* Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur oun.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ALeih- und Jeſebedingungen. 1. 0ffensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 3 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. 3. für ochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. Ff. 1 Mt. 50 Pf. 2 Nk. Ff. „ 3„ w„=„„=»„.—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 — — N⁸ Jakob Ehrlich. Erſter Theil. In demſelben Verlage iſt fruͤher erſchienen: E. L. Bulwei's ſämmtliche Werke: Pelham, oder Begegniße eines Weltmannes. Aus dem Engliſchen uͤberſezt von C. Richard. 2. Auflage. 3 Baͤnde. 3 Thlr. Der Verſtoßene. Aus dem Engliſchen uͤberſ. von C. Richard. 3 Baͤnde. 4 Thlr. 12 gGr. Devereux. Aus dem Engliſchen uͤberſezt von C. Richard. 3 Baͤnde. 4 Thlr. 12 gGr. Paul Elifford. Aus dem Engliſchen uͤberſ. von C. Richard. 3 Baͤnde. 4 Thlr. 12 gGr. Falkland. Aus dem Engliſchen uͤberſezt von C. Richard. 1 Thlr. 12 gGr. Eugen Aram. Aus dem Engliſchen uͤberſezt von C. Richard. 2. Auflage. 3 Bde. 3 Thlr. England und die Englaͤnder. Ueberſezt und mit Anmerkungen begleitet von Louis Lax. Mit dem Bildniſſe des Verfaſſers 8, 3 Bde. 1833. 3 Thlr. Die Pilgrime am Rhein. Arz dem Engli⸗ ſchen uͤberſezt von Louis Lax. 8. 1834. 2 Bde. 2 Thlr. erbert Milton, oder Leben der hoͤheren Staͤnde in London. Aus dem Engliſchen uͤber⸗ ſezt von C. Richard. 3 Baͤnde. 5 Thlr. Arthur Beverley, des Koͤnigs Page. Aus dem Engliſchen uͤberſezt von C. Richard. 2 Baͤnde. 3 Thlr. Trelawney's Abentheuerin Oſtindien. Aus dem Engliſchen uͤberſezt von C. Richard. 4 Bde. 4 Thlr. 12 gGr. Der Bucanier. Ein hiſtoriſcher Roman aus der Zeit Cromwell's. Aus dem Engliſchen von Louis Lax. 3 Baͤnde. 3 Thlr. O'Neill der Rebell und Arasmanes. Zwei Erzaͤhlungen. Aus dem Engliſchen von Otto von Czarnowski. 8. geh. 1834. 1 Thlr. Dielezten Tage von Pompeje. Aus dem Engliſchen von Otto von Czarnowski. 8, geh: — Jakob Ehrlich; von Captain Marryat, ein Seitenſtück zu Peter Simpel, vom nemlichen Verfaßer. Aus dem Engliſchen von C. Richard. Erſter Theil. Aachen und Keipzig, Verlag von J. A. Mayer. (Prüſſel bei J. A. Kayer und Jomerhauſen.) 1 83 5. Jakob Ehrlich. — Erſtes Kapitel. Meine Geburt, Verwandſchaft und Frmilien⸗Anſpruͤche. ungluͤcklicherweiſe bin ich ein nacht heiliger oder juͤngerer Sohn, dem jedoch durch einen kleinen Zufall abgeholfen wird.— Kaum empfange ich von meinem Vater die erſten Elemente der Wiſ⸗ ſenſchaften, als die Elemente ſich gegen mich verſchwoͤren, und mich zur Waiſe machen. Geehrter Leſer, auf dem Waßer ward ich ge⸗ boren, nicht auf dem ſalzigen und ungeſtuͤmen Ozean, ſondern auf dem ſuͤßen, raſchhinfluthen⸗ den Strome. In einer ſchwimmenden Kiſte, Lichter genannt, war es, daß ich auf der Themſe, bei niedrigem Waßer zuerſt den Geruch von Modder einſog. Dieſer Lichter war bemannt— — 6— wollte man ihn unfreundlich aufnehmen)— mit meinem Vater, meiner Mutter und mit des Leſers gehorſamen Diener. Mein Vater hatte die alleinige Leitung— er war der Mo⸗ narch des Verdecks; meine Mutter war natuͤr⸗ lich die Koͤnigin und ich der muthmaßliche Erb⸗ folger. Bevor ich ein Wort von mir ſelber ſage, bitte ich um Erlaubniß meine Eltern pflicht⸗ ſchuldigſt zu beſchreiben. Zuerſt will ich alſo meine Koͤnigin⸗Mutter ſchildern. Von ihr wird erzaͤhlt, daß als ſie zuerſt an den Bord des Lichters kam, eine leichtere Geſtalt und ein leichterer Gang nie von einer Schiffsplanke ge⸗ tragen wurden; ſo weit aber mein eigenes Ge⸗ daͤchtniß mich zuruͤckfuͤhrt war ſie ſtets ein fet⸗ tes, unfoͤrmliches Weib.— Ortsveraͤnderung war nicht ihr Geſchmack— wohl aber Gene⸗ ver. Selten verließ ſie die Kajuͤte,— den Lich⸗ ter niemals; ein Paar Schuhe haͤtten ihr bei der geringen Abnuzung fuͤr fuͤnf Jahre genuͤgen 3 konnen. Bei dieſen ihren recht haͤuslichen Ge⸗ woohnheiten, die alle verheirathete Frauen ſich 4 aneignen ſollten, war ſie ſtets zu finden, wenn man ihrer bedurfte; aber wiewohl ſtets zur lein Ausdruck der fehlerhaft erſcheinen wuͤrde —— Hand, war ſie doch nicht immer auf den Fuͤßen. Gegen das Ende des Tages legte ſie ſich auf ihr Bett nieder;— eine weiſe Vorſicht, wenn Jemand nicht laͤnger zu ſtehen vermag. Die Wahrheit iſt, daß meine verehrte Mutter, wiewohl ihre Tugend unantaſtbar blieb, doch haͤufig vom ſtarken Geiſte verlockt ward, ja, daß ſo anhaͤnglich und getreu ſie meinem Vater war, ſie dennoch von dem hinterliſtigen Ver⸗ derber weiblicher Aufrichtigkeit— vom Gene⸗ ver, verfuͤhrt und mit ihm im Bette gefunden wurde. In den Lichter, den man einem andern Edengarten haͤtte vergleichen koͤnnen, in welchem meine Mutter die Eva war, und mein Vater der Adam dem ſie die Genoßin ſeyn ſollte, kam dieſe Schlange welche ſie verſuchte;— und wenn ſie nicht aß, ſo trank ſie, was noch viel ſchlimmer war.— Im Anfange freilich— und dies fuͤhre ich an um zu beweiſen wie der Feind den Zutritt jedesmal unter ſcheinbarem Vor⸗ wande gewinnt— trank ſie nur um die Kaͤlte von ihrem Magen abzuhalten, was auch die feuchte Atmosphaͤre des ſie umgebenden Waſ⸗ ſers zu rechtfertigen ſchien. Aus eben dem Grunde griff mein Vater zu ſeiner Pfeife; aber zu der Zeit, als ich geboren war, ſchmauchte er und — 8— trank ſie, vom Morgen bis zum Abend, denn Gewohnheit hatte ihnen Beiden dies zu ihrem Daſeyn faſt nothwendig gemacht. Jederzeit war die Pfeife zwiſchen ſeinen Lippen, unablaͤßig das Glas an den ihrigen. Trozig haͤtte ich jegliche Kaͤlte herausgefordert in ihre Magen zu dringen;— doch von meiner Mutter habe ich fuͤr jezt genug geſagt, und gehe zu meinem Vater uͤber. Der war ein aufgedunſener, rundbaͤuchiger, langarmiger, kleiner Mann, vortrefflich geeignet zu ſeiner Stellung in, oder vielmehr außerhalb der menſchlichen Geſellſchaft. Einen Lichter ver⸗ ſtand er zu fuͤhren, ſo gut als irgend jemand; aber ſonſt konnte er auch nichts. Von Kindheit an war er dazu erzogen. Nur meiner Mutter wegen ging er an's Land und kam wieder an den Bord;— dies war das einzige bemerkens⸗ werthe Ereigniß ſeines Lebens.— Sein ganzes Vergnuͤgen gewaͤhrte ſeine Pfeife ihm; und weil eine gewiße unerklaͤrliche Verknuͤpfung zwiſchen Tabakrauchen und Philoſophie beſteht, war mein Vater durch fortgeſeztes Rauchen ein vollkommener Philoſoph geworden. Es iſt eben ſo ſonderbar als wahrhaftig, daß wir unſere Sorgen mit dem Tabaksrauch von uns — 9— zu blaſen vermoͤgen, waͤhrend ſie ohne Tabak eine erdruͤckende Buͤrde unſers Daſeyns bleiben. Es iſt unmoͤglich einen Zug zuſammenzuſezen, der dem Zuge durch das Rohr einer Pfeife gleich kaͤme. Die kriegeriſchen Wilden in Nord⸗ amerika erfreuten ſich dieſer Segnung ſchon vor uns; nur der Pfeife muß man die Weisheit ihrer Berathungen und die lakoniſche Aeußerung ihrer Geſinnungen zuſchreiben. Hoͤchſt angemeßen wuͤrde ſie in unſere geſezgebende Verſammlung einzufuͤhren ſeyn. Freilich wuͤrden Damen als⸗ dann nicht mehr durch's Luftloch hinabblicken; wir aber wuͤrden mehr Vernunft und weniger Worte haben. Dem Tabak iſt ebenfalls jene ſtoiſche Feſtigkeit der amerikaniſchen Krieger zu⸗ zuſchreiben, die zufrieden mit der Pfeife in ihrem Munde, in vollkommener Gleichguͤltigkeit die Folterqual ihrer Feinde ertrugen. Aus den wohlbekannten Tugenden dieſes Krautes ent⸗ ſprang jener eigenthuͤmliche Ausdruck, der, wenn man einen Andern in Zorn verſezt, dieſes damit bezeichnet:„daß man ihm ſeine Pfeife ausloͤſcht.“ Meines Vaters Pfeife erloſch niemals, weder buchſtaͤblich, noch im bildlichen Sinne. Er beſaß einige wenige Denkſpruͤche, welche jeglichen Unfall zu einem begluͤckten Ende fuͤhrten; und — 3 — 16— weil er ſelten oder nie ſich in Worten ergoß, ſo praͤgten dieſe Spruͤche ſich tief meinem kindlichen Gedaͤchtniß ein. Der eine hieß:„Wei⸗ nen hilft nicht; was geſchehn iſt, kann man nicht aͤndern.“ Schluͤpften dieſe Worte einmal uͤber ſeine Lippen, ſo wurde der Gegen⸗ ſtand nie wieder erwaͤhnt. Nichts ſchien ihn zu ruͤhren; das Schwoͤren und Fluchen derer die andere Lichter, Barken, Fahrzeuge und Boͤte jeder Art fuͤhrten und ſich im Auf⸗ oder Niedertreiben mit Fluth und Ebbe um den Extra⸗Fuß Waſſer ſtritten, machte auf ihn nicht mehr Eindruck als eine oder zwei Extra⸗Rauch⸗ ſaͤulen, die etwa aus dem Kopfe ſeiner Pfeife emporſtiegen. An meine Mutter richtete er nur den einzigen Ausſpruch:„Nimm's kaltbluͤ⸗ tig;“ der brachte aber bei ihr jedesmal die entgegengeſezte Wirkung hervor, weil er ihre Heftigkeit vermehrte.— Es hieß Oel zum Feuer gießen: gleichwohl war der Rath gut, waͤre er nur immer befolgt worden.— Ging irgend etwas unrecht, ſo war ein anderer Lieb⸗ lingsſpruch meines Vaters, nach dem nemlichen Muſter als das Uebrige ſeiner Philoſophie dieſer;„ſ'naͤchſtemal, mehr Gluͤck.“ Tief waren dieſe Aphorismen meinem Gedaͤcht⸗ — 11— niße eingewurzelt; unaufhoͤrlich wiederholte ich ſie meinem Gemuͤthe und ward auf dieſe Art ein Philoſoph, lange bevor meine Weisheits⸗ zaͤhne nur den Kern angeſezt hatten, ſogar bevor ich die erſte Zahnreihe verwechſelte, mit welcher die guͤtige Natur uns beſchenkt, damit wir im Fallrock⸗Alter uns ohne Gefahr der Freude des Benagens uͤberlaßen koͤnnen. Meines Vaters Erziehung war vernachlaͤßigt worden; er konnte weder ſchreiben noch leſen. Wiewohl er aber nicht durchaus Buchſtaben erfand gleich Cadmus, hatte er ſich dennoch an gewiße Hieroglyphen gewoͤhnt, die im All⸗ gemeinen ſeinen Beduͤrfnißen hinreichend ent⸗ ſprachen und die als eine kuͤnſtliche Gedaͤchtniß⸗ huͤlfe betrachtet werden konnten. „Ich kann weder ſchreiben noch leſen, Jakob, 7 pflegte er zu ſagen,„ich wollte ich koͤnnt's; aber merk' Junge, mit dieſem Zeichen hier, meyne ich dreiviertel von'nem Bushel. Paß' auf, daß Du's weißt wenn ich Dich frage, oder ich will geblaſen ſeyn wenn ich Dich nicht blaͤue.“ Es gehoͤ3rte aber ein beſonders ſchwieriger Fall dazu, eine neue Hieroglyphe noͤthig zu machen, oder eine ſo langanhaltende Rede aus bekannt, und weil ich ein treffliches Gedaͤchtniß Verlegenheit ſezte. Zwar habe ich geſagt ich ſey der muthmaßliche andere Kinder zur Welt gebracht; das erſte dagegen, mein aͤlterer Bruder, durch Hinab⸗ fallen uͤber den Stern des Lichters, als er drei wältigt zu Bett gegangen; mein Vater ſtand vorn auf dem Verdeck gegen die Schiffswinde gelehnt, und ſchmauchte ganz gemuͤthlich ſeine Abend⸗Pfeife.„Was war das?“ rief er aus, nahm ſeine Pfeife aus dem Munde und horchte: nes ſollte mich nicht wundern, wenn's Joſt meinem Vater hervorzubringen. Mit ſeinen ge⸗ woͤhnlichen Zeichen und Strichen war ich gut beſaß, konnte ich ihm auf die rechte Spur helfen wenn irgend ein mißgeſchaffenes X oder Z, wel⸗ ches wie eben dieſe Buchſtaben in der Algebra die unbekannte Groͤße bezeichnete,— ihn in Erbfolger, aber nicht, daß ich das einzige meinem Vater in ſeiner Ehe geborene Kind waͤre. Meine verehrte Mutter hatte ſchon zwei aber, ein Maͤdchen, hatte durch eine Maſern⸗ krankheit ſeine Verſorgung gefunden; das zweite Jahre alt war. Zur Zeit dieſes Unfalles, war meine Mutter vom ſtarken Geiſte etwas uͤber⸗ geweſen iſt.“ Dann fuͤhrte er ſeine Pfeife wieder zum Munde, und rauchte fort, wie zuvor. Mein Vater hatte richtig geurtheilt. Joſt mußte es ſeyn der jenes Geraͤuſch im Waßer verurſachte, welches ihn aus ſeinen Betrachtun⸗ gen aufſtoͤrte; denn am folgenden Morgen war Joſt nirgend zu finden, Inzwiſchen ward er einige Tage ſpaͤter aufgefunden; nur war, wie die Tageblaͤtter ſich ausdruͤcken und wie man ſichs leicht vorſtellen mag;„der Lebensfunke erloſchen,“ zudem hatten die Aale und Kaul⸗ barſche ſeine Naſe und einen Theil ſeines dickbackigen Geſichtes abgenagt, ſo daß mein Vater ganz richtig von ihm ſagte;„er ſey Niemandem nichts mehr nuz'.“ Am Morgen nach dem Unfalle war mein Vater fruͤh auf und vermißte den armen kleinen Joſt. Er ging in die Kajute, rauchte ſeine Pfeife und ſagte nichts. Weil mein Bruder nicht nach gewohnter Weiſe zum Fruͤhſtuͤck kam, rief meine Mutter ihn mit keifender Stimme; Joſt aber hoͤrte ſie nicht und war ſtumm wie ein Fiſch. FJoſt oͤffnete den Mund nicht zur Antwort und mein Vater eben ſo wenig.— Darauf verließ meine Mutter die Kajuͤte und ging rings auf dem Lichter umher, ſie ſchaute in den Hunde⸗ — 44— ſtall um zu ſehn, ob er vielleicht neben dem großen Hunde ſchliefe— aber Joſt war nirgend zu finden. „He! was kann aus Jeſt geworden ſeyn?“ rief meine Mutter mit muͤtterlicher Beſorgniß auf ihrem Geſichte, dem Vater zu, als ſie zuruͤck in die Kajuͤte eilte. Mein Vater ſprach nicht, nahm aber ſeine Pfeife aus dem Munde, ſenkte den Kopf derſelben in perpendikulaͤrer Richtung hinab bis dieſer ſanft die Verdeckplanke beruͤhrte, ſteckte ſie dann wieder in den Mund, und paffte traurig. „Was, meynſt Du zu ſagen, daß er uͤber Bord iſt?“ kreiſchte meine Mutter. Mein Vater nickte mit dem Kopfe, und paffte in vermehrter Eile fort. Ein Strom von Thraͤnen, von Ausrufungen und von Vorwuͤrfen, folgte dieſer karakteriſtiſchen Ankuͤndigung. Mein Vater geſtattete der Mutter ſich voͤllig zu er⸗ ſchoͤpfen. Als ſie zu Ende gekommen war, hatte auch ſeine Pfeife ihr Ende erreicht, er klopfte die Aſche aus und bemerkte ruhig:„Weinen hilft nicht; was geſchehn iſt, kann man nicht aͤndern,“ dann ſtopfte er auf's Neue. „Hilft nicht!“ kreiſchte meine Mutter;„aber geholfen haͤtte werden koͤnnen.“ — 15.— „Nimm's kaltbluͤtig,“ entgegnete mein Va⸗ ter.— Die Mutter gerieth in Wuth und wiederholte zweimal„nimm's kaltbluͤtig!— nimm's kalt⸗ bluͤtig! Ja Du biſt dafuͤr Alles kaltbluͤtig zu nehmen, ich denke wenn ich uͤber Bord fiele wuͤrdeſt Du's auch kaltbluͤtig nehmen!“ „Du wuͤrdeſt das auf jeden Fall, kalt neh⸗ men,“ erwiederte mein unerſchuͤtterlicher Vater. „O Gott! o Gott!“ weinte meine arme Mutter;„zwei Kinderchen, und Beide verloren.“ „S'naͤchſtemal mehr Gluͤck,“ hob mein Vater wieder an,„alſo ſprich nicht mehr davon, Sally.—“ Eine Zeitlang fuhr mein Vater fort ſeine Pfeife zu rauchen, und meine Mutter ihre Augen zu trocknen, bis jener, der in der That ein gutherziger Mann war, zulezt ſich von der Lade erhob, auf welcher er geſeßen hatte, zum Schenkſchranke ging, eine Theetaße mit Ge⸗ never anfuͤllte und meiner Mutter dieſe reichte. Dies war guͤtig von ihm, und meine Mutter ließ ſich durch Guͤte gewinnen. Es war eine Spende dargeboten in reinem Geiſte und entge⸗ gen genommen im Geiſte der es bot. Nach einigen Wiederholungen, die deshalb nothwen⸗ — 16— dig waren weil des Geiſtes Kraft durch ihre Thraͤnen verſchwemmt wurde, ertranken Schmerz und Erinnerung zugleich, und verſchwanden gleich zwei Liebenden die einer von des andern Armen umſchlungen, unterſinken. Mit dieſer ſehr ſchoͤnen Metapher werde ich die Epiſode von meinem ungluͤcklichen Bruder Joſt beſchließen. Etwa ein Jahr nach dem Verluſte meines Bruders, ward ich ohne andere Mithelfer noch Zuſchauer, als meinen Vater und Dame Natur in die Welt geſezt, welche lezte, ſo viel ich glaube eine ſehr geſchickte Hebamme iſt, wenn man ſie nicht ſtoͤrt. Mein Vater, der vom Chriſtenthume einige ſchwache Begriffe hatte, vollzog die Taufhandlung dadurch, daß er mir auf der Stirn mit dem Mundſtuͤck ſeiner Pfeife das Zeichen des Kreuzes machte, und mich Jakob nannte; was den Kirchgang meiner Mutter anbetrifft, ſo war die, ihr ganzes Le⸗ ben lang, nur einmal in einer Kirche geweſen. In Wahrheit, mein Vater und meine Mutter verließen den Lichter niemals, ausgenommen wenn er vom Aufſeher oder Eigenthuͤmer bei'm Abliefern oder Einnehmen einer Ladung gerufen wurde, oder wenn er einmal im Monat fuͤr einige Minuten an's Land ging um Be⸗ duͤrfniße einzukaufen. Vieles weiß ich von meiner Kindheit nicht zu erzaͤhlen, nur deſſen erinnere ich mich daß der Lichter oft recht glaͤnzend blau und roth bemalt war, und daß meine Mutter mir das als etwas„ſo ſchoͤnes“ zeigte, um mich ruhig zu halten. Ich uͤbergehe alles Fruͤhere, um mit dem Alter von fuͤnf Jahren anzufangen, in welchem ich meinem Vater ſchon behuͤlflich war; denn damals war ich bereits eben ſo weit als mancher zehnjaͤhrige Knabe iſt. Dies mag ſonderbar klingen, die Sache iſt, daß meine Begriffe wiewohl beſchraͤnkt, doch in einem Punkte zuſammengefaßt waren. Der Lichter, ſeine Ausruͤſtung und ſeine Beſtimmung waren „die Welt im Kleinen“ fuͤr meine kindiſche Ein⸗ bildung; weil meine Gedanken und Begriffe auf ſo wenige Gegenſtaͤnde gerichtet waren, praͤgten ſich dieſe mir tief ein, und ihren Werth verſtand ich durchaus. Bis zu der Zeit, daß ich in meinem eilften Jahre den Lichter verließ, waren die Ufer des Stromes zugleich die Schran⸗ ken meiner Traͤumereien. Allerdings verſtand ich ein weniges von der Natur der Baͤume und Haͤuſer 3 aber ich glaube nicht daß Wich wußte — 18— jene wuͤchſen. So lange ich mich ihrer am Ufer der Themſe erinnerte, ſchienen ſie mir genau von der nemlichen Groͤße, in welcher ich ſie zuerſt erblickte, und Fragen daruͤber that ich nicht. Als ich aber zehn Jahre alt war, kannte ich den Namen jeglichen Reviers im Strome, kannte jede vorſpringende Spize,— des Waßers Tiefe, die ſeichten Stellen, den Zug der Stroͤmung, ſo wie die Ebbe und Fluth im Strome. Ich war faͤhig den Lichter zu ſteuern wenn er mit der Ebbe hinabſchwamm; denn was mir an Koͤrperſtaͤrke gebrach, erſezte ich durch meine aus unaufhoͤrlicher Uebung erlangte Gewandtheit. In mein Alter von eilf Jahren faͤllt eine Kataſtrophe die meine Lebensausſichten gaͤnzlich umwandelte; deshalb muß ich noch etwas mehr von meinen Aeltern ſagen, um deren Geſchichte bis auf dieſen Punkt zu fuͤhren. Meiner Mutter Hinneigung zu ſtarken Getraͤnken, hatte, wie das immer der Fall iſt, ungemein zugenommen, und in dem nemlichen Maßſtabe hatte ſich ihr Koͤrperumfang ausgedehnt. Sie war jezt der Ealler unbehuͤlflichſte aufgedunſenſte Fleiſchberg; eine Geſtalt wie ich ſie ſeitdem nie wieder er⸗ blickt habe, obgleich ſie mir damals nicht ekel⸗ — 19— erregend erſchien, weil ich daran gewoͤhnt wor⸗ den war ihr allmaͤliges Aufſchwellen zu gewahren ohne daß es mir beſonders aufgefallen waͤre, zumal da ich andere Frauenzimmer nur in der Entfernung ſah. Waͤhrend der lezten zwei Jahre hatte ſie ihr Bett nur ſelten verlaßen— ganz gewiß kroch ſie in einer ganzen Woche nicht fuͤr fuͤnf Minuten aus der Kajuͤte hervor— ihre ungemeine Dicke und ihr fortgeſeztes Betrun⸗ kenſeyn machten ſie unfaͤhig dazu. Einmal im Monate ging mein Vater fuͤr eine Viertelſtunde an's Land, um Genever, Tabak, geraͤucherten Heering, und verdorbenen Schiffszwieback zu kaufen;— dieſer lezte war meine hauptſaͤchliche Nahrung, ausgenommen wenn ich uͤber der Schiffswand einen Fiſch fangen konnte, waͤhrend wir vor Anker lagen. Dieſer⸗ halb war ich ein ſtarker Waſſertrinker, nicht ganz aus Wahl, ſondern der ſalzigen Beſchaf⸗ fenheit meiner Nahrung wegen, und weil meiner Mutter immer noch Beſinnung genug uͤbrig geblieben war, um anzudeuten,„daß Genever fuͤr kleine Jungen nicht tauge.“ Mit meinem Vater war aber eine große Veraͤnderung vor⸗ gegangen; mir war die Sorge fuͤr das Verdeck faſt allein uͤberlaßen, ſelten kam er anders 5 — 3 herauf, als um mir zu helfen, wenn wir unter den Bruͤcken durchſchießen mußten, oder wenn meine Kraͤfte nicht dazu ausreichten zwiſchen dem Gedraͤnge uns begegnender Schiffe klar durchzuſteuern. Die Wahrheit iſt, daß ſo wie meine Faͤhigkeiten zunahmen, mein Vater immer unfaͤhiger wurde, und ſeine Zeit faſt ganz in der Kajuͤte zubrachte, wo er meiner Mutter half die große ſteinerne Kruke auszu⸗ leeren.— Das Weib hatte den Mann uͤberredet, und Beide waren nun ſchuldig des Genußes der verbotenen Frucht vom Wachholder⸗Baum. So ſtanden die Angelegenheiten in unſerem kleinen Koͤnigreiche, als die Kataſtrophe erſolgie⸗ welche ich jezt erzaͤhlen werde. An einem ſchoͤnen Sommerabende ſchwammen wir ſchwer mit Steinkohlen beladen, die an des Eigenthuͤmers Werft etwas oberhalb Putney⸗ Bruͤcke geloͤſcht werden ſollten, mit Huͤlfe der Fluth den Strom hinauf; ein heftiger Gegen⸗ wind erhob ſich und war unſerm Weiterkommen ſo hinderlich, daß wir die Hoffnung verloren das Werft an dieſem Abende noch zu erreichen. Wir mogten anderthalb Meilen oberhalb der Bruͤcke ſeyn, als die Ebbe eintrat und wir ankern mußten. Mein Vater der in der Erwar⸗ tung an dieſem Abende anzukommen, recht ungern nuͤchtern geblieben war, weilte auf dem Verdeck bis der Lichter in die Stroͤmung um⸗ geſchwungen war; ſagte dann zu mir,„bedenke, Jakob, daß wir fruͤh Morgens am Werft ſeyn muͤßen, alſo paß' auf!“ und ging hinab in die Kajuͤte um ſich am Trinken zu erlaben; uͤberließ mir die Sorge fuͤr das Verdeck und fuͤr mein Abendbrod welches ich niemals unten verzehrte, weil die kleine Kajuͤte ſo unertraͤglich heiß war. Im Grunde hielt ich alle meine Malzeiten al fresco, und ſchlief auch auf dem Verdecke wenn die Naͤchte nicht gar zu kalt waren, im geraͤumigen Hundehauſe das hin⸗ ten im Lichter ſtand, ehemals vom großen Kettenhunde bewohnt wurde, der aber ſchon einige Jahre todt und uͤber Bord geworfen, auch aller Wahrſcheinlichkeit nach in Epping⸗ Wuͤrſte zu 1 Schilling pr. Pfund, verwandelt war. Einige Zeit nach ſeinem Tode, hatte ich nicht nur ſeine Wohnung bezogen, ſondern erſezte ihn auch in der Erfüllung ſeiher Wach⸗ pflichten.— 1 Ich hatte mein Abendbrod geendigt und es mit einer betraͤchtlichen Menge Themſe⸗Waßer hinuntergeſpult; denn oberhalb der Bruͤcken trank ich ſtets viel reichlicher, weil mich duͤnkte hier ſey das Waßer klarer und ſuͤßer. Nach dem Kabeltau hatte ich im Vorderſchiffe geſehn ob alles in Ordnung ſey und weil ich nun nichts mehr zu thun hatte, ſtreckte ich mich auf dem Verdecke aus, und uͤberließ mich den tiefen Traͤumereien eines eilfjaͤhrigen Knaben. Ueber mir betrachtete ich die matt funkelnden Sterne, die mir von Zeit zu Zeit erloͤſcht ſchienen und dann wieder auf's neue erglaͤnzend. Ich war in Verwunderung daruͤber verloren, zu wißen, woraus ſie gemacht waͤren und wie ſie dahin kaͤmen, als ein lauter Schrei mich ploͤzlich aufſchreckte, ich bemerkte zugleich ſtark brandigen Geruch. Das Geſchrei ward einige⸗ male wiederholt und ich hatte kaum die Zeit zum Aufſpringen gehabt, als mein Vater aus der Kajuͤte hervor uͤber den Seitenbord des Lichters ſtuͤrzte und unter dem Waßer verſchwand. Waͤhrend er mir vorbeirannte erhaſchte ich einen Blick ſeiner Geſichtszuͤge, die Furcht und Be⸗ rauſchtſeyn verriethen.— Ich lief zu der Seite an welcher er verſchwunden war, konnte aber nichts gewahren als ein paar ringelnde Waßer⸗ kreiſe, denn raſch fluthete die Ebbe hinab. Einige Sekunden ſtand ich erſtarrt und verwirrt — 23— durch dieſes ploͤzliche Verſchwinden, durch dieſen augenſcheinlichen Tod; doch der Dampf welcher mich umgab ſo wie das immer ſchwaͤcher wer⸗ dende Geſchrei meiner Mutter rief mich zur Beſinnung und ich eilte zu ihrer Huͤlfe. Aus der Kajuͤtenluke drang ein ſtark brandig riechender dicker Rauch hervor, und ſtieg, weil jezt Windſtille eingetreten war in einer dichten Saͤule grade zum Himmel empor. Ich verſuchte hineinzugehn, fand dies aber unmoͤglich ſobald ich mich der Rauchſaͤule naͤherte; ich wuͤrde in Zeit einer halben Minute haben erſticken muͤßen. Was die meiſten Kinder in ſolcher Noth und Angſt gethan haben wuͤrden, that ich auch,— ich ſezte mich nieder und weinte bitterlich. Nach etwa zehn Minuten zog ich die Haͤnde ab, mit denen ich mein Geſicht bedeckt hatte, und blickte zur Kajuͤtenluke. Der Rauch war verſchwunden, alles war ſtill. Ich nahete mich dem Eingange und fand daß ich den Geruch, wiewohl er unmaͤßig ſtark war, dennoch ertragen konnte. Ich ſtieg die drei Stufen hohe kleine Leiter hinab und rief„Mutter!“ aber mir wurde keine Ant⸗ wort. Die am hintern Schiffsbalken befeſtigte Lampe mit einer Glashuͤlle verſehen, brannte immer noch, und deutlich konnte ich jeglichen bewahrheitet. Sie ſtarb an Selbſtverbren⸗ — à4— Winkel der Kajuͤte erkennen. Es brannte hier nichts; die Vorhaͤnge am Bette meiner Mutter ſchienen nicht einmal verſengt. Ich war in Staunen verloren,— athemlos vor Angſt rief ich noch einmal mit zitternder Stimme:„Mut⸗ ter!“ Laͤnger als eine Minute verbrachte ich nach Athem ſchnappend, dann wagte ich die Bettvorhaͤnge zuruͤckzuziehen.— Meine Mutter war nicht da!— aber in der Mitte des Bettes gewahrte ich eine ſchwarze Maße. Aengſtlich beruͤhrte ich ſie mit meiner Hand;— es war eine Art klebriger, ſchwarzer Aſche. Abſcheu machte mich laut aufſchreien, mir ſchwindelte — ich taumelte aus der Kajuͤte fort und fiel ſinnlos auf dem Verdecke nieder; in dieſer ſtarren Betaͤubung habe ich viele Stunden gelegen. Da der Leſer uͤber die Veranlaßung zum Tode meiner Mutter in Zweifel ſeyn mag, muß ich ihm ſagen daß ſie in der hoͤchſt ſon⸗ derbaren und fuͤrchterlichen Weiſe umkam welche zuweilen, jedoch hoͤchſt ſelten diejenigen heim⸗ ſucht die unmaͤßig im Genuße ſtarkgeiſtiger Getraͤnke ſchwelgen. Aehnliche Faͤlle erlebt man in der That alle Jahrhunderte kaum einmal, aber die Wirklichkeit derſelben iſt nur zu ſehr 4 nung, ſo nennt man die Entzuͤndung der aus geiſtigen Getraͤnken in das Koͤrperſyſtem uͤbergegangenen Gaſe. Es iſt anzunehmen, daß die aus dem Koͤrper meiner Mutter hervorzuͤn⸗ gelnden Flammen meinen Vater, der tuͤchtig getrunken hatte, voͤllig in Furcht ſezten; auf dieſe Weiſe verlor ich zu einer und der naͤmli⸗ chen Zeit meine beiden Eltern, die eine. durch Feuer, den andern im Waßer. Zweites Kapitel. — Ich erfůůlle den lezten Auftrag meines Vaters und⸗ werde auf einem neuen Elemente eingeſchifft.— Mein erſter Handel im Leben iſt ſehr gewinnvoll — mein erſtes Scheiden von alten Freunden recht ſchmerzlich— mein erſtes Einfuͤhren in geſittetes Leben ſehr unbefriedigend fuͤr alle Theile. Es war heller Tag, als ich aus meinem Zu⸗ ſtande koͤrperlicher und geiſtiger Hinfaͤlligkeit erwachte. Eine Zeitlang konnte ich mich gar nicht auf alles Vorgefallene beſinnen; das Ge⸗ wicht, welches auf meinem Gefuͤhle laſtete, ſagte mir, es muͤße etwas Graͤßliches ſeyn. Endlich erfaßte mein Auge die immer noch offenſtehende Kajuͤtenthuͤr; dieſe gab mir die Erinnerung an alle Schrecken des vergangenen Abends wieder, und machte mich bedenken, daß ich allein am Bord des Lichters zuruͤckgelaßen war. In ſtum⸗ mer Verzweiflung ſtand ich einige Zeit auf dem Verdecke. Ich blickte Amhir— Margennebek —— — 27— hingen ſchwer uͤber dem Strome, und die Ge⸗ genſtaͤnde am Ufer waren nicht zu unterſchei⸗ den. Die ganze Nacht hatte ich im Thaue gele⸗ gen und war ſtarr vor Froſt, vielleicht noch mehr abgeſpannt durch die vorangegangene hef⸗ tige und außerordentliche Anregung. Hinab in die Kajuͤte wagte ich mich nicht. Eine unbe⸗ ſchreibliche Furcht, ein gewißer Grad von Ab⸗ ſcheu gegen das Erblickte machten es mir un⸗ moͤglich; gleichwohl war ich nicht befriedigt, und haͤtte Welten darum geben wollen, wenn ich ſie nur beſeßen haͤtte, das Geheimniß zu kennen. Von der Kajuͤtenthuͤre wandte mein Auge ſich zu dem Waßer; ich dachte an meinen Vater, und blieb dann im dumpfen Hinbruͤ⸗ ten, das Aufſtroͤmen der Fluth betrachtend. Nach einer guten halben Stunde erhob ſich die Sonne, allmaͤhlig ſchwanden die Nebel; Baͤume, Haͤuſer, gruͤne Fluren, Barken, die mit der Fluth heraufkamen, hin⸗ und herfahrende Boͤte, Hundegebell, Rauch aus den mancherlei Schorn⸗ ſteinen, alles das gewahrte ich nach und nach, ward dadurch zu dem Bewußtſeyn erweckt, daß ich in einer geſchaͤftigen Welt lebe und meiner Aufgabe ebenfalls zu erfuͤllen habe. Meines Va⸗ Iters Geheiß war mir immer Geſez geweſen, * — 28— ſeine lezten Worte lauteten:„Bedenke, Jakob, daß wir fruͤh Morgens am Werfte ſeyn muͤßen;“ und ich machte Anſtalt, ihm zu gehorchen. Den Anker heraufzubringen, vermogte ich nicht; des⸗ halb loͤſete ich das Kabel, nachdem ich am Ende deßelben ein abgebrochenes Ruder⸗Stuͤck be⸗ feſtigt hatte, um als Boye zu dienen; ſo war denn der Lichter wiederum der Gewalt der Stroͤmung uͤberlaßen und ward von einem eilf⸗ jaͤhrigen Knaben gefuͤhrt. Nach etwa zwei Stun⸗ den befand ich mich nahe am Lande, etwa hun⸗ dert Yards vom Werfte. Ich rief nach Huͤlfe, und zwei Leute von den am Werfte feſtliegen⸗ den Lichtern ſtießen in einem Boote zu mir ab um zu ſehen, was ich beduͤrfe. Ich ſagte ihnen, daß ich allein im Lichter waͤre, ohne Anker noch Kabel, und bat ſie mich ſicher ans Werft zu bringen. Sie kamen an Bord und nach we⸗ nigen Minuten lag mein Lichter zur Seite der üͤbrigen. Sobald die noͤthigen Vorkehrungen getroffen waren, befragten ſie mich nach dem, was mir widerfahren ſey; wiewohl die Aus⸗ richtung des lezten Geheißes meines Vaters mich bisher in Kraft erhalten hatte, ſo trat doch nun, nachdem ſein Befehl vollzogen war, voͤl⸗ . lige Gegenwirkung ein, Ich vermogte nicht ih⸗ A₰△ 4 — 29—* nen Antwort zu geben, warf mich in einem krampfhaften Anfalle meines Schmerzes auf das Verdeck nieder und weinte, als ſollte das Herz mir brechen. Ddie Leute, nicht nur durch mein Betragen in Verwunderung geſezt, ſondern auch durch den Umſtand mich allein am Bord zu finden, kehrten zuruͤck zum Werftmeiſter am Lande und berichteten den Vorfall. Er ſelber kam mit ih⸗ nen zum Lichter um mich zu befragen, aber mein Schmerz war noch nicht geſtillt, meine durch Schluchzen gebrochenen Antworten waren unverſtaͤndlich. Die Angekommenen gingen hinab in die Kajuͤte, kamen eilig wieder heraus und verließen den Lichter. Nach einer Viertelſtunde erſchien jemand mich abzuholen und fuͤhrte mich zum Hauſe des Eigenthuͤmers— dieſes war das erſtemal in meinem Leben, daß ich meinen Fuß auf's Feſtland ſezte. Man brachte mich in ein Zimmer, woſelbſt der Eigenthuͤmer mit ſeiner Frau und ſeiner Tochter, einem klei⸗ nen neunjaͤhrigen Maͤdchen, fruͤhſtuͤckte. Jezt hatte ich mich erholt und erzaͤhlte, als ich be⸗ fragt wurde, meine Geſchichte deutlich und zu⸗ ſammenhaͤngend, waͤhrend große Thraͤnentropfen — 35— uͤber meine ungewaſchenen Wangen hinabtraͤu⸗ felten. „Wie ſeltſam und wie entſezlich!“ ſagte die Dame zu ihrem Manne,„ich kann es noch jezt nicht verſtehen?“ „Ich eben ſo wenig; aber wahr iſt es gleich⸗ wohl, denn Johnſon, der Werftmeiſter, hat es geſehen.“— In dieſer Zwiſchenzeit waren meine Augen beſchaͤftigt, jeden Theil des Zimmers zu be⸗ trachten, welches meiner Einfalt ein Golkonda des Reichthums und der Ueppigkeit daͤuchte. Es waren einige wenige Dinge da, die ich fruͤ⸗ her geſehen hatte, aber mir ſagte ein inneres Gefuͤhl, dieſe ſeyen von großem Werthe. Der ſilberne Theetopf, die ziſchende Waßerurne, die Loͤffel, die Gemaͤlde in ihren Rahmen, je⸗ des einzelne Moͤbelſtuͤck feßelte mein ſtaunendes Auge, und fuͤr kurze Zeit hatte ich Vater und Mutter vergeßen; aus meinem gruͤbelnden Sin⸗ nen ward ich durch die Frage des Eigenthü⸗ mers geweckt, wie weit ich den Lichter ohne Beiſtand heraufgebracht habe? Dann fragte mich die Dame:„Haſt Du Verwandte, mein armer Junge?“ „Nein.“* 4 * — 31— „Wie! gar keine Verwandte am Lande?“ „In meinem Leben bin ich ſonſt noch nis an's Land gekommen.“ „Weißt Du, daß Du eine e huͤlfloſe Waiſe biſt? 2 ⁴ „Was iſt das?“ „Daß Du nicht Vater noch Mutter haſt;“ ſprach die Kleine. „Wohlan,“ erwiederte ich mit den Worten meines Vaters, weil ich keine paßendere Ant⸗ wort wußte,„weinen hilft nicht; was geſche⸗ hen iſt, kann man nicht aͤndern.“ „Aber was denkſt Du jezt zu machen?“ fragte der Eigenthuͤmer, der mich in Folge mei⸗ ner eben gegebenen Antwort ſcharf anblickte. „Das weiß ich nicht, gewiß nicht. Nimm's kaltbluͤtig;“ erwiederte ich und weinte. „Welch ein ſonderbarer Knabe!“ ſagte die Dame;„kennt er den ganzen Umfang ſeines Ungluͤcks?“ „S'naͤchſte Mal mehr Gluͤck, Dame;“ er⸗ wiederte ich, meine Augen mit der umgekehr⸗ ten Hand trocknend. 3 „Welche ſonderbare Antworten von einem Kinde, das ſo viel tiefes Gefuͤhl verrieth,“ be⸗ — 32— merkte der Eigenthuͤmer ſeiner Frau, dann fragte er:„Wie iſt Dein Name?“ „Jakob Ehrlich.“ „Kannſt Du leſen und ſchreiben?“ „Nein;“ gab ich zur Antwort und gebrauchte wiederum meines Vaters Worte:„nein; ich wollt', ich koͤnnt's.“ „Nun gut, armer Junge, wir wollen ſehen, was zu thun iſt,“ ſagte der Eigener. „Ich weiß, was zu thun iſt,“ hob ich wie⸗ der an,„Sie muͤßen gleich ein Paar Leute hinſchicken um Anker und Kabel zu holen, be⸗ vor die Boye abgeſchnitten und fortgetrieben wird.“ „Haſt recht, mein Burſche, das muß auf der Stelle geſchehen;“ ſagte der Eigenthuͤmer, und fuͤr Dich wird's nun am Beſten ſeyn, mit Sarah hinab in die Kuͤche zu gehen; die Koͤchin wird'n Auge auf Dich haben. Sarah, liebes Kind, bring' ihn hinab zur Koͤchin.“ Das kleine Maͤdchen winkte mir und ich folgte. Ganz erſtaunt war ich uͤber die Laͤnge und Mannichfaltigkeit der„Schiffsleitern,“ denn als ſolche betrachtete ich die Treppen; endlich kam ich hinab; die kleine Sarah uͤber⸗ brachte der Koͤchin die Weiſung in Betreff mei⸗ ner und trippelte leichtfuͤßig wieder hinauf zu ihrer Mutter. Ich fand die Bedeutung von dem Ausdrucke nein Auge auf jemand haben,“ ſey am Lande hoͤchſt verſchieden von dem, was ſie auf dem Strome iſt; hier heißt ein Auge auf etwas ha⸗ ben, dem Dinge ausweichen— weit genug davon bleiben; die Landauslegung gefiel mir ungemein viel beßer. Die Koͤchin hatte ein Auge auf mich; ſie war eine gutherzige, wohlbeleibte Frau, die bei einer klaͤglichen Geſchichte zer⸗ ſchmolz, wiewohl das Feuer keine Wirkung auf ſie aͤußerte. Ich ſah nicht nur, ſondern ver⸗ ſchlang Dinge, die nie zuvor in meinen Mund, nicht einmal mir in den Sinn gekommen wa⸗ ren. Kummer hatte mir die Eßluſt nicht ge⸗ raubt. Zuweilen hielt ich ein, um ein wenig zu weinen, trocknete dann meine Augen und begann auf's Neue. Erſt nach zwei Stunden legte ich mein Meßer nieder, doch rief ich nicht nhalt!“ und„genug!“ bevor gewiße Anzeichen des Erſtickens die Regionen meines Schlundes umſpielten. Jemand hat in einem Epigramme von den unermeßlichen Vorſtellungen geſprochen, die ei⸗ nes Knauſers Pferd vom Hafer gehabt haben I. 3 44— muͤße. Ich bezweifle, daß, wenn ſolche Vorſtel⸗ lungen wirklich da waͤren, ſie meinem Erſtau⸗ nen uͤber eine Hammelskeule verglichen werden koͤnnen. Nie zuvor hatte ich ein ſolches Stuͤck Fleiſch erblickt, wußte nicht, ob's friſch ſey, oder was ſonſt. Nach aͤhnlichen Betrachtungen empfand ich ganz natuͤrlich Neigung zum Schlafe; zwei Minuten ſpaͤter ſchnarchte ich ſchon, auf zwei Stuͤhlen hingeſtreckt; die Koͤchin hatte mir ihre Schuͤrze uͤbergeworfen um die Fliegen ab⸗ zuhalten. So war ich denn foͤrmlich eingeſchifft auf einem mir ganz neuen Elemente— meiner Mutter Erde; hier mag es an der Zeit ſeyn, ein wenig naͤher zu unterſuchen, welches Kapi⸗ tal ich zu dieſer neuen Unternehmung beſaß⸗ Von Perſon war ich gut ausſehend; war wohl⸗ gebaut, kraͤftig und munter. Je weniger von meinen Kleidungsſtuͤcken geſagt wird, deſto beſ⸗ ſer; ich hatte ein Paar Hoſen ohne Sizboden, wenn ich aber aufrecht ſtand, ward dieſer Man⸗ gel durch meine, aus einer alten Weſte meines Vaters zubereitete Jacke bedeckt, die eben ſo weit hinabreichte, als die heutiges Tages ge⸗ tragenen Morgenroͤcke. Ein Hemde von grobem Zwillich, und eine dermaßen zerfezte Pelzkappe, — 35— daß es ſchien, ſie ſey vom Felle einer Kaze ge⸗ macht, welche die Hunde zerrißen haͤtten, vervoll⸗ ſtaͤndigte meinen Anzug. Schuhe und Struͤmpfe beſaß ich nicht, dieſe uͤberfluͤßigen Zugaben hat⸗ ten die Bewegung meiner Fuͤße niemals ge⸗ hemmt. Meine geiſtigen Beſizthuͤmer waren nicht viel mehr werth;— ſie beſtanden in ziemlicher Kenntniß der Waßertiefe, der Namen von Vor⸗ ſpruͤngen und Revieren im Themſe⸗Strome, welches alles auf trocknem Lande von geringem Nuzen war,— ferner kannte ich noch einige Hieroglyphen meines Vaters, die aber, mit dem Ausrufer zu ſprechen, wenn der ſeinen Anre⸗ den zuweilen die Schlußworte hinzufuͤgt:„nie⸗ mandem nichts werth waren, als nur dem Be⸗ ſizer.“ Dazu kommen noch die drei Lieblings⸗ Denkſpruͤche meines wortkargen Vaters, die meinem Gedaͤchtniße unauslöͤſchlich eingepraͤgt waren, und ſomit ſchließt ſich das Inventa⸗ rium meines ganzen Vermoͤgensbeſizes. Von jenen drei Lehrſpruͤchen darf ich ſagen. daß ſie durch den immer wiederholten Ausſpruch derſelben voͤllig mit meinem ganzen Daſeyn ver⸗ koͤrpert waren; auch als ich an dieſem Abende mich ſchlafen legte, uͤberſprach ich ſie mir noch einmal wieder,„Was geſchehen iſt, kann man — 36— nicht aͤndern,“ troͤſtete mich bei dem Mißge⸗ ſchicke meines Lebens;„ſ'naͤchſte Mal mehr Gluͤck,“ machte mich hoffend in die Zukunft blicken; und„nimm's kaltbluͤtig“ ward Gegen⸗ ſtand meines tiefen Nachdenkens, bis ich in noch tiefern Schlaf ſiel; denn ich hatte genug⸗ ſame Einſicht um zu bemerken, daß mein Va⸗ ter ſein Leben verlor, weil er ſeinen eigenen Grundſaͤzen nicht treu blieb; dieſe Wahrneh⸗ mung machte meinen Glauben an die Untruͤg⸗ lichkeit jener Lehrſpruͤche nur noch feſter. Ich habe angefuͤhrt, worin meines Vaters Nachlaß beſtand, und der Leſer wird vermu⸗ then, daß von muͤtterlicher Seite die Verer⸗ bung in nichts beſtand. Unmittelbar war das freilich der Fall, aber mittelbar bewaͤhrte ſie ſich mir als eine ſehr gute Mutter, und dies zwar durch die außerordentliche Weiſe, in wel⸗ cher ſie die Welt verlaßen hatte. Waͤre ſie ge⸗ woͤhnlichen Todes verſtorben, ſie waͤre gar nichts werth geweſen. Nicht einmal Burke haͤtte von ihr Gebrauch machen koͤnnen; weil ſie aber ſo ſtarb, wie es der Fall wirklich war, wurde ihre Aſche zur Quelle des Reichthums. Das Bett, in deßen Mitte ihre Ueberreſte lagen, ſogar die Bettvorhaͤnge wurden an's Land ge⸗ — 37— bracht und in einem Nebenhauſe verſchloßen. In einer vierſpaͤnnigen Poſtchaiſe, auf Koſten des Staates, kam der Todtenbeſchauer ange⸗ fahren; die Geſchworenen wurden beſtimmt, meine Ausſage ward vernommen, Wundaͤrzte und Apotheker kamen von nahe und ferne herbei um ihre Meinung abzugeben, und nach vielem Pruͤ⸗ fen, Eroͤrtern und Widerlegen lautete der Aus⸗ ſpruch des Todtengerichtes dahin,„ſie ſey an Gottes Heimſuchung verſtorben.“ Weil das nun in anderer Wortfuͤgung ſagen will, daß„Gott allein wiße, wie ſie ſtarb,“ ſo ward dieſer Aus⸗ ſpruch nem. con angenommen und befriedigte allgemein. Die ganz außerordentlichen Umſtaͤnde wur⸗ den mit den gehoͤrigen Vergroͤßerungen uͤberall hinverbreitet, und Tauſende draͤngten ſich zum Werfthofe, um die Wirkung eines Selbſt⸗ verbrennens zu beſchauen. Der Eigenthuͤmer faßte ſogleich den Gedanken auf, daß er die oͤffentliche Neugierde zu meinem Nuzen gebrau⸗ chen koͤnne. Ein Teller mit etwas Silber⸗ und Goldmuͤnze ward zu den Fuͤßen der Flocken⸗ matraze meiner Mutter hingeſtellt; mit großer Schrift las man oben daruͤber geheftet:„Zum Beſten der Waiſe;“ eine Menge von Schillin⸗ A nla..1. C.Rcmne 38 Creen ken V) 2. de, 2eer afu-e. Ieen de. enre Aare-rer gen, halben Kronen, ja groͤßeren Summen wurde von den Zuſchauern in den Teller ge⸗ worfen, wenn dieſe ſich ſchaudernd von dem entſezlichen Beiſpiele der Wirkung unaufhoͤrli⸗ chen Betrinkens abwendeten. Die Ausſtellung dauerte viele Tage, die ich bei der Koͤchin ver⸗ brachte, ihr die Keßel und Kaßerollen reini⸗ gend oder ſonſt behuͤlflich, wo ich's ſeyn konnte, und mit keinem Gedanken daran, daß meine arme Mutter ihr Levée zu meinem Beſten halte. Am eilften Tage ward die Ausſtellung geſchloſ⸗ ſen; man rief mich die Treppe hinauf zum Ei⸗ genthuͤmer, den ich in Geſellſchaft eines kleinen, ſchwarz gekleideten Herrn antraf. Dieſer war ein Wundarzt, der eine gewiße Summe Gel⸗ des fuͤr die Ueberreſte meiner Mutter, fuͤr Bett und Vorhaͤnge, Alles mit einbegriffen, gebo⸗ ten hatte. Der Werftherr war geneigt, ſich in ſo vortheilhafter Weiſe derſelben zu entledigen, glaubte ſich aber nicht berechtigt dieſen Schritt, wiewohl er zu meinem Vortheile war, zu thun, ohne zuvor mich, den geſezlichen Erben, zu befragen. „Jakob,“ ſagte er„dieſer Herr bietet zwan⸗ zig Pfund, was ſehr viel Geld iſt, fuͤr die 8 2 ⸗ AR Aſche deiner armen Mutter. Haſt Du irgend Einwendung dagegen, ſie ihm zu uͤberlaßen?“ „Wozu wollt Ihr ſie haben ²“ fragte ich. „Ich wuͤnſche ſie aufzubewahren und werde ſie gut in Obacht nehmen,“ antwortete der Wundarzt. „Gut,“ ſprach ich nach einigem Bedenken, nwenn Ihr die alte Frau in Obacht nehmen wollt, moͤgt Ihr ſie haben;“ und der Handel war geſchloßen. Sonderbar genug, daß ich durch den erſten Handel, den ich in meinem Leben abſchloß, meine eigene Mutter verkaufte. Der Geſammtbetrag der Ausſtellung und des Verkaufs belief ſich auf ſieben und vierzig Pfund und einige Schillinge, welche der wuͤr⸗ dige Eigenthuͤmer des Lichters, nach Abzug der Koſten eines neuen Anzuges fuͤr mich, zu mei⸗ nem Beſten auf Zinſe anlegte.— So endet die Geſchichte der Ueberreſte meiner Mutter welche ſich mir um vieles werthvoller bewieſen, als die gute Frau mir jemals im Leben gewe⸗ ſen war. In ihrem Lebenslaufe hat ſie das Schickſal Semelens gewißermaßen umgekehrt; dieſe ward zuerſt durch einen Goldregen begruͤßt und ſtarb dann in den feurigen Umarmungen eines Gottes; den n meine arme Mut⸗ — 40— ter zuerſt durch eben dieſes Element und der Goldregen traͤufelte alsdann auf ihren einzigen Sohn herab. Dies laͤßt ſich aber leicht erklaͤ⸗ ren. Semele war hoͤchſt reizend und trank kei⸗ nen Genever— meine Mutter war in jedem Sinne, von ihr das ausgemachteſte Gegentbeil. Als man mich zu meinem Herrn rief, um den Handel mit dem Wundarzte abzuſchließen, hatte ich die große Weſte abgelegt, die mir als eine Art von Ueberwurf diente, damit ich mich beßer beim Holzzerſplittern fuͤr die Koͤchin ruͤh⸗ ren koͤnne; der Bediente, der mich rief, ließ mir die Zeit nicht, ſie wiederum anzulegen. Nach⸗ dem ich meine Zuſtimmung gegeben, wandte ich mich ab, um wieder hinunter zu gehen, weil ich aber, wie ich fruͤher ſchon bemerkt habe, in meinen Hoſen keinen Sizboden fuͤhrte, wurde dieſer mangelnde Zuſammenhang von einem klei⸗ nen Spizhunde gewahrt, der vom Sopha her⸗ abſprang, in einer gewißen Entfernung hinter mir ſtehen blieb und gar gewaltig dieſes Blos⸗ ſtellen anklaffte. Der Hund war unter geſitte⸗ ten Leuten erzogen und hatte nie eine aͤhnliche Schauſtellung geſehen. Herr Drummond, ſo hieß der Eigenthuͤmer, bemerkte die vom Hunde angedeutete Mangel⸗ * — 41— haftigkeit und ſogleich ward mir ein neuer An⸗ zug beſtellt; in der That war das nicht fruͤ⸗ her, als erforderlich. Vier und zwanzig Stun⸗ den ſpaͤter ward ich von einem krummbeinigen Schneider, unter Huͤlfe meiner guten Freundin, der Koͤchin, in einen neuen Anzug geſteckt, und mogte ich mich drehen, wenden und biegen, wie ich wollte, der Anſtand ward nun nicht mehr verlezt. Ein neuer Anzug iſt gemeiniglich Gegenſtand des Ehrgeizes und ſchmeichelt der Eitelkeit bei Jung und Alt;— mit mir war es anders. Angethan mit meinem neuen Kleide, empfand ich ſowohl Zwang, als Bedauern. Meine Schuhe druͤckten mich, die geſtrickten Struͤmpfe zerſchabten mir die Haut, und weil ich daran gewohnt war, erbtheilweiſe zu mei⸗ nes Vaters abgeworfenen Haͤutungen zu gelan⸗ gen, die eine ganze Welt zu weit fuͤr meine Gliedmaßen waren, ſo kam es mir jezt bei meinen beſchraͤnkten Begriffen vor, als ſey ich zu dem Umfange der mir ungewohnten Klei⸗ dungsſtuͤcke aufgeſchwellt; ich konnte mir nicht vorſtellen, daß dieſe meinem Koͤrperlichen an⸗ gepaßt waͤren. Bei jedem Schritte, den ich that, war mir's, als wuͤrde ich durch Schlin⸗ gen feſtgehalten. Meine Arme vermogte ich nicht — 42— mehr ſo wie ſonſt umherzuſchwingen, und in meinen Schuhen ſchwankte ich wie ein Kind mit doppelten Gliedern. Die Koͤchin hatte meine alten Lumpen in die Kehrichthoͤle geworfen; und manchesmal am Tage ging ich dieſer vor⸗ bei, warf einen ſehnſuͤchtigen Blick auf meine alten Kleider, mit dem Wunſche, daß ich ſie wieder hervorziehen und mit denen vertauſchen duͤrfe, die ich jezt trug. Ich kannte ihren Werth, und dem Magiker in Aladin's Fabel gleich, wuͤrde ich neue Lampen fuͤr alte geboten, mich freudig dem Verlachtwerden ausgeſezt haben, um nur wieder im Beſize meines alten Scha⸗ zes zu ſeyn.. Die Kuͤche nobſt dem ganzen 8ubehie war mir jezt voͤllig bekannt; aber jeglicher andere Theil des Hauſes oder Hausgeraͤthes ſezte mich in ſtaunende Verwirrung. Alles ſchien mir fremd, ſonderbar, unnatuͤrlich; weder Prinz Libuh, noch irgend ein anderer Wilder kann mehr ge⸗ ſtaunt und geſtarrt haben, als ich. Von ſehr vielen Dingen kannte ich den Nuzen nicht, von manchen wußte ich nicht einmal den Na⸗ men. Ich war wirklich ein Wilder, aber ein gutmuͤthiger und gelehriger. Am Tage, der dem Anlegen meiner neuen Kleidung folgte, ward ich in das Wohnzimmer gerufen. Herr und Frau Drummond betrachteten mich in mei⸗ nem veraͤnderten Anzuge; meine Unbehuͤlflich⸗ keit beluſtigte ſie, aber zugleich bewunderten ſie auch meine wohlgebaute, kraͤftige und gerade Geſtalt in einer Bekleidung, die nach meinem Duͤnken viel zu enge war. Die kleine Sarah, die recht oft zu mir ſprach, ging und fliſterte ihrer Mutter etwas in's Ohr. „Du mußt Papa fragen,“ war die Antwort. Wiederum ein Fliſtern und ein Kuß; darauf ſagte Herr Drummond mir, ich ſolle mit ih⸗ nen zu Mittag eßen. Nach wenigen Minuten folgte ich der Familie in das Speiſezimmer, und konnte mich zum erſtenmale zu einer Mahl⸗ zeit niederſezen, die ſich durch einige der uͤber⸗ zaͤhligen Behaglichkeiten eines geſitteten Lebens auszeichnet. Da ſaß ich nun auf meinem Stuhle hingeſpreizt; meine Fuͤße ſchlenkerten dicht uͤber dem Fußteppich; mein Kopf gluͤhte vom Ein⸗ zwaͤngen meiner Kleider, von der Neuheit mei⸗ ner Lage und alles deßen, was mich umgab. Herr Drummond reichte mir etwas ſiedendheiße Suppe, ein ſilberner Loͤffel ward mir in die Hand gegeben, den ich um und wieder um⸗ — 44— wandte und mein Geſicht betrachtete, das ſich auf ſeinem Glanze abſpiegelte. „Mit dem Loͤffel mußt Du die Suppe eßen, Jakob,“ ſagte die kleine Sarah lachend;„wir alle ſind gleich fertig, mach' fort.“ „Nimm's kaltbluͤtig;“ erwiederte ich, tauchte meinen Loͤffel in die ſiedende Zubereitung und ſchob ihn dann in meinen Mund. Aus meinem gefolterten Schlunde brach ein breiter Schauer⸗ regen hervor und ich heulte vor Schmerz. „Der arme Junge hat ſich den Mund ver⸗ brannt,“ klagte die Dame und fuͤllte ein Glas mit kaltem Waßer. „Weinen hilft nicht,“ erwiederte ich, bittere Thraͤnen vergießend;„was geſchehen iſt, laͤßt ſich nicht aͤndern.“ „Beßer waͤr's geweſen, es waͤre nicht ge⸗ ſchehen,“ bemerkte Herr Drummond, ſeinen Antheil von meiner freigebigen Beſprizung ſich von Rock und Weſte abwiſchend. „Der arme Knabe iſt unverantwortlich vernachlaͤßigt,“ ſagte die gutmuͤthige Frau. „Komm', Jakob, ſez' Dich und verſuch's noch einmal; es wird Dich jezt nicht verbrennen.“ „S'naͤchſte Mal mehr Gluͤck,“ ſprach ich und ſchob mir einen Loͤffel voll Suppe mit ſo wict unſteter Zoͤgerung hinein, daß die Haͤlfte da⸗ von unterwegs blieb. Die Suppe war jezt ab⸗ gekuͤhlt, aber mit mir ging es ſehr langſam, ich verſtand meinen Loͤffel nicht zu halten und befleckte meine Kleider Madame Drummond half mir und zeigte mir freundlich wie ich mich dabei zu benehmen haͤtte; Herr Drummond aber ſagte:„Laß es den Jungen nach ſeiner Weiſe eßen, Liebe,— nur mach' fort, Jakob, denn wir warten.“ „Dann ſeh' ich nicht ein, wozu es gut iſt, ſo viel davon zu verlieren bei dem Eingießen mit dieſer Schaufel,“ bemerkte ich;„in einer Minute kann ich's allzuſammen hineinſchiffen.“ Ich legte meinen Loͤffel hin, beugte den Kopf herab, ſezte meinen Mund an den Rand des Tellers und brachte die Suppe durch meine Kehle hinab, ohne nur einen Tropfen zu ver⸗ lieren. Dann blickte ich auf und erwartete lo⸗ bendes Anerkenntniß, war aber hoͤchlich er⸗ ſtaunt, als Madame Drummond ruhig be⸗ merkte:„Das iſt nicht die rechte Art Suppe zu eßen.“ Waͤhrend der Mahlzeit beging ich ſo viele Toͤlpeleien, daß die kleine Sarah faſt unauf⸗ hoͤrlich auflachte; ich fuͤhlte mich ſo elend, daß ich mich herzlich in meinen Hundeſtall am Bord des Lichters zuruͤckwuͤnſchte, wo ich meinen Zwie⸗ back in gluͤckſeligſter Zufriedenheit und in wuͤr⸗ devoller Einfachheit kaͤuete. Zum erſten Male empfand ich den Schmerz der Demuͤthigung. Unwißenheit iſt nicht immer herabwuͤrdigend. Am Bord des Lichters genuͤgte ich mir ſelber, meinen Gefaͤhrten und meinen Pflichten. Wenn die gewaltige Maße von meinem Arme allein durch die Fluthen geſteuert wurde, empfand ich eine gewiße geiſtige Spannkraft, eine Achtung vor mir ſelber und ein Bewußtſeyn meiner Macht. Ohne im Stande zu ſeyn, meine Ge⸗ fuͤhle zu zergliedern, war ich dort der Geiſt, der eine kleine Welt regierte; hier aber an die⸗ ſem Tiſche, in der Geſellſchaft vernuͤnftiger, wohlunterrichteter Weſen, fuͤhlte ich mich ge⸗ dehmuͤthigt, herabgewuͤrdigt; Schaam erfuͤllte mein Herz, und bei einem unmaͤßig hellen Auf⸗ lachen der kleinen Sarah uͤberlief das ange⸗ haͤufte Maaß meiner Angſt, ich brach in bit⸗ tere Thraͤnen aus. Als ich mit meinem Kopfe auf dem Tiſchtuche lag, ohne die mindeſte Be⸗ achtung der Sitte, die ich ſo ſehr fuͤrchtete, nur empfaͤnglich fuͤr das tiefe Gefuͤhl meines verwundeten Stolzes, und als jedes Schluch⸗ zen aus dem innerſten Kerne meines Herzens hervordrang, empfand ich ein ſanftes, war⸗ mes Athmen auf meiner Wange, das mich veranlaßte, ſchuͤchtern aufzublicken, und nun gewahrte ich das gluͤhende, liebliche Geſicht der kleinen Sarah, die mit Thraͤnen in den Au⸗ gen mich ſo ſanft und flehend anblickte, daß ich mit einem Male erkannte, ich beſize ei⸗ nigen Werth, und mich eifrig danach ſehnte groͤßern Werth zu erlangen. „Ich will gewiß nicht mehr lachen,“ ſagte ſie,„alſo weine nicht, Jakob.“ „Das will ich auch nicht;“ erwiederte ich, mich erheiternd. Sie blieb neben mir ſtehen und ich empfand Dankbarkeit.„Sobald ich ein Stuͤck Holz bekomme,“ fliſterte ich,„will ich Dir einen Kahn ausſchnizen.“ „O Papa!“ rief ſie,„Jakob ſagt, er will mir einen Kahn ausſchnizen.“ „Der Junge hat ein Herz,“ ſagte Drum⸗ mond zu ſeiner Frau. „Aber wird er auch ſchwimmen, Jakob?“ fragte die Kleine. „Ja, und wenn er ſchiefloppt, nenn' mich 'n Luͤmmel.“ — 46— „Was iſt ſchiefloppt und was iſt'n Luͤm⸗ mel?“ entgegnete Sarah. „Wie, weißt Du das nicht?“ rief ich; und als ich erkannte, daß ich bei dieſer kleinen Ver⸗ anlaßung mehr wiße, als ſie, fuͤhlte ich mein Selbervertrauen zuruͤckkehren. Drittes Kapitel. Ich werde in eine Armenſchule geſchickt, wo die Kna⸗ ben Mildherzigkeit nicht als einen Theil ihrer Erziehung betrachten.— Die Sonderbarkeiten des Schulvorſtehers und die zauberaͤhnliche Wir⸗ kung eines Schneuzens der Naſe.— Eine Un⸗ terſuchung uͤber den Buchſtaben A, aus welcher ſich ergiebt, daß mein ſaͤmmtliches vorhergegan⸗ genes Lernen wegzuwerfen iſt. Bevor ich das Zimmer verließ, waren Sarah und ich in eifriger Unterredung mit einander am Fenſter, waͤhrend Herr und Frau Drum⸗ mond ſich am Tiſche beſprachen. Der Erfolg meiner Unterhaltung mit ah war kindiſche Vertraulichkeit; das Ergebniß der Beſprechung der beiden Eheleute war, daß je eher man et⸗ was mit mir anfangen koͤnne, der Vortheil fuͤr mich deſto groͤßer ſeyn wuͤrde. Herr Drum⸗ 1. 4 mond hatte einigen Einfluß bei den Direktoren einer Armenſchule in der Naͤhe von Brentford und verlor keine Zeit, mir die Aufnahme in ſelbige zu verſchaffen; ehe ich noch meinen neuen Anzug waͤhrend dreiwoͤchentlichen Tragens deſ⸗ ſelben gaͤnzlich verdorben hatte, ward ich auf's Neue foͤrmlich ausgeruſtet— mit einem lang⸗ hinabreichenden Rocke von ſogenanntem Pfeffer und Salzzeug, mit gelb⸗ledernen, an den Knieen zugebundenen Beinkleidern, mit einer geſtrickten Muͤze, auf welcher oben ein Buͤſchel befindlich, mit angemeßenen Schuhen und Struͤmpfen und mit einem großen Zinnſchilde auf meiner Bruſt mit der Nummer 63, welche, weil ich der zulezt aufgenommene Knabe war, die Totalſumme der Armenſchuͤler bezeichnete. Mit Bedauern verließ ich Drummond's Haus, der es nicht rathſam achtete, die Fertigung des Kahnes abzuwarten, welches Sarah ſowohl, als mich, recht ſehr betruͤbte. Herr Drummond ſelber fuͤhrte mich zur Armenſchule, und bevor wir noch daſelbſt ankamen, begegneten wir dem ganzen Zuge auf deßen Wandelgange. Ich ward in die Reihe geſtellt, erhielt einige gute Lehren von meinem wuͤrdigen Goͤnner, der darauf ſei⸗ nen Weg in einer Richtung fortſezte, waͤhrend — 51— wir einer andern folgend ausſahen, wie ein Regiment gelbſchenkeliger, zu menſchlichen Per⸗ pendikeln aufgeſtraffter Krammetsvoͤgel. Man ſtelle ſich den lezten Zweig der Ehrliche vor, gepfeffert, geſalzen und beſchildet, damit die ganze Welt wißen moͤge, er ſey ein Armen⸗ ſchuͤler, und in dieſer Welt ſey Mildthaͤtigkeit. Muͤßen aber Helden, Koͤnige, große und ernſte Maͤnner ſich dem Geſchicke fuͤgen, ſo koͤnnen Lichter⸗Buben nicht erwarten, ihm zu entgehen; ich war dazu beſtimmt, Erziehung, Tiſch, Wohnung, Kleidung u. ſ. w. frei, umſonſt, fuͤr gar nichts zu erhalten.. Jedes Geſelligkeitsband hat ſeinen Vorſteher; auch war ich im Begriff zu bemerken, daß je⸗ der Kreis ſeinen Mittelpunkt habe, was aller⸗ dings richtig genng geweſen waͤre, nur hat die⸗ ſer Vergleich fuͤr mich gar keinen Nuzen, weil unſer Kreis zwei Mittelpunkte hatte, oder um dem Gange des erſten Gedankens zu folgen, zwei Haͤupter— naͤmlich den Hauptſchulmei⸗ ſter und das Hausweſenhaupt— das maͤnn⸗ liche Haupt und das weibliche— das Haupt mit der Zuchtruthe und das Haupt mit Schwe⸗ felholz und Syrop— den Vorſteher und die Matrone, von denen Beide ihren Anhang hat⸗ — 52— ten— der Eine den Unterlehrer, die Andere das helfende Hausmaͤdchen. Von dieſem Quar⸗ tett war aber der Schulvorſteher nicht nur die wichtigſte, ſondern auch einer Beſchreibung wuͤrdigſte Perſon; und weil er im Laufe mei⸗ ner Erzaͤhlung noch oft vorkommen wird, lange nachdem meine Erziehung vollendet worden, ſo will ich in meiner Beſchreibung des Domine Dobienſis, wie er ſich gern nennen hoͤrte, oder des graͤmlichen Dobbs, wie ſeine Schuͤler ihn lieber nannten, recht ausfuͤhrlich ſeyn. Weil es nothwendig war, in unſerer Schule uns Unterricht im Leſen, Schreiben und Rech⸗ nen zu geben, ſo hatten die Schulherren den Domine als die tauglichſte Perſon unter denen ausgewaͤhlt, die ſich dazu meldeten, weil er erſtens ein Buch uͤber die Griechiſchen Parti⸗ keln geſchrieben hatte, das Niemand verſtehen konnte; und weil er zweitens ſich als großer Mathematiker dadurch erwieſen hatte, daß man von ihm erzaͤhlte, er habe die Quadratur des Zirkels durch Algebraiſche Gleichungen ausge⸗ funden, wollte aber die Prozedur niemals zei⸗ gen aus Furcht durch Verrath der Ehre verlu⸗ ſtig zu werden. In Euclids Demonſtrationen hatte er ebenfalls ganz ſo viele Irrthuͤmer ent⸗ — 53— deckt, als Joſey Hume jemals in Armee⸗ und Flotten⸗Abſchaͤzungen aufdeckte, und zwar mit eben ſo viel Vortheil fuͤr den Staat im All⸗ gemeinen, als dieſem aus des Leztern Arbeiten erwuchſen. Er war ein Mann, der allerdings in ſeinem Zeitalter athmete, der aber ſein hal⸗ bes Leben im Alterthume oder in der Algebra verbrachte. Zog ihn ein algebraiſches Problem oder eine Griechiſche Merkwuͤrdigkeit an, ſo ward er dadurch ſeinem gegenwaͤrtigen Daſeyn gleichſam entruͤckt, und Alles Andere geſchah unbeachtet. Sein Koͤrper blieb freilich und ath⸗ mete uͤber ſeinem Pulte, doch ſeine Seele war abweſend. Die Schulknaben kannten dieſe ſeine Eigenthuͤmlichkeit recht gut und pflegten dann von ihm zu ſagen:„Domine traͤumt und ſpricht im Schlaf.“ 8 Domine Dobienſis uͤberließ gegen die Schul⸗ anordnungen dem Unterlehrer das Leſen und Schreiben, und beſchaͤftigte die Knaben, wenn's irgend moͤglich war, mit Mathematik, Latein und Griechiſch. Der Unterlehrer beſaß nicht uͤberwiegende Faͤhigkeiten, um die erſten beiden Kenntniße zu lehren; die Knaben waren nicht gar bereitwillig, um die leztern zu erlernen. Der Schulvorſteher war zu gelehrt, der Unter⸗ — 54— lehrer zu unwißend, deshalb lernten die Schüͤ⸗ ler wenig. Der Domine war ernſt und leicht gereizt, aber er trug einen großen Schaz von Scherzhaftigkeit in ſich und beſaß das menſchen⸗ freundlichſte Herz. Seine Geſichtszuͤge konnten nicht lachen, aber wohl ſein Kehlkropf. Das Kichern ſtieg nicht hoͤher als bis zum Rande der Luftroͤhre und ward dann gewaltſam durch des Ernſtes Strenge zuruͤck in die Region des Herzens getrieben, wo es dieſes in ſeiner dun⸗ keln Hoͤle mit verborgener Luſt erheiterte. Der Domine liebte Wortſpiele, mogten ſie in Eng⸗ liſcher, oder in Lateiniſcher und Griechiſcher Sprache ertoͤnen. Dieſe beiden leztern machte, außer ihm, Niemand, und weil ſie nicht ver⸗ ſtanden wurden, erfreuten ſie auch keinen An⸗ dern als ihn ſelber. Seine Liebe zu Wortſpie⸗ len war aber ernſthafte Zuneigung, er liebte ſie mit feierlicher Liebe— ſie waren fuͤr ihn kein Gegenſtand zum Lachen.. Von Perſon war Domine Dobienſis uͤber ſechs Fuß hoch, nur aus Knochen und Mus⸗ keln beſtehend. Sein Geſicht war lang und ſeine Zuͤge breit; doch ſein hervorſtechendes Merk⸗ mal war die Naſe, welche, ſo breit angelegt und tief ausgeſprochen die Geſichtszuͤge auch waren, dieſe dennoch zur Unbedeutenheit her⸗ abſezte. Dieſe Naſe war ein Wunder, eine Laͤ⸗ cherlichkeit; doch troͤſtete er ſich— war ja Ovid ebenfalls Naſo benannt. Seine Naſe war an ihrem Ende nicht ſtumpf, war nicht dick, nicht ſchwer, nicht rothfinnig, noch pfeifend; in der ganzen Großartigkeit ihrer Verhaͤltniße war ſie dennoch eine geiſtvolle Naſe. Sie war dann, hornartig, durchſichtig und wohltoͤnend; ihr Schnauben war Eindruck erregend und ihr Nie⸗ ſen hoͤrbar. Schon ihr Anblick gebot Achtung; aber unheildeutend war ihr Laut, wenn ſie in Schulſtunden geſchneuzt wurde. Gleichwohl lieb⸗ ten die Schuͤler dieſe Naſe, eben der Warnung wegen, welche ſie gab; gleich wie die Klapper der gefuͤrchteten Schlange deren Naͤhe verkuͤn⸗ det, deutete die Naſe den Schulknaben an, ſie muͤßten auf ihrer Hut ſeyn.— Der Domine pflegte ſich mit dieſer Welt und mit ſeinen Pflichten in derſelben eine oder ein Paar Stun⸗ den zu beſchaͤftigen, dann aber vergaß er ſeine Schuͤler, zuſammt ſeiner Schulſtube und reiſete umher in der Welt Griechenlands oder der Al⸗ gebra. Sobald er alsdann in ſeinen Berechnun⸗ gen X, Y und 3 zeichnete, wußten die Kna⸗ — 56— ben ſich vor ihm ſicher und vernachlaͤßigten ihr Lernen. Hat der Leſer jemals die Zauberwirkung der Trommel in einem kleinen Dorfe geſehen, wenn das Werbkommando, mit vielfarbigen Baͤndern geziert, die Doͤrfner durch geiſtanſpornende Wir⸗ bel aufregt? Matronen verlaßen alsdann die Sorge fuͤr ihr Hausweſen und eilen zur Thuͤr der Huͤtte, uͤber ihre Schultern weg bewundern die Maͤgde und fuͤrchten; die vorwandſuchenden Bauerburſche erheben ihre Koͤpfe allmaͤhlig, bis ſie hoch aufgerichtet und ſtolz da ſtehen; aus den Ruͤckgraden verſchwinden die Kruͤm⸗ mungen, ihr ſchwerfaͤlliger Gang verwandelt ſich in feſten und federkraͤftigen Tritt; jeder Muskel ſcheint kraͤftiger, jeder Nerv allmaͤhlig geſpannter; raſch pulſet das Blut; die Herzen poocchen, Augen erglaͤnzen und ſo wie der krie⸗ geriſche Ton ihr bauriſches Weſen durchdringt, werden wie durch Zaubergewalt ſolche Timone vom Pflugſterz zu angehenden Helden fuͤr die Feldſchlacht verwandelt;— und das Alles wird bewirkt durch Schlagen auf das Fell des ſanf⸗ teſten, harmloſeſten Thieres in der Schoͤpfung. Weil wir kein ſynthetiſches Gleichniß zur Hand hatten, haben wir uns zum antitheti⸗ — 57— ſchen gewendet. Das Schneuzen der Naſe des Domine brachte ganz entgegengeſezte Wirkung hervor. Es war ein Anzeichen davon, daß er von ſeiner geiſtigen Reiſe zuruͤck wieder in ſei⸗ ner Schulſtube angekommen war;— daß der Lehrer mit ſeinen X, Y und 3 geendet habe und es nun fuͤr die Schuͤler Zeit ſey, ihre P und Q in Obacht zu nehmen. Gleich wie bei dem Signal„Achtung“ die Truppen ſich ſtel⸗ len, nahm bei dieſem Warnungszeichen Jeg⸗ licher ſeine Stelle ein; halbabgebißene Aepfel wurden in den Taſchen verwahrt, Knallbuͤch⸗ ſen verſchwanden, Klopffechtereien wurden aus⸗ geſezt, um anders wo ausgemacht zu werden, — Buͤcher wurden geoͤffnet und Augen auf ſie gerichtet,— Geſtalten, die bisher in allen Richtungen hinſchwirrten und umwirbelten, nahmen nun eine gleichfoͤrmige, uͤber die Pulte hingebogene Stellung an— Ruhe ward her⸗ geſtellt, Ordnung herrſchte wieder, und Herr Knapp, der Unterlehrer, der dieſe Zwiſchenre⸗ gierungen eben ſo gern benuzte, als die Schul⸗ knaben, um in's Zimmer der Matrone zu entweichen, eilte, durch den wohlbekannten Laut gewarnt, zuruͤck zu ſeinem Pulte der Qual;— ſolche waren die erſtaunlichen Wirkungen eines — 58— Schnaubens, der volltoͤnenden, friedenherſtel⸗ lenden Naſe des Domine Dobienſis. „Jakob Ehrlich tritt heran,“ waren die er⸗ ſten Worte, welche mein Trommelfell beruͤhr⸗ ten, als ich am naͤchſtfolgenden Morgen mei⸗ nen Siz am aͤußerſten Ende des Schulzimmers genommen hatte. Ich ſtand auf und ſchritt mei⸗ nen Weg durch zwei Reihen Knaben, die ihre Beine vorſtreckten, um mir den Durchgang zu hindern; nach Ueberwindung aller dieſer Schwie⸗ rigkeiten befand ich mich, drei Schritte vom Pulte des Schulherrn ſtehend, von welchem er herabblickte, wie der Olympiſche Jupiter auf die Sterblichen, in alten Zeiten. „Jakob Ehrlich, kannſt Du leſen?“ „Nein, ich kann nicht,“ erwiederte ich, „wollt', ich koͤnnt's.“ „Eine gutgeſinnte Antwort, Jakob, Dein Wunſch ſoll erfuͤllt werden. Kennſt Du Dein Alphabet?“— „Ich weiß nicht, was das iſt.“) „Alſo kennſt Du das nicht. Herr Knapp ſoll Dich ſogleich unterrichten. Du ſollſt auf der Stelle zu Herrn Knapp gehen, der die An⸗ fangsgruͤnde lehrt. Levius puer— Lichterkna⸗ be, Du haſt verſchlagenen Blick.“ Hierauf vernahm ich in ſeiner Kehle ein Ge⸗ raͤuſch, welches dem„gluck— gluck“ glich, das ertoͤnte, ſo oft meine arme Mutter Gene⸗ ver aus der großen Steinkruke abgoß. „Mein kleiner Schiffer,“ fuhr er fort,„Du biſt ein an's Ufer geſpuͤltes Kraut, eine von Mutter Themſe aufgetriebene Truͤmmer. Flu- viorum rex Eridanus.(Gluck- gluck.) Zu Deinen Studien; ſey immer Du ſelber— das iſt, ſey Ehrlich. Herr Knapp, beginne Du die Camaͤiſche Kunſt ſogleich.“ Bei dieſen Worten fuhr Domine Dobienſis mmit ſeiner breiten Hand in ſeine rechte Rock⸗ taſche, in welcher er ſeinen Schnupftabak loſe aufbewahrte; er nahm eine tuͤchtige Prieſe(weil aber der Vorrath gering war, ſo beſtand dieſe zum groͤßern Theile aus Haͤrrchen und Baum⸗ wollenfaſern, die ſich im Winkel ſeiner Taſche geſammelt hatten), rief dann die erſte Klaße auf, waͤhrend Herr Knapp mich zu meinem erſten Lernen rief. Herr Knapp war ein ſchmaͤchtiger, ſchwind⸗ ſuͤchtig ausſehender junger Mann, anſcheinend von neunzehn oder zwanzig Jahren, ſehr win⸗ zig in allen ſeinen Verhaͤltnißen mit rothen Iltis⸗Augen, ohne das mindeſte Merkmal an⸗ — 60— gehen der Mannheit; doch war er demungeach⸗ tet wild genug. Weil es ihm nicht erlaubt war, die Jungen zu puffen, wenn der Domine im Schulzimmer blieb, ſo ſpielte er den Tyrannen um ſo wirkſamer, ſobald er der Befehlende war. Das Laͤrmen und der Aufruhr rechtfer⸗ tigten allerdings ſein Einſchreiten, doch die ihm bewieſene Ehrerbietung war durchaus nichts. Er pflegte ſich den keckſten Mißethaͤ⸗ ter auszuwaͤhlen und ſein Lineal auf dieſen abzuſchnellen, mit dem augenblicklichen Befehle daßelbe zuruͤckzubringen. Solche Befehle wur⸗ den aus mehr als einem Grunde befolgt; war der Schuldige getroffen, ſo erfreute es dieſen, daß nun ein Anderer an die Reihe kaͤme;— Herr Knapp aber, der niemals einen Saum kamtſchadaliſcher Hunde getrieben hatte, war ein ſchlechter Schuͤze und verfehlte gemeiniglich denjenigen, auf welchen er gezielt hatte, traf dagegen einen Andern, der, wenn er die Strafe nicht grade in dieſem Augenblick verwirkt hatte, ſie doch gewiß fuͤr fruͤhere oder noch zu erwar⸗ tende Unthat verdiente; in dieſem lezten Falle ward das Lineal zuruͤckgetragen, weil keine Strafe damit verbunden war, wiewohl ſie be⸗ abſichtigt worden. Doch ſey dem, wie ihm wolle; jedesmal wurde dem Herrn Knapp ſein Lineal zuruͤckgetragen, und dieſer ſchleuderte nach den Schulknaben, als waͤren ſie Haͤhne am Faſtenabend, unter großer Gefahr ihrer Koͤpfe und Gliedmaaßen. Wenig mehr habe ich vom Herrn Knapp zu ſagen, außer daß er einen weiten Ueberwurf von ſchwarzen Scha⸗ long trug, auf deßen linken Aermel er ſeine Feder abwiſchte, und auf dem rechten, nur zu t, ſeine ſtets ſchniffelnde Naſe. „Was iſt das, Junge?“ fragte Herr Knapp und zeigte auf den Buchſtaben A. Aufmerkſam blickte ich hin, und weil ich glaubte eine von meines Vaters Hieroglyphen wieder zu erkennen, erwiederte ich:„das iſt'n halber Buſchel.“ Meine Vermuthung hatte ge⸗ wiß einigen Grund. „Ein halber Buſchel. Du biſt mehr als ein halber Narr. Das iſt der Buchſtabe A. „Nein;'s iſt ein halber Buſchel; Vater hat mir das geſagt.“ „Dann war Dein Vater eben ſolch ein Toͤl⸗ pel als Du biſt.“ „Vater wußte, was ein halber Buſchel n war, und ich weiß es auch; das da iſt ein halber Buſchel.“ „Ich ſage Dir, es iſt der Buchſtabe A;“ ſchrie Knapp im heftigen Zorne. Muͤrriſch erwiederte ich:„' iſt ein halber Buſchel.“ Weil ich bei meiner Meinung blieb, und Knapp mich in des Domine Gegenwart. nicht ſtrafen durfte, ſtieg er von ſeinem einſtu⸗ figen Throne herab, und fuͤhrte mich vor den Schulherren. Feuerroth vor Aerger, ſagte er:„Mit die⸗ ſem Knaben kann ich nichts anfangen, er laͤug⸗ net den erſten Buchſtaben im Alphabet ab und behauptet, daß A nicht A, ſondern ein halber Buſchel iſt.“ „Meinſt Du in Deiner Unwißenheit zu leh⸗ ren, wenn Du hier kommſt, um zu lernen, Jakob Ehrlich?“ „Vater hat mir immer geſagt, daß das Ding 'nen halben Buſchel bedeute.“ „Dein Vater mag vielleicht dieſen Buchſta⸗ ben dazu benuzt haben, das Maaß zu bezeich⸗ nen, von dem Du ſprichſt, ganz ſo wie ich in der Mathematik verſchiedene Buchſtaben fuͤr bekannte und unbekannte Groͤßen anwende; Du aber mußt vergeßen, was Dein Vater Dich gelehrt hat und anfangen de novo. Verſteheſt Du?“ — 63— „Nein, das thu' ich nicht.“ „Alſo, kleiner Jakob, jenes bezeichnet den Buchſtaben A, und was Herr Knapp Dir ſonſt nech ſagen wird, mußt Du glauben. Geh, Fakob, und ſey gelehrig.“ 4 — 64— Viertes Kapitel. — Taſchenſpielerei auf Koſten meiner Fuͤße.— Eines Mannes Faſche anfuͤllen, iſt ein eben ſo großes Vergehen, als ſie diebiſch ausleeren, und wird demgemaͤß beſtraft.— Eine Ausforderung, ein Ausſchlag und die Heimkehr.— Fruͤhere Ein⸗ druͤcke werden entfernt und der Gefuͤhluͤberfluß vermittelſt einer Zauberformel der Karbatſche ge⸗ ordnet. Knapp entließ mich nicht, bevor ich das ganze Alphabet durch gemacht hatte; dann kehrte ich zu meiner Bank zuruͤck, um es mir ſelber noch tiefer einzupraͤgen, war aber nicht wenig ver⸗ wirrt durch die ſonderbare Zuſammenſezung von Bildchen, welche das Alphabet ausmachen. Der Druck meiner Schuhe belaͤſtigte und erhizte mich; ſie waren vom erſten Augenblicke, in welchem ich dergleichen anziehen mußte, Ge⸗ genſtand meines Widerwillens geweſen. Erſt zog ich meinen Fuß aus dem einen, dann auch aus dem andern hervor, und dachte eine Zeit⸗ lang nicht mehr daran. In dieſer Zwiſchenzeit hatten die neben mir ſizenden Knaben ſie mit den Fuͤßen einer dem andern zugeſchoben, bis ſie zulezt dicht vor des Schullehrers Pulte ſtanden. Jezt vermißte ich 79, und weil ich gewahrte, daß man ſich auf meine Koſten beluſtigte, ſpaͤ⸗ hete ich ganz ruhig, aber ſehr genau nach Al⸗ lem, was vorging, bis ich einen der Schul⸗ knaben von den erſten Plaͤzen, die nahe bei dem Domine ſaßen, gewahrte, der einen mei⸗ ner Schuhe aufhob und dem Schulherrn, der eben in ſeiner geiſtigen Abweſenheit verloren da ſaß, in deßen Rocktaſche ſchob. Kurze Zeit nachher ſtand er auf, ging zum Herrn Knapp, richtete an den eine Frage und ſteckte den zwei⸗ ten Schuh in des Unterlehrers Taſche, waͤh⸗ rend dieſer die Frage beantwortete; dann grin⸗ ſete er die uͤbrigen Knaben an und kehrte zu ſeiner Bank zuruͤck. Ich ſagte nichts, als aber die Schulſtunden voruͤber waren, ſah der Domine auf ſeine Uhr, ſchneuzte ſeine Naſe, wodurch aller Knaden I. 5 — 66— Koͤpfe in die Hoͤhe flogen, gleich denen der Clansmaͤnner von Roderich Dhu, ſobald der in's Horn ſtieß; langſam und ehrenfeſt faltete der Domine alsdann ſein großes, einem Ban⸗ ner aͤhnliches Taſchentuch wieder zuſammen, ſteckte es in ſeine Taſche und ſprach in feierli⸗ chem Tone:»Tempus est ludendi.« Weil dieſe lateiniſche Phraſe taͤglich zur ſelbigen Stunde gebraucht wurde, verſtand jedermann in der Schule ſo viel Latein. Ein Aufruhr erhob ſich zwiſchen den Baͤnken, unter Jubeln, Schreien und Springen ſtuͤrzten alle hinaus, nur ich blieb ruhig auf meiner Bank ſizen. Der Do⸗ mine ſtieg von ſeinem erhoͤheten Pulte herab, das nämliche that der Unterlehrer, und beide naheten ſich mir auf ihrem Wege zu ihren Zimmern. „Jakob Ehrlich, weshalb ſinnſt Du noch hier uͤber Deinem Buche— haſt Du nicht verſtan⸗ den, daß die Erholungsſtunde gekommen iſt? Weshalb ſtellſt Du Dich nicht auf Deine Fuͤße wie die andern?? „Weil ich keine Schuhe habe.“ „Und wo ſind Deine Schuhe, Jakob?“ „Der Eine iſt in Ihrer Taſche,“ erwiederte ich, nund der Andere in dem ſeiner.“ 2 . 1 — 67— Beide griffen in ihre Taſchen und uͤber⸗ zeugten ſich von der Wahrheit meiner Anfuͤh⸗ rung. „Erklaͤre, Jakob,“ ſprach der Domine,„wer that das?“ „Der große Junge mit rothen Haaren und onem Geſichte ſo voller Loͤcher, als die Seihe in des Werftherrn Kuͤche,“ gab ich zur Ant⸗ wort.. „Herr Knapp, es wuͤrde von mir infra dig. ſeyn, und von Dir ebenfalls, wollten wir dieſe Ehrverlezung unbeachtet hingehen laßen. Klingele Du fuͤr die Knaben.“ Saͤmmtliche Schuͤler erſchienen und ich ſollte den Thäter anzeigen, was ich augenblicklich that; dieſer aber laͤugnete hartnaͤckig; inzwi⸗ ſchen hatte er meine Schuhbaͤnder ausgezogen. und ſie in den ſeinigen befeſtigt. Dieſe erkannte ich wieder, und das reichte hin. „Barnabas Bindguͤrtel,“ ſprach der Domine, „Du biſt nicht nur verlezter Ehrfurcht gegen mich und Herrn Knapp uͤberwieſen, ſondern auch noch der ſchweren Suͤnde des Luͤgens. Si⸗ mon Swapp, bind' ihn feſt.“ Er ward feſtgebunden und ſeine Unterbeklei⸗ dung ihm abgeſtreift, dann traf ihn das Bir⸗ — 68— kenreis mit der ganzen Kraft des nervigen Ar⸗ mes unſeres Domine. Barnabas Bindguͤrtel bewies auf jede moͤgliche Weiſe ſeine Einrede gegen die ergriffene Maßregel; aber Simon Swapp hielt ihn und der Domine geißelte ihn. Nach einem minutenlangen Durchpeitſchen ward Barnabas losgebunden, ſeine gelben Beinklei⸗ der wurden in die Hoͤhe gezogen und die Kna⸗ ben entlaßen. Barnabas Antliz war ſehr ge⸗ roͤthet, doch viel roͤther noch war deßen Ge⸗ genſtuͤck. Der Domine entfernte ſich und ließ uns bei einander; er befeſtigte ſeine Hoſen, ich meine Schuhbaͤnder. Als Barnabas mit dem Zuknoͤpfen derſelben fertig war und ſeine Au⸗ gen getrocknet hatte, war es mir ebenfalls ge⸗ lungen, in meinen Schuhen zu ſtehen; und ſo befanden wir uns allein zuſammen. „Nun,“ ſagte Barnabas, mir die eine Fauſt g'gen das Geſicht haltend, waͤhrend er mit der andern flachen Hand ſich hinten rieb,„komm' heraus auf den Spielplaz, Du Aſchenbroͤ⸗ del, und ſieh zu, ob ich 1 nicht durch und durch pruͤgele.“ „Weinen hilft nicht,“ ſprach ich beſaͤnftigend, denn ich hatte nicht gewuͤnſcht, daß er gepeitſcht — 69— werden ſollte;„was geſchehen iſt, kann man nicht aͤndern. Hat's Dir ſehr wehe gethan?“ Dieſe beabſichtigte Troͤſtung ward als Hohn⸗ necken aufgenommen und Barnabas ſtuͤrmte. „Nimm's kaltbluͤtig,“ bemerkte ich. Barnabas ward immer zorniger. „S'naͤchſte Mal mehr Gluͤck,“ fuhr ich fort im Verſuche ihn zu brſaͤnftigen.. Barnabas gerieth außer ſich— er drohete mit ſeinen Faͤuſten, rannte zum Spielplaze und forderte mich heraus, ihm dahin zu folgen. Seine Drohungen hatten fuͤr mich kein Ge⸗ wicht; weil ich im Hauſe nicht bleiben wollte, folgte ich ihm einige Minuten ſpaͤter und fand ihn umkreiſet von den Knaben, zu denen er laut und heftig ſprach. „Aſchenbroͤdel, wo ſind Deine glaͤſernen Pan⸗ toffeln?“ riefen die Knaben, ſobald ich erſchien. „Komm' heraus, Du Waßerratte;“ ſchrie Barnabas;„Du Sohn von'nem Aſchenhaufen.“ Komm' heraus und boxe mit ihm oder Du biſt'ne Memme,“ rief der ganze Schwarm von Nro. 1 bis 62 incluſive. „Mich duͤnkt, er hat ſchon Schlaͤge genug bekommen,“ erwiederte ich;„er wird am Be⸗ — 70— ſten thun, mich nicht anzuruͤhren— ich kann meine Arme gebrauchen.“. Ein Kreis ward geſchloßen, in deßen Mitte ich mich mit Barnabas gewahrte. Er zog ſeine Kleider ab, ich that das naͤmliche. Er war viel aͤlter und kraͤftiger, als ich, und verſtand ein wenig Boxen. Einer der Knaben erbot ſich, mein Sekundant zu ſeyn. Barnabas trat heran und hielt ſeine Hand vor; ich glaubte, damit ſey alles abgemacht und ſchuͤttelte die herzlich; gleich darauf empfing ich aber einen Schlag rechts und links in's Geſicht, der mich tau⸗ melnd zuruͤckprallen machte. Dies war mir ganz unerklaͤrlich, reizte aber meine Galle und den 1 Doppelſchlag gab ich mit Zinſen zuruͤck. Ich beſaß ungemeine Armſtaͤrke, wie man ſich das vorſtellen mag; ich warf ſie umher wie Wind⸗ muͤhlfluͤgel, ſchlug niemals gerade, ſondern gab immer halbzirkelnde Puffe, die ihn an ſeinen Ohren trafen. Dagegen empfing ich alle ſeine Schlaͤge geradezu und bald waren mir Geſicht und Naſe mit Blut bedeckt. So wie Schmerz und Wuth mich erhizten, ſchwang ich meine Arme ziellos umher und Barnabas gab mir einen Schlag, der mich zu Boden warf. Man raffte mich auf, ſezte mich auf meines — — Sekundanten Kniee, der mir, waͤhrend ich das Blut aus meinem Munde fortſpuckte, zufli⸗ ſterte:„nimm's kaltbluͤtig und triff ſicher.“ Mein eigener— meines Vaters Lehrſpruch— von einem Andern auf mich angewendet, traf mich mit verdoppelter Kraft, und wäͤhrend dem Uebrigen unſeres Gefechtes vergaß ich ihn nicht wieder. Noch einmal ſtanden wir uns gegen⸗ uͤber, noch einmal bekam ich's rechts und links und gab's zuruͤck auf ſein linkes und ſein rech⸗ tes Ohr. Barnabas ſtuͤrzte vor— und noch einmal lag ich am Boden. „S'naͤchſte Mal mehr Gluͤck,“ ſagte ich zu mir ſelber, und war ſo kalt dabei, wie eine Gurke. Ein dritter und vierter Verſuch endeten dem Anſcheine nach zu Barnabas Vortheile— in der Wirklichkeit aber zu dem meinigen. Mein Geſicht war zu einer Mumie zerſchlagen, er aber war durch die ſtets wiederholten Schläge an ſeinen Kopffe ten geworden, was man grog⸗ taumelnd nennt. Noch einmal ſtellten wir uns, ſchwer athmend und erſchoͤpft;— Barnabas ſtuͤrzte auf mich ein, und ich wich ihm aus; bevor er ſeinen Angriff wiederholen konnte, hatte ich wiederum zwei ſchwere Schlaͤge ihm — 72— auf die Ohren verſezt und er ſchwankte. Er ſchuͤttelte ſeinen Kopf und fragte, ſeine Faͤuſte zur Vertheidigung bereit haltend, ob ich genng habe. „Er hat's,“ ſprach mein Sekundant,„ſez ihm jezt zu, Jakob, und Du wirſt ihn nieder⸗ ſchlagen.“ Ich ſezte ihm zu; drei oder vier Salägr mehr, auf den naͤmlichen Stellen angebracht, gaben ihm den Reſt— bewußtlos ſank er zu Boden. „Du haſt ihm genug Geeben⸗/ rief mein Sekundant.. „Was geſchehen iſt, fann man nicht aͤn⸗ dern,“ erwiederte ich;„iſt er todt?“ „Was geht hier vor?“ rief Knapp, der ſich, von der Matrone gefolgt, durch die Umſtehen⸗ den draͤngte. „Barnabas und Aſchenbroͤdel machen's mit einander aus,“ ſagte einer der aͤltern Knaben. Die Matrone, die mir ſchon gewogen war, weil ich gut ausſah und weil ich ihrer Obhut durch Frau Drummond empfohlen war, lief auf mich zu.— „Nun,“ ſprach ſie,„wenn der Domine das große Vieh dafuͤr nicht zuͤchtigt, ſo will ich doch ſehn, ob ich wer bin oder nicht,“ darauf nahm ſie mich an die Hand und fuͤhrte mich fort. Inzwiſchen beſchaͤftigte Herr Knapp ſich mit Barnabas, der immer noch bewußtlos da lag, er wurde hinein getragen und auf ſein Bett gelegt. Er holte ſchwer Athem, aber die Be⸗ ſinnung fehlte ihm noch, man ſchickte nach dem Wundarzt der noͤthig fand ihm ſtark zur Ader zu laßen.— Auf das Verlangen der Matrone mußte er mich ebenfalls unterſuchen, meine Geſichtszuͤge waren nicht zu unterſcheiden, uͤbrigens war Alles, wie es ſeyn ſollte. „Es erſcheint ſonderbar,“ bemerkte der Arzt —„daß der groͤßere Knabe ſo ernſtlich mitge⸗ nommen wurde, aber dieſes Jungen Arme, gleichen kleinen Schmiedehaͤmmern. Ich warne euch,“ ſagte er zu den uͤbrigen Knaben, „nicht mit ihm zu Boxen, denn er wuͤrde heute oder morgen einen von Euch todtſchlagen.“ Dieſer gute Rath ward von den Knaben nicht vergeßen, und von dem Tage an war ich der Schul⸗Hahn. Der Name Aſchenbroͤdel, den Barnabas mir gegeben, um meiner Mutter Todesart zu verhoͤhnen, ward ſogleich aufgege⸗ ben und ich hatte keine Verfolgung mehr zu aiduldene— Es war des Domine Gebrauch *. 5* — 4— beide Knaben zu geißeln, wenn zwei miteinan⸗ er gebort hatten; weil ich aber der Angreifer nicht geweſen war und weil mein Gegner nur ſo eben mit dem Leben davon kam, ward der Gebrauch fuͤr dieſesmal nicht zur Anwendung. gebracht. Die Matrone pflegte mich eine Woche lang und eben ſo lange blieb Barnabas unter den Haͤnden des Wundarztes. Auch in meinem Lernen war ich erfolgvoll. Nachdem ich die erſten Anfangsgruͤnde uͤber⸗ wunden hatte, machte ich raſche Fortſchritte; aber eine andere Schwierigkeit blieb mir noch zu beſiegen, nemlich meine Gewohnheit alle Dinge meinen beſchraͤnkten Anſichten anzufor⸗ men; die Macht der Begriffsverdindung war dermaßen ſtark geworden, daß ich ihrer in geraumer Zeit nicht Herr zu werden vermogte. Knapp beklagte ſich unaufhoͤrlich uͤber meinen Eigenſinn, obgleich ich in der That mich emſig beſtrebte, ſowohl zu befriedigen als auch zu lernen. Bei dem Buchſtabieren zum Beiſpiele, brachte die erſte Sylbe jedesmal eine Begriffs⸗ verbindung mit Gegenſtaͤnden aus meinem fruͤ⸗ hern Leben hervor. Ich entſinne mich daß der Domine etwa vierzehn Tage nach meiner Auf⸗ nahme in die Schule, mich, aber auch nur dieſes einzigemal, durchfuchtelte. Knapp hatte mich als Kraiwürd zu ihn gefuͤhrt. „Jakob Ehrlich, wie geht das zu?— Dein Kopf iſt gut und dennoch weigerſt Du. Dich zu lernen.— Sag' mir jezt was heißt K— a— z—“ Dies war der Anfanglaut von Kazen⸗Kopf, und ich antwortete demgemaͤß. „Nein Jakob, es heißt Kazz nimm Du Deinen Kopf in Acht bei Deiner naͤchſten Ant⸗ wort. Dein Kopf iſt in Gefahr, Jakob.— Nun Jakob, was heißt M—a—t?“ „Reib⸗Matte“ gab ich zur Antwort. „Es heißt nur Mat, alberner Junge; das Reiben wird ſogleich an mir ſeyn.— Jezt Jakob, was heißt H—u— n— d?“ „Hundeſtall.“ „Hund, Jakob, ohne den Stall.— Du biſt ſehr unziemlich und verdienſt in den Stall ge⸗ ſperrt zu werden. Nun, Jakob, dies iſt das leztemal daß Du mit mir ſpielſt, was heißt H-— u— t?“ „Pelzkappe,“ erwiederte ich nach einigem Beſinnen. „Jakob, ich fuͤhle den Zorn ſich in mir re⸗ gen, doch moͤgte ich Dich gern verſchonen; wenn H— u—t Pelzkappe heißt, bitte dann ſag' mir was K— a-—p bedeutet.“ „Kapſtern.“ „Wahrlich, Jakob, Dein Stern iſt in eben ſolcher Gefahr als Dein Kopf, und ich ſeze vor⸗ aus, daß W-i- n d alſo Wlndebaum heißt, iſt's nicht ſo?“ „Ja, Herr!“ erwiederte ich, recht erfreut zu finden er ſey einer Meinung mit mir. „Wie heißt dann, nach dem nemlichen Grund⸗ ſaze K—a- r?“ „Karre, Herr“ erwiederte ich. „Nein Jakob, K— a—r, muß Karbatſche heißen, und weil Du Deine eigene Buchſtabier⸗ weiſe verfehlt haſt— ſollſt Du die Karbatſchen: hiebe nicht verfehlen.“ Der Domine bearbeitete meine Schultern mit recht vieler Salbung, zu Knapp's großer Freude, der jedoch meynte die Strafe ſey zu gering in Verhaͤltniß der Schuld. Bald machte ich mich aber von jenen Be⸗ griffsverbindungen los— ſobald mein Verſtand ſich klarer ausdehnte; der Domine hielt mich fuͤr den faͤhigſten Knaben der Schule. Ob es bu˙— natuͤrliche gute Anlage war, oder weil mein Gehirn ſo viele Jahre hindurch gleichſam Brach gelegen hatte, weiß ich nicht, vielleicht wirkten beide Urſachen zuſammen, ſo viel war gewiß daß ich faſt inſtinktmaͤßig lernte. Einmal uͤberlas ich meine Aufgabe, warf mein Buch dann zur Seite, weil ich Alles wußte. Noch war ich nicht ſechs Monate in der Schule geweſen als ich entdeckte daß unter ſeiner rauhen Schaale der Domine mir wahre Vaterliebe bewies. Ich glaube es war am dritten Tage des ſiebenten Monats, daß ich ihm einen Tag des Thriumphes, eine Erwaͤrmung ſeines Herzens verſchaffte als er mich zum erſtenmale in ſein kleines Studierzimmer fuͤhrte und mir die lateiniſche Fiebel in die Hand gab.— Meine erſte Aufgabe erlernte ich in einer Viertelſtunde und entſinne mich ſehr gut, wie der niemals laͤchelnde, immer ſtrengernſte Mann mir in die lachenden Augen blickte, meine Nußbraunen Locken, welche die Matrone nicht abſchneiden wollte, mir aus der Stirn ſcheitelte und ſprach: Bene fecisti, Jacobe. Oft nachher, wenn die Lehrſtunde voruͤber war, heftete er ſein Auge auf mich, lehnte ſich im Seßel zuruͤck, und ließ mich Alles erzaͤhlen, deßen ich mich aus —-— 78— meinem fruͤhern Leben entſinnen konnte, dies war aber in der That nichts anders als eine Aufzaͤhlung von Wahrnehmungen und Gefuͤhlen. Er konnte mir aber Aufmerkſamkeit ſchenken, und wenn ich einen meiner jugendlichen, ſon⸗ derbaren Eindruͤcke anfuͤhrte, irgend einen Abriß von dem was ich auf dem nie von mir betre⸗ tenen Ufer gewahrte aber doch nicht begreifen konnte, dann rieb er ſich begeiſtert die Haͤnde, und rief aus:„ein neues Buch habe ich ge⸗ funden— ein Album in welches ich die Tha⸗ ten von Helden und die Ausſpruͤche der Weiſen einzeichnen kann. Carissime Jacobes! wie gluͤcklich werden wir ſeyn, wenn wir zum Virgil uͤbergehn!“ Kaum darf ich noch ſagen, daß ich ihn liebte— von ganzem Herzen liebte, mit eifriger Begierde lernte ich um ihm zu gefallen. Ich empfand daß ich einigen Werth hatte, mein Selbſtvertrauen war graͤnzenlos. Stolz ging ich einher, aber eitel war ich nicht. Meine Schul⸗ kameraden haßten mich, aber fuͤrchteten mich auch eben ſo ſehr wegen meiner perſoͤnlichen Herzhaftigkeit, als wegen der Vorliebe des Schulherrn; indeſſen mußte ich manche bittere Bemerkung, manche Anzuͤglichkeit nothgedrungen anhoͤren, ſo oft wir uns zu unſern Malzeiten niederſezten. Zu andern Zeiten beſprach ich mich mit dem Domine, mit der wuͤrdigen Matrone, oder beſchaͤftigte mich mit meinen Buͤchern. Taͤglich wanderten wir hinaus, anfangs in Begleitung des Unterlehrers Knapp. Mit mir wollten die Knaben nicht anders gehen, als wenn es ihnen befohlen wurde, und in dieſem Falle, immer hoͤchſt ungern. Gleichwohl hatte ich keine Urſache dazu gegeben. Die Matrone fand dieſen Umſtand aus, ſie ſezte den⸗Domine davon in Kenntniß, und von nun an begleitete er unablaͤßig die Knaben und nahm mich an die Hand. 3 Dies war fuͤr mich von außerordentlichem Nuzen, denn er beantwortete alle meine vielen Fragen, und mit jedem Tage machte ich neue Fortſchritte in den verſchiedenſten Kenntnißen. Bevor ich noch achtzehn Monate in der Schule zugebracht hatte, fuͤhlte der Domine ſich un⸗ gluͤcklich wenn ich nicht bei ihm war, und eben ſo eifrig ſuchte ich ſeine Geſellſchaft. Er war mir ein Vater und ich liebte ihn wie ein Sohn ſeinen Vater lieben ſollte, auch ward er mir, wie ſich das ſpaͤter bewaͤhren wird, mein Fuͤh⸗ rer durch das Leben. — 80— Wiewohl mein Sieg uͤber Barnabas, und das Bewußtſeyn meiner Herzhaftigkeit mir eine erzwungene Achtung verſchafften, ward den⸗ noch des Domines Zuneigung zu mir die Ur⸗ ſache tief eingewurzelter Feindſchaft. Mich zu beleidigen, oder offen anzugreifen, wagte nie⸗ mand; aber von Knapp unterſtuͤzt, der ganz ſo neidiſch auf meine erlangte Gunſt ward, und ganz ſo niedertraͤchtig dachte als die Knaben, ſchmiedeten ſie Raͤnke um mich wo moͤglich in der guten Meynung des Schulherrn zu ver⸗ derben. Barnabas Bindguͤrtel hatte Talent fuͤr Kar⸗ rikaturzeichnen, was mit Ausnahme des Domine alle Andern ſehr gut wußten. Sein erſter gegen mich gerichteter Verſuch war eine Karrikatur auf den Tod meiner Mutter, in welcher ſie wie eine Lampe dargeſtellt wurde welche ihre Nahrung aus einer Genever⸗Flaſche ſog, und die Flamme aus dem Munde hervorſchickte. Dies ward mir erzaͤhlt, aber das Bild ſah ich nicht. Barnabas gab es dem Unterlehrer Knapp, der es ſehr lobte und in ſeinen Pult legte. Hierauf zeichnete Barnabas eine oft wiederholte Karrikatur des Domine mit unge⸗ heurer Naſe, welche er dem Unterlehrer als — 81— meine Arbeit vorzeigte. Knapp verſtand was Barnabas beabſichtigte und legte ſie ohne alle Bemerkung ebenfalls in ſeinen Pult. Mehre andere laͤcherliche Karrikaturen vom Domine und der Matrone wurden angefertigt, und durch andere Knaben, ſaͤmmtlich als Hervor⸗ bringungen meiner Bleifeder dem Unterlehrer eingehaͤndigt; dies reichte aber noch nicht hin, es war noͤthig mich offenkundiger zu betheiligen. Eines Abends als ich mit dem Domine beim Latein ſaß, und im anſtoßenden Zimmer Knapp mit der Matrone verweilte, verſank der tief niedergebrannte Lichtſtumpf in den Leuchter, und erloſch. Der Domine erhob ſich um ein anderes Licht zu holen; die Matrone war ebenfalls in der Abſicht aufgeſtanden den Leuch⸗ ter zu eben dem Zwecke herauszuholen. Sie begegneten einander im Dunkeln, und ſtießen ihre Koͤpfe hart genug an einander. Weil dieſer Vorfall nur dem Unterlehrer und mir bekannt war, theilte ihn Knapp dem Barnabas unter dem Zuſaze mit, daß es ihn wundern ſolle, ob ich das nicht zum Gegenſtande einer meiner Zerrbilder machen wuͤrde. Barnabas verſtand den Wink; nach einigen Stunden ward dieſe Kannizotun den uͤbrigen hinzugefuͤgt. um — 82— ſeine Abſicht beßer zu erreichen, benuzte Knapp eine Veranlaßuug ſehr lobend von meinem Talent im Zeichnen zu ſprechen; wobei er hin⸗ zuſezte, er habe mehre meiner Arbeiten geſehen. „Der Knabe hat Talent“, erwiederte der Domine,„er iſt eine reiche Ader, aus der viel edles Metall gezogen werden mag.“ Einige Tage ſpaͤter ſagte er zu mir:„ich hoͤre Jakob, Du haſt Talent zum Zeichnen.“ „Das habe ich in meinem Leben nicht gehabt;“ erwiederte ich. „Hoͤr' Jakob; ich liebe Beſcheidenheit, aber Beſcheidenheit darf nie zum Ablaͤugnen einer Wahrheit fuͤhren.— Bemerke wohl, Jakob, daß Du Dich keiner Wiederholung deines Fehlers ſchuldig machen darfſt.“ Ich gab keine Antwort, weil ich berdeug war keinen Fehler begangen zu haben; an eben dem Abende erſuchte ich aber den Domine mir einen Bleiſtift zu leihen, weil ich einen Verſuch im Zeichnen zu machen wuͤnſchte. Einige Tage hindurch wurden verſchiedene meiner Skizzen mit Lob aufgenommen. „Der Junge zeichnet gut,“ bemerkte der Domine zu Knapp, als er meine Arbeit durch ſeine Brille pruͤfte.. — 33— „Weshalb mag er nur geleugnet haben, daß er Zeichnen koͤnnte?“— warf der Unterleh⸗ rer hin. „Ein Fehler der aus Beſcheidenheit oder Mangel an Vertrauen hervorging;— eine Tu⸗ gend ſogar, die wir zum Uebermaaß treiben, mag uns zu Irrthum verleiten. Barnabas naͤchſter Verſuch war den Corne⸗ lius⸗Nepos zu erhalten, den ich damals las. Dies ward durch Knapp bewerkſtelligt, der ihn aus des Domine Studierzimmer fortnahm, und an Barnabas gab; dieſer riß das weiße Blatt vor dem Titel aus, auf welchem mein Name geſchrieben ſtand, zeichnete uͤber denſelben ein Zerrbild des Domine, und fuͤgte meinem Na⸗ men, den ich ſelber in das Buch geſchrieben hatte mit Nachahmung meiner Handſchrift das Wort ſecit bei, ſo daß es ausſah wie: Jakob Ehrlich fecit.— Nachdem dies geſchehn, uͤber⸗ gab er das Blatt dem Unterlehrer der es mit den Uebrigen aufbewahrte. Jezt war der An⸗ ſchlag reif, und bald folgte der Ausbruch. Knapp ſagte dem Domine, ich zeichne Zerrbil⸗ der meiner Schulkameraden. Der Domine machte mir Vorwuͤrfe und ich laͤugnete. —&— „Auch das Zeichnen haſt Du abgeleugnet,“ bemerkte der Unterlehrer. Einige Tage vergingen, und Knapp zeigte dem Domine an, daß ich ihn und Frau Ba⸗ tely, die Matrone karrikirt haͤtte, und daß er die Beweiſe in Haͤnden habe. Ich war bereits zu Bett gegangen; der Domine war hoͤchlich uͤberraſcht, und glaubte es unmoͤglich, daß ich ſo undankbar ſeyn koͤnne. Knapp ſagte, er wolle ſeine Anklage oͤffentlich vorbringen, und ſie am folgenden Morgen im Schulzimmer be⸗ weiſen; er benuzte zudem dieſe Veranlaßung mich durch verſchiedene andere Umſtaͤnde unter⸗ ſtuͤzt, als einen liſtigen, nichtsnuͤzigen, wiewohl geſcheuten Knaben darzuſtellen. — 385— Fünktes Kapitel. Herr Knapp meynt mich durch Ueberrumpelung zu fangen, doch der Anſchlag wird entdeckt, und Barnabas Bindguͤrtel iſt genoͤthigt noch einmal wegen meiner Perſon ſeinen Guͤrtel zu loͤſen.— Karrikaturzeichnen nimmt ſein Ende in Blutzei⸗ chen.— Der unterlehrer wird aus der Schule fortgewieſen, und ich werde faſt in die andere Welt verſezt, anſtatt aber eine ſo weite Reiſe machen zu muͤßen, werde ich zum Lehrling eines Themſeſchiffers angenommen. WVönig in Unbekanntſchaft mit dem, was vor⸗ gegangen war, ſchlief ich geſund; am folgenden Morgen fand ich die Matrone ſehr ſtreng gegen mich, was ich nicht verſtehen konnte. Auch der Domine wollte meinen Morgengruß nicht be⸗ achten, weil ich indeß glaubte, er ſey in dem Augenblicke ganz mit dem Euklid beſchaͤftigt, 1 — 86— dachte ich nicht weiter daruͤber nach. Das Fruͤh⸗ ſtuͤk war voruͤber und die Schulglocke gab das Zeichen. Wir waren alle verſammelt; mit ſehr magiſterlichem Ausſehn trat der Domine herein, gefolgt vom Unterlehrer Knapp, der anſtatt zu ſeinem eigenen Pulte abzubiegen dem Domine nach dem ſeinigen folgte. Wir Alle erkannten es ſey etwas unrichtig; doch von Allen fuͤhlte ich vielleicht am mindeſten Beſorgniß.— Der Domine faltete ſein großes Taſchentuch ausein⸗ ander, ſchwenkte daßelbe und ſchneuzte mit ſeiner Naſe, zugleich die ganze Schule in die vollſtaͤndigſte Ruhe. „Jakob Ehrlich, tritt hervor,“ ſagte er in einem Tone der verrieth, daß die Sache ernſt⸗ haft ſey. Verwundernd trat ich vor. „Du biſt durch Herrn Knapp angeklagt Karrikaturen gezeichnet, und mich— Deinen Lehrer, zum Gegenſtande der Laͤcherlichkeit in der Schule gemacht zu haben. Solche Verlezung der Ehrfurcht muͤßte bey jedem andern Knaben ſchon ſehr ſtrenge beſtraft werden; Dir aber Jakob, muß ich mit Caͤſars Worten noch hin⸗ zufuͤgen,“ et tu Brute!“ Ich erwartete etwas ganz Anderes von Dir, hatte das Recht dies zu erwarten. Omnia vitia ingratitude in se complectitur. Du verſtehſt mich, Jakob,— ſchuldig, oder nicht ſchuldig?“ „Nicht ſchuldig, Herr,“ antwortete ich ſehr feſt. „fEr erkennt ſich nicht ſchuldig, Herr Kiapn. 5 fahre Du alſo fort, Deine Anklage zu er⸗ weiſen.“ Knapp ging zu ſeinem Pulte und nahm die Zeichnungen daraus hervor, welche ihm von Barnabas Bindguͤrtel und andern Knaben gegeben worden. „Alle dieſe Zeichnungen, welche Sie gefaͤlligſt anſehen wollen, ſind mir eingeliefert als von Jakob Ehrlich gefertigt. Anfangs konnte ich an die Wahrheit nicht glauben; Sie werden aber leicht erkennen, daß Alle von derſelben Hand ſind.“ 3 „Das erkenne ich an,“ ſagte der Domine, „auch beziehen ſie ſich Alle auf meine Naſe.— Wahr iſt's, daß meine Naſe einen ſehr großen Umfang hat, es war aber der Wille des Him⸗ mels ſie ſolchergeſtalt auszuſtatten; inzwiſchen ſind die Naſen auf dieſen Bildern noch viel groͤßer als meine eigene das rechtfertigen konnte, wenn anders der Zeichner genau und nicht boshaft waͤre. Dennoch haben ſie ihr Verdienſt“, 8 — 88— fuhr der Domine fort, indem er einige der Bilder betrachtete, und ich hoͤrte ein leiſes „gluck, gluck,“ in ſeiner Kehle, als er inner⸗ lich uͤber ſeine eigenen verzerrten Abbildungen lachte.—„Artes adumbratae meruit ceu sedula laudem, wie Prudentius ſagt, mir fehlt die Zeit die Anfuͤhrung zu beendigen.“ „Hier iſt eine Zeichnung“ fuhr Knapp fort, „welche mir den Beweis dafuͤr liefert, daß Jakob Ehrlich der Schuldige iſt; in dieſer ſind Sie und Frau Bately der Laͤcherlichkeit preis gegeben. Wer anders als Jakob Ehrlich koͤnnte gewußt haben, das in Ihrem Süudit zimmer das Licht erloſch. „Ich gewahre,“ erwiederte der Domine das Bild durch ſeine Brille betrachtend,„daß das Heiligthum des Studierzimmers entweihet wurde.“ „Hier aber,“ fuhr Knapp fort, iſt ein noch üͤberzeugenderer Beweis.— Sie ſehen dieſe Karrikatur auf Sie ſelber, der er in ſeiner eigenen Handſchrift ſeinen Namen hinzugeſezt hat.— Ich erkannte ſie augenblicklich, und als ich zufaͤllig ſeinen Cornelius⸗Nepos aufſchlug, fand ich das weiße Blatt vor dem Titel aus⸗ gerißen. Hier iſt dieſes Blatt, Sie werden — 89— bemerken, daß es genau an die im Buche zu⸗ ruͤckgebliebene Rißlinie paßt.“ „Ich gewahre, daß dem ſo iſt, und es betrubt mich dies zu finden. Jakob Ehrlich, du biſt der verlezten Ehrerbietung und der Falſchheit uͤberfuͤhrt. Wo iſt Simon Swapp?“ „Mit ihrer Erlaubniß, Herr,“ erwiederte ich, „darf ich mich nicht vertheidigen?— Soll ich ungehoͤrt gegeißelt werden?“ „Nein, das waͤre eine Ungerechtigkeit,“ ent⸗ gegnete der Domine,„aber welche Vertheidigung koͤnnteſt Du vorbringen?— Oh puer infelix et sceleratus!“ „Darf ich dieſe Kartikaturen anſehen, Herr?“ fragte ich. Schweigend reichte der Domine ſie mir. Ich ſah ſie ſaͤmmtlich durch, und erkannte auf der Stelle daß Barnabas Bindguͤrtel ſie gezeichnet habe. Ganz vorzuͤglich fiel mir die lezte auf.— Die gegen mich vorgebrachten ſchweren Beweiſe, hatten mich verwirrt und in Angſt geſezt; doch nunmehr gewann ich wieder Faßung und ſprach dreiſt. ‚Dieſe Zeichnungen ſind von Barnabas Bind⸗ guͤrtel, und nicht von mir; in meinem Leben habe ich keine Karrikatur gezeichnet.“ — 90— „Eben ſo haſt Du verſichert nicht Zeichnen zu koͤnnen, und ſpaͤter durch Deinen Bleiſtift das Gegentheil erwieſen, Jakob Ehrlich.“ „Ich wußte nicht, daß ich im Stande ſey zu zeichnen, als ich das ſagte; aber ich wuͤnſchte zu zeichnen, als Sie vorausſezten ich ſey dazu faͤhig;— es war mir unlieb, daß Sie mir et⸗ was zutrauen ſollten, was ich nicht thun koͤnnte. Um Ihnen zu gefallen, war es, daß ich Sie um die Bleifeder bat.—“ 1 „Ich wollte es waͤre ſo, wie Du ſagſt, Jakob — ich wuͤnſche mit ganzer Seele daß Du un⸗ ſchuldig waͤreſt.“ „Wollen Sie Herr Knapp fragen, von wem er dieſe Zeichnungen, und zu welcher Zeit er ſie erhielt?— Es ſind ſehr viele.—“ „Herr Knapp, gieb Du Antwort cuf die Fragen des Jakob Ehrlich.“ „Sie ſind mir zu verſchiedenen Zeiten im Laufe dieſes lezten Monates, von den Knaben eingehaͤndigt.“ „Wohlan Herr Knapp, nennen Sie die Knaben, welche Ihnen die Zeichnungen uͤber⸗ lieferten.“ Herr Knapp rief acht oder zehn Schulknaben auf, die vortraten. r — 91— „Gab Barnabas Bindguüͤrtel Ihnen keine davon, Herr Knapp,“ fragte ich, weil ich ge⸗ wahrte daß Barnabas nicht mit aufgerufen wurde. „Nein,“ antwortete Knapp. „Mit Ihrer Erlaubniß,“ ſagte ich mich zum Domine wendend,„was jenes Blatt aus mei⸗ nem Nepos betrifft, ſo ſchrieb ich meinen Namen an dem Tage darauf, an welchem Sie mir das Buch gaben; aber das kecit und die Karrikatur von Ihnen, ſind nicht mein. Wie ſie dahin kamen, weiß ich nicht.“ „Du baſt keinen der Beweiſe widerlegt, Jakob Ehrlich;“ erwiederte der Domine. „Aber etwas habe ich doch erwieſen, Herr. — An welchem Tage bat ich Sie um eine Bleifeder zum Zeichnen? War das nicht an einem Sonnabend?“ „Mich duͤnkt, es war am Sonnabend vor acht Tagen.“ „Gut; und am Tage zuver, erzaͤhlte Knapp Ihnen daß ich Zeichnen koͤnnte?“ „Das that er; und Du leugneteſt es ab.“ „Wie erklaͤrt Herr Knapp denn den Umſtand daß er die angeblich von mir herruͤhrenden Kar⸗ rikaturen nicht vorzeigte, von denen er ſagt, — 92— daß er ſeit einem Monate ſie ſammelte? Wes⸗ halb gab er ſie Ihnen nicht fruͤher?“ „Du ſtellſt Deine Frage ſchlau;“ erwiederte der Domine.„Antworte, Herr Knapp, weshalb haſt Du mindeſtens vierzehn Tage lang Deine Kenntniß ſeines Vergehens verſchwiegen 271 „Ich wuͤnſchte noch mehre Beweiſe zu erhal⸗ ten;“ erwiederte der Unterlehrer. „Du hoͤrſt das, Jakob Ehrlich.“ „Ich bitte Sie, Herr, hoͤrten Sie mich je anders als mit Zuneigung von meiner armen Mutter ſprechen?“ „Nie Jakob; Du ſchieneſt immer ein guter Sohn.“ „Gefalle es Ihnen, John Williams aufzu⸗ rufen.“ „John Williams, Nro. 37., tritt Du vor.“ „Williams,“ ſprach ich,„haſt Du mir nicht erzaͤhlt, daß Barnabas Bindguͤrtel meine Mut⸗ ter mit Flammen aus ihrem Munde hervor⸗ kommend, gezeichnet haͤtte?“ „Ja, das habe ich.“ Mein empoͤrtes Gefuͤhl machte ſich nunmehr durch einen Strom von Thraͤnen Luft.—„Nun, Herr,“ rief ich aus,„wenn Sie glauben daß ich die Karrikaturen von Ihnen und von Frau 64 — 93— Bately zeichnete— habe ich denn aucy dieſe gezeichnet, welche von der nemlichen Hand iſt?“ Bei dieſen Worten uͤberreichte ich dem Do⸗ mine die Karrikatur meiner Mutter, welche Knapp ohne es zu wollen mit den Uebrigen hervorgezogen hatte. Der Unterlehrer erbleichte. Der Domine betrachtete die Karrikatur und ſchwieg eine Weile. Dann wandte er ſich zu Jenem, und fragte: „Von wem erhielteſt Du dieſes, Herr Knapp?“ Dieſer antwortete in ſeiner Verwirrung,„von Barnabas Bindguͤrtel.“ „Vor einem Augenblicke haſt Du erſt ausge⸗ ſagt, daß Du vom Barnabas Bindguͤrtel keine Bilder bekommen haͤtteſt. Du haſt Dir ſelber widerſprochen, Herr Knapp. Jakob zeich⸗ nete ſeine Mutter nicht; die Bleifeder iſt die nemliche welche alles Uebrige zeichnete— ergo hat er, wie ich wahrhaftig glaube, keine ein⸗ zige davon gezeichnet.— lte procul fraudes. — Gott ich danke Dir, daß die Unſchuld be⸗ ſchut wurde.— Mit genauer Noth biſt Du dieſer Aufbuͤrdung entronnen; O Jakob— cum populo et duce frandulento. Nun aber zur Beſtrafung. Barnabas Bindguͤrtel, Du gabſt dieſe Karrikatur an Herr Knapp; von wem hatteſt Du ſie? Luͤge nicht.“ Barnabas ward abwechſelnd roth und bleich, geſtand aber daß dieſe Zeichnung ſeine eigene waͤre. „Ihr Knaben,“ rief der Domine, ſeine Strafruthe ſchwingend, die er zur Hand ge⸗ nommen hatte,—“ Ihr, die Ihr dieſe Zeich⸗ nungen an Herr Knapp gegeben habt,— ſagt mir, von wem hattet Ihr ſie bekommen.“ Die Knaben durch des Domine ſtrenges Aus⸗ ſehen in Angſt geſezt, antworteten augenblicklich und Alle zugleich: von Barnabas Bindguͤrtel.“ „Alſo Barnabas Bindguͤrtel, von wem bekamſt Du ſie?“ fragte der Domine. Barnabas verſtummte. „Sprich die Wahrheit; haſt Du ſie nicht ſelber gezeichnet, weil Du ſie doch von keinem Andern bekommen haſt?“ Nun kniete Barnabas nieder und erklaͤrte den ganzen Hergang, ganz beſonders aber die Art und Weiſe in welcher der Cornelius Nepos ihm durch Knapp's Vermittelung zugeſtellt war. Des Domine Entruͤſtung uͤberſtieg alle Schran⸗ ken. Noch nie hatte ich ihn in ſolcher Aufregung geſehn. Er ſchien ſich mindeſtens um einen Fuß uͤber ſeine natuͤrliche Koͤrperhoͤhe zu erheben; ſeine Augen funkelten, ſeine große Naſe ward roth, ſeine Naſenfluͤgel erweiterten ſich, und ſein Mund war mehr als halb geoͤffnet um den ſchweren Athemzuͤgen ſeiner Bruſt den Ausgang zu verſtatten. Sein ganzes Weſen ſchien dieſen Suͤndern gegenuͤber, ſich zu veraͤndern. „Fuͤr Dich, Du niedrige, entwuͤrdigte, leer⸗ koͤpfige und giftige Mißgeburt von einem Manne, habe ich keine Worte um meine Verachtung zu bezeichnen. Die Herrn Vorſtaͤnde dieſer Ar⸗ menſchule moͤgen Dein Betragen richten; aber bis die ſich verſammeln, ſollſt Du die Luft dieſer Schule durch Deine Gegenwart nicht verunrei⸗ nigen und verpeſten. Wenn in Deinem duͤnnen Koͤrper noch ein Funke guter Gefuͤhle weilt, dann erbitte Dir die Verzeihung dieſes armen Knaben, den Du durch Deine Verraͤtherei in's Verderben ſtuͤrzen wollteſt. Iſt das aber nicht der Fall, dann mache Dich eilig fort, damit ich in mei⸗ nem Zorne dem Lehrer die Strafe nicht auflege die fuͤr den Schuͤler beſtimmt iſt, die Du aber noch mehr verdienſt, als Barnabas Vindaintet ſogat⸗ Knapp ſagte nichts, eilte hinaus und vetließ an dieſem Abende noch ſeine Wohnung. Sobald — 96— die Vorſtaͤnde ſich verſammelten, ward er ſchimpf⸗ lich entlaßen. „Simon Swapp, binde Du den Barnabas Bindguͤrtel feſt.“— Angeſtrengt und mit un⸗ ermuͤdlichem Eifer ward das Birkenreis, zum zweitenmale auf meine Veranlaßung,— dem Barnabas zugetheilt. Dieſer heulte und ſperrte ſich, ſtampfte und ſchrie,— und wollte gern abwehren. Endlich ermuͤdete der Domine, er legte die Birkenruthe nieder, zog ſein Taſchentuch her⸗ vor um ſein Antliz zu trocknen und ſprach: „Consonat omne nemus strepitu(ſtatt ne- mus, leſen wirz Schulſtube)—— Calcitrat, ardescunt germani caede bimembres, gluͤcklich iſt dieſe lezte Anfuͤhrung;“(gluck, gluck).— Hierauf ſchneuzte er ſich, hielt den Knaben eine lange Anrede— ſagte mir etwas ungemein ſchmeichelhaftes uͤber meine gewandte Verthei⸗ digung— bewies allen Denen, die ihm etwa zuhoͤren wollten, daß die Unſchuld jedesmal das Laſter in's Verderben bringe— erklaͤrte Bar⸗ nabas, daß er die Schule zu verlaßen habe, und gab dann weil er ſich von der An⸗ ſtrengung ganz erſchoͤpft fuͤhlte, den Kna⸗ den einen Feiertag, damit ſie uͤber das Vor⸗ — 97— gegangene nachdenken moͤgten, welchen ſie eifrig dazu benuzten, mit Knickern und Pflockwerfen zu ſpielen. Nachdem er die Schuͤler entlaßen, faßte er mich bei der Hand und fuͤhrte mich in ſein Studierzimmer, woſelbſt er ſeinen lie— bevollen Geſinnungen gegen mich freien Lauf ließ, bis die Matrone erſchien, um uns zur Malzeit zu rufen. Von jezt an ging Alles gut. Des Domine Guͤte und Aufmerkſamkeit waren unnachlaßend, und Niemand dachte nur daran, Raͤnke gegen mich ſchmieden zu wollen. Meine Fortſchritte im Lernen wurden ungemein raſch; ich hatte Virgil uͤberwunden, Tazitus im Sturme ge⸗ nommen und las die Oden des Horaz. Trium⸗ phirend war ich durch die Decimalrechnung vorgedrungen und war emſig mit der Meßung von Koͤrpern beſchaͤftigt, als mich eines Abends heftiger Schwindel befiel. Ich klagte dies der Matrone; ſie befuͤhlte meine Haͤnde, ſagte ich ſey fieberhaft und ſchickte mich zu Bett. Ich verbrachte eine ſchlafloſe Nacht; am folgenden Morgen verſuchte ich aufzuſtehen, aber mir war als rolle eine ſchwere, gluͤhende Kugel in mei⸗ nem Kopfe um, und ich ſank auf's Polſter zuruͤck. I. 7 — 98— Die Matrone erſchien; mein Zuſtand ſezte ſie in Beſorgniß, ſie ſchickte zum Arzte, der er⸗ klaͤrte, ich haͤtte das Typhus⸗Fieber, welches damals in der Umgegend herrſchte. Es war das erſtemal in meinem Leben, daß ich einen Tag des Krankſeyns erfuhr— eine Lehraufgabe, die ich noch zu erlernen hatte. Man ließ mir zur Ader; der Arzt gab der Matrone ſeine Weiſungen und verſprach wieder nachzuſehen. In wenigen Stunden war ich voͤllig beſinnungs⸗ los geworden und befand mich im wilden Wahn⸗ ſinne. Einen Augenblick glaubte ich mit Sarah 41 Drummond mich in gruͤnen Fluren zu befin⸗ den, wandelte Hand in Hand mit ihr umher. Ich wandte mich um und nun war ſie nicht mehr da; ich aber befand mich im Lichter und meine Hand erfaßte die Aſche meiner Mutter; vor mir ſtand mein Vater, noch einmal ſprang er uͤber Bord und verſchwand; aus der Kajuͤte ſtieg die dicke ſchwarze Rauchſaͤule wieder empor und ich lag ausgeſtreckt auf dem Verdecke. Dar⸗ auf war ich noch einmal allein auf dem edlen, ruhigen Themſeſtrome, hell ſchien der Mond; ich fuͤhrte das Steuer und trieb mit der Fluth zum Revier hinauf, das Laubwerk bewundernd, 8 — 99— das in dunkeln Schatten vom Ufer herabhing. Ich ſah die gruͤnen Abhaͤnge bei dem ſanften Lichte klar und friſch; in der Entfernung zaͤhlte ich die Menge von Thuͤrmen der ungeheuern Stadt und gewahrte die verſchiedenen uͤber das Waßer hingeſpannten Bruͤcken. Das ſchwache Rippeln der Fluth war mir Harmonie, des Mondes Wiederſchein ein Wunderglanz; Gluͤck⸗ ſeligkeit empfand ich im Herzen; ich war nicht laͤnger Armenſchuͤler, ſondern der Barke Steuer⸗ mann. Wollte ich dann das Schauſpiel naͤher be⸗ trachten, ſo erſchien unausgeſezt zwiſchen mei⸗ nem Auge und dem Gegenſtande meiner Pruͤ⸗ fung ein gewißes Etwas; wohin ich blicken mogte, ſtand es mir im Wege und ich ver⸗ mogte nicht es zu entfernen. Es war wie eine Wolke, aber durchſichtig und in unbeſtimmter Geſtaltung. Vergebens verſuchte ich eine Zeit⸗ lang es zu zergliedern, ich konnte nicht. End⸗ lich ſchien es ſich in einem Umriße zu verdich⸗ ten,— es war des Domine große Naſe, zu jener vergroͤßert, von der es in der heiligen Schrift heißt,„gleich dem Thurme, der gen Damaskus blickt.“ Meine Schlaͤfen pochten in Todesangſt, ich lag in brennender Gluth. Ich — 100— hatte keine genaue Vorſtellung vom Tode im Bette, keine andere als von der Todesart mei⸗ ner Mutter, und ich meinte ſterben zu muͤßen wie ſie; mich erfaßte die entſezliche Angſt, daß die brennende Hize nur das Vorſpiel zum Aus⸗ brechen der Flamme und des Verbrennens zu Aſche ſey. Furcht erfuͤllte mein jugendliches Herz und erſtarrte es zu Eis— waͤhrend mein gan⸗ zer uͤbriger Koͤrper in lodernder Gluth lag. Dieſe war meine lezte Erinnerung,— von da an entſtand eine Luͤcke. Viele Tage lag ich bewußtlos, empfand kei⸗ nen Schmerz und kein Daſeyn; als ich aus meiner Erſtarrung erwachte und der Gebrauch meiner umherſchweifenden Sinne mir allmaͤhlig wiederkehrte, oͤffnete ich meine Augen und ge⸗ wahrte kaum erkennbar etwas vor mir, das meine lezte Viſion durchkreuzte. So wie der Sinnennebel ſchwand und ich zur Befinnung kam, erkannte ich dieſes als die Naſe des Do⸗ mine Dobienſis, der neben meinem Bette auf den Knieen lag, ſeine Naſe ſchattete ſich auf der Decke ab, ſeine Brille war von Thraͤnen geblendet und ſeine langen greiſen Locken hin⸗ gen zu beiden Seiten herab und verſchleierten ſeine Augen. Ich fuͤhlte keine Bangigkeit, war — 101— aber zu ſchwach, um reden oder mich bewegen zu koͤnnen; immer noch blieb er in ſeiner knie⸗ enden Lage. Er hatte fuͤr mich gebetet. Weil er mich noch bewußtlos glaubte, brach er in folgendes Selbergeſpraͤch aus: »Naviculator parvus pallidus— wie ſchoͤn, ſogar im Tode noch! Mein armer Lichter⸗Knabe, der Du die Anfangsgruͤnde bemeiſtert, uͤber die lateiniſche Fiebel triumphirt haſt— und nun ſterben! Levius puer,— ein knabenhafter Ge⸗ danke, und doch liebe ich ihn, wie ich Dich liebe. Wie mein Herz um Dich blutet! Des Todes eiſiger Hauch hat Dich gebleicht, wie der Rauhfroſt die Herbſtroſe welkt. Weshalb wurdeſt Du Deinem Elemente entzogen? Jun⸗ ger Fuͤrſt des Stromes— Herr des Lichters— Enaviganda sive reges!— muthmaßlicher Erbe des Steuers— verlobt dem langen Ruder— angetrauet dem Verdecke— liegſt Du jezt dar⸗ nieder!— Wo iſt die bluͤhende Wange, von der braͤunenden Luft geroͤthet?— Wo das klare, ſchwimmende Auge?— Wehe mir, wo?— Tum brevitur diræ mortis aperta via est, wie der liebliche Tibull ſagt;“ hier ſchluchzte der Domine auf's Neue. „Haͤtte mich dieſer Schlag getroffen, den 2 — 102— gealterten, verlachten, gering geachteten, fuͤr die Sichel gereiften, das waͤre gut geweſen— und dennoch moͤgte ich gern Dich noch mehr unterrichtet haben, bevor ich den Schauplaz ver⸗ ließe— moͤgte Dir gar zu gerne den Mantel der Gelehrſamkeit hinterlaßen haben. Du weißt, o mein Gott, daß ich muͤde einherwandle, wie in einer Wuͤſte, daß ich ſchwere Buͤrde trage und viel Siechthum erdulde. Und ſoll ich denn uͤber Dich trauern, Du Vielverſprechender— muß ich mit dem Epigrammatiſten ſagen: „ Hic jacet in tumulo, raptus in puerilibus annis, „Jakob Ehrlich domini cura dolorque sui.“ „Wahr, nur zu wahr. Haſt Du das Ele⸗ ment verlaßen, welches Du freudevoll bezwan⸗ geſt, und biſt auf die feſte Erde gekommen, Dein Grab zu ſuchen?“ „Si licet inde sibi tellus placata levique, „Artificis non levior non potes esse manu.“ „fErde decke du leicht den Lichterknaben, den Lo⸗ tus, die Waßerlilie, an den Strand geſchwemmt um zu ſterben. Haͤtteſt Du gelebt, Jakob, ich wuͤrde Dich die Humanitaͤten gelehrt haben; vergnuͤglich — 103— haͤtten wir uns mit einander beſprochen. Meine Gelehrſamkeit wuͤrde ich Dir eingefloͤßt haben, mein Abſalon, mein Sohn!“ Er erhob ſich und ſtand uͤber mich hinge⸗ beugt; Thraͤnen liefen aus beiden Augen zu den Seiten ſeiner langen Naſe herab und traͤu⸗ felten gleich einer kleinen Regentraufe von ih⸗ rer Spize auf die Bettdecke nieder. Alle ſeine Worte verſtand ich nicht, wohl aber deren Sinn— dieſer war Liebe. Kraftlos ſuchte ich meine Arme auszuſtrecken und lallte das Wort „Domine.“ Der alte Mann ſchlug in ſeine Haͤnde, blickte zum Himmel auf und ſprach:„O Gott, ich danke Dir, er wird leben.— Still, ſtill, mein ſuͤßer Liebling, Du darfſt nicht plaudern;“ auf den Zehen ging er hinaus und im Fortge⸗ hen hoͤrte ich, daß er triumphirend murmelte: „er hat mich Domine genannt l Von der Stunde an genas ich raſch; nach drei Wochen war ich bereits wieder mit mei⸗ nem Lernen beſchaͤftigt. Mir fehlten jezt kaum noch ſechs Monate zur Vollendung meines vierzehnten Jahres. Herr Drummond, der von Zeit zu Zeit vorgeſprochen hatte, um meine Fortſchritte zu erfahren, kam jezt mit dem Do⸗ — 104— mine meine Ausſichten in die Zukunft zu ba⸗ ſprechen. „Alles, was ich fuͤr ihn thun kann, Herr Dobbs, iſt, ihn als Lehrling anzuhelfen, da⸗ mit er ſeine Zeit auf der Themſe ausdiene, das laͤßt ſich aber nicht bewirken, bevor er vierzehn Jahre alt iſt. Erlauben die Schulre⸗ geln, daß er ſo lange hier bleibt?“ „Die Vorſchriften geſtatten das eigentlich nicht, aber ich will's auf mich nehmen,“ erwiederte der Domine;„fuͤr meine lange Dienſtzeit habe ich keine Belohnung gefordert und der Vor⸗ ſtand wird mir dieſen kleinen Gunſtbeweis nicht abſchlagen; ſollte das aber ſeyn, dann will ich ihn in meine eigene Pflege nehmen, damit er ſeine koſtbare Zeit nicht verſaͤume. Was ſagſt Du, Jakob, fuͤhlſt Du Neigung zu Deiner Mutter Themſe zuruͤckzukehren?“ Dies bejahete ich, denn die Erinnerungen aus meinem ehemaligen Leben zeigten mir Un⸗ abhaͤngigkeit und Thaͤtigkeit. „Dein Entſchluß iſt gut, Jakob,— der Schneider bei ſeiner Nadel, der Schuhmacher bei ſeinem Leiſten, der Diener einer viel ver⸗ langenden Dame, und Alle, welche bei den mannichfachen Gewerken als Lehrlinge einge⸗ — 105— ſchrieben ſind, haben nicht die Zeit ſich Kennt⸗ niße zu erwerben, auf den Schiffen treibend gibt es dagegen Augenblicke der Ruhe und friedlichen Stille— die ſchweigende Nacht bie⸗ tet ſich dar zum Erforſchen, die Wache zum Nachdenken; ſogar widriger Wind und entge⸗ genſtroͤmende Fluth laßen Stunden der Muße, die vortheilhaft angewandt werden koͤnnen. In ſolchen Zeiten wirſt Du Deinem Gemuͤthe die Schaͤze des Wißens wieder hervorrufen, die ich Dir aufſpeicherte, und durch Beharrlichkeit und Fleiß wirſt Du ſie vermehren. Noch ſind Dir ſechs Monden geſtattet, die Du benuzen kannſt, und ſo Gott will, ſollen dieſe ſechs Monden nicht weggeworfen ſeyn!“ Sobald Herr Drummond meine Einwilli⸗ gung dazu bekommen hatte, mich als Lehr⸗ ling unterzubringen, wuͤnſchte er mir wohl zu leben und verließ uns. Im Laufe dieſer ſechs Monaten draͤngte der Domine mich hart, faſt zu hart, aber ich arbeitete aus Liebe, und um ihm zu gefallen war ich recht fleißig. Endlich war die Zeit und mehr noch als die be⸗ ſtimmten ſechs Monate verfloßen; Herr Dium⸗ mond erſchien mit einem Diener, der unter dem Arme ein Buͤndel trug. Ich enthuͤlſete mich aus — 106— meinem Pfeffer und Salz, aus meinem Gelbleder und meiner Schildplatte, kleidete mich in eine gutgemachte blaue Jacke und lange Beinkleider, und unter vielen Ermahnungen des Domine, unter freundlichen Wuͤnſchen der Matrone ſagte ich ihnen, ſo wie der Armenſchule mein Lebe⸗ wohl, und befand mich nach einer Stunde abermals unter dem Dache des guͤtigen Herrn Drummond.— Aber wie ganz verſchieden waren meine jezi⸗ gen Gefuͤhle von denen, die mich belaſteten, als ich es zum erſtenmale betrat. Ich war nicht laͤnger der unerzogene kleine Wilde mit ver⸗ wirrten Begriffen. Im Gegentheil war meine Einbildungskraft ſehr lebendig, ich ſezte Zu⸗ trauen in mich ſelber und in meine Kraͤfte; mein Gemuͤth war ausgebildet und ich ſelber⸗ empfand Stolz uͤber meinen Erfolg. Auch die zartern Saiten meiner natuͤrlichen Gefuͤhle wa⸗ ren beruͤhrt. Ich empfand Dankbarkeit, De⸗ muth und Liebe zugleich mit dem Bewußtſeyn meiner Faͤhigkeiten. Mein Koͤrperliches hatte ebenfalls viel gewonnen, meine Geſtalt hatte ſich mehr ausgelaͤngt. Vertrauensvoll, feder⸗ kraͤftig und froͤhlich wanderte ich in die Welt, voll Hoffnung, voll Vorgenuß und freundlich — 107— geſinnt gegen meine Mitmenſchen. Ich erkannte und empfand meine hoͤhere Ausbildung, den vollſtaͤndigen Umtauſch meines Karakters, und mit freudefunkelnden Augeu blickte ich zum Fen⸗ ſter hinauf, an welchem ich Madame Drum⸗ mond und die kleine Sarah gewahrte, welche nach einer Abweſenheit von drei Jahren meine Ruͤckkunft und mein Wiedererſcheinen erwar⸗ teten. Die gute Dame war durch ihren Mann darauf vorbereitet, mich ſehr veraͤndert zu fin⸗ den, dennoch blickte ſie mich einige Sekunden ſtaunend an, als ich mit meinem Hute in der Hand in's Zimmer trat und ſie begruͤßte. Sie ſtreckte mir ihre Hand entgegen, die ich ehr⸗ furchtsvoll erfaßte. „Ich wuͤrde Dich nicht erkannt haben, Ja⸗ kob; Du biſt voͤllig zum Manne herangewach⸗ ſen,“ ſagte ſie laͤchelnd. Sarah blieb hinter ihr ſtehen und betrachtete mich mit freudigem Verwundern; ich aber trat zu ihr und ſchuͤchtern faßte ſie meine dargebo⸗ tene Hand. Als ein mir uͤberlegenes Weſen hatte ich ſie verlaßen— kam jezt zuruͤck und bald erkannte ſie, daß ich nunmehr ein begruͤn⸗ detes Recht auf den Vorrang habe. Einige Zeit — 108— verſtrich, bevor ſie mit mir ſprechen, viel laͤn⸗ gere aber, bevor ſie vertraulich werden wollte; doch als dies geſchah, da war es nicht das kleine Maͤdchen, daß den ungeſchickten Knaben durch Freundlichkeit ermunterte, oder uͤber ſeine Albernheiten lachte, ſondern ſie blickte zu mir empor mit Achtung und Anhaͤnglichkeit, machte meine Anſichten zur Richtſchnur der ihrigen, denn ich hatte die Macht des Wißens ge⸗ wonnen. Nach dem Geſeze der Themſe⸗Schiffer⸗Ge⸗ ſellſchaft iſt es noͤthig, daß jedermann, der fuͤr eigene Rechnung Fahrzeuge auf der Themſe fuͤhren will, von ſeinem vierzehnten bis zum ein und zwanzigſten Jahre als Lehrling dienen muß; auf alle Faͤlle hat er ſieben Lehrjahre durchzumachen und muß vierzehn Jahre alt ſeyn, bevor er die Bedingniß unterzeichnet. Dieſe Lehrzeit mag nun in jeglicher Art von Fahr⸗ zeug, das auf dem Strome ſegelt oder rudert, aausgehalten werden, ſey daßelbe Barke, Lich⸗ ter, Fiſcher⸗Smacke oder groͤßeres Boot; und nur erſt nach vollendeter Lehrzeit darf er auf eigene Rechnung entweder im Rudernachen oder in irgend einem andern Fahrzeuge arbeiten. Herr Drummond bot mir an, mich als Lehr⸗ — 1099— ling auf einem ſeiner eigenen Lichter, ohne alle Koſten fuͤr mich, einſchreiben zu laßen, wobei mir die Freiheit bleiben ſollte, mich auf jedes andere Fahrzeug auszutauſchen, welches nach meinem Sinne ſeyn moͤgte. Dankbar nahm ich dieſes Erbieten an, begleitete ihn zur Themſe⸗ Schiffer⸗Halle, unterzeichnete die Papiere und ward ſo im vierzehnten Jahre„angenomme⸗ ner Lehrling eines Themſeſchiffers.“ — 110— Sechstes Kapitel. Mir wird empfohlen, ſchwimmen zu lernen, und ich nehme den Rath freundlich an.— Schwerer Arg⸗ wohn am Bord des Lichters, und ein Geheim⸗ niß, aus welchem Miß Radeliff eine Romanze gemacht haben wuͤrde. „Jakob, dieſer iſt Marables, der die Barke Polly faͤhrt,“ ſprach Herr Drummond, der mich einige Tage ſpaͤter auf ſeine Schreibſtube hatte rufen laßen. 3 „Marables,“ fuhr mein Beſchuͤzer zu dem Manne gewendet fort,„ich habe Euch geſagt, daß dieſer Burſche als Lehrling auf der Polly eingezeichnet iſt. Ich erwarte von Euch, daß Ihr ihn in Obacht nehmen und freundlich be⸗ handeln werdet. Keine Schlaͤge, keine Mißſ⸗ handlung— wenn er ſich nicht gut betraͤgt— doch gut wird er ſich betragen, das weiß ich * 4* — 111— gewiß— ſo laßt mich's wißen, ſobald Ihr von der Fahrt zuruͤckkehrt.“ Waͤhrend dieſer Rede betrachtete ich mir den aͤußern Mann meines kuͤnftigen Vorgeſezten. Er war kraͤftig und wohlgebaut mit einiger Anlage zum Beleibtwerden; ſeine Geſichtszuͤge ließen bemerkenswerth gefallend, wiewohl ſeine Augen nicht groß waren. Sein Mund war ſehr klein und mit ungemein gutmuͤthigem Laͤcheln auf ſeinen Lippen, antwortete er:„Ich that noch keiner Kaze was zu leide, Herr.“ „Das glaube ich,“ erwiederte Herr Drum— mond,„aber ich wuͤnſche ſorglich, daß Jakob in der Welt gut fortkommen ſoll, deshalb er⸗ klaͤre ich Euch auch, daß ihm mein Schuz je⸗ derzeit gewiß iſt, ſo lange er ſich angemeßen betraͤgt.“ „Wir werden recht gute Freunde ſeyn, Herr, dafuͤr will ich einſtehen, wenn ich nach dem Zuſchnitt ſeines Ausliegers urtheilen mag,“ antwortete Marables, und ſtreckte mir ſeine ungeheure, eben ſo breite als lange Hand ent⸗ gegen. Herr Drummond gab ihm noch einige Ver⸗ haltungsbefehle und entließ uns. „Komm, Burſche, und ſchau Dir's Fahr⸗ — 112— zeug an;“ ſprach Marables, ich folgte ihm zu der Barke, welche einen Maſt fuͤhrte, der nach Erfordern auf und niedergelaßen werden konnte. Dieſe Barke befuhr den Strom aufwaͤrts und ab⸗ waͤrts bis zum Nor; in den Sommermonaten machte ſie ſogar noch weitere Fahrten. Hinten fuͤhrte ſie eine große Kajuͤte und im Vorder⸗ ſchiff ebenfalls eine Schlafſtelle. Die Kajuͤte war verſchloßen und ich konnte ſie nicht beſehen. „Dies wird Dein Schlafplaz ſeyn,“ ſprach Marables und deutete auf die Vorderluke,„da wirſt Du ganz allein ſeyn. Der andere Mann und ich ſchlafen hinten.“ „Habt Ihr denn noch einen Mann?“ „Ja, Jakob, den habe ich,“ erwiederte er, und murmelte dann fuͤr ſich,„ich wuͤnſchte, ich haͤtte ihn nicht— ich wollte, die Barke waͤre nur fuͤr uns Beide, Jakob, oder daß Du nicht waͤreſt an Bord geſchickt,“ fuhr er ernſt fort,„das waͤre beßer, viel beßer geweſen.“ Er ging nach dem Hintertheile des Schiffes, pfiff in leiſem Tone, und blickte betruͤbt auf's Verdeck hinab. „Iſt Eure Kajuͤte groß?“ fragte ich, als er wieder vorn kam. 3 — 113— „Ja, groß genug iſt ſie; aber ich kann ſie Dir jezt nicht zeigen— er hat den Schluͤßel.“ „Wie der andere Mann, der unter Euch dient?“ „Ja,“ antwortete Marables haſtig,„ich hab's uͤberlegt, Jakob, Du magſt eben ſowohl am Lande bleiben, bis wir abfahren; Du kannſt hier nichts helfen.“ Dagegen machte ich keine Einwendung; ging aber in den vierzehn Tagen, welche die Barke am Werfte blieb, haͤufig an Bord, und ge⸗ wann Marables bald recht lieb. Er hatte eine Freundlichkeit in ſeinem Weſen, die mich an⸗ zog, und es ſchmerzte mich, zu gewahren, daß er oft recht tiefſinnig war. Was mich am mei⸗ ſten wunderte, war, die Kajuͤte waͤhrend der erſten Woche faſt fortwaͤhrend verſchloßen zu finden, ohne daß Marables den Schluͤßel hatte. Es ſchien mir hoͤchſt ſonderbar, daß er als Barkenſchiffer von ſeinem untergeordneten Ge⸗ hulfen aus ſeiner eigenen Kajuͤte abgeſchloßen bleiben ſollte. Eines Tages ging ich fruͤhzeitig an den Bord und fand nicht nur die Kajuͤtenthuͤren geoͤffnet, ſondern auch den andern zur Barke gehoͤrenden Mann mit Marables auf dem Verdecke hin I. 8 und her gehend. Er war ein gutausſehender, hochgewachſener, lebhafter junger Mann, dem Anſcheine nach nicht dreißig alt, der Ausdruck ſeines Geſichtes im Allgemeinen war Kuͤhnheit, gegen welche jedoch ein lauernder Blick ſeines Auges auffallend abſtach. Er trug eine Art von blauem Fries⸗Ueberwurf, die Beinkleider, welche unter dieſem hervorſchienen, waren feineren Ge⸗ webes, als Leute ſeines Standes ſie in der Re⸗ gel zu tragen pflegen. „Das iſt der Burſche, der auf der Barke eingeſchrieben iſt,“ ſagte Marables,„Jakob, dieſer iſt Fleming.“ Dieſer warf ſeinen forſchenden Blick auf mich und ſprach:„So, Junge, Du ſollſt mit uns ſegeln— iſt's ſo?— Nach meiner Meinung waͤre Deine Schlafſtelle beßer als Deine Ge⸗ ſellſchaft. Inzwiſchen, wenn Du Deine Augen offen haſt, will ich Dir rathen, Deinen Mund zuzuhalten. Wenn mir anderer Leute Geſellſchaft zuwider wird, gebe ich ihnen zuweilen'nen Aufhub in den Strom— alſo paß' gut auf, mein Vogel.“ Die Anrede geſiel mir nicht gar zu ſehr und ich antwortete:„Ich glaubte, daß Marables die Barke fuͤhre, und daß ich meine Befehle von ihm entgegen zu nehmen haͤtte.“ „Glaubteſt Du das!“ wiederholte Fleming hoͤhniſch,„ich ſage, mein Junge, kannſt Du ſchwimmen?“ „Nein, das kann ich nicht,“ erwiederte ich, nich wollt', ich koͤnnt's.. „Nu da nimm guten Rath an,— jern' Du ſchwimmen, ſobald als Du kannſt; denn ich habe'ne maͤchtige Vorſtellung davon, daß ich Dich an einem oder anderm Tage bei'm Nacken nehmen und hinſchicken werde, um nach Dei⸗ nem Vater zu ſehen.“ „Fleming! Fleming! bitte ſey ruhig!“ ſprach Marables, der ihn ſchon einigemale am Aer⸗ mel gezupfft hatte.„Er ſcherzt nur, Jakob,“ fuhr er zu mir fort, als ich entruͤſtet uͤber die Erwaͤhnung der Todesart meines Vaters uͤber die andern Lichter hin zum Ufer ging. „Nun,“ gab ich zur Antwort und wandte mich herum,„wenn ich uͤber Bord geworfen werden ſoll, ſo wird's gut ſeyn, Herrn Drum⸗ mond davon in Kenntniß zu ſezen, damit man muthmaße, was aus mir geworden ſey, falls ich vermißt werde.“. „Bah! Unſinn!“ ſagte Fleming, der ſogleich — 116— ſein ganzes Weſen veraͤnderte und in die naͤchſt⸗ liegende Barke, in welcher ich ſtand, zu mir kam;„gieb mir Deine Hand, mein Junge, ich habe nur verſucht, aus welchem Stoffe Du gemacht biſt. Komm, gib mir die Hand; ˙s war nicht Ernſt.“ Ich nahm die dargebotene Hand und ging an*s Ufer. „Gleichwohl will ich ſchwimmen lernen,“ dachte ich bei mir ſelber,„denn es kam mir doch als Ernſt vor.“ Am naͤmlichen Tage nahm ich den erſten Unterricht, und durch fortgeſezte Uebung erwarb ich mir bald dieſe nothwendige Kunſt. Haͤtte Fleming mich nicht bedrohet, ſo wuͤrde ich wahrſcheinlich nicht daran gedacht haben; mich duͤnkte aber, daß wenn ich auch nicht grade uͤber Bord geworfen werden ſollte, ich gleich⸗ wohl uͤber Bord fallen koͤnnte, und daß die Kunſt zu Schwimmen mir keinen Nachthen bringen wuͤrde. Mit einer Ladung Backſteinen ſollte die Barke hinab nach Sheerneß fahren, und am Tage zuvor beſuchte ich noch einmal meinen wuͤrdi⸗ gen alten Lehrer, den Domine Dobienſis. „»Salve puer!« rief der alte Mann in ſeiner Studierſtube ſizend;„gewiß, Jakob, Du biſt im guten Zeitpunkt gekommen;— ich habe Muße und will Dir Unterricht geben; ſez Dich, mein Kind!“ Er oͤffnete die Aeneide und begann ſogleich. Ich war gluͤcklich genug, ihn durch meine Ueber⸗ ſezung aus dem Stegreife zu befriedigen; als er das Buch zumachte, ſagte ich ihm, ich ſey gekommen, Abſchied von ihm zu nehmen, denn bei Tagesanbruch wuͤrden wir am naͤchſten Morgen abfahren. „Jakob,“ ſprach er,„Du haſt den Unter⸗ richt, den ich Dir ertheilte, wohl benuzt; jezt merke Dir den Rath, welchen ich Dir zu ge⸗ ben geſonnen bin. Viele werden Dir ſagen wollen, daß Deine Kenntniße Dir von keinem Nuzen ſind, denn wozu ſoll der Junge am Bord eines Lichters Latein gebrauchen?— Andere moͤgen ſogar denken, ich haͤtte Unrecht gethan, Dich ſo weit zu bringen, weil Deine Kenntniße Dich eitel machen wuͤrden— nil exactius eruditiusque est— oder gar unzu⸗ frieden mit Deiner Stellung im Leben.— Ich gebe zu; dies iſt gar zu oft der Fall; doch die Urſache davon iſt die, daß Erziehung nicht ſo allgemein verbreitet iſt, als ſie ſeyn ſollte. — 118— Waͤre jedermann gut erzogen, ſo wuͤrde die durch Erziehung erlangte oder angemaaßte Ueber⸗ legenheit wegfallen, und die Nation wuͤrde nicht nur weiſer, ſondern auch gluͤcklicher ſeyn. Das Volk wuͤrde richtiger urtheilen, wuͤrde die Maßregeln ſeiner Regierer, die es jezt zu verſtehen unfaͤhig iſt, nicht verdammen, und wuͤrde ſich durch die falſchen Vorſpiegelungen und das Geſchrei der Mißvergnuͤgten nicht fort⸗ reißen laßen. Doch die Zeit iſt kurz und ich darf deshalb nicht weitlaͤuftig werden. Jakob, ich fuͤhle es, Du wirſt durch die Dir einge⸗ floͤßten Kenntniße nicht verderbt werden; aber hoͤre mich, trage ſie nicht zur Schau, denn das waͤre Eitelkeit und wuͤrde Dir Feinde ma⸗ chen. Bilde Dich ſelber aus, ſo viel Du kannſt, aber in angemeßener Zeit— zuerſt muͤßen Deine Pflichten gegen Deinen Brodherrn erfuͤllt wer⸗ den— bewahre aber wohl, was Du ſchon be⸗ ſizeſt, und ſpeichere Dir mehr auf, wenn Du kannſt. Betrachte Dein Wißen als einen ver⸗ borgenen Schaz, der ſpaͤter vortheilhaft ange⸗ wendet werden mag. Jezt biſt Du nur Lehr⸗ ling in einer Barke; aber was kannſt Du nicht werden, Jakob, wenn Du fleißig, gottesfuͤrch⸗ tig und redlich biſt? Jezt will ich einige Bei⸗ —— — 119— ſpiele in meinem Gemuͤthe hervorrufen, um Dir in Deiner Laufbahn als Sporn zu dienen.“ Hierauf fuͤhrte der Domine gegen vierzig bis fuͤnfzig geſchichtliche Faͤlle an, welche be⸗ wieſen, daß Leute aus dem Nichts zu den hoͤchſten und wichtigſten Ehrenſtellen ſich em⸗ porgeſchwungen hatten; wiewohl ich dieſelben recht aufmerkſam anhoͤrte, wird der Leſer doch wahrſcheinlich das Auslaßen dieſes Katalogs unſers Domine nicht bedauern. Am Schluße gab er mir eine lateiniſche Bibel— die ganze Pflicht des Menſchen— und ſeinen Segen. Die Matrone fuͤgte dem ein großes Stuͤck Ku⸗ chen hinzu, und gegen die Zeit meiner Ruͤck⸗ kehr zu Drummonds waren ſowohl des Do⸗ mine Vorſchriften als der Matrone beaͤaͤchtliche Zugabe recht gut verdauet. Um ſechs Uhr am folgenden Morgen loͤſeten wir unſere Ring⸗Kabel und ruderten hinaus in den Strom. Der Tag war reizend, die Sonne war uͤber den Baͤumen aufgegangen, die ihre Zweige zu den abſchuͤßigen Raſenplaͤzen nieder⸗ breiteten, welche den zahlloſen lieblichen Land⸗ ſizen des Adels und der Reichen, laͤngs dem Ufer des Stromes hin, zu Vormatten dienten; auf den glatten, raſch hinabebbenden Strom — 120— verbreitete die Sonne ihre Lichtflammen. Die Schiffswaͤnde, mit dem ſchweren Thau beklei⸗ det, der in der Nacht gefallen war, erglaͤnzten gleich diamantenem Halsſchmuck; Nebel und Duͤnſte waren aufgeſtiegen, nur hier und dort verſchleierten ſie noch die Landſchaft; Boͤte, mit Gartenfruͤchten der Umgegend beladen, eil⸗ ten mit der Ebbe hinab, um die Maͤrkte der Hauptſtadt zu verſehen; in ihren Nachen wa⸗ ren die Themſeſchiffer beſchaͤftigt, ſie zu reini⸗ gen oder zu trocknen, hielten ſich bereit, ihr Faͤhrgeld zu verdienen; aus den Schornſteinen ſtieg der Rauch in graden Saͤulen zum Him⸗ mel empor; das ferne Zirpen der Voͤgel in den Baͤumen erhoͤhete die Froͤhlichkeit und Herzens⸗ luſt, womit ich meine neue Laufbahn als Lehr⸗ ling begann. Ich war im Vorſchiffe und blickte ſtromab⸗ waͤrts, als Marables mich zum Steuer rief, waͤhrend ſie ihr Fruͤhſtuͤck nehmen wollten. Er gab mir Verhaltungsregeln; dem Dinge machte ich aber dadurch kurzes Ende, daß ich ihm be⸗ wies, ich kenne den Strom ſo gut, als er ſel⸗ ber. Durch dieſe Kunde erfreuet, ging er hinab zu Fleming, der das Fruͤhſtuͤck in der Kajuͤte bereitete; ich blieb allein auf dem Verdeck. Als — 121— ich nun allen den Gegenſtaͤnden voruͤberglitt die ich ſeit Jahren nicht geſehn hatte, erkannte ich ſie augenblicklich wieder, begruͤßte ſie als alte Freunde, und mit unbeſchreiblicher Schnel⸗ ligkeit erfuͤllten ſie mein Gedaͤchtniß mit den Bildern fruͤherer Auftritte welche ſich an ſie knuͤpften! Hier war das Schenkhaus am Ufer, in wel⸗ chem mein Vater die ſteinerne Kruke aufzufuͤllen pflegte; grade auf der Stelle uͤber welcher die Barke jezt hinglitt, hatte ich den groͤßten Kaul⸗ barſch geangelt und in die Hoͤhe gewunden, den ich jemals fing. Jezt kam ich zu dem Punkte wo wir einmal mit einem andern Fahrzeuge zuſammen ſtießen, und mein Vater mit ſeiner Pfeife im Munde, und mit ſeinem„nimm's kaltbluͤtig“ das die andern Schiffe in Wuth brachte, ſtand vor mir als wenn er lebte. Hier, ja hier war es— genau an dieſer Stelle— wo wir an jenem unſeligen Abende den Anker fallen ließen, an dem ich eine Waiſe wurde— hier war es wo mein Vater verſchwand; als ich wiederum in die Fluthen hinabblickte war mir als ſaͤhe ich ſie noch einmal uͤber ihm zuſam⸗ menſchließen: hier ſah ich den ſchwarzen Rauch. Der ganze Vorgang friſchte ſich meſnem Ge⸗ — 122— daͤchtniß wieder auf, meine Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen und eine kurze Weile vermogte ich nicht zu ſehen um ſteuern zu koͤnnen. Bald aber faßte ich mich wieder; die friſche Luft, der ſchimmernde Himmel uͤber mir, das ge⸗ ſchaͤftige Leben vor meinen Blicken und die Nothwendigkeit meine Pflichten ſorglich zu er⸗ fuͤllen, vertrieben meine ſchmerzlichen Erinnerun⸗ gen; nachdem ich uͤber jene Stelle hingeglitten war, fuͤhlte ich mich wieder froͤhlich und zu— frieden. Nach einer halben Stunde war ich unter Putney⸗Bruͤcke durchgeſchoßen und bemuͤhete mich die Untiefen auf dem Revier unterhalb derſelben zu vermeiden, als Marables und Fleming heraufkamen. „Was,“ rief Marables,„ſind wir unter der Bruͤcke durch, weshalb haſt Du uns nicht ge⸗ rufen?“ „Manch' liebesmal bin ich ohne Huͤlfe unter durchgeſchoßen, erwiederte ich, als ich kaum zehn Jahre alt war. Warum ſollt ich Euch vom Fruͤhſtuͤk rufen? Aber das Waßer geht hoch jezt, und die Stroͤmung iſt heftig, Ihr werdet gut thun, einen Seitenfloß auszuſezen, ſonſt mag uns der Strom auf die Bank treiben.“ — 123— „Nun,“ ſprach Fleming verwundert, nich hatte keinen Begriff davon, daß er uns nuzen konnte; deſto beßer.“ Dand ſprach er leiſe zu Marables. Dieſer ſchuͤttelte den Kopf und erwiederte: „verſuch's nicht, Fleming, s'wird nimmermehr gehn.“ „So ſagteſt Du auch einmal von Dir ſelber;“ entgegnete Fleming und lachte. „Das that ich,— ja das that ich“ erpreßte ſeine beiden Haͤnden uͤber die Bruſt zuſammen, und verrieth durch ſeine Blicke, ſchmerzliche Ruͤhrung;—„ich wiederhole, verſuch' es nicht; nein ich ſage mehr, du ſoll'ſt nicht.“ „„Soll nicht,“ ſprach Fleming ſehr ſtolz. Ganz kalt erwiederte Marables:„ja, ich ſage Du ſollſt nicht, und ich will mein Wort gut machen.— Jezt gieb mir das Steuer Jakob, und nimm Dein Fruͤhſtuͤck.“ Dies that ich und war im Begriffe in die Kajuͤte zu gehn, als Fleming mich am Arme ergriff und herumwirbelte. „Ich ſage, Burſche, wir moͤgen eben ſo gut gleich beginnen, womit wir enden muͤßen. Ver⸗ ſteh mich, die Kajuͤte darfſt Du niemals be⸗ treten, und merke Dir außerdem noch, daß — 124— wenn ich Dich jemals bei Tage oder Nacht in der Kajuͤte finde, ſo werde ich Dir jeglichen Knochen Deines Leibes zerbrechen. Deine Schlaf⸗ ſtelle iſt vorn; und Deine Koſt magſt Du entweder dort hinabtragen, oder auf dem Ver⸗ deck verzehren.“ Aus dem was ich bereits mit angeſehn hatte, erkannte ich, daß irgend einer Urſache wegen, dieſer Fleming dem Marables Geſeze vorſchrieb; demungeachtet antwortete ich:„wenn Herr Ma⸗ rables ſagt, daß es ſo ſeyn ſolle, dann gut und wohl; er aber iſt's der dieſe Barke fuͤhrt.“ Marables ſagte kein Wort; er ward feuerroth, ſchien ſehr ungehalten, blickte aber aufwaͤrts zum Himmel. Fleming fuhr fort mit leiſer Stimme zu mir ſprechend:„Du wirſt finden, daß ich hier be⸗ fehle— alſo ſey klug. Vielleicht mag der Tag auch kommen, an welchem Du nach Gefallen die Kajuͤte betreten kannſt, das haͤngt aber ganz von Dir ſelber ab.— Spaͤterhin wenn wir uns einander beßer kennen.“. „Nimmermehr Flemingl! nimmermehr!“ un⸗ terbrach Marables ihn mit lauter und feſter Stimme.„Es ſoll nicht geſchehn.“ Fleming murmelte Worte die mir unver⸗ — — — 125— ſtaͤndlich blieben, ging in die Kajuͤte und brachte mein Fruͤhſtuͤck welches ich mit gutem Appetit verzehrte;— hierauf erbot ich mich wieder das Steuer zu fuͤhren, Marables uͤberließ mir's und ging mit Fleming in die Kajuͤte wo ich ſie eine lange Zeit ſich leiſe beſprechen hoͤrte. Es mogte etwa drei Viertel Ebbe ſeyn, als die Barke Millbank gegenuͤber ankam. Marables trat auf das Verdeck, nahm das Steuer und hieß mich vorn gehen, um den Anker zum Fallenlaßen in Bereitſchaft zu halten. „Anker klar!“ ſagte ich verwundernd„wir haben noch eine gute Stunde Zeit bis uns die Fluth begegnet.“ „Das weiß ich ſo gut als Du, Jakob; aber heute Abend fahren wir nicht weiter. Sey flink — mach' alles klar.—“ Ich ging nach dem Vorderſchiffe ſezte Alles in Bereitſchaft, dann ließen wir den Anker fallen, und ſchwangen um in die Stroͤmung. Ich dachte bei mir ſelber dies ſey nicht der beſte Gebrauch den wir von unſerer Zeit machten, wie das unſere Pflicht gegen den Eigenthuͤmer doch erforderte; weil ich aber nicht wißen konnte was fuͤr Weiſungen Marables bekommen habe, ſchwieg ich. Ob Fleming noͤthig achtete mich — 126— zu taͤuſchen, oder ob ſie wirklich ihren Verhal⸗ tungsbefehlen nachkamen, weiß ich nicht, aber ſo daß ich's hoͤren mußte ſagte er zu Marables: „Willſt Du an's Land gehen und die Briefe bei Herr Drummonds Correspondenten abgeben, oder ſoll ich's fuͤr Dich beſorgen?“ „Am beſten iſt's, Du gehſt“ antwortete der nachlaͤßig; bald darauf gingen ſie zum Mittag⸗ eßen in die Kajuͤte, und Fleming brachte mir mein Eßen heraus. Jezt ſezte die Fluth ein und wir ſchwangen wieder in die Stroͤmung. Weil ich nichts zu thun hatte, und Marables ſowohl als Fleming mich zu vermeiden ſchienen, ſo holte ich des Domine lateiniſche Bibel und vergnuͤgte mich mit leſen. Eine Viertelſtunde vor Dunkelwerden, erſchien Fleming um an's Land zu gehn. Er war anſtaͤndig, ich duͤrfte ſagen ganz modiſch in einem ſchwarzen Anzug gekleidet, und trug ein weißes Halstuch. Seine veraͤnderte Geſtalt ſezte mich dermaßen in Erſtaunen, daß ich ihn anfangs gar nicht erkannte; nachdem meine Zweifel beſeitigt waren, dachte ich natuͤrlich daruͤber nach, wie ſonderbar es ſey, daß ein Mann der unter einem Andern in einer Barke arbeitete, jezt den Anzug und die Erſcheinung eines Gentleman ſich anmaßte.— Marables zog das kleine Boot vor, das am Stern hing, Fleming ſprang hinein und ſtieß ab. Ich beob⸗ achtete ihn bis ich ſah daß er am Landeplaze anlegte, dann wandte ich mich herum zu Ma⸗ rables und ſagte:„dies Alles kann ich nicht verſtehn.“ „Das glaube ich Dir, erwiederte Marables, doch koͤnnte ich Dir's erklaͤren, wenn Du mir feſt verſprechen willſt kein Wort davon zu er⸗ waͤhnen.“ „Das Verſprechen will ich geben, wenn Ihr mich daruͤber befriedigt, daß Alles iſt, wie's ſeyn ſollte;“ antwortete ich. „Alles wie's ſeyn ſollte, Jakob, das bleibt dahin geſtellt; wenn ich Dir aber beweiſe, daß unſerm Schiffsherrn kein Abbruch geſchieht, dann hoffe ich, wirſt Du das Geheimniß bewahren. Inzwiſchen darf ich Dir nicht erlauben aͤrger davon zu denken, als die Sache iſt; ich will Deiner Gutmuͤthigkeit vertrauen. Du wirſt mir doch keine Harm zufuͤgen wollen, Jakob?“ Hiierauf erzaͤhlte er mir, Fleming habe ein⸗ mal in ſehr guten Verhaͤltnißen gelebt, und waͤhrend einer langwierigen Krankheit und bei dem darauf folgenden Tode von Marables Frau — 128— habe jener dieſem Geld vorgeſtreckt; Fleming ſey dann ſehr unklug zu Werke gegangen, habe eine Menge Schulden gemacht und ſey von dem Baillif verfolgt worden. In dieſer Noth habe er Marables um Huͤlfe angeſprochen, und die⸗ ſer hatte ihn am Bord der Barke aufgenom⸗ men, wo man ihn gewiß necht ſuchen werde; Fleming habe viele Freunde, und gehe Abends gern an's Land um dieſe zu ſehn, um von ihnen ſo viel als moͤglich Geldhuͤlfe zu bekom⸗ men; ſeine Verwandten waͤren inzwiſchen eifrig bemuͤht eine Ausgleichung mit ſeinen Glaͤubigern zu Stande zu bringen. Nach dieſer Erzaͤhlung fuhr Marables fort: „nun ſag', wie konnte ich umhin Jemanden zu helfen der ſo guͤtig gegen mich geweſen war? Und welchen Schaden hat Herr Drummond davon?— Wenn wir die Ladung loͤſchen und Fleming ſeine Arbeit nicht verrichten kann, oder nicht mag, ſo bezahlt er einen Andern der ſeine Stelle vertritt, und Herr Drummond verliert dadurch nichts.“ „Das mag alles wahr ſeyn, erwiederte ich, „aber ich kann doch nicht einſehen, weshalb ich nicht in die Kajuͤte darf, und wie es zugeht daß er hier als Herr und Meiſter anordnet.“ 1 — 129— „Nun, Du ſiehſt Jakob, ich bin ihm Geld ſchuldig und er bezahlt mir ein Gewiſſes woͤchent⸗ lich fuͤr die Kajuͤte, daß ich durch Abrechnung meine Schuld tilgen kann. Verſtehſt Du mich jezt?“ „Ja, ich verſtehe was Ihr mir geſagt habt,“ erwiederte ich. „Gut Jakob, ich hoffe Du wirſt nichts davon ſagen. Es wuͤrde mir Schaden bringen und nichts Gutes bewirken.“ „Das wird davon abhaͤngen, wie Fleming ſich gegen mich betraͤgt;“ gab ich zur Antwort, —„werlaßt Euch darauf, von ihm will ich mich nicht groͤblich behandeln und einzwaͤngen laßen; klar iſt's, daß er am Bord der Barke nichts zu thun hat, ich aber bin als Lehrling auf ihr eingeſchrieben. Euch wuͤnſche ich nicht zu be⸗ nachtheiligen, und weil ich annehme, daß Fle⸗ ming nicht lange am Bord bleiben wird, ſo will ich nichts ſagen, es ſey denn daß er mich mißhandelte.“ Marables verließ mich, und ich dachte uͤber das Angehoͤrte nach. Alles ſchien glaublich ge⸗ nug, gleichwohl war ich nicht befriedigt. Ich beſchloß ſcharf zu beobachten, und ſollte ſich irgend etwas ereignen, wodurch mein vngwohn 3 Am — ——— — 130— erregt wuͤrde, Herr Drummond bei unſerer Ruͤckkehr davon in Kenntniß zu ſezen. Bald darauf erſchien Marables wieder, um mir zu ſagen ich koͤnne zu Bett gehen, er wolle bis zu Flemings Nuͤckkehr auf dem Verdeck bleiben. Ich ging zwar zu meiner Schlaſſtaͤtte hinab, doch gefiel mir dieſe Beguͤnſtigung nicht; es ſchien mir vielmehr als wuͤnſche er mich aus dem Wege zu ſchaffen, hellwachend lag ich auf meinem Bette und uͤberdachte noch ein⸗ mal Alles was ich geſehn und gehoͤrt hatte. Gegen zwei Uhr Morgens vernahm ich Ruder⸗ ſchlag, und der Nachen ſtreifte zur Seite der Barke auf. Ich ging nicht aufs Verdeck, ſteckte aber den Kopf durch die Luke, um zu ſehen was vorginge. Es war heller Mondenſchein, und faſt ſo licht wie am Tage. Fleming warf das Tau vom Nachen dem Marables zu, und als dieſer feſthielt, hob er aus dem kleinen Fahrzeuge einen blauen Sack, anſcheinend gut gefuͤllt hervor; es klinkerten die darin enthalte⸗ nen Gegenſtaͤnde als der Sack auf's Verdeck gelegt wurde. Sodann haͤndigte er noch ein Buͤndel anderer Sachen die in ein gelbſeidenes Taſchentuch geknuͤpft waren, herauf, und nach⸗ dem er das Verdeck beſtiegen, zog Marables den — 131— Nachen am Bindetau zum Hinterſchiffe und kam wieder zuruͤck zu Fleming der bei dem blauen Sacke ſtehen geblieben war. Jezt hoͤrte ich, daß Fleming mit leiſer Stimme den andern fragte, Rob ich zu Bett ſey, was der bejahete. Auf der Stelle zog ich meinen Kopf zuruͤck damit man mich nicht gewahren moͤge, und legte mich nieder. Lange lag ich ſchlaflos; ein Gedanke jagte den Andern, eine Vermuthung erſezte die An⸗ dere, und eine Folgerung ward von der Andern unzureichend gemacht; Zweifel erfuͤllten mein Gehirn, bis ich endlich in feſten Schlaf fiel— und dermaßen ſchlief, daß ich nur auf Flemings Zuruf erwachte.— Ich ſtand auf; als ich das Verdeck betrat, gewahrte ich daß unſer Anker vor laͤnger als zwei Stunden gelichtet ſeyn mußte, denn wir waren unter allen Bruͤcken durch. „Nun Jakob, mein Maͤnnchen,“ ſagte Fle⸗ ming mit anſcheinend heiterer Laune,„Du haſt'nen wunderbaren Schlaf gehabt; geh nach hinten, da ſteht ſeit einer halben Stunde ſchon Dein Fruͤhſtuͤck und wartet auf Dich.“ Aus Flemings Betragen ſchloß ich, daß Marables ihm unſere Unterredung mitgetheilt habe; von dem Augenblicke an, behandelte — 132— Fleming mich auf unſerer ganzen Fahrt mit Guͤte und mit Vertraulichkeit. Inzwiſchen ward mir der Zutritt in die Kajute nicht geſtattet, und ich wagte nicht hineinzudringen. Siebentes Kapitel. Das Geheimniß wird immer anziehender, und ich bin entſchloßen es aufzudecken.— Forſchen nach Din⸗ gen die eingeſchloßen ſind, machen daß ich ſelber eingeſchloßen werde.— Fleming gibt mir den Beweis, daß ſein Rath gut war, als er mir empfahl ſchwimmen zu lernen. *. Bei unſerer Ankunft auf dem Medway, war ich grade zu meiner Schlafſtelle hinabgegangen und kleidete mich aus, als ich Fleming auf das Verdeck kommen und den Nachen zu der Schiffsſeite ziehen hoͤrte. Ich blickte durch die Luke; es war recht finſter, dennoch konnte ich gewahren, daß Marables ihm den Sack und das zugeknuͤpfte Taſchentuch in den Nachen hinabreichte mit denen er zum Ufer fuhr. Am folgenden Morgen kam er erſt bei voller Tages⸗ — 134— helle zuruͤck, und ich begegnete ihn als er uͤber die Schiffswand herauf trat. „Du haſt mich ertappt, Jakob,“ ſagte er, „ich war am Ufer um mein Liebchen zu ſehn; aber Ihr Jungen duͤrft von ſolchen Dingen nichts wißen. Mach's Boot feſt— ſo, daß iſt recht.“ Als wir unſere fuͤr das Gouvernement be⸗ ſtimmte Ladung loͤſchten, hoͤrte ich eines Nachts Stimmen zur Seite der Barke. Aus Gewohn⸗ beit erwachte ich bei dem mindeſten Geraͤuſche; das Heranfahren eines Botes konnte nicht fehlen mich zu wecken.— Es mogte Mitternacht ſeyn, ich blickte durch die Luke hervor, und ſah zwei Leute mit Gepaͤck an Bord kommen, welches ſie in die Kajuͤte trugen: ſie verweilten darin wohl zehn Minuten, dann begleitete Fleming ſie zur Schiffswand, und ſie verließen die Barke. — Nachdem wir mit Loͤſchen fertig waren, machten wir uns auf den Ruͤckweg und waren drei Tage ſpaͤter wieder an Drummonds Werfte. Marables und Fleming waren ungemein freund⸗ lich gegen mich geweſen; ſie lebten in viel aus⸗ gewaͤhlterer Weiſe als man haͤtte erwarten ſollen, und dabei befand ſich mein Magen recht wohl. 4* — 135— Als wir an das Werft kamen, trat Mara⸗ bles zu mir, und ſagte:„Jakob, da ich Dir zutrauensvoll das Geheimniß erzaͤhlt habe, hoffe ich Du wirſt mich nicht in's Verderben bringen, und kein Wort davon an Herr Drummond ſagen.“ Schon vorher hatte ich bei mir ſelber den Entſchluß gefaßt, meinem Schiffsherrn nichts zu ſagen, bevor mein Argwohn beſtaͤtigt waͤre, und ſo gab ich ihm das Verſprechen; ich hatte aber zugleicher Zeit beſchloßen meine Vermu⸗ thungen und Alles was ich wahrgenommen hatte, dem alten Domine zu eroͤffnen. Am dritten Tage nach unſerer Ankunft ging ich zur Schule, ſezte ihn von allem Vorgefallenen in Kenntniß, und bat um ſeinen guten Rath.. „Jakob 2 ſprach er,„Du haſt gut gethan, haͤtteſt aber noch beßer handeln moͤgen; wenn Du Dein Verſprechen nicht gegeben haͤtteſt, welches heilig iſt, ſo wuͤrde ich Dich zu Herrn Drummond gefuͤhrt haben, damit Du ihm auf der Stelle Alles mittheilteſt. Mir gefaͤllt es nicht.— Unthat wird in Finſterniß verrichtet. Noctem peccatis et fraudibus objice nubem. — Inzwiſchen bemerkſt Du richtig, daß noch nichts erwieſen iſt.— Wache deshalb, Jakob — 136— — bewache ſorglich den Nuzen Deines Schiffs⸗ herrn und das Beſte der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft im Allgemeinen. Ich darf ſagen, Deine Pflicht erheiſcht vigilare noctesque diesque. Es mag ſo ſeyn, wie Marxables geſagt hat. — Alles mag erklaͤrt werden,— indeß wie⸗ derhole ich Dir, ſey wachſam und ſey redlich.“ Ich befolgte des Domine Weiſungen; alsbald hatten wir eine neue Ladung Backſteine einge⸗ nommen um ſie auf der nemlichen Stelle ab⸗ zuliefern, und fuhren dahin ab. Weil Marables und Fleming fanden, daß ich Herrn Drummond kein Wort geſagt hatte, behandelten ſie mich ungemein guͤtig. Einmal bot Fleming mir Geld an, was ich ablehnte, und ſagte, ich koͤnne keinen Gebrauch davon machen. Im beſten Vernehmen mit Beiden, beobachtete ich zugleich genau Alles was vorging, ohne mir eine Be⸗ merkung zu erlauben, welche ſie mißtrauiſch machen konnte. Um nicht gar zu weitlaͤuftig zu ſeyn, genuͤgt die Anfuͤhrung daß wir im Laufe einiger Mo⸗ nate manche Fahrt machten, welche mir zu folgenden Bemerkungen Anlaß gaben: an ge⸗ wißen Stellen ging Fleming Nachts an's Ufer, und nahm Saͤcke und Buͤndel mit ſich;— — — — 137— gemeiniglich brachte er wieder Andere Paͤckereien mit ſich die in die Kajuͤte geſchafft wurden;— zuweilen kamen Nachts fremde Leute an unſern Bord, und blieben eine Zeitlang mit ihm in der Kajuͤte;— und dies Alles geſchah, wenn man mich im Schlafe vermuthete.— Unab⸗ weichlich blieb die Kajuͤte verſchloßen, wenn die Barke an den Werften lag, und wenn Fleming am Lande war; ich durfte nie hinein. Marables war durchaus eine Null in Flemings Haͤnden, dieſer ordnete Alles an, wie es ihm gefiel; und in den Beſprechungen welche jezt zwang⸗ loſer in meinem Beiſeyn gehalten wurden als anfangs, zeigte ſich gar kein Anſchein davon, daß Fleming uns verlaßen wuͤrde. Weil ich die Ueberzeugung gewann, es ſey keine Anſicht zum Entdecken, ohne vermehrte Anſtrengung von meiner Seite, und weil mein Argwohn taͤglich zunahm, ſo beſchloß ich etwas zu wagen. Mein hauptſaͤchlicher Wunſch war in die Kajuͤte zu dringen, und zu unterſuchen was dieſe enthalte; dies war aber nicht leicht und mußte hoͤchſt wahrſcheinlich ein gefahrvoller Verſuch fuͤr mich werden. Eines Nachts kam ich im Hemde auf's Verdeck. Wir ankerten in der Naͤhe von Rotherthithe; es war eine finſtere — 138— Nacht, ein feiner Staubregen fiel. Schon eilte ich wieder hinab, als ich gewahrte daß in der Kajuͤte noch Licht brenne, auch vernahm ich die Stimmen meiner beiden Schiffsgenoßen.— Die Gelegenheit ſchien mir erwuͤnſcht, und weil ich keine Schuhe an hatte, ging ich leiſe uͤber dem naßen Verdecke hin zur Kajuͤtenthuͤr die nach dem Vorſchiffe oͤffnete, um durch die Spalten zu blicken. Gegen einander uͤber ſaßen Marables und Fleming am kleinen Tiſche. Vor ihnen lagen Papiere und ſie theilten Geld. Marables machte Gegenvorſtellungen und behauptete ſein Antheil ſey zu geringe; Fleming lachte und ſagte er habe nicht mehr verdient. Aus Furcht entdeckt zu werden, ſchlich ich leiſe fort und kam unbemerkt zu meinem Bette. Dieſer Entſchluß war mein Gluͤck geweſen, denn kaum war ich mit meinem Kopfe unter der Luke und ſchob die Platte zu, als die Kajuͤtenthuͤre aufgeſtoßen wurde und Fleming heraustrat. Der Umſtand, ſo wie Flemings Bemerkung daß Marables nicht mehr verdient habe, beſchaͤftigte mein Nachdenken ſehr und ich fuͤhlte mich uͤberzeugt, daß die ganze Ge⸗ ſchichte welche Marables mir von Fleming er⸗ zaͤhlt hatte, erlogen ſey. Dieſe Ueberzeugung — 139— ſpornte mich noch mehr an, das Geheimniß zu entdecken; manche liebe Nacht durchwachte ich in der Hoffnung daß es mir moͤglich werden würde, die Kajuͤte zu unterſuchen; immer aber vergebens denn entweder Fleming oder Marables blieben ſtets am Bord. Dem Domine theilte ich fortwaͤhrend mit, was ich etwa entdeckte, und zulezt war er ebenfalls der Meynung, daß es beßer ſey dem Herrn Drummond gar nichts zu ſagen, bis die vollſtaͤndigſten Beweiſe uͤber die eigentliche Beſchaffenheit ihres Vornehmeus gegeben werden koͤnnten. Von jezt an beſchaͤftigte die Kajuͤte allein meine Gedanken, und in meinem Sinne bildete ich mir manchen Plan aus der mir den Ein⸗ gang verſchaffen ſollte. Blaubarts Geliebte ſehnte ſich gewiß nicht mehr nach dem Eingange in das furchtbare Gemach, als ich, um die Ge⸗ heimniße dieſer verborgenen Zuflucht zu entdecken. In einer Nacht hatte Fleming die Barke ver⸗ laßen und ich ſtieg aus meiner Schlafſtelle hervor. Marables war auf dem Verdeck, ſaß auf der Waßertonne, den Ellenbogen auf den Schiffsrand gelehnt, und ſeinen Kopf mit der Hand geſtuͤzt, als waͤre er im tiefen Nachdenken. Die Kajuͤtenthuͤren waren zugemacht, aber Licht — 140— brannte noch darin. Ich lauerte eine Weile und als ich bemerkte, daß Marables ſich nicht ruͤhre, ſchlich ich leiſe zu ihm heran. Er war im feſten Schlafe; eine Zeitlang blieb ich neben ihm ſtehen; zulezt begann er zu ſchnarchen, dieſe gute Gelegenheit durfte ich nicht verlieren. Ich ſchlich zur Kajuͤtenthuͤr, ſie war nicht abgeſchloßen. Wiewohl ich Marables Zorn im Falle eines Entdecktwerdens ſo ſehr nicht fuͤrchtete als den Flemings, oͤffnete ich die Thuͤr dennoch mit pochendem Herzen und zitternder Hand, war⸗ tete bevor ich hineintrat um mich zu uͤberzeugen daß Marables nicht aufgewacht waͤre. Er ruͤhrte ſich nicht, ich trat hinein und machte hinter mir die Thuͤr zu. Ich nahm das Licht in meine Hand und betrachtete die Kajuͤte; zu beiden Seiten der⸗ ſelben waren die Schlafſtellen von Marables und Fleming, die ich fruͤher ſchon theilweiſe im raſchen Hineinblicken gewahrt hatte. Vor jedem Bette waren Schließladen um darauf zu ſizen. Ich verſuchte ſie zu oͤffnen— ſie waren nicht verſchloßen— Kleidungsſtuͤcke lagen darin. Im hintern Theile der Kajuͤte befanden ſich drei Schenkſchraͤnke, ich oͤffnete den mittleren, er enthielt Porzellan, Glaͤſer und Gabeln; dann 0 — 141— wollte ich den an der Steuerbordſeite oͤffnen, er war verſchloßen, aber der Schluͤßel ſteckte darin. Behutſam drehete ich ihn, weil es aber ein gutes Schloß war, ſo knippte die Feder laut. Aengſtlich hielt ich ein— aber Marables ſchlief noch. Der Schenkſchrank hatte drei Borte, und alle drei waren mit ſilbernen Loͤffeln, Ga⸗ beln, mannichfachen Silbergeraͤthen bedeckt, unter welche Uhren, Armbaͤnder und andere Schmuckſachen gemiſcht waren. An jeglichem derſelben befand ſich ein Papier mit beſonderem Merkzeichen.* Weil ich wuͤnſchte, alles genau zu unterſuchen, und durch meine Entdeckung ermuthigt war, wendete ich mich zu dem dritten Schenkſchranke an der Backbordſeite, und oͤffnete auch dieſen. Er enthielt ſeidene Tuͤcher jeglicher Art, Spi⸗ zenſchleier und andere werthvolle Sachen, auf dem untern Borte lagen drei Paar Piſtole. Jezt war ich befriedigt, verſchloß den lezten Schrank wieder, und war im Begriffe fortzugehen, als mir einfiel, ich haͤtte den erſten Schrank nicht wieder zugeſchloßen, und damit ſie nicht Arg⸗ wohn faßen moͤgten wenn ſie ihn offen faͤnden, drehete ich den Schluͤßel. Die Feder ſprang noch lauter ein als zuvor. Ich hoͤrte Marables — 142— aus ſeinem Schlafe emporſchrecken; augenblicklich blies ich die Lampe aus und verhielt mich ſtill. Marables war aufgeſtanden, ging einigemale auf dem Verdeck umher, ſah nach der Kajuͤtenthuͤr die zugemacht war, und oͤffnete ſie ein wenig. Als er gewahrte daß die Lampe, ſeiner Meynung nach ausgegangen ſey, machte er die Thuͤr wieder zu, und drehte zu meinem Entſezen den Schluͤßel um. Da ſaß ich nun, eingeſperrt bis zu Flemings Ruͤckkunft, war dann ſeiner Wuth verfallen. Ich wußte nicht was ich thun ſollte; endlich beſchloß ich Marables zuzurufen, weil ich deßen Zorn nicht ganz ſo ſehr fuͤrchtete.— Sodann ſtieg der Gedanke in mir auf, daß Marables herein kommen und nach der Lampe ſuchen wuͤrde um ſie wieder anzuzuͤnden, dann mogte ich waͤh⸗ rend er an einer Seite der Kajuͤte ſey, im Dunkeln auf der andern Seite hinausſchluͤpfen. Dieſe kaum etwas mehr als verlorene Hoffnung, hielt mich einige Zeit ab mich ihm zu erkennen zu geben. Endlich faßte ich jedoch den Entſchluß, dies thun zu wollen, und lief von der Sizlade zur Thuͤr um Marables zu rufen, als ich Ru⸗ derſchlag vernahm. Ich hielt wieder ein— zoͤ⸗ — 143— gerte— das Boot war an unſerer Seite und ich hoͤrte wie Fleming auf's Verdeck ſprang. „Geſchwind,“ ſagte dieſer zu Marables, als er zur Kajuͤtenthuͤr kam, und dieſe oͤffnen wollte —„wir haben keine Zeit zu verlieren— wir muͤßen die Saͤcke heraufziehn und Alles verſenken. Zwei von ihnen haben geplappert, und Alles wird entdeckt werden.“ Er nahm Marables den Schluͤßel aus der Hand und oͤffnete die Thuͤr; die Lampe hatte ich wieder auf den Tiſch geſtellt. Fleming trat ein, ſezte ſich auf die Backbordlade und tappte nach der Lampe. Marables folgte ihm und ſezte ſich auf die Steuerbordſeite.— Flucht war unmoͤglich. Mit ſchlagendem Herzen ſaß ich ſchweigend, und erwartete mein Schickſal. In⸗ zwiſchen hatte Fleming ſeine Phosphorzunder⸗ doſe aus der Taſche hervorgezogen. Ich hoͤrte wie der zinnerne Deckel geoͤffnet wurde,— ſo⸗ gar vernahm ich leiſes Raſcheln als der eine Zuͤndeſtift ausgewaͤhlt wurde. In der naͤchſten Sekunde ward er aus dem Flaͤſchchen hervor⸗ gezogen, eine helle Flamme erleuchtete die Ka⸗ juͤte und zeigte mich ihren Blicken: durch meine Erſcheinung uͤberraſcht, ließ Fleming das Zuͤnd⸗ holz aus der Hand fallen, und Alles war — 144— dunkel wie zuvor; Finſterniß konnte mir aber kei⸗ nen Gewinn mehr bringen— ich war entdeckt. „Jakob,“ ſchrie Marables. „Wird nicht leben um etwas auszuſagen“ ſezte Fleming mit entſchloßener Stimme hinzu, als er ein neues Zuͤndholz eintunkte und die Lampe wieder anſteckte. „Komm,“ ſprach er grimmig,„auf der Stelle aus der Kajuͤte fort.“ Ich bereitete mich, ihm zu gehorchen; Fle⸗ ming ging hinaus, und ich folgte ihm auf einer Seite des Mitteltiſches, als Marables einſprach. „Halt! Fleming, was haſt Du vor?“ „Ich will ihn ſtumm machen;“ antwortete er. „Doch nicht ermorden?“ rief Marables, und bebte am ganzen Koͤrper—„das willſt Du nicht, das darfſt Du nicht wagen.“ „Was ſollte ich nicht wagen duͤrfen, Mara⸗ bles; aber ſprechen iſt unnuͤz; ſein Leben oder meines.— Eines muß geopfert werden, und ich will ihm zu gefallen, fuͤr jezt noch nicht ſterben.“ „Du ſollſt nicht— bei Gott, Fleming Du ſollſt nicht!“ ſchrie Marables, ergriff meinen andern Arm und hielt mich feſt. Mein eigener Widerſtand vereinigte ſich mit Marables Anſtrengung, und als Fleming inne — 145— ward; daß wir ihn bemeiſtern wuͤrden, zog er ein Piſtol aus ſeiner Taſche hervor und ver⸗ ſezte damit dem Marables einen Schlag auf den Kopf, der ihn beſinnungslos machte. Das Piſtol ſchleuderte er von ſich und ſchleppte mich aus der Kajuͤte fort. Ich war kraͤftig, er aber beſaß ungemeine Staͤrke; mein Widerſtand war fruchtlos; immer naͤher zwang er mich an den Rand der Barke; hier hob er mich mit beiden Armen in die Hoͤhe und warf mich hinab in den dunkeln, raſch fluthenden Strom. Fuͤr mich war es ein Gluͤck, daß Flemings Drohung bei unſerm erſten Zuſammentreffen mmiich bewogen hatte, das Schwimmen zu er⸗ lernen und zu uͤben, noch gluͤcklicher aber war es, daß mich keine andere Bekleidung hinderte, als mein Hemde, denn in dieſem war ich auf's Verdeck gekommen. Der Strom trieb mich eine gute Strecke fort, bevor ich oben zu kommen ver⸗ mogte, und Fleming konnte, wenn er auch dar⸗ auf Acht geben ſollte, mein Auftauchen in der Ferne nicht gewahren. Gleichwohl blieb mir wenig Hoffnung in finſterer Nacht und faſt eine Viertel Meile vom Ufer entfernt, mich ret⸗ ten zu koͤnnen. Ich hatte viele Muͤhe mich uͤber Waßer zu halten, als ich Ruderſchlag ver⸗ I 1⁰ — 4146— nahm; nach ein Paar Sekunden gewahrte ich Ruder uͤber meinem Kopfe. Ich griff danach und erfaßte eines derſelben, nachdem die an⸗ dern ſchon uͤber mich hingeſtrichen waren; dann rief ich:„Huͤlfe!“ „Was zum Teufel! Ruder geſtemmt, Leute; hier iſt jemand uͤber Bord,“ rief der Mann, deßen Ruder ich erfaßt hatte. Die Ruderer hielten ein; er zog ſein Ruder zu ſich, bis er mich ergreifen konnte und dann hoben ſie mich in das Boot. Von der Kaͤlte ſowohl, als von meiner uͤbermaͤßigen Anſtren⸗ gung im Waßer war ich ganz erſchoͤpft; erſt nachdem ſie mich in einen warmen Ueberwurf gewickelt und mir etwas Branntwein eingefloͤßt hatten, war ich im Stande zu ſprechen. Sie fragten, zu welchem der Fahrzeuge ich gehoͤre. „Auf die Barke Polly,“ gab ich zur Ant⸗ wort. „Eben die, welche wir aufſuchen; in welcher Richtung liegt ſie, mein Burſche?“ Ich verſtaͤndigte ſie daruͤber; ſie fuͤhrten ein großes Boot mit ſechs Rudern, das der Strom⸗ polizei zugehoͤrte. Der Offizier, der hinten ſaß und ſteuerte, fragte mich:„wie kamſt Du uͤber Bord?“. „— ve— —,— — 147— „Ich ward von einem Manne uͤber Bord geworfen, der Fleming heißt.“ „Das iſt der Name den er jezt fuͤhrt,“ rief der Offizier;„friſch eingeſezt, Burſche.— Da kommt Mord, wie ich ſehe, zu den uͤbrigen Anklagen.“ In einer Viertelſtunde waren wir zur Seite der Barkez der Offizier und vier Mann ſpran⸗ gen auf das Verdeck, ließen die zwei andern Leute zuruͤck und ich ward angewieſen, eben⸗ falls im Boote zu bleiben. So kalt und elend ich mich auch fuͤhlte, war mir dieſer Vorgang doch zu anziehend, als daß ich mich nicht haͤtte erheben ſollen um aufzumerken. Auf dem Ver⸗ decke wurde der Offizier und ſeine Leute von Fleming empfangen, der dreiſt vortrat, Ma⸗ rables blieb einige Schritte hinter ihm zuruͤck. „Was ſoll's heißen,“ rief er,„ſeyd Ihr Fluß⸗ raͤuber und kommt uns auszupluͤndern?“. „Nicht ganz ſo,“ erwiederte der Oſſizier, „aber wir wollen Euer Schiff durchſuchen; gebt den Schluͤßel zu Eurer Kajuͤte,“ fuhr er fort, als er die Thuͤre oͤffnen wollte und ſie ver⸗ ſchloßen fand. „Herzlich gern, wenn Ihr Euch zur Durch⸗ ſuchung berechtigt erweiſet,“ ſagte Fleming; — 148— „aber geſchmuggelten Branntwein werdet Ihr hier nicht finden, das will ich Euch wohl ſa⸗ gen. Marables, reich' ihnen den Schluͤßel, ich ſehe, ſie gehoͤren zu den Stromwaͤchtern.“ Marables, der kein Wort geſagt hatte, gab dem Offizier den Schluͤßel hin, dieſer oͤffnete eine Blendlaterne, ging in die Kajuͤte und nahm die Durchſuchung vor, waͤhrend er zwei ſeiner Leute zur Bewachung von Fleming und Marables auf dem Verdecke zuruͤckließ. Sein Nachſuchen war vergeblich; er konnte nichts finden und kam zuruͤck auf's Verdeck. Hoͤhniſch fragte Fleming:„Nun, habt Ihr 'nen Fang gemacht?“ „Geduld,“ ſprach der Offizier,„wie viele Leute gehoͤren zu dieſer Barke?“ „Ihr ſeht ſie,“ antwortete Fleming. „Ja; aber Ihr habt einen Jungen, wo iſt „ der?“ „Wir haben keinen Jungen,“ erwiederte Fle⸗ ming;„zwei Mann ſind ooͤllig genug fuͤr die⸗ ſes Fahrzeug.“ „Dennoch frage ich, was iſt aus dem Jun⸗ gen geworden? Denn heute Nachmittag war ein Junge am Bord.“ — — 149— „Wenn einer da war, ſo vermuthe ich, daß er wieder an's Land gegangen iſt.“ „Beantwortet mir eine andere Frage: wel⸗ cher von Euch warf ihn uͤber Bord?“ Bei dieſer Frage des Offiziers ſchreckte Fle⸗ ming zuſammen, waͤhrend Marables ausrief: „ich war es nicht; ich wollte ihn retten. O daß der Junge hier waͤre, um es zu bezeu⸗ gen!“ „Ich bin hier, Marables,“ ſprach ich, auf's Verdeck kommend;„und ich bezeuge, daß Ihr mich zu retten verſuchtet, bis Ihr ſinnlos nie⸗ dergeſchlagen wurdet von dieſem Meuchelmoͤr⸗ der Fleming, der mich uͤber Bord warf, da⸗ mit ich das Silber und Gold nicht angeben ſollte, was ich in der Kajuͤte fand und wo⸗ von ich anhoͤrte, daß er zu Euch ſagte, es muͤße im Saͤcke geſteckt und verſenkt werden, weil zwei von den Leuten geplappert haͤtten.“ Sobald Fleming mich gewahrte, drehte er ſich um, als wolle er mich nicht anblicken. Sein Antliz konnte ich nicht ſehen; nachdem er aber wenige Sekunden in der Stellung geblieben war, hielt er ſchweigend dem Offizier ſeine Haͤnde hin, um die Handſchellen anzulegen, — 150— welche dieſer bereits aus ſeiner Taſche hervor⸗ gezogen hatte. Marables dagegen ſprang auf mich zu, ſobald er meine Worte gehoͤrt und umfaßte mich mit ſeinen Armen. „Mein lieber, ehrenhafter Knabe! ich danke Gott— ja, ich danke Gott!— Alles, was er ausgeſagt hat, iſt wahr, mein Herr.— Sie werden ſaͤmmtliche Sachen am Stern verſenkt finden, das daran befeſtigte Boye⸗Tau iſt durch den unteren Ring des Ruders geknuͤpft.— Jakob, ich danke Gott, Du biſt gerettet; ich hoffte nicht, Dich wieder zu ſehen.— Hier Herr,“ fuhr er zu dem Offizier gewendet fort, dem er ſeine Haͤnde hinhielt,„ich verdiene Al⸗ les. Ich hatte nicht Kraft des Gemuͤthes genug, um redlich zu ſeyn.“ Die Handſchellen wurden ihm, ſo wie Fle⸗ ming angelegt, der Offizier erlaubte mir mich anzukleiden, zog die Saͤcke mit den verborge⸗ nen Guͤtern aus dem Waßer hervor, ließ zwei Leute am Bord der Barke zuruͤck um dieſe zu bewachen, und ruderte mit uns Uebrigen in ſeinem Boote dem Ufer zu. Damals mogte es drei Uhr Morgens ſeyn, und herzlich froh war ich, als wir das Waͤrterhaus erreichten, und ——— 151— en.— Sohald ich mich wieder behaglich fuͤhlte, ſtreckte ich mich auf eine Bank hin und entſchlief. 8 80 2 A 80 E 8 · 2η ₰ S8 F 2 — — 8 — 8 85 ₰ 5 waͤrm — 1⁵52— Achtes Kapitel. Mehr vom auf und ab im Leben;— aufgebracht vor das Gericht, dann wieder den Strom hinab im Lichter.— Die Toms.— Ein leichtes Herz auf zwei Holzſtuͤmpfen.— Erhalte meinen erſten Un⸗ rricht im Singen.— unſer Lichter wohl be⸗ mannt mit zwei Jungen und einem Bruch. Am naͤchſten Morgen erwachte ich erſt, als die Polizei mich aufruͤttelte und vor das Ge⸗ richt fuͤhrte. Volksgedraͤnge folgte und ſchien kei⸗ nen Unterſchied zwiſchen den Gefangenen und dem Zeugen zu machen; mir gar nicht ſchmei⸗ chelhafte, ſondern recht verdrießliche Bemerkun⸗ gen wurden recht freigebig rundgetheilt. „Er iſt ſehr jung fuͤr ſolches Handwerk,“ rief einer.„Der Galgen ſteht ihm auf die Stirne gepraͤgt,“ bemerkte ein anderer, dem ich, als ich mich umwendete ihn auzublicken, dieſe Hoͤf⸗ * — 153— lichkeit gewiß haͤtte erwiedern duͤrfen. Das Waͤch⸗ terhaus war nicht ſehr entlegen vom Gericht⸗ zimmer und bald kamen wir dahin. Der Offi⸗ zier ging in das innere Zimmer und beſprach ſich mit den Magiſtratsperſonen, bevor dieſe zum Vorſcheine kamen und ihre Size fuͤllten. „Wo iſt Jakob Ehrlich?— Mein Sohn, weißt Du, was ein Eid iſt?“ Ich antwortete bejahend; der Eid ward mir abgenommen und meine Ausſage niedergeſchrie⸗ ben. Dieſe ward alsdann den Gefangenen vor⸗ geleſen und ſie wurden befragt, ob ſie zu ihrer Vertheidigung etwas anzufuͤhren haͤtten. Fle⸗ ming, der nach ſeinem Advokaten geſchickt hatte, erhielt von dieſem den Rath nicht zu antworten. Marables erwiederte voͤllig gefaßt, daß alles, was der Junge geſagt habe, durch⸗ aus die Wahrheit waͤre. „Bedenkt,“ ſagte der Richter,„daß wir Euch als Koͤnigszeuge nicht annehmen koͤnnen; des Knaben Ausſage iſt hinreichend.“ „Ich hatte die Abſicht gar nicht dies zu ver⸗ langen,“ erwiederte Marables;„nur mein Ge⸗ wißen wollte ich erleichtern, nicht aber um Gnade bitten.“ Beide wurden alsdann vor das Schwurge⸗ — 154— richt verwieſen und in's Gefaͤngniß gefuͤhrt. Ich konnte mir nicht helfen; ich ging zu Marables und druͤckte ihm herzlich die Ha d, bevor er abgefuͤhrt wurde. Er hob ſeine beiden Arme in die Hoͤhe, weil er gefeßelt war, trocknete ſeine Augen und ſprach: „Laß Dir's eine Warnung ſeyn, Jakob— nicht daß ich glaube, Du beduͤrfteſt ihrer; aber ich war einmal ganz ſo ehrenhaft, als Du biſt: und ſchau' mich jezt an.“ Schmerzlich blickte er auf ſeine gebundenen Handgelenke. Sie verließen das Zimmer; Fle⸗ ming warf einen Blick auf mich, der unver⸗ kennbar genug ausſprach, was ich von ihm zu erwarten haͤtte, ſollte ich jemals wieder ihm in die Faͤuſte gerathen. „Wir muͤßen Dich feſthalten, guter Burſche,“ bemerkte einer der Richter,„wenn Du nicht genuͤgende Buͤrgſchaft fuͤr Dein Auftreten als Zeuge bei der Verurtheilung ſtellen kannſt.“ Ich erwiederte, daß ich Niemanden kenne, außer meinen Schiffsherrn Drummond und meinen ehemaligen Lehrer, daß ich aber kein Mittel beſize, dieſen meine jezige Lage wißen zu laßen. Darauf gab der Richter dem Offizier den — — — 155— Auftrag, mit der erſten Kutſche nach Brent⸗ ford abzufahren, Herrn Drummond von dem, was geſchehen war, in Kenntniß zu ſezen und ihm zu melden, daß die Polizei die Barke be⸗ wache, bis er andere Leute an ihren Bord ſchik⸗ ken koͤnne; mir ward erlaubt, hinter den Schran⸗ ken auf einer Bank mich niederzuſezen. Es war ſchon Mittag vorbei, bevor Herr Drummond in Begleitung des Domine ein⸗ traf. Um Zeit zu erſparen, reichte der Richter ihnen meine Ausſage zum Durchleſen; ſie ſtell⸗ ten Buͤrgſchaft und mir ward erlaubt, den Gerichtsſaal zu verlaßen. Mit der Kutſche fuh⸗ ren wir ab, weil ſie aber im Innern ſaßen, ich dagegen oben thronte, hatte ich vor unſerer Ankunft in Drummond's Hauſe nicht viele Fra⸗ gen zu beantworten; hier erzaͤhlte ich ihnen ausfuͤhrlich Alles, was ſich ereignet hatte. „»Proh! Deus!« rief der Domine aus, als ich meine Geſchichte geendet hatte;„welch ein Ent⸗ rinnen! Wie durchaus mit genauer Noth, grade wie Propertius es in weiblicher Beziehung hat; Eripitur nobis jam pridem carus puer!— Ein Gluͤck war es, daß Du ſchwimmen ge⸗ lernt hatteſt— wahrhaftig, Du mußt wacker gerungen haben. Pugnat in adversas ire nata- — 156— tor aquas; ja Kind, wacker fuͤr Dein Leben. Nun, Gott ſey geprieſen!“ Herr Drummond wuͤnſchte aber vor Allem, ſeine Barke an das Werft zuruͤckgefuͤhrt zu ſe⸗ hen; deshalb gab er mir mein Mittageßen, denn an dem Tage hatte ich noch nichts genoſ⸗ ſen, und fertigte mich alsdann mit zwei andern Leuten in einem Boote ab, um das Fahrzeug heraufzuholen. Am folgenden Morgen lagen wir am Werfte; weil Herr Drummond aber noch keinen Barkenfuͤhrer auserſehen hatte, blieb ich wiederum einige Tage am Lande, theilte meine Zeit zwiſchen dem Domine und der Familie Drummond, von der ich ſtets ungennein guͤtig behandelt wurde. Bald darauf ward ein Schiffer fuͤr die Barke gefunden, und weil ich unter deßen Befehl eine betraͤchtliche Zeit blieb, muß ich ihn in ange⸗ meßener Weiſe beſchreiben. Seine beſte Lebens⸗ zeit hatte er im Flottendienſte am Bord eines Kriegſchiffes verbracht, hatte manches Treffen und manche große Seeſchlacht mitgefochten, Trafalgar aber hatte ſeiner Dienſtzeit durch Ab⸗ nehmen beider Schenkel und durch eine von Greenwich⸗Hospital gezahlte Penſion ein Ende gemacht, welche er der Aufnahme in dieſer An⸗ — —, ſtalt vorzog, weil er Frau und Kind hatte; von der Zeit an hatte er ſich auf dem Strome beſchaͤftigt. Er war ungemein lebhaft, ſehr breit⸗ ſchultrig und mogte vor dem Verluſte ſeiner beiden Beine wahrſcheinlich ſeine fuͤnf Fuß eilf Zoll, oder vielleicht gar ſechs Fuß gemeßen ha⸗ ben; weil er aber ausfand, daß er auf kurzen Stuͤmpfen ſein Gleichgewicht beßer zu halten vermogte, hatte er ſeine hoͤlzernen Beine bis auf acht Zoll Laͤnge verkuͤrzt, dies gab ihm nun bei ſeinem breiten Koͤrper das Anſehen eines großen Zwerges. Hoͤchſt verdientermaßen ſtand er in allgemeiner Achtung. Seine Gemüͤthsart war ſiets heiter und etwas neigte er ſich zum Trunke; doch der Hauptzug ſeines Karakters war leichte Herzensfroͤhlichkeit.— Unaufhoͤrlich ſang er, ſeine Stimme war ſehr wohltoͤnend und kraͤftig. So lange er auf der Flotte diente, pflegte er gerufen zu werden, um dem Kapi⸗ tain und den Offizieren vorzuſingen; er war das Entzuͤcken des Vorderſchiffes. Sein Ge⸗ daͤchtniß war gut und ſein Reichthum an Lie⸗ dern aller Art unglaublich; gleichwohl ſang er ſelten mehr, als einen oder zwei Verſe eines Liedes, gleichſam anfuͤhrungsweiſe, oder wenn daßelbe auf das Ereigniß des Augenblicks be⸗ — 158— zogen werden konnte, wobei er haͤufig die Worte abaͤnderte, um ſie der Veranlaßung noch mehr anzueignen. Ihn begleitete ſein Sohn Tom, ein Burſche meines Alters, ganz ſo frohſinnig wie ſein Vater; dieſer beſaß eine hohe Tenorſtimme und einen reichen Vorrath von Laune; haͤufig fuͤhrte er ſeines Vaters Sangweiſen, mit ſelber ein⸗ geſchobenen Worten, voll treffenden Wizes und in richtiger Tonſtimme weiter aus. Wir Dreie waren der Barke Bemannung, und weil der Aufſchub ſchon betraͤchtlichen Verluſt zu Wege gebracht hatte, ſchifften wir uns ein, ſobald die Beiden angekommen waren. Des Vaters Name war Tom Beazeley, auf dem Strome aber uͤberall unter dem Namen „der alte Tom“ bekannt, oder auch, wie ein mehrunterrichteter Schifferknecht ihn getauft ha⸗ ben mogte,„der Meermann auf zwei Stuͤmpfen.“ Sobald wir unſer Geſchirr, wie der alte Tom das nannte, an Bord gebracht hatten, empfing er ſeine Verhaltungsbefehle, und wir ſtießen vom Werfte ab. Der Wind war guͤnſtig; der junge Tom war ſo luſtig wie ein Affe und eben ſo voller Schelmenſtreiche. Sein Vater ergriff das Steuer, — 459— während wir Beiden mit der Huͤlfe eines Hun⸗ des von der kleinern Neufoundland⸗Raße, den Tom gelehrt hatte, ein Tau zwiſchen die Zähne zu faßen, und der zweien Knaben bei dem An⸗ ſtraffen der Takelung nicht geringe Dienſte that, das Segel der Barke aufzogen, ſo fuhren wir davon, waͤhrend des alten Tom Geſang auf beiden Ufern gehoͤrt werden konnte. 6 „Los, los, alle Segel im Winde, Raſch Schifflein im Segelſtrich. Auf See ich nicht Arbeit mehyr ſinde, Mein Liebchen wartet auf mich!“ „Tom, Du Landſtreicher, iſt der Buͤndel fuͤr Deine Mutter fertig? Wir muͤßen den Kahn hinablaßen, Jakob, auf Batterſea⸗Revier, und das Zeug an's Ufer ſchicken, damit die alte Frau wa⸗ ſchen kann, ſonſt gibt's am Sonntage keine reine Hemden. Schieb' Du Deine Hemden mit hinein, Jakob, die alte Frau wird's nicht boͤs nehmen. Sie pflegte fuͤr die ganze Meße zu waſchen. Packt an, Ihr Beide, und ſtrafft die Zugleine da noch um'nen guten Ruck. Das will's thun, meine Spaßmacher! „„Auf, auf, alle Segel zum Winde! Ihr Schiffer, ſtimmt an den Geſang, Wir trinken, indeß ſo geſchwinde Der Stoßwind treibt's Schifflein entlang.““ „Tom, wo iſt mein Topf mit Thee? Komm, mein Junge, wir muͤßen zum Fruͤhſtuͤcke pfei⸗ fen.— Jakob, da haͤngt'n Tau uͤber Bord. Nun Tom, gib mir meinen Thee; mit einer Hand will ich ſteuern und mit der andern trinken; was die Beine anbetrifft, je weniger wir davon ſagen, deſto beßer. „Nicht geiz' ich nach Ruhm, nicht nach Schäzen von . Gold, Kein Ehrgeiz erfuͤllt mich mit Weh, Nur eines, o Himmel, gewaͤhre mir hold,—“ Hier reichte Tom ihm den Trinknapf und fiel mit ſeinem hellen Tenor ein: „Zum Fruͤhſtuͤck'ne gute Taß' Thee!“ Still, Du Meerhahn, wie darfſt Du wa⸗ gen, Deine Pfennigpfeife einzukraͤhen?— Wie iſt's Waßer, Tom?“ „Drei Viertel Ebbe.“ — 161— „Nein ſo iſt's nicht, Du Dieb; wie iſt's Jakob?“ „„Etwa halb, denk' ich.“ „Und Du denkſt recht;— was fuͤr Waßer haben wir auf dieſer Seite unterwaͤrts?“ „Von der Spize muͤßt Ihr weit genug ab⸗ ſteuern,“ erwiederte ich,„die Untiefe ſpringt vor.“. „Dank, Burſche, ich dachte mir's ſo, war aber nicht ganz ſicher;“ nun ſang er ein unge⸗ mein liebliches Lied: „Trau' nicht zu viel der eignen Meinung, Biſt Du im Schiffe auf der Fahrt; Folg' gutem Rathſchlag in Vereinung, Das iſt der Kompaß rechter Art.“ „Alter Tom, biſt Du's?“ rief ein Schiffer aus einer andern Barke. „Ja; Alles, was von mir uͤbrig blieb, mein Herzblatt!“ „Mit dieſer Ebbe wirſt Du die Bruͤcken nicht erreichen,— dort unten auf dem Re⸗ viere weht'n ſtarker Wind.“ „Hat nichts zu ſagen, wir wollen thun, was wir koͤnnen. I. 11 — 162— „Hemmt Sturm und Wetter nicht im Bunde, Treibt guter Wind uns fort, Benuzen wir die guͤnſt'ge Stunde, Erfolg iſt unſer Hort.“ „Bravo, alter Tom; weshalb werfen die Jungen die Angelleinen nicht aus, alle Fiſche hoͤren Dir zu,“ rief der Schiffer noch, als Wind und Stroͤmung die Barken trennten. „Ich diente einmal auf einem kleinen Fahr⸗ zeuge, Arion genannt,“ bemerkte der alte Tom, „und da hatten ſie'ne Geſchichte von dem Bur⸗ ſchen, die ſo viel erzaͤhlt, daß der die Fiſche nach ſeinem Gefallen konnte hinter ſich her⸗ ſchwimmen machen. Das weiß ich ſelber, daß, als wir in der Nordſee waren, ganze Rudel von Robben dem Schiffe folgten, wenn einer nur pfiff; die Beſtien haben aber Ohren— und die Fiſche haben keine.“. „Ach oftmals wohl denk' ich an's kalt⸗rauhe Land, Wo des Nordlichts Pracht In der Winternacht, Erglänzt auf eiſigem Strand.“ „Jakob, biſt Du mit Deinem Fruͤhſtuͤck fer⸗ tig? Komm', nimm das Steuer, indeß wol⸗ — 163— len Tom und ich das Fahrzeug ein bischen in Apfeltorten⸗Ordnung bringen.“ Der alte Tom ſtumpelte zum Vorderſchiffe, gefolgt von ſeinem Sohne und dem Neufound⸗ landhunde, der ſich fuͤr eine der nuͤzlichſten Perſoͤnlichkeiten am Bord zu halten ſchien. Nach⸗ dem ſie das Tauwerk niedergeringelt und das Verdeck abgeſchweppt hatten, gingen ſie in die Kajuͤte, um ihre kleinen Anordnungen zu treffen. „Das iſt'n gut Schloß, Tom,“ rief der Vater und drehte den Schluͤßel auf dem Schenk⸗ ſchranke. Ich erinnerte mich deßelben und daß ſein lautes Einſpringen die Veranlaßung zu mei⸗ nem erzwungenen Sprunge uͤber Bord wurde. Der alte Tom fuhr fort:„Ich ſage, Tom, den Schenkſchrank wirſt Du nicht aufbrechen koͤnnen; der iſt gut, Du Boͤſewicht, darin will ich den Grog und den Zucker feſtſchließen. Die gehen gar zu ſchnell zum Ende, ſeitdem Du der Stuart biſt. „Denn Grog iſt unſer Backbord und Steuerbord, Iſt unſer Hauptmaſt, Beſan und Logg; 7 Am Land, im Meer und vor Anker im Port Iſt Matroſenkompaß der Grog.“ „Aber ſ'iſt kein Kompaß, um nen feſten Strich dabei zu ſteuern, Vater,“ erwiederte Tom. „Wenn dem ſo iſt, ſo mache Du Dir nichts damit zu thun, Tom.“ „Ich nehme nur deshalb ein weniges, Va⸗ ter, damit Ihr nicht zu viel davon nehmen ſollt.“ „Schoͤnen Dank fuͤr gar nichts;: wann nehme ich jemals zu viel, Du Schlingel.“ „Nicht zu viel fuͤr'nen Mann, der auf ſei⸗ nen eigenen Pinnen ſteht, aber zu viel fuͤr'nen Mann auf zwei Beſenſtielen.“ „Halt's Maul, Meiſter Tom, oder ich werde einen von den Beſenſtielen losſchrauben, und on Dir auf die Schultern legen.“ „Bevor er noch aus dem Haltringe iſt, zahle ich Euch ſchon Ferſengeld. Was wollt Ihr dann thun, Vater?“ „Dich greifen, ſobald ich kann, Tom; ſo wie die Spinne die Fliege faͤngt.“ „Wozu ſoll es nuzen, wenn Ihr nicht zehn Minuten Unwillen hegen koͤnnt.“ ————;—.-— — 165— „Sehr wahr, Tom! alſo danke Du dem Himmel, daß Du ein Paar geſunde Beine haſt, und Dein Vater keine.“ „Recht oft dank' ich dem Himmel, das iſt die Wahrheit davon; aber wozu kann's nur helfen, uͤber'n Tropfen Rum oder'ne Hand⸗ voll Zucker zu zuͤrnen.“ „Das kommt, weil Du mehr nimmſt, als Dir gebuͤhrt.“ „Gut, nehmt Ihr ſoviel weniger und alles iſt in der Ordnung.“ „Heh! ſag' mir, weshalb ſollt' ich weniger nehmen?“ „Weil Ihr nur'n halber Mann ſeyd; Ihr habt fuͤr keine Beine zu ſorgen, wie ich.“ „Nun laß Dir ſagen, Tom, das iſt eben die Urſache, weshalb ich mehr nehmen muß, mein alter Koͤrper bedarf Troſt fuͤr den Ver⸗ luſt der Beine.“ 3 „Mit dem Verluſt Eurer Beine verlort Ihr Euren Ballaſt, Vater, und deswegen duͤrft Ihr nicht zu viele Segel beiſezen, oder Ihr werdet einmal in dunkeler Nacht uͤber Bord ſtraucheln. Wenn ich den Grog trinke, ge⸗ ſchieht's ganz zu Eurem Beſten, ſeht Ihr.“ „In dem Betrachte biſt Du jedenfalls ein — 166— pflichterfuͤllender Sohn; und'n ſuͤßer Junge biſt Du auch, ſo weit der Zucker reicht; aber Jakob ſoll mit mir in der Kajuͤte ſchlafen, und Du magſt Deine Decke im Vorderfchiffe ausbreiten.“ „Nun das erſcheint mir ganz unnatuͤrlich, weshalb Vater und Sohn trennen?“ „Das iſt's nicht genau; ſ'iſt nur Sohn und Rumflaſche trennen.“ „Voͤllig ſo grauſam; weshalb zwei ſo gute Freunde von einander bringen?“ „Vonwegen, Tom, daß er zu ſtark fuͤr Dich iſt, und Dich zuweilen dielt.“ „Nun das verzeih' ich ihm; 8' geſchieht Al⸗ les in froher Laune.“ „Du biſt'n Schalk, Tom, aber vergebens wedelſt Du mit der Zunge. Starkes Getraͤnk taugt nicht fuͤr'nen Knaben wie Du biſt, und Dein Hang dazu iſt im Wachſen.“ „Nun, wachs' ich nicht duch⸗ wir wachſen zuſammen.“ „Ohne ihn wirſt Du noch ſchneller wachſen.“ „Ich wuͤnſche gar nicht, ein großer Mann zu werden, niedergeſtuͤmmelt wie Ihr.“ „Maͤre ich kein hochgewachſener Mann gewe⸗ ſen, ſo haͤtten ſie mir den Athem fuͤr immer — — — 167— verkuͤrzt; die Kugel, die mir beide Beine fort⸗ riß, haͤtte Dich mitten durchgetheilt.“ „Und'ne Kugel, die Euch den Kopf abge⸗ ſchlagen haͤtte, wuͤrde uͤber dem meinigen hin⸗ ſauſen; alſo ſind wir wiederum gleich.“ „Und hier iſt der Grog in Sicherheit,“ er⸗ wiederte der alte Tom, zog den Schluͤßel ab und ſteckte ihn in ſeine Taſche.„Das iſt'n Riegel uͤber Alles; und ſomit wollen wir auf's Verdeck gehen.“ Ich habe dieſes Geſpraͤch angefuͤhrt, weil es dem Leſer den beſten Begriff von Tom und deßen Art mit dem Vater umzugehen, geben wird. Tom liebte ſeinen Vater, und wiewohl ſpizbuͤbiſch und gar zu luͤſtern nach Trinken, wenn er ſtarken Geiſt haben konnte, war er doch weder ungehorſam, noch laͤſterlich. Wir hatten Batterſea⸗Feld faſt erreicht, als ſie wieder auf's Verdeck kamen. „Weißt Du, Jakob, auf welche Weiſe das Kirchſpiel Batterſea in Beſiz dieſer Feldflur kam?“ „Nein, das weiß ich nicht.“ „Gut, ich will Dir's erzaͤhlen; es war, weil die Leute aus Batterſea menſchlicher und mit⸗ leidiger waren, als ihre Nachbarn. Es gab — 168— eine Zeit, in der dieſe Feldbreiten gar keinen Werth hatten, jezt ſagt man, ſie waͤren'ne ganze Muͤnze von Gold werth. Der Leichnam eines im Strome ertraͤnkten armen Teufels ward in der Gegend an's Ufer geſpuͤlt und keine der angraͤnzenden Gemeinen wollte die Koſten zu deßen Beerdigung tragen. Wiewohl die Bewohner von Batterſea am aller wenig⸗ ſten dazu aufgefordert werden konnten, wollten ſie doch nicht zugeben, daß die Leiche im Schlamme liegen bleibe, und ſie beſtritten die Koſten. Als nun ſpaͤter die Feldſtrecken Werth bekamen, waren die andern Gemeinen bereit genug ſie in Anſpruch zu nehmen, die Sache kam aber zum Rechtſpruche, und weil erwieſen wurde, daß Batterſea den Leichnam begraben hatte, ward entſchieden, daß dieſem Kirchſpiele die Felder zugehoͤrten. Auf ſolche Weiſe wur⸗ den ſie fuͤr ihre Menſchlichkeit gut belohnt und verdienten es auch.— Herr Drummond ſagt, daß Du den Strom gut kennſt, Jakob.“ „Ich ward darauf geboren.“ .„Ja, das hab' ich gehoͤrt, ſo wie die ganze Geſchichte vom Tode Deines Vaters und Dei⸗ ner Mutter. Dem Tom habe ich es wiederge⸗ — 169— ſagt, weil der gar zu gerne ſeine Gurgel ſpuͤlt.“ „Seht, Vater, riſ gar nicht noͤthig, den Jakob daran zu erinnern; die Thraͤnen ſtehen ihm ſchon in den Augen 5 erwiederte Tom mit Theilnahme. „Ich wollte, Du haͤtteſt nie'nen andern Tropfen im Auge— aber laß's gut ſeyn, Jakob, ich bedachte nicht was ich ſagte.— Schau', ſieh'ſt's kleine Haus da mit den zwei Schornſteinen— das iſt meines, und da wohnt meine Alte— mich wundert, was ſie jezt ge⸗ rade vornehmen mag.“ Eine Weile ſchwieg der alte Tom, ſeine Au⸗ gen waren auf den Gegenſtand geheftet, dann brach ſein Geſang hervor: „Ich durchfuhr die weiten Meere, ich betrat den oͤden Strand, Kaͤmpfte ſereic oft in Schlachten, ſchuͤrte manchen wilden Brand; Laute Todesdonner rollt' ich auf gepeitſchter Wogen b Graus; Ruhm und Reichthum fand ich nimmer;— doch die Heimath fand ich aus.“ „Tom, Junge, zieh' den Kahn herbei und I. 11* — 170— rudre mit dem Buͤndel an's Land; frag' die alte Frau, wie's ihr geht, und ſag' ihr, ich ſey munter.“ Augenblicklich war Tom im Kahne und ru— derte luſtig dem Ufer zu. „Das erinnert mich daran, wie ich zu mei⸗ ner Mutter zuruͤckkehrte nach den erſten drei Jahren meines Seedienſtes. Vom Schiffer borgte ich den Nachen— ich war in'nem Groͤnlands⸗ fahrer, meinem erſten Schiffe, und ruderte an's Land zu meiner Mutter Huͤtte unter dem Riff. Ich dachte, die alte Seele haͤtte den Tod ge⸗ nommen vor Freuden.“ Nun verſank er in Schweigen, wiſchte ſic eine Thraͤne aus dem Auge und begann dar⸗ auf ſeiner Gewohnheit nach Sotto voce zu ſingen: „Nun, was iſt's Dir denn, daß mein Auge mir thraͤnt, Mußt wißen, daß Wolluſt in Thraͤnen auch weilt.“ Nach einer zweiten Pauſe fuhr er fort:„wie unſaͤglich elend fuͤhlte die arme Frau ſich, als ich zur See gehen wollte,— wie bat fie mich und flehete;— Jungens haben kein Gefuͤhl, das iſt ganz gewiß. 1 — 171— „O Bub' verlaß' mich nicht um ferne Flur, Mein Bub' bleib' hier, ich habe Dich ja nur z Gedenk' der Mutter, denk' an Sturm und Welle, Die Mutter haͤngt an dir, ſteht auf des Grabes Schwelle.“ „Inzwiſchen ward ſie's zulezt gewohnt, ſo wie die Frau vom Aal ſagte, dem ſie die Haut abzog.— Tom iſt'n guter Junge, Jakob, aber nicht ſo zuverlaͤßig wie man das von Dir lobt. Seine Mutter verzieht ihn und ich kann's auch nicht uͤber's Herz bringen, ihm was zu⸗ wider zu thun; denn das Herz ſizt ihm bei dem Allen doch auf dem rechten Flecke. Da iſt die alte Frau und ſchwenkt uns ihr Schuͤßel⸗ tuch entgegen als'n Signal. Ich wollt', ich waͤre ſelber an's Land gegangen, aber ich kann niemals in dieſe kleinen papiernen Boote tre⸗ ten, ohne daß meine hoͤlzernen Fußzehen unten durch den Boden dringen.“ — 172— 8 Neuntes Kapitel. Die beiden Toms machen Protokolle.— Friedenstrak⸗ tat abgeſchloßen zwiſchen den kriegfuͤhrenden Maͤch⸗ ten.— Eine Menge Lieder und Abendeßen.— Die groͤßte Anhaͤufung von gebratenem Fleiſche, deren die Geſchichte erwaͤhnt⸗ 5 Tom ſchob den Kahn wieder vom Ufer ab, auf dem halben Wege zum Lichter zog er ſeine Ruder ein, waͤhrend die Mutter noch am Waſ⸗ ſer ſtand, uns zu betrachten. „Tom! Tom!“ kreiſchte die Alte vom Ufer her und drohete ihm mit geballter Hand, waͤh⸗ rend er ſeinen Kopf niederbeugte;„wenn Du's thuſt, Tom!“ Auch der Vater ballte ſeine breite Fauſt auf dem Lichter und drohete, wobei er ebenfalls rief:„Tom! Tom! wenn Du's wagſt, Tom!“ — 173— Tom aber konnte von keiner der Partheien erfaßt werden; er zog eine Flaſche aus dem Korbe hervor, den ſeine Mutter ihm anvertraut hatte, ſezte die an den Mund und that einen langen Zug.— 4 „Das iſt genug, Tom!“ kreiſchte die Mutter vom Ufer her. „Das iſt zu viel, Du Schurke!“ ſchrie der Vater ihm aus der Barke zu. Tom beachtete inzwiſchen keine dieſer Abmah⸗ nungen, er nahm ſich, was ihm ſein Zukom⸗ mendes daͤuchte, und ruderte alsdann gelaßen zur Schiffsſeite, wo er den Korb und ein Buͤn⸗ del mit reiner Waͤſche auf das Verdeck reichte. Alsdann gab er das Bindſeil des Kahnes ſei⸗ nem Vater, der, wie ich gewahrte, die Abſicht hatte, ihn mit dem loſen Ende deßelben zu begruͤßen ſobald er herauf kommen wuͤrde; Tom war aber zu ſchlauz— mit einem Stoße trieb er das Boot voraus und war oben auf dem Verdecke und im Vorderſchiffe, bevor ſein Vater zu ihm hinſtumpeln konnte. Die große Luke war geoͤffnet und dieſes Hinderniß wußte Tom zwiſchen ſich und ſeinen Vater zu brin⸗ gen, bevor er anfing mit ihm zu eroͤrtern. — 174— „Was gibt's denn, Vater?“ ſagte Tom laͤ⸗ chelnd und blickte mich an. „Was's gibt, Du Lotterbube! Wie darfſt Du Dich unterſtehen, die Flaſche anzuruͤhren?“ „Flaſche?— die Flaſche iſt da, ſo gut als jemals.“ „Den Grog mein' ich— wie durfteſt Du wagen, den zu trinken?“ „Ich war halben Wegs zwiſchen meiner Mut⸗ ter und Euch, da hab' ich gut's Wohlergehen und langes Leben zu Euch Beiden getrunken. Heißt das nicht'n pflichtmaͤßiger Sohn ſeyn?“ „Ich wollte, ich haͤtte meine Beine wieder, Du Schurke.“ „Ihr meint, Vater, daß Ihr wuͤnſcht, Ihr haͤttet den Grog wieder.— Ihr muͤßt zwiſchen beiden Eure Wahl treffen— denn wenn Ihr den Grog haͤttet, wuͤrdet Ihr nicht auf den Beinen bleiben.“ „Was das Grogtrinken anbetrifft, Du Lot⸗ terbube, ſcheinſt Du entſchloßen, in meine Schuh zu treten.“ „Nun, Euch ſind Schuhe jezt von keinem Nuzen, Vater— alſo, weshalb ſollt' ich nichte Warum vertraut Ihr mir nicht?— Haͤttet Ihr den Schenkſchrank nicht zugeſchloßen, ſo wuͤrde ich mir nicht ſelber mein Theil genom⸗ men haben.“ Tom's Schuhband war losgegangen und er buͤckte ſich, um ihn feſtzubinden. Der alte Tom, immer noch erboßt, hielt das fuͤr eine gute Ge⸗ legenheit, beſonders da des Sohnes Kopf nach der andern Richtung gewendet war, um uͤber die Backſteine hinzuſchreiten, womit der Lichter, wie ich vorhin erwaͤhnte, bis zum Rande der Hauptluke beladen war, und ihn zu uͤberfal⸗ len. Tom, der mit keinem Gedanken an dieſes Mandoͤvre dachte, wuͤrde ſicherlich gefangen ſeyn, wenn nicht zu ſeinem Gluͤcke einer der obern Backſteine umgeſchlagen und des Vaters hoͤl⸗ zernes Bein demzufolge zwiſchen zwei Stein⸗ ſchichten hinabgeglitten waͤre, die es feſt ein⸗ klammerten. Der alte Tom verſuchte, ſich los zu machen, vermogte es aber nicht. „Tom! Tom! komm' hier,“ rief er,„und zieh' mich heraus.“ „Nicht ich,“ antwortete Tom ganz kaltbluͤtig. „Jakob, Jakob, komm' Du her; lnuſß hin, Tom, und nimm das Steuer.“ „Nicht ich,“ erwiederte Tom. „Jakob, kehr' Dich nicht an's Steuer, die Barke wird wohl'ne Minute lang allein fort⸗ — 176— laufen,“ rief der alte Tom,„komm' und hilf mich los!“. Mich aber hatte dieſer Auftritt vergnuͤgt und mein Gefuͤhl neigte ſich mehr zu dem jungen Tom, deshalb erklaͤrte ich, es ſey unmoͤglich das Steuer jezt zu verlaßen, ohne die Barke auf die Sandbank getrieben zu ſehen. Ich blieb alſo und war begierig zu gewahren, wie beide Toms ſich aus ihren verſchiedenen Verlegen⸗ heiten ziehen wuͤrden. „Hol' der Henker dieſe——! Tom, Du Schuft, ſoll ich hier den ganzen Tag ſtecken bleiben ²“ „Nein, Vater, das vermuthe ich nicht.— Ich werde Euch gleich loshelfen.“ „Nun, und warum thuſt Du's nicht.“ „Weil ich erſt ein Uebereinkommen treffen muß. Ihr werdet nicht meynen, ich ſollte mich ſelber zu'ner Fuchtelei verhelfen, thut Ihr?“ „Ich will Dich nicht fuchteln, Tom. Moͤ⸗ gen mir die Hoͤlzer zerbrechen, wenn ich's thue.“ „Die ſind jezt ſchon auf gutem Wege zum Brechen, denk' ich.— Nun, Vater, ſind wir gleich.“ „Wie das?“ „Nun Ihr habt mir heute Morgen einen Rie⸗ gel vorgeſchoben, und nun ſizt Ihr ſelber in der Klemme.“ „Gut, dann hilf Du mir heraus, und ich ſchiebe den Riegel zuruͤck.“ „Wenn ich Euer Bein loͤſe, wollt Ihr dann den Schenkſchrank aufſchließen?“ „Ja⸗ „Und Ihr verſprecht mir'n Steifes nach dem Eßen?“ „Ja, ſo ſteif wie ich hier ſtehe.“ „Nein, das waͤre zu viel, denn das wuͤrde mich feſtſezen. Ich liebe es nur ſo etwa halb und halb, wie ich's eben nahm.“ Tom, der uͤberzeugt war, ſein Vater wuͤrde ſein eingegangenes Verſprechen erfuͤllen, begann ſogleich, ihm Huͤlfe zu leiſten; durch das Ab⸗ raͤumen einiger der oben liegenden Backſteine erloͤſte er ihn aus ſeiner Haft. Als der alte Tom wieder auf dem Verdecke umherſtumpeln konnte, bemerkte er:„ſ'iſt'n boͤſer Wind, der Niemandem Gutes weht. Der Verluſt meiner Beine hat Dich ſchon manchesmal gerettet, Tom.“ Die Fluth ſchwoll jezt gegen uns auf und deshalb mußten wir ankern. Tom, der die Kuͤche beſorgte, trug unſer Mittageßen auf, — 178— ſobald es fertig war; wir ſpeiſeten recht ver⸗ gnuͤgt und Tom bewies ſeinem Vater das voͤl⸗ ligſte Vertrauen. Weil wir im Laufe mehrer Stunden nicht wieder Anker lichten durften, verlaͤngerten wir unſere Malzeit, und nachdem der alte Tom ſein Verſprechen erfuͤllt und ſei⸗ nem Sohne ein ſteifes gegeben hatte, nahm er ſich ſelber ebenfalls eines oder wohl zwei und wurde recht geſpraͤchig. „Kommt, Vater, ſpinnt uns enen guten Faden; wir haben nichts zu thun, und Jakob wird's Vergnuͤgen machen, Euch zu hoͤren.“ „Nun, das will ich thun;“ antwortete er, „was ſoll's ſeyn?“ 3 „Feuer und Waßer, ohne allen Zweifel;“ erwiederte Tom. „Nun gut, ich will Euch von Beiden erzaͤh⸗ len, weil Ihr's wuͤnſcht; will Euch zeigen, wie ich durch Feuer in Seiner Majeſtaͤt Dienſt kam, und wie der Offizier, der mich preßte, durch Waßer aus dem Dienſt ging.— Ich war noch Lehrling und mir mogten etwa noch drei Monate an der vollen Lehrzeit fehlen; die, wenn ich ſie ausgedient haͤtte, mich gewiß nicht laͤnger vor dem Dienſt auf der Flotte ſchuͤzen konnte, als das Schiff, auf dem ich mich be⸗ — 179— fand, mit einer Ladung Ochſen nach der Oſt⸗ ſee ſegelte. Mindeſtens hatten wir deren zwei hundert an Bord, die an Vorrichtungen feſt⸗ gebunden auf allen Verdecken mit ihren Koͤpfen an den Schiffswaͤnden und ihren Hinterſeiten in das Schiff gekehrt ſtanden. Fett genug wa⸗ ren ſie beim Einſchiffen, aber bald verſchwand das; wir hatten heftiges Unwetter und das arme Vieh rollte gegen einander, und glitt und ſchwankte nach allen Richtungen, daß es 'n Jammer war,'s anſehen zu muͤßen. Gleich⸗ wohl waren ſie ſo eng an einander gepreßt, daß ſie ſich gegenſeitig aufrecht hielten, was ihnen bei den ſchweren Stuͤrmen von Nuzen war, die das Schiff umherſchleuderten, gleich einer Erbſe in der Blaſe. Wir waren zu einem großen Convoi ge⸗ ſtoßen, und eben im Begriff durch den Sund zu fahren, als, wie gewoͤhnlich, Windſtille ein⸗ trat; und heraus ruderten die Daͤniſchen Kano⸗ nenboͤte, uns anzugreifen. Das Kriegsſchiff, welches die Convoi fuͤhrte, betrug ſich mann⸗ haft; aber es lag von Windſtille getroffen und viele von unſern Fahrzeugen waren weit zu⸗ ruͤckgeblieben. Unſer Schiff war ziemlich gut mit herauf gekommen, nur zu dicht am Lande, — 180— und auf uns ruderten die Daͤnen ein, in der Hoffnung, eine Priſe zu machen. Sobald das Kriegsſchiff gewahrte, was der Feind im Schilde fuͤhre, ſchickte es zwei ſeiner Boͤte ab, um ihn zuruͤckzutreiben; aber es war zu ſpaͤt, um des Feindes Entern zu verhindern. Wir hatten nicht Luſt, Kopenhagen durch die Eiſengitter der Ge⸗ faͤngniße anzuſehen, ſondern verließen das Schiff in unſern Boͤten auf der einen Seite, grade als die Feinde es auf der andern erſtiegen, und ruderten den uns zu Huͤlfe kommenden Kriegs⸗ boͤren entgegen. Dieſe ruderten grade auf das Schiff zu, um es wieder zu nehmen, was ſie auch thaten, aber doch nicht, bevor der Feind es in Brand geſteckt und dann zu einem an⸗ dern unſerer Fahrzeuge ſich gewendet hatte. Sobald unſere Flottenmannſchaft das gewahrte, machte ſie Jagd auf die Daͤnen und uͤberließ uns das Loͤſchen der Flammen, die nun ſchon vorn und hinten im Schiffe hervorbrachen und gleich Schlangen zu den Haupttakeln empor⸗ zuͤngelten. Bald fanden wir, es ſey unmoͤglich; wir blieben, ſo lange Hize und Rauch es erlaub⸗ ten, dann aber mußten wir davon; nie werde ich das Gebruͤll und Geſtoͤne der armen Thiere — „ — 181— vergeßen, die nun lebendig gebraten wurden. Von den Daͤnen war es ein grauſam Ding, ein Schiff mit ſo viel liebem Vieh in Brand zu ſtecken. Einige hatten ſich losgerißen und liefen wuͤthend auf dem Verdeck hin und her, verwundeten andere und fielen durch die Luken hinab; andere ſtanden zitternd oder verſuchten ein wenig friſche Luft durch den dicken Rauch aufzuſchnauben; aber das furchtbare Gebruͤll und die Todesqual, welche das Feuer verbrei⸗ tete, das mit einemmale zwei hundert dieſer armen Geſchoͤpfe roͤſtete, ward zulezt ſo entſez⸗ lich, daß man es auf eine Meile weit haͤtte hoͤren koͤnnen. Wir thaten, was wir konnten; einem Duzend von ihnen ſchnitt ich die Kehlen ab; aber ſie arbeiteten und ſtießen ſo arg, ſtaͤubten ſich, fielen auf uns und trampelten uns nieder; einer lag auf mir und ich glaubte ſchon ebenfalls verbrennen zu muͤßen, denn nur erſt als Huͤlfe herbeikam, konnte ich unter dem armen Vieh heraus. Wir blieben, ſo lange es zu ertragen war, dann mußten wir ſie ihrem Schickſal uͤberlaßen. Die Flottenboͤte kehrten zuruͤck, nachdem ſie die Daͤnen vertrieben hatten, und erboten ſich recht freundlich, uns auf dem Schiff unterzu⸗ — 182— bringen, da wir doch unſer Schiff verloren haͤtten; alſo ſeht Ihr wohl, durch Feuer wurde ich zu Seiner Majeſtaͤt Dienſt gezwun⸗ gen. Das Boot, was uns nahm, gehoͤrte zu einer der Fregatten, die das Convoi begleite⸗ ten, und der Lieutenant, der in dieſem Boote befehligte, war ein fluchendes, ungeregeltes Menſchenkind, das lebte, als muͤße ſein Leben ewig dauern. Nachdem ich am Bord der Fre⸗ gatte war, fragte mich der Captain, ob ich Dienſt nehmen wolle, und da dachte ich, ich moͤgte dem Koͤnig eben ſo lieb in huͤbſcher Weiſe dienen und that's freiwillig. Das iſt im⸗ mer das Beſte, was Ihr thun koͤnnt, wenn Ihr genommen ſeyd und Euch nicht mehr hel⸗ fen koͤnnt, denn es wird mehr Vertrauen in Euch geſezt, als in'nen gepreßten Mann, der eigenſinnig iſt. Mir gefiel der Dienſt vom Anbeginn— der Captain war kein Grillenfaͤnger;— nach eini⸗ ger Leute Meinung war die Fregatte nicht ganz in Kriegsſchiffs⸗Manier gehalten, aber ſie war ein freundliches Fahrzeug, und die Bemannung wuͤrde dem Captain bis zum lezten Blutstropfen willig gefolgt und tapfer gefochten haben. Das iſt'n Schiff fuͤr mich; reinere und weißere — 183— Verdecke habe ich wohl geſehen, aber nirgend ſah ich begluͤcktere Herzen. Der einzige von den Offizieren, den die Matroſen nicht leiden mog⸗ ten, war der Lieutenant, der mich preßte; er hatte ein boͤſes Maul und keine Ueberlegung; und ſein Fluchen, es war wirklich graͤßlich wenn man die Worte anhoͤrte, die er aus ſei⸗ nem Munde hervorſtieß. Ich mache mir nicht viel aus'nem Fluche, der in der Hize des Augenblicks uͤberlaͤuft; er aber erfand die ſei⸗ nigen bei kaltem Blute und ſtieß ſie aus, wenn er in Wuth war. Nachdem die Convoi in Sicherheit gebracht worden, ſegelten wir heim und ein heftiger Sturmwind ſprang gradesweges gegen uns auf; ich hatte noch nichts Aergeres erlebt, das ploͤzliche Umſpringen des Sturmes erregte furcht⸗ baren Wogenaufruhr. Die Fregatte war ein ſehr altes Schiff, und wiewohl ſie oft in die Docks gebracht und unterhalb ausgebeßert war, hatten ſie doch ihr Oberwerk gar nicht unter⸗ ſucht, das war ſo morſch, wie Zunder. Es war um die Haͤlfte der Mittelwache, als der Wind durch die Takelung heulte, denn Segel hatten wir nicht auf ihr, ausgenommen'n Sezſegel und'n Verſuchſegel, da brach das Sezſegel, f 1g — 184— und eh ſie's verhindern konnten, legte die Fre⸗ gatte ſich breit. Der Lieutenant, von dem ich geſprochen habe, hatte die Wache, er ſchrie durch den heulenden Sturm und fluchte an die Matroſen, daß ſie's zerrißene Sezſegel nieder⸗ nehmen und die Sache wieder in Ordnung ſezen ſollten, als eine Welle, ja eine Welle bei⸗ nabe ſo hoch als der Hauptmaſt, die Fregatte grade auf ihrer breiten Seite traf, und weil die Bollwerke des Hinterdecks, wie ich ſchon geſagt habe, morſch waren, brach ſie dieſe dicht uͤber der untern Schiffswand ab, und ſpuͤlte ſie ſammt den Kanonen und der Mannſchaft auf dem Verdeck uͤber Bord. Der Beſanmaſt brach ebenfalls und ging mit, aber der Haupt⸗ maſt hielt Stand, und ich rettete mich dadurch, daß ich wie ein Neger mich an ihm feſtklam⸗ merte, waͤhrend ich wohl eine Minute lang unter dem Wogenſchwall blieb, der Alles mit ſich fortriß. Sobald das Waßer mich frei ließ, blickte ich auf und umher;— der Anblick war graͤßlich, das Hinterdeck war wie mit einem Meßer abgeſchnitten— nicht'ne lebendige Seele war darauf geblieben, ſo viel ich gewah⸗ ren konnte;— kein Menſch am Steuer, der Beſanmaſt mit der ganzen Takelung verſchwun⸗ den— die Wogen ſpuͤlten unaufgehalten her⸗ uͤber; die Boͤte waren vom Verdeck fortgeſchwemmt — oben war alles todtenſtill, deſto mehr Laͤr⸗ men war aber unten und auf dem Hauptver⸗ deck, denn das Schiff war beinahe voll Waſ⸗ ſers, die Matroſen ſtuͤrzten in ihren Hemden herauf und meynten, wir gingen zu Grunde. Zulezt kam auch der Captain heraufgekrochen und hielt ſich an den Bruchſtuͤcken feſt, ihm folgten der erſte Lieutenant und die Offiziere, allmaͤhlig ward Ordnung hergeſtellt, das Schiff wurde von den zerſplitterten Stuͤcken gereinigt und die Mannſchaft unter dem Halbverdeck ver⸗ ſammelt. Beim Namenverleſen antworteten ſie⸗ ben und vierzig Mann nicht,— die armen Teufel waren nach der andern Welt gerufen; auch der fluchende Lieutenant wurde mit ihnen vermißt. Darauf gingen wir auf's Verdeck und brachten die Fregatte mit ihrem nackten Maſt⸗ holze vor den Wind. Als wir hinten zum Taf⸗ farell kamen, deßen Bollwerk mit etwa ſechs Fuß vom Hinterdeck⸗Bollwerke zu beiden Sei⸗ ten ſtehen geblieben war, bemerkten wir, daß irgend etwas an die Seerntreppe ſich feſtge⸗ klammert hielt und von Zeit zu Zeit unter⸗ tauchte, wenn die Wogen ſich unter dem Hin⸗ — 186— terſchiffe emporwaͤlzten und dieſes vor den Wind trieben. Bald erkannten wir, es ſey ein Menſch, ich ging, warf dem armen Teufel eine Schling⸗ leine uͤber und man zog uns alsdann mit ei⸗ niger Schwierigkeit zuſammen auf's Verdeck. Es zeigte ſich, daß es der Lieutenant war, der, von der Schlagwelle hinabgeſpuͤlt, Mittel gefunden hatte, ſich an der Sternleiter feſt zu klammern, und auf dieſe Weiſe in wunderba⸗ rer Art errettet war. Lange Zeit verging, be⸗ vor er wieder zur Beſinnung kam und auf der ganzen Heimfahrt that er keinen Dienſt, bis wir zu Yarmouth⸗Einlauf kamen; die Wahr⸗ heit iſt, daß er ſogar mit Niemandem ſprechen wollte, ſondern im tiefſten Nachdenken ſchien. So wie wir ankerten, uͤberlieferte er dem Cap⸗ tain ſein Patent und ging an's Land; man ſagte, er ginge noch einmal zur Schule und laße ſich aufziehen zu'nem Pfarrer, fuͤr Al⸗ les was ich davon weiß, mag er am naͤchſten Sonntage irgendwo predigen. Alſo ſeht Ihr, ihn trieb's Waßer aus dem Dienſt, und mich zwang's Feuer hinein.— Da iſt'n Faden fuͤr Dich, Jakob.“ „Er gefaͤllt mir ſehr;“ erwiederte ich. . 8 „Und nun, Vater, gebt uns'n vollſtaͤndig Lied, keins von Euren abgerißenen Flicken.“ Der alte Tom ſtimmte„Nelſon's Tod“ in einem Vortrage an, der mir Melodie und Worte dieſen ganzen Abend hindurch in mei⸗ nen Ohren nachklingen ließ. Bevor die Ebbe uns noch diente, ging der Mond ſchon auf und wir lichteten unſer An⸗ ker; der alte Tom ſteuerte, waͤbrend ſein Sohn das Abendeßen zubereitete und ich im Vorder⸗ ſchiff ſcharf vorausblickte, damit wir nirgend anrennen moͤgten. Es war eine wunderliebliche Nacht, und waͤhrend wir unter den vielen Bruͤcken durchfuhren, erſchien die Eity wie er⸗ leuchtet, denn die Menge Gas bildete einen Lichtſtreif uͤber dem Gipfel der Gebaͤude, wel⸗ cher die Hauptſtraßen deutlich von den andern dunkeln Maßen erkennen ließ; des alten Tom Stimme ward wieder zuweilen vernommen, wenn der Schauplaz ſeiner Erinnerung grade etwas aus dem reichen Vorrathe ſeiner Sang⸗ weiſen heraufrief: „Liebchen komm', mit Honiglippen Murmle ſuͤß zu mir, Gleich wie Ruderſtriche wippen, Sanft im Mondſchein hier.“ — 188— Mich entzuͤckten dieſe Bruchſtuͤcke verſchiede⸗ ner Lieder, die Tom in ſo trefflicher Weiſe vortrug, in der Stille der Nacht ſchwammen die Toͤne auf dem Waßer hin und ſchwellten ihren Nachklang. Ich blickte zuruͤck um ihn zu betrachten, ſein Geſicht war zum Himmel ge⸗ richtet, er beſchaute den Mond, der majeſtaͤtiſch in Wolken ſchwamm und die ganze Landſchaft mit Silberhelle uͤbergoß. Das Waͤßer war ſo glatt wie ein Spiegel und die nun raſch hin⸗ abebbende Fluth hatte uns durch die dichten Reihen von Fahrzeugen im Einlaufe getrieben, jezt war das Ufer zu beiden Seiten des Stro⸗ mes frei und der alte Tom begann wieder: „Der Mond iſt auf, ſein Silberſtrah! Beleuchtet Fluren, Berg' und Thal; Solch lichter Glanz am Himmel gluͤht, Daß Liebchens Pfad zu mir, ſie ſieht.“ „Jakob, wie ſteht uns der ſtumpfe Thurm? auf der Steuerbord⸗Seite?“ „Ja— breit uͤber dem Bug; Ihr werdet beßer'nen halben Strich hoͤher ſteuern, die Stroͤmung treibt uns raſch.“ —-— — 186— „Haſt recht, Jakob; ſchau hinaus und ſag', wenn's genug iſt.— Feſt iſt's, Burſche. „Und ſollt' ein Woͤlkchen ihn bedecken, Iſt's, Dein Erroͤthen zu verſtecken; Dein Liebſter harrt; an ſeine Bruſt, Im Mondſchein komm', zu Lieb' und Luſt.“ „Tom, was haſt Du zum Abendeßen, Jun⸗ ge? Was roͤſteſt Du in Deiner Bratpfanne? S'riecht gut, jedenfalls.“ „Ja, und ich erwarte,'s wird auch gut ſchmecken. Ihr aber, Vater, ſeht den Mond*½ an und laßt mich mit meiner Bratpfanne das unſrige thun.“ 4 „Waͤhrend ich das meinige ſinge, Junge? nicht wahr?. „Der Mond ging auf, um den Altar Reih't ſich der Liebes⸗Pilger Schaar; Die Erd' in Himmelspracht gehuͤllt, Des Menſchen Bruſt mit Wonne fuͤllt.“ Der alte Tom ſchwieg, aber die Bratpfanne ſchmorte fort, ſchickte einen Geruch herauf, der, wenn auch dem Himmel nicht, dagegen uns — 190— Sterblichen ganz vorzuͤglich angenehm war, denn die friſche Luft machte uns Hunger. „Wie gehen wir jezt, Jakob.“ „Feſt geblieben und alles iſt recht; aber auf dem naͤchſten Revier werden wir Wind bekom⸗ men, und es moͤgte deshalb gut ſeyn,'s Haupt⸗ ſegel aufzuziehen.“ „Geh denn, Tom, und hilf Jakob. 7 „Die Zwiebeln kann ich nicht laßen, und wenn der ganze Lichter auch umſchlagen ſollte; ſie wuͤrden mir mehr Thraͤnen in die Augen treiben, wenn ich ſie jezt verderben ließe, nun ſie luſtig braten, als ſie beim Zerſchneiden ſchon gethan haben. Zudem wuͤrde die Leber ſo ſchwarz werden, als'n Krummholz.“ „Sez die Bratpfanne auf's Verdeck nieder, Tom, und hilf Jakob ſ' Segel aufziehen, biſt auch'n guter Junge. Kannſt ihr nachher noch ein gutes Umruͤtteln geben, oder ein Paar. „Mein Schifflein gleit' im ſuͤßen Duft, Den niederhaucht die reine Luft.“ „Das iſt recht, Burſche, ſo macht alles feſt nun wieder auf unſere Poſten; Jakob vorn zum ſſſſ.———— 4 Aufpaßen; Tom zu ſeiner Bratpfanne, und ich zum Steuer. „Kein Ton, kein Laut den Zauber bricht, Der nur im Fluthgemurmel ſpricht; Den Tag erſezend, zeigt die Nacht Den Weg uns bei des Mondlichts Pracht.“ „Nun der Mond iſt'n gar ſchoͤnes Geſchoͤpf, Gott ſegne ihn! Wie manches Mal haben wir uns in dunkeln Winternaͤchten beim Kreuzen im Kanal nach ihm geſehnt, wenn der Sturm die Wellen uͤber Eddyſtone hinpeitſchte und die in ihrer Bosheit verſuchten, das Leuchtfeuer auszuloͤſchen. Mich nimmt's gar nicht Wunder, daß die Leute Lieder auf den Mond machen, auch nicht, daß ich die ſinge. Wir wollen An⸗ ker werfen, wenn wir auf's naͤchſte Revier um⸗ biegen.“ Wir erreichten dieſes Revier noch mit der Ebbe, die nun ſchon merklich und ſchnell nach⸗ ließ. Unſer Anker ward niedergelaßen, wir gin⸗ gen zum Abendeßen und dann zu Bett. Ich bin ſehr umſtaͤndlich in der Beſchreibung des erſten Tages geweſen, den ich mit meinen neuen Schiffskameraden am Bord zubrachte;. dieſer mag nun als Muſterbild unſeres taͤgli⸗ chen Lebens gelten; Tom und ſein Vater wa⸗ ren im Streit und wurden wieder Freunde, es ward gekocht, geſungen und„der Faden ge⸗ ſponnen,“ inzwiſchen habe ich doch noch mehr Auftritte zu beſchreiben. Unſere Fahrt war beendigt; wir nahmen Ruͤckfracht ein und brachten dieſe den Strom hinauf zu des Eigenthuͤmers Werfte; hier fand ich, daß ich die naͤchſte Reiſe nicht wuͤrde mit⸗ machen koͤnnen, indem man die Verurtheilung von Fleming und Marables als nahebevorſte⸗ hend erwartete. Ich blieb alſo in Drummonds dung den Strom wieder hinabfuhr. * Hauſe, als der Lichter nach eingenommener La⸗ —— — Zehntes Kapitel. Ich helfe meinen ehemaligen Barkengefäͤhrten haͤngen, fuͤn ſeinen Verſuch mich zu erſaͤufen.— Ein gu⸗ ter Dienſt gewaͤhrt Anſpruch auf den andern.— Der Gegenſtand wird plözlich in Newgate been⸗ digt.— Ein Faden aus dem Rechtsgewebe.— Mit gehoͤriger Vorſicht und nach noͤthiger Vor⸗ bereitung unternimmt der Domine ſeine erſte Reiſe— nach Graveſend. Wenn ich mich recht entſinne, war es am 7. November, daß Fleming und Marables vor das Gericht in Old-Bailey geſtellt worden; 4 urz nach zehn Uhr befand ich mich mit Herrn Drummond und dem Domine im Gerichtshofe. Sobald die Richter ihre Size eingenommen, wurden die Angeklagten hereingefuͤhrt. Beide waren reinlich und gut gekleidet. An Fleming konnte ich nur ſehr geringe Aenderung wahr⸗ I. 13 — 194— nehmen; er war bleich, aber entſchloßen; Ma⸗ rables Ausſehen ſezte mich dagegen in Erſtau⸗ nen. Herr Drummond erkannte ihn Anfangs gar nicht, er, der fruͤher ſiebenzehn Stein wog, war bis auf hoͤchſtens dreizehn Stein herabge⸗ magert; ſeine Kleider umhingen ihn ſchlotternd; ſeine rothbluͤhenden Wangen waren verſchwun⸗ den;z ſeine Naſe war ſcharf geſpizt worden und ſein fruͤheres rundes Geſicht hatte ſich zu einem laͤnglichen Viereck umgeſtaltet. Indeß blieb ſei⸗ nen Zuͤgen immer noch natuͤrlicher, gutmuͤthi⸗ ger Ausdruck, und freundliches Laͤcheln ſpielte auf ſeinen Lippen. Aengſtlich forſchten ſeine Au⸗ gen im Gerichtsſaale umher;— er war ſich ſeiner ſchmachvollen Lage bewußt;— ſeine Schlaͤfen und ſeine Stirn roͤtheten ſich, dann wurde er wieder leichenblas und ſchlug die Augen nieder, als wuͤnſche er ſehnlich, nichts mehr zu ſehen. Nachdem die Anklage verleſen war, wurden Beide vom Gerichtſchreiber gefragt, ob ſie ſich ſchuldig oder nicht ſchuldig bekennten. „ Nicht ſchuldig,“ erwiederte Fleming mit kek⸗ ker Stimme.— „John Marables— ſeyd Ihr ſchuldig oder nicht ſchuldig?“ — 195— „Schuldig,“ erwiederte der,„ſchuldig, mein Lord;“ und bedeckte ſein Geſicht mit beiden Haͤnden. Gegen Fleming waren drei Anklagen erho⸗ ben— ein Angriff mit beabſichtigtem Mord; — der Beſiz geſtolener Sachen;— und ge⸗ waltſamer Einbruch in ein Wohnhaus an einem gewißen Tage. Ich erfuhr indeß, daß gegen ihn noch zwanzig andere Anklagen erhoben wer⸗ den konnten, falls dieſe nicht zum Zwecke fuͤh⸗ ren ſollten. Marables war der Betheiligung an der lezten Klage angeſchuldigt als Empfaͤnger von geſtolenen Sachen. Der Kronadvokat, der die Gerichtsprozedur begann, ſagte, daß Fleming, alias Barkett, alias Wenn, mit noch vielen andern Alias aus⸗ geſtattet, lange Zeit an der Spize einer hoͤchſt 1 gefaͤhrlichen Diebesbande geſtanden habe, welche viele Jahre hindurch die Metropolis verpeſtete; lange ſchon habe die Gerechtigkeit ihm nachge⸗ ſpuͤrt, er ſey aber verſchwunden geweſen, und man haͤtte angenommen, er habe das Koͤnig⸗ reich verlaßen, um der Strafe des Geſezes zu entgehen, der er durch ſeine Verbrechen verfal⸗ len war. Inzwiſchen ſchiene es, daß er einen Schritt gethan habe, der nicht nur die Poli⸗ — 196— zeioffizianten verblendete, ſondern der zugleich der Diebesbande moͤglich gemacht hatte, unge⸗ ſtrafter als vorher ihr ruchloſes Handwerk zu treiben. Fleming hatte ſich in einem Lichter auf dem Strome verborgen, und weil er ſich den Anſchein eines fleißig darin beſchaͤftigten Men⸗ ſchen gab, der durch Erfuͤllung ſeiner Pflichten wie ein ehrlicher Mann ſein Unterkommen ver⸗ diente, hatte er durch dieſes Mittel ſich im Stande geſehen, ſeinen Einfluß zu vergroͤßern, die Zahl ſeiner Diebsgefaͤhrten und ſeiner ver⸗ wegenen Anſchlaͤge zu vermehren. Einbruͤche wuͤrden hauptſaͤchlich durch Bekanntmachung der geſtolenen Sachen entdeckt und die große Schwie⸗ rigkeit beſtehe fuͤr dergleichen Miße haͤter darin, bereitwillige Abnehmer zu finden— denn die Empfaͤnger geſtolener Dinge wuͤßten recht gut, daß die Diebe von ihnen abhingen, und ſich mit dem begnuͤgen muͤßten, was ſie zahlen wollten. Um dieſe Schwierigkeiten zu entfer⸗ nen, hatte Fleming ſich am Bord eines Strom⸗ fahrzeuges verborgen, welches zum Aufbewah⸗ rungsplaze der geſtolenen Guͤter diente. Solche Sachen, die an einem Orte geſtolen waren, wurden nun von ihm und ſeinen Verbuͤndeten Strom auf und Strom ab gefuͤhrt und in wei⸗ * — 197— ter Ferne vom Orte des Diebſtahls verkauft, dadurch kamen die Sachen niemals ſo an das Tageslicht, daß die Polizei haͤtte befaͤhigt werden koͤnnen ſie wieder zu erkennen, oder ihnen nachzuſpuͤren. Mit ungemeinem Erfolge war dieſes Raubſyſtem waͤhrend zwoͤlf Monden verfolgt und wuͤrde hoͤchſt wahrſcheinlich noch jezt nicht entdeckt worden ſeyn, wenn nicht uͤber die Vertheilung der Ausbeute Streit entſtan⸗ den waͤre, der zwei der Mitverbuͤndeten ver⸗ mogte, den Stromoffizianten Anzeige zu ma⸗ chen.— Eine noch ernſtere Anklage gegen den Gefangenen beruhe auf deßen Mordverſuche ge⸗ gen einen Knaben, Namens Jakob Ehrlich, der, wie es ſchien, beargwohnte was vorging und aus Pflicht gegen ſeinen Herrn genau Acht gab, auch Andern fruͤher ſchon mitgetheilt hatte, was er von Zeit zu Zeit entdeckte. Dieſer Bur⸗ ſche ſey der Hauptzeuge gegen Fleming und auch gegen Marables, von welchem leztern er nur anfuͤhren koͤnne, daß waͤhrend der Gerichts⸗ verhandlung ſich Umſtaͤnde ergeben wuͤrden, die der Aufmerkſamkeit des Lord Oberrichters nicht entgehen koͤnnten.— Er wolle die Herren Geſchworenen nicht unnoͤthig aufhalten, ſon⸗ dern ſogleich ſeine Zeugen vorrufen. — 198— Demgemaͤß ward ich aufgefordert, man legte mir die nämliche Frage in Betreff des Eides wieder vor und hoͤrte alsdann meine Ausſage, die ſorgfaͤltig mit der fruͤher von mir abgegebe⸗ nen verglichen wurde. Fleming's Advokat rich⸗ tete einige Gegenfragen an mich, vermogte aber nicht, mich zu Widerſpruͤchen zu bringen; ich benuzte jede Veranlaßung, um von Marables Gutes zu ſagen. Nachdem auch der Polizeioffizier verhoͤrt war, der mich aufgeſiſcht hatte, war der Bewe is zu klar, um noch Zweifel zuzulaßen; die Geſchwo⸗ renen erkannten Fleming und Marables ſchul⸗ dig, empfahlen leztern aber dringend der Gnade der Krone. Der Richter erhob ſich, ſezte ſeine ſchwarze Muͤze auf und ſprach: „Ihr William Fleming ſeyd von einem Schwurgerichte Eurer Landsleute gerichtet. Ihr habt unparteiiſche und billigdenkende Richter gehabt und ſeyd ſchuldig erkannt. Noch viele andere Anklagen waren gegen Euch in Bereit⸗ ſchaft. Euer Leben iſt eine Reihefolge von Ver⸗ brechen geweſen, die Ihr nicht nur ſelber be⸗ gingt, ſondern zu denen Ihr Andere anlocktet und reiztet. Euch einen Strahl von Hoffnung — 109— auf Gnade zu zeigen, iſt unmoͤglich. Euer Le⸗ ben iſt den Geſezen Eures Landes verfallen, und Euer Urtheil iſt, daß Ihr aus dieſem Ge⸗ richtshofe nach dem Orte gefuͤhrt werdet, wo⸗ her Ihr kamt, und von da zum Richtplaze, um bei Eurem Halſe aufgehaͤngt zu werden, bis Ihr todr ſeyd; und mag Gott in ſeiner unendlichen Barmherzigkeit Eurer Seele Gnade ſchenken! „Ihr John Marables habt Euch ſchuldig er⸗ klaͤrt, und waͤhrend der Gerichtsverhandlung hat ſich ergeben, daß, wiewohl Ihr Theilneh⸗ mer an verbrecheriſchen Handlungen waret, Ihr dennoch nicht ganz verſtockt ſeyd.(„Nein! nein!“ rief Marables.) Ich glaube es wirklich nicht und bedaure ſchmerzlich, daß einer, der vor dieſer ungluͤcklichen Verbindundg ein ehrenhaf⸗ ter Mann geweſen iſt, ſich nun in ſo ſchmachvol⸗ len Verhaͤltnißen beſindet. Die Stimme der Gerechtigkeit fordert ſtrenge Beſtrafung und das Geſez verurtheilt Euch, inzwiſchen hoffe ich, daß eine Verwendung zu Eurem Beſten bei Eurem Souverain nicht vergebens gemacht wer⸗ den wird.“ Herr Drummond und der Domine beglei⸗ teten mich nach Hauſe. Eine Woche ſpaͤter ward — 200— das Urtheil an Fleming vollzogen, Marables ſollte auf Lebenszeit transportirt werden doch bevor das Schiff ſegelte, ward die Strafe bis auf ſieben Jahre gemildert. Nach ein Paar Tagen kam der Lichter zu⸗ ruͤck, mir ward an einem ſchoͤnen ſonnigen Morgen, als ich noch auf meinem Bette lag, ſeine Ankunft durch eine wohlbekannte Stimme verkuͤndet, deren Geſang meinen Schlummer alsbald verſcheuchte: „Hell glaͤnzend iſt der Morgenſtrahl, Und ſuͤß der Thau, den Blumen nippen, Doch ſchoͤner Liebchens Augenſtrahl.— „Tom, Du Affe, leg den Werpanker hin und wirf die Schuzkraͤnze uͤber die Seite. Sey flink, oder der Alte wird uͤber ſeine rothe Farbe brummen. „und füͤßer, Thau von ihren Lippen.“ Ich ſprang von meinem Bette auf, oͤffnete das Fenſter, deßen Scheiben mit Froſtblumen kriſtalliſirt waren, und gewahrte die eben am Werfte befeſtigte Barke; die Sonne ſchien — 201— freundlich, des alten Toms Geſicht war ſo hei⸗ ter wie der Morgen, und der junge Tom lach⸗ te, ſprang umher und ſchnippte mit den Fin⸗ gern. Schnell war ich gekleidet und bei ihnen. „Nun, Jakob, wie gefaͤllt Dir Old⸗Bailey? Nur einmal in meinem Leben war ich darin, und denke nicht wieder hinzugehen, wenn ich's aͤndern kann; das war, als Samuel Boßel verurtheilt werden ſollte, aber meine Ausſage rettete ihm ſein Leben. Ich will Dir erzaͤhlen, wie das war. Tom, mach' Du das Fruͤhſtuͤck zurecht, eine Schaale Thee wird uns an die⸗ ſem kalten Morgen gut thun. Alſo komm, mach fort! 4 .„Aber ich habe die Geſchichte von Sam usl Boßel noch nicht gehoͤrt,“ antwortete Tom. „Was geht die Dich an? Ich erzaͤhle ſie an Jakob.“ „ Ich will ſie aber auch hoͤren;— alſo fangt an, Vater, ich will Euch in Gang helfen. Nun ſeht Ihr, Samuel Boßel.“ „Meiſter Tomas, wer mit Boßeln ſpielt, mag Fauſtſchlaͤge bekommen. Nimm Du Dich in Acht, daß ich Dir Dein Fell nicht boßele. Fort, Du Dieb, und mach uns Fruͤhſtuͤck.“ „Nein, ich will nicht; wenn ich Eure Boßel — 202— nicht bekomme, ſollt Ihr keine Schaale Thee haben; das iſt feſt beſchloßen.“ „Ich ſage, Tom, Du wirſt nicht eher gut thun, als bis Deine beiden Beine Dir abge⸗ nommen ſind; und ich habe große Luſt, nach im Kurſchmidt zu ſchicken.“ „Vielen Dank, Vater, ich finde ſie aber recht nuͤzlich.“ „Nun,“ redete ich ein,„wie wärs, wenn wir die Geſchichte bis nach dem Fruͤhſtuͤck auf⸗ ſparten,— ich will Tom helfen, es in Ord⸗ nung zu bringen.“ „So mag's ſeyn, Jakob;— ich vermuthe, der Thomas muß ſeinen Willen haben, denn ich ſelber hab' ihn verwoͤhnt. Ich hab' ihm das „Fadenſpinnen“ ſo lieb gemacht, alſo war ich ein Narr, daruͤber zu kritteln. „Das Leben ein Strom iſt, und Nache darauf Der Menſch, der nothwendig verfolgt Stromes Lauf; Und Luſt iſt'ne Ladung ſo trefflich, auf's Wort, Daß Narren nur nehmen den Kummer an Bord.“ „Jezt will ich an's Ufer gehen zum Herrn, und hoͤren, was demnaͤchſt geſchehen ſoll. Gib mir meinen Stock, Junge, dann werd ich mit 8 — 203— mehr Sicherheit uͤber die Planke hinkriechen koͤnnen. Ein ſicherer Stuhl, weißt Du wohl, muß drei Beine haben.“ Der alte Tom ſtumpelte zum Ufer; nach ei⸗ ner Viertelſtunde kam er zuruͤck und brachte ein halbes Duzend geraͤucherter Haͤringe mit. „Hier, Tom, mach' uns dieſe Rothroͤcke auf'm Roſt zurecht; ich ſage, Jakob, wer iſt der lange alte Geſell mit ſo'nem Teufel von'nem Waſ⸗ ſerpfluͤger, den ich ſo eben bei dem Herrn ge⸗ troffen habe? Wir ſind diesmal nach Sheerneß beſtimmt, und ich ſoll'n zu Greenwich an's Land ſezen.“ „Wen, den Domine?“ erwiederte ich, ihn aus der Beſchreibung des Alten erkennend. „Ein D war der Anfangsbuchſtabe ſeines Namens, aber ſo hieß er nicht.“ „Dobbs?“ „Ja, das kommt naͤher; er ſoll als Paßa⸗ gier mit uns hinabfahren, um einen Freund zu beſuchen, der ſehr krank iſt.— Nun, Tom, mein Herzblatt, krame Deine Waaren aus, denn ich bedarf ein wenig innerliche Ausfuͤtte⸗ rung.“ Wir fruͤhſtuͤckten, ſobald der alte Tom ge⸗ — 204— endet hatte, wuͤnſchte ſein Sohn die Geſchichte von Samuel Boßel zu hoͤren. „Nun ja, die ſollt Ihr hoͤren. Sam' Boßel war ein Schiffskamerad von mir am Bord ei⸗ nes Groͤnlandfahrers; er war einer unſerer be⸗ ſten Harpuniere, und ſo ein guter, friedlicher, ehrlicher Geſell, als jemals in'ner Haͤngmatte ſchwankte. Er war mit ſo'nem huͤbſchen Stuͤcke Fleiſch getrauet, als man nur ſehen konnte, doch die war ſo gut nicht, als ſie ausſah. Wir ruͤſteten uns zu einer andern Reiſe und ſeine Frau hatte einige Wochen mit ihm am Bord gelebt, denn Sam' war gewaltig in ſie verſeſ⸗ ſen, und konnt's nicht aushalten, wenn ſie nicht um ihn war. Weil wir in wenigen Ta⸗ gen unter Segel zu gehen erwarteten, machten wir die Mannſchaft vollzaͤhlig, und taͤglich ka⸗ men neue Matroſen an Bord. 3 „Eines Morgens kam ein ſchoͤner, langge⸗ wachſener Geſell mit'nem Zopf ſo dick wie'n Kabeltau an Bord und bot ſich an; der Schif⸗ fer ward mit ihm einig und er ging an's Land zuruͤck, ſein Geſchirr zu holen. Er war noch auf dem Verdecke, als ich hinab ging und Sam' fand, der ſeine kleine Frau auf den Knieen ſchaukelte, und ſie ſpielte mit ſeinen — 205— Liebeknoten; ich erzaͤhlte, wir wuͤrden einen außerordentlich großen und wohlausſehenden Matroſen zur Mitfahrt auf's Schiff bekommen. Sam's Frau, die, wie alle Weiber, neugierig war, ſteckte den Kopf durch die Luke, um ihn zu betrachten. Mich duͤnkte, daß ſie den Kopf recht ſchnell wieder herabzog, dann machte ſie eine Entſchuldigung, um vorn in's Schiffauge zu gehen, wo ſie eine Zeitlang blieb, und als ſie darauf zuruͤckkam, Samuel erklaͤrte, daß ſie an's Land wolle. Weil es aber vorher ab⸗ geredet war, daß ſie am Bord bleiben ſollte, vis wir den Strom hinab waͤren, ſo konnte Samuel nicht begreifen, was ihr mit einem⸗ male einfiel; ſie beſtand aber darauf und ver⸗ ließ zu ihres Mannes Verdruß und Aerger das Schiff. Abends ging Samuel an's Land und ſuchte ſie auf— nun was denkt Ihr wohl, was dieſe kleine Jezabel ihm ſagte?— einer der Matroſen habe ſie unanſtaͤndig behandelt, als ſie zum Schiffsauge ging, und deshalb habe ſie nicht am Bord bleiben wollen. Sa⸗ muel wurde teufelmaͤßig wild und wollte wiſ⸗ ſen, welcher es geweſen ſey; ſie aber beſaͤnf⸗ tigte ihn und wollt's ihm nicht ſagen, weil ſie füͤrchtete, er moͤge beſchaͤdigt werden. Zulezt — 206— ſchmeichelte ſie ihn ganz weich, und ſchickte ihn voͤllig zufrieden geſtellt an den Bord zuruͤck. Wir blieben noch drei Tage und fuhren dann nach Greenwich hinab, wo der Captain an Bord kommen wollte, um mit dem erſten gu⸗ ten Winde unter Segel zu gehen. Der huͤbſche lange Matroſe war mit uns im Schiffe, als wir hinabfuhren, und waͤhrend Sam ſeine Suppe ißt, zieht der Andere einen Tabaksbeu⸗ tel von Seehundfell heraus, der recht ſchoͤn vom weißgefleckten Bauchſtuͤcke eines jungen Thieres gemacht war. „Ich ſage, Kamerad,“ rief Sam,„gebt mir meinen Tabaksbeutel, wo habt Ihr den auf⸗ gegabelt?“ „Euren Beutel,“ antwortete der,„den See⸗ hund hab' ich ſelber getoͤdtet und mein Liebchen hat mir den Beutel gemacht.“ „Nun, das heiß' ich kalt! Ihr koͤnntet'nen Mann ſein Leben abſchwoͤren, Kamerad.— Tom, ſag Du, iſt das nicht mein Beutel, den meine Frau mir gab, als ich von der lez⸗ ten Reiſe zuruͤckkam?“ „Ich beſah ihn mir, erkannte ihn wieder und ſagte das.— Der lange Geſell leugnete ab und nun hatten wir den Teufel ſeinen Aufruhr. — 207— Sam' nannte ihn Dieb, und er warf Sam' durch die Hauptluke hinab zwiſchen die Stuͤck⸗ faͤßer. Darauf kam's zum regelmaͤßigen Boren. Sam' ward ganz morſch geblaͤuet und mußt's angeben. Als das Gefecht uͤber war, nahm ich Sam's Hemde, damit er es wieder anziehen ſolle. „Das iſt mein Hemde,“ rief der lange Ge⸗ ſell. „Es iſt Sam's Hemde!“ erwiederte ich; „ich weiß es gewiß.“ „Ich ſage, es iſt meines,“ entgegnete der Matroſe;„mein Maͤdchen gab mir's, um's anzuziehen, als wir heute fruͤh aufſtanden.— Das andere da iſt ſein Hemde.“ 4 „Wir beſahen das andere und fanden, daß beide Hemden dem Samuel gehoͤrten. Als er dies nun erfuhr, rechnete er zwei und zwei zu⸗ ſammen, wurde ſehr eiferſuͤchtig und unzufrie⸗ den; es duͤnkte ihn ſonderbar, daß ſeine Frau das Schiff hatte eilig verlaßen wollen, ſobald dieſer lange Geſell an den Bord kam, der Ta⸗ baksbeutel und das Hemde verwirrten ihn vol⸗ lends. Seine Frau hatte verſprochen, nach Green⸗ wich herabzukommen, um ihn abfahren zu ſe⸗ hen. Als wir ankerten, gingen mehre Matroſen 208— und unter dieſen auch der Lange an's Land. Samuel, deßen Kopf aufgeſchwollen war wie ein Kuͤrbiß, trug einem ſeiner Bekannten auf, ſeiner Frau zu ſagen, er koͤnne nicht an's Land und ſte moͤge an Bord kommen. Es mogte neun hr ſeyn, dunkele Nacht aber Stern⸗ licht, als Sam' zu mir ſagte:„Laß uns an's Land gehen, Tom, meine ſchwarzangelaufenen Augen ſind im Dunkeln nicht zu ſehen.“ Als wir eben in's Boot ſtiegen, gab der zweite Steuermann ſein Harpuneiſen an Sam', um es am Lande ausbeßern zu laßen. Sobald wir angelegt hatten, war Samuels erſter Gang zum Hauſe, in welchem er ſeine Frau wußte. Er ging die Treppe hinauf und ich folgte ihm; die Thuͤr war nicht verſchloßen und er trat hinein; da lag das Teufelsweib feſt eingeſchla⸗ fen in den Armen des langen Geſellen. Sam' vermogte ſeine Wuth nicht zu bemeiſtern und ſtieß dem Kerl die Harpune durch den Leib, eh' ich's abwehren konnte. Es war ein furcht⸗ barer Anblick; der Menſch aͤchzte und ſein Kopf fiel uͤber die Bettſeite herab. Das Weib ſchrie laut auf und machte Samuel dadurch noch wuͤthender, daß ſie ſich auf den Leichnam warf und weinte. Er wollte die Harpune herausrei⸗ — 2⁰9— zen, um auch ſie zu durchbohren, das war in⸗ deß unmoͤglich. Der Laͤrmen fuͤhrte die Leute aus dem Hauſe herbei und bald ward es be⸗ kanttt, daß Mord veruͤbt ſey. Die Konſtabel erſchienen und Samuel ward in's Gefaͤngniß geworſen, ich ging an den Bord zuruͤck und erzaͤhlte die ganze Geſchichte. Eben wollten wir Anker lichten, als ein Gerichtsbote kam und Beſchlag auf mich legte, ſo daß ich meine Reiſe einbuͤßte. Man brachte mich an's Land und be⸗ koͤftigte mich gut bis zum Gerichtstage. Sam' war des Mords angeklagt. Der Herr im ſchwar⸗ zen Mantel und Perrüͤcke fing ſeinen Faden an zu ſpinnen und ſagte, der Ermordete, Na⸗ mens Will Errole, ſey mit ſeiner eigenen Frau im Bette geweſen, ils Samuel ihn harpunirt habe. „Das iſt äagen⸗ ſchrie Sam',„er lag bei meiner Frau.“ „Mein Lord,“ ſagte der Advokat,„das iſt nicht der Fall, ſie war ſeine Frau und hier ſuid die Trauſcheine.“ „Falſche Papiere!“ bruͤllte Samuel, Jhier iſt meiner,“ dabei zog er eine zinnerne Buͤchſe hervor und uͤbergab dem Gerichte die ſeinigen. Der Richter ſagte, das ſey die Art nicht, I. 14 — 210— Urtheil zu faͤllen, Samuel muͤße ſeinen Mund halten; ſo ging's denn weiter, und Anfangs hatten ſie's Alle nach ihrem Willen. Dann kam unſere Zeit; ich ward zur Ausſage aufgefordert und bezeugte, daß der Mann mit Samuels Frau im Bette geweſen, und daß dieſer, der eben eine Harpune in der Hand hielt, ihm dieſe durch den Leib rannte. Darauf wurden die Trauſcheine verglichen und es ergab ſich, daß dieſe kleine Jezabel ſie alle Beide geheira⸗ tht hatte; zuerſt aber Samuel, der mithin das meiſte Recht auf ſie hatte; ſpaͤter hatte ihr der andere Mann gefallen und ſie hatte geglaubt, zwei Pfeile im Koͤcher koͤnnten nicht ſchaden. Der Richter erklaͤrte, ſie ſey Samuels Frau, und daß ein Mann, wenn er auch keine Har⸗ pune in der Hand habe, dennoch zu rechtferti⸗ gen ſey, wenn er einen Andern toͤdte, den er bei ſeiner Frau im Bette finde. Alſo kam Sa⸗ muel frei; aber das Weib wollte er ſo nicht ab⸗ kommen laßen, ſondern verurtheilte die fuͤr Biggemie, oder wie ſie's nennen, und ſchickte ſie fuͤr's Leben lang uͤber Waßer. Samuel ging nachher niemals wieder aufrecht; es druͤckte ihn der Mord eines Schuldloſen, ſo wie das Be⸗ tragen ſeiner Frau. Auf einer Fiſcherreiſe zer⸗ — 211— ſchlug ein Wallfiſch mit dem Schweife das Boot in welchem er war, und Samuel ging zu Grunde wie ein Stein. Ihr ſeht alſo, was dieſe kleine Jezabel fuͤr Ungluͤck anrichtete, die zwei Maͤnner haben mußte; ſey ſie ver⸗ dammt.“ „No, Vater, das war'n guter Faden,“ ſprach Tom,„ich hatte Recht, daß ich ihn an⸗ hoͤren wollte, hatt' ich nicht?“, „Nein,“ erwiederte der alte Tom, ſtreckte ſeine breite Hand aus und erfaßte den Sohn beim Kragen,„und nun erinnerſt Du mich, deshalb will ich Dir die alte Schuld abzah⸗ len.“ „Liebſter Himmel, Vater, Ihr ſchuldet mir gar nichts,“ ſagte Tom. „Doch, doch, und Du ſollſt volle Quittung haben.“ „Guter Gott, die werden ertrinken,“ ſchrie Tom und ſtreckte beide Haͤnde mit allen Zei⸗ chen des Entſezens aus. Der alte Tom drehete ſich ſogleich herum und ließ ihn los. Tom entſprang und brach in lautes Gelaͤchter aus. Ich lachte ehenfalls und ſein Vater lachte zulezt mit. Dann ging ich an's Land und fand den Domine mit Herrn Drummond beim Fruͤh⸗ ſtück; der neue Unterlehrer hatte die Aufſicht uͤber die Knaben und die Schuldirektoren hat⸗ ten ihm vierzehn Tage zur Erholung geſtattet, um einen alten Freund in Greenwich zu beſu⸗ chen. Sowohl um Koſten zu erſparen, als um ſeine Neugierde zu befriedigen, hatte der alte Mann die Mitfahrt auf dem Lichter nachge⸗ ſucht. „Bis jezt, Jakob, habe ich meinen Fuß noch niemals in das Geraͤth geſezt, das auf naßem Elemente ſchwimmt,“ bemerkte er,„auch jezt wuͤrde ich's nicht thun, waͤre es nicht um Geld zu ſparen, welches, wie Du weißt, bei mir nicht reichlich iſt. Viele Faͤhrlichkeiten er⸗ warte ich, drohende Gefahr wird mir begegnen, wie ich das in Buͤchern geleſen habe, und wohl mag Horaz ausrufen: Ille robur et aes tri- plex, in Bezug auf den erſten Mann, der Schifffahrt wagte. Gleichwohl verſicherte Herr Drummond mich, der Lichter ſey ſtark genug, um Wind und Wellen Widerſtand zu leiſten, und der Vorſehung vertrauend, will Dich es wagen, Jakob, te duce.« „Nein, Sir,“ erwiederte ich, uͤber des Do⸗ mine Beſorgniße lachend,„der alte Tom iſt Dux. a „Alter Tom, wo habe ich doch dieſen Na⸗ men geſehen? Iezt beſinne ich mich, in großen Buchſtaben ſtand er auf einem Faße in der Beentford⸗Schenke gemalt; was das aber an⸗ zeigen ſolle, habe ich nicht erfragt. Welche Ver⸗ wandtſchaft mag da herrſchen?“ „Keine,“ gab ich zur Antwort,„aber ich denke, ſie ſind ſehr gute Freunde. In einer halben Stunde aͤndert die Fluth, ſind Sie bereit an Bord zu kommen?“ „Gewiß und wohl vorbereitet, hier in die⸗ ſem Buͤndel ſind meine Kleidungsſtuͤcke, ferner mein Regenſchirm und mein Oberrock, ſo wie auch mein Spenſer zum gewoͤhnlichen Tragen. Wo ich aber ſchlafen ſoll, iſt mir noch nicht bekannt gemacht. Vielleicht ſchlaͤft man gar nicht— tantum in periculo.« „Doch, Herr, wir ſchlafen; Sie ſollen mein Bett haben und ich werde mich zum jungen Tom legen.“ „Haſt Du denn mit dem alten Tom auch einen jungen Tom an Bord?“ „Ja, und auch einen Hund, Namens Tommy.“ 214— „Nun da wollen wir uns einſchiffen und Du ſollſt mich mit dieſer Thomas Triade bekannt machen; inde Tomos dictus locus est.(Gluck! gluckl!) Ovid, ich danke Dir!“ Viele Gelehrſamkeit wird flott.— Der junge Tom Eilttes Kapitel. wird durch todte Sprachen ſehr aufgeweckt.— Nachdem der Domine die Wunder der gewaltigen Tiefe erfahren, bereitet er ſich vor, beim Luͤm⸗ melkloß zu ſchwelgen.— Wiewohl der Mann von Wißenſchaft manches Lied und einige„ge⸗ ſponnene Faden vom alten Tom erbaͤlt, verliert er doch den beſten Theil eines Anhanges, ohne es zu wißen. Sobald des Domine Waͤſchebuͤndel und ſein uͤbriges Geraͤth an Bord getragen war, nahm er in ſo feierlicher Weiſe von Drummond und deßen Fam lie Abſchied, daß ich mich uͤber⸗ zeugte, er betrachte ſich im Begriffe, ein ſehr gefahrvolles Abenthe ier zu beſtehen. Ich fuͤhrte ihn hinab zum Werfte, mit ſichtbarer Furcht uͤberſchritt er die Planke und ging an den — 246— Bord; hier faßte er ſich einigermaßen und blickte umher. „Meinen dienſtlichen Gruß, alter Herr,“ ſprach hinter ihm eine Stimme; er wandte ſich um und gewahrte den alten Tom, der eben aus der Kajuͤte hervortrat. „Dieſer iſt der alte Tom,“ ſagte ich zum Domine, der ihn verwundert anſtarrte. „Biſt Du das wirklich?— Jakob, Du haſt mir nicht geſagt, daß ſeine billigen Verhaͤlt⸗ niße abgekuͤrzt waͤren, und das uͤberraſchte mich. Du alſo biſt Dux?“ fuhr er zum alten Tom redend fort. „Ja,“ fiel der junge Tom ein, der vom Vorſchiffe herbeigekommen war, er iſt Duck⸗ ente denn er watſchelt auf ſeinen kurzen Stuͤm⸗ pfen, aber ſagen will ich nicht, wer Gans f. Was, Vater?“ „Nimm Dich in Acht, daß Du Dir nicht fuͤr Deine Frechheit Gaͤnſe einkaufſt;“ rief der alte Tom. „Ein vorſchneller Funge ſprach der Oo⸗ mine. Ja, ich bin gemeiniglich vorn',“ erwiedente Tom..„ — 217 „Biſt Du auch vor im Lernen? Kannſt Du mir den lateiniſchen Namen von Gans ſagen?“ Raſch antwortete Tom:„Freilich, Brannt⸗ wein.“ „Branntwein!“ rief der Domine aus,„nein, Kind, es iſt anser.« „Dann hatte ich recht;“ erwiederte Tom, „ich meynte Aniſer.“ „Der Junge iſt faͤhig.“(Gluck! gluck!) „Er iſt faͤhig verteufelt unverſchaͤmt zu wer⸗ den, alter Herr, aber kehren Sie ſich nicht daran, er iſt nicht boͤſe.“ „Dieſer alſo iſt der junge Tom, wie ich ver⸗ muthe,“ ſagte der Domine zu mir. „Ja, Herr,“ ſprach ich,„Sie haben den al⸗ ten Tom geſehen und den jungen Tom, es bleibt Ihnen nur noch uͤbrig, den Tommy zu beſchauen.“ 1 „Wollen Sie Tommy ſehen?“ rief Tom, „komm hier, Tommy, Tommy!“. Tommy war aber im Vorſchiffe mit einem Knochen emſig beſchaͤftigt und gehorchte nicht ſogleich; der Domine wandte ſich um, den Strom zu betrachten. Der Schauplaz war ſehr lebendig; Barken und Boͤte glitten in allen Richtungen uns vorbei, andere lagen am Ufer I. 14* — 248—. und Frachtwagen waren beſchaͤftigt, Kohlen oder andere Guͤter daraus zu laden, die ge⸗ ſchaͤftigen Arbeiter lachten und ſcherzten mit einander. »Populus in fluviis, wie Virgil ſagt. Groß⸗ artig in der That iſt der breite Strom. La- bitur et labetur in omne volubilis aevum, wie die Menſchengenerationen in die Ewigkeit verſammelt werden;“ ſprach der Domine mit lauter Stimme ſeinen Gruͤbeleien nachhaͤngend. Jezt war Tommy aber herbei gekommen, und Tom in ſeiner neckiſchen Luſt hatte des Domine einen Rockſchoß erfaßt und dieſen dem Hunde gezeigt. Dieſer war daran gewoͤhnt, ein ihm vorgezeigtes Tau mit den Zaͤhnen zu er⸗ faßen, erhaſchte auf der Stelle des Domine Schooß und zupfte dreimal mit aller Kraft daran. Der Domine war in eine ſeiner Traͤu⸗ mereien verſenkt, mogte wahrſcheinlich glauben, daß ich es ſey, der ſeine Aufmerkſamkeit auf andere Gegenſtaͤnde zu leiten wuͤnſche, winkte jedesmal nur mit der Hand ab, ohne ſich um⸗ zuſehen, als wolle er ſagen:„ich bin jezt be⸗ ſchaͤftigt”⸗ „Zieh' und halt feſt!“ rief Tom dem Hunde zu, hielt ſich die Seiten und lachte, daß ihm — 2419— Thraͤnen ans den Augen liefen. Tommy ver⸗ ſuchte nun noch einen gewaltſamen Ruck und riß des Domine Schooß ab; dieſer aber be⸗ merkte das nicht, er war immer noch»in nu- bibus,« waͤhrend der Hund mit ſeinem Raube in's Vorſchiff ſprang und Tom hinterher lief, um ihm das Bruchſtuͤck abzujagen. Der Do⸗ mine traͤumte fort und der alte Tom ſtimmte an: DO England, alt England, Du Meer⸗Edelſtein, Mit Thaͤlern und Fluren in herrlichſter Pracht; Voll innigſter Sehnſucht gedenken wir Dein, In den fernſten Zonen uͤbſt Du Deine Macht. Der Geſang rief des Domine Beſinnung all⸗ maͤhlig zuruͤck; die Melodie war in der That ſo reizend, daß ſie dem Ohre eines Sterbenden noch haͤtte gefallen koͤnnen. Als Tom geendet hatte, rief der Domine verwundert aus:„Wahrlich es entzuͤckte mein Ohr, und von ſolch— und noch dazu ohne Beine!“ „Nun, alter Herr, mit meinen Beinen ſing' ich nicht;“ antwortete der alte Tom „Nein, guter Dux, ſo mangelhaft bin ich nicht, daß ich nicht gewahren ſollte, der Menſch ſinge aus ſeinem Munde, aber dennoch Deine Stimme toͤnt ſo ſchmelzend, ſo ſuͤß wie der Honig von Hybla, ſo kraftvoll...“ 3 „Wie der lateiniſche Name fuͤr Gans,“ en⸗ dete Tom,„kommt, Vater, ſ' alte Woͤrter⸗ buch iſt wieder in ſeinem Mondſchlaf; weckt ihn auf mit einem von Euren Singſaͤngen.“ „Gleich werde ich Dich mit'nem Faßreif uͤber Deine Schultern aufwecken, Meiſter Tom. Was haſt mit's alten Herrn ſeinen Schwalben⸗ ſchwanz angefangen.“ „Laßt die Sache mich in Ordnung bringen, Vater, ich weiß, wie ich mich aus'ner Schlinge zu ziehen habe.“ „Das ſollteſt Du wohl, Du Landſtreicher, weil Du Dir ſo viele boͤſe Haͤndel zuzieheſt; aber's Fahrzeug ſchwingt und wippt aufwaͤrts. Vorwaͤrts, Jakob, richtet den Maſt in die Hoͤhe; Tom und Tommy koͤnnen Dir helfen.“ Der Maſt ward aufgerichtet, das Segel ge⸗ ſezt und der Lichter befand ſich im Strome, bevor der Domine aus ſeinen Traͤumereien er⸗ wachte. „Gibt's hier Strudel?“ ſagte er, mehr zu ſich ſelber, als zu den Umſtehenden ſprechend. — 221— „Strudel„ erwiederte der junge Tom, der ihn beobachtete, um ihn zu verſpotten,„ja ge⸗ wiß unter den Bruͤcken. Ich habe geſehen, daß wohl zwoͤlf Spanſchiffe eines nach dem an⸗ dern untergingen.“ „Zwoͤlf Schiffe!“ rief der Domine aus, ſich zu ihm wendend,„und alle Mannſchaft ging verloren?“ „Habe nachher nichts davon geſehen,“ ant⸗ wortete Tom mit bedauerlicher Stimme. „Wie wenig habe ich mir die Gefahren de⸗ rer traͤumen laßen, denen ich ſo nahe bin;“ ſagte der Domine, wandte ſich ab, um mit ſich ſelber zu uͤberlegen;„derer die in Schiffen hinab zum Meere fahren und ihr Geſchaͤft in weiten Fluthen treiben;— et vastas aperit Syrtes; dieſe Leute erblicken die Werke des Herrn und die Wunder ſeiner Tiefen; alter- nante vorans vasta Charybdis aqua;— denn er ſpricht das Wort und der Strom brauſet herauf und treibt die Wogen empor;— sur- gens a puppi ventus.— Vbi tempestas et cœli mobilis humor.— Zu den Wolken wer⸗ den ſie hinaufgeſchleudert und wiederum hinab in die Tiefe.— Gurgitihus miris et lactis vertice torrens.— Ihre Seele zergeht ob ih⸗ — 222— rer Noth.— Stant pavidi. Omnibus ignotae mortis timor, omnibus hostem.— Sie wir⸗ beln hin und zuruͤck, und taumeln wie ein Be⸗ rrunkener.“ „Das thun ſie, Vater, thun die das nicht zuweilen?“ bemerkte Tom, ſeinem Vater mit dem Auge zuwinkend,„das iſt's auch Alle, was ich von ſeiner Rede verſtanden habe.“ „Sie wißen nicht ein noch aus,“ fuhr der Domine fort. „Gib wohl acht, Meiſter Tom, wo's mit Dir hinaus will;“ ſagte der Vater, der uͤber des Sohnes bezuͤgliches Zuwinken aufgebracht war. „Wenn ſie den Herrn dann anrufen in ih⸗ rer Noth— cujus jurare timent et fallere nomen?— befreiet er ſie daraus, denn er ge⸗ bietet dem Sturme zu ſchweigen, ſo daß die Wogen vor ihm ruhig bleiben; ja ſtill und ſanft wie das friedliche Waßer, welches ſo raſch an unſerm ankernden Fahrzeuge hinflu⸗ thet; dennoch will mir ſcheinen, der Schau⸗ plaz haͤtte ſich geäͤndert. Dieſe Fluren haben meine Augen noch nie begruͤßt. Riparumque toros et prata recentia rivis. Gewiß ſind wir vom Werfte abgefahren.“ Der Domine wandts 3 — 223— ſich herum und gewahrte nun erſt, daß wir uͤber eine Meile vom Orte ſeines Einſchiffens entfernt waͤren. „Bitte, Herr, wozu hilft's reden?“ fragte Tom, der dem Selbergeſpraͤche ſehr aufmerk⸗ ſam zugehoͤrt hatte. „Du fraͤgſt eine thoͤrichte Frage, Knabe; wir ſind mit dem Geſchenke der Rede begabt, um uns in den Stand zu ſezen, unſere Be⸗ griffe uns mittheilen zu koͤnnen.“ „Das iſt genau ſo, wie ich mir's gedacht habe. Aber bitte dann, Herr, wozu nuzt nun all das Kauderwaͤlſch, was niemand von uns verſtehen konnte.“ „Ich bitte Dich um Verzeihung, Kind; ich vermuthe, daß ich todte Sprachen redete.“ „Wenn die todt ſind, warum laͤßt man ſie nicht in ihrem Grabe ruhen?“ „Gut;— Du haſt Wiz.(Gluck-gluck!) Den⸗ noch wiße Du, mein Kind, daß es Vergnuͤ⸗ gen macht, mit den Todten zu verkehren.“ „Iſt's ſo? dann wollen wir Euch bei Bat⸗ terſea⸗Kirchhof an's Land ſezen.“ „Still, Tom; der Bube iſt gar frech, Herr, Ihr muͤßt ihm ſchon verzeihen.“ „Nein, es mach mir Freude ihm zuzuhoͤ⸗ —-— 224— ren; aber noch mehr Freude wuͤrde es mir ma⸗ chen, Euch ſingen zu hoͤren.“ „Nun, Herr, da will ich Euch ein's ſingen, um Tom's Unverſchaͤmtheit darin zu ertraͤnken: „GCleit' mein Schifflein, Morgen⸗Wellen Deine Planken ſanft umſchwellen; Vorn am Schiff Oein Kiel durchbricht, Rings aufkräufelnd Waßerlicht, Das erglaͤnzt wie Edelſtein, Oder Meeres Phosphorſchein.“ „Das iſt'n huͤbſches Lied und zuerſt hoͤrt' ich's von'nem huͤbſchen Maͤdchen ſingen; aber das iſt's auch Alle, was ich von dem Liede weiß.— Sie ſang ein Anderes: „Wollt', ich waͤr' ein Schmetterling, unter'm Laub geboren."“ „Ihr moͤgtet ein Schmetterling ſeyn?“ ſagte der Domine, der des alten Tom's Worte buch⸗ ſtäͤblich nahm und ihn von oben nach unten betrachtete. Der junge Tom plazte heraus:„ja Herr, er moͤgte gerne ein Schmetterling ſeyn, und ich ſehe gar nicht ein, weshalb er nicht bald dazu werden ſollte. Seine Beine ſind fort und ſeine Fluͤgel ſind noch nicht gekommen; alſo iſt er jezt'ne Puppe, und der Zuſtand, wißt Ihr wohl, iſt dem andern am naͤchſten.— Was fuͤr'n ſpaßhafter alter Geſell er iſt— nicht wahr, Vater?“ „Tom, geh' in's Vorſchiff, Tom; wir muͤ uͤſ⸗ ſen durch die Bruͤcke ſe 1 e 4 „Schießen!“ rief Domine aus;„was ſchießen?“ „Ihr fuͤrchtet Euch nicht vor Feuergewehr, hoff' ich?“ fragte Tom. „Nein, ich ſagte nicht, daß ich Feuergewehr fuͤrchte, doch weshalb wollt Ihr ſchießen?“ „Weil wir ohnedem nicht weiter kommen koͤnnten, Herr, in einiger Zeit werden wir Schießen die Menge haben, Ihr kennt die⸗ ſen Strom nicht.“ „In Wahrheit, an dergleichen Dinr habe ich nicht gedacht, noch habe ich mir einbilden koͤnnen, daß es außer der Stromtiefe hir hoch andere Gefahren gibt.“ „Geh' in's Vorderſchiff und treibe Dein Spiel nicht mit beßern Leuten, als Du biſt,“ rief der alte Tom;„kehren Sie ſich nicht an ihn, er foppt Sie.“ 1. 15 — 226— „Erklaͤre Jakob, des alten Tom, wie des jungen Tom Sprachweiſen ſind mir ganz ſo unverſtaͤndlich, als mir die Sprache des Hun⸗ des Tommy ſeyn muͤßte.“ „Oder auch, als Ihr Latein ihnen iſt, Herr.“ „Wahr, Jakob, wahr.— Ich habe kein Recht, mich zu beklagen; nein, ich beklage mich auch gar nicht, denn es vergnuͤgt mich, wie⸗ wohl es mich zuweilen auch recht in Verlegen⸗ heit ſezt.“ Jezt ſchoßen wir unter der Putney⸗Bruͤcke durch und als uns ein Ruderkahn vorbeifuhr, ſang der alte Tom dem begruͤßend zu: „Habt Ihr niemals nicht gehoͤrt vom jungen luſt'gen Ruderknecht?“ „Nein, niemals,“ ſagte der Domine, weil er bemerkte, daß des alten Tom Auge auf ihn gerichtet war. Den jungen Tom beluſtigte dieſe Herzens⸗ einfalt des Domine, er zupfte ihn auf der an⸗ dern Seite am Aermel und begann im helle Tenor: „Hoͤrtet Ihr kein einzig Mal Von dem Maͤgdlein in dem Thal?”“ —— „Nicht, daß ich mich erinnern kann, mein Kind,“ erwiederte der Domine. „Wo habt Ihr denn Euer ganzes Leben lang geſteckt?“. „Mein Leben iſt dazu angewendet worden, mein Burſche, den jungen Begriffen das Auf⸗ ſchießen zu lehren.“ „Alſo ſeyd Ihr ja ein alter Soldat und doch bange vor Feuergewehr.— Weshalb haltet Ihr Euch nicht grade aufgerichtet? Ich vermuthe, ſ'iſt der ungeheure Auslieger den Ihr habt, der Euch den Kopf ſo herunterzieht.“ „Tom, Tom, ich will Dich in Salzlleiſch⸗ ſtuͤcke zerſchneiden, wenn Du ſo fortfaͤhrſt. Geh' und bring's Eßen in die Fahrt, Du Hallunke, und laß den Herrn hier zufrieden. Da kommt mehr Wind. „Naßes Segel und wogendes Meer, und Wind, der aufſpringt in Haſt, Weißes, raſchelndes Segel der blaͤh't, Und beugt den hochſtaͤmm'gen Maſt; Burſche, der beugt den hochſtaͤmm'gen Maſt, Indeß doch im Adlerflug Stolz dahinrauſcht das kerngute Schiff— England verlaͤßt nun ſein Bug.“ — 228— „Jakob,“ ſprach der Domine,„aus dem hun⸗ dertzuͤngigen Munde des Geruͤchtes habe ich vernommen, wie ſorglos und gleichguͤltig die Matroſen der Gefahr entgegen gehen, dennoch haͤtte ich niemals glauben koͤnnen, daß eine aͤhnliche leichte Herzensfroͤhlichkeit gezeigt wer⸗ den koͤnnte.— Jener Mann da— der freilich noch nicht hoch in den Jahren— aber den⸗ noch, was iſt er— ein Bruchſtuͤck von einem Manne, der auf unnatuͤrlichen und gar nicht in guten Verhaͤltnißen gewaͤhlten Stuüͤzen ein⸗ hergeht. Jener Burſche dann, der noch Kind iſt, der ſcheint ſo munter und ſo luſterfuͤllt, als waͤre er im Beſiz alles deßen, was dieſe Welt gewaͤhren kann.— Ich empfinde Zunei⸗ gung fuͤr den kecken Knaben, und moͤgte ihn gerne die Anfangsgruͤnde, mindeſtens die der lateiniſchen Sprache lehren.“ „Ich bezweifle, daß Tom die jemals kernen wollte, er hat ganz ſeinen eigenen Willen.“ „Es betruͤbt mich, dies von Dir zu hoͤren, denn es fehlt ihm nicht an Talent, nur an Unterricht; und der Dur ſelber, der gefaͤllt mir außerordentlich— ein zweiter Palinurus. Aber wie konnte der Mann es nur wagen, ſich auf dieſem Elemente einzuſchiffen, durch alle — die Schrecken ſich durchzukaͤmpfen, welche zu Zeiten die aͤußerſte Anſtrengung jedes Glie⸗ des erfordern muͤßen, er, dem zwei der noth⸗ wendigſten Gliedmaßen zu ſeiner Sicherung mangeln,— dies iſt mir durchaus unbegreif⸗ lich.“ 3 „Er weiß ſich auf ſeinen Fuͤßen zu erhalten Herr.“ 3 „Nein, Jakob, wie koͤnnte er ſich auf etwas erhalten, was lange ſchon fort iſt? Auch Du ſogar ſprichſt hier auf dem Waßer in ſon— derbarer Weiſe; ich ſehe die Gefahren, die uns umgeben, Jakob, doch bin ich ruhig und ge⸗ faßt; ich fuͤhle, daß ich kein gottloſes Leben gefuͤhrt habe— integer vitæ, scelerisque pu- rus, wie Horaz ſo treffend ſagt, daß ich, ſo wie ich es gethan habe, die Wagniß auf der weitgebreiteten Waßerfläche beſtehen kann.— Was iſt's, was der Burſche uns zurichtet? es verbreitet einladenden Geruch!“ „Luͤmmelkloß, Herr,“ antwortete der alte Tom,„und auch gar keine uͤble Fuͤtterung.“ „Eines aͤhnlichen Wortes entſinne ich mich gar nicht— unde derivatur, Freund?“ „Was iſt das, Herr?“ fragte der alte Tom. *¼ — 230— „Das iſt's Latein fuͤr Luͤmmelkloß, Vater; verlaßt Euch drauf,“— ſchrie Tom, der das kraͤftige Gericht von eingeſchnittenem Fleiſche mit einem großen hoͤlzernen Loͤffel aufruͤhrte. „Er iſt'n todt⸗luſtiger alter Gentleman mit ſeiner todten Sprache.— Das Eßen iſt fertig; ſollen wir den Anker fallen laßen, oder erſt zu Mittag pfeifen?“ „Wir moͤgen eben ſo gut gleich Anker wer⸗ fen, Jungens, denn wir haben die Ebbe keine Viertelſtunde laͤnger und der Wind iſt uns ent⸗ gegen.“ Tom und ich gingen zum Vorſchiffe, zogen das Segel ein, machten das Kabel klar und ließen den Anker fallen. Raſch ſchwang der Lich⸗ ter in den Strom herum. Der Domine, wie⸗ derum in einem Anfalle ſeiner Traͤumereien verloren und ſeine Augen auf den Wald von Maſten geheftet, denen wir unterhalb der Lon⸗ doner Bruͤcke vorbeigeſchwommen waren, ſo daß ſie betraͤchtlich hinter uns blieben, rief ploͤzlich mit lauter Stimme aus:»Parce pre- cor! Periculosum est!« Der Lichter, der ſich ſo kurz auf ſeinem An⸗ ker im Strome herumſchwang, hatte den Do⸗ . mine durch die ſchnelle Beweglichkeit des du bildes uͤberraſcht; er glaubte, wir waͤren in einen der Strudel gerathen, von denen Tom er⸗— zaͤhlt hatte, und mit dem Ausdrucke angſtvol⸗ ler Bangigkeit rief er dem alten Tom zu: „Was iſt geſchehen, guter Dux, o ſagt es mir!“ „Nun, Herr, ich will's Euch ſo nach mei⸗ ner Weiſe ſagen,“ erwiederte der Alte laͤchelnd erfaßte den Domine bei einem Knopfe ſeines Spenſers und ſang ihm zu: „Dem Ankerplaz die Barke nah't, Ihr Segel ſchlafft, ſie fuͤhlt die Fluth,— 3 „Macht's Kabel klar,“ heißt's,— in der That Der Anker faͤllt, wir reiten gut.“ „Und nunmehr, Herr, wollen wir den Luͤm⸗ melkloß vornehmen. Vor Morgen fruͤhe wer⸗ den wir den Anker nicht wieder aufziehen; der Wind pfeift uns grade in die Zaͤhne, und es wird ſtark wehen, das iſt gewiß. Schaut nur, wie die Wolken fliegen; alſo wollen wir uns 'ne luſtige Zeit machen, und Ihr ſollt Euren Antheil Grog am Bord haben, bevor Ihr Euch niederlegt.“ 8 2η S — 8 — .—8 — — — — — — 8 — — S S η 4 gehoͤrt und moͤgte es wohl koſten,“ ſagte der Domine und ſezte ſich auf den Rand der Schiffs⸗ Zwölktes Kapitel. Dies iſt ein Kapitel von Erzaͤhlungen im Doppelſinne. — Als eine natürliche Wirkung ſeiner Herzens⸗ einfalt beginnt der Domine doppelt zu ſehen.— Eine neue Erklärung der Philoſophie, mit einer Epiſode uͤber Eiferſucht. Wir ſezten uns auf dem Verdecke rings um die Bratpfanne, denn mit Schuͤßeln belaͤſtig⸗ ten wir uns nicht; es hatte den Anſchein, als ſchmecke der Luͤmmelkloß dem Domine trefflich. Nach einer halben Stunde war die Malzeit zu Ende; das heißt, wir hatten geſpeiſet ſo viel wir wuͤnſchten, und der Neufoundland⸗Hund, der waͤhrend unſerm Male dicht bei dem jun⸗ gen Tom lag und das Verdeck mit ſeinem Schweife klopfte, waͤhrend er ſich mit dem Dufte des ſchmackhaften Gerichtes begnuͤgen mußte, hatte ſo eben alle unſere Teller gerei⸗ — 234— nigt und leckte nunmehr auch die Bratpfanne aus; Tom trug geſchäftig das irdene Geſchirr in die Kajuͤte und brachte dagegen eine Flaſche nebſt blechernen Trinkkelchen heraus, um das verſprochene Luſtgelag zu feiern. „Hier, Herr, iſt ein Glas Grog fuͤr Euch, auf dem ein Hefteiſen ſchwimmen koͤnnte. Nu ſeht einmal zu, ob Euch das nicht alle Falten in Eurem alten Herzen erwaͤrmt.“ „Ja, ja,“ ſezte der junge Tom hinzu,„und ob es Euch nicht alle Eure Muskeln ſo ſtraff anzieht, als wäͤren ſie Hintsr⸗ ind⸗ Sragen.. „Meiſter Tom, ſe ſo gut; Deinen Grog will ich ſelber fuͤr Dich anmiſchen.— Gib die Flaſche zuruͤck, Schurke.“ „Nun, Vater, ganz wie's Euch gefaͤllt,“ erwiederte Tom und reichte ihm die Flaſche, „aber bedenkt wohl, nichts von Eurem ver⸗ zauberten Waßer;— helft mir ſo, wie Ihr mich lieb habt.“ Der alte Tom miſchte einen Trinkkelch Grog fuͤr Tom und einen zweiten fuͤr ſich ſelber; welcher von beiden der ſteifſte war, darf ich kaum bemerken. „Nun, Vater, es kommt mir vor, als daͤch⸗ — 235— tet Ihr, der Grog wuͤrde nicht ausreichen;— eine Flaſche iſt ſicherlich nicht zu viel fuͤr uns Viere.“ „Eine Flaſche, Du Hallanke. im Schenk⸗ ſchranke ſteht noch eine.“ „Wenn das iſt, muͤßt Ihr jezt ſchon doppelt ſehen, Vater!“ Der alte Tom, durch dieſe Kunde beunru⸗ higt, bildete ſich ein, daß Tom ſich in den Beſiz der andern Flaſche geſezt haben muͤße, ſprang eilig auf und ging zum Schenkſchranke, um nachzuſehen ob Tom die Wahrheit ange⸗ geben habe. Dies war grade, was Tom wuͤnſch⸗ te; auf der Stelle vertauſchte er die blechernen Trinkgefaͤße, die ſein Vater gefuͤllt hatte, und blieb dann ganz ruhig. „Esiſt noch'ne andere Flaſche da, Tom,“ ſagte der Vater, als er aus der Kajuͤte zuruͤck⸗ kam und ſeinen Plaz wieder ausfuͤllte,„ich wußt's wohl. Du Spizbube weißt gar nicht, wie Du mich in Angſt geſezt haſt;“ dabei ſezte er ſeinen Blechkelch an die Lippen:„den Muͤl⸗ ler erſaͤuft, beim Himmel!“ ſagte er,„woran mag ich nur gedacht haben,“ fuhr er fort und goß ſeinem Gemiſche mehr Geiſtiges hinzu. „Ich vermuthe, daß Ihr gekraͤftigt durch'ne — 236— andere Flaſche im Schranke, Euren Grog dop⸗ pelt kraͤftiget.— Kommt, Vater,“ er hielt ihm ſeinen Becher hin,„gießt'n bischen von dem Zeug in meinen— ſ' iſt Sieben⸗Waßer⸗ Grog; und ich ſtehe nicht auf dem ſchwarzen Brette.“ 1 „Nein, mein Tom, Dein naͤchſter ſoll ſar⸗ ker werden. Nun, Herr, wie ſchmeckt Euch das Getraͤnk?“ „In Wahrheit,“ erwiederte der Domine, „es iſt ein gefallendes und verfuͤhreriſches Ge⸗ traͤnke. Schau und betrachte, ich bin auf den Boden meines blechernen Geſchirres gerathen.“ „Wartet, daß ich's Euch wieder anffuͤlle, alter Herr, ich ſehe, Ihr ſeyd einer von der rechten Art.— Ihr wißt, wie das Lied heißt: „Hol' die Peſt alle muͤrr'ſchen Zeloten, Die„faſtet“ und nbetet“ nur ſchrei'n; Nach ihnen, waͤr' Luſt uns verboten, Und's Trinken, muͤßt' Waßer nur ſeun. 188 „Waßer! das waͤre mir! der einzige Ge⸗ brauch, den ich vom Waßer kenne, iſt, den Grog damit aufzumiſchen, und dann die Schiffe in der Welt auf und nieder zu tragen. Wes⸗ halb ward's Meer anders ſalzig gemacht, als um uns zu verhindern, daß wir nicht zu viel Waßer trinken ſollen?— Waßer! ja danke vielmal! „Ne Kanne guten Grog, haͤtten ſie den geſchluͤrft, Froh wuͤrde ſie der geſtimmt haben noch; und troz ihrem Pflicht⸗quarren Vom Schulkarren, Die alten Narren Wuͤrden ihn ſchoͤn haben geſchluͤrft, und geſchwor'n, nichts ſey beßer als Grog⸗“ „Ich bin ganz Eurer Meinung, Vater!“ ſagte Tom und hielt ſeinen ausgeleerten Blech⸗ kelch hin. „Du biſt immer bereit fuͤr zwei Dinge, Meiſter Tom, fuͤr Grog und Unthat; indeß ſey dem ſo, Du ſollſt noch eine Doſis mehr haben.“ 3 „Alſo hat der Grog mediziniſche Tugenden?“ fragte der Domine. „Ja, Herr, das hat er, mehr als alle quack⸗ ſalbenden Doktors in der Welt. Er heilt Kum⸗ mer und Truͤbſal, und wendet ab, daß der Geiſt nicht verſinkt.“ — 238— „Das bezweifle ich, Vater,“ rief Tom, die Flaſche gegen den Tag haltend,„denn jemehr Grog wir trinken, deſto tiefer ſinkt der Geiſt.“ Der Domine ließ ein gluck! gluck! verneh⸗ men:„Wahrlich, Freund Tom, er ſcheint unter andern Tugenden auch die zu beſizen, daß er den Wiz ſchaͤrft. Fahre Du fort, Freund Dux, mit den mediziniſchen Tugenden des Grog.“ „Nun, Herr, ſeht, er heilt von der Liebe, wenn dieſe nicht erwiedert wird, und vermehrt ſie dagegen im andern Falle. Ich habe auch ſagen hoͤren, daß er von Eiferſucht herſtellt, das bezweifle ich aber. Nun ich eben daran denke, will ich Euch'nen Faden abſpinnen von'ner eiferſuͤchtigen Liebelei zwiſchen zwei Narren.— Jakob, iſt Dein Blechkeich noch nicht leer, mein Junge?“. „Ja,“ ſagte ich und reichte ihn zum Auffuͤl⸗ len hin. Er war ausgeleert, weil Tom mit meiner Erlaubniß, indem ich mir nicht viel daraus machte, den meinigen ſo gut wie ſei⸗ nen eigenen getrunken hatte. „Da, Jakob, iſt'ne gute Doſis fuͤr Dich— — 239— Du biſt nicht immerfort danach gierend, wie Tom?“ „Er leidet nicht ſo wie ich an geſunkenem Geiſte, Vater.“ 3 „SKSeit wann iſt das Deine Krankheit, Tom?“ fragte ich. 4 „Von dem Augenblicke an, in welchem ich erfuhr, wie ſie zu heilen ſey. Nun, Vater, ſpinnt uns den Faden.“ „Wohlan, Ihr muͤßt wißen, daß ein vor⸗ maliger Schiffskamerad von mir, Benjamin Leader, eine Frau hatte, die Polly hieß; die war ein huͤbſches kleines Fahrzeug in ihrer Art, ſtraff in der Takelung, ſchwellende Vor⸗ buge, ein gefallend Kopfbild und verteufelt gut im Raume geruͤndet; ſie war durchaus ein ſchoͤnes Weibsbild, und mogte ſich gern anſtie⸗ ren laßen, wie das die meiſten huͤbſchen Frauen lieben, weil es ihrer Eitelkeit ſchmeichelt. Wie⸗ wohl ſie aber ſo weit liebte, von den jungen Leuten bemerkt zu werden, war Ben' doch der einzige, vondem ſie angefaßt zu ſeyn wuͤnſchte; bei allen Uebrigen hieß es:„Fauſt zuruͤck.“— Ben Leader war ein gutausſehender, thaͤtiger, gewandter Burſche, konnte tanzen und knuͤppel⸗ fechten ſo gut, als der Beſte; und ſie war — 240— ſterblich verliebt in ihn und toͤdtlich eiferſuͤchtig, wenn er mit einer andern ſprach, denn die Frauen liebten ihn eben ſo ſehr, als die jun⸗ gen Leute Polly leiden mogten. So wie ſie ſich liebten, waren beide auch eiferſuͤchtig auf ein⸗ ander, und als die jungen Leute das ſahen, machten die ſich ein Vergnuͤgen daraus, Miß⸗ vergnuͤgen zwiſchen ihnen anzuſtiften. Nun ſage ich immer, ſ'iſt'ne Dummheit eiferſuͤchtig ſeyn, von wegen daß wenn Urſache da iſt, ſo gibt's keine Urſache zur Liebe; und wenn keine Ur⸗ ſache da iſt, ſo gibt's keine Urſache zur Ei⸗ ferſucht.“— „Vater, Ihr ſeyd ja wie'n Aufruhr in nem Kraͤhengeniſte, nichts als„Kroah“— unter⸗ brach Tom. „Das mag ſeyn, aber das iſt's, was ich Treff⸗Logik nenne— iſt's nicht, alter Herr 20 „Es war ein Syllogismus,“ erwiederte der Domine, den Blechkelch vom Munde abſezend. „Was das iſt, weiß ich nicht, und will's auch nicht wißen, ſondern in meiner Geſchichte fortfahren.— Endlich kam es zu wirklichem Zank. Ben ſchlaͤgt Polly, weil ſie mit andern Maͤnnern ſcherzt und lacht; und Polly weint den ganzen Tag, weil er nicht auf ihren Knieen — 241— ſizen will, ſondern hingeht und ſeine Schul⸗ digkeit am Bord thut. Eines Abends, als die Arbeit beendet war, geht Ben an's Land nach dem Hauſe, in welchem er mit Polly zu ſchla⸗ fen pflegte; als er eintritt, fragt er das Schenk⸗ maͤdchen:„wo iſt Polly?“ Die war neu in Dienſt gekommen und fraͤgt ihn dagegen:„wel⸗ ches Maͤdchen?“ Ben macht ihr ſeine Beſchrei⸗ bung von jener und das Schenkmaͤdchen antwor⸗ tet:„ſie iſt eben zu Bett gegangen, mit ih⸗ rem Manne denk' ich;“ denn es war eine An⸗ dere im Hauſe die der Polly aͤhnlich war, und die war wirklich zu ihrem Bett gegangen. Ben hoͤrt das an, gibt ſeinen weiten Hoſen einen Ruck, fordert ein Quartier, trinkt das mit'nem Seufzer aus und verlaͤßt das Haus, weil er Alles fuͤr Wahrheit haͤlt. Nachdem Ben fortgegangen iſt, erſcheint Polly und als die den Ben in der Zapfſtube nicht findet, ſagt ſie:„junges Frauenzimmer, ging nicht ſo eben ein Mann hinauf?“—„Ja,“ erwiedert das Schenkmaͤdchen,„mit ſeiner Frau, wie ich glaube; ſie ſind ſeit'ner Viertelſtunde zu Bett.“ Nun wird Polly faſt raſend vor Wuth, dann leichenblaß, und dann laͤuft ſie weinend zum Hauſe hinaus und ſchreit:„armes, ungluͤckli⸗ 3 I 16 — 242— ches Geſchoͤpf, das ich bin,“ zerſchlaͤgt Alles, was ihr vorkoͤmmt, und rennt in die Arme je⸗ des Mannes, der in ihren Reitſtrich kommt.“ „Eben verſtand ich, daß ſie zu Fuße lief, und nun reitet ſie zu Pferde. Erklaͤre, Jakob.“ „Es war eine nautiſche Redefigur,“ ſagte ich. „Ja,“ hob Tom wieder an,„es bezog ſich auf ihr Kopfbild, alter Herr; aber ich komme ſo nicht voran, wie waͤr's, Herr, wenn Ihr die Geſchichte erſt hoͤrtet, und dann hinterher verſtaͤndet.“ 8 „Ich will verſuchen, aus dem Zuſammen⸗ hange zu begreifen,“ erwiederte der Domine. „Das will wohl ſagen, Ihr wollt mich fort⸗ erzaͤhlen laßen; alſo wieder daran. Ben wurde durch Eiferſucht und durch das ganze Quartier auf einen Zug, ſo nicht recht halb, nicht recht heil, und ging hinab zum Strande mit dem Vorſaze, ſich von ſich ſelber, von ſeinem Weibe und aller ſeiner Noth dadurch zu be⸗ freien, daß er ſeine Seele ſeinem Schoͤpfer zu⸗ ruͤckgaͤbe und ſeinen Leib den Fiſchen.“ „Schlechte Philoſophie,“ ſagte der Domine. „Bin mit Euch finderſtandén, s erwiederte der alte Tom. — 243— „Was fuͤr'ne Art von Ding iſt Filoſophie?“ fragte Tom. „Filloſoffi,“ gab ihm ſein Vater zur Ant⸗ wort,„iſt entweder ſich ſelber erhaͤngen, er⸗ ſaufen, erſchießen, oder kurz, ſich auf jede Art ohne anderer Leute Huͤlfe aus der Welt ſchaf⸗ fen.“ „Nein,“ wandte der Domine ein,„das iſt Felo de se.*) „Nun, ich ſprech's'n bischen ſchneller aus, als Ihr, aber es iſt eines und das naͤmliche. — Doch weiter; als Ben auf dem Bollwerke ſtand und uͤberlegte, ob er vor dem Untertau⸗ chen nicht noch einen Mundvoll Kautabak neh⸗ men ſollte, erſchien die Polly mit aufgeloͤſeten Haaren, die hinter ihr her flatterten und kutſch⸗ peitſchten, in eben der Abſicht, um auch Fillo⸗ ſoffi zu begehen. Ben ſteht am Nande vom Bollwerke, ſeine Augen ſind ſtarr auf's Waſ⸗ ſer geheftet, das unten kraͤuſelt, und er ſieht ſo ungluͤcklich aus, als haͤtte er einen ſechs⸗ ſpaͤnnigen Leichenwagen ſchon verſchluckt und die Trauerfedern hingen ihm zum Munde her⸗ aus.“ *) Die Engländer ſprechen: Pilo di si. ———— — 244— „Ein kuͤhner Vergleich,“ murmelte der Do⸗ mine. „Er ſieht ſie gar nicht; und Polly iſt ſo ganz mit ſich ſelber beſchaͤftigt, daß ſie ihn auch nicht ſieht, obgleich ſie dicht neben ihm ſteht; — denn die Nacht war dunkel. Polly richtet ihre Augen empor, fuͤr alle Welt wie'ne ſter⸗ bende Dohle.“ „Sag' mir, Freund Dux,“ unterbrach hier der Domine,„ſtirbt eine Dohle in irgend be⸗ ſonderer Art?“ „Ja,“ erwiederte der junge Tom,„ſie ſtirbt allemal ſchwarz, Herr.“ „Dann ſtirbt ſie, wie ſie lebte.(Gluck! gluckt) Fahre fort, guter Dux.“ „Zerreißt mir den Faden nicht wieder, wenn Ihr's Ende hoͤren wollt.— Polly weint um Ben;„o Ben! Ben! grauſamer, boͤſer Menſch — kommt und geht— geht und kommt.“ „Wer iſt da?“ ruft Ben. 1 „Polly kann nicht ſprechen, ſchluchzt aber und weint; Ben meynt, die Stimme erkannt zu haben, tritt zu ihr und ſagt:„biſt Du's, Polly?“ „Biſt Du's, Ben?“ erwiedert Polly, zieht die Haͤnde vom Geſichte ab und blickt ihn an. — 245— „Ich dachte, Du waͤreſt im Bette mit— mit— o Polly!“ ſagte Ben. „Und ich dachte, Du ſchliefeſt mit— mit— o Ben!“ erwiederte Polly. „Aber ich war nicht, Polly.“ „Und ich eben ſo wenig, Ben.“ „Was hat Dich denn hieher gefuͤhrt, Polly?“ „Ich wollte mich umbringen, Ben— und was brachte Dich hierher?“ „Ich wollte nicht laͤnger leben, als ich Dich falſch glaubte, Polly.“ „Die haͤtte nun mit den Worrten des alten Liedes antworten koͤnnen, Herr, aber ich glaube, ſie hatte das Herz zu voll.“ Tom ſang nun: „Treu war Polly immer Dir und alle Wege, Seit wir ſchieden an dem alten Wapping⸗Stege. „Gleichviel, in der naͤchſten Minute druͤckten ſie ſich, herzten ſich, kuͤßten ſich, ſchluchzten und bebten vor Freude; und ſobald ſie ſich ein we⸗ nig erholt hatten, gingen ſie Arm in Arm zu⸗ ruͤck zum Hauſe, nahmen ein gutes, ſteifes Glas, um zu verhuͤten, daß der Rheumatis⸗ mus ſie nicht befalle, gingen ſchlafen und wa⸗ ren von nun an auf immer von der Eiferſucht —— —— —— — — 246— geheilt,— was nach meiner Anſicht'ne viel beßere Filloſoffi war, als die andere, auf die ſie ausgingen. Da hab' ich's zulezt zum Ende gebracht, und nun wollen wir unſere Blechkelche anfuͤllen.“ „Bevor ich einwillige, Freund Dux, willſt Du mir ſagen, wie viel man von dieſem ge⸗ fallenden Getraͤnke nehmen mag, ohne ſich zu berauſchen, vulgo betrunken zu werden.“ „Vater kann ſo viel davon trinken, daß ein Luſtboot darauf ſchwimmen koͤnnte,“ antwortete Tom,„alſo fuͤrchtet nichts, Herr; ich will Be⸗ cher um Becher mit Euch aushalten, die ganze Nacht durch.“ „Das ſollſt Du nicht, Meiſter Tom,“ re⸗ dete der Vater ein.— „Ich will, verlaßt Euch darauf.“ Mir ward deutlich, daß der ſtarke Geiſt ſchon einige Wirkung auf meinen wuͤrdigen Pedago⸗ gen hervorgebracht hatte, und weil ich nicht wuͤnſchte, daß er zur Unmaͤßigkeit uͤberredet werden ſollte, zupfte ich ihn am Rocke, um ihm einen Wink zu geben, er war aber ſchon wieder in Nachdenken vertieft und gab nicht auf mich Acht. Des langen Sizens muͤde, — 247— ſtand ich auf und ging in's Vorderſchiff, um nach dem Kabel zu ſehen. „Sonderbar,“ murmelte der Domine,„daß Jakob mich ſo am Rocke zerren ſollte. Was konnte er damit meynen?“ „Zerrte er Euch, Herr?“ fragte Tom. „Ja, mehremale und dann ging er weg.“ „Es ſcheint, Ihr wurdet zu viel gezerrt, Herr,“ erwiederte Tom, mit vieler Gewandt⸗ heit den Schein annehmend, als hebe er den Rockſchoß vom Boden auf, den der Hund ab⸗ gerißen hatte; er reichte ihm den hin. hen! Jacobe— fili dilectissime— quid fecisti?« rief der Domine aus und hielt mit Verzweiflung im Blicke, ſeinen Rockſchoß em⸗ por. „Ein langer Zug, ein kraͤft'ger Zug und in einem Zug zuſammen,“ ſang der alte Tom, blickte darauf ſeinen Sohn an, und ſagte: „biſt Du nun nicht ein Erz⸗ Hallunke, Meiſter Tom?“ „Es iſt geſchehen,“ rief der Domine ſeuf⸗ zend aus und ſteckte das Bruchſtuͤck in ſeine uͤbriggebliebene Taſche,„und kann nicht unge⸗ ſchchen gemacht werden.“ 1 — 248— „Nun, Herr, ich denke ſo, jezt iſt es unge⸗ macht, kann aber wieder gemacht werden,“ er⸗ wiederte Tom;„eine Naͤhnadel und ein Faden koͤnnen die Stuͤcke Eures alten Rockes bald wie⸗ der zuſammenfuͤgen— in durchſtochenen Ehe⸗ bund— wie ich ſicher ſagen darf.“ „Wahr.(Gluck! gluck!) Meine Haushaͤlterin wird es wieder herſtellen, aber ungehalten wird ſie ſeyn. Feæminæ curæque iræque; aber den⸗ ken wir nicht mehr daran,“ rief der Domine, trank lange Zuͤge aus ſeinem Blechbecher und nahte ſich mit jeder Minute mehr dem Zuſtande der Trunkenheit.—»Nunc est bibendum, nunc pede libero pulsanda tellus. Mir iſt, als würde ich von der Erde emporgehoben, als koͤnnt' ich tanzen und meine Stimme im Geſange ertoͤnen laßen.“ „Koͤnntet Ihr das, mein luſtiger, alter Herr, dann wollen wir tanzen und ſingen zu⸗ ſammen. „Kommt, laßt uns tanzen und ſingen, Laßt in Barbados alle Glocken erklingens Den Fisdelbogen ſoll Mars uns ſchwingen, Frau Venus dabei ihre Laute ſpielen, Hymen gemach, huͤpft bei'm Gelag Iſt voller Jubel am Hochzeitstag. . * „Nun der Chor — — ₰ ₰ = 2 A 2 A 8 S 2 ꝗ S 8 — S SE E 2 8 — 250— Preizehntes Kapitel. Der Spaß wird tobend und wild.— Der Pedagoge ſkandirt nicht richtig, ſeine Fuͤße werden ſehr un⸗ gleich.— Eine allegoriſche Schmeichelei artet bei⸗ nahe in buchſtaͤblichen Zank aus.— Endlich wer⸗ den die Maͤchtigen niedergeſtreckt und der Do⸗ mine thut ſeiner Naſe wehe. Joch vernahm Tom's Tenor und zugleich ein kraͤchzendes Geraͤuſch, in welchem ich des Do⸗ mine Stimme erkannte, der im Chor mitſang; ich ging nach hinten, um wo moͤglich weitere Ausſchweifungen zu verhindern, fand aber, daß der Grog dem Domine zu Kopfe geſtiegen war und daß alle meine Winke unbeachtet blieben. Tom ward abgeſchickt, die zweite Flaſche zu holen, des Domine Blechbecher war auf's Neue gefuͤllt und der alte Tom ſtimmte an: — 251— „Kommt und ſchenkt die Becher voll; Hoffnung erbluͤht, Wenn's Maͤgd'lein ergluͤh't, Das muntere Seelen begluͤcken ſoll; Jungens, Ihr muͤßt Becher bringen, Daß wir tanzen hier und ſingen Bei ſchaͤumender Wogen Donnergeroll. „Nun im Chore zuſammen: „Kommt und ſchenkt die Becher voll,“ u. ſ. w. „Jakob, weshalb ſingſt Du nicht mit uns?“ Der Chor ward von uns allen angeſtimmt; des Domine Stimme erſchallte lauter ſogar, wiewohl nicht ganz ſo muſikaliſch, als die des alten Tom. »Evoe!« ſchrie der Domine, vevoe! can- temus.« „Amo, amas— mein Liebchen, das War ſchlank und zart und mir ganz recht; Amas, amat— ſie legt' mich platt, Wiewohl vom weiblichen Geſchlecht. „Wahrlich vergeßen habe ich die Lieder mei⸗ ner Jugend und meiner froͤhlichen Tage; doch — 252— wirkt der maͤchtige Geiſt auf mich, wie der Gott auf die kumaͤiſche Sybille; und bald werde ich vorausverkuͤnden, was ſich ereignen muß.“ „Das kann ich auch,“ ſagte Tom lachend und gab mir einen bedeutſamen Wink. „Verſieh Dein Amt eines Ganymed und fuͤlle meinen Becher; gieß nicht zu viel von dem Ele⸗ mente hinein. Noch einmal laße Deine Stimme ertoͤnen, guter Dux.“ „Immer bereit, Meiſter,“ entgegnete Tom, und ſtimmte auf's Neue ein Loblied auf ſein Lieblingsgetraͤnk an: „Lieb' Grog iſt's Matroſen beſtes Hoffen, ſein Haupt⸗ .* anker, Sein Kompaß, ſein Kabel, ſein Logg; Der ſtaͤhlt ihm ſein Herz, daß nimmer er ſteht als Kranker, Wenn Gefahr und Noth 4 Ringsum ihn bedroht; Er bietet Troz und ſchluͤrft ſeinen Grog. Der Grog, nur der Grog Iſt ſein Steuer, ſein Kompaß, ſein Kabel, ſein Logg, — Des Matroſen Hauptanker iſt Grog.“ „Wahrlich Du biſt ein Apoll— oder viel⸗ mehr in Betracht der Dir mangelnden Beine, — 253— ein halber Apoll— das heißt ein Halbgott. (Gluck! gluck!) Suͤß iſt Deine Leyer, Freund Dux, Du beluͤgſt unſere Sinne.“ „Geziemend in Worten, Herr, ich bin kein Luͤgner,“ ſchrie Tom;„ſchiebt'nen Riegel vor Eure Zuuge, oder Ihr kommt in Ungelegen⸗ heit.“ „»Ubi lapsus, quld feci,« rief der Domine verwundert;„ich ſprach von Deiner muſikaliſchen Zunge;— und zudem ſprach ich allegoriſch.“ „Daß ein Menſch mit der Zunge luͤgt, weiß ich ſo gut, als Ihr, alter Burſche; daß ich aber, wie Ihr behauptet, alles in(was weiß ich fuͤr) Luͤge geſprochen haͤtte, iſt nicht der Fall, das that ich niemals;“ entgegnete der alte Tom, der im Trunke leicht ſtreitſuͤchtig wurde. Nun ſprach ich ein, um dem bedrohlichen Zanke vorzubeugen; troz allem, was der junge Tom verſuchte, der gar zu gern„'nen Schim⸗ mer angeblaſen haͤtte,“ wie er das nannte, vermogte ich ſie ſich wieder auszuſoͤhnen; das thaten ſie und ſchuͤttelten ſich wohl fuͤnſ Minu⸗ ten lang bei den Haͤnden. Sobald dieſes ge⸗ ordnet war, bat ich den Domine noch einmal, — 254— nicht mehr zu trinken, ſondern ſich auf's Bett zu legen. »Amice Jacobe,« erwiederte er,„Dir iſt das Getraͤnk in den Kopf geſtiegen und nun moͤgteſt Du Deinem Lehrer und Meiſter Ver⸗ weiſe geben. Begib Du Dich auf Dein Lager und verſchlafe die Wirkung Deines Trinkens. In Wahrheit, Jakob, Du biſt plenus veteris Bacechi; oder in ſchlichten Worten, Du biſt be⸗ trunken. Kannſt Du konjugiren, Jakob? Ich fuͤrchte nein. Kannſt Du dekliniren, Jakob? Ich fuͤrchte nein. Kannſt Du ſkandiren, Jakob? Ich fuͤrchte nein.— Mich duͤnkt ſogar, Jakob, daß Du nicht ganz feſt auf den Fuͤßen ſtehſt, und nicht gar zu deutlich in Deinen Wahrneh⸗ mungen blick'ſt. Kannſt Du hoͤren, Jakob? — wenn das iſt, will ich Dir eine Abmah⸗ nungsrede gegen Unmaͤßigkeit halten, womit Du Dich auf Dein Kopfpolſter legen magſt. Willſt Du ſie im Lateiniſchen oder im Griechi⸗ ſchen haben?“ „O! verdammt ſey Euer Griechiſch und La⸗ tein,“ rief der alte Tom dazwiſchen;„ſpart das fuͤr morgen auf. Sing uns'n Lied, altes Herzblatt; oder ſoll ich Euch eines ſingen⸗— Hier iſt's: — 255— „Denn ſo lang der Grog geht rund, Gibt Gefahr ſich niemals kund, Die verachten gute Zecher; Wir ſingen ein wenig—“ „Singen ein wenig,“ kraͤchzte der Domine. „Und lachen ein wenig— „Lachen ein wenig,“ ſtimmte der junge Tom im Echo. „Arbeiten ein wenig—“ „Arbeiten ein wenig,“ bruͤllte der Domine. „und fluchen ein wenig—“ „Wir fluchen nicht wenig ſang Tom im⸗ Chor.. „und ſiedeln ein wenig—“ „Fiedeln ein wenig,“ kehlſchluckte der Do⸗ mine. „und huͤpfen ein wenig—“ — 256— „Huͤpfen ein wenig,“ wiederholte Tom. „Und wir leeren volle Becher, Und fiedeln ein wenig Und huͤpfen ein wenig, Leeren unſ're vollen Becher— ſchrie der alte Tom aus Leibeskraͤften und trank ſeinen Blechkelch aus. „Leeren unſ're vollen Becher—“ folgte der Domine und goß den Inhalt des ſeinigen hinab. „Leeren unſ're vollen Becher.—“ kreiſchte der junge Tom und ſtuͤrzte ſeinen lee⸗ ren Blechbecher um. „Hurrah! das nenne ich glorwuͤrdig. Noch einmal wollen wir's durchmachen und dann'ne andere Doſis haben. Kommt nun alle zuſam⸗ men.“ Noch einmal wurde dieſer Geſang wiederholt und als ſie zum„Huͤpfen ein wenig“ kamen, ſprang der alte Tom auf ſeinen Stuͤmpfen in die Hoͤhe, erfaßte den Domine, der ſich augenblick⸗ lich erhob, und nun tanzten die Drei uͤber eine Minute umher, ſangen das Lied und den Chor, bis der alte Tom, mit dem es ſchon ziemlich weit gekommen war, gegen das Gelaͤnder der Schiffsluke ſtieß und ſeinen Kopf dem Domine grade auf die Magengrube einſezte, ſo daß der ruͤcklings niederſank und des jungen Tom ge⸗ faßte Hand angſtvoll umklammerte; ſolcherge⸗ ſtalt rollten nun alle Drei mit einander auf dem Verdecke— aber mein wuͤrdiger Lehrer lag unter den andern Beiden. „Diesmal, Vater, habt Ihr wohl zu viel gehuͤpft,“ ſagte Tom, der zuerſt wieder auf⸗ ſtand und herzlich lachte;„Komm', Jakob, laß uns Vater wieder auf ſeine Pinnen ſtellen, ohne Hebel wird er nicht grade.“ Mit einiger Schwierigkeit gelang es uns, ihn wieder in die Hoͤhe zu bringen; der alte Tom legte jedem von uns eine Hand auf die Schul⸗ ter und begann mit trunkenem Aufblicke: .* „Schnallt er auch Ständer unter's Knie, Zieht gern ein's uͤber's Lippel, Lebt' beßerer Matros doch nie, Als Tom der luſt'ge Krippel J 17 — 258— „Dank' Euch, meine Jungens, danke; nun bringt den alten Herrn in die Hoͤhe.— Ich fuͤrchte, wir haben ihm den Athem verſezt.— Hallo da, ſeyd Ihr noch hart und feſt?“ „Die Backſteine ſind hart und meine Sinne ſchwinden mir,“ ſprach der Domine, ſich zum Sizen aufrichtend und umherſtierend. „Die Sinne ſchwinden Euch, ſagt Ihr, Meiſter?“ rief der alte Tom.„Werft die nicht eher uͤber Bord, bis wir dem Gelage ein Ende machten. Jeder von uns noch einen Blechkelch— noch ein Lied und dann zu Bett. Tom, wo iſt die Flaſche?“ „Herr, ich bitte Euch, trinkt nicht mehr, Ihr werdet morgen krank ſeyn,“ ſprach ich zum Domine. »Deprone quadrimum;,« ſagte der Domine und ſchluckte ſtark.»Carpe diem— quam mi- nimum— credula postero.— Singe Du, Freund Dux,— quem virum— sumus ce- lebrare— musis amicus.— Wo iſt mein Klechbelch?— Wir ſind keine Thrazier— natis in usum— laætitiæ scyphis pugnare— (heftiges Aufſchlucken). Thracum est— des⸗ halb wollen wir— nicht fechten— aber trin⸗ ken— das wollen wir— recepto dulce mihi — 259— furere est amico— Jakob, Du biſt betrun⸗ ken— ſing', Freund Dux— oder ſoll ich ſin⸗ gen? »Propria quæ maribus, hatt''nen kleinen Hund, — Qua genus war ſein Nam———“ „Mein Gedaͤchtniß verlaͤßt mich— wie war die Melodie?“. „An der Melodie ſtarb die alte Kuh, das weiß ich gewiß,“ gab Tom zur Antwort.— „Komm', alter Naͤſer, ſtreich noch mal auf.“ „Naͤſer fuͤr Naso— wahrlich, es iſt ein gu⸗ tes Beiwort; und es erinnert mich daran, daß meine Naſe— bei dem Falle gelitten hat, den ich kurz zuvor gethan habe.— Singen kann ich aber nicht— denn ich habe keine Worte.“ „So wenig als Stimme, Meiſter,“ erwie⸗ derte der alte Tom;„alſo dies fuͤr Euch— „Suſannchen hatt' ſo viele Freier, Daß ſie ſich zu waͤhlen nicht trau't. Ein jeder war Liebchen's Getreuer und war wirklich wuͤrdig der Braut; Den Morgen verplaudert mit William ſie, Den Mittag veröringt ſi ſie mit jungem Ruprecht„ — 260— Den Abend mit Tom, doch wußte ſie nie, Wem unter den Allen ſie gaͤbe das Eh'recht. Heiſa! ich fuͤrchte ſehr, Viele Freier machen's dem Maͤdchen ſchwer!“ „Es gefaͤllt mir— es erklingt in meinen Ohren freudig, ja ſehr erfreulich.— Fahre Du fort, das Maͤgdlein war wie die Pyrrha beim Horaz— „uis multa gracilis—— te puer in rosa— Perfusus liquidis urget odoribus. Grato, Pyrrha—— sub antro?4 „Das iſt mir viel zu hoch, Meiſter; ich aber will fortfahren, wenn ich nur kann. Mein Ge⸗ daͤchtnißkaſten iſt ein bischen in Unordnung.— Laß' mich ſeh'n— aha! „der William, voll Eiferſucht, ſich ſchon bedankt, Auch Ruprecht wird's freien bald muͤdez Als Tom d'rauf den Brauttag zu wißen verlangt, Zuͤrnt ſie ihm und hin iſt der Friede. So von allen ihren Freiern ledig und baar Klagt ſie naͤchtlich dem Polſter ihr Leiden 3 Einſt, als ihr im Feſtzug begegnet ein Brautpaar, Rennt ſie fort,— todt fand man ſie unter den Weiden. — 261— Heiſa! ich fuͤrchte ſehr, 2 Zu viele Freier machen's dem Maͤdchen ſchwer. „Nun, alter Herr, zieht Euren Grog hin⸗ unter. Euren zukommenden Antheil habt Ihr empfangen, wie ich es Euch verſprochen hatte.“ „Kommt, Herr, Ihr ſtimmt um einen Be⸗ cher zu tief,“ ſagte Tom, der, wiewohl un⸗ gemein guter Dinge, doch gar nicht berauſcht war; er konnte wirklich bedeutend mehr ver⸗ tragen, als ſein Vater, wie ſich das ſpaͤter zeigte;„Kommt, ſoll ich Euch ein Lied ge⸗ ben?“ „Das iſt recht, Tom; ein Freiwilliger iſt ſo viel werth, als zwei gepreßte Matroſen;— oͤffne Du Deinen Mund weit, und laß Dein Pfeifen mit dem Winde fortfliegen.— Auf je⸗ den Fall pfeifſſt Du doch im rechten Tone.“ Tom begann, der Domine ſchwankte auf ſeinem Size von einer Seite zur andern und wurde recht ſchlaͤfrig. 6 „Nicht des Lebens Gluͤck, noch Ungluͤck Konnten je mich traurig machen; Selten reich, oft Armuths⸗Aufblick, Trieb ich doch ſtets muntre Sachen. 4 — 262— Mehr als halb in meiner Schaale Wiegt die Widerwaͤrtigkeit. Doch ich weiß nicht wie— bis heut' Konnt' ich weinen nie vor Lachen,— Ha! ha! ha! ha! ha! ha! Konnt' ich weinen nicht vor Lachen—“ „Nun im Chor, Vater! Ha! ha! ha! ha! ha! ha! Konnt' nie weinen ich vor Lachen!“ „Das iſt Alles, was ich weiß; und genug iſt's, denn es wird den alten Herrn nicht auf⸗ wecken.“ Dies geſchah jedoch.„Ha! ha! ha!— ha! ha! ha! ſterben konnt' ich nicht vor Lachen,“ bloͤte der Domine und tappte nach ſeinem Blechkelche; dieſe war aber auch ſeine lezte Kraftanſtrengung.— Er ſtierte umher:„wahr⸗ lich, wahrlich, wir ſind hier in einem Stru⸗ del,— wie ſich Alles umherdrehet und wir⸗ belt!— aber wen bekuͤmmert das?— Bin ich nicht ein alter Seefahrer— Qui videt mare turgidum— et infames scopulos.— Freund Dux, hoͤre mich an— favete linguis.« — 263— „Wohl,“ antwortete der alte Tom unter fortwaͤhrendem Schlucken,„das will ich— aber ſprecht— ſchlicht und deutlich— wie ich— thue.“ „Ich will gehaͤngt ſeyn, wenn er das thut,“ ſagte Tom zu mir;„noch eine halbe Stunde und ich werde des alten Naͤſer ſein Latein ſo gut verſtehen— als was er ſein„ſchlicht und deutlich“ nennt.“ „Ich will in jeder Sprache Rede ſtehen— das heißt— in jeder Zunge— ſey es in der Griechiſchen oder der lateiniſchen— ja ſogar —(ſtarkes Aufſchlucken)— Freund Dux— haſt Du nicht vielleicht zu viel genommen— von— helf Gott!— Quo me Bacche rapis tui— plenum— in der That, ich werde trunken werden— und will nur noch meinen Klechbelch— ausleeren— dulce periculum est— Jakob— wie ſind zwei Jakobs da— und zwei alte Toms— ſogar— mirabile dictu— ſind zwei junge Toms vorhanden und zwei Hunde Tommy's— jeglicher mit— zwei Schwaͤnzen.— Bacche, parce— precor— precor— Jakob, wo biſt Du?— Ego sum — tu es— Du biſt— sumus— wir ſind — wo bin ich?— Procumbit humi bos— — 264— fuͤr Bos— iſt Dobbs zu leſen— amo, amas — Mein Liebchen, das— Tityre tu patu- læ— sub teg— mine— nein— ich fuͤhre falſch an— alſo muß ich wohl— ich glaube, daß— ich betrunken bin.“ „uund ich bin voͤllig gewiß davon,“ rief Tom lachend, als der Domine im Zuſtande ſtarrer Bewußtloſigkeit zuruͤckſank. „Und ich bin— auch gewiß davon,“ ſagte der alte Tom, uͤber das Verdeck zur Kajuͤten⸗ thuͤre hintaumelnd,„daß ich ſo viel eingenom⸗ men habe— als ich zu tragen vermag— auf jeden Fall;— alſo will ich mich in den Schlaf ſingen;— Urſach von wegen— weil ich gluͤck⸗ lich bin. Jakob— verſteh' mich recht, Du mußt in dieſer Nacht alle Wachen halten— und Tom kann die uͤbrigen thun.“ Nun ſezte der alte Tom ſich ſo, daß er fei⸗ nen Ruͤcken gegen den Kajuͤtenverſchlag ſtuͤzte, und begann einen jener tief wehmuͤthigen Trauer⸗ und Schlachtgeſaͤnge, die zuweilen auf dem Vordertheile eines Kriegsſchiffs angeſtimmt werden; er kannte eins oder zwei dieſer Lieder, welche er jedesmal fuͤr aͤhnliche Veranlaßungen aufſparte. Waͤhrend Tom und ich den Domine auf's Bett ſchleppten, ſang der alte Tom in lang⸗ — 265— ſamer, zitternd⸗gedehnter Betonung ſein Klag⸗ lied: „Oho! wir ſegelten nach Virgi⸗ni⸗a und nach Fy⸗al da-rauf, Wo's Geſchwader Waßer einnahm— nach die⸗ſem lan⸗ gen Laufz Voll im Aabeſſcht auf dem Meer— ſieben Segel wir er-ſpaͤehen— Kab'ſtan bemannt— Anker ge⸗lichtet— und hinaus wir ge⸗hen. „So iſt's recht, meine Jungens,— ange⸗ ſtrafft und gehalten.— Packt den alten Dik⸗ tionair zur Seite, denn er hat ſeine Redetheile nicht laͤnger in der Gewalt. „Schon am folgenden Mor⸗gen— ward das Ge⸗fechte — heiß ge⸗ſpielt, Und der brave Admiral Ben-bow— einen Ket⸗ten⸗ ſchuß er⸗hielt; Oh!— als er ward verwundet— zu ſei nen Ma⸗ tro⸗ſen— er— ſagt, Rehmt mich in Eure Arme— mun⸗tre Bur⸗ſchen— und— fort— mich— tragt. „Jezt Jungens, kommt und helft mir eben⸗ J. 17 — 266— falls— Tom— keinen von Deinen Narren⸗ ſtreichen— denn Dein armer, alter Vater— iſt— betrunken.“ Wir halfen dem alten Tom in den zweiten Schlafplaz in der Kajuͤte. „Dank Euch, Burſche— noch ein ganz klein wenig mehr, dann bin ich damit durch— ganz wie der Verſteigerer ſagt— weg geht's— weg „Oho!— die Kugeln, die ſau-ſen— und das Ge⸗ ſchuͤ⸗ze— das— kracht; und der tapfere Benbow— nach Huͤl⸗fe ru-fet— mit— Macht: Tragt mic hinab in den Wund-raum— zu lindern — mei⸗nen— Schmerz; Sollten meine wackern Leute mich ſehen— braͤch's— ſicher— ihr— Herz. „Weg— alter Schwanen⸗Hinker— wie ich bin— weg— ganz ue—.“ Tom und ich waren nun allein auf dem Verdecke. „Hoͤr', Jakob, wenn Du Suf haſt, Dich niederzulegen, thu' das— ich bin gar nicht ſchlaͤfrig— und Du kannſt nachher die Mor⸗ genwache halten.“ — 267.— „Nein, Tom, es iſt beßer, daß Du zuerſt ſchlaͤfft. Um vier Uhr will ich Dich wecken. Wir koͤnnen nicht Anker lichten, bevor die Ebbe einſezt, und bis dahin werde ich noch Zeit ge⸗ nug zum Schlafen haben.“ Tom ging zu Bett und ich wandelte auf dem Verdecke umher bis zum Morgen, uͤber⸗ dachte mir noch einmal die Vorfaͤlle dieſes Ta⸗ ges, und war geſpannt darauf, was der Do⸗ mine ſagen wuͤrde, wenn er wieder zum Ge⸗ brauche ſeiner Sinne gekommen waͤre. Um vier Uhr weckte ich Tom und legte mich in deßen Bett; bald war ich in eben ſo feſten Schlaf gefallen, als der alte Tom und der Do⸗ mine, deren beantwortendes Schnarchen in mei⸗ nen Ohren waͤhrend der ganzen Zeit erklang, die ich auf dem Verdecke zugebracht hatte. — 268— Vierzehntes Kapitel. Kaltes Waßer und Reue.— Beide Toms erſcheinen faſt moraliſch; ich ſelber bin mit weiſen Betrach⸗ tungen erfuͤllt.— Das Kapitel voller ernſthafter Ausſpruͤche iſt gluͤcklicherweiſe recht kurzz und wiewohl ſein Inhalt ſehr verſtaͤndig iſt, moͤgte ich dennoch nicht rathen, es uͤberzuſchlagen. Etwa um halb neun Uhr am folgenden Mor⸗ gen weckte mich Tom, damit ich helfen moͤgte die Barke in die Fahrt zu bringen. Ich kam auf's Verdeck und fand den alten Tom ſo friſch, als haͤtte er Abends zuvor keinen Tropfen ge⸗ trunken; emſig ſtumpelte er um den Winde⸗ baum, mittelſt welchem wir zuerſt den Anker aufwanden und ſodann den Maſt in die Hoͤhe richteten. „Nun, Jakob, mein Junge, Schlaf genug gehabt? Nicht zu viel, ſollt' ich meynen, aber — 269— ſo'n luſtig Leben wie geſtern Abend kommt nicht oft, Jakob— nur'mal, wenn's ſich ſo trifft; von Zeit zu Zeit halte ich das gut fuͤr meine Geſundheit.— Es iſt mir ein wahrer Troſt, mein Junge, daß ich Dich mit am Bord habe, denn weil Du gar nicht trinkſt, mag ich es mir nun ein bischen oͤfter ge⸗ ſtatten.— Dem Tom da, dem kann ich nicht trauen,— ſeinem Vater zu aͤhnlich— bis Du kamſt, hatte ich Niemanden, dem ich's Be⸗ wachen anvertrauen konnte, den Hund Tommy ausgenommen. Dem Tommy kann ich ſo weit vertrauen, daß er die Stromgauner abhaͤlt; er wird ſich nimmermehr ein Stuͤck aufgedreh⸗ tes Tau vom Verdecke nehmen laßen, ſey's Nacht oder Tag; aber'n Hund iſt doch man 'n Hund, wenn's um und um koͤmmt.— So, jezt haben wir's Schiff zugebracht, nun Hand angelegt, mein Junge, und den Maſt in die Hoͤhe.“ „Wie geht's dem alten Herrn, Vater?“ fragte Tom, als wir einen Augenblick von un⸗ ſerer Arbeit am Windebaume verſchnauften. „O, der hat noch eine gute Menge mehr zu verſchlafen. Dort liegt er, platt auf dem Ruͤk⸗ ken, und blaͤſt die Luft von ſich wie'n Nord⸗ — 270— kaper. Es wird am Beſten ſeyn, wir laßen ihn ſchlafen, ſo lange als moͤglich. Wir wollen ihn wecken, wenn wir auf's Greenwich⸗Revier umbiegen. Tom, iſt Dir's nicht vorgekommen, als wenn ſeine Naſe geſtern teufelmaͤßigen Um⸗ fang zeigte?“ „Hab' noch niemals ſo'n Ungethuͤm von 'nem Waßerpfluͤger geſehen, Vater.“ „No, wirſt noch'ne groͤßere ſehen, wenn er aufſteht, dicker iſt ſie aufgeſchwollen, als'ne Branntweinflaſche. Auf! auf! mit dem Maſt, Jungens— nu ſezt ihn ein, indeß ich hinten zum Steuer gehe.“ Waͤhrend der Nacht war der Wind nach Norden umgeſprungen und es hatte recht ſcharf gefroren; Reif hatte der Barke Verdeck uͤber⸗ zogen, im Strome ſah man ſchwimmende Eis⸗ ſtuͤcke hinabtreiben. Die Flußufer und die an⸗ ſtoßenden Felder waren vom Rauhfroſt weiß bekleidet und wuͤrden einen gar traurigen An⸗ blick gewaͤhrt haben, haͤtte die Sonne ſie nicht hell und glaͤnzend beleuchtet. Tom ging in's Hinterſchiff, um Feuer anzumachen, waͤhrend ich die Takelung ordnete und das Vorſchiff klar machte. Wie gewoͤhnlich ließ der alte Tom ſeine Stimme erſchallen: „O! ſchenk⸗ uns ſanften, lauen Wind. So bitten ſchoͤne Weiber all', Mir aber gebt mit Sturmgebraus Gepeitſchter Wogen hohen Schwall; Durch weißer Wogen hohen Schwall, Faͤhrt's gute Schiff ſo frei und feſt;3 Die weite Meerwelt uns gehoͤrt, Iſt unſer Freudenfeſt. „Ein herrlicher Morgen iſt's, um'nen er⸗ hizten Kopf abzukuͤhlen, das iſt gewiß. Tom⸗ my, Du Spizbube, ſiehſt aus wie'ne Hof⸗ dame mit ihrem Sammtkleide, uͤber und uͤber mit Juwelen beſezt;“ der alte Tom betrachtete den Hund, deßen glaͤnzend ſchwarzes Haar mit kleinen Eiszacken beſezt war, die in der Sonne erglaͤnzten.„Du und Jakob waret die beiden einzigen Verſtaͤndigen in der Geſellſchaft von geſtern Abend, denn Ihr Beide waret nuͤch⸗ tern.“ „Das war ich auch, Vater, ſo nuͤchtern wie'n Oberrichter,“ bemerkte Tom, der das Feuer anblies.—— „Kann ſeyn, Tom, wie ein Oberrichter nach dem Mittageßen; aber'n Richter auf ſeiner Bank iſt ein Ding, und ein Richter nach ſei⸗ — 272— ner Flaſche iſt'n Anderes, und doch deshalb kein ſchlechter Richter, in dem Betracht eben ſo wenig. Auf jeden Fall war's nicht Deine Schuld, wenn Du nicht'ne gute Naht hatteſt.“. „Und ich nehme an,“ erwiederte Tom,„es war blos Euer Ungluͤck, daß Ihr die bekamt.“ „Nein, das ſage ich nicht; aber doch, wenn ich den Hund da betrachte, der von Natur nur'n Vieh iſt, und dann an mich ſelber denke, der nicht fuͤr'n Vieh beſtimmt wurde — ſeht dann werde ich roth— das iſt's Ende davon.“ „Jakob,“ rief Tom mir zu,„ſieh den Va⸗ ter an, wird er jezt roth?“ „Ich kann nicht ſagen, daß ich's gewahre,“ erwiederte ich laͤchelnd. „Nun, wenn ich's nicht werde, ſo iſt's aus dem Grunde, weil ich keine Beine habe. Das weiß ich ganz gewiß, daß ich die Haͤlfte vom Blute in meinem Leibe verlor, als ſie fortge⸗ rißen wurden; und das halte ich alſo fuͤr die Urſache. Auf jeden Fall meynte ich roth zu werden, und ſo wollen wir den Wilen fuͤr die That nehmen.“ „Aber meynt Ihr auch kuͤnftig nuͤchtern zu bleiben, Vater,“ fuhr Tom fort. „Dafuͤr ſorge Du nicht; bekuͤmmere Du Dich um Deine eigenen Angelegenheiten, Mei⸗ ſter Tom. Auf allen Fall ſoll ich bis zum naͤch— ſten Male nicht betrunken ſeyn; mehr kann ich mit Gewißheit nicht daruͤber ſagen; von we⸗ gen, ſeht Ihr wohl, daß ich meine Schwach⸗ heit kenne. Jakob, haſt Du jemals geſehen, ob der alte Herr wohl ſchon einmal zu dicht an den Wind ſegelte?“ „Nie ſah ich das— und glaube nicht, daß er in ſeinem Leben betrunken geweſen iſt— außer am geſtrigen Abend.“ „Dann habe ich Mitleid mit ihm,— mit ſeinem Kopfſchmerz— und mit ſeiner Reu⸗ muͤthigkeit.— Außerdem iſt noch ſeine Naſe da und der Schwalbenſchwanz von ſeinem Rocke, um ihn unluſtig zu machen. In'ner halben Stunde werden wir da unten vor dem Hospital ſeyn. Was meynſt Du, Jakob, wenn Du hingingeſt und ruͤttelteſt ihn auf.— Du nicht, Tom, Dir trau⸗ ich nicht— Du wirſt ihm was Leides thun; Du haſt gar kein Mit⸗ gefuͤhl, nicht einmal fuͤr's unvernuͤnftige Vieh.“ „SIch bitte Euch, Vater, mir meinen guten 1I. 3 18 — 274— Ruf nicht ſo zu verlaͤſtern,“ erwiederte Tom, „hab' ich Euch nicht geſtern Abend zu Bett gebracht, als Ihr ſprachlos waret?“ „Angenommen Du haͤtteſt,— was ſoll's denn?“ „Nun, bewies ich da nicht mein Gefuͤhl fuͤr on unvernuͤnftig Vieh?— Ich ſage das nur, Vater, des Scherzes wegen, wie Ihr wißt.“ fuhr Tom fort, trat zu ſeinem Vater und klopfte dem ſchmeichelnd den Nacken. „Das weiß ich, mein Junge; unfreundlich warſt Du niemals, das iſt gewiß;— aber Deinen Scherz mußt Du treiben. „Luſtig Denken iſt mit Lachen eng verbunden, Weshalb dies ertoͤdten? Seufzer, Thraͤnen, kommen noch in ſpaͤtern Stunden⸗ Eile, nicht von noͤthen; Leute die durch's Fernrohr ſpäͤh'n, Nach Minuten, die vergehn, Sonnenlicht gedunkelt ſehn, Doch die Schuld iſt Ihre, Tom.“ In dieſer Zwiſchenzeit machte ich fruchtloſe Verſuche, den Domine zu wecken. Nach man⸗ chen erfolgloſen Anſtrengungen legte ich eine — 275— gute Menge Schnupftabak auf ſeine Oberlippe, und blies ihm dieſe alsdann in ſeine Naſe hin⸗ auf. Aber barmherziger Himmel, was war die fuͤr eine Naſe geworden; dicker, als die dickſte Birne, die ich in meinem ganzen Leben geſe⸗ hen habe. Des alten Tom ganzes Gewicht war auf ſie herabgefallen, und anſtatt davon zer⸗ quetſcht zu werden, ſchien es im Gegentheil, daß Entruͤſtung uͤber ſolche Unwuͤrdigkeit und Beleidigung ſie angeſchwellt hatte. Die Naſen⸗ haut war ſo ſtraff geſpannt, wie das Perga⸗ ment auf einer Trommel; ſie erglaͤnzte, als waͤre ſie mit Oel eingeſalbt und ihre Farbe war hoch Purpur.— Wahrlich, es war des Domine Naſe, im Zorne. Der Tabak hatte die Wirkung, ihn aus ſei⸗ ner Schlafſucht ſo halb und halb zu erwecken. —„Sechs Uhr— ſagtet Ihr Frau Bately? — Sind die Knaben gewaſchen— und im Schulzimmer?— Gleich will ich aufſtehen— aber ich fuͤhle mich von Schwere uͤberwaͤltigt Delapsus Somnus ab——“ Der Domine begann auf's Neue zu ſchnar⸗ chen; ich wiederholte meine Bemuͤhungen und allmaͤhlig gluͤckte mir's. Er oͤffnete ſeine Au⸗ gen, ſtarrte das Verdeck und die Strebpfeiler N6— uͤber ihm an, ſodann den Schenkſchrank an ſeiner Seite, und zulezt blickte er auf mich und erkannte mich auch. „»Eheu, Jacobe!— wo bin ich?— und was iſt's, das ſo ſchwer auf meinem Gehirne druͤckt?— Was belaſtet meine Hirnſchaale, gleich als waͤre es Blei?— Wo iſt mein Ge⸗ daͤchtniß?— Laß mich meine verwirrten Sinne ſammeln.“— Schweigend verbrachte er einige Zeit und fuhr dann fort:„Wehe mir; ja und gewißlich, ich beſinne mich— mit Schmerzen meines Kopfes und mit noch ſchmerzlicherer Herzenspein— deßen was ich gern vergeßen moͤgte, das iſt, mich ſelber vergeßen zu ha⸗ ben;— wirklich habe ich auch Alles vergeßen, was im lezten Theile der Nacht vorgegangen iſt. Freund Dux hat ſich nicht als Freund be⸗ waͤhrt, ſondern mich auf unrechten Pfad ge⸗ fuͤhrt; und was das Getraͤnk anbetrifft, Grog genannt— Eheu, Jacobel wie bin ich gefal⸗ len,— verſunken in meiner eigenen Meinung — verſunken in der Deinigen— wie kann ich Dir nur in's Angeſicht blicken! O Jakob! was mußt Du jezt von ihm denken, der bisher Dein Lehrer und Dein Fuͤhrer war!“ Der Domine ſank zuruͤck auf's Kopfpolſter und wandte ſeinen Kopf um. „Es war nicht Ihre Schuld,“ ſagte ich um ihn zu troͤſten,„Sie kannten nicht, was Sie tranken— wußten nicht, daß die Miſchung ſo ſtark ſey. Der alte Tom taͤuſchte Sie.“.. „Nein, Jakob, dieſen lindernden Balſam darf ich meinem wunden Herzen nicht aufle⸗ gen. Ich haͤtte das wißen muͤßen, ja ich ent⸗ ſinne mich jezt ſogar, daß Du mich warnen wollteſt— daß Du es ſelbſt ſo weit triebſt, mir den Rockſchoß abzureißen— dennoch ach⸗ tete ich nicht auf Dich, und ich fuͤhle mich ge⸗ demuͤthigt, mich, der ich Meiſter uͤber ſieben⸗ zig Knaben bin!“ „Ich war es nicht, der Ihren Rockſchooß abriß, es war der Hund.“ „Jakob, ich habe von dem wunderbaren Scharfſinne des Hundegeſchlechtes gehoͤrt, doch koͤnnte ich nie geglaubt haben, daß ein ver⸗ nunftloſes Thier meine Thorheit gewahren und mich vor Berauſchung warnen ſollte.— Mira- bile dictu! Sage mir Jakob, Du, der Du durch Unterricht Dich ausbildeteſt, den Dein Lehrer Dir geben konnte— wiewohl er nicht vermogte, durch ſein eigenes Beiſpiel ſeine — 278— Lehren zu bekraͤftigen— ſage Du mir, was vorgegangen iſt? Laß mich den ganzen Umfang meines Falles erkennen.“ „Sie verſanken in feſten Schlaf und da brachten wir Sie zu Bett.“ „Wer erzeigte mir dieſen Dienſt, Jakob?“ „Der junge Tom und ich; was den alten Tom betrifft, ſo war der nicht im Zuſtande, um irgend Jemandem helfen zu koͤnnen.“ „Ich bin gedemuͤthigt, Jakob.“ „Unſinn, alter Herr, weshalb ſo viel Auf⸗ hebens, um Nichts machen?“ ſagte der alte Tom, der unſer Geſpraͤch hoͤrend in die Ka⸗ juͤte trat.—„Ihr hatten'nen Tropfen zu viel, das iſt's Alle, und was fuͤr'n Ungluͤck waͤre dabei.— Das iſt ein armſelig Herz, was nie⸗ mals froh wird. Nacht Euch'n bischen in die Hoͤhe, waſcht Euer Geſicht mit kaltem Themſewaßer, und in'ner halben Stunde wer⸗ det Ihr ſo friſch ſeyn, wie'ne Gaͤnſeblume.“ „Mir ſchmerzt der Kopf!“ rief der Domine aus,„es iſt mir, als rollte eine bleierne Ku⸗ gel von einer Schlaͤfe zur andern; aber meine Strafe iſt gerecht..— „Allerdings iſt das die Strafe, wenn man der Flaſche ein bischen zu ſtark zuſpricht; iſt — — — 279— das aber ein Unrecht, ſo fuͤhrt es ſeine eigene Beſtrafung herbei, und die iſt mehr als hin⸗ reichend. Jedermann weiß, daß wenn's Herz in der Nacht recht leicht war, der Kopf am Morgen deſto ſchwerer iſt.— Das habe ich wohl tauſendmal erfahren und erwieſen.— Nun, und was hat's zu ſagen.— Ich waͤge das Gute gegen das Schlechte ab und halte meine Strafe aus, wie'n Mann.“ „Freund Dux, denn ſo will ich Dich immer noch nennen, Du betrachteſt das Unrecht nicht aus dem moraliſchen Geſichtspunkte.“ „Was heißt moraliſch,“ entgegnete der alte Tom. „Ich wollte andeuten, daß Trunkenheit ſünd⸗ lich iſt.“ „Trunkenheit ſuͤndlich! Ich vermuthe, das ſoll ſo viel heißen, daß es eine Suͤnde iſt, ſich voll zu trinken. Hoͤrt, Meiſter, meine Meinung. iſt dieſe, daß weil Gott der Allmaͤchtige uns gutes Getraͤnke gegeben hat, dies zu keinem andern Zwecke geſchah, als um es zu trinken; deshalb wuͤrde es undankbar gegen unſern Herrgott und'ne Suͤnde ſeyn, ſich nicht zu 4 betrinken, das will ſagen, immer mit Beſon⸗ nenheit. 4 — 280— „Wie vermagſt Du Beſonnenheit und Be⸗ trunkenſeyn mit einander zu einigen, guter Dux?“ „Was ich ſagen will, Meiſter, iſt dies; wenn Arbeit zu verrichten iſt, ſo ſoll die Arbeit vor⸗ genommen werden; wenn's aber Zeit genug gibt, wenn Alles in ſichern Zuſtand gebracht worden, und Alles vorbereitet iſt, um am fol⸗ genden Morgen abzufahren, dann vermag ich moͤglicher Weiſe keine Einwendung gegen eine Ergoͤzlichkeit zu gewahren.— Kommt, Mei⸗ ſter, ſteht auf, wir ſind jezt bald mit der Barke dem Hospital gegenuͤber und muͤßen Euch an's Land ſezen.“ Der Domine, der ſeine Kleider an hatte erhob ſich und ging mit uns auf das Verdeck. Der junge Tom ſtand am Steuer, ſobald er uns gewahrte, wuͤnſchte er dem Domine in ſehr ehrerbietiger Weiſe den guten Morgen. Ich bemerkte in der That, daß er bei aller ſei⸗ ner Unverſchaͤmtheit und Poſſenliebe dennoch viel Ueberlegung und Herzensguͤte beſaß. Er hatte des Domine Geſpraͤch mit mir angehoͤrt, und wollte deshalb durch keinen Seherz den Mann verwunden. Der alte Tom trat wieder zum Steuer — 281— waͤhrend der Sohn das Fruͤhſtuͤck zubereitete, ich zog einen Eimer voll Waßer aus dem Strome, damit der Domine ſein Geſicht und ſeine Haͤnde waſchen koͤnne. Nicht ein Wort ward von ſei⸗ ner Naſe geſagt; auch er machte mir keine Be⸗ merkung, wiewohl ich uͤberzeugt war, daß ſie ihm vielen Schmerz verurſachen muͤße, denn das Baden derſelben im eiskalten Waßer ſchien ihm ungemein wohl zu thun. Eine Schaale guten Thee war fuͤr ihn eine rechte Labung, und kaum hatte er ſie getrunken, als unſer Lichter ſich am Treppenſtege des Hospitals be⸗ fand. Tom ſprang in's Boot und ſchob daßelbe laͤngs der Schiffſeite hin; ich griff zum zweiten Ruder, der Domine ſchuͤttelte dem alten Tom die Hand und ſagte:„Du haſt es freundlich gemeynt, und deshalb wuͤnſche ich Dir ein freundliches Fahrewohl, guter Dux.“ „Gott ſey mit Euch, Meiſter;“ erwiederte der Alte,„ſollen wir Euch abholen, wenn wir wieder herauf kommen?“ „Nein, nein,“ antwortete der Domine,„das Reiſen zu Lande iſt wohl koſtſpieliger, aber minder gefaͤhrlich.— Ich danke Dir fuͤr Deine Geſaͤnge und—— fuͤr alle Deine Freundlich⸗ — 282— keit, mein guter Dux.— Sind meine Sachen im Boote, Jakob?“ Dies war der Fall; der Domine betrat das Boot und wir ruderten ihn zum Ufer. Er lan⸗ dete, nahm ſeinen Buͤndel und Regenſchirm unter den Arm, reichte zuerſt Tom, dann mir chweigend die Hand, und ich gewahrte, daß ihm Thraͤnen aus den Augen ſtuͤrzten, als er ſich abwandte und fortging. „Wahrlich,“ ſprach Tom, der ihm nachblick⸗ te,„ich wollte, ich waͤre betrunken geweſen und er nicht. Der arme alte Herr nimmt's ſich ſo gewaltig zu Herzen!“ „Er hat die Achtung vor ſich ſelber verlo⸗ ren,“ erwiederte ich,„dies ſollte Dir zur War⸗ nung dienen, Tom. Komm, laß uns Ruder einſezen.“ „Nun, einige Leute die ſind ſo gemacht und andere ſo. Mehr als einmal bin ich betrunken geweſen und habe nichts dabei verloren, als meine Vernunft, und die kehrte zuruͤck, ſobald der Grog aus meinem Kopfe verdampfte. Ich kann das Graͤmen daruͤber nicht verſtehen, daß einer'n Glas zu viel nahm; ich graͤme mich nur, wenn ich nicht genug bekommen kann.— Das muß ich aber ſagen, von allen Naſen, — 283— die ich jemals geſehen habe, kommt keine auch nur in'nem Schatten ſeiner nahe; es draͤngte mich recht daruͤber zu lachen, aber ich wußte, es wuͤrde ihm ſchmerzlich ſeyn.“ „Das war recht freundlich von Dir, Tom, Deiner Zunge den Zaum anzulegen, und ich danke Dir ſehr dafuͤr.“ „Und doch ſchwoͤrt der Alte darauf, daß ich kein Mitgefuͤhl haͤtte, und daß er ſo etwas ausſpricht, finde ich von ihm hoͤchſt unrecht. Wie mag's nur zugehen, Jakob, daß die Soͤhne immer viel kluͤger ſind, als ihre Vaͤter?“ „Ich habe gar nicht gewußt, daß dem b waͤre, Tom.“ „So iſt's aber jezt, wenn's auch in alter Zeit nicht ſo geweſen iſt. Das Sprichwort ſagt:„Junge Leute halten die Alten fuͤr Narren, doch die Alten wißen, daß junge Leute Narren ſind.“ Das muͤßen wir aͤndern, denn ich ſage ſo:„Alte Leute halten die Jun⸗ gen fuͤr Narren, aber die jungen Leute wiſ⸗ ſen, daß die Alten Narren ſind.“ „Nimm's nach Deiner Weiſe, Tom;— ſo, das will's thun— hier ſind wir wieder.“ Virr legten unſere Ruder ein, befeſtigten das — 284— Boot und gingen dann auf's Berdeit ,wo der alte Tom ſteuerte. „Hoͤr', Jakob,“ ſagte der,„ich habe nie ge⸗ glaubt, daß es mich freuen wuͤrde, den alten Herrn vom Lichter abfahren zu ſehen, aber es machte mich froh— teufelmaͤßig froh; er lag wie eine ſchwere Laſt auf meinem Gewißen, dieſen ganzen Morgen hindurch; Herr Drum⸗ mond hatte mir ihn im vollen Vertrauen em⸗ pfohlen, und ich hatte kein Recht dazu, daß ich ihm einredete, ſich zum Narren zu machen. — Inzwiſchen, was geſchehen iſt, laͤßt ſich nicht andern, wie Du zuweilen ſagſt; und weinen hilft nicht; aber immer bleibt's zu bedauern, denn er iſt, fuͤr die ganze Welt, grade wie'n Kind. Da ſizt'n huͤbſches Weibsbild in dem Nachen, der uns vorbeifaͤhrt; ſchau'mal die Wimpel an, auf ihrer Top⸗Gallant⸗Haube. „Komm' uͤber's Meer Maͤgdlein ſo hehr! Mein ſey in Stuͤrmen, in Regen und Sonn'ſchein! Zeiten verrinnen; Doch treues Minnen Flammt uͤberall gleich zaͤrtlich und reinz D'rum komm' uͤber's Meer, Maͤgdlein ſo hehr!“ — 285-„ „Will Euch lieber gehaͤngt ſeh'n, Ihr unter⸗ pinniges altes Wrack,“ erwiederte das Frauen⸗ zimmer aus dem Boote, das nun dicht unter unſerer Seitenwand hinfuhr. „Das iſt gewiß hoͤflich,“ hagis lachend der alte Tom. Fünkzehntes Kapitel. — Ich ⸗werde fuͤr einige Zeit ausgeſchifft, um Schiffsla⸗ dungen und Conoſſemente einzuzeichnen.— Ich mache eine neue Bekanntſchaft mit Einem, den man in der Welt einen„warmen Mann“ nenntz wiewohl er ſeines Lebens beſte Zeit zwiſchen Eis⸗ bergen und eine ganze Nacht innerhalb der Rip⸗ pen des Todes verbracht hat.— Dieſes Mannes Frau ſtrebt gar ſehr nach Vornehmthun. Am folgenden Morgen erreichten wir Scheer⸗ neß, landeten die fuͤr Regierungsgebaͤude be⸗ ſtimmten Backſteine und fuhren mit Ballaſt zu⸗ ruͤck zum Werfte. Meine erſte Frage war nach dem Domine; er war noch nicht wieder heim⸗ gekehrt. Herr Drummond eroͤffnete mir, er ſey genoͤthigt worden, ſeinen zweiten Comptoirge⸗ huͤlfen zu entlaßen, und wuͤnſche, ich ſolle deſ⸗ ſen Stelle vertreten, bis er einen andern ſich — 287— verſchaffen koͤnne. Der Lichter nahm deshalb neue Ladung ein und ſegelte ohne mich ab; die Sache hatte fuͤr mich nichts Nachtheiliges, weil meine Lehrzeit demungeachtet fortzaͤhlte. Jezt lebte ich in Drummond's Hauſe, als gehoͤrte ich zur Familie; mir mangelte nichts. Seine unnachlaßende Guͤte ſpornte mich an zu thun, was ich vermogte, um ihn durch Fleiß und Aufmerkſamkeit zu befriedigen; bald ward ich recht vertraut mit Rechnungen, auch nach ſeiner Verſicherung recht nuͤzlich. Ich darf kaum bemerken, wie vortheilhaft dieſe Beſchaͤftigung fuͤr mich war, und daß ich taͤglich mehr Kennt⸗ niße ſammelte. Weiwohl mich's erfreute, dem Herrn Drummond nuͤzlich ſeyn zu koͤnnen, war mir das Feſtſizen am Schreibpulte doch laͤſtig, und ich ſah mit Sehnſucht der Ankunft des neuen Gehuͤlfen entgegen, der meine Stelle aus⸗ fuͤllen und mir die Freiheit verſchaffen ſollte, wieder auf den Lichter zu gehen. Es ſchien mir, daß Herr Drummond nicht damit eile, und ich glaube wirklich, er wuͤrde mich ganz bei ſich behalten haben, wenn er nicht gewahrt haͤtte, daß ich mich wieder auf den Strom hin⸗ aus wuͤnſchte. Eines Tages ſagte er zu mir::„Auf jeden — 288— Fall, Jakob, will ich Dich hier behalten, bis Du Dein jeziges Geſchaͤft voͤllig kennſt; ſpaͤter wird es Dir nuͤzlich ſeyn, und Du gewinnſt ja bei'm Auf⸗ und Abfahren im Strome wenig.“ Das war richtig; auch zog ich großen Vor⸗ theil aus den Abenden, die ich bei ſeiner Frau zubrachte, die ſehr verſtaͤndig und wohldenkend war; ich mußte ihr und der kleinen Sarah vor⸗ leſen, wenn Beide mit Handarbeit beſchaͤftigt waren. Bevor ich zum Eintragen in die Buͤcher kam, hatte ich keine Vorſtellung davon gehabt, wie ausgedehnt Drummonds Wirkungskreis war, noch auch, daß ein ſo großes Kapital in dem Geſchaͤfte angelegt war. Wenige Tage nach meiner Ankunft kam auch der Domine zuruͤck. Als ich ihn wiederſah, hatte ſeine Naſe ihre fruͤhere Geſtaltung wieder angenommen; er brachte den Gegenſtand ſeines am Bord des Lichters verbrachten Abends nie zur Sprache. Oft ſah ich ihn, meiſtens an Sonntagen, nachdem ich mit der Familie zur Kirche geweſen war, mindeſtens ward dann je⸗ desmal eine halbe Stunde unſerm gemeinſchaft⸗ lichen Leſen der Klaßiker gewidmet. Weil ich mehre Monate am Lande blieb, wurde ich mit einigen Familien bekannt, von denen — 289— zwei der Erwaͤhnung wuͤrdig ſind. Unter den erſten war Captain Turnbull, wenigſtens fuͤhrte er dieſen Namen bis zu den lezten zwei Mo— naten, die meiner Bekanntſchaft mit ihm vor⸗ angingen; um die Zeit ſchickte Madame Turn⸗ bull ſeine Karten umher, auf welchen er ge⸗ nannt wurde George Turnbull Esgr. Captain Turnbull's Geſchichte war folgende: Mit ſeinem Zwillings⸗Bruder war er am Thuͤr⸗ klopfer des Findling⸗Hospitals hingehaͤngt und ſpaͤter in dieſer Anſtalt erzogen worden; Beide wurden zu Seefahrern beſtimmt und waren zu recht durchwetterten, treflichen Seeleuten in der Groͤnland⸗Fiſcherei herangewachſen, arbeiteten ſich hinauf zu Steuerleuten und dann zu Cap⸗ tainen, machten erfolgvolle Fahrten, beſaßen zuerſt Antheil, dann ein ganzes Schiff, zulezt deren zwei oder drei und zogen ſich endlich mit anſehnlichem Vermoͤgen aus den Geſchaͤften. Captain Turnbull war verheirathet, jedoch ohne Kinder; ſeine Frau war ſchoͤn von Geſtalt, aber gemein in ihrer Sprache, eine Moͤgte⸗gern Modedame; gegen dieſe Modeſucht hatte Turn⸗ bull Jahrelang durch vorgebliches Unvermoͤgen ſich geſtraͤubt; ſein Bruder aber ſtarb im Jun⸗ geſellenſtande und hinterließ ihm vierzig Tau⸗ 3 I.. 19 — 296— 22 ſend Pfund, eine Thatſache, die nicht zu ver⸗ heimlichen war. Seiner Frau hatte Turnbull den Betrag ſeines eigenen Vermoͤgens mehr deshalb verſchwiegen, weil er ſtill und gluͤck⸗ lich zu leben wuͤnſchte, als aus irgend einem geizigen Beweggrunde, denn er war freigebig bis zum Uebermaß; nunmehr konnte er ſich nicht laͤnger entſchuldigen, und Madame be⸗ ſtand auf Mode. Ihr bisher bewohntes Haus ward aufgege⸗ ben, und eine Villa am Ufer der Themſe be⸗ friedigte bis zu einem gewißen Grade beide Theile; Madame ordnete im Voraus ihre Mal⸗ zeiten und Feſte; er war zufrieden damit, zu beobachten was auf dem Strome vorging und ſich im Luſtboote zu vergnuͤgen. Sie waren alte Bekannte von Drummond's, und Turnbull, ein ehrenwerther, freundlicher Mann, ward hoͤch⸗ lich von der Familie geachtet. Madame Turn⸗ bull hielt jezt ihre Equipage und war in ihrer eigenen Meinung eine gar vornehme Perſon; alle ihre fruͤhern Bekanntſchaften haͤtte ſie ab⸗ brechen moͤgen, doch in dieſem Punkte war Turnbull unbeugſam, und zwar ganz vorzuͤglich in Betreff der Familie Drummond; Madame mußte nachgeber. — 291— Turnbull beſuchte uns fleißig und faßte un⸗ gemeine Vorliebe fuͤr mich. Er pflegte mit Drum⸗ mond zu ſchmaͤlen, weil der mich zu feſt an den Pult bannte, und wußte ihm oft einzure⸗ den, mir fuͤr einige Stunden Erholung zu ge⸗ ſtatten. War das erlangt, ſo rief er den naͤch⸗ ſten Kahnfuͤhrer, warf ihm eine Krone hin mit der Weiſung, ſich aus dem Nachen zu ent⸗ ſernen. Dann ſezten wir Beide uns ein und vergnuͤgten uns mit Auf⸗ und Abrudern im Strome, waͤhrend Madame, im hoͤchſten Glanze der Mode gekleidet, umherfuhr und ihre Kar⸗ ten in allen Richtungen abgab. Eines Tages kam Turnbull, um die Fami⸗ lie Drummond fuͤr den naͤchſten Sonnabend zum Mittageßen einzuladen; was auch ange⸗ nommen wurde. „Bald haͤtt' ich's vergeßen,“ ſagte er nach einer Weile;„ich habe in der Taſche ſo'n Ding, was meine Frau'n' Erinnern nennt;“ dabei zog er eine große Karte aus der Rock⸗ taſche hervor, mit„Herr und Madame Turn⸗ bull's Empfehlung u. ſ. w.,“ die, weil er ſich drauf geſezt hatte, mitten zuſammen gebrochen war; er glaͤttete und plattete ſie auf, ſo viel als moͤglich und legte ſie auf den Tiſch hin, — 292— „Jakob, Du wirſt doch kommen; Du brauchſt kein Erinnern, wenn Du aber eins haben willſt, ſoll meine Frau Dir's ſchicken.“ Ich erwiederte,„daß ich zu einer guten Mal⸗ zeit keines Erinnerns beduͤrfe.“ „Das will ich wohl glauben, mein Junge; aber vergiß Du nicht, ein Paar Stunden vor der Eßzeit zu kommen, um mir zu helfen; da iſt ſo vielerlei zu thun mit dem einen Dinge oder mit dem andern, daß ich ganz allein ge⸗ laßen bin; und eh' ich die Schluͤßel zum Ge⸗ traͤnkraume dem lang⸗ſchooßigen Schurken von 'nem Hausmeiſter anvertraue, will ich ihn lie⸗ ber harpunirt ſehen; alſo komm' Du, Patob⸗ und hilf mir.“ Nachdem das verſprochen worden, bat er Herrn Orummond, mir ein Paar Stunden zu verſtatten, um ihn bei einer Ruderfahrt den Strom hinauf zu begleiten. Auch das ward zu⸗ geſtanden; wir ſezten uns ein und ruderten nach Kew⸗Bruͤcke. Turnbull konnte ſeinen„Fa⸗ den ſpinnen“ ganz ſo gut, wie der alte Tom; und manches Abentheuer erzaͤhlte er mir aus den Ereignißen ſeines Lebens, beſonders aus der Zeit, in welcher die Groͤnland⸗Fiſcherei ihn beſchaͤftigte. An dieſem Morgen ſprach er von — 293— einem Vorfalle, der durchaus an das Wunder⸗ bare grenzt, wiewohl ich dennoch nicht glaube, daß er ſich irgend einer Anmaßung des Vor⸗ rechtes Reiſender ſchuldig machte. „Jakob,“ ſprach er,„eines Tages waͤre ich bei lebendigem Leibe faſt von Fuͤchſen aufge⸗ freßen, und das in hoͤchſt ſonderbarer Weiſe. Damals war ich Steuermann auf einem Groͤn⸗ landsfahrer; drei Monate hatten wir ſchon auf dem Fiſcherei⸗Revier zugebracht und bereits zwoͤlf Fiſche am Bord. Weil wir fanden, daß die Sache gut ging, machten wir unſern Eisanker auf einem großen Eisberge feſt, ſchwammen mit dieſem auf und nieder und fingen Fiſche, wenn uns welche in den Wurf kamen. Eines Mor⸗ gens, als wir eben mit dem Aufſchneiden eines Fanges fertig geworden waren, rief der Spaͤ⸗ her oben vom Maſtkorbe herab, daß eine große Polarbaͤrin mit ihrem Jungen zum Eisberge heruͤberſchwimme, gegen deßen Seite, etwa eine halbe Meile von uns entfernt, das Ge⸗ rippe eines Walfiſches von den Wellen ange⸗ ſtoßen wurde. „Weil wir nichts zu thun hatten, brachen ſogleich ſieben von uns auf, um Jagd zu ma⸗ chen; wir hatten uns fruͤher ſchon vorgenom⸗ — 294— men, die Fuͤchſe zu verfolgen, die ſich ebenfalls zu hunderten auf dem Eisberge geſammelt hat⸗ ten, um vom todten Wallfiſche zu zehren. Es war voͤllige Windſtille; bald trafen wir die Baͤrin, die Anfangs entfliehen wollte; weil aber ihr Junges nicht ſo ſchnell uͤber das rauhe Eis fortlaufen konnte, als die Alte, wandte dieſe um und hielt Stand. Wir erſchoßen ihr Junges, um uns ihrer zu verſichern, und das gelang uns dermaßen, daß ſie uns nicht ver⸗ laßen wollte, bis entweder ſie ſelber oder wir im Kampfe umgekommen waͤren. Nie werde ich ihr klagendes Gebrumme uͤber dem Jungen ver⸗ geßen, als dieſes bluttriefend auf dem Eiſe lag und wir Kugel nach Kugel in die Mutter ſchoſ⸗ ſen. Zulezt wandte die ſich herum, bruͤllte und heulte furchtbar laut und flog mit feuerſpruͤhen⸗ den Augen auf uns ein. Wir empfingen ſie dicht geſchloßen, unſere Piken auf ihre Bruſt gerichtet; die Baͤrin war aber ſo groß und ſtark, daß ſie uns ſaͤmmtlich zuruͤcktrieb, und zwei von uns fielen dabei nieder; gluͤcklicher⸗ weiſe hielten die Uebrigen Stand, und weil ſie nun aufrecht ſtand, jagten wir ihr drei Kugeln in die Bruſt, welche ſie niederwarfen. 4 In meinem Leben habe ich kein ſo großes — 295— Thier geſehen; ich moͤgte es nicht groͤßer ange⸗ ben, als es wirklich war, doch das kann ich behaupten, daß mancher fette Ochſe auf Smith⸗ field⸗Markt nicht zwei Drittheil vom Gewichte dieſer Baͤrin enthalten moͤgte. Wir hatten ei⸗ nige Muͤhe, ſie vollends zu toͤdten, und waͤh⸗ rend wir noch damit beſchaͤftigt waren, ſpran⸗ gen Windſtoͤße von Norden auf, und es fiel dichter Schnee. Die Matroſen ſtimmten dafuͤr, ſogleich zum Schiffe zuruͤckzukehren, was auch gewiß das kluͤgſte Beginnen fuͤr uns Alle ge⸗ weſen waͤre; ich aber glaubte, der Schneeſturm wuͤrde in kurzer Zeit uͤberwehen, und weil ich ein ſo ſchoͤnes Fell ungern verlieren wollte, be⸗ ſchloß ich, das Thier abzuhaͤuten; denn das wußte ich, verließen wir es nur auf ein Paar Stunden, ſo wuͤrden die Fuͤchſe, die zum tod⸗ ten Wallſiſche nicht gelangen konnten, weil der immer noch auf den Wellen trieb, alsbald die Baͤrin und ihr Junges aufzehren, und dann waren die Felle gar nichts werth. „Die Andern kehrten zum Schiffe zuruͤck, der Sturm trieb den Schnee in ſo dichten Maßen nieder, daß ſie ihren Weg verfehlten und das Fahrzeug nie gefunden haben wuͤrden, haͤtte man nicht fortwaͤhrend die Glocke darauf gezo⸗ — 296— gen, um ihnen dadurch die Richtung zu erken⸗ nen zu geben. Was mich betrifft, ſo ward ich bald inne, daß ich einen Narrenſtreich began⸗ gen hatte; der Sturm wehte nicht uͤber ſon⸗ dern wurde immer heftiger und die Schneeflok⸗ ken dicker; bevor ich den vierten Theil des Fel⸗ les geloͤſt haben mogte, fuͤhlte ich mich von der Kaͤlte erſtarrt, konnte nicht zum Schiffe zuruͤck und hatte die Ausſicht, todt zu frieren, bevor der Sturm aufhoͤrte. Indeß erkannte ich bald, worin meine einzige Rettung beſtehen moͤgte; ich hatte das Bauchfell der Baͤrin abgezogen⸗ ſie jedoch nicht aufgeſchnitten; dies that ich jezt, zog ihre Eingeweide heraus und ſuchte dann in ihren Leib zu kriechen, in dem ich liegen konnte, und nachdem ich die Oeffnung wieder zugemacht hatte, befand ich mich hier ganz warm und behaglich, weil die thieriſche Waͤrme noch nicht erkaͤltet war. Durch dieſen Umſtand rettete ich ganz unbezweifelt mein Leben; und ich habe gehoͤrt, daß die Franzoͤſiſchen Solda⸗ ten auf ihrem ungluͤcklichen Feldzuge in Ruß⸗ land das naͤmliche thaten, indem ſie ihre Pferde toͤdteten um ſich im Innern derſelben gegen das furchtbare Unwetter zu ſchuͤzen. „Kaum mogte ich eine halbe Stunde ſo ge⸗ — 297— legen haben, als ich aus gewißen Reißen und Zerren an meinem neuerfundenen Orkan⸗Hauſe erkannte, daß die Fuͤchſe in Arbeit ſeyen;— und das war nur zu wahr. Hunderte von ih⸗ nen mußten verſammelt ſeyn, denn in allen Richtungen ward geſchmauſet und einige von ihnen ſchoben ihre ſcharfen Naſen in die Oeff⸗ nung, durch welche ich eingekrochen war; es gelang mir jedoch, mein Meßer zu ziehen und ihnen die Naſen abzuſchneiden, ſo oft mich ei⸗ ner beruͤhrte, denn ſonſt wuͤrden ſie mich in ganz kurzer Zeit aufgefreßen haben. Sie waren in ſo großer Anzahl und ſo heißhungernd, daß ſie bald durch der Baͤrin dickes Fell drangen und das Fleiſch abzureißen begannen. Meine Furcht von ihnen aufgezehrt zu werden war im Grunde nicht ſehr ſtark, vielmehr meynte ich, daß wenn ich nur aufſpraͤnge und mich zeigte, ſie alle entfliehen wuͤrden.— Gleichwohl iſt das gar nicht zu behaupten; einige Hunderte ausge⸗ hungerter Teufel faßen Muth, wenn ſie ſich zuſammen wißen;— meine Befuͤrchtung war damals hauptſaͤchlich die, daß ſie mein Obdach gegen das Unwetter verſchlaͤngen, und daß ich alsdann vor Kaͤlte umkommen muͤßte; außer⸗ dem beſorgte ich auch noch, daß mir hin und — 298— wieder Stuͤcke ausgebißen werden koͤnnten, was mich nothwendig zwingen mußte, meinen Schlupfwinkel zu verlaßen. „Endlich brach Tageslicht durch den obern Theil des todten Koͤrpers herein, und mich ſchuͤgten nur noch des Thieres Rippen, zwiſchen denen die Fuͤchſe zuweilen ihre Schnauzen durch⸗ ſchoben und an meinem ſeehundledernen Koller zupften. Eben fiel mir ein, ich wollte laut auf⸗ ſchreien, um ſie zu verjagen, als ich den Schall von zehn bis zwoͤlf abgefeuerten Musketen ver⸗ nahm, einige der Kugeln drangen auch in den todten Koͤrper, trafen mich aber gluͤcklicherweiſe nicht. Augenblicklich rief ich mein Hallo! ſo laut ich nur konnte, und ſo wie die Leute mich hoͤrten, unterließen ſie ihr Feuern. Sie hatten auf die Fuͤchſe geſchoßen, denn daß ich im Baͤren ſteckte, hatten ſie ſich nicht traͤumen laſ⸗ ſen. Mein Bruder, ebenfalls Steuermann auf dem naͤmlichen Schiffe, der den erſten Zug nicht mitgemacht hatte, wollte ſich dieſem an⸗ ſchließen, der in der Abſicht ausging mich zu ſuchen, wiewohl wenig Hoffnung vorhanden zu ſeyn ſchien, mich lebendig aufzufinden. Sobald der mich gewahrte, umklammerte er mich mit ſeinen Armen, ſo voller Blut ich auch war.— — 299— Jezt iſt er todt— armer Geſell!— Das iſt die Geſchichte, Jakob.“ „Ich danke Ihnen, Sir;“ erwiederte ich weil ich aber gewahrte, daß ſeines Bruders Andenken ihn ſchmerzlich ergriff, ſchwieg ich einige Minuten. Spaͤter knuͤpften wir unſer Geſpraͤch wieder an, ruderten dann mit der Ebbe zuruͤck und landeten am Werfte. Am Tage ſeiner Mittagsgeſellſchaft ging ich um drei Uhr zu Thurnbull's Hauſe, ſo wie er es gewuͤnſcht hatte. Das Haus war in geſchaͤf⸗ tiger Bewegung, Herr und Frau fand ich im Speiſezimmer mit dem Hausmeiſter und Li⸗ vréediener in Eroͤrterungen uͤber die Angemeſ⸗ ſenheit dieſes oder jenes, hier oder dort zu ſtellen; beide Diener gaben ihre Meinung, widerſprachen und behaupteten in einer Weiſe, die anzudeuten ſchien, ſie waͤren in ihrer Sphäre. Herr Turnbull gab nur von Zeit zu Zeit ein Wort der Bemerkung, wurde dann jedesmal von ſeiner Frau hoͤhniſch angelacht, obgleich die Diener nicht wagten, ſich das Mindeſte gegen ihn herauszunehmen. „Bitte, Turnbull, h'uͤberlaß h'uns dieſe 3'Angelegenheiten. Ol den Wein'erauf, das iſt Dein Geſchaͤft.— Laß b'uns allein'ier, — 300— Turnbull; Mortimer und ich wißen, was wir zu thun haben, ohne Dein Z'Einmiſchen.“ „O, bei Gott, ich wuͤnſche mich gar nicht einzumiſchen, aber was ich wuͤnſche, iſt, daß kein Wortſtreit zwiſchen der Frau und ihren Dienern Statt findet. Haͤtten die mir die Haͤlfte von dem geboten——“ „Nun bitte Thurnbull, verlaß dieſes Zim⸗ mer und laß mich meinen b'eigenen Aus⸗ ſtand fuͤhren.“ „Komm Jakob, wir wollen hinab in den Keller.“ 1 Dahin gingen wir; ich war ihm ſo viel be⸗ huͤlflich als moͤglich, aber er war recht uͤbel gelaunt. „Ich kann all dieſen Unſinn, alle dies Schoͤn⸗ thun und dieſe Afferei nicht vertragen. Alles kommt kalt herauf und nichts ſteht ſo, daß man dazu kann. Der Tiſch iſt ſo lang, und dermaßen mit Dingen bedeckt, die nicht eßbar ſind, daß ich meiner Frau kaum etwas zuru⸗ fen kann; und zum Henker, bei ihr ſind die Diener, Herren.— Freilich nicht bei mir; denn wenn ſie wagten, zu mir zu ſprechen, wie ſie zu ihrer Hausfrau thun, wuͤrde ich ſie mit Fußtritten aus dem Hauſe jagen. Aber es — 31— laͤßt ſich nun einmal nicht aͤndern, Jakob. Al⸗ les, was man ſich wuͤnſcht, iſt Ruhe, und ich muß dergleichen zuweilen ſchon dulden, weil ich ſonſt vom Anfang des Jahres bis zu deßen Ende keine Ruhe haben wuͤrde. Wenn'ne Frau die Sachen nach ihrem Kopfe haben will, ſo kann man ſie nicht aufhalten; Du kennſt die alten Verſe: „Narr iſt der Mann, der durch Gewalt, durch Liſt, „Ne Frau will leiten, die entſchloßen iſt; Sie will nun einmal, wenn ſie will, verlaßt Euch d'rauf z und niemals will ſie, wenn ſie nicht will, paßt nur auf!“ „Nun wollen wir hinauf zu meinem Zimmer und plaudern noch ein bischen, waͤhrend ich mir die Haͤnde waſche.“ Sobald er ſeinen Anzug geordnet hatte, gin⸗ gen wir hinab in das Empfangzimmer, wel⸗ ches gedraͤngt voller Tiſche ſtand, die mit jeder erdenklichen Art von Zierſachen bedeckt waren. „Nun das iſt's, was mein Weib„mo⸗ diſch“ nennt. Man moͤgte eben ſo gut durch Eisſchollen ſteuern, als hier vor Anker zu kom⸗ men ſuchen, ohne an irgend etwas feſtzulaufen. Alle Minuten iſt's: hart Steuerbord, oder hart Barkbord, und wenn der Rockſchooß ausliegt, ſo geht irgend etwas auf den Grund, da mag nun aber in Stuͤcke fallen, was will, meine Frau ſchwoͤrt jedesmal, es war der werthvollſte Gegenſtand im Zimmer. Ich bin hier grade ſo, wie ein Stier im Porzellan⸗Laden. Ein Troſt iſt's noch, daß ich nie anders hier komme, als wenn Geſell⸗ ſchaft da iſt. Die Wahrheit iſt, ſie erlaubt mir's nicht, und ich danke Gott! Sez Dich auf'nen Stuhl, Jakob, auf einen von dieſen ſpinnen⸗ beinigen Franſchen Dingern; denn meine Frau will nicht erlauben, daß Schwarze, wie ſie uns benennt, auf ihren himmelblauen ſeidenen Sophas Anker werfen. Wie einfaͤltig, Moͤbeln zu haben, die man nicht gebrauchen kann! Mir gebt Behaglichkeit, aber es ſcheint nicht, daß die fuͤr Geld einzukaufen iſt.“ — 303— Sechszehntes Kapitel. Vornehm Leben ein wenig unter dem Merkzeichen.— Mode, Franzoͤſiſch, Kunſtſinn und Alle der⸗ gleichen. Jezt war es nahe an ſechs Uhr und Madame Turnbull erſchien feſtlich gekleidet im Empfang⸗ zimmer. Gewiß war ſie eine ſehr ſchoͤne Frau, und hatte voͤllig das Ausſehen einer Modeda⸗ me; aber ihre Sprache war es, welche ſie ver⸗ rieth. Sie glich dem Pfau, ſo lange ſie ſchwieg, konnte man ihr ſchimmerndes Gefieder nur be⸗ wundern, doch ihre Stimme verdarb Alles. „Jezt, Turnbull, wuͤnſch' ich Dir zu h'er⸗ klaͤren, daß in Deinem Benehmen gewiße Z'Un⸗ anſtaͤndigkeiten ſind, die ich nicht b'ertragen kann, ganz beſonders die, daß Du von der Zeit ſprichſt, die Du vor dem Maſte dienteſt.“ — 304— „Nun, ſollte man ſich deßen etwa ſchaͤmen?“ „Ja, das'eißt— in der Modegeſellſchaft h'uͤbergeht man ſolche'Einzelheiten. Auch ſind Z'Eroͤrterungen unangenehm, deshalb'abe ich mir einen Plan ausgedacht, der Dein Gemein⸗ werden verhindern kann. Bemerke wohl, ſo b'oft ich ſage: ich'abe Kopfſchmerz, iſt das ein Zeichen fuͤr Dich, Deinen Mund zu'alten; und ſey ſo gut, den ganzen Abend Andſchuh h'anzubehalten.“ „Wie, bei'm Eßen, Frau?“ „Ja, bei'm Eßen; Deine Ande ſind nicht anzuruͤhren.“ „Nun, ich weiß die Zeit noch, als Du ganz anders dachteſt.“ 3 „Wann?— hab' ich Dir das nicht ſchon h'oft geſagt?“ „Ja, in der lezten Zeit; aber ich ſpreche von der, in welcher eine Polly Speck aus Wap⸗ ping meine Hand am Altare nahm.“ „Wirklich, Du machſt mich uͤbel; mein Name war Marie und die Specks fuͤhren'nen guten alten B' Engliſchen Namen. Du fuͤhrſt ihr Wap⸗ pen auf der Kutſche durch mich, und das will was ſagen, verſteh' mich.“ =— 305— „Auf jeden Fall hatte ich recht aneft da⸗ fuͤr zu bezahlen.“ „Die Bezahlung war dafuͤr, daß Dir Wap⸗ pen zugeſtanden wurden, die Oa nie gefuͤhrt jatteſt.“ „Und nie zu fuͤhren wuͤnſchte, was 3 frage ich nach ſolchem Zeug?“ „Als Du waͤhlteſt,'aͤtteſt Du mich um Rath fragen ſollen, anſtatt Dich zum Gelaͤchter von Sir George Naylor und allen Herolden zu machen. Wer anders als ein Verruͤckter'aͤtte drei h'ausſpringende Arpunen und drei liegende Tonnen gewaͤhlt, mit'nem ſprizen⸗ dem Walfiſch zur Helmzier?— Nur um aller Welt vorzuzeigen, was fuͤr b'immer in Ver⸗ geßenheit begraben werden ſollte; und dann noch Dein abſcheulicher Wahlſpruch: Thran fuͤr immer— ja! Thraͤnen ſollte man fůͦr b'immer daruͤber weinen.“ n „Mir aber ſagten die Herolde, das fehras ge⸗ nau, was ich haͤtte waͤhlen muͤßen, und unge⸗ mein„anſprechend,“ wie ſie ſich ausdruͤckten.“ „Die nahmen Dein Geld und lachten Dich aus. Zwei Paar Vogelgreife, ein Loͤwe, ein halbes Duz Leoparden und'ne And mit mem Dolche haͤtten keinen Fennig mehr gekoſtet. I. 20 ——— — 306— Was iſt aber von'nem B'Eber zu b'erwar⸗ ten?“ „Wenn ich eingeſalzen waͤre, wuͤrde ich ſeyn, was Du warſt— Speck.“ „Ich will mich nicht ſelber erniedrigen, Turnbull.“ „Daran thuſt Du recht, Frau; Du biſt un⸗ heilbar. Bedenk' das Motto, welches Du ſtatt des meinigen waͤhlen wollteſt.“ „Ja und das war ſehr geeignet:„Zu große Vertraulichkeit erzeugt Verachtung;“ war das nicht gut, Herr Ehrlich?“ „Gewiß, Madame; es war eine unſerer Schulvorſchriften.“ „Bitt' um Wargabung, es iſt meine h'eigene B'Erfindung.“ Laut erſchallte der Thürklopfer, der Haus⸗ meiſter trat ein und meldete: Herr und Ma⸗ dame Peters, von Petercumb⸗Hall. Herein trat zuerſt Madame Peters, eine ſehr kleine Frau, gefolgt von Herrn Peters, ſechs Fuß vier Zoll ohne ſeine Schuhe meßend, wovon jedoch für Niederbeugen und gekruͤmmte Schultern ſieben Zoll in Abzug zu bringen waren. Herr Peters hatte ſich mit einem guten Vermoͤgen von der Stockboͤrſe zuruͤckgezogen, eine Landſtelle ge⸗ — — — — 307— kauft, dieſe Petercumb⸗Hall genannt und ſich Equipage angeſchafft. Nach einem zweiten Thuͤrklopfen wurden Herr und Madame Drummond angeſagt; Ma⸗ dame Turnbull zuͤndete eine Raͤucherkerze an. „Nun, Drummond, wie ſind die Kohlen im Preiſe?“ fragte Turnbull. „Ach, ich'abe ſolche Kopfſchmerzen,“ klagte die Hausfrau. Natuͤrlich bedauerten alle Anweſenden, Turn⸗ bull verſtand den Riegel, der ſeiner Zunge vor⸗ geſchoben war. Wiederum ein Klopfen;„Monſieur und Ma⸗ dame de Tagliabue.“ Sie traten ein; er war ein ſchmucker kleiner Franzoſe, nett angekleidet: und mit einem erbsrunden Bauche. Madame ſegelte herein, wie ein auswaͤrts beſtimmter Oſtindienfahrer, mit Beiſazſegeln unten und oben; ihr Umfang war ſo betraͤchtlich, daß man ihren Mann dem Lootſenboote verglei⸗ chen konnte, das hinter ihrem Sterne nach⸗ ſchleifte. „»Charmée de vous voir, Madame Tom. bulle. Vous vous portez bien; n'est-ce pasꝰ«. „Vi« erwiederte Madame Turnbull und er⸗ ſchoͤpfte mit dieſer einzigen Fehlſylbe ihren gan⸗ — 308— zen Vorrath Franzoͤſiſcher Sprache; Monſieur hatte inzwiſchen vergeblich erſt auf einer, dann auf der andern Seite verſucht, ſich weit genug von ſeiner Frau zu entfernen, um ſeine Ver⸗ beugung machen zu koͤnnen; dies gelang ihm erſt, nachdem ſie Beſiz von einem Sopha ge⸗ nommen hatte, den ſie recht behaglich aus⸗ fuͤllte. Wer dieſe Leute waren und wovon ſie leb⸗ ten, konnte ich nicht erfahren. Der Hausmeiſter meldete jezt:„Mein Lord Babbleton und Herr Smith.“ „Turnbull, bitte, geh''inab und empfang' Se. Herrlichkeit;“ dann leiſe ihm in's Ohr: „zwei Wachslichter fuͤr Dich ſteh'n unten auf dem Tiſche in der Halle, die mußt Du an⸗ zuͤnden und Sr. Herrlichkeit damit voraufge⸗ hen.“ „Wenn ich das thue, will ich gehaͤngt ſeyn,“ antwortete Turnbull,„die Bedienten koͤnnen ihm leuchten.“ „Ach! ich'abe ſolche Kopfſchmerzen.“ „Das magſt Du,“ erwiederte ihr Mann und ſezte ſich mißvergnuͤgt nieder. Inzwiſchen fuͤhrte Herr Smith den Lord Babbleton herein, einen kaum dreizehnjaͤhrigen — 309— bloͤden, ungelenken, rothhaarigen und recht garſtigen Knaben, deßen Erzieher Herr Smith war. Dieſen, der in der Naͤhe von Brentford mit ſeinem Zoͤglinge wohnte, hatte Madame Turnbull aufgefunden und abſichtlich ſeine Be⸗ kanntſchaft geſucht, um einen Lord auf ihrer Beſuchliſte zu haben, ſie war entzuͤckt, daß der Fuͤhrer nicht vergeßen hatte, ſeinen Baͤren mit⸗ zubringen. Sie eilte zur Thuͤr um Beide zu empfangen, machte dem ariſtokratiſchen jungen Thiere eine wohleingeuͤbte Verbeugung und er⸗ faßte dann ehrerbietig ſeine Hand:„Wollen Ihre Herrlichkeit nicht zum Feuer treten? Ich hoffe, Ihrer Herrlichkeit Gerſtenkorn am Auge iſt beßer? Erlauben Ihro Herrlichkeit Ihnen vorzuſtellen: Herr und Madame Peters— Ma⸗ dame und Muſchieu Taggeliebu— Herr und Madame Drummond— der ſehr ehrenwerthe Lord Viscount Babbleton!“ Turnbull und ich wurden, als keiner Vor⸗ ſtellung wuͤrdig, uͤbergangen. „Wir koͤnnen jezt ſpeiſen, Turnbull.“ „Snobb, laß anrichten;“ ſagte Turnbull zum Hausmeiſter. 11. „O, mein Kopfſchmerz.“ Dieſer lezte Kopfſchmerz war dadurch ent⸗ — 310— ſtanden, daß Turnbull ſich vergaß und den Hausmeiſter bei ſeinem eigentlichen Namen nannte; ſeine Frau hatte einmal beſchloßen, dieſen gegen Mortimer umzutauſchen.— und der ganzen Dienerſchaft war unter Strafe au⸗ genblicklicher Entlaßung vorgeſchrieben, ihn. Herr Mortimer zu nennen. Die Tafel ward angeſagt; Madame Taglia⸗ bue wurde, aus welchem Grunde iſt mir nicht bekannt, fuͤr die vornehmſte Dame im Zimmer gehalten, und deshalb erſuchte die Wirthin den Lord Babbleton, ſie in das Speiſezimmer zu fuͤhren. Madame erhob ſich, nahm des Lords Hand und fuͤhrte ihn davon; noch ehe ſie das Zimmer verlaßen hatten, war Se. Herrlichkeit unter den weiten Falten ihres Gewandes ver⸗ ſchwunden und ward nicht mehr geſehen, bis ſie ihn im Speiſezimmer daraus hervorzog. Nach langem Hin⸗ und Herruͤcken ſaßen wir endlich. Die Hausfrau hatte einen Franzoͤſiſchon Koch kommen laßen; weil ſie der Sprache aber nicht maͤchtig war, lag eine Karte mit den Namen der Speiſen neben ihr, um ihr Gedaͤchtniß aufzufriſchen. Herr Mortimer hatte ihr geſagt, dies ſey ſteter Gebrauch bei den Vornehmen, die ihre Malzeiten nicht ſelber anordneten und — 311— deshalb nicht wißen koͤnnten, was zu eßen da ſey.— „Mein Lord, nehmen Ihro Herrlichkeit Con- summi-Suppe, oder von dieſer hier»o Yus la Seine Herrlichkeit ſtierte ſie albern an und gab keine Antwort; Mortimer ſeßte ihm Suppe hin. „Lord Babbleton nimmt Suppe,“ ſprach Herr Smith ſehr feierlich, und der kleine ſehr Ehrenwerthe ſuppte ſeine Suppe zur großen Freude der Wirthin. „Madame, ſind Sie fuͤr Suppe? oder lind Sie fuͤr Fiſch?“ „Merci, kein' Supp'— poisson.“ „Sie duͤrfen nichts befuͤrchten, Madame; wir haben einen Franzoͤſiſchen Koch; hier wer⸗ den Sie nicht vergiftetz“ erwiederte die Hausfrau, halb erzuͤrnt. „Comment, ma chère Madame, ich meynte zu ſagen, ich zieh' vor le Cabliau.“ „Fiſch fuͤr Madame. John, reinen Teller fuͤr Lord Babbleton. Wovon wuͤrden Ew. Herr⸗ lichkeit nun geneigen Gebrauch zu machen?“ (Dieſer Ausdruck erſchien ihr im hoͤchſten Grade fein und zierlich.) „Ah! Madame, votre cuisine est superbe!“ — ——— = 312— rief Herr Tagliabue, breitete ſeine Serviette vor ſich hin und machte Vorbereitungen, ſeine kleine Rundheit wohl auszufuͤllen. „Vi,“ erwiederte Madame Turnbull;„Ma⸗ dame Peters, wollen Sie die Schuͤßel dort verſuchen? was iſt's(ſie ſah auf ihre Karte) Ango roty.— Nehmen Sie davon, mein Lord? Wenn Ihro Herrlichkeit noch nicht Ihr Franzoͤſiſch kennen— ſ' iſt gebratenes Lamm.“ „Seine Herrlichkeit liebt Lammfleiſch unge⸗ mein,“ ſprach Herr Smith mit Nachdruck. „Turnbull, etwas Lammfleiſch fuͤr Lord Bab⸗ bleton und fuͤr Herrn Peters.“ „Sogleich, Frau.— Nun, Jakob, ſieh, als ich erſter Steuermann war—— „Lieber Turnbull, mein Kopf ſchmerzt— bitte, leg das Lammfleiſch vor.(Leiſe zu Herrn Mortimer.) Gehen Sie und fliſtern Turnbull zu, ich ließe ihn bitten, ſeine Andſchuh h'an⸗ zuziehn.— Madame Peters, Sie nehmen nichts.— Herr Mortimer, reichen Sie die Nebenſchuͤßeln herum— und laßen Sie John Champagne umgeben.— Madame Peters, da iſt Wolly-Went-o-Witer.— Nehmen Sie ein wenig von den Auſtern.— Madame Drum⸗ mond, verſuchen Sie jenes Gericht, es iſt— — 313— laßen's mich zuſehen— Schu-farsy.— Mein Lord, ich'offe, das Lamm iſt nach Ihrem Geſchmack?— Monſchieu Taggeliebu— William, gebt Munſchieu'nen reinen Teller — was wollen Sie nun verſuchen?“ »Vraiment, Madame, tout est excellent, superbe! Je voudrais embrasser votre cuisinier — c'est un artiste comme il n'y en a pas.« »Vi!« erwiederte Madame. Der erſte Auftrag ward abgehoben und nach einigem Zoͤgern erſchien der zweite; Herr Mor⸗ timer hatte in der Zwiſchenzeit verſchiedene Weine herumgereicht. „Drummond, wollen Sie ein Glas mit mir nehmen?“ fragte Turnbull;„ich haße die ſau⸗ ren Franſchen Weine. Wollen Sie Madera?— Einmal war ich in Madera ein Paar Stun⸗ den am Lande, als ich vor dem Maſte fuhr, im Jahre—.“. „Mein Kopf ſchmerzt mich, Turnbull,“ rief ſeine Frau mit zuͤrnender Stimme.„Mein Lord, nehmen Sie hiervon?— es iſt— Ding-dong o Torf— ein Welſher Hahn, mein Lord.“ „Se. Herrlichkeit liebt Welſhen Hahn,“ ſprach Herr Smith gebieteriſch. Monſieur Tagliabue, der neben Madame 1 20* — 314— Turnbull ſaß, fand, daß der Welſche Hahn Nachfrage erregte— es dauerte eine Weile, bevor er ſich ſelber helfen konnte; er ſchob eine Truͤffel in ſeinen Mund und rief aus:»C'est superbe! apparemment, Madame n'aime pas la cuisine anglaise?« „»Vi;« war ihre Antwort.„Madame, was iſt Ihnen gefaͤllig?“ fuhr ſie fort. »Tout est bon, Madame.« »Vi; was ſteht dort neben Ihnen, Herr Pe⸗ ters?“ „Genau weiß ich's nicht, es iſt eine Art Ge⸗ backenes.“ „Laß' mich ſeh'n— oh! bidet du poms. Madame, belieben Sie bidet du poms?“ »Comment, Madame, je ne vous comprends Ppas— „Vi.& »Monsieur Tagliabue, expliquez donc,« ſagte die Auslaͤnderin mit hochrothem Geſichte. »Permettez,« ſprach Monſieur und blickte auf die Karte;»ah! c'est impossible, ma chère,« fuhr er lachend fort,»Madame Turn- bull se trompait, elle voulait dire: Beignets de Pommes. „Vous trouvez notre langue fort difficile, — 315— n'est-ce pas?« bemerkte Madame, deren gute Laune wiederkehrte, und ſie laͤchelte recht hold⸗ ſelig der Wirthin zu. „»Vi;« ſagte dieſe, die einſah, daß ſie einen Verſtoß begangen und aͤngſtlich das Ende des Zwiegeſpraͤches abgewartet hatte. Von nun an wurde ſie ſchweigſamer und ſprach wenig bis zum Ende der Tafel. Zulezt erhoben die Damen ſich vom Nach⸗ tiſche, aber auch die Herren ſaßen nicht lange mehr; der Kaffe ward angeſagt und wir ver⸗ ließen den Speiſeſaal. Eine Menge Franzoͤſi⸗ ſcher Liqueure ward umhergereicht, Turnbull aber verlangte ein Glas Branntwein, als ei⸗ nen Feſtſezer. Seine Frau rief:„o mein Kopfſchmerz!“ Von nun an ward die Geſellſchaft langwei⸗ lig. Lord Babbleton ſchlief auf dem Sopha ein. Herr Peters beſchaute die im Zimmer aufge⸗ haͤngten Gemaͤlde und fragte nach dem Namen der Meiſter. „Ich habe es wirklich vergeßen,“ ſagte die Hausfrau,„aber Sie, Herr Drummond, ſind ein Kenner, von wem, glauben Sie, iſt die⸗ ſes Bild?“— ein ſehr werthloſes—„ich bin — 316— nicht gewiß, aber ich meyne, es iſt ein Van — Van Sudel.“ „Das moͤgte ich auch glauben,“ erwiederte Drummond recht trocken,„wir haben in Eng⸗ land gar viele Bilder von der naͤmlichen Hand.“ Der Franzoſe ſchlug ein Ecarte vor, das konnte aber niemand ſpielen, als nur ſeine Frau, die ſich zu ihm ſezte, um dadurch die Zeit zu ver— treiben. Die Damen gingen im Zimmer um⸗ her und beſchauten die Zierrathen auf den ver⸗ ſchiedenen Tiſchen. Madame Peters ſprach oft von Petercumb⸗Hall— Herr Smith ſezte ſich in einen Winkel und ſpielte Patience; Turn⸗ bull und Drummond unterhielten ein lebhaftes Geſpraͤch; die Hausfrau lief von einem zum andern und bat, nicht ſo laut zu ſprechen, um den ſehr ehrenwerthen Lord Viscount Babble⸗ ton nicht aufzuwecken. Endlich wurden die Fuhr⸗ werke angeſagt, und die modiſche Geſellſchaft brach zu jedermanns großer Zufriedenheit, ganz vorzuͤglich aber zur meinigen, endlich auf. Ich muß bemerken, daß alle dieſe von mir erzaͤhlten Abgeſchmacktheiten mir damals nicht ſo ſehr auffielen; aber fuͤr mich war eine Mit⸗ tagtafel in fremdem Hauſe ein Ereigniß und Alles praͤgte ſich meinem Gedaͤchtniße ein. In meinem ſpaͤtern Leben, als ich faͤhiger war, modiſche Anmaßung zu beurtheilen, ward dieſer ganze Hergang meinem Gemuͤthe lebhaft wieder vorgefuͤhrt. Siebenzehntes Kapitel. — Tomkin's laͤndliches Tanzfeſt.— Lichter zwiſchen Stachel⸗ beerſtauden. Alles ging gut, nur die Lichter nicht, die gingen aus.— Ein Aufwinden, welches faſt eine Kataſtrophe geworden waͤre.— Der alte Tom fuͤhrt den Beweis, daß Gefahr Freunde macht durch ein Faden⸗ſpinnen, der junge Tom durch eine Thatſache. Schon war ich acht Monate in Drummonds ein kleiner fettwanſtiger Geſell, etwa zwanzig Jahre alt, mit rundem Vollmondsgeſichte, dicken Lippen und braunrothen Wangen.— Oft hatte ich bisher das Vergnuͤgen gehabt, beide Toms zu ſehen, welche ſehr zu wuͤnſchen ſchienen, ich moͤgte wieder zu ihnen kommen, der auf dem Lichter mich einzuſchiffen. Aber Hauſe, als der neue Gehuͤlfe endlich erſchien; und ich muß ſagen, ich war bereit genug, wie⸗ — 319— Herr Drummond wollte das nicht, und ſeine Frau ſtellte mir unaufhoͤrlich vor, wie gut es fuͤr mich ſey, am Lande als Komptoirgehuͤlfe zu bleiben,— doch dies konnte ich nicht er⸗ tragen— faſt den ganzen Tag ſizen— auf den hohen Stuhl feſtgebannt— Debet gegen Credit vergleichend nur zuweilen durch den er⸗ ſten Kommis unterbrochen, wenn der ſich mit ſeinen Reimverſuchen beſchaͤftigte. Nachdem der neue Gehuͤlfe angekommen war, ſah ich meiner Erloͤſung entgegen, aber ver⸗ geblich. Herr Drummond fand ihn zu wenig anſtellig, und der erſte Kommis erklaͤrte, die Geſchaͤfte gingen zu ſtark, um mich entbehren zu koͤnnen. Dies war gegruͤndet; Herr Drum⸗ mond hatte ſo eben den Ankauf eines Werftes, eines großen Waarenhauſes mit anſtoßendem Wohngebaͤude, in der untern Themſeſtraße in London, abgeſchloßen, eine weitausgedehnte Un⸗ ternehmung, uͤber welche er lange in Unter⸗ handlung geſtanden und fuͤr welche er eine ſehr bedeutende Geldſumme zahlte. Das Abſchaͤzen, das Aufwinden des Geſchaͤftes in Brentford fuͤr alte Rechnung u. ſ. w. gab viel zu thun, und ich arbeitete am Pulte, bis die Familie ihre Wohnung vertauſchte, ward aber auch „ dann noch feſtgehalten, weil es an einem Waa⸗ renhaus⸗Aufſeher fehlte, der das Loͤſchen und Aufwinden der Guͤter leitete. Herr Tomkin, der erſte Kommis, der viele Jahre hindurch Drummond's treuer Diener geweſen war, wurde nunmehr als Aſſocie zu⸗ gelaßen und bekam die ganze Leitung des Brent⸗ ford⸗Werftes, eine Befoͤrderung, welche durch eine Geſellſchaft zu feiern er mit ſeiner Frau beſchloß⸗ Nach langem Hin⸗ und Herreden ward endlich feſt⸗ geſezt, daß ſie einen Ball geben wollten, und Madame Tomkin bemuͤhte ſich, ihren Geſchmack und ihre Erfindungsgabe dabei zu bewaͤhren. Tomkin wohnte in geringer Entfernung von den Werftgebaͤuden, in einem kleinen, mitten in einem Garten liegenden Haͤuschen, der groͤßtentheils mit Stachelbeerſtauden beſezt war und den vier ſchnurgerade Grandpfade durch⸗ ſchnitten. Herr und Madame Drummond wur⸗ den eingeladen und ſagten zu, was von den Tomkins als ein Beweis vieler Zuneigung auf⸗ genommen wurde. Um eine Probe von Tomkin's dichteriſchem Talente zu geben, fuͤge ich ſeine gereimte Ein⸗ ladung an Herrn Drummond bei, ſie war mit den zierlichſten Buchſtaben geſchrieben. *„* Herr und Frau TX—— n Wuͤnſchen ſehr zu ſe⸗hen, Herr und Madam' Drum⸗ Mond, bei ſich am kom⸗ menden naͤchſten Samſtag Zum beſcheidenen Gelag, Wozu naͤchſte Freun⸗ De, ſtellen ſich ein;. Fiedel wird erklingen, Nebſt viel luſt'gen Dingen.“ Belle⸗Vue⸗Haus. . Dieſem ‚Spiele des Geiſtes“ ertheilte Herr Drummond folgende mit Bleifeder auf eine Karte geſchriebene Antwort: „Herr und Madam' Drum⸗ Mond, werden komm'.“ „Da, Jakob,“ ſagte er zu mir,„gib das an Tomkin; es wird ihm viel lieber ſeyn, als irgend ein foͤrmliches Zuſage⸗Schreiben.“ Herr und Madame Turnbull wurden eben⸗ b 6 falls eingeladen; er ſagte zu, ſie dankte in ver⸗ aͤchtlicher Weiſe. b Als ich mit Herrn und Madame Drummond hinkam, war ſchon Geſellſchaft verſammelt; der 1 4 4 21 — 322— Garten war beleuchtet, das heißt im Mittel⸗ punkte jedes Stachelbeer⸗Strauches war eine bunte Lampe angebracht, und zwar, wie Tom⸗ kin mir ſpaͤter erklaͤrte, rothe und gelbe Lam⸗ pen, je nach der Farbe der Frucht, welche jeg⸗ liche Staude trug. Es war eine kalte, klare Froſtnacht, und die Lampen zwiſchen den nack⸗ G ten Stachelbeer⸗Buſchzweigen glimmerten ganz ſo hell, als die Sterne am Himmel. Die Ge⸗ ſellſchaft war im Allgemeinen durch die Neu⸗ heit der Anſicht erfreut. „Ein verkleinertes Waurhall!“ rief eine Dame, deren fett⸗fleiſchiger Umfang ſie warm genug erhielt, um in freier Luft umher zu ſtieren. Der Eingang war mit zwoͤlf kleinen Lampen geziert, hinter denen Loorbeerzweige ſich erhoben und der Sache ein ſehr feierliches Anſehen gaben. Madame Tomkin empfing ihre Gaͤſte auf der aͤußern Vortreppe, um das Ver⸗ gnuͤgen zu genießen, die Lobſpruͤche anzuhoͤ⸗ ren, welche den Anordnungen zu Verzierung der Außenſeite ertheilt wurden; inzwiſchen war es recht kalt und ſie zitterte nicht wenig vor Froſt. Das Beſuchzimmer, vierzehn Fuß lang bei zehn Fuß Breite, war zum Ballſaal ein⸗ gerichtet, in einer Ecke ſaßen zwei Geiger und — 323— ein Pfeifer, man tanzte ſchon als wir eintra⸗ ten. Ueber dem Kaminſtuͤcke war auf rothem Papier, mit blauen und gelben Zierrathen ge⸗ ſchmuͤckt und mit Loorbeerzweigen viereckig ein⸗ gerahmt, folgendes Erzeugniß, entſprungen aus dem dichteriſchen Gehirne des Hausherrn, zu leſen: „Hier tanzen wir ſo froh und leicht, Wwobei man mit den Geigen geigt.“ Andere ſehr geeignete Diſtichen, welche ich vergeßen habe, waren, in gleicher Weiſe einge⸗ rahmt, in den andern Zimmern angebracht. Das Meiſterſtuͤck der Ausſtattung war aber je⸗ denfalls das Speiſezimmer. Mittelſt Epheuran⸗ ken war es zu einer Laube umgeſchaffen, und auf den Zweigen ſteckten in allen Richtungen wirkliche Aepfel und Apfelſinen, ſo daß jeder zugreifen mogte. „Nun ich erklaͤre, dies iſt ein Paradies!“ rief die fette Dame aus, die mit mir zugleich hereintrat. „Nur mit einer Ausnahme, Madame,“ er⸗ wiederte Herr Turnbull, der mit abgezogenem Rocke die Zitronen zum Punſch quetſchte,„hier *⁴ — 324— iſt keine verbotene Frucht; nehmen Sie nach Belieben.“ So lange Tomkin lebte, wiederholte er die⸗ ſen guten Einfall, nicht blos der Worte ſelber wegen, ſondern weil ſie ihm Veranlaßung ga⸗ ben, das ganze Feſt— das erſte, welches er jemals gegeben hatte— mit allen ſeinen Ein⸗ zelheiten zu beſchreiben. „Oho, Jakob mein Junge, froh Dich zu ſehen— komm hilf mir— bald werden ſie Durſt haben— dafuͤr will ich einſtehen“— ſagte Turnbull, der ungemein guter Laune war. Die Geſellſchaft, wiewohl nicht ſehr gewaͤhlt, war herzlich vergnuͤgt; es ward getanzt, Punſch getrunken, gelacht und wieder getanzt; es war ſchon recht ſpaͤt, als ich mit Turnbull den„Feſtort“ verließ; Herr und Madame Drum⸗ mond hatten ſich viel fruͤher entfernt; Turn⸗ bull behauptete, dieſer Abend ſey beßer gewe⸗ ſen, als zwoͤlf Geſellſchaften, die ſeine Frau ihren vornehmen Gaͤſten gaͤbe. Ich theilte ſeine Meinung; hier war Jedermann vergnuͤgt und unbefangen; auch glaube ich, man wuͤrde noch laͤnger geblieben ſeyn, haͤtten die Muſiker nicht ſo viel Punſch zu ſich genommen, daß der eine — 325— Geiger ſeine Geige zerbrach und der andere ſich ein Loch in den Kopf ſiel, als er die Treppe hinab in den Garten gehen wollte; der Pfeifer ſchwor, er koͤnne nicht mehr blaſen; weil alſo die Muſik aufhoͤren mußte, wurden Ueberſchuhe, Laternen und dergleichen verlangt, aus der Kuͤche wurden die Schawls und Maͤntel her⸗ beigeholt, und alle gingen. Nichts konnte beſ⸗ ſer ablaufen. Zwar hatte die Hausfrau am folgenden Tage eine Erkaͤltung und rheumati⸗ ſche Beſchwerden, doch war das nicht zu ver⸗ wundern, weil ein verkleinerter Waurxrhall im Monate Dezember nicht gar zu zeitgemaͤß iſt. Eine Woche ſpaͤter begaben wir uns nach der Themſe⸗Straße, und ich verſah die Ge⸗ ſchaͤfte eines Waarenhaus⸗Aufſehers. Die Zahl unſerer Lichter hatte jezt ſehr zugenommen, und ſie wurden zum Einbringen von allerlei Kauf⸗ mannsguͤtern gebraucht. Eines Morgens fuhr der alte Tom ſeinen Lichter unter den Krahn, um zu loͤſchen; er wunſchte mich zu ſehen, ſo⸗ bald alſo das Zugſeil niedergelaßen war, um die im Lichter beſindlichen Faͤßer aufzuwinden, erfaßte er die Krahnhaken mit ſeinen Haͤnden, anſtatt ein Gefaͤß daran zu henken, und rief: — 326— „Wind' auf!“ ſeine Abſicht war, ſich zum Waarenhauſe hinaufziehen zu laßen, wo er mich finden wuͤrde. Dieſer Einfall des alten Tom war kein ungewoͤhnlicher, doch ward er durch einen ungewoͤhnlichen Einfall ſeines Sohnes großer Gefahr ausgeſezt; ſobald dieſer ſeinen Vater am Zugſeil haͤngend erblickte, erfaßte er deßen beide hoͤlzerne Stuͤmpfe, um ſich eben⸗ falls mit in die Hoͤhe winden zu laßen; der Lichter lag wohl fuͤnf Fuß von des Gebaͤudes Grundmauer entfernt, weil er nicht naͤher her⸗ anfahren konnte, und Beide ſchwebten alsbald in der Luft. „Tom, Tom, Du Spizbube, was zum Teu⸗ fel haſt Du vor?“ rief der Alte, ſobald er ſei⸗ nes Sohnes Gewicht an ſich haͤngen fuͤhlte. „Mit Euch hinauf, Vater— hoffe wir ge⸗ hen einen Weg zum Himmel.“ „Mit einander zum Teufel, das iſt viel wahrſcheinlicher, Du Narr; ich kann Dein Ge⸗ wicht unmoͤglich aushalten.— Raſch mit der Krahnwinde da.“ Als ich die Stimmen vernahm, blickte ich hinaus, und ſo wie ich ihren Zuſtand gewahr⸗ te, gab ich Befehl, ſo ſchnell als moͤglich die Krahnſpinde zu brehened damit wir ſie aufwin⸗ — 327— den moͤgten, bevor des alten Tom Kraͤfte er⸗ ſchoͤpft waͤren; die Krahnſpinde war aber ſehr hoch oben im dritten Stock des Waarenhauſes angebracht und eine der zuſammengeſezten Ma⸗ ſchinen, mit denen man zwar ſehr große Laſten aufwinden mag, die aber nicht gar zu raſch arbeiten. So wie ſie hoͤher und hoͤher gewun⸗ den wurden, ſchwanden des alten Tom Kraͤfte. „O Tom! Tom! was muß geſchehen!— ich kann nur noch ganz kurze Zeit feſthalten, und wir werden Beide in Stuͤcke zerſchmettert wer⸗ den. Mein armer Junge!“ „Nun da will ich loslaßen, Vater; es war meine Thorheit, und ich will dafuͤr buͤßen.“ „Los laßen!“ rief der alte Tom,„nein, nein Tom, laß Du nicht los, mein Junge, ich will's noch ein bischen laͤnger verſuchen.— Laß nicht los— liebſter Junge— laß nicht los!“ „Wie lange koͤnnt Ihr noch halten, Vater?“ „Ein wenig— ganz wenig noch;“ erwiederte der Alte faſt athemlos. „Nun haltet jezt feſt,“ rief der junge Tom, der, ſeinen Kopf uͤber die Arme in die Hoͤhe bringend, mit ungemeiner Anſtrengung erſt eine ſeiner Haͤnde um des Vaters Oberſchenkel, dann auch die andere ſchlang; wiederum hob — 328— er ſich wie zuvor und erfaßte mit den Zaͤhnen den Sizboden der Beinkleider ſeines Vaters; der alte Tom aͤchzte, denn ſein Sohn hatte in mehr als in das Gewand gebißen; dieſer wech⸗ ſelte alsdann ſeine Arme, um ſeines Vaters Leib zu umſchlingen— von da gewann er den Wammskragen— vom Kragen klomm er auf die Schultern des Alten, und erfaßte nun das Zugſeil oberhalb und befreite ſeinen Vater da⸗ durch von ſeinem Gewichte. „Mein Vater, ſeyd Ihr nun beßer!“ rief Tom, als er ſchwer athmend oben am Zug⸗ ſeile klammerte. „Keine zehn Sekunden kann ich mehr halten, Tom— ſ' geht nicht laͤnger.— die Fauſt will nicht mehr packen.“ „Vater, wenn Ihr mich liehe, haͤngt Euch mit Euren Augliedern feſt,“ rief Tom in To⸗ desangſt. Es war in der That ein graͤßlicher Augen⸗ blick; ſie ſchwebten jezt mindeſtens ſechszig Fuß uͤber dem Lichter in der Luft; die Leute an der Krahnſpinde wirbelten das Schwungrad herum, und endlich war ich gluͤcklich genug, ſie Beide zum untern Boden des Waarenhauſes hereinzuziehen; der alte Mann war dermaßen v erſchoͤpſt, daß er eine Minute lang unvermoͤ⸗ gend war, ein Wort zu ſprechen; ſobald Alles in Sicherheit war, lachte der junge Tom uͤber⸗ maͤßig. Aufrecht ſaß der Alte und blickte ihn an: „es haͤtte nicht zum Lachen ſeyn moͤgen, Mei⸗ ſter Tom.“ „Was geſchehen iſt, laͤßt ſich nicht aͤndern, Vater, wie Jakob ſagt. Und am Ende ſeyd Ihr mehr erſchreckt, als beſchaͤdigt.“ „Das weiß ich noch nicht, Du Hallunke,“ erwiederte der Alte, fuͤhlte mit ſeiner Hand 4 nach hinten und rieb ein wenig;„haſt mir ein Stuͤck aus meinem Stern gebißen. Das laß Dir nun'ne Warnung ſeyn, Tom.— Jakob, mein Junge, koͤnnteſt Du nicht ſagen, mir waͤre was begegnet, und'nen Tropfen was Gutes von Herrn Drummond erlangen?“ Mir ſchien, als koͤnne ich in Folge ſeiner lezten Bemerkung ehrlicherweiſe ſagen, ihm ſey was begegnet, und bald kam ich mit einem Glaſe Branntwein zuruͤck, welches der Alte trank, als ſein Sohn um ſeinen Antheil an⸗ ſprach. „Ihr wißt, Vater, daß ich die Gefahr theilte.“ 1 . — 330— „Ja, Tom, das weiß ich;“ gab der Alte zur Antwort;„dies iſt mir aber in Betracht deßen geſchickt, was mir begegnete, und weil ich das allein zu ertragen hatte, will ich dieſes auch allein haben.“ „Aber Vater,'nen Tropfen muͤßtet Ihr mir doch geben, waͤre es auch nur, um mir den Geſchmack aus dem Munde zu vertrei⸗ ben.“ „Dein eigen Fleiſch und Blut, Tom,“ ſagte ſein Vater und leerte das Glas. „Ich habe immer gehoͤrt, es waͤre ganz un⸗ natuͤrlich, das eigene Fleiſch und Blut nicht zu lieben;“ erwiederte Tom,„jezt ſehe ich aber wohl„es mag doch auch ſeine Urſache haben.“ „Sey zufrieden, Tom,“ ſagte der Vater und ſezte ſein Glas nieder,„jezt ſind wir eben, Du haſt Deinen„fuͤr's nuͤchterne“ gehabt und ich auch.“ Herr Drummond erſchien und fragte, was vorgefallen waͤre. „Nichts Herr,— nur'n Zufall;— Lom und ich hatten'n bischen von'nem Zuge.“ Weil dieſes lezte Wort doppelte Auslegung zuließ, glaubte Herr Drummond, eines der Faͤßer moͤgte beim Aufziehen aus dem Lichter abgeglitten — 331— ſeyn und ſie niedergeworfen haben. Er empfahl dem alten Tom mehr Vorſicht und ging; wir begannen mit dem Loͤſchen des Lichters. Der neue Gehuͤlfe war ein ſchwerfaͤlliger, einfaͤltiger junger Menſch, der ſich Muͤhe ge⸗ nug gab, aber ſich ſonſt auch durch nichts em⸗ pfahl; er ward hinab in den Lichter geſchickt, um die Nummern und Merkzeichen der Faͤßer bei deren Aufwinden anzumerken; alsbald ward er Zielſcheibe der Spaͤße des jungen Tom, der ihm auf ſeine Frage falſche Zeichen und Num⸗ mern aller aufgewundenen Faͤßer angab. „Was iſt das, Junge?“ rief der pudding⸗ geſicht'ge Menſch, mit der Bleifeder in der ei⸗ nen und dem Taſchenbuche in der andern Hand. „Erbsſuppe 13,“ erwiederte Tom;„Damen⸗ huͤte 24.— Nun zeichnet wieder an: weiße Kreide fuͤr Soldaten 3; geraͤucherte Haͤringe 26.“ Sorglich zeichnete Meiſter Gubbim das Al⸗ les an und trug die Liſte zu Herrn Drum⸗ mond, ſobald der Lichter geloͤſcht war. Gluͤcklicherweiſe hatten wir die Nummern verzeichnet, ſo wie die Faͤßer oben ankamen— 4 ſie enthielten Mehl. Herr Drummond ließ den jungen Tom rufen und fragte, wie er ſich un⸗ — 332— terſtehen koͤnnte, ſo dummes Zeug zu machen. — Dreiſt antwortete der,„es ſey als'ne gute Lehre fuͤr den jungen Menſchen gemeynt geweſen, damit der kuͤnftig ſeine Geſchaͤfte ſelber verrichte und ſich nicht auf andere verlaße. Herr Drnm⸗ mond meynte, er habe darin Recht, und ent⸗ ließ ihn ohne weitere Ahndung. „ Als die Arbeitsleute ſaͤmmtlich zum Eßen gegangen waren, ſtieg ich hinab in den Lich⸗ ter, um ein wenig mit meinen ehemaligen Schiffgenoßen zu plaudern. „Schau, Jakob,“ ſagte der alte Tom,„der Tom iſt noch um kein Haar kluͤger geworden, heute ſchon in zwei boͤſen Haͤndeln.“ „Nun, Vater, wenn ich meine Thorheit da⸗ durch verrathe, daß ich mir boͤſe Haͤndel zu⸗ ziehe, ſo beweiſe ich meinen Verſtand auch durch die Art, wie ich mich herauswinde.“ „Das mag wahr genug ſeyn, Tom; aber angenommen, wir waͤren Beide hinabgefallen, was wuͤrdeſt Du denn gedacht haben?“ „Ich beſorge, Vater, das Denken waͤre dann mit mir ausgeweſen.“ „Einmal habe ich was Aehnliches geſehen;“. ſprach der Alte, dem Vorgaͤnge ſeines fruͤhern Lebens einfallen mogten,„und ich will Euch — 333— 'nen Faden davon ſpinnen, Jungens, von we⸗ gen daß man ſagt, Gefahr macht Freunde.“ Wir ſezten uns zu ihm und er erzaͤhlte: „Als ich Captain vom Haupt⸗Top in der Fregatte Minerva von vier und vierzig Kano⸗ nen war, gab es im Mittellaͤndiſchen Meere kein flinkeres Schiff als unſers; manches Ein⸗ uͤben haben wir den Mannſchaften der andern Fahrzeuge zu wege gebracht, weil die uns nicht uͤbertreffen— nein, weil ſie uns das Licht nicht 'nmal halten konnten. Im Vor⸗ und im Haupt⸗ Top hatten wir acht und zwanzig ſo anſtellige Burſche, als nur jemals den Fuß in'n Ta⸗ kel ſezten oder am Hinterſtagen hinabglitten. Die beiden Captains vom Vortop waren aus⸗ geſuchte junge Leute, haͤndig wie die Affen und kuͤhn wie die Loͤwen. Der eine hieß Tom Her⸗ bert, von Nord⸗Shields, ein ſchwaͤrzlicher, huͤbſch ausſehender Burſche mit Zaͤhnen ſo weiß wie Negergebiß— und er war luſtig und zeigte ſie immer. Der andere war ein Haupt⸗ ſtadts⸗Kind. Die Londoner ſind nicht oft gute Seeleute, wenn ſie's aber ſind, gibt's keine Beßere; niemals erlauben ſie Andern, ihnen den Weg zu zeigen, das iſt mal ganz gewiß, denn von Natur ſind ſie ſpaßige Burſche und — 334— voller Eulenſpiegelei und Scherz.— Dieſer Geſell hieß Bill Wiggins, und zwiſchen ihm und dem Herbert war immer Eiferſucht, wer der behendeſte von ihnen ſeyn ſollte. Bei ſchoͤ⸗ nem Wetter habe ich Beide geſehen, wie ſie, an nichts feſthaltend auf den Rahen⸗Arm hinaus⸗ liefen, die Zugleine faßten, hinabglitten, die Oehre hinaufhißten, an der Zugleine hinauf⸗ klommen und am Hinterſtagen hinab auf's Ver⸗ deck rutſchten, und das Alles in ſo weniger Zeit, daß die Haͤlfte der Leute inzwiſchen nicht aus dem Top hervorgekommen waren. Auch bei boͤſem Wetter wagten ſie ihr Leben ohne Noth, nur um es Einer dem Andern zuvor zu thun. Das war auch Alle recht ſchoͤn und'n gut Beiſpiel fuͤr die Matroſen; der Captain und die Offiziere ſchienen dieſes Streiten um den Vorrang auch gern zu ſehen, aber es en⸗ dete damit, daß ſie ſich bitter haßten und nicht einmal mit einander ſprechen wollten. Gezankt hatten ſie oft und ſich fuͤnfmal regelmaͤßig ge⸗ boxt, ohne daß der beſte Mann ſich kund ge⸗ ben konnte; dies war dem Captain hinter⸗ bracht, der ſie bedrohte, Beide abzuſezen, wenn ſie noch einmal wieder borten. „Wir kreuzten auf der Hoͤhe vom Lionner Golph, wo es zuweilen heftig genug weht, um dem Teufel die Hoͤrner abzublaſen, wiewohl die Stoßwinde nicht lange dauern. Wir fuhren unter dicht gereeften Vor⸗ und Haupt⸗Topſe⸗ geln mit Sturm⸗Beiſaz und Verſuch⸗Segel, als der Sturm heftiger wurde und der Cap⸗ tain dem wachthabenden Offizier aufgab, das Vor⸗Topſegel einzuziehen. Um die Wache un⸗ ten im Raume nicht zu behelligen, wurden die Haupt⸗Top⸗Matroſen auf den Vordermaſt ge⸗ ſchickt, um der Vor⸗Topwache zu helfen;— ich war ſchon oben, im Begriff auf den Lee⸗ Rahen⸗Arm hinauszukriechen, als Wiggins, der die Wache im Raume hatte, herauf in den Top kam, weil er nicht leiden konnte, daß Herbert bei ſolchem Unwetter arbeiten ſollte und er nicht. „Tom, ſagt Wiggins zu mir, den Rahen⸗ Arm will ich nehmen.“ „Recht gut,“ erwiedere ich,„herzlich gern, ich gehe zur Buntleine.“ „Grade in dem Augenblick kommt ein Wind⸗ gebrauſe mit Regen, der uns faſt blind mach⸗ te; ſehr nett war's Segel eingefaltet, Bind⸗ leinen wie Knoͤpfe angedreht, Buntleinen und Heilleinen gut aufgebracht, Reef⸗Takel uͤber⸗ — 336— geholt, Roll⸗Takel ſtraff, kurz alles, wie's ſeyn muß. Die Matroſen lagen laͤngs dem Rahen⸗Arm, das Unwetter wurde immer aͤrger, aber ſie handeten die Heilleine ein; ſchnapp da bricht eine Buntleine, gleich darauf die zweite, das Segel flappt und flackert, bis auch die Heilleinen brechen und die Matroſen ſich feſt an den Yard klammern, um ihr Leben zu wah⸗ ren, denn's Segel war ihrer Meiſter geworden und ſie konnten nichts thun. Zulezt zerplazte das Segel mit donnerndem Geraͤuſche, zer⸗ peitſchte die Matroſen auf dem Rahen⸗Arme, bis die faſt die Beſinnung verloren hatten, wind⸗ waͤrts zerriß das ganze Segel in lauter ſchmale Streifenz alles, was davon blieb, war am Lee⸗Rahen⸗Arme. Mit der groͤßten Anſtrengung gelang es den Matroſen endlich, dieſes feſt zu legen, und erſchoͤpft retteten ſie ſich aus der Lebensgefahr; nur Wiggins allein konnte nicht herab, das Segel verhinderte ihn durch ſein Flackern feſten Fuß zu faßen, und zerpeitſchte ihn unaufhoͤrlich. Dies zu erzaͤhlen, dauert lange, aber es war das Werk einer Minute. Endlich verſuchte er, ſich an der Zugleine her⸗ auf zu arbeiten, ward aber wieder niederge⸗ worfen, und wuͤrde uͤber Bord geſchleudert ſeyn, — 337— waͤre ſein eines Bein nicht uͤber's Rahen⸗Pferd gefallen und da hing er mit dem Kopfe nach unten uͤber dem toſenden Meere, bereit ihn zu verſchlingen, ſobald er hinabſtuͤrzte. Es war ein ſchrecklicher Augenblick. „Ich konnt's nicht ertragen,'nen Mitmen⸗ ſchen und noch dazu ſd'nen guten Seemann huͤlflos zu laßen,(und wiewohl der Captain nicht wagte, jemanden zur Huͤlfe zu ſenden, waren doch ſchon ein Paar Midſhipmen auf dem Vortakel und eilten hinauf, um ihn zu retten, denn Midſhipmen achten ihr Leben nicht mehr, als'n Stuͤck Kautabak;— ich greife alſo zu der Beiſaz⸗Segel⸗Holleine und renne den Toptakel hinauf, in der Abſicht, mich an der Zugleine niederzulaßen, und ihm einen Schleifknoten uͤberzuwerfen, bevor er fiele; auf den Queerbaͤumen begegnet mir aber Tom Her⸗ bert, reißt mir's Tau aus der Hand und ruft mir durch den Sturm zu:„Dies iſt mein Ge⸗ ſchaͤft, Tom.“ „Hinab fliegt er an der Zugleine, das Ue⸗ briggebliebene von Segel flappt uͤber ihm hin und ich kann nichts mehr ſehen, da hoͤre ich, daß ſie unten Alle aufſchreien, hinab ſtuͤrzen Herbert und Wiggins, beide zuſammen, in 1. 3 22 dem Augenblicke, in welchem das Schiff ſich windwaͤrts aufrichtet, gluͤcklicherweiſe fallen ſie um zwei Fuß— um nichts mehr, neben dem Bug hinab, und unten hatten ſie Alles vorbe⸗ reitet, weil ſie da ihr Herabfallen erwarteten. Zwei wackere Leute gingen augenblicklich in Schlingknoten uͤber Bord, die hielten andere Schhlingknoten in ihren Haͤnden und ehe zwei Minuten vergingen, waren alle Viere wieder an Bord; aber Herbert ſowohl, als Wiggins hatten die Beſinnung verloren und es dauerte lange, bis die wieder zu ſich kamen.— Was meynt Ihr aber, Jungens, war die Folge da⸗ von; die beſten Freunde wurden ſie von nun an und wäaͤren fuͤr einander in den Tod ge⸗ gangen; und wenn einer von ihnen ein Glas Grog von den Offizieren bekam fuͤr irgend'nen kleinen Dienſt, dann trank er's nicht gleich auf der Offiziere Geſundheit hinunter, ſondern nahm's jedesmal mit, damit er dem andern die Haͤlfte davon abgaͤbe.— Alſo ſeht, Ihr Jungens, ganz wie ich ſagte, als ich meinen Faden anhob, Gefahr macht Freunde.“ „Man ſagt, wir Wagehaͤlſe, Wir ſterben auf der Fahrt, — — 339— Drum trauern unſ're Freunde, Denn Trennung iſt ſo hart. Indeß fuͤr ſolche Lehre Fehlt's Theer⸗Jack an Verſtand; Oer Eine ſtirbt auf'm Meere, Der Andr' auf trocknem Land.“ „Waͤren wir aber herabgefallen, Vater, ſo wuͤrden wir zwiſchen dem einen und dem an⸗ dern geſtorben ſeyn, da war nicht Waßer ge⸗ nug, uns flott zu halten. S'waͤre geweſen: Wuleh Wuh parleh Wuh, plumps in den Schlamm, wie Ihr zuweilen ſagt.“ „Nun ja, Tom, ich habe ſo'n Gedanken. daß ich zu tief wuͤrde hineingepflanzt ſeyn, um jemals Wurzel zu ſchlagen,“ erwiederte der Alte und betrachtete ſeine hoͤlzernen Stuͤmpfe. „Ja, Vater, Beine ſind Beine, wenn man ſechs Fuß tief in den Schlamm verſinkt. Was wuͤrdet Ihr da fuͤr'n Pflanzloch ge⸗ wuͤhlt haben, wenn Eure Patſchen nicht feſtgehalten haͤtten.“ „Laß Dir's zur Warnung dienen, daß Du Deinen Vater nicht wieder fuͤr'ne Lerche verkaufſt.“ — 340— Tom lachte, faßte das Wort, wiewohl in einem ganz andern Sinne, auf und ſang: „Ganz wie die Lerche, hoch in Wolken wirbelt—“ „Und ſo wart Ihr auch, Vater, nur daß Ihr nicht ſangt, wie die Lerche das thut, und daß Ihr Eure Jungen nicht unten im Neſte zuruͤck⸗ ließt.“ „Ja, die Jungen ſind's, die den Alten ihr Aufſteigen in der Welt verkuͤmmern— das iſt nur zu wahr, Tom.— Hallo! wer kommt hier zu uns?— Meinen dienſtlichen Gruß auf jeden Fall.“ Ende des erſten Bandes. — litn tnn nnſanſFmm 10 11 12 13 14 ſfſſ 15 16 17 3 7 8. 3 5 4 2 3 8 A 3 t— A³—