur Zeit, als der alte Beaze⸗ ley das Haus miethete, befand ſich hier eine von alten Schiffsplanken zuſammengeſchlagene Bruͤcke, uͤber welche man zu einem Pfade ge⸗ langen konnte, der durch die Batterſea⸗Feldflur fuͤhrte; weil Tom aber alle ſeine Verbindun⸗ gen nur auf dem Waßer unterhielt und weil ſeine Frau ſich niemals uͤber die Bruͤcke wagte, ſo wurde dieſe allmaͤhlig als Feuerholz abge⸗ tragen und verbraucht; bei niedrigem Waßer zeigte nur noch ein im Schlamme zuruͤckgeblie⸗ bener, vermorſchter Pfoſte den Ort, wo die Bruͤcke einmal geweſen war. Das Innere des Hauſes war einladender; Frau Beazeley war eine reinliche, beſorgte Hausmutter; in der Kuͤche, durch welche der Eingang fuͤhrte, er⸗ glaͤnzte alles ſo ſpiegelblank, als Fleiß es nur machen konnte. Auch ein Anſprachzimmer war da, wiewohl es ſelten gebraucht wurde; denn beide Bewohner zogen in den wenigen Tagen, welche ſie zuſammen darin verlebten— des al⸗ ten Tom Beſchaͤftigungen im Lichter ließen ihm kaum zwei Tage im Zeitraume von drei Wo⸗ chen die Freiheit dazu— die Behaglichkeit dem Prunke vor. In dieſem vereinzelten Hauſe auf — 50,— dieſem abgeſperrten Plaze verbrachte Frau Bea⸗ zeley ihr faſt von der menſchlichen Geſellſchaft abgeſondertes Leben. Dennoch konnte es kaum eine lebendigere und gluͤcklichere Frau geben, denn ſie war kraͤftig, geſund und immer beſchaͤftigt.— Sie wußte, daß ihr Mann ſeinen Erwerb auf dem Strome finde, um etwas fuͤr das hohe Alter zu erſparen, und ſie ſelber trug recht bedeutend durch ihre eigene Anſtelligkeit zur Vermeh⸗ rung dieſer Erſparniße bei. Geheirathet hatte ſie Tom lange vor der Zeit, in welcher er ſeine Beine verlor; damals war er ein ganz vorzuͤg⸗ licher Flottenmatroſe, der beſte Mann am Bord ſeines Schiffes.— Sie war eines Nezmachers Tochter, zu dieſem Gewerbe erzogen und ſehr geſchickt darin. Der ſchwierigſte Theil dieſer Kunſt iſt das Anfertigen der großen Meerneze zum Fangen der Seefiſche; wenn ſie keine Be⸗ ſtellung zur Ausfuͤhrung ſolcher hatte, ſo ver⸗ trieb ſie ſich die Zeit mit dem Fertigen von Wurfnezen, ſobald die Sorge fuͤr ihren Haus⸗ ſtand ihr dazu Muße ließ. Sie verdiente Geld und wußte haushaͤlteriſch damit umzugehen, nicht nur zu ihrem eigenen und ihres Mannes Beſten, ſondern auch zu dem ihres Sohnes — 60— Tom, den ſie ungemein liebte. Sie war der⸗ maßen an fortwaͤhrendes, emſiges Arbeiten und Alleinſeyn gewoͤhnt, daß es ſchwer zu beſtim⸗ men wurde, ob die Zuhauſekunft ihres Mannes und ihres Sohnes fuͤr ein Paar Tage ihr mehr Vergnuͤgen oder Verdruß machte; dieſem lezten ſchmollte oder liebkoſete ſie abwechſelnd waͤhrend der ganzen Zeit ſeines Bleibens und Tom, der ihren Karakter kannte, machte ſich, wie der Le⸗ ſer das ſchon vorausgeſezt haben wird, eben ſo wenig aus dem einen, als aus dem andern. Ich ruderte in den Anlegeplaz und befeſtigte mein Boot. Außen war Niemand zu ſehen; im Hauſe fand ich ſie am Fruͤhſtuͤcktiſche ſizen und hohe Haufen von Ueberbleibſeln in Geſtalt von Fiſchgraͤten und dergleichen zeigten ſich mir. Der alte Tom rief mir ſogleich entgegen:„Nun kommſt Du doch zulezt, Jakob,— glaubte, haͤtteſt's vergeßen— pfiff zum Fruͤhſtuͤck bei'm achten Glockenzuge— thue das immer, wie Du weißt.“ „Haſt Du Fruͤhſtuͤck gehabt⸗ Jakob,“ fragte die Frau. „Nein, ich mußte zu Herrn Turnbull hin⸗ auf und das hat mich aufgehalten.“ „Keine Rothroͤcke mehr, Jakob,“ ſprach — 61— Tom;„Vater und ich haben ſie alle aufge⸗ zehrt.“ „Habt Ihr,“ ſagte ſeine Mutter, nahm noch zwei geraͤucherte Haͤringe aus dem Kuͤchen⸗ ſchranke und legte ſie auf den Roſt zum Bra⸗ ten;„nein, nein, Meiſter Tom, fuͤr Jakob iſt auch noch was da.“ „Nun Mutter, Euer Nezmachen iſt nuͤzlich, denn Ihr habt jederzeit'nen Fiſch, wenn's noͤthig iſt.“ Ich nahm mein Fruͤhſtuͤck und nachdem die Frau alles abgeraͤumt hatte, legte der alte Tom ſeine hoͤlzerne Stuͤmpfe uͤbereinander und ſchritt zu den Geſchaͤften, denn hier ſaßen wir ganz gegen meine Erwartung in einer Art von Kriegs⸗ rath beiſammen. „Jakob, ſeze Du Dich zu mir; Alte, bring Du Dich da im hohen Stuhle zum Anker; Du, Tom, magſt ſizen, wo Du willſt, nur ſiz' ſtill.“—„uUnd laß' mein Nez in Ruhe, Tom!“ rief die Mutter dazwiſchen.—„Schau, Jakob, das Lange und Breite von der Sache iſt, daß ich meine Fußzehen immer mehr fuͤhle und daß der Flannel nicht mehr waͤrmen will. Es geht nicht laͤnger mit mir auf dem Strome und s'iſt hohe Zeit, mich ruhig zu verhalten und naͤher bei der alten Frau zu bleihen. Da iſt nun zuerſt Tom zu bedenken, was ſoll mit ihm geſchehen? Ich denke, ich will ihm'nen Kahn bauen, und weil ich die Stromfreiheit beſize, kann er ſeine Lehrzeit mit meinem Na⸗ men auf dem Boote ausfahren; aber ihm'nen Nachen bauen, wuͤrde fuͤr mich'ne ſchwere An⸗ ſtrengung ſeyn.“ „Wenn Ihr meynt, den ſelber bauen zu wol⸗ len, ſo denke ich, wird die ſchwere Anſtren⸗ gung auf mich fallen,“ erwiederte Tom. „Schweig', Tom; ich baute Dich, und Gott weiß, daß Du leicht genug biſt.“ „Tom, laß' mein Nez in Ruhe,“ keifte ſeine Mutter. „Vater machte mich leicht gefingert.“ „Ja und auch leichten Herzens, Knabe,“ ſagte ſie, ihn mit muͤtterlicher Inbrunſt be⸗ trachtend. Der alte Tom fuhr fort:„Nun angenom⸗ men, daß fuͤr Tom in der Weiſe geſorgt waͤre, ſo komm' ich jezt auf mich ſelber. Ich habe ſo on Gedanken, daß ich'n gut Stuͤck Arbeit durch Ausbeßern von Booten machen koͤnnte, denn ich bin immer ſo'n Stuͤck von'nem Zimmer⸗ mann geweſen, und ich weiß, wie die Boot⸗ — 63— bauer die armen Kahnfuͤhrer auspreßen, wenn 'ne Kleinigkeit zu verbeßern iſt.— Wenn die nun einmal wuͤßten, daß ich's machen koͤnnte, wuͤrden ſie ſchnell genug Alle zu mir kommenz nun iſt aber der boͤſe Umſtand dieſer, die ganze Woche habe ich ſchon daruͤber nachgedacht, wie ich das bekannt machen will. Einen Schild mit Beazeley, Bootbauer kann ich nicht auf⸗ ſchlagen, weil ich kein Bootbauer bin, und doch muß ich ein Aushaͤngezeichen haben.“ „Gott! Ihr habt ja ſchon eines, Vater,“ fiel der junge Tom ein,„ſteht da nicht Euer halbes Boot aufgerichtet, als'n Zeichen, daß Ihr'n halber Bootbauer ſeyd.“ „Schweig' mit Deinen Einfaͤllen, Tom;— was denkſt Du, Jakob?“ „Koͤnnt's nicht auf dem Schilde heißen: nhier werden Boote ausgebeßert.“ „Das koͤnnt's wohl, das reicht aber nicht aus; die Kahnfuͤhrer ziehen vor,'nen Boot⸗ bauer zu gebrauchen— und das iſt der ſchlimme Umſtand.“ „Der iſt nicht halb ſo ſchwierig, als dieſes Nez,“ bemerkte Tom, der die Neznadel zur Hand genommen und damit gearbeitet hatte, ohne von ſeiner Mutter bemerkt zu werden; „nur zehn Stiche habe ich hier gemacht und davon ſind ſechs lange Maſchen geworden.“ „Tom, Tom, Du Taugenichts— weshalb laͤßt Du mein Nez nicht in Ruhe?“ kreiſchte die Frau;„jezt wird es mir mehr Zeit koſten, Deine zehn Stiche aufzutrennen, als fuͤnfzig neue zu machen.“ „Alles iſt recht, Mutter.“ „Nein, Tom, alles iſt verkehrt— ſieh' nur dieſe Maſchen an.“ „Nun, da iſt 3 Alle, wie's ſeyn ſol Mut⸗ ker. 71 „Nein, S'iſt wio's nicht ſeyn ſoll, alles iſt verſchlungen. 8 „Und doch ſage ich, s'iſt alles recht, Mut⸗ ter, denn es iſt nicht mehr, als billig, den Fi⸗ ſchen'ne Gelegenheit zum Durchſchluͤpfen zu laßen, und das habe ich gethan.— Jezt, Va⸗ ter, will ich Eure Angelegenheit ganz ſo zu Eurer Zufriedenheit ordnen, als ich's mit der Mutter ihrer gemacht habe.“ „Das wird'ne ſchoͤne Zufriedenheit ſeyn, denk' ich; aber laß' hoͤren, Tom, was Du zu ſagen haſt.“ „Die Sache ſcheint mir ſo, Vater, ein Bootbauer ſeyd Ihr nicht, und den Leuten — 65— moͤgtet Ihr gern glauben machen, Ihr waͤret das— iſt's nicht ſo?“ „Nun, es iſt ziemlich ſo das naͤmliche— Tom,— aber ich will Niamanben Harm zu⸗ fuͤgen. 5 „Gewiß nicht; nur die Boote ſind's, die leiden ſollen. Alſo laßt Euch'nen großen Schild machen und darauf malen:„Tom Beazeley, baut Boote auf Beſtellung und uͤber⸗ nimmt Ausbeßerungen.“— Wenn irgend ein Menſch einfaͤltig genug iſt, ein Boot zu be⸗ ſtellen, ſo iſt's ſeine Sache; Ihr habt nicht geſagt, daß Ihr Bootbauer waͤret, obgleich Ihr nichts dawider habt, Eure Hand daran zu ver⸗ ſuchen.“ „Was meynſt Du dazu, Jakob? 29 mit die⸗ fen Worten wandte ſich der alte Tom zu mir. „Mich duͤnkt, Tom hat einen ſehr guten Rath gegeben, den ich befolgen wuͤrde.“ „Ja, Tom hat Kopf,“ ſagte die Mutter zaͤrtlich.„Tom, laß' mein Nez in Ruhe.— Was fuͤr'n Bube Du biſt.— Jezt wag' es noch einmal anzuruͤhren;“ bei dieſen Worten griff ſie nach einem kleinen Feuerſtocher und bedrohete ihn damit. „Tom hat wirklich einen Kopf,“ ſagte die⸗ III. 5 — 66— ſer,„weil er den aber nicht zerbrochen zu ha⸗ ben wuͤnſcht, ſo borge mir Deinen Kahn fuͤr one halbe Stunde, Jakob, ich will wegfahren.“ Ich willigte ein; Tom warf ſeiner Mutter die Kaze auf den Ruͤcken und rief im Fort⸗ rennen: „Gott, Molly, welch ein Fiſch; das Thier klammerte ſich mit den Klauen feſt, um nicht zu fallen; Frau Beazeley ſchrie laut auf und gelobte Rache, waͤhrend der alte Tom und ich das Lachen nicht laßen konnten. Nach Toms Entfernung ward das Geſpraͤch fortgeſezt und endlich ward Alles zwiſchen Tom und ſeiner Ehefrau geordnet, nur der Bau ei⸗ nes neuen Nachen nicht, zu dieſem ſchuͤttelte die alte Frau ihr Haupt.— Die Eroͤrterungen wuͤrden zu lang und zu wenig anziehend ſeyn, um ſie mitzutheilen; doch muß ich den Leſer noch mit einem Umſtande bekannt machen.— Nachdem die haͤuslichen Einrichtungen perab⸗ redet waren, fuͤhrte die Frau mich hinauf, um mir die obern Zimmer zu zeigen, die recht ſauber und anſtaͤndig gehalten waren. Ais ich wieder mit ihr herabkam ,ſagte der — 67— alte Tom:„Hat die Frau Dir das Zimmer mit den weißen Vorhaͤngen gezeigt, Jakob.“ „Ja,“ erwiederte ich,„und es iſt ein ſehr huͤbſches Zimmer.“ „Nun Jakob, in der Welt iſt nichts ſicher. Jezt biſt Du wohl aufbehalten„und laß Wohl⸗ ſeyn gewaͤhren,“ iſt'n guter alter Spruch; aber vergiß Du dieſes nicht: das Zimmer iſt fuͤr Dich, wenn Du's gebrauchſt, und alles, was wir außerdem haben, theilen wir mit Dir. Freien Herzens wird es angeboten, und ſo mußt Du es auch annehmen.— Iſt's nicht ſo, Alte?“ „Ja, gewiß iſt's ſo, Jakob; vielleicht kannſt Du es beßer haben— wenn das„aber nicht iſt, ſo will ich Dir Mutter ſeyn, weil Du keine beßere haſt.“ Die Herzensguͤte der alten Leute ruͤhrte mich um ſo mehr, da ich eigentlich nicht wußte, wodurch ich ſie verdient haben ſollte. Der alte Tom druͤckte mir im warmen Eifer kraͤftig die Hand— dann fuhr er fort:„aber von dem Boot laßt uns ſprechen— was ſagſt Du da⸗ zu, Alte?“ „Wie viel wird's koſten?“ erwiederte ſie ſehr nachdenklich. „Koſten;— laß' mich ſehen— ein gutes Boot mit ſeinen Hand⸗ und Schlagrudern wird ſo ſeine dreißig Pfund anlaufen.“ Die alte Frau verzog den Mund, ſchuͤttelte den Kopf und ging ſchweigend zum Heerde, um das Mittageßen zu bereiten. „Ich glaube, ſie koͤnnte ſo viel Blankes zei⸗ gen, Jakob, aber ſie will nicht gerne damit heraus. Tom muß ſie weich machen. Ich woll⸗ te, er haͤtte ihr die Kaze nicht auf den Ruͤk⸗ ken geworfen. Er iſt zu voller Eulenſpiegelei.“ Als Tom dieſe Worte ſagte, gewahrte ich ein Boot mit Damen heranrudern. Aufmerk⸗ ſamer betrachtete ich es und erkannte mein ei⸗ genes Boot, ſo wie den rudernden Tom. Nach einer Minute legten ſie am Landeplaze an und zu meinem Erſtaunen ſah ich Madame Drum⸗ mond und Sarah im Boote. Als Tom her⸗ ausſprang und das Boot dicht zum Stege zog, rief er mich; ich konnte nicht umhin, ihnen huͤlf⸗ reiche Hand zum Ausſteigen zu leiſten; und ſo beruͤhrte ich denn noch einmal die Haͤnde von Perſonen, mit denen ich nie wieder zuſammen zu treffen geglaubt hatte. Als Madame Drum⸗ mond am Lande war, hielt ſie mich noch einen — 69— Augenblick bei der Hand feſt und ſagte:„nicht wahr, Jakob, wir ſind gute Freunde?“ „O gewiß, Madame!“ erwiederte ich ge⸗ ruͤhrt und mit bebender Stimme. „Die Frage brauche ich nicht zu thun,“ be⸗ merkte Sarah mit Heiterkeit,„denn wir ſchie⸗ den als gute Freunde.“ Jezt draͤngte ſich meiner Erinnerung ihr da⸗ maliges liebevolles Benehmen auf; ich druͤckte ihre Hand und Thraͤnen perlten in meinen Au⸗ gen, als ich in ihr reizendes Antliz blickte.— Spaͤter erfuhr ich, dieſer Plan ſey zwiſchen dem alten und jungen Tom verabredet worden, um ohne mein Vorwißen eine Zuſammenkunft zu veranſtalten. Frau Beazeley verneigte ſich und ſtrich ihre Schuͤrze glatt,— laͤchelte die Damen an und blickte recht kazenmaͤßig auf Tom, dann fuͤhrte ſie die Damen in's Haus, wo der alte Tom als Wirth die Hausehre nach ſeiner Weiſe wahrnahm und Madame Drum⸗ mond fragte, ob es ihr nicht gefallen moͤgte: nihren Pfeifer nach der Fahrt anzu⸗ feuchten.“ Madame Drummond blickte ſich nach mir um, damit ich erklaͤre, aber dem jungen Tom gefiel s, als Dollmetſcher einzureden:„Vater — 70— wuͤnſcht zu wißen, ob es Ihnen nicht vielleicht gefaͤllig wäre, Madame, nach Ihrem Zuge im Boote einen Zug aus der Branntweins⸗ flaſche zu thun?“ „Nein, ich danke,“ ſagte Madame Drum⸗ mond laͤchelnd,„aber verbunden wuͤrde ich fuͤr ein Glas Waßer ſeyn; willſt Du mir eines holen, Jakob?“ Ich eilte, den Auftrag auszurichten, dann knuͤpfte Madame Drummond ein Geſpraͤch mit der Frau Beazeley an. Sarah ſah mich an, ging zur Thuͤr und wandte ſich um, als lade ſie mich ein, ihr zu folgen. Dies geſchah und bald darauf ſaßen wir am Ufer unter dem al⸗ ten Halbboote. „Jakob,“ ſprach ſie, mich ernſthaft anblik⸗ kend,„gewiß wirſt Du mit meinem Vater Dich verſoͤhnen?“ Ich denke, ich wuͤrde mein Haupt geſchuͤttelt haben, ſie legte aber ſolchen Nachdruck auf das Wort mein, daß ich nicht konnte; die kleine Zauberin wußte recht gut, welche Wirkung das hervorbringen wuͤrde. Alle meine Vorſaͤze, mein Stolz, mein Gefuͤhl der Beeintraͤchtigung ver⸗ ſchwanden vor dem milden Strahle von Sa⸗ — 11— rahs ſchoͤnem Auge; raſch erwiederte ich:„Miß Sarah, Ihnen kann ich nichts abſchlagen.“ „Weshalb das Wort Miß, Jakob?“ „Ich bin Kahnfuͤhrer und Sie ſtehen hoch uͤber mir.“ „Das iſt eigene Schuld;— doch davon kein Wort mehr.“ „Etwas muß ich noch hinzuſezen: machen Sie den Verſuch nicht, mich meinem jezigen Stande zu entziehen; ich bin gluͤcklich, weil ich Unabhaͤngigkeit gewann; und die will ich mir, wenn's moͤglich iſt, in der Zukunft bewahren.“ „Jedermann kann ein Ruder ziehen, Jakob.“ „Sehr wahr, Miß Sarah; und er ſchuldet Niemandem Verpflichtungen, wenn er dadurck 9 ſeinen Unterhalt verdient; er arbeitet fuͤr Alle und wird von Allen bezahlt.“ „Willſt Du kommen, uns zu beſuchen, Ja⸗ kob?— Komm' Morgen— nun— bitte— verſprich mir's. Wollteſt Du Deiner alten Ge⸗ ſpielin etwas abſchlagen, Jakob?“ „Ich wuͤnſchte, Sie forderten dies nicht von mir.“ „Wie kannſt Du denn ſagen, Du wollteſt Dich mit meinem Vater wieder befreunden? — 72— Ich will Dir nicht anders glauben, als wenn Du mir dieſes Verſprechen gibſt.“ „Sarah“ erwiederte ich ſehr ernſt,„ich will kommen; und um den Beweis zu geben, daß wir Freunde ſind, will ich Ihren Vater um eine Gunſt bitten.“ „O Jakob, dies iſt in der That freundlich von Dir,“ rief Sarah aus und ihre Augen ſchwammen in Thraͤnen;„Du haſt mich ſehr — ſehr gluͤcklich gemacht!“ Die Zuſammenkunft mit Sarah ſtimmte mich wieder menſchlicher; jedes Rachgefuͤhl war aus meinem Gedaͤchtniße verſcheucht.— Bald nach⸗ her kam Madame Drummond zu uns, und ſprach von der Heimkehr. „Jakob ſoll uns zuruͤckrudern,“ rief Sarah; „kommt nun, Kahnfuͤhrer, gebt Acht auf Eure Fahrt und Euer Fahrgeld; weil Du Ruders⸗ mann biſt, ſollſt Du auch arbeiten.“ Ich lachte und half den Damen das Boot beſteigen. Tom nahm das zweite Schlagruder und bald waren wir am Stege, dicht bei Herrn Drummond's Hauſe. „Mamma, wir muͤßten dieſen armen Bur⸗ ſchen wohl etwas zu trinken geben, ſie haben recht ſchwer gearbeitet,“ ſagte Sarah neckend; — 73— „kommt mit herauf, gute Leute.“— Ich zö⸗ gerte.—„Nun Jakob, wenn Morgen, wes⸗ halb nicht ſchon heute? Je eher dergleichen Dinge abgemacht werden, deſto beßer.“ Ich erkannte die Wahrheit dieſer Bemerkung und folgte ihr. Nach wenigen Minuten befand ich mich wieder in dem naͤmlichen Anſprach⸗ zimmer, in welchem mir meine Entlaßung an⸗ gekuͤndigt wurde und in welchem das weichher⸗ zige Maͤdchen, auf meine Schulter gelehnt, Thraͤnen vergoß, als ich den Thuͤrdruͤcker in der Hand hielt. Madame Drummond war hin⸗ ausgegangen, um ihrem Manne zu ſagen, daß ich da ſey. Ich blickte nach dem Thuͤrdruͤcker und dann auf Sarah.—„O wie guͤtig waren Sie da⸗ mals, Sarah!“ ſagte ich. 3 „Ja, aber gutmuͤhige Menſchen ſind zuwei⸗ len recht ſperriſch— ſo bin ich— und ſo war—“ 3 Herr Drummond trat ein und unterbrach ſie:„Jakob, ich freue mich, Dich wieder in meinem Hauſe zu ſehen; ich war durch falſchen Schein getaͤuſcht und fuͤgte Dir Unrecht zu.“ Wie wahr und begruͤndet iſt die weiſe Be⸗ merkung, daß ein ſanſtes Wort den Zorn ver⸗ III, 5* — 74— ſcheuche;— Herr Drummond erkannte ſelber ſein Unrecht an— geſtand es offen— und verſchwunden war in mir jedes Gefuͤhl des Nachtragens, ganz andere Empfindungen draͤng⸗ ten ſich in meiner Bruſt.— Ich erinnerte mich daran, wie er die Waiſe in ſeinen Schuz ge⸗ nommen hatte— wie er fuͤr den Unterricht des verlaßenen Knaben ſorgte— wie er ſein Haus mir zur Heimath gemacht hatte— welche Muͤhe er ſich gegeben, mich unter ſeiner An⸗ leitung in der Welt fortzubringen.— Jezt er⸗ innerte ich mich deßen— was ich nie haͤtte vergeßen ſollen— daß er mich jahrelang mit Liebe und Zuneigung behandelt hatte.— Alles dieſes war— wehe mir!— durch eine einzige ungerechte Handlung aus meinem Gedaͤchtniße vertilgt worden.— Ich fuͤhlte tief, daß ich der Schuldige ſey und zerfloß in Thraͤnen; wie fruͤher, weinte Sarah mit mir, aus Mitge⸗ fuͤhl. „Ich erbitte Ihre Verzeihung, Herr Drum⸗ mond,“ ſagte ich, ſobald ich im Stande war, Worte hervorzubringen;„ich habe großes Un⸗ recht dadurch begangen, daß ich, nach der vie⸗ len Guͤte, die Sie mir erzeigt haben, dennoch ſolche rachſuͤchtige Geſinnungen naͤhrte!“ —— „= 75 „Wir haben Beide Unrecht gehabt, Jakob— aber reden wir nicht mehr von dieſem Gegen⸗ ſtande; ich habe nur noch eine Anordnung zu treffen, dann komme ich wieder herauf zu Dir;“ damit verließ er das Zimmer. „Du guter, lieber Junge,“ ſagte Sarah, auf mich zutretend;„jezt liebe ich Dich wirk⸗ lich. 2 Mieine Antwort auf dieſe Antede ward durch Madame Drummond's Erſcheinen verhindert, die ſo eben eintrat. Sie richtete einige Fragen an mich uͤber meinen jezigen Wohnplaz und Sarah verhoͤrte mich ziemlich ſcharf in Bezug auf Marie Stapleton, als Herr Drummond Zuruͤckkam, mir mit Waͤrme die Hand druͤckte und mich noch beſchaͤmter uͤber mein Beaden gegen ihn machte. Die Unterhaltung ward allgemein, aber es blieb immer noch einige Befangenheit zuruͤck; da lispelte Sarah mir zu:„welche Gunſt war es, die Du Dir vom Vater erbitten wollteſt?“ Dies hatte ich wirklich ganz vergeßen, nun aber ſagte ich ihm ohne Zoͤgern, daß ich ihm ſehr verbunden ſeyn wuͤrde, wenn er mir ge⸗ ſtatten wolle, einen Theil des Geldes zu em⸗ pfangen, welches er fuͤr mich aufbewahre. — 76— „Mit Vergnuͤgen, Jakob, und ich will Dich nicht einmal fragen, was Du damit vorzuneh⸗ men beabſichtigſt. Wie viel verlangſt Du 2ℳ „Dreißig Pfund, wenn ſo viel da iſt.“ Herr Drummond ging hinab und kam nach wenigen Minuten mit dieſer Summe in Bank⸗ noten und Guineen zuruͤck. Ich ſagte ihm mei⸗ nen Dank und nahm bald nachher Abſchied. „Hat der junge Beazeley Dir nicht geſagt, daß ich etwas fuͤr Dich aufbewahre, Jakob?“ fragte Sarah, als ich ihr Lebewohl ſagte. n„Ja;— r 5 iſt es?“ „Du mußt wiederkommen, um es zu ſehen,“ erwiederte ſie lachend. So waren denn alle meine rachſuͤchtigen Vor⸗ ſaͤze durch ein kleines, fuͤnfzehnjaͤhriges Maͤd⸗ chen mit großen ſchwarzen Augen vernichtet. Tom hatte ſein Glas Grog unten genom⸗ men und wartete auf mich am Stege. Wir ſtießen ab, kehrten zu ſeines Vaters Hauſe zu⸗ ruͤck, woſelbſt das Mittageßen bereit war. Nach der Matzeit begann der alte Tom wie⸗ der die Beſprechung ſeines Gegenſtandes:„der einzige Hake,“ ſagte er,„iſt der wegen des Bootes; was ſagſt Du dazu, alte Frau 2 Die alte Frau ſchuͤttelte mit dem Kopfe⸗ —,— — 77— „Da dieſes das einzige Hinderniß iſt,“ ſagte ich,„ſo kann ich es entfernen, denn hier iſt das noͤthige Geld fuͤr ein Boot, welches ich Tom zum Geſchenke mache,“ dabei gab ich Tom das Geld in die Hand. Dieſer zaͤhlte es ſeinem Vater und ſeiner Mutter hin. „Du biſt'n guter Burſche, Jakob,“ ſagte Tom,„aber ich ſage, denkſt Du noch an Wimb⸗ ledon Gemeinhut?“ „Was ſoll''s damit?“ erwiederte ich. „Nur Jerry Abershaw nennen, das iſt's Alle.“ 4 „Fuͤrchte Du nichts, Tom, es iſt ehrlicher⸗ weiſe mein.“ „Aber wie bekamſt Du es, Jakob?“ fragte der alte Tom. 3 Sonderbar genug mag es erſcheinen, aber von dem Wunſche getrieben, meinen Freunden zu helfen, hatte ich um das mir gehoͤrende Geld gebeten, ohne im mindeſten an die Art und Weiſe zu denken, auf welche ich in deßen Beſiz gekommen war. Des alten Mannes Frage fuͤhrte nun ploͤzlich das Vergangene meiner Er⸗ innerung vor, und mir ſchauderte bei dem Ueberdenken aller damit verknuͤpften Umſtaͤnde. Ich war verwirrt und wuͤnſchte lieber nicht darauf zu antworten. „Seyd beruhigt, das Geld iſt mein,“ ſagte ich. „Wohl Jakob, aber auf welche Art?“ ſprach die Frau;„gewiß ſollteſt Du doch ſagen, wie Du zu ſolch einer betraͤchtlichen Summe ge⸗ kommen biſt.“ „Jakob hat irgend einen Grund, weshalb er das nicht ſagen will, darauf verlaß' Du Dich, Frau; vielleicht hat Herr Turnbull, oder wer ihm ſonſt das Geld gegeben haben mag, ge⸗ ſagt, er ſolle nicht davon ſprechen.“ Dieſe Antwort genuͤgte der Frau Beazeley nicht; ſie erklaͤrte vielmehr, daß ſie nicht ge⸗ ſtatten wolle, einen Pfenning davon anzuneh⸗ men, wenn ſie nicht zuvor erfahre, wie es er⸗ halten waͤre. „Gib das Geld gleich zuruͤck, Tom,“ ſprach ſie und blickte argwoͤhniſch auf mich. Tom legte das Geld vor mich auf den Tiſch hin, ohne ein Wort zu ſprechen. „Nimm es, Tom,“ ſagte ich erroͤthend,„ich habe es von meiner Mutter.“ „Von Deiner Mutter, Jakob!“ ſprach der alte Tom verwundert,„das koͤnnte wohl nicht V — — 79— gut ſeyn, wenn mein Gedaͤchtniß anders rich⸗ tig iſt.— Indeßen waͤre es doch moͤglich.“ „Guter Gott! dies gefaͤllt mir ganz und gar nicht,“ rief die Frau, ſtand vom Seßel auf und rieb eifrig ihre Schuͤrze;„o! Jakob, dies kann nicht— Wahrheit ſeyn.“ Der gegen mich gehegte Argwohn einer Luͤge trieb mir das Blut auf die Wangen.— Ich blickte umher und bemerkte ſogar auf den Ge⸗ ſichtern der beiden Toms den Ausdruck ſchmerz⸗ lichen Zweifels; allerdings trug auch die ſicht⸗ liche Verwirrung und Befangenheit in meinem Weſen ſehr dazu bei, Mißtrauen gegen mich zu erwecken. Endlich ſagte ich:„Ich habe wahrlich nicht ahnen koͤnnen, daß ich bei dem großen Ver⸗ gnuͤgen, welches Geben mir gewaͤhrte, und bei der Hoffnung, Euch durch dieſes Geld Freude zu machen, darin eine Quelle ſo bittern Ver⸗ drußes finden ſollte. Ich gewahre, daß man mich beargwohnt, als haͤtte ich das Geld auf ungeſezlichem Wege erlangt und wolle die Wahrheit nicht geſtehen. Daß Frau Beazeley, die mich nicht kennt, ſo denken mag, darf mich nicht wundern; aber daß Ihr“— ich blickte den alten Tom an—„und daß Du,“ fuhr — 80— ich zu dem Sohne gewandt fort,„Verdacht in mich ſezen konnteſt, iſt hoͤchſt demuͤthigend fuͤr mich,— und ich war weit entfernt, dies zu erwarten. Ich ſage Euch, das Geld iſt mein, ehrlicherweiſe mein, und kommt von meiner Mutter. Ich frage Euch, glaubt Ihr mir?“ „Ich bin einer, der Dir glaubt, Jakob,“ ſprach der junge Tom und ſchlug dabei mit der Fauſt auf den Tiſch;„verſtehen kann ich's nicht; aber das weiß ich, daß Du niemals eine Luͤge vorgebracht, nie eine entehrende Hand⸗ lung begangen haſt, ſo lange ich Dich kenne.“ „Dank' Dir, Tom,“ ſagte ich und nahm ſeine dargebotene Hand. „Das Naͤmliche wollte ich auch beſchwoͤren, Jakob,“ hob der alte Tom an,„wiewohl ich laͤnger in der Welt geweſen bin, als mein Junge da, und deshalb auch mehr erfahren habe; es betruͤbt mich, ſagen zu muͤßen, daß mancher gute Menſch, durch zu große Verſu⸗ chung verlockt, ſich zum Boͤſen wendete; als ich Dir in's Antliz blickte und ſah, wie das Blut Dich bis zum Scheitel hinauf roth faͤrbte, da muß ich geſtehen, daß ich etwas Argwohn ver⸗ ſpuͤrte; aber ich bitte Dich um Verzeihung, Jakob; Niemand koͤnnte jezt Dir in's Angeſicht ——Y — 81— ſchauen, ohne Deine Unſchuld darin zu leſen. Ich glaube Alles, was Du ſagſt— troz der alten Frau und— troz dem Teufel dazu— hier iſt meine Hand darauf.“ „Warum nur nichts ſagen wollen— warum das nur?“ murmelte die Frau, ſchuͤttelte mit dem Kopfe und arbeitete nur noch difiigerse an ihrem Neze. Ich hatte aber beſchloßen zu erklaͤren und that das; mit Genauigkeit erzaͤhlte ich die Um⸗ ſtaͤnde, durch welche das Geld erlangt worden war. Gefuͤhle der Demuͤthigung ergriffen mich dabei, die ich nicht auszudruͤcken vermag. Ich fuͤhlte mich herabgewuͤrdigt— und empfard, daß ich zu meinem eigenen Gebrauche dieſes Geld niemals anruͤhren koͤnne. Inzwiſchen brachte meine Erlaͤuterung die Wirkung hervor, ſogar der Frau Beazeley Zweifel zu entfernen, das gute Vernehmen war wieder hergeſtellt. Die alten Leute nahmen das Geld an und gelobten, es zu dem beabſichtig⸗ ten Zwecke zu verwenden. „Was mich betrifft, Jakob,“ ſagte Tom, ſo weißt Du, was ich damit meyne, wenn ich ſage: ich danke Dir. Haͤtte ich das Geld III. 6 — 82— gehabt, und haͤtteſt Du deßelben bedurft, ſo wirſt Du mir wohl glauben, wenn ich ſage ich wuͤrde es Dir gegeben haben.“ „Davon bin ich uͤberzeugt, Tom.“ „Indeß iſt es immer eine große Summe; und ich werde meinen Verdienſt zuruͤcklegen, ſo viel ich nur vermag, damit Du das Geld zuruͤckbekommſt, im Falle Du es noͤthig ha⸗ ben ſollteſt; es wird aber manchen ſchweren Ruderzug und manches von Schweiß durch⸗ naͤßte Hemde koſten, bevor ich eine ſolche Summe zuſammenſpare.“ Ich weilte nicht fehr lange mehr nach dieſer kleinen Stoͤrung;— ich fuͤhlte mich verlezt; — mein Stolz war durch Argwohn verwun⸗ det, und es war ein Gluͤck, daß dieſer Vorfall meinem Zuſammentreffen mit Madame Drum⸗ mond und Sarah nicht vorangegangen war, ſonſt wuͤrde gewiß keine Ausſoͤhnung erfolgt ſeyn. Wie ſehr ſind wir Spiele zufaͤlliger Um— ſtaͤnde, wie unmerklich leiten dieſe unſere Lauf⸗ bahn in der Welt. Mit den beſten Abſichten verirren wir uns; von unwuͤrdigen Beweg⸗ gruͤnden angetriehen, fallen wir in's rechte „— 83— Gleis; das Kapitel der Zufaͤlligkeiten uͤbt mehr Gewalt auf das beſtgeordnete Gemuͤth aus, als alle Kapitel der Bibel zuſammengenom⸗ men⸗ — 84— Fünktes Kapitel. — Wie ich an meinen Feinden geraͤcht wurde.— Wir verſuchen die Muſiktakte, finden aber, daß uns kein Takt hilft.— Weil es nicht geht,— gehen wir zuruͤck. Tom, der mir meinen Verdruß angeſehen hatte, begleitete mich zum Boote hinab, und von ſeiner gewoͤhnlichen Theilnahme angetrie⸗ ben, erbot er ſich, bis Fulham mit mir hin⸗ aufzurudern und dann zu Fuß zuruͤckzukehren; dieſes Erbieten lehnte ich ab, weil ich allein zu ſeyn wuͤnſchte. Es war eine prachtvolle, mondhelle Nacht; die breiten Lichte und Schat⸗ ten, ſo wie die Stille rings um mich her paß⸗ ten ganz zu meinen Gefuͤhlen. Den Strom hinaufrudernd, uͤberdachte ich mir alle die Vor⸗ faͤlle dieſes Tages; die Verſoͤhnung mit einem 4 — — — 85— Manne, zu dem ich nie wieder reden zu wol⸗ len mir vorgenommen hatte; dann mein klei⸗ ner Zwiſt mit denen, welche, wie ich geglaubt hatte, nie mit mir in Unfrieden gerathen koͤnnten, und dies uͤberdem gerade in dem Zeitpunkte, in welchem ich mich bemuͤhte, ihnen Dienſte zu erweiſen; ſodann dachte ich an Sarah; ſie war die Oaſe wirklicher Gluͤckſeligkeit in dieſer weiten Wuͤſtenei; ich verweilte bei dem Ge⸗ danken an ſie, denn dieſer war der erfreulichſte und war allein im Stande, mein aufgeregtes Gemuͤth zu beruhigen. Unter ſolchen Gruͤbeleien war ich durch die Bogen der Putney-Bruͤcke gerudert, vergaß, daß ich nahe an meinem Landeplaze ſey und fuhr, in meine Traͤumereien verſenkt, den Strom immer hoͤher hinauf; da wurde mein Nachſinnen durch das geraͤuſchige Lachen und Sprechen von Maͤnnern geſtoͤrt, die dem An⸗ ſcheine nach im berauſchten Zuſtande ſeyn muß⸗ ten. Sie befanden ſich in einem vierrudrigen Boote und kamen den Strom herab, wahr⸗ ſcheinlich zuruͤck von einer ſogenannten Luſtfahrt, die in der Regel mit Trunkenheit endet. Ich horchte auf. „Ich ſage Euch, daß ich ein Ruder in der — 86— Luft ſpinnen kann, ſo gut wie irgend ein Mann in des Koͤnigs Dienſi ſprach Einer;„jezt ſchaut.“ Er nahm ſein Schlagruder in die Hoͤhe, ſpann oder wirbelte es hoch in der Luft, fing es aber zum Ungluͤck im Herabfallen nicht auf, es durchbrach den Boden des leicht gebauten Fahrzeuges, indem es zwei der Fußplanken zerſplitterte, das Boot fuͤllte ſich ſchnell mit dem hereindringenden Waßer. „Hallo! Bootfuͤhrer!“ rief ein anderer von ihnen, der mich gewahrte,„kommt geſchwind oder wir verſinken.“ Doch der Nachen war bereits bis nahe an den Rand gefuͤllt und ſchlug um, bevor ich heran kommen konnte, indeß war ich ziemlich in der Naͤhe. „Huͤlfe! Kahnfuͤhrer; helft mir zuerſt— ich bin der aͤlteſte Kommis,“ rief eine mir ganz bekannte Stimme. Ich ſtreckte mein Ruder nach ihm aus, der im Waßer ſich abarbeitete und bald hing er ſich mit den Haͤnden am Rande meines Nachens feſt. Sodann maͤchte ich den Verſuch, denjenigen zu retten, der das Boot durch ſein verungluͤcktes Ruderſpinnen ————8ſſſ —&— zum Sinken gebracht hatte, der ſagte aber ſeht kaltbluͤtig: „Nein, verdammt, unſerer ſind zu viele, wir wuͤrden den Nachen nur umſchlagen; ich will an's Ufer ſchwimmen;“ zugleicher Zeit begann er auszuſtreichen und ſchwamm mit der groͤßten Ruhe und Leichtigkeit in ſeinem vollen Anzuge dem Lande zu. Noch zwei Andere fiſchte ich auf und glaubte nun, Alle gerettet zu haben, als ich im Um⸗ blicken gegen die Bruͤcke hin im hellen Strahle des Mondes— und„rund wie ſeine Scheibe“ das wohlbekannte, dumme Geſicht des einfaͤlti⸗ gen Komptoirdieners gewahrte, der ſich ſo feind⸗ lich gegen mich bezeigt hatte und der ſich jezt abquaͤlte, um ſich uͤber der Fluth zu erhalten. Ich ruderte zu ihm hin, ſtreckte ihm mein Ru⸗ der entgegen, welches er in dem Augenblicke ergriff, als er vom erſten Sinken wieder in die Hoͤhe kam— und bald hing er nebſt den Andern außen am Rande meines Bootes. „Zieht mich hinein— zieht mich hinein— Kahnfuͤhrer,“ ſchrie der erſte Kommis, deßen Stimme ich erkannte. „Nein, das Boot wuͤrde unterſinken.“ „Von mir allein doch nicht, zieht mich nur — 8s— hinein, wenn auch die Uebrigen nicht;— ich bin der aͤlteſte Kommis.“ „Das kann mir nichts helfen, muͤßt Euch da feſt halten,“ erwiederte ich,„bis ich Euch an's Land gerudert habe— es wird nicht lange dauern.“ Ich muß geſtehen, daß ich Freude daruͤber empfand, ihn ſo im Waßer haͤngen zu laßen. Freilich haͤtte ich ſie ſaͤmmtlich in's Boot neh⸗ men koͤnnen, wiewohl ihr Mangel an Geiſtes⸗ gegenwart und ihr draͤngendes Eilen, um ihr Ich in Sicherheit zu bringen, allerdings einige Gefahr verurſachen konnte; ich verlangte aber, daß ſie im Waßer bleiben und ſich feſthalten ſollten; ſo ruderte ich dem Landeplaze zu, den wir auch bald erreichten. Derjenige, der es vor⸗ zog, an's Land zu ſchwimmen, war ſchon vor uns angekommen und erwartete uns am Ufer „Habt Ihr ſie Alle, Kahnfuͤhrer?“ fragte er „Ja, Herr, ich glaube; viere ſind hier.“ 10 „Das Kerbholz iſt richtig,“ erwiederte er, nund nie wurden vier groͤßere Galgenſchwengel aufgeſiſcht; doch laßen wir das gut ſeyn. Mein Unſinn haͤtte ſie bald zum Ertrinken gebracht; deshalb bin ich froh, daß Ihr's ſo gut ausge⸗ richtet habt. Mein Rock ging im Boote unter 8 — 89— und ich muß Euch ein andermal die Beloh⸗ nung geben.“ „Danke vielmal, Herr, das iſt gar nicht noͤ⸗ thig, es war ja keine regelmaͤßige Fahrt.“ „Demungeachtet gebt uns immer Euren Na⸗ men.“ „O! befragen Sie darum nur den Herrn Hodgſon, den aͤlteſten Kommis, oder den an⸗ dern Geſellen da mit dem Vollmondgeſichte— die kennen meinen Namen.“ „Kahnfuͤhrer, was meynt Ihr damit?“ ſagte Hodgſon, vor Kaͤlte zitternd. „unverſchaͤmter Menſch,“ ſprach der Jüngere, das Mondkalb. „Wenn die Euren Namen auch kennen, wer⸗ den ſie ihn nicht ſagen wollen,“ bemerkte ein Anderer. „Ich will Euch zuerſt den meinigen nennen, ich bin Lieutenant Wilſon, von der Flotte;— und nun ſagt den Eurigen, damit ich Euch aufſuchen kann, und nennt den Steg, von wel⸗ chem Euer Boot abfaͤhrt.“ „Mein Name iſt Jakob Ehrlich, Herr,“ gab ich zur Antwort,„und Ihre Freunde moͤgen Sie fragen, wenn ihnen die Zaͤhne nicht ſo arg mehr klappern, ob die mich kennen oder nicht.“ — 90— Als ſie meinen Namen hörten, gingen der aͤlteſte und der juͤngere Komptoirgehuͤlfe ſchwei⸗ gend davon; der Lieutenant ſagte noch, ich ſolle wieder von ihm hoͤren und war im Begriffe, ebenfalls fortzugehen. Da bemerkte ich:„Wenn es Ihre Abſicht iſt, mir Geld geben zu wollen, Herr, ſo ſage ich Ihnen frei heraus, ich werde es nicht anneh⸗ men. Ich haße die beiden Menſchen wegen Be⸗ leidigungen, die ſie mir in vollem Maaße zu— fuͤgten; aber ich weiß nicht, wie es zugeht, ich fuͤhle demungeachtet eine Art von Freude daruͤber, ſie gerettet zu haben, und wuͤnſche mir keine andere Rache. Alſo leben Sie wohl, Herr.“ Freund— das iſt glorwuͤrdige Rache. Da es ſo ſteht, werde ich nicht zuruͤckkommen, aber ſollten wir jemals uns wieder begegnen, ſo werde ich dieſen Abend und den Jakob Ehr⸗ lich gewiß nicht vergeßen.“ Er reichte mir ſeine Hand, druͤckte die mei⸗ nige mit Waͤrme und ging. Nachdem Alle fort waren, ſtand ich noch eine Weile, ganz betaͤubt von den mannichfa⸗ chen Ereignißen dieſes Tages. Verſoͤhnung— „Geſprochen, wie es ſeyn ſollte— mein — -— O—— — 91— Zwiſt— Rache.— Ich war noch im Nach⸗ denken daruͤber verſunken, als ich Hufſchlag vernahm. Dies brachte mich zu heller Beſin⸗ nung; ich zog mein Boot hoͤher hinauf und wollte mich zu Hauſe begeben; doch eilte ich mich nicht ſehr; ich empfand eine Art von Wi⸗ derwillen gegen Marie Stapleton, den ich nicht zu ergruͤnden vermogte; die Sache war aber, daß ich Sarah Drummond wieder geſehen hatte. Am Fuße der Bruͤcke hielt der Reiter an, gab ſein Pferd dem mitgebrachten Reitknechte und kam herab zu der Stelle, an der ich mein Boot aufzog. „Guter Freund, iſt es zu ſpaͤt fuͤr Euch, das Boot noch einmal abzuſchieben?— Ich will Euch gut bezahlen.“ „Wohin wuͤnſchen Sie, Herr? es iſt ſchon nach zehn Uhr.“ 4 „Das weiß ich, auch erwartete ich kaum, hier noch einen Kahnfuͤhrer anzutreffen, aber ich wollte es immer verſuchen.— Koͤnnt Ihr mich einige Meilen den Strom hinauffahren?“ Ich betrachtete die Perſon genauer und war hoͤchlich erfreut, den jungen Mann wieder zu erkennen, der Turnbull und mich gemiethet hatte, um ihn nach dem Garten zu fahren, wo 4 — 92— er verhaftet wurde, als wir mit der zinnernen Buͤchſe davon fuhren; indeßen gab ich mich ihm nicht zu erkennen. „Wohlan, Herr, wenn Sie wuͤnſchen, ich habe nichts dagegen,“ erwiederte ich, ſezte meine Schulter gegen den Nachen und ſchob ihn wie⸗ der hinaus auf die Fluth.— Jedenfalls iſt die⸗ ſer ein Tag voller Abentheuer, dachte ich, als ich meine Handruder einſezte und den Strom hinauf arbeitete. Einige Zeit uͤberlegte ich bei mir, ob ich mich dem jungen Manne zu er⸗ kennen geben ſollte; beſchloß aber, das nicht zu thun. Ich will ſehen, dachte ich, welche Art von Menſch er iſt; ob er mir auch ſo verdienſt⸗ lich erſcheint, wie die junge Dame das von ihm glaubt. „Nach welcher Seite, Herr?“ fragte ich. „Links,“ war die Antwort. Dies wußte ich vorher und ſchweigend ru⸗ derte ich, bis wir nahe an der Gartenmauer waren, die laͤngs dem Ufer ſich hinzog. „Jezt rudert zu der Mauer hinan und macht kein Geraͤuſch,“ war ſein Geheiß, dem ich ge⸗ horſamte; ich legte mein Boot genau auf der Stelle an, wo die abdachenden Backſteine los waren. Er ſtand im Boote auf und pfiff wie — ———ℳ — —yVʒ——— — 93— fruͤher die beiden Takte des Liedes; nach fuͤnf Minuten wiederholte er das naͤmliche und beo⸗ bachtete die Fenſter des Hauſes; aber es kam keine Antwort; nicht ein Zeichen verrieth, daß— jemand im Hauſe ſich ruͤhre. „Es iſt zu ſpaͤt, ſie hat ſich zur Ruhe ge⸗ legt.“ „Ich dachte mir gleich, daß eine Dame im Spiele waͤre, Herr,“ bemerkte ich;„wenn Sie wuͤnſchen, ihr etwas mitzutheilen, ſo glaube ich, das ausrichten zu koͤnnen.“ „Koͤnntet Ihr?“ erwiederte er;„wartet noch etwas, ich will ſpaͤter mit Euch ſprechen.“ Noch einmal pfiff er die Melodie, ſtand wohl zehn Minuten in aͤngſtlicher Erwartung, ſezte ſich dann auf der Spiegelbank nieder und ver⸗ langte, ich ſolle zuruͤckrudern. Nach einer ſchwei⸗ gend verbrachten Minute ſagte er:„Ihr glaubt, mit ihr in Verbindung gerathen zu koͤnnen, ſagtet Ihr; wie denkt Ihr das anzufangen?“ „Wenn Sie einen Brief ſchreiben wollen, Herr, ſo will ich verſuchen, ihr den einzuhaͤn⸗ digen?“ „Wie das?“ „Sie muͤßen mir uͤberlaßen, Herr, die Mit⸗ tel auszuſinden, und auf ſchickliche Gelegenheit — 94— vertrauen; aber beſchreiben muͤßen Sie mir die Perſon, damit ich den Brief nicht einer andern gebe; und ebenfalls muͤßen Sie mich davon in Kenntniß ſezen, welche der Hausbe⸗ wohner ich zu vermeiden habe, um nicht geſe⸗ hen zu werden.“ „Sehr richtig,“ antwortete er.„Alles, was ich ſagen kann, iſt, daß ich Euch gut belohnen werde, wenn es gelingt; ſie wird aber ſo ſtrenge bewacht, daß ich fuͤrchte, es wird unmoͤglich ſeyn; ein Verzweiflender indeßen haſcht wie ein Ertrinkender nach einem Strohhalme, und ſo will ich denn ſehen, ob Ihr im Stande ſeyn werdet, mir zu helfen.“. Sodann eroͤffnete er mir, daß im Hauſe niemand wohne, als der Dame Oheim und deßen Diener, die ſaͤmmtlich als Spione ſie umlauerten; daß ich nur den einzigen guͤnſtigen Augenblick zu erſpaͤhen habe, wenn man ihr geſtatte, im Garten umherzugehen, was viel⸗ leicht geſchehen moͤge; wenn ich mich von acht Uhr Morgens bis zum Abend unter der Mauer⸗ abdachung verborgen hielte, koͤnnte ich moͤgli⸗ cherweiſe eine Gelegenheit erhaſchen. Er trug mir auf, am folgenden Morgen um ſieben Uhr an der — 95— Bruͤcke zu ſeyn, dann wolle er mir einen Brief bringen, den ich, wo moͤglich, abgeben ſollte. Gegen dieſe Zeit waren wir in Fulham an⸗ gekommen; er ſtieg aus, druͤckte mir eine Gui⸗ nee in die Hand, beſtieg ſein Pferd, das ſo lange vom Reitknecht an der Hand gefuͤhrt worden war und ritt davon. Ich zog mein Boot hinauf und ging, ermuͤdet von den man⸗ nichfachen Ereignißen dieſes Tages, zu Hauſe. Marie Stapleton, die noch aufſaß, um meine Heimkehr abzuwarten, gab ſich recht viele Muͤhe, mir die Urſache zu meiner ſo ſpaͤten Ruͤckkunft abzufragen; ich wich ihren Fragen aus und ſie verließ mich in recht unwilliger Laune; dieſe betrachtete ich jedoch mit der groͤßten Gleich⸗ guͤltigkeit. Am folgenden Morgen erſchien der Bediente mit dem Briefe, zugleicher Zeit ſagte er mir, er habe Befehl erhalten, bis zum Abend hier zu warten; ich ruderte den Strom hinauf. Den Brief legte ich unter die loſen Backſteine, ganz ſo wie ich es fruͤher mit der jungen Dame verabredet hatte, und ruderte dann hinuͤber zum andern Stromufer, von wo ich den ganzen Garten und Alles was darin vorgenommen wurde, deutlich uͤberſehen konnte. Eine halbe Stunde ſpaͤter kam die junge Dame in Be⸗ gleitung eines andern Frauenzimmers in den Garten und wandelte in den Grandpfaden auf und nieder. Nach einer Weile ſtand ſie ſtill und blickte auf den Strom hinaus, waͤhrend ihre Begleiterin den Weg fortſezte. Als habe ſie gar keine Hoffnung, etwas zu finden, ſchob ſie den Backſtein mit dem Fuße zur Seite; ſobald ſie aber den Brief gewahrte, hob ſie ihn ſchnell empor, barg ihn unter ihrem Gewande und ſchaute dann wieder hinaus auf den Strom. Es war voͤllige Windſtille und ich pfiff die beiden bekannten Takte. Sie vernahm die Toͤne, wandte ſich um und eilte dem Hauſe zu. Nach einer halben Stunde erſchien ſie wieder im Garten, erhaſchte eine paßende Gelegenheit und beugte ſich zu dem Backſteine nieder. Einige Minuten wartete ich noch, bis ſie und ihre Begleiterin dem Hauſe zugingen. Dann ruderte ich unter die Gartenmauer, hob den Backſtein auf, zog den Brief darunter hervor und eilte nach Fulham zuruͤck, wo ich dieſen dem war⸗ tenden Bedienten einhaͤndigte, der augenblick⸗ lich im ſchnellſten Laufe damit abritt. Höͤchſt vergnuͤgt uͤber den erfolgvollen Aus⸗ gang meines Verſuches, kehrte ich nach mei⸗ —— — 97— ner Wohnung zuruͤck, empfand aber nicht geringe Neugierde, um den wahren Zuſam⸗ menhang dieſer ſonderbaren Geſchichte kennen zu lernen. 4 III. 2 — 98— Sechstes Kapitel. — Der Domine lieſt mir eine Predigt aus dem groͤßten Buche, welches mir je zu Geſichte kam, denn es bedeckte faſt zwei Acre Landes.— Die Blaͤtter waren nicht leicht umzuwenden, dagegen konnte man den Druck ganz gut ohne Brillen leſen.— Er ſchließt, ohne das Buch zu ſchließen, wie die Pfarrer das doch gewoͤhnlich am Ende ihrer Pre⸗ digten thun. Da der folgende Tag ein Sonntag war, ging ich wie gewoͤhnlich, den Domine und Herrn Turnbull zu beſuchen. Bei der Schule kam ich grade an, als die Knaben rottenweiſe zur Kirche abmarſchirten, voran der Unterlehrer, der Do⸗ mine ſchloß den Zug in Perſon; ich ging mit ihnen. Der Domine ſchien ſehr ſchmermuͤthig und niedergeſchlagen— er ſprach kaum ein — — 99— Wort auf unſerm Wege zur Kirche. Nach be⸗ endigtem Gottesdienſte ließ er die Knaben durch den Unterlehrer zuruͤckfuͤhren und blieb mit mir auf dem Kirchhofe,— wo er die Grabſteine betrachtete und von Zeit zu Zeit einige Worte vor ſich hinmurmelte. Endlich hatten alle Kirch⸗ gaͤnger ſich entfernt und wir waren allein. Da hob er an:„FJakob, als ich Dir in Deiner Kindheit ſo große Sorgfalt zuwandte, hatte ich nur geringe Hoffnung, dafuͤr ſo be⸗ lohnt zu werden, wie ich es bin. Weit entfernt war ich von dem Gedanken, daß dieſer ver⸗ waiſete und verlaßene Knabe es ſeyn ſollte, dem ich meine Seele ausſchuͤtten wuͤrde, wenn Kummer mich belaſtet, daß ich bei ihm ein Mit⸗ gefuͤhl wiederſinden ſollte, welches mir lange ſchon durch die Entfernung derer verloren ging, die einſt meine Freunde waren. Ja, Jakob, diejenigen, die ich in meiner Jugendzeit kannte, in die ich Vertrauen ſezte, auf die ich baute, liegen jezt hier, in Staub zerfallen; mein gan⸗ zes Zeitalter iſt dahin geſchwunden, und ich ſtuze mich nunmehr auf Dich, mein Sohn, dem ich zeigte den rechten Pfad zu wandeln, und der unter Gottes Segen fortgefahren hat, ihn zu wandeln, ohne auf Abwege zu gerathen. — 100— Wahrlich, Du biſt mein Troſt, Jakob, und wiewohl Du noch jung an Jahren biſt, fuͤhle ich doch, daß ich an Dir einen Freund gewon⸗ nen habe, in den ich Vertrauen ſezen darf. Gott ſegne Dich, Jakob; der Himmel begluͤcke Dich, mein Junge; und mag ich Dich in Gluͤckſeligkeit und Wohlfahrt erblicken, bevor ich zu denen hingelegt werde, die vor mir ſchie⸗ den. Dann will ich ſingen das Nunc dimittis — dann will ich ſagen:„nun Herr, laß Dei⸗ nen Knecht in Frieden ziehen.“ „Es macht mich gluͤcklich, von Ihnen zu hoͤ⸗ ren, daß ich Ihnen einigen Troſt zu gewaͤhren vermag,“ erwiederte ich,„denn mein Herz iſt mit Dankbarkeit erfuͤllt fuͤr alle die Guͤte, welche Sie mir erwieſen haben; aber doch wuͤnſchte ich, Sie beduͤrften keinen Troſt.“ „In welchem Zuſtande ſeines Lebens beduͤrfte der Menſch nicht Troſt und Aufrichtung, Ja⸗ kob;— hat er ſie nicht noͤthig von der Zeit an, in welcher er als Kind das thraͤnende Ant⸗ liz im Schooße der Mutter birgt bis zu der Stunde, die ihn zur Rechenſchaft abruft?— Nicht, als betrachtete ich dieſe Welt, ſo wie ſie von Vielen beſchrieben wurde, als„ein Jammerthal;“ nein, Jakob, ſie iſt eine ſchoͤne * — — — 101— Welt, eine ruhmwuͤrdige Welt und wuͤrde auch eine gluͤckliche Welt ſeyn, vermoͤgten wir nur die Sinne und Leidenſchaften zu zuͤgeln, mit denen wir ausgeſtattet wurden, damit wir die Schoͤnheit der wechſelnden Mannichfaltigkeit, den unerſchöpflichen Reichthum des allguͤtigen Himmels um ſo voller genießen moͤgten. Alles iſt zu freudigem Genuße und zur Gluͤckſeligkeit erſchaffen, nur wir ſind es, die durch Ueber⸗ maß die reine Quelle truͤben. So mag der er⸗ muͤdete Wanderer ſtaͤrkende und erfriſchende La⸗ bung aus der uͤberſprudelnden Fuͤlle des Bor⸗ nes trinken; wuͤrde er aber unachtſam hinein⸗ ſtuͤrzen, ſo ruͤhrte er den Schlamm auf und verbitterte ſich den Trunk.— So ward uns der Wein gegeben, Jakob, um des Menſchen Herz zu erfreuen, und doch haſt Du geſehen, wie ich, Dein Lehrer, mich durch Unmaͤßig⸗ keit herabwuͤrdigte. Eben ſo ſind natuͤrliche Hin⸗ neigungen uns als Urquellen ſuͤßeſter Gluͤckſe⸗ ligkeit eingepflanzt— ſo wie die, welche in meinem Herzen mit liebender Sehnſucht Dir entgegen ſchlagen; und doch ſaheſt Du mich, Deinen Lehrer, durch Froͤhnen der Verblen⸗ dung und Albernheit eines ſechszigjaͤhrigen Al⸗ ters— in meinem Thorenwahne an einem Maͤd⸗ — 102— chen haͤngen, und dieſe ſuͤßen Triebe in eine Quelle des Elends und der Angſt umwan⸗ deln.“ Ich antwortete nicht, denn des Domine Worte ergriffen mich tief und ich erwog ſie in meinem Gemuͤthe. Nach einer Weile fuhr er fort:„Nach dem Buche des Lebens giebt es keinen Gegenſtand zu heilſameren Betrachtun⸗ gen, als das Buch des Todes, von welchem wir jeden der uns umgebenden Grabſteine als ein Blatt betrachten koͤnnen, und jegliches Blatt enthaͤlt eine Lehre. Lies dieſes hier vor uns. Es moͤgte hart ſcheinen, daß ein einziges Kind der zaͤrtlichen Liebe ſeiner Eltern entrißen wer⸗ den ſollte, die auf dieſem Grabſtein nur unvoll⸗ kommen ihren Schmerz ausdruͤcken; es moͤgte hart ſcheinen, daß ihr Entzuͤcken, ihr Troſt, der Gegenſtand ihrer taͤglichen Sorgfalt— ih⸗ rer wachen Gedanken— ihrer lezten undeutli⸗ chen Erinnerungen bei dem Verſinken in den Schlaf— der einzige Gegenſtand ihrer Traͤume — ihnen auf dieſe Weiſe entrißen werden ſoll⸗ te;— und dennoch ſage ich, der ich die El⸗ tern kannte, der Himmel war gerecht und gnaͤ⸗ dig gegen ſie.— Das Kind war ihr Alles, das Kind hatte ſie ihrem Gotte entzogen— — 103— ſie lebten nur in dem Kinde, hatten keinen andern Gott in der Welt, als dieſes Kind. Dem Kinde allein war alle ihre Liebe gewei⸗ het; ſie waͤren ewig verloren geweſen, haͤtte Er in ſeiner Barmherzigkeit dieſes Kind nicht zu ſich genommen.— Komm' dieſen Weg, Jakob.“ Ich folgte dem Domine, bis er in einem Winkel des Kirchhofes vor einem andern Grab⸗ ſteine ſtill ſtand; er ſprach:„dieſer Stein, Ja⸗ kob, bezeichnet den Ort, an welchem die Ueber⸗ reſte desjenigen liegen, der mein erſter und mein liebſter Freund war,— denn in meiner Jugend hatte ich Freunde, weil ich Einbildun⸗ gen naͤhrte und damals fern von dem Gedan⸗ ken war, daß es Gottes Wille ſey, ich ſolle mein Geſchaͤft in dem Amte verrichten, zu dem ich berufen worden bin.— Dieſer Freund hatte einen Fehler, welcher fuͤr ihn waͤhrend ſeines ganzen Lebens Quelle des Ungluͤcks war und die Urſache ſeines unzeitigen Todes wurde. Er war rachſuͤchtiger Natur.— Nie verzieh er eine Beleidigung— der arme ſuͤndhafte Sterbliche vergaß, wie ſehr er ſelber der Verzeihung be⸗ durfte. Er gerieth in Zwiſt mit ſeinen Ver⸗ wandten— im Zweikampfe mit ſeinem Freunde — 104— ward er erſchoßen.— Ich fuͤhre dieſes als eine Lehre fuͤr Dich an, Jakob, nicht als fuͤhlte ich mich wuͤrdig, Dein Lehrer zu ſeyn, denn ich bin gedemuͤthigten Sinnes; ſondern nur aus Liebe und Anhaͤnglichkeit zu Dir, um Dich zu vermoͤgen, dieſen Fehler Deiner Sinnesart zu beßern.“ „Ich habe mich bereits mit Herrn Drum⸗ mond ausgeſoͤhnt,“ ſagte ich,„aber Ihre Mah⸗ nung ſoll deshalb nicht an mir verloren gehen.“ „Haſt Du das, Jakob?— nun da iſt mei⸗ nem Gemuͤthe eine druͤckende Laſt enthoben. Ich vertraue darauf, Du wirſt Dir nicht laͤnger wollen ſelber im Lichte ſtehen, ſondern die An⸗ erbietungen genehmigen, die er im Drange ſei⸗ nes Herzens, Geſchehenes wieder gut zu ma⸗ chen, Dir vorſchlagen moͤgte.“ „Nein, Herr, dies kann ich nicht verſprechen, ich wuͤnſche unabhaͤngig zu ſeyn und mir mei⸗ nen Unterhalt ſelber zu erwerben.“ „So hoͤre mich, Jakob, denn mich erfuͤllt ein Geiſt der Vorverkuͤndung; die Zeit wird kommen, in der Du bittere Reue empfinden mußt. Durch meine unzureichende Bemuͤhung haſt Du eine Erziehung erhalten und biſt durch den Segen der Vorſehung mit Talenten be⸗ — — — 105— gabt, die Dich hoch uͤber den Stand im Le⸗ ben emportreiben, an dem Du ſo halsſtarrig feſthalten willſt; die Zeit der Reue, der bitter⸗ ſten Reue wird fuͤr Dich kommen. Betrachte dieſes marmorne Denkmal, ſo reich mit Way⸗ penzier geſchmuͤckt. Es iſt das Grab eines ſtol⸗ zen Mannes, deſſen Lebenslauf ich ſehr genau kenne. Er war in beſchraͤnkten Lebensumſtaͤn⸗ den, aber von edler Abſtammung— es ging ihm wie dem Manne in der heiligen Schrift: „arbeiten konnte er nicht und er ſchaͤmte ſich zu betteln.“ Er haͤtte gut in der Welt fort⸗ kommen koͤnnen, doch ſein Stolz wollte das nicht zulaßen. Er moͤgte ſich mit Schoͤnheit und Reichthum vermaͤhlt haben— aber es mangelte ein Wappenſchild, und ſein Stolz ließ es nicht zu. Er heirathete und vererbte ſeinen Kindern Armuth. Er ſtarb, und das wenige, was er beſaß, wurde den Beduͤrfniſ⸗ ſen der Kinder entzogen, um dieſes Denkmal ſeinem Staube zu erbauen.— Glaube Du nicht, Jakob, daß ich jenen edlen Stolz hem⸗ men wollte, der ſich als ſchuͤzender Waͤchter gegen das Begehen unwuͤrdiger Handlungen bewaͤhrt; nein, nur jenen verkehrten Stolz will ich einhalten, der Deine kuͤnftigen Lebens⸗ — 106— ausſichten zerſtoͤrt.— Jakob, was Du Unab⸗ haͤngigkeit nennſt, iſt nichts anders, als Stolz.“ Ich konnte nicht anerkennen, daß ich mit dem Domine einverſtanden waͤre, wiewohl ein gewißes Gefuͤhl in meiner Bruſt mir ſagte, er habe nicht Unrecht;— ich ertheilte keine Antwort. Der Domine gruͤbelte eine Weile nnd ſagte dann wieder: „Ja, es iſt eine ſchoͤne Welt; denn der Geiſt Gottes ruhet auf ihr. Bei dem Ordnen des Chaos ſchwebte er uͤber den Fluthen und ſeit⸗ dem iſt er bei uns geblieben, iſt uͤberall, doch unſichtbar. Wir gewahren ſeine waltende Hand im mannichfachen Wechſel und in den Schoͤn⸗ heiten der Schoͤpfung, doch den Geiſt ſelber er⸗ blicken wir nicht; gleichwohl empfinden wir ſeine Gegenwart durch die leiſe Stimme unſe⸗ res Gewißens, die uns zuredet, die rechte Bahn zu wandeln.— Jezt muͤßen wir aber gehen, Jakob, denn ich habe die Katelbigmons⸗ kehre und die Kollekte abzuhalten.“ Ich nahm Abſchied vom Domine und ging zu Turnbull, dem ich Bericht uͤber die Vor⸗ faͤlle abſtattete, welche ſich ſeit meinem lezten Dortſeyn zugetragen hatten. Meine Ausſoͤhnung — 107— mit Drummond machte ihm großes Vergnuͤgen, und fuͤr die junge Dame, welcher die zinnerne Buͤchſe anzugehoͤren ſchien, die er im Beſiz hatte, verrieth er viele Theilnahme. „Jezt Jakob, nehme ich an, daß uns das ganze Geheimniß erklaͤrt wird;“ ſagte er. „Dem Gentleman habe ich nicht geſagt, daß wir die Buͤchſe in Verwahrſam genommen haben;“ erwiederte ich. „Nein; aber Du alberner Geſell, der jungen Dame haſt Du's geſagt; glaubſt Du etwa, die wuͤrde das vor ihm geheim halten?“ „Das iſt wahr, daran dachte ich nicht.“ „Ich wuͤnſche, Jakob, daß Du zu Drum⸗ monds gehſt und die Familie wieder beſuchſt; es waͤre nur Deine Schuldigkeit.“— Ich zoͤ⸗ gerte unſchluͤßig mit der Antwort; da fuhr er fort:„ich will Dir eine treffliche Veranlaßung dazu geben, damit Du gehen kannſt, ohne Deinen Stolz zu verwunden; ich bin ihm et⸗ was Geld fuͤr Wein ſchuldig, den er mir ein⸗ gekauft hat, und ich werde die Anweiſung dar⸗ auf durch Dich hinſchicken.“ Dazu war ich bereit, um ſo mehr, weil eine Veranlaßung, Sarah wieder zu ſehen, mir gar nicht unlieb war. Ich ſpeiſete mit Turnbull, 2un — 108— der ſich allein befand, weil ſeine Frau bei einem Verwandten auf dem Lande zum Beſuche war. Noch einmal bot er mir ſeinen guten Rath in Betreff deßen an, meinen Stand als Kahnfuͤh⸗ rer aufzugeben; aber wenn ich ihn auch min⸗ der ungeduldig als fruͤher anhoͤrte; wenn ich ihm auch nicht ſo viele Gruͤnde entgegenſezte, ſo fuͤgte ich mich dennoch ſeinen Wuͤnſchen nicht und wir ließen den Gegenſtand fallen. Turn⸗ bull war ſchon damit zufrieden, daß mein Wi⸗ derſtand geſchwaͤcht worden, und er hoffte, die Zeit koͤnne die von ihm gewuͤnſchte Wirkung hervorbringen. Als ich nach Hauſe kam, erzaͤhlte Marie mir, Tom Beazeley ſey da geweſen; ſein neuer Na⸗ chen wuͤrde gebaut, der Vater habe den Lichter aufgegeben und ſey nun emſig am Lande be⸗ muͤht, ſeinen Schild aufzurichten, um Kunden anzulocken und in ſeiner neuen Beſchaͤftigung Arbeit zu finden. Am Morgen hatte ich meinen Nachen noch nicht auf die Fluth geſchoben, als der junge Herr erſchien, dem ich den Brief zugeſchickt hatte. „Ehrlich,“ ſagte er,„kommt mit mir zum Gaſthofe, ich muß mit Euch reden.“ — 109— Ich folgte ihm; ſobald wir in einem Zim⸗ mer allein waren, ſagte er:„Erſt will ich meine Schuld bezahlen, denn ich ſchulde Euch viel;“ dabei legte er fuͤnf Guineen auf den Tiſch.—„Von Cecilie erfahre ich, daß Ihr die zinnerne Buͤchſe mit den Urkunden im Be⸗ ſize habt, nach welcher beide Theile ſo aͤngſt⸗ lich geſucht haben. Weshalb ſagtet Ihr das nicht? Und weshalb ſagtet Ihr mir auch nicht, daß Ihr der naͤmliche waͤret, den ich an dem Abende gemiethet hatte, als ich ſo ungluͤcklich war?“ „Mich duͤnkte, das Geheimniß gehoͤre der jungen Dame an, und nachdem ich es ihr er⸗ oͤffnet hatte, uͤberließ ich es ihrer Wahl, Sie davon in Kenntniß zu ſezen, oder nicht, wie es ihr gefallen moͤgte.“ „Das war auf jeden Fall nachdenklich und klug von Euch gehandelt, wiewohl hier uͤber⸗ fluͤßig. Inzwiſchen erfreut es mich, daß Ihr's gethan habt, weil es Eure Zuverlaͤßigkeit nur noch mehr beweiſet.— Jezt ſagt mir, wer iſt der Gentleman, der damals mit Euch im Boote war, und der die zinnerne Buͤchſe jezt aufbewahrt?— Unterſcheidet wohl, Ehr⸗ lich, daß ich nicht beabſichtige, ſie zuruͤckzufor⸗ — 110— dern.— Ihm werde ich in Eurer Gegenwart alle Umſtaͤnde dieſer Begebenheit erzaͤhlen, und es alsdann ſeiner Entſcheidung uͤberlaßen, ob er die Papiere der Gegenpartei oder mir aus⸗ liefern will.— Koͤnnt Ihr mich jezt zu ihm bringen?“ „Ja, Herr, das kann ich; in einer halben Stunde will ich Sie hinaufrudern; ſein Land⸗ haus liegt am Stromufer.“ Der junge Mann ſprang in mein Boot, und in weniger als der angegebenen Zeit be⸗ fanden wir uns ſchon in Turnbull's Anſprach⸗ zimmer.— Die Unterhaltung in allen ihren Einzelheiten will ich nicht wiederholen, ſondern nur den Abriß der Geſchichte des jungen Man⸗ nes geben. — 111— Siebentes Kapitel. — Eine lange Geſchichte, die mit dem Oeffnen der zin⸗ nernen Buͤchſe endet, welche Ausfertigungen enthaͤlt, die fuͤr Herrn Wharncliff viel befriedi⸗ gender ſind, als die Handfertigungen ſei⸗ nes Oheims.— Ich beginne die Segnungen der Unabhaͤngigkeit zu empfinden, und faße den Arg⸗ wohn, daß ich wie ein Narr gehandelt habe.— Nach zweijaͤhriger Betrachtung dieſes Gegenſtan⸗ des werde ich davon vollig uͤberzeugt, und es iſt wie Tom ſagt,„kein Irrthum.“ Der. Herr, der mich am Fortſchaffen der jungen Dame verhinderte, iſt ihr und mein Oheim; denn wir ſind Bruͤderkinder. Unſer Familienname iſt Wharncliff. Mein Vater war Major in der Armee. Er ſtarb als ich noch ſehr jung war, aber meine Mutter, die Schwe⸗ — 112— ſter von Lady Anburn, lebt noch. Ceciliens Eltern ſind beide todt. Ihr Vater ging nach Indien zu ſeinem Bruder, einem andern un⸗ ſerer Oheime, von dem ich ſogleich mehr ſagen werde. Auch er iſt ſchon ſeit drei Jahren ver⸗ ſtorben, und von den vier Bruͤdern lebt nur noch mein einer Oheim, bei welchem Cecilie ſich aufhaͤlt und deßen Taufname Heinrich iſt. Er war Advokat, kaufte ſich aber eine Beam⸗ tung, die er immer noch verſieht. Mein Vater, deßen Name William war, ſtarb in ſehr maͤßi⸗ gen Vermoͤgensumſtaͤnden; inzwiſchen hinter⸗ ließ er doch genug zum Unterhalte meiner Mut⸗ ter und zu einer anſtaͤndigen Erziehung fuͤr mich. Unter der Leitung meines Onkels Hein⸗ rich widmete ich mich dem Advokatenſtande und lebte mehre Jahre in ſeinem Hauſe. Ceciliens Vater, der Eduard hieß, hinterließ gar nichts; in England hatte er ſein Vermoͤgen zu Grunde gerichtet und war auf die Anforderung meines Oheims James, der ſich in Oſtindien ein großes Vermoͤgen geſammelt hatte, dahin abgegangen. Bald nach dem Tode von Ceciliens Vater kam James auf Urlaub nach England, denn er be⸗ kleidete ein ſehr angeſehenes und gewinnreiches Amt im Dienſte der Oſtindiſchen Kompagnie. — 113— Junggeſell aus Vorliebe, hatte er immer doch große Zuneigung zu jungen Leuten; er brachte Cecilie aus Indien mit zuruͤck, und wuͤnſchte gleich nach ſeiner Ankunft mich zu ſehen, weil er nur eine Nichte und einen Neffen hatte, denen er ſein Vermoͤgen hinterlaßen wollte. Er bewohnte deshalb auch das Haus ſeines Bru⸗ ders Heinrich waͤhrend der ganzen Dauer ſei⸗ nes Aufenthalts in England; aber mein Onkel James war ſehr kalter, verſchloßener und lau⸗ nenhaft eigenſinniger Natur.— Mich liebte er vorzugsweiſe, weil ich Knabe war, und er⸗ klaͤrte an einem Tage, ich ſolle ſein Erbe ſeyn; am naͤchſtfolgenden aͤnderte er aber bereits ſei⸗ nen Entſchluß, und verfuͤgte, daß Cecilie, die er ungemein zaͤrtlich liebte, alles erben ſolle, was er beſize. Beleidigten wir ihn etwa— denn Knaben von ſechszehn und Maͤdchen von vierzehn Jahren nehmen wenig Ruͤckſicht auf kuͤnftige Ausſichten in der Welt— ſo er⸗ klaͤrte er, keiner von uns ſolle einen Schil⸗ ling von ſeinem Gelde haben. Geld war ihm Alles; er ſprach nur von Geldbeſiz— und dieſer war ſeine einzige Leidenſchaft; er achtete und ehrte die Menſchen nur in dem Verhaͤltniße ihres vermuthlichen Reichthums. lII. 1 8 3 — 114— Bei ſolchen Anſichten verlangte er von Ceci⸗ lie und von mir die aͤußerſte Nachgiebig⸗ keit und Fuͤgung in ſeine Launen, weil wir ſeine muthmaßlichen Erben waͤren.— Dies erlangte er nicht von uns; war aber im Gan⸗ zen genommen dennoch mit unſerm Benehmen zufrieden, und kehrte, nachdem er drei Jahre in England zugebracht hatte, nach Oſtindien zuruͤck.— Ich hatte angehoͤrt, daß er zu mei⸗ nem Onkel Heinrich ſagte, er wolle ſein Teſta⸗ ment machen und dieſes bei ihm zuruͤcklaßen, wenn er ſich einſchiffe; ob dies aber geſchehen war oder nicht, wußte ich nicht mit Gewißheit. So viel war inzwiſchen ausgemacht, daß mein Onkel Heinrich dafuͤr ſorgte, ich ſolle nicht da⸗ bei zugegen ſeyn; denn damals ſezte er ſeine Geſchaͤfte als Rechtsgelehrter noch fort und ich arbeitete in ſeiner Schreibſtube. Erſt nach der Abreiſe meines Oheims James gab er ſeine Geſchaͤfte auf und kaufte die fruͤher von mir erwaͤhnte Beamtung. Cecilie blieb bei meinem Onkel Heinrich zuruͤck, und weil wir im naͤm⸗ lichen Hauſe lebten, reifte unſere Zuneigung bei unſerm Heranwachſen zur Liebe. Oft pfleg⸗ ten wir uͤber des Oheim James Drohungen zu ſcherzen, und kamen uͤberein, daß wir auf jeden Fall theilen wollten, wer auch von uns der Begluͤckte ſeyn moͤge, dem das Vermoͤgen hinterlaßen wuͤrde. „Inzwiſchen verfolgte ich meine Laufbahn als angehender Rechtsgelehrter in einem andern Geſchaͤftskreiſe, an dem ich auch jezt noch Theil⸗ haber bin. Vier Jahre nach meines Oheims James Ruͤckkehr nach Oſtindien gelangte die Kunde ſeines Todes zu uns; zugleich aber auch die Meldung, daß kein Teſtament aufgefunden waͤre, und es ward angenommen, er ſey ohne Willensverfuͤgung verſtorben. Demzufolge trat mein Onkel Heinrich als geſezlicher Erbe in den Beſiz des ganzen Vermoͤgens; Ceciliens Hoffnungen und Erwartungen waren zertruͤm⸗ mert gleich den meinigen. Dies war aber noch nicht das Schlimmſte; mein Onkel, der unſere gegenſeitige Zuneigung kannte und bisher nie dagegen eingeredet hatte, ſah ſich kaum im Be⸗ ſize des Vermoͤgens, als er Cecilien erklaͤrte, ſie ſolle ſeine Erbin ſeyn unter der Bedingung, daß ſie nach ſeinem Wunſche heirathe; zuglei⸗ cher Zeit gab er ihr zu bedenken, daß ein Ver⸗ megen, wie ſie es zu erwarten habe, ihr eine Verbinduig mit einem der edelſten Haͤuſer im Koͤnigreiche ſichere; mir dagegen deutete — 116— er ganz kurz an, er finde es rathſam, daß ich mir eine eigene Wohnung naͤhme und nicht laͤnger mit meiner Muhme im naͤmlichen Hauſe lebe, weil daraus nichts Gutes entſtehen wuͤrde. So waren alſo nicht nur unſere Hoffnungen fuͤr die Zukunft zertruͤmmert, ſondern unſer liebendes, zaͤrtliches Verhaͤltniß war ebenfalls geſtoͤrt. „Im heftigen Grimme uͤber dieſe Anordnung verließ ich meines Onkels Haus; aber nun draͤngte ſich mir auch lebhafter als zuvor der Gedanke auf, daß mein Oheim James, nach allem, was ich ihn hatte vor ſeiner Abreiſe nach Indien zu ſeinem Bruder Heinrich ſagen hoͤren, wirklich ein Teſtament gemacht habe.— Eine Buͤchſe, in welcher ſich Urkunden und Pa⸗ piere befanden— eben die naͤmliche, die jezt in Ihrem Beſize iſt— bewahrte mein Oheim ſorgfaͤltig in ſeinem Schlafzimmer auf; ich hielt mich uͤberzeugt, daß das Teſtament in dieſer Buͤchſe ſeyn muͤße, falls es nicht etwa vernich⸗ tet waͤre; jedoch konnte ich nicht glauben, daß mein Onkel wagen wuͤrde, eine ſo ruchloſe und ſtrafwuͤrdige Handlung zu begehen.— Waͤre ich im Hauſe geblieben, ſo wuͤrde ich Mittel gefunden haben, die Buͤchſe zu oͤffnen; das — 117— war aber nun nicht laͤnger moͤglich. Ich theilte Cecilia meinen Argwohn mit und bat ſie, den Verſuch zu machen, welches ihr leichter werden wuͤrde, weil mein Onkel ſie nicht herzhaft ge⸗ nug zu ſolchem Unternehmen halten wuͤrde, ſelber wenn ſie Verdacht naͤhren ſollte. Cecilie verſprach es; es traf ſich bald ſo gluͤcklich, daß mein Onkel eines Morgens ſeine Schluͤßel auf dem Tiſche vergaß, als er zum Fruͤhſtuͤcke her⸗ abkam und dann ausging, ohne ſie zu vermiſ⸗ ſen. Cecilia bemerkte ſie, oͤffnete die Buͤchſe und fand zwiſchen andern Pergamenten eine Urkunde, deren aͤußere Aufſchrift ſie als Teſta⸗ ment unſers Oheims James bezeichnete; Frauen verſtehen aber von dergleichen Dingen nicht viel, zudem war ſie in bebender Angſt, weil ſie des Oheims Ruͤckkehr beſorgte und konnte deshalb nicht genauer pruͤfen. Eben hatte ſie die Buͤchſe wieder verſchloßen und die Schluͤßel auf den Tiſch gelegt, als er zuruͤckkam; er fragte, was ſie in dem Zimmer zu thun habe und ſie brachte eine Entſchuldigung vor. Er ſah die Schluͤßel auf dem Tiſche liegen, mogte vielleicht arg⸗ woͤhnen, was vorgefallen war, weil Cecilia ſtark erroͤthete, oder jedenfalls beſorgen, daß ein ſolcher Verſuch auf mein Anſtiften gemacht — 118— werden koͤnne; kurz er verſchloß die Buͤchſe in ein Kabinet und uͤbergab den Schluͤßel dazu⸗ wie ich glaube, ſeinem Banquier. „Nachdem mir Cecilia Kunde von dieſem Vorfalle gegeben hatte, bat ich ſie, Mittel auf⸗ zuſuchen, um das Kabinet zu oͤffnen, damit wir uns in den Beſiz der Buͤchſe ſezen moͤg⸗ ten; dies war leicht; denn der Schluͤßel zu ei⸗ nem andern Kabinette paßte auch zu jenem. Darauf u berredete ich ſie, ſich unter meinen Schuz zu begeben, mit dem Entſchluße, unſere Heirath ſogleich zu vollziehen; wir hatten es ſo verabredet, daß die zinnerne Buͤchſe uns be⸗ gleiten ſolle. Sie wißen, wie ungluͤcklich unſer Anſchlag ſich wendete— mindeſtens ſo weit ungluͤcklich, daß ich nicht nur glaubte, Cecilia verloren zu haben, ſondern auch jene Buͤchſe, welche, wie ich voͤllig uͤberzeugt bin, meines Oheims Teſtament enthaͤlt und in dieſer Anſicht beſtaͤrkt mich der aͤngſtliche Eifer, mit welchem mein Onkel Heinrich ſie zuruͤckzubekommen ſucht. Seit dem Verluſte derſelben iſt er in einem Zuſtande der Gemuͤthsbewegung, die ihn zum Schatten erbleicht hat. Er ſieht ein, daß ſeine einzige Hoffnung darauf beruhet, der Kahnfuͤh⸗ rer moͤge die Buͤchſe in der Erwartung, Geld ₰ — 119— darin zu finden, erbrochen, und weil er ſich darin getaͤuſcht ſah, die Papiere vernichtet ha⸗ ben, um dem Entdecktwerden vorzubeugen.— Waͤre dies der Fall geweſen und leicht haͤtte es ſo ſeyn moͤgen, wenn ſie nicht in ſo gute Haͤnde gerathen waͤre, dann wuͤrde er dadurch ſeinen einzigen Wunſch, die Vernichtung des Teſtaments, erlangt haben, ohne ſich doch derſel⸗ ben ſchuldig zu machen.— Jezt, mein Herr, habe ich Ihnen eine vollſtaͤndige und offene Er⸗ klaͤrung der ganzen Sache gegeben und uͤber⸗ laße nun ihrer Entſcheidung, was Sie thun wollen.“ „Ueberlaßen Sie mir die Entſcheidung,“ er⸗ wiederte Turnbull,„ſo werde ich raſch verfah⸗ ren.— Eine Buͤchſe iſt mir zu Haͤnden ge⸗ kommen und ich weiß nicht, wer deren Eigen⸗ thuͤmer iſt. Deshalb will ich ſie oͤffnen, ein Verzeichniß der darin enthaltenen Urkunden ab⸗ faßen und dieſes durch die Times und andere Zeitungen oͤffentlich bekannt machen laßen. Be⸗ findet ſich das Teſtament Ihres verſtorbenen Onkels darunter, ſo wird es mit den Uebrigen oͤffentlich angezeigt, und dann ſeze ich voraus, daß Ihr Onkel Heinrich nicht wagen wird, ein Wort zu ſagen, ſondern im Gegentheile ſich — 120— freuen muß, wenn er nicht zur Verantwortung gezogen wird.“ Herr Turnbull ließ einen Schloßer rufen und die zinnerne Buͤchſe ward geoͤffnet; ſie enthielt nebſt manchen andern Urkunden— das ſo lange geſuchte Teſtament von James Wharn⸗ cliff Esqr., zwei Monate vor ſeiner Abreiſe aus England abgefaßt. Herr Turnbull bemerkte:„ich bin der Mei⸗ nung, daß auf den Fall irgend einer Einrede es gut ſeyn wird, dieſes Teſtament vor Zeugen zu verleſen; es iſt von Henry Wharncliff und zwei andern Zeugen mit unterſchrieben. Zeich⸗ nen wir deren Namen auf.“ Der junge Wharncliff verlas auf Turnbull's Anforderung die lezte Willensverfuͤgung ſeines Oheims. Sonderbar genug vererbte der Ver⸗ ſtorbene ſein ganzes Vermoͤgen auf ſeinen Nef⸗ fen William Wharncliff und ſeine Nichte Ces cilia unter der Bedingung, daß ſie ſich ver⸗ maͤhlen wuͤrden; geſchah das nicht, ſo ſollte jeder von ihnen 20,000 Pfund bekommen, das Uebrige des Vermoͤgens aber dem erſten maͤnn⸗ lichen Kinde zufallen, daß entweder in der Ebe der Nichte oder des Neffen geboren wuͤrde. Sei⸗ nem Bruder Heinrich vermachte er zehn tau⸗ — 121— ſend Pfund nebſt einem reichen Jahrgelde, wel⸗ ches aus dem Vermoͤgen bezahlt werden ſollte, ſo lange ſeine Nichte bei ihm leben wuͤrde.— Als das Teſtament verleſen war, gab der junge Wharncliff es an Turnbull zuruͤck, der ihm herzlich Gluͤck wuͤnſchte. „Ich hin Ihnen ſo ſehr verpflichtet, Sir,“ ſagte er,„daß ich kaum Worte zu finden ver⸗ mag, um meinen Dank auszudruͤcken, aber noch mehr ſchulde ich dieſem klugen Burſchen Ehrlichz Du mußt nicht laͤnger Kahnfuͤhrer blei⸗ ben, Ehrlich,“ ſagte er, mir mit Waͤrme die Hand ſchuͤttelnd. Ich gab auf dieſe lezte Bemerkung keine Ant⸗ wort, weil Turnbull mich forſchend anblickte; ſondern begnuͤgte mich mit der allgemeinen Ver⸗ ſicherung, daß es mich gluͤcklich mache, ihm Dienſte haben erzeigen zu koͤnnen. Turnbull ſprach:„In Wahrheit moͤgen Sie ſagen, Herr Wharncliff, daß Sie Ihr kuͤnfti⸗ ges Gluͤck ſeiner Anſtelligkeit verdanken, und da es aus dieſen Papieren hervorgeht, daß Sie jaͤhrlich neun tauſend Pfund ganz ſicher in den Fonds beſizen, ſo glaube ich, Sie ſollten einen Preis⸗Kahn ausſezen, um den alljaͤhrlich ge⸗ rudert werden muͤßte.“ 3 III. 8⸗ „und das will ich dann,“ fiel ich ein,„als vollſtaͤndige Bezahlung fuͤr meinen Antheil an der Sache anſehen.“ Wharncliff war im Begriffe, mir zu ant⸗ worten, als Turnbull ihn unterbrach:„Nun die Sache ſo klar iſt, duͤnkt mich, es wird am Beſten ſeyn, Alles Aufſehen zu vermeiden.— Gehen Sie zu Ihrem Oheim— ſagen Sie ihm, in weßen Haͤnden die Urkunden ſich be⸗ finden— und eroͤffnen Sie ihm zugleich, daß er genoͤthigt iſt, Ihre Anordnungen zu geneh⸗ migen, welche darin beſtehen, daß er die Rich⸗ tigkeit des Teſtaments vor Gericht beweiſet und geſtattet, daß die Heirath ſogleich vollzogen wird,— dann ſoll uͤber den Gegenſtand nie wieder geſprochen werden. Als Rechtskundiger nuß er wißen, wie ſtrenge und ſchmachvoll er fuͤr dasjenige beſtraft werden moͤgte, was er gethan hat, und deshalb wird er mit Freuden Ihre Vorſchlaͤge annehmen. Inzwiſchen will ich die Papiere hier aufbewahren, denn das Te⸗ ſtament ſoll nicht aus meiner Hand kommen, bevor es in Doktors⸗Commons niedergelegt wird. Dieſe verſtaͤndige Anordnung billigte Herr Wharncliff durchaus und verließ uns dann; und um meine Geſchichte nicht wieder damit zu unterbrechen, mag ich dem Leſer hier gleich ſagen, daß Wharncliff's Oheim ſich den Um⸗ ſtaͤnden fuͤgte, ſich ſogar den Anſchein gab, als ſey er uͤber die Auffindung des Teſtaments er⸗ freuet; von dem Verluſte ſeiner zinnernen Buͤchſe ward gar nicht geſprochen, er legte Ceciliens und Williams Haͤnde zuſammen und dieſe wur⸗ den einen Monat nach unſerer eben erzaͤhlten Zuſammenkunft bei Turnbull, feierlich vermaͤhlt. Der Abend war uͤber dieſen Geſchaͤften ſo weit vorgeruͤckt, daß ich mich genoͤthigt ſah, das Ueberliefern von Turnbull's Anweiſung an Herrn Drummond auf den folgenden Tag zu verſchieben. Gegen Mittag ging ich hin; der Bediente kannte mich nicht und fragte, was ich wuͤnſche. „Ich wuͤnſche mit Madame oder mit Miß Drummond zu ſprechen, mein Name iſt Ehr⸗ lich.“ Er ſchlug mir vor, mich in der Halle nie⸗ derzuſezen, waͤhrend er hinaufging und ſagte: „ſtaͤubt Eure Schuhe ab, guter Freund.“— Ich muß geſtehen, daß mir dieſe Erinnerung gar nicht gefiel, indeß erſchien er wieder und bat mich hinauf zu gehen. Im Anſprachzimmer fand ich Sarah allein. — 124— „Jakob, ich bin herzlich erfreut, Dich wie⸗ der zu ſehen— und bedaure, daß man Dich unten hat warten laßen— aber— wenn Leute, die etwas Anderes ſeyn koͤnnten, Kahnfuͤhrer ſeyn wollen— ſo iſt das nicht unſere Schuld. Diener urtheilen nur nach dem aͤußeren An⸗ ſcheine.“ Einen Augenblick fuͤhlte ich mich verdrießlich, doch verging das bald; ich ſezte mich zu Sa⸗ rah und wir plauderten von fruͤhern Zeiten. „Das Geſchenk, was ich Dir beſtimmte, iſt eine Boͤrſe, die ich ſelber geſtrickt habe— um Deine Erſparniße hineinzuſtecken,“ ſagte ſie la⸗ chend, ſtreckte dann ſpoͤttiſch ihren Zeigfinger empor und rief:„Boot, Sir? Boot, Sir? Nun Jakob, es geht doch nichts uͤber Unab⸗ haͤngigkeit, und Du mußt meinen Spott Dir nicht zu Herzen nehmen.“ „Der trifft mich gar nicht, Sarah,“ erwie⸗ derte ich— aber er traf mich recht empfind⸗ lich;„es iſt keine Schande dabei.“ „Nicht die mindeſte, das gebe ich zu; aber ein Mangel an Ehrgeiz, den ich nicht verſte⸗ hen kann. Indeßen, ſprechen wir nicht mehr davon.“ Madame Drummond trat ein und begruͤßte — — — 125— mich ſehr ſreundlich.„Wann kannſt Du kom⸗ men, mit uns zu ſpeiſen, Jakob? Willſt Du am Mittwoch hier ſeyn?“ „Ach Mama, am Mittwoch kann er nicht kommen, wir haben ja Geſellſchaft.“ „Das iſt wahr, Liebe, daran dachte ich nicht; aber am Donnerſtage ſind wir ganz allein, willſt Du am Donnerſtage kommen, Jakob?“ Ich war unſchluͤßig, denn ich fuͤhlte, weil ich Kahnfuͤhrer ſey, wuͤrde ich jezt nicht an dem Tiſche zugelaßen, an dem ich fruͤher ge⸗ wohnt war, taͤglich zu ſpeiſen, mogte auch eingeladen ſeyn, wer wollte. Sarah trat zu mir und ſagte:„ja Jakob, Du mußt am Donnerſtage kommen, Du darfſt uns das nicht abſchlagen; denn wiewohl wir am Mittwoch viel vornehmere Gaͤſte haben, wird mir die Geſellſchaft an dem Tage nicht ſo viele Freude machen, als die Deinige am Donnerſtage.“ Dieſe Schmeichelei gewann mich und ich nahm die Einladung an. Herr Drummond er⸗ ſchien; ihm uͤberlieferte ich Turnbull's Anwei⸗ ſung. Er war ſehr freundlich, ſagte aber nicht viel mehr, als daß er erfreut waͤre, weil ich verſprochen haͤtte, am Donnerſtage mit ihm zu — 126— ſpeiſen. Der Diener meldete das Vorfahren der Kutſche, fuͤr mich ein Zeichen, Abſchied zu nehmen, Als Sarah mir die Hand reichte, ſagte ſie lachend, es ſey durchaus unangemeßen, mich laͤnger aufzuhaften, weil ich gewiß ſchon ein halbes Duz guter Fahrgelder eingebuͤßt haben muͤße;„alſo geh' hinab in Dein Boot,“ fuhr ſie fort,„leg' die Jacke ab und ſuche die ver⸗ lorene Zeit zu erſezen; Mama und ich denken an einem dieſer Tage eine Waßerfahrt zu ma⸗ chen, nur aus Goͤnnerſchaft fuͤr Dich.“ Ich lachte und ging, fuͤhlte mich aber arg gedemuͤthigt. Auf gleichem Fuße konnte ich mit ihnen nicht ſeyn, weil ich Kahnfuͤhrer war. Sarah's Spottreden gingen mir nicht verloren, inzwiſchen war dieſen ſo viel Guͤte und Freund⸗ lichkeit beigemiſcht, daß ich ihr nicht zuͤrnen konnte. Der Verabredung gemaͤß ging ich am Don⸗ nerſtage zum Eßen hin; ſie waren ganz allein; hoͤchſt freundlich und aufmerkſam gegen mich; indeß blieb immer eine Art von Zwang, der ſich auch mir mittheilte. Nach dem Eßen ſprach Herr Drummond wenig; kein Erneuern des Anerbietens, mich bei ſich aufzunehmen, ge⸗ 3 »—-— — 127— ſchah, eben ſo wenig wurde gefragt, wie es mir in meinem ſelber gewaͤhlten Stande er⸗ ginge. Im Ganzen fuͤhlte ich mich unbehaglich und war froh, als ich fruͤh ſchon fortgehen konnte, auch empfand ich gar keine Neigung, den Beſuch zu wiederholen. „Ich muß hier bemerken, daß Herr Drum⸗ mond ſich jezt in einem Kreiſe bewegte, der ſehr von dem unterſchieden war, in welchem ich ihn hatte kennen lernen. Mehre auswaͤrtige große Handelshaͤuſer konſignirten ihm ihre Guͤ⸗ ter, und er machte ſich in ſchneller Weiſe ein großes Vermoͤgen. Sein Hausweſen war eben⸗ falls ganz umgeaͤndert, alles war hoͤchſt ge⸗ ſchmackvoll eingerichtet und ſtreifte faſt an Uep⸗ pigkeit. Als ich den Strom hinaufruderte, ſagte mir eine leiſe Stimme in meiner Bruſt, daß des Domine Vorherſagungen wahr werden, und daß ich eines Tages bereuen wuͤrde, Herrn Drummond's Zuvorkommenheiten abgelehnt zu haben;— ich bin ſogar ungewiß, ob nicht in dem Augenblicke ſchon ſtarke Zweiſel in mir aufſtiegen, ob mein Ringen nach Unabhaͤngig⸗ keit auch vernuͤnftig geweſen ſey. Damit ich den Leſer aber nicht mit Einzel⸗ 4 — 128— heiten ermuͤde, die nichts Anziehendes fuͤr ihn haben koͤnnen, bitte ich um die Erlaubniß, zwei Jahre meines Lebens zu uͤberſpringen, bevor ich meine Geſchichte wieder beginne. Die Ereigniße, welche in dieſen Zeitpunkt fallen, werde ich kurz zuſammen faßen. Der Domine fuhr im gewohnten Lebens⸗ gleiſe fort— er ſchneuzte ſeine Naſe und hand⸗ habte ſein Birkenreis immer noch mit der naͤm⸗ lichen Wirkung als fruͤher. Selten ließ ich ei⸗ nen Sonntag vorbeigehen, ohne ihn zu beſu⸗ chen und von ihm nuͤzliche Rathſchlaͤge zu er⸗ halten. Herr Turnbull blieb immer mein freund⸗ licher und bedachtſamer Goͤnner; ſein Geſund⸗ heitszuſtand ſchwaͤchte ſich aber zuſehends, die Folgen ſeines Falles unter das Eis, hatte er nie ganz uͤberwinden koͤnnen. Drummond's ſah ich nur ſelten; kam ich hin, ſo wurde ich freundlich empfangen, doch that ich das nie aus eigenem Antriebe, ſon⸗ dern mehrentheils in Folge einer durch Tom an mich beſtellten Aufforderung, ſie zu beſu⸗ chen. Sarah war zu einer ſehr ſchoͤnen Jung⸗ frau herangebluͤhet, der allgemein bekannte Umſſtand, daß ſie einziges Kind eines ſehr rei⸗ ——ʒ—— — 129— chen Mannes war, verſchaffte ihr Zutritt zu viel vornehmeren Geſellſchaften, als die waren, in denen ſich die Familie fruͤher befunden hatte. Dadurch ward das Mißverhaͤltniß zwiſchen uns mit jedem Tage entſchiedener und ich empfand gar keine Neigung mehr, in ihrem Hauſe zu erſcheinen.. Stapleton fuhr in gewohnter Weiſe fort ſeine Pfeife zu rauchen und von Menſchen⸗ natur zu ſchwazen. Marie war zu einem uͤp⸗ pigen Weibe herangewachſen, aber noch ſo ge⸗ fallſuͤchtig, wie immer. Den armen Tom hatte ſie voͤllig in ihrem Neze beſtrickt, er war ſtand⸗ hafter Bewerber um ſie— doch ſie trieb mit ihm ihr Launenſpiel— laͤchelte bald ermuthi⸗ gend ihn an, und war gleich darauf die Sproͤde voll zuruͤckſtoßender Kaͤlte. Tom dauerte aus, denn er war von ihren Reizen bezaubert, und nachdem er mir das Geld zuruͤckgezahlt hatte, welches ich zum Bau ſeines Bootes hergab, verwandte er ſeinen ganzen Verdienſt zu huͤb⸗ ſchen Kleidern fuͤr ſich und Geſchenken an ſie. Ich hatte nicht den mindeſten Einfluß mehr auf ihr Betragen, es ſchien ihr ſogar Vergnü⸗ gen zu machen, grade ſolche Dinge zu thun, von denen ſie wußte, daß ich ſie mißbilligte; III. 9 — 130— indeß beſtand zwiſchen uns als Bewohner des naͤmlichen Hauſes immer noch ein freundſchaft⸗ liches Vernehmen. Des alten Tom Schild war aufgerichtet und ſein Geſchaͤft hatte erfolgreichen Fortgang, den ganzen Tag uͤber konnte man ihn an den Boͤ⸗ den von Boͤten aller Art haͤmmern ſehen, und dabei anhoͤren, wie er ſich ſeine Arbeit durch die Mannichfaltigkeit ſeiner Geſaͤnge erheiterte. Oft beſuchte ich ihn bei meinen Fahrten auf dem Strome und verbrachte zuweilen einige Stunden mit ihm, um ſeinem Fadenſpin⸗ nen zuzuhoͤren, welches eben ſo unerſchoͤpflich ſchien, als ſein Reichthum an Liedern. Was mich ſelber betrifft, ſo koͤnnte ich faſt nur von meinen Gefuͤhlen reden, denn Hand⸗ lung gewaͤhrte mein Leben nicht. Es glitt da⸗ hin, wie mein Nache— ſchweigend und raſch. Ein Tag war des andern Vorlaͤufer, mit ſehr geringem Wechſel aͤußerer Umſtaͤnde und zah⸗ lender Kunden. Bekanntſchaften hatte ich nur wgenige, dieſe beſuchte ich zuweilen; aber zu meinen Buͤchern kehrte ich zuruͤck, beſchaͤftigte mich mit denen an den langen Sommeraben⸗ den, wenn Marie mit Tom und mit andern ihrer Verehrer ausging. Turnbull's Buͤcher⸗ .— 131— ſammlung ſtand mir offen und ich zog großen Nuzen daraus. Nach einiger Zeit ward das Leſen fuͤr mich eine Art von Leidenſchaft, und ich war ſelten ohne ein Buch in der Hand. Wiewohl ich nun meinen Geiſt ausbildete, machte ich mich dadurch nicht gluͤcklicher. Im Gegentheil empfand ich immer tiefer und tie⸗ fer, daß ich eine Handlung der auffallendſten Thorheit dadurch begangen hatte, mir auf dieſe Weiſe meine Unabhaͤngigkeit ſichern zu wollen. Ich erkannte, daß ich uͤber meinen Stand im Leben erhaben waͤre, und daß ich mit Men⸗ ſchen lebte, die meine Genoßen nicht ſeyn konn⸗ ten;— ich ſagte mir, daß ich durch albernen Stolz gereizt, alle Ausſichten, die ſich zu beſ⸗ ſerem Fortkommen mir dargeboten, von mir geſtoßen haͤtte, und daß ich meine Jugend nuz⸗ los verbringe. Taͤglich quaͤlten dieſe Gedanken mich mehr und mehr, und ganz wie der Do⸗ mine vorausgeſagt hatte, bereute ich bitter mei⸗ nen Unabhaͤngigkeitsſinn, nun es zu ſpaͤt war. Herrn Drummond's fruͤhere Anerbietungen wurden niemals erneuert, und Turnbull, der ſich einbildete, ich ſey immer noch der naͤm⸗ lichen Meinung, als fruͤher, und der in ſei⸗ nem leidenden Zuſtande zudem mehr an ſich — 132— 3 ſelber, als andere denken mußte, ſchlug mir auch nicht wieder vor, mein Geſchaͤft aufzuge⸗ ben.— Ich ſelber war zu ſtolz, um meine Wuͤnſche laut werden zu laßen, und ſo fuhr ich denn fort, auf dem Strome zu rudern, beinahe ohne alle Theilnahme in Ruͤckſicht des Geldverdienſtes, und nur begluͤckt, wenn ich in den Blaͤttern der Geſchichte oder unter den Blumen der Dichtung bei der Vergangenheit weilen, in meiner Einbildung traͤumen konnte. Auf ſolche Weiſe wurde das Leſen, der Schlange gleich, von welcher man ſagt, ſie fuͤhre im ei⸗ genen Koͤrper das Heilmittel gegen ihren gif⸗ tigen Biß— fuͤr mich eine Quelle des Miß⸗ vergnuͤgens uͤber meinen Zuſtand, indem es meinen Geiſt ausbildete, zu gleicher Zeit aber auch der einzige Troſt, den ich in meinem Ungluͤcke fand; weil meine Gedanken dadurch von der Gegenwart abgeleitet wurden. Moͤge der Leſer das Geſagte als einen Ab⸗ riß betrachten, den er nach Gefallen mit Er⸗ eignißen geringer Wichtigkeit faͤrben wolle, mir aber erlauben, zwei Jahre zu uͤberſchluͤpfen und dann meine Erzaͤhlung fortzuſezen. — — 133— Achtes Kapitel. Ein Verluſtkapitel fuͤr Alle, nur fuͤr den Leſer nicht; — wiewohl Tom anfaͤnglich mit ſeinem Wize gute Geſchaͤfte macht, und vollſtaͤndig dafuͤr belohnt wird), laßen wir uns dennoch zu dem ſchlimmſten Handel ein, den wir je im Leben abſchloßen.— Wir verlieren unſer Fahrgeld, wir verlie⸗ ren unſer Boot, und wir verlieren unſere Freiheit.— Nichts wie Verluſt und gar kein Gewinn.— Der Fahrbezahlung hoͤchſt unbillig. — Der Werth von zwei Guineen in guten Be⸗ weisgruͤnden iſt nicht zwei Pfenninge werth, aus⸗ genommenauf dem Hinterdecke eines Kriegsſchiffes. Jakob/ ſagte Tom zu mir, der ſein Boot am Stege dicht zu dem meinigen heranruderte, in welchem ich mit einem von Turnbulls Buͤ⸗ chern in der Hand ſaß—„denkſt Du daran, — 134— daß meine Lehrzeit morgen abgelaufen iſt?.— Meine ſieben Jahre habe ich richtig abgerudert, und wenn die Sonne aufgeht, bin ich ſtrom⸗ frei. Wie lange haſt Du noch zu dienen?“ „Ungefaͤhr noch fuͤnfzehn Monate, ſo viel ich mich zu entſinnen vermag.— Boot, Sir?.⸗ „Ja, Schlagruder mein Burſche, fey flink, denn ich bin ſehr eilig. Wie iſt die Fluth?“ „In dieſem Augenblick hoch Waßer, aber recht bald beginnt die Ebbe. Tom, ſieh zu, ob Du Stapleton finden kannſt.“. „Bah! laß ihn gehn, Jakob, ich will mit Dir hinunter. Ich ſage Jones, ruf' Du die alte„Menſchen⸗Natur,“ daß ſie Acht gibt auf mein Boot;“ fuhr Tom zu einem andenn Kahnfuͤhrer unſerer Bekanntſchaft fort. „Ich dachte Du waͤreſt herauſgekommen um Sie zu ſehn,“ fagte ich zu Tom, als wir abe ſtießen. 5 „Nach Jericho mag ſie gehn,“ erwiederte Tom,„ſie iſt aͤrger wie'ne Windfahne.“ „Wie, ſeyd ihr wieder Zwei?“ „Zwei gewiß— wir ſind voͤllig zwei— wir ſind beide naͤrriſch.— Sie iſt zu voller Launen, ich bin zu verliebt; ſie behandelt mich zu ab⸗ — — 135— ſcheulich, und ich ertrage zu viel.— Indeß iſt s alles ein's.“ „Ich denke eben erſt war es Alles zwei.“ „Aber zwei moͤgen eins werden, Jakob, weißt Du.“ „Ja, durch den Pfarrer; Du biſt aber kein Geiſtlicher.“ „Immerhin bin ich jezt ſo etwas aͤhnliches,“ erwiederte Tom, der das vorderſte Schlagruder fuͤhrte,„denn Du biſt ein guter Kuͤſter, und ich ſize hinter Dir.“ „Das iſt nicht uͤbel,“— bemerkte der Herr im Spiegel des Bootes den wir bei unſerm Zwiegeſpraͤch vergeßen hatten. „Ein Kahnfuͤhrer wuͤrde doch nur einen ſchlech⸗ ten Prediger abgeben, Sir;“ erwiederte Tom. „Wie ſo?“ „Er wuͤrde nicht leicht ſo handeln, als er predigte?“ „Abermals wie ſo?“ „Weil er ſein ganzes Leben lang einen Weg ausſchauet und den andern rudert.“ „Sehr gut;— in der That ſehr gut.“ „Mag ſeyn, gut in der Ausfuͤhrung— aber doch nicht gut in der That— das iſt die Schwierigkeit.“ — 136— „Schwierig in der That, ſo regelrechte Kette von Antworten in einem Nachen zu finden.“ „Jenun, Herr, wenn ich heute'ne regel⸗ rechte Kette bin, werde ich morgen eine unre⸗ gelmaͤßige Uhr ſeyn.“ „Wie das, mein Burſche.“ „Weil ich dann aus meiner Zeit bin.“ „Nimm das, Freund,“ ſagte der Gentleman, und warf Tom eine halbe Krone zu. „Danke vielmal, Herr, und moͤgen Sie nicht mehr Wiz haben, als eben jezt, wenn wir mal wieder zuſammentreffen.“ „Wie iſt das gemeynt?“ „Nicht Wiz genug, Ihr Geld zu behalten, Herr,— das iſt's Ganze.“ „Du denkſt Dir alſo, ich muͤße nicht viel haben.“ „Was Herr, Wiz oder Geld?“ „Wiz, Burſche.. „Ich muß ſagen, Herr, daß ich glaube, Sie beſizen Beides; den Wiz haben Sie eben ge⸗ kauft; und Sie wuͤrden ſchwerlich dafuͤr bezahlt haben, wenn Sie nicht uͤberfluͤßiges Geld haͤtten.“ „Doch ich ſpreche von meinem eigenen Wiz.“ „Kein Menſch hat eigenen Wiz; erborgt er ihn, ſo iſt's nicht ſein eigener. Findet er ihn —O˖— H:— aber in ſich ſelber, ſo iſt's Mutterwiz, und wiederum nicht der ſeinige.“ Wir ruderten zum Treppenſtege nahe bei London⸗Bruͤcke, und der Herr bezahlte mich fuͤr die Fahrt, dann ſagte er zu Tom:„guten Morgen, mein Burſche?“ „Fahren Sie wohl, denn Sie haben Ihre Fahrt wohl bezahlt,“ erwiederte Tom, der ihm den Arm hinhielt, um ihn bei dem Ausſteigen aus dem Boot behuͤlflich zu ſeyn. „Nun, Jakob, heute Morgen habe ich mehr mit meinem Kopfe, als mit meinen Haͤnden verdient;— moͤgte wohl wißen, wer von Bei⸗ den auf die Laͤnge das Meiſte in der Welt ge⸗ winnt.“ „Der Kopf, darauf verlaß Dich Tom; aber am beſten iſt's daß Kopf und Haͤnde zuſam⸗ menwirken.“ Hier wurden wir unterbrochen:„ich ſage, Ihr Kahnfuͤhrer da, habt Ihr Luſt ein gutes Fahrgeld zu verdienen?“ rief uns ein ſchwaͤrz⸗ licher, nicht gar zu ſauberer, vierſchroͤtig aber kurz gebauter, junger Mann zu, der oben auf der Treppenflur ſtand. „Wo ſoll's hingehn, Herr?“ — 138— „Nach Graveſend, meine Schnurren, wenn Ihr nicht Furcht vor Salzwaßer habt.“ „S'iſt ein langer Weg, Herr,“ erwiederte Tom—“ und was das Salzwaßer anbetrifft, ſo muͤßen wir Salz zu unſerm Kochtopf haben.“ „Das ſollt Ihr Burſche, und noch ein Glas Grog auf den Handel.“ „Noch iſt kein Handel gemacht, Sir.— Willſt Du fahren, Jakob.“ „Ja, aber nicht unter einer Guinée.“ „Nicht unter zwei Guineen,“ erwiederte Tom leiſe, und fuhr dann zu dem jungen Manne gewendet fort:„haben Sie große Eile, Sir?“ „Ja, teufelmaͤßige Eile hab' ich; denn ich koͤnnte mein Schiff verlieren.— Fuͤr wie viel⸗ wollt' Ihr mich hinfahren?“ „Fuͤr zwei Guineen, Sir.“ „Recht gut, kommt nur eben hier in's Gaſt⸗ haus, und tragt meine Sachen hinab.“ Wir holten ſein Gepaͤck, ſezten das in den Nachen, und fuhren mit der Ebbe den Strom hinunter. Unſer Kundmann war ſehr geſpraͤchig, und erzaͤhlte uns er ſey Steuermann's⸗Gehuͤlfe am Bord der Immortalité, einer Fregatte von vierzig Kanonen, die bei Graveſend liege, und am folgenden Morgen nach den Duͤnen hin⸗ — 139— unterfahren und dort auf den Befehl zum Ab⸗ ſegeln warten ſollte. Die Ebbe kam uns wohl zu ſtatten, und Nachmittags waren wir unfern der Fregatte, deren blaue Flagge ſich ſtolz uͤber dem Taffarell entfaltete. Der Wind welcher gegen die Stroͤmung anblies, verurſachte hier betraͤchtlichen Wogenſchwall, bevor wir den Bug der Fregatte erreichten, war eine Menge Waßer in unſer Boot geſpuͤlt, und als wir zur Seite derſelben lagen, ſtuͤrzte der Nachen mit dem Koffer des Seeoffiziers dermaßen, daß wir befuͤrchteten, in den Grund geſchwemmt zu werden. So eben war ein Tau um den Koffer befeſtigt, und dieſer ſollte aus dem Boot auf das Schiff gewunden werden, als die Lanſche voller Waßertonnen ebenfalls zur Seite der Fregatte herauffuhr; ich kann nicht ſagen, ob es Zufall war oder ob es abſichtlich geſchah, wiewohl ich das lezte argwoͤhne, genug der Midſchipman der die Lanſche ſteuerte, ſchoß dieſe gegen unſer Boot das zerbrach und ſogleich voller Waßer ſtand; Tom und ich geriethen in Gefahr, zwiſchen dem Buge der Fregatte und der Lanſche zu Tode gequetſcht zu werden. Die Matroſen in dieſer lezten hielten ſie jedoch mit Huͤlfe ihrer Ruderſtangen entfernt genug, um — 140— uns herauszuziehen, waͤhrend unſer Nache bis an den Rand unter Waßer geſunken hinten zum Schiffſpiegel forttrieb. Sobald wir uns ein wenig abgeſchuͤttelt hat⸗ ten, klommen wir die Schiffswand hinauf, und baten einen der Offiziere, ein Boot abzuſchik⸗ ken, um unſern Nachen aufzufiſchen. „Sprecht mit dem aͤlteſten Lieutenant— dort ſteht er,“ lautete die Antwort. Ich trat zu der mir bezeichneten Perſon, und ſprach:„Verzeihen Sie, Sir——“ „Was zum Teufel, wollt Ihr?“ „Ein Boot, Sir, um—“ „Ein Boot!— das waͤre der Teufel!“ „Um unſern Nachen aufzufiſchen, Sir,“ fiel Tom ein. „Fiſcht'n ſelber auf,“ ſagte der aͤlteſte Lieu⸗ tenant, ließ uns ſtehn, und rief den Matroſen oben im Maſte zu:„Haupttop da, haͤngt Eure Stengen ein. Macht ſchnell: Die Raen mehr herunter. Marineſoldaten und Hinterwache, die Lanſche klar gemacht. Bootsmanns⸗Gehuͤlfe.“ „Hier, Sir.“. „Pfeift die Marineſoldaten und die Hinter⸗ wache zum klarmachen der Lanſche.“ „Ja, ja, Herr.“ —— — 141— „Wir werden unſer Boot daruͤber verlieren, Jakob,“ ſagte Tom zu mir,„ſie haben's hin⸗ ein gerannt, und muͤßen's auch wieder auf⸗ fiſchen.“ Er ging ſodann zu dem Steuermanns⸗ Gehuͤlfe, den wir an Bord gefahren hatten, und erklaͤrte dem unſere Verlegenheit. „Auf Seele, ich darf nicht wagen ein Wort zu ſprechen. Ich bin ſelber in Angſt, weil ich uͤber Urlaub ausblieb. Weshalb zum Teufel, gabt Ihr nicht Acht auf Euer Boot, und ſchobt vorweg, als Ihr die Lanſche ankommen ſah't? „Das konnten wir ja nicht, weil der Koffer grade aufgewunden wurde.“ „Wahr genug. Ich bedaure Euch wirklich, aber ich muß nach meinem Koffer ſehen;“ da⸗ mit ſtieg er die Schiffstreppe hinab. „Ich will's noch mal verſuchen, mag's gehn wie's will;“ ſagte Tom, naͤherte ſich dem erſten Lieutenant, zog ſein Hut, und ſprach:„harte Sache unſer Boot und unſer Brod zu verlie⸗ ren, Sir.“ Der erſte Lieutenant hatte nun, da die Ma⸗ rineſoldaten und die Hinterwache in regelmaͤ⸗ ßiger Arbeit waren, ungluͤcklicherweiſe mehr Zeit, auf uns zu achten. Er blickte uns ſehr ſtrenge an, und ging hinten zum Spiegel, um — 142— zu ſehen, ob unſer Nachen noch im Geſichte waͤre. In dieſem Augenblicke kam der Steuer⸗ manns⸗Gehuͤlfe herauf, der ſich noch nicht bei dem Lieutenant gemeldet hatte. „Tom,“ ſagte ich,„hier iſt ein Nachen dicht am Schiffe, laß uns hineinſteigen und ſelber nach unſerm Boote ausfahren.“ „Wart' noch'nen Augenblick, ob ſie uns nicht vielleicht helfen,— und laß uns auf jeden Fall erſt unſer Geld erhalten;“ erwiederte Tom, und wir Beide gingen in'’s Hinterſchiff. „An Bord gekommen, Sir;“ ſprach der Steuermannsgehuͤlfe und faßte unterthaͤnig an ſeinen Hut. „Sie ſind uͤber Urlaub ausgeblieben, Sir,“ erwiederte der erſte Lieutenant—“ und jezt muß ich ein Boot ausſchicken, um den Nachen aufzufiſchen, das iſt Folge Ihrer Nachlaͤßigkeit.) „Wenn's Ihnen gefiele, dieſe ſind ein Paar huͤbſche junge Leute,“ bemerkte der Gehuͤlfe— „Muͤrden treffliche Vortopmatroſen abgeben. Das Boot iſt's nachſchicken nicht werth.“ Dieſer Wink den der Steuermannsgehuͤlfe gab, um ſich bei dem Lieutenant wieder in Gunſt zu ſezen, war nicht verloren. — —,— — 143— „Wer ſeyd Ihr, Burſche?“ fragte uns der Lieutenant. „Kahnfuͤhrer, Herr.“ „Kahnfuͤhrer, ſo! war das Euer eigenes Boot.“ „Nein Herr,“ antwottete ich,„es gehoͤrt dem Manne bei dem ich diene.“ „Alſo nicht Euer eigenes Boot? ſeyd Ihr etwa Lehrling?“ „Ja, Herr, wir beide find Lehrlinge.“ „Zeigt mir eure Lehrvertraͤge.“ „Die tragen wir nicht mit uns umher.“ „Wie ſoll ich denn wißen, ob Ihr Lehrlinge ſeyd?“ „Wir koͤnnen es beweiſen, Sir, wenn Sie's wuͤnſchen.“ „Ich wuͤnſche es; und auf jeden Fall wird es der Captain wuͤnſchen.“ „Wird es Ihnen gefallen, Sir, nach dem Boote auszuſchicken, es iſt ſchon beinahe aus dem Geſichte.“ „Nein, gute Burſche, zu ſolchem Dienſte, kann ich Sr. Majeſtaͤt Boͤoͤte nicht verwenden.“ „Dann iſt's am beſten, wir gehn ſelber, Tom,“ ſagte ich, und wir gingen zum Vor⸗ derſchiffe um den Kahnfuͤhrer anzurufen, der — 144— mit eingeſtemmten Ruder dicht bei der Fre⸗ gatte lag. „Halt!— halt!— nicht ſo eilig.— Wo geht ihr hin, Burſche?“ „Unſer Boot aufzufiſchen, Sir.“ „Ohne meine Erlaubniß;— wie?—“ „Wir gehoͤren nicht zu der Fregatte; Sir.“ „Nein; aber ich halte es fuͤr ſehr wahrſchein⸗ lich, daß Ihr dazu gehoͤren werdet; denn Ihr habt keinen Schuz.“ „Wir koͤnnen nach unſern Papieren ſchicken, und morgen fruͤh werden die hier eintreffen.“ „Gut, das moͤgt Ihr thun, wenn's Euch ſo gefaͤllt, Burſche, aber erwarten koͤnnt Ihr nicht, daß ich Alles glauben ſoll, was mir geſagt wird.— Nun, zum Beiſpiel, wie lange haſt Du noch zu dienen, mein Burſche?“ dieſe Frage richtete er an Tom. „Meine Zeit iſt morgen abgelaufen, Herr.“ „Morgen abgelaufen;— nun da werde ich Dich bis Morgen zuruͤckhalten, und Dich als⸗ dann preßen.“ „Wenn Sie mich jezt zuruͤckhalten, Sir, ſo bin ich heute gepreßt.“ „O nein! Du biſt nur zuruͤckgehalten, bis Du Dich als Lehrling ausweiſen kannſt, weiter nichts.“ e— —I— — 145— „Erlauben Sie, Herr, ich bin ganz gewiß während meiner Lehrzeit gepreßt.“ „Gar nicht; dies will ich Dir beweiſen. Zum Schiffe gehoͤrt Du nicht, bis Deine empfan⸗ genen Lebensmittel im Schiffsbuche eingezeich⸗ net ſind. Nun werde ich Dir heute keine Le⸗ bensmittel zutheilen laßen, alſo biſt Du nicht gepreßt.“ „Der Hunger wird mich jedenfalls preßen,“ erwiederte Tom, der keine Gelegenheit vorbei⸗ gehen laßen konnte, ein Scherzwort anzubrin⸗ gen.— „Nein, das ſoll nicht geſchehen; denn ich will Euch Beiden ein gutes Mittageßen vom Offtziertiſche ſchicken, alſo wirſt Du gar nicht gepreßt,“ ſagte der Lieutenant und lachte uͤber Toms Antwort. 3 „Dann werden Sie mir doch geſtatten zu gehen, Sir,“ ſagte ich; denn ich ſah ein, die einzige Moͤglichkeit, Tom und mich zu erloͤſen beſtehe darin, daß ich eile, Herrn Drummond's Huͤlfe und Verwendung zu gewinnen. „Bah, Unſinn! Ihr muͤßt Beide im naͤm⸗ lichen Boote rudern, wie Ihr vorher gethan habt. Die Sache iſt, gute Burſchen, daß ich Euch recht lieb gewonnen habe, und ich kann’s III. 10 — 146— nicht uͤber's Herz bringen, mich von Euch zu trennen.“ „Es iſt hart, unſer Brod auf dieſe Weiſe zu verlieren,“ ſagte ich. „Brod wollen wir Euch geben und hart ge⸗ nug werdet Ihr's finden,“ erwiederte der Lieu⸗ tenant lachend;„es gleicht dem Feuerſtein.“ „Alſo wenn wir um Brod fragen, bietet Ihr uns einen Stein,“ ſagte Tom,„das iſt gegen die heilige Schrift.“ „Sehr wahr, mein Burſche; die Sache iſt aber dieſe, daß alle Schriften in der Welt keine Fregatte bemannen; Matroſen muͤßen wir ha⸗ ben und deshalb nehmen wir ſie, wie wir koͤn⸗ nen, wo wir koͤnnen und wenn wir koͤnnen. Nothwendigkeit kennt kein Geſez, mindeſtens iſt ſie es, die uns zwingt, alle Geſeze zu bre⸗ chen.— Im Grunde iſt's aber kein Ungluͤck dem Koͤnige ein oder ein Paar Jahre zu die⸗ nen und Eure Taſchen mit Priſengeldern an⸗ zufuͤllen; was meynt Ihr, wenn Ihr freiwil⸗ lig eintraͤtet?“ „Wollen Sie uns erlauben, fuͤr eine halbe Stunde an's Land zu gehen, um daruͤber nach⸗ zudenken?“ fragte ich. „Nein; ich fuͤrchte, daß die Landkrabben — —— — — —4,— Euch abrathen. Aber bis morgen fruͤh will ich Euch Bedenkzeit laßen und dann bin ich auf allen Fall des Einen von Euch gewiß.“ „Was mich betrifft, ſo ſage ich Dank,“ erwiederte Tom.. „Biſt ſehr willkommen,“ entgegnete der Lieu⸗ tenant, als er, uns anlachend, die Schiffs⸗ treppe hinab zu ſeinem Mittageßen ging. „Nun Jakob, wir ſizen feſt,“ ſagte Tom, ſobald wir allein waren;„verlaß' Dich drauf, diesmal iſt's kein Irrthum.“ „Ich beſorge, es iſt ſo,“ antwortete ich,„es ſey denn, daß wir Briefe an Deinen Vater, oder an Herrn Drummond ſchicken koͤnnten, der uns, wie ich feſt uͤberzeugt bin, helfen wuͤrde. Aber der unſaubere Geſell, der uns dem Lieutenant ausdeutete, hat geſagt, daß die Fre⸗ gatte Morgen ſchon ſegelt; da iſt er eben, ſpre⸗ chen wir mit ihm.“ „Wann ſegelt die Fregatte?“ fragte Tom den Steuermannsgehuͤlfen, der auf dem Ver⸗ decke hin und her ſchritt. „Mein guter Burſche, es iſt am Bord ei⸗ nes Kriegsſchiffes nicht Sitte, daß Matroſen den Offizieren ſo unverſchaͤmte Fragen zurichten. Fuͤr Euch iſt's voͤllig hinreichend zu wißen, daß, — 148— wenn die Fregatte unter Segel geht, Ihr die Ehre haben werdet, mit Ihr zu ſegeln.“ Durch dieſe Antwort beleidigt, ſagte ich: „gut, Herr, doch werden Sie auf jeden Fall die Guͤte haben, uns unſere Fahrt zu bezah⸗ len. Unſern Nachen und unſere Freiheit haben wir vielleicht durch Sie verloren;— aber die zwei Guineen koͤnnen Sie uns immer zahlen.“ „Zwei Guineen!— Zwei Guineen ſind's die Ihr verlangt, wie?“ „Ja, Herr, das iſt der uͤbereingekommene Preis fuͤr die Fahrt.“ „Seht, gute Leute, Ihr muͤßt bedenken,“ ſagte der Steuermann und ſchob in jedes Arm⸗ loch ſeiner Weſte einen Daumen,„daß dieſe Angelegenheit einige Erlaͤuterung fordert. Ich verſprach Euch zwei Guineen als Kahnfuͤhrern; jezt aber, nun Ihr Leute eines Kriegsſchiffes ſeyd, koͤnnt Ihr nicht laͤnger Kahnfuͤhrer hei⸗ ßen. Meine Schulden trage ich ſtets ehrenmaͤ⸗ ßig ab, wenn ich die rechtmaͤßigen Anforderer auffinden kann; wo aber ſind die Kahnfuͤhrer?“ „Hier ſind wir, Sir.“ „Nein, Burſche, Ihr ſeyd jezt Matroſen auf einem Kriegsſchiffe und das aͤndert den Fall durchaus.“ — — 149— „Doch jezt ſind wir das noch nicht, Sir; ſelber wenn der Fall dadurch geaͤndert werden ſollte, ſo ſind wir noch nicht gepreßt.“ „Gut, da werdet Ihr vielleicht Morgen ge⸗ preßt ſeyn; auf allen Fall wollen wir ſehen. Wird Euch geſtattet, wieder an's Land abzu⸗ gehen, ſo ſchulde ich Euch als Kahnfuͤhrern zwei Guineen; werdet Ihr aber als Matroſen eines Kriegsſchiffes zuruͤckgehalten, nun da wuͤrdet Ihr durch Herabrudern eines Eurer Offiziere nur Eure Schuldigkeit gethan haben. Ihr ſeht, Burſche, ich ſage nichts, was nicht ganz billig waͤre.“ „Aber Sie mietheten uns doch zu der Fahrt, als wir Kahnfuͤhrer waren,“ erwiederte Tom. „Richtig, das waret Ihr damals; erinnert Euch aber daran, daß die zwei Guineen nicht eher zahlbar waren, als bis Ihr Eure Ver⸗ bindlichkeit erfuͤllet hattet, was nicht fruͤher der Fall war, bis Ihr an den Bord kamt.— So wie Ihr Euch am Bord befandet, wurdet Ihr gepreßt und wurdet Matroſen der Flotte. Ihr haͤttet Euer verdientes Fahrgeld fordern muͤſ⸗ ſen, bevor der erſte Lieutenant Euch in Be⸗ ſchlag nahm. Erkennt Ihr die Richtigkeit mei⸗ ner Bemerkungen nicht an?“ 150— „Das koͤnnte ich nicht ſagen, Sir; aber ſo viel ſehe ich wohl ein, daß wir wenig Hoff⸗ nung haben, unſere Bezahlung zu bekommen,“ ſagte Tom. „Das iſt'n Burſche, der Einſicht hat,“ er⸗ wiederte der Steuermannsgehuͤlfe,„und jezt rathe ich Euch, ſchweigt von der Sache, oder Ihr koͤnntet mich dazu antreiben, Euch nach Kriegsſchiffmanier zu bezahlen.“ „Wie iſt die, Herr?“ „Ueber Augen und Geſicht wie die Kaze dem Affen zahlte,“ erwiederte der Steuermannsge⸗ huͤlfe und ging gemaͤchlich weiter. „Es geht nicht, Tom,“ ſagte ich, uͤber die Abgeſchmacktheit der vorgebrachten Ausrede laͤ⸗ chelnd. „Ich fuͤrchte, es geht in keiner Weiſe, Jakob;— inzwiſchen mache ich mir nicht viel daraus. Ich habe immer ſo etwas Verlangen geſpuͤrt, die Welt zu ſehen, und jezt mag's vielleicht ſo gut ſeyn, als zu irgend'ner an⸗ dern Zeit.“ „Alles iſt meine eigene Schuld,“ erwiederte ich und verſank in eine der Gruͤbeleien, denen ich mich in der lezten Zeit ſo oft uͤberlaßen hatte; ſchmerzlich bedachte ich die Thorheit mei⸗ — 151=—. nes Betragens eine Unabhaͤngigkeit zu gewin⸗ nen, die nun mit dem Verluſte meiner Frei⸗ heit endete. Uns fror, wie weil bis an den Hals unter Waßer geweſen waren; auch ſtellte ſich zudem der Hunger ein. Doch der aͤlteſte Lieutenant vergaß ſein Verſprechen nicht; er ſchickte uns eine kraͤftige Malzeit und jedem ein Glas Grog, und zwiſchen zwei Kanonen gelagert, hielten wir auf dem Zwiſchendecke unſere Tafel. Etwas Geld hatten wir noch in unſern Ta⸗ ſchen; wir kauften einige Bogen Papier von den Leuten aus den Bumbooten, denen erlaubt war auf's Verdeck zu kommen, um die Schiffs⸗ mannſchaft mit noͤthigen Beduͤrfnißen zu ver⸗ ſehen;— ich ſchrieb an Herrn Drummond und an Turnbull, ebenfalls an Marie und an den alten Tom; dieſe beiden Lezten erſuchte ich, un⸗ ſere Kleidungsſtuͤcke fuͤr den Fall unſeres Feſt⸗ haltens nach Deal zu ſchicken. Auch Tom ſchrieb an ſeine Mutter, um die zu troͤſten; der beſte Troſt, den, wie er ſagte, er zu geben ver⸗ moͤgte, ſey ſein Verſprechen, nuͤchtern bleiben zu wollen. Nachdem wir unſere Briefe einer Bumboot⸗ frau anvertraut hatten, die feierlichſt verſprach, — 152— ſie ungeſaͤumt auf die Poſt zu tragen, hatten wir nichts anders zu thun, als nach einem Schlafplaze uns umzuſehen. Unſere Kleider wa⸗ ren uns auf den Leibern getrocknet und wir gingen auf dem Zwiſchenverdeck umher, aber Niemand ſprach zu uns, man ſchien uns gar nicht zu bemerken.— In einem kuͤrzlich be⸗ mannten Schiffe, das ſegelfertig liegt, macht ſich unter dem Schiffsvolke ein vorherrſchender Sinn der Selbſtſucht bemerkbar. Einige der Matroſen, wenn nicht die meiſten, waren ge⸗ preßt worden, ſo wie wir; natuͤrlich waren deshalb ihre Gedanken nur auf ihren jezigen Zuſtand und auf den Wechſel in ihren Lebens⸗ ausſichten gerichtet. Andere waren emſig be⸗ ſchaͤftigt, ihre kleinen Anordnungen mit Ehe⸗ frauen oder Verwandten zu regeln, waͤhrend die große Maße der Matroſen, noch nicht durch Mannszucht geordnet und unbekannt mit ein⸗ ander, ſich in dem Zuſtande der Uneinigkeit und perſoͤnlichen Abſonderung befand, der na⸗ tuͤrlich jeden Einzelnen vermogte, fuͤr ſich ſel⸗ ber zu ſorgen, ohne ſich um den Nachbar zu bekuͤmmern. MNiiteid oder nur Mitgefuͤhl konnten wir nicht erwarten und erregten es auch nicht, wir [—õ — 153— befanden uns in einem laͤrmenden, geſchaͤftigen Treiben und waren demungeachtet allein. Ein ungebrauchtes Topſegel, welches fuͤr jezt zwi⸗ ſchen zwei Kanonen beigepackt lag, bot uns die beſte Aufnahme dar. Deshalb nahmen wir es in Beſiz, und ermuͤdet an Geiſt wie an Koͤrper, fielen wir bald in tiefen Schlaf. — 154— Neuntes Kapitel. In der Welt geht viel auf und nieder.— Wis befinden uns in den Ouͤnen,— unſer Captain kommt an Bord und haͤlt uns eine kurze Anrede, Antipathien betreffend; etwas dem Aehnliches hatten die meiſten von uns noch nie gehoͤrt.— Er ſezt uns Alle in den Tritt, mit ſeiner Ge⸗ kundenuhr in der Hand, und laͤßt niemals ab, als bis dieſe Ihr mit der ganzen Mann⸗ ſchaft zufrieden iſt. Am folgenden Morgen wurden wir bei Ta⸗ gesanbruch durch das ſchrillende Gellen der Pfei⸗ fen des Bootsmannes und ſeiner Gehuͤlfen ploͤz⸗ lich aus dem Schlafe geweckt; dieſe gaben die Signale fuͤr die ganze Mannſchaft zum Abfah⸗ ren. Der Lootſe war ſchon am Bord und der Wind blies guͤnſtig. Da die Fregatte keine An⸗ — — 155— ker geworfen hatte, ſondern an den Ringen des Quay's feſtgebunden lag, hatten wir nichts an⸗ ders zu thun, als das Tau zu loͤſen und an's Schiff zu ziehen; in weniger als einer halben Stunde fuhren wir unter vollen Segeln gegen das lezte Viertheil der aufſchwellenden Fluth an. Tom und ich waren im Gangwege geblieben und hatten der Arbeit zugeſehen, ohne zu hel⸗ fen; als das Schiff gut unter Segel war, gab der erſte Lieutenant den Befehl, das Tauwerk niederzuringeln. „Ich meyne, Jakob, wir moͤgen eben ſo gut helfen,“ ſagte Tom und erfaßte das Haupt⸗Um⸗ lege⸗Tau, welches hinterwaͤrts aufgeworfen lag, um es nach vorn zu ziehen. „Von Herzen gern,“ erwiederte ich, zog das Tau nach vorn, wo er es niederringelte. Waͤhrend wir ſo beſchaͤftigt waren, ging der erſte Lieutenant zum Vorſchiffe und erkannte uns:„ſo iſt's, wie ich's gerne habe, meine Burſche,“ ſprach er;„Ihr mault nicht, ſeh' ich, und das will ich nicht vergeßen.“ „Ich hoffe, Sie werden nicht vergeßen, Herr, daß wir Lehrlinge ſind und uns erlau⸗ ben, an's Land zu gehen,“ ſagte ich. „Fuͤr einige Sachen hab' ich ein abſcheulich — 156— 92 ſchlechtes Gedaͤchtniß,“ erwiederte er und ſeste ſeinen Weg zum Vorſchiffe fort. Inzwiſchen vergaß er nicht, uns an dieſem Tage Lebensmittel zutheilen zu laßen, auch wurden unſere Namen mit Bleifeder in die Schiffsbuͤcher eingetragan; doch wurden wir keiner Tiſchgenoßenſchaft zugetheilt, und es wurde uns nicht angewieſen, welchem Maſte wir gehoͤren ſollten. In den Duͤnen warfen wir am folgenden Morgen Anker. Nachmittags wurde der Wind ſehr heftig und man konnte nicht zum Lande fahren; erſt am dritten Tage legte ſich der Wind und am Lande wurde das Signal ge⸗ macht:„Vorbereitet zum Ankerlichten, und Boot fuͤr den Captain geſchickt.“ Zugleicher Zeit kamen mehre Boote vom Lande heran, in einem derſelben befand ſich der Poſtbote.— Ich empfing Briefe von den Herren Drummond und Turnbull, mit der Nachricht, daß ſie ſich unverzuͤglich an die Ad⸗ miralitaͤt wenden wollten, um unſere Freige— bung zu bewirken; auch ein Brief von Marie kam, halb fuͤr mich beſtimmt, halb an Tom gerichtet. Stapleton hatte Toms Boot genom⸗ men und war darin mit meinen Kleidungs⸗ — — 157— ſtuͤken hinab zum alten Tom gefahren, ſodann waren ſie mit denen des jungen Tom nach Deal abgeſchickt. Tom bekam einen Brief von ſeiner Mutter, halb vom Vater abgefaßt, das Uebrige von ihr ſelber; doch will ich den Leſer mit dem Inhalte nicht beſchwerlich fallen, da er ſich denken kann, was unter ſolchen Umſtaͤn⸗ den etwa geſagt wurde. Unſere Sachen, die der alte Tom einem ſei⸗ ner ehemaligen Schiffskameraden in Deal zu⸗ gerichtet hatte, wurden uns bald darauf an Bord gebracht; wir hatten ſie kaum empfan⸗ gen, als der Signalmatroſe meldete, der Cap⸗ tain komme herangefahren. Auf der Fregatte befanden ſich ſo viele Leute, die den Captain noch nicht geſehen hatten, daß ſich nicht gerin⸗ ger Eifer zeigte, um zu gewahren, in wie weit man aus„dem Schnitte ſeines Vorſe⸗ gels,“ das heißt, aus ſeiner aͤußern Erſchei⸗ nung, folgern moͤgte, was von einem Manne zu erwarten ſey, der ſchrankenloſe Gewalt be⸗ ſaß, ſeine Matroſen gluͤcklich oder hoͤchſt elend zu machen. Tom und ich ſchauten durch eine der Haupt⸗ verdeck⸗Schießluken, als das Gig zur Seite her⸗ anruderte; ich war bemuͤht, mir die aͤußern — 158— und erkennbaren Anzeichen des Captains zu entziffern, als mir das Geſicht eines Lieute⸗ nants auffiel, der ihm zur Seite ſaß und den ich ſogleich wieder erkannte. Es war Herr Wil⸗ ſon, der naͤmliche, der das Ruder im Boote ſpann und lezteres verſenkte an dem Abende, als ich, wie der Leſer ſich erinnert, meine Freunde, den aͤlteſten und den juͤngern Kommis, rettete. Ich fuͤhlte mich voller Freude, weil ich hoffte, er wuͤrde ſich zu unſern Gunſten verwenden. Des Bootmanns Pfeife ward im Echo wie⸗ derholt, als der Captain die Schiffswand her⸗ aufſtieg; er betrat das Hinterdeck— und alle Huͤte wurden abgezogen, um ihm Ehrfurcht zu bezeigen; die Marineſoldaten praͤſentirten das Gewehr und ihre Offtziere ſalutirten mit dem Degen. Zur Erwiederung erfaßte der All⸗ gewaltige mit zwei Fingern und ſeinem Dau⸗ men die hoͤchſte Spize ſeines dreieckigen Hutes, hob dieſen einen Zoll vom Kopfe und ſezte ihn wieder auf, mit der Weiſung an den Ma⸗ rineoffizier, die Wache zu entlaßen. Er ging nun mit dem erſten Lieutenant auf und nieder, und ich hatte Gelegenheit, ihn pruͤ⸗ fender zu betrachten. Er war ein hochgewachſe⸗ ner, ungemein ſtarkknochiger, hagerer Mann, —᷑—ᷣ—ᷣ—᷑—ᷣ—ͦ—ͦ—ᷣ—ᷣ—ᷣ—ᷣ’Yx— ——— — 159— deßen Schultern auffallende Breite hatten, als ein Zeichen herkuliſcher Koͤrperſtaͤrke; ſpaͤter fanden wir, daß er dieſe im hohen Grade be⸗ ſaß. Sein Geſicht war den Verhaͤltnißen ſeines großgebauten Koͤrpers angemeßen; ſeine Zuͤge verriethen Haͤrte, ſein Auge war durchdringend, ſeine Naſe, obwohl kuͤhnen Schnittes, war dennoch ſchoͤn, und ſein umfangreicher Mund war mit den glaͤnzendſten Reihen breiter, wei⸗ ßer Zaͤhne beſezt, die ich je geſehen habe. Der Karakter ſeiner Geſichtsbildung deutete eigent⸗ lich mehr Entſchloßenheit, als Strenge an. Wenn er laͤchelte, war deßen Ausdruck unge⸗ mein gefallſam. Seine Art zu ſprechen und ſeine Koͤrperbewegungen dabei waren nachdruckvoll, und unter ſeinen Elephantentritten bebten die Schiffsplanken. Er mogte zehn Minuten am Bord geweſen ſeyn, als er dem erſten Lieutenant auftrug, die ganze Schiffsmannſchaft zu verſammeln, und ſaͤmmtliche Matroſen mußten ſich auf der Back⸗ bordſeite des Hinterdecks aufſtellen. Sobald ſie hier ſtanden, blickten ſie mit eben ſolcher Furcht den Captain an, wie eine Heerde Schaafe ei⸗ nem fremden, boͤswilligen Hunde anſtiert. Der Captain redete ſie ſo an:„Meine Bur⸗ — 160— ſche, da es ſich ſo trifft, daß wir Alle den naͤmlichen Planken vertrauen muͤßen, ſo mag's auch wohl ſo gut ſeyn, daß wir einander ver⸗ ſtehen. Ich liebe, daß meine Offiziere mit Aufmerkſamkeit ihren Dienſt thun und ſich wie Gentlemen betragen. Ich liebe, daß meine Matroſen gute Mannszucht halten, thaͤtig und nuͤchtern ſind. Was ich liebe, das will ich haben;— Ihr verſteht mich.“— Jezt nahm er ein ſehr ſtrenges Ausſehen an und fuhr fort: „Schaut in mein Geſicht und ſeht zu, ob Ihr glaubt, mit mir ſpielen zu koͤnnen.“ Die Leute blickten in ſein Geſicht und ge⸗ wahrten, es ſey keine Ausſicht dazu vorhanden, daß er wuͤrde mit ſich ſpielen laßen; dieſen Ge⸗ danken druͤckten ihre Mienen aus. Der Captain ſchien durch ihre ſtumme Anerkennung befrie⸗ digt, und um ihnen Muth zu machen, laͤ⸗ chelte er, wobei er ſeine weißen Zaͤhne zeigte, als er dem Lieutenant auftrug, die Matroſen hinabpfeifen zu laßen. Sobald dieſer Auftritt zum Ende war, ging ich zu Lieutenant Wilſon, der hinten im Schiffe ſtand und redete ihn an:„Vielleicht erinnern Sie ſich meiner nicht mehr, Sir, aber wir haben uns eines Abends zuſammen befunden, ) — 161— als Sie in einem Kahne unterſanken und da⸗ mals fragten Sie nach meinem Namen.“ „Und den habe ich nicht vergeßen, mein gu⸗ ter Freund; Jakob Ehrlich, nicht wahr?“ Ich ſtellte ihm hierauf unſere Lage mit allen Umſtaͤnden vor und erbat mir ſeinen Rath und ſeinen Beiſtand. Er ſchuͤttelte den Kopf und ſagte:„Unſer Captain iſt ein hoͤchſt ſonderbarer Mann. Er beſizt den entſchiedenſten Einfluß und wird ſich mehr als irgend ein anderer Offizier der Flotte herausnehmen, um den gewohnten Regeln der Admiralitaͤt Troz zu bieten. Wenn ein Admi⸗ ralitaͤtsbefehl herab kaͤme, Euch zu entlaßen, dann wuͤrde er freilich gehorchen, aber aus den feſtſtehenden Vorſchriften macht er ſich gar nichts. Zudem gehen wir in einer Stunde unter Se⸗ gel. Inzwiſchen will ich mit ihm reden, wie⸗ wohl ich wahrſcheinlich einen Hieb uͤber meine Knoͤchel empfangen werde, weil das des erſten Lieutenants Sache iſt und nicht die meinige.“ „Aber wie waͤre es, Herr, wenn Sie den erſten Lieutenant baͤten, fuͤr uns zu ſprechene“ „Wenn ich das thaͤte, wuͤrde er es hoͤchſt wahrſcheinlich doch nicht wollen; Matroſen ſind uns gar zu werthvoll und der erſte Lieutenant III. 11 — 162— weiß recht gut, daß der Captain nicht lieben würde, Euch zu entlaßen. Deshalb wird er nichts davon ſagen, bis es zu ſpaͤt iſt, und auf ſich ſelber allen Tadel nehmen, weil er es vergeßen haͤtte. Unſer Captain hat ſo außeror⸗ dentlichen Einfluß, daß ſeine Empfehlung allein einem Lieutenant den Kommandeursrang ver⸗ ſchaffen koͤnnte, und wir alle muͤßen unſer ei⸗ genes Wohl beachten. Inzwiſchen will ich den Verſuch machen, kann Euch aber nur ſehr ge⸗ ringe Hoffnung laßen.“ Lieutenant Wilſon ging zum Captain, der immer noch mit dem aͤlteſten Lieutenant auf dem Verdecke umherging, zog ſeinen Hut und begann den Gegenſtand zur Sprache zu brin⸗ gen, wobei er als Entſchuldigung ſeine Be⸗ kanntſchaft mit mir anfuͤhrte. „Ahl wenn der Mann ein Bekannter von Ihnen iſt, Lieutenant Wilſon, dann muͤßen wir gewiß entſcheiden,“ antwortete der Cap⸗ tain mit ſpoͤttiſcher Hoͤflichkeit.—„Wo iſt er?“ Ich trat vor und Tom folgte mir; wir leg⸗ ten ihm die Umſtaͤnde vor, in denen wir uns befanden. „Stets liebe ich, die Leute aus der Unge⸗ wißheit zu ziehen,“ ſprach der Captain,„weil — 163— ein Mann dadurch ganz irre wird— alſo hoͤrt mich an: ſollte ich durch Zufall einen Mann vom Koͤniglichen Blute gepreßt haben, und wuͤrden der Koͤnig und die Koͤnigin und alle kleine Prinzeßinnen vor mir niederknieen, ſo wuͤrde ich ihn dennoch feſthalten, ohne einen Admiralitaͤtsbefehl zu ſeiner Freilaßung. Verſteht Ihr jezt, Burſche, was Ihr zu erwarten habt?“ — Darauf wendete er ſich um zu Lieutenant Wilſon:„Sie werden mich verbinden, die Gruͤnde anzugeben, auf welche geſtuͤzt Sie wag⸗ ten, fuͤr dieſe Leute einzureden, und ich hoffe, Ihre Erlaͤuterung werde befriedigend ausfal⸗ len.“— Dann zum erſten Lieutenant:„Herr Knight, ſchicken Sie dieſe Leute hinunter, thei⸗ len Sie ihnen Tiſch und Dienſt zu.“ Wirr ſtiegen die Gangwegtreppe hinab und ſpaͤheten nach der fernern Unterredung des Cap⸗ tains mit Lieutenant Wilſon, der, wie wir be⸗ ſorgten, ſich durch den Verſuch, uns zu helfen, in ſchlimme Haͤndel gemiſcht hatte. Doch ſchien am Ende der Unterredung der Captain zufrie⸗ den mit dem, was er gehoͤrt hatte, und Lieu⸗ tenant Wilſon's Geſicht zeigte ebenfalls Befrie⸗ digung, als er fortging. Spaͤter erfuhr ich, daß dieſer Umſtand ſehr guͤnſtig auf mich ein⸗ — 164— wirkte.— Die Pfeife gab das Signal zum Eßen und nach dem Mittageßen lichteten wir Anker und ſezten Segel bei; ſo waren Tom und ich denn nun foͤrmlicher, aber unbillig er Weiſe zu Sr. Majeſtaͤt Dienſt eingeſchifft. „Nun Tom,“ ſagte ich,„weinen hilft nicht; was geſchehen iſt, laͤßt ſich nicht aͤndern; hier ſind wir einmal, alſo laß uns thun, was wir koͤnnen, um uns Freunde zu machen.“ „Das iſt genau meine Anſicht von dem Dinge, Jakob. An den Galgen mit der Sorge, die Kaze ſtarb davon; ich will thun, was zu thun iſt, und ich ſehe gar nicht ein, weshalb wir hier nicht eben ſo gluͤcklich ſeyn moͤgten, als irgend ſonſt wo. Vater ſagt, man koͤnnte recht gluͤcklich am Bord ſeyn, wenn man ſeine Pflicht thaͤte; ich denke, die meinige nicht zu umge⸗ hen.— Man ſagt ja, je mehr, deſto luſti⸗ ger, und gehaͤngt will ich ſeyn, wenn unſerer hier nicht genug ſind.“ Ich brauche kaum anzufuͤhren, daß wir waͤh⸗ rend der erſten drei oder vier Tage uns gar nicht behaglich fuͤhlten; wir waren der ſieben⸗ ten Tiſchgeſellſchaft zugetheilt und ſollten im Vortop Dienſt thun; denn wiewohl wir nicht regelmaͤßig zu Matroſen angelernt waren, ord⸗ ———— nete der erſte Lieutenant dies dennoch an, in⸗ dem er ſagte, er ſey gewiß davon, daß in we⸗ nigen Wochen keine gewandtere Matroſen als wir im Schiffe ſeyn wuͤrden. Bald befanden wir uns außerhalb des Ka⸗ nals und jedermann war begierig, unſere Be⸗ ſtimmung zu erfahren, welche in dieſem faſt vereinzelten Falle wirklich Geheimniß geblieben war, wiewohl gewiße Folgerungen ſich als rich⸗ tig erwieſen. Unſern jezigen Einrichtungen ge⸗ maͤß gibt es einen Umſtand, der unfehlbar kund thut, ob ein Schiff„zu fernem Dienſte“ ausgeruͤſtet wird, oder zum Dienſtthun bei dem Mutterlande, die an Bord gebrachten Vorraͤthe und Lebensmittel verrathen das jedesmal; um ſo mehr, da die Vorraͤthe ganz fuͤr die Sta⸗ tion berechnet ſind, zu der das Schiff beſtimmt wurde, ſo daß man deßen Beſtimmung ſo ziem⸗ lich treffend vorausſagen kann. Dies iſt uͤbel, und leicht koͤnnte es abgeaͤndert werden; denn wuͤrde jegliches Schiff, zu welchem Dienſte es auch beſtimmt waͤre, jedesmal zu fernem Dienſte ausgeruͤſtet, ſo koͤnnte niemand vorher wißen, wohin es abſegeln ſolle. Nachdem jezt der Flot⸗ ten⸗Board abgeſchafft iſt, koͤnnte mit ſehr we⸗ niger Muͤhe das ſtrengſte Geheimhalten bewahrt 8 4 — 166— werden; ſo lange jener Board beſtand, war das ganz unmoͤglich. Die Immortalite war ein ſehr ſchnellſegeln⸗ des Schiff; als Captain Hector Maclean ſeine verſiegelten Befehle oͤffnete, zeigte ſich's, daß wir zwei Monate zwiſchen den weſtlichen Inſeln und Madeira kreuzen ſollten, um einige Kaper aufzufangen, die manche unſerer ausgehenden Weſtindienfahrer, troz der guten Bewachung von Convoy⸗Schiffen, genommen hatten; nach Ablauf dieſes Zeitraumes ſollten wir nach Ha⸗ lifar ſegeln und dort eine Fregatte abloͤſen, welche mehre Jahre auf jener Station zuge⸗ bracht hatte. In einer Woche hatten wir die beſtimmte Hoͤhe erreicht; das Wetter war vortrefflich und die Tage wurden ganz dazu verwendet, die Matroſen in der Behandlung des Geſchuͤzes und des Kleingewehrs einzuuͤben, ſie Segel ſezen und verkuͤrzen zu laßen, Topſegel einzu⸗ reffen und das Schiff zu manoͤvriren. Niemals gab der Captain ſeine Sache auf, und zuwei⸗ len mußten wir wohl zwanzig Mal hinterein⸗ ander Segel ſezen und verkuͤrzen, bis er zu⸗ frieden war. Er ließ mitunter die Mannſchaft auf's Ver⸗ deck rufen und ſprach:„Dies habt Ihr recht gut gemacht, Burſche, Ihr brauchtet nur zwei Minuten; nicht uͤbel fuͤr'ne ganz neue Be⸗ mannung; aber ich liebe, daß es in andert⸗ halb Minuten gemacht wird. Wollen's noch mal verſuchen.“ Und immer auf's Neue wurde alsdann ſo lange verſucht, bis die Arbeit in anderthalb Minuten gemacht war; der Captain pflegte dann zu ſagen:„ich wußte, daß Ihr's konn⸗ tet, und nun Ihr's einmal gemacht habt, Burſche— koͤnnt Ihr's ohne allen Zweifel wieder ſo machen.“ Tom und ich blieben unſern guten Vorſaͤ⸗ zen getreu. Wir waren ſo thaͤtig und ſo ſtets voran, als wir nur ſeyn konnten; die Folge war, daß der erſte Lieutenant uns dem Cap⸗ tain ausdeutete. Sobald das Verdienſt der ver⸗ ſchiedenen Matroſen richtig erkannt war, wur⸗ den verſchiedene Abaͤnderungen ſowohl in Be⸗ treff der Wachen und Dienſtpoſten, als auch des Ranges in den Schiffsbuͤchern getroffen; Tom und ich wurden zu zweiten Vorto p⸗ Captains gemacht, der eine fuͤr den Steuer⸗ bord, der andere fuͤr den Backbord. Dies war fuͤr ſo junge Burſche, die noch dazu gar nicht — 168— als regelmaͤßige Matroſen aufgezogen waren, recht raſche Befoͤrderung; aber wir erlangten ſie durch unſere dargethane Thaͤtigkeit und be⸗ wieſenen Eifer. Tom war der Liebling der ganzen Mannſchaft. weil er ſtets Scherz trieb, zu jedem tollen Streiche und unſinnigen Spaße bereit war; uͤberdem pflegte er auch dem Captain nachzu⸗ aͤffen, was wenige Andere zu thun wagten. Freilich unterſtand er ſich's unten im Schiffe nur ſelten, aber oben im Vortop erklaͤrte er den Matroſen, was er liebe. Eines Tages wagten wir Beide, dem Cap⸗ tain nachzuſprechen, doch war es bei einer Ver⸗ anlaßung, die zur Entſchuldigung gereichte.— Tom und ich ſaßen in der kleinen Yoͤlle, die hinten am Spiegel hing, und ordneten etwas an deren Zubehoͤrung— denn damals waren wir dieſem Boote zugetheilt, wurden aber ſpaͤter in die Kutter verſezt. Die Fregatte ſegelte etwa vier Knoten in der Stunde und das Meer war ziemlich glatt. Einer der Marineſoldaten fiel aus den Vorderketten uͤber Bord. Sogleich ward gerufen:„Mann, uͤber Bord!“ und em⸗ ſig eilten die Matroſen den Steuerbordkutter mit der Geſchwindigkeit herabzulaßen, die eine —,— — 169— aͤhnliche Veranlaßung erfordert.— Der Cap⸗ tain ſtand hinten auf dem Signalkaſten, als der Marineſoldat hinter dem Spiegel forttriebz der arme Geſell konnte nicht ſchwimmen; Tom ſah mich an, ſagte:„Jakob, ich wuͤrde lie⸗ ben, den Rothrock zu retten,“ und ſprang augenblicklich uͤber Bord. „Und ich wuͤrde lieben, Dir zu helfen, Tom,“ rief ich und ſprang ihm nach. Der Captain ſtand dicht neben uns und hoͤrte, was wir ſagten.— Uns Beiden ward es recht leicht, den Marineſoldaten uͤber Waßer zu hal⸗ ten, und in weniger als einer Minute hatte das Boot uns bereits alle Drei eingenommen. Als wir die Schiffswand hinaufſtiegen, ſtand der Captain im Gangwege. Laͤchelnd zeigte er ſeine weißen Zaͤhne, deutete mit dem Teleskop, das er in der Hand hielt, auf uns und ſagte: „ich hoͤrte, was Ihr ſagtet, und ich wuͤrde lieben, eine gute Anzahl mehr ſolcher unver⸗ ſchaͤmter Geſellen am Bord zu haben, als Ihr ſeyd.“ Wir ſezten unſer Kreuzen fort, ſpaͤheten ſcharf, aber immer noch vergebens nach den Kapern und legten in Madeira an, um Er⸗ m. 11* — 170— kundigungen einzuziehen. Hier erfuhren wir, ſie ſeyen mehr ſuͤdlich geſehen worden; ſogleich ſegelten wir in der Richtung fort, bis wir uns auf der Hoͤhe der Canariſchen Inſeln be⸗ fanden und kreuzten nun Oſt und Weſt, Nord und Suͤd, wie Wind und Wetter oder auch des Kaptains„ich liebe“ das angemeßen ach⸗ teten. Erfolglos hatten wir bereits ſieben Wo⸗ chen von der beſtimmten Zeit auf unſerm Kreuz⸗ zuge zugebracht und der Captain verhieß dem⸗ jenigen Matroſen, der die Gegenſtaͤnde unſerer Nachforſchung entdecken wuͤrde, eine Beloh⸗ nung von fuͤnf Guineen. Oft klommen Tom und ich zur Maſtſpize hinauf und umforſchten den Horizont, das naͤmliche thaten andere Ma⸗ troſen, und die regelmaͤßig angeſtellten Spaͤ⸗ her waren nicht minder aufmerkſam. Die Schiffsmannſchaft befand ſich jezt im Zuſtande ziemlicher Mannszucht, welche die Folge der unausgeſezten Uebungen war; jeden Abend wurde mit der Pfeife das Signal: „Fluglerche“ gegeben, das heißt, daß die Mann⸗ ſchaft Spiele treiben und ſich vergnuͤgen ſoll. Unter den Zeitvertreiben war einer, der Ver⸗ anlaßung zu vieler Luſtigkeit wurde, und die⸗ ſen liebte der Captain vorzugsweiſe, weil er die — 171— Matroſen gewandt machte.„Folgt meinem Fuͤh⸗ rer,“ wird das Spiel genannt; ein Matroſe fuͤhrt an und Alle, die Luſt haben, folgen ihmz zuweilen ſchließen ſich vierzig bis fuͤnfzig an. Was immer der Fuͤhrer vornimmt, muͤßen alle Uebrigen ebenfalls thun; wohin er geht, muͤf⸗ ſen ſie ihm folgen. Tom, der ſtets der Erſte ſeyn mogte, wo es Scherz gab, war eines Tages Fuͤhrer, und nachdem er die Takelung hinaufgeklommen, ſich oben auf den Raen ausgelegt, bei den Ziehſei⸗ len wieder hineingeſchwungen, auf den Sten⸗ gen von einem Maſte zum andern hinuͤber und an dem Hinterſtagen herabgerutſcht war,— ſchwaͤrzte er ſein Geſicht im Rauchfange; bei allen ſeinen Bewegungen waren ihm etwa drei⸗ ßig Matroſen unter Lachen und lautem Jubel⸗ ruf gefolgt, waͤhrend die Offiziere und die an⸗ dern Matroſen unten ſtanden und die Gewandt⸗ heit der Spielenden mit Vergnügen betrachte⸗ ten; ploͤzlich hatte Tom einen neuen Einfall; es war etwa ſieben Uhr Abends und wir lagen von voͤlliger Windſtille befallen; Tom ſprang wieder die Takelung hinauf, legte ſich auf den Haupt⸗Raen⸗Arm aus; ich folgte ihm nebſt den Uebrigen; ſobald er bis zum Baum⸗Ciſen — 172— gelangt war, richtete er ſich auf, hielt ſich am Ziehſeile feſt, rief:„folgt meinem Fuͤhrer,“ und ſprang vom Raen⸗Arm hinab in's Meer. Der Zweite war ich, den Uebrigen„folgt mei⸗ nem Fuͤhrer“ zurufend, ſprang ich ihm nach und alle Uebrigen, mogten ſie ſchwimmen koͤn⸗ nen oder nicht, thaten das naͤmliche, denn es war ein Ehrenpunkt, nichts zu verweigern. Der Captain kam gerade die Schiffstreppe herauf, als Tom hinabſprang und glaubte, es ſey ein Mann uͤber Bord gefallen; aber um wie viel mehr erſtaunte er, als er zwanzig bis dreißig andere Matroſen zu zweien und dreien herabſpringen ſah, ſo daß es ſchien, die halbe Schiffsmannſchaft waͤre uͤber Bord. Er glaubte, die Matroſen waͤren vom Teufel be⸗ ſeßen, gleich der Heerde Schweine in der Bi⸗ bel.— Einige der Leute, die nicht ſchwimmen konnten, aber die doch zu ſtolz waren, um das Folgen zu verweigern, waren nahe daran zu ertrinken. Der erſte Lieutenant mußte unter dieſen Umſtaͤnden den Kutter hinablaßen, um ſie aufzufiſchen; alle wurden gluͤcklich an Bord gebracht. „Vardammt ſey der Geſelle,“ ſagte der Cap⸗ — tain zum erſten Lieutenant;„er iſt ſtets an der Spize bei jeder Unthat. Folg' meinem Fuͤh⸗ rer— in der That!— Schict i Tom Beaze⸗ ley her.“ Wir Alle glaubten, Tom wuͤrde es jezt tuͤchtig erhalten.„Hoͤre, mein Burſche,“ ſagte der Captain,„ein Scherz iſt'n Scherz, aber nicht jedermann kann ſo gut ſchwimmen, als Du. Keinen von meinen Leuten kann ich uͤber Deine tollen Streiche verlieren, alſo verſuch's nicht wieder— ich liebe das nicht.“ Jedermann war der Meinung, Tom ſey recht leicht davon gekommen, aber er war des Captains Liebling, wiewohl das nie geradezu ſichtbar wurde. Mit ſcheinbar⸗tiefer Unterwuͤr⸗ figkeit antwortete Tom:„Bitt' um Verzei⸗ hung, Sir,— aber ſie waren Alle ſo ſchmie⸗ rig— hatten ſich im Rauchfange ſchwarz ge⸗ macht, daß ich glaubte, ein bischen Waſchen koͤnnte nicht uͤbel thun.“ „Geh' weg, Burſche, und vergiß nicht, was ich Dir geſagt habe,“ ſprach der Captain, wandte ſich ab und zeigte laͤchelnd ſeine wei⸗ ßen Zaͤhne. Ich hoͤrte noch, daß der erſte Lieutenant zum = 174— Capta'n ſagte:„er iſt zehn andere Matroſen im Schiffe werth, Sir; er haͤlt ſie Alle mun⸗ ter und froͤhlich und gibt ihnen immer das beſte Beiſpiel.“ . „Behntes Kapitel. — „Seyn oder nicht ſeyn,“ das iſt die Frage.— Split⸗ ter am Bord von Kriegſchiffen ſind ganz ande⸗ rer Art, als Splitter im Finger am Lande. — Tom wendet das Aufhoͤren dieſer Geſchichte dadurch ab, daß er mein unterſinken verhindert. — Ich empfange einen Brief von einem Sach⸗ walter, und anſtatt daruͤber verdroßen zu ſeyn, fuͤhle ich mich ungemein gluͤcklich. Tom war inzwiſchen hinauf zum Vor⸗Royal⸗ Arme geklettert und ſchaute nach den fuͤnf Gui⸗ neen umher; noch ſprach man von ihm auf dem Verdecke, als er ausrief:„Segel! ho!“ „Unbekanntes Segel wird gemeldet.“ „Wo?“ rief der erſte Lieutenant, in das Vorderſchiff gehend. „Genau unter der Sonne.“ A. — 176— „Da, auf der Maſt⸗Spize— ſeht Ihr das Segel?“ „Ja, Herr; ich meyne, S'iſt'n Schooner, aber ich kann nur hinabſehen bis zu ſeiner Haupt⸗Rae.“ „Das iſt eines davon, verlaßen Sie ſich drauf,“ ſagte der Captain;„Lieutenant Wil⸗ ſon, beſteigen Sie den Maſt und ſehen Sie, was Sie aus dem Fahrzeuge machen koͤnnen. Welcher Matroſe hat es gemeldet?“ „Tom Beazeley, Sir.“ „Verdammt ſey der Geſelle, erſt macht er mein ganzes Schiffsvolk uͤber Bord ſpringen, und nun muß ich ihm noch fuͤnf Guineen ge⸗ ben.— Wofuͤr halten Sie das Segel, Lieu⸗ tenant Wilſon?“ „Ein niedriger Schooner, Sir, ſehr verdaͤch⸗ tig in der That mit ſeinen ſchwarzen Seiten. Die Schießluken kann ich nicht erkennen— aber ich glaube, er kann uns'ne huͤbſche Reihe Zaͤhne zeigen.— Er liegt von Windſtille be⸗ fallen, gleich uns.“ „Nun, wir muͤßen die Brieſe herbeipfeifen. Inzwiſchen wollen wir alle Boͤte in Bereit⸗ ſchaft halten, Lieutenant Knight.“ Wenn man nur lange genug pfeift, kommt ,.—“— 177— der Wind zulezt ganz gewiß.— Nach einer Stunde ſprang die Brieſe auf und wir konn⸗ ten mit ihrer Huͤlfe hinabſegeln; indeß war es zu dunkel, um den Schooner zu unterſcheiden, den wir mit Sonnenuntergang aus dem Ge⸗ ſichte verloren hatten. Um Mitternacht lullte der Wind zu voͤlliger Stille ein. Der Captain und die meiſten der Offtziere brachten faſt die ganze Nacht auf dem Verdecke zu und die Wa⸗ chen ſezten die Boͤte in Bereitſchaft zum Dienſte. Ich hatte die Morgenwache und gewahrte bei Tagesanbruch den Schooner von der Vortop⸗ Rae, etwa vier Meilen nordweſt von uns;— ich eilte hinab auf's Verdeck, dies zu melden. „Recht gut, mein Burſche,“ ſagte der Cap⸗ tain, richtete ſein Glas meiner Meldung ge⸗ maͤß und fuhr zum erſten Lieutenant fort:„ich habe ihn und will ihn auf irgend eine Weiſe in meine Gewalt bekommen.— Kein Anzei⸗ chen von Wind.— Laßen Sie die Kutter hin⸗ ab— Raen und Stengen fertig eingehakt. Ein wenig wollen wir noch warten, um ihn bei vollem Tageslichte beßer zu ſehen.“ Spaͤter konnte man den Schooner mit ſei⸗ ner ganzen Ausruͤſtung deutlich erkennen. Er 5. 3 fuͤhrte ſechszehn Kanonen und war fuͤr den III. 12 7 — 178— Angriff mit Boͤten ein furchtbares Fahrzeug. Weil die Windſtille immer noch anhielt, wur⸗ den die Lanſche, die Yoͤlle und die Pinaße ausgeſezt, gut bemannt und bewaffnet. Der Schooner machte ſeine Vorbereitungen zu un⸗ ſerm Empfange.— Doch ſchien der Captain das Leben ſeiner Leute ungern in ſo einem ge⸗ fahrvollen Kampfe auf's Spiel ſezen zu wol⸗ len; ſo lagen wir denn in Boͤten zur Seite der Fregatte, jeder Matroſe auf angewieſener Stelle, mit dem Ruder in der Hand ſizend. Die ſogenannten, vom Luftzuge herruͤhren⸗ den Kazenklauen flogen hier und dort rin⸗ gelnd uͤber den Waßerſpiegel hin, als Verkuͤn⸗ der einer bald aufſpringenden Brieſe, und die Ausſicht auf dieſe Hoffnung machte den Cap⸗ kain unſchluͤßig.— Tom und ich waren dem erſten und zweiten Kutter zugetheilt; wir blie⸗ ben in unſerm erwartenden Zuſtande bis zwoͤlf Uhr Mittags, dann erhielten wir Befehl, wie⸗ der an Bord zu kommen und unſer Mittag⸗ eßen ſchnell zu verzehren, auch ward die Brannt⸗ weinration ausgetheilt. Um ein Uhr herrſchte immer noch Windſtille. Waͤren wir ſogleich abge⸗ fahren, als die Boͤte sgeſezt wurden, ſo —— 4 V — 179— haͤtte das Gefecht lange ſchon entſchieden ſeyn muͤßen. Der Captain fand endlich, daß die Hoff⸗ nung auf Wind am Nachmittage viel ſchwaͤ⸗ cher war, als ſie ſich Vormittags gezeigt hatte, und gab Befehl zum Abfahren der Boͤte. Wir befanden uns noch ſo ziemlich in der naͤmli⸗ chen Entfernung vom Schooner, zwiſchen drei ein halb und vier Meilen. In weniger als ei⸗ ner halben Stunde waren wir ihm auf Schuß⸗ weite nahe gekommen; der Kaper wendete uns ſeine volle Seite zu und begann ſeine Kanonen mit Kugelladung und in trefflicher Richtung auf uns abzufeuern. Die Kugeln rikochet⸗ tirten uͤber die Boͤte hin und jeder Schuß ſchien uns treffen zu muͤßen. Jezt ſprang eine leichte Brieſe auf, welche der Kaper ſogleich benuzte, um ſich weiter zu entfernen. Wir folg⸗ ten, die Brieſe legte ſich wieder und wir naͤ⸗ herten uns raſch. Der Kaper wendete ſich auf's Neue gegen uns und begann ſein Feuer, eine ſeiner Ku⸗ geln traf den zweiten Kutter, in welchem ich mich befand, zerſplitterte mehre ſeiner Planken und verwundete mich nebſt noch zwei Matro⸗ ſen. Das Boot, mit einer Karonade, Muni⸗ — 180— tionskaſten und dergleichen beſchwert, lief au⸗ genblicklich voll und ſchlug um; mit groͤßter Schwierigkeit konnten wir uns vor dem heraus⸗ ſtuͤrzenden ſchweren Gewichte retten. Ein armer Menſch, der nicht verwundet war, mußte un⸗ ter dem Boote feſtgerathen ſeyn, denn er kam nie wieder zum Vorſchein. Die uͤbrige Mann⸗ ſchaft kam wieder uͤber Waßer und klammerte ſich an den Seiten des umgeſtuͤrzten Bootes feſt. Der erſte Kutter kam zu unſerer Huͤlfe heran, denn die Boͤte hielten ſich in groͤßerer Entfer⸗ nung auseinander, um das feindliche Feuer minder wirkſam zu machen; deshalb vergingen faſt vier Minuten, bevor derſelbe uns Beiſtand leiſten konnte; in dieſer Zwiſchenzeit nahmen die Kraͤfte der andern beiden Verwundeten durch den Blutverluſt immer mehr ab, ſie waren endlich zu ſchwach ihre Haͤnde laͤnger feſtzu⸗ halten, und verſchwanden unter der ſtillen, blauen Tiefe. In meinen linken Arm war mir ein Split⸗ ter gedrungen, und ich hielt laͤnger feſt, als die beiden Zerſchoßenen, doch konnte ich nicht aus Shalten, bis der Kutter kam, meine Beſin⸗ Bnung ging verloren und ich ſank in die Flu⸗ then hinab. Tom, der im heranfahrenden Kut⸗ — —— ,— —— — 181— ter war, ſah mich verſinken, ſprang mir ſo⸗ gleich nach, brachte mich wieder hinauf uͤber Waßer und man holte uns Beide in das Boot. Auch die andern fuͤnf Matroſen wurden geret⸗ tet. Als das geſchehen war, folgte der Kutter den uͤbrigen Boͤten, die dem Kaper immer naͤher kamen. Ich erlangte meine Beſinnung wieder, und nun fand ſich's, daß ein Stuͤck eines im Boote zerſchoßenen Queerholzes mir durch den fleiſchi⸗ gen Theil des Armes unter dem Ellenbogen ge⸗ trieben war, woſelbſt es immer noch feſtſaß. Die Wunde war eben ſo gefaͤhrlich, als ſchmerz⸗ haft.— Ohne mich zu fragen, erfaßte der Of⸗ fizier im Boote den Splitter und zog ihn her⸗ aus; der Schmerz war durch die bruͤchige Form des Splitters ſo groß und der Blutverluſt nach dem Herausreißen ſo ſtark, daß ich wieder in Ohnmacht fiel. Zum Gluͤck war keine Artexie verlezt, ſonſt haͤtte ich den Arm verlieren muͤſ⸗ ſen. Man befeſtigte mir eine Binde darum und legte mich auf den Boden des Kutters nieder. Das Feuer des Schooners, dem wir jezt bis auf eine Viertelmeile nahe gekommen wa⸗ ren, wurde immer hiziger; doch ſprang aber⸗ mals eine Brieſe auf, welche er benuzte, um * — 182— ſich weiter zu entfernen. Am Himmel zeigten ſich Vorboten nahenden Windes, wiewohl die⸗ ſer noch eine Zeitlang einlullte. Wiederum na⸗ heten wir dem Kaper, als wir unſere Fregatte mit munterer Brieſe heraufſegeln und ſich dem Kampfplaze naͤhern ſahen. Die Brieſe flog uͤber das Meer daher und fuͤllte des Kapers Segel, der troz der aͤußer⸗ ſten Anſtrengung unſerer ermuͤdeten Leute bald wieder auf mehr als Schußweite von uns ent⸗ fernt war; deshalb gab der erſte Lieutenant ſehr zweckmaͤßig den Befehl, zu unſerer Fre⸗ gatte zuruͤckzukehren, die ſich bis auf etwa eine Meile uns genaͤhert haben mogte. Keine zehn Minuten ſpaͤter waren die Boͤte ſchon aufgehißt, und da der Wind nun kraͤfti⸗ ger blies, machten wir, unter allen unſern Se⸗ geln fahrend, etwa ſieben Meilen in der Stunde; den Kaper hatte die Brieſe ebenfalls erfaßt und raſch ſegelte er vor uns her. Als der einzige Verwundete, der an den Bord zuruͤckgebracht war, wurde ich hinab in den Wund⸗Raum getragen. Der Schiffswund⸗ arzt unterſuchte meinen Arm und ſchuͤttelte an⸗ fangs den Kopf, ſo daß ich augenblickliches Abnehmen deßelben erwartete; nach einer zwei⸗ —j. — 183— ten Pruͤfung ſprach er jedoch die Hoffnung aus, das Glied erhalten zu koͤnnen. Ich ward nun ordentlich verbunden und unter dem Zwiſchen⸗ decke in einem geſchirmten Vorſchlage in meine Haͤngematte gelegt, wo der kuͤhlende Wind durch die Schießluken meine fiebergluͤhenden Wangen faͤchelte. Doch zuruͤck zu unſerer Jagd.— Nach einer halben Stunde hatte der Wind ſo zugenom⸗ men, daß wir kaum noch unſere Koͤr: el fuͤhren konnten; der Kaper hielt ſeinen Lauf etwa drei Meilen vor uns in ſo grader Linie, daß der Fregatte drei Maſte faſt nur als einer dienen konnten. Bei Sonnenuntergang ward es noͤthig, die Koͤnigſegel einzuziehen; der Him⸗ mel verrieth jedes Anzeichen eines heftigen Stur⸗ mes. Inzwiſchen fuͤhrten wir, was die Fre⸗ gatte immer nur an Segeln tragen konnte; mit Nachtteleskopen wurde der Kaper und jede ſeiner Bewegungen fortwaͤhrend beobachtet. Der Wind wurde immer ſtaͤrker; ehe der Mor⸗ gen anbrach, ging furchtbare See, die Fregatte konnte nur ihre Top⸗Gallant⸗Segel uͤber den doppelt eingerefften Topſegeln fuͤhren. Bei Ta⸗ gesanbruch hatten wir dem Schooner nach Aus⸗ weis der Sexanten etwa eine Viertelmeile ab⸗ — 184— gewonnen; der Captain und die Offiziere, welche das Verdeck in vier und zwanzig Stun⸗ den nicht verlaßen hatten, gingen hinab, um ſich etwa zu ruhen und zu erfriſchen. Dieſen ganzen Tag lang jagten wir den Ka⸗ per, ohne ihm mehr als eine Meile abzuge⸗ winnen; jezt wuͤthete furchtbarer Sturm; die Top⸗Gallant⸗Segel waren fruͤher ſchon einge⸗ zogen; die Topſegel waren dicht eingerefft, gleichwohl rannen wir faſt zwoͤlf Meilen in der Stunde; aber auch der Kaper ſegelte ſo tref⸗ flich, daß er hoͤchſtens nur auf Schußweite von uns entfernt war, als die Sonne drohend und feuerroth unter dem Horizonte verſank. Iezt befuͤrchteten die Offiziere der Fregatte, Ddaß der Schooner entkommen wuͤrde, weil es ſo hoͤchſt ſchwierig iſt, die Nachtteleskope bei ſchwerem Wogenſchwall auf den Gegenſtand gerichtet zu halten; man erwartete, er wuͤrde alle Segel einziehen und uns in der Dunkel⸗ heit vorbeifahren laßen. Indeß ſcheint es, daß dieſes lezte Manoͤver dem Kaper⸗Captain nicht in den Sinn kam; er ſezte ſeinen Lauf unter einem Drucke von Segeln fort, der am Tage ſogar drohend haͤtte erſcheinen muͤßen; als der Tag kam, hatte der Schooner ſeine fruͤhere —— 5 Fr — 185— Entfernung von faſt vier Meilen uns wieder abgewonnen, welches davon herruͤhrte, daß die Steuerung waͤhrend der Nacht nie ſo genau iſt, als am Tage. Der Sturm hatte noch zu⸗ genommen, gleichwohl befahl Captain Maclean ein Reff der Topſegel auszulaßen. Am Morgen kam Tom, wie gewoͤhnlich, nach mir zu ſehen und mich nach meinem Be⸗ finden zu fragen. Ich ſagte ihm, ich fuͤhle mich beßer und habe weniger Schmerz, der Wund⸗ arzt wolle mich nach dem Fruͤhſtuͤcke verbinden, denn der Verband war nicht losgemacht, ſeit⸗ dem ich an Bord gebracht worden war. „ und wie iſt's mit dem Kaper, Tom, ich hoffe, wir werden ihn nehmen; das wird mir zu einigem Troſte gereichen.“ „Wenn unſer Maſt aushaͤlt, ſo hoffe ich's, Jakob; wir fuͤhren aber einen ungeheuern Druck von Segeln, wie Du aus dem Stuͤrzen der Fregatte ſchließen magſt; im Vorderſchiffe kann Niemand ſtehen, und das Waßer, was ſie vorn ſchoͤpft, faͤllt regelmaͤßig hinab in die Seitenraͤume. Jezt holen wir ihn ein;'s iſt ein herrlicher Anblick, zu ſehen, wie der Schoo⸗ ner ſich macht; wird er auf die Seite gewogt, ſo koͤnnen wir gewahren, daß ſeine ganze Mann⸗ — 186— ſchaft auf dem Verdecke feſtgebunden iſt, ganze Wellenberge faßt er in ſeine Vorder- und Hin⸗ ter⸗Hauptſegel auf, und gießt ſie wieder von ſich, wenn er ſich aus dem Niederſturze empor⸗ hebt. Er verdient, davon zu kommen.“ Dies geſchah indeß nicht; gegen zwoͤlf Uhr Mittags waren wir ihm bis auf eine Meile nahe. Um zwei Uhr feuerten die Marineſolda⸗ ten mit dem kleinen Gewehr darauf, denn wir wollten keine Kanone auf ihn abfeuern, ob⸗ gleich er ganz unter unſerm Buge ſich befand. Als wir auf Kabellaͤnge heran waren, ver⸗ kuͤrzten wir unſere Segel, um in dieſer Ent⸗ fernung hinter ihm zu bleiben; nachdem der Kaper mehre ſeiner Leute durch unſer Muske⸗ tenfeuer verloren hatte, gab der Captain deſ⸗ ſelben mit ſeinem Hute das Zeichen des Erge⸗ bens. Sogleich verkuͤrzten wir alle Segel, um die Wetterſeite zu behalten, und beſchoßen den Kaper, bis er ſeine ſaͤmmtlichen Segel einge⸗ zogen hatte; dann legten wir um, behielten ihn unter dem Winde und feuerten auf jeden Matroſen, der ſich auf dem Verdecke blicken ließ. Die Beſiznahme des Kapers war eine ſehr ſchwierige Aufgabe; kaum vermogte ein Boot — 187— auf ſolchem Wogenſchwalle zu ſchwimmen; der Captain forderte Freiwillige auf, und als ich Tom's Stimme im Kutter vernahm, waͤhrend dieſer hinunter gelaßen wurde, ſchlug mein Herz mir in aͤngſtlicher Furcht vor Unfall. Nach einiger Zeit entnahm ich aus der Unter⸗ redung auf dem Verdeck, daß der Kutter gluͤck⸗ lich an des Kapers Bord gekommen war, und mein Gemuͤth erheiterte ſich⸗ Erſt am folgenden Tage wurde das Wetter ſo weit gemaͤßigt, um es moͤglich zu machen, die Gefangenen an unſern Bord zu bringen, und Offiziere nebſt der noͤthigen Mannſchaft auf die Priſe zu fuͤhren.— Dieſe war ein in Ame⸗ rika gebauter Schooner, der zu einem Fran⸗ zoͤſiſchen Kaperſchiffe ausgeruͤſtet war; er fuͤhrte den Namen Cerf agile, hatte vierzehn Kano⸗ nen und eine Bemannung von faſt Einhundert und Siebenzig Matroſen, von denen acht und vierzig mit aufgebrachten Priſen abgeſchickt wa⸗ ren. Vielleicht war es gluͤcklich, daß die Boͤte es nicht moͤglich fanden, ihn angreifen zu koͤn⸗ nen, er wuͤrde ſie heiß empfangen haben. So gelang es, dieſes ſchadenveruͤbende Fahrzeug nach einer Jagd von hundert und ſiebenzig Meilen in Beſiz zu nehmen.— Der Captain b — 188— fuͤhrte ihn mit nach Halifax, wo wir etwa fünf Wochen ſpaͤter eintrafen. Meine Wunde war jezt faſt ganz geheilt, aber der Arm war abgehagert und kraftlos, ich konnte meinen Dienſt nicht damit verrich⸗ ten. Man wußte, daß ich eine gute Hand ſchrieb, und weil ich nichts anders vornehmen konnte, meldete ich mich freiwillig, um dem Zahlmeiſter und Schiffsſchreiber im Ordnen der Schiffsbuͤcher u. ſ. w. behuͤlflich zu ſeyn. Der Admiral war in Bermudas, und die Fregatte, welche wir abloͤſen ſollten, war im Drange des Dienſtes nach Honduras abge⸗ ſchickt und wurde erſt in einigen Monaten zu⸗ ruͤck erwartet. Wir gingen von Halifax nach Ber⸗ mudas unter Segel, um zum Admiral zu ſtoßen, und wurden nach drei Wochen zum Kreuzen ausgeſchickt. Jezt war mein Arm vollkommen wieder her⸗ geſtellt, ich hatte mich aber im Raume dem Schiffsſchreiber ſo brauchbar gezeigt, daß man mich, ſehr gegen meinen Wunſch, darin feſt⸗ hielt;— aber der Captain liebte es, wie Tom ſagte, und wenn das einmal ausgeſpro⸗ chen war, ſo durfte uͤber den Gegenſtand nichts mehr geſagt werden. — 189— Damals war Amerika nicht der Schauplaz des Krieges, auf der Nordamerikaniſchen Sta⸗ tion fand ſich nichts zu thun, als hoͤchſtens Franzoͤſiſche Schnellſegler zu jag en. Mir bleibt alſo wenig von den Vorfaͤllen am Bord der Fregatte zu erwaͤhnen. Tom verſah ſeinen Dienſt auf dem Vor⸗Top und kam nie in Ungelegen⸗ heit; er war im Gegentheil Liebling der Offi⸗ ziere, wie der Matroſen, und erlaubte ſich mehr Freiheiten gegen den Captain als irgend ein Anderer gewagt haͤtte; Captain Maclean wußte aber, daß Tom einer ſeiner vorzuͤglich⸗ ſten und beſten Leute war, ſtets thaͤtig, eifer⸗ voll und keine Gefahr achtend; Tom dagegen wußte genau, wie weit er zu gehen wagen duͤrfe. Ich mußte in der Schreibſtube bleiben, bald fand man aus, daß ich eine vortreffliche Erziehung erhalten hatte, und da ich mich im⸗ mer ehrfurchtsvoll gegen meine Vorgeſezten be⸗ trug, ward ich mit Freundlichkeit behandelt, und hatte keine Urſache, mich uͤber das Leben auf einem Kriegsſchiffe zu beſchweren. Inzwiſchen war die andere Fregatte von Hon⸗ duras zuruͤckgekehrt, und wir bekamen in Bo⸗ ſton⸗Bay, woſelbſt wir vier Monate hindurch gekreuzt hatten, durch einen nachgeſchickten — 190— Kutter den Befehl, zum Admiral in Halifax zu ſtoßen. Ein Jahr war abgelaufen, ſeitdem wir England verließen, und in dieſer ganzen Zeit hatten wir keine Briefe bekommen. Der Leſer mag ſich alſo meine Ungeduld vorſtellen, als ich das Admiralboot an unſern Bord kom⸗ men ſah, welches Briefe fuͤr die Offiziere und die Mannſchaft des Schiffes uͤberbrachte. Die Briefbeutel wurden hinab in die Offizierkajuͤte getragen und mit aller meiner Ungeduld mußte ich das Abſondern derſelben erwarten. „Ehrlich, hier ſind zwei Briefe fuͤr Sie,“ ſagte der Zahlmeiſter. Ich dankte und eilte zur Schreibſtube, um ſie ohne Stoͤrung leſen zu koͤnnen. Der erſte, der mir in die Hand gerieth, war in ſehr foͤrmlicher, mir ganz unbekannter Handſchrift. Mit einiger Verwunderung oͤffnete ich ihn, denn wer konnte mir zu ſchreiben haben. Der Brief kam von einem Sachwalter und ſein In⸗ halt lautete ſo: „Sir,— wir beeilen uns, Ihnen die „Nachricht vom Tode Ihres guten Freun⸗ „des, des Herrn Alexander Turnbull, zu „melden. Durch ſein Teſtament, welches „eroͤffnet und verleſen worden iſt, hat er Q—-——— —— * — 191— „Sie zu ſeinem einzigen Erben eingeſezt; „er hinterlaͤßt Ihnen fuͤr jezt die Summe „von 30,000 Pfund Sterling, der Reſt ſei⸗ „nes Vermoͤgens faͤllt nach dem Tode ſei⸗ „ner Frau auf Sie.— Nur mit Aus⸗ „mahme von 5000 Pfund, welche er Ma⸗ „dame Turnbull zu eigener Verfuͤgung ver⸗ „macht hat, die uͤbrigen Legate belaufen „ſſich nicht hoͤher als etwa 800 Pfund.— „Das Vermaͤchtniß, welches der Madame „Turnbull fuͤr ihre Lebenszeit zugeſichert „iſt, beſteht in den Zinſen zum Belaufe „von jaͤhrlich 1080 Pfund in den 3 pro⸗ n„zentigen Conſols, ſo daß Sie bei ihrem „„Tode 36,000 Pfund in den Conſols be⸗ „„ſizen werden, die zum Kurs von 76— „gleichkommen 27,360 Pfund Sterling.— „Ich bitte, Ihnen meinen Gluͤckwunſch zu „dieſem Ereigniße darbringen zu duͤrfen, „und habe bereits in Gemeinſchaft mit „Herrn Drummond das Geſuch um Ihre Entlaßung der Admiralitaͤt eingereicht. „Es macht mich gluͤcklich hinzuzuſezen, daß „dieſem Geſuche ſogleich gewillfahrt wor⸗ „den iſt; die naͤmliche Poſt, welche die⸗ „ſen Brief befoͤrdert, bringt auch den Be⸗ „fehl zu Ihrer Entlaßung und zu freier „Ruͤckreiſe hinaus.— Sollten Sie es ge⸗ „eignet achten, unſere Firma als Ihre „rechtskundige Sachwalter anzuſehen, ſo „werden wir uns ſehr gluͤcklich ſchaͤzen, „Sie unter der Zahl unſerer Clienten auf⸗ „zunehmen. „Ich bin, mein Herr, hochachtungsvoll, „John Fletcher.“ Der Leſer mag ſich vorſtellen, wie ſehr dieſe unerwartete und willkommene Mittheilung mich erſchuͤtterte. Zuerſt war ich dermaßen ergriffen, daß ich wie eine Bildſaͤule mit dem Briefe in meiner Hand ſaß, und in dieſem Zuſtande blieb ich, bis der erſte Lieutenant mich daraus erweckte, der zur Schreibſtube gekommen war, um mir aufzutragen, unter der Schiffsmann⸗ ſchaft bekannt zu machen, daß„Briefbefoͤrde⸗ rung nach England ſey,“ und dem Segelma⸗ cher zu ſagen, er ſolle einen Briefbeutel an⸗ fertigen. „Ehrlich— wie, was iſt's mit Ihnen?— Sind Sie krank, oder——“ Antworten konnte ich nicht, aber ich reichte ihm den Brief hin. Bei dem Leſen des In⸗ halts druͤckte er ſein Erſtaunen durch wieder⸗, — 193— holte Ausrufungen aus.—„Ich wuͤnſche Ih⸗ nen Gluͤck, Freund, und moͤgte es mich das naͤchſte Mal treffen. Kein Wunder, daß Sie ausſahen wie'n geſtochenes Schwein.— Haͤtte ich ſolche Kunde erhalten, ſo moͤgte der Cap⸗ tain ſich heiſer gerufen haben, und das ganze Schiff moͤgte uͤber Bord gegangen ſeyn, bevor ich wieder zu mir gekommen waͤre.— Nun, ich nehme an, wir werden von Ihnen keine Arbeit mehr erwarten duͤrfen—“ „Der Captain wuͤnſcht Sie zu ſprechen, Lieutenant Knight,“ ſagte ein eintretender Mid⸗ ſhipman und zog ſeinen Hut. Der Lieutenant ging zur Kajuͤte und kam nach wenigen Minuten mit dem Befehle zu meiner Entlaßung zuruͤck. „Alles iſt richtig, Ehrlich, hier iſt Ihre Ent⸗ laßung und ein Befehl zu freier Ruͤckkehr nach England.“ Er legte das Papier auf den Tiſch und ging, denn im Hafen hat ein aͤlteſter Lieutenant nicht viele Zeit zu verlieren. Gleich darauf trat Tom mit einem Briefe von Marie herein, dem ſeine Mutter eine Nachſchrift beigefuͤgt hatte. „Jakob,“ ſagte er,„ich habe Dir Neuig⸗ keiten mitzutheilen. Marie ſchreibt mir, daß III. 13 — 194— Turnbull geſtorben iſt und ihrem Vater 200 Pfund vermacht hat; ferner daß ſie gehoͤrt haͤtte, er habe Dir ein anſehnliches Vermoͤgen hinter⸗ laßen.“ „Das hat er gewiß, Tom, lies dieſen Brief,“ antwortete ich. Waͤhrend Tom las, gemahit ich den Brief von Herrn Drummond, den ich ganz vergeßen hatte. Ich erbrach ihn; er theilte die naͤmli⸗ chen Umſtaͤnde mit, die der Sachwalter mir geſchrieben hatte, nur in kuͤrzern Wortenz em⸗ pfahl mir unverzuͤglich zuruͤckzukehren, und ſchloß einen Wechſel von 100 Pfund auf ſein Haus ein, um mich in den Stand zu ſezen, meinen jezigen Lebensverhaͤltnißen gemaͤß er⸗ ſcheinen zu koͤnnen. „Nun,“ ſprach Tom,„dieſe ſind in der That gute Neuigkeiten, Jakob. Du biſt nun endlich ein Gentleman, wie Du zu ſeyn verdienſt.— Es macht mich ſehr gluͤcklich; was denkſt Du zu thun?“ „Hier iſt meine Entlaßung,“ erwiederte ich, „und mir iſt freie Ruͤckfahrt angewieſen.“ „Immer beßer!— Ich bin ſo gluͤcklich, Ja⸗ kob, ſo uͤberſchwenglich gluͤcklich!— Aber was — 195— wird aus mir werden?“ bei dieſen Worten wiſchte er ſich eine Thraͤne aus dem Auge. „Bald ſollſt Du mir folgen, Tom, wenn es durch Geld und Einfluß zu erlangen iſt.“ „Ich werde es machen, wenn Du's nicht kannſt, Jakob. Ohne Dich will ich hier nicht bleiben, das iſt feſt beſchloßen.“ „Keine Uebereilung, Tom. Ich bin gewiß, Deine Entlaßung erkaufen zu koͤnnen, und in England angekommen, will ich an nichts an⸗ deres denken, bevor das bewerkſtelligt iſt.“ „Da mußt Du ſchnell fortmachen, Jakob; denn lange vermag ich hier nicht zu bleiben.“ „Vertraue auf mich, Tom, an mir ſollſt Du ſtets den Jakob Ehrlich finden,“ ſagte ich und reichte ihm die Hand. Tom drückte ſie mir ſehr ernſt und mit naßen Augen, wendete ſich aob und ging zum Vorderſchiffe. Bald war die Neuigkeit im Schiffe verbrei⸗ tet, viele der Offiziere und der Schiffsmann⸗ ſchaft kamen mir Gluͤck zu wuͤnſchen. Was wuͤrde ich darum gegeben haben, nur eine halbe Stunde mir allein uͤberlaßen zu ſeyn— nur eine halbe Stunde, um meine aufgeregten Ge⸗ fuͤhle zu beruhigen,— um meinen Dank fuͤr ſo unerwartetes Gluͤck dem Himmel zu ſagen — 196— und dem Andenken eines ſo herzlichen Freun⸗ des den ſchuldigen Tribut zu zollen. Das iſt aber am Bord eines Schiffes faſt unmoͤglich, wenn man nicht Offizier iſt und ſeine eigene Kajuͤte bewohnt, wohin man ſich zuruͤckziehen koͤnnte; alle Aufwallungen des Her⸗ zens, moͤgen ſie aus Kummer oder Freude her⸗ ruͤhren, die ſuͤßen Thraͤnen, in der Einſam⸗ keit geweint, muͤßen vor dem Angeſichte der Menge entweihet oder ganz unterdruͤckt werden. Mir ſollte aber dieſe erſehnte Gelegenheit ge⸗ geben werden. Lieutenant Wilſon, der in Dienſt⸗ angelegenheiten entſendet war, kam zuruͤck und erſchien mir Gluͤck zu wuͤnſchen, ſobald er die Neuigkeit erfuhr; mit inſtinktartiger Wahrneh⸗ mung des Zuſtandes meiner Gefuͤhle fragte er mich, ob es mir nicht lieb waͤre, meine Briefe in ſeiner Kajuͤte zu ſchreiben, die er fuͤr ein Paar Stunden mir gern uͤberlaßen wollte. Dankbar nahm ich dies Erbieten an, und als der Captain mich rufen ließ, war mein uͤberfuͤlltes Herz erleichtert, meine uͤberreizten Gefuͤhle waren ſanfter gemildert. „Jakob Ehrlich, Ihr wißt, daß der Befehl zu Eurer Entlaßung einging,“ ſagte er recht freundlich;„Ihr werdet noch heute Nachmit⸗ — 197— kag auf die Aſtrea entlaßen werden, die nach England beordert iſt und in wenigen Tagen mit den Depeſchen abſegeln wird.— Ihr habt Euch immer gut betragen, ſo lange Ihr unter meinem Befehle ſtandet; wiewohl Ihr in Eu⸗ ren jezigen Lebensverhaͤltnißen keine gute Zeug⸗ niße beduͤrft, ſo wird es Euch dennoch eine Genugthuung ſeyn zu wißen, daß Ihr Eure Pflicht in dem Lebensſtande erfuͤllt habt, zu welchem Ihr eine Zeitlang berufen waret. Ich wuͤnſche Euch Heil!“ Wiewohl Captain Maclean bei dem, was er ſagte, unſere bisherige gegenſeitige Stellung nicht aus den Augen verlor, war ſein ganzes Weſen doch ſo wahrhaft guͤtig, und beſonders ſprach er die Worte:„ich wuͤnſche Euch Heil!“ mit ſolcher Herzlichkeit, daß ſie tiefen Eindruck auf mich machten. Ich erwiederte, daß ich die ganze, unter ſeinem Befehle verlebte Zeit mich ſehr gluͤcklich gefunden haͤtte, und ſagte ihm meinen Dank fuͤr ſeine guten Wuͤnſche; dann verbeugte ich mich und verließ die Kajuͤte. Der Captain ſchickte mich aber nicht an den Bord der Aſtrea, wiewohl er mich an die ab⸗ geben ſollte. Er ſagte dem erſten Lieutenant, es wuͤrde beßer fuͤr mich ſeyn, an's Land zu — 198— gehen und mich in angemeßener Weiſe auszu⸗ ruͤſten. Spaͤter erfuhr ich, daß er mit dem Cap⸗ tain der Aſtrea in ſehr guͤnſtiger Weiſe von mir geſprochen und anerkannt hatte, daß ich wie ein Gentleman erzogen worden und in un⸗ geſezlicher Weiſe zum Flottendienſte gepreßt ſey; die Folge davon war, daß bei meiner Ankunft am Bord der Aſtrea die Offiziere mich erſuch⸗ ten, waͤhrend der Heimfahrt an ihrem Tiſche mitzuſpeiſen.— Ich ging an's Land, machte meinen Wech⸗ ſel zu Gelde, eilte zu einem Schneider und verſchaffte mir mit ſeiner und anderer Gewerb⸗ leute Huͤlfe Alles, was zum aͤußern Erſchei⸗ nen eines Gentleman noͤthig war. Darauf kehrte ich zuruͤck an den Bord der Immortalite, um den Offizieren und ſolchen aus der Mannſchaft, mit denen ich am vertrauteſten geweſen war, mein Lebewohl zu ſagen. Mein Abſchied von Tom war hoͤchſt ſchmerz⸗ lich. Schon konnte ich gewahren, daß die we⸗ nigen Tage meiner Abweſenheit auffallende Ver⸗ aͤnderung in ſeinem Ausſehen bewirkt hatten. „Jakob,“ ſprach er,„denke Du nicht, daß ich Dich beneide; ich bin im Gegentheil ſo dankerfuͤllt, vielleicht noch dankbarer, als waͤre — 199— ſo gutes Gluͤck mir ſelber zugefallen; aber ich kann's nicht helfen, der Gedanke, hier ohne Dich zuruͤckgelaßen zu werden, bekuͤmmert mich und dieſer Kummer wird mir bleiben, bis ich wieder bei Dir bin.“ Ich erneute mein Verſprechen, ihm unver⸗ zuͤglich ſeine Entlaßung zu verſchaffen, drang ihm alles Geld auf, was ich glaubte entbehren zu koͤnnen, und verließ das Schiff ganz ſo ſchmerzlich ergriffen, als der arme Tom. Unſere Heimfahrt war ſehr raſch. Wir hat⸗ ten feſtſtehenden Nordweſt⸗Wind und flogen vor ihm hin, ſo daß wir in weniger als drei Wo⸗ chen in Spithead Anker warfen. Begluͤckt durch den Wechſel meiner Lebens⸗ verhaͤltniße und noch gluͤcklicher in Vorgenuͤſ⸗ ſen, will ich nur ſagen, daß ich nie heiterer war und mich niemals in der Gefellſchaft an⸗ genehmerer junger Maͤnner befand, als die Offiziere der Aſtrea waren, die ich nach unſerm kurzen Zuſammenſeyn unter gegenſeitigem Be⸗ dauern verließ. . Eilttes Kapitel. Ich ſtoͤre ein Ehe⸗Duet und werfe das Boot um.— Weil dieſes auf trocknem Lande geſchah, ſo er⸗ trank Niemand.— Tom verlaͤßt ein Kriegsſchiff, weil er es nicht liebt.— Ich finde, daß der Stand eines Gentleman dem eines Kahnfuͤhrers vorzuziehen iſt. 4 Nach meiner Ruͤckkehr war mein erſtes Ge⸗ ſchaͤft, den alten Tom zu beſuchen und dem die Verſicherung zu geben, daß es ſeinem Sohne wohl gehe. Gewiß wuͤrde mein Wunſch mich zuerſt zu Drummond's gefuͤhrt haben, aber ich fuͤhlte, es ſey meine Pflicht, dieſes Vergnuͤgen zu verſchieben. Spaͤt Abends traf ich im Hotel zu London ein, und fruͤh am folgenden Morgen ging ich hinab zum Treppenſtege an der Weſtminſter⸗Bruͤcke, — 261— wo mich der gewoͤhnliche Zuruf:„Boot, Sir!“ begruͤßte. Dieſer wohlbekannte Ton rief meinem Gedaͤchtniße eine ganze Reihenfolge von Erin⸗ nerungen zuruͤck, mein Leben ſchien ſich in we⸗ nigen Sekunden vor meiner Seele abzuſpie⸗ geln; ich ſezte mich in einen der Nachen und ließ mich den Strom hinabrudern. Es war ein herrlicher Morgen, nur zu die⸗ ſer fruͤhen Stunde faſt ſchon zu heiß, denn die Sonne brannte mit aller Kraft. Die Theil⸗ nahme, mit welcher ich jeglichen Gegenſtand betrachtete, dem wir vorbeifuhren, kann ich gar nicht beſchreiben; jeder Baum— jedes Ge⸗ baͤude— jede Landſpize— erſchien mir als alt befreundet, und im Glanze des Sonnen⸗ ſtrahles duͤnkte mich, daß Alle ſich uͤber mein gutes Gluͤck freueten. Ich verſank in Traͤume⸗ reien, die zu viel Entzuͤckendes fuͤr mich hat⸗ ten, als daß ich haͤtte wuͤnſchen koͤnnen, daraus erweckt zu werden, obgleich auch mitunter recht ſchmerzliche Erinnerungen ſich meiner bemaͤch⸗ tigten; dieſe waren jedoch nur leichte Wolken, die im raſchen Hinfliegen mir fuͤr einen Au⸗ genblick den Glanzhimmel meiner Gluͤckſeligkeit truͤbten. Endlich gewahrte ich des alten Tom wohl⸗ — 2⁰2— bekannte Behauſung, ſeinen großen Schild mit der Inſchrift:„Boͤte auf Beſtellung gebaut,“ und den aufgerichteten halben alten Kahn; dies erinnerte mich an den Zweck meiner Fahrt. Ich ließ mich zum Anlegeplaze rudern, bezahlte den Kahnfuͤhrer gut und ſchickte ihn fort, denn ich hatte geſehen, daß der alte Tom an ſeiner Arbeit war und einen umgekehrt liegenden Na⸗ chen umſtumpelte; ſeine Frau ſaß auf der Bank unter dem halben Boote, waͤrmte ſich in der Sonne und ſtrickte fleißig an ihrem Neze.— Beide waren ſo ganz mit ihren Arbeiten be⸗ ſchaͤftigt und ich war ſo geraͤuſchlos herange⸗ fahren, daß ſie mich gar nicht bemerkt hatten, ich ſchlich mich hinter dem Hauſe herbei, um ſie zu uͤberraſchen. Es gelang mir, bis hinter den aufgerichteten Kahn zu kommen, hier blieb ich ſtehen und hoͤrte ihr Geſpraͤch an. Der alte Tom hatte einen Augenblick ſeinen Hammer ruhen laßen und ſagte:„'s iſt meine Meinung, daß alle Naͤgel in Birmingham dieſes Boot nicht waßerdicht machen werden. Die Planken ſind ſo verfault, wie'ne Birne, und die Naͤgel fallen durchhin. Schon habe ich ein Stuͤck mehr neu hineingeſezt, als bedungen —— — 203— war, und wenn ich hier nicht noch eines ein⸗ ſeze, ſo wird's niemals ſchwimmen.“ „Nun da ſez' ein ander Stuͤck ein,“ erwie⸗ derte die Frau. „Ja, das will ich, aber ich habe ſo'n Ge⸗ danken, daß ich Geld aus meiner Taſche bei dieſem Ausbeßern verliere;— ſieben Schillinge und ſechs Pence koͤnnen die Arbeit und alle Zuthat nicht bezahlen. Inzwiſchen laß' gut ſeyn“ und Tom ſang „Iſt nicht die Meeresfluth Der freien Menſchen Gut? Das Feſtland nur Sklaven ſieht, . Zum Dienen erzogen, Aber auf den Wogen, 5 Uns Liebe und Freiheit bluͤht.“ „Nun wenn Du ſingen willſt, ſo ſing die Wahrheit, Beazeley,“ ſprach die alte Frau.— „Iſt unſer Sohn nicht zum Seedienſt gepreßt — wie kannſt Du denn von Freiheit ſprechen?“ Der alte Tom antwortete mit den Strophen ſeines Liedes: „Kein ſpaͤhend Auge bewacht, keine Zunge ſticht uns, Die Erd' iſt vergeßen, es ſcheint des Himmels Licht uns.“ — 204— „Ja, ja,“ entgegnete die alte Frau,„kein Auge wacht, gewiß genug; er mag in Krank⸗ heit oder Kummer ſchmachten— mag verwun⸗ det oder toͤdtlich erkrankt am Fieber liegen— und kein Mutter⸗Auge iſt da fuͤr ihn zu wa⸗ chen.— Was das Vergeßen der ganzen Erde anbetrifft, ſo will ich nicht glauben, daß Tom ſeine Mutter vergeßen hat.“ Der alte Tom erwiederte: „Wohl ſchwinden Zeiten dahin, Doch der treuliebende Sinn Gluͤht flammend uͤberall, glüht uͤberall.“ „Das iſt wahr, Tom, und gewiß denkt er in dieſem Augenblick an ſeinen Vater und an ſeine Mutter— und ich glaube wirklich, daß er uns noch mehr als jemals liebt.“ „Will's auch glauben,“ ſagte der alte Tom, „das heißt, wenn er nicht grade was Beßeres zu thun hat, aber's gibt'ne Zeit fuͤr alles Ding, und wenn ein Mann ſeinen Dienſt als Seefahrer verrichtet, darf er ſeinen Gedanken nicht erlauben, weit umherzuwandern. Fuͤrchte Du nichts, alte Frau, er wird zuruͤckkommen. — 205— „Hoch oben thront ein ſchoͤner kleiner Cherub, Der ſorgend wacht fuͤr armen Theer⸗jacks Leben.“ „Gott mag's geben! Gott mag barmherzig ſeyn;“ erwiederte die alte Frau, trocknete ihre Augen mit der Schuͤrze und nahm ihr Nez⸗ machen wieder vor. Bald darauf fuhr ſie fort: „Nach ſeinen Briefen ſcheint ſein Herz an dem Maͤdchen der Marie Stapleton zu haͤngen, und zuweilen duͤnkt mich auch, daß ſie viele Liebe fuͤr ihn hat, aber ſie bleibt niemals lange die Naͤmliche. Es gefiel mir nicht, daß ich ſie mit den Soldaten liebaͤugeln und herumſcherzen ſah, waͤhrend Tom in ſeinen Briefen ſagt, daß ſie ihm ſchreibe, ſie haͤnge an keinem Andern, als an ihm.“ „Weiber— ſind Weiber! das iſt mal ganz gewiß,“ erwiederte der alte Tom, gruͤbelte eine Zeitlang und gab dann den Beweis davon, daß ſeine Gedanken ſich mit dem Sohne be⸗ ſchaͤftigt haͤtten, indem er ſang: „Mari', wenn Meeres unermeß'ne Fluth Uns trennen wird und das vielleicht auf immer; Denk nicht, ſie loͤſche meiner Liebe Gluth Noch daß mein Herz dadurch erkalte— nimmer! — 206— Und ſtreif ich dann umher in fernen Zonen„ Gebroch'nen Herzens, freundlos und verloren—“ „Um Gottes Willen, ſag' das nicht Tom, — ſag' das nicht,“ unterbrach ihn die alte Frau. 3 Tom fuhr fort: „Seufz' nach der Heimath ich, wo Freuden wohnen, Seufz' ich nach Dir, die ich mir auserkoren!“ „Ja, das thut er, der arme Junge, das will ich verſichern. Was wollte ich darum ge⸗ ben, ſein liebes, laͤchelndes Geſicht nur zu ſe⸗ hen;“ ſagte die Frau. „Ich wuͤrde auch nicht wenig darum geben, Frau. Aber es bleibt allemal Pflicht fuͤr einen Mann, ſeinem Vaterlande zu dienen, und Tom mußte das thun, wie ſein Vater es vor ihm gethan hat. Herzlich will ich mich freuen, ihn wieder zu ſehen, aber es betruͤbt mich nicht, daß er fort iſt. Unſere Flotte muß be⸗ mannt werden, alte Frau, und wenn ſie dazu Leute mit Gewalt wegnehmen, ſo geſchieht das nur, weil Niemand freiwillig kommen will, das iſt's Ganze, Sind ſie einmal am Bord, — 207— dann trauern ſie gar nicht mehr.— Ihr Wei⸗ ber habt's Preßen eben ſo noͤthig, als die Maͤn⸗ ner, und's iſt Alles ſo ziemlich einerlei.“ „Wie ſollte das ſeyn, Tom?“ „Nun, wenn wir werben und Euch um die Heirath anſprechen, ſtellt Ihr Euch da nicht immer ſproͤde, und ſagt, nein? Ihr wollt gern gekuͤßt ſeyn, aber man muß Euch Gewalt an⸗ thun. Grade ſo iſt's mit dem Bemannen eines Kriegsſchiffes, die Leute ſagen alle nein; ſind ſie aber erſt einmal am Bord, dann lieben ſie den Flottendienſt, aber ſiehſt Du wohl, ſie wollen gepreßt ſeyn, ganz ſo, wie ihr Frauens⸗ leute. Schreibt uns Tom etwa nicht, daß er ganz gluͤcklich iſt, und daß es ihm ganz einer⸗ lei iſt, wo er ſich befindet, ſo lange er nur mit Jakob zuſammen bleibt?“ „Ja, das iſt wahr; aber nun heißt's, daß Jakob entlaßen werden und zuruͤckkommen ſoll, weil er reich iſt— was wird Tom alsdann ſagen?“ „Das iſt allerdings das Schlimmſte dabei. Ich glaube, Jakobs Herz ſizt auf dem rechten Flecke, und doch Reichthuͤmer verſchlechtern die Menſchen; indeß werden wir ſehen. Wenn Ja⸗ kob ſich nicht„echt blau“ erweiſet, ſo will — 208— ich keiner Seele wieder trauen;— aber Wech⸗ ſelfaͤlle gibt's in dieſer Welt, das iſt nur zu wahr. „„Fortuna ſpendet Gaben nach Gefallen, Ertheilt des Lebens auf und nieder, Allen; Doch zuͤrnt ſie heute, moͤgen wir nicht hoffen, Sie zeige morgen uns den Himmel offen?“ „Ich wuͤnſchte nur, daß Jakob hier waͤre; — weiter nichts.“ „Dann iſt Euer Wunſch erfuͤllt, mein guter alter Freund,“ rief ich aus, lief zu ihm hin und erfaßte ſeine Hand; der alte Mann war aber dermaßen uͤberraſcht, daß er zuruͤckſchreck⸗ te, ſein Gleichgewicht verlor, und mich mit hinab auf den Boden zog, ſo daß wir Beide auf dem Raſen rollten.— Dieſer Unfall war aber nicht der einzige, denn die alte Frau Bea⸗ zelay wurde ſo ſehr erſchreckt, daß ſie von der Bank im alten Boote aufſprang und dann ruͤckwaͤrts gegen daßelbe ſiel. Doch dieſes war ſchon vermorſcht, als es aufgeſtellt war, und hatte hier ſo manches Jahr die Einwirkung der Elemente verſpuͤrt, daß es einem ſolchen Drucke nicht wiederſtehen konnte. Es wich und — 209.— fiel mit der alten Frau zur Erde, die laut aufſchrie und zwiſchen den zerbrochenen Plan⸗ ken ſich loswinden wollte. Ich war zuerſt wie⸗ der auf den Beinen und eilte ihr zu Huͤlfe, denn der Staub des vermorſchten Holzes und des vertrockneten Pechs hatte ſie zur Haͤlfte erſtickt; auch der alte Tom ſtumpelte zum Beiſtande heran, und ſo brachten wir die alte Frau wie⸗ der zum Stehen.. „O Du mein Himmel!“ rief ſie aus,„ich glaube, meine Huͤfte iſt verrenkt.— Mein Gott, Herr Jakob, wie Sie mich erſchreckt haben!“ „Ja,“ fiel der alte Tom ein, der mir herz⸗ lich die Hand druͤckte,„Alle ſind wir hinten⸗ uͤber gegangen, ſogar auch der alte Kahn. Was fuͤr'n Wurf! haſt uns alle niedergekugelt als waͤren wir Kegel! Hoͤr! mein Junge! ich bin froh, Dich wieder zu ſehen, und troz Dei⸗ nes Umhanges da biſt Du immer noch unſer Jakob Ehrlich!“ „Das hoffe ich,“ gab ich zur Antwort, dann gingen wir in das Haus, wo ich ihnen Alles erzaͤhlte, was vorgefallen war, und ihnen an⸗ kuͤndete, was ich thun wolle, um Tom's Ent⸗ laßung zu erhalten. III. 14 — 210— Darauf verließ ich ſie, mit dem Verſprechen, bald wieder zu kommen; ein Nachen ruderte eben den Strom hinauf, dieſen rief ich an und machte mich auf den Weg zu meinem alten Freunde den Domine, deßen Wohlergehen, ſo wie das von Stapleton und Marie mir bereits kund geworden war. Als ich aber unter der Nutney⸗ Bruͤcke durch⸗ fuhr, dachte ich, es moͤge eben ſo gut ſeyn, jezt gleich bei Stapleton anzufahren, ich ließ ankegen und eilte zu Stapleton's Wohnung. Die Treppe hinauf gekommen, fand ich Marie in lebhafter Unterhaltung mit einem ſehr wohlausſehenden jungen Manne, der eine Sergeanten-Uniform des 93. Regiments trug. Marie, noch reizender geworden, ſeitdem ich ſie nicht geſehen hatte, ſchreckte auf, ſchien mich anfangs nicht wieder zu erkennen, erroͤthete aber dann ſehr ſtark, als ſie mich mit einem Zwange in ihrem Weſen bewillkommte, den ich zuvor nie an ihr gekannt hatte. Der Sergeant ſchien Luſt zu haben, dort zu bleiben, als ich aber ihre Hand erfaßte und ihr ſagte, daß ich Auftraͤge von einer Perſon an ſie uͤberbringe, welche ſie, wie ich hoffe, — 211— nicht vergeßen haben wuͤrde, nickte er ihr mit dem Kopfe zu und ging die Treppe hinab. Vielleicht lag in meinen Geſichtszuͤgen ſtren⸗ ger Ernſt, als ich zu ihr ſagte:„ich weiß wirklich nicht, Marie, ob ich nach dem, was ich hier anſehen mußte, meinen Auftrag aus⸗ richten darf; das Vergnuͤgen, welches ich mir von unſerm Wiederſehen verſprach, iſt durch dieſen Anblick zerſtoͤrt worden. Wie ſchmaͤhlig iſt es, mit den Gefuͤhlen eines Mannes ſolches Spiel zu treiben— ihm in Briefen die Ver⸗ ſicherung fortdauernder Liebe und Beſtaͤndigkeit zu geben, und zu gleicher Zeit Andere anzu⸗ locken.“ 4 Marie ſenkte ihren Kopf und ſagte nach ei⸗ ner Weile:„wenn ich uUnrecht gehandelt ha⸗ be, Herr Ehrlich, ſo that ich Tom doch kein Unrecht; was ich ihm ſchrieb, war der Aus⸗ druck meiner Gefuͤhle fuͤr ihn.“ „Wenn das der Fall iſt, weshalb denn ei⸗ nen Andern mißhandeln? weshalb einen jun⸗ gen Mann anlocken, nur um ihn ungluͤcklich zu machen?“ „Ich habe ihm nichts zugeſagt; weshalb kehrt Tom aber nicht zuruͤck zu mir? Ich kann hier nicht allein verſauern; niemand leiſtet mir Ge⸗ ſellſchaft; mein Vater iſt beſtaͤndig im Bier⸗ hauſe, und irgend jemand muß ich haben, mit dem ich ſprechen kann. Zudem iſt Tom abwe⸗ ſend und mag noch lange wegbleiben, Entfer⸗ nung aber tilgt die Liebe bei Maͤnnern aus, wiewohl das bei Frauen nicht der Fall iſt.“ „Alſo ſcheint es, Marie, Du moͤgteſt zwei Sennen auf Deinen Bogen ſpannen, um gegen Unfall geſichert zu ſeyn.“ „Braͤche die erſte Senne, ſo wuͤrde die zweite ſehr annehmbar ſeyn,“ erwiederte Marie und fuhr dann mit geſteigerter Empfindlichkeit fort: „aber immer geht mir's ſo, ich kann mich in keinem unangemeßenen Zuſtande befinden. So oft ich etwas thun moͤgte, was dem Anſcheine nach unrichtig waͤre, ſo gewiß werden Sie erſcheinen, wo man Sie am wenigſten erwar⸗ tete und am mindeſten zu ſehen wuͤnſchte— als waͤren Sie dazu geboren, mein Anklaͤger zu ſeyn.“ 8 „Klagt Dein eigenes Gewißen Dich nicht an, Marie?“ „Herr Ehrlich,“ ſagte ſie recht heftig,„Sie ſind mein Beichtvater nicht;— aber thun Sie, was Ihnen gefaͤllt— ſchreiben Sie an Tom, ſagen Sie ihm Alles, was Sie geſehen habeu, — 113— und Alles, was Sie davon denken moͤgen— machen Sie ihn und machen Sie mich elend und ungluͤcklich— thun Sie das, ich bitte Sie.— Es wird eine recht freundliche Hand⸗ lung ſeyn; und da Sie jezt ein vornehmer Mann ſind, muß es Ihnen leicht werden, Tom einzureden, daß ich eine Nichtsnuͤzige— eine Treuloſe bin.“ Marie legte ihre Haͤnde auf den Tiſch und verſenkte ihr Antliz darin. „Ich kam nicht hier, um Tadler zu ſeyn. Marie; ganz ausgemacht beſizeſt Du Freiheit zu handeln, wie es Dir gefaͤllt, ohne daß ich ein Recht haben koͤnnte einzureden; weil Tom aber mein erſter und mein beſter Freund iſt, ſo werde ich ſorglich fuͤr ſeine Wohlfahrt und ſeine Gluͤckſeligkeit wachen. Wir haben ſo lange mit einander gelebt und ich kenne ſeine Ge⸗ fuͤhle ſo durchaus, daß ich im vollen Ernſte glauben muß, er haͤngt mit der aufrichtigſten Liebe und Herzlichkeit an Dir, die ein junger Mann nur empfinden kann; hinzuſezen will ich noch, daß, wenn es jemals einen jungen Mann gab, der Erwiederung ſeiner Liebe ver⸗ diente, Tom das vor Allen thut. Als ich ihn verließ, was noch keinen Monat her iſt, trug — 714— er mir auf, Dich, ſobald ich nur koͤnnte, zu beſuchen und Dir die Verſicherung ſeiner unver⸗ aͤnderlichen Liebe zu geben; jezt bin ich im Begriffe, ſeine Entlaßung zu bewirken, damit er zuruͤckkehren moͤge. Alle ſeine Gedanken ſind auf Heimkehr gerichtet und mit der groͤßten Ungeduld erwartet er die Ankunft ſeiner Ent⸗ laßung, um wieder in Deiner Geſellſchaft ſeyn zu koͤnnen; Du vermagſt jezt am Beſten zu beurtheilen, ob ſeine Ruͤckkunft eine Quelle der Gluͤckſeligkeit fuͤr ihn ſeyn wird, oder nicht.“ Marie hob ihr Geſicht empor— ihre Au⸗ gen ſchwammen in Thraͤnen. „Alſo wird er bald heimkehren, ich werde ihn wiederſehen. Gewiß ſoll ſeine Heimkunft keine Quelle des Ungluͤcks ſeyn, wenn ich ihn gluͤcklich machen kann— ganz gewiß nicht, Herr Ehrlich;— aber ich bitte Sie, ſagen Sie ihm nichts von meinem albernen Betra⸗ gen— ich bitte, thun Sie's nicht— weshalb ihn ungluͤcklich machen,— ich flehe Sie an, thun Sie das nicht;— es ſoll nicht ferner ge⸗ ſchehen.— Verſprich mir, Jakob, willſt Du?“ ſagte ſie, erfaßte mich am Arme und blickte mir flehend in's Geſicht. „Marie,“ erwiederte ich,„niemals will ich 9— 115— Friedeſtoͤrer ſeyn, vergiß aber gar nicht, daß ich die allergenaueſte Erfuͤllung Deines Ver⸗ ſprechens fordere.“ „O, gewiß will ich mein Verſprechen hal⸗ ten, nun ich weiß, daß er bald zuruͤckkommt. Ich kann es,— ich glaube es zu koͤnnen— gewiß kann ich einen Monat oder zwei zubrin⸗ gen ohne Liebeleien. Aber ich wuͤnſchte, ich wuͤrde nicht ſo viel allein gelaßen. Ich wuͤnſch⸗ te, daß Tom zu Hauſe waͤre, um mich zu be⸗ achten, denn außer ihm gibt's keinen Andern. — Ich vermag nicht, mich ſelber zu huͤten.“ Mariens Antliz ſagte mir, ſie ſpreche in vollem Ernſte, deshalb verſoͤhnte ich mich mit ihr und wir verplauderten zwei volle Stunden; Tom war mehrentheils der Gegenſtand unſerer Unterhaltung. Als ich ſie verließ, war ſie ganz wieder zu ſich gekommen; in ihrer gewohnten leichten Weiſe ſagte ſie bei'm Abſchiede mit ſchelmiſchen Blicken:„Jezt wirſt Du ſehen, wie weiſe und wie klug ich mich benehmen will.“ Ich ſchuͤttelte den Kopf und ſuchte Staple⸗ ton auf, den ich nach gewohnter Weiſe vor der Thuͤr des Gaſthauſes fand, wo er ſeine Pfeife rauchte. Anfangs erkannte er mich nicht, denn als ich ihn anredete, legte er die hohle — 116—* Hand an ſein Ohr und bat mich, ein wenig lauter zu ſprechen; doch ich antwortete: „Unſinn, Stapleton, das iſt bei mir nicht angebracht.“ Nun nahm er die Pfeiſe aus dem Munde und ſchaute mir recht in's Angeſicht. „Jaͤkob, ſo wahr ich lebe!— Kannte Dich nicht in den langen Kleidern— glaubte, es ſey'n Gentleman, der'n Boot haben wolle. Nun, ich darf nicht erſt ſagen, wie froh ich bin, Dich nach ſo langer Zeit wieder zu ſehenz das iſt nicht mehr, als Menſchennatur. Und wie geht's Tom?— Haſt Du Marie geſe⸗ hen?“ Dieſe beiden Fragen machten mir es leicht, den gewuͤnſchten Gegenſtand zu beruͤhren. Ich ſprach mit ihm von der Liebe und den ausge⸗ tauſchten Treueverſprechungen dieſer Beiden, und wie ſehr unrecht er handle, ſie ſo viel allein zu laßen. Der alte Mann geſtand das ein und ſagte, was das Sprechen zu den Naͤnnern anbetreffe, ſo ſey das bei Marie nichts anders, als„Men⸗ ſchennatur,“ und wenn Tom ſich daheim wuͤn⸗ ſche, um ſie wieder zu ſehen, ſo ſey das auch nichts anders, als„Menſchennatur“— inzwi⸗ X— 217— ſchen wolle er von jezt an ſeine Pfeife mehr zu Hauſe rauchen und die Soldaten daraus entfernt halten. Zufrieden mit dieſem Verſprechen verließ ich ihn, nahm einen andern Nachen und fuhr nach Brentford hinauf, um den Domine zu ſehen. Bwälftes Kapitel Saͤmmtliche kleine Knaben werden losgelaßen.— und der Domine geraͤth feſt.— In ſeinem Eifer, mir etwas zwiſchen die Zaͤhne zu ſchaffen, geraͤth er zwiſchen andere Zaͤhne und die Matrone zeigt ebenfalls ihre Zaͤhne.— Genever aus— Gene⸗ ver ein— und Genever wiederum aus— und die alte Frau ebenfalls aus— der Domine noch⸗ mals in.— Es gleicht mehr einem Whig⸗Mi⸗ niſterium, als einem Romane. Den wuͤrdigen alten Domine fand ich im Schulzimmer, vor ſeinem erhoͤheten Pulte ſizend; der Unterlehrer war nicht zugegen und die Jungen machten Geraͤuſch genug, um ei⸗ 3 nen Menſchen aus dem erſten Schlafe zu er⸗ wecken. Augenſcheinlich befand er ſich in eine —— — 219— ſeiner Traͤumereien verloren und die Knaben hatten das benuzt. „Herr Dobbs,“ ſagte ich, bis zu ſeinem Pulte herantretend; er aber antwortete nicht; umſonſt wiederholte ich noch einmal ſeinen Namen mit lauter Stimme. 8 »Cosinus X † a, b— s— ½ muß das Ergebniß ſeyn,“ redete der Domine zu ſich ſel⸗ ber.—„Und doch zeigt ſich das nicht richtig; ich mag im Irthume ſeyn; ſehen wir die Ar⸗ beit wieder durch;“ er hob die Klappe ſeines Pultes in die Hoͤhe, um ein anderes Stuͤck Papier herauszunehmen; ich nahm ihm ſeine Arbeit von der aufgehobenen Platte fort und verbarg ſie hinter mir. „Was iſt hier vorgegangen?“ rief der Do⸗ mine aus und ſpaͤhete umher nach ſeiner vor⸗ angegangenen Berechnung.„Der Wind muß ſie fortgeweht haben;“ nun ſchaute er ſo lange rings um ſich her, bis ſeine Augen auf mich trafen, der ihn anlachte. »Eheu! was erblicken meine Augen!— Es iſt— und doch iſt er's nicht— ja, wahrhaf⸗ tig es iſt mein Sohn Jakob. Willkommen, doͤchlich willkommen,“ rief der alte Mann, kam vom erhoͤheten Pulte herab und ſchloß mich in — 220— ſeine Arme.—„Lange iſt es, ſeitdem ich Dich zulezt ſah, mein Sohn; Interea magnum sol circum volvitur annum. Lange, ja recht lange habe ich mich nach Deiner Ruͤckkehr geſehnt, beſorgt, daß nudas in ignota arena, Du ver⸗ ſchlagen ſeyn moͤgteſt, wie ein anderer Pali⸗ nurus. Du biſt heimgekehrt und Alles iſt gutz wie der Vater in der Schrift ſagt: ich habe meinen Sohn funden, den ich verloren hatte, aber Du biſt nicht jener verlorene Sohn, wie⸗ wohl ich die Anfuͤhrung als paßend gebrauche. Jezt iſt alles gut, Du biſt den Gefahren der Schlacht, des Feuers und des Schiffbruches entronnen und magſt Dein naßes Gewand nun als ein Weiheopfer aufhaͤngen, wie Horaz das anfuͤhrt:»Uvida suspendisse potenti vesti- menta maris Deo.« Waͤhrend dieſer Anrede des Domine hatten die Schulknaben, eingedenk, daß er nicht laͤn⸗ ger in ſeine Algebra vertieft ſey, ſich wieder hinter ihren Pulten geordnet, und erinnerten mich durch ihre anſcheinende Aufmerkſamkeit auf ihre Lektionen an das Summen der Bie⸗ nen, welches dem Ausfliegen eines Schwarmes zur Sommerzeit vorangeht. „Knaben,“ rief der Domine,„nunc est — 221— ludendum; wahrlich, Ihr ſollt einen Feiertag haben; legt Eure Vücher weg und Fiehet in Frieden.“ Raſch wurden in Folge dieſes Befehles die Buͤcher weggelegt; aber nicht ſo ſtrenge ward das Ziehen im Frieden befolgt; ſie ließen lau⸗ tes Jubelgeſchrei ertoͤnen und in wenigen Se⸗ kunden waren der Domine und ich allein im Schulzimmer. „Komm', Jakob, laß uns zu meinem Sane- tum gehen, dort koͤnnen wir ungeſtoͤrt ſprechen. Du ſollſt mir Deine Abentheuer erzaͤhlen und ich will Dir mittheilen, was mir von denen bekannt geworden iſt, die Du kennſt.“ „Zuerſt bitte ich, mir etwas zu eßen zu ge⸗ ben, denn ich bin recht hungrig,“ unterbrach ich ihn, als wir durch die Kuͤche gingen. „Gewiß ſollſt Du haben Alles, was wir be⸗ ſizen, Jakob; aber jezt faͤllt mir ein, das wird nicht viel ſeyn, maßen unſere wuͤrdige Matrone und ich den Knochen einer Hammelſchulter ab⸗ ſchaͤlten, indem heute der vierte Tag war, an welchem ſie uns zur Malzeit diente.— Sie iſt ausgegangen, doch will ich wagen, fuͤr Dich in die Geheimniße ihres Speiſeſchrankes zu — 222— dringen.— Moͤglicherweiſe mag ſie zuͤrnen, doch will ich ihr Mißfallen auf mich nehmen.“ Bei dieſen Worten oͤffnete der Domine den Speiſeſchrank und reichte mir eine Schuͤßel nach der andern ſammt dem, was ſich darauf be⸗ fand.. „Hier, Jakob, ſind zwei harte Kloͤße von geſtern.— Kannſt Du kalte, harte Kloͤße ge⸗ nießen?— aber, halt, hier iſt etwas Schmack⸗ hafteres— die Haͤlfte eines kalten Kohlkopfes der heute uͤbrig blieb. Wir wollen weiter zu⸗ ſehen.— Hier iſt Fleiſch— ja, es iſt Fleiſch; — aber jezt gewahre ich, es iſt ein Stuͤck Ab⸗ fall, aufbewahrt zum morgenden Mittagfutter der Kaze. Ich beſorge, das duͤrfen wir nicht angreifen, denn die Dame moͤgte ſchmollen.“ „Bitte, ſezen Sie es zuruͤck; ich moͤgte auf keinen Fall mit Puß in Beruͤhrung kommen.“ „Weiter ſehe ich aber nichts, Jakob, es ſey denn, daß auf dem obern Borte noch Lebens⸗ mittel ſich faͤnden.— Hier iſt Brod— der Stab des Lebens und auch noch ein Ueberreſt von Kaͤſe; und nun, duͤnkt mich, gewahre ich noch etwas Dunkles dort hinten auf dem Bort.“ Der Domine ſtreckte ſeine Hand danach aus, zog ſie augenblicklich zuruͤck und ſprang mit — 223— lautem Schrei von ſeinem Stuhle auf. Er hatte ſeine Finger in eine Rattenfalle geſteckt, welche die alte Dame dieſen zudringlichen Gaͤſten dort aufgeſtellt hatte; ſeinen Arm ſtreckte er aus und ſtampfte mit den Fuͤßen, waͤhrend der Schmerz ihm den Schrei auspreßte. Ich eilte herbei, druͤckte die Feder nieder und erloͤſete ſeine Fin⸗ ger aus den Fallenzaͤhnen, die jedoch dieſe blu⸗ tig verwundet und gequetſcht hatten; zum Gluͤck war dieſes Hausgeraͤth eben ſo alt, als alles Uebrige ihres Gebrauches, ſo daß er nicht ſtark verlezt war. Der Domine ſteckte ſeine Finger in ſeinen geraͤumigen Mund und hielt ſie ſchwei⸗ gend eine Zeitlang feſt. Eben begann er einige Erleichterung zu fuͤhlen, als die Matrone ein⸗ trat. Keifend ſagte die:„nun, was iſt hier los? Jakob hier, und mein ganzer Speiſeſchrank auf dem Tiſche?— Wie durfteſt Du wagen, an meinen Speiſeſchrank zu gehen, Jakob?“ „Der Domine war es, Frau Bately, der darin etwas zu eßen fuͤr mich ſuchte, und er iſt in die Rattenfalle gerathen.“ „Geſchieht ihm recht; ich habe ihm den Spei⸗ ſeſchrank unterſagt; habe ich nicht, Herr Dobbs?“ „Ja und allerdings,“ ſprach der Domine, — 224— „und ich bereue, daß ich Deinem Rathe nicht folgte, denn ſieh' nur meine Finger an;“ er ſtreckte ihr die verwundeten Finger entgegen. „Guter Gott! ich habe keinen Gedanken da⸗ von gehabt, daß eine Rattenfalle ſo hart quetſchte,“ erwiederte die alte Frau, deren Zorn beſaͤnftigt war.„Wie das die armen Thiere verlezen muß— ich will ſie nicht wieder auf⸗ ſtellen, ſondern ſie alle der Kaze uͤberlaßen; die wird ſie toͤdten, wenn ſie nur dazu gelan⸗ gen kann.“ Die alte Frau ging zu einem Auszuge, ſchloß den auf und zog einige Ueberbleibſel von alter Leinewand hervor, zugleich auch eine Flaſche Kartheuſer⸗Balſam, mit welchem ſie des Do⸗ mine Hand benezte, ihm dieſe verband und fortwaͤhrend dabei ſchmaͤlte. „Wie einfaͤltig von Ihnen, Herr Dobbs; Sie wußten, ich war nur fuͤr ein Paar Mi⸗ nuten abweſend. Weshalb warteten Sie nicht — und warum gingen Sie zu meinem Spei⸗ ſeſchranke?— Habe ich Ihnen nicht ſtets ge⸗ ſagt, Sie duͤrften gar nicht hineinblicken?— Jezt ſehen Sie die Folge davon.“ „Gewißlich, meine Hand brennt,“ erwiederte der Domine. — 225— „Ich will kaltes Waßer holen, das wird Ihnen Linderung geben.— Wie viele Muͤhe machen Sie mir doch, Herr Dobbs; Sie ſind ſchlimmer, als ein Armenſchuͤler;“ damit ging die Alte zur Waßerpumpe. „Eßig iſt noch beßer,“ ſagte ich,„dort ſteht eine Flaſche im Schranke, die wahrſcheinlich Eßig enthaͤlt.“ „Ich ging zum Speiſeſchranke, nahm die Flaſche heraus, zog den Kork ab und roch daran:„dies iſt kein Eßig, ſondern Hollaͤndi⸗ ſcher Genever.“. „Davon moͤgte ich ein Glas trinken, Jakob, denn ich fuͤhle mich von krankhafter Schwaͤche befallen, aber ſey ſchnell, denn es koͤnnte ge⸗ ſchehen, daß die alte Frau zuruͤckkaͤme.“ „Trinken Sie aus der Flaſche,“ ſagte ich, weil ich bemerkte, daß der Domine ganz bleich wurde;„ich will Ihnen fruͤhe genug ſagen, wenn ſie ſich naht.“ Der Domine ſezte die Flaſche an den Mund und that einen hinreichenden Zug daraus, als die Matrone durch eine andere hinter uns be⸗ findliche Thuͤre hereinkam; ſie hatte den Weg genommen, um ein Waſchbecken mitzubringen. Bevor wir ſie gewahrten, ſtand ſie ſchon hin⸗ III. 15 8 — 226— ter dem Domine, riß ihm die Flaſche vom Munde mit einem Stoße weg, der einen Theil des Getraͤnkes ihm in die Augen ſprizte und ihn erblindete. 3 „Deshalb alſo ſind Sie zu meinem Speiſe⸗ ſchranke gegangen— o! iſt's darum, Herr Dobbs?“ rief ſie in hoͤchſtem Zorne.—„Alſo das iſt's. Mich duͤnkte auch, daß meine Flaſche zu ſchnell leer wuͤrde; da ich doch nur einen Theeloͤffel voll Abends daraus nehme gegen das Aufblaſen, das mich ſo viel quaͤlt.— Ich werde die Rattenfalle wieder aufſtellen, verlaſ⸗ ſen Sie ſich darauf; und jezt moͤgen Sie ſich ſonſt jemanden ſchaffen, der Ihre Finger ver⸗ bindet.“ „Ich war es, der die Flaſche herausnahm, Frau Bately, der Schmerz wuͤrde den Domine ohnmaͤchtig gemacht haben. Er iſt recht gluͤck⸗ lich, daß er eine Haushaͤlterin hat, die dafuͤr ſorgt, etwas Staͤrkendes im Hauſe zu haben; ſonſt haͤtte er ſterben koͤnnen. Gewiß mißgoͤn⸗ nen Sie ihm nicht ein weniges von Ihrer Arze⸗ nei, um ihn herzuſtellen.“ „Ruhe, Frau, Ruhe,“ ſprach der Domine, dem der Trunk Muth eingefloͤßt hatte;„Ruhe, ſage ich; ich wußte ſo wenig, daß Du in Dei⸗ — 227.— nem Schranke eine Falle fuͤr meine Finger, noch den Genever fuͤr meinen Mund hatteſt; in Zukunft will ich ſo wenig mit der einen, als mit dem andern zu thun haben. Reich' mir das Waßer, damit ich die Schmerzen meiner Wunde ſtille, dann eile etwas zum Eßen zu⸗ zubereiten, um den Hunger meines Sohnes Ja⸗ kob zu ſtillen; und zulezt ſtille Deinen eigenen Zorn. Pax, Friede, ſage ich.“ Die Matrone gewahrte, daß der Domine ſein Recht der Herrſchaft wieder annahm, ge⸗ horchte ſeinen Weiſungen zwar, aber murrte, ſo lange wir ſie hoͤren konnten. Das kalte Waſ⸗ ſer linderte bald des Domine ſtechende Schmer⸗ zen, er hielt ſeine Hand im Becken und wir begannen ein ausfuͤhrliches Geſpraͤch. Zuerſt erzaͤhlte ich die Abentheuer waͤhrend meiner Dienſtzeit am Bord der Fregatte. Als ich ihm meinen Abſchied von Tom geſchildert, ſagte er: „Gewißlich erinnere ich mich dieſes jungen Toms, er war ein ſcherzhafter, heiterer, aber doch vorlauter Burſche. Bei alle dem wünſche ich ihm Gutes, und es betruͤbt mich ſehr, daß er von dem Maͤdchen, der Marie, ſo beſtrickt iſt. Wohl moͤgen wir von ihr ſagen, was Ho⸗ — 228— raz von der Pyrrha ſpricht:»Quis multa gracilis te puer in rosa, perfusis liquidis urget odoribus, grate Pyrrha sub antro. Cui flavam religas comam, simplex munditiis.«— Es bekuͤmmert mich, ja es bekuͤmmert mich recht ſchmerzlich.— Heu quoties fidem, mu- tatosque Deos flebit.— Wahrlich, Jakob, ich prophezeie ihm, ſie wird ihn zu Irthuͤmern verleiten, ihn vielleicht in's Verderben ſtuͤrzen.“ „Ich hoffe vertrauensvoll, das wird nicht ge⸗ ſchehen,“ antwortete ich, doch der Domine gab keine Erwiederung. In tiefes und ſehr ernſtliches Nachdenken ver⸗ ſenkt, ſaß er laͤnger als eine halbe Stunde, waͤhrend welcher die Matrone eintrat, den Tiſch deckte und mir eine Schuͤßel gebratener Speck⸗ ſchnitte mit Eyern brachte, die ich mir vortrefflich ſchmecken ließ. Fezt war der alten Frau Gemuͤthszuſtand wieder beſaͤnftigt, ſie hieß mich freundlich will⸗ kommen und ging bald darauf, um ein Bek⸗ ken voll friſchen Waßers fuͤr des Domine Hand zu holen. Dieſes erweckte ihn aus ſeinem Nach⸗ denken und er begann unſer Geſpraͤch wieder. „Jakob, ich habe Dir zu Deinem erlangten Reichthume noch nicht Gluͤck gewuͤnſcht; nicht — 2²0— etwa, als freute ich mich nicht aufrichtig dar⸗ uͤber, ſondern nur weil die Freude uͤber Deine Gegenwart mich nicht daran denken ließ. In⸗ zwiſchen bleibt es immer ein Gluͤck fuͤr Dich, daß Du Dir einen Freund erworben hatteſt, wie Herr Turnbull das war, denn was wuͤrde ſonſt der Erfolg Deiner ſo hochgeprieſenen Un⸗ abhaͤngigkeit geweſen ſeyn? Wahrſcheinlich haͤt⸗ teſt Du manches Jahr am Bord des Kriegs⸗ ſchiffes fortdienen muͤßen, waͤreſt getoͤdtet, oder aber verſtuͤmmelt zuruͤckgekehrt, um ungekannt zu ſterben.“ „Sie urtheilten vollkommen richtig,“ erwie⸗ derte ich;„meine Unabhaͤngigkeit war nichts anders als Stolz; und ganz wie Sie mir's vorherſagten, habe ich bitterſte Reue daruͤber empfunden, als ich auf des Koͤnigs Flotte ge⸗ preßt wurde;— auf der andern Seite aber wiederholte mir Herr Orummond ſein fruͤheres Anerbieten niemals.“ „Das that er nicht, Jakob; aber er ſelber hat mir ſpaͤter geſagt, daß, wiewohl es ihm ein ganz unerwarteter Schlag geweſen ſey, als Du mit Gewalt zum Fhbottendienſte fortgefuͤhrt wurdeſt, er doch damals keinesweges ſich ver⸗ ſichert gehalten habe, daß Du ein erneutes — 230— Erbieten annehmen wollteſt; auch wuͤnſchte er, daß Du die ganze Groͤße Deiner Thorheit ein⸗ ſehen und fuͤhlen moͤgteſt. Lange Zeit, bevor Du Dich mit ihm ausooͤhnteſt, kannte er das Teſtament Turnbull's und hatte daßelbe auf deßen Begehr als Zeuge beglaubigt. Doch ſtets wachte er uͤber Dich, und haͤtte er Urſache ge⸗ habt zu vermuthen, daß Dein Lebenswandel Dich auf die Bahn des unrechts fuͤhre, ſo wuͤrde er ſich Deiner angenommen haben, um Dich zu retten— ſo aber dachte er mit Shaks⸗ peare:„daß die Zucht der Widerwaͤrtigkeit ſuͤß ſey,“ und daß Du gruͤndlicher belehrt werden wuͤrdeſt, wenn Du eine hinreichende Zeit un⸗ ter ihrem unfreundlichen Walten zubraͤchteſt.— Er iſt immer Dein Freund geweſen.“ „Dies kann ich von ihm glauben; ich hoffe, daß er und ſeine Familie ſich wohl befinden.“ „Bis vor ganz kurger Zeit waren ſie wohl und geſund, Jakob; doch ſeit Turnbull's Tode habe ich nur wenig von ihnen geſehen.— Tief wird es Dich bekuͤmmern zu hoͤren, daß Turn⸗ bull's Aufloͤſung durch ſeine Betruͤbniß uͤber Deine Entfernung beſchleunigt wurde. Ich war an ſeinem Sterbebette, Jakob; und ich glaube wahrhaftiglich, er war ein guter Menſch und — 231— wird als ſolcher ſeine Belohnung empfangen; gleichwohl ſprach er hoͤchſt ſonderbarlich und erinnerte mich an jenes Bruchſtuͤck von einem Manne, den Du den alten Tom nennſt.„S'hilft zu nichts, alter Herr,“ ſagte er, als er auf ſeinem Bette, durch Polſter geſtuͤzt, lag— denn er war durch lange Krankheit faſt zum Gerippe geſchwunden und ein Blutgefaͤß war ihm vom hartnaͤckigen, heftigen Huſten zer⸗ ſprungen—„s'hilft zu nichts, den Doktor⸗ ſtoff da meine Kehle hinabzugießen; mein An⸗ ker haͤlt mich kurz uͤber dem Kabel; in weni⸗ gen Minuten bin ich auf der Fahrt— ich ver⸗ traue darauf,— zum Himmel, wo ich hoffe, mei⸗ nen Ankerplaz angewieſen zu finden.“— Gern moͤgte ich Dich verſtehen, erwiederte ich, aber Du redeſt Parabeln.—„Ich meyne zu ſagen,“ hob der Sterbende wieder an,„daß der Tod ſeine Harpune bis an den Griff eingetrieben hat und daß ich vergeblich ringe.— Meine ganze Leine habe ich abgelaufen.— In weni⸗ gen Minuten werde ich oben kommen— alſo gib Jakob meine Liebe und meinen Segen— einmal hat er mein Leben gerettet— aber jezt iſt's aus.“— Mit dieſen lezten Worten ent⸗ ſchwebte ſein Geiſt; und ſo verhauchte Dein — 232— Wohlthaͤter, Jakob, ſeinen lezten Athem, um Segen auf Dein Haupt zu erflehen.“ Einige Minuten verbrachte ich ſchweigend, denn tief hatte des Domine Schilderung mich e ſchuͤttert; zulezt begann er das Geſpraͤch wieder. „Du haſt die Drummond's noch nicht ge⸗ ſehen, Jakob?“ „Das habe ich nicht,“ erwiederte ich,„aber morgen will ich ſie beſuchen; doch jezt wird es wohl Zeit fuͤr mich ſeyn, nach London zuruͤck⸗ zukehren.“ „Nicht noͤthig, Jakob;— Dein eigenes Haus iſt in der Naͤhe.“ „Mein eigenes Haus?“ „Ja; dem Teſtamente zufolge hat Herr Turn⸗ bull ſeiner Frau eine anſehnliche Summe aus⸗ geſezt, aber aus Gruͤnden, die er unerklaͤrt ließ, ſind das Haus und die Moͤbeln ihr nicht vermacht und gehoͤren mithin Dir als dem eingeſezten Geſammterben.“„ „Aber wo lebt Madame Turnbull nun?“ „In Bath hat ſie ſich eingerichtet. Herr Drummond, der in Deinem Namen die An⸗ gelegenheiten ordnete, hat ihr geſtattet, ſolche Gegenſtaͤnde, welche ſie zu beſizen wuͤnſchte, mitzunehmen, doch beſtand das Weggefuͤhrte nur in ſehr wenigem und vornemlich in den mancherlei kleinen Dingen, die das Beſuchzim⸗ mer mehr anfuͤllten, als auszierten. Das Haus iſt in Bereitſchaft, um Dich aufzunehmen, Du magſt heute Abend ſchon als Beſizer darin wohnen.“ „Aber weshalb bintenieß es Herr Turnbull ſeiner Wittwe nicht?“ „Das weiß ich nicht genau, glaube aber, er wuͤnſchte nicht, daß ſie an dieſem Orte le⸗ ben ſolle. Deshalb ſezte er ihr 5000 Pfund zu eigener Verfuͤgung aus, um ſich dafuͤr ein an⸗ deres Haus zu kaufen und einzurichten.“ Ich nahm Abſchied vom Domine und weil es ſpaͤt geworden war, beſchloß ich, nach dem Hauſe zu gehen und dort zu ſchlafen. — 234— Dreizehntes Kapitel. In welchem ich mein eigenes Haus in Beſiz nehme, und meyne es ſey gar nicht gut eingerichtet, ohne eine Frau.— Tom's Entlaßung wird hinausge⸗ ſchickt, durch einen Zufall aber trifft ſie ihn gar nicht.— Ich nehme meinen neuen Standpunkt in der Geſellſchaft ein. Des Gaͤrtners Frau oͤffnete mir den Thor⸗ fluͤgel und machte mir eine tiefe Verbeugung. Alsbald erſchien auch der Gaͤrtner, mit dem Hute in der Hand. Alles war ſauber und in guter Ordnung. Ich ging in das Haus, um mich ſo ſchnell als moͤglich ihrer dienſtbeflißenen Aufmerkſamkeit zu entziehen. Allein wuͤnſchte ich zu ſeyn; uͤberwaͤltigende Gefuͤhle draͤngten ſich in meiner Bruſt. — 235— Ich eilte in Turnbulls Zimmer, ſezte mich in den Seßel, den er noch vor kurzer Zeit ſelber gebrauchte. Das ſtolze Gefuͤhl des Beſizes, milderte ſich zum Danke den ich dem Himmel darbrachte, tiefe Betruͤbniß uͤber ſeinen Tod ergriff mich, und geraume Zeit ſaß ich da in Nachdenken verloren. „Alles dieſes,“ ſagte ich zu mir ſelber— „und mehr viel mehr noch, iſt mein.— Der Matroſe vor dem Maſte, der Kahnfuͤhrer auf dem Strome der Armen⸗Schuͤler, die huͤlfloſe Waiſe, ſizt hier jezt im ruhigen Genuße des Reichthums und der Lebensuͤppigkeit.— Was habe ich gethan, um dies alles zu verdienen?“ Mein Herz ſagte mir, ich habe nichts dafuͤr gethan, oder wenn auch etwas, ſo ſey das doch faſt werthlos— und meine Seele ergoß ihre Dankgefuͤhle dem allliebenden Gotte. Nach der Erfuͤllung dieſer Pflicht fuͤhlte ich mich geſam⸗ melter, und meine Gedanken beſchaͤftigten ſich nun mit meinem Wohlthaͤter. Ich betrachtete das Zimmer— die Zeichnun⸗ gen darin, die Pelze und Thierfelle, die Har⸗ punen und andern Geraͤthſchaften; alles war genau an den naͤmlichen Stellen geblieben, wo ich es bei meinem lezten Zuſammenſeyn mit — 236— Turnbull geſehn hatte. Ich erinnerte mich an ſeine freundliche Guͤte, an die Einfachheit ſeines Herzens, an ſeine Rechtlichkeit, ſeinen klaren, guten Sinn, und ſeine echte Wuͤrdigkeit; Thraͤ⸗ nen vergoß ich uͤber ſeinen Verluſt. Dann gingen meine Gedanken auf Sarah Drummond uͤber, und hier empfand ich pein⸗ liche Unſicherheit. Wuͤrde ſie mich annehmen, oder wuͤrde ſie ſtets deßen gedenken, was ich einſt war? Ich rief mir Ihre Guͤte und wohl⸗ meinende Theilnahme zuruͤck. Dieſe wog ich gegen meine jezige Lebensſtellung, meinen Ur⸗ ſprung und meine fruͤhere Beſchaͤftigungen ab; aber ich vermogte nicht zu beſtimmen, nach wel⸗ cher Seite die Schaale den Ausſchlag geben wuͤrde. Bald werde ich's ſehen; dachte ich; morgen ſchon mag ſich mein Schickſal ent⸗ ſcheiden.. Des Gaͤrtners Frau klopfte an die Thuͤr, und meldete mein Bett ſey bereitet; ich legte mich ſchlafen, und mir traͤumte von Sarah, vom jungen Tom, vom Domine und von Marie Stapleton. Fruͤh war ich am Morgen ſchon auf, und eilte zu meinem Hotel in London; ſobald ich meine Perſon ſo ſchoͤn herausgepuzt hatte als 6 1 — — 237— ich nur vermogte— was inzwiſchen gar noch nicht zu meiner Befriedigung erreicht wurde— begab ich mich zu Drummonds Wohnung. Ich klopfte auf die Thuͤr; diesmal verlangte man 3 nicht ich ſollte in der Vorhalle warten, ſondern ich ward unverzuͤglich hinauf zum Beſuchzimmer gefuͤhrt. Sarah Drummond ſaß bier allein bei einer Zeichnung; mein Name ward angeſagt, als ich eintrat. Sie ſchreckte von ihrem Stuhle auf, und kam mir mit tiefem Erroͤthen entgegen. Schweigend reichten wir uns die Haͤnde; ich war athemlos vor aͤngſtlicher Spannung. Nie war ſie mir ſo reizend erſchienen. Sie ſchien eben ſo ungern das Schweigen brechen zu wol⸗ len, als ich; zulezt ſtammelte ich hervor.— „Miß Drummond“— und ſtockte wieder. „Herr Ehrlich,“ erwiederte ſie; und dann nach kurzem Einhalten—„wie recht albern dies doch iſt;— ich haͤtte Ihnen Gluͤck wuͤn⸗ ſchen ſollen zu Ihrer gluͤcklichen Heimkehr, und zu dem gluͤcklichen Ereigniße; gewiß Herr Ehrlich, niemand koͤnnte das aufrichtiger thun, als ich.“ „Miß Drummond,“ erwiederte ich recht ver⸗ wirrt,„als ich ein Waiſe, ein Armen⸗Schuͤler und ein Kahnfuͤhrer war, nannten ſie mich — 138— Jakob; wenn der Wechſel meiner Lebensausſich⸗ ten Sie dazu antreibt, mich in ſo foͤrmlicher Weiſe anzureden— wenn wir kuͤnftig in ſo ganz veraͤnderter Art mit einander umgehen ſollen— dann kann ich nur ſagen, ich wuͤnſchte, daß ich wieder— Jakob Ehrlich, der Kahnfuͤhrer waͤre.“ „Bedenken Sie doch,“ entgegnete ſie,„daß dies Kahnfuͤhren Ihre eigene Wahl war; Sie haͤtten etwas Anderes— etwas ſehr Verſchie⸗ denes vornehmen koͤnnen. Sie haͤtten in dieſem Augenblicke der Aſſocis meines Vaters ſeyn moͤgen, dies ſagte er noch geſtern Abend, als wir von Ihnen ſprachen. Sie aber ſchlugen alles aus; ſie warfen Ihre gute Erziehung, Ihre Talente, Ihre guten Anlagen und Faͤhig⸗ keiten, aus einem thoͤrichten Stolze von ſich, den Sie fuͤr Unabhaͤngigkeit hielten. Faſt de⸗ muͤthigte mein Vater ſich vor Ihnen— nicht als koͤnnte es jemals Demuͤthigung ſeyn, be⸗ gangenes Unrecht anzuerkennen, und den Ver⸗ ſuch zu deßen Ausgleichung zu machen— aber dennoch that er mehr, als man von den meiſten Menſchen haͤtte erwarten duͤrfen. Ihre Freunde redeten Ihnen zu, Sie aber wieſen deren gute Rathſchlaͤge von ſich, und was noch viel un⸗ — 139— verzeihlicher war, ich ſogar konnte keinen Ein⸗ fluß auf Sie uͤben. So lange Sie nur ſich ſel⸗ ber ſtraften, machte ich Ihnen keine Vorwuͤrfe; nachdem das Gluͤck Sie aber beſchenkt hat, ſage ich Ihnen ganz offen—.“ „Was?“ „Es iſt mehr als Sie verdienten;— weiter nichts.—“ „Sie ſagten mir die Wahrheit, Miß Drum⸗ mond; ich war ſehr ſtolz und ſehr einfaͤltig; aber lange vor dem Zeitpunkte in welchen ich auf die Flotte gepreßt wurde, hatte ich meine Thorheit ſchon bereuet; und mit aller Aufrich⸗ tigkeit geſtehe ich ein, daß ich das mir wieder⸗ fahrene Gluͤck nicht verdiene. Kann ich mehr ſagen?“ „Nein, ich bin mit Ihrem Geſtaͤndniße und mit Ihrer Reue zufrieden; deshalb koͤnnen Sie jezt ſich ſezen und ſich angenehm machen.“ „Zuvoͤrderſt wollen Sie mir die Frage erlauben, wie ich Sie anzureden habe, wenn Sie mich Herr Ehrlich nennen?— Ich moͤgte nicht fuͤr unnbeſcheiden angeſehn werden.“ „Mein Name iſt Miß Drummond; diejenigen aber die vertraut mit mir ſind, nennen mich Sarah.“ 3 — 140— „Darauf koͤnnte ich erwiedern, das mein Name Ehrlich iſt, daß Vertraute mich aber Jakob nennen.“ „Ganz wahr; nur erlauben Sie mir zu be⸗ merken, daß Sie ſehr wenig Takt zeigen. Nie⸗ mals ſollten Sie eine Dame in die Enge trei⸗ ben. Wenn ich beleidigt ſcheine, nachdem Sie mich Sarah nannten, dann wird es klug von Ihnen ſeyn auf den Namen Miß Drummond zuruͤckzukommen. Aber weshalb heften ſie Ihre Augen ſo ſtarr auf mich?“ „Ich kann mir nicht helfen, und muß Ihre Verzeihung erbitten, Ihre ganze Erſcheinung iſt mit erhoͤhetem Liebreiz geſchmuͤckt, ſeitdem ich Sie zulezt ſah. Ich glaubte niemand koͤnne vollkommener ſeyn, aber—“ „Nun, der Anfang iſt nicht uͤbel, Jakob. Ich doͤre gern von meinen Vollkommenheiten reden; — jezt verfolgen Sie, Ihr aber.“ „Ich weiß kaum, was ich im Begriffe war, zu ſagen, meyne aber es war dies, daß ich ein Gefuͤhl empfinde, das mir ſagt, ich duͤrfe und ich koͤnnte Sie nicht anders anreden, als Miß Drummond.“ „O! Sie haben ſich alſo eines beßern be⸗ ſondenz iſt s ſo?— Gut; ich beginne ſelbſt — 241— zu denken, daß Sie in ihren jezigen Kleidern ſo ſchoͤn ausſehen, daß eine ſo ganz veraͤnderte Perſon aus Ihnen geworden iſt, um mich zu noͤthigen, ſie bei keinem andern Namen zu nennen, als Herr Erlich. Alſo ſind wir jezt einverſtanden.“ „Das war s nicht was ich zu ſagen meynte.“ „Wohlan, ſo laßen Sie mich wißen, was Sie eigentlich meynten.“ Dieſe verwirrende Frage durfte ich zum Gluͤck nicht beantworten, weil Herr Drummond ein⸗ trat, mir ſeine Hand entgegenſtreckte, und in der freundlichſten Weiſe zu mir ſagte: „Mein lieber Jakob, es macht mich recht gluͤcklich Dich wieder zu ſehn, und Dir meine beſten Gluͤckwuͤnſche zu Deinem Wohlerge⸗ hen ſagen zu koͤnnen. Aber Du haſt Geſchaͤfte zu beſorgen, die keinen Aufſchub leiden. Du mußt das Teſtament vor Gericht bewahrheiten, und mit den Rechtsgelehrten ſo ſchnell als maͤglich Alles ordnen. Willſt Du jezt mit mir kommen? Alle Papiere ſind unten, und ich habe dieſen ganzen Morgen fuͤr Dich uͤbrig. Zum Eßen kommen wir wieder, Sarah, wenn Jakob nicht ſonſt verſagt iſt.“ „Das bin ich nicht,“ entgegnete ich,„und III, 16 — 242— werde mich ſehr gluͤcklich fuͤhlen, von Ihrer Guͤte Gebrauch zu machen. Miß Drummond, ich wuͤnſche Ihnen guten Morgen.“ „Auf's Wiederſehen,“ Herr Ehrlich,„erwie⸗ derte Sarah, verneigte ſich ſehr foͤrmlich, laͤchelte uber ſpoͤttiſch dabei. Brummonds Benehmen gegen mich, war durchaus guͤtig und vaͤterlich, die Beſchaͤftigun⸗ gen dieſes Morgen preßten mir mehr als ein⸗ mal Thraͤnen aus. Die dringendſten Angelegen⸗ heiten waren geordnet, und eine Unterredung mit Turnbulls Sachwalter leitete das Uebrige ein, indeß war es ſo ſpaͤt geworden, daß ich nicht erſt zu Haus gehen konnte, mich zu klei⸗ den. Bei unſerer Ankunft in Drummonds Hauſe empfing die Frau mich mit ihrer gewohnten Herzlichkeit. An dieſem Abende erzaͤhlte ich der Familie meine erlebten Abentheuer ſeitdem ich abweſend war, und ergriff dieſe Veranlaßung dem Herrn Drummond einzugeſtehn, daß ich meine eigene Thorheit und meine Undankbarkeit gegen ihn auf das bitterſte bereuet habe. „Jakob,“ ſagte er, als wir mit ſeiner Frau und Tochter am Theetiſche ſaßen,“ zu der Zeit als Du Dich auf dem Strome fuͤr Schillinge muͤde — 243— arbeiteteſt, wußte ich bereits, Du wuͤrdeſt der Erbe von Tauſenden ſeyn; denn ich hatte Turn⸗ bulls Teſtament, nicht nur als Zeuge unter⸗ ſchrieben, ſondern auch deßen Inhalt geleſen; dennoch hielt ich dafuͤr, daß es beßer fuͤr Dich waͤre, eine Lehre zu bekommen, welche Du ſpaͤter im Leben nie vergeßen wuͤrdeſt.— Es gibt in dieſer Welt kein ſolches Ding als Un⸗ abhaͤngigkeit iſt, ausgenommen, im Zuſtande der Wildheit. In der menſchlichen Geſellſchaft ſind wir Alle, einer vom andern abhaͤngig. Unabhaͤngigkeit unſers Geiſtes moͤgen wir uns bewahren, aber nichts mehr. Als Kahnfuͤhrer, warſt Du von Deinen Kunden abhaͤngig; ſo wie jeglicher arme Mann das von denen ſeyn muß die mehr Mittel beſizen; dadurch, daß Du mein Anerbieten ausſchlugeſt, wurdeſt Du genoͤthigt, Andere um Beſchaͤftigung anzuſpre⸗ chen. Auch bie Reichen ſind ganz ſo abhaͤngig von Andern als arme Leute; von Andern muͤßen ſie ihre Lebensmittel, ihre Kleider, ihre Be⸗ duͤrfniße und ihre Lebensuͤppigkeiten erhalten. Dieſer iſt der Zuſtand der in der menſchlichen Geſellſchaft immer fortdauern wird,— je ver⸗ feinerter die Geſellſchaft im Ganzen— je aus⸗ gebildeter die einzelnen Theile derſelben ſind, — 244— — deſto groͤßer muß die gegenſeitige Abhaͤn⸗ gigkeit von einander werden.— Inzwiſchen iſt dieſer ein Irrthum, der ſeinen Urſprung aus erhabenen Gefuͤhlen nimmt, und muß deshalb als ein gewißermaßen zu billigender Irrthum betrachtet werden; aber bedenke nur, wie vieles Du haͤtteſt von Dir werfen koͤnnen, wenn Du nicht einen Freund, wie Herr Turnbull Dir war, gewonnen haͤtteſt, und wenn deßen Ab⸗ leben Dich nicht ſchon ſobald in den Beſiz des Erbes geſezt haͤtte.“ Ich war nur zu bereit, die Wahrheit dieſer Bemerkungen anzuerkennen;— der Abend ver⸗ ging ſo ſchnell, daß es Mitternacht geworden war, bevor ich aufſtand um Abſchied zu neh⸗ men; zu meinem Hotel kehrte ich ſo heitern Sinnes und mit ſo dankerfuͤlltem Herzen zuruͤck als ein Sterblicher das nur vermogte. Am folgenden Tage bezog ich, das mir von Turnbull hinterlaßene Haus, und beſtellte mir ſogleich einen Nachen. Die Macht der Gewohn⸗ heit empfand ich ſo ſtark, daß mich duͤnkte, ich haͤtte nicht ohne Boot fertig werden koͤnnen; die Haͤlfte meiner Zeit brachte ich auf dem Strome zu, ruderte taͤglich hinab zu Drum⸗ mond, und kam Abends— manchesmal recht — 245— ſpaͤt zuruͤck. Drummonds empfingen mich als ein Mitglied ihrer Familie;— ich fand gar kein Hinderniß ganze Stunden mit Sarah allein zu verbringen; und wiewohl ich noch nicht ge⸗ wagt hatte, meine Geſinnungen auszuſprechen, ſchienen ſie doch ſowohl von den Aeltern als von Sarah ſelber erkannt zu werden. Zwei Monaten waren auf ſolche Weiſe ver⸗ gangen; abwechſelnd hatte ich den Domine, Stapleton und den alten Tom beſucht; ſehr viele Muͤhe ließ ich es mich koſten, Tom's Entlaßung zu erlangen, und hatte endlich die Freude den beiden guten alten Leuten die Ver⸗ ſicherung geben zu koͤnnen, daß ſie mit dem naͤchſten Packetboot hinausgeſchickt werden wuͤrde. Wenige Tage nachdem ich dem alten Paare dieſe willkommene Kunde mitgetheilt hatte, ſaß ich bei meinem Fruͤhſtuͤkk, aufgewartet vom Gaͤrtner und deßen Frau— denn ich hatte keine Vermehrung meines Hausſtandes vorge⸗ nommen, als ich auf das hoͤchſte uͤberraſcht wurde durch— den jungen Tom, der, lachend wie immer, hereintrat und mir die Hand reichte. „Tom,“ rief ich aus,—„was iſt dies, wie kommſt Du hier?“ — 246— „Zu Schiff'— wie Du leicht denken kannſt, Jakob.“ „Aber auf welche Weiſe wurdeſt Du entlaßen? — Iſt die Fregatte heimgekommen!“ „Ich hoffe nicht; denn die Wahrheit iſt, daß ich mich ſelber entließ?“ „Wie biſt Du entlaufen?“ „So iſt's. Drei Gruͤnde beſtimmten mich dazu; erſtens, konnte ich ohne Dich, dort nicht bleiben; zweitens, ſchrieb meine Mutter mir, daß Marie mit'nem Rothrock ſich umherziehe; und der dritte Grund war, daß ich in's Straf⸗ buch gezeichnet war, und ſo gewiß gefloggt ſeyn wuͤrde, als der Captain zwei Epaulets traͤgt.“ „Nun, ſeze Dich zu mir, und erzaͤhle mir Alles ausfuͤhrlicher. Du weißt daß Deine Ent⸗ laßung erlangt worden iſt.“ „Ja, Dank ſey Dir dafuͤr, Jakob; und's iſt auch ſo viel beßer, denn ſie werden nun nicht nach mir ausſehen; Ende gut, alles gut. — Nachdem Du abgereiſet wareſt, glaube ich, daß ich mich nicht in der beſten Laune befand, und der Schurke von Steuermann's⸗Gehuͤlfe, der uns zum Gepreßtwerden brachte, glaubte mich uͤber alle Graͤnzen hinaus betoͤlpeln zu — 247— doͤnnen. Eines Tages nannte er mich einen lu⸗ genhaften Schuft; daruͤber vergaß ich, daß ich am Bord eines Kriegſchiffes war, und erwie⸗ derte ihm, er ſey ein ſchaͤndlicher Betruͤger, und er wuͤrde beßer thun, mir die zwei Guineen zu bezahlen, die er fuͤr das Herabfahren auf der Themſe zur Fregatte ſchulde. Er fuͤhrte Klage auf dem Hinterdecke, weil ich ihn einen Be⸗ truͤger genannt hatte, und Captain Maclean, der wie Du weißt, keinen Unſinn leidet, hoͤrte unſer Beider Gruͤnde an; darauf entſchied er, daß das Benehmen des Steuermanns⸗Gehuͤlfen nicht das eines Offiziers und Gentleman ge⸗ weſen ſey, und daß er deshalb das Schiff ver⸗ laßen ſolle; daß meine Worte gegen meinen Vorgeſezten ein Verſtoß gegen die gute Manns⸗ zucht auf der Flotte ſey, und deshalb wolle er mich tuͤchtig ausfloggen laßen. Nun weißt Du wohl, Jakob, daß wenn andere Offiziere ihre Schulden auch nicht bezahlen, Captain Maclean das doch ohne allen Zweifel thut, und noch dazu mit Zinſen; weil ich alſo fand, ich ſize in der Suppe, und es ſey kein Irrthum, ſo ſchwamm ich in der Nacht auf den Oſtermontag an's Land, und nahm meinen Weg nach Mi⸗ ramichi, ohne anderes Abent heuer, als'nen — 248— kleinen Kampf mit einem Sergeanten der Marineſoldaten, den ich etwa drei Meilen von der Stadt fuͤr todt liegen ließ. In Miramichi ging ich an den Bord eines Holzſchiffes— und hier bin ich.“ „Bei dem Allen bedaure ich, daß Du deſer⸗ tirteſt,“ erwiederte ich,„es mag Unheil daraus entſtehen.“ „Fuͤrchte Du nichts; die Leute auf dem Strome wißen, daß ich meine Entlaßung be⸗ kommen habe, und ich bin vollkommen ge⸗ ſichert.“ „Haſt Du Marie geſehn?“ „Ja, und in der Richtung da iſt Alles wie 's ſeyn ſoll. Ich werde einen andern Nachen bauen, mein Zeichen und mein Kleid tragen, und oberhalb der Bruͤcken bleiben. Wenn Alles in Ordnung iſt, will ich heirathen, und mit den alten Leuten zuſammen leben.“ „Wird Marie aber einwilligen, dort zu le⸗ ben?— Es iſt da ſo ſtill und einſam, daß ſie 's nicht lieben wird?“ „Marie Stapleton hat ſich in jedem Betrachte genug herausgenommen, hat ſich ein gewaltiges Anſehen gegeben, und alles nach ihrem Sinne gemacht; Marie Beazeley wird thun was ihr — — 249— Ehemann wunſcht, oder ich werde wißen wol⸗ len, weshalb nicht?“ „Wir werden ſehen, Tom.— Ein Sprich⸗ wort ſagt, daß Junggeſellen⸗Frauen ſtets am beſten geleitet werden.— Aber jezt brauchſt Du Geld um Dein Boot zu kaufen.“ „Ja wenn Du mir's borgen willſt; ich moͤgte es den alten Leuten ungern abnehmen, und Dir will ich's zuruͤckbezahlen, ſobald ich kann.“ „‚Nein, dies mußt Du von mir annehmen, Tom, und wenn Du heiratheſt, mußt Du noch etwas mehr annehmen;“ ſagte ich, und gab ihm die Banknoten. „Mit freudigem Herzen, Jakob. Dir kann ich niemals bezahlen, was Du fuͤr mich ge⸗ than haſt, alſo mag ich meine Schuld eben ſo gut noch etwas vergroͤßern.“ „Das iſt gute Logik, Tom.“ „Ganz ſo gut als Unabhaͤngigkeit, nicht wahr, Jakob?“ „Beßer, viel beßer, das habe ich zu meinem Schaden erfahren;“ erwiederte ich lachend. Nach dem Fruͤhſtuͤck, verließ mich Tom, ich aber ging wie gewoͤhnlich zum Boot⸗Schoppen, kettete meinen Nachen los, und ruderte ſtrom⸗ aufwaͤrts, was ich bisher noch nicht gethan hatte, weil der Drang Sarah zu ſehen mich unablaͤßig in der andern Richtung fortbewegte, Manchem Landhauſe fuhr ich vorbei, bis ich mich gegenuͤber Wharncliffs Garten befand, und in dieſem einen Herrn und eine Dame erblickte. Weil ich ſie gleich erkannte, und ſie dicht an der Mauer ſtanden, ruderte ich hin und begruͤßte ſie. „Erkennen Sie mich?“ fragte ich lachend. „Ja,“ erwiederte die Dame—„dieſe Zuͤge kenne ich— es iſt Ehrlich— der Kahnfuͤhrer.“ „Nein, ich bin kein Kahnfuͤhrer, ſondern fahre zum Vergnuͤgen in meinem eigenen Boote.“ „Kommen Sie herauf,“ ſagte Wharncliff— vin dieſer Entfernung koͤnnen wir uns die Haͤnde nicht reichen.“ Ich befeſtigte meinen Kahn, und ſtieg hin⸗ auf; ſie begruͤßten mich recht herzlich. „Obgleich Sie damals ſagten, Herr Ehrlich, daß Sie Kahnfuͤhrer waͤren, habe ich es doch nicht geglaubt—“ ſprach Madame Wharncliff, —„weshalb taͤuſchten Sie uns damit?“ „Damals war ich in voller Wahrheit, aus eigener Wahl und aus eigener Thorheit, ein Kahnfuͤhrer, aber jezt nicht mehr.“ — — — 251— Bald wurden wir vertrauter mit einander, und ich erzaͤhlte ihnen einen Theil meiner Aben⸗ theuer; ſie wiederholten ihren Dank fuͤr meine fruͤhern Dienſte, und baten ſie als meine Freunde anſehn zu wollen. „Wuͤrden Sie eine Waßerfahrt lieben? Es iſt ein wunderſchoͤner Tag, und wenn Madame Wharncliff ſich mir anvertrau'n—.“ „Ol das wuͤrde mir großes Vergnuͤgen ma⸗ chen, willſt Du Heinrich?— Ich laufe um meinen Schawl zu holen.“ In wenigen Minuten befanden wir uns alle drei im Nachen, und ich ruderte ſie hinab zu meiner Villa. Sie hatten von der Schoͤn⸗ heit verſchiedener Landhaͤuſer am Ufer der Themſe geſprochen. „Wie gefaͤllt Ihnen dieſes hier?“ fragte ich die Dame. „Sehr gut, es ſcheint mir eines der ſchoͤnſten?“ „Es iſt das meinige,“ ſagte ich,„wollen Sie mir erlauben es Ihnen zu zeigen.“ „Das Ihrige?“* „Ja, es iſt mein; aber ich habe nur einen ſehr kleinen Hausſtand, weil ich im Jungge⸗ ſellenſtand lebe.“ — 252— Wir landeten, und nachdem wir den Park durchwandelt hatten, gingen wir in's Haus. „Erinnern Sie ſich dieſes Zimmers?“ fragte ich Wharncliff.„Ganz gewiß; hier ward die zinnerne Buͤchſe eroͤffnet und meines Oheim's —— doch dovon muͤßen wir kein Wort ſpre⸗ chen, er iſt todt.“ „Todt?“ „Ja; er vermogte ſein Haupt nicht wieder aufzurichten, nachdem ſeine Unrechtlichkeit ein⸗ mal endeckt worden war. Drei Monate lang kraͤnkelte er und zehrte ſich in bitterer Reue uͤber ſeine verſuchten Handlungen ab, bis er ſtarb.“ Ich ruderte ſie zuruͤck zu iurer Wohnung und nahm ihre Einladung zum Eßen an; von jezt an durfte ich ſie zu meinen aufrichtigſten Freunden zaͤhlen. Sie fuͤhrten mich bei Lady Auburn und vielen andern Perſonen ein; nie werde ich das Staunen der alten Hauswaͤchterin vergeßen, die mich wieder erkannte als ich zu Lady Au⸗ burn's Villa eingeladen war. „Gottes Wunder! was Ihr jungen Herren nur fuͤr Spaͤße treibt. Denke nur mal einer, daß Ihr mich um Waßer anſpracht, und daß ich Euch die Thuͤr in's Geſicht warf und Euch —y haͤtte, inzwiſchen waͤre ich zum Beſiz meines — 253— nicht geſtatten wollte Euch umzuſehen. Aber wenn Ihr jungen Herrn Euch verkleidet, ſo iſt's Eure eigene Schuld und Ihr muͤßt die Folgen hinnehmen. Meine Bekanntſchaften vermehrten ſich ſchnell,— und ich hatte den Vorzug die beſte Geſellſchaft zu beſuchen, dies war, wie ich kaum erwaͤhnen darf fuͤr mich ungemein nuͤzlich, denn wiewohl man mich nicht fuͤr ungelenk hielt, mangelte mir doch jene feine Glaͤtte die nur durch Be⸗ ſuch guter Geſellſchaft erlangt wird. Mancherlei Geruͤchte wurden uͤber mich ver⸗ breitet; allgemein glaubte man jedoch ich ſey ein junger Mann, der eine vortreffliche Er⸗ ziehung genoßen, und der leicht haͤtte befoͤr⸗ dert werden koͤnnen, daß ich aber eine Leiden⸗ ſchaft fuͤr das Leben auf dem Strome gefaßt und den Skand eines Kahnfuͤhrers jeder an⸗ dern Anſtellung und Beſchaͤftigung vorgezogen ſehr großen Vermoͤgens gekommen, und haͤtte nun wieder meinen Standpunkt in der Geſell⸗ ſchaft eingenommen. Wie ſehr hier Wahres mit Falſchem verſchmol⸗ zen war, werden die Leſer meiner Geſchichte leicht erkennen; was mich betrifft, ſo bekuͤm⸗ — 254— merte ich mich gar nicht darum was man ſagte, und geb mir auch die Muͤhe nicht, die ver⸗ ſchiedenartigen Erzaͤhlungen zu widerlegen. Mich beſchaͤmte meine Geburt nicht, weil ſie gar keinen Einfluß bei Drummond's aͤußerte, gleichwohl kannte ich die Welt zu gut, um nicht der Meinung zu ſeyn, es waͤre uͤberfluͤßig ſie auszupoſaunen.— Im Ganzen neigte der Aus⸗ ſchlag ſich zu meinen Gunſten; meine Geſchichte hatte mit allen ihren Wechſelfaͤllen ſo viel an⸗ ziehend⸗romantiſches, daß dieſer, ſo wie der wohl⸗ bekannte Umſtand meines jezigen Reichthums, mir uͤberall wo ich erſchien freundlichen Empfang und hoͤfliche Aufmerkſamkeit ſicherte.— Eines gereichte ſehr zu meinem Vortheile— dies war meine umfaßende Beleſenheit, verbunden mit der treflichen klaſſiſchen Erziehung, die ich empfangen hatte. Nicht oft bietet ſich im Um⸗ gange Gelegenheit dazu dar, die angeeigneten Kenntniße darzulegen; geſchieht das aber, ſo macht es immer Eindruck.— Erziehung ſenkte deshalb die Wagſchale zu meinem Vortheile — und Jedermann war geneigter das Unwahre auszuſchmuͤcken als die eigentliche treue Erzaͤh⸗ lung meiner Geſchichte zu glauben. Viezehntes Kapitel. Der Domine fuͤhrt den Beweis fuͤr die Richtigkeit von Stapletons„Menſchen⸗Natur“.— Der Rothrock zeigt ſich der Blaujacke uͤberlegen. Ma⸗ rie verkauft Tom, und Tom verkauft dasjenige was von ihm uͤbrig geblieben iſt, fuͤr einen Schilling.— Wir kennen den wahren Werth ei⸗ ner Sache nie eher, als bis wir ſie verloren haben. Oft hatte ich daruͤber nachgedacht in welcher Weiſe es mir gelingen moͤchte den Domine in behaglichere Umſtaͤnde zu verſezen.— Ich empfand ſehr wohl, daß ich ihm ganz ſo viel ſchuldete als irgend einem Menſchen in der Welt;— eines Tages, faßte ich mir das Herz dieſen Gegenſtand zur Sprache zu bringen; doch ſeine Erwiederung war entſcheidend. — 256— „Ich ſehe Jakob, mein Sohn, was Du wuͤnſcheſt; aber das muß nicht ſeyn. Der Menſch iſt ein Geſchoͤpf der Gewohnheit; die Gewohn⸗ heit wird ihm nicht nur zur Nothwendigkeit, ſondern zu einem wirklichen Lebensgenuße. Fuͤnf und vierzig Jahre lang habe ich gearbeitet, um Anfangsgruͤnde und Kenntniße in die Hirn⸗ ſchalen ſolcher zu zwingen, von denen ſich kei⸗ ner ſo faͤhig als Du erwieſen hat.— Gewiß war es eine muͤhſelige oft peinliche Aufgabe und doch kann ich ſie nicht ſchwinden laßen. Es gab eine Zeit, in den erſten zehn Jahren meines Lehramtes naͤmlich— in der ich Dein Anerbieten haͤtte mit Dank annehmen koͤnnen; denn ich fuͤhlte mich gedemuͤthigt und gelang⸗ weilt durch meine Abmuͤdung mit den erſten Anfangsgruͤnden, waͤhrend ich ſogar die ver⸗ ſchiedenen Eigenthuͤmlichkeiten des Styles der alten Lateiniſchen und Griechiſchen Autoren auseinander geſezt hatte. Doch jezt iſt das Alles voruͤber. Der ewige Ring von Concordium Proſodie und Syntax hat durch Gewohnheit einen Zauber fuͤr mich erlangt; die Regel de⸗Tri iſt den Problemen Euklid's vorzuziehen, die Lateiniſche Grammatik ſogar hat ihr An⸗ ziehendes. Kurz ich empſinde ein hujus-Ver⸗ — 257— gnuͤgen in hic, haec, hoc,(gluck! gluck!—) ſelber das Schwingen der Reiſer vom Baume der Erkenntniß— der Birke— iſt mir zu ei⸗ ner vergnuͤglichen Beſchaͤftigung geworden, wenn ſie denen auch kein Vergnuͤgen gewaͤhrt auf welche ſie angewendet wird. Ich gleiche einem alten Pferde, welches im Muͤhlrade ſo lange umgetrieben iſt, bis es nicht mehr grade⸗ aus zu gehen vermag; und wenn es dem All⸗ maͤchtigen gefaͤllt, ſo will ich in meinem Zug⸗ geſchirre ſterben. Immer aber danke ich Dir Jakob, und ich danke dem Himmel dafuͤr, daß Du auf's neue einen Beweis Deines treflichen Herzens ablegteſt, mir neuen Grund gabſt mich Deiner und Deiner Liebe zu freu⸗ en Dein Anerbieten aber wuͤrde falls ich es annehmen wollte, zu meiner Gluͤckſeligkeit nichts beitragen; denn welches Gefuͤhl kann ei⸗ nem alten Manne am Rande ſeines Grabes troͤſtlicher ſeyn, als der Gedanke daß ſein Le⸗ ben, wenn es auch keine Auszeichnung erlangte mindeſtens doch nuͤzlich war.“ Seit laͤngerer Zeil hatte Tom mich nicht be⸗ ſucht, daruͤber erſtaunt fuhr ich zu ſeinem Ba⸗ III. 17 — 258— ter hinab, un nach ihm zu fragen. Die bei⸗ den Alten ſaßen im Hauſe; das Wetter war ſchoͤn, aber Tom arbeitete nicht; auch das Nez⸗ machen der alten Frau war an die Seite ge⸗ legt. „Wo iſt Tom?“ fragte ich, nachdem ich ih⸗ nen guten Morgen geſagt hatte. „O guͤtiger Gott!“ rief die alte Frau wei⸗ nend und brachte ihre Schuͤrze vor die Augen, „die gottloſe, nichtsnuzige Dirne.“ „Himmell was iſt geſchehen? 2“ fragte ich den alten Tom. „Geſchehen, Jakob,“ entgegnete dieſer, ſtreckte ſeine hoͤlzernen Stuͤmpfe von ſich und ſtuͤzte ſeine Haͤnde auf die Knie,„Tom hat ſich als Sol⸗ dat anwerben laßen.“ „Als Soldat anwerben laßen?“ „Ja, das iſt eben ſo gewiß, als es wahr iſt; und noch ſchlimmer, daß man mir ſagt, das Regiment iſt nach Weſtindien beordert; mit dem Fieber in ſeinem Gehirne und dem gel⸗ ben Fieber dazu muß er alſo unfehlbar Futter fuͤr die Landkrabben werden;— mich duͤnkt,“ ſezte der alte Mann hinzu und wiſchte ſich mit dem Zeigefinger eine Thraͤne aus dem Auge,„ich ſehe ſeine Gebeine ſchon unter den — 259— Palliſaden bleichen, denn ich kenne den Plaz wohl.“ 8 „O! ſag' das nicht, Tom;— ſag' das nicht,“ weinte die Frau. „Jakob, ich bitte Dich um Verzeihung, wenn ich jezt zu weit gehe:— aber koͤnnteſt Du uns nicht helfen?“ „Das will ich, wenn ich nur kann, darauf verlaßt Euch; aber erzaͤhlt mir, wie ſich dies zugetragen hat.“ „S' Lange und s' Breite davon iſt dies: die Dirne, die Marie Stapleton, iſt ſein Ver⸗ derben geweſen. Als er erſt heimkehrte, wurde er gut von ihr empfangen und ſah danach aus, ſich mit ihr zu verheirathen und bei uns zu wohnen; das dauerte aber nicht lange. Sie konnte ihre alten Kniffe nicht laßen; und da⸗ mit Tom die Oberhand nicht gewinnen moͤgte, ſezt ſie ihr Spiel mit'nem Sergeanten von nem Werbkommando fort und fliegt vom Ei⸗ nen zum Andern, grade wie der Ticker da an der alten Wanduhr von einer Seite nach der andern geht; den einen Tag war der Ser⸗ geant ihr Liebſter und am folgenden Tage war's Tom. Aber dieſer verliert zulezt die Geduld und will offene Erklaͤrung haben. Deshalb fragt —-— 260— er ſie, ob ſie den Sergeanten zu heirathen meyne oder ihn; waͤhlen moͤge ſie, aber er wolle nicht laͤnger ihr Spielball ſeyn wie bis⸗ her, nach allen ihren Briefen und ihren Ver⸗ ſprechungen. Daruͤber geraͤth ſie ganz außer ſich, ſagt zu Tom, er moͤgte hingehen, wo's ihm gefiele, denn ſie mache ſich nichts daraus, wenn ſie ihn auch niemals wiederſehen ſollte. „Nun geraͤth Tom in Wuth, nennt ſie ein verdammtes Nickel und war nach meiner Mei⸗ nung dicht genug bei der Wahrheit; es ſezte alſo einen regelmaͤßigen Sturm und ſie trennten ſich. Dies machte Tom aber recht elend, am folgenden Tage wollte er ſie um Verzeihung bitten, ſich mit ihr ausſoͤhnen, denn ſchau, Ja⸗ kob, ein Verliebter iſt'n Menſch ohne Ver⸗ nunft; ſie aber iſt noch in ihrem Zorne, ſagt ihm, er moͤge ſeiner Wege gehen, denn ſie denke, in derſelben Woche noch den Sergean⸗ ten zu heirathen.— Ganz verruͤckt geht Tom fort und es trifft ſich ſo, daß er in das Wirths⸗ haus kommt, in welchem der Sergeant ſeine Wohnung hat, in der Hoffnung, Rache an ihm zu nehmen und mit der Abſicht ein regel⸗ rechtes Boxen zu haben, um zu ſehen, welcher der beſte Mann ſey; aber der Sergeant war * — 261— nicht da und Tom trinkt einen Krug nach dem Andern, um ſich den Kummer vom Halſe zu ſchaffen, ſo daß er ziemlich ſtark betrunken war, als der Sergeant heimkehrte. „Dieſer Sergeant war ein ſchlauer Fuchs, ſo wie der hereintrat und Toms gluͤhendes Ant⸗ liz gewahrt, muthmaßt er gleich, was erfolgen wird, alſo ſagt er kein Wort, ſezt ſich an ei⸗ nen andern Tiſch und ſchlaͤgt mit ſeinen Faͤu⸗ ſten darauf, als wenn er recht erboßt waͤre Tom tritt zu ihm und ſagt:„Sergeant, das Maͤdchen habe ich lange vor Eurer Zeit gekannt — wenn Ihr'n Mann ſeyd, werdet Ihr Euch fuͤr ſie aufſtellen.“—„Fuͤr ſie aufſtellen, ja,“ erwiederte der Sergeant,;„das wuͤrde ich ge⸗ ſtern gethan haben, aber das verfluchte Nickel hat mich bei der Naſe herumgefuͤhrt und fort⸗ geſchickt.— Jezt will ich mich nicht ſchlagen, — denn mich will ſie eben ſo wenig, als ſie Euch will.“— So wie Tom das hoͤrt, wird er friedlicher, er ſezt ſich zu dem Sergeanten wie zu'nem Ungluͤcksgefaͤhrten, und ſtatt zu boxen, trinken ſie mit einander; der Sergeant bewirthet ihn mit ſtarken Getraͤnken und ſchwoͤrt, daß er zuruͤck zu ſeinem Regimente an Me ganz verlaßen will; das naͤmliche zu thun, raͤth er Tom. „Des Sergeanten Zureden und Toms Wunſch, Marie zu aͤrgern, bringen ihn dazu, daß er ſich anwerben laͤßt; der Sergeant gibt ihm ei⸗ nen Schilling in Gegenwart von Zeugen;— das war Alles, was der Schurke gewollt hatte. — Am folgenden Morgen wird Tom unter Bedeckung nach dem Depot geſchickt, wie ſie das nennen, und der Sergeant bleibt hier, um mit Marie ungeſtoͤrt zu liebeln.— Vor drei Tagen iſt das geſchehen und wir haben's erſt geſtern vom alten Stapleton erfahren, der ſeiner Tochter drohet, ſie aus dem Hauſe zu werfen.“ Weinend ſagte die alte Frau:„Jakob, kannſt Du uns nicht helfen?“ „Ich hoffe, daß ich's kann; und wenn ſeine Freilaßung fuͤr Geld zu haben iſt, dann ſoll ſie erlangt werden. Aber ſagtet Ihr nicht, er ſey nach Weſtindien beſtimmt?“ „Das Regiment ſteht in Weſtindien, aber ſie rekrutiren hier, denn das gelbe Fieber hat waͤhrend der lezten Krankheitszeit viele von ih⸗ nen weggerafft. Es heißt, ein Transportſchiff ſoll in der andern Woche abſegeln und die Re⸗ * — 263— kruten ſollen in wenigen Tagen zum Einſchif⸗ fen abmarſchiren.“ „Was fuͤr ein Regiment iſt's? und wo be⸗ findet ſich der Depot?“ „Das ſieben und vierzigſte Fuͤſelier⸗Regiment; der Depot iſt in Maidſtone.“ „Da will ich keine Zeit verlieren, meine gu⸗ ten Freunde,“ erwiederte ich;„morgen werde ich Herrn Drummond aufſuchen und mich mit dem berathen.“ Dankbar druͤckte der alte Tom mir die Hand, und begleitet von den Segenswuͤnſchen der al⸗ ten Frau, eilte ich fort. Als ich den Strom hinauffuhr, um meiner Zuſage gemaͤß bei Wharncliff zu ſpeiſen, be⸗ ſchloß ich, bei Marie Stapleton anzuhalten und mich zu uͤberzeugen, ob ſie wirklich die herzloſe Dirne geworden ſey, die mir geſchildert war; wuͤrde ich das finden, dann wollte ich Tom vermoͤgen, nicht mehr an ſie zu denken, wenn es mir gelingen ſollte, ſeine Freilaßung zu bewirken. Ich fuͤhlte mich ſo empoͤrt und gegen ſie entruͤſtet, daß ich, um mich zu ſammeln, ei⸗ nige Minuten am Lande umherging, bevor ich ihr Haus betrat. Als ich die Treppe hinauf⸗ — 264— kam, fand ich Marie mit einem Blatte Papier beſchaͤftigt, welches ſie voll geſchrieben hatte. Sie blickte auf, als ich eintrat, und ich ſah, ſie hatte geweint;„Marie,“ ſagte ich,„treff⸗ lich haſt Du gehalten, was Du mir verſprachſt, als wir uns zulezt ſahen! Schau' nun, welch Unheil und welchen Kummer Du uͤber Alle⸗ verbreitet haſt, nur Dich allein ausgenommen!“ „Mich ausgenommen;— nein, Herr Ehr⸗ lich, nehmen Sie mich nicht aus— ich habe den Verſtand faſt verloren— ich glaube, ver⸗ ruͤckt zu ſeyn— denn gewiß, eine Thorheit wie die meinige muß Tollheit ſeyn.“ Marie weinte nun bitterlich. „Dein Betragen iſt gar nicht zu entſchuldi⸗ gen, Marie— es iſt unverzeihlich gottlos und ſchlecht.— Alles opferte Tom Dir auf— er deſertirte ſogar und auf Deſertion ſteht geſez⸗ licher Tod.— Was haſt Du dagegen gethan? — ſeine ſchrankenloſe Liebe haſt Du benuzt, um ihn zur Unmaͤßigkeit anzutreiben und ihn u verlocken, daß er in ſeiner Verzweiflung ſich als Soldat anwerben ließ.— Jezt ſegelt er nach Weſtindien, um in ein Regiment geſteckt zu werden, deßen Mannſchaft vom gelben Fie⸗ ber aufgerieben wurde— und vielleicht wird — 265— er nie wieder zuruͤckkehren— Du biſt alſo Schuld an ſeinem Tode. Ich bin nur gekom⸗ men, Marie, Dir zu ſagen, daß ich Dich ver⸗ achte.“ „Ich verachte und verabſcheue mich ſelber,“ erwiederte Marie trauernd;„ich wollte, ich laͤge im Sarge.— Um Gott! Herr Ehrlich, bringen Sie ihn zuruͤck. Sie koͤnnen das, ich weiß, Sie koͤnnen es— denn Sie beſizen Geld und Alles, was dazu gehoͤrt.“ „Wenn ich das thue, ſo ſoll's nicht zu Dei⸗ nem Vortheile gereichen, Marie, Du ſollſt nicht laͤnger mit ihm ſpielen duͤrfen. Keinen Verſuch zu ſeiner Freigebung will ich machen, bis er mir auf das Heiligſte verſprochen hat, nie wieder mit Dir zu reden.“ „O Gott— das kann Ihr Ernſt nicht ſeyn — unmoͤglich,“ rief Marie, ihr Haar mit der Hand zuruͤckwerfend und in dieſer Stellung blei⸗ bend;„o mein Gott! mein Gott! welch eine Verworfene bin ich!— Hoͤre mich, Jakob— hoͤre mich—“ ſchrie ſie, ſank auf ihre Knie und erfaßte meine Haͤnde—„o mach' ihn frei! laß mich ihn noch einmal ſehen— und ich ſchwoͤre bei Allem, was heilig iſt, daß ich auf meinen Knieen ſeine Verzeihung erflehen will, III. 17* — 266— wie ich jezt die Deinige erflehe.— Ich will Alles thun, Alles, was er verlangt— wenn er mir nur verzeihet, denn leben ohne ihn kann ich nicht und will ich nicht.“ „Wenn dies Wahrheit waͤre, Marie, wel⸗ cher Wahnſinn konnte Dich denn verleiten zu thun, was Du gethan haſt.“ „Ja, Wahnſinn war es,“ ſprach Marie auf⸗ ſtehend,„mehr als Wahnſinn, den Einen, fuͤr den ich allein leben moͤgte, ſo grauſam zu be⸗ handeln.— Sie ſagen, daß Tom mich liebt, — ich weiß das,— aber ſo liebt er mich nicht, wie ich ihn liebe.— O mein Gott— mein Herz will mir brechen!—“ Nach einer Weile hob ſie wieder an:„leſen Sie, was ich ihm geſchrieben habe— das nämliche ſagte ich ihm bereits in einem andern Briefe.— Sie wer⸗ den finden, daß, wenn er nicht loskommen kann, ich mich ihm angeboten habe, als ſeine Frau mit ihm hinauszugehen— das heißt, wenn er eine ſolche thoͤrichte, gottvergeßene Dirne annehmen will.“ Ich laß den Brief; er enthielt, was ſie ſagte; ſie flehete um ſeine Verzeihung, erbot ſich, ihn nach Weſtindien zu begleiten, und de⸗ muͤthigte ſich vor ihm, ſo viel es moͤglich war. — gleicht.“ Der Brief erſchuͤtterte mich;— ich gab ihn zuruͤck. „Sie koͤnnen mich ſo ſehr nicht verachten, als ich mich ſelber verachte,“ fuhr Marie fortz „ich haße, ich verabſcheue mich meiner Thor⸗ heit wegen. Jezt bedenke ich genug, wie viel Sie mich gewarnt haben, als ich junges Maͤd⸗ chen war. O Mutter, Mutter, es war ein grau⸗ fames Erbtheil das Du Deinem Kinde hin⸗ terließeſt, als Du Deine Sinnesart ihm ein⸗ pflanzteſt.— Doch wie ſollte ich ſie tadeln— ich allein muß mir Vorwuͤrfe machen.“ „Nun Marie, ich will Alles thun, was ich vermag und das ſo ſchnell, als moͤglich. Mor⸗ gen ſchon will ich hinab zum Depot.“ „Gott ſegene Dich, Jakob; und magſt Du nie das Ungluͤck haben, eine zu lieben, die mir Füntkzehntes Kapitel. Ich werde ſehr gluͤcklich gemacht.— In anderer Be⸗ ziehung iſt dieſes ein recht truͤbſeliges Kapitel, dem, es thut mir leid, dem Leſer ſagen zu muͤſ⸗ ſen, ein anderes mit noch viel mehr Truͤbſal folgen wird. Joh verließ Marie und eilte zu Hauſe, um mich anzukleiden. Wharncliff theilte ich meinen Wunſch mit, Tom's Entlaßung zu bewirken, und er rieth mir, unvorzuͤglich auf den Horſe⸗ Guards darum anzuhalten; weil er mit meh⸗ ren der Offiziere auf dem Stabe bekannt war, erbot er ſich zur Begleitung. Freudig nahm ich dieſes Erbieten an, er holte mich am fol⸗ genden Morgen in ſeinem Wagen ab und wir fuhren dahin. 3 — 269— Herr Wharncliff ſchickte ſeine Karte zu ei⸗ nem der Sekretaire hinauf; wir wurden ſogleich vorgelaßen und ich eroͤffnete meinen Wunſch. Die Antwort war:„Leicht wuͤrde ſich das machen laßen, wenn Sie Zeit haͤtten einen Stellvertreter fuͤr ihn zu ſchaffen; das Regi⸗ ment iſt aber ſo geſchwaͤcht, und der Wider⸗ wille gegen den Dienſt in Weſtindien ſeit der lezten kranken Jahreszeit ſo vorherrſchend, daß ich bezweifle, Seine Koͤnigliche Hoheit wuͤrde irgend einem Manne geſtatten wollen, ſeine Freilaßung ſich zu erkaufen. Inzwiſchen will ich ſehen. Der Herzog iſt einer der gutherzigſten Maͤnner, und ich will ihm dieſen Fall mit allen Umſtaͤnden vorlegen;— doch ſehen wir, ob er noch im Depot iſt— was ich bezweifle.“ Der Sekretair zog die Klingel. „Iſt das Detaſchement des 47. Fuͤſilier⸗Rer giments ſchon vom Depot abmarſchirt? Und wann ſoll es eingeſchifft werden?“ Der Schreiber ging hinaus und erſchien nach einigen Minuten wieder mit Papieren in ſeiner Hand; er berichtete:„das Detaſchement iſt ehegeſtern abmarſchirt, ſollte heute fruͤh einge⸗ ſchifft werden und mit dem erſten günſtigen Winde abſegeln.“ — 270— Mein Herz verſank mir bei dieſer Nach⸗ richt. 3 „Wie iſt der Wind? Gehen Sie hinab und blicken nach der Windfahne;“ ſagte der Se⸗ kretair. Der Schreiber kehrte zuruͤck mit der Mel⸗ dung:„Oſt⸗Nordoſt, und ſo hat er die lezten zwei Tage feſtgeſtanden.“ „Dann fuͤrchte ich,“ ſprach der Sekretair, S kamen zu ſpaͤt zur Erlangung Ihres Wunſches. Dem Hafenadmiral ſind die be⸗ ſtimmteſten Befehle gegeben, das Abſegeln der Transportfahrzeuge zu beſchleunigen, und ſeit drei Wochen lag ſchon eine Fregatte dort, um auf das Convoi zu warten. Wir duͤrfen gewiß davon ſeyn, daß ſie heute unter Segel gegan⸗ gen ſind.“* „Was kann nun geſchehen?“ fragte ich traurig. „Sie muͤßen um ſeine Entlaßung anſuchen und einen Stellvertreter ſchaffen. Alsdann kann ein Befehl zu ſeinen Gunſten ausgeſchickt und ihm die Erlaubniß zur Ruͤckkehr ertheilt wer⸗ den. Es thut mir ſehr leid, daß die Sachen ſo ſtehen, da Sie ſo vielen Antheil an dem jungen Menſchen zu nehmen ſcheinen, doch fuͤrchte ich, es iſt zu ſpaͤt. Fragen Sie inzwi⸗ — 271— .—. ſchen morgen wieder vor; der Himmel iſt klar und der Hafenadmiral wird das Abſegeln der Schiffe durch den Telegraphen berichten. Soll⸗ ten ſie durch irgend einen Zufall aufgehalten ſeyn, ſo werde ich dafuͤr ſorgen, Seiner Koͤ⸗ niglichen Hoheit die Umſtaͤnde wo moͤglich noch heute Nachmittag vorzulegen, und will Ihnen des Herzogs Antwort mittheilen.“ Wir dankten dem Sekretair fuͤr ſeine Zu⸗ vorkommenheit und nahmen Abſchied.— So ſehr mich die ſchon empfangenen Nachrichten betruͤbten, nahm mein Kummer noch zu, als einer der Thuͤrſteher zu unſerm Wagen gelau⸗ fen kam, um mir auf des Sekretairs Befehl eine telegraphiſche Mittheilung der Admiralitaͤt zu zeigen, welche folgende eben ſo zuverlaͤßige, als unangenehme Nachricht enthielt:„Das Convoi nach Weſtindien ging heute fruͤh unter Segel.“ „Dann iſt fuͤr jezt Alles vorbei,“ ſagte ic„ lehnte unmuthig im Wagen zuruͤck und blieb in recht ſchwermuͤthiger Stimmung, bis Herr Wharneliff, der in der City Geſchaͤfte zu be⸗ ſorgen hatte, mich nahe bei Drummond's Hauſe ausſezte. 8h fand Sarah, der ich als Bewahrerin — 272— aller meiner Gedanken, Schmerzen und Freu⸗ den dieſe Epiſode aus des jungen Tom Ge⸗ ſchichte mittheilte. So wie die Damen in der Regel ihr eigenes Geſchlecht am ſtrengſten be⸗ urtheilen, waren auch ihre Bemerkungen uͤber Mariens Betragen ſchonungslos, ſie wollte nicht die kleinſte mildernde Entſchuldigung zu⸗ laßen; ſogar Mariens reuevolle Buße machte gar keinen Eindruck auf ſie. „Und doch, Sarah, geſchieht etwas Aehnliches recht haͤufig, wenn vielleicht auch nicht zu dem Grade getrieben, als dieſes uͤbelberathene Maͤdchen es gethan hat; aber wenn auch die Folgen min⸗ der unſelig ſind, ſo bleibt dem in ſeinen Hoff⸗ nungen getaͤuſchten Gemuͤthe immer doch das Leiden. Wie oft werden jungen Maͤnnern in den hoͤhern Staͤnden Hoffnungen erregt, die ſie anreizen, ſich einer Leidenſchaft zu uͤberlaſe ſen, welche nur mit ſchmerzlichem Fehlſchlagen enden ſoll. Es iſt gar nicht noͤthig, die Treue zu verſprehen; eine junge Dame mag nicht das Mindeſte geſagt haben, was ſie binden koͤnnte, und doch dadurch, daß ihr dem An⸗ ſcheine nach die Geſellſchaft und Unterhaltung eines jungen Mannes Vergnuͤgen macht, die⸗ ſen verleiten, ſeine Liebe auf verrathvollem -— 273— Meere zu wagen, um ſie am Ende geſcheitert zu finden.“ „Sie ſind recht nautiſch⸗poetiſch, Jakob,“ erwiederte Sarah,„dergleichen geſchieht zuwei⸗ len, doch glaube ich, daß Frauenliebe, um Ihren eigenen Ausdruck zu gebrauchen, oͤfter ſcheitert, als die der Maͤnner; inzwiſchen ent⸗ ſchuldigt das keinen der beiden Theile. Ein Frauenzimmer muß in der That blind ſeyn, wenn ſie nicht in ganz kurzer Zeit die Einſicht gewinnen koͤnnte, daß ſie mit den Gefuͤhlen eines Mannes nur ihr Spiel treibe, und ſchlecht waͤre ſie, wollte ſie dann dieſes Spiel noch fortſezen.“ „Sarah—“ brachte ich hervor und ſtockte wieder. „Nun.“ Stammelnd fuhr ich fort:„Ich wollte Sie fragen, ob Sie blind waͤren?“ „In welcher Beziehung, Jakob,“ antwortete ſie erroͤthend. „In Betreff meiner Geſinnungen gegen Sie.“ „O nein; ich glaube, ſie moͤgen mich recht gern leiden,“ erwiederte ſie laͤchelnd. 3 „Glauben Sie, das ſey Alles? III, 18 — 274— „Wo ſpeiſen Sie heute, Jakob?“ fragte Sarah ablenkend. „Das muß von Ihnen und von Ihrer Ant⸗ wort abhaͤngen; wenn ich heute hier ſpeiſe, dann erwarte ich das recht oft zu wiederholen; wenn ich heute nicht hier bleibe, werde ich wahrſcheinlich nie wieder mit Ihnen ſpeiſen. Sarah, von Ihnen wuͤnſche ich zu wißen, ob Sie meine Gefuͤhle fuͤr Sie erkannt haben; denn mit dem Beiſpiele von Tom und Marie vor meinen Augen, ſagt mir mein Herz, ich duͤrfe meiner Hoffnung allein nicht mehr ver⸗ trauen, ſie koͤnnte in Taͤuſchung enden. Wollen Sie mich aus dieſem Zuſtande ungewißer Zwei⸗ fel erloͤſen?“ „Ich war blind in Betreff Ihrer Gefuͤhle, aber nicht blind gegen Ihre Verdienſte, Jakob. Vielleicht war ich auch nicht ganz blind bei dem, was Sie von Ihren Gefuͤhlen zeigten, und ich gleiche in meiner Gemuͤthsſtimmung der Marie Stapleton nicht.— Ich glaube, Sie koͤnnen es wagen, heute mit uns zu ſpei⸗ ſen;“ fuhr ſie erroͤthend und laͤchelnd fort, als ſie ſich zum Fenſter abwandte. „Kaum vermag ich zu glauben, Sarah, daß ich ſo gluͤcklich ſeyn ſoll,“ erwiederte ich tief bewegt,„begluͤckt, ſehr begluͤckt wurde ich in meinem Leben, aber die Hoffnungen, welche Sie jezt in mir erregen, ſind ſo ganz uͤber meine Erwartung— laßen mein Verdienſt ſo tief unter ſich, daß ich nicht wagen darf, mich ihnen hinzugeben.— Seyn Sie guͤtig und mitleidvoll, erklaͤren Sie ſich deutlicher.“ „Was wuͤnſchen Sie von mir zu hoͤren?“ erwiederte Sarah, den Blick auf ihre Arbeit geheftet. „Daß Sie die Waiſe nicht zuruͤckſtoßen, die Ihr Vater mit liebender Pflege aufnahm, und die Ihnen dies jezt in's Gedaͤchtniß ruft, da⸗ mit Sie in dieſem Augenblicke nicht uͤberſehen moͤgen, worin, wie ich vertrauensvoll anneh⸗ me, die hinderndſte Schranke gegen meine An⸗ maßung beſteht— meine niedrige Geburt.“ „Jakob, das war Deiner wuͤrdig geſprochen, das war edel; wenn Du nicht im Adelſtande geboren wurdeſt, ſo weilt doch echter Adel in Deiner Seele. Deinem Beiſpiele will ich fol⸗ gen. Habe ich Dir nicht waͤhrend unſerer lan⸗ gen Freundſchaft oft geſagt, daß ich Dich liebe?“ „Ja, als Kind, Sarah.“ — 276— „Dann wiederhole ich es jezt als Jungfrau; biſt Du zufrieden?“ Ich nahm Sarahs Hand, die ſie mir nicht entzog, ſondern mir geſtattete, ſie mit Kuͤßen zu uͤberdecken. „Aber Deine Eltern, Sarah?“ „Nimmer wuͤrden ſie unſere Vertraulichkeit geduldet haben, waͤren ſie nicht damit einver⸗ ſtanden geweſen. Inzwiſchen magſt Du Dein Gemuͤth auch daruͤber noch heute beruhigen; ſage ihnen, was vorgefallen iſt, und dann hoffe ich, wird Dein Elend enden.“ Ehe noch der Tag verging, hatte ich mit Madame Drummond geſprochen und ſie gebe⸗ ten, mit ihrem Manne zu reden, weil ich dazu wirklich den Muth nicht fuͤhlte. Sie laͤchelte, als ihre Tochter an ihrem Halſe hing, und als ich gegen Tiſchzeit mit Herrn Drummond zuſammentraf, da war ich„aus meinem Elen⸗ de,“ denn er druͤckte mir die Hand und ſagte: „Du haſt uns Alle recht gluͤcklich gemacht, Jakob, denn das Maͤdchen da ſcheint feſt ent⸗ ſchloßen, Dich zu heirathen oder gar nicht zu heirathen.— Nun kommt, das Eßen iſt bereit.“ Dem Leſer uͤberlaßs ich, mein Gluͤck ſich — 277— vorzuſtellen; er wird ſich denken, was zwiſchen Sarah und mir an dieſem Abende vorging— wie ungern ich ſie verließ;— ich ließ eine Poſtchaiſe kommen, um mich nach Hauſe zu fahren, denn ich fuͤrchtete, mich dem Waßer anzuvertrauen, auf dem ich den groͤßten Theil meines Lebens in ooͤlliger Sicherheit zugebracht hatte; ein Unfall haͤtte mir ja begegnen und mir meine im Vorgenuße ſchon gekoſtete Se⸗ ligkeit rauben koͤnnen. Von dieſem Tage an gehoͤrte ich zur Familie, und weil ich die Ent⸗ fernung zu groß fand, nahm ich mir eine Woh⸗ nung dicht neben Drummond's Hauſe. Doch die Liebesfluth anderer Perſonen glitt nicht ſo ſanft hinab; und ich muß zuruͤck zu Tom und Marie. Ich hatte eben gefruͤhſtuͤkkt und war im Be⸗ griffe, mit meinem Kahne hinab zu den alten Leuten zu fahren, um dieſen den uͤbeln Erfolg meiner Verwendung zu eroͤffnen; voll des in⸗ nigſten Dankes hatte ich die Ausſichten zu mei⸗ nem eigenen Gluͤcke uͤberdacht, ſchwelgte im ſuͤßen Vorgenuße, und dann auf den Zuſtand zuruͤckkommend, in welchem ich Marie Staple⸗ ton, ſo wie Tom's Eltern verlaßen hatte, ver⸗ glich ich ihren Jammer mit meiner Freude, — 278— weil beide aus einer und der naͤmlichen Urquelle floßen; ploͤzlich wurde die Thuͤr aufgerißen und der junge Tom nur mit einem Hemde und weißleinenen Hoſen bekleidet ſtuͤrzte ſtaubbedeckt und bleich durch Erſchoͤpfung und Angſt herein. „Gerechter Himmel, Tom, Du hier? Du biſt alſo deſertirt?“ „Gewiß,“ erwiederte Tom und ſank auf ei⸗ nen Stuhl nieder,„geſtern Abend ſchwamm ich an's Land und ſeit acht Uhr komme ich von Portsmouth her.— Ich darf nicht erſt ſagen, daß ich kraftlos bin; bitte, Jakob, gib mir etwas zu trinken.“ Ich reichte ihm Wein, den er mit Eifer hinabtrank. In meinem Geiſte erwog ich die Folgen, welche dieſer uͤbereilte, unkluge Schritt herbeifuͤhren koͤnnte. „Tom,“ ſagte ich,“ weißt Du auch, was auf Deſertion ſteht?“ „Ja,“ erwiederte er truͤbſinnig,„doch helfen konnte ich's nicht; in ihrem Briefe ſchrieb Ma⸗ rie mir, ſie wolle Alles thun, was ich nur wuͤnſche, wolle mich in die Ferne begleiten; ſie machte gut, ſo viel ſie nur konnte, das arme Maͤdchen, und beim Himmel verlaßen konnte ich ſie nicht; als wir unter Segel waren und — 279— mir alle Hoffnung benommen war, wurde ich faſt wahnſinnig; in den Nadeln ſprang der Wind um und wir warfen Anker fuͤr eine Nacht; ich glitt am Kabel hinab, ſchwamm an's Land und das iſt die ganze Geſchichte.“ „Nun wirſt Du ganz gewiß erkannt und als Deſerteur aufgegriffen werden.“ „Daruͤber muß ich nachdenken,“ erwiederte Tom,„ich kenne die Gefahr, doch vielleicht laßen ſie mich, wenn Du meine Freigebung bewirken koͤnnteſt.“ Auch ich hielt dies fuͤr den beſten Plan, der zu befolgen waͤre, und begab mich zu Wharn⸗ cliff, um mit ihm die Sache zu uͤberlegen; empfahl Tom aber, ſich ruhig zu verhalten. Wharncliff war der gleichen Meinung, daß naͤmlich dies der einzige Ausweg ſey, der ſich fuͤr Tom zeige, und ſo ruderte ich hinab zu ſeinem Vater, um dem mitzutheilen, was geſchehen war; von da fuhr ich zu Drummonds. Als ich ſpaͤt Abends heimkehrte, ſagte der Gaͤrtner mir, Tom wäre ausgegangen und nicht wieder gekommen. Mir fiel dies ſchwer auf das Herz, gewiß war er zu Marie gegan⸗ gen und dort mußte ihm ein Unfall begegnet — 280— ſeyn; mit recht ſordenondem Gemuͤthe legte ich mich nieder. Meine Ahnung war nur zu wahr; am fol⸗ genden Morgen ward mir gemeldet, daß Sta⸗ pleton mich zu ſprechen wuͤnſche. Er ward d har. eingefuͤhrt und rief aus: „Alles aus, Herr Jakob— Tom haben ſie feſt— Marie— aus Ohnmacht in Ohn⸗ macht— Menſchennatur.“ „Sprecht deutlich, Stapleton, was iſt ge⸗ ſchehen?“ „Nun, weiter nichts als dieſes.— Tom de⸗ ſertirt, um zu Marie zu kommen.— Urſach von wegen?— Er liebt ſie— Menſchenna⸗ tur.— Der Soldatenkerl koͤmmt herein und ſieht Tom, packt ihn, und ſucht ihn feſtzuhal⸗ ten.— Tom wehrt ſich, ſchlaͤgt des Sergean⸗ ten Steuerbord⸗Auge aus und ſucht zu entflie⸗ hen— Menſchennatur;— Soldaten kommen herein, raffen den Sergeanten auf, greifen Tom und ſchleppen ihn fort.— Marie ſchreiet und kreiſcht, und wird ohnmaͤchtig— Men⸗ ſchennatur— armes Maͤdchen kann den Kopf nicht aufheben— zwei Frauen die ganze Nacht durch mit angebrannten Federn.— Boͤſes Ding— Herr Jakob,— Unter allen Sinnen iſt Liebe der allerſchlimmſte, das iſt ganz ge⸗ wiß— ganz umgeworfen bin ich davon— kann heute Morgen meine Pfeife nicht rauchen — von Mariens Thraͤnen geht mir die Pfeiſe aus“— der alte Stapleton verzog ſein Ge⸗ ſicht, als waͤre er ſelber dem Weinen recht nahe. 11 „Das ſind uͤble Vorgaͤnge, Stapleton,“ erwiederte ich,„Tom wird als Deſerteur ver⸗ urtheilt werden, und Gott weiß, wie es enden mag!— Ich will verſuchen, was moͤglich iſt, doch in der lezten Zeit iſt man ſehr ſtrenge geweſen.“ „Nun, ich hoffe, Herr Jakob, s' wird Ih⸗ nen gelingen.— Marie wird den Tod davon haben, das iſt gewiß;— und ich fuͤrchte fuͤr Tom.— Stirbt einer von Beiden, ſo wird der Andere nicht leben wollen. Ich kenne das Maͤdchen— ganz wie ihre Mutter, niemals Schiff mitten durchſteuern, ſondern immer hart Port oder hart Steuerbord. Jezt iſt ſie verruͤckt, um dem Tom nachzulaufen— ſie will nach Maidſtone zu ihm.— Da will ich ſie hinbrin⸗ gen, ſobald ich wieder zuruͤck bin.— Nur eben hier gekommen, dies Alles zu ſagen.“ — 282— „Das iſt eine hoͤchſt betruͤbende Geſchichte, Stapleton.“ „Ja, gewiß iſt's das— wollte, es gaͤbe gar kein ſolch Ding als Menſchennatur.“ Nach dieſem kurzen Geſpraͤche und einer Geldunterſtuͤzung, von der ich wußte, ſie wuͤrde annehmbar ſeyn, ließ mich Stapleton in ge⸗ wiß nicht gluͤcklicher Stimmung allein. Meine Anhaͤnglichkeit an Tom war graͤnzenlos und er befand ſich in der aller gefahrvollſten Lage.— Noch einmal wandte ich mich an Wharncliff, um mir Rath zu holen, und auf hoͤchſt bereit⸗ wihige Weiſe bewies er waͤrmſte Theilnahme. „In Wahrheit,“ ſprach er,„dieſe iſt eine boͤchſt verwickelte Angelegenheit und ſie duͤrfte mehr Einfluß erfordern, als ich beſorge dafuͤr aufwenden zu koͤnnen. Wird er nicht zum Tode verurtheilt, ſo wird ihm ein ſolches Floggen zuerkannt werden, das ſeinen Geiſt wie ſeinen Koͤrper untergraben und ihn einem fruͤhzeitigen Tode entgegen fuͤhren muß. Das Todesurtheil waͤre dieſem noch vorzuziehen. Verlieren Sie keine Zeit, Herr Ehrlich, um hinab nach Maidſtone zum Depot zu eilen und den Oberſten zu ſpre⸗ ſchen, der den Depot befehligt. Ich will in⸗ zwiſchen nach den Horſe⸗Guards und erfahren, was zu thun ſeyn mag.“ — 283— In aller Eile ſchrieb ich ein Paar Zeilen an Sarah, um meine Abweſenheit zu erklaͤren und ſchickte nach Poſtpferden. Fruͤh am Nachmit⸗ tage gelangte ich nach Maidſtone, ſuchte den kommandirenden Offizier auf, ward empfangen und legte ihm den Beweggrund zu meiner An⸗ kunft vor. „Darin kann nur Entſcheidung von den Horſe⸗ Guards erfolgen, Herr Ehrlich,“ ſagte diefer, „und ich fuͤrchte, ich darf Ihnen wenig Hoff⸗ nung machen. Se. Koͤnigliche Hoheit hat den Beſchluß bekannt gemacht, den erſten Deſer⸗ teur nach der ganzen Strenge der Geſeze zu beſtrafen. Nachſicht bei ſolchen Vergehen hat ſich ſehr ſchaͤdlich fuͤr den Dienſt gezeigt und es muß geſchehen. Zudem iſt noch ein er⸗ ſchwerender Umſtand durch des Mannes Angriff auf den Sergeanten vorhanden, der ſein Auge rettungslos verliert.“ „Der Sergeant machte ihn erſt betrunken und uͤberredete ihn ſodann, ſich anwerben zu laßen.“ Hierauf erlaͤuterte ich das ganze Ver⸗ haͤltniß der Nebenbuhlerſchaft, das zwiſchen beiden beſtanden, und fuhr fort:„iſt es nicht verwerflich, Leute auf ſolche Weiſe anzuwer⸗ — 284— ben— darf man das freiwilligen Dienſt n nen⸗ nen?“ „Das Alles iſt ſehr wahr,“ erwiederte der Offizier,„aber der Erfolg macht ſogar noch Schlimmeres uͤberſehen. Ich verſuche nicht, das Syſtem zu vertheidigen, indeß muͤßen wir Sol⸗ daten haben. Matroſen werden gewaltſam ge⸗ preßt, Soldaten werden auf andere noch an⸗ ſtoͤßigere Weiſe angelockt; die einzige Entſchul⸗ digung iſt das Beduͤrfniß, oder wenn Sie lie⸗ ber wollen, die Nothwendigkeit.— Alles, was ich Ihnen verſprechen kann, mein Herr, und was ich auch ohne Ihre Verwendung gethan haben wuͤrde, iſt, dem Gefangenen ſo viele Ge⸗ maͤchlichkeit zu gewaͤhren, als ſein Zuſtand das erlauben will; zudem ſichere ich ihm bei dem uͤber ihn abzuhaltenden Kriegsrecht jeden Vor⸗ theil zu, den Gnade, mit der Gerechtigkeit in Uebereinſtimmung geſezt, zulaßen kann.“ „Ich ſage Ihnen meinen Dank, Sir; wol⸗ len Sie mir und ſeiner Verlobten erlauben, ihn beſuchen zu duͤrfen?“ „Ganz gewiß; der Befehl dazu ſoll auf der Stelle gegeben werden.“ — 285— Seyszehntes Kapitel..— Zu leſen. Joh eilte zu dem Gefaͤngniße, in welches Tom eingeſchloßen war; der Befehl, mich zuzulaſ⸗ ſen, war bereits eingetroffen, und der Ser⸗ geant, der die Wache hatte, ließ mich ein. Tom fand ich auf einer Bank ſizend; er ſchnizte mit ſeinem Meßer an einem Stocke und pfiff halb⸗ leiſe eine Melodie. „Das iſt freundlich von Dir, Jakob, doch nicht mehr, als ich erwartete— ich war ganz gewiß, Dich heute Abend oder morgen fruͤhe zu ſehen.— Wie geht's der armen Marie?— Jezt traure ich nur um ſie— ich bin zuftie⸗ den— ſie liebt mich, und— dem— hab' ich's Auge ausgeſchlagen— lei auf jeden Fall ein Ende gema — 286— „Tom, kennſt Du auch die Gefahr, in wel⸗ cher Du ſelber biſt?“ „Ja, ganz vollkommen; ich werde vor ein Kriegsrecht geſtellt und erſchoßen.— Darin habe ich mich gefunden— auf alle Fälle iſt das beßer, als aufgehaͤngt werden wie ein Hund, oder zu Tode gegeißelt wie ein Neger. Wie ein Gentleman werde ich ſterben, wenn ich auch im Leben nie einer geweſen bin— und darin liegt einiger Troſt. Ich werde ſogar mit eben ſo viel Geraͤuſch aus der Welt gehen, als waͤre eine Schlacht geliefert, oder ein großer Mann geſtorben.“ „Lieber Tom, dies iſt keine Zeit zu Scher⸗ zen.“ „Fuͤr Dich, als treuen Freund, nicht, das gebe ich zu; auch nicht fuͤr Marie, die mich wirklich liebt; eben ſo wenig fuͤr meine armen Eltern— nein, nein; ich traure um ſie, aber fuͤr mich ſelber empfinde ich ſo wenig Furcht, als Kummer. Unrecht that ich nicht— gegen alles Geſez und gegen die Parlamentsakte ward ich zum Flottendienſte gepreßt und deſertirte. Man warb mich zum Soldaten, als ich halb wahnſinnig und voͤllig betrunken war, und ich irte wieder.— Darin liegt keine Schmach fuͤr mich; die Schmach trifft eine Regierung, die ſolche Handlungen duldet. Soll ich das Opfer ſeyn, wohl und gut— einmal koͤnnen wir nur ſterben.“ „Sehr richtig, Tom, doch Du biſt zum Sterben noch ſehr jung, und wir muͤßen das Beſte hoffen.“ „Alle Hoffnung habe ich aufgegeben; das Geſez wird in ſeiner ganzen Kraft vollzogen werden, das weiß ich— ſterben werde ich und in eine beßere Welt uͤbergehen, wie der Pfar⸗ rer ſagt, wo mindeſtens keine Gewehre zu pu⸗ zen, kein Exerziren und nichts von der verfluch⸗ ten weißen Kreide ſeyn wird, die mich faſt raſend gemacht hat. Gern moͤgte ich in blauer Jacke ſterben— im rothen Rocke will ich nicht — alſo denke ich im Hemde aus der Welt ge⸗ hen zu muͤßen, und das iſt noch mehr, als ich beſaß, wie ich hineingeſezt wurde.“ „Marie und ihr Vater werden zu Dir kom⸗ men, Tom.“ „Das thut mir leid, Jakob; grauſam wuͤrde es ſeyn, ſie nicht zu ſehen,— aber ſie macht ſich ſolche Vorwuͤrfe, daß ich nicht einmal er⸗ tragen kann, ihre Briefe zu leſen.— Doch will ich ſie ſehen, Jakob, will ſie zu troͤſten — 288— verſuchen— nur muß ſie nicht bleiben, ſie muß zuruͤckkehren bis nach abgehaltenem Kriegs⸗ rechte und ausgeſprochenem Urtheile— dann — wenn ſie dann wuͤnſcht, Abſchied von mir zu nehmen— ſo glaube ich, darf ich das niae3 verweigern.“ Ein Paar Thraͤnen draͤngten⸗ bii dieſen Worten aus 3 ſeinen Augen hervör.— —,Wilſt Du hier warten, Jakob, und ſie wie⸗ der mit zuruͤck nach London nehmen;— hier muß ſie nicht bleiben— und meinen Vater und meine Mutter will ich nicht eher, als im lezten Augenblicke ſehen.— Mit einemmale wollen wir's abmachen, dann iſta Alles vor⸗ uͤber.“ Waͤhrend Tom noch ſprach, wurde die Ge⸗ Jaͤngnißthür geoͤffnet und herein ſchwankte Sta⸗ pleton, der Marie unterſtuͤzte. Sie wankte auf Tom zu und ſank in krampfhafter Bewußtlo⸗ ſigkeit ihm in die Arme. Es war nothwendig, ſie fortzuſchaffen, man trug ſie hinaus. „Ich bitte Dich, Jakob, laß ſie nicht wie⸗ der hereinkommen, fuͤhre ſie zuruͤck und ich will Dich ſegnen fuͤr dieſen Freundſchaftsdienſt. Lebe jezt wohl— und ſorge dafür, daß ſie nicht wieder hereinkommt.“ Tom preßte meine Hand und wandte ſich — — 289— ab, ſeinen Schmerz zu verbergen. Ich winkte ihm die Bejahung zu, denn ich vermogte vor Ruͤh⸗ rung nicht zu ſprechen, dann folgte ich Sta⸗, pleton und den Soldaten, welche Marie hin⸗ ausgetragen hatten. Sobald ſie hinreichend zu ſich gekommen war, um nicht mehr aͤrztlicher Huͤlfe zu beduͤrfen, hob ich ſie in die Poſtchaiſe und ließ mich nach Brentford fahren. Auf dem ganzen Wege blieb Marie im Zuſtande ſtarrer Fuͤhlloſigkeit; bei meinem Hauſe angekommen, uͤbergab ich ſie der Frau des Gaͤrtners, um fuͤr ſie zu ſorgen, und ſchickte den Mann ab, aͤrztliche Huͤlfe herbei zu holen. 3 Herrn Wharncliff's Verwendung war ohne Erfolg geblieben, ſeine Zuͤge verriethen mir das Mißlingen, als er zuruͤckkam. Die ganze fol⸗ gende Woche war fuͤr mich die peinlichſte, die ich je verlebte; in meiner Angſt um Tom be⸗ muͤhte ich mich taͤglich, Marie einen gewißen Grad der Unterwerfung unter den Willen der Vorſehung einzureden,— unaufhoͤrlich klagte ſie ſich ſelber an und verwuͤnſchte ihre Thor⸗ heit— ſie verfiel in unzuſammenhaͤngende Irre⸗ reden— nannte ſich Toms Moͤrderin, ſo daß ich befuͤrchten mußte, ſie wuͤrde den Verſtand verlieren; dazu kam noch, daß der Jammer III. 19 — 290— den alten Tom und ſeine Frau zu mir her⸗ trieb, in ihrer einſamen Wohnung konnten ſie es nicht aushalten, ich ſollte Auskunft— ich ſollte Troſt geben— aber womit?— nicht ein⸗ mal konnte ich wagen, ihnen Hoffnung zu machen. 5 Von Sarah mußte ich getrennt bleiben, ſo lange dieſe Umſtaͤnde mich in Anſpruch nah⸗ men, und ich hielt es fuͤr meine Pflicht, hier zu thun, ſo viel ich vermogte— doch dieſe Anſtrengung und die Angſt meines Gemuͤthes brachten eine ſolche Veraͤnderung meines koͤrper⸗ lichen Befindens hervor, daß ich einem Gerippe glich. Endlich war das Kriegsrecht abgehalten, Tom war zum Tode verurtheilt; das Urtheil hatte ſeine Beſtaͤtigung erhalten und man erklaͤrte uns, daß jeder Verſuch, um Gnade zu erlan⸗ gen, vergeblich ſeyn wuͤrde. Dieſe Kunde erhiel⸗ ten wir am Samſtage Abend und am Dienſtag Morgen ſollte der Spruch vollzogen werden. Laͤnger konnte ich Mariens Flehen nicht wi⸗ derſtehen, zudem bekam ich auch einen Brief von Tom, in welchem er bat, wir Alle, der Domine mit eingeſchloßen, moͤgten hinkommen, um Abſchied von ihm zu nehmen. Ich miethete — 291— einen Wagen fuͤr den alten Tom, deßen Frau, Marie und Stapleton; ſezte mich mit dem Domine in den meinigen und ſo fuhren wir am Sonntage fruͤhe nach Maidſtone. Gegen eilf Uhr kamen wir an und ſtiegen in der Naͤhe der Kaſerne vor einem Gaſthofe ab. Es war verabredet, daß der Domine und ich Tom zuerſt ſehen ſollten, dann ſein Vater und ſeine Mutter, zulezt Marie. „Wahrlich,“ ſagte der Domine,„mein Herz iſt ſchwer, ſehr ſchwer; meine Seele liebte dieſen ungluͤcklichen Burſchen, der ſein Leben nun um ein Frauenzimmer verlieren ſoll— ein Frauenzimmer, deßen Nezen ich ſelber ent⸗ ronnen bin.— Dennoch iſt ſie ausnehmend ſchoͤn und gefallend, auch ſcheint ſie jezt reuig zu buͤßen, nun es zu ſpaͤt iſt.“ Ich gab keine Antwort; wir waren zum Ka⸗ ſernenthorwege gelangt; ich wuͤnſchte zu dem Gefangenen gefuͤhrt zu werden und man ſchob die Riegel auf.— Tom fanden wir ſehr ſorg⸗ faͤltig und ſauber gekleidet— in weißen Bein⸗ kleidern, Hemde und Weſte, ſein Rock lag auf dem Tiſche, den wollte er nicht anziehen. Mit ſchwachem Laͤcheln ſtreckte er mir ſeine Hand entgegen. — 292— „Sezt iſt's Alles aus, Jakob, keine Hoffnung mehr;— ich weiß das und bin voͤllig darauf gefaßt; doch wuͤnſchte ich, dieſer lezte Abſchied ſey ſchon voruͤber, denn er entmannt meine Gefuͤhle.— Ich hoffe, Sie beſinden ſich wohl, Sir,“ fuhr er, zum Domine gewandt, fort. „Nun, mein ungluͤcklicher Freund, ich bin ſo wohl, als Alter und Siechthum das zulaſ⸗ ſen, aber wie ſollte ich klagen, wenn ich ſehe, daß Jugend, Geſundheit und Kraft aufgeopfert werden ſollen,— wenn ſo Viele elend werden muͤßen, wo dieſe Alle gluͤcklich gemacht werden koͤnnten;“ der Domine ſchneuzte ſeine Naſe ſo hart, daß ihr Drometenton im Gewoͤlbe wie⸗ derhalte und die Schildwache bewog, durch die Eiſengitter hereinzublicken. „Alle ſind hier, Tom,“ ſprach ich,„wuͤn⸗ ſcheſt Du ſie jezt zu ſehen?“ „Ja; je eher dies voruͤber iſt, deſto beßer.⸗ „Vater und Mutter zuerſt²“ „Ja,“ erwiederte Tom mit bebender Stimme. Ich ging hinaus und fuͤhrte die alte, auf meinen Arm geſtuͤzte Frau herein, hinter mir ſtumpelte der alte Tom mit Huͤlfe ſeines Stok⸗ kes.— Die arme Frau fiel ihrem Sohne um den Hals und ſchluchzte krampfhaft. — 293— „Mein Sohn,— mein Sohn— mein lies ber, lieber Junge!“ ſagte ſie zulezt und blickte ihn ſtarr an;„o mein Gott! morgen iſt er todt!“ Ihr Kopf ſank wieder auf ſeine Schulter hinab und ihr Schluchzen erſtickte ſie faſt. Tom kuͤßte ſeiner Mutter Stirne, waͤhrend die Thraͤ⸗ nen ſtromweiſe aus ſeinen Augen hervorbrachen; mir winkte er zu, ſie wegzufuͤhren. Ich ſezte ſie ſanft auf den Fußboden nieder, wo ſie ſchwei⸗ gend blieb und ihren Kopf in langſamer Be⸗ wegung abwechſelnd hob und ſenkte, ihr Ge⸗ ſicht war mit ihrem Tuche bedeckt. Nur zuwei⸗ len vernahm man ihr krampfendes Athemholen. Der alte Tom hatte ſchweigend den Vor⸗ gang mit angeſehen. Jeder Muskel ſeines alt⸗ durchwetterten Geſichtes zuckte krampfhaft und zulezt erzwangen Thraͤnen ihren Weg durch die tiefen Furchen ſeiner Wangen. Sobald die Mutter entfernt worden, ergriff Tom ſeinen Vater bei der Hand und beide ſezten ſich neben einander. „hr zuͤrnt mir nicht, Vater, weil ich de⸗ ſertirte?“ „Nein, mein Junge, nein.— Ich war ſehr boͤſe auf Dich wegen dem Anwerbenlaßen, aber — 294— nicht um's Deſertiren. Was hatteſt Du mit der weißen Kreide zu kramen?— Doch ich denke, daß ich Urſache habe, Andern zu züͤr⸗ nen, wenn ich mir's uͤberlege, wie mein Va⸗ terland, nachdem ich meine beiden geſunden Beine in ſeiner Vertheidigung verlor, mir jezt meinen Sohn in ſeiner Bluͤthe nehmen will. Das iſt ein ſchlechter Lohn fuͤr lange und ſchwere Dienſte— iſt'ne ſchlimme Ermunte⸗ rung zur Erfuͤllung der Pflichten; aber was kuͤmmern die ſich darum?— meine Dienſte haben ſie gehabt und mich laßen ſie als zer⸗ ſchoßenes Wrack.— Gut, ſie moͤgen mein Uebriggebliebenes auch hinnehmen, wenn ſie wollen,— nun ſie—. Aber weinen hilft nicht, was geſchehen iſt, laͤßt ſich nicht aͤndern,“ fuhr der Alte fort, waͤhrend ſeine Thraͤnen ſtroͤmend herabliefen;„Dich moͤgen ſie todt ſchießen, Tom, aber das eine weiß ich, Du wirſt ſterben wie ein Mann und wirſt ſie dadurch beſchaͤmen, daß Du ihnen zeigſt, ſie raubten ſich ſelber die Dienſte eines tuͤchtigen Mannes, in Zeiten, wo tuͤchtige Maͤnner Noth thun.— Es wuͤrde mir nicht ſo großen Kummer gemacht haben,“ fuhr der Alte nach einer Pauſe fort und unter⸗ brach ſich, um mir zu ſagen—(„ſchau nach — 295— der alten Frau, Jakob, ſie faͤllt portwaͤrts um“)—„wenn Du am Bord eines Koͤnigli⸗ chen Schiffes in'nem guten Fregattengefechte gefallen waͤreſt; wenn's heiß hergeht, muͤßen einige getoͤdtet werden; aber von Deinen eige⸗ nen Landsleuten durchloͤchert zu werden, von ihrer Hand zu ſterben, und was das ſchlimmſte noch iſt, in'nem rothen Rocke zu ſterben, an⸗ ſtatt im treuen Blau—.“ „Vater, ich will nicht im rothen Rocke ſter⸗ ben— ich will ihn nicht anziehen.“ „Das iſt immer einiger Troſt, Tom, und wir beduͤrfen Troſt.“ „ und wie ein Mann will ich ſterben, Vater.“ „Das wirſt Du, Tom, und das iſt einiger Troſt.“ „Wir werden wieder zuſammenkommen, Va⸗ ter.“ „Das hoffe ich, Tom, im Himmel— das iſt einiger Troſt.“ „Und nun, Vater, gebt mir Euren Segen, und ſorgt fuͤr meine arme alte Mutter.“ „Segne Dich Gott, Tom, ſegne Dich Gott!“ weinte der alte Mann, mit halb erſtickter Stimme, und ſtreckte beide Haͤnde gegen Tom aus, als ſie ſich von ihrem Size erhoben, doch — — r— — 296— konnte er ſein Gleichgewicht nicht laͤnger be⸗ wahren, ſondern taumelte zuruͤck, wo Tom und ich ihn in unſern Armen auffingen. Sanft ſez⸗ ten wir ihn zur Seite ſeiner Frau nieder. Die alten Leute wendeten ſich zu einander, umarm⸗ ten ſich und hielten ſich weinend umſchlungen. Mit bebender Lippe ſagte Tom zu mir und druͤckte dabei meine Hand:„wie Du mich liebſt, Jakob, laß dieſen Auftritt nun enden,— laß mich Marie ſehen— damit dieſes gefolterte Herz endlich beruhigt werden kann.“ Ich bat den Domine, ſie zu rufen. Tom lehnte mit uͤbergeſchlagenen Armen gegen die Mauer und ſchien ſeine ganze Kraft zu dieſem peinlichen Wiederſehen zu ſammeln. Marie ward von ihrem Vater hereingefuͤhrt. Ich erwartete, ſie wuͤrde wie das erſte Mal in Ohnmacht fal⸗ len; aber wiewohl ſie todtenblaß war und krampfend Athem ſchoͤpfte, bezwang ſie ſich, ging zu der Stelle, an welcher Tom ſtand und ſezte ſich dicht neben ihm auf die Bank nieder. Angſtvoll uͤberblickte ſie den Kreis der An⸗ weſenden und ſagte dann:„ich weiß, Tom, daß alle meine Worte jezt uͤberfluͤßig ſind— und doch muß ich es ausſprechen—— ich bin es, die durch meine Thorheit alle dieſen Jam⸗ — 297— mer, all' dieſes Elend veranlaßt hat;— ich bin es, die Dich dahingebracht hat, einen— ſchmachvollen Tod zu leiden— ja, Tom, ich bin Deine Moͤrderin!“ „Nicht ſo, Marie, es war ja meine eigene Thorheit,“ ſprach Tom und erfaßte ihre Hand. „Du kannſt mir nichts abnehmen, kannſt mir nichts verſchleiern, liebſter Tom,“ erwie⸗ derte Marie,„meine Augen ſind geoͤffnet, frei⸗ lich zu ſpaͤt— aber geoͤffnet ſind ſie; guͤtig und liebevoll iſt es von Dir ſo zu reden, doch mich erfuͤllt die graͤßliche Ueberzeugung meiner eigenen Schuld. Sieh' nur, welchen Jammer ich angerichtet habe. Hier ein Vater, der ſeine Jugend und ſeine geſunden Gliedmaßen ſeinem Vaterlande zum Opfer brachte, nun in den Armen einer Mutter ſchluchzend, deren Leben an das ihres einzigen Sohnes geknuͤpft iſt. Von ihnen,“ fuhr Marie fort und warf ſich auf ihre Knie,„von ihnen muß ich knieend meine Verzeihung erflehen, ich flehe darum, ſo wie ſie ſelber auf die himmliſche Vergebung hoffen.— Gebt mir Antwort— ol gebt mir Antwort! Koͤnnt Ihr einer Unwuͤrdigen ver⸗ zeihen?“ Es folgte eine Stille. Ich trat zum alten — 298— Tom, kniete neben ihm nieder und bat ihn, ihr zu antworten. „Ihr verzeihen, der Aermſten, ja;— wer koͤnnte ihr das verweigern, ſo wie ſie jezt da knieet?— Komm'“ ſprach er zu ſeiner Frau, „Du mußt Ihr verzeihen. Blick' in die Hoͤhe, alte Frau, blick' auf ſie und bedenke, daß un⸗ ſer arme Junge morgen Mittag das naͤmliche ſchon im Himmel erflehen mag.“ Die Frau blickte auf und ihr von Thraͤnen faſt erblindetes Auge gewahrte Mariens fle⸗ hende, hinreißende ſchoͤne Stellung; dem war nicht zu widerſtehen. „So wie ich auf Barmherzigkeit fuͤr meinen armen Tom hoffe, den Du getoͤdtet haſt, ſo wahrhaft verzeihe ich Dir, ungluͤckliches junges Maͤdchen!“ „Noͤge Gott Euch dafuͤr belohnen, wenn er Euch zu ſich ruft,“ erwiederte Marie,„dies war die peinlichſte Aufgabe.— Dich, Jakob, muß ich um Vergebung bitten, weil ich es bin, die Dir Deinen erſten und treueſten Freund raubt— ja, und noch fuͤr vieles Andere be⸗ darf ich Deiner Verzeihung.— Von Euch Herr“— dieſe Worte richtete ſie an den Do⸗ mine,„muß ich Verzeihung erbitten fuͤr mein — 299— Betragen gegen Euch, das grauſam und un⸗ verzeihlich war— wollt Ihr mir verzeihen?“ „Ja, Marie, ich verzeihe Dir von ganzem Herzen;“ ſagte ich. „Segne Dich der Himmel! Maͤgdlein!“ ſchluchzte der Domine. „Vater, auch Euch muß ich um Vergebung bitten— ich war ein eigenwilliges Kind— verzeiht mir!“ „Ja, Marie; konnt'ſt's nicht helfen,“ ant⸗ wortete der alte Stapleton halbweinend— „war alles Menſchennatur.“ Mit Blicken voller Angſt und diebe wendete Marie auf ihren Knieen ſich jezt herum zu Tom:„Und nun mein leztes Anſprechen Dir, Tom. Ich weiß es, Du willſtt mir verzeihen — haſt mir ſchon verziehen— und dieſer Be⸗ weis Deiner heißen Liebe macht mir den Ge⸗ danken noch bitterer, daß ich die Urſache Dei⸗ nes Todes bin. Aber hoͤre mich, Tom, und ihr Alle hoͤrt mich.— Nie liebte ich einen Andern als Dich;— gern mogte ich Andere leiden, mogte Jakob ſehr gern leiden, doch Du ganz allein machteſt mich fuͤhlen, daß ich ein Herz beſaß; und o mein Gott! Dich allein habe ich geopfert. Als meine Thorheit mich .— 300— dazu verleitete, Dir Unmuth zu erregen, litt ich mehr dabei, als Du— denn Du allein beſaßeſt meine einzige Liebe, und Dir ſoll ſie unaufhoͤrlich, ſoll ſie ewig bleiben. Deinem An⸗ denken will ich mich vermaͤhlen— Vereinigung mit Dir ſoll mein einziger Mnih ſan— und koͤnnte mir der Himmel ein Gnadenge⸗ ſchenk verleihen, ſo waͤre es— mit Dir zu ſterben, Tom— in dieſen zeljehten Armen zu ſterben.“ Marie ſtreckte ihre Arme nach Tom aus, der vor ihr auf ſeine Kniee niederfiel und ſie umarmte; ſo hielten ſie ſich lange umſchlun⸗ gen, eines jeden Angeſicht ruhte auf des An⸗ dern Schulter. Dieſer ergreifende Auftritt hatte nun ſeine ganze Hoͤhe erreicht; er war zu er⸗ ſchuͤtternd, ich fuͤhlte mich einer Ohnmacht nahe, als des Domine Stimme mich wieder zur Beſinnung brachte. Mit beiden aufgehobenen und ausgeſtrecke ten Armen ſprach er feierlich:„O Herr! blicke herab auf dieſe Deine Diener in ihrer Noth; verleihe Denen, die ihre Pilgerſchaft fortſezen ſollen, Staͤrke, um Deine Heimſuchung zu er⸗ tragen— verleihe ihm, der zu Dir abberufen iſt, das Gluͤck, was dieſe Welt nicht geben — 301— kann.— Alllleitender Golt! Allmaͤchtiger Gott! lege uns nicht ſchwerere Laſten auf, als wir zu tragen vermoͤgen.— Meine Kinder, laßt uns beten.“ Der Domine kniete nieder und ſprach laut das Vater unſer; wir Alle folgten ſeinem Bei⸗ ſpiele und beteten mit ihm. Nun entſtand eine Stille;„Stapleton,“ ſagte ich und deutete auf Marie; zugleich winkte ich dem Domine. Wir hoben zuerſt den alten Tom, dann die Frau auf und fuͤhrten ſie hin⸗ aus; die arme Alte war in ſolchem Zuſtande der Stumpfſinnigkeit, daß ſie erſt, als ſie an die friſche Luft kam, bemerkte, ſie habe ihren Sohn verlaßen. Stapleton hatte vergebens verſucht, Marie und Tom zu trennen; ſie hielten ſich ſo feſt umklammert, als waͤren ſie im Tode. Zulezt gelang es mir, Tom zu ſich zu bringen, er ließ Marie los und ſie ward im Zuſtande gluͤcklicher Gefuͤhlsabweſenheit hinaus und durch ihren Vater und den Domine nach dem Gal hofe gefuͤhrt. „Sind ſie Alle fort?“ lispelte Tom, deßen „Haupt auf meiner Schulter ruhete. „Alle, Tom.“ — 302— „Dann iſt des Todes bitterſter Kelch geleert; Gott ſey ihnen gnaͤdig und mildere ihren Jam⸗ mer; ſie beduͤrfen Seiner Huͤlfe mehr, als ich.“ Eine heftige Thraͤnenfluth, die wohl einige Minuten anhielt, erleichterte den Aermſten; er richtete ſich auf, trocknete ſeine Augen und war um Vieles gefaßter. „Jakob, es iſt kaum noͤthig, Dir meine lezte Bitte vorzutragen, ſorge Du fuͤr meine armen Eltern— troͤſte Marie— Gott ſegne Dich, Jakob!— Du biſt mir in Wahrheit ein ge⸗ treuer Freund geweſen und mag Gott Dich dafuͤr belohnen.— Und nun verlaß mich;— ich muß mit meinem Gott mich beſchaͤftigen und um Vergebung meiner Suͤnden beten! Der Raum zwiſchen mir und der Ewigkeit iſt nur ſehr klein.“. Er warf ſich in meine Arme, hielt mich ei⸗ nige Minuten umhalſet, machte ſich dann ſanft von mir los und deutete auf die Thuͤr. Noch einmal erfaßte ich ſeine Hand— dann ſchie⸗ den wir. — 303— Siebenzehntes Kapitel. — In welchem, ſo wie das im lezten Kapitel eines Buches uͤblich iſt, Alles zu des Leſers Genug⸗ thuung geordnet wird,— der Verfaſſer fuͤhlt zugleich nicht geringe Befriedigung, er legt ſeine Feder nieder mit dem Ausrufe:„Gott ſey Dank!“ Joch kehrte zum Gaſthofe zuruͤck und ließ an⸗ ſpannen; mit Ausnahme von Marie erlaͤuterte ich allen Uebrigen, daß die Heimfahrt fuͤr ſie das Angemeßenſte ſey. Marie ward in den Wagen gehoben, und ich fuͤhlte mich ordent⸗ lich erleichtert, als ich ſie ſaͤmmtlich abfahren ſah. Was mich betrifft, ſo hatte ich beſchloßen, bis zum lezten Augenblicke hier zu bleiben; ich befand mich aber in einem ſieberhaften Zu⸗ — 304— ſtande der Aufregung, und konnte keine Ruhe finden. Im Zimmer auf und niedergehend, ge⸗ wahrte ich ein Zeitungsblatt; mechaniſch nahm ich es auf und begann zu leſen. Bald wurde meine Aufmerkſamkeit durch folgenden kurzen Saz erregt: „Seiner Majeſtaͤt Schiff Immortalite kam nach Chatham, um abbezahlt zu werden.“ Alſo unſer Schiff war zuruͤck; doch was ſollte das jezt? Gleichwohl fliſterte eine innere Stimme mir zu, ich muͤße hinfahren, Captain Maclean ſehen und verſuchen, ob durch ihn nicht etwas zu erlangen ſey. Sein vorherrſchen⸗ der Einfluß war mir bekannt, und wiewohl es jezt zu ſpaͤt war, fuͤhlte ich mich doch ſo ſehr angetrieben, ihn andhuſuchen, daß ich nicht widerſtand. „Hier kann ich gar nichts nuzen, alſo mag ich eben ſo gut hinfahren,“ ſagte ich zu mir ſelber.— Bald darauf ließ ich Poſtpferde kom⸗ men, fuhr nach Chatham, erfuhr hier, daß Captain Maclean ſich noch am Bord befinde, beſtieg ein Boot und fuhr zur Fregatte. Die Offiziere erkannten mich, waren erfreut, mich zu ſehen, und ich ließ mich bei dem Cap⸗ tain melden, mit der Bitte, ihn ſprechen zu — — 305— duͤrfen. Ich ward in ſeine Kajuͤte beſchieden, hier eroͤffnete ich ihm Alles, was vorgegangen war, und bat um ſeinen Beiſtand, wenn Huͤlfe noch moͤglich ſey. „Ehrlich,“ erwiederte er,„es zeigt ſich, daß Tom Beazeley zweimal deſertirte; indeß ſpricht vieles fuͤr ihn; auf jeden Fall iſt die Todes⸗ ſtrafe zu ſtrenge, und ich liebe ſie nicht.— Retten kann ich ihn, und will es auch. Nach den allgemeinen Dienſtanordnungen des Reiches fuͤr die Flotte ſowohl, als fuͤr das Heer kann ein Deſerteur aus dem einen Dienſtzweige von dem andern zuruͤckgefordert, und muß immer von ſeinen eigenen Offtzieren verurtheilt wer⸗ den. Deshalb iſt der Spruch des Kriegsrechtes nicht geſezlich Ich werde ein Kommando Ma⸗ rineſoldaten abſchicken und ihn als Deſerteur von der Flotte zuruͤckfordern, ſie muͤßen und ſollen mir ihn ausliefern— beruhigen Sie ſich daruͤber, Ehrlich, ſein Leben iſt ſo ſcher⸗ als das Ihrige.“ Ich haͤtte auf meine Kniee ſinken moͤgen, um ihm zu danken, und dennoch vermogte ich ſo uͤber alle Erwartung guͤnſtige Kunde kaum zu glauben. Ehrfurchtsvoll ſagte ich:„Es iſt keine Zeit III. 20 — 306— zu verlieren; morgen fruͤh um neun Uhr ſoll er erſchoßen werden.“ „Um neun Uhr morgen fruͤh ſoll er hier am Bord ſeyn oder ich bin nicht Captain Maclean. Indeß haben Sie recht, es iſt keine Zeit zu verlieren; faſt iſt's ſchon dunkel und das Kom⸗ mando muß ſogleich aufbrechen. Ich muß einen Dienſtbrief an den kommandirenden Offizier des Depot ſchreiben.— Rufen Sie meinen Schreiber.“ Ich lief hinaus, dieſen zum Captain zu be⸗ ſcheiden. Nach wenigen Minuten war der Brief geſchrieben und ein Kommando Marineſoldaten wurde unter dem Befehle des zweiten Lieute⸗ nants mit mir an's Land geſchickt. Sogleich beſtellte ich Poſtchaiſen fuͤr das ganze Kom⸗ mando und vor eilf Uhr waren wir ſchon in Maidſtone. Der Lieutenant und ich blieben die ganze Nacht auf; bei Tagesanbruch verſammelten wir die Marineſoldaten und marſchierten mit ihnen zu den Kaſernen, wo wir fanden, daß alle Vorbereitungen zu dem traurigen Dienſte ge⸗ troffen wurden; der kommandirende Offtzier war ſchon auf und leitete dieſe Vorbereitungen. — 307— Ich fuͤhrte ihm den Lieutenant zu, der ſein Dienſtſchreiben uͤberreichte. „Gott im Himmel! wie gluͤcklich! Sie koͤn⸗ nen hoffentlich ſeine Identitaͤt beweiſen?“ „Jeder dieſer Leute kann darauf ſchwoͤren.“ „Das iſt hinreichend, Herr Ehrlich; ich wuͤnſche Ihnen und Ihrem Freunde Gluͤck zu dieſem Aufſchub. Dienſtregeln muͤßen befolgt werden, und Sie werden mir einen Empfang⸗ ſchein bei der Ueberlieferung des Gefangenen ausſtatten.“ Dies geſchah durch den Lieutenant, und der Provoſt⸗Marſchall bekam Befehl, den Gefan⸗ genen auszuliefern. Ich eilte mit den Marine⸗ ſoldaten zu ſeinem Kerker; die Thuͤr wurde geoͤffnet. Tom, der in ſeiner Bibel las, ſchreckte auf und glaubte, als er die rothen Montirun⸗ gen ſah, er ſolle zuy Hinrichtung abgefuͤhrt werden.. „Ich bin bereit, Burſche!“ rief er aus,„je eher dies voruͤber iſt, deſto beßer.“ „Nein, Tom,“ ſprach ich vortretend,„ich vertraue auf beßeres Gluͤck. Du biſt als Deſer⸗ teur von der Immortalite zuruͤckgefordert.“ Tom ſtarrte mich an, ſtreifte die Haare von ſeiner Stirne zuruͤck und warf ſich in meine — 308— Arme; doch hier war nicht Ort noch Zeit, um uns unſern Gefuͤhlen zu uͤberlaßen. Wir eilten mit Tom aus der Kaſerne fort; ich ließ fuͤr das ganze Kommando wieder Poſtchaiſen kom⸗ men, und bald erreichten wir Chatham, wo⸗ ſelbſt wir an den Bord der Fregatte fuhren. Tom wurde dem Geſchuͤzmeiſter als Deſerteur uͤbergeben, und Captain Maclean ſchrieb einen Dienſtbrief, durch welchen er ein Kriegsrecht uͤber ihn anzuordnen verlangte. „Was wird der Erfolg davon ſeyn?“ fragte ich den aͤlteſten Lieutenant. „Der Captain ſagt, wenig oder gar nichts,“ gab mir dieſer zur Antwort;„weil er als Lehr⸗ ling gepreßt wurde, was gegen die Parlaments⸗ akte ſtreitet.“ Ich ging hinab, um Tom durch dieſe troͤſt⸗ liche Nachricht zu erheitern, nahm dann Ab⸗ ſchied und kehrte leichten Herzens nach London zuruͤck. Inzwiſchen duͤnkte es mich doch gerathener, die frohe Kunde nicht eher zu verbreiten, als bis wir des Erfolges ganz verſichert waͤren. In Drummond's Hauſe erzaͤhlte ich ledoch Alles, was vorgegangen war. Am folgenden Tage begleitete Herr Wharn⸗ = 309— eliff mich auf die Admiralitaͤt, wo ich das Gluͤck hatte zu erfahren, daß alles geſezlich waͤre und daß Tom nur fuͤr ſeine Deſertion von einem Kriegsſchiffe verurtheilt werden koͤnne; wenn er aber den Beweis zu fuͤhren vermoͤgte, daß er als Lehrling gepreßt wurde, ſo duͤrfte aller Wahrſcheinlichkeit nach, ſeine Freiſprechung er⸗ folgen. Drei Tage nach der Anforderung des Cap⸗ tains Maclean ward das Kriegsrecht angeſezt; ich eilte hinab nach Chatham, um dabei gegen⸗ waͤrtig zu ſeyn. Es war ſehr kurz; die Deſer⸗ tion wurde bewieſen und Tom zu ſeiner Ver⸗ theidigung aufgefordert. Er legte ſeine Papiere vor und fuͤhrte den Beweis, daß er zum Ma⸗ troſen gepreßt worden, bevor ſeine Lehrzeit ab⸗ gelaufen war.— Die Zuhoͤrer wurden fuͤr ei⸗ nige Minuten entfernt; dann wurde die Si⸗ zung wieder oͤffentlich. Tom wurde. u den Grund eines ungeſezlichen Zuruͤckhalten Widerſpruche gegen Parlamentsakte ehepre chen und war frei. Dem Captain Maclean und ſeinen Offt zie⸗ ren brachte ich meinen Dank fuͤr ihre Guͤte und verließ mit Tom die Fregatte im Kutter, den der erſte Lieutenant zu dieſem Dienſte hatte 4 — 310— bemannen laßen. Ueberſchwengliche Dankgefüͤhle erfuͤllten mein Herz bei dieſem gluͤcklichen Er⸗ eigniße. Tom ſaß ſchweigend, aber wohl ver⸗ mogte ich ſeine Empfindungen zu entziffern. Den Matroſen im Kutter ſchenkte ich fuͤnf Guineen, um auf Toms Wohlergehen zu trin⸗ ken; dann eilten wir zum Gaſthofe, ich ließ meinen Wagen vorfahren und eilte mit Tom, der ein koſtbares Unterpfand war, weil das Gluͤck ſo vieler Menſchen an ihn ſich knuͤpfte — ſo ſchnell wir nur fahren konnten nach Lon⸗ don. Hier hielt ich bei Drummond's an, um die begluͤckende Kunde mitzutheilen, und dann weiter nach meinem Hauſe, wo wir ſchliefen. Am folgenden Morgen mußte Tom von mei⸗ nen Kleidern anziehen und dann ſezten wir uns in den Nachen. Ich ſagte: „Jezt, Tom, mußt Du Dich anfangs zuruͤck⸗ halten, bis ich ſie vorbereitet habe. Wohin wol⸗ len wir zuerſt?“ „Zu meiner Mutter,“ erwiederte Tom. Wir fuhren unter der Putney-Bruͤcke durch und Toms Buſen ſchwellte, als er nach Ma⸗ riens Wohnung blickte. Sein Herz war dort! wie gerne waͤre der Aermſte zu dem ungluͤckli⸗ chen Maͤdchen geflogen, um ihre Thraͤnen zu — 311— trocknen; doch ſeine erſte Pflicht rief ihn zu den Eltern. Bald kamen wir vor der Wohuung der al⸗ ten Leute an, und ich verlangte von Tom, er ſolle ſich im Einrudern nicht umblicken, damit ſie ihn nicht gewahren moͤgten, bis ich ſie dar⸗ auf vorbereitet haͤtte; denn zu große Freude mag eben ſo toͤdtlich wirken, als ungeheurer Schmerz. Der alte Tom war nicht an ſeiner Arbeit, alles war ganz ſtill. Ich landete, ging zum Hauſe, oͤffnete die Thuͤr und fand Beide ſchwei⸗ gend bei dem Kuͤchenfeuer ſizen, als bewachten ſie den Rauch, wie dieſer im geraͤumigen Schorn⸗ ſteine emporſtieg. „Guten Morgen,“ wuͤnſchte ich Beiden, „wie geht es Euch, Frau Beazeley?“ „O mein Gott!“ ſchluchzte die Alte und be⸗ deckte ihre Augen mit der Schuͤrze. „Sez' Dich, Jakob, ſez' Dich,“ ſagte der alte Tom,„jezt koͤnnen wir von ihm ſprechen.“ „Ja, nun er im Himmel iſt,“ fiel die Frau ein. „Erzaͤhle mir, Jakob,“ ſagte er mit beben⸗ der Lippe,„ſah'ſt Du ſein Ende.— Sag mir Alles. Wie ſah er aus?— Wie benahm er — 312— ſich?— War er ſchnell der Pein entledigt?— Und— Jakob— wo liegt er begraben?“ „Ja, ja,“ ſchluchzte die Frau,„ſag uns, wo der Leichnam meines armen Kindes liegt.“ „Koͤnnt Ihr's auch ertragen, von ihm zu ſprechen?“ ſagte ich. „Ja, ja; wir koͤnnen nicht genug von ihm ſprechen, es thut uns wohl;“ ſagte ſie,„ſeit⸗ dem wir ihn verließen, haben wir nichts an⸗ deres gethan, als von ihm geſprochen.“ „Und das werden wir thun, bis wir in un⸗ ſer Grab ſinken,“ ſprach Tom,„was nicht lange mehr dauern wird. Ich wuͤnſche jezt gar nichts mehr, und ſingen will ich nie wieder, das iſt gewiß. Lange werden wir's Beide nicht mehr machen. Was mich betrifft,“ fuhr er mit ſchwermuͤthigem Laͤcheln auf ſeine Stuͤmpfe hinabblickend fort,„ſo mag ich wohl ſagen, ich habe ſchon zwei Fuͤße im Grabe. Doch komm, Jakob, erzaͤhle Alles.“ „Das will ich; aber liebe Frau, Ihr muͤßt Euch auf ganz andere Kunde gefaßt machen, als Ihr erwartet. Tom iſt noch nicht erſchoßen.“ „Nicht todt!“ kreiſchte die alte Frau. „Noch nicht, Jakob?“ rief Tom und ergriff meinen Arm, den er mit Schraubengewalt — 313— preßte, waͤhrend er mir ernſt in's Antliz blickte. „Er lebt; und ich habe Hoffnung, daß er Verzeihung erhaͤlt.“ Die Frau ſprang vom Seßel auf und erfaßte mich am andern Arme. „Ich ſehe— ja, ich ſehe— ich leſe es in Deinem Geſichte, Jakob, er hat Verzeihung erhalten und wir werden unſern Tom wieder bekommen.“ „Ihr habt Recht, liebe Frau; ihm iſt ver⸗ ziehen und bald wird er hier ſeyn.“ Die alten Leute ſanken neben mir auf ihre Kniee nieder; ich ging hinaus und winkte Tom, der herbeiflog und nach einem Augenblicke in ihren Armen lag. Wir halfen die alte Frau vom Boden auf und ſezten ſie in ihren Stuhl; dann ging ich hinaus, um mich nach dieſem erſchuͤtternden Auftritte zu ſammeln. Eine Stunde verweilte ich außen und trat dann wieder ein; die alten Leute ergriffen meine Haͤnde und fleheten Segen auf mein Haupt herab. „Jezt muͤßt Ihr Euch eine kurze Zeit von Tom trennen,“ ſagte ich;„noch andere außer Euch muͤßen gluͤcklich gemacht werden.“ III. 20 — 314— „Sehr wahr,“ ſprach der alte Tom,„geh', mein Junge, und troͤſte ſie. Komm', Frau, wir duͤrfen Andere nicht vergeßen.“ „O nein; geh', Tom, geh' und ſag' ihr, daß ſie nicht zu bald meine Tochter werden kann.“ s Tom umhalſete ſeine Mutter und folgte mir dann in's Boot; wir ruderten gegen den Strom hinauf und erreichten bald die Putney⸗Bruͤcke. „Tom,“ ſagte ich,„es wird am Beſten ſeyn, Du bleibſt im Boote; ich will Dich entweder holen, oder fuͤr Dich ſchicken.“ Ungern willigte Tom dazu ein, aber ich ließ keine ſeiner Gegenreden gelten und er blieb.— Im Hauſe angekommen, fand ich Marie oben im kleinen Wohnzimmer, in tiefe Trauer ge⸗ kleidet; als ich eintrat, blickte ſie uͤber den Strom hinaus; wandte ſich um, gewahrte mich und kam mir entgegen. „Du kommſt nicht, Jakob, mir Vorwuͤrfe zu machen,“ ſagte ſie in ſehr ſchwermuͤthigem Tone;„Du biſt zu gut, um das zu thun.“ „Ich komme, Dir Troſt zu bringen, Marie, wenn's moͤglich iſt.“ „Das iſt nicht moͤglich. Sieh' mich an, Jakob. Nagt nicht ein Wurm— ein Krebs — an meinem Innern?“ — 315— Ihre hohlen Wangen, die wild⸗ſtierenden Augen, die einſt ſo reizend aufblickten,— be⸗ zeugten nur zu deutlich die Wahrheit. „Marie,“ ſprach ich,„ſez' Dich zu mir; Du weißt, was die Bibel ſagt: Truͤbſal iſt ein nuͤzlich Ding fuͤr uns.“ „Ja, ja,“ ſchluchzte Marie,„ich verdiene Alles, was ich leide, und ich beuge mich in Demuth. Aber werde ich nicht zu hart beſtraft? Klagen wih ich nicht, doch es iſt mehr, als ich ertragen kann; wenn ich bedenken muß, daß ich ihn um ſein Leben brachte, der mich ſo liebte!“? „Du haſt ihn nicht umgebracht, Marie.“ „Ja, ja; mein Herz ſagt mir's, daß ich es that.“ „Und ich ſage Dir, Du thateſt es nicht.— Sprich, Marie, ſo furchtbar die Zuͤchtigung iſt, wuͤrdeſt Du nicht dankbar die Ruthe kuͤſ⸗ ſen, wenn ſie Dich von Deiner unſeligen Ge⸗ muͤthsneigung heilte und Dich tauglich; machte, eine gute Frau zu werden?“ „Daß ich geheilt bin, kann ich mit voller Ueberzeugung verſichern; aber mein Tod iſt auch eben ſo gewiß wie ſeiner;— ich wuͤnſche auch nicht zu leben— in wenigen kurzen Mo⸗ naten hoffe ich an ſeiner Seite zu ruhen.“ 2 ⸗ 8 „Ich hoffe, Dein Wunſch ſoll bald erfuͤllt werden, Marie, doch nicht im Tode.“ „Gerechter Bitäneh, was Penni Du, Ja⸗ kob?“ „Ich ſagte Dir, Ou haͤtteſt den armen Zo nicht umgebracht— das haſt Du nicht;— er iſt noch nicht todt; es fand ſich eine Unge⸗ ſezlichkeit, welche veranlaßte, den„Urtheilsfpruch wieder nachzuſehen.“ „Jakob,“ erwiederte Marie,„es iſt Grau⸗ ſamkeit, Hoffnungen in mir zu erregen, nur um ſie wieder zu zertruͤmmern. Wenn er noch nicht todt iſt, ſo muß er ſterben. Ich wollte, Du haͤtteſt mir das gar nicht geſagt; in wel⸗ chem furchtbaren Zuſtande von Todeskampf und Ungewißheit muß er dieſe ganze Zeit uͤber ge⸗ weſen ſeyn— und ich— ich verurſachte alle ſeyn Leiden! Ich vertrauete darauf, daß er nun ſchon von dieſer herzloſen⸗ grauſamen Welt erloͤſet waͤre.“ Die Fluth von Thraͤnen, womit ſie dieſe Worte ſprach und die ſie nun noch weinte, gab mir die Gewißheit, daß ich ihr ohne Ge⸗ fahr die gluͤckliche Kunde mittheilen koͤnne; hoͤre mich an, Marie!“ „Verlaß mich— laß mich,“ ſchluchzte ſie nd winkte zuruͤck mit ihrer Hand. — 317— „Nein, Marie, nicht bis ich Dir geſagt ha⸗ be, daß Tom nicht nur lebt— ſondern daß ihm Verzeihung wurde.“ „Verzeihung!“ ſchrie Marie auf. „Ja, Marie— er iſt freigeſprochen— iſt ganz frei— und wird in wenigen Minuten in Deinen Armen ſeyn.“ Marie ſank auf ihre Kniee, hob ihre Blicke und ihre Haͤnde zum Himmel empor, und fiel dann in einen Zuſtand der Beſinnungsloſigkeit. Tom, der mir gefolgt war und ſich in der Naͤhe des Hauſes aufgehalten hatte, hoͤrte den Schrei und konnte ſich nun nicht laͤnger zu⸗ ruͤckhalten; ey ſtuͤrzte in's Zimmer, als Marie hinſank, und ich legte ſie in ſeine Arme. Bei den erſten Anzeichen wiederkehrender Beſinnung ließ ich ſie allein und ging den alten Staple⸗ ton aufzuſuchen, dem ich die Mittheilung in kuͤrzerer Weiſe machte. Er rauchte ſeine Pfeife waͤhrend meiner Erzaͤhlung und ſagte, als ich geendet hatte: „Froh daruͤber, froh daruͤber; uͤberdachte eben, wie alle dieſe Sinne uns in Ungelegen⸗ heiten bringen, aber am meiſten von allen der Sinn der Liebe; ſezte mich in Ungelegenheit und machte mich einen Mann todtſchlagen;— — 318— ſezte meine arme Frau in Ungelegenheit und erſaͤufte die;— und nun haͤtte er den Tom beinah erſchoßen und Marie getoͤdtet.— Hatte zu viel Menſchennatur dieſe lezte Zeit— nichts als feuchte Augen und kalte Pfeifen.— Begegnete geſtern dem Sergeanten, hatte ein's mit ihm; Tom hat ihm das eine Auge zuge⸗ richtet, und ſo alt ich bin, habe ich ihm fuͤr eine Zeitlang das andere Auge zugemacht. Vier⸗ zehn Tage muß er gewiß zu Bett liegen— konnt's nicht helfen— Menſchennatur.“ Ich nahm Abſchied von Stapleton, ging noch einmal zu Tom und Marie, ſchickte einen Brief an den Domine ab, um dem Alles mit⸗ zutheilen, und eilte dann zu Drummond's, um die gluͤcklichen Ergebniße meiner Morgen⸗ arbeit Sarah und ihrer Mutter zu erzaͤhlen. „Und nun Sarah, nachdem ich Anderer An⸗ gelegenheiten ſo gluͤcklich habe ordnen koͤnnen, muß ich wuͤnſchen, meine eigene Sache fuͤhren zu duͤrfen. Mich duͤnkt, daß nachdem ich ſo lange Zeit hindurch Deine ſuͤße Gegenwart ent⸗ behren mußte, mir nun dafuͤr ein Lohn ge⸗ buͤhrt.“ „So iſt's, Jakob,“ ſprach Madame Drum⸗ mond,„und ich bin uͤberzeugt, Sarah denkt das naͤmliche, wenn ſie's nur eingeſtehen will.“ — 319— „Ich geſtehe es ein, Mama; aber worin ſoll die Belohnung beſtehen.“ „Darin, daß Du dem Vater und der Mut⸗ ter geſtatteſt, einen nahen Tag zu unſerer Ver⸗ maͤhlung zu beſtimmen, und daß Du erlaubſt, daß Tom und Marie am naͤmlichen Altare mit uns verbunden werden.“ „War ich nicht ſtets eine gehorſame Tochter, Mama?“ „Ja, mein Liebling, das warſt Du.“ „Dann werde ich thun, was meine Eltern mir heißen; wahrſcheinlich wird das der lezte Befehl ſeyn, den ich von ihnen empfange, und ich will gehorchen; biſt Du damit zufrie⸗ den, lieber Jakob?“ An dieſem Abende ward unſer Hochzeittag feſtgeſezt. Dem Leſer darf ich mit keiner Beſchreibung meiner Gefuͤhle und meiner Seligkeit waͤhrend der Vorbereitungen zu dieſer Feſtlichkeit ermu⸗ den. Sarah und ich, Marie und Tom wur⸗ den an einem Tage verbunden, und nichts truͤbte unſer Gluͤck. Tom wohnt bei ſeinen alten Eltern; und Marie in Gluͤckſeligkeit ſtrahlend iſt vielleicht reizender als je, aber ſie iſt auch eine vortreff⸗ liche, liebende Hausfrau geworden. 4 — 320— Ueber Sarah darf ich kaum das naͤmliche anfuͤhren; von Kindheit an war ſie meine Freundin und iſt mir jezt Alles, was ein Mann hoffen und wuͤnſchen mag. Eine Reihe von Jahren ſind wir bereits verheirathet und mit zahlreicher Familie geſegnet. Jezt bin ich beinahe am Schluße. Nur noch einige beſondere Umſtaͤnde in Betreff meiner fruͤhern Freunde habe ich dem Leſer mitzu⸗ theilen. Stapleton lebt noch und iſt ſeiner Pfeife vermaͤhlt; wiewohl der Geſchmack an Tabak allgemein als ein angeeigneter betrachtet wird, darf man bei ihm mit vollem Grunde ver⸗ ſichern, er ſey Menſchennatur. Er beſizt zwei Nachen, von Lehrlingen gefahren, die ihm ſei⸗ nen guten Unterhalt verdienen, ohne daß er ſelber zu arbeiten braucht. Er ſagt, die Burſche waͤren nicht ſo ehrlich, als ich war, und be⸗ troͤgen ihn ziemlich viel; indeßen troͤſtet er ſich daruͤber mit der Verſicherung, es ſey nichts anders, als Menſchennatur. Der alte Tom iſt kraͤftig und heitern Gei⸗ ſtes, er ſagt, daß er nicht die Abſicht habe, ſeinen beiden Beinen ſobald ſchon zu folgen. Seine Frau, ſagt er, ſey ſiechend; doch Marie bedarf keiner Huͤlfe im Hausweſen. Der Alte — 321— hat das Ausbeßern von Boͤten aufgegeben, ſein Schild iſt herabgenommen, denn er befin⸗ det ſich jezt in ganz behaglicher Lage. Als Tom heirathete, fragte ich ihn, was er vorzunehmen wuͤnſche; er bat mich, ihm das noͤthige Geld zu borgen, um ſich einen Lichter kaufen zu koͤnnen; ich machte ihn einen ganz neuen Lichter zum Geſchenke, der ſo eben auf Drummond's Werfte vom Stapel gelaßen war. Der alte Stapleton uͤbergab ihm die zwei hun⸗ dert Pfund, aus Herrn Turnbull's Vermaͤcht⸗ niße herruͤhrend, und Toms Mutter brachte von ihrem Erſparten eine eben ſo große Summe zum Vorſchein. Dadurch wurde Tom in den Stand geſezt, ſich noch einen Lichter zu kaufen, und jezt beſizt er deren ſechſe oder ſieben; es geht ihm wohl und er vergröoßert mit jedem Jahre ſein Vermoͤgen. Die Rede war davon, eine beßere Wohnung zu beziehen, doch die alten Leute wuͤnſchen zu bleiben, wo ſie ſind; ganz beſonders der Vater, der ſich eine Laube an der Stelle aufgerichtet hat, wo ehemals das halbe alte Boot ſtand; dort ſizt er und traͤllert ſeine Lieder, wobei er die Fahrzeuge betrachtet, die im Strome auf und nieder fahren. Herr und Madame Wharncliff ſind immer noch meine Nachbarn und liebſten Freunde. — 322— Madame Turnbull ſtarb vor wenigen Mo⸗ naten und jezt bin ich im Beſize des ganzsn Vermoͤgens. Meine Schwiegereltern ſind gelund und glüd⸗ lich. Herr Drummond will ſich aus den Ge⸗ ſchaͤften zuruͤckziehen, ſobald er nur ſeine viel⸗ fachen Angelegenheiten aufzuwinden vermag. Nur von einem habe ich noch zu ſprechen, vom alten Domine. Mit zunehmenden Jahren nahm ſeine Geiſtesabweſenheit ebenfalls zu und die Vorſteher der Armenſchule achteten es noͤ⸗ thig, ihn mit einem Jahrgelde in den Ruhe⸗ ſtand zu verſezen. Dies war dem alten Manne ein harter Schlag, er vertheidigte ſeine Faͤhig⸗ keit, den Unterricht fortſezen zu koͤnnen z indeß urtheilte man anders und er nahm mein Er⸗ bieten, kuͤnftig bei mir zu wohnen, unter dem Vorwande an, daß es noͤthig ſey, unſere Kinder, von denen der Aelteſte damals erſt vier Jahre alt war, Latein und Griechiſch zu lehren. Er zog zu uns mit allen ſeinen Buͤ⸗ chern und vergaß auch die furchtbare Birke nicht; weil aber die Kinder aus freiem Antriebe Latein nicht lernen wollten, und meine Frau nicht erlaubte, die Ruthe anzuwenden, ſo hoͤrte des Domine Beſchaͤftigung auf.— So ſtark wirkte aber die Macht der Gewohnheit, daß er — ͦ-— —— — — — 323— nie ausging, ohne die Lateiniſche Grammatik, in der Taſche zu haben, und oſt habe ich mit augeſehen, daß er ſich im Huͤhnerhofe hinſezte, hoͤchſt wahrſcheinlich in dem Glauben, er waͤre in ſeiner Schule.— Da ſaß er und deklinirte, konſtruirte und konjugirte mit lauter Stimme, die Huͤhner kakelten dazwiſchen und die Enten gaben ihre ſchnatternde Erwiederung noch un⸗ verſchaͤmter. Sarah hat eine Zeichnung von ihm, in die⸗ ſer Stellung ſizend entworfen, die jezt uͤber dem Kamin in meinem Arbeitszimmer zwiſchen zwei Zeichnungen Turnbul's haͤngt, deren eine einen am 17. Auguſt.. 78 geſehenen Eisberg dar⸗ ſtellt, die zweite aber die gefahrvolle Lage des Wallffiſchfaͤngers Kameel zeigt, der im— Grade der Breite und— Grade der Laͤnge— zwiſchen Eisſchollen feſtgeklammert ſaß. Leſer, nunmehr iſt meine Erzaͤhlung geen⸗ det. Zwei Lehren ſind, wie ich mit Zutrauen ſagen darf, aus den Ereignißen meines Lebens abzuziehen. Die eine, daß wir im geſellſchaft⸗ lichen Zuſtande natuͤrlich einer von des andern Beiſtande abhaͤngen, und daß derjenige, der ſeine Unabhaͤngigkeit behaupten will, ſich ſelber der Stroͤmung entzieht, die zum Fortkommen hilft.— Die zweite, daß wir mit den Vor⸗ theilen guter Erziehung und guter Grundſaͤze vernuͤnftiger Weiſe hoffen duͤrfen, ſogar zu der Erwartung berechtigt ſind, es werde uns in dieſer Welt wohl gehen— obgleich nicht Je⸗ dermann annehmen darf, vom Gluͤcke ſo be⸗ ſchenkt zu werden, als ich es wurde. Nach des Domine Ausdrucke, gleich einer Waßerpflanze vom Strome aufgeſpuͤlt, ſah der Leſer den Waiſenknaben und Armenſchuͤler zu Reichthum und Weltachtung emporkommen— er ſah, wie der Freundloſe ſich die waͤrmſten Freunde erwarb und ſicherte— wie er, der Alles von Andern empfangen mußte, in eine Lage verſezt wurde, in welcher er wiederum Andere beſchuͤzen und Andern aufhelfen konnte — er, der kein lebendiges Einzelweſen als ſei⸗ nen Verwandten angeben konnte— vermaͤhlt mit dem Gegenſtande ſeiner Liebe, und geſeg⸗ net durch zahlreiche Familie;— und um alle dieſe Vortheile, dieſe Geſammtſumme von Gluͤckſeligkeit zu erwerben, beſaß er zum An⸗ lagekapital nichts weiter, als gute Erzie⸗ hung und gute Grundſaͤze. Leſer, fahre wohl! Ende. ————— Aachen, gedruckt bei M. Urlichs, Sohn. — v—— 1 1 1 enuunuummaunnaaunnaauaumnann 7 8 9 10 11 12 14 16 17 * * 8.* 8 8 5 3 1 f I 2* 3 4 8 2 8 — 3 3 7 1& —