— ib deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von.. 3 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 + Leih- und Jeſebedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht Sr Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens „ 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 76. jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 4 den angenommen.. 5 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 4 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 5 binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 8 j wird. 2 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4 8 für Aichentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —auf 1 Monat: 1 Nr.— Ff. 1 Nr. d0 PFf. 2 Mt. Vf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 3 lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. . 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, da dns Weierarrlaen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 4 ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2 8, Zakob Ehr lich. —:ʒ—;— Zweiter Theil. In demſelben Verlage iſt fruͤher erſchienen: E. L. Bulwer's ſämmtliche Werke: Pelham, oder Begegniße eines Weltmannes. Aus dem Engliſchen uͤberſezt von C. Richard. 2. Auflage. 3 Baͤnde. 3 Thlr. Der Verſtoßene. Aus dem Engliſchen uͤberſ. von C. Richard. 3 Baͤnde. 4 Thlr. 12 gGr. Devereux. Aus dem Engliſchen uͤberſezt von C. Richard. 3 Baͤnde. 4 Thlr. 12 gGr. Paul Clifford. Aus dem Engliſchen uͤberſ. von C. Richard. 3 Baͤnde. 4 Thlr. 12 gGr. Falkland. Aus dem Engliſchen uͤberſezt von C. Richard. 1 Thlr. 12 gGr. Eugen Aram. Aus dem Engliſchen uͤberſezt von C. Richard. 2. Auflage. 3 Bde. 3 Thlr. England und die Englaͤnder. Ueberſezt und mit Anmerkungen begleitet von Louis Lax. Mit dem Bildniſſe des Verfaſſers 8. 3 Bde. 1833. 3 Thlr. Die Pilgrime am Rhein. Aus dem Engli⸗ ſchen uͤberſezt von L. Lar. 8. 1834. 2 Bde. 2 Thlr. erbert Milton, oder Leben der hoͤheren Staͤnde in London. Aus dem Engliſchen uͤber⸗ ſezt von C. Richard. 3 Baͤnde. 5 Thlr. Arthur Beverley, des Koͤnigs Page. Aus dem Engl. uͤberſ. von C. Richard. 2 Bde. 3 Thlr. Trelawney's Abentheuerin Oſtindien. Aus dem Engliſchen uͤberſezt von C. Richard. 4 Bde. 4 Thlr. 12 gGr. Der Bucanier. Ein hiſtoriſcher Roman aus der Zeit Cromwell's. Aus dem Engliſchen von Louis Lax. 3 Baͤnde. 3 Thlr. ONeill der Rebell und Arasmanes. Zwei Erzaͤhlungen. Aus dem Engliſchen von Otto von Czarnowski. 8. geh. 1834. 1 Thlr. Dielezten Tage von Pompeje. Aus dem Engliſchen von Otto von Czarnowski. 8. geh. 3 Bde. 1834. 3 Thlr. Jakob Ehrlich; von Captain Marryat, ein Seitenſtück zu Peter Simpel, vom nemlichen Verfaßer. Aus dem Engliſchen von C. Richard. Zweiter Theil. Aachen und Keipzig, Verlag von J. A. Mayer. (Brüſſelbei J. A. Nayer und Fomerhauſen.) 1835. Jakob Ehrlich. —-—— — Erſtes Kapitel. — Die Kunſt, tuͤchtig zu luͤgen, wird leicht gemacht, obwohl ich durch grobes Luͤgen in ſchwere Unan⸗ nehmlichkeit gerathe.— Ich ſchicke mein Lineal als Botſchafter ab, um den betheiligten Parteien wißen zu laßen, daß ich mich gegen tyranniſche Vorſchriften auflehne.— Ich werde angeklagt, gerichtet und verurtheilt, ohne mich anzuhoͤren. — Was ich an Rede einbuͤße, wird durch Ge⸗ fühle erſezt, das Ganze endet mit hochherzigen Entſchluͤßen und ein wenig Schluchzen. Der Captain des Amerikaniſchen Schooners, aus welchem wir die Mehlfaͤßer einnahmen⸗ — 6— war es, der auf den Lichter kam und dem al⸗ ten Tom auf deßen Begruͤßung erwiederte: „Ich hab''n Gedanken, mein alter Stuz⸗ ſchweif Bruͤller, daß in unſerm Lande nichts dienſtlich iſt. Wann bringt Ihr dieſen Euren Floß ſeitlangs meinem Schooner fuͤr's naͤchſte Laden? Heute Abend nicht, muthmaß' ich.“ „Diesmal muthmaßt Ihr richtig,“ erwiederte der alte Tom;„mit Eurer Erlaubniß wollen wir bis morgen fruͤh auf dem Schlamm lie⸗ gen bleiben.“ „Ja fuͤr alle Welt wie'n Louiſiana⸗Cayman.*) Ich habe'n Gedanken, hier im alten Lande nehmt Ihr die Sachen kaltbluͤtig.— Aber ich habe nicht Luſt, in dieſem kleinen Dinge von Eurem Fluße mit Kopf und Stern lange zu haͤngen. Nach Neu⸗York muß ich zuruͤck, vor der Fieberzeit.“ „Ein huͤbſches Fahrzeug iſt der kleine Schoo⸗ ner, den Ihr habt,“ bemerkte der alte Tom, „wie viel Zeit gebraucht er wohl zu der Fahrt?“ *) Der Amerikaniſche Krokodill. — 7— „Wie viel Zeit? ich erwarte, er laͤuft in'n Umſehen hin, und noch einmal ſo ſchnell wuͤrde er laufen, nur daß er niemals abwarten will, bis die Brieſe zu ihm heraufkommt.“ „Weshalb legt Ihr denn nicht bei und war⸗ tet auf die?“ fragte der junge Tom. „Ich muthmaße— zu viel Zeitverluſt. Ein Oſtwind hat mich einmal den ganzen Strich von Eurem Landsend bis zu unſern Engen gejagt, und konnte mich niemals einholen.“ „Da ſeze ich voraus, daß die Braunfiſche den Wettſtreit in Verzweiflung aufgeben, thun ſie nicht?“ ſagte der alte Tom ſpoͤttiſch laͤchelnd, „und doch hab' ich die Geſchoͤpfe um die Buge einer Engliſchen Fregatte in vollem Segellauf ſpielen und ſie auslachen ſehen.“ „Die ſpielen ihre Streiche niemals mit mir, altes Klapperholz; und wenn ſie's thun, ſpalt' ich ſie mitten durch und hinter Stern gehen ſie, Kopfende auf einer Seite, und Schwanz⸗ ende auf der andern ſchwimmend.“ „Aber klappen ſie nicht wieder zuſammen, 8 wenn ſie ſich hinten in Eurem Segelſtriche be⸗ gegnen?“ fragte Tom. „Sollt' mich nicht wundern,“ erwiederte der Amerikaniſche Schiffscaptain. „Bitte Captain, ſagt uns, was mag das fuͤr'n Fahrzeug ſeyn, wo ſie in Neu⸗York ſo gewaltig viel Worte von machen?“ Der alte Tom bezog dies auf das erſte Dampfſchiff, deßen Eigenſchaften damals verſucht waren und von welchem die aller uͤbertriebenſten Berichte aus Amerikaniſchen Zeitungen in die Engliſchen abgedruckt wurden.„Ich meyne das Schiff— oder was es ſonſt ſeyn mag, das ohne Maſte ſegelt, ohne Rahen und ohne Segeltuch; es iſt durchaus uͤber meinen Begriff.“ „In Alt⸗Laͤndiſche Koͤpfe will's nicht hinein. Laßt Euch ſagen— das Schiff geht ſchnick durch's Waßer— voraus oder ſternwaͤrts— nach der breiten Seite hin, auf oder nieder— in allen Richtungen; alles, was Ihr dabei zu thun habt, iſt's Feuer anſchuͤren und Eure Fin⸗ ger waͤrmen;— und jemehr Ihr ſchuͤrt, deſto ſchneller geht's gegen Wind und Strom an.“ „Nun, wenn ich das glauben ſoll, muß ich es erſt ſehen,“ erwiederte der alte Tom. „Kein Umſchlagen, wie ich berechne;— mein kleiner Schooner ſchlug mir Mal in ei⸗ ner Nacht bei'nem huͤbſch⸗betraͤchtlich ſchweren Jaͤhling um; der iſt aber flink— und in 'nem Augenblicke richtete er ſich an der andern Seite wieder in die Hoͤhe und Alles war ſo gut, wie vorher. Gar nichts wuͤrd' ich davon erfahren haben, wenn der Mann am Steuer— rade nicht bemerkt haͤtte, daß ſeine Jacke naß geworden; und unten waren den Matroſen alle ihre Schnuͤre an den Hangmatten ein⸗ mal umgedreht.“ „Nach dieſem Umdrehen koͤnnt Ihr's anſpli⸗ ßen,“ rief der junge Tom lachend aus. „Ja, aber laß uns keinen Riegel vorſchie⸗ ben, Tom,“ erwiederte ſein Vater.„Mir er⸗ ſcheint dies Alles ungemein vergnuͤglich.— Bitte Captain, geht's ſonſt auch mit allen an⸗ dern Dingen ſo ſchnell im neuen Lande?“ „Ich muthmaße, alle Sachen gehen mit uns rein ſchnick.“ — 10— „Was fuͤr eine Art von Pferden habt Ihr in Amerika?“ fragte ich. „Ich hab''n Gedanken, unſere Kentucky⸗ Pferde wuͤrden Euch in Erſtaunen ſezen. Die ſind allmaͤcht'ge Ausgreifer im Trabe, thun's enen Nord⸗ Weſter⸗Wind Jaͤhling zuvor. Ein⸗ mal nahm ich'nen Englaͤnder in meinem Gig nach Allibama⸗Land mit hinauf und da ſagt er:„was iſt das fuͤr ein großer Kirchhof, durch den wir fahren?“ Ich antworte ihm: Fremd⸗ ling, ich berechne, es iſt nichts anders, als die Meilenſteine, denen wir ſo ſchnick vorbei⸗ fahren. Einmal hatt' ich aber ein Pferd, und ich erwarte, das war noch ein guter Theil ra⸗ ſcher, als jenes. Ich habe angeſehen, daß ein Blizſtrahl es eine gute halbe Stunde auf dem klargemachten Waldgrunde umherjagte und es doch nicht einholen konnte.— Aber nun kann ich nicht laͤnger bleiben.— Ich erwarte, Ihr kommt ſeitlangs morgen vor Meridian. 4 „Wohl, wohl, Meiſter,“ entgegnete der alte Tom und ſtimmte an: „Noch nach Meridian, halb fuͤnf, ſtand Bei Nantchen ich, da rief's Signal, 11— Um funf uhr jammert ſie am Strand Mit Thraͤnenblick und Herzensqual.“ „Ich berechne, Ihr ſeyd kein Narr von'nem Singſaͤnger,“ ſprach der Amerikaner, ſchob ſein Boot ab und ruderte zu ſeinem Schooner. „Und ich berechne, Ihr ſeyd kein Narr von 'nem Luͤgner,“ rief lachend der junge Tom. „Nun, das iſt er; aber ich mag'ne gute Luͤge leiden, Jakob, es liegt was Poſſenhaftes darin.— Aber was zum Teufel mag der Ge⸗ ſell damit meynen, daß er'nen Windſtoß n' Jaͤhling nennt.“ „Ich weiß nicht,“ erwiederte Tom,„viel⸗ leicht hat er eben ſo viel Grund dazu, als wir, wenn wir'n Maͤdchen n' Blaͤſer nennen.“ Hier ward unſer Geſpraͤch durch die Erſchei⸗ nung des neuen erſten Kommis, Herrn Hodg⸗ ſon, unterbrochen, von dem ich bisher noch nichts geſagt habe. Er erſezte Tomkin's Stelle, als wir den Brentford⸗Werft verließen, und hatte dargethanen Widerwillen gegen mich ge⸗ faßt, der taͤglich dadurch zu wachſen ſchien, — 12— daß Herr Drummond mir neue Beweiſe ſei⸗ ner Zufriedenheit gab. „Hel Ehrlich, augenblicklich da aus der Barke und an den Pult. Ich will keine Augendiener unter mir haben. Heraus, auf der Stelle.“ „Ich ſage, Meiſter Federſpuhlentreiber„“ ſchrie der alte Tom,„meynt Ihr damit zu ſagen, daß Jakob ein Augendiener iſt?“ „Ja, das meyne ich, und gebrauche keine von Euren Unverſchaͤmtheiten, oder ich will Euch aus dem Schiffe bringen, Ihr alter Troͤd⸗ ler.“ „Nun, ſo hoͤrt; was den erſten Theil von Eurem Sprechen anbetrifft— meinen dienſtli⸗ chen Gruß und Ihr luͤgt; und den zweiten anlangend, ſo bleibt das zu erweiſen.“ Hodgſon's Aerger ward durch dieſe Antwort nicht beſaͤnftigt; auch mein Blut wallte heftig, denn ich hatte ſchon viel ausgeſtanden; den jungen Tom trieb die Ungeduld, ſich meiner anzuneh⸗ men. Ohne den Kommis eines Blickes zu wuͤr⸗ digen, ging er ihm dicht vorbei und ſagte zu mir:„Ich dachte, Jakob, Du waͤreſt Lehrling —. 13— fuͤr die Stromfahrt; nun ſcheinſt Du aber an die Schreibſtube gebunden; wie lange meynſt Du noch zu dienen?“ „Ich weiß nicht,“ erwiederte ich, als ich muͤrriſch fortging,„aber ich wollte, meine Zeit waͤre um.“ „Sehr gut, werde dies Betragen dem Herrn Drummond melden, ſoll den mit Ihren Strei⸗ chen bekannt machen.“ „Streiche! Ihr wollt wohl nicht von ſeinen Streichen reden; ſeine Pflicht iſt, in's Rad zu greifen,“ erwiederte der alte Tom,„und nicht zu Euren betruͤgeriſchen Kunſtgriffen am Pulte aufgezogen zu werden.“ „Betruͤgeriſche Kunſtgriffe, alter Schurke, was meynt Ihr damit?“ rief Hodgſon in voͤl⸗ liger Wuth. „Ich nehme an, mein Vater meynt leger- de-main,“ fiel der junge Tom ein. Dieſe gewandte Erwiederung durch Jeman⸗ den, von dem er etwas Aehnliches gar nicht erwartete, trieb den Kommis zornentflammt davon. — 14— „Du ſcheinſt ihn da hart getroffen zu hoffen, Tom,“ ſagte ſein Vater,„aber ich muß ſagen, daß ich nicht verſtehe wie?“ „Ihr habt mich leſen und ſchreiben lehren laßen, Vater, und wenn ein Burſche das weiß, mag er ſich ſpaͤter Alles ſelber beibringen; alle Tage gable ich mir hier oder dort etwas auf und niemals ſeh' ich oder hoͤre ich ein Ding oder ein Wort, das ich nicht kenne, ohne mir die Meinung davon auszufinden, ſobald ich nur kann. Das harte Wort habe ich beim Skt. Bartolomaͤus⸗Markt aufgegabelt.“ „Und recht hart haſt Du ihn damit getrof⸗ fen!“ „Wer wollte das nicht thun, um'nem Freunde damit zu dienen; aber merkt, was ich ſage, Vater, dies wird nicht lange mehr dauern. Ein Ungewitter ſteigt herauf, und ſo ruhig Jakob auch zu ſeyn ſcheint, wird er in kurzer Zeit ſeine Zaͤhne weiſen.“ Toms Vorausſezung war richtig; noch hatte ich kaum zwei Minuten vor meinem Pulte ge⸗ ſeßen, als Hodgſon eintrat und uͤber Unan⸗ ſtaͤndigkeiten eine Klagrede begann, gegen welche — ¹ — 15— mein Stolz ſich auflehnte. Eine ſehr gut und voll⸗ kommen richtig geſchriebene Waarenrechnung zog er vor mir weg, zerriß ſie in Stuͤcke und gab mir auf, ſie noch einmal zu ſchreiben. Entruͤ⸗ ſtet uͤber ſolche Behandlung, weigerte ich mich, warf meine Feder hin und blickte ihn entſchloſ⸗ ſen in's Angeſicht. Durch meinen Troz noch mehr erboßt, erfaßte er ein Nachweiſungsbuch und warf mir das nach dem Kopfe. Nun war ich unfaͤhig, mich laͤnger zu maͤßigen, ergriff ein ſchweres Lineal und erwiederte ſeine Be⸗ gruͤßung. Grade ſchwirrte es durch die Luft, als Herr Drummond eintrat; dieſer erſchien genau zu rechter Zeit, um Zeuge davon zu ſeyn, wie Hodgſon, an der Stirn getroffen, zu Bo⸗ den ſank, waͤhrend ich mit aufgehobenem Arme und mit rothgluͤhendem Geſichte auf dem Quer⸗ holze meines Schreibſeßels ſtand. Gewiß war aller Anſchein gegen mich. Huͤlfe ward herbeigerufen und der Kommis nach ſei⸗ nem Zimmer getragen; waͤhrend dieſer ganzen Zeit ſaß ich vor meinem Pulte, im Aufruhr wildſtuͤrmender Gefuͤhle, die meinen Buſen ſchwellten; lange geſchlafene Eindruͤcke waren — 16— jezt erweckt und jagten einander in meinem fie⸗ berhaften Gehirne unaufhoͤrlich umher. Zwei Stunden mogte ich ſo geſeßen und moͤgte leicht noch viel laͤnger in dieſem Zuſtande der Ge⸗ dankenvertiefung zugebracht haben, waͤre ich nicht gerufen worden, um vor Herrn Drum⸗ mond zu erſcheinen. Hodgſon ſchien in der Zwi⸗ ſchenzeit ſeine Beſinnung wieder erlangt und ſeine eigene Angabe uͤber den entſtandenen Auf⸗ ruhr gemacht zu haben, welche in ganz unver⸗ antwortlicher Weiſe von dem einfaͤltigen jungen Gehuͤlfe beſtaͤtigt wurde, der mein Freund nicht war und der die Gunſt ſeines, ihm unmittelbar Vorgeſezten zu erlangen ſtrebte. Ich ging zum Sprachzimmer, in welchem ich Herr und Ma⸗ dame Drummond nebſt der kleinen Sarah fand, deren Augen roth geweint waren. Ohne die mindeſte Empfindung von Bangigkeit trat ich hinein; meine Bruſt war ganz mit Entruͤſtung und Unwillen erfuͤllt.— Madame Drummond blickte ernſt und traurig auf mich; ihr Mann ſehr ſtrenge. „Jakob Ehrlich, ich habe fuͤr Dich geſchickt, um Dir anzukuͤnden, daß Du in Folge Dei⸗ nes ſchmaͤhlichen Betragens gegen meinen er⸗ ſten Kommis nicht laͤnger unter meinem Dache bleiben kannſt. Es ſcheint, daß der Auftritt, deßen Augenzeuge ich heute geweſen bin, nur ein Verfolg und eine Fortſezung fruͤheren, eben ſo unangemeßenen und unverſchämten Betra⸗ gens war; daß, weit davon entfernt, Deine Pflicht zu erfuͤllen, wie ich das immer geglaubt habe, Du dieſe fortwaͤhrend hintangeſezt und vernachlaͤßigt haſt; daß endlich die Verbruͤde⸗ rung, die Du mit dem trunkenen alten Manne und ſeinem frech⸗vermeßenen Sohne angeknuͤpft haſt, Dich zu dieſer Sinnloſigkeit verleitet hat. Sagen magſt Du allerdings, es ſey nicht Dein Wunſch geweſen, am Lande zu bleiben, und Du haͤtteſt den Aufenthalt auf dem Strome vorgezogen;— in Deinem Alter iſt es nur zu oft der Fall, daß junge Leute ihre eigenen Wuͤnſche lieber zu Rathe ziehen, als ihr wah⸗ res Beſtes, und es iſt ein Gluͤck fuͤr ſie, wenn ſolche, die aͤlter, als ſie ſind, und die ihnen in der Welt ein gutes Fortkommen wuͤnſchen, anſtatt ihrer entſcheiden. Ich hatte gehofft, im Stande ſeyn zu koͤnnen, Dich auf eine geach⸗ tetere Stufe in der menſchlichen Geſellſchaft zu II. 2 — 18— erheben, als meine erſte und urſpruͤngliche Ab⸗ ſicht war, als Du, eine huͤlfloſe Waiſe, mir in die Haͤnde fieleſt; jezt gewahre ich meinen Ir⸗ thum. Du haſt Dich nicht nur raͤnkevoll, ſon⸗ dern auch undankbar bewieſen.“ „Das habe ich nicht,“ unterbrach ich ſehr ruhig. „Du haſt.— Ich ſelber bin Zeuge Deines unverantwortlichen Betragens geweſen, welches, wie es ſcheint, mir lange Zeit verheimlicht wor— den iſt; doch davon nicht mehr.— Ich habe Dich als Lehrling fuͤr den Stromdienſt einzeich⸗ nen laßen und Du mußt Deine Lehrzeit jezt beendigen; erwarte aber von nun an nichts weiter von mir. Jezt mußt Du Dir Deine eigene Bahn in der Welt brechen, und ich hege das Vertrauen, Du werdeſt Dich beßern und Dich gut betragen. Fuͤr's erſte magſt Du auf den Lichter zuruͤckkehren, bis ich Dir eine An⸗ ſtellung auf einem andern Fahrzeuge verſchaffen kann, denn ich achte es fuͤr meine Pflicht, Dich dem Einfluße derjenigen zu entziehen, die Dich auf Abwege verleitet haben; mit dem alten — 19— Manne und ſeinem Sohne ſollſt Du nicht zu⸗ ſammenbleiben. „Eines bleibt mir noch zu bemerken. Du haſt mehre Monate auf meinem Komptoir ge⸗ arbeitet und ſtehſt jezt im Begriffe, in die Welt hinaus verſezt zu werden. Hier ſind zehn Pfund fuͤr Deine Dienſtleiſtungen.“ Bei dieſen Worten legte Herr Drummond das Geld auf den Tiſch und fuhr fort: „Du wirſt Dich ebenfalls erinnern, daß ich etwas Dir zugehoͤrendes Geld im Beſiz habe, welches ſuͤr Dich aufgelegt wurde, bis Du Deine Lehrzeit beendigt haben wuͤrdeſt. Ich halte es immer noch fuͤr meine Pflicht, dieſes Geld bis dahin fuͤr Dich zuruͤckzuhalten; ſobald Du Deine Lehrzeit ausgedient haſt, kannſt Du es fordern und es ſoll Dir ſogleich ausgehaͤn⸗ digt werden. Ich hege das Vertrauen, die auf⸗ richtige Hoffnung, Jakob, daß die ſehr ſtrenge Zurechtweiſung, welche Du jezt empfaͤngſt, Dei⸗ nem Gemuͤthe die Erkenntniß des Rechten ver⸗ ſchaffen wird und daß Du Dich beſtreben willſt, die boͤſen Rathſchlaͤge zu vergeßen, welche Deine fruͤhern Gefaͤhrten Dir ertheilt haben. Mache — 20— den Verſuch nicht, Dich rechtfertigen zu wol⸗ len, es waͤre fruchtlos.“ Herr Drummond erhob ſich von ſeinem Stuhle und verließ das Zimmer. Ich wuͤrde eine Antwort ertheilt haben, wenn er die lezten Worte nicht geſprochen haͤtte; dieſe aber waren es, welche mein Gefuͤhl tiefer Entruͤſtung wieder aufweckten, das allmaͤhlig in Gegenwart der Familie mildern Empfin⸗ dungen gewichen war.— Unbeweglich blieb ich ſtehen und begegnete mit entſchloßener Feſtig⸗ keit dem Blicke, welchen Drummond im Vor⸗ beigehen auf mich warf. Der Ausdruck meines Geſichtes ward mir als Herzensverſtocktheit aus⸗ gelegt. Es ſchien, als haͤtte Herr Drummond das Zimmer in Folge vorangegangener Verabredung verlaßen, damit er den Schein entfernen moͤge, er koͤnne ſich von ſeinem Vorſaze abbringen laßen; ſobald er entfernt war, ſollte ſeine Frau zu mir reden, um zu erfahren, ob irgend eine Ausſicht dazu vorhanden ſey, daß ich meine Schuld eingeſtaͤnde und um Milderung meines Urtheiles baͤte; aber das feſte Geſammeltſeyn — 21— der Unſchuld ward faͤlſchlich fuͤr trozige Her⸗ ausforderung angeſehen; das Blut, welches meine Stirn roͤthete, hinaufgetrieben durch das Gefuͤhl der Ungerechtigkeit, die mir wiederfuhr — Ungerechtigkeit von denen, die ich liebte, die ich verehrte— vielleicht das durchbohrendſte al⸗ ler Gefuͤhle fuͤr ein empfindliches und großmuͤ⸗ thiges Herz— ward eben ſo faͤlſchlich meiner leidenſchaftlichen Heftigkeit und innern Ver⸗ derbtheit zugeſchrieben. Madame Drummond betrachtete mich mit ſchmerzlichem Ausdrucke, ſeufzte und ſagte nichts, waͤhrend die kleine Sarah mich mit ihren großen ſchwarzen Augen betrachtete, als wolle ſie im Innerſten meiner Seele leſen. „Haſt Du gar nichts zu ſagen, Jakob,“ ſagte die Mutter zulezt,„nichts, was ich Drum⸗ mond erzaͤhlen koͤnnte, wenn ſein Zorn gemil⸗ dert wurde?“ „Nichts, Madame,“ erwiederte ich,„als daß ich verſuchen will, ihm zu verzeihen.“ Dieſe Antwort war ſogar fuͤr die ſanftmuͤ⸗ thige Frau beleidigend; ſie ſiand auf und ſagte: „komm' Sarah,“ und verließ das Zimmer, — 22— wuͤnſchte mir indeß noch im Abgehen mit recht guͤtiger, freundlicher Stimme:„guten Tag, Jakob.“ 8 Meine Augen ſchwammen in Thraͤnen.— Ich machte den Verſuch, die Begruͤßung zu erwiedern, aber mein Herz war zu voll, ich konnte kein Wort hervorbringen, und mein Schweigen ward wiederum fuͤr Hartnaͤckigkeit und Undank gehalten. Sarah blieb immer noch— ſie hatte ihrer Mutter Geheiß, ihr zu folgen, nicht erfuͤllt. Jezt war ſie faſt vierzehn Jahre alt und fuͤnf Jahre hindurch kannte ich ſie als meine Ge⸗ ſpielin und Freundin. Waͤhrend der lezten ſechs Monate, die ich in ihrem Hauſe zubrachte, waren wir um vieles vertraulicher mit einander geworden. Abends theilte ich alle ihre Beſchaͤf⸗ tigungen und unſere Vertraulichkeit ſchien Herr und Madame Drummond Vergnuͤgen zu ma⸗ chen. Ich liebte ſie, als waͤre ſie meine Schwe⸗ ſter. Meine Liebe war auf Dankbarkeit gegruͤn⸗ det. Niemals hatte ich die Freundlichkeit ver⸗ geßen koͤnnen, welche ſie mir vom erſten Au⸗ genblicke meiner Aufnahme in ihres Vaters — 23— Hauſe an, und unausgeſezt erwieſen hatte; lange Bekanntſchaft mit der ſuͤßen Milde ihres We⸗ ſens hatte meine Anhaͤnglichkeit an ſie der⸗ maßen beſtaͤrkt, daß ich mir bewußt war, mein Leben fuͤr ſie opfern zu koͤnnen. Doch den gan⸗ zen Umfang meiner Gefuͤhle fuͤr ſie hatte ich nie zuvor ſo erkannt, wie jezt, nun ich im Be⸗ griffe ſtand, ſie zu verlaßen, vielleicht auf im⸗ mer mich von ihr zu trennen. Mein Herz verſank mir, als Herr Drum⸗ mond das Zimmer verließ;— ein bitter pein⸗ liches Gefuͤhl durchzitterte es, als Madame Drummond's Geſtalt vor meinen Augen dahin⸗ ſchwand; jezt aber fuͤhlte ich unſaͤglich mehr Schmerz.— Im voollen Bewußtſeyn meiner Qual zoͤgerte ich mit dem Thuͤrdruͤcker in der Hand;— mein gepreßter Buſen ſtrebte nach Athem— Thraͤnen, die in raſcher Folge meine Wangen herabliefen, erblindeten mich. Eine Minute mogte ich wohl in dieſem Zuſtande ge⸗ blieben ſeyn, als ich empfand, daß Sarah meine andere, bewegungslos hinabhaͤngende Hand erfaßte. „Jakob!“ wollte ſie ſagen— doch bevor mein — 24.— Name noch zur Haͤlfte ausgeſprochen war— brachen ihre Thraͤnen ſtromweiſe hervor und auf meine Schulter gelehnt ſchluchzte ſie. Zu uͤberfuͤlt war mein Herz, um ihre Empfindun⸗ gen nicht zu theilen— mein Kummer machte ſich Luft und meine Thraͤnen miſchten ſich mit denen des zartfuͤhlenden Maͤdchens. Als wir etwas gefaßter wurden, erzaͤhlte ich ihr Alles, was vorgefallen war, und nun er⸗ kannte mindeſtens Eine in der Welt an, daß ich mit Ungerechtigkeit behandelt waͤre. Eben hatte ich geendet, als ein Diener uns unterbrach, den die Mutter ſchickte, um Sarah zu ſich zu rufen. Sie warf ſich in meine Arme und ſagte mir Lebewohl. Sobald ich ſie losgelaßen, eilte ſie, ihrer Mutter zu gehorchen; weil ſie aber das Geld noch auf dem Tiſche liegen ſah, zeigte ſie darauf und ſagte:„Dein Geld, Jakob.“ „Nein, Sarah, das will ich nicht anneh⸗ men. Alles wollte ich von denen entgegenneh⸗ men, die mich guͤtig behandeln, und meine Dankbarkeit wuͤrde dann immer noch zuneh⸗ men;— dies aber will ich nicht annehmen— ich kann nicht, und Du mußt es nicht hier lie⸗ — 25— gen laßen.— Sag', daß ich es nicht nehmen koͤnnte.“ Sarah wollte mir zureden, weil ſie aber ge⸗ wahrte, daß ich unerſchuͤtterlich blieb, und weil ſie vielleicht in ihren Gefuͤhlen mit mir uͤber— einſtimmte, wiederholte ſie noch einmal ihr Le⸗ bewohl und eilte fort. Leicht mag der Leſer ſich vorſtellen, daß ich meine Entfernung nun nicht laͤnger verzoͤgerte. Eilig packte ich meine Sachen zuſammen, und in weniger als zehn Minuten, nachdem Sarah mich verlaßen hatte, befand ich mich ſchon am Bord des Lichters mit dem alten und dem jun⸗ gen Tom, die ſo eben ihr Abendbrodt verzeh⸗ ren wollten. Einen Theil des Vorgefallenen kannten ſie bereits, das Uebrige erzaͤhlte ich ihnen. II. — 26— „Nun,“ ſagte der alte Tom, nachdem meine Geſchichte zu Ende war,„ich wuͤßte nicht, daß ich Dir irgend Harm zugefuͤgt haͤtte, Jakob, und es thut mir leid, daß Herr Drummond das vorausſezt. Ich liebe'nen Tropfen, das iſt die Wahrheit; aber ich laße Dich entſcheiden, ob ich Dich jemals zum Trinken genoͤthigt habe — und ferner, ob ich nicht den Jungen da vom Trinken abhalte, ſo viel ich nur kann;— aber, dann ſiehſt Du wohl, ich mag gut pre⸗ digen, das Ausuͤben mangelt— und das iſt das Schlimmſte dabei;— ich weiß es auch, daß ich's zu verantworten habe, nun der Tom den Grog ſehr liebt; und obgleich ich niemals ein Wort davon ſage, denke ich doch oft bei mir ſelber, daß, wenn der Zufall wollte, daß Tom heute oder morgen zum Flottendienſt ge⸗ preßt— und hernach fuͤr Trunkenheit beſtraft wuͤrde, er ſeines alten Vaters gedenken und den in ſeinem Herzen verfluchen wird, wenn er die neunſchwaͤnzige Kaze umſchwingen ſieht, bevor ſie geißelt.“ „Dieſe Kaze will ich verfluchen, Vater, oder den Bootsmanngehuͤlfen, oder den Offizier — 27— der mich anklagte, oder den Captain, der mich geißeln laͤßt, oder meine eigene Thorheit, aber gehaͤngt will ich ſeyn, wenn ich Euch jemals fluche, der Ihr ſtets ſo gut gegen mich waret,“ erwiederte Tom und erfaßte ſeines Vaters Hand. „Nun, wir muͤßen das beſte hoffen, mein lieber, lieber Junge,“ erwiederte der Alte, „aber Dir hat man die Billigkeit verſagt, Ja⸗ kob, das iſt ausgemacht.— Wahr genug iſt's, daß der Herr Dich als huͤlfloſe Waiſe aufnahm und Dir zur Erziehung verhalf;— doch das iſt noch kein Grund, weshalb er Dir auch Dei⸗ nem freien Willen nehmen, und nachdem er Dich als Lehrling bei den Stromſchiffen hatte einſchreiben laßen, Dich auf einen hohen Stuhl feſtſezen und Deine Naſe auf den Schreibpult niederdruͤcken konnte. Sollte es etwa ſich ſo ver⸗ halten, daß er nur deshalb ſo guͤtig gegen Dich war, um Dich zu ſeinem Sklaven zu machen, — nun dann war das nach meiner Anſicht ganz und gar keine Guͤte;— und dann wie⸗ der jemanden beſtrafen, ohne nur anzuhoͤren, was der zu ſeiner eigenen Vertheidigung vor⸗ zubringen haben moͤgte— nu wahrlich, ſ'gibt — 28— auf der Flotle nicht'n mal'nen Tartar, der'nem Matroſen nicht geſtatten ſollte, ſich zu verantworten, bevor er ihm befiehlt, die Jacke auszuziehen. Ich kenne ſo'ne Geſchichte aus dem Flottendienſte, aber jezt bin ich nicht in guter Laune, um'nen Faden zu ſpinnen. Aber das mußt Du einſehen, Jakob, Herr Drummond hat vieles fuͤr Dich gethan und jezt hat er vieles wieder ungeſchehen gemacht. Ich kann mir nicht herausnehmen, die Rechnung genau abzuſchließen; mir aber kommt es vor, daß Du ihm nicht viel ſchuldeſt;— denn was waͤre da zu danken, wenn einer'n Fahrzeug in's Schlepptau nimmt und's nachher auf hal⸗ ber Fahrt, grade wenn es ſeinen Beiſtand am noͤthigſten hat, losmacht und ſeinem Schickſale uͤberlaͤßt. Was mich aber am meiſten verdrießt, iſt, daß er geſagt hat, Du ſollſt nicht mit uns im Lichter bleiben; waͤrſt Du hier geblieben, ſo haͤtteſt Du keinen Mangel leiden ſollen, ſo lange Verdienſt und Penſion gezahlt werden. Doch laß gut ſeyn;— Tom, mein Junge, bring' die Flaſche heraus— an den Galgen mit den Sorgen— die Kaze krepirt davon.“ — 29— Inzwiſchen wollte der Grog des alten Toms luſtige Laune nicht zuruͤckbringen; der Abend verging unter drückenden Gefuͤhlen und wir leg⸗ ten uns fruͤhe ſchlafen, weil wir am naͤchſten Morgen recht zeitig zum Schooner hinabfahren ſollten. In dieſer ganzen Nacht ſchloß ich kein Auge zu. Ich rief meinem Gemuͤthe Alles zu⸗ ruͤck, was mit mir vorgegangen war, und ent⸗ ruͤſteter Mißmuth erfuͤllte meine Seele. Mein ganzes Leben uͤberdachte ich auf's Neue;— ich verſezte mich zuruͤck in die erſten Tage meiner Kindheit— gedachte wiederum jener Zeit, die faſt ganz aus meinem Gedaͤchtniße vertilgt war, der Fahrten, die ich im Lichter mit meinem Vater machte. Noch einmal erneuete ſich mir der entſezliche Auftritt ſeines Todes; alles ſah ich wieder vor meinen Augen, ſein Verſchwin⸗ den unter den uͤberfluthenden Wellen und die ſchwarze, zum Himmel emporſteigende Dampf⸗ ſaͤule.— Dann kamen in raſcher Wechſelfolge die Geſtalten des Domine, der Matrone,— ferner Marables und Fl eming— jener Auftritt in der Kajuͤte— mein innerſtes Gefuͤhl ſagte mir, ich haͤtte meine Pflicht gethan, und ich ſey mit aͤußerſter Ungerechtigkeit behandelt wor⸗ — 30— den; mein Kopf wollte zerſpringen unter dem ſchmerzlich wilden Andrange lange unterdruͤck⸗ ter Empfindungen. Leſer! ich habe geſagt, daß ich ein Wilder war, als Herr Drummond ſich zuerſt meiner annahm; wiewohl ein fuͤgſam⸗gelehriger Wil⸗ der, der durch Guͤte, aber auch nur durch Guͤte allein, gemeiſtert werden konnte. Der ſchnelle Wechſel, welchen ſo wenige Jahre bei mir hervorgebracht hatten, mag in Verwunde⸗ rung ſezen; aber dieſe vollſtaͤndige Umaͤnderung meines Weſens war das Ergebniß von Guͤte und Freundlichkeit. Die Behandlung, welche mir von Herrn Drummond ſowohl, als von ſeiner liebenswuͤr⸗ digen Gattin und Tochter wiederfuhr, trug durchaus das Gepraͤge inniger Guͤte; eben ſo wohlwollend hatten der Domine und die Ma⸗ trone ſich an mir bewieſen. Auch Marables war zuthunlich freundlich gegen mich geweſen; mogte icch auch einige Beeintraͤchtigungen erfahren ha⸗ ben, wie das zum Beiſpiel mit dem Unterleh⸗ rer in der Schule und mit Flemming am Bord des Lichters der Fall geweſen war, ſo konnten — 31— dieſe doch nur als unbedeutende Stoͤrungen der ununterbrochenen Reihefolge freundlichen Wohl⸗ wollens gelten, womit jedermann mich unaus⸗ geſezt behandelt hatte. Auf ſolche Weiſe war durch ſyſtematiſches Wohlwollen unter Beihuͤlfe meiner Erziehung eine ſchnelle Umſchaffung mei⸗ ner natuͤrlichen Anlage erreicht; haͤtte man be⸗ harrlich damit fortgefahren, ſo wuͤrde mein neuer Karakter innerhalb weniger Jahre ſich uner⸗ ſchuͤtterlich feſt gebildet haben. Jezt aber war der Streich gefuͤhrt, Ungerechtigkeit erweckte meine natuͤrlichen Gefuͤhle aus ihrem Schlafe — und als ich am folgenden Morgen vom La⸗ ger aufſtand, war ich ein ganz umgeaͤnderter Menſch. Damit meyne ich nicht zu ſagen, daß alles, was Erziehung und Lehrvorſchrift fuͤr mich ge⸗ than hatte, mit einem Male niedergerißen warz aber wenn auch nicht ganz niedergerißen, war es doch ſo durchaus bis in ſeine Grundfeſten erſchuͤttert, ſo vom Gipfel hinab bis zum Fuße durchſpalten, daß es bei dem leiſeſten, aus unrech⸗ ter Richtung kommenden Anſtoße haͤtte zuſam⸗ menfallen muͤßen und nichts zuruͤcklaßen koͤn⸗ * nen, als ein verwirrtes Gemiſche zertruͤmmer⸗ ter Lebensausſichten. War irgend etwas dazu im Stande, dieſe wankenden Schichten zuſam⸗ menzuhalten, ſo konnte das nur Sarahs Guͤte und zuneigungsvolle Freundlichkeit ſeyn; immer und immer kehrte mein gruͤbelndes Sinnen zu⸗ ruͤck zu ihr, als zu dem einzigen Glanzſterne, den ich an meinem wolkenbedeckten Himmel zu gewahren vermogte. O wie gefaͤhrlich, wie thoͤricht und wie an— maßungsvoll iſt die Vorausſezung Erwachſe⸗ ner, als koͤnnten ſie die Gedanken und Gefuͤhle der zarten Jugend leſen und verſtehen! Wie oft war dieſe Anmaßung von ihrer Seite der Grund zum Verderben und Untergange eines kindlichen Gemuͤthes, das, waͤre es gehoͤrig gewuͤrdigt und angemeſſen behandelt, herrlich erbluͤht ſeyn und gute Fruͤchte getragen haben wuͤrde. Das Erroͤthen ſchuldloſer Entruͤſtung iſt ganz ſo tief, als die Roͤthe der Schuld,— und das Erbleichen des geſammelten Muthes genau ſo erkennbar, als das Bleichwerden der Furcht; zu oft wird die unerſchuͤtterliche Feſtigkeit, die — 33— auf das Bewußtſeyn der Unſchuld ſich gruͤndet, irrthuͤmlich als kecker Troz, als verſtockte Bos⸗ heit angeſehen;— Thraͤnen, die aus der Quelle erduldeten Unrechts floßen, das Stocken der Zunge, die vom ſchmerzlich verwundeten und gepreßten Herzen feſtgehalten wird, das Zit⸗ tern und Krampfen des kleinen Koͤrpers, den tiefe Ruͤhrung durchzuckt, ſind gar manchesmal von vorurtheilsvollen und eigenwilligen Anwe⸗ ſenden Leidenſchaften zugeſchrieben worden, die durchaus das Gegentheil von denen waren, welche dieſe Wirkungen hervorbrachten. Nie ſollte die Jugend hart beurtheilt wer⸗ den, und ſelber dann, wenn ſie, auf unrechtem Wege begriffen, mit Recht zu tadeln waͤre, mag man ſie ſtets durch Milde auf die rechte Bahn zuruͤckfuͤhren;— diejenigen, welche an⸗ ders entſcheiden und ſie huͤlflos dem Treiben der Welt uͤberlaßen, laden die Verantwortlich⸗ keit fuͤr die Ausgeſtoßenen auf ſich. 11. 3 Bweites Kapitel. — Die Kluft bricht noch weiter.— Ich werde Jaͤger, Wilddieb und verzweiflungsvoller Frevler.— Vorſchlag einiger trefflichen Gedanken uͤber ge⸗ meine Geſezgebung in Betreff gemeiner Rechte.— Der Gemeinwaͤrter ungemein wild.— Ich warne ihn, abzulaßen.— Er prophezeit uns, wir wuͤrden Beide dem Galgen nicht entgehen.— Einige Leute ſind Propheten in ihrem eigenen Lande.— Am Ende hatte der Mann Recht. „Hauo! im Lichter da!— ich ſage— Du Lichter Junge!“ Dieſe Worte vernahm ich, als ich im tiefen Nachdenken auf dem Verdecke unſeres Fahrzeu⸗ ges umherging.— Tom und ſein Vater be⸗ fanden ſich in die Kajuͤte; unbezweifelt mußte — 35— der Zuruf mir gelten ſollen. Ich blickte auf und gewahrte das grinſende, dumme, hohn⸗ neckende Geſicht des Comtoirgehuͤlfen Gubbins. „Weshalb gibſt Du nicht Antwort, wenn man Dich ruft, he!“— fuhr der Dummkopf fort—„Du ſollſt herauf kommen, mach' fort.“ „Wer verlangt das?“ erwiederte ich, ganz roth vor Aergrr. „Was geht Dich das an!— Willſt Du meinem Befehle gehorchen, oder nicht?“ „Nein das will ich nicht,“ erwiederte ich, „ich ſtehe nicht unter dem Befehle eines ſolchen Pinſels, Gott ſey Dank; und kommſt Du mir jemals nahe genug, ſo will ich verſuchen, ob ich Deinen Kopf nicht zerſchlagen kann, ſo dick er auch iſt— und Deinem Vorgeſezten ſoll's nicht beßer gehen.“ Der Toͤlpel entfernte ſich, und ich fuhr fort auf und nieder zu ſchreiten. Spaͤter erfuhr ich, daß die Botſchaft von Madame Drummond kam, welche mich zu ſprechen wuͤnſchte. Sarah hatte ihr die wahren — 236— Umſtaͤnde meiner Lage mitgetheilt und ſie hatte ſich davon uͤberzeugt, daß was ich angefuͤhrt hatte, genau die Wahrheit waͤre. Mit ihrem Manne hatte ſie ſodann geſprochen und dieſem vorgeſtellt, wie ich mich unter Tomkin's Lei⸗ tung ſtets ſo muſterhaft betragen haͤtte, daß dieſe ploͤlliche Umwandlung meines Benehmens durchaus irgend einen ihm unbekannten Grund haben muͤße. Sarah war hinab in das Comp⸗ toir gegangen und hatte ſich die vom erſten Kommis zerrißene Waarenrechnung verſchafft. Die Genauigkeit, mit der ſie abgefaßt war, beſtaͤtigte die Thatſache eines Theiles meiner Anfuͤhrungen, nur Bosheit allein konnte der Beweggrund zu deren Durchreißen geweſen ſeyn. Herr Drummond fuͤhlte die Wahrheit ſtaͤr⸗ ker, als ihm anzuerkennen gefiel; er ſah jezt ein, daß er ſich uͤbereilt hatte; ſogar meine Weigerung, das Geld anzunehmen, gewann nun eine andere Beurtheilung; er war verle⸗ gen und fuͤhlte ſich gedemuͤthigt.— Wenige Menſchen lieben zu geſtehen, daß ſie im Irr⸗ thume waren.— Herr Drummond uͤberl ließ 4 — 37— ſeiner Frau die Sache naͤher zu unterſuchen, und erlaubte ihr fuͤr mich zu ſchicken. Wie die Botſchaft beſtellt wurde, und welches Ergebniß ſie hervorbrachte, habe ich erzaͤhlt. Der Abgeſchickte uͤberbrachte aber als Antwort, daß ich nicht kommen wollte und daß ich ge⸗ droht haͤtte, ihm ſowohl den Kopf einzuſchla⸗ gen, aäls auch dem Herrn Drummond;— wiewohl der Schurke ſehr gut wußte, daß ich bei dem Gebrauche des Wortes„Vorgeſezter“ dieſes auf den erſten Kommis bezog, hielt er es gleichwohl angemeßen, den Namen des Herrn Drummond an deßen Stelle zu ſezen. Die Wirkung dieſer Antwort mag man ſich leicht vorſtellen. Sarah ſtaunte, Madame Drum⸗ mond war empoͤrt und Herr Drummond faſt erfreut zu finden, er koͤnne nicht Unrecht ge⸗ habt haben. Dadurch war nun die Kluft noch weiter aufgerißen und alle Mittheiluugen hoͤr⸗ ten auf.— Sehr vieles haͤngt in dieſer Welt . von richtiger Ueberlieferung erhaltener Beſtel⸗ lungen ab. In der Zeit einer halben Stunde hatten wir uns aus der Schiffreihe losgearbeitet und wa⸗ — 38— ren hinab zum Amerikaniſchen Schooner gefah⸗ ren, um aus dieſem eine Ladung Mehl ein⸗ zunehmen, welche der alte Tom angewieſen war, auf dem Brentford⸗ ⸗Werfte zu loͤſchen.— So war ich denn fuͤr den Augenblick vom Schauplaze meines Ungluͤcks entfernt; daß mich dieſes Gefuͤhl begluͤckt haͤtte, kann ich nicht ſa⸗ gen, aber ſo viel iſt doch gewiß, daß ich mich daruͤber freute, entfernt zu ſeyn. Mein Unbe⸗ kuͤmmertſeyn graͤnzte an ausgemachte Sorglo⸗ ſigkeit, und doch war dieſer Grad derſelben mir unertraͤglich. Eine ſchwere Buͤrde laſtete auf meinem Gemuͤthe, die ich nicht abzuwerfen vermogte— mein Geiſt und meine Laune wa⸗ ren getruͤbt— faſt jegliches Ding betrachtete ich mit Widerwillen, ja mit Eckel. Wie unendlich verſchieden waren die Ge⸗ fuͤhle, mit denen ich jezt die wenigen Buͤcher anſah, welche Herr Drummond und der Do⸗ mine mir gegeben hatten, um meine Muße⸗ ſtunden durch ſie zu erheitern.— Mit Verach⸗ tung wandte ich mich von ihnen ab, und war entſchloßen, ſie nie wieder zu oͤffnen.— Mir war als waͤre jegliches Band, das mich dem — 39— Ufer verknuͤpfte, nunmehr zerrißen und als waͤre ich auf's Neue mit der Themſe vermaͤhlt; meine Gedanken und meine Wuͤnſche erſtreckten ſich nicht weiter, ich betrachtete mir den Strom und das geſchaͤftige Treiben auf ihm ganz in der Art, wie es mir erſchien, bevor ich von ihm getrennt wurde, und als waͤre meine ganze Thatkraft, als waͤren alle meine Ausſichten fuͤr die Zukunft durch ſeine Ufer begraͤnzt. Im Verlaufe von vier und zwanzig Stunden war ſo voͤlliges Umkehren in mir vorgegangen, daß es mich auf's Neue in den Bereich der Bar⸗ barei verſezte. Meine Schiffgenoßen waren eben ſo truͤbe geſtimmt, als ich; ſie hatten zu viele Vorliebe fuͤr mich und beſaßen zu viele Herzensguͤte, um meine Lage nicht mit Theilnahme zu em⸗ pfinden und uͤber die Ungerechtigkeit entruͤſtet zu ſeyn, mit der ich behandelt worden war. Arbeit verſcheuchte jedoch fuͤr einige Zeit unſere ſchwermuͤthigen Gedanken. Der Lichter hatte ſeine Ladung eingenommen und wir benuzten die Fluth, um unter den Bruͤcken durch ſtromaufwaͤrts zu fahren. Kurz — 40— nach zwoͤlf Uhr ließen wir den Anker oberhalb der Putney⸗Bruͤcke fallen, und der junge Tom, der mich zu erheitern wuͤnſchte, ſchlug mir vor, an's Ufer zu fahren, um uns etwas zu er⸗ gehen. „l thut das, meine guten Jungen,“ ſagte der alte Tom,„Dir wird's wohl thun, Ja⸗ kob, weshalb hier ſizen und's Ende der Ebbe verdrießlich abwarten. Ich will auf die Barke achten.— Vergeßt ihr nicht das Boot gut feſt zu binden, und nehmt die Handruder mit Euch in's Wirthshaus dort. Gegen die Zeit, daß ihr wiederkommt, will ich's Abendeßen in der Fahrt haben, und dann wollen wir uns 'nen froͤhlichen Abend machen. S' iſt'n arm⸗ ſelig Herz, was ſich niemals freuet; Tom, nimm Du'ne Flaſche mit an's Land, laß die auffuͤllen und bring ſie mit zuruͤck. Hier iſt's Geld. Aber ich ſage, Tom:„klare Hand.“ „Klare Hand, Vater!“ erwiederte Tom. Es iſt nur Gerechtigkeit anzufuͤhren, daß Tom ſein Verſprechen jederzeit hielt; ganz be⸗ ſonders aber, wenn das Wort„klare Hand“ geſprochen war. Wenn er dieſes Pfand gegeben — 41— hatte, mogte man ihm ganze Kruͤge voll ſtar⸗ ker Getraͤnke anvertrauen und ſicher davon ſeyn, daß er keinen Tropfen Loſten wuͤrde. „Hol's Boot an die Seite, Jakob, ſchnell!“ ſagte Tom, als ſein Vater in die Kajuͤte ging, uns eine leere Flaſche herauszunehmen. Tom lief vorn in den kleinen Raum hinab und brachte eine alte Flinte herauf, die er unter die Spiegelbaͤnke im Boote ſteckte, bevor der Alte wieder auf das Verdeck kam.— Dieſer brachte uns alsdann die Flaſche und Tom lockte den Hund Tommy. „Was? willſt den Hund doch nicht mitneh⸗ men? Wozu das?— Ich brauche ihn hier, damit er Wache mit mir haͤlt,“ ſagte der Alte. „Bah! Vater! warum wollt Ihr den armen Teufel nicht'mal am Ufer umherlaufen laßen. Er muß Gras freßen, ſ' iſt noͤthig, ich habe ihn ſchon dieſe Paar Tage darauf angeſehen. — Wir kommen vor Dunkelwerden zuruͤck.“ „Nun, nun, mach's wie Du willſt, Tom!“ Tommy ſprang in's Boot hinab und wir ruderten davon. — 42— „Jezt ſag mir was Du vorhaſt, Tom?“ ſprach ich als wir weit genug vom Lichter ent⸗ fernt waren. „Vorhaben, Jakob;— jagen und ſchießen wollen wir ein weniges auf der Wimbledon Gemeindeweide;— Vater kann's nicht aus⸗ halten,'ne Flinte in meiner Hand zu ſehen, weil ich meine alte Mutter mal geſchoßen ha⸗ be.— Ich pfefferte ſie richtig genug; ihr alter flanellner Unterrock war ganz voller Hagelkoͤr⸗ ner, doch der war ſo dick, daß er ſie vor dem Schuße ſchuͤzte.— Und Du, biſt Du ſo'n Stuͤck von'nem Schuͤzen!“ „In meinem Leben habe ich kein Gewehr abgefeuert.“ „Nun, gleichviel, wir wollen einer um den andern ſchießen, und wenn Du Luſt haſt, wol⸗ len wir Looſe werfen, um den erſten Schuß.“ Wir legten an, trugen unſere Handruder zum Wirthshauſe hinauf, ließen die Flaſche zuruͤck, um ſie anzufuͤllen und ſtiegen Putney⸗ Huͤgel hinan; Tommy ſprang vor uns auf und warf ſeinen langgebuſchten Schweif aus Freude 43— von einer Seite zur andern; ſo gelangten wir zum gruͤnen Manne, einem Wirthshauſe, das an der Wimbledon Gemeinweide liegt. „Mich wundert, wo gruͤne Maͤnner zu fin⸗ den ſeyn moͤgen?“ bemerkte Tom lachend,„ich vermuthe, die leben in einem Lande mit den blauen Hunden, von denen Vater zuweilen ſpricht.— So, jezt iſt's Zeit zu laden. Ein alter Pfeifenkopf diente, um das Pul⸗ ver zur Ladung abzumeßen, ſo viel dieſer faſ⸗ ſen konnte, wurde hineingeſchuͤttet und eben ſo viel Hagel wurde darauf geladen; als Alles vorbereitet war, gingen wir zwiſchen den hohen Ginſter. Das Aufwerfen eines halben Pfennings hatte fuͤr mich entſchieden, ich ſollte den erſten Schuß thun, das Schickſal beſtimmte ferner, daß eine Bachſtelze mein Ziel ſeyn mußte. Mich duͤnkte, daß ich ſehr gut gezielt hatte, mindeſtens nahm ich mir Zeit genug, denn ich verfolgte ſie wohl drei oder vier Minuten mit der Muͤndung des Gewehrs, waͤhrend ſie auf und nieder lief; zulezt feuerte ich ab; Tommy bellte freudig und der Vogel flog davon. wehr ward oft genug abgefeuert, aber unſere — 44— „Ich denke, ich muß ihn getroffen haben,“ ſagte ich,„denn ich ſah, daß er mit dem Schwanze wackelte.“ „Mehr Beweis fuͤr'n Fehlſchuß, als fuͤr's Treffen;“ erwiederte Tom;„haͤtteſt Du ihn geſchoßen, wuͤrde er gar nicht mehr mit dem Schwanze gewackelt haben.“ „Laß gut ſeyn,“ ſprach ich,„ſ' naͤchſte mal mehr Gluͤck.“ Hierauf ſchoß Tom eine Amſel vom Ginſter⸗ buſche herab, lud die Flinte wieder und reichte ſie mir. Dieſesmal hatte ich beßern Erfolg als vorher; ein etwa vier Schritt entfernter Sper⸗ ling ward von meinem ſichern Arme getroffen, und nie im Leben fuͤhlte ich mich begluͤckter, als nach dieſem erſten erfolgreichen Mordver⸗ ſuche. Froͤhlich durchſtreiften wir das weite Gemein⸗ gut; zuweilen ſtießen wir auf Grandgruben zur Haͤlfte mit Waßer angefuͤllt; in andern Richtungen zwangen Moraͤſte und ſumpfige Flaͤchen uns zu weiteren Umwegen. Das Ge⸗ — 45— Jagdtaſche fuͤllte ſich eben nicht ſehr. Mogten wir freilich nicht voͤllig ſo zufrieden ſeyn, wenn wir fehlten, als wir waren, wenn wir getrof⸗ fen hatten, ſo ward Tommy dagegen durch jeglichen Schuß gleich ſehr erfreut, und er be⸗ gruͤßte ihn jedesmal mit zwoͤlf weiten Saͤzen und einem halben Minuten langen Bellen. Endlich fuͤhlten wir uns ermuͤdet und ſtimm⸗ ten dafuͤr, eine Weile in einem dichten Hau⸗ fen von Ginſterbuͤſchen auszuruhen. Wir ſezten uns, zogen unſer Wildprett hervor und legten es in einer Reihe vor uns hin. Es beſtand in zwei Sperlingen, einem Gelbfinken, einer Am⸗ ſel und drei Meiſen.— Ploͤzlich hoͤrten wir ein Raſcheln in den Ginſterbuͤſchen und ein lautes Anſchlagen. Es war der Hund, der eine Witterung be⸗ kommen hatte, dieſer durch das dichte Gebuͤſch nachſpuͤrte und einen Haſen ergriff, der, durch einen andern Jaͤger in ſeine Laͤufe geſchoßen, ſich hierher geſchleppt hatte, um zu ſterben. Kaum verging eine Minute, bevor wir uns in Beſiz deßelben befanden, und dies zwar zu Tommy's großem Verdruße, der anzunehmen — 46— ſchien, daß dieſer Gegenſtand keine Theilhaber⸗ ſchaft bedinge und der ſeine Beute nicht wollte fahren laßen, bis er verſchiedene mahnende Fußtritte bekommen hatte. Nachdem wir den Hund voͤllig abgeſchlagen hatten, uͤberließen wir uns dem ganzen Auflodern unſeres Ent⸗ zuͤckens. Wir legten das Thier zwiſchen uns und bewunderten es von ſeinen Loͤffeln an bis zur Spize ſeiner Blume, als uns ploͤzlich eine Stimme ganz in unſerer Naͤhe begruͤßte. „O! Ihr vertrackten jungen Wilddiebe, alſo endlich habe ich Euch doch!“ Wir blickten auf und ſahen den Gemeinhuͤ⸗ ter vor uns, der ſo fortfuhr: „Kommt, kommt nur mit mir; in Wands⸗ worth haben wir'n huͤbſches Loch, um Euch einzuſperren.Ne gute Weile habe ich ſchon nach Euch umhergeſpaͤht. Gebt Eure Flinte her.“ „Ich denke ſo, lieber nicht,“ erwiederte ich; „die Flinte gehoͤrt uns zu und nicht Euch;“ dabei ergriff ich das Gewehr und legte auf ihn an. „Was! habt Ihr Mordthat im Sinne! 8! Ihr jungen Boͤſewichte!“ — 47— „Habt Ihr etwa Raub im Sinne?“ gab ich zuͤrnend zur Antwort;„wenn das der Fall iſt, ſo meyne ich, Mord zu begehen.— Soll ich'n todt ſchießen, Tom?“ „Nein, Jakob, nein, Du darfſt auf keine Menſchen ſchießen,“ gab Tom zur Antwort, der mir anſah, ich ſey in der Laune, mein Wort am Gemeinhuͤter wahr zu machen;— dann lispelte er mir in's Ohr:„Du kannſt nicht, ſ'iſt nicht geladen.“ „Weigert Ihr Euch, mir Eure Flinte aus⸗ zuliefern?“ wiederholte der Mann. „Ja, das thu' ich,“ gab ich zur Antwort und ſpannte den Hahn;„alſo bleibt uns vom Leibe.“ „O Ihr jungen Boͤſewichte— Ihr werdet bald genug an den Galgen kommen, das iſt gewiß.— Ihr wollt auch verweigern, mit mir zu gehen?“ „Ich bin der Meinung, daß wir nicht ge⸗ hen,“ ſagte ich. „Ihr weigert Euch alſo?— Bedenkt, daß — 48— ich Euch auf der That als Wilddiebe ertappt habe, die'nen todten Haſen mit ſich fuͤhren.“ „Nun, weinen hilft dafuͤr nicht; was geſche⸗ hen iſt, laͤßt ſich nicht aͤndern;“ gab i 3 zur Antwort. „Wißt Ihr nicht, daß alles Wild und aller Torf, und aller Sumpf und aller Grand und aller Ginſter auf dieſer Gemeinhut dem ſehr ehrenwerthen Earl Spencer gehoͤrt?“ „Und auch alle Amſeln, und alle Gelbfinken und alle Sperlinge, und alle Meiſen, vermu⸗ the ich?“ entgegnete ich ſpoͤttiſch. „Ganz gewiß— und ich bin der Gemein⸗ huͤter.— Alſo gebt mir jezt augenblicklich den Haſen da.“ „Schaut, Mann,“ ſprach Tom,„den Ha⸗ ſen haben wir nicht geſchoßen, der Hund hat ihn gefangen und er iſt deßen Eigenthum. Wir wollen uns in dieſe Angelegenheit gar nicht miſchen. Wenn Tommy Euch den Haſen laßen will, nun ſo iſt's uns recht und gut. Hoͤr', Tommy, dieſer Mann hier(er deutete auf den Gemeinhuͤter) ſagt, daß dieſer Haſe(Tom zeigte mit dem Finger auf den Haſen) nicht Dein iſtz was willſt Du nun, willſt Du„wachen,“ oder willſt'n ihn haben laßen?“ Bei dem Worte„wachen“ legte Tommy ſich nieder, ſtreckte beide Vorderpfoten uͤber den Haſen aus, zeigte eine furchtbare Reihe ſchar⸗ fer Zaͤhne, ſah trozig auf den fremden Mann und knurrte. „Ihr ſeht, was der Hund ſagt; jezt moͤgt Ihr thun, was Euch gefaͤllt,„ fuhr Tom ge⸗ gen den Mann gewendet fort. „Ja— ˙s iſt gut— was ich ſehe, iſt, daß Ihr an den Galgen kommen werdet; aber ich will nur eben hingehen und ein halbes Duzend Leute zu Huͤlfe rufen, und dann ſollt Ihr Beide in's Gefaͤngniß. 3 „So macht geſchwind,“ ſprach ich, ſprang in die Hoͤhe und legte das Gewehr auf ihn an. Auch Tommy ſprang auf, um den Menſchen zu packen, Tom aber erfaßte den Hindit bei der Kehle und hielt ihn zuruͤck. Der Gemeinhuͤter lief, ſo ſchnell er nut ur konnie; als er aus der Schußweite war, drehte er ſich II. 4 —ÿ—— um und bedrohete uns mit ſeiner geballten Fauſt; dann aber eilte er fort, um die ge⸗ wuͤnſchte Verſtaͤrkung herbeizuholen. „Ich wollte, die Flinte waͤre geladen gewe⸗ ſen,“ ſprach ich. „Hoͤr', Jakob, was iſt mit Dir vorgegan⸗ gen? Wollteſt Du auf ihn geſchoßen haben? Der Mann thut nur ſeine Pflicht— wir ha⸗ ben hier nichts verloren.“ „Ich denke anders,“ antwortete ich;„ein Haſe auf dem Gemeingute gehoͤrt mir ſo gut, als dem Lord Spencer.— Ein Gemeingut iſt das Eigenthum aller Welt.“ „Das iſt meine Meinung ebenfalls,“ ſagte Tom,„aber nichts deſto weniger wird er uns in's Gefaͤngniß ſtecken, wenn er uns feſtnehmen kann; deshalb ſchlage ich vor, daß wir uns ſo ſchnell, als wir koͤnnen, davon machen und zwar in der entgegengeſezten Richtung von der, die er einſchlug.“ Wir brachen demgemaͤß auf; der Gemeinhuͤ⸗ ter war nach Wandsworth zugegangen und wir folgten deshalb der andern Richtung; aber es — 51— traf ſich ſo, daß wir bei'm Umwenden nach einem viertelſtuͤndigen Gehen den Mann, in Begleitung von drei oder vier andern, zuruͤck⸗ kommen ſahen. „Wir muͤßen laufen, ſo ſchnell wir koͤnnen,“ rief Tom,„und uns irgendwo zu verbergen ſuchen.“ Wohl zehn Minuten rannten wir aus Lei⸗ beskraͤften und erreichten nun einen tiefen, ſum⸗ pfigen Keßel; wir blickten umher, ob ſie uns ſehen koͤnnten, und als wir fanden, daß ſie nicht im Geſichte waren, warfen wir uns in ein dichtes Gewirre von Ginſterbuſch, welches uns voͤllig verbarg. Tommy war uns gefolgt. „Hier ſollen ſie uns nicht auffinden,“ ſprach Tom,„wenn ich den Hund nur ſtill halten kann;— ſtreck' Dich, Tommy— ſtill— ſtreck' Dich.“ Der Hund ſchien wirklich zu verſtehen, was noͤthig war, und lag voͤllig ruhig zwiſchen uns Beiden. Eine halbe Stunde mogte ſo vergangen ſeyn als wir Stimmen vernahmen.— Ich forderte — 32.— Tom auf, mir Pulver zu geben, um die Flinte zu laden; dies ſchlug er mir jedoch ab. Die Stimmen kamen jezt naͤher, Tommy ließ ein leiſes Knurren vernehmen: mit beiden Haͤnden hielt ihm Tom den Rachen zu. Die Leute waren jezt ganz nahe bei dem Gin⸗ ſtergebuͤſch und wir hoͤrten, daß der Gemein⸗ huͤter ſagte:„uͤber den Huͤgel ſind die Spizbu⸗ ben⸗Jungens nicht gegangen, das iſt ausge⸗ macht; ſie koͤnnen nicht weit von hier ſeyn— da unten im Keßel muͤßen wir ſie finden; kommt herab!“ „Aber ich ſtecke ſchon bis an die Kniee im Moraſt, Gott helf' mir!“ rief einer der Leute. „Ich gehe nicht kiefer hinab, will verdammt ſeyn, wenn ich's thue,“ ſagte ein anderer. „Nun dann laßt uns den Rand vom Sum⸗ pfe durchſuchen,“ erwiederte der Huͤter;„ich will Euch den Weg zeigen.“ Zu unſerem Gluͤcke entfernten ſie ſich; die lezte Minute war uns im fortwaͤhrenden Kam⸗ pfe mit dem Hunde vergangen, deßen Vorder⸗ pfoten ich feſthielt und dem Tom das Maul — 53— zuklammerte. Jezt waren wir wieder ganz ruhig, durften aber nicht wagen unſern Schlupfwinkel zu verlaßen. Eine gute halbe Stunde blieben wir noch liegen, da ward es faſt dunkel, und der Him⸗ mel, der voͤllig klar erglaͤnzte, als wir aus⸗ gingen, bewoͤlkte ſich nunmehr. Tom ſtreckte ſeinen Kompf empor, blickte rings umher, und weil er Niemanden gewahrte, ſchlug er mir vor, jezt zuruͤckzukehren, ſo ſchnell wir nur koͤnnten; damit war ich einverſtanden. Kaum hatten wir uns aber aus dem Ginſter⸗ geſtruͤpp losgearbeitet, in welchen wir verbor⸗ gen gelegen hatten, als dichter Schnee zu fallen begann, der im Verein mit der eingetretenen Dunkelheit uns verhinderte unſern Weg wieder zu erkennen. Mit jeder Minute ward das ſtuͤr⸗ miſche Schneewetter ungeſtuͤmer; der Wind peitſchte uns die Flocken in's Angeſicht, daß wir erblindeten. Inzwiſchen arbeiteten wir ge⸗ gen das Unwetter an, und erwarteten mit jeder Minute auf die Fahrſtraße zu gelangen, welche uns große Erleichterung gewaͤhren wuͤrde. Schweigend gingen wir weiter, ich trug die — 54— Flinte, Tom hatte den Haſen uͤber ſeine Schuk⸗ ter gehaͤngt, und Tommy folgte uns auf den Ferſen. Schon eine Stunde mogten wir durch den Ginſter uns hingearbeitet haben, konnten aber keine Fahrſtraße ſinden. Der Himmel uͤber uns war pechſchwarz, der Wind heulte, unſere Kleider waren mit dicken Schneelagen uͤberzogen, und wir begannen Ermuͤdung in hohem Grade zu ſpuͤren. Böͤllig erſchoͤpft ſtanden wir endlich ſtill. „Tom,“ ſprach ich;„es iſt ausgemacht, daß wir nicht graden Strich gehalten haben. Der Wind war auf unſerer Steuerbordſeite, und unſere Kleider waren an der Seite auch ganz mit Schneeflocken bedeckt— und jezt ſiehſt Du haben wir's entgegen. Was zum Teufel ſollen wir anfangen?“ „Wir muüͤßen auf alle Faͤlle weiter gehn bis wir zu irgend etwas gelangen“ erwiederte Tom. „Nun ja, das kann uns in'ne Grandgrube hinab fuͤhren“— entgegnete ich—„aber gleich viel:'s naͤchſtemal mehr Gluͤck! Ich wollte nur wuͤnſchen, ich haͤtte den Schurken von Gemein⸗ huͤter hier.— Was meynſt Du wenn wir um⸗ — 55— kehrten und den Wind wie vorher auf unſere Steuerbordſeite naͤhmen; wir muͤßen doch end⸗ lich auf irgend Etwas ſtoßen.“ Dies geſchah; unſere Noth nahm aber mit jedem Augenblicke zu; wir verſanken in Suͤm⸗ pfen, ſtolperten uͤber Geſtruͤppe abgehauenen Ginſters, und haͤtte ich Tom nicht im Augen⸗ blicke des Hinabgleitens erfaßt, ſo wuͤrde er die Tiefe einer Grandgrube ausgemeßen haben. Wir mußten unſern Lauf abermals aͤndern, und gingen in anderer Richtung wohl eine Viertel⸗ ſtunde weiter, bis wir von Kaͤlte und Muͤdig⸗ keit erſchoͤpft, zu verzweifeln begannen. „Tom,“ ſagte ich, als der Wind mit ver⸗ doppelter Wuth auf uns einſtuͤrmte—„dies koͤnnen wir nicht aushalten; ich denke das Beſte iſt uns hinter einen Ginſterbuſch zu ſchuͤzen, und zu warten bis der Sturm ausge⸗ tobt hat.“ Tom's Zaͤhne klapperten vor Froſt, doch bevor er noch Antwort geben konnte— klapperten ſie ihm vor Angſt.— Wir hoͤrten ein lautes Gekreiſch uͤber unſern Koͤpfen. „Was war das?“ rief er. Ich geſtehe, daß ich ganz ſo erbangt war als Tom. Das Gekreiſch wiederholte ſich, und hatte einen ganz geiſterhaften Ton.— Einer Men⸗ ſchenſtimme glich es gar nicht— es war ein Laut zwiſchen kreiſchen und knirren.— Noch einmal ertoͤnte es und der Schall rauſchte mit dem Wind fort. Ich faßte mir Muth genng um dahinauf zu blicken, wo das Geraͤuſch her⸗ kam; die Finſterniß war aber ſo dicht und der Schnee erblindete mich dermaßen, daß ich gar nichts gewahren konnte. Wieder und immer wieder erklang der furcht⸗ bare Ton in unſern Ohren, und wir ſtanden bewegungslos, vom Entſezen feſtgebannt; ſogar der Hund ſchmiegte ſich zitternd zu unſern Fuͤßen. Keiner von uns ſprach ein Wort— keiner ruͤhrte ſich; mir war die Flinte aus der Hand gefallen, der Haſe lag zu Toms Fuͤßen; ſchwei⸗ gend hielten wir uns bei den Haͤnden erfaßt, und ſtanden laͤnger als eine Viertelſtunde ſo, mit jedem Augenblicke die Wirkung der Kaͤlte, der Anſtrengung und des Entſezens mehr em⸗ pfindend. Der Sturm legte ſich zu unſerm Gluͤcke, — 57— haͤtte er laͤnger in ſolcher Wuth angehalten, ſo mußten wir ohne Zweifel darin umkommen; es fiel kein Schnee mehr, die Wolken rollten mit dem Winde fort, und ein klarer, mit tau⸗ ſend funkelnden Sternen beſaͤeter Himmel, er⸗ weckte uns aus unſerm Zuſtande koͤrperlicher Hinfaͤlligkeäit und geiſtigen Leidens. Der erſte Gegenſtand den mein Auge erblickte, war ein etwa drei Ellen von uns aufrecht ſtehonder Pfoſten; ich betrachtete ihn genauer, richtete mein Auge zu ſeiner Hoͤhe hinauf, und gerdabrte zu meinem Entſezen einen in Ketten ufgehaͤngten Leichnam uͤber unſern Koͤpfen ſchweben. Sobald ich mich genugſam vom erſten Schreck eerholt hatte, den der erſte Anbylick dieſes Abſcheu erregenden Gegenſtandes mir verurſachte, richtete iich Toms Aufmerkſamkeit dahin, der ſich bis⸗ her noch nicht geruͤhrt hatte. Er blickte in die Hoͤhe, ſchreckte zuruͤck und ſiel uͤber den Hund — ſprang dann wieder auf, und brach in ein ſo lautes Gelaͤchter aus, als ſeine verfrorenen Lefzen ihm das geſtatten wollten. „S'iſt der alte Jerry Aberſchaw,“ ſagte en „ich habe ihn gut ekann, und jezt weiß ich auch wo wir ſind.“ Er ſagte die Wahrheit, vor drei Jahren war Aberſchaw auf der Wimbledon Gemeinhut in Ketten aufgehaͤngt, und der geiſterhaft kreiſchende Ton den wir gehoͤrt hatten, war das Knirren der roſtigen Eiſenglieder, wenn der Wind den Koͤrper hin und her ſchwankte. „FJezt iſt alles richtig, Jakob,“ ſprach Tom, zum glanzſchimmernden Himmel hinaufblickend; dann lud er ſich ſeinen Haſen wieder auf, und ſagte:— nin fuͤnf Minuten ſind wir auf der Fahrſtraße.“ Ich nahm das Gewehr und wir ſezten uns in Bewegung.„Bei'm Himmel, der ſchurkiſche Gemeinhuͤter hatte doch Recht,“ hob Tom wieder an, als wir unſern Weg angetreten hatten,„er prophezeite uns, wir wuͤrden bald an den Gal⸗ gen kommen, und das ſind wir wirklich.— Nun, das iſt'n ſchoͤner Ausflug fuͤr uns ge⸗ weſen. Vater wird boͤſe genug ſeyn.“ „S'naͤchſtemal mehr Gluͤck,“ erwiederte ich, „der verfluchte Sumpf⸗ und Torf⸗Schurke iſt an Allem Schuld. Ich wollte wir haͤtten ihn hier.“ „Was wollteſt Du mit ihm anfangen?“ „Den alten Aberſchaw wollt' ich herunter nehmen, und an deſſen Stelle ihn aufhaͤngen, ſo wahr mein Name Jakob iſt.“ Drittes Kapitel. Unſer leztes Abentheuer ohne boͤſe Folgen.— Recht freundlich mache ich mich an meinen Grog.— Der Grog macht mir eine ſehr unfreundliche Erwiederung.— Der alte Tom wieder bei ſeinem Fadenſpinnen.— Wie man’s anzufangen hat, ſeinen Fuß zu ner Mißethat zu gebrauchen, ohne doch die Hand daran zu ſezen.— Kandidaten zur neungeſchwänzten Kaze. Bald gewannen wir den großen Weg und waren in einer halben Stunde zuruͤck bei der Putney⸗Bruͤcke; freilich kalt, durchnaͤßt und er⸗ muͤdet— aber immer doch viel beßer als da wir unter dem Galgen feſtſtanden; das raſche Gehen hatte den Blutumlauf wieder hergeſtellt. Tom ging hinein, um die gefuͤllte Flaſche zu holen, waͤhrend ich die Handruder nahm, und ſie hinab zum Boote trug, das hoch auf trocknem Ufer lag, aber faſt bis an den Rand mit Schnee angefuͤllt war. Als Tom zu mir kam, trug er zwei Flaſchen unter ſeinen Armen. „Ich habe noch'ne zweite auf Puff genom⸗ men, Jakob;“ ſagte er—„denn ich bin gewiß wir werden ſie noͤthig haben, und Vater wird meiner Meynung ſeyn, wenn er unſere Ge⸗ ſchichte hoͤrt.“— Wir ſchoben unſer Boot in den Strom hin⸗ ab, und befanden uns in wenigen Minuten dicht am Lichter, auf deßen Verdeck der alte Tom ſtand. „Boot ahoy! ſeyd Ihr's, Jungens?“ rief er. „Ja Vater, alles in Ordnung 7 erwiederte Tom als wir unſere Ruder einzogen. „Gott ſey Dank!“ ſprach der alte Mann.— „Jungens! Jungens! wie habt Ihr mich in Angſt geſezt! Wo ſeyd Ihr geweſen!— Ich dacht' Euch waͤr'n Ungluͤck begegnet.— Wie habe ich dieſe lezten zwei Stunden hindurch. in dem Schneeſturm nai Euch ausgeſehn, im⸗ mer glaubt' ich's Boot käme, und naß bin ich geworden wie'n Seerabe, und ſo kalt da⸗ bei wie'n Almoſen. Was iſt denn vorgefallen? — Haſt Du die Flaſche mitgebracht, Tom?“ „Ja Vater; zwei hab' ich gebracht, denn die werden wir heute Abend gebrauchen, und ſoll⸗ ten wir auch die ganze Woche leer ausgehen; — aber zuerſt muͤßen wir Alle und das ſo ſchnell als moͤglich trockne Takelung anlegen, dann nachher ſollt ihr die Geſchichte unſers Kreuzzuges hoͤren.“ Nach wenigen Minuten hatten wir unſere naßen Kleider gegen trocknen Anzug vertauſcht, ſaßen in der Kajuͤte, verzehrten unſer Abend⸗ eßen, und erzaͤhlten dem alten Manne unſere Abentheuer.— Auch der arme Tommy erhielt ſeinen Antheil vom Abendtiſche, und lag nun ſchlafend zu unſern Fuͤßen, als die Flaſchen und Blechkelche auf den kleinen Tiſch geſtellt wurden. „Komm Jakob, ſo'n Tropfen wird dir gut thun,“ ſprach der alte Tom, und fuͤllte mir eines der Blechgeſchirre an—„am Ende iſt's doch viel beßer hier recht warm in der kleinen Kajuͤte zu ſizen, als vor Angſt und Froſt un⸗ ter des alten Aberſchaw Galgen zu zähnklappern; und Du Tom, Du Landſtreicher, wenn Du mir noch einmal mit der Flinte ausgehſt, ſo will ich Dich enterben.“ „Was habt Ihr denn anders nachzulaßen, als Eure hoͤlzernen Beine Vater;“— erwie⸗ derte Tom.—„Was Ihr mir vererbt, kann ja nur ein hoͤlzern Legat ſeyn.“ „Wie kannſt Du wißen, ob ich die Kohle nicht noch nachſchuͤren kann.“ „Das werdet Ihr, wenn ich'nen Topf voll Kartoffeln mit Eurem Legat koche— aber's wird doch nur Holzkohle ſeyn.“ „Nun, ich glaube Tom, daß Du ſo ziemlich recht haſt; indeß weiß meine Alte doch immer Rath, und wenn ich in Verlegenheit bin, wie ich gegen den Wind an ſoll, ſo bringt ſie je⸗ desmal ein oder auch wohl zwei Goldſtuͤcke zum Vorſchein.— Mit ihr halte ich niemals Ab⸗ rechnung. Sollte ich meinen Beinen nachfolgen, bevor ſie ſtirbt, ſo hoffe ich, die alte Seele wird ſich'nen Zehrpfenning uͤbergeſpart haben; denn ihr wißt wohl, wenn'n Mann in's Reich ab⸗ — 64— geht, das da kommen ſoll, ſo geht ſeine Pen⸗ ſion mit ihm.— Wenn ich aber nur noch eine fuͤnf Jahre aushalte, dann wirſt Du ihr kei⸗ nen Mangel leiden laßen; wollteſt Du Tom?“ „Nein, Vater, an den Koͤnig will ich mich verkaufen, will mich vor'n Schuß hinſtellen, fuͤr'n Schilling taͤglich, und geben der alten, Frau die Haͤlfte davon.“ „Gut Tom, und ˙s iſt auch ganz natuͤrlich, daß ein Mann ſeinem Vaterlande zu dienen wuͤnſcht; alſo Dein Wohlergehen mein Junge, und magſt Du niemals was ſchlechteres vor⸗ nehmen!— Jakob, haſt Du in Gedanken an Bord von'nem Kriegsſchiff zu gehen?“ „Ich moͤgte meine Lehrzeit erſt ausdienen, nachher je eher, deſto lieber.“ „Laß Dir ſagen, mein Junge, am Bord von'nem Koͤnigs⸗Schiffe wirſt Du mit mehr Gerechtigkeit behandelt werden, als Du hier am Lande gefunden haſt.“ „Das will ich hoffen;“ erwiederte ich mit Bitterkeit. „und ich hoffe Dich noch zum Manne ge⸗ worden zu ſehen, bevor ich ſterbe.— Recht bald werden ſie mich auflegen muͤßen— ſeit Kurzem machen meine Zehen mir viele Pein.“ „Eure Zehen!“ riefen Tom und ich zu⸗ gleich aus. „Ja, Jungens!'s mag Euch ſonderlich genug vorkommen,— aber zu Zeiten fuͤhle ich ſie ganz ſo gut, als ſaͤßen ſie da noch an mir feſt, anſtatt lange ſchon von irgend'nem Hayfiſche verſchluckt zu ſeyn. Nachts habe ich den Krampf ſo arg darin, daß ich vor Schmerz aufſchreien moͤgte. Si'iſt'n hart Ding, wenn einer den Gebrauch ſeiner Beine verloren hat, daß ihm alle das Gefuͤhl davon noch bleibt. Der Doktor ſagt davon, das waͤre Nervenhaftig.— Komm, Jakob, ſchieb Du Deinen Blechkelch her; es ſcheint, Du nimmſt's jezt lieber als ſonſt.“ „Ja,“ erwiederte ich,„jezt beginnt der Grog mir zu ſchmecken.“ Dieſes jezt, muß jedoch auf den Zeitraum der lezten vier und zwanzig Stunden beſchraͤnkt werden.— Der Anreiz richtete mein verſunke⸗ nes Gemuͤth auf, und entfernte fuͤr den Au⸗⸗ II.. 5 — 66— genblick wenigſtens den immerwaͤhrenden Ge⸗ dankenzug der mein Gehirn belaſtete. „Mich wundert, was Dein alter Herr da, der Domine, wie Du ihn nennſt, gedacht ha⸗ ben mag, als der wieder am Lande war,“ ſprach der alte Tom.—„Er ſchien gewaltig herunter zu ſeyn.— Ich denke, Du wirſt ihm Deinen Gruß bringen wollen, Jakob.“ „Nein,“ erwiederte ich,„ihm ſo wenig als irgend ſonſt Jemandem will ich nahe kommen, wenn ich's aͤndern kann. Herr Drummond moͤgte glauben, ich wuͤnſchte mich wieder zu verſtaͤn⸗ digen.— Mit dem Lande habe ich nichts mehr zu thun. Wißen moͤgte ich nur, was aus mir werden ſoll, denn ich habe Euch ſchon geſagt, daß ich in dieſem Lichter nicht bei Euch fort⸗ dienen darf.“ „Wie waͤr's Jakob, wenn Tom und ich nach nem andern Fahrzeuge uns umſaͤhen. Ich mache mir gar nichts aus dieſem Herrn Drummond. Neulich hat er geſagt, ich waͤre ein betrunkener, alter Deck⸗Schwepper— und dafuͤr entgegne ich, mit meinem dienſtlichen Gruße, daß er luͤgt. Ein betrunkener Geſell iſt einer, der vom — 67— Branntwein nicht laßen kann, wenn der zu ha⸗ ben iſt— und ſollt's ihm das Leben koſten,— und der ſich darin uͤbernimmt, bevor er ſich's verſieht.— Das iſt aber nicht mit mir der Fall; ich bleibe nuͤchtern wenn Arbeit zu ver⸗ richten iſt; wenn ich aber weiß, alles iſt un⸗ ter'n Luken in Sicherheit, und nichts zu be⸗ ſorgen, nun dann betrinke ich mich wie ein vernuͤnftiges Weſen mit meinen geoͤffneten Au⸗ gen.— Urſach' von wegen— von wegen, daß ich's leiden mag.“ „Das iſt ganz genau ſo, wie ich daruͤber denke,“ bemerkte Tom leerte ſeinen Becher, und ſchob ihn dem Vater zu neuer Auffuͤl⸗ lung hin. „Gib wohl Acht, daß Du den Gedanken feſt⸗ haͤlſt, Tom, wenn Du in des Koͤnigs Dienſte gehſt, das iſt alles was ich davon ſage; ſonſt kannſt Du gewiß ſeyn, daß ſie Dir den Ruͤcken aufkrazen, was wie ich mir habe ſagen laßen, am Ende gar kein Spaß iſt. Und doch erinnere ich mich, daß einmal an Bord von'nem Schiffe auf dem ich fuhr, ein halbes Duz Matroſen * — 68— ſich darum zankten, wer von ihnen vorzugs⸗ weiſe gegeißelt werden ſollte.“ „O Vater, ſpinnt uns den Faden, doch eh' Ihr beginnt, fuͤllt'mal eben meinen Blechkelch an; vor'ner halben Stunde habe ich ihn ſchon hingeſchoben, nur um Euch zu verſtehn za geben.“ Der Alte, goß etwas Branntwein in Toms Becher, und erzaͤhlte ſodann: 8 „Nun ſeht, ſo war es; wir lagen in unſerm Schiffe vor Anker im Hafen von Bermudas; da ſchickte der Zahlmeiſter ein Toͤnnchen Brannt⸗ wein an's Land, um es nach dem Hauſe einer Dame zu tragen, die er gern heirathen wollte, und ich ſtelle mir vor, er hatte ausgefunden, daß ein Glas Grog die Angelegenheit befoͤr⸗ derte.— Ungefaͤhr zwanzig Matroſen hatten Erlaubniß bekommen an's Land zu gehen, um ihre Gliedmaßen auszuſtrecken— viel anderes konnten ſie nicht thun, die armen Teufel, denn der erſte Lieutenant ſah ſcharf nach ihren Zeug⸗ buͤndeln, damit ſie nichts von ihrer Takelung verkauften;— und was Geld anbetrifft, ſo waren wir fuͤnf Jahre unter Segel geweſen, — 66— ohne nur'nen Pfenning von unſerm Sold zu beruͤhren— und ich glaube nicht daß unter der ganzen Mannſchaft vor dem Maſte, drei „Pfenningſtuͤcke zu finden geweſen waͤren. „Inzwiſchen, Freiheit iſt Freiheit, wie's auch kommt; und wenn ſie nicht an's Land gehn konnten um glorreich zu jubeln,— gingen ſie doch lieber hin, als gar nicht an's Land— und blieben gezwungenerweiſe nuͤchtern.— Ich fuͤr mein Theil, meyne's iſt'n boͤs Ding, die Matroſen ſo lange Zeit ohne alles Geld zu laßen,— denn ſeht Ihr wohl, ein Menſch mag mit'nem Paar Schillingen in ſeiner Taſche ſich recht ehrenhaft betragen, kommt aber oft in die Verſuchung ſich was zu nehmen, waͤr's auch nur um ein oder zwei Glaͤſer Grog dafuͤr trinken zu koͤnnen; und die Verlockung iſt ſehr groß, das iſt nun mal ausgemacht, ganz abſonderlich im heißen Klima, wenn Euch die Sonne verſengt, und der Fußboden ſo gluͤhend wird, daß ihr den nackten Fuß kaum darauf zu ſezen vermoͤgt*). — *) Dieſem Uebelſtande iſt abgeholfen, ſeit einiger Zeit haben die Matroſen auf entfernten Stationen „Aber um weiter zu erzaͤhlen; die Yoͤlle ward an's Land beordert, um die Matroſen auf Ur⸗ laub hinzufahren; der Zahlmeiſter gab ſein Branntweinstoͤnnchen, das mindeſtens noch halb voll war, und wie ich ſagen darf, gewiß drei Gallons enthalten mogte, mir, der ich Kockſon der Yoͤlle war zur Beſorgung und Ablieferung im Hauſe der Madame.— Gut, ſobald wir ge⸗ landet hatten, nehme ich das Toͤnnchen auf meine Schulter, und gehe damit den Huͤgel hinauf. „Was haſt Du da, Tom?“ rraͤgt Bill Kurz mich. „Was ich gern mit Dir theilen moͤgte Bill,“ gab ich zur Antwort,„'s iſt eins vom alten Kaͤſezwicker ſeinen Achteln, das er an's Land ſchickt, um mit ſeinem Liebchen ſich guͤtlich zu thun.“ „Ich habe die Madame geſehen, ſagte Hol⸗ mes— denn alle die Matroſen auf Urlaub gingen mit mir zugleich den Huͤgel hinauf,— und lieber moͤgte ich mit dem Faße da lieb⸗ einen Theil ihrer Zahlung bekommen, und unter Sir James Graham's Verwaltung iſt dieſe theil⸗ weiſe Zahlung anſehnlich vergroͤßert worden. — 71— zugeln als mit ihr. Sie iſt ſo fett wie'n Ochſe, eben ſo breit als lang, gebauet wie'ne hollaͤn⸗ diſche Schuyte, und ſo⸗ gelb wie'n Nabob.“ „Der alte Tummings weiß wohl was er thut, ſagte ein Schottiſcher Burſche, Namens MAllpine;„ſie ſagen von ihr daß ſie Gold⸗ ſtaub in Menge hat, und mehr Enten und Zwiebeln, und mehr. Zolle Waßer in ihrer Cyſterne, als irgend ſonſt einer auf der ganzen Inſel.“ „Nun muͤßt Ihr wißen Jungens, das Ber⸗ muda iſt in ganz abſonderlicher Plaz, und ˙s Waßer iſt ſehr ſelten; Alles was ſie haben iſt 'n Gottes Segen, der vom Himmel herab faͤllt; und ſcharf blicken ſie aus nach dem Regen, den ſie in großen Cyſternen auffangen, und ein oder zwei Zoll Waßer mehr in der Cyſterne wird fuͤr'nen gewaltigen Fang gehalten. Oft habe ich die Frauenzimmer dort nach'nem Re⸗ genſchauer ſagen hoͤren:“ „Guten Morgen, Ma'm. Wie geht's Ihnen an dieſem ſchoͤnen Morgen?“ „Ziemlich gut, dank' Ihnen Ma'm. Welch' ein lieblich Schauer wir in dieſer Nacht hab'. — 22— „Ja, ſo ſagen ſie Alle; aber mich nicht gluͤcklich, Wolke nicht komm' uͤber meine Cyſterne. Wie viel Zoll Waßer hab' Sie in dieſer Nacht, Ma'm.“ „Ich hab' ſieben ſtarke Zoll, und ich glaube noch'n kleines bischen mehr, was mich macht ſehr gluͤcklich.“ „Mich, nicht ſo gluͤcklich, Ma'm; ſo helf mich Gott, mich nicht mehr hab als vier Zoll in mein' Cyſterne, und das nichts.“ „Aber da bin ich vom Laufe abgekommen, jezt will ich meinen Strich halten.— Sobald ich zu dem Hauſe kam, klopfte ich auf die Thuͤr, ein kleines Negermaͤdchen oͤffnet die Fenſterblenden, und legt den Finger auf ihre. dicke Lippe. „Nich' mach' Laͤrm'; Mißa ſchlaf'! „Wo ſoll ich dies abſezen?“ „Da nieder ſez'; bald ich komm' und hol’!“ damit verſchloß ſie die Blenden, aus Furcht, ihre Herrin moͤgte aufwachen, und ſie, armes Ding moͤgte was auf die Haut bekommen. Ich ſeze alſo mein Toͤnnchen vor die Thuͤr — 75— nieder, und gehe zuruͤck zum Boote.— Nun ſeht ihr wohl daß die Urlaubs⸗Matroſen alle umherſtanden, als ich mit dem Negermaͤdchen ſprach, und weil ſie nun auch ſahen, daß der Branntwein da blieb ohne daß ihn jemand be⸗ wachte, ſo wurde die Verſuchung fuͤr ſie zu ſtark. Alſo ſchauen ſie ſich nach allen Seiten umher, ſehen einer den Andern an, wollen ſich eines Jeglichen Gedanken aus ſeinen Augen ableſen; ſagen aber nichts. „Ich will keine Hand daran ſezen;“ ſagt zu⸗ lezt einer und geht fort. „Ich auch nicht;“ ſpricht ein Anderer, und geht ebenfalls davon. Am Ende gehen ſie Alle weg bis auf Achte von ihnen; da ſchreitet Bill Kurz auf das Toͤnnchen zu, und ſagt: „Ich will eben ſo wenig eine Hand daran ſezen;“ der gibt dem Faße aber'nen Fußſtoß, der es drei oder vier Ellen von der Thuͤr wegrollt. „Noch will ich das;“ ſpricht Holmes, und gibt ihm auch'nen Stoß mit dem Fuße, der es hinaus in die Straße rollt. II. 5* — 74— „So fahren ſie Alle fort, bis ſie das Toͤnn⸗ chen den Huͤgel hinab zum Strande gerollt hatten; gewißlich genug, ohne eine Hand daran zu ſezen. „Nun ſtanden ſie aber Alle da, und wußten nicht was ſie machen ſollten, weil nicht einer von ihnen, das Faß anzapfen wollte. Endlich kam ein ſchwarzer Zimmermann des Weges gegangen, dem boten ſie ein Glas davon an, wenn er mit ſeinem Drehbohrer ein Loch hin⸗ ein bohren wollte, denn alle waren feſt ent⸗ ſchloßen, daß jeder ſeinen Eid darauf ſollte ſchwoͤren koͤnnen, keiner von ihnen haͤtte eine Hand daran geſezt.— Gut, ſobald das Loch gebohrt war, borgte einer von'ner Negerin die Sproßenbier verkaufte, ein Paar kleine Erdkruͤge, und nun ließen ſie auslaufen, der Neger⸗Zimmermann ſchob einen Krug unter ſobald der andere gefuͤllt war, und ſie tranken ſo ſchnell ſie nur konnten. „Eh' ſie noch zur Haͤlfte damit fertig waren, kamen mehre von den Urlaubs⸗Matroſen herab; ich denke mir, ſie hatten oben die Witterung von dem guten Stoff eingeathmet, ſo wie on Hayfiſch gleich wittert wenn was in's Waſ⸗ ſer gefallen iſt,— und nun kamen ſie bald damit zum Ende; als das Faß leer war, hat⸗ ten die Matroſen ſaͤmmtlich'nen guten Rauſch und ſezten ihre Segel zu'nem Kreuzen bei, damit ſie nicht zu nahe bei dem leeren Toͤnn⸗ chen gefunden werden moͤgten. „Kurz vor Sonnenuntergang fuhr ich mit der Yolle wieder an's Land, um die Urlaub⸗ Mannſchaft zuruͤckzuholen; der Zahlmeiſter be⸗ nuzt die Gelegenheit an's Land zu fahren, um ſeine Madame zu ſehen, und's erſte Ding woruͤber er am Strande ſtolpert, iſt ſein eige⸗ nes ausgeleertes Achtel. „Was iſt das?“ ſagte er,„habt Ihr dieſes Gefaͤß nicht heraufgetragen, wie ich Euch be⸗ fohlen hatte?“ „Ja, Herr,“ erwiederte ich,„das habe ich gethan, und habe es dem kleinen Negerdinge zum Aufbewahren gegeben; die Madame ſchlief aber, und das Maͤdchen wollte mir nicht er⸗ lauben, das Faß durch die Thuͤr hinein zu bringen.“ — 76— Hauſe. leicht geſchehn koͤnnte.“ „Nun begann er zu ſtuͤrmen, und ſchwor, cer wolle die Mißethaͤter ausfinden, wie er die Urlaub⸗Matroſen benannte, die ſein Ach⸗ tel geleert hatten; damit ging er hinauf zum „Kaum war er weg, als wir das Achtel vor⸗ nahmen, und'nen Bullen daraus machten.“ „Wie fingt Ihr das an?“ fragte ich. „Schau, Jakob,'n Bullen machen, heiſt ſo viel, als ein Quartier Waßer, oder auch zwei in ein Faß gießen, wo Brantewein drin geweſen iſt; das Wenige was darin zuruͤck ge⸗ blieben iſt, und das, was die Holzſtaͤbe ein⸗ geſogen haben, gibt gewoͤhnlich noch'nen ziem⸗ lich guten Grog, wenn's gut darin geſchuͤttelt und geruͤttelt wird.— Auf jeden Fall iſt's immer noch beßer, als gar nichts.— Aber um weiter zu erzaͤhlen,— doch was meynt Ihr, wenn wir mal erſt auffuͤllten, und naͤhmen V dann'nen friſchen Anſaz, denn dieſer Faden ſpinnt ſich ziemlich lang, und ich muß'n an⸗ feuchten, damit das Garn nicht reißt, was — 7,— Unſere ausgeleerten Blechkelche wurden ſaͤmmt⸗ lich wieder gefuͤllt; dann fuhr der alte Tom fort: „Lange dauerte es bis wir die Urlaubleute zu⸗ ſammenfinden konnten, die in allen Ecken der Stadt umhertaumelten; finſtre Nacht war es bevor ich an den Bord zuruͤckkehrte. Der erſte Lieutenant war auf dem Verdeck, und brauchte mich gar nicht zu fragen, weshalb ich ſo lange geblieben ſey, denn er ſah die Leute ſaͤmmtlich auf den Spiegelbaͤnken liegen. „Wo zum Teufel koͤnnen die den Brannt⸗ wein aufgegabelt haben?“ ſagte er, und befahl dem Geſchuͤzmeiſter die Betrunkenen im Halb⸗ verdeck feſtzuſchließen, bis ſie nuͤchtern waͤren. „Am folgenden Morgen kommt der Zahl⸗ meiſter an den Bord, und bringt auf dem Hinterdeck ſeine Klage an, daß Jemand ihm ſeinen Branntwein geſtohlen haͤtte. Der erſte Lieutenant macht dem Captain Bericht, und der Captain befiehlt alle Leute heraufzurufen, die betrunken an Bord gekommen waren. „Wer von Euch hat den Branntwein ent⸗ wendet?“ fragt er. — 78— „Die Matroſen ſchwuren alleſammt, ſie haͤt⸗ ten keine Hand daran geſezt. „Wie konntet Ihr denn betrunken werden? — Hier Kurz antworte Du:— beſoffen wie 'n Schwein biſt Du an Bord gekommen— wer gab Dir den Branntwein?“ „Ein Neger, Herr!“ antwortete Kurz; dies war richtig genug, weil der ſchwarze Zimmer⸗ mann die Kruͤge gefuͤllt und ihnen hingereicht hatte. „Nun gut; ſie ſchworen Alle das Naͤmliche und der Captain gerieth in Zorn und befahl, ſie ſollten ſaͤmmtlich beſtraft werden. „Den Morgen darauf ward alle Mannſchaft zur Strafertheilung auf's Verdeck gepfiffen. Der Captain ſagte:„Nun Burſche, wenn Ihr mir nicht ſagen wollt, wer des Zahlmeiſters Branntwein geſtohlen hat, ſo will Euch alle⸗ ſammt nach der Reihe geißeln laßen.— Ich moͤgte nur diejenigen zuͤchtigen, die den Dieb⸗ ſtahl begingen, denn es hieße von'nem See⸗ fahrer zu viel verlangt, daß er ein Glas — — 79— Grog ausſchlagen ſollte, wenn's ihm angeboten wird.“ „Nun hatte Kurz mit den Andern'ne Un⸗ terredung gehalten, und ſie waren einig dar⸗ uͤber, wie ſie's machen wollten; ſie wußten recht gut, daß der Captain das Floggpeit⸗ ſchen haßte, und daß er ein ſehr gutmuͤthiger Mann war. Alſo Bill Kurz tritt vor, zuckt ſeine Kappe vor dem Captain und ſpricht: „Wenn's Euch ſo gefaͤllt, Herr, und daß Alle gefloggt werden muͤßen, wenn keiner nicht Angeber ſeyn will, ſo denk' ich's iſt beßer, mit einemmale die Wahrheit ſagen. Ich war es, der den Branntwein genommen hat.“ „Recht gut denn, ſagt der Captain,„das Hemde herunter.“ „Bill zieht ſein Hemde ab und wird feſtge⸗ bunden. „Bootsmanns⸗Gehuͤlfe,“ befiehlt der Cap⸗ tain,„zaͤhlt ihm Zwoͤlfe auf!“ „Bitt' Euer Edlen Vergebung,“ ſagt Hol⸗ mes jezt und tritt aus der Reihe der Straͤf⸗ linge hervor,„aber ich kann's nicht anſehen, daß ein Unſchuld'ger geſtraft wird, und weil nun einer gefloggt werden ſoll, ſo muß es der rechte Mann ſeyn.— Es war nicht Bill Kurz, der den Branntwein genommen hat;— ich war's.“ „Wie, was iſt das?“ rief der Captain aus, „haſt Du nicht eingeſtanden, Kurz, daß Du den Branntwein nahmſt.“. „Nun, ja Herr, ich habe das geſagt, von wegen daß ich nicht zu ſehen wuͤnſchte, daß Alle Mann gefloggt wuͤrden;— aber was wahr iſt, bleibt wahr, und ich habe keine Hand daran geſezt.“ „Bindet ihn los;— Holmes, Dein Hemde herunter.: „Holmes zog ſich aus und wurde ange⸗ bunden. „Gebt ihm ein Ouzend,“ ſagt der Captain. „Da tritt M'Alpine vor und ſchwoͤrt, er ſey der Schuldige und nicht der Holmes, und bittet um die Erlaubniß, an ſeiner Stelle 9 geißelt zu werden. „Nun biß ſich der Captain in die ippen,„ — 81— um nicht aufzulachen, und da wußten bie Ma⸗ troſen, daß Alles gut war.— Noch einer trat vor und ſagte, er ſey's geweſen und nicht M'Alpine, und ein Anderer wieder, der dieſem widerſprach und ſo fort. „Zulezt ſprach der Captain:„Man ſollte glauben, das Floggen waͤre ein vergnuͤglich Ding, ſo eifrig ſeyd Ihr Alle, um Euch auf⸗ binden zu laßen; inzwiſchen will Euch zu ge⸗ fallen nicht floggen. Ich werde herauszubringen wißen, wer der wahre Uebelthaͤter iſt und den mit aller Strenge beſtrafen; einſtweilen Lieute⸗ nant P., zeichnen Sie ſie ſaͤmmtlich auf.— Ihr koͤnnt Euch darauf verlaßen, daß Ihr ſo nicht davon kommen ſollt, wiewohl ich unſchu⸗ dige Leute nicht beſtrafen will.“ „Die Pfeife gab's Signal:„hinab„“ und der erſte Lieutenant, der recht gut wußte, daß der Captain die Abſicht nicht hatte, je wieder davon zu ſprechen, hielt gar keine Nachfrage, ſo daß die Sache uͤberwehte. Ein Paar Monate ſpäter hab ich den Offizieren mal erzaͤhlt, wie ſie's angefangen hatten, und die lachten viel daruͤber.. Il.. 6 8 Wir ſezten unſer Trinkgelag bis zu ſpaͤter Stunde fort, der alte Tom unterhielt uns fort⸗ waͤhrend mit ſeinen langen Faͤden; in dieſer Nacht ging ich zum erſtenmale berauſcht zu Bette; beide Toms halfen mir dahin und der Alte bemerkte: „Armer Jakob, es wird ihm gut thun; ſein Herz war ihm ſchwer, und nun wird er Alles vergeßen, fuͤr eine kurze Zeit auf jeden Fall.“ „Das mag ſeyn, Vater,“ entgegnete Tom, „aber ich mag nicht leiden, den Jakob betrun⸗ ken zu ſehen.— Es ſteht ihm nicht an,— es iſt ſeiner nicht wuͤrdig; was Euch oder mich anbetrifft, ſo will das gar nichts ſagen, aber ich fuͤhle wohl, daß Jakob nicht zu'nem Sauf⸗ aus beſtimmt war. In meinem Leben habe ich keinen Burſchen in ſo kurzer Zeit ſo ganz ver⸗ aͤndert geſehen, und ich fuͤrchte, es wird Boͤ⸗ ſes daraus erfolgen, wenn er uns verlaͤßt.“ Wie es zu erwarten war, erwachte ich nach meiner erſten Voͤllerei, mit heftigem Kopf⸗ ſchmerze; aber zugleich hatte ein Fieber mich befallen, erzeugt durch meine fruͤhere Gemuͤths⸗ angſt. Ich ſtand auf, kleidete mich und ging — 83— zum Verdeck, das beinahe einen Fuß hoch mit Schnee bedeckt war. Es war ſcharfer Froſt und der Strom mit kleinen ſchwimmenden Eisſchollen bedeckt. Meine gluͤhende Stirn rieb ich mit dem Schnee und fuͤhlte Erleichterung. Eine Weile half ich Tom den Schnee uͤber Bord ſchaufeln, das Fieber nahm aber an Heftigkeit zu und bald konnte ich nicht aufrecht mehr ſtehen. Ich ſezte mich auf eine Waßer⸗ tonne und preßte meine pochenden Schlaͤfen mit meinen Haͤnden. „Du biſt nicht wohl, Jakob;3“ ſagte Tom mit ſeiner Schneeſchaufel in der Hand, bluͤ⸗ hend und kraͤftig zu mir tretend. „Gewiß nicht, Tom, fuͤhl' nur, welche Hize ich ausſtehe,“ ſagte ich. Er ging zu ſeinem Vater, der in der Ka⸗ juͤte beſchaͤftigt war, ſeine Stuͤmpfe mit Extra⸗ Flanell zu umwickeln, um ſie vor der Kaͤlte zu ſchuͤzen, welche ihm ſtets heftige Pein darin verurſachte.— Beide kamen wieder, mich in die Kajuͤte zu fuͤhren. Ich konnte nur mit Muͤhe gehen, meine Kniee wankten und meine Ge⸗ — 84— ſichtskraͤfte ſchwanden. Der Alte erfaßte meine Hand, als ich auf der Sizlade niederſank. „Sollt's davon ſeyn, daß er geſtern Abend zu viel genommen hat?“ fragte Tom ſeinen Vater.’ „Hier iſt mehr als ein ganzes Gallon Brannt⸗ wein haͤtte zu Wege bringen koͤnnen,“ erwie⸗ derte der Alte,„nein, nein, ich ſehe es wohl. — Geh wieder zu Bett, Jakob.“ Sie legten mich in mein Bett und ich ver⸗ ſank bald in einen Zuſtand ſtarrer Fuͤhlloſigkeit, welcher nicht nur anhielt bis der Lichter zum Brentford⸗Werfte kam, ſondern noch mehre Tage nachher. —— —.,.— Viertes Kapitel. — Auf dem Krankenbette.— Fieber, Standhaftigkeit und Thorheit.—„Angenommener Lehrling eines Kahnfuͤhrers.“— Ich nehme meinen erſten Un⸗ terricht in der Liebe und gebe meine erſte latei⸗ niſche Unterweiſung.— Die Liebeslektion macht einen Eindruck auf meine Gehoͤrwerkzeuge.— Ausgemachterwe iſe iſt niemand ſo taub, als Die⸗ jenigen ſind, die nicht hoͤren wollen. Als ich wieder zur Beſinnung kam, fand ich mich im Bett und Captain Turnbull ſaß mir zur Seite. Nach ſeinem Hauſe war ich gebracht, ſobald der Lichter bei dem Werfte anlegte. Cap⸗ tain Turnbull befand ſich grade dort, um mit Tomkin, dem jezigen Werftherrn, zu ſprechen, als der alte Tom erſchien und den Zuſtand — 86— berichtete, in welchem ich mich befaͤnde; weil Tomkin kein uͤbriges Bett in ſeinem Hauſe hatte, ließ Turnbull mich auf der Stelle nach ſeinem Landſize bringen und ſchickte fuͤr den Arzt.. Waͤhrend der Zeit, die ich in bewußtloſem Zuſtande verbrachte, hatte der alte Tom dem Captain Turnbull, dem Domine und Herrn Tomkin den ganzen Hergang der Dinge in London mitgetheilt und ihnen gezeigt, wie ſehr ch dem Herrn Drummond in unrechtem Lichte geſchildert worden waͤre; uͤber unſere Abentheuer auf der Wimbledon Gemeinhut ſprach er ſo wenig als von meiner ſpaͤtern Unmaͤßigkeit, ſondern erklaͤrte ſeine Mcinung dahin, daß die erlittene ungerechte Behandlung mir das Fie⸗ ber zugezogen haͤtte. Ich glaube, er urtheilte darin ſo ziemlich richtig, wiewohl meine Krankheit allerdings durch die andern beiden unerwaͤhnt gelaßenen Urſachen verſchlimmert und ſchneller herbeige⸗ fuͤhrt ſeyn mogte.. 3 Alle nahmen fuͤr mich Antheil und Turnbull ging nach London, um Herrn Drummond nicht — nur meinen Zuſtand zu melden, ſondern auch wegen ſeiner Ungerechtigkeit Gegenvorſtellungen zu machen. Umſtaͤnde hatten ſich ſeitdem ſchon ereignet, welche Drummond vermogten, meine Rechtfertigung mit geneigtem Ohre anzuhoͤren, inzwiſchen war die von mir geſendete Botſchaft immer noch ein großes Hinderniß. Indeß ward auch dieſes zum Theil ſchon durch die zweideu⸗ tigen Ausſagen des jungen Comptoirgehuͤlfen gehoben, die er als Antwort auf die von Turn⸗ bull und Drummond ihm vorgelegten Fragen ertheilte; gaͤnzlich entfernt wurde es aber durch die Zeugniße beider Toms, welche, wiewohl ſie damals in der Kajuͤte geweſen waren, doch jedes zwiſchen mir und dem Gehuͤlfen gewech⸗ ſelte Wort angehoͤrt hatten; Drummond uͤber⸗ zeugte ſich und bat Turnbull, mir, ſobald ich wieder hergeſtellt waͤre, zu ſagen, alles ſey ver⸗ geßen und vergeben. Das mogte bei ihm der Fall ſeyn, mit mir war es aber nicht ſo; als Turnbull mir dieſes erzaͤhlte, um dadurch meinen Geiſt aufzurich⸗ ten, ſchuͤtrelte ich meinen auf dem Polſter lie⸗ genden Kopf. — 88— Der Leſer wird ſchon bemerkt haben, daß durch die harte Behandlung, welche mir wi⸗ derfuhr, ein Gefuͤhl der Rachſucht in mir aufgeregt war;— ein Gefuͤhl, das meinem Herzen tief eingepflanzt ſeyn mußte, wiewohl es bis dahin noch nie zu thaͤtiger Aeußerung angereizt worden war; jezt aber einmal er⸗ weckt, ließ es ſich nicht unterdruͤcken. Augen⸗ ſcheinlich gruͤndete es ſich auf Stolz, und dieſer nahm mit jenem in gleichem Verhaͤlt⸗ niße zu. Turnbull's Andeutungen beantwortete ich deshalb mit ganz entſchiedenem Ablehnen; ich ſagte: „Nein, Herr, zu Drummond kann ich nicht zuruͤckkehren; gern geſtehe ich ein, daß er ſehr guͤtig gegen mich war, und daß ich ſeiner Guͤte ungemein viel verdanke; und nun er ſeinen Irrthum, mich ſolchen Undankes faͤhig zu hal⸗ ten, eingeſtanden hat, vergebe ich ihm von gan⸗ zen Herzen; aber fernere Gunſtbeweiſe kann ich und will ich von ihm nicht annehmen. Ich kann mich in keine Stellung verſezen, in wel⸗ cher ich noch einmal ſo gedemuͤthigt werden — 89— moͤgte, wie es mir ſchon geſchah. Ich fuͤhle, daß die Erfuͤllung meiner Pflicht mir das Ver⸗ gnuͤgen nicht mehr gewaͤhren könnte, welches ich fruͤher dabei empfand; und niemals koͤnnte ich mit Denen unter einem Dache leben, die jezt in ſeinem Dienſte ſind. Sagen Sie ihm Alles dies, und ich bitte Sie, ſagen ſie der kleinen Sarah, wie innig ich ihr fuͤr alle ihre Guͤte danke, und daß ich ſtets mit Bedauern daran denken werde, daß ich gezwungen wurde, ſie zu verlaßen.“ Bei der Erinnerung an Sarah brachen meine Thraͤnen hervor und ich ſchluchzte auf meinem Polſter. Turnbull brachte den Gegenſtand gar nicht wieder zur Sprache, ſey es, daß er mei⸗ nen Karakter richtig auffaßte, oder weil er ſich uͤberzeugt hielt, mein Entſchluß ſey unerſchuͤt⸗ terlich. 1 „Nun, Jakob,“ erwiederte er mir,„davon wollen wir nicht weiter reden. Deine Auftraͤge werde ich in Deinen eigenen Worten abgeben. Jezt nimm Deine Arzenei und verſuche, ein wenig zu ſchlafen.“ Dies geſchah und weil von meiner Krank⸗ — 90— heit nur noch Kraftloſigkeit uͤbrig geblieben war, erholte ich mich ſchnell, mit meinen wie⸗ derkehrenden Kraͤften nahmen aber auch meine Rachgefuͤhle zu. Nur der Zuſtand ausnehmen⸗ der Schwaͤche, in welchem ich mich befand, als Turnbull zu mir ſprach, konnte mich ſo weit herabſtimmen, ihm den freundlichen Auf⸗ trag zu ertheilen; damals war mein rachſuͤch⸗ tiges Gemuͤth durch Krankheit niedergehalten und beßere Gefuͤhle behielten die Oberhand. Die einzige Wirkung, welche dieſes Geſpraͤch ſpaͤter auf mich hervorbrachte, war die, meinen Haß gegen die Perſonen zu ſchaͤrfen, die an meiner ungerechten Behandlung betheiligt waren, und ich gelobte mir ſelber an, daß dieſe mindeſtens ihr Verfahren ſpaͤter noch bereuen ſollten. Am folgenden Sonntage beſuchte mich der Domine. Ich war angekleidet und ſchaute durch's Fenſter, als er ankam. Der Froſt war jezt ſehr ſcharf und der Strom mit großen Eismaßen bedeckt; mein groͤßtes Vergnuͤgen beſtand dar⸗ in, dieſe Schollen mit Ebbe oder Fluth fort⸗ treiben zu ſehen. „Zum zweitenmale biſt Du dem Tode ent⸗ — 91— ronnen, mein Jakob,“ ſagte er nach einigen vorangegangenen Bemerkungen;„ſchon einmal lauerte pallida mors uͤber Deinem Lager; doch Du biſt erſtanden und Dein guter Name iſt auch wieder hergeſtellt. Wann wirſt Du im Stande ſeyn, Herrn Drummond zu beſuchen und ihm fuͤr ſeine Guͤte zu danken?“ „Niemals,“ erwiederte ich;„nie will ich Herrn Drummond's Haus wieder betreten.“ „Ey Jakob, das waͤre feindſelig.— Sind wir Alle nicht Taͤuſchungen unterworfen,— moͤgen wir Alle nicht leicht Unrecht thun? Habe ich nicht ſogar in Deiner Gegenwart mich der Unmaͤßigkeit und Thorheit ſchuldig gemacht? Entwuͤrdigte ich mich nicht vor den Augen mei⸗ nes Zoͤglings und Du wollteſt in Deinem zar⸗ ten Alter Unwillen gegen einen Mann naͤhren, der Dich freundlich aufnahm, als Du verlaßen wareſt, und der ſich in Betracht Deiner durch niedrige Afterredner taͤuſchen ließ?“ „Ich bin Herrn Drummond fuͤr alle ſeine Guͤte verpflichtet,“ erwiederte ich;„mein Dank gebuͤhrt ihm, aber ich wuͤnſche, ſein Haus nie — 92— wieder zu betreten. Ich ward hinausgewieſen, und nimmermehr will ich wieder hinein.“ „»Eheu Jacobe! Du biſt im Irrthume; es iſt unſere Pflicht zu verzeihen, ſo wie wir auf Verzeihung hoffen.“ „Ich verzeihe, Sir, wenn das erfordert wird, aber ich will und kann kuͤnftig keine Gunſtbe⸗ weiſe mehr annehmen.“ Vergebens redete der Domine mir zu und verließ mich endlich. Auch Tomkin kam und ver⸗ ſuchte eben ſo erfolglos, mich zu uͤberreden. Mein Entſchluß war gefaßt; unabhaͤngig wollte ich nun einmal ſeyn und den Strom betrach⸗ tete ich als meinen Vater, meine Mutter, meine Heimath, mein Alles. Ich war wieder voͤllig hergeſtellt, als Turn⸗ bull eines Tages heimkehrte und zu mir ſagte: „Jakob, der Lichter iſt wieder herauf; ich wuͤnſche zu wißen, ob Du wieder an Bord willſt, um ſpaͤter auf das Schiff zu gehen, fuͤr welches Herr Drummond Dich beſtimmt.“ „Ich will auf kein Schiff durch Herrn Drum⸗ mond's Verwendunag oder Vorkehr,“ erwie⸗ derte ich. „Was willſt Du denn anfangen?“ fragte er weiter. „Wenn's Schlimmſte zum Schlimmen kommt, kann ich jederzeit an Bord eines Kriegsſchiffes gehen,“ antwortete ich;„koͤnnte ich aber meine Lehrzeit auf dem Strome ausdienen, ſo wuͤrde ich das vorziehen.“ „Dieſer Antwort ſah ich entgegen, Jakob, und folgerte ſie aus dem, was Du fruͤher ge⸗ ſagt haſt; deshalb habe ich verſucht, ob ich Dir nicht zu etwas verhelfen koͤnnte, was Dir ge⸗ fallen moͤgte. Du haſt nichts dagegen einzu⸗ wenden, mir eine Verbindlichkeit zu ſchulden?“ „O nein!— aber verſprechen Sie mir, daß Sie niemals Zweifel in mich ſezen— mich niemals anklagen wollen.“— Meine Stimme zitterte und ich konnte nicht mehr ſagen. „Nein, mein Herzensjunge, das will ich nie; ich glaube, ich kenne Dich recht genau; ein Herz, das falſche Beſchuldigung ſo tief empfin⸗ det, iſt gewiß auf ſeiner Hut, dasjenige nie — 94— zu begehen, weßen angeklagt zu ſeyn Dich ſo heftig erzuͤrnt. Jezt hoͤre mich an, Jakob.— Du kennſt den alten tauben Stapleton, deßen Nachen wir ſo oft Strom auf und Strom ab gerudert haben?— Mit dem habe ich geſpro⸗ chen, daß er Dich zu ſeinem Gehuͤlfen anneh⸗ men ſoll und er hat eingewilligt. Haſt Du Luſt, zu ihm zu gehen? Er hat ſeine gehoͤrige Zeit ausgedient und beſizt deshalb das Recht, einen Lehrling anzunehmen.“ 1 „Ja, mit Vergnuͤgen,“ gab ich zur Ant⸗ wort,„und mit noch groͤßerem Vergnuͤgen, weil ich hoffe, Sie oft zu ſehen.“ „O, Dir verſpreche ich meine ganze Kund⸗ ſchaft, Jakob,“ erwiederte er lachend.„Den alten Stapleton wollen wir hinausſezen und eines mit einander rudern. Iſt's abgemacht?“ „Es iſt,“ ſagte ich,„und Ihnen recht vielen Dank dafuͤr.“ „Nun gut, betrachte Alles als ſchon geordnet. Stapleton hat in Fulham eine recht gute Woh⸗ nung und Alles, was am Lande erforderlich iſt. Ich habe ſein Haus geſehen und meyne, Du kannſt behaglich darin ſeyn.“ 3 Zu der Zeit wußte ich noch gar nicht, wie ſehr Herr Turnbull ſich als mein Freund be⸗ wieſen hatte— durch ihn vermogt, mußte Sta⸗ pleton eine beßere Wohnung beziehen, er zahlte ihm den Miethunterſchied und hatte ihm au⸗ ßerdem noch eine Kleinigkeit woͤchentlich ausge⸗ ſezt, mit dem Verſprechen, ihn von Zeit zu Zeit zu belohnen, wenn ich mit meiner Lage bei ihm zufrieden ſeyn wuͤrde. Wenige Tage ſpaͤter hatte ich meine Klei⸗ dung ſchon zu Stapleton geſchafft, hatte von Turnbull Abſchied genommen und ſollte als Lehrling eines Themſen⸗Kahnfuͤhrers meine Be⸗ ſtimmung erfuͤllen. Der Lichter lag noch am Werfte, als ich fortging und mein Abſchied von Tom und ſei⸗ nem Sohne ward mit gleicher herzlicher Auf⸗ richtigkeit von beiden Theilen empfunden. „Jakob,“ ſagte der alte Tom,„ich mag Deinen Hochmuth leiden; Urſach' von wegen, daß ich glaube, Du haſt ein Recht ſtolz zu ſeyn; und ein Menſch, der nichts fordert, als Billigkeit und keine Gunſt, wird immer in der Welt aufkommen.— Aber ſchau', Jakob, zuweilen treibt'ne Stroͤmung gegen'nen Men⸗ ſchen an, daß er nicht im Stande iſt, voran zu kommen; und wenn's ſo waͤre, daß das fuͤr one Zeitlang mit Dir der Fall ſeyn ſollte, denn denke Du an's alte Haus, an die alte Frau und an den alten Tom, da wirſt Du jederzeit 'nen herzlichen Willkommen finden, und ein gutmuͤthiges altes Paar, das mit Dir theilen wird, was es hat, ſey's gut, oder ſchlecht, oder unbedeutend.— Hier, ich wuͤnſche Dir gutes Gluͤck, mein Junge; und vergiß nicht, ich habe die Abſicht, die Koſten daran zu wen⸗ den, mein Fahrzeug an der Außenſeite blau zu bemalen, dann kannſt Du's immer ſchon in der Ferne kennen, wenn's den Strom hinauf oder hinab kriecht.“ „Hoͤr', Jakob,“ ſprach der junge Tom,„ein Wildfang mag ich ſeyn, aber treu bin ich; wenn Du mich jemals noͤthig haſt, bei gutem Wetter oder bei Unwetter— fuͤr Gutes oder fuͤr Boͤſes— fuͤr Scherz oder fuͤr Unthat— zur Huͤlfe oder fuͤr'nen Freund in der Noth, durch Dick und durch Duͤnn bin ich Dein, ſo⸗ gar bis zum Galgen;— und hier haſt Du meine Hand darauf.“ 1 4 — 97— „Ganz wie Du immer biſt, Tom,“ bemerkte ſein Vater,„aber ich weiß, was Du ſagen willſt— und's iſt Alles recht;“ wir ſchuͤttelten uns die Haͤnde und ich ſchied. Auf ſolche Weiſe entfernte ich mich vom Lich⸗ ter und machte mich mit einem Male zum ru⸗ dernden Kahnfuͤhrer.— In Fulham fand ich den alten Stapleton mit zwei oder drei andern Perſonen vor der Thuͤre des Wirthshauſes ſte⸗ hen, wo er ſeine Pfeife rauchte. „Nun Burſch', alſo biſt Du fuͤr zwei oder drei Jahre an meinen Kahn feſtgekettet; und ich ſoll Dich in alle die Regeln und Vorſchrif⸗ ten unſerer Waßermanns⸗Geſellſchaft einweihen. Eines will ich Dir jezt gleich ſagen und das iſt, ſieh'ſt Du, wenn der Strom mit Eis be⸗ deckt iſt, wie grade jezt, dann hol' Du Dei⸗ nen Nachen herauf hoch und trocken und. ſchmauche Deine Pfeife, bis der Strom klar iſt, ſo wie ich's thue.“ „Das haͤtte ich vermuthen koͤnnen,“ erwie⸗ derte ich, ihm in's Ohr ſchreiend, ohne daß Ihr mir's ſagtet.“ Il. — — 98— „Wahr genug, mein Burſche; aber ſchrei' mir nicht ſo arg in's Ohr, ich hoͤre dafuͤr doch um nichts beßer; meine Ohren wollen geſchmei⸗ chelt ſeyn— das iſt's Alle.“ „Wie, ich habe geglaubt, Ihr waͤret ſo taub wie'n Thuͤrpfoſte.“ „Ja, ſo bin ich auch mit Fremden, von we⸗ gen daß ich den Klang ihrer Stimme nicht kenne; aber diejenigen, die immer um mich ſind, verſtehe ich am Beſten, wenn ſie ganz ruhig ſprechen— das iſt Menſchennatur.— Komm', wir wollen nach Hauſe gehen, meine Pfeife iſt aus, und weil doch auf dem Strome nichts zu thun iſt, moͤgen wir eben ſo gut da⸗ heim alles in den rechten Fluß ſezen.“ Stapleton hatte ſeine Frau verloren, aber ſeine fuͤnfzehnjaͤhrige Tochter fuͤhrte ſeinen Haus⸗ halt und that fuͤr ihn, wie er das nannte. Er wohnte in einem Theile von Gebaͤuden, welche ein Bootbauer gemiethet hatte, ſeine Fenſter oͤffneten auf den Strom; im erſten Stocke war ein Vorſprungfenſter angebracht, ſo daß bei hohem Waßer die Fluth unter die⸗ ſem hinrollte. Was die Zimmer anbetraf, deren — — — 99— er fuͤnfe bewohnte, ſo vermag ich von denen nur zu ſagen, daß man ſie nicht als große und kleine, ſondern nur als kleine und kleinere be⸗ trachten konnte. Das Wohnzimmer maß acht Fuß in's Gevierte, die beiden Schlafzimmer dahinter, von denen eines fuͤr ihn und eines fuͤr die Tochter diente, faßte genau eine kleine Bettſtelle in ſich; unten waren die Kuͤche und mein Zimmer, in gleichem Verhaͤltniße; eben ſo wenig waren dieſe Gemaͤcher gut unterhal⸗ ten, das Wohnzimmer vorzuͤglich, das uͤber dem Strome hing, war ſo ſchiefbodig, daß es nothwendig den unbehaglichen Gedanken erregen mußte, es wuͤrde naͤchſtens in den Strom hin⸗ abfallen. Inzwiſchen gab der Bootbauer die Verſicherung, es wuͤrde noch manches Jahr ſo haͤngen, ohne tiefer zu verſinken, und das war hinreichend. Auf alle Faͤlle war die Wohnung fuͤr einen Kahnfuͤhrer recht anſtaͤndig und Sta⸗ pleton zahlte jaͤhrlich zehn Pfund Sterling da⸗ fuͤr. Marie, Stapleton's Tochter, war wirklich ein von der Natur gut ausgeſtattetes Maͤdchen. Ihr Mund war faſt zu groß, aber ſie hatte ſehr — 100— ſchoͤne, weiße Zaͤhne. Ihr Haar war kaſtanien⸗ braun— und ihre Hautfarbe recht zart; ſie hatte ſehr große dunkelblaue Augen, und nach ihrer vollen Geſtalt zu urtheilen, wuͤrde ich ſie achtzehn Jahre alt geſchaͤzt haben, wiewohl ſie noch nicht uͤber fuͤnfzehn zaͤhlte, wie ich ſpaͤter erfuhr. Ihre Geſichtszuͤge ſprachen Offenheit und Ehrbarkeit aus, und es ſpielte auf ihnen ein geiſtreiches Laͤcheln, was ſie ungemein angenehm machte. „Nun, Marie, wie treibſt Du's?“ ſagte Stapleton, als wir die Treppe zum Wohnzim⸗ mer hinaufgingen;„hier iſt der junge Ehrlich gekommen, um bei uns zu wohnen.“ „Gut Vater, ſein Bett iſt ſchon in Ord⸗ nung; und ich habe ſo viel Unrath aus dem Zimmer geſchafft, daß ich erwarte, man wird uns anklagen, den Strom zu verſchuͤtten. Ich moͤgte wißen, was fuͤr unſauberes Volk fruͤher in dieſem Hauſe gewohnt hat.“ „Es ſind aber doch recht huͤbſche Zimmer; ſind's nicht, Jakob?“ ſagte der Vater. „O ja,“ fiel die Tochter ein,„recht huͤbſch — 101— fuͤr muͤßige Menſchen; Ihr moͤgt Euch damit vergnuͤgen, auf den Strom hinaus zu ſchauen oder acht geben, was vorbei ſchwimmt, oder auch bei hohem Waßer mit der Stockruthe an⸗ geln;“ dabei blickte ſie mich an. „Ich liebe den Strom,“ erwiederte ich ernſt, nauf ihm ward ich geboren, und hoffe, mein Brod auf ihm zu verdienen.“ „Und ich liebe dieſes Zimmer,“ hob Staple⸗ ton wieder an;„wie ungemein behaglich wird's zur Sommerzeit ſeyn, am offenen Fenſter mit abgelegter Jacke zu ſizen und zu rauchen.“ „Auf jeden Fall werdet Ihr keine Entſchul⸗ digung haben, das Zimmer zu beſchmuzen, Va⸗ ter; und was den Burſchen anbetrifft, ſo denke iich, ſeine Schmauchtage ſind noch nicht ge⸗ kommen.“ „Das ſind ſie nicht,“ erwiederte ich,„wohl aber die, meine Jacke abzuziehen, wie ich ver⸗ muthe.“ „Ja, ſey unbeſorgt,“ rief ſie aus,„Vater wird Dich gern alle Arbeit verrichten ſehen und zuſchauen— wollt Ihr nicht, Vater?“ — 102— „Laß Du Deiner Zunge nicht gar zu viel Lauf, Marie, Du niaßſd die Arbeit auch nicht gar zu ſehr.“ „Nein; und es gibt nur ein Ding, was ich noch weniger leiden kann,“ erwiederte ſie,„und das iſt Stillſchweigen.“ „Nun, ich uͤberlaße Dir und Jakob, es mit⸗ einander auszumachen, und gehe wieder nach den Federn.“ Damit ſchritt der alte Stapleton die Treppe hinab und kehrte zum Schenkhauſe zuruͤck, ſagte aber noch im Fortgehen, er wuͤrde zum Mit⸗ tageßen zuruͤckkommen. Marie fuhr in ihrer Beſchaͤftigung fort, das Zimmergeraͤth abzuſtauben, was ſie ein Paar Minuten fortſezte, waͤhrend welchen ich gar nicht zu ihr ſprach, ſondern die auf dem Strome treibenden Eisſchollen betrachtete. „Nun,“ ſagte ſie endlich,„ſprichſt Du im⸗ mer wie jezt? wenn das iſt, wirſt Du ein herr⸗ licher Geſellſchafter ſeyn. Als Herr Turnbull zu meinem Vater kam, ſagte der mir, Du waͤreſt ein pfiffiger Burſche, koͤnnteſt leſen, ſchrei⸗ — 103— ben und alles thun, und ich wuͤrde Dich recht lieb haben; wenn Du aber meynſt, das Alles fuͤr Dich zu behalten, ſo moͤgteſt Du's eben ſo gut gar nicht beſizen.“ „Ich bin zum Spreechen bereit, wenn ich ei⸗ nen Gegenſtand habe, uͤber den ich ſprechen kann,“ gab ich zur Antwort. „Das iſt nicht genug,“ ſagte ſie,„ich bin immer bereit, uͤber nichts zu ſprechen, und das mußt Du ebenfalls thun.“ „Gut,“ entgegnete ich;„wie alt biſt Du?“ „Wie alt ich bin?— alſo betrachteſt Du mich wie nichts;— nun, ich werde mir alle moͤgliche Muͤhe geben, Dir eine andere Mei— nung von mir beizubringen, mein ſchmucker Burſche.— Indeß, um Deine Frage zu be⸗ antworten, ich glaube, daß ich nahe an fuͤnf⸗ zehn bin.“. „Mehr nicht!— nun, es gibt ein altes Sprichwort, das ich nicht wiederholen will.“ „Ich kenne es, alſo magſt Du Dir die Muͤhe ſparen, unverſchaͤmter Junge; aber nun weiter, wie alt biſt Du?“ — 104— „Laß' mich ſehen, ich glaube, daß ich faſt ſiebenzehn alt bin.“ „Biſt Du wirklich ſchon ſo alt; ſchau', ich wuͤrde Dir kaum vierzehn Jahre gegeben ha⸗ ben.“ Dieſe Antwort uͤberraſchte mich anfangs, weil ich fuͤr mein Alter ſehr hoch und kraͤftig war; doch ein augenblickliches Ueberlegen zeigte mir, ſie ſey nur ertheilt, um mich zu aͤrgern. Einem jungen Menſchen iſt es eben ſo verdrieß⸗ lich, fuͤr j juͤnger gehalten zu werden, als er wirklich iſt, wie es den Mann in gewißen Jahren unmuthig macht, wenn er um ſo viel aͤlter geſchaͤzt wird. „Bah!“ erwiederte ich,„das zeigt, wie we⸗ nig Du von Maͤnnern kennſt.“ „Ich ſprach gar nicht von Maͤnnern, die ich kenne: aber ich kenne ſie doch ſchon ziemlich. Zwei Herzliebſten habe ich ſchon gehabt.“ „Wirklich, und was haſt Du mit Ihnen ge⸗ macht?“ „Gemacht! Den einen vertauſchte ich gegen den andern, weil der zweite beßer ausſah; und — 105— als Herr Turnbull mir ſo viel von Dir er⸗ zaͤhlte, ſchickte ich den zweiten auch fort, um Plaz fuͤr Dich zu machen; jezt aber, denke ich zu verſuchen, ob ich ihn nicht wieder zuruͤck⸗ bringen kann.“ „Thu' Du das,“ erwiederte ich lachend,„ich wuͤrde nur einen klaͤglichen Herzliebſten abge⸗ ben, denn in meinem Leben war ich noch nicht verliebt.“ „Haſt Du jemals einen Gegenſtand gehabt, Dem Du Deine Liebe haͤtteſt bezeugen koͤnnen?“ „Nein.“ „Nun, da haſt Du die Urſache, verlaß' Dich darauf, Jakob. Alles, was Du zu thun haſt, iſt zu ſchwoͤren, daß ich das huͤbſcheſte Maͤd⸗ chen in der Welt bin, und daß Du mich lie⸗ ber leiden magſt, als irgend ein anderes We⸗ ſen in der Welt; daß Du Alles auf der Welt thun willſt, wenn ich wuͤnſche, Du ſollteſt es thun— daß Du alles Geld, was Du in der Welt erſchwingen kannſt, ausgiebſt, um mir Baͤnder und Geſchenke dafuͤr zu kaufen,— und dann—“ — 106— „Nun, und dann?“ „Ja, dann will ich anhoͤren alles, was Du mir zu ſagen haſt; will alles hinnehmen, was Du mir geben kannſt und Dich in den Kauf noch auslachen.“ „Das wuͤrd' ich aber nicht lange ertragen.“ „O doch, Jakob, Du wirſt; erſt mach ich Dich boͤſer Laune und dann ſchmeichle ich Dich wieder in gute Laune; die Wahrheit iſt, daß ich beſchloßen habe, Du ſollteſt mein Herzliebſter ſeyn, bevor ich Dich noch geſehen hatte; wenn ich aber einmal etwas will, ſo will ich, und fuͤr Dich iſt's am Beſten Dich zu fuͤgen, denn thueſt Du's nicht, ſo will ich Dich halb ver⸗ hungern laßen, weil ich die Schluͤßel fuͤhre; man hat mir geſagt, das waͤre die rechte Art, wilde Beſtien zu zaͤhmen.— Nun will ich Dir auch ſagen, Jakob, weshalb ich darauf beſtehe, Dich zu meinem Liebſten zu haben,— der Grund iſt, weil Herr Turnbull mir ge⸗ ſagt hat, Du verſtaͤndeſt Latein;— jezt ſag mir, was iſt Latein?“ „Latein iſt eine Sprache, welche die Men⸗ — 107— ſchen in vergangenen Zeiten redeten, jezt aber nicht mehr.“ „Nun Du ſollſt mir Deine Liebe in Latein erklaͤren, das iſt abgemacht.“ „Und wie denkſt Du mir zu antworten?“ „In meiner ſchlichten Mutterſprache, gewiß genug.“ „Wie willſt Du aber verſtehen, was ich Dir ſage?“ fuhr ich fort, durch dieſes Geſpraͤch hoͤchlich ergoͤzt. „O wenn Du gehoͤrig von Liebeſachen ſprichſt, werde ich's bald verſtehen; ich werde aus Dei⸗ nen Augen leſen, was die Worte ſagen, die Du ſprichſt.“ „Nun gut; ich mache keine Einwendung; wann ſoll ich damit beginnen?“ „Auf der Stelle, Du einfaͤltiger Junge,— gleich;— was das nur fuͤr eine Frage iſt!“ Ich trat dicht vor ſie hin und ſprach einige lateiniſche Worte,— dann ſagte ich:„Jezt ſchau mir in die Augen und verſuche, ob Du das uͤberſezen kannſt.“ — 108— „Gewiß was recht Unverſchaͤmtes;“ erwie⸗ derte ſie, ihre blauen Augen auf die meinigen heftend. „Gar nicht,“ ſagte ich,„ich forderte nur dies;“ dabei raubte ich ihr einen Kuß, fuͤr den ich als Erwiederung einen Schlag auf's Ohr bekam, der dieſes wohl fuͤnf Minuten ſingen machte.—„Aber das iſt nicht billig;“ fuhr ich fort;„ich habe gethan, was Du von mir verlangteſt und habe Dir lateiniſch meine Liebe erklaͤrt.”“ „und ich habe Dir, wie ich's vorherſagte, in meiner ſchlichten Mntterſprache geantwortet;“ ſagte Marie hocherroͤthend, doch gleich hinter⸗ her fuhr ſie laut lachend fort:„hoͤr Jakob, ich ſehe ganz deutlich, daß Du von Liebelei auch nicht das mindeſte verſtehſt. Segne mich Gott, ein ganzes Jahr ſcherwenzeln und eines ganzen Jahres Taſchengeld ſollte Dir noch nicht verſchafft haben, was Du unverſchaͤmt genug geweſen biſt, in den erſten Minuten zu nehmen. Aber es war meine eigene Schuld, das iſt wahr genug, und Niemandem habe ich's zu verdanken, als mir ſelber.— Ich hoffe, daß — 109— ich Dir kein Leides gethan habe— und wuͤrde ſehr bedauern, wenn das geſchehen ſeyn ſollte; aber nichts mehr von lateiniſcher Liebe. Davon habe ich mehr wie genug bekommen.“ „Nun, wie waͤr's denn, wenn wir Freund⸗ ſchaft ſchloͤßen;“ erwiederte ich und hielt ihr meine Hand hin. „Das war's, was ich eigentlich wuͤnſchte, wiewohl ich ſo viel Unſinn geplaudert habe;“ ſagte Marie.„Ich bin uͤberzeugt, wir werden einander leiden moͤgen und recht gute Freun de ſeyn.— Du kannſt nicht anders als freund⸗ lich von einem Mäͤdchen denken, das Du ge⸗ kuͤßt haſt; und ich will verſuchen, durch Ge⸗ faͤlligkeiten den Schlag auf das Ohr wieder gut zu machen; alſo ſezen wir uns und halten ein recht ausfuͤhrliches Geſpraͤch.— Herr Turn⸗ bull hat uns geſagt, Du wuͤnſchteſt Deine Strom⸗Lehrzeit bei meinem Vater auszudienen, wenn Ihr Euch alſo gut vertragt, ſo werden wir lange Zeit beiſammen ſeyn. Wiewohl ich's bis jezt noch nicht ausfinden kann, will ich doch auf Turnbull's Verſicherung annehmen, daß Du ein ſehr gutmuͤthiger, huͤbſch ausſehen⸗ — 110— der, geſcheuter und beſcheidener Burſche biſt; und weil jeder Lehrling, den mein Vater an⸗ nehmen moͤgte, in unſerm Hauſe leben muͤßte, ſo will ich natuͤrlich lieber, er ſoll ſolcher Art ſeyn, als ein haͤßlicher, ungelenker Toͤlpel, der—“ „Nicht geeignet iſt, Dein Liebhaber zu ſeyn,“ fiel ich ein. „Der nicht geeignet fuͤr meinen Umgang iſt;“ berichtigte Marie.—„Ich bedarf fuͤr jezt gar keine Liebebeweiſe mehr von Dir. Die Sache iſt, daß mein Vater alle ſeine Zeit, die er nicht im Kahne zubringen muß, im Bierhauſe mit Schmauchen verbringt; das iſt fuͤr mich recht langweilig, und weil ich nichts zu thun habe, ſchaue ich aus dem Fenſter und mache den jungen Leuten, die vorbei gehen, Geſich⸗ ter, nur um mir die Zeit zu vertreiben.— Vor ein oder zwei Jahren war das auch harm⸗ los genug; jezt aber, weißt Du Jakob—“ „Nun denn— jezt— was jezt?“ „Ich bin groͤßer geworden, das iſt's Ganze; und was man bei'nem kleinen Maͤdchen Un⸗ — 111— art nennen konnte, moͤgte man von einem jun⸗ gen Frauenzimmer fuͤr etwas Schlimmeres hal⸗ ten. Deshalb bin ich genoͤthigt worden, dies zu unterlaßen; weil ich aber nothwendig zu Hauſe bleiben muß und Niemanden habe, mit dem ich ſprechen koͤnnte, ſo machte es mich außerordentlich froh, als ich hoͤrte, Du ſollteſt kommen, und Du ſiehſt wohl ein, Jakob, daß wir Freundſchaft ſchließen muͤßen. Lange wage ich nicht mit Dir zu zanken, wiewohl das zu⸗ weilen, nur allein zur Abwechſelung geſchehen wird und um das Vergnuͤgen zu haben, mich wieder mit Dir auszuſoͤhnen. Hoͤrſt Du, was ich ſage— oder denkſt Du an andere Sachen.“ „Ich bedenke, daß Du ein eisihſ ſeltſames Maͤdchen biſt.“ „Darin magſt Du ganz recht haben; aber wie kann ich's aͤndern?“— Meine Mutter ſtarb, als ich fuͤnf Jahre alt war, und Vater konnt's nicht erſchwingen, mich auszuthun, alſo pflegte er mich den ganzen Tag lang ein⸗ zuſchließen, bis er vom Strome heimkehrte; erſt nachdem ich ſieben Jahre alt war und ihm ein wenig nuͤzlich wurde, ließ er die Thuͤr un⸗ 4 — 112— verſchloßen. Niemals werde ich den Tag ver⸗ geßen, an welchem er mir ſagte, daß er mir in Zukunft vertrauen und die Thuͤr offen laſ⸗ ſen wollte. Damals glaubte ich ſchon vollſtaͤn⸗ dig eine Frau zu ſeyn, und der Gedanke iſt mir ſeitdem geblieben. Ich erinnere mich noch, daß ich oft ausſchaute und mich danach ſehnte, in der Welt umherzuſtreifen, wenn ich aber nur drei oder vier Ellen mich von der Thuͤr entfernte, befiel mich ſolche Angſt, daß ich zu⸗ ruͤcklief, ſo ſchnell ich nur konnte.— Von der Zeit an bin ich nur ſelten eine Stunde außer dem Hauſe geweſen, und Fulham habe ich noch nie verlaßen.“ „Alſo gingſt Du nie zur Schule?“ „Nein— niemals. Oft wuͤnſche ich mir, daß das der Fall geweſen waͤre.— Ich pflegte die kleinen Maͤdchen zu betrachten, wenn die aus der Schule kommend mit ihren Beutelchen in den Haͤnden ſo vergnuͤgt unſer Haus vor⸗ beigingen; und waͤre es auch nur um die Freude geweſen, hin und zuruͤck zu gehen und ſich auf dem Schulwege zu vertreten, ſo bin ich gewiß davon, daß ich mir die groͤßte Muͤhe — 113— gegeben haben wuͤrde, haͤtte ich auch ſonſt nichts davon gehabt.“ „Noͤgteſt Du leſen und ſchreiben dernen?“ „Willſt Du mich's lehren?“ fragte Marie, erfaßte mich bei dem Arm und blickte mir ernſt in's Angeſicht. „Ja, mit Vergnuͤgen,“ antwortete ich la⸗ chend, damit werden wir den Abend beßer zu⸗ bringen, als mit Liebeleien, beſonders wenn Du ſo hart zuſchlaͤgſt.— Wie biſt Du in der⸗ lei Dingen ſo kundig geworden.“ „Das weiß ich nicht,“ erwiederte Marie laͤ⸗ chelnd,„ich nehme an, es iſt wie der Vater ſagt: Menſchennatur, denn gelernt habe ich nicht das mindeſte;— aber Du willſt mich leſen und ſchreiben lehren?“ „Ich will Dich Alles lehren was ich weiß, Marie, wenn Du zu lernen wuͤnſcheſt.— Al⸗ les, nur nicht Latein— davon haben wir genug gehabt.“— „O! ich werde Dir ſo dankbar ſeyn— ich werde Dich ſo lieben!“ II. 8 — 114— „Da biſt Du ſchon wieder.“ „Nein, nein, ſo meynt' ich nicht;“ erwie⸗ derte Marie recht ernſthaft;„ich meynte, daß — am Ende weiß ich doch nichts anderes zu ſagen. Ich meyne, daß ich Dich fuͤr Deine Guͤte lieben werde, ohne daß Du mich wieder liebſt, das iſt's.“ „Ich verſtehe Dich; nun aber Marie, da wir ſo gute Freunde ſeyn werden, iſt's auch noͤthig, daß Dein Vater und ich gute Freunde ſind; alſo muß ich von Dir erfragen, was fuͤr eine Art von Mann er iſt, denn ich kenne ihn wenig, und wuͤnſche natuͤrlich, ihm Alles nach ſeinem Sinne zu machen.“ „Nun um Dir meine Aufrichtigkeit zu be⸗ weiſen, will ich Dir etwas von ihm erzaͤhlen. Zuerſt iſt mein Vater ein ſehr gutmuͤthiger Mann. Er arbeitet ſo ziemlich, koͤnnte aber mehr verdienen, wenn er nicht vorzoͤge, im Wirthshauſe ſeine Pfeife zu rauchen. Von mir verlangt er nichts weiter, als daß ich ſein Eſ⸗ ſen fertig mache, ſeine Waͤſche rein halte und das Haus ordne. Niemals trinkt er zu viel und iſt immer ſehr anſtaͤndig in ſeinen Wor⸗ ten; aber er laͤßt mich zu viel allein, und ſpricht zu vielvon Menſchennatur, das iſt's.“ „Aber er kann ja nicht mit Dir ſprechen— weil er ganz taub iſt.“ „Gib mir Deine Hand;— ſo, nun ver⸗ ſprich— denn ich bin im Begriffe, eine rechte Albernheit zu begehen, naͤmlich einem Manne zu vertrauen— alſo verſprich, es nie wieder zu ſagen.“ „Das verſpreche ich;“ erwiederte ich, weil ich vermuthete, das Geheimniß wuͤrde nicht von Wichtigkeit ſeyn. „Wohlan— bedenke— daß Du verſprochen haſt. Mein Vater iſt ſo wenig taub, als Du oder ich.“ „Wirklich!“ ſagte ich,„aber man kennt ihn ja nur unter den Namen des tauben Sta⸗ pleton.“ „Das weiß ich, und er macht jedermann auch glauben, daß er taub iſt; aber nur um Geld zu verdienen.“ „Wie kann er damit Geld verdienen?“ — 116— „Viele Geſchaͤftsleute fahren den Strom hin⸗ ab, und wuͤnſchen waͤhrend der Fahrt von ih⸗ ren Angelegenheiten zu ſprechen, ohne daß man ſie aushoͤrt. Dieſe verlangen jedesmal den tau⸗ ben Stapleton; und dann gibt's auch manchen Herrn und manche Dame, die ſich einander recht vieles zu ſagen haben, ohne daß ſie be⸗ horcht zu ſeyn wuͤnſchen.— Du verſteheſt mich?“ „O ja! ich verſtehe— Latein 18 4 „Grade das;— nun die verlangen auch den tauben Stapleton; auf ſolche Weiſe erhaͤlt er mehr gute Fahrgelder, als irgend ein anderer Kahnfuͤhrer, und verrichtet doch wenig Arbeit.“ „Wie wird er's aber machen, nun ich bei ihm bin?“ 4 * „O ich vermuthe, das wird von ſeinen Kun⸗ den abhaͤngen; wenn eine einzelne Perſon hinabzufahren verlangt, ſo wirſt Du zu den Handrudern greifen; wollen ſie Doppelruder, ſo werdet ihr Beide den Schlag einſezen; und wenn er glaubt, daß der taube Stapleton ver⸗ langt wird, ſo wirſt Du am Lande bleiben, oder vielleicht wird er ſogar behaupten, daß Du auch taub biſt.“ „Aber ich liebe keinen Betrug.“ „Das iſt auch Unrecht; wiewohl mir ſchei⸗ nen will,'ne gute Menge Betrug wuͤrde in der Welt angewendet. Auf alle Faͤlle moͤgte ich's leiden, wenn Du Dich taub ſtellteſt und mir hinterher alles erzaͤhlteſt, was ſich die Leute ge⸗ ſagt haben. S' wuͤrde ſo ſpaßhaft ſeyn. Vater will mir niemals ein Wort ſagen.“ „Dadurch entſchuldigt Dein Vater ſein Vor⸗ geben bis zu einem gewißen Grade.“ „Ich denke mir, daß er Dir bald ſelber er⸗ zaͤhlen wird, was ich Dir jezt geſagt habe, bis dahin mußt Du aber Dein Verſprechen halten;— und jezt mußt Du thun, was Dir gefaͤllt, denn ich muß hinab in die Kuͤche und das Eßen auf's Feuer bringen.“ „Kann ich Dir helfen?“ ftagte ich,„ich habe nichts zu thun.“ „Gewiß kannſt Du mir helfen und kannſt zu mir ſprechen, was noch um vieles beßer iſt. Komm' herab und waſche fuͤr mich die Kar⸗ — 118— toffeln, ſpaͤter will ich ſchon mehr zu thun fin⸗ den.— Nun, ich denke, wir werden recht gluͤck⸗ lich ſeyn.“ Ich folgte Marie in die Kiiße, bald waren wir recht beſchaͤftigt und ſehr geraͤuſchig, wir lachten, ſprachen, blieſen das Feuer an und machten die Malzeit zurecht.— Gegen die Zeit der Ruͤckkunft ihres Vaters waren wir die be⸗ ſten Freunde. Fünktes Kapitel. — 4 Es iſt ſehr diktaktiſch und handelt recht gelehrt von den verſchiedenen Sinnen und von„Menſchenna⸗ tur;“ es verbreitet ſich ebenfalls uͤber die beſte Art und Weiſe, einen Moral⸗Philoſopben her⸗ vorzubringen;— in Wahrheit, es enthaͤlt Stoff zum Aufbauen eines Syſtems und noch eines hal⸗ ben Duzend von Theorien— ſo wie derley Dinge jezt gemacht werden. Nach dem Geheimniße, welches Marie mir anvertraut hatte, war ich geſpannt auf das Benehmen ihres Vaters; als er eine Zeitlang geſeßen und von verſchiedenen Sachen geſpro⸗ chen hatte und es ihm gar keine Schwierigkeit zu verurſachen ſchien, jede im gewoͤhnlichen Stimmlaute ihm zuüͤgerichtete Bemerkung zu beantworten, aͤußerte ich gegen ihn, er ſey doch nicht ſo taub, als ich es von ihm geglaubt haͤtte. „Nein, nein,“ erwiederte er,„im Hauſe hoͤre ich gut genug, aber in freier Luft kann ich gar nichts hoͤren, wenn jemand auf einige Schritte Entfernung von mir ſpricht.— Im Freien ſprich Du jedesmal mir nahe in's Ohr, aber nicht laut, dann werde ich Dich recht gut ver⸗ ſtehen.“ Ich blickte Marie an, die mir aus ihrem glaͤnzenden blauen Auge zulaͤchelte, und gab keine Antwort. „Dieſer Froſt wird anhalten, wie ich beſor⸗ ge,“ fuhr Steplaton fort,„und in den erſten Tagen werden wir nichts zu thun haben, als unſere Finger anzuhauchen, und unſer Erſpar⸗ tes zu verzehren; aber um dieſe Jahreszeit iſt niemals viel zu thun auf dem Strome.— Der Winter ſezt uns Kahnfuͤhrern arg zu.— Was mich betrifft, ſo rauch' ich meine Pfeife und bedenke die Menſchennatur;— was Du aber anfangen willſt Jakob, weiß ich wirklich nicht.“ „Er will mich leſen und ſchreiben lehren;“ fiel Marie ein. „Ob er das ſoll, weiß ich noch nicht recht;“ erwiederte Stapleton,„wozu ſoll Dir's leſen und ſchreiben nuͤzen? Wir baben ſchon zu viele Sinne, nach meinem Dafuͤrhalten— und wenn wir nun gar noch Gelehrſamkeit dazu haben ſollen— nun da iſt's deſto ſchlimmer fuͤr uns.“ „Wie viele Sinne gibt's denn, Vater 2 „Wie viele?— das kann ich wirklich nicht ſagen, aber mehr als genug, um uns zu ver⸗ wirren.“ „Ich glaube, es gibt nur fuͤnfe,“ ſagte ich, „da iſt zuerſt hoͤren.“ ‿ „Gut,“ erwiederte Stapleton,„hoͤren mag zuweilen nuͤzlich ſeyn, aber nicht hoͤren iſt zu Zeiten ſehr viel angemeßener.— Ich verdiene zweimal ſo viel Geld, ſeitdem ich den beſten Theil meines Gehoͤrs verloren habe.“ „Ferner haben wir ſehen,“ fuhr ich fort. „SIch gebe zu, ſehen iſt zuweilen nuͤzlich; aber dies weiß ich auch fuͤr ganz gewiß, daß wenn Einer'n junges Paar auf dem Strome umherrudern koͤnnte, und mitunter im Stande II. 8*½ waͤre nicht zu ſehen, der wuͤrde manche halbe Krone in ſeine Taſche ſtecken.“ „Weiter haben wir: ſch mecken.“ „Hat gar keinen Nuzen, das— iſt nur'ne Quaͤlerey.— Wenn's kein ſchmecken gaͤbe, wuͤrde es uns ganz einerlei ſeyn, ob wir Schwarz⸗ brod aͤßen oder Roaſt⸗ beef, ob wir Waßer traͤn⸗ ken, oder Doppel⸗Ale; und das wuͤrde kein geringes Erſparniß ſeyn bei den jezigen ſchlim⸗ men Zeiten.“ „Nun, was ſagt Ihr denn, vom riechen.“ „Riechen hat nicht den allermindeſten Nuzen; fuͤr einen guten Geruch den man laͤngs dem Stromufer bekommt, hat man zehn abſcheu⸗ liche; und ſo iſt's nach meiner Ueberzeugung uͤberall.“ „Welcher iſt der naͤchſte nun, Jakob?“ fragte Marie mit ſchelmiſchem Laͤcheln.“ „Fuͤhlen.“ „Fuͤhlen; das iſt noch der ſchlimmſte von Allen. Immer fuͤhl' ich's zu kalt im Winter, und zu heiß im Sommer;— und jeden Stoß fuͤhl ich auch; fuͤhlen verurſacht nur Schmerzen — das iſt ein rechter ſchlechter Sinn.“ „Alſo muß ich annehmen, Ihr ſeyd der Mey⸗ nung wir wuͤrden ohne unſere Sinne viel beßer fortkommen.“ „Nein, nicht ohne Alle von ihnen; ein bis⸗ chen hoͤren und ein wenig ſehen iſt recht gut; aber es gibt noch andere Sinne Jakob, die Du vergeßen haſt. Da iſt nun einer den ich fuͤr den allerbeſten aus dem ganzen Buͤndel halte, und der iſt rauchen.“ „Ich habe niemals gehoͤrt, das ſey ein Sinn,“ erwiederte ich lachend. „Dann haſt Du Deine Erziehung nicht halb zum Ende gebracht, Jakob.“ „Sind Leſen und Schreiben, Sinne, Va⸗ ter?“ fragte Marie. „Gewiß ſind ſie das, Maͤdchen; denn ohne Sinn kannſt Du weder leſen noch ſchreibenz und rudern iſt eben ſowohl ein Sinn; und es mag noch viele andre Sinne geben; aber nach meiner Meynung ſind die meiſten Sinne Unſinn, und fuͤhren zu nichts als Unthat. „Jakob,“ lispelte Marie mir in's Ohr,„iſt Lieben nicht ein Sinn?“ 1 — 124— „MNein, das iſt Unſinn,“ erwiederte ich. „Wenn das iſt,“ entgegnete ſie,„ſo halt' ich mit meinem Vater dafuͤr, daß Unſinn beßer iſt als Sinn; aber immer ſehe ich noch nicht ein, weshalb ich nicht leſen und ſchreiben ler⸗ nen ſollte, Vater.“ „Ich habe mein ganzes Leben lang darohne zugebracht und hab'n Mangel davon gar nicht verſpuͤrt— warum ſollt'ſt Du das nicht auch.“) „Weil ich den Mangel davon empfinde.“ „Das magſt Du wohl— aber ich ſage Dir 's fuͤhrt zu nichts Gutem. Schau nur die Leute da in den Federn, die waren alle recht gluͤck⸗ lich, bis der Jem Holder, der'n Gelehrter iſt, zwiſchen ſie kam, und jezt ſeitdem der ihnen vorlieſt thun ſie nichts als brummen und knur⸗ ren, und ſprechen von ich weiß nicht was— von Korngeſezen, von Taxen, von Freiheit und anderm ſolchen Unſinn.— Sag' mir nur, was Du mehr thun koͤnnteſt als Du jezt thuſt, wen Du leſen und ſchreiben lernteſt!“ 4 „Ich koͤnnte mich allein vergnuͤgen, wenn ich 4 nichts zu thun habe, Vater, wenn Ihr und 41 Jakob hinaus ſeyd. Manchmal ſeze ich mich — 125— nieder, wenn alle meine Arbeit gethan iſt, und uͤberlege was ich nun vornehmen kann, und zulezt ſchau ich zum Fenſter hinaus und mache andern Leuten Geſichter, weil ich nichts Beßeres zu thun habe. Alſo Vater muͤßt Ihr zugeben, daß er mich lehrt zu ſchreiben und zu leſen.“ „No Marie, was Du willſt, das willſt Du; aber bedenke wohl, tadle Du mich nicht des⸗ halb— Du mußt's Alles auf Deinen Kopf nehmen, und nichts auf mein Gewißen laden. Ich habe ſo'n vierzig oder fuͤnfzig Jahre in dieſer Welt gelebt, und alle mein Ungluͤck ruͤhrte davon her, daß ich zu viel Sinne hatte, und alle mein gutes Gluͤck verdanke ich dem, daß ich mich davon los machte.“ „Ich wuͤnſchte Ihr wolltet mir erzaͤhlen, wie ſich das machte;“ ſagte ich;„ſehr gern moͤgte ich das hoͤren, und es wuͤrde eine Lehre fuͤr Marie ſeyn.“ „Nun, Jakob, ich habe nichts dagegen, das zu thun, nur muß ich meine äfeife erſt an⸗ brennen; und Du Marie, geh' hol' uns'nen Krug Bier.“ „Laßt Jakob gehn, Vater. Ich denke den — 126— kuͤnftig fuͤr alle meine Beſtellungen auszu⸗ ſchicken.“— „Du darfſt Jakob nicht's heißen, Marie.“ „Nein, nein,— ich denke nicht daran, ihm etwas zu heißen,— aber ich weiß, er wird's thun— willſt Du nicht, Jakob?“ „Ja, mit Vergnuͤgen,“ erwiederte ich. „Nun dann, von Herzen gern, vorausgeſezt, daß Alles aus Liebe geſchieht;“ ſagte Sta⸗ pleton. „Gewiß aus Liebe,“ antwortete Marie, blickte mich an, und ſezte hinzu—„oder iſt s um ˙s Latein, Jakob.“ „Was iſt Latein?“ fragte ihr Vater. „O! das iſt ein neuer Sinn, von dem Ja⸗ kob mir einiges gezeigt hat, und der ſich gleich manchen andern, als Unſinn erwies.“ Ich ging das Bier zu holen, als ich zuruͤck⸗ kehrte, fand ich das Feuer munter brennend, ſo wie auch einen ſtarken Sinn von Rauch aus Stapletons Pfeife. Er that noch einige kraͤftige Zuͤge und begann ſeine Geſchichte ſo⸗ dann, wie folgt: — 127— „Genau kann ich nicht ſagen, wann ich ge⸗ boren bin, noch wo, von wegen daß ich weder Vater noch Mutter je darum befragt habe, und die ſagten mir's deshalb nicht, weil ich niemals darnach fragte, und das iſt alles ganz uͤberein⸗ ſtimmig mit Menſchen⸗Natur.“ Hier hielt Stapleton etwas ein, ſezte die herausgenommene Pfeife wieder an ſeinen Mund, und that drei Zuͤge. „Ich erinnere mich, als ich ſo'ne kleine Kroͤte von zwei Fuß und nichts hoͤher war, daß meine Mutter mich den ganzen Tag zu klopfen pflegte, und daß ich in eben dem Ver⸗ haͤltniße zu ſchreien pflegte.— Mein Vater, rief dann wohl dazwiſchen, es ſey eine Schande, dann flog ſie ihm an den Kopf;— er pruͤgelte ſie; mit ihrer Schuͤrze vor den Augen ſaß ſie dann in einer Ecke und weinte, und ich mit meinem Bindevor in der andern; das war Alles nichts anders, als Menſchen⸗Natur.“ Eine Pauſe und ſechs oder ſieben Zuͤge aus der Pfeife. „Man ſchickte mich in eine Schule, fuͤr einen Pfenning woͤchentlich, um mich aus dem Wege — 128— zu bringen, und mich von Unthat abzuhalten; — Ich lernte gar nichts anders als auf der Bank ruhig ſizen, und ſtill mein Maul halten; deshalb pflegte ich mich damit zu vergnuͤgen, meine beiden Daumen um einander zu drehen, und nach den Fliegen zu ſchauen, die zur Som⸗ merzeit durch's Zimmer ſummſeten, und im Winter, von wegen daß es dann gar keinerlei Art von Fliegen gab, pflegte ich die alte Schul⸗ frau zu betrachten, wenn die an ihrem Strumpfe ſtrickte, und ſehnte mich dabei nach der Zeit zu welcher ich nach Hauſe gehen, und mein Abendeßen bekommen wuͤrde, was bei einem Kinde nichts anderes war, als Menſchen⸗ Natur.“ Drei lange Zuͤge aus der Pfeife. „Vater und Mutter wohnten in einem Kel⸗ ler; Mutter verkaufte Kohlen und Kartoffeln, und Vater ging aus, um auf den Barken im Strome Arbeit zu verrichten. Sobald ich alt genug dazu war, ließ die Schulfrau wißen, ich muͤße nun leſen und ſchreiben lernen, und von jezt an muͤße ſie woͤchentlich drei Pfenninge Bezahlung haben; aber mein Vater nahm mich aus der Schule weg, von wegen, daß er glaubte, — 120— ich haͤtte Erziehung genug gehabt; Mutter pflanzte mich auf einen umgeſtuͤrzten Korb, und ließ mich aufpaßen, daß ihr Niemand von ihren Waaren naͤhme, waͤhrend ſie unten zu thun hatte; ſo pflegte ich nun den ganzen Tag zu ſizen, und die Kohlen nebſt den Kartoffeln zu bewachen, und faſt niemals mit jemandem zu ſprechen; weil ich denn nichts Beßeres zu thun hatte, pflegte ich an dies und das, und Ln Alles zu denken, und wie bald das Mittag⸗ eßen wohl fertig ſeyn moͤgte, und wann ich vom Korbe herunter duͤrfte; denn ſchaut nur, denken iſt ein anderer von den Sinnen, und wenn einer nichts zu thun hat, und nichts zu ſprechen, dann iſt denken nichts mehr und nichts weniger als Menſchen⸗Natur.“ Einige raſche Zuͤge aus der Pfeife und ein langer Zug aus dem Bierkruge. n„Zulezt wuchs ich heran zu'nem großen, dicken Jungen, und Mutter ſagte, ich aͤße zu viel, und muͤße meinen Unterhalt auf eine oder die andere Art zu verdienen ſuchen, und Vater ſtimmte dies einemal ihr bei; es war aber doch noch einige Schwierigkeit dabei, zu wißen wie das anzufangen waͤre, bis dieſe beſeitigt wuxde, Il. 9 — 130— that ich wieder gar nichts anders als Kohlen und Kartoffeln bewachen, wie vorher. Eines Tages wollte Mutter mir nicht genug zu Eßen geben, deshalb nahm ich mir ſelber; deshalb pruͤgelte ſie mich; deshalb pruͤgelte mein Vater mich als der nach Hauſe kam; deshalb mache ich mich auf die Beine, und renne eine gute Meile weit, bevor ich nur mal daran denke wie ich's machen will um zu leben; und da war ich nun recht muͤde, recht ungluͤcklich und recht hungrig.“ Orei bis vier eilige Zuͤge und ein Aus⸗ ſpucken. * „Ich gehe weiter und weiter, und ſteige dann hiinter einer Kutſche auf, nun peitſcht mich der Geſell, und ich mache mich eilig wieder herab, und falle in der Straße nieder, und ehe ich noch wieder aufkommen konnte, faͤhrt ein Gentleman im Gig grade uͤber mich hin, und bricht mir mein Bein. Ich ſchrie auf vor Schmerz; haͤtte ich nur den Sinn des Fuͤhlens nicht gehabt, ſo wuͤrde ich das natuͤrlich gar nicht beachtet haben.— Er haͤlt ein, ſteigt aus und ſagt mir, er ſey ſehr betruͤbt daruͤber. Ich ſage ihm, das bin ich auch. Sein Diener ruft einige Leute ——ÿ—ÿ—ꝛ:—— — 131— herbei, und die tragen mich in ein Wirthshaus, und legen mich auf den Tiſch zwiſchen alle die Bierkruͤge; er ſchickt fuͤr einen Doktor, der legt mich auf's Bett, und richtet mein Bein wieder zurecht; und nun ward fuͤr mich geſorgt, mindeſtens ſechs Wochen lang, waͤhrend wel⸗ chen der Gentleman vorkommt und fraͤgt wie ich mich befinde, und ich antworte:„ziemlich gut, ich danke.“. Ein Paar kalte Zuͤge,— die Aſche wird ausgeklopft, die Pfeife neu geſtopft, angebrannt, ein Trunk Bier wird genommen, und dann fortgefahren. „Als ich nun wieder hergeſtellt war, und auf meinen Pinnen ſtand, ſagt der Gentleman: „Was kann ich fuͤr Dich thun?“— und der Wirth bricht's kurz ab durch die Erklaͤrung, daß er einen Krug⸗Jungen gebrauche, wenn ich dazu Luſt haͤtte.— Wenn ich nun auch die Kruͤge nicht liebte, ſo liebte ich dagegen den Porter, den ich im Vaterhauſe nicht zu koſten bekommen hatte, alſo nehme ich das an. Der Gentleman bezahlt die Koſten fuͤr meine Hei⸗ lung, giebt mir eine halbe Guinee und den guten Rath, ein andermal mich nicht mitten — 132— im Fahrwege hinzulegen.— Ich ſage ihm, das will ich nicht wieder thun, er ſpringt in ſein Gig, und mein Auge hat ihn ſeitdem uiht wiedergeſehn. „Drei Jahre blieb ich bei meinem Herrn, trug Bier aus zu ſeinen Kunden, und nahm jedesmal aus jeglichem Kruge ein weniges fuͤr mich ſelber, denn das iſt nichts anderes als Menſchennatur, wenn eine Sache uns ſchmecktz; aber niemals kam ich in Ungelegenheit, als nur einen Tag, an dem ich ſah, daß meine Haus⸗ frau im Hinterzimmer mit einem Probenreiter kuͤßte. Anfangs ſagte ich nichts; zulezt aber fahe ich gar zu viel, und erzaͤhl''s meinem Herrn, der in Wuth geraͤth, und zu ſeiner Frau hineingeht; eine halbe Stunde bleibt er bei ihr, dann kommt er wieder, treibt mich mit Fußſtoͤßen zum Hauſe hinaus, nennt mich einen Luͤgner, und verbietet mir mein Geſicht wieder blicken zu laßen. Ich werfe einen Bier⸗ krug an ſeinen Kopf, zeige ihm Alles nur mein Geſicht nicht, denn ich laufe davon ſo ſchnell ich nur konnte. So viel fuͤr ſehen; haͤtte ich nicht geſehen, ſo waͤre das niemals vorgefallen. Alſo war ich hinausgeſtoßen, und adien Porter.“ — — 133— Einige ſcharfe Zuͤge;„Marie, wo iſt mein Tabakſtopfer?“— niedergedruͤckt,— angezo⸗ gen,— ausgeſpuckt und fortgefahren. „Gut, ich gehe nach Lonnon, denke an Ehe⸗ maͤnner und ihre Frauen, an Porter und Men⸗ ſchen⸗Natur, bis ich angekommen bin, und alle die aufgehellten Lampen erblicke, und mich dann beſinne, daß ich kein Nachtquartier habe, da fiel mir ganz ploͤzlich mein Vater und meine Mutter ein, ich moͤgte wohl wißen wie es ihnen erginge. Alſo dacht ich, ich wollte hingehen und zuſehn, und dahin ging ich;— komme zu dem Keller und ſteige hinab. Da ſizt meine Mutter mit'nem Quartier Genever vor ſich, ſchwingt ſich hin und her, und murmelt zu ſich ſelberz alſo ſag' ich:„Mutter, wie ſteht's jezt?“ da ſpringt ſie auf, herzt und druͤckt mich, und ſagt, ich ſey der einzige ihr gelaßene Troſt. Ich ſchaue nach dem Quartier, und bin ande⸗ rer Meynung; dann ſeze ich mich zu ihr, ſie gießt ein Glas voll, und gießt auch allen ihren Kummer aus, ſagt mir, daß mein Vater ſie um ein anderes Frauenzimmer verlaßen habe, das in'ner andern Straße'nen andern Keller hielt, und wie ſie recht ungluͤcklich ſey, und — 134— wie ſie zum Brantwein ihre Zuflucht naͤhme was nichts anders war als Menſchen⸗Natur, wie ihr ſeht,— und wie ſie im Sinne habe, ihr Ende herbeizufuͤhren; und dann ſchickt ſie fuͤr mehr Quartiere, und wir bringen die zu Ende. War es die Freude mich wieder zu fin⸗ den, oder der Kummer uͤber den Verluſt mei⸗ nes Vaters, oder die Quartiere Genever, oder alles zuſammen, genug ſie ging ſchreiend be⸗ trunken zu Bett, und fiel in feſten Schlaf. 8 Das that ich auch, und dachte, Heimath iſt am Ende doch Heimath. Am folgenden Mor⸗ gen nehme ich das Geſchaͤft auf mich, und finde daß Handel zulezt doch ſo uͤbel nicht iſt; alſo nehme ich Alles unter meine Anordnung, be⸗ wahre alles Geld, und halte Mutter in Ord⸗ nung, und erlaube kein Trinken und kein ungere⸗ geltes Betragen im Hauſe; aber alle Abend gehe ich nach'nem Wirthshauſe und nehme meine Pfeife und'nen Krug Porter. „Nun, Alles ging einen Monat lang recht— gut, wer ſollte da kommen, mein Vater; was ich gar nicht billigte, weil ich Meiſter zu ſeyn wuͤnſchte.— Ich ſage alſo zu ihm, weil ich ein kraͤftiger Burſche war,„wenn Ihr ge⸗ —,— — 135— kommen ſeyd um meine Mutter zu mißhandeln, ſo werde ich Euch in den Rennſtein werfen, Vater. Geht Ihr zu Eurem neuen Weibe. Schaͤmt Ihr Euch gar nicht?“ So ſag' ich; Vater, ſchaut mir in's Geſicht, und ſagt mir, ich ſolle ihm nicht in den Weg kommen, oder er wolle Kazenfleiſch aus mir machenz dann geht er zu meiner Mutter, und nach einer Vier⸗ telſtunde die ſie mit Schluchzen und er mit Schmeichelworten verbringt, kuͤßen ſie ſich und ſöͤhnen ſich aus; und dann wenden ſie ſich beide gegen mich, befehlen mir den Keller zu ver⸗ laßen, und mein Angeſicht niemals wieder zu zeigen. Ich verweigere das; Vater ſtuͤrzt auf mich ein, und Mutter hilft ihm; die Beiden ſchieben und ſtoßen mich hinaus, und uͤberlaßen mir mein Brod zu finden wie und wo ich kann. — Von der Zeit an, habe ich niemals wieder einer Frau Angelegenheit vertheidigt.“ Einige ſtarke, raſche Zuͤge und ein tiefer Seufzer. „Ich gehe hinab zur Waßerſeite, und weil ich noch ein Paar Schillinge in der Taſche hatte in ein Wirthshaus um'nen Tropfen zu trinken und ein Bett zu bekommen. Als ich — 136— grade eintrat, ſah ich einen Mann der Wirthin eine Banknote zum wechſeln geben, und ſie gab ihm zuruͤck. „Das will's nicht thun, ſagte er, der halb betrunken war,— ich gab Euch'ne zehn Pfund Note, und dieſer Burſche iſt mein Zeuge.“ „Es war nur'ne Eins;“ ſprach die Frau. „Ihr ſeyd'ne verfluchte alte Betruͤgerin,“ antwortet er,„und wenn iyr mir das Geld nicht herausgebt, will ich's Haus in Brand ſtecken, und euch bei lebendigem Leibe ver⸗ brennen.“ „Das gab nun heftigen Zank und Laͤrmen, er geht zum Konſtabel und laͤßt ſie verhaften, und mich ebenfalls als ſeinen Zeugen, und ſie wiederum laͤßt ihn verhaften, und ſo werden wir alleſammt zum Wachhauſe gefuͤhrt, und muͤßen auf den Baͤnken ſchlafen. Am folgenden Morgen muͤßen wir alle vor dem Magiſtrat erſcheinen; der Mann erzaͤhlt ſeine Geſchichte und ruft mich als Zeuge auf; weil ich mich aber beſann wie viel ich ſchon durch ſehen ge⸗ litten hatte, ſo wollte ich dieſesmal nicht ſehen. Es mogte gern eine Zehn⸗Pfund⸗Note geweſen — 137— ſeyn, denn gewißlich hatte ſie nicht das Anſe⸗ hen einer Ein⸗Pfund⸗Note; mein Zeugniß ſprach gleichwohl mehr fuͤr, als gegen die Frau, denn ich bewies nur, daß der Mann betrunken ge⸗ weſen war; ſie wurde entlaßen und ich folgte ihr nach ihrem Hauſe. Da ſagt ſie:„Du biſt ein huͤbſcher Junge⸗, und ich will Dir'nen guten Dienſt fuͤr den thun, den Du mir erwieſen haſt. Mein Mann iſt'n Kahnfuͤhrer, und ich will Dir die Frei⸗ heit auf dem Strome verſchaffen; denn er hat keinen Lehrling, und Du kannſt an's Land kommen und im Gaſthaus bleiben, wenn Du auf dem Waßer nicht noͤthig biſt.“ „Mit Freuden nahm ich das Erbieten an, und kam ſo durch nicht ſehen zu einem re⸗ gelmaͤßigen Unterkommen. Nun Jakob, wie ge⸗ faͤllt Dir's?“ „Sehr gut,“ erwiederte ich. „Und was ſagſt Du, Marie?“ „Ol ich hoͤre es recht gern; aber ich wollte Vater, Ihr erzaͤhltet weiter, denn ich moͤgte gar zu gern wißen, wie Ihr verliebt wurdet und meine Mutter heirathetet.“ — 138— „Nun, Du ſollſt*s Alles haben, nur ein bischen Geduld, ich muß mich mal erſt etwas ausruhen.“ Sechstes Kapitel. Ein ſehr ſinnreiches Kapitel, das ſich auf die Sinne bezieht. Dadurch, daß Stapleton die ſeinigen in ſtrengen Aufſicht nimmt, haͤlt er ſeinen Kopf in ſeinem Kahne uͤber Waßer.— Er wird ge⸗ zwungen um ſeine Frau zu boyxen, und als er ſie gewonnen hat muß er auch noch boxen um ſie zu behalten.— Kein ſonderlicher Preis— aber es machte ihn zu einem Preiskaͤmpfer. Der alte Stapleton rauchte ſeine Pfeife aus, nahm einen tuͤchtigen Zug aus dem Porterkruge; ſtopfte aufs neue, brannte an, paffte einige⸗ male zum Verſuche, raͤuſperte ſich, und fuhr dann fort: „Nun ſeht, Bartley ihr Mann, war der ausgemachteſte Schurke auf dem Strome; er — 140— war zu Allem faͤhig, und nichts konnte ihn zuruͤckhalten. Er raubte eben ſo viel auf dem Waßer als ſie auf trocknem Lande, denn oft habe ich nachher geſehn, daß ſie unrichtig Wech⸗ ſelgeld herausgab, ſodald die Leute betrunken waren, ich machte mir's aber zum Geſez, je⸗ desmal wegzugehn. Bartley trieb ſein Weſen bei Nacht, manchen Ring Tauwerk habe ich an's Ufer getragen, den er, wenn er auch Geld dafuͤr zahlte, doch nicht vom geſezlichen Eigen⸗ thuͤmer erkauft hatte, aber niemals hoͤrte ich, noch ſah ich, das war mein Lehrſpruch; und dabei fuhr ich recht wohl bis ich meine Lehrzeit ausgedient hatte; alsdann gaben ſie mir ihren alten Kahn, und bauten fuͤr ſich ſelber einen neuen.— Alſo begann ich nun mein Geſchaͤft fuͤr eigene Rechnung und ſah und hoͤrte, und hatte meine Sinne ſo, wie ſie fruͤher waren, 4 — deſto ſchlimmer fuͤr mich, denn nichts Gutes kam davon.“ Vier lebhafte Zuͤge aus der Pfeife. „Die Bartleys wollten, ich ſollte mit ihnen zuſammen bleiben, das ging aber nicht; denn wiewohl ich mich niemals in anderer Leute An⸗ gelegenheiten mengte, mogte ich ſelber doch nicht 88 — 141— den unrechten Weg gehen. Seit fuͤnfzig und mehr Jahren habe ich geſehn, wie die Leute in der Welt einer den andern betriegen, das geht mich aber nichts an; die Welt kann ich nicht beßer machen, alſo iſt Alles was ich da⸗ von denke dieſes, ſelber redlich zu bleiben; und wenn Jedermann nur ſeine eigene Seele unter Aufſicht halten, und ſich nicht um ſeine Nachbarn bekuͤmmern wollte, nun da wuͤrde es um ſo viel beßer ſtehen mit der Menſchen⸗ Natur. Meinen Kahnplaz hatte ich am Schwa⸗ nen⸗Stege, verdiente meinen Unterhalt, und verzehrte mein Geld ſo wie's einging, denn ich war damals viel zu jung um nach truͤben Regentagen auszuſehn. „Eines Abends kommt ein junges Frauen⸗ zimmer in'nem Mantel die Stegtreppe herab, und traͤgt ein Buͤndel in ihren Armen, und ſcheint in gewaltiger Aufwallung, und verlangt ein Boot. Ich ſtoße aus der Reihe vor, lege bei der Treppe an, und helfe ihr einſteigen. Sie gleitet bei'm Uebertreten aus, ich faße zu um ſie vor dem Fallen zu ſchuͤzen, und im Zugreifen faßt meine Hand auf den Buͤndel, den ſie im Arme traͤgt, und ich fuͤhle das warme Geſicht eines kleinen Kindes. — 142— „Wo ſoll ich hinrudern, Madam?“ frage ich. „Ueber den Strom, und landet am jenſeitigen Ufer; antwortet ſie, und dann hoͤre ich wie ſie weint und ſchluchzt— als ſollte das Herz ihr brechen.— Als wir mitten im Strome waren, hebt ſie den Kopf in die Hoͤhe, blickt dann zu⸗ erſt nach dem Kind im Bunde und kuͤßt es, dann ſchaut ſie hinauf zu den Sternen die am Himmel funkelten. Noch einmal kuͤßt ſie das Kind, ſpringt auf, und eh' ich noch gewahren konnte was ſie vorzunehmen dachte, wirft ſie mir ihre Boͤrſe zu, wirft das Kind in's Waßer, und ſpringt dann ſelber hinein. Augenblicklich hole ich den Kahn ſcharf herum, und weil ich ſie anſichtig werde, rudre ich ein Paar tuͤchtige Schlaͤge, bin ihr zur Seite und erfaße ſie an ihren Kleidern. Nach vielem Anſtrengen bringe ich ſie in den Kahn, und ſobald ich bemerke, daß ſie wieder zu ſich gekommen war, rudre ich ſie zum Stege zuruͤck, an dem ſie einſtieg. So⸗ bald ich anlege, hoͤre ich viel Laͤrmen und Spre⸗ chen, und Menſchen ſtanden umher; dieſe ſchie⸗ nen ihre Angehoͤrige zu ſeyn, welche ſie vermißt haben mußten, und hier gefragt hatten, ob ſe ein Boot genommen habe; waͤhrend ſie noch = 13— die Beſchreibung von ihr machen, und die an⸗ dern Kahnfuͤhrer ihnen ſagen, daß ich ſo eine wie die beſchriebene Perſon uͤbergefahren haͤtte, bringe ich ſie zuruͤck. Nun, die nehmen ſich ih⸗ rer an, und fuͤhren ſie fort, und da faͤllt mir zuerſt wieder die Boͤrſe ein, die im Kahne auf dem Boden lag, die nehme ich auf, und ſicher⸗ lich genug waren vier goldene Guineen darin, und auch noch Silbermuͤnze. Die Kahnfuͤhrer am Stege fragten mich aus, ich nahm mich aber in Acht, und ſage ihnen nur, daß das arme Maͤdchen ſich in's Waßer ſtuͤrzte, und daß ich ſie wieder herauszog; eine Woche ſpaͤter hatte ich das faſt vergeßen, als ein Polizeyoffi⸗ ziant kommt, und fraͤgt, ob ich der Kahnfuͤhrer Stapleton bin? Als ich das bejahe, muß ich mit ihm zur Polizey, und da finde ich das arme junge Frauenzimmer verhaftet und auf Kindermord angeklagt: Nun beginnen ſie da⸗ mit mich auf meinen bibliſchen Eid zu befra⸗ gen, und ich muß ihnen den ganzen Hergang erzaͤhlen; denn wenn ihr auch bei paßender Gelegenheit alle eure Sinne verliert, ſo bringt ein Eid auf die Bibel abgelegt, ſie doch alle wieder zuruͤck, ich weiß nicht wie. „Sah't Ihr das Kind?“ fragt der Richter. —— — 144— „Ich ſah ein Buͤndel,“ antwort' ich. „Hoͤrtet Ihr das Kind ſchreien?“ fragt er wieder. „Nein, das that ich nicht;“ ſag ich und glaubte nun, ich haͤtte das junge Frauenzimmer losge⸗ eiſet; der Richter aber war ein alter Fuchs, und hatte alle ſeine Sinne an den fuͤnf Fin— gerſpizen.— Alſo ſagt er:„als dieſes junge Frauenzimmer in das Boot ſtieg, gab ſie Euch den Buͤndel?“ „Nein;“ war meine Antwort. „Alſo habt Ihr den gar nicht angeruͤhrt?“ „Ja, das that ich, als ihr Fuß ausglitt.“ „Und wie war der Buͤndel im Anfuͤhlen?“ „Es fuͤhlte ſich an wie'n Stuͤck Menſchen⸗ Natur, und ganz warm;“ ſagte ich. „Wie meynt Ihr das?“ fragt er. „Nun, im Anfuͤhlen hielt ich es fuͤr ein kleines Kind.“ „Und es war ganz warm, ſagt Ihr?“ „Ja, das war es,“ gab ich zur Antwort. „Nun, und was geſchah weiter?“ —— 4 4 — 145— „Je nun, als wir mitten im Strome waren, ſtuͤrzten ſie und das Kind uͤber Bord; ſie zog ich wieder in den Kahn, das Kind aber konnte ich nicht gewahren.“ „Zum Gluͤck fuͤr das arme Maͤdchen fragten ſie mich nicht, wer zuerſt uͤber Bord ging und das rettete ihr Leben. Sechs Monate Gefaͤng⸗ niß wurden ihr zuerkannt und dann ward ſie frei gelaßen, aber Ihr ſeht wohl ein, waͤre es nicht fuͤr mein ungluͤckliches Fuͤhlen des Kin⸗ des und ſeiner Waͤrme geweſen, wodurch er⸗ wieſen wurde, daß es lebte, ſo waͤre die arme junge Perſon vielleicht ganz freigeſprochen. So viel vom Sinne des Fuͤhlens, von dem ich ſage, daß er keiner Seele nichts nuz iſ. ſon⸗ dern nur ne Quaͤlerei.“ Starkes Paffen;— die Pfeife iſt aus, wird wieder angezuͤndet;— einige raſche Zuͤge. „Aber Vater,“ fragte Marie,„habt Ihr je⸗ mals die Geſchichte von dem armen Maͤdchen gehoͤrt?“ „Ja, gehoͤrt hab' ich, daß es ein harter Fall mit ihr war, daß ſo'n Geſell ſie verfuͤhrt und nachher mit ihrem Saͤuglinge verlaßen hatte, Il. 10 — 146— worauf ſie den Entſchluß faßte, ſich zu erſau⸗ fen— armes Geſchoͤpf!— und ihr Kind dazu. Haͤtte ſie blos verſucht, ihr Kind zu ertraͤnken, dann wollte ich geſagt haben, es ſey ganz un⸗ natuͤrlich geweſen; weil ſie aber wuͤnſchte, ſich zu gleicher Zeit mit zu ertraͤnken, ſo halte ich dafuͤr, daß ihr Ertraͤnken des Kindes, um es mit ſich in den Himmel zu nehmen, ganz na⸗ tuͤrlich war und ganz uͤbereinſtimmig mit Men⸗ ſchennatur. Liebe iſt'n Sinn, den junge Frauen⸗ zimmer ſo viel als moͤglich unterdruͤcken ſoll— ten, Marie; es kommt nichts Gutes aus dem Sinne.“ „Und doch ſcheint er mir Menſchennatur zu ſeyn, Vater,“ erwiederte Marie. „Das iſt er auch, aber s'iſt Unheil darin, Maͤdchen, alſo habe Du niemals nichts damit zu thun.“ „War es ein Unheil, als Ihr in meine Mutter verliebt wurdet und ſie heirathetet?“ „Das ſollſt Du hoͤren, Marie,“ ſagte Sta⸗ pleton und fuhr fort: „Es war ungefaͤhr zwei Monate, nachdem das arme Maͤdchen ſich in's Waßer geſtuͤrzt — 147— hatte, als ich Deine Mutter zum erſtenmale ſah. Damals war ſie vielleicht zwei Jahre aͤl⸗ ter, als Du jezt biſt, und recht ſehr ſo'ne Perſon wie Du, im ganzen Ausſehen.— Am naͤmlichen Stege, wo ich meinen Anlegeplaz hatte, fuhr auch ein junger Mann mit ſeinem Kahne, der Ben Jones hieß; er und ich wa⸗ ren dicke Freunde, pflegten uns einander ſtets zu helfen, und wenn'ne Fahrt mit Schlagru⸗ dern verlangt wurde, ſo ſezten wir zuſam⸗ men ein.— Der ſagt eines Abends zu mir: „Komm' herauf, Will', und ich will Dir'n teufelmaͤßig ſchoͤnes Stuͤck Stoff zeigen.“ Ich gehe mit ihm und er fuͤhrt mich zu'nem La⸗ den, wo ſie Seevorrath verkaufen, und wir ge⸗ hen und finden Deine Mutter im Hinterzim⸗ mer. Ben ſchickt fuͤr Pfeifen und Porter, und wir ſezen uns und machen's uns ganz behag⸗ lich. Nun ſieh', Marie, Deine Mutter die war von der rechten flatterhaften Art von Maͤdchen, die einen Liebhaber abſchaffen und'nen andern nehmen wollte, ganz wie ihre Laune und ihr Verlangen ihr das eingeben mogten.“ Ich blickte Marie an, ſie ſchlug ihre Augen niedern. — 148— „Dergleichen Weibsvolk richtet gewaltig viel Unheil unter den Maͤnnern an, und ſelten nimmt's'n gutes Ende; Dich, Marie, wollte ich lieber Morgen im Sarge ſeben, als den⸗ ken, Du waͤrſt eine von den liebaͤugelnden Flat⸗ terzungen.— Ben Jones war verliebt in ſie, wollte ſie heirathen, um ſeinetwillen hatte ſie ſchon einen huͤbſchen Burſchen fortgeſchickt und er pflegte alle Abende bei ihr zuzubringen, weil man glaubte, ſie wuͤrden im Laufe eines Mo⸗ nats die Heirath ſchließen; doch als ich dort komme, bricht ſie ganz und gar mit ihm, haͤlt ſich an mich, macht mir Liebaͤugeleien, trinkt Porter aus meinem Kruge und verweigert ſei⸗ nen, bis der arme Ben ganz toll und außer ſich war.— Das muß ich aber ſagen, 8' war nicht Menſchennatur, die großen blauen Augen — grade ſolche wie Deine, Marie— auszu⸗ halten, wenn die auf'nen armen Burſchen Flammen ſpruͤheten;— in muͤrriſcher Laune ſtand Jones auf und ſagte, es ſey Zeit heim⸗ zukehren, wir gingen nicht wie gewoͤhnlich Arm in Arm, ſondern neben einander wie zwei große Hunde mit ihren ſtarr aufgerichteten Schwei⸗ fen, fertig zum Angriffe; keiner von uns ſprach ein Wort und wir ſchieden, ohne uns die gute — 149— Nacht zu wuͤnſchen. Dieſe ganze Nacht traͤumte ich von Deiner Mutter, ging am folgenden Tage, ſie zu beſuchen, fuͤhlte mich jedes Mal ſchlimmer und ſchlimmer, mit Jones hob ſie neckiſchen Streit an und ſagte ihm zulezt, er moͤge hingehen, wo er hergekommen ſey. Dies geſchah etwa einen Monat nach meinem erſten Zuſammentreffen mit ihr; eines Tages ſagte Jones, der ein recht eingeuͤbter Boxer war, zu mir:„Biſt Du ein Mann?“ und gibt mir eine Ohrfeige. Weil ich nun wußte, was er damit ſagen wollte, zieh' ich meine Jacken her⸗ unter und wir beginnen. Wohl zehn Minulen kaͤmpften wir mit einander, da gebe ich ihm 'nen runden Schlag auf's Ohr, und er faͤlt davon nieder auf den harten Grund nnd konnte nicht wieder zu ſich kommen.— S'war kein. Wunder, der arme Geſell war in die Ewig⸗ keit abgefahren.“ Sieapleton ſchwieg wohl eine Minute und wiſchte mit ſeinen Haͤnden die Augen. „Ich ward fuͤr Menſchenmord angeklagt, weil aber bewieſen wurde, daß er mich angetreten und zuerſt geſchlagen hatte, ward ich frei ge⸗ ſprochen, nachdem ich zwei Monate im Gefaͤng⸗ nicht ſtellen. Als ich frei gelaßen wurdy, be⸗ ſchloß ich, Deine Mutter gar nicht miehr zu ſehen, ſie kam aber zu mir und ſchmiegte ſich an mich und ich liebte ſie ſo riel, daß ich ſie nicht abſchuͤtteln konnte. Sohald ſie merkte, ich habe wirklich auf den Angel gebißen, begann ſie ihr Spiel mit Andern; das wollte ich aber nicht leiden und jeder, der ihr nahe kam, mußte ſich mit mir boxen, und auf dieſe Weiſe ward ich ein gewaltiger Fechter; und als ſie ſah, ich ſey der beſte Mann und daß niemand mehr ſich an ſie machen wollte, da willigte ſie eines Mor⸗ gens ein, mich zu heirathen. Nun, wir wurden zuſammengefuͤgt, und in der erſten Nacht ſchon war mir, als ſtaͤnde der arme Ben Jonſon an meinem Bette; eine ganze Woche lang fuͤhlte ich mich gar nicht behaglich; ndeßen verlor ſich das, ich lag am Stege mit meinem Kahn und verdiente mein Geld.— Aber meine Pfeife iſt aus und ich habe mich ganz trocken geſprochen, wollen ein Paar Minuten warten.“ niße gelegen hatte, denn Buͤrgſchaft ich Stapleton zuͤndete ſich eine neue Pfeife an und rauchte wohl eine halbe Stunde in tiefem Schweigen. Was Marie dachte, kann ich mit — 151— Genauigkeit nicht beſtimmen, glaube aber, ſie beſchaͤftige ſich, ſo wie ich, mit dem Betragen ihrer Mutter und verglich es mit dem ihrigen. Gewiß ſtellte ich dieſen Vergleich an, doch ſprach keiner von uns. Endlich fuhr Stapleton fort:„Nun, Marie, ich heirathete Deine Mutter und mein alleini⸗ ges Hoffen iſt, daß irgend ein Mann, der Dich vielleicht leiden mag, nicht ſo viel Unruhe mit ſeiner Frau haben wird, als ich hatte. Ich hatte geglaubt, nachdem ſie einmal Frau waͤre, wuͤrde ſie allen ihren Unſinn aufgeben und ſich gut betragen— aber ich vermuthe, es war ihre Natur und ſie konnt's nicht aͤndern. Sie lieb⸗ aͤugelte mit den Maͤnnern und machte die dreiſt, bis ſie unanſtaͤndig wurden und ich eiferſuͤchtig; mit einem und dem andern mußte ich mich ſchlagen, bis ich ein ausgemachter Boxer wurde. So viel will ich ſagen, daß Deine Mutter je⸗ desmal recht gluͤcklich zu ſeyn ſchien, wenn ich meinen Gegner niederſchlug, was zulezt immer geſchehen war, aber demungeachtet liebte ſie auch, 8' werth zu ſeyn, und mir blieb vor lauter Fauſtkaͤmpfen kaum die Zeit, mein Brod mit dem Ruder zu verdienen.— Zulezt wettete — 152— einer der Umſtehenden bei einem Boxen fuͤnf⸗ zig Pfund auf mich mit einem andern Manne, und ich ſollte die Haͤlfte davon bekommen, wenn ich gewoͤnne. Damals war ich ſehr auf'm Trock⸗ nen und willigte ein; nach einigem Voruͤben ward der Wettkampf gehalten und ich ſiegte leicht; den Sachverſtaͤndigen gefiel meine Art, den Schlag anzubringen ſo ſehr, daß eine neue Wette um zweihundert Pfund auf mich abge⸗ ſchloßen wurde; da war ein Lord und andere vornehme Leute, die zu mir kamen, denen wurde ich vorgeſtellt und Alles ward geordnet. So wurde ich denn ein regelmaͤßiger Wett⸗ kaͤmpfer und das Alle durch Deine Mutter, Marie.— Nein, weine Du nicht, Kind, ich meyne nicht zu ſagen, daß Deine Mutter, ſo viel ſie auch liebte angeſtaunt und angeredet zu werden, haͤtte auf Abweg gehen wollen, aber in meiner Meinung war das Ding doch bei⸗ nahe eben ſo ſchlimm.— Nun, ich mußte mich einuͤben, und fuͤnf Wochen nachher hatten wir in Moulſey⸗Hurſt'nen harten Kampf— aber ich habe die ganze Geſchichte noch irgendwo, Marie ſieh' mal im Auszuge zu, da muß'ne Zeitung liegen.“ — 153— Marie brachte die aufgerollte und mit Schrur umwickelte Zeitung; Stapleton gab ſie mir und ſagte, ich moͤgte laut leſen. Dies geſchah, doch laße ich dieſe Einzelheiten weg. „Ja, das iſt Alles richtig genug,“ ſagte Stapleton, der inzwiſchen furchtbar gedampft hatte,„aber nichts Gutes entſtand daraus, denn einem von den Gentlemen hatte Deine Mut⸗ ter gefallen, Marie, und der verſuchte, ſie mir zu entfuͤhren.— Ich kam daruͤber zu, als er ſie kuͤßen wollte; ſie verweigerte ihm das— aber ſie lachte dabei und ſchien, wie mich duͤnkte, mehr als halb willig;— alſo dielte ich ihn und warf ihn aus dem Hauſe, und ſpaͤterhin wollte ich gar nichts mehr zu thun haben mit Lords und Gentlemen, und mit Fauſtkaͤmpfen eben ſo wenig. Ich baute mir'nen neuen Kahn und hielt mich auf dem Strome, und ich aͤn⸗ derte auch meine Wohnung, um gar nicht mehr mit denen zuſammen zu kommen, die mich als Boxer kannten. Damals kam Deine Mutter mit Dir in die Wochen, und ich hoffte auf recht viel Gluͤckſeligkeit, weil ich glaubte, ſie wuͤrde nur allein an ihren Mann und an ihr Kind denken wollen; das geſchah auch, bis Du — 154— entwoͤhnt warſt, dann aber trieb ſie's ganz wie zuvor. Der Captain eines Schiffes, das auf dem Strome lag, pflegte zuweilen ſtehen zu bleiben und mit ihr zu ſprechen; doch das machte mir wenig Gedanken, weil ich ſah, daß jeder⸗ mann mit ihr und ſie auch zu jedermann ſprach; zudem kannte ſie des Captains Frau, die recht huͤbſch war und Marie zuweilen bat, ſie zu be⸗ ſuchen, was ich ihr auch erlaubte. Eines Mor⸗ gens ging ich hinab zu meinem Boote, denn er war nach meiner Wohnung gekommen, da⸗ mit ich ihn an ſein Schiff fahren ſollte— und da ging ich denn mit meinen Handrudern auf der Schulter, und mir faͤllt ein, daß ich mei⸗ nen Tabakbeutel vergeßen hatte, und ich gehe zuruͤck und hoͤre noch, eh' ich in die Thuͤr ge⸗ treten war, wie er zu ihr ſagt:„Nun, um zwei Uhr bin ich wieder hier, und dann habt Ihr verſprochen, an meinen Bord zu kommen und—“ mehr hoͤrte ich nicht, ſie aber lachte und ſagte: ja, das wolle ſie. Nun zeigte ich mich gar nicht, ſondern ging hinab zum Kahne. Er folgte mir bald, ich ruderte ihn den Fluß hinauf und nahm mein Fahrgeld— und dann beſchloß ich, ſie zu beobachten, denn ich war recht eiferſuͤchtig.— Gegen die feſtgeſezte Zeit lege ich mich mit eingeſeztem Ruder mitten in den Strom und da ſehe ich richtig genug, daß der Captain und Deine Mutter in'nen kleines, zu ſeinem Schiffe gehoͤrendes Boot ſteigen und abfahren; der Captain fuͤhrte ein Schlagruder und einer ſeiner Matroſen das andere.— Ich rudre hinter ihnen her, ſo ſchnell ich nur kann und zulezt erkennen ſie mich; und weil ſie nicht wuͤnſchte, daß ich ſie faͤnde, bat ſie, ſo raſch als moͤglich zu rudern, denn ſie wußte wohl, daß ich recht wild ſeyn wuͤrde. Indeßen kam ich ihnen immer naͤher, blickte oft um und ſchwor in meinem Herzen Rachez; bis ich ploͤz⸗ lich einen lauten Schrei hoͤre und als ich um⸗ blicke, iſt ihr Boot umgeſchlagen, Alle ſind im Waßer. Sie hatten das Werptau eines Schif⸗ fes nicht bemerkt, daß ſich einholen ließ, wa⸗ ren daruͤber hingerudert, und als dieſes grade angeſtrafft wurde, ſchlugen ſie um. Deine Mut⸗ ter, Marie, verſank wie'n Stein und ward erſt drei Tage nachher aufgefunden; als ich ſie untergehen ſah, fiel ich in Ohnmacht.“ Hier ſchwieg der alte Stapleton, legte ſeine Pfeife nieder und barg das Geſicht in ſeinen Haͤnden. Marie zerfloß in Thraͤnen;— nach einigen Minuten fuhr er fort: 8 — 156— „Als ich zur Beſinnung kam, befand ich mich am Bord des Schiffes in des Captains Kajuͤte; der Captain und ſeine Frau beobach⸗ teten mich;— dann erfuhr ich, daß dieſe Deine Mutter hatte zu ſich bitten laßen, daß ſie am Bord lebte, daß Deine Mutter anfangs ab⸗ gelehnt haͤtte, weil ſie wußte, daß ich ſie nicht auf dem Strome ſehen mogte; weil ſie aber ein Schiff zu ſehen wuͤnſchte, hatte ſie endlich eingewilligt. Alſo war es am Ende gar ſo ſchlimm nicht, nur daß'ne Frau nichts ohne ihren Mann thun ſollte;— aber Du ſiehſt, Marie, dies Alles wuͤrde nicht geſchehen ſeyn, haͤtte ich nicht zufaͤllig etwas von dem gehoͤrt, was ſie ſprachen; Du moͤgteſt noch jezt'ne Mutter und ich'ne Frau gehabt haben zu un⸗ ſerm Troſte, waͤre mein ungluͤckliches Hoͤren nicht geweſen— alſo, ganz wie ich ſchon ge⸗ ſagt habe, die Sinne thun uns mehr Harm, als Gutes— bei mir zum wenigſten hat ſich das ſo erwieſen.— Und jezt haſt Du meine Geſchichte gehoͤrt und wie Deine Mutter den Tod fand. Marie, alſo huͤte Du Dich, daß Du nicht in den naͤmlichen Fehler verfaͤllſt und's gar zu gerne haſt, wenn man Dich anſchauet, denn mir will's vorkommen, als haͤtteſt Du —,— — 157— ebenfalls ſo'n Stuͤck von'nem Gefallen dar⸗ an;— aber es heißt ja, gleiche Mutter, glei⸗ ches Kind, das iſt Menſchennatur.“ Nachdem Stapleton geendet hatte, rauchte er ſchweigend ſeine Pfeife. Marie ſaß am Ti⸗ ſche und hatte ihre Haͤnde gegen die Schlaͤfen gepreßt, als ſey ſie in tiefes Nachdenken ver⸗ ſunken; ich fuͤhlte mich gar nicht zum Spre⸗ chen aufgelegt. Nach einer halben Stunde war der Porterkrug geleert und Stapleton ſtand auf. „Komm', Marie, denk' nicht ſo viel daran; laß' uns alle zu Bett gehen. Zeig' Jakob ſein Zimmer und dann komm' herauf.“ „Jakob kann ſein Zimmer aleen finden, Va⸗ ter,“ erwiederte Marie;„er weiß, wo die Kuͤche iſt, und außer dieſe iſt unten kein anderes Zim⸗ mer, als ſeines.“ Ich nahm mein Licht, wuͤnſchte ihnen gute Nacht und ging zu meinem Bette, welches, wiewohl recht einfach, jedenfalls behaglich war. Siebentes Kapitel. — Warme Dankbarkeit durch recht kalte Probe bewaͤhrt. — Der Weg des Gluͤckes mag zuweilen uͤber 3 eine Eisbrücke fuͤhren.— Der meinige lag unter dem Eiſe.— Amor vincit jeglich Ding, nur meine Halsſtarrigkeit nicht; der junge Tom und der alte Domine liefern auf ihre Koſten Beweiſe dafuͤr. Viele Tage hielt der Froſt an, zulezt fror der Strom ganz zu, und alles verkehren auf demſelben endete. Stapleton's Geld zehrte ſich G auf, unſer Unterhalt ward recht ſpaͤrlich und Marie erklaͤrte, wir muͤßten ſaͤmmtlich bei den Marktgaͤrtnern betteln gehen, wenn das noch lange ſo anhielte. „Ich muß hinauf zu Herrn Turnbull und. — 159— bitten den um Aushuͤlfe,“ ſagte Stapleton ei⸗ nes Tages, als er ſeinen lezten Schilling auf den Tiſch legte;„ich bin auf'm Grunde; er iſt aber'n guter Herr und wird mir'ne Kleinig⸗ keit vorſtrecken.“ Nachmittags kam er zurüc und aus ſeinen Blicken las ich ſchon ſeinen Erfolg; er ſagte mir: „Jakob, Herr Turnbull wuͤnſcht, Du ſollſt morgen mit ihm fruͤhſtuͤcken, er will Dich lnre⸗ chen. 11 Bei Tagesanbruch ging ich alſo dahin und kam in guter Zeit zum Fruͤhſtuͤcke. Turnbull war ſo zuthunlich wie immer und erzaͤhlte mir lange Geſchichten vom Eiſe in den noͤrdlichen Zonen. „Da faͤllt mir ein, ich hoͤre, daß ein ganzer Ochſe etwas oberhalb der Londonbruͤcke auf dem Eiſe gebraten werden ſoll; was meynſt Du, wenn wir den Spaß mit anſaͤhen?“ „Ich war's zufrieden, wir fuhren mit der Brentford⸗Kutſche, wurden in der Queenſtreet abgeſezt und gingen hinunter zum Sirome. Der ganze Anblick war ungemein vergnüͤglich und aufregend.— In allen Richtungen waren hoͤl⸗ — — 160— zerne Buden mit wehenden Flaggen auf dem Eiſe errichtet; die Leute gingen umher, einige liefen auch Schlittſchuh, wiewohl das Eis fuͤr dieſen Zeitvertreib zu rauh war. Der ganze Strom war mit Menſchen bedeckt, die jezt in aller Sicherheit da umher wandelten, wo ſie zwei Monate fruͤher den Tod haͤtten finden moͤgen. Hier und dort ſtieg der Rauch von Feuer empor, auf welchem Wuͤrſte und andere Eßwaaren zubereitet wurden; doch der große Gegenſtand der allgemeinen Anziehung war der Ochſe, der nahe beim mittelſten Bruͤckenpfeiler ganz gebraten werden ſollte. Wiewohl das Eis an der Stelle geſunken ſchien, wo ſo viele Hun⸗ derte von Menſchen zuſammengedraͤngt ſtanden, war hier doch keine Gefahr, die Eisdecke hatte gegen fuͤnf Fuß Dicke. Freilich waren hin und wieder, was man„morſche Stellen“ nennt, dieſe waren jedoch durch Anſchlagtafeln bezeich⸗ net, durch welche gewarnt wurde, ihnen nicht zu nahe zu kommen; auch waren in der Naͤhe derſelben Stricke und Stangen in Bereitſchaft, falls ſie erfordert werden ſollten. Eine Zeitlang vergnuͤgte uns das frohe Treiben der Menge, die Sonne ſchien hell und die Luft war klar bei ſcharfem Nordwinde und bitterer Kaͤlte. Wir mogten drei Stunden auf dem Eiſe zugebracht haben, als Turnbull vorſchlug heimzukehren; und ſo gingen wir den Strom hinauf bis zur Black⸗Friars⸗Bruͤcke, wo wir an's Land gehen und bei Charing⸗croß die Kutſche nehmen wollten. „Mich wundert, ob's Fluth oder Ebbe ſeyn mag,“ ſagte Turnbull,„das moͤgte jezt ſchwer auszufinden ſeyn.“ „Gar nicht, wenn ich ein Eisloch ſehen koͤnn⸗ te,“ antwortete ich umherſchauend;„halt, hier iſt eines.“ Ich warf ein Stuͤck Eis hinein und erkannte, es ſey ſtarke Ebbe. Wir verfolgten unſern Weg auf dem Eiſe, welches hier recht rauh war, da fiel Turnbull der Hut vom Kopfe, der Wind erfaßte ihn und trieb ihn mit großer Schnelligkeit auf dem Eiſe rutſchend fort. Turnbull und ich liefen hinterher, ver⸗ mogten aber kaum zu folgen, ihn einzuholen, war uns unmoͤglich. Viele Leute auf dem Strome ſahen unſerer Jagd zu und lachten. Turnbull lief voran, und eifervoll ſeinen Hut verfolgend, gewahrte er eine weite Strecke morſchen Eiſes nicht, die vor ihm lag; mir erging es gerade o, bis ich's ploͤzlich brechen oͤrte und Turn⸗ II. 11 — 162— bull verſinken ſah. Viele Leute waren in unſe⸗ rer Naͤhe und ſogleich ward ein Strick vor der Stelle hingezogen, um die Gefahr zu bezeich⸗ nen.— Ich zoͤgerte nicht;— Turnbull liebte ich und meine Gefuͤhle der Liebe, wie der Rache waren in gleichem Grade uͤberwaͤltigend. Das Ende des Strickes ergriff ich, wickelte mir's um den Arm und ſprang hinein;— gluͤcklich genug war es, daß Turnbull zufaͤllig die Frage nach Ebbe und Fluth gethan hatte, da ich jezt mit der Ebbe meine Richtung nahm. Ich ſank unter das Eis, trieb den Strom hinab und fuͤhlte nach wenig Sekunden bereits mich von demjenigen umklammert, den ich ſuchte; faſt zur naͤmlichen Zeit ward oben auch der Strick angezogen. Als man Widerſtand ſpuͤrte, wußte man, daß ich zum mindeſten daran befeſtigt ſey, und es ward noch ſchneller aufgezogen, jedoch hatte ich meine Beſinnung ſchon verloren. Inzwiſchen klammerte ich mich mit der Kraft eines Ertrinkenden am Stricke feſt, eben ſo um⸗ klammerte Turnbull mich und bald darauf ka⸗ men wir in dem Loche, in welches wir herab⸗ geſtuͤrzt waren, wieder zum Vorſchein. Eine Leiter ward uͤber das Eis hingeſchoben und zwei Leute von der Rettungsgeſellſchaft kamen — 163— uns zu Huͤlfe, zogen uns heraus und legten uns auf die Leiter. Dann gingen ſie zuruͤck auf's feſte Eis und ſchleppten uns mit der Leiter nach. Bewußtlos wurden wir Beide zu einem Wirths⸗ hauſe am Strome getragen, in Betten gelegt und nach Anwendung aͤrztlicher Huͤlfe bald wie⸗ der hergeſtellt. Am folgenden Morgen waren wir ſchon im Stande, in einer gemietheten Kutſche nach Brentford zuruͤckzukehren, wo unſer Ausbleiben die aͤußerſte Unruhe erregt hatte. Turnbull ſprach wenig, druͤckte mir aber oft die Hand und als ich ihn bat, mich in Ful⸗ ham ausſteigen zu laßen, damit Stapleton und deßen Tochter wuͤßten, ich ſey wohlbehal⸗ ten, willigte er ein und ſagte:„Gott ſchuͤze Dich, mein lieber Junge; ich werde Dich bald wiederſehen.“ In Stapleton's Hauſe fand ich Marie al⸗ lein; ſie ſchreckte auf, ſobald ſie mich ſah und ſagte halb weinend, halb laͤchelnd:„wo biſt Du geweſen, boͤſer Junge?“ „Unter dem Eiſe,“ erwiederte ich,„und erſt heute Morgen losgethauet.“ „Sprichſt Du im Ernſte, Jakob? Necke mich nicht, und aͤngſtige mich nicht, ich habe ſchon — 164— Angſt genug ausgeſtanden und Schlaf kam die letze Nacht nicht in meine Augen.“ Ich erzaͤhlte ihr alles das Vorgelällen⸗ mit allen Umſtaͤnden. „Ueberzeugt war ich, daß Dir was begegnet ſey,“ ſagte ſie;„meinem Vater ſagte ich das auch, der wollte aber nicht daran glauben. Du hatteſt verſprochen, nach Hauſe zu kommen, um mir Unterricht zu geben, und ich weiß, Dein Wort brichſt Du niemals; Vater aber ſchmauchte in einem fort und ſagte, daß, wenn Jungens vergnuͤgt waͤren, ſo vergaͤßen ſie ihr Verſpre⸗ chen und das ſey nichts als Menſchennatur. Jakob, ich bin ſo recht froh, daß Du wieder hier biſt; und in Betracht deßen, was vorge⸗ gangen iſt, will ich Dir erlauben, mich ein⸗ mal zu kuͤßen.“ Sie naͤherte mir ihr huͤbſches Geſicht und erwiederte meinen Kuß, dann ſagte ſie lachend: „ſo, das muß Dir fuͤr eine lange Zeit genuͤ⸗ gen; Du darfſt nicht eher wieder an einen Kuß denken, bis Du wieder unter'm Eiſe geweſen biſt.“ 3 „Dann will ich hoffen, daß es der lezte ge⸗ weſen iſt,“ erwiederte ich lachend. — 165— „Du biſt nicht verliebt in mich, Jakob,“ ſprach ſie,„das iſt deutlich, ſonſt wuͤrdeſt Du mir ſo nicht geantwortet haben.“ Ich hatte Marie viel beobachtet; wiewohl ſie ausgemacht eine recht flatterhafte Dirne war, beſaß ſie doch auch viele treffliche und liebens⸗ wuͤrdige Eigenſchaften. Die erſten acht Tage, nachdem Stapleton uns ſeine Geſchichte erzaͤhlt hatte, ſchienen deßen Bemerkungen uͤber ihre Mutter ganz entſchiedenen Eindruck auf ſie her⸗ vorgebracht zu haben; ihr Betragen war um vieles gehaltener und angemeßener; ſo wie aber dieſe Erinnerung ſich verwiſchte, wurde ihr ganzes Weſen wieder kokettirend und flatter⸗ haft wie zuvor; bei dem Allen war es unmoͤg— lich, ihr nicht zugethan zu ſeyn, und bei aller ihrer verkehrten Laune beſaß ſie einen Schaz von wirklich guten Gefuͤhlen und von Liebens⸗ wuͤrdigkeit, der bei anfordernden Beranlaßun⸗ gen ſich unfehlbar zeigte, ſo daß ich oft bei mir bedachte, welch ein gefaͤhrliches und bezaubern⸗ des Maͤdchen ſie ſeyn wuͤrde, wenn ſie vollends erwachſen waͤre. Die Bücher, welche ich mit Widerwillen zur Seite geworfen hatte, waren wieder zum Vorſchein gebracht, um ſie leſen — 166— und ſchreiben zu lehren. Sie machte raſche Fort⸗ ſchritte und wuͤrde noch viel mehr haben lernen koͤnnen, wenn ſie nicht eben ſo eifrig mit dem Verſuche beſchaͤftigt geweſen waͤre, mich in ſie verliebt zu machen, als ſie unnachlaßend die Schwierigkeiten ihrer Lehrvorſchriften beſiegte. Indeß war ſie noch ſehr jung und mogte ihr Vater gleich erklaͤren, es ſey ihre Natur, den Maͤnnern nachzulaufen, ſo war doch Grund genug zu der Hoffnung vorhanden, daß ein oder ein Paar Jahre ſie minder flatterſuͤch⸗ tig machen und den vortrefflichen Eigenſchaf⸗ ten, welche ſie wirklich beſaß, neue Vorzuͤge hinzufuͤgen wuͤrden. Von Herzen und ihren Gefuͤhlen nach war ſie ein beſcheidenes Maͤd⸗ chen, aber die Lebendigkeit ihres Geiſtes trieb ſie oft uͤber die Schranken hinaus, welche Sitt⸗ ſamkeit vorzeichnet, und trieb manchesmal das Erroͤthen der Schaam auf ihr lebenvolles Ant⸗ liz, ſobald ihr richtiger Verſtand, oder auch Anderer Bemerken ihr die Einſicht verſchafften, daß ſie Anſtoß begangen habe.— Es war un⸗ moͤglich, mit Marie bekannt zu ſeyn, ohne ſie lieb zu gewinnen, wiewohl ſie auf Perſonen ſtrenger Denkungsart bei gelegentlicher erſter Zu⸗ ſammenkunft einen durchaus unguͤnſtigen Ein⸗ — 167— druck hervorbringen mogte. Was mich betrifft, ſo muß ich ſagen, daß je mehr ich in ihrem Umgange lebte, deſto mehr fuͤhlte ich mich von ihr angezogen und in gleichem Grade erhoͤhete ſich meine Achtung. Der alte Stapleton kam Abends, nachdem er in gewohnter Weiſe ſeinen Tag mit ſchmau⸗ chen und mit bedenken der Menſchennatur im Wirthshauſe zu den Federn verbracht hatte. Ich erzaͤhlte ihm, was ſich zugetragen hatte, und er ward davon ſo lebhaft ergriffen„ daß er hinſchickte, einen außergewoͤhnlichen Krug Porter fuͤr Marie und mich holen zu laßen, und darauf beſtand, daß wir den ausleeren ſollten— gewiß koͤnnte er keinen groͤßern Be⸗ weis ſeiner Zuneigung gegeben haben. Wiewohl Turnbull dem Anſcheine nach von den Wirkun⸗ gen ſeines Unfalles hergeſtellt war, mußte das doch nicht der Fall ſeyn, denn am Morgen nach ſeiner Heimkehr ward er ernſthaft krank, ein Fieber hielt ihn wohl vier Wochen auf ſeinem Bette feſt. Ich ſpuͤrte dagegen gar keine nachtheiligen Folgen; aber die Geſundheit eines jungen Menſchen iſt auch beßer geeignet, der⸗ gleichen heftige Stoͤße zu ertragen, als das ein — 168— ſechszigjaͤhriger Mann vermag, deßen Koͤrper⸗ kraft zu dem durch viele Beſchwerden und er⸗ tragene Muͤhſeligkeiten untergraben ſind. Weil der Froſt immer noch anhielt, fuͤgte ich mich Turnbull's Wunſche, zu ihm zu kommen und in ſeinem Hauſe zu leben; lange Zeit war ich ſein unverdroßener Pfleger, bis er ſich im Stande ſah, wieder vom Bette aufzuſtehen.— Im Allgemeinen betraf unſer Geſpraͤch den Gegenſtand meiner Ausſichten in die Zukunft, wobei er den Wunſch aͤußerte, ich ſolle mich einer andern Beſchaͤftigung oder Kunſt widmen, die geeignet ſeyn moͤgte, mich in der Welt fortzubringen; uͤber dieſen Punkt war ich in⸗ deß ganz entſchloßen und eben ſo feſt hatte ich mir vorgenommen, kuͤnftig Niemanden mehr Verpflichtungen ſchuldig werden zu wollen. Es war mir durchaus unmoͤglich, das Unrecht zu vergeßen, was ich hatte erdulden muͤßen, und mein rachſuͤchtiges Gemuͤth bruͤtete beſtaͤn⸗ dig daruͤber. Ich wollte unabhaͤngig und frei ſeyn. Mein Gefuͤhl ſagte mir, daß ich in dem Kreiſe, in welchem ich mich bewegte, mit mei⸗ nes Gleichen zu thun hatte, oder daß wenn irgend eine Ueberlegenheit Statt ſinden koͤnnte, dieſe auf meiner Seite aus meiner beßern Er⸗ — 169— ziehung entſprang; nie wollte ich mich wieder dazu hergeben, die Geſellſchaft vernehmerer Perſonen zu beſuchen, in denen ich aus Gunſt zugelaßen und von dem groͤßten Theile derſel⸗ ben uͤber die Achſel angeſehen wurde, und aus der man mich, wie mir das ſchon einmal ge⸗ ſchehen war, bei dem erſten Aufwallen eigen⸗ ſinniger Laune mit Verachtung entfernen koͤnnte. Bei alle dem liebte ich Turnbull wahrhaft. Stets war er guͤtig und liebreich gegen mich geweſen, hatte ſeinen Umgang mit mir auf Gleichheit begruͤndet, war in ſeinem Betragen ſtets folgerecht geblieben, und ſeit ſeinem Un⸗ falle hatten meine freundlichen Geſinnungen fuͤr ihn nur noch zugenommen; wir empfinden ſtets erhoͤhete Zuneigung fuͤr die, denen wir Dienſte leiſten konnten, und es beſaͤnftigte meinen Stolz, wenn ich bedachte, wie Turn⸗ bull mit allem ſeinen guten Willen mir, ſelber wenn ich's ihm geſtatten wollte, dennoch den Dienſt ſeines geretteten Lebens nicht zu vergel⸗ ten vermoͤgte. Fuͤr ihn empfand ich unbegraͤnzte Hochachtung— und gegen Diejenigen, die mich mißhandelt hatten, naͤhrte ich gräͤnzenlo⸗ ſen Haß;— die Welt im Allgemeinen betrach⸗ tete ich mit einer Miſchung von Gefuͤhlen, die II. 11* — 170— ich ſelber nicht leicht zu zergliedern vermogt haͤtte, dabei war ich perſoͤnlich mit einer Liebe der Freiheit und Unabhaͤngigheit erfuͤllt, die zu verlezen mich nichts haͤtte bewegen koͤnnen. Weil ich Turnbull ungern durch gradausge⸗ ſprochene Ablehnung aller ſeiner Dienſtanerbie⸗ tungen und der Vortheile, die daraus fuͤr mich erwachſen konnten, verlezen wollte, gab ich in der Regel ausweichende Antworten;— als er aber am Tage meines fruͤher beſtimmten Schei⸗ dens frei heraus ſprach, mir noch einmal Al⸗ les anbot, mit der Bemerkung, er ſey kinder⸗ los, und deshalb koͤnne meine Annahme ſeines Erbietens Niemandem nachtheilig werden, als er meine Hand erfaßte, mich zu ſich zog, ſei⸗ nen Arm um mich ſchlang, mit vaͤterlicher Guͤte zu mir ſprach und mich faſt um meine Einwilligung bat— da rannten Thraͤnen des Dankes in raſcher Fluth meine Wangen hinab — aber mein Entſchluß ſtand feſt und wankte nicht, wiewohl meine Stimme bebte, als ich ihm zur Antwort gab: „Immer waren Sie guͤtig, unendlich guͤtig gegen mich— und das werde ich nie vergeſ⸗ ſen;— ich hoffe auch dieſe Guͤte zu verdienen — 171— — aber— Herr Drummond und Madame Drummond und Sarah waren auch guͤtig ge⸗ gen mich— ſehr guͤtig— und Sie wißen das Uebrige.— Laßen Sie mich ſo bleiben, wie ich jezt bin;— und wollen Sie mir eine Freundlichkeit beweiſen— wuͤnſchen Sie, daß ich Sie lieben ſoll, wie ich es wahrhaftig thue — dann laßen Sie mich, wie ich bin— frei und unabhaͤngig.— Ich bitte Sie darum, als um die groͤßte Gunſt, welche Sie mir moͤg⸗ licher Weiſe erzeigen koͤnnen— als die einzige Gunſt, die ich annehmen kann und fuͤr die ich wirklich dankbar ſeyn werde.“ Turnbull war ſo ergriffen, daß einige Mi⸗ nuten vergingen, bevor er antworten konnte, dann ſagte er:„Ich ſehe ein, es iſt vergebens, und ich will Dich nicht mehr draͤngen; aber Jakob, laß die erſte Ungerechtigkeit, welche Deine Nebenmenſchen Dir anthaten, Dich nicht ſo durchaus erbittern, laß Dich dadurch nicht zu der irrigen Anſicht verleiten, die Welt ſey im Argen. So wie Du aͤlter wirſt und mit dem Leben bekannter, wirſt Du vieles Gutes finden; zudem darfſt Du nicht vergeßen, daß Diejenigen, die auf falſche Vorſpiegelung An⸗ derer Dir Unrecht zufuͤgten, willig bereit wa⸗ ren und ſich erboten haben, ihren Fehler wie⸗ der gut zu machen. Mehr koͤnnen ſie nicht thun, und ich wuͤnſchte, Du wollteſt Dein rachſuͤch⸗ tiges Gefuͤhl bezwingen. Bedenke, daß wir ver⸗ zeihen muͤßen, wie wir ſelber auf Verzeihung hoffen.“ „Ich verzeihe— zum wenigſten zuweilen,“ erwiederte ich,„um Sarahs willen,— doch immer vermag ich's nicht.“ „Du ſollteſt aber aus andern Gruͤnden ver⸗ zeihen, Jakob.“ „Ich weiß, daß ich's muͤßte— aber wenn ich nicht kann, ſo kann ich nicht.“ „Nein, mein Junge, ſo habe ich Dich nie ſprechen hoͤren,— faſt haͤtte ich geſagt: ſo gottlos.— Siehſt Du denn gar nicht ein, daß Du im Unrecht beharrſt?— Ein Gefuͤhl, welches Dein eigener klarer Sinn und Deine Religion Dir als ſuͤndlich bezeichnen, willſt Du dennoch nicht aufgeben— im Gegentheil, Du klammerſt Dich daran feſt— und doch willſt Du zugleich keine Entſchuldigung fuͤr die Irrthuͤmer Anderer zulaßen.“ — 173— „Ich fuͤhle tief, was Sie ſagen,— erkenne die volle Wahrheit davon;“ erwiederte ich, „aber ich vermag meinen Sinn nicht zu be⸗ kaͤmpfen.— Gern will ich jede Entſchuldigung fuͤr Anderer Fehler nach Ihrem Gefallen an⸗ nehmen; zu gleicher Zeit verdiene ich aber doch gewiß keinen Tadel, wenn ich verweigere, mich in eine Lage zu verſezen, in welcher mich auf's Neue Demuͤthigung treffen koͤnnte. Sicher kann mir kein Vorwurf daraus gemacht werden, daß ich vorziehe, nach meiner eigenen Weiſe fuͤr mein Brod zu arbeiten, und daß ich mir lie⸗ ber den Strom waͤhle, als trockenes Land.“ „Dies geſtehe ich Dir freudig zu; was mir aber bei dieſer Wahl mißfaͤllt, iſt, daß Ge⸗ fuͤhle der Rachſucht ſie eingaben.“ „Was geſchehen iſt, laͤßt ſich nicht aͤndern,“ erwiederte ich raſch, weil ich wuͤnſchte das Geſpraͤch abzubrechen. „Sehr wahr, Jakob, aber ich laße dieſem einen Deiner andern Denkſpruͤche folgen, der heißt:„'s naͤchſte mal, mehr Gluͤck!“— Gott ſegne Dich mein Junge; ſorge fuͤr Dich und gehe nicht wieder unter's Eis!“ „Fuͤr Sie wollt' ich das morgen wieder thun,“ ſagte ich, ſeine dargebotene Hand erfaßend, „aber koͤnnte ich den Hodgſon nur ſo in der Naͤhe von'nem Eisloche treffen.“ „Du wuͤrdeſt ihn nicht hineinſtoßen?“ „Freilich wollt' ich,“ erwiederte ich bitter. „Jakob, ich ſage Dir, Du wuͤrdeſt nicht— jezt meynſt Du das— aber wenn Du ihn in Lebensgefahr ſaͤheſt, wuͤrdeſt Du ihm Beiſtand leiſten, wie Du mir gethan haſt.— Mein Junge, ich kenne Dich beßer, als Du Dich ſelber kennſt.“ Ob Turnbull oder ob ich Recht hatte, muß die Folge lehren. Wir ſchieden und ich eilte zu⸗ ruͤck zu Marie, an die ich waͤhrend meiner Ent⸗ fernung von ihr oft gedacht hatte. Nach unſerer erſten Begruͤßung ſagte Marie: „Kannſt Du errathen, wer hier geweſen iſt?“ „Doch nicht der alte Tom und ſein Sohn?“ erwiederte ich. „Nein; ich denke nicht, daß es der alte Tom war, aber ſo'n altes Gewaͤchs— und mit ſo'ner Naſe— Himmell ich meynte mich todt lachen zu muͤßen, ſobald er die Treppe hinab — 175— war. Weißt Du, daß ich mich in ihn verliebt ſtellte; Jakob, nur um ſehen, wie er's auf⸗ nehmen wollte. Jezt kennſt Du ihn wohl.“ „O ja, Du ſprichſt vom Domine, meinem Schulmeiſter.“ „Das hat er mir erzaͤhlt; und ich habe ihm ſo viel von Dir vorgeſprochen, und wie Du mich leſen und ſchreiben lehrteſt und wie gern ich lernte, und wie ſehr ich wuͤnſchte, mit ei⸗ nem aͤltlichen Manne verheirathet zu ſeyn, der ein Gelehrter waͤre und mich Latein und Grie⸗ chiſch lehren wollte, daß der alte Herr ganz redſelig wurde und wohl zwei Stunden mit mir verplauderte. Er trug mir auf, Dir zu ſa⸗ gen, daß er morgen Nachmittag wiederkommen wollte, und ich bat ihn, den Abend bei uns zu bleiben, weil noch zwei andere Deiner Freunde kommen; weißt Du, welche die ſind?“ „Ich habe keine andere, als Tom Beazeldy und ſeinen Sohn.“ „Nun ja, es iſt Dein alter Tom, und ein trefflicher alter Geſell iſt er, wiewohl ich ihn zum Manne nicht haben moͤgte; aber ſein Sohn — der iſt'n Burſch nach meinem Herzen— in den bin ich verliebt.“ „Dein Verliebtſeyn wird Dir keinen Harm bringen, Marie; aber vergiß nicht, was Dir Scherz ſeyn mag, koͤnnte fuͤr andere Leute kein Scherz ſeyn. Wie das Zuſammentreffen des Domine mit den Toms ausfallen mag, weiß ich nicht recht; ich bezweifle, daß er ſie gerne ſieht.“ „Weshalb?“ fragte Marie, und auf ihr Ver⸗ ſprechen, nie darauf anzuſpielen, erzaͤhlte ich ihr in gedraͤngter Kuͤrze des wuͤrdigen Man⸗ nes Fahrt am Bord unſers Lichters; ſie ſchwieg einen Augenblick und ſagte dann:„Jakob, la⸗ ſen wir nicht mit einander, daß der Wein und die Weiber fuͤr Naͤnner die gefahrvoll⸗ ſten Klippen waͤren?“ „Es duͤnkt mich, daß wir dieſen Ausſpruch geleſen haben.“ „Bah!“ hob ſie wieder an,„der alte Herr hat in ſeinem Leben Lehren in Menge ertheilt und ſcheint auch eine bekommen zu haben.“ „Lernen moͤgen wir bis zum Ende unſerer Tage, Marie.“ „Gut, ich bezweifle nicht, daß er ein geſcheu⸗ ter und gelehrter Mann iſt, der auf uns Alle — 177— — auf Dich nicht, Jakob— wie auf einfaͤltige Menſchen herabſieht;— und doch will ich ver⸗ ſuchen, ob ich ihm nicht eine Lehre geben kann.“ „Du, Marie, was wollteſt Du ihn lehren?“ „Gleichviel, wir werden ſehen;“ Marie wandte das Geſpraͤch ſodann auf ihren Vater und ſagte:„gewiß weiß Du, daß Vater zu Herrn Turnbull gegangen iſt.“ „Nein, das weiß ich nicht.“ „Dieſen Morgen kam eine Botſchaft, Herr Turnbull wuͤnſche ihn zu ſprechen, und er iſt noch nicht zuruͤck.— Jakob, ich hoffe, Du wirſt nicht wieder ſo albern ſeyn, denn ich will meinen Lehrer nicht verlieren.“ „Fuͤrchte Du nichts; alles, was ich weiß, will ich Dich lehren, bevor ich ſterbe,“ ſagte ich. „Sag' das nicht zu gewiß,“ erwiederte Ma⸗ rie und heftete ihre großen blauen Augen auf mich;„wie kannſt Du wißen, wie viel ich von Deiner Gegenwart zu beſizen wuͤnſche?“ „Nun, ſollt' ich ſchnell ſterben,“ ſagte ich lachend,„ſo vererbe ich Dich dem jungen Tom II. 12 — 178— Beazeley; halb verliebt biſt Du ja ſchon in ihn.“ „Ja, er iſt'n huͤbſcher Junge, und lacht mehr als Du, Jakob.“ „Er hat weniger Leid ertragen,“ antwortete ich finſter, denn alles, was mir wiederfahren war, draͤngte ſich meinen Gedanken auf;„aber Marie, er iſt ein trefflicher junger Mann und ein gutherziger, geſcheuter Geſell ohnehin; wenn Du ihn kennſt, wirſt Du ihn ſehr lieb haben.“ Bei dieſen Worten hoͤrte ich ihren Vater die Treppe heraufkommen; ſeine Zuſammenkunft mit Herrn Turnbull hatte ihn ungemein guter Laune gemacht; er forderte ſein Pfeife und ſei⸗ nen Porter und ſprach recht fließend von Men⸗ ſchennatur. Achtes Kapitel. „Das Feſt der Vernunft und der Seele Aufflug.“— Stapleton feiert das Erſte in ſeinen Betrachtun⸗ gen uͤber Menſchennatur; der Domine beweiſet den zweiten in ſeiner zaͤrtlichen Stimmung.— Sally's Schuh ganz beſonders notirt, und das wahre„Leſen leicht gemacht,“ eines erleichterten Gemuͤthes, vom alten Tom. Am Nachmittage des folgenden Tages ver⸗ nahm ich das Trillern einer wohlbekannten Stimme; Marie raffte ihre Buͤcher zuſammen, um die fortzulegen, denn ich gab ihr eben Un⸗ terricht. „Viel ſeltſam Ding' hab' ich geſeh'n und ſtreifte lang umher; — 180— War uͤberall, wo's konnt' geſcheh'n, Doch nun gibt's Krieg nicht mehr⸗ Wo im Geſicht die Naſ' verbrennt, Hab' Linie ich paſſirt, Hab'n kalten Norden auch durchrennt, Wo Zeh' vom Fuß abfriert. Fal de ral, fal de ra— fal derala— la⸗ „Fahr' vor weg, Tom, und laß' mich lang⸗ ſam hinaufſtumpeln. Mit mir iſt's grade, als gegen Wind und Fluth anwerpen und ich komme etwa ſo ſchnell hinauf, wie ein Advo⸗ kat in den Himmel.“ Als der junge Tom eintrat, duͤnkte mich, er ſey ungewoͤhnlich bemuͤht geweſen, ſich vortheil⸗ haft zu kleiden, und gewiß konnte man nicht leicht ein beßer ausſehendes, offnes, freimuͤthi⸗ ges und heiteres Geſicht finden, als das ſei⸗ nige. Er war um einen guten Zoll hoͤher ge⸗ wachſen als ich, dabei kraͤftig und wohlgebaut. Er ging auf Marie zu, die, ſeine Ungeduld gewahrend, ihn entweder in meiner Gegenwart zuruͤckhalten wollte, oder auch vielleicht in Folge ihres uͤblichen kokettirenden Weſens ihn auffal⸗ lend kalt empfing, dagegen dem alten Tom —— —— — 181— entgegentrat und dem mit Waͤrme die Hand druͤckte. „Bahl was iſt jezt im Winde, Jakob?— wahrlich, wir ſchieden als die beſten Freunde von der Welt,“ ſprach Tom und blickte um nach Marie. „Leg' Du ab, Tom,“ erwiederte ich lachend, „und Du wirſt ſehen, daß ſie wieder anhaͤlt.“ „O! ſol alſo der Wind ſteht aus dem Striche, iſt's ſo?“ entgegnete Tom;„von ganzem Her⸗ zen— ich kann verſtellte Flagge aufziehen, ſo gut als ſie.— Aber ich ſage, Jakob, bevor ich mein Manoͤvriren beginne, ſag' mir, ob Du wuͤnſcheſt, daß ich neutrale Flagge zeige— denn Dir moͤgte ich nicht in den Strich fah⸗ ren.“ „Hier haſt Du meine Hand darauf, Tom, daß die Kuͤſte klar iſt, ſo weit das mich be⸗ trifft; aber ſieh' Dich vor— ſie iſt'n leichter Segler und moͤgte Dir durch die Finger glei⸗ ten, wenn Du ſie auch ſchon nahe genug un⸗ ter den Wind braͤchteſt, um ſie anzurufen.“ „Da laß' Du mich ſorgen, Jakob.“ „Noch mehr, Tom, ſelber wenn Du ſie in — 182— Beſiz naͤhmeſt, wird ſie einen tuͤchtigen Steuer⸗ mann beduͤrfen.“. „Dann iſt ſie grade das Fahrzeug, was ich mir wuͤnſche, ich haße die ſtandfeſten, langſam ſegelnden Schiffe, die ſich ſo zu ſagen ſelber ſteuern; mir gebt eines, das von nem Mann und'nem Seefahrer gehandhabt werden muß.“ „Gut bemannt, wird ſie alles thun, darauf verlaß' Dich, Tom, denn ihr Kielraum iſt ſo geſund, als moͤglich; und wiewohl ſie auf den erſten Anſaz augenblicklich in ihre Fahrlage faͤllt, wird ſie deshalb doch nicht weiter auf die Seite gehen.“ „Nun, dann iſt alles gut, Jakob; und nun Du mir geſagt haſt, welchen Segelſtrich ſie haͤlt, gib Acht, ob ich nicht'n Lauf nehme, um ſie abzuſchneiden.“ „He! Jakob, mein guter Junge, alſo wie⸗ der unter Waßer geweſen; ich dachte, Du haͤt⸗ teſt genug davon bekommen, als Fleming Dir ſo'ne Quetſche gab;— inzwiſchen diesmal gingſt Du hinein, um'nem Freunde zu die⸗ nen, was ganz recht war.— Meinen dienſtli⸗ chen Gruß, Stapleton,“ fuhr der alte Tom — 183— fort, als dieſer eintrat;„ich ſprach eben mit Jakob von ſeinem lezten Untertauchen.“ „Nichts, als Menſchennatur,“ entgegnete Stapleton. „Nun, ich muß ſagen,“ wandte Tom ein, „daß ich dafuͤr halte, plumps in den Strom ſpringen, wenn der mit Eis bedeckt iſt,— iſt ganz das Gegentheil von Menſchennatur.“ „Aber nicht, wenn's gilt,'nen Freund zu retten, Vater.“ „Nein,— von wegen das da, iſt Jakobs Natur; alſo ſeht Ihr wohl, eine Natur uͤber⸗ wand die andere, das iſt's Lange und's Breite davon.“ 4 „MNun, was meynt Ihr,“ ſagte Stapleton, „wenn wir uns niederſezten und's uns behag⸗ lich machten,— aber da kommt noch jemand die Treppe herauf, wer kann das ſeyn?“ „Ich ſage, alter Schoten⸗Sizer, in Betracht, daß Ihr ſo taub wie'n Thuͤrpfoſten ſeyd, hoͤrt Ihr doch ziemlich gut,“ ſprach der alte Tom. „Ja, im Hauſe hoͤre ich ganz gut, wenn die Leute nur nicht gar zu laut ſprechen.“ — 184— Laut lachend ſagte der junge Tom:„Nun das iſt mir'ne drollige Art von Taubſeyn; ich denke, wir leiden Alle an der naͤmlichen Krankheit.“ Waͤhrend dieſer Bemerkung trat der Domine ein, ich reichte ihm die Hand mit dem Gruße: »Salve Domine l« »Et tu quoque fili mi, Jacobe!— aber wer iſt hier?— der taube Mann, das Maͤgd⸗ lein, und— eheu! der alte Mann, alter Tom genannt und ebenfalls der junge Tom;“ ſprach der Domine mit recht ſtrengem Antlize. Sogleich trat der junge Tom auf ihn zu und ſagte:„Ich weiß, Herr, Sie zuͤrnen uns, weil wir Beide zu viel getrunken haben, als wir das leztemal in Ihrer Geſellſchaft waren; aber wir verſprechen— thun wir nicht, Va⸗ ter?— das ſoll nicht wieder geſchehen.“ Dieſe bedachtſame Anſprache beruhigte den Domine, der ihre Scherze und Neckereien vor Allem fuͤrchtete. „Wahr iſt's, alter Herr, Tom und ich ſtraff⸗ ten unſer Vorſegel gar zu viel, als wir's lez⸗ temal beiſammen waren,— aber was ſcha⸗ — 185— det's— der Grog war da und zu thun war nichts.“ „Alles Menſchennatur,“ bemerkte Stapleton. Marie trat zum Domine und ſprach:„Nun kommt, Herr, mir habt Ihr noch kein Wort geſagt, jezt muͤßt Ihr Euch zu mir ſezen, fuͤr mich ſorgen, und Acht geben, daß Alle ſich anſtaͤndig betragen und nuͤchtern bleiben.“ Der Domine richtete einen Blick auf Marie, der fuͤr ſie allein beſtimmt war, den aber ich ſowohl, als der junge Tom bemerkten;„wir werden unſern Spaß haben, Jakob,“ ſagte der zu mir, als wir uns um den Tiſch ſez⸗ ten, an dem ſechs Perſonen nur gedraͤngten Plaz fanden. Zu Mariens einer Seite ſaß der Domine, zur andern Tom, neben dieſem Sta⸗ pleton, dann ich und der alte Tom, der des Domine Nachbar wurde und dieſem ſogleich ſeinen hoͤlzernen Stumpf auf ein Huͤhnerauge ſezte, ſo daß er eilig ſein Bein in die Hoͤhe zog und ſeinen Stuhl noch naͤher zu Marien ſchob, um eine Wiederholung ſolchen Zufalles zu vermeiden; der alte Tom bat um Verzei⸗ hung und Stapleton erwies, daß bei Tom mit einem hoͤlzernen Beine nicht fuͤhlen, und — 186— bei bem Domine mit einem ſchmerzenden Huͤh⸗ nerauge fuͤhlen, nichts anderes ſey, als„Men⸗ ſchennatur.“ Endlich ſaßen wir Alle und Marie, die ihre Vorkehrungen fuͤr den Abend getroffen hatte, ſezte zwei oder drei Kruͤge Por⸗ ter, eine Flaſche Branntwein, Pfeifen und Tabak auf. „Freiheits⸗Halle,— ich rauche,“ ſagte Sta⸗ pleton, zuͤndete ſeine Pfeife an und lehnte ſich dann im Stuhle zuruͤck. „Will auch'n bischen Thon in meinen Mund ſtecken,“ folgte der alte Tom nach,„'s macht einen durſtig und's trinken ſchmeckt ſo viel beßer.“ „Ich malze,“ ſagte der junge Tom, griff nach einem Porterkruge und that einen langen Zug.—„Was thuſt Du, Jakob?“ „Laß mich noch etwas warten, Tom.“ „Und was thut Ihr, Herr?“ ſagte Marie zum Domine, der ſchweigend ſein Haupt ſchuͤt⸗ telte.—„Nein, Herr, Ihr muͤßt, ſonſt muß ich denken, unſere Geſellſchaft gefaͤllt Euch nicht. Ich will Euch'ne Pfeife ſtopfen. Dies that ſie, reichte ſie dem Domine hin, der zauderte, — 187— ſie anblickte und nicht widerſtehen konnte. Er zuͤndete an und ſchmauchte tuͤchtig. „Das Eis bricht auf— wir bekommen an⸗ der Wetter— morgen Mondswechſel“— ſprach der alte Tom und paffte zwiſchen jeglicher Be⸗ merkung einige Male—„dann koͤnnen ehrliche Leute wieder Brod verdienen.— Schlechte Zei⸗ ten fuͤr Euch, alter Schoten⸗Sizer, he?“— fuhr er gegen Stapleton fort; dieſer nickte ihm ſeine Bejahung durch dicken Rauch zu, der alte Tom, der das bemerkte, fuhr fort:„der iſt am Ende gar nicht taub, dachte mir gleich, er ſtellt ſich nur ſo.— Ich ſage, Jakob, nun koͤmmt's Wetter, Dir die Finger zu blaſen und die Augen hell zu machen.“ „Aber hier blaͤſt'ne dicke Wolke und machts Auge waͤßern,“ erwiederte der junge Tom und griff zum Porter,„ich bin ganz ſo durſtig vom Rauchathmen, als ſchmauchte ich ſelber meine Pfeife— auf allen Fall pfeife ich mein Auge.“ Dann ſagte er leiſe zu mir:„Schau nur, Ja⸗ kob, wie der alte Herr bei der Marie in's Feuer geht, er wirft ihr Anaened durch den Rauch zu.“ f — 188— „Er ſieht aus, als moͤgte er ſie im Rauche entern,“ erwiederte ich. „Ja, und ſie, als wollte ſie gar nicht fech⸗ ten, ſondern ſich gleich ergeben 74 ſprach Tom. 1„Glaub' Du das nicht, Tom, ich kenne ſie beßer; ſie will ihn auslachen; weiter nichts; eben winkte ſie mir mit dem Auge zu, ich blieb aber ganz ernſthaft, denn ich wuͤnſche nicht, daß mit dem alten Herrn Spiel getrie⸗ ben wird, morgen werde ich ihr's ſtrenge ver⸗ weiſen.“ Wuͤhrend dieſer ganzen Zeit hatten Staple⸗ ton und der alte Tom ſchweigend geraucht, der Domine und Marie unterhielten ſich in der Augenſprache, und Tom, nebſt mir, begann Langeweile zu empfinden; da war des alten Tom Pfeife ausgebrannt, er legte ſie hin und ſagte:„Rauchen will ich nicht mehr, das ſchlimmſte an der Pfeife iſt, daß man nicht zugleich rauchen und ſprechen kann. Marie, mein Maͤdchen, zieh Du Deine Augen von des Domine Naſe ab, und reich mir die Fla⸗ ſche mit dem Stoff.— Wie?— Glaͤſer um on anzumiſchen, das iſt vornehmer, als bei uns am Bord, Tom.“— Er fuͤlte ſich ein tuͤch⸗ — 189— tiges Glas Grog, trank es zur Haͤlfte leer, ſezte es auf den Tiſch und ſagte zum Domine: „Nun Herr, wollt Ihr thun, ſo wie wir?“ „Nein, Freund Dux, nein— bitte berede mich nicht— laß ab!“— mit ſichtbarem Schaudern wandte der Domine ſich von der Flaſche ab, die Tom ihm hinreichte. „Nichts trinken?“ ſagte Marie, den Domine mit Verwunderung anſehend,„gewiß, Ihr muͤßt, ſonſt glaube ich, Ihr verachtet uns und haltet uns Eurer Geſellſchaft nicht wuͤrdig.“ „Hoͤr' Maͤgdlein, verſuche mich nicht; fordere Alles von mir, nur dies nicht;“ erwiederte der Domine. „Fordere Alles von mir, nur dies nicht— das iſt grade die rechte Arkszu verweigern,“ entgegnete Marie,„forderte ich nun irgend et⸗ was anderes, ſo wuͤrde die naͤmliche Antwort erfolgen—„alles, nur dies nicht.“— Wenn Ihr mir zu Gefallen nicht trinken wollt, werde ich mit Euch zanken. Ein Glas muͤßt Ihr trinken, und ich will's fuͤr Euch anmiſchen.“ Der Domine ſchuͤttelte ſein Haupt, Marie machte ein Glas Grog und ſezte es an ihre — 190— Lippen.—„Wenn Ihr nun nicht trinkt, nach⸗ dem ich gekoſtet habe, will ich niemals wieder ein Wort mit Euch ſprechen;“ damit reichte ſie ihm das Glas. „In Wahrheit, Maͤgdlein, ich muß durch⸗ aus verweigern, denn ich habe mir ſelber ein Geluͤbde abgelegt.“ „Was war das fuͤr'n Geluͤbde?— ward's auf der Bibel beſchworen?“ „Nein nicht auf dem geheiligten Buche, aber feierlichſt in meiner Seele.“ „Ach! dergleichen Geluͤbde thue ich taͤglich und halte nicht ein einziges; alſo das reicht nicht aus.— Jezt ſeht, ich gebe Euch noch einmal Gelegenheit; ein klein wenig will ich noch trinken, wenn Ihr dann aber nicht ſo⸗ gleich Euren Mund auf eben der Stelle des Glaſes anſezt, ſo trinke ich Euch nie wieder zu.“ Marie heftete ihren Blick auf den Domine, waͤhrend ſie das Glas anſezte und noch etwas daraus trank, er betrachtete ſie mit aufgeſperr⸗ ten Naſenfluͤgeln und nervenzuckendem Geſichte. Mit ihrem ſuͤßeſten Laͤcheln reichte ſie ihm das — 191— Glas; halb ſtreckte der Domine ſeine Hand danach aus, nahm das Glas, ſezte es nieder, trank aber doch zulezt; Marie ſiegte und ich beobachtete ihr boshaftes Ausſehen, als das Getraͤnk den Schlund des Domine hinabrann. Tom und ich winkten uns mit den Augen. Der Domine ſezte ſein Glas ab, blickte ſchuld⸗ bewußt umher und erroͤthete ſtark; Marie aber, die gewahrte, ihr Sieg ſey nur zur Haͤlfte er⸗ rungen, legte ihre Hand ihm auf die Schulter und bat ihr den Grog noch einmal koſten zu laßen.— Auch ich nahm ein Glas zur Hand, um ihn mehr zu beruhigen; das naͤmliche that Tom, und der alte Tom ſprach in ganz ruhi⸗ gem Tone und mit mehr Schonung gegen den Domine, als ich bei ſeinem ſchroffen Weſen ihm zugetraut haͤtte. „Der alte Herr fuͤrchtet den Grog, weil er geſehen hat, daß ich'nen Tropfen zu viel ge⸗ nommen habe, das iſt aber noch gar kein Grund, weshalb Grog nicht'n gut und ge⸗ ſundes Ding ſeyn ſollte, mit Maͤßigkeit genom⸗ men.— Ein Glas oder auch zwei ſind gut, und noch beßer, wenn'n huͤbſches Maͤdchen mit den Lippen das Getraͤnk verſuͤßt; und ſel⸗ ber wenn der Domine den Grog nicht liebte, iſt er doch zu ſehr'n Gentleman, um ſeinen Widerwillen nicht aufzugeben,'ner Dame zu gefallen. Das Verdienſt iſt noch groͤßer, denn wenn er ihn liebte, ſo waͤr's kein Opfer— das iſt gewiß. Denkt Ihr nicht auch ſo, alter Geſell!“ ſagte er zu Stapleton, der ſchweigend rauchte. „Menſchennatur,“ entgegnete der, nahm die Pfeife aus dem Munde und ſpuckte unter den Tiſch. „Das iſt wahr; hier trink ich auf Euer Wohlergehen, Herr Domine, und mag Euch nie ein huͤbſches Maͤdchen fehlen, um mit ihr zu ſprechen, noch ein Glas Grog, um es auf ihre Geſundheit zu trinken.“ „Vater,“ fiel der junge Tom ein,„der Do⸗ mine macht ſich nichts aus huͤbſchen Maͤdchen, der iſt zu gelehrt und zu klug; der denkt an nichts, als an den Mond und an Latein und Griechiſch und Philoſophie, und wie's Alle heißt.“ „Wer mag ſagen, was unter der Haut ſeckt, Tom?— Niemand weiß, was iſt und was nicht iſt— ganz wie Sally's Schuh.“ — 193— „Niemals hoͤrte ich von Sally's Schuh, Va⸗ ter; das iſt mir ganz neu.“ „Habe ich Dir das niemals erzaͤhlt, Tom — gut, ſollſt's jezt hoͤren— das heißt, wenn's der Geſellſchaft genehm iſt.“ „O bitte, erzaͤhlt,“ rief Marie. „Moͤgtet Ihr die Geſchichte hoͤren, Herr?“ „Hoͤrte noch niemals von Sally Schuh re⸗ den und moͤgte ihre Geſchichte wohl kennen; alſo fahrt fort, Freund Dux.“ „Wohlan, ſo muͤßt Ihr wißen, daß, als ich am Bord der Terpſychore fuhr, da'n Vor⸗ top⸗matroſe war, der Bill Harneß hieß, und ein guter Burſche aber ſchwach im Kopfe. Wir waren nach England zuruͤckgekommen, nachdem wir einige Jahre auf der Jamaika⸗ Station zugebracht hatten, und lebten luſtig und guter Dinge— das heißt, die von uns uͤbrig geblieben waren— und unſer Geld brach⸗ ten wir mit Teufelsgewalt durch. Bill hatte 'ne Frau und beide hatten ſich recht lieb, ob⸗ wohl ſie'ne rechte ſchlumprige Perſon war, niemals gut getakelt, alles hing an ihr loſe umher und niemals zog ſie den Schuh auf, ſo II. 13 — 194— daß ſie Schlarr⸗Sally genannt wurde, und der erſte Lieutenant, ein gar eigener Geſell, konnte nicht leiden wenn ſie auf's Verdeck kam, denn ihr Haar wickelte ſie mit Papier am Neujahrs⸗ tage auf und wechſelte das nicht und macht's nicht los, bis das Jahr zu Ende ging und der Neujahrstag wiederkam. Wie dem aber auch ſeyn mogte, ſie hatten ſich lieb und waren gluͤcklich mit einander. Am Ende macht's'nen Mann auch nicht gluͤcklich, ob'ne Frau außen glatt laͤßt, es kommt alles darauf an, ob ihr Inneres recht iſt; das heißt, ob ſie frohlau nig, gefaͤllig, hoͤflich, nachgebend und ſo wei⸗ ter iſt.— Nach den erſten Paar Tagen iſt die Perſon gar nichts mehr— die Augen werden ſo voll wie'n Kabſtan, wenn's Anker oben am Bug haͤngt; was'n Mann aber liebt, iſt, daß ihn kein Zornwetter und keine Grillen ſtoͤ⸗ ren. Kurz, Bill war gluͤcklich— ward aber eines Tages verteufelt ungluͤcklich, weil Sally ihren einen Schuh verloren hatte, was gar nicht zu verwundern war, weil ſie immer mit niedergetretenem Fußzeug ging.„Wer hat mei⸗ ner Frau Schuh geſehen?“ fragte er.„Haͤng'n, er war's Anſehen nicht werth,“ ſagt einer; und in anderer ſagt:„ich ſah'n.“—„Wo?“ fraͤgt — 195— Bill.—„Nieder unter'm Hacken,“ antwortete der.— Bill laͤßt nicht nach und fraͤgt jeder⸗. mann nach dem Schuh, den ſie, wie es ſcheint, verloren haben mußte, als ſie in der Daͤm⸗ merung die Vorderſchiffleiter hinanſtieg, um auf's Verdeck zu gehen.— Am Ende faͤngt's Schiffsvolk daruͤber an zu lachen und ruft ſich den ganzen Abend zu:„wer hat Sally's Schuh geſehen?“— Aber der Schuh kam nicht wie⸗ der zum Vorſchein, und am folgenden Morgen geht Bill auf's Hinterdeck und klagt dem erſten 3 Lieutenant, daß Sally's Schuh verloren waͤre. —„Verdammt ſey Sally's Schuh,“ antwor⸗ tete der;„habe ich nicht genug in Acht zu neh⸗ men ohne Deines Weibes verwuͤnſchten Schuh, der keine zwei Pfennig werth ſeyn kann.“— Bill fuͤhrt an, daß ſeine Frau nur noch einen Schuh hat und daß der beide Fuͤße nicht trok⸗ 4 ken halten kann, und bittet den Lieutenant, ein Suchen danach anzuordnen; der Lieutenant dreht . ſich um und ſagt, er ſoll zum Teufel gehen, und alle Matroſen grinſen, weil der Bill ſo viel Aufhebens um Nichts macht.— Zulezt tritt Bill dicht zum Lieutenant und fliſtert ihm etwas zu, und der haͤlt'n mit'm Sprachrohr ab, als wenn er ſich zu viel herausnaͤhme, ſei⸗ — 196— nem Offizier etwas zuzufliſtern; dann ruft er den Geſchuͤzmeiſter und ſagt:„dieſer Mann hat ſeiner Frau Schuh verloren, das Schiff ſoll gleich durchſucht werden; alle Schiffsjungen herbei und uͤberall nachgeſpuͤrt— wenn der Schuh gefunden iſt, wird er mir gebracht.“ — Der Geſchuͤzmeiſter geht mit ſeinem Rohr⸗ ſtock, ruft die Jungens und laͤßt die Sally's Schuh ſuchen; die gehen uͤber's ganze Haupt⸗ verdeck, ſchauen unter die Kanonen, unter die Huͤhnerkaſten, in die Schaafhuͤrden und uͤber⸗ all; und bekommen von Zeit zu Zeit'nen ge⸗ ſchwingten Hieb uͤber den ſtraffen Hintertheil ihrer Hoſen, damit ſie ſcharf zuſehen, bis ſie alle der Sally ihren Schuh zum Teufel wuͤnſch⸗ ten und ſie dazu und ihren Mann in den Kauf. — Endlich zieht einer von den Jungens den Schuh aus dem Schweintroge hervor, wo er die ganze Nacht mußte gelegen haben, von den Schnauzen der Schweine hin und her geſto⸗ ßen, die ihn nicht eßbar finden konnten, wie⸗ wohl er'nen menſchlichen Geruch haben mogte; — die Sache war, daß der naͤmliche Junge den Schuh aufgerafft hatte, als er der Sally entfallen war, und der hatte ihn auch in's Vorſchiff geſchleudert.— Gewiß ſah der Schuh — 197— nicht aus, als waͤre er ſo vieler Muͤhe werth; gleichwöhl traͤgt'n der Geſchuͤzmeiſter hin und legt'n auf die Kabſtandecke.— Darauf tritt Bill vor, legt den Schuh hin wo der Lieute⸗ nant ſteht, ſchneidet ihn auf und zieht zwiſchen dem Futter vier Zehn⸗Pfund⸗Noten hervor, die Sally zu groͤßerer Sicherheit darin genaͤht hatte; der Lieutenant ſagt, Bill ſey ein dummer Narr, ſein Geld in den Schuh einer Frau aufzube⸗ wahren, die immer ſchlarrſchuh ginge und ſchickt 'n mit der Weiſung fort, ſein Geld an'nem beßern Plaze hinzuſtecken. Wenn nun ſpaͤter ir⸗ gend ein Ding beßer war, wie's ausſah, ſo ſagte das Schiffsvolk davon, es gleiche Sal⸗ ly's Schuh.— Da habt Ihr die Geſchichte.“ „Ich kenne eine Sache, die dem viel aͤhnlich iſt,“ ſagte Stapleton, der ſeine Pfeife aus dem Munde genommen hatte,„und die mir ge⸗ ſchah, als ich unten bei Scheerneß ein Schiff verſorgte, denn damals pflegte ich mein Boot dort zu rudern. Es war ein altes Fuͤnfzigka⸗ nonenſchiff, und der erſte Lieutenant, auch ſo ei⸗ ner von den ſcharfen Stoͤbern, ging auf dem Hauptverdeck und fand'n Paar alte Segeltuch⸗ hoſen unter die Lavette einer Kanone verſteckt. — 198— „Wem gehoͤren die?“ fraͤgt er; aber niemand gibt Antwort, weil ſie wohl wußten, was dar⸗ auf ſtand. Der Lieutenant ſtoͤßt die Hoſen durch die Schießluke und der Strom treibt ſie fort. Ne halbe Stunde ſpaͤter komm' ich an Bord gefahren und bringe Milch, da ſagt'n Matroſe zu mir:„hoͤr', Stapleton, der Lieutenant hat meine Segeltuchhoſen uͤber Bord geworfen, und verdammt ſey er dafuͤr; die muß ich aber wie⸗ der haben.“— Darauf antworte ich:„nun, die werden laͤngſt zu Grunde gegangen ſeyn und die Plattfiſche ſtoßen ihre Naſen daran.“ —„Nein, nein,“ ſpricht er,„die ſinken nicht, die bleiben flott bis in alle Ewigkeit; mit der Ebbe ſind ſie hinab und werden mit der Fluth wieder aufkommen, alſo paßt gut auf, ich gebe Euch fuͤnf Schillinge, wenn Ihr ſie mir bringt.“ — Ich ſah nicht viel Wahrſcheinlichkeit, ſo we⸗ nig die Beinkleider, als meine fuͤnf Schillinge jemals zu bekommen, aber es traf ſich ſo, daß mit der naͤchſten Fluth dieſe naͤmlichen ſegeltuch'⸗ nen Hoſen mir vorbeiſchwammen. Ich nehme ſie in den Kahn und bringe ſie dem Matroſen, der hoͤchlich erfreut ſchien und mir das Geld zahlte.—„Nicht fuͤr zehn, ja nicht fuͤr zwan— zig Pfund haͤtt' ich ſie verlieren wollen,“ ſagt —pꝑ, —·ꝙᷓ — 199— er.—„Haſt mir ſchon mehr dafuͤr bezahlt, als ſie werth ſind,“ antwortete ich.— Meynt Ihrz warte mal'n bischen;“ er zieht'n Meßer her⸗ vor, ſchneidet den Bund auf und zieht'n Stuͤck Leinen hervor und aus dieſem'nen Kinder⸗ ſchaͤdel.—„Da,“ ſagt er,„nun wißt Ihr, weshalb meine Hoſen nicht ſinken konnten und ob das nicht fuͤnf Schillinge werth war.“— Das iſt meine Geſchichte.“ „Ich kann nicht begreifen, wie ein Schaͤdel Leute uͤber Waßer halten ſollte?“ ſprach der alte Tom. „Menſchennatur,“ bemerkte Stapleton, der ſchon wieder rauchte. „Was ſagt Ihr dazu?“ fragte Marie den Domine. „Maͤgdlein,“ ſagte dieſer, ſeine Pfeife aus dem Munde nehmend,„ich halte es fuͤr einen Volksirrthum. Sir Thomas Brown, meyne ich, hegte den naͤmlichen Gedanken; vieler und ſonderbarlicher Aberglauben iſt von unſern min⸗ derunterrichteten Vorfahren uns uͤberliefert— aber die kraftvollen Strahlen der Wahrheit ha⸗ ben die Nebel verſcheucht,“ — 200— „Recht gut, Meiſter, wenn aber ſo'n Volks⸗ irrthum einen vor'nem Knochenmann ſichern kann, iſt's dann nicht auch gut, ihn im Ho⸗ ſen bande feſtzunaͤhen?“ „Zugeſtanden, guter Dux, wenn's einen Men⸗ ſchen zu retten vermoͤgte; aber wie waͤre das moͤglich,— es widerſtreitet den erſten Elemen⸗ ten der Wißenſchaft.“ „Das kann einerley ſeyn, wenn's ſeinen Mann nur uͤber Waßer haͤlt.“ „Freund Dux, Du biſt Obskurant.“ „Das iſt wohl moͤglich, denn ich weiß nicht, was das heißt.“ „Aber Vater,“ fiel der junge Tom ein, „ſagte der Paſtor nicht am Sonntage, daß der Glaube die Menſchen rettet? Moͤgt's denn nicht auch ſeyn, Meiſter Domine, daß der Glaube, den ein Menſch in ſo'nen Schaͤdel ſezt, ihn retten koͤnnte.“ „Junger Tom, Du biſt Aſtukus.“ „Das iſt moͤglich, wie Vater ſagt, denn ich weiß nicht, was das bedeutet. Ihr ſchlagt uns Alle mit Eurem Woͤrterbuche zu Boden.“ — 201— „Ich mag gern hoͤren, wenn Leute derglei⸗ chen ſchwere Worte gebrauchen,“ ſagte Marie, den Domine anblickend;„wie ungemein gelehrt Ihr nur ſeyn muͤßt, Herr; ich moͤgte wohl wißen, ob ich ſolche Worte jemals verſtehen koͤnnte?“ „Wenn Du wilſt, will ich Dich einweihen — ſuͤßes Maͤgdlein— willſt Du Dir ein Stuͤndchen oder mehr entziehen und verwenden zur Impregnation Deines Gemuͤthes mit den Saamenkoͤrnern der Wißenſchaft, die auf ſo ſchoͤnem Boden nothwendig gute Fruͤchte her⸗ vorbringen muͤßen?“ „Das iſt'n ſchoͤnes Wort das Impregna⸗ tion; wollt Ihr uns nicht die Engliſche Mei⸗ nung davon geben,“ ſagte der junge Tom zum Domine. „S'iſt Engliſch,“ fiel der alte Tom ſogleich ein;„der alte Herr hat's nur ſo was raſirt; das dritte Schiff in der Windlinie von der Ka⸗ nalflotte fuͤhrte achtzig Kanonen und hieß Im⸗ pregnablez aber der alte Herr kennt mehr von Buͤchern, als von Seeſachen.“ „Wundervolle Miß⸗konception,“ ſprach der Donine. — 2⁰2— „Da haben wir wieder eines,“ rief Tom la⸗ chend,„das muß wohl'n Dreidecker ſeyn. Da Vater, habt Ihr die Flaſche, das muͤßt Ihr mit'nem andern Glaſe hinunterſpuͤlen.“ „Bitte, welche war die Meinung von dem lezten langen Worte,“ ſagte Marie und erfaßte des Domine Arm,„miß— ſo irgend was.“ „Das Wort,“ erwiederte der Domine,„iſt zuſammengeſezt aus dem vom Lateiniſchen er⸗ borgten Conceptio, welches den Begriff andeu⸗ tet, und dem vorgeſezt iſt das miß, welches verneint oder die Meinung umkehrt; Miß⸗kon⸗ ception will alſo ſagen: nicht begreifen. Ich kann Dich mit vielen andern bekannt machen, deren Zuſammenſezung in aͤhnlicher Weiſe ge⸗ ſchieht als Miß⸗konception; wie da ſind: Miß⸗ verſtaͤndniß, Miß deutung, Mißgriff, Miß⸗ anwendung, Miß—“ „Gerechter Gott, welch eine Menge Mißes,“ rief Marie aus,„und die kennt Ihr Alle?“ „Gewiß und ſicherlich,“ erwiederte der Do⸗ mine,„nebſt vielen, vielen andern, die aufbe⸗ wahrt in meinem Gedaͤchtniße bleiben, quod nunc describere longum est.“ — 203— „Nicht'n Gedanken hab' ich davon gehabt,“ ſagte der alte Tom zu Stapleton,„daß der alte Herr ſolch'nen Trieb haͤtte, ſo hinter den Maͤdchen herzulaufen.“ „Menſchennatur,“ erwiederte der. „Eben ſo wenig hab' ich das geglaubt,“ fuhr Marie fort;„und ich will gar nicht mehr zu ihm ſprechen;“ dabei ſchob ſie ihren Stuhl um einige Zoll von dem des Domine ab. „Maͤgdlein,“ ſprach der Domine,„Dich be⸗ faͤngt ein Mißverſtehen.“ „Wahrhaftig, noch'ne Miß,“ rief Tom la⸗ chend. „Der alte Tuͤrke,“ ſprach Marie und ruͤckte noch weiter ab. „So will ich gar nicht mehr antworten,“ ſagte der Domine entruͤſtet, legte ſeine Pfeife nieder, lehnte ſich im Seßel zuruͤck, zog ſein großes rothes Taſchentuch hervor, welches er zu ſeiner Naſe fuͤhrte und dieſer einen Schall entlockte, welcher die Fenſterſcheiben im kleinen Zimmer mehre Sekunden erzittern machte. „Ich ſage, Meiſter Tom, nimm Du Dir nicht zu viel heraus bei Leuten, die beßer ſind, — 204— als Du,“ ſprach der alte Tom, ſobald er ge⸗ wahrte, der Domine ſey beleidigt. Dieſer erwiederte:„ein altes Sprichwort ſagt: wie die Alten ſungen, ſo zwitſcherten die Jungen.— Weshalb haſt Du ihm das Bei⸗ ſpiel gegeben?“ „Ihr habt vollkommen Recht, alter Herr, und ich bitte Euch um Vergebung, hier iſt meine Hand darauf.“ „Und die erbitte ich ebenfalls und reiche Euch auch meine Hand,“ ſagte der junge Tom. „Freund Dux und Du junger Tom, ich nehme willig die dargebotene Ausſoͤhnung an, weil ich recht gut weiß, daß, wiewohl unge⸗ mein viel Muthwillen in Deinem Weſen herrſcht, doch keine Bosheit zum Grunde liegt.“ Er ſchuͤttelte mit Waͤrme Beider ihm hingehaltene Haͤnde. „So,“ ſprach der alte Tom,„nun iſt mein Gemuͤth erleichtert, wie der alte Pigtown ſagte.“ „Der Autor, den Du da anfuͤhrſt, mein guter Dux, iſt mir unbekannt.“ „Autor— ich habe gar nicht geſagt, daß er ein Autor waͤre; er war der Captain eines — 205— kleinen Schooners, der zwiſchen den Weſtindi⸗ ſchen Inſeln hin und her fuhr; ein Paar Wo⸗ chen ſegelte ich an ſeinem Bord.“ „Dann erzaͤhleſt Du vielleicht der anweſen⸗ den Geſellſchaft die Umſtaͤnde, welche des al⸗ ten Pegtops— vielleicht ſprech' ich den Na⸗ men nicht richtig——“ „Pigtown,“ verbeßerte der alte Tom. „Gut— die des alten Pigtown Gemuͤth erleich⸗ terten;— denn wunderbarlich vergnuͤgen Deine Erzaͤhlungen mich, bei denen die Zeit gar an⸗ genehm verfließt, mein guter Dux.“ „Herzlich gern, alter Herr;— aber erſt fuͤl⸗ len wir mal unſere Glaͤſer. Ich weiß nicht, wie's kommt, mir will aber ſcheinen, daß Grog ſich beßer aus Glas, als aus Metall trinkt, wenn's nicht waͤre, daß der Tom ſo nachlaͤßig iſt— und daß der Hund Tommy fuͤr zerbrech⸗ liche Waaren auch nicht mehr Achtung hat, als fuͤr Perſonen— ſo wollt' ich eines oder ein Paar ſolcher Glaͤſer zu beſonderm Gebrauche am Bord haben; aber ich will's uͤberlegen und hoͤren, was die alte Frau dazu ſagt.— Nun zu meinem Faden.— Alſo Pigtown befehligte — 206— 'nen kleinen Schooner, den er ſeit vierzig Jah⸗ ren zwiſchen den Inſeln umherfuhr, und war ſo bekannt wie der Port⸗Royal⸗Tom.“ „Wer war dieſer Port⸗Royal⸗Tom; vielleicht ein Verwandter von Dir?“ fragte der Domine. „Ich hoffe nicht, denn ſeine Bekanntſchaft ſuche ich gar nicht; es war ein Hayfiſch, ſeine guten zwanzig Fuß lang, der im Hafen wie'ne Wache ſchwamm, um die Matroſen auf den Kriegsſchiffen zu verhindern, daß ſie uͤber Bord ſpraͤngen und deſertirten; und's Gouvernement gab ihm dafuͤr Penſion.“ „Das Gouvernement gab ihm Penſion! nun das klingt gar zu ſonderbar! Freilich habe ich gehoͤrt, daß Penſionen auf arge Weiſe verſchleu⸗ dert wuͤrden, aber daß es ſo weit ginge, habe ich nicht gewußt. Das muß in der That eine Sinecure geweſen ſeyn.“ „Was das fuͤr'n Ding iſt, weiß ich nicht,“ erwiederte Tom,„aber von unſerm Bootsmann in der Minerva, der gerne Politik ſprechen mogte, hab' ich wohl gehoͤrt, daß die Haͤlfte der Staatspenſionen an'nen Rudel verdamm⸗ ter Hayfiſche gezahlt wuͤrde; was aber dieſes Hayfiſches Penſion anbetrifft, ſo wurde ſie nicht in Geld gezahlt, ſondern in regelmaͤßigen Ra⸗ tionen von Ochſenleber, damit er im Hafen blei⸗ ben ſollte; und kein Matroſe durfte wagen, an's Land zu ſchwimmen, ſo lange der Hay⸗ fiſch um die Schiffe hin und her trieb.— Nun ſeht, der alte Pigtown, mit ſeinen weißen Beinkleidern und ſeinem Strohhute, mit ſei⸗ ner rothen Naſe und ſeinem dicken Bauche, war ſo gut bekannt, als moͤglich; und'n treff⸗ licher alter Geſell war's fuͤr Auftraͤge⸗ausrich⸗ ten, vorausgeſezt daß ihm das Geld zuvor ein⸗ gehaͤndigt wurde, denn geſchah das nicht, ſo trug er jedesmal Sorge, die Beſtellung zu vergeßen. Er hatte'nen Sohn, der'n bischen ſchwaͤrzlich war und bewies, daß ſeine Mutter nicht voͤllig ſo weiß wie'ne Lilie geweſen ſeyn mußte; dieſer Sohn fuhr in'nem Droger, das iſt'n kleines Fahrzeug, was an den In⸗ ſelkuͤſten von einer Bucht zur andern faͤhrt und den Zucker von den Pflanzungen an Bord der Weſtindienfahrer bringt. Eines Tages ward dieſer Droger hinaus in's Meer verſchlagen und man hoͤrte nichts mehr davon. Der alte Pig⸗ town war aber ſehr beſorgt um ſeinen Sohn und erwartete den alle Tage zuruͤck, der kam — 208— aber nicht und das hatte ſeine guten Gruͤnde, wie Ihr vernehmen ſollt; weil nun jedermann den alten Pigtown kannte und er ebenfalls mit allen Leuten bekannt war, ſo wurde ihm wohl fuͤnfzig Mal am Tage die Frage wiederholt: „Habt Ihr nichts von Eurem Sohne gehoͤrt?“ und fuͤnfzig Mal erwiederte er darauf:„Nein, und das laſtet ſchwer auf meinem Ge⸗ muͤthe.“ Drei Monate ſpaͤter, als ich am Bord ſeines Schooners mit ihm fuhr, befiel uns zwiſchen den Inſeln eine Windſtille, die Sonne verſengte uns faſt unſere Haare und die Schiffsplanken waren ſo gluͤhend heiß, daß Niemand ohne Schuhe darauf gehen konnte. An dem Tage fingen wir'nen großen Hayfiſch, der unter un⸗ ſern Bug kam und die Angelſchaufel verſchluckte; wir zogen ihn an Bord und ſchnitten ihn auf, und da gewahre ich etwas in ſeinen Eingewei⸗ den erglaͤnzen, ziehe es hervor und finde eine ſilberne Uhr. Die reiche ich Pigtown hin; der betrachtet ſie recht aufmerkſam, oͤffnet die aͤu⸗ ßere Kapſel, lieſt des Uhrmachers Namen und druͤckt ſie wieder zu.„Dieſe Uhr hier,“ ſagte er,„gehoͤrte meinem Sohne Jack. Ich kaufte ſie von'nem Burſchen auf'nem Suͤd⸗Wallfiſch⸗ faͤnger fuͤr drei Dollars und'ne Rolle Schwein⸗ — 289— ſchwanz⸗Tabak, und'ne ſehr gute Uhr war ſie, wiewohl ich bemerke, daß ſie jezt ſtillſteht. — Jezt ſeht Ihr wohl, iſt alles klar— der Droger muß bei'nem Windſtoß untergegan⸗ gen ſeyn— der Hayfiſch muß meinen Sohn Jack aufgeſchnappt haben,— und der muß ſeinen Koͤrper verdauet haben, wiewohl er nicht im Stande geweſen iſt, ſeine Uhr zu verdauen;— jezt weiß ich, was aus ihm geworden iſt, alſo—iſt mein Gemuͤth er⸗ leichtert.“ „Ich denke wie der alte Popton oder wie er heißen mag,“ bemerkte Stapleton,„daß es viel beßer iſt, mit einem Male das Aergſte zu wißen, als unſer ganzes Leben lang auf der Sperre gehalten zu bleiben. Ich betrachte das nur als Menſchennatur.— Wenn einer'nen boͤſen Zahn hat, was iſt da das Beſte, mit enem guten Anſaz heraus, oder Tag und Nacht Qual, das ganze Jahr durch?“ „Du redeſt kluͤglich, Freund Stapleton, und wie ein entſchloßener Mann— die Vor⸗ ſtellung iſt oft, wenn auch nicht immer, pein⸗ licher als die Wirklichkeit.— Du weißt, Ja⸗ kob, wie oft ich einen Knaben mit losgeknoͤpf⸗ II. 14 ten Hoſen eine Stunde lang mitten im Schul⸗ zimmer ſtehen ließ, bevor ihm das Birkenreis zugetheilt wurde— dies geſchah in Betracht deßen, daß der Eindruck der Strafe noch tie⸗ fer auf ſein Gemuͤth als auf ſeine Hintertheile einwirken werde. Von allen Gefuͤhlen der Men⸗ ſchenbruſt iſt Aufſchub—“ „Aerger als haͤngen,“ unterbrach ihn der junge Tom. „So iſt's, mein Junge(gluck! gluck!), ein treffender Vergleich, weil Du beim Aufſchub gewißermaßen in der Region der Zweifel haͤngſt, ohne den Fuß nur auf eine Vermuthung feſt⸗ ſtellen zu koͤnnen. Wir moͤgen ein anderes Gleichniß hinzufuͤgen, wiewohl es nicht voͤllig ſo gut ſich anſchließt, naͤmlich daß die Todes⸗ qual erwartungsvollen Aufſchubs den Athem des Menſchen fuͤr eine Zeit in's Stocken bringt, waͤhrend Haͤngen ihn gaͤnzlich ſtockt, ſo daß man mit Wahrheit ſagen kann, daß der Auf⸗ ſchub durch Aufhaͤngen geendet wird.“(Gluck! gluck!) „Nun Ihr dies Alles von Euch gegeben habt, Meiſter, was meynt Ihr, wenn Ihr — 211— Eure Pfeife wieder ſtopfet;“ bemerkte der alte Tom. „Und ich will Euer Glas auffuͤllen,“ ſagte Marie,„denn Ihr muͤßt an den ſchweren Wor⸗ ten Euch ganz trocken geſprochen haben.“ Diesmal machte der Domine keine Einwen⸗ dungen, huͤllte Marie und ſich ſelber in eine Rauchwolke, durch welche ſeine Naſe hervor⸗ ſchimmerte, wie ein Oſtindienfahrer durch die Nebel im Kanal. Neuntes Kapitel. Des Oomine Buſen wird zu warm; deshalb bricht die Geſellſchaft und auch der Froſt auf;— ich gehe mit dem Strom und auch gegen ihn; ver⸗ 1 diene auf beide Weiſen Geld.— Kaͤlte zwiſchen Marie und mir.— Keine Ausſicht zu einer Themſe⸗Ausgabe von Abelard und Eloiſe.— Liebe, Lernen und Latein, geht alles in einem Anfall muͤrriſcher Laune verloren. „Ich ſage, Meiſter Stapleton, wie waͤr's, wenn wir'ne halbe Luke aushoͤben,“ bemerkte der alte Tom nach laͤngerem Schweigen,„denn der alte Herr blaͤſt'nen Teufel von'ner Wol⸗ V ke;— das will ſagen, wenn Niemand nichts dagegen hat.“ — 213— Stapleton nickte bejahend mit dem Kopfe, und ich ſtand auf, um das Oberfenſter etwas herabzuſchieben. Der alte Tom fuhr fort:„das iſt recht, Jakob, nun koͤnnen wir ſehen, was Marie und er treiben;— Ihr habt die Dame ganz allein zu Eurem Vergnuͤgen gehabt, Herr.“ „Gewiß und wahr,“ erwiederte der Domine, „ganz wie ein zweiter Jupiter.“ „Niemals von dem gehoͤrt.“ „Das vermuthe ich wohl, aber Jakob wird Dir erzaͤhlen, daß die Geſchichte in Ovid's Metamorphoſen zu finden iſt.“ „Kenne das Land nicht, Meiſter.“ „Nein, Freund Dux, es iſt kein Land, ſon⸗ dern ein Buch, in welchem Du leſen magſt, wie Jupiter zur Semele in einer Wolke nie⸗ derſtieg.“ „und wo kam er denn her?“ „Aus dem Himmel kam er.“ „Den Teufel that er;— nun wenn ich je⸗ mals dahin komme, meyn' ich zu bleiben.“ „Es war Liebe, allmaͤchtige Liebe, die ihn — 214— anzog, Maͤgdlein,“ fuhr der Domine fort und laͤchelte Marie an. „Ganz und gar uͤber meinen Begriff,“ ant⸗ wortete der alte Tom. „Menſchennatur,“ murmelte Stapleton, ohne die Pfeife abzuſezen. „Nicht die erſten Fahrzeuge, die im Nebel an einander rannten,“ bemerkte der junge Tom. „Wahr, Junge, aber dann iſt nicht viel Liebe bei ihnen zu finden. Doch kommt, wie waͤr's, wenn ich Euch ein Lied ſaͤnge, nun wir Athem holen koͤnnen. Was ſoll's ſeyn, Jungfrau— ein Seegeſang— oder was Loͤffelhaftes?“ „O, was von Liebe, wenn Ihr nichts da⸗ gegen habt, Herr,“ ſagte Marie und blickte den Domine an. „Nein es gefaͤllt mir, Maͤgdlein, ich bin Deiner Meinung.— Freund Dux, laß es ana⸗ kreontiſch ſeyn.“ „Was zum Teufel iſt das?“ fragte der alte Tom mit aufgerißenen Augen. Wird wohl was von Eßen ſeyn, er ſpricht ja an Tiſch,“ bemerkte der junge Tom. — 215— „Nein, Knabe, ich wollte damit ſagen, daß der Geſang auf Frauen und Wein Bezug ha⸗ ben muͤßte.“ „Die er beide nach ſeinem Geſchmack findet,“ ſagte Tom halblaut zu mir. „Menſchennatur, bemerkte drollig genug der alte Stapleton. „Nun, ſollt' haben was Ihr wuͤnſcht; will Euch eines ſingen, das in'ner Lady Gemach getrillert werden koͤnnte, ohne die ſeidenen Vor⸗ haͤnge zu verſchließen. „Dahin iſt die Zeit, in der Schoͤnheits Macht Zwang Herzens Triebe z In der mein Lebenstraum, bei Tag, bei Nacht, War Liebe— nur Liebe. Neues Hoffen mag bluͤhen, Mild und klar moͤgen ziehen, Tage am Himmelsraum; Doch im Leben iſt nichts zur Haͤlfte ſo ſuͤß, Als der Liebe Jugend⸗Traum; Nein im Leben iſt nichts zur Haͤlfte ſo ſuͤß, Als der Liebe Jugend⸗Traum.“ Die Melodie des Geſanges, im Vereine mit der Wirkung des genoßenen Getraͤnkes und der — 216— Strahlen, die Mariens Augen auf ihn richte⸗ ten, brachte ſtarken Eindruck auf den Domine hervor. Wie der Geſang voller ertoͤnte, ruͤckte der Pedagoge allmaͤhlig ſeinen Stuhl naͤher zu Marie und eben ſo allmaͤhlig umfaßte ſein ei⸗ ner Arm ihren Leib, waͤhrend ſeine Augen fun⸗ kelnd ſie anſchauten. Der alte Tom, der dies gewahrte, hatte mir und Tom zugewinkt, als er die beiden lezten Strophen wiederholte, und ſobald wir ſahen, was vorging, brachen wir in unaufhaltbares Gelaͤchter aus. „Jungens, Jungens,“ ſagte der Domine aufſchreckend,„dieſe laͤrmende Luſtigkeit hat mich aus ſuͤßen Traͤumereien erweckt, welche der Wohlklang von Freund Dur ſeiner Stimme mir erſchaffen hatte.— Die Quelle zu dieſer Kehlenergoͤzung bemerke ich gar nicht, denn der Geſang iſt liebend, aber nicht komiſch. Indeß kann nicht angenommen werden, daß Du in Deinem zarten Alter von Dingen ergriffen wer⸗ den ſollteſt, die zu fuͤhlen Du noch zu jung biſt. Ich bitte Dich, fahre fort, Freund Dux, und Jungens, haltet Euren Muthwillen in Schran⸗ ken.“ — 217— Strebt auch edlerem Ruhm der Barde nach Wenn Jugend⸗Wildheit zerrann; Wird Schmoller zum Weiſen auch allgemach, Daß jezo er laͤcheln kann; Doch findet er nimmer Im Ruhmesſchimmer Die himmliſch⸗ſuͤße Luſt, Die er in's Ohr der Geliebten ſang Aus flammender Bruſt— Als ſie erroͤthet bei jeglichem Klang, Den haucht die liebende Bruſt. Bei dem Anfange dieſes Verſes ſchien der Domine auf ſeiner Hut zu ſeyn, allmaͤhlig aber von der Macht des Geſanges uͤberwun⸗ den, ſenkte er ſeinen Ellenbogen auf den Tiſch und ſeine Pfeife unter dieſen; dann verſank ſeine Stirne in die breite Handflaͤche und er blieb bewegungslos.— Der Geſang endete, und er, alles was ihn umgab vergeßend, rief in ſanfter Betonung, ohne aufzublicken:»Eheu Maria!« „Sprecht Ihr zu mir, Herr?“ fragte Ma⸗ rie, die uns kichern ſah, halb ernſthaft, halb ſpoͤttiſch den Domine. „Sprechen, Maͤgdlein?— nein, ich ſprach II. 14* — 218— nicht;— jedoch moͤgteſt Du mir meine Pfeife geben, welche dem Anſcheine nach abduzirt iſt, waͤhrend ich dem Geſange horchte.“ „Abduzirt,— das iſt wieder ein neues Wort, wird aber, wie ich vermuthe, heißen, in Stuͤcke zerfallen,“ ſagte der junge Tom; nauf jeden Fall iſt das Eurer Pfeife geſchehen, die Ihr habt zur Erde gleiten laßen.“ „Hat nichts zu bedeuten,“ ſagte Marie, ſtand vom Stuhle auf und ging zum Schenk⸗ ſchranke:„hier iſt eine andere, Herr.“ „Nun, Meiſter, wollt Ihr's Ende hoͤren, oder habt Ihr genug davon?“ „Fahre fort, Freund Dux, fahre fort; und glaube mir, daß ich die Aufmerkſamkeit ſelber bin.“ O, nimmer vergißt ſich die Huldgeſtalt Im Zauber der Liebe, Wuͤrd' unſer Erinnern auch wuͤſt und kalt, Ihr Schatte uns bliebe. Ach! es war nur ein Duft, Schnell verhaucht in der Luft Das beſchwingte Phantom 3 — 219— Ein Licht war's, das nimmer wieder erhellt, Den truͤben Lebensſtrom; Ach! ein Licht, das niemals wieder erhellt, Den truͤben Lebensſtrom. „Nein,“ ſprach der Domine, auf's Neue in Gedanken verloren,„die Metapher iſt nicht richtig: truͤber Lebensſtrom, Leth tacitus amnis, wie Lucan ſagt— aber des Lebens Strom fluthet,— ja er fluthet raſch— ſogar in meinen Adern. Pocht das Herz nicht und hebt ſich— ja mit Kraft— vielleicht ſogar zu ungeſtuͤm gegen mein beßeres Urtheil?— Confiteor misere molle cor esse mihi, wie Ovid ſagt. Aber ſoll das ſeyn?— Soll ein Maͤgdlein den Sieg uͤber ſiebenzig Knaben da⸗ von tragen?— Soll ich, Domine Dobbs, von meinem Poſten entweichen?— Wiederum hin⸗ abſinken zu—. Ich will nur aufbrechen, um in fruͤher Morgenſtunde an meinem Pulte zu ſizen.“ „Ihr meynt, uns nicht zu verlaßen?“ ſprach Marie und faßte des Domine Arm. „Doch, reizendes Maͤgdlein, denn es wird ſpaͤt und ich habe meine Pflichten zu erfuͤllen,“ — 220— antwortete der Domine und erhob ſich vom Stuhle. „Dann verſprecht Ihr doch, wiederzukom⸗ men?“ „Das mag ich moͤglicherweiſe.“ „Wenn Ihr mir nicht verſprecht, daß Ihr wollt, ſo laße ich Euch jezt nicht fort.“ „In der That, Maͤgdlein——“ „Verſprecht,“ unterbrach Marie ihn. „Wirklich, Maͤgdlein—“ „Verſprecht!“ rief ſie. „In allem Ernſte, Maͤgdlein—“ „Verſprecht,“ wiederholte ſie und zerrte den Domine zu ihrem Stuhle heran. „Nun, ich verſpreche denn, weil Du es ſo haben willſt,“ ſprach er. „Und wann wollt Ihr kommen?“ „Ich werde nicht ſaͤumen,“ erwiederte er, und nun gute Nacht Euch Allen.“ Der Domine reichte uns die Hand zum Ab⸗ ſchiede und Marie leuchtete ihm hinab. Meines wuͤrdigen Lehrers Entſchluß, aus dem Erken⸗ — 221— nen der Gefahr entſtehend, in die er ſich ver⸗ fezt ſah, machte mir Freude und gerne haͤtte ich gehofft er wuͤrde Marie in der Folge ver⸗ meiden, die augenſcheinlich ſeine Eroberung zu machen wuͤnſchte, weil ihr das zum Scherz ge⸗ reichte und weil ſie Bewunderung uͤber Alles liebtez dagegen konnte ich mir aber auch nicht verhehlen, daß er das abgedrungene Verſpre⸗ chen, ſie wieder zu beſuchen, erfuͤllen wuͤrde, und ich beſorgte, daß dieſer zweite Beſuch, vielleicht ohne Gegenwart Dritter, gefaͤhrlich fuͤr ihn werden koͤnnte. Deshalb nahm ich mir vor, mit Marie uͤber den Gegenſtand zu ſpre⸗ chen, ſobald ich Veranlaßung dazu finden wuͤrde, und ernſtlich von ihr zu fordern, daß ſie mit dem wuͤrdigen alten Manne kein Tho⸗ renſpiel treiben ſolle. Marie blieb laͤngere Zeit unten, als noͤthig geweſen waͤre, und im Zu⸗ ruͤckkommen blickte ſie mich an, als erwarte ſie ein Laͤcheln der Zuſtimmung; mit Verachtung in meinem Blicke wandte ich mich ab. Sie ſezte ſich und blickte verlegen vor ſich nieder. Auch Tom war ſchweigſam und bewies ihr nicht die geringſte Aufmerkſamkeit. Nach einer Viertelſtunde war er es, der ſeinen Vater zur Heimkehr aufforderte und ſie gingen. Darauf — 222— nahm ich mir Licht, um zu Bette zu gehen, verließ Marie ſchweigend und nachdenklich, den alten Stapleton aber mit ſeiner Pfeife be⸗ ſchaͤftigt. Am folgenden Tage wechſelte der Mond, das Wetter aͤnderte, ein ſchnelles Aufthauen be⸗ gann.„Das iſt'n boͤſer Wind, der nieman⸗ dem Gutes blaͤſt,“ bemerkte Stapleton;„jezt werden wir Kahnfuͤhrer den Strom wieder allein fuͤr uns haben, und die Hoͤker, die mit ihren Pfefferkuchen auf dem Eiſe ſaßen, muͤßen ſich'nen andern Markt ſuchen.“— Inzwiſchen vergingen noch drei bis vier Tage, ehe der Strom ſo frei vom Eiſe wurde, daß man uͤber⸗ fahren konnte, und waͤhrend dieſer Zeit herrſchte, wie ich bemerken muß, Spannung zwiſchen Marie und mir. Ich zeigte ihr, daß ihr Be⸗ tragen mir mißfallen habe, und im Anfange ſuchte ſie mich zufrieden zu ſtellen, als ſie aber fand, daß ich laͤnger aushielt, als ſie erwartet haben mogte, wandelte ſie ſich um und ſpielte die Beleidigte. Kurze Worte und kein Unter⸗ richt waren an der Tagesordnung, und weil beide Theile entſchloßen ſchienen, die Sache aauf's Aeußerſte zu ertragen, ſo war zur Ver⸗ — 223— ſoͤhnung wenig Ausſicht. Sie litt indeßen am meiſten dabei, denn nach dem Fruͤhſtuͤcke ver⸗ ließ ich das Haus und kehrte erſt zum Mit⸗ tageßen zuruͤck. Anfangs ruderte Stapleton ſehr regelmaͤßig und nahm alle Fahrten, nachdem wir aber vierzehn Tage zuſammen gearbeitet hatten, ließ er mich allein nach Beſchaͤftigung ausſehen und blieb lieber im Wirthshauſe.— Das Wetter war jezt ſchoͤn und der Wechſel war nach dem ſcharfen Froſte ſo raſch, daß die meiſten Baͤume belaubt waren und die große Roßkaſtanie ihre Bluͤthen zeigte. Der Kahn war faſt in unaufhoͤrlicher Bewegung und an jedem Abende haͤndigte ich dem alten Staple⸗ ton vier bis ſechs Schillinge ein. Meine Le⸗ bensweiſe erfreute mich, ganz vollkommen gluͤcklich haͤtte ich mich gefuͤhlt, waͤre mein Zank mit Marie nicht geweſen; ſie ſchien fort⸗ waͤhrend eben ſo entſchloßen, ier kommen zu vermeiden, als ich felber.— O wie ſehr mag das Leben durch Strei nen verbittert werden, die unter einem Dache mit uns leben, ſelber wenn auch gar keine warme Anhaͤnglichkeit Statt gefunden haͤtte; das ſtete Aneinanderreiben plagt und ermuͤdet uns, und wiewohl man die vereinzelten Atome — — 224— verachten mag, wird deren Anhaͤufung doch un⸗ ertraͤglich. Im Hauſe hatte ich gar keine Freude, und die Abende, welche wir vormals ſo ver⸗ gnuͤgt verbrachten, wurden mir jezt zu einer Quelle des Mißbehagens, weil ich genoͤthigt war, ſie in Geſellſchaft einer Perſon zuzubrin⸗ gen, mit welcher ich nicht im freundlichen Ver⸗ nehmen ſtand. Stapleton kam gemeiniglich erſt ſpaͤt zu Hauſe und das machte die Sache noch ſchlimmer. Eines Abends ſaß ich, hatte meine Augen auf das vor mir liegende Buch gerich⸗ tet, uͤberlegte aber bei mir ſelber, ob ich nicht den erſten Schritt zur Ausſoͤhnung thun wolle, als Marie, die ganz ſtill bei ihrer Handarbeit geſeßen hatte, das Schweigen brach und mich fragte, was ich laͤſe. Ich antwortete in ſehr ernſtem und ruhigem Tone. „Jakob,“ ſezte ſie das Geſpraͤch fort,„mich duͤnkt, Du haſt mich unverantwortlich behan⸗ delt, da Du mich ſo demuͤthigen konnteſt. An Dir war es, den erſten Schritt zu thun.“ „Ich wuͤßte nicht, daß ich Unrecht begangen haͤtte,“ entgegnete ich. „Das ſage ich auch nicht; aber was ſoll das — 225— bier gelten? Du mußteſt einem Frauenz immer nachgeben.“ „Weshalb?“ „Thut das die ganze Welt nicht?— Bieteſt Du nicht ſtets einem Frauenzimmer von Allem zuerſt an? Iſt das nicht ein ihr gebuͤhrendes Recht?“ „Nicht, wenn ſie Unrecht beging, Marie.“ „Doch, Jakob, auch dann; es waͤre gar kein Verdienſt, ihr das zuzugeſtehen, wenn ſie Recht hat.“ „Ich denke anders; auf jeden Fall wuͤrde es aber davon abhaͤngen, wie groß ihr Unrecht war, und ich bin der Meinung, Du zeigteſt ein boͤſes Herz, Marie.“ „Ein boͤſes Herz?— worin das, Jakob?“ „Dadurch, daß Du die Fabel von den Kna⸗ ben und den Froͤſchen am armen alten Do⸗ mine wahr machteſt und vergaßeſt das, was Dir ſpielende Luſt iſt, ihm den Tod geben mag.“ „Du meynſt nicht zu ſagen, daß er vor Liebe ſterben wird,“ erwiederte Marie lachend. II. 15 — 226— „Ich hoffe nicht; aber Du kannſt es dahin bringen, und Du haſt bereits Alles, was in Deinen Kraͤften ſtand, verſucht, um ihn recht ungluͤcklich zu machen.“ „Ey, ſag' mir doch, Jakob, wie Du weißt, daß ich den alten Herrn nicht lieb haben ſollte? Du ſcheinſt anzunehmen, daß ein Maͤdchen ſich nur in Dich verlieben kann. Weshalb ſollte ich nicht einen alten Mann lieb haben, der ſo viel Gelehrſamkeit beſizt?— Man hat mir erzaͤhlt, daß alte Ehemaͤnner viel ſtolzer auf ihre Frauen ſind, als junge, und daß ſie ihnen mehr Auf⸗ merkſamkeit zuwenden und nicht hinter andern Frauen herlaufen.— Wie koͤnnteſt Du wißen, ob ich nicht Ernſt aus der Sache machen will?“ „Weil ich Deinen Karakter kenne und mich nicht taͤuſchen laßen will, Marie. Iſt es Deine Abſicht, Dich in der Art zu vertheidigen, ſo wuͤrde am beſten ſeyn, gar nicht mehr davon zu ſprechen.“ „Mein Gott! wie brummig Du biſt,— Gut; angenommen, ich bewies dem alten Herrn Aufmerkſamkeit, erzeigten mir etwa die jungen Leute die allermindeſte. Haſt Du oder hat Dein — 227— hochgeſchaͤzter Freund, Herr Tom, mir auch nur ein Wort zugerichtet?“ „Nein; wir ſahen, wie Du beſchaͤftigt warſt und wir Beide haßen gefallſuͤchtigen Trug.“ „O, iſt's ſo; gut, recht gut; wie's Euch gefaͤllt;— der Tag mag noch kommen, an dem ich Eurer Beider Herzen dafuͤr peinigen will.“ „Vorgewarnt iſt vorgewappnet, Marie, und ich will dafuͤr ſorgen, den Zweiten ſo gut vor⸗ her zu warnen, als ich's bin. Weil ich Dich ſo entſchloßen ſehe, will ich nichts mehr ſagen. Nur Deiner ſelber, Deiner eigenen Gluͤckſelig⸗ keit wegen denke an Deine Mutter, Marie, und bedenke ihren Tod.“ Marie bedeckte ihr Geſicht und zerfloß in Thraͤnen; nachdem ſie einige Minuten weinend verbracht hatte, trat ſie zu mir und ſagte: „Du haſt recht, Jakob; ich bin ein thoͤrichtes — vielleicht ſogar ein gottloſes Maͤdchen; aber vergieb mir, und ich will ſuchen, mich beßer zu betragen. Doch es iſt, wie der Vater ſagt, Menſchennatur in mir, und es haͤlt ſchwer, unſere Natur zu beſiegen, Jakob.“ „Willſt Du mir verſprechen, Marie, dem Domine keine Zuvorkommenheiten mehr zu be⸗ zeigen?“ „Ich will es unterlaßen, ſo viel ich vermag, Jakob. Fuͤr einen Augenblick moͤgte ich's ver⸗ geßen, aber thun will ich, was ich kann. Es iſt gar nicht leicht, ernſthaft auszuſehen, wenn man froͤhlich iſt— oder gar ſauer zu blicken, wenn einem etwas gefaͤllt.“ „Aber Marie, was kann Dich nur anreizen, Dein Spiel mit ſo einem alten Manne zu trei⸗ ben. Waͤre es Tom, da koͤnnte ich's verſtehen; da waͤre etwas zu gewinnen und Deinem Stolze koͤnnte durch den Sieg geſchmeichelt werden; aber ein alter Mann——“ „Alt oder jung, Jakob, iſt ſo ziemlich das naͤmliche; die Wahrheit iſt, ich moͤgte ſie Alle zu meinen Fuͤßen ſehen.— Ich kann den Wunſch nicht unterdruͤcken. Auch glaubte ich, einen großen Sieg dadurch errungen zu haben, daß ich mir ſo einen weiſen alten Mann, ſo voller Latein und Gelehrſamkeit, der es haͤtte beßer wißen muͤßen, gewann. Sag' mir nun Jakob, in wie fern es ein Verbrechen ſeyn ſollte, alte Leute zu fangen, wenn die ſich wol⸗ len eben ſo gut fangen laßen, als die jungen. Herrſcht in dem alten Manne, der annimmt, ich koͤnnte ihn ernſtlich lieben, nicht ganz ſo viel Eitelkeit, als in mir, wenn ich, ein jun⸗ ges, albernes Maͤdchen, den Verſuch beginne, ihn in mich verliebt zu machen?“ „Das kann wahr ſeyn; aber Du darfſt nicht vergeßen, daß er im vollen Ernſte meynt, wo⸗ mit Du nur Scherz treibſt und dies macht ei⸗ nen großen Unterſchied; zugleich vergiß den al⸗ ten Denkſpruch nicht? alles verſuchen, macht. oft alles verlieren.“ „Die Gefahr will ich auf mich nehmen,“ erwiederte Marie, ihre langen Haarringeln, ſtolz von der ſchneeweißen Stirne ſcheitelnd; „was ich aber bedarf, iſt, Ausſoͤhnung mit Dir.— Ich verſpreche Dir, Jakob, mein Be⸗ ſtes zu thun.“ „Und ich glaube Dir, Marie, alſo hier ſt meine Hand.“ 5 „Du weißt gar nicht, wie elend ich mich fuͤhlte, ſeitdem wir miteinander ſchmollten,“ ſagte Marie, die Thraͤnen trocknend, die ihr wieder aus den Augen ſtuͤrzten;„und dennoch, — 230— weiß ich nicht, wie's kam, aber gewiß iſt's, daß ich Dich dieſe lezte Woche hindurch beinahe gehaßt habe;— ich liebe etwas Zank, des Vergnuͤgens der Ausſoͤhnung wegen, aber ſo lange wie dieſer darf ſolcher Zank nicht dauern.“ „Auch mich machte es unmuthig, Marie, denn im Ganzen habe ich Dich recht lieb.“ „Nun, da iſt jezt Alles vorbei; aber biſt Du auch gewiß davon, Jakob, jezt mit mir aus⸗ geſoͤhnt zu ſeyn?““ „Ja, Marie.“ Sie blickte mich ſchelmiſch an und ſprach: „Du kennſt den alten Spruch, ich fuͤhle ſeine Wahrheit.“ „O den, kuͤßt euch und ſeyd Freunde,“ er⸗ wiederte ich;„von Herzen gern;“ ich kuͤßte ſie, ohne den mindeſten Widerſtand zu er⸗ fahren. „Nein, den meynte ich nicht, Jakob.“ „Welchen denn?“ „Es war ein anderer.“ „So ſag mir dieſen andern.“ „Gleichviel, ich habe ihn jezt vergeßen,“ prnch — 231— ſie lachend vom Stuhle aufſpringend;„jezt muß ich wieder an meine Arbeit und Du mußt mir erzaͤhlen, was Du dieſe lezten vierzehn Tage hindurch gemacht haſt.“ Wir verbrachten den Abend im traulichen Geſpraͤche, bis der Vater ſpaͤt zu Hauſe kam und wir uns ſchlafen legten. Am folgenden Morgen ſagte Stapleton:„ich denke, ich habe Arbeit genug gethan; und ſo lange bin ich Mitglied von zwei Unterſtuͤzungs⸗ Clubbs geweſen, daß ich nunmehr Anſpruch auf ein Jahrgeld machen darf.— Deshalb meyne ich, Dir meinen Kahn zu uͤberlaßen, Jakob, und kuͤnftig ſollſt Du mir ein Drittheil von Deinem Verdienſte abgeben und das Uebrige fuͤr Dich behalten. Ich ſehe nicht ein, weshalb Du den ganzen Tag ſchwer arbeiten ſollteſt und das fuͤr nichts.“. Ich machte Einwendungen gegen dieſe uͤber⸗ triebene Großmuth, aber der alte Stapleton beſtand darauf und die Einrichtung war abge⸗ macht. Spaͤter erfuhr ich, was dem Leſer ge⸗ wiß gleich einleuchtet, daß Turnbull die Sache ſo geleitet hatte. Er war es, der dem alten Stapleton ein Jahrgeld ausſezte, damit ich B — 232— durch meinen Fleiß mir Unabhaͤngigkeit gewin⸗ nen koͤnnte, bevor ich meine Lehrzeit noch aus⸗ diente.— Nach dem Fruͤhſtuͤcke gingen Sta⸗ pleton und ich zum Ufer hinab und ſchoben das Boot auf den Strom;„bedenke, Jakob, ein Drittheil und„Haͤnde klar;“ damit ging er zuruͤck zu ſeinem alten Standplaze im Schenk⸗ hauſe, um eine Pfeife zu rauchen und an Men⸗ ſchennatur zu denken.— In meinem Leben habe ich keinen gluͤcklicheren Tag gekannt, als dieſon:— ich arbeitete fuͤr mich ſelber, ich war unabhaͤngig.— Ich ſprang in meinen Kahn, und ohne auf eine Kunde zu warten, ſtieß ich hinaus in den Strom und durchſchnitt mit unbeſchreiblichem Entzuͤcken die Fluth; nach einer Viertelſtunde nuͤchterte ſich mein Rauſch doch in ſo weit, daß ich bedachte, wiewohl ich zu meinem Vergnuͤgen umherfahren konnte, ohne etwas zu verdienen, ich doch das Recht nicht habe, Stapleton's Vortheil zu vernachlaͤßigen, dem ein Drittheil meines Verdienſtes gebuͤhrte; deshalb ſchoß ich meinen Kahn in die Boots⸗ reihe, ſtand mit aufgehobener Hand und em⸗ porgeſtrecktem Zeigefinger und beobachtete den Blick jeder Perſon, die ſich dem Stege naͤherte. An dem Tage war ich gluͤcklich, und als ich — 233— Abends zuruͤckkam, wollte ich Stapleton ſeinen Antheil einhaͤndigen, als der mich abhielt und ſagte:„S'iſt nicht der Muͤhe werth, jezt zu theilen, einmal in der Woche iſt beßer. Ich mag gern, daß die Dinge ſo in'nem Haufen kommen— von wegen, ſieh'ſt Du— weil's — weil's— Menſchennatur iſt.“ Behntes Kapitel. Ein gutes Fahrgeld.— Fß Deinen Pudding und halte Deinen Mund.— Des Domine Liebe be⸗ kommt einen Queerſtrich.— Dem Queerſtriche kommt ebenfalls etwas in die Queere.— Ich finde, daß„die ganze Welt Buͤhne iſt,“ nicht einmal die Spiegelbaͤnke meines Kahnes davon ausgenommen.— Cleopatra's Barke wird auf dem Themſe⸗Strome angeredet. Den damaligen Zeitpunkt betrachte ich als denjenigen, von welchem ich meinen Eintritt in das menſchliche Leben bezeichnen mag. Ich war faſt achtzehn Jahre alt, kraͤftig, lebendig, thaͤtig, wohlgebaut und voller Freude uͤber die Unabhaͤngigkeit, nach welcher ich ſo viel geſeufzt hatte. Seit meiner Entlaßung aus Drummond's — 235— Hauſe war mein Karakter ungemein veraͤndert. Ich war ernſt und ſchweigſam geworden, bruͤ⸗ tete uͤber der mir zugefuͤgten Unbill, naͤhrte Rach⸗ gefuͤhle gegen die Betheiligten; und betrachtete die Welt im Allgemeinen nicht aus guͤnſtigem Geſichtspunkte. Gewißermaßen war dieſer unſe⸗ lige Gemuͤthszuſtand dadurch verbeßert worden, daß ich Turnbull einen wichtigen Dienſt leiſten konnte, denn wir lieben die Welt in dem Ver⸗ hältniße mehr, in welchem wir uns darin nuͤz⸗ lich wißen, dennoch war die mir jezt zugeſtan⸗ dene Unabhaͤngigkeit das Hoͤchſte meiner Hoff⸗ nungen und Wuͤnſche. Ich fuͤhlte mich ſo be⸗ gluͤckt, ſo voller Luſt, daß ich ſogar an Drum⸗ mond's beide Komptoirgehuͤlfen ohne Rachſucht zu denken vermogte. Es darf aber auch nicht unbeachtet bleiben, daß die Welt nur im Vor⸗ genuße ſo offen vor mir lag. „Boot, Sir?“ „Nein, dank' Dir, mein Burſche.— Ich ſuche den alten Stapleton— iſt er hier?“ „Nein, Herr;— dies iſt aber ſein Kahn.“ „Bah!— kann er mich nicht hinunterfah⸗ ren?“ 8 3 — 236— „Er nicht;— aber ich kann's, wenn's Ih⸗ nen gefaͤllt, Herr.“ „Nun, dann ſchnell.“ Ein geſezter Herr, etwa fuͤnf und vierzig⸗ Jahre alt, beſtieg meinen Nachen, ſchnell war ich im Strome und ſchoß mit der Ebbe unter. der Bruͤcke durch. „Was iſt's mit dem alten Stapleton?“ fragte er. „Nichts, Herr, nur daß er zu alt wird und mir hat er ſein Boot uͤbergeben.“ „Biſt Du ſein Sohn?“ „Nein, Herr, ſein Lehrling.“ „Es betruͤbt mich, daß der taube Stapleton⸗ nicht mehr faͤhrt.“ „Ich kann eben ſo taub ſeyn, wie er, wenn⸗ Ihr's wuͤnſcht.“ „Bah!“ Der Herr ſprach damals nicht mehr und ich ruderte ſchweigend den Strom hinab; nach ei⸗ nigen Minuten begann er aber, ſeine Haͤnde auf und nieder zu bewegen und ſeine Lippen verzogen ſich, als hielte er eine Unterredung; — 287— allmaͤhlig nahm die Handlung zu und Worte wurden hoͤrbar;— endlich brach der Fluß der Rede los:„es iſt mit dieſer Ueberzeugung, ich darf ſagen, mit dieſer gewichtvollen Ueberzeu⸗ gung, Herr Sprecher, daß ich meine Anſichten dem Unterhauſe vortrage, und ich hege das Vertrauen, keines der ehrenwerthen Mitglieder werde zur Entſcheidung kommen wollen, ohne die Wichtigkeit der Gruͤnde erwogen zu haben, welche ich der Beurtheilung des Hauſes anheim⸗ ſtellte.“— Hier ſchwieg er, als beſaͤnne er ſich auf meine Gegenwart; er blickte mich an, weil ich barauf aber vorbereitet war, ſo zeigte mein Geſicht nicht die leiſeſte Spur von Beluſtigung, ja nicht einmal ein Zeichen davon, als haͤtte ich dem, was er ſprach, die mindeſte Aufmerk⸗ ſamkeit zugerichtet; ganz unbefangen ſorglos blickte ich zur Rechten und Linken die Strom⸗ ufer an. Er begann wieder mit mir zu ſprechen und fragte:„Wie lange biſt Du ſchon auf dem Strome?“ „Bin darauf geboren, Herr.“ „Wie gefaͤllt Dir das Kahnfuͤhrer⸗Leben?“ „Recht gut;— die Hauptſache iſt nur, daß man regelmaͤßige Kunden hat.“ — 238— „Und wie gewinnſt Du die?“ „Dadurch, daß ich meinen Mund halte; ih⸗ nen ihre Geſchaͤfte uͤberlaße und auf das mei⸗ nige achte.“ „Gut geantwortet, mein Junge. Leute, die viel zu thun haben, koͤnnen ihre Zeit auf Waſ⸗ ſerfahrten nicht unbenuzt verlieren. Jezt eben ordnete ich und uͤberdachte meine Rede, die ich im Unterhauſe halten will.“ „Das habe ich mir vorgeſtellt; und halte den Strom fuͤr einen guten Ort dazu, weil niemand zuhoͤren kann, als derjenige, deßen Dienſte Ihr gemiethet habt— und um den braucht Ihr Euch nicht zu kuͤmmern.“ „Wahr, mein Burſche; aber das iſt eben der Grund, weshalb ich den tauben Stapleton gern hatte, der konnte kein Wort hoͤren.“ „Lieber Herr, wenn Ihr ſonſt nichts dage⸗ gen haͤttet, ich moͤgte es gar gern anhoͤren und wenn Ihr mir trauen wollt, koͤnnt Ihr auch ſicher davon ſeyn, daß niemals ein Wort davon geſprochen wird.“ „Nun, wenn Du's gern hoͤren moͤgteſt, ſo will ich die Rede nochmal uͤberſprechen. Du — 239— ſollſt den Sprecher vorſtellen— mußt aber ſchweigen und darfſt mich nicht unterbrechen.“ Sodann begann er:„Herr Sprecher, ich wuͤrde nicht gewagt haben, das Haus in dieſer ſpaͤten Stunde noch anzureden, hielte ich die Wichtigkeit der vorliegenden Frage nicht ſo wichtig— nein, das geht nicht— hielte ich nicht dafuͤr, daß die vorliegende Frage von der, ich darf ſagen, alles uͤberbietenden Wich⸗ tigkeit iſt, um die beſten Kraͤfte jedes Man⸗ nes anzufordern, dem ſeines Landes Wohlfahrt am Herzen liegt.— Mit dieſer Ueberzeugung, Herr Sprecher, halte ich, ſo unbedeutendes In⸗ dividuum ich bin, es fuͤr meine Pflicht, ich darf ſagen, fuͤr meine unerlaͤßliche Pflicht, meine Anſicht uͤber den Gegenſtand auszuſpre⸗ chen. Die Papiere, welche ich hier in der Hand halte, Herr Sprecher, und auf welche ich bald die Aufmerkſamkeit des Hauſes werde richten muͤßen, werden, wie ich zuverſichtlich hoffe, hinreichend beweiſen—“ „Ich ſage, Kahnfahrer, bringt Ihr den Burſchen nach Bedlam?“ ſchrie eine gellende Weiberſtimme ganz in unſerer Naͤhe. Die Rede ſtockte; wir blickten auf und gewahrten einen — 240— nung 10 Wie heißeſt Du?“ „Jakob, Herr.“ Nachen, in welchem zwei Frauenzimmer uns vorbeifuhren. Lautes Gelaͤchter folgte jener Be⸗ merkung, und mein Kundherr ſah verlegen und aͤrgerlich auf.— Oft hatte ich die Zeitungen geleſen und weil mir eben einfiel, was im Falle einer Unterbrechung die Sitte im Unter⸗ hauſe ſey, ſo rief ich laut:„Ordnung! Ord⸗ Dies machte den Herrn lachen, und weil der andere Kahn jezt weit genug entfernt war, ſo begann er ſeine Rede wieder, mit welcher ich b jedoch den Leſer nicht beſchweren will; ich be⸗ zweifle gar nicht, daß die Rede eine recht gute war, was ſie aber abhandelte, habe ich ver⸗ geßen.— An der Weſtminſter⸗Bruͤcke landete ich ihn. V’„Vergiß nicht,“ ſagte er, als er mich be⸗ zahlte,„daß ich nach Dir ausſehen werde, b wenn ich wiederkomme, das geſchieht an je⸗ dem Montag⸗Morgen und zuweilen noch oͤfter. „Recht gut;— nun, guten Morgen, mein Burſche.“ 3 — 241— An dieſem Herrn gewann ich eine regelmaͤ⸗ ßige und treffliche Kunde; wir pflegten uͤber manche andere Dinge, als Parlamentsdebatten, im Kahne zu ſprechen, und ich muß anerken⸗ nen, daß ich von ihm nicht nur vieles Geld, ſondern auch eine ganz betraͤchtliche Menge werthvoller Unterweiſungen bekam. Nach einigen Tagen bot ſich mir eine Veran⸗ laßung dar zu erfahren, in wie fern Marie ihr Verſprechen halten wollte. Ich lag wie gewoͤhn⸗ lich am Stromufer in der Kahnreihe, als Sta⸗ pleton mit der Pfeife im Munde zu mir trat und ſagte:„Jakob, da iſt der alte Herr zu Hauſe bei Marie.— Ich ſehe zwar vieles, aber ich ſpreche nicht. Marie wird werden, wie ihre Mutter war, das iſt ganz gewiß.— Was meynſt Du, wenn Du hingingſt und ſagteſt Deinem alten Lehrer guten Tag; ich will in⸗ deßen nach'nem Kunden ausſehen. Ich fange an, ſo'n Gefuͤhl zu bekommen, als koͤnnte mir'n bischen Handrudern gut thun. Wir Alle glauben, Muͤßiggang ſey'n recht gefallſam Ding, ſo lange wir arbeiten muͤßen; ſind wir aber'n Mal muͤßig, dann fuͤhlen wir wohl, II. 1416 — 242— daß'n bischen Arbeit eben ſo afgenahin waͤre; — das iſt Menſchennatur.“ Ich dachte mir, Marie moͤge, von gluͤhen⸗ der Liebe zur Bewunderung angetrieben, ihre guten Vorſaͤze leicht vergeßen, und war ent⸗ ſchloßen, die Zuſammenkunft der Beiden zu un⸗ terbrechen. Deshalb ließ ich Stapleton im Kahne und eilte dem Hauſe zu. Den Horcher zu ſpie⸗ len, gefiel mir gar nicht, und ich war noch ganz unſchluͤßig daruͤber, ob ich unangemeldet eintreten wollte, oder nicht, als ich unter dem offenen Fenſter hingehend die Unterredung im Zimmer ganz deutlich hoͤren konnte. Ich blieb in der Straße ſtehen und hoͤrte den Domine ſo fortfahren: „Aber, ſchoͤnes Maͤgdlein, omnia vineit amor— hier bin ich der Domine Dobbs, der lange ſchon uͤber die große Lebensſtufe hin⸗ aus, der ſeine dreimal zwanzig Jahre zaͤhlt— der die Herrſchaft fuͤhrt uͤber ſiebenzig Knaben weil ich Magister princeps und Dux der Brent⸗ forder Schule bin— der nur den Wißenſchaf⸗ ten nachhing, nur mit den Klaßikern Gemein⸗ ſchaft hielt— der fuͤr die Lockungen Deines Geſchlechtes ſtets taube Ohren hatte und der — 243— ſein Herz ſogar gegen Deine Reize haͤrteke— hier bin ich, ich ſogar, der Domine Dobbs, flehend zu den Fuͤßen eines Maͤdchens, das kaum zur Weiblichkeit erbluͤhet iſt, das nicht leſen und nicht ſchreiben kann und deßen Va⸗ ter ſein Brod durch Handarbeit verdient.— Ich fuͤhle das Alles— ich bin mir bewußt, daß ich zu alt— daß Du zu jung biſt— daß ich vom Pfade der Weisheit abirre und meine weltlichen Ausſichten auf's Spiel ſeze.— Aber demungeachtet, omnia vincit amor, und ich beuge mich vor dem alles uͤberwindenden Gotte, huldige ihm durch Dich, Marie.— Vergebens habe ich widerſtanden— fruchtlos habe ich ver⸗ ſucht, wenn ich auf meinem Lager ruhete, Dich aus meinen Gedanken zu verſcheuchen, Dein Bild aus meinem Herzen zu reißen.— Em⸗ pfand ich etwa nicht uͤberall Deine Gegen⸗ wart?— Seze ich meine wuͤrdige Gehuͤlfin, die Frau Bately, die Matrone nicht dadurch in Erſtaunen, daß ich ſie Marie nenne, da ich ſie bisher doch immer bei ihrem Taufnamen Deborah anſprach.— Ja, haben nicht ſogar die Knaben in den Schulklaßen meine Schwaͤche entdeckt,— und rufen die ſich in ihren Spiel⸗ Lunden nicht den Namen Marie zu?— Mare — 244— periculosum et turbidum, biſt Du mir ge⸗ worden.— Ich ſchlafe nicht— ich eße nicht, — und jegliches Zeichen der Liebe, welches von Ovidius Naſo angegeben wird, den ich mit Fleiße verglichen habe, finde ich an mir ſelber. Rede alſo, Maͤgdlein. Ich habe meinen Gefuͤh⸗ len freien Lauf gelaßen, thue Du das Naͤm⸗ liche, damit ich zuruͤckkehren kann, auf daß meine Heerde nicht ohne ihren Hirten bleibe. Sprich, Maͤgdlein.“ „Das will ich, Herr, wenn Ihr aufſtehen wollt,“ erwiederte Marie, die nach einer kur⸗ zen Weile fortfuhr:„ich denke, Herr, daß ich jung und thoͤricht bin, und daß Ihr alt ſeyd und— und—“ „Thoͤricht, wollteſt Du ſagen.“ „Es iſt mir lieber, daß Ihr es ſagt, Herr; ich darf einen ſolchen Ausdruck nicht auf je⸗ manden anwenden, der ſo gelehrt iſt, als Ihr ſeyd.— Ich meyne, Herr, ich ſey zum Hei⸗ rathen zu jung— und Ihr vielleicht— zu alt.— Ich halte dafuͤr, daß Ihr zu klug ſeyd, Herr,— und daß ich ſehr unwißend binz daß es Euch in Eurer Lage nicht anſtehen koͤnnte zu heirathen; und daß es mir auch nicht an⸗ — 245— ſtehen wuͤrde, Euch zu heirathen— wiewohl ich Euch doch ungemein fuͤr den Aniras ver⸗ pflichtet bin.“ „Vielleicht haſt Du in Deiner Antwort Dich ald dio kluͤgſto on uns Deiver Veirſen, unt⸗ wortete der Domine,„aber, Maͤgdlein, wes⸗ halb erregteſt Du dieſe Gefuͤhle, dieſe Hoff⸗ nungen in meiner Bruſt; nur um mir Qua⸗ len zu machen, nur um mich tief aus dem bit⸗ tern Kelche getaͤuſchter Erwartung trinken zu laßen? Weshalb ſchienſt Du voller Zaͤrtlichkeit an mir zu haͤngen, wenn Du keine Sehnſucht nach mir empfandeſt?“ „Gibt es denn außer der einen Art von Liebe, die Ihr verlangt, Herr, nicht noch anderes Lieben?— Mögte ich Euch nicht lieben, weil Ihr ſo klug ſeyd und ſo bewandert im Latein? — Noͤgte ich Euch nicht lieben, wie ich mei⸗ nen Vater liebe?“ „Wahr, wahr, Kind; es iſt Alles meine ei⸗ gene Thorheit und mit tiefem Kummer muß ich meinen Weg zuruͤckwandeln.— Getaͤuſcht bin ich worden— aber ich wurde nur durch mich ſelber getaͤuſcht. Meine Wuͤnſche umwoͤlk⸗ — 246— ten meinen Verſtand und verfinſterten meine Vernunft; ſie haben mich mein vorgeruͤcktes Alter vergeßen machen, und wie wenig Aus⸗ ſicht ich hatte, von den Augen eines jungen Maͤdchens auͤnſtia angeblickt zu werden. Durch Blindheit bin ich in eine tiefe Grube gefallen und ich muß mich herausarbeiten, ſo ſchwer die Aufgabe auch ſeyn mag. Gott ſegne Dich, Maͤgdlein, Gott ſegne Dich! Mag ein anderer durch Deine Liebe gluͤcklich werden und magſt Du nie den ſtachelnden Widerhaken der Taͤu⸗ ſchung empfinden. Ich will fuͤr Dich beten, Marie— daß der Himmel Dich ſegne.“ Weinend wandte der Domine ſich ab. Ma⸗ rie ſchien durch des guten alten Mannes Kum⸗ mer wirklich geruͤhrt und ihr Herz machte ihr wahrſcheinlich Vorwuͤrfe uͤber ihr gefallſuͤchti⸗ ges Betragen. Sie verſuchte den Domine zu teoͤſten, und ſchien ebenfalls in Thraͤnen, als ſie ſagte:„O Herr, redet ſo nicht, Ihr macht mich recht beaͤngſtigt.— Ich habe unrecht ge⸗ handelt— mein Gefuͤhl ſagt mir's— wiewohl Ihr mich nicht getadelt habt.— Ich bin ein ſehr thoͤrichtes Maͤdchen.“ „Des Himmels Segen uͤber Dich, gutes — 247— Kind,“ ſagte der Domine mit ſchluchzender Stimme. „Ich verdiene ihn nicht,— wahrlich ich empfinde, daß ich ihn nicht verdiene; aber bitte, Herr, betruͤbet Euch nicht ſo ſehr, in der Liebe geht manches queer.— Um Euch das zu beweiſen, will ich Euch ein Geheimniß mitthei⸗ len.— Ich liebe Jakob— liebe ihn ganz aus⸗ nehmend und er macht ſich gar nichts aus mir. — davon bin ich ganz gewiß— alſo ſeht Ihr, guter Herr, Ihr ſeyd nicht der einzige— Un⸗ gluͤckliche;—“ Marie weinte bei dieſen Worten. „Armes Maͤgdlein!“ ſprach der Domine, nalſo Du liebſt den Jakob? gewiß iſt er Dei⸗ ner Liebe wuͤrdig. Und in Deiner fruͤhen Ju⸗ gend erfaͤhrſt Du ſchon, was es iſt, wenn Liebe nicht erwiedert wird. Gewiß iſt dieſe Welt ein Jammerthal— aber dennoch muͤßen wir dank⸗ bar ſeyn. Huͤte Dein Herz wohl, Kind, denn Jakob mag nicht fuͤr Dich beſtimmt ſeynz nein, ich bin gewiß, er iſt es nicht.“ „Und wie das?“ fragte Marie trauernd. „Weil— doch nein Maͤgdlein, ich muß Dir das nicht ſagen; nur meine Warnung beachte, — 248— denn ſie iſt gut und freundlich gemeint.— Lebe wohl, Marie,— lebe Du wohl;— hier komme ich nie wieder.“ „Lebt wohl, Herr, und bitte, verzeiht mirz — dies ſoll mir eine Warnung ſeyn.“ „In Wahrheit, Maͤgdlein, es iſt fuͤr uns Beide eine Warnung. Gott ſegne Dich!“ Der Schall verrieth mir, daß Marie dem Domine einen Kuß geſtattet hatte, gleich dar⸗ auf hoͤrte ich ſeine Fußtritte auf der Treppe. Ich wuͤnſchte nicht, ihm jezt zu begegnen, des⸗ halb bog ich um die Ecke und ging hinab zum Strome. Ich uͤberdachte mir den Vorgang noch einmal, Mariens Betragen gefiel mir, aber Liebe empfand ich nicht fuͤr ſie. Der Fruͤhling war jezt weit vorgeruͤckt und das Wetter reizend. Der Strom prangte in ſei⸗ ner ganzen Schoͤnheit, vergnuͤgte Geſellſchaften ſah man beſtaͤndig in Luſtfahrten mit Fluth und Ebbe auf⸗ und niedergleiten. Die Weſt⸗ minſter-Burſche— der Scherz⸗Klubb— und andere Liebhaber in ihren gewaͤhlten Anzuͤgen belebten den Schauplaz, und die haͤufig ſtatt⸗ findenden Ruderwetten machten den Waßerſpie⸗ — 249— gel zu einem Sammelplaze voller Leben und Bewegung.— O wie ſehnte ich mich nach dem Ende meiner Lehrzeit, um einen Verſuch, nach dem Preiſe zu rudern, machen zu duͤrfen.— Einer meiner beſten Kunden war ein junger Mann, Schauſpieler auf einer der Buͤhnen, der gleich dem Parlamentsmitgliede ſeine Rol⸗ len zu wiederholen pflegte, ſo lange er im Na⸗ chen ſaß; er war ein lebendiger, munterer Ge⸗ ſell, voller Humor und ganz gleichguͤltig gegen Anſtand und aͤußere Erſcheinung.— Fuͤr Je⸗ dermann, der uns in einem andern Boote vor⸗ beifahren mogte, hatte er einen Scherz oder eine Anſpielung in Bereitſchaft, dann ſtand er im Kahne auf und redete zu ſolchen Perſonen in einem Fluße von Worten und Phraſen, der ſie glauben machte, er ſey wahnſinnig. Wir waren recht vertraut mit einander und nichts machte mir groͤßeres Vergnuͤgen, als wenn er ſich blicken ließ, denn dies war unfehlbar ein Vorzeichen eintreffender Froͤhlichkeit. Als ich ihn zum erſtenmale fuhr, hielt ich ihn allerdings fuͤr verruͤckt, denn die Buͤhnen⸗ Phraſeologie war mir durchaus neu. Ich rief ihm mein:„Boot, Sir?“ zu, als er zum Stege kam. 1 1 = 250— „Meine Geſchaͤfte noͤthigen mich eben heim⸗ waͤrts; voran— ich folge Dir,“ erwiederte er und ſprang in's Boot,„unſer Gluͤck iant in dieſem Sprunge.“ Ich ſchob den Kahn ab und fragte: ahinabe Herr?“ „Hinab!“ erwiederte er, ſtreckte ſeine Finger niederwaͤrts, als ſtoße er auf etwas. „Hinab zur Hoͤll' und ſag', ich ſchickte Dicht“ „Dank' vielmal, Herr, lieber nicht, wenn's Euch ganz einerlei iſt.“ „Unſere Zunge iſt rauh— Vetter, und mein Zuſtand iſt nicht ſanft.“— Wir ſchoßen unter der Bruͤcke durch und fuhren raſch mit der Ebbe den Strom hinab, da begann er wieder: „So fliegt auf Fittichen der Einbildung Die raſche Scene mit nicht mind'rer Git Als der Gedanke“.— Nun ward ſeine Aufmerkſamkeit von einem Kohlenboote in Anſpruch genommen, das von zwei Leuten gerudert wurde, die ſo ſchwarz wie Schornſteinfeger waren; hinten im Stern ſaßen — — 251— drei Frauen. Sie ſuchten die Mitte des Stro⸗ mes zu gewinnen, um die volle Wirkung der Ebbe zu benuzen, und da ſie ebenfalls den Strom hinabfuhren, waren ſie bald dicht zur Seite unſeres Kahnes. „Da iſt'n junger Movegeck,“ ſagte eine der Frauen, die einen alten Strohhut mit ſehr ſchmierigen Baͤndern auf dem Kopfe hatte; ſie lachte dabei und zeigte auf meinen Schauſpieler. „Gilt mir das, ſchoͤne Frau? Ich kenn Euch nicht: Ich bin zwei Stunden erſt in Epheſus, Und Eurer Stadt ſo fremd, als Eurer Rede.“ „Nun, der iſt vom rechten Schlage, hab' ich 'n Gedanken,“ ſagte eine der andern Frauen, ſobald ſie die buͤhnenmaͤßige Haltung des Spre⸗ chenden gewahrte, der ſogleich fortfuhr: „Die Bark', in der ſie ſaß, ein Feuerthron, Brannt' auf dem Strom'z getrieb'nes Gold der Spiegel Die Purpurſegel duftend, daß der Wind— Entzuͤckt nachzog;— die Ruder waren Silber, Die nach der Floͤten Ton Takt hielten, daß das Waßer, wie ſie's trafen, ſchneller ſtroͤmte, — 2⁵52— Verliebt in ihren Schlag. Doch ſie nun ſelbſt Zum Bettler wird Bezeichnung.“ „Nu kommt, ich will geblaſen ſeyn, wen wir davon nicht genug gehabt haben, alſo ſchließt Eure Pfanne,“ ſprach eine ver Frauern zurntg „Die Dienerinnen, wie die Nereiden, Sirenen gleich, umſtanden ſie.“ „Seht Euch vor, was Ihr thut, oder Euer Mund mag Euch zu Unheil ſtehen, junger Geſell.“ „Der Bark' entſtroͤmend Betaͤubt ein wuͤrz'ger Wohlgeruch die Sinne Der beiden nahen ufer.“ „Jem, lauf' mal eben dicht hinan und zer⸗ brich'n den Kopf mit'm Ruder.“ „Ich denk's auch ſo, wenn er ſich nicht beſ⸗ ſer ſchicken will.“ — „Ich ſah ſie Einſt vierzig Schritte durch die Straße huͤpfen.“ 5 aus und hoͤrſt das geduldig an.“ — 253— „Du luͤgſt, Du lebergeſicht'ger Hundsfott— in meinem Leben bin ich nicht auf den Stra⸗ ßen gegangen, ich bin'ne geſezlich angetraute Frau.— Jem, gibſt Du Dich fuͤr'n Mann Da redete eine der andern Frauen ihr zu und ſagte:„Laß doch ſeyn, Sally, er iſt wirk⸗ lich'n huͤbſcher junger Menſch; iſt er nicht?“ „Fort, fort, Du Taͤndlerin!— Lieben— ich lieb' Dich nicht; Ich frage nicht nach Dir. Iſt dies'ne Welt Zum Puppenſpielen und mit Lippen fechten? Nein, jezo muß es blut'ge Naſen geben, Zerbroch'ne Kronen.“ „Ich hab' ſo'nen Gedanken, die ſollſt Du auch haben, Herzblatt,“ unterbrach ihn einer der Kohlenſchiffer,„die lange Zunge da wird Dich in Ungelegenheit bringen.— Bill, gib 'nen Stoß gegen den Kahn, wir wollen'n tauchen.“ „Mein Freund,“ ſprach der Schauſpieler zu mir, — 254— „Laß dieſe garſt'ge Leiche nicht Zwiſchen den Wind und meinen Adel kommen; treten wir Alle ab.“ Wiewohl ich ſeine Redeſaͤze nicht verſtand, begriff ich doch recht gut, was er meynte, ſezte mit raſchen Ruderſchlaͤgen ein und fuhr dem Kohlenſchiffe voraus, naͤher an's Ufer. Als die Naͤnner in dieſem durch ihre Frauen davon in Kenntniß geſezt wurden, die aufgeſtanden wa⸗ ren und ihre Huͤte kreiſchend ſchwenkten, mach⸗ ten ſie Jagd auf uns und mein Begleiter ge⸗ rieth nicht wenig in Unruhe. Durch meine An⸗ ſtrengung jedoch gelang es, ihnen betraͤchtlich voraus zu kommen, und ſie gaben ihr Verfol⸗ gen auf. „Nun, bei'm zweikoͤpfigen Janus,“ ſagte mein Mann, als er die Kohlenſchiffer betrach⸗ tete: „Es hat Natur gar ſeltſam Volk gebildet, Die Einen augenblinzen nur und lachen Wie Papagayen vor'nem Dudelſack; Und And're mit ſo eßig⸗ſaurem Anſeh'n, Daß ſie die Zaͤhne nicht im Laͤcheln zeigten, Schwoͤr' Neſtor anch, der Scherz ſey lachenzwerth. — 255— „Und nun,“ fuhr er gegen mich gewendet fort:„Euer Name, Herr? Weß Standes ſeyd Ihr?— und von welchem Orte? ich bitte.“ Beluſtigt durch den ganzen Vorgang, er⸗ wiederte ich ihm, mein Name ſey Jakob— ich waͤre Kahnfuͤhrer und auf dem Strome ge⸗ boren. „Ich finde Dich faͤhig; aber ſag' mir, biſt Du gewiß, daß unſer Schiff die Boͤmiſchen Wuͤſten erreicht hat?“ „Wollt Ihr in Weſtminſter an's Land, Herr?“ „Nein; nach Black⸗friars— dort erwarte mich. „Niedrig iſt der Sklave, der zahlt; inzwi⸗ ſchen wie viel macht Dein Fahrgeld, mein Burſche? „Wie viel Geld iſt in meinem Beutel?— Sieben Bazen und zwei Pfennige. Bei'’m Zeus! ich bin nicht knauſerig mit Gold, Noch kuͤmmert's mich, wer zehrt auf meine Koſten. „Doch weiß ich kein Mittel gegen dieſe Aus⸗ zehrung des Geldbeutels.— Hier, mein Bur⸗ ſche, iſt das genug?“ „Ja Herr, ich danke Ihnen.“ „Bedenkt den armen Jack, Herr,“ ſagte der gewoͤhnliche Waͤrter am Stege, der ſeinen Arm ergriff, als er im Ausſteigen des Bootes Rand niederdruͤckte. „Faͤllt er hinein, gut' Nacht!— ſchwimm' oder ſink'! „Da iſt'n Pfenning fuͤr Dich, Jack.— Jakob, fahre Du wohl, wir ſehen uns wie⸗ der;“ damit ging er und erſtieg mit jedem Tritte drei Stufen der ſteinernen Stegtreppe. Der Name dieſes Gentleman war, wie ich ſpaͤter erfuhr, Zinnblatt, er ſelber ein Schau⸗ ſpieler zweiten Ranges auf der Londoner Buͤhne. Im Haymarkett⸗Theater trat er mehrentheils auf, und als wir ſpaͤter bekannter mit einan⸗ der wurden, erbot er ſich, mir Karten zu ver⸗ ſchaffen, damit ich das Theater beſuſhen koͤnne, wenn's mir gefiele. Eilktes Kapitel. — Der Pick⸗nick.— Leiden durch Oel, Eis, Feuer und Waßer.— Im Ganzen genommen, ſind„die beluſtigenden Landſtreicher,“ wie die Thespiſchen Helden und Heldinnen klaßiſch be⸗ zeichnet werden,— ſehr gluͤcklich und vergnuͤgt mit Ausnahme des Herrn Winterzettel, deßen Gefuͤhle im Nie derſizen auf den Geſtierpunds hinabſinken. Eines Morgens kam er leichten Schrittes zum Kahnſtege, und ich erwartete, er wuͤrde wie gewoͤhnlich den Strom hinabfahren wollen, deshalb lief ich zu meinem Boote und holte es dicht heran. „Nein, Jakob, nein; an dieſem Tage wirſt Du nicht Caͤſar fahren und ſein Gluck, aber ich habe etwas fuͤr Dich.“ II. 17 — 258— Ich vermuthete, er braͤchte mir Eintrittskar⸗ ten, ſagte meinen Dank und fragte, was ge⸗ ſpielt wuͤrde. „Geſpielt— bah!— keine Komoͤdie; und doch hoffe ich, es ſoll ein Luſtſpiel daraus wer⸗ den. Wir haben eine Pick⸗nick⸗Geſellſchaft auf einem der kleinen Strom-Eylande bei Kew verabredet.— Nichts wie Kothurn und platter Schuh, lauter Schauſpieler; ſollten die Nachen umſchlagen, dann mag Haymarket ſeine Thuͤ⸗ ren zuſchließen, weil's mit ſeinen beſten Dar⸗ ſtellern ſeyn wird: exeunt omnes.— Ver⸗ ſteh' Jakob, wir gebrauchen drei Nachen und Dir uͤberlaße ich, die andern beiden auszu⸗ waͤhlen— in jedem Schlagruder, das verſteht ſich. Genau um neun Uhr muͤßt ihr an der Whitehall Steintreppe ſeyn, und ich darf ſa⸗ gen, die Damen werden Euch nicht laͤnger als eine oder zwei Stunden warten laßen, was bei ihnen ertraͤglich puͤnktlich heißt.“ Es ward nun noch der zu zahlende Preis verabredet und Herr Zinnblatt entfernte ſich; noch uͤberlegte ich bei mir ſelber, welche mei⸗ ner Kahnfuͤhrer⸗Kameraden ich auswaͤhlen und ob ich den Stapleton aufſordern ſollte, in mei⸗ — 259— nem Kahne das zweite Schlagruder zu fuͤhren, als ich eine Stimme hoͤrte, die ich niemals verkennen konnte: „Leben gleicht der Sommerzeit, Bald waͤrmt Sonnen⸗Herrlichkeit; „Noch mehr herunter gelaßen, Tom; ſo wil's thun, mein Trumpf. „Schwer Gewoͤlk uns bald bedroht, Kalter Wind und Sturmes⸗Noth. „Schau Dich um nach Jakob, Tom;“ rief der alte Mann, als des Lichters Vordertheil mit niedergeſchlagenem Maſte unter der Put⸗ ney⸗Bruͤcke durch mit den lichtlauen Streifen auf ſeinen Bugſeiten ſichtbar wurde. „Hier iſt er ſchon, Vater,“ erwiederte Tom, der vorn beim Windebaume mit dem Zugſeile in der Hand ſich hingeſtellt hatte. Sobald ich des Alten Stimme vernahm, hatte ich ſchon abgeſchoben und war faſt ſo ſchnell am Lichter, als dieſer unter der Bruͤcke durchſchwamm; mit dem Bindetau meines Kah⸗ — 260— nes in der Hand ſprang ich an Bord, befe⸗ ſtigte dieſes und ging dann zum alten Tom, der mir die Hand reichte. „Das iſt, wie's ſeyn muß, mein Junge, Beide nacheinander ausſehend.— Das Herz erwaͤrmt ſich, wenn wir wißen, unſer Gefuͤhl werde auf der andern Seite mitempfunden. Selten biſt Du aus unſern Gedanken, Junge, aus unſern Herzen niemals. Jezt ſpring nach vorn, denn Tom aͤrgert ſich ſchon, daß er Dich nicht begruͤßen kann, und wenn Du doch da biſt, magſt Du ihm'ne Hand helfen, den Maſt wieder aufrichten.“ Dies geſchah, nachdem Tom und ich uns zum herzlichen Willkommen die Haͤnde gereicht hat⸗ ten; ſodann gingen wir zum Alten und be⸗ ſprachen uns uͤber die Vorfaͤlle ſeit unſerm lez⸗ ten Beiſammenſeyn in Stapleton's Hauſe. „Wie geht's, Marie?“ fragte Tom,„ſie iſt ein ſehr huͤbſches Maͤdchen und mehr als ein⸗ mal hab' ich an ſie gedacht; aber ich habe auch eingeſehen, daß Alles, was Du von ihr ſag⸗ teſt, Wahrheit iſt. Wie ſie den armen alten Dom ine in Fiammen ſezte.“ — 261— „Ich habe ihr ein Paar Worte daruͤber ge⸗ ſagt und ſie hat mir verſprochen, kuͤnftig kluͤ⸗ ger zu ſeyn,“ erwiederte ich,„aber wie ihr Vater ſagte, bei ihr iſt's Menſchennatur.“ „Sie iſt'n ſchoͤnes Fahrzeug,“ bemerkte der alte Tom,„und die find jederzeit etwas kiz⸗ lich.— Aber Jakob, man hat ſich nach Dir erkundigt— und die Frauen ſogar.“ „Wirklich 3 gab ich zur Antwort. „Ja, und ich mußte in's Wohnzimmer kom⸗ men; kannſt's nun rathen?“ Mit unmuthigem Blicke erwiederte ich:„ach ja, ich denke, Madame Drummond und Sa⸗ rah waren dieſe Frauenzimmer.“ So war's; Tom erzaͤhlte mir, daß Madame Drummond ihn habe rufen laßen, ihm viele Fragen uͤber mich vorgelegt und ihn erſucht habe, mir zu ſagen, ſie freute ſich zu hoͤren, daß es mir wohl gehe und ich in behaglichen Umſtaͤnden lebe, auch hoffte ſie, ich wuͤrde ſie und Sarah beſuchen wollen, wenn ich nach London kaͤme. Dann ſey Madame hinausge⸗ gangen und Tom mit Sarah allein im Zim⸗ mer geblieben, dieſe haͤtte ihm aufgetragen, — 262— mir zu ſagen, ihr Vater habe entdeckt, daß ich nichts Unrechtes gethan haͤtte, er habe beide Comptoirgehuͤlfen entlaßen, und bedaure ſehr, daß er damals ſo getaͤuſcht worden ſey;— hierauf, fuhr Tom fort, habe Miß Sarah ihm aufgetragen, von ihr ſelber zu ſagen:„ſie habe ſich recht ungluͤcklich gefuͤhlt, ſeitdem Du das Haus verließeſt, doch hoffe ſie, Du wuͤrdeſt verge⸗ ben und vergeßen, und an irgend einen ſchoͤnen Tag zu ihnen zuruͤckkommen; ich ſoll te Dir ih⸗ ren herzlichen Gruß bringen, und wenn wir das naͤchſtemal wieder den Strom hinauffuͤh⸗ ren, ſollte ich vorkommen, weil ſie Dir etwas ſchicken wolle. Alſo ſiehſt Du, Jakob, daß Du nicht vergeßen biſt, und daß man Dir Gerech⸗ tigkeit wiederfahren laͤßt.“ „Ja,“ ſagte ich,„aber das kommt zu ſpät, alſo reden wir nicht mehr davon; ich bin jezt ganz gluͤcklich in meiner Lage.“ Darauf erzaͤhlte ich ihnen von dem fuͤr den folgenden Tag verabredeten Pick⸗nick und Tom erbot ſich, das zweite Ruder in meinem Kahn zu fuͤhren, weil er am Werfte nichts zu thun haben wuͤrde. Der alte Tom willigte ein, und — 263— wir verabredeten, er ſolle mit Tagesanbruch zu mir kommen. „Ich habe ſo'nen Gedanken, daß da viel Spaß ſeyn wird, Jakob,“ ſagte er,„nach Allem, was Du geſagt haſt.“ „Das glaube ich auch, aber Ihr habt mich ein Paar Meilen mit fortgezogen, jezt muß ich zuruͤck— auf's Wiederſehen.“ Ich waͤhlte dann noch zwei andere Nachen, und ging zu Hauſe.— Es war ein wunder⸗ lieblicher Morgen, als Tom und ich das Boot ausſpuͤlten, und nachdem wir unſere ſauberſte Kleidung angelegt, ſchoben wir in Begleitung der andern beiden Kaͤhne ab, und ſchwam⸗ men gemaͤchlich mit dem Ende der Ebbe den Strom hinunter. So wie wir zu der Whitehall Treppe hinanruderten, fanden wir zwei Leute auf uns wartend, die drei oder vier Packkoͤrbe, verſchiedene angefuͤllte Geflechte, einen eiſernen Schmorkeßel, eine Bratpfanne und einen großen zinnernen Deckeleimer voller Eis zum Abkuͤh⸗ len der Weine herbeigetragen hatten. Sie be⸗ ſtellten, daß alle dieſe Sachen in eines der Boote geſtellt, die andern beiden aber ſuͤr die Geſellſchaft frei bleiben ſollten. — 264— „Jakob,“ ſagte Tom,„laß uns nicht Kuͤche ſeyn, ich bin fuͤr's Geſellſchaftszimmer aufge⸗ puzt.“ Eben war dieſer Punkt in Ordnung gebracht und die ſaͤmmtlichen Geraͤthſchaften in eines der Boote geſchafft, als die Geſellſchaft erſchien; Herr Zinnblatt machte den Zeremonienmeiſter. „Reizende Titania,“ ſagte er zu einer Dame, welche die meiſte Aufmerkſamkeit zu verlangen ſchien, welche ihr deshalb auch bewieſen wurde, „erlaubt mir, Euch auf Euren Thron zu fuͤhren.“. d „Vielen Dank, guter Puck,“ erwiederte ſie, „wir ſizen gut; aber o Himmel, wir vergaßen, oder wir verloren, unſer Riechflaͤſchchen; un⸗ moͤglich koͤnnen wir ohne das abfahren; was koͤnnen unſere Frauen nur vorgehabt haben.“ „Bohnenbluͤthe und Senfſaamen ſind ſehr zu tadeln,“ ſprach Zinnblatt,„aber ſoll ich zu⸗ ruͤcklaufen, um es zu holen?“? „Ja,“ gab ſie zur Antwort,„doch komm' zuruͤck, bevor die Leviathan eine Meile ſchwim⸗ met.“ „Rund um die Erde zieh ich einen Guͤrtel F — 265— in viermal zehn Minuten;“ erwiederte der Herr und ſtieg aus dem Nachen. „Werdet Ihr nicht den Athem verlieren, eh' Ihr wiederkommt, Herr?“ ſagte Tom, ſich in das Geſpraͤch miſchend. Dieſe Bemerkung, weit entfernt beleidigend gefunden zu werden, erregte allgemeines Gelaͤch⸗ ter. Bevor noch Herr Zinnblatt aus dem Ge⸗ ſichte war, entſiel das Riechflaͤſchchen dem Ta⸗ ſchentuche der Dame, er ward deshalb zuruͤck⸗ gerufen; nachdem die Geſellſchaft in zwei Na⸗ chen vertheilt war, ſtießen wir ab; der dritte als Proviantſchiff folgte, zwei Aufwaͤrter waren darin geſezt, ein Laufjunge und ein Kulißen⸗ diener, welche Zinnblatt bei den Namen Cali⸗ ban und Stephano anredete. „Iſt unſere ganze Geſellſchaft verſammelt?“ fragte ein pfiffig ausſehender, kleiner, ſtuznaſi⸗ ger Mann, der die Rolle des Zimmermann Squenz im Sommernachtstraum fuͤr ſich ge⸗ waͤhlt hatte; er fuhr gegen einen Andern ge⸗ wendet fort:„Ihr Klaus Zettel ſeyd als Py⸗ ramus angeſchrieben.“ Der Angeredete ſchien jedoch in dieſen Hu⸗ II. 17* — 266— mor nicht einſtimmen zu wollen. Er war ein ſchwerfaͤlliger, faſt zu dicker, bleichgeſicht'ger Nann, trug weiße gekeperte Beinkleider, weiße Weſte, braunen Rock und weißen Hut.— Ob irgend etwas ihn uͤbler Laune gemacht hatte, weiß ich nicht, aber unverkennbar war er das Stichblatt fuͤr die Damen und fuͤr die Mehr⸗ zahl der Geſellſchaft. „Ich werde Ihnen verbunden ſeyn,“ erwie⸗ derte dieſer Mann, deßen eigentlicher Name Winterzettel war,“ wenn Sie ſich ruhig ver⸗ halten wollen, Herr Weſtern, denn ich will nichts von Ihrem Unſinne wißen.“ „Ey, Herr Winterzettel, Sie wollen doch gewiß nicht den Saamen der Zwietracht ſo⸗ fruͤhe ſchon ſaͤen. Betrachten Sie den Schau⸗ plaz vor Ihnen— hoͤren Sie den Geſang der Voͤgel— bemerken Sie, wie golden die Sonne ſcheint und wie prachtvoll die Waßerfluth ſchim⸗ mert! Wer koͤnnte an einem ſolchen Morgen verdrießlich ſeyn!“ „Nein, Miß,“ erwiederte Herr Winterzettel, „gar nicht verdrießlich— durchaus nicht— nur iſt mein Name Winterzettel und nicht Zet⸗ tel. Ich ſeze keinen Eſelskopf auf, um irgend — 267— jemanden Spaß zu machen— das iſt's Ganze. Ich will nicht Zettel ſeyn— das iſt rund.“ „Haͤngt von Umſtaͤnden ab, Herr;“ bemerkte Tom.— „Wie kommt Ihr dazu, Euer Ruder einzu⸗ ſchieben, Meiſter Kahnfuͤhrer?“ „Dazu bin ich gemiethet,“ erwiederte Tom, jezte ſein Schlagruder ein und that einen kraͤf⸗ tigen Zug. 2 „Dann bleibt in Eurem Elemente— ſchiebt Euer Ruder in's Waßer, aber miſcht Euch nicht in unſer Geſpraͤch.“ „Gut, Herr, ich will kein Wort mehr ſa⸗ gen, wenn's Euch nicht genehm iſt.“ „Doch, doch, zu mir, ſo oft Dir's gefaͤllt;“ ſagte Titania lachend. „und zu mir ebenfalls,“ ſprach Zinnblatt, den Tom's Antworten vergnuͤgten. Herr Winterzettel wurde recht erboßt und verlangte augenblicklich an's Land geſezt zu werden; die Elfen⸗Koͤnigin aber befahl, es ſolle auf unſere Gefahr ſeyn, wenn wir ihm ge⸗ — 268— horchten, deshalb wurde Herr Winterzettel ge⸗ gen ſeinen Willen den Strom hinaufgefuͤhrt. „Unſer Freund iſt nicht er ſelber,“ ſagte Zinnblatt und zog ein Klappenhorn hervor, „aber „Muſik hat Zauber, wilde Bruſt zu zaͤhmen, Den Fels zu ſpalten und die knorr'ge Eiche;3“ deshalb wollen wir ihre Wirkung auf ſeinen Gemuͤthszuſtand verſuchen.“— Hierauf ſpielte Zinnblatt aus Midas die Arie: „Mag's Gott gefallen, ihn zu zaͤhmen u. ſ. w.“ * waͤhrend welcher Herr Winterzettel noch grim⸗ miger als vorher ausſah. Kaum war das Lied zu Ende, als einer aus der Geſellſchaft im zweiten Boote mit der Floͤte antwortete, waͤh⸗ rend Squenz dazu ſpielte, was er den Baß nannte, indem er mit ſeinen Fingern ſchnip⸗ perte. Der Schall des Inſtruments glitt auf dem ſtillen Waßer hin, und zog die Aufmerk⸗ ſamkeit mancher Perſonen an, die eine Weile von ihrer Arbeit ausruheten, oder uͤber den — 269— Rand ihrer Fahrzeuge gelehnt die Nachen be⸗ ſchauten und den Toͤnen lauſchten. Alles war Luſt und Freude;— unſere drei Nachen blieben dicht bei einander, und zwiſchen dem Spielen oder Singen entſpann ſich lebhaftes Geſpraͤch, das gelegentlich in Bewunderung des ſchoͤnen Gruͤn der abſchuͤßigen Raſenplaͤze und der ſchatten⸗ den Baͤume ausbrach, womit der edle Strom ſo reizend ausgeziert iſt; ſogar Herr Winter⸗ zettel gewann zum Theil ſeine Heiterkeit wie⸗ der, als eine Bemerkung, die Squenz ihm zu⸗ richtete, ſeinen ganzen Zorn wieder anfachte. „Ihr koͤnnt keine Rolle ſpielen, als den Py⸗ ramus; denn Pyramus iſt ein Mann mit ei⸗ nem ſuͤßen Geſicht; ein huͤbſcher Mann, wie man ihn nur an Feſttagen verlangen kann, ein charmanter, artiger Kavalier. Deshalb muͤßt Ihr platterdings den Pyramus ſpielen.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, daß ich nicht Teufelsſpuck mit Ihrer Phyſiognomie ſpiele, Herr Weſtern;“ ſchnob Winterzettel ihm ent⸗ gegen. Jezt begann Caliban im dritten Nachen die Geige zu ſpielen und ſang dazu: — 270— „Gaffer, Gaffers Sohn und ſein kleiner Eſel, Trabten laͤngs der Straße hin;“ der Chor dieſes Liedes war N— a— N— a! gleich dem Geſchrei eines Eſels. „Gott behuͤte Dich; Zettel, Gott behuͤte Dich, Du biſt transferirt,“ rief Squenz, den Winterzettel anblickend. „Gut— gut— Herr Weſtern;— ich will den Kahn nicht zum Umſchlagen bringen, des⸗ halb ſind Sie fuͤr den Augenblick in Sicher⸗ heit— aber die Abrechnung ſoll erfolgen— ich ſag's Ihnen zum Voraus.“ „Sklaven meiner Lampe, erfuͤllt mein Ge⸗ heiß, ich will hier keinen Streit haben. Ihr Squenz verſchließt Euren Mund; Ihr Win⸗ terzettel zieht Eure Lippen ein, ich Eure Koͤ⸗ nigin will Euch durch Geſang bezaubern;“ ſprach Titania und winkte mit ihrer ſchoͤnen kleinen Hand. Der Geiger ließ ſein Inſtrument ruhen und die Stimme der reizenden Schau⸗ ſpielerin feßelte unſer Aller Aufmerkſamkeit. Unter Blumenduft und Glockenklang 4 Holde Mayen⸗Braut ſollſt Du erwachen, 5 ——4— ——— — 271— Horch und lern' aus meinem Rundgeſang Wie einſt hielten Lebens⸗Lootſen⸗Nachen Wettfahrt mit der Zeit. Liebe hoch auf Lotus⸗Throne ruht— Schaut, im ſchweren Nachen alte Zeit Langſam gleitend, auf der Lebensfluth;— Liebe ſchwingt die Fittiche, und ruft— „Wer beſiegt die Zeit?“ Alſo gleich war die Geduld bereit, Doch ihr Steu'r, ihr Segel half der Zeit; Kummer, Sorge, konnten gar nichts thun, Klugheit ſprach(und blieb am Ufer ruh'n) „Ich erwart' die Zeit.“ Hoffnung, Blumen in ihr Kork⸗Boot flicht Und ein Gluͤhwurm auf dem Steu'r ſtrahlt Licht; Als nun Liebe ſieht die Barke fliegen, Sagt ſie:„Hoffnung wird ſie raſch beſiegen, Sie ereilt die Zeit.“ Mit dem Demant⸗Ruder treibt der Wiz Seinen Glaskahn naͤher ſtets; vom Siz Wirft beſchwingten Pfeil er auf die Zeit, Lacht im ſtolzen Wahne dann und ſchreit: „Luſt nur toͤdtet Zeit.“ Feder⸗Pfeil ſchickt Zeit zuruͤck gar leicht; Hoffnungs⸗Blumen⸗Boot vom Strich abweicht; Da ſchickt Liebe ihre Schmetterlinge, Laͤchelnd ſpricht ſie:„ſchaut nun wie ich ringe, Liev' beſiegt die Zeit.“ Kaum brauche ich anzufuͤhren, daß dieſer Geſang mit entzuͤckendem Beifall begruͤßt wur⸗ de, und er verdiente es in voller Wahrheit. Mehre andere Lieder wurden von den Damen und Herren der Geſellſchaft erbeten, und ohne alle zoͤgernde Ziererei geſungen, doch dieſe kann ich in meinem Gedaͤchtniße nicht wieder auf⸗ finden. Das Klappenhorn und die Floͤte wur⸗ den in Zwiſchenzeiten geſpielt, alles war Froͤh⸗ lichkeit und lachende Luſt. „Das iſt ein reizender Ort,“ ſagte Zinnblatt und deutete auf eine Villa am Themſeufer; „mit der ſchoͤnen Titania und zehn tauſend Pfund jaͤhrlich koͤnnte Jemand da gluͤcklich ſein Leben verbringen.“ „Ich beſorge, die ſchoͤne Titania muß ohne die leztgenannte Zugabe ihren Markt beziehen,“ erwiederte die Dame,„der Herr muß die zehn tauſend Pfund jaͤhrlich ſchaffen⸗ und ich bringe als meine Mitgift—“ „Zehn tauſend zauberiſche Reize,“ unterbrach Zinnblatt ſie,„das iſt ſehr wahr und ein Jam⸗ mer, daß es nur zu wahr iſt.— Hörten Ihro Elfenheit ſchon mein Epigramm auf dieſen Ge⸗ genſtand? — 273— „Liebt im Morgenlande nur die Jungfrau'n von Ka ſchmir, Daß mit Eigennuz ſich Neigung nicht befaße; Wißt, ganz and're Anbetung gefaͤllt uns hier, Wir vergoͤttern Jungfrau'n nicht, nur Kaße. „Trefflich, mein guter Puck. Haſt Du mehr dergleichen?“ „Nichts Eigenes, aber gehoͤrt hab' ich, was Winterzettel am lezten Juli aͤumsfeſte unter Shakespeares Standbild ſchrieb. „Ich habe gar nicht gewußt, daß Apollo ihn jemals begeiſterte.“ „Sie ſollen hoͤren: „Shakespear'’s Gebein ruht unter dem Geruͤſte, Doch nimmer findet Tod hier dieſe Buͤſte; Mag ſchnell und bald die Welt zu Ende geh'n, Noch uͤber'm Grab ſoll Shakespear's Ruhm beſteh'n.“ „Ich erſuche Sie, Herr Zinnblatt, auf meine Koſten nicht ſo ausnehmend wizig zu ſeyn,“ biß Winterzettel um ſich;„in meinem Leben habe ich keine Zeile Poeſie geſchrieben.“ „Das hat auch niemand von Ihnen geſagt, Herr Winterzettel; daß Sie dieſe Zeilen aber ſchrieben, werden Sie nicht ablaͤugnen wohen.“ II. 18 —————ÿ — 274— Winterzettel hielt nicht der Muͤhe werth zu antworten. Munter trieb uns die rauſchende Fluth den Strom hinauf zwiſchen den mannich⸗ fach geſchmuͤckten Ufern hin, bis wir zu einer kleinen Inſel gelangten, auf welcher dieſer Pick⸗ nick gehalten werden ſollte. Die Geſellſchaft ſtieg aus und war emſig mit der Auswahl eines fuͤr dies Feſt geeigneten Plazes beſchaͤftigt. Squenz entfernte ſich in moͤglichſter Eile von Winter⸗ zettel, den er fuͤrchtete; dieſer lezte blieb am Ufer und, ſagte zu dem, Caliban benannten, Manne:„Ihr habt doch den Salad nicht ver⸗ geßen, Jenckins?“ „Nein, Herr, ich ſelber trug ihn her; er iſt oben auf den andern Sachen in dem kleinen Packkorbe.“ 4 Herr Winterzettel, dem Anſcheine nach ein be⸗ ſonderer Freund von Salad, war durch die Antwort befriedigt und wandelte langſam weiter. „Nun,“ ſagte Tom, ſich die Stirn mit dem Taſchentuche trocknend,„fuͤr nichts in der Welt haͤtte ich dies verfehlen moͤgen. Ich wuͤnſchte nur, daß Vater ebenfalls hier waͤre.— Die junge Dame wird hoffentlich noch mal ſingen, eh' wir abfahren.“, — — 275— „Sehr wahrſcheinlich, und ich denke, der Spaß iſt erſt im Beginnen,“ erwiederte ich; „aber komm', wir wollen'ne Hand helfen, um den Proviant aus dem Boote zu tragen.“ „Nichtig! richtig!— und hier iſt ein praͤch⸗ tig bequemer Plaz zu unſerer Probe; dieſer gruͤne Fleck ſoll unſere Buͤhne ſeyn,“ rief Squenz der uͤbrigen Geſellſchaft zu. Man fand den Ort angemeßen und nun be⸗ ſchaͤftigte man ſich eifrig mit den Vorbereitun⸗ gen. Die Packkoͤrbe wurden geleert, kalte Fleiſch⸗ ſpeiſen, Gefluͤgel, verſchiedene Paſteten, Back⸗ werk und dergleichen war in reichlicher Menge vorhanden. „Dies iſt kein Theaterdirektor⸗Feſt,“ ſagte Zinnblatt,„das Gefluͤgel iſt hier nicht von Holz nachgemacht, noch iſt Duͤnnbier zum Er⸗ ſaz des Weines beſtimmt. Don Juan's Abend⸗ malzeit an den Commendador waͤre nur Scherz gegen dieſes Mal.“ „Alle Buͤhnenmalzeiten der Direktoren ſind Scherze und noch dazu recht ſchmerzliche Scherze,“ erwiederte ein anderer. „Ich wuͤnſchte, der alte Morris muͤßte ſeine eigenen hoͤlzernen Abendſchuͤßeln eßen.“ So ging das Geſpraͤch fort, waͤhrend die Koͤrbe ausgepackt wurden; nun breiteten einige das Tiſchtuch auf dem Raſen aus, ſezten Teller umher und legten Meßer und Gabel dabei.— Die Damen waren ganz ſo beſchaͤftigt, als die Herren,— einige rieben Glaͤſer ab, andere fuͤllten die Salzfaͤßer auf, Titania verlas den Salad.— Herr Winterzettel, der nichts that, redete ſie an:„Darf ich mir als eine beſondere Gunſt erbitten, daß Sie den Salad nicht zu klein zerſchneiden; er verliert dadurch ungemein am zarten Bruche.“ „Himmel!l welch ein Nebuchadnezar Sie ſind; indeß es ſoll geſchehen, wie ſie wuͤnſchen.“ „Wer kann Fiſch braten?“ rief Zinnblatt; „hier ſind vier Serzunden und auch Aal. Wo iſt Caliban?“ „Hier bin ich, Herr,“ antwortete der Mann, der auf ſeinen Knieen lag und das eben ange⸗ zuͤndete Feuer aufblies;„ich habe die Suppe zu beſorgen.“ „Wo iſt Stephano?“ — 277— „Kuͤhlt den Wein, Herr.“ „Wer kann denn Fiſch braten, frag' ich?“ „Das kann ich, aber nicht ohne Butter,“ ſprach Tom. „Butter ſollſt Du haben, Du Aufſtoͤrer der Elemente. Iſt denn nicht Hiren hier?“ „Auf keinen Fall bin ich als Koch gehaͤu⸗ ert,“ erwiederte Tom,„aber ich bin ſo'n halber Kuͤchenheld.“ „Dann ſoll der Plaz Dir werden,“ entgeg⸗ nete der Schauſpieler. „Wohlan mit Herz und Sinn,“ rief Tom, zog ſein Meßer hervor und begann die Fiſche zu ſchuppen. Nach einer halben Stunde war alles bereit; die ſchoͤne Titania erzeigte mir die Ehre, ſich auf meine Jacke zu ſezen, damit dieſe die etwanige Feuchtigkeit des Bodens abhalte. Saͤmmtliche Damen hatten ihre Plaͤze eingenommen nach der Anordnung der Koͤnigin des Feſtes; die Tafel war mit koſtbaren Dingen beſezt, in ei⸗ ner Terrine ſtand die Suppe auf einem Ende und Tom hatte ſo eben die Fiſche aufgetragen, als Squenz und Winterzettel, die auf Titanias — 278— Befehl den Wein herbeiholen mußten, zuruͤck⸗ kehrten; man ſah ihnen den Unfrieden an, Win⸗ terzettel erdolchte den Squenz faſt mit ſeinen Blicken und dieſer hielt ſich ſogar unter Tita⸗ nias Schuz nicht ganz ſicher.— Tom hatte ſo eben die Bratpfanne vom Feuer abgehoben, in welcher das zuruͤckgebliebene Fett noch ſiedete. Nachdem Sqguenz die hergetragenen Flaſchen hingeſtellt hatte, war er im Begriffe, ſich nie⸗ derzuſezen, als Tom einen ploͤzlichen Einfall hatte, den er jedoch nicht wagte, ſelber auszu⸗ fuͤhren, aber nach dem alten Sprichworte: hilft ein Zunicken ſo viel, als ein Wink bei einem blinden Pferde.— Winterzettel ſtand vor Tom, und beiden war Squenzens Ruͤcken zugewandt. Tom blickte Winterzettel an, deu⸗ tete neckiſch auf die Bratpfanne und dann auf Squenzens Siztheile.— Winterzettel erfaßte den Wink und die Bratpfanne im naͤmlichen Augenblicke. Squenz ließ ſich, wie man auf See ſagt,„mit'ner Brandung nieder,“ zu⸗ gleicher Zeit die Worte ſprechend:„Wahrlich, unſer Spiel iſt die aller herzbrechendſte Komoͤ— die;“ er hatte aber ſeine Haͤnde hinter ſich ge⸗ ſtreckt, um ſein Niederfallen minder heftig zu machen; dieſe geriethen in die gluͤhend heiße — z V Y — 279— Bratpfanne, die Winterzettel ihm untergeſcho⸗ ben hatte. „O Gott! ol o!“ ſchrie Squenz und ſprang blizſchnell in die Hoͤhe, der Schmerz machte ihn in die Luft fliegen, aber hinter ihm klebten ſeine Haͤnde noch in der Bratpfanne feſt. Squenzens erſtes Aufſchreien hatte das Ent⸗ ſezen der ganzen Geſellſchaft erregt; man glaubte, eine Schlange habe ihn gebißen und große Furcht herrſchte; ſobald man jedoch die Urſache dieſes Unfalls erblickte, vermogte ſogar ſein Schmerz die Luſtigkeit nicht zu zuͤgeln. Es war gar zu laͤcherlich. Indeßen bedauerten ihn die Damen und Herren der Geſellſchaft; aber Squenz wollte nicht mit ſich reden laßen, er ging hinab zum Ufer; Winterzettel erfreute ſich ſchlau ſeiner Rache, denn niemand anders als Tom konnte nur einen Gedanken davon haben, daß hier mehr als der Zufall waltete. Squenzens Ver⸗ gnuͤgen war vernichtet, die andern meynten des⸗ halb aber nicht, daß auch das ihrige geſtoͤrt werden muͤße.— Man hoͤrte einige Worte: „ich beklage wirklich den armen Weſtern“ und der„Aermſte“— denen ſich ein Kichern zu-⸗ miſchte— und dies war Alles, was man ihm — 280— nah ſeiner Entfernung zuwandte; hierauf be⸗ gannen ſie ihre Malzeit zu halten, gleich Fran⸗ zoͤſiſchen Falkonieren.— Die Suppe ward ver⸗ ſchluckt, der Fiſch verſchwand, kalte Braten wurden zerſchnitten, Paſteten lieferten ihre ver⸗ borgenen Schaͤze aus, Gefluͤgel wurde zerglie⸗ dert, Korke wurden abgezogen, andere entflo⸗ gen ohne Maͤhe, ſie ſpeiſeten und fuͤllten ſich. Winterzettel's Auge haftete auf ſeinem Lieblings⸗ gerichte, dem Salad, den er ſelber anmachte, Allen anbot und ſich freute zu finden, daß nie⸗ mand ſeine Zeit daran wenden wollte, ihn zu eßen;— er aber konnte fuͤr Alle verzehren und er aß ihn auf!— Dann wurden die Ueber⸗ bleibſel abgeraͤumt und uns zugeſtellt.— Ge⸗ ſchaͤftig ließen wir dieſen ganz ſo viel Gerech⸗ tigkeit widerfahren, als die Geſellſchaft vorher gethan hatte; jezt bemerkte man, daß Winter⸗ zettel leichenblaß wurde und ſehr krank ſchien. „Was iſt's!“ fragte Zinnblatt. „Ich bin— ich fuͤhle mich nicht wohl— ich beſorge, mir iſt irgend etwas nicht gut be⸗ kommen— ich— bin ſehr krank,“ gab Win⸗ terzettel todtenblaß und mit verzerrtem Munde zur Antwort. — 281— „Das muß der Salad ſeyn,“ bemerkte eine der Damen;„niemand als Sie hat davon ge⸗ nommen, und wir Alle befinden uns wohl.“ „Ich fuͤrchte— ja— ich vermuthe— es iſt ſo— o wehl! es kam mir vor, daß der Oel einen ſonderbaren Beiſchmack hatte.“ „Es war kein Oel in den Glasflaſchen,“ er⸗ wiederte Zinnblatt,„und ich trug Jenkins auf, dafuͤr zu ſorgen.“ „Eben das that ich,“ erwiederte Winterzet⸗ tel;„o weh mir! welche Schmerzen— hilf Himmel!“ „Jenkins!“ rief Zinnblatt,„wo haſt Du den Oel hergeholt, was fuͤr Oel war es?— biſt Du gewiß, daß kein Irrthum vorfiel?“ „O ganz unbeſorgt dafuͤr, Herr,“ erwiederte Jenkins;„ich brachte den Oel in der Flaſche heraus, und goß ihn vor der Mazzeit in die Caſtors.“*) „Wo haſt Du ihn gekauft?“ „ In der Materialhandlung, Herr— hier iſt die Flaſche noch,“ und Jenkins zeigte dieſe *) Ein Aufſaz für Oel und Eſſig. — 282— vor, auf der ein Zettel mit großen Buchſta⸗ ben die Worte:„Caſtor⸗Oel“ zu leſen gab. Das Ungluͤck lag am Tage; tief erſeufzte Winterzettel, erhob ſich von ſeinem Size, denn er fuͤhlte ſich wirklich ſehr krank. Widerwaͤrtig⸗ keiten, die Einzelne betreffen, vermehren ge⸗ meiniglich die allgemeine Munterkeit und Win⸗ terzettel's Unfall brachte die naͤmliche Wirkung hervor, als der von Squenz. Aber wo war der arme Squenz dieſe ganze Zeit uͤber? Er hatte ſich den eiſernen Keßel holen laßen, in welchem die Suppe erwaͤrmt worden war, hatte dieſen mit Themſewaßer angefuͤllt und ſeine verbrannten Haͤnde in das kuͤhlende Element getaucht. So ſaß er, als Winterzettel nach eben der Gegend kam, und Sauenz fuͤhlte ſich or⸗ dentlich getroͤſtet durch den Anblick der Leiden ſeines Feindes; dieſer Anblick linderte ſeinen ei⸗ genen Schmerz mehr, als alles Themſewaßer. Er ſtand auf, ließ Winterzettel mit aufgehobe⸗ nen Haͤnden gegen einen Baum gelehnt in ſei⸗ ner Pein ſtehen, ging zur Geſellſchaft und trank n das Wohlergehen der Damen, bis er mehr ls halb berauſcht war. Nach einer halben Stunde kehrte Winterzet⸗ —— — —— tel zitternd und zaͤhneklappernd zuruͤck, als haͤtts er am heftigſten Fieberanfalle gelitten. Einige Glaͤſer voll ſtarken Branntseins mußten ihn ſtaͤrken, und bevor der Tag ſich neigte, waren Winterzettel und Squenz, der eine durch ange⸗ wandte Magenſtaͤrkung, der andere, um ſeine Schmerzen zu betaͤuben, auf das Mindeſte ge⸗ ſagt, im Zuſtande angehender Trunkenheit. Wie es aber im Leben fuͤr Alles eine Zeit gibt, kam auch die Zeit unſerer Ruͤckkehr heran.— Der Abend war luſtig verbracht, ein Lied folgte dem andern, Zinnblatt verſuchte ſein Klappen⸗ horn, es wollte aber nicht ſtimmen; auch die Floͤte vernachlaͤßigte die halben Toͤne;— den Damen ſchien es, als wuͤrden die Herren et⸗ was zu vorlaut, kurz, es war Zeit zum Auf⸗ bruche. Die Koͤrbe wurden gepackt und halb leer in das Boot geſezt.— Vom Wein war nur wenig uͤbrig; nach Titanias Anordnung ſollten nur die Schuͤßeln, Teller u. ſ. w. zu⸗ ruͤckgegeben, alle Speiſen aber unter die Kahn⸗ fuͤhrer vertheilt werden. Die Geſelſſchaft ſchiffte ſich recht munter wieder ein, wir hatten die Ebbe zur Huͤlfe bei unſerer Ruͤckkehr.— Eben als wir abſtoßen wollten, wurde bemerkt, daß der Eiseimer unter dem Baume ſtehen geblie⸗ — 284— ben war, außerdem auch noch ein Korb mit verſchiedenen Sachen; die andern Boote waren ſchon abgefahren, deshalb wurden dieſe Sachen natuͤrlich in unſer Boot geſezt, in welchem ſich die naͤmliche Geſellſchaft wie am Morgen be⸗ fand, mit Ausnahme des Herrn Weſtern, auch Squenz genannt, der den Nachen mit den Pack⸗ koͤrben vorzog, weil er ſich bequem hinlegen und ſeine Haͤnde uͤber den Rand hinab in's Waßer tauchen konnte. Winterzettel verrieth als⸗ bald die Wirkung der Mittel, welche er den Wirkungen des Caſtor⸗Oels entgegengeſezt hatte; er wurde laͤrmend und konnte nur mit Muͤhe dazu gebracht werden, ruhig im Kahne zu ſizen, ſo daß Titania und die andern Damen ſich recht ſehr fuͤrchteten. Mit Gewalt wollte er der Elfenkoͤnigin den Hof machen und weil er fort⸗ waͤhrend ſeine Stellung veraͤnderte, um ſie an⸗ zureden und ſich ihr zu Fuͤßen zu werfen, ſo entſtand dadurch wirklich die Gefahr des Kahn⸗ umſchlagens. Zulezt machte Tom ihm den Vor⸗ ſchlag, er ſoll ſich auf den Deckeleimer ſezen, der vor ihr ſtand, da koͤnne er, ohne gefaͤhrliche Folgen zu befuͤrchten, ſie anreden und anſchauen; Winterzettel taumelte in die Hoͤhe, um dieſen Siz einzunehmen. Doch in eben dem Augen⸗ — 285— blicke zog Tom den Deckel weg und er ſank in das halbfluͤßige Eis hinab; Winterzettel war jedoch viel zu betrunken, um das bemerken zu ſollen. Er fuhr fort unſinniges Zeug zu ſpre⸗ chen, gab Betheurungen und legte Geluͤbde ab und war in geſteigertem Redefluße, als ploͤzlich die Menge ihm entzogenen Waͤrmeſtoffes eben⸗ falls die Wirkung feiner Abweſenheit kund gab⸗ * „Ich— ich— glaube wirklich, die Nacht iſt feucht— der Thau faͤllt— der Siz iſt naß, ſchoͤne Titania.“ „Nur Einbildung, Herr Winterzettel,“ er⸗ wiederte dieſe, welcher ſein Zuſtand Scherz machte;„weißes Keperzeug iſt Abends kuͤhl; Sie bringen dieſe Entſchuldigung vor, um von mir weg zu kommen, ich will aber nie mehr ein Wort mit Ihnen reden, wenn Sie Ihren Siz verlaßen.“ „Die reizende Titania, die Beherrſcherin meiner Seele— und auch meines Koͤrpers, wenn's Ihr gefaͤllt— darf nur befehlen— und Ihr Sklave gehorcht.“ „Nich duͤnkt wirklich, es iſt recht feucht,“ redete Zinnblatt ein;„erlauben Sie mir, et⸗ 4 ½ — 286— was Sand auf Ihren Siz zu ſtreuen;“ bei dieſen Worten zog er einen großen papierenen Beutel voller Salz hervor und ſchuͤttete dieſes uͤber das Eis, Winterzettel war nun ganz zufrieden geſtellt und blieb; gegen die Zeit aber, in welcher wir die Vauxhall⸗Bruͤcke exreichten, war das Wie⸗ dergefrieren ſo vollſtaͤndig geworden, daß er im Eiſe feſtſaß, welches durch das Salz ſeine Haͤrte zuruͤckgewonnen hatte. Er klagte uͤber Kaͤlte, zitterte, verſuchte aufzuſtehen, konnte ſich aber nicht losmachen; ſeine Zaͤhne begannen zu klap⸗ pern, und er wurde faſt nuͤchtern; aber er war in ganz huͤlfloſem Zuſtande durch die Wirkung des Caſtor⸗Oels, durch ſeine inzwiſchen erfolgte Berauſchung und ſeine jezige Erſtarrung. Er ſprach immer weniger, ſchwieg zulezt durchaus, und als wir am Treppenſtege zu Whitehall landeten, war er foͤrmlich im Eiſe feſtgefroren. Nachdem wir ihn daraus erloͤſet hatten, war er unvermoͤgend zu gehen, und wurde deshalb in einem Miethwagen zu ſeiner Wohnung ge⸗ ſchickt. „Es war grauſam, ihn ſo zu beſtrafen, Herr Zinnblatt,“ ſagte Titania. 60 „ „Grauſame Strafe; je nun, ja, eine Art von Einpfaͤhlen,“ erwieberte er und bot ihr den Arm. Die ganze Geſellſchaft war an's Land geſezt und begab ſich heim, die beiden Diener nah⸗ men die Geraͤthſchaften unter ihre Obhut und ſo endete dieſer Pick⸗nick, von welchem Tom ſagte, es ſey der ſpaßhafteſte Tag geweſen, den er in ſeinem Leben zugebracht haͤtte. Zwölktes Kapitel. — Herr Turnbull„ſezt ſein Haus in Ordnung.“— Ma⸗ dame findet ein ſolches Betragen ſehr ungeord⸗ net.— Der Captain ſpielt ſeine alten Streiche mit der Harpune.— Er bezahlt ſeiner Dame Schulden und gibt dem Anforderer Quittung mit dem Fuße.— Monſieur und Madame Tagliabue entziehen ſich der Geſellſchaft, de ces barbares les Anglais. Am Sonntage, der dem Pick⸗nick folgte, machte bei Brentford, denn mir ſagte mein Gefuͤhl, ich haͤtte ihn vernachlaͤßigt und ihn wuͤrde das unfreundlich duͤnken. Ich zog die Glocke am Pfoͤrtnerhaͤuschen und fragte, ob der Herr zu Hauſe ſey. ich mich, nachdem ich Marie zur Kirche beglei⸗ tet hatte, auf den Weg zu Turnbull's Villa — 289— „Ja, Herr,“ erwiederte die alte Frau, die recht redſelig und ſtets ſehr freundlich gegen mich war,„und Madame iſt auch zu Hauſe.“ Ich ging durch die Auffahrt zum Hauſe, klin⸗ gelte und die Thuͤr ward mir von einem Be⸗ dienten geoͤffnet, den ich fruͤher nicht geſehen hatte. „Wo iſt Herr Turnbull?“ fragte ich. „In ſeinem Zimmer, Sir,“ gab er zur Ant⸗ wort,„Sie muͤßen aber, wenn's gefaͤllig iſt, Ihren Namen hinaufſagen laßen, denn er em⸗ pfaͤngt nicht Jedermann.“ Fuͤr den Leſer muß ich bemerken, daß ich nicht wie ein Kahnfuͤhrer gekleidet ging; ich verdiente Geld genug, um mich am Lande an⸗ ſtaͤndig zu kleiden; weshalb der Bediente mich auch als einen Gentleman empfing. Ich nannte meinen Namen, der Bediente ging hinauf und kam ſogleich zuruͤck mit der Bitte, ihm zu fol⸗ gen. Ich geſtehe, daß ich einige Verwunderung empfand; wo war nur Herr Mortimer und die beiden Laquaien in ſtrozenden Livreen mit Achſelſchnuͤren?— Sogar die Farbe der Livree war abgeaͤndert, denn dieſer Diener trug einen II. 19 —— 4 ½ — 290— einfach braunen Rock mit hellblauem Kragen und Aufſchlaͤgen.— Bald ſollte ich Alles er— fahren; ich ward in Turnbull's Zimmer ge⸗ fuͤhrt, welches Madame ſein Studierzimmer nannte, waͤhrend er eigenſinnig darauf beſtand, es ſeine Kajuͤte zu nennen; dieſer lezte Name war wirklich auch geeigneter; denn es enthielt nur zwei ſchmale Faͤcher voll Buͤcher, der uͤbrige Raum war aufgefuͤllt mit ſeinen Lieblingshar⸗ punen, mit Braunfiſch⸗Schaͤdeln— Hayfiſch⸗ Rachen— Korallen— ſchwarzen und weißen Baͤrenfellen und mit einigen Modellen von den Schiffen, die ſeinem Bruder oder ihm zugehoͤrt hatten und zur Groͤnlandfiſcherei gebraucht wa⸗ ren. Es war in der That eine Art Muſeum alles deßen, was er auf ſeinen Seereiſen ge⸗ ſammelt hatte. Geraͤthſchaften, Puz und An⸗ zuͤge der Esquimos lagen umher; ſo wie auch Felle ſeltener Thiere, als z. B. ſchwarzer Fuͤchſe, die er ſelber erlegt hatte. Sein See⸗ koffer voller mannichfaltiger Dinge ſtand eben⸗ falls in dieſem Zimmer zum großen Verdruße ſeiner Frau, die oft, doch immer vergebens, verſucht hatte, ihn daraus zu entfernen. An Moͤbeln befanden ſich nur zwei Sophas, ein großer Tiſch in der Mitte und einige ſchwere — — 291— Stuͤhle darin; als Verzierungen dienten zwoͤlf kolorirte eingerahmte Kupferſtiche, Wallroß⸗ Jagden vorſtellend und aus den Folio⸗Ausgaben der Reiſen von Cook und Mulgrave genommen; ferner einige Entwuͤrfe ſeines Bruders— wie etwa der Zuſtand des Schiffes William, als daſſelbe am Morgen des 25. Januar.— Breite — Laͤnge— von einem Eisberge gequetſcht wurde. Herr Turnbull war noch nicht gekleidet und augenſcheinlich unwohl, mindeſtens war ſein Ausſehen abgemattet und bleich.—„Mein lie⸗ ber Jakob, das iſt recht freundlich von Dir. Ich meynte Dir ſchmollen zu muͤßen, weil Du ſo lange nicht hier wareſt, doch bin ich nun zu hoͤchlich erfreut, um das uͤber's Herz bringen zu koͤnnen. Aber weshallb zoͤgerteſt Du ſo lange?“ „Ich habe wirklich recht viel zu thun gehabt. Stapleton hat mir ſeinen Kahn uͤberlaßen, und ich durfte ſeinen Vortheil nicht vernach⸗ laͤßigen, wollte ich auch den meinigen nicht beachten.“ 3 „Du thateſt recht, mein Junge; und nun, wie geht es Dir?“ — 292— „Ich bin ſehr gluͤcklich; in der That tech ſehr gluͤcklich.“ „Das hoͤre ich gern, Jakob, magſt Du immer ſo bleiben. Jezt ſeze Dich dort auf den andern Sopha, und laß uns eine lange Be⸗ ſprechung halten, wie der Indier ſagt. Ich habe Dir einiges zu erzaͤhlen; vielleicht be⸗ merkteſt Du eine Veraͤnderung— wie?“— „Ja, ich bemerkte, daß Herr Mortimer nicht ſichtbar wurde.—“ „Richtig; nun dieſen Herrn Mortimer, oder John Snobbs, den Schurken habe ich in's Gefaͤngniß abgeliefert, und denke ihn zu ſeinem Heile eine Transport⸗Reiſe machen zu laßen. Zulezt habe ich den Schuft doch ertappt und will nicht mehr Barmherzigkeit gegen ihn uͤben, als ich einem Hayfiſche gewaͤhren wuͤrde der den Koͤder ſchnappte. Das iſt's aber noch nicht Alles, eine foͤrmliche Meuterei hat's gegeben und der Verſuch wurde gemacht mir das Schiff zu nehmen; aber ich habe ſie Alle in Eiſen ſizen und die Strafe erwartet ſie; Jakob verlaß Dich darauf, Geld iſt nur zu oft eine Plage.“ „Nicht viele Menſchen werden Ihre Meynung theilen,“ antwortete ich lachend. —— — 293— „Vielleicht nicht; denn diejenigen die Geld beſizen, fuͤhlen ſich befriedigt durch die Wich⸗ tigkeit, welche es ihnen verleihet und wollen die verwuͤnſchte Thatſache nicht eingeſtehen; Andere dagegen, die nichts haben, ſeufzen beſtaͤndig nach Geld, als waͤre es das Einzige, wonach ſich's verlohnte in der Welt auszuſehen. Ich will Dir erzaͤhlen, was vorgefallen iſt, ſeitdem wir uns zum leztenmale ſahen, dann magſt Du ſelber urtheilen.“ Die Erzaͤhlung, welche ihn drei Stunden beſchaͤftigte will ich kurz zuſammen faßen. Es ſcheint, daß Madame fortgefahren hatte, ihre Beſuchfahrten immer weiter auszudehnen, ihre Bekanntſchaften zu vermehren und die Ausgaben zu vergroͤßern, bis Turnbull in ſehr ſtrenger Weiſe einredete.— Seine Gegenvorſtellungen fanden indeß die Aufnahme nicht, welche er erwartet hatte, und durch Zufall entdeckte er uͤber⸗ dem, daß die Gelder welche er ſeiner Frau zur Beſtreitung ihrer woͤchentlichen Ausgaben ge⸗ zahlt hatte, zu andern Zwecken verwendet wurden; ſeit den lezten ſechs Monaten war keine einzige der laufenden Rechnungen abbezahlt. Dieſer Umſtand fuͤhrte eine Erlaͤuterung herbei und er verlangte zu wißen, wozu dergleichen Geld⸗ — 294— fummen angewendet waͤren. Madame glaubte angemeßene Feſtigkeit entgegen zu ſezen, um wo moͤglich das noͤthige Uebergewicht ſich zu ſichern, deshalb beantwortete ſie dieſe Anfrage zuerſt nur mit veraͤchtlichem Aufwerfen des Kopfes, verließ das Zimmer und beſtieg ihre Kutſche. Das genüuͤgte Turnbull aber nicht, weil der in allen Dingen klar zu ſehen liebte; er war genoͤthigt, die Ruͤckkehr der Kutſche ab⸗ zuwarten, dann forderte er deutliche Antwort. Madame ſezte ſich auf's hohe Pferd, ſprach von Mode⸗Ausgaben, und von ihrer Einſicht deßen was ſeinem guten Rufe gebuͤhre u. ſ. w. Turn⸗ bull wollte vor Allem noͤthige Ausgaben be⸗ ſtritten wißen, und meynte ſein guter Ruf er⸗ fordere der Handwerker und Kaufleute lau⸗ fende Rechnungen zu bezahlen. Hierauf ſprach ſie von Anſtand, von beſter Geſellſchaft, und von ihren mannigfachen Plaiſuͤrs wie ſie es nannte.— Er wußte nicht was manigfache Vergnuͤgungen im Franzoͤſiſchen bedeuteten; meinte indeßen ſie habe ſo viele genoßen, als nur wenige Frauen das koͤnnten, ſeitdem ſie auf der Villa wohnte.— Doch zur Sache; weshalb waren die Rechnungen unbezahlt ge⸗ blieben und was war mit dem Gelde gemacht? Als — 295— Nadelgeld war es ausgegeben.— Nadel⸗ geld!— Woͤchentlich dreißig Pfund fuͤr Nadeln; Harpunen genug zu einer Reiſe von drei Jahren haͤtte man davon anſchaffen koͤn⸗ nen; ſie muͤße die Wahrheit angeben.— Ma⸗ dame wollte gar nichts ſagen, rief fuͤr ihr Flaͤſchchen Salzgeiſt, und nannte ihn einen ro⸗ hen Menſchen. Auf keinen Fall wolle er ſich zum Narren haben laßen. Er gab ihr Be⸗ denkzeit bis zum naͤchſten Morgen. Am folgen⸗ den Morgen liefen ſaͤmmtliche geforderte Rech⸗ nungen ein, ihr Betrag war ſechshundert Pfund. Sie wurden bezahlt und quittirt.— „Nun Madame, wollen Sie mich verbinden mir zu ſagen, was Sie mit dieſen ſechshun⸗ dert Pfund Sterling angefangen haben?“— Sie wollte nicht; ſo duͤrfe ſie nicht behandelt werden. Herr Turnbull ſey jezt nicht am Bord eines Walfiſch⸗Jaͤgers, um nach Gefallen zu verfahren und zu quaͤlen; ſie wolle ihre Rechte behaupten; wolle Trennung, B'Alimentation und Eheſcheidung. Das Alles koͤnne ſie nach ihrem Gefallen bekommen, aber ganz gewiß kein Geld mehr. Nun mußte ein Nervenanfall ihr zu Huͤlfe kommen;— ſie lag den ganzen Tag auf dem Sopha und erwartete Turnbull — 296— wuͤrde ſie aufrichten.— Der Gedanke kam ihm nicht einmal in den Sinn.— Er ging zu Bett und weil er nicht ſchlafen konnte ſtand er ſehr fruͤh auf, da ſah er von ſeinem Fenſter aus, einen Karren zu der Gartenmauer heranfahren, die Leute welche darin ſaßen ſprangen uͤber die Mauer und gingen in das Haus, bald darauf kamen ſie zuruͤck und trugen zwei große Pack⸗ koͤrbe. Er griff nach einer ſeiner Harpunen, ging auf anderm Wege hinaus und traf bei dem Karren ein, als die Packkoͤrbe eben hinein⸗ geſezt waren und man abfahren wollte; er rief ihnen halt! zu, ſtatt der Antwort peitſchte man das Pferd an, und fuhr beinahe uͤber ihn hin. Da ſchleuderte er ſeine Harpune in das Pferd, welches zu Boden ſtuͤrzte und aus dem Karren flogen durch den Fall des Pferdes von ihren Sizen gerißen zwei Menſchen uͤber Kopf auf die Straße, ſo daß ſie bewußtlos lagen; er band ſie, rief Leute aus dem Pfoͤrtnerhauſe her⸗ bei, ließ Konſtabel holen und uͤbergab fie dieſen zur Bewachung. Die Packkoͤrbe waren nach Ausſage der Leute von Mortimer abgeſchickt, der ſeit laͤngerer Zeit ſchon dieſe Gewohnheit hatte; ſie enthielten Flaſchen von Turnbulls beſtem Weine und manche andere Sachen wel⸗ — 297— che zum Beweiſe dafuͤr dienten, daß Mortimer im Beſize nachgemachter Schluͤßel ſeyn muͤße.— Turnbull ließ die beiden Schuldigen unter Bewachung der Konſtabel, nahm einen dieſer lezten mit ſich und kehrte zum Hauſe zuruͤck; Mortimer oͤffnete ihm die Thuͤr und folgte ihm alsdann in ſein Zimmer woſelbſt er erklaͤrte, das Haus unverzuͤglich verlaßen zu wollen, weil erbisher immer nur bei Gentlemen gelebt habe, er bat zugleich ihm ſein Verdientes zukommen zu laßen. Dieſes Geſuch duͤnkte Turnbull nur billig, deshalb uͤbergab er ihn dem Konſtabel zur Bewachung. Snobbs war durch dieſes ganz ungentile Verfahren hoͤchlich verwundert, wurde aber mit ſeinen beiden Helfershelfern zum Polizei⸗Amte nach Bow⸗Street abgefuͤhrt. — Sodann laͤßt der Hausherr die beiden Livréelakayen vor ſich kommen und kuͤndigt denen an, daß er ihrer Dienſte nicht laͤnger bedarf, weil er vorausſezt, daß ſie um die Unterſchleife gewußt haben muͤßen; er zahlt ihnen ihren Lohn aus, laͤßt ſie die Livréen ablegen und ſein Haus verlaßen.— Beide ſind damit zufrieden, denn auch ſie haben bisher immer nur bei Gentlemen gelebt. Turnbull ſteckt den Schluͤßel zu des Hausmeiſters Vor⸗ — — 298— rathszimmer zu ſich, damit das Silberzeug nicht den Einfall bekomme das Haus zu verlaßen, und geht zum Pferdeſtalle. Die Pferdewiehern als woll⸗ ten ſie ſagen ſie erwarteten ihr Morgenfutter; die Thuͤr iſt aber verſchloßen. Er ruft den Kutſcher, bekommt jedoch keine Antwort. Auf dem Nuͤckwege vom Stalle ſieht er, daß dieſer ziemlich beſtaͤubt durch's Einfahrtsthor in den Park kommt, er befraͤgt ihn weshalb er nicht zu Hauſe ſchlafe und fuͤr ſeine Pſerde ſorge. Die Antwort lautet: er ſey der Madame, aber nicht des Herrn Kutſcher, Madame koͤnne er Rechenſchaft ablegen aber dem Herrn nicht; worauf der Herr ihm ſeinen Lohn bezahlt, die Livrée auszieht und ihn den Uebrigen nachſchickt. — Auch der Kutſcher iſt hoͤchlich erfreut,— hatte bisher immer nur bei Gentlemen gedient.— Im Hauſe begegnet Turnbull der Kammerfrau die ihm ſagt, Madame ſey ſehr krank und koͤnne nicht zum Fruͤhſtuͤck herabkommen. Deſto beßer, denn Fruͤhſtuͤck war gar nicht in Bereitſchaft.— Er kleidet ſich, ſpannt die Pferde in eine Chaiſe, faͤhrt nach London, nimmt ſein Fruͤhſtuͤck, be⸗ giebt ſich aufs Polizey⸗Amt, verfuͤgt das Noͤ⸗ thige zur gerichtlichen Anklage des Snobbs und deſſen Helfershelfer, miethet einen Mann — 299— der ſeine Pferde zum Verkauf ausſtellen ſoll, laͤßt ſeinen Wagen bei dem Kutſchenbauer, nimmt einen Menſchen zur einſtweiligen Be⸗ dienung an, und kehrt mit dieſem zuruͤck nach der Villa.— Eine recht tuͤchtige Morgenarbeit. Im Anſprachzimmer findet er Madame hoͤchlich uͤberraſcht und erzuͤrnt; ſie hat keinen Herrn Mortimer,— keine Diener— und ihrer Kammerjungfer verdankt ſie eine Taße Thee. Neue Vorwuͤrfe— noch mehr Heftigkeit— erneuerte Drohung mit der Scheidung,— die Kutſche wird beſtellt damit ſie ihren Anwald zu Rathe ziehen kann.— Kein Kutſcher,— keine Kutſche,— keine Pferde,— kein gar nichts, wie ihre Kammerjungfer ihr erklaͤrt. Madame verſchließt ſich in ihrem Zimmer und ein anderer ſehr truͤber Ehetag wird verlebt. Inzwiſchen verbreitet die Neuigkeit ſich nach allen Richtungen; Brentford iſt voll davon.— Herr Turnbull hat zu koſtſpielig gelebt— es iſt mit ihm zu Ende— ſchon iſt er vor der Polizei geweſen. Glaͤubiger mit Rechnungen beſtuͤrmen ihn Schaarenweiſe.— Diener ſind abgeſchafft— Pferde und Wagen unter Be⸗ ſchlag genommen. Madame, die arme Frau in Nervenzufaͤllen.— Niemand daruͤber erſtaunt, NN᷑VD˖YT——‧i——Tqͤ⅞ 3 — Jedermann hat das lange erwartet.— Die Peters auf Petecumbhalle hoͤren es, und ſchuͤt⸗ teln ihre Haͤupter, uͤber die vielen in der Welt aufſchießenden Pilze. Herr Smith terſucht den ſehr ehrenwerthen Lord Bableton, ſeinem Vater dem Viscount doch ja nicht zu ſagen, daß er ihn zu Turnbulls gefuͤhrt hatte, weil er ſonſt nicht nur ſeine jezige Stelle ſondern auch ſeine Ausſichten in die Zukunft verlieren wuͤrde; Monſieur und Madame Tagliabue, ſind noch mehr erſtaunt, aber ſie fuͤhlen es tief und be⸗ ſchließen am folgenden Morgen ſolle Herr Tag⸗ liabue einen Beſuch machen. An dem Tage war einige Ordnung wieder hergeſtellt, dem Bedienten war das zum Ge⸗ brauch hinreichende Silberzeug uͤbergeben und das andere weggeſchloßen; die Koͤchin woll te ihren Monat ausdienen, das Hausmaͤdchen wuͤnſchte den Dienſt nicht zu verlaßen und die Kammerjungfer wollte bleiben ſo lange ſie koͤnnte, um ihre arme Dame zu troͤſten, wiewohl ſie ihres eigenen Rufes wegen gendoͤthigt waͤre ein Haus zu verlaßen, in welchem keine Equipage gehalten wird und kein Zimmerdiener ohne Livrée ſich befindet. Turnbull hatte eben ſein Frühſtuͤck beendigt ——— — 301— als Herr Tagliabue angeſagt und angenommen wurde. „Ach Monſieur Turnbull, ich hoffe Madame iſt beßer: Madame Tagliabue hat den ganzen Abend geweint, als ſie die Neuigke it von der Schuld und dem Allen hoͤrte.“ „Sehr verbunden“ antwortete Turnbull muͤrriſch.—„Darf ich fragen, was Sie zu mir fuͤhrt?“ „Ach! Monſieur, fuͤhle ſehr fuͤr Sie; aber ge⸗ ſezt ein Gentleman, nicht verliert ſeine Ehr? was macht Geld?“— Turnbullſtarrte ihn an. „Ehr' mein Herr; iſt Alles fuͤr Gentleman.— Schulden noch ſo viel Geld an ein ſchurkiſch Gewerbsmann und den nicht bezahlen— das keine groß' Sache, aber immer bezahlen Ehren⸗ Schuld. Jeder Gentleman bezahlt die. Hier Monſieur Turnbull“— er zog ein kleines Papier hervor,—'s iſt ein' klein' Nota, von Madame an Madame Tagliabue, durch welche ſie ſchuldig zu ſein erkennt, zwei hundert Pfund, verloren in Ecarté. Das iſt, ſehn Sie Monſieur Turnbull, was Gentleman Eh⸗ renſchuld nennt, die jeder Gentleman bezahlt, oder ſeinen guten Namen verliert und von aller — 302— Welt genannt wird Betruͤger. Madame und ich ſehr zu viel Freund von Monſieur und Ma⸗ dame Turnbull um nicht ihren guten Namen zu retten— und deshalb komm' ich um Sie zu bitten dieſe kleine Ehrenſchuld abzumachen;“ mit der hoͤflichſten Verbeugung legte er den Schein auf den Tiſch. Turnbull fand, daß dieſer enthalte was Tagliabue bereits geſagt hatte; nun dachte er, liegt die Geſchichte am Tage, dieſe ſchurkiſchen Franzoſen haben ihr das Geld abgenommen, —„Erlauben ſie mir ein paar Fragen“ ſagte er,„bevor ich dies Geld bezahle, wenn Sie aufrichtig ſind, werde ich keine Einwendungen machen.— Ich denke meine Frau hat bereits gegen ſechs hundert Pfund außer dieſen im Ecarte verloren?“— Tagliabue, der annahm, daß Madame Turnbull dies geſtanden hatte, bejahete die Frage.—„Ferner duͤnkt mich, daß ſie vor zwei Monaten noch nicht wußte, was Eearte iſt.“ „Das iſt wahr, aber Damen lernen ſehr ſchnell.“ „Gut, aber da ſie das Spiel nicht kannte, welches Ihre Frau und Sie vollkommen gut — 303— ſpielten, duͤnkt es Ihnen ehrenhaft, ihr ſo großen Geldverluſt zu geſtatten?“ „Ach Monſieur, wenn eine Dame ſagt, ſie will ſpielen, comment faire?— was zu ma⸗ chen?“ „Weshalb ſpielten Sie aber niemals in mei⸗ nem Hauſe?“ „Monſieur, die Dame vom Hauſe ſchlaͤgt das Spuel vor.“ „Wahr,“ erwiederte Turnbull, waͤhrend er eine Anweiſung auf zwei hundert Pfund ſchrieb; „hier iſt Ihr Geld, Monſieur, und nun Sie bezahlt ſind, erlauben Sie mir zu bemerken, daß ich Sie und Ihre Frau fuͤr Schwindler halte und erſuche, niemals wieder mein Haus zu betreten.“ „Was Sie ſagen, Sir— Schwindlère!— Gott verdamm'! Ich will Genugthuung!“ „Sie haben Ihr Geld, iſt das hinreichend, oder verlangen Sie ſonſt noch was?“ erwie⸗ derte Turnbull, vom Stuhle aufſtehend. „Ja, Sir— ich will mehr— ich muß mehr haben.“ “ — 304— „Das ſollen Sie denn auch„“ ſprach Turn⸗ bull und trieb ihn mit Fußtritten zum Zimmer hinaus, laͤngs der Vorhalle und durch die Hausthuͤr. Tagliabue drehete ſich von Zeit zu Zeit her⸗ um und drohete, floh aber, wenn er Turnbull's aufgehobenen Stiefel erblickte; ſobald er außer dem Hauſe war, ſchrie er laut:„ich will Sa⸗ tisfaktion— ſchreckliche Satisfaktion— fuͤr dies Sie ſollen bezahlen— bei G)e! Sir, Sie ſollen Geld dafuͤr zahlen.“ Am naͤmlichen Abend erhielt Turnbull eine Ladung, vor der Polizei in Bowſtreet zu er⸗ 4 inen. Am naͤchſten Morgen begab er ſich da⸗ „fand Monſieur Tagliabue mit deßen Ad⸗ nien erkannte an, daß er ihn mit Fußtrit⸗ ten aus ſeinem Hauſe geſtoßen haͤtte, weil er ſeine Frau um Geldſummen betrogen habe— weigerte jeglichen Vergleich und war vorbereitet, ſeinen Buͤrgen zu ſtellen. Herr Tagliabue ſtuͤrm⸗ te, drohte, ſprach von ſeiner Bekanntſchaft un⸗ ter dem hohen Adel des Landes; der Richter ließ ſich dadurch nicht irre machen und fragte: „Wer ſind Sie, Monſieur?“ „Ich bin ein Gentleman.“ — ¹ ä“ b — 305— V „Welches Geſchaͤft treiben Sie?“ „Ein Gentleman treibt kein Geſchaͤft.“ „Sie nannten Lord Scrope eben als Ihren ganz beſondern Freund.“ 3„Ja, Sir, ſehr vertraut mit Lord Scrope, drei Monat hab' ich in Scrope⸗Caſtle mit My⸗ lady Scrope zugebracht;— beſondere Freundin von Madame Tagliabue.“ —— „Recht gut; ich habe eine andere Sache vor⸗ zunehmen, bis Herrn Turnbull's Buͤrgſchaft erſcheint. Haben Sie die Guͤte, ſich ſo lange 4 zu ſezen. Ein anderer Rechtsfall ward verhandelt, der etwa eine halbe Stunde dauerte, vorher aber hatte der Richter, der Lord Scrope kannte, dieſem eine Note zugeſchickt, auf welche jezt die Antwort gebracht wurde. Er las und laͤchelte; 4 nachdem er den zweiten Rechtsfall beendigt hatte, ſagte er:„Herr Tagliabue, Sie haben ſich auf Lord Scrope's Freundſchaft berufen, auch ich habe den Vorzug Lord Scrope zu kennen, und weil ich wußte, daß er in der 4 Stadt ſey, ſchrieb ich ihm eine Note, auf welchs II. 20 — 306— ich ſo eben ſeine Antwort empfing, die ich le⸗ ſen will.“ Tagliabue erbleichte, als der Richter Fol⸗ gendes las: „Geehrter Herr.— Ein Menſch des „Namens, den Sie anfuͤhren, kam als „mein Kammerdiener mit mir aus Rus⸗ „land; ich entließ ihn wegen Untreue; nach⸗ „dem er fort war, verließ Lady Scrope's „Kammerfrau, die, wie es ſchien, mit ihm „verheirathet war, ohne daß wir es wuß⸗ n„ten, unſer Haus ebenfalls, und nun ent⸗ „deckte ich ſo arg veruͤbte Unterſchleife, „daß, wenn ich gewußt haͤtte, wo die „Leute zu finden waͤren, ich ſie damals „vor Gericht gebracht haben wuͤrde. Jezt niſt die Sache vergeßen; aber einen aͤrge⸗ „ren Schurken gab es nie. „Der Ihrige Scrope.“ „Was haben Sie jezt zu ſagen?“ fuhr der Richter im ſtrengen Tone fort. Tagliabue ſank auf ſeine Knie nieder, bat den — 307— Richter, Lord Scrope und zulezt auch Herrn Turnbull um Gnade, dem er die Anweiſung auf die zwei hundert Pfund zuruͤckgeben wollte. Als der Richter ſah, daß Turnbull dieſe nicht hinnahm, ſprach der:„Machen Sie keine Um⸗ ſtaͤnde Ihr eigenes Geld zuruͤckzunehmen, Herr Turnbull; der Umſtand allein, daß er's Ihnen bietet, beweiſet, er kam auf unrechtlichem Wege zu deßen Beſiz; und ſechs hundert Pfund ver⸗ loren zu haben, iſt voͤllig genug.“ Hierauf nahm Turnbull den Schein und zer⸗ riß ihn; der Richter gab Befehl, Tagliabue auf's Fremdenamt zu fuͤhren, und in Beglei⸗ tung ſeiner Frau ward er auf die andere Seite des Kanals geſchickt, um nach Gefallen Ecarte zu ſpielen; ſo endete die Epiſode von Mon⸗ ſieur Tagliabue. “ Ende des zweiten Bandes. 1 dauunuunuunuammaunumammmnuunmammuunne 6 7 8 9 10 11 12 13